<?xml version="1.0"?>
<feed xmlns="http://www.w3.org/2005/Atom" xml:lang="de">
	<id>https://de.prolewiki.org/api.php?action=feedcontributions&amp;feedformat=atom&amp;user=Jaiden</id>
	<title>ProleWiki - Benutzerbeiträge [de]</title>
	<link rel="self" type="application/atom+xml" href="https://de.prolewiki.org/api.php?action=feedcontributions&amp;feedformat=atom&amp;user=Jaiden"/>
	<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/wiki/Spezial:Beitr%C3%A4ge/Jaiden"/>
	<updated>2026-06-24T16:04:30Z</updated>
	<subtitle>Benutzerbeiträge</subtitle>
	<generator>MediaWiki 1.41.0</generator>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9309</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9309"/>
		<updated>2026-05-01T05:13:40Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«&amp;lt;ref&amp;gt;Van Booven 1913, S. 23f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://www-odp.tamu.edu/publications/175_SR/chap_11/c11_3.htm. http://www-odp.tamu.edu/publications/175_SR/chap_11/c11_3.htm.]&amp;lt;/ref&amp;gt; Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlögl 2006, S. 116f.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.&amp;lt;ref&amp;gt;Northrup 2002, S. 18-21; Mc Lynn 1992, S. 321f.; Hilton 1985, S. 50.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.&amp;lt;ref&amp;gt;Hilton 1985, S. 80.&amp;lt;/ref&amp;gt; Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.&amp;lt;ref&amp;gt;Jadin 1968.&amp;lt;/ref&amp;gt; Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.&amp;lt;ref&amp;gt;Hilton 1985, S. 69-84.&amp;lt;/ref&amp;gt; Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina 1990, S. 86.&amp;lt;/ref&amp;gt; In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 3-5.&amp;lt;/ref&amp;gt; Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 21-29.&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 3.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.&amp;lt;ref&amp;gt;Northrup 2002, S. 113f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 54.&amp;lt;/ref&amp;gt; Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina 1965, S. 146-152.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.&amp;lt;ref&amp;gt;Schwarzer Orpheus. Moderne Dichtung afrikanischer Völker beider Hemisphären. Ausgewählt und übertragen von Janheinz Jahn. München 1964, S. 10.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 15.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 15f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.&amp;lt;ref&amp;gt;Bontinck 1974, S. 250.&amp;lt;/ref&amp;gt; Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Stanley 1878, S. 297, 300.&amp;lt;/ref&amp;gt; Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 199.&amp;lt;/ref&amp;gt; Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 469.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina 1976, S. 30.&amp;lt;/ref&amp;gt; Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Wesseling 1999, S. 87.&amp;lt;/ref&amp;gt; Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Stengers 1997, S. 275.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 18.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 20-30.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.&amp;lt;ref&amp;gt;Bontinck 1974, S. 269-271.&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 274-276.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.&amp;lt;ref&amp;gt;Stanley 1885, Bd. 2, S. 142, 147.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 276.&amp;lt;/ref&amp;gt; Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 33.&amp;lt;/ref&amp;gt; Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 32-34.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.&amp;lt;ref&amp;gt;Fabian 2001, S. 144.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.&amp;lt;ref&amp;gt;McLynn 1992, S. 322.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.&amp;lt;ref&amp;gt;Johnston 1908, S. 222-224.&amp;lt;/ref&amp;gt; Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Bentley 1900, S. 81.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.&amp;lt;ref&amp;gt;Bentley 1900, S. 126.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.&amp;lt;ref&amp;gt;Johnston 1908, S. 328.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.&amp;lt;ref&amp;gt;&#039;&#039;Alexander L. Bain&#039;&#039;, registry card, archival collection, Board of International Ministries (BIM), American Baptist Historical Society, Atlanta (Georgia).&amp;lt;/ref&amp;gt; Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?&amp;lt;ref&amp;gt;Slade 1959, S. 154; Braekman 1961, S. 129-136, 351.&amp;lt;/ref&amp;gt; Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?&amp;lt;ref&amp;gt;Etambala 1987, S. 237-285.&amp;lt;/ref&amp;gt; Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.&amp;lt;ref&amp;gt;&#039;&#039;Ernest T. Welles&#039;&#039;, registry card, archival collection, Board of International Ministries (BIM), American Baptist Historical Society, Atlanta (Georgia).&amp;lt;/ref&amp;gt; Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 464-475.&amp;lt;/ref&amp;gt; Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 36.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.&amp;lt;ref&amp;gt;Bailey 1894, S. 161-163.&amp;lt;/ref&amp;gt; Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Denuit-Somerhausen 1988, S. 77-146.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.&amp;lt;ref&amp;gt;Wesseling 1999, S. 91.&amp;lt;/ref&amp;gt; In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S 277f.&amp;lt;/ref&amp;gt; Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Stengers 1989, S. 58f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.&amp;lt;ref&amp;gt;Maquet-Tombu 1952, S. 56.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).&amp;lt;ref&amp;gt;Stengers u. Vansina 1985, S. 351.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.&amp;lt;ref&amp;gt;Ndaywel è Nziem 1998, S. 289-292.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.&amp;lt;ref&amp;gt;Van der Smissen 1920, S. 425.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Vellut 2005b, S. 247.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 281.&amp;lt;/ref&amp;gt; 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina u. Stengers 1985, S. 351.&amp;lt;/ref&amp;gt; Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.&amp;lt;ref&amp;gt;Jeal 2007, S. 294.&amp;lt;/ref&amp;gt; Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.&amp;lt;ref&amp;gt;Makulo Akambu 1983, S. 36f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.&amp;lt;ref&amp;gt;Etambala 1987.&amp;lt;/ref&amp;gt; Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.&amp;lt;ref&amp;gt;Etambala 1993.&amp;lt;/ref&amp;gt; Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.&amp;lt;ref&amp;gt;Maquet-Tombu 1952.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.&amp;lt;ref&amp;gt;Meeuwis 1999.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«&amp;lt;ref&amp;gt;Hawker 1909, S. 244.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Picard 1896, S. 161.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.&amp;lt;ref&amp;gt;Bailey 1894, S. 246.&amp;lt;/ref&amp;gt; Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels. In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 3 Die Belgier haben uns befreit ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die ersten Jahre der Kolonialherrschaft 1908-1921 ===&lt;br /&gt;
Lutunu warf einen besorgten Blick auf seine Frau. Das Laufen fiel ihr immer schwerer. Noch so jung, dachte er. Er konnte die Knötchen an ihrem Hals deutlich sehen. Kiesel, aufgereiht unter der Haut. Er kannte die Zeichen, bei seinen Kindern hatte es auch so angefangen. Erst Fieber, Kopfweh und steife Gelenke, dann Mattigkeit und Apathie tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. Er wusste, was ihr bevorstand. Sie würde zunehmend verwirrter werden und immer lethargischer. Ihre Augen würden sich verdrehen, Schaum würde auf ihre Lippen treten. Dann würde sie in einer Ecke liegen, bis es vorbei wäre. Womit hatte er das verdient? All die Toten. Vor einigen Jahren waren seine Geschwister an den Pocken gestorben, wie die Fliegen. Danach waren seine beiden kleinen Söhne der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen, die ersten Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Und jetzt sie . . . Hatte sie aus einer Kalebasse getrunken, aus der vorher jemand mit der Schlafkrankheit getrunken hatte? Hatte sie eine Apfelsine mit dunklen Flecken gegessen? Niemand wusste, wodurch man sich die Krankheit holte, kein Heiler hatte einen Fetisch oder eine Medizin dagegen. Manche behaupteten, es sei eine Strafe der Missionare. Die würden die Krankheit ausstreuen, aus Zorn, weil nicht alle ihre Lehre annahmen.1 Lutunu wusste es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1900 starb sogar Mfumu Makitu, der große Häuptling von Mbanza-Gombe, sein Herrscher. Der hatte 1884, als einer der ersten Häuptlinge des Landes, ein Abkommen mit Stanley geschlossen. Sein Dorf lag damals an der Karawanenroute von der Küste ins Landesinnere, lange bevor dort die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Häuptling Makitu wollte erst nichts von den weißen Neuankömmlingen wissen, aber ließ sich schließlich doch umstimmen. Am 26. März 1884 setzte er, zusammen mit einigen anderen Häuptlingen, ein Kreuz unter ein Blatt Papier, auf dem stand: »Wir, die unterzeichneten Häuptlinge von Nsungi, verpflichten uns, die Souveränität der ›Association Internationale Africaine‹ anzuerkennen, und nehmen zum Zeichen hiervon deren Flagge (blau mit goldenem Stern) an. (. . .) Wir erklären, dass wir und unsere Nachfolger uns von jetzt an nach der Entscheidung der Vertreter der Association in allen unsere Wohlfahrt und unsere Besitzungen betreffenden Angelegenheiten richten (. . .) werden.«2 Lutunu erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Häuptling Makitu machte Stanley damals ein großzügiges Willkommensgeschenk, einen seiner jüngsten Sklaven: Lutunu. Er war damals zehn Jahre alt. Für so viel Loyalität wurde Makitu 1888 mit einer Auszeichnung belohnt; er war einer der ersten &#039;&#039;chefs médaillés&#039;&#039; des Landes. Sein Reichtum mehrte sich weiterhin. Nun, viele Jahre später, hinterließ er vierundsechzig Dörfer, vierzig Frauen und Hunderte Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben war nicht weniger abenteuerlich als das von Disasi Makulo, es war sogar so abenteuerlich, dass man sich noch heute an ihn erinnert. In Kinshasa wurde eine Straße nach ihm benannt, und der alte Nkasi, dessen Heimatdorf unweit von dem Lutunus lag, war ihm in ferner Vergangenheit noch begegnet: »Lutunu, den habe ich noch gekannt!«, erzählte er mir einmal spontan. Der Name fiel zum ersten Mal in meiner Gegenwart. »Er kam aus meiner Gegend und war etwas älter. Er war der Boy von Stanley. Und er wollte nie eine Hose tragen. Wenn der Weiße rief: ›Lutunu!‹, dann rief er einfach zurück: ›Weißer!‹ Einfach so! Weißer!« Darüber musste er noch immer lachen. Lutunu war ein Kapitel für sich. Ein Draufgänger, mit vielen Weißen befreundet. Als ich wieder in Belgien war, entdeckte ich, dass seine Lebensgeschichte in den dreißiger Jahren von einer belgischen Künstlerin und Schriftstellerin aufgezeichnet worden war.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Disasi Makulo war auch Lutunu Sklave gewesen und in europäische Hände geraten. Er wurde der Boy von Leutnant Alphonse Vangele, einem von Stanleys Mitarbeitern der ersten Stunde. Auch er kam mit den britischen Baptisten in Berührung: Sie errichteten eine ihrer wichtigsten Missionsstationen in seiner Gegend, und er wurde Boy bei einem von ihnen, Thomas Comber. Und wie Disasi geriet er so nach Europa. Er war dabei, als Comber 1885 nach Großbritannien und Belgien reiste, er war dabei, als Comber von König Leopold II. empfangen wurde. Er war eines der neun Kinder, die dem König ein Lied vorsingen durften. Er war derjenige, der später nach Amerika reiste und nach seiner Heimkehr von Matadi bis Stanley Pool berühmt wurde – die Leute rannten ihm hinterher, weil er der erste Radfahrer im Kongo war. Dieser Bursche also. Und seine burlesken Abenteuer waren noch lange nicht vorbei. Das Evangelium geduldig in seine Muttersprache zu übersetzen, war seine Sache nicht; die weite Welt umso mehr. Er schipperte mit Grenfell über den Kongo und muss Disasi Makulo zweifellos gekannt haben. Er wurde Führer und Dolmetscher für die belgischen Offiziere Tobback und Dhanis während ihrer Feldzüge. Er war sogar kurzzeitig Soldat in der Force Publique. Er sah viele Orte und kannte die weißen Kolonialherren wie kein anderer. »Lutunu!« »Weißer!« Aber ihre Hosen trug er nicht. Und für die Taufe konnte er sich auch nicht erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dann starb seine Frau, und er hatte niemanden mehr. Die Kinder tot, die Familie dezimiert. Nach all seinen abenteuerlichen Reisen war er wieder zurück in seinem Heimatdorf. Er sprach dort mit den protestantischen Missionaren und nahm ihren Glauben an. Er war schon um die dreißig. Seine Sklaven, es waren mehrere Dutzend, die er im Laufe der Jahre gekauft hatte, ließ er frei. Er zog in die Missionsstation. Francis Lutunu-Smith war sein neuer Name.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der große Häuptling Makitu um die Jahrhundertwende starb, war sein Nachfolger nach dem lokalen Abstammungsrecht ein junger Mann von 16 Jahren mit wenig Erfahrung. Die Missionare schlugen vor, dass Lutunu sein »Assistent« (&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039;) werden solle: Das sei besser für das Dorf und auch für die Mission. So hatten sie Einfluss auf die lokale Regierung: Lutunu war ja einer von ihnen. So wie Disasi Makulo seine eigene Missionsstation aufbauen durfte, so durfte Lutunu einen Teil der Verantwortung für die Verwaltung tragen: die ehemaligen Kindersklaven erwarben, dank der Weißen, sehr viel Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben ähnelte zwar dem von Disasi, in puncto Frömmigkeit war er ihm jedoch weit unterlegen. Nach fünf Jahren warf man ihn aus der Missionsstation: Er hatte zu eifrig dem englischen &#039;&#039;stout&#039;&#039; und &#039;&#039;lager&#039;&#039; zugesprochen. Der Kongo-Freistaat hatte kurzen Prozess gemacht mit dem endemischen Alkoholismus der einheimischen Bevölkerung. Der Konsum von Palmwein war radikal eingeschränkt worden, Brandy, Gin und Rum waren ohnehin strengstens verboten. Lutunu aber trank und tanzte. Und auch wenn er sein Exemplar der Bibel weiterhin in Ehren hielt, so war er doch auf einmal mit drei Frauen verheiratet und bekam vier, fünf, acht, zwölf, siebzehn Kinder. Ließ sich der neue Glaube denn wirklich nicht mit den alten Bräuchen vereinbaren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bedeutete es für ihn, dass der Kongo plötzlich eine belgische Kolonie war? Hat er etwas vom Übergang des Kongo-Freistaates zu Belgisch-Kongo bemerkt? War 1908 auch für ihn und die Seinen ein Scharnierjahr? Merkte die lokale Bevölkerung etwas von dieser Reprise?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwierige Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die klassische Geschichtsschreibung stellt es oft so dar: Bis 1908 dauerten die Gräuel des Freistaates an, doch von dem Moment an, als Belgien die Kolonie übernahm, beruhigte sich das Ganze und die Geschichte wurde &#039;&#039;un long fleuve tranquille&#039;&#039;, der erst seit den späten fünfziger Jahren wieder ein paar Schaumkronen aufwies.4 Der Kolonialismus sensu stricto, die Zeit von 1908-1960, war in dieser Optik ein langes, dahinplätscherndes Intermezzo zwischen zwei turbulenten Episoden. Heute herrscht in Belgien denn auch meist mehr Betroffenheit über die Gräuel unter Leopold II. und den Mord an Lumumba – streng genommen zwei Momente, die nicht in die klassische Kolonialzeit fallen – als über die Jahrzehnte, in denen das belgische Parlament und damit das belgische Volk für das, was im Kongo geschah, unmittelbar verantwortlich waren (oder hätten sein müssen). Die Vorstellung friedlicher Stabilität wird zudem verstärkt durch die langen Amtszeiten von Schlüsselfiguren. Zwischen 1908 und 1960 hatte der Kongo nur zehn Generalgouverneure; manche blieben sieben oder sogar zwölf Jahre im Amt. Die ersten beiden Kolonialminister, Renkin und Franck, hatten ihren Posten zehn bzw. sechs Jahre inne. Ein ruhiger Fluss mit ein paar soliden Baken, so schien es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch im Grunde gab es keinen totalen Bruch nach 1908. Am 15. November jenes Jahres hisste man in der Hauptstadt Boma zwar zum ersten Mal die belgische Trikolore, und die Fahne des Freistaates wurde für immer zusammengefaltet, ansonsten änderte sich jedoch nicht so viel. Leopolds Regierung warf noch einen sehr langen Schatten über die Kolonialzeit. Zudem war das halbe Jahrhundert für Belgien selber alles andere als statisch. Im Gegenteil – es war durch eine außergewöhnliche Dynamik gekennzeichnet, und zwar nicht nur die vielbesungene unilineare Dynamik des »Fortschritts«, sondern die facettenreiche Dynamik einer komplexen historischen Epoche voller Spannungen, Konflikte, Reibungen. Ein langer, breiter Strom, der immer mächtiger wurde? Nein, viel eher ein mäandernder Fluss mit Nebenläufen, Stromschnellen und Strudeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam durchaus viel in Gang im Jahr 1908, doch von dieser frühen Dynamik war anfangs in Brüssel mehr zu verspüren als im Kongo selbst. Auf dem Papier brach eine neue Morgenröte an. Die &#039;&#039;Charte Coloniale&#039;&#039;, die die Übertragung des Freistaates regelte, brachte dem Kongo zum ersten Mal eine Art Verfassung. Im vollen Bewusstsein der Misere des Freistaates konzipierten die belgischen Minister einen völlig neuen Machtapparat. Die politischen Verhältnisse in der Kolonie waren nicht mehr die Sache eines eigenwilligen Herrschers, der seinen Willen durchsetzen konnte, sondern des Parlaments, das die Gesetze zur Verwaltung der Kolonie verabschiedete. In der Praxis war hauptsächlich der Minister für die Kolonien dafür verantwortlich, ein neu geschaffenes Amt mit einem etwas lächerlichen Titel. Der Plural, nach ausländischem Vorbild, war unnötig, Belgien besaß nur eine Kolonie. Das Parlament selbst befasste sich nur gelegentlich mit der Überseepolitik. Am 17. Dezember 1909 starb Leopold, etwa dreizehn Monate, nachdem man ihm sein Lebenswerk genommen hatte. Sein Nachfolger, König Albert I., hegte in Sachen Kongo eine viel zurückhaltendere und weniger voluntaristische Auffassung. Daneben gab es den Kolonialrat, eine neu gegründete Behörde, die den Minister in zahlreichen Sachfragen beriet. Acht der vierzehn Mitglieder wurden vom König und sechs von Abgeordnetenkammer und Senat ernannt. Ferner gab es die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen; sie verfolgte zwar hehre Ziele, hatte jedoch nur geringen Einfluss. Während ihres mehr als fünfzigjährigen Bestehens tagte sie nur zehn Mal.5 Auch die Finanzierung änderte sich: Leopolds nebulöse Konstruktionen, die es ihm ermöglichten, nach Herzenslust Geld hin und her zu schieben zwischen seinem Privatvermögen und der sogenannten »Zivilliste« – den Mitteln, die ihm der Staat zur Verfügung stellte –, waren passé. Künftig waren die Bereiche strikt voneinander getrennt. Die Erträge der Kolonie mussten in die Kolonie fließen und durften nicht mehr in Brüsseler Bauwerke gesteckt werden; gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass der Kongo in Krisenzeiten selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste (in der Praxis sprang Belgien allerdings manchmal ein). Die Kolonie bekam also sowohl die Vor- wie auch die Nachteile eines eigenen Staatshaushalts zu spüren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren einschneidende Verwaltungsreformen. Aber auch atmosphärisch änderte sich etwas in der Verwaltung der Kolonie. Das Abenteuerliche wich der Bürokratie, und statt &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; gab es &#039;&#039;corned beef&#039;&#039;. Nach Leopolds Kapriolen bevorzugte man eine straffe, streng sachliche Arbeitsweise. Belgien übernahm seine Aufgabe als Kolonialmacht mit mehr Ernst als Stolz. Die Verwaltung wurde sehr amtlich, was in belgischen Begriffen bedeutete: äußerst hierarchisch und zentralisiert. Sie ging von Brüssel aus, und die zuständigen Beamten waren selten oder nie im Kongo gewesen. Das führte mehr als einmal zu Spannungen mit den Weißen vor Ort. Im Kongo war der Generalgouverneur nach wie vor allmächtig, doch seine Beurteilungen der Situation standen oft im Widerspruch zu den Direktiven, die ihn aus Brüssel erreichten. Belgische Kolonialisten konnten außerdem bei der Kolonialverwaltung nicht mitreden, denn sie besaßen keinerlei formale politische Macht. Sie mussten, wenn auch manchmal widerwillig, alles akzeptieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn schon sie sich übergangen fühlten, wie viel schlimmer war es dann für die Kongolesen selbst? Die belgische Politik hatte gewiss die besten Absichten für das Leben der einheimischen Bevölkerung; diese Einsicht war nach dem Skandal um den »roten Kautschuk« nun doch gedämmert. Aber sie brauchte sich vor den Kongolesen selbst nicht zu verantworten. Sie wurde nicht von ihnen gewählt, und sie fragte sie auch nicht nach ihrer Meinung. Man sorgte für sie, mit Güte und Barmherzigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig wie die belgische Regierung auf die Stimme der Kongolesen hörte, so aufmerksam lieh sie der Wissenschaft ihr Ohr. Man erstrebte &#039;&#039;»une colonisation scientifique«&#039;&#039;, wie Albert Thys es bezeichnete.6 Keine Ad-hoc-Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes – neutral, sachlich, nüchtern und vertrauenswürdig. Glaubte man. Gerade wegen dieser vermeintlichen Neutralität galt ihre Stimme in der Praxis sehr viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erste Gruppe Wissenschaftler, die auf diese Weise Einfluss erlangte, waren die Ärzte. Um die Jahrhundertwende entdeckte Ronald Ross, ein britischer Arzt, der in Indien geboren war, dass der Grund für Malaria nicht das Einatmen von »schlechter Luft« in Sumpfgegenden war (&#039;&#039;mal aria&#039;&#039; auf Italienisch, die Krankheit kam damals noch in der Poebene vor). Es waren die Mücken an stillstehenden Gewässern, die die Krankheit übertrugen. Eines der großen Mysterien der Tropen, das so viele Patres und Pioniere das Leben gekostet hatte, war damit enthüllt. Ross erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis. Aber dabei blieb es nicht. Auch Gelbfieber und Elephantiasis, die Krankheit, die die Gliedmaßen so grässlich deformierte, wurden, wie sich herausstellte, von Mücken verbreitet. Die rätselhafte Schlafkrankheit bekam man durch Kontakt mit einer Tsetsefliege. Schwarzfieber (Leishmaniose) wurde von Sandfliegen übertragen, Typhus von Läusen, die Pest von Rattenflöhen. Nach Zeckenbissen konnte man hartnäckige Fieberanfälle bekommen. Ein neues Fachgebiet war entstanden, die Tropenmedizin, und es wurde ein machtvolles Instrument im Dienst des Kolonialismus. Leopold II. hatte bereits Wissenschaftler aus Liverpool in den Kongo eingeladen, um die Schlafkrankheit zu erforschen. 1906 hatte er, nach dem Vorbild der Liverpool School of Tropical Medicine, in Brüssel die Schule für Tropenmedizin, Vorläuferin des Antwerpener Instituts für Tropenmedizin, gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Bewohner des Kongo hatte diese Medizinisierung große Folgen. Bereits unter Leopolds Regierung gab es hier und da im Freistaat Hospitäler, in denen Opfer der Krankheit von Nonnen gepflegt wurden. Diese Hospitäler lagen auf Inseln im Fluss oder an abgelegenen Orten im Busch und waren noch am ehesten mit Leprakolonien vergleichbar. Oft erfolgte die Aufnahme unter Zwang. Die Patienten wurden dort eher isoliert als gepflegt. Besuch von Familienangehörigen, Freunden und Verwandten war verboten. Viele empfanden die Einweisung in das Lazarett deshalb wie die Todesstrafe. Man probierte zwar allerlei neue Medikamente an ihnen aus, etwa Atoxyl, ein Arsenderivat, aber das führte öfter zu Blindheit als zur Heilung. Es war nicht immer deutlich, worum es eigentlich ging: um die Heilung oder um den Test des experimentellen Medikaments. Da man Kranke in einem möglichst frühen Stadium isolieren wollte (wenn die Ansteckungsgefahr, aber auch die Heilungschancen am größten waren), handelte es sich oft um Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Einweisung noch kerngesund fühlten. Ihre Halslymphdrüsen waren höchstens etwas angeschwollen. Erst während des Aufenthalts im Hospital zeigten sich die typischen Symptome. Deshalb gerieten die Krankenhäuser in Verruf: Die Menschen glaubten, es seien Lager, in denen Kolonialbeamte sie vorsätzlich mit der Krankheit infizierten. Tumulte brachen aus, Bewacher griffen ein, aber viele Menschen flohen zurück in ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Belgien den Kongo übernahm, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kolonialismus ein Gesundheitsdienst eingerichtet . . . in Brüssel. Die Befehlskette zu den Leitern der Posten im Urwald war außerordentlich lang, doch es gelang trotzdem, Änderungen durchzusetzen. Hospitäler allein genügten nicht. Künftig sollte die Mobilität aller Kongolesen überwacht werden. 1910 bestimmte ein Erlass, dass jeder Eingeborene zu einer &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; oder &#039;&#039;sous-chefferie&#039;&#039; gehörte.7 Die Umrisse einer solchen Verwaltungseinheit wurden exakt festgelegt, unter Berücksichtigung vorhandener territorialer Begrenzungen. Wer seinen Wohnort über eine Entfernung von mehr als dreißig Kilometern oder für einen Zeitraum von mehr als einem Monat verlassen wollte, so legte ein anderer Erlass von 1910 fest, musste einen Gesundheitspass bei sich führen, in dem sein Geburtsort, sein Gesundheitszustand und eventuell erfolgte ärztliche Behandlungen vermerkt waren. Ein solcher Pass wurde nur mit Zustimmung des Dorfoberhaupts oder dessen Vertreter ausgestellt. Wer krank war, erhielt Dorfarrest. Wer ohne Papiere loszog, riskierte eine Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieser Maßnahme ist kaum zu überschätzen. Sie hatte fünf einschneidende Folgen. Erstens: Kongolesen, auch gesunde, konnten ihren Aufenthaltsort nicht mehr selbst bestimmen, ihre Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt. Für eine Region mit permanent hoher Mobilität war das eine Umstellung. Zweitens: Jeder Einwohner war künftig auf der Landkarte festgeheftet, wie ein Käfer auf einem Stück Pappe. Das Zugehörigkeitsgefühl war in den einheimischen Gemeinschaften schon immer sehr stark entwickelt, nun wurde es absolut. Wer jemand war, lag von da an unumstößlich fest. Drittens: Die lokalen Oberhäupter wurden voll und ganz in die lokale Verwaltung einbezogen. Das hatte bereits zu Stanleys Zeiten begonnen (siehe Makitu), nun wurde es formell bestätigt. Sie standen auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie und erfüllten eine vermittelnde Funktion zwischen Staat und Untertanen. Selbstverständlich bevorzugte die Kolonialregierung devote Charaktere. Das offiziell eingesetzte Oberhaupt war oft eine schwache Persönlichkeit mit wenig moralischer Autorität, während der echte, traditionelle Häuptling sich im Hintergrund hielt, um in Ruhe weiterregieren zu können.8 Viertens: Da eine durchschnittliche &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; höchstens rund tausend Einwohner umfasste, traten größere ethnische Zusammenhänge mehr und mehr in den Hintergrund.9 Das Dorf unterstand unmittelbar der Staatsmacht, die Ebenen dazwischen fielen weg. Auch das wirkte sich auf das Stammesbewusstsein aus: Es entstand eine Sehnsucht nach vergangenem Glanz. Und fünftens: Für viele bedeuteten die Gesetze aus dem fernen Brüssel die erste, unmittelbare Bekanntschaft mit der Kolonialbürokratie. In der Zeit des Freistaates waren Hunderttausende unter das Joch des fernen Herrsches geraten, nun aber blieb im Prinzip &#039;&#039;niemand&#039;&#039; mehr verschont. Die Zahl der Belgier in der Kolonie war noch immer sehr gering (1920 waren es ein paar tausend), doch der Kolonialapparat verstärkte seinen Zugriff auf die Bevölkerung und drang immer tiefer ins Leben der Individuen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat, das war 1885 ein einsamer Weißer, der das Dorfoberhaupt aufforderte, eine blaue Flagge wehen zu lassen. Der Staat, das war 1895 ein Beamter, der Dorfbewohner als Träger oder Soldaten rekrutierte. Der Staat, das war 1900 ein schwarzer Soldat, der wegen ein paar Körben Kautschuk ins Dorf kam, herumbrüllte und auch schoss. 1910 aber war der Staat ein schwarzer Hilfssanitäter, der die Einwohner auf den Dorfplatz rief, ihre Lymphdrüsen am Hals betastete und sagte, es sei in Ordnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung wollte bereits früh mit Reihenuntersuchungen im großen Stil beginnen; König Albert plante mehr als eine Million belgische Franc dafür ein, doch der Erste Weltkrieg verzögerte das Vorhaben. Ab 1918 reisten jedoch Gesundheitsteams aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern in die Dörfer, und viele hunderttausend Bewohner wurden untersucht. Der Staat, das waren Männer mit Mikroskopen, die stirnrunzelnd Blutproben analysierten. Der Staat, das war die glänzende, sterile Injektionsnadel, die sich in die Haut schob und irgendein geheimnisvolles Gift einspritzte. Der Staat kroch den Menschen buchstäblich unter die Haut. Nicht nur die Landschaft wurde kolonisiert, auch der Körper und das Selbstbild. Der Staat, das war der Ausweis, auf dem stand, wer man war, woher man kam und wohin man gehen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben wurde dadurch jedenfalls ein ganzes Stück häuslicher. Der Mann, der nicht nur Europa und Amerika bereist, sondern auch alle Gegenden seines Landes durchstreift hatte, blieb nun jahrein, jahraus in seinem Dorf. Als Assistent eines jugendlichen Dorfoberhaupts musste er wahrscheinlich den weißen &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; beraten, wem man eine Reiseerlaubnis erteilen konnte und wem man sie verweigern musste. Dass dieses System Tür und Tor für Missbrauch öffnete, liegt auf der Hand. Die Ausweise waren sehr gefragt, und manche Postenchefs, Angestellte und Sanitäter ließen sich bestechen. Dorfbewohner, die gerade erst gegen die Schlafkrankheit behandelt worden waren und trotzdem reisen wollten, behaupteten einfach, sie hätten ihren Gesundheitspass verloren, in der Hoffnung, ein neues Exemplar ohne Eintragungen zu erhalten. Viele hegten tiefes Misstrauen gegen die Medizin der Weißen. Von Atoxyl konnte man erblinden, und die Lumbalpunktionen, die in den schlimmsten Fällen vorgenommen wurden, waren extrem schmerzhaft. Das bedeutete nicht, dass die Menschen irrationale Ängste vor weißen Kitteln hatten. Manche Behandlungen, wie die operative Entfernung von durch Elephantiasis verursachten Geschwüren, wurden gewürdigt, doch generell herrschte eher der Gedanke vor, dass die Injektionsnadeln dazu dienten, Krankheiten zu verbreiten. Die Vertreter der Kolonialmacht unterschätzten einfach die Bedeutung der traditionellen Medizin, die sie rigoros als Quacksalberei und Hexerei abtaten. Viele Afrikaner sahen die Schlafkrankheit deshalb als Krankheit, die der Kolonisator verursachte und die mit der militärischen Vorherrschaft, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Neuordnung zusammenhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bei all dem hatten Ärzte Macht, viel Macht. Doktoren entschieden, wer sich wohin begeben durfte. Sie bestimmten die Zonen, in denen Reisen verboten war. War jemand widerspenstig, konnten sie ihn zu einer Behandlung zwingen und durften ihn sogar bestrafen. Es lag sogar in ihrem Ermessen, ganze Dörfer zu verlegen, falls es dafür schwerwiegende medizinische Gründe gab. Dorfgemeinschaften in Zonen, in denen es von Tsetsefliegen wimmelte, konnten sie zu einer kollektiven Umsiedlung zwingen. Und sie durften die Hilfe der Kolonialbeamten und der Force Publique in Anspruch nehmen, falls sich eine Dorfgemeinschaft weigerte. Nicht die Heilung kranker Individuen stand im Mittelpunkt dieser Art Medizin, sondern die Gesunderhaltung der Kolonie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch eine erzwungene Umsiedlung brachte lokale Gemeinschaften oft aus dem Gleichgewicht. Bakongo, die ihr Dorf hatten verlassen müssen, sangen voller Heimweh und Melancholie: »Ach! Schaut auf das Dorf unserer Ahnen. / Das schattige Dorf mit seinen Palmen, aus dem wir fortgehen mussten. / Ach! Die Alten. / Ach! Ach! / Ach! Unsere Toten sind verschwunden! / Ach! Schaut auf unser verlassenes Dorf! / Ein Jammer!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Dorf durfte bleiben, wo es war, aber um das Krankheitsrisiko zu begrenzen, tat er etwas, was bis dahin niemand in seinem Dorf getan hatte: Er baute ein Haus aus Stein. Fortan schlief er nicht mehr unter einem Blätterdach und zwischen Lehmwänden, sondern in einer Hütte aus Stein unter Wellblech. Im benachbarten Thysville gab es inzwischen genügend Maurer und Zimmerleute. Sie wussten, wie man aus Erde Ziegelsteine machen konnte und wie man Wellblech festnageln musste. Die Schlafkrankheit hatte Lutunus Familie zerstört, nun aber lebte er mehr oder weniger wie die Weißen. Hingen an seinen Ziegelsteinwänden auch, wie ein belgischer Staatsminister im Osten des Kongo konstatierte, »sehr mittelmäßige Porträts unserer Könige, die die Kolonialverwaltung überall verbreitet hatte, und ein paar aus Zeitschriften aus Paris und London herausgerissene Fotos«? Bekam er von gelegentlichen weißen Besuchern auch »ein paar schöne Gravüren und ein paar Dosen mit Karamellbonbons« geschenkt?11 Wir wissen es nicht. Was wir immerhin wissen ist, dass die Kolonialregierung ihn einige Jahre später zum Distriktchef ernannte und dass er, der ehemalige Sklave, nun über zweiundvierzig Dörfer herrschen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr Licht über der Kolonie scheinen lassen durften, waren die Ethnographen. Wenn der Skandal des Freistaates etwas deutlich gemacht hatte, dann war das der völlige Mangel an Wissen über die einheimische Kultur. Félicien Cattier, der herausragende Brüsseler Professor und vehementer Kritiker Leopolds, hatte sich dazu unmissverständlich geäußert: »Wie ist es möglich, sinnvolle Arbeit in den Kolonien zu leisten, wenn man nicht erst die einheimischen Institutionen, ihre Sitten, ihre Psychologie, die Bedingungen ihrer wirtschaftlichen Existenz und die Struktur ihrer Gesellschaften eingehend studiert?«12 Manche der Entdeckungsreisenden und Missionare hatten Interesse an lokalen Bräuchen gezeigt, aber viele Offiziere und andere Vertreter des Freistaates hegten, gelinde gesagt, ziemlich rudimentäre Auffassungen über das, was man als »die Negerrasse« bezeichnete. Falls überhaupt Interesse bestand, richtete es sich in erster Linie auf die konkreten Seiten der fremden Kultur: ihre Körbe und Masken, ihre Einbäume und Trommeln, die Form ihrer Speere, die Maße ihrer Schädel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das reiche nicht aus, meinte Cattier. Es gehe nicht um persönliche Objekte oder einzelne Personen. Man müsse ein Auge haben für die tieferen Schichten der einheimischen Gesellschaft. Und das erfordere ein ernsthaftes Studium. »Es wäre deshalb angezeigt, wenn im Kongo, wie in Niederländisch-Indien oder Britisch-Indien, ein Ministerium oder ein Büro für ethnologische Studien gegründet würde.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. Mit großem Tamtam wurde das &#039;&#039;Bureau International d&#039;Ethnographie&#039;&#039; ins Leben gerufen, eine Institution mit belgischen und ausländischen Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele Fakten wie möglich über die Bevölkerung des Kongo zu sammeln und zu erschließen. Was die École de Médicine Tropicale für die Medizin war, war das Bureau International d&#039;Ethnographie für die Anthropologie: eine Institution, deren Forschungsergebnisse in Einfluss umgesetzt wurden. Die Mitglieder lasen Reiseberichte und Missionsrapporte und investierten viel Zeit in die Ausarbeitung eines erschöpfenden Fragebogens, der an Tausende Beamte, Händler, Soldaten und Missionare in der Kolonie geschickt wurde. 202 Rubriken mussten ausgefüllt werden. Die Themen variierten vom Heiratsrecht über Bestattungspraktiken bis hin zur Körperpflege. Die Informanten erledigten ihre Aufgabe und schickten die Fragebogen zurück. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als vierhunderttausend ethnographische Daten verarbeitet.14 Und diese Daten wurden in einer monumentalen Bücherreihe veröffentlicht, der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039;. Zwischen 1907 und 1914 erschienen elf Bände. Jeder Band widmete sich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die als charakteristisch für eine bestimmte Landesgegend galt: die Bangala für die Flussanrainer, die Basonge für die Savanne, die Warega für den Urwald . . . Auch die Mayombe, die Mangbetu, die Baluba und die Baholoholo wurden beschrieben. Jedes Mal wurden die 202 Rubriken abgedruckt, zusammen gut sechstausend Seiten Lektüre. Es war der erste Versuch einer systematischen Dokumentation der einheimischen Kultur. Das Ergebnis war nichts weniger als eine &#039;&#039;encyclopédie des races noires&#039;&#039;.15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ergebnis war jedoch auch, dass diese »Rassen« plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Die Buchreihe unterteilte die Bevölkerung des Kongo in deutlich unterscheidbare Blöcke mit eigener Identität, eigenem Volkscharakter und eigenen Gebräuchen. Auch wenn manches dafür sprach – es existierten nun mal unverkennbare Unterschiede –, war es doch eine völlig künstliche Sache, um jede dieser Gruppen eine kulturelle Mauer zu ziehen, die die Sicht auf einen möglichen Austausch versperrte. Doch genau das geschah. Zu Beginn des Projektes, im Jahr 1908, nahm Edouard De Jonghe, der wichtigste Mitarbeiter, sich vor, »&#039;&#039;les peuplades une à une, en elles-mêmes, pour elles-mêmes&#039;&#039;« zu studieren.16 In methodischer Hinsicht war dieses schrittweise Vorgehen begreiflich: So blieb alles schön übersichtlich. Aber was zunächst nur ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die »Stämme« wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten. Der Initiator des Projekts, Cyrille Van Overbergh, auch ein wichtiger katholischer Politiker, behauptete nach einigen Jahren unumwunden: »Im Allgemeinen unterhalten die Völker wenig Beziehungen untereinander. (. . .) Die Stämme sind voneinander unabhängig und wahren ihre Autonomie.«17 Über den jahrhundertelangen und auch damals bereits bekannten Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sah er dabei völlig hinweg. Pygmäen lebten neben Bantu sprechenden Bauern. Bobangi fuhren den Fluss hinauf und hinunter und kamen mit Dutzenden anderen Bevölkerungsgruppen in Kontakt. Die früheren Savannenkönigreiche der Bakongo und Baluba waren ethnisch oft sehr gemischt. Viele Menschen waren mehrsprachig. Die Kulturen der Bantu-Sprecher waren untereinander sehr eng verwandt. Doch der Anthropologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zergliederte die Gesellschaft in einzelne Rassen, wie der Taxonomiker des achtzehnten Jahrhunderts einst das Tierreich in verschiedene Arten unterteilt hatte. Unveränderlich über die Zeit hinweg, ohne Berührung miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo wurde ein Setzkasten. Die Landkarte der Kolonie bestand von da an aus Fächern, jedes mit seinem eigenen »Stamm«. In Tervuren bei Brüssel legte man eine gigantische Sammlung Ethnographika an, akkurat nach Stämmen geordnet. Da die Bevölkerung von den Ärzten gezwungen wurde, am Ort zu bleiben, gewannen die Anthropologen noch stärker den Eindruck, dass die Völker, die sie vor sich hatten, »an ihr jeweiliges Territorium gebunden waren«, wie es der Direktor des Bureau International d&#039;Éthnographie behauptete.18 Dieser »monographische Blick« hatte weitreichende Folgen. In der Kolonie orientierten sich die Weißen mehr und mehr daran, und die Kongolesen selbst begannen sich zunehmend tribal zu identifizieren. Der Geist des Tribalismus war aus der Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese früheste Völkerkunde war entschieden kein &#039;&#039;l&#039;art pour l&#039;art&#039;&#039;; zweifelsohne sollte sie dazu dienen, das Werk der Kolonialmacht voranzutreiben. Die Rekrutierer der Force Publique konnten eine Beschreibung der Kriegslust in diesem oder jenem Stamm für ihre Zwecke nutzen. Die medizinischen Dienste bekamen Informationen über die hygienischen Bedingungen bei den Völkern, die am schlimmsten von der Schlafkrankheit betroffen waren. Die Politiker in Brüssel konnten ihre Gesetze auf das zuschneiden, was sie über das traditionelle Recht zur Bodennutzung in der Kolonie lasen. Und die Missionskongregationen konnten ihre Strategie mit Hilfe der Erkenntnisse, welcher Glaube in welcher Gegend vorherrschend war, besser planen. Man handelte nach den Beschreibungen der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. Die Stämme bekamen Eigenschaften angedichtet, wie man sie den Nationalitäten Europas zuschrieb. Der Kongo wies nun Pendants auf zum geizigen Schotten, faulen Sizilianer, schlampigen Spanier und fleißigen, aber humorlosen Deutschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Bewohner der Kolonie übernahmen allmählich diesen Blick auf sich und die anderen. Wie war es zum Beispiel bei Lutunu? Er hatte siebzehn Kinder, von denen dreizehn am Leben blieben. Ab 1910 gehörten sie alle zur selben &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, hatten denselben vom Staat anerkannten Dorfvorsteher und durften die Gegend ohne medizinische Kontrolle nicht verlassen – Sachverhalte, die einem starken regionalen und ethnischen Bewusstsein mit Sicherheit Vorschub leisteten. Außerdem besuchten sie Missionsschulen, denn das Schulwesen lag exklusiv in den Händen der Missionare. 1908 gab es im Kongo etwa fünfhundert Missionare, 1920 etwa fünfzehnhundert. Es gab keine Schulpflicht, aber Lutunu mit seinem Fahrrad und seinem Steinhaus wird seine Kinder zweifellos dazu angespornt haben, wie er lesen und schreiben zu lernen. Er war schließlich einer der ersten Alphabetisierten in Bas-Congo. Sein Dorf lag im Einflussbereich der britischen Protestanten, aber außerhalb gewannen die belgischen Katholiken zunehmend an Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was lernten die Kinder in diesen einfachen kleinen Klassenräumen oder im Schatten eines Baumes? Selbstverständlich lesen und schreiben. Und rechnen. Biblische Geschichte. Fromme Legenden. Die belgischen Provinzen. Das Königshaus. Ja, aber auch das eine oder andere über das eigene Land. Über den Sklavenhandel zum Beispiel. &#039;&#039;»Tungalikuwa watumwa wa Wangwana&#039;&#039; / &#039;&#039;Wabeleji wakatukomboa«&#039;&#039;, sangen die Kinder in katholischen Missionsstationen im Landesinneren. Wörtlich: »Wir wurden Sklaven der Arabisierten / Die Belgier haben uns befreit.« Die Melodie war die der »Brabançonne«, der belgischen Nationalhymne. Eines der ältesten bekannten Schullieder in Swahili enthielt eine komprimierte Zusammenfassung der Kolonialisierung: »Früher waren wir Dummköpfe / Mit den Sünden jedes Tages / Sandflöhen an den Füßen / Dem Kopf voller Schimmel / Danke, ehrwürdige Patres!«19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die Lieder waren in der Volkssprache, sondern auch der Unterricht der katholischen Patres und Nonnen. Die meisten Missionare kamen aus Flandern, und eingedenk des Kampfes um das Flämische in Belgien betrachtete man die eigene Sprache als hohes Gut. Auch das verstärkte den Stammesstolz. In einem Schulbuch der Missionare vom Kostbaren Blut aus den dreißiger Jahren in Mbandaka stand folgende Leseübung: »Unsere Sprache ist das Lonkundo. (. . .) Obwohl manche gern Lingala sprechen, lieben wir unser Lonkundo am meisten. Diese Sprache ist sehr schön und hat viele genaue Bedeutungen. Wir lieben sie sehr. Wir haben diese Sprache von unseren Ahnen bekommen.«20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ethnische Identifizierung erfolgte noch viel expliziter. In dieser Zeit lasen Schüler in der Provinz Équateur auch, dass »die Menschen im Kongo in mehrere Gruppen unterteilt sind. Sie unterscheiden sich durch ihren Dialekt, ihre Sitten und sogar durch ihre Gesetze. Unsere echte Familie ist der Stamm der Nkundo.«21 Das klang wie ein wörtliches Echo der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. In den frühesten Schulbüchern der Maristenbrüder (das älteste stammt von etwa 1910) ging man noch einen Schritt weiter. Auf Lingala war zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner des Kongo sind Schwarze. Ihre Zahl hat man noch nicht gezählt. Sie beläuft sich auf etwa sechzehn Millionen. Sie zerfallen in verschiedene Stämme: Basorongo, Bakongo, Bateke, Bangala, Bapoto, Basoko, Babua, Bazande, Bakango, Bangbetu, Batikitiki oder Baka und viele andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basorongo leben am Meer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bakongo flussaufwärts, bei Boma, Matadi, Kisantu, am linken Flussufer. Sie sind Docker und kräftige Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bateke leben in Kitambo. Sie sind auf das Kaufen und Verkaufen spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bangala leben in Makanza, Mobeka, Lisala und Bumba. Sie sind groß. Sie haben Tätowierungen im Gesicht und an den Ohren. Sie entfernen sich die Wimpern von den Augenlidern und feilen ihre Zähne. Sie fürchten sich nicht vor Krieg. Sind denn nicht auch viele Bangala in der Armee des Staates? Sie sind intelligent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bapoto und Basoko sind die Brüder der Bangala. Sie verunstalten ihr Gesicht mit Tätowierungen. Sie machen große Mörser und gute Pirogen, schmieden Speere und Macheten. Sie töten viele Fische.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so immer weiter. Der Kongo bestehe aus Stämmen, konnte man lernen, mit eigenen Territorien und Gebräuchen. Manche waren achtenswert, andere nicht. So bekamen die Schüler auch noch eingeimpft, dass die Azande ihre Häuptlinge respektierten und dass das sehr gut war, dass die Babua das hingegen nicht taten, was eine Schande sei, und dass die Bakango Elefanten töteten und deshalb sehr mutig seien. Missionsschulen waren kleine Fabriken für tribale Vorurteile. Kinder, die ihr Dorf nicht verlassen durften, bekamen plötzlich zu hören, dass in weit entfernten Gegenden ihres ausgedehnten Landes Bakango lebten, und die Meinung über die Bakango wurde gleich mitgeliefert. Pygmäen wurden in vielen Handbüchern als bizarre Abweichungen dargestellt. Auch wer ihnen nie begegnet war, wusste, was er von ihnen zu halten hatte. »Sie tun sich dadurch hervor, dass sie das Eigentum anderer stehlen«, lasen die Schüler von Bongandanga in den späten zwanziger Jahren, »sie freunden sich nicht mit anderen Menschen an. (. . .) Die meisten Völker Zentralafrikas sind gern sauber, und weil es viel Wasser gibt, waschen sie sich täglich. Die Pygmäen jedoch haben etwas gegen Wasser und sind sehr schmutzig. (. . .) In puncto Unwissenheit übertreffen sie alle anderen Völker Afrikas. Sie sehen nicht ein, dass es besser ist, gemeinsam mit anderen Menschen aus der gleichen Kultur in einem Dorf zu leben, als ständig umherzuziehen.«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll nicht heißen, es habe niemals Stämme gegeben – selbstverständlich gab es die, ebenso wie wichtige regionale Unterschiede, verschiedene Sprachen, andere Gebräuche, Tänze, Essgewohnheiten, und es hatten auch intertribale Kriege stattgefunden. Doch nun wurden diese Unterschiede besonders herausgestellt und auf immer festgeschrieben. Es hagelte Stereotype. Die Stämme waren keine Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten unumstößlich waren – unumstößlich wurden sie erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr denn je identifizierten sich die Menschen mit diesem oder jenem Stamm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann aus Lubumbashi erzählte in den achtziger Jahren von seiner Kindheit. Der beginnende Bergbau brachte Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in &#039;&#039;compounds&#039;&#039; zusammen: »In den alten Zeiten sahen wir die Leute nicht an und sagten: Der da ist ein Kasaïen, ein Lamba, ein Bemba oder ein Luba, nein. Wir waren zusammen.« Und er fuhr fort: »Es gab keine Unterschiede. Unterschiede waren für uns kein Thema.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionsstationen beschränkten sich nicht auf den Elementarunterricht. Sie gründeten auch Seminare für begabte Schüler, um einheimische Priester auszubilden. Der erste Kongolese, der zum Priester geweiht wurde, war Stefano Kaoze. Das war im Jahr 1917. Er stammte aus dem Marungu-Massiv und war bei den Weißen Vätern zur Schule gegangen und ausgebildet worden. 1910 hatte er im Alter von fünfundzwanzig schon eine Pioniertat vollbracht: Sein langer Essay »La psychologie des Bantu« erschien in &#039;&#039;La revue congolaise&#039;&#039;. Damit war er der erste Kongolese, der einen Text veröffentlichte. Und was lesen wir in den ersten Absätzen dieses in jeder Hinsicht historischen Meilensteins? Was schreibt ein junger kongolesischer Intellektueller, der durch und durch geprägt ist vom katholischen Missionsunterricht? Genau – Stammesbewusstsein in Afrika werde durch europäische Bücher genährt: »Als ich ein paar Bücher über einige Stämme gelesen hatte, sah ich, dass die meisten der Bräuche den gleichen Hintergrund haben wie bei den Beni-Marungu [seinem Stamm]. Da ich das nun erkannt habe, werde ich erzählen, wer wir sind, wir Beni-Marungu, und was wir nicht sind.«25 Bücher brachten ihn dazu, über seine eigene tribale Identität nachzudenken. Ist es also verwunderlich, dass er sich später im Leben zu einem tribalen Nationalisten entwickelte, einem Vorkämpfer für sein eigenes Volk und einem Verteidiger der kongolesischen Interessen? »Potenziell der gefährlichste Schwarze«, äußerte ein französischer Adliger nach einer Rundreise durch die Kolonie, »ist der, der Schulunterricht genossen hat.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen plätscherte Nkasis Leben ruhig weiter. Als ich ihn interviewte, fiel mir mehrmals auf, dass er kaum Erinnerungen an die ersten Jahre Belgisch-Kongos hatte. Wenn die Sprache auf den Bau der Eisenbahn in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam, leuchteten seine Augen, und die Geschichten kamen von allein. Doch die Jahrzehnte danach, als er in sein Dorf zurückgekehrt war, schienen wie weggespült. Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran das liegen mochte, bis mir auffiel, dass auch Lutunus Biographin die gleiche Periode in dessen Leben ziemlich lapidar abhandelte. Auch sie hatte in den Gesprächen mit ihrem Informanten Lücken registriert. Konnte das Zufall sein? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass die Gesetze, die die Menschen dazu zwangen, in ihren Dörfern zu bleiben, für ruhige Jahre mit wenig spektakulären Ereignissen sorgten. Sogar der Erste Weltkrieg ging geräuschlos an ihnen vorbei, auch an Lutunu, obgleich er damals schon Assistent des Dorfoberhaupts war. Als ich Nkasi zum wiederholten Male fragte, ob er sich wirklich nicht mehr an den Großen Krieg erinnere, sagte er: »Ich habe vielleicht etwas darüber gehört, aber das war nicht hier.«27 Seine Welt war wieder kleiner geworden. Sein jüngster Bruder wurde damals geboren, ja, das wusste er noch. Und er selbst hatte sich schließlich doch zum evangelischen Glauben bekehrt und sich taufen lassen. Das war 1916, in der Missionsstation von Lukunga. Sein Taufname war Etienne, aber alle nannten ihn weiterhin einfach Nkasi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1921 kam es in seinem Leben jedoch zu einem großen Umbruch: Zum ersten Mal seit langer Zeit verließ er wieder sein Dorf. Vorher musste er einen gültigen Pass und &#039;&#039;une feuille de route&#039;&#039; beantragen, sonst durfte er nicht fort. Auch heute kann ein Kongolese nur schwer durch sein Land reisen ohne einen &#039;&#039;ordre de mission&#039;&#039; in der Tasche; der Kongo ist eines der wenigen Länder der Erde, das auch ein Migrationsamt für Ortswechsel im &#039;&#039;Inland&#039;&#039; hat – aufgrund der Schlafkrankheit von ehedem. Aber Nkasi hatte auch Glück. Weil ein Cousin seines Vaters bei der Eisenbahn arbeitete, konnte er umsonst mit dem Zug fahren. Er zuckelte einen Tag lang durch das weite Land und kam abends in Kinshasa an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, seit Swinburne dort 1885 in der wilden Natur seinen Posten aufgebaut hatte. An den Ufern des Stanley Pool hatten sich inzwischen rund achtzig Unternehmen mit ihren Lagerhäusern angesiedelt. Acht Kilometer westlich lag das ältere Militär- und Verwaltungszentrum Léopoldville. Hier hatten die britischen Baptisten seinerzeit ihr Mutterhaus errichtet. Die beiden Kerne, Kinshasa und Léopoldville, waren 1910 durch eine breite Straße miteinander verbunden worden. Heute ist das der Boulevard du 30 juin, nicht mehr eine Verbindungsstraße zwischen zwei europäischen Niederlassungen, sondern die in Abgaswolken gehüllte Hauptachse der Stadt. Damals gab es jedoch nicht einmal zweihundert Autos und LKW. In Kinshasa lebten um diese Zeit tausend Weiße, hundertfünfzig davon Frauen. Es gab etwa vierhundert Häuser aus beständigem Material.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi kam in einer Stadt an, die im Werden war, einer staubigen Ebene voller Baustellen und Avenuen, die ins Nichts führten. Südlich vom Viertel der Weißen hatte die Kolonialmacht eine &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; anlegen lassen, ein Schachbrett von drei mal vier Kilometern, durch schnurgerade Straßen unterteilt. Auf den ordentlichen, quadratischen kleinen Parzellen standen Lehmhütten mit Strohdächern. Darum herum bauten die Bewohner Maniok und Kochbananen an. Hier und da sah er ein Steinhaus mit einem Wellblechdach. Kinder rannten nackt durch die sandigen Gassen. Frauen saßen stundenlang im Schatten und kämmten sich gegenseitig die Haare. An manchen Häusern war etwas aufgemalt. Dort, lernte er schnell, konnte man Reis, Trockenfisch und Streichhölzer kaufen. Es war eine neue Welt. Innerhalb weniger Jahre waren zwanzigtausend Menschen hierher gezogen. Im benachbarten Léopoldville hatten sich noch einmal zwölftausend niedergelassen. Sie stammten aus allen Gegenden des Landes. Ihre Sprachen verstand er nicht, und sie kamen aus Landstrichen, von denen er noch nie gehört hatte. Nur viertausend von ihnen waren Frauen. Es war eine Männerwelt voller Gebrüll, dröhnendem Gelächter und Heimweh. Die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; ähnelte in nichts dem traditionellen Dorf, es war eher ein großes Camp mit Arbeitern und Handwerkern, aber auch mit Boys, die sich jeden Tag in das Viertel der Weißen aufmachten, und mit Vagabunden, Schlafkranken, Dieben und Prostituierten.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1921 kam ich nach Kinshasa. Ich arbeitete für Monsieur Martens«, erzählte er mir. »Er besaß Hallen voller Diamanten aus Kasai. Die Diamanten kamen aus der Mine. In Kinshasa wurden sie sortiert. Ich musste Säcke mit Erde füllen und leeren.« Um seine Worte zu unterstreichen, zeigte er mir durch Gesten, dass er mit einer Schaufel gearbeitet hatte. »Füllen und leeren. Ich verdiente drei Franc im Monat.«30 Um Diebstähle zu vermeiden, wurden die Rohdiamanten nicht in den Minen sortiert. Das Konzentrat aus den Diamantenwäschereien wurde in ein zentrales Depot gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Umzug in die große Stadt, die bald die Hauptstadt der Kolonie werden sollte, war einem Körnchen Glas von zwanzig Milligramm zu verdanken, das Jahre zuvor viele hundert Kilometer östlich entdeckt worden war. 1907 fand Narcisse Janot, ein belgischer Prospektor, der zusammen mit einem Geologen durch Kasai streifte, ein Bröckchen Kristall, das nicht uninteressant aussah. Da er nicht über die Geräte verfügte, um an Ort und Stelle eine petrologische Analyse vorzunehmen, steckte er es in ein Röhrchen und nahm es mit nach Brüssel. Nach seiner Heimkehr beachtete er es jedoch nicht mehr, und das winzige Steinchen geriet zwischen den vielen anderen geologischen Mustern, die die Expedition mitgebracht hatte, in Vergessenheit. Erst ein paar Jahre später beschäftigte sich wieder jemand damit. Eine nähere Analyse zeigte, dass es sich tatsächlich um einen Diamanten handelte.31 Ein wahres Diamantenfieber brach aus. Es zeigte sich, dass es in Kasai Diamantvorkommen gab; hochwertige, für Juweliere geeignete Diamanten neben einer gröberen Art, für die in der Industrie Nachfrage herrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts hielt der Boden der Kolonie überaus angenehme Überraschungen in petto. Bereits 1892 hatte der junge Geologe Jules Cornet in Katanga sehr reiche Kupfervorkommen entdeckt; vor allem Fundorte wie Kambove, Likasi und Kipushi schienen außerordentlich vielversprechend. Abends in seinem Zelt notierte er: »Ich würde es nicht wagen, eine Zahl zu nennen, um eine Vorstellung von den riesigen Kupfervorkommen in den Gebieten zu vermitteln, die ich gerade erforscht habe: das würde allzu unerhört und unglaublich klingen.«32 König Leopold II. beschwor ihn, das Geheimnis für sich zu behalten, um nicht das Interesse der Briten zu wecken. Diese Vorsorge war vermutlich nicht unbegründet: Katangas Kupfervorkommen gehören, wie sich später herausstellen sollte, zu den reichsten der Welt. Manche Bodenschichten enthalten bis zu 16 Prozent reines Kupfer. Im gebirgigen Nordosten des Landes, an der Grenze zu Uganda, fanden zwei australische Prospektoren in einigen Flüssen winzige Krümel, die im Sonnenlicht glitzerten: Gold. Die Fundorte bei Kilo und Moto erwiesen sich als wichtigste Goldvorkommen Zentralafrikas. Und 1915 fand ein anderer Prospektor in Katanga ein gelbes, bleischweres Gestein, das ihn an die Entdeckungen von Pierre und Marie Curie erinnerte. Das Erz erwies sich nach eingehender Analyse tatsächlich als sehr uranreich. Am Fundort entstand die Mine von Shinkolobwe, lange Zeit weltweit der wichtigste Uranlieferant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden des Kongo enthielt einen wahren »geologischen Skandal«, wie Jules Cornet es ausdrückte. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Bis dahin hatte sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes ausschließlich auf biologische Reichtümer gerichtet – Elfenbein und Kautschuk –, nun entdeckte man, dass wenige Meter unter der Oberfläche ein noch viel größerer Reichtum ruhte. Katanga, die wenig verheißungsvolle Region, die Leopold 1884 fast zufällig annektiert hatte, beherbergte, wie sich plötzlich herausstellte, eine unglaubliche Schatzkammer. Neben Kupfer und Uran fand man dort bedeutende Lagerstätten von Zink, Kobalt, Zinn, Gold, Wolfram, Mangan, Tantal und Steinkohle. Die Entdeckung dieser immensen Bodenschätze kam übrigens gerade zur rechten Zeit. Die Einnahmen aus der Kautschukgewinnung sanken ab 1910 drastisch. Der Welthandelspreis für Kaut­schuk befand sich im freien Fall. 1901 machte Kautschuk 87 Prozent des kongolesischen Exports aus, 1928 nur noch 1 Prozent.33 »Derzeit«, so stellte ein Reisender schon 1922 fest, »und bis auf weiteres redet man im Kongo nicht mehr oder jedenfalls kaum noch über Kautschuk.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: So wie der &#039;&#039;rubber boom&#039;&#039; gerade zur rechten Zeit kam, um den rückläufigen Elfenbeinhandel zu kompensieren, kam der Bergbau gerade rechtzeitig, um die im Niedergang befindliche Kautschukwirtschaft abzulösen. Kein anderes Land auf der Welt hat es mit seinen Naturreichtümern so gut getroffen wie der Kongo. Jedes Mal, wenn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren auf dem Weltmarkt akute Nachfrage nach einem bestimmten Rohstoff herrschte – Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Strom aus Wasserkraft während der Ölkrise der siebziger Jahre, der in andere afrikanische Länder exportiert wurde, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie –, zeigte sich, dass der Kongo über riesige Vorkommen der begehrten Güter verfügte und die Nachfrage mühelos befriedigen konnte. Die Wirtschaftsgeschichte des Kongo zeichnet sich durch unwahrscheinliches Glück aus. Aber auch durch eine unwahrscheinliche Misere. Von den sagenhaften Gewinnen kam für gewöhnlich kein Krümel bei der Mehrheit der Bevölkerung an. Diese Diskrepanz zeigt die ganze Tragik. Nkasi, der einst im Schweiße seines Angesichts Säcke mit Erde leerschaufelte, in denen die Edelsteine steckten, hatte so gut wie gar nichts vom ganzen Diamantengeschäft. Heute ist er bettelarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialmacht waren die geologischen Funde jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Sie markierten den Beginn des Bergbaus, bis zur heutigen Zeit mit Abstand der wichtigste Zweig der kongolesischen Industrie. Doch Erz abbauen und bearbeiten war etwas anderes als Stoßzähne aufkaufen oder Körbe voller Kautschuk verlangen. Um hier Profite zu erzielen, mussten zunächst umfangreiche Investitionen getätigt werden. Man benötigte Gesteinsbrecher und Waschanlagen, Hochöfen, Schmelzhütten, Kräne und Walzen. Zudem kamen die wichtigsten Mineralien in Regionen vor, die vom Meer weit entfernt waren. Wenn man Afrika mit einer riesigen Birne verglich, dann war Katanga »vielleicht nicht die Mitte, aber doch einer ihrer besten Kerne«.35 Also mussten neue Eisenbahnlinien, Häfen, Telegraphenkabel und Straßen angelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Finanziert wurde das alles vom belgischen Staat und von Privatinvestoren. Die Goldminen von Kilo-Moto befanden sich anfangs ganz im Besitz des Staates, doch der gab ab 1926 dann doch Aktien aus. Anderswo griff man auf das System der Konzessionsgesellschaften zurück, das gleiche System, das den »roten Kautschuk« möglich gemacht hatte. Diese Unternehmen basierten auf privatem Kapital, doch in der Regel profitierte auch die Kasse der Kolonie. Das erfolgte nicht über eine Besteuerung (vor dem Ersten Weltkrieg gab es noch keine echten Gewinnsteuern), sondern über die pflichtgemäße Überlassung großer Aktienpakete an den Kolonialstaat. Dank dieses Aktienportfolios sicherte sich die Staatskasse von Belgisch-Kongo Dividenden in oft beträchtlicher Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1906 wurden drei Unternehmen gegründet, die im Bergbau eine entscheidende Rolle spielen sollten: &#039;&#039;Union Minière de Haut-Katanga&#039;&#039; (UMHK), &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière du Congo&#039;&#039; (Forminière) und &#039;&#039;Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039; (BCK). Das Startkapital der Union Minière stammte zur Hälfte von britischen Investoren und zur anderen Hälfte von der &#039;&#039;Generale Maat­schappij&#039;&#039;, der mächtigen belgischen Holdinggesellschaft, die schon seit 1822 die Fäden der nationalen Wirtschaft fest in der Hand hielt und sich vor allem auf Katanga richtete. Nachdem die früheste Ausbeutung durch eine privatwirtschaftliche Investitionsgesellschaft erfolgt war, der &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; von Albert Thys (die auch die Bahnlinie in Bas-Congo angelegt hatte), übernahm anschließend das &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039; (CSK) die weitere Erschließung des Gebiets. Das CSK hatte einen sehr eigenartigen rechtlichen Status: Es war kein klassisches Unternehmen, sondern eine halb staatliche Organisation unter Kontrolle des Kolonialstaates, eine Gesellschaft sui generis mit öffentlich-privatem Kapital und außergewöhnlichen Privilegien. Es war im Besitz aller Schürfrechte für die Hälfte von Katanga und zudem mit der politischen Verwaltung des Gebiets betraut. Das CSK, obgleich mehr eine Firma als eine Behörde, besaß sogar eine eigene Polizeitruppe. Es war ein Staat im Staate. Dieser sonderbare Zustand dauerte auch noch an, als 1906 die Union Minière antrat. Wirtschaftliche und politische Interessen waren weiterhin eng miteinander verquickt. Als absoluter industrieller Riese in Katanga schrieb das Unternehmen der Kolonialregierung oft mehr vor als die Kolonialregierung dem Unternehmen. So stand der Kolonialstaat im Dienst des Unternehmens bei der Anwerbung von Bergarbeitern. Katanga hatte also schon immer eine Form der Verwaltung, die sich vom Rest des Landes unterschied. Darin lag unter anderem der Keim für das spätere Unabhängigkeitsstreben der Region.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forminière war mit amerikanischem Kapital gegründet worden. Da die Diamantvorkommen über zahlreiche Lagerstätten verstreut waren, erhielt das Unternehmen zeitweilig ein Prospektionsgebiet von sage und schreibe hundert Millionen Hektar, das später auf zwei Millionen Hektar Exploitationsgebiet schrumpfte; es betrieb dort fünfzig Minen in der Gegend von Tshikapa und Bakwanga. 1913 förderte Forminière 15.000 Karat Diamanten, 1922 220.000 Karat.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BCK schließlich, die dritte 1906 gegründete Gesellschaft, war eine private Eisenbahngesellschaft mit französisch-belgischem Kapital, die eine Bahnlinie zwischen Katanga und Bas-Congo baute. Über diese Strecke sollte das Erz zum Meer transportiert werden, ohne das Territorium von Belgisch-Kongo zu verlassen. Sonst hätten alle Transporte durch portugiesische, deutsche oder britische Kolonien erfolgen müssen, was lästige Abhängigkeiten bedeutet hätte. Die neue Bahnlinie war 1928 fertig. BCK beschränkte sich jedoch nicht auf den Bau von Eisenbahnlinien. Das Unternehmen besaß auch umfangreiche Schürfrechte, und die erwiesen sich als ungemein lukrativ. Wie sich herausstellte, galt die Konzession für eine der weltweit größten Lagerstätten von Industriediamanten. Die erzielten Gewinne waren sagenhaft. Fast die Hälfte davon floss dem kongolesischen Staat zu.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Nkasi schaufelte. In dieser frühen Zeit bedeutete der Bergbau Handarbeit, sehr viel Handarbeit. Wer sollte die leisten? Dass Belgier selbst in Frage kamen, schien ausgeschlossen: »Südlich des Äquators kann der Belgier kaum andere Tätigkeiten ausüben als eine leitende Funktion. Die kontinuierliche körperliche Arbeit, jede Form von Handarbeit, die an sich schon belastend genug ist, ist ihm mehr oder weniger verboten.«38 Im dünn besiedelten Katanga erwog man eine Zeitlang, chinesische Gastarbeiter ins Land zu holen, aber eingedenk der verheerenden Sterberaten beim Bau der Eisenbahn verzichtete man dann doch darauf. Wer heute mit dem Helikopter Katanga überquert, zum Beispiel von Kalemie nach Lubumbashi, wie es mir im Juni 2007 vergönnt war, lernt viel über die Sozialgeschichte. Das UN-Flugzeug, mit dem ich reisen sollte, war aus Mangel an Passagieren unerwartet gegen einen heruntergekommenen &#039;&#039;chopper&#039;&#039; mit russischer Besatzung und Beschriftung ausgetauscht worden. Statt eines kurzen, zweistündigen Fluges wurde es eine Reise von sechs langen und geräuschvollen Stunden über einer menschenleeren Landschaft. Wir flogen in nur dreihundert Metern Höhe. Bäume, Büffel und Termitenhügel waren einzeln zu erkennen, Dörfer aber sahen wir kaum. Während ich, mit roten Ohrenschützern ausgestattet, durch das offene Fenster blickte, begriff ich viel von der Wandlung, die sich hier vor einem Jahrhundert vollzogen hatte. Wenn die Savanne heute, in Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, noch immer so leer ist, überlegte ich mir, wie viel desolater muss es dann hier vor einem Jahrhundert gewesen sein nach einer Pandemie der Schlafkrankheit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga strotzte von Erz, aber es gab niemand, der es ausgrub. In den isolierten Dörfern suchte man vergeblich nach Freiwilligen. Ab 1907 warb man Arbeiter jenseits der Grenze an: Jährlich kamen sechs- bis siebenhundert Rhodesier, um in den Kupferminen von Katanga zu arbeiten.39 1920 war ihre Zahl auf viele Tausende angestiegen; sie bildeten die Hälfte der afrikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeiter blieben höchstens sechs Monate im Dienst, sie lebten in &#039;&#039;compounds&#039;&#039;, wie in den Minen von Südafrika, und durften ihre Familien nicht mitbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Persönliche Zeugnisse dieser frühen Bergarbeiter sind so gut wie unauffindbar, bis auf eine seltene Ausnahme. »Ich kam am 4. Mai 1900 in Katanga an. Ich war als Arbeiter angeworben worden von Herrn Kantshingo«, erinnerte sich ein alter Mann. Er musste zu einer ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Arbeitskarte, auf der er einen Daumenabdruck hinterlassen musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab keine Häuser aus Stein oder Backstein. Die Schwarzen schliefen in Hütten, die Weißen in Zelten und in Termitenhügeln [sic]. Viele der Weißen waren Italiener. Die Vorarbeiter kamen aus Nyasaland [Malawi]. Die Umgangssprache war Kikabanga. Eine Spitzhacke hieß &#039;&#039;mutalimbi&#039;&#039;. Eine Schaufel hieß &#039;&#039;chibassu&#039;&#039;, eine Schubkarre &#039;&#039;pusi-pusi&#039;&#039;, ein Hammer &#039;&#039;hamalu&#039;&#039; [man beachte den Einfluss des Englischen]. Um vier Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Wir fingen um sechs Uhr an und hörten um fünf, sechs, sieben Uhr abends auf. Die Arbeiter bekamen schrecklich viel Prügel. (. . .) Wir bezahlten mit rhodesischem Geld. Das Bier, das wir tranken, hieß &#039;&#039;kataka&#039;&#039; und &#039;&#039;kibuku&#039;&#039;, es war aus Mais oder Hirse gebraut.40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1910 wurde Katanga an das Eisenbahnnetz angeschlossen, das die Briten in ihren südlichen Kolonien angelegt hatten. Von nun an gab es eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Katanga und Kapstadt. Bei dem kleinen Dorf Lubumbashi in der Nähe der Mine, die von Prospektoren &#039;&#039;Star of the Congo&#039;&#039; genannt wurde, schoss eine Stadt aus dem Boden: Elisabethville. 1910 lebten dort dreihundert Europäer und tausend Afrikaner; ein Jahr später: tausend Europäer und fünftausend Afrikaner.41 Die Stadt war von Anfang an mehr südafrikanisch als kongolesisch. Die schnurgeraden Alleen erinnerten an Pretoria, die weißen Häuser im kapholländischen Stil strahlten Behaglichkeit aus. Durch die rhodesischen Arbeiter und britischen Industriellen wurde Englisch die vorherrschende Sprache und das Pfund Sterling das gängigste Zahlungsmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfügen über ein außergewöhnliches Dokument, um diese Anfangsphase des katangesischen Bergbaus aus afrikanischer Perspektive zu verstehen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb André Yav, ein alter Mann, der sein ganzes Leben Boy in Elisabethville gewesen war, seine Erinnerungen nieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Union Minière aufmachte, kamen zuerst die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern, um dort zu arbeiten. Das waren Balamba, Baseba, Balemba, Basanga, Bayeke und Bene Mitumba. Es waren nicht viele, und sie wollten ihre Dörfer nicht wirklich verlassen und lange fort bleiben. Sie arbeiteten dort zwei, drei Monate und gingen wieder nach Hause. Nach einer Weile wurden die Orte, wo es Arbeit gab, groß. Dann riefen sie die Leute aus Luapula und Süd- und Nordrhodesien [heute Simbabwe und Sambia] herbei, und auch andere kamen: Balunda, Babemba, Barotse und auch Burschen aus Nyasaland. Sie hatten genug Kraft für die Arbeit, aber konnten ihr Dorf auch nicht lange verlassen. Nach sechs oder zehn Monaten kehrten sie nach Hause zurück.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei blieb es nicht. Rekrutierer zogen immer tiefer ins Inland von Katanga, um junge, kräftige Männer zusammenzutrommeln. Neben den offiziellen Instanzen waren in den frühen Jahren auch sehr viele &#039;&#039;private contractors&#039;&#039; aktiv – weiße Abenteurer, die versuchten, möglichst viele Jugendliche zu den Minen zu locken. Manche von ihnen gingen sogar bis nach Kasai und Maniema, Touren von achthundert Kilometern. Ihre Rekrutierungsmethoden waren oft fragwürdig: Sie bestachen Dorfvorsteher mit europäischen Luxusgütern wie Decken und Fahrrädern und belohnten sie pro Arbeiter, der ihnen gestellt wurde, mit einer Prämie. Über die Arbeitsbedingungen in der Mine schwiegen sie wohlweislich. Sie kauften Arbeiter, um sie weiterzuverkaufen. Häufig war Gewalt im Spiel. Im Grunde unterschied sich ihr Vorgehen kaum von der Rekrutierung durch die Force Publique 1890 oder der afro-arabischen Sklavenhändler 1850. Der pensionierte Boy ließ in seinen Lebenserinnerungen keine Missverständnisse darüber aufkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Basis konnten &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Changa-Changa [der afrikanische Beiname der Union Minière] und die anderen Weißen ihre Bergwerksgesellschaften gründen. (. . .) Was wir alles ertragen mussten, war unvorstellbar; auf dem Boden schlafen, von Schlangen gebissen werden, von Mücken und allerlei Arten Insekten. So erging es uns mit den Weißen, und das alles, um Erze zu finden in Katanga, und noch schlimmer war es mit den Weißen vom Comité spécial [du Katanga, aktiv bis 1910]. Damals mussten wir herumlaufen, mögliche Lagerstätten erkunden, in den Büschen und auf den Hügeln nach allerlei Sorten Steinen suchen. Und außerdem mussten wir, die Boys, den Weißen entlang allen Flüssen von Katanga, vom Kongo, von überall folgen.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterbringung dieser ersten Generation Bergarbeiter war oft erbärmlich. Sie mussten in Lagern hausen, weitab vom weißen Stadtzentrum. Die räumliche Segregation war seit 1913 gesetzlich verankert.44 Ihre Quartiere glichen eher Militärlagern als Stadtvierteln: rechtwinklig und fast ohne Schatten. Traditionelle Hütten standen streng in Reih und Glied. In jeder Hütte durften vier Arbeiter wohnen, jeder verfügte über vier Quadratmeter. Latrinen waren vorhanden, jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit lebten übermüdete Arbeiter in schlimmen Verhältnissen mit wenig Hygiene. Bei der Mine von Kambove mussten die Campbewohner manchmal buchstäblich durch den Dreck waten. Trinkwasser war knapp. Die Mine mit ihren Dampfmaschinen und Bohranlagen schluckte das meiste Wasser selbst. In der Trockenzeit tranken die Arbeiter aus Pfützen oder schlammigen Rinnsalen.45 Krankheiten blieben nicht aus. Dysenterie, Enteritis und Typhus forderten ihren Tribut, und lokale Grippeepidemien brachen in Elisa­bethville, bei The Star und in Kambove aus. 1916 starben an diesen drei Orten innerhalb von sechs Monaten 322 Arbeiter von den insgesamt fünftausend. Außerdem zogen sich viele Bergarbeiter aufgrund der schweren Arbeit in den staubigen Minen Lungenentzündungen zu oder erkrankten an Tuberkulose. Ein Viertel bis ein Drittel von ihnen wurde krank, aber eine Gesundheitsfürsorge war nur in Ansätzen vorhanden.46 1920 gab es rund siebzig Ärzte und einen Zahnarzt im gesamten Kongo; sie kümmerten sich vor allem um das Wohl der weißen Bevölkerung.47 Die Arbeiter machten viele Überstunden und erhielten einen kärglichen Lohn. Viele wurden apathisch und depressiv und bekamen Heimweh. Sie organisierten sich nur in geringem Grad, oft nach ethnischer Zugehörigkeit, um ihre Kranken zu versorgen, ihre Toten zu begraben, zu trinken und zu singen. Manche liefen fort, andere wagten das nicht. Bis 1922 waren Körperstrafen gesetzlich erlaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ergab eine erschütternde Bilanz. Die Kautschukgewinnung war Süd-Katanga weitgehend erspart geblieben, nun aber wurde die Region in einen schonungslosen Industriekapitalismus mitgerissen. André Yav, der ehemalige Boy, gelangte zu einer äußerst merkwürdigen, aber sehr vielsagenden Schlussfolgerung: Er war der Ansicht, dass König Albert I. viel schlechter sei als Leopold II., der immerhin noch »die Gesetze Afrikas und des Kongo respektiert« habe! Das bedurfte einer Erläuterung: »In der Zeit von König Leopold II. aßen die Boys zusammen mit den Weißen an einem Tisch. Der Weiße sah ihn als einen Angestellten. Sie waren nicht wie die Weißen, die nach Leopold II. kamen. Als er starb, wurde König Albert I. sein Nachfolger. Diese Weißen erließen strenge Verfügungen, und ihre Erlasse waren wirklich sehr schlecht. Sie waren es, die eine schlechte Art von Sklaverei für uns Kongolesen brachten.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso rücksichtslos waren die Zustände in den Goldminen von Kilo-Moto in der Provinz Orientale. Nur einer von acht Arbeitern schuftete dort freiwillig, die anderen waren in den umliegenden Dörfern erbeutet worden. Auch hier ging es um Menschenhandel und Zwangsarbeit. Rekrutierer zahlten einem Dorfvorsteher zehn Franc pro Arbeitskraft und führten die jungen Männer ab, die durch ein hölzernes Joch oder Seilschlingen um den Hals aneinandergefesselt waren. 1908 gab es achthundert Arbeiter, 1920 mehr als neuntausend.49 Im diamantenreichen Kasai arbeiteten 1923 etwa zwanzigtausend Afrikaner im Dienst von zweihundert Weißen.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich im Kongo somit eine erste Industrialisierungswelle und führte zur Proletarisierung vieler Menschen. Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen. Auch in dieser frühesten Phase handelte es sich um sehr große Zahlen. In Katanga, wo 60 Prozent der Arbeiter für die Union Minière tätig waren, stieg die Zahl der Bergarbeiter zwischen 1914 und 1921 von achttausend auf zweiundvierzigtausend und die Zahl der am Bau der Eisenbahn beteiligten Arbeiter von zehntausend auf 40.700. Kasai und die Provinz Orientale stellten zusammen dreißigtausend Arbeiter, in Kinshasa und Léopoldville wohnten außerdem noch dreißigtausend Migranten. Der Grund für diese massenhafte Anwerbung afrikanischer Arbeitskräfte war einfach: Schweiß war billiger als Benzin.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Proletarisierung beschränkte sich überdies nicht auf die Industrie. Auch die Landwirtschaft benötigte Arbeitskräfte, zumal die weißen Farmer nun Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen gründeten. Der größte Bedarf an Landarbeitern bestand jedoch im Palmölsektor. 1884 hatte ein gewisser William Lever in Liverpool mit der Herstellung von Seife in industriellem Maßstab begonnen. Die Stücke glitten wie am Fließband aus den Stanzen, und er taufte sein Produkt »Sunlight«. Dass sich sein Betrieb zum multinationalen Konzern Unilever entwickeln würde, war unter anderem dem Kongo zu verdanken. Die Seife wurde auf der Basis von Palmöl hergestellt, das Lever anfangs in Westafrika kaufte. Als ihm die britische Kolonialverwaltung keine günstigen Bedingungen mehr einräumte, gewährte ihm der belgische Staat 1911 eine sehr umfangreiche Konzession im Kongo. Er durfte nach eigenem Ermessen fünf Kreise mit einem Radius von sechzig Kilometern in Gebieten abgrenzen, in denen wilde Palmen im Überfluss wuchsen, insgesamt eine Fläche von 7,5 Millionen Hektar, zweieinhalbmal so groß wie Belgien. Das war der Anfang der &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; (HCB), eines Unternehmens, das insbesondere im Süden von Bandundu sehr aktiv war und sich zu einem riesigen Konzern entwickelte. In dieser Gegend um Kikwit entstand das Städtchen Leverville. Für die Ernte der Palmnüsse setzte das Unternehmen viele tausend Kongolesen ein, die in traditioneller Weise die Stämme hochkletterten, um die Fruchtbüschel abzuschlagen. Lever stand im Ruf eines großen Philanthropen, doch davon war im Kongo nicht viel zu sehen. Die Arbeiter wurden mit kärglichen fünfundzwanzig Centime pro Tag entlohnt und lebten unter primitiven Bedingungen. Erzwungene Rekrutierung und Bestechung von Dorfvorstehern war an der Tagesordnung. Dutzende von Dörfern mussten zugunsten der Industrie verschwinden. Dabei ging es ziemlich brutal zu. Heute erinnert man sich in Kikwit mit Bitterkeit an diese Zeit: Es war noch schlimmer als das, was die Gegend in den Kautschukjahren erlitten hatte.52 König Albert wird das 1912 sicher nicht vermutet haben, als er von William Lever eine Elfenbeindose mit dem ersten Stück Sunlight-Seife erhielt, die aus kongolesischem Palmöl hergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verdiente 3 Franc im Monat«, hatte Nkasi erzählt. Er wusste es noch so genau, weil er zum ersten Mal im Leben überhaupt Geld verdient hatte. Die einsetzende Industrialisierung des Kongo brachte nicht nur eine erste Form von Urbanisierung und Proletarisierung mit sich, sondern bewirkte auch einen einschneidenden Prozess der Monetarisierung. Zum ersten Mal bekam es die Bevölkerung in großem Maßstab mit so etwas Abstraktem wie Geld zu tun. Formale Zahlungsmittel waren nichts völlig Neues: in Bas-Congo benutzte man von jeher kleine, weiße Muscheln, in Katanga kleine, von Handwerkern gegossene Kreuze aus Kupfer und andernorts &#039;&#039;mitakos&#039;&#039;, jene Kupferstäbe, die die frühesten Kolonisatoren eingeführt hatten. Doch diese Zahlungsmittel wurden nur bei besonderen Geschäften verwendet. Es gab noch keine weit verbreitete Geldwirtschaft. Das änderte sich jedoch schnell. Um 1900 standen höchstens ein paar hundert Menschen in Bas-Congo in einem Arbeitsverhältnis, hauptsächlich bei der Eisenbahn, doch 1920, als Nkasi nach Kinshasa zog, waren es schon – über das ganze Land verbreitet – 123.000. Und damals sollte der echte Beschäftigungsboom erst noch beginnen: 1929 zählte man bereits 450.000 Arbeiter. Im Kongo entstand eine Geldwirtschaft.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Monetarisierung hatte gravierende Auswirkungen. Abermals manifestierte sich der Staat nachdrücklich im alltäglichen Leben. Man konnte kein Huhn mehr von der Nachbarin kaufen, ohne dass die Obrigkeit symbolisch daran teilhatte. Der jahrhundertealte Tauschhandel, ein transparentes Gefüge des Gebens und Nehmens, musste einem abstrakten, vom Staat aufgezwungenen System weichen. Man musste wohl oder übel darauf vertrauen, dass die seltsamen Zettel, auf denen eine weiße Frau in einem weißen Gewand prangte, tatsächlich einen Wert hatten. »Banque du Congo-Belge« stand auf diesem ersten kongolesischen Geldschein in eleganten Lettern, »un franc« – für den, der lesen konnte. Die Frau, die recht hellenistisch anmutete, trug ein Diadem. Ihr linker Arm ruhte auf einem großen Rad, im rechten Arm hielt sie eine Getreidegarbe.54 Es sollte wohl eine Allegorie auf die Landwirtschaft und den Gewerbefleiß darstellen, doch der durchschnittliche Kongolese war mit neoklassizistischer Graphik und mit Kitsch nicht so vertraut. In den frühen zwanziger Jahren hatten die Münzen eher einen Bezug zur lokalen Wirklichkeit: Sie enthielten die Abbildung einer Ölpalme, &#039;&#039;m&#039;bila&#039;&#039; in mehreren einheimischen Sprachen.55 Das Geld galt buchstäblich als Verbindung zwischen Staat und Industrie: Levers Konzern wurde bald als &#039;&#039;Compagnie m&#039;bila&#039;&#039; bezeichnet. Geld, das war Tauschhandel mit der Fabrik. Man gab seinen Leib und bekam dafür einen Lohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorteil war jedoch, dass Steuern künftig einfacher eingezogen werden konnten. Die Pflichtmitgliedschaft im Staat brauchte nicht länger in natura oder durch Arbeitsleistung abgegolten zu werden. Es war vorbei mit dem Schleppen von Lasten, dem Rudern auf dem Fluss oder dem Kautschuksammeln für die Weißen, es war vorbei mit der Regel, dass man vierzig Stunden im Monat dem Staat zu dienen hatte. Als Belgien den Kongo übernahm, führte es anfangs noch ein System ein, in dem auch andere Güter als Kautschuk als Steuern akzeptiert wurden – der koloniale Fiskus gab sich ebenso mit Maniokbrot, Kopal, Palmöl oder Hühnern zufrieden –, doch nach einiger Zeit mussten die Steuern dann doch in bar entrichtet werden. Joseph Njoli, ein Mann aus der Provinz Équateur, konnte sich noch gut daran erinnern, als er 1953 von einem Missionar gebeten wurde, sein langes Leben zu beschreiben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Kautschuk haben sie uns eine Steuer von Fisch und Maniok auferlegt. Nach den Fischen waren es Palmöl und Holz, das wir dem Distriktverwalter in Ikenge liefern mussten. Sein Name war Molo, der Weiße, der in Ikenge bei den Menschen am Flussufer wohnte. Wir kannten viele Formen der Fronarbeit. Dann kam ein anderer Weißer, Lokoka genannt. Er ließ die anderen Dienste stoppen und brachte uns Geld. Er sagte: »Ihr dürft die Steuern mit Geld bezahlen. Jeder muss 4,50 Franc bezahlen.« So wurde bei den Schwarzen das Geld eingeführt. Und heute leben wir noch immer in der Sklaverei der Belgier.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viereinhalb Franc pro Jahr, das war nicht übertrieben viel. Man hielt die Steuerlast bewusst niedrig. 1920 entsprach dieser Betrag sechs Kilo Kautschuk oder fünfundvierzig Kilo Palmfrüchten, fünfundvierzig Kilo Palmöl, fünfundvierzig Kilo Kopalharz, neun Hühnern, einer halben Ziege oder ein paar Dutzend Maniokbroten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Theoretisch wollte Belgisch-Kongo mit den üblen Gepflogenheiten des Freistaates brechen, doch in der Praxis sah es oft ganz anders aus. In den Zonen, in denen sich das internationale Großkapital niederließ, entstanden neue Formen von Ausbeutung und Knechtschaft. Es kam zu Migrationsströmen, die das Land eher zerrütteten als wiederaufbauten. Junge Männer landeten in schmuddeligen Arbeitercamps, während in den Dörfern nur noch Frauen und Alte übrig blieben. Ein großer Teil der Misere in den Jahren 1908-1921 war den vier langen Jahren des Ersten Weltkrieges zuzuschreiben, aber auch schon vorher war die Lage ziemlich trostlos. Es wäre falsch, alles auf diesen vermaledeiten Konflikt zu schieben. Der Große Krieg war nicht die Ursache, er verschlimmerte den Zustand allerdings.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 11. November 2008 goss es in Kinshasa wie aus Eimern. Selbst nach äquatorialen Maßstäben herrschte extrem starker Regenfall. Nicht Tropfen fielen vom Himmel, sondern Glasröhrchen, flüssige Reagenzgläser. Der Verkehr kam zum Erliegen, unaufhörlich wurde gehupt, als sollten die Pfützen zum Trocknen aufgefordert werden, und der Innenhof des Maison des Anciens Combattants glich einem Schwimmbad. In den fünfziger Jahren war hier ein Freiluftkino, jetzt diente das Haus als Vereinslokal für Kriegsveteranen. Hier trafen sich täglich die ehemaligen Soldaten aus den vielen Kriegen, die der Kongo erlebt hat. »Es ist unglaublich«, sagte ein belgischer Soldat in Uniform zu mir, »nichts ist wasserdicht in diesem Land, überall regnet es herein, aber hier bleibt das Wasser einfach stehen.« Er schaute auf den gepflasterten Innenhof. Ein Dutzend Jugendliche versuchten, das Wasser mit Eimern wegzuschöpfen, doch fast ohne sichtbares Ergebnis. Das Wasser stand mindestens dreißig Zentimeter hoch. »Hier kann man verdammt noch mal Kois züchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen strömten immer mehr Leute herbei. Frauen, in prachtvolle Tücher gewandet; die Absätze ihrer Pantoletten hinterließen kleine Kuhlen im Boden. Männer mit funkelnden Blasinstrumenten. Herren in Dreiteilern. Steinalte Soldaten in grüner Uniform. Natürlich, es war ihr Tag. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich. Unter einem Vordach standen sie und begutachteten gegenseitig ihre Orden, nahmen sie einander weg. »Sayo? Da warst du nicht dabei. Gib her.« Unter unwirschem Gebrummel wanderten Auszeichnungen von einer Jacke auf die andere. Es dauerte eine ganze Weile, bis jeder, der ein wenig Rauschgold tragen wollte, tatsächlich versorgt war. André Kitadi sagte zu mir: »Keiner von ihnen war dabei. Von den Veteranen von 40-45 sind in Kinshasa nur noch vier am Leben.« Er war einer von diesen vieren, ich hatte ihn früher schon einmal interviewt. Er gab nichts auf Orden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag wurde der neunzigste Jahrestag des Waffenstillstandes des Ersten Weltkriegs begangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste warteten unter Schutzdächern, bis der Innenhof wieder trocken war. Die Zeremonie sollte um elf Uhr beginnen, aber es war schon halb eins. Schließlich rückte jemand mit einer Pumpe an. Eine halbe Stunde später hatten sie auch Diesel aufgetrieben, und nach einer weiteren Viertelstunde sprang der Motor an. Nach fünf Minuten geräuschvollem Schlürfen war der Innenhof trocken und der Hintergarten des Maison des Anciens Combattants ein Morast. Die Gedenkfeier konnte beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1914 war der Kongo wie Belgien neutral. Das lag auf der Hand: Beide Länder waren einmal als Pufferstaat zwischen rivalisierenden Großmächten gedacht gewesen. Die Neutralität des Kongo ergab sich aus der Schlussakte der Berliner Konferenz. Doch am 15. August 1914, elf Tage nach dem deutschen Angriff auf Belgien, war es damit vorbei. Vor dem Dorf Mokolubu auf der kongolesischen Seite des Tanganjikasees tauchte ein Dampfschiff auf. Es kam von der gegenüberliegenden, deutschen Seite. Das Schiff feuerte auf ein Ausflugslokal und versenkte fünfzehn Pirogen. Eine Abteilung deutscher Soldaten ging an Land und schnitt an vierzehn Stellen die Telefonkabel durch.58 Eine Woche später erfolgte ein Angriff auf den Hafen von Lukuga. So begann im Kongo der Erste Weltkrieg. Die territoriale Integrität war bedroht, das Neutralitätsgebot galt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus war daran schuld, dass aus einem bewaffneten Konflikt in Europa ein Weltkrieg werden konnte. Auch große Teile Afrikas wurden in den Weltenbrand einbezogen. Die deutschen Kolonien in Ostafrika (später Ruanda, Burundi, Tansania) und Westafrika (später Togo, Kamerun und Namibia) grenzten auf allen Seiten an französischen, britischen, portugiesischen und belgischen Besitz. Belgisch-Kongo teilte im Nordwesten einige Dutzend Kilometer Grenze mit Kamerun, im Osten mehr als siebenhundert Kilometer mit Deutsch-Ostafrika. So war es nicht verwunderlich, dass Berlin schon seit geraumer Zeit Interesse an Belgisch-Kongo gezeigt hatte. Es wollte eine Brücke zwischen seinen östlichen und westlichen Kolonien schlagen, nicht zuletzt, um die britische Achse &#039;&#039;from Cape to Cairo&#039;&#039; zu brechen. War Kolonialisieren zudem nicht eine Aufgabe, die Großmächten zukam? Durfte man das überhaupt unbedeutenden Zwergstaaten wie Belgien überlassen?59 Noch 1914 wollte Deutschland mit Großbritannien über eine Aufteilung von Belgisch-Kongo verhandeln. Doch die Briten gingen nicht darauf ein, denn sie wussten nur allzu gut, dass das die Franzosen mit ihrem historischen Vorkaufsrecht auf den Kongo niemals schlucken würden.60 Indes fragte sich sogar in Belgien mancher, ob man den Hunger des Nachbarn im Osten nicht besser stillen sollte, indem man ihm die Hälfte des Kongo schenkte. Ein Gebiet von 680.000 Quadratkilometern Urwald, könnte das die teutonische Gefräßigkeit nicht dämpfen?61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kam doch zum Krieg, auch in Afrika. Niemand dort wusste, wer Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg war und warum ein wohlgezielter Schuss in Sarajevo zu Gemetzeln in der Savanne führen musste, doch die Weißen sprachen mit großem Ernst darüber. Die Kriegshandlungen in Afrika hatten allerdings nichts mit den unverrückbaren Fronten des Stellungskrieges in Europa gemeinsam. Es gab keine kontinuierliche, eindeutige Front wie die Linie, die von der Nordsee bis zur Schweiz verlief. Es gab keine Schützengräben, keine Angriffe mit Senfgas, keine Stellungen, die untergraben und mit Dynamit gesprengt wurden, keine Weihnachtswaffenruhe mit Fußballspielen im Niemandsland. Die Dimensionen des afrikanischen Kontinents, die geringe Erschließung durch Straßen, der Mangel an Soldaten und die oft extrem unwegsame Topographie waren die Ursache für eine ganz andere Form der Kriegsführung. Nicht Gebiete wurden erobert, sondern strategisch wichtige Orte. Nicht geschlossene Fronten wurden durchbrochen, sondern örtliche Regimenter besiegt. Es wurden keine Zonen okkupiert, sondern Straßen kontrolliert. Die Intensität war viel geringer. In Deutsch-Ostafrika behauptete sich General von Lettow-Vorbeck vier Jahre lang mit einer Armee von dreitausend Deutschen und elftausend Afrikanern – in Verdun war das die Zahl der Gefallenen an einem einzigen Vormittag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung in Brüssel teilte dem Generalgouverneur mit, er dürfe die Force Publique einsetzen, um die Kolonie zu verteidigen. Später, als die belgische Regierung nach Le Havre ins Exil gegangen war, gab es eine intensive Kommunikation mit der Kolonialverwaltung in Boma. Doch nun war das keine politische Einbahnstraße Europa – Kongo mehr: Während Belgien nahezu vollständig von den deutschen Truppen überrannt wurde, blieb das Territorium der Kolonie während des gesamten Krieges so gut wie intakt. Das Verhältnis hatte sich plötzlich gewandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Truppen kämpften an drei Fronten: Kamerun, Rhodesien und in Deutsch-Ostafrika. In den ersten beiden Fällen waren die Kampfeinsätze relativ überschaubar. 1914 unterstützten sechshundert Soldaten und eine Handvoll weißer Kommandanten die Truppen der Entente im Kampf um Kamerun. Und ein Jahr später marschierten 283 kongolesische und sieben belgische Soldaten mit den britischen Kolonialtruppen auf, als die Deutschen Rhodesien bedrohten. Doch die weitaus größte Machtentfaltung fand im Osten der Kolonie statt. Im Kivu-Gebiet war die Grenze zwischen belgischem und deutschem Territorium erst 1910 festgelegt worden. Ab 1915 versuchten deutsche Truppen jedoch wiederholt, in den Kivu vorzudringen, um von dort aus zu den Goldminen von Kilo-Moto im Ituri-Wald vorzustoßen. Sie scheiterten, erlangten aber die Kontrolle über zwei der Großen Seen: den Tanganjikasee und den viel kleineren Kivusee. Mit ihren Kriegsschiffen, der Kingani, der Hedwig von Wissmann und vor allem der Graf Goetzen (tausend Tonnen schwer), patroullierten sie vor den kongolesischen Seeufern. Im Kivusee hatten sie sich der Insel Idjwi bemächtigt; das war der einzige Teil Belgisch-Kongos, der unter deutscher Besatzung stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf um den Tanganjikasee wurde zu einem der legendärsten Kämpfe im gesamten Ersten Weltkrieg. Von Südafrika aus schmuggelten britische Truppen die Einzelteile von zwei schnellen, wendigen Kanonenbooten an die Seeufer. Schiffe in Einzelteilen über Land tragen: das erinnerte an die Zeit Stanleys. Unter den Tarnnamen Mimi und Toutou spielten sie eine entscheidende Rolle bei der Schwächung der deutschen marinen Schlagkraft. Möglicherweise noch unvorstellbarer war die Initiative, die belgischen Kolonialtruppen am Tanganjikasee durch vier kleine Wasserflugzeuge zu verstärken. Die Luftfahrt befand sich noch in den Kinderschuhen, die koloniale Luftfahrt ohnehin. Niemand wusste, wie die leichten Maschinen bei tropischer Hitze reagieren würden. Niemand hatte Erfahrung mit der Luftfahrt in Zeiten des Krieges, geschweige denn mit zerbrechlichen Doppeldeckern, die vom Wasser aus starten sollten. Die vier Maschinen kamen in Einzelteilen per Schiff in Matadi an. Mit Eisenbahnzügen wurden sie nach Kinshasa transportiert und dort auf einen Frachter umgeladen, der sie nach Kisangani brachte. Einen Monat später erreichten sie Kalemie. Fünfhundert Tonnen Material, 53.000 Liter Treibstoff und Öl, vier Maschinengewehre und dreißigtausend Patronen. Da der Tanganjikasee wegen des Wellenganges nicht als Start- und Landebahn dienen konnte, brachte man die Flugzeuge zu einer geschlossenen Lagune in dreißig Kilometer Entfernung. Die Lagune war der Sicht des Feindes entzogen, und das Wasser kräuselte sich nur leicht. 1916 überflogen die Doppeldecker den Tanganjikasee mehrmals, vor allem mit dem Ziel, die Graf Goetzen zu bombardieren, was ihnen am 10. Juli auch gelang. (Doch das Schiff wurde nicht versenkt. Im Jahr 2010 ist es noch immer in Betrieb – als Fähre auf dem See, auf dem es als Kriegsschiff ein ruhmloses Ende fand.) Die Verteidigung des deutschen Uferstreifens und insbesondere des Städtchens Kigoma war gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen war die Infanterie nicht untätig. Der Kommandant der Force Publique, General Tombeur, stellte an der Ostgrenze des Kongo eine große Streitmacht auf – fünfzehntausend Soldaten, alle mit Gewehren und Munition ausgestattet. Logistisch gesehen muss es ein Albtraum gewesen sein, das ganze Material heranzuschaffen. Abertausende von Trägern erledigten den Transport. Für jeden Soldaten, der in den Kampf zog, wurden an die sieben Träger benötigt. Alles in allem traten während der vier Kriegsjahre 260.000 Träger an, und das bei einer Bevölkerung von nicht einmal zehn Millionen. Viele von ihnen waren nach einiger Zeit unterernährt. Trinkwasser war knapp. Sie tranken aus Tümpeln, sie tranken ihren eigenen Urin. Während sie über die Hochebene von Kivu mit ihren kühlen Nächten zogen, herrschte bitterer Mangel an Nahrungsmitteln, Zelten und Decken. Schätzungen zufolge kamen fünfundzwanzigtausend Träger um. Etwa zweitausend Soldaten verloren das Leben; auf dem Höhepunkt des Kampfes war die Streitmacht auf fünfundzwanzigtausend Soldaten angewachsen. Doch anders als beim Feldzug in den Sudan 1896 kam es trotz allem kaum zu Fahnenflucht oder Meuterei, teils, da die weißen Offiziere die afrikanischen Hilfstruppen mit mehr Milde behandelten, teils, da es ein Siegeszug wurde, aus dem die Soldaten Mut schöpften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1916 sah Tombeur den richtigen Zeitpunkt für den Angriff gekommen. Die Truppen überschritten die Grenze zu Deutsch-Ostafrika, und der Feldzug nach Kigali, der späteren Hauptstadt von Ruanda, begann. Am 6. Mai fiel die Stadt. Von dort aus ging es weiter nach Tabora, dem administrativen Knotenpunkt der deutschen Kolonie. Bis zu dieser Stadt waren es noch einmal sechshundert Kilometer Luftlinie, die zu Fuß bewältigt werden mussten, wieder mit mehreren zehntausend Trägern. Eine andere Kolonne machte sich von den Ufern des Tanganjikasees aus auf den Weg. Tabora war eine ansehnliche Stadt mit ein paar großen Hotels, Handelshäusern, Manufakturen und Werkstätten, zwölfhundert Meter über dem Meeresspiegel auf einer offenen, kargen Ebene gelegen. Der Kampf um Tabora bildete den Höhepunkt der belgischen Kolonialkämpfe im Ersten Weltkrieg. Am 19. September, nach zehn Tagen und Nächten heftiger Kämpfe, fiel die Stadt in die Hände der Truppen von Belgisch-Kongo. Die deutschen Einheiten flohen; auf ihrem Fort wehte nun die belgische Trikolore. Ein Jahr später, 1917, führte die Force Publique von dort aus einen erfolgreichen Feldzug nach Mahenge, noch einmal fünfhundert Kilometer weiter in Richtung Mosambik, und kontrollierte nun ein Drittel von Deutsch-Ostafrika. Einige Truppenteile stießen sogar bis zum Indischen Ozean vor, aber Tabora war der Name, den damals jeder kannte. General Tombeur wurde in den Adelsstand erhoben – sein neuer Name lautete, auf einmal recht passend, Tombeur de Tabora –, und in Saint-Gilles bei Brüssel wurde ein stilisiertes Denkmal für ihn errichtet. Im Kongo bekam Tabora den Beiklang einer mythischen Eroberung, von der noch Generationen Schulkinder hören sollten. »[König] Albert gibt Acht auf den Feind«, sangen die Schüler der Maristenpatres in Kisangani, »Mit großer Wachsamkeit / In Europa und in der Stadt Tabora / Behält er sie im Auge.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin Kabuya, der 92-jährige ehemalige Soldat, dessen Großvater während des Sudanfeldzuges lebendig begraben worden war, war zwei Jahre alt, als der Krieg endete. Sein anderer Großvater, mütterlicherseits, hatte den Kampf aus der Nähe miterlebt. Als wir an einem glutheißen Tag in seinem Garten saßen, erzählte er mir: »Mein Großvater hieß Matthias Dinda und war 1898 geboren. Er war ein Zande aus dem Norden des Kongo. Unser Stamm kommt ursprünglich aus dem Sudan, wir sind eigentlich alle Sudanesen. Er war sehr stark, er jagte Leoparden. Er trat in die Force Publique ein und wurde &#039;&#039;soldat de première classe&#039;&#039;, der höchste Rang für einen Schwarzen. Von Goma aus marschierte er in Ruanda ein, und in Burundi und in Tansania, in all die deutschen Gebiete. Er war dabei, als Tabora fiel.« Er schwieg einen Moment. Eine Eidechse mit orangefarbenem Kopf huschte über die Mauer. »Mein Großvater war ein Freund des Mannes, der dort die Fahne gehisst hat. Er gab ihm damals sogar Deckung. Er war ein sehr großer Kämpfer.«63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya sah ich bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand in der Maison des Anciens Combattants wieder. Die Gäste, es waren mehrere Dutzend, nahmen auf dem inzwischen trockenen Innenhof Platz. Er saß ganz vorn bei den Veteranen. Man hatte Gartenstühle aus Plastik für sie bereitgestellt. Ein Podium mit schickeren Stühlen füllte sich mit militärischen und zivilen Würdenträgern. Als die Blaskapelle die belgische und die kongolesische Nationalhymne anstimmte, sprangen alle auf, und die Soldaten und Offiziere salutierten minutenlang. Es war wirklich ergreifend: Waffenstillstand feiern in Kinshasa, während im Osten des Landes Laurent Nkundas Rebellen ihre heftigste Offensive führten. Einer der Veteranen von 40-45 sagte bei seiner Ansprache: »Das erfüllt uns mit Empörung und Abscheu. Wenn wir noch in dem Alter von 1940 wären, würden wir zu den Waffen greifen und die Unruhestifter entwaffnen.«64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Ansprachen war es Zeit für die alljährliche &#039;&#039;remise des cadeaux&#039;&#039;, das Verteilen der Geschenke. Der Vorsitzende eines Veteranenvereins bekam von einem Vize-Minister einen Kühlschrank geschenkt, ein anderer Ordensträger empfing vom belgischen Militärattaché zehn Kilo Maniokmehl, aber das bedeutendste Geschenk – ein Ghettoblaster, importiert aus China – erhielt eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die schlicht als &#039;&#039;»la veuve«&#039;&#039; aufgerufen wurde. Ihr Name war Hélène Nzimbu Diluzeyi, sie war 94 Jahre alt und die letzte Witwe eines Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Festakt gab es Bier, Cola und Häppchen. Eine kleine Band spielte sicher eine halbe Stunde lang das Stück »Ancien combattant« von Zao, einem Sänger aus Kongo-Brazzaville, vielleicht der schönste Song der kongolesischen Popmusik. &#039;&#039;»La guerre, ce n&#039;est pas bon, ce n&#039;est pas bon«&#039;&#039;, ertönte es. Die betagten Soldaten begannen auf dem Innenhof zu tanzen. Manche bewegten sich vorsichtig im Takt der Musik, andere spielten Krieg: Jemand hielt einen Regenschirm wie ein Gewehr und tat so, als schieße er, ein anderer ließ sich in Zeitlupe zu Boden fallen, zuckte mit allen Gliedern zur Musik und stellte sich dann tot. La veuve schaute amüsiert zu, klatschte in die Hände und lachte hin und wieder schallend über die brillante Pantomime.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Fest dem Ende zuging, brachte ich sie nach Hause. Sie wohnte in dem Viertel Kasa-Vubu. Auf den schlammigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; lavierten wir um ausgedehnte Pfützen herum. Sie klammerte sich an meinen linken Arm, unterm anderen Arm trug ich den Riesenkarton mit dem Ghettoblaster. Es war das erste Mal, dass ich Arm in Arm mit der Witwe eines Kriegsveteranen ging. Auf dem kleinen Hof setzten wir uns unter die voll bestückte Wäscheleine. Kinder und Enkelkinder kamen hinzu. Ihr Sohn dolmetschte. »Mein Mann hieß Thomas Masamba Lumoso«, begann sie, »er wurde 1896 geboren. Als er zehn war, kam er nach Kin. Die evangelischen Missionare brachten ihm Englisch bei, danach gaben sie ihn der Armee. Dort bekam er eine Kampfuniform. In Khaki.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nein, Mama, das war viel später. Damals trugen sie noch eine blaue Uniform mit rotem Fes.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? &#039;&#039;En tout cas&#039;&#039;, er war achtzehn, als der Krieg anfing. Er war bei der TSF, als Korporal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
TSF, fiel mir ein, das war die &#039;&#039;télégraphie sans fil&#039;&#039;, die Funkverbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ging dahin, wo Krieg war. Überall. Aber er wurde nie verwundet. Gott hat ihn sehr beschützt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, pflichtete ihr Sohn ihr bei, »und er sprach viele Sprachen. Swahili, Kimongo, Mbunza, Tschiluba, Kinzande, aber auch Flämisch, Französisch, Englisch und durch den Krieg sogar ein bisschen Deutsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deutsch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so was wie &#039;&#039;Guten Tag! Wie geht&#039;s? Danke schön!.&#039;&#039; Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber das hat er immer gesagt.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das einzige Mal bei meinen zehn Reisen durch den Kongo, dass ich jemandem begegnete, der deutsche Wörter kannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sah ich bei seinem anderen Sohn, Oberst Yoka, noch ein Foto des Kriegsveteranen. In Uniform, mit Orden und sehr ernstem Gesicht. In einem Rapport von 1921 war er als »aktiv und aufrichtig« bezeichnet worden. Aber das interessanteste Dokument über seinen Vater, das mir Oberst Yoka zeigte, war ein Brief von dessen belgischem Oberstleutnant: »Der vorerwähnte Masamba aus dem Dorf Lugosi war als Ordonnanz im Dienste der TSF vom 9. August 1914 bis zum 5. Oktober 1918.« Unterzeichnet, am 7. Oktober 1918, von einem gewissen Vancleinghem, soweit sich die Handschrift entziffern ließ. Die Daten waren aufschlussreich: Die Dienstzeit dieses Soldaten entsprach ja voll und ganz der Dauer des Ersten Weltkrieges. Fünf Tage nach Kriegsbeginn trat er in Dienst, und einen Monat vor dem Waffenstillstand war seine Militärzeit beendet.66 Der letzte Veteran war auch der Soldat mit der längsten Dienstzeit gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weltkrieg hatte nicht nur Folgen für die Männer der Force Pu­blique. In den Bergwerken von Katanga waren die Kumpel nicht untätig. Der Abbau lief unter Hochdruck. Die finanziellen Verbindungen mit Brüssel waren zwar gekappt, aber die Nachfrage nach Kupfer nahm durch den Krieg dramatisch zu. Der Umfang der kolonialen Exporte stieg von 52 Millionen belgischer Franc 1914 auf 164 Millionen im Jahr 1917.67 Die britischen und amerikanischen Granaten in Passendale, Ypern, Verdun und an der Somme hatten Messingummantelungen, die zu 75 Prozent katangesisches Kupfer enthielten. Teile ihrer Geschütze bestanden aus reinem, gehärteten Kupfer. In den aus Neusilber bestehenden Patronenhülsen der Gewehrmunition war zu 80 Prozent Kupfer verarbeitet. Torpedos und Schiffsinstrumente wurden aus Kupfer, Bronze und Messing gefertigt.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch außerhalb der großen Industriegebiete bekamen viele Kongolesen zu spüren, dass Krieg herrschte. In der Provinz Orientale wurden Bauern gezwungen, Reis für die Truppenversorgung anzubauen. Andernorts verpflichtete die Regierung die Bevölkerung zum Baumwollanbau; das kam dem Export zugute, aber auch den lokalen Textilfabriken. Es entstand ein ganzes System von &#039;&#039;cultures obligatoires&#039;&#039;, dem von der Regierung vorgeschriebenen Pflichtanbau von Gewächsen. Das rührte viele unangenehme Erinnerungen auf. Nkasi und Lutunu haben in ihren Dörfern in Bas-Congo vielleicht wenig vom Krieg gemerkt, doch für viele Kongolesen im Landesinneren bedeutete er ein schweres Joch. Und wie es öfter in der Geschichte des Kongo der Fall war, nahm der Protest dagegen eine religiöse Form an.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1915 hatte im Ekonda-Gebiet in der Provinz Équateur eine Frau namens Maria Nkoi eine mystische Erfahrung. Sie gewann die Überzeugung, Heilkräfte zu besitzen und prophetische Pflichten erfüllen zu müssen. Fortan war sie bekannt als &#039;&#039;Marie aux Léopards&#039;&#039;, Marie mit den Leoparden.70 Sie behandelte Kranke und predigte ihren Glauben. Zugleich rief sie zur Revolte gegen die Kolonialmacht auf und weissagte, dass der Kongo bald von den &#039;&#039;»djermani«&#039;&#039;, den Deutschen, befreit würde.71 Mit ihren aufrührerischen Reden brachte sie die lokale Verwaltung gegen sich auf, und sie wurde verhaftet. Ihre Geschichte erinnert an die von Kimpa Vita, die 1704 in den Ruinen der Kathedrale von Mbanza Kongo eine alternative Form des Christentums gepredigt hatte und deshalb ebenfalls verfolgt worden war. Auch damals befand sich die europäische Macht in einer Krise, auch damals fürchtete man sich vor den Folgen einer religiösen Erweckungsbewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befreit werden von den Deutschen? Daran wagten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana nun doch zu zweifeln. Die Deutschen hatten sie doch verflixt noch mal gefangen genommen! Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser &#039;&#039;métis&#039;&#039; war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris.72 Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte.73 Der überwiegende Teil des Korps bestand aus ehemaligen Soldaten der Kolonialtruppe; das Kommando führte Oberst Chaltin. Sie waren die einzigen Belgier mit Kriegserfahrung; sie hatten während der sogenannten arabischen Kampagne und der Sudan-Feldzüge gekämpft. Doch auch das nützte nichts. Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die »Königlich Preußische Phonographische Kommission« und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache.74 Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Belgisch-Kongo waren gravierend. Zunächst in territorialer Hinsicht. Auf der Versailler Konferenz wurde 1919 beschlossen, die deutschen Kolonien unter den Siegermächten zu verteilen. Kamerun und Togo wurden französisch und britisch, Deutsch-Ostafrika britisch und Namibia wurde dem britischen &#039;&#039;Dominion&#039;&#039; Südafrika anvertraut. Belgien wurde das Mandat über zwei winzige Länder an der Ostgrenze des Kongo übertragen, die historischen Königreiche Ruanda und Burundi (damals noch Urundi). 1923 bestätigte der Völkerbund diese Mandatsgebiete. Auf dem Papier war ein Mandatsgebiet keine Kolonie, in der Praxis machte es kaum einen Unterschied. Auch hier wandte man das rigide und erst vor einiger Zeit entwickelte Begriffssystem der Anthropologie an. Auch in den Mandatsgebieten, so erklärte man, gebe es »Rassen«. Die waren absolut: jemand war entweder Tutsi oder Hutu oder Twa (Pygmäe). Seit den dreißiger Jahren wurde das auch im Pass vermerkt. Dass die Grenzen zwischen diesen tribalen Gruppen jahrhundertelang diffus gewesen waren, wurde dabei nicht berücksichtigt. Diese Nachlässigkeit sollte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verheerende Folgen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kongo bedeutete der Krieg eine Art Pause-Knopf für die Sozialgeschichte. Die halbherzigen Bemühungen, die Lage der einheimischen Bevölkerung durch die Schaffung besserer Unterkünfte bei den Bergwerken oder durch groß angelegte Kampagnen gegen die Schlafkrankheit zu verbessern, wurden auf die lange Bank geschoben. Die Volksgesundheit war nach diesen vier aufreibenden Jahren erneut in einem äußerst prekären Zustand. Als 1918-1919 die Spanische Grippe weltweit fünfzig bis hundert Millionen Opfer forderte, waren darunter eine halbe Million Menschen im Kongo. »Die Spanische Grippe«, sagte der 92-jährige Kabuya zu mir, »daran sind viele gestorben.« Es war wie beim Bevölkerungsschwund von 1905. Der Pause-Knopf war eine Rückspultaste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sichtweise der Belgier hatte sich jedoch durchaus etwas verändert. Zum ersten Mal betrachteten sie die Lage der Kongolesen mit Mitgefühl. Man sah ein, dass sie wegen eines Krieges, der nicht der ihre war, viel erlitten hatten. Zudem hatte die Kriegserfahrung unter den Soldaten ein Gefühl der Brüderschaft bewirkt. Ein belgischer Offizier der Force Publique äußerte sich darüber in den höchsten Tönen: »Nein, diese Männer, die haben gekämpft, gelitten, gehofft, sich gesehnt, sich durchgebissen und gesiegt, mit uns, für uns, wie wir, das sind keine . . . das sind nicht mehr Wilde oder Barbaren. Wenn sie uns im Leid und im höchsten Opfer ebenbürtig sein konnten, dann müssen sie, dann werden sie das auch in puncto Kultur werden.«76 Die Soldaten der Force Publique hatten großen Mut und Loyalität bewiesen, selbst in schwierigsten Situationen. Das nötigte zu größerer Milde und, ja, größerer Anteilnahme am Schicksal der Afrikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kongolesen war es jedoch eine ambivalente Erfahrung. Viele Soldaten identifizierten sich mit den unverkennbaren militärischen Erfolgen der Belgier. Der Siegesrausch schmeckte süß und schmiedete neue Bande, die zweifellos aufrichtig und herzlich waren. Die Belgier konnten durch die Luft fliegen und auf dem Wasser landen! Aber die Kriegsanstrengungen waren für viele einfache Kongolesen eine zentnerschwere Last. Zudem, und das war am ernüchterndsten, hatten sie erlebt, wie die Weißen, die ihnen beigebracht hatten, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, einander vier Jahre lang aus nebulösen Gründen mit einem Ehrfurcht gebietenden Waffenarsenal nach dem Leben getrachtet hatten in einem Konflikt, der mehr Tote forderte als sämtliche Stammeskriege, an die sie sich erinnern konnten. Und das wirkte sich dann doch auf den Respekt aus, den sie ihnen entgegenbrachten. Er bröckelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 4 Im Klammergriff der Angst ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zunehmende Unruhe und gegenseitiges Misstrauen in Friedenszeiten 1921-1940 ===&lt;br /&gt;
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den ersten Jahrzehnten Belgisch-Kongos in Gang gekommen waren, setzten sich in der Zwischenkriegszeit unvermindert fort. Die Industrie gewann rasant an Fahrt. Immer mehr Menschen verließen ihre Dörfer und verdingten sich als Arbeitskräfte. Die ersten Städte entstanden. Stämme vermischten sich dort, neue Lebensstile kamen auf. Am Sonntagnachmittag ging man tanzen zur Musik von Tino Rossi, während die vorige Generation noch zum Rhythmus des Tamtam getanzt hatte. Aber auch auf dem Land stand die Zeit nicht still. Das während des Ersten Weltkrieges eingeführte System des Pflichtanbaus wurde nun überall angewandt. Die Missionsstationen dehnten ihren Zugriff auf die Seelen der Bevölkerung aus. Schulen und Krankenhäuser wurden auch an abgelegenen Orten errichtet. Die Teams zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zogen bis in die kleinsten Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gesehen stand alles im Zeichen einer Expansion, ein Prozess, der sowohl den Kolonisatoren als auch den Einheimischen nutzte. So stellte man es jedenfalls gern dar. »Seit dem Weltkrieg 1914-1918 wurde die Ruhe im Kongo nie empfindlich gestört«, schrieb ein katholischer Schulleiter aus der tiefsten flandrischen Provinz. »Ein paar kleine, unbedeutende Krawalle, nicht selten durch Geheimsekten und Hexer angestachelt, konnten manchmal ein begrenztes Gebiet unsicher machen. (. . .) Das &#039;&#039;Bula-Matari&#039;&#039;, so bezeichnen die Eingeborenen die belgische Verwaltung im Kongo, kann im Allgemeinen auf die Fügsamkeit und den Respekt der Neger vor der angestammten Obrigkeit bauen, jedenfalls, solange die Staatsdiener selbst die &#039;&#039;Anforderungen an einen guten Kolonialbeamten&#039;&#039; beachten und sich durch ein &#039;&#039;geordnetes und sittliches Leben&#039;&#039;, durch &#039;&#039;ernsthafte Menschenliebe&#039;&#039; und &#039;&#039;energische Willenskraft&#039;&#039; auszeichnen.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nun maßlos übertrieben. Die Kolonialbeamten mochten noch so viel ernsthafte Menschenliebe und energische Willenskraft an den Tag legen, aber dem wachsenden Unmut unter der einheimischen Bevölkerung vermochten sie nicht die Stirn zu bieten. Es handelte sich nicht um »ein paar kleine, unbedeutende Krawalle«, die »ein begrenztes Gebiet« aufstörten, sondern um signifikante Volkserhebungen, die sich – trotz rigoroser Unterdrückungsmaßnahmen der Kolonialregierung – über große Teile der Kolonie erstrecken konnten. Das plötzliche Unabhängigkeitsfieber, das sich ab 1955 manifestierte, war ganz und gar nicht neu, sondern hatte eine sehr lange Vorgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir zuerst Nkasis jüngerem Bruder einen Besuch abstatten. Und dem Heiligen Geist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottes Wege sind unergründlich, und die Wege und Straßen, die zum Heiligen Geist führen, sind erbärmlich, vor allem, seit er in Nkamba ansässig ist. Von Kinshasa nach Mbanza-Ngungu, dem früheren Thysville, ist die Straße ausgezeichnet. Vor einigen Jahren taten sich Europäer und Chinesen zusammen, um den Kongo mit wenigstens einer ordentlichen Straße auszustatten, die Route, die Kinshasa mit der Hafenstadt Matadi verbindet. Doch sobald wir diese Hauptstraße verlassen, befinden wir uns auf einer Sandpiste, und aus der Sandpiste wird Morast, sodass wir nur noch im Schneckentempo vorankommen. Von Mbanza-Ngungu nach Nkamba sind es achtzig Kilometer, für die wir drei Stunden brauchen. Ein Rekordtempo, erfahren wir später. Die Straße nach Nkamba ist nun wirklich kein &#039;&#039;dirt track&#039;&#039;, wo nur ganz selten einmal ein Auto entlangfährt. Alljährlich sind hier Abertausende von Pilgern unterwegs zu ihren spirituellen Wurzeln. Sie sprechen nicht von Nkamba, sondern von der Heiligen Stadt oder &#039;&#039;la nouvelle Jérusalem&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba kam am 24. September 1889, einige Jahre nach Nkasi, Simon Kimbangu zur Welt. Seine Kinder- und Jugendzeit unterschied sich kaum von der seiner Altersgenossen, doch er sollte als ein wichtiger Prophet in die Geschichte eingehen. Nur wenigen ist es beschieden, dass eine Religion nach ihnen benannt wird, Simon Kimbangu aber durfte sich in eine Reihe stellen mit Christus und Buddha: Der Kimbanguismus ist im Kongo noch heute eine lebendige Religion, zu der sich zehn Prozent aller Gläubigen im Land bekennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hatte es mir selbst erzählt: »Kimbangu, das war keine Zauberei. Er war von Gott gesandt. Ein sechzehnjähriges Mädchen, das schon vier Tage tot war, hat er wieder zum Leben erweckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen und Kolonisatoren hörten von diesem merkwürdigen Mann zum ersten Mal 1921, im Jahr der angeblichen Wiederauferstehung, Nkasi aber kannte ihn schon viel länger. Sie stammten aus derselben Gegend. Nkamba und Ntimansi, ihre Heimatdörfer, lagen in Gehweite voneinander entfernt. »Ach . . . wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bon . . . Simon Kimbangu kannte ich schon in den achtzehnhunderter Jahren. Wenn er sagte: ›Jetzt geht es nach Brüssel«, dann war er auch eine Sekunde später in Brüssel. Und er hat auch meinen jüngeren Brüder geheilt!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straße ist miserabel, aber in der Heiligen Stadt anzukommen entschädigt für die Strapazen. Die Gegend ist hügelig. In den Tälern rauschen Eukalyptusbäume und spenden angenehmen Schatten. Nkamba selbst liegt auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht über Bas-Congo. Es weht eine erfrischende Brise. Allerdings kommt man nicht einfach so hinein. Akkreditierungen und Passierscheine aus Kinshasa und ein junger Adept aus Mbanza-Ngungu sind erforderlich, um durch die drei Straßensperren zu gelangen, die von kimbanguistischen Ordnungskräften bewacht werden. Etwas an ihnen ist merkwürdig: Sie tragen tadellose Uniformen mit Litzen und auf dem Kopf grüne Barette, aber sie tragen keine Schuhe. Weder Stiefel noch Sandalen, nichts. Kimbanguisten lehnen jede Art von Fußbekleidung ab. Einmal im Ort, ist man von der Ruhe und Friedfertigkeit überwältigt. Der Kimbanguismus ist die kongolesischste aller Religionen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Alle hier gehen barfuß und sind einfach gekleidet, Rundfunkgeräte und Stereoanlagen sind verboten. Niemand ist laut, Alkohol ist tabu. Was für ein Kontrast zu Kinshasa mit seinem extravaganten Kleidungsstil, dem ewigen Gerufe und Geschimpfe, dem Gedränge und Geschubse bei den Taxibussen, dem Gehupe und dem Geplärre aus geborstenen Lautsprechern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auffälligste Gebäude ist der Tempel, ein gewaltiges, rechteckiges Bauwerk in eklektizistischem Stil, zwischen 1986 und 1991 von den Gläubigen errichtet. In kaum fünf Jahren solch ein Bauwerk zu realisieren, darf als Leistung bezeichnet werden. Davor steht das Mausoleum von Simon Kimbangu und seinen drei Söhnen. Anfangs als Prophet angebetet, genießt der Gründer heute göttlichen Status. Inzwischen gilt dieser Status auch für seine drei Söhne, die nichts weniger als die Verkörperung der Heiligen Dreifaltigkeit sein sollen. Eine junge Kimbanguistin hat es mir einmal in Kinshasa am Rand eines Swimmingpools erklärt. Ich besitze noch immer den Zettel, auf dem sie mir alles aufschrieb. »Kisolokele, geboren 1914 = Gottvater; Dialungana, geboren 1916 = Jesus Christus; Diangienda, geboren 1918 = Heiliger Geist.« Weihnachten feiern die Kimbanguisten nicht mehr am 25. Dezember, sondern am 25. März, dem Geburtstag des mittleren Sohnes. Als der Gründer 1951 starb, übernahm Diangienda Kintuma, der Jüngste der drei, die spirituelle Leitung der Bewegung. Für sehr lange Zeit: von 1954 bis 1992. Heute hat sein Enkel diese Funktion inne, Papa Simon Kimbangu Kiangani, doch die Thronfolge verlief nicht ohne Konflikte. Auch sein Cousin Armand Diangienda Wabasolele, ein anderer Enkel des Propheten, fühlte sich als spiritueller Leiter der kimbanguistischen Kirche berufen, und das führte, neben einem Schisma, zu großem musikalischen Wetteifer. Die Kimbanguisten legen viel Wert auf Musik: Neben wundervollen Chorgesängen gehört zu ihrer Liturgie der ausgiebige Einsatz von Instrumenten. In Kinshasa steht der ehemalige Thronprätendent an der Spitze eines zweihundertköpfigen Symphonieorchesters, in Nkamba glänzt der Cousin, der heutige spirituelle Führer, mit seinem Philharmonieorchester. Ich habe einmal ein Freiluftkonzert des Symphonieorchesters in Kinshasa besucht: Keine Ahnung, wie sie in dieser kaputten Stadt an ihre funkelnden Instrumente kamen, aber ihre &#039;&#039;Carmina Burana&#039;&#039; war eine Dampfwalze, die die Huperei in der abendlichen Rushhour mühelos übertönte. Wie dem auch sei, heute ist es Simon Kimbangu Kiangani, der als der Heilige Geist angebetet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf das ziemlich wörtlich nehmen. Am Ende des Tages setze ich mich auf den Platz vor der Kathedrale, um am Abendgebet teilzunehmen. Ich sitze mit dem Rücken zur offiziellen Residenz des Kirchenoberhaupts. Rechts von mir sehe ich das monumentale Portal. Die Säulen sind mit farbenprächtigen Stoffen umspannt, auf dem Betonboden liegen Teppiche, darauf steht in der Mitte ein Thron. Eine Kapelle bläst muntere Marschmusik. Die Musiker tragen weiß-grüne Uniformen und marschieren auf der Stelle. Obwohl der Kimbanguismus eine ausgesprochen friedfertige Religion ist, strotzt er vor militärischen Reminiszenzen. In den Anfängen war das noch nicht so, aber in den dreißiger Jahren schaute man sie sich von der Heilsarmee ab, einer christlichen Organisation, die damals, anders als die Kimbanguisten, nicht verboten war. Manche der Gläubigen dachten, das S an der Uniform der Heilsarmisten stehe nicht für »Salut«, sondern für »Simon«, und fanden Gefallen an der militärischen Liturgie. Heute ist Grün noch immer die Farbe des Kimbanguismus, und militärisch anmutende Blaskapellen untermalen mehrmals am Tag die Andachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sind im Übrigen sehr beeindruckend. Es ist ein ruhiger Montagabend, als ich dort bin. Während die Marschmusik gar kein Ende nimmt, zuerst die Blechblasinstrumente, dann die Querflöten, stellen sich die Gläubigen an, um vom Kirchenoberhaupt gesegnet zu werden. In Vierer- oder Fünfergruppen knien sie vor dem Thron. Der spirituelle Leiter selbst steht. Er trägt einen grauen Anzug mit kurzen Ärmeln und graue Socken. Auch er trägt keine Schuhe. In der Hand hält er eine Plastikflasche, die mit Weihwasser aus dem »Jordan« gefüllt ist, einem kleinen Fluss in der Nähe. Die Gläubigen knien nieder und lassen sich vom Heiligen Geist besprengen. Kinder öffnen den Mund und bekommen einen Schluck Weihwasser hineingespritzt. Ein junger Mann, der taub ist, bittet darum, Wasser auf die Ohren gespritzt zu bekommen. Eine alte Frau, die schlecht sieht, lässt sich die Augen beträufeln. Hinkende zeigen ihre schmerzenden Fußgelenke. Väter halten Kleidungsstücke ihrer kranken Kinder in der Hand. Mütter zeigen Fotos ihrer Familie, damit das Kirchenoberhaupt sie kurz berührt. Die Schlange scheint schier unendlich. Im Durchschnitt wohnen zwei- bis dreitausend Menschen in Nkamba, dazu kommt noch eine große Zahl von Pilgern und Gläubigen, die für eine Weile zur inneren Einkehr hier sind. Menschen aus Kinshasa und Brazzaville, aber auch aus Brüssel und London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende und Abertausende, und das jeden Abend. Einem Außenstehenden mag es als bizarre Zeremonie erscheinen, doch im Grunde unterscheidet es sich nicht von der langen Prozession der Gläubigen, die seit mehr als einem Jahrhundert jeden Abend an einer Grotte in den französischen Pyrenäen vorbeiziehen. Auch dort kommen die Menschen von nah und fern zu einem Ort, an dem sich der Überlieferung nach außergewöhnliche Begebenheiten abgespielt haben, auch dort lechzt man nach Heilung und Wundern, auch dort setzt man seine ganze Hoffnung auf ein Fläschchen Quellwasser. Es handelt sich um Volksfrömmigkeit, und die besagt in der Regel mehr über die Verzweiflung des Volkes als über göttliche Gnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zeremonie unterhalte ich mich bei einer einfachen Mahlzeit mit einer sehr beeindruckenden Frau, die den Kongo als Flüchtling verlassen hatte und nun schon seit Jahren Psychiatrie-Krankenschwester in Schweden ist. Sie liebt Schweden, aber auch ihren Glauben. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kommt sie einmal im Jahr nach Nkamba, um aufzutanken, vor allem jetzt, wo sie einige Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn hat. Sie hat ihn mitgebracht. »Ich kehre immer ganz ausgeglichen nach Schweden zurück«, sagt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag treffe ich endlich Papa Wanzungasa, Nkasis jüngeren Bruder, wegen dem ich nach Nkamba gekommen bin. Er ist nur hundert Jahre alt, und noch immer aktiv. Was für eine Familie! Sein sechzigjähriger Neffe sieht aus wie 45, sein Bruder ist mit seinen 126 einer der ältesten Menschen überhaupt, und er selbst ist noch immer ein Mitglied des höheren Klerus in Nkamba und erster Stellvertreter, wenn es um Evangelisation, Finanzen, Bauvorhaben und Ausstattungsfragen geht. Er ist bereits seit 1962 als &#039;&#039;Pasteur No 1&#039;&#039; der kimbanguistischen Kirche eingetragen. 1921, als das öffentliche Leben von Simon Kimbangu begann, war er ein Junge von dreizehn. Kimbangu war damals einunddreißig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein einziges Gebiet des Kongo war so stark von der Ankunft der Europäer betroffen wie Bas-Congo. Die Sklaverei war abgeschafft worden, die Nachfrage nach Trägern und Eisenbahnarbeitern hatte die traditionellen Strukturen aufgebrochen, Bauern mussten Maniok und Erdnüsse für die Kolonialherren anbauen, Geld und Steuern wurden eingeführt. Europäer beteuerten immer wieder, dass sie den Kongo erschließen und zivilisieren wollten, aber für Afrikaner waren die direkten Auswirkungen verheerend. Schlafkrankheit und Spanische Grippe hatten schätzungsweise zwei von drei Bewohnern getötet, und die europäische Medizin hatte sich als machtlos erwiesen. Das führte zu tiefem Misstrauen bei der lokalen Bevölkerung: Die Weißen brachten eher Krankheit als Heilung. Simon Kimbangu war von britischen Baptisten in der Missionsstation von Gombe-Lutete getauft worden, zwölf Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, und wurde dort zum Katecheten ausgebildet. 1919 ging er, wie Nkasi, zur Arbeitssuche nach Kinshasa. Er versuchte sich dort als Arbeiter bei den &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; von William Lever, doch das ging nicht gut. Aber er geriet in eine Welt von Afrikanern, die Reisen unternommen hatten und rechnen und schreiben konnten. Tausende schwarzer Arbeiter waren im Dienst von etwa zwanzig Unternehmen. In jener Zeit hörte er bereits Stimmen und hatte Visionen, die ihn zu großen Taten aufforderten. Vorerst leistete er ihnen noch nicht Folge. Erst als er nach einem Jahr in sein Dorf zurückkehrte und tief enttäuscht feststellen musste, dass die britischen Baptisten jemand anders zum offiziellen Katecheten ernannt hatten, sollte sich das ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 6. April hörte er, wie sich Leute über Kintondo unterhielten, eine Frau, die schwer krank war. Er ging zu ihr, mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund, man könnte fast sagen: als Missionar. Er legte ihr die Hände auf und gebot der todkranken Frau, aufzustehen, was sie der Überlieferung zufolge am nächsten Tag auch tat. Das Gerücht von der Wunderheilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Geschichten wurden immer phantastischer. In den darauf folgenden Wochen sollte Kimbangu einen Lahmen, einen Tauben und einen Blinden geheilt haben. Ja, er ließ sogar ein Mädchen, das bereits vor einigen Tagen gestorben war, vom Tode auferstehen! Hier war endlich jemand, der viel mächtiger war als die Weißen mit ihren Spritzen gegen die Schlafkrankheit, von denen man nur noch kränker wurde. Die Erlösung war nahe. Im weiten Umkreis ließen die Menschen ihre Äcker und Felder im Stich und eilten nach Nkamba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die Eltern von Nkasi und Wanzungasa. Nkasi schaufelte damals in Kinshasa Erde, aber sein Bruder erlebte alles aus nächster Nähe mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir nehmen in den grünen Ledersesseln im repräsentativen Empfangsraum von Nkamba Platz, um über diese ferne Vergangenheit zu reden. Wie es sich für einen Kimbanguisten gehört, spricht Wanzungasa mit sanfter, freundlicher Stimme. »Unsere Eltern waren beide evangelisch, sie waren Bauern. Ich hatte als Kind einen Buckel. Meine Mutter hatte gehört, dass es einen Heiler gab in Nkamba, der allerlei Krankheiten heilte, Blinde und Taube, und sogar Tote wieder lebendig machte. Sie nahm mich mit, und wir kamen hier an. Nkamba war voller Menschen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Ankunft nach vorn gerufen. Als ich dran war, wurde ich zusammen mit meiner Mutter aufgerufen. Wir knieten vor Simon Kimbangu nieder. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: ›In Jesu Namen, steh auf, richte deinen Rücken auf und wandle.‹ Ich tat es und stellte fest, dass mein Buckel augenblicklich verschwunden war. Es tat nicht weh.« Er erzählt es ruhig und sachlich und gibt sich keine Mühe, seine Zuhörer zu bekehren. Es sind Tatsachen für den, der glauben will. »Meine Mutter war voller Freude. Simon Kimbangu sagte, wir sollten uns im Weihwasser waschen. Wir sind noch drei Tage geblieben, um sicher zu sein, dass ich für immer geheilt war. Heute sagen die Ärzte, ich hätte TBC gehabt, aber das stimmt nicht. Ich ging total gekrümmt. Mein Glaube hat mich geheilt. Das liegt bei uns in der Familie, könnte mein Bruder sonst 126 Jahre alt werden? In unserem Dorf gab es noch viele Kranke. Die Nachricht von meiner Heilung verbreitete sich schnell. Dann gingen alle nach Nkamba und wurden Kimbanguisten.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die abrupte Landflucht beunruhigte die Kolonialverwaltung. Der &#039;&#039;District des Cataractes&#039;&#039; in Bas-Congo war ein wichtiger Nahrungslieferant für Kinshasa, doch auf einmal blieben die Märkte leer. Das Gerücht von den Wunderheilungen erreichte sogar die große Stadt. Manche legten die Arbeit nieder und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die ersten, die sich Sorgen machten, waren die evangelischen Missionare; viele der frühen Anhänger von Kimbangu kamen ja von ihren Missionsstationen. Und obgleich die Protestanten eine viel individuellere Ausübung des Glaubens befürworteten als die Katholiken, fragten sie sich doch, ob hier nicht etwas außer Kontrolle geriet. Kimbangu hatte ein Feuer entfacht, dessen Funken weitere Feuer entzündeten. In ganz Bas-Congo schossen frischgebackene Propheten wie Pilze aus dem Boden; man nannte sie &#039;&#039;bangunza&#039;&#039;, im Singular &#039;&#039;ngunza&#039;&#039;. Das führte zu aberwitzigen Szenen. Ein schwedischer Missionar, der schon seit Jahren im Kongo lebte, notierte in sein Tagebuch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe heute an den &#039;&#039;Ngunza&#039;&#039;-Zusammenkünften teilgenommen. Es ist außerordentlich. Man muss sie gesehen haben, wie sie zittern, die Arme ausstrecken, emporheben, zum Himmel schauen, direkt in die Sonne. Man muss sie rufen hören, beten, flehen, leise »Jesus, Jesus« flüstern hören. Man muss Yambula [einen der besten Prediger] sehen, wie er springt und rennt und sich um seine eigene Achse dreht. Man muss gesehen haben, wie sich die Menschenmenge versammelt, voranschreitet, niederkniet unter den bebenden Händen, die die &#039;&#039;bangunza&#039;&#039; über ihren Köpfen ausstrecken. – Hört, was hier geschieht! Geht fort, werft die Götzenbilder weg.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Aspekte können nicht nachdrücklich genug betont werden. Erstens: Die Anhänger des neuen Glaubens wandten sich nicht gegen den Protestantismus – im Gegenteil, sie eigneten ihn sich an. Es ging nicht um einen Bruch mit dem christlichen Glauben, sondern um eine eigene Auslegung, ja Vertiefung. Es ging nicht im Entferntesten um eine Rückkehr zur vorkolonialen Religiosität; man nahm im Gegenteil Abstand vom Glauben der Ahnen an Hexerei. Gleichzeitig jedoch – und das ist das Faszinierende – bediente man sich religiöser Symbole und Gesten, die auf die traditionelle Heilkunde zurückgriffen (Trance, Beschwörung, Inkantation). Man war gegen Fetische, verhielt sich aber wie ein &#039;&#039;féticheur&#039;&#039;. Man fand, kurzum, eine afrikanische Form für einen importierten Glauben. Zweitens: Auch wenn diese plötzliche religiöse Erweckung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen stattfand, so handelte es sich in erster Linie um ein ausschließlich spirituelles Phänomen. Kimbangu war kein politischer Rebell, er hielt keine antikolonialistischen Reden, seine Lehrsätze waren nicht gegen die Europäer gerichtet. Die Vertreter der Kolonialbehörden sahen das allerdings anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum drei Wochen nach Kimbangus erstem Auftritt schlug der Distriktskommissar Léon Morel Alarm. Das war begreiflich: Für eine Kolonialverwaltung, die im Kongo eine reguläre Geldökonomie mit einem klassischen Arbeitsethos einführen wollte, waren die tagelangen Versammlungen von Arbeitsunwilligen ausgesprochen beunruhigend. Man hatte die Bevölkerung seit 1910 in kleine, sichere &#039;&#039;chefferies&#039;&#039; untergliedert; nun strömten plötzlich viele tausend Menschen zusammen, um sich bizarren Ritualen hinzugeben. In Thysville wurde eine Tagung mit Missionaren beider Konfessionen anberaumt. Die Katholiken, hauptsächlich Belgier, schlossen sich der Meinung der Kolonialherren an und warfen den Protestanten eine zu lasche Haltung im Umgang mit den Einheimischen vor. Sie befürworteten ein energisches und drastisches Vorgehen der Regierung. Die Protestanten hingegen plädierten für eine verständnisvollere Herangehensweise. Es handele sich schließlich um eine Form von christlicher Volksfrömmigkeit, argumentierten sie, und habe das nicht auch begrüßenswerte Seiten? Einige der ihnen liebsten Gläubigen seien daran beteiligt, Menschen, die sie schon seit Jahren kannten und für die sie freundschaftliche Gefühle hegten. Ein rigoroses Vorgehen würde diese Menschen der Missionsstation völlig entfremden. Und außerdem, würde eine solche Unterdrückung nicht erst recht das Feuer anfachen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon öfter waren die Argumente und Praktiken der evangelischen Missionare um einiges differenzierter und menschlicher als die der katholischen, doch gegen das mächtige Bündnis zwischen den katholischen belgischen Missionaren und den belgischen Kolonialbeamten anzukämpfen war aussichtslos. Am 6. Juni marschierte eine Abteilung der Force Publique zusammen mit Léon Morel nach Nkamba, um Kimbangu zu verhaften. Das führte zu Scharmützeln und Plünderungen. Die Soldaten stahlen die Matten, die Kleidungsstücke, die Hühner, die Bibeln, die Gesangbücher und das bisschen Geld, das die Gläubigen besaßen. Sie schossen scharf. Es gab Verwundete und einen Toten. Danach führte die Armee die Anführer der Bewegung in langen Kolonnen nach Thysville ab, doch Simon Kimbangu selbst gelang die Flucht. Für seine Anhänger war das erneut ein Beweis für seine übernatürlichen Gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Monate lang tauchte er ab. Er verbreitete seinen Glauben weiterhin in den Dörfern, in denen selten Vertreter der Kolonialbehörden erschienen und wo ihn niemand verraten würde. Das besagt etwas über seine Popularität und den allgemein zunehmenden Unmut über die weißen Herrscher. Im September 1921 stellte er sich den Behörden – so wie sich Jesus im Garten Gethsemane den Häschern gestellt hatte, meinten seine Anhänger. Den Prozess, der gegen ihn geführt wurde, setzten sie mit der Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus gleich. Nicht zu Unrecht. Es war ja tatsächlich ein Schauprozess. Von Anfang an stand fest, dass Kimbangu verurteilt werden sollte. Man hatte eigens zu diesem Anlass eine leichte Form des Ausnahmezustandes verhängt, sodass er vor einem Militärgericht erscheinen musste und nicht vor einem regulären (und milderen) Zivilgericht. Deshalb hatte er auch keinen Anwalt, und eine Berufung gegen das Urteil war ausgeschlossen. Innerhalb von drei Tagen wurde über sein Schicksal entschieden. Wer heute die Prozessakten liest, ist angesichts der tendenziösen Fragen des Richters fassungslos. Man musste und würde beweisen, dass sich Kimbangu der Unterminierung der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht hatte – das war das einzige Verbrechen, das hier in Betracht kommen konnte und auf das die Todesstrafe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommandant de Rossi, der Vorsitzende des Kriegsgerichts: »Kimbangu, geben Sie zu, dass Sie einen Aufstand gegen die Kolonialregierung organisiert haben und dass Sie die Weißen, Ihre Wohltäter, als schreckliche Feinde bezeichnet haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu antwortete: »Ich habe überhaupt keinen Aufstand angezettelt, weder gegen die Belgier noch gegen die belgische Kolonialverwaltung. Ich wollte nichts anderes als das Evangelium von Jesus Christus verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Richter ließ nicht locker: »Warum haben Sie die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen und keine Steuern mehr zu bezahlen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu: »Das ist nicht wahr. Die Leute, die nach Nkamba kamen, kamen aus freien Stücken, weil sie das Wort Gottes hören wollten, um geheilt zu werden oder den Segen zu erhalten. Nicht ein einziges Mal habe ich die Bevölkerung dazu aufgefordert, keine Steuern mehr zu bezahlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Richter schlug einen anderen Kurs ein und duzte ihn plötzlich. Der Ton wurde sarkastischer: »Bist du der &#039;&#039;mvuluzi&#039;&#039;?« Der Erlöser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das ist Jesus Christus, der der Erlöser ist. Ich habe von ihm den Auftrag erhalten, die Botschaft vom ewigen Heil unter den Meinen zu verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du Tote auferstehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie hast du das gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch die göttliche Kraft, die Jesus mir geschenkt hat.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren Antworten, die man gern hörte. Sie bestätigten die Annahme, dass er ein staatsgefährdender &#039;&#039;farfelu&#039;&#039; war. Man wollte ihm in die Schuhe schieben, dass er zur Gewalt aufrief, weil in den Liedern, die man in Nkamba sang, von Waffen die Rede war. Kimbangu erwiderte, dass die protestantischen Missionare doch auch nicht vor Gericht gestellt würden, obwohl in ihren Liedern »Soldaten Christi« vorkämen. Man wollte ihm einen Strick drehen aus seiner Äußerung: »Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Kimbangu sagte, damit sei nicht gemeint, dass die Belgier verschwinden sollten. Und überhaupt – was sei denn daran rassistisch, wenn man für die Gleichheit von Weißen und Schwarzen eintrat? Man vermutete, dass er während seines Aufenthaltes in Kinshasa mit schwarzen Amerikanern in Kontakt gekommen war, die Anhänger von Marcus Garvey waren, jenem radikalen jamaikanischen Aktivisten, der die Ansicht vertrat, Afrika gehöre den Afrikanern. Kimbangu wehrte sich gegen die Anschuldigung: &#039;&#039;»Cela est faux.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch seine Verteidigungsversuche nützten ihm nichts. Es half ihm auch nicht, dass er mitten im Prozess in Trance geriet, phantasierte und am ganzen Körper zitterte. Epilepsie, denken wir heute, doch der Gerichtsarzt ordnete eine kalte Dusche und zwölf Peitschenhiebe an. Das Urteil war dementsprechend: Am 3. Oktober 1921 wurde Kimbangu zum Tode verurteilt, seine engen Getreuen zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit. Über die wahren Motive hielt die Urteilsbegründung nicht hinterm Berg: »Es ist richtig, dass die Feindseligkeit gegen die Staatsmacht bis heute nur in aufrührerischen Gesängen, Beleidigungen, Formen von übler Nachrede und ein paar vereinzelten Fällen von Rebellion in Erscheinung trat, aber es ist auch richtig, dass der Lauf der Ereignisse in verhängnisvoller Weise zum großen Aufstand führen könnte.«5 Hier sollte ein Exempel statuiert werden, so viel war deutlich. Am liebsten hätte man Kimbangu schnellstmöglich hinrichten lassen, doch zur allgemeinen Verwunderung begnadigte ihn König Albert in Brüssel. Die Strafe wurde umgewandelt in lebenslänglich. Kimbangu wurde auf die andere Seite des Landes gebracht, ins Gefängnis von Elisabethville in Katanga. Mehr als dreißig Jahre war er dort inhaftiert, bis zu seinem Tod 1951. Eine schwere Strafe für jemanden, der weniger als sechs Monate lang in ein paar von Krankheit und Tod getroffene Dörfer ein wenig Hoffnung und Trost gebracht hatte. Seine Internierung war eine der längsten in Kolonialafrika; sie währte länger als die von Nelson Mandela. Den größten Teil der Zeit verbrachte er in Einzelhaft. Er hatte nie Gewalt angewandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ruhige Zeit, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Vereinzelte kleine Krawalle? Die unverhältnismäßig harte Strafe für Simon Kimbangu ließ erkennen, dass hinter der virilen, dem Anschein nach unerschütterlichen Fassade der Kolonialregierung außerordentliche Nervosität herrschte. Man hatte ungeheure Angst vor Unruhen. Das zeigt auch die massive Unterdrückung von Kimbangus Anhängern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von 1921 an verbannte die Regierung Schlüsselfiguren des Kimbanguismus in andere Provinzen, um die Bewegung so zu zerschlagen. Der alte Wanzungasa konnte ein Lied davon singen. Sein Onkel wurde verhaftet und musste sieben Jahre lang in der Force Publique dienen. Sein jüngster Bruder, noch ein Kind, wurde gezwungen, in die katholische Missionsschule zu gehen, und gegen seinen Willen getauft, sodass er der einzige Katholik in einer protestantischen Familie war. Seine zukünftigen Schwiegereltern mussten jedoch das schwerste Los tragen. »Sie wurden nach Lisala verbannt, ganz im Osten der Provinz Équateur. Warum? Weil die Mutter meiner zukünftigen Frau mit Marie Mwilu verwandt war, der Frau von Simon Kimbangu. Ihr Vater starb in der Zeit der Verbannung. Meine zukünftige Frau war damals noch ein Mädchen; sie blieb hier zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs handelte es sich um ein paar hundert Familien, aber im Laufe der Kolonialzeit wuchs die Zahl auf 3200. Heute gehen die Kimbanguisten davon aus, dass 37.000 Familienoberhäupter ihre Heimat verlassen mussten, sodass insgesamt rund 150.000 Personen betroffen waren; in den Unterlagen der Verwaltung ist jedoch nur von einem Zehntel davon die Rede. Inländische Verbannung war im Übrigen eine bewährte Methode der Regierung: In der gesamten Kolonialzeit wurden etwa 14.000 Menschen zu Ortswechseln gezwungen, die meisten aus politisch-religiösen Gründen. Offiziell ging es um Umerziehung, in der Praxis war es oft eine endgültige Deportation. Der Ablauf erinnerte manchmal an das, was in den vierziger Jahren in Europa geschah. Die Kimbanguisten wurden in verschlossenen Güterwaggons transportiert. Hunger, Hitze und Krankheiten forderten unterwegs ihren Tribut. Viele kamen schon während der Fahrt durch die Entbehrungen um. Ein Mann verlor seine drei Kinder, noch ehe sie das Ziel erreicht hatten; sie wurden neben dem Fluss begraben.6 Die Kimbanguisten wurden in den Regenwald der Provinz Équateur verbannt, nach Kasai, nach Katanga, ja sogar in die Provinz Orientale. Dort lebten sie abgesondert in Dörfern, in denen ihre Religion verboten war. Die angeblich gefährlichsten Verbannten wurden ab 1940 in landwirtschaftliche Kolonien geschickt. Das waren mit Stacheldraht umzäunte Arbeitercamps, in denen Männer mit ihren Familien Zwangsarbeit leisten mussten, von Soldaten mit Hunden bewacht. Die Sterblichkeit betrug bis zu 20 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus. Der Kimbanguismus wurde durch dieses drastische Vorgehen nicht ausgelöscht, im Gegenteil. Die Verbannung festigte den Glauben der Menschen; jede Form der Unterdrückung bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Simon Kimbangu der wahre Erlöser sei. In den schwierigen Lebensumständen fanden sie im Glauben Halt und Trost, sogar so sehr, dass es auf ihre Umgebung ansteckend wirkte. Die Menschen in ihrem Umfeld waren von dem neuen Glauben beeindruckt. So konnte sich der Kimbanguismus im Landesinneren verbreiten. Verbannung schwächte die Bewegung nicht, sondern bewirkte ihre Verbreitung. Die Zahl der Anhänger stieg auf mehrere zehntausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba und der Umgebung war der Glaube unterdessen in den Untergrund gegangen. Es gab nächtliche Zusammenkünfte im Wald, wo Marie Mwilu, Kimbangus Frau, von Papa Simon erzählte und neuen Gläubigen das Singen und Beten beibrachte. Sogar aus der Provinz Équateur kamen Menschen den Fluss herabgefahren. Man korrespondierte in Geheimschrift mit den Verbannten anderswo im Land. Die Illegalität war vielleicht ein Hindernis, aber sie war auch eine gewaltige Schule, die die Bewegung stimulierte und konsolidierte. Die Energie und das Feuer dieser Jahre im Untergrund wecken manchmal Assoziationen an die Erfahrungen der ersten Christen im Römischen Reich. Wanzungasa hatte es als Halbwüchsiger persönlich miterlebt: »Wir konnten nur nachts im Urwald beten, zwischen den ›Spinnen‹. Das waren Kongolesen, die für die Weißen spionierten. Tagsüber gingen wir getrennte Wege, aber wir tauschten Geheimzeichen aus. Nachts versammelten wir uns, um zu singen. Manchmal umzingelten uns die Belgier beim Gebet. Sie hatten unsere Lieder gehört, aber sie konnten uns nicht sehen. Wir sahen sie, aber für sie waren wir unsichtbar.« Auch die ersten Christen in Rom, die verfolgt wurden, machten sich Mut mit magischen Geschichten. Wenn die Obrigkeit einen nicht anerkennt, wendet man sich an eine höhere Instanz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das harsche Vorgehen gegen den Kimbanguismus war einer der größten Fehler der Kolonialverwaltung; ihre Vertreter schätzten die Bewegung völlig falsch ein. Sie bekämpften Symptome und nicht Ursachen. Gegen die konkreten Probleme, die einer so massenhaften religiösen Erweckungsbewegung zugrunde lagen, unternahmen sie nichts. Harte Unterdrückung der Form war wichtiger als empathische Beschäftigung mit dem Inhalt. Und das zeitigte genau die entgegengesetzte Wirkung. 1934 entstand in Bas-Congo der &#039;&#039;ngunzisme&#039;&#039;, eine radikale Spielart des Kimbanguismus und tatsächlich offen antikolonialistisch. Die Anhänger forderten die Abschaffung der Steuern und den Abzug der Belgier. Kurz darauf erschien der &#039;&#039;mpadisme&#039;&#039; oder &#039;&#039;khakisme&#039;&#039;, die Initiative eines Mannes namens Simon-Pierre Mpadi, der den Kimbanguismus mit kakifarbenen Armeeuniformen und viel radikalerem Gedankengut bereicherte. Er wandte sich gegen die Kolonialmacht, befürwortete die Polygamie und hielt Versammlungen ab, in denen sich die Menschenmenge ekstatischen Tänzen hingab. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hoffte er, dass der Kongo von den Deutschen befreit würde. Von Kongo-Brazzaville wehte der &#039;&#039;matswanisme&#039;&#039; herüber. André Matswa (oder Matsoua) war ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, der in Frankreich bei den berühmten &#039;&#039;tirailleurs sénégalais&#039;&#039; gekämpft hatte, den französischen Kolonialtruppen. Noch in Frankreich hatte er einen Freundschaftsverein und einen Notfonds für Afrikaner gegründet; bei seiner Heimkehr nach Brazzaville wurde er wie ein Messias verehrt, und diese Verehrung griff auch auf die andere Seite des Flusses über. Er wurde in den Tschad deportiert, wo er 1942 starb. Trotz aller Verfolgungen kamen immer wieder messianische Strömungen auf. Diese Hartnäckigkeit ist aufschlussreich, denn im Grunde handelte es sich um eine erste strukturierte Form von volkstümlichem Protest, der zeigte, wie viele Menschen sich nach Erlösung und Befreiung sehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nicht auf Bas-Congo beschränkt. Im ganzen Land bildeten sich neue religiöse Bewegungen. In den Bergwerken von Katanga entstand die &#039;&#039;kitawala&#039;&#039;; der Name ist eine Verballhornung von The Watch Tower, dem ursprünglichen Namen der Zeugen Jehovas. Diese Religion, 1872 in den USA gegründet, hatte sich nach Südafrika ausgebreitet und erreichte von dort aus 1920 den katangesischen Copperbelt.7 Im Kongo bekam sie eine ausgesprochen politische Ausrichtung. Sie verbreitete sich durch kleine Grüppchen über die Kolonie und existierte größtenteils im Untergrund. Dennoch wurde es die größte religiöse Bewegung neben dem Kimbanguismus. Andernorts entstanden kleinere geheime, sektiererische Gesellschaften. Im Kwango gab es die &#039;&#039;lukusu&#039;&#039;-Bewegung, mit dem Beinamen »Schlangensekte«. In der Provinz Équateur entfaltete sich der &#039;&#039;likili&#039;&#039;-Kult, dessen Anhänger auf westliche Betten, Matratzen, Decken und Moskitonetze verzichteten – Gegenstände, die man für die sinkende Geburtenzahl verantwortlich machte.8 Am Oberlauf des Aruwimi in der Provinz Orientale bildete sich die unheimliche &#039;&#039;Anioto&#039;&#039;-Gesellschaft, deren Mitglieder als »Leoparden-Männer« bekannt waren. Die Bewegung verbreitete sich über den Nordosten des Landes. Sie säten blinden Terror und ermordeten Dutzende von Eingeborenen. Das Motiv war nicht immer offenkundig, doch der Tenor war deutlich anti-europäisch.9 In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden so etwa fünfzig religiöse Bewegungen. Ihre Methoden variierten von pazifistisch bis terroristisch, aber der ihnen zugrunde liegende Unmut war vergleichbar.10 Im Kongo war Religion nicht Opium, sondern Piri-piri für das Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir Menschen gehören Gott«, sagte Wanzungasa am Ende unseres Gesprächs in den grünen Ledersesseln des Empfangsraumes der Heiligen Stadt, »wir dürfen nichts Böses tun, auch nicht Menschen, die uns Böses getan haben. Auge um Auge, das ist nicht unsere Sache. Wir haben Musikinstrumente, keine Macheten.« Er machte eine kurze Pause. Ich blickte von meinem Notizblock auf und sah sein friedvolles, zerfurchtes Gesicht. Er war 1908 geboren, in dem Jahr, in dem Belgisch-Kongo entstand. Seine Religion wurde erst am 24. Dezember 1959 von Belgien anerkannt, ein halbes Jahr vor der Unabhängigkeit. Vielleicht dachte er an die erste Hälfte seines Lebens zurück, sein erstes halbes Jahrhundert. Mit sanfter Stimme sagte er zum Schluss: »Es gab keine Freiheit damals. Menschen wurden gekauft in der Kolonialzeit. Wir waren wie Sklaven. Wirklich, der Kolonialismus war nicht viel anders als die Sklaverei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa konnte ich mit Nkasi ausführlich über die zwanziger und dreißiger Jahre und über den aufkommenden Widerstand reden. Er, der später im Leben so oft zu den Weißen aufsah, musste zugeben, dass es damals heftig zugegangen war. »Die Alten waren sehr hart. Der Weiße, das war damals nicht dein Kamerad!« Nach seiner Zeit als Arbeiter in Kinshasa kehrte er in seine Heimat zurück. Nur wenige blieben in jener Zeit für immer in der Stadt; Lohnarbeit war Saisonarbeit. Da Kimbangu seinen Bruder durch ein Wunder geheilt hatte, war es naheliegend, dass er Kimbanguist wurde, trotz der damit verbundenen Gefahren. »In Nkamba war Monsieur d&#039;Alphonse &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; geworden«, sagte er mit wenig Begeisterung. Dieser Kolonialverwalter sollte die Gegend nach dem kimbanguistischen &#039;&#039;upheaval&#039;&#039; wieder pazifizieren. Zu diesem Zweck hatte er Lutunu, den befreiten Sklaven-Boy-Fahrradfahrer-Säufer-und-&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039; von ehedem, zum einheimischen Verwaltungschef eingesetzt. Der stand ja auf gutem Fuß mit den Weißen.11 Monsieur d&#039;Alphonse pendelte zwischen dem Verwaltungszentrum Thysville und seinem Posten in Nkamba. Nkasi konnte sich noch allzu gut daran erinnern: »Ich musste ihn damals noch tragen. Auf meinen Schultern, ja! Wir waren zwei Träger, und er schaukelte schrecklich.« Jetzt konnte Nkasi herzhaft darüber lachen. Er saß auf der Bettkante und machte nach, wie der weiße Kolonialbeamte in dem &#039;&#039;tipoy&#039;&#039; hin und her geschüttelt wurde. Er ließ die Arme neben seinem Körper flattern, schlaksig und unkontrolliert, als säße er selbst in dem Tragsessel. Humor muss auch damals geholfen haben. Die Reise ging über eine Entfernung von mehr als achtzig Kilometern, und Monsieur d&#039;Alphonse war hart und schonungslos. »Mein Onkel war ein angesehener Mann, aber er bekam zweihundert Peitschenhiebe von Monsieur d&#039;Alphonse. Das war 1924, glaube ich. Er hatte gesagt: &#039;&#039;Mundele kekituka ndonbe, ndonbe kekituka mundele.&#039;&#039; Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Peitschenhiebe, höchstwahrscheinlich weniger als zweihundert, für einen Satz, der zufällig der Slogan der Kimbanguisten war. »Die Soldaten der Force Publique schlugen ihn auf das nackte Gesäß. Mein Onkel hatte zwei Frauen, aber sofort nach den zweihundert Hieben wurde er ein guter Christ, ein Kimbanguist. Dadurch bekam er keine Striemen, Wunden oder Schwellungen am Hintern, überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit wurde die Bahnlinie von Matadi nach Kinshasa verbreitert und für die Elektrifizierung vorbereitet. Der Bummelzug, der über die Schmalspurgleise zuckelte, genügte nicht mehr, da sich der Kongo nun in hohem Tempo industrialisierte. Und die Luftfahrt befand sich natürlich noch in den Kinderschuhen: 1925 landete in Léo­poldville zum erstenmal ein Flugzeug; der kleine Doppeldecker war in Brüssel gestartet und hatte einundfünfzig Tage gebraucht, zweimal so lange wie ein Schiff.12 Die Arbeiten an der Eisenbahn dauerten von 1922 bis 1931, es wurde bis zu elf Stunden am Tag gearbeitet. Die Trasse wurde an manchen Stellen ein Stück verlegt, drei Tunnel wurden gegraben, alte Brücken ersetzt. Die gesamte Fahrzeit sollte von neunzehn auf zwölf Stunden reduziert werden.13 Nkasi, der als kleiner Junge miterlebt hatte, wie sein Vater beim Bau der ersten Eisenbahnlinie arbeitete, war auch jetzt wieder dabei. Hatte er nicht in Kinshasa schon Erde geschaufelt? »Jetzt musste ich mit der Spitzhacke arbeiten.« Mit der &#039;&#039;piccone&#039;&#039;, sagte er – auf Italienisch, denn bei dieser Erneuerung der Bahnlinie waren viele Italiener beteiligt. Sein Bauleiter war einer davon, Monsieur Pasquale. »Ich bekam zehn Franc im Monat und einen Sack Reis. Aber eines Tages sagte Monsieur Pasquale: ›&#039;&#039;Tu dormi, toi?‹«&#039;&#039; Noch immer konnte er das gebrochene Französisch des Italieners imitieren. »Ich antwortete: ›&#039;&#039;Je travaille!‹&#039;&#039; Er nahm mich mit zu sich nach Hause, und ich wurde sein Boy. Er zeigte mir, wie ich das Bett machen und den Tisch decken musste. Und für diese Arbeit bekam ich zwanzig Franc im Monat!« Er strahlte noch immer, als er es erzählte. So großen Dusel hatte er in seinem Arbeitsleben noch nie gehabt! »Die Italiener waren an unsere Sonne gewöhnt. Sie waren alle frei, sie hatten keine Frau bei sich. Und sie nahmen sich auch keine schwarze Frau, oh nein!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den sechzigtausend kongolesischen Arbeitern starben siebentausend. Nkasi hingegen verdiente nun genug Geld, um ans Heiraten zu denken. Seit der Einführung des Geldes war der Brautpreis enorm gestiegen. Eine Eheschließung war nur noch den Reichen vorbehalten. Oft konnten sie sich sogar mehrere Frauen leisten, während viele junge Männer ledig bleiben mussten.14 Nkasi war inzwischen fast 40. In seinem Heimatdorf Ntimansi lernte er Suzanne Mbila kennen, die wie er zu den Kimbanguisten gehörte. 1924 wurde ihr erster Sohn geboren, 1926 heirateten sie. Die Familie wuchs stetig, er lebte wieder unter den Seinen, und es sah so aus, als ob sich sein Leben so bald nicht ändern würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dann kam der Schwarze Freitag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Börsencrash der Wall Street im Oktober 1929 hatte Auswirkungen bis in die Wälder von Bas-Congo. Die Weltwirtschaft war so miteinander verflochten, dass die Zweifel und die Panik der Anleger in New York das weitere Leben eines Mannes und seiner Familie in einem winzigen Dorf im Kongo bestimmten. Es war natürlich kein direkter Einfluss. Die Kausalkette sah so aus: Durch die Börsenkrise verlangsamte sich die Wirtschaft, und weltweit ging die Nachfrage nach Rohstoffen zurück; der kongolesische Bergbau, der Motor der Kolonialwirtschaft, geriet ins Stocken; der Export aus der Kolonie sank um mehr als 60 Prozent;15 daraus resultierte 1929 ein gigantisches Haushaltsdefizit; die belgische Regierung erkannte, dass der Etat der Kolonie zu sehr von Einnahmen aus dem Bergbau abhängig und eine Diversifizierung erforderlich war; die Landwirtschaft bot eine Alternative, insbesondere, wenn sie auf den Export ausgerichtet war; der groß angelegte Anbau von Tabak, Baumwolle und Kaffee erforderte jedoch Zeit und Investitionen; eine einfachere Methode, rasch an Einnahmen zu gelangen, war es, die Steuern zu erhöhen, für die Einheimischen wohlgemerkt, die großen Unternehmen wollte man in der Krise ja gerade verschonen; eine höhere Kopfsteuer hatte noch einen weiteren Vorteil: Der Geldbedarf würde zunehmen, die Kongolesen wären gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, und das könnte nur eine zivilisierende Wirkung haben. Dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und gleichzeitig mehr Kontrolle über eine Bevölkerung zu erlangen, die anfing aufzubegehren, bedeutete das nicht: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. 1920 betrug das Steueraufkommen der Kolonie nur 15,5 Millionen belgische Franc. 1926 belief es sich bereits auf 45 Millionen. Und 1930, auf dem Höhepunkt der Krise, war die Summe auf 269 Millionen angewachsen. Innerhalb von vier Jahren hatte sich das Steueraufkommen versechsfacht. 1930 war der Anteil der direkten Steuern am Kolonialetat auf 39 Prozent angestiegen, während die Gewinnsteuer der Großunternehmen, die in den Jahren davor noch gigantische Gewinne verbucht hatten, nur 4 Prozent des Haushalts ausmachte.16 Mehr noch, viele der notleidenden Privatunternehmen &#039;&#039;empfingen&#039;&#039; nun sogar Geld von der Kolonialregierung, da sie seinerzeit mit finanziellen Garantien in den Kongo gelockt worden waren: Im Fall eines Rückschlages würden sie aus der Kolonialkasse eine pauschale Dividende von 4 Prozent erhalten.17 Das Loch, das die Krise gerissen hatte, wurde also mit dem Geld der einfachen Kongolesen gestopft; hinzu kamen noch eine Kapitalspritze aus der belgischen Staatskasse und Einnahmen aus der Koloniallotterie. Das bedeutete nicht, dass jeder Arbeiter plötzlich sechsmal so viel zahlen musste wie vorher (in den Städten hatte man den Steuerdruck bereits langsam, aber deutlich erhöht), sondern dass der Fiskus nun auch weiter in die Dörfer im Landesinneren vordrang. Der Knüppel der Kopfsteuer jagte so Tausende in die Minen, auf die Plantagen oder in die Verwaltung. 1920 standen 123.000 Kongolesen in einem Arbeitsverhältnis, 1939 war die Zahl auf 493.000 gestiegen.18 Wer kein Arbeitsverhältnis eingehen wollte und selbstständiger Bauer blieb, war verpflichtet, bestimmte Gewächse anzubauen und an koloniale Privatunternehmen zu verkaufen. 1935 waren Schätzungen zufolge 900.000 Menschen im Baumwollanbau tätig.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Nkasi fühlte sich gezwungen, etwas zu unternehmen. »Ja, damals kam die Krise . . . Und wir hatten nicht genug Geld . . . Ich habe mich bei der Verwaltung beworben, beim Distriktverwalter von Mbanza-Ngungu, Musepenje. Er kam in Ntimansi vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen. Die Kimbanguisten hatten allmählich eine tiefe Abneigung gegen die gesamte Kolonialverwaltung entwickelt. Sie versteckten sich in den Wäldern und wärmten sich heimlich an ihrem Glauben. Mit den Weißen wollten sie nichts zu tun haben. Nun aber mussten sie für die Weißen arbeiten. Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte jedoch nicht lange, da war Nkasi von der europäischen Kultur sehr angetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es allerdings auch gut getroffen mit diesem Musepenje. So hatte ich den Namen phonetisch in mein Notizbuch gekritzelt. Musepenje. Muzepenjet? Wenn ich bei einem Interview ein Wort nicht verstand, versuchte ich immer, es möglichst klanggetreu festzuhalten. Und Nkasi war oft schwer zu verstehen. »Monsieur Peignet?« schrieb ich daneben. Es kostete mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage, bis ich seine Identität herausgefunden hatte. In den Kolonialjahrbüchern der dreißiger Jahre stieß ich auf Firmin Peigneux, Distriktverwalter in der Gegend, in der Nkasi gelebt hatte. Der Distriktverwalter war der Kolonialbeamte, der den meisten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Er reiste von &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; zu &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, beriet sich mit den Dorfvorstehern, schlichtete Konflikte um die Nutzung von Grund und Boden. Monsieur Peigneux also. Die meisten Bantu-Sprecher sprechen das französische eu wie è aus. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Im Afrika-Archiv des Außenministeriums in Brüssel konnte ich Einblick nehmen in seine Personalakte.20 Sofort zeigte sich, dass dieser Mann aus anderem Holz geschnitzt war als ein Menschenschinder wie Monsieur d&#039;Alphonse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peigneux, der aus der Provinz Lüttich stammte, war 1925 im Alter von einundzwanzig Jahren in den Kongo gegangen. Er fiel schon bald durch seine Empathiefähigkeit auf. Nach seinem ersten Jahr schrieb sein Vorgesetzter in einer Beurteilung: »Dieser Beamte verfügt tatsächlich über die erforderlichen Qualitäten, um in kurzer Zeit einen Eliteposten zu besetzen (. . .) Monsieur Peigneux zeichnet sich in seinem Umgang mit den Eingeborenen durch eine besonnene Politik aus, durch die er das Vertrauen der Häuptlinge und Würdenträger gewinnt. Er interessiert sich für soziale Fragen und beherrscht bereits in hohem Maße die Kunst, mit den Primitiven, die uns umgeben, auf behutsame und bedachte Weise umzugehen, ohne sie in ihren weltlichen Auffassungen und Gebräuchen zu brüskieren. (. . .) Die Regierung darf an den zukünftigen Nutzen durch die Leistungen dieses Beamten höchste Erwartungen stellen.« Wie sich zeigen sollte, war das nicht übertrieben. Peigneux absolvierte eine glanzvolle koloniale Laufbahn und brachte es 1948 bis zum Provinzgouverneur, der zweithöchsten Funktion in der Hierarchie nach dem Amt des Generalgouverneurs. Dass er sich sein soziales Engagement bewahrte, zeigte sich in den fünfziger Jahren; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nach Belgien zurückgerufen worden war, wurde er Vorstandsmitglied des »Fonds voor Inlands Welzijn« (etwa: »Fonds für das Wohl der Eingeborenen«).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi sprach noch immer mit großer Sympathie von Monsieur Peigneux. »&#039;&#039;Musepenje, c&#039;était mon oncle&#039;&#039;. Er trank sogar Palmwein mit uns! Er und Monsieur Ryckmans, das waren die einzigen Weißen, die freundlich waren.« André Ryckmans war der Sohn von Pierre Ryckmans, dem besten Generalgouverneur, den der Kongo je hatte. Er regierte von 1934 bis 1946 und zeichnete sich durch hohe Intelligenz und moralische Integrität aus. Vom Aussehen her ähnelte er stark Albert Camus, was seine Auffassung von Humanität betraf in mancher Hinsicht auch. Sein Sohn André war ein Distriktverwalter, der ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung hatte. Er lernte ihre Sprichwörter und Tänze und sprach fließend Kikongo und Kiyaka. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er unter tragischen Umständen ermordet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so bekam Nkasi Arbeit bei Monsieur Peigneux. Er lernte tischlern und wurde Möbelschreiner. Als Peigneux einige Jahre später als stellvertretender Distriktskommissar in den Kwango-Distrikt versetzt wurde, begleitete Nkasi ihn. Er und seine Familie zogen nach Kikwit um, wo sie mehr als zwanzig Jahre wohnten. Sein ältester Sohn, Pierre Diakanua, inzwischen auch vierundachtzig, konnte es bestätigen. Ich fand ihn in einem entfernten, einfachen Viertel von Kinshasa: »Ich bin in Ntimansi geboren, war aber noch klein, als wir nach Kikwit umgezogen sind. Die Unterstadt da, die hat mein Vater gebaut. Wir wohnten in dem Viertel für die Schwarzen, in der &#039;&#039;rue du Kasai, numéro 10&#039;&#039;. Wir hatten ein großes Haus aus Lehmziegeln. Papa wurde dort damals ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Ich hatte belgische Freunde.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi selbst kramt mit großem Vergnügen Erinnerungen an diese Zeit aus. »Ich arbeitete im Staatsdienst. Ich war Bauleiter. Ich musste &#039;&#039;le nouveau pays des mindele&#039;&#039; bauen, das neue Land der Weißen.« Das stimmte. Kikwit war gerade erst zur Hauptstadt des Kwango-Distrikts gemacht worden. Zuvor war es Banningville (heute Bandundu), ganz im Norden des Kwango. Aufgrund sozialer Unruhen wurde die Verwaltung jedoch ins Zentrum des Distrikts verlegt. Auch im persönlichen Leben war es für Nkasi eine bewegte Zeit. »In Kikwit bekam ich vier Kinder, eins davon starb. 1938 starb mein Vater, am Neujahrstag. Er war sehr, sehr alt. Ein Jahr später starb meine Mutter, sie war auch uralt.« Während der langen Jahre in Kikwit lernte er die europäische Kultur aus nächster Nähe kennen. »Ich war &#039;&#039;tout à fait mundele&#039;&#039; damals, völlig weiß. Ich hatte nur eine Frau. Ich hatte einen Anzug mit Krawatte und weiße Schuhe, ich aß bei Monsieur Peigneux zu Hause. Ich dolmetschte für ihn, vom Kikongo ins Französische. Monsieur Pei­gneux holte sogar meine Frau vom Bahnhof ab. Ich war ein Vertreter des Staates, ein leitender Angestellter, wie ein Europäer. Darum bekam ich die &#039;&#039;carte civique&#039;&#039;.« 1948 war die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein Nachweis bürgerlicher Verdienste, eingeführt worden. Sie wurde Kongolesen ausgestellt, deren Lebensstil man als ausreichend fortschrittlich ansah. Der Anhänger einer subversiven Religion aus den zwanziger Jahren hatte sich, vor dem Hintergrund des Steuerdrucks in den dreißiger Jahren, in den vierziger und fünfziger Jahren als jemand entpuppt, der voller Stolz über seinen quasi-europäischen Status sprach. Und das bis heute, auch wenn von dem Wohlstand nichts mehr übrig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Erinnerungen an Kikwit sind auch auf einer anderen Ebene außerordentlich interessant. »In Kikwit habe ich auch das Gefängnis gebaut«, erzählte er mir. »Der Gefängnisdirektor damals war Monsieur Framand, ein dicker Mann.« Ich habe das Gefängnis von Kikwit in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Es wird noch immer benutzt und ist ein ziemlich erbärmlicher Ort. Die Häftlinge tragen Lumpen, schlafen auf dem Boden und haben nur etwas zu essen, weil der Gefängnispfarrer, ein alter flämischer Missionar, mit den umliegenden Gemeinden ein System der Versorgung organisiert hat. Toiletten gibt es nicht: Man hockt sich in einer leerstehenden Zelle über ein Stückchen freien Beton. Links und rechts liegen menschliche Exkremente. Die Häftlinge sind fast ausschließlich junge Männer; es gab eine einzige junge Frau, eine bildschöne, schweigsame Frau mit einem zweijährigen Kind. Keine Ahnung, ob sie es vor oder während der Haft bekommen hatte. Auf einem Stein über dem Portal ist das Baujahr eingemeißelt: 1930. Fast alle Gefängnisse von Belgisch-Kongo wurden zwischen 1930 und 1935 errichtet. Um die zunehmenden Rebellionen niederzuschlagen, wurde der Justizapparat verstärkt. Es gab mehr Gerichte, mehr Justizbeamte, mehr Strafverfahren und mehr Gefängnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In diesem Gefängnis habe ich noch einen Galgen gebaut«, sagte Nkasi. »Der war für die Erhängung von zwei Jugendlichen. Sie hatten in einem Laden Kleidungsstücke gestohlen und den Besitzer ermordet, der dort schlief. Das war 1935, glaube ich.22 Die Todesstrafe wurde in Belgisch-Kongo des Öfteren verhängt und in der Zwischenkriegszeit auch oft vollstreckt. 1921, in dem Jahr, als Kimbangu zum Tode verurteilt wurde, wurden in Bomili, in der Provinz Orientale, zehn »Leopardenmänner« der Anioto-Sekte gehängt. 1922 wurde in Elisabethville François Musafiri aufgeknüpft, weil er einen Weißen – als vermeintlichen Liebhaber seiner Frau – erstochen hatte. Die Hinrichtung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Viertausend Zuschauer waren zusammengeströmt, ungefähr die Hälfte der Stadtbevölkerung: dreitausend Afrikaner, darunter auch Kinder, und tausend Weiße, etwa ein Zehntel der gesamten europäischen Bevölkerung des Kongo.23 Öffentliche Hinrichtungen, so glaubte man, hatten eine erzieherische Funktion. Sie sollten die Schwarzen in Reih und Glied zwingen und ihnen Respekt vor dem Kolonialstaat einflößen. Ob diese Wirkung immer erzielt wurde, ist die Frage. 1939, bei der Erhängung von Ambroise Kitenge, klappte es nicht auf Anhieb. Als die Falltür aufschwang, riss das aus der Feuerwehrkaserne stammende Seil. Eine solche Stümperei entsprach nicht gerade dem Bild der Tatkraft und Entschlossenheit, das die Kolonialmacht von sich vermitteln wollte. Wie oft wurde die Todesstrafe vollstreckt? Es gibt keine lückenlosen Daten, aber wir wissen, dass in der Zeit von 1931-1953 mindestens 261 Personen zum Tode verurteilt wurden und dass 127 Hinrichtungen stattfanden.24 Das bedeutet im Durchschnitt einmal in zwei Monaten, doch in der Zwischenkriegszeit wird es zweifellos viel häufiger zu Hinrichtungen gekommen sein. Was nicht unwichtig ist: Niemals wurde ein Belgier zum Tode durch den Strang verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber dass Kikwit plötzlich zur Hauptstadt des Distrikts wurde, war die Folge eines sehr schweren Volksaufstandes in der Gegend, so schwer, dass die Behörden ihn ängstlich vertuschten. 1931 entbrannte die Revolte der Pende, und das führte zu den stärksten Unruhen der Kolonialzeit vor dem Kampf um die Unabhängigkeit. Die Pende waren eine Bevölkerungsgruppe, von denen ein großer Teil im Dienst der Huileries du Congo Belge stand, des Tochterunternehmens von Unilever. Diese Firma exploitierte eine Region, die sehr reich an Palmen, aber sehr arm an Arbeitskräften war. Im Gebiet der Pende war es genau umgekehrt. Die Pende wurden – oft mit Waffengewalt – gezwungen, Dienste als Träger oder Erntekräfte zu leisten. Sie wurden dafür umgesiedelt. Die Arbeit war sehr schwer. Man erwartete von den Männern, dass sie wöchentlich sechsunddreißig Büschel Palmfrüchte sammelten; sie erhielten dann zu ihrem kärglichen Lohn von 20 Centime pro Kilo eine Prämie von 2,10 Franc und drei Kilo Reis. Jeden Tag mussten sie fünf bis acht reife Büschel finden. Dazu mussten sie die Stämme der Palmen erklimmen, oft bis in mehr als dreißig Meter Höhe, um oben mit der Machete ein Büschel abzuhacken. Die Betriebsleiter von Unilever gingen davon aus, dass jeder Schwarze dieses akrobatische Kunststück mühelos beherrschte, obwohl es ein sehr spezielles Geschick erforderte, das längst nicht jeder besaß. Es gab dabei Tote. Außerdem – wer seine Büschel vom Baum abgetrennt hatte, war noch lange nicht fertig. Sie mussten noch zur Sammelstelle gebracht werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass die Pende-Frauen Entfernungen bis zu dreißig Kilometer zu Fuß über Waldpfade zurücklegen mussten, auf dem Kopf die zwanzig oder dreißig Kilo schwere Last eines Büschels Palmfrüchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wirtschaftskrise ausbrach, war auch Unilever betroffen. 1929 war ein Kilo Palmöl 5,9 Franc wert, 1934 nur noch 1,3 Franc.25 Das Unternemen sah sich gezwungen, einen Teil der Verluste auf die Arbeiter abzuwälzen. Für ein Kilo Palmnüsse bezahlte es Mitte der dreißiger Jahre nur noch 3 Centime statt zwanzig.26 Das führte zu großem Unmut. Der Staat trieb die Steuern in die Höhe, und das Unternehmen senkte die Löhne. Ein auf Dauer unhaltbarer Zustand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier äußerte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Form einer Volksreligion. Nachdem eine Frau namens Kavundji Visionen hatte, bildete sich die Sekte der &#039;&#039;Tupelepele&#039;&#039; (wörtlich: Schweber). Faktischer Anführer der Bewegung war Matemu a Kelenge, ein Mann mit dem Beinamen Mundele-Funji (Weißer Sturm). Die Anhänger hofften auf die Wiederkehr der Ahnen, damit sie die gestörte Ordnung wiederherstellten und ein neues Zeitalter des Wohlstandes einläuteten. Unterdessen sollten die Menschen schon einmal allem abschwören, was europäisch war. Ausweise, Steuerbelege, Geldscheine und Arbeitsverträge wurden in den Fluss geworfen. Am Ufer sollte ein Schuppen errichtet werden, in den würden ihnen die Ahnen alle möglichen Dinge legen, wunderbare Dinge wie z. B. Erdnüsse, so fruchtbar, dass eine davon auszusäen genügte, um ein ganzes Feld erblühen zu lassen. Viel eindrucksvoller konnte die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung nicht ausgedrückt werden. Jemand, der damals in der Gegend lebte, fasste die Situation klarsichtig zusammen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Weißen haben uns zu Sklaven gemacht; um Palmnüsse von uns zu bekommen, hatten sie keine Skrupel, uns zu schlagen und auszupeitschen. Sie haben sich mit den Frauen und Mädchen in den Dörfern vergnügt. Unser Leben war nicht mehr das Leben von Menschen, sondern das von Tieren. Unser ganzes Dasein stand im Dienst der Arbeit für die Weißen: Wir schliefen für die Weißen, wir aßen für die Weißen, wir standen auf für die Weißen und für die Arbeit der Weißen. Wir hatten es satt, ständig nur für die Weißen arbeiten zu müssen, die uns unmenschliche Zustände aufgezwungen haben. Darum haben wir die Botschaften von Matemu a Kelenge, dem späteren Mundele-Funji, angehört und angenommen, als er uns aufforderte, keine Steuern mehr zu bezahlen, nicht mehr für die Weißen zu arbeiten und sie wegzujagen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei Simon Kimbangu entsandte die Kolonialregierung Truppen. Die Situation schien unter Kontrolle zu sein, bis am 6. Juni 1931 Maximilien Balot, ein junger belgischer Beamter, zusammen mit einigen afrikanischen Mitarbeitern mit dem Auto in das Gebiet fuhr, um Steuern einzutreiben. Im Dorf Kilamba gelangte er auf die Straße, die zu dem Schuppen führte, der für die Rückkehr der Ahnen errichtet worden war. Hier stieß er auf Matemu a Kelenge, den Führer der Sekte. Der verkündete, es sei kein Geld mehr da, und drohte, den Weißen und seine Handlanger zu ermorden. Daraufhin schoss Balot in die Luft. Viele Menschen rannten weg, auch die meisten seiner Mitarbeiter. Ein zweiter Schuss verletzte einen Dorfbewohner. »Seht ihr, der Weiße will uns töten«, rief Matemu. »Dann töte mich doch!« Balots Schuss verfehlte sein Ziel, Matemu rappelte sich hoch und schlitzte dem Weißen mit einem großen Messer das Gesicht auf. Der schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen und lief dann weg. Doch der Pfeil eines Dorfbewohners traf ihn am Hals. Matemu verfolgte ihn und versetzte ihm mit der Machete einen Hieb auf die Schulter. Der rechte Arm des Weißen hing nun lose herab. Drei Dorfbewohner, darunter der Dorfvorsteher, beschossen ihn mit Pfeilen. Als Balot zu Boden sank, merkte der Dorfvorsteher, dass er noch lebte. Daraufhin schnitt er ihm den Kopf ab und nahm ihn als Trophäe mit. Am nächsten Tag wurde Balots Körper in Stücke gehackt und unter den Würdenträgern von acht Dörfern verteilt. Seine Koffer wurden geplündert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine so grausame Abschlachtung eines Beamten im Dienst hatte die Verwaltung von Belgisch-Kongo noch nie erlebt. Sie reagierte gnadenlos: Der Aufstand sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine Strafexpedition zog in den Kwango, wie sie die Kolonie seit den schlimmsten Jahren des Freistaates nicht mehr gesehen hatte. Drei Offiziere, fünf Unteroffiziere, 260 Soldaten und siebenhundert Träger besetzten monatelang das Gebiet. Es kam zu schweren Kämpfen. Aufständische wurden gefangen genommen und brutal gefoltert, auch Frauen wurden als Geiseln genommen und vergewaltigt. Ein später eingesetzter Untersuchungsausschuss der belgischen Regierung bestätigt die außerordentlich grimmige Bilanz. Mindestens vierhundert Pende wurden ermordet, möglicherweise betrug die Zahl auch ein Vielfaches davon. Die Revolte der Pende war niedergeschlagen, aber der Unmut der Bevölkerung war dadurch nicht geringer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie nach Brüssel zurückgekehrt war, sagte Balots Witwe mit fast übermenschlicher Milde und Großmütigkeit: »Die Vertreter der Privatunternehmen behandeln die Schwarzen schlecht und beuten sie aus. Die Leute sollen das wissen. Was dort geschieht, muss aufhören, sonst wird es überall zu Aufständen kommen. Privatunternehmen maßen sich Rechte an, die nur der Regierung zustehen. Außerdem haben sich viele Distriktsbeamte nicht so verhalten, wie es sich gehört. Mein Mann hat für die anderen gebüßt.«28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag vielleicht etwas verwundern, dass die ersten Formen von Volksprotest auf dem Land stattfanden, bei den Bauern von Bas-Congo und den Nusspflückern im Kwango. Ein aufmerksamer Beobachter, der 1920 eine Rundreise gemacht hätte, hätte sicher vorhergesagt, dass sich die Flamme der Rebellion in den aufkommenden Städten entzünden würde, mit ihren primitiven Arbeitercamps und der harten, gesundheitsschädlichen Arbeit. Doch das war nicht der Fall. Wie lässt sich das erklären?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grosso modo gibt es darauf zwei Antworten: In den Städten ging es mit der Lebensqualität aufwärts, sodass sich immer mehr Afrikaner dort allmählich zu Hause fühlten, und zugleich war die europäische Bevölkerung ständig darauf bedacht, die Masse ruhig zu halten. Solange es möglich war . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die proto-urbanen Agglomerationen entwickelten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu richtigen Städten. Die Einwohnerzahlen stiegen spektakulär. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Bevölkerung von Kinshasa auf fünfzigtausend.29 In Elisa­beth­ville wuchs die Bevölkerung von sechzehntausend im Jahr 1923 auf dreiunddreißigtausend im Jahr 1929, eine Verdopplung innerhalb von sechs Jahren.30 Immer mehr Kongolesen zogen in die Städte. Die erzwungene Rekrutierung von Arbeitskräften nahm ein Ende, nun aber migrierten viele Menschen aus freien Stücken. In Kasai, Maniema, dem Kivu und sogar in Ruanda und Burundi ließen sich Tausende von Dorfbewohnern überzeugen, zu den Bergwerken der Union Minière in Katanga überzusiedeln. Das Unternehmen zählte 1919 etwa achttausendfünfhundert lokale Arbeiter, 1928 siebzehntausend.31 Aus Bas-Congo und der Provinz Équateur ging man nach Léopoldville; Stanleyville wuchs durch den Zuzug von Arbeitern aus der Provinz Orientale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem junge Menschen, die ihre Siebensachen zusammenpackten, um sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Was machte die Arbeit in einer Mine, Plantage oder Fabrik für sie denn so attraktiv? Oft wollten sie weg aus dem Dorf mit seiner Armut, dem korrupten Oberhaupt und den mächtigen alten Männern, die alle jungen Frauen heirateten. Weg von der kärglichen Landwirtschaft und dem Pflichtanbau von Gewächsen. Weg von der Pflicht zum Straßenbau und weg vom einfachen Dorfleben. Weg von einer Welt, die ihnen keine Zukunft bot.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem waren die Stadt und das Bergwerk keine Schreckensvorstellung mehr wie noch vor kurzem. Bei der Union Minière in Katanga sank die Sterbeziffer rasant. 1918 starben 20,2 Prozent der Arbeiter an der Spanischen Grippe, ein Jahr später lag die Mortalität bei 5,1 Prozent, und 1930 nur noch bei 1,6 Prozent.33 Bergarbeiter wurden auch nicht so schnell krank.34 Sie erhielten Impfungen gegen Pocken, Typhus und Meningitis. Krankenhäuser und medizinische Zentren wurden errichtet. Unterbringung, Kleidung und Ernährung verbesserten sich beträchtlich. Gleiches galt für die Diamantminen in Kasai. Ein Arbeiter in den Goldminen von Kilo-Moto erhielt in jener Zeit täglich 179 Gramm frisches Fleisch oder frischen Fisch, 357 Gramm Reis, 286 Gramm Bohnen und eineinhalb Kilo Bananen, außerdem Salz und Palmöl.35 Von einer so reichhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung konnte man in seinem Dorf nur träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Gesundheit ging es auch mit dem sozialen Dasein aufwärts. Das Leben in den Arbeitercamps von Katanga nahm eine wichtige Wende, als die Union Minière ab 1923 den Bergleuten gestattete, ihre Frauen und Kinder mitzubringen. 1925 waren 18 Prozent der Arbeiter verheiratet, 1932 waren es 60 Prozent.36 Das Gefühl der Entwurzelung, unter dem die vorige Generation gelitten hatte, nahm zusehends ab. Viele entschieden sich freiwillig dazu, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Ab 1927 war es den Minenarbeitern erlaubt, Arbeitsverträge von bis zu drei Jahren Dauer abzuschließen, davor war der Zeitraum auf höchstens sechs Monate begrenzt. Viele Arbeiter machten von dieser Möglichkeit Gebrauch: 1928 hatten bereits 45 Prozent einen langfristigen Vertrag, und 1931 betrug der Anteil 98 Prozent.37 Die Arbeit in der Mine galt nicht mehr als Strafe. Als die wirtschaftliche Depression 1929-1933 das Unternehmen zwang, drei Viertel der Belegschaft zu entlassen, protestierte man weniger gegen die plötzliche Arbeitslosigkeit als eher gegen die Aussicht, wieder ins Dorf zurückkehren zu müssen. Die Arbeitslosen mussten die kleinen Arbeiterhäuser der Firma verlassen, doch statt nach Hause zurückzukehren, zogen sie es vor, sich in der unmittelbaren Umgebung von Elisabethville anzusiedeln, wo sie kleine Äcker anlegten und das Land bestellten, bis die Wirtschaft wieder anzog.38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der katangesische Bergbau war nicht mehr eine Sache geschundener junger Männer, die ein paar Monate in düsteren Arbeitercamps hausten, sondern von jungen Familien, denen es in ihrer neuen Umgebung recht gut gefiel. Die Löhne stiegen, in den Siedlungen wurden Kinder geboren, die das Dorf der Eltern und Vorfahren nur vom Hörensagen kannten. Anderswo in Elisabethville entwickelte sich die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; zu einem pulsierenden, multi-ethnischen Universum mit eigener Dynamik und eigenem Flair. Anders als die mit geometrischer Exaktheit angelegten, immer komfortableren Siedlungen, in denen die Arbeiter der großen Bergbauunternehmen lebten, war die wuselige &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit einer bunten Mischung bevölkert: Zimmerleute, Maurer, Holz- und Metallbearbeiter, Handwerker, aber auch Sanitäter, Büroangestellte und Lagerverwalter. Angestellte von Klein- und Mittelbetrieben lebten neben Staatsbeamten.39 Die Bevölkerungsdichte war viermal höher als im weißen Stadtzentrum.40 Kurz gesagt, es bildete sich eine städtische Bevölkerung afrikanischer Herkunft heraus. Die Kolonialverwaltung war anfangs nicht gerade erpicht darauf. Führte so eine länger andauernde Ansammlung von Proletariern nicht zu einem subversiven oder, schlimmer noch, bolschewistischen Klima? Die Angst vor der roten Gefahr saß tief bei den Vertretern der Kolonialmacht. Oder besser gesagt: »Die Angst vor den Schwarzen tarnte sich als Angst vor dem Roten.«41 Doch 1931 war man sich darüber im Klaren, dass soziale Gemeinschaften gewachsen waren, die keine traditionellen Dörfer mehr waren und auch nicht mehr dazu werden würden. Man erkannte ihre Existenz mit einem Monstrum von einer amtlichen Bezeichnung an, etwas, worauf die Kolonialverwaltung übrigens spezialisiert war: das &#039;&#039;centre extra-coutumier&#039;&#039;. Das »außerhalb der Norm liegende Zentrum«, sozusagen. Diese Zentren erhielten eine Struktur, die mit jener der klassischen &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; vergleichbar war. Es wurde ein &#039;&#039;chef&#039;&#039; bestimmt, der als Vermittler zwischen der Masse und der Macht fungierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten entwickelte sich ein neuer Lebensstil, der sich von der Dorfkultur unterschied, aber auch mehr war als eine Kopie der europäischen Stadtkultur, und sei es nur, weil diese neuen Agglomerationen in nichts ihren europäischen Gegenstücken glichen. Sogar für Belgier war die koloniale Stadt eine völlig neue Erfahrung! Es gab mehr Raum und Freiheit, die Entfernungen waren größer, die Straßen breiter, die Grundstücke geräumiger. Die Städte waren von Anfang an auf die Nutzung des Autos eingerichtet. Es hatte auch etwas Amerikanisches, fanden viele Weiße. Léopoldville mit seinen verschiedenen Stadtkernen ohne deutliches Zentrum ähnelte mehr Los Angeles als den mittelalterlichen Städtchen Belgiens oder den im 19. Jahrhundert entstandenen Bürgervierteln von Brüssel oder Antwerpen. Die koloniale Stadt hinkte nicht dem europäischen Modell hinterher, sondern antizipierte manche Entwicklungen. Als ein belgischer Journalist sah, wie weiße Frauen im Kongo das Flugzeug nahmen, um in Léopoldville ihre Kinder zur Welt zu bringen, äußerte er begeistert, in der Kolonie werde »eine neue Gesellschaft, ein neues Belgien mit neuen Ideen geboren«.42 Es schien, als hätten die fünfziger Jahre im Kongo bereits in den zwanziger Jahren begonnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch für Kongolesen bedeutete die koloniale Stadt ein neues Universum mit einer ganz eigenen materiellen Kultur. Eine imaginäre junge Familie aus Kasai, die nach Elisabethville zog, wo der Vater Bergmann wurde, wohnte dort in einem Steinhaus. Die Frau kochte das Essen nicht mehr in Tongeschirr, sondern in emaillierten Töpfen, auch wenn sie die Mahlzeiten wahrscheinlich lieber wie vorher im Freien zubereitet hätte als in der dunklen Küche an der Rückseite des Hauses. Sie bekamen Tische, Stühle und Besteck. Neue Auffassungen über Körperpflege und Hygiene entstanden: Man trug europäische Kleidung, manchmal sogar Schuhe, man wusch sich mit Seife, und man benutzte eine Latrine. Die Eltern schliefen unter Zudecken aus England, und ihre Kinder bekamen im Krankheitsfall Medikamente aus Belgien. Wenn die Frau schwanger war, ging sie zur Entbindung in eine Geburtsklinik bei schwarzen Schwestern oder weißen Nonnen. Wenn die Familie hin und wieder einmal ins Dorf zurück musste, nahm sie für Angehörige und Verwandte Neuerungen mit wie Nadeln, Nähgarn, Scheren, Sicherheitsnadeln, Streichhölzer, kleine Spiegel und Geld. Bei solchen Besuchen zeigte sich freilich auch, wie groß der Abstand inzwischen war. Der junge Vater hatte als Arbeiter ein neues Gefühl von Autonomie erworben. Er ließ sich nicht mehr so sehr davon beindrucken, was der Dorfvorsteher und die alten Männer ihm erzählten. Jetzt hörten sie ihm zu! Er berichtete von der eisernen Disziplin in der Mine, von dem Geheul der Sirene, die die Arbeiter frühmorgens zusammenrief, von der Arbeit an sechs Tagen in der Woche. Darüber machten seine Zuhörer natürlich Witze. Sechs Tage in der Woche? Er hätte im Dorf bleiben sollen, lachten sie, dann hätte seine Frau sicher die Felder bestellt! Für ihn war das Neid. Sie blickten alle bewundernd auf seine Kleidung, das war ihm nicht entgangen. Auf der Rückreise war seine Arbeitslust und Motivation größer denn je. Wenn er nun auch noch in der Hierarchie der Union Minière aufsteigen könnte, dachte er vielleicht, als Mechaniker zum Beispiel, oder als Maschinenführer, würde er dann nach langem Sparen für seine Familie vielleicht ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder sogar, fast nicht auszudenken, ein Grammophon kaufen können? Am Sonntagmorgen würden sie alle mit dem Rad zur Kirche fahren. Er auf dem Sattel, seine Frau auf dem Gepäckträger, die Kinder auf der Stange und auf dem Lenker. Das hieß Wohlstand, und es fühlte sich gut an.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Woche, an dem dieser neue Lebensstil gefeiert wurde, war der Sonntagnachmittag. In Elisabethville gingen die Minenarbeiter zu den Fußballspielen der weißen Teams.44 In Boma flanierten Hafenarbeiter mit steifem Kragen, Strohhut und Spazierstock. Ihre Frauen trugen farbenprächtige Baumwollstoffe und Kopfbedeckungen, die in Europa längst aus der Mode waren.45 Im friedlichen Tshikapa, bei den Diamantminen von Kasai, ertönte aus manchen Hütten die Tenorstimme von Enrico Caruso.46 Jemand spielte Jazzplatten und kubanische Lieder auf seinem Grammophon. In Léopoldville strömten die Menschen um vier Uhr zum Tanzen in den Apollo-Palace.47 Männer mit langer Hose, mit kurzer Hose, mit Radlerhose, Reithose oder Fußballshorts, aber auf jeden Fall: mit Hose, kamen hier zusammen. Und Frauen mit Kleidern, langen Röcken und kompliziert drapierten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, alle auf Schuhen mit hohen Absätzen, manchmal bis zu zwölf Zentimetern. Hin und wieder sah man auch einen Mann mit Smoking und Lackschuhen, die meisten Männer waren jedoch barfuß. Mit großem Ernst wurde getanzt, und mit Vorsicht wegen der Pfennigabsätze. Eine Band spielte Maringa- und Rumbamusik. Auf Flaschen und Trommeln schlug man komplexe, synkopierte afrikanische Rhythmen. Aber man hörte auch Fetzen Fandango, Cha-cha-cha, Polka und Schottisch, neben Echos von Marschmusik und Kirchenliedern.48 Der wichtigste Einfluss war jedoch kubanisch: Schellack-Schallplatten brachten Musik zu Gehör, die sich für Kongolesen irgendwie vage vertraut anhörte. Es war die Musik, die die Sklaven in den Jahrhunderten zuvor auf die andere Seite des Ozeans mitgenommen hatten und die nun, bereichert durch spanische Einflüsse, zurückkehrte. Die Sänger in Léopoldville sangen gern auf Spanisch oder so, dass es sich wie Spanisch anhörte. Die hellen Vokale erinnerten an das Klangmuster des Lingala, man brauchte nur dann und wann ein &#039;&#039;corazón&#039;&#039; und &#039;&#039;mi amor&#039;&#039; einzuwerfen&#039;&#039;.&#039;&#039; Die Gitarre wurde das populärste Instrument, neben dem Banjo, der Mandoline und dem Akkordeon. Camille Feruzi, der größte Akkordeon-Virtuose der kongolesischen Musik, komponierte unvergleichlich wehmutsvolle Melodien. Und auf den Schiffen, die vom Landesinneren nach Léopoldville fuhren, spielte der junge Wendo Kolosoy unermüdlich auf seiner Gitarre: Er würde sich zum Begründer der kongolesischen Rumba entwickeln, des einflussreichsten Musikstils im subsaharischen Afrika im zwanzigsten Jahrhundert. Léopoldville war in jenen Jahren eine Art New Orleans, wo afrikanische, lateinamerikanische und europäische volkstümliche Musik zu einem neuen Genre verschmolzen: der kongolesischen Rumba, unwiderstehlicher Tanzmusik, die den gesamten Kontinent überfluten würde, doch vorerst nur in den Bars der neuen Hauptstadt erklang. Es war Musik, die einen lachen und vergessen ließ, die zum Tanz und zur Verführung einlud, die froh machte und sinnlich. Saturday Night Fever, wenn auch am Sonntagnachmittag. Warum sollte man gegen dieses herrliche, heitere Leben protestieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Machthaber blieben wachsam. In Elisabethville konnte man in den dreißiger Jahren im Cercle Albert des öfteren drei Männer sehen, die sich unterhielten.49 Drei weiße Männer. Sie sprachen leise und mit ernsten Gesichtern. Ihre Stimmen: Basso continuo. Ihr Gespräch: unhörbar. Über ihren Köpfen kräuselte sich Zigarrenrauch, hin und wieder von einem gutmütigen Lachen auseinandergepustet, das aus ihrer Mitte aufstieg. Offiziell war es Afrikanern nicht verboten, in europäischen Restaurants zu essen, aber der elegante Cercle Albert bildete eine Ausnahme. Und doch wurde hier über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung entschieden. Die drei Männer waren Amour Maron, Provinzkommissar von Katanga, Aimé Marthoz, Direktor der Union Minière, oder einer seiner Nachfolger, und Félix de Hemptinne, Bischof von Katanga. Wegen des imposanten weißen Barts des Bischofs war die afrikanische Bevölkerung davon überzeugt, dass er ein Sohn von Leopold II. sei . . . Drei Belgier. Jeder von ihnen stand an der Spitze einer der drei tragenden Säulen der Kolonialmacht: Regierung, Kapital und Kirche. Die »koloniale Dreifaltigkeit«, hieß es manchmal im Scherz. Ob der Erzbischof darüber wohl lachen konnte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam sorgten diese drei Männer dafür, dass das Leben in der Minenstadt Elisabethville in geordneten Bahnen verlief. Ihre Interessen waren in vieler Hinsicht deckungsgleich: Die Industrie wollte willige, loyale Arbeiter; die Regierung wollte keine Wiederholung der Kimbangu-Affäre oder der Pende-Revolte; die Kirche wollte reine Seelen im Jenseits abliefern – und das bedeutete: brave Bürger im Diesseits heranziehen. Auch anderswo in der Kolonie waren diese drei Instanzen eng miteinander verflochten. Es gab zwar oft Spannungen zwischen den Säulen der kolonialen Trinitas, in einem aber waren sie sich vollkommen einig: Damit die Umstellung vom tribalen zum industriellen Lebensstil nicht scheiterte, müssten sie die dunkelhäutigen Mitmenschen sorgfältig im Auge behalten und sie begleiten. Langsam und vor allem behutsam würde der neue, urbane Kongolese zu einem arbeitsfreudigen Werktätigen, einem gefügigen Untertan, einem frommen Katholik geformt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass groß angelegte Aufstände in den Städten ausblieben, hatte nicht nur mit dem angenehmen Wohlstand zu tun, der den Arbeitern zuteil wurde, sondern auch und vor allem mit dem raffinierten Arsenal an Strategien, die die koloniale Dreifaltigkeit einsetzte, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zu disziplinieren und eventuell zu sanktionieren. Von einem übergreifenden Masterplan konnte man zwar nicht sprechen, doch in der Praxis zogen Kirche, Staat und Großkapital sehr oft am selben Strang. Die zugrunde liegende Philosophie – Wie halten wir sie unter Kontrolle? Wie verschaffen sie uns die höchste Rendite? Wie erziehen wir sie? – manifestierte sich in sehr unterschiedlicher Weise. In Léopoldville war man besorgt wegen der ganzen Tanzerei und trat eifrig dafür ein, die &#039;&#039;cité&#039;&#039; nachts zu beleuchten, denn anders könne man »eine Agglomeration von zwanzigtausend Bewohnern nicht effizient überwachen mit einer Handvoll Polizisten, verloren in der Nacht«.50 In Elisabethville gelang es, eine Umgangssprache zu erzwingen, das Swahili, eine Sprache, die dort nicht heimisch war und die fast niemand als Muttersprache hatte, die jedoch die Kontrolle über den ethnischen Schmelztiegel erleichterte.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schulwesen war noch immer die exklusive Domäne der Missionare und wurde ein machtvolles Instrument, um die Massen in die gewünschte Richtung zu lenken: Die Schüler lernten alles über das belgische Königshaus und nichts über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Selbst die Französische Revolution musste mit besonderer Umsicht besprochen werden. Europäische Schulbücher enthielten zu viel Sprengstoff: »Oftmals wird die Revolution nicht mit dem nötigen kritischen Verstand behandelt. Man bejubelt zu leichtfertig manche Reformen, Freiheiten usw., die die Kirche verurteilt hat«, schrieb der einflussreiche Missionar und Schulinspektor Gustaaf Hulstaert. Er warnte davor, dass die Schüler »liberal und dann gleichgültig und atheistisch« werden könnten.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lasen afrikanische Büroangestellte auch französischsprachige Zeitungen. Kommunistische Blätter wie &#039;&#039;Le Drapeau Rouge&#039;&#039; aus Belgien waren ab 1925 verboten, ebenso wie Illustrierte mit vielsagenden Titeln wie &#039;&#039;Paris Plaisirs&#039;&#039;, &#039;&#039;Séduction&#039;&#039; und &#039;&#039;Paris Sex-Appeal&#039;&#039;.53 Der gleiche Kontrollreflex zeigte sich, als nach dem Großen Krieg die ersten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Film sei ein gefährliches Medium, glaubte man, es könnte die ungebildeten Massen aufwiegeln. 1936 wurde deshalb eine separate Filmzensur für das afrikanische Publikum eingeführt. Daraus resultierten getrennte Vorführungen für Europäer und Kongolesen. Häufig lief es darauf hinaus, dass Filme, die für weiße Kinder als ungeeignet eingestuft wurden, auch für schwarze Erwachsene verboten waren.54 &#039;&#039;»Tous les coloniaux seront unanimes à déclarer que les noirs sont encore des enfants, intellectuellement et politiquement«&#039;&#039;, stand in den amtlichen Richtlinien zur Pressepolitik.55 Der Afrikaner, so der gängige Vergleich, sei in kultureller Hinsicht noch ein Kind: Man dürfe ihn nicht seinem Schicksal überlassen, sondern müsse seine Entwicklung gut im Auge behalten. Letztendlich strebte die koloniale Dreifaltigkeit durchaus eine Form der Emanzipation an, jedoch auf lange, notfalls sehr lange Sicht. Es sollte nicht zu stürmisch zugehen. &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; lautete die Devise des damaligen Generalgouverneurs Pierre Ryckmans: herrschen, um zu dienen. Paternalistisch? Unbedingt. Dieses »dienen« klang indes in den Ohren vieler noch gefährlich progressiv. »Disziplinieren« wäre besser gewesen, oder notfalls »erziehen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Léopoldville der zwanziger Jahre wuchs ein intelligenter und sensibler Junge heran, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der ersten literarischen Schwergewichte der kongolesischen Literatur werden sollte, Paul Lomami Tshibamba. Kurz vor seinem Tod 1985 blickte er auf die Atmosphäre in der Zwischenkriegszeit zurück:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialmacht tat alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir große Kinder seien, dass wir so bleiben würden, dass wir unter ihrer Vormundschaft stünden und dass wir alle Anweisungen befolgen müssten, die sie uns für unsere Weiterentwicklung gab mit dem Ziel einer stetigen Integration in die westliche Kultur, dem Ideal der Kultur überhaupt. Und wir, was konnten wir anderes erwarten? In meiner Generation kannten wir die Traditionen unserer Eltern nicht mehr: Wir waren in dieser Stadt geboren, die von den Kolonisatoren gegründet worden war, in dieser Stadt, in der ein Menschenleben der Macht des Geldes untergeordnet war . . . Ohne Geld landete man im Gefängnis. Geld benötigte man, um Steuern zu zahlen, sich einzukleiden und sogar um zu essen, etwas, was in den Dörfern unbekannt war. Es waren die weißen Kolonisatoren, die einem Geld verschafften, also musste man sich allem, was sie sagten, fügen. In dieser Welt wurde ich geboren und habe ich gelebt: Man musste sich beugen und tun, was andere von einem verlangten.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung begnügte sich jedoch nicht damit, das städtische Arbeitermilieu zu beaufsichtigen, sie griff auch aktiv ein. Neben dem Schulwesen waren das Vereinsleben und die Familienpolitik die politischen Instrumente der Wahl. Die Entscheidung, Frauen und Kinder in den Arbeitercamps zu dulden, hatte utilitaristische Gründe: Es sollte die Arbeitslust steigern, Prostitution und Alkoholgenuss bremsen, die Monogamie fördern und zur allgemeinen Ruhe im Camp beitragen. Außerdem sollten die Kinder von klein auf in der Firmenkultur aufwachsen. So wurden sie, mit Unterstützung der Missionsschulen, zu neuen Jahrgängen disziplinierter Arbeitnehmer getrimmt.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirche verfügte über sehr große politische Macht. Um 1930 gab es in Belgisch-Kongo genauso viele katholische Missionare wie Kolonialbeamte.58 Kirchliche und weltliche Macht schlossen nahtlos aneinander an. Das wusste auch der Schriftsteller Lomami Tshibamba:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im praktischen Leben, in dem wir aufwuchsen, verlangte der Priester unsere Unterwerfung; die Vertreter von Bula Matari, anders gesagt des Gouvernements oder der Bezirksverwaltung, besaßen alle Macht, und diese Macht kam von Gott. Demzufolge wurde von uns absoluter Gehorsam erwartet. Das ist das, was uns der Priester nahe­legte! Gut sein, gegenüber Gott und gegenüber diesen Menschen der neuen Gesellschaft, die von der Bula Matari geschaffen worden war, das setzte Gehorsam, Unterwerfung und Respekt voraus. Wir waren reduziert auf Diensteifer – dieses Wort wurde nicht benutzt, aber darauf lief es im Grunde hinaus.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diensteifer zu erzeugen war auch das Motiv, das hinter der Sozialpolitik der großen Betriebe steckte. Die Union Minière ging dabei am weitesten. Ja, das Unternehmen baute Schulen, Spitäler und Freizeitclubs für die Arbeiterfamilien. Ja, es gab Ende der dreißiger Jahre die Anfänge eines Rentensystems. Und ja, der Bergarbeiter wurde von der Wiege bis zur Bahre vom Betrieb umsorgt, mehr als bei jedem anderen Bergbauunternehmen in Zentralafrika. Aber es steht außer Frage, dass das paternalistische Wohlwollen des Unternehmens eher wirtschaftlichen Erwägungen als einer philanthropischen Haltung entsprang. Man zog sich vollkommene Arbeiter heran: glücklich und fügsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als ein Arbeitgeber war die Union Minière ein Staat im Staate, hin und wieder sogar mit totalitären Zügen. Jede Facette des Lebens im Arbeitercamp stand unter der Kontrolle des weißen Camp-Chefs. Er führte über jeden Arbeiter und dessen Familie eine Karteikarte; er war zuständig für die Unterbringung, die Bevorratung, die Löhne und die Schulen; er schlichtete Konflikte und verhängte Disziplinarmaßnahmen. Wenn die Frau eines Union-Minière-Arbeiters in ihr Heimatdorf reisen wollte, musste sie den Camp-Chef um Erlaubnis bitten, obwohl sie selbst nicht im Dienst des Unternehmens stand! Ihre Kinder mussten bereits vom zehnten Lebensjahr an am Werkunterricht teilnehmen, zur Vorbereitung auf ihre spätere Arbeit. Knaben half das Unternehmen, Geld für den Brautpreis zu sparen. Die Union Minière war ein allumfassender Betrieb und genoss die Unterstützung von Mission und Staat.60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Zusammenschlüssen von Einheimischen war man sehr auf der Hut, denn dort könnten Formen von sozialem Protest aufkeimen: »Ein Gemeinschaftsgefühl wird so weit wie möglich unterdrückt. Die Camp-Leitung kontrolliert genauestens alle Aktivitäten, die die Einheimischen organisieren.«61 Nähclubs, Chorgesang und Haushaltskurse fand die Union Minière erwünschter als Eigeninitiativen von Mitarbeitern. Die Missionen, die Kirchen in den Arbeitervierteln hatten, unterstützten das Unternehmen dabei nach Kräften. In Léopoldville waren es hauptsächlich Scheutisten, in Elisabethville Benediktiner. In der Kathedrale van Elisabethville sang am Sonntag ein ausgezeichneter gregorianischer Knabenchor, der nur aus afrikanischen Kindern bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten stampften belgische Priester ab 1922 die ersten Pfadfindergruppen Afrikas aus dem Boden. Die Pfadfinderbewegung, vom Ursprung her säkular, die mit ihrem paramilitärischen Charakter eher zum Staat als zur Kirche passte, war in der Kolonie eine exklusiv katholische Angelegenheit. Sie ermöglichte es dem Missionar, auch nach Schulschluss die besten Schüler unter Kontrolle zu behalten. Mit Aktivitäten wie Spurensuche, Bäume erklettern, Knoten knüpfen, Zelten und Morsezeichen üben vermittelte man Jugendlichen sowohl Stolz als auch Disziplin. Der junge Pfadfinder sammelte Abzeichen, legte sein Gelöbnis ab und behandelte seine Uniform pfleglich. Die Mitgliederzahlen waren nie sehr hoch (etwa tausend im gesamten Kongo), doch es entstand eine einheimische Elite, die wusste, was Disziplin und Zuverlässigkeit war.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine viel größere Masse war für das empfänglich, was wahrscheinlich den erfolgreichsten Teil der belgischen Missionierung ausmachte: Fußball. Auch hier ging die Initiative von Léopoldville und Elisabeth­ville aus. Es begann um 1920. Missionare in Soutane erläuterten die Spielregeln und sahen, wie schon nach kurzer Zeit Kinder und Jugendliche in den staubigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit selbstgemachten Bällen oder mit Pampelmusen trainierten. Die ersten Mannschaften wurden gegründet: Étoile und League in Léopoldville, Prince Charles und Prince Léopold in Elisabethville. 1939 gab es allein schon in Léopoldville dreiundfünfzig Mannschaften und sechs Ligen. Es gab Barfuß-Teams und Teams mit Schuhen – barfuß spielen bedeutete weniger kraftvolle Pässe, aber größere Geschmeidigkeit. Die Wettkämpfe fanden am Sonntagnachmittag statt. Neben Hunderten von Spielern waren Tausende Fans auf den Beinen. Freunde, Kollegen, Frauen und Kinder schrien sich am Rand des Spielfeldes heiser. Fußball war mehr als ein Freizeitvergnügen. Es hatte auch einen erzieherischen Aspekt. Ein flämischer Benediktiner konstatierte zufrieden: »Statt den Sonntagnachmittag in einer Hütte zu hocken und ihren &#039;&#039;pombo&#039;&#039; zu trinken, oder Bars aufzusuchen und in Gesellschaft von Frauen mit zweifelhaften Sitten zu trinken, geben sie sich frei und an frischer Luft den Sportarten hin, die sie fesseln.«63 Ein Scheutist war ebenso begeistert: »Das hält sie, zumindest für die paar Stunden, vom Tanzen und von Saufgelagen ab und ist, nach dem Gottesdienst, eine angenehme Sonntagsbeschäftigung.«64 So wie in den katholischen Oberschulen und Internaten Flanderns Fußball propagiert wurde, um die überschüssige sexuelle Energie der Jungen zu kanalisieren, wurde der Sport in der Kolonie eingeführt, um eventuellen sozialen Unmut zu unterdrücken. Fußball war nicht nur ein ausgelassenes Spiel, sondern auch eine Form der Disziplinierung. Man musste am Training teilnehmen, Geschicklichkeit entwickeln, Reflexe kontrollieren können, sich an Regeln halten, dem Schiedsrichter gehorchen. Vergnügen und zugleich Selbstbeherrschung: eine ideale koloniale Schule. »Sport lehrt den Eingeborenen (. . .), sich einer Disziplin zu fügen, die er freiwillig anerkennt«,65 hieß es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen von Kikwit sah ich im Jahr 2007 einmal ein klappriges, gelbes Moped vorbeiknattern, auf dem ein alter Weißer saß. Das war an sich schon recht ungewöhnlich: Die wenigen Europäer bewegen sich prinzipiell mit dem Auto fort, und die Alten unter ihnen sowieso. Besagter Mopedfahrer war, wie sich herausstellte, Henri de la Kéthulle de Ryhove, ein Jesuit aus adeligem Haus, weit über achtzig und noch immer unermüdlich aktiv, in den letzten Jahren vor allem im Kampf gegen Sichelzellenanämie, eine erbliche Krankheit. Père Henri war auch der Neffe von Raphaël de la Kéthulle, dem wohl berühmtesten Missionar von ganz Belgisch-Kongo. Und diese Berühmtheit verdankte sein Onkel weder einem heroischen Bekehrungseifer im tiefen Urwald noch der christlichen Aufmunterung einer trostlosen Leprakolonie, nein, père Raphaël arbeitete sein ganzes Leben in Kinshasa und brachte seinen Schäfchen das Fußballspielen bei. Er war ein Scheutist, der als Lehrer tätig war, und gehörte zur ersten Gruppe städtischer Missionare. Als Spross einer französischsprachigen, aristokratischen Familie aus Brügge war er selbst im Sint-Lodewijkscollege zur Schule gegangen. (Ein Detail, über das ich lächeln muss: Ich selbst habe eine frühere Zweigstelle dieser Schule besucht. Auch in meinem College war, ein dreiviertel Jahrhundert später und nach einer »Niederlandisierung«, Fußball noch immer die wichtigste Religion neben dem Christentum. Auf unserem gepflasterten Schulhof waren fünf oder sechs Fußballfelder aufgemalt, außerdem hingen dort fünf Volleyballnetze und zwei Basketballkörbe. Statt zwei Pflichtstunden Sport hatten wir vier. Der westflämische Katholizismus hatte, auch wenn viele mit ihm eher den Dichter, Priester und Lehrer Guido Gezelle assoziieren, mehr Affinität zum Ballsport als zur Lyrik.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Onkel war der Gründer der Association Sportive Congolaise, des ersten Sportvereins im Kongo«, erzählte mir père Henri, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sein weißes Haar war vom Mopedfahren nach hinten geföhnt. »Er war der große Förderer des Fußballs in Kinshasa.« Aber dabei blieb es nicht. »In seinem Sportverein gab es auch Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und sogar Wasserball.« Raphaël de la Kéthulle muss ebenso unermüdlich gewesen sein wie sein Neffe. Er hatte sich nicht nur um die sportlichen Aktivitäten gekümmert, sondern auch mehrere Schulen gegründet. Er stand mit an der Wiege der kolonialen Pfadfinderbewegung, des Schul­theaters, einer Musikkapelle und eines Vereins ehemaliger Schüler. Vor allem aber war er die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer soliden Sportinfrastruktur in Léopoldville. Père Henri wusste das. »Er hat drei Fußballstadien gebaut, einen weiträumigen Sportplatz, Tennisplätze und ein Schwimmbad mit olympischen Maßen, das sogar ein Fünfmeterbrett hatte. In diesem Schwimmbad organisierte er auch Einbaumwettkämpfe!« Der absolute Höhepunkt seiner Baulust war das Stade Roi Baudouin, das spätere Stade du 20 Mai, ein Fußballstadion, das achtzigtausend Zuschauern Platz bot und bei seiner Eröffnung im Jahr 1952 das größte Stadion in ganz Afrika war. Es war auch der Ort, an dem 1959 die Unruhen ausbrachen, die zur Unabhängigkeit führen sollten. Und hier hielt Mobutu nach seinem Putsch im Jahr 1965 eine Ansprache an das Volk. 1974 fand hier der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt. Noch heute kennt jeder Kinois &#039;&#039;tata&#039;&#039; Raphaël, Väterchen Raphaël, und sei es nur, weil das große Stadion inzwischen nach ihm benannt wurde und sein Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Logo von Kentucky Fried Chicken aufweist, riesengroß auf den Mauern des Collège Saint Raphaël prangt. »Ja, er war sehr zielstrebig«, resümierte père Henri, »auch wenn er &#039;&#039;la bottine légère&#039;&#039; hatte.« Den leichten Stiefel? »Ja, wenn es sein musste, konnte er auch mal jemandem einen Fußtritt verpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vereinsleben, angekurbelt von den katholischen Missionaren, bot den städtischen Arbeitern nicht nur gesunde Freizeitaktivitäten, sondern veränderte auch zielbewusst die soziale Landkarte. Aus Furcht vor ethnisch gefärbten Aufständen wie bei den Pende verwischte man die tribalen Grenzen – dieselben Grenzen, die die Missionsschulen akzentuiert hatten! Henri de la Kéthulle erzählte mir: »Mein Onkel brachte beim Sport die Stämme zusammen. In seinen Fußballwettkämpfen wurden die Mannschaften gemischt. Er veranstaltete landesweite Wettkämpfe, ja sogar das erste internationale Fußballspiel. Ein kongolesisches Team spielte damals gegen ein belgisches. Beerschot, glaube ich.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch freiheitliche Regungen ließen sich nicht restlos unterdrücken. Trotz aller wohlwollenden Sportinitiativen und der bevormundenden Familienpolitik war ein gewisser Hunger bei Teilen der kongolesischen Städter nicht zu stillen. Die Kolonialverwaltung bezeigte sich zwar freundlich, aber nur, solange man sich unterordnete. Die Masse wurde unter dem lächelnden Blick der kolonialen Dreifaltigkeit in Bahnen gelenkt, doch wer aus der Reihe tanzte, wurde mitleidlos bestraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb blieben einheimische Organisationen bestehen.67 Die Kita­wala-Religion verbreitete sich unter den Bergleuten und infiltrierte große Teile des flachen Landes. Von Katanga aus erreichte sie den Kivu und die Provinzen Orientale und Équateur. Sie existierte im Untergrund und vermengte Mystik mit Revolte. Als 1936 in Jadotville Anhänger dieses Glaubens verhaftet wurden, sagten sie über die Bibel: »In diesem Buch steht sehr deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Gott hat den Weißen nicht geschaffen, damit er über den Schwarzen herrscht. (. . .) Es ist nicht gerecht, dass der Schwarze, der die Arbeit leistet, weiter in Armut und Not leben muss, während die Löhne der Weißen so viel höher sind.«68 Viele Anhänger wurden verbannt, aber wie bei den Kimbanguisten gab das der Bewegung eher einen Impuls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnische Organisationen in Katanga, zum Beispiel der Lulua und der Baluba, boten ein soziales Miteinander und eine Identifikationsmöglichkeit, die kein Pfadfindertrupp bieten konnte. Sie nahmen Neuankömmlinge unter ihre Fittiche und halfen jungen Männern, den Brautpreis aufzubringen. Es entstanden sogar Formen von Solidarität unter Menschen mit demselben Vornamen. Ein alter Mann aus Lubumbashi erklärte das so: »Wenn ich Albert heiße und du heißt Albert, dann wirst du mein Bruder. (. . .) Wir kümmern uns umeinander. Wir helfen uns gegenseitig, etwas zu essen zu bekommen, wir spielen zusammen, wir unterstützen uns auf jeder Ebene.«69 Ab 1929 führte die Krise zu intensiven Formen einheimischer Solidarität. André Yav, der ehemalige Boy aus Lubumbashi, berichtete davon: »Alle hatten viel Hunger damals. Die Arbeitslosigkeit stieg unglaublich. Aber wir haben es so gemacht: Wenn ein Mann Arbeit hatte, dann war er der Vater und die Mutter von allen seinen Freunden. Sie kamen in sein Haus, um zu essen, und sie kamen, wenn sie etwas zum Anziehen brauchten.«70 Solche Formen spontaner Selbstorganisation waren unzerstörbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwanziger Jahren gab es Gruppen, die sich &#039;&#039;Les Belges&#039;&#039; nannten. Ihre Mitglieder schmückten sich nicht ohne Humor mit den Titeln der Kolonialverwaltung (»Distriktskommissar«, »Generalgouverneur«, »König«) und imitierten in ihren Tänzen weiße Beamte und Missionare. Außer mit Satire beschäftigten sie sich auch mit der Unterbringung von Neuankömmlingen, der Essensverteilung und der Organisation von Bestattungen.71&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Krise gründeten sich die ersten Vereine von Afrikanern, die es geschafft hatten, sich hochzuarbeiten. In Organisationen mit Namen wie &#039;&#039;Cercle de l&#039;Amitié des Noirs Civilisés&#039;&#039; oder &#039;&#039;Association Franco-Belge&#039;&#039; fanden sich Kongolesen zusammen, die eine Schule besucht hatten, über ein gutes Einkommen verfügten und untereinander Französisch sprachen. Sie verkörperten den Beginn einer kongolesischen Mittelschicht, mit der entsprechenden Zuversicht und nicht ohne Snobismus. Die Mitglieder blickten oft herab auf die Straße, von der sie sich gerade emporgekämpft hatten, und lechzten nach einem europäischeren Lebensstil, nach Manschettenknöpfen und Respekt. Doch dieses Verlangen konnte, wenn es sich nicht erfüllte, in Unmut und Protest umschlagen – was in den fünfziger Jahren auch geschah. In der Zwischenkriegszeit jedoch hatten diese Aktivitäten noch keinen offen politischen Charakter, auch wenn manche Gruppen sich am liebsten unabhängig von der Kirche organisierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den dreißiger Jahren bot sich mehrmals pro Woche ein faszinierendes Phänomen an der Grenze zu Rhodesien.72 Immer, wenn ein Zug aus dem britischen Dominion ankam, hielt er mit lautem Zischen an, um den weißen Lokführer von Bord zu lassen. Sein Kollege aus Belgisch-Kongo kletterte auf die Lokomotive, um die Fahrt nach Elisabethville fortzusetzen. Wer die Szene zum ersten Mal sah, rieb sich kurz die Augen: War der neue Lokführer tatsächlich ein Afrikaner? Ja, das war er. In Belgisch-Kongo war man stolz darauf, dass es, anders als in Südafrika und Rhodesien, keine Rassenschranke gab. In den Minen und Fabriken durften Afrikaner teure und gefährliche Maschinen bedienen, wenn auch unter der Kontrolle weißer Vorarbeiter. Strebsame Arbeiter der Union Minière konnten bis zu einer gewissen Ebene im Betrieb aufsteigen. Hotels, Restaurants und Kneipen waren theoretisch für jeden zugänglich. Nur in den Kinos herrschte eine deutliche Rassentrennung. Es existierte kein formelles Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Abwesenheit einer gesetzlichen Rassenschranke bedeutet nicht, dass diese nicht unsichtbar gleichwohl existierte.73 Diese unsichtbare Rassenschranke war vielleicht sogar noch die hartnäckigste von allen. Afrikaner konnten nicht bis an die Spitze eines Betriebes aufsteigen. In der Verwaltung war Sachbearbeiter oder Typist die höchste erreichbare Funktion. Die Städte bestanden aus strikt getrennten weißen Zentren und schwarzen Vororten, angeblich, um die Verbreitung von Malaria zu verhindern. Doch das war ein vorgeschobenes Argument. Auch die Friedhöfe waren nach Rassen getrennt, und dort brauchte man sich in der Regel kaum noch vor Malaria zu fürchten. Gemischte Pfadfindergruppen gab es auch nicht. Und kongolesische Fußballmannschaften durften nicht gegen europäische Teams spielen, weil man Tumulte bei Niederlagen oder Demütigungen bei Siegen befürchtete. Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Kolonialzeit schrieb darüber: »Die Tatsache, dass es keine offizielle Rassenschranke gab&#039;&#039;,&#039;&#039; verstärkte seltsamerweise die rassischen Reflexe der Weißen. Juristisch nicht existent, offenbarte sich der Rassismus mit ganzer Macht in den Fakten.«74 Und das traf zu. Wer heute in die Zeitungen der Kolonie aus der Zwischenkriegszeit schaut, merkt, wie sehr eine Wir/Sie-Logik das Denken bestimmte und wie viel Angst hinter dem markigen Sprachgebrauch steckte. Nachdem ein Kongolese einen Weißen ermordet hatte, schrieb &#039;&#039;L&#039;Avenir Colonial Belge&#039;&#039;, eine der populärsten Zeitungen der Kolonie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist für uns, die Weißen, die persönliche Freiheit in Léopoldville überhaupt noch gewährleistet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann in aller Aufrichtigkeit antworten: Nein! Die Handlungen von Insubordination der Schwarzen mehren sich vehement; ihre Unverfrorenheit ist groß und jagt selbst den Tapfersten Angst ein. Diebstähle nehmen an Zahl und Umfang zu; der Dünkel des Eingeborenen gegenüber den Weißen ist manchmal niederschmetternd; die Furcht, die wir ihnen einflößen, ist gleich null; der Respekt vor dem Mundele ist nicht mehr vorhanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sieht es aus im Jahr des Herrn 1930.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber, werden Sie sagen, ist Stanley Pool denn eine Region, die erneut pazifiziert werden muss?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber sicher, warum nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie diese »erneute Pazifizierung« aussehen sollte, sprach die Zeitung klar und deutlich aus: Jeder Afrikaner, der einem Weißen nach dem Leben trachtete, aus welchen Gründen auch immer, sollte mit dem Tode bestraft werden.75 Gesetzlich zulässige Notwehr, mildernde Umstände, Totschlag im Affekt, zwanghafte Persönlichkeitsstörung, das alles war nicht mehr von Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft dachte zum Glück um einiges differenzierter, doch dass ein Blatt, das solches Geschwätz verbreitete, zu einer der einflussreichsten Zeitungen der Kolonie wurde, zeigt, wie die Mehrzahl der Weißen über die Rassenfrage dachte. &#039;&#039;Les noirs&#039;&#039;, das schrieb man mit einem kleinen Buchstaben, und &#039;&#039;les Blancs&#039;&#039; mit einem großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde herrschte in der kolonialen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit wechselseitige Angst: Die weißen Herrscher fürchteten sich gewaltig davor, ihre Respektabilität in den Augen der Kongolesen zu verlieren, während sich sehr viele Kongolesen vor der Macht der Weißen fürchteten und alles daransetzten, sich ihren Respekt zu verdienen. Beide befanden sich im Klammergriff der Angst. Wie lange war so etwas auszuhalten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier lange Jahre hatten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, Jahre, die mehr umfassten, als Berliner Ethnologen Lieder in den Phonographentrichter zu singen. Jahre der Krankheit und Zwangsarbeit. Jahre der Verhöhnung und Erniedrigung. Kudjabo hatte auf einem Bauernhof in der Nähe von Stuttgart arbeiten müssen, wo der Bauer ihn betrogen hatte. Panda war in Hannover gelandet und von dort aus nach Rumänien gebracht worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber waren sie zurück in Belgien, dem Land, für das sie und einige andere Kongolesen ihr Leben riskiert hatten. Und was schrieb das Veteranenblatt &#039;&#039;Le Journal des Combattants&#039;&#039; über sie? »Lasst sie uns repatriieren und in den Schatten ihrer Bananenbäume zurückschicken, wo sie sicherlich eher am richtigen Ort sind. Sie werden dort ihre Negertänze lernen und können ihren Familien, die um sie herum auf Schimpansenfellen sitzen, von ihren Kriegserlebnissen erzählen.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatten sie dafür gekämpft und gelitten? Das konnten sie nicht hinnehmen. Eine Antwort erschien: »In den Schützengräben wurde man nicht müde zu wiederholen, dass wir Brüder seien, und wir wurden genauso behandelt wie die Weißen. Nun aber, wo der Krieg vorbei ist und man unsere Dienste nicht mehr benötigt, sähe man uns lieber verschwinden. Was Letzteres betrifft, sind wir vollkommen einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Wenn so strikt auf der Repatriierung der Schwarzen bestanden wird, könnten wir logischerweise fordern, dass alle Weißen, die sich in Afrika befinden, gleichfalls repatriiert werden.«77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Frechheit! Einen so selbstsicheren Ton wagte im Kongo niemand anzuschlagen. Die Erwiderung war in einem eloquenteren Französisch verfasst als der Artikel, auf den die Kongolesen reagiert hatten. Hier erhob sich tatsächlich eine neue Stimme. Einige Wochen vor dem fraglichen Artikel, am 30. August 1919, war in Brüssel die Union Congolaise gegründet worden, ein »Verein zur Hilfe und moralischen und intellektuellen Entwicklung der kongolesischen Rasse«. Er ähnelte der Organisation, die André Matsoua in Frankreich gegründet hatte. Der Verein zählte anfangs dreihundert Mitglieder, fast alle ehemalige Kriegsteilnehmer. Die wichtigste Persönlichkeit war der ehemalige Kriegsgefangene Paul Panda Farnana, sein Schicksalsgenosse Albert Kudjabo wurde Sekretär. Es ging ihnen darum, armen und kranken Mitgliedern zu helfen, Bestattungskosten zu decken und kostenlose Abendschulen zu ermöglichen. Aber sie verfolgten auch ausgesprochen politische Ziele. Bereits 1920 forderte die Union Congolaise, dass Zwangsarbeit erleichtert, Lohnarbeit besser bezahlt und dass das Schulwesen ausgebaut werden müsse. Vor allem forderten sie, dass Kongolesen mehr Mitspracherecht in der Verwaltung bekämen. Nochmals: im Jahr 1920! In jener Zeit beriet sich die Verwaltung höchstens mit einzelnen Dorfvorstehern, die sie selbst eingesetzt hatte. Viel besser sei es, schlug Paul Panda vor, die Kongolesen selbst einen Rat wählen zu lassen, der die Kolonialregierung in Boma beraten würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pandas Union Congolaise wuchs stetig. Inzwischen gab es regionale Abteilungen in Lüttich, Charleroi und Marchienne-au-Pont. Die neuen Mitglieder waren oft kongolesische Matrosen, die im Hafen von Antwerpen desertiert waren. Diese jungen, unverheirateten Männer, die sich wochenlang im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinenräume als Maschinenschmierer, Heizer oder Kohlentrimmer abgerackert hatten, wollten es nicht hinnehmen, dass nach der Ankunft ihre weißen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr als zweimal so viel bekamen. Im Kongo gab es keine weißen Arbeiter, nur weiße Vorgesetzte, aber auf den Ozeandampfern fiel der große Kontrast zum ersten Mal auf. Und während der Unmut an Land in religiöse Ekstase mündete, führte Unzufriedenheit an Bord zu prosaischerem Widerstand: Streiks. In den Häfen von Antwerpen wie auch Matadi wurde die Arbeit niedergelegt, vor allem auch, nachdem es afrikanischen Seeleuten verboten wurde, ihre geringe Heuer durch einen privaten Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen aufzustocken. Außerdem durften sie an Land keine Bars aufsuchen. Die belgische Regierung hatte panische Angst, dass sie im Rotlichtviertel oder, schlimmer noch, in roten Lokalen landen würden. Es gab schon genug Kommunisten in Antwerpen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs konnte die Union Congolaise noch auf einige Sympathie zählen. Paul Panda Farnana war ein außergewöhnlich redegewandter Intellektueller, der sich auf die seltene Kunst verstand, radikale Ideen als gerechtfertigte Maßnahmen darzustellen. Er durfte im Dezember 1920 auf dem ersten Nationalen Kolonialkongress in Brüssel sprechen, wo sein Redebeitrag über die Notwendigkeit der politischen Teilhabe der Kongolesen auch unter den belgischen Zuhörern viel Beifall erntete. Gebt uns Macht, war seine Devise. Er erhielt dafür Applaus! Als großartiger Redner hatte er sich in seiner Ansprache denn auch ausgiebig auf historische Päpste berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später nahm Paul Panda jedoch am zweiten Panafrikanischen Kongress teil, einer afro-amerikanischen Initiative unter Leitung des radikalen amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten W. E. B Du Bois. Diese Teilnahme schädigte Pandas Ruf: Die koloniale Presse warf ihm Nationalismus, Bolschewismus und Garveyismus vor. Zu Unrecht. Der Panafrikanismus jener Jahre wollte schwarze Menschen auf der ganzen Welt befreien und emanzipieren. Auf dem Kongress, der eine Woche dauerte und in London, Brüssel und Paris stattfand, widerlegte man den Vorwurf des Bolschewismus. Man wollte nichts anderes als die Gleichheit von Weißen und Schwarzen fördern, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten. Die Delegation besuchte auch das Kolonialmuseum in Tervuren, wo die amerikanischen Teilnehmer sich über die damals bereits riesige Sammlung aufregten, die in ihren Augen zusammengeraubt war. So hatte Paul Panda das bis dahin noch nicht gesehen. Vorsitzender bei den Brüsseler und Pariser Tagungen war Blaise Diagne, ein Senegalese, der bereits seit 1914 einen Sitz im französischen Parlament hatte, als erster Afrikaner überhaupt. Auf Panda muss das enormen Eindruck gemacht haben. Während die französischen Kolonien bereits Volksvertreter nach Paris entsenden durften, konnte man in Belgisch-Kongo nicht mehr werden als Lokführer, Chorknabe, Pfadfinder oder Torwart. &#039;&#039;Chef médaillé&#039;&#039; sein zählte nicht mit, wenn es um politische Teilhabe ging: Das war keine Mitbestimmung, sondern Augenwischerei. Einige Jahre später verkündete er sein ungeschminktes Fazit: »Bis jetzt war die Kolonialisierung des Kongo nur ›Zivilisations‹-Vandalismus zum Vorteil des europäischen Elements.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Mai 1929 kehrte Paul Panda Farnana in die Kolonie zurück. Er ließ sich in seinem Heimatdorf Nzemba nieder, nahe der Küste. Dort gründete er eine kleine Schule und erbaute eine Kapelle. Mit seiner seltenen Kombination aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und Takt hätte er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen für eine gerechtere Kolonialpolitik werden können. Doch kaum ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er in seinem Dorf, unverheiratet und kinderlos. Belgisch-Kongo hatte seine brillanteste Gegenstimme verloren. Er war nur 42 Jahre alt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 5 Die rote Stunde des Einsatzes ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Krieg und die trügerische Stille danach 1940-1955 ===&lt;br /&gt;
Sie standen im Kreis und wiegten sich hin und her. Immer wieder verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen; es war ein Mittelding zwischen bedächtigem Tanzen und Auf-der-Stelle-Marschieren. Die kleine Gruppe von Veteranen schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich sah ihnen zu im Maison des Anciens Combattants von Kinshasa. Ihre nagelneuen Uniformen waren ein Geschenk der belgischen Armee an die gegenwärtigen Streitkräfte. Die Veteranen trugen sie mit Stolz, klatschten in die Hände und sangen mit tiefen Stimmen: &#039;&#039;»Saluti, saluti, pesa saluti, tokopesa saluti na bakonzi nyonso.«&#039;&#039; Ein Marschlied. »Gegrüßt, gegrüßt, Achtung, wir salutieren allen unseren Anführern.« Besagte Anführer, so erklärten sie mir später, waren Belgier. Alle ihre Offiziere waren damals Belgier. &#039;&#039;»Biso baCongolais, biso baCongolais«&#039;&#039;, so ging es weiter, »wir Kongolesen, wir Kongolesen, wir haben unsere Stärke bewiesen. Heute haben wir Sayo erobert.« Ein einfaches, aber ansteckendes Soldatenlied. Wenn man es einmal gehört hat, wird es zu einem Ohrwurm. Ein kongolesischer Soldat schuf es 1941, kurz nach der Eroberung der befestigten Garnisonsstadt Sayo in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Es wurde auf den Ladeflächen der LKW gesungen, mit denen die kongolesischen Soldaten durch die ausgetrockneten, offenen Landschaften des Sudan nach Stanleyville zurückfuhren. Fast siebzig Jahre später kannten die Veteranen es noch immer. Es atmete eine neue Form der Brüderlichkeit. Ja, die Weißen waren in jenen Tagen noch immer ihre Befehlshaber, aber während des Krieges hatte sich doch etwas verändert. Der kongolesische Soldat war sehr stolz darauf, dass er seinen weißen Offizieren die Eroberung von Sayo darbringen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dieser Stolz sollte nicht lange anhalten. Noch viel mehr als der Erste Weltkrieg bewirkte der Zweite Weltkrieg eine Annäherung, auf die Enttäuschung folgte. Ich sprach darüber mit dem 87-jährigen André Kitadi, einem der Männer, die das Lied gesungen hatten. Er war zweiter Vorsitzender des Veteranenvereins 40-45, ein bemerkenswerter Mann mit sanfter Stimme und scharfsinnigem Urteilsvermögen. Sein Büro war leer bis auf einen Schreibtisch aus Metall, eine kongolesische Flagge und eine große Wasserlache. Das Regenwasser vom Vorabend stand noch auf dem Betonfußboden. »Wir haben für Belgien gekämpft, so viel ist gewiss. Die Belgier brauchten uns, um ihre Interessen zu verteidigen. Wir machten mit, weil wir Disziplin besaßen. Wir hatten &#039;&#039;la conscience de la guerre&#039;&#039;.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 Belgien in achtzehn Tagen überrannte, war die rechtliche Stellung von Belgisch-Kongo einige Monate lang unklar. Das lag an dem allgemeinen Debakel im Mutterland. Während die belgische Regierung nach Frankreich und später nach Großbritannien floh und sich auf die Seite der Alliierten stellte, akzeptierte König Leopold III., Großneffe von Leopold II., den deutschen Sieg. Er wurde zum Kriegsgefangenen und befand sich am Ende des Krieges in Deutschland. Auf wen sollte die Kolonialregierung nun hören? Auf den König eines Landes, das nicht mehr als souveräner Staat existierte, aber noch eine Kolonie besaß, oder auf dessen Kolonialminister im Exil, der als Generalverwalter von Belgisch-Kongo galt? In der Kolonie selbst gingen die Meinungen auseinander. Konservative Kräfte wie Monseigneur de Hemptinne, der mächtige Bischof von Katanga, waren monarchistisch gesinnt und fanden sich mit dem deutschen Sieg und der neuen faschistischen Weltordnung ab. Und viele Industrielle hegten ultrarechte Sympathien. Sie wollten weiterhin Rohstoffe nach Deutschland liefern können, was manche im Laufe des Krieges, über den Umweg Portugal, auch taten. Antisemitismus kam hier und da auf. Im Eldorado von Elisabethville war im Laufe der Zeit eine kleine jüdische Gemeinde entstanden. Ihr Rabbiner, der einzige im ganzen Kongo, erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Schaufenster jüdischer Kaufleute mit Hakenkreuzen und Losungen wie &#039;&#039;sale juif&#039;&#039; beschmiert worden waren.2 Letztendlich aber räumte Generalgouverneur Pierre Ryckmans jeden Zweifel aus: Belgisch-Kongo würde sich einmütig für die Seite der Alliierten entscheiden und weiterhin gegen den Faschismus kämpfen. Offiziell war sein Ressort dem exilierten Kolonialminister unterstellt, in der Praxis genoss er jedoch große Autonomie. Sein persönlicher Mut war entscheidender als jede Direktive aus London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die französischen Kolonien schwankten in der Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollten: Die meisten entschieden sich für das kollaborierende Vichy-Regime Pétains, einige schlossen sich de Gaulles Freiem Frankreich an. So wurde der Konflikt zwischen den Alliierten und den Achsenmächten auf den afrikanischen Kontinent ausgedehnt. Deutschland besaß zwar seit 1918 keine Gebiete mehr in Übersee, doch große Teile Afrikas gerieten dennoch in den nationalsozialistischen Einflussbereich. Zudem besaß Deutschlands neuer Bündnispartner Italien Kolonien. Bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert herrschte das Land am Horn von Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland, Gebiete am Roten Meer, deren strategische Bedeutung seit der Eröffnung des Sueskanals zugenommen hatte. 1911 annektierte Italien Libyen, und 1935 rückte Mussolini in das Äthiopien von Haile Selassie ein, das einzige größere afrikanische Land, das nie eine Kolonie gewesen war. Auch diese Fremdherrschaft würde nur ein kurzes Intermezzo sein. Das war unter anderem den Soldaten aus Belgisch-Kongo zu verdanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sich die belgische Exilregierung auf die Seite der Alliierten stellte, bat Churchill um materielle und militärische Unterstützung aus Belgisch-Kongo. In Nordafrika bedrohte Libyen Ägypten (das zwar seit 1922 selbstständig, jedoch in vieler Hinsicht noch von Großbritannien abhängig war), während das Horn von Afrika eine Gefahr für die britischen Kolonien Kenia und Sudan bildete. Von diesen beiden Kolonien aus schickte Churchill eigene Truppen nach Abessinien, doch ab Februar 1941 verstärkte das elfte Bataillon der Force Publique ihre Reihen. Es handelte sich um etwa dreitausend Soldaten und zweitausend Träger. Auf fünfzig Afrikaner kam ein belgischer Offizier. Mit LKW und Booten bewegten sie sich durch den Sudan, wo die Mittagstemperaturen bis auf 45 Grad im Schatten stiegen. Von dort aus fielen sie in den gebirgigen Westen Abessiniens ein. Die LKW wurden übermalt: in die noch nasse grüne Farbe streute man braunen Sand für eine bessere Tarnung. Meist aber mussten die Soldaten in der rauen Gegend zu Fuß gehen. Tagsüber kamen sie vor Hitze fast um, und nachts, in großen Höhen, froren sie erbärmlich. Als einige Wochen später die Regenzeit ausbrach, mussten sie ihr Nachtlager manchmal im Schlamm aufbauen. Städtchen wie Asosa und Gambela konnten sie relativ leicht einnehmen. Nach kurzen, allerdings heftigen Feuergefechten traten die italienischen Truppen den Rückzug an. Ihre Offiziere machten sich nicht einmal die Mühe, Säbel und Tennisschläger mitzunehmen. Viel schwieriger gestaltete sich die Sache in Sayo, einer wichtigen italienischen Garnisonsstadt an der Grenze zum Sudan. Nach heftigem Beschuss am 8. Juni 1941 baten die demoralisierten Italiener um einen Waffenstillstand, obgleich sie zahlenmäßig und militärisch überlegen waren. Die belgischen Befehlshaber erklärten sich unter der Bedingung einer vollständigen Kapitulation einverstanden. Gleich neun italienische Generäle wurden gefangen genommen, darunter Pietro Gazzera, der Oberbefehlshaber der italienischen Truppen in Ostafrika, und Graf Arnocovaldo Bonaccorsi, der Generalinspekteur der faschistischen Milizen, die im Spanischen Bürgerkrieg Mallorca terrorisiert hatten. Außerdem gerieten 370 italienische Offiziere (darunter 45 hochrangige) in Kriegsgefangenschaft, neben 2574 Unteroffizieren und 1533 einheimischen Soldaten. Noch einmal 2000 irreguläre einheimische Kämpfer wurden nach Hause geschickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Einnahme von Sayo war vor allem materiell und strategisch von großer Bedeutung. Die Force Publique erbeutete achtzehn Geschütze mit fünftausend Kartuschen, vier Mörser, zweihundert Maschinengewehre, 330 Pistolen, 7600 Gewehre, fünfzehntausend Granaten und zwei Millionen Patronen. Ferner beschlagnahmten Belgier und Kongolesen zwanzig Tonnen Funkmaterial einschließlich drei vollwertiger Sendestationen, zwanzig Motorräder, zwanzig Autos, zwei Panzerwagen, zweihundertfünfzig LKW und – nicht unwichtig im Hochland – fünfhundert Maulesel. Hier wurde eine Armee aufgelöst, so viel war deutlich. Es war der wichtigste belgische Sieg gegen den Faschismus und zugleich der größte militärische Triumph, den belgische Truppen jemals verzeichnen konnten. Den schwersten Tribut zahlten jedoch die Kongolesen. Unter den Belgiern gab es vier Gefallene und sechs Schwerverletzte, unter den Afrikanern zweiundvierzig Tote; fünf Soldaten waren vermisst und 193 erlagen Krankheiten oder Verwundungen. Unter den Trägern gab es 274 Todesfälle; sie starben vorwiegend an Erschöpfung und Dysenterie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser abessinische Feldzug der Force Publique trug zur Rückkehr von Haile Selassie bei. Nur fünf Jahre lang war Äthiopien eine Kolonie gewesen, von 1936 bis 1941, nun wurde das jahrhundertealte Kaiserreich wiederhergestellt. Nicht viel später würden aus diesen Gründen die Rastafaris auf Jamaika beginnen, Kaiser Haile Selassie als Gottheit zu verehren. Diesen göttlichen Status verdankte er jedoch eher dem Militär als der Metaphysik. Es waren kongolesische Soldaten gewesen, die in Äthiopien Orte wie Asosa, Gambela und vor allem Sayo befreit hatten. Der belgische Kolonialismus hat also indirekt zur spirituellen Dimension des Reggae beigetragen. Was Tabora für den Ersten Weltkrieg war, wurde Sayo für den Zweiten Weltkrieg: ein glorioser Sieg, der die Truppenmoral stärkte. Und es war auch etwas Besonderes: Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein afrikanisches Land von afrikanischen Soldaten selbst entkolonisiert. »Wir haben nur Weiße gesehen«, sagte Louis Ngumbi, ein Kriegsveteran aus dem Osten des Kongo, »wir haben nur auf Weiße geschossen.«3 Das war etwas übertrieben, aber dass die Force Publique mehrere tausend weiße Soldaten, darunter neun Generäle, gefangen nahm, imponierte allen sehr. Sayo prägte sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation Soldaten ein. André Kitadi, der zweite Vorsitzende des Veteranenvereins, hatte die Zahlen der Kriegsgefangenen noch im Kopf: »In Abessinien nahmen wir neun italienische Generäle gefangen, neben 370 italienischen Offizieren, zweitausendfünfhundert Soldaten und fünfzehntausend Einheimischen.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kitadi hatte sich 1940 zur Armee gemeldet. Der Krieg hatte damals schon begonnen, aber das kümmerte ihn nicht. In der Armee bekam man eine gute Ausbildung. Er wurde Telegraphist. Während des Feldzuges in Abessinien war er in der Provinz Orientale, an der Grenze zum Sudan, abrufbereit. Doch zum Einsatz kam es nicht. Als die Truppen singend zurückkehrten und von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden, wurde er nach Boma versetzt. Dort sollte er nicht lange bleiben. Da das Horn von Afrika nun gefallen war, richteten sich die Alliierten auf West- und vor allem auf Nordafrika. Im Herbst 1942, als Marokko und Algerien von Pétain zurückerobert wurden, ging er an Bord eines Postschiffes, das ihn und seine Kameraden nach Lagos in Nigeria brachte. Von dieser britischen Kolonie aus sollte der Kampf gegen Dahomey (heute: Benin) beginnen, eine französische Kolonie, die noch dem Vichy-Regime gehorchte. »Die Schiffsreise dauerte vier Tage. Wir kamen in Lagos an und wurden zu einer Kaserne gebracht, dreihundert Kilometer entfernt. Dort wurden wir trainiert. Sechs Monate lang.« Die Männer der Force Publique kamen mit den britischen Kolonialtruppen in Kontakt. Kitadi bekam sogar eine britische Uniform, obwohl er weiter unter belgischem Kommando stand. Anfang 1943 erhielt er seine Marschbefehle. Dahomey hatte sich, nach den Erfolgen der Alliierten in Französisch-Nordafrika, auf de Gaulles Seite geschlagen. Das letzte deutsch-italienische Bollwerk in Afrika war Libyen. Von dort aus beschoss General Rommel Ägypten, um zum Sueskanal vorstoßen zu können. Die Alliierten wollten das um jeden Preis verhindern und verstärkten ihre Truppen in Ägypten. Kitadi musste versuchen, Ägypten von Nigeria aus zu erreichen. Doch das war gar nicht so einfach, solange Italien das Mittelmeer kontrollierte. Dann eben über den Landweg? Quer durch Afrika? Das Nachbarland Tschad, eine französische Kolonie, wurde in jener Zeit von einem schwarzen Gouverneur verwaltet, Félix Éboué. Er unterstützte de Gaulle und gestattete den Durchzug alliierter Truppen über sein Territorium. Nur bedeutete das einen sehr langen Weg durch die Wüste . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zehn, vielleicht fünfzehn Kolonnen machten sich auf den Weg. Eine Kolonne bestand aus hundertfünfzig LKW. Ein belgischer Offizier und ein Funker gehörten jeweils dazu. Ich war so ein Funker. Als &#039;&#039;opérateur&#039;&#039; war ich für die Verbindung mit den anderen Kolonnen zuständig. Wir zogen von Nigeria aus in den Sudan und durchquerten die große Nubische Wüste. Nach dem Kompass. Den Durchzug durch die Wüste werde ich nie vergessen. Es gab Sandstürme, manchmal konnte man eine Stunde lang nichts mehr sehen. Wenn sich der Sand erwärmte, sah man Dinge, die es nicht gab. Wir haben mehr als einen Monat gebraucht. Manchmal kamen wir nur zwanzig Kilometer am Tag voran. Es gab auch Schluchten. Dort kam es zu Unfällen . . . Wir lebten von Keksen und Corned Beef in Dosen. Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag. Viele wurden krank . . . Von den zweitausend Soldaten sind zweihundert unterwegs gestorben . . . Wir haben wie die Tiere gelebt, wir konnten uns nicht waschen . . . Der ganze Weg von Lagos nach Kairo hat uns drei Monate gekostet. Wir sind damals Tausende Kilometer gefahren.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stockte. Schwieg. Noch nie hatte ich von dieser heroischen Saharadurchquerung gehört. Ich fragte ihn, ob er seine Geschichte jemals hatte aufzeichnen lassen. »Nein«, sagte er, »es ist das erste Mal, dass sich ein Weißer dafür interessiert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab natürlich noch eine andere Möglichkeit, Ägypten zu erreichen. Martin Kabuya, der 92-Jährige, dessen Großvater dabei gewesen war, als Tabora 1916 eingenommen wurde, schlug diesen anderen Weg ein. Auch er war in Nigeria stationiert, auch er war Funker. Er war noch immer eine imposante Erscheinung, doch seine Stimme war dünn und brüchig geworden. Er flüsterte mir seine Geschichte zu. »Ich war sehr, sehr gut im Morsen. &#039;&#039;Tititiii-ti&#039;&#039;. Ich machte nie Fehler, sogar rein nach Gehör. Wenn man das kann, ist der Rest einfach. Am 24. März 1943 musste ich mich einschiffen, auf einem holländischen Handelsschiff, der Duchesse de Ritmond. Wir fuhren über den Atlantik nach Südafrika. Dort mussten wir ums Kap der Guten Hoffnung fahren, und dann zum Golf von Aden und zum Roten Meer bis zum Sueskanal. Es waren bestimmt hundert Schiffe. Vor Südafrika wurden manche von japanischen Flugzeugen angegriffen. Auf einem anderen Schiff gab es siebenundzwanzig Tote. Die Soldaten schliefen zusammengepfercht unter Deck. Schlimme Umstände.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ägypten nahmen Kitadi und Kabuya an den Kriegshandlungen teil. André Kitadi lag, wie er erzählte, »ein Jahr lang« in dem wüstenähnlichen Gebiet bei Alexandria; von dort aus wurden feindliche Stellungen und Flugzeuge beschossen. Die Gefahr kam aus Libyen und Sizilien. »Am Tag war es glutheiß, nachts mussten wir Handschuhe tragen gegen die Kälte. Sonntags durften wir kurz in die Stadt, nach Alexandria, aber die war von den Deutschen bombardiert worden. Es gab wahnsinnig viele Fliegen.« Martin Kabuya war in Camp Geneva, einem großen Militärstützpunkt in der Nähe des Sueskanals, wo er Morsenachrichten des Feindes auffangen und decodieren musste. »Ich war in der &#039;&#039;Section d&#039;écoute&#039;&#039;, wir hörten Meldungen über ihre Truppenbewegungen ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg brachte sie mit anderen Völkern in Kontakt: mit britischen Offizieren, nigerianischen Soldaten, Arabern, deutschen und italienischen Kriegsgefangenen. Die geschlossene Welt der Kaserne in Belgisch-Kongo lag weit hinter ihnen. Kitadi sagte: »Es gab sehr viele italienische Kriegsgefangene in Alexandria. Wir hielten sie in der Wüste hinter Stacheldraht, aber sie gruben Tunnel. Ein Stück weiter lag unser Munitionsdepot. Die Araber wollten unsere Munition stehlen. Sie sind große Diebe«, sagte er amüsiert. Auch Kabuya sah Kriegsgefangene. »Einmal kam ein deutscher Kriegsgefangener auf mich zu, ein großer SS-Mann, bestimmt zwei Meter lang. Er war an einen Revolver gekommen. Ich habe ihm das Bajonett in den Bauch gestoßen. Unsere Bajonette waren vergiftet. Es waren sehr gute Waffen. Dieser SS-Mann war mein einziger Toter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Krieges wurden beide noch per LKW nach Palästina gebracht, aber dort ging es ruhiger zu. Es mussten höchstens ein paar Grenzen in der Gegend von Haifa bewacht werden. Die größte Gefahr, in die Kitadi dort geriet, war eine Lebensmittelvergiftung, wegen der er im Krankenhaus von Gaza landete: Er hatte gegrilltes Fleisch gegessen, das verdorben war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitwirkung der Force Publique an den Feldzügen der Alliierten ist nahezu unbekannt. Zahlenmäßig handelte es sich um erheblich weniger effektive Beiträge als während der Feldzüge des Ersten Weltkrieges. Die LKW ersetzten größtenteils die Zehntausende Träger von damals. Deshalb schwindet selbst im Kongo die Erinnerung daran rapide. In Kinshasa, einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, sind nur noch eine Handvoll Veteranen am Leben. Einer von ihnen ist Libert Otenga, ein Mann, der noch immer »We&#039;re going to hang out the washing on the Siegfried Line« aus voller Brust singen kann. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er einer der sehr wenigen ist, die zum »Belgischen Feldhospital« gehörten. Diese mobile Sanitätseinheit aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern unternahm im Laufe des Weltkrieges eine unglaubliche Odyssee zu weit entfernten Schlachtfeldern, die irgendwo im Urwald von Burma, dem heutigen Myanmar, endete. Belgisch-Kongo half den Briten nicht nur militärisch und materiell, sondern auch medizinisch. Das »Belgische Feldhospital« war als »the 10th BCCCS« bekannt, &#039;&#039;the tenth Belgian Congo Casualty Clearing Station&#039;&#039;. Es besaß zwei Operationszelte und ein Zelt für Röntgenaufnahmen. In den anderen Zelten konnten dreißig Patienten in Betten versorgt werden und zweihundert auf Tragbahren. Im Laufe des Krieges behandelte die Einheit siebentausend Verwundete und dreißigtausend Kranke. Auf dem Höhepunkt bestand sie nur noch aus dreiundzwanzig Belgiern, darunter sieben Ärzten, und dreihundert Kongolesen.7 Libert Otenga war einer von ihnen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, konnte er sich noch gut an diese Zeit erinnern. Seine Stimme schallte wie eine Sturmglocke, und er sprach in kurzen, knappen Sätzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war medizinischer Assistent. 1942 ging ich zur Armee. Unser erster Einsatz war in Somalia. Dort arbeitete ich mit einem belgischen Chirurgen. Thorax, Abdomen, Knochen. Wir operierten alles. Danach gingen wir mit britisch-belgischen Truppen nach Madagaskar. Dort waren deutsche Kriegsgefangene. Der Deutsche ist ein Spezialfall! Wirklich! Einer von ihnen benötigte dringend eine Bluttransfusion, und Dr. Valcke, einer der belgischen Ärzte, wollte ihm Blut spenden. Aber er weigerte sich! Blut von einem Alliierten, davon wollte er nichts wissen. Und von einem Schwarzen schon gar nicht. Er wollte seine Ehre retten, wir sein Leben. &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, als er schlief, haben wir ihm dann das Blut doch einfach übertragen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste noch immer herzhaft darüber lachen. Ich wusste nicht, dass Kriegsgefangene unter dem Schutz der Dritten Genfer Konvention ein Recht auf humane Behandlung sogar gegen ihren Willen hatten. Aber er marschierte unbeirrbar weiter durch sein Gedächtnis. »Von Madagaskar fuhren wir mit dem Schiff nach Ceylon. Nach Colombo. Das Lazarett und die Armee wurden dort reorganisiert. Ein Schiff brachte uns dann nach Indien.« Das muss zum Flussdelta des Ganges gewesen sein, heute Bangladesch. »Dort stiegen wir auf ein anderes Schiff um, ein Binnenschiff. Damit fuhren wir den Brahmaputra flussaufwärts. Als wir an Land gingen, mussten wir noch ein ganzes Ende zu Fuß weiter bis zur Grenze mit Burma.« Dort war damals der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen japanischen und antifaschistischen Streitkräften, darunter die Briten. Japan hatte das Land 1942 erobert. »Der Grenzübergang hieß Tamu. Wir stießen nach Burma vor und gelangten ins Chindwin-Tal. Wir folgten dem Chindwin-Fluss bis nach Kalewa. Dort bauten wir unser Lazarett auf.« Otenga kannte alle Ortsnamen noch auswendig. Er buchstabierte sie sogar für mich, in militärischem Stakkato. »Ka-le-wa, hast du das notiert? Dort haben wir Kranke versorgt. Soldaten und Zivilisten. Viele mit Schusswunden. Ich erinnere mich an einen englischen Soldaten, der Schrapnellgeschosse in den Bauch bekommen hatte. Solche Sachen.« Dass sich kongolesische Sanitäter im asiatischen Urwald um Burmesen und &#039;&#039;tommies&#039;&#039; kümmerten, ist ein völlig unbekanntes Kapitel in der Kolonialgeschichte, das bald völlig in Vergessenheit geraten sein wird. »In Burma haben wir uns am längsten aufgehalten. Wir führten dort komplizierte Operationen aus. Wir hatten sogar ein Ambulanzflugzeug. Unsere Rettung war schließlich die Atombombe! Die Japaner mussten aus Burma abziehen.«8 Und um diesen Sieg zu unterstreichen, sang er noch einmal das Lied über die &#039;&#039;Siegfried Line&#039;&#039;, den Westwall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oberst Paul Tibbets wird daran nicht gedacht haben, als er auf den Knopf drückte. Es war der 6. August 1945. Sein Flugzeug hieß Enola Gay. Die Stadt unter ihm würde wenige Sekunden später keine Stadt mehr sein, sondern ein Name: Hiroshima. Er wird nicht daran gedacht haben, dass das, was er als Amerikaner über Japan abwarf, faktisch aus dem Kongo kam. Die ersten amerikanischen Atombomben enthielten Uran aus den Minen von Katanga. Als die Nachricht von der schrecklichen Verwüstung auch das Landesinnere von Burma erreichte, wusste Libert Otenga nicht, dass er seine »Rettung« einem Erz verdankte, das zu den Bodenschätzen seines Landes gehörte. Auch im Kongo hatten die Arbeiter in der Mine von Shinkolobwe nie ahnen können, dass das bleischwere, gelbe Gestein, das sie ausgruben, nach der Weiterverarbeitung zu sogenanntem &#039;&#039;yellow cake&#039;&#039; auf der anderen Seite des Planeten zu so viel Zerstörung führen konnte. Niemand wusste davon. Unter größter Geheimhaltung hatte Edgar Sengier, damals Direktor der Union Minière, dafür gesorgt, dass die Uranvorkommen des Kongo nicht in die falschen Hände fielen. Shinkolobwe war die wichtigste Lagerstätte der Welt. Als die Bedrohung durch die Nazis ernster wurde, hatte er direkt vor dem Krieg 1250 Tonnen Uran, die Ausbeute von drei Jahren, von Katanga nach New York verschiffen und die Mine fluten lassen. Nur ein kleiner Vorrat, der in Belgien lagerte, fiel den Deutschen in die Hände. Wie man Uran für militärische Zwecke genau einsetzen konnte, war noch unbekannt (man benutzte es damals hauptsächlich als Färbemittel in der keramischen Industrie), doch die Kernphysik hatte Ende der dreißiger Jahre darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine unaufhaltsame Kettenreaktion entfesselt werden könne. Einstein erwog, die belgische Königin Elisabeth zu informieren – er kannte sie und teilte ihre Liebe zur Musik –, beschloss dann aber, den belgischen Botschafter in New York und schließlich Präsident Roosevelt persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Als das Manhattan-Projekt 1942 startete, machten sich die amerikanischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten, auf die Suche nach hochwertigem Uran. Das kanadische Erz, das ihnen zur Verfügung stand, hatte nämlich einen sehr niedrigen Urangehalt. Zu ihrer Verwunderung stellte sich heraus, dass in den Archer Daniels Midland Warehouses, einem Lagerhaus im Hafen von New York, ein riesiger Vorrat von höchster Qualität lagerte. Daraufhin kam es zu harten Verhandlungen mit Belgien, das bei dem Deal 2,5 Milliarden harte Dollar verdiente, womit der Wiederaufbau finanziert werden sollte. Außerdem erhielt Belgien Zugang zur Nukleartechnologie. Es entstand ein Forschungszentrum im flämischen Mol und ein kleiner Kernreaktor in Kinshasa, der erste in Afrika.9 Die Amerikaner unterstützten auch den Bau von zwei großen Militärflughäfen im Kongo, einen an der Küste in Kitona und einen in Kamina in Katanga. Nochmals: Während des Zweiten Weltkrieges wusste fast niemand im Kongo von all dem. Doch die strategische Bedeutung des Urans war der Grund für das außerordentliche Interesse der USA am Kongo, ein Interesse, das in den Kriegsjahren begann, in den Jahren rund um die Unabhängigkeit bestimmend war und bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 andauern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es ging nicht allein um Uran. Für die Allierten war der Kongo einer der wichtigsten Rohstofflieferanten bei ihrem Kampf gegen Deutschland, Italien und Japan. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour eroberten die Japaner Anfang 1942 große Teile Südostasiens: Indonesien, Singapur, Malaysia und Burma. Dadurch kamen die Importe aus diesen Ländern für die Alliierten völlig zum Erliegen. Der Kongo sollte einen Teil davon ausgleichen. Die Erze und Rohstoffe waren erneut sehr begehrt. Kupfer wurde für die Ummantelungen von Kugeln und Granaten benötigt. Wolfram wurde in Panzerabwehrgeschützen verarbeitet. Zinn und Zink dienten zur Herstellung von Bronze und Messing. Sogar pflanzliche Produkte wie Kautschuk, Kopal, Baumwolle und Chinin hatten strategischen Wert. Palmöl wurde zu Sunlight-Seife verarbeitet, aber auch in der Stahlindustrie verwendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren also nicht nur kongolesische Soldaten, die ihren Beitrag zum Kriegseinsatz der Alliierten leisteten. Auch Bergleute, Fabrikarbeiter und Tagelöhner auf den Plantagen mussten ihr Letztes geben. Wie im Ersten Weltkrieg lief die kongolesische Wirtschaft auf Hochtouren. Die Zahl der Arbeitnehmer stieg von einer halben Million 1939 auf achthunderttausend 1945, vielleicht sogar auf eine Million.10 Der Kongo wurde nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land südlich der Sahara. Nach dem Ersten Weltkrieg waren auch Textilfabriken, Seifensiedereien, Zuckerraffinerien, Zementwerke, Brauereien und Tabakfabriken hinzugekommen. Doch die brummende Industrie brachte nicht sofort Wohlstand mit sich. Wegen des Krieges erreichten immer weniger Warenlieferungen die Kolonie. Es gab keine Stoffe, keine Werkzeuge, keine Medikamente. Die Ärzte hatten das Land verlassen, die Krankenhäuser hatten keine Vorräte, auf den Flüssen fuhren viel weniger Schiffe. Je kleiner das Angebot, desto höher natürlich die Preise. Und da die Löhne einer festen Regelung unterlagen und nicht erhöht wurden, sank die Kaufkraft der durchschnittlichen Arbeitnehmer dramatisch.11 In dem weitab gelegenen Elisabethville, das stark auf Importe angewiesen war, stieg der Preis eines Coupons Stoff aus Léopoldville um mehr als 400 Prozent. Importstoffe aus Großbritannien und Brasilien verteuerten sich sogar um bis zu 700 Prozent.12 Eine Decke war nun in der kleinen Minenstadt Jadotville viermal so teuer.13 Das war misslich, denn die katangesischen Nächte können kühl sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser dramatischen Inflation konnten soziale Proteste nicht ausbleiben. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Krieges kam es zu Streiks und Aufständen. Im November 1941 versuchten Grubenarbeiter in Manono, in Nord-Katanga, während eines Streiks die belgische Flagge herunterzuholen und durch eine schwarze Fahne zu ersetzen. Die Männer trugen eine Krone aus Palmzweigen. Die meisten von ihnen waren Anhänger des Kitawala-Glaubens. Sie hatten alle ihre Ziegen und Hunde getötet, weil sie davon überzeugt waren, dass eine neue Welt heraufdämmerte.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Monat später kam es in Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, zu großen Protestaktionen. Weiße Beschäftigte der Union Minière, die sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen hatten, protestierten gegen die historisch niedrige Kaufkraft, und ihr Unmut sprang auf die Camps der schwarzen Arbeiter über. Auch dort forderte man eine kräftige Lohnerhöhung. Sozialer Protest nahm hier nicht die Form einer religiösen Erweckung (wie bei Simon Kimbangu 1921) oder ethnischen Revolte (wie bei den Pende 1931) an, sondern drückte sich 1941 in einer transparenten und sehr begreiflichen Lohnforderung aus. Dennoch reagierten die kolonialen und industriellen Mächte auf altmodische Weise. Gewerkschaften für Einheimische waren noch immer verboten. Am wichtigsten Tag des Streiks strömten die Arbeiter auf dem Fußballplatz der Stadt zusammen. Mehr Symbolkraft war kaum denkbar: Der Fußballplatz, der Ort, der die Funktion hatte, die Masse zu disziplinieren, wurde nun zu einem Ort des Volksprotestes und der blutigen Unterdrückung. Amour Maron, der Provinzgouverneur von Katanga, versuchte zusammen mit dem Personalchef der Union Minière die Streikenden zu beschwichtigen, doch die gaben sich nicht geschlagen. Ihr Anführer war Léonard Mpoyi, ein Büroangestellter, der studiert hatte. Einer der Streikenden berichtete später: »Maron sagte: ›Geht wieder an die Arbeit. Wir haben alle eure Löhne erhöht.‹ Wir sagten nein. Die Leute fingen an zu schimpfen und zu schreien. Maron fragte erneut Léonard Mpoyi: ›Du willst nicht gehen?‹ Léonard Mpoyi antwortete: ›Ich weigere mich. Wir wollen erst einen Beweis, ein schriftliches Dokument, in dem steht, dass der Betrieb unsere Löhne erhöht hat.‹« Ein solches Dokument erhielten die Arbeiter nicht. Es brach Panik aus, und die Soldaten der Force Publique traten in Aktion. »Maron gab den Soldaten den Befehl, auf die Arbeiter zu schießen. Die Soldaten führten ihn aus und schossen gnadenlos.«15 Es gab mindestens sechzig Tote und hundert Verletzte. Das erste Opfer war Léonard Mpoyi selbst.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die blutige Niederschlagung des Streiks prägte sich tief ein in Elisabethville. André Yav, der ehemalige Boy, den wir schon vorher zu Wort kommen ließen, schrieb darüber in seiner eigenwilligen Geschichte: »Es war ein Jahr tief im Krieg von 1940 bis 1945. Viele, viele Menschen starben. Sie starben für höhere Monatslöhne. An diesem Tag gab es viel Kummer bei den Leuten von Elisabethville wegen des bwana Gouverneur.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der große Streik von Elisabethville war ein Markstein in der Sozialgeschichte des Kongo, denn er war die erste öffentliche Äußerung von städtischem Protest. Elisabethville war die zweitgrößte Stadt des Landes und der wirtschaftliche Motor des ganzen Kongo. Die Union Minière war das Flaggschiff der kolonialen Industrie, allerorts gelobt wegen seiner großzügigen sozialen Leistungen. Aber die paternalistische Politik, die trotz der veränderten Situation im alten Trott weitermachen wollte, stieß nun doch auf Grenzen. Man ließ sich nicht alles gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges kursierten in den einfachen Vierteln von Léopoldville einige Legenden, die bei all ihrem Erfindungsreichtum dennoch sehr aufschlussreich für die Haltung gegenüber der weißen Vorherrschaft waren. Es gab die Legende von Mundele-Mwinda, dem »weißen Mann mit dem Licht«, einem imaginären Europäer, der nachts mit einer magischen Taschenlampe durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Schwarzen. Wer in das Lichtbündel geriet, war sofort gelähmt. Mundele-Mwinda nahm ihn dann mit zu Mundele-Ngulu, einem anderen grauenhaften Wesen. Dieser weiße Schweinehirt (&#039;&#039;ngulu&#039;&#039; bedeutet »Schwein« im Lingala) mästete das Opfer, bis es zu einem Schwein wurde. »Und aus dem Fleisch von diesem Schwein wurden Würste und Schinken gemacht, von denen sich die Weißen im Krieg ernährten.«18 Dass Eltern solche Geschichten ihren Kindern erzählten, um sie nachts von der Straße fernzuhalten, illustriert, wie wenig positiv das Bild des Weißen noch war. Es war eine perfekte Umkehrung der Figur des »Schwarzen Piet« als Kinderschreck im katholischen Belgien jener Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch Erwachsene schenkten solchen Legenden Glauben. Unter dem Einfluss von volkstümlichen Geschichten über bösartige Weiße suchten Menschen ihr Heil bei messianischen Religionen; aus den Geschichten sprach großer Argwohn gegen die Kolonialherrscher. In der Kaserne von Luluabourg kam es im Februar 1944 zu einer Meuterei. Der Anlass war bizarr: ein Impfstoff. Als Truppensanitäter die Soldaten impfen wollten, verbreitete sich das Gerücht, es sei eine List der Weißen, um sie auszurotten. Sehr viele Soldaten kündigten den Gehorsam, verließen die Kaserne und verbreiteten sich über ein sehr großes Gebiet. Meuterer und Zivilisten begannen zu plündern. Finanzämter, Speicher und einige Häuser von Weißen wurden verwüstet. Es folgte eine gnadenlose Bestrafung. Dass ein unmotiviertes Gerücht zu so weitreichenden Protesten führen konnte, zeigt, wie tief das Misstrauen saß.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts kehrte gegen Ende des Krieges die soziale Unruhe mit aller Heftigkeit zurück. Im Frühjahr 1944 gab es in der Kivu-Provinz in der Gegend um Masisi einen sozial-religiösen Aufstand von Kitawala-Anhängern. Viele der Rebellen arbeiteten in der Goldgewinnung. Drei Weiße verloren das Leben, Hunderte Schwarze wurden getötet, der Anführer der Revolte wurde gehängt. Im November 1945 legten in Léopoldville fünf- bis sechstausend Arbeiter und Boys die Arbeit nieder. Die Eisenbahner verbreiteten die Nachricht bis in die Hafenstadt Matadi. Die Dockarbeiter schlossen sich an. Sie schraubten die Bolzen von den Eisenbahnschienen ab und kappten die Telefonleitungen. Fünfzehnhundert Streikende zogen durch die Stadt, bewaffnet mit Eisenstangen, Hämmern und mit Nägeln gespickten Knüppeln. Eine unbekannte Anzahl von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden von Ordnungstruppen getötet. Das Militär besetzte die Stadt, abends und nachts herrschte Ausgangssperre. In den folgenden Tagen war das Gefängnis von Matadi so überfüllt, dass mehrere Aufständische erstickten.20 Die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach führten im Kongo nicht zu einem Gefühl der Befreiung. Als Brüssel im September 1944 befreit worden war, hatten die Kongolesen noch auf den Straßen Léopoldvilles getanzt. Sie hatten gehofft, dass alles anders werden würde. Doch die Euphorie hielt nicht an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten flehten die Arbeiter um Lohnerhöhungen, aber auch tief im ruhigen Binnenland war der Krieg zu spüren. Neben der militärischen Mobilmachung, die die jungen Männer aus ihren Dörfern holte, gab es eine sehr einschneidende zivile Mobilmachung. Alle Dörfer mussten einen Beitrag zum sogenannten &#039;&#039;»effort de guerre&#039;&#039;« leisten. Die Zahl der Tage, an denen man für den Staat arbeiten musste, verdoppelte sich von 60 auf 120. Dadurch gerieten insbesondere die Kleinbauern in Schwierigkeiten. Vor allem im Äquatorialwald fiel diese »Kriegsanstrengung« sehr schwer. Straßen durch große Sümpfe mussten angelegt und Brücken über breite Flüsse gebaut werden. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, Palmfrüchte und Kopalharz zu sammeln und sogar wieder Kautschuklianen anzuzapfen. 1939 produzierte der Kongo nur noch 1142 Tonnen Kautschuk, einen Bruchteil dessen, was während des Kautschukbooms hervorgebracht worden war, doch 1944 waren es 11.337 Tonnen.21 Das war eine Verzehnfachung innerhalb von fünf Jahren, mitten im Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein außerordentlich lebendiges Bild, wie der Krieg das Leben der Landbevölkerung prägte, vermitteln die großartigen Kriegstagebücher von Vladi Souchard, Pseudonym von Vladimir Drachoussoff, einem jungen belgischen Landwirtschaftsingenieur mit russischen Wurzeln. Seine Eltern waren während der Oktoberrevolution nach Belgien geflohen; er war damals erst ein paar Monate alt. Ende Mai 1940 ging er als 22-Jähriger in die Kolonie, wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch. Zuerst arbeitete er für eine Zuckerrohrplantage in Bas-Congo, später wurde er Beamter der Kolonialverwaltung. Als junger Agronom reiste er von Dorf zu Dorf, um den &#039;&#039;effort de guerre&#039;&#039; einzutreiben. Er war für einen Bereich in der Provinz Équateur zuständig, im Umkreis des Leopoldsees. Plötzlich war ein Emigrantensohn aus Brüssel für die Landwirtschaft in einem Gebiet von zehntausend Quadratkilometern verantwortlich, einem Gebiet ohne Straßen und Industrie, das manchmal nur aus »einer undeutlichen Mischung von Wasser, Schlamm und Bäumen« bestand.22 Er bewegte sich zu Fuß, per Fahrrad oder Einbaum fort und suchte Dörfer auf, die seit Jahren keinen Vertreter der Kolonialregierung mehr gesehen hatten. Seine Karten waren veraltet, manche Dörfer befanden sich inzwischen an anderen Stellen, und die Übernachtungsmöglichkeiten des Staates waren oft völlig heruntergekommen. Während des Krieges ließ der Nachschub an Kolonialbeamten auf sich warten; von einer Ablösung war nicht die Rede. Vladimir Drachoussoff musste Dorfgemeinschaften befehlen, Reis und Erdnüsse anzubauen und wieder Kautschuk zu ernten. Vor Letzterem schreckten die Menschen zurück. Es handelte sich ja um das Gebiet, in dem &#039;&#039;der »rote Kautschuk«&#039;&#039; die tiefsten Wunden geschlagen hatte. Junge Männer kannten die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Zeugen brauchten nicht einmal zu sprechen. Drachoussoff sah es mit eigenen Augen: »Am Lopori und beim Lac [dem Leopoldsee] habe ich persönlich zwei ältere Schwarze gesehen, denen die rechte Hand fehlte und die jene Zeit nicht vergessen haben.«23 Viele Dorfbewohner behaupteten deshalb, dass es in ihrer Gegend keine Kautschuklianen gebe, dass sie sie nicht kennen würden oder dass die Lianenvorkommen erschöpft seien. So begann &#039;&#039;la dure bataille du caoutchouc&#039;&#039;24&#039;&#039;,&#039;&#039; ein Kampf&#039;&#039;,&#039;&#039; zu dem sich Drachoussoff doch ein paar Randbemerkungen erlaubte: »Mit welchem Recht reißen wir die Kongolesen mit in unseren Krieg? Mit keinem einzigen. Aber Not kennt kein Gebot . . . und der Sieg Hitlers würde hier eine rassistische Tyrannei etablieren, der gegenüber sich die Missstände des Kolonialismus wie Wohltaten ausnehmen würden.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren ambivalente Zeiten, und Drachoussoff wusste das. Er balancierte zwischen Notwendigkeit und Unvermögen, zwischen Weltpolitik und Urwald, zwischen antifaschistischem Engagement und kolonialer Wirklichkeit. Als Agronom in einer Zeit der notorisch unterbesetzten Verwaltung musste er viele Aufgaben erfüllen. Abends notierte er seine Erfahrungen. Es lohnt, ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mittwoch, den 10. November 1943. Mekiri.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr breche ich mit einem geliehenen Fahrrad nach Kundu auf. Zwei Soldaten folgen zu Fuß. Meine Leute gehen mit dem Gepäck nach Mekiri.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme in Kundu kurz vor der Morgendämmerung an und warte, bis es hell wird, während ich ein Stück Brot verzehre. Kurz vor sechs klopfe ich an die Tür des capita [ein kongolesischer Mittelsmann] (. . .) und bitte ihn, alle Männer zusammenzurufen, damit sie mir die Ernte des vergangenen Tages zeigen. Die Dorfbewohner sind so überrascht, dass sie alle erscheinen, sowohl die, die Kautschuk haben, als auch die anderen. Ich spreche ein paar aufmunternde Worte, verhänge drei Bußen und lasse den vier schlimmsten Fällen den Strick um den Hals legen (das ist symbolisch gemeint: tatsächlich knüpft man ein zwanzig Zentimeter langes Stück »kekele« um den Hals, eine sehr stabile Schnur aus Baumrinde, die nicht stört, aber die Festnahme versinnbildlicht). Anschließend breche ich im Triumphzug mit meinen »Knastbrüdern« auf, um die Karawane einzuholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gegend gab es kein Gefängnis. Haft bedeutete, dass man ein paar Tage lang mit dem Kolonialbeamten unterwegs war. Ein Fußmarsch als Strafe, die freie Natur als Freiheitsberaubung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Ngongo begegne ich den Soldaten und übergebe ihnen die Gefangenen. Dem Recht ist Genüge getan, Kundu wird seine Kriegsanstrengung erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz hinter Ngongo hole ich das Ende unserer Karawane ein. Die Etappe ist zwanzig Kilometer lang, mitten durch weite Sandebenen, in denen nur ein paar Borassus-Palmen wachsen und die von mageren Galeriewäldern [Wald an den Ufern eines Flusses] durchzogen sind. Wir kontrollieren die Kautschukproduktion in den Weilern, die wir passieren: Nicht gerade berauschend, und ich fertige mehrere Protokolle an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dorf Mekiri warten die Männer, die gestern Abend bereits benachrichtigt worden sind, mit Kautschukmilch auf uns, weil ich ihnen zeigen will, wie sie sie zum Gerinnen bringen müssen. Ich schicke Faigne und Pionso los, die Felder zu kontrollieren und zu vermessen, während ich meinen kurzen Vortrag halte. Abends, als ein Platzregen unsere Unterkunft heimsucht, wie durch ein Sieb durchs Dach strömt und Betten, Kleidungsstücke und Essen durchnässt, halte ich Gericht und verhänge in schnellem Tempo Strafen oder verkünde Freisprüche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gerichtsverfahren erfordert einen Wust an Papieren. Ich bin als Polizeirichter mit begrenzten Befugnissen eingesetzt (das heißt, ich kann nur bei wirtschaftlichen Straftaten Urteile sprechen) und als ambulanter Gefängniswärter (das heißt, ich darf die von mir Verurteilten veranlassen, mich zu begleiten). Die Höchststrafe beträgt sieben Tage für die Unterlassung von Arbeiten mit erzieherischem Charakter, das Fällen von unter Naturschutz stehenden Bäumen und für Jagdvergehen, und dreißig Tage für die unterlassene Leistung der Kriegsanstrengung. Ich bin selbstverständlich auch noch polizeilicher Ermittlungsbeamter mit begrenzten Befugnissen kraft meines Amtes als Distrikts-Agronom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren erfordert, dass ich erst ein Protokoll aufnehme in meiner Funktion als polizeilicher Ermittler und dass ich dann als Polizeirichter auftreten muss. Nachdem ich die Rollen gewechselt habe, fälle ich das Urteil nach einem Verhör, das oft schlichtweg surrealistisch anmutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann muss sich verantworten, weil er keine zehn Ar mit Erdnüssen bepflanzt hat. Entweder er hat einen stichhaltigen und nachprüfbaren Rechtfertigungsgrund und ich schicke ihn nach Hause (manche Staatsanwälte fordern sogar, dass wir dann noch ein Urteil mit Freispruch fällen . . .), oder er behauptet einfach irgendetwas. Das führt zu folgendem Dialog, der gewissenhaft protokolliert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Warum hast du keine Erdnüsse angepflanzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Weil ich krank war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Zwei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Du hattest drei Monate Zeit, dein Feld zu bestellen. Es sind nicht die beiden Tage, die dich daran gehindert haben, deine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Das stimmt, Weißer. Aber da ist noch was anderes . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Die zweite Frau meines Vaters hat ein Kind bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber Himmel, es ist unmöglich, die Gebräuche der dreißig oder vierzig Völker des Sees zu kennen, aber die Feste bei der Geburt eines Kindes dauern keinesfalls ein paar Wochen. Also weiter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, das sind dann fünf Tage Kittchen für dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Ja, Weißer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche beschweren sich. Andere sind geradeheraus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na nini asalaki bilanga te? (Warum hast du die Felder nicht bestellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na koï-koï (Aus Faulheit) . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die würde ich gern einfach freisprechen, aber dann würden mir morgen alle dieselbe Antwort geben.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff war Teil der Kolonialverwaltung, konnte sich aber, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, auch in die Perspektive der Einheimischen einfühlen. Die Menschen hätten genug am Wald und an den Flüssen, konstatierte er, Geld interessiere sie nicht besonders. »Da die Region selten kontrolliert wird, ziehen die meisten Bauern es vor, acht Tage leichte Haft zu erdulden und dafür dreihundertsiebenundfünfzig Tage in Ruhe und Frieden zu leben. Kann ich es ihnen verdenken?«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon im neunzehnten Jahrhundert zwang die Nachfrage nach Kautschuk Menschen, tiefer in den Regenwald vorzudringen, trotz der Gefahr durch Raubtiere und Tsetsefliegen. Die Schlafkrankheit, die als Epidemie bezwungen war, forderte erneut viele Opfer. Womöglich ein Fünftel der Bevölkerung des Äquatorialwaldes wurde infiziert. Viele litten auch unter Darmparasiten, da sie fern von zu Hause ihren Durst nur mit brackigem Sumpfwasser stillen konnten.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ausgesprochen spannend, da hier ein Vertreter der Kolonialmacht zu Wort kommt, dessen Weltbild ins Wanken geraten ist. Während die meisten Weißen einfach das Ende des Krieges abwarteten, um ihr Leben danach wie gewohnt weiterzuführen, hatte er erkannt, dass »die Schwächung Europas unweigerlich Zentrifugalkräfte auslösen wird«.29 Es würde nie mehr wie vorher werden. Verzweiflung kam in ihm auf. Als Kind russischer Emigranten besaß er viel feinere Antennen für jähe historische Umbrüche als der durchschnittliche Belgier. Die brillanteste Passage in seinem Tagebuch war geradezu prophetisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen wir hier eigentlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zivilisieren« im Namen einer Zivilisation, die zerfällt und nicht mehr an sich glaubt? Christianisieren? (. . .) Aber warum sind wir dann hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir bringen Frieden und bewahren ihn, wir überhäufen das Land mit Straßen, Plantagen, Fabriken, wir bauen Schulen, wir sorgen für eine medizinische Betreuung. Als Gegenleistung nutzen wir ihre Bodenschätze und ihr Land und lassen sie für uns arbeiten, gegen Bezahlung . . . bescheiden allerdings. Leistung und Gegenleistung, aber von einer Seite aufgezwungen: Das ist der ganze Kolonialpakt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und morgen? Was wird das schwarze Baby dann sein, das auf dem Rücken der Mutter festgebunden ist, die an meiner &#039;&#039;barza&#039;&#039; vorbeigeht, dieser junge Spross des kolonisierten Afrika? Wird er die Macht aus unseren Händen übernehmen oder sie uns entreißen wollen? Wie fern das heute erscheint, tief in diesem Urwald . . . und doch, es gibt Momente, in denen sich die Geschichte beschleunigt: Als mein Vater ein Kind war, glaubte er ebenso sehr an die Ewigkeit der patriarchalen Welt, die ihn umgab – und das war fünfundzwanzig Jahre vor 1917! Früher oder später – und ich hoffe für den Kongo, dass es nicht zu früh sein wird – wird dort ein Mann aufstehen. Wird es ein &#039;&#039;chef coutumier&#039;&#039; sein, der die modernen Techniken der Machtausübung beherrscht, ohne die traditionellen zu verleugnen? Wird es einer von den kleinen Jungen sein, die »Vers l&#039;avenir« singen bei der Preisverleihung [am Ende des Schuljahrs]? Viele von uns denken heute nicht einmal daran, obwohl unsere Kolonisation weniger danach beurteilt werden wird, was sie geschaffen hat, als danach, was von ihr bleiben wird, wenn sie vorbei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit seinen klarsichtigen Überlegungen fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an – eine Annahme, die bewusst absurd ist –, der Kongo sei im Jahre 1970 unabhängig. Welch ein Berg von Problemen! Wir in Europa hatten nie einen unüberwindbaren Konflikt zwischen unserer gesellschaftlichen Organisation und unseren technischen Errungenschaften: Beide haben sich mehr oder weniger Hand in Hand entwickelt. In Afrika dagegen stößt eine archaische Gesellschaftsform mit der Allmacht einer technischen Zivilisation zusammen, die sie zerfallen lässt, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich tritt der Kongo peu à peu in die Moderne ein. (. . .) Aber geschieht das nicht auf Kosten einer traditionellen Welt, die sich überlebt hat und doch noch immer notwendig und – noch für eine Weile – unersetzbar ist? In wessen Namen? Im Namen der wunderbaren Kultur, deren Früchte wir momentan in Europa pflücken? (. . .) Darum ist es so schwer, ein gutes Gewissen zu behalten. Indem wir nichts als wir selbst sind, zerstören wir Traditionen, die manchmal grausam, aber ehrwürdig waren, und bieten als Ersatz nur weiße Hosen und schwarze Brillen an, nebst etwas Wissen und einem unermesslichen Warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Schulbildung denn keine Form der Emanzipation? Führte die Kolonisation denn nicht zu einem langsamen Erwachsenwerden, wie die koloniale Dreifaltigkeit gern behauptete?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben wir das Recht, auch die Unvoreingenommensten unter uns, zu strafen und zu erziehen, wenn Erziehen allzu oft ein Synonym für Korrumpieren ist?30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ein unbekanntes Meisterwerk der Kolonialliteratur. Ein glänzender Stil, ein subtiler Tonfall, literarisch, ohne es zu wollen. Für ihn waren die Kriegsjahre im Kongo eine Lektion in Bescheidenheit. »Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen«, notierte er gegen Ende des Krieges.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Fall des Dritten Reichs befand sich André Kitadi, der Funker, der die Sahara durchquert hatte, noch immer in Palästina. Womit vertrieb man sich die Zeit, so fern von zu Hause? Ein Militärgeistlicher nahm ihn und seine Kameraden an alle heiligen Orte mit. »Wir waren in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth . . . Manche ließen sich sogar im Jordan noch einmal taufen.« Auch Libert Otenga, der Sanitäter im Feldhospital in Burma, nutzte die Gelegenheit, um etwas von der Welt zu sehen; er bevorzugte eine eher säkulare Form des Sightseeing. »Von Burma aus kehrten wir nach Indien zurück. Um zu essen, zu trinken und zu tanzen. Und um Mädchen aufzureißen.« Er lachte dröhnend. »Sie waren klasse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veteranen sind nach jedem Krieg eine unbequeme Gruppe. Wer für ein Land sein Leben riskiert hat, erwartet später eine Würdigung. Anerkennung, Ehre, Geld. Zurück im Zivilleben, wird Veteranen bewusst, was sie durchgestanden haben. Verletzungen, auch seelische, sind noch lange nicht geheilt – falls sie überhaupt jemals heilen. Junge Männer haben Gliedmaßen verloren und auch ihre Träume. Erinnerungen steigen auf, Traumata schwelen. Sie sehen, dass die Daheimgebliebenen ihr Leben ungestört weiterführen konnten. Und für sie haben sie doch gelitten, für diese Menschen, die nicht nachempfinden können, was sie durchgemacht haben. Veteranen sind immer eine sehr heikle Gruppe, doch die einer Kolonialarmee sind schlichtweg explosiv, zumal sie weniger für ihre eigenen Belange als für einen fremden Machthaber gekämpft haben. Im Kongo war es nicht anders. »Wir haben den Krieg als belgische Kolonie geführt«, schmetterte Libert Otenga mir entgegen. Und das hätte großzügig entgolten werden müssen: »Sie hätten uns nach dem Krieg die belgische Staatsangehörigkeit geben müssen! Das wäre nur recht und billig gewesen.«32 Ein anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer war der Ansicht, nach den glänzenden Siegen habe man sie heimgeschickt »wie einen Hund ohne Beute nach der Jagd mit seinem Herrn«.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Veteranen kamen mit einer Fülle neuer Eindrücke in ihre Heimat zurück. Sie waren jetzt welterfahrener und ließen sich von der Kolonialregierung von Belgisch-Kongo nicht mehr so schnell beeindrucken. In Abessinien hatten sie weiße Generäle gefangen genommen! In Nigeria hatten sie einen anderen Kolonialismus gesehen! André Kitadi fand auch dafür sehr prägnante Worte: »Die Briten behandelten uns sehr gut. Wir wurden gut gekleidet und gut ernährt. In Lagos wurde für uns Soldaten gekocht. Tee, Brot, Milch, Konfitüre . . . Im Kongo dagegen mussten wir uns im Busch was zu essen suchen! Wir sahen auch, dass die Briten schon afrikanische Offiziere hatten, sogar im Rang eines Majors oder Oberst. Gute Schüler schickten sie auf die Oberschule in England. In Belgisch-Kongo gab es das alles nicht. Was für eine Diskriminierung! Sie hielten uns klein! Das führte zu viel Unmut und Misstrauen, ja sogar zu einer gewissen Aufsässigkeit. Nach dem Krieg haben wir gesagt: ›Das wollen wir auch!‹ Wir wollten einen Wandel, aber wir durften nicht einmal ihre Läden betreten. Das passte uns nicht. Wir hatten Englisch gelernt. Wir warfen uns in englische Anzüge, gaben uns als Amerikaner aus und besuchten die Restaurants der Portugiesen, wo wir laut miteinander redeten. ›So, what do you drink?‹, sagten wir zueinander. ›You want to eat?‹«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Autorität der Weißen wurde auf subtile Weise herausgefordert. Am Kräfteverhältnis hatte sich etwas geändert. Viele Kongolesen wussten nur allzu gut, dass die Kolonie sich stärker gezeigt hatte als die Metropole. Belgien war überrannt worden, der Kongo aber hatte sich behauptet und militärische Triumphe verzeichnet. Die Force Publique war, wie schon im Ersten Weltkrieg, erfolgreicher gewesen als die belgische Nationalarmee. Das besetzte Belgien hatte sich über seine Regierung in London nur dank der Kolonie aufrechterhalten. Auch für den Wiederaufbau stützte sich das zerstörte Mutterland stark auf die Kolonie. Kurzum, die Belgier waren stärker auf den Kongo angewiesen als der Kongo auf Belgien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Weltordnung nach dem Krieg gab den Kongolesen im Übrigen nicht unrecht. In Jalta legten die Siegermächte die Umrisse einer neuen Welt fest. Amerika hatte als ehemalige Kolonie nicht viel Sympathie für die kolonialen Abenteuer Europas. Und die Sowjetunion war im Sinne eines proletarischen Ideals gegen jede Form von Unterwerfung. Kolonien, einst eine unerschöpfliche Quelle edelmütiger Phantasien und hochgespannter Ideale, schienen plötzlich nicht mehr zeitgemäß zu sein. Um nicht zu sagen: verdächtig. Als sich 1945 in San Francisco Vertreter von einundfünfzig Staaten aus der ganzen Welt versammelten, um die Charta der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, verschwand der Begriff »Kolonie« in den Kulissen der Geschichte. Man sprach nun von »Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung«. Dieser Begriff hatte etwas Vorwurfsvolles – für die Kolonialmächte –, aber auch etwas Hoffnungsvolles – für die Kolonien. Ihre Unterwerfung würde nicht fortdauern. Artikel 73 ließ keinen Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, daß die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben; sie übernehmen als heiligen Auftrag die Verpflichtung, im Rahmen des durch diese Charta errichteten Systems des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit das Wohl dieser Einwohner aufs äußerste zu fördern; zu diesem Zweck verpflichten sie sich, (. . .) die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam nun die große Wende? In einem solchen Klima wäre zu erwarten, dass alles plötzlich sehr schnell ginge. Dass die Veteranen an den Grundfesten der Macht rüttelten, dass Angestellte sich bestärkt fühlten durch den internationalen Rückhalt, dass Arbeiter die Stimme erheben und Bauern die Mistforke, oder besser die Machete, schwingen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nichts von alledem passierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem turbulenten Streik in Matadi wurde es plötzlich still. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Zehn Jahre lang, von 1946 bis 1956, sollte es im Kongo ruhig bleiben. Es gab keine religiöse Erweckungsbewegung wie in den zwanziger Jahren, keinen Bauernaufstand wie in den dreißiger Jahren, keine Meuterei wie in den vierziger Jahren. Es gab keine Streiks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? Hatte der belgische Kolonialismus etwa über Nacht ein anderes Gesicht bekommen? In gewisser Hinsicht schon, jedenfalls vom Denken her. 1946 sagte Generalgouverneur Ryckmans in seiner letzten öffentlichen Rede: »Die Tage des Kolonialismus sind vorbei.« Er meinte damit vor allem das alte, rein auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes gerichtete System. »So wie in der Diplomatie die Redlichkeit ist in der Kolonisation die Uneigennützigkeit die beste Politik.«35 Die Kolonie sollte endlich selbst die Früchte ihrer Reichtümer genießen. Es ging noch nicht darum, auf die Unabhängigkeit hinzuarbeiten, sondern um eine »Entwicklungskolonisation«.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser neue Elan spricht auch aus den reißerischen Slogans, die in Schwang kamen. Nach dem Krieg bezeichnete die Kolonialmacht den Kongo vollmundig als »die zehnte Provinz Belgiens«. Es war ein Versuch, die herablassende Haltung von ehedem durch einen mehr ebenbürtigen Umgang zu ersetzen. Die Kolonie lag nicht mehr in der Ferne, sondern war integraler Bestandteil des Mutterlandes geworden. Doch das war eine lachhafte Vorstellung: Wie konnte ein riesiges Land, das durch eine Laune des Schicksals zur Kolonie eines Zwergstaates geworden war, eine &#039;&#039;Provinz&#039;&#039; dieses Staates sein? Der Kongo war tausendmal so groß wie Limburg, Brabant oder der Hennegau!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Annäherungsversuch war das Konzept einer »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Die Idee stammte von Léon Pétillon, Generalgouverneur ab 1952, und sollte das &#039;&#039;dominer pour servir&#039;&#039; von einst vergessen machen, das inzwischen allzu bevormundend klang. Belgier und Kongolesen sollten Hand in Hand an einer neuen, modernen Welt bauen. So wie die Briten ihr &#039;&#039;Empire&#039;&#039; umbildeten zum &#039;&#039;Commonwealth&#039;&#039; und die Franzosen ihre überseeischen Gebiete als &#039;&#039;Union française&#039;&#039; neu definierten, so sollte Belgien künftig mit der Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft die Gleichrangigkeit beider Partner anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Politiker leisteten nachdrückliche Lippenbekenntnisse zum neumodischen Diskurs über »das einheimische Volkswohl«. Die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ging dabei am weitesten: »Die Zukunft der Rasse und das Wohl unserer kongolesischen Bevölkerungsgruppen sind unser vorrangiges Ziel«, formulierte sie.37 Belgische Meinungsführer unterschiedlichster politischer Couleur stimmten diesem Statement zu. »Die Kolonisation bringt in erster Linie eine Kulturvermittlung im Dienste der Völker in Gang«, behauptete ein Katholik.38 »Ob wir wollen oder nicht, unser Schicksal im Kongo hängt von dem der Schwarzen ab«, hatte ein Sozialist bereits erkannt.39 »Alles für, alles durch den Eingeborenen«, resümierte ein Liberaler.40 Diese Einmütigkeit darf verwundern, zieht man die weitgehende Versäulung, den gesellschaftlichen Partikularismus im Belgien der Nachkriegszeit, in Betracht. Aber viele Belgier waren sich bewusst, wie sehr die kongolesische Bevölkerung gelitten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kämpferisch nahmen die Belgier ein neues Kapitel ihrer Kolonialgeschichte in Angriff, optimistisch und mit mehr Stolz als zuvor. Sie würden der Kolonie den Weg in die Moderne bahnen, die Bevölkerung auf einen höheren Stand bringen und &#039;&#039;en passant&#039;&#039; über sich selbst hinauswachsen. Ein ehrgeiziger Zehnjahresplan sollte ab 1949 der Kolonie auf allen Ebenen zu einer modernen Infrastruktur verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Zeit der Schnellstraßen, der Nylonstrümpfe und der Sansevierien. Die neue Weltordnung veranlasste zu Fortschrittsglauben, ja sogar zu Frohmut. Scharenweise zogen Wallonen und Flamen in den Kongo. Das war die &#039;&#039;relève&#039;&#039;, die Ablösung, frisches Blut, auf das Männer wie Drachoussoff in den langen Kriegsjahren so gewartet hatten. Am Ende des Krieges befanden sich nur noch 36.080 Weiße im Kongo, 1952 lebten 69.204 dort, mehr als je zuvor.41 Die Kolonialbeamten und die Industriefacharbeiter, alles Männer, nahmen nun sehr viel häufiger ihre Frauen mit. Die Epoche der &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; neigte sich dem Ende zu, zur großen Erleichterung der Kirche, auch wenn mehrere tausend &#039;&#039;métis&#039;&#039; zurückblieben, Kinder gemischter Paare, die oft in keiner der beiden Welten zu Hause waren. Die Mutter war fast immer Kongolesin, der europäische Vater war für gewöhnlich ein Belgier, der in einem Unternehmen oder in der Verwaltung arbeitete, aber es gab auch griechische und portugiesische Väter. Diese Griechen und Portugiesen waren meist kleine Selbstständige, die einen Laden oder ein Restaurant besaßen. Wenn der Vater die Kinder anerkannte, erhielten sie eine europäische Erziehung und Nationalität. Geschah das nicht (wie in neun von zehn Fällen), blieben sie bei der Mutter im Stadtviertel oder Dorf, wo sie oft als Außenseiter behandelt wurden: zu hell, um schwarz zu sein, und zu dunkel, um weiß zu sein.42 Die Zahl der euro-afrikanischen Geburten nahm nach dem Krieg stark ab. Die Neuankömmlinge aus Belgien bekamen in der Kolonie Kinder, blonde, rosige Kinder mit Sommersprossen, die auf dem Rasen vor der Villa in kurzen Hosen umhertollten, mit einer Echse spielten und Mangos eher kannten als Äpfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die kongolesische Bevölkerung jedoch änderte sich nicht besonders viel. Grundlegende Reformen, die den Menschen mehr Rechte (in Sachen Mitbestimmung und gesellschaftliche Rechtsstellung) einräumen sollten, ließen sehr lange auf sich warten.43 Von einem neuen Bündnis zwischen Weiß und Schwarz war in der Praxis nichts zu bemerken. Noch immer schwor die koloniale Dreifaltigkeit darauf, die breite Masse nur langsam an mehr Bildung heranzuführen. Technisch gesehen war es sehr gut möglich, in kurzer Zeit eine Elite heranzubilden, doch die Machthaber befürchteten, dass sich eine solche Elite zu sehr von der Basis entfremden könnte. Das ganze Volk, so meinte man, müsse zunächst auf eine erste Ebene von »Kultur« aufsteigen, ehe man zur folgenden Etappe übergehen könne. Eine Alphabetisierung der Masse schien sinnvoller als die Heranbildung einer dünnen Führungsschicht mit politischen Rechten.44 Verlangte die Mehrzahl der Kongolesen etwa eine Teilhabe an der Macht? Na also!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sie keine politische Macht verlangten, bedeutete jedoch nicht, dass sie wunschlos glücklich waren. Die politische Apathie hatte mehr mit mangelnder Bildung als mit hochgradiger Zufriedenheit zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem kam es im täglichen Leben keineswegs zu mehr Berührungspunkten zwischen Belgiern und Kongolesen. Im Gegenteil – die Kluft wurde noch größer. Der frisch eingetroffene Schwung Kolonialbeamter und Fachkräfte bezog neue, komfortable Villen und wohnte großzügiger als je zuvor. Die Stadtviertel, in denen sie residierten, erinnerten eher an Knokke oder Spa als an Zentralafrika. Nach der Arbeit verbrachten sie die Zeit mit ihrer Familie, am Wochenende kamen Freunde zum Barbecue oder zum Bridge. Bier hatte man im Kühlschrank. (Elektrische Kühlschränke, wahrhaftig: Die Zeit der Pioniere war endgültig vorbei!) Immer mehr Belgier besaßen ein Auto. Das wuschen sie am Sonntagmorgen mit dem Gartenschlauch. Der Kongo des Europäers glich allmählich dem &#039;&#039;middle-class&#039;&#039;, &#039;&#039;suburban&#039;&#039; Kalifornien der fünfziger Jahre. Zweifelsohne ein angenehmes Leben, aber in einer &#039;&#039;expatriate community,&#039;&#039; in der öfter &#039;&#039;über&#039;&#039; Afrikaner als &#039;&#039;mit&#039;&#039; Afrikanern gesprochen wurde. Das Interesse an der lokalen Kultur nahm ab, und kaum jemand machte sich die Mühe, eine oder mehrere einheimische Sprachen zu erlernen. Vladimir Drachoussoff nahm es voller Bedauern zur Kenntnis:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nicht viele Beamte, die sich außerhalb ihrer Berufspflichten für die Einheimischen interessieren. Das Familienleben, eine komfortablere Einrichtung, die Möglichkeit (und folglich auch das Bedürfnis), fast wie in Europa zu leben, haben den alten Typus des &#039;&#039;broussard&#039;&#039; zum Verschwinden gebracht, der, mit all seinen Fehlern und Schwächen, von Posten zu Posten reiste, mit den Dorfältesten redete und sie letztendlich begriff und von ihnen begriffen wurde.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belgisch-Kongolesische Gemeinschaft wurde zu einer Schimäre; in der Praxis bildete sich nach und nach eine immer geschlossenere belgische Kolonialgemeinschaft. Der Tropenhelm verschwand, die abenteuerlichen Geschichten bei einem Glas Whiskey und einer Coleman-Lampe waren Vergangenheit. Der Kongo wurde kleinbürgerlich. Viele Frauen setzten nie einen Fuß in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;, die einzigen Kongolesen, die sie kannten, waren der Boy und der Chauffeur. Weiße Kinder wuchsen oft in einer Atmosphäre des latenten Rassismus auf. 1951 kam es so weit, dass die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ein Schriftstück mit dem Wunsch verbreitete, dass »man im Schulunterricht und beim Spielen den weißen Kindern den Respekt vor der menschlichen Person im Hinblick auf die einheimischen Familien und die schwarzen Kinder vermittelt«.46 Dass eine ehrwürdige Institution wie die Kommission zum Schutz der Eingeborenen sich mit Fangen- und Versteckenspielen beschäftigen musste, ist recht aufschlussreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vereinzelte Europäer vermochten tieferes Verständnis für die Perspektive der Kongolesen aufzubringen. Am weitesten ging dabei der flämische Franziskaner Placide Tempels. Er war in Katanga tätig und unter anderem bemüht, die Ursache für den großen Unmut der Minenarbeiter zu ergründen. Bereits 1944 beschäftigte er sich mit den Aufständen in der Kolonie und schrieb darüber einen mutigen und zugleich aufsehenerregenden Aufsatz, »La philosophie de la rébellion«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der Gipfelpunkt der Desillusionierung im Kongo. Er [der Eingeborene] hat sich mit uns verbunden, um einer von uns zu werden; doch statt als Sohn der Familie betrachtet zu werden, wird er nur ein Lohnarbeiter. Nun fühlt er sich endgültig abgelehnt, zurückgewiesen als Sohn, klassifiziert als nicht eingliederbar.47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Sichtweise war völlig neu. 1945 erschien Tempels&#039; Standardwerk &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Bantu-Philosophie). Die englischen und französischen Übersetzungen machten ihn weltberühmt, Sartre las das Buch mit Interesse. Tempels versuchte, afrikanische Kulturen von innen heraus zu verstehen und führte in seinem Werk den Begriff »Lebenskraft« als zentrales Prinzip ein. Seine Erkenntnisse nötigten zu einem vollkommen anderen Kolonialismus: »Wir glaubten, es mit der Erziehung großer Kinder zu tun zu haben, was ziemlich bequem für uns gewesen wäre. Aber auf einmal wurde uns klar, daß wir es mit einem voll entwickelten Menschentum zu tun haben, mit selbstbewußten Lebensphilosophen, die ganz und gar erfüllt sind von einer eigenen, das ganze All umspannenden Weisheitslehre.«48 Wegen seiner scharfsinnigen Attacken machte sich Tempels bei seinen kirchlichen Vorgesetzten unbeliebt. Von 1946 bis 1949 wurde er nach Flandern zurückgerufen. Es war eine Art Relegation, ein erzwungenes Exil – diesmal wurde nicht ein Kimbanguist in ein Urwalddorf verbannt, sondern ein visionärer Katholik in ein Kloster in Sint-Truiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrschte zwar Ruhe im Kongo zwischen 1946 und 1956, aber es war eine unheimliche, eine relative Ruhe, die eher alte Angst verriet als neue Hoffnung. Über den Gärten der Kolonialvillen, in denen am Sonntagnachmittag die Gläser klangen, ballten sich bereits dunkle Wolken. Doch niemand bemerkte es, nicht einmal der sommersprossige Bengel, der auf dem Rasen eine Echse unter einer Käseglocke gefangen hielt. Es war die Ruhe vor dem Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo würde das Unwetter des Grolls zuerst losbrechen? Die Menschen auf dem Land hatten mit Sicherheit genügend Gründe, sich zu beklagen. Sie lebten noch immer in erbärmlichen Verhältnissen. Die Felder waren vernachlässigt. Aufgrund der bleischweren Last der »Kriegs­anstrengung« war die Selbstversorgung ins Hintertreffen geraten. Die Menschen waren unterernährt. Die Jagd war zum Erliegen gekommen. Kolonialbeamte mussten sie ermuntern, aufs Neue Raupen, Termiten und Larven zu sammeln, eine traditionelle Proteinquelle.49 Denn an den Orten, an denen Vieh gehalten wurde, waren die Rinder prinzipiell dem Minenpersonal vorbehalten. Der Zehnjahresplan enthielt ein umfangreiches Programm, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es sah die Einführung moderner Agrartechniken und Produktionsmittel und die Bildung lokaler Kooperativen (sogenannte &#039;&#039;paysannats indigènes&#039;&#039;) vor, aber ohne großen Erfolg. Das flache Land war und blieb bettelarm. Die Verelendung der Landbevölkerung entstand im Kongo nicht nach der Unabhängigkeit, sondern bereits mitten in der Kolonialzeit. Die Geburtenrate war sehr niedrig. Während heute in Afrika Überbevölkerung ein Grund zur Sorge ist, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Geburtenrückgang ein ständiges Problem in Belgisch-Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Not hätte zu Protesten führen können, aber die blieben aus. Oder besser gesagt: Sie nahmen eine andere Form an. Die Menschen rebellierten nicht, sondern liefen fort. Die Nachkriegsjahre im Kongo sind von einer massiven Landflucht gekennzeichnet. In nie gekanntem Ausmaß strömten Menschen in die städtischen Agglomerationen. Léo­poldville mit seinen fünfzigtausend Bewohnern im Jahr 1940 wuchs explosionsartig zu einer Stadt mit dreihunderttausend Einwohnern im Jahr 1955.50 Bereits in der Zwischenkriegszeit waren junge Männer freiwillig in die Stadt gezogen, nun brachen sie &#039;&#039;en masse&#039;&#039; auf. Nach dem Krieg hatten 70 Prozent des flachen Landes weniger als vier Einwohner pro Quadratkilometer.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hätte unter diesen Umständen die Initiative zum Widerstand ergreifen sollen? Wer Träume hatte, jagte ihnen anderswo nach. Wer zurückblieb, war oft zermürbt und erschöpft. Die ländlichen Gebiete überalterten stark. 1947 waren Schätzungen zufolge 40 Prozent der Landbevölkerung älter als fünfzig.52 Bedenkt man die relativ niedrige Lebenserwartung, ist das ein enorm hoher Anteil. Diese alten Menschen besaßen keinerlei Ausbildung und erduldeten die Kolonialherrschaft, ohne zu murren. Es gab keine landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Gewerkschaften, es gab keine sozialen Strukturen, die die Lebensumstände auf dem Land hätten verbessern können. Die einzige bekannte Form von gesellschaftlicher Organisation beruhte auf der Stammeszugehörigkeit, doch die war fast überall brüchig geworden. Der Häuptling besaß keine moralische Autorität mehr, sondern war ein Emporkömmling, der sich vor den Karren der Kolonialmacht spannen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Städte? Brodelte dort allmählich der Aufruhr? Führte die große Ansammlung von Träumen zur geballten Faust? Nicht sofort. Vielen Menschen bot die Flucht vom Land in die Stadt tatsächlich neue Chancen. Auch wenn kein Manna vom Himmel fiel, war das neue Leben auf jeden Fall besser als das, dem man entflohen war. Und manche hatten einfach Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war achtzig, als ich ihn in Kikwit fand. Ich hatte monatelang nach ihm gesucht, die ganze Zeit hoffte ich, dass er noch am Leben war. Als ich ihm endlich gegenüberstand, wusch er sich gerade im braunen Wasser des Kwilu-Flusses. Sein Körper war mager und eingefallen, sein Waschlappen war ein grüner Stofffetzen, der fast nur noch aus ein paar Fäden bestand. War er es nun wirklich? Sein Gesicht kam mir länglicher vor als auf dem historischen Foto. Nur wenn er umherlief, sah man noch, dass er einmal ein fanatischer Fußballer gewesen war. Er hatte die typischen O-Beine und noch immer den wiegenden Gang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wohnte in einem kleinen Haus aus Lehm. Neben dem Pfad zu seinem Grundstück wuchs ein großer Eukalyptusbaum. Hühner scharrten in der roten Erde, ein Ziegenlämmchen stakste meckernd umher. Wäsche hing zum Trocknen in der Sonne. Die farbenprächtigen Stoffe bauschten sich immer übermütiger im Wind. Hosenbeine knatterten. Ärmel flatterten. Es erinnerte an eine Menschenmenge, die ausgelassen am Rand eines Fußballplatzes steht oder an einem Boulevard, wenn ein König oder ein Filmstar vorbeifährt. Ich blickte zum Himmel. Regenwolken waren aufgezogen. Longin bat mich in sein Haus und bot mir einen Plastikstuhl an. Es war sehr dunkel. Ich setzte mich nah an die Tür, damit ich genug Licht zum Schreiben hatte. Einige seiner Urenkel starrten mich mit großen Augen an. Als er sie verscheuchte, stoben sie prustend vor Lachen nach allen Seiten auseinander. Die ersten Tropfen fielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Regen! Zum ersten Mal seit zwei Wochen!« Er strahlte. »Was für ein Segen. Der liebe Gott segnet dieses Gespräch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte mir, dass er 1928 in Luzuna zur Welt gekommen sei, einem kleinen Dorf am Ufer des Kwilu, und in der katholischen Missionsstation von Djuma, bei den Jesuiten, getauft worden sei. Sein Vater sei dort Zimmermann gewesen. »Wie Joseph!« Er schreinerte Stühle, Türen und Schulbänke für die belgischen Patres. Seine Mutter bestellte das Land und baute Maniok an. In dieser Zeit aßen sie noch gut. Reis, Maniok und Fisch, aber auch Flusskrebse, Raupen, Champignons und Zucchinis. Was für ein Unterschied zu heute. »Jetzt essen wir nur einmal am Tag. Und immer nur Reis mit Bohnen. Oder Maniok mit Bohnen. Fleisch gibt es nur noch selten. Und Fisch gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel zog sich zu. In der Ferne grollte der Donner. Es wurde so dunkel, dass ich meine Notizen kaum noch lesen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte in aller Ruhe weiter. Seine Eltern waren bereits katholisch, sagte er. Er war das mittlere von drei Kindern. In Djuma sah er zum ersten Mal ein Auto, einen Pick-up der Nonnen. »Der Weiße ist intelligent, sagte ich mir. Ich habe dem Priester dazu gratuliert.« Er ging dort auch zur Schule. Die Missionare hielten den Grundschulunterricht in der ganzen Kolonie ab, oft mit Hilfe lokaler Lehrkräfte. Weiterführender Unterricht beschränkte sich entweder auf eine Berufsausbildung oder – für eine verschwindend kleine Gruppe – auf eine Priesterausbildung. Klassischer Sekundarunterricht zur Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung existierte noch nicht. Erst ab 1938 gab es die ersten Oberschulen. Doch in großen Teilen des Kongo wurde man noch lange Zeit entweder Tischler oder Seminarist. Longin besuchte den technischen Zweig. »Ich sollte Mechaniker werden, um in den Lever-Betrieben zu arbeiten, aber ich hatte keine Lust, mich immer schmutzig zu machen.« Mit sechzehn ging er nach Kikwit. Er wollte unbedingt Priester werden. »Aber die Priester sagten: Du bist schon zu alt. Da bin ich dann von der Schule abgegangen und in mein Dorf zurückgekehrt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie enttäuschend diese Zurückweisung gewesen sein muss, lässt sich kaum ermessen. Das Priesterseminar war nicht nur die einzige Möglichkeit, zu studieren, die Priesterwürde war auch das höchste Amt, das einem Kongolesen offenstand. Man war dann &#039;&#039;monsieur l&#039;Abbé&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin zeigte mir ein altes Farbfoto von sich, auf dem er ein purpurfarbenes Bischofsgewand trug. Er saß auf einem Thron und sah mit ernster Miene in die Kamera. »Die Soutane ist verschlissen, aber früher bin ich damit jeden Sonntag durch die Stadt gegangen. Wenn ich eine Vision gehabt hatte, habe ich das verkündet. Alle Leute in Kikwit sprachen mich damals mit &#039;&#039;Monseigneur&#039;&#039; an.« Er war immer ein religiöser Mensch. Seine Religion war das Christentum, natürlich, aber sein eigenes Christentum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie Simon Kimbangu begonnen hatte, selbst zu predigen, nachdem die Protestanten ihn nicht mehr als Katecheten wollten, so zog sich Longin Ngwadi eine Soutane an, nachdem die Katholiken in ihm keinen zukünftigen Priester sahen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fielen dicke, kräftige Tropfen, die murmelgroße Kuhlen in die Erde schlugen, und das Unwetter brach los. Über Kikwit goss es wie aus Eimern, der Regen peitschte auf die dünnen Dächer der Hütten und Häuser. Blitz und Donner fielen zusammen. Der Himmel barst. Bei jedem Tropengewitter kommt ein Moment, in dem der Donner nicht mehr grollt, sondern kreischt. Dieser Moment war jetzt gekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin warf die Hände in die Luft und betete zum Allerhöchsten, während ihm ein Speichelfaden übers Kinn rann: »Seigneur, Sie haben &#039;&#039;papa&#039;&#039; David gesandt. Wir bitten Sie: Könnten Sie etwas weniger Lärm machen, damit wir uns weiter unterhalten können. &#039;&#039;Merci et amen!&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als ob nichts geschehen sei, fuhr er fort: »1945 bin ich nach Kinshasa gegangen. Ich war damals 17. Mein Vater bezahlte die Schifffahrt, meine Mutter gab mir Essen mit. Von Luzuna aus ging ich zu Fuß nach Djuma. Dort nahm ich das Postschiff. Ich war drei, vier Tage unterwegs. Erst auf dem Kwilu, dann auf dem Kasai und schließlich auf dem &#039;&#039;fleuve&#039;&#039; selbst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war einer der vielen zehntausend jungen Leute, die es in die Hauptstadt zog. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter, die schon in der Stadt lebten, aber er verfügte nicht über solche Kontakte. »Ich kannte niemand, als ich in Kinshasa ankam, keine Menschenseele. Aber ein Nachtwächter rief mich auf den Hof von dem Haus, das er bewachen musste. Es war jemand aus meiner Gegend. Ich durfte auf dem Boden schlafen, draußen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sah nicht gerade nach einem glorreichen Auftakt seines Stadtlebens aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz darauf bekam ich meine erste Stelle, bei Papa Dimitrios. Das war ein griechischer Jude. Er hatte einen kleinen Supermarkt. Er ließ mich zur Probe Rechenaufgaben lösen und stellte mich dann ein. Ich musste Hosen und Hemden verkaufen, Stoffe für Frauen, Seife, Zucker und was nicht alles. Er fand ein kleines Zimmer für mich, beim Jardin Botanique. Nach drei Monaten besaß ich schon eine Matratze, Bettlaken, Zudecken, zwei Stühle, Geschirr und Besteck. Dimitrios hat mir viele Sachen geschenkt. Drei Jahre habe ich bei ihm gearbeitet. Dann fing ich beim Économat du Peuple an, einem großen Laden mit sieben Verkäufern. Dort bin ich nur ein Jahr geblieben. Ich bin geflogen, weil ich Wurst verkauft hatte, die schon verdorben war.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es nicht das Priesteramt war, so gefiel ihm sein neues Leben in Léopoldville doch ganz gut. Die Schlappe als Wurstverkäufer wurde durch ein anderes Talent mehr als wettgemacht. »Ich habe vier Jahre lang bei Daring gespielt. Bei tata Raphaël.« Daring war einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Stadt. Pater Raphaël de la Kéthulle – wieder dieser Pater – hatte ihn 1936 gegründet. Der Verein existiert noch immer, unter dem Namen Daring Club Motema Pembe, und steht an der Spitze des kongolesischen Fußballs. »Ich habe lange mit Paul Bonga Bonga gespielt, dem ersten Kongolesen in der höchsten belgischen Liga. Er spielte bei Sporting Charleroi, bei Standard Lüttich. Er war Pele! In Kinshasa spielten wir immer im Vélodrome de Kintambo. Ich war Nummer 9. Ich war ein Stürmer. Tata Raphaël stand mit seiner Pfeife am Rand des Spielfelds, sah mir zu und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Ich war wie eine Schlange!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sprang er auf und dribbelte mit seinem achtzigjährigen Körper durch das dunkle Wohnzimmer. In dem Raum mit der niedrigen Decke führte er ein paar Täuschungsmanöver aus. Er konnte es noch immer. Hacke, Spitze, eins zwei drei. In Zeitlupe führte er es vor, während draußen weiterhin das Unwetter tobte. Inzwischen rann das Regenwasser an den Innenwänden des Wohnzimmers hinab. Es sickerte nicht, es strömte. Longin beachtete es nicht. »Mein Spitzname war &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;. So nannten mich damals alle. &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, Nummer 9, die Sturmspitze von Daring.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das waren noch nicht alle Stationen seines erstaunlichen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre hatte die Stadt noch eine andere Wendung für ihn in petto. »Generalgouverneur Pétillon trat sein Amt an.« Das war 1952. »Er bat fünf Leute, in die Maison des Blancs zu kommen. Das war der Ort, wo alle Geheimnisse des Kongo aufbewahrt werden. Dort trafen sich die Weißen, um den Kongo zu führen. Es lag direkt neben dem Hotel Memling. Es kamen nur ruhige, intelligente und ernsthafte Leute. Es war der &#039;&#039;cercle des européens&#039;&#039;. Ich sollte dort bedienen. &#039;&#039;›S&#039;il vous plaît.‹ ›Merci.‹ ›S&#039;il y a quelque chose, vous me le dites.‹&#039;&#039; Lange Arbeitszeiten, aber hinterher bekam ich fünfzig kongolesische Franc. Das war sehr viel Geld. Unter den fünfen war ich die &#039;&#039;numero uno&#039;&#039;. Ich war der Höflichste, der Ordentlichste. Pétillon sagte deshalb, ich dürfe sein &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; werden. Also ging ich mit zum Haus des Gouverneurs.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zimmermannssohn, der kein Priester werden durfte, der Verkäufer von Haushaltstextilien und vergammelter Leberwurst, der pfeilschnelle Stürmer des Fußballvereins Daring wurde nun Hausdiener beim vorletzten Generalgouverneur von Belgisch-Kongo. »Vier Jahre habe ich für ihn gearbeitet. Er nannte mich &#039;&#039;mon fils&#039;&#039;.« Léopoldville war tatsächlich eine Stadt voller Möglichkeiten.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadis Geschichte ist zweifellos sehr außergewöhnlich, aber die Stadt bot tatsächlich vielen Neuankömmlingen eine neue Freiheit. Für Frauen galt das in besonderem Maße. Thérèse aus Kasai zog nach dem Tod ihres Mannes nach Léopoldville. Ein Onkel kümmerte sich um sie und half ihr, einen kleinen Handel aufzuziehen. Auf dem Markt von Kinshasa verkaufte sie Maniokbier und später auch Obstsaft, den sie aus reifen Bananen herstellte. Nach einem Jahr ließ sie ihre Kinder nachkommen, ein paar Jahre später heiratete sie wieder. Sie hatte einen Arbeiter kennengelernt, jemand von ihrem Stamm, den es auch in die Stadt verschlagen hatte.54 Eine »freie Frau« in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; war nicht länger eine Prostituierte, jene Kategorie, die in der Sprache der Behörden »erwachsene, gesunde, einheimische Frauen, die theoretisch allein leben« hieß, sondern einfach jemand, der auf eigene Faust versuchte, über die Runden zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Schwester Apolline. Sie war im gleichen Alter wie Longin. Ich traf mich mit ihr im Franziskanerkloster von Kinshasa. Sie stammte aus einer gemischten Familie im Hinterland – ihr Vater war Kongolese, ihre Mutter kam aus Tansania. Ihre Eltern hatten sich im Ersten Weltkrieg kennengelernt, als ihr Vater mit der Force Publique in Deutsch-Ostafrika kämpfte. Als sie zwölf war, hatten ihre Eltern einen geeigneten Heiratskandidaten für sie gefunden, doch sie hatte andere Pläne. Sie wollte ins Kloster, dort fühlte sie sich freier. Das Klosterleben führte sie in die große Stadt. »Neunundzwanzig Jahre habe ich in Lubumbashi gearbeitet. Ich war dort Direktorin einer Grundschule. Und viele Jahre später wurde ich das erste schwarze Mitglied des kirchlichen Provinzialrates. Ich habe immer in der Stadt gelebt.«55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Victorine Ndjoli. Sie war die erste Kongolesin, die den Führerschein machte. »Ich hatte die Hauswirtschaftsschule besucht bei den Franziskanerinnen. Knöpfe annähen, schneidern. Später lernte ich beim &#039;&#039;foyer social&#039;&#039; Babykleidung und Hüte machen. Die Weißen suchten damals hübsche Mädchen für ihre Werbeplakate. Ich war Fotomodell für eine Fahrradmarke, für Sherry, für Milch. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte mehr. Ich riss aus, um in die Fahrschule zu gehen. Mein Vater war erst dagegen, aber schließlich war er stolz auf mich. Nach einer Woche hatte ich meinen Führerschein. Es war 1955, ich war 20. Ich durfte einen Dodge fahren, aber ich hatte selber nie ein Auto. Die Männer wollten das nicht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Victorine nahm auch an den ersten Schönheitswettbewerben in Léo­poldville teil. Sie wurden vom Besitzer einer Tanzschule veranstaltet, Maître Taureau. Meister Stier. Ziemlich macho, oder? Ich fragte ihn danach, als wir vor seinem Haus saßen im Stadtteil Yolo, einem einfachen Viertel, wo ihn jeder Vorbeigehende kannte. »Nein, mein richtiger Name ist François Ngombe. &#039;&#039;Ngombe&#039;&#039; ist Lingala und bedeutet Rind. Und &#039;&#039;maître&#039;&#039;, weil ich ein Meister darin bin, im Leben keinen Meister zu brauchen!« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »In meiner Tanzschule habe ich den Leuten Cha-Cha-Cha beigebracht, Bolero, Rumba und Charanga, aber auch Swing und Rock-&#039;n&#039;-Roll. Daneben habe ich die Wahl der &#039;&#039;Miss Charme&#039;&#039; in den Stadtteilen organisiert. Die griechischen und portugiesischen Händler haben umsonst Stoffe rausgerückt. Die Mädchen haben sie getragen und so Reklame für die Händler gemacht. Eine von ihnen wurde dann gewählt.«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville wurde eine Stadt der Mode, Eleganz und Koketterie. Junge Frauen trugen lange, farbenfrohe &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, ein Brauch, den die Missionsschwestern eingeführt hatten. Über den Umweg Europa landeten Batikstoffe aus Indonesien in Zentralafrika. Mädchen trugen die Haare kurz, aber wenn sie ungefähr zehn waren, ließen sie sie wachsen. Es gab ein Dutzend afrikanischer Frisuren in dieser Zeit, für manche brauchte man drei Stunden.58 Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer neuen urbanen Kultur. Sie dominierten den Kleinhandel, sie bestimmten, welche Kleidung, Musik und Tänze erfolgreich waren, und sie gestalteten einen neuen, modernen afrikanischen Lebensstil.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Frauen konnten in angesehene Funktionen vordringen. 1949 wurde Pauline Lisanga als Ansagerin für Radio Congo Belge eingestellt. Dieser Sender hatte mit Programmen für die afrikanische Bevölkerung begonnen. Pauline wurde damit die erste schwarze Radiosprecherin Afrikas.60 Nicht viele Kongolesen besaßen ein Radio, aber an vielen Stellen in der Stadt hingen Lautsprecher, um die sich Gruppen von Passanten und Leute aus der Nachbarschaft versammelten. Sie hörten dort Paulines Stimme. Es gab Nachrichtensendungen, erbauliche Sketche und religiöse Beiträge, aber auch traditionelle kongolesische Klänge und westliche Unterhaltungsmusik. Sogar für neue Schlager aus dem Kongo war Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Léopoldville wimmelte es zu jener Zeit von kleinen Bands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und Festen spielten. Ihre aufpeitschenden Rhythmen, das virtuose Gitarrenspiel, die hohen Falsettstimmen, die differenzierten Melodien und leichtfüßigen Texte sorgten für eine unwiderstehliche Tanzmusik. Das war der Rock-&#039;n&#039;-Roll von Zentralafrika. Im Kongo befanden sich die großen Tanzlokale in den Händen griechischer Migranten. In Kinshasa gab es (und gibt es noch immer) das Akropolis, in Kisangani (damals Stanleyville) gab es die Olympia-Bar. Ein paar griechische Unternehmer hatten auch Aufnahmestudios eingerichtet. Dort wurde die wunderbare Tanzmusik einiger kongolesischer Orchester verewigt. Das Radio ermöglichte eine neue Art des Heldentums. African Jazz von Kabasele und OK Jazz von Franco wurden zu den populärsten Bands der fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das urbane Leben umfasste jedoch mehr als Schönheitswettbewerbe, Maniokbier und Tanzplatten. Auf den Werften von Léopoldville, in den chemischen und metallurgischen Fabriken von Katanga und in den Handelshäusern der städtischen Zentren trat eine neue Generation Kongolesen wie Longin zum ersten Mal eine Stelle an und machte Bekanntschaft mit den hohen Ansprüchen der modernen Wirtschaft. Zu Streiks kam es nicht, aber auch hier herrschte die verräterische Ruhe vor dem Sturm. Als nur wenige Jahre später das Unabhängigkeitsfieber mit aller Heftigkeit ausbrach, hofften sehr viele, dass sie nach der Übergabe der Macht nie mehr zu arbeiten brauchten. Fürs Erste aber herrschte Ruhe, Unheil verkündende Ruhe. Wie hätte etwaiger Groll auch an die Oberfläche kommen können? Gewerkschaften boten keinen Ausweg. Bis 1946 waren sie für Schwarze verboten. Weiße Beamte hatten seit 1920 eine erste Interessenvertretung, hielten die Türen jedoch für kongolesische Mitglieder geschlossen. Nach dem Krieg wurde STICS gegründet, &#039;&#039;Syndicats des Travailleurs Indigènes Spécialisés&#039;&#039;, eine Gewerkschaft nur für spezialisiertes Personal, sodass 90 Prozent der Arbeiter ausgeschlossen waren. Später gab es die APIC, die &#039;&#039;Association du Personnel Indigène de la Colonie&#039;&#039;, eine viel militantere Organisation. Doch nahezu jede gewerkschaftliche Bewegung wurde streng kontrolliert, denn die Kolonialverwaltung schrieb die Einbeziehung weißer Berater vor.61 So schaute einem ständig ein Staatsbeamter oder Geistlicher über die Schulter, und jede rebellische Regung wurde im Keim erstickt. Die Gewerkschaftsarbeit sollte konstruktiv und ruhig ablaufen. Die Kolonialverwaltung sah in ihr allenfalls eine nützliche &#039;&#039;éducation sociale&#039;&#039; der Arbeiter.62 Eine Art Fußball also, aber in geschlossenen Räumen: Man lernte Tagungen abzuhalten, eine Tagesordnung aufzustellen und Protokolle anzufertigen, über einen Etat zu diskutieren . . . Die Gewerkschaft sollte eine Schule sein und nicht eine legitime Form von Opposition und Widerstand. Als belgische Gewerkschaften – christliche und sozialistische – versuchten, in der Kolonie Fuß zu fassen, war das zum Scheitern verurteilt. Die kongolesischen Arbeiter fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sahen sie als etwas, das von oben kam, etwas Weißes. Von den fast 1,2 Millionen Werktätigen 1955 waren 6160 in einer Gewerkschaft organisiert, nicht einmal ein halbes Prozent.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung regte allerdings an, dass die großen Firmen Betriebsräte einführten, in denen Kongolesen ihre Meinung äußern durften. Betriebsräte ließen sich besser kontrollieren als selbstständige Gewerkschaften. Auch die Provinzräte bekamen die ersten kongolesischen Mitglieder, und ab 1951 zählte der koloniale Verwaltungsrat, ein informelles Beratungsorgan ohne reale Macht, acht Afrikaner; die meisten kamen allerdings aus ländlichen Gegenden, gehörten also nicht zur neuen städtischen Mittelschicht. Es waren zaghafte Versuche, den Beschwerden und dringenden Wünschen der kolonialen Untertanen ein Ohr zu leihen, doch sie zeugten zugleich von der Auffassung, dass man noch alle Zeit der Welt habe, ehe man etwas Tiefgreifenderes unternehmen müsse.64 Noch war kein Grund zu wirklicher Besorgnis. Glaubte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hätte man den heraufziehenden Umbruch ahnen können? Die Landbevölkerung fügte sich weiterhin in ihr Schicksal, und die Menschen in den Städten wirkten eigentlich recht zufrieden. Ja, so konnte man feststellen, es entstand sogar eine wirkliche Kaste von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; – Einheimischen, die so europäisch wie möglich leben wollten, die ein Faible hatten für alles Belgische und die die Wohltaten der Kolonisation in den höchsten Tönen rühmten. Von heutiger Warte aus klingt dieser Begriff sehr problematisch, aber es war tatsächlich eine selbst gewählte Bezeichnung.65 Von diesen &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, da waren sich die Kolonialherren sicher, ging keinerlei Gefahr aus. Gut, es hatte manchmal etwas Skurriles, all das Getue mit den gepflegten Anzügen und dem manieristischen Französisch. Aber es handelte sich ja um die echten sozialen Aufsteiger, sie ernteten die größten Früchte der edelmütigen Zivilisierungsarbeit. Loyalere Untertanen gab es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch platzte die Bombe genau in diesem Milieu. Die meisten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Stadt geboren. Das Dorf kannten sie nur vom Hörensagen. Sie besuchten die Missionsschule, sie arbeiteten bei europäischen Firmen, sie respektierten den Kolonialstaat und sie sahen folglich zu ihren weißen Herrschern auf. Ein anderes gesellschaftliches Rollenmodell hatten sie nie gekannt. Viele von ihnen nahmen große Strapazen auf sich, um für voll angesehen zu werden. Sie bildeten sich in Bibliotheken weiter, lasen die Zeitung, hörten Radio, besuchten Kinos und Theater und lasen Bücher, denn es war die Intelligenz mehr noch als der Wohlstand, um die sie die Weißen beneideten. Das Zweite war nicht mehr als ein Ausdruck des Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildete sich eine lebendige Vereinskultur. Noch stand sie unter Aufsicht der Kolonialverwaltung, historisch aber war sie von immenser Bedeutung: In den Vereinen ehemaliger Schüler, in den Studienkreisen und tribalen Organisationen lag der Keim für die spätere politische Bewusstwerdung.66 Die ehemaligen Schüler der Schule von tata Raphaël fanden sich in der Adapes (&#039;&#039;Association des Anciens Elèves des Pères de Scheut&#039;&#039;) zusammen; diese Gemeinschaft wurde ein wichtiger Inkubator für die erste Generation kongolesischer Politiker. In den &#039;&#039;cercles des évolués&#039;&#039; trafen sie sich, um über Bücher zu sprechen und Diskussionen zu führen; als eine Art Volkshochschulen schossen diese Gesprächskreise wie Pilze aus dem Boden. 1950 gab es, über den ganzen Kongo verstreut, etwa dreihundert davon. In den Städten entwickelten sich die tribalen Vereine, die sich früher vor allem als Hilfskassen verstanden hatten, zu kulturellen Einrichtungen, die später auch politische Ambitionen hegten. In Elisabethville wuchs die Spannung zwischen den Baluba aus Katanga und den Baluba aus Kasai: Letztere waren in großer Zahl zu den Minen im Süden gezogen und erregten nun den Unmut der dort Ansässigen. Als Resulat bildeten sich neue Vereine. In Léopoldville fühlten sich die Bakongo bedroht durch die ständige Zunahme der Bangala, Menschen aus der Provinz Équateur, die in der Armee dienten oder im Handel tätig waren. Das Kikongo, die ursprüngliche Sprache des Gebietes um Kinshasa, wurde vom Lingala verdrängt. Die Abako, die &#039;&#039;Alliance des Bakongo&#039;&#039;, wurde gegründet, eine rein kulturelle Vereinigung, die sich für die Sprache des Kongo-Volks einsetzte. Der Gründer war, wieder einmal, ein ehemaliger Seminarist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein é&#039;&#039;volué&#039;&#039; war ein Mann (nie eine Frau, es sei denn als Partnerin), der ein gewisses Bildungsniveau hatte, ein festes Einkommen erzielte, seinen Beruf sehr ernst nahm, monogam war und im europäischen Stil lebte. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, so erklärten es mir zwei Kinder von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einmal, besaß ein Fahrrad der Marke Raleigh, am besten mit Gangschaltung. »Das war damals der Mercedes der Schwarzen.« In seinem Haus stand eine Coleman-Lampe. Er hatte einen Plattenspieler und hörte Lieder von Edith Piaf. Wendo Kolosoy akzeptierte er auch, das war ruhige Musik. »Aber auf keinen Fall Musik, die zu obszönen Tänzen animierte. Sonntags gingen meine Eltern tanzen, mein Vater trug dann eine Melone.« Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; schickte seine Ehefrau mit dem Nachwuchs in die Mütterfürsorge der medizinischen Beratungsstelle. Dort wurde das Baby gewogen. Zu Hause befolgte man die Ernährungsratschläge der weißen Nonnen. Der traditionellen Medizin und dem Ahnenglauben schwor man ab, aber die Kluft zwischen Mann und Frau war sehr groß. Der Mann hatte eine Ausbildung und eine feste Arbeitsstelle, die Frau war Analphabetin und verdiente kein Geld. In ganz Stanleyville konnten in jener Zeit nur zwei von drei Frauen eine Unterhaltung in rudimentärem Französisch führen.67 Eines der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;-Kinder erzählte mir: »Ach, ich habe meinen Vater sehr oft zu meiner Mutter sagen hören: ›Also du bist eine richtige Negerin! So leben die Weißen doch nicht!‹«68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zahl der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; war nicht sehr hoch (knapp sechstausend 1946, knapp zwölftausend 1954), aber ihre Mündigkeit war entscheidend. Tragischerweise strebten sie eine Annäherung an die Europäer an genau in dem Moment, in dem sich die Europäer immer mehr zurückzogen in ihre Villen, an ihre Swimmingpools und zu ihren Tennisturnieren. Ja, es gab in Belgisch-Kongo schwarze LKW-Fahrer und Telegraphisten, aber in Cafés und Restaurants war die Rassenschranke schärfer denn je zuvor. Wenn ein weißer Journalist in Léopoldville es wagte, einen schwarzen Kollegen in eine europäische Bar mitzunehmen, verstummten die Gespräche. Züge und Flussschiffe hatten zwar schwarze Lokführer und Kapitäne, die Passagierabteile aber waren strikt nach Hautfarbe getrennt. Sprang ein Schwarzer in ein Schwimmbecken, verließen die Weißen es. Körperstrafen mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; galten noch immer für alle Afrikaner, selbst wenn sie die lateinische Grammatik beherrschten und die Reden de Gaulles lasen. Der Schriftsteller Paul Lomami Tshibamba war Mitarbeiter von &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039;, einer von der Regierung kontrollierten Zeitschrift für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. 1945 veröffentlichte er in der zweiten Nummer einen aufsehenerregenden, aber alles in allem moderaten Artikel mit dem Titel »Quelle sera notre place dans le monde de demain?«. Das brachte ihm nach eigenen Angaben »zahllose Gerichtstermine ein, begleitet von unendlichen Peitschenhieben«.69 Die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; pfiff durch die Luft, während anderswo in der Stadt die Tennisbälle ploppten. Unterdessen gingen die Weißen zu Pferderennen und veranstalteten Radrennen. Festliche Kirmesrennen waren es, bei denen Amateurfahrer gut gelaunt unter Transparenten mit Martini-Werbung fuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schmerzliche Streben des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde mir nirgends deutlicher bewusst als in einigen Sekunden historischen Filmmaterials in &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;, einem beklemmenden Dokumentarfilm von Luc Leysen. Es ging um Aufnahmen von einem Schönheitswettbewerb in Léopoldville 1951. Nicht Pudel oder Federvieh wurden prämiiert, sondern Familien. Vor einem ausschließlich weißen Publikum paradierten kongolesische Familien an der Jury vorbei. Der Vater in kurzer Hose, neben ihm seine Frau, dahinter die Kinder, ordentlich wie die Orgelpfeifen sortiert. Das jüngste Kind trug ein Schild mit der Teilnehmerzahl. Das Publikum applaudierte höflich. Dann gingen sie weiter, mit ernsten Gesichtern . . . So viel Verzweiflung in so wenigen Sekunden.70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; forderten eine rechtliche Sonderstellung, die ihre Position in der Gesellschaft anerkannte. Das war begreiflich, denn sie waren zu »sozialen Mulatten« geworden, zu Menschen, die zwischen zwei Kulturen lebten.71 Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einer kleinen Stadt wie Luluabourg formulierten es mit ergreifenden Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir fordern, das Gouvernement möge anerkennen, dass sich die einheimische Gesellschaft in den letzten fünfzehn Jahren stark weiterentwickelt hat. Neben der Masse der einheimischen Bevölkerung, die benachteiligt oder kaum gebildet ist, hat sich eine neue soziale Schicht entwickelt, die eine Art einheimisches Bürgertum darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder dieser einheimischen intellektuellen Elite tun ihr Möglichstes, um sich fortzubilden und ein ordentliches Leben wie ein respektabler Europäer zu führen. Diese Évolués haben begriffen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben. Aber sie sind davon überzeugt, dass ihnen, wenn nicht eine spezielle Rechtsstellung, so doch ein besonderer Schutz des Gouvernements zusteht, der sie vor Maßnahmen oder Behandlungen bewahrt, die auf eine unwissende und rückständige Masse angewandt werden. (. . .) Es ist schmerzhaft, empfangen zu werden wie ein Wilder, wenn man voll des guten Willens ist.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wortgewandt ausdrückt, noch mit einer Nilpferdpeitsche traktiert wird. Aus dem unterwürfigen, fast kriecherischen Ton sprach ein sehr großes Verlangen. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte die Mauer zwischen Weiß und Schwarz nicht niederreißen, sondern bat darum, darüber hinweg gehoben zu werden. Er kämpfte nicht gegen die Rassenschranke&#039;&#039;.&#039;&#039; Er verlangte weder nach Rechten für »das kongolesische Volk« noch für seinen Stamm, sondern nur für den Kreis, in den er, nach großen Anstrengungen, vorgedrungen war. War das egoistisch? Gewiss. Hatte es etwas Geringschätzendes? Ja. Im Grunde übernahmen die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; bei ihren Assimilationsbestrebungen sogar den Blick, mit dem die meisten Europäer die Afrikaner betrachteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgische Kolonialverwaltung schwankte sehr lange. Sie hatte doch nie eine entwurzelte Elite heranziehen wollen? Alles zu seiner Zeit, war die Devise. Erst ab 1938 gab es ein paar weiterführende Schulen, erst 1954 (nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, aber das konnte man damals nicht wissen) eröffnete die erste Universität, Lovanium, eine Dependance der katholischen Universität Leuven. Im ersten Jahr studierten dreiunddreißig Studenten bei sieben Professoren. Angeboten wurden Naturwissenschaften, Sozial- und Verwaltungswissenschaften, Pädagogik und Agrarwissenschaft. Ein Jurastudium war erst ab 1958 möglich.73 Es wurde also nichts übereilt. Sollte man dennoch jetzt eine Kaste von Privilegierten anerkennen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1948 entschloss sich die belgische Regierung zu einer vorläufigen Lösung: Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; konnte für die &#039;&#039;»carte du mérite civique«&#039;&#039; (»Karte bürgerlicher Verdienste«) in Betracht kommen. Wer keine Vorstrafen hatte und nie verbannt worden war, wer Polygamie und Hexerei abgeschworen hatte und des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte sich darum bemühen. Die Inhaber dieses Nachweises blieben künftig von Körperstrafen verschont und würden gegebenenfalls von einem europäischen Richter abgeurteilt werden. Sie bekamen gesonderte Pavillons in den Krankenhäusern und durften nach sechs Uhr abends durch die Viertel der Weißen gehen.74 Auf die meisten anderen Kongolesen machte das großen Eindruck. In Boma erzählte Camille Mananga, ein Mann, der dreizehn Jahre alt war, als dieser Nachweis eingeführt wurde: »Das war nur etwas für große Persönlichkeiten. Sie durften bei den Weißen einkaufen und etwas trinken. Es war eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war noch viel zu jung. Also himmelweit davon entfernt.«75 Doch für Menschen, die sich seit Jahren emporarbeiteten, ging es um ziemlich geringe Vorrechte, die in keinem Verhältnis zu ihren Anstrengungen standen. Die strukturelle Lohnungleichheit bestand nach wie vor. Victor Masunda, ein anderer Einwohner von Boma, konnte sich als alter &#039;&#039;évolué&#039;&#039; noch immer darüber aufregen: »Natürlich habe ich diese Karte nicht beantragt. Es bedeutete ja keine Lohnerhöhung. Viele waren kriecherisch, aber ich wollte mich nicht selber demütigen. Diese Karte zu beantragen, das war eine Erniedrigung. Sollte ich ihr kleiner Bruder werden? Nein. Und meinen Rotwein und Whiskey habe ich mir auch so gekauft.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1952 wurde deshalb die »&#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;« eingeführt, ein Dokument, das den &#039;&#039;évolué&#039;&#039; im öffentlichen Leben und vor dem Gesetz mit der europäischen Bevölkerung gleichstellen sollte. Der wichtigste Vorteil war, dass der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; seine Kinder in europäische Schulen schicken durfte, was ein außerordentlicher sozialer Aufstieg war und die Gewähr für eine solide Ausbildung bot. Doch die meisten Vertreter der kolonialen Elite hegten sehr große Skepsis, sodass die Bedingungen, denen ein Antragsteller entsprechen musste, außerordentlich hoch waren. Und oft auch erniedrigend. Solange über den Antrag noch nicht entschieden war, konnte ein Inspektor unangemeldet im Haus eines Anwärters erscheinen, um zu überprüfen, ob er und seine Familie auch zivilisiert genug lebten. Der Inspektor schaute nach, ob jedes Kind ein eigenes Bett besaß, ob mit Messer und Gabel gegessen wurde, ob das Geschirr auch nicht zusammengewürfelt war und ob das Bad geputzt war. Aß die Familie zusammen am Tisch oder saß die Mutter, wie früher, mit den Sprösslingen in der Küche und wartete, während der Vater mit seinem Besuch speiste? Nur wenige entsprachen den Kriterien. Man hatte also jahrelang über eine Rechtsstellung palavert, von der fast niemand profitieren konnte. Im Jahr 1958 gab es nur 1557 Inhaber der &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und nur 217 Besitzer der &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;, bei einer Gesamtbevölkerung von vierzehn Millionen.77 Das führte zu Frustrationen. Denn früher oder später schlägt enttäuschte Hoffnung um in Widerwillen, ja sogar in Feindseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man gebe bei YouTube »Jamais Kolonga« ein, und ein paar Sekunden später hört man einen der großen Klassiker der kongolesischen Rumba. Das Stück könnte auch vom Buena Vista Social Club stammen, aber es war eine Komposition von African Jazz, der populärsten Band der fünfziger Jahre im Kongo. Bandleader des legendären Orchesters war Joseph Kabasele, der den Spitznamen »le Grand Kalle« trug. Sein begnadeter Gitarrist Tino Baroza hatte den Song geschrieben. Er wurde zu einem der größten Erfolge von African Jazz. »Oyé, oyé, oyé«, lautete der Refrain, »halt mich fest. Jamais Kolonga, halt mich fest. Wenn du mich loslässt, falle ich.« Dieses Festhalten konnte man doppeldeutig interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich steige in einer schmalen, staubigen Gasse in Lingwala aus dem Auto. Bin ich hier wohl richtig? Lingwala war in der Kolonialzeit das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. Alle älteren Leute, die ich angesprochen hatte, kannten Jamais Kolonga. Selbstverständlich! Aber lebte er überhaupt noch? In der lokalen Presse hatte doch eine alarmierende Nachricht gestanden: »&#039;&#039;Le vieux Jamais Kolonga laminé par la maladie!&#039;&#039;« Sie hatten gelesen, dass der Mann, »der als &#039;&#039;Bonvivant&#039;&#039; mit seinen Späßen und Faxen die Vitalität des Kinshasa der sechziger Jahre verkörpert hatte«, schwer erkrankt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch über etliche Umwege – ich hatte ein kleines Vermögen vertelefoniert – war es mir gelungen, eine Adresse und eine Telefonnummer zu bekommen. Ich betrat einen Innenhof mit bröckelnden Mauern und ein paar vergilbten, strohtrockenen Maispflanzen. Aus einem Haus aus Zementsteinen kam, auf Krücken gestützt, ein alter Mann in kurzer Hose.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Jamais Kolonga?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der einzige echte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Informanten, die viel erlebt, aber wenig zu erzählen haben, und es gibt Informanten, die wenig zu erzählen haben, aber viel reden. Jamais Kolonga gehörte zu keiner der beiden Kategorien. Er hatte alles erlebt, und er war ein glänzender Erzähler. Er selbst sah das anders: »Ich bin gerade an der Hüfte operiert worden. Es geht mir nicht gut. Ich habe große Schmerzen, trotz der ganzen Medikamente, die ich schlucken muss.« Er schob seine Hose weg und zeigte mir die beeindruckende Narbe an der Leiste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie irgendwas?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein! Wenn Sie ein bisschen Geld haben, kann eins meiner Enkelkinder Wein kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein? In Ihrem Zustand? Sind Sie sich sicher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich drei ganze Nachmittage mit diesem kleinen, geistig regen Mann unterhalten, mal in seinem Wohnzimmer, dann wieder im Schatten seines Hauses. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter mit viel Sinn für Humor, unverwüstlicher Lebenslust und einem überragenden Gedächtnis. Einmal habe ich ihn in einem kleinen Krankenhaus besucht, wo er ein paar Reha-Tage verbringen musste und mit den Schwestern flirtete, dass es eine Art hatte. Seine Hüfte heilte zusehends. Aber wie war das eigentlich mit der weißen Frau gewesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war 1954. Ich war damals achtzehn und hatte gerade bei Otraco angefangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Beim Office des Transports au Congo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Auch mein Vater arbeitete dort. Ich war erst auf der Werft hier in Kinshasa, aber solange ich noch nicht einundzwanzig war, wurde mein Lohn an meinen Vater ausbezahlt. Das war nicht gerade ideal. Ich konnte mir nicht mal Alkohol kaufen. Deshalb bat ich um eine Versetzung ins Inland.« Während alle in die Stadt strömten, floh er von dort. »Ich musste nach Port Francqui, das ist heute Ilebo. Es liegt dicht bei Kasai. Wenn man von Kinshasa nach Lubumbashi reist, muss man dort vom Schiff auf den Zug umsteigen. Damals musste ich sogar noch die Kinder von Simon Kimbangu beherbergen, wenn sie unterwegs waren, um ihren Vater im Gefängnis zu besuchen! Bon, ich war dort also als Angestellter. Und dank meines Vaters durfte ich als einziger Schwarzer in den Läden der Weißen einkaufen. Ich trank portugiesischen Wein und Whiskey. Ja, damals schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Enkelin war inzwischen zu dem kleinen Laden gerannt und kam mit einem Tetrapack billigem Wein zurück. Don Pedro. Ich beschränkte mich auf eine Cola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages war Kabasele mit seiner Band auf der Durchreise. Aber sein Zug ist entgleist, und sie haben das Schiff verpasst. Fünfzehn Tage saßen sie in Port Francqui fest! Ich wusste, dass die Tochter meines flämischen Chefs in Kürze heiraten würde und sorgte dafür, dass Kabasele auf der Hochzeit spielen durfte. Gesagt, getan. Das Fest kam. An dem Abend trug ich einen marineblauen Anzug und einen roten Schlips. Nur drei &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren da. Den Musikern hatte ich Sondergenehmigungen beschaffen müssen, sonst hätten sie abends nicht ins Weißenviertel kommen können. Ich stand an der Bar und beobachtete eine Dame aus Portugal. Sie tanzte gut. Sie müssen bedenken, dass 1954 ein Schwarzer eine weiße Frau nicht berühren durfte. Wir konnten nicht mal miteinander reden! Die einzigen weißen Frauen, die wir sahen, waren katholische Nonnen. Nur die Boys kamen in Kontakt mit europäischen, verheirateten Frauen. Aber bon, ich hatte also gesehen, wie gut sie tanzte, und fragte ihren Mann, ob ich auch mal mit ihr tanzen dürfe. Einfach so! Es war eine Anwandlung von mir, eine Verrücktheit. Aber ihr Mann nickte. Also ging ich zu ihr hin und bat sie um einen Tanz. Ein ganzes Stück lang haben wir zusammen getanzt. Danach applaudierten die Weißen, sogar der Provinzgouverneur! Kabasele schrieb darüber später dieses Lied: ›Jamais Kolonga‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schenkte sich Wein nach. Einmal &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, immer &#039;&#039;évolué&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Vater.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wurde am 1. Januar 1900 geboren, in Bas-Congo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? Oder war das ein willkürliches Datum, das die Mis­sionare eingetragen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, es war wirklich sein Geburtstag. An diesem Tag war jemand von einem Löwen zerrissen worden, ein Schwarzer. Als mein Vater getauft wurde, wussten die Weißen das noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals gab es noch viele Löwen und Büffel, und sogar Elefanten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute gibt es keine mehr. Was das Großwild betrifft, ist Bas-Congo leer. Aber was für eine schnelle Entwicklung! Nur ein halbes Jahrhundert, bevor Jamais Kolonga auf einer europäischen Hochzeit tanzte, gab es in Bas-Congo noch Löwen, die Menschen zerrissen. Und Missionare mit ihrer eigenen Form der Raubgier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als er zwölf, dreizehn Jahre alt war, kam Hochwürden Cuvelier ins Dorf. Er sagte zu meinem Vater: ›Du sollst meine Schuhe putzen. Wo ist dein Vater?‹ Und zu meinem Großvater: ›Können Sie mir Ihren Sohn schenken?‹ ›Einverstanden‹, sagte mein Großvater, ›Sie können ihn mitnehmen, wenn er mich dann auch besuchen kommt.‹ Mein Großvater war selber katholisch, wissen Sie. Als er kirchlich geheiratet hat, hat er zwei von seinen drei Frauen weggeschickt. Die Kinder hat er natürlich bei sich behalten. Wie auch immer, mein Vater ging zum Missionsposten mit und wurde am 13. Dezember 1913 getauft. Danach wurde er in der Schule der Redemptoristen in Matadi angemeldet, und sechs Jahre später wechselte er in die neue Oberschule in Boma. Ipso facto war er also einer der ersten, die dort einen Abschluss machten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das erste Mal auf allen meinen Reisen, dass ich aus dem Mund eines Kongolesen die Wendung »ipso facto« hörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um 1927 oder 1928 wurde er von einem Angestellten von Otraco angesprochen. Sie brauchten intelligente Leute. Bis zur Rente 1958 hat mein Vater für Otraco gearbeitet, immer als Büroangestellter. Als der Betrieb seine Zentrale von Thysville nach Léopoldville verlegte, zog er hierher. Mein Vater wurde ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er hatte das Sagen in &#039;&#039;la cité Otraco&#039;&#039;, dem Wohnviertel für das einheimische Personal. Er überwachte die Arbeit der Maurer, Zimmerleute, Betonbauer. Er besuchte die Häuser der Beschäftigten von Otraco und setzte jeden Samstag eine Prämie für den aus, der die schönste und sauberste Wohnung hatte. Mein Vater trank Wein, er war einer der Ersten, die das durften. An Feiertagen hielt er Ansprachen vor dem Generalgouverneur, vor Ryckmans, Pétillon und Cornelis, er hat sie alle gekannt. 1928 hat er sogar eine Rede vor König Albert gehalten, der auf einer Rundreise hier Halt machte! Er bekam also selbstverständlich die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und später die &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Im ganzen Kongo gab es damals erst 47 &#039;&#039;immatriculés&#039;&#039;!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war sehr beeindruckend. Sogar der alte Nkasi erinnerte sich an ihn. »Joseph Lema, der war vollkommen mundele.« Der Vater trat auch dem Betriebsrat von Otraco bei und wurde später sogar Mitglied des Provinzialrats. Er gehörte zu der ersten Gruppe Einheimischer, die etwas Mitspracherecht in der Verwaltung hatten. Jamais Kolonga kramte in einem schmuddeligen braunen Briefkuvert und zog ein Schwarzweißfoto heraus, von Feuchtigkeit und Termiten beschädigt. Es zerbröselte noch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier, das war er. Und das hier ist mein Patenonkel. Papa Antoine.« Ein Mann in Uniform, mit vielen Orden. »Er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ein guter Freund meines Vaters.« Auf der Rückseite des Fotos sah ich die Handschrift seines Vaters. Äußerst elegant und regelmäßig war sie, strotzend vor Selbstvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin Jahrgang 1935. Ich wurde in Kinshasa geboren. Mit meinem Vater sprach ich Französisch, mit meiner Mutter Kikongo, überall sonst wurde Lingala gesprochen. Meine Eltern kamen aus demselben Dorf. Auch wenn meine Mutter mit einem &#039;&#039;évolué&#039;&#039; verheiratet war, ging sie doch jedes Jahr für sechs Wochen zurück in ihr Dorf. Dort muss sie gestochen worden sein. 1948 ist sie an der Schlafkrankheit gestorben. Mittlerweile ging ich in die Schule von Saint-Pierre, also die Schule von Hochwürden Raphaël de la Kéthulle. In den Pausen durfte ich seine Bibliothek ordnen. Und wenn ein großer Fußballwettkampf war, durfte ich den Ball aus seinem Büro holen und in den Anstoßkreis legen. Eine Militärkapelle spielte, und ich marschierte als Kleinster in die Mitte. De la Kéthulle hat mir beigebracht, mutig zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte es mir gern vorgeführt, aber seine schmerzende Hüfte erlaubte es ihm nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was haben Sie nach der Grundschule gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte Priester werden. Zwei Jahre lang habe ich Latein und Griechisch gelernt am kirchlichen Gymnasium von Kibula, bei Kinshasa. Das war bei den Redemptoristen. Aber dann haben sie mich rausgeworfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil ich kein Maniokbrot mochte. Ich konnte es einfach nicht essen. Sie meinten, ich solle mich nicht so haben. Jacques Ceulemans hieß der Mann, der mich rausgeworfen hat. Den Namen habe ich bis heute nicht vergessen. Er hatte kein bisschen Mitleid. Ich mochte es wirklich nicht. Er war die größte Enttäuschung meines jungen Lebens, aber nach der Unabhängigkeit, als ich in der Presseabteilung des Premierministers gearbeitet habe, da habe ich, kraft meines Amtes, &#039;&#039;ihn&#039;&#039; rausgeworfen. Das war damals, als die Soldaten gemeutert haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehnsucht, Enttäuschung, Abrechnung: ein bekannter psychologischer Prozess. Auch für Jamais Kolonga war das Priesteramt ein glühender Wunschtraum gewesen, aus dem man ihn brutal geweckt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schließlich habe ich die Schule in Kinshasa abgeschlossen, auf dem Collège Sainte-Anne, der Oberschule von de la Kéthulle. Dort saßen wir alle zusammen. Thomas Kanza, Cardoso, Boboliko, Adoula, Ileo. Bolikango auch, der war etwas älter.« Sie alle waren Persönlichkeiten, die nach der Unabhängigkeit Schlüsselfunktionen innehatten. Bolikango verhandelte in Brüssel über die Unabhängigkeit, Adoula, Ileo und Boboliko waren jeder eine Zeitlang Premierminister, Kanza war der erste Botschafter des Kongo bei den Vereinten Nationen, Cardoso war Bildungsminister . . . »Wir waren bei den Scheutisten. Das andere College gehörte den Jesuiten. Dort waren unter anderem Bomboko, Kamitatu, Albert Ndele.« Noch mehr klingende Namen aus der kongolesischen Geschichte. Die ersten beiden wurden Außenminister, letzterer Direktor der Nationalbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Umgebung, was für ein Zeitbild . . . Das war die &#039;&#039;jeunesse dorée&#039;&#039; des Kongo. Dort wurde eine junge, urbane Elite ausgebildet, die vor Ehrgeiz fast platzte. Keine Generation vor oder nach ihnen hat einen so guten Unterricht genossen. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Weißen blieb bestehen, doch die Angst einer vorherigen Generation schlug bei ihnen um in Momente von Schneid, gewiss bei einem Mann wie Jamais Kolonga. Noch immer gurrte er vor Spaß, wenn er an Monsieur Maurice dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1952 fing ich bei Otraco an. Monsieur Maurice war einer der Chefs. Es gab einen Lift für die Weißen und eine Treppe für die Schwarzen, sogar für die Angestellten. Ich nahm einfach den Lift, denn ich musste in den dritten Stock. Eines Tages stand ich mit diesem grandiosen Monsieur Moritz im Lift. Ich hatte noch dazu eine Weinfahne. Weil mein Vater &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war . . . Bon. Moritz gab mir eine Ohrfeige, und dann haben wir uns geprügelt. Es endete schließlich auf der Gendarmerie von Otraco. Ich war echt ein kleiner Rowdy im Betrieb, ja.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo der Nachkriegszeit war in vollem Umbruch, und die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren der deutlichste Beweis dafür. Es herrschte ein Klima hoffnungsvoller Erwartungen. Den Höhepunkt bildete zweifelsohne die berühmte Rundreise von König Baudouin im Mai und Juni 1955. Zum ersten Mal besuchte ein belgischer Monarch nicht nur die Machtzirkel und die Jagdreservate der Kolonie, sondern nahm sich auch ausgiebig Zeit, dem Volk zuzuwinken. Es wurde ein Riesenerfolg, ein totaler Rausch, eine beispiellose Euphorie. Junge Männer kletterten auf Bäume, um dem König zuzuwinken, Frauen trugen &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; mit einem Abdruck von Baudouins Konterfei, Kinder schmetterten die Brabançonne.79 Der Monarch und sein Gefolge reisten kreuz und quer durchs Land, wie ein Wanderzirkus, der überall mit Gesang und Tanz empfangen wurde. In Stanleyville wurde der König von Männern des Bakumu-Stammes getragen. In Elisabethville liefen die Frauen hinter ihm her: »Unser König ist so jung und so schön! Gott schütze ihn!« (&#039;&#039;Unser&#039;&#039; König, nannten sie ihn; das war das erste Mal.) In Kinshasa hatte man geplant, ihn von Victorine Ndjoli, dem Fotomodell mit Führerschein, chauffieren zu lassen, aber daraus wurde nichts. &#039;&#039;Mwana kitoko&#039;&#039; wurde er genannt, schöner junger Mann, denn er war noch immer blutjung und unverheiratet. Alle wollten ihn sehen. Ihm in die Augen zu schauen oder ihn zu berühren, sollte Glück bringen. Kinder in der Provinz, die noch nie Schuhe getragen hatten, bekamen eigens für diesen Tag ihr erstes Paar. »Es war gar nicht so einfach, damit zu laufen«, erzählte mir jemand, der damals eines der Kinder war, »aber wir haben trotzdem viel gelacht.«80 Heute sieht man im Haus von betagten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; neben dem Hochzeitsfoto noch immer ein offizielles Porträt von König Baudouin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Orte, die der König auf seiner Reise besuchte, war Lingwala, das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. »Er wollte mit eigenen Augen die Häuser sehen, die mit königlichen Mitteln erbaut worden waren«, sagte Jamais Kolonga. »Und deshalb hat er das Haus meines Vaters besucht, das hier auf diesem Grundstück stand.« Er deutete mit seiner Krücke durchs Fenster, auf die Stelle, wo der Mais vor sich hin welkte. »Das Haus steht heute nicht mehr, aber damals kam Madame Detiège vorbei, die Fürsorgerin von Otraco. Sie kontrollierte die Polstermöbel und richtete das Haus her. Die Wände wurden neu gestrichen, und sie stellte Blumen auf den Tisch. König Baudouin kam zusammen mit dem Generalgouverneur. Sie haben sich so zehn, fünfzehn Minuten mit meinem Vater unterhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist kaum zu glauben, dass sein Vater nur wenige Jahre später in demselben Haus täglich Besuch von einem Mann bekam, der das Verlangen nach Unabhängigkeit anzufachen wusste wie kein anderer. Dieser Mann war Kasavubu. Er würde einige Jahre später der erste Präsident des unabhängigen Kongo werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich viel verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele die Zeit vor der Ankunft der Weißen zurückgewünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hofften immer mehr Menschen auf einen weißen Lebensstil. Von einem Unabhängigkeitsfieber war noch nichts zu spüren, und doch hatte der Weltkrieg als mächtiger Katalysator gewirkt. Er hatte die Verletzbarkeit des Mutterlandes gezeigt und zu einer neuen Weltordnung geführt, in der Kolonialismus alles andere als selbstverständlich war. Die latente Spannung, die daraus resultierte, wurde 1955 von niemandem klarer in Worte gefasst als von Antoine-Roger Bolamba, Journalist, Schriftsteller und &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er war der größte kongolesische Dichter französischer Sprache während der Kolonialzeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Fleisch des Kampfes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf die rote Stunde des Einsatzes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über mir pfeift schon der Pfeil, der weiter, viel weiter bringen wird&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das schwindelerregende Feuer des Sieges81&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 6 Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Späte Entkolonialisierung, plötzliche Unabhängigkeit 1955-1960 ===&lt;br /&gt;
Und dann ging es plötzlich blitzschnell. 1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität. Dieses Tempo verblüffte fast jeden, wohl am meisten die Kongolesen selbst. Der belgische Kolonialismus, dem sie unterworfen waren, war ja von der Idee des allmählichen Übergangs durchdrungen. Schritt für Schritt sollte der Kongo von seinem archaischen Ursprung losgelöst werden und in die Moderne eintreten. Aus belgischer Perspektive war dieses Ziel noch lange nicht in Sicht. Das Land war seit dem Zweiten Weltkrieg zwar auf dem richtigen Weg, doch die »Kulturvermittlung« war nicht mal zur Hälfte vollbracht. »Unabhängigkeit?«, schnaubte der Missionar vom Heiligen Herzen Jesu und zukünftige Erzbischof Petrus Wijnants 1959 vor seinen Gläubigen. »Vielleicht in fünfundsiebzig, aber auf alle Fälle nicht in den nächsten fünfzig Jahren!«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte anders kommen. Aus dem allmählichen Übergang wurde ein Sturmlauf, Bedächtigkeit wich dem Chaos. Die Verantwortlichen? Niemand speziell. Oder besser gesagt: jeder. Die blitzschnelle Entkolonialisierung war nicht das Werk einer bestimmten Persönlichkeit oder Bewegung, sondern die Folge einer außerordentlich komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Akteuren. Man könnte es mit einer Tischtennispartie vergleichen, die ruhig beginnt, ein gelassenes Hin und Her des Balls, und sich mit einem Mal beschleunigt zu einem nervösen Match voller gezielter Schläge, gewiefter Topspins, bedrohlicher Schmetterbälle und gerissener Täuschungsmanöver. Immer schneller fliegt der Ball, so schnell, dass Spieler und Zuschauer gar nicht mehr richtig mitbekommen, was genau wo und wann passiert. Keiner hat mehr einen Überblick, aber jeder weiß: Es kann nicht mehr lange dauern. Und so geschah es auch im Kongo. Mit dem Unterschied, dass es mehr als zwei Spieler gab, und eigentlich auch mehr als einen Ball. Bei der Entkolonialisierung standen nicht nur Kongolesen Belgiern gegenüber; man konnte nicht von monolithischen Blöcken reden. Auf kongolesischer Seite gab es &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, Religiöse, Soldaten, Arbeiter, Bauern. Menschen aus Bas-Congo hatten andere Ambitionen als die Bewohner des Kivu oder Kasais. Menschen in den Dreißigern hatten andere Träume als Menschen in den Sechzigern. Aber sie alle kamen, früher oder später, und stellten sich um die Tischtennisplatte. Auf belgischer Seite gab es neben den Belgiern in der Kolonie die Belgier im Mutterland. Es gab Liberale, Katholiken und Sozialisten. Die Kirche und das Königshaus hatten andere Interessen als Unternehmen oder Gewerkschaften. In der Kolonie hatten die Beamten andere Wunschvorstellungen als die Plantagenbesitzer im Landesinneren oder die Missionare im Urwald. All diese Interessengruppen standen nebeneinander, sie standen sich einander gegenüber, oder sie hatten sich miteinander vermischt. Und dann gab es die Fans: UdSSR, USA und UNO standen laut schreiend auf den Tribünen, flankiert von jungen Staaten wie Ghana, Indien und Ägypten. Die Spieler wussten nicht, auf wen sie zuerst hören sollten, aber die kongolesischen Spieler bekamen als Underdogs deutlich mehr anfeuernde Zurufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann waren auch noch mehrere Bälle im Spiel: mindestens drei. Wollte man die Unabhängigkeit? Wann wollte man sie? Und wie sollte der unabhängige Kongo aussehen? Die letzte Frage betraf sowohl die innere Organisation des Landes (unitär oder föderal?) wie die externen Beziehungen zu Belgien (völlige Loslösung oder doch noch irgendeine Form von staatsrechtlicher Bindung?). Die Beantwortung dieser drei Fragen führte zu sehr verschiedenen Positionen. So konnte auf der einen Seite der Tischtennisplatte die bedingungslose und sofortige Unabhängigkeit gefordert werden, bei der alle Verbindungen zu Belgien gekappt werden und der Kongo unitär bleiben sollte, während man auf der anderen Seite für eine langsame Entkolonialisierung mit einer bleibenden Verbindung zum Mutterland und großer Autonomie für die verschiedenen Provinzen eintrat. Und dazwischen gab es noch ein Wirrwarr anderer Positionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war so, als würde eine ganze Weltmeisterschaft im Tischtennis zum selben Zeitpunkt auf einer einzigen Platte stattfinden. Die Folge waren Reibereien, Irritationen, Nervosität, Streitsucht, Euphorie, Verzweiflung und Wahnsinn. Und natürlich Tempo. Die Regeln änderten sich pausenlos. Die einzige Möglicheit, einen kühlen Kopf zu bewahren, lag im Fokussieren, in der bewussten Einschränkung des Blickfeldes, im verbissenen Festhalten an der eigenen Taktik; man durfte nur ein Auge für das eigene Spiel haben. So verhielten sich alle Beteiligten. Aber ein anderes Wort für Fokus ist Tunnelblick, und genau der bewirkte – bei allen Akteuren – Ignoranz. Die tragische Entkolonialisierung des Kongo war eine Geschichte mit vielen blinden Flecken und nur gelegentlichen Momenten der Klarheit. Aber hinterher ist leicht reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir schreiben das Jahr 1955, und noch immer befinden wir uns im Haus von Jamais Kolonga. Nach der Stippvisite von König Baudouin bekommt sein Vater immer häufiger Besuch von einem makellos gekleideten &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. »Kasavubu kam jeden Tag vorbei, hier, in dieses Haus.« Er deutete auf den Fußboden mit dem zerbröckelnden Beton. »Morgens und abends kam er, um mit meinem Vater zu diskutieren. Ich schenkte ihm Wein ein. Kasavubu war ein echter Gentleman.« Auf Fotos aus jener Zeit wirkt er tatsächlich sehr distinguiert. Tadelloser Anzug, modische Brille, Augen, die eher lächelten als laut lachten. Es wurde getuschelt, dass einer seiner Vorfahren ein Chinese gewesen sei, der um 1890 beim Bau der Bahnlinie zwischen Matadi und Léopoldville mitgearbeitet habe. Deshalb diese Augen, meinte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kam vierzig Jahre zuvor in Bas-Congo zur Welt, in einem Dorf hundert Kilometer nördlich von Boma, am Rand des Mayombe-Waldes. Rechnen und Lesen lernte er auf der Missionsstation der Scheutisten, und da er sich als sehr gelehrig erwies, durfte er das Gymnasium besuchen, damit er später eventuell Priester werden könnte. Er lernte Latein und Französisch und wechselte mit achtzehn ins Priesterseminar von Kabwe in Kasai. Es war das erste Mal, dass er Bas-Congo verließ. Nach drei Jahren Philosophie-Unterricht war er sich jedoch darüber im Klaren, dass er sich nicht zum Priester berufen fühlte. Er verließ das Seminar, wurde Lehrer, anschließend Angestellter und schließlich Beamter, doch ein Hauch von priesterlichem Pathos war ihm zeitlebens eigen. Ein leidenschaftlicher Redner wie Lumumba wurde er nie. Seine Stimme war schwach und hoch, die Modulation flach und tonlos. Das Publikum bekam er nur mit Mühe still. Er war unverkennbar intelligent, doch seine Intelligenz beruhte eher auf harter Arbeit und gründlichem Nachdenken als auf angeborenem Esprit. In zahlreichen Diskussionen mit Geistesverwandten formten sich seine Ansichten zu klaren Standpunkten. Hatte er erst einmal einen festen Standpunkt gewonnen, verstand er sich auf die Kunst, ihn mit großer Entschiedenheit zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges war er, wie so viele junge Männer, nach Léopoldville gegangen. Als 25-Jähriger war er als Beamter bei der Finanzverwaltung der Kolonialregierung eingestellt worden. Damit wurde er Teil der neuen, schwarzen, urbanen Elite. Nach Feierabend diskutierte er mit Leuten wie dem Vater von Jamais Kolonga über den Status der Bakongo in Léopoldville. Sie waren sich darin einig, dass &#039;&#039;sie&#039;&#039; die ursprünglichen Bewohner des Gebiets um die Hauptstadt seien und ereiferten sich darüber, dass nicht ihre Sprache, sondern das Lingala, die Sprache der flussaufwärts im Urwald lebenden Bangala, im Begriff war, zur Lingua franca der Stadt zu werden. Waren die Bakongo nicht zuerst hier gewesen? Und waren sie nicht am zahlreichsten vertreten? Warum fand der Schulunterricht dann auf Lingala statt? Gab es denn nicht so etwas wie das Recht dessen, der zuerst Besitz ergreift? Dieser Slogan war ein grandioser Fund: Er entstammte der Kolonialrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts, direkt übernommen von der Berliner Konferenz, aber Kasavubu übertrug ihn auf die städtische Situation der vierziger und fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie dachten auch über soziale und gesellschaftliche Probleme im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit nach. Mit welcher Berechtigung verdienten die Weißen so viel mehr als die &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, auch noch dann, wenn Letztere eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen? Auch hier goss Kasavubu seine Empörung in einen kühnen Slogan: &#039;&#039;»à travail égal, salaire égal«&#039;&#039;, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Eine entschieden zugespitzte Äußerung für jemanden, der sonst eher weitschweifig redete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Hauptstadt trat Kasavubu Adapes bei, der Vereinigung ehemaliger Scheutisten-Schüler. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer des Vereins, ein Amt, das er bis 1956 innehatte und bei dem er sehr viele Kontakte mit der jungen, hauptstädtischen Oberschicht unterhielt. Der Alumni-Club zählte damals fünfzehn- bis achtzehntausend Mitglieder.2 1955 übernahm Kasavubu auch noch die Leitung der Abako, der tribalen Vereinigung, die sich schon seit einigen Jahren für die Sprache und Kultur der Bakongo in Léopoldville einsetzte. Mit seinem Vorsitz war ein radikaler Umschwung verbunden. Kasavubu formte die Abako zu einer explizit politischen Organisation um und legte damit den Grundstein für die Politisierung der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und faktisch auch für den Beginn der Entkolonialisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Jahr 1955 wurde auch durch eine andere Begebenheit ein Jahr der Weichenstellung, wenngleich kein &#039;&#039;évolué&#039;&#039; in Belgisch-Kongo es erahnen konnte. Denn das Ereignis fand in Belgien statt, und nur wer die niederländische Sprache beherrschte, bekam es mit. Im Dezember jenes Jahres erschien in der Zeitschrift der flämischen katholischen Arbeiterbewegung ein Beitrag mit dem Titel »Ein Dreißigjahresplan für die politische Emanzipation Belgisch-Afrikas«. Jef Van Bilsen, der Autor, war ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Belga. Er war lange im Kongo tätig gewesen und hatte dort auch als Dozent an der kolonialen Universität unterrichtet. Der Tenor des Artikels war, dass sich die Kolonie endlich darum kümmern müsse, eine intellektuelle Oberschicht heranzuziehen. Es müsse eine Generation von Ingenieuren, Offizieren, Ärzten, Politikern und Beamten ausgebildet werden, damit der Kongo so um das Jahr 1985 herum mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen könne.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als gewöhnlich behauptet handelte sich Van Bilsen mit seinem Plan zunächst keine scharfe Zurechtweisung ein. Sowohl in Belgien wie auch im Kongo stieß er, auch außerhalb der progressiven Kreise, auf wohlwollendes Interesse. Seine Vorstellungen einer langsamen Emanzipation knüpften ja an die Idee des allmählichen Übergangs an, die die koloniale Dreifaltigkeit seit Dezennien vertrat. Sein Dreißigjahresplan sollte für die Politik bewirken, was der Zehnjahresplan von 1949 für die Infrastruktur und die Wirtschaft bewirkt hatte: das Land langsam, aber stetig zu modernisieren. Er brach nicht mit dem bestehenden Paradigma, sondern dachte es weiter bis in die letzte Konsequenz. Dass er das Jahr 1985 als Zeitpunkt benannte, machte das Ganze allerdings sehr konkret, doch auch dabei dachte er nicht in Begriffen einer vollkommenen Unabhängigkeit: Nach diesem Datum sollten Belgien und der Kongo noch durch die Krone miteinander verbunden sein und gemeinsam eine Art Konföderation bilden, eine Völkergemeinschaft &#039;&#039;à deux&#039;&#039; sozusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1956 erschien der Artikel in französischer Übersetzung, und das brachte den Stein ins Rollen. Kopien zirkulierten in den Vierteln der Einheimischen in Léopoldville, den Vierteln, in denen jeden Morgen Tausende von Menschen aufbrachen, häufig barfuß, um in den Lagerhallen, Seifenfabriken oder Brauereien der Europäer zu arbeiten, den Vierteln, in die jeden Abend die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; zurückkehrten nach ihrer täglichen Arbeit als Typist oder Sachbearbeiter bei einem weißen &#039;&#039;patron&#039;&#039;, den Vierteln, wo Einzelne bei einem Glas portugiesischen Weins bis spät in die Nacht über die Weltlage diskutierten. Warum redete der Chef sie immer mit Victor oder Antoine an und nie mit &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Victor oder &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Antoine? Warum sagte jeder Weiße &#039;&#039;tu&#039;&#039; zu einem und niemals &#039;&#039;vous&#039;&#039;, nicht mal, wenn man Manschettenknöpfe und einen weißen Kragen trug? In diesen begrenzten Kreisen fand Van Bilsens Artikel reißenden Absatz. Ein Weißer, der öffentlich über die politische Emanzipation der Schwarzen nachdachte: War das wirklich möglich? Ein Plan, in dem von einem Universitätsstudium und neuen Chancen die Rede war: War das nicht ein Traum? Es war, als breche ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke ihres Daseins. Es würde also nicht auf ewig so bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht mehr als ein Flugblatt, aber Kasavubu war erbost, als er es in die Hände bekam. &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; stand darauf, Juli-August 1956. Das unregelmäßig erscheinende Blättchen mit katholischem Hintergrund, das erst seit ein paar Jahren existierte und nur eine kleine Auflage hatte, wurde von Joseph Ileo geleitet, einem Mann aus der Provinz Équateur. Unter den sechs Redakteuren waren viele ehemalige Schüler von tata Raphaël; einer von ihnen war Inhaber einer &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein anderer war sogar im Besitz einer &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Die bewusste Ausgabe bestand hauptsächlich aus einem langen, anonymen Artikel mit dem unerschrockenen Titel &#039;&#039;»Manifeste«.&#039;&#039; Die Autoren hatten Van Bilsens Plan gut studiert, das sah Kasavubu gleich. »Die kommenden dreißig Jahre sind für unsere Zukunft entscheidend«, las er. »Die Belgier müssen künftig einsehen, dass ihre Herrschaft über den Kongo nicht ewig währen wird.«4 Der Text sprach, ganz auf der Linie von Van Bilsen, über politische Emanzipation und allmähliche Veränderung; es wurde eine gemeinsame belgisch-kongolesische Initiative befürwortet, und es war die Rede von einer Atmosphäre der Brüderlichkeit, die jeder Form von Rassenunterschieden ein Ende machte. Hatte König Baudouin während seiner Reise denn nicht selbst ein gutes Beispiel gegeben? Der Text fuhr fort: »Wir fordern die Europäer auf, ihre Haltung der Missachtung und Rassentrennung aufzugeben, um die fortwährenden Kränkungen, die wir erleiden müssen, zu verhindern. Wir fordern sie außerdem auf, ihre herablassende Haltung aufzugeben, die unser Selbstwertgefühl verletzt. Wir mögen es nicht, ständig wie Kinder behandelt zu werden. Begreifen Sie doch, dass wir anders sind als Sie und dass wir, während wir uns die Werte Ihrer Kultur zu eigen machen, gleichzeitig wir selbst bleiben möchten.«5 Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte nicht mehr länger nur warten und hoffen, wie er es schon seit Jahren tat, denn das blieb vergeblich, sondern wollte auch auf seine eigene Kraft vertrauen können. In Großbuchstaben stand dort ferner: »Wir wollen kultivierte Kongolesen sein, keine ›Europäer mit schwarzer Haut‹.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kochte vor Wut. Nicht, dass er nicht einverstanden gewesen wäre mit diesen Thesen, im Gegenteil. Nur: Woanders das lesen zu müssen, was er selbst schon seit Jahren dachte, das wurmte ihn. Außerdem stammte fast die gesamte Redaktion von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; aus der Provinz Équateur, während er, Kasavubu, gerade der Vorsitzende der größten Bakongo-Vereinigung geworden war. Sollten diese Lingala-Sprecher, die Bangala, in der Hauptstadt jetzt auch noch die Initiative im politischen Kampf übernehmen? Es ist kaum bekannt, doch ethnische Rivalität in den großen Städten spielte bei der Entkolonialisierung eine ebenso große Rolle wie die Ablehnung der Fremdherrschaft, wie künstlich viele dieser »Stämme« auch waren. Die »Bangala«, über die Kasavubu sich so ärgerte, waren als homogener Stamm eine Konstruktion des &#039;&#039;Bureau international d&#039;éthnographie&#039;&#039; (im Äquatorialwald existierte ein Flickenteppich von Kulturen, einen übergreifenden Stammesverband hatte es dort nie gegeben), doch diese Erfindung von Ethnographen aus den Jahren um 1910 wurde, dank der Missionsschulen, im Kinshasa der fünfziger Jahre sehr real.7 Die Bakongo wollten den Bangala nicht nachstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Wochen später rief Kasavubu die Abako-Mitglieder zusammen, um das Manifest von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; zu studieren und zu kommentieren. Im August 1956 erschien ihr »Gegenmanifest«. Es sollte den ersten Text übertreffen, ja, am besten zu Makulatur machen. Der Ton war viel radikaler und der Inhalt durchgehend revolutionär. Van Bilsens Dreißigjahresplan und &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039;? »Wir unsererseits wollen nicht an der Ausführung dieses Planes mitarbeiten, sondern einzig und allein an seiner Abschaffung, denn die Umsetzung würde für den Kongo nur zu mehr Verzögerung führen. Im Kern geht es bloß wieder um das ewige Wiegenlied. Unsere Geduld ist längst am Ende. Da die Zeit reif ist, müssen sie uns noch heute die Selbstbestimmung zuerkennen, statt sie noch einmal dreißig Jahre aufzuschieben. Späte Emanzipationen hat die Geschichte nie gekannt, denn wenn die Zeit gekommen ist, warten die Völker nicht mehr.«8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das mit den Völkern war natürlich übertrieben. Kasavubu hatte nicht das kongolesische Volk hinter sich, und auch große Teile »seines« Bas-Congo kannten nicht einmal seinen Namen. Er sprach allenfalls im Namen der Kikongo-sprachigen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; in der Hauptstadt. Doch in den Kreisen der Kolonialmacht schlug der Text ein wie eine Bombe. Es war das allererste Mal, dass einige Kongolesen so offen die baldige Unabhängigkeit forderten. An einer Konföderation mit dem Mutterland hatten sie wenig Interesse. Und die Einheit der Kolonie war ihnen offenbar auch nicht heilig; wie es schien, setzten sie sich nur für Bas-Congo ein. Viele Vertreter der Kolonialmacht reagierten mit Entrüstung. Sie sprachen von »Wahnsinn«, einem »Wettrennen in den Selbstmord«, einem »Rassismus, der schlimmer ist als der, gegen den man angeblich vorgeht«.9 Jef Van Bilsen wurde zum Sündenbock gestempelt. Er habe, so die herrschende Meinung, die Büchse der Pandora geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialisten kam der Ruf nach Unabhängigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel, doch das sagt viel darüber aus, in welch einer geschlossenen Welt sie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ja in Asien eine erste Entkolonialisierungswelle in Gang gekommen. Innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1946 und 1949, waren die Philippinen, Indien, Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig geworden. Diese Dynamik sprang auf Nordafrika über, wo Ägypten das britische Joch abwarf und Marokko, Tunesien und Algerien sich warm liefen für mehr politische Autonomie. Politiker wie Nehru, Sukarno und Nasser unterhielten gute Kontakte untereinander. Das kulminierte 1955 in der höchst wichtigen Bandung-Konferenz auf Java, einem afro-asiatischen Gipfel, wo neue Staaten und nach Unabhängigkeit strebende Länder den Kolonialismus einhellig auf den Müllplatz der Geschichte verwiesen. »Der Kolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist ein Übel, das so schnell wie möglich enden muss«, stand in der Abschlusserklärung.10 Vertreter des Kongo waren nicht in Bandung, aber eine Delegation aus dem Nachbarland Sudan, das wenige Monate später unabhängig werden sollte. Außerdem begannen nach dieser Konferenz Rundfunksender von ägyptischem und indischem Boden aus den Antiimperialismus zu verbreiten. Über Kurzwelle konnte man im Kongo &#039;&#039;La Voix de l&#039;Afrique libre&#039;&#039; aus Ägypten empfangen und &#039;&#039;All India Radio&#039;&#039;, das sogar Sendungen in Swahili ausstrahlte.11 Ihre Botschaft wurde durch eine technische Neuerung verbreitet: das Transistorradio. Ein kleines, erschwingliches Gerät hatte dadurch große Folgen. Man brauchte nicht länger auf Marktplätzen und an Straßenecken zu stehen und sich die amtlichen Bulletins von &#039;&#039;Radio Congo Belge&#039;&#039; anzuhören, sondern konnte im Wohnzimmer heimlich verbotene ausländische Sender empfangen, die wiederholten, dass Afrika den Afrikanern gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der zunehmenden Stimmung des Unmuts etwas entgegenzusetzen, entschloss sich Brüssel schließlich, eine erste Form der Machtbeteiligung einzuführen. Schon seit zehn Jahren debattierte die Politik über Formen einheimischer Mitbestimmung in den Städten, doch 1957 wurde endlich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In einigen großen Städten sollten die Viertel der Einheimischen eigene Bürgermeister und Gemeinderäte bekommen. Auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie erlangten Kongolesen dadurch zum ersten Mal konkrete Macht. In der Praxis hatten die Kolonialbeamten bereits bemerkt, dass informelle Bezirksräte gut arbeiteten, um lokale Probleme zu lösen, insbesondere, wenn die Gemeinschaft selbst die Mitglieder dieser Räte ernannt hatte.12 Künftig sollten die Mitglieder durch formelle Wahlen bestimmt werden; die Bürgermeister standen allerdings noch immer unter der Kontrolle eines belgischen »Oberbürgermeisters«. Ende 1957 wurden zum ersten Mal in der Geschichte Belgisch-Kongos Wahlen abgehalten, freilich nur in den Städten Léopoldville, Elisabethville und Jadotville. Nur erwachsene Männer durften ihre Stimme abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war zu diesem Zeitpunkt eine der Kolonien in Afrika, die in puncto Urbanisierung, Proletarisierung und Schulbildung weit vorn lagen. 22 Prozent der Bevölkerung lebten in der Stadt, 40 Prozent der aktiven männlichen Bevölkerung standen in einem Arbeitsverhältnis, und 60 Prozent der Kinder besuchten die Grundschule.13 Diese Situation war ebenso neu wie prekär. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre waren die Löhne spektakulär gestiegen, doch ab 1956 stagnierte das Wachstum, und es kam sogar zu einem erheblichen Rückgang. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt führten zu wirtschaftlicher Verlangsamung (unter anderem durch das Ende des Koreakrieges). In den Städten kam es wieder zu Arbeitslosigkeit.14 In Léopoldville gab es schon bald rund zwanzigtausend Arbeitslose.15 Wer seinen Job verlor, zog zu Verwandten, die noch Lohneinkünfte hatten. Die Häuser und Grundstücke der &#039;&#039;cité&#039;&#039; waren nach einiger Zeit gedrängt voll.16 Überall schossen kleine Bars wie Pilze aus dem Boden. Alkoholismus und Prostitution stiegen dementsprechend an, denn wenn das Leben schwer ist, werden die Sitten leicht. In dieser Atmosphäre der Unruhe fanden die ersten Wahlen statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass nur erwachsene Männer teilnehmen durften, bedeutete nicht, dass Frauen und Jugendliche in politische Apathie verfallen waren. Gerade bei ihnen entstanden um diese Zeit alternative Formen eines gesellschaftliches Engagements: die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; und die &#039;&#039;bills&#039;&#039;. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; waren Frauenvereine, in denen sich erfolgreiche Frauen trafen, um gemeinsam zu sparen und sich über Modetrends auszutauschen. Das mochte recht banal erscheinen. Auf speziellen Festen hüllten sich die Mitglieder eines solchen Vereins alle in die gleichen neuen, luxuriösen Stoffe und prunkten damit. Aber das war zugleich auch ein Statement. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; gaben sich Namen wie &#039;&#039;La Beauté&#039;&#039;, &#039;&#039;La Rose&#039;&#039; oder &#039;&#039;La Jeunesse Toilette&#039;&#039;, auf Französisch, weil das in hohem Ansehen stand. Sie reagierten so auf ihre Weise auf die Kluft zwischen Mann und Frau. Sie übernahmen die Sprache der männlichen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und unterstrichen ihren eigenen gesellschaftlichen Fortschritt. Die Mitglieder waren Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Händlerinnen. Victorine Ndjoli, die Frau, die als erste den Führerschein gemacht hatte, gründete mit einigen Freundinnen &#039;&#039;La Mode&#039;&#039;: »Wir waren von der europäischen Mode beeinflusst, die wir in den Katalogen verfolgen konnten. Die französischen Namen bewiesen, dass wir die Schule besucht hatten und gebildet waren. Frauen erhielten erst sehr spät das Recht, Französisch zu lernen, also war Französisch zu sprechen etwas, wodurch wir uns auf eine Ebene mit den Männern stellen konnten.«17 Auch die Rundfunksprecherin Pauline Lisanga war Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele dieser &#039;&#039;moziki&#039;&#039; schlossen sich mit einer der populären Bands der Stadt zusammen. Das Wort »&#039;&#039;moziki&#039;&#039;« kommt übrigens von Musik. &#039;&#039;La Mode&#039;&#039; von Victorine Ndjoli war unbedingter Fan von OK Jazz, dem Orchestre Kinois von François Luambo Makiadi, genannt Franco, dem Mann, der bis heute als größter Gitarrist und Komponist der kongolesischen Rumba gilt und der – in einer weniger anglozentrischen Geschichte der schwarzen Musik – seinen Platz neben B. B. King, Chuck Berry und Little Richard einnehmen würde. Franco de Mi Amor nannten sie ihn, &#039;&#039;le sorcier de la guitare&#039;&#039;, Franco-le-Diable. Victorine ging mit ihren Freundinnen zu seinen Auftritten (eine von ihnen heiratete er sogar), sie tranken &#039;&#039;mazout&#039;&#039;, Bier mit Limonade. Es musste Bier der Marke Polar sein, denn das kam von Bracongo, der Brauerei, in der um diese Zeit ein gewisser Patrice Lumumba seine Arbeit aufnahm. »Ich war für Lumumba, wir unterstützten seinen MNC«, sagte Victorine. Diese Entscheidung lag nicht unbedingt auf der Hand in einer Stadt, in der Abako das Zepter schwang. »Als er starb, haben wir alle getrauert.«18 Frauen durften nicht wählen, aber Mode, Musik, Ausgehen, Trinken und Tanzen bekamen auch eine politische Bedeutung. Sie stimmten mit dem Glas ab. Primus, das Bier der Konkurrenz, tranken ja die Anhänger von Kasavubu.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es die Jugendlichen. Nach einem halben Jahrhundert Geburtenmangel stiegen die Bevölkerungszahlen seit den fünfziger Jahren erheblich. Zwischen 1950 und 1960 wuchs die Zahl der Kongolesen um 2,5 Millionen. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das Land rund 14 Millionen Einwohner. Der Kongo verjüngte sich: Mitte der fünfziger Jahre waren 40 Prozent der Bevölkerung jünger als fünfzehn.20 Die Jugend wurde eine sehr wichtige Bevölkerungsgruppe, nicht nur in demographischer, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; waren die erste Jugendkultur in der Kolonie.21 Was die &#039;&#039;nozems&#039;&#039; für Amsterdam waren, die &#039;&#039;zazous&#039;&#039; für Paris und die &#039;&#039;teddy boys&#039;&#039; für London, waren die &#039;&#039;bills&#039;&#039; für Léopoldville. Sie ließen sich von den Westernfilmen inspirieren, die in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; gezeigt wurden. Wie der Name bereits ahnen lässt, war Buffalo Bill ihr Held. Sie sprachen eine eigene Jugendsprache, das &#039;&#039;hindubill&#039;&#039;, und pflegten einen eigenen Kleidungsstil: Halstücher, Jeans und hochstehende Hemdkragen, die auf den Wilden Westen verwiesen und womit zugleich die tadellos gekleideten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; verspottet wurden. Die wiederum machten sich große Sorgen über die Verlotterung der Jugend. Alles die Schuld verderblicher Filme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Kino müssen Zügel angelegt werden. Kriminalfilme und Cowboyfilme sind sehr beliebt. Alle diese Szenarien zeigen den Zuschauern, oftmals Jugendlichen und nicht selten sogar Kindern, wie man stehlen, töten und, mit einem Wort, Schlechtes tun kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man die Anzeigen und Plakate sieht, wähnt man sich zuweilen im Reich der Brutalität und der Sinnlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollen wir unseren Söhnen und Töchtern Zurückhaltung, Güte, Nächstenliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen beibringen? Das große Übel steckt in den Kinosälen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sieht man anderes in diesen Etablissements als die erotischsten Filme, die aus den wolllüstigsten Szenen bestehen, über die dann noch eine die Sinne aufreizende Musik gekleistert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends habe ich einmal einer Filmvorführung beigewohnt. Im Saal waren alles in allem zehn Erwachsene. Der Rest? . . . Kinder von 6 bis 15 Jahren. Der Saal war voll von diesen »Knirpsen«. Ein Höllenlärm . . . Die Bengel zappelten vor Ungeduld . . . Die Leinwand leuchtete auf . . . Ein Cowboyfilm . . . Applaus . . . Freudenschreie . . . Ein Liebesabenteuer . . . Überall Küsse und »ha!« in allen Ecken . . . Danach die Faustkämpfe und Pistolenschüsse, die bei der Jugend eine unbeschreibliche Freude erwecken . . . Zwei schlechte Filme . . . Nach der Vorführung begann die Wiederholung dessen, was wir in den letzten zwei Stunden auf der Leinwand gesehen hatten. Man belästigte junge Mädchen, die aus der Vorstellung kamen, indem man sie auf die Wangen küsste . . . Man lief mit einem Stock hintereinander her und imitierte das Geräusch einer Pistole, um die Cowboys nachzuäffen . . . Das waren die moralischen Lektionen der Vorstellung dieses Abends . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erbärmlich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das Kino wird zu einer Schule für Gangster in Belgisch-Kongo werden, falls die Vorführung bestimmter Filme in der cité oder in den centres extra-coutumiers nicht verboten wird.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; galten als Unruhestifter, die sich die Zeit mit Diebstahl, Zügellosigkeit und Marihuana vertrieben. Die Jugendkriminalität in den Städten nahm in dieser Zeit tatsächlich zu, aber es ging weniger um schwere Verbrechen als eher um den Diebstahl eines Korbes Papayas oder höchstens eines Fahrrades.23 Trotzdem war das etwas Neues. Die elterliche Autorität bröckelte, das Ansehen des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde verspottet, vom Einfluss des traditionellen Häuptlings war längst nichts mehr übrig. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; organisierten sich in Gangs, die ihre eigenen Territorien in der Stadt beanspruchten und ihnen Namen wie Texas oder Santa Fe gaben. Explizit politisches Interesse hatten sie nicht im Geringsten, doch sie stifteten ein Klima der Rebellion und des Widerstandes, das leicht entflammbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Juni 1957, strömten sechzigtausend Zuschauer in das Stade Roi Baudouin von Raphaël de la Kéthulle zu einem historischen Fußballspiel: F. C. Léopoldville, der Vorläufer der ersten Nationalmannschaft, nahm es gegen Union Saint-Gilloise aus Brüssel auf, einen der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des belgischen Fußballs.24 Eine Premiere. Zum ersten Mal spielte ein kongolesisches Team gegen eine belgische Elf in der Kolonie. Es wurde ein heftiges Match mit einem unerquicklichen Ende. Ein belgischer Armeeoffizier fungierte als Schiedsrichter, und seine Entscheidungen sorgten für Unmut. Als er bei zwei kongolesischen Treffern Abseits pfiff, wurde die Menge wütend. Das Spiel endete mit 4:2 für die Belgier. Schiebung!, riefen die Fans. Beim Verlassen des Stadions reagierten &#039;&#039;bills&#039;&#039;, Arbeiter, Arbeitslose, arme Schlucker, erboste &#039;&#039;mamans&#039;&#039; und Schüler ihren Frust an der Umgebung ab. Es wurde herumgebrüllt, Fäuste flogen. Jugendbanden und Umstehende eilten herbei und beteiligten sich an den Scharmützeln. Autos von Weißen, die das Stadion verlassen wollten, wurden mit Steinen beworfen. So etwas hatten die Vertreter der Kolonialmacht noch nie erlebt. Sollte Fußball nicht die Aggressionen des Volkes in geordnete Bahnen lenken? Die Polizei musste einschreiten. Als alles vorbei war, zählte man vierzig Verletzte und fünfzig lädierte Autos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zunehmenden Spannungen bildeten auch den Hintergrund der Wahlen vom 8. Dezember 1957. 80 bis 85 Prozent der Wahlberechtigten erschienen, das war ein Riesenerfolg. In Léopoldville hatte die Abako ausgezeichnete Arbeit geleistet und schaffte es sogar, Wähler für sich zu gewinnen, die keine Bakongo waren. Sie erlangte 139 der 170 Sitze im Gemeinderat. Von den acht für Einheimische vorgesehenen Bürgermeisterämtern erhielt sie sechs. In Elisabethville erzielten die Migranten aus Kasai, die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, einen stattlichen Stimmenanteil. Außerdem verbuchte die Union congolaise, eine katholische, pro-belgische Vereinigung von &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ein gutes Ergebnis. Es wurden auch neun Weiße gewählt.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Brüssel waren die erfolgreich und korrekt abgelaufenen Wahlen der Beginn einer kontrollierten Demokratisierung der Kolonie. Auch andernorts sollten nun auf lokaler Ebene Wahlen abgehalten werden, gefolgt von Wahlen auf Provinzebene und noch später auf Landesebene. Doch für diesen allmählichen Übergang war es zu spät, meinte Kasavubu. Als er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Dendale in Léopoldville antrat, machte er genau das, was Lumumba 1960 bei seiner Amtseinsetzung als Premierminister tun würde: Er hielt eine flammende Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratie wird nicht eingeführt, wenn man, um das demokratische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, noch Beamte ernennt statt vom Volk gewählte Vertreter. Die Demokratie wird nicht errichtet, wenn wir auf der Seite der Polizei keine kongolesischen Kommissare sehen. Das Gleiche gilt für die Armee: Wir kennen keine kongolesischen Offiziere, noch gibt es kongolesische Führungskräfte im Gesundheitswesen. Und was ist mit der Spitze des Bildungswesens und der Schulaufsicht? Es existiert keine Demokratie, solange kein allgemeines Stimmrecht herrscht. Der erste Schritt ist also noch nicht vollendet. Wir fordern allgemeine Wahlen und innere Autonomie.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte brachten Kasavubu eine Rüge der Obrigkeit ein, doch das berührte ihn kaum. Das Amt des Bürgermeisters verschaffte ihm neben einem hohen Gehalt immenses Ansehen bei der lokalen Bevölkerung. Also setzte er seine politische Kampagne fort. Die Wahlen brachten keine Ruhe in den Laden, sondern schürten die Unruhe noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Zeitbombe tickte weiter. 1955: Die Abako wird politisch. 1956: die Manifeste von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako. 1957: die Gemeinderatswahlen und die Unruhen. Doch das Jahr des großen Umbruchs sollte 1958 werden. Der unmittelbare Anlass war jedoch freundschaftlich geprägt und vollzog sich in einer Atmosphäre herzlicher Verbrüderungen: Expo 58. Nichts deutete darauf hin, dass das gemächliche Flanieren zwischen den Pavillons der Brüsseler Weltausstellung einen revolutionären Effekt haben könnte. Und doch war es so. Belgien blieb von diesem Weltjahrmarkt ein Atomium, dem Kongo ein akuter Hunger nach Autonomie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga konnte es bestätigen. Kleine Gruppen von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; durften schon seit einigen Jahren Studienreisen nach Belgien unternehmen, zur Weltausstellung aber wurden Hunderte Kongolesen, darunter eine große Gruppe von Soldaten, für einen Aufenthalt von mehreren Monaten eingeladen. Es schien eine Art Wiedergutmachung zu sein für die dreihundert Kongolesen, die 1897 in Tervuren zur Schau gestellt worden waren. Auch jetzt stand im Schatten des Atomiums ein kongolesisches Dorf, doch die meisten Belgienreisenden waren dort als Besucher. »Mein Vater durfte 1958 nach Belgien«, erzählte Jamais Kolonga. »Er war sehr beeindruckt von dem, was er dort sah. Europäer, die den Abwasch erledigten und die Straße fegten. Er wusste gar nicht, dass es das gab. Sogar weiße Bettler! Das hat ihm echt die Augen geöffnet.«27 Was für ein Kontrast zu dem Bild von Belgien, das er nur aus den Erzählungen der Missionare und dem Auftreten seiner Vorgesetzten kannte! Der Weiße war &#039;&#039;kein&#039;&#039; weit über ihnen stehender Halbgott. Eine Enttäuschung war diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil, sie weckte Hoffnung und Zuversicht. Und ließ Raum für eine gesellschaftliche Entwicklung, auch in Afrika. Außerdem stellten die Kongolesen fest, dass sie willkommen waren in den Brüsseler Restaurants, Cafés und Kinos, ja sogar in den Bordellen, wie geflüstert wurde.28 Auch das war ein Unterschied zum System der Segregation, das sie täglich in der Kolonie erfuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Expo-Besucher lernten nicht nur ein anderes Belgien kennen, sie lernten sich auch gegenseitig kennen. Menschen aus Léopoldville sprachen zum ersten Mal mit Menschen aus Elisabethville, Stanleyville, Coquilhatville und Costermansville. Aufgrund der immensen Weite des Landes und der Reisebeschränkungen gab es nur wenig Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen der Kolonie. Bauern migrierten in die Städte, aber Städter zogen selten oder nie in andere Städte um. Doch in den Monaten in Belgien tauschte man Erfahrungen aus, unterhielt sich über die Lage daheim und träumte von einer anderen Zukunft. Während der Expo traten auch belgische Politiker und Gewerkschaftsführer – sowohl des linken wie des rechten Spektrums – an einige der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; heran. Auch das trug zur politischen Bewusstwerdung bei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi alias »Élastique«, der Starfußballer von Daring, der Boy von Generalgouverneur Pétillon geworden war, hatte jedoch weniger Glück. Als ich ihn in Kikwit interviewte, erzählte er mir, dass er 1958 mit nach Belgien durfte, von der Expo jedoch nichts zu sehen bekommen hatte. »Wir reisten mit dem Flugzeug. Ich war als &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; von Pétillon mitgekommen. Ich blieb in Namur und musste kochen und die Wäsche waschen. Pétillon fuhr zur Weltausstellung und sah sich alle &#039;&#039;marchandise&#039;&#039; an. Kupfer, Diamanten, alles aus dem Kongo, alles aus allen Ländern.« Doch während der Generalgouverneur in Brüssel mit dem Herzog von Edinburgh und dem niederländischen Außenminister dinierte, blieb Longin in einer Küche in Namur zurück. »Ich habe dort richtig gegessen. Mit Besteck. Ich hatte gut aufgepasst, wie man das machte. Madame de Gouverneur schüttelte sich vor Lachen aus, wenn ich falsch aß. Es war sehr gut in Belgien. Ich bekam dort viele Geschenke. Ich hörte von Zügen, die unter der Erde verschwanden, und vom Seehafen. Namur war ein intelligentes Dorf, genau wie Kikwit.«29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon gefiel die ganze Sache mit der Expo überhaupt nicht. Dreihundert Kongolesen nach Brüssel holen und sie monatelang der Indoktrination durch gewisse belgische Elemente aussetzen? »In dem Trubel und Getümmel auf der Expo hatten diese völlig freies Spiel. Sie schafften es, sogar bei den Soldaten der Force Publique, ein schreckliches Werk der Unterminierung und Vergiftung zu vollenden. Es ist scheußlich, wenn man bedenkt, dass dies vor den Augen der belgischen Regierung geschah, die offenbar nicht erkannte, dass sich im Kongo zunehmend eine vorrevolutionäre Stimmung breitmachte.«30 Als Mann der Praxis hatte er dagegen doch ernsthafte Bedenken. Gerade deshalb wurde ihm während dieser Dienstreise angetragen, in Belgien zu bleiben und Kolonialminister zu werden. Sein Vorgänger, Auguste Buisseret, einer der seltenen Liberalen auf diesem Posten, hatte einen allzu ideologischen Kurs vertreten, unter anderem, indem er in der Kolonie Schulunterricht durch weltliche Lehrer einführte. Das schwächte die geschlossene Rangordnung der weißen Macht, meinten alle, die von einem untertänigen Kongo profitierten. Ein praktisch orientierter Minister musste her: lieber ein Feldforscher als ein Pedant. König Baudouin war dafür, Pétillon übernahm das Amt, warf aber schon nach vier Monaten das Handtuch. Und Longin sollte das Atomium niemals sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hingegen die Konstruktionen aus Stahl und Spannbeton auf der Expo bestaunen durfte, war ein junger Mann von 28 aus der Provinz Équateur. Er war der Sohn eines Kochs in der Missionsstation der Kapuziner und hatte in Léopoldville bei den Scheutisten die Grundschule besucht. Nach einem Jahr auf der Oberschule entschied er sich für eine Laufbahn bei der Force Publique. Er wurde dort Sekretär, Buchhalter und Typist und erlangte 1954 den Rang eines Unteroffiziers. Das Maschineschreiben gefiel ihm recht gut. Unter Pseudonym begann er, auf seiner Schreibmaschine Texte für Kolonialzeitungen wie &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; zu verfassen. 1956 quittierte er den Dienst bei der Armee, um Fulltime-Journalist zu werden. Zwei Jahre später durfte er mit nach Brüssel. Auf der Expo war er eine unauffällige Erscheinung, ein schlaksiger, schüchterner Mann, der in Gesprächen mit Europäern ständig die Floskel &#039;&#039;»n&#039;est-ce pas«&#039;&#039; einflocht&#039;&#039;.&#039;&#039; Zuvorkommend war er jedenfalls, ansonsten recht unbeholfen. Sein Name: Joseph Désiré Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzten Monate des Jahres 1958 waren besonders turbulent. Die Besucher der Weltausstellung kehrten in den Kongo zurück, der Unabhängigkeitskrieg in Algerien erreichte einen Höhepunkt, Marokko und Tunesien hatten sich vom kolonialen Joch befreit. Das Nachbarland Sudan wurde von einer britischen Kolonie zu einem autonomen Staat, und in Brazzaville sprach der französische Präsident Charles de Gaulle die historischen Worte: »Wer die Unabhängigkeit will, soll sie sich doch nehmen!« Es war als Provokation gedacht (denn wer den Rat befolgte, verlor sofort jegliche Unterstützung Frankreichs), doch auf der anderen Seite des Flusses verschluckten sich die Belgier an ihrem Kaffee, als sie das im Radio hörten.31 In den Vierteln der Einheimischen hingegen brach der Jubel los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. Oktober 1958 erhielt die Presseagentur Belga in Léopoldville eine Pressemitteilung, in der die Gründung einer neuen politischen Partei angekündigt wurde. An sich war das nicht so außergewöhnlich. Im selben Monat entstanden noch andere Parteien im Kongo: Cerea (&#039;&#039;Centre de regroupement africain&#039;&#039;) im Kivu, Conakat (&#039;&#039;Confédération des associations tribales du Katanga&#039;&#039;) in Katanga. Jede Provinz schien plötzlich ihre eigene regionale Partei zu wollen; die Wahlerfolge der Abako waren niemandem entgangen. Neu war freilich die radikal nationale Perspektive der Pressemeldung. Das zeigte sich schon im Namen der Partei: &#039;&#039;Mouvement National Congolais&#039;&#039; (MNC). In den Programmpunkten stand, dass man »energisch gegen alle Formen von regionalem Separatismus ankämpfen« wolle, denn die seien »unvereinbar mit den höheren Belangen des Kongo«. Abako hatte sich nur um Bas-Congo gekümmert, aber der MNC spielte entschlossen die nationale Karte aus. Der Kongo müsse befreit werden »aus dem Griff des imperialistischen Kolonialismus, und das im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Landes, innerhalb eines angemessenen Zeitraums und durch friedliche Verhandlungen«.32 Zum ersten Mal gab es eine einheimische politische Bewegung, die den Kongo als Ganzes betrachtete. Die Liste der Namen unter der Pressemeldung umfasste Menschen aus verschiedenen Gegenden und Völkern des Landes. Unter ihnen waren Bakongo, Bangala und Baluba, Leute aus dem katholischen, liberalen und sozialistischen Lager, Gewerkschaftsmitglieder und Journalisten. Der selbsternannte Vorsitzende hieß Patrice Lumumba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war 1925 in Onalua geboren, einem Dorf in Kasai. Ethnisch gehörte er zu den Batetela, jenem Stamm, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die große Meuterei während der arabischen Feldzüge angeführt hatte. Lumumbas Vater war ein Katholik mit einfacher Schulbildung, der für sein aufbrausendes Temperament und seine Sturheit bekannt war. Unbeirrbar trank er seinen selbst hergestellten Palmwein. Lumumba ging in evangelischen und katholischen Missionsposten zur Schule und zog während des Krieges, nach einigen Zwischenstationen im Landesinneren, in die große Stadt: Stanleyville. Dort wurde er einfacher Verwaltungsbeamter, ehe er als Angestellter bei der Post anfing. Die Post schickte ihn für eine Ausbildung nach Léopoldville, wo er sein mangelhaftes Französisch verbesserte und einen nahezu unstillbaren Wissensdurst entwickelte. Zurück in Stanleyville wurde er ein leidenschaftlicher Leser, der ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitete und keinen Vortrag oder Weiterbildungsabend versäumte. 1954 erlangte er die nur selten vergebene &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Sein Selbstvertrauen wuchs zusehends. Er betätigte sich außerordentlich aktiv im Vereinsleben der Stadt und füllte mühelos mehrere Vorstandsämter aus. Er war Vorsitzender des Vereins von Postbeamten, er leitete den Regionalverband der APIC-Gewerkschaft, er unterhielt Kontakte zur liberalen Partei Belgiens, und er wurde Vorsitzender der &#039;&#039;Association des Evolués de Stanleyville&#039;&#039;.33 Er war dafür bekannt, mit zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen.34 Neben den häufigen Versammlungen schrieb er politische Analysen. Er schickte Artikel an Zeitungen wie &#039;&#039;Le Croix du Congo&#039;&#039; und &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039; und gründete sogar eine eigene Zeitschrift: &#039;&#039;L&#039;Echo postal&#039;&#039;. Wer ihn in diesen Tagen in Stanleyville kennenlernte, war von ihm beeindruckt. Lumumba besaß eine rasche Auffassungsgabe und war voller Enthusiasmus und Arbeitseifer. Er hatte die Gabe des Wortes und die Kraft einer Überzeugung. Mit seiner Brille, der Fliege und – selten bei einem afrikanischen Mann – dem Bärtchen hatte er ein intelligentes und attraktives Äußeres, fanden viele. Dass er vor Ehrgeiz fast platzte, wurde durch seinen Charme und seine Ungezwungenheit kaschiert; allerdings neigte er manchmal dazu, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Das gab ihm zuweilen etwas Chamäleonhaftes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1955, als Kasavubu den Vorsitz der Abako übernahm, lenkte Lumumba die Association des Evolués de Stanleyville in eine mehr politische Richtung. Dadurch wurde er der einflussreichste Kongolese der Stadt. Während des Besuchs von König Baudouin glückte es ihm, bei einem Empfang im Garten des Provinzgouverneurs zehn Minuten lang mit dem Monarchen zu reden. Am Ufer des Flusses, zwischen den Bougainvilleen, unterbreitete er dem jungen König, der etwa gleichaltrig war, einige Probleme der einheimischen Bevölkerung. Baudouin hörte aufmerksam zu und stellte auch Fragen. Es entspann sich tatsächlich ein Gespräch. Das Gerücht von dieser Unterhaltung kursierte gleich darauf in den Straßen von Stanleyville. Lumumbas Ansehen bei der Bevölkerung war nun unumstritten. Kurze Zeit darauf durfte er einen Monat lang mit einer Gruppe vielversprechender junger Kongolesen an einer Studienreise nach Belgien teilnehmen, und auf dieser Reise lobte er die Wohltaten Leopolds II. und des belgischen Kolonialismus ohne jeden Hauch von Ironie.35 Nach seiner Rückkehr wurde er jedoch, nach elf Jahren treuer Dienste bei der Post, wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung zu einer Haftstrafe verurteilt. Später würde er sagen: »Habe ich etwas anderes getan als ein bisschen von dem Geld zurückzunehmen, das die Belgier dem Kongo gestohlen hatten?«36 Nachdem er zwölf Monate im Gefängnis gesessen hatte, zog er nach Léopoldville. Er fing bei Bracongo an, der Brauerei des Polar-Biers, und wurde dort Verkaufsleiter, eine Funktion, die ihm ein höheres Gehalt einbrachte, als es viele Weiße erhielten. Mit Polar nahm er den Kampf mit dem Konkurrenten Primus auf. In den Arbeitervierteln verteilte Patrice Bierflaschen. Auch jetzt wirkte seine Eloquenz Wunder. Er brachte Bier und versprach die Freiheit. Er erquickte die Massen und machte sie durstig nach mehr. Emanzipation begann mit einem Freibier. Polar erlebte einen Aufschwung, und Patrice wurde bekannt. Nach und nach befreundete er sich mit vielen jungen Intellektuellen. Anders als seine Gesprächspartner kannte er große Teile der Kolonie. Ehe er in die Hauptstadt zog, hatte er in drei der sechs damaligen Provinzen gelebt. Für ihn war das ethnische Bezugssystem deshalb auch weniger relevant. Viele Batetela lebten ohnehin nicht in Léopoldville. Lieber wollte er »kämpfen zugunsten des kongolesischen Volkes«, so stand es in jener berüchtigten Pressemitteilung.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, hatte ich die Ehre, mit einigen Lumumba-Anhängern der ersten Stunde reden zu dürfen. Der 80-jährige Albert Tukeke kam aus derselben Gegend wie Patrice Lumumba; ihre Mütter waren sogar miteinander verwandt. Wie Lumumba arbeitete er bei der Post und hatte seine Ausbildung in Léo­poldville absolviert. Er wurde Schalterangestellter in Elisabethville, eine harte koloniale Schule. »Wenn ein Europäer das Postamt betrat, stellte er sich nie an. Er sagte einfach ›Mach den Schalter frei!‹ Sie hatten immer diese schockierenden Worte. Wir waren jung und konnten nichts sagen. Wenn sie etwas wollten, sagten sie: ›Ist hier keiner?‹ Sie meinten, kein Weißer. Das tat weh.« Der Kolonialismus war nicht nur ein großes globales System, er bestand zugleich aus tausend kleinen Demütigungen, aus vielsagenden Wendungen und subtilem Mienenspiel. Lumumba prangerte das energisch an, erinnerte sich Albert Tukeke: »Lumumba war ein Mann wie jeder, der nur Rechte forderte für die Schwarzen. Aber seine Persönlichkeit, sein Durchblick und seine Auffassungen waren ganz anders. Er legte hundert Kilometer zurück, wenn der Rest erst einen Kilometer weit war. Und das sage ich nicht, weil ich selbst zum Volk der Batetela gehöre.«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jean Mayani war ein glühender Anhänger, der 2008 noch genauso begeistert über Lumumba sprach wie 1958. Ich hörte ihm einen Vormittag lang zu, in seinem Haus in Kabondo, einem Stadtbezirk von Kisangani. Bereits 1959 war er Parteisekretär des MNC für seinen Bezirk, ein Jahr später war er Lumumbas erster Stellvertreter bei den Kommunalwahlen. Mayanis Sicht war klar und analytisch: »Schauen Sie, es gab keinen extremen Rassismus damals, aber doch eine klare Trennung. In den Läden, in den Schulen und sogar auf den Friedhöfen herrschte eine Quasi-Apartheid. Wir hatten großen Respekt vor den &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, die eine &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; oder eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen. Sie genossen soziale Vorteile, sie besuchten europäische Schulen. Aber was für ein Unterschied bestand doch noch immer zur Kolonialpolitik der Franzosen! Die Schwarzen in den französischen Kolonien konnten in Frankreich studieren. Senghor [der spätere Präsident des Senegal] war Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung und wurde in Paris Staatssekretär. Der Diskurs des MNC interessierte mich deshalb sehr. 1958 war ich einer der ersten Anhänger hier in Kisangani. Ich erinnere mich noch an die ersten Meetings in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Wir trafen uns in Bars und auf Sportplätzen. Lumumba sprach über die Geschichte und die Untaten der Kolonisation. Er hatte wirklich unglaublichen Mut. Er nannte die Dinge beim Namen: das Leid, die Verbannung der Kimbanguisten, den Rassenhass, die Inhumanität, die Zwangsarbeit in den Bergwerken, im Straßen- und Eisenbahnbau. Die Masse war einfach begeistert von so einem Führer.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der alte Raphaël Maindo stimmte ihm ohne Einschränkung zu. Er dachte mit Wehmut daran zurück. »Wenn Lumumba redete, wollte niemand mehr weg. Sogar wenn es regnete, sogar nachts blieben die Leute da und hörten ihm zu.« Anders als Jean Mayani war er nicht in der Parteiführung, sondern ein Aktivist an der Basis: Er verkaufte Mitgliedsausweise. »Das war sehr einfach. Alle wollten einen. Sogar Frauen traten bei. Ich hatte den Parteiausweis Nummer 4. So ein Ausweis kostete damals zwanzig Franc, der Preis war im ganzen Land gleich. Wir fuhren überall hin, bis zu siebenhundert Kilometer weit. Wir hatten Autos.«40 Für viele Kongolesen war der Erwerb eines solchen Mitgliedsausweises mehr als ein politischer Akt, es war eine sehr emotional besetzte Form von Selbstbestätigung und Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1958 fuhr Lumumba nach Ndjili, dem Flughafen von Léopoldville. Er wollte in die ghanaische Hauptstadt Accra. Ghana war ein Jahr zuvor als erstes Land des subsaharischen Afrika unabhängig geworden. Präsident Kwame Nkrumah genoss vom Senegal bis Mosambik Heldenstatus. Er verkörperte den Panafrikanismus, den Traum von einem freien, friedlichen und solidarischen Afrika, und deshalb rief er in Accra Führungspersönlichkeiten und Denker aus dem gesamten Kontinent zusammen. Auch Kasavubu fuhr zum Flughafen, doch die Grenzbeamten machten ihm Schwierigkeiten wegen seines Impfpasses, womöglich böswillig: Die Kolonialregierung hatte seine aufrührerische Rede beim Amtsantritt als Bürgermeister nicht vergessen. Lumumba und zwei Getreue waren in Ghana die einzigen Vertreter des Kongo. Der Kongress in Accra machte einen tiefen Eindruck auf ihn, mehr als jedes Buch, das er gelesen hatte. Er sprach dort mit Intellektuellen und Aktivisten und merkte, dass sie ihm mit großem Interesse zuhörten. Er begegnete Julius Nyerere und Kenneth Kaunda, den späteren Präsidenten von Tansania und Sambia, und Sékou Touré, dem ersten Präsidenten von Guinea. Der nach Anerkennung lechzende &#039;&#039;évolué&#039;&#039; von einst wurde ein selbstbewusster Afrikaner, der stolz war auf seine Wurzeln, sein Land und seine Hautfarbe. Belgisch-Kongo erschien ihm zunehmend als ein Archaismus, der Menschen unnötig klein hielt. Er würde sein Land aus der Angst und der Scham befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Brüssel ist es bitter kalt. Ein stiller, eisiger Sonntagmorgen. Die Straßen sind spiegelglatt. Es herrscht kaum Verkehr. Über die Prachtalleen von Ixelles unweit der Abtei De la Cambre fährt ein Auto in langsamem Tempo zwischen den repräsentativen Bauten. Am Steuer sitzt Jef Van Bilsen, der Mann, der mit seinem Dreißigjahresplan die Höllenhunde von der Kette gelassen hat, wie viele meinen. Aber er ist auch der Belgier mit den besten Kontakten zu den Kreisen der kongolesischen Elite. Besser als er ist kaum jemand über das informiert, was sich unter den &#039;&#039;évolués&#039;&#039; abspielt. In aller Frühe bekam er einen Anruf von Arthur Gilson, dem Verteidigungsminister, der ihn dringend um eine Unterredung bat. Der Minister hat bereits das ganze Neujahrswochenende über den Text einer Regierungserklärung nachgegrübelt. In den letzten Monaten des Jahres 1958 hatte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der belgischen Regierung den Kongo bereist, um eine Bestandsaufnahme der Wünsche der Bevölkerung vorzunehmen. Eine lobenswerte Initiative, freilich mit dem Schönheitsfehler, dass kein einziger Kongolese zum Befragungsteam gehörte. Dennoch soll der Schlussbericht zu einer kraftvollen Regierungserklärung führen, die die Grundlage einer neuen Kolonialpolitik bilden wird. Mehrere Minister hatten sich in den Weihnachtsferien schon mit dem Text beschäftigt, aber sie wurden nicht so recht schlau daraus, auch nicht der Verteidigungsminister. Vielleicht könne Van Bilsen ihnen das Ganze einmal erläutern? Im Arbeitszimmer des Ministers versucht Van Bilsen an diesem friedlichen Sonntagmorgen zu begründen, dass eine so entscheidende Erklärung sinnlos ist, solange darin nicht die Unabhängigkeit erwähnt und ein konkretes Datum dafür vorgeschlagen wird. Der Minister ist wie vom Schlag getroffen. »Zwischen uns entspann sich eine Diskussion, doch wir redeten mehr oder weniger aneinander vorbei, wenn es darum ging, was vom kongolesischen Standpunkt aus wünschenswert und vom belgischen Standpunkt aus erreichbar war«, so Van Bilsen.41 Ein Kompromiss ist unmöglich. Unverrichteter Dinge zieht er ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Léopoldville ist es brütend heiß. Die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei, die Luft ist schwül und stickig. In der Residenz des Generalgouverneurs laufen die Vorbereitungen für den alljährlichen Neujahrsempfang im Garten.42 Gläser werden poliert, Aufgaben verteilt. Der neue Generalgouverneur heißt Rik Cornelis, er weiß noch nicht, dass er der letzte sein wird. Einige Belgier schlafen noch aus, sie waren am Vorabend tanzen im Palace oder im Galiema. Andere frühstücken Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Die schneidigsten von ihnen sind schon zum Schwimmen oder zum Tennis im &#039;&#039;cercle sportif&#039;&#039;. Es wird ein stilvoller Empfang werden. Auch ein paar Kongolesen sind eingeladen, das passt zur Philosophie der »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Einige von den einheimischen Bürgermeistern werden da sein. In seiner kleinen Ansprache wird der Generalgouverneur zweifellos über die großen Herausforderungen des neuen Jahres reden. Der Champagner wird perlen, die Kristallgläser werden funkeln. Man wird »Zuversicht äußern«, »Vertrauen bestätigen« und viel über »wechselseitiges Verständnis« reden, und das alles selbstverständlich »in freundschaftlicher Atmosphäre«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und einige Kilometer weiter in der Stadt, in Bandalungwa, einem Neubauviertel für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ist Patrice Lumumba im Haus eines neuen Freundes zum Essen eingeladen. Als er seine Gefängnisstrafe absaß, hatte er in der Zeitung &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; regelmäßig Artikel eines gewissen Joseph Mobutu gelesen, des Unteroffiziers, der Journalist geworden und zur Weltausstellung nach Brüssel gereist war. Nach Lumumbas Freilassung freunden sich die beiden miteinander an. Lumumba ist oft bei Mobutu zu Gast, und er genießt das köstliche Essen, das Mobutus Frau zubereitet. An diesem Sonntag schmieden sie beim Essen Pläne für den Nachmittag. Um vierzehn Uhr ist im Zentrum der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in einem Haus des YMCA, der christlichen Jugendherberge, ein Meeting der Abako geplant, wissen sie. Vor einer Woche hat Lumumba vor siebentausend Zuhörern über seine Reise nach Accra gesprochen. Es war sein bester öffentlicher Auftritt überhaupt. Die Menge reagierte mit flammender Begeisterung. Sie skandierten nach seiner Rede &#039;&#039;»Dipenda, dipenda!«&#039;&#039;, die Lingala-Verballhornung des französischen Wortes &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Womöglich war das der Grund, warum der Oberbürgermeister der Stadt, der Belgier Jean Tordeur, im letzten Moment entschied, dass das Meeting nicht stattfinden könne. Eine Sicherheitsmaßnahme, er will vermeiden, dass Aufrührer die Bevölkerung anstacheln. Lumumba und Mobutu beschließen, trotzdem vorbeizuschauen. Ein Auto haben sie nicht, aber Mobutu besitzt ein Moped. Halten wir dieses Bild kurz fest: Mobutu und Lumumba, zusammen auf dem Moped, zwei neue Freunde, der Journalist und der Bierverkäufer, der eine ist achtundzwanzig, der andere dreiunddreißig. Lumumba auf dem Sozius. Sie fahren durch die warme Luft und reden laut, um das Knattern des Auspuffs zu übertönen.43 Zwei Jahre später wird der eine an der Ermordung des anderen mitwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und die Menschen strömen ins Stade Roi Baudouin zu einem Spitzenspiel der kongolesischen Fußballmeisterschaft. Das große Sportstadion liegt nur einige hundert Meter vom Haus des YMCA entfernt. Zwanzigtausend Zuschauer sind von nah und fern gekommen.44 Sie tragen farbenfrohe Hemden und &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;. Manche haben einen Kopfschmuck aus Federn und im Gesicht Streifen, wie früher, breite, weiße Lehmstreifen, die auf Stirn und Wangen hell leuchten. Sie tanzen mit beschwörenden Gebärden und weit aufgerissenen Augen. Es ist ein beängstigender Anblick. Die steil ansteigende Betontribüne um den Platz füllt sich mit Menschen und Trommelwirbeln. Es gibt Tamtams und Schlitztrommeln, es wird gejohlt und gekreischt. Es ist fast wie Krieg. Es ist fast so wie am Ufer des Kongoflusses in den 1870er Jahren, als Stanley zum ersten Mal mit seinem Schiff vorbeifuhr. Das Wummern der Kriegstrommel, die tausend wütenden Kehlen, die immer wilderen Tänze, die Augen der Krieger. In den Katakomben des Stadions schnüren die Spieler ihre Schuhe und schieben die Schienbeinschoner in die Strümpfe. Anderswo in der Stadt, in der Residenz des Gouverneurs, hat man die Champagnerflaschen aus dem Kühlschrank genommen, sie stehen jetzt perlend in der Sonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch immer ist es der 4. Januar 1959, und auf der Avenue Prince Baudouin, beim Haus des YMCA, teilt Kasavubu der zusammengetrommelten Menschenmenge mit, dass das Meeting leider nicht stattfinden darf. Lautstarkes Murren und Protestieren sind die Folge. Als Pazifist und Bewunderer Gandhis bittet er seine Anhänger eindringlich, Ruhe zu bewahren. Offenbar mit Erfolg, obwohl er kein Mikrophon hat. Er ist der Anführer, er ist der Chef, er ist der Bürgermeister. Erleichtert und beruhigt kehrt er nach Hause zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist der 4. Januar 1959, der Tag, an dem alles anders wird, auch wenn es immer noch nicht offenkundig ist. Der Kongo geht mit der Zeit, so scheint es. Léopoldville ist weltweit die zweite Stadt mit einem Gyrobus, einem Omnibus mit Elektroantrieb, der seine Energie durch Schwungradspeicherung bezieht. Die erste Stadt auf der Welt mit so einem futuristischen öffentlichen Verkehrsmittel lag in der Schweiz, jetzt surren diese Busse auch durch die &#039;&#039;cité&#039;&#039;.45 Mehrere tausend Abako-Anhänger bleiben grollend in der Nähe des Platzes stehen, wo das Meeting hätte stattfinden sollen. Ein weißer Fahrer des Gyrobus gerät mit einem von ihnen aneinander und hebt die Hand. Futurismus &#039;&#039;meets&#039;&#039; Rassismus. Und schon muss er Schläge einstecken. Der Geist ist aus der Flasche. Gezerre, es kommt zu einer Prügelei. Die Polizei kommt hinzu, schwarze Polizisten, weiße Kommissare. Es hat was mit Neujahr zu tun, denkt man, sie sind noch betrunken oder schon wieder pleite, eins von beiden. Zwei Kommissare teilen Fausthiebe aus. Das ist keine gute Idee. »Dipenda!«, ertönt es. &#039;&#039;»Attaquons les blancs!«&#039;&#039; Panik bricht aus. Die Polizei feuert in die Luft. Ein Stück weiter wird einer ihrer Jeeps umgeworfen und in Brand gesteckt. In diesem Moment leert sich das Fußballstadion – Trommeln, Extase, Frust, Schweiß –, und die Zuschauer mischen sich unter die Leute, die am Abako-Meeting hatten teilnehmen wollen. Fußball hat eine explosive Wirkung. Belgien wurde 1830 unabhängig nach einer Oper, der Kongo fordert 1959 die Unabhängigkeit nach einem Fußballspiel. Auf einem Moped kommen zwei junge Männer herangebraust. Sie trauen ihren Augen nicht. In den letzten Jahren haben sich die beiden durch Selbststudium hochgearbeitet, nun aber sehen sie die Wut der Masse, der sie sich entzogen hatten. Sie blicken nicht mehr auf sie herab, wie es sich für &#039;&#039;évolués&#039;&#039; gehört, sondern fühlen sich solidarisch. Elite und Masse haben endlich zueinander gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville zählt zu diesem Zeitpunkt vierhunderttausend Einwohner, darunter fünfundzwanzigtausend Europäer. Es gibt ein sehr kleines Polizeikorps mit nur 1380 Polizisten.46 Eine Gendarmerie wie in Belgien existiert nicht. Die nächste Ebene zur Aufrechterhaltung der Ordnung ist sofort die Armee. In der Kaserne der Stadt sind ungefähr zweitausendfünfhundert Soldaten stationiert, doch die sind dazu ausgebildet, im Ausland Krieg zu führen und nicht, um gegen Unruhen in der eigenen Zivilbevölkerung vorzugehen. Die Polizei versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, doch innerhalb von ein paar Stunden steht die ganze &#039;&#039;cité&#039;&#039; auf dem Kopf. Autos von Weißen geraten in Steinhagel. Fensterscheiben gehen zu Bruch. Überall lodern Feuer. Die Polizei schießt scharf auf die Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten. Auf dem Asphalt sind immer mehr Blutlachen, in denen sich die Flammen spiegeln. Mehrere tausend Jugendliche beginnen zu plündern. Alles, was belgisch ist, muss dran glauben. Katholische Kirchen und Missionsschulen werden kurz und klein geschlagen, Stadtteilzentren, in denen Nähkurse stattfinden, werden ausgeräumt. Gegen siebzehn Uhr ziehen einige Gangs zu den Läden der Griechen und Portugiesen, in denen die Menschen sonst einkaufen. Die Plünderer greifen skrupellos zu und machen sich mit Ballen von bunten Stoffen, mit Fahrrädern, Radios, Salz und getrocknetem Fisch aus dem Staub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Neujahrsempfangs klingelt beim Generalgouverneur das Telefon. »&#039;&#039;Ça tourne mal dans la cité&#039;&#039;.«, »In der &#039;&#039;cité&#039;&#039; sieht es nicht gut aus.« In einem Bereich von zehn, zwölf Kilometern sind heftige Unruhen. Der europäische Teil der Stadt wird abgeriegelt. Die Armee greift doch ein, zuerst mit Tränengas, dann mit schwerem Geschütz. Die Demonstranten sterben scharenweise. »Das war eigentlich so, als würde man eine Fliege mit einem Vorschlaghammer töten«, erkannte man hinterher.47 Manche Kolonialisten sind jedoch so aufgebracht, dass sie ihr Jagdgewehr von der Wand nehmen und »helfen« wollen. In Jahren aufgestaute Missachtung und Angst, vor allem Letztere, brechen sich Bahn. Gegen achtzehn Uhr, bei Einbruch der Dunkelheit, wird es relativ ruhig in der Stadt. Die Feuer schwelen noch. Im europäischen Krankenhaus lassen sich Dutzende Weiße ärztlich versorgen. Draußen vor der Tür stehen ihre eleganten Wagen im Dunkeln, eingebeult, verschrammt und demoliert. In den Villen müssen Frauen zum ersten Mal seit Jahren wieder selber kochen: der Boy ist weit und breit nicht zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag sind viele Belgier eher resigniert als aufgebracht. »Wir haben einen totalen Gesichtsverlust erlitten«, sagen sie am Montagmorgen zueinander.48 Manche decken sich mit Sardinen ein und hamstern Speiseöl, andere buchen bei Sabena One-way-Tickets nach Brüssel. Die Armee wird drei, vier Tage benötigen, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Bilanz ist unerträglich: 47 Tote und 241 Verletzte auf kongolesischer Seite, jedenfalls nach den offiziellen Angaben. Augenzeugen berichten von zwei-, vielleicht sogar dreihundert Toten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 4. Januar 1959, und es würde nie mehr wie vorher sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein paar Tage später flog ich mit einer DC-6 nach Brüssel«, erzählte mir Jean Cordy im Herbst 2009 in seiner Seniorenwohnung in Louvain-la-Neuve. 1959 war er der Kabinettschef von Generalgouverneur Cornelis. »Meine Direktiven waren klar: Ich sollte die belgische Regierung davon überzeugen, das Wort ›indépendance‹ in ihre lang erwartete Erklärung aufzunehmen. Der Generalgouverneur hatte gesagt, dass wir diese Gelegenheit auf keinen Fall verpassen dürften. Ich stattete auch dem König einen Besuch ab und erklärte ihm, dass Belgien die Unabhängigkeit zur Sprache bringen müsse.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 13. Januar 1959, gut eine Woche nach den Unruhen, folgten sowohl die Regierungserklärung als auch die Verlautbarung des Königs. Der Text der Regierung war schwammig, bürokratisch und unverständlich, doch die Rede von Baudouin war glasklar und schnörkellos. Eine Aufzeichnung seiner Botschaft ging in den Kongo und wurde sofort im Radio gesendet. Fischer am Strand von Moanda, Bauern auf dem Zuckerrohrfeld, Arbeiter im Staub der Zementfabrik, Seminaristen, die über ihren Büchern saßen, Krankenschwestern, die sich gerade die Hände wuschen, Dorfvorsteher im Landesinneren, Steuermänner auf den Binnenschiffen, Nonnen, die den Gemüsegarten jäteten, Betagte und Jugendliche hörten im Transistorradio die historischen Worte ihres geliebten Königs: »Unser heutiger Beschluss lautet, ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile, die Völker des Kongo zur Unabhängigkeit in Wohlstand und Frieden zu führen.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kaum zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein! Die LKW-Fahrer hupten, wenn sie durch die Dörfer von Bas-Congo fuhren, und sangen aus dem Fenster:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwana Kitoko [Baudouin] hat es selbst gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die weißen Chefs haben es auch gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch diese Begeisterung bedeutete nicht, dass sich alle Wogen glätteten. Die Unruhe hielt an und breitete sich bis weit in die ländlichen Gebiete aus. In Gegenden mit einer langen Tradition des Widerstandes, wie im Kwilu und in den Kivu-Provinzen, brodelte es erneut. In Kasai entspann sich ein Konflikt zwischen den Lulua und den Baluba, und in Bas-Congo gab es massiven Protest. Nach den Unruhen vom 4. Januar war die Abako auf Befehl der Regierung aufgelöst worden, und Kasavubu saß mit zwei weiteren Parteiführern eine Zeitlang im Gefängnis (sie wurden später von Maurits Van Hemelrijck freigelassen, dem neuen Minister für überseeische Angelegenheiten). Die Haft kam Kasavubus Bekanntheit im Inland nur zugute, während die Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer ablehnender wurde. Kasavubu rief zu bürgerlichem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auf. Kabinettschef Jean Cordy, der als einer von wenigen Weißen einen Mitgliedsausweis der Abako besaß, reiste im Juli 1959 mit dem stellvertretenden Generalgouverneur André Schöller durch die Provinz. »Kasavubu hatte plötzlich uneingeschränkten Rückhalt im Volk. Keiner sprach mehr mit den Vertretern der Kolonialregierung. ›Unser Führer ist Kasavubu, beraten Sie sich mit ihm‹, bekamen wir zu hören. Weitere Antworten bekam ich nicht, nicht einmal, wenn ich sie auf Kikongo ansprach. Das hatte ich noch nie erlebt, und ich war bereits seit 1946 im Kongo. Die Brücken waren abgebrochen, trotz der Unabhängigkeitserklärung des Königs und der Regierung, trotz des Besuchs von Van Hemelrijck. Der Dialog war vorbei. Ihr Schweigen fühlte sich sehr, sehr befremdlich an.«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aussicht auf einen politischen Umbruch weckte viele Ambitionen. Neue Parteien schossen wie Pilze aus dem Boden. Während es Ende 1958 nur sechs politische Parteien gegeben hatte, waren es eineinhalb Jahre später hundert. Jede Woche entstand eine neue Bewegung, mit Namen wie &#039;&#039;Union Nationale Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Mouvement Unitaire Basonge&#039;&#039; und &#039;&#039;Alliance Progressiste Paysanne&#039;&#039;. Es hagelte Abkürzungen (Puna für &#039;&#039;Parti de l&#039;Unité Nationale&#039;&#039;, Coaka für die &#039;&#039;Coalition Kasaïenne&#039;&#039;, Balubakat für die Baluba von Katanga), und manchmal zählten diese Akronyme mehr Buchstaben als Mitglieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer waren diese politischen Führer? Fast immer relativ junge Männer, die eine höhere Schule besucht hatten. Sie bildeten die intellektuelle Oberschicht des Landes und lebten in den Städten, in die sie in ihrer frühen Jugend gezogen waren. Oft waren sie in Alumni-Vereinen oder kulturellen Zirkeln aktiv und zeigten ihr politisches Interesse, indem sie zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen gingen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ihr Ton oft schärfer war als ihr Durchblick und dass sie meist mehr Drive besaßen als Sachkenntnis. Ihre Programme waren – bis auf wenige Ausnahmen – eher dürftig.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Merkmal kann nicht genug betont werden. Trotz ihres urbanen Umfeldes, ihres jugendlichen Alters und ihres modernen Lebensstils hatte diese erste politische Generation eine Beziehung zu etwas, das von früher und von anderswo zu kommen schien: zum tribalen Bewusstsein. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. Das Gefühl der ethnischen Identität war gerade in der Stadt von Bedeutung. Erst wenn man sich mit anderen verglich, dachte man über die eigene Herkunft nach. Die Grünschnäbel der Politik schlossen sich vorhandenen ethnischen Organisationen an und modernisierten sie. Die tribale Karte auszuspielen, erwies sich auch für die politische Strategie als kluge Entscheidung: So konnten sie die große Masse erreichen. Es lohnte sich, immer wieder zu betonen, dass man ein stolzer Chokwe, Yaka oder Sakata war. Neben einer größeren Anhängerschaft garantierte das bessere Chancen, bei der Kolonialregierung Gehör zu finden. Kasavubu sprach für die Bakongo, Bolikango setzte sich für die Bangala ein, Jason Sendwe für die Baluba aus Katanga, Justin Bomboko für die Mongo und so weiter. Tribale Rhetorik gestattete einer jungen Elite, sich als Wortführer ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu profilieren.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus verständlichen Gründen war dieser &#039;&#039;jeunisme&#039;&#039; nicht nach dem Geschmack der Stammesoberhäupter im Landesinneren, von denen manche noch Einfluss auf ihre Migrantengemeinschaften in den Städten hatten. Was sich hier abspielte, war schon von daher reichlich revolutionär. Von jeher beruhten Macht und Autorität in großen Teilen Zentralafrikas auf dem Alter. Alter bedeutete Ansehen. Nun stand plötzlich eine Generation von Zwanzig- und Dreißigjährigen auf, die um die Macht wetteiferten und um die Gunst des Volkes warben. Das war auch unumgänglich, denn die belgische Regierung hatte beschlossen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen. »Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in den ländlichen Gebieten«, sagte das Oberhaupt der Bayeke im Ost-Kongo, »wird die traditionelle Ordnung völlig unterhöhlt und ist zum Untergang verurteilt.« Und darin hatte er recht: Nach 1960 bekam eine relativ junge Generation im Kongo das Sagen. Nur sie erwies sich als fähig, die Spielregeln der Demokratie zu durchschauen und mit Erfolg mitzuspielen. Der große Häuptling der Lunda, eines ehemaligen Königreichs auf der Grenze zwischen Katanga und Angola, bezeichnete dagegen das allgemeine Wahlrecht als »unverzeihliche Abirrung«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der bekannteste Lunda in jener Zeit, und eigentlich in der ganzen Geschichte des Kongo, war jedoch jemand anders: Moïse Tschombé. 1959 – er war gerade vierzig geworden, lebte in der Stadt und hatte eine Ausbildung zum Buchhalter absolviert – hatte er die Führung einer jungen politischen Partei übernommen, der Conakat (&#039;&#039;Confédération des Associations du Katanga&#039;&#039;). Tschombé war ein dank seines familiären Hintergrundes begüterter, jedoch wenig erfolgreicher Geschäftsmann, der auf andere oft – allerdings zu Unrecht – nachdenklich und versonnen wirkte. Er kam aus einer hoch angesehenen Lunda-Familie; sein Vater war ein reicher Händler, und er selbst war mit einer der Töchter des großen Lunda-Häuptlings verheiratet. Stammesstolz war Tschombé nicht fremd (eine Zeitlang leitete er die wichtigste Lunda-Vereinigung von Elisabethville), doch er widersetzte sich nicht der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Conakat war eine politische Partei, die mit demokratischen Mitteln mehr Rechte für die ursprünglichen Bewohner Katangas anstrebte, wie die Lunda, die Basonge, die Batabwa, die Chokwe und die Baluba (bei Letzteren nicht die aus Kasai, denn das waren »Neuankömmlinge«). Durch die jahrzehntelange Einwanderung von Arbeitern, die hauptsächlich aus Kasai stammten, fühlte sich die ursprüngliche Bevölkerung bedroht. In Elisabethville hatten die Baluba aus Kasai sogar die Wahlen von 1957 gewonnen. Tschombé wollte mehr Macht für die »wahren« katangesischen Stämme. In diesem Sinne glich seine Conakat stark Kasavubus Abako: Beide Bewegungen setzten sich für die frühesten Bewohner der Stadt ein (Abako war allerdings mono-ethnisch), beide forderten weitgehende regionale Autonomie, und beide träumten, im Gegensatz zu Lumumba, von einem föderativen, stark dezentralisierten Kongo. Bas-Congo und Katanga konnten sie sich zur Not auch als unabhängige Staaten vorstellen. Doch über die zukünftige Rolle Belgiens waren sie grundsätzlich geteilter Meinung: Abako vertrat einen radikalen Antikolonialismus, zumal nach den Unruhen im Januar, Conakat hingegen wollte den Kontakt zu Belgien aufrechterhalten. Tschombé, der von belgischen Ratgebern umgeben war, träumte von einem ruhig und in geordneten Bahnen verlaufenden Prozess der Unabhängigkeit, glaubte aber weiterhin an die Idee einer »Belgisch-kongolesischen Gemeinschaft«. »Wenn wir die Unabhängigkeit fordern, tun wir das nicht, um die Europäer zu vertreiben, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten und gemeinsam an der Zukunft des Landes bauen.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Wildwuchs der Parteien verliefen nur zwei wichtige Bruchlinien: War man radikal oder gemäßigt? Radikal bedeutete: für eine schnelle Entkolonialisierung und einen völligen Bruch mit Belgien. Und dachte man in föderativen oder unitaristischen Begriffen? Abako (Kasavubu) war radikal und föderalistisch; der MNC (Lumumba) war radikal und unitaristisch; Conakat (Tschombé) war gemäßigt und föderalistisch. Auch alle anderen Parteien ließen sich nach diesem Schema charakterisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba gelangte zu der Ansicht, dass diese Zersplitterung überwunden werden müsse. Um die Kräfte zu bündeln, rief er im April 1959 acht große und kleine politische Parteien in Luluabourg (in Kasai) zusammen. Es war der erste politische Kongress des Kongo, eine Art Accra im Kleinen. Jean Mayani, der Lumumba-Anhänger der ersten Stunde aus Kisangani, war dabei. In seinem Wohnzimmer in Kisangani erzählte er mir: »Ich ging als Parteisekretär meines Stadtbezirks hin. Alle nationalistischen Parteien nahmen teil. Cerea aus dem Kivu, Sendwes Balubakat aus Katanga, die PSA aus dem Kwilu, Kasavubus Abako. Wirklich alle waren da. Lumumba hatte ungefähr drei Viertel der Bevölkerung hinter sich.«57 Cerea kämpfte gegen die weiße Vorherrschaft in der östlichen Kivu-Provinz. Balubakat setzte sich für die Rechte der Baluba in Katanga ein und stand Tschombés Conakat diametral entgegen. Die PSA (&#039;&#039;Parti Solidaire Africain&#039;&#039;) war im Kwilu aktiv, aber erwarb sich mit großen Persönlichkeiten wie Cléophas Kamitatu und Antoine Gizenga landesweit einen guten Ruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba wollte ein Datum für die Unabhängigkeit festlegen. König Baudouin hatte in seiner Rede versprochen, dass diese »ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile« kommen würde, doch wann Zögern nachteilig und Eile unbesonnen war, ließ Raum für Interpretationen. Lumumba war sich darüber im Klaren, dass es einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten würde, wenn sich der Kongress von Luluabourg auf ein Datum einigen könnte. Außerdem würde er auch persönlich einen großen Coup landen: Er würde den Bonus einstreichen, Initiator des Ganzen gewesen zu sein, und als wichtigste politische Persönlichkeit des Landes anerkannt werden. Sein Vorschlag lautete: 1. Januar 1961. Hatte jemand etwas dagegen? Einer der Anwesenden bemerkte: »Warum denn so übereilt? Das Ende der Welt wird doch nicht für den 1. Januar 1961 erwartet?« Worauf Lumumba konterte: »Sie sprechen die Sprache eines Kolonialisten.«58 Er hielt zwei Jahre für mehr als ausreichend, um den Übergang zum neuen System vorzubereiten. So war es auch in Ghana abgelaufen. In einer Zeit schwacher politischer Programme und debütierender Führungspersönlichkeiten war wenig Raum für Nuancierungen und Reflexion. Wer noch zaghaft für einen allmählichen Übergang plädierte, wurde als Lakai des Imperialismus ausgebuht. Die Parteien verstrickten sich in ein beispielloses symbolisches Überbietungsmanöver. Rhetorische Bravour stand höher im Kurs als pragmatisches Gespür. Die rasche und bedingungslose Unabhängigkeit wurde zum Ziel an sich, ja zur Obsession – zur Not war man bereit, sich blind ins Abenteuer zu stürzen. »Lieber arm und frei als reich und kolonisiert.«59 Solche Slogans kamen gut an. Wie konnte es auch anders sein? Keiner der Anwesenden außer den paar Bürgermeistern von Armenvierteln hatte jemals ein politisches Mandat innegehabt. Verwaltungserfahrung, Realitätssinn und Organisationstalent fehlten. Alle improvisierten. Und keiner wollte hinter den anderen zurückstehen. Dabei ging es um ein Land von der Größe Westeuropas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht unbedingt geheuchelt, als der große Lunda-Häuptling den Generalgouverneur und den belgischen Minister in seinem Distrikt mit den Worten empfing: »Wir möchten nicht, dass Sie Entscheidungen unter dem Druck lautstarker Minderheiten treffen. Wir verstehen die Eile nicht, mit der so viele die Unabhängigkeit anstreben. Wir bestätigen mit großem Ernst, dass wir die Unabhängigkeit wollen, aber noch nicht sofort. Wir benötigen noch viel Hilfe und Unterstützung, um zu einer normalen Entwicklung zu gelangen. Jedes übertriebene Tempo kann unsere Gebiete von Neuem in die Armut und das Elend von einst stürzen.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was damals als reaktionärer Standpunkt galt, ist im Jahr 2010 ein allerorts im Kongo zu hörender Seufzer, ein Seufzer angesichts der ganzen aktuellen Misere. Viele junge Leute werfen ihren Eltern vor, dass sie damals unbedingt die Unabhängigkeit wollten. Auf der Straße in Kinshasa fragte mich einmal jemand: »Wie lange wird diese Unabhängigkeit jetzt noch dauern?« Als Belgier musste ich mir ganz oft anhören: »Wann kommen die Belgier zurück? Ihr seid doch unsere Onkel?« Oft war es als Schmeichelei gedacht, aber zuweilen steckte mehr dahinter. Sogar Albert Tukeke, der Mann aus Kisangani, der ein entfernter Verwandter von Lumumba war, sagte am Ende unseres Gesprächs: »Wir hätten nicht so schnell unabhängig werden sollen. Aber nach dem Krieg, wissen Sie . . . es gab diesen Drang. Wenn es nicht so überstürzt abgelaufen wäre, wären uns diese ganzen Unzulänglichkeiten erspart geblieben.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die stürmische Entkolonialisierung war das Resultat einer eskalierenden Wechselwirkung zwischen den Reaktionen der Kolonialmacht und den symbolischen Überbietungsmanövern der verschiedenen politischen Parteien. Dass bei Unruhen in Stanleyville mehrere Dutzend Anhänger Lumumbas ermordet worden waren, heizte das Klima weiter an. Der überzeugte Lumumba-Anhänger Jean Mayani sagte darüber: »Nach dem Kongress hatte die Kolonialmacht die Forderungen des MNC als eine Form von Rassenhass und Xenophobie interpretiert, die sich gegen die Belgier richteten.« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass Xenophobie im kolonialen Wortschatz hier eine Eigenschaft war, die den Kongolesen zugeschrieben wurde. »Die Force Publique trat repressiv gegen Lumumbas Partisanen auf. In Mangobo, einem Viertel von Stanleyville, gab es zwanzig Tote. Lumumba wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es war genauso wie bei den Unruhen vom 4. Januar in Kinshasa.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 1959 fanden allgemeine Kommunalwahlen statt, die jedoch von Abako, MNC und PSA boykottiert wurden. Diese Parteien hatten kein Interesse mehr an Übergangsmaßnahmen und langsamen Prozessen, es ging ihnen um die sofortige Unabhängigkeit und nichts anderes. Belgien hatte gehofft, dass der Gedanke einer allmählichen Demokratisierung auf fruchtbaren Boden fallen würde, doch es kam anders. Die Atmosphäre war inzwischen zu angespannt. 1957 hatte man die ersten Wahlen abgehalten, in der Hoffnung, damit die Männer von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako zu beschwichtigen. Doch das Gegenteil war der Fall. 1959 hatte Belgien nach den Unruhen vom Januar die Unabhängigkeit versprochen, doch auch das besänftigte die Gemüter nicht, im Gegenteil. Die Kolonialmacht glaubte, es richtig zu machen, verkalkulierte sich aber immer wieder. Deshalb gingen 1959 viel wertvolle Zeit und guter Wille verloren, Trümpfe, mit denen man die Unabhängigkeit dennoch hätte vorbereiten können. Statt eine wohlwollende Politik zu improvisieren, hätte man vielleicht endlich einmal die Kongolesen selbst fragen sollen, was sie wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Januar 1960 versammelten sich rund hundertfünzig Herren in Wintermänteln im Brüsseler Kongresspalast, sechzig Belgier und neunzig Kongolesen. Einen Monat lang sollten sie offen und auf Augenhöhe miteinander über einige heikle Themen diskutieren. Deshalb auch der Name des Treffens: Es sollte ein »Runder Tisch« werden (auch wenn in Wirklichkeit mehrere Tische im Viereck angeordnet waren). Die belgische Sozialistische Partei, damals in der Opposition, war von der Initiative sehr angetan. Auf belgischer Seite nahmen sechs Minister teil, fünf Parlamentarier und fünf Senatoren, begleitet von mehreren Dutzend Beratern und Beobachtern. Nennenswerte Landeskenntnisse der Kolonie besaßen diese Volksvertreter nicht. »Pilger der Trockenzeit« nannten die Belgier im Kongo sie spöttisch. Doch viele von ihnen hegten große Sympathie für die neumodische Entkolonialisierungs-Ideologie der Vereinten Nationen. Auf kongolesischer Seite waren Delegationen der wichtigsten politischen Parteien vertreten (Kasavubu, Tschombé, Kamitatu . . .), außerdem etwa ein Dutzend Stammesälteste, die die traditionelle Macht repräsentierten. Die kongolesischen Teilnehmer hatten sich kurz vor der Konferenz über alle parteipolitischen Rivalitäten, ethnischen Spannungen und ideologischen Differenzen hinweg zu einem &#039;&#039;front commun&#039;&#039; zusammengeschlossen, einer Einheitsfront. Für sie sollte die Konferenz keine schludrige Partie Tischtennis werden, deshalb formierten sie sich als ein einziger Spieler. Einigkeit macht stark, so viel hatten sie von Belgien gelernt. Diese unerwartete Koalition überraschte die belgischen Politiker sehr, zumal diese in ein katholisches, ein liberales und ein sozialistisches Lager zerfielen und zwischen Regierung und Parlament aufgespalten waren. Viele von ihnen waren schlecht vorbereitet. Es gab keinen Zeitplan, es gab keinen Regierungsstandpunkt. Offenbar glaubte man nicht, dass es sich um eine entscheidende Tagung handeln könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten fünf Tagen der Konferenz erzielte die Einheitsfront jedoch drei äußerst wichtige Siege. Als Erstes konnten sie die Belgier davon überzeugen, dass Patrice Lumumba, der nach den Unruhen in Stanleyville inhaftiert worden war, nicht fehlen durfte. Ohne ihn, argumentierten sie, sei die Tagung nicht repräsentativ und könne der Unmut im Kongo wieder aufflackern. Die Belgier wollten auf Nummer sicher gehen, holten Lumumba aus dem Gefängnis und ließen ihn nach Brüssel fliegen. Zweiter wichtiger Sieg: Die belgischen Delegierten mussten sich bereit erklären, dass sie die auf der Konferenz gefassten Resolutionen anschließend in Gesetzentwürfe umsetzen würden, die dann in der Abgeordnetenkammer und im Senat behandelt würden. Die Kongolesen wussten nur allzu gut, dass sie keine legislative Macht besaßen, aber so erhielten sie die Garantie, dass die Beschlüsse der Konferenz nicht nur auf dem Papier existierten. Die Bedeutung dieses Sieges lässt sich kaum überschätzen: Was als eine unverbindliche Diskussion begann, wurde so zu einem Gipfeltreffen mit weitreichender Macht. Der dritte Sieg war noch bemerkenswerter: das Datum! Die Belgier wollten vor allem die politischen Strukturen eines künftigen unabhängigen Kongo lang und breit erörtern, die kongolesische Delegation aber wollte vor der Besprechung aller anderen Punkte erst diese eine Frage klären: Wann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am fünften Konferenztag, Lumumba war noch nicht eingetroffen, fand ein Gespräch statt zwischen Jean Bolikango, dem Führer der Einheitsfront, und August de Schryver, dem für den Kongo zuständigen Minister, das sich noch am ehesten mit dem Geschacher und Gefeilsche auf einem Markt in Kinshasa vergleichen ließ. Das Datum 1. Januar 1961, von dem man im April 1958 noch geträumt hatte, war mittlerweile längst außer Diskussion. Nun konnte es gar nicht mehr schnell genug gehen. Bolikango gab eine kühne Vorlage und schlug den 1. Juni 1960 vor, nach der uralten flämischen Devise: »Fragen kostet nichts, mehr als ein Nein riskiert man nicht.« Die Belgier waren perplex: Das wäre in knapp vier Monaten! Was konnten sie darauf noch antworten? Ihr Gegenvorschlag war der 31. Juli. Zwei Monate Aufschub. Nicht gerade berauschend, aber nun gut. Dann halt der 30. Juni? Läge das nicht genau in der Mitte? Zum Ersten, zum Zweiten – Zuschlag! Am 30. Juni 1960 würde der Kongo unabhängig werden. Die Würfel waren gefallen. Kongolesen &#039;&#039;und&#039;&#039; Belgier applaudierten im Kongresspalast. Niemand aus der kongolesischen Delegation hatte gedacht, dass es so leicht sein würde, alle waren völlig verblüfft.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war eigentlich geschehen? Hatten die Vertreter Belgiens ihrer Kolonie in einem Anfall von Zerstreutheit die Unabhängigkeit geschenkt? Nein. Obwohl die Konferenz eine Eigendynamik entwickelte, die keiner vorausgesehen hatte (wie nahezu jede Initiative in der Kolonialpolitik nach 1955), und obwohl die belgische Delegation nur ungenügend vorbereitet war, handelte es sich nicht um eine unbedachte Entscheidung. In dieser Situation hatte Belgien nur zwei Optionen: die Forderung der Einheitsfront zurückweisen, was mit Sicherheit zu schweren Unruhen geführt hätte, oder auf die Forderung eingehen und hoffen, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.64 Für ruhige Verhandlungen war keine Zeit mehr, meinte man, und traf deshalb rasch eine Entscheidung. Obwohl in den Militärstützpunkten Kitona und Kamina genügend belgische Soldaten stationiert waren, wollte man es nicht auf einen Konflikt ankommen lassen. In Algerien wütete bereits seit sechs Jahren ein blutiger Unabhängigkeitskrieg. Im Parlament bestand nicht die geringste Neigung, einen Militäreinsatz in Betracht zu ziehen. Die Charta der Vereinten Nationen und die antikolonialistischen Positionen der UdSSR und der USA ließen Belgien auch in internationaler Hinsicht wenig Manövrierraum. Die Unabhängigkeit aufhalten? Das wäre möglich gewesen, jedoch um den Preis eines ungewissen Abenteuers in der Kolonie und der moralischen Isolation in der Welt. Im Jahr 1960 erlangten gleich siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit; dieser Entwicklung konnte sich Belgien nicht entgegenstemmen. Die einzigen europäischen Länder, die gar nicht daran dachten, ihre großen afrikanischen Kolonien loszulassen, waren die Diktaturen in Südeuropa: Salazars Portugal, das sich weigerte, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln aufzugeben, und Francos Spanien, das sich noch an Äquatorialguinea festklammerte. Der Apartheidstaat Südafrika war ebenso wenig gewillt, auf die Herrschaft über Namibia zu verzichten. Belgien konnte sich mit dem Datum 30. Juni einverstanden erklären, weil es wusste, dass es auch danach noch an der Verwaltung, der Armee und der Wirtschaft des Kongo beteiligt sein würde. Spitzenbeamte würden als Regierungsratgeber fungieren, weiße Offiziere im Dienst bleiben, die großen Betriebe wären weiterhin in belgischer Hand, und die Missionare würden nach wie vor Unterricht erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Plaza Hotel im Zentrum von Brüssel nahm die Begeisterung kein Ende. Ja, es musste noch alles Mögliche besprochen werden (dass der Kongo eine Republik werden würde, dass die Verbindung zum belgischen Königshaus abgebrochen werden solle, dass es ein unitärer Staat sein würde, dass die Provinzen eigene Zuständigkeitsbereiche bekämen: Das alles stand noch längst nicht fest), doch die Beute war gesichert, der Vogel abgeschossen! African Jazz von Kabasele, die Band, die damals mit dem Song über Jamais Kolonga einen Nerv getroffen hatte, war nach Brüssel mitgekommen. Auch Unterhändler im Dreiteiler mussten nach den Konferenzsitzungen Gelegenheit zum Tanzen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Charly Henault kann sich noch gut daran erinnern. Obgleich er ein Belgier ist, war er jahrelang der Schlagzeuger von African Jazz. »Ich war weiß, aber was kümmerte es mich? Ich war Drummer in einem Land voller Drummer«, erzählte er mir, als ich ihn an einem verregneten Tag in seinem kleinen Haus in Wallonisch-Brabant besuchte. Er lag todkrank im Bett. »Im Plaza Hotel war der Ball der Round-Table-Konferenz, ja . . . Diese Freude, diese Euphorie . . . Kabasele duzte die Politiker. Er war sehr beliebt . . . Ein Mann mit Klasse, in seinem hellblauen Smoking mit den schwarzen Galons. Sehr elegant . . . Er liebte die Frauen, und er hatte Sinn für Humor . . . Einmal habe ich ihm seinen Pyjama versteckt!«65 Im Plaza Hotel alberten sie aber nicht nur herum; sie tüftelten an einem Lied, das bald zum größten Hit der kongolesischen Musik werden sollte: »Indépendance cha cha«. Der Text, in Lingala und Kikongo, bejubelte die gerade erlangte Autonomie, lobte die Zusammenarbeit der verschiedenen Parteien und besang die großen Namen des Unabhängigkeitskampfes: »Die Unabhängigkeit, cha cha, wir haben sie uns genommen / Oh! Autonomie, cha cha, nun ist sie da. / Oh! Runder Tisch, cha cha, wir haben gewonnen!« Nach 1960 würde der Kongo verschiedene Nationalhymnen bekommen, unter Kasavubu, unter Mobutu, unter Kabila, bombastische Kompositionen mit pathetischen Texten, aber die ganze Zeit gab es im letzten halben Jahrhundert nur eine echte kongolesische Hymne, einen einzigen Song, zu dem sich bis heute ganz Zentralafrika spontan in den Hüften wiegt: den ausgelassenen, beschwingten und ergreifenden »Indépendance cha cha«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also der 30. Juni. Die Round-Table-Konferenz endete am 20. Februar 1960. Vier Monate war noch Zeit, einen Staat zusammenzubasteln. Die »To-do-Liste« sah beeindruckend aus: Man musste eine Übergangsregierung bestimmen, eine Verfassung erstellen, ein Parlament und einen Senat aufbauen, Ministerien schaffen, ein diplomatisches Corps zusammenstellen, Wahlen auf Provinz- und Landesebene abhalten, eine Regierung bilden, ein Staatsoberhaupt ernennen . . . und das alles betraf nur die politischen Institutionen des Landes. Was auch noch fehlte: eine nationale Währung und eine Zentralbank, eigene Briefmarken, Führerscheine, Nummernschilder und ein Katasteramt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Belgier in der Kolonie fragten sich, wie das alles in diesem irrwitzigen Tempo bewältigt werden sollte. Sie befürchteten, dass die Kolonie, an der fünfundsiebzig Jahre sorgfältig gearbeitet worden war, nun in ein paar Monaten vor die Hunde gehen würde. Viele schickten ihr Geld, ihre Sachen und ihre Familie nach Hause. Andere gingen nach Rhodesien oder Südafrika. In den ersten beiden Juniwochen flogen vom Flughafen Ndjili viermal so viele Passagiere wie im Jahr zuvor. Sabena musste siebzig zusätzliche Flüge ansetzen, und die Schiffe nach Antwerpen waren proppenvoll.66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einfache Kongolese hingegen war voller Vorfreude. Er glaubte, ein goldenes Zeitalter würde anbrechen, der Kongo würde von einem auf den anderen Tag ein wohlhabendes Land sein – das versprachen ihm Dutzende Handzettel, die im Land zirkulierten. Fast alle Parteien machten völlig unhaltbare Versprechungen, mitunter grotesk, mitunter gefährlich.67 »Wenn die Unabhängigkeit da ist«, stand in einem Flugblatt der Abako, »müssen die Weißen das Land verlassen.« Das gehörte nicht zu den Beschlüssen der Round-Table-Konferenz. »Die zurückgelassenen Sachen werden Eigentum der Schwarzen werden. Das bedeutet, dass die Häuser, die Läden, die LKW, die Waren, die Fabriken und die Felder den Bakongo zurückgegeben werden.« Angesichts solcher aufputschenden Texte ist es nicht verwunderlich, dass Bauern in Bas-Congo nichts weniger als eine totale Befreiung erhofften: »Alle Gesetze werden abgeschafft, wir brauchen den traditionellen Häuptlingen nicht mehr zu gehorchen und nicht den Ältesten, noch den Beamten, den Missionaren, den Vorgesetzten . . .« In dieser Sehnsucht nach einer abrupten, radikalen Wende hallten Echos aus der Zeit von Simon Kimbangu nach. Die Unabhängigkeit wurde zu einer Art messianischem Ereignis, das »Leben, Gesundheit, Freude, Glück und Ehre« mit sich bringen würde. Kasavubu und Lumumba, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden zu Propheten und Märtyrern erhöht. In Kasavubu sah man den König des alten Kongo-Reiches auferstehen, und den dynamischen Lumumba verglich man mit dem Sputnik! Einfache Leute sehnten nichts Geringeres herbei als eine kosmische Wende. Lohnarbeit und Steuerpflicht würden verschwinden. Einige gingen sogar davon aus, dass künftig »die Schwarzen weiße Boys haben werden« und »dass sich jeder eine weiße Frau aussuchen darf, denn sie werden zurückgelassen und verteilt werden, wie die Autos und die anderen Dinge«.68 Ein paar Schlaufüchse nutzten diese Naivität aus und begannen schon mal, Häuser von Weißen für den Spottpreis von vierzig Dollar zu verkaufen . . . Leichtgläubige, die nicht durchschauten, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren, klingelten an den Türen weißer Villen und baten darum, ihr künftiges Eigentum einmal kurz besichtigen zu dürfen. Manche wollten auch die Dame des Hauses in Augenschein nehmen, denn auch die hatten sie gerade für zwanzig Dollar gekauft.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch auf makroökonomischer Ebene mussten einige Übertragungen geregelt werden. Das koloniale Wirtschaftsleben war ja auf vielen Ebenen mit dem kolonialen Staat verflochten, der in Kürze nicht mehr existieren würde. Zu diesem Zweck wurde in Brüssel eine zweite Round-Table-Konferenz einberufen. Die politischen Parteien im Kongo maßen dieser Tagung viel weniger Bedeutung zu. Das Wichtigste, die Unabhängigkeit, war ja entschieden, dachten sie. Überdies war es inzwischen Ende April, im Mai fanden die Wahlen statt, und alle steckten mitten im Wahlkampf. Von der Parteiprominenz konnte niemand für längere Zeit den Kongo verlassen. Stattdessen reisten junge Parteimitglieder nach Brüssel, wo sie von den paar Kongolesen unterstützt wurden, die in Belgien studierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Teilnehmer war Mario Cardoso. Derzeit ist er zweiter Vizepräsident des Senats. In Kinshasa lud er mich zum Lunch ins Restaurant des vornehmen Hotels Memling ein. »Ich war der dritte Student aus dem Kongo, der in Belgien studieren durfte. Jedes Jahr schickte Raphaël de la Kéthulle einen Schüler der Scheutisten nach Leuven. Die Jesuiten waren der Ansicht, sie müssten die Menschen an Ort und Stelle ausbilden, aber die Scheutisten wollten zeigen, dass sich manche ihrer Schüler mit belgischen Studenten messen konnten. Der Erste, der nach Belgien ging, war Thomas Kanza, das war 1951. Er studierte Psychologie und Pädagogik. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber das hatte ihm der Generalgouverneur verboten, aus Angst vor Subversion. Im Jahr darauf brach Paul Mushiete nach Belgien auf. Auch er studierte Psychologie und Pädagogik, und daneben noch Soziologie. Ich war 1954 an der Reihe. Eigentlich wollte ich zur Militärakademie, aber das durfte ich nicht, also studierte ich dann eben auch Psychologie und Pädagogik. 1959 kehrte ich nach Kinshasa zurück und wurde Assistent an der Universität Lovanium. Ich wollte Professor werden, aber Lumumba bat mich, an der Round-Table-Konferenz zur Besprechung der ökonomischen Fragen teilzunehmen. Ich habe die Lumumba-Fraktion der MNC-Delegation geleitet.« Inzwischen hatte es in der Partei eine Spaltung gegeben: Auf der einen Seite der MNC-L von Lumumba, unitaristisch, auf der anderen Seite der MNC-Kalonji, der für die Baluba in Kasai eintrat. »Es herrschte sehr viel Misstrauen auf der Konferenz. In der belgischen Delegation saßen Herren, die unsere Professoren gewesen waren. Mit ihnen mussten wir verhandeln. Nicht gerade einfach. Es ging um den künftigen Status der kolonialen Unternehmen, aber alles schien schon im Voraus entschieden zu sein.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der runde Tisch zu den Wirtschaftsfragen war vor allem ein Versuch Brüssels, zu retten, was zu retten war. Belgien wollte seine wirtschaftlichen Interessen im Kongo sichern und vertrat die Ansicht, dass belgische Unternehmen die Freiheit erhalten mussten, zu bestimmen, wo ihr Firmensitz nach 1960 sein sollte.71 Cardoso war darüber noch immer verbittert: »Die Firmen durften es sich aussuchen, ob sie nach kongolesischem oder nach belgischem Recht weitermachen wollten. Diese Regelung wurde uns als vollendete Tatsache aufgezwungen.« Die meisten Unternehmen entschieden sich für Belgien, denn sie befürchteten eine fiskalische Instabilität im Kongo oder, schlimmer noch, eine Verstaatlichung. Seit Leopold II. war der Kongo ein Versuchsfeld der freien Marktwirtschaft gewesen. Die Betriebe profitierten von günstigen Steuervorschriften, zudem mischte sich der Staat so gut wie gar nicht ein. Große Konzerne, allen voran die &#039;&#039;Société Générale de Belgique&#039;&#039;, erlebten dort Zeiten von ungezügeltem Kapitalismus. Selbst dort, wo der Kolonialstaat Hauptaktionär war, zum Beispiel beim mächtigen &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039;, überließ er das Ruder in der Praxis den Managern. Angesichts der bevorstehenden Unabhängigkeit befürchteten viele Betriebsleiter, dass die Tage ihrer Autonomie und des guten Einvernehmens mit der Regierung gezählt waren. Sie blieben im Kongo aktiv, entschieden sich aber für Belgien als Firmensitz, sodass ihr Unternehmen unter belgisches und nicht unter kongolesisches Recht fiel. Durch diesen Transfer gingen der kongolesischen Staatskasse beträchtliche Steuereinnahmen verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Zukunft des »kolonialen Portfolios« kam bei den Verhandlungen zur Sprache. Mit diesem Portfolio waren die sehr umfangreichen Aktienpakete gemeint, die Belgisch-Kongo an zahlreichen kolonialen Unternehmen besaß (Minen, Plantagen, Bahnlinien, Fabriken). Was sollte damit geschehen? Sobald aus Belgisch-Kongo Kongo würde, wären diese Aktien ja Eigentum des neuen Staates. Diese Vorstellung widerstrebte den belgischen Politikern und Firmenchefs. Sie überzeugten die kongolesischen Delegierten davon, dass es eine gute Sache sei, wenn diese Firmenanteile der Regierung vom Staat auf eine neu zu gründende belgisch-kongolesische Entwicklungsgesellschaft übertragen würden. Das war ein raffinierter Schachzug, um den Daumen auf dem Geldbeutel zu halten.72 Auch hier rächte sich die mangelnde Wirtschaftskompetenz auf kongolesischer Seite. Menschen, die allenfalls Psychologie hatten studieren dürfen, sollten entscheidende makroökonomische Knoten durchschlagen. »Alles zweite Garnitur«, urteilte der damalige belgische Ministerpräsident Eyskens.73 Einer von ihnen war der Journalist Joseph Mobutu. Sein Freund Lumumba hatte ihn zu den Verhandlungen gesandt, und diese Erfahrung würde sein weiteres Leben prägen. Später sagte er darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da saß ich dann als naiver und ungehobelter kleiner Journalist mit den größten Haien der belgischen Finanzwirtschaft an einem Tisch! Ich hatte keinerlei Ausbildung im Finanzwesen, und das hatte auch keiner von meinen Mitstreitern, die die anderen politischen Richtungen vertraten. Es ist nicht gerade eine meiner besten Erinnerungen. Vom 26. April bis zum 16. Mai haben wir Schritt für Schritt diskutiert, aber ich kam mir vor wie so ein Cowboy aus dem Western, der sich jedes Mal von professionellen Betrügern ausnehmen lässt. Wir diskutierten bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag erfuhren wir, dass das belgische Parlament in der Zwischenzeit Beschlüsse gefasst hatte, die die Verhandlungsergebnisse ungültig machten. Wir mussten um alles kämpfen. (. . .) Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern.74&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schlimmste sollte noch kommen, doch erst einige Wochen später. Am 27. Juni 1960, drei Tage vor dem Unabhängigkeitstermin, löste das belgische Parlament – wohlgemerkt mit dem Einverständnis der kongolesischen Regierung – das Comité Spécial du Katanga auf.75 Ein enormer Fehler für den Kongo! Der neue Staat verlor dadurch die Kontrolle über den Minengiganten Union Minière, den Motor der nationalen Wirtschaft. Wie konnte es dazu kommen? Das CSK war faktisch eine staatliche Gesellschaft, die in Katanga Konzessionen an Privatfirmen vergab und dafür Aktien dieser Firmen erhielt. Dadurch hatte es eine Mehrheitsbeteiligung an der Union Minière und damit Entscheidungsgewalt. In der Praxis machte es von diesem Mitspracherecht wenig Gebrauch: Der Kolonialstaat vertraute in der Regel der Kompetenz der Geschäftswelt. Doch mit der Unabhängigkeit des Kongo drohte die Gefahr, dass sich der neue Staat tatsächlich für die Tätigkeiten der Union Minière und all ihrer Töchter interessieren würde. Und das wurde durch die Auflösung des CSK verhindert. Die kongolesischen Delegierten auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz sahen – in ihrer ganzen Abneigung gegen den Moloch des westlichen Kapitalismus – darin kein Problem, und die zukünftige Regierung Lumumba übernahm diese Einschätzung . . . Der Kongo blieb noch immer zu einem Teil der Eigentümer, hatte als Minderheitsaktionär jedoch viel weniger Macht und Gewinnansprüche als die großen belgischen Trusts wie die Société Générale de Belgique. Dadurch entgingen dem Land nicht nur etliche Millionen Dollar, sondern auch die Möglichkeit, die Industrie in den Dienst des Landes zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit großer Arglosigkeit tanzte das Land auf den Abgrund der Unabhängigkeit zu. Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche, die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien. Einen Tag nach diesem unglaublich gewieften Schachzug unterzeichneten beide Länder dennoch einen »Freundschaftsvertrag«, in dem die Rede war von Unterstützung und Hilfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Mai fanden dann endlich die lang erwarteten landesweiten Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis vorhersehbar. Neben dem MNC von Patrice Lumumba waren die größten Wahlsieger die regionalen Parteien mit mehr oder weniger starken separatistischen Tendenzen. Abako siegte in Bas-Congo, Conakat im Süden und Balubakat im Norden Katangas, der MNC von Kalonji in Kasai, Cerea im Kivu und PSA im Kwilu. Die beiden Letzteren waren keine wirklich tribal geprägten Parteien, boten aber in den ethnisch sehr zersplitterten Regionen des Kivu und des Kwilu eine Art supratribalen Elan. Die Karte der Wahlergebnisse im Kongo 1960 überschnitt sich also größtenteils mit den ethnographischen Karten, die Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert zuvor erstellt hatten. Dieser tribale Reflex darf nicht als etwas Atavistisches gedeutet werden. Würden heute in Europa paneuropäische Wahlen stattfinden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Franzosen einen Franzosen wählen würden und die meisten Bulgaren einen Bulgaren. In einem unermesslich großen Land wie dem Kongo, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung allenfalls die Grundschule besucht hatte, ist es sehr verständlich, dass viele Menschen für Vertreter aus ihrer Gegend stimmten. Als stärkste Kandidaten gingen Kasavubu, Lumumba und Tschombé aus den Wahlen hervor. Kasavubu kontrollierte den Westen des Landes, Lumumba den Nordosten und das Zentrum, Tschombé den äußersten Süden. In diesen drei Gebieten lagen auch die größten Städte: Léopoldville, Stanleyville, Elisabethville. Die kleineren Parteien teilten die ländlichen Gebiete dazwischen unter sich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zersplitterung erleichterte die Regierungsbildung nicht gerade. Keine der Parteien besaß die absolute Mehrheit (Lumumbas überwältigender Wahlerfolg beruhte nur auf jeweils einem Drittel der gewählten Abgeordneten in fünf der sechs Provinzen, in Katanga bekam er keinen Fuß auf den Boden), und auch eine einfache Koalition mit einigen Partnern war nicht möglich. Lange Verhandlungen standen bevor. Zudem war die belgische Regierung sehr enttäuscht, dass Lumumba, den man als einen staatsgefährdenden Demagogen ansah, so viele Wähler an sich hatte binden können. Das führte sogar dazu, dass Brüssel eigens einen neuen Minister ernannte, W. J. Ganshof van der Meersch, und in den Kongo entsandte, wo er sich mit der Regierungsbildung befassen sollte. In seinem Schlepptau wurden außerdem vorsorglich belgische Truppen in die Kolonie verlegt. Lumumba war von diesen Schritten nicht gerade begeistert, und er machte daraus auch keinen Hehl. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine gewaltige, wechselseitige Aversion. Zuerst durfte Kasavubu versuchen, eine Regierung auf die Beine zu stellen, doch als das misslang, erhielt Lumumba den Auftrag zur Regierungsbildung. Er stand nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, die sehr unterschiedlichen Abgeordneten in einer gemeinsamen Regierungsmannschaft zu vereinen. Bis eine Woche vor dem Unabhängigkeitstermin hoffte der Vertreter Belgiens, dass Lumumba nicht Ministerpräsident werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch am 23. Juni stand die erste Regierung des Kongo. Sie zählte dreiundzwanzig Minister, neun Staatssekretäre und vier Staatsminister, Ämter, die über zwölf Parteien verteilt waren. Wie bei mühsam ausgehandelten Kompromissen üblich, waren am Ende mehr Beteiligte unzufrieden als zufrieden. Bolikango, der Doyen aus der Provinz Équateur, der in Brüssel die Einheitsfront geleitet hatte, musste erleben, wie ihm das Amt des Präsidenten im letzten Augenblick durch die Lappen ging. Lumumba benötigte nämlich dringend die Unterstützung der Abako und erhielt sie nur durch einen Kompromiss: Wenn Kasavubu seine separatistischen Bestrebungen unterdrückte, durfte er zum Dank Staatsoberhaupt werden. Lumumba, der große Wahlsieger, wurde aus diesem Grund nicht selbst Staatspräsident, sondern nur Ministerpräsident, obwohl seine Partei dreiunddreißig der 137 Parlamentssitze erlangt hatte und die von Kasavubu nur zwölf. Tschombé schließlich musste erkennen, dass er leer ausging und sich mit einem einzigen Ministerposten und nur einem Staatssekretariat für seine Partei begnügen musste. Sein Katanga erwirtschaftete den größten Teil der nationalen Einnahmen, bekam dafür jedoch wenig zurück: Das weckte Groll. Früher oder später musste es sich rächen. Auch das Parlament zögerte: Die neue Regierung wurde mit knapper Not von der Volksvertretung anerkannt.76 Der Start von Lumumbas Regierung war deshalb alles andere als die kollektive Dynamik einer Regierungsmannschaft, die einträchtig ein politisches Projekt realisierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht nur ein heterogenes und reizbares Team, es war noch dazu eine außergewöhnlich junge Mannschaft, die hier antrat. Drei Viertel dieser Politiker waren jünger als fünfunddreißig. Der jüngste war erst sechsundzwanzig: Thomas Kanza, der erste Kongolese mit Universitätsdiplom. Er wurde Vertreter des Kongo bei den Vereinten Nationen, ein Amt, das in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit nicht gerade ein Zuckerschlecken war. Der älteste Minister war Pascal Nkayi, und der war gerade mal neunundfünfzig. Ihm wurde das Finanzressort übertragen; vorher war er als Angestellter bei der Postverwaltung tätig gewesen. Auch im Parlament überwog eine neue Elite: Nur drei der 137 Sitze wurden von traditionellen Häuptlingen eingenommen.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Regierung des Kongo übernahm von Belgien ein Land mit gut ausgebauter Infrastruktur: Es gab gut vierzehntausend Kilometer Eisenbahnlinien und mehr als hundertvierzigtausend Kilometer Schnellstraßen und Straßen, es gab gut vierzig Flughäfen oder Roll­felder und mehr als hundert Wasserkraft- und Elektrizitätswerke, es gab eine moderne Industrie (der Kongo war Weltmarktführer für Industriediamanten und viertgrößter Kupferproduzent der Welt), es gab Anfänge eines allgemeinen Gesundheitswesens (dreihundert Krankenhäuser für Einheimische, außerdem Polikliniken und Entbindungskliniken) und einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad (1,7 Millionen Grundschüler 1959) – das alles war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien schlicht beeindruckend.78 Die Armee hatte außerdem in zwei Weltkriegen wichtige Erfolge verbucht. Doch Infra­struktur ist nicht alles. Thomas Kanza, der frischgebackene Minister, der Psychologie studiert hatte, war sich darüber im Klaren, dass diese Erfolge für viele Afrikaner relativ waren: »Sie haben, anders als es Europäer in der Regel wahrhaben wollen, mehr unter dem Defizit an aufrichtiger Sympathie, Achtung und Liebe von Seiten der Kolonisatoren gelitten als unter einem Mangel an Schulen, Straßen und Fabriken.«79 Außerdem: Was nützte einem ein vollständig ausgestattetes Land, wenn kaum jemand damit umzugehen wusste? Am Tag der Unabhängigkeit zählte der Kongo sechzehn (16) Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab zwar Hunderte gut ausgebildete Krankenpfleger und Verwaltungsangestellte, doch in der Force Publique war nicht ein schwarzer Offizier. Es gab weder einen einheimischen Arzt noch einen Ingenieur, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Belgien hatte keine Erfahrung mit Kolonialisieren«, sagte Mario Cardoso bei unserem exquisiten Lunch im Memling, »aber noch weniger Erfahrung mit Entkolonialisieren. Warum musste das alles so schnell gehen? Hätten sie fünf Jahre gewartet, dann hätte der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere die Ausbildung abgeschlossen. Dann hätte es keine Meuterei in der Armee gegeben.« In der Zeit zwischen 1955 und 1960 suchte die Kolonialregierung fieberhaft nach Reformen, die etwas gegen die große Unruhe in der Gesellschaft bewirken könnten, doch es war &#039;&#039;too little too late&#039;&#039;. Die Entkolonialisierung wurde deshalb ein &#039;&#039;runaway train&#039;&#039;, den keiner mehr aufhalten konnte. Indem es erst so spät auf die begreiflichen Forderungen einer frustrierten Elite einging, entfesselte Brüssel ein Kräftespiel, das seine Fähigkeit, die Entwicklungen zu steuern, weit überstieg. Doch das gilt auch für die junge Elite des neuen Staates, die den sozialen Unmut der unteren Schichten nicht nur artikulierte und kanalisierte, sondern auch hochspielte und steigerte, bis er Ausmaße annahm, gegen die sie selbst keinen Rat mehr wusste. Die Chronologie der Ereignisse brachte ein Paradoxon ans Licht, das man lediglich zur Kenntnis nehmen, aber nicht lösen konnte: Die Entkolonialisierung begann viel zu spät, die Unabhängigkeit kam viel zu früh. Die übereilte Souveränität des Kongo war eine Tragödie, als Lustspiel getarnt, die nicht anders als verhängnisvoll ausgehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 7 Ein Donnerstag im Juni ==&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga stand an diesem Donnerstag schon um vier Uhr morgens auf. Er hatte bei seinem Schneider übernachtet, um nichts dem Zufall zu überlassen.1 Die Zeremonie fand erst um elf Uhr statt, aber dies war nicht irgendein Tag. Die Stadt, in der fast eine Million Menschen lebten, war noch dunkel und still. Eine träge Hitze hing zwischen den Häusern und Hütten. Nichts regte sich. Die Wäsche: bewegungslos auf der Leine. Das Feuer: spröde Kohleschlacken. Unsichtbar die Kinder, die in eckigen Haltungen schliefen. Unsichtbar die Männer und Frauen, die sich aneinanderschmiegten – Trost für eine Nacht oder für ein ganzes Leben. Auf dem leeren Boulevard sprangen die Ampeln lustlos von Grün auf Orange auf Rot um. Das Wasser der Swimmingpools in den Vierteln der Europäer lag spiegelglatt da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vögel waren noch stumm. Und etwas weiter, hinter den Gärten und Villen, den Rasenflächen und Bougainvilleen, glitt das dunkle Wasser des mächtigen Flusses still vorbei. Noch immer schwammen kleine Vegetationsinseln mit, Grassoden und Pflanzen, Hunderte Kilometer stromaufwärts losgerissen aus dem Urwald, Baumstümpfe, die sich im Dunkeln drehten und bei den ersten Katarakten aufragen und in der Gischt des Flusses hinabstürzen würden. So ging es schon seit Jahrtausenden. Die Natur kümmerte es nicht, dass dies ein besonderer Tag war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga zündete das Licht an. Er betete und er wusch sich. Auf einem Kleiderbügel hing sein nagelneuer Anzug. Vorsichtig zog er die Hose unter der Jacke hervor. Sein Schneider hatte ihm einen prachtvollen Smoking genäht. Der glatte Stoff der Hose fühlte sich kühl an, das Hemd war herrlich steif, die Jacke saß wie angegossen um seine kleine Gestalt. Er stellte sich vor den Spiegel. Wer hätte jemals gedacht, dass er, Jean Lema mit bürgerlichem Namen, aber für alle Jamais Kolonga, heute eine so wichtige Rolle spielen würde? Bis vor ein paar Jahren hatte er als Angestellter im Landesinneren gearbeitet, in der Provinz Équateur. Er war bei Otraco für die Verwaltung der Flussschiffe zuständig. Doch bereits damals lag Veränderung in der Luft. Als er befördert wurde, ersetzte er einen Weißen; er bekam den Posten, den vorher Monsieur Eugène, ein Belgier aus Verviers, bekleidet hatte. 1958 kam er zurück nach Léopoldville, eigentlich nur für einen kurzen Besuch, und schnupperte dort, wie er es ausdrückte, »den Duft, das Parfum der Unabhängigkeit«. Kasavubu ging noch immer bei seinen Eltern ein und aus, er hörte den aufregenden Gesprächen zu und bekam eine Ahnung von den unglaublichen Möglichkeiten. Ins Landesinnere wollte er jetzt nicht mehr, obwohl ihn sein Arbeitgeber mehrfach dazu aufforderte. Auf dem Boulevard im Stadtzentrum begegnete er dem großen Bolikango. Bolikango war auch bei tata Raphaël zur Schule gegangen; er war einer der wenigen Kongolesen, die im Hinblick auf eine bald bevorstehende Unabhängigkeit einen hohen Posten in der Verwaltung bekommen hatten, als Staatssekretär im Informationsministerium. Bolikango wusste natürlich, wie eloquent Jamais Kolonga war, und erinnerte sich daran, was für ein Über-&#039;&#039;évolué&#039;&#039; sein Vater war. Immerhin war König Baudouin bei ihm zu Besuch gewesen! Durch das Seitenfenster seines Autos schlug Bolikango Jamais Kolonga vor, Redakteur, Sprecher und Übersetzer beim Informationsdienst des Generalgouvernements zu werden. Jamais Kolonga erklärte sich einverstanden. Vom Büroangestellten in der Binnenschifffahrt wurde er zum Rundfunkjournalisten beim staatlichen Sender. Das Parfum der Unabhängigkeit würde er von nun an täglich schnuppern können. Als Reporter war er nicht nur von Modenschauen zu Fußballspielen unterwegs, sondern er erlebte auch den großen politischen Umbruch in seinem Land aus nächster Nähe. Als in Brüssel die Round-Table-Konferenz stattfand, durfte er jeden Tag aus dem Studio darüber berichten. Und als Kasavubu am 26. Juni 1960 als erster Präsident des in Kürze unabhängigen Kongo vereidigt wurde, war er als Reporter dabei. Sein TEAC umgehängt, das bleischwere Aufnahmegerät jener Zeit, hatte er die Interviews gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine neuen schwarzen Schuhe glänzten und hatten noch ganz helle Sohlen. Kasavubus Eideszeremonie lag vier Tage zurück. Jamais Kolonga hatte seinen Job gut gemacht. Vor zwei Tagen hatte man ihn gefragt, ob er auch bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung die Live-Berichterstattung übernehmen könne. Das wollte er gern tun. Nur musste sein Schneider nun Tag und Nacht durcharbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
30. Juni 1960. Offiziell war der Kongo schon seit Mitternacht unabhängig, aber mit dem Festakt im Palast der Nation sollte der Übergang offiziell gewürdigt werden. König Baudouin war eigens aus Belgien gekommen; er würde Präsident Kasavubu die Macht übergeben, nach zweiundfünfzig Jahren belgischer Kolonialregierung und fünfundsiebzig Jahre, nachdem sein Großonkel Leopold II. den Freistaat gegründet hatte. Und bei diesem historischen Ereignis durfte Jamais Kolonga vom Ort des Geschehens berichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte der belgischen Präsenz in Zentralafrika hatte die Geschichte seiner Familie tiefgreifend beeinflusst. Sein Vater hatte durch seine Ausbildung einer der wichtigsten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; der Kolonie werden können, während sein Großvater noch als Jäger in seinem Dorf gelebt hatte. Jamais Kolonga kannte die Geschichten über ihn. »Als die Weißen in Bas-Congo ankamen, trug er ihre Koffer auf dem Kopf. Er hatte keine Angst vor den Weißen, tat aber, was sie von ihm verlangten. Er war polygam, aber nachdem er sich hatte taufen lassen, schickte er zwei seiner drei Frauen weg.« Kein einziges individuelles Leben, nicht mal im tiefsten Hinterland, war von der großen Geschichte unberührt geblieben. Es war alles sehr schnell gegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Viertel nach sechs gab es ein Briefing mit dem Leiter des Informationsamtes. Die Pressemappen wurden zusammengestellt. Vor wenigen Minuten war noch ein Text von Ministerpräsident Lumumba eingetroffen, der auch unter den Journalisten verteilt werden sollte. Jamais Kolonga bekam seinen Platz ganz vorn im Saal zugewiesen. Alles sollte würdevoll und geordnet ablaufen, hieß es noch einmal mit Nachdruck. Am Vortag war es bereits zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen, als der König und Kasavubu in einem offenen amerikanischen Straßenkreuzer durch die Stadt gefahren waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Jahr 1955 hatte Baudouin dem Volk zugewinkt, das in großer Zahl erschienen war, um am Straßenrand ebenfalls zu winken, doch aus der Menschenmenge hatte sich ein Mann nach vorn gedrängt und den Degen des Königs an sich gerissen. Die Szene war gefilmt und fotografiert worden. Baudouin, der seine weiße Galauniform trug, stand aufrecht in der Limousine, links von ihm stand Kasavubu in einem schwarzen Maßanzug. Baudouin salutierte den Soldaten der Force Publique, die auf der linken Straßenseite die belgische Trikolore hochhielten. Der Monarch hatte, als er an seiner rechten Seite etwas spürte, nicht gleich gemerkt, was da geschah. Ein Mann mit hoher Stirn und einem länglichen Gesicht rannte weg und schwenkte wild den königlichen Degen, eines der Insignien der belgischen Monarchie. Mehr als nur eine Waffe war dieser Degen ein Symbol für die Macht des Herrscherhauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zwischenfall wurde lebhaft kommentiert. »Der Mann war nicht ganz richtig im Kopf«, meinte Jamais Kolonga. »Er war ein &#039;&#039;feu-follet&#039;&#039;, ein Irrlicht, eine unruhige Seele mit leichtem Wahnsinn. Er galt allgemein als ein bisschen verrückt.« Das war sehr wahrscheinlich. Viele Europäer sahen es als Ulk, als einen dummen Studentenstreich, der die Machtübergabe noch einmal besonders akzentuieren sollte, aber für viele Kongolesen aus den einfachen Stadtvierteln war es kein Witz, sondern eine äußerst tollkühne Tat. Einen geheiligten Gegenstand, der dem Herrscher gehört, einfach anfassen und stehlen? Der Mann wird heute Nacht sterben, sagten sie. Wenn eine Maske, eine Ahnenskulptur, ein Leopardenfell oder ein Affenschwanz bereits magische Kräfte besaßen, so galt das gewiss auch für den Degen eines europäischen Herrschers. Auch unter &#039;&#039;évolués&#039;&#039; stieß die rebellische Geste auf Missbilligung. Victorine Ndjoli, das Fotomodell mit dem Führerschein, meinte dazu: »Wir waren wirklich beschämt, dass sich so ein Spinner das Schwert von König Baudouin geschnappt hat. Erst später haben wir erfahren, dass er nicht ganz richtig im Kopf war.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoffentlich läuft heute alles reibungslos ab, dachte Jamais Kolonga. Die Zeremonie sollte makellos sein. Aber die Leute hatten so seltsame Erwartungen an die Unabhängigkeit. Viele hatten kleine Kisten mit Steinen vergraben und hofften, die Steine hätten sich nach der Unabhängigkeit in Goldklumpen verwandelt. Nicht wenige glaubten, die Toten würden auferstehen.3 Man hatte schon Kleidungsstücke auf die Gräber mancher Ahnen gelegt, um sie willkommen zu heißen, und die Grabstätten weniger geliebter Menschen mit Wellblechplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass sie aus der Erde krochen. In den Dörfern des Inlandes schlossen sich manche Menschen aus Angst vor den zurückkehrenden Toten vier Tage lang in ihrer Hütte ein. Schwangere Frauen verließen die Häuser nicht mehr.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten äußerte sich das Unabhängigkeitsfieber mehr in sozialen Phänomenen. In Stanleyville bauten sich manche Leute ohne Genehmigung Hütten auf Grundstücken, die Europäern gehörten. Anhänger der Kitawala-Religion, die jahrelang in der Illegalität gelebt hatten, besetzten leerstehende Villen von Belgiern, die das Land verlassen hatten, und vollzogen dort nachts mit Fackeln und Gesängen ihre Rituale. In Léopoldville gab es vor dem großen Festtag bedeutend mehr Fälle von Diebstahl und Vandalismus. Boys lachten ihre Chefs aus, setzten sich auf die Motorhaube ihrer Autos und weigerten sich hartnäckig, wieder herunterzusteigen.5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr sah Jamais Kolonga, wie allerlei Prominenz in die große Rotunde des Palastes der Nation strömte: Parlamentarier und Senatoren aus Belgien neben Diplomaten, hohen Offizieren und zivilen Würdenträgern, Delegationen aus befreundeten afrikanischen Staaten. Prinz Hassan von Marokko war erschienen, Präsident Youlou von Kongo-Brazzaville und König Kigeri von Ruanda. Vor allem aber sah er die gerade erst gewählten Volksvertreter und Senatoren des neuen Kongo. Der Palast der Nation, ein neues Gebäude, das erst vor wenigen Jahren als Residenz des Generalgouverneurs errichtet worden war (man hatte geglaubt, dieses Amt würde noch Jahrzehnte bestehen), diente nun als Parlament. Unter der großen Kuppel der Rotunde trugen die meisten Politiker dunkle, westliche Anzüge, andere aber waren geschmückt mit traditionellen Kopfbedeckungen voller Muscheln, Federn und Tierfellen, Kopfbedeckungen, die ebenso beeindruckend waren wie der weiße Helm mit Geierfedern, den der Generalgouverneur trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als alle Platz genommen hatten, trat Ministerpräsident Lumumba ein. Kurz darauf sprangen alle im Saal auf, um König Baudouin und Staatspräsident Kasavubu zu begrüßen. Baudouin ergriff als Erster das Wort. Der nette und wohlwollende Fürst hielt eine Rede, die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien. Er rühmte das Werk von Leopold II., als habe niemals ein Untersuchungsausschuss dessen Herrschaft gerügt: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Und er scheute nicht vor Paternalismus zurück: »Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (. . .) Ihre Aufgabe ist unermesslich, und Sie sind die Ersten, die sich darüber im Klaren sind. (. . .) Haben Sie keine Scheu, sich an uns zu wenden. Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er zu Ende gesprochen hatte, applaudierte der Saal höflich. In diesem Augenblick hörten in den Dörfern und den Stadtvierteln der Einheimischen Tausende Menschen, die gebannt vor ihrem Transistorradio saßen, die klare Stimme von Jamais Kolonga, die auf Französisch, Lingala und Kikongo mitteilte: »Meine Damen und Herren, Sie haben soeben die Ansprache von Seiner Majestät dem König der Belgier gehört. Dies ist nun der Moment, in dem der Kongo unabhängig wird.«7 Er, der kleine Jamais Kolonga mit den leuchtenden Augen, war der erste Kongolese, der sein Land als unabhängig bezeichnen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann hatte Präsident Kasavubu das Wort, der Mann, den Jamais Kolonga so oft erlebt hatte, wenn er im Wohnzimmer mit seinem Vater leidenschaftlich diskutierte, der Mann, der bei seiner Ernennung zum Bürgermeister eine flammende Anklage gegen die Kolonialmacht formuliert hatte. Nun jedoch war seine Rede zurückhaltend und versöhnlich. Nicht verwunderlich: den Text hatte Jean Cordy abgefasst, der Belgier, der noch Kabinettsschef von Generalgouverneur Cornelis gewesen war. »Ich habe Kasavubus Text geschrieben, jedenfalls die erste Fassung. Ich hatte auch schon den Text geschrieben, als er Präsident wurde.«8 Nach dem Protokoll war damit der Teil der Zeremonie, der für Ansprachen vorgesehen war, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Rede des Präsidenten war Lumumba zornig damit beschäftigt, etwas zu korrigieren. Er hatte einen kleinen Stapel Papier auf den Knien und notierte hier und da eine Bemerkung. Lumumba hatte am Vortag die zahme Rede Kasavubus kurz überfliegen dürfen und war der Ansicht, er könne es nicht dabei bewenden lassen. Er wollte den Vertretern der Kolonialmacht unbedingt zum letzten Mal Kontra geben. Und sich damit auch selbst ins rechte Licht rücken, denn es störte ihn sehr, dass nicht er, sondern Kasavubu die Honneurs machen durfte. Als großer Wahlsieger musste er mit ansehen, wie sich sein Erzrivale Kasavubu neben König Baudouin groß aufspielen durfte, obwohl er doch als Regionalist den Kongo nicht einmal als Ganzes liebte.9 Lumumba schrieb seine Rede in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag; noch immer kam er mit wenigen Stunden Schlaf aus. Dem Vernehmen nach schrieb sein belgischer Berater und unbedingter Unterstützer Jean Van Lierde an dem Text mit. Heute gilt Lumumbas Ansprache als eine der großen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts und als ein Schlüsseltext der Entkolonialisierung Afrikas:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn heute die Unabhängigkeit des Kongo proklamiert wird im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf gleichem Fuß stehen, so kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, vergessen, dass wir die Unabhängigkeit im Kampf errungen haben, in einem Kampf von Tag zu Tag, einem glühenden und idealistischen Kampf, bei dem wir weder Mühen noch Entbehrungen scheuten, der uns Leid brachte und für den wir unser Blut gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind zutiefst stolz auf diesen Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes, denn es war ein edler und berechtigter Kampf und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam auferlegt wurde, ein Ende zu bereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war unser Schicksal während der achtzig Jahre der Kolonialherrschaft; noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir mussten zermürbende Arbeit leisten, zu einem Lohn, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu stillen, uns zu kleiden und in anständigen Verhältnissen zu wohnen und unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle »Sie« den Weißen vorbehalten war?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass man unser Land raubte aufgrund von Texten, die sich Gesetze nannten, in Wirklichkeit aber nur das Recht des Stärkeren besiegelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass das Gesetz für Weiße und Schwarze nie gleich war: entgegenkommend für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden Zeugen des schrecklichen Leides jener Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihres Glaubens verbannt wurden; im eigenen Land im Exil, war ihr Schicksal schlimmer als der Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos noch in die Restaurants und Geschäfte der Europäer durften; dass Schwarze auf Schiffen unter Deck reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren tatsächlich Worte, die im Gedächtnis haften blieben. Wie alle großen Ansprachen verdeutlichte Lumumbas Rede die abstrakte Geschichte anhand konkreter Details und veranschaulichte das große Unrecht durch zahlreiche greifbare Beispiele. Doch das Timing war denkbar unglücklich. Es war der Tag, an dem der Kongo die Unabhängigkeit erlangt hatte, Lumumba aber sprach, als sei der Wahlkampf noch in vollem Gange. Zu sehr darauf fixiert, Unsterblichkeit zu erlangen, zu verblendet durch die Romantik des Panafrikanismus, vergaß er, der doch der größte Verfechter der Einheit des Kongo war, dass er sein Land an diesem ersten Tag der Autonomie vor allem versöhnen musste und nicht spalten durfte. Er nahm für sich in Anspruch, die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen – das passte in die exaltierte Rhetorik der damaligen Zeit (das Volk, das Joch, der Kampf und natürlich: die Freiheit) –, aber das Volk stand nicht wie ein Mann hinter ihm; er hatte schließlich weniger als ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Lumumbas Rede war deshalb großartig in ihrer Tragweite, aber problematisch in ihrer Wirkung. Und im Vergleich zu den wahrhaft grandiosen Ansprachen in der Geschichte – der Gettysburg Address von Abraham Lincoln von 1863 (&#039;&#039;»a government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth«&#039;&#039;), der ersten Rede von Winston Churchill als britischer Premierminister am 13. Mai 1940 (&#039;&#039;»I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat«&#039;&#039;), der Rede von Martin Luther King 1963 (&#039;&#039;»I have a dream«&#039;&#039;), den Worten über Demokratie, die Mandela 1964 seinen Richtern entgegenhielt (&#039;&#039;»It is an ideal which I hope to live for and to achieve. But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die«&#039;&#039;), oder der &#039;&#039;acceptance speech,&#039;&#039; mit der Barack Obama 2008 die Welt begeisterte (&#039;&#039;»Change has come to America«&#039;&#039;) – waren Lumumbas Worte mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet, enthielten mehr Wut als Hoffnung, mehr Groll als Großmut und damit mehr Rebellion als staatsmännischen Weitblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga saß in der ersten Reihe. Er hörte, wie die Lumumba-Anhänger im Saal die Rede acht Mal mit ihrem Applaus unterbrachen, aber er sah auch, wie »die Mienen der Gäste eisig wurden und der König erbleichte«. Er sah, wie sich Baudouin zu Kasavubu neigte und um eine Erklärung bat, aber der war wie erstarrt: auch er war von Lumumbas Initiative überrascht. Lumumbas Text war – mit einer Sperrfrist – an die Presse gegeben worden, doch weder der König noch der Präsident hatten ihn vorher gesehen. Nach dem Festakt war Baudouin erbost und zugleich tief gekränkt. Für ihn muss es eine schmerzliche Erinnerung an seine eigene Thronbesteigung gewesen sein. Damals, vor zehn Jahren, hatte der kommunistische Senator Julien Lahaut auf dem Höhepunkt der Zeremonie »Vive la république« gerufen. Auch damals hatte es ein glanzvoller Tag werden sollen, ein festliches Ereignis, um ihn in Amt und Würden einzusetzen, aber auch damals war der Festakt durch einen linken Unruhestifter verdorben worden, der ungebeten alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Woche später war Lahaut von ein paar unbekannten Männern auf der Schwelle seines Hauses von Kugeln durchsiebt worden; die Umstände seines Todes waren ähnlich nebulös und gewalttätig wie das Schicksal, das Lumumba ein halbes Jahr später ereilen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baudouin wäre am liebsten sofort nach Belgien zurückgekehrt. Ihm stand nicht mehr der Sinn danach, den Friedhof der Pioniere und das Reiterstandbild von Leopold II. zu besuchen. Aber der belgische Ministerpräsident Eyskens stellte Lumumba zur Rede und verlangte von ihm, beim Mittagsmahl eine zweite, freundlichere Ansprache zu halten. So geschah es: Eyskens verfasste den Text, Lumumba las ihn trocken vor, Baudouin blieb doch noch bis zum Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der ganze Kongo über die kühnen Worte seines Ministerpräsidenten in Jubel ausbrach. Vierzehn Millionen Menschen denken selten das Gleiche. Jamais Kolonga jedenfalls fand die Rede problematisch: »Lumumba war kein Diplomat, er war viel zu kategorisch. Kasavubu, das war ein Gentleman. Er wollte ein paar von den Weißen dabehalten als stellvertretende Direktoren in den Provinzen, im Landwirtschafts- und Finanzressort. Aber unsere Verfassung räumte dem Ministerpräsidenten zu viel Macht ein. Die Rolle des Staatspräsidenten war darin ähnlich definiert wie die des belgischen Königs: Er herrschte, aber er regierte nicht.« Da Jamais Kolonga aus Bas-Congo stammte, galt seine Sympathie eher Kasavubu. Für viele Bakongo war Lumumba kein Held. »Kasavubu war friedfertig, gebildet und respektvoll«, sagen alte Leute in Bas-Congo noch immer, »Lumumba hatte nichts im Kopf, er war impulsiv und unverschämt. Ihm haben wir unsere Misere zu verdanken. Wie er vor dem König geredet hat, das war unverantwortlich! Er hätte sagen müssen: ›Ihr habt jetzt die Unabhängigkeit, also los, an die Arbeit!‹, statt die kleinen Probleme aus der Vergangenheit anzusprechen.«11 Fast alle älteren Einwohner von Boma, Matadi und Mbanza-Ngungu (dem früheren Thysville) können sich noch heute darüber aufregen. »Damals hat alles angefangen. Lumumbas Rede hat die Belgier gegen uns aufgebracht. Der König wollte nicht mal mehr zum Essen bleiben. Kasavubu wollte die Belgier nicht vertreiben, aber Lumumba wollte Tabula rasa machen. Es war ein sehr schlechter Start. Und das sage ich auf Ehre und Gewissen, nicht mal aus ethnischen Gründen.«12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch glühende Mitstreiter Lumumbas setzten ein Fragezeichen hinter die Rede. Mario Cardoso, der aus Stanleyville kam, der Stadt Lumumbas, und ihn auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz in Brüssel vertreten hatte, erzählte mir: »Ich saß im Saal und war sprachlos. Lumumba verhielt sich wie ein Demagoge. Ich war Mitglied des MNC, aber unsere Kampagne hatte nichts mit dem zu tun, was er sagte. Einige &#039;&#039;députés&#039;&#039; applaudierten, ich nicht. Er begeht politischen Selbstmord, dachte ich.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Kongo widmete man dem Vorfall weniger Aufmerksamkeit. In Elisabethville verlief alles ruhig und in freundschaftlicher Atmosphäre. Tschombé, der sich mit einem Posten als Provinzgouverneur hatte zufriedengeben müssen, betonte noch einmal die Bedeutung der herzlichen Freundschaftsbande zwischen Belgien und dem Kongo. Während der Unabhängigkeitsfeier in der Minenstadt sang der Kinderchor &#039;&#039;De Zangertjes van het Koperen Kruis (Die kleinen Sänger des Kupferkreuzes)&#039;&#039; mit lieblichen Stimmen Lobeslieder. Weiße, die sich an die Tatsache gewöhnen mussten, plötzlich keine Kolonialherren mehr zu sein, feierten sogar in Vierteln der Einheimischen und waren dort willkommen.14 Auch andernorts wurden Messen zelebriert, Kantaten gesungen und Huldigungen dargebracht. Die Nachricht von Lumumbas Rede verbreitete sich erst später. Was den Inhalt betraf, widersprachen ihm nur wenige, aber viele fragten sich, ob das in dieser Situation wirklich nötig gewesen sei. Ein Bewohner der Hauptstadt meinte: »Eine Geburt findet unter Wehen statt. So ist es nun mal. Aber wenn das Kind dann auf der Welt ist, lächelt man ihm zu.«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verlief dieser erste Tag des freien Kongo. Es gab Umzüge und Spiele, Volkstänze und Feuerwerk. Vier Tage lang sollte das Fest dauern, von Donnerstag bis Sonntag. Der Kongo begann mit einem langen, freien Wochenende. Es gab Sportwettkämpfe im Stade Baudouin (Kasavubu sollte den Gewinnern den Pokal überreichen, doch Lumumba nahm ihn ihm aus der Hand und machte es selbst).16 Es gab ein Radrennen in den Straßen der Stadt (die belgischste aller Sportarten, aber die ersten drei Plätze erreichten Kongolesen). Und es gab vor allem Bier, viel Bier, sehr viel Bier. Es war Monatsende, alle hatten gerade ihren Lohn ausbezahlt bekommen. An den Wänden der Bars stapelten sich die Bierkästen. Nach einigen Tagen ordnete die neue Regierung an, dass alle Verkaufsstellen für alkoholische Getränke zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr morgens schließen mussten. Die Sache geriet ein wenig außer Kontrolle, doch es war harmlos. Bis auf ein paar Unruhen in Kasai gab es keine Angriffe gegen Belgier, keine Lynchmorde, keine Vergewaltigungen, keine Plünderungen europäischer Häuser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann lag allerdings an diesem ersten Tag der Unabhängigkeit, wie er mir erzählte, auf dem Boden einer Gefängniszelle und stöhnte vor Schmerzen: Longin Ngwadi! Der Mann aus Kikwit, der Gläubige, der Priester hatte werden wollen, aber es nicht durfte, &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, der Starfußballer vom Daring Club, der ehemalige Boy von Generalgouverneur Pétillon, der Mann, der nach Belgien gereist war, um die Weltausstellung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; zu sehen, er, ausgerechnet er, war der erste Dissident des neuen Staates. »Mein Magen war geschwollen wie ein Luftballon. Ich blutete aus Nase und Anus. Ich pinkelte Blut, ließ faulige Winde. Ich hatte Handschellen um, wie ein Dieb.« Als Jamais Kolonga sich um vier Uhr morgens für den großen Tag in Schale warf und Lumumba noch an seiner Rede schrieb, lag Longin bereits seit Stunden in der Zelle und beklagte sein Schicksal. Tags zuvor hatte Provinzgouverneur Bomans ihn verhaften lassen. »Mit zwei Jeeps voller Soldaten haben sie mich abgeholt. ›Sie sind verrückt‹, sagte Bomans zu mir. ›Ich bin nicht verrückt‹, sagte ich, ›ich bin normal. König Baudouin ist mein Bruder. Machen Sie, was Sie wollen, ich bin ein Prophet, wie Elias oder Jeremias.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich Longin Ngwadi nach monatelanger Suche 2008 endlich in Kikwit antraf, wusch er sich gerade im Fluss. Zu meinem Empfang zog er etwas an, das ihm lieb und teuer war: ein Hemd mit Leopardenmuster, an das er ein Foto von Lumumba mit Gizenga gesteckt hatte. Gizenga war sein großer politischer Held, ein Mann aus seiner Region, der in der Regierung Lumumba Vizepremier war und zum Zeitpunkt unserer Begegnung die letzten Tage in seinem Amt als Premierminister unter Joseph Kabila verbrachte. Papa Longin war einer der schillerndsten Kongolesen, denen ich je begegnet bin, und das nicht nur wegen seines sonderbaren Lebenswandels. Schon seine Aufmachung war atemberaubend. Um den Hals trug er bei dieser ersten Begegnung ein großes Kruzifix, daneben ein Medaillon der heiligen Theresa mit dem Jesuskind und ein Medaillon mit dem Erzengel Michael, ein kleines blaues Kreuz aus Lourdes, einen alten Schlüssel der Marke ICSA, &#039;&#039;made in Italy&#039;&#039;, den er als »den Himmelsschlüssel« bezeichnete, einen Hammer, der für ihn »Jean Marteau, das ist der Beiname von Kamitatu« symbolisierte, den anderen großen Politiker aus der Gegend, und schließlich eine kleine Trillerpfeife, »denn wenn ich eine Vision habe, pfeife ich alle zusammen, um die Botschaft weiterzugeben«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longins Phantasie war grenzenlos. So behauptete er, dass er der Mann der verwegenen Aktion vor einem halben Jahrhundert gewesen sei: »Ja, ich bin der Mann, der Baudouin den Degen entrissen hat.« Lange Zeit glaubte ich, dass er die Wahrheit sagte. Mit seiner hohen, runden Stirn und den ovalen Augenhöhlen sah er dem Mann auf dem berühmten Foto täuschend ähnlich. Aber inzwischen wissen wir, dass zahlreiche Geschichten über dieses Ereignis kursieren. Mehrere betagte Kongolesen behaupten, sie wüssten, wer den Degen gestohlen hat und warum, während der tatsächliche Täter vermutlich längst verstorben ist.17 Diese Geschichten, auch wenn sie oft erfunden sind, enthalten eine Fülle von Informationen über die subjektiven Erinnerungen an die Entkolonialisierung. »Baudouin war eine Ikone«, sagte Longin, »ein &#039;&#039;chouchou&#039;&#039;, er war unkompliziert, sehr jung, sehr hübsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Longin von seinem belgischen Abenteuer zurückgekehrt war und Pétillon als Generalgouverneur abgelöst worden war, geriet auch er in den Bann des Unabhängigkeitsfiebers. Er hatte insbesondere einen Blick für dessen mystische Dimensionen. Er streifte durch die Straßen von Léopoldville und besuchte täglich die Église Saint-Pierre im Stadtteil Limete. Dort las Monseigneur Malula die Messe. Malula war 1959 zum Bischof geweiht worden; er war ein hochintelligenter Mann, der den Unabhängigkeitskampf hautnah miterlebte und sogar am &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; mitgewirkt hatte. Später würde er der erste Kardinal aus dem Kongo werden und Auffassungen vertreten, die denen Mobutus diametral entgegengesetzt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jeden Tag ging ich in seine Kirche. Wenn ich betete, wurde alles hell. Ich hatte die Kraft des Geistes und die Vision der Geschichte. Alle Gebete kamen, als würde ich sie schon vorher kennen, ich sang viele neue Lieder, ich brach alle Geheimnisse, ich sah Blumen, viele Blumen. &#039;&#039;Tiens&#039;&#039;, sagte ich, der liebe Gott schenkt mir Frieden. Ich ging zu Malula und erzählte es ihm. Er gab mir einen Kuli und ein Heft und bat mich, meine Visionen aufzuschreiben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin ist auch heute noch ein sehr frommer Mann. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Spiritualität. Er betet ständig, beginnt kein Gespräch, ohne seine Besucher erst mit Haarspray oder Parfum zu segnen, und hebt die Hände zum Himmel, um Schutz zu erbitten. Religion und Politik gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Eingenebelt von billigem Frauenparfum begleitete ich ihn einmal über den Markt von Kikwit, der sich die Hauptstraße der Unterstadt bis zur Brücke über den Kwilu entlangzieht. Jede fünf Minuten blieb er stehen, blies in seine schrille Pfeife und rief allen, die es hören wollten, auf Kikongo zu: »Kinder von Kikwit, wenn ihr jetzt noch nicht an meine Kraft glaubt, dann seht euch diesen Besucher an. Ich habe Gizenga darum gebeten, einen Weißen zu schicken, und nun ist er da!« Sein Sohn musste ihn nach einer halben Stunde ermahnen, die Vision den Gegebenheiten anzupassen, da nicht jeder ein Verehrer von Gizenga sei und meine Sicherheit gefährdet sein könne. Kurz vor der Brücke stand eine unheimliche Marktbude mit Fetischen, Kräutern, Masken und Affenschädeln. Alle gingen daran vorbei. »Nicht hinsehen«, sagte der Sohn zu mir, »das bringt Unglück.« Longin aber schaute sich die Dinge genau an, weil er sich mächtiger fühlte als alle Hexerei. Zu Hause hatte er einen magischen Degen gefertigt: Den Stiel eines alten Regenschirms hatte er mit künstlichen Blumen, Resten von Kupferdraht, einer Christusfigur mit Blumen und einem Fähnchen der Palu, der &#039;&#039;Parti Lumumbiste Unifié&#039;&#039;, Gizengas heutiger Partei, geschmückt. Die Reminiszenz an den magischen Degen von vor fünfzig Jahren war offenkundig. In seiner &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; verschmolzen Erinnerung und Mystik mühelos miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte mich an einer günstigen Stelle postiert und wartete auf Baudouin beim Bahnhof, beim Denkmal für die Eisenbahnarbeiter. Alle wollten ihn sehen, er war ein gutaussehender junger Mann, aber überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war unmöglich, aber dank meiner Kraft konnte ich an ihnen vorbeihuschen. Ich wollte dem König Blumen schenken, um ihm meine Zuneigung zu zeigen, aber ich sah den langen, glänzenden Degen und nahm ihn &#039;&#039;pour la folie&#039;&#039;. Und ich lief fünf Meter damit weg, aber dann hörte ich, wie die Soldaten ihre Waffen luden. König Baudouin sagte: ›Keine Waffen.‹ Ich lief zu ihm zurück und sagte: ›Ich wünsche Ihnen eine gute Reise im Kongo. Der liebe Gott hat mir gerade eingegeben, Ihren Degen zu nehmen. Wir gehen ins Parlament als gute Bekannte. Es ist an der Zeit, dass wir die Unabhängigkeit bekommen. Die europäischen Frauen sind wie die Jungfrau Maria, aber später wird der liebe Gott uns den Frieden geben, damit wir weiße Frauen heiraten können. Belgien ist weit, so weit wie der Himmel, ein gemeinsamer Besitz, wo es auch Schwarze geben wird. Einen gemeinsamen Markt. Die Schwarzen werden nach Belgien gehen. Ich bin nicht verrückt, ich bin normal. Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück.‹ Baudouin erwiderte: ›Niemand darf Sie schlagen! Ich werde Ihnen ein Geschenk geben. Vergessen Sie mich nicht. Es ist wahr, später werden Sie eine weiße Frau heiraten, vorausgesetzt, Sie können Französisch sprechen.‹ Aber er reiste noch am selben Tag ab, ohne mir ein Geschenk zu geben. Es blieb bei dem Versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob dieses merkwürdige Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, sei dahingestellt. Mystik und Erotik kollidierten darin in genialer Weise mit dem aktuellen Geschehen in Europa (gemeinsamer Markt!) und dem belgischen Sprachenkonflikt (Französisch lernen!). Aber dass sich ein Mann mit etwas anderen Denkstrukturen ein halbes Jahrhundert nach den Feierlichkeiten an ein Versprechen erinnert, das nie eingelöst wurde, ist an sich schon aufschlussreich. Durch die Ritzen seiner Phantasievorstellungen sticht heute das Licht einer tiefen Wahrheit: Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen, doch es blieb bei einem leeren Versprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8 Der Kampf um den Thron ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die turbulenten Jahre der Ersten Republik 1960-1965 ===&lt;br /&gt;
Dass in dieser ersten Zeit der Unabhängigkeit viel improvisiert werden musste, war jedem klar. Dass nicht alles wie am Schnürchen klappen würde, war nicht weiter tragisch. Aber die Probleme, mit denen sich der Kongo in den ersten sechs Monaten seiner Existenz dann tatsächlich konfrontiert sah, konnte wirklich niemand voraussehen: eine schwere Meuterei in der Armee, eine Massenflucht der bis dahin im Land verbliebenen Belgier, eine Invasion belgischer Truppen, eine militärische Intervention der UNO, logistische Unterstützung der Sowjetunion, eine sehr hitzige Phase des Kalten Krieges, eine beispiellose Verfassungskrise, zwei Sezessionen, die ein Drittel des Territoriums betrafen – und zu all dem noch die Verhaftung, Flucht und erneute Festnahme und dann die Folterung und Ermordung des Premierministers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch in den Jahren darauf kam das Land nicht zur Ruhe. Der Zeitraum von 1960 bis 1965 wird heute als Erste Republik bezeichnet, hatte aber eher den Charakter einer Endzeit. Das Land zerfiel und erlebte einen Bürgerkrieg, ethnische Pogrome, zwei Staatsstreiche, drei Aufstände und sechs Staatsoberhäupter (Lumumba, Ileo, Bomboko, Adoula, Tschombé und Kimba), von denen zwei auf jeden Fall, vielleicht sogar drei ermordet wurden: Lumumba, erschossen 1961; Kimba, erhängt 1966; Tschombé, tot vorgefunden in einer Gefängniszelle in Algerien 1969. Sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Mann, der an der Spitze einer unschlüssigen Weltregierung stand, verlor unter nie aufgeklärten Umständen das Leben: ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte der Nachkriegszeit. Der Blutzoll unter der kongolesischen Bevölkerung wurde nirgendwo dokumentiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik des Kongo war eine apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte. Auf politischer und militärischer Ebene versank das Land in einem totalen, unentwirrbaren Chaos, auf wirtschaftlicher Ebene war das Bild klarer: Es ging ständig nur noch abwärts. Dennoch fiel der Kongo nicht der puren Irrationalität anheim. Die Misere der ersten fünf Jahre war nicht die Folge einer Renaissance der Barbarei, der Auferstehung von in den Jahren der Kolonialherrschaft unterdrückten Primitivismen, geschweige denn der Ausdruck einer genuinen »Bantuseele«. Nein, auch hier war das Chaos eher das Resultat von Logik als von Unvernunft, genauer gesagt: das Resultat der Konfrontation unterschiedlicher Logiken. Der Präsident, der Premierminister, die Armee, die Rebellen, die Belgier, die UNO, die Russen, die Amerikaner: Jeder für sich agierte entsprechend einer Logik, die in sich konsistent und nachvollziehbar, mit der Logik der anderen jedoch oft unvereinbar war. Wie im Theater war auch hier die Tragödie der Geschichte keine Sache von Vernünftigen gegen Unvernünftige, von Guten gegen Böse, sondern von Menschen, die sich zusammenschlossen und sich selber einer wie der andere als gut und vernünftig ansahen. Idealisten standen Idealisten gegenüber, aber jeder Idealismus, der zu fanatisch ausgelebt wird, führt zu Verblendung, der Verblendung der Guten. Die Geschichte ist ein abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die turbulenten ersten fünf Jahre des Kongo lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase umfasst die Zeit vom 30. Juni 1960 bis zum 17. Januar 1961, dem Tag, an dem Lumumba ermordet wurde. In diesen ersten sechs Monaten stürzte das Kartenhaus des Kolonialstaates ein, und die &#039;&#039;Kongo-Krise&#039;&#039; dominierte Woche für Woche weltweit die Nachrichten. Die zweite Phase betraf den Zeitraum 1961-1963 und stand hauptsächlich im Zeichen der Abspaltung Katangas. Sie endete, als sich die aufständische Provinz – nach einer massiven UNO-Intervention – wieder dem Land anschloss. Die dritte Phase begann mit dem Jahr 1964, als im Osten des Kongo eine Rebellion ausbrach, die dann die Hälfte des Landes erfasste. In zähen Kämpfen eroberte die Zentralregierung die Kontrolle über das Territorium zurück. Das Jahr 1965 sollte eine Rückkehr zur Normalität einläuten, endete jedoch unerwartet mit dem Putsch Mobutus am 24. November. Dieser Staatsstreich prägte die weitere Geschichte des Kongo. Mobutu blieb zweiunddreißig Jahre an der Macht, bis 1997. Das war die sogenannte Zweite Republik mit ihrer anfangs straff zentralisierten Regierung, die sich zu einer Diktatur entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war durch ein Wirrwarr von Namen kongolesischer Politiker und Militärs, europäischer Berater, UNO-Personal, weißer Söldner und einheimischer Rebellen gekennzeichnet. Vier Namen dominierten jedoch das Spiel: Kasavubu, Lumumba, Tschombé und Mobutu. Zwischen ihnen entspann sich ein Machtkampf, der in seiner Komplexität und Intensität Shakespearschen Königsdramen nicht nachstand. Die Geschichte der Ersten Republik ist die Geschichte eines knallharten Ausscheidungsrennens zwischen vier Männern, die zum ersten Mal das Spiel der Demokratie spielen mussten. Ein unmöglicher Auftrag, umso mehr, da jeder von ihnen von ausländischen Akteuren bedrängt wurde, die ihre Eigeninteressen im Kongo vertraten. Kasavubu und Mobutu wurden hofiert vom CIA, Tschombé war zeitweise ein Spielball seiner belgischen Berater, Lumumba stand unter gewaltigem Druck von Seiten der USA, der UdSSR und der UNO. Der Machtkampf dieser vier Politiker wurde dramatisch verschärft und noch komplizierter gemacht durch das Gezerre aus dem Ausland. Es ist schwierig, der Demokratie zu dienen, wenn mächtige Akteure über einem ständig und oft panikartig an den Fäden ziehen. Außerdem hatte keiner von ihnen zuvor im eigenen Land auch nur einen Tag in einer Demokratie gelebt. Belgisch-Kongo hatte kein Parlament besessen, es existierte keine Kultur institutionalisierter Opposition, sachlicher Auseinandersetzung, Konsenssuche, Kompromissbereitschaft. Alles war von Brüssel aus gelenkt worden, die Kolonialregierung vor Ort war nicht mehr als eine ausführende Behörde gewesen. Meinungsverschiedenheiten waren vor der einheimischen Bevölkerung vertuscht worden, da sie nur dem Prestige der Kolonialmacht geschadet hätten. Der Inhaber des höchsten Amtes, der Generalgouverneur mit seinem weißen, mit Geierfedern geschmückten Helm, glich in seiner scheinbar unantastbaren Allmacht mehr dem traditionellen Herrscher eines feudalen afrikanischen Königreichs als dem Spitzenbeamten einer demokratischen Regierung. Kann es dann erstaunen, dass diese erste Generation kongolesischer Politiker mit den demokratischen Grundprinzipien rang? Und dass sie eher Thronanwärtern glichen, die sich gegenseitig nach dem Leben trachteten, als gewählten Volksvertretern? In den historischen Königreichen in der Savanne war ein Thronwechsel immer mit einem heftigen Machtkampf einhergegangen. 1960 war es nicht anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging es denn letztlich nicht darum, wer der Nachfolger von König Baudouin werden durfte? Kasavubu war der erste und einzige Präsident der Ersten Republik. Die Galauniform, die er sich schneidern ließ, war eine exakte Kopie der Uniform Baudouins. In Léopoldville und Bas-Congo konnte er auf breite Unterstützung zählen. Seine Stellung als Staatsoberhaupt war selten offen bedroht, doch 1965 wurde er von Mobutu beiseitegeschoben. Auch dessen Galaanzug kurze Zeit später war dem von Baudouin nachempfunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Machtbasis lag im Osten, mit Stanleyville als Zentrum. Er war der populärste Politiker des Kongo, aber es wurmte ihn, dass er Kasavubu als Präsident über sich dulden musste. Er erlebte nur die ersten sechs Monate der Ersten Republik, doch auch nach seinem Tod beeinflusste sein Gedankengut die Politik in starkem Maße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé fühlte sich noch mehr zurückgesetzt. Seine Partei war bei der Regierungsbildung schlecht weggekommen. Er hatte sich mit dem Amt des Provinzgouverneurs von Katanga in Elisabethville zufriedengeben müssen. Und auch wenn das in Anbetracht der Fläche und der Industrie noch immer so war, als sei er innerhalb eines Vereinten Europas Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden, musste er akzeptieren, dass sich das Zentrum der Macht woanders befand, in Léopoldville.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schließlich war am Tag der Unabhängigkeit der unbedeutendste der vier: Er war der Privatsekretär von Lumumba. Er hatte keine große Stadt hinter sich wie die anderen drei, geschweige denn ein mächtiges Volk wie Kasavubu (mit den Bakongo) oder Tschombé (mit den Lunda). Er kam aus einem kleinen Stamm ganz im Norden der Provinz Équateur, den Ngbandi, einer peripheren Bevölkerungsgruppe, die nicht einmal eine Bantu-Sprache sprach wie der Rest des Kongo. Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er auch der jüngste der vier (Kasavubu war fünfundvierzig, Tschombé vierzig, Lumumba fünfunddreißig). Doch fünf Jahre später war er allmächtig. Er wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Zentralafrikas und zu einem der reichsten Menschen der Welt. Die klassische Geschichte vom Laufjungen, der es zum Mafiaboss bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des ersten Aktes der kongolesischen Unabhängigkeit war Patrice Lumumba die unumstrittene, zentrale Figur. Nach seiner aufrührerischen Rede bei der Zeremonie der Machtübergabe waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als sich der Vorhang des kongolesischen Dramas hob, war er ein dynamischer Volkstribun, angebetet von Zehntausenden kleiner Leute. Nur einige Szenen später wurde er bereits verachtet, angespuckt und gezwungen, eine Kopie seiner Rede zu essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juli 1960. Trockenzeit. Stahlblauer Himmel. Vier Tage dauerten die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit. Die Armee, die Force Publique, sicherte wie eh und je die öffentliche Ordnung. Sie war der Fels in der Brandung. Der jetzt unabhängige Kongo hatte nicht gleich Wind in den Segeln – die politischen Institutionen waren zu neu, die politische Erfahrung gleich null, die Herausforderungen gigantisch –, aber die Streitkräfte waren in sich stabil. Das Offizierskorps war noch durchgehend belgisch: Tausend Europäer hatten die Befehlsgewalt über fünfundzwanzigtausend Kongolesen. Oberbefehlshaber war noch immer General Janssens, der Mann, der die Unruhen im Januar 1959 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Ohne Zweifel der preußischste aller belgischen Offiziere, war er ein großer Militär mit rigiden Prinzipien: Disziplin war ihm heilig, Protest eine Abirrung, Unordnung ein Zeichen von Charakterschwäche. Er musste Lumumba als Minister über sich dulden, denn der hatte neben dem Amt des Premiers auch das Verteidigungsressort erhalten. Später würde er über Lumumba schreiben: »Moralische Persönlichkeit: keine; intellektuelle Persönlichkeit: vollkommen oberflächlich; physische Persönlichkeit: aufgrund seines Nervensystems glich er mehr einer Raubkatze als einem Menschen.«1 Hier zeigt sich, wie die Karten verteilt waren. Der Kongo war zwar unabhängig, doch die Belgier hatten neben der Wirtschaft auch den Militärapparat voll und ganz unter Kontrolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Donnerstag, dem 30. Juni, knallte das Feuerwerk, am Montag, dem 4. Juli, kam es schon zum Eklat. Als stabiles Land existierte der Kongo nur wenige Tage. Während der Mittagsparade in der Kaserne »Leopold II.« verweigerten einige Soldaten den Gehorsam. General Janssens kam hinzu und tat, was er in solchen Fällen immer tat: die aufsässigen Elemente degradieren. Die Wirkung war diesmal genau entgegengesetzt. Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfhundert Soldaten in der Kantine, um ihren Unmut zu äußern. Sie hatten es satt. Schon seit eineinhalb Jahren hatten sie überall Feuerwehr spielen müssen und kleinere Aufstände niedergeschlagen. Nun forderten sie Aufstiegsmöglichkeiten in der militärischen Hierarchie, eine Erhöhung des Soldes und das Ende des Rassismus. Schon kurz vor der Unabhängigkeit hatten sie geschrieben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand vergisst, dass in der Force Publique wir, die Soldaten, wie Sklaven behandelt werden. Wir werden willkürlich bestraft, weil wir Neger sind. Wir haben kein Recht auf dieselben Vorteile und Einrichtungen wie unsere Offiziere. Unsere Zweipersonenstuben sind sehr beengt (7,50 m² Fläche) und weder mit Möbeln noch mit Elektrizität ausgestattet. Wir bekommen wenig zu essen, und unsere Verpflegung entspricht bei weitem nicht den hygienischen Vorschriften. Der Sold, den man uns zubilligt, reicht nicht aus, die heutigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, die von Schwarzen geleitet werden. Es genügt, ertappt zu werden mit &#039;&#039;Présence Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Indépendance&#039;&#039;, &#039;&#039;Emancipation&#039;&#039;, &#039;&#039;Notre Congo&#039;&#039; . . . um auf der Stelle zwei Wochen ins Gefängnis zu wandern. Nach dieser ungerechten Bestrafung wird man in die Strafkompanie in Lokandu versetzt, wo einem das militärische Leben beigebracht wird. (. . .) In der Force Publique leben unsere Offiziere auf amerikanische Art; sie haben bessere Unterkünfte, sie wohnen in großen, modernen Häusern, die alle von der Force Publique eingerichtet wurden, ihr Lebensstandard ist sehr hoch, sie sind überheblich und leben wie Herren; das alles um des Prestiges willen, weil sie weiß sind. Heute ist es der einmütige Wunsch aller kongolesischen Soldaten, verantwortliche Posten zu bekleiden, einen anständigen Sold zu erhalten und jeder Form von Diskriminierung innerhalb der Force Publique Einhalt zu gebieten.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um einer so großen Frustration etwas entgegenzusetzen, bedurfte es einer tiefgreifenden Armeereform; für General Janssens war eine solche Reform in den unruhigen Monaten vor und nach der Unabhängigkeit jedoch ausgeschlossen. Der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere wurde gerade an der Königlichen Militärakademie Brüssel ausgebildet, und in Luluabourg war eine Schule für Unteroffiziere gegründet worden. In einigen Jahren würden sie ihre Posten antreten können, fürs Erste aber blieb alles beim Alten. Am Morgen des 5. Juli, einem Dienstag, begab sich Janssens in die Leopold-II.-Kaserne und erteilte seinen Soldaten eine unmissverständliche Lektion in militärischer Disziplin: Die Force Publique stünde im Dienste des Landes, das sei so zur Zeit von Belgisch-Kongo gewesen, und das müsse auch jetzt so sein. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schrieb er mit großen Lettern an eine Schultafel: »&#039;&#039;Avant l&#039;indépendance = après l&#039;indépendance«&#039;&#039;: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Das war keine gute Idee. Die Soldaten bekamen den Slogan in die falsche Kehle. Sie hatten miterleben müssen, wie kongolesische Beamte von einem Tag auf den anderen hohe Posten in der Verwaltung erhielten und in welchem Ausmaß Politiker von der großen Wende profitierten. Das neue Parlament hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen beschlossen, dass die Volksvertreter das Recht auf eine Diät von 500.000 Franc hatten, fast doppelt so viel wie ihre belgischen Kollegen.3 Schlagartig wurde den Soldaten klar, dass das Fest der Unabhängigkeit für sie nichts in petto hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft wird die Meuterei der Armee mit Lumumbas aufrührerischer Rede erklärt. Aber ob das wirklich stimmt, bleibt dahingestellt, denn die Soldaten waren genauso wütend auf ihre frisch angetretenen Politiker wie auf ihre weißen Vorgesetzten. Sie wollten ihre Wut nicht nur an General Janssens auslassen, sondern auch an Lumumba selbst! In ihren Augen war er weniger ein Held als ein Verteidigungsminister, der selber nie Soldat gewesen war, ein Intellektueller mit elegantem Anzug und Fliege, der sich groß aufspielte, während sich an ihrer Lage trotz aller schönen Versprechungen nichts änderte.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch am selben Tag, dem 5. Juli, griff die Meuterei auf die Garnisonsstadt Thysville über, knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort ging es sehr viel gewalttätiger zu. Mehrere hundert Soldaten revoltierten. Sie verprügelten ihre Offiziere, die sich gezwungen sahen, sich mit ihren Frauen und Kindern im Offizierskasino zu verschanzen. Unterdessen besetzten sie das Munitionsdepot. Außerhalb der Kaserne, an der Straße, die zur Hauptstadt führte, kam es zu schweren Zwischenfällen in der Gegend von Madimba-Inkisi. Soldaten bedrängten diesmal keine weißen Offiziere, sondern weiße Zivilisten. Mehrere Europäerinnen wurden Opfer sexueller Gewalt. Eine von ihnen wurde innerhalb von fünf Stunden sechzehnmal vergewaltigt, im Beisein ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Kinder.5 Die Gerüchte darüber erreichten erst einige Tage später die Hauptstadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba versuchte inzwischen, der Meuterei in seiner Armee mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Er griff zu drei aufeinanderfolgenden Maßnahmen, die jede für sich gut gemeint waren, deren weitreichende Folgen er jedoch nicht absehen konnte. Am 6. Juli inspizierte er, zusammen mit General Janssens, die Truppen in der Leopold-II.-Kaserne in der Hauptstadt. Bei diesem Anlass versprach er, jeden Soldaten in den nächsthöheren Rang zu befördern. »Der Gefreite wird Obergefreiter, der Obergefreite wird Hauptgefreiter, der Hauptgefreite wird Unteroffizier, der Unteroffizier wird Feldwebel, der Feldwebel wird Oberfeldwebel, der Oberfeldwebel wird Hauptfeldwebel und der Hauptfeldwebel wird Adjutant.«6 Die erwünschte Wirkung blieb aus. &#039;&#039;»Lokuta!«,&#039;&#039; riefen die Soldaten, »Lügen«.7 So einfach ließen sie sich nicht abwimmeln. Es ging ihnen um höhere Ränge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später machte Lumumba ein weiteres Zugeständnis. Er setzte General Janssens ab und ernannte Victor Lundula zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Joseph-Désiré Mobutu als dessen Stabschef. Er hoffte, dass sich die Afrikanisierung an der Spitze der Armeeführung positiv auf die Truppenmoral auswirkte. Deshalb ging er auch gleich zu seiner dritten Maßnahme über: eine vorgezogene und radikale Afrikanisierung des Offizierskorps. Die Soldaten durften selbst die Kandidaten vorschlagen, die zum Offizier befördert werden sollten. So wurden Unteroffiziere und Stabsfeldwebel ohne Zwischenstufen Major oder Oberst. Um diesen Bruch zu betonen, erhielt die Force Publique auch einen anderen Namen: Künftig hießen die Streitkräfte &#039;&#039;Armée Nationale Congolaise&#039;&#039; (ANC).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Entscheidungen besänftigten die Gemüter einigermaßen, das Ergebnis aber war verheerend: Die Demokratische Republik Kongo besaß nach der ersten Woche ihrer Existenz keine funktionale Armee mehr. Der stabilste Stützpfeiler des neuen Staates war untergraben worden. Im heutigen entmilitarisierten Europa, in dem die NATO unsichtbar für Sicherheit sorgt, ist es nicht einfach zu begreifen, wie entscheidend die Rolle einer Armee in einem noch jungen Staat ist. Zu einem richtigen Staat wird er erst in dem Maße, in dem es ihm gelingt, die Gewalt (sozial, tribal, territorial) zu monopolisieren. Im unruhigen Kongo der sechziger Jahre war die Armee lebensnotwendig. Doch die Force Publique, die Kolonialarmee, die sich bedeutender Siege im Ersten und Zweiten Weltkrieg rühmen konnte, war innerhalb von nur einer Woche auf einen chaotischen Haufen reduziert worden. Das Oberkommando führten nun zwei Reservisten: Lundula, der Bürgermeister von Jadotville, der fünfzehn Jahre zuvor Sanitätsfeldwebel gewesen war, und Mobutu, ein Journalist, der in der Force Publique einmal Hauptfeldwebel und Buchhalter gewesen war und der nun seit kurzem der Vertraute Lumumbas war. Einst fuhren sie zusammen auf einem Moped durch die Straßen von Léopoldville, nun waren sie Ministerpräsident bzw. Stabschef eines unermesslich großen Landes mit einer desolaten Armee. Dass Mobutu auch eine Vertrauensperson der belgischen und amerikanischen Geheimdienste war, wollte Lumumba nicht wahrhaben. Diese Realitätsverweigerung sollte ihn das Leben kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Versuche, die Meuterei zu bekämpfen, erinnern an die belgischen Pazifizierungsversuche als Antwort auf die sozialen Unruhen in den fünfziger Jahren: Konfrontiert mit einem rebellischen Teil der Gesellschaft, traf auch er übereilte Entscheidungen und machte bedeutende Zugeständnisse in der Hoffnung, so die Ruhe wiederherzustellen. Auch diesmal war das Resultat genau entgegengesetzt. Der Unmut wurde nicht eingehegt, sondern nahm immer mehr Raum ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsere Frauen werden vergewaltigt!« Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den im Kongo lebenden Europäern. Am 7. Juli war ein Zug, voll besetzt mit aus Thysville geflohenen Belgiern, in der Hauptstadt angekommen. Ihre Berichte übertrafen für viele noch die düstersten Szenarien. Manche waren angespuckt, gedemütigt und ausgebuht worden, viele fühlten sich bedroht. Aber die Aufregung über sexuelle Gewalt führte zur größten Panik. In der Kolonialgesellschaft war keine größere Kluft denkbar als die zwischen dem afrikanischen Mann und der europäischen Frau (die umgekehrte Konstellation, Kontakt zwischen einem europäischen Mann und einer afrikanischen Frau, war gang und gäbe). Jamais Kolonga war eine nationale Berühmtheit geworden, indem er mit einer Weißen tanzte. Longin Ngwadi hatte König Baudouin angeblich erzählt, dass er eine Europäerin heiraten wolle. Naive Seelen hatten vor dem 30. Juni geglaubt, sie könnten mit der Unabhängigkeit ein belgisches Haus und eine belgische Frau erwerben. Die weiße Frau war unerreichbar und erweckte gerade deshalb eine so große Neugier. In den späten fünfziger Jahren erlebte ein Belgier einen amüsanten, aber aufschlussreichen Vorfall:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Niederlassung Katana gab es ein Postamt mit einem einheimischen Vorsteher. Eines Tages kommt der Vorsteher zu mir und sagt: »Monsieur, man hat mich betrogen.« Und ich frage: »Was ist denn passiert?« »Also, Monsieur (das ganze Gespräch war auf Swahili), schauen Sie mal, ich habe hier einen Katalog von Au Bon Marché in Brüssel und sehe das Foto hier. (Es war die Abbildung einer hübschen jungen Frau mit einem sehr schönen BH.) Ich habe das bestellt, und wissen Sie, was die mir geschickt haben? Einen leeren BH.« Unser Postvorsteher hatte gemeint, dass er die Frau dazu bekäme, und er fand sie recht preiswert im Vergleich zum Brautpreis für eine einheimische Frau.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiße Frauen im Kongo der Kolonialzeit waren fast immer Ehefrauen oder Nonnen. Sexuelle Beziehungen mit ihnen waren so gut wie ausgeschlossen. Sexuelle Gewalt nach der Unabhängigkeit war eine brutale Handlungsweise, sich das unerreichbarste Element der Kolonialgesellschaft nachträglich anzueignen und zugleich die ehemaligen Machthaber tief zu demütigen. Auf beiden Seiten herrschten Klischees: So wie die weiße Frau für viele kongolesische Männer ein halb mythisches Wesen war, so hegten viele Europäer von jeher halb mythische Vorstellungen über afrikanische Sexualität. Diese Klischees beeinflussten die Ereignisse. Die Vergewaltigungen waren schrecklich, aber ihre Zahl stand in keinem Verhältnis zu der Panik, die sie unter den Europäern verursachten. Alle versetzten sich gegenseitig mit Gräuelgeschichten in Aufruhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein groß angelegter Exodus war die Folge, noch bevor es ein einziges Todesopfer gegeben hatte. Innerhalb weniger Wochen verließen schätzungsweise dreißigtausend Belgier das Land.9 In Léopoldville standen die Autos in kilometerlangen Schlangen, um sich am Beach auf die Fähre nach Brazzaville einzuschiffen. Viele VW-Käfer, viele Pick-ups, viele Mercedes, und alle noch immer mit dem CB-Aufkleber für &#039;&#039;Congo belge&#039;&#039; an der Stoßstange . . . Andernorts wurden die Autos einfach zurückgelassen. Vor der Unabhängigkeit hatte Brüssel die Belgier dazu aufgefordert, möglichst auf ihrem Posten in der Kolonie zu bleiben – der junge Kongo würde ihren Sachverstand dringend benötigen –, doch zwei Wochen später empfahl Belgien seinen Landsleuten, nach Hause zurückzukehren oder schon mal Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Fluggesellschaft Sabena organisierte eine Luftbrücke und flog innerhalb von drei Wochen mehrere zehntausend Europäer aus. Es war ein erschütternder Abzug. Um die zehntausend Beamte, dreizehntausend Angestellte aus dem Privatsektor und achttausend Plantagenbesitzer verließen das Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute wissen wir, dass diese plötzliche Massenpsychose in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stand. Es war, als leere sich ein Kino fluchtartig, nachdem jemand hysterisch »Feuer! Feuer!« gerufen hat, obwohl nur ein Aschenbecher in Flammen steht. »Seht doch nur, ein schreckliches Feuer!«, rufen die Kinobesucher auf dem Weg zum Ausgang, sind sich aber nicht darüber im Klaren, dass sie das Feuer erst richtig schüren, indem sie die Saaltüren öffnen. Sicher, die Lage war ernst, aber es gab keinen Grund zu einer allgemeinen Evakuierung. Doch das sah man damals anders. Jede Panikwelle erreicht irgendwann eine Dynamik, die sich nicht mehr zügeln lässt. Ähnlich wie sich die Kaserne von Luluabourg 1944 durch eine irrationale Angst vor einer Impfkampagne leerte, so verließen die europäischen Bewohner den Kongo, weil sie das Sicherheitsrisiko falsch einschätzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch gab es auch damals Menschen, die einen kühlen Kopf behielten. In Bas-Congo, in dem kleinen Dorf Nsioni, wohnte ich im Jahr 2008 ein paar Tage bei dem alten Arzt Jacques Courtejoie, einem Mann aus Stavelot (in der Provinz Lüttich), der als Kind die Ardennenoffensive in einer Entfernung von dreihundert Metern von seinem Elternhaus miterlebt hatte. Eine Lektion in Kaltblütigkeit. Er lebte bereits seit 1958 im Kongo, immer allein, immer unverheiratet, als ein Missionar der Wissenschaft, ein Einmannbetrieb des Humanismus, der Mitmenschlichkeit und des Optimismus. Er hatte ein halbes Dutzend Menschen aus der Umgebung unterrichtet und ausgebildet; er vermittelte ihnen Verantwortungsgefühl und Selbstvertrauen. Gemeinsam machten sie Bücher und Plakate mit medizinischer Aufklärung, die im ganzen Kongo verbreitet wurden, Bücher über Bandwürmer, Augenkrankheiten und sogar Kaninchenzucht, Plakate zu Themen wie Händewaschen, TBC und Säuglinge stillen. Selten sah ich einen Mann unter so schwierigen Umständen so selbstverständlich der Menschenwürde dienen. Ein unbekannter Albert Schweitzer. Vom ersten Tag seines Aufenthaltes im Kongo an war Jacques Courtejoie ein erbitterter Gegner des Kolonialismus. »Im Juli 1960 hörte ich die Nachrichten im Radio. Überall brach Panik aus, alle flohen. Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und die Sache rational zu sehen. Ich sah überhaupt nicht ein, warum ich gehen sollte.« Er war einer der wenigen, die blieben. Nach drei Monaten Unabhängigkeit zählte der Kongo nur noch rund hundertzwanzig Ärzte.10 »Es herrschte so viel irrationale Angst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Monate vor der Unabhängigkeit war ich noch bei einem weißen Distriktverwalter zum Essen eingeladen. Er kam spät nach Hause, weil er zu einer politischen Versammlung der Abako gemusst hatte. Seine Frau begrüßte ihn mit den Worten: ›Ich hoffe doch sehr, dass du diesem Kasavubu nicht die Hand gegeben hast!‹ Ich habe es noch heute im Ohr. Sogar noch in der Zeit wollte man einem Afrikaner nicht nahe kommen! Und zwei Monate später war dieser Mann der Präsident des Kongo! Das war echt die Stimmung, die damals herrschte. Schwarze durften nie mit im Auto fahren, höchstens auf der Ladefläche eines Pick-up, nicht mal Kranke oder Schwangere. Ich habe noch erlebt, dass die alte Mutter eines schwarzen Priesters auf der Ladefläche liegen musste, obwohl sie schwer krank war. Hier in der Gegend aßen Weiße nie mit Schwarzen an einem Tisch.«11 Courtejoie opponiert noch immer täglich dagegen. Wenn er heute mit seinen Mitarbeitern loszieht, darf jeder mit, bis der Jeep proppenvoll ist. In den Lunchpausen unterwegs teilt er das Maniokbrot mit ihnen, und sie essen gemeinsam aus derselben Sardinenbüchse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Europäer flohen mit dem Gedanken, nach ein paar Monaten, wenn sich die Lage beruhigt hätte, zurückzukehren. Doch es kam anders. Das führte zu viel Verbitterung, zumal die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht ausgesprochen stolz auf ihre Leistung waren. Nicht wenige waren davon überzeugt, dass sie, als Bürger eines kleinen Landes, sich selbst übertroffen und uneigennütziges Engagement und grenzenlosen Einsatz an den Tag gelegt hätten. Vladimir Drachoussoff, der Agronom, der im Zweiten Weltkrieg sein spannendes Tagebuch geführt hatte, erinnerte sich in den achtziger Jahren an »die Freude, an der Entwicklung eines großen Landes mitzuarbeiten, das heute Ausland ist, aber das wir tief im Innern als das unsere empfanden«.12 Die Kolonie hatte vielen Menschen Chancen geboten, die sie in Europa nie gehabt hätten, sie war ihnen das teuerste Vaterland. Und nun wurde es zum Ausland. Thomas Kanza, der erste Kongolese mit einem Universitätsdiplom und blutjunger Minister in der Regierung Lumumba, zeigte einen verblüffenden Einblick in diese Geisteshaltung, als er schrieb: »Fast alle erreichten in Afrika mehr, als sie in Europa erreicht hätten, denn die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, Sachkenntnisse zu beweisen, ihre Dynamik, kurz gesagt, ihre Persönlichkeit zu bestätigen, waren in den Überseegebieten größer als in Europa.«13 Den Kongo zu verlassen bedeutete also auch: einen Traum aufgeben, einen Traum von Selbstentfaltung, der für viele mit einem paternalistischen Ideal einherging. Drachoussoff war auch in dieser Sache sehr ehrlich: »Unser Paternalismus war solide und friedfertig: Wir waren tief und aufrichtig davon überzeugt, dass wir nicht nur die Träger einer moderneren Zivilisation waren, sondern der Zivilisation &#039;&#039;tout court&#039;&#039;, die der Maßstab und der Standard aller Völker auf Erden war. (. . .) Fast alle waren wir stolz darauf, Europäer zu sein, und wir traten als Konstrukteure und Gestalter an die Welt um uns herum heran, mit dem Willen, sie zu formen und umzugestalten und mit der Überzeugung, dass wir das Recht dazu besaßen.« Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen hatte natürlich auch eine dunkle Seite, erkannte er. Die plötzliche Feindseligkeit zwischen Weiß und Schwarz kam nicht aus heiterem Himmel: »Ein begreifliches, aber gefährliches Gefühl von Überlegenheit prägte die tägliche Praxis der Kolonisation. (. . .) Die ›Zivilisatoren‹ wollten gern beschützen und erziehen, solange die Rangordnung gewahrt blieb und die Schutzbefohlenen respektvoll und untertänig waren. Niemand von uns konnte sich dieser gottgegebenen Hierarchie völlig entziehen, die bei den Mittelmäßigen auf elementaren Rassismus hinauslief und den Edelmütigeren ein gutes Gewissen verschaffte.«14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land zu verlassen, war für die Weißen frustrierend; für das junge Land selbst war ihr Weggang ein zweiter schwerer Schlag. Einfach ausgedrückt: Nach einer Woche hatte der Kongo keine Armee, nach zwei Wochen keine Verwaltung mehr. Richtiger ausgedrückt: Die Verwaltung war ohne Leitung. Nur drei der 4878 höheren Positionen waren 1959 von Kongolesen besetzt.15 Plötzlich mussten Menschen mit unzureichender Ausbildung wichtige Funktionen in der Bürokratie übernehmen, oft weit über ihrem Kenntnisstand. Die Armee war für die Aufrechterhaltung der Ordnung unabdingbar, die Verwaltung für einen funktionierenden Staat. In Kisangani unterhielt ich mich darüber mit der sehr schillernden Figur Papa Rovinscky, wie der Beiname von Désiré van-Duel lautete, wiederum ein belgisch anmutender Beiname zu seinem afrikanischen Namen Bonyololo Lokombe. Wenn sich dein Land zu deinen Lebzeiten schon viermal umbenannt hat, warum solltest du dann nicht auch deinen eigenen Namen ändern können? Papa Rovinscky empfing seinen Besuch mit Musik. Er schlug die Schlitztrommel und war noch in der Lage, in der Sprache seines Stammes, der Lokele, Signale über große Entfernungen zu verbreiten. »Der Weiße ist hier und sitzt im Sessel«, trommelte er auf seinem Urwald-Telefon in die Runde, als ich Stift und Notizbuch hervorholte. An der Wand des Wohnzimmers hing seine handgeschriebene Lebensgeschichte samt Lebenslauf. Er hatte seine fünfunddreißig Kinder mit neun verschiedenen Frauen aufgelistet, &#039;&#039;»dont 8 cartouches perdues«&#039;&#039;, darunter acht abgeirrte Kugeln. Er beschrieb sich selbst so: »unabhängiger Journalist und Diakon, von Natur aus nationaler und internationaler Historiker, externer Mitarbeiter von kommunikationeller Klasse [keine Ahnung, was er damit meinte, aber es klang recht gut], Friedenskünstler, multidimensionaler Barde.« Aber heute, mit dreiundsiebzig, verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem mit dem Schreinern von Särgen, insbesondere für Kinder, denn die Nachfrage war groß. Im Kongo stirbt eines von fünf Kindern noch vor dem fünften Geburtstag. Vor der Unabhängigkeit war er Stenotypist bei der Kolonialverwaltung. Er konnte blind tippen (»Meine Finger hatten Augen«), aber nach der Unabhängigkeit wurde er ins Amt des Stadtdirektors von Tshopo katapultiert. »Es gab nur noch ein paar Weiße, die anderen Führungskräfte waren alle schwarz. Keiner war vorbereitet. Der Bürgermeister stellte ein Team zusammen. Weil ich Steno und Maschineschreiben konnte, wurde ich Stadtdirektor. Ich musste die Protokolle der Gemeindevertretung aufsetzen. Das war wirklich nicht einfach für mich! Ich hatte überhaupt keine Ausbildung!«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Exodus der Belgier hatte auch gravierende ökonomische Folgen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1960 erlebte die Landwirtschaft, die auf den Export ausgerichtet war, einen starken Rückschlag. Baumwolle, Kaffee und Kautschuk, bereit zur Ernte, wurden nicht mehr ausgeführt. Die Gewächse verfaulten auf den Plantagen. Der Export von Kakao und Palmnüssen fiel um mehr als die Hälfte zurück.17 Auch andere Sektoren, die stark von europäischem Know-how abhängig waren, traf es empfindlich: Forstwirtschaft, Straßenbau, der Transport- und der Dienstleistungssektor. Nur der Bergbau blieb mehr oder weniger stabil. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Wer jahrelang Boy, Koch oder Putzfrau für eine weiße Familie gewesen war, stand plötzlich auf der Straße. Mehrere zehntausend Arbeiter auf den Plantagen, in den Zuckerraffinerien, Seifensiedereien und Bierbrauereien verloren ihre Jobs. Nach und nach wich die industrielle der traditionellen Landwirtschaft. Man baute wieder Maniok an, schälte Mais und sammelte Heuschrecken, man besuchte wieder Verwandte, wenn man Hunger hatte. Die Kleinfamilie, das Ideal des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, für das die Missionen unentwegt geworben hatten, wurde nach einiger Zeit wieder gegen das weitläufige Netz von Onkeln, Vettern und Cousinen eingetauscht, auf das man in schlechten Zeiten zurückgreifen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unruhen vom Juli 1960 ruinierten nicht nur die Armee, die Verwaltung und die Wirtschaft, sondern führten auch zu einem bewaffneten Konflikt. In Elisabethville gab es am 9. Juli die ersten Toten: Fünf Europäer, darunter der italienische Konsul, wurden abgeschlachtet. So konnte es nicht weitergehen, entschied noch in derselben Nacht der belgische Verteidigungsminister Arthur Gilson. Entgegen dem Ratschlag von Außenminister Wigny und ohne den belgischen Botschafter in Léopoldville zu informieren, gab er grünes Licht für eine militärische Intervention.18 Das Leben von Landsleuten sei in Gefahr, lautete seine Begründung. Am frühen Morgen des 10. Juli stiegen vom Luftstützpunkt Kamina Maschinen der belgischen Luftwaffe mit Soldaten für Elisabethville auf. Über Luluabourg wurde an diesem Tag eine Gruppe Fallschirmspringer abgesetzt, um Belgier zu befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine in jeder Hinsicht verhängnisvolle Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgischen Soldaten waren bereits einige Wochen vor der Unabhängigkeit auf den Militärbasen Kitona und Kamina stationiert worden. Entsprechend dem »Freundschaftsvertrag«, den beide Länder unterzeichnet hatten, sollte Belgien dem unabhängigen Kongo militärischen Beistand leisten, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch Léopoldvilles, also auf Ersuchen von Verteidigungsminister Lumumba. Das war hier aber ganz und gar nicht der Fall. Brüssel schob das Argument vor, es ginge ihm lediglich darum, die Sicherheit der belgischen Staatsbürger zu gewährleisten, doch schon bald besetzte Belgien große Teile der ehemaligen Kolonie. Da die kongolesische Armee nahezu handlungsunfähig war, wollte Belgien selbst die Ordnung (und die Wirtschaft) aufrechterhalten, denn man wollte nicht zulassen, dass das, was in einem Dreivierteljahrhundert aufgebaut worden war, innerhalb von vier Wochen zerstört wurde. Das war begreiflich, aber äußerst unklug. Belgien hätte sich darauf beschränken müssen, seine Bürger zu beschützen. Für alles andere hätte es sich an die Vereinten Nationen wenden müssen. Nun lief sein eigenmächtiger Eingriff auf die militärische Invasion eines souveränen, unabhängigen Staates hinaus. In Katanga entwaffneten belgische Soldaten unter Zwang kongolesische Armeeangehörige, die nicht einmal meuterten! Zum ersten Mal seit 1830 unternahm das Königreich Belgien eine Offensive auf fremdem Boden, auch wenn es sich der Tragweite offenbar kaum bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba waren anfangs geneigt, das Vorgehen Belgiens zu gestatten – es waren ja tatsächlich Belgier in Gefahr –, doch einen Tag später überlegten sie es sich anders und gaben ihre wohlwollende Haltung auf. Und das aus berechtigtem Grund: Am 11. Juli kam der wahre Sachverhalt ans Licht, sogar zweimal. Erstens beschossen an diesem Tag zwei Schiffe der belgischen Marine die Hafenstadt Matadi. Das hatte nichts mehr mit dem Schutz belgischer Bürger zu tun, denn die waren größtenteils evakuiert worden, sondern einzig und allein mit der Einnahme eines strategisch wichtigen Hafens. Zweitens, und das war noch sehr viel bedeutsamer, erklärte Tschombé an diesem Tag die Unabhängigkeit Katangas und wurde sofort von Belgien unterstützt. Kasavubu und Lumumba reisten in diesen Tagen durch das ganze Land, um Unruhen zu beschwichtigen. Sie waren über die Desintegration ihres Landes ebenso besorgt wie Belgien. In Bas-Congo gelang es Persönlichkeiten wie Gaston Diomi, einem der Bürgermeister der Hauptstadt, und Charles Kisolokele, einem der Söhne von Simon Kimbangu, die Meuterei durch ihren klugen und mutigen Einsatz einzudämmen. Es gab also einheimische, oft erfolgreiche Initiativen. Als der Präsident und der Premierminister von der Abspaltung Katangas erfuhren, flogen sie in die Provinz, doch der belgische Kommandant Weber erteilte ihnen keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Elisabethville. Das schaffte selbstverständlich viel böses Blut: Den Nummern 1 und 2 der demokratisch gewählten Regierung wurde der Zugang zur zweitgrößten Stadt ihres Landes verwehrt! Noch dazu von einem ausländischen Offizier, der einen Tag zuvor in der Stadt eingetroffen war!19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba zogen sofort die Schlussfolgerung, dass Belgien hinter der Sezession Katangas steckte. Begreiflich, aber nicht ganz richtig. Die Kontakte zwischen Belgiern und Katangesen waren schon seit langem ausgezeichnet, aber dass Staatsbeamte in Brüssel die Abspaltung Katangas mit geplant hätten, trifft nicht zu.20 In Wirklichkeit war die belgische Regierung von Tschombés verwegener Aktion unangenehm überrascht. Doch in der abtrünnigen Provinz entwickelte sich augenblicklich großes Einvernehmen zwischen den katangesischen Führern, den belgischen Militärs und der Leitung der Union Minière. Belgische Soldaten entwaffneten Lumumbas Truppen und standen mit an der Wiege einer neuen katangesischen Armee, der sogenannten &#039;&#039;Gendarmerie Katangaise&#039;&#039;. Brüssel erkannte den katangesischen Staat nie offiziell an, doch in der Praxis konnte Tschombé auf sehr viel belgische Unterstützung zählen. Die belgische Nationalbank half sogar dabei, die Zentralbank von Katanga aufzubauen.21 Auch das Königshaus hegte große Sympathien. König Baudouin schätzte Tschombé weitaus mehr als Lumumba. Er schrieb ihm: »Ein Bund von achtzig Jahren wie der, der unsere beiden Völker vereint, erschafft viel zu innige Gefühlsbande, um von der hassenswerten Politik eines einzigen Mannes aufgelöst zu werden.« Das Wort »hassenswert« wurde in der endgültigen Fassung gestrichen. Dass es um Lumumba ging, war auch so mehr als deutlich.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch sein militärisches Eingreifen wollte Belgien die Ordnung wiederherstellen, bewirkte aber eine totale Eskalation des Konflikts. Die Geschichte des Kongo zwischen 1955 und 1965 ist nichts anderes als eine Folge von Bemühungen verschiedener Regierungen, die Unruhe einzudämmen, Bemühungen, die jedes Mal in noch mehr Unruhe mündeten. Diesmal jedoch gossen die Belgier besonders viel Öl ins Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem turbulenten Bas-Congo patrouillierten im Juli 1960 vier Harvard-Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe. Sie nahmen Bodenziele unter Beschuss und griffen mit Raketen an. Nach sechs Tagen war eines abgestürzt und eines abgeschossen worden. Die anderen beiden hatten Einschläge von Geschossen an den Tragflächen und am Rumpf.23 Der schwerverletzte Pilot der abgeschossenen Maschine wurde von kongolesischen Soldaten ermordet und in den Inkisi geworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar Vize-Distriktverwalter André Ryckmans wurde erschossen, der Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs. Er war einer der intelligentesten Köpfe in der ehemaligen Verwaltung gewesen, ein Mann, der sich in den Dörfern sehr wohl gefühlt hatte.24 Wer ihn Kikongo sprechen hörte, hätte geschworen, dass da ein Afrikaner redete. Niemand hatte so viel Verständnis für die kongolesische Perspektive wie er. Der alte Nkasi erinnerte sich an ihn als an einen der wenigen Weißen, die wirklich sympathisch waren. Aber als Ryckmans mit den Meuterern über die Freilassung einiger weißen Geiseln verhandelte, wurde er vor den Augen einer aufgestachelten Menschenmenge ermordet. Wie sehr musste das militärische Vorgehen der Belgier die Atmosphäre vergiftet haben, wenn sogar einer der brillantesten und empathischsten Männer aus der Verwaltung von einer wütenden Volksmenge gelyncht werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Monsieur André, ja, den habe ich noch gekannt«, lächelte der blinde Camille Mananga, mit dem ich mich in Boma unterhielt. »Der war fast ein richtiger Kongolese. Er betrachtete sich selbst auch als Kongolesen. Aber bei der Brücke über den Inkisi haben sie ihn damals ermordet.« Ich fragte ihn, was er noch vom militärischen Eingreifen der Belgier wisse. Er brauchte nicht lange nachzudenken: »Ich war in Boma. Die belgischen Soldaten vom Stützpunkt Kitona waren gekommen, um die Armee zu entwaffnen. Auf dem Flughafen standen überall Panzer. Es war früh am Morgen, und ich ging zur Arbeit. Ich war damals Staatsbeamter im einfachen Dienst. In der Stadt wimmelte es von Soldaten. Ein Belgier sprach mich an. ›Wo willst du hin?‹ ›Ich arbeite in der Provinzverwaltung‹, sagte ich. ›Geh wieder nach Hause‹, sagte er, ›die Stadt ist von den Belgiern besetzt.‹ Aber ich ging weiter, ich war zu neugierig. Zum ersten Mal im Leben sah ich einen Panzer. Ich sah mir alles von Nahem an. Die Belgier sind nicht lange geblieben, aber es war eine Besetzung, nicht mehr und nicht weniger.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte also nicht wieder Friede ein. Im ganzen Land nahm die Gewalt gegen Belgier zu. Beamte und Plantagenbesitzer wurden mit Knüppeln, Peitschen und Hosengürteln geschlagen. Manche wurden gezwungen, Urin zu trinken oder verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Katholische Nonnen mussten sich in der Öffentlichkeit ausziehen und wurden festgebunden. Soldaten fragten sie, warum sie nicht der Partei Lumumbas angehörten und ob sie es mit den Patres trieben. Andere schlugen vor, einer weißen Frau eine Granate in die Vagina zu stecken. Erniedrigung war ein Ziel an sich. In der Zeit zwischen dem 5. und dem 14. Juli wurden ungefähr hundert europäische Männer misshandelt, ebenso viele Frauen vergewaltigt und fünf Weiße ermordet.26 Belgien hatte den Kongo in die Unabhängigkeit entlassen, um einen Kolonialkrieg zu vermeiden, bekam ihn nun aber doch. Und das auch noch durch eigene Schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»die regierung der republik kongo ersucht uno organisation dringend um entsendung militärischer unterstützung stop unsere bitte ist gerechtfertigt durch die entsendung belgischer truppen aus dem mutterland in den kongo als verstoß gegen den freundschaftsvertrag unterzeichnet zwischen belgien und republik kongo am 29. juni dieses jahres stop nach den bestimmungen dieses vertrages können belgische truppen nur intervenieren auf ausdrückliches ersuchen der kongolesischen regierung stop dieses ersuchen wurde von der regierung der republik kongo nie formuliert stop betrachten unerbetene belgische aktion als aggressiven akt gegen unser land stop tatsächliche ursache der meisten unruhen sind kolonialistische provokationen stop beschuldigen belgische regierung sezession katangas minutiös vorbereitet zu haben um unser land unter kontrolle zu behalten stop regierung mit rückhalt durch das kongolesische volk weigert sich vor vollendete tatsachen gestellt zu werden die sich aus einer verschwörung von belgischen imperialisten und kleinen gruppen katangesischer führer ergeben stop (. . .) insistieren mit betonung der extremen dringlichkeit auf entsendung von uno truppen in den kongo fullstop«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterzeichnet von: Joseph Kasavubu und Patrice Lumumba. Mit diesem Telegramm ersuchten der Präsident und der Premierminister des Kongo am 12. Juli, einen Tag nach der Sezession Katangas, die Vereinten Nationen um Unterstützung. Die UNO war zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ junge Organisation, die in ihrem fünfzehnjährigen Bestehen nur vier Beobachtungsmissionen vorzuweisen hatte. Ihr Generalsekretär war Dag Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mann, der durchdrungen war von protestantischem Pflichtgefühl. Kasavubu und Lumumba richteten ihre ganze Hoffnung auf die UNO. Ihr Land war noch nicht einmal eine Woche lang Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld berief noch am selben Abend eine Eilsitzung des UNO-Sicherheitsrats ein. In dem nüchternen Sitzungssaal in New York wurde eine ganze Nacht über die aktuellen Entwicklungen im Kongo diskutiert. Die Sowjetunion befürwortete das Hilfeersuchen von Kasavubu und Lumumba ohne Wenn und Aber. Die anderen Mitglieder stimmten der Notwendigkeit einer Intervention zu, zögerten jedoch, Belgien auf die Finger zu klopfen. Der Generalsekretär war der Ansicht, dass eine internationale Truppe in erster Linie den Frieden überwachen und weniger die Befehle der kongolesischen Regierung ausführen müsse. Ebenso wenig äußerte er sich zur belgischen Invasion im Kongo. Polen und die UdSSR waren der Ansicht, dass die Belgier, als Aggressoren, unverzüglich abziehen müssten. Gegen vier Uhr morgens wurde die UNO-Resolution 143 verabschiedet. Der Sicherheitsrat rief »die Regierung Belgiens [dazu auf], ihre Truppen vom Territorium der Republik Kongo zurückzuziehen«, und beschloss, Blauhelme zu entsenden.28 Die Operation wurde unter dem Namen ONUC (&#039;&#039;Opération des Nations Unies au Kongo&#039;&#039;) bekannt; es war die bis dahin größte UNO-Mission der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war mit der UNO-Resolution nicht glücklich. Belgien wurde nirgendwo im Text verurteilt, und die Sezession Katangas wurde mit keiner Silbe erwähnt. Er hatte eine viel souveränere Haltung des Sicherheitsrates erwartet. Er hatte gehofft, dass die UNO-Blauhelme die Sache seiner schlecht funktionierenden Armee übernehmen, die belgischen Soldaten vertreiben und Katanga wieder dem Kongo angliedern würden. Das gestattete die Resolution nicht. Es war so, als riefe jemand bei schweren Krawallen die Polizei an, aber es käme höchstens die Feuerwehr. Nützlich, jedoch nicht ausreichend. Und deshalb bat er, zusammen mit Kasavubu, das Land um Unterstützung, das im Sicherheitsrat das größte Verständnis für sein Anliegen gezeigt hatte: die Sowjetunion. Am 14. Juli brach der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und nahm Kontakt mit Moskau auf: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop«.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht genug betont werden. Mit einem Schlag eröffnete das Telegramm eine neue Front im Kalten Krieg: Afrika. Bis dahin waren die Spannungen zwischen Ost und West hauptsächlich in Osteuropa und Asien (Korea, Vietnam) zum Ausdruck gekommen. Nun stand Afrika plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Kaum war das Telegramm nach Russland abgeschickt worden, da war es schon an den CIA durchgesickert. Der Inhalt sorgte in Washington für große Nervosität: Ersuchte der Kongo jetzt tatsächlich den Erzfeind um Unterstützung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1960 erwarben siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit. Die Folge war ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;. Anders als im neunzehnten Jahrhundert waren es diesmal nicht westeuropäische Mächte, die sich überseeische Kolonien aneignen wollten, sondern die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die ihren Einflussbereich über den ganzen Globus ausdehnen wollten. Wirtschaftsinteressen spielten noch immer eine wichtige Rolle, aber ideologische, geopolitische und militärische Faktoren waren viel entscheidender. Der Kongo war der erste afrikanische Staat, der in das Tauziehen der beiden neuen Weltmächte verwickelt wurde. Es ging dabei nicht nur um ein großes und strategisch günstig gelegenes Land, von dessen Territorium aus ganz Zentralafrika kontrolliert werden konnte, sondern auch darum, dass der Kongo über entscheidende Rohstoffe für die Waffenproduktion verfügte. Die Amerikaner wussten nur allzu gut, dass sie den Zweiten Weltkrieg mit dem Uran aus dem Kongo gewonnen hatten, und dass es für Kobalt, ein Element, das zur Herstellung von Raketen und anderen Waffen benutzt wird, nur zwei wichtige Lagerstätten auf der Welt gab: den Kongo und die UdSSR selbst.30 Den Kongo den Sowjets zu überlassen, hätte für die USA militärisch eine ernsthafte Schwächung bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Kasavubu und Lumumba die Tragweite ihres Telegramms bewusst? Höchstwahrscheinlich nicht. Unerfahren wie sie waren, versuchten sie lediglich, ausländische Unterstützung für die Lösung eines nationalen Entkolonisierungskonflikts zu bekommen; doch sie öffneten damit die Büchse der Pandora eines globalen Konfliktes. Sehr viel Tinte ist geflossen über Lumumbas vermeintlichen Kommunismus. Die Kontakte mit der UdSSR dienen dann meist als Beweismaterial für sein bolschewistisches Naturell. Aber das ist falsch. Was die Wirtschaft betraf, stand Lumumba dem Liberalismus näher als dem Kommunismus. Von einer Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie war bei ihm keine Rede; er hoffte eher auf Privatinvestitionen aus dem Ausland. Außerdem war Lumumba ein Nationalist und kein Internationalist, wie es sich für einen Kommunisten gehört hätte. Sein Bezugssystem war durch und durch kongolesisch, ungeachtet allen Panafrikanismus. Auch die Vorstellung einer proletarischen Revolution passte nicht in sein Weltbild. Als &#039;&#039;évolué&#039;&#039; gehörte er zur frühen kongolesischen Bourgeoisie; er hatte kein Interesse daran, seine eigene gesellschaftliche Gruppe zu stürzen. Zudem suchte er ebenfalls Unterstützung von amerikanischer Seite, um das Problem seines Landes zu lösen. Schließlich wird oft vergessen, dass er sein Bittgesuch an Chruschtschow zusammen mit Kasavubu schrieb, und der war alles andere als ein Kommunist. Sogar Chruschtschow war sich darüber im Klaren: »Ich könnte sagen, dass Herr Lumumba ebenso sehr ein Kommunist ist, wie ich ein Katholik bin. Aber wenn sich die Worte und Taten Lumumbas mit kommunistischen Vorstellungen überschneiden, dann kann mir das nur angenehm sein.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bittgesuch an Moskau war weder durch Lumumbas Sprunghaftigkeit motiviert noch durch seine labile Persönlichkeit, sein grundsätzliches Misstrauen, sein unangemessenes Verhalten oder welchen Charakterzug auch immer man ihm nachsagte. Lumumba galt tatsächlich als reizbar und launenhaft, aber wer heute die Telegramme an die Vereinten Nationen und die Sowjetunion liest, nimmt ein ganz anderes psychologisches Register wahr: Panik. Panik gekoppelt mit bodenlosem Zorn, großer Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Furcht, ermordet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kasavubu und Lumumba keine bedeutende politische Funktion ausgeübt hatten, bevor sie die Führung ihres Landes übernahmen. Kasavubu war Bürgermeister eines Stadtteils von Léopoldville gewesen, Lumumbas erstes politisches Amt war das des Premierministers. Nach zwei Wochen Unabhängigkeit verloren sie die Kontrolle über die Geschehnisse. Es war so, als hätten sie gerade den Führerschein für ein Auto gemacht und stellten plötzlich fest, dass sie am Steuer eines Düsenjägers saßen, der abzustürzen drohte. Konfrontiert mit einer unerbetenen militärischen Intervention Belgiens taten sie das, was ihnen in diesem bedrohlichen Moment als richtig erschien: schnellstmöglich das Land um Hilfe zu bitten, das sich dazu bereit zeigte. Und die UdSSR war mehr als bereit. Einen Tag später teilte Chruschtschow in einem sehr energisch formulierten Brief mit, dass die Sowjetunion, falls die »imperialistische Aggression« Belgiens und seiner Bündnispartner anhalte, »nicht zögern wird, entschlossene Maßnahmen zu treffen, um die Aggression zu beenden«. Sein Land bringe großes Verständnis auf für »den heldenhaften Kampf des kongolesischen Volkes für die Unabhängigkeit und Integrität der Republik Kongo«. Und er fügte hinzu: »Die Forderung der Sowjetunion lautet schlicht und einfach: Hände weg von der Republik Kongo!« Dabei vergaß er der Einfachheit halber, dass die sowjetische Armee vier Jahre zuvor mit ihren Panzern den Volksaufstand in Ungarn niedergewalzt hatte.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dag Hammarskjöld erkannte, dass ein weltweiter Konflikt drohte, und schaffte es, innerhalb von 48 Stunden Blauhelme in den Kongo zu entsenden: Am 15. Juli landeten die ersten marokkanischen und ghanaischen Kontingente, gefolgt von anderen afrikanischen Truppen aus Tunesien, Marokko, Äthiopien und Mali. Unterdessen schickte die UdSSR zehn Iljuschin-Flugzeuge in den Kongo mit Lastwagen, Lebensmitteln und Waffen. Die USA erwogen, die NATO einzuschalten, aber das hätte ein zweites Korea entfesseln können, oder sogar einen neuen Weltkrieg. Washington machte seinen Einfluss deshalb vorzugsweise über zwei diskretere Kanäle geltend: die UNO und den CIA, den Weg der diplomatischen Lobby in New York und der geheimen Beeinflussung in Léopoldville. Larry Devlin, Chef des amerikanischen Geheimdienstes im Kongo, verfügte über ein enormes Budget, um die kongolesische Politik in die Richtung eines für die USA vorteilhaften Kurses zu lenken. Kasavubu und vor allem Mobutu sollten seine Günstlinge werden.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Vorstellung von diesen turbulenten Tagen bekam ich bei den Gesprächen mit Jamais Kolonga. Es war nur eine Anekdote, aber sie war sehr vielsagend. Ende Juli wollte Lumumba nach Amerika, um selbst mit den USA und der UNO zu verhandeln. Das übliche Verfahren, mit dem so ein offizieller Staatsbesuch sorgfältig zwischen den Spitzenbeamten des einen und den Diplomaten des anderen Landes vorbereitet wird, wurde außer Acht gelassen. Einer von Lumumbas Mitarbeitern begab sich zur amerikanischen Botschaft in Léopoldville und verlangte auf der Stelle vierundzwanzig Visa für den Premier und dessen Gefolge. Das kam bei mehreren Stellen nicht gut an. Es gab kein Programm, kein Protokoll, keine Terminabsprachen.34 »Ich habe sie zum Flughafen Ndjili begleitet«, erzählte Jamais Kolonga. Seit dem 30. Juni arbeitete er in der Pressestelle des Premierministers. Er lernte dort auch Mobutu kennen, Lumumbas Sekretär. »Eine Musikkapelle spielte, die Tür schloss sich, die Treppe wurde weggerollt. Aber im Flugzeug fragte sich Lumumba, wo sein Presseattaché war. Die Tür ging wieder auf, und Lumumba zeigte auf unsere Gruppe. Auf wen zeigte er? Auf mich? Auf den Mann neben mir? Jeder von uns fragte sich, ob er gemeint war. &#039;&#039;›C&#039;est vous!‹,&#039;&#039; sagte er und deutete in meine Richtung. Ich ging zum Flugzeug. Ich musste mit. Ich hatte nur einen Parker-Kugelschreiber bei mir und ein Heft. Keine Kleidungsstücke, außer dem grünen Anzug, den ich anhatte! Ohne Pass, ohne Visum, ohne Gepäck ging ich an Bord. Aber als ich zurückkam, hatte ich zwei volle Koffer und eine Umhängetasche. Und ich hatte Dag Hammarskjöld bei seiner Arbeit für die Vereinten Nationen gesehen.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Nonchalance war bezeichnend für das Improvisationshafte der jungen kongolesischen Regierungsmannschaft. Nicht zuletzt deshalb machte Lumumba auf seiner Reise keinen guten Eindruck. Da keine Begegnung vereinbart worden war, weigerte sich Präsident Eisenhower, ihm eine Audienz zu gewähren. Bei der UNO war man darüber konsterniert, in welcher Art Lumumba »unmögliche Forderungen stellte und sofortige Resultate verlangte«.36 Douglas Dillon, der stellvertretende Außenminister der USA, beschwerte sich über seine »irrationale, fast ›psychotische‹ Persönlichkeit«: »Er sah einem nie in die Augen, er schaute in die Luft. Und dann folgte ein gewaltiger Redeschwall (. . .) Seine Worte standen nie im Zusammenhang mit dem, was wir besprechen wollten. Man bekam das Gefühl, dass er als Person von einem Eifer besessen war, den ich nur als messianisch beschreiben kann. Er war einfach nicht rational. (. . .) Der Eindruck, den er hinterließ, war sehr negativ, er war ein Mensch, mit dem man überhaupt nicht zusammenarbeiten konnte.« Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem Monat sah es im Kongo so aus: Die Armee war völlig desolat, die Verwaltung war enthauptet, die Wirtschaft war aus dem Takt, Katanga war abgespalten, Belgien war eingerückt, und der Weltfrieden war bedroht. Und das, weil am Anfang ein paar Soldaten in der Hauptstadt mehr Sold und einen höheren Rang in der Armee gefordert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Lumumba viele Brücken hinter sich abgebrochen. Nach der Rede vor Baudouin und der Entlassung von General Janssens war er für Belgien erledigt. Nach dem Telegramm an Chruschtschow und seiner Reise nach Amerika war er für die USA erledigt. Auch die UNO verlor allmählich die Geduld, und im eigenen Land hatte ihn sein eigenmächtiges Verhalten von Kasavubu entfremdet. Westliche Diplomaten, Berater und Sicherheitsleute trieben einen Keil zwischen die beiden. Einer nach dem anderen stellte sich auf die Seite von Ka­savubu und legte ihm nahe, Lumumba fallenzulassen. Im August 1960 war Lumumba ein einsamer Mann, der nur noch auf die Unterstützung der Sowjets zählen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Groll war zudem nicht kleiner geworden. Zweimal hatte der UNO-Sicherheitsrat Belgien aufgefordert, seine Truppen zurückzuziehen (am 22. Juni sollte das »schnell« geschehen, am 8. August sogar »unverzüglich«), aber Belgien wollte nicht weichen, solange die Blauhelme die Sicherheit nicht gewährleisten konnten.38 Erst gegen Ende August, reichlich spät, hatten alle zehntausend belgischen Soldaten den Kongo verlassen. In Lumumbas Augen war die UNO im besten Fall zahnlos und im schlimmsten Fall prowestlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. August rief der Süden von Kasai die Unabhängigkeit aus. Das hatte noch gefehlt. Die Diamantenprovinz war nach Katanga die wichtigste Bergbauregion des Kongo. Albert Kalonji ließ sich dort zum König krönen. Er war ein ehemaliger Mitstreiter Lumumbas; bereits vor den Wahlen hatte er sich mit ihm überworfen und deshalb kein Ministeramt in der nationalen Regierung erhalten. Seine Sezession hatte jedoch auch ethnische Hintergründe. Kalonji trat für die Baluba ein, die Bewohner Kasais, von denen viele in den Minen von Katanga arbeiteten und dort als Migranten und Glückssucher verhasst waren. In Kasai selbst standen die Baluba im Konflikt mit den Lulua; es kam des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Durch die Proklamation eines eigenen Staates hoffte Kalonji ein Heimatland für die Baluba zu schaffen. Tschombé unterstützte das Unternehmen. Er und Kalonji entschlossen sich sogar zu einer Konföderation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit Katanga nahm der abgespaltene Süden von Kasai ein Viertel des gesamten Territoriums ein, und zwar das reichste Viertel des Kongo. Für einen Verfechter der Einheit des Landes wie Lumumba war das nicht hinnehmbar. Überdies zog nun auch Bolikango in Erwägung, die Provinz Équateur abzutrennen. Das war kein Zufall: Tschombé, Kalonji und Bolikango hatten sich nach der Regierungsbildung als die Betrogenen empfunden, da sie keinen Ministerposten erhalten hatten. Lumumba wollte eingreifen, konnte aber nicht auf die Blauhelme zählen, denn die hatten auch nichts gegen die Unabhängigkeit Katangas unternommen. Als Verteidigungsminister entsandte er nun selbst die neue kongolesische Armee in die aufständische Diamantenprovinz. Aber die Regierungsarmee verfügte kaum über finanzielle Mittel und wurde von Offizieren angeführt, die zwei Monate zuvor ohne Vorbereitung ernannt worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren verheerend. Ende August war Kasai der Schauplatz sinnloser Konfrontationen; statt Siege gab es nur Gemetzel, die mehrere tausend Bürger das Leben kosteten. Bei einem Angriff auf eine katholische Missionsstation, in der einfache Baluba Schutz gesucht hatten, wurden mehr als fünfzig Menschen abgeschlachtet, darunter auch Frauen und Kinder. Die Soldaten der Regierungsarmee waren mit Maschinengewehren, aber auch mit Macheten bewaffnet. UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld äußerte seinen Abscheu und sprach von einem Völkermord gegen die Baluba. Er bezeichnete es als »eine der flagrantesten Verletzungen der elementarsten Menschenrechte, die Merkmale eines Genozidverbrechens haben«.39 Lumumba hatte es sich nun auch mit der UNO völlig verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu hatte sich in der ganzen Zeit einigermaßen zurückgehalten. Aber am 5. September 1960 ergriff er die Gelegenheit und führte aus, was ihm viele westliche Berater nahegelegt hatten: Er setzte Lumumba ab. Artikel 22 der &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039;, der vorläufigen Verfassung des neuen Kongo, gab ihm die Befugnis: »Das Staatsoberhaupt ernennt und entlässt den Ministerpräsidenten und die Minister.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Hörer des nationalen Radiosenders muss es einer der seltsamsten Abende in der Geschichte des staatlichen Rundfunks gewesen sein. Kurz nach zwanzig Uhr wurde die Sendung – ein englischer Sprachkurs – unterbrochen, und Präsident Kasavubu teilte mit seiner dünnen, hohen Stimme mit, dass er soeben den Ministerpräsidenten des Amtes enthoben habe. Überall in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in den ärmlichen Stadtvierteln, in den Dörfern im Landesinneren erfuhren einfache Kongolesen, dass Lumumba nicht mehr ihr Ministerpräsident sei und dass er bis auf weiteres durch einen gewissen Joseph Ileo ersetzt werde, einen gemäßigten Mann, der 1956 noch das &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; verfasst hatte. Keine Stunde später bekamen die Hörer zu ihrer großen Verwunderung im Stakkato-Französisch von Ministerpräsident Lumumba mitgeteilt, er seinerseits habe Präsident Kasavubu abgesetzt! Gegen so viel Verwirrung kam keine englische Grammatik an. Als habe der Kongo nicht genug mit einer militärischen, administrativen, ökonomischen, ethnischen und globalen Krise, musste er nun auch noch mit einer Verfassungskrise fertig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba berief sich auf Artikel 51 der vorläufigen Verfassung, der besagte, dass »nur den Kammern eine authentische Auslegung der Gesetze« zustehe.41 Das war ein geschickter Schachzug; am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut sein Vertrauen aus und weigerte sich, Ileo als neuen Ministerpräsidenten anzuerkennen. Für Präsident Kasavubu war die Blamage so groß, dass er tags darauf das Parlament für einen Monat beurlaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war der Trümmerhaufen komplett. Im Kongo wurde nicht regiert, sondern gestritten. Das Staatsinteresse war dem Machtkampf untergeordnet. In diesem Chaos trat Oberst Mobutu vor, der Stabschef der Armee, um den Querelen ein Ende zu machen. Noch am selben Tag, dem 14. September 1960, unternahm er seinen ersten Staatsstreich, mit Zustimmung und Unterstützung des CIA. Er sagte der Presse, dass die Armee bis zum Jahresende die Macht übernehme. Lumumba und Kasavubu würden »neutralisiert«. Aber während Kasavubu schließlich als eine Art zeremonieller Präsident im Amt verbleiben durfte, wurde Lumumba in seiner Residenz in der Hauptstadt unter Hausarrest gestellt. Die Freundschaft zwischen Mobutu und Lumumba war für immer vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierungsgeschäfte vertraute Mobutu einem Team junger Akademiker an. Sie sollten die mangelnde Sachkenntnis in Lumumbas Regierungsmannschaft vergessen machen. Mario Cardoso, der Mann, der am Runden Tisch zur Ökonomie teilgenommen hatte und bei den kongolesischen Studenten in Belgien beliebt war, erzählte darüber Folgendes: »Oberst Mobutu bat die Studenten und die Akademiker, aus der Diaspora zurückzukehren und ihre Bildung in den Dienst des Landes zu stellen. Wir sollten keinen Ministertitel bekommen, sondern den eines Generalkommissars. Wir sollten unpolitische Verwaltungsfachleute werden, wir vertraten keine Partei, keinen Stamm, keine Region, kein Dorf. Wir besaßen ein Diplom, das genügte.« Cardoso selbst war in diesem Kollegium von Generalkommissaren für den Bildungssektor zuständig. Justin Bomboko, verantwortlich für das Ressort Äußeres, war der Vorsitzende und fungierte de facto als Ministerpräsident. Dieses Arrangement dauerte nur einige Monate. »Wir waren eine Übergangsregierung. Mobutu wollte nur die Ordnung wiederherstellen, denn das Gezänk zwischen Kasavubu und Lumumba hörte einfach nicht auf.«42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dieser Regierung von Akademikern war längst nicht jeder einverstanden. Lumumba bestand darauf, dass er der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo sei. Die belgische Regierung hingegen war über seine Absetzung erfreut und unterhielt herzliche Kontakte mit den jungen Kommissaren, von denen viele in Brüssel oder Lüttich studiert hatten. Eine Rückkehr Lumumbas auf die politische Bühne sollte um jeden Preis verhindert werden, notfalls mit Gewalt. Zwei belgische Militärs, die unter Deckung des Ministers für afrikanische Angelegenheiten, d&#039;Aspremont Lynden, operierten, trafen Vorbereitungen, um Lumumba zu entführen oder zu ermorden.43 Außerdem wies der amerikanische Präsident Eisenhower höchstpersönlich den CIA an, Lumumba physisch zu liquidieren. In klassischem James-Bond-Stil sollte der Ministerpräsident des Kongo mit Hilfe einer Tube hypertoxischer Zahnpasta vergiftet werden.44 Und auch im Kongo gab es viele Menschen, die ihn als Staatsoberhaupt ablehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba, der sich der Gefahr von Anschlägen bewusst war, bat die UNO um Schutz. Daraufhin kampierte ein Kontingent ghanaischer Blauhelme in seinem Garten, um etwaige Belagerer fernzuhalten. Das war auch notwendig, denn am 10. Oktober schickte Mobutu zweihundert Soldaten zur Residenz, um Lumumba festnehmen zu lassen. Die Blauhelme ließen sie jedoch nicht durch. Es herrschte eine Pattsituation, die wochenlang andauerte. Lumumbas Haus war doppelt umzingelt: Blauhelme, die ihn beschützten, solange er sich im Haus aufhielt, Kongolesen, die bereit waren, ihn zu verhaften, sobald er herauskam. Seine Telefonleitung hatte man gekappt. Lumumba war in diesem Moment zum Schweigen verurteilt. Deshalb übernahm Vizepremier Antoine Gizenga die Rolle des Repräsentanten der Regierung Lumumba. Gizenga kam aus dem Kwilu und wird dort bis zum heutigen Tag von älteren Menschen wie Longin Ngwadi, dem »Säbeldieb« aus Kikwit, verehrt. Je mehr Eigendynamik Mobutus Putsch entwickelte, desto klarer erkannte Gizenga, dass für ihn und andere Lumumba-Getreue in Léopoldville kein Platz mehr war. Also zog er Anfang November mit dem, was von der ersten Regierung übrig geblieben war, nach Stanleyville, der Wiege von Lumumbas Bewegung, um das Land von dort aus zu regieren und zurückzuerobern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Der neue Staat war nun vier Monate alt und hatte inzwischen vier Regierungen zur gleichen Zeit, jede mit einer eigenen Armee und ausländischen Bündnispartnern. In Léopoldville genossen Kasavubu und vor allem Mobutu die bedingungslose Unterstützung der Amerikaner. Dank der Mittel, die ihm die USA großzügig zur Verfügung stellten, konnte Mobutu die nationale Armee reorganisieren. Um ihn bildete sich die Binza-Gruppe, benannt nach dem Residenzviertel der Hauptstadt, wo sich die Mitglieder trafen. Es war ein inoffizieller Zirkel mit sehr viel Macht, generös unterstützt vom CIA. In Stanleyville hielt Gizenga das lumumbistische Gedankengut lebendig. Er hatte einen Teil der Armee hinter sich. Seine Regierung bekam Hilfe von der Sowjetunion, die jedoch nicht so systematisch und substanziell war wie die amerikanische Unterstützung der Hauptstadt.45 In Elisabethville stand Tschombé an der Spitze eines Landes, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Belgien war sehr freigebig mit logistischer und militärischer Hilfe. In den Rängen der »Katanga-Gendarmen« war eine große Anzahl belgischer Offiziere. Die Union Minière finanzierte die Sezession mit hohen Summen. In Bakwanga stand Kalonji an der Spitze von Kasai, nun ein unabhängiger Baluba-Staat, in dem belgische Diamantenunternehmen aktiv waren. Hier stellte Forminière die nötigen Mittel bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé und Kalonji waren nur regionale Machthaber, Kasavubu und Gizenga aber pochten beide auf die Legitimität der Staatsregierung. Wer hatte recht? Beide bemühten sich um internationale Anerkennung; und dieser Kampf wurde vor der UNO-Vollversammlung in New York ausgetragen. Der Kongo trat dort mit zwei Lagern an: Kasavubu/Mobutu versus Lumumba/Gizenga. Thomas Kanza, der 26-jährige Psychologe, vertrat die Regierung Lumumba bei der UNO, aber Präsident Kasavubu reiste selbst nach New York, um die Welt davon zu überzeugen, dass er und niemand anders die legitime Regierung der Republik verkörperte. Er brachte vor, dass die Absetzung Lumumbas von der Verfassung gedeckt sei; die US-Amerikaner, die Belgier und viele hochrangige UNO-Vertreter hatten damit wenig Schwierigkeiten. Am 22. November erfolgte der Urteilsspruch: Dreiundfünfzig Länder erkannten Kasavubu an, vierundzwanzig stimmten dagegen, neunzehn enthielten sich der Stimme.46 Mario Cardoso, der damals für Mobutu arbeitete, erlebte es als Triumph: »Wir haben damals den Sitz in der UNO gewonnen. Kasavubu stand an der Spitze unserer Delegation, und Lumumba verlor international.«47 Diese internationale Marginalisierung bedeutete für Lumumba das Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer in seinem Haus in der Hauptstadt unter Hausarrest. Als ihn die Nachricht von der Abstimmung in New York erreichte, wusste er, dass seine Tage in Léopoldville gezählt waren. Würden die Blauhelme im Garten ihn überhaupt noch beschützen, nachden die UNO-Delegierten nun gegen ihn gestimmt hatten? Er hielt es für das Klügste, sich zu seinen Mitstreitern in Stanleyville zu begeben. Es war Nacht, es war November, es war mitten in der Regenzeit. Ein außerordentlich schweres Tropengewitter am 27. November veranlasste die kongolesischen Soldaten, sich ins Trockene zu flüchten. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Versteckt auf dem Boden eines Chevrolet ließ sich Lumumba im strömenden Regen aus der Residenz fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zustand der kongolesischen Straßen war zu diesem Zeitpunkt noch ausgezeichnet. Wenn sein Chauffeur zwei Tage und zwei Nächte zügig durchgefahren wäre, hätten sie Stanleyville erreichen können. Doch in der Nacht seiner Befreiung blieb Lumumba in der Hauptstadt, um Ansprachen an die Bevölkerung zu halten. Auch unterwegs hielt er in den Dörfern an und ließ sich den herzlichen Empfang der Dorfbewohner gefallen.48 Aber es war Regenzeit. In der Hauptstadt erfuhr Mobutu von Lumumbas Flucht und wollte um jeden Preis verhindern, dass Lumumba zu Gizenga gelangte. Denn das hätte Lumumbas politische Rückkehr bedeutet, und das wollten weder seine belgischen Berater noch der CIA. Die UNO weigerte sich, an der Suche nach dem Flüchtigen teilzunehmen, aber eine europäische Luftfahrtgesellschaft stellte eine Maschine mit einem Piloten zur Verfügung, der Erfahrung mit Aufklärungsflügen in geringer Höhe besaß. Schon bald war der Konvoi aus drei PKW und einem LKW entdeckt. Am 1. Dezember hielten Mobutus Soldaten Lumumba und seine Begleiter an, als sie in der Nähe von Mweka den Sankuru-Fluss überqueren wollten. Lumumba wurde nach Camp Hardy bei Thysville geflogen, zu der Kaserne, in der wenige Monate zuvor die Armee gemeutert hatte. Von diesem Augenblick an stand Lumumba nicht mehr unter dem Schutz der UNO, sondern war ein Gefangener der Regierung in Léopoldville. Als er ankam, ohne Brille und gefesselt, stopfte ihm jemand ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mund: den Text seiner berühmten Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollten Kasavubu und Mobutu mit ihm anfangen? Ihn für immer in Gewahrsam nehmen, als eine Art Simon Kimbangu der Ersten Republik? Und sollte man ihn dann nicht besser nach Katanga bringen? Oder nach Kasai? Feindliche Provinzen, gewiss, aber gerade deshalb. Dort würde er keine Anhänger haben. Denn da, wo er jetzt war, regte sich erneut Unmut. In Thysville kam es am 12. Januar wieder zu einer Meuterei. Das war beunruhigend. Die belgische Regierung, in der Person von Minister d&#039;Aspremont, billigte den Plan, Lumumba nach Katanga zu schaffen, ungeachtet der etwaigen Folgen, wenn er nur weit genug von der Hauptstadt entfernt war, irgendwo, wo meuternde Soldaten ihn nicht befreien konnten. Durch die Unterstützung dieses Plans konnte Belgien überdies das Verhältnis zu Kasavubu verbessern, denn das Land wollte die diplomatischen Beziehungen mit Léopoldville wieder aufnehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, nur an Katanga interessiert zu sein. Minister d&#039;Aspremont legte sich hektisch ins Zeug, und Tschombé akzeptierte schließlich widerwillig die Überstellung Lumumbas und zweier weiterer politischer Gefangener.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 17. Januar 1961 landete um 16.50 Uhr in Elisabethville die DC-4, die Lumumba und seine beiden Getreuen, Mpolo und Okito, beförderte. Während des Fluges waren sie geschlagen und misshandelt worden. Eine Hundertschaft bewaffneter Soldaten, die unter dem Befehl des belgischen Hauptmanns Gat standen, erwartete sie. Ein Konvoi brachte sie sofort zum »Brouwez-Haus«, eine abgelegene, leerstehende Villa, Eigentum eines Belgiers, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Bewachung innerhalb und außerhalb des Hauses übernahm die Militärpolizei unter dem Kommando zweier belgischer Offiziere. Im Brouwez-Haus bekamen sie Besuch von mindestens drei katangesischen Ministern – Munongo, Kibwe und Kitenge, zuständig für Inneres, Finanzen und Infrastruktur –, die sie ebenfalls misshandelten. Tschombé war nicht darunter. Der saß im Kino und schaute sich einen Film mit dem in diesem Zusammenhang unwahrscheinlich zynischen Titel &#039;&#039;Liberté&#039;&#039; an, von der Organisation &#039;&#039;Réarmement moral&#039;&#039;, Moralische Aufrüstung. Danach tagte er mit seinen Ministern. Europäer waren bei der Sitzung nicht zugegen, die von 18.30 bis 20.00 Uhr dauerte, aber alle praktischen Maßnahmen für den Rest des Abends waren anscheinend schon im Voraus getroffen worden. Der Beschluss, Lumumba nach Katanga zu bringen, war ein gemeinsamer Plan der Machthaber in Léopoldville, ihrer belgischen Berater und der Regierung in Brüssel gewesen; doch der Beschluss, Lumumba zu ermorden, wurde von den Politikern in Katanga gefasst. Vor allem Minister Godefroid Munongo spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er war der Enkel von Msiri, dem afro-arabischen Sklavenhändler, der im neunzehnten Jahrhundert das Lunda-Reich an sich gerissen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung von Ministern erneut zum Brouwez-Haus. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines Autos verfrachtet. Zusammen mit anderen Wagen und zwei Armeejeeps fuhr das Auto los. Inzwischen war es Nacht. Der Konvoi fuhr Richtung Nordwesten über die ebene Straße durch die Savanne in Richtung Jadotville. Im Licht der Scheinwerfer links und rechts Gras, Gestrüpp, die Silhouette eines Termitenhügels. Nach einer Dreiviertelstunde bog der Konvoi von der Hauptstraße ab und hielt wenig später an einer abgelegenen Stelle. Die Gefangenen mussten aussteigen. In der baumbestandenen Savanne am Straßenrand sahen sie eine flache Grube, frisch ausgehoben. Schwarze Polizisten und Gendarmen in Uniform standen daneben, aber auch ein paar Herren in Anzügen: Präsident Tschombé, die Minister Munongo, Kibwe und noch einige ihrer Kollegen. Auch vier Belgier nahmen an der Exekution teil: Frans Verscheure, Polizeidirektor und Berater der katangesischen Polizei, Julien Gat, Hauptmann der Katanga-Gendarmen, François Son, einer seiner Polizisten, und Leutnant Gabriël Michels. Die drei Gefangenen wurden nacheinander zum Rand der Grube geführt. Sie waren insgesamt keine fünf Stunden in Katanga gewesen. Sie waren verprügelt und misshandelt worden. Kaum vier Meter weiter stand das Exekutionskommando: vier katangesische Freiwillige mit Maschinengewehren. Dreimal krachte in der Nacht eine ohrenbetäubende Salve. Lumumba war als Letzter an der Reihe. Um 21.43 Uhr taumelte der Körper des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo rückwärts in die Grube.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung Lumumbas wurde eine Zeitlang geheim gehalten. Um alle Spuren zu beseitigen, grub Gerard Soete, der belgische Vize-Generalinspekteur der katangesischen Polizei, kurz danach die sterblichen Überreste der drei Opfer wieder aus. Dem Vernehmen nach ragte noch eine Hand, möglicherweise die von Lumumba, aus der Erde.50 Soete zerstückelte die Leichname mit einer Säge und löste sie in einem Fass mit Schwefelsäure auf. Aus Lumumbas Oberkiefer zog er zwei mit Gold überkronte Zähne. Von seiner Hand schnitt er drei Finger ab.51 In seinem Haus bei Brügge bewahrte er jahrelang eine Dose auf, die er manchmal Besuchern zeigte. Sie enthielt die Zähne und eine Kugel.52 Viele Jahre später warf er sie in die Nordsee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Welt von der Ermordung Lumumbas erfuhr, herrschte tiefe Bestürzung. Von Oslo bis Tel Aviv und von Wien bis Neu-Delhi gingen Menschen auf die Straße. In Belgrad, Warschau und Kairo wurden die belgischen Botschaften gestürmt. Während in Moskau eine Universität nach ihm benannt wurde, kam im Westen der »Lumumba« in Mode, ein beliebter Cocktail aus Brandy und Kakao. Gizengas Lumumba-gesinnte Regierung wurde kurzfristig von der UdSSR, Polen, der DDR, Jugoslawien, China, Ghana und Guinea anerkannt. Lumumba wurde binnen kürzester Zeit zu einem Märtyrer der Entkolonialisierung, einem Helden für alle Unterdrückten der Erde, einem Heiligen des gottlosen Kommunismus. Diesen Status verdankte er mehr seinem grausamen Tod als seinen politischen Erfolgen. Er war alles in allem keine zweieinhalb Monate an der Macht gewesen, vom 30. Juni bis zum 14. September 1960. Die Liste seiner Leistungen las sich wie eine Anhäufung von Schnitzern und Fehleinschätzungen. Seine überstürzte Afrikanisierung der Armee war sympathisch, aber führte zu einem Desaster, seine Bitte um militärische Hilfe bei der UNO und der Sowjetunion war begreiflich, aber völlig unbesonnen, sein militärisches Vorgehen in Kasai kostete mehrere tausend seiner Landsleute das Leben. Schon zu seinen Lebzeiten fanden Youlou und Senghor, die ersten Präsidenten von Kongo-Brazzaville und Senegal, seine Handlungsweise sehr problematisch.53 Dem stand gegenüber, dass er kaum auf seine Aufgabe vorbereitet war, dass er mit einem kopflosen zivilen Exodus und einer militärischen Invasion der Belgier konfrontiert war und erleben musste, wie die UNO zögerte, die belgische Aggression energisch zu verurteilen. Doch mit seiner unglücklichen Art, auf tatsächliches Unrecht zu reagieren, machte sich Lumumba systematisch mehr Feinde als Freunde. Die Tragik seiner kurzen politischen Laufbahn bestand darin, dass sein größter Trumpf in der Zeit vor der Unabhängigkeit – sein unwahrscheinliches Talent, die Massen mitzureißen – sich in seinen größten Nachteil verwandelte, als von ihm als Ministerpräsident erwartet wurde, etwas abgeklärter aufzutreten. Der Magnet, der zuerst anzog, stieß nun ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortung für Lumumbas Ende liegt bei mehreren Akteuren. Knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit hatte Brüssel bereits signalisiert, dass es einen anderen Premierminister wollte. Auch bei der UNO und den USA war er nach einem Monat in Ungnade gefallen. Anfangs ging es um eine rein politische Eliminierung, aber amerikanische und belgische Politiker dachten allmählich über seine physische Beseitigung nach. Im Herbst 1960 steckte der CIA hinter Mobutus Putsch und wurde vom Weißen Haus mit der Liquidierung Lumumbas beauftragt. Auch der belgische Afrikaminister deckte &#039;&#039;covert actions&#039;&#039; mit dem Ziel, Lumumba auszuschalten. Alle diese Versuche scheiterten. Aber als Lumumba im Januar 1961 von Thysville nach Katanga gebracht wurde, war das mehr als eine Aktion der Politiker in Léopoldville und Elisabethville: Die logistische und operationelle Vorbereitung war durch belgische Berater in Léopoldville (die unter anderem bei einem Treffen bei Sabena den Plan für den Transfer der Gefangenen festgelegt hatten) erfolgt und aktiv von bestimmten Regierungsinstanzen in Brüssel unterstützt worden, vor allem vom Ministerium für afrikanische Angelegenheiten. Dem Ministerium waren die möglichen fatalen Folgen für Lumumba nicht unbekannt, doch es traf keine Vorsorge, sie zu verhindern. Das Gleiche gilt für den CIA: Der Ortschef in Léopoldville erhob keinen Einspruch, als er erfuhr, dass Lumumba nach Katanga gebracht werden solle, obwohl ihm bewusst war, dass das dramatisch enden konnte. Die eigentliche Exekution war das Werk katangesischer Politiker. Die Rolle ihrer belgischen Berater ist verschwommen: Bekannt ist, dass sie am Abend des 17. Januar zumindest darüber informiert waren, dass das Flugzeug mit Lumumba in Elisabethville gelandet war. Ernst zu nehmende Versuche, einen Mord zu verhindern, unternahmen sie jedenfalls nicht, obwohl sie wussten, dass sie den Lauf der Ereignisse entscheidend hätten beeinflussen können. Einige belgische Militärs, die die katangesischen Ordnungsdienste befehligten, nahmen an den Handlungen teil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Akt des unabhängigen Kongo war vorbei. Er war gekennzeichnet durch einen totalen Horror Vacui, einen unablässigen Strom von Ereignissen und Verwicklungen. Und er endete mit ein paar Zähnen eines leidenschaftlich engagierten Afrikaners, die in Zeitlupentempo auf den sandigen Boden eines grauen europäischen Meers herabsanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 traf ich mich in einem wunderschönen Garten in Lubumbashi mit Frau Anne Mutosh Amuteb. Mit ihren einundneunzig Jahren war sie die älteste Kongolesin, die ich bei meinen Nachforschungen interviewen durfte. Noch immer war sie eine imposante Erscheinung. Anne Mutosh war eine Prinzessin; ihr Großvater war Mwata Yamvo gewesen, der traditionelle König des Lunda-Reichs. Sie gehörte zum Clan von Moïse Tschombé. In der afrikanischen Bedeutung des Wortes war sie seine »Tante«. Mit ihr zu reden bedeutete, mit der Geschichte Katangas zu reden. Sie erzählte, dass ihre Eltern um 1900 bereits lesen konnten, sie hatten es von amerikanischen Methodisten gelernt. Sie selber war Hebamme geworden, hatte dann aber mehr Ambitionen als Geschäftsfrau entwickelt. Ich fragte sie, was die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Darüber brauchte sie nicht nachzudenken. »&#039;&#039;L&#039;époque belge&#039;&#039; und die katangesische Sezession«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. »In der Zeit der Belgier war alles gut organisiert. Es gab keine Korruption, der Handel lief korrekt ab. Ich habe Stoffe aus den Niederlanden importiert, aber auch Weizenmehl und Getreide. Einmal habe ich fünfzig Säcke auf einmal bestellt. Das ging damals ohne weiteres. Während der Sezession hatte ich auch noch keine Probleme. Erst als Mobutu kam, wurde alles so schwierig.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts ihrer Ahnentafel war es nicht verwunderlich, dass sie die Unabhängigkeit Katangas begrüßt hatte. Die Lunda trauerten um ihr verlorenes Königreich und träumten schon lange von regionaler Autonomie. Im Kongo zurückgebliebene Europäer unterstützten sie darin. Viele alteingesessene Kolonialisten begeisterten sich für die Sezession. Diese Haltung hing mit dem Wunsch zusammen, im gesamten Süden Afrikas die Macht der Weißen aufrechtzuerhalten. Die Unterschiede zwischen der Apartheid in Südafrika, Rhodesien, Südwestafrika (dem späteren Namibia) und den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik waren groß, aber während der übrige Kontinent unabhängig wurde, klammerten sich im Süden weiße, rechtsgerichtete Regierungen an die Macht. Katanga passte in diese Reihe.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abspaltung Katangas bildet den zweiten Akt des Schauspiels der Ersten Republik. Proklamiert am 11. Juli 1960, wurde sie am 14. Januar 1963 beendet. Nach der Ermordung Lumumbas am 17. Januar 1961 erhielt sie ein völlig neues Gesicht. Nachdem Tschombé am Rand von Lumumbas Grab gestanden hatte, wurde er der dominante Akteur. Von den vier Thronanwärtern der Unabhängigkeit waren nun noch drei übrig. Kasavubu und Mobutu hatten ebenso viel Blut an den Händen wie Tschombé, doch Lumumbas Tod ließ sie nicht näher zusammenrücken. Künftig würde sich der Kampf zwischen den dreien abspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Tschombé ein so zentraler Akteur wurde, darf verwundern, denn nach Lumumbas Ermordung war sein Katanga-Staat international geächtet. Der kommunistische Block äußerte seinen Abscheu, die UNO beschloss, härter aufzutreten. Kein einziger Staat hat Katanga jemals anerkannt, nicht einmal Belgien oder Amerika. Trotzdem verdankte Tschombé es Belgiern, dass er sich so lange halten konnte. Die Union Minière finanzierte den neuen Staat, indem sie ihre Steuern nicht mehr nach Léopoldville, sondern an die lokale Regierung überwies. Belgier prägten die militärische, administrative und ökonomische Infrastruktur. Hinter jedem katangesischen Minister stand ein belgischer Berater. Professoren aus Lüttich und Gent formulierten die Verfassung Katangas. Schlüsselinstitutionen wie die katangesische Gendarmerie, die Staatssicherheit und die Zentralbank wurden von Belgiern geleitet.56 In den Hotellobbys in Elisabethville sah man sehr oft weiße Männer, die ein Abzeichen mit der Flagge Katangas im Knopfloch trugen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem konnte sich Tschombé mit Hilfe einer kleinen Armee weißer Söldner behaupten. Diese »Freiwilligen« – es waren nie mehr als fünfhundert – kamen aus Südafrika, Rhodesien und Großbritannien, aber es waren auch Franzosen darunter, die in Indochina und Algerien gekämpft hatten, Männer aus der Fremdenlegion. Verkommene Typen, raue Burschen, Ultrarechte, Machos, Rambos, Kerle, die soffen, bis sie ihren Namen nicht mehr wussten, geschweige denn den der Hure, mit der sie im Bett gelandet waren. Sie kamen wegen des Geldes, des Abenteuers und verschwommener Ideale von »weißer Überlegenheit«. Belgische Offiziere waren aktiv an ihrer Rekrutierung, ihrer Ausbildung und ihren Einsätzen beteiligt.58 Sie bildeten den furchterregendsten Teil der katangesischen Streitkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Gegner waren die UNO-Blauhelme, die nationale Regierungsarmee und die Baluba aus dem Norden der Provinz. Das klingt beeindruckender, als es war. Die UNO zögerte, ihr robusteres Mandat in die Praxis umzusetzen. Die ANC war noch immer keine schlagkräftige Armee. Und die Baluba führten Krieg mit Giftpfeilen und Macheten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr nach dem Mord an Lumumba landete ein 22-jähriger Flame zum ersten Mal in Elisabethville. Er war bis dahin noch nie außerhalb Europas gewesen. Aufgewachsen in einem Bauerndorf in Westflandern, hatte er gerade in Gent sein Ingenieurstudium mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik (Bereich Schwachstrom) abgeschlossen. Die Firma &#039;&#039;Nouvelle Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039;, abgekürzt BCK, hatte ihn angeworben. Bei der Eisenbahn zu arbeiten, war eigentlich nicht sein Jungentraum gewesen. Er hatte sich bei der Fluggesellschaft Sabena beworben und bei der Union Minière, den Paradepferden der belgischen Wirtschaft. Er wollte Pilot werden, hatte jedoch seine Augen in einem intensiven Studium so sehr angestrengt, dass er davon kurzsichtig geworden war. Sein Name: Dirk Van Reybrouck. Zehn Jahre später sollte er mein Vater werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, in dem sein Flugzeug landete, hieß Katanga, nicht Kongo. Der übrige Kongo war für ihn Ausland. Von Léopoldville hatte er nur das Sabena-&#039;&#039;Guesthouse&#039;&#039; gesehen, in dem er bei einer Zwischenlandung übernachten musste. Das Katanga, in das er kam, besaß eine eigene Flagge, eine eigene Währung, eigene Briefmarken. Sein Kraftfahrzeugbrief ließ keinen Zweifel daran. Ich habe ihn vor mir liegen. Die giftgrüne Karte war noch zweisprachig, Französisch und Niederländisch. »Kongo Belge / Belgisch-Kongo« steht ganz oben. Jemand hat es mit Kugelschreiber durchgestrichen und einen stattlichen Stempel draufgedrückt: &#039;&#039;État du Katanga&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einsatzort meines Vaters war Jadotville, das heutige Likasi. Er war für die Elektroloks, Oberleitungen und Unterwerke an einer Strecke von sechshundert Kilometern bis zur angolanischen Grenze zuständig. Diese Ost-West-Verbindung, die Benguela-Bahnlinie, war eine Lebensader des unabhängigen Katanga.59 Erze und Rohstoffe konnten nicht mehr nach Norden gebracht und über Léopoldville und Matadi verschifft werden, denn das war feindliches Territorium. Also wurde alles per Bahn zur Küste Angolas transportiert. Die einspurige Bahnlinie, auf der in Angola noch Dampflokomotiven fuhren, war für Katangas Export und Import lebensnotwendig. Mein Vater war oft »auf Strecke«, wie das hieß. Mit einer »Draisine«, einem kleinen Schienenfahrzeug mit Dieselmotor, das als rollende Werkstatt fungierte, fuhr er für zwei, drei Wochen durchs Landesinnere, um Transformatoren zu kontrollieren und Schaltsysteme auszutauschen. BCK war ein hierarchisches Unternehmen, aber in diesen Jahren übertrugen die alten Hasen jungen Mitarbeitern viel Verantwortung. »Sie hatten ihre Familien schon nach Belgien zurückgeschickt«, erzählte Walter Lumbeeck, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, »sie wollten einfach ihre Restzeit absitzen und ließen andere die Arbeit machen. Ihr Vater war schüchtern. Seine Aufgabe war schwer für einen so jungen Mann, und sein Französisch war am Anfang nicht besonders. Aber nach einiger Zeit klappte die Verständigung mit den Schwarzen gut.«60 Er nahm auch Unterricht in Swahili. Jahre später hieß bei uns zu Hause der Hund &#039;&#039;Mbwa&#039;&#039; (Swahili für »Hund«), und Zucker und Tabak waren noch immer &#039;&#039;sukari&#039;&#039; und &#039;&#039;tumbaku&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die strategische Bedeutung der Benguela-Linie war den kriegführenden Parteien bekannt. Mein Vater, der leider kein besonders guter Erzähler war, hat mir zu Lebzeiten mehrmals geschildert, wie er nachts angerufen wurde, »weil irgendwo eine Brücke gesprengt worden war«. Dann machte er sich mit seiner Draisine auf, im zerbrechlichen Licht der Morgendämmerung, wenn die Welt langsam Farbe annahm. Seine afrikanischen Untergebenen fuhren das Wägelchen über die Gleise, während er versuchte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Am Ort des Anschlages mussten sie über dem Fluss die Oberleitung reparieren und die Gleise wieder instand setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Katanga hatten wir noch das Sagen«, meinte Walter Lumbeeck, »dieser Gedanke spielte eine große Rolle. Hier konnten wir die Sache hinbiegen. Soll der Rest doch sehen, wo er bleibt, Hauptsache, hier läuft es gut, so dachte man. Der Kupferpreis war hoch, die Union Minière arbeitete noch auf vollen Touren.« Der Kongo war zwar unabhängig, aber in Katanga dauerte der Kolonialismus faktisch an. Die belgischen Angestellten hatten Whiskey und Obst aus Südafrika, aus Belgien wurden sogar frische Muscheln eingeflogen. Junge Belgier führten dort ein unbeschwertes Leben, weit weg von Eltern, Dorf und Kirche. Es war die Zeit der &#039;&#039;barbecues und parties&#039;&#039;, herrlich neue Wörter für Feste, auf denen es keinen gab, der nicht rauchte: stilvolle junge Frauen mit hochgestecktem Haar, Männer mit weißen Hemden und schmalen Krawatten. Es war die Zeit von Adamo, Juliette Gréco und Françoise Hardy. Sonntags ging man in den cercle, einen Sport- und Freizeitclub. Man lag am Swimmingpool in der Sonne und trank Martini bianco, während im Hintergrund die Tennisbälle ploppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 2007 ging ich über das Gelände des Cercle de Panda; mein Vater war Mitglied in diesem Club gewesen. Der Pool war trocken, die Geräte auf dem Kinderspielplatz waren verrostet. Die Sprungbretter waren wie Gedankenstriche ohne Text.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Vater fuhr einen Ford Consul décapotable«, erzählten mir Frans und Marja Vleeschouwers, ein Ehepaar, mit dem er sich im cercle angefreundet hatte, »der Wagen verbrauchte mehr Öl als Benzin. Dirk musste immer literweise Öl mitnehmen.«61 Sie unternahmen Ausflüge zu den Mwadingusha-Wasserfällen. Sie besuchten den Missionsposten Kapolowe und tranken Bier bei den flämischen Patres. Oder sie gingen angeln im Urwald, an Orten, wo alte Einheimische noch mit Geld von Belgisch-Kongo bezahlten. Freundschaften erhielten dort einen höheren Stellenwert als Familienbande. Als Frans und Marja eine kleine Tochter bekamen, baten sie meinen Vater, Pate zu werden: ein Ehrenamt, das in Flandern Verwandten vorbehalten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war eine geschlossene Welt. »Jeder durfte Mitglied des cercle werden«, erinnerten sich Frans und Marja, »aber die Mitgliedschaft war so teuer, dass es sich kein einziger Schwarzer leisten konnte. Weiße eigentlich auch nicht, aber der Mitgliedsbeitrag wurde von der Union Minière automatisch auf unser Bankkonto in Belgien zurücküberwiesen. Unglaublich, was?« Es gab noch mehr, was nachdenklich stimmte. »Wir ließen unsere kleine Tochter mit schwarzen Kindern spielen. ›Solltet ihr euch nicht vor Krankheiten in Acht nehmen?‹, fragten uns dann manche Leute. Wirkliche Apartheid war das nicht, aber z. B. beim Metzger wurde ein Schwarzer von einem Schwarzen bedient und ein Weißer von einem Weißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Walter und Alice Lumbeeck, die anderen Freunde meines Vaters, konnten das nur bestätigen. Auf den Fotos von ihren Partys sah man nie einen Afrikaner, nicht mal auf denen vom Nikolausfest. »Kontakt mit Schwarzen wurde damals vermieden. Wenn man einen Schwarzen zu einer Party mitbrachte, verlor man seine Freunde. Weiße Männer mit einer schwarzen Frau, auf die wurde wirklich herabgesehen. Das war etwas für die ältere Generation. Bei BCK oder der Union Minière gab es noch ein paar ältere Angestellte mit einer schwarzen Frau, aber nicht mehr bei uns. Das war einfach nicht standesgemäß, es hatte keinen Stil. Man muss das vergleichen mit einem Direktor, der heute zu den Huren gehen würde. Weiße Männer hatten jetzt viel eher Affären mit den Frauen ihrer Kollegen. Ihr Vater war damals Junggeselle, er suchte gern die Gesellschaft von Leuten, die Niederländisch sprachen. Wenn er mit einer Schwarzen zu einem Fest erschienen wäre, hätte ihn niemand mehr eingeladen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga war ein Anachronismus. Nach dem Tod Lumumbas entschloss sich die UNO, mit Tschombé und seiner neokolonialen Sezession kurzen Prozess zu machen. In der ersten Jahreshälfte 1961 wurde der diplomatische Weg beschritten. Es fanden Konferenzen statt in Tananarive (heute Antananarivo), Madagaskar, Coquilhatville (heute Mbandaka) und Léopoldville. Die UNO strebte einen föderalen oder konföderalen Kongo an, ein wiedervereintes Land mit weitreichenden Kompetenzen für die einzelnen Provinzen. Auch Belgien verfolgte diese Option, doch die belgischen Berater der katangesischen Minister boykottierten systematisch alle Kompromissbemühungen. Diese ablehnende Haltung führte zu großem Unmut. Im August 1961 scheiterte die Sache endgültig. Die UNO vermittelte bei einer allerletzten Konferenz, die an der Universität Lovanium in der Hauptstadt abgehalten wurde. Der Kongo sollte einen neuen Premierminister bekommen. Nicht Ileo, Kasavubus Wunschkandidaten, nicht Mobutu, der sich selbst vorschlug, nicht Bomboko, der die Regierung der Akademiker geleitet hatte, sondern Cyrille Adoula, einen gemäßigten und kompetenten Gewerkschafter, der für alle Parteien akzeptabel war. Außerdem sollte das Land reformiert werden: weniger Zentralisierung von der Hauptstadt aus, mehr Macht für die Regionen. Ein Konsens schien in greifbarer Nähe, im letzten Moment aber zog Tschombé sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben mit Gewalt, beschloss die UNO. Im August, September und Dezember 1961 starteten die Blauhelme schwere Offensiven, um Katanga zurückzuerobern, die Armee der Provinz aus dem Weg zu räumen und die ausländischen Söldner zu vertreiben. Es gelang ihnen nicht. Die Söldner zogen sich nach Rhodesien zurück und setzten den Kampf von dort aus fort. Das Vorgehen der UNO verursachte viel Leid unter Zivilisten. Krankenwagen wurden unter Beschuss genommen, Spitäler bombardiert, unschuldige Zivilisten getötet. Mehr als dreißig Europäer wurden umgebracht. Außerdem sorgte der Einsatz der UNO für eine traurige Novität: das erste große Flüchtlingslager in der kongolesischen Geschichte. Mehr als dreißigtausend Baluba ergriffen aus Angst vor Tschombés Vergeltungsmaßnahmen die Flucht. Sie waren keine Befürworter der Sezession und fühlten sich nicht mehr sicher. Am Stadtrand von Elisabethville hausten sie in kleinen Hütten aus Pappkarton, Laubblättern und Stoff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Anne Mutosh hatte keine guten Erinnerungen an das Vorgehen der UNO. »Die marokkanischen Blauhelme haben damals an Straßensperren sehr viele Frauen vergewaltigt, sogar Schwangere. Ich war damals Vorsitzende der &#039;&#039;Union des Femmes Katangaises&#039;&#039; und habe in dieser Funktion noch Briefe an Dag Hammarskjöld und Präsident Kennedy geschickt. Hammarskjöld habe ich selber noch getroffen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem UNO-Generalsekretär war alles daran gelegen, dem neokolonialen Staat Katanga ein Ende zu bereiten. Er vermittelte intensiv zwischen Léopoldville und Elisabethville. Am 18. September 1961 flog er zum nordrhodesischen Flughafen Ndola für eine Besprechung mit Tschombé. Doch kurz vor der Landung stürzte seine Maschine unter nie geklärten Umständen ab. Keiner der Insassen überlebte. »Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben«, hatte er einmal geschrieben.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt schien kein Ende zu nehmen. Der Kongo glich einer zerbrochenen Vase, deren Scherben sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Trotzdem gelang es um diese Zeit (Dezember 1961 – Januar 1962) Mobutus Regierungsarmee, die Abspaltung Kasais zu beenden und die Regierung Gizenga im Osten zu stürzen. Zwei der vier Regierungen waren damit aufgelöst. Katanga würde noch ein Jahr länger durchhalten. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, bemühte sich das ganze Jahr 1962 um eine Verhandlungslösung, bis die UNO Ende Dezember entschied, dass es nun reichte. Kennedy gewährte einer finalen UNO-Offensive, der sogenannten Operation Grand Slam, beträchtliche amerikanische Unterstützung. Nach zwei Wochen war Katanga wieder angegliedert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 3. Januar 1963, und mein Vater stand am Fenster im ersten Stock seines Hauses in Jadotville. BCK hatte ihm eine der Junggesellenunterkünfte gegeben. Keine Villa mit Garten, sondern ein geräumiges Haus mit einer Garage im Erdgeschoss und einem modernistischen Treppenhaus. Es lag etwas außerhalb der Stadt, an der Hauptstraße nach Elisabethville. Er wusste, dass die Hauptstadt inzwischen in die Hände der Blauhelme gefallen war. »Befreit«, wie die einen meinten, »besetzt« nach Ansicht der anderen. Die internationale Streitmacht rückte nun Richtung Norden vor nach Jadotville, der zweitgrößten Stadt Katangas. Sie fuhren über die Straße, auf der Patrice Lumumba zwei Jahre zuvor seine letzte Autofahrt unternehmen musste. Am Lukutwe- und am Lufira-Fluss stießen sie auf Widerstand, aber am 3. Januar um die Mittagszeit nahmen sie Jadotville mühelos ein. Die katangesische Gendarmerie war bereits vorher geflohen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater blickte aus dem Fenster. Er sah einen weißen VW-Käfer, der die Stadt verließ. Die Straße nach Elisabethville war nach dem Durchzug der Truppen anscheinend wieder offen. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Plötzlich hörte er eine Schusssalve. Auf der Höhe seines Hauses hielt der VW an. Er sah drei Insassen, einen Mann am Steuer und zwei Frauen. Drei Belgier, und ein Hund. Mein Vater hatte sie schon öfter gesehen. Der Fahrer stieg aus. Albert Verbrugghe arbeitete in einer Zementfabrik. Er nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Blut rann aus einer Wunde unter seinem Auge. Er schrie, jammerte, stolperte. Die beiden Frauen – seine Frau Madeleine und ihre Freundin Aline – blieben sitzen. Auf ihren geblümten Kleidern breiteten sich große, rote Flecken aus. Erst als ihre Körper aus dem Käfer gezogen wurden und reglos im Gras am Straßenrand lagen, begriff Verbrugghe, was geschehen war. Die indischen Blauhelme hatten sie vermutlich für weiße Söldner gehalten.63 Auch der Hund war tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ist noch eine ganze Woche dort liegen geblieben«, erzählte mir mein Vater irgendwann in den frühen achtziger Jahren. Ich saß mit ihm im Wartezimmer des Zahnarztes. Auf dem Tisch lag eine abgegriffene Ausgabe von &#039;&#039;Paris Match&#039;&#039;. Auf der Titelseite war ein Schwarzweißfoto der Szene mit dem Volkswagen. Ich war zehn oder elf und sah die Todesangst im Blick des Mannes. Mein Vater sah sich das Bild minutenlang an und sagte dann: »Der Fotograf muss ungefähr auf meiner Höhe gestanden haben. Das ist direkt vor meiner Haustür passiert.« Später erfuhr ich, dass ein amerikanischer Kameramann die Fotos gemacht hatte und dass sie durch die ganze Welt gegangen waren. Das &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039; druckte sie im Januar 1963 ab, heute sind sie auch im Internet zu finden.64 Mein Vater war Augenzeuge einer Szene, die das berühmteste Fotos der katangesischen Sezession festgehalten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag im Juli 2007 stand ich dort, wo mein Vater damals gestanden hatte. Ich blickte durch sein Fenster auf den Ort des Geschehens. Die Straße war staubig, am Straßenrand hing ein großes Werbeplakat von CelTel. Jemand schob ein Fahrrad, das mit Holzkohle schwer beladen war. Die Wohnung meines Vaters existierte noch immer. Sie wurde nun von einem jungen, freundlichen Justizbeamten und seiner Familie bewohnt; er hatte eine bildhübsche Frau und zwei reizende Kinder. Sonntags war er Pfarrer der &#039;&#039;Armée de l&#039;Éternel&#039;&#039;, einer der vielen Pfingstgemeinden des Kongo. Die fensterlose Garage, in der mein Vater fünf Jahre lang seinen Ford Consul geparkt hatte, war nun ein improvisiertes Gebetshaus. Ich nahm am Gottesdienst teil. Dreißig Gläubige saßen dicht gedrängt auf wackligen Holzbänken. Das Licht fiel durch das halb offenstehende Garagentor. Im Halbdunkel sah ich die leuchtenden Farben der Betenden. Vor meinem inneren Auge hatte ich Schwarzweißbilder. 1963 und 2007 gingen ineinander über. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Die Menschen sangen wunderbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Hund am Straßenrand verweste, wurde Katanga entsetzt. Eineinhalb Wochen später, am 14. Januar 1963, verkündete Tschombé das Ende der Sezession. Seine Katanga-Gendarmen und weißen Söldner flohen über die Grenze nach Angola. Tschombé setzte sich nach Francos Spanien ab. Die Stimmung unter den Belgiern war sehr antiamerikanisch: Kennedy wurde für die UNO-Schlussoffensive verantwortlich gemacht. »Jetzt ist alles vorbei«, dachte Walter Lumbeeck, der Kollege meines Vaters, damals: »Alles wurde wieder kongolesisch. Das führte zu großer Entmutigung. Viele gingen fort.«65 Die ANC rückte ein, junge Soldaten, die kein Swahili sprachen, nur Lingala, und sich mit der typischen Arroganz von Siegern aufspielten. Die Verwaltung kam in die Hände von Leuten aus Léopoldville. »Unser Boy war in der Zeit der Sezession noch rentenversichert«, sagten Frans und Marja Vleeschouwers, »aber unter der neuen Regierung fiel das alles weg. Die Leute kochten wieder auf &#039;&#039;makala&#039;&#039;, Holzkohle. Es gab nichts mehr zu kaufen, außer Milch und Fleisch.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater musste sich seine Zigaretten und seine Rasierseife bei äthiopischen Blauhelmen besorgen. Die UNO blieb noch eineinhalb Jahre, um den Frieden in Katanga zu überwachen. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal nass rasierte, kramte mein Vater eine große, altmodische Tube Palmolive hervor. Er hatte sich schon lange auf einen Elektrorasierer umgestellt. Als Absolvent eines Studiums der Elektrotechnik konnte er dem Charme von Schaum und Rasierpinsel nichts abgewinnen. »Sei sparsam damit«, sagte er dennoch, »ich hab sie vor mehr als zwanzig Jahren von den UNO-Soldaten gekauft.« Ich besitze die Tube noch. Ein halbes Jahrhundert ist die Seife jetzt alt, aber sie schäumt immer noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sezession Katangas war vorbei, aber die weiße Enklave blieb bestehen. In Jadotville gab es »Oberbayern-Feste«, auf denen man in Lederhosen herumlief und Bierkrüge stemmte. Mitten in der Savanne . . . Alice Lumbeeck erinnerte sich daran, dass am 22. November 1963 bei den belgischen Nachbarn gejuchzt und getanzt wurde. Was war nun wieder los? Sie hatten einmal einen katangesischen Politiker als Nachbarn gehabt. Es war ziemlich lebhaft zugegangen. Die Bierkästen hatten sich bis zum Dach gestapelt. Im Garten wurden Ratten gegrillt. Sie hatten auch einen weißen Söldner als Nachbarn gehabt, einen der sogenannten &#039;&#039;affreux&#039;&#039;, der Schrecklichen. Aber nun johlten belgische Nachbarn, normale Zivilisten. »Ich fragte sie, warum. ›Kennedy ist ermordet worden! Kennedy ist ermordet worden!‹, haben sie gejubelt.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun waren sie noch zu zweit, Kasavubu und Mobutu. Zu Anfang des dritten und letzten Aktes der Ersten Republik war es Kasavubu, der triumphierte: Lumumba war tot, Tschombé verbannt, und Mobutu hatte sich bei der Befreiung Katangas nicht besonders hervorgetan. Es war das Werk der Blauhelme gewesen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit konnte Kasavubu über das gesamte Territorium des Kongo herrschen. Das Land war wiedervereinigt, und er unternahm Rundreisen. Die Beziehungen zu Belgien wurden wieder aufgenommen und die zu den USA bekräftigt. Als Zeichen der Wertschätzung sandte Washington gratis eine Lieferung angereichertes Uran nach Léopoldville, wo es im Kernreaktor der Universität Lovanium zu Forschungszwecken dienen sollte.68 Die Stabilität jener Jahre verdankte Kasavubu auch seinem Premierminister Cyrille Adoula, der drei Jahre an der Macht blieb. Das war mit Abstand die längste Amtszeit der Ersten Republik, wo es beim Amt des Premierministers sonst eher um Monate als um Jahre ging. Adoula war ein hart arbeitender, intelligenter, aber introvertierter Bürokrat, der aufgrund seiner Unentschlossenheit nie eine Bedrohung für Kasavubu bildete.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieses dritten Akts gelang es Kasavubu, seine Position erheblich zu festigen. Nachdem es nun so aussah, als sei wieder Ruhe eingekehrt, trat er für eine neue Verfassung ein, die die vorläufige &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039; ersetzen sollte. Im Laufe des Jahres 1964 erarbeitete eine Kommission die zukünftigen Spielregeln des Landes. Das Resultat war die Verfassung von Luluabourg, ein Text, über den per Referendum abgestimmt wurde. Kasavubu erzielte damit gleich zwei Erfolge. Die neue Verfassung gestaltete den Kongo zu einem dezentralisierten Staat um, und davon hatte Kasavubu schon seit einem Jahrzehnt geträumt. Die Provinzen erhielten mehr Macht, wurden aber bedeutend kleiner. Bereits 1962 waren die sechs riesigen Provinzen aus der Kolonialzeit in einundzwanzig &#039;&#039;provincettes&#039;&#039; aufgeteilt worden, Miniprovinzen, die eher den ethnischen Realitäten und den historischen Territorien entsprachen.70 Außerdem verlieh die neue Verfassung dem Staatsoberhaupt wesentlich mehr Macht. Der Präsident hatte künftig größere Befugnisse als der Ministerpräsident und dessen Regierung. Auch das Parlament hatte nun weniger zu sagen. Wenn es ein Gesetz verabschiedete, das dem Präsidenten nicht passte, durfte er eine erneute Abstimmung verlangen, denn jeder kann sich ja mal irren. Und damit der Fehler nicht ein zweites Mal passierte, bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit, um den Alternativvorschlag des Präsidenten abzulehnen . . . In Notfällen durfte das Staatsoberhaupt selbst zum Gesetzgeber werden. Reibereien mit einem widerspenstigen Ministerpräsidenten gehörten nun der Vergangenheit an. »Er darf auch aus eigener Initiative den Ministerpräsidenten oder eines oder mehrere Mitglieder der Zentralregierung des Amtes entheben, insbesondere, wenn er sich in einem ernsthaften Konflikt mit ihnen befindet«, stand in Artikel 62.71 Kasavubu war auf Rosen gebettet: Das Land bestand aus kleinen Einheiten, Katanga war zu drei harmlosen Miniprovinzen zerbröckelt, und er hielt die Zügel fester denn je in der Hand. Teile und herrsche, heißt so etwas. Ihm konnte nichts mehr passieren. Glaubte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 19. November 1963 wurden zwei sowjetische Diplomaten ver­haftet, die aus Brazzaville zurückkehrten. Man hatte bei ihnen äußerst belastende Dokumente gefunden. Die Diplomaten hatten in der Hauptstadt jenseits des Flusses Kontakt gehabt mit Christophe Gbenye, dem ehemaligen Innenminister zur Zeit Lumumbas. Brazzaville war ein Zufluchtsort für Lumumbisten der ersten Stunde geworden. Nicht zu weit entfernt von Léopoldville, aber doch sicher vor einem Zugriff Kasavubus. Die Dokumente sprachen von der Gründung einer revolutionären Bewegung&#039;&#039;,&#039;&#039; dem &#039;&#039;Comité National de Libération&#039;&#039;, mit Gbenye an der Spitze. Es waren bereits Delegationen nach Moskau und Peking gereist. In den Dokumenten erbat das Komitee die Unterstützung der UdSSR, um junge Männer militärisch auszubilden. Es bat um Funkanlagen, handliche Kassettenrekorder, Mini-Fotoapparate und Fotokopierer »oder andere, ähnliche zur Spionage geeignete Geräte«. Fast wie in &#039;&#039;Mission Impossible&#039;&#039;. Man forderte außerdem: »20 Miniatur-Pistolen (mit Schalldämpfer) in der Form eines Feuerzeuges oder Kugelschreibers« und einige »Koffer mit doppeltem Boden«. Kasavubu hatte sich zu früh in einer sicheren Position geglaubt.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Ausbruch von Unmut fand im Kwilu statt. Der Anstifter war Pierre Mulele, ehemaliger Minister für Bildung und Schöne Künste in der Regierung Lumumba, Handlanger von Gizenga. Mulele hatte mit den Verschwörern in Brazzaville nichts zu tun, verfolgte aber die gleichen Ziele. Nach dem Debakel der ersten Regierung war er ins Ausland geflohen und in China gelandet. Dort lernte er die Ideologie und die Praxis von Maos Bauernaufstand kennen und eignete sich Guerrillatechniken an. Mit dieser Ausbildung kehrte er heimlich in seine Geburtsregion zurück. Gizenga gehörte zu den Pende, jenem Stamm, der 1931 gegen die Kolonialregierung gekämpft hatte; Mulele gehörte dem benachbarten Mbunda-Stamm an. Er versuchte, unter den Bauern den Widerstand erneut anzufachen. Der Feind war diesmal nicht der weiße Kolonisator, sondern die erste Generation kongolesischer Politiker, die Lumumba ermordet hatten. Waren sie nicht mehr mit Machtspielen beschäftigt als mit dem Wohl des Landes? War nicht ihr Lebensstil von Müßiggang geprägt und ihre Selbstbereicherung schamlos? Waren sie keine verwerflichen Bourgeois? Statt dem Volk zu dienen, argumentierte er, missbrauchten sie die Macht, um nach Herzenslust in die Staatskasse greifen zu können. Ihre prowestliche Haltung habe ihre Raffsucht nur noch gesteigert. Die Bauern hörten Mulele zu und nickten grollend. Von der Unabhängigkeit hatten sie tatsächlich noch nicht viel gespürt, da hatte er recht. Ihr Leben war nur mühsamer geworden. Wurde es nicht Zeit für »eine zweite Unabhängigkeit«, fragten sie sich. Das war ein authentischer, volkstümlicher Begriff. Eine neue &#039;&#039;dipenda&#039;&#039;, diesmal die richtige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele begann mit seiner Bauernrevolte, dem ersten großen Aufstand auf dem Land in Afrika seit der Unabhängigkeit. Er bekundete einen außergewöhnlichen Idealismus und große Selbstlosigkeit. Er wurde eine Art kongolesischer Che Guevara, ein Linksintellektueller, der Anschluss bei den einfachen Leuten suchte. In Dörfern und Hütten lehrte er das revolutionäre Gedankengut. Unermüdlich betonte er die Bedeutung von Disziplin während der Revolte. Seine Vorschriften basierten stark auf den Schriften Maos.73 Die revolutionären Kämpfer sollten jeden Menschen respektieren, auch die Kriegsgefangenen. Stehlen war verboten, sogar beten.74 Was zerstört wurde, musste ersetzt werden. »Respektieren Sie die Frauen und vergnügen Sie sich nicht mit ihnen, so wie Sie möchten.« Nein, die Revolution sollte auch Töchter haben. In Muleles &#039;&#039;maquis&#039;&#039; wurden auch Frauen ausgebildet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele verfügte allerdings kaum über Waffen. Da er nicht von ausländischen Mächten abhängig sein wollte, musste sich der Aufstand aus eigenen Mitteln finanzieren. Also zog man mit ein paar alten Schusswaffen, mit Messern und mit aus Fahrradspeichen fabrizierten Giftpfeilen in den Kampf. Schulen wurden in Brand gesteckt, Missionsstationen zerstört, Brücken sabotiert. Es gab mehrere hundert Tote. Gemetzel fanden statt, trotz der Regeln. Dennoch war die Revolution nicht erfolgreich. Muleles chinesische Doktrin fand nicht überall Anklang. Sie war wohl zu säkular. Warum durften die Kämpfer nicht beten? Die einfachen Bauern im Kwilu wussten nicht, was Opium war und hatten kein Ohr für Geschichten über falsches Bewusstsein. Ihr Weltbild war nach wie vor in hohem Maße religiös und tribal geprägt. Deshalb wurde Muleles Machtbasis nie größer als das Stammesgebiet der Pende und der Mbunda. Die Städte entzogen sich seiner Kontrolle. Die mulelistische Revolte fand nur von Januar bis Mai 1964 statt, hatte aber große symbolische Bedeutung. Kasavubus Position war zum ersten Mal seit Tschombé offen bedroht, und Lumumbas Gedankengut erwies sich als quicklebendig. Wenn Lumumba ein Märtyrer war, dann war Mulele sein neuer Prophet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit konnte man in den breiten Alleen von Stanleyville zwischen den modernistischen Meisterwerken der Architektur unter einer sengenden Sonne eine steinalte Frau sehen. Sie war 80, vielleicht sogar 90. Mama Lungeni war die Witwe von Disasi Makulo, dem Mann, den Stanley als Kind freigekauft hatte. Ihr illustrer Mann war 1941 gestorben, sie hatte ihn schon mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. 1962 war sie zur Hochzeit einer Enkelin nach Stanleyville gekommen, und ihre angegriffene Gesundheit hatte die Rückkehr in ihr Heimatdorf im Regenwald verhindert.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als junges Mädchen war sie das Opfer tribaler Gewalt geworden, und jetzt, alt und mit steifen Gliedern, musste sie erleben, dass der Krieg zurückkehrte. Sie wusste natürlich nicht, dass die revolutionären Kampfgenossen in Brazzaville beschlossen hatten, in Aktion zu treten, aber sie würde es bald merken. Gbenyes Comité National de Libération plante eine Invasion in den Osten des Landes. In Burundi, das wie Ruanda seit 1962 unabhängig war, wurden die angehenden Rebellen von chinesischen Guerilla-Spezialisten trainiert. Auch die Sowjetunion war bereit zu helfen. Im Süd-Kivu wurde die Rebellion von einem Mann namens Gaston Soumialot angeführt, in Nord-Katanga hieß der Anführer Laurent-Désiré Kabila. Ihre Kämpfer waren sehr junge Männer, Jugendliche von sechzehn, siebzehn Jahren, manchmal noch jüngere Teenager und auch Kinder. Sie waren empfänglicher für Magie als für jede maoistische und marxistisch-leninistische Rhetorik. Sie nannten sich Simbas, Löwen, und glaubten fest an die Wirkung martialischer Rituale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dienst von Kabilas und Soumialots Befreiungsarmee stand eine mächtige &#039;&#039;féticheuse&#039;&#039;, Mama Onema, eine Frau in den Sechzigern. Jeder junge Krieger wurde von ihr initiiert. Mit einer Rasierklinge zog sie drei kleine Striche zwischen seinen Augen. Aus einer Streichholzschachtel nahm sie ein schwarzes Pulver – gemahlene Knochen und Haut von Löwen und Gorillas, gemischt mit zerquetschten schwarzen Ameisen und pulverisiertem Hanf – und rieb es in die Schnittwunden. Sie überreichte ihm ein &#039;&#039;grigri&#039;&#039;, ein Amulett, das er am Handgelenk oder um den Hals trug und das ihm Kraft verleihen sollte. Immer, wenn er in den Kampf zog, besprenkelte sie seinen Brustkorb und seine Waffen mit Wasser, das ihn unverwundbar machen sollte. Die Kämpfer mussten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln einhalten. Einem Nicht-Simba durften sie niemals die Hand geben, sie durften sich nicht waschen, sich nicht die Haare kämmen oder die Nägel schneiden, sonst verloren sie ihre Unverwundbarkeit. Viele dieser Regeln waren weniger bizarr, als es zunächst scheinen mag. Die meisten Simbas hatten keine Uniformen und kaum Schusswaffen. Sie zogen mit nacktem Oberkörper in den Kampf, behängt mit Zweigen und Tierfellen, und sie hatten nur Speere, Macheten und Knüppel. So ausgerüstet, mussten sie es mit Mobutus Regierungsarmee aufnehmen, die noch immer ein chaotischer Haufen war, allerdings ein chaotischer Haufen mit halbautomatischen Maschinengewehren. Die magischen Regeln zwangen die Simbas zu einer Form von militärischer Disziplin. Sex war verboten, weil die Kämpfer sonst Frauen vergewaltigen würden. In Panik geraten war verboten, weil sie sonst die Flucht ergriffen. Nach hinten zu blicken war verboten, sich zu verstecken war verboten. Die Simba-Krieger mussten auf den Feind losstürmen, unter lautem Gebrüll: &#039;&#039;»Simba, Simba! Mulele mai! Mulele mai! Lumumba mai! Lumumba oyé!«&#039;&#039; (Löwe, Löwe, Wasser von Mulele, Wasser von Lumumba, hoch lebe Lumumba!). Wenn sie das schrien, würden sich die gegnerischen Kugeln in Wasser verwandeln, sobald sie auf ihre Brust trafen. Wer dennoch getroffen wurde, hatte offensichtlich eine der Verhaltensregeln nicht beherzigt.76 Irrwitzig? Ja, aber nicht irrwitziger als bestimmte Angriffe im Ersten Weltkrieg, bei denen Soldaten ins Sperrfeuer getrieben wurden. Und das Bizarre war: Nicht nur die Simbas glaubten an ihre magischen Kräfte, sondern auch die Soldaten der Regierungsarmee. Mobutus Soldaten hatten panische Angst vor diesen unter Drogen gesetzten, hysterischen Berserkern, die mit lautem Geschrei und weit aufgerissenen Augen auf sie zu rannten. Im Mai 1964 nahmen die Simbas Uvira und Albertville ein, zwei wichtige Städte am Westufer des Tanganjikasees. Für Kasavubu und Mobutu war es eine schmachvolle Niederlage. Die Regierungssoldaten banden Zweige um ihre Gewehrläufe und hofften, es würde als Gegenzauber wirken, viel häufiger jedoch ergriffen sie die Flucht. Brüllend und kreischend eroberten die Aufständischen den Osten des Kongo. Die Rebellen konfiszierten Autos und plünderten Läden. Sie sammelten Schusswaffen ein, die die Regierungssoldaten in Panik zurückgelassen hatten. Soumialot zog mit seinen Leuten von Uvira nach Stanleyville, ein monatelanger Fußmarsch durch den Urwald. In allen Dörfern und kleinen Städten, durch die sie kamen, schlossen sich ihnen Jugendliche an, denen die Unabhängigkeit verhasst war. Wegen der Schlamperei der Regierung konnten viele tausend Jugendliche im Osten nicht mehr weiterlernen.77 Ihre Lehrer wurden nicht oder kaum bezahlt. Im ganzen Land traten Lehrer in den Streik.78 Der weiterführende Unterricht, die Möglichkeit schlechthin, in der Gesellschaft aufzusteigen, war nur noch ein Schatten dessen, was er einmal gewesen war. Die Schüler waren ohne Lehrer. Das Wort &#039;&#039;révolution&#039;&#039; enthielt für sie mehr Versprechen als das Wort &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Sie waren zu jung, um schon eine Frau, ein Haus oder ein kleines Feld zu haben, aber noch nicht alt genug, um alle ihre Träume aufzugeben. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie waren &#039;&#039;rebels with a cause&#039;&#039;, junge Löwen, die größten Verlierer der Unabhängigkeit. Und sie wurden zu schrecklichen Mordmaschinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni erlebte mit, wie die Rebellen in die Stadt kamen. Anfang August 1964 fiel ihnen Stanleyville in die Hände. Das Bollwerk von Lumumba und Gizenga gehörte wieder ihnen. Sie gingen auf die Suche nach Nutznießern der Unabhängigkeit. &#039;&#039;Évolués&#039;&#039;, Intellektuelle und Reiche mussten dran glauben. Beim Denkmal für Lumumba wurden rund 2500 »Reaktionäre« ermordet. Die Simbas schnitten ihnen das Herz heraus und aßen es; so verhinderten sie, dass die Toten zurückkehren konnten. Auch andernorts legten sie eine außerordentliche Grausamkeit an den Tag. »Butter! Butter!«, riefen sie in Tshumbe, als eine Machete den Schädel eines Feindes spaltete und das Gehirn herauslief.79 Babys und Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in die sengende Sonne gelegt, bis sie Tage später starben.80 In Kasongo schnitten sie einigen älteren Leuten den Bauch auf und zwangen die Umstehenden, die Gedärme zu essen.81 Außerdem waren sie ausgesprochen antiamerikanisch, antibelgisch und antikatholisch. Der amerikanische Konsul von Stanleyville musste auf der amerikanischen Flagge herumtrampeln und ein Stück davon essen.82 Wer auch nur einen Gegenstand mit der Aufschrift »Made in USA« besaß, war in Lebensgefahr. Es wurde zu einem Spiel, belgischen Missionaren den Bart anzuzünden und das Feuer dann mit Schlägen zu löschen. Viele Simbas beriefen sich auf den geheimen Kitawala-Kult, der im Osten des Kongo schon immer stark gewesen war.83 Ihr Hass gegen Weiße war groß. Mehrere Missionsschwestern wurden vergewaltigt und ermordet, einige Missionare gefoltert und getötet.84&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni befürchtete, nie mehr zu dem evangelischen Missionsposten Yalemba, wo Disasi begraben lag, zurückkehren zu können. Sie wollte dort sterben und neben ihm ruhen. Doch am 5. September 1964 riefen die Rebellenführer einen neuen Staat aus. Das Rebellengebiet hieß künftig &#039;&#039;République Populaire du Kongo&#039;&#039;, nach dem Vorbild der Volksrepublik China. Die verschiedenen Milizen wurden zur &#039;&#039;Armée Populaire de la Libération&#039;&#039;, der Volksbefreiungsarmee, verschmolzen. Christophe Gbenye, der Mann aus Brazzaville, wurde Präsident; Gaston Soumialot wurde Verteidigungsminister; das Oberkommando über die Streitkräfte wurde General Nicholas Olenga übertragen. Ein Drittel des Kongo gehörte ihnen. Mama Lungeni konnte nicht weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Kasavubu war es ein totaler Affront. Mobutu gab eine klägliche Figur ab mit seinen Truppen, die immer wieder ihr Heil in der Flucht suchten. Er bemühte sich, die Armee zu modernisieren, und erhielt sogar Unterstützung von kubanischen Kampfpiloten, Männer, die dem Regime Castros entflohen und fest entschlossen waren, anderswo auf der Welt den Vormarsch linker Revolutionäre zu verhindern. Aber auch das nützte nichts. Würde der Kongo nun doch dem Kommunismus anheimfallen? Das war nach wie vor nicht im Sinne der Amerikaner. Was, wenn Katanga zurückerobert würde? Was, wenn Tschombé aus Spanien zurückkäme und sich den Rebellen anschlösse? Er verfügte über genügend Mittel und Leute. Dann wären zwei Drittel des Kongo in revolutionären Händen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun vollzog sich eine jener völlig unerwarteten Wendungen, die für die politische Geschichte des Kongo typisch sind: Tschombé kehrte tatsächlich zurück und . . . schlug sich auf die Seite von Léopoldville, die Seite, gegen die er zweieinhalb Jahre lang gekämpft hatte! Es war eine Wendung um 180 Grad, aber sie war, lässt man den Faktor Integrität außer Acht, nicht unlogisch. Mobutu und seine Kumpel von der Binza-Gruppe (insbesondere Außenminister Justin Bomboko, Victor Nendaka, der Chef des kongolesischen Sicherheitsdienstes, und Albert Ndele, Gouverneur der Nationalbank) waren sich darüber im Klaren, dass Tschombé noch immer seine Katanga-Gendarmen und Söldner mobilisieren konnte.85 Er brauchte sie nur über die angolanische Grenze zu holen. Wenn sie sich auf die Seite der Rebellen stellten, war Léopoldville verloren. Und so entschieden sie, dass es besser war, einen unangenehmen Zeitgenossen im Haus zu haben, der Steine nach draußen schmiss, als umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé wiederum hatte schon immer eine Machtbasis in der Hauptstadt angestrebt. Das Angebot Mobutus und der Seinen war eine vortreffliche Chance, das Exil in Madrid zu beenden und seiner politischen Laufbahn ein neues Kapitel hinzuzufügen. Kriecherisch schrieb er Kasavubu: »In dieser schwierigen Zeit, die bevorsteht, und aus der das Land stärker hervorgehen muss, um die gewaltigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, die vor ihm liegen, erneuere ich mein Angebot, Ihnen meine uneingeschränkte Mitarbeit im Dienste des Vaterlandes zu gewähren.«86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit bildeten die drei Feinde Lumumbas eine Troika: Kasavubu als Präsident, Mobutu als Oberbefehlshaber der Armee und, nach einigen Verhandlungen, Tschombé als Ministerpräsident. Im Juli 1964 löste er Adoula ab und versprach dem Volk »einen neuen Kongo in drei Monaten«. Im großen Fußballstadion von Léopoldville jubelten ihm dreißig- bis vierzigtausend Menschen zu. In Stanleyville, kurz vor der Einnahme durch die Rebellen, legte er sogar einen Kranz nieder am Denkmal für Lumumba, für dessen Ermordung er mitverantwortlich war.87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé verfügte über zwei Trümpfe: seine Söldner von damals und die US-Armee. Unter den Söldnern befanden sich Oberst Mike Hoare, ein Südafrikaner irischer Abstammung, »Mad Mike« genannt; Oberst Bob Denard, ein Franzose und zweifellos der berüchtigtste Söldner des zwanzigsten Jahrhunderts; und Jean Schramme, genannt »Black Jack«. Letzterer war kein klassischer Söldner, sondern ein Belgier, der Plantagen in Katanga besaß und beschlossen hatte, sich an der »Rettung« des Kongo zu beteiligen. In schmuddeligen Kneipen in Brüssel, Paris und Marseille wurden neue Kämpfer rekrutiert. Sie unterzeichneten Verträge, in denen stand, wie viel Schmerzensgeld sie erhalten würden für den Verlust eines Zehs (30.000 Belgische Franc), eines großen Zehs (50.000 Belgische Franc) oder des rechten Arms (350.000 Belgische Franc). Und auch, was ihre Witwe bekommen würde (1 Million Belgische Franc).88&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Amerikaner stellten Léopoldville eine Luftflotte zur Verfügung: dreizehn T-28 Kampfflugzeuge, fünf B-26-Bomber, drei C-46-Transportmaschinen und zwei kleine zweimotorige Passagierflugzeuge. Alles Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber gut genug, um in den Kampf zu ziehen gegen Halbwüchsige mit nacktem Oberkörper, die sich für unverwundbar hielten.89 Während die Söldner zusammen mit Katanga-Gendarmen, kongolesischen Regierungssoldaten und belgischen Offizieren eine Bodenoffensive starteten, beschossen die Amerikaner die Simbas aus der Luft. Eine Stellung nach der anderen fiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Simbas reagierten mit blindwütigem Zorn. Fassungslos, dass sie doch fallen konnten, erklärten sie ihre Verluste damit, dass die saisonbedingten Regenfälle die magischen Kräfte abwuschen.90 Wie Besessene suchten sie bei den zurückgebliebenen Weißen nach Sendeanlagen, denn sie verdächtigten sie, den Feind zu informieren. Wer ein Transistorradio besaß oder auch nur einen Kugelschreiber, war verdächtig. Sie holten Hunderte Europäer aus dem Gebiet, das noch unter Kontrolle der Rebellen war, und brachten sie als Geiseln in das Hotel Victoria Palace in Stanleyville. Sie drohten damit, alle Geiseln umzubringen. Das war das Startsignal für eine groß angelegte Militäraktion der Belgier und Amerikaner. Sie bestand aus einer Bodenoffensive (Operation Ommegang) und einer Luftoffensive (Operation Dragon Rouge). Am 24. November 1964 landeten 343 belgische Fallschirmjäger in Stanleyville und besetzten den Flughafen. Unterdessen rückten die Bodentruppen in die Stadt ein. Zweitausend Europäer wurden befreit und mit vierzehn C-130-Maschinen evakuiert; etwa hundert kamen bei der Aktion ums Leben. In den Tagen darauf töteten die Simbas als Vergeltung neunzig Nonnen und Patres im Landesinneren.91 Der Blutzoll auf kongolesischer Seite wurde nie ermittelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni entging um Haaresbreite dem Tod. Am Tag der Befreiung Stanleyvilles hörte sie um halb sechs das Dröhnen der Flugzeuge. Sie schloss sich mit ihren Angehörigen im Haus ein. »Kurz darauf flog eine der Maschinen über unser Viertel Tshopo«, erinnerte sich ihr Sohn. »Direkt über uns feuerte sie eine Rakete ab, die ungefähr zehn Meter von unserem Haus entfernt einschlug. Ein Teil des Geschosses verschwand im Boden, die Bruchstücke flogen bis an die Haustür und zertrümmerten alle Fensterscheiben.« Mama Lungeni saß in diesem Moment im Wohnzimmer gegenüber der Haustür. Sie fiel in Ohnmacht. »Alle, die Kinder und die Enkelkinder, riefen: Mama ist tot! Oma ist tot! Wir trugen sie auf den Innenhof, wo sie wenig später wieder zu atmen begann und die Augen öffnete.«92&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Einnahme Stanleyvilles zerstreuten sich die Rebellen über das Landesinnere. Zwei Töchter von Mama Lungeni, die am Fluss wohnten, holten ihre Mutter mit einem Einbaum ab. Aber die Missionsstation Yalemba war noch lange nicht sicher. In großer Angst vor den amerikanischen Bombern verließen die Menschen ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute flohen in den Regenwald oder auf die Inseln. Mama Lungeni und ihre Kinder gehörten zu den Flüchtlingen im Wald. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Immer wieder mussten sie sich einen neuen Ort suchen und sich provisorische Hütten als Schutz gegen das schlechte Wetter bauen. Mama Lungeni war erschöpft und konnte nicht mehr laufen. Bei jedem Ortswechsel musste sie getragen werden, abwechselnd auf dem Rücken ihrer Tochter Bulia und ihrer Enkelinnen Mise und Ndanali. Die Kleinen, Naomi, Toiteli, Maukano, Moali und ihr Cousin Asalo Kengo folgten ihnen und trugen das Gepäck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil es ihr so schlecht ging und weil es so unsicher war, beschloss sie, den Wald zu verlassen und Schutz zu suchen auf der Insel Enoli, mitten im Fluss, wo Onkel Anganga und seine Familie wohnten.93&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau beendete ihr Leben so, wie es begonnen hatte: in Not und Elend eines Krieges. Eines Tages ging sie nach dem Abendgebet schlafen. Ein schwerer Regenschauer prasselte nieder. Um drei Uhr morgens zündete ihre älteste Tochter, die neben ihr schlief, eine Lampe an. Mama Lungeni war gestorben. Es war der 1. Mai 1965. Mit einem Einbaum brachten sie den Leichnam nach Bandio, zu dem Ort, an dem Disasi 1883 entführt worden war. Die Trommel verbreitete die Nachricht von ihrem Tod. Die Menschen kamen aus dem Äquatorialwald, um dem Begräbnis beizuwohnen. Sie wurde neben ihrem Mann bestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der Bürgerkrieg dauerte an. Léopoldville gewann stetig Terrain. Doch als die Rebellen schon sehr geschwächt waren, bekamen sie im Osten Unterstützung von unerwarteter Seite. Die schlecht organisierte Revolution hatte nie eine ernsthafte Diplomatie entwickelt, die Unterstützung sympathisierender Länder wie Ägypten, Algerien, China und der UdSSR war die ganze Zeit kaum der Rede wert. Doch plötzlich ging im April 1965 am Ufer des Tanganjikasees niemand Geringeres als Che Guevara an Land! Er war aus Kuba hergeflogen und ließ mehr als hundert gut ausgebildete kubanische Soldaten in den Kongo kommen, alle von afrikanischer Abstammung, damit ihre Anwesenheit nicht auffiel, späte Nachfahren von Sklaven aus Zentralafrika. Nun sollten sie den Kongo an der Seite von Kabila und seinen Simbas zurückerobern. Aber el Che musste bald erkennen, dass das revolutionäre Feuer bei Kabilas Männern nicht besonders hoch loderte. In ihren geheimen Lagern im Buschwald ertönte laute Tanzmusik, und auch Frauen und Kinder hielten sich dort auf. Die kongolesischen Genossen, die keinerlei militärische Ausbildung hatten, lungerten meist nur herum. Von Schützengräben wollten sie nichts wissen, das sei etwas für Tote. Schießtraining interessierte sie nicht, sie konnten das rechte Auge nicht zukneifen. Sie feuerten lieber einfach drauflos.94 Einer der Kubaner sagte einmal im Scherz, im Kongo seien sämtliche Bedingungen erfüllt, die man für die Revolution nicht brauche, wie Che Guevara sarkastisch in sein Tagebuch notierte.95 Die wenigen Male, als sie an die Front gingen, hatten die Kubaner »mit ansehen [. . .] müssen, wie sich die Truppen gleich zu Beginn der Kampfhandlungen auflösten, wie die teuren Waffen einfach weggeworfen wurden, um schneller fliehen zu können«.96 Kabila selbst hielt sich ständig in Tansania auf und ließ sich nach zwei Monaten kurz sehen, um aufs Neue zu verschwinden. Che räumte ein, dass Kabila die einzige Persönlichkeit mit Führungsqualitäten sei, aber von einem wahren revolutionären Anführer hatte er doch andere Vorstellungen. »Er benötigt dazu außerdem revolutionäre Integrität, eine Ideologie, die der Aktion zugrunde liegt, und Opferbereitschaft, die seine Handlungen begleitet. Bisher hat Kabila noch nicht den Beweis erbracht, dass er irgendetwas davon besitzt. Er ist jung, und möglicherweise ändert er sich ja noch; aber ich bin bereit, auf einem Blatt Papier, das erst in vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, meine tiefen Zweifel daran festzuhalten, dass er in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, seine Defizite ausgleichen kann.«97 Kabila würde mehr als drei Jahrzehnte im Buschwald herumlungern. 1997 stürzte er Mobutu, el Che war damals längst ermordet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach sieben Monaten verließen Che Guevara und seine Kämpfer den Kongo. Die Rebellion war erfolglos. Mit Bitterkeit notierte er: »Während jener letzten Stunden im Kongo hatte ich mich so alleine gefühlt wie nie, weder in Kuba noch an irgendeinem anderen Ort meiner Wanderungen durch die Welt.«98&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé triumphierte. Die Rebellion war zurückgedrängt worden dank »seiner« Söldner und »seiner« Gendarmen. Neben dem militärischen Triumph verbuchte er auch einen äußerst wichtigen diplomatischen Sieg. In Brüssel hatte er Verhandlungen über das viel diskutierte »koloniale Portfolio« aufgenommen. Damit waren die großen Aktienpakete gemeint, die Belgien kurz vor der Unabhängigkeit an sich gerissen hatte. Die Diskussion über die Rückgabe der Wertpapiere wurde unter dem Namen &#039;&#039;»&#039;&#039;c&#039;&#039;ontentieux belgo-congolais«&#039;&#039; bekannt. Tschombé konnte die belgischen Unterhändler davon überzeugen, dass die Aktien im Grunde dem kongolesischen Staat zustünden, und bekam das Huhn mit den goldenen Eiern wieder in den eigenen Stall. Als er in den Kongo zurückkam, schwenkte er überall eine lederne Aktentasche.99 Das Portfolio! Das Volk lachte und strahlte. Der Krieg war vorbei, das Geld kam zurück. »Jetzt werden wir wieder &#039;&#039;makayabu&#039;&#039; essen!«, sangen sie, köstlichen Stockfisch, der unerschwinglich geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik war es für den durchschnittlichen Kongolesen erheblich bergab gegangen. Die Inflation war turmhoch: 1960 kostete ein Kilo Reis nur neun Franc, 1965 neunzig Franc.100 Die Kaufkraft war mächtig geschrumpft.101 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Wer noch einen Arbeitsplatz hatte, musste mit immer weniger Lohn immer mehr Münder stopfen.102 Viele Menschen hungerten.103 Krankheiten, die unter Kontrolle gewesen waren, wie die Schlafkrankheit, TBC und Flussblindheit, forderten erneut zahlreiche Opfer.104&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1965 war Tschombé der mit Abstand populärste Politiker des Kongo. Zum ersten Mal seit der Entkolonialisierung fanden wieder Parlamentswahlen statt. Tschombé gewann haushoch. Mit seinem Zweckbündnis von Parteien errang er 122 der 167 Sitze. Kasavubu erkannte, dass Tschombé eine Gefahr für seine Präsidentschaft bedeuten konnte. In seinen Händen waren nun die Befugnisse des Premierministers, des Außenministers, des Außenhandelsministers und die Ressorts Arbeit, Infrastruktur und Öffentlichkeit.105 Am 13. Oktober machte Kasavubu das, was er im September 1960 mit Lumumba gemacht hatte: Er setzte den Premierminister ab und berief einen Lakaien auf den Posten (Evariste Kimba), einen Mann, zu dem das Parlament kein Vertrauen hatte. Die neue Verfassung erlaubte diesen Schachzug, doch jetzt schien alles von vorn zu beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem unserer Gespräche holte Jamais Kolonga ein merkwürdiges, stark zerknittertes Foto hervor. Eine kleine Gruppe junger Männer stand mit strahlenden Gesichtern um einen Tisch. In der Mitte erkannte ich sofort den jungen Mobutu. Schon damals sah er aus wie ein afrikanisches &#039;&#039;remake&#039;&#039; von König Baudouin. »Das war am fünfunddreißigsten Geburtstag von Mobutu. Die Feier war im Restaurant des Zoos, dem besten Restaurant der Stadt.« Es war der 14. Oktober 1965, einen Tag nach der Absetzung Tschombés. »Hier links steht Isaac Musekiwa, Trompeter bei OK Jazz, daneben Paul Mwanga, Sänger bei OK Jazz, dann ich, Jamais Kolonga, neben Mobutu! Rechts stehen die Männer von African Jazz. Erst der Sänger Mujos und dann der große Kabasele selbst. Das hier ist Roger Izeidi, von OK Jazz. Und ganz rechts, das ist niemand Geringeres als Franco!« Die Elite der kongolesischen Musik versammelte sich an diesem Abend um den höchsten Befehlshaber der Armee; es war so, als wären die Beatles und die Stones zusammen mit dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte auf einem Foto zu sehen. Jean Lema alias Jamais Kolonga schwelgte noch einmal in Erinnerungen. »Weißt du, was Mobutu mir an dem Abend verraten hat? Ich hatte 1960 drei Monate mit ihm im Dienst von Lumumba zusammengearbeitet. ›Jean‹, sagte er, ›in einem Monat bin ich Präsident der Republik.‹«106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kam es auch. Am 24. November 1965, dieses Datum weiß jeder Kongolese auswendig, rief Mobutu um neun Uhr abends alle hohen Kommandanten der Streitkräfte in seiner Residenz in der Hauptstadt zusammen. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten, Zeitungen und Zeitschriften. Den ganzen Tag hatte er an Sitzungen teilgenommen, und sein Entschluss stand fest: Er würde Staatsoberhaupt werden. Die Erste Republik war auf eine totale Katastrophe hinausgelaufen. Er musste Ordnung schaffen. Wenn Kasavubu die Machenschaften von vor fünf Jahren wiederholte, dann würde er, Mobutu, seinen Staatsstreich wiederholen, und diesmal nicht für die Dauer von fünf Monaten, sondern für fünf Jahre. Einem Mitarbeiter diktierte er eine Presseerklärung, ein Leutnant musste den Text für die Übertragung im Rundfunk einsprechen, ein Major sabotierte unterdessen Kasavubus Telefonleitung. Alle versicherten ihm seine Unterstützung. Das Bier floss in Strömen. Madame Mobutu bewirtete die Anwesenden mit Fisch und Kochbananen. Sie war allerdings sehr besorgt: »Hört doch auf mit dem Unsinn. Wenn sie euch fassen, werdet ihr alle ermordet«, flüsterte sie ihrem Schwager zu. Aber um halb drei Uhr morgens schenkte sie jedem ein Glas Champagner ein. Drei Stunden später sendete der Rundfunk die Nachricht vom Staatsstreich.107 Den ganzen Tag war dann nur noch Marschmusik zu hören. Die Erste Republik war vorbei. Kein Schuss war gefallen. Der Kampf um den Thron war entschieden. Jeder der vier Protagonisten hatte seine &#039;&#039;finest hour&#039;&#039; versprochen, aber es war Mobutu, der den Ruhm einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 9 Die elektrisierenden Jahre ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Mobutu krempelt die Ärmel hoch 1965-1975 ===&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo wunderte sich schon ein wenig, als er den Brief entgegennahm. Er bekam zwar öfter Post hier in Paris, aber dass ihm der Direktor seiner Schule höchstpersönlich einen Brief überreichte, das war neu. Seit wann war der Rektor des berühmten INA, des &#039;&#039;Institut National de l&#039;Audiovisuel&#039;&#039;, ein Edel-Kurier? Der Leiter eines der weltweit wichtigsten Ausbildungsinstitute für Rundfunk- und Fernsehjournalisten hatte doch bestimmt Besseres zu tun, als Postbote zu spielen für die Handvoll afrikanischer Studenten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Brief hatte einen bedeutenden Absender. Zizi sah, dass er von der Botschaft kam, und das bedeutete in jener Zeit: vom Präsidenten. Mobutu hatte seinen Minister mit der Zustellung beauftragt, der Minister den Botschafter, der Botschafter sein Personal. So lief das inzwischen in Zizis fernem Vaterland. Seit Mobutu neun Jahre zuvor an die Macht gekommen war, hielt er die Zügel fest in der Hand. Alle Zügel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September. Das akademische Jahr hatte gerade begonnen. Paris wurde wieder eine wuselige Stadt: Die Franzosen waren aus den Ferien zurück, die Metros wieder voll, Menschenmengen hasteten über die Boulevards. »Ambassade de la République du Zaïre«, las Zizi auf dem Briefkuvert. Auch nach drei Jahren hatte er sich noch nicht an den neuen Namen gewöhnt . . . Das offenherzig klingende Wort Kongo hatte 1971 dem zischenden Zaire weichen müssen. Mobutu fand das authentischer als die koloniale Bezeichnung »Kongo«. Der Vater der Revolution stützte sich dabei auf eines der frühesten schriftlichen Dokumente: eine portugiesische Karte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dort trug der breite Strom, der in einem großen Bogen durch sein Land floss, den Namen »Zaire«. Allerdings hatte Mobutu kurz nach der Umbenennung entdecken müssen, dass er einem Irrtum aufgesessen war: Zaire war die völlig fehlerhafte Schreibweise des Wortes &#039;&#039;nzadi&#039;&#039;, im Kikongo einfach nur der Name für »Fluss«. Als die Portugiesen die Eingeborenen im Mündungsgebiet des Stromes fragten, wie sie die große, wirbelnde Wassermasse nannten, hatten die geantwortet: »Fluss!« &#039;&#039;Nzadi&#039;&#039;, wiederholten sie. &#039;&#039;Zaire&#039;&#039;, verstanden die Portugiesen. Zweiunddreißig Jahre lang würde Zizis Land seinen Namen der falschen phonetischen Wiedergabe eines portugiesischen Kartographen verdanken, der vor vier Jahrhunderten gelebt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaïre also. So hieß das Land, und künftig hießen so auch der Fluss und die Währung und die Zigaretten und die Kondome und noch einiges mehr. Ein bizarrer Name, mit dem seltsamen z und dem lästigen Trema. Wenn man ihn auf der Schreibmaschine tippen musste, bekam man über dem i so eine heilige Dreifaltigkeit von Pünktchen. Die amerikanischen Bündnispartner Mobutus sprachen es nie richtig aus. Die machten daraus prinzipiell das einsilbige »zair«, &#039;&#039;air&#039;&#039; mit einem z davor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;A l&#039;attention du Citoyen Kabongo Kalala&#039;&#039;, stand auf dem Brief der Botschaft. Die Franzosen fanden es bestimmt amüsant, dieses »citoyen« als Anrede. Wenigstens noch ein Land, das die revolutionäre Etikette hochhielt, zweihundert Jahre nach dem Sturm auf die Bastille.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich hatte Zizi nicht erwartet, dass man ihn mit »Zizi« anreden würde. Nur wenige wussten noch seinen richtigen Namen, aber in amtlicher Korrespondenz blieb er doch einfach Isidore – zumal &#039;&#039;zizi&#039;&#039; in Frankreich »Schniedel« bedeutet. Aber auch der Isidore fehlte auf dem Briefumschlag. Dort stand weder ein Vorname noch ein Initial. Kabongo Kalala, so hieß er seit zwei Jahren offiziell. 1940 war er als Isidore Kabongo geboren, doch seit 1972 ging er als Kabongo Kalala durchs Leben. Ohne Vorname. Christliche Vornamen waren verboten, weil auch sie zu kolonialistisch waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass seine Untertanen noch allzu sehr unter dem alten Joch standen. Es galt, das Volk auch mental zu befreien. Und dabei konnten auch Namensänderungen helfen. Aus Léopoldville wurde Kinshasa, aus Stanleyville Kisangani und aus Elisabethville Lubumbashi. Auch unbedeutendere Städte bekamen einheimische Namen: Ilebo statt Port Francqui, Kananga statt Luluabourg, Moba statt Baudouinville, Mbandaka statt Coquilhatville, Likasi statt Jadotville. Der Leopold-II.-See wurde in Maï Ndombe umbenannt, schwarzes Wasser, aus dem Albertsee wurde der Lac Mobutu. Und um den Lokalstolz zu brechen, hieß Katanga künftig Shaba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber neue Ortsnamen reichten nicht, meinte Mobutu. Auch die Personennamen mussten dran glauben, denn manche Kongolesen schauten noch zu sehr zu Belgien auf. Leute, die Lukusa hießen, entstellten ihren Namen noch immer zu De Luxe. Kalonda wurde zu De Kalondarve. Der Sänger Georges Kiamuangana fand den flämisch klingenden Namen Verckys als Künstlername attraktiver. Und Désiré Bonyololo, der Stenograph aus Kisangani, nannte sich am liebsten Désiré Van-Duel. Die Ideologen der Zweiten Republik grauste es. Der neue Zairer sollte stolz sein auf das, was er war, statt in lächerlicher Weise damit zu kokettieren, was er sein wollte. Also gab es künftig nur noch einheimische Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so mussten sogar die Vornamen verschwinden, denn die waren ja von Missionaren eingeführt worden, die die Kinder auf die Namen europäischer Heiliger tauften: Joseph, Jean, Christophe, Thérèse, Bernadette, Marie. Definierte sich der wahre Zairer, so der Präsident, nicht eher durch das Verhältnis zu seinen Ahnen als zu einem fernen Heiligen? Also verbot er kurzerhand die Taufnamen und führte zwangsweise Namen ein, die sich auf die Abstammung bezogen. Der &#039;&#039;prénom&#039;&#039; fiel weg, an seine Stelle trat der &#039;&#039;»postnom«&#039;&#039; (ein netter mobutistischer Neologismus). Es war ein hinterlistiger Versuch, die Macht der Kirche zu brechen. Aus Isidore Kabongo wurde Kabongo Kalala. Unter Mobutu wurde wirklich alles anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang waren wir sehr zufrieden mit dem Putsch von Mobutu«, erzählte mir Zizi Kabongo bei einem unserer vielen Gespräche in Kinshasa. Mit wenigen Informanten habe ich mich so oft unterhalten wie mit ihm.1 Er hatte einen scharfen analytischen Blick auf die komplexe Geschichte seines Landes und redete sehr differenziert darüber. Wie viele andere Kongolesen seiner Generation war er eine Zeitlang Seminarist gewesen, hatte auf halber Strecke aufgegeben und war Lehrer für Latein und Griechisch in Katanga geworden. Schließlich entschied er sich für die journalistische Laufbahn. Heute, mit neunundsechzig Jahren, ist er einer der Direktoren des staatlichen Rundfunks. »Uff!, sagten wir damals. Endlich Ordnung. Die Erste Republik war ja ein enormer Kuddelmuddel gewesen. Dieser ganze Zoff zwischen Kasavubu und Tschombé . . . Es war eine Riesenenttäuschung. Die Züge fuhren nicht mehr, mit dem Wohlstand war es vorbei, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Politiker fuhren währenddessen in Limousinen herum und schickten ihre Kinder zum Studium nach Europa. Mobutu schaffte für fünf Jahre die politischen Parteien ab, und alle waren sehr zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte tatsächlich einen neuen Stil in die Politik. Kurz nach seinem Putsch hielt er im großen Fußballstadion von Kinshasa eine Rede. Hier ergriff ein schlanker junger Mann das Wort, der keinen sündhaft teuren Smoking trug, sondern eine khakifarbene Armeeuniform und ein Barett.2 Vor einer riesigen Menschenmenge sprach er mit dröhnender Stimme über »die fruchtlosen Konflikte von Politikern, die das Land und ihre Landsleute dem Eigennutz geopfert haben«. Das Publikum konnte ihm nur beipflichten. »Nichts zählte für sie außer der Macht und den Vorteilen, die sie daraus zogen. Sich die Taschen füllen, den Kongo und die Kongolesen ausbeuten, das war ihre Devise.« Mobutu nannte die Dinge beim Namen. Seine Sprache war konkret, seine Argumente waren stichhaltig. »Ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen, wie hart sie auch sein mag. Es ist vorbei mit den Versicherungen, dass alles gut läuft, obwohl alles schlecht läuft. Und ich sage es Ihnen gleich: In unserem geliebten Land läuft alles wirklich sehr schlecht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traktierte er das proppenvolle Stadion mit einer Gastvorlesung über Volkswirtschaft. Er legte ernüchternde Zahlen auf den Tisch. Die Produktion von Mais, Reis, Maniok, Baumwolle und Palmöl war dramatisch zurückgegangen. Die Staatsausgaben waren exponentiell gestiegen. Die Kaufkraft war eingebrochen, die Korruption quicklebendig. So konnte es nicht weitergehen. »Ein Ausnahmezustand verlangt besondere Maßnahmen, und das auf jedem Gebiet.« Mobutu verbot für die Dauer von fünf Jahren alle parteipolitischen Aktivitäten. In dieser Zeit wollte er das Land wieder flottmachen, und dazu benötigte er die Hilfe jedes Mannes und jeder Frau. »Um dieses Wiederaufbauprogramm zu realisieren, brauchen wir Hände, viele Hände.« Mobutu krempelte die Ärmel seiner Uniform hoch, um ein gutes Beispiel zu geben. »Wir sehen uns hier in fünf Jahren wieder. In fünf Jahren sehen Sie den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Legislatur. Ich bin mir sicher: Sie werden feststellen, dass sich der Kongo von heute mit seiner Misere, seinem Hunger und seinen Rückschlägen in ein reiches und blühendes Land verändert haben wird, in dem man gut leben kann und um das die Welt uns beneiden wird.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So emotional hatte seit Lumumba kein Politiker mehr in der Hauptstadt gesprochen. Mobutu verwendete die drastische Sprache Lumumbas und ergänzte sie mit einem konkreten Programm. Er strahlte Zuversicht und Entschlossenheit aus. Der Kongo würde ein moderner Staat werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten wäre Zizi nach Europa gegangen, um mit einer Arbeit über Baudelaire zu promovieren, doch Mobutu war der Ansicht, dass die junge Intelligenzija dem Land mit konkreteren Leistungen zu dienen habe. Zizi wurde zusammen mit einigen Landsleuten nach Paris geschickt, um dort zu lernen, wie man Fernsehen macht. Staatsfernsehen sollte ein wesentliches Instrument bei Mobutus Anstrengungen werden, das Land wieder auf die Beine zu bringen. Bereits am 23. November 1966, genau ein Jahr nach dem Putsch, wurde das erste kongolesische Fernsehprogramm überhaupt ausgestrahlt. Ein weiteres Jahr später starteten die ersten Sendungen auf Lingala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Überall kamen Antennen und Relais«, erzählte Zizi. »Der Kongo hatte sogar Farbfernsehen, lange bevor es das in großen Teilen Osteuropas gab. Eine ganze Generation Journalisten war sehr gut ausgebildet. Wir gingen nach Paris und bekamen von Mobutu ein Stipendium, das zweimal so hoch war wie der französische Mindestlohn. Ich hatte eine eigene Wohnung, ich ging ins Kino. Ich verdiente mehr als ein französischer Arbeiter!« Als Mobutu seine Studenten einmal in Paris besuchte, durfte sich jeder von ihnen auf seine Kosten fünf Anzüge auf den Champs-Elysées kaufen.4 Bei einem Reportageauftrag in Brüssel überprüfte der Protokollchef das Gepäck des Kamerateams, um zu sehen, ob die Kleidung angemessen war. Sogar der Kameramann musste eine Fliege tragen. Die später ausgezahlten Tagespauschalen waren so hoch, dass sich Zizi ein Haus davon bauen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traf dieser Brief ein, im September 1974. Zizi las, dass er Ende des Monats nach Kinshasa müsse, für einen Besuch von höchstens achtundvierzig Stunden. Alle Studenten aus Zaire am INA hatten so einen Aufruf erhalten; eine Hand wäscht die andere. Der Grund für den so dringenden Besuch im Heimatland? Dort würde ein wichtiger Boxkampf stattfinden, und der sollte live übertragen werden. Ein Boxkampf mit Muhammad Ali.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Jahrzehnt von Mobutus dreißigjährigem Reich war eine Zeit der Hoffnung, hochgespannten Erwartung und des Wiederauflebens. »Mobutu war elektrisierend«, sagte der Schriftsteller Vincent Lombume einmal zu mir.5 Und das nicht nur, weil er das Fernsehen ins Land brachte und Wasserkraftwerke baute, sondern auch, weil er der heruntergekommenen Nation einen starken, die Moral hebenden Impuls gab. Die Jahre zwischen 1965 und 1975 leben im Gedächtnis vieler als die goldenen Jahre des unabhängigen Kongo. Und tatsächlich, in Kinshasa pulsierte das Leben wie nie zuvor, das Bier schäumte, die Nächte waren endlos. Kin-la-Belle wurde die Stadt genannt. Ab 1969 stieg die Bierproduktion jährlich um 16 Prozent. 1974, im Jahr des Boxkampfs, wurden fünf Millionen Hektoliter gebraut.6 Aber in den ersten fünf Jahren, als Mobutu noch vollauf damit beschäftigt war, seine Macht zu konsolidieren, gab es auch äußerst grausame Ereignisse. Momente, die die Euphorie umgaben wie mit Glasscherben bewehrte Betonmauern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein trüber Donnerstag in Kinshasa, als in aller Frühe die ersten Menschen auf dem großen, offenen Platz in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; eintrafen, dem Brachland bei der Brücke westlich des Flughafens Ndolo. Würde es wirklich dazu kommen? Junge Frauen mit einem Korb voll Zuckerrohr auf dem Kopf verlangsamten ihren Schritt. Mütter mit ihrem Baby auf dem Rücken blieben stehen. Beamte im Anzug änderten ihren täglichen Weg. Halbstarke mit zerrissenen T-Shirts kamen angerannt. Sollte es wirklich passieren? Hunderte, Tausende Füße betraten das große Gelände. Schicke italienische Schuhe staksten durch den Staub neben schwieligen, nackten Füßen. Pantoletten mit Stöckelabsätzen hinterließen kleine Löcher in der Erde. Lastwagen mit Soldaten standen bereit. In der Mitte der Fläche konnte jeder sehen, dass es Ernst war: Dort war ein Holzpodest mit einem Galgen errichtet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war Donnerstag, der 2. Juni 1966, und Mobutu war seit sechs Monaten an der Macht. Am Montag hatte er im Radio verkündet, ein Komplott gegen ihn sei vereitelt worden. Alle hatten gehört, dass einen Tag zuvor, am Pfingstsonntag, vier Männer aus der alten Regierung dabei ertappt worden seien, Pläne für einen Putsch zu schmieden. Es handelte sich um Alexandre Mahamba, einen ehemaligen Minister in den Regierungen Lumumba, Ileo und Adoula, um Jerôme Anany, Verteidigungsminister unter Adoula, um Emmanuel Bamba, Finanzminister in derselben Regierung und zugleich bedeutender Führer der Kimbanguisten, und vor allem um Evariste Kimba, den Mann, der kurzzeitig Premierminister gewesen war, auf Wunsch von Kasavubu, direkt vor Mobutus Staatsstreich. Hatten sie tatsächlich einen Umsturz geplant? Höchstwahrscheinlich waren sie in eine Falle gelockt worden. Armeeoffiziere hatten sich als Überläufer ausgegeben und sie gebeten, eine Namensliste für eine neue Regierung aufzustellen. Der Prozess, der darauf folgte, war eine Farce. Keiner der beteiligten Militärs wurde vorgeladen, die vier angeklagten Zivilisten hatten nicht die geringste Chance. Als sich einer von ihnen verteidigen wollte, sagte der Richter: »Meine Herren, das hier ist ein Militärgericht und keine Diskussionsveranstaltung. Wir sind hier, um zu bestrafen, das Verfahren benötigt also nicht viel Zeit.«7 Einige Augenblicke später wurde das Urteil gefällt: Tod durch den Strang, obgleich keiner von ihnen jemals Gewalt angewendet oder eine Waffe besessen hatte oder auch nur ansatzweise in Aktion getreten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menge strömte zusammen. Zu Zehntausenden. Die französische Presseagentur AFP sprach von rund dreihunderttausend Schaulustigen.8 Es war der größte Volksauflauf in der Geschichte des Kongo. Kinshasa war inzwischen auf die doppelte Größe angewachsen, es war nun eine Stadt mit gut achthunderttausend Einwohnern.9 Mehr als die Hälfte davon waren jünger als zwanzig Jahre.10 Nach der Unabhängigkeit hatte erneut eine starke Landflucht eingesetzt, unter anderem durch den Bürgerkrieg im Landesinneren. Kinshasa wucherte: Über eine Zone von fünfzehn Kilometern erstreckte sich ein endloses Meer von Wellblechplatten und improvisierten, meist eingeschossigen Häuschen, die gedrängt voll waren. Nur im Zentrum gab es hohe Bauten. All die alten und neuen Bewohner Kinshasas, die Kinois, waren nun an diesem Donnerstagmorgen nach Pfingsten auf den Beinen. Die Vertreter der Kolonialmacht hatten in den dreißiger Jahren öffentliche Hinrichtungen zur Abschreckung benutzt. Würde auch Mobutu es wagen, so weit zu gehen? Und dann noch bei vier ehemaligen Ministern?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass Mobutu vor nichts zurückschreckte. Nach seinem Staatsstreich hatten sich seine Gegner von einst an sicherere Orte begeben müssen. Kasavubu war in seine alte Heimatgegend geflohen, Tschombé war wieder ins spanische Exil gegangen. Sie waren beide auf der Hut. Kasavubu hatte Mobutu geschrieben, dass er dessen Putsch »im höheren Interesse des Landes« akzeptiere. Als Wunschkandidat des Volkes könne er ja vielleicht seinen Sitz im Parlament einfordern, aber er »erachte es als zweckdienlich, zum momentanen Zeitpunkt dieses Amt nicht zu bekleiden«. Kasavubu hatte schon immer etwas von einem Kanzelredner an sich gehabt, doch so untertänig hatte er noch nie zuvor gesprochen. »Ich würde mich am liebsten in Bas-Congo ein wenig ausruhen«, schrieb er noch. Er wolle zurück in sein Dorf, die europäische Kleidung ablegen und in einheimischer Tracht Freunden und Gästen Palmwein ausschenken.11 Und als sei das noch nicht deutlich genug, fuhr er fort: »Es liegt mir fern, Agitation jedwelcher Art zu betreiben.«12 Kasavubu fiel also als Gegner weg. Vier Jahre später starb er im Alter von zweiundfünfzig Jahren an Krebs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Tschombé sah die Sache ganz anders aus, wusste das Volk. Viele hatten für ihn gestimmt. Nach seinem glänzenden Wahlsieg hegte er, der Retter des Vaterlandes, noch großen politischen Ehrgeiz. Er pendelte zwischen Paris, Madrid und Palma de Mallorca und bereitete seine Rückkehr vor. Das war ganz und gar nicht in Mobutus Sinn. Hatte er nicht öffentlich verkündet, er plane &#039;&#039;»l&#039;élimination pure et simple de la politicaille«&#039;&#039;, werde also politische Intriganten für immer ausschalten?13 Niemand von denen, die sich nun um den Galgen versammelten, konnte es ahnen, aber ein Jahr später würde Tschombé in Abwesenheit zum Tode verurteilt werden wegen angeblicher umstürzlerischer Aktivitäten, obwohl er genau wie Lumumba demokratisch gewählt worden war. Im Juni 1967 wurde er von einem zwielichtigen französischen Geschäftsmann mit Kontakten in höchste kongolesische Regierungskreise zu einem Ausflug von Palma nach Ibiza eingeladen. Auf dem Rückflug feuerte der Mann plötzlich zwei Schüsse ab und zwang die Piloten, Kurs auf Algier zu nehmen. Dort landete Tschombé im Gefängnis. Der Kongo forderte seine Auslieferung, aber der algerische Präsident Boumedienne weigerte sich trotz einer Verfügung des obersten Gerichtshofes. Zuerst war er bereit gewesen, Tschombé auszuliefern, falls der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbräche, doch Präsident de Gaulle intervenierte persönlich bei Boumedienne, um diesen Deal zu verhindern, denn die Auslieferung wäre mit Sicherheit auf eine Neuauflage des Lumumba-Mordes hinausgelaufen.14 Zwei Jahre später, am 29. Juni 1969, starb Tschombé in seiner algerischen Gefängniszelle, drei Monate nach Kasavubu. An Herzversagen, so seine Ärzte. Es war Mord, so die Überzeugung vieler Menschen im Kongo. Er war nur achtundvierzig geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte den Kampf um den Thron für sich entschieden, aber in den ersten Jahren seiner Regierungszeit rechnete er systematisch mit seinen Konkurrenten aus der Ersten Republik ab. Sogar Lumumba musste fünf Jahre nach seinem Tod noch neutralisiert werden. Seine Anhängerschaft war noch immer groß, und das nicht allein im Osten des Landes. Mobutu reagierte mit einem genialen Schachzug, der von ebenso viel strategischem Geschick wie grenzenlosem Zynismus zeugte: Er, Mobutu, der Mann, der an der Ermordung Lumumbas maßgeblich beteiligt gewesen war, erklärte Lumumba nun zum . . . Nationalhelden! Das kongolesische Volk konnte am Nationalfeiertag hören, wie Mobutu ohne mit der Wimper zu zucken sagte: »Ehre und Ruhm diesem berühmten Kongolesen, dem großen Afrikaner, dem ersten Märtyrer unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit: Patrice Emery Lumumba.«15 Und der Boulevard Léopold III., eine der Hauptachsen Kinshasas, wurde umbenannt in Boulevard Patrice Emery Lumumba. So heißt er noch heute. An seinem Anfang winkt Lumumba als riesiges Denkmal dem hupenden Verkehr zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war an Niedertracht nicht zu überbieten. So wie Mobutu 1964 Tschombé neutralisiert hatte, indem er ihn im Kampf gegen die Simbas vor seinen Karren spannte, neutralisierte er nun die Persönlichkeit Lumumbas, indem er ihn posthum rehabilitierte. Die Lumumbisten wussten nicht, wie ihnen geschah: Ihr Held war plötzlich auch der Held des Feindes! Mobutu hatte ihn gleichsam auf dem Rücksitz seines Putsch-Mopeds mitgenommen. Neutralisieren durch Einkapseln sollte in den nächsten dreißig Jahren ein bewährter Trick seiner Diktatur werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neutralisierung war auch schon in seinen ersten Monaten ein Schlüsselwort. Nachdem er die politischen Parteien verboten hatte, schob er nun auch das Parlament aufs Abstellgleis. Den Volksvertretern und Senatoren legte er nahe: »Ruhen Sie sich doch erst einmal aus, machen Sie fünf Jahre Pause!«16 Die Legislative sei unterdessen bei ihm in guten Händen. Auch einige Provinzen mussten dran glauben. Die Aufgliederung in Miniprovinzen sei Geldverschwendung, meinte Mobutu. Er sorgte lieber für Übersichtlichkeit und reduzierte ihre Zahl von einundzwanzig auf neun. An die Spitze stellte er überall seine Getreuen. Diese Zentralisierung sollte den Fliehkräften (Sezessionen, Tribalismus) entgegenwirken. Doch das reichte ihm noch nicht. Von einer föderalen Zivildemokratie wurde der Kongo zu einer zentralisierten Militärdiktatur. Mobutu hatte bei seinem Putsch General Mulamba als Premier eingesetzt, sah sich jedoch nach einiger Zeit veranlasst, sogar dieses Amt zu neutralisieren. Zizi Kabongo wusste den wahren Grund: »Mulamba war beim Volk beliebt, mehr als Mobutu. Deshalb hat er ihn kaltgestellt. Mulamba wurde Botschafter in Japan. So ging das immer. Scheinbeförderungen, Tressen, Geld, alles Aufmerksamkeiten, um Leute zum Schweigen zu bringen.« Künftig nahm Mobutu neben der gesetzgebenden und militärischen Macht auch noch die Exekutive auf seine Schultern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eine öffentliche Hinrichtung? Das war dann doch etwas anderes, als einen Gegner auf einen fernen Botschafterposten in einer luxuriösen Villa abzuschieben. »Keiner hat geglaubt, dass es so weit kommen würde«, sagte Zizi. »Mobutu hatte immer noch keine gefestigte Machtbasis. Er hatte nur die Armee, und in der hatte jeder der vier Verurteilten Männer seines Stammes. Die hätten rebellieren können.« Mobutu war sich unschlüssig. Schon seit mehreren Tagen mied er seine Frau, aus Angst, sie könne ihn umstimmen. Auch Erzbischof Malula hatte um Begnadigung gebeten, sogar der Papst hatte angerufen. Aber nun nachzugeben, wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen . . . Mobutus Lieblingsbuch in diesen Tagen war &#039;&#039;Der Fürst&#039;&#039; von Machiavelli.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag spielte eine Militärkapelle auf dem Hinrichtungsplatz. Das Meer von Menschen sah, wie ein Jeep auf das Gelände fuhr. Die vier Verurteilten saßen darin! Am Schafott schrien zwei Frauen ihren Schmerz und ihre Ohnmacht hinaus. Sie waren Angehörige eines der »comploteurs«. Sie wurden zusammen mit ihren Kindern vom Platz entfernt. Die Frauen waren außer sich, ihr Oberkörper war entblößt, die Haare hingen lose herab. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer richtete sich nun auf das Podest. Als Erster erklomm der Henker das Schafott, ein Hüne, schwarz gekleidet und mit einer schwarzen Kapuze. Gleich danach sah die Menge einen hochgewachsenen Mann mit verbundenen Augen hinaufsteigen. Er trug nur blaue Fußball­shorts mit weißen und roten Streifen. Es war Evariste Kimba, der ehemalige Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Unten hatte er vor einem der anwesenden Priester die Beichte abgelegt, neben den vier Särgen, die schon bereitstanden. Der Henker verlas das Urteil. Kimba hielt sich aufrecht. Die Schlinge wurde ihm um den Hals gelegt, und die Luke öffnete sich. Aus der Masse ertönten Schreie des Abscheus, dann war es totenstill. Mehr als zwanzig Minuten dauerte der Todeskampf. Schweigend sah die Menge zu, wie der Körper des ehemaligen Premiers am Strick zappelte. Eine Ewigkeit. Die anderen drei Verurteilten sahen vom Jeep aus, was ihnen bevorstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der letzten Hinrichtung brach im Publikum heftige Panik aus. Die meisten Menschen ergriffen die Flucht und überrannten die Soldaten. Im Gedränge kamen Kinder und Erwachsene zu Fall. In nur wenigen Minuten rannten mehrere zehntausend Menschen weg. Hinterher lagen stöhnende Verletzte und verlorene Schuhe über das ganze Gelände verstreut. Und auf dem Platz wurde der vierte Sarg zugenagelt. An diesem Tag, dem 2. Juni 1966, jubelte das Volk nicht mehr über Mobutu, sondern zitterte vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu der »Streitfrage, ob es besser ist, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt«, schrieb Machiavelli: &#039;&#039;»Die Antwort lautet, dass beides erstrebenswert ist; da man jedoch beides nur schwerlich miteinander verbinden kann, ist es viel sicherer, dass ein Fürst gefürchtet wird, als dass er geliebt wird, wenn er schon nicht beides zugleich erreichen kann.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Von da an hatten alle Angst«, erzählte Zizi. »Die Staatssicherheit bekam sehr viel Macht. Keiner traute sich mehr, im Restaurant des Zoos, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Treffpunkt von Politikern und Diplomaten, zu essen aus Angst, von den Kellnern belauscht zu werden. Selbst bei Trauerfeiern fürchteten wir uns vor kleinen Jungs, die Erdnüsse verkauften. Sie hätten ja Spione sein können. Mit den Hinrichtungen wollte Mobutu ein Exempel statuieren. ›Niemand spielt mit meiner Macht.‹ Er wollte Angst verbreiten und sich selbst bestätigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später sagte Mobutu in einem Interview: »Bei uns ist der Respekt vor dem Häuptling heilig. Es musste ein eindrucksvolles Exempel statuiert werden.« Das ganze Theater mit Sezessionen, Rebellionen und Amtsenthebungen sollte nicht von vorn beginnen. »Wenn ein Häuptling entscheidet, entscheidet er, und basta.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sorgte dafür, dass es dem Stützpfeiler seiner Macht, der Armee, an nichts mangelte. Ihm würde eine Meuterei erspart bleiben. Unmut wurde mit Geld im Keim erstickt. Es gab eine tief greifende Modernisierung. Neue Rekrutenjahrgänge erhielten neue Chancen. Neben einer Offiziersschule führte er Spezialausbildungen ein. Ki­sangani war von belgischen Fallschirmjägern befreit worden; Mobutu beschloss, dass auch er Fallschirmjäger haben musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa sprach ich mit Alphonsine Mosolo Mpiaka. Sie war die erste Fallschirmspringerin in der kongolesischen Armee. Im Jahr 1966 war sie fünfundzwanzig. »Wir bekamen unsere Grundausbildung hier in Ndjili. Ein Ausbildungszentrum für Fallschirmspringer war eingerichtet worden. Unsere Lehrer waren Israelis.« Die USA unterstützten Mobutu, Israel also auch – zum großen Ärger der arabischen Welt. »Für die Absprünge selbst mussten wir nach Israel. Ich bin zwölf Mal gesprungen. Ich war die erste Frau, nach mir rekrutierte Mobutu noch vierundzwanzig Mädchen. Es sollte ein gemischtes Team sein, auch von der Abstammung her. Ein paar Bakongo, ein paar Baluba, ein paar aus Katanga.« Enttribalisierung, auch jetzt. Mobutu wollte eine Armee, die nicht mehr in Stammeskategorien dachte. Loyalität erkaufte er sich. »Wir waren sehr angesehen und wurden richtig verwöhnt. Mit meiner Prämie konnte ich mir ein Grundstück mit einem Haus darauf kaufen. Und trotzdem brauchte ich nie in einem Krieg abzuspringen, nur für die Paraden hier in Kinshasa.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war ihr Können sehr gelegen gekommen. Im Osten des Landes war die Rebellion immer noch nicht völlig niedergeschlagen, aber Mobutu übertrug diesen Job lieber den noch immer anwesenden weißen Söldnern. Denard und Schramme erledigten den Großteil und erhielten danach Orden. Schramme wandte sich zwar noch gegen Mobutu und versuchte eigenhändig, den Kongo zu »retten«, aber diese Episode nahm ein unrühmliches Ende.19 Die Nationalarmee konnte sich anschließend definitiv ihrer weißen Söldner entledigen. Ende 1967 ergriffen Soumialot und Gbenye die Flucht, und der gesamte Kongo stand wieder unter der Gewalt der Zentralregierung in der Hauptstadt. Der gesamte Kongo? Im äußersten Osten, in einer gebirgigen Gegend beim Tanganjikasee, schwang Laurent-Désiré Kabila noch immer das Zepter. Doch nach der Abreise von Che Guevara glich sein »revolutionärer« Widerstand zwischen Fizi und Baraka eher dem Dorf von Asterix und Obelix: unabhängig, ja, aber vor allem ungefährlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war befriedet, und ab 1968 stellte Mobutu die Zivilregierung wieder her.20 Er selbst zeigte sich nun auch ohne Armeeuniform in der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal trug er die Accessoires, die zu seinem Markenzeichen werden sollten: Auf dem Kopf die charakteristische Leopardenmütze, in der Hand den mit Schnitzereien versehenen Stock aus Ebenholz, traditionelle Häuptlingsattribute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war der Hintergrund, der Pierre Mulele zu dem Glauben veranlasste, er könne nun getrost nach Hause zurückkehren. Nach dem von ihm angeführten Bauernaufstand im Kwilu 1964 war er nach Brazzaville geflohen. 1968 amnestierte Mobutu ihn. Justin Bomboko, Außenminister und Intimus der Binza-Gruppe, teilte ihm mit, dass man ihn wie einen Bruder empfangen werde. Im September des Jahres überquerte Mulele den Fluss und wurde auf der anderen Seite mit einem festlichen Empfang begrüßt. Er durfte bei Bomboko logieren. Drei Tage später holten ihn Soldaten ab, angeblich zu einem großen Auftritt im Fußballstadion. Der leidenschaftliche und eigenwillige Freiheitskämpfer dürfe dort eine Volksansprache halten. Die Soldaten brachten ihn jedoch in ein Militärlager, wo er noch am selben Abend grausam gefoltert wurde. Sie schnitten ihm Ohren und Nase ab, drückten ihm die Augäpfel aus und trennten ihm die Genitalien ab. Während er noch immer lebte, hackten sie ihm Arme und Beine ab. Ein paar Stunden später klatschte ein Sack mit seinen Überresten in den Fluss.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu, Tschombé, Kimba, Gbenye, Soumialot, Mulele: Innerhalb weniger Jahre waren Mobutus alte Gegner einer nach dem anderen von der Bildfläche verschwunden. Doch um seine Macht weiter zu festigen, musste er auch verhindern, dass neue Gegenspieler hochkamen. In einer neuen Verfassung ließ er 1967 seine Allmacht fest verankern. »Das kongolesische Volk und ich«, sagte er einmal vor dem Parlament, »sind ein und dieselbe Person.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es kamen noch bittere Tage. Direkt vor der Hauptstadt lag auf einem grünen, schattigen Hügel die Universität Lovanium. Während Mobutu seine Alleinherrschaft installierte, sägte die Studentenbewegung mit unglaublichem Mut weiter an seinem Stuhl. Die für Europa so entscheidenden Studentenrevolten vom Mai 1968 in Paris, Leuven und Amsterdam wirkten allenfalls wie spielerische Aktionen im Vergleich zu dem Einsatz und der Intensität der kongolesischen Studentenbewegung. Mobutu war es gelungen, alle oppositionellen Bewegungen zum Schweigen zu bringen. Die Gewerkschaften wurden unschädlich gemacht, die Kirche hielt sich zurück. Nur die Studenten wagten es noch, zu rebellieren.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 1967 gründete Mobutu mit seinen Mitarbeitern den &#039;&#039;Mouvement Populaire de la Révolution&#039;&#039; (MPR), am 20. Mai schrieben sie das Grundsatzprogramm. Der MPR war angeblich eine Volksbewegung, faktisch jedoch Mobutus politische Partei. Die Mitglieder versammelten sich außerhalb der Hauptstadt in dem kleinen Ort Nsele. Dieses Dorf am Fluss würde sich binnen weniger Jahre zu einer weiträumigen Tagungsstätte mit weißen, modernistischen Gästehäusern und imposanten Versammlungssälen entwickeln. Es wurde eine Hochburg des Mobutismus. Der Text vom 20. Mai ging hinaus in die Welt unter dem Namen &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039;, ein Dokument, das jeder Kongolese nach einiger Zeit kannte. Es erschien, nach dem Muster von Maos &#039;&#039;Kleinem Rotem Buch&#039;&#039;, als ein kleines grünes Buch, wurde in großen Mengen verbreitet und war als eine Art Katechismus der neuen Regierungspolitik gedacht. Jeder Einwohner des Kongo, so stand in dem Text, sei künftig Mitglied des MPR. &#039;&#039;»Olinga olinga te, ozali na kati ya&#039;&#039; MPR&#039;&#039;«&#039;&#039;, seufzte man. »Ob es einem nun gefällt oder nicht, man gehört einfach dazu.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs schien Mobutu noch einer Oppositionspartei Platz einzuräumen, doch diesen Gedanken ließ er schnell fallen. Der Kongo wurde, wie so viele afrikanische Staaten kurz nach der Unabhängigkeit, ein Einparteienstaat. Der abrupte Übergang von einer monolithischen Kolonialregierung zu einem demokratischen Mehrparteiensystem war ohne Zwischenstufen verlaufen und hatte gerade deshalb in einem Fiasko geendet. Der MPR wollte die Bevölkerung wieder zusammenbringen. »Mehr als der Klassenkampf garantiert die Vereinigung aller den Fortschritt«, war zu hören.25 Das ganze Volk sollte sich für den Wiederaufbau des Landes begeistern. Der erste Kern des MPR bestand aus einem Freiwilligenkorps junger Mobutisten, aber schon bald erreichte die Macht der Partei astronomische Höhen. Der MPR wurde die höchste Institution des Landes, was so weit ging, dass der Unterschied zwischen Staat und Partei verblasste. »Der MPR, das ist der Staat«, äußerte Mobutus Hausideologe unverblümt.26 An der Spitze stand der Präsident mit seinem Kabinett, dem sehr mächtigen &#039;&#039;Bureau du Président.&#039;&#039; Als Nächstes kam der Kongress des MPR und das Politbüro, eine Ebene darunter ein Legislativ-, ein Exekutiv- und ein Judikativrat. Sämtliche Amtsbezeichnungen wurden verändert. Ein Minister war künftig ein Staatskommissar, ein Gouverneur ein Provinzkommissar und ein Parlamentarier ein Volkskommissar. Jeder Bürger war Mitglied, nicht mal die Vorfahren und Embryonen kamen darum herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Studenten waren auf diese Änderungen nicht gerade erpicht. Mobutu schuf de facto die Politik ab, argumentierten sie zu Recht. Damit drehte er die Uhr zurück: In der Kolonialzeit hatte es auch eine pure Bürokratie gegeben, einen Verwaltungsmoloch, der Tabellen führte und Berichte ausspuckte, aber keine Mitsprache duldete. Nachdem akademische Kreise anfangs noch über den Putsch begeistert gewesen waren, hatte sich der Enthusiasmus schon nach kurzer Zeit verflüchtigt. Die wichtigste Gruppierung der Studentenbewegung zog entschlossen die antiimperialistische Karte. Lumumba wurde ihr Held, Mobutu ihr Feind. Als im Januar 1968 der amerikanische Vizepräsident Hubert Humphrey das Land besuchte und einen Kranz beim Lumumba-Denkmal niederlegen wollte, empfanden die Studenten das als Provokation. Es kam zu einer Protestkundgebung und zahlreichen Verhaftungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 1968 und 1969 gab es immer häufiger Scharmützel zwischen den Studenten und der neuen Regierung. Die Studenten forderten mehr Mitspracherecht, weniger Einmischung des MPR und eine gerechtere Vergabe von Stipendien. Anfang Juni 1969 planten sie eine große Demonstration, aber Mobutu schickte die Armee auf den Campus. Tagelang war Lovanium von der Außenwelt abgeschlossen. Trotzdem gelang es einigen hundert Studenten, die Bewacher auszutricksen und mit dem Bus ins Stadtzentrum zu fahren. Dort kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Armee. Die Soldaten setzten Tränengas ein, doch die Studenten banden sich nasse Taschentücher vor den Mund und warfen die Granaten zurück. Immer mehr Bürger schlossen sich ihnen an. Die Armee eröffnete das Feuer. Nach offiziellen Angaben gab es sechs Tote und zwölf Verletzte, die Studenten sprachen von fünfzig Toten und achthundert Verhaftungen. MPR? &#039;&#039;Mourir Pour Rien&#039;&#039;, sagten sie voller Abscheu. Mobutu beschloss, die Studentenbewegung mit Stumpf und Stiel auszurotten. Jeder Campus sollte seine MPR-Jugendabteilung bekommen, das &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039; wurde zur Pflichtlektüre, alle mussten sich wieder ihrem Studium widmen. Mit dem Widerstand war es vorbei. Die Anführer der Studentenrevolte erhielten schwere Gefängnisstrafen, bis zu zwanzig Jahren. Nun waren auch diese kritischen Stimmen mundtot gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinrichtungen, Folterungen, Massaker. Mobutus erste fünf Jahre als Präsident ergeben eine schauerliche Bilanz, doch das war nur die halbe Geschichte. Viele ältere Menschen im Kongo denken heute mit einer gewissen Nostalgie an diese Zeit zurück. »Es herrschte Ordnung«, sagte Zizi Kabongo, als ich mein Erstaunen darüber äußerte. »Die Soldaten waren wieder in ihren Kasernen. Es gab wieder Waren, die Preise sanken, die Industrie erlebte einen Aufschwung. Auch für mich begann damals die erfolgreichste Zeit meines Lebens.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit gab es große infrastrukturelle Projekte. Mobutu begann mit dem Bau eines ersten Staudammes im Kongofluss: dem sogenannten Inga-Staudamm, einem Wasserkraftwerk mit einer Kapazität von 351 Megawatt. Die neuen Viertel von Kinshasa erhielten Trinkwasser, Elektrizität und Abwasserleitungen. Das zentrale Krankenhaus der Stadt hatte fünfzehnhundert Betten und versorgte täglich viertausend Patienten. Zehntausend Operationen pro Jahr wurden ausgeführt, und täglich wurden 1,6 Tonnen Wäsche gewaschen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war kein Demokrat, aber er brachte einige Entwicklungen in Gang. Alle einsatzfähigen Männer und Frauen mussten am Samstagnachmittag einige Stunden unentgeltlich für den Staat arbeiten, ein Arbeitseinsatz wie in der Kolonialzeit. &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; hieß das nun, und es ging um Aufgaben wie Unkraut jäten, Fahrradwege instand halten und Abfall beseitigen. Außerdem wurde jeder Bürger dazu ermuntert, ein Fleckchen Boden zu bestellen, damit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde. Sogar Armeegeneräle bauten Maniokpflanzen an. Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten. Mobutu ging selbst mit gutem Beispiel voran. Jeden Morgen stand er um fünf Uhr auf. Er las stapelweise Zeitungen, frühstückte mit Diplomaten, berief ständig Versammlungen ein und war achtzehn Stunden und mehr aktiv. 1969, mit kaum neununddreißig Jahren, erlitt er einen leichten Herzinfarkt. »Wie würdest du dieses Scheißland regieren?«, fragte er seinen Leibarzt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war längst noch nicht der träge, aufgedunsene Tyrann, der er später werden würde. Nach der totalen Katastrophe der Ersten Republik bemühte er sich, den Kongo international in ein positives Licht zu rücken. Er wollte Anerkennung, und er schaffte Atmosphäre. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet? Er lud die Besatzung der Apollo 11 ein; damit war der Kongo das einzige afrikanische Land, das die Mondreisenden empfing.29 Die Europäer veranstalteten eine Miss-Europa-Wahl? Er überzeugte die Organisatoren davon, das Finale in Kinshasa stattfinden zu lassen und ihm einen afrikanischen Touch zu geben. Eine bezaubernde Blondine aus Finnland gewann, auch in der Kategorie »afrikanisches Kostüm«. Hatten die kongolesischen Frauen noch immer den Ruf als Schönste des Kontinents? Er unterstützte Maître Taureau dabei, die ersten landesweiten Wahlen der Miss Kongo zu organisieren. »Elisabeth Tabares aus Katanga gewann. Sie hatte schöne Fersen und nicht solche kurzen Zehen.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurzum, Mobutu verwirklichte die Versprechen, die die Unabhängigkeit geweckt hatte, aber nicht hatte einlösen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es ging nicht nur um Spiele, es gab auch Brot. Im Januar 1967 zog ein vergnügt lärmender Leichenzug durch die Straßen von Kinshasa. Mobutu war dabei, junge Leute aus seinem Freiwilligenkorps hielten ein Kreuz hoch, an dem ein Tropenhelm hing. Die Inschrift lautete: »Requiescat In Pace, UMHK, geboren 1906 und gestorben am 31. Dezember 1966.« Die Union Minière du Haut Katanga wurde zu Grabe getragen! Der große Sarg war nach den Maßen von Louis Waleff, dem ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrates, gezimmert worden. Um die Ahnen nicht zu stören, wurden die »sterblichen Überreste« des Minengiganten in den Fluss geworfen.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser spaßhafte Umzug war freilich Ausdruck eines sehr wichtigen Projekts. Mobutu war noch immer unzufrieden darüber, wie Tschombé mit Belgien die Einigung über das berühmte Aktienportfolio ausgehandelt hatte. Selbstverständlich spielte hier die Demütigung mit hinein, die er 1960 beim »ökonomischen Runden Tisch« hatte einstecken müssen. Der Kongo war, wie er meinte, politisch unabhängig, in ökonomischer Hinsicht jedoch von einer Unabhängigkeit weit entfernt. Die Zahlen gaben ihm nicht unrecht. In Katanga machten Ausländer nur 5 Prozent der Arbeitnehmer aus, aber sie gingen mit 53 Prozent der ausgezahlten Lohnsumme nach Hause.32 Der Betrag, den sie für eine Flasche guten Whiskey hinblätterten, entsprach dem Monatslohn eines Minenarbeiters. 1967 verstaatlichte Mobutu deshalb die Union Minière und brachte damit die Muttergesellschaft Sociéte Générale de Belgique in Brüssel gegen sich auf. Das Unternehmen wurde umbenannt in Gécomin, &#039;&#039;Générale Congolaise des Mines&#039;&#039;, wurde aber später bekannt als Gécamines, &#039;&#039;Générale des Carrières et de Mines&#039;&#039;. Der Ertrag aus dem Kupferbergbau sollte künftig direkt in die Staatskasse fließen. Und diese Summe war nicht gering. Der Vietnamkrieg hatte den Weltmarktpreis für Kupfer in schwindelnde Höhen getrieben. Die kongolesische Wirtschaft war immer von Kriegen irgendwo auf der Welt abhängig: Das war 1914-1918 so gewesen, 1940-1945 und während des Koreakrieges, aber auch der Vietnamkrieg spülte beträchtliche Summen in die Staatskasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seiner neuen Wirtschaftspolitik Nachdruck zu verleihen, führte Mobutu auch eine neue Währung ein. Bei der Unabhängigkeit entsprach 1 Kongo-Franc 1 belgischem Franc, 1967 war er nur noch 0,10 belgische Franc wert.33 Mobutu führte den Zaïre als neue Währungseinheit ein: 1 Zaïre ersetzte 1000 alte Kongo-Franc und entsprach 100 belgischen Franc oder 2 US-Dollar. Auf der ersten Banknote war Mobutu mit einigen Getreuen abgebildet, die mannhaft die Ärmel hochkrempelten. &#039;&#039;Retroussons les manches!&#039;&#039; lautete der Slogan. Jetzt wird zugepackt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für viele Kongolesen waren es goldene Jahre. In Lumumbashi lernte ich Paul Kasenge kennen, einen ehemaligen Angestellten von Gécamines. »Wir konnten uns wirklich nicht beklagen. Ich war sechsundzwanzig und wurde nach meinem Betriebswirtschaftsstudium leitender Angestellter. Ich war einer der ersten Schwarzen. Die ausländischen Führungskräfte gingen, die Kongolesen übernahmen ihre Posten. Wir wurden gut bezahlt. Die Kupferpreise waren hoch. Wir hatten ein Haus mit Garten. Es gab Schulen und Krankenhäuser für unsere Kinder. Wir bekamen sogar einen Kredit, um ein Auto zu kaufen, den haben wir dann abgestottert.«34 Früher war höchstens die Anschaffung eines Fahrrades realisierbar, jetzt war es ein Auto.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderen bot der MPR neue Chancen. André Kitadi, der nachdenkliche Veteran, der im Zweiten Weltkrieg durch die Wüste gezogen war und nach dem Krieg englisch sprach, wenn er essen ging, erzählte mir: »Über den MPR kam ich in den Gemeinderat von Ngaliema. Zum ersten Mal bekam ich Zugang zu einer Führungsposition. Darauf hatte ich lange gewartet.« Die Leute murrten nicht. Als sich Mobutu 1970 für eine zweite Amtszeit wählen ließ, erhielt er 10.131.669 Stimmen; es gab nur 157 Gegenstimmen, und die stammten alle aus einem einzigen Wahllokal, dem des Studentenviertels in Kinshasa. Auffällig war auch, dass es mehr Ja-Stimmen als Wahlberechtigte gab, obgleich keine Wahlpflicht existierte . . .35 André Kitadi dachte erst später anders darüber: »Die Diktatur brachte den Niedergang, aber damals wussten wir das noch nicht.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo machte sich reisefertig für den Boxkampf in seiner Heimat. In den ersten fünf Jahren hatte Mobutu seine Macht konsolidiert, in den nächsten fünf Jahren regierte er mit großzügiger Geste. Spektakulärer Höhepunkt dieser demonstrativen Jovialität musste einfach der Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman werden, ein Fight um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht. Der Boxkampf würde als &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; in die Geschichte eingehen; im Kongo selbst sprach man davon als &#039;&#039;le combat du siècle&#039;&#039;. Es wurde tatsächlich eines der größten Sportereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen &#039;&#039;(»No Vietcong ever called me a nigga«)&#039;&#039;, hatte Ali seinen Weltmeistertitel verloren, aber nach einer Sperre von dreieinhalb Jahren sann er auf Rache. Foreman war sieben Jahre jünger als Ali, erst fünfundzwanzig, Olympiasieger, Weltmeister, unbesiegbar. Hatte er nicht in zwei Runden die Boxlegende Joe Frazier sechsmal zu Boden geschlagen? Aber Ali wollte seinen Titel zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boxpromotor Don King verlangte zehn Millionen Dollar Preisgeld, ein nach allen Maßstäben irrwitziger Betrag. Niemand war bereit, solch eine astronomische Summe hinzublättern für eine Keilerei, die bestenfalls zwölf Mal drei Minuten dauern würde. Niemand, außer Mobutu. Die Wirtschaft Zaires hatte sechs Jahre unablässigen Wachstums erlebt, und es war Zeit zum Feiern. Ali war begeistert über den Entschluss, aber es war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, dass das Preisgeld, das Mobutu ausspuckte, indirekt doch dem Vietnamkrieg zu verdanken war. Für ihn war das Match in Kinshasa eine allerletzte Chance auf Revanche, für Mobutu war es eine allerletzte Chance für &#039;&#039;country marketing&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; des MPR für das Boxen entschied, ist nicht verwunderlich. Boxen war immer schon ein Teil des schwarzen Emanzipationskampfes gewesen. Fäuste vermochten, was Gesetze verboten: den Triumph des Schwarzen. 1908 wurde der Amerikaner Jack Johnson der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht; nachdem er seinen Titel 1910 erfolgreich gegen Jim Jeffries verteidigt hatte, brachen in ganz Amerika Rassenunruhen aus. Der Senegalese Battling Siki besiegte in den zwanziger Jahren den Franzosen Georges Carpentier mit einem Uppercut: Unerhört, dass ein kolonialer Untertan einen Superathleten aus der Metropole so demütigte. 1938 besiegte Joe Louis, Weltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling durch technischen K.o. &#039;&#039;»Heil Louis!«&#039;&#039;, rief man in den Straßen Harlems in jener Nacht. In Kinshasa ging es zwar um einen Kampf zwischen zwei Farbigen, aber Ali war von Anfang an der Publikumsliebling der Zairer, sagte Zizi. »Die Leute sahen in Ali den guten Schwarzen. Er war sehr schlau, er ging in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;. &#039;&#039;Ali, boma ye!&#039;&#039;, riefen sie: Ali, schlag ihn tot! Foreman war für sie ein weißer Schwarzer, einfach ein Amerikaner, nicht einer von uns.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muhammad Ali und Mobutu: Sie hatten mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick schien. Sie waren sich einig in ihrer Aversion gegen weiße Arroganz, beide präsentierten ihre &#039;&#039;blackness&#039;&#039; als eine Quelle des Stolzes. Beide hatten ihren Taufnamen aus politisch-religiösen Gründen abgelegt: Der Christ Cassius Clay war zum militanten Muslim geworden; der katholische Joseph-Désiré hieß nun auf altväterliche Weise Mobutu Sese Seko Nkuku Ngbendu wa Za Banga, »der machtvolle Krieger, der dank seiner Ausdauer und seinem Willen von Sieg zu Sieg eilt und nur Feuer hinterlässt« (oder aber auch: »der Hahn, der keine Henne unbesprungen lässt« – das hing davon ab, wie man es übersetzte). Beide, der amerikanische Sportler und der afrikanische Diktator, waren junge, zornige Stimmen, die die Dominanz des weißen Westens herausforderten. Und was für Stimmen: virtuos, zungenfertig, scharfsinnig und gewitzt. Auch mit Worten konnte man kämpfen. Das äußerst gewandte Französisch, dessen sich Mobutu so bravourös bediente, konnte sich mit Alis englischen Wortkaskaden messen. Kurz nach den öffentlichen Hinrichtungen seiner Konkurrenten sagte Mobutu mit unbewegter Miene zu zwei belgischen Journalisten: »Wir Bantus können die Demokratie anwenden, aber nicht nach dem Buchstaben, wie bei Ihnen.« Einen Schmeichler fuhr er einmal an: »Ich habe Sie nicht kommen lassen wegen Ihrer engelhaften Stimme und auch nicht wegen Ihrer biblischen Botschaft. Sprechen Sie frei heraus. Was ist Ihr Problem?« Doch wenn es jemand wagte, frei heraus zu sprechen, sagte er: »Also Sie sagen, dass Sie sich ein bisschen wie in einem Katz-und-Maus-Spiel fühlen?« »Ja, so ist es.« »Sagen Sie mir: Wer ist dann die Maus?« »Na, wir, &#039;&#039;papa&#039;&#039;!« »Und wer die Katze?« »Ähm . . . auch wir.« »Nun denn, was ist Ihr Problem?« Ali bereicherte die englische Sprache mit Bonmots wie &#039;&#039;»I am so bad, I make medicine sick«&#039;&#039; oder &#039;&#039;»My toughest fight was with my first wife«.&#039;&#039; Während seines Aufenthaltes in Kinshasa schüttelte er sich den unsterblichen Satz aus dem Ärmel: &#039;&#039;»I&#039;ve seen George Foreman shadow-boxing and the shadow won.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzteres war zudem gar nicht so falsch. Beim Training mit einem Sparringspartner war Foreman eine Augenbraue aufgeplatzt, und der Kampf musste um fünf Wochen verschoben werden. Zizi Kabongo durfte noch eine Weile in Paris bleiben. Das den &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; begleitende Kulturprogramm startete jedoch bereits. Mobutu hatte die größten schwarzen Musiker der Welt in Kinshasa versammelt. Aus Lateinamerika traten Celia Cruz und Johnny Pacheco an, aus den USA kamen B. B. King, The Pointer Sisters, Sister Sledge und James Brown. Der Saxophonist Manu Dibango aus Kamerun und die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba teilten sich die Bühne mit den großen Stars der zairischen Musik. Der alte Wendo Kolosoy, &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der Rumba, war da, zusammen mit Franco und dessen OK Jazz. Tabu Ley, der Mann, der früher noch Rochereau geheißen hatte, trat auf, und die jüngere Generation war durch die vom Funk inspirierte Soukous-Band Zaïko Langa Langa vertreten, die einflussreichste Gruppe der siebziger Jahre. Das dreitägige Festival in Kinshasa war eine kraftvolle Manifestation von afrikanischem Stolz über die Kontinente hinweg, eine Art schwarzes Woodstock.37 Was der Sklavenhandel auseinandergetrieben hatte, brachte Mobutu wieder zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich konnte sich Zizi auf die Reise machen. Er nutzte die Gelegenheit, um seinen Vater in Kasai zu besuchen, denn er hatte für ihn in Europa eine Getreidemühle gekauft. Auch sein Vater, eigentlich Eisenbahner bei der BCK, war im Rahmen von Mobutus Landwirtschaftspolitik Teilzeit-Bauer geworden. Eine elektrische Mühle erleichterte das Mahlen von Maniok ungemein. »Mein Vater hat sich sehr darüber gefreut. Als ich kam, hatte Mobutu gerade erzählt, dass die amerikanischen Künstler Nachkommen von Sklaven waren, und dass diese Sklaven damals nicht von Weißen verkauft worden waren, sondern von einheimischen Dorfvorstehern. Mein Vater sagte: ›Mobutu behauptet, dass die Schwarzen unsere Brüder an die Weißen verkauft haben!‹ ›Das stimmt, Papa.‹ ›Aber das ist doch unglaublich!‹ Er war darüber völlig erschüttert. Ich vermute, dass Mobutu diese Ideen mit Absicht verbreitete. Es half ihm, die Macht der lokalen Oberhäupter zu brechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu setzte alles daran, die tribalen Reflexe zu bekämpfen. Eine starke Nation war mit einer Stammeslogik nicht vereinbar. Die junge Generation sollte einen neuen Bezugsrahmen bekommen. In der Fußballnationalmannschaft sollten alle Gegenden des Landes vertreten sein. An den Wahlen zur Miss Zaire nahmen Mädchen aus allen Provinzen teil. Die Armee musste integrativ werden: Sogar Pygmäen konnten sich verpflichten.38 Um das Zaire-Gefühl zu stärken, reformierte Mobutu auch das Hochschulwesen. Die drei Universitäten des Landes verschmolzen zu einer großen, nationalen Superuniversität mit drei Campus. Nach Kinshasa ging man, wenn man Jura, Wirtschaft, Medizin, Naturwissenschaften oder ein ingenieurtechnisches Fach studieren wollte. In Kisangani wurde Psychologie, Pädagogik und Agrarwissenschaft gelehrt, in Lubumbashi, in der Nähe der Minen, Geowissenschaften. Dorthin, fern der Hauptstadt, waren auch die »gefährlichen« Richtungen wie Sozialwissenschaften, Philosophie und Literatur verdrängt worden.39 Diese Reform schwächte die Studentenbewegung und zwang die Studenten zu intertribaler Vermischung. Das frappanteste Beispiel dafür entdeckte ich auf einem Innenhof in der Abenddämmerung in Bukavu. Ich war bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie zu Gast. Ihre Tochter bereitete auf einem Holzkohlenfeuer das Abendessen zu. Adolphine stammte aus Moanda, einem kleinen Ort an der Atlantikküste. Wie um alles in der Welt war sie zweitausend Kilometer in Richtung Osten an die Grenze zu Ruanda gelangt? »Dodo und ich lernten uns an der Universität von Kinshasa kennen. Er studierte am Polytechnikum, ich studierte Linguistik. Er war ein Mushi aus Bukavu, ich eine Mukongo aus Moanda. Als ältester Sohn der Familie hätte er innerhalb seines Stammes heiraten müssen, aber er entschied sich doch für mich. Ich zog hierher. In seiner Familie gab es großen Protest. Es hat Jahre gedauert, bevor die Nachbarschaft und die Familie mich akzeptierten.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie das Erasmus-Programm jungen Leuten mehr Liebe zu Europa vermitteln soll, notfalls in Form einer Liebesbeziehung im Ausland, so sollte Mobutus Bildungsreform ein größeres Zaire-Bewusstsein schaffen. Mobutu umgab sich gern mit jungen, begeisterten Zairern, die in seinem Projekt zur Förderung von Nationalbewusstsein voll aufgingen. Die beiden einflussreichsten Personen in seiner Entourage waren Citoyen Sakombi Inongo und Citoyen Bisengimana Rwema.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 fuhr ich von Goma nach Bukavu über den wunderschönen Kivusee, der die Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo bildet. An Bord des Fährschiffes wurde ich einem zurückhaltenden, sehr distinguierten jungen Mann vorgestellt, vom Typ her jemand, der niemals auf dem zugigen Achterdeck eines Passagierschiffes steht, sondern sich lieber in den Innenraum setzt und telefoniert. Er war der Sohn von Bisengimana, jahrelang die Nummer zwei in Zaire. »Mein Vater hat schon ab 1966 für Mobutu gearbeitet, aber 1969 wurde er zum Direktor des &#039;&#039;Bureau du Président de la République&#039;&#039; befördert. Mobutu hatte großes Vertrauen zu ihm. Mein Vater durfte ihm sogar widersprechen. Die Leute nannten ihn &#039;&#039;le petit léopard&#039;&#039;, der junge Leopard. Er trug auch eine Mütze aus Leopardenfell. Er war Kabinettschef bis 1977, als sie in Streit gerieten. Nachdem mein Vater gegangen war, hatte unter Mobutu niemand mehr so viel Macht wie er.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Außergewöhnlichste an dieser Anstellung tauchte nun jedoch vor dem Schiffsfenster auf. Das Schiff brauste übers Wasser, und backbord wurden die Konturen der Insel Idjwi sichtbar. Dahinter liegt Ruanda. Bertrand Bisengimana stammte von der Insel, er war unterwegs nach Hause. Idjwi war zuerst deutsch gewesen, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg in belgische Hände übergegangen. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Tutsi, die aus Ruanda stammten. So auch er und sein Vater. Die Tutsi waren eine ethnische Minderheit, die bereits seit Jahrhunderten die soziale und politische Oberschicht des ruandischen Königreichs bildete; diese Stellung verdankten sie der Viehzucht. Rinder waren für die Tutsi das, was Steinkohle für die Industriebarone war: alles. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert hatten Tutsi-Viehzüchter das übervölkerte Ruanda verlassen und sich auf der anderen Seite des Sees angesiedelt. Sie zogen auf die Hochebenen von Süd-Kivu, in das Vulkangebiet von Nord-Kivu und auf die Insel Idjwi. Für die Kongolesen waren sie in jeder Hinsicht »anders«. Sie sahen anders aus und sie redeten anders. Ihr Kinyarwanda war eine ganz eigene Bantu-Sprache, die nur in Ruanda und im Süden Ugandas gesprochen wurde und mit der Sprache von Burundi verwandt war. Der archetypische Tutsi war groß bis sehr groß (manchmal 1,95 m), hatte eine scharf geschnittene Nase, eine hohe Stirn und schmale Lippen. Natürlich war das ein Klischee und hatte mit der Realität so wenig oder so viel zu tun wie Klischees über Iren, Italiener oder Schweden. Die Zairer schrieben ihnen außerdem zu, hochmütig und humorlos zu sein. Trotzdem ernannte Mobutu einen von ihnen zum Kabinettschef.42 »Am Anfang wollte Mobutu seinen eigenen Stamm nicht bevorzugen«, sagte Bertrand, »sonst hätte mein Vater als Tutsi von Idjwi niemals die Nummer zwei der Regierung werden können.« Mobutu kam es natürlich auch sehr gelegen, dass sein enger Mitarbeiter aus einem kleinen Stamm von Migranten kam. Die bildeten sicherlich keine Bedrohung für ihn . . . Er konnte damals noch nicht ahnen, dass ihn 1997 ausgerechnet Tutsi aus Ruanda vom Thron stoßen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte dem Volk mehr Wohlstand geschenkt, nun galt es, ihm auch einen Traum zu schenken. Dieser Traum wurde der zairische Nationalismus. Und der Architekt dieses Traums hieß Dominique Sakombi, oder besser Sakombi Inongo, nach damaliger Gepflogenheit.43 Sakombi war ein intelligenter, sehr eloquenter junger Mann und ein größerer Mobutist als Mobutu selbst. Im Herbst 2008 konnte ich ein kurzes Telefonat mit ihm führen: Seine Stimme war dünn wie ein Zigarettenpapier geworden. Nichts erinnerte mehr an das verbale Sperrfeuer von damals. Er sei sehr krank, sagte er, ein Interview sei nicht möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Sakombi in den frühen siebziger Jahren realisierte, war besonders findig: Er schaffte den Tribalismus nicht ab, sondern erhob ihn auf die Ebene des Staates. Die Bewohner Zaires durften immer noch ihren Stamm lieben, solange dieser Stamm Zaire hieß. Er sagte: »Für uns erstreckt sich das Dorf unserer Ahnen bis an die Landesgrenzen.«44 Das Territorium, das europäische Politiker im neunzehnten Jahrhundert willkürlich abgesteckt hatten, sollte nun als natürliches Staatsgebiet empfunden werden. Mehr als ein Staatspräsident wurde Mobutu zum nationalen Dorfoberhaupt, zum Häuptling de luxe. Und die Bürger wurden seine Dorfbewohner, seine Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi war »Staatskommissar« für Information. Sein Ministerium hatte 1400 Mitarbeiter und verfügte nach dem Verteidigungsressort über das größte Budget. Mobutu wusste, wo seine Prioritäten lagen: In seinem vorigen Leben war er sowohl Soldat als auch Journalist gewesen. Zu Anfang hatte sich seine Diktatur auf die Macht der Armee gestützt, ab 1970 stützte sie sich auf den Einsatz von Propaganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi entwarf eine groß angelegte Kulturpolitik und verkaufte sie der Bevölkerung unter dem Slogan: &#039;&#039;Recours à l&#039;authenticité!&#039;&#039; Die Namensänderungen für das Land, die Städte und die Eigennamen waren ein Teil davon, aber es ging noch viel weiter. Die Rückkehr zum ursprünglichen Leben betraf nahezu jeden Aspekt des Alltagslebens. Wenn ein Zairer morgens aufstand, wusste er, wie er sich zu kleiden hatte. Westliche Kleidung war verboten. Männer durften keinen Anzug mit Krawatte mehr tragen, sondern waren verpflichtet, einen &#039;&#039;»abacost«&#039;&#039; anzuziehen: eine hochgeschlossene, an den Mao-Anzug erinnernde Jacke mit kleinem Kragen, zu der ein Halstuch gehörte. &#039;&#039;(»abacost«&#039;&#039; war wieder so ein mobutistischer Neologismus: Es kam von &#039;&#039;à bas le costume&#039;&#039;, weg mit dem Maßanzug. Auch die Sprache wurde verändert.) Frauen durften keinen Minirock mehr tragen, nur noch den traditionellen &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, ein Wickelgewand aus drei Teilen – Rock, Bluse und Kopftuch. Nur der natürliche Haarwuchs war erlaubt. Verlängern und Entkrausen der Haare war verboten. Und Produkte zum Bleichen der Haut waren auch tabu. Ein authentischer Zairer war das Gegenteil des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;; er sehnte sich nicht mehr danach, etwas zu sein, was er ohnehin nie sein würde, sondern schöpfte seine Kraft aus der eigenen Identität, der eigenen Kultur, den eigenen Traditionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn dieser Zairer ein Städter war, dann sah er auf dem Weg zur Arbeit überall neue, monumentale Skulpturen. Die Denkmäler für Stanley, Leopold II. und Albert I. waren demontiert worden. Sakombi bemerkte dazu trocken: »Soviel ich weiß, steht auch kein Denkmal für Lumumba mitten in Brüssel.«45 Auf Plätzen und vor Regierungsgebäuden erschienen stilisierte Figuren aus Beton, die die Arme in die Luft streckten oder Körbe schleppten. Allein in Kinshasa waren zweihundert Bildhauer aktiv.46 Ihr Stil war oft auffallend modern, Einflüsse von Zadkine, Picasso und Brancusi waren unübersehbar; aber das war erlaubt, denn diese Europäer waren ja selber stark von afrikanischer Kunst beeinflusst. Die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik war keine Übung in Nostalgie, sondern eine komplexe Mischung von Tradition und Modernität. Sakombi sagte darüber: »Wir reagieren, wie es unsere Vorfahren tun würden, wenn ihre Kultur nicht durch die koloniale Akkulturation unterbrochen worden wäre.«47 Es ging ihm nicht um einen &#039;&#039;retour à l&#039;authenticité&#039;&#039;, sondern um einen Rekurs, eine Rückbesinnung. Aus der alten Formensprache sollte eine neue Kunst geboren werden. Darum ließ Mobutu Kunstschätze aus dem ganzen Land zusammentragen. Zehntausende Masken und Fetische fanden den Weg in die staatlichen Museen, so wie in der Kolonialzeit jede Menge Etnographica nach Tervuren verschwunden waren.48 Das Nationalballett sollte traditionelle Tänze im Landesinneren studieren und neu interpretieren. Ein Nationaltheater wurde gegründet und ein nationaler Literaturpreis ausgelobt.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ein Zairer tagsüber das Radio einschaltete, hörte er grundsätzlich Musik aus heimischen Gefilden. Westliche Musik war verboten. Mobutu profilierte sich als der große Förderer der populären Musik. Franco bekam eine leitende Stellung in einem neuen staatlichen Institut, das das Musikbusiness unterstützen sollte. Hatte er nicht auf der Geburtstagsfeier direkt vor dem Putsch strahlend neben Mobutu gestanden? Tabu Ley tourte durchs Land. Mit Mobutus Unterstützung wurde er sogar der erste Schwarze, der im Pariser Olympia auftrat. Docteur Nico experimentierte mit traditioneller Percussion. Franco befreite den alten Akkordeonspieler Camille Feruzi vom Staub. »Recours à l&#039;authenticité«, hörte man ihn singen. Kinshasas Musikindustrie erlebte ihre turbulentesten Jahre. Platten wurden am späten Nachmittag aufgenommen und lagen schon am nächsten Morgen im Laden. Es wimmelte von Künstlern. Der zentrale Platz von Matonge, dem pulsierenden Herzen des Nachtlebens, wurde von Rond-Point Victoire in Place des Artistes umbenannt. Den Pionieren der kongolesischen, nein, der zairischen Musik wurde dort ein großes Denkmal errichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam ein Zairer abends von der Arbeit nach Hause, aß er Gerichte der authentischen Küche. &#039;&#039;Pundu, fufu, makayabu&#039;&#039;, Maniokbrot, Raupen, alles abgeschmeckt mit der Mutter aller scharfen Gewürze: Piri-piri. Bevor man sein Bier oder seinen Palmwein trank, goss man einen kleinen Schluck auf den Boden. Ein Trankopfer für die Ahnen, auch das gehörte sich so. Stellte man nach solch einem leckeren Essen den Fernseher an, sah man Bilder der &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, große Gruppen von Menschen, die in geometrischer Aufstellung und identischer Kleidung (in der Regel aus grünem Stoff und mit aufgedruckter Nationalflagge) singend und tanzend den MPR rühmten. Tagein, tagaus wurden die Segnungen des erlauchten Führers besungen, sechs, manchmal sogar zwölf Stunden am Tag.50 Um 18 Uhr begann dann der Höhepunkt des Staatsfernsehens: die Nachrichten. Sie wurden mit einer Idee Sakombis eröffnet. In einem Wolkenhimmel erschien das Gesicht des Präsidenten, das immer größer wurde, sodass es schien, als schwebe Mobutu vom Firmament ins Wohnzimmer. Die Kinder hielten ihn für einen Gott. »Alle Aktivitäten des Präsidenten und seiner Frau wurden gezeigt«, sagte Zizi, »und auch die der Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees. Es war ein regelrechter Personenkult. Sakombi bezeichnete Mobutu als den ›Pharao von Afrika‹. So in der Art.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch, wenn man sich abends schlafen legte, war man von der Staatspropaganda noch nicht erlöst, denn Mobutu hatte das Volk dazu aufgerufen, sich tüchtig fortzupflanzen – die Revolution bedurfte vieler Hände. Noch in den intimsten Momenten des Privatlebens hörte man den Ruf des Staatsoberhaupts. Es kursierte der Witz, dass er selber beim Liebesspiel nie rufen würde »Ça va jaillir!« (»ich komme«), sondern »Ça va Zaire!« . . . So wie die Missionare vorgeschrieben hatten, was ein »guter« kolonialer Körper war (Seife benutzen, die Haut bedecken, monogam sein), so drang die Diktatur in die Intimität des Privatlebens ein und unterwarf es einer neuen, allumfassenden Ordnung. Es gab kein Entrinnen. Auch beim Orgasmus diente man seinem Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es funktionierte. Die Zairer fühlten sich immer mehr als Zai­rer. Mit Sakombis Hilfe schaffte Mobutu in wenigen Jahren, was der Europäischen Union nach mehr als einem halben Jahrhundert noch nicht gelungen ist: Die Menschen sahen sich tatsächlich als Teil eines größeren Ganzen. Briten und Franzosen wollen einfach keine Europäer werden, Bakongo und Baluba aber waren irgendwann stolz darauf, Zairer zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gab es denn keinen Widerstand? Doch, natürlich, aber nur diskret. Zizi: »Keinen Schlips tragen dürfen, das war ein Problem. In Katanga sah man manchmal jemand, der aus Protest mit Anzug und Krawatte auf die Straße ging. Die Polizei sprach ihn dann sofort an: ›Wieso dieser koloniale Aufzug? Sind Sie vielleicht ein Ausländer?‹ ›Yes, from Zambia‹, sagte man dann. Man konnte ermordet werden, echt!« Während in Europa die Krawatte zum Symbol für Bürgerlichkeit und Angepasstheit wurde, entwickelte sie sich im Kongo zu einem Wahrzeichen des Widerstandes und der Freiheitssehnsucht. »Manche trugen extra einen Schlips, wenn sie im Wohnzimmer saßen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die obligatorische Namensänderung sorgte für unterschwelligen Protest. »Mein Vater schickte mir eine Liste mit neun Namen aus unserer Familiengeschichte, aus denen ich meinen &#039;&#039;postnom&#039;&#039; wählen konnte. Aber ein Kollege von mir – er hieß Gérard Ekwalanga und war ein großer Sportjournalist – war sehr gläubig, deshalb hing er sehr an seinem Taufnamen. Aus Verärgerung nannte er sich Ekwalanga Abomasoda. Dieser &#039;&#039;postnom&#039;&#039; hatte mit seinen Vorfahren überhaupt nichts zu tun. Auf Lingala bedeutete er: ›Der, der die Soldaten tötet‹! Oder Oscar Kisema, der wählte den Namen Kisema Kinzundi. Auf Lingala klang das wie ein normaler Name, aber auf Swahili bedeutete es ›große Vagina‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verbot christlicher Namen machte der Kirche sehr zu schaffen. »Mobutu wollte die Macht der Kirche brechen«, sagte Zizi. »Die Heiligen wollte er durch die Ahnen ersetzen.« Anfangs zeigte sich die Kirche gegenüber dem neuen Regime loyal. Einen Monat nach dem Putsch hatte Kardinal Malula ja feierlich erklärt: »Monsieur le Président, die Kirche erkennt Ihre Macht an, denn die Macht kommt von Gott. Wir werden uns getreulich an die Gesetze halten, die Sie zu erlassen belieben.«51 Doch sechs Jahre später, am 12. Januar 1972, hielt Malula eine donnernde Predigt gegen das Regime. Mobutu kochte vor Wut. Er entließ Malula sofort aus dem Ordre du Léopard, verbannte ihn ins Ausland und verbot Christen, für ihren Erzbischof zu beten. Doch das nützte ihm nichts. Die Kirche würde noch lange Zeit der schärfste Kritiker des Regimes sein. Die Bischöfe wussten sich durch ihr internationales Netzwerk bestärkt, außerdem kontrollierten sie das Bildungswesen. Staaten haben für gewöhnlich zwei Möglichkeiten, sich ihre Bürger zurechtzubiegen: das Bildungssystem und die Medien. Mobutu hatte nur die Medien. Er setzte deshalb alles daran, die Macht der Kirche zu beschränken (Missionsschulen mussten einen einheimischen Direktor einstellen, Kruzifixe wurden verbrannt, Seminaristen mussten in die MPR-Jugendverbände eintreten, christliche Jugendorganisationen wurden verboten, Weihnachten wurde zu einem normalen Arbeitstag, sogar alle religiösen Zusammenkünfte, bis auf die Messe und die Beichte, waren ab einem bestimmten Zeitpunkt tabu). Und als das alles nichts brachte, übertrug er den Bischöfen Spitzenpositionen in der Verwaltung oder schenkte ihnen einfach Jeeps und Limousinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Kulturpolitik schrieb nicht bis ins Kleinste vor, was die Kongolesen glauben sollten und was nicht, und der Ahnenglaube wurde nicht durch eine ausgearbeitete nationale Theologie untermauert, aber der Kimbanguismus, die Religion, gegen die die Belgier so vehement vorgegangen waren, florierte wie nie zuvor, denn er galt als eine authentische afrikanische Religion. Zunehmend war er wie der Staat im Kleinformat organisiert: hyperzentralistisch und hierarchisch. Der religiöse Führer wurde mit Gesang und Tanz angebetet, genau wie Mobutu. Die Underdogs der Kolonialzeit wurden nun die Herolde des Mobutismus.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vertrauen in die eigene Identität – es war ein schöner Gedanke, aber natürlich nicht ohne Haken und Ösen. Warum machte Mobutu Werbung für die einheimische Küche, wenn sein Lieblingsgericht nach wie vor &#039;&#039;ossobuco alla romana war&#039;&#039;? Was war so authentisch an dieser erbärmlichen &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, die er sich im Grunde von Kim Il-sung abgeschaut hatte? Was war das spezifisch »Zairische« an dem berühmten &#039;&#039;abacost&#039;&#039;, der nicht mehr war als ein farbiger Mao-Anzug und dessen edelste Exemplare von Arzoni, einer Textilfabrik in Zellik bei Brüssel, hergestellt wurden? Was war typisch afrikanisch am &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, einem Batikstoff aus Indonesien, von Nonnen empfohlen zur Bedeckung des Busens, dessen farbechteste Varianten, die berühmten &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039;, in den Niederlanden hergestellt wurden, bei Vlisco in Helmond? Warum war Camille Feruzi ein authentischer Musiker? Er spielte Akkordeon, verflixt noch mal, und hatte offenkundig sehr oft Tino Rossi zugehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War dieser &#039;&#039;recours à l&#039;authenticité&#039;&#039; nicht einfach nur ein Vorwand? Eine bestrickende Ideologie, die eine tiefere Wirklichkeit verschleiern sollte? Ja, das war es. Und diese tiefere Wirklichkeit war: Wie es seinem Volk ging, wurde Mobutu zunehmend egal. Er war so intensiv damit beschäftigt, seine Stellung zu sichern, dass er wichtige Regierungsaufgaben vernachlässigte. Autos, Ämter, Tagespauschalen und Botschaftsposten verteilte er mit manischer Besessenheit ohne Rücksicht auf die Staatskasse. Ja, die Wirtschaft erlebte einen Wiederaufschwung, aber das lag eher am Vietnamkrieg als an einer vernünftigen Politik. Es war eine zufällige Hochkonjunktur, auf der Mobutu komfortabel surfen konnte; er bemühte sich nicht im Geringsten, die Armut zu bekämpfen. Mit den beträchtlichen Einnahmen hielt er seinen Machtapparat intakt. Im Grunde verdankte er seine Macht einer extremen Form des Klientelismus. Mobutu stand an der Spitze einer Pyramide; ein paar tausend Menschen fraßen ihm, direkt oder indirekt, aus der Hand. Er und sein Gefolge waren durch wechselseitige Verpflichtungen und Vorteilsgewährungen miteinander verflochten. Die finanzielle Unterstützung dankten ihm seine Anhänger mit der Loyalität, die er benötigte, um an der Macht zu bleiben. Mobutu brauchte sie, sie brauchten Mobutu. Ein Zweckbündnis. Mobutu war der Sklave seines Machthungers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire bildete sich so eine echte Staatsbourgeoisie heraus, eine große Gruppe von Menschen, die zu Wohlstand gelangten auf Kosten des Staates.53 Der Staat diente im wahrsten Sinne des Wortes als ökonomische Basis dieser neuen Mittelschicht, die keinerlei Skrupel hatte, ihren frisch erlangten Wohlstand in Form von teuren Autos, großen Villen und einem luxuriösen Lebensstil zur Schau zu stellen.54 Wer in einem Jaguar oder Mercedes umherfuhr, bekam den Spitznamen Onassis. »Und wer mal ein bisschen husten musste, flog zu seinem Hausarzt nach Brüssel«, sagte Zizi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Klientelismus ging so lange gut, wie Geld vorhanden war. Die Verstaatlichung der Union Minière hatte Mobutu zu sagenhaften Einnahmen verholfen, doch die Aufwendungen für seinen Machterhalt wurden immer größer. »Früher hatte ich im Grunde keine Familie«, seufzte er einmal, »keiner hat sich um mich gekümmert! Aber seit ich Präsident bin, hat fast die Hälfte aller Zairer entdeckt, dass sie irgendwie um ein paar Ecken mit mir verwandt sein könnten und deshalb Ansprüche stellen dürfen.«55 Den Schaden hatte natürlich der zairische Durchschnittsbürger, der sich an keinerlei Familienbande mit dem Staatsoberhaupt erinnern konnte. Um seine wachsende Klientel bei Laune zu halten, musste Mobutu immer neue Finanzquellen auftun. Ausländische Investitionen, bilaterale Verträge und internationale Darlehen kamen ihm sehr gelegen.56 Je bedürftiger sein Land war, desto mehr konnte er kassieren. Armut lohnte sich. Sie war ein wirtschaftlicher Trumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das genügte noch nicht. Am 30. November 1973 fasste er einen drastischen Beschluss. Er war gerade von einer Rundreise durch China zurück und hatte sich dort mit der Staatswirtschaft vertraut gemacht. »Die Gefahr ist eher weiß als gelb«, sagte er nach seiner Rückkehr, »politisch sind wir ein freies Volk, kulturell werden wir es gerade, aber wirtschaftlich sind wir noch alles andere als Meister.«57 Mobutu ging zur »Zairisierung« über: Klein- und Mittelbetriebe, Bauernhöfe, Plantagen und Handelsunternehmen, die noch Eigentum von Ausländern waren, insgesamt ein paar tausend Firmen, wurden enteignet und seinen Getreuen gratis überlassen.58 Von heute auf morgen erlebten portugiesische Restaurantbesitzer, griechische Boutiqueninhaber, pakistanische Fernsehmechaniker und belgische Kaffeepflanzer, wie ihre langjährige Arbeit verloren ging. An der Spitze des Unternehmens stand nun ein Zairer aus der Umgebung des Präsidenten, der meist keine Ahnung hatte, wie man einen Betrieb führte. Bestenfalls ließ er den ehemaligen Besitzer als Geschäftsführer weiterarbeiten und kam einmal im Monat vorbei, um den Gewinn zu kassieren. Schlimmstenfalls plünderte er sofort die Kasse und verkaufte die Lagerbestände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren grotesk. Eine elegante Dame, die nie die Hauptstadt verließ, war plötzlich für eine Chininplantage in einer entfernten Gegend des Landes verantwortlich. Herren, die eine Kuh nicht von einem Stier unterscheiden konnten, leiteten einen Viehzuchtbetrieb. Generäle durften Fischereifirmen verwalten und Diplomaten Limonadefabriken. Der Informationsminister Sakombi wurde Besitzer einer ganzen Reihe von Zeitungskiosken und Kinos, aber auch von ein paar Sägewerken. Bisengimana erhielt die Plantagen des Prince de Ligne auf der Insel Idjwi zum Geschenk, die ein Drittel der Insel einnahmen.59 Unser Freund Jamais Kolonga, ein kleiner Fisch im Netzwerk um den Präsidenten, wurde Chef eines Sägewerks in seiner Heimatgegend. Der Partylöwe aus der Hauptstadt musste sich nun plötzlich mit der Lagerung und Vermarktung von tropischem Hartholz befassen. Manche konnten mit dem Geschenk überhaupt nichts anfangen, andere stürzten sich in die neue Tätigkeit. Popstar Franco wurde über Nacht Besitzer von Willy Pelgrims&#039; Schallplattenimperium, und in diesem Sektor kannte er sich gut aus.60 Jeannot Bemba konnte sich dank der Zairisierung zum reichsten Geschäftsmann des Landes mausern. Er wurde Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes und gründete eine Fluggesellschaft, Scibe Zaïre. Mobutu schließlich genehmigte sich vierzehn Plantagen, verstreut übers ganze Land. Er kontrollierte ein Viertel der Kakao- und Kautschukproduktion, hatte 25.000 Angestellte und wurde der drittgrößte Arbeitgeber des Landes. Nicht zuletzt dank der Einnahmen aus den Minen wurde er Schätzungen zufolge der siebtreichste Mann der Welt.61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu aber betrachtete sein Land und sah, dass es nicht gut war. Ende 1974 schaltete er auf die »Radikalisierung« um. Kränkelnde Betriebe wurden nun vom Staat übernommen. So könnten sie wieder Gewinne erzielen, und mit diesen Gewinnen könnte er sich seine Freunde warmhalten. Sie zu Firmeninhabern zu machen, war wohl eine weniger gute Idee gewesen. Aber auch diese Wirtschaftsreform brachte nicht den gewünschten Erfolg. Mobutu, der große Freund der Amerikaner, hatte plötzlich, ohne es wirklich gewollt zu haben, eine kommunistische Ökonomie am Hals. Mit einer dritten Reform, der sogenannten &#039;&#039;»retrocession«&#039;&#039; (denn Rhetorik war der einzige Geschäftszweig, der wirklich florierte), versuchte er die geschröpften und ausgeplünderten Betriebe den ursprünglichen Besitzern zurückzugeben, doch die hatten längst das Interesse daran verloren.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Folgen waren dementsprechend. So brillant Mobutu als Kommunikator war, so unbedarft war er als Ökonom. Das Fiasko der Zairisierung trieb die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Und wer noch einen Job hatte, etwa als Beamter oder als Lehrer, konnte von seinem Gehalt nicht leben.63 Jeder verdiente sich etwas dazu, als Maurer, Chauffeur oder Bierverkäufer. Die Ehefrauen versuchten es mit dem Mikro-Handel. Sie hockten ganze Tage auf dem Markt, vor sich einen Stapel Holzkohle oder ein paar Zwiebeln. Sie kauften Brot in der Fabrik und trugen es auf dem Kopf durch die Stadt, bis es verkauft war. Sie blieben zu Hause bei den Kindern und machten einen kleinen Laden auf, wo die Leute aus der Nachbarschaft Teebeutel, Streichhölzer und Seife kaufen konnten. Sie stellten Teile ihres Hauses einer Brauerei oder Zementfabrik als Lager zur Verfügung und verkauften mit äußerst winzigen Gewinnspannen Getränke oder Zementsäcke. Mit Mühe und Not versuchte man, über die Runden zu kommen. Notfalls musste man bei Verwandten anklopfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 wurde die Lage unhaltbar. Mit dem Ende des Vietnamkrieges ging ein drastischer Fall des Kupferpreises einher. Außerdem war die beginnende Ölkrise auch in Zaire zu spüren. Die Preise stiegen rasant. Die ganze Zairisierung trug zusätzlich noch zur Inflation bei, denn seit eine Klasse von Superreichen entstanden war, trieben Ladenbesitzer die Preise gewaltig in die Höhe. Für den Durchschnittsbürger hatte das freilich zur Folge, dass seine Kaufkraft weiter sank. Für ein Kilo Süßwasserfisch musste ein einfacher Arbeiter 1960 einen Tag arbeiten; Mitte der siebziger Jahre waren es zehn Tage.64 Lebensmittel wurden unbezahlbar. Das gesamte Einkommen ging dafür drauf. Im Landesinneren war die Landwirtschaft vernachlässigt worden. Warum sollte ein Bauer sein Land bestellen, wenn es ohnehin keine Straßen mehr gab, auf denen er die Ernte in die Stadt bringen konnte? Zaire, eines der fruchtbarsten Länder der Erde, wurde deshalb extrem abhängig von teuren Nahrungsmittelimporten. Im Hafen wurden Dosen mit Tomatenmark entladen, während im Inland Fleischtomaten tonnenweise an den Sträuchern verfaulten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Versprechen eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs war auf eine Katastrophe hinausgelaufen. Ein früher Slogan des MPR lautete: &#039;&#039;Servir et non se servir&#039;&#039; (»Dienen: ja, sich selbst bedienen: nein«); Mobutu und sein Clan hingegen bedienten sich selbst sehr gut. Seine Popularität schwand. Das Brot war langsam alle. Wo blieben die Spiele?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi war nach seinem imaginären Abenteuer mit dem Säbel von König Baudouin wieder nach Kikwit gezogen. Er wurde Verkäufer bei Bata, der internationalen Schuhkette, die auch Filialen in Afrika hatte. Eines Tages betrat ein hübsches Mädchen den Laden. Sie schaute sich einige Modelle an und ging dann wieder, um Fisch zu kaufen. Ein paar Minuten später schloss Longin den Laden zur Mittagspause und ging ihr nach. Sie bezahlte gerade. Fisch war damals noch erschwinglich. Er sprach sie mit den unvergesslichen Worten an: »Ich bezahle Ihren Fisch, damit Sie meine &#039;&#039;fiancée&#039;&#039; werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wirklich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wirklich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann gebe ich Ihnen meine Adresse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuchte er sie zu Hause. Sie rief ihren Vater und ihre Onkel dazu. Die Verwandten wollten den seltsamen Vogel erst einmal in Augenschein nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin bereit, dieses Mädchen zur Frau zu nehmen«, sagte Longin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Haben Sie Geld?«, fragte die Familie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das stimmte nicht so ganz, aber sein europäischer Chef bei Bata war bereit, ihm den Brautpreis vorzuschießen. Das machte er bei seinen Angestellten öfter. Longin musste das Geld in monatlichen Raten abstottern. Bata hatte einen guten Namen, es war ein seriöser Laden. Der Vater und die Onkel waren einverstanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin arbeitete viele Jahre bei Bata. Wie es nun einmal Tradition war, bestellte seine Frau das Land: Sie baute Mais, Maniok und Erdnüsse an. Das junge Paar konnte sich nicht beklagen. 1969 wurde das erste von sechs Kindern geboren. Einige Jahre später kaufte Longin ein großes Grundstück von dreißig mal vierzig Metern und baute ein geräumiges Lehmhaus. In diesem Haus habe ich ihn auch interviewt. »Das war die reichste Zeit in meinem Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber kam die Zairisierung. »Mein europäischer Chef ging. Ein Zairer übernahm Bata. Er leitete den Laden. Das war nicht gut. Bata ging pleite.« Harte Zeiten brachen an. Longin betete immer öfter am Grab von Kuku Pemba, einem gefährlichen Ort, einem mythischen Ort. Kuku Pemba war der erste Mann aus der Region, der einen Weißen erblickt hatte. In Zeiten von Hungersnot wandte man sich an höhere Mächte. Er galt als ein mächtiger Urahn, sogar Mobutu fürchtete sich vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 reiste Longin zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in die Hauptstadt. »Ich fuhr nach Kinshasa, um den Boxkampf zu sehen. Ich sah, dass Ali auch betete. Er war ein Muslim und trug eine Kette. Foreman hatte einen großen Hund bei sich, wie ein Europäer. Ich saß im Stadion. Der Kampf fand nachts statt. Foreman war kräftiger. Ali hing in den Seilen. Das ganze Match hindurch. Foreman war aufgedunsen wie ein Schwein. Es war ein kolossaler Kampf, kolossal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie konnte man einem Präsidenten böse sein, der einen zu einem so grandiosen Fest einlud?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit die Zuschauer in den USA den Boxkampf in der Hauptsendezeit sehen konnten, fand er um vier Uhr nachts statt. In der Stadt war es brütend heiß, die Regenzeit hatte begonnen. Seit dem frühen Morgen füllte sich das Stadion. »Kinder hatten schulfrei. Firmen mussten einen Tag bezahlten Urlaub geben. Bars mussten das Bier zum halben Preis ausschenken. Mehl gab es sogar umsonst«, erinnerte sich Zizi. Die Zuschauer kamen von nah und fern, sogar aus Angola und Kamerun. Siebzigtausend Menschen bekamen einen Sitzplatz im Stadion. Mehrere tausend Sitzplätze waren VIPs vorbehalten, hauptsächlich Jasagern aus Mobutus Gefolge. Um das Stadion herum war eine riesige Menschenmenge auf den Beinen. Wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit hatte Mobutu eine Flutlichtanlage aufbauen lassen. Um die Tribüne ragten vier riesige »Fliegenklatschen« aus dem Dunkel auf. Sie waren mit grell leuchtenden Strahlern ausgerüstet, die dank des Stroms vom Inga-Damm das ganze Stadion in blendend weißes Licht tauchten. Mobutu war wirklich elektrisierend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Mitte des Fußballplatzes war der Boxring aufgebaut. Die amerikanischen Fernsehteams hatten eine beeindruckende Ausrüstung mitgebracht. Die Kinder auf den Betonstufen strahlten vor Stolz. Ihr Land war das einzige Land auf der Welt, das diesen Kampf veranstalten konnte! Sogar der Ring war aus den USA hertransportiert worden! Die Amerikaner hatten sogar ihr eigenes Wasser bei sich! Ja, ihr eigenes Toilettenpapier!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch das Zairer Fernsehteam war gut ausgerüstet. Damit auch wirklich nichts schiefging, hatte man fünf funkelnagelneue Arriflex-Kameras angeschafft, schwere Geräte, die man auf der Schulter tragen konnte. Außerdem verfügten die Reporter über einige Bell &amp;amp; Howells, leichtere Kameras für Detailaufnahmen. Alles in Farbe, versteht sich. Es gab zwei Regisseure, zwei Kommentatoren in französischer Sprache und einen in Lingala. Alle erhielten eine hohe Prämie als Nachtzuschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi Kabongo stand hinter der Kamera, die die Reaktionen des Publikums filmen sollte. Eine Band mit traditioneller kongolesischer Musik machte eine Runde über die Kampfbahn. Jubel und Hochrufe brandeten auf, als Ali aus den Katakomben erschien und sich tänzelnd und in die Luft boxend in den Ring begab. Er legte seinen Mantel ab. Ein göttlicher Körper glänzte im Licht der Scheinwerfer. &#039;&#039;Ali, boma ye! Ali, boma ye!&#039;&#039;, skandierte Zaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Allermerkwürdigste aber war: Mobutu selbst war nicht anwesend. Er mied das Stadion, in dem ihn das Volk 1965 empfangen hatte. Befürchtete er, durch Alis Popularität in den Schatten gestellt zu werden? Fürchtete er um seine Sicherheit? War er der Ansicht, als &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; sei er gerade durch seine Abwesenheit noch präsenter? Zizi wusste es nicht. Dafür wusste er aber, dass Mobutu in seinem Palast seine Aufnahmen direkt sah. Der Präsident verfügte nämlich über das einzige CCTV-Überwachungsnetz des Landes. Zizi ließ die Kamera über das Zuschauermeer gleiten. Auf seinem Monitor sah er das farbenfrohe Fest einer jubelnden Menschenmenge auf eine stumme Szene in graublauen Tönen reduziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Boxkampf selbst bekam er nur wenig mit. Er sah nicht, wie Ali schon in der ersten Runde versuchte, Foreman mit einer brutalen Serie rechter Geraden k. o. zu schlagen. Er sah nicht, wie wütend Foreman wurde und wie Ali das Tänzeln vergaß. &#039;&#039;»Float like a butterfly, sting like a bee«&#039;&#039;, hatte er eigentlich versprochen. Tänzeln würde er, tänzeln musste er, aber daraus wurde nichts. Zizi sah nur die Zuschauermenge durch den Sucher seiner Kamera, die Menge, die zuerst jubelte und dann Angst bekam. Er sah nicht, wie sich Ali von der zweiten Runde an weit in die Seile zurücklehnte, um Foremans Schlägen auszuweichen. Ali verbarg sein Gesicht hinter den schwarzen Boxhandschuhen und kassierte einen unaufhörlichen Hagel von Faustschlägen in die Seiten. &#039;&#039;»Everlast«&#039;&#039; stand auf den Eckpolstern des Rings, doch die Frage war, wie lange das andauern konnte. Foreman hatte einen der härtesten Punchs in der Geschichte des Schwergewichtsboxens. Ali wollte seinen Gegner besiegen, indem er ihn zermürbte. &#039;&#039;Rope-a-dope&#039;&#039;, »am Seil verweilen« würde er diese Taktik später nennen. Zizi hörte nicht, wie Ali über das weiße Grinsen seines Mundschutzes immer wieder rief: &#039;&#039;»George, you disappoint me.« »Come here, sucker! They told me you could punch.« »You&#039;re not breaking popcorn, George.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi filmte und filmte. Seine Aufnahmen waren nicht dazu gedacht, in der Welt verbreitet zu werden. Dafür sorgten schon die Amerikaner. Das hier war für den Eigengebrauch. Er sah die Prominenten vor sich: den Staatskommissar für den Sport, die Provinzgouverneure, die Diplomaten, die Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, die gesamte Kaste, die sich von Mobutu unterhalten ließ. Speichellecker aus dem Publikum steckten ihm Geld zu und baten ihn, sie einmal gut ins Bild zu setzen, damit der Präsident sie sah. Vor allem Frauen. Eine Frau im roten Kleid, eine Dame in Weiß . . . Könnte er bitte mal kurz auf sie zoomen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hin und wieder drehte er sich um. Dann sah er jedes Mal, wie der hünenhafte Foreman auf Alis Körper eindrosch, der fürchterlich nach hinten hing. Zizi bekam nicht mit, wie sich Ali in der achten Runde, dreizehn Sekunden vor dem Gong, plötzlich von den Seilen löste und blitzschnell mit einer gewaltigen Rechts-links-rechts-Kombination ausholte. Der letzte Stoß war ein vernichtender Hammerschlag, der Foremans Gesicht zu einem Tonklumpen verformte. Foremans Arme, acht Runden lang wie stampfende Maschinenkolben, fuchtelten plötzlich unkontrolliert ins Leere. Foreman beugte sich vor, konnte es nicht glauben. Er war noch nie k. o. geschlagen worden. Der Boden des Boxrings kippte auf ihn zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde eine ausgelassene Nacht. Direkt nach dem Kampf brach ein außerordentlich heftiges Gewitter los. Die Nachtclubs von Kinshasa waren gestopft voll. Getränke gab es gratis. Alle feierten, lachten, betranken sich. Aber als Zizi nach Hause ging, beschäftigte ihn auch die Frage, wie Mobutu sich die Aufnahmen angesehen hatte. Saß er allein, nur mit ein paar Angehörigen, in seinem Palast? Genoss er das Schauspiel, das er seinem Land spendiert hatte? War er neugierig auf die Frau im roten Kleid? Oder achtete er mit unruhigen Blicken auf die Reaktionen des Publikums, besorgt über jedes Gesicht, das nicht fröhlich genug aussah?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 10 Toujours servir ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Wahnsinn eines Marschalls 1975-1990 ===&lt;br /&gt;
In der Einsamkeit seiner Allmacht saß Mobutu wie gebannt vor dem Fernseher. Fünfzehn Jahre nach dem historischen Boxkampf sah er Bilder, die ihn mehr aus der Fassung brachten als jedes Filmmaterial, das er jemals gesehen hatte. Es war Weihnachten 1989, und in den Nachrichten eines ausländischen Senders sah er, wie eine Schildkröte den Kopf ausstreckte, langsam, hilflos, mit Todesangst im Blick. Nein, es war keine Schildkröte, es war ein Mann, der aus einer Luke unten an einem Schützenpanzer kroch oder eher herausgeschoben wurde. Vor dem graugrünen Stahl bewegte er den Oberkörper so unbeholfen – die Arme an den Rumpf gedrückt, die Hände noch im Inneren des Panzers –, dass er einer Schildkröte ähnelte. Ein Soldat auf der Straße ergriff den Mann von außen und zog ihn heraus, als mache er die Arbeit einer Hebamme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Videoaufnahmen waren gelblich und unscharf, die Szene wirkte winterlich. Aber Mobutu erkannte den Mann sofort. Es war Nicolae Ceaușescu. Zusammen mit seiner Frau war er kurz zuvor verhaftet worden, nach tagelangen Protesten in seinem Land. Mobutu sah, wie sich der rumänische Präsident hochrappelte und seine schwarze Mütze abnahm, um sich die Haare glatt zu streichen. Die Mütze sah wie eine winterliche Ausführung seiner eigenen Leopardenfellmütze aus. Das war nicht die einzige Ähnlichkeit. Ceaușescu war, genau wie er, 1965 an die Macht gekommen, und Mobutu hegte große Bewunderung für den Schneid, mit dem er Rumänien auf einem von der UdSSR unabhängigen Kurs steuerte. Und wie Mobutu erfreute sich Ceaușescu großer Unterstützung aus dem Westen. Beide verdankten ihre Macht treuen Bündnispartnern im Ausland und einer gefügigen Clique im Inland, und so konnte sich ihre Präsidentschaft zu einer Quasi-Monarchie entwickeln. Beide legten Wert auf denselben Beinamen: Ceaușescu ließ sich &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; nennen, Führer, und Mobutu ließ sich als &#039;&#039;le Guide&#039;&#039; ansprechen. Um das »Genie der Karpaten«, noch so ein Beiname, war ein ebenso sonderbarer Personenkult entstanden wie um den »Großen Steuermann« in Kinshasa. In Zaire war die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Philosophie inzwischen offiziell zum »Mobutismus« umgestaltet worden; in Rumänien herrschte der »Ceaușescuismus«. Auf derart umfassende Weise legitimiert, konnten beide Herrscher nur schwer mit Kritik umgehen. Sie legten der Presse Zügel an und sahen Dissidenten am liebsten jenseits der Landesgrenzen. Sollten die doch in schmuddeligen Pariser Kaschemmen über vollen Aschenbechern ihrem Groll Luft machen, blind wie sie waren für die Segnungen, die ihnen ihre Herrscher gebracht hatten. Die Staatssicherheit ging über alles. Ceaușescus Securitate wies auffallende Ähnlichkeiten mit der DSP auf, Mobutus &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;. Die Beziehungen zwischen Kinshasa und Bukarest waren sehr herzlich und durch eine innige Freundschaft zwischen Mobutu und Ceaușescu gekrönt. Mobutu blickte nach Amerika, wenn es um Geld ging, und nach Osten, um sich Anregungen für seine Regierungsmethode zu holen. Er hatte viel von Mao und Kim Il-sung gelernt, aber das einzige kommunistische Staatsoberhaupt, mit dem er jetzt noch befreundet war, war Ceaușescu. Auch die Gattinnen verstanden sich gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sah die Bilder. Einen Monat zuvor hatten sich in Bukarest noch die Spitzenleute ihrer beiden Parteien getroffen.1 Nun sah er, wie Nicolae und Elena in einem trostlosen Klassenzimmer Platz nahmen. Wie verbraucht sie plötzlich aussahen . . . Nicolae war ein alter, grauhaariger Mann in einem langen Wintermantel, Elena eine Dame im gesetzten Alter mit einem großen Pelzkragen. Ein älteres Ehepaar aus Osteuropa. Sie saßen an einem Tisch mit dünnen Metallbeinen. Nicolae gestikulierte heftig, erhob die Stimme. Die Kamera schwenkte nach rechts. Hohe Offiziere mit vielen Orden kamen ins Bild. Militärs, die aufsprangen. Ein Mann, der einen Text von einem Blatt ablas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein sehr turbulenter Herbst gewesen in Europa. Glasnost, Perestroika, der Mauerfall . . . Mobutu verfolgte alles mit Argusaugen. Seit Gorbatschow das politische Tauwetter eingeleitet hatte, war eine Kettenreaktion in Gang gekommen, die sich nicht mehr aufhalten ließ, am wenigsten von Gorbatschow selbst. Einen großen Einparteienstaat zu demokratisieren, hielt Mobutu schlichtweg für tollkühn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sehe sich an, was in der Sowjetunion geschieht; schon ohne dass das Mehrparteiensystem dort etabliert wird, genügte es, dessen Prinzip zuzulassen, damit Regionalismus und Separatismus aufkamen. Ich kann die baltische, armenische, georgische oder weißrussische Bewegung nicht beurteilen; ich beschränke mich auf die Feststellung, dass allein schon der Gedanke an ein Mehrparteiensystem der Entstehung von Fliehkräften Vorschub leistet.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demokratisierung, davor nahm sich Mobutu in Acht. Er erinnerte sich nur zu gut an das Debakel der Ersten Republik. Der Fall des Kommunismus in Europa ähnelte in mancher Hinsicht der Entkolonialisierung von Afrika: ein abrupter Prozess, in dessen Verlauf eine latente Hoffnung plötzlich in eine unkontrollierbare Stromschnelle geriet. Sophistisch argumentierte er: »Wenn wir bei uns ein demokratisches System nach westlichem Rezept unter Zwang einführen, wäre das erst recht eine Diktatur.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ganz Mittel- und Osteuropa war das Ende des kommunistischen Zeitalters ohne Blutvergießen vonstattengegangen. In den vergangenen Tagen hatte Mobutu Plätze in Bukarest gesehen, auf denen Zehntausende Menschen der Kälte trotzten, um den Rücktritt des &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; zu fordern. Doch erst diese verwackelten Bilder aus einem kleinen Dorf außerhalb der Hauptstadt ließen ihn schaudern. Plötzlich saßen Nicolae und Elena nicht mehr in dem Klassenzimmer von soeben, sondern standen auf einem leeren Schulhof vor einer gelben Mauer. Mobutu sah eine Staubwolke. Geknatter. Als klappere jemand mit einer Büchse, die mit Steinchen gefüllt war. Fahle Farben. Gedämpfte Stimmen. Ewiger Winter. Die Kamera schwebte anschließend über zwei Wachsfiguren. Elena lag auf der Seite, starrte in die eisige Luft, gleichgültig gegenüber dem Blutstrom, der aus ihrem Schädel rann. Nicolae auf dem Rücken, die Unterschenkel unnatürlich unter dem Körper, wie ein Harlekin. Mobutu konnte den Blick nicht abwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus: gut zehn Jahre zuvor, 1978. Grelles Sonnenlicht. Mobutu, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Aufnahmen seiner massiven Statur. Er hatte zugenommen seit seiner Machtergreifung; das Präsidentenamt hatte ihm unübersehbar gut getan. 1970 und 1977 war er erneut zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Die Dauer einer Amtszeit war auf sieben Jahre erhöht worden, und die Zahl der Amtsperioden war nicht mehr begrenzt. Mobutu war zugleich der einzige Kandidat. Bei den Wahlen mussten die Bürger nur eine grüne oder eine rote Karte in die Wahlurne stecken. Rot, so klärte sie im Wahlbüro ein MPR-Funktionär auf, stand für Chaos, Blutvergießen, fremde Ideologien. Grün sei die Farbe der Hoffnung, des Maniok und des MPR selbst. Wie jemand abstimmte, war offen zu sehen. Mobutu erzielte 98 oder 99 Prozent und regierte komfortabler denn je. Er ging nun mit etwas langsameren Schritten, sprach auch etwas langsamer. Würde bekam größere Bedeutung als Arbeitseifer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rakete war startbereit. Am Rand einer Hochebene – man konnte von hier über das Tal des Luvua blicken – ragte ein schlankes Gebilde, abgestützt von einem doppelten Stahlgerüst, zwölf Meter in die Höhe. Es war Montag, der 5. Juni 1978, mittags um halb zwölf. Ein strahlender Mobutu hatte einen Haufen Freunde und Journalisten eingeladen, damit sie Zeugen eines x-ten Coups wurden: eines Raketenstarts auf zairischem Boden. Ein paar Jahre zuvor hatte er mit einem deutschen Privatunternehmen Vereinbarungen getroffen und der Firma namens OTRAG (Orbital Transport- und Raketen Aktiengesellschaft) ein riesiges Savannengelände zur Verfügung gestellt, damit sie dort mit dem Bau und dem Start kostengünstiger Raketen experimentieren konnte. Die OTRAG erhielt Gelder vom deutschen Bundesforschungsministerium, um eine Alternative zu den teuren Projekten von NASA und ESA zu entwickeln.4 Auf lange Sicht sollten die deutschen Billigraketen Satelliten für einen Pappenstiel in ihre Umlaufbahn befördern. Ein Privatunternehmen, das Raketen baute: Das war ein Unikum in der Geschichte der Raumfahrt. Ein Unternehmen, das sich noch dazu der Unterstützung eines afrikanischen Diktators erfreute: So etwas hatte es noch nie gegeben. Initiator des Projekts war Lutz Kayser, doch der auffälligste Name auf der Gehaltsliste war der von Kurt Heinrich Debus; im Zweiten Weltkrieg hatte Debus am Bau der V2 mitgewirkt, und nach dem Krieg leitete er viele Jahre das Kennedy Space Center, wo er für das Apollo-Programm verantwortlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die OTRAG benötigte ein weiträumiges, leeres Gelände in Äquatornähe und hatte Indonesien, Singapur, Brasilien und Nauru ins Auge gefasst, Länder in Ozeannähe: Dort konnte eine Rakete auch mal abstürzen. Auf Zaire kam man erst später. Die Savanne von Shaba, dem früheren Katanga, war so spärlich besiedelt, dass auch sie als geeignet erschien. Innerhalb von zehn Tagen, im Jahr 1977, war die Sache mit Mobutu abgemacht; ein in jeder Hinsicht verblüffender Deal. Die OTRAG wurde Herr und Meister über ein Gebiet von hunderttausend Quadratkilometern, anderthalbmal so groß wie Irland. Das erinnerte an die Kautschukgesellschaften im neunzehnten Jahrhundert mit ihren umfassenden Konzessionen, die es ihnen erlaubten, ungehindert ihren »Geschäften« nachzugehen. Bis ins ferne Jahr 2000 pachtete die OTRAG fast 5 Prozent des zairischen Territoriums zu ausgesprochen vorteilhaften Konditionen. Das Unternehmen war von Einfuhrzöllen befreit und brauchte für etwaige Umweltschäden nicht aufzukommen. Die Arbeitnehmer brauchten keine Steuern zu zahlen und genossen juristische Immunität. Und da die Savanne nicht so menschenleer war wie der Ozean, durfte die OTRAG sogar einheimische Bevölkerungsgruppen umsiedeln, wenn deren Anwesenheit bei den Raketenstarts hinderlich war. Mobutu, der Mann, der gegen Sezessionen und Rebellionen gekämpft hatte, gab nun faktisch die Macht über einen substanziellen Teil des Landes aus der Hand. Als Gegenleistung verlangte er lediglich 5 Prozent des Nettogewinns, falls jemals ein Gewinn erzielt würde; sobald die Sache erfolgreich war, sollte außerdem ein Beobachtungssatellit zum Zweck der inneren Sicherheit stationiert werden.5 Aber so weit würde es nie kommen. Unterdessen kassierte er jährlich fünfundzwanzig Millionen Dollar Pacht, Geld, das umgehend in seiner Privatschatulle verschwand.6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strahlend beobachteten Mobutu und seine Getreuen den Raketenstart. Abgezählt wurde auf Deutsch. Die ersten beiden Tests waren erfolgreich verlaufen. Ein Jahr zuvor hatte man unter größter Geheimhaltung eine sechs Meter lange Rakete auf eine Höhe von zwanzig Kilometern bekommen. Zwei Wochen davor war eine schwerere Ausführung sogar dreißig Kilometer hoch gestiegen. Heute konnte es nicht schiefgehen. Hundert Kilometer hoch sollte das Riesending aufsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu mochte solche Schauspiele. Hatte er nicht die Mondreisenden nach Kinshasa eingeladen? Hatte er nicht dafür gesorgt, dass der Boxkampf des Jahrhunderts im Kongo stattfand? War die öffentliche Hinrichtung nicht auch ein Schauspiel gewesen? Aber Veranstaltungen allein reichten nicht. Er wollte das Land auch mit einer Reihe von megalomanen Infrastrukturprojekten beglücken. Den Inga-Staudamm am Kongofluss ließ er zu einem der größten Wasserkraftwerke Afrikas ausbauen. Als der neue Staudamm »Inga II« 1982 fertiggestellt war, war er auf eine Kapazität von 1424 Megawatt ausgelegt, rund viermal so groß wie Inga I mit seinen 351 Megawatt. Kurz darauf begann Mobutu schon von Inga III zu träumen, einem Kraftwerk, das 30.000 Megawatt erzeugen sollte; es wäre das größte Kraftwerk der Welt, ausreichend, um ganz Afrika und einen Teil Europas mit Energie zu versorgen. Bevor es so weit war, ließ er von Inga aus eine Hochspannungsleitung zur Bergbauprovinz Shaba anlegen, 1800 km Kabel mitten durch den Urwald. Shaba selbst war mit Elektrizitätswerken zwar ausreichend versorgt, doch mit Hilfe dieser Leitung konnte Mobutu den Finger am Hauptschalter der aufständischen Provinz halten. Zehntausend Hochspannungsmasten mussten dafür errichtet werden. In Maluku, am Kongofluss nördlich von Kinshasa, ließ er eine Stahlgießerei bauen, die jährlich 250.000 Tonnen Stahl produzieren sollte.7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle diese Prestigeprojekte wiesen übereinstimmende Merkmale auf: Sie wurden von ausländischen Firmen realisiert, sie waren mit den allerneuesten technischen Schikanen ausgestattet, sie wurden fix und fertig geliefert – und sie funktionierten nie wie erwartet. Sobald die Rechnungen bezahlt waren, zogen sich die französischen, italienischen oder amerikanischen Firmen zurück, und für die ganze Hightech-Apparatur waren Leute verantwortlich, die damit nicht umzugehen wussten und auch keine Chance bekamen, es zu lernen. Inga II verschlang 478 Millionen Dollar, aber Zaire war nach wie vor ein Land mit häufigen Stromausfällen.8 Die Turbinen wurden nicht gewartet, und zwei der acht, die heute noch in Betrieb sind, erzeugen nur 30 Prozent der geplanten Stromproduktion. Die Hochspannungsleitung nach Shaba kostete die schwindelerregende Summe von 850 Millionen Dollar, aber transportierte oft nicht mehr als 10 Prozent der Strommenge, auf die sie ausgelegt war.9 Zudem hatte man beim Bau auf Abzweigstellen für die Städte und Dörfer entlang der Leitungsstrecke verzichtet. Die Stahlfabrik Maluku hatte 182 Millionen Dollar gekostet, doch der Betrieb schrieb nie schwarze Zahlen: Das einheimische Eisenerz konnte er nicht verarbeiten, nur importierten Schrott einschmelzen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Geld, das zum Fenster hinausgeworfen wurde . . . Nie wurde mir das so deutlich bewusst wie an dem Tag im Jahr 2007, als Zizi mich zum ersten Mal durch das Haus des Staatsrundfunks führte. Mobutus Bauwut beschränkte sich nicht auf die Schwerindustrie; auch Kinshasa musste aufgehübscht werden, wie Brüssel zur Zeit von Leopold II. Im Stadtteil Limete entstand ein gewaltiger Verkehrsknotenpunkt mit breiten Zu- und Abfahrten und kühnen Überführungen; in der Mitte des Kreisverkehrs erhob sich eine modernistische Imitation des Eiffelturms, ein spitz zulaufendes Bauwerk aus Stahl und Beton, um die 150 Meter hoch. In die Spitze sollte ein Panoramarestaurant kommen, doch der Komplex wurde nie fertiggestellt. Am Ufer des Kongoflusses ließ er das CCIZ errichten, Zaires internationales Handelszentrum, ein sündhaft teures Gebäude, das schon seit Jahrzehnten vor sich hin rottet. Als kurz nach der Einweihung die Klimaanlage ausfiel, stellte sich heraus, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen – sehr misslich im Tropenklima. Im Stadtzentrum wurde eine schicke Shopping-Mall mit Rolltreppen aus dem Boden gestampft, die &#039;&#039;Galéries présidentielles&#039;&#039;. Und ein paar Kilometer weiter entstand der Medienpark des RTNC, des staatlichen Rundfunks, Zizis neuer Arbeitsplatz. Kostenpunkt: 159 Millionen Dollar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das hier haben die Franzosen gebaut«, sagte er, als er mich herumführte, »sie waren unheimlich scharf auf den Auftrag. Zum Dank lieferten sie Mobutu gratis Mirage-Kampfflugzeuge.« Er zeigte mir die verfallenen Aufnahmestudios. Zwei von den neun wurden noch benutzt: riesengroße Hallen ohne Ausstattung. Bei Live-Sendungen behalfen sich ein paar unentwegte Journalisten mit zwei alten Kameras und ein paar Mikrophonen, wenn überhaupt Strom da war. Ich durfte es einmal selbst miterleben. Im Rahmen eines Austauschprogramms für Künstler aus Brüssel und Kinshasa saß ich mit ein paar anderen Gästen in einer morgendlichen Talkrunde. Deckenplatten hatten sich gelöst. Im Licht der Scheinwerfer sahen wir den Asbeststaub unaufhörlich herabrieseln. Stromkabel lagen frei, Mischpulte fielen fast auseinander. Es war mir ein Rätsel, wie von hier aus noch Live-Fernsehen ausgestrahlt werden konnte. Vor der Talkshow war noch eine Nachrichtensendung. Die Sprecherin hatte keinen Teleprompter, nicht mal ein Manuskript, aber sie trug alle Punkte untadelig vor, auswendig, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten und mit verblüffender Präsenz. Als die Übertragung schon ein paar Minuten lief, stellte allerdings ein Techniker fest, dass kein Mikrophon auf ihrem Tisch stand. Die Sendung musste unterbrochen werden. Während das Team fieberhaft nach einem Mikrophon suchte, das noch tauglich war, bekamen die Zuschauer im Kongo für etliche Minuten das Testbild zu sehen. Die elegante Nachrichtensprecherin saß derweil allein an ihrem hell erleuchteten Tisch, in der endlosen Weite eines dunklen, maroden Studios.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang war dieser Komplex für sechstausend Angestellte gedacht«, erklärte mir Zizi, »jetzt arbeiten hier noch zweitausend.« Das zentrale Gebäude war ein neunzehn Stockwerke hoher Phallus. Der Empfang in der Halle hatte eine Schaltzentrale für Hunderte von externen Fernsprechleitungen. Sie war schon seit Jahren außer Betrieb, genau wie die Fahrstühle. Alle Mitarbeiter mussten die Nottreppe benutzen, ein dunkles, an Bilder von Escher erinnerndes Labyrinth, das penetrant nach Urin stank, denn auch die Wasserzufuhr zu den höheren Etagen funktionierte nicht mehr. In früheren Zeiten hatte der Verwaltungschef sein Büro im obersten Stockwerk des Hauses, mit einem majestätischen Ausblick über die ganze Stadt. Heute will niemand mehr diesen Adlerhorst erklimmen. Der heutige Chef genießt das große Vorrecht, im Erdgeschoss zu arbeiten. Je höher der Arbeitsplatz, desto niedriger der Rang. »Was für eine Verschwendung«, seufzte Zizi, als wir zu seinem Büro im fünften Stock hinaufkletterten, »der RTNC, das CCIZ, die ganzen Projekte . . . und das zu einem Zeitpunkt, als anderswo so große Armut herrschte.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu weiterhin mit Geld nur so um sich warf, ist schon erstaunlich. Seit 1975, als im Nachbarland Angola ein nicht enden wollender Entkolonialisierungskrieg ausgebrochen war, konnte Zaire die Benguela-Bahn nicht mehr nutzen, jene Bahnlinie, bei der mein Vater gearbeitet hatte und die das Bergbaugebiet Katangas mit dem Atlantik verband. Die Ausfuhr von Erzen wurde viel umständlicher, und Mobutu entgingen viele Devisen. Das Land zerbröselte, doch das schien kaum in sein Bewusstsein zu dringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Vier, drei, zwei, eins . . .&#039;&#039; Eine Stichflamme leuchtete auf. Es dröhnte immer lauter. Langsam löste sich die Rakete von der Startrampe. Hundert Kilometer sollte sie aufsteigen, ein neuer Schritt in der afrikanischen Raumfahrt. Ein reiches Buffet stand schon für die Gäste bereit. Aber noch ehe der Flugkörper die Startrampe verlassen hatte, konnte schon ein Kind sehen, dass es missglückte. Die Rakete hing schief, beschrieb eine formvollendete Schleife nach links und schlug ein paar hundert Meter weiter im Luvuatal auf, wo sie explodierte. Eine dichte Rauchwolke stieg aus der Savanne auf, und Mobutu drehte sich schweigend um. Am Himmel sahen die Zuschauer noch ein paar Sekunden die dunkle Rauchfahne der Kurve, die die Rakete beschrieben hatte.12 Eine Parabel aus Ruß. Als sei es die graphische Darstellung von Mobutus Regierung: Nach dem steilen Aufstieg der ersten Jahre kippte sein Zaire endgültig und stürzte in den Abgrund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nicht der einzige Absturz in jenen Jahren. Zwischen 1974 und 1980 stürzten zwei C-130-Transportmaschinen der Luftwaffe Zaires ab, außerdem zwei Macchi-Jagdflugzeuge, drei Alouette- und vier Puma-Helikopter.13 Keiner dieser Abstürze geschah bei Kampfhandlungen. Der Grund für so viel Pech? Die Soldaten wurden so schlecht bezahlt, dass sie angefangen hatten, die Ersatzteile der Maschinen zu verscherbeln. Pierre Yambuya, ein Helikopterpilot der Nationalarmee, erlebte es aus der Nähe mit. Seine Aussage erlaubte einen außergewöhnlichen Einblick in den Zustand der damaligen Streitkräfte. »Jeder, der ein Privatflugzeug besaß, wusste, dass es in Kinshasa den preisgünstigsten Ersatzteilmarkt der Welt gab. Militärangehörige verkauften dort Flugzeugteile zwanzig Mal billiger als der Fabrikpreis.«14 Mobutu spielte sich groß auf mit seinen Prestigeprojekten, vernachlässigte aber zunehmend die Institution, der er seinen Staatsstreich verdankte: die Armee. Piloten der Luftwaffe besserten ihr Einkommen außerdem auf, indem sie überall, wo sie landeten, einen Teil des Kerosins an die Bevölkerung verkauften, die ihre Petroleumlampen damit füllte. Das bürgerte sich so sehr ein, dass Kinder mit gelben Kanistern zum Flugplatz rannten, sobald eine Armeemaschine gelandet war. Pierre Yambuya wusste, wovon er sprach: »Ein Feldwebel verdiente 280 Zaïre, ein Sack Reis kostete damals 1200 Zaïre. Ein Adjutant bekam 430 Zaïre. Für eine Schuluniform bezahlte man damals aber 850 Zaïre, und für die 5 Zaïre, die seinen Kindern zustanden, konnten sie sich nicht mal einen Bleistift kaufen.« Tja, das macht Korruption sehr begreiflich. Die Soldaten protestierten nicht »nach oben«, denn das hätte sie den Job oder sogar das Leben kosten können, sondern wiederholten auf niedrigerer Ebene das, was über ihren Köpfen geschah. »Um einigermaßen anständig leben zu können, habe ich zum Beispiel den Treibstoff für meinen Hubschrauber verkauft. Mein Oberst hat sich das Geld für meine Einsätze in die eigene Tasche gesteckt und zu mir gesagt: ›Wenn du irgendwo landest, verkaufst du doch sowieso deinen Sprit. Das ist natürlich deine Sache.‹«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire erkrankte. Die tiefere Ursache war Geldmangel (aufgrund der Kupferkrise, der Ölkrise, der schiefgelaufenen Zairisierung und der grotesken Ausgabenpolitik), und die schlimmsten Symptome waren der Ausfall des Staates und die Verbreitung der Korruption. In der Armee zeigte sich das am schnellsten. Militärs nahmen Armeefahrzeuge aus den Kasernen mit und betätigten sich als Taxifahrer. Aus den Kantinen verschwanden Radios und Plattenspieler, aus den Garagen Bulldozer und Sattelschlepper. Offiziere setzten sogar Untergebene privat als Hauspersonal ein. In den Kasernen gab es hohe Fehlzeiten; die Ausfälle betrugen manchmal mehr als 50 Prozent. Die paar Soldaten, die zum Appell erschienen, waren nicht sonderlich motiviert. Disziplin war etwas aus längst vergangenen Zeiten. Ein internes Dokument, das &#039;&#039;Mémorandum de Réflexion&#039;&#039;, scheute keine Selbstkritik, als es darum ging, die Moral der Truppe kurz und bündig zusammenzufassen: »Alle wollen befehlen, aber keiner will gehorchen.«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unterdessen standen jenseits der angolanischen Grenze die Veteranen der katangesischen Sezession, die Truppen Tschombés. Viele gehörten zum Stamm der Lunda, einem Volk, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Angola erstreckte. Vor vielen Jahren, nach ihrem Sieg über die Simba-Rebellen, hatte Mobutu sie von der nationalen Bühne vertrieben, doch nun sannen sie, zusammen mit ihren Söhnen und neuen Rekruten, auf Rache. Die berüchtigten Katanga-Gendarmen hatten eine merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Während der Abspaltung Katangas (1960-1963) kämpften sie für ein politisch rechts angesiedeltes, von Europäern angeleitetes Katanga, in Angola aber stellten sie sich ab 1975 auf die Seite des marxistischen MPLA, des Movimento Popular de Libertação de Angola. Dieser ideologische Umschwung hatte einen simplen Grund: Der MPLA verabscheute, wie sie, Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Nelkenrevolution in Portugal begann in Angola 1975 ein heftiger Entkolonialisierungskampf. Wie im Kongo ging es um den Thron, doch in Angola verlief der Kampf sehr viel blutiger. Es gab drei Fraktionen. Der linksgerichtete MPLA von Agostinho Neto stand dem FNLA von Holden Roberto und der UNITA von Jonas Savimbi diametral gegenüber. Die Großmächte mischten sich ein. Angola wurde der Ort, an dem der Kalte Krieg seine heißeste Phase in Afrika erlebte. Der MPLA wurde von der UdSSR und Kuba massiv unterstützt, die beiden anderen Milizen konnten auf die USA zählen. Der amerikanische Beistand verlief über Südafrika und Zaire: Pretoria unterstützte Savimbi im Süden, Kinshasa Holden im Norden. Da Holden zudem der Schwager Mobutus war, schlossen sich die ehemaligen Katanga-Gendarmen dem MPLA an. Ihr Anführer war Nathanaël Mbumba, ihr neuer &#039;&#039;nom de guerre&#039;&#039; FLNC (Front pour la Libération Nationale du Congo), ihr Beiname &#039;&#039;les Tigres Katangais&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweimal fielen die Rebellen in Zaire ein. 1977 und 1978 überquerten sie die Grenze und eroberten große Teile im Westen von Shaba (im sogenannten Ersten und Zweiten Shaba-Krieg). Zahlenmäßig und logistisch waren sie viel schwächer als die Regierungsarmee, aber die lokale Bevölkerung empfing sie mit großem Jubel, nicht nur, weil sie auch Lunda waren, sondern weil die Leute Mobutu satt hatten. Die Rebellen gewannen mühelos Terrain und eroberten 1978 sogar die wichtige Minenstadt Kolwezi. Zum ersten Mal seit zehn Jahren war Mobutu mit einem militärischen Aufstand konfrontiert. Dissidenten, die nach Brüssel und Paris geflohen waren, hofften auf einen Umsturz und das Ende der Mobutu-Diktatur und sahen in der Invasion den »Embryo einer Volksarmee«.17 Mbumba sollte dem Traum von Lumumba und Mulele neues Leben einhauchen. Das Reich des Sonnenkönigs schien für einen Moment ins Wanken zu geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu selbst setzte alles daran, die Rebellion als ausländische, marxistische Einmischung hinzustellen. Er erklärte Mbumba für eine Schachfigur des MPLA, von Kuba und der Sowjetunion gesteuert. Mit solchen Argumenten hoffte er ausländische Hilfe loszueisen, denn seine eigene Armee war zu nichts mehr zu gebrauchen. Sein Kalkül ging auf. Der Erste Shaba-Krieg wurde nach achtzig Tagen von marokkanischen Truppen beendet, die mit französischen Armeemaschinen eingeflogen worden waren. Der Zweite Shaba-Krieg wurde schon nach wenigen Tagen von französischen Fremdenlegionären und belgischen Fallschirmjägern niedergeschlagen. Mobutus Bündnispartner traten blitzschnell in Aktion, nachdem die Rebellen in Kolwezi dreißig Weiße in einer Villa abgeschlachtet hatten. Was die ausländischen Freunde nicht wussten, war, dass nicht die Rebellen, sondern höchstwahrscheinlich Mobutus Soldaten selbst die Mörder waren. Helikopterpilot Pierre Yambuya war zu diesem Zeitpunkt in Kolwezi und ließ nicht den geringsten Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 14. Mai, um 17 Uhr, gibt Oberst Bosange [von der Regierungsarmee] plötzlich den Befehl, alle Europäer, die in der Villa eingeschlossen sind, zu erschießen. Er sagt, es seien alles Söldner. Bosange duldet keine Widerrede, und General Tshikeva sagt dazu kein Wort. Nur der alte Musangu protestiert. Bosange gibt dem Chef des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes, Leutnant Mutuale, und drei anderen Soldaten den Auftrag, seinen Befehl auszuführen. Mutuale und sein Exekutionskommando begeben sich zur Villa, deren Türen und Fenster hermetisch abgeschlossen sind. Durch die Rollladen hindurch schießen die Soldaten ihre automatischen Waffen leer. Das Schnellfeuer hallt wie der Lärm eines Zusammenstoßes. Fünf Minuten später sind Mutuale und seine Leute zurück: Befehl ausgeführt.18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu kannte sich in der Geschichte aus. 1960 hatte Belgien im Kongo interveniert, weil in Elisabethville fünf Weiße ermordet worden waren. 1964 war Stanleyville von belgischen Fallschirmjägern entsetzt worden, weil Hunderte Weiße als Geiseln genommen worden waren. Töte ein paar Europäer, wusste Mobutu, und du hast eine westliche Armee an deiner Seite, jedenfalls solange du die Schuld auf jemand anderen schieben kannst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Shaba-Kriege waren von kurzer Dauer, die Lektionen aber, die sich daraus ziehen ließen, sehr bedeutsam. Erstens: Mobutu schreckte tatsächlich vor nichts zurück, um seine Position zu halten. Zweitens: Seine Armee war nutzlos. Drittens: Er überlebte dank ausländischer Hilfe. Die USA waren schon seit 1960 ein treuer Bündnispartner (das Verhältnis blieb freilich nicht ohne Spannungen), aber nun kam auch noch Frankreich hinzu. Präsident Giscard d&#039;Estaing verfolgte eine sehr bewusste Politik, um den französischen Einflussbereich in Zentralafrika zu erweitern. Als größtes französischsprachiges Land der Welt weckte Zaire selbstverständlich sein Interesse. Noch 1960, als die Entkolonialisierung in vollem Gange war, hatte Frankreich versucht, den Kongo von Belgien zu übernehmen und sich dabei auf das historische Vorkaufsrecht, das &#039;&#039;droit de préemption&#039;&#039; van 1885 berufen!19 Giscard hatte jedoch eher finanzielle Vorteile im Auge. Der Handel mit Zaire wurde spürbar intensiviert. Das war auch der Hintergrund beim Deal um die Fernsehstudios, die französische Firmen als Dank für die Mirages errichten durften. Der wichtigste Bauunternehmer war ein Cousin Giscards, und ein anderer Cousin von ihm gehörte zu den größten Finanziers.20 Nepotismus war schließlich keine zairische Erfindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa und in Brüssel sprach ich mehrmals mit Oberst Eugène Yoka, der einer der sehr wenigen Düsenjägerpiloten in der zairischen Armee gewesen war. Er war der Sohn der letzten noch lebenden Witwe eines Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und kam aus einer Familie von Militärs. Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft, sein Großvater war einer der ersten Soldaten der Force Publique gewesen. Er selbst hatte mehr als zweitausend Flugstunden absolviert. 1961 gehörte er zum ersten Kontingent kongolesischer Piloten; fliegen gelernt hatte er im belgischen Tienen auf einer SV-4B, einem Doppeldecker mit Propeller. Danach war er Dakotas geflogen, T-6, P.148, alle möglichen Maschinen. Beim ersten Flug der Concorde nach Afrika 1973 war er dabei; Mobutu würde das Überschallflugzeug noch mehrmals chartern, unter anderem, um mit seiner Familie einen Ausflug nach Disneyland Paris zu machen.21 Und Yoka trat dem auserwählten Kreis von Piloten bei, die die Mirage fliegen konnten. Er war dazu in Frankreich ausgebildet worden. Ich fragte ihn, wie er die Shaba-Kriege erlebt habe. »Ich war dabei«, sagte er, »beim ersten und beim zweiten Krieg, aber nicht als Pilot.«22 Die gleiche Antwort hatte ich von Alphonsine Mosolo bekommen, der ersten Fallschirmspringerin, die in Israel ausgebildet worden war. »Die Kriege von 1977 und 1978, in denen brauchte ich nicht zu springen.« Beide waren im Ausland gründlich ausgebildet worden, beide mussten zu den alljährlichen Paraden in Kinshasa antraben, aber keiner von beiden hatte sein Können beweisen müssen, als es darauf ankam. Die Streitkräfte waren offenbar zu nichts nütze. Alphonsine sagte: »Statt zu springen musste ich für Mobutu kochen, auf der Kamanyola. Das war seine Privatyacht, mit der fuhr er auf dem Fluss. Eines Abends war an Bord eine kleine Party. Ich war mit Kochen fertig. Mobutu legte Wert auf eine gesellige Atmosphäre, und er war eine richtige Stimmungskanone. Ich saß auf einem Stuhl, aber er meinte, ich solle tanzen. Er zog mir sogar die Schuhe aus, damit ich endlich tanzte. Wirklich! Der Präsident persönlich! Auf den Knien! Und meine Füße haben so gestunken!«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu konnte weitertanzen, weil er davon überzeugt war, dass die Rezession, mit der sein Land zu kämpfen hatte, nur ein vorübergehendes Tief war. Das Kupfer brachte eben für eine Weile weniger ein, und das gerade jetzt, wo der Ölpreis so hoch war. Jeder könne mal einen Rückschlag erleiden, argumentierte er, vor allem, wenn die Wirtschaft in so hohem Maße von einem einzigen Sektor wie dem Bergbau abhängig sei. Ja, sein Land könne nicht alle Kredite gleichzeitig abbezahlen, das stimme, aber in Kürze würde die weltweite Nachfrage nach Erz sicherlich wieder steigen. Er wandte sich an seine französischen und amerikanischen, aber auch an neue arabische Verbündete mit der Bitte, ihm vorübergehend auszuhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaires Schuldenlast war jedoch nicht nur konjunkturbedingt. 1977 belief sich das Haushaltsdefizit auf 32 Prozent des Gesamtetats.24 Jahr für Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um mehrere Prozent.25 Eine jährliche Inflationsrate von 60 Prozent wurde zum Normalzustand.26 Zwischen 1974 und 1983 versechsfachten sich die Preise.27 Die Bevölkerung wusste, dass es sich nicht mehr um ein vorübergehendes Problem handelte. Für ein Kilo Reis mussten die Menschen im Jahr 1984 zwei ganze Tage arbeiten, für ein Kilo Rindfleisch mehr als zehn Tage. Der einfache Zairer, der für seine Familie Maniok gleich in einem preisgünstigeren 40-kg-Sack erwerben wollte, musste dafür achtzig Tage lang schuften.28 Und wenn er das Geld beisammen hatte, war der Preis schon wieder gestiegen. 1979 betrug die Kaufkraft nur noch 4 Prozent der Kaufkraft des Jahres 1960.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Westliche und japanische Banken hatten dem jungen Mobutu anfangs recht problemlos Kredite eingeräumt, damit er die Industrialisierung des Landes vorantreiben konnte – Zaire war ja reich –, doch ab 1975 fürchteten sie um ihr Geld. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Schuldenlast Zaires 887 Millionen Dollar bei insgesamt achtundneunzig Banken.30 Die Banken taten sich zum sogenannten Pariser Club zusammen, um ihre Forderungen zu bündeln. Sie klopften beim Internationalen Währungsfonds an, dem finanziellen Wachhund der Weltwirtschaft, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen worden war, um eine neue Depression wie in den dreißiger Jahren abzuwenden. Der IWF sollte durch Überbrückungskredite verhindern, dass Zaire völlig aus der Bahn geriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte jedoch wenig Lust, sich vom IWF in die Karten gucken zu lassen. Seine gesamte Macht beruhte ja auf der ständigen Alimentierung eines umfangreichen Gefolges. Ließ er den IWF zu, konnte er seine Wohltaten nicht mehr verteilen. Ließ er ihn nicht zu, hatte er kein Geld mehr. Letzteres würde seine Regierung sofort zusammenbrechen lassen, Ersteres bot noch Möglichkeiten. Also galt es, gegenüber dem IWF Lippenbekenntnisse zu leisten und zu allen Bedingungen freundlich zu nicken, damit er anschließend hinter den Kulissen ungestört weiter die Staatskasse plündern konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu, der Mann, der ständig auf die »wirtschaftliche Unabhängigkeit« seines Landes gepocht hatte, musste nun akzeptieren, dass der IWF, der Pariser Club und später auch die Weltbank entscheidenden Einfluss auf die Innenpolitik seines Landes nahmen. 1976 legte der IWF den ersten von vielen Stabilitätsplänen für Zaire vor. Im Gegenzug für eine erste Tranche von siebenundvierzig Millionen Dollar musste Mobutu die Staatsausgaben verringern, die Steuereinnahmen erhöhen, die Währung abwerten, die Produktion und die Infrastruktur stimulieren und das Finanzmanagement verbessern. Nur dann waren die internationalen Banken bereit, über eine eventuelle Stundung zu reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollten noch viele Kapitalspritzen und Überbrückungskredite folgen, aber allein schon in der Zeit zwischen 1977 und 1979 unterschlug Mobutu den vorsichtigsten Schätzungen zufolge mehr als zweihundert Millionen Dollar für sich und seine Familie.31 Nach den Stabilitätsplänen der siebziger Jahre kamen die viel drastischeren Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre, aber auch die brachten keinen Wandel. Um das Jahr 1990 war der Schuldenberg Zaires auf die irrwitzige Summe von mehr als zehn Milliarden Dollar angewachsen. Erst dann wurde Mobutu der Geldhahn zugedreht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus kreative Buchhaltung war freilich schon vorher aufgefallen. Es war ein akribischer deutscher Bankier, der die unangenehme Wahrheit aussprach. Erwin Blumenthal, jahrelang Top-Banker bei der Deutschen Bundesbank, durfte 1978 im Auftrag des IWF den Schutthaufen namens »Zairische Nationalbank« aufräumen. Es war die Zeit, in der der IWF die wichtigsten Finanzinstitutionen des Landes unter Vormundschaft stellte. Gewissenhaft und verzweifelt versuchte Blumenthal, die Zentralbank mit eisernem Besen auszufegen; immer wieder stieß er auf Fälle von skrupelloser Korruption. »Es gibt keinen Verantwortlichen des Fonds oder der Weltbank, der nicht weiß, dass jeder Versuch, eine striktere Etatkontrolle einzuführen, auf ein bedeutendes Hindernis stößt: &#039;&#039;the Presidency«&#039;&#039;, schrieb er. »Wer ruft: Haltet den Dieb!? Jede Kontrolle der Finanztransaktionen des Präsidentenbüros ist unmöglich. In diesem Büro wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen persönlichem Bedarf und Staatsausgaben. Wie ist es möglich, dass internationale Institutionen und westliche Regierungen Präsident Mobutu blind vertrauen?«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die systematische Unterschlagung von Staatsgeld, seine Entdeckung einer ganzen Reihe von Geheimkonten in Europa, die schamlose Raffkultur Mobutus und seiner Clique erfüllten Blumenthal mit Abscheu. Nach nicht einmal zwei Jahren gab er auf. Der vertrauliche Abschlussbericht, mit dem er sein Amt niederlegte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Zweifellos werden neue Versprechen Mobutus und seiner Regierung folgen, und die Auslandsschulden, die unaufhörlich wachsen, werden erneut gestundet werden, aber es besteht keine einzige, ich wiederhole, keine einzige Chance, dass die ausländischen Schuldner ihr Geld jemals wiedersehen.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blumenthal-Bericht war für Mobutu und seinen Clan so belastend, dass sein Inhalt früher oder später durchsickern musste. Zizi Kabongo erinnerte sich noch immer an diese Jahre: »Mobutu wollte auf keinen Fall, dass der Bericht hier erschien. In Zaire wusste erst niemand davon, aber in Paris hatte Nguza Karl-I-Bond den Text veröffentlicht. Journalisten, die aus dem Ausland zurückkamen, wurden auf dem Flughafen gefilzt.« Nguza war acht Monate lang Premierminister unter Mobutu gewesen. Nachdem er 1981 in Ungnade gefallen war, emigrierte er nach Europa und bombardierte Mobutus Regierung von dort aus unermüdlich mit Büchern und Schmähschriften. Für ihn war der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; die Verkörperung der »Zairischen Krankheit«.34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal bestätigte, was jeder vermutet hatte, doch seine Enthüllungen bewirkten keine grundlegende Änderung. Zaires Staatsverschuldung betrug 1981 bereits fünf Milliarden Dollar; für die Franzosen war Mobutu jedoch ökonomisch und kulturell ein so wichtiger Partner, dass man ihm nicht allzu streng entgegentreten wollte, und den Amerikanern war er äußerst wertvoll als Verbündeter in einem Afrika, das sich zunehmend auf sozialistische und kommunistische Experimente einließ (Angola, Kongo-Brazzaville, Uganda, Tansania und Sambia, um nur Nachbarländer zu erwähnen). &#039;&#039;»Mobutu is a bastard, but at least he is our bastard«&#039;&#039;, so sah es der CIA. In Geheimberichten hieß es, dass »ein negatives Votum des IWF oder eine negative Haltung der USA Mobutu vielleicht veranlassen könnte, unsere außerordentlich stabilen Beziehungen neu zu überdenken. Das könnte ein Programm gefährden, dem der Präsident [Reagan] höchste Bedeutung für die Sicherheit der USA beimisst.«35 Vor allem republikanische Präsidenten wie Nixon, Reagan und Bush sen. unterhielten sehr herzliche Kontakte mit Kinshasa; zur Zeit Carters kühlten die Beziehungen vorübergehend ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Logik des Kalten Krieges bürdete dem Wiederaufbauprogramm des IWF eine schwere Hypothek auf. Doch auch der IWF war nicht frei von Schuld. Historisch betrachtet war diese Institution nicht gegründet worden, um armen Ländern aus der Bredouille zu helfen, sondern um weltweite Finanzkrisen zu verhindern.36 Auch in den siebziger Jahren hatten die feinbesaiteten Mitarbeiter in der Regel mehr Ahnung von Makroökonomie als von Anthropologie. Sie lasen lieber Tabellen in ihren Washingtoner Büros, als sich mit den Menschen zu unterhalten, um die es ging. Dieser Mangel an landeskundlichem Wissen führte zu sehr glücklosen Resultaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Weihnachtstag 1979 fand unter der Aufsicht des IWF eine der bemerkenswertesten Währungsmaßnahmen in der Geschichte des Landes statt: die Geldentwertung. Um die Inflation zu bekämpfen, mussten die Bürger alle Fünf- und Zehn-Zaïre-Scheine, die zu jener Zeit höchsten Stückelungen, zur Bank bringen und gegen neue Banknoten eintauschen. Ende 1976 waren 59.000 Fünf-Zaïre-Scheine in Umlauf, Ende 1979 waren es 363.000, sechs Mal so viel. Geld ist für die Wirtschaft das, was Öl für einen Motor ist: zu wenig ist nicht gut, aber zu viel auch nicht.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Inflation war das Horten von Geld ein Problem. In einem weiträumigen Land mit einer desolaten Wirtschaft wie dem Kongo konnte oder wollte fast niemand sein Geld zur Bank tragen. Man behielt es bei sich in Koffern, Kissen oder Krügen. Didace Kawang, ein Bühnenautor, der einmal bei mir an einer Masterclass für Dramatiker teilnahm, erzählte über seinen Onkel, einen erfolgreichen Händler in Lubumbashi: »Er trieb Handel mit Sambia. Er scheffelte Geld, er hatte Stapel von Banknoten. Damit er es überschauen konnte, machte er davon &#039;&#039;Ziegel&#039;&#039;, backsteindicke Bündel, mit einem Gummiband darum. Er hatte eine Matratze aus Geld. Wirklich! Er schlief darauf!«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Wirtschaft eines Landes, wussten die Banker des IWF, ist es sehr ungesund, wenn sich viel mehr Geld im Umlauf befindet (in Form von Münzen und Banknoten), als auf Bankkonten geführt wird. Sie kannten die großen Theorien: Geld, das auf der Bank liegt, dient dazu, neue Kredite zu gewähren, Geld, das unterm Kopfkissen liegt, hilft der Wirtschaft keinen Zentimeter weiter. Um diesem Horten entgegenzusteuern, griffen sie zum Verfahren der Geldentwertung. Wer am 25. Dezember 1979 mit seinen gebündelten Geldscheinen zur Bank ging, bekam dafür neue Banknoten ausgehändigt, jedenfalls für die Hälfte des Betrages. Die andere Hälfte musste er sich auf einem Konto gutschreiben lassen. Das war eine pfiffige Methode, große Mengen »toten« Geldes wieder zum Leben zu erwecken und gleichzeitig gegen die Inflation vorzugehen. Doch die Sache ging schief. Damit kein Bürger seine Rücklagen ins Ausland schaffte, war die Aktion absichtlich sehr spät angekündigt und außerdem nur ein einziger Tag dafür angesetzt worden. Die Grenzen wurden geschlossen, sogar der Luftraum wurde gesperrt. Zaire sollte sich kurz finanziell erfrischen und dann wieder strahlend ins Scheinwerferlicht treten. Aber für eine derartige Blitzaktion war das Land viel zu weiträumig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch mein Onkel wurde gezwungen, bei der Bank zu sparen«, erzählte Didace. »Es war aber nur ein einziger Tag dafür vorgesehen. Vor der Bank war eine riesige Menschenschlange. Die Leute brachten das Geld säckeweise. Die Sonne ging unter, und mein Onkel hatte sein Geld noch nicht umgetauscht. Seine ganzen Stapel waren wertlos geworden . . . Auf einen Schlag war er bettelarm. Er ist in seinem Dorf gestorben.« Und er war längst nicht der Einzige, dem es so erging. Viele Zairer, die zu weit entfernt von einer Bank wohnten oder die Aktion nicht begriffen hatten, verloren sämtliche Ersparnisse, während die Kreise um Mobutu schon eine Weile vorher informiert worden waren und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Maßnahmen des IWF verfehlten nicht nur in praktischer Hinsicht ihr Ziel, es lag auch an der zugrunde liegenden Philosophie. Die Institution sollte nach dem Börsenkrach von 1929 dazu beitragen, die Auswüchse eines zügellosen Marktdenkens zu bändigen, doch im Jahr 1975 hatte sich der IWF selbst zu einem der größten Verfechter des freien Marktes entwickelt. Fast alle Mitarbeiter gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Schaffung günstiger Marktbedingungen ausreiche, um eine nationale Ökonomie anzukurbeln, und ließen die lokale Kultur, den Zustand der Wirtschaft und die Struktur des Staates außer Acht. Auch hier war eine beträchtliche makroökonomische Blindheit im Spiel. Solange sich der Staat nur zurückhielt, würde die unsichtbare Hand alles regeln, wiederholte man wie ein Mantra. Es gab keinerlei Überlegungen zum Tempo und zur Reihenfolge der notwendigen Veränderungen.39 Alle Maßnahmen wurden gleichzeitig eingeführt, ein Gesamtpaket in Form von Programmen zur »strukturellen Anpassung«. Für diese Liberalisierungsfundamentalisten war jegliche Form von Armut, von der sie hinterher aus den Berichten erfuhren (denn vor Ort erschienen sie nur selten), auf die mangelhafte Umsetzung ihrer unfehlbaren, ja heiligen Rezepte zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire wurde die Währung sechsmal abgewertet: 1975 war 1 Zaïre noch immer zwei US-Dollar wert, 1983 nur noch 0,03 US-Dollar.40 Das sollte den internationalen Handel stimulieren. Im Rahmen der »Strukturanpassung« verlangte der IWF eine drastische Einschränkung der Staatsausgaben und weitgehende Privatisierungen. Die staatlichen und semistaatlichen Unternehmen sollten verschlankt werden und größere Autonomie erhalten. Infrastruktur und Produktion sollten verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den frühen achtziger Jahren schienen die Rezepte zunächst erfolgversprechend. Die Inflation wurde tatsächlich gedämpft, und die Wirtschaft erholte sich sichtlich. Die Tabellen sahen gut aus. Die Gläubiger des Pariser Clubs atmeten erleichtert auf und hofften, das Geld aus ihren Krediten vielleicht doch wiederzusehen. Neunmal erklärten sie sich mit einer Neuordnung der Schulden einverstanden. Im Land selbst aber entwickelte sich die Sache völlig anders. Wie so oft bei Interventionen des IWF war der Erfolg von kurzer Dauer. Die Inflation kehrte nach einiger Zeit zurück, die Armut wuchs. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank dramatisch von sechshundert Dollar 1980 auf zweihundert Dollar 1985.41 Die Menschen hatten weniger zu essen, die Kindersterblichkeit war hoch. Zwiebeln wurden viertelweise verkauft.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verwaltung schrumpfen? Die Zahl der Beamten wurde von 444.000 auf 289.000 reduziert, die Zahl der Lehrer von 285.000 auf 126.000.43 Ja, so bekam man die Inflation unter Kontrolle, aber Tausende Familien hatten kein Einkommen mehr. Die Bürokratie und der Bildungssektor waren die letzten großen Arbeitgeber des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ausgaben zügeln? Die staatliche Unterstützung für das Bildungs- und Gesundheitswesen wurde eingeschränkt; die Folge war, dass Menschen, die kein Geld hatten, nun selbst für die Ausbildung ihrer Kinder und für Arztbesuche aufkommen mussten. Aus den Tabellen ging das nicht hervor, aber es waren die Allerärmsten, die den höchsten Preis bezahlten für das gut gemeinte Vorgehen des IWF, während sich Mobutu gerade aufgrund dieser Unterstützung im Sattel halten konnte.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maßnahmen treffen, um den Außenhandel anzukurbeln? Solange Mobutu die verfügbaren Kredite nicht dazu verwendete, die Infrastruktur instand zu setzen, bedeutete dies, dass Zaire noch mehr auf Importe angewiesen war. Das Land hatte zum Beispiel alle Voraussetzungen, wieder ein wichtiger Kaffeeproduzent zu werden, aber in den Städten trank man ausschließlich importierten Instantkaffee. Nicht verwunderlich: Von den 140.000 Kilometern befahrbarer Straßen im Jahr 1960 waren inzwischen weniger als 20.000 übrig.45 Der IWF wollte den Staat sanieren, aber demontierte ihn. Zaire war allenfalls noch ein Absatzmarkt, und daran würde sich über Jahrzehnte nichts ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten Hafen von Boma saß ich irgendwann im Jahr 2008 einen Nachmittag lang und sah auf den Kongofluss hinaus. Schwalben schossen im Zickzack übers Wasser. Fischer in Pirogen paddelten vorbei und inspizierten ihre Netze. Es hätte ebenso gut das Jahr 1890 sein können, bis ein riesiges Handelsschiff vorbeifuhr. Es kam aus Matadi und war auf dem Weg zum offenen Meer. Das Schiff lag sehr hoch auf dem Wasser. Bei der Schraube konnte ich sogar den Kiel sehen. Es war leer, völlig leer. Bis auf ein paar leere Container transportierte es nichts. Ich musste an Edmund Morel denken, der ein Jahrhundert zuvor im Hafen von Antwerpen zugeschaut hatte, wie die Schiffe schwer beladen mit Kautschuk und Elfenbein aus dem Kongo ankamen und später leer wieder abfuhren. Nun war es genau umgekehrt. Schiffe, die den Kongo verließen, waren leer. Für Morel war die Beobachtung, dass die Schiffe mal hoch und mal tief im Wasser lagen, ein Beweis dafür, dass es im Freistaat nicht um Handel ging, sondern um Plünderung. Der Unterschied im Tiefgang, den ich sah, legte nahe, dass der Freihandel, wie er jahrzehntelang von den Propheten der internationalen Wirtschaftsinstitutionen brutal erzwungen wurde, ebenfalls eine Form des Plünderns sein konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren wurde Mobutu ein müder, trübsinniger Mann, der offenbar wenig Freude an seiner Aufgabe fand. Nach dem Tod seiner Mutter und seiner ersten Frau gab es in seinem unmittelbaren Umfeld niemanden, der ihn noch bremsen konnte. Seine neue Frau Bobi Ladawa und deren Zwillingsschwester, die auch Mobutus Geliebte war, hatten nie so viel Einfluss wie mama Yemo und &#039;&#039;mama présidente&#039;&#039; Marie-Antoinette, seine erste Ehefrau. Mobutu hatte an seiner alten, tüchtigen Mutter sehr gehangen. Ihr Tod traf ihn tief. Seine Frau Marie-Antoinette war eine starke Persönlichkeit gewesen, die sich stets hartnäckig geweigert hatte, ihren christlichen Taufnamen aufzugeben. Lange Zeit hatte sie mäßigend auf die exzentrischen Anwandlungen ihres Mannes einwirken können. Und nun hatte Mobutu seinem Kabinettschef Bisengimana den Laufpass gegeben, und sein amerikanischer Hausarzt William Close hatte das Weite gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wurde ein einsamer Mann und verfiel von Tag zu Tag in größere Melancholie. Er schien dem Verlangen nach Exzessen anheimgefallen zu sein, ein Kennzeichen all jener, denen das Leben keine Überraschungen mehr zu bieten hat. In Europa kaufte er eine repräsentative Immobilie nach der anderen. Er besaß ein Dutzend Schlösser, Landgüter und Residenzen in Uccle und Rhode-Saint-Genèse, den wohlhabenden Vororten Brüssels. Er besaß eine achthundert Quadratmeter große Luxuswohnung an der Avenue Foch in Paris, eine schlossähnliche Villa in Savigny bei Lausanne, einen Palazzo in Venedig, eine pompöse Villa an der französischen Riviera, ein Anwesen mit Reitpferden in der Algarve, außerdem Hotels in West-Afrika und Südafrika sowie eine Luxusyacht auf dem Kongofluss.46 Aber am aufsehenerregendsten war zweifellos Gbadolite. Sein Heimatdorf, das mitten im Urwald nah an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik lag, ließ er zu einer Stadt ausbauen, mit Banken, einem Postamt, einem gut ausgestatteten Krankenhaus, einem hypermodernen Hotel und einer Landebahn für die Concorde. (Zizi: »Ja, als Journalist bin ich noch von Gbadolite aus mit der Concorde nach Japan geflogen.«) Es gab eine Kathedrale, deren Krypta als Familiengrab dienen sollte, ein chinesisches Dorf mit Pagoden und importierten Chinesen. Das Prunkstück von allem war Mobutus Palast, ein bescheidenes Eigenheim von 15.000 Quadratmetern. Sieben Meter hohe Türen mit Intarsien aus Malachit, mit Carrara-Marmor und Seidenstoffen verkleidete Wände, Kristall-Leuchter, venezianische Spiegel, Empiremöbel – es konnte nicht luxuriös genug sein. Es gab Whirlpools, Massageräume, ein Schwimmbecken und einen Friseursalon. Madame Mobutu besaß dort einen fünfzig Meter langen begehbaren Kleiderschrank für ihre umfangreiche französische Haute Couture, um die tausend Modelle. Im Keller des Gebäudes verstaubten Tausende französischer Spitzenweine (wenn sie nicht im tropischen Klima sauer wurden), es gab eine Diskothek für die Kinder und einen Atombunker für die Familie.47 Die Springbrunnen der Domäne plätscherten unaufhörlich und waren abends beleuchtet – in einer Region, in der es kaum Elektrizität gab. Mobutu gab dort Staatsbankette für Tausende Gäste, bei denen reichlich Rosé-Champagner floss, sein Lieblingsgetränk, und grinsende Spanferkel mit einer Apfelsine im Maul aufgetragen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ließ die besten Chefköche aus Frankreich und Belgien einfliegen«, erzählte Kibambi Shintwa, ein Mann, der noch immer an seinem »authentischen« Namen festhielt. Er war ab 1982 Berichterstatter im Dienst der &#039;&#039;présidence&#039;&#039; und erlebte Mobutu aus nächster Nähe. »Nachdem er jahrelang knallhart gearbeitet hatte, ließ er es etwas ruhiger angehen. Er besuchte gern teure Restaurants und genoss gutes Essen. Aber es bereitete ihm auch großes Vergnügen, andere zu beschenken. Er war sehr spendabel.« Seine Freigiebigkeit war jedoch nicht uneigennützig. »Die ganze Zeit verspürte er das Bedürfnis, daran zu erinnern, dass er der Chef war. Er wollte seine Macht zeigen.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Korruption war so erschreckend, dass ein vergessenes Wort aus dem Englischen plötzlich geläufig wurde: &#039;&#039;kleptocracy&#039;&#039;. Der unvergessliche Jamais Kolonga konnte das bezeugen. Nach seinem kurzen Abenteuer als Betreiber eines Sägewerks fing er bei der Miba an, dem staatlichen Bergbauunternehmen in Kasai. »Ach, aber ich war häufig in Gbadolite. Mit dem großen Miba-Boss Jonas Mukamba war ich oft beim Präsidenten. Jedesmal musste ich eine Aktentasche tragen und dem Präsidenten zur Begrüßung überreichen. Bitte sehr! Die Aktentasche war voll mit Diamanten.«49 Aber Kleptokratie war nur die halbe Geschichte. Es war auch eine »giftocracy«: Mobutu stahl, um zu verteilen und so seine Popularität zu sichern. Aus Gbadolite kehrte niemand mit leeren Händen zurück, hieß es. Ein paar hundert Dollar, ein Köfferchen voller Geld, eine Zigarrenkiste voller Diamanten, Mobutu hielt für seine Besucher immer ein Geschenk bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutus Eitelkeit grenzenlos war, hatte schon der »Mobutismus« mit dem dazugehörigen Personenkult gezeigt. Von den neunundsiebzig Banknoten, die in Mobutus Regierungszeit ausgegeben wurden, trugen einundsiebzig sein Porträt.50 Doch in den achtziger Jahren nahm sein Narzissmus schlicht pathologische Züge an. Das konnte niemand besser bezeugen als der flämische Schneider Alfons Mertens. Ich traf ihn in einem Villenviertel in der Provinz Antwerpen. Als harmloser Familienvater war er eigentlich nicht der Typ Mann, der glaubte, die Weltgeschichte aus der Nähe mitzuerleben, aber er arbeitete bei Arzoni in Zellik (bei Brüssel), dem Unternehmen, das die elegantesten &#039;&#039;abacosts&#039;&#039; der Welt anfertigte und in Zaire zu einem Markennamen wie Dior oder Versace wurde. Mertens war ein so guter Schneider, dass er 1978 Mobutus Privat-Couturier wurde. »Zwischen 1978 und 1990 war ich mehr als hundert Mal in Kinshasa. Ich wohnte immer im Intercontinental. Mobutu ließ mich kommen, ich sollte Maß nehmen für die Piloten und Stewardessen von Air Zaïre oder für die Generäle seiner Armee. Als sein Sohn in den Rang eines Leutnants befördert wurde, musste ich für seinen ganzen Jahrgang eine Ausgehuniform und einen Paradeanzug entwerfen und siebenundzwanzig Stück davon schneidern. Auch Mobutu selbst habe ich oft eingekleidet, auch seine Zivilkleidung habe ich genäht. Seine Frau oder seine Geliebte suchte dann den Stoff aus, mein Chef zeichnete das Schnittmuster, ich nahm Maß. Sie wählten immer sehr wertvolle Stoffe, wie Naturseide, Wildseide. Mobutus Maße änderten sich kaum. Er war groß, fast einen Meter achtzig, er hatte nie mehr als Größe 54. Er war ein gut aussehender Mann. Es dauerte eine Weile, bis man sein Vertrauen gewonnen hatte, aber dann war er ein netter Mensch&#039;&#039;.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1983 erhielt Alfons Mertens den aufwendigsten Auftrag seiner Laufbahn. »Ich musste für alle seine Generäle neue Uniformen schneidern und für Mobutu persönlich vier Galauniformen, zwei schwarze und zwei weiße. Seine Generäle hatten vorgeschlagen, ihn zum Marschall zu ernennen, und ich machte mich an die Arbeit.« Mobutu, Oberbefehlshaber der Armee, der beim Aufstand in Shaba eine jämmerliche Figur abgegeben hatte, sollte nun den historisch seltenen Rang eines Marschalls erlangen! Die Idee stammte natürlich von ihm selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens zeigte mir Fotos von dem Festakt und erklärte mir seine Kreationen. »Schauen Sie, der Kragen, der Gürtel und die Manschetten, die waren mit echten Goldfäden bestickt. Auch die Fangschnur hier. Alles Handarbeit. Auf den Ärmeln hatte er zwei Mal sieben Sterne. Die waren aus massivem Gold, das kam aus Frankreich.«51 An seiner Mütze war eine Wappen-Kokarde mit der Inschrift: &#039;&#039;Paix Justice Travail&#039;&#039;, obwohl es in seinem Land weder Frieden noch Gerechtigkeit noch Arbeit gab. Die Fotos von der Zeremonie seiner Ernennung zum Marschall zeugen von beispielloser Selbstherrlichkeit. Mobutu trug weiße Handschuhe und hielt ein Zepter in der Hand. Er ließ sich in einem offenen Mercedes umherfahren und winkte dem Volk zu. Er inspizierte die Truppen, die Gerichte und die Verwaltungen und hielt, unter einem Baldachin stehend, eine Ansprache. Jeder Marschall brauche einen Wappenspruch, verkündete er bei diesem Anlass der Nation. Der seine laute: &#039;&#039;Toujours servir&#039;&#039;. Allzeit dienen. Das war nicht mal mehr zum Lachen. Es war der traurige Gipfel des entfesselten Wahnsinns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber lehnte sich denn niemand dagegen auf? Im Dezember 1980 erdreistete sich eine Gruppe von dreizehn Parlamentariern, dem Präsidenten einen offenen Brief zu schreiben; das Schriftstück umfasste zweiundfünfzig Seiten und enthielt die Forderung nach politischen Änderungen. Sprecher der Gruppe war Etienne Tshisekedi, ein ehemaliger Mitarbeiter Mobutus, der schon an der Verfassung von 1967 mitgearbeitet hatte und mehrmals Minister und Botschafter gewesen war. Wie jeder, dessen Name mit »Tshi« beginnt, war er ein Muluba aus Kasai. Seine Sturheit war legendär.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon seit fünfzehn Jahren gehorchen wir Ihnen. Was haben wir in dieser Zeit nicht alles getan, um Ihnen nützlich und angenehm zu sein? Singen, tanzen, andere für Sie begeistern . . . wir haben alle Formen von Erniedrigung erlitten, alle Arten von Beleidigungen, wie sie uns nicht einmal die Kolonialisierung zugemutet hat. Und das alles, damit es Ihnen an nichts fehlt bei Ihrem Kampf für die Verwirklichung, und sei es auch nur zur Hälfte, des Gesellschaftsmodells, das Sie uns als Ziel hinstellten. Waren Sie dabei erfolgreich? Leider nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach fünfzehn Jahren Ihrer Regierung, die Sie autokratisch ausgeübt haben, existieren nun zwei völlig gespaltene Lager. Auf der einen Seite ein paar skandalös reiche Privilegierte. Auf der anderen Seite die Masse des Volks, die sich in finsterem Elend befindet und nur noch auf die internationale Mildtätigkeit verlässt, um mehr oder weniger zu überleben. Und wenn diese Mildtätigkeit Zaire erreicht, sprechen sich dieselben Reichen ab, um sie zum Nachteil der bedürftigen Massen zu veruntreuen! (. . .)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Citoyen Président-Fondateur&#039;&#039;, diese nüchterne Analyse zeigt, dass unsere Gesellschaft mit einem ernsthaften Problem zu kämpfen hat. Sie haben oft gesagt, dass ein echter Häuptling jemand ist, der seine Fehler einsieht. Sie haben das oft getan. Aber das Drama besteht darin, dass Sie nicht immer die Konsequenzen daraus ziehen. Und das Schlimmste ist, dass Sie einen Schritt nach vorn machen und drei zurück.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derart offene Worte hatte Mobutu seit langem nicht mehr vernommen. Die Gruppe der dreizehn wurde verhaftet und ins Landesinnere verbannt, doch 1982 gründeten einige ihrer Mitglieder die UDPS (&#039;&#039;Union pour la Démocratie et le Progrès Social&#039;&#039;), eine illegale Oppositionspartei, die den Einparteienstaat des MPR herausfordern wollte. Sie sollte sich zu einem Sargnagel für Mobutu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sprach darüber mit Raymond Mukoka, einem Beteiligten der ersten Stunde. Er hatte den Brief der Parlamentarier mit formuliert. »Die Unterzeichner wurden zu fünfzehn Jahren Verbannung verurteilt. Mein Name stand nicht dabei, aber als Mitautor landete ich erst im Ituri-Gebiet und dann in Kasai. Ich musste das Essen und das Gehalt meiner Bewacher selbst bezahlen! Wir bekamen Unterstützung von Amnesty International und der katholischen Kirche, die über ihr &#039;&#039;phonie&#039;&#039; Nachrichten an meine Familie weitergeben konnten. &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039; schrieb über uns. 1985 war ich für kurze Zeit wieder in der Hauptstadt. Die UDPS hat sich in der Verbannung gebildet, so wie die Kimbanguisten. Manche träumten von einem paramilitärischen Flügel, aber wir sind immer gewaltlos geblieben. Tshisekedi sagte: Unsere Feder und unser Mund, das sind unsere Waffen. 1987 lud Mobutu uns nach Gbadolite ein. Er sagte: Tretet dem MPR bei. Wir sagten: Nein! Darauf er: Dann kommt zu den Institutionen des MPR. Er wollte uns ins Zentralkomitee aufnehmen, bot uns Ministerposten oder Leitungsfunktionen bei den staatlichen Betrieben an. Viele sind darauf eingegangen, aber ich wollte nicht, und Tshisekedi auch nicht.«53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte seine Kritiker mit Geschenken zum Schweigen, und eine der gefragten Aufmerksamkeiten war ein Ministerposten. Eine politische Laufbahn war sehr lukrativ, fast niemand schlug sie aus. Zwischen 1965 und 1990 traten einundvierzig Regierungen an, jedes Mal mit rund vierzig amtierenden Ministern.54 Regelmäßige Kabinettsumbildungen, ungefähr jedes halbe Jahr, verhinderten, dass jemand tatsächlich Macht erlangen konnte, und boten der nächsten Gruppe die Gelegenheit, sich ein halbes Jahr lang aus der Staatskasse zu bedienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war ein beispielloser politischer Intrigant. »Er hielt nichts von Sitzungen«, sagte Zizi, »er bevorzugte immer Tête-à-têtes, private Gespräche, bei denen er die Politiker und Beamten gegeneinander aufstachelte. Er war ganz groß darin, Hass zu schüren.« Mobutu verfügte über ein ganzes Arsenal an Techniken, um Menschen an sich zu binden. Er war charmant, sympathisch und amüsant, aber auch respektlos, verschlagen und infam. Bewusst verfolgte er eine Jojo-Strategie. Den einen Tag konnte er herzlich sein und jovial, und am nächsten Tag begegnete er einem mit eisiger Kälte. Kibambi Shintwa berichtete mir von seinen Erfahrungen: »Mobutu war vieldeutig, ungreifbar, undurchsichtig. Er war launisch. Er änderte sich jeden Tag. Er wollte vor allem zeigen, dass mit seiner Macht nicht zu spaßen war. Er war argwöhnisch, wie ein Tier mit einer Beute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Personen, die sich seiner Protektion erfreuten, kanzelte er manchmal in aller Öffentlichkeit ab. Anderen, die es sich ein für allemal mit ihm verdorben hatten, wie der ehemalige Premierminister Nguza Karl-I-Bond, wurde unerwartet Vergebung gewährt, und sie durften nach Kinshasa zurückkehren – Nguza ließ sich darauf ein und verlor damit jede Glaubwürdigkeit, denn er war eine Zeitlang noch die Hoffnung der heimlichen Opposition gewesen. So wurde jeder Kritiker vor den Karren des MPR gespannt, und Mobutu triumphierte als mildes, weises Dorfoberhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderes Vorrecht des traditionellen Häuptlings, das Mobutu eifrig in Anspruch nahm, war das &#039;&#039;droit de cuissage&#039;&#039;, das jus primae noctis. Zizi erzählte davon: »Wenn er durchs Land reiste, boten ihm die örtlichen Würdenträger immer eine Jungfrau an. Es war eine große Ehre für die Familie, wenn das Mädchen vom höchsten Häuptling entjungfert wurde. Diesen Brauch gab es früher auch schon, aber Mobutu ging weiter. Er hatte keine Skrupel, Frauen bei seinen Machtspielchen einzusetzen. Er benutzte Frauen aus seiner Provinz &#039;&#039;pour faire avancer les dossiers&#039;&#039;. Er schlief mit den Frauen seiner Minister, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und die Minister zu demütigen. Wenn Minister nach Gbadolite mussten, nahmen sie nie ihre Ehefrau mit, sondern eine Nichte. Das fanden sie weniger schlimm . . . Mokonda war ein Jurist und enger Mitarbeiter. Seine Frau war sehr hübsch. Eines Tages war Mokonda zu einem Treffen mit Mobutu in Gbadolite. Was er nicht wusste, war, dass im Raum nebenan seine Frau schlief. Der Präsident hatte sie mit einem Privatjet einfliegen lassen. Mobutu, haben wir gesagt, der ist multipolygam. Er hat sehr viele Ehen zerstört.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politische und sexuelle Intrigen waren nur die Spitze des Eisbergs. Je mehr Mobutu sich auf seine Yacht oder in seinen Palast zurückzog, desto genauer wollte er wissen, was in seinem Land geschah. Die Nachrichtendienste wurden in den achtziger Jahren so wichtig, wie es die Propagandadienste in den siebziger Jahren gewesen waren. Er verfügte über ein halbes Dutzend Geheimdienste, die nebeneinander operierten, denn auch hier galt die Devise: Teile und herrsche. Spitzel gab es zuhauf. Männer misstrauten ihren Frauen, Mütter ihren Söhnen, Schwestern ihren Brüdern. Überall hatte Mobutu Zuträger, sogar in Belgien. Paranoia wurde zu einem Grundgefühl. Minister, die beim Präsident zum Essen eingeladen waren, täuschten strenge Diäten oder starke Magenbeschwerden vor, denn sie hatten Angst, vergiftet zu werden. Andere brachten sich ihre eigenen Sandwiches mit.55 Es kursierte das Gerücht, in Kinshasa gäbe es einen Kanal vom Präsidentenpalast auf Mont Ngaliema zum Fluss; Widersacher würden über diesen Kanal den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Sogar belgische Diplomaten unter sich sprachen den Namen Mobutu nicht mehr aus. Auf Konferenzen redeten sie von »Jefke Van den Bergh«: »Jef« stand für Joseph, mit »van den Bergh« war Mont Ngaliema gemeint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wahres Schreckensregime begann. Es herrschte Willkür, gegen die sich niemand wehren konnte. Bei einem meiner ersten Aufenthalte im Kongo, im Jahr 2005, kam ich mit Madame A. in Kontakt, einer älteren Dame, die früher Nachrichtensprecherin gewesen war. Bei einem Abendessen erzählte sie mir ihre unvorstellbare Lebensgeschichte. »Mein Mann war Chefredakteur bei den Nachrichten. Wir hatten fünf Kinder. Er war ein gut aussehender Mann. Mobutus Schwägerin sah ihn auf dem Bildschirm und wollte ihn für sich, ob verheiratet oder nicht. Eines Abends, wir saßen gerade beim Essen, standen bewaffnete Soldaten vor der Tür. Mein Mann musste mit. Mir wurde gesagt: Du schweigst, oder deine Kinder enden bei Kinsuka im &#039;&#039;fleuve&#039;&#039;. Auf der Arbeit sagte man zu mir: Unternimm nichts, du weißt doch, wer ihn mitgenommen hat. Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Mobutu gab ihm Botschafterposten in Togo, Argentinien, Österreich und im Iran. Er ist 1995 gestorben, als er Botschafter in Südafrika war. Viele Leute in Kinshasa kennen die Geschichte, aber nur wenige wissen, dass es um mich geht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Nachrichtendienste waren so gnadenlos, dass Madame A. auch heute noch auf Anonymität besteht. Insbesondere die DSP, die &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;, erwarb sich einen finsteren Ruf. Es handelte sich um eine Abteilung von einigen tausend speziell ausgebildeten und gut bezahlten Soldaten, die aus Mobutus Heimatgegend stammten. Der große Vereiniger des Landes war so neurotisch geworden, dass er nun doch Männer seines Stammes für seine Leibgarde bevorzugte! Es war eine Armee neben der Armee. Sie waren loyal und unerbittlich. Der harte Kern bestand aus &#039;&#039;les hiboux&#039;&#039;, den »Eulen«, da sie nachts in Aktion traten und Menschen in aller Stille verschleppten. Tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner wurden ohne Gerichtsverfahren in schmutzstarrende Gefängnisse gesperrt, wo sie nichts zu essen bekamen. Wie überall auf der Welt war auch in Zaire der menschliche Geist besonders kreativ beim Ersinnen von Foltern. Es gab den »Fisch«, eine Methode, bei der dem Gefangenen die Hände auf den Rücken gebunden wurden und er mit dem Kopf nach unten aufgehängt und in einen Behälter mit Wasser getaucht wurde. Es gab die »Boeing«, bei der man den Körper hochzog, mit Stöcken bearbeitete und in »Luftlöcher« fallen ließ. Es gab »die Maschinenschreiberin«, bei der Holzklötze zwischen die Finger geschoben und dann gespannt wurden, um die Finger zu zerquetschen. Es gab den »Nussknacker«, bei dem man die Füße des Gefangenen in nasse Holzklötze steckte und ihn damit in der Sonne sitzen ließ; wenn das Holz trocknete, zermalmte es die Fußknochen.57 Genitalien wurden mit Elektroschocks traktiert, auf Lippen wurden Zigaretten ausgedrückt. Amnesty International erhob Protest und versuchte den Umfang der Menschenrechtsverletzungen einzuschätzen, aber die genaue Zahl der Fälle konnte nie ermittelt werden.58 Wie in der Kolonialzeit wurden Menschen ins Landesinnere verbannt. Andere verschwanden spurlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pierre Yambuya, der Hubschrauberpilot, der sein Kerosin verkaufte, führte mehrmals Geheimaufträge aus. Mit seiner Maschine musste er über dem Kongofluss oder über einem See fliegen, während Fallschirmspringer im Frachtraum ein Dutzend Säcke hinauswarfen, Säcke mit Leichen, sah er. »Von März bis Oktober 1983 habe ich vier solcher Missionen ausgeführt, bei denen jedes Mal eine Ladung in der Gegend der Stromschnellen von Kinsuka abgeworfen wurde. Aber meines Wissens fand jede Woche mindestens einer dieser Flüge statt.« Zuweilen machte man sich gar nicht erst die Mühe, die Oppositionellen vorher zu ermorden. Eines Tages musste Yambuya mit seiner Alouette auf der Kamanyola landen, der Yacht des Präsidenten. Ein hochstehendes Mitglied von Mobutus Leibwache, Yambani, stieg mit zwei gefesselten Männern und zwei Fallschirmspringern ein. Mobutu stand dabei. »Wir steigen wieder auf und Yambani sagt mir, in welche Richtung ich fliegen soll. Irgendwann fordert er mich auf, auf tausend Meter Höhe zu steigen. Er sieht sich um, ob im weiten Umkreis keine Lebenszeichen zu entdecken sind – abgesehen von Jägern im Wald – und befiehlt den beiden Fallschirmspringern, sich mit ihren Gurten gut zu sichern. Die Männer befolgen seinen Befehl und öffnen dann die Luke hinten rechts. Sie stoßen den ersten Gefangenen hinaus, der gar nicht mehr dazu kommt, zu protestieren. Der zweite beginnt zu weinen und fleht um Gnade, aber auch er wird aus der Maschine gestoßen, in den freien Fall überm Urwald.«59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa gab das repressive Klima Anlass zu viel Klatsch und Tratsch; Wahrheit und Dichtung verschwammen. &#039;&#039;Radio-trottoir&#039;&#039; wurde diese Gerüchteküche genannt, denn die offiziellen Medien brachten nur noch Staatspropaganda. Die Straße wurde ein Ort des Argwohns und des Sarkasmus. An den Kreuzungen, wo sich die Taxibusse sammelten, konnte man illegale Comics und kleine volkstümliche Gemälde kaufen. Kinshasa entwickelte eine lebendige visuelle Kultur. Auf hektographierten Blättern oder grober Leinwand wurden gesellschaftliche, politische und moralische Themen ins Bild gesetzt, ohne dass öffentlich Pro- oder Kontra-Meinungen dazu geäußert wurden. Zeichner und Maler gestalteten mit virtuoser Ironie das Leben in der Großstadt unter der Diktatur. Die Themen waren oft ambivalent: Man ergötzte sich daran, die Sünde darzustellen, und schmähte alles, was heilig war. Es erinnerte an Bilder von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Junge Leute, die den Mobutismus verabscheuten, entwickelten eine ganz besondere Form von Kritik an den Zuständen. Sie muckten nicht mit Worten oder Bildern auf, sondern mit ihrer Kleidung. Der Anzug des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war verboten, der obligate &#039;&#039;abacost&#039;&#039; war ihnen zu altmodisch. Also hüllten sie sich in nagelneue, ausgesprochen auffällige Outfits. Sie sparten ihr Geld und importierten sündhaft teure Markenkleidung aus den Boutiquen der Avenue Louise in Brüssel und der Place Vendôme in Paris, jedenfalls behaupteten sie das. Ihre Bewegung nannten sie &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; (&#039;&#039;Société des Ambianceurs et Personnes d&#039;Elégance&#039;&#039;, etwa »Vereinigung der Stimmungsmacher und Eleganten«). Der Musiker Papa Wemba, der aus einfachen Verhältnissen kam und es zum Weltstar gebracht hatte, war ihr Papst, &#039;&#039;le Pape de la Sape&#039;&#039;. Es war eine höchst sonderbare Bewegung. Auf den ersten Blick schien es lächerlich, in Krisenzeiten als Mann in Kinshasa mit einer protzigen Sonnenbrille, einem Hemd von Jean-Paul Gaultier und einer Nerzjacke herumzulaufen, aber der Materialismus der &#039;&#039;sapeurs&#039;&#039; war Gesellschaftskritik, wie es der Punk in Europa war. Er stand für eine tiefe Aversion gegen die täglich erlebte Misere und Unterdrückung und für den Traum von einem Zaire ohne Sorgen. Materialismus ist eines der bekanntesten Symptome von Armut. &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; hatte mit Erfolg zu tun, mit Sichtbarkeit, mit Auffallen und Gefallenwollen. Diskotheken betrat man mit einer Mischung aus &#039;&#039;chic, choc et chèque&#039;&#039;. Der wahre &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; war obercool: Er bewegte sich und sprach mit vollkommener Beherrschung, er bezahlte seinen Freunden das Bier, und er riss Mädchen mit einem Fingerschnippen auf. Er war ein Dandy, ein Playboy, ein Snob. Luxus bedeutete Ansehen. Der &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; wurde nicht verachtet, sondern bewundert. Für viele bettelarme Jugendliche hielt seine Extravaganz die Hoffnung lebendig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi war dafür zu alt. »Mobutu gab ein großes Fest. Franco und Tabu Ley spielten. Die Gäste kamen im &#039;&#039;abacost&#039;&#039; mit dem MPR-Logo am Kragen. Aber Mobutus eigene Söhne waren große Fans von Papa Wemba. Sie trugen weite Hosen und Hemden mit auffallenden Kragen. Das waren zwei getrennte Welten! &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; war wirklich die Musik der Jugend. Sie sahen sich als neue Generation und grenzten sich von ihren Eltern ab. Papa Wemba weigerte sich, über Politik zu reden. Seine Musik war nicht dazu da, dass man aufmerksam zuhörte, man tanzte sofort. Musik, die wie eine Betäubung wirkte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ganze Generation wuchs in einer Welt voller Armut und Elend auf. Musik bot ein Ventil, aber auch ein Studium war noch immer hoch begehrt. Obwohl die Hörsäle der Universitäten heruntergekommen waren, die Professoren nur sporadisch erschienen, obwohl es keine Vorlesungsverzeichnisse gab und die hektographierten Unterlagen zerbröselten, waren die Seminarräume und Hörsäle Woche für Woche proppenvoll mit jungen Leuten, die hofften, ein Universitätsdiplom würde sie aus dem Sumpf retten. Der Hunger nach Bildung und Qualifikationen war enorm und ist seitdem nie geringer geworden. Doch das Niveau des Unterrichts war niedrig, und auf allen Ebenen herrschte Korruption. Für viele schlecht bezahlte Professoren war alles Verhandlungssache. Eine große Zahl von Studentinnen erkaufte sich gute Noten mit sexuellen Dienstleistungen. »Für zahlreiche Mädchen ist der Körper nicht mehr eine Quelle der Schönheit, sondern er muss auch eine Quelle der Rentabilität werden«, schrieb ein besorgter Professor der Moralphilosophie. Das Phänomen trat auch schon in den Oberschulen auf. Schulleiter, Parteifunktionäre und hohe Beamte brüsteten sich damit, &#039;&#039;une série 7&#039;&#039; zu haben, ein Mädchen, das in den siebziger Jahren geboren war.60 »Viele Mädchenschulen sind umfunktioniert worden zum sexuellen Fischteich für die Bonzen aus Politik und Verwaltung. Sie verlassen ihre Dienststellen vor Feierabend und mischen sich in die Autoschlangen, die vor dem Schultor warten. Die Abende beginnen im Allgemeinen in einem Restaurant im Arbeiterviertel mit gegrilltem Huhn oder Fisch und viel Piri-piri und enden in den frühen Morgenstunden in einem kleinen Hotel, im Schutz der dunklen Tropennächte.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Antwort auf die Krise entstand eine völlig neue Parallelwirtschaft, die auf dem Mikrohandel basierte. Frauen brieten morgens in aller Frühe ein Huhn und gingen damit auf den Markt. Gut situierte Damen, die durch Beziehungen ein paar schicke Pumps aus dem Ausland ergattert hatten, verkauften sie in ihrem Wohnviertel. Krankenpfleger, die tagsüber in einer Klinik arbeiteten, nahmen einen Streifen Tabletten mit nach Hause und verkauften ihn weiter. Piloten verhökerten ein paar Kanister Kerosin. Beamte verhandelten über jeden Stempel. Polizisten freuten sich über jeden Verstoß gegen die Verkehrsregeln. Immer war irgendwo etwas zu »regeln«. Eine Hand wäscht die andere. &#039;&#039;Madesu ya bana&#039;&#039;, sagten sie, Bohnen für die Kinder, &#039;&#039;matabiche&#039;&#039;, &#039;&#039;bakchich&#039;&#039;: das Esperanto der Desperados.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf einen Staat, der sich seinen Bürgern entzieht, entzogen sich die Bürger dem Staat. &#039;&#039;»Article 15«,&#039;&#039; nannte man das, nach einem fiktiven Artikel in der zairischen Verfassung, der lautete: &#039;&#039;»Débrouillez-vous!«&#039;&#039; Seht zu, wie ihr klarkommt! Sehr oft ging es um illegale Aktivitäten (Schmuggel, Diebstahl, Betrug), aber was ist illegal, wenn das Land selbst kriminell ist? Korruption des Volks war die beste Methode, sich der Korruption in den höheren Etagen zu erwehren, denn brav bezahlte Steuern hätten sich doch nur verflüchtigt. Hatte Mobutu Sese Seko selbst das nicht augenzwinkernd erlaubt? Auf einer Großveranstaltung im Fußballstadion von Kinshasa hatte er gesagt: »Wenn du stehlen musst, dann stiehl ein bisschen und lass ein bisschen für die Nation übrig.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hätte er gar nicht erst zu sagen brauchen. In jenen Jahren wurden 30 bis 60 Prozent der Kaffee-Ernte außer Landes geschmuggelt, zwischen 1975 und 1979 im Wert von 350 Millionen Dollar. 70 Prozent der Diamanten, 90 Prozent des Elfenbeins, Tonnen Kobalt und Hektoliter Benzin passierten heimlich die Grenzen.63 Das Land war löchrig wie ein Sieb, und dem Staat entgingen viele hundert Millionen. Hier ein bisschen, da ein bisschen, so wie es der Präsident empfohlen hatte, bis schließlich nichts mehr übrig war. »Der Kakerlak frisst ein ganzes Maniokbrot nur mit seinen kleinen Zähnen«, sagten die Leute.64 Es war die einzige Möglichkeit, zu überleben. Dank der Schattenwirtschaft konnten die Menschen Lehrer und Krankenpfleger bezahlen. Das Land holperte auf eckigen Rädern voran, aber immerhin bewegte es sich noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachhaltig war diese Plünderökonomie natürlich nicht. Der Kongo wurde kannibalisiert. Keiner scherte sich mehr um den Staat. Die Post funktionierte nicht mehr, Wasser und Elektrizität wurden knapp, es gab weniger als einen Telefonanschluss pro tausend Einwohner.65 Das Land wurde &#039;&#039;cadavéré&#039;&#039;, wie es in einem Lied von Zao hieß. Die Schiffe auf dem Fluss wurden langsam dahintreibende Dörfer, die irgendwann einmal ihr Ziel erreichten. Air Zaïre, die staatliche Fluggesellschaft und einst der Stolz des Landes, bekam den Beinamen »Air Peut-Être«, dazu den unübersetzbaren Slogan &#039;&#039;»la seule chose au Zaire qui ne vole jamais&#039;&#039;«. Humor war die beste Medizin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mobutu flog einmal mit Reagan und Mitterrand in der Concorde um die Welt«, so fing der beste Witz aus der Mobutu-Ära an. »Reagan streckte die Hand aus dem Fenster und sagte: ›Ich glaube, wir fliegen gerade über Amerika.‹ ›Woher wissen Sie das?‹, fragten die beiden anderen Staatschefs. ›Ich habe gerade die Freiheitsstatue gefühlt‹, sagte Reagan. Daraufhin streckte Mitterrand die Hand nach draußen. ›Ich glaube, wir fliegen jetzt über Frankreich‹, meinte er sofort. ›Woher wissen Sie das?‹, fragten Reagan und Mobutu. ›Ich habe gerade den Eiffelturm gefühlt.‹ Schließlich streckte auch Mobutu die Hand aus dem Fenster. ›Ich bin mir sicher, dass wir über Zaire fliegen‹, sagte er zu seinen Mitpassagieren. ›Aber woher wissen Sie das?‹, riefen sie, ›Zaire hat doch keine Türme!‹ ›Nein‹, sagte Mobutu, ›aber mir ist gerade die Armbanduhr geklaut worden.‹«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch die Krise änderten sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Viele Männer verloren ihren Job und fühlten sich gedemütigt, weil sie nicht mehr für den Unterhalt ihrer Familie sorgen konnten, geschweige denn für den ihrer etwaigen Mätressen. Sie waren ärmer als ihre Eltern und mussten oft bei ihnen betteln. Früher war der Mann der Ernährer, der, der eine Arbeitsstelle hatte, nun sicherte die Frau das Familieneinkommen. Ein Schulleiter in Kikwit erzählte: »Mein Gehalt ging innerhalb von zwei Tagen für Lebensmittel drauf. Es war lächerlich wenig, und oft wurde es nicht mal ausbezahlt. Meine Frau hatte einen kleinen Stand auf dem großen Markt. Sie verkaufte Seife, Zucker und Salz. Das war die wichtigste Einnahmequelle für unsere Familie. In diesen Jahren verdienten viele Frauen mehr als ihr Mann. Manchmal verließen sie ihn. Junge Frauen studierten und wurden selbstständiger.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schattenwirtschaft, wie mühsam und unberechenbar sie auch war, bot manchen Frauen neue Chancen. Einige von ihnen wurden wehrhafter. Maniokverkäuferinnen im Kivu, einfache Bäuerinnen, ließen es sich nicht gefallen, dass sich die lokalen Polizisten und Beamten immer neue Steuern ausdachten, wenn sie mit ihren Körben zum Markt gingen. Sie protestierten bis hin zur Ebene des Provinzgouverneurs.68 In Bukavu konstatierte Régine Mutijima, die Direktorin einer Mädchenschule, dass der Sparkurs des IWF und der Weltbank zu Missständen führte. »1983 war Kengo wa Dondo Premierminister und ordnete drakonische Einsparungen an. Sogar der Mutterschaftsurlaub für Lehrerinnen wurde gestrichen, weil angeblich kein Geld da war, während zugleich gewaltige Mengen Staatsgeld gestohlen wurden. Ich war die Vorsitzende der &#039;&#039;Association des Femmes Enseignantes de Bukavu&#039;&#039;. Eine kanadische Lehrerin erzählte mir von Gandhi. Ich las seine Schriften und die von Martin Luther King, und auch die von Lumumba und Nkrumah, obwohl das verboten war. Ich las auch die verbotene Wochenzeitung &#039;&#039;Jeune Afrique.&#039;&#039; 1986 starb eine Kollegin von mir im Wochenbett. Sie hatte bis zum Tag vor der Geburt gearbeitet, ihr Baby wog kaum 1,7 Kilo, weniger als ein Kaninchen. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich organisierte ein Sit-in. Wir zogen in kleinen Gruppen zur Zahlstelle der Schulbehörde. Drei Viertel der Lehrerinnen kamen mit. Um Punkt zehn Uhr setzten wir uns alle hin. Sie konnten auf uns schießen lassen, das wussten wir, aber wir wollten die Stadt lahmlegen. Abends zu Hause wurde ich verhaftet. Ein Landrover voller Soldaten nahm mich mit ins Rathaus. Ich war nur im Nachthemd. Da standen sie alle: der Bürgermeister, der Chef der Staatssicherheit, des MPR, der Schulbehörde, des Stadtteils. Ich stand als Frau fünfzig Männern gegenüber. Sie beschimpften mich, einer nach dem anderen, und ich musste die ganze Zeit an das Kind denken, das nur 1,7 Kilo wog, das Kaninchen, dessen Mutter, Madame Rumbasa, eine gute Kollegin, gestorben war, weil sie keinen Mutterschaftsurlaub bekommen hatte. Ich wurde schrecklich wütend. Ich explodierte. Ich schrie den Bürgermeister an. Ich hatte einen Kloß im Hals, es war das zweite Mal, seit ich erwachsen bin, dass ich weinte. Nach meiner Tirade schwiegen alle, so empört war ich gewesen. Ich fühlte mich ruhig. Gegen Mitternacht brachte der Bürgermeister mich in seinem Mercedes nach Hause.«69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine hatte außerordentlichen Mut bewiesen. Sie wurde nicht verfolgt, sondern durfte auf Kongressen in Nsele und Gbadolite über das Problem der Jugend referieren. Aber so glimpflich lief es nicht immer ab. Auf der anderen Seite des Landes arbeitete Thérèse Pakasa an der Kasse eines Lebensmittelladens in Kinshasa. Sie war mit Gizenga in Kontakt gekommen, Lumumbas Vizepremier, der in Brazzaville im Exil lebte und aus ihrer Gegend stammte. Auch sie las Lumumba und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihr Blut geriet in Wallung, wenn sie an die Situation in ihrem Land dachte. »Ich wollte eine Demonstration organisieren, aber die Leute hatten so viel Angst! Ich fand nur drei Frauen, die mitmachen wollten. Eine Brotverkäuferin und zwei Hausfrauen. Wir beschrifteten ein Transparent und machten Flugblätter. Am 23. Juli 1987 zogen wir über den Boulevard du 30 Juin, in Höhe der belgischen Botschaft. Wir trugen die alte, blaue Flagge des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier einfache Frauen, die ihr Leben riskierten, indem sie mit einem verbotenen Transparent und einer verbotenen Fahne über die große Allee der Hauptstadt liefen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nach ein paar hundert Metern wurden wir verhaftet. Der Nachrichtendienst hielt mich anderthalb Monate lang fest. Ich wurde leicht gefoltert, aber mein Mut wuchs. Ein Jahr später tat ich es noch einmal, nun mit zehn Frauen. Wieder wurden wir festgenommen. Ich wurde geschlagen und mit einer militärischen Eskorte ins Landesinnere verbannt. Als ich nach Kinshasa zurückkehrte, warf man mich ins Gefängnis, und auch alle meine Kinder wurden verhaftet, sogar das zwei Wochen alte Baby. Sie konnten nicht glauben, dass eine Frau so etwas tun konnte.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blut, das aus ihrem Kopf rann. Der Unterkörper eines Harlekins. Die winterlichen Bilder aus Rumänien ließen Mobutu nicht los.71 Der Ostblock stürzte zusammen, der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Demnächst wäre er als Bündnispartner der Amerikaner unnütz. Mobutu verdankte sein Reich der Angst vor dem Kommunismus, aber Marx war ein Riese auf tönernen Füßen geworden. Loyalität im Kampf gegen die rote Gefahr zählte nicht mehr, Respekt vor den Menschenrechten wurde das neue Kriterium. Auf einem Gipfeltreffen französischsprachiger Länder kündigte Präsident Mitterrand an, dass Frankreich nur noch Entwicklungsländer unterstützen würde, die demokratische Werte vertraten und die Menschenrechte achteten. Die Zeit Giscards war vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1990. Mit dem neuen Jahrzehnt schien ein neues Klima anzubrechen. Im Februar wurde Nelson Mandela freigelassen, ein Weltereignis, das den gesamten Kontinent mit Hoffnung erfüllte. In der Elfenbeinküste, in Benin, Gabun und Tansania erhob sich der Ruf nach einem Mehrparteiensystem. In Kongo-Brazzaville und Mali geriet die Militärdiktatur ins Wanken. Der Rausch der Freiheit erreichte auch Zaire. Mobutu erkannte, dass er sein Volk nicht länger missachten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hielt eine Volksbefragung ab, wie es die belgische Kolonialmacht 1958 getan hatte und Leopold II. 1905. Damals hatte das zu einer drastischen Wende geführt – wie würde es jetzt ausgehen? Eine Gruppe von Interviewern zog von Stadt zu Stadt und veranstaltete öffentliche Sitzungen. Bürger im ganzen Land durften ihre Meinung über Mobutus Regierung äußern, ja, sie durften sogar ihrem Ärger freien Lauf lassen. Verfolgung brauchten sie nicht zu befürchten. Die erste Sitzung fand in Goma statt, und Mobutu war dabei. Er sei selbstverständlich bereit, sich konstruktive Kritik anzuhören, denn niemand sei vollkommen. Aber es regnete, nein, es schüttete Beschwerden. Mobutu fand sich in einem tropischen Unwetter der Unzufriedenheit wieder. Alte Frauen standen auf und kanzelten ihn ab. Sein neuer Beiname in diesem Moment war Mobutu &#039;&#039;Sesesescu . . .&#039;&#039; Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa bekam seine Reaktion mit: »Mobutu konnte es nicht fassen und war ungemein enttäuscht. Er war der Ansicht, das Land schulde ihm alles, und er zog sich zurück, so gekränkt war er. Er wollte der Wahrheit nicht ins Auge sehen. An den folgenden Sitzungen nahm er nicht mehr teil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Interviewer machten ihre Arbeit. Mehr als sechstausend Berichte wurden gesammelt, die meisten davon absolut vernichtend. Der Vorsitzende der Kommission begab sich mit einer Zusammenfassung zum Präsidenten. Zizi wusste noch, wie das abgelaufen war: »Mobutu hatte sich auf sein Schiff Kamanyola zurückgezogen. Er berief das Politbüro des MPR ein, um an Bord zu beraten. Zwei, drei Tage saßen sie dort fest. Auch die Mitglieder der Regierung mussten erscheinen.« Sogar der amerikanische Außenminister kam vorbei, um Mobutu mitzuteilen, dass Bush sen. ihn, ungeachtet aller historischen Freundschaftsbande, nicht länger bedingungslos unterstützen konnte.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber am 24. April 1990 stand sein Entschluss fest. Generäle, hohe Beamte, Provinzgouverneure, Parlamentarier und ausländische Journalisten rief er im weißen Konferenzort Nsele zusammen, schon seit einem Vierteljahrhundert der Vatikan des MPR. Vor sich eine Batterie Mikrophone, hielt Mobutu, in der schwarzen Marschalluniform, die Alfons Mertens ihm geschneidert hatte, eine Ansprache. Er habe die Stimme des Volkes vernommen; Zaire würde demokratisch werden. Zum Erstaunen aller Anwesenden verkündete er das Ende des Einparteienstaates. Künftig dürften drei Parteien existieren, es gäbe Raum für eine freie Presse, freie Gewerkschaften und, innerhalb eines Jahres, freie Wahlen. »Und was geschieht mit dem Chef bei alledem?«, fragte sich Mobutu am Ende seiner Rede. »Das Staatsoberhaupt steht über den politischen Parteien. Er wird der Schiedsrichter, mehr noch, die höchste juristische Instanz sein. Ich gebe Ihnen bekannt, dass ich mich von heute an aus dem Mouvement Populaire de la Révolution zurückziehe, damit ein neuer Chef gewählt werden kann . . .« Mobutu zögerte kurz, geriet ins Stocken und blickte verloren in den Saal, in dem es mucksmäuschenstill geworden war. Dann sagte er die legendären Worte: »&#039;&#039;Comprenez mon émotion.&#039;&#039;« Auf den Jubel hin, der nun losbrach, schob er die klobige Brille hoch und tupfte sich die feucht gewordenen Augen trocken – wie ein Mann, der innerhalb einer Sekunde alt geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufnahmen von der Rede wurden im ganzen Land gezeigt. Hatte man es richtig verstanden? War die Zweite Republik nun endgültig vorbei? Mit einer simplen Rede, begleitet von ein paar Krokodilstränen? Einer Rede, die genauso banal war wie die Rundfunknachricht, mit der Mobutu 1965 die Macht ergriffen hatte? Ohne Revolution oder Straßengewalt? Junge Männer stürzten sich auf die Garderobe ihres Vaters und wühlten zwischen den alten Kleidern nach Krawatten. Keiner wusste mehr, wie man so ein Ding richtig band, aber was machte das schon? Es ging um das Symbol der Freiheit! Mädchen zogen sich die viel zu weiten Hosen ihrer Brüder an und liefen damit kichernd auf die Straße. Bei diesem Umbruch brauchte niemand Steine zu werfen oder Parolen zu skandieren. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«, sagte Zizi, als er an diesen hoffnungsvollsten Tag in seinem Leben zurückdachte, »die Straßen von Kinshasa waren an diesem Abend voller schlecht gebundener Schlipse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 11 Der Todeskampf ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Demokratische Opposition und militärische Konfrontation 1990-1997 ===&lt;br /&gt;
Régine und Ruffin lebten beide in Bukavu, dem hübschen Städtchen am Kivusee an der Grenze zu Ruanda, aber sie hatten nichts miteinander gemein. Als Mobutu das Ende des Einparteienstaats verkündete, war Régine fünfunddreißig Jahre alt und Ruffin sieben. Régine war die Direktorin einer katholischen Mädchenschule, Ruffin lernte gerade lesen in einer katholischen Knabenschule anderswo in der Stadt. Régine hatte einige Jahre zuvor das Sit-in der Lehrerinnen organisiert. Als sie erfuhr, dass die Staatspartei MPR ihre Allmacht verloren hatte, tanzte sie vor Freude. Ruffin war noch zu jung, um die historische Bedeutung dieses Umbruchs zu verstehen. Er spielte mit seinen Freunden Fußball und träumte davon, später Priester zu werden. Trotzdem würden beide zum Sturz des Diktators beitragen, auf ganz verschiedene Weise und zu völlig anderen Zeitpunkten, Régine im Jahr 1992, Ruffin im Jahr 1997, denn dieser Sturz dauerte sehr lange.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine Mutijima glaubte zunächst, es würde sehr schnell gehen. »Wir wollten wirklich, dass Mobutu in freien Wahlen abgesetzt würde und ehrenvoll im Land bleiben könnte.«1 Aber von 1990 bis 1997 klammerte sich Mobutu mit einer Hartnäckigkeit und Schläue an die Macht, die niemand für möglich gehalten hätte. Es war der Todeskampf eines Diktators, der in seinem Sturz das ganze Land mit sich riss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Leopold II. im Jahr 1905 die Gräuel im Freistaat nicht mehr leugnen konnte, zögerte er noch drei Jahre, bevor er seine lukrative Privatkolonie dem belgischen Staat übertrug. Mobutus Haltung nach 1990 war nicht anders. Die Ergebnisse der Volksbefragung veranlassten ihn anfangs dazu, die Zügel zu lockern, dann aber straffte er sie erneut. Die geplanten Wahlen sollten, was ihn betraf, bloß nicht überstürzt werden. 1970, 1977 und 1984 hatte er bei seiner Wahl auf kreative Weise nachgeholfen, doch dieser Trick, das wusste er, würde 1991 nicht mehr verfangen. Der Geist der Demokratie war aus der Flasche. Dennoch schaffte Mobutu es, sieben weitere Jahre an der Macht zu bleiben, diesmal ohne Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine wusste nur zu gut, dass Mobutu seine Macht zwei Dingen verdankte: Geld und Gewalt. Geld aus dem Ausland, Gewalt im Inland. Aber wie lange würde das noch Bestand haben, jetzt, wo der Kalte Krieg vorbei war? Am 12. und 13. Mai 1990, ein paar Wochen nach seiner emotionalen Rede, erteilte Mobutu den Befehl, die Studentenproteste in Lubumbashi mit Militärgewalt niederzuschlagen&#039;&#039;;&#039;&#039; die Studenten waren wieder einmal als Erste auf die Straße gegangen. Für den Westen war damit das Maß voll. Man sprach von Hunderten Opfern, die genaue Zahl wurde jedoch nie bekannt (möglicherweise waren es nur drei, wie Régine später hörte). Belgien setzte die Entwicklungshilfe aus, Frankreich fror die Beziehungen ein, die USA brauchten Mobutu nicht mehr. Anfang der neunziger Jahre wären die ausländischen Bündnispartner ihn am liebsten los gewesen. Sogar der IWF suspendierte Zaire 1994 als stimmberechtigtes Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ihm noch blieb: Gewalt. Aber die Armee war nicht vertrauenswürdig, und den Sicherheitsdiensten entglitt die Kontrolle über die Bevölkerung, da inzwischen immer mehr erlaubt war. Der Informationsfluss wurde nicht mehr von der amtlichen Presse beherrscht. Regierungszeitungen mit »authentischen« Titeln wie &#039;&#039;Elima&#039;&#039; und &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; verloren an Bedeutung zugunsten neuer Zeitschriften mit französischen Namen wie &#039;&#039;L&#039;Opinion&#039;&#039;, &#039;&#039;Le Phare&#039;&#039; und vor allem &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039;. Bis Bukavu, zu Régine, drangen sie nicht vor, aber in der Hauptstadt waren sie von großer Bedeutung. Vor den Kiosken am Boulevard Lumumba lebte das Phänomen der &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; wieder auf: Kleine Gruppen von Arbeitslosen lasen die Titelseiten der ausgestellten Zeitungen und diskutierten den ganzen Tag darüber. Ein öffentlicher Raum kritischer Bürger entstand. Der Gründer von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; war Modeste Mutinga: »Wir waren völlig unabhängig. Wir hatten nicht mal Beziehungen zu anderen Oppositionsbewegungen wie der UDSPS [Union für Demokratie und Sozialen Fortschritt] oder der Kirche. Ich kaufte eine gebrauchte Druckerpresse in Straßburg. Erst später, nach dieser Öffnung in den frühen neunziger Jahren, wurde es wieder schlimmer. Die DSP verbrannte damals unsere Pressen und die der anderen Zeitungen. Alles wurde zerstört.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratisierung äußerte sich auch auf anderen Wegen als über die Zeitungen. Zwischen der Macht und der Masse entwickelte sich ein ganzes Mittelfeld gesellschaftlicher Organisationen, die sogenannte &#039;&#039;société civile&#039;&#039;. Es bildeten sich Hunderte neue Vereine, für Frauen vom Land, für Taxifahrer, für Messdiener . . . Vereine für Agrarentwicklung, für Laiensolidarität, für Krankenpflege und sogar Vereine für Vereinsvorsitzende.3 Gewerkschaften schossen wie Pilze aus dem Boden: 1990 gab es nur die eine staatliche Gewerkschaft, 1991 waren es bereits hundertzwölf.4 Und wie in den späten fünfziger Jahren vermehrten sich die politischen Parteien explosionsartig. Mobutu wollte es zuerst bei dem angekündigten Dreiparteiensystem belassen, musste aber schon bald ein uneingeschränktes Mehrparteiensystem erlauben. Binnen kürzester Zeit musste der allmächtige MPR um die dreihundert Parteien neben sich ertragen, größere und kleinere; manche bestanden nur aus einer Person. Die Nachricht vom bevorstehenden Thronverzicht ließ bei so manchem den Traum von der Macht aufkommen. Mobutu betrachtete die Entwicklungen mit scheelem Blick: Der ständige Zuwachs an Parteien bestätigte seine Angst vor Zersplitterung und Auflösung. &#039;&#039;If you can&#039;t beat them, join them&#039;&#039;, muss er sich gedacht haben, und um die Macht der Opposition zu schwächen, bezahlte er nun Bürger, damit sie eine Partei gründeten, die auf seiner Linie war. »Alimentationsparteien« wurden diese Gruppierungen höhnisch genannt, oder »Taxiparteien«, denn ihre Mitglieder passten in ein einziges Taxi. War das jetzt der Multipartismus&#039;&#039;,&#039;&#039; den Mobutu versprochen hatte? Es lief auf Multimobutismus hinaus!5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich kristallisierte sich das rastlose politische Feld um zwei Pole: Auf der einen Seite stand die UDPS von Étienne Tshisekedi mit ihren Bündnispartnern, der sogenannten &#039;&#039;Union Sacrée de l&#039;Opposition&#039;&#039;, auf der anderen Seite sammelten sich der MPR und die Mobutu-Getreuen in der &#039;&#039;mouvance présidentielle&#039;&#039;. Dazwischen gab es abwartende Gruppierungen. Die Kirche sympathisierte mit der Opposition, war aber oft kompromissbereit. Régine verspürte keine Neigung, in die Politik zu gehen. »Ich war zwar kurz in der UDPS, als die noch illegal war, aber ich fühlte mich in der Politik nicht wohl. Das Jahr 1990 bedeutete für mich eher die Geburt der Zivilgesellschaft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu der Einberufung einer Nationalkonferenz zustimmte, war für die Opposition ein sehr wichtiger Sieg. Der Präsident hoffte, damit im Ausland einen guten Eindruck zu machen und die Unterstützung seiner westlichen Bündnispartner zurückzuerlangen. Wie bei einer ähnlichen Konferenz in Benin, die kurz zuvor innerhalb von zehn Tagen das Land reformiert hatte, wollte man in Zaire Volksdelegierte zusammenrufen, die über die Vergangenheit reden und Konzepte für die Zukunft entwickeln sollten. Die Konferenz sollte dem Übergang von der Zweiten zur Dritten Republik Gestalt verleihen; sie wurde unter ihrem späteren Namen »Nationale Souveräne Konferenz« bekannt. Nicht nur Politiker und Prominente sollten daran teilnehmen, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, dem Vereinsleben und den Kirchen. Als Ort war Kinshasa vorgesehen, und es sollten Delegationen aus allen Provinzen vertreten sein. Alles sollte live im Radio und im Fernsehen übertragen werden. Es sollte ein Hochamt der Basisdemokratie werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im fernen Bukavu wurde Régine eine der Abgesandten der Bevölkerung: »Die Lehrerinnen von Bukavu sagten zu mir: Du musst nach Kin! So geriet ich in die Delegation von Süd-Kivu. Alle Stämme waren vertreten, wir wollten nicht ethnisch denken. Auf der Nationalen Souveränen Konferenz würden wir alles anprangern. Wir wollten Mobutu verjagen und seinen Kopf auf einem Tablett serviert bekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine fuhr in die Hauptstadt. Unter den 2800 Delegierten waren nur zweihundert Frauen. »Wir waren zu wenig Frauen, nicht mal 10 Prozent. Viele der Frauen hatten Angst, mitzureden. Sie waren schlecht informiert über die Wirkung einer solchen Versammlung und den Nutzen von Lobbying.« Aber sie stellte ihren Mumm unter Beweis. Am 7. August 1991 begann die Nationale Souveräne Konferenz, die für drei Monate angesetzt war. Die Eröffnungssitzung fand im Palais du Peuple statt, dem nationalen Parlament. Dieses Ungetüm von einem Gebäude war von den Chinesen hingeklotzt worden, ein paar hundert Meter vom neuen Fußballstadion entfernt. Auf dem Parkplatz stand &#039;&#039;citoyen&#039;&#039; Tshimbombo, einer der &#039;&#039;grosses légumes&#039;&#039;, der Bonzen der Regierung, mit einem Pappkarton und verteilte bündelweise Geldscheine an alle, die noch auf die Schnelle eine kleine Partei gründen wollten. Das Geld durften sie behalten, sie mussten sich nur auf Mobutus Seite stellen . . .6 Tshimbombo, das war der Mann, der einst im Namen des Präsidenten die Spielerinnen der Damen-Basketball-Nationalmannschaft mit zweiundzwanzig Mercedes beglücken durfte, weil sie den Afrika-Cup gewonnen hatten, und der elf Limousinen für den Eigengebrauch zurückbehalten hatte . . .7 Als er nun mit seinem Karton voller Banknoten da stand, nannte man ihn spöttisch den »Hüter des Staatsschatzes«. Es war sonnenklar, dass Mobutu die Konferenz auf alle möglichen Arten unterlaufen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wollte uns ständig korrumpieren – er bot uns Hotelzimmer an, er wollte uns Geschenke geben oder uns im Konferenzort Nsele übernachten lassen«, erzählte Régine, »aber wir sind nicht darauf eingegangen. Die Delegation von Süd-Kivu war sehr entschlossen. Zwei Nächte haben wir sogar draußen vor der Tür des Parlaments geschlafen! Die Leute haben uns etwas zu essen gebracht. Zum ersten Mal im Leben habe ich Maniokbrot gegessen. Und in Kinshasa gab es diese großen, dicken Mücken. All das kannten wir in den Bergen von Süd-Kivu gar nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wollte sich zwar notfalls mit einer breiten Übergangsregierung einverstanden erklären, in der auch Platz für einige Gegenstimmen war, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die Opposition große Macht erhielt, ging ihm zu weit. Er bestimmte selbst den Vorsitzenden der Konferenz: einen alten Getreuen, dessen Name bereits zeigte, wie fanatisch »authentisch« er war: Kalonji Mutambayi wa Pasteur Kabongo. Noch heute seufzt Régine, wenn sie diesen Namen hört: »Dieser Alte war völlig manipulierbar. Er war schwerhörig und verstand uns nicht mal! &#039;&#039;Pasteur wa Farceur&#039;&#039; nannten wir ihn, Hochwürden Witzbold. Ich dachte: Sind wir jetzt zweitausend Kilometer weit gefahren, um uns auf der Nase herumtanzen zu lassen? Wir sagten: Wir müssen den Vorsitzenden zum Schweigen bringen! Aber wie? Jeden Morgen mussten wir an Polizisten vorbei und wurden gefilzt. Wir haben Pfeifen reingeschmuggelt, so kleine aus Plastik. Ich hatte fünf Stück in meinen Schuhen und in meinen Zöpfen versteckt. Immer, wenn der Vorsitzende das Wort ergriff, haben wir gepfiffen, bis er aufhörte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten Wochen der Konferenz verliefen quälend mühsam, mit ausufernden Disputen über das Prozedere und einem endlosen Hickhack über die Zusammenstellung der Kommissionen. Mobutu, der alles aus der Distanz beobachtete, fand die Zänkereien sicherlich amüsant, da er auf das Scheitern des Ganzen hoffte. Aber außerhalb der Mauern des Palais du Peuple wuchs die Unruhe. Am 23. September begannen die Soldaten der Fallschirmjägerbasis in Ndjili zu meutern. Sie zogen zum Flughafen und setzten den Kontrollturm außer Betrieb. Von dort aus bahnten sie sich einen Weg ins Stadtzentrum, wo sie in Kaufhäuser, Läden, Tankstellen und sogar Privathäuser einfielen. Nichts, was irgendeinen Wert hatte, war vor ihnen sicher: Fernseher, Kühlschränke und Fotokopierer wurden nach draußen geschleppt, ganze Warenlager wurden geräumt, Handelsbetriebe geplündert. Das Volk, verzweifelt vor Hunger und Armut, schloss sich den Soldaten an. Es war ein gewaltiger Rausch, ein Fest, die Zeit des Großen Raffens. Endlich durfte das Volk das tun, was die Machthaber schon seit einem Vierteljahrhundert taten! Ein Delirium, die Umwertung aller Werte. Verboten und grandios! Die Unruhen breiteten sich auf andere Städte aus. Die belgische und französische Armee schritt ein, um Landsleute aus dem Hexenkessel herauszuholen, denn die Plünderungen gingen tagelang weiter. 30 bis 40 Prozent aller Firmen wurden verwüstet, 70 Prozent des Kleinhandels mussten dran glauben. Es gab 117 Tote und rund 1500 Verletzte.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Mobutu? Er reagierte nicht und ließ seine Soldaten gewähren. Viele vermuteten, dass er die Meuterei provoziert hatte, um die Nationale Souveräne Konferenz zu destabilisieren. Sogar sein loyaler Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa verdächtigte ihn des Opportunismus; das sagte er, als wir uns auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung unterhielten. »Mobutu wollte das Land kaputtmachen. Vorsätzlich. Er war sehr gekränkt durch den Erfolg von Tshisekedi und wollte sich rächen. Vergleich es mit jemand, der ein tolles Handy hat.« Zur Illustration hob er sein eigenes Mobiltelefon hoch. »So ein Handy, das andere neidisch macht, aber das du nicht mehr bezahlen kannst. Was tust du dann?« Er ließ den Arm mit dem Handy neben seinen Stuhl sinken. »Dann lässt du&#039;s fallen, damit es auch kein anderer kriegt. So hat Mobutu es gemacht. Als die Nationale Souveräne Konferenz anfing, ließ er sich ganz in Gbadolite nieder. Ihm war klar, dass das Volk ihn verachtete. Um drei Uhr morgens plünderten die Soldaten den Flughafen, und er reagierte nicht. Es war echt: Nach mir die Sintflut. Er sah die Plünderungen als eine Strafe für das Volk. Ich war sehr enttäuscht, als er das Land so zerstörte. Zum ersten Mal hatte ich mehr Angst, vom Volk ermordet zu werden, als von Mobutu.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Plünderungen bekam die Konferenz einen neuen Vorsitzenden, diesmal durch Abstimmung. Monseigneur Monsengwo, der populäre Erzbischof von Kisangani und Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz, wurde ohne Probleme gewählt und durfte der Nachfolger von Pasteur wa Farceur werden. Monseigneur Monsengwo: Sein Name weckte hohe Erwartungen. Mit seinem Purpurgewand und seiner großen moralischen Autorität war er anscheinend auf dem Weg, der Desmond Tutu von Zaire zu werden. Die Opposition war für ihn, weil sich die zairische Bischofskonferenz schon des Öfteren äußerst kritisch über das Mobutu-Regime geäußert hatte. Unter Kardinal Malula hatte sich die Kirche zur größten Gegenkraft der Zweiten Republik entwickelt. Als die Mitte der Gesellschaft erwachte, ließen sich zahlreiche Organisationen, auch die mehr säkularen, von den Basisgruppen und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie inspirieren.10 Monsengwo war zwar kein übermäßig radikal-progressiver Katholik, doch die Kirche war glaubwürdig für die Opposition (die sich selbst nicht zufällig &#039;&#039;sacrée&#039;&#039; nannte). Für Régine stand fest: »Monsengwo war unser Kandidat, aber er bekam sogar Stimmen von einigen Mobutu-Anhängern!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war darüber alles andere als froh. Sein Verhältnis zur Kirche war immer ambivalent gewesen: Er bekämpfte und fürchtete sie nun schon seit fast zwanzig Jahren. Am Vorabend des Papstbesuchs 1980 hatte er seine Geliebte Bobi Ladawa rasch noch kirchlich geheiratet. In Gbadolite hatte er eine Kathedrale erbauen lassen, er, der Mann, der einst die kirchlichen Zeremonien abschaffen wollte und der sich gern mit Wundertätern und Wahrsagern aus Westafrika umgab. Mit Monsengwo an der Spitze der Konferenz war also Wachsamkeit geboten. Wenn er, Mobutu, nicht entscheiden durfte, wer die Nationalkonferenz leitete, dann würde er eben über den anderen zentralen Posten des Übergangs bestimmen: den des Premierministers. Zwischen 1990 und 1997 hatte Zaire acht Premierminister gehabt, sieben davon von Mobutu persönlich in den Sattel gehoben. Die längste Amtszeit hatte drei Jahre betragen, die kürzeste drei Wochen. Der mit den drei Wochen, das war Mobutus Erzfeind Tshisekedi. Im Oktober 1991, nach den Plünderungen, hatte Mobutu ihn zum Regierungschef ernannt. Hatten die Unruhen den Führer zu der Einsicht gebracht, dass er Tshisekedi nicht länger ignorieren konnte? Oder war es eine hinterlistige Taktik, um ihn bei seinen Anhängern in Misskredit zu bringen? Die &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; debattierten das Thema tagelang, doch drei Wochen später war es mit dem Amt des Premiers schon wieder vorbei. Mobutu ernannte gleich danach Mungul-Diaka, einen anderen alten Feind, zum Premierminister. Der hielt es einen Monat lang aus. Dann durfte Nguza es noch einmal versuchen, auch ein Dissident aus der fernen Vergangenheit. &#039;&#039;Le vagabondage politique,&#039;&#039; der hemmungslose Opportunismus, war wieder an der Tagesordnung, ansonsten geschah unterdessen nichts. Im Januar 1992 ordnete Mobutu das Ende der Nationalen Souveränen Konferenz an. Das Spiel habe nun lange genug gedauert, befand er; zu seiner Erleichterung war nichts dabei herausgekommen. Diese Klippe hatte er umschifft, er hielt die Zügel wieder fest in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Teilnehmer bekamen Geld für die Heimreise«, erzählte Régine, »aber so konnten wir nicht nach Hause kommen. Die Menschen in meiner Provinz wollten ein Ergebnis sehen. Es musste Wahlen geben. Die Ausbezahlung des Geldes wurde ausgesetzt, aber wir sind trotzdem in Kinshasa geblieben, dank der Unterstützung der Bevölkerung.« Die Menschen gaben die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse nicht auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann kam der 16. Februar 1992, ein Tag, der in der Geschichte des Kongo genauso wichtig wurde wie der 4. Januar 1959, als die Unruhen in Léopoldville ausbrachen. Auch hier war der unmittelbare Anlass eine nicht genehmigte Demonstration, auch hier kam es zu breiten Protesten in Kinshasa, auch hier endete es in einem Blutbad. Die Christen wollten gegen die Schließung der Konferenz protestieren, doch die Behörden ließen den Protest nicht zu. Der charismatische Abbé José Mpundu, ein Priester, der dem Volk näherstand als der kirchlichen Hierarchie, war einer der Organisatoren. Ich unterhielt mich mit ihm in seinem einfachen Haus im Schatten des alten Fußballstadions. Er trug – was man selten sieht bei kongolesischen Männern – eine kurze Hose, und – was noch seltener vorkommt – er duzte mich sofort. »Die Bischöfe hatten schon gefordert, dass die Konferenz wieder eröffnet werden sollte. Die Priester hatten das Thema in der Sonntagsmesse angesprochen. Einige Laien sagten: Gut, dann lasst uns eine Aktion starten. Ich war mit ihrer Initiative einverstanden und besuchte ihre vorbereitenden Versammlungen, ich sprach dort über Gewaltlosigkeit. Ich war in der Bischofskonferenz Sekretär der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, weißt du. Aber Kardinal Etsou, der neue Erzbischof, gab keine Erlaubnis für den Marsch, und Monseigneur Monsengwo war der Ansicht, Bischöfe sollten reden und nicht handeln . . . Nun ja, wir legten die Routen fest und beschlossen, dass auf den Transparenten stehen sollte: ›Bedingungslose Wiedereröffnung der Nationalen Souveränen Konferenz‹. Später wurde ich deshalb aus der Bischofskonferenz entlassen . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Februar, nach der Neun-Uhr-Messe, begann die Demonstration. In den mehr als hundert Pfarrgemeinden von Kinshasa verließen die Menschen ihre Kirchen und strömten auf den maroden Boulevards und Avenuen der Hauptstadt zusammen. Es waren einfache Gläubige, keine kampferprobten Dissidenten, keine Vollblutpolitiker, sondern Schüler, Studenten, junge Eltern, Arme, Menschen, die sich vom niederen Klerus mit Vertretern wie dem nonkonformistischen Abbé José unterstützt wussten. Sie schwenkten grüne Zweige und sangen Lieder. Auch die Protestanten, die Kimbanguisten und die Muslime nahmen teil. In Matadi, Kikwit, Idiofa, Kananga, Mbuji-Mayi, Kisangani, Goma und Bukavu fanden solche Märsche statt. Mehr als eine Million Menschen gingen auf die Straße; es war die größte Massenversammlung in der Geschichte des Landes. Man sprach vom »Marsch der Hoffnung«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war auf der Route von Limete nach Pont Kasavubu«, erzählte Abbé José, »aber auf der Höhe von Saint-Raphaël stießen wir auf ein Bataillon bis an die Zähne bewaffneter Soldaten. Ich lief in der ersten Reihe. Wir hatten abgesprochen: Sobald etwas vorfällt, setzen wir uns alle auf den Boden. Die Soldaten hielten uns auf, und wir setzten uns hin. Neben mir saß eine alte Frau und schaute ungläubig auf die jungen Soldaten, die höchstens sechzehn, siebzehn waren. Einer von ihnen sah ihr direkt in die Augen, und sie sagte: ›&#039;&#039;Mwana na nga, est-ce que omelaki mabele ya mama te?‹&#039;&#039; ›Mein Sohn, hast du denn nie von der Mutterbrust getrunken?‹ Der Junge wusste nicht, wohin er den Blick richten sollte. Das ist die Kraft der Gewaltlosigkeit, der Wahrheit.« Der Kongo glich kurz dem Indien von Mahatma Gandhi. »Dann trieben sie uns mit Tränengas auseinander. Wir rannten weg, aber wir formierten uns neu. Wir gingen weiter und sangen wieder. Bei Kingabwa stießen wir auf Leibwächter, ich denke, die von Premier Nguza. Sie bedrohten uns mit dem Tod. ›Nicht singen, laufen!‹, brüllten sie. Aber ich sagte: ›Wenn wir laufen, schießen sie auf uns.‹ Ein stämmiger Kerl mit einem Revolver packte mich, aber die anderen hielten mich fest. Die Knöpfe meiner Soutane sprangen ab. Meine Kette zerriss. Ein Gemeindemitglied hob sie auf. Auch weiße Priester wurden so behandelt.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marsch der Hoffnung endete in einem Blutbad. An diesem Tag kamen mindestens fünfunddreißig Bürger ums Leben.12 Die Ordnungskräfte schossen ohne Ansehen der Person, sogar aus sehr kurzer Entfernung, sogar auf Kinder. Sie benutzten nicht nur Tränengas, um die Menschenmenge auseinanderzutreiben, sondern auch eine äußerst leicht entzündliche Substanz, die selten in einem zivilen Kontext verwendet wird: Napalm. Bei einem meiner vielen Gespräche mit Zizi an einem Terrassentisch der Kantine des Staatsrundfunks sagte er: »Nach diesem Marsch hatte Mobutu mächtig Angst, exkommuniziert zu werden. Die Nationale Souveräne Konferenz durfte wieder eröffnet werden, und er zog sich in Gbadolite noch mehr zurück. Die Konferenz wurde viel selbstbewusster. Die Angst war weg. ›Hast du wirklich geglaubt, du könntest uns alle abschlachten?‹, wurde laut gesagt. Meine Frau hat bei dem Marsch Leichen gesehen. Ich habe mir Brandwunden zugezogen.« Er zog die Beine unterm Tisch hervor und krempelte die Hosenbeine hoch. Ich kannte ihn nun schon seit einigen Jahren, aber das hatte er mir noch nie erzählt oder gezeigt. An seinen Schienbeinen sah ich große rosa Flecken. Wir schwiegen beide lange. »Napalm«, sagte er schließlich.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konferenz wurde im April 1992 wieder eröffnet und erzielte diesmal große Fortschritte. Sie wurde tatsächlich souverän: Ihre Beschlüsse waren nicht mehr unverbindliche Empfehlungen, sondern Ausdruck des Volkswillens mit Gesetzeskraft. Mit der Konferenz als höchstem Staatsorgan trat die Demokratisierung in eine entscheidende Beschleunigungsphase ein. Nach den Plenarsitzungen zogen sich die Delegierten in dreiundzwanzig Ausschüsse und hundert Unterausschüsse zurück, verstreut über die ganze Stadt. In vielen dieser Ausschüsse wurde brillante Arbeit geleistet. Man erstellte eine Liste aller vorhandenen Probleme und ersann sinnvolle Alternativen. Régine Mutijima saß in dem Ausschuss »Frau, Kind und Familie«. »Ich war auch die Protokollantin. Tag und Nacht haben wir damals gearbeitet. Danach wurden alle Protokolle in der Vollversammlung vorgelesen, damit sie vervollständigt und bestätigt werden konnten. Das Verhandeln über diese Kompromisse war eine ungeheure Schule der Demokratie. Das Mobutu-Lager diskutierte öffentlich mit der Opposition. Wir wollten die wahre Geschichte des Landes ausgraben und den Schwachen eine Stimme geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz stimmte über eine vorläufige Verfassung ab, deren wichtigster Artikel vorsah, dass nicht der Präsident, sondern die Konferenz den Premierminister ernannte. Der Präsident durfte die Wahl allenfalls noch bestätigen. Das bedeutete einen so radikalen Bruch mit der Vergangenheit, dass auch die Symbole des Staates geändert werden mussten: Zaire sollte wieder Kongo heißen, die Flagge, der Wahlspruch und die Nationalhymne sollten wieder die von vor 1965 werden. Und dann geschah etwas Befremdliches: Monsengwo verließ die Konferenz und verhandelte auf eigene Faust mit Mobutu. Mit diesem Schritt verstieß er gegen alle Vereinbarungen und gegen die Souveränität der Konferenz.14 Mobutu gab dem Prälaten klipp und klar zu verstehen, dass das Land weiterhin Zaire heißen würde; eine Namensänderung sei für ihn völlig unannehmbar. Er ließ aber auch durchschimmern, dass er sich mit einer mehr zeremoniellen Bedeutung des Präsidentenamtes zufriedengeben würde. Régine sieht die Sache noch immer mit gemischten Gefühlen: »Ich fand es skandalös, dass Monsengwo nach Gbadolite fuhr, aber ich denke, er wollte verhindern, dass es noch mehr Tote gab.« Die Männer der DSP, Mobutus Privatarmee, waren noch immer gut bewaffnet; es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. »Monsengwo war der Mann der langsamen Änderung. Er wollte keine Gewinner oder Verlierer, weil er befürchtete, dass die Letzteren sich rächen würden. Tshisekedi dagegen wollte einen schnellen Triumph, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem schweren Konflikt führen könnte. Monsengwo entschied sich für die weiche Landung. Er versuchte, in einer komplizierten Situation taktisch vorzugehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire blieb Zaire, aber der Premierminister wurde zum ersten Mal nach dreißig Jahren gewählt. Am 15. August 1992 ernannte die Nationale Souveräne Konferenz Tshisekedi mit 71 Prozent der Stimmen zum Premierminister der Übergangsregierung; sein Gegenkandidat Thomas Kanza kam nur auf 27 Prozent. Die Wahl war nicht ohne Reibereien abgelaufen, die Büros der UDPS waren einige Tage zuvor noch zerstört worden, aber Étienne Tshisekedi, der Mann, der zehn Jahre zuvor den außerordentlich mutigen offenen Brief an Mobutu geschrieben hatte, wurde nun der erste demokratisch gewählte Premierminister seit Tschombé 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach ging es schnell. Es gab eine Übergangsregierung und ein Übergangsparlament: 453 der 2800 Delegierten bildeten nach der Konferenz den »Hohen Rat der Republik«. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, die sich in vielen Punkten an die föderative Verfassung von Luluabourg von 1964 anlehnte, die einzige durch Volksabstimmung beschlossene Verfassung, die es im Kongo jemals gegeben hatte. Und es wurden Termine für die Wahlen festgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der demokratische Wandel schien nicht mehr aufzuhalten. Und doch geschah es. Tshisekedis taufrische Regierung zeichnete sich nicht gerade durch Weitblick und Strategie aus.15 Er unternahm keinerlei Versuche, die Geheimdienste und die Armee, die wesentlichen Elemente des Staatsapparats, unter seine Kontrolle zu bringen. Die Minister vergeudeten ihre Zeit mit Besuchern und Hilfeleistungen für einzelne Bittsteller. Dass Regierungsarbeit mehr umfasst als stundenlang in einem Büro in Ledersesseln zu sitzen und zu palavern, konnten diese Leute, die noch weniger demokratische Bildung genossen hatten als die Politiker der Ersten Republik, nicht wissen. Tshisekedi selbst schien an der Krankheit Lumumbas zu leiden: charismatisch, solange er sich in der Opposition befand, launenhaft und unberechenbar, sobald er an der Macht war. Premierminister zu werden schien ihm wichtiger zu sein als den Kongo dann auch tatsächlich zu regieren.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz ging dem Ende zu, aber die Protokolle der beiden heikelsten Ausschüsse mussten noch verlesen werden: die des Ausschusses zu »unrechtmäßig erlangten Gütern« (gemeint war: Diebstahl) und die des Ausschusses zu den politischen Morden. »Monsengwo wollte diese Sitzungen hinter geschlossenen Türen stattfinden lassen«, erzählte Régine, »Mobutu schickte Panzer zum Parlament und ließ die Fernsehübertragungen von der Konferenz stoppen.« Der vernichtende Bericht über die Korruption der Regierung wurde nur teilweise vorgelesen, der noch viel schlimmere über die Verletzungen der Menschenrechte gar nicht. Zwar waren mehrere hundert Exemplare im Umlauf, doch die zeigten keine Wirkung. »Ich saß mit zwei anderen Frauen in der Delegation von Süd-Kivu. Sie konnten weder lesen noch schreiben«, sagte Régine. In einem Land, in dem mehr als zwei Generationen keinen soliden Schulunterricht gehabt hatten und wo das gesprochene Wort mehr galt als das gedruckte, waren diese Momente von Öffentlichkeit mehr als nur symbolisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang Dezember 1992 schloss die Nationale Souveräne Konferenz ihre Türen, nicht nach drei, sondern nach siebzehn Monaten. Die Bilanz war zwiespältig. Zum ersten Mal war Mobutu mit einem Ministerpräsidenten konfrontiert, den er nicht selbst ausgesucht hatte. Der historische Rückblick war von großer Bedeutung gewesen, doch die entscheidenden Berichte waren nicht verlesen worden, und die gesetzgeberische Arbeit war noch nicht vollendet. Die demokratische Opposition hatte längst nicht immer politische Reife gezeigt. Und ob nun die lang ersehnten Wahlen stattfinden würden, blieb dahingestellt.17 Régine brachte das Ergebnis auf den Punkt: »Wir wollten die Diktatur entwurzeln, ja, aber man kann einen Baobab nicht einfach fällen, denn dann stürzt er auf einen. Man muss eine Wurzel nach der anderen durchhacken und ihn dann gemeinsam aus einiger Entfernung umreißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Gewicht des umstürzenden Baobab wurde das Volk zermalmt. Die Übergangsphase zur Dritten Republik war für viele Menschen in Zaire eine wahre Heimsuchung. Zaire erlebte in den Jahren 1975-1989 eine durchschnittliche jährliche Inflation von 64 Prozent; in den Jahren 1990-1995 stieg die Inflationsrate auf durchschnittlich 3616 Prozent pro Jahr.18 1994 erreichte sie sogar einen Gipfel von 9769 Prozent.19 Im Jahr 1981 kostete ein Rollstuhl 750 Zaïre, im Jahr 1991 zweieinhalb Millionen Zaïre.20 Rechenmaschinen hatten nicht genug Nullen, wenn Rechnungen geschrieben werden mussten. Schon für eine einfache Hotelübernachtung rechnete man mit Hochzahlen.21 Gehälter waren wertlos. Kaufkraft wurde zur Farce. Die Älteren sagten: »In der Zeit der Belgier haben wir dreimal am Tag gegessen, während der Ersten Republik zweimal am Tag, während der Zweiten Republik nur noch einmal. Wo soll das enden?«22 Kinder verhungerten. Schreiner zimmerten keine Möbel mehr, sondern Särge, oft für Kinder. In den Städten betrug die Kindersterblichkeit ca. 10 Prozent, auf dem Land ca. 16 Prozent.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele hofften auf ein Wunder. Im Zaire der neunziger Jahre wurden Glücksspiele ungemein populär. Lotterien, riskante Geldanlagen und Pyramidenspiele versprachen sofortigen Erfolg, aber machten in der Praxis viele Arme noch ärmer.24 Die Leute hoben ihr Geld von der Bank ab, setzten es ein, gewannen am Anfang ein wenig und verloren dann alles, was sie hatten. Man vertraute auf Wahrsagerei und Zauberei, um dem Glück nachzuhelfen, denn Geld und Mystik gingen Hand in Hand. Sogar Mobutu umgab sich gern mit mächtigen &#039;&#039;marabouts&#039;&#039; (Heilern) und allerlei &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;. Als er zwei Söhne durch Aids verlor, machte er okkulte Kräfte dafür verantwortlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf diese mystische Erweckung erwachte eine neue Art Christentum, nicht klassisch katholisch, protestantisch oder kimbanguistisch, sondern evangelikal und messianisch. Man sprach von den »Églises du Réveil« oder »Pfingstkirchen«. Die Initiatoren waren sehr oft ausländische Missionare, hauptsächlich aus den USA.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der auffälligste &#039;&#039;reborn Christian&#039;&#039; in Zaire war Dominique Sakombi Inongo, der Mann, der sich jahrelang um die Propaganda für Mobutu gekümmert hatte. Der Erfinder der &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;, des Mobutismus und der politischen Animation erklärte sich nun zum Sprachrohr Gottes. Nach einem Unfall auf der Autobahn bei Brüssel (als nächtlicher Geisterfahrer hatte er den Tod einer Belgierin verursacht) hatte er mystische Erlebnisse. In einem Traum sprach der Allerhöchste zu ihm: »Dominique, mein Sohn, ich schenke dir das Leben und den Tod, aber ich rate dir, dich für das Leben zu entscheiden! Denn ich werde dich erretten und dich benutzen.« Das bedurfte weiterer Erklärung: »Lange Zeit hast du mein Volk tanzen lassen für einen Mann, aber fortan wirst du das Volk nur für mich und für mich allein mobilisieren, auf dass es mich lobpreise und endlich befreit werde.« Sakombi entschloss sich zu einem radikalen Bruch mit dem Mobutu-Regime und empfahl Mobutu persönlich, das Gleiche zu tun (»Sie müssen mit Tshisekedi kooperieren. Sie müssen sich absolut bekehren. (. . .) Ich rufe Sie auf, als Bruder, endgültig mit den &#039;&#039;marabouts&#039;&#039;, den Hexen, den &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;, den Magiern und so weiter zu brechen. Sie sind Lügner. (. . .) &#039;&#039;Citoyen Président&#039;&#039;, trotzen Sie der Aufforderung des Herrn nicht. Er ist auch für Sie am Kreuz gestorben«).25 Die äußeren Symbole der Zweiten Republik waren für ihn voll und ganz verhext. Die Hymne, die Fahne und das Wappen waren satanischen Ursprungs. Sakombi erzählte seinen Zuhörern bei stundenlangen Gebetssitzungen, er habe das Urbild des Staatswappens mit eigenen Augen in einer Höhle gesehen, in die Wand gemeißelt, Dutzende Meter unter der Erde, und zwar in Ägypten, bei einer der Pyramiden von Kairo, am Rand eines unterirdischen Flusses, und Alte hätten dort Zaubersprüche gesungen . . . Auch die Währung des Landes sei verhext: »Man braucht sich nur die kabbalistischen Symbole darauf anzusehen, um es zu glauben; alle haben mit Magie zu tun. Mit solchen Banknoten kann man niemals die Entwicklungen eines Landes finanzieren. (. . .) Sie erinnern sich sicher daran, dass die jüngere Serie Geldscheine zu Unruhen geführt hat und sogar dem Konflikt zwischen Mobutu und Tshisekedi zugrunde lag. Sie wissen jetzt, warum . . . weil sie des Teufels sind.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hatte es mit diesen Banknoten neuesten Datums tatsächlich eine etwas seltsame Bewandtnis. Sakombis phantastischer Diskurs war nicht völlig abgehoben, sondern gab einer vertrauten Kritik an den sozialen Umständen einen religiösen Touch. 1970 hatte die höchste Banknote einen Wert von fünf Zaïre, 1984 waren es fünfhundert Zaïre. Das war an sich schon ein Zeichen für eine dramatische Inflation. 1990 aber wurde eine Banknote im Wert von fünfzigtausend Zaïre eingeführt, und zwei Jahre später sogar eine von fünf Millionen Zaïre.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makroökonomie kann manchmal spielend einfach sein. Wenn der Wert der höchsten Stückelung so schnell ansteigt, bedeutet das entweder, dass ein Land furchtbar schnell reich wird, oder aber, dass die Währung furchtbar schnell an Wert verliert. Leider war Letzteres der Fall: Der Fünf-Millionen-Zaïre-Schein war nur zwei Dollar wert. Trotzdem war Mobutu darauf ebenso ungerührt abgebildet wie auf den vorigen Banknoten. Stolz trug er die weiße Marschall-Uniform, die Alfons Mertens für ihn geschneidert hatte und die auf diese Weise eines der am häufigsten abgebildeten Kleidungsstücke des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. In großem Maßstab Geld nachdrucken, war ja Mobutus bevorzugte Methode, an Devisen zu gelangen, zumal er jetzt nicht mehr auf seine internationalen Geldgeber zählen konnte. Er beauftragte die deutsche Firma Giesecke &amp;amp; Devrient, Gelddrucker für Auftraggeber von Hitler bis Mugabe, und ließ große Ladungen Banknoten mit Frachtmaschinen einfliegen. Allein im Jahr 1995 waren es 830 Millionen neue Geldscheine. Fast die Hälfte dieses Geldes musste er so schnell wie möglich gegen Dollar eintauschen, um die Rechnungen der Lieferfirma bezahlen zu können.28 Geld drucken, um den Gelddrucker zu bezahlen: Ökonomie kann auch tragikomisch sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Mobutu im Dezember 1992 die ungeheuerliche Banknote von fünf Millionen Zaïre in Umlauf brachte, erklärte Ministerpräsident Tshisekedi sie für gesetzwidrig. Er wollte der unreflektierten Geldpolitik Einhalt gebieten, doch das führte zu einem ersten ernsthaften Zusammenstoß mit dem Präsidenten. Auf den Straßen von Kinshasa bekam der Schein schon bald den Beinamen »Dona Beija«, nach einer bildhübschen, aber durchtriebenen Figur in einer brasilianischen, zu jener Zeit in Zaire sehr populären Soap.29 Mobutu benutzte das Geld, um seine Soldaten zu bezahlen. Wie immer zogen sie mit ihrem Sold zu einem Geldwechsler, denn der Lohn, den sie am Freitagabend erhielten, konnte am Montagmorgen schon ein Drittel an Wert verloren haben. Im ganzen Land war das Phänomen der &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; aufgetaucht, Geldwechslerinnen (fast immer waren es Frauen), die am Straßenrand unter einem Sonnenschirm an einem Tischchen mit Stapeln von Geldscheinen saßen. In Zaire war sogar der Schwarzmarkt farbenfroh. In Kinshasa fand man sie auf der Straße hinter der belgischen Botschaft, die schon bald Wall Street genannt wurde, aber auch mitten im Stadtteil Matonge gab es Gassen mit einer inoffiziellen Wechselstube neben der anderen. Der Beamte, Polizist oder Soldat zog am Zahltag mit seinem Plastikbeutel voller Bündel frisch gedruckter Geldscheine zur Wechslerin und tauschte sie in Dollar ein. Die Wechslerin verkaufte die Scheine später weiter, oft an Behörden, die sie benötigten, um die Gehälter zu zahlen. Zaire wurde auf diese Weise allmählich »dollarisiert«.30 Bis heute gilt der Dollar als primäres Zahlungsmittel für alle größeren Ausgaben, nur kleinere Einkäufe werden noch mit der Landeswährung bestritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber mit der Banknote von fünf Millionen funktionierte das System nicht mehr. Nachdem Tshisekedi sie für gesetzwidrig erklärt hatte, weigerten sich die &#039;&#039;cambistes&#039;&#039;, sie zu wechseln. Die Soldaten, die sich so um ihren Monatslohn betrogen sahen, nahmen nun die Besoldung selbst in die Hand. Vom 28. bis 30. Januar 1993 verlegten sie sich wieder aufs Plündern. Die Folgen waren entsetzlich. In Kinshasa spricht man noch heute von der Ersten und der Zweiten Plünderung, der von 1991 und der von 1993, denn das waren historische Ereignisse, die sich tief ins Gedächtnis des Landes einprägten. Die Zweite Plünderung war die weitaus gewalttätigste. Diesmal war es die DSP selbst, Mobutus Elitetruppe, die meuterte und sich an öffentlichem und privatem Besitz schadlos hielt. Vor den Augen der Ladenbesitzer schlugen sie die Schaufenster ein und rissen die Lampen von der Decke. Weil das Warenangebot oft spärlich war, zerrten sie sogar Kupferleitungen aus der Wand und brachen Waschbecken heraus. Zaire war nun das Land der letzten Dinge geworden, ein gesetzloses, straffreies, hoffnungs­loses Land, Banditentum und Raubgier ausgeliefert. Etwa tausend Menschen fanden bei der Zweiten Plünderung den Tod, darunter der französische Botschafter und sein Mitarbeiter. Wieder wurden französische und belgische Fallschirmjäger eingesetzt. Als alles vorbei war, sah die Stadt aus wie nach einer Heuschreckenplage. Die Straßen waren übersät mit Papieren, Ordnern, Trümmerstücken und Schuhen. Aus den Fenstern mit den zerbrochenen Scheiben bauschten sich die Vorhänge. Auch einfache Leute versuchten, ein bisschen abzubekommen, denn in einem Land, das bankrott war, bekam noch das Geringste wieder einen Wert. Altpapier zum Beispiel wurde ein kostbares Gut. Das Archiv des Zoos von Kinshasa, eines dürftigen Überbleibsels aus der Kolonialzeit, wo noch immer ein Krokodil aus dem Jahr 1938 in der Sonne vor sich hin döste (und noch heute dort liegt), wurde von Menschen gestürmt, die Einwickelpapier benötigten.31 Wer in den Wochen danach auf dem Markt von Kinshasa eine Handvoll Erdnüsse zum Abendessen kaufte, bekam sie in einer Tüte aus vergilbtem Papier mit Beschreibungen des wundersamen Lebens von Schimpanse und Okapi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass es so nicht weitergehen könne mit seinem Land. Ein paar Monate zuvor hatte er in Gbadolite die Hochzeit einer seiner Töchter gefeiert. Sie trug zu diesem Anlass Juwelen von Cartier und Boucheron im Wert von drei Millionen Dollar. Aber das war kein Problem. 2500 Gäste waren geladen. Es gab Kaviar und Hummer. Tausend Flaschen französische Spitzenweine wurden geleert. Auch das war kein Problem. Ein Flugzeug war eigens nach Paris geschickt worden, um die Torte, ein vier Meter hohes Monstrum, bei Chef-Pâtissier Lenôtre abzuholen. Aber das alles war wirklich kein Problem. Das wahre Problem für Mobutu war Tshisekedi, der Mann, der eine Banknote mit seinem Konterfei abgelehnt und damit die Plünderungen entfesselt hatte. Nein, mit diesem Querkopf war nichts anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1993, nach einer zehntägigen Versammlung mit der Spitze des noch immer vitalen MPR, entschloss sich Mobutu, eine eigene Regierung mit eigenem Parlament, einer eigenen Verfassung und einem eigenen Premierminister einzusetzen. Faustin Birindwa, ein ehemaliger politischer Gegner, war das Opfer vom Dienst, und er würde für eine Währungsreform sorgen, bei der eine neue Währung, der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, drei Millionen alte Zaïre ersetzen sollte. Zaire hatte nun eine doppelte Regierung. Neben den Institutionen der Nationalen Souveränen Konferenz existierten die des noch viel souveräneren Präsidenten. Das gewaltige Werk, für das Menschen wie Régine Mutijima gekämpft hatten, fiel der Raffgier eines alten Dinosauriers zum Opfer. Die historische Ironie des Ganzen konnte niemandem entgehen: Mobutu hatte 1960 und 1965 geputscht, weil Kasavubu zweimal neben dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten einen eigenen Premier ernannt hatte (Ileo versus Lumumba 1960, Kimba versus Tschombé 1965), nun aber machte er, Mobutu, genau das Gleiche. Dieser unhaltbare Zustand sollte ein Jahr währen. Transnationale Organisationen erkannten den Ernst der Lage und befürchteten eine Eskalation wie nach der Unabhängigkeit. Die Organisation für Afrikanische Einheit und die UNO schickten Abgesandte nach Kinshasa, die auf einen Kompromiss hinwirken sollten. Der kam in Form eines riesigen Parlaments mit siebenhundert Mitgliedern, in dem die beiden parallelen Volksvertretungen, die der Nationalkonferenz und die der Diktatur, aufgingen. In diesem Gremium mit dem ziemlich technischen Namen HCR-PT (&#039;&#039;Haut Conseil de la République – Parlement de Transition&#039;&#039;) besaßen die Mobutu-Anhänger die Mehrheit. Zum Premier wurde im Juli 1994 erneut Kengo wa Dondo berufen, ein &#039;&#039;métis&#039;&#039; polnisch-kongolesischer Abstammung, der in den achtziger Jahren zwei relativ stabile Regierungen geleitet hatte, die die Strukturanpassungsprogramme des IWF umgesetzt hatten. Das machte ihn für die internationale Gemeinschaft akzeptabel, doch Bürger Zaires hatten schlimme Erinnerungen an jene Jahre der strikten Sparmaßnahmen. Anders als Tshisekedi konnte Kengo nie die Herzen gewinnen. Seine Aufgabe war es nun, das Land zu den Wahlen zu führen, die um das Jahr 1995 stattfinden sollten; 1995 wurde jedoch als neuer Zeitpunkt 1997 angesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schien mit diesem Arrangement (ein Parlament, das ihm gehorchte, ein Premierminister, der nicht gegen ihn arbeitete, Wahlen, die noch in weiter Ferne lagen) seine Schäfchen wieder im Trockenen zu haben. Doch der Schein trog, denn Zaire, das Land, das er vereint und groß gemacht hatte, zerfiel nach und nach. In Kasai weigerte sich die Bevölkerung, die neue Währung, den &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, zu benutzen: In dieser separaten Währungszone lauerte die Gefahr einer neuen Sezession.32 In Katanga war die ethnisch motivierte Gewalt zwischen den ursprünglichen Bewohnern und den Luba-Migranten aus Kasai wieder mit aller Heftigkeit aufgeflammt, angefacht durch den offenen Rassismus von Provinzgouverneur Kyungu wa Kumwanza, der von einem unabhängigen Katanga träumte und einstweilen schon Zehntausende Migranten vertrieb. Doch die schlimmsten Gewaltausbrüche ereigneten sich in Nord-Kivu. Dort wurden Ruandischsprachige, die sogenannten Banyarwanda, zunehmend als unerwünschte Migranten angesehen, die den Reichtum, den Grund und Boden und die Macht an sich rissen. Die meisten von ihnen hatten sich zwischen 1959 und 1962 im Kongo angesiedelt, nach Unruhen in ihrem eigenen Land. Solange Bisengimana, der Vater des jungen Mannes, mit dem ich über den Kivusee gefahren bin, Mobutus Kabinettschef war, wurden die Ruandischsprachigen (hauptsächlich Tutsi) als vollwertige Zairer angesehen und erhielten relativ leicht die zairische Staatsbürgerschaft. Aber ein neues Gesetz von 1981 verschärfte gezielt die Kriterien für die Staatsbürgerschaft Zaires, und ab 1990 wollte man sich der eingewanderten Tutsi entledigen. Die Banyarwanda waren für den Kivu das, was die Baluba für Katanga waren: unerwünschte Elemente, Eindringlinge, Außenseiter, Profiteure, Ausländer, Menschen, die nicht dazugehörten. &#039;&#039;Rwandais&#039;&#039; wurde ein Schimpfwort. Kinder sangen: »Alle Ruander ab nach Haus, wir wollen sie hier nicht mehr.«33 Die Ressentiments zwischen Zairern und »Ruandern« nahmen so stark zu, dass sich nationalistische Volksmilizen bildeten, die Mai-Mai. Diese spontan entstandenen paramilitärischen Gruppen wollten den Kampf gegen alle fremden Einflüsse aufnehmen. Bei ihren bizarren Ritualen orientierten sie sich an den Simbas von 1964, aber diesmal waren die Feinde nicht Mobutu und seine westlichen Verbündeten, sondern die »Migranten« aus dem Osten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»&#039;&#039;J&#039;&#039;e suis zaïrois!«,&#039;&#039; sagte einer ihrer Veteranen im Dezember 2008 voller Stolz zu mir, elf Jahre, nachdem sein Land wieder den Namen Kongo angenommen hatte. »Am Anfang verstanden wir uns gut mit den Banyarwanda, aber dann wollten sie die Tembo, die Bahunde und die Nyanga beseitigen. Ich bin Bahunde. Die Banyarwanda schlossen die Bahunde in ihren Häusern ein und steckten sie in Brand.« Bei dem Konflikt ging es im Wesentlichen um Boden. Ruanda und der Kivu sind die am dichtesten bevölkerten agrarischen Gebiete Afrikas. »1993 fing es an. Wir wurden Mai-Mai. Man musste dafür zur Bantu-Rasse gehören, ein leidenschaftlicher Patriot sein und mit unserem Spezialwasser getauft werden. Man bekam eine rituelle Narbe, traditionelle Getränke und heilkräftige Pflanzen. Stehlen und Vergewaltigen war verboten. Damals gab es noch keine Vergewaltigungen. Wir bastelten an den Gewehren herum, mit denen wir sonst auf die Vogeljagd gingen. Wir hatten keine andere Wahl. Die Banyarwanda waren Ausländer und wollten Nord-Kivu an Ruanda angliedern.« Überbevölkerung, Armut und die Abwesenheit des Staates ergaben eine tödliche Mixtur. 1993 führten die Spannungen in Nord-Kivu zu ethnischen Säuberungen, bei denen mindestens viertausend, möglicherweise sogar zwanzigtausend Menschen umkamen.34 »O, ich habe mindestens vierzig Kämpfe miterlebt.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Goma unterhielt ich mich darüber mit Pierrot Bushala, einem Mann, dem es noch immer ein Rätsel war, wie das damals geschehen konnte: »In den achtziger Jahren kannte keiner den ethnischen Hintergrund seiner Klassenkameraden; das fing erst in den neunziger Jahren an. Meine Klasse in der Oberschule war &#039;&#039;un mélange total&#039;&#039;. Ich hatte damals eine Tutsi-Freundin und wusste das nicht mal. Aber als wir in den neunziger Jahren heiraten wollten, waren ihre Eltern dagegen. Ich bin mir sicher, dass sie mich zehn Jahre vorher akzeptiert hätten.« Seinen Liebeskummer konnte er mir mit historischen Fakten erklären: »Schauen Sie, als Belgien 1918 die Mandatsgebiete dazubekam, wurde die Grenze zwischen Kongo und Ruanda osmotisch. Die Belgier haben Tausende von ruandischen Hutu zu den Minen exportiert, und die Tutsi haben sich spontan über die Grenze ausgebreitet. Unter Mobutu hatten diese Tutsi zairische Pässe, aber in den neunziger Jahren nahm der Tribalismus zu. Plötzlich waren sie angeblich keine loyalen Landsleute mehr, denn sie würden ja den Kampf ihrer Brüder in Ruanda unterstützen. ›Wenn du ein Tutsi bist, dann bist du ein Ruander‹, sagten die Zairer. Da ist es schiefgelaufen. Ich habe dann schließlich eine Lega-Frau geheiratet, sie kam aus einem einheimischen Stamm in Süd-Kivu.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Süd-Kivu wurden die zairischen Tutsi zunehmend als »Banyamulenge« bezeichnet, Leute von Mulenge, eine ethnische Zuschreibung von außen, die es früher nicht gegeben hatte. Immerhin lebten sie schon seit dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren Herden auf den kalten, nebligen Hochebenen westlich des Tanganjikasees, unter anderem in der Umgebung des Ortes Mulenge. Mit ihrer hochgewachsenen Gestalt, den fein geschnittenen Gesichtszügen und den Filzhüten bestätigten sie die Klischees vom Tutsi-Hirten, der mit dem Stab auf den Schultern hinter seinen Rindern her schlendert. Auch sie wurden zunehmend beschimpft und gehasst. Sie seien wie Fledermäuse, sagte mir einmal eine Kongolesin, weder Vogel noch Maus, Ruander oder Zairer, unheimlich und ungreifbar. Und noch dazu ein bisschen schmutzig! Ja, bestätigte jemand anders, sie verdienten viel Geld mit ihren Rindern, aber sie hätten keine Kultur, die Banyamulenge. Sie kauften die teuersten Kleider, doch ohne jeden Geschmack. Ihre Männer trügen Frauenkleider. Und ihre Frauen benutzten ein Klosettbecken als Maniokmörser. Haha! Und dann dieses ständige Grinsen! Kam das durch ihre vorstehenden Zähne? Oder einfach von der Kälte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte versucht, tribale Reflexe zurückzudrängen und das Nationalbewusstsein zu stärken, doch in Zeiten des Mangels keimten feindselige Gefühle auf. Die Tutsi im Kivu (sowohl die Banyarwanda in Nord-Kivu wie die Banyamulenge in Süd-Kivu) bekamen das am stärksten zu spüren. Erst aufgrund der rassistischen Anfeindungen verhielten sie sich immer mehr wie eine Gruppe. Beschimpft als »Banyamulenge«, begannen sie sich tatsächlich als Banyamulenge zu fühlen. Sie sahen ihre Geschichte, erinnerten sich daran, dass sie tatsächlich anders als andere waren, dass ihre Wurzeln in Ruanda lagen und dass sie eigentlich, tja, wenn das Thema nun schon angesprochen wird, nie willkommen waren in Zaire. Gruppen schließen sich zusammen, sobald sie bedroht werden. Ethnische Identifikation wurde wichtiger als nationale Identifikation.37 Sogar der Vater der Nation hatte sich in seine Heimatgegend zurückgezogen und ließ sich von Männern seines Volkes beschützen. Mobutu, der Unitarist, wurde selber ein Tribalist. Zaire wurde wieder zu einem Flickenteppich von Stämmen. Armut führte zu Aggression, Hunger zu Gräueln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Geld, keine ausländische Hilfe, keine funktionierende Armee: Zaire war durch und durch morsch, und so hätte es 1994 nicht viel bedurft, um die Diktatur in die Knie zu zwingen. Aber dann vollzog sich in Zaires kleinstem Nachbarland eine humanitäre Katastrophe, welche die gesamte Region so sehr destabilisierte, dass Mobutu von der internationalen Gemeinschaft plötzlich wieder als ein Garant der Stabilität, als alter, zuverlässiger Vertrauter, als Fels in der Brandung des turbulenten Zentralafrika anerkannt wurde. Diese Katastrophe war der Völkermord in Ruanda, ein Ereignis außerhalb der Landesgrenzen, das wie kein anderes die Geschichte Zaires beeinflussen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie das Schwesterland Burundi war Ruanda 1962 von Belgien unabhängig geworden. Bei den ersten demokratischen Wahlen verloren die Tutsi, eine Minderheit von Viehzüchtern, die über Jahrhunderte die Macht innegehabt hatten, ihre herrschende Position an die viel zahlreicheren Hutu, die seit jeher Bauern waren. Zwischen den beiden Gruppen hatte es zwar ganz reale soziale und wirtschaftliche Unterschiede gegeben, doch erst die belgische Kolonialregierung hatte diese Unterschiede verschärft und verabsolutiert. Man war entweder Hutu oder Tutsi. Nach der Unabhängigkeit zeigte sich die neue Hutu-Regierung gegenüber ihren früheren Herren als äußerst unversöhnlich. Viele Tutsi flohen mit ihren Rindern nach Burundi, in den Kongo oder nach Uganda. Dort, jenseits der Grenze des Heimatlandes, blickten sie auf ihre Hügel in der Ferne, fest entschlossen, früher oder später zurückzukehren und die Macht wiederzugewinnen. Im Süden Ugandas organisierten sie sich militärisch in der RPF, der Ruandischen Patriotischen Front, und kämpften an der Seite des Rebellenführers Yoweri Museveni, um Milton Obote zu vertreiben. Museveni wurde Präsident von Uganda, und die RPF lernte, wie man ein Land eroberte; diese militärische Erfahrung sollte noch sehr nützlich sein. Sein militärischer Anführer wurde Paul Kagame, der heutige Präsident Ruandas. Ab 1990 überschritt die RPF die Grenze zu Ruanda und begann einen Bürgerkrieg mit der Hutu-Regierung. Zwischen 1990 und 1994 forderte dieser Krieg Schätzungen zufolge zwanzigtausend Tote, und eineinhalb Millionen Bürger begaben sich auf die Flucht. Diese Invasionen schufen so viel böses Blut bei der Hutu-Bevölkerung, dass der Hass gegen &#039;&#039;anything&#039;&#039; Tutsi noch zunahm, sogar gegen die Tutsi, die als brave Bürger weiterhin in Ruanda lebten. »Kakerlaken« nannte man sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als am 6. April 1994 das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Habyarimana abgeschossen wurde, brach die Hölle los. Die Hutu behaupteten, dass Kagames RPF dahintersteckte, und begannen Tutsi-Bürger in großem Maßstab zu ermorden. Es war kein Kampf von Soldaten mit Feuerwaffen, sondern von Zivilisten mit Macheten. Die Hutu-Regierung hatte in der Zeit davor bereits Bürgermilizen trainiert und Buschmesser verteilt. Diese Milizen bestanden oft aus Jungs im Teenageralter, die zum Rassenhass aufgestachelt worden waren: die berüchtigten &#039;&#039;Interahamwe&#039;&#039;. Als der Genozid losbrach, begannen sie zu morden und wurden dabei ermutigt durch den Hass-Sender Radio Mille Collines, der ständig wiederholte, dass die Gräber noch nicht voll seien und dass noch immer Kakerlaken herumliefen. Innerhalb von drei Monaten wurden achthunderttausend bis eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu abgeschlachtet. Unterdessen setzte Kagames RPF vom Norden aus den Vormarsch auf Kigali fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft sah weg. Zu Beginn des Völkermords hatte die ruandische Regierungsarmee zehn belgische Blauhelme ermordet, um die Soldaten der UNO zu vertreiben, sodass die ethnische Säuberung ungehindert vor sich gehen konnte. Reporter und Journalisten ausländischer Medien flohen vor der Gewalt und verließen das Land. Die Augen der Welt waren in diesen Wochen eher auf Südafrika gerichtet, wo Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Nur wenige wussten, was genau ablief, und Frankreichs Präsident Mitterrand war keine Ausnahme. Er betrachtete die Hutu als Opfer der Tutsi-Invasion und entsandte zu ihrem Beistand französische Truppen nach Ruanda. Dass die Regierung in Kigali französischsprachig war und dass die vorrückenden Tutsi-Rebellen in Uganda nun englisch sprachen, spielte auf der Ebene des Unbewussten auch eine Rolle für die französische Unterstützung der Hutu. Was Mitterrand nicht wusste, war, dass er damit die Akteure des Völkermordes beschützte. Die französischen Truppen intervenierten mit der Opération Turquoise: Im Südwesten des Landes richteten sie eine sichere Zone ein; dorthin konnten die Hutu vor dem vorrückenden RPF Kagames und vor den Repressalien, die sicherlich folgen würden, fliehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Völkermord hatte Ruanda »tutsifrei« werden sollen, nun aber eroberten die Tutsi von den Nachbarstaaten aus das Land. Die militärische Stärke des RPF war gewaltig unterschätzt worden. Die französischen Soldaten fingen Hunderttausende Hutu-Flüchtlinge auf und schafften sie über die Grenze. Hier ergriff nicht nur ein Volk die Flucht, sondern auch eine Regierung: Die Regierungsarmee, das Waffenarsenal, die Verwaltung und sogar die Staatskasse verließen das Land. Schätzungsweise 270.000 Menschen gingen nach Burundi und 570.000 nach Tansania, die meisten Flüchtlinge landeten jedoch in Ost-Zaire: etwa eineinhalb Millionen.38 Mobutu hatte seine Flugplätze für die französische Offensive zur Verfügung gestellt und sich damit einverstanden erklärt, die Flüchtlinge in seinem Land unterzubringen. Sie strandeten vor allem in Nord-Kivu, in der Stadt Goma und deren Umgebung (850.000 Menschen) und in geringerer Zahl in Süd-Kivu bei Bukavu (650.000 Menschen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Pierrot Bushala, dem Mann, der seine Tutsi-Freundin hatte aufgeben müssen, fuhr ich im Dezember 2008 nach Mugunga westlich von Goma, in das größte der ehemaligen Flüchtlingslager. Es wurde noch immer als Anlaufstelle benutzt, denn seit 1994 ist nie mehr Ruhe in den Kivu eingekehrt. Pierrot war mitverantwortlich für die hygienische Sanierung der Lager im Auftrag der UNHCR, des Flüchtlingskommissariats der UNO. »Können Sie sich das vorstellen? Das ganze Gebiet hier war voller Flüchtlinge, und es gab überhaupt nichts«, sagte er, während wir mit seinem Jeep durch eine schaurige Mondlandschaft fuhren, überwuchert mit grellgrüner Vegetation. Der Boden bestand aus schwarzer Lava, die von dem imposanten Vulkan Nyiragongo in der Nähe stammte. Hier lebten plötzlich 850.000 Menschen. Pierrot trug die Verantwortung für die sanitären Anlagen in einem der Lager. »Am Anfang erleichterten sich die Menschen eigentlich überall. Aber die UNHCR und das Rote Kreuz haben dann Zelte geliefert, und Kalk zum Ausstreuen. Erst später gab es Toiletten mit einem Loch in der Erde.« Als wir in Mugunga selbst waren, wurde mir klar, wie mühsam es gewesen sein musste, in diesem vulkanischen Felsgestein Toilettengruben auszuheben. Pierrot blickte auf die trostlose Landschaft aus erkalteter Lava mit den vielen Hütten und Zelten. »Wir kämpften gegen Fliegen, gegen Mücken, wir liefen mit Zerstäubern herum, wir hatten Teams, um die Toiletten zu leeren, wir haben den Müll abgeholt.« Aber es nützte nichts. In den Lagern brachen Cholera und Dysenterie aus. Mindestens vierzigtausend Menschen starben. Am Straßenrand stapelten sich Leichen. Der Gestank war nicht auszuhalten. Autofahrer konnten durch die Frontscheibe fast nichts sehen wegen der Fliegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Elend, das auf den Genozid folgte, machte Mobutu wieder international akzeptabel. Die Franzosen waren ihm dankbar für seine Kooperation und luden ihn kurz danach zu einem internationalen Gipfel in Biarritz ein. Die UNO erkannte seine Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen an. Als Epidemien die Lager heimsuchten, durften sich Dutzende NGO und internationale Hilfsorganisationen auf das Land stürzen. Der Ausbruch des äußerst ansteckenden Ebola-Fiebers in Kikwit ein Jahr später verlieh Mobutu eher die Aura eines Opfers als die eines Schurken. Da die Welt ihn nun wieder mit milderem Blick sah, durfte Premierminister Kengo wa Dondo die Wahlen getrost etwas verzögern und sabotieren. Es herrschte überhaupt keine Eile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eineinhalb Millionen Flüchtlinge auf dem eigenen Territorium aufzunehmen, das war natürlich ein gepfefferter Preis für eine Rehabilitation, noch dazu in einer ohnehin überbevölkerten Region, wo der Hass gegen Ruanda schon seit Jahren zunahm. So wie die Bevölkerung sich mit riskanten Glücksspielen aus der Misere zu retten versuchte, setzte Mobutu mit den Flüchtlingslagern alles auf eine Karte. Anfangs konnte er tatsächlich davon profitieren, letztlich aber führten sie zu seinem Untergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch an jenem Samstag im Jahr 1996 spielte Ruffin Luliba mit den &#039;&#039;locals&#039;&#039; Fußball. Es war ein sonniger Tag. Kinderstimmen, die um den Ball baten, das dumpfe Geräusch von Sportlatschen, die gegen den Ball traten, ein paar rufende Zuschauer, die Pfiffe des Schiedsrichters. Ruffin war inzwischen dreizehn. Nach der Grundschule in Bukavu war er ins Internat der Maristenpatres in Mugeri gegangen, um dort das Gymnasium zu besuchen und später Priester zu werden. Es war der Tag des Halbfinales, und unter den Zuschauern war Déogratias Bugera, ein Architekt aus Goma, der die Wochenenden gern in seiner Heimatgegend verbrachte. »Nach dem Spiel sagte Bugera, er wolle unser Team sponsern. Er schenkte uns Rohrzucker, Bonbons und Kekse. Wenn wir in der Woche darauf das Finale gewinnen würden, wollte er alles für uns bezahlen: die ganze Sportausrüstung, Trikots, sogar neue Fußballschuhe.« Ruffin traute seinen Ohren nicht: neue Fußballschuhe! »Eine Woche später kam er tatsächlich wieder. Wir wollten unbedingt gewinnen, und wir schlugen die gegnerische Mannschaft mit 2:0. Wir durften alle in seinem Daihatsu mitfahren, um unsere Fußballsachen abzuholen. So ein Pick-up mit Netzen. Wir waren dreizehn Jungs. Der älteste war 16, die anderen 14 oder 15. Auch mein Zimmernachbar Rodrick kam mit.« Aber aus dem Freudentaumel wurde schon bald Verwirrung. »Wir fuhren in Richtung Bukavu, aber dort hielten wir nicht an. Wir fuhren bis an die Grenze zu Ruanda. Bei der Brücke über den Ruzizi überquerten wir die Grenze. Es gab nicht mal Grenzformalitäten, keinen Zoll, keine Einreisekontrolle, nichts. Wir fuhren weiter bis zu einem kleinen Flugplatz. Wartet hier, sagte Déogratias und verschwand. Wir wussten nicht genau, wo wir waren, wir waren ja einfach nur Schüler. Es war halb sechs Uhr abends, und es wurde schon dunkel. Wir hatten Angst, dass der Rektor des Internats uns bestrafen würde, und wir fingen an zu weinen. Um sieben Uhr kam ein großer Lastwagen, und wir mussten einsteigen. Fünf Stunden dauerte die Fahrt. ›Was wird der Rektor sagen?‹, fragten wir uns. Das war unsere größte Sorge. Schließlich kamen wir im militärischen Ausbildungslager Gabiro an. Wir bekamen keine Fußballschuhe, sondern Gummistiefel, keine Lederstiefel wie bei uns. In dem Lager waren sehr viele Kinder, alle aus Goma und Uvira entführt. Auch Banyamulenge waren unter ihnen, aber die waren freiwillig da. Uns wurden sofort die Haare abgeschoren. Es war ein Uhr morgens, und wir mussten als eine Art Aufnahmeritual durch den Schlamm robben. Ihr müsst euch von Mobutu lossagen, schrien sie, ihr seid die zukünftigen Befreier eures Landes.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Bericht des jungen Ruffin ist von großer Bedeutung; er schildert nicht nur das Schicksal eines unfreiwilligen Kindersoldaten, damals ein relativ neues Phänomen, sondern er zeigt auch, wie Ruanda eine Invasion in Zaire vorbereitete. Die Tutsi-Regierung, die nach dem Völkermord in Kigali an die Macht kam, hatte große Angst vor den eineinhalb Millionen nach Zaire geflohenen Hutu. Entgegen den internationalen Vorschriften befanden sich diese nicht einige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt, sondern mehr oder weniger direkt daran. In diesen Lagern organisierte sich die vertriebene Hutu-Regierung neu. Sie hatten Geld und Waffen und waren fest entschlossen, Ruanda wieder zu beherrschen. So wie die Tutsi im Exil in Süd-Uganda von 1962 bis 1994 auf eine günstige Gelegenheit gewartet hatten, so würden die Hutu in Ost-Zaire nun auf ihre Chance warten. Die meisten Flüchtlinge, etwa 85 bis 90 Prozent, gehörten jedoch nicht zu der geflohenen Regierungsarmee, sie hatten am Völkermord nicht teilgenommen und waren auch kein Mitglied der Interahamwe gewesen.40 Es waren unschuldige Zivilisten, die einfach nur in ihr Land zurückwollten, aber Angst vor einem Vergeltungs-Genozid hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Flüchtlingslagern wurde eine Invasion vorbereitet. Die internationale Gemeinschaft erkannte das Problem, schien jedoch nicht besonders geneigt zu handeln. Die USA wollten nach dem Debakel von Somalia nicht schon wieder sehen, wie Leichen von GIs durch den Staub gezerrt wurden. Belgien war nicht gewillt, noch einmal zehn Fallschirmjäger zu verlieren. Und UN-Sekretär Boutros-Ghali gelang es nicht, eine internationale Streitmacht aufzustellen. Jedes internationale Vorgehen in Zaire würde unweigerlich als Unterstützung Mobutus gedeutet werden, und so weit wollte man nicht gehen. Paul Kagame entschloss sich daraufhin, selbst das Heft in die Hand zu nehmen: Seine Ruandische Patriotische Front, inzwischen umbenannt in Ruandische Patriotische Armee, die neue Regierungsarmee, sollte die Gefahr der Lager selbst neutralisieren. Er erhielt dabei Unterstützung von seinem alten Freund Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ein Einfall in die Lager bedeutete eine Invasion in ein souveränes Land, und das lief de facto auf einen Akt der Aggression gegen eine fremde Macht hinaus. Kagame suchte deshalb einen zairischen Deckmantel für seine ruandische Initiative und fand den bei den verbitterten zairischen Tutsi. Sie wurden schon seit Jahren von selbst ernannten »echten« Zairern gedemütigt und waren nun auch noch von eineinhalb Millionen ruandischen Hutu überrannt worden. Déogratias Bugera, der Fußballfan, der Ruffin und seine Mannschaftskameraden in seinem Daihatsu entführt hatte, war ein Tutsi aus Nord-Kivu und stand an der Spitze der ADP (&#039;&#039;Alliance Démocratique des Peuples&#039;&#039;). Dann war da noch Anselme Masasu Nindaga, ein Tutsi aus Süd-Kivu, der politischer Aktivist in Bukavu war und den MRLZ (&#039;&#039;Mouvement Révolutionnaire pour la Libération du Zaire&#039;&#039;) leitete. Aber es gab auch ältere Nationalisten wie André Kisase Ngandu, einen Tetela, die auf die lumumbistische Tradition zurückgriffen. Und es gab Laurent-Désiré Kabila, ebenfalls kein Tutsi, sondern ein Luba aus Katanga, den Mann, der schon seit 1964 das Gebiet zwischen Fizi und Baraka vor dem Zugriff Mobutus bewahrte. Er war der Rebellenführer, der seinerzeit auf Che Guevara einen solch miserablen Eindruck gemacht hatte. War die »Rebellion« von 1964 schon ein planloses Unterfangen gewesen, so war es im Jahr 1996 nicht viel anders. Kabila lebte so gut wie ständig in Tansania und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit Goldschmuggel, ein bisschen Waffenhandel und hin und wieder einer Entführung: kurzum mit dem diversifizierten Geschäft des afrikanischen Verbrechens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese vier Herren gründeten im Oktober 1996, auf Betreiben von Kagame, die AFDL, &#039;&#039;Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération&#039;&#039;. Kabila wurde ihr Wortführer, und als Ältestem der vier gestand man ihm als Anrede das ehrwürdige &#039;&#039;Mzee&#039;&#039; zu, Swahili für »alter weiser Mann«. Bugera war die Nummer zwei, Kisase der militärische Befehlshaber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin Luliba erlebte es live mit: »Während unserer Ausbildung wurden uns schon die späteren Gründer der AFDL vorgestellt. Bugera kannten wir bereits. Aber auch Kisase Ngandu, Masasu und Mzee kamen vorbei. Mzee schenkte uns sogar zwei Kühe, und wir konnten zum ersten Mal seit langer Zeit gut essen! Normalerweise aßen wir nur Bohnen mit Mais aus dem Henkelmann. Im Lager waren zwei Bataillone. Sechs Monate dauerte unsere Ausbildung. Drei Monate körperliches Training für das Schlachtfeld und für die Spionage. Zwei Monate ideologisches Training, das uns das Ziel des Krieges nahebringen sollte. Einen Monat konkrete Vorbereitung. Vor allem der erste Teil war schwer. Einige haben es nicht überlebt. Rodrick, mein Zimmernachbar aus dem Internat, starb an Diarrhö. Wir haben ihn in einer Decke begraben, Särge gab es nicht. Am Ende der Ausbildung bekamen wir unsere richtige Uniform, und wir wurden noch einmal zu den ›zukünftigen Befreiern‹ unseres Landes erklärt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war von Anfang an offenkundig, dass Ruanda nicht nur die Lager neutralisieren, sondern auch bis zur zweitausend Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt vorstoßen wollte. Kagame wollte Mobutu stürzen, weil der die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039; beherbergte und beschützte. Das winzige Ruanda würde Zaire, den Riesen von Zentralafrika, in die Knie zwingen, und die AFDL sollte die Sache als Aufstand von innen heraus erscheinen lassen. Für Kagame ging es um den dritten Regimewechsel in einem zentralafrikanischen Land: Nach Uganda und Ruanda war nun Zaire an der Reihe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befehligt wurde die Invasionstruppe von dem blutjungen, aber zielstrebigen ruandischen Offizier James Kabarebe, einem Vertrauten von Kagame. Er war erst siebenundzwanzig: ein junger Mann mit Babyface, doch mit großem Charisma und einem flexiblen Gewissen. Die Invasionsarmee war ohnehin schon bekannt für ihr niedriges Durchschnittsalter, da zum ersten Mal in großem Maßstab Kindersoldaten aus Zaire eingesetzt wurden, die sogenannten &#039;&#039;kadogo&#039;&#039;. Man erkannte sie an ihren viel zu weiten Uniformen und vor allem an den schwarzen Gummistiefeln, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Markenzeichen der ruandischen Truppen. Die Kalaschnikows schienen zu groß in ihren Händen, aber sie umklammerten das charakteristische gebogene Magazin mit einem Blick, der mehr Gewaltbereitschaft als Widerwille verriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin erinnerte sich an die erste Phase: »James Kabarebe sagte: Ich brauche zehn Kadogo aus Bukavu, zehn aus Uvira und zehn aus Goma. Ich meldete mich, und wir mussten uns als Straßenkinder tarnen und sollten spionieren. James sagte zu mir: ›Ich vertraue dir diese Mission an. Geh und sieh dir die FAZ [&#039;&#039;Forces Armées Zaïroises&#039;&#039;, Mobutus Regierungsarmee] an. Schau, was für Waffen sie haben. Finde raus, ob sie Verstärkung bekommen.‹ Er gab mir ein Motorola, damit ich mit ihm in Kontakt bleiben konnte. Ich ging in meinen Lumpen über die Grenze und zu ihrem Camp in Bukavu. Als ich dort ankam, hatten die Soldaten angefangen zu plündern. Einer von ihnen rief, ich solle ihm helfen, seine Beute zu tragen! Ich versteckte das Motorola. Es herrschte Chaos. Schüsse fielen. Dann ging ich zurück nach Ruanda und erzählte James, was ich gesehen hatte. Meine Familie in Bukavu habe ich damals nicht besucht. Wenn man in der Armee ist, vergisst man seine Familie. Die Armee war meine Familie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FAZ plünderten? Das hörte Kabarebe gern. Zaire war bis ins Innerste verfault, folgerte er. Und tatsächlich, als der Vizegouverneur von Süd-Kivu Anfang Oktober verlauten ließ, dass er demnächst zur ethnischen Säuberung der Banyamulenge schreiten würde, kam es zu einem Aufstand der Banyamulenge. Das war das Startsignal für die Feindseligkeiten. Ruanda griff an. Einige Tage später trat die AFDL als Rebellenbewegung in Aktion. Am 28. Oktober 1996 wurde Uvira eingenommen, zwei Tage später war Bukavu dran. Eines der ersten Opfer war Christophe Munzihirwa, der Erzbischof, der die ruandischen Manöver scharf kritisiert hatte. Ruffin und seine Kameraden kämpften in der vordersten Linie. »Bei uns waren Ruander, Ugander und sogar Eritreer. Wir rauchten Joints, die gut zwanzig Zentimeter groß waren, das gab uns den Mut, Patrioten zu sein.« Mobutus Soldaten ergriffen sofort die Flucht, aber der erbittertste Widerstand kam von den Mai-Mai, den Volksmilizen, die alles hassten, was aus Ruanda kam. »Mein erster Kampf war der gegen die Mai-Mai, die das Haus des RTNC verteidigten, des staatlichen Rundfunks. Ich hatte eine kurze Kalaschnikow. Daran musste ich mich gewöhnen. Weil ich Linkshänder bin, verbrannte ich mir immer die Haut, denn die Hülsen springen rechts raus, gegen den Bauch. Ein Mai-Mai rannte auf mich zu mit seinem roten Stirnband und seinem &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Er hatte keine Munition. Ich hab ihm eine Kugel in den Kopf geschossen. Ich war ganz verstört. Zum ersten Mal hatte ich jemand getötet, und ich fühlte mich schrecklich. Lasst mich zurückkehren in die dritte Abteilung, habe ich die Armeeführung angefleht, ich wollte nicht mehr in der ersten Abteilung kämpfen. Du musst, haben sie zu mir gesagt, und sie haben mir hundert Peitschenhiebe verpasst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Uvira und Bukavu fiel am 31. Oktober 1996 Goma. Innerhalb weniger Tage hatte die AFDL die drei wichtigsten Städte Ost-Zaires erobert, nicht zufällig die drei Städte, in denen sich die größten Flüchtlingslager befanden. Die AFDL wollte so schnell wie möglich nach Kinshasa, aber für die Ruander war es entscheidend, die Lager zu »neutralisieren«. Ruffin empfand diese Spannung sehr deutlich in der gemischten Invasionsarmee: »Wenn wir zu einem Flüchtlingslager kamen, machten die ruandischen Tutsi die Arbeit. Hundert, tausend Tote . . . Väter, Mütter, Frauen . . . Die Hutu sind Schlangen, sagten sie. Im Lager Kashusha bei Bukavu kam ich in ein Zelt, in dem sie gerade eine Großmutter und eine schwangere Frau umgebracht hatten. Nur das Kind lebte noch. Ein Knirps. Ich sollte ihn ermorden, aber das konnte ich nicht. Er streichelte mein Gewehr. Ich habe ihn freigelassen und mit ein paar flüchtenden Hutu weggeschickt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in Goma, wo sich die fünf größten Flüchtlingslager befanden, ging es erbarmungslos zu. Ruanda beschoss die erbärmlichen Lager mit Mörsergeschützen und Maschinengewehren, sodass sehr viele der dort untergebrachten Hutu in Panik zurück in ihr Heimatland flohen. Das führte zu unübersehbaren Menschenströmen. Innerhalb weniger Tage zogen fast vierhunderttausend Flüchtlinge ostwärts über die Grenze.41 In Ruanda wurde ein neues Verkehrsschild eingeführt: »&#039;&#039;Ralentir: refugiés«&#039;&#039; (»Langsam fahren: Flüchtlinge«).42 Aber sehr viele Hutu, und vor allem die am meisten militarisierten, zogen westwärts in den Wald. Als die UNO eine Interventionstruppe einsatzbereit hatte, um die Flüchtlinge zu beschützen, waren die Lager leer. Der Kampf zwischen ruandischen Hutu und Tutsi, die Fortsetzung des Völkermords, spielte sich von da an auf zairischem Boden ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin, mittlerweile vierzehn Jahre alt, lernte die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe kennen. Sein Bataillon zog südwärts, über Uvira am Tanganjikasee entlang nach Katanga. Bei Bendera, einem kleinen Ort in Nord-Katanga, erlebte er seine heftigsten Kämpfe. Die Einheit stand unter anhaltendem Geschützfeuer. »Ein Feuergefecht ist wie ein Schlagzeug. Granaten und Bazookas hören sich an wie das Geräusch der &#039;&#039;toms&#039;&#039; und des &#039;&#039;floor tom&#039;&#039;. Die Salven aus unseren Kalaschnikows sind wie Trommelwirbel auf der &#039;&#039;snare drum&#039;&#039;. Die Bassdrum entspricht einem 80-mm-Mörser. Und die Becken, das ist unser Kreischen, denn wir haben immer geschrien. Wir haben Geistergeräusche gemacht, um den Feind in den Wahnsinn zu treiben, manche mit tiefer und manche mit gellender Stimme. Wir haben ihre Namen gerufen und gesagt, dass wir sie finden würden.« Krieg, Wahnsinn, Hysterie. Fußball, aber ohne Ball. Nur das Kreischen. Und die Waffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nützte ihnen nichts. Ruffin und drei andere Soldaten wurden von ruandischen Hutu gefangen genommen. Er hatte Todesangst. »Die Hutu waren dafür bekannt, mit der Machete zu töten, wie beim Völkermord. Sie hackten einem die Arme ab oder schlugen einem den Schädel ein, sodass man das Gehirn sehen konnte. Das war typisch für sie.« Er war der jüngste der vier Gefangenen, und das war seine Rettung. Die anderen mussten nacheinander ihren Arm auf einen Holzklotz legen. »Die Hutu hatten neue Macheten, die glänzten wie Spiegel. Mein Freund sah weg, als sie die Machete erhoben. Er schrie laut auf. Ich sah seine Hand, seine Hand, die sich noch immer bewegte, die sich weiter bewegte, auch als sie auf dem Boden lag. Lose. Sie haben ihm schreckliche Schmerzen zugefügt. Sie hackten weiter auf ihn ein, sie durchbohrten seinen Körper, bis er tot war. Und dann war der Zweite an der Reihe und dann der Dritte. Meine Kameraden wurden nacheinander abgeschlachtet, und ich sah zu. Als ich an der Reihe war, sagte ihr Kommandant zu mir, dass er Mungura heiße und früher ein Leibwächter von Präsident Habyarimana gewesen sei, bevor der ermordet wurde. Er würde mich verschonen, und er schrieb einen Brief auf Kinyarwanda. ›Hier, bring das Kabarebe.‹ Sie zogen mir die Kleider aus und schickten mich in Unterwäsche weg. Ich stieg die Hügel hinab und kehrte allein zu unserer Stellung zurück. Das war der schwerste Moment in meinem Leben, ich kann es einfach nicht vergessen. Als ich endlich ankam, übergab ich James Kabarebe den Brief. Er las ihn und sagte: ›&#039;&#039;Dieu le veut.&#039;&#039; Mungura hat die ganze Familie niedergemetzelt, aber in Zukunft behalte ich dich als meinen Leibwächter.‹ Ruffin, ein Junge aus Zaire, der bis vor kurzem nichts von Politik wusste und die Abseitsregeln beim Fußball schon schwierig genug fand, war in einem Konflikt zwischen ruandischen Hutu und Tutsi fast getötet worden. »Ich brauchte nicht mehr aufs Schlachtfeld. James mochte mich, ich durfte seine Tasche tragen. Kadogo, bring mir die Tasche!, rief er in den Tagen danach. Ich sah, wie er die Karte des Kongo studierte. Auch er war zum ersten Mal hier. Kabarebe hatte keine Universität besucht, aber er war sehr logisch und ruhig, er konnte gut analysieren und zuhören. Er hatte seine Familie verloren und sagte zu mir: Du musst dein Land lieben, Kadogo.« Und so wurde Ruffin, der Junge, der eigentlich Priester werden wollte, Leibwächter des faktischen Befehlshabers der Invasionsarmee, die Mobutu entthronen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die AFDL eroberte Zaire mit einer Zangenbewegung. Ruffin befand sich im südlichen Arm, der sich auf Lubumbashi zu bewegte; der nördliche Arm rückte nach Kisangani vor, der Stadt am Fluss. Viele Zehntausende Bürger waren nach drei Jahrzehnten Diktatur nun auch noch einem Krieg ausgesetzt. Es kam zu einem wahren Exodus. Viele Menschen versuchten, den Kivu zu verlassen, aber die letzten Flugzeuge waren gedrängt voll, und wer einen Jeep besaß, musste ihn den plündernden Soldaten der FAZ überlassen. Tausende machten sich deshalb zu Fuß auf den Weg nach Kisangani, siebenhundert Kilometer durch den Urwald; die erste Wegstrecke führte durch den gebirgigen Nationalpark Kahuzi-Biéga, in dem in besseren Zeiten Touristen Gorillas beobachtet hatten. Doktor Soki, ein Arzt aus Bukavu, ging fort, nachdem sein Haus durch eine Granate zerstört worden war.43 Sekombi Katondolo, ein Künstler aus Goma, verließ mit ein paar Freunden die Stadt auf der Suche nach Orten, die mehr Sicherheit boten.44 Emilie Efinda, eine relativ wohlhabende Apothekerin aus Bukavu, trug Stöckelschuhe, als sie aufbrach.45 Für viele wurde es eine schreckliche Tour durch den Wald mitten in der Regenzeit. Die Menschen versteckten sich unter Blattwerk, schliefen auf dem Boden, kämpften gegen Ameisen und lebten von verfaulten Früchten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Als Monatsbinden mussten Strümpfe, Taschentücher, Stofffetzen dienen.46 Die Pfade im Landesinneren waren morastig, an vielen Stellen gab es gar keinen Weg mehr. Man durchwatete Flüsse, weil die Brücken weggeschwemmt worden waren. Nur hier und da kam man mit einem LKW weiter, aber die Fahrer verlangten horrende Summen, wenn sie kranke, erschöpfte und halb verhungerte Menschen ein Stückchen weiter transportierten. Die Kolonne der Fliehenden war riesengroß und heterogen: plündernde FAZ-Soldaten, verzweifelte Zivilisten, ruandische Hutu, die in Todesangst um ihr Leben rannten, unter Drogen stehende Kindersoldaten, gestählte Kämpfer aus Ruanda und Uganda. Die Einzigen, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten, waren die Mai-Mai; sie wollten es mit den ausländischen Elementen aufnehmen. In chaotischen Grüppchen zogen sie ostwärts, ohne jede zentrale Befehlsgewalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter im Landesinneren ging die Verfolgung der Hutu mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher. Sobald die AFDL erschien, erlebten die Bewohner der Dörfer, dass die Ruander nach den Flüchtlingen fragten und loszogen, um sie abzuschlachten.47 An verschiedenen Orten kam es zu großen Massakern. In Tingi-Tingi vor den Toren Kisanganis war es grauenhaft. In diesem sumpfigen Gebiet hatten sich etwa 135.000 Hutu-Flüchtlinge gesammelt, und viele von ihnen waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Cholera lichtete ihre Reihen, Kinder starben scharenweise. Als sich die AFDL Ende Februar 1997 von Osten her näherte, versteckten sich die Überlebenden in den Wäldern. Die ruandischen Tutsi missbrauchten daraufhin internationale Hilfsorganisationen, um die Flüchtlinge erneut in einigen improvisierten Lagern zu konzentrieren. Sobald es neue Ansammlungen von Flüchtlingen gab, durften Helfer und Journalisten das Gebiet »aus Sicherheitsgründen« nicht mehr betreten, und es begannen ungestraft die ethnischen Säuberungen. Nicht nur Hutu-Soldaten oder Interahamwe wurden ermordet, sondern auch unterernährte Kinder, Frauen, alte Menschen, Verwundete und Sterbende. Manchmal wurde mit Gewehrkugeln getötet, viel öfter jedoch mit der Machete und dem Hammer. Munition war teuer, und es war mühsam, sie durch den Wald zu schleppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft bekam keinen Zugang zu dem Gebiet, sodass die Gräuel in ihrem ganzen Ausmaß erst später ans Licht kamen. »Ja, ich war in Tingi-Tingi dabei«, sagte Leutnant Papy Bulaya, ein ehemaliger Soldat in der Armee der AFDL. Er konnte erst nach etlichen Flaschen Bier darüber reden. »Weißt du, unser Ziel war Kisangani, und Tingi-Tingi war ein Hindernis. Also mussten wir es beseitigen. Ich war fünfzehn, ein Kadogo, unser Kommandant war ein Ruander, General Ruvusha. Er ist heute Oberst in der ruandischen Armee, aber er war furchtbar. Laurent Nkunda war auch dabei. Den Feind vertreiben, so lautete der Befehl. Unsere Tutsi-Kommandanten sagten zu uns: Es sind Génocidaires, sie müssen getötet werden. Sie riefen: Kadogo, töte diese Person. Und wir mussten den Befehl ausführen, sonst wären wir auf der Stelle exekutiert worden. Wir mussten immer weiter. Dort wurden damals sehr viele Ruander ermordet. Ihre Leichen wurden hinterher mit Benzin übergossen und verbrannt oder begraben. Hinter uns kamen die LKW mit Nachschub: Essen für uns und Benzin fürs ›Saubermachen‹, um ›die Tafel zu wischen‹. Wenn ich daran denke, tut es mir so weh. Heute bereue ich es, aber wir waren der AFDL treu.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Notlager nahe Tingi-Tingi boten 85.000 Menschen eine Unterkunft, nach den Aktionen waren sie leer, verlassen, desolat. Zehntausende Hutu waren abgeschlachtet worden. 45.000 Menschen flohen noch weiter in westliche Richtung, in die Provinz Équateur, wo sie in Boende und Mbandaka abgefangen und in Massen ermordet wurden. Augenzeugen sahen, wie die Soldaten sogar Babys umbrachten, indem sie ihnen mit ihren Stiefeln den Schädel zermalmten oder sie mit dem Kopf gegen eine Mauer schlugen.49 Einige der Flüchtlinge konnten entkommen und schafften es nach Kongo-Brazzaville und sogar nach Gabun. Sie hatten einen Fußmarsch von mehr als zweitausend Kilometern hinter sich, quer durch Zaire, in erbärmlicheren Umständen, als Stanley hatte ertragen müssen. Es waren insgesamt nur ein paar tausend Überlebende, ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Zahl. Die Invasionsarmee hatte auf ihrem Vormarsch Schätzungen zufolge zwei- bis dreihunderttausend Hutu-Flüchtlinge ermordet.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Monate dauerte der Krieg, und er war im Wesentlichen ein unaufhaltsamer Eroberungsfeldzug vom Osten her nach Kinshasa. An manchen Orten, wie in Bunia und Watsa, kam es tatsächlich zu Kämpfen, aber fast überall sonst stieß die AFDL kaum auf nennenswerten Widerstand. Am 28. Februar 1997 fiel Kindu, am 15. März Kisangani, am 4. April Mbuji-Mayi. Vor allem die Eroberung von Kisangani, der drittgrößten Stadt des Landes, war von sehr großer strategischer und symbolischer Bedeutung, denn Kisangani lag am Fluss, der »Schnellstraße« Zentralafrikas, die nach Kinshasa führte. Premierminister Kengo wa Dondo hatte noch geschworen, dass die Stadt niemals fallen würde, aber die Rebellen nahmen sie mühelos ein. Das charakteristische Bild des Vormarsches der AFDL war das einer langen Doppelreihe von Kindersoldaten mit schwarzen Gummistiefeln, die sich zu beiden Seiten der roten, unbefestigten Straße im Stillen einem Dorf oder einer Stadt näherten. Sie waren Infanterie im buchstäblichen Sinne des Wortes: Kinder, die zu Fuß gingen. Wenn sie ankamen, hatte Mobutus Armee längst die Flucht ergriffen, oftmals nicht ohne vorher zu plündern. In Kikwit gaben die Bürger den abziehenden Soldaten Geld und baten sie, das Plündern zu unterlassen.51 Wenn sie fort waren, begrüßte die lokale Bevölkerung die Befreier aus dem Osten mit Transparenten und Gesang. Die demokratische Opposition war froh über die militärische Befreiung. »Die UDPS heißt die AFDL willkommen«, war auf manchen Transparenten zu lesen.52 Die blutjungen Soldaten, die von so weit her kamen und so ernst durch die Straßen marschierten, weckten mit ihrem Mut und ihrer Vaterlandsliebe Bewunderung.53 Wo sie vorbeizogen, meldeten sich sogleich neue Anwärter. Die »Katanga-Tiger«, deren Invasion in Shaba 1978 gescheitert war, schlossen sich an. Die AFDL erlebte einen wahren Triumphzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf politischen Großveranstaltungen hielt Kabila Ansprachen an das soeben befreite Volk. Zum ersten Mal bekamen die Massen den Mann zu sehen, über den sie schon so viel im Radio gehört hatten. Meist schwarz gekleidet, trug er einen Cowboyhut auf dem massiven Kahlkopf. Kabila war eine robuste Erscheinung; ein nicht gerade schlanker Mann, der herzlich lachen konnte und, die Hand in der Hosentasche, ein Air von Ungezwungenheit, ja sogar Lässigkeit verbreitete. Mit dröhnender Stimme erzählte er von den Heldentaten seiner Befreiungsarmee, sprach von der Notwendigkeit von Volksmilizen und bat Eltern, ein Kind für die gute Sache herzugeben. Sein Charisma war nicht zu leugnen. Im Vergleich zu dem &#039;&#039;grumpy old man&#039;&#039; in Gbadolite war er ein wahrer Lichtblick. Er strahlte Macht aus, aber auch Leutseligkeit. Nun würde alles anders werden. Obwohl Ruanda seine Beteiligung vehement bestritt, vermuteten viele im Land, dass Kabilas Siegeszug keine rein innere Angelegenheit war. Aber um vom &#039;&#039;vieux léopard&#039;&#039; erlöst zu werden, war alles recht. »Ein Ertrinkender klammert sich an jedes Stück Treibholz, zur Not auch an eine Schlange«, hieß es in Kikwit.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas AFDL wurde nicht nur vom Volk, das Mobutu satt hatte, und von Ruanda und Uganda, sondern auch von den USA unterstützt. Seit dem Ende des Völkermords hatte Kagames Tutsi-Regierung aufgrund ihrer sorgsam kultivierten Opferrolle großes Ansehen bei der amerikanischen Regierung erworben. Aus Scham, weil man den Völkermord nicht hatte verhindern können, gewährten neue Partnerländer wie die USA, Großbritannien und die Niederlande Kigali großzügige Hilfe. Mit Bill Clinton war zudem ein Präsident angetreten, der endgültig mit der alten, zynischen Zaire-Politik seiner Vorgänger brechen wollte.55 Er glaubte an &#039;&#039;new African leaders&#039;&#039;, Männer wie Mandela und Museveni – eine neue Generation von Staatsoberhäuptern, die keinerlei Gemeinsamkeiten hatten mit Leuten wie Mobutu, Bokassa und Idi Amin, glaubte er –, vielleicht war Kabila ja auch einer von ihnen? Es war kein koordiniertes Vorgehen, aber die ruandische Armee wurde jedenfalls nicht an ihren Plänen gehindert. So wie die Franzosen die Hutu-Regierung weiterhin unterstützt hatten, trotz der Genozid-Gerüchte, so halfen mehrere amerikanische Geheimdienste logistisch und praktisch beim Vormarsch der Invasionsarmee, trotz der Gerüchte über Massaker.56 Der Zynismus, mit dem die Clinton-Regierung brechen wollte, wich einem neuen Zynismus: humanitär in seinen Absichten, ausgesprochen naiv in seinen Analysen und deshalb verheerend in seinen Folgen. Es gab kein langfristiges Konzept. Die Verwirrung war groß, die Politik reagierte ad hoc. Doch die Unterstützung Ruandas und der Rebellen entfesselte Jahre des Elends. Für Kabila muss es amüsant gewesen sein, festzustellen, dass er dreißig Jahre nach der Unterstützung durch Che Guevara nun plötzlich die Unterstützung des imperialistischen Erzfeindes selbst genoss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hingegen hatte seine Bündnispartner verloren. Frankreich versuchte ihn noch kurzzeitig und eher halbherzig mit einigen Soldaten zu unterstützen. Er hoffte, dann eben mit einigen europäischen Söldnern das Steuer noch einmal herumzureißen, aber das verlief diesmal anders als im Jahr 1964. Ein paar bosnische Serben kamen, die im Balkankrieg gekämpft hatten, doch für die Truppen Kabilas waren sie keine ernst zu nehmenden Gegner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Vormarschs der AFDL hielt sich Mobutu die meiste Zeit in Europa auf, wo er an Protastakrebs operiert wurde (was Anlass gab zu einer neuen Bezeichnung für die nächste Ladung wertloser Banknoten Zaires: &#039;&#039;les prostates&#039;&#039;). Er residierte in Lausanne und in seiner Villa in Cap-Martin. Bei seiner Rückkehr nach Kinshasa konnte er kaum noch gehen und war ein todkranker Mann. Trotzdem wurde er von einer großen Menschenmenge jubelnd begrüßt. Der Häuptling war zurück! Er würde das Land retten! Alles würde wieder gut! Aber das blieben Wunschträume. In der Hauptstadt gingen die Scharmützel zwischen Tshisekedi und Mobutu unvermindert weiter, als sei keine massive Streitmacht im Anzug. Man zankte sich wie eh und je darüber, wer Premierminister werden und welche Partei ihn stellen durfte, obgleich das Land, über das man redete, bereits zur Hälfte in den Händen anderer war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Ruffin war unterdessen auf dem Marsch nach Lubumbashi. Die Soldaten schleppten Gewehre und Bazookas mit sich. »Wir waren immer zu Fuß unterwegs. Wir liefen große Strecken neben den Bahngleisen. Mir taten die Füße sehr weh. Wir gossen Wasser in unsere Stiefel, das linderte den Schmerz, dann ging es wieder besser. Aber die Füße schwitzten dabei fürchterlich. Wenn man dann die Stiefel auszog, stanken die Füße wie eine drei Tage alte Leiche!« Soldatenkniffe, Soldatenhumor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. April 1997 fiel Lubumbashi, die ökonomische Hauptstadt des Landes. Mzee Kabila bezog dort Quartier und bekam sofort Besuch von internationalen Bergbauunternehmen wie De Beers und Tenke Mining, die schon begriffen hatten, dass sie ihre Geschäfte künftig mit ihm abwickeln mussten. Die ersten Verträge über die Ausbeutung der Minengebiete wurden bereits unterzeichnet, bevor Mobutu vertrieben worden war.57 Schon damals war deutlich, dass sich die Waagschale zugunsten Kabilas senken würde. Nach zweiunddreißig Jahren Diktatur brach ein neues Zeitalter an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Ruffin begann eine neue Phase des Krieges. Stabschef James Kabarebe benötigte ihn nicht mehr als Leibwächter. »James sagte: ›Für euch ist die Sache erledigt. Ich gehe nach Kisangani, aber ihr bleibt hier bei Mzee.‹ Es war das erste Mal, dass ich bei Mzee war. Auch sein Sohn Joseph war da.« Vater und Sohn hielten sich in Lubumbashi auf, während der Ruandese Kabarebe anderswo im Land die Kämpfe anführte. Der Sieg zeichnete sich langsam ab, und das sorgte für einige Entspannung. Ruffin hatte angenehme Erinnerungen an jene Tage mit dem zukünftigen Präsidenten. »Mit Mzee begann das gute Leben. Ich bin euer Vater, sagte er, aber vergesst eure biologischen Eltern nicht. Er fragte mich nach meiner Herkunft. Bukavu, sagte ich, ich bin von Bugera entführt worden. Ach, sagte er, dann ist es mit dem Priesterspielen ja für dich vorbei. Er zog uns gern auf. Eines Tages hatten wir die Magazine der ehemaligen FAZ geplündert. Ich verkleidete mich mit der Uniform eines Regierungssoldaten, mit Lederstiefeln und allem. Bist du das, Kadogo?, fragte Mzee. Ja, sagte ich, ich bin&#039;s. Wir haben dem Feind seine Sachen weggenommen. Wirklich?, lachte er. Er schüttelte mir die Hand und sagte: Das ist prima, bleib bei mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffins abenteuerliche Jugend bekam mit dieser Bemerkung abermals eine unerwartete Wendung: Nun wurde er einer der Leibwächter Kabilas. Innerhalb eines Jahres hatte er sich von einem unwissenden, Fußball spielenden Kind zu einem welterfahrenen jungen Mann entwickelt, der hyperwachsam war und die Geschichte live erlebte. Der Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen, waren Angst und der Verlust seiner Unschuld, aber jedes Stadium brachte neue Formen der Anerkennung mit sich. »Kabila mochte mich. Er vertraute mir sein Geld an. Zehntausend Dollar! Er aß oft mit uns zusammen, einfach aus seinem Henkelmann. Nach dem Essen durften wir Armdrücken, und er war der Schiedsrichter. Im Busch hatten sie diesen Sport oft betrieben. Wir gingen nicht in Nachtclubs und zu Frauen; ich kannte nur das Leben als Seminarist und als Soldat. Wir wohnten im Hotel Karavia, dem besten Hotel von Lubumbashi. Mzee hatte Zimmer 114. Die Diamantensucher kamen zur Audienz zu ihm. Ich bekam ein Motorola.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in diesem Hotelzimmer erhielt Kabila regelmäßig Anrufe seines Stabschefs Kabarebe, der sich mit Riesenschritten der Hauptstadt näherte. Als er über den Kongofluss fuhr und vor sich die beiden Hauptstädte erblickte, musste er lokale Fischer fragen, an welchem Ufer Kinshasa lag, sonst hätte er versehentlich Brazzaville befreit.58 Kinshasa stand kurz vor dem Fall, erfuhr Kabila in seinem Hotelzimmer. Dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Zwei Wochen zuvor war er noch nach Kongo-Brazzaville geflogen, um mit Mobutu direkt zu verhandeln. Nelson Mandela hatte die beiden auf neutralem Boden zusammengerufen, an Bord eines südafrikanischen Schiffes im Hafen von Pointe-Noire, doch diese nächtlichen Gespräche waren ergebnislos geblieben. Mobutu wollte das Feld nicht räumen, und Kabila sah nicht ein, warum er Zugeständnisse machen sollte; er war ja auf der Siegerstraße. Nein, Kinshasa würde mit Waffengewalt befreit werden, und Ruffin durfte es miterleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mzee sagte zu uns: ›Zieht nur los! Viel Glück! Wir sehen uns in Kinshasa wieder!‹ Und wir sagten: ›Zu Ihren Diensten!‹« So viel war deutlich: Kabila war nur das Aushängeschild der Rebellion, die tatsächliche Arbeit erledigte Kabarebe. Und die Kadogo natürlich. Ruffin: »Ich saß im ersten Flugzeug, das wieder in Kin landete, eine Zivilmaschine von Scibe-Air. Ich bin damals zum ersten Mal geflogen. Der Flughafen war schon in unseren Händen. Jeeps brachten uns in den Stadtteil Limete, von dort aus gingen wir zu Fuß weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es zu keiner Friedensregelung kam, brachte allerdings große Risiken mit sich. Alle befürchteten, dass es zu einer gewalttätigen Konfrontation in Kinshasa kommen würde. Mobutu hatte gerade General Mahele zum neuen Armeestabschef ernannt, einen gefürchteten Militär, der sich seine Sporen in den Shaba-Kriegen verdient und der die Plünderungen von 1991 und 1993 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Mahele war zu diesem Zeitpunkt zweifellos der fähigste Offizier in der zairischen Armee. Bei der Bevölkerung war er beliebt wegen seiner Integrität, aber gefürchtet wegen seiner Härte. Nun sollte er Kinshasa gegen die vorrückenden Rebellen verteidigen. Am Freitag, dem 16. Mai 1997, als die AFDL vor der Tür stand, floh Mobutu frühmorgens in seinen Palast in Gbadolite. Nun herrschte die absolute Gefahr der Anarchie in der Hauptstadt; die nächsten vierundzwanzig Stunden würden entscheidend sein. In der Millionenstadt Kinshasa könnte es zu einer wahren Schlacht aller gegen alle kommen. Die Bewohner fürchteten sich mehr vor den eigenen Soldaten als vor den Rebellen, und sie hatten Angst vor neuen, verheerenden Plünderungen. Mahele war jedoch ein kluger Mann. Er hatte die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt und entschloss sich, die Megalopolis nicht dem Wahnsinn eines alten, geflohenen Mannes zu opfern. Damit die Zivilbevölkerung verschont blieb, nahm er Kontakt mit der AFDL auf und begab sich am späten Abend nach Camp Tshatshi, dem Militärstützpunkt, wo sich Mobutus letzte Getreue verschanzt hatten. Unter ihnen befand sich Mobutus jüngster Sohn, Kongolo, der wegen seiner legendären Grausamkeit den Spitznamen »Saddam Hussein« trug. Mahele versuchte sie davon zu überzeugen, das Plündern sein zu lassen, aber sie betrachteten ihn als einen Offizier, der Hochverrat begangen hatte. In der Nacht von Freitag auf Samstag ermordeten sie ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später marschierte Ruffin in seinen schwarzen Gummistiefeln über die Avenue Lumumba im Stadtteil Limete. Der Einmarsch der AFDL löste Begeisterungsstürme aus. Aus der Ferne war noch das Dröhnen schwerer Geschütze zu hören, aber er und seine Kumpanen brauchten nicht zu kämpfen. »Man bereitete uns einen unglaublichen Empfang. Die Männer riefen &#039;&#039;Libérateurs! Libérateurs!&#039;&#039;, die Frauen breiteten ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; vor uns auf der Straße aus, sodass wir darüber laufen konnten. Die Leute gaben uns Wasser. Sie sprachen Lingala, aber das verstanden wir nicht. Wir suchten das Haus von Premierminister Kengo wa Dondo, und die Leute zeigten uns den Weg. Wir kannten die Stadt nicht. Wir sollten den RTNC einnehmen und das Palais de Marbre von Mobutu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Häuser, die sie durchkämmten, ließ Ruffin einen massiven goldenen Aschenbecher mitgehen. Es war der 17. Mai 1997, und die AFDL besetzte innerhalb weniger Stunden die Schlüsselpositionen in der Stadt. Beach, Hotel Intercontinental, Memling . . . Einige Soldaten der Regierungsarmee plünderten doch noch, aber die meisten von ihnen schlüpften in Häuser und flehten die Bewohner an, ihnen Zivilkleidung zu geben: Wer jetzt noch in Uniform herumlief, unterschrieb sein Todesurteil. Auch Frauen in leitenden Positionen, die ihre Direktorenposten Mobutu zu verdanken hatten, verbrannten in aller Eile ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, die mit dem Logo des MPR oder dem Konterfei des Großen Steuermanns bedruckt waren.59 Bei vereinzelten Abrechnungen und Racheaktionen gab es knapp zweihundert Tote, wenig im Vergleich zu dem, was auch hätte passieren können. In Lubumbashi erhielt Kabila einen Anruf von Kabarebe. »Kinshasa ist gefallen!« Kabila jubelte vor Freude und wälzte sich ausgelassen auf dem Teppich seines Hotelzimmers.60 Er würde sofort kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin war wieder einmal dabei: »An diesem Tag ging ich zurück zum Flughafen, um Mzee abzuholen. ›Na siehst du, dass ich die Wahrheit gesagt habe!‹, rief er mir zu. Er gab eine Pressekonferenz. Ich bin auf allen Fotos und Filmaufnahmen mit ihm dabei, zusammen mit Joseph und mit Masasu, einem anderen Gründer der AFDL.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Pressekonferenz erklärte sich Kabila zum neuen Staatsoberhaupt eines neuen Landes, der Demokratischen Republik Kongo. Der Zusatz »demokratisch« war etwas verwunderlich, denn niemand hatte ihn ernannt, und die gewaltfreie Opposition von Tshisekedi und den Seinen, die anfangs froh waren über die Befreiung, war gar nicht erst gefragt worden. Das Wenige, was Kabila von der Nationalen Souveränen Konferenz übernahm, war die Idee, Zaire wieder umzubenennen in Kongo. An dem zivilen Kampf von Menschen wie Régine war die militärische Eroberung, an der Ruffin teilgenommen hatte, einfach vorbeigezogen. Régine war nun zweiundvierzig, Ruffin vierzehn. Als Kabila einige Tage später, am 29. Mai 1997, den Amtseid als Präsident leistete, geschah das nicht im Parlament, wo die Konferenz stattgefunden hatte, sondern unweit davon in dem großen, neuen Fußballstadion. Die Staatsoberhäupter von Ruanda und Uganda, seine Financiers, waren zugegen, und auch die Staatschefs von Angola und Sambia. Aber das imposante Stadion war nicht gedrängt voll mit jubelnden Kinois. Mindestens ein Drittel der Plätze war leer geblieben, und das in einer Millionenstadt. Als Kabila den Eid sprach und seine Worte aus den Lautsprechern donnerten, hallten sie von halb leeren Betontribünen wider.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Kabila hatte die Fäden bald endgültig in der Hand. Mobutu war nach seiner Flucht über Togo nach Marokko geflogen, in sein endgültiges Exil. Im Bewusstsein des nahenden Todes hatte er noch die Gebeine seiner Mutter und anderer ihm teurer Verstorbener ausgraben lassen und mitgenommen. Kaum vier Monate später würde er, umgeben von ein paar Nahestehenden und den Überresten seiner Vorfahren, niedergedrückt und verbittert seinen Geist aushauchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Tag wie jeder andere, und das Wasser des Kivusees kräuselte sich unbeirrbar. Für Ruffin Luliba wurde es jedoch ein emotionaler Tag. Als Kabila zum ersten Mal wieder Bukavu besuchte, begleitete Ruffin ihn. Er hatte seine Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. »Es war fünf Uhr abends, und ich ging zu meinem Elternhaus. Ich sah meine Mutter, wie sie draußen &#039;&#039;pundu&#039;&#039; stampfte, und ich schoss dreimal in die Luft. Erschrocken flüchtete sie ins Haus, und mein Vater rannte hinter ihr her. Dann rief ich: ›Ich bin&#039;s, Papa!‹ Meine Mutter kam heraus und weinte. Ich war als Seminarist gegangen und kam als Soldat zurück. Sie hatten schon vor langer Zeit eine Trauerfeier für mich gemacht. Alle weinten, sogar mein Bruder.« Für die Familie war es, als sei Ruffin von den Toten auferstanden. Es wurde ein inniges Wiedersehen. Aber er besuchte auch die Mutter seines Zimmernachbarn Rodrick, des Jungen, der mit ihm zusammen entführt worden war und der schon nach wenigen Tagen in Ruanda an Diarrhö gestorben war. »Ich überbrachte Rodricks Mutter die traurige Nachricht. Ich wohnte damals mit Mzee im Hotel Résidence. Er hatte gesagt, ich solle meine Eltern mitbringen. Als ich sie ihm vorstellte, gab er meinem Vater sofort zweitausend Dollar. Er sagte: ›Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich nehme ihn wieder mit. Ihr Sohn ist ein Patriot.‹«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 12 Mitleid, was ist das? ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Große Afrikanische Krieg 1997-2002 ===&lt;br /&gt;
Eine neue Regierung, ein neuer Klang. Die Einwohner Kinshasas wussten nicht, was sie hörten. Die Ära nach Mobutu brach an mit einem tiefen, metallischen Ton, der anschwoll zu einer hohen, schrillen Note und dann zum Ausgangspunkt abfiel, ehe er wieder anstieg, und dann ging es von Neuem los. Das durchdringende Geräusch durchschnitt den Verkehr und hallte in den Gassen wider. Kleine Jungs hörten auf zu bolzen und hielten sich die Ohren zu. Mit schmerzverzerrten Gesichtern hielten sie nach dem roten Wagen Ausschau. Auf und ab, auf und ab, so tönte das infernalische Geheul der Sirene. Kinshasa, eine Stadt mit Millionen Einwohnern, endlosen Slums, maroden Elektrizitätsnetzen, offenliegenden Stromkabeln und Hunderttausenden von kleinen Kohlefeuern, besaß zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein unentbehrliches und sogenanntes »prioritäres« Fahrzeug: ein Feuerwehrauto.1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nur der Anfang. Mit Laurent-Désiré Kabila schien tatsächlich einiges anders zu werden. Der Müll, der sich in der ganzen &#039;&#039;cité&#039;&#039; dampfend häufte, wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder abgeholt. Die Abwasserrinnen wurden gesäubert. In den Gängen der Ministerien roch es nach &#039;&#039;Eau de Javel&#039;&#039;. Sogar der Flughafen Ndjili, das chaotischste Terminal der Welt mit seinem Wirrwarr von Passagieren, Zollbeamten, Einreisekontrolleuren, Polizisten, Soldaten und sogenannten »protocols«, die einen schubsten und um die Pässe und Gepäcktickets der Reisenden rangelten, sogar in diesen Ameisenhaufen kam nach und nach Ordnung. Soldaten und Polizisten wurden bezahlt, ihr Gehalt war nicht hoch, aber sie erhielten es wenigstens regelmäßig. Lehrer und Beamte konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder für ein Fahrrad sparen. Die haushohe, vierstellige Inflation ging zurück auf eine zweistellige Zahl, unter anderem durch den hohen Dollarkurs. Es wurden keine Geldscheine mehr neu gedruckt, sodass die im Umlauf befindliche Geldmenge sich verringerte und der Wert damit stieg. In der ersten Hälfte des Jahres 1998 betrug die Inflationsrate nur 5 Prozent.2 Im Juni 1998 verschwand der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, und es kam eine neue Währungseinheit: der &#039;&#039;franc congolais&#039;&#039;. Ein kongolesischer Franc ersetzte hunderttausend neue Zaïre, was vierzehn Millionen alter Zaïre entsprach. Es war eine stabile Währung, jedenfalls am Anfang, die schnell im ganzen Land akzeptiert wurde. Die Banknoten trugen nicht das Konterfei Kabilas, sondern waren mit neutralen Abbildungen einer Tschokwe-Maske oder des Inga-Staudammes bedruckt. Bei der Einführung hatten alle Großen der kongolesischen Musik – vom steinalten Wendo Kolosoy über Papa Wemba bis zu dem jungen Star JB Mpiana – die neue Währung in einem Song gewürdigt, als eine Art Band Aid für eine Banknote.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Schein trog, denn die Begeisterung für Kabila bröckelte schnell. So euphorisch wie es ihn empfangen hatte, so schnell hatte das Volk ihn auch wieder satt. Freunde gewinnen ist eine Kunst, aber Kabila beherrschte die noch viel seltenere Kunst, aus Freunden im Handumdrehen Erzfeinde zu machen, und zwar nicht nur einige, denn dahinter könnte noch Berechnung stehen, sondern alle, und das deutete auf ziemliche Ruppigkeit hin. Es begann bereits mit der demokratischen Opposition aus der Mobutu-Ära. Die vielen Tausende Bürger, die mutig gegen die Diktatur gekämpft hatten, waren anfangs noch bereit, sich von Kabilas guten Absichten überzeugen zu lassen. Viele hofften, dass die Beschlüsse der Nationalen Souveränen Konferenz nun tatsächlich umgesetzt würden und dass Kabila die Versprechen einlösen würde, die Mobutu gebrochen hatte. Aber Kabila dachte nicht im Traum daran. Für ihn war die Eroberung der Anfang einer neuen Geschichte. Was ging denn ihn, &#039;&#039;maquisard&#039;&#039; seit Menschengedenken, das verworrene Geschwätz eines Saals voller braver Idealisten vor fünf Jahren an? Die Verfassung, das Parlament, die Regierung und die Wahlkommission der Übergangsjahre – alles Makulatur.4 Anhänger der UDPS wurden ins Gefängnis geworfen und brutal verprügelt.5 Tshisekedi wurde bereits zwei Monate nach der »Befreiung« Kinshasas verhaftet. Er wurde verhört, erhielt Hausarrest und wurde schließlich in seinen Heimatort verbannt. Einer von Kabilas Ministern sagte: »Wir haben ihm Saatgut und einen kleinen Traktor geschenkt, dann kann er sich als Landwirt betätigen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, statt eine solide Demokratie zu errichten, kehrte die Kabila-Regierung zu einem äußerst autoritären Regime zurück. Alles drehte sich um die Person Kabilas. Das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, nur seine AFDL durfte noch existieren, und auch diese Partei war lediglich ein Zweckbündnis, das unter Mitwirkung Ruandas ein paar Tage nach der Invasion Zaires ins Leben gerufen worden war. Kabila war anfangs nur ihr Wortführer gewesen, hatte dann aber seine drei Mitgründer nacheinander ausgeschaltet. Noch während des Krieges hatte er Kisase, den Einzigen von ihnen, der über militärische Macht verfügte, ermorden lassen; nach seiner Vereidigung als Präsident ließ er Masasu zu zwanzig Jahren Haft verurteilen, und Bugera, Ruffins Kidnapper, lobte er weg auf einen Posten, wo er ihm nicht gefährlich werden konnte. Die militärische Allianz sollte nun zu einer Staatspartei umgeformt werden, doch sie war inzwischen so gut wie bedeutungslos. Der Kongo wurde die AFDL, die AFDL aber war in der Praxis Kabila. Die Bevölkerung durfte sich politisch nur noch in sogenannten &#039;&#039;Comités du Pouvoir Populaire&#039;&#039; organisieren. Was das genau war, wusste niemand, aber es schmeckte nach schlecht verdautem Marxismus aus dem Maquis. Am 28. Mai 1997 trat eine neue Verfassung in Kraft, die im Wesentlichen dem Präsidenten umfassende Machtbefugnisse einräumte. Kabila stand künftig an der Spitze der legislativen, exekutiven und judikativen Macht, der Armee, der Verwaltung und der Diplomatie. Die Minister, mit denen er sich umgab, waren vorzugsweise Katangesen wie er oder Leute aus der Diaspora. Ehemalige Mobutu-Gegner, die sich schon seit Jahren ein politisches Mandat erhofften, erlebten, dass Unbekannte zum Zuge kamen. Als nette Geste bedachte Kabila auch die inzwischen erwachsenen Töchter von Kasavubu und Lumumba mit einem Ministerposten – eine solche historische Reminiszenz verlieh ihm ja einen Anschein von Legitimität –, aber es war eine Farce.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte 1994 an der Universität von Lubumbashi mein Studium Internationale Beziehungen abgeschlossen«, erzählte mir Bertin Punga, eine wichtige Persönlichkeit beim späteren Protest gegen Kabila. »Ich war politisch interessiert, und ich war gegen Mobutu. Beim Campusmord 1990 hatte ich drei Leichen gesehen. Ich kam aus Kasai und erlebte, dass wir vom Gouverneur aus Katanga vertrieben wurden. Deshalb schloss ich mich der AFDL an, als sie aufkam. Früher war Politik die Angelegenheit einer bestimmten Kaste, aber bei dieser Revolution schien jeder willkommen zu sein. Ich bin Akademiker, ich muss in die Politik, sagte ich mir. Aber als ich in Kinshasa ankam, sah ich, wie die Posten an Leute ohne Ausbildung aus Katanga vergeben wurden, während ich mit meinem Unidiplom zu einem viel niedrigeren &#039;&#039;diplomé d&#039;Etat&#039;&#039; herabgestuft wurde [diplome d&#039;État ist das kongolesische Abitur]. Als ich sah, wie viele Minister aus Katanga stammten, wusste ich, dass Kabila ein zweiter Mobutu war. Nein, es war sogar schlimmer, wenn man vergleicht, was er schon in vier Jahren angerichtet hat und Mobutu in zweiunddreißig. Es gab standrechtliche Exekutionen, das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, der Einparteienstaat kam zurück. Das Getue mit den Comités du Pouvoir Populaire, das war für mich echt eine Neuauflage des MPR.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ersten Jahr seiner Regierung schien Kabila auf einen starken, autoritären und sehr personalisierten Staat hinzusteuern; in der Praxis blieb dieser Staat jedoch sehr schwach. Es gab keine echte Politik, keine weitsichtige Planung, keinen Staatsapparat. Nicht einmal die Armee stellte etwas vor. Mobutus FAZ wurde aufgelöst, an ihre Stelle traten die FAC: &#039;&#039;Forces Armées Congolaises&#039;&#039;. Das klang imposant, war aber nicht mehr als ein Mischmasch aus vormaligen FAZ-Soldaten, ehemaligen »Katanga-Tigern«, Kadogo, Banyamulenge und Tutsi aus Ruanda. Stabschef war noch immer der Ruander James Kabarebe. Kabila regierte sein Land wie früher sein Rebellengebiet: locker, überaus locker. Das Einzige, worauf er wirklich achtete, war die Kontrolle der Informationskanäle. Nicht umsonst war sein Berater für alles, was mit Kommunikation zu tun hatte, Dominique Sakombi Inongo, Mobutus ehemaliger Propagandist, der Prophet geworden war. Das hatte Kabila zweifellos von Mobutu gelernt: Eine starke Regierung musste darauf bedacht sein, die Medien in eisernem Griff zu halten. Der Rundfunkjournalist Zizi Kabongo erlebte es am eigenen Leib, als Armeesoldaten nachts um zwei an seine Tür hämmerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kabila war nicht gerade ein Freund des staatlichen Rundfunks«, erzählte Zizi, »für ihn waren dessen Angestellte ein Haufen Mobutisten. Eines Nachts sendeten wir eine seiner Versammlungen erneut. Kabila schlief sehr wenig und hörte unser Programm. Schon seit Mobutu gab es kein Geld für Material, deshalb mussten wir die Bänder immer wieder löschen und neu verwenden. Aber dieses eine Band war schlecht gelöscht worden. Nach der Aufnahme von Kabilas Versammlung war noch ein Rest von einer Reportage über Mobutu drauf. Der Techniker vom Dienst war eingepennt, und die Zuhörer hörten am Ende auf einmal wieder die Stimme von papa Maréchal. &#039;&#039;»Oyé! Oyé! Papa ndeko! Unser Freund!&#039;&#039;«, hörte man das Volk rufen. Mobutu ist zurück, dachten die Zuhörer. Noch in derselben Nacht holte die Armee alle Journalisten ab und steckte sie ins Gefängnis. Um zwei Uhr morgens standen sie vor meiner Tür. Im Knast landete ich zwischen zum Tode Verurteilten und Revolutionären. Die Lage war ernst. Kabila fing an, alle seine Feinde zu beseitigen.« Zizi, dessen Schienbeine die Spuren des Widerstandes gegen Mobutu trugen, wurde nun des Mobutismus bezichtigt. Zwischen Mai 1997 und Januar 2001 wurden mehr als 160 Journalisten ins Gefängnis geworfen.8 »Am nächsten Tag mussten wir alle in den Präsidentenpalast. Kabila persönlich hielt uns eine heftige Standpauke für unseren Akt der Rebellion. Zur Strafe wurden wir alle verpflichtet, den Marxismus zu studieren. Aber am Ende bekamen wir dann doch neue Aufnahmebänder, auf die wir schon seit Jahren warteten.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die demokratische Opposition und die UDPS brutal bekämpft, die AFDL matt gesetzt, die Presse abgekanzelt und ihr einen Maulkorb verpasst. Welche Brücken konnten noch in die Luft gesprengt werden? Die zum Ausland natürlich. Kabila verspielte binnen kürzester Zeit das Wohlwollen der Vereinten Nationen, als er Ermittlungen zu den Massakern an den Hutu-Flüchtlingen zuerst ablehnte und später behinderte. Expertenteams wurden systematisch boykottiert. Kabila musste entweder Ruanda die Schuld daran geben (was auch zutreffend war), aber dann hätte er einräumen müssen, dass er den Sieg nicht seiner eigenen Rebellion zu verdanken hatte, und so etwas war tödlich für seine Popularität im eigenen Land, oder aber er musste die Schuld auf sich nehmen, doch dann würde er international als brutaler Massenmörder gelten. Innenpolitische Interessen kollidierten mit außenpolitischen. Es war ein heikler Balanceakt, selbst für einen gestandenen Politiker, und Kabila war alles andere als ein gestandener Politiker. Von Diplomatie hatte er keine Ahnung. Sein Stil war eher rustikal. Er betrat das internationale Parkett mehr als argwöhnischer Rebell denn als besonnenes Staatsoberhaupt. Innerhalb kürzester Zeit warf er Frankreich Neokolonialismus und den USA einen Mangel an diplomatischer Höflichkeit vor, und Belgien war in seinen Augen ein Terroristenstaat.10 Die Troika war schon von Mobutu einiges gewohnt, aber solche grobschlächtigen Äußerungen waren neu. Hier sprach nicht mehr ein schlauer Fuchs, sondern ein tolpatschiger Bär. Auch afrikanische Staatsoberhäupter lernten ihren neuen Kollegen schnell kennen. Nelson Mandela hatte bei den Friedensgesprächen in Kongo-Brazzaville 1997 stundenlang auf ihn warten müssen; der sonst so umgängliche Mann war darüber sehr wütend geworden. Der ägyptische Präsident Mubarak erwartete ihn schon am Kairoer Flughafen mit einer Ehrenwache und einem roten Teppich, als Kabila den Besuch telefonisch absagte, weil er sich »ein bisschen müde« fühle. Tansanias Präsident Mkapa wurde zwar mit einem Besuch beeehrt, aber entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten unterbrach Kabila den Staatsbesuch und flog nach Kinshasa zurück.11 Auch Ugandas Präsident Museveni und Ruandas Vizepräsident Kagame mussten erkennen, dass ihr Protegé recht ungehobelt war. Sie hatten gehofft, ihr chaotisches Nachbarland zu sanieren, indem sie ihn dort als Marionette installierten, in der Praxis aber erwies sich Kabila als unlenkbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes: Kabila kehrte Ruanda und Uganda den Rücken zu. Viel Entscheidungsfreiheit hatte er nicht. Im ganzen Land schwollen die Proteste gegen die ausländische Einmischung an. Vor allem Ruanda musste als Sündenbock herhalten. Jeder Tutsi wurde als Ruander angesehen und jeder Ruander als Besatzer. Das ging sogar so weit, dass eine scharf geschnittene Nase oder eine hohe Stirn ausreichten, um fast sofort als Infiltrant verdächtigt zu werden. In Kinshasa herrschte großer Unmut über die sehr gut wahrnehmbare Präsenz von Tutsi in der Armee, oft auf hohen Posten. Es handelte sich um Offiziere, die weder Französisch noch Lingala sprachen, sondern Englisch, Swahili und Kinyarwanda. Die neuen Machthaber gerierten sich auffallend oft als arrogante Sieger, die nicht davor zurückschreckten, die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; wieder einzuführen, die Peitsche aus Nilpferdhaut, die so viele Erinnerungen an die Kolonialzeit wachrief. Frauen, die eine Jeans oder einen Minirock trugen, was seit 1990 wieder erlaubt war, wurden öffentlich mit Peitschenhieben bestraft. Taxifahrern, die gegen eine Verkehrsregel verstoßen hatten, widerfuhr das Gleiche. Die Zahl der Peitschenhiebe blieb nicht auf fünfundzwanzig beschränkt, wie es in der Kolonialzeit amtlich festgelegt war, sondern hing vom Alter ab: Wer fünfzig war, musste fünfzig Hiebe einstecken. Mehr und mehr verbreitete sich die Meinung, das überbevölkerte Ruanda sei auf Rohstoffe und Lebensraum aus und habe ein Auge auf den Kivu geworfen, wo ohnehin schon sehr viele Tutsi lebten. Man glaubte, dass Ruanda eine &#039;&#039;Grande République des Volcans&#039;&#039; anstrebte, einen neuen Staat, bestehend aus Ruanda und dem Kivu. Es war auch nicht gerade beruhigend, dass hochgestellte Ruander zu einer »zweiten Berliner Konferenz« aufriefen, um die Grenzen von 1885 neu zu überdenken.12 Manche Kongolesen waren ohnehin bereits der Ansicht, dass ihr riesiges Land von dem Zwergstaat Ruanda annektiert worden sei.13 Zwischen den beiden Ländern wuchs ein abgrundtiefer Hass. Das Verhältnis erinnerte an das zwischen China und Japan, oder Irland und England in früheren Zeiten. Viele Ruander sahen den Kongo als ein Land von faulen, chaotischen Nichtskönnern, denen Musik, Tanzen und Essen wichtiger waren als Arbeiten, Infrastruktur und Ordnung. Und Ruanda war für viele Kongolesen ein kühles, strenges Land, in dem Plastiktüten aus Gründen der Sauberkeit und Ordnung verboten waren und das Tragen von Schutzhelmen Pflicht war, ein Land voller überheblicher, wichtigtuerischer Emporkömmlinge, die verächtlich auf sie herabblickten. Viele interpretierten die Unterschiede zwischen beiden Ländern als einen uralten, kulturellen Konflikt zwischen sogenannten »Bantu« und »Niloten«, obgleich das sehr problematische Kategorien der kolonialen Anthropologie waren. Solange Kabilas Hofstaat zum großen Teil aus jenen verhassten Ausländern bestand, konnte er die Anerkennung seiner Macht in den Wind schreiben, und der Präsident wusste, dass die Bevölkerung so darüber dachte. Also stand er da, an der Spitze eines unermesslich großen Landes, in einer Stadt, die neu für ihn war, mit einer Bevölkerung, die er weder kannte noch verstand. Der Jubel verstummte allmählich. »Wir müssen uns von unseren Befreiern befreien«, höhnte man auf der Straße.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und genau das tat Kabila. Am 26. Juli 1998, gut ein Jahr nach seinem triumphalen Einzug in Kinshasa, gab er in einer nächtlichen Rundfunkansprache zu verstehen, dass die ruandischen und anderen ausländischen Soldaten das Territorium des Landes verlassen müssten. Diesmal ging es nicht um ein schlecht gelöschtes Band. Dem kongolesischen Volk sprach er seinen Dank »für die Duldung und Beherbergung der ruandischen Truppen« aus.15 Diese Verlautbarung besiegelte definitiv den Bruch mit Kigali und Kampala. In den folgenden Tagen verließen Hunderte Soldaten Kinshasa. Bei Stabschef James Kabarebe, dem Mann, der den Kongo im Namen Kabilas eingenommen hatte, bedankte sich der Präsident für die erwiesenen Dienste. Wutschnaubend kehrte Kabarebe nach Ruanda zurück. Eine neue Eskalation konnte nicht ausbleiben. Und tatsächlich, keine Woche später fiel er erneut in den Kongo ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg vom Oktober 1996 bis Mai 1997, der Mobutu zu Fall gebracht hatte, hat viele Namen erhalten: »Aufstand der Banyamulenge«, »Befreiungskrieg«, »Feldzug der AFDL«. Heute wird er meist als der »Erste Kongokrieg« bezeichnet. Am 2. August 1998 brach der Zweite Kongokrieg aus. Wieder griff Ruanda an, wieder befehligte Kabarebe die Invasionstruppen, wieder war das Ziel ein Regimewechsel in Kinshasa. Diesmal aber würde der Konflikt nicht sieben Monate dauern, sondern fünf Jahre, bis Juni 2003. Offiziell jedenfalls, denn inoffiziell köchelte der Krieg weiter, zunächst bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, Frühjahr 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg war ein außerordentlich komplexer Konflikt, an dem irgendwann neun afrikanische Länder und etwa dreißig lokale Milizen beteiligt waren, ein Kräftemessen in kontinentalem Maßstab mit dem Kongo als zentralem Kriegsschauplatz. Die Dynamik, mit der einige Länder, von Namibia im Süden bis Libyen im Norden, kurzfristig Partei ergriffen (für oder gegen Kabila), erinnert an die blitzschnelle Bildung der Ententen in Europa am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Wegen der kontinentalen Ausdehnung spricht man auch vom »Ersten Afrikanischen Weltkrieg«, doch das ist eine ziemlich verfehlte Bezeichnung, die die gravierenden Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges auf Afrika außer Acht lässt. Der Begriff &#039;&#039;Great African War&#039;&#039; ist deshalb sinnvoller, obgleich der Brandherd größtenteils auf den Kongo beschränkt blieb und lokale Milizen längere Zeit agierten als ausländische Streitkräfte. Was die Zahl der Opfer betraf, weitete sich dieser Große Afrikanische Krieg oder Zweite Kongokrieg zum tödlichsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Allein im Kongo sind seit 1998 mindestens drei Millionen und möglicherweise fünf Millionen Menschen durch den Krieg gestorben, mehr als in den medial so stark präsenten Konflikten in Bosnien, im Irak und in Afghanistan zusammen. Und die Zahl steigt weiter an. 2007 gab es monatlich noch 45.000 Todesopfer durch die indirekten Folgen dieses vergessenen Krieges. Den größten Blutzoll zahlten Zivilisten. Sie starben nicht in den Kämpfen, sondern als Folge von Unterernährung, Diarrhö, Malaria und Lungenentzündung, Krankheiten, die wegen des Krieges nicht mehr behandelt werden konnten. Dazu muss bemerkt werden, dass viele dieser Krankheiten auch schon vor dem Krieg nicht mehr behandelt wurden. Die Sterberate lag im Kongo bereits vor dem Konflikt über dem Durchschnitt und stieg durch den Konflikt weiter an. 2007 war die Sterberate im Kongo noch immer 60 Prozent höher als im gesamten subsaharischen Afrika.16 Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kongolesen bei der Geburt betrug dreiundfünfzig Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg verschwand aus dem Fokus der Weltnachrichten, da er als unergründbar und unübersichtlich galt. Tatsächlich gab es nicht zwei deutlich umrissene Lager, und, was wichtiger war, es gab keine deutliche Rollenverteilung, wer der Buhmann und wer der Underdog war. Nach dem Ende des Kalten Krieges benutzten westliche Berichterstatter in zunehmendem Maße einen moralischen Bezugsrahmen, wenn es darum ging, Kriege zu deuten: In Jugoslawien waren die Serben die großen Übeltäter, in Ruanda die Tutsi die unschuldigen Opfer; in beiden Fällen führte das zu Einschätzungen und politischen Entscheidungen mit katastrophalen Folgen. Es war nicht einfach, im Kongo »die Guten« zu finden. Wer sich näher mit dem Konflikt beschäftigte, musste erkennen, dass alle Beteiligten im Glashaus saßen. Die Anschuldigungen waren oft gerechtfertigt, die gewählten Methoden oft problematisch. Keiner der Parteien schien es zu gelingen, aus der Schusslinie zu treten, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, um sich mit der Berechtigung der gegnerischen Position zu befassen und gemeinsam nach einem Kompromiss zu suchen. Für ein bettelarmes Land mit einer jungen, ungebildeten Bevölkerung, die nur Mobutus finsteren Despotismus gekannt hatte, war das entschieden zu viel verlangt. Kinder einer Diktatur sind selten Musterdemokraten. Das Ganze entwickelte sich zu einem jener Konflikte, bei denen jeder dem anderen immer ein Stückchen mehr Schuld zuspricht, sodass Zurückschlagen gerechtfertigt scheint und eine endlose Gewaltspirale entsteht. Die westlichen Medien kapitulierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem lässt sich der Ablauf der Geschehnisse mit Hilfe einer einfachen kartographischen Bildergeschichte veranschaulichen. Drei Phasen kennzeichneten den Konflikt. Von August 1998 bis Juli 1999 versuchte Ruanda, zusammen mit Uganda und einer zusammengewürfelten einheimischen Rebellenarmee, Kabila zu stürzen. Das gelang nicht. Diese Phase endete mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Lusaka, das vieles regelte, aber keinen Frieden brachte. Die zweite Phase dauerte von Juli 1999 bis Dezember 2002. Ruanda und Uganda versuchten nicht länger, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern kontrollierten jetzt, mit Hilfe von lokalen Milizen, die Hälfte des kongolesischen Territoriums, wo sie in großem Maßstab die vorhandenen Rohstoffe ausbeuteten. Da inzwischen die Beute wichtiger war als die Macht, kam es zu Brüchen innerhalb der Rebellion und zu gewalttätigen Konfrontationen in Kisangani. Diese turbulente Phase erreichte einen Endpunkt mit dem Friedensvertrag von Pretoria im Dezember 2002, der ab Juni 2003 in Kraft trat. Die Ruander und Ugander zogen sich in ihr Land zurück, und die UNO verstärkte ihre Präsenz. Offiziell war der Krieg damit beendet, an Ort und Stelle sah es jedoch anders aus. Die dritte Phase begann 2003 und zieht sich im Kivu bis heute hin. Während dieses langen Zeitraums beschränkte sich der Krieg auf den äußersten Osten des Kongo, jene Gebiete, die unmittelbar an Uganda (Ituri) und Ruanda (Kivu) angrenzen. Diese Zonen wurden zu Schauplätzen heftiger Gewalt, massiver Menschenrechtsverletzungen und unsäglichen menschlichen Leidens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder dieser Phasen war der Konflikt gekennzeichnet durch die Nachwehen des ruandischen Völkermords, die Schwäche des kongolesischen Staates, die militärische Vitalität des neuen Ruanda, die Überbevölkerung im Gebiet um die Großen Seen, die Durchlässigkeit der alten Kolonialgrenzen, die Zunahme ethnischer Spannungen aufgrund von Armut, das Vorhandensein von Naturreichtümern und Bodenschätzen, die Militarisierung der informellen Wirtschaft, die weltweite Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen, das lokale Angebot von Waffen, die Ohnmacht der Vereinten Nationen und einiges mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Juni 2007 frühstückte ich in Ruandas Hauptstadt Kigali im berühmten Hotel des Mille Collines, Zufluchtsort während des Völkermords und Inspirationsquelle für den Film &#039;&#039;Hotel Ruanda&#039;&#039;. Es war noch immer ein sündhaft teures Sternehotel. Ich hatte dort nicht übernachtet, sondern traf mich mit Simba Regis, einem introvertierten ruandischen Kriegsveteranen, der nur wenige Jahre älter ist als ich. Am Buffet nahmen wir uns mit Zangen butterglänzende Croissants. Eine Kellnerin brachte uns herrlich frischen Fruchtsaft. Simba Regis war 1967 geboren, und seine Lebensgeschichte war die Geschichte der ruandischen Tutsi in der Nussschale. 1959, als die Hutu-Unruhen begannen, waren seine Eltern nach Burundi geflohen, wo er geboren wurde. In seiner Kindheit und Jugend hörte er ständig, dass nicht Burundi, sondern Ruanda sein Heimatland sei. Er sympathisierte mit dem Kampf der Tutsi im Exil und ging 1990 nach Süd-Uganda, um sich der Ruandischen Patriotischen Front anzuschließen, Kagames Armee. Er war bei den Invasionen Ruandas dabei, er war einer der Ersten, die Kigali erreichten, und er entrann um ein Haar dem Völkermord 1994. »Sechsjährige Kinder, die elend verreckten, junge Mütter, die von unter Drogen stehenden Interahamwe abgeschlachtet worden waren. Es war zum Wahnsinnigwerden. Wenn man das gesehen hat, dann muss man sich wehren.« Also war er 1996 dabei, als Ruanda zum ersten Mal in den Kongo einfiel, um die Hutu-Gefahr auszuschalten. Und 1998, bei der zweiten Invasion Ruandas, kämpfte er wieder in den vordersten Linien, denn auch jetzt ging es nicht nur um die Entthronung Kabilas, sondern auch darum, die verbliebenen Hutu-Milizen auszuschalten. In den Wäldern des Ost-Kongo versteckten sich noch immer Tausende ruandischer Hutu, die nach den Massakern der AFDL vergeltungssüchtiger waren als je zuvor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf begann am 2. August. Ruanda erhielt Unterstützung von Uganda und Burundi, die ebenfalls über das Rumoren an ihrer Westgrenze beunruhigt waren und denen der Reichtum an Bodenschätzen im Ost-Kongo bekannt war. Goma und Bukavu fielen sofort. Zwei Wochen später hieß es, die Eroberung sei das Werk einer einheimischen Rebellionsbewegung, des &#039;&#039;Rassemblement Congolais pour la Démocratie&#039;&#039; (RCD). Zu ihrem Anführer wurde überraschenderweise Ernest Wamba dia Wamba erklärt, ein ehemaliger Geschichtsprofessor. Doch der gesamte RCD war ebenso sehr eine Phantomkonstruktion wie die AFDL von 1996. Während er sein Croissant langsam zerpflückte, zerstreute Simba Regis jeden Zweifel: »Wir haben die Rebellen ausgebildet und trainiert. Ruanda war einfach besser organisiert. Die Kongolesen trugen ruandische Uniformen und Stiefel. Sie standen unter unserem Befehl. Wir waren ihre Paten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier Jahre lang kämpfte Simba auf kongolesischem Boden, von 1998 bis 2002, über den gesamten Zeitraum des offiziellen Krieges. Er war in Katanga, in Kasai. Manchmal gab es dort Kämpfe gegen die Interahamwe und die Mai-Mai, die von Kabila unterstützt wurden, die meiste Zeit geschah nichts. &#039;&#039;»On faisait la vie«&#039;&#039;, sagte er, »wir hatten unser Auskommen«, was man auch so verstehen konnte, dass die Ausbeutung des Bodens wichtiger gewesen war als das Kriegführen. In Katanga fand man noch immer Rohstoffe im Überfluss, und Kasai war nach wie vor reich an Diamanten. Den Kampf gegen die reorganisierten Hutu bezeichnete er als »gerecht und ehrenhaft«, aber den Krieg als Lebensstil hatte er gründlich satt. »Ich kann nicht mehr. Seit 1990 führe ich Krieg. Die, die über den Krieg entscheiden, kämpfen nie selber, aber ich habe meine Brüder verloren und meine Freunde. Wir waren elf Freunde aus Bujumbura, wir kamen aus demselben Viertel und haben dieselbe Grundschule und Oberschule besucht. Von den elf leben noch zwei, ich und jemand in Kanada.« Von der Terrasse des Frühstücksraums hatte man einen Ausblick auf Kigali. Die Stadt leuchtete im Morgenlicht. »Wenn ich Bier getrunken habe, kriege ich Albträume. Ich sehe Häuser, die in die Luft gesprengt werden. Ich sehe meine Freunde weinen, weil sie einen Arm oder ein Bein verloren haben. Und immer bin ich machtlos und kann nichts tun. Dann schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Ich spüre den Krieg noch immer. Ich hatte kein gutes Leben, nein. Ich möchte nach Europa, denn in fünf oder zehn Jahren geht es hier von Neuem los.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber James Kabarebe glaubte, dass die Sache rasch erledigt werden könne. 1996 hatte es sieben Monate gedauert, nach Kinshasa zu gelangen; das musste man auch schneller schaffen können. Sein Plan war ebenso riskant wie kaltblütig. Auf dem Flughafen von Goma kaperte er mehrere Flugzeuge, lud sie voll mit RCD-Soldaten und zwang die Piloten, westwärts zu fliegen, zur Militärbasis Kitona am Atlantik. Von dort aus waren es nur vierhundert Kilometer bis Kinshasa. Seine Luftbrücke schien zu funktionieren: Am 5. August nahm er Kitona ein und schaffte es, die dort anwesenden Soldaten, hauptsächlich demotivierte ehemalige FAZ-Kämpfer, die in der neuen Armee »umerzogen« wurden, zu überreden, mit ihm gegen Kabila zu kämpfen. Am 9. August fiel die strategisch entscheidende Hafenstadt Matadi, am 11. August das Wasserkraftwerk Inga. Kabarebe hatte nun den Daumen auf dem Hauptschalter von Kinshasa und konnte auch noch die Zufuhr von Lebensmitteln sperren. Nächtelang stürzte er eine hungrige Millionenstadt in die Dunkelheit. In den einfachen Vierteln loderten die Anti-Tutsi-Ressentiments hoch auf. Hunderte von Tutsi oder Menschen, die auch nur Tutsi-Züge aufwiesen, wurden von Menschenmengen grausam gelyncht. Wie in den Townships von Südafrika hängte man ihnen einen Autoreifen um, der mit Benzin gefüllt und angezündet wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles deutete darauf hin, dass Kinshasa binnen kurzem fallen würde. Kabilas Armee war für Kabarebes Truppen kein ernstzunehmender Gegner. Und doch kam es anders. In letzter Minute wurde Kabila von ausländischen Truppen gerettet: Am 19. August 1998 rückten vierhundert Soldaten aus Simbabwe in den Kongo ein, am 22. August begann die Armee Angolas Bas-Congo zu befreien. Vor allem die Rolle Angolas war entscheidend. Während des Ersten Kongokrieges hatte sich das Land neutral verhalten: In Luanda war niemand traurig über den bevorstehenden Abgang Mobutus, dessen Unterstützung der rechten UNITA-Rebellen so viel Leid ausgelöst hatte. Während des Zweiten Kongokrieges waren die Karten jedoch neu gemischt. Ruanda könnte eventuell die UNITA unterstützen, um Kabila zu Fall zu bringen. Das musste verhindert werden. Simbabwe hingegen handelte eher aus wirtschaftlichen Erwägungen; das Land besaß Anteile am katangesischen Bergbau. Daneben gab es eine Art ideologischer Brüderschaft zwischen den Präsidenten Mugabe, Dos Santos und Kabila: alle drei hatten mit dem geflirtet, was in Afrika so schön &#039;&#039;le marxisme tropicalisé&#039;&#039; hieß. Angola war jahrelang von Kuba unterstützt worden, so wie auch Kabila, als Che Guevara ihn besucht hatte. Ruffin Luliba bekam in seiner Zeit als Leibwächter Kabilas mit, dass es noch immer eine enge Beziehung gab. »Mzee hielt große Stücke auf Revolutionäre. Männer wie Mugabe und Castro, die fand er großartig. Sein Leibarzt war ein Kubaner. Ich war mehrmals mit ihm auf Kuba. Wir waren zu vier Kadogo und wurden von Castro empfangen; ich habe ihm noch die Hand geschüttelt. Wir haben bei Castro in Havanna diniert.«18 Wahrscheinlich war es Castro, der den angolanischen Präsidenten Dos Santos veranlasste, seine Armee in den Kongo zu schicken.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Koalition wuchs. Nach Simbabwe und Angola schloss sich auch Namibia an. Im Norden fand er im Sudan, im Tschad und in Libyen Verbündete. Jedes dieser Länder hatte Gründe, Kabilas Sturz zu verhindern. Der Sudan bot seine Dienste an wegen eines sich dahinziehenden Konflikts mit Uganda, das die Rebellen im Süden des Sudan unterstützte. Libyen stellte einige Flugzeuge zur Verfügung, um aus seiner internationalen Isolierung herauszukommen. Der Tschad entsandte zweitausend Soldaten aus Solidarität mit den beiden zuvor genannten Ländern. Kabila verfügte schließlich über eine Armee aus sieben Nationen: Neben seinen eigenen Truppen befanden sich Truppen aus drei Ländern im Süden und aus drei anderen Ländern im Norden des Kongo. Sie nahmen es auf gegen die drei Länder aus dem Osten, die hinter dem RCD steckten: Ruanda, Uganda und Burundi, wobei Ruanda unstreitig die Hauptrolle spielte und der Liebling Amerikas war. Wieder einmal war die zentrale Lage des Kongo in Afrika für den Lauf der Geschichte entscheidend. Die Zahl der Soldaten war groß: Kabilas Koalition konnte sich mit ungefähr 85.000 Kämpfern brüsten, die Rebellen mit rund 55.000.20 Diese beeindruckende militärische Präsenz führte jedoch in eine Sackgasse. Der Westen des Kongo kam schnell wieder in Kabilas Hände, aber der Osten blieb im Griff des RCD. Eine echte Front existierte nicht, doch es gab deutlich abgegrenzte Zonen, zwischen denen ein oft sehr breiter Streifen Niemandsland lag. Die staatliche Autorität Kinshasas galt nur noch in Bas-Congo, Bandundu, West-Kasai und großen Teilen Katangas; Kigali und Kampala kontrollierten Nord-Katanga, Nord- und Süd-Kivu sowie die Provinzen Maniema und Orientale. Als sich der Tschad im November 1998 aus der Provinz Équateur zurückzog, fiel auch diese Region in die Hände der Rebellen. Nicht der RCD war hier die Besatzungsmacht, sondern eine neue Rebellenarmee, die ausschließlich von Uganda unterstützt wurde, der MLC (&#039;&#039;Mouvement pour la Libération du Congo&#039;&#039;). Ihr Kommandant war Jean-Pierre Bemba, Sohn des reichsten Geschäftsmannes aus der Mobutu-Ära. Seine Truppen bestanden zu einem großen Teil aus Veteranen der DSP, Mobutus gefürchteter Privatarmee.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruandas zweite Invasion in den Kongo hatte so erfolgreich ablaufen sollen wie die im Jahr 1996, doch es kam ganz anders. Die Situation war völlig festgefahren, unter anderem durch die Haltung der lokalen Bevölkerung. Während die AFDL noch als eine Befreiungsarmee empfangen worden war, wurde der RCD von Anfang an als Besatzungsmacht empfunden. In einer Stadt wie Goma war Kabila noch immer sehr populär. Als Wamba dia Wamba Jungen für seinen RCD rekrutieren wollte, mobilisierte Jeanine Mukanirwa ihre wichtige Organisation von Landfrauen. Sie war eine der Frauen, die am Ende der Mobutu-Ära die Frauenbewegung im Kivu mit aus dem Boden gestampft hatten. »Wir waren zu fünftausend Frauen. Wamba dia Wamba kam und wollte uns für seine Rebellion gewinnen. Es war seiner Ansicht nach ein ›Berichtigungskrieg‹, aber wir wussten, dass Ruanda dahintersteckte. Wir sagten: ›1996 habt ihr uns unsere Kinder weggenommen, damit sie kämpften. Jetzt kommt ihr, um unsere anderen Kinder zu holen, damit sie gegen ihre eigenen Brüder kämpfen. Euer Krieg hat keine Berechtigung!‹ Ja, wir Frauen hatten damals Mut.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wambas RCD war überaus verhasst. Sogar die Banyamulenge schwankten, ob sie diesmal mit Ruanda mitmachen sollten; ihr Enthusiasmus war längst nicht mehr so groß wie noch zwei Jahre zuvor.23 Einwohner von Goma erzählten mir, wie die gesamte Verwaltung in die Hände von Ruandern überging. Finanzverwaltung, Einwanderungsbehörde, Sicherheitsdienst . . . Kämpfe hatte es nicht gegeben bei der Einnahme, aber als sich die neue Obrigkeit einrichtete, begann eine endlose Serie von Entführungen, oder Menschen verschwanden plötzlich.24 Intellektuelle, Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Kirchenführer wurden eingeschüchtert und willkürlich verhaftet. Hunderte Dissidenten und Gegner der Rebellen aus dem Landesinneren kamen um.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Garten des Caritas-Guesthouse in Goma, am Ufer des wunderschönen Kivusees, interviewte ich einen Mann, der sich »Muhindu« nannte. Er hinkte und hatte eine große Narbe am rechten Arm. Fünf Jahre lang war er LKW-Fahrer für einen RCD-Kommandanten gewesen. Er sprach in kurzen Sätzen. »Damals wurden viele Jugendliche entführt. Ich musste immer mit drei Soldaten zu einem Haus fahren. Alle wehrfähigen Jungen und Männer wurden ergriffen und in die LKW geworfen. Die Tür ging zu. Ich fuhr nach Kinyogote, bei Mugunga, am Ufer des Sees. Dort war ein Bootshaus, in dem früher Schnellboote lagen. Das war das Gefängnis. Wir warfen sie da rein. Nach ein paar Tagen wurden sie getötet. Mit Stricken. Ich fuhr mit einem Motorboot auf den Kivusee. Man musste große Steine an so einen Körper binden.« Die Wellen des Sees schwappten ans Ufer, aber er hatte kein Auge dafür. Es war sehr kühl, hier im hochgelegenen Osten. Er, nur im T-Shirt, trank einen Schluck Bier und fuhr fort. »Wenn man mit irgendjemand ein Problem hatte, suchte man sich einen Freund, der im RCD war. Man gab ihm Geld, und er sorgte dafür, dass der Feind umgebracht wurde. Ich hatte mindestens sechzehn Leute am Tag im LKW, und ich war fünf Jahre Fahrer für den RCD. Manchmal steckten um die hundert Mann in der Garage. Sie starben durch die Kälte und den Wind. Die Wellen schlugen auch hinein.«26 In den Dörfern ging der RCD besonders brutal vor. Die Städte hatten sie in ihrer Macht, das Land nicht. Dort waren die Interahamwe und andere Hutu-Streitkräfte, und die wurden von Kinshasa unterstützt. Es war eine unvorstellbare Umkehrung der Geschichte: 1996 führte Kabila eine Rebellion an, die wahre Gemetzel unter den Hutu-Flüchtlingen anrichtete, zwei Jahre später bewaffnete er die gleichen Flüchtlinge, damit sie gegen Ruanda kämpften . . . Nichts war im Kongo das, was es schien. Bündnisse wurden geschlossen und aufgelöst, je nach den Umständen. Ideologische Übereinstimmung? Politische Verwandtschaft? Unwichtig. Was wirklich zählte, war militärischer (und später auch pekuniärer) Opportunismus. Die Feinde der Feinde waren Freunde; mit ihnen arbeitete man zusammen. Und aufgrund dieser Logik ging im Ost-Kongo der Kampf zwischen ruandischen Hutu und ruandischen Tutsi noch eine Weile weiter. Die Echos des Völkermordes verhallten nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Mai-Mai wurden von Kinshasa mit Nachschub versorgt. Kabila hatte keine Truppen mehr im Osten, aber mit Hilfe der Mai-Mai konnte er dennoch verhindern, dass der RCD das Landesinnere vollständig kontrollierte. Er vergab die Kriegsführung also an zwei Subunternehmer, die Interahamwe und die Mai-Mai. Ein recht seltsames Konsortium: Die einen waren ruandische Hutu, die den Völkermord begangen hatten, die anderen kongolesische Hypernationalisten, die an Magie glaubten und sich für unverwundbar hielten. Im Juni 2007 durfte ich in Bukavu einmal ganz im Geheimen mit vier Mai-Mai tafeln. Wegen ihrer Angst vor der Stadt erschienen sie erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zu unserer Verabredung in einer anonymen Privatwohnung eines gemeinsamen Freundes. Am Anfang herrschte eine sehr nervöse Stimmung. Ihr »Oberst«, ein Mann um die dreißig mit blutunterlaufenen Augen, dozierte mit lauter Stimme ausführlich über die Geschichte der Mai-Mai und gab heroische Storys zum Besten, aus denen sowohl Wut wie auch Kampfgeist sprach, jedoch in so epischer Breite, dass seine Mitstreiter dabei einschliefen. Später, als sie wieder aufgewacht waren, berichteten sie freimütig vom Krieg und ihren Ritualen. Nach einer Weile, sie hatten gegessen und Bier getrunken, zeigten sie mir sogar ihre magischen Lederarmbänder, ihre &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Sie krempelten die Hosenbeine hoch und zeigten mir, wo sie von Kugeln getroffen worden waren, die sie nicht getötet hatten (»Und hier ist sie wieder rausgekommen!«). Sie forderten mich auf, ihren Oberarm zu betasten, wo zu meiner Verblüffung tatsächlich eine Geschosshülse unter der Haut steckte (»Nix da mit ärztlicher Versorgung; einfach eine Pflanze draufgelegt.«). Sie versprachen mir, bei einem nächsten Treffen einen von ihnen den Immunisierungsritualen zu unterziehen und auf ihn zu schießen. Ich würde dann ja selber sehen, dass die Kugeln wie Wasser von seiner Brust abperlten. Oder nein, sie hatten eine bessere Idee. Weil ich den Kongo so offenkundig liebte, sei ich auch ein potenzieller Mai-Mai, fanden sie. Sie würden &#039;&#039;mir&#039;&#039; alle Rituale angedeihen lassen, ja, genau, und einer von ihnen würde dann auf mich feuern. Wollte ich das nicht mal erleben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ethnische Herkunft sahen die Mai-Mai nicht so eng, solange man nur dem Kongo leidenschaftlich zugetan war. Yves Van Winden konnte bei diesem Thema mitreden. Er war ein Belgier, der schon seit Jahren eine kleine Fluggesellschaft im Kongo betrieb, ein Sportpilot, der sein Hobby zum Beruf und den Kongo zu seinem Heimatland gemacht hatte. Während des Krieges war er Kontaktperson zwischen Kabila und den Mai-Mai. Ich unterhielt mich mit ihm in einem zwielichtigen Nachtclub in Goma. Russische Piloten, die sich im Goldschmuggel betätigten, hingen herum, neben obskuren Typen in Militäruniformen, die ich nicht zuordnen konnte. Um den Billardtisch saßen ein paar junge Prostituierte und tranken ihre Cola mit einem Strohhalm. »Sie nannten mich den ›weißen Mai-Mai‹«, sagte Yves Van Winden, »ich brachte ihnen Waffen von Kabila. Mehr als vierhundert Flüge habe ich erledigt, Alleinflüge von fünf, sechs Stunden. Das ist extrem lange. Ich flog meistens mit meiner Cessna, manchmal mit einer DC-3 oder einer kleinen Antonow 26. Pro Flug hatte ich sechshundert Kilo Fracht. Ich schätze mal, ich habe mehr als zwanzigtausend Kalaschnikows transportiert, außerdem dreihundert bis fünfhundert Bazookas, zweihundert Mörser Kaliber 60, zwanzig Mörser Kaliber 90 und zehn Mörser Kaliber 120. Und auch noch zwei SAM-7-Raketen, zur Luftabwehr.« Warum bringt jemand 240 Tonnen Waffen ins Rebellengebiet? »Aus Patriotismus. Durch die Bewaffnung der Mai-Mai wurde der Vormarsch des RCD gestoppt. Ich habe noch sehr viel Geld zu kriegen für meine ganzen Flugstunden. Einmal wurde meine Cessna beim Aufsteigen beschossen, die Kugel flog direkt an meinem Sitz vorbei. Ich wurde nicht getroffen. Die Mai-Mai wunderte das überhaupt nicht. Sie hatten meine Maschine getauft!«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Karte des Kongo war unverrückbar: Im Westen und Süden befand sich Kabila mit seinen angolanischen und simbabwesischen Verbündeten, im Norden Bemba mit seinem von Uganda unterstützten MLC, im Osten Wamba dia Wamba mit seinem von Ruanda unterstützten RCD, der es mit den von Kinshasa unterstützten Interahamwe und den Mai-Mai aufnahm. Seit Anfang 1999 gab es bereits Friedensverhandlungen, aber erst im Juli, unter dem Druck Frankreichs und der USA, kam es in der sambischen Hauptstadt Lusaka zu einer Einigung, dem sogenannten Friedensabkommen von Lusaka. Die ausländischen Armeen versprachen, ihre Soldaten abzuziehen, die UNO wollte eine Friedenstruppe von fünfhundert Beobachtern entsenden, und im Kongo sollte ein nationaler Dialog über die Gestaltung der Übergangszeit nach dem Krieg in Gang kommen. Wieder einmal ein Übergang. Seit Mobutu 1990 einen Anfang von Demokratisierung erlaubt hatte, befand sich das Land permanent in einem Zustand der Vorläufigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Krieg war nicht vorbei. Nach Lusaka geriet er nur in eine neue Phase, eine chaotische, schmutzige Phase. Alle Kriege sind dreckig, aber wenn das politische Motiv einem wirtschaftlichen Motiv weichen muss, gibt es gar kein Halten mehr. Und genau das geschah. Der RCD hatte nicht mehr das Ziel, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern richtete sich in der Rebellion ein und stellte fest, dass sich im Ost-Kongo gute Geschäfte machen ließen. Der Westen ist daran gewöhnt, Kriege als furchtbar teure, geldverschlingende Unternehmen zu betrachten, die für die Wirtschaft eines Landes desaströs sind. In Zentralafrika war es genau umgekehrt: Kriege zu führen war relativ billig, vor allem in Anbetracht der sagenhaften Gewinne, die sich mit der Ausbeutung von Rohstoffen erzielen ließen. Es handelte sich ja nicht um einen Hightech-Krieg. Das Überangebot an leichten, aus zweiter Hand erstandenen Feuerwaffen, die oft von den postkommunistischen Regierungen Osteuropas stammten, drückte den Preis, und (Kinder)Soldaten, die sich ihren »Sold« zusammenplündern durften, kosteten nichts. Sie hielten die Bevölkerung unter der Knute, während Erz in Hülle und Fülle vorhanden war. Krieg wurde, kurz gesagt, eine interessante ökonomische Alternative. Warum sollte man ein so lukratives Geschäft aufgeben? Unter dem Druck der Bevölkerung? Wozu hatte man denn Waffen? Und was, wenn ein Teil der bettelarmen Bevölkerung an der Ausbeutung der Rohstoffe mitverdiente?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki saß allein am Tisch in einer griechischen Cafeteria in Kisangani und aß ein Omelett, als ich ihn zum ersten Mal traf. Es war ein sengend heißer Tag, aber im Raum war es dank der Klimaanlage erträglich. Ich hatte von ihm gehört und kam mit ihm ins Gespräch. Er stammte aus Bukavu und war einer der vielen Kongolesen, die 1996 bei der ersten Invasion aus Ruanda zu Fuß nach Kisangani geflohen waren. Eine Granate hatte sein Haus zerstört. Drei Wochen lang wanderte er mit seiner Familie durch den Urwald. Aber einige Jahre später erreichte der Krieg auch seinen neuen Aufenthaltsort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wichtigste Ereignis in der zweiten Phase des Krieges, erkannte Doktor Soki sehr schnell, war der Bruch zwischen Ruanda und Uganda. Nachdem Gewinn wichtiger geworden war als Gewinnen, ging die Freundschaft zwischen Kagame und Museveni in die Brüche. Sie kämpften nicht mehr gemeinsam um Kinshasa, sondern gegeneinander um Kisangani. Die Rebellen hatten Doktor Sokis Stadt bereits im August 1998 eingenommen. Kisangani war der wichtigste regionale Umschlagplatz für Diamanten. Überall in der Stadt gab es &#039;&#039;comptoirs du diamant&#039;&#039;, Wechselstuben, oft von Libanesen, wo Schürfer und Kuriere aus dem Inland anklopften, um ihre Steine zu verkaufen. Erst schwang Uganda dort das Zepter, aber Ruanda wollte auch einen Teil der Beute und beschloss, Uganda zu vertreiben. Dreimal kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in den Straßen der drittgrößten Stadt des Kongo. Bewohner von Kisangani sprechen noch heute über den »eintägigen Krieg« (August 1999), den »Dreitagekrieg« (Mai 2000) und den »Sechstagekrieg« (Juni 2000). Der letztgenannte Konflikt war besonders heftig, erinnert sich Doktor Soki noch. Offiziell sollte die Stadt damals entmilitarisiert werden. Jeeps fuhren weg, aber beide Lager befürchteten, der Gegner könnte sofort in die Lücke stoßen.28 Die Truppenstärke der UNO-Friedensmission, der MONUC (&#039;&#039;Mission de l&#039;Organisation des Nations Unies au Congo&#039;&#039;), war beträchtlich angewachsen, doch das reichte nicht aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Ugander standen im Norden der Stadt, beim Tshopo-Fluss und auf dem Gelände der Textilfabrik Sotexki. Die Ruander standen im Süden, beim Kongofluss. Wer wen provozierte, lässt sich nicht eindeutig sagen, aber der geplante Abzug eskalierte in einem großen Feuergefecht mit schweren Waffen. Innerhalb von sechs Tagen flogen mehr als tausend Granaten über die Wohnviertel der Stadt mit der schönsten modernistischen Architektur des ganzen Kongo.29 Die Menschen lebten in Kellern und hatten tagelang nichts zu essen. Nachts war der Himmel voller dröhnender Sternschnuppen. Es gab weder Wasser noch Strom. Die Menschen tranken verdorbenes Wasser aus Pfützen und Brunnen und litten unter einem Krieg, der nicht der ihre war. Uganda und Ruanda kämpften um den kaputten, aber reichen Kongo, so wie ein Schakal und eine Hyäne am selben Kadaver herumzerren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter dem städtischen Krankenhaus wurde ein improvisierter Friedhof angelegt. Allein schon während des Sechstagekrieges gab es vierhundert zivile Opfer. Die Zahl der Verletzten und der zerstörten Häuser war unübersehbar. »Es war an einem Montagmorgen um zehn Uhr, als der Krieg ausbrach, ich besprach gerade Baupläne mit einem Kunden.« Ingenieur Utshudi war nicht zu Hause, als eine der ersten Granaten auf sein Haus fiel. »Wir wohnten in der Deuxième Avenue Nr. 11 in der Gemeinde Tshopo. Ich kam nach Hause, aber keines der Häuser stand mehr. Es war eine Wüste. Überall lagen Leichen. Sie haben sechs Tage dort gelegen. Wir mussten fliehen. Die Soldaten schossen sogar auf Totengräber. Als der Krieg vorbei war, haben wir die Leichen weggeholt. Wir steckten sie in Säcke und begruben sie auf dem Friedhof hinter dem Krankenhaus. Ich habe auf einen Schlag meine Frau, meine jüngere Schwester, meine Schwägerin und meine vier Kinder verloren, sieben Angehörige. Jetzt bete ich zu Gott, dass ich vergessen darf.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bruch zwischen Ruanda und Uganda verlief parallel zu einem Bruch im RCD: Die Rebellenbewegung spaltete sich in eine pro-ruandische Fraktion (den RCD-G – das G steht für Goma – unter der Führung von Émile Ilunga und später vor allem Azarias Ruberwa) und eine pro-ugandische Fraktion (den RCD-K – K für Kisangani – unter Führung von Wamba dia Wamba und später Mbusa Nyamwisi, auch als RCD-ML – ML für Mouvement de Libération – oder RCD-K/ML bezeichnet).31 Der Kongo war nicht nur reich an Rohstoffen, sondern auch an Abkürzungen. Doktor Soki beschäftigte sich kaum damit: »Über Politik habe ich nicht viel nachgedacht. Der Grund für den Krieg war uns nicht bekannt.« Als der Sechstagekrieg begann, zogen internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter ab. Doktor Soki blieb in einer belagerten Stadt mit einer halben Million Einwohner zurück. Wie der Arzt in &#039;&#039;Die Pest&#039;&#039; von Camus versuchte er die Menschenwürde in einer menschenunwürdigen Welt zu bewahren. »Sechs Tage lang arbeitete ich allein im städtischen Krankenhaus von Kisangani. Es gab drei Pfleger und fünfzehn Praktikanten. Erst später stieß ein amerikanischer Chirurg vom Roten Kreuz dazu. Die Leute schliefen auf ihren selbst geflochtenen Matten auf dem Boden. Decken und Medikamente kamen später. Wir arbeiteten von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. Zweitausend Menschen haben wir behandelt, Menschen mit Schusswunden im Bauch, im Brustkorb, in den Gliedmaßen oder sogar im Kopf, Menschen, deren Bauch von Granatsplittern aufgerissen war. Wir entfernten Blut aus der Lunge und Schrapnellgeschosse aus der Blase, wir amputierten. Es war echte Kriegschirurgie, aber wir hatten sehr wenige Infektionen. Dabei hatten wir am Anfang nicht mal Diesel für das Stromaggregat. Wir mussten unsere Sterilisationsapparate auf einem Holzkohlenfeuer erhitzen. Und dann schlug auch noch eine Granate im Krankenhaus ein. Einer von den zwei Operationssälen wurde zerstört, und unsere Zisterne mit fünftausend Litern Wasser lief aus. Unter den Kranken und dem Personal brach Panik aus. Nicht mal hier waren wir sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki sprach mit ruhiger Stimme über das Inferno jener Woche. Nichts Heroisches lag in seinen Worten, eher Resignation und Kummer. »Wir haben auch Soldaten behandelt. Vier ugandische Soldaten brachte man uns, der Bauch aufgerissen, die Gedärme hingen heraus. Wir konnten sie retten. Wir haben uns um alle gekümmert, wir haben niemand diskriminiert. Wenn ruandische Soldaten kamen, haben wir sie in einen anderen Saal gelegt. Ich habe einfach weitergemacht, wegen des Leidens, das ich selbst durchgemacht hatte. Ich hatte siebenhundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt und unterwegs Kinder und Erwachsene sterben sehen. Ich hatte offenkundig den Mut, mich selbst den anderen zu schenken.« Und jetzt isst er allein sein Omelett. Er redet nicht gern. »Wir hatten in der Woche auch eine Geburt. Durch die Aufregung bekamen viele Frauen ihre Kinder vorzeitig. Wir machten einen Kaiserschnitt. Ich hielt das Kind. Gott schenke ihm das Leben, dachte ich.«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Teilnahme an dem Massaker 1997 in Tingi-Tingi bei Kisangani war Leutnant Papy mit der AFDL in Kisangani gelandet. Er heiratete, legte die Waffen nieder und zog zur Familie seiner Frau in den Busch, wo er ein Stückchen Land bestellte. Endlich führte er das Leben eines Durchschnittskongolesen in Friedenszeiten: das eines Bauern. Aber dann kam im Mai 1999 Wamba dia Wamba nach Kisangani, aufgrund der Spaltung des RCD. »Er sagte: ›Ihr wollt für euer Land kämpfen, aber die Ruander wollen uns besetzen. Schaut nur nach Goma!‹« Bauer Papy fand, dass es mit der Landwirtschaft nun reichte, und er wurde wieder Leutnant Papy. Drei Monate lang wurde er ausgebildet, diesmal von einem ugandischen Oberst. Wamba hatte zweifelsohne das Lager gewechselt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im August 1999 war Papy dabei, als Ruanda zum ersten Mal Kisangani beschoss und einnahm. Als Wamba sein Hauptquartier nach Bunia verlegte, zog er ebenfalls ostwärts. Nun wollte er sich bei Roger Lumbala melden. Der hatte in Bafwasende, dem Herzen des Diamantengebiets, eine eigene kleine Rebellenarmee aufgestellt, den RCD-N (N für National, obgleich Lokal besser gepasst hätte). Er kam aus dem RCD-G, flirtete mit dem RCD-K/ML, gründete den RCD-N und paktierte schließlich mit Bembas MLC.33 Die Rebellenbewegung zerfiel, vor allem auf ugandischer Seite, und Leutnant Papy verlor zunehmend die Orientierung. Erst wollte er sich Lumbala anschließen, dann doch lieber nicht, dann wollte er zurück zu Wamba, aber dessen Platz nahm jetzt Mbusa ein, eigentlich wollte er zurück zu seiner Familie, die in Beni lebte, doch das war weit weg, also blieb er eben bei Mbusa. Loyalität war vor allem eine Frage von Opportunität. Schließlich durchstreifte er jahrelang mit einem kleinen Trupp von Soldaten den Urwald der Gegend, die in besseren Zeiten Parc National de l&#039;Okapi geheißen hatte, mit achtzehntausend Quadratkilometern eines der größten Naturreservate des Kongo, Weltnaturerbe seit 1996, für gewöhnlich nur bewohnt von Mbuti-Pygmäen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Trupp bestand aus sieben Männern, und Papy war &#039;&#039;chef de peloton&#039;&#039;. Tief im Urwald gelangten sie in den kleinen Ort Bomili, wo sie eine wunderbare Aussicht über den Zusammenfluss des Ituri mit einem Nebenfluss hatten. An diesem Ort hatte ein Mann namens Mamadou das Sagen, ein Wilderer aus Mali, der sich als Dorfoberhaupt aufspielte. Es erinnerte an die Art, in der Msiri, der afro-arabische Sklavenhändler, der von der Ostküste stammte, sich 1856 zum König der Lunda hatte ausrufen lassen. Das Machtvakuum begünstigte neue, von außen eingeführte Strukturen: Ausländische Händler konnten ungestraft agieren und sich, mit einiger Gewalt, reale politische Macht aneignen. Um das Jahr 2000 herrschten im Landesinneren des Kongo ähnliche Wildwest-Verhältnisse wie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar die Handelsware war die gleiche. »Mamadou hatte ein Haus voller Elfenbein. Ich sah fünfzehn Stoßzähne, fast zwei Meter lang. Er hatte vier Jäger, einen Mann, der Pascal hieß, und drei Pygmäen. Auch Felle von Okapis lagen da und das Horn eines Nashorns. Mamadou nahm uns alles ab, sogar unsere Ketten. Drei Stunden lang hat er uns geschlagen. Dann sagte er zu uns: ›Tragt das Elfenbein für mich, sonst töte ich euch.‹« Ein Satz, der so im neunzehnten Jahrhundert hätte fallen können. Papy und seine Männer wanderten sieben Kilometer mit den Stoßzähnen auf der Schulter, in demselben Gebiet, in dem die &#039;&#039;arabisés&#039;&#039; früher ihre Sklavenjagden veranstalteten. Als es dunkelte, bauten sie sich drei kleine Hütten für die Nacht. Sie hatten nicht die Absicht, weiterhin brav den Träger zu spielen. »Nach einer Stunde kam Mamadou. Er war uns gefolgt und eröffnete das Feuer. Einer von uns wurde getötet, darauf haben wir drei seiner Jäger ermordet, darunter Pascal. Wir sind geflohen und haben das Elfenbein vergraben. Ich muss es noch irgendwann holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papys Erzählungen zuzuhören, war, als würde ich noch einmal &#039;&#039;Herz der Finsternis&#039;&#039; lesen und in eine düstere, dunkelgrüne Welt voller dumpfer Gewalt eintauchen. Eine Welt, bevölkert mit schemenhaften Typen, ebenso grausam wie finster und betrunken. »Mamadou arbeitete mit Ramses zusammen, &#039;&#039;le Roi des Imbéciles&#039;&#039;, dem »König der Schwachköpfe«. Der war die Nummer zwei von Bembas MLC. Es herrschte große Rivalität mit dem RCD-ML von Mbusa.« Eine unheilvolle Welt mit nebulöser Logik. Die pro-ugandischen Rebellen kämpften nicht mehr gegen Kinshasa, nicht einmal mehr gegen Ruanda, sondern einfach gegeneinander. »Der MLC wollte sich in Richtung Osten ausbreiten. Sie griffen Isiro an, später auch Beni und Butembo. Ramses war ihr Kommandant. Bei Mambasa haben seine Männer Kannibalismus an Pygmäen begangen.« Eine fiebrige Welt mit bizarren Ritualen und schauerlichen Szenen. Pygmäen wurden sogar gezwungen, Körperteile ihrer gerade ermordeten Angehörigen zu essen. Neugeborenen wurde das Herz herausgeschnitten, und es wurde verzehrt . . .34 Eine schwülheiße Welt mit tropfenden Bäumen und fernen Tierschreien. Leutnant Papy schnaubte. Die Verachtung sprach aus seinen trostlosen Worten. »Eines Tages vermisste ich meinen Freund, meinen Kameraden. Wir konnten ihn erst nicht finden. Dann entdeckten wir ihn in einer Kurve am Straßenrand. Ramses hatte ihn erwischt. Sein Kopf war auf einen Pfahl gespießt. Weiter unten hatten sie seinen Schwanz an die Stange gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Welt der panischen Angst. Zwei Millionen Bürger flohen ins Nirgendwo. Tief im Urwald waren Dorfbewohner so abgeschlossen von der Außenwelt, dass es keine Kleidung mehr gab, die ihre Lumpen ersetzen konnte. &#039;&#039;Les nudistes&#039;&#039; wurden sie genannt. Nackt liefen sie durch den Wald auf der Suche nach etwas zu essen, als lebten sie im Jahr 1870, nun jedoch kannten sie die Scham.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Kolonialzeit war das Gebiet um Bomili wegen seiner kleinen Goldminen bekannt. Die Goldadern waren nicht so ergiebig wie die im weiter östlich gelegenen Kilo-Moto, aber immer noch der Mühe wert. Leutnant Papy verlegte sich auf die Goldgewinnung und war dabei ein ganzes Stück erfolgreicher als beim Elfenbeinhandel. Soldaten wurden zu Unternehmern, Mörder zu Händlern. »Fünfunddreißig kleine Goldminen in der Gegend von Nia-Nia standen unter meiner Kontrolle. Das war mein Sektor. Keiner bezahlte mich und meine Leute, aber jede Mine hatte ihren eigenen CEO.« Auch wenn es sich dabei in der Regel um Heranwachsende in zerrissenen Unterhemden handelte, deutete die Bezeichnung CEO (PDG im Französisch von Papy, &#039;&#039;président-directeur-général&#039;&#039;) doch auf eine gewisse Formalisierung der Plünderökonomie hin. »Ich rief alle CEOs zusammen und hielt eine Ansprache: ›Ihr müsst etwas beisteuern, sonst nehmen die Soldaten das selbst in die Hand, und dann habt ihr echte Probleme. Jeder muss einen Beitrag leisten: &#039;&#039;l&#039;effort de guerre&#039;&#039;. Pro Monat will ich von jedem von euch fünf Gramm Gold.‹ Es kam zu einer Diskussion, schließlich einigten wir uns auf drei Gramm. In manchen Minen arbeiteten fünftausend &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, aber die CEOs bekamen auch nur einen kleinen Teil der Ausbeute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von industriellem Bergbau war längst nicht mehr die Rede. Die Maschinen aus der Kolonialzeit rosteten seit Jahrzehnten vor sich hin. Die Arbeit machten jetzt sogenannte &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, junge Männer und Kinder, die mit einer Spitzhacke ans Werk gingen. Es erinnerte an den frühesten Bergbau in Katanga ein Jahrhundert zuvor, mit dem Unterschied, dass niemand in einem Arbeitsverhältnis stand, sondern jeder ein selbstständiger Unternehmer war, der einen Teil seiner Ausbeute als Steuer an einen Höhergestellten weiterreichte. »Ich machte meine Runde zu allen Minen, um die Steuer zu kassieren. Damit musste ich meine Leute ernähren, aber auch meine höheren Offiziere zufriedenstellen. Ich verkaufte das Gold an Brigade- oder Bataillonskommandanten. Außerdem beanspruchte ich ein paar Quadratmeter der Mine für den Eigengebrauch. Ich hatte überall Gruben und um die zehn Schürfer, die für mich den Sand im Fluss siebten. So kam ich auf gut fünfhundert Gramm im Monat, bon, wenn ich Glück hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner Position befand sich Papy in der Pyramide der Kriegsökonomie irgendwo im Mittelbereich. Der handwerkliche Bergbau bestand aus einer langen Kette: von den Schürfern über den Minenleiter (»CEO«) und Minenbesitzer zu den höheren Offizieren und dann zu den &#039;&#039;comptoirs&#039;&#039; in den städtischen Zentren oder sogar direkt nach Uganda, wo das Edelmetall an internationale Goldhändler weiterverkauft wurde. Salim Saleh, der Bruder von Präsident Museveni, war eine Schlüsselfigur bei solchen Transaktionen. In den großen Goldminen von Kilo-Moto überging man all diese Mittelspersonen. Dort kontrollierte die ugandische Armee die Gruben direkt. Bergarbeiter mussten ohne Schutzvorrichtungen und ohne Lohn, ohne Schuhe und oft ohne angemessenes Handwerkszeug graben, während sich Gewehrläufe auf sie richteten. Arbeitsunfälle passierten zuhauf. Beim Einsturz eines Stollens kamen 1999 mindestens hundert Menschen ums Leben.36 1999 und 2000 hatte der Goldexport Ugandas einen Wert von neunzig bis fünfundneunzig Millionen Dollar pro Jahr. Ruanda exportierte damals jährlich Gold im Wert von neunundzwanzig Millionen Dollar. Viel, wenn man bedenkt, dass beide Länder keine nennenswerten Goldvorhaben aufweisen.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnlich war es mit anderen Mineralien. Vor dem Beginn des Krieges exportierte Uganda Diamanten im Wert von weniger als zweihunderttausend Dollar, 1999 hatte sich der Export fast verzehnfacht auf 1,8 Millionen Dollar.38 Ruanda, ein Land ohne Diamanten, exportierte diese Steinchen möglicherweise sogar in einem Wert bis zu vierzig Millionen Dollar pro Jahr.39 Das erklärt sofort, warum die Kontrolle über Kisangani so wichtig war. Es ging aber nicht nur um Edelmetalle und Edelsteine. Das viel banalere Zinn, weltweit zur Herstellung von Konservendosen genutzt, verschaffte sich Ruanda ebenfalls begierig im Kongo. Zwischen 1998 und 2004 produzierte das Land rund 2200 Tonnen Kassiterit (Zinnerz) vom eigenen Boden, aber exportierte 6800 Tonnen, mehr als dreimal so viel. Die Differenz stammte aus den Kassiterit-Minen im Kivu.40 Das Gebiet um die Großen Seen glich einer Art afrikanischem Schengen, einem gemeinsamen Markt, wo Güter unkontrolliert die Grenze passieren durften. Auch tropisches Hartholz, Kaffee und Tee verschwanden in Richtung Osten. Der Kongo wurde ein Selbstbedienungsladen.41 Der &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039; wurde nun von Afrikanern selbst organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es Coltan. Es sah nicht besonders aus, es ähnelte schwarzem Split, es hatte ein immenses Gewicht, man fand es im Schlamm, doch die ganze Welt war plötzlich scharf darauf. Für Ruanda wurde dieses Erz zum allerwichtigsten ökonomischen Trumpf im Kongo. Was Kautschuk um 1900 war, war Coltan um das Jahr 2000: ein Rohstoff, der in großen Mengen lokal vorhanden war (im Kongo befinden sich Schätzungen zufolge über 80 Prozent des weltweiten Coltanvorkommens) und nach dem plötzlich global eine akute Nachfrage herrschte. Handys wurden die Gummireifen der neuen Jahrhundertwende. Coltan besteht aus Columbit (Niob) und Tantal, zwei chemischen Elementen, die in Mendelejews Periodensystem genau untereinander stehen. Während Niob zur Herstellung von rostfreiem Stahl für u. a. Piercings gebraucht wird, ist Tantal ein Metall mit extrem hohem Schmelzpunkt (fast 3000 Grad Celsius). Dadurch ist es äußerst geeignet für Superlegierungen in der Raketenindustrie und Kondensatoren in der Elektronik. Egal welches Mobiltelefon, welchen MP3-Player, DVD-Recorder, Laptop oder welche Spielkonsole man aufbricht, man findet im Innern ein kleines grünes Labyrinth, auf dem allerlei Unbegreifliches festgesteckt ist. Die tropfenförmigen, grellbunten Perlen, das sind die Kondensatoren. Wenn man sie aufkratzt, hält man ein Bröckchen Kongo in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 2000 kam es zu einem wahren Coltan-Rausch. Nokia und Ericsson wollten eine neue Handygeneration auf den Markt bringen, und Sony war im Begriff, die Playstation 2 zu lancieren (wegen eines Engpasses beim Coltan-Angebot musste die Markteinführung verschoben werden).42 In weniger als einem Jahr verzehnfachte sich der Preis des Coltan-Erzes von dreißig auf dreihundert US-Dollar pro Pound. Neben einer Lagerstätte in Australien war der Ost-Kongo der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Rohstoff gefördert wurde. &#039;&#039;Down under&#039;&#039; bedeutete das Coltan-Erz eine willkommene Einnahmequelle für den Staat, im Kongo aber war es eher ein Fluch als ein Segen. Ein schwacher Staat mit einem Reichtum an Bodenschätzen – das führt unausweichlich zu Problemen. Sämtliche Coltanminen standen unter der Kontrolle Ruandas. 1999 und 2000 exportierte Kigali Coltan im Wert von schwindelerregenden 240 Millionen Dollar – pro Jahr. Der größte Teil davon war Reingewinn. Ruanda musste zwar die Händler und Rebellen im Kongo bezahlen, doch im Vergleich zu den Einnahmen waren das Peanuts. Der finanzielle Nutzen überstieg die Kosten um das Dreifache.43 Hin und wieder eine Kiste Kalaschnikows war da nicht der Rede wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruanda und Uganda waren dennoch nicht die größten Profiteure des Rohstoffraubs im Ost-Kongo. In einer globalisierenden Ökonomie waren Staaten auch nur Zwischenglieder in einem Geflecht von komplexen internationalen, in stetiger Veränderung begriffenen Handelsnetzen. Kagame und Museveni befanden sich nicht am Ende einer Versorgungslinie. Es waren multinationale Bergbaukonzerne, obskure Mini-Fluggesellschafen, notorische, aber ungreifbare Waffenhändler, zwielichtige Geschäftsleute in der Schweiz, in Russland, Kasachstan, Belgien, den Niederlanden und Deutschland, die beim Hehlen der Rohstoffe aus dem Kongo absahnten. Sie agierten auf dem sehr freien Markt. Politisch war der Kongo eine Katastrophe, ökonomisch ein Paradies – für so manchen jedenfalls. Gescheiterte Staaten ermöglichen die Erfolgsgeschichten eines überhitzten, globalen Neoliberalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papy war davon relativ unbeeindruckt. Eines Tages beschloss er, sein Glück erneut mit dem Elfenbeinhandel zu versuchen. Mit ein bisschen Hilfe von ein paar Pygmäen müsste es gelingen. »Ich hatte die Erlaubnis des Dorfvorstehers. Vier Tage dauerte es, ehe wir eine Spur fanden, eine Woche lang sind wir ihr gefolgt. Als wir den Elefanten endlich sahen, hatte er nur einen Stoßzahn. Später fanden wir eine Herde. Ich schoss einen, eine Kuh. Abends aßen wir den Rüssel. Das schmeckte prima.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den rund sechstausend Elefanten im Okapi-Reservat, in dem Papy umherstreifte, wurde mehr als die Hälfte getötet, wegen des Elfenbeins und wegen des Fleischs. Wildern wurde Big Business im Kongo. Von den hundertdreißig Berggorillas – einer ohnehin seltenen Tierart – im Kahuzi-Biega-Park verschwand fast die Hälfte. Im Virunga-Park gab es mehr als zwanzigtausend Nilpferde; nur 1300 überlebten den Krieg.44 Da die Bevölkerung jährlich 1,1 bis 1,7 Millionen Tonnen &#039;&#039;bushmeat&#039;&#039; verspeiste und zweiundsiebzig Millionen Kubikmeter Brennholz verbrauchte, litt die Natur sehr unter dem Krieg.45 Die industrielle Waldnutzung kam zum Erliegen, doch da die Stromversorgung ausgefallen war, kochte der ganze Kongo wieder auf Holz; der Durchschnittsverbrauch betrug ein Kubikmeter pro Person pro Jahr. Bushmeat war hauptsächlich das Fleisch von Affen und Antilopen. Auf allen Märkten sah man geräucherte, fast verkohlte Äffchen mit zusammengeschmorten Augen und aufgesperrten Mäulern. Auf meiner ersten Kongoreise im Jahr 2003 sah ich sogar noch, wie auf dem Markt von Kinshasa Elefantenfleisch verkauft wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Papys Laufbahn als Wilderer währte jedoch nicht lange. »Am nächsten Tag gingen wir zurück, um die Stoßzähne zu holen. Neben der toten Mutter stand ein Kleines. Das habe ich dann auch noch geschossen. Mitleid, was ist das? Als ich es mir näher ansah, fand ich nur zwei ganz mickrige Stoßzähne. Bon, ich handelte doch lieber mit Gold.«46&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Phase des Krieges dauerte lange an, weil viele daran verdienten, nicht nur die großen multinationalen Konzerne weit weg, nicht nur gerissene Händler in kleinen, klimatisierten Büros, nicht nur die militärischen Machthaber in den Nachbarländern, sondern jeder auf jeder Stufe der Pyramide. Für die einfache Bevölkerung gab es endlich wieder eine Möglichkeit, nach den erbärmlichen Mobutu-Jahren Geld zu verdienen. Das zeigte sich nirgends deutlicher als während des Coltan-Booms. Bauern in Nord- und Süd-Kivu verließen ihre kärglichen kleinen Felder, Kinder liefen in Massen von der Schule weg, sogar Lehrer ließen ihren Job im Stich. »Uns ist klar, dass das Graben nach Coltan keine Lösung für unsere Alltagsprobleme ist«, sagten einige Schürfer, »aber hier verdienen wir viel mehr als früher.« Die Risiken nahmen sie in Kauf. Vor allem Männer konnten finanzielle Autonomie zurückgewinnen. Die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre hatte Frauen neue Chancen geboten, der mit Muskelkraft betriebene Bergbau im Krieg aber war die Domäne der Männer. »Nach Coltan graben ist sehr rentabel«, sagten zwei &#039;&#039;mamans&#039;&#039;, »aber nur die Ehemänner profitieren davon. Sobald sie Geld haben, verschwinden sie und suchen sich andere Frauen in Goma. Für die kaufen sie sogar Häuser, und unsere eigenen Kinder leiden Not und gehen nicht zur Schule.«47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Profitstreben war nicht der Grund für den Krieg gewesen; doch da nun so viele davon profitierten, dauerte er an.48 Geschäft und Krieg hielten einander im Klammergriff: Die Wirtschaft war militarisiert, die Gewalt kommerzialisiert. Soldaten wie Leutnant Papy boten ihre Dienste überall da an, wo es für sie lukrativ war. Die Schattenwirtschaft von früher war zu einer militärischen Wirtschaft geworden: Noch immer ging es um groß angelegten Schmuggel kongolesischer Reichtümer, nun jedoch kam die Kalaschnikow hinzu. Extreme Gewalt wurde alltäglich, ethnisch motivierter Hass glich verdächtig stark kommerzieller Konkurrenz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie holten Kasore, einen Lendu in den Dreißigern, aus seiner Familie und fielen mit Messern und Hämmern über ihn her«, sah ein Augenzeuge im goldreichen Mongbwalu in der Provinz Orientale. Dort kämpften die Hema und die Lendu, die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen im Ituri-Distrikt, um die Minen. Früher waren die Minen ein ethnischer Schmelzkessel, jetzt stifteten sie Zwietracht. Ugandas Politik stachelte den Rassenhass an.49 Die Hema, so der Augenzeuge, »töteten Kasore und seinen Sohn (um die zwanzig) mit Messern. Dem Sohn schnitten sie die Kehle durch und schlitzten ihm den Brustkorb auf. Sie durchschnitten die Sehnen seiner Fersen, zertrümmerten seinen Kopf und zerrten seine Gedärme heraus.« Jetzt haben wir hier das Sagen, äußerten die Belagerer nach manchen Aktionen. Die Kehrseite der Globalisierung war die Tribalisierung; der internationale Rohstoffraub ging mit dem Aufleben alter und der Entstehung neuer Riten einher. Ein Hema musste sich einem bizarren Test bei einem &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; unterziehen: »Er hatte zwei Eier. Ich war gefesselt, ich hatte Todesangst. Er rollte die Eier auf dem Boden bei meinen Füßen. Er sagte, wenn die Eier wegrollen würden, sähe man mich als unschuldig an. Aber wenn sie zu mir hin rollten, würde ich als ein Hema gelten und damit als Schuldiger. Ich hatte Glück, die Eier rollten weg. Aber Jean, der bei mir war, hatte nicht so ein Glück. Die Eier rollten in die falsche Richtung, und sie sagten, er solle verschwinden. Als er wegrannte, schossen die Lendu mit Pfeilen auf ihn. Er stürzte. Sie hackten ihn mit ihren Macheten in Stücke, vor meinen Augen. Dann aßen sie sein Fleisch.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Profitgier ging es im Krieg auch um neue Formen der Moralität. Aussagen von Kämpfern finden sich selten in den Berichten von Menschenrechtsorganisationen. In Kasenyi, einem kleinen Fischerdorf am Albertsee, konnte ich mit viel Mühe ein paar von ihnen dazu bewegen, mit mir über dieses Thema zu reden. Das vorherrschende Bild, alle Kindersoldaten seien Opfer einer Entführung gewesen, entspricht nicht der Realität. Viele meldeten sich freiwillig. »Unser Dorf wurde zweimal angegriffen. Mein Opa, meine Schwester und mein Bruder wurden getötet. Ich war zwölf und schloss mich an. Aus freien Stücken. Unser Massaker war die Folge von ihren Massakern. Drei Jahre lang war ich bei der UPC [der wichtigsten Hema-Miliz].« Der junge Hema, der unbedingt anonym bleiben wollte, war jetzt ein Veteran: »Wir wurden von ruandischen Söldnern ausgebildet. Bosco Ntaganda war unser General. Er kämpfte auch gegen Joseph Kony. Ich war bei dem Blutbad von Mahagi dabei. Wir nahmen Mütter, Väter, Kinder. Uns wurde befohlen, zu töten, und ich tötete. Frauen und Kinder zu ermorden, das war mir unangenehm. Zum Glück hatte ich ein Gewehr, ich fürchtete mich davor, mit der Machete zu töten. Die Soldaten nahmen sich Mädchen, um sie zu heiraten. Ich musste zuschauen, wie sie sie vergewaltigten. Bosco sagte: ›Wenn du Soldat bist, kriegst du eine Frau umsonst. Alles ist dann umsonst.‹«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Land, in dem das Bildungswesen am Boden lag, es keine Jobs gab, die Brautpreise unbezahlbar waren und die durchschnittliche Lebenserwartung nur noch zweiundvierzig Jahre betrug, brachte der Krieg nicht nur Profit, sondern war auch Sinngebung. Kinder ohne Zukunft hatten auf einmal ein Ideal und eine Identität.52 »Meine beiden Brüder sind jetzt Fischer, sie fahren mit ihren Booten übers Meer«, erzählte ein anderer. »Im Krieg waren sie bei PUSIC [eine andere Hema-Miliz]. 2002 waren sie zwölf und vierzehn Jahre alt. Als sie aus dem Krieg zurückkamen, erzählten sie lachend von ihren Plünderungen und Vergewaltigungen. Der Krieg war ein Spaß, zwar ein Spaß, der den Tod mit sich brachte, aber doch ein Spaß.«53 Wenn man unter sich war, schwadronierte man von den alten Geschichten, wie Studenten nach einer berauschten Nacht. Die Kämpfe waren ein Bacchanal von Blut und Bier, ein dionysisches Ritual aus Rennen, Ergreifen und Beißen, ein Gelage mit gegrilltem Ziegenfleisch, weichem Mädchenfleisch, kreischenden Stimmen, Pulverdampf, Mädchenfleisch, das doch feucht wurde, na also, ein Rausch, ein Fluch, ein Karneval, eine vorübergehende Umkehrung aller Werte, eine bewusste Transgression, ein verbotener Genuss, durchdrungen von Angst, Schaudern und Humor, viel Humor. Ein Grauen erregendes Fest des zerbrech­lichen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich mit Muhindu, dem Mann, der Leichen im Kivusee versenkt hatte, am Ufer ein Bier trank, sagte er etwas Erschütterndes. »Ein Soldat ist wie ein Hund. Wenn man die Zwingertür aufmacht, richtet er Verwüstungen an. Bevor er uns morgens losschickte, sagte unser Chef: ›Stellt ruhig Dummheiten an.‹ Wir plünderten Häuser. Wir nahmen den Leuten Handys, Geld und Goldkettchen weg. Wir vergewaltigten. Wenn man die Erlaubnis hat zu töten, was bedeutet dann noch eine Vergewaltigung?« Ich saß in einem dämmrigen kleinen Büroraum in Goma. Der Straßenlärm drang herein. Es hingen keine Fahnen von internationalen NGO vor der Tür, es gab keine Logos, keine Klimaanlage. Es war der anonyme, diskrete Arbeitsplatz von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, dem einzigen Anlaufpunkt für kongolesische Frauen in der Stadt, geführt von Kongolesinnen. An dem Holztisch saß mir Masika Katsuva gegenüber, eine einundvierzigjährige Nande. Sie wohnte im Landesinneren. Die Nande waren in Orten wie Beni und Butembo erfolgreiche Händler, und das sah so mancher mit Missgunst. »Es war im Jahr 2000. Wir waren zu Hause. Mein Mann importierte Waren aus Dubai. Die Soldaten drangen ein. Es waren Tutsi. Sie sprachen Ruandisch. Sie plünderten alles und wollten meinen Mann töten. ›Ich habe euch schon alles gegeben‹, sagte er, ›warum wollt ihr mich auch noch ermorden?‹ Aber sie sagten: ›Große Händler sollen wir mit einem Messer umbringen, nicht mit dem Gewehr.‹ Sie hatten Macheten dabei. Sie hieben auf seinen Arm ein. ›Wir müssen fest zuschlagen‹, sagten sie, ›die Nande sind stark.‹ Sie haben ihn abgeschlachtet wie in einer Metzgerei. Sie rissen seine Eingeweide und das Herz heraus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Erzählen sah sie kein einziges Mal auf. Sie kratzte unaufhörlich mit der Kappe eines Kulis über die Maserung des Holzes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich musste alle Teile aufsammeln. Sie hielten mir ein Gewehr an den Kopf. Ich weinte. Alle Teile meines Mannes. Ich musste sie aufsammeln. Sie stachen mich mit einem Messer, davon habe ich die Narbe hier. Ich habe noch eine am Oberschenkel. Ich musste mich auf seine Körperreste legen um damit zu schlafen. Ich habe das getan, überall war Blut. Ich weinte, und sie vergewaltigten mich. Alle zwölf. Und danach meine beiden Töchter im Nebenzimmer. Ich wurde ohnmächtig und landete im Krankenhaus. Nach sechs Monaten war ich immer noch nicht geheilt. Ich blutete noch immer und verbreitete ekelhafte Gerüche. Meine Töchter waren schwanger. Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, aber meine Töchter haben sie nicht angenommen. Ich habe mich der Kinder erbarmt. Als ich zurückkehrte, hatte die Familie meines Mannes alles verkauft, das Haus, das Grundstück, alles. Sie sagten, es sei meine Schuld, dass mein Mann tot sei. Ich hatte keine Söhne und deshalb nicht das Recht, dort zu bleiben. Die Familie hat mich verstoßen. Wenn die Enkelkinder jetzt nach der Narbe fragen, kann ich nichts sagen. Es waren ihre Väter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2006 wurde Masika erneut geschlagen und vergewaltigt, diesmal waren es Männer von Nkunda. Sie suchten sie, weil sie, einsam und ins Landesinnere vertrieben, anderen vergewaltigten Frauen Unterricht gab. Jeden Tag empfing sie neue Opfer, Mädchen, die sich nicht trauten, Anzeige zu erstatten. »Ich könnte Nkunda ermorden. Gott vergebe mir. Sollte ich dabei sterben, habe ich wenigstens getan, was mich erleichtert. Ich bin noch immer allein. Die Männer wollen mich nicht mehr, und ich hasse alle Männer. Ich will anderen Frauen helfen. Mein Haus steht ihnen offen. Ich bete viel. Ich erhoffe mir nichts. Ich versuche zu vergessen. Aber wenn ich zurückdenke . . . An die Zeit, als mein Mann und ich zusammenlebten . . . Der ganze Kummer.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Wasser des Kivusees schwappt gegen die Anlegestege. Der Gipfel des Vulkans Nyiragongo verschwindet in den Wolken. Im Kreisverkehr fahren in langsamem Tempo Jeeps mit getönten Fenstern. Zwei Jungen schieben ein großes hölzernes Fahrrad durch den Schlamm. Das Vehikel ächzt unter einem meterhohen Sack voller bunter Flipflops. Und drinnen in einem halbdunklen kleinen Büroraum reibt eine Frau mit der Kappe eines Kulis langsam auf dem Holz hin und her, als wollte sie etwas wegkratzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 13 La bière et la prière ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Neue Player in einem zerstörten Land 2002-2006 ===&lt;br /&gt;
Auf die Frage, wo er am liebsten leben möchte, wird ein Durchschnittskongolese sehr wahrscheinlich mit &#039;&#039;»na Poto«&#039;&#039; antworten, »in Europa«. &#039;&#039;Poto&#039;&#039; im Lingala kommt von Portugal, dem ersten europäischen Land, mit dem Zentralafrika Bekanntschaft machte. Und konkret bedeutet Poto Brüssel oder Paris, denn das übrige Europa ist nicht von Bedeutung, bis auf London vielleicht. Jamais Kolonga, der in den fünfziger Jahren als Erster mit einer Weißen getanzt hatte, erzählte mir stolz, dass seine acht Enkelkinder nun alle in Europa leben. Poto bedeutet Erfolg. Fragt man denselben Kongolesen, wo er auf keinen Fall leben möchte, bekommt man mit Sicherheit zu hören: &#039;&#039;»na Makala«&#039;&#039;. Makala bedeutet Holzkohle, aber es ist auch ein Vorort von Kinshasa, wo in früheren Zeiten Holzkohle gebrannt wurde und wo heute das &#039;&#039;Centre pénitentiaire et de rééducation de Kinshasa&#039;&#039; steht, das Zentralgefängnis. In der populären Vorstellung steht »Makala« für alles, was ein Kongolese fürchtet und verabscheut. Das Wort ruft schon seit Mobutu Bilder von Hunger, Folter und Mord auf. Makala, das ist die Stätte, wo der Staat seine Giftzähne zeigt, ein düsterer, pechschwarzer Ort, triefend von Blut und Tod. Taxifahrer weigern sich nicht selten, ihn anzusteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und diesen blauen Zettel dürfen Sie auf keinen Fall, wirklich auf keinen Fall verlieren«, sagt der Gefängniswärter zu mir, bevor er das Tor öffnet. In einem chaotischen Eingangsgebäude, wo jeder lautstark verkündet, dass er für &#039;&#039;la sécurité&#039;&#039; zuständig ist, werde ich mehrmals durchsucht, und ich muss mein Handy und mein Geld in Verwahrung geben. Als Quittung für das Handy bekomme ich ein zerknittertes Stückchen Pappe mit einer Zahl. Die SIM-Karte hatte ich schon im Taxi herausgenommen. Mein Geld – zwanzig Dollar, mehr hatte ich absichtlich nicht eingesteckt – verschwand in einer Schublade. Ein Beamter riss ein Stück Papier ab und schrieb darauf, dass ich, &#039;&#039;monsieur David&#039;&#039;, zwanzig Dollar hinterlegt hatte. Aber noch wichtiger als diese beiden Garderobenzettel ist jetzt ein Streifen blaues Papier, um den ich nicht gebeten habe. Er ist kleiner als ein Zigarettenpapier, scheint aber unentbehrlich für meine Zukunft zu sein. »Wenn Sie nachher wieder herauskommen, müssen Sie das abgeben. Wenn Sie es nicht mehr haben, können wir Sie nicht durchlassen. Dann müssen Sie bis zum Abendappell bleiben, damit wir sehen können, ob noch alle da sind.« Auf meinen fragenden Blick bekomme ich eine Antwort. »Wir müssen uns sicher sein, dass Sie ihn nicht einem Häftling gegeben haben, der auf und davon ist, wissen Sie.« Und was ist, wenn zufällig ein Gefangener ausbricht? »Dann sind Sie der Hauptverdächtige.« Und was ist, wenn ich ihn wirklich nicht mehr habe? »Dann bleiben Sie eben hier.« Willkommen in Makala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schloss wird geöffnet. Ich überquere eine kleine, verdorrte Rasenfläche und trete in ein Haus, das als Schleuse dient. Ein paar Bewachern mit apathischen Blicken nicke ich grüßend zu. »Pavillon 1?«, frage ich so gelassen wie möglich, als ginge ich jede Woche in den Trakt der zum Tode Verurteilten. Einer der Männer deutet träge mit dem Kinn auf eine Tür. Ich gelange in einen schmalen Korridor zwischen zwei hohen Betonmauern. Hier endet das Reich der Aufseher und beginnt das Reich der Kriminellen. Weil die Gefängniswärter schon seit Jahren nicht mehr bezahlt werden, befinden sie sich in einer Art Dauerstreik. Sie erscheinen zwar noch an ihrem Arbeitsplatz, tun aber keinen Handschlag. Lustlos fläzen sie sich auf ihren Plastik-Gartenstühlen und fummeln an ihren defekten Walkie-Talkies herum. Der Direktor hat die Aufrechterhaltung der Ordnung intra muros dann eben den Häftlingen selbst übertragen – mit den entsprechenden Konsequenzen. Vom Himmel ist nur ein schmaler blauer Streifen zu sehen. Im Gang starren mich Hunderte Augen an. Rauer Lärm. Keiner trägt Gefängniskluft. Basketballshirts. Tanktops. Muskulöse Körper. Geschorene Köpfe. Makala war ursprünglich für fünfzehnhundert Häftlinge berechnet, inzwischen sind hier sechstausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stehen bleiben ist Schwäche. Ich zwänge mich durch ein Spalier junger Männer, die Geld und Zigaretten erbitten, nein, fordern. Und dann stehe ich vor dem berüchtigten Pavillon. Aus dem grellen Tageslicht trete ich in einen langen, düsteren Gang mit Zellen zu beiden Seiten. Ein paar Türen stehen offen, Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Stimmengewirr. Im Dunkeln sehe ich hier und da Gesichter von Inhaftierten um Kohlefeuer aufleuchten. Es erinnert an eine russisch-orthodoxe Basilika kurz vor der Mitternachtsmesse, aber das hier sind keine Ikonen, die im Flackern einer Kerze aufleuchten. Es sind zum Tode Verurteilte, die sich auf einfachen Kochern ihr Essen zubereiten, denn Verpflegung gibt es in Makala nicht. Wenn die Familie nichts zu essen vorbeibringt, muss man eben Gras oder Steine essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier«, sagt Antoine Vumilia in seiner winzigen Zelle. Ich sehe mich um und schätze die Maße auf 220 x 110 Zentimeter, schmaler als ein Doppelbett in Europa. »Ich teile die Zelle mit zwei anderen.« Er hat mir seine Pritsche als Sitzplatz angeboten. Auf dem Nachtschränkchen stehen ein paar Bücher: &#039;&#039;Reise ans Ende der Nacht&#039;&#039; von Céline, &#039;&#039;Hundert Jahre Einsamkeit&#039;&#039; von Márquez, Werke von Abdourahman Waberi, Zadie Smith, Colette Braeckman . . . Ein Glück, dass er die Bücher hat. »Die schwersten Jungs haben hier das Sagen. Die Direktion lässt ihnen freie Hand. Sie kontrollieren den Drogenhandel, das Geldwechseln und den Handel mit Telefonkarten.« Und dann, flüsternd: »Letztes Jahr haben sie drei Inhaftierte ›hingerichtet‹.« Mit einer Feuerwaffe? »Nein, einfach zu Tode getreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 16. Januar 2001. Antoine Vumilia arbeitete im Büro des &#039;&#039;Conseil National de Sécurité&#039;&#039;, Kabilas Sicherheitsdienst. Seine Abteilung befand sich direkt neben dem Palais de Marbre, dem Sitz des Staatsoberhaupts. Nur eine Wand trennte die Dienststelle von den Räumen des Präsidenten. Um die Mittagszeit erschreckte ihn ein Höllenlärm. »Ich hörte Schüsse«, erzählte mir Antoine in seiner Todeszelle, »es waren drei. Und ein paar Minuten später noch mal acht oder zehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der anderen Seite der Wand hatte Kabila ein Treffen mit einem Berater, als ein Kadogo auf ihn zugekommen war. Mzees Leibwache bestand noch immer aus treuen Kindersoldaten aus dem Kivu. Ruffin war zwar ein Jahr zuvor von UNICEF demobilisiert worden – er war 17 und musste in kurzen Hosen zurück zur Schule, unter Stadtkinder von 12, die nicht mal wussten, wie man eine AK-47 auseinandernahm –, aber Rashidi, einer seiner früheren Kampfgefährten, war noch immer im Dienst und trat nun auf den Präsidenten zu. Es sah so aus, als wolle er ihm etwas ins Ohr flüstern, doch dann zog er eine automatische Pistole und feuerte dreimal. Eine der Kugeln durchschlug den massiven Hinterkopf des Präsidenten. Kabila war auf der Stelle tot, bis auf einen Tag genau vierzig Jahre nach dem Mord an Lumumba. Wenige Minuten später wurde der junge Rashidi von Kugeln durchsiebt, die ein Oberst im Palast abfeuerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine Vumilia hatte das Feuergefecht gehört. Eine Woche später wurde er unter dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet. Als Sicherheitsbeamter hatte Antoine einige Monate zuvor in einem Bericht vor dem wachsenden Unmut der Kindersoldaten aus dem Kivu gewarnt. Die Kadogo waren Kabilas treueste Gefolgsleute, aber auch sie fühlten sich offenbar zunehmend zurückgesetzt. Antoine stammte selbst aus dem Kivu und wusste, was vor sich ging, aber da er die Betroffenen persönlich kannte, hatte er nicht alles offenlegen wollen. »Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits musste ich die Regierung beschützen, andererseits ging es um Freunde von mir. Sie waren sehr unzufrieden. Was soll man da machen? Im November 2000 wurde Masasu ermordet.« Der junge Masasu war ihr Held gewesen: ein Straßenkämpfer wie sie, ein Mann mit Mut und Schneid, ein Mitbegründer der AFDL.1 Nach der Einnahme Kinshasas im Mai 1997 hatte Kabila ihn jedoch kaltgestellt und ins Gefängnis gesteckt. Als er im Herbst 2000 entlassen wurde, träumte er öffentlich von einer Abtrennung des Kivu und war sehr populär. Kurz darauf wurde er erschossen. Unter den Kindersoldaten in Kinshasa kam es daraufhin zu heftigen Protesten mit Dutzenden Todesopfern. Die Liebe zum Mzee war für immer vorbei. Kabila hatte nun selbst die Brücke zu denen abgebrochen, die er »seine Kinder« nannte. Verbittert schmiedeten die Kinder ein Komplott. Rache, Blut, Mord. Antoine versuchte auf sie einzuwirken: »Das waren ganz junge Burschen. Sie wollten nur zeigen, dass sie es gründlich satt hatten. Ich sagte ihnen, es sei der reinste Selbstmord, es hätte nicht die geringste Zukunft.« Aber er wurde mit ihnen zusammen verhaftet und weigerte sich, gegen sie auszusagen in einem Prozess, der keiner war. »Ich sollte gegen Menschen aussagen, die ich kannte und mit denen ich im Gefängnis täglich aß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass Kabila aus anderen Gründen ermordet worden war.2 War es tatsächlich so sicher, dass das Komplott aus dem Kivu kam? War Angola nicht daran beteiligt? Ging es nicht um Diamanten? Es kursierte das Gerücht, dass Kabila, der Angola so viel zu verdanken hatte, inzwischen Geschäfte machte mit den verhassten Rebellen der UNITA, die den diamantenreichen Norden Angolas kontrollierten. Gab es nicht Libanesen, die als Mittelsmänner zwischen Kabila und der UNITA auftraten? Waren nicht gleich nach dem Mord elf libanesische Diamantenhändler in Kinshasa ermordet worden? Ja, das traf zu. Nur war alles so undurchsichtig, so nebulös. Niemand blickte wirklich durch, Antoine Vumilia schon gar nicht. »Ich habe versucht, die Jungs zu entlasten, aber das wurde so aufgefasst, dass ich mit ihnen unter einer Decke steckte.« Antoine wurde zusammen mit dreißig anderen zum Tode verurteilt. Eine Berufung war nicht möglich. Internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichneten den Prozess als Farce.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine ließ seinen Blick zum tausendsten Mal durch die Zelle schweifen. »Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier. Mir fehlen die Worte dafür, es ist eine einzige große Heuchelei. Die Oberen in der Regierung kennen die Wahrheit, aber sie wollten das Volk beruhigen, indem sie ihm schnell einen Sündenbock präsentierten.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Tod bedeutete einen Wendepunkt im Zweiten Kongokrieg. In aller Eile wurde sein Sohn ins Präsidentenamt berufen, Joseph Kabila. Wegen seines jugendlichen Alters (er war gerade neunundzwanzig) und der schüchtern klingenden Stimme wirkte er anfangs eher schwach. Die Kongolesen kannten ihn kaum, der Westen hielt ihn für eine Marionette. Doch kaum einen Monat später traf er sich in New York mit seinem ruandischen Amtskollegen und Erzfeind Paul Kagame, und er hielt einige bemerkenswerte Ansprachen: über Frieden, nationale Einigkeit und die Rolle der internationalen Gemeinschaft. Brach vielleicht doch eine neue Ära an? Ja. Nachdem die Vereinten Nationen in mehreren Berichten den Rohstoffraub durch Ruanda und Uganda eindeutig nachgewiesen hatten, konnten Kagame und Museveni nicht länger behaupten, sie seien nur aus Gründen der nationalen Sicherheit im Kongo. Es kam zu einer langen Reihe von Friedensverhandlungen in Gaborone (August 2001), Sun City (April 2002), Pretoria (Juli 2002), Luanda (September 2002), Gbadolite (Dezember 2002) und wieder Pretoria (Dezember 2002). In dieser letzten Verhandlungsrunde wurde – dank der brillanten Vermittlung des senegalesischen UNO-Sondergesandten Moustapha Niasse und unter großem Druck Südafrikas und der Afrikanischen Union – am 17. Dezember 2002, um drei Uhr morgens, der &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unterzeichnet, das entscheidende Friedensabkommen, das den Krieg ein für allemal beenden sollte. Ruanda und Uganda hatten sich schon zuvor mit einem Truppenabzug einverstanden erklärt, jetzt ging es um die inländischen Milizen. Zu den Unterzeichnern gehörten die Regierung in Kinshasa, einige Vertreter der Zivilgesellschaft, Tshisekedis UDPS, Bembas MLC, Ruberwas RCD-G, Mbusas RCD-ML, Lumbalas RCD-N und die Mai-Mai. Das Wort »inclusif« stand da mit Fug und Recht. Das Ganze war so inklusive, dass Kriegsverbrecher um des lieben Friedens willen nicht vor Gericht gestellt, sondern zu Vizepräsidenten befördert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen sah eine Übergangszeit von zwei Jahren mit einer Aufteilung der Macht nach der Formel »1+4« vor: Neben Präsident Kabila gab es vier Vizepräsidenten, zwei aus dem Kreis der Rebellen (Bemba und Ruberwa), einen aus Kabilas Entourage (Yerodia) und einen aus der unbewaffneten Opposition (überraschenderweise Z&#039;Ahidi Ngoma und nicht Etienne Tshisekedi, der schon seit einem Jahrzehnt gewaltlos kämpfte). In diesen zwei Jahren sollten alle vorhandenen Milizen zu einer neuen nationalen Armee zusammengelegt werden, und es sollten demokratische Wahlen vorbereitet werden. Die Frist konnte zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden. Bis zu der so lange erhofften Wahl wurden ein Übergangsparlament und eine Übergangsregierung eingesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen galt als historischer Meilenstein. Nach Jahren der Verzweiflung eröffnete sich nun eine riesige Chance auf Frieden und Wiederaufbau. Der neue Kongo wurde deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft intensiv unterstützt: Die Truppenstärke der MONUC, der UNO-Friedensmacht, wurde auf 8700 Blauhelme erhöht und stieg in den folgenden Jahren weiter auf 16.700 Blauhelme an; es handelte sich damit um die größte UNO-Operation in der Geschichte (und mit einem Budget von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr zugleich um die teuerste).5 Die Blauhelme sollten unter dem Kommando des immer optimistischen Amerikaners William Swing den Waffenstillstand überwachen und die Entwaffnung begleiten. »Ça va swing!« hieß ein populärer Song im kongolesischen Rundfunk, der Swings starken englischen Akzent parodierte. Politisch wurde die neue Regierung vom CIAT an die Hand genommen, dem &#039;&#039;Comité International d&#039;Accompagnement à la Transition&#039;&#039;; diese einzigartige Form von bilateraler und multilateraler Diplomatie bedeutete, dass die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates zusammen mit den Botschaftern Belgiens, Kanadas, Angolas, Gabuns, Sambias und Südafrikas neben Vertretern der Afrikanischen Union, der Europäischen Union und der MONUC das Land faktisch mit regierten. Das CIAT war kein externes Beratungsorgan, sondern eine formelle Institution des Übergangs.6 »Wir bildeten eine Begleitkommission«, sagte Johan Swinnen, ehemaliger belgischer Botschafter in Kinshasa, »wir hatten keine legislative Macht, aber eine aktivierende, stimulierende Funktion. Wir stellten Expertise zur Verfügung. Wir wollten keine Besserwisser oder Eindringlinge sein, sondern Verbündete. Trotzdem gab es Reibungen zwischen dem CIAT und den 1+4. Am Ende waren wir sehr kritisch und erstellten ein paar scharfe Kommuniqués. Sie verfluchten uns. &#039;&#039;They didn&#039;t like us anymore.«&#039;&#039;7 Man sprach von einer »kontrollierten Souveränität«, de facto aber stand das Land teilweise unter Kuratel. MONUC und CIAT waren mehr als nur die Stützräder des neuen Kongo.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war auch notwendig, denn die neuen Machthaber brachten nicht viel zustande. Sie griffen zu den verfehlten Praktiken des Mobutismus mit einer Leidenschaft, über die sogar Mobutu ins Staunen geraten wäre. Während wichtige Vorhaben wie etwa die Reform der Armee und des Wahlrechts der Bearbeitung harrten, betraf eines der ersten Gesetze des Parlaments . . . die Erhöhung der Diäten. Das festgesetzte Monatssalär der Parlamentarier von sechshundert Dollar (schon an sich großzügig in einem Land, in dem ein Professor dreißig Dollar erhielt) wurde auf zwölfhundert Dollar verdoppelt. Die Senatoren stockten ihr Gehalt wegen ihres würdigen Alters sogar auf fünfzehnhundert Dollar im Monat auf.9 2005 genehmigte sich die vollzählige Volksvertretung (620 Abgeordnete) ein anständiges Fahrzeug: Jeder bekam einen nagelneuen SUV im Wert von 22.000 Dollar, denn der miserable Zustand der Straßen in Kinshasa erforderte eine stabile Karosserie.10 Dass man mit dem Geld auch die Straßen hätte instand setzen können, stand offenbar gar nicht erst zur Debatte. Politische Mandate wurden noch immer als schneller Weg zum eigenen finanziellen Vorteil gesehen und nicht als eine Möglichkeit, die Gesellschaft nachhaltig wiederaufzubauen. Gute Regierungsführung brachte keine persönlichen Vorteile, während sich Korruption nicht nur in finanzieller, sondern auch in sozialer Hinsicht lohnte: Man erwarb sich damit Anerkennung. »Man darf nicht vergessen, dass unsere Politiker aus armen Familien stammen«, sagte mir einmal ein kongolesischer Schulleiter.11 Während Korruption im Westen als verantwortungslos gilt, wird sie im Kongo oft als besonders verantwortungsvolles Verhalten angesehen. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn man eine goldene Chance, seine Familie zu ernähren, ungenutzt ließe.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Minister und Vizepräsidenten trieben es noch bunter. Sie waren der Ansicht, jeder von ihnen habe das Recht auf eine »Sonderregelung« für seine »logistischen Notwendigkeiten«. Übersetzt in normale Sprache hieß das: eine Villa und ein privater PKW. Die vier Vizepräsidenten bekamen sogar eine Villa mit drei Badezimmern, dazu einen Mercedes, ein Zweitauto und zwei Begleitwagen. Die Hoffnung, dass das »Quinquevirat« des Präsidenten und der Vizepräsidenten sich gegenseitig kontrollieren und auf die Einhaltung moralischer Maßstäbe achten würde, erwies sich schon bald als reichlich naiv. Die Herren ließen sich gegenseitig gewähren und hatten nur eine gemeinsame Sorge: die Übergangszeit auszudehnen. 2004 überschritt jeder von ihnen seinen Jahresetat um 100 Prozent, Bemba sogar um 600 Prozent.13 Der Etat für 2005 bewilligte dem Staatsoberhaupt einen Betrag, der achtmal höher war als das Budget fürs Gesundheitswesen und sechzehnmal höher als das Landwirtschaftsbudget. Politik war Krieg mit anderen Mitteln. Der Staatsbetrieb Gécamines hatte noch immer alle Trümpfe in der Hand, um der Wirtschaft des Landes neues Leben einzuhauchen, doch die Kreise um den Präsidenten schlossen eine Reihe dubioser Verträge mit oftmals ausgesprochen nebulösen ausländischen Firmen. In diesen Verträgen ging es um Joint Ventures; ausländische »Cowboys« durften in bestimmten Bereichen des Minengiganten loslegen. Sie konnten nach Herzenslust fördern und exportieren, während der kongolesische Staat als Gegenleistung wenig oder nichts erhielt – unterm Tisch jedoch wechselten prall gefüllte Umschläge den Besitzer.14 Wieder einmal hatte eine sehr kleine Elite die Trümpfe des Landes in der Hand. Der Klientelismus strotzte vor Gesundheit. »1+4=0« stand auf den satirischen Bildern der Volksmaler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Armee sah es nicht viel besser aus. Offiziell sollten alle Milizen zu einer neuen Armee mit etwa 120.000 Soldaten verschmelzen.15 Sehr viele ehemalige Rebellen bekamen auch sofort eine Uniform der Regierungsarmee verpasst, und sehr viele ihrer Anführer erhielten einen hohen Offiziersrang (immer ein guter Köder, um einen Warlord auf die andere Seite zu ziehen), in Wirklichkeit jedoch blieb diese sogenannte &#039;&#039;brassage&#039;&#039; rein phänotypisch. Hinter der Fassade änderte sich nichts. So leicht verbrüdern sich Soldaten nicht, die fünf Jahre lang Feinde waren. Von den achtzehn geplanten Brigaden waren 2006 nur noch drei tatsächlich gemischt.16 Zudem hatte die kongolesische Armee nach dieser &#039;&#039;brassage&#039;&#039; einen Wasserkopf: Nach allen Beförderungen von Ex-Rebellen gab es fast doppelt so viele Führungskräfte (Offiziere und Unteroffiziere) wie Soldaten.17 In der kongolesischen Armee fand man es angenehmer, Befehle zu geben als Befehle auszuführen, nein, es ging nicht ums Befehlen, sondern ums Raffen. Die umfangreiche Armeespitze veruntreute gewaltige Summen. Der Sold fürs Fußvolk verschwand systematisch in den Taschen der Obersten und Generäle, die keine Skrupel hatten, die Zahl ihrer Soldaten gewaltig zu übertreiben, um noch mehr zu kassieren. Die unterbezahlten und nicht ausgebildeten Soldaten selbst waren weder motiviert noch diszipliniert und verhielten sich dementsprechend. Die neue Regierungsarmee, die FARDC (&#039;&#039;Forces Armées de la République Démocratique du Congo&#039;&#039;), die eigentlich ein Stützpfeiler des wiedererstandenen Staates werden sollte, wurde eine ebenso leere Hülle wie der FAC von Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039;, der FAZ von Mobutu und selbst die ANC von Lumumba und Tschombé. Aus FARDC wurde oft scherzhaft gemacht: &#039;&#039;phare décès&#039;&#039;, Totenfeuer. Der unabhängige Kongo verfügte nie über eine Armee, die hinsichtlich Schlagkraft und Disziplin mit der Force Publique von ehedem vergleichbar war. Deshalb konnte er nie die primäre Funktion des Staates, die der Ausübung des Gewalt­monopols, erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann es unter diesen Umständen verwundern, dass der Krieg nie ganz vorbei war? Solange der Sicherheitsapparat eine virtuelle Angelegenheit war, war die MONUC auf sich gestellt. Aber mit 17.000 Soldaten lässt sich ein Gebiet, das so groß ist wie halb Europa, nicht zusammenhalten. Auch die größte UNO-Mission der Geschichte war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im sechsmal kleineren Irak befanden sich zu jenem Zeitpunkt 150.000 amerikanische Soldaten, und nicht einmal ihnen gelang es, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Die Präsenz der Blauhelme hatte an vielen Orten eine beruhigende Wirkung, woanders jedoch waren sie machtlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Osten des Kongo blieb es auch nach dem &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unruhig. Hier geriet der Konflikt in seine dritte Phase. Das betroffene Gebiet war nun kleiner, aber das menschliche Leid war weiterhin groß. Die Gewalt konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Zonen: den Ituri-Distrikt und die beiden Kivu-Provinzen. Nicht zufällig handelte es sich um erzreiche Gebiete, die an Uganda bzw. Ruanda grenzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ituri loderte der Konflikt sogar gerade wegen des Friedensabkommens auf. Als am 6. Mai 2003 die ugandische Armee endgültig aus der Stadt Bunia abzog, stürmten Lendu-Milizen das Stadtzentrum und töteten Dutzende von Hema. Einige Tage später fielen wiederum die Hema in die Stadt ein und ermordeten viele Dutzende Lendu. Der Konflikt verlief – in viel kleinerem Maßstab – nach einem ähnlichen Muster wie der Völkermord von 1994. Die Hema mit ihren Rindern fühlten sich den Tutsi verwandt: eine ethnische Minderheit, die die gesellschaftliche Oberschicht bildete. Die Lendu waren Bauern, die sich mit den Hutu verglichen: zahlreich, aber ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter. Im Kern ging es um den uralten Konflikt zwischen Viehzüchtern und Bauern um den Zugang zum Boden, den Streit über Viehweiden versus Felder, über Kühe, die die Ernte fraßen.18 Aber dieser Kain-und-Abel-Konflikt wurde nun durch Überbevölkerung weiter geschürt und von einem goldgierigen Uganda für seine Zwecke genutzt.19 Die ethnische Hochspannung in der Region stieg so an, dass mir tief katholische Frauen auf beiden Seiten erzählten: »Sogar wir, &#039;&#039;les mamans&#039;&#039;, haben zu den Waffen gegriffen. Wir fühlten uns verfolgt.« Oder: »Wir waren mitschuldig. Wir haben Munition in unseren Körben und unseren Wasserkanistern transportiert.«20 Die ethnisch motivierte Gewalt in Ituri war kein Atavismus, kein primitiver Reflex, sondern die logische Folge von Bodenknappheit in einer Kriegsökonomie, die der Globalisierung diente – und in diesem Sinne eine Vorankündigung dessen, was einem überbevölkerten Planeten noch bevorsteht. Der Kongo ist nicht in der Geschichte zurückgeblieben – er ist der Geschichte voraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb einer Woche kamen im Mai 2003 allein in dem Provinzstädtchen Bunia schon Hunderte Menschen ums Leben, doch die gesamte Region war in einen blutigen, unentwirrbaren Krieg verwickelt. Im Ituri-Distrikt erreichte der Zweite Kongokrieg einen absoluten Tiefpunkt hinsichtlich seiner Komplexität. Mindestens ein Dutzend Milizen agierten hier, mehr oder weniger feste Mini-Armeen von Kindern mit Plastiklatschen und einem &#039;&#039;gun&#039;&#039;, unter dem Kommando durchtriebener Anführer in den Zwanzigern oder Dreißigern, die oft unter Decknamen in wechselnden Bündnissen mit anderen Kriegsherren operierten. Mit seinen zahllosen Fusionen, Abspaltungen, Joint Ventures und Übernahmen ähnelte dieser neue Kriegstyp mehr der Geschäftswelt als dem herkömmlichen Krieg. In den Büros der MONUC hefteten zunehmend mutlose Funktionäre Organigramme der Milizen an die Wand: Das machte allerdings nur noch mutloser. Jeden Monat kam eine Miliz hinzu, oder das noch einigermaßen übersichtliche Schema musste aktualisiert werden – mehr Spalten, mehr Pfeile, mehr Abkürzungen, mehr Fotos von Schurken daneben –, bis es mit dem Chaos vor Ort übereinstimmte und jeden Erklärungswert verlor. Eine Konstante gab es allerdings: Alle Parteien erhielten früher oder später Waffen und eine Ausbildung von Uganda.21 Aber das beruhte weniger auf einer bewussten Teile-und-herrsche-Politik Kampalas als vielmehr auf Rivalitäten innerhalb der ugandischen Armee; jeder ugandische General hatte seine Miliz im Kongo, die er entsprechend den Notwendigkeiten fallen lassen oder wieder aktivieren konnte. Noch mehr Pfeile, noch mehr Querverbindungen, denn auch auf ugandischer Seite bekam man keinen festen Boden unter den Füßen. Und sogar Ruanda unterstützte die eine oder andere Miliz. Nein, der Krieg war noch nicht vorbei. Er war zu einem kleinen, aber hartnäckigen Knäuel geworden, einer Form von bewaffnetem Banditentum, das sich selbst instand hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr später, im Mai 2004, kam es im Kivu zu sehr schweren Gewaltausbrüchen. Die wichtigste Konfliktlinie hier blieb die zwischen den Hutu und Tutsi, und auch hier spielte Überbevölkerung eine Rolle, jedoch vor allem die in Ruanda. Zehn Jahre nach dem Völkermord konnten ruandische Hutu noch immer nicht in ihr überfülltes Heimatland zurückkehren, weil dort ein parteiisch befangenes Gerichtsverfahren auf sie wartete. »Kabila jagt sie nicht fort, und Kagame nimmt sie nicht auf«, fasste der belgische Diplomat Johan Swinnen die Situation kurz und bündig zusammen.22 Dass sie im Exil blieben, führte noch immer zu Unruhe; Ruanda unterstützte die kongolesischen Tutsi weiterhin, um die Hutu zu bekämpfen. Das Ergebnis war, dass im Mai 2004 die Männer von Laurent Nkunda zusammen mit denen von Mutebusi mordend und plündernd durch die Straßen der Provinzhauptstadt Bukavu zogen. Sie vergewaltigten – oft in Gruppen – Dutzende Mädchen und Frauen, sogar dreijährige Mädchen.23 Nkunda war ein Tutsi aus Nord-Kivu und ein gern gesehener Gast in Kigali. Er hatte ab 1990 zusammen mit Kagame gekämpft, er war 1996 mit der AFDL einmarschiert, 1998 hatte er eine Führungsposition im RCD-G innegehabt, und 2002 hatte er mit eiserner Hand die Bevölkerung von Kisangani terrorisiert. Wegen der Blutbäder, die er angerichtet hatte, schien es ihm zu unsicher, eine Position in der neuen Regierungsarmee anzunehmen. Nkunda wurde der neue Mann Kigalis. In seiner bekannten Manier nahm er Bukavu ein. Kurzzeitig schien der fragile Friedensprozess am Ende zu sein. War das der Beginn eines dritten Krieges?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sowohl in Bunia wie in Bukavu sahen die Blauhelme (hauptsächlich Uruguayer) machtlos, um nicht zu sagen feige zu, zur großen Wut der Bevölkerung. In Ituri aber kehrte schließlich wieder Frieden ein – dank einiger historischer Premieren. Zum ersten Mal in der Geschichte trat die Europäische Union militärisch in Erscheinung, und es gab so etwas wie eine europäische Armee. Mit Billigung der UNO befriedeten hauptsächlich französische Kommandotruppen die Stadt Bunia in der sogenannten Operation Artémis. Gegen die wichtigsten Warlords wurden internationale Haftbefehle erlassen. Drei von ihnen landeten in Untersuchungshaft in Den Haag, unter anderem Thomas Lubanga, der an der Spitze der wichtigsten Hema-Miliz stand. Im Jahr 2009 war er der erste Angeklagte, der jemals vor dem neuen Internationalen Strafgerichtshof erscheinen musste. Auch auf dieser Ebene gehört die Situation im Kongo eher zur Vorhut als zur Nachhut der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kivu hätte der Übergang in einen neuen Krieg abrutschen können, denn als Antwort auf die Gewalt Nkundas wurden im August 2004 im Flüchtlingslager Gatumba in Burundi hundertsechzig Flüchtlinge, hauptsächlich kongolesische Tutsi, brutal abgeschlachtet. Ruanda sandte erneut Truppen in den Kongo, um die befreundeten Tutsi zu beschützen. Für einen Moment sah es so aus, als beginne alles wieder von vorn, doch die UNO, Südafrika und das CIAT setzten alles daran, Druck aus dem Kessel zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der dritten Phase des Krieges wurde der Konflikt allmählich wieder zu dem, was er am Anfang gewesen war: ein Zwist zwischen Ruanda und dem Kongo über den Umgang mit den exilierten Hutu im Kivu. Kagame wollte sie am liebsten noch immer neutralisieren, weil er befürchtete, dass sie eine Machtübernahme in Ruanda anstrebten. So wie seine eigene Regierung in der Diaspora Süd-Ugandas entstanden war, so würde nun, wie er annahm, im Ost-Kongo ein Hutu-&#039;&#039;take over&#039;&#039; geplant. Und darauf hatte er keine Lust: Ruanda war voll und in Tutsi-Händen. Dieser immer wieder auflodernde Konflikt dauert inzwischen mehr als fünfzehn Jahre. Die Misere im Gebiet der Großen Seen geht auf jenen verhängnisvollen Tag im Juni 1994 zurück, an dem die Regierung Frankreichs beschloss, die Hutu-Regierung mitsamt ihren Kämpfern und Waffen in den Ost-Kongo entkommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute weist das kleine und starke Ruanda die Merkmale einer blühenden Militärdiktatur auf, die noch immer viel Ansehen bei den Geberländern genießt, während das große Nachbarland Kongo weiterhin schwerfällig und schwach bleibt und den realen Problemen nicht die Stirn bieten kann. Es ist so, als bewohne ein einsamer Berufssoldat, Ruanda, eine spartanisch eingerichtete Einzimmerwohnung in einem chaotischen Mietshaus, das ansonsten von einer enorm disfunktionalen Familie bevölkert wird, die lärmt, streitet, Schulden anhäuft und gelegentlich vergisst, den Gashahn zuzudrehen. Mehr als einmal nimmt der Soldat sein Gewehr von der Wand und stürmt in die Küche der Nachbarn, wo er mehr Schaden als nötig anrichtet. Statt nur den Gasherd abzustellen, zertrümmert er auch die Einrichtung, schießt den Stuck von der Decke und nimmt einen Räucherschinken mit. Die Folge ist noch mehr Lärm und noch mehr Streit. Ein Nachbarschaftsstreit, darum dreht es sich im Kern heute in Zentralafrika, ein Streit unter Nachbarn, die sich gegenseitig verfluchen. Nicht zu Unrecht übrigens, denn Kigali trägt genauso viel Schuld wie Kinshasa. Das Ergebnis bleibt bitter: Da in Kinshasa der entscheidende Übergang einfach nicht in Gang kam, kam im Osten der Zweite Kongokrieg einfach nicht zum Stillstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Klirren von Bierflaschen, Hunderten, Tausenden Bierflaschen, stabilen, braunen Bierflaschen, die sich vor dem Förderband drängten, übertönte die Kakophonie der Fabrik. Es hörte sich an wie ein Glockenspiel, ein hell klingendes, rastloses Geklimper, lauter noch als das Zischen der Spülinstallation, das Ticken der Etikettierungsmaschine, das Rasseln des Fließbandes und das Ächzen der hydraulischen Schläuche – wie ein Glockenspiel hoch über dem Trubel einer geschäftigen Stadt. Das nervöse, heitere Klirren taumelte durch die lärmige Fabrikhalle wie nie zuvor und vermischte sich mit dem Geruch von Malz und Alkohol. Es war im Jahr 2002, und Bralima, die »Primus«-Brauerei, eröffnete in Kinshasa zwei ultramoderne, vollautomatische Abfüllanlagen, die 72.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten konnten. Kaum war der Krieg vorbei, platzte die Industrie schon aus den Nähten. Bralima (das Wort kommt von &#039;&#039;Brasserie et Limonaderie de Léopoldville&#039;&#039;) ging auf eine kleine, koloniale Brauerei von 1923 zurück, aber war seit 1987 im Besitz von Heineken. Das niederländische Bierimperium war fest entschlossen, im Kielwasser des Krieges den Biermarkt des immer durstigen Kongo an sich zu reißen und auszuweiten. 2002 wurden eineinhalb Millionen Hektoliter verkauft, 2008 fast drei Millionen. Diese spektakuläre Verdopplung war noch immer weit entfernt von dem Rekord im Jahr 1974, dem magischen Jahr des Boxkampfes, als Bralima 5,5 Millionen Hektoliter produziert hatte, aber die Zukunft lachte.24 Allein in Kinshasa hatte Bralima inzwischen wieder fünfzigtausend Verkaufsstellen und Bars.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Multinationale Konzerne ließen sich jedenfalls von der Zögerlichkeit der Politiker nicht abschrecken. Der junge Frieden versprach neue Märkte, und die mussten möglichst schnell erobert werden. Das galt vor allem auch für die mobile Telefonie. Vodacom, die südafrikanische Mobilfunkgesellschaft, verlegte in Bunia die ersten Leitungen, als die ethnisch motivierte Gewalt noch ungebremst wütete. Bei den schlimmsten Kampfhandlungen wurden die Grabungsarbeiten gestoppt, und die Arbeiter suchten für ein paar Stunden schusssichere Räume auf.25 Warum diese Eile? In einem Land, dessen Telefoninfrastruktur seit Jahrzehnten zerstört war, herrschte eine enorme Nachfrage nach Handys. Allein die MONUC brachte Tausende von Mobilfunkkunden. Auch einfache Kongolesen träumten von einem Handy. Als ich im Dezember 2003 zum ersten Mal in Kinshasa war, bestand eine kongolesische Mobilfunknummer aus sieben Ziffern, im Jahr 2006 aus zehn. Mobiltelefonie ist für Afrika das, was die Buchdruckkunst für Europa war: eine wahre Revolution, die die Struktur der Gesellschaft grundlegend neu definiert.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein schwacher Staat wie der Kongo ließ neuen, internationalen Playern viel Raum. Während des Kalten Krieges waren es Länder, die über das Schicksal Zaires mitbestimmten (Frankreich, Belgien und die USA), nun handelte es sich zunehmend um private Partner von außen wie Unternehmen, Kirchen, aber auch NGO. Große Teile des Kongo wurden seit dem Krieg von internationalen Hilfsorganisationen gemanaged&#039;&#039;,&#039;&#039; die Verwaltungsaufgaben übernahmen. Dass Kabila für sich selbst eine achtmal so hohe Summe ansetzte wie für den Gesundheitssektor, resultierte aus seiner Überzeugung, dass das Geld für die Gesundheit sicherlich aus dem Ausland kommen würde. Genauso war es mit dem Bildungswesen und der Landwirtschaft: Das waren die bevorzugten Domänen der internationalen Spender. Die Hilfe der vielen Hunderte NGO war oft beeindruckend, aber nicht ohne negative Begleiterscheinungen. Aufgrund der endemischen Korruption im Beamtenapparat zogen es viele NGO vor, auch im Land ihrer Tätigkeit »non-governmental« zu bleiben und mit lokalen Partnern zu kooperieren.27 Begreiflich, aber nicht gerade förderlich für die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Regierung und Bevölkerung. Zudem schaffte der Zustrom ausländischer Gelder auch so etwas wie eine »Hilfeabhängigkeit«: Kongolesen bekamen Zweifel an ihrer Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Monsieur Riza, ein freundlicher, hart arbeitender Mann, der ein bescheidenes Hotel in Bandundu führte, kritisierte die verbreitete Passivität: »Die ganzen NGO hier machen uns abhängig. Wir werden es noch erleben, dass eine NGO kommt, die uns sagt, dass wir uns die Zähne putzen sollen.«28 Nirgendwo war diese NGO&#039;&#039;isierung&#039;&#039; deutlicher als in Goma, zerschossen vom Krieg, überströmt von Lava seit 2002. Während ich im Dezember 2008 in der abendlichen Rushhour hinten auf einem Moped saß – der öffentliche Nahverkehr der einfachen Leute –, achtete ich auf den Verkehr, den wir munter überholten: alles Jeeps, alle von einer NGO, alle mit einem Logo auf der Tür oder einer Flagge an der Antenne. Justine Masika, die Gründerin von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, konnte sich darüber heftig aufregen. »Jetzt gibt es allein schon in Goma zweihundert Organisationen für Frauenrechte. Darunter sind viele Pseudo-NGO, lokale Organisationen, die sich mit ausländischem Geld bereichern, auf dem Rücken kranker Frauen. Jeder fängt hier irgendwas an. Das Geld aus den Geberländern läuft über die Vereinten Nationen, aber die behalten eine stattliche Provision ein, bis zu 20 oder 30 Prozent. Das ist eine richtige UNO-Mafia! Ich arbeite nicht mehr mit ihnen zusammen. Das UNO-Ernährungsprogramm, UNICEF . . . sie kommen mit gewaltigen Budgets hierher, aber 60 Prozent davon gehen für Logistik drauf, ohne dass man Ergebnisse sieht. Die ganzen Ausländer kriegen offenbar ›Risikozulagen‹, die ganzen Büros brauchen Klimaanlagen, alle Räume sind luxuriös und gesichert. Schrecklich viel Geld fließt in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollen Sichtbarkeit, auch hier. Dabei sind die Frauen, um die es geht, in Gefahr, die sind doch auf Diskretion angewiesen.«29 Harte Worte, und Justine Masika ist nicht irgendwer: 2005 war sie eine der tausend Frauen, die gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert waren, 2009 durfte sie die »Menschenrechtstulpe«, eine hohe Auszeichnung der niederländischen Regierung, und den Friedenspreis von Pax Christi International in Empfang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Wirtschaft berief man sich wenigstens gar nicht erst auf humanitäre Motive der Entwicklungszusammenarbeit; hier ging es ganz unverblümt um Gewinn. Dass das nichts Sittenwidriges ist, brauchte man Dolf van den Brink nicht zu erklären. Nach einem Studium der Philosophie und Betriebswirtschaftslehre war dieser junge, unaufhaltsam dynamische Niederländer Kaufmännischer Direktor von Heineken in Kinshasa geworden, die Nummer zwei von Bralima. In dieser Funktion war er mitverantwortlich für die außergewöhnlichen Wachstumszahlen der vergangenen Jahre. »Als ich hier ankam, im Jahr 2005, hatte Primus in Kinshasa einen Marktanteil von 30 Prozent, während Skol, das Bier des Konkurrenten Bracongo, 70 Prozent hatte. Jetzt ist es umgekehrt: Wir haben 70 Prozent und Skol nur noch 30.«30 Er zeigte mir eine Folie aus einer PowerPoint-Präsentation. Die Graphik wies eine ansteigende Linie auf. &#039;&#039;On a gagné beaucoup de batailles, mais pas encore la guerre!&#039;&#039; stand in hipper Managementsprache obendrüber: Wir haben viele Schlachten gewonnen, aber noch nicht den Krieg. Im Konferenzraum von Bralima hing ein Plakat, das die Mitarbeiter an ihre wichtigste Pflicht erinnerte: &#039;&#039;Esprit de combat!&#039;&#039; – als ob das Land nicht einen schrecklichen Konflikt hinter sich gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es war ein Krieg. Der Hauptgrund, warum Bracongo erst noch so gut abgeschnitten hatte, war, dass sie Werrason hatten, während Bralima sich mit J. B. Mpiana begnügen musste. Werrason und Mpiana waren enorm beliebte Popmusiker, die für die beiden Brauereien Werbung machten. Im Jahr 2005 war Werrason deutlich erfolgreicher; keinem seiner Fans wäre es jemals in den Sinn gekommen, in der Kneipe ein Primus zu bestellen. In einer Zeit, in der Politiker nicht gewählt wurden, die Menschen keine Arbeitsstellen hatten und die Städte zu drei Vierteln aus jungen Menschen unter fünfundzwanzig bestanden, verfügten Popmusiker über immense Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rivalität zwischen J. B. Mpiana und Werrason war legendär. Jede Generation in der kongolesischen Popmusik erlebte ihren eigenen Clash: zwischen Franco und Kabasele in den fünfziger Jahren, zwischen Franco und Tabu Ley in den sechziger Jahren, zwischen Papa Wemba und Koffi Olomide in den achtziger Jahren, aber Ende der neunziger Jahre ging es dann wirklich sehr hitzig zu. 1981 hatten die beiden Musiker zusammen eine Band mit dem megalomanen Namen »Wenge Musica 4x4 Tout Terrain BCBG« gegründet. Das musste einfach Zoff geben. Es war eine legendäre Band, die die Welt im Allgemeinen und Kinshasa im Besonderen mit dem &#039;&#039;Ndombolo&#039;&#039; erfreute, dem populärsten Tanzstil in den neunziger und den nuller Jahren, einem Gruppentanz, bei dem die Tänzer in die Knie gingen und zu boxen schienen, während die Frauen in geradezu spektakulärer Weise Hüften und Po kreisen ließen. Der Ndombolo war aufreizend, obszön, ausgelassen und – wie das bei trendigen Tanzstilen so ist – eigentlich ganz schön sexy. Auf der Bühne protzten Werrason und Mpiana mit ihrem Telecel, dem Mobiltelefon der ersten Generation, so groß wie ein Holzschuh. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geräte noch hohen Militärs und Ministern vorbehalten, nun aber steckten sich Fans eine Bierflasche tief in die Gesäßtasche, damit es so aussah, als besäßen auch sie so ein Musterstück voluminöser Technologie. Wenge Musica war &#039;&#039;die&#039;&#039; Sensation der neunziger Jahre. Als Kabila Kinshasa einnahm, wurde der Ndombolo getanzt. Aber Wenge Musica erging es wie allen kongolesischen Popbands oder politischen Parteien, die einigen Erfolg hatten: Sie lösten sich auf. Zwischen Werrason und Mpiana gab es Trouble, die Fans spalteten sich, und noch heute können sie von dem Machtkampf mit einer Leidenschaft und Detailgenauigkeit erzählen, mit der sie über den Krieg selten sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Ironie spricht man von &#039;&#039;la guerre des albums&#039;&#039;, &#039;&#039;la guerre des salles&#039;&#039; und &#039;&#039;la guerre des stades.&#039;&#039; Anfangs war Werrason der Herausforderer, der sich besonders kämpferisch gab: &#039;&#039;Force d&#039;Intervention Rapide&#039;&#039; (schnelle Eingreiftruppe) hieß seine erste CD. Mit Titeln wie &#039;&#039;Attentat&#039;&#039;, &#039;&#039;État d&#039;Urgence&#039;&#039;, &#039;&#039;Ultimatum&#039;&#039;, &#039;&#039;Couvre le feu&#039;&#039; und &#039;&#039;Cessez-le-Feu&#039;&#039; sickerte der militärische Jargon ohnehin in die Popkultur ein.31 Jede Platte brachte einen neuen Tanz und eine neue Mode. Fans warteten mit dem Kauf von Klamotten, bis die neue Platte herauskam. Aber als J. B. Mpiana 1999 als Erster seiner Generation in Paris die mythischen Konzertsäle le Zénith und l&#039;Olympia füllte, nahm Werrason Revanche, indem er im Sportpalast Bercy vor zwanzigtausend Fans auftrat und danach auch in le Zénith und l&#039;Olympia. In Frankreich, &#039;&#039;bien sûr&#039;&#039;, denn die kongolesische Geschichte spielte sich fortan auch in der Diaspora ab. Bei den Metrostationen Château d&#039;Eau in Paris, Porte de Namur in Brüssel und Seven Sisters in London entstanden kongolesische Ausgehviertel mit Friseursalons, Plattenläden und Lebensmittelgeschäften, die Maniok und geräucherte Raupen verkauften. Die Misere hatte Zehntausende in die Migration getrieben. In Kinshasa versuchten Werrason und Mpiana bei Konzerten im Stade des Martyrs einander zu übertrumpfen; die Besucherzahlen stiegen auf über hunderttausend. 2005 nahmen sie es direkt gegeneinander auf bei einem Freiluftkonzert, wo sie &#039;&#039;fara-fara&#039;&#039; spielten, &#039;&#039;face à face&#039;&#039;: Zu beiden Seiten des Geländes stand eine Bühne. Dieses &#039;&#039;concert du siècle&#039;&#039; sollte ein Zermürbungskampf werden, um zu entscheiden, wer der Stärkere war. Die Bands begannen um zweiundzwanzig Uhr und spielten die ganze Nacht durch. Als morgens Ordnungskräfte den Stecker ziehen wollten, bildeten die Straßenkinder ein lebendiges Schutzschild um die Stromaggregate. Um dreizehn Uhr beendete dann die Armee die Veranstaltung mit Tränengas. Der Kampf vor mehr als zweihunderttausend Zuschauern endete deshalb unentschieden, aber Werrasons Stern stieg weiter.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Roi de la forêt&#039;&#039; wurde er genannt, König des Urwaldes. Seine Leibwächter waren &#039;&#039;manzaka na nkoy&#039;&#039;, Engel des Leoparden.33 Mit seiner unbewegten Miene, den bombastischen Sonnenbrillen und dem messerscharf konturierten, ringförmigen Bart wurde er so etwas wie der Inbegriff kongolesischer Coolness. Geboren am ersten Weihnachtstag 1965, schien er zu Großem vorbestimmt. Die UNESCO ernannte ihn zum Friedensbotschafter. Der Papst empfing ihn zu einer Audienz, und der jamaikanische Superstar Shaggy erklärte ihn auf CNN zum »größten lebenden Künstler Afrikas«.34 Aber für die Tausende Straßenkinder von Kinshasa – Knirpse, die man der Hexerei verdächtigt und aus dem Haus gejagt hatte, Kinder, die freiwillig von zu Hause weggelaufen waren, Waisen, deren Eltern an Aids gestorben waren und die nun im Sand vor Werrasons Proberaum lebten, alle, die sich &#039;&#039;shege&#039;&#039; nannten, nach Schengen, denn sie lebten in dem sehr freien Markt –, für all diese Kinder und Jugendlichen in verschlissenen Lumpen blieb er einfach &#039;&#039;Igwe&#039;&#039;, der Hohepriester. Für ihn würden sie ihr Leben hergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann, im Juli 2005, kam die Nachricht, die wie eine Bombe einschlug: Werrason wechselte von Bracongo zu Bralima! Vorher war er monatelang in Europa gewesen. Auf Kosten Bralimas? Brauchte er seinen Vertrag mit Bracongo nicht mehr bis zum Ende zu erfüllen? Es gab heftige Spekulationen, denn Musik ist im Kongo wichtiger als Fußball in Italien. Wie viel Geld war wohl geflossen? Der Preis für diesen Transfer ist bis heute das bestgehütete Geheimnis von Kinshasa. Dolf van den Brink kennt den Betrag, er hatte den Deal ja eingefädelt. »Aber das kann ich dir leider nicht sagen«, lacht er, als ich ihn danach frage. »Glaub mir, die Popmusik kostet uns viele hunderttausend Dollar pro Jahr. Zwei Drittel unseres Marketingetats gehen dafür drauf. Wir haben in eine Konzertbühne für dreihunderttausend Dollar investiert, die größte des Landes. Wir haben LKW, Generatoren und &#039;&#039;event stewards&#039;&#039;. Wir haben ein Veranstaltungsbüro mit dreißig Mitarbeitern, damit wir in der Stadt Gratiskonzerte geben können. Einmal im Jahr schreiben die Musiker ein Primus-Stück für uns. Wir bezahlen das Studio, die CD, den Videoclip. Das allein kostet uns schon hundert- bis hunderfünfzigtausend Dollar. In den Bars in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; verteilen wir gratis viertausend CDs und neuntausend Kassetten. Überall wird zu den Primus-Stücken getanzt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ihn manchmal selbst ein bisschen schwindlig zu machen. Nun gut, er hatte zwar bei dem niederländischen Soziologen Dick Pels seine Diplomarbeit zum Thema »Ästhetisierung des Wirtschaftslebens« geschrieben, aber dass er einmal der Arbeitgeber eines afrikanischen Weltstars werden würde, hätte er nun doch nicht erwartet. »Für mich ist es eine Symbiose zwischen der Musik und der Brauerei. Werrason hat drei Bands, mehr als hundert Leute sind von ihm abhängig. Vom Verkauf der CDs und Kassetten kann er nicht leben. Konzerte sind für viele unerschwinglich. Sponsoring ist deshalb unverzichtbar für ihn, neben VIP-Konzerten und Auftritten in Europa. Und auch dafür sorgen wir. Wenn er im Zénith auftritt, bezahlen wir fünfzig Flüge. Denn wenn wir das nicht tun, läuft er uns davon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werrason, so das Ergebnis einer kleinen Umfrage, gilt als ein unmöglicher Typ. Friedensbotschafter, ja, aber vor allem &#039;&#039;a pain in the ass&#039;&#039;. Von seinen Sponsoren wird erwartet, dass sie für ihn und sein Gefolge Dutzendweise Autos importieren und durch den Zoll schleusen. Vereinbarungen sind unwichtig. Wenn jemandem ganz ausnahmsweise doch ein Interview gewährt wird, bekommt er ihn höchstens flüchtig zu sehen und wartet stundenlang vergeblich auf seine Rückkehr, wie es dem Verfasser dieses Buchs an einem eiskalten Dezembertag in Paris widerfuhr. Dolf van den Brink seufzte. Er kramte in seinen Papieren und zeigte mir einen Zettel. »Sylvie Mampata war gerade da, seine Frau. Sie will eine Party geben und bittet uns um fünfzig Gartenstühle, dreißig Kästen Bier und 50.000 Dollar. So geht das die ganze Zeit. Verstehst du, was ich meine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich verstehe ich das, denn Dolf hat soeben seine PowerPoint-Graphik erläutert. »Schau, hier siehst du es sehr gut«, klang es zufrieden. »Im Juli 2005 kam Werrason zu uns. Unser Marktanteil stieg innerhalb von zwei Monaten um 6 Prozent: von 32 auf 38. Diese Zuwachsrate hielt an. Jetzt sind wir bei 70.« Bralima wurde eine der am rasantesten wachsenden Töchter des Heineken-Konzerns. 2009 erreichte der Marktanteil sogar 75 Prozent: Wachstumszahlen, von denen Betriebsleiter in Europa nur träumen können. Van den Brink wurde mit einer Versetzung in die Vereinigten Staaten belohnt, wo er, mit 36, Topmanager von Heineken USA wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bralima hatte den historischen Wechsel Werrasons allerdings auch wirksam in Szene gesetzt. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr aus Europa – Zehntausende Jugendliche hatten ihn vom Flughafen zum Samba Playa, seinem Proberaum, begleitet – gab er ein Primus-Konzert in seiner Geburtsstadt Kikwit unter dem Titel &#039;&#039;Changement de fréquence&#039;&#039;. Noch nie zuvor war er dort aufgetreten. Es wurde das größte Popkonzert in der Geschichte. Changement de fréquence, das waren die Flussschiffe, die Bralima Monate zuvor aus Kinshasa geschickt hatte, mit Musik- und Beleuchtungsanlagen, Generatoren und fünfzigtausend Kästen Primus an Bord. Changement de fréquence, das war die weiträumige Wiese beim Flughafen, wo die Bühne aufgebaut wurde und wohin Zehntausende zu Fuß kamen, von überall her, manchmal mehr als hundertzwanzig Kilometer. Changement de fréquence, das war Werrason, der am Tag des Konzerts in einer Fokker von Air Tropic mit traditionellen Häuptlingen und Dorfvorstehern angeflogen kam und nach der Landung den Boden küsste. Changement de fréquence, das war der König des Waldes, der wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde, während er auf einem LKW von Bralima thronte. Changement de fréquence, das war seine zwanzigköpfige Band, die Stunden nach Sonnenuntergang die ersten Klänge durch die Boxen jagte. Die phänomenal straffen Rhythmen von Kakol, die kristallinen Gitarrensoli von Flamme Kapaya, die mühelose Falsettstimme von Héritier, die burlesken Raps von Roi David. Letzterer war der Nachfolger des unvergesslichen »Bill Clinton«, des &#039;&#039;animateur&#039;&#039;, der eine Solo-Karriere begonnen hatte und nun bei Kerrygold unter Vertrag stand, wo er Reklamesongs für Milchpulver komponierte. Changement de fréquence, das bedeutete, die Musiker, deren Namen man seit Jahren kannte, endlich live zu erleben. Den unglaublich geschmeidigen Po von Cuisse de poulet kreisen zu sehen, wenn sie vorn auf der Bühne neben Bête sauvage und Linda la Japonaise Ndombolo tanzte. Was für ein Fest! Changement de fréquence, das war schließlich Werrason, der nach Mitternacht auf die Bühne trat, seelenruhig den Blick über die enthusiastische Menschenmenge schweifen ließ (wie viele waren es? Dreihunderttausend nach zurückhaltenden Schätzungen, siebenhunderttausend laut den Fans), drei Titel sang und dann Medikamente an Witwen und Kranke verteilte – woran sich die Regierung mal ein Beispiel nehmen sollte, mit all ihrem Gestümper und Gezänk! Changement de fréquence, das war der Boxkampf von Muhammad Ali &#039;&#039;revisited&#039;&#039;, mit dem Unterschied, dass nicht der Präsident, sondern ein börsennotiertes Unternehmen aus Amsterdam die Party bezahlte. Auch das war eine Frequenzänderung.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es war ein Riesenpublikum in Kikwit«, erzählte mir Flamme Kapaya, als wir uns in Kisangani unterhielten. Es war ein träger Vormittag, und wir saßen im verwilderten Garten eines Hauses am Fluss. Zehn Jahre lang war Flamme Star-Gitarrist und &#039;&#039;artistic director&#039;&#039; Werrasons. Fragt man einen Jugendlichen im Kongo nach dem größten Gitarristen von heute, lautet die Antwort immer: Flamme Kapaya. »Wir mussten das Publikum aufwärmen, sagen, wie phantastisch Werrason war. Wir mussten spielen und tanzen, damit er dann seinen großen Auftritt hatte. Aber er hat höchstens fünfzehn Minuten gesungen, obwohl er das ganze Geld einstrich. Wir wurden nicht bezahlt. Durch den Wechsel von Bracongo zu Bralima hat sich für uns nichts geändert. Er hat alles eingesteckt, wir sind leer ausgegangen! Werrason wurde steinreich und kaufte sich ein Haus bei Brüssel. Als ob er ein Nachkomme von Mobutu wäre.« Und da Gewinn wichtiger war als Investitionen in Bildung, hielt Bralima dieses System instand, denn die Aktionäre von Heineken wollten gern weiterhin so phantastische Tabellen und Graphiken sehen. Es besteht eine grundlegende Ähnlichkeit mit der ausländischen Einmischung von früher: So wie Amerika Mobutu zähneknirschend im Sattel halten musste, weil er sich sonst den Kommunisten zugewandt hätte, so musste Heineken es lernen, mit Werrasons Launen zu leben, weil der sonst zur Konkurrenz gegangen wäre. Integrität wurde der Loyalität geopfert. Flamme Kapaya ist darüber immer noch wütend: »Ich habe die Stücke komponiert, ich habe sie arrangiert, aber er ließ die Songs in Frankreich unter seinem Namen registrieren. &#039;&#039;Arrangeur-compositeur&#039;&#039;: &#039;&#039;Werrason&#039;&#039;, steht im CD-Booklet. Ich werde nur als Gitarrist erwähnt.« Flamme war der musikalische Kopf hinter &#039;&#039;Kibuisa Mpimpa&#039;&#039;, allgemein als Werrasons bestes Album betrachtet, von Kennern als »kulturell und musikalisch revolutionär« bezeichnet.36 »Ich habe die Aufnahmen in Europa gemacht, ich habe die Platte abgemischt, aber als sie fertig war, habe ich nicht ein Stück davon bekommen! Werrason hat sich sogar meine fünf Belegexemplare unter den Nagel gerissen.« Es scheint unglaublich, aber als ich drei Stunden lang in einem kalten Pariser Studio inmitten weiblicher Groupies mit bauschigen, glänzenden Wintermänteln vergeblich auf mein Interview wartete, war Werrason nirgendwo zu sehen; Kakol und Héritier, Drummer und Sänger, machten die ganze Arbeit. Sie instruierten die Sänger, bedienten die Regler am Mischpult und hauten musikalische Knoten durch. »Wir waren so naiv«, seufzte Flamme, »er wollte Musiker, die ihn nicht durchschauten. Tat man das doch, wollte er einen nicht mehr. Musik ist die Leidenschaft aller jungen Leute, aber er missbraucht das. Das ist echt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Deshalb bin ich gegangen. Ich möchte nicht, dass junge Leute den gleichen Weg gehen. Sie müssen ihre Rechte kennen.« Er trommelte auf den Rand seines Stuhls, blickte auf den Fluss und sagte dann: »Werrason ist ein Geschäftsmann und ein Politiker. Viele seiner Tänzerinnen sind in Europa geblieben. Leute haben ihn bezahlt, damit sie als Mitglieder der Band mit nach Europa durften.«37 Und Bralima zahlt dann noch Dutzende Flugtickets, wenn Werrason mit seiner »Band« nach Paris fliegt. Sein Kollege Papa Wemba wurde für ähnliche Praktiken in Paris zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Menschenschmuggel, urteilte das französische Gericht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unternehmen sind nie neutrale Player, und in gescheiterten Staaten schon gar nicht. Mit einem Werbeetat, der den Etat des Ministeriums für Bildung oder Information um ein Vielfaches überschreitet, erreichen sie mehr Bürger als die Regierung. Kinshasa ist heute überwuchert mit Reklametafeln von multinationalen Konzernen wie Nestlé, DHL, Vodacom und Coca-Cola. An alle Betonmauern um Firmen, Stadien und Kasernen sind Werbesprüche gepinselt. Fernsehstationen senden mehr Werbung als Programme. Die Primus-Titel der Künstler von Bralima sind ein Jahr lang auf mehreren Sendern zu sehen. Oft geht es um Stücke von zehn Minuten Länge und mehr. Der Unterschied zwischen Werbung und Unterhaltung verschwimmt. Kinshasa tanzt zu Promo-Platten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts werden Werbebotschaften eingehämmert. Das Mobilfunkunternehmen Tigo, ein Multi, der in sechzehn Ländern aktiv ist und dessen Zentrale sich in Luxemburg befindet, war 2006 so generös, die heruntergekommene Ankunftshalle des nationalen Flughafens aufzumöbeln, denn jeder Großbetrieb hat sein karitatives Programm (Stipendien, Krankenhäuser, Schulpakete, Hauptsache, es macht etwas her). Die fahlen Wände von Ndjili bekamen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Anstrich, aber wer heute aus dem Flieger steigt und die Halle betritt, wähnt sich eher in einem Messestand von Tigo als in einem staatlichen Gebäude. Andere Reklame als jede Menge Fahnen und Plakate des Mobilfunkanbieters gibt es hier nicht. Und mitten in diesem Wirbelwind von Glanz und Glitter wartet der Reisende mit dem Pass in der Hand und verflucht den tranigen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich zahlen Unternehmen wie Bralima und Tigo Steuern, mehr als ihnen lieb ist, denn in einem korrupten Land wird jede Woche eine neue Steuer erfunden. Aber wenn es ihnen zu bunt wird, drohen sie mit der härtesten Maßnahme: der Schließung des Betriebes. Und das bedeutet nicht nur Arbeitslosigkeit für all die Angestellten, die mehr als korrekt bezahlt werden, und Armut für all die kleinen Verkäufer von Bier oder Handyguthaben, sondern vor allem das Ende der fiskalen Einnahmen für all die Beamten. Und das will keiner der hungrigen Steuerinspektoren. Multinationale Konzerne sind die größten Steuerzahler des Landes. Deshalb hört die Regierung hin und wieder auf sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon auf der Berliner Konferenz war 1885 die Öffnung des Kongo-Freistaates für den internationalen Freihandel beschlossen worden. Noch immer existiert ein Wettbewerb zwischen Markt und Staat, sogar mehr denn je. Damals ging es nur um den Aufkauf von Rohstoffen, heute geht es auch um den Verkauf von Produkten, denn selbst in einem bettelarmen Land lässt sich viel verdienen mit dem Verkauf von Waren in kleinen Mengen, zum Beispiel Handyguthaben, Erfrischungsgetränke und Milchpulver. Um die Seelen all der Bedürftigen zu gewinnen, kolonialisieren ausländische Firmen den öffentlichen Raum des verwüsteten Landes mit einer Unverfrorenheit, die von dem strahlenden Lächeln des polierten Marketing kaum verhüllt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2008 war ich eine Woche lang eine &#039;&#039;minor celebrity&#039;&#039; in Kinshasa, ohne dass ich dafür viel zu tun brauchte. Unbekannte sprachen mich auf der Straße an, sagten, sie würden mich von den Fotos wiedererkennen, und wunderten sich darüber, dass ich trotz meines Status nicht über ein eigenes Auto verfügte. Dolf van den Brink hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen. »Wir veranstalten ein Konzert von Werrason in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Hast du Lust, zu kommen?« Der Auftritt fand in Bumbu statt, einem der ärmsten Viertel Kinshasas. Bei der Hinfahrt im Konvoi erklärte er mir die Sache. »Bracongo führt eine Schmutzkampagne gegen uns. Sie senden Spots, in denen es heißt, dass Bumbu ›gefallen‹ sei und Primus dort nicht mehr Marktführer ist. Das ist nachweislich falsch, aber sie drängen uns trotzdem in die Defensive. Jetzt werden wir das Gegenteil beweisen, und zwar ganz spektakulär. Kein Werbespot, keine Kampagne, nein, ein Gratiskonzert von Werrason! Es ist das erste Mal, dass er in Bumbu auftritt. Ich erwarte ziemlich viele Leute.«38 Der SUV mit Klimaanlage fuhr im Slalom um die Schlaglöcher. Dolf erzählte mir, dass das Marketing von Primus mehrere Phasen durchlaufen habe. Zuerst der Slogan &#039;&#039;Pelisa ngwasuma&#039;&#039;, frei übersetzt: &#039;&#039;Get the groove started&#039;&#039;. Diese Betonung des Atmosphärischen kam gut an in einem durch den Krieg innerlich zerrissenen Land. Danach änderten sie die Farbe des Etiketts und gaben ihm die Nationalfarben des Kongo: Blau, Gelb und Rot. Nachdem nun der Krieg vorbei war, wollte sich Primus als &#039;&#039;das&#039;&#039; nationale Bier schlechthin präsentieren. Der Staat mochte morsch sein, der Nationalstolz aber war intakt. Darauf ging Bralima geschickt ein. Primus war inzwischen bei einem neuen Slogan angekommen: &#039;&#039;Primus, Toujours leader.&#039;&#039; Es galt, die frisch erlangte Position des Marktführers als unangreifbar erscheinen zu lassen. Dominanzstreben sei ein wichtiger Aspekt, glaubte Dolf, die Leute wollten wissen, wer »der Stärkere« sei. Und in Bumbu müsse das jetzt mal kurz bewiesen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant, dachte ich, der Mobilfunkanbieter Vodacom greift mit seiner massiven Werbung dieselben Themen auf: Nationalgefühl und Führerschaft. &#039;&#039;Un réseau, une nation&#039;&#039; war jahrelang dessen Slogan im Kongo: ein Netz, eine Nation. Nun preisen sie sich als &#039;&#039;Leader dans le Monde Cellulaire&#039;&#039; an. Auf ihrer kongolesischen Website heißt es: »Unser Bestes ist besser als das Beste aller anderen. Verlieren ist ausgeschlossen. Wir sind ein Team, und Wettbewerb ist unser Sport.« Wer ist am kongolesischsten? Und wer führt? Waren das nicht die zentralen Themen im Wahlkampf zwischen Kabila und Bemba, der damals losbrach? Im Juli 2006 sollten endlich die Wahlen stattfinden, und die beiden größten Favoriten gerieten sich in die Haare wie Popmusiker. Bemba, noch immer eher Kriegsherr als Staatsmann, bezichtigte Kabila, ein halber Ruandese zu sein, der nicht über die erwünschte &#039;&#039;congolité&#039;&#039; verfügte – ein bizarrer Anspruch, wenn man bedenkt, dass er selbst zu einem Viertel Europäer ist. Kabila versuchte als Präsident über dem Tumult zu stehen, als er sagte: »Wer Eier trägt, sucht keinen Streit« – ein Ausspruch, der ihn noch monatelang verfolgen sollte. Er bezog sich auf die Straßenjungs, die von Bar zu Bar gingen mit einem Karton hartgekochter Eier auf dem Kopf, die sie als Snack verkauften. Ganz Kinshasa lachte damals über den Präsidenten. Die scharfen Vorwürfe erinnerten an den Streit zwischen Werrason und Mpiana oder zwischen Bralima und Bracongo. Beim Kampf um das höchste Amt war der Begriff &#039;&#039;leadership&#039;&#039; direkt an die nationale Identität geknüpft. Kommerzielle und politische Slogans befruchteten sich gegenseitig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dolf spähte nach draußen, als wir in Bumbu ankamen. Das Viertel lag im Dunkeln, aber die Bars und Terrassen waren rappelvoll. Zufrieden konstatierte er, dass es sich bei rund 80 Prozent der Bierflaschen auf den Tischen um Primus handelte. Ein Stück weiter sahen wir die LKW von Bracongo bereitstehen: Während des Konzerts und danach würde der Konkurrent zweifellos Tausende Flaschen Skol verteilen. Dolf fragte sich sogar, ob Bracongo nicht vielleicht Jugendgangs angeheuert hatte, damit sie Unruhe stifteten. Bralima hatte vorsichtshalber eigene Sicherheitsleute dabei. Und das war auch notwendig, denn das junge Bumbu – eine andere Generation gab es hier kaum – war massenhaft erschienen. Je dichter wir uns dem Ort des Konzerts näherten (die Band spielte schon, wir hörten sie von weitem), desto beängstigender wuchs die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Auto hinter uns im Konvoi festklammerten. Es war ein SUV mit getönten Scheiben in den Primus-Farben. Die Fans waren fest davon überzeugt, dass Werrason darin saß. Nachdem wir noch ein Weilchen in der fast hysterischen Menge festgesteckt hatten, erreichten wir über einen Schleichweg die Rückseite der Bühne. Die Autos wurden mit der Schnauze nach vorn geparkt: Sollte es zu Krawallen kommen, hieß es nichts wie weg. Wir stiegen aus, gingen zur Bühne und schüttelten rasch ein paar Hände. Das Dämmerlicht des Backstage, die Bässe, die bis ins Brustbein vibrierten: Ich erkannte ihn nicht gleich. Er sah viel normaler aus als ich ihn von Fotos in Erinnerung hatte, und er wirkte viel schüchterner. »Monsieur Werrason«, sagte ich, »&#039;&#039;bon concert.«&#039;&#039; »Mmm«, erwiderte er. Das war denn auch das kürzeste Interview, das ich je geführt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir stiegen auf die Bühne. Eine Reihe Tänzer, dahinter eine Reihe Musiker, alle in T-Shirts von Primus. Eine Mauer aus Klängen. Ich winkte Kakol zu, dem Drummer. Hinter ihm nahm ein riesiges Transparent die ganze Rückwand der Bühne ein: &#039;&#039;Primus, Toujours Leader!&#039;&#039; Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab, um das Publikum sehen zu können. Das Podium war auf einer großen Straßenkreuzung aufgebaut worden. In allen drei Richtungen: Mehrere hundert Meter eine dicht gedrängte Menschenmenge. Ich versuchte, ein Segment durchzuzählen und dann hochzurechnen. Dreißigtausend? Vierzigtausend? Jemand drückte mir eine Flasche Primus in die Hand. Kameraleute filmten die wenigen Weißen auf der Bühne. Und dann, dann erklomm der dem Anschein nach verlegene Mann mit dem kreisrunden Bärtchen die Metalltreppe links von der Bühne. Langsam, fast unlustig trat er vor ins volle Scheinwerferlicht. Er spähte in die ruhelose Nacht. Tausende Arme hoben sich und kreuzten die Fäuste. &#039;&#039;Igwe! Igwe!,&#039;&#039; ertönte es ohrenbetäubend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Konzert war Dolf van den Brink in bester Stimmung. Werrason hatte nicht nur blutjunge Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne geholt, damit sie für ihn Ndombolo tanzten, sondern zwischendurch auch zweimal eine Flasche Primus hochgehalten und ausführlich erzählt, dass Bumbu noch immer eine Hochburg von Bralima sei. Eine solche Werbung war unbezahlbar. 10.000 Dollar hatte der Auftritt gekostet. &#039;&#039;Peanuts&#039;&#039;. Mitschnitte des Konzerts würden in den kommenden Tagen nonstop im Fernsehen gesendet werden. Bralima zahlte monatlich 30.000 bis 40.000 Dollar an Antenne A, einen der wichtigsten Sender in Kinshasa, der davon sein Personal entlohnte. Faktisch war Bralima damit Besitzer des Senders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber ich kenne Sie«, sagten mehrere Kinois zu mir, als ich auf mich neben sie auf die Rückbank eines klapprigen Taxis setzte. »Sie waren der Weiße auf der Bühne beim Konzert von Bumbu. Haben Sie denn kein Auto?« Das besagt einiges über die Macht von Bralima. In einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, in der ich mich für kurze Zeit aufhielt, war ich plötzlich bekannter als in der Stadt mit einer Million Einwohnern, in der ich schon zehn Jahre lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handyguthaben kaufe ich meist bei Beko in der schattigen Avenue des Batetela, einer der wenigen netten, freundlichen Straßen von Kinshasa. Beko, ein diplomierter Pädagoge Anfang zwanzig, sitzt dort von morgens sechs bis abends acht unter einem Sonnenschirm und verkauft Prepaid-Karten von Tigo, Vodacom, CelTel und CCT. Jeden Tag, nur sonntags erst ab elf, denn dann besucht er vorher die Messe. Das ist seine einzige Erholung. Auf dem Gehweg der Avenue Batetela ist ein kleiner Markt im Schatten der Bäume. Neben Beko sitzt eine Frau, die Geld wechselt, daneben brät eine alte Frau kleine Fische, die, warum ist mir schleierhaft, »Thomson« genannt werden. Ein paar Schritte weiter verkauft ein Junge Taschenkalender, Kugelschreiber und Schnürsenkel, neben einer jungen Frau, die auf einem Kohlefeuer Ölkrapfen backt. Ein Ölkrapfen ist für viele das Einzige, was sie an einem Tag essen. Lecker und sättigend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An guten Tagen macht Beko einen Umsatz von gut hundert Dollar, aber ihm bleiben davon keine acht Dollar. Wenn er eine Prepaid-Karte für fünf Dollar verkauft, bekommt die Mobilfunkfirma davon 4,60 Dollar, manchmal sogar 4,75. »Und das sind dann auch nur die großen Kunden, die Guthaben für fünf Dollar kaufen«, erklärt er mir. Gut, acht Dollar Gewinn, an einem Spitzentag. Aber Beko wohnt weit, sehr weit weg von der Avenue des Batetela. Er ist einer der 1,6 Millionen Menschen, die Tag für Tag in überfüllten VW-Bussen mit qualmendem Auspuff ins Stadtzentrum pendeln.39 Der Weg zur Arbeit kostet ihn Stunden und eineinhalb Dollar. Möchte er tagsüber etwas essen, und sei es nur ein Stück Maniokbrot mit einem Scheibchen Fisch, kostet ihn das erneut etwa eineinhalb Dollar. Wenn er nach Hause kommt, gibt er seiner Tante, bei der er seit dem Tod seiner Eltern wohnt, einen Dollar. Er ist der einzige Ernährer seiner Geschwister. Von den acht Dollar ist er nun schon mehr als die Hälfte wieder los. Und das ist nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir uns unterhalten, taucht ein aufgeplusterter Typ auf und brüllt ihn und die anderen Markthändler an. Beko gibt ihm ohne zu protestieren zweihundert kongolesische Franc. Ein paar Schritte weiter steht ein Mann in Polizeiuniform. »Von der Polizei aus dürfen wir hier eigentlich nicht verkaufen. Offiziell muss er uns eine Geldstrafe aufbrummen, aber das passiert nie. Stattdessen schickt er uns den Kerl da auf den Hals. Für zweihundert kongolesische Franc lässt er uns in Ruhe. Allerdings kommt er drei-, viermal am Tag vorbei. Wenn wir nicht zahlen, beschlagnahmt er unsere Waren. So verliere ich nur einen oder anderthalb Dollar.«40 Man kann es Erpressung nennen oder eine Art Spontanbesteuerung, aber solange dieser Polizist kein Gehalt vom Staat bekommt, wird das so weitergehen. Dennoch ist eine Polizeiuniform noch immer ein sehr hohes Gut. Sie garantiert dem Träger ein regelmäßiges Einkommen, nicht von oben, sondern von unten. Kein Wunder, dass inzwischen ein Handel für das Polizistenamt existiert. Dem Vernehmen nach kann man jemandem die Funktion gegen eine stattliche Summe abkaufen, so wie man ein Geschäft übernimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Tage in der Woche, am Sonntag etwas später. Bekos beste Jahre verrinnen. Tigo bietet wieder einen neuen Service an, sieht er. Für einen geringen Betrag können Kunden täglich eine SMS empfangen, die, so das Unternehmen, »Ihren Tag freundlicher macht«. Mit Tigo Bible bekommt man jeden Tag einen Bibelvers zugeschickt, Tigo Foi erteilt religiöse Ratschläge, Tigo Amour berät bei Beziehungsproblemen, und Tigo Riche verrät, wie man reicher werden kann. Wer Unterhaltung möchte, kann Unterhaltung bekommen. Aktuelle Nachrichten per SMS sind nicht im Angebot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko lacht ein bisschen verlegen, als ich ihn frage, ob er einen Zukunftstraum hat. »Botschafter werden«, sagt er dann, nachdem er überlegt hat. Politik fasziniert ihn. Beim Zeitungsverkäufer &#039;&#039;mietet&#039;&#039; er jeden Tag die Zeitung: Gegen ein kleines Entgelt darf er eine halbe Stunde darin lesen. Kaufen ist unmöglich; die Zeitung kostet einen ganzen Dollar. Zeitungen sind eine Rarität in Kinshasa. Die wenigen Titel haben, wenn es hoch kommt, eine Auflage von 1500 Exemplaren, mikroskopisch klein in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern. Außerhalb der Stadt zirkuliert keine gedruckte Presse. Der Inhalt der Blätter ist in der Regel dürftig. &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und &#039;&#039;Le Soft&#039;&#039; tun ihr Möglichstes, aber anderswo regieren Skandalsucht und Parteilichkeit. Journalisten lassen sich im Prinzip von den Ministern bezahlen, über die sie schreiben.41 Die Aufmachung ist miserabel, die Druckqualität erbärmlich. Aber jeden Tag gibt Beko sein Exemplar unzerknittert dem Verkäufer zurück. Ob sein Traum jemals in Erfüllung geht? Er war zweiundzwanzig, als ich ihn im Mai 2007 kennenlernte. »Im Kongo wird man meistens nicht älter als fünfundvierzig«, lächelte er damals, »&#039;&#039;c&#039;est comme ça&#039;&#039;, so ist das.« Tigo verzeichnete in jenem Jahr einen Rohgewinn von 1,65 Milliarden Dollar.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko ist eine Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Kinois bezeichnen sich selbst als schlecht informiert, Frauen noch mehr als Männer. Die Einzigen, die noch das Gefühl haben, auf dem Laufenden zu sein, sind Männer über fünfzig mit einem Universitätsabschluss, die Letzten, die noch eine solide Bildung haben.43 An anderen Medien herrscht im Kongo kein Mangel. Das Radio ist nach wie vor das beliebteste Medium, der Fernsehempfang ist vor allem in den Städten gut, das Internet ist überall schauderhaft langsam. Niemand ist zu Hause online. Surfen und den Lebenslauf tippen erledigt man in Internetcafés, den sogenannten &#039;&#039;cybers&#039;&#039;, zumindest, wenn der Strom nicht ausgefallen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der staatliche Rundfunk pfiff seit Menschengedenken auf dem letzten Loch, aber die MONUC gründete 2002, in Kooperation mit der Schweizer NGO &#039;&#039;Fondation Hirondelle, Radio Okapi&#039;&#039;, einen Sender mit Redaktionen in zehn Städten. Er ist schon seit Jahren das einzige landesweit ausgestrahlte Medium im Kongo. Ausländische und lokale Journalisten liefern jeden Tag mutige Beiträge. Okapi-Reporter gehören zu den besten (und bestbezahlten) in ihrem Metier. Die täglichen Nachrichtensendungen sind wirklich der Mühe wert, aber beim Preis von zehn Millionen Dollar pro Jahr stellt sich die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Wer soll das bezahlen, wenn die UNO nicht mehr im Land ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den großen Städten ist das Fernsehen allgegenwärtig. Männer sehen täglich mehr als zweieinhalb Stunden fern, Frauen sogar mehr als drei Stunden.44 Während der 1+4-Zeit erlebte das Medium einen beachtlichen Boom. Allein in Kinshasa gab es im Februar 2003 fünfundzwanzig Sender, im Juli 2006, dem Monat der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, siebenunddreißig.45 Die weitaus größte Mehrheit waren lokale Sender. Ein Sender lässt sich schon mit knapp 25.000 Dollar auf die Beine stellen. Ein Politiker, Geschäftsmann oder Pastor, der auf sich hält, hat heute seinen eigenen Sender. Durch die Kanäle zu zappen, ist ganz lehrreich, aber was den Inhalt betrifft, kann man es sich sparen. Tropicana, Mirador und Raga sind kommerzielle Sender, die hauptsächlich Musik-Clips zeigen, unterbrochen von Werbung, sofern überhaupt ein Unterschied besteht. DigitalCongo ist der Sender von Präsident Kabila, geleitet von seiner Zwillingsschwester, seinerzeit herausgefordert von Canal Congo und Canal Kin von Vizepräsident Bemba. Antenna A und RTNC versuchen mit den verfügbaren Mitteln informativ zu bleiben. Ratelki ist die TV-Station der Kimbanguisten; Amen TV und Radio TV Puissance vertreten neuere christliche Bewegungen. Mehr als die Hälfte der TV-Kanäle befindet sich in den Händen von Pfingstkirchen.46 Stößt man beim Zappen auf RTVA, muss man wissen, dass das der Sender von Pastor Léonard Bahuti ist, des Mannes, der seine (hauptsächlich weiblichen) Gläubigen anweist, Schmuck, Nagellack und Kunsthaar abzuschwören. RTAE gehört &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, dem leidenschaftlichen Vorsteher der Armée de l&#039;Éternel. RTMV gehört seinem Erzrivalen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039; Fernando Kutino, Gründer von l&#039;Armée de la Victoire, der inzwischen schon seit Jahren im Gefängnis sitzt. All diese religiösen Stationen senden abwechselnd Predigten und Soaps. Die Serien beschäftigen sich mit moralischen Fragen zum Leben und Überleben im Kinshasa von heute (Armut, Ehebruch, Hexerei, Fruchtbarkeit, Erfolg) und betonen, dass nur das charismatische Christentum im Hexenkessel der modernen Zeit Erlösung bringen kann. 2005 war ich einmal bei den Aufnahmen zu einer solchen Soap dabei. Was auffiel, waren weniger die bescheidenen Mittel (nur eine Kamera, eine Lampe, ein Mikrophon) oder das kurzgefasste Szenario (ein Pappbogen, mit der Hand beschriftet) oder die »Fließbandarbeit« (heute aufnehmen, morgen schneiden, übermorgen senden), sondern das jugendliche Alter der Schauspieler. Junge Leute in den Zwanzigern versuchten, ihrem Dasein und dem Dasein der Zuschauer mit einem fanatischen religiösen Diskurs Sinn zu geben. Der merkwürdigste Sender, auf den man beim Zappen stößt, ist NTV. Dort sieht man, wie Pastor Denis Lessie, der Besitzer des Kanals, die Finger spreizt und die Zuschauer auffordert, ihre Hände auf den Bildschirm zu legen, damit sie seine berühren, denn Gott der Herr kommt auch via Glasfaser oder Sendesignale zu einem. Hört doch das Knistern des Allerhöchsten, seht doch, wie euch die Haare bei der Berührung zu Berge stehen. Er forderte seine Gläubigen auch schon mal dazu auf, aus Frömmigkeit die Mattscheibe oder den Plasmabildschirm mit Wasser zu besprenkeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich durchblätterte das abgegriffene Gästebuch des kleinen Hotels im Landesinneren. Vor mir waren nicht viele ausländische Gäste da gewesen. Eigentlich nur einer: Andrew Snyder aus Florida. Er hatte eine strenge Handschrift. Beruf? &#039;&#039;Pastor&#039;&#039;. Grund der Reise? &#039;&#039;Crusade&#039;&#039;. Ah bon. Der Kreuzzug amerikanischer Evangelisten in Afrika hatte nun offenbar auch die kleinen Provinzstädte erreicht. Wie ging es nun wohl Fernando Kutino?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino war ein Kapitel für sich. Anfang der neunziger Jahre erlebte er mit, wie in Kinshasa die erste Generation amerikanischer Evangelisten auftrat, ein neuer Typ von Missionaren, die eine charismatische Variante des Christentums mitbrachten, die sogenannten Pfingstkirchen. Mobutu war so verärgert über die Macht der Katholiken, die den Marsch der Hoffnung realisiert hatten, dass er anderen Predigern erlaubte, ins Land zu kommen und Gottes Wort zu verbreiten. Teile und herrsche, das galt auch für die Seelen. Fernando Kutino, damals noch ein unauffälliger Junge, hörte von Jimmy Swaggart, dem amerikanischen Fernseh-Evangelisten, der im Westen weltberühmt geworden war, als er unter Tränen öffentlich seinen Ehebruch gebeichtet hatte. In Kinshasa wurde er durch seine aufpeitschenden Gottesdienste bekannt, die viele tausend Menschen in Ekstase versetzten. Aber auch der deutsche Evangelist Reinhard Bonnke kam vorbei, und der Niederländer John Maasbach, verheiratete Männer in adretten Anzügen, die mit wirbelnden Shows und makellosen Frisuren ihren Glauben bekundeten. Sie waren nicht von einer zentralen kirchlichen Obrigkeit ausgesandt worden, sondern agierten auf eigene Initiative, oft mit Unterstützung ihrer Familie. Die &#039;&#039;reborn Christians&#039;&#039; fanden Anschluss bei lokalen Gebetsgruppen, die sich wöchentlich versammelten, um außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes das Herz zu Gott zu erheben. Es dauerte nicht lange, bis auch ein einheimischer Klerus entstand, und Fernando Kutino wurde dabei zu einer Schlüsselfigur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kutino band sich eine Krawatte um, nannte sich &#039;&#039;reverend&#039;&#039; und verkündete eine Botschaft, die sich sehr stark von den traditionellen Kirchen und Riten absetzte. Es war der Startschuss für die kongolesischen &#039;&#039;églises du réveil&#039;&#039;, die Erweckungskirchen. Neugierige wurden von den charismatischen Ausdrucksformen des Glaubens angezogen, der in Momenten des religiösen Überschwanges »Heilung« und »Erlösung« verhieß. Mit seinen Ritualen der Trance, von den Gläubigen als Anwesenheit des Heiligen Geistes empfunden, war der Pfingstglaube eine Variante des Christentums, die sehr viel mit dem spirituellen Universum des Ahnenglaubens in Afrika gemeinsam hatte. Laut beten, Dämonen vertreiben, in Zungen reden: Es erinnerte an das Erscheinen von Simon Kimbangu im Jahr 1921. Auch damals war der intensive Glaube ein Mittel gegen Hexerei gewesen. Auch damals dürsteten die Menschen nach augenblicklicher Genesung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino fügte jedoch noch einen Aspekt hinzu, und zwar &#039;&#039;la prospérité&#039;&#039;, Wohlstand. Erlösung verstand er nicht nur im spirituellen, sondern auch im materiellen Sinn. In den harten Krisenjahren der neunziger Jahre kam diese Botschaft besonders gut an. Was nützte es den Armen, ob im Geiste oder nicht, selig zu sein, wenn ihre Kinder verhungerten? Wenn der kümmerliche Geldschein am Abend nur noch halb so viel wert war wie am Morgen? Nein, nicht Armut, sondern Reichtum war der Beweis für Kontakt mit dem Höheren. Und zum Beweis seiner Frömmigkeit putzte sich Fernando Kutino opulent heraus. So ein Mann Gottes konnte ja wohl nicht in Lumpen vor seinem höchsten Boss erscheinen? Von einem bombastischen Thron aus rief er seine Schäfchen wöchentlich zu großzügigen Spenden für seine Kirche auf. Ostentativ zu spenden wurde ein Beweis für Gottesfurcht und Tugend. Kutino nahm die Luxuskarossen und intergalaktisch anmutenden Handys mit Wohlgefallen entgegen. »Ich liebe Geld«, sagte er einem französischen Journalisten, »es hilft, um gut zu leben.«47 Empörend? Ja, aber nicht anders als die Dynamik, die bewirkte, dass im Europa des Mittelalters Kathedralen errichtet wurden und Kirchen­obere in Brokat und Spitze einherwandelten. Postmaterialismus ist ein Luxus für Reiche. Der Arme blickt zum Großprotz hoch. So wie Papa Wemba mit &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; einen Hoffnungsschimmer in die Jugendkultur gebracht hatte, so brachte Fernando Kutino eine Ahnung von Wohlstand über den Umweg des Glaubens. Kutino war einfach auch ein &#039;&#039;sapeur&#039;&#039;, mit seinem Goldschmuck und den Schuhen aus Krokoleder. Er verkörperte Erfolg, Macht und Reichtum.48 Er war sozusagen der Werrason des Gottesdienstes. Im Dezember 2000 versetzte er im Stade des Martyrs eine Menschenmenge von mehr als hunderttausend Gläubigen in Ekstase. Seine Auftritte wurden mit Live-Popmusik bereichert und boten ausgiebig Gelegenheit zum Singen und Tanzen. »Sing, sing, tanz, tanz für den König der Könige«, forderte ein religiöser Popkünstler sein Publikum auf, »denn wenn ihr das hier nicht tut, dann sicher anderswo in der Welt der Finsternis.«49 Kinshasa war die Stadt des Teufels geworden, nur Gott schenkte Gnade, und Kutino war sein Schatzmeister.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Übergangs von 2002-2006 erlebten die Erweckungskirchen ein enormes Wachstum, vor allem in den Städten. Fernando Kutino diente vielen als Vorbild. Unter Vordächern, in Stadtomnibussen, auf Straßenkreuzungen predigten selbsternannte Pastöre voller Begeisterung. In Kinshasa eröffneten Läden, in denen nichts anderes als Stehpulte verkauft wurden, Rednerpulte aus Holz oder Glas, die man beim Verkünden der frohen Botschaft verwendete. So gut wie jedes Wochenende trat ein neuer Prophet in Erscheinung. Im Jahr 2005 gab es in Kinshasa Schätzungen zufolge dreitausend charismatische Kirchen.50 Die meisten von ihnen waren recht bescheiden, ein paar wurden sehr mächtig. &#039;&#039;Full Gospel&#039;&#039; füllte Stadien mit Marathon-Sessions, die drei Tage und mehr dauerten. Pastöre aus Nigeria und den USA gaben Gastspiele mit inbrünstigen Bekenntnissen. Überall erschallten Lobgesänge und Dankgebete. Eine Anzeige auf der Titelseite von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; versprach im riesigen Stade des Martyrs ein »Festival der Wunderheilungen« mit Rév. Dr. Jaerock Lee, einem Südkoreaner: »Die Toten werden auferstehen, die Stummen sprechen, die Blinden sehen und die Tauben hören. Verschiedene unheilbare Krankheiten, einschließlich Aids, Krebs und Leukämie, können geheilt werden. Mit konkreten Beweisen, die zeigen, dass Gott lebt; Sie können selbst am Ort der Wunder anwesend sein. Eintritt frei.«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirchen versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen mit kämpferischen Namen wie l&#039;Armée de l&#039;Éternel, l&#039;Armée de la Victoire, Combat Spirituel und la Chapelle des Vainqueurs. Es erinnerte an die kriegerischen Titel der Popalben im Kampf um &#039;&#039;leadership&#039;&#039; auf dem Markt und in der Politik. Gläubige waren in der Regel gegenüber einer bestimmten Kirche loyal, doch es herrschte große Fluktuation; eine Art serieller Monotheismus bildete sich heraus. »Wenn dein Gott tot ist, probier meinen aus«, lautete der Slogan von Pastor Kiziamina-Kibila, als ob es um ein Waschmittel ginge. Und so wechselten viele zwischen den verschiedenen Kirchen, und an den hohen Feiertagen besuchten manche auch noch die katholische Messe. Nach der Ernennung von Joseph Ratzinger zum neuen Papst gab sich Koffi Olomide einen neuen Künstlernamen: Benoît XVI. Als das in Rom gar nicht gut ankam, nannte er sich einfach Benoît XVII.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war nicht nur ein Konkurrenzkampf. Im Kern ging es um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Christus und Satan, zwischen dem wahren Glauben und Hexerei. Die Erweckungskirchen vertraten ein einfaches, duales Weltbild, das Menschen half, mit den Widersprüchen ihres Daseins umzugehen. Für Misserfolge waren böse Geister in einer Schattenwelt verantwortlich, Erfolge waren der Gnade Gottes zu verdanken. Zu l&#039;Armée de l&#039;Éternel kamen junge Frauen und bezahlten zehn, zwanzig oder fünfzig Dollar, damit der Prediger, &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, ihnen durch Handauflegen half, einen Mann zu finden, schwanger zu werden oder ein Visum für Europa zu bekommen. War das nicht schamlose Geldgier auf Kosten Verzweifelter? »Wir möchten auch, dass Schulen gebaut werden«, erklärte mir der Sprecher dieser Kirche, »wir finden, dass der Mensch arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen, und nicht nur beten. Wir organisieren kostenlose Aidstests und vermitteln jungen Eltern, wie sie ihre Kinder erziehen müssen.«53 Für einen elternlosen, hart arbeitenden jungen Mann wie Beko bot die Kirche ein soziales Auffangnetz. Religion sprang ein, wo die Behörden versagten. Manche Pfarrer schafften es in den vergangenen Jahren, rivalisierende Jugendbanden miteinander zu versöhnen; die Polizei versuchte so etwas gar nicht erst.54 Sie nahmen »Hexenkinder« auf, die von zu Hause weggejagt worden waren, und versuchten sie zu »behandeln«.55 Wie die Unternehmen füllten sie die Lücke, die durch den Ausfall des Staates entstanden war. Verzweifelte Bürger fanden eine kuschelige Zuflucht im leidenschaftlichen Glauben. Kleine Läden hießen fortan la Grâce, le Christ, le Tout-Puissant, Internetcafés hießen Jesus.com, Wechselstuben »God is my bank«. Sogar eine neue Generation Vornamen kam auf: Kinder hießen jetzt Touvidi (von Tout vient de Dieu), Plamedi (Plan Merveilleux de Dieu), Emoro (Éternel Mon Rocher) und, unfassbar, Merdi (von Merveille Divine, das musste ich mir auch erst erklären lassen).56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 2. November 2008 nahm ich am Sonntagsgottesdienst von Parole de Dieu in Yolo-Sud teil, einem Armenviertel der Hauptstadt. Unter einem Schutzdach aus Zink drängten sich in einem Innenhof mehr als tausend Menschen. Sie sangen, sie tanzten, sie schüttelten selbstgemachte Rasseln. Da begann ich zu begreifen, wieso diese Kirchen so erfolgreich sind: Die Atmosphäre war unglaublich. Zu keinem Zeitpunkt fand eine Kollekte statt. Wer wollte, konnte am Eingang etwas spenden. Der Prophet Dominique Khonde Mpolo saß mit Turnschuhen auf dem Podium. Schlichtheit war sein Motto. Nicht jeder Pastor ist auf Geld aus. In seiner sehr langatmigen Predigt wetterte er gegen »Jésus Business« und setzte »Jésus Vérité« an dessen Stelle. »Die ganzen anderen Kirchen, die Geld versprechen . . . Wir wollen keinen Luxus, wir essen nicht mal Fleisch. Keiner hier trägt einen Anzug. Wir müssen für unser Land arbeiten und nicht für unseren Stolz.« Er selber war auf Wiederauferstehungen spezialisiert. Nach eigenem Bekunden hatte er bereits vier davon bewirkt. Die erste sei am schwierigsten gewesen, aber nun sei er im Besitz eines magischen Saftes. Den brauche man dem Toten nur auf die Lippen zu streichen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der katholische Volkspriester, der den Marsch der Hoffnung mit organisiert hatte, konnte sich darüber mächtig aufregen: »Die neuen Kirchen lullen die Menschen nur ein. Sie haben überhaupt nichts mit Befreiung zu tun. Sie versprechen ein leicht zu erreichendes Glück durch ›Wunder‹, aber sie halten die Leute nicht dazu an, Verantwortung zu übernehmen. &#039;&#039;Nzambi akosala&#039;&#039;, sagen die Leute, Gott wird&#039;s schon richten. Ich sage es rundheraus: Diese Kirchen sind ein Geschenk für die Regierung. Sie machen es den Politikern leicht. Deshalb werden sie auch von der Regierung so großzügig unterstützt. Sony Kafuta, dieser Typ, der sich ›Rockman‹ nennt, steht Kabila und dessen Mutter ziemlich nahe, er ist ihr spiritueller Führer.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass er sich bei den Mächtigen anbiederte, konnte man von Fer­nando Kutino jedenfalls nicht behaupten. Er lag nacheinander im Clinch mit Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. Während »Rockman« von den Kabilas zum obersten Seelsorger der nationalen Armee berufen wurde, begann Kutino mit der Kampagne &#039;&#039;Sauvons le Congo&#039;&#039;, »Lasst uns den Kongo retten«. Für seinen Fernsehsender lud er Gäste ein, die unverblümt Kritik an den 1+4 äußerten. Damit war das eine der wenigen kritischen Stimmen aus der Ecke der Pfingstbewegung. Die &#039;&#039;anti-valeurs&#039;&#039;, wie man sie nannte, wurden an den Pranger gestellt. Auffällig war ein sehr anti-ruandischer Tenor. Nach Verdächtigungen, dass sich Joseph Kabila von der ruandischen Lobby lenken ließe oder, eine noch schlimmere Unterstellung, selber ein ruandischer Tutsi sei, wurden die Räume des Senders versiegelt, und der &#039;&#039;bishop&#039;&#039; flüchtete nach Europa. Erst 2006 kehrte er zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das war noch nicht das Ende. Im Mai 2006, sechs Wochen vor den Wahlen, landete Kutino, inzwischen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039;, in Kinshasa und veranstaltete im Stade Tata Raphaël eine große Zusammenkunft. Er trug ein scharlachrotes Bischofsgewand und winkte von der Ladefläche eines Geländewagens den dichtgedrängten Scharen seiner Anhänger zu. Noch immer wetterte er gegen die »ausländischen« Einflüsse und warf Kabila einen Mangel an &#039;&#039;congolité&#039;&#039; vor. Zweifel an seiner Herkunft zu säen (seine Mutter sei nicht seine wirkliche Mutter, er sei ein Ruander und so weiter) wurde eine bewährte Taktik der Opposition. Allerdings gab es dafür keinerlei Beweis.59 Die gesamte Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen, vom Sender von Jean-Pierre Bemba, Kabilas bedeutendstem Herausforderer. Gleich danach wurde Kutino verhaftet, und Bemba konnte ihn in Makala besuchen. Einen Monat später wurde er zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen zehn Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Man sprach ihn des illegalen Waffenbesitzes, der Verschwörung und des versuchten Mordes schuldig, doch es ging offenkundig um eine Abrechnung. Internationale Menschenrechtsorganisationen rügten den sehr fragwürdigen Prozessverlauf.60 Auf der Website von Sauvons le Congo findet man einen dramatischen kleinen Film mit den »letzten Worten« des Propheten, am Schlusstag des Prozesses gedreht. Kutino spricht unsicherer denn je. Von seiner denkwürdigen Redegewandtheit ist nichts mehr übrig. Die Bilder sind mit den blutigsten Szenen aus &#039;&#039;Die Passion Christi&#039;&#039; von Mel Gibson zusammengeschnitten. Auch dieser Prophet wird ans Kreuz genagelt, lautet die Botschaft. Aber im Gerichtssaal trägt er noch immer einen tadellosen Maßanzug mit Einstecktuch. Ein Märtyrer im Maßanzug, vielleicht zeigt das ja die ganze Ambivalenz der Erweckungskirchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so schleppte sich ein Land, das keines war, zu seinen ersten freien Wahlen nach einundvierzig Jahren, wie es im &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; vereinbart war. Wirtschaftsunternehmen und Kirchen – &#039;&#039;la bière et la prière –&#039;&#039; hatten den öffentlichen Raum an sich gerissen und die Köpfe benebelt und erfreut. Im Vorfeld des sprichwörtlichen »Festtages der Demokratie«, der nach vielem Zögern auf den 30. Juli 2006 anberaumt worden war, bestand die Bevölkerung mehr aus Konsumenten und Frömmlern als aus wachen Bürgern. In der Kolonialzeit hatte das umfassende Bündnis zwischen Kirche, Staat und Kapital – die fragwürdige &#039;&#039;koloniale Trinitas&#039;&#039; – dafür gesorgt, dass die Bevölkerung zahm und gefügig blieb. Jetzt war etwas Ähnliches im Gange. Der Staat war freilich viel schwächer, lehnte sich aber gern an die beiden anderen Pfeiler an. Die »postkoloniale Dreifaltigkeit« bestand aus einer korrupten Politikerkaste, die eine Allianz einging mit neumodischen Religionen und von der Geschäftswelt hochgepushten Popstars. Präsident Kabila, der sich in der Zeit des Überganges nicht gerade durch überbordende Tatkraft hervorgetan hatte, bediente sich ausgiebig dieser alternativen Machtblöcke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon im April 2002 hatte Werrason bei seinem Konzert im Pariser Zénith zur Unterstützung Kabilas aufgerufen, wegen dessen »Bemühungen um den Frieden«.61 Unbezahlbare Werbung, denn Kabila war nicht besonders angesehen in den volkstümlichen Vierteln von Kinshasa, wo Bemba &#039;&#039;toujours leader&#039;&#039; wurde. Bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Sun City 2003 gab Werrason, der ja Friedensbotschafter war, ein Konzert für die Delegierten.62 2004, als Nkunda Bukavu einnahm, wurde Werrason sogar darum gebeten, die Gemüter zu beschwichtigen, als sich die Bevölkerung gegen die UNO-Blauhelme wandte. Der Popmusiker, der seinen Aufstieg einem Konzern verdankte, sollte nun die Massen besänftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Januar 2005 lud Kabila alle Größen der kongolesischen Musik auf ein Glas Champagner in den Präsidentenpalast ein. Werrason und J. B. Mpiana waren da, neben Papa Wemba und Koffi Olomide und ein paar anderen Erzrivalen. Der Präsident konnte sich wieder einmal als der große Versöhner profilieren, der den Frieden nicht nur in die Hügel im Osten gebracht hatte, sondern auch in die Bars von Kinshasa. Das Foto von diesem Umtrunk ging um die ganze Welt. Es war eine exakte Kopie der Aufnahme, die Jamais Kolonga mir gezeigt hatte und auf der er mit Franco und Kabasele Mobutu zuprostete. Im Kongo war das Verhältnis zwischen Politik und Musik schon immer sehr innig. War Kabasele nicht zum runden Tisch in Brüssel mitgereist, als er seinen »Unabhängigkeits-Cha-cha-cha« komponierte? War Franco nicht intensiv in Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik eingebunden gewesen? Sang Papa Wemba nicht bei der Einführung von Kabilas neuer Währung mit? Ja, das taten sie alle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt ging es noch einen Schritt weiter. In den neunziger Jahren war es in Mode gekommen, dass Privatleute dafür bezahlten, wenn Künstler ihre Namen in einen Songtext einbauten. Für eine Handvoll Dollar waren Mpiana, Werrason und ihre Kollegen zum Namedropping bereit. Schließlich lebte man in Krisenzeiten. Das Ergebnis sah bei J. B. Mpiana ungefähr so aus: »Liebe, Liebe, wohin führt uns das, &#039;&#039;Ruphin Makengo&#039;&#039;? / Sie beginnen mit Liebe und sie enden damit, &#039;&#039;Jean Ngendu&#039;&#039;. / Ist es nur eine Frage des Stolzes oder was, &#039;&#039;Lidi Ebondja&#039;&#039;?« Bei Werrason klang es so: »Du hättest es mir eher sagen sollen, &#039;&#039;Hugues Kashala&#039;&#039;. / Du hast meine Zeit vergeudet, alle meine Freunde sind verheiratet, &#039;&#039;Chibebi Kangala&#039;&#039;. / Sogar meine jüngeren Schwestern. / &#039;&#039;Claudine Kinua&#039;&#039; ist wütend.«63 &#039;&#039;Kobwaka libanga&#039;&#039; hieß dieses Phämomen, Steinchen werfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es zu einem festen Bestandteil der kongolesischen Popmusik geworden. Die zweite Hälfte eines Songs, die &#039;&#039;sebene&#039;&#039;, ist der Instrumentalteil, in dem die Gitarrensoli die Tänzer zu einem Höhepunkt führen, aufgepeitscht vom Animateur, der die Reihe von Namen herunterschnurrt. Politiker und Prominente bezahlen nicht nur Journalisten für einen Artikel, sondern auch Popstars für eine Nennung. Wer einen Abend im &#039;&#039;le 144&#039;&#039; in der Avenue Louise verbringt, der schicksten kongolesischen Diskothek von Brüssel, hört sogar den DJ durch die Stücke hindurch rufen, wer Geburtstag hat und wie viele Flaschen Champagner zu diesem Anlass bestellt wurden. In Kinshasa wurde der Bogen manchmal völlig überspannt. »Treize ans« von Werrason enthielt mehr als hundertzehn Namen, »Lauréats« von Mpiana sogar zweihundert.64 Das war keine Hommage mehr, sondern serienmäßiges &#039;&#039;Product-Placement&#039;&#039;. Künstlerische Autonomie? Ohne Bedeutung – im Gegenteil. Wenn man sich nicht auf reiche oder mächtige Zeitgenossen berufen konnte, erst dann galt man als Niete. Denn das war ein Zeichen für soziale Isolation und damit tödlich für einen Künstler, der &#039;&#039;leader&#039;&#039; sein wollte. Werrasons opportunistischer Pakt mit Kabila und dessen Lager war – wie auch Mpianas Sympathie für Bemba – so unübersehbar, dass sich die &#039;&#039;Haute Autorité des Médias&#039;&#039; (HAM) veranlasst sah, den TV-Stationen in den Wochen vor den Wahlen zu verbieten, ihre allzu parteiischen Popsongs weiter auszusenden. Zuvor waren sie nonstop über die Bildschirme geflimmert. Doch zu jenem Zeitpunkt war der Volkssänger Tabu Ley, ein Freund von Vater und Sohn Kabila, längst zum Vizegouverneur der Stadt Kinshasa ernannt worden, und Tshala Muana, eine der wenigen weiblichen Popstars, hatte einen Hit gelandet, in dem es hieß: »Wählt, wählt Kabila / Wählt nur Kabila / Wir alle wählen Kabila, unseren Chef / Er ist er einzige gute Führer des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Pfingstkirchen dienten der Sache des Präsidenten, mit der bereits erwähnten Ausnahme. »Alle Macht kommt von Gott«, hörten Gläubige am Sonntagmorgen, »betet für die Regierung.« Und als sei das noch nicht deutlich genug, setzte der Prophet vom Dienst noch mit Vergnügen hinzu: »Wer Jesus und Kabila liebt, steht jetzt auf und applaudiert.«65 Armeeseelsorger Sony Kafuta ging so sehr in seiner Kabila-Manie auf, sowohl in seiner Kirche wie im Fernsehen, dass ihn die HAM wegen Anstachelung zum Hass zur Ordnung rufen musste.66 Die katholische Kirche sah sich alles lediglich etwas verwundert aus der Distanz an. Es war ein himmelweiter Unterschied zu der kritischen Rolle, die sie im Kampf gegen Mobutu gespielt hatte.67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 27. Juli 2006, drei Tage vor dem großen Tag. In Kinshasa herrschte hektisches Wahlfieber. Dass die Wahlen nun stattfanden, war dem internationalen Druck des CIAT zu verdanken, aber vor allem auch der hervorragenden Arbeit der &#039;&#039;Commission Électorale Indépendante&#039;&#039;, der CEI, die von Abbé Malu Malu geleitet wurde, einem inspirierenden Priester. Die Vorbereitungen waren äußerst beeindruckend. Der Kongo war inzwischen ein Land ohne Infrastruktur. Es war unmöglich, das Land mit dem Auto von der einen zur anderen Seite zu durchqueren. Selbst die großen Zentren waren nicht mehr miteinander verbunden. Der Kongo war eher ein Archipel als ein &#039;&#039;pays-continent&#039;&#039;, ein Archipel, dessen Inseln nur per Flugzeug, Helikopter oder Boot zu erreichen waren. Niemand wusste, wie viele Menschen dort lebten, niemand hielt die Geburten fest, niemand besaß Papiere. Die letzte Form von Identitätsnachweisen waren die Mitgliedskarten des MPR aus der Mobutu-Ära. Aber am 15. Juni 2005 gelang es der CEI, fünfundzwanzig Millionen Wähler registrieren zu lassen, ein überwältigender Erfolg. Am 19. Dezember 2005 wurde der Entwurf einer neuen Verfassung durch Volksabstimmung genehmigt. Am 21. Februar 2006 wurde das Wahlgesetz verabschiedet. Der Wahlkampf konnte beginnen. Tshisekedi, der historische Oppositionsführer, boykottierte das Verfahren von Anfang an und wurde ein Opfer seines eigenen Starrsinns. Vizepräsident Ruberwa hatte nicht die geringste Chance, weil man ihn noch immer für den Handlager Ruandas hielt. Die Europäische Union startete nach der Operation Artémis in Bunia eine zweite Militärmission: EUFOR, eine europäische Interventionstruppe von 1400 Soldaten, die in Kinshasa Ruhe und Sicherheit gewährleisten sollte, denn Wahlen in Afrika bringen eher Zwist als Demokratie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 27. Juli zog Jean-Pierre Bemba, der Mann aus der Provinz Équateur, der ehemalige Warlord, dessen Soldaten Kannibalismus verübt hatten, in Kinshasa ein. Er wurde mit offenen Armen empfangen: Er war der &#039;&#039;mwana ya mboka&#039;&#039;, der Sohn des Landes, der wahre Kongolese. Mehr als eine Million Menschen begleiteten ihn auf dem klassischen Weg vom Flughafen ins Zentrum, der zwanzig Kilometer langen Strecke, die auch Baudouin, Mobutu, Tshisekedi und Werrason unter dem Jubel der Zuschauer am Straßenrand zurückgelegt hatten. Bemba würde vor seinen Anhängern im Stade Tata Raphaël sprechen, jenem Stadion, mit dem so viele historische Momente des Kongo verbunden waren, von den Unruhen 1959 über den Boxkampf 1974 bis zu den Predigten Kutinos 2006. Betrunkene Jugendliche hatten einen Hund bei sich, dem sie ein Wahlkampf-T-Shirt mit Kabilas Konterfei angezogen hatten. Das garantierte Heiterkeit. Das Tier drehte sich verstört um die eigene Achse und bellte seinen Schwanz an. Andere trugen ein riesiges Porträt Mobutus umher, des anderen starken Mannes aus der Provinz Équateur, denn inzwischen war eine Generation nachgewachsen, die den Mobutismus nur vom Hörensagen kannte. Sogar die alte grüne MPR-Fahne wehte über dem Stadion. Bemba versprach seinen Zuhörern, den Staat wiederaufzubauen und ihn tatkräftig zu führen. Wie Mobutu konnte er mühelos eine anderthalbstündige Rede ohne Konzept halten. Mit seiner bulligen Statur und seiner ungeschminkten Sprache kam er im extrovertierten Kinshasa viel besser an als der schüchtern wirkende Kabila mit seinem dürftigen Lingala und dem Französisch, das noch immer einen englischen Anklang hatte. Kabila erschien vielen Kongolesen als junge Marionette der internationalen Gemeinschaft (er war erst vierunddreißig, Bemba war dreiundvierzig) und nicht wie jemand, der dem Land neuen Stolz schenken konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann geschah etwas Bedeutsames. Nach der Wahlkundgebung zogen Jugendliche randalierend durch die Stadt und griffen die wichtigsten Stützpfeiler von Kabilas Wahlkampf an. Ihre Wut richtete sich gegen die postkoloniale Trinität von Präsident Kabila, den »Regierungsmissionar« Sony Kafuta und den Sänger und Bierwerber Werrason. Die jungen Bemba-Anhänger richteten Zerstörungen bei der Haute Autorité des Médias an, die sie der Parteilichkeit zugunsten des amtierenden Präsidenten verdächtigten. Dann zogen sie zum nicht weit davon entfernt gelegenen Tempel des Kabila-Adepten Sony Kafuta und schlugen die große Kultstätte seiner Armée de l&#039;Éternel kurz und klein, sodass die »Armee des Ewigen« nun eher wie der Trümmerhaufen der Gegenwart aussah. Anschließend nahmen sie sich ein paar hundert Meter weiter den Samba Playa vor, Werrasons Proberaum und Konzertsaal. Und auch dieser Wallfahrtsort so vieler junger, armer Kinois wurde binnen kürzester Zeit von der wütenden Menge junger, armer Kinois umgestaltet, die sich von Werrasons plakativer Unterstützung Kabilas verraten fühlten.68 Bralima verlor im Monat darauf 3 Prozent Marktanteil. Trotz der Allianz zwischen Bier, Beten und Bestimmen, die das Volk dumm halten sollte, ließen sich die jungen Wähler nicht alles gefallen. Es waren &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 14 Die Erholungspause ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Hoffnung und Verzweiflung in einer jungen Demokratie 2006-2010 ===&lt;br /&gt;
Um sechs Uhr morgens herrschte noch zaghaftes Licht. Pascal Rukengwa musste sich an die Stille des Dorfs gewöhnen. Was für ein Unterschied zu Kinshasa! Bushumba lag fünfunddreißig Kilometer von Bukavu entfernt. Hier war er zur Welt gekommen, hier war seine Heimat, auch wenn er schon seit Jahren in der hektischen Hauptstadt lebte. Hier würde er zur Wahl gehen. Zum ersten Mal. Pascal war zweiundvierzig. Als es im Land zum letzten Mal freie Wahlen gegeben hatte, war er ein Jahr alt gewesen. »Ich wähle das Leben«, sagte er, »das Recht aufs Dasein. Es ist ein Neuanfang.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sah, dass im Dorf reges Leben herrschte. Schon in aller Frühe bildeten sich Schlangen vor dem Wahllokal. Manche Wähler hatten die Nacht vor der Tür zugebracht.2 Das war nicht einfach irgendein Sonntag. &#039;&#039;Mamans&#039;&#039; hatten ihre allerbesten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; angezogen. Herren trugen Krawatten und blankgeputzte Schuhe. Halbwüchsige protzten mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen. Junge Frauen hatten sich neue &#039;&#039;extensions&#039;&#039; einflechten lassen. Geduldig standen sie an, die orangefarbene Wahlkarte in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa hatte keine Zeit für Stolz oder Ergriffenheit, aber ein bisschen war es auch sein Tag. Jahrelang hatte er sich dafür eingesetzt. Er war ein Mitglied der CEI, der aus einundzwanzig Personen bestehenden nationalen Wahlkommission, die den ungeheuer komplexen Urnengang organisiert hatte. »Alle Hoffnungen richteten sich auf uns, aber wir mussten ja selber alles lernen. Manchmal habe ich mich gefühlt wie ein Fremder im Urwald, wo einen jedes Tier jeden Moment zerreißen kann. War die Hoffnung nicht größer als das, was wir leisten konnten? An manchen Orten hatten die Leute noch nie einen Computer gesehen.« Die logistische und finanzielle Hilfe der USA und der EU war immens. Mit fast einer halben Milliarde Dollar, größtenteils von Europa gezahlt, waren es die teuersten und umfangreichsten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals organisiert hatte.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal blickte sich um. Fünfzigtausend Wahllokale öffneten in diesem Augenblick ihre Türen. Vierzigtausend Beobachter aus dem In- und Ausland kontrollierten, ob alles mit rechten Dingen zuging.4 In den vorangegangenen Monaten waren eine Viertelmillion Wahlhelfer losgezogen, um die Bevölkerung zu informieren.5 Die Wahlurnen waren per Helikopter, LKW und Motorrad in die entferntesten Winkel des Landes gebracht worden, zu manchen Flecken im Urwald sogar mit einem Einbaum oder mit Trägern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und heute war es nun so weit. Sechzehn Millionen Menschen machten sich zu den Wahlkabinen auf, sogar Flüchtlinge verließen ihre aus Plastikplanen improvisierten Hütten. Pascal kam aus der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; von Süd-Kivu, dem gesellschaftlichen Mittelfeld mit seinen Bürgerorganisationen. »Freie Wahlen, das war der sehnlichste Wunsch der Nationalen Souveränen Konferenz. Für die Bevölkerung wurde es ein magischer Moment, aber für mich war es ein Tag voller Stress. Eine Schwangere, die in der Schlange stand, wurde ohnmächtig, und das nächste Krankenhaus war zehn Kilometer entfernt. Einem Kind wurde unwohl, und es starb. Ich fuhr hin und her. Ich hatte an dem Tag keine Minute für mich. Aber ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so viel Wert darauf legten, ihre Führer zu wählen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Urnengang verlief, trotz ein paar kleiner Zwischenfälle, ausgesprochen würdevoll. Die Wähler erhielten im Wahllokal – oft nicht mehr als eine geräumige Hütte – die notwendigen Unterlagen. Auf dem Stimmzettel für die Präsidentschaftswahlen standen dreiunddreißig Namen. Joseph Kabila stand selbstverständlich darauf, neben Jean-Pierre Bemba und Azarias Ruberwa, den Rebellenführern, die inzwischen Vizepräsidenten waren. Auch Antoine Gizenga trat an, der noch unter Lumumba Vizepremier gewesen war. Und Nzanga Mobutu, der Sohn des ehemaligen Diktaktors. Außerdem gab es Pierre Pay Pay, den ehemaligen Gouverneur der Zentralbank, und Oscar Kashala, einen Arzt, der aus den USA zurückgekehrt war. Der Stimmzettel für das Parlament war weitaus unübersichtlicher. Um die fünfhundert Sitze bewarben sich zehntausend Kandidaten, verteilt über mehr als zweihundertfünfzig Parteien. Das Formular bestand aus sechs großen Blättern, auf denen die Kandidaten mit Passfoto abgebildet waren: Ein Drittel des Landes konnte ja nicht lesen. Alte Mütterchen baten Wahlhelfer, ihnen zu zeigen, wo sie »Monsieur Sept« ankreuzen konnten. Das war Kabila, dessen Partei PPRD (Parti du Peuple pour la Recon­struction et la Démocratie) Wahlliste Nummer 7 hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wahllokale schlossen, begann die Auszählung der Stimmen. Um Manipulationen der Wahlurnen zu vermeiden, geschah das so weit wie möglich an Ort und Stelle, auch wenn es nicht immer einfach war. »Wir hatten keinen Strom«, erzählte Pascal Rukengwa, »und die Taschenlampen, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, funktionierten nicht. Geld, um Kerzen zu kaufen, hatten wir auch nicht, aber die Leute gingen selbst auf die Suche nach Kerzen. Wir wussten uns zu helfen. In manchen Wahllokalen schliefen die Leute bei den Urnen, um sicher zu sein, dass nichts schiefging.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bild von tapferen Bürgern, die bei Kerzenlicht in einer Hütte Stimmen auszählen, oft, nachdem sie den ganzen Tag nichts gegessen haben, ist sehr ergreifend. Das Bild von erschöpften Männern und Frauen, die im Schlaf eine versiegelte Wahlurne in den Armen halten, als wäre sie ein Schrein oder ein Kind, lässt niemanden unberührt. Der größte Sieger der Wahlen war der einfache Kongolese.6 Noch ehe der Morgen dämmerte, wurden viele Ergebnisse bereits telefonisch oder per SMS in die Rechenzentren durchgegeben. Das Wunder war geschehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa flog nach Kinshasa zurück. Am 20. August 2006, drei Wochen nach den Wahlen, stand das endgültige Ergebnis fest. Keiner der vielen tausend Beobachter hatte groß angelegten Betrug wahrgenommen, und das überraschende Resultat schien das zu bestätigen: Keiner der Kandidaten hatte eine absolute Mehrheit. Kabila holte fast 45 Prozent der Stimmen, Bemba 20 Prozent. Auf den dritten Platz kam der alte Gizenga mit 13 Prozent, ein Mann, der keinen Wahlkampf geführt hatte, aber von seiner historischen Aura zehren konnte. Pascal: »Das Ergebnis führte zu einer riesigen Enttäuschung: Bemba wusste bereits, dass er nicht gewonnen hatte, und Kabila war sich darüber im Klaren, dass er nicht in der ersten Runde gesiegt hatte. Es kam zu heftigen Schießereien in der Stadt. Bembas Anhänger richteten ihre ganze Wut auf Kabila und auf uns. Sie warfen der CEI Parteilichkeit vor, dabei waren wir richtig erstaunt, dass Bemba so viele Stimmen erhalten hatte! Wir mussten uns im Keller versammeln und beratschlagen. Ich wusste nicht, ob ich am nächsten Tag noch leben würde. Mit den Panzern der MONUC sind wir dann zum Staatsrundfunk gefahren und haben das Ergebnis offiziell im Fernsehen bekanntgegeben. Ich saß auf dem Boden zwischen den Beinen der Soldaten. Es war ein alter Panzer, der Startschwierigkeiten hatte. So ein Ding macht ein Geräusch wie ein großer Dieselgenerator, wusstest du das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wahlergebnis zeigte eine auffällige Bruchlinie. Kabila hatte im Osten des Landes gewonnen. In Provinzen wie Nord-Kivu, Süd-Kivu, Maniema und Katanga erzielte er stalinistische Ergebnisse von mehr als 90 Prozent (bis hin zu 98,3 Prozent in Maniema und Katanga). Nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass er selbst aus dem Osten stammte und dort als &#039;&#039;l&#039;artisan de la paix&#039;&#039; gesehen wurde, der Mann, der den Krieg beendet hatte. Bemba triumphierte in den westlichen Provinzen, die vom Krieg nicht betroffen gewesen waren (Bas-Congo, Kinshasa, Bandundu) und seiner Heimatprovinz Équateur. Die Bruchlinie überschnitt sich ungefähr mit der Grenze zwischen dem Lingala- und dem Swahili-sprachigen Kongo. Für kurze Zeit befürchtete man einen makro-ethnischen Konflikt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Tag nach der Bekanntgabe beschossen Ordnungstruppen Kabilas die Residenz von Bemba in Kinshasa, angeblich, weil sie von Bembas Leibwache provoziert worden seien. Was sie nicht wussten, war, dass Bemba zu diesem Zeitpunkt im Gebäude mit nahezu allen wichtigen Botschaftern des CIAT konferierte. Der Beschuss dauerte Stunden, Bembas Privathelikopter wurde zerstört. Die Scharmützel wurden durch Eingreifen der MONUC und der EUFOR, der EU-Friedenstruppe, beendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte jedoch wieder Ruhe ein, und die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen, am 29. Oktober, verlief alles in allem ohne größere Zwischenfälle. Wie das so ist bei zweiten Wahlgängen, arrangierte sich der erste Kandidat mit dem dritten. Kabila versprach Gizenga das Amt des Premierministers, wenn dessen Anhängerschaft für ihn stimmte. Außerdem sicherte er sich die Unterstützung von Nummer vier, Nzanga Mobutu, der später Landwirtschaftsminister werden durfte. Dass sich Mobutu jun. zum Präsidentenlager bekehrte, war nicht unwichtig, da er aus Équateur kam, Bembas Provinz. Kabilas Wahlbündnis, die &#039;&#039;Alliance pour la Majorité Présidentielle&#039;&#039; (AMP), vereinte nun seine eigene PPRD und die Parteien Gizengas und Mobutus. Es hätte auch ganz anders kommen können: dass der Sohn von &#039;&#039;mzee&#039;&#039; Kabila nun mit dem Sohn von Marschall Mobutu an einem Strang zog, ließ wahrscheinlich mehr als einen Vorfahren im Grab rotieren. Es war, als hätten Kinder Churchills und Hitlers zusammen eine Partei gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabila erzielte 58 Prozent der Stimmen, Bemba 42. Am 6. Dezember 2006 wurde Kabila, zwei Tage nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag und frisch verheiratet, als erster demokratisch gewählter Präsident des Kongo seit Kasavubu vereidigt. Damit war die Dritte Republik endlich ein Fakt. Mobutu hatte das Ende der Zweiten Republik im April 1990 verkündet, aber der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung hatte mehr als sechzehn Jahre gedauert, sechzehn Jahre des Hungers, der Armut, des Krieges und des Todes, sechzehn Jahre der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wurde es anders? In Kinshasa waren viele vom Tag eins an skeptisch. Kabila galt als ein Kandidat der westlichen Welt. Auch wenn die Wahlen alles in allem korrekt abgelaufen waren, hatten die Einwohner Kinshasas, die Kinois, nicht vergessen, wie Louis Michel, der ehemalige EU-Kommissar für Entwicklungszusammenarbeit und frühere belgische Außenminister, der in Zentralafrika sehr aktiv war, wie dieser &#039;&#039;big Loulou&#039;&#039;, mit seiner Zigarre und seinem Schultergeklopfe und seinem dröhnenden Lachen, wie dieser Mann, der für viele Kongolesen das Gesicht der stets verschwommenen »internationalen Gemeinschaft« war, im Fernsehen in einem eher unbedachten Moment geäußert hatte, Kabila verkörpere »die Hoffnung für den Kongo«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der streitbare Priester, der den Marsch der Hoffnung organisiert hatte, äußerte sich darüber sehr verächtlich. »Ich habe von 1990 bis 1995 für andere Wahlen gekämpft als für den Maskenzug, den wir jetzt bekommen haben. Das war eine Parodie, orchestriert von der internationalen Politik- und Finanzmafia! Ich wollte Tshisekedi wählen, aber der hatte sich selbst ins Abseits manövriert, also habe ich dann eben für Bemba gestimmt. Sie haben uns eine kleine Nebenrolle spielen lassen. Es war ein einziger großer, mafiöser Schwindel. Uns hat es nichts gebracht. Die internationale Gemeinschaft hat für viel Geld den von ihr bevorzugten Präsidenten gekauft, aber wir hätten besser selbst eine Kollekte abhalten sollen, um die Wahlen zu finanzieren und unsere Wahlurnen zu zimmern. Dann wären es wenigstens unsere Wahlen gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr kritische Äußerungen – doch sie waren keine Ausnahme in der Hauptstadt. Wahlkommissar Pascal Rukengwa kam aus dem Osten, wo Kabila einen Großteil der Stimmen erhalten hatte. Am 6. Dezember war er bei der Vereidigung des Präsidenten zugegen, aber was er dort sah, war nicht besonders beeindruckend. Ja, es gab viele hohe Gäste, viele Staatsoberhäupter. Ja, Tshala Mwana sang wunderbar. Aber alles wirkte so dilettantisch. »Es gab nicht genug Stühle. Die Leute standen stundenlang in der Sonne. Ich hatte eine Einladung zum Diner, aber es war ziemlich chaotisch. Im Saal saßen lauter Leute, die gar nicht eingeladen waren, und ich kam nicht rein. Kurz, es war nicht gerade gut organisiert, nicht besonders professionell.« Sicher, das waren alles nur Äußerlichkeiten, aber auch inhaltlich fand Pascal es recht zweifelhaft. Westliche Beobachter waren über die Ansprache des Präsidenten erfreut. Sprach er nicht voller Energie über »die fünf Baustellen«, &#039;&#039;les cinq chantiers&#039;&#039;, des nationalen Wiederaufbaus? Meinte er damit nicht Infrastruktur, Wasser und Elektrizität, Bildung, Arbeit und Gesundheit? Sagte er nicht wörtlich, dass »die Erholungspause vorbei« sei?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal war sich da nicht so sicher: »Ich habe nicht daran geglaubt. Diese Sache mit den &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039;, das fand ich ziemlich albern. Wenn sich eine Regierung nicht sowieso um diese wesentlichen Aufgaben kümmert, um was dann? Er brauchte doch keinen Wahlkampf mehr zu führen. Die Erholungspause ging einfach weiter, so sehe ich das. Er war derselbe unschlüssige, unbewegliche Mann. Nun ja, von heute aus gesehen war ich noch wohlmeinend damals.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man den Kongo am Vorabend der Dritten Republik beschreiben? Statistiken, Prozente und Zahlen reichen nicht. Die Welt offenbart sich in Krümeln und Staub. Wie beschreibt man dieses unermessliche Gebiet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es ein fruchtbares Land war, in dem viele nur einmal in zwei Tagen etwas zu essen hatten? Dass zahlreiche Menschen Hämorrhoiden bekamen durch die einseitige Ernährung mit Maniok? Dass Menschen, die kein Geld hatten, um sich Hämorrhoidensalbe zu kaufen, falls es überhaupt welche zu kaufen gab, dann eben billige Importzahnpasta zu diesem Zweck verwendeten? Ja, das haben mir gute Freunde erzählt. Schnittwunden behandelten sie mit Bremsflüssigkeit, Brandwunden mit Vaginalsekret. Schuhe putzten sie mit einem Gratiskondom, Gleitmittel ließ das Leder glänzen. Frauen, die vollere Gesäßbacken haben wollten, steckten sich, so hieß es, einen Maggiwürfel in die Vagina. Andere machten sich einen Einlauf mit Rinderbouillon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Ein Land, das kein Staat war, aber mehr als eine halbe Million Beamte zählte, die Hälfte davon ältere Männer und Frauen, die nicht in Pension gingen, weil es das nicht gab, und deshalb hin und wieder noch im Büro erschienen, wo sie zwischen Schränken, die von verschimmelten und von Termiten angefressenen Akten überquollen, auf ein bisschen Gehalt hofften und von einem bisschen Verwaltung träumten.8 Per Hand beschrieben sie Berge von Papier, mit großer Ehrfurcht respektierten sie die Amtshierarchie, denn wenn der Staat virtuell ist, ist er deshalb nicht irreal – im Gegenteil. In Bunia landete ein Brief, ehe er beantwortet wurde, in siebzehn verschiedenen Amtsstuben.9 In Boma begegnete ich einem städtischen Bibliothekar ohne Bibliothek.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Durch den Urwald in der Provinz Équateur zog ein Mann mit einem Schwein. Er war auf dem Weg von seinem Dorf zum Kongofluss. Dort würde er warten, bis ein Schiff vorbeikam, was einmal im Monat passierte. Wenn sich so ein Schiff näherte – eher ein schwimmendes Dorf mit einem Marktplatz, einem Gericht und einer Menagerie –, würde er sich in einem Einbaum längsseits paddeln lassen, um sein stattliches rosa Schwein, das ein Jahr alt war, an die Mannschaft zu verkaufen oder an einen der Passagiere, die sich laut rufend über die Reling beugten. Aber der Fluss war noch weit, zweihundertfünfzig Kilometer. Einsam wanderte er durch den Wald, drei Wochen lang, manchmal trug er sein Schwein, dann wieder ließ er es an einem Strick laufen. Nachts schlief er neben dem Tier. Der Fluss war noch weit, schrecklich weit. Und er trug nur ärmliche Schlappen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufgabe, vor der Kabila stand, war alles andere als einfach. Beherzt ließ er schriftlich festlegen: »Es werden Sorgfalt herrschen und Disziplin. Ich werde die Dinge von Neuem entschlossen in die Hand nehmen und die Kontrolle über die Lage zu 100 Prozent zurückgewinnen.«11 Die neue Verfassung sorgte jedenfalls für ein ausgeklügeltes System von &#039;&#039;checks and balances&#039;&#039;. Das Regierungssystem des Kongo war weder präsidentiell noch parlamentarisch, sondern eine Mischform (das Staatsoberhaupt ernannte den Premierminister, aber das Parlament konnte im Fall von Hochverrat gerichtliche Schritte gegen beide einleiten). Der Kongo war weder ein zentral organisierter noch ein föderalistischer Staat, sondern etwas dazwischen (die Provinzen wurden kleiner, aber erhielten mehr Kompetenzen und Mittel). Der Kongo bekam eine Nationalversammlung &#039;&#039;und&#039;&#039; einen Senat (die Nationalversammlung wurde direkt, der Senat von den Provinzräten gewählt). Und es wurde ein Verfassungsgericht mit weitgehenden Befugnissen eingeführt, das bei Differenzen zwischen Premierminister und Präsident schlichten sollte. Diese komplizierte Konstruktion sollte verhindern, dass eine der Institutionen zu viel Macht auf sich vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Gefahr war für Parlament und Regierung ziemlich gering. Das Parlament bot einen stark fragmentierten Anblick: Die fünfhundert Mitglieder repräsentierten rund siebzig Parteien, nebst noch einmal vierundsechzig Einmannparteien. Die beiden großen Parteien, die von Kabila und die von Bemba, hatten nur 175 Sitze inne, aber nicht einmal sie hatten einen stärkeren Zusammenhalt. Die Regierung war ein adipöses Monster mit sechzig Ministern, nicht, weil so vieles zu regeln war, sondern weil so viele besänftigt werden mussten. (Später würde die Regierungsmannschaft auf fünfundvierzig Ressorts schrumpfen, noch immer doppelt so viel wie unter Lumumba 1960.) Der einundachtzigjährige Premierminister Gizenga genoss anfangs großes Ansehen, aber schon bald zeigte sich, dass er seinen Ruf mehr den alten Zeiten als seiner aktuellen Arbeit verdankte. Einer seiner Minister trug die merkwürdige Bezeichnung »ministre près le Premier ministre«. Ein Minister beim Premierminister? In der Praxis hatte der gute Mann die Aufgabe, den Premierminister bei Sitzungen wachzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Januar 2007, nach nicht einmal zwei Monaten, bekam man bereits einen deutlichen Eindruck von der neuen politischen Kultur. Die Provinzräte mussten ihre Provinzgouverneure wählen, und die Ergebnisse wichen, vorsichtig ausgedrückt, stark von den Erwartungen ab. Die PPRD, Kabilas Partei, siegte in acht der neun Provinzen, auch dort, wo sie bei den Parlamentswahlen keinen Blumentopf hatte gewinnen können – nur die Provinz Équateur bekam einen Gouverneur aus dem Stall von Bemba. Es war verschwenderisch mit Schmier­geldern umgegangen worden; Kandidaten, die es nicht geschafft hatten, verlangten hinterher sogar öffentlich ihr Bestechungsgeld zurück.12 Mitglieder des Provinzrates gaben nach der Wahl zu, Schmiergelder angenommen zu haben. Dieser Betrug erzeugte so viel böses Blut in Bas-Congo, dass es zu Unruhen kam. Nur wenige wollten einen Kabila-Anhänger an der Spitze ihrer ruhmreichen Provinz. Bundu-dia-Kongo, eine ethnische religiös-politische Bewegung, die sich schon in der Mobutu-Ära für die Rechte der Bakongo eingesetzt hatte, rief zu Protesten auf. Die Bewegung träumte von der Wiedererrichtung des historischen Kongo-Reichs, das sich von Angola bis Kongo-Brazzaville erstreckt hatte. Bei Demonstrationen in Moanda, Boma und Matadi kam es zu schweren Zwischenfällen: Zehn Polizisten wurden getötet, worauf die Armee das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Folge: 134 Tote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 2007 entschied sich Kabila erneut für Gewalt. Während der 1+4-Zeit hatte Bemba als Vizepräsident das Recht auf eine Privatmiliz gehabt. Jetzt war er nur noch Senator, weigerte sich aber, auf die Miliz zu verzichten. Eigentlich war es ein Unding, dass er noch immer über eine Truppe von fünfhundert Freibeutern verfügte. Doch nach dem Beschuss seines Hauses im August war er nicht zu Unrecht um seine Sicherheit besorgt. Zudem verfügte Kabila mit seiner Garde Répu­blicaine über eine Privatarmee von fünfzehntausend Mann! Dieses Elitekorps hatte er während des Überganges aufgebaut. Am 21. März eröffneten Kabilas Männer auf dem Boulevard du 30 Juin, der belebtesten Straße der Stadt, das Feuer. Drei Tage lang lag in Kinshasa alles lahm. Büros und Botschaften wurden von Granaten getroffen. Kreisverkehrsplätze waren mit Leichen übersät. Ein Brennstofftank flog in die Luft. Mehr als dreihundert Menschen kamen uns Leben, vielleicht sogar fünfhundert. Anschließend verhafteten und folterten die Sicherheitsdienste des Präsidenten noch 125 Personen, von denen die meisten aus der Provinz Équateur stammten, und ermordeten Dutzende von ihnen.13 Bemba selbst floh nach Portugal; gegen ihn lag zwar ein internationaler Haftbefehl vor, aber er verließ sich auf seine Immunität als Senator. Doch im Mai 2008 wurde er in Brüssel festgenommen und dann an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird Disziplin geben«, hatte Kabila gesagt. Sein gewalttätiges Vorgehen im August, Januar und März ließ allerdings wenig Gutes ahnen. Es rief Erinnerungen daran wach, wie sich Mobutu kurz nach seinem Putsch Respekt verschafft hatte, indem er vier Minister durch den Galgen hinrichten ließ. Kabilas Garde Républicaine erinnerte an Mobutus DSP, seine Nachrichtendienste an die des alten Präsidenten. Aber entsprach das auch der Realität? Vielleicht war es viel tragischer, viel banaler. In allen drei Fällen ging es um Scharmützel, die aus dem Ruder gelaufen waren und unbeabsichtigt mit einem Blutbad geendet hatten. Kabila konnte es natürlich nicht zugeben, aber diese Vorfälle zeigten eher, dass er seine Soldaten nicht unter Kontrolle hatte, nicht einmal seine eigene Elitetruppe, als dass es sich um geplante Aktionen gehandelt hatte. Mobutu hatte beweisen wollen, dass er eine starke Persönlichkeit mit starken Prinzipien war, Kabila musste verbergen, dass er eine schwache Persönlichkeit, umgeben von schwachen Institutionen, war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nutzte nichts: Schon bald schwirrte Kinshasa vor Gerüchten, dass Kabila kokainsüchtig sei, nein, dass er ganze Tage Nintendo spielte, nein, dass er beschossen worden sei und sich deshalb so selten zeige. Die Leute suchten die abenteuerlichsten Erklärungen für den Eindruck der Untätigkeit. &#039;&#039;»Après les élections = avant les élections«&#039;&#039;, murmelten sie, eine sarkastische Anspielung auf die Unabhängigkeit von 1960. Auch im Osten des Landes sank Kabilas Popularität rasant. Kabila hielt niemals eine Rede in einem proppenvollen Stadion. Selten sah man ihn lachen, selten trat er in der Öffentlichkeit auf. Nur im Fernsehen erschien er hin und wieder: Wie eine Sphinx saß er dann an seinem Schreibtisch und verlas eine Erklärung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch war zu Beginn der Dritten Republik hier und da ein neuer Elan zu spüren. Das große, schwerfällige Parlament stimmte in den ersten zehn Monaten seiner Existenz über fünfzehn Gesetze ab, richtete Interpellationen an sechzehn Minister, setzte acht Untersuchungsausschüsse ein und beriet über den Etat. Es wurden Ermittlungen wegen Korruptionsskandalen und widerrechtlichen Bergbauverträgen eingeleitet.14 In Lubumbashi zeigte sich das noch deutlicher, als der öffentliche Raum in beeindruckender Weise instand gesetzt wurde. Die Schlaglöcher in den Straßen wurden aufgefüllt, Schulen und Schulhöfe wurden renoviert, 1600 Müllbehälter wurden aufgestellt, und eine Müllabfuhr wurde eingerichtet.15 Als ich im Juni 2007 dort war, sah ich Arbeiter, die die Straßenbeleuchtung an den langen, schnurgeraden Alleen kontrollierten und die Bäume stutzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Aktivitäten waren freilich immer ein paar tatkräftigen Einzelpersonen zu verdanken. Das Parlament arbeitete dank seines dynamischen Vorsitzenden Vital Kamerhe, eines Vertrauten des Präsidenten, der sich auf die Kunst verstand, uferlose Debatten auf den Punkt zu bringen und Entscheidungen herbeizuführen. Katanga zeigte wieder Initiative dank Moïse Katumbi, einem weltläufigen Geschäftsmann, der so gerissen wie populär war und &#039;&#039;le grand chef&#039;&#039; in Kinshasa bedingungslose Loyalität entgegenbrachte. Kabila brauchte dynamische Persönlichkeiten wie ihn, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es gut stand um seine »cinq chantiers«, zugleich aber achtete er darauf, dass sie ihn nicht an Popularität überflügelten. Für 2011 standen ja wieder Wahlen an.[1] Als der allerorts geschätzte Parlamentsvorsitzende Kamerhe im Januar 2009 öffentlich Kritik an Kabilas militärischem Vorgehen im Osten äußerte, wurde er zum Rücktritt gezwungen, und die neue Regierung verlor eine ihrer intelligentesten Kräfte. Katangas Gouverneur Katumbi hält sich seitdem für seine Verhältnisse auffallend zurück. Sein voluntaristisches Vorgehen illustrierte zunehmend auch die Nachteile einer stark von Einzelpersönlichkeiten abhängenden Verwaltung. Im Juni 2007 sah ich, dass das städtische Krankenhaus von Lubumbashi gerade zwei völlig neue Kühlkammern für Leichen sowie einen Transportwagen für Verstorbene bekommen hatte. &#039;&#039;Don de Moïse&#039;&#039; stand in Riesenbuchstaben an beiden Geschenken. Großzügig, das ja. Aber das Krankenhaus selbst, immerhin das zweitgrößte des Landes, hatte schon seit vier Jahren keinen Tropfen Wasser mehr bekommen.16 Wenn die Kranken die Toilette aufsuchten, mussten sie durch vier Zentimeter Kot und Urin waten. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wahlen hatten unsagbar viel Geld gekostet und sehr hohe Erwartungen geweckt, aber das Ergebnis sah schon bald recht dürftig aus. Nach bewährtem Brauch erhöhten die Parlamentarier ihre Monatsdiäten kräftig – auf 4500 Dollar 2007 und auf 6000 Dollar 2008 – und beglückten sich und ihren Sekretär mit einem funkelnagelneuen Nissan Patrol; das war einer der seltenen Tagesordnungspunkte, über die es kaum Differenzen gab.17 »Ich kapier es nicht«, sagte einmal ein Kinois zu mir, »im Wahlkampf haben uns alle Kandidaten direkt in die Augen geblickt, und das Erste, was sie tun, wenn sie gewählt sind, ist, in einem Geländewagen mit getönten Scheiben herumzukurven, damit sie uns nicht mehr sehen müssen.« Wichtige Vorhaben wie die Armeereform, die Dezentralisierung der Verwaltung und die Reorganisation der Justiz blieben deshalb liegen, mit den entsprechenden Konsequenzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Krankenhaus von Lubumbashi wurde ich Luc vorgestellt, einem sehr sympathischen jungen Mann. Er saß im Rollstuhl. Neun Monate zuvor war er festgenommen worden, als er nachts versuchte, eine Rolle Stromkabel zu stehlen. In Ermangelung einer formalen Gerichtsbarkeit herrschen überall im Kongo Volksgerichte. Die Meute rächte sich, indem sie Lucs Hände und Füße mit Benzin übergoss. Er sah sich selbst verbrennen. Der linke Fuß, der rechte Fuß, die linke Hand. Monate später ging er zur Toilette und sah, wie seine rechte Hand abfiel. Nun hat er nur noch einen Daumen. Den Rollstuhl kann er nicht bedienen. Aber das Rechtswesen ist noch immer ein Hohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leistung der Minister war dementsprechend. Im Oktober 2008 ersetzte Kabila den vor sich hin dösenden Premierminister Gizenga durch Adolphe Muzito, der bis dahin Haushaltsminister gewesen war: ein biederer und ungefährlicher Mann, der seither nichts Nennenswertes auf die Beine gestellt hat, aber in vielen Fällen unter Korruptionsverdacht geraten ist. Auch die meisten Minister zeigten nicht gerade viel Gestaltungswillen, abgesehen von ein paar notorischen Ausnahmen. Warum sollten sie auch? Wenn sie sich rührten, riskierten sie, sich die Gunst des Präsidenten zu verscherzen und ihr lukratives Amt zu verlieren (wie es Ende Februar 2010 geschah, als Kabila seine Regierungsmannschaft wieder einmal umgestaltete und zwanzig neue Exzellenzen zum Bankett lud). Außerdem fielen die politischen Entscheidungen ohnehin anderswo, nämlich in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten. Die wahre Macht in der Dritten Republik liegt nicht bei den demokratischen Institutionen des Landes, sondern bei ein paar Vertrauten des Präsidenten, zu denen auch seine Mutter und seine Zwillingsschwester gehören. Oft sind es Leute wie Augustin Katumba Mwanke, die ihre Rolle weniger ihrem Charisma oder ihrer Kompetenz verdanken als vielmehr ihrer jahrelangen Loyalität gegenüber Kabila. So ist der mächtigste Mann für militärische Angelegenheiten seit 2009 John Numbi. Er ist weder Verteidigungsminister noch Stabschef der nationalen Armee, sondern Generalinspekteur der Polizei und schon seit geraumer Zeit ein Günstling des Präsidenten. Seine militärische Ausbildung ist nicht erwähnenswert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lichtblicke? Ja, ein paar. Die Währung war bis zur weltweiten Finanzkrise im September 2008 relativ stabil: fünfhundert Kongolesische Franc entsprachen einem US-Dollar. Danach stieg der Wechselkurs auf neunhundert Kongolesische Franc für 1 US-Dollar. Der Staatshaushalt wuchs Jahr um Jahr, betrug aber 2010 immer noch nur 4,9 Milliarden Dollar, ein Betrag, vergleichbar mit dem Jahresbudget einer mittelgroßen Stadt in Europa oder der Hälfte der Finanzmittel der New Yorker Columbia University während eines akademischen Jahres. Damit lässt sich der Wiederaufbau eines riesigen Landes, dessen Infrastruktur in Trümmern liegt, nicht finanzieren. Die Hälfte dieses Geldes wird zudem von internationalen Spendern ausgespuckt; ein Viertel der Summe fließt in den Schuldendienst. Das Bruttoinlandsprodukt stieg jährlich um einige Prozent, hauptsächlich dank des Bergbaus, aber auch dieser Wirtschaftssektor ist nach wie vor völlig abhängig von ausländischem Kapital.18 2009 betrug das BIP pro Kopf zweihundert US-Dollar, bedeutend mehr als die achtzig Dollar im Jahr 2000, aber noch immer weit entfernt von den 450 Dollar im Jahr 1960. Um das heutige Niveau des Nachbarlandes Kongo-Brazzaville zu erreichen (4.250 Dollar pro Kopf pro Jahr, dank des Öls), muss die Bevölkerung bis 2040 warten, heißt es in einem internen Dokument des Premierministers vom Februar 2010. Vorausgesetzt werden dabei außerdem ein jährliches reales Wachstum von 13 Prozent und eine unveränderte Bevölkerungszunahme von 3 Prozent.19 Makroökonomisch zeichnet sich also ein leichter Fortschritt ab; allerdings besagen solche Tendenzen nichts über das Leben der einfachen Menschen. Der Human Development Index, den die UNO jährlich für alle Länder aufstellt, ermöglicht eine viel bessere Sicht auf die wirtschaftliche Lage der Bürger als das BIP pro Kopf der Bevölkerung, da er den Alphabetisierungsgrad, die Bildung, das Gesundheitswesen und die Lebenserwartung einbezieht. Und dabei strandete der Kongo im Jahr 2006 auf dem elftletzten Platz der Welt; 2009 stand das Land an siebtletzter Stelle. Keine ermutigende Entwicklung.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitschrift &#039;&#039;Foreign Policy&#039;&#039; veröffentlicht jährlich, gemeinsam mit &#039;&#039;The Fund for Peace&#039;&#039;, den &#039;&#039;Failed States Index&#039;&#039;, eine Liste der sechzig Staaten, die am meisten vom inneren Zerfall bedroht sind. 2009 landete der Kongo auf Platz fünf, noch vor dem Irak, und verschlechterte sich damit um zwei Plätze gegenüber dem Jahr 2007.21 Nach einer leichten Verbesserung droht der Kongo erneut in einen Zustand des Chaos und der Misswirtschaft abzugleiten. Der &#039;&#039;Doing Business Index&#039;&#039; für 2010 setzte das Land auf Platz Nummer 182 von 183 Ländern, nur die Zentralafrikanische Republik konnte den Kongo noch »übertreffen«. Wer im Kongo ein Unternehmen gründen möchte, muss 149 Werktage für die notwendigen Behördenangelegenheiten einplanen. Bis man eine Baugenehmigung in der Hand hält, kommt man leicht auf 322 Werktage. Durchschnittlich bezahlt man mehr als dreißig Mal im Jahr Steuern. Die Gewinnsteuer beträgt fast 60 Prozent – Geld, das nie beim einfachen Kongolesen ankommt.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was beim einfachen Kongolesen ankommt, sind Krankheiten. Die Kindersterblichkeit ist weltweit mit auf dem höchsten Stand: 161 von 1000 Kindern erreichen das Alter von fünf Jahren nicht. Eins von drei Kindern unter fünf hat mit Untergewicht zu kämpfen. Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt sechsundvierzig Jahre. Ungefähr 30 Prozent sind Analphabeten, 50 Prozent der Kinder besuchen keine Grundschule, 54 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es nicht zu einem Aufstand kommt! Innerhalb von achtzehn Monaten, so das Fazit eines Ermittlungsberichts der Regierung im Jahr 2007, verschwanden 1,3 Milliarden Dollar in den Taschen von drei staatlichen Finanzinstituten und sechs Staatsbetrieben.24 Ein schwindelerregender Betrag, aber der Volkszorn blieb aus. Als das Parlament unter Kamerhe sechzig Bergbauverträge mit internationalen Konzernen wie Anvil Mining, De Beers, BHP Billiton, AngloGold Kilo und Tenke Fungureme Mining analysierte, erwies sich nicht ein einziger dieser Verträge als angemessen.25 Der Staatsbetrieb Gécamines brachte im Jahr 2008 nur zweiundneunzig Millionen Dollar in die Kasse, dabei hätten es vierhundertfünfzig Millionen sein können.26 Die Diamantminen von Bakwanga und die Goldminen von Kilo-Moto warfen so gut wie gar nichts ab. Aber Empörung? Wehrhaftigkeit? Wut? Ja, hin und wieder streiken Beamte und Lehrer, aber der einfache Kongolese fügt sich in sein Schicksal und schämt sich fast für die Hoffnung, die er vor den Wahlen für kurze Zeit gehegt hatte. &#039;&#039;»Ça va un peu«&#039;&#039;, antwortet er auf die Frage, wie es ihm geht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im November 2008 unterhielt ich mich darüber mit Alesh, einem dreiundzwanzigjährigen Rapper aus Kisangani und einer der großen Hoffnungen des kongolesischen Hip-Hop. Rap ist ein relativ junges Genre im Kongo, aber für Alesh ist es eine Möglichkeit, die Lethargie zu durchbrechen. In seinem Stück »Bana Kin« zeigt er mit dem Finger anklagend auf die abstumpfende Musikszene von Kinshasa: »Deine Musik ist reich und zeigt die Tradition / aber ethisch enthält sie keine Kontradiktion.« Musiker wie Werrason und Mpiana rütteln die Nation nicht auf, auch wenn ihr kommerzielles Tralala vielleicht einen künstlerischen Wert hat. Ebenso differenziert denkt Alesh über Religion nach: »Ich hab nichts gegen das Gebet / aber für sie wurde es zum Moskitonetz / das sie an die Armut fesselt / wie in einem Spinnennetz.« Das Gespräch mit Alesh war ein Gespräch mit einer jungen, selbstbewussten Generation, frei von kolonialen oder postkolonialen Minderwertigkeitskomplexen: »Wir müssen es wagen, uns selbst zu kritisieren, zu viele Träume sterben, weil die Hoffnung fehlt.« 2008 brachte er »L&#039;élu« heraus, ein schonungsloses Stück, in dem er die gewählten Volksvertreter an ihre Versprechen erinnerte: »Missbrauchen Sie nicht, Exzellenz, all ihre Sonderrechte / Sie verwöhnen sich, Konsequenz: das Volk wünscht Ihnen alles Schlechte.«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren die Wahlen denn völlig überflüssig? Eine schwierige Frage. Zweifelsohne hatten sie für Millionen Bürger eine große symbolische Bedeutung. Dass die Stimmen mit so großem Eifer abgegeben und ausgezählt wurden, bewies, dass die Wahl nicht nur ein Phantasieprojekt der internationalen Gemeinschaft war. Aber ihr größter Gewinn resultierte eher aus der Zeit der Vorbereitung und aus dem Urnengang an sich; das Ritual war mindestens so wichtig wie das Ergebnis. Es war schließlich eine Illusion, zu hoffen, korrekte Wahlen würden automatisch zu einer korrekten Demokratie führen. Der Westen experimentiert schon seit zweitausendfünfhundert Jahren mit demokratischen Regierungsformen, aber schwört noch kein Jahrhundert auf allgemeines Stimmrecht in freien Wahlen. Warum erwartet er dann, dass diese Methode wie durch Zauberhand eine tief verwurzelte politische Kultur der Korruption und Klientelwirtschaft in einen demokratischen Rechtsstaat nach skandinavischem Vorbild verwandeln kann? Noch dazu in einer Region, die in vorkolonialer, kolonialer und nachkolonialer Zeit kaum etwas anderes kannte als autokratische Herrschaftsformen? Wie naiv muss man sein, um zu glauben, es würde schon alles von allein gehen nach diesem ersten Impuls durch die Wahlen? Demokratie muss das Endziel sein – sie ist nun mal die am wenigsten schlechte aller Regierungsformen –, aber im Kongo herrschte ausgesprochen wenig Interesse an den dringend notwendigen Schritten auf dem Weg zu einem demokratischen System und einem konkreten Zeitplan dafür. Jef Van Bilsen war 1955 von dreißig Jahren für die Umwandlung einer Kolonie in einen souveränen Staat ausgegangen – heute aber ist die Situation in vieler Hinsicht um einiges miserabler als damals. Freie Wahlen sollten nicht der Anstoß zu einem nationalen Demokratisierungsprozess sein, sondern ein Schlussstein, oder jedenfalls einer der späteren Schritte. Frieden, Sicherheit und Bildung müssen vorausgehen, und auch Kommunalwahlen, die die Bildung einer im Volk wurzelnden Kultur der politischen Verantwortung anregen können. Diese lokalen Wahlen sollten im Prinzip vorher stattfinden, Kabila aber legte sie auf Eis und kümmerte sich nicht mehr darum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politikexperten aus dem Westen leiden oft an Wahl-Fundamentalismus, so wie Makroökonomen des IWF und der Weltbank vor noch nicht allzu langer Zeit kollektiv an Marktfundamentalismus litten: Sie glauben, es sei damit getan, die formalen Anforderungen eines Systems zu erfüllen, damit noch in der ausgedörrtesten Wüstenei tausend Blumen erblühen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz legte jedoch dar, dass es bei der Einführung einer Marktwirtschaft auf &#039;&#039;sequencing and pacing&#039;&#039; ankommt.28 Nicht das ausgezeichnete Saatgut steht am Anfang, wenn man in der Wüste etwas anbauen will. Und bei der Einführung einer Demokratie ist es ähnlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihrem Enthusiasmus, Demokratie durch die formale Prozedur einer Wahl ein für allemal zu installieren, hat die internationale Gemeinschaft im Kongo vor allem sich selbst ins Abseits manövriert. Demokratie war das Ziel, Schweigepflicht das Resultat. Denn als demokratisch gewählter Präsident eines erneuerten souveränen Landes duldete Kabila keine unerwünschten ausländischen Beobachter mehr – nach vier Jahren Bevormundung durch das CIAT reichte es ihm jetzt. Zynisch ausgedrückt: Amerika und Europa haben enorme Geldsummen in den Kongo gesteckt, um sich selbst diplomatisch mundtot zu machen. Nun kann man zwar mit Krediten winken und Bedingungen für &#039;&#039;good governance&#039;&#039; an die Vergabe knüpfen (vor allem beim IWF und der Weltbank ist das das neue Schlagwort, und auch die EU fällt in den Chor ein), aber warum sollte man als afrikanisches Staatsoberhaupt auf diese Avancen eingehen, wenn China viel mehr Geld bietet und dabei nicht so viele Umstände macht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Politikwissenschaftler behaupten – als Hilfshypothese –, nach drei, vier Urnengängen werde es schon in die richtige Richtung gehen. Man dürfe nicht vorschnell verzweifeln. Es sei normal, wenn ein Land erst noch ein bisschen stottere. Wiederholte Wahlen können tatsächlich eine Dynamik der Verantwortung hervorbringen, das stimmt, politische Führer können sich berufen fühlen, gute Regierungsführung anzustreben. Aber genauso gut kann es zu einem leeren Ritual werden, das autokratischen Regimen eine dünne Firnisschicht Legitimität verschafft. Es ist noch viel zu früh, um zu entscheiden, ob die Wahlen tatsächlich einen Beitrag zur Demokratie im Kongo leisten. Erwähnt werden muss jedoch, dass Kabila im September 2009 im Hinblick auf die Wahlen von 2011 (s. Anm. Seite 597) und 2016 einen Ausschuss eingesetzt hat, der sich mit der Frage befassen darf, ob die Amtszeit des Präsidenten nicht von fünf auf sieben Jahre erhöht werden kann und ob die in der Verfassung verankerte Beschränkung auf zwei Mandate nicht gestrichen werden muss, sodass seine stetige Wiederwahl möglich wäre.29 Erwähnt werden muss auch, dass ebenfalls im Jahr 2009 mehrere Menschenrechtsaktivisten wegen ihrer kritischen Haltung verhaftet wurden.30 Ein Intimus des Präsidenten (der nicht wusste, dass ich wusste, dass er ein Intimus war) sagte zu mir einmal bei einem Lunch kurz vor den Wahlen beiläufig: »Mandela war doch viel zu westlich als Präsident; Mugabe und Mobutu, das sind echte afrikanische Führer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende November 2008. Ich saß mit zwei Brüdern, beides junge Theater­macher, in einem kleinen indischen Restaurant in Goma, gegenüber vom MONUC-Hauptquartier. Unter einem Vordach warteten wir geduldig auf unser Essen, als ich einen Anruf bekam. Aus der Fahrt morgen würde nichts, erfuhr ich, der Fahrer hatte eine Panne gehabt, die Batterie war leer oder das Benzin alle, nein, nein, es sei kompliziert, ich könne ihm nicht helfen, es täte ihm wirklich sehr leid, und er wünsche mir noch einen guten Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ça va?«, fragte Sekombi, der Ältere der beiden, als ich mein Handy zuklappte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte ich, »ich hatte alles geregelt, um morgen zu Nkunda zu fahren, und jetzt höre ich, dass es nicht klappt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte einen Jeep organisiert, einen Fahrer, Sprit und einen Führer, der das Rebellengebiet kannte. Ich hatte noch am Vormittag bei der lokalen Abteilung des Ministeriums für Kommunikation und Medien eine Presseakkreditierung für 250 Dollar erworben – das teuerste Din-A4-Blatt meines Lebens –, ich hatte Passfotos machen lassen, ich hatte bei der Staatssicherheit vorsprechen müssen. Ich hatte dem Verantwortlichen der MONUC von meinem Vorhaben erzählt. Und, das Wichtigste von allem: Ich hatte mit der Nummer zwei von Nkundas zivilem Stab telefoniert. Es war nicht einfach gewesen, ihn im Rebellengebiet zu erreichen, wo es kaum Handyempfang gab, aber die Verabredung stand: Am nächsten Morgen um neun würde er mich bei einem alten Missionsposten erwarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sollen &#039;&#039;wir&#039;&#039; fahren?«, unterbrach Sekombi mein Lamento.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sekombi und Katya, sein jüngerer und schweigsamer Bruder, waren taffe Burschen. Um in dem zerschossenen und mit Lava bedeckten Goma ein Zentrum für junge Künstler zu gründen, musste man über eine Menge Enthusiasmus verfügen. Ihr ältester Bruder, Petna, hatte es begonnen. Einen Monat zuvor stand Nkunda vor der Stadt, und Kabilas FARDC begann zu plündern, doch das Kulturzentrum der Brüder Katondolo setzte sein eigenwilliges Filmfestival ungerührt fort. Aber jetzt mit zwei Künstlern in ein Kriegsgebiet fahren? Und dann noch mit ihrem klapprigen Jeep?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Habt ihr denn Papiere?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Nkunda gelangte man durch drei Straßensperren der FARDC, ein paar Kilometer Niemandsland und dann durch drei Sperren von Nkundas CNDP. Die Sperren der Rebellen seien kein Problem, hatte man mir versichert, Nkunda habe seine Truppen im Griff. Aber die Kontrollen der staatlichen Armee konnten ein Albtraum sein. Pässe und Presseausweise boten nicht immer eine Garantie gegen das Aus­leben von Frustrationen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Sekombi, »aber wir haben unsere Haare.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bitte? Ich verschluckte mich fast an meinem &#039;&#039;poulet tikka masala,&#039;&#039; das nach zwei Stunden Wartezeit dann doch aufgetischt worden war. Ich betrachtete ihre etwas abstehenden Haare. Mit viel gutem Willen konnte man einen Ansatz zu Dreadlocks entdecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir sind Rastas. Alle lieben uns. &#039;&#039;Nous sommes cool.&#039;&#039; Sie werden uns schon durchlassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es tagte schon, als wir kurz nach sechs die Stadt verließen. Wir hatten den Tank gefüllt und ein paar Schachteln Zigaretten gekauft. »Immer nützlich«, sagte Sekombi, ein Nichtraucher, und aß einen Keks. Der Jeep holperte über die Fahrbahn. Das Steuer war rechts: Fast alle Autos im Osten des Kongo kommen aus den Nachbarländern, die früher britische Kolonien waren. In der Ferne tauchte die Silhouette des zweitausend Meter hohen Nyiragongo auf, um die Spitze des Vulkans hing seine ewige Rauchfahne. Sekombi war in lyrischer Stimmung. »Der Vulkan ist unsere Mutter, unsere Schwester und unsere Geliebte in einem. Wenn ich die Rauchfahne sehe, muss ich an eine große Brust denken, die ständig Milch gibt. Wer einmal davon getrunken hat, kehrt immer zurück.« Aber manchmal spie diese Brust schwarze Milch: 2002 begrub der Vulkan halb Goma unter seiner Lava. Bei manchen Häusern wurde der erste Stock zum Erdgeschoss. Es war, als ob die Stadt sich selbst asphaltieren würde. Goma, die schwarze Stadt in einem rostbraunen Land, ist der einzige Ort im Kongo mit Straßen, die statt Schlaglöchern Buckel haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stück weiter nordwärts stießen wir auf die ersten Flüchtlingslager, jene Lager, in denen 1994 die ruandischen Hutu Schutz gesucht hatten. Nun boten sie einer Viertelmillion Bürgern, die vor Nkunda geflohen waren, eine Unterkunft. Ein Festival-Campingplatz ohne Festival, ein deprimierendes Durcheinander von Zeltplanen und Pappe. Immer ist irgendjemand auf der Flucht in Nord-Kivu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach acht Kilometern kamen wir zur ersten Straßensperre. Zwischen zwei Ölfässern hing ein dünnes Seil, an dem ein Zweig baumelte; ein halbes Dutzend Soldaten lungerte herum. Das Autofenster ging runter. »Ya, man!«, lachte Sekombi den Khaki-Uniformen zu. Sein Bruder Katya saß schweigend auf dem Rücksitz, aber trug das Markenzeichen des wahren Rasta: eine dicke Wollmütze. »Rastaman!«, grölten die Soldaten ausgelassen, »wowoow!« Sie ulkten herum, sie laberten alles Mögliche, sie nahmen Zigaretten von uns an und wünschten uns einen prima Tag. &#039;&#039;»Peace and love!«,&#039;&#039; beendete Sekombi die Grenzformalitäten. Peace and love! Zu den Soldaten! In Kriegszeiten! Aber sie ließen das Seil herunter und winkten uns hinterher. So lief es auch bei den nächsten &#039;&#039;roadblocks&#039;&#039;. Ich hätte nie gedacht, dass embryonale Dreadlocks und Nikotin ausreichten, um zum gefürchtetsten Kriegsherrn Zentralafrikas zu gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laurent Nkunda hatte sich nach der brutalen Einnahme von Bukavu 2004 sehr zurückgehalten. Als ausgebildeter Psychologe war er Pastor bei einer Pfingstgemeinde im Kivu geworden.31 Erst 2006 ließ er wieder von sich hören. Gleich nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Parlamentswahlen gründete er den CNDP, den &#039;&#039;Congrès National pour la Défense du Peuple&#039;&#039;.32 Nun sind die Namen kongolesischer Rebellenbewegungen nicht selten aus der Luft gegriffene Abkürzungen, aber Nkundas Einfall übertraf dann doch alles: Es handelte sich nicht um einen »Kongress«, sondern um eine Miliz, und die war auch nicht »national«, sondern regional; und was er unter »Verteidigung des Volkes« verstand, sah man an den Flüchtlingslagern. Trotzdem war dieser letzte Teil noch der zutreffendste, zumindest, solange man es als die Verteidung von &#039;&#039;un peuple&#039;&#039; las, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, nämlich jener Gruppe, die schon seit zwanzig Jahren verhöhnt und schikaniert wurde und zu der Nkunda selbst gehörte: die kongolesischen Tutsi. Hätte ein kolonialer Ethnograph in den zwanziger Jahren ein Foto von einem archetypischen Tutsi machen wollen, dann hätte er zweifellos Laurent Nkunda vor seine Kamera gezerrt. Mit der hochgewachsenen, extrem schlanken Figur, der hohen Stirn und der scharf geschnittenen Nase verkörpert er alle Klischees des Tutsi-Mannes. Er hätte Kagames Bruder sein können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der CNDP entstand, als sich abzeichnete, dass die Wahlen den Tutsi wenig oder gar keine Verbesserungen bringen würden. Der RCD von Vizepräsident Ruberwa, der eigentlich für ihre Interessen eintreten sollte, war in der neuen Regierung kaum vertreten: kein Ministerposten, kein Gouverneurstitel, kein einziger Sitz im Provinzrat, gerade mal fünfzehn Parlamentssitze.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. November 2006, kurz bevor Kabila den Amtseid ablegte, zeigte Nkunda die Zähne und eroberte Sake, eine kleine Stadt, dreißig Kilometer von der Provinzhauptstadt Goma entfernt. Das hügelreiche, vulkanische Gebiet nördlich von Goma, das an Uganda und Ruanda grenzt, wurde sein Spielfeld. Und obgleich die Bewegung nicht ausschließlich aus Tutsi bestand, unterstützte Ruanda sie von Anfang an. Nkundas CNDP passt in die Reihe von Kabilas AFDL und Wamba dia Wambas RCD, mit dem Unterschied, dass es sich hier nicht um eine ruandische Initiative unter kongolesischer Flagge handelte, sondern um eine kongolesische Initiative, die von Ruanda unterstützt wurde. Sein wichtigster Feind waren die ruandischen Hutu-Flüchtlinge im Ost-Kongo, die sich inzwischen in den FDLR organisiert hatten (&#039;&#039;Forces Démocratiques de Libération du Rwanda&#039;&#039;, wieder so ein fragwürdiger Name, denn von Demokratie war nicht viel zu bemerken, und auch das Ziel der Befreiung Ruandas relativierte sich mit der Zeit: Viele von ihnen heirateten Kongolesinnen, betrieben im Kivu Landwirtschaft, kontrollierten ein paar kleine Minen und sicherten sich, plündernd und vergewaltigend, ein regelmäßiges Einkommen – also warum sollten sie den Kampf gegen Kagames mächtige Armee aufnehmen?).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu im Kongo war damit von nun an der Konflikt zwischen CNDP und FDLR. Die Motive waren sowohl ethnisch als auch ökonomisch.34 Auf beiden Seiten betrug die Truppenstärke nie mehr als zehntausend Soldaten, aber die Brutalität, mit der sie agierten, war unbeschreiblich. Das Leid der Zivilbevölkerung wurde zum Alltag, Gruppenvergewaltigungen ein Recht. Wie im Zweiten Kongokrieg wurden die Hutu von Kinshasa unterstützt – Offiziere der FARDC und der FDLR betrieben sogar zusammen einige Minen –, und auch die Mai-Mai schlossen sich wieder an. Sexuelle Gewalt war eine Waffe, derer sich alle Parteien bedienten. Straflosigkeit herrschte. Sogar Zivilisten begannen massenweise zu vergewaltigen, nicht mehr als Waffe, sondern einfach zum Vergnügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 2007 und 2008 gab es viele Versuche, die Gewalt zu beenden. Januar 2007: Nkunda erklärt sich damit einverstanden, dass seine CNDP-Krieger in der Regierungsarmee aufgehen, aber statt einer weitgehenden &#039;&#039;brassage&#039;&#039; erreicht er eine viel leichtere &#039;&#039;mixage&#039;&#039;. Seine Rebellenarmee wird nicht auseinandergerissen und auf weit voneinander entfernte Kasernen aufgeteilt, sondern darf an Ort und Stelle mit der Nationalarmee verschmelzen. Das Ergebnis ist dementsprechend: Nicht die FARDC schlucken den CNDP, sondern der CNDP die FARDC. Nkunda wird General der Regierungsarmee und kann seine Rebellion ungestört fortsetzen. »FARDC?«, lautet der Witz, »Forces Armées Rwandaises Déployées au Congo!« (Ruandische Truppen, aufmarschiert im Kongo). Dezember 2007: Bei Friedensverhandlungen in Nairobi wird das Schicksal der Hutu-Flüchtlinge besprochen. Januar 2008: In Goma wird nach langen Verhandlungen der sogenannte Amani-Prozess (»Amani« bedeutet auf Swahili Frieden) eingeleitet. Abbé Malu Malu, der ehemalige Vorsitzende der Wahlkommission, bekommt alle Milizen so weit, dass sie sich zur Einstellung der Kampfhandlungen verpflichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es nützt alles nichts. Im Mai 2008 fliege ich mit einem Helikopter der MONUC von Goma nach Masisi, wo Malu Malu, in Gegenwart des belgischen Außenministers Karel de Gucht, den Frieden verkündet. Die Menschen sind zu Tausenden zusammengeströmt. Es wird gesungen, getrommelt und getanzt. Es ist sehr ergreifend. Der Frieden, ja, auf den haben die Menschen lange gewartet. Aber zwei junge Hutu erzählen mir: »Jetzt läuft es gut, wir brauchen nur noch einen Völkermord, einen kleinen, und Nkundas Männer werden weggefegt.«35 Der Hass ist nach wie vor endemisch. Ende Oktober 2008, als Sekombi und sein Bruder &#039;&#039;arthouse movies&#039;&#039; vorführen, stößt Nkunda nach Goma vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rumpelnd bahnt sich der Jeep einen Weg durchs Niemandsland, das sich zu einem großen Teil mit dem Nationalpark Virunga überschneidet. Es ist im buchstäblichen Sinn ein Niemandsland: keine Menschenseele weit und breit in dieser tiefgrünen Landschaft, die von so rauer Schönheit ist, dass es einem die Sprache verschlägt. Vulkane, Wälder, Stille, Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straßensperren des CNDP sind nicht der Rede wert: Wir müssen nicht mal Zigaretten herausrücken. Als wir weiter ins Rebellengebiet vordringen, sehen wir wieder Menschen auf der Straße. Frauen mit gelben Wasserkanistern auf dem Rücken, Männer mit rotbraunen Kühen, Jungen auf Holzfahrrädern, beladen mit Zuckerrohr, Bananen oder Holzkohle. Nach kilometerweitem Geholper durch Urwald und Plantagen mit meterhohen Bananenpflanzen gelangen wir endlich zum verfallenen Missionsposten Jomba. Trauben von Kindern umdrängen den Jeep mit den beiden Rastas und dem Weißen. Sie fassen an die Karosserie und stieben hysterisch auseinander, als Sekombi hupt. Mein Interviewpartner kommt in Jeans und Jeanshemd angeschlendert: René Abandi, ein Jurist von noch nicht vierzig Jahren mit einem freundlichen Gesicht und einer sanften Stimme. Das ist also die Nummer zwei des CNDP? Er habe Freunde in Antwerpen, erfahre ich, und er habe an der Universität von Urbino für seine Dissertation geforscht. Aber als Nkunda seine Bewegung gründete, wurde er sein erster ziviler Mitarbeiter. René ist ein kongolesischer Tutsi. Vom Sprecher ist er aufgestiegen zu einer Art Außenminister, denn das Rebellengebiet hat eine eigene Regierung. Er schlägt vor, in ein nahe gelegenes Dorf zu fahren, wo Nkunda eine Ansprache an die Bevölkerung halten wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Strecke wird morastig. Wir überqueren einen schmalen Wasserlauf mit hohen Papyruspflanzen und fahren dann in Serpentinen nach Rwanguba, einem Adlerhorst auf dem Berggipfel. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir können mehr als zehn Kilometer weit sehen: Berge, Vulkane, smaragdgrüne Täler, Wolkenformationen, eine Rauchfahne aus dem Grün, fernes Wetterleuchten. Wie ein Panomaragemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein idyllisches Naturfresko, und im Vordergrund, in 3D, kriegerisches Gedränge. Mehrere hundert Menschen haben sich vor dem zentralen Gebäude auf dem Berg versammelt. CNDP-Soldaten durchsuchen uns und lassen uns durch. Wir schieben uns durch die bereitwillig Platz machende Menge nach vorn. Dort sitzen unter einer Überdachung alle Würdenträger und Offiziere der Rebellenbewegung beisammen, darunter auch Bosco Ntaganda, der Stabschef der Armee, der von Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird. In der Mitte, in Uniform und mit Armeemütze, thront Laurent Nkunda. Er spielt mit einem schwarzen Spazierstock, dessen silberner Griff die Form eines Adlers hat. Seine unwahrscheinlich langen Finger streicheln ständig über den Kopf. Die Augen des &#039;&#039;chairman&#039;&#039; liegen so tief in den Höhlen, dass sein Gesicht einem Totenkopf gleicht. Unter der Mütze sehe ich die hervortretenden Schläfenadern. Er steht auf, um uns zu begrüßen, und sorgt dafür, dass wir sitzen können. Nkunda erlebt in diesen Wochen den Höhepunkt seines Ruhms. Sein Rebellengebiet ist fast halb so groß wie Ruanda, die Weltpresse schreibt über ihn, er hält sich für unbesiegbar. Jungen mit Speeren tanzen vor ihm, Mädchen wiegen sich im Takt. In Rwanguba wird er seine Autorität geltend machen, er ist der neue Chef. Als die Kriegstänze vorbei sind, steht er auf und geht langsam auf die Menschenmenge zu. Er redet ohne Pause. Streng schwingt er seinen Adlerstock, streng sticht er mit seinem knochigen Zeigefinger in die Luft. Dann macht er einen Witz. Charme und Terror gleichzeitig. Er lobt die Dorfbewohner, weil sie nicht geflohen sind. »Ihr seid echte Menschen, ihr seid geblieben. Schön. Bestellt eure Felder, geht an die Arbeit. Beurteilt mich nicht nach meinem Gesicht, sondern nach meinen Taten.« Nachdem er seine Rede beendet hat, geht er in aller Ruhe zurück, und man hört das Gras an seinen hohen Stiefeln rascheln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Nachmittag hält Nkunda eine Sitzung mit seinem zivilen und militärischen Stab in einem Haus am Berghang ab, das einst von einer protestantischen Mission erbaut wurde. Im Garten warte ich stundenlang mit Sekombi und Katya. Es gibt Cola und Bier. Ungefähr zwanzig Kindersoldaten mit Bazookas und Kalaschnikows im Anschlag halten Wache. Sie lassen sich nicht zu einem Gespräch verlocken, aber sie wollen wissen, was das Gewicht in meiner Hosentasche ist. Gehorsam zeige ich ihnen meine beiden Handys. Dreißig Kilometer weiter nördlich befinden sich ihre Kameraden in diesem Moment in einem verbissenen Kampf gegen die Mai-Mai. Sie sind sehr stark angespannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Versammlung dauert lange. Nkunda gewährt Händlern aus der Umgebung, die weniger hohe Steuern zahlen wollen, eine Audienz. Das Rebellengebiet ist nicht reich an Minen; das CNDP beschafft sich Einnahmen durch den Verkauf von Rindern, Kaffee und Holzkohle und die Besteuerung von Händlern und LKW-Fahrern. Sekombi und Katya werden nervös. Es ist schon drei Uhr nachmittags, und es sieht nach Regen aus. Sie möchten vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Goma sein, aus Sicherheitsgründen. Ich zögere, überlege und lasse sie dann gehen. Kurz darauf sehe ich, wie sich der weiße Jeep den Berg hinabschlängelt und im Grün verschwindet. Ich werde bei der Horde übernachten, die zwei Wochen zuvor im nahen Kiwanja beim Massaker an hundertfünfzig Zivilisten beteiligt war.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Major Antoine setzt seine Literflasche Bier an den Mund und will mit mir über Geschichte reden. Stimmt es, dass die Ägypter die Juden so misshandelt haben, wie es die Bibel behauptet? Haben sich die Ägypter jemals dafür entschuldigt? Warum haben die Belgier Kongolesen die Hände abgehackt? Wollten sie mehr Kaffee? (»Kautschuk«, flüstert ein Zuhörer, »Kaffee, das ist nur hier.«) Warum wird der Preis für alle Rohstoffe in Belgien bestimmt? Warum spielen nur drei Franzosen in der französischen Nationalmannschaft? Liegt das an der Globalisierung? Warum klagt der Internationale Strafgerichtshof eigentlich nur Afrikaner an? Die absurdesten Fragen wechseln sich mit klugen Bemerkungen ab. Einen Aspekt will er klar und deutlich betonen: »Das CNDP ist durch und durch kongolesisch, egal, was behauptet wird. Dieser Bursche in Kinshasa ist ein absoluter Nichtsnutz, der das Land an die Chinesen verkauft. Das sehen wir an seinen Soldaten. Wenn wir gegen sie kämpfen, dauert es höchstens eine halbe Stunde, dann türmen sie. Aber wenn es Stunden dauert, wissen wir genau, dass wir gegen die FDLR kämpfen, auch wenn sie Uniformen der Regierungsarmee tragen, die sie unterstützt. Sie machen einfach weiter. Es sind verwundete Tiere, ja. Für sie zählt: Sieg oder gar nichts.«37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen ist es stockfinster, und seit morgens um sechs habe ich nichts mehr gegessen. Kopfweh. Es wird frisch. Wir sind hoch in den Bergen. Gegen zweiundzwanzig Uhr darf ich endlich ins Haus. Erst muss noch gegessen werden: Ziegenfleisch mit Reis, von ein paar Tutsi-Frauen zubereitet. Die Tische stehen in U-Form, acht Offiziere und Händler nehmen Platz. Nkunda sitzt allein an seinem eigenen Tisch, wie ein Umlaut auf dem U. Hinter ihm steht ein Leibwächter mit einem MG und einem Mini-Kopfhörer im Ohr. Keiner sagt etwas. Als der &#039;&#039;chairman&#039;&#039; das Wort ergreift, heucheln alle Interesse. Wenn er einen Witz reißt, lacht man zu laut. Er ist schnell fertig mit essen. Während die Gesellschaft leicht beklommen weiter tafelt, pult er sich mit einem Zahnstocher träge im Mund herum und sieht die Tischgenossen einen nach dem anderen an. Er entblößt die Zähne zu einer Grimasse. Ein Auge ist halb geschlossen. Hin und wieder entspannt er sein Gesicht und schluckt einen Essensrest hinunter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kommen Sie, reden wir«, sagt er. Er lotst mich zu einem Schlafraum im hinteren Bereich des Hauses. Sein Leibwächter und René Abandi folgen. Wir nehmen Platz auf drei niedrigen Hockern zwischen Etagenbetten und Moskitonetzen. Der Teenager mit dem geladenen Gewehr bleibt stehen und behält mich die ganze Zeit im Auge. Nkunda legt sofort los. Er spricht nicht, sondern flüstert. Er redet in beschwörendem Ton und sieht mich mit aufgerissenen Augen an, als müsse er einen Teufel bei mir austreiben: »Es gibt so viele Bruchlinien in diesem Land, zwischen dem Osten, der für Kabila gestimmt hat, und dem Westen, der für Bemba war, zwischen den ehemaligen FAZ von Mobutu und den Kadogo, zwischen den Hema und den Lendu, zwischen den Tutsi und den Hutu. Im Kongo muss ein Prozess der nationalen Versöhnung in Gang kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich traue meinen Ohren nicht. Will er, der rücksichtslose Menschenschinder, jetzt plötzlich als der große Versöhner erscheinen? Versucht er sich etwa über dieses Interview beim Westen einzuschmeicheln? Mit einem rationalen Diskurs, um eine robuste Eingreiftruppe fernzuhalten? Die internationale Desillusionierung in Sachen Kabila greift er jedenfalls sehr geschickt auf. »Ich kenne Kabila. Mit ihm kann man nicht diskutieren. Er hat Bemba vernichtet und den Bundu-dia-Kongo. Dieses Land hat ein Recht auf Befreiung. Dieses Land war nie unabhängig. Dieses Land muss endlich von allen seinen Möglichkeiten profitieren können, sonst wird sich das kongolesische Volk gegen Kabila wenden, wie es sich gegen Mobutu gewandt hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms hat er seine Ambitionen deutlich hochgeschraubt. Es geht ihm nicht mehr um den Schutz der Tutsi, nicht mal mehr um die Lage der Banyarwanda, sondern um nichts Geringeres als die Befreiung des gesamten Kongo. »Es wird kein Tutsi-Territorium im Kongo geben. Das CNDP ist keine Tutsi-Rebellenarmee, denn Tutsi machen nur 10 bis 15 Prozent unserer Bewegung aus. Wir sind eine kongolesische Rebellion. Der Westen hat den Völkermord verurteilt, aber nicht die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039;, die sich hier noch herumtreiben. Es ist einfach nicht akzeptabel, dass sich ausländische Streitkräfte in unserem Hoheitsgebiet befinden und noch dazu von unserer Regierung bewaffnet werden! Normale Länder dulden keine Illegalen, aber wir hier bewaffnen sie!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkunda, der Befreier der Nation: eine etwas gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Jedenfalls scheint er voll und ganz dazu bereit zu sein: »Ich habe das CNDP gegründet als eine Art Kern einer künftigen nationalen Armee.« Aha. »Es handelte sich um einen Test: Ich wollte beweisen, dass es möglich war, mit wenig Mitteln eine disziplinierte Armee aufzustellen, die nicht anfing zu plündern.« Wie bitte? »Bei uns sieht man selten Verstöße gegen die Menschenrechte. Wir haben eindeutige Verhaltensregeln. Meine Soldaten bekommen auch keinen Sold. Sie bekommen Reis, Bohnen und Mais – das ist ihr Sold. Aber wir haben ihnen eine Zukunft aufgezeigt. Sie leben für diesen Traum.« Bei allem Respekt, werfe ich ein, aber Ihre Armee ist im Rest des Kongo verhasst. »Das liegt daran, dass hier nur die Stimme der MONUC zu hören ist. Angeblich sind wir Vergewaltiger und richten Massaker an. Es heißt, wir seien der bewaffnete Zweig von Ruanda. Aber die Zeit ist vorbei! Es waren keine glücklichen Zeiten, als Ruanda und Uganda hier waren.« Aber waren Sie nicht selbst dabei? Sie haben doch die ruandischen Truppen in Kisangani angeführt! »Das stimmt. Ich habe Kisangani beschützt. Deshalb war ich der beliebteste Offizier in der Stadt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also wirklich, denke ich, er ist dort noch heute verhasst! Unter seiner Terrorherrschaft wurden 2002 Dutzende junger Leute aus den Armenvierteln ermordet. Bei der Brücke über den Tshopo wurden zweihundert Polizisten und Soldaten abgeschlachtet und in den Fluss geworfen. Sie waren gefesselt und geknebelt. Manche wurden erschossen oder enthauptet, anderen brach man das Genick oder tötete sie mit dem Bajonett. Ihnen wurden die Bäuche aufgeschlitzt, damit sie nicht ein paar Tage später an die Wasseroberfläche trieben. Nkunda stand dabei. Er hatte die Aufsicht über die Aktion, mit Unterstützung Ruandas.38 Und jetzt die Behauptung, Einmischung aus dem Ausland sei ein Fehler?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als Deutschland England bedrohte, hat Churchill da sein Volk nicht auch zum Widerstand aufgerufen? Dafür hat er Beifall bekommen. Warum sollen wir dann akzeptieren, dass die FDLR hier herrschen wie die Deutschen damals?« Churchill war aber gewählt worden, Herr General, im Gegensatz zu Ihnen. »In Kriegszeiten ist das egal. Hitler war auch gewählt worden, und Sie kennen ja die Folgen. De Gaulle war nicht gewählt worden, und doch hat er Frankreich befreit.« Ich bin einen Moment sprachlos. Sieht er etwa eine Parallele zwischen sich und dem wichtigsten französischen Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts? »Ja, ich bin der General de Gaulle des Kongo!«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verdattert von so viel Rhetorik für Fortgeschrittene quetsche ich mich mit René und sieben anderen in einen Jeep. Im Kofferraum sitzt ein Kindersoldat mit einer Kalaschnikow. Es ist fast Mitternacht. Wir fahren ostwärts durch die feuchten, tropfenden Berge und hoffen, keiner Mai-Mai-Patrouille zu begegnen. Ich bin verängstigt und konfus. Ich weiß nicht, dass in diesem Moment in New York an einem UNO-Bericht gearbeitet wird, der den ruandischen Anteil im CNDP eindeutig nachweist, ich weiß nicht, dass Human Rights Watch einen Bericht über Nkundas Gräueltaten vorbereitet.40 An dem Punkt, an dem ich gerade bin, ist die Geschichte noch warm und ungreifbar. Ich habe keinen Überblick, niemand hat einen Überblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nur, dass ich lieber mit einfachen Menschen rede als mit politischen Führern, dass ich aus Anekdotischem mehr lerne als aus Rhetorischem. Ich weiß nur, dass ich im Flüchtlingslager Mugunga in der aus Plastikplanen bestehenden Hütte von Grâce Nirahabimana saß, Block 48, Nummer 34, aufrecht stehen konnte ich dort nicht. Grâce war eine bildhübsche Frau von dreiundzwanzig mit zwei Kindern, Fabrice und David. Ihre beiden Brüder, zwölf und sechzehn Jahre alt, hatte Nkunda mitgenommen, ihre beiden Schwestern waren an Diarrhö gestorben, sie war von drei Soldaten vergewaltigt worden. Sie hatte alles zurückgelassen. Ihre Schwestern waren im Lager gestorben – zu wenig Nahrung, keine Toiletten – und zwischen den Bananensträuchern begraben worden. Es war kalt, als ich dort auf dem Bett saß. Ein rauer Wind fegte über die Mondlandschaft aus Lava und ließ die Plastikwand ihrer Hütte klappern. »Ich fühle mich überhaupt nicht geschützt«, schluchzte sie, »ich habe große, große Angst. Angst vor Laurent Nkunda.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer endlos scheinenden Fahrt stoppt der Jeep an einem alten Kolonialhaus. »Wir sind an der Grenze zu Uganda«, sagt René, »das war das Haus des Zollinspektors. Dort bei den Bäumen fängt Uganda an.« Der Ort heißt Bunagana, hier können wir in Ruhe übernachten, meint er. Aber zu Renés Verblüffung ist das Haus voll mit Kindersoldaten, mindestens zwanzig. Sie schlafen in den Sesseln, auf dem Fußboden, in der Küche. Es gibt weder Wasser noch Strom, aber es wird schnell ein Bett organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag stehe ich sehr früh auf. Mit nacktem Oberkörper sitze ich auf der Terrasse und lese meine Notizen noch mal durch. Ein dreizehnjähriger Junge erzählt mir, dass sein Gewehr »Tschetschene« genannt wird. Gegen acht gehe ich mit René ins Dorf, um zu frühstücken. Er hat schlecht geschlafen. »Gastritis«, seufzt er, »ich mache mir zu viel Sorgen, ich bin nun mal so ein Typ. Nkunda leidet auch darunter, neben seinem Asthma. Der Krieg ist nicht gut. Es ist das Schlimmste, was es gibt, aber uns bleibt nichts anderes übrig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir gehen zu einem unauffälligen Haus. Es ist das zivile Hauptquartier des CNDP. Ich treffe dort alle hohen Tiere, die ich gestern kennengelernt habe. Auch Nkundas Schwester ist da, sie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Innenhof ist eine Freiluftwerkstatt. Ein halbes Dutzend Humvees&#039;&#039;,&#039;&#039; die die Rebellen von den FARDC erbeutet haben, wird für den Kampf zurechtgeflickt. Im Haus esse ich zum ersten Mal seit Wochen Käse, Kivu-Käse, eine Spezialität der Tutsi. Die Spitze des Regimes bespricht die aktuellen Nachrichten. Desmond Tutu und Romeo Dallaire, der ehemalige UNO-Kommandant in Ruanda, haben gerade zum Einsatz einer großen Eingreif­truppe in Nord-Kivu aufgerufen. »Bah«, schnaubt René, »jetzt, wo sie keine politischen Argumente mehr haben, holen sie sich moralische Schwergewichte heran. Das Humanitäre soll das Militärische bemänteln.« Die anderen pflichten ihm bei. »Wir landen sowieso vor dem Internationalen Strafgerichtshof«, witzelt er, »dann können wir auch genauso gut vergewaltigen und morden, sonst sind wir dort später ganz umsonst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Eingreiftruppe würde nicht entsandt werden. Die Europäische Union zeigte keine Neigung, auf Ban Ki-moons flehentliche Bitte einzugehen, und die Afrikanische Union, die &#039;&#039;Southern African Development Community&#039;&#039; und Angola brannten auch nicht darauf, Kabila zu Hilfe zu eilen. An diesem Vormittag in Bunagana war meine Schlussfolgerung, dass Laurent Nkunda vielleicht noch sehr lange über sein Gebiet herrschen würde. Offiziell war die Grenze mit Uganda geschlossen, aber ich sah einen LKW mit Mehl in den Kongo fahren. Wer kann Nkunda etwas anhaben?, dachte ich. Der Kongo hat keine Armee, die MONUC greift nicht ein, eine robustere Interventionstruppe ist nicht drin, und außerdem hat er genug zu essen, und er erhebt Steuern. Vielleicht hält sich diese Rebellion genauso lange wie die von Vater Kabila.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich sollte mich irren. Einen Monat später, im Januar 2009, geschah das Unvorhersehbare: die kongolesische Armee und die ruandische Armee, eingeschworene Erbfeinde, kooperierten und verhafteten Nkunda. Eine völlig unerwartete Wendung, aber sie waren dazu gezwungen: Kagames Ansehen hatte international stark gelitten durch den UNO-Bericht über seine Unterstützung des CNDP, Kabila war zum Gespött geworden mit seiner miserablen Armee, der niemand beispringen wollte. Noch immer überrascht darüber, nun gemeinsame Sache zu machen, wollten sie sogar die FDLR ausschalten. Das gelang nur halb, aber Nkunda kam in Ruanda in Untersuchungshaft und wartet seitdem auf seinen Prozess im Kongo. Das CNDP kam in die Hände des Kriegsverbrechers Bosco Ntaganda und »verschmolz« noch einmal mit der Regierungsarmee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gemeinsame Operation der Streitkräfte des Kongo und Ruandas trug die Bezeichnung Umoja Wetu (in der ersten Jahreshälfte 2009) und erfuhr eine Fortsetzung in den Operationen Kimia II (2009) und Amani Leo (2010), proaktive Feldzüge der nationalen Armee (faktisch ehemalige CNDP-Kämpfer, angeführt von dem Schurken Ntaganda) mit logistischer Unterstützung der MONUC gegen die FDLR, Operationen, die vorerst zu viel mehr Leid unter Zivilisten als zu militärischen Erfolgen führten.42 Sechstausend Mann zählten die FDLR im Jahr 2010, ein homöopathischer Rest der eineinhalb Millionen Flüchtlinge von 1994. Nicht ganz dreihundert von ihnen stehen unter dem Verdacht, Verbrechen des Völkermordes begangen zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Ruanda übermilitarisiert ist, so ist der Kongo nach wie vor untermilitarisiert. Noch immer sind die Streitkräfte eher Phantom als Wirklichkeit. Und das ist unübersehbar. Die FARDC sind nicht in der Lage, der &#039;&#039;Lord Resistance Army&#039;&#039; des ugandischen Rebellenführers Joseph Kony entgegenzutreten, die im Nordosten für Unruhe sorgt, geschweige denn, dass sie die mehr als siebentausend Kilometer umfassenden Grenzen des Landes wirksam verteidigen könnten. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem sich die geopolitischen Spannungen mit Uganda über Öl im Albertsee, mit Ruanda über Methangas im Kivusee und vor allem mit Angola über Ölfelder im Atlantik verschärfen – bis hin zu gelegentlichen Scharmützeln. Die Armee kann nicht einmal im Innern des Kongo die Ordnung gewährleisten. Bei einem Streit über ein paar Fischteiche in Dongo (in der Provinz Équateur) gab es im November 2009 mindestens hundert Tote, und neunzigtausend Menschen ergriffen die Flucht. Veränderungswille ist kaum zu erkennen.43 Mit einer Armee könnte Kabila besser durchgreifen, aber ohne Armee braucht er keinen Putsch zu fürchten.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Leben fließt so wie immer dahin. Auf der anderen Seite des Landes, in Nsioni, gehen die Menschen auf der roten, staubigen Hauptstraße ihres Dorfs auf und ab. Ich beobachte sie von einer Terrasse aus, wo die Musik für mich und zwei weitere Gäste auf ohrenbetäubende Lautstärke gedreht wurde. Wenn man sich die Handys wegdenkt, besteht wenig Unterschied zwischen der Gegenwart und den achtziger Jahren. Die gleichen Colaflaschen wie damals, die gleichen Autos, in denen man jetzt noch herumfährt, die gleichen wackligen Stände, an denen getrockneter Fisch verkauft wird. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Größe der Stücke: Es sind jetzt nur noch kleine Würfel. Aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheint ein Ufo gelandet zu sein. Zwischen den grauen Baracken und den fahlen kleinen Häusern ragt leuchtend weiß ein aus Stein gemauertes Gebäude auf. Vor der Tür stehen vier nagelneue, chromglänzende Motorräder ordentlich nebeneinander. Die Sättel sind noch mit Plastikfolie bespannt. Daneben: zehn Herrenfahrräder, dicht beieinander, die schräg stehenden Lenker sind noch in Karton verpackt. Die glänzenden Stabbremsen sind eine Augenweide. Drinnen flimmert der blaue Lichtschein eines Plasmabildschirms. Über der Tür hängt ein Schild, das vieles erklärt: CHINA AMITIÉ COMPANY. In Nsioni haben sich die ersten chinesischen Händler niedergelassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe hinein und grüße ein junges asiatisches Ehepaar, das mich argwöhnisch mustert. Die beiden sprechen kein einziges Wort Französisch oder Englisch, aber ihre Ware spricht für sich: flotte Sportschuhe, bis an die Decke gestapelt, neben Fernsehern, Uhren und Ständern mit Parfum. Auf die Bewohner von Nsioni macht die CHINA AMITIÉ COMPANY den gleichen Eindruck von Reichtum und Komfort wie die Supermärkte auf die Menschen in den Bauerndörfern Europas in den fünfziger Jahren. Was für ein Unterschied zu den tristen Buden, in denen man Kerzen und Rasierklingen einzeln kaufte! Was für ein Luxus, wenn man diese Parfums mit den selbst fabrizierten Seifenstücken vergleicht, mit denen man sich schon das ganze Leben lang abschrubbt! Was für eine Annehmlichkeit, dass man für solche Produkte nicht mehr nach Boma oder Kinshasa braucht! Und sogar erschwinglich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ladenbesitzer verkaufen sogar Gemälde in protzigen Rahmen, auf denen Gebirgslandschaften und Almen abgebildet sind. Asiatische Geschäftsleute, die im afrikanischen Binnenland europäische Landschaften verkaufen: Das heißt Globalisierung, glaube ich. Die Welt ein Marktplatz. Es erinnert mich an jenes geniale Graffiti, das jemand knapp hundert Kilometer weiter an die alte Eisenbahnbrücke bei Matadi gesprüht hat. Die Brücke aus der Zeit um 1890, als Nkasis Vater und chinesische Arbeiter die Strecke nach Kinshasa bauten, trägt heute ein Stückchen Vandalismus, der das dritte Millennium auf brillante Weise zusammenfasst: WWW.COM.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den späten neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts machten sich Chinesen in zunehmendem Maße nach Afrika auf. Sie kamen nicht nur, um Waren an den Mann zu bringen, sondern in den meisten Fällen, um Rohstoffe zu kaufen. Die gewaltige Explosion der chinesischen Wirtschaft, Resultat eines kontrollierten Experiments mit dem Kapitalismus in den Küstenregionen des Landes unter Deng Xiaoping, hatte die Nachfrage nach Bodenschätzen enorm gesteigert. 1993 führte China zum ersten Mal mehr Öl ein, als es ausführte.46 Die ersten Länder in Afrika, mit denen China intensive Beziehungen anknüpfte, waren deshalb die Ölstaaten Nigeria, Angola und Sudan. Später rückten auch Sambia und Gabun in den Fokus, wegen des Kupfers und Eisenerzes. Der Kongo, wegen seiner mineralhaltigen Böden auch als »geologischer Skandal« bezeichnet, wurde ebenfalls interessant, ungeachtet des Krieges und des nicht gerade einladenden Investitionsklimas. In Katanga ließen sich schon bald chinesische Abenteurer auf den Trümmerhaufen des einst so blühenden Bergbaus nieder. Sie witterten eine goldene Chance. 2003 hatte Gécamines, auf Veranlassung der Weltbank und des IWF, elftausend überflüssige Bergarbeiter entlassen.47 Sie hatten eine Abfindung erhalten, aber die meisten hatten das Geld für ein Auto oder einen Fernseher ausgegeben. Viele von ihnen waren danach Schürfer geworden. Wie im Kivu waren sie bereit, mit dürftiger Ausrüstung in alten Minen zu graben und Säcke mit Erz zu füllen, um sie an irgendeinen Monsieur Chang oder Wei zu verkaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Februar 2006 hatte ich die Möglichkeit, die Mine von Ruashi zu besuchen. Hunderte Schürfer gruben dort nach Heterogenit, einem Erz, das Kupfer und Kobalt enthält. Ich sah Kinder, die in notdürftig abgestützte Stollen bis in zwölf Meter Tiefe hinabkletterten. Ich sah einen fünfjährigen Jungen, über und über mit Staub bedeckt; er trug ein T-Shirt mit der Trickfilmfigur Kabouter Plop. Wenn es gut ging, bekamen sie fünf Dollar pro Sack. Manchmal schaffte es eine Gruppe von Freunden, an einem Tag zehn Säcke nach oben zu schaffen. Es sei eine harte und gefährliche Arbeit, sagten sie, aber sie könnten davon leben. Was für ein Unterschied zu der riesigen, aufgeräumten Kobalt-Mine von Luiswishi, die dem belgischen Industriellen Georges Forrest gehört; als ich sie später an diesem Tag besuchte, sah ich höchstens ein paar Dutzend Kongolesen bei der Arbeit. Sie trugen Schutzhelme und bedienten Bagger, deren Radkappen größer waren als ein Mensch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die chinesischen Käufer waren Privatunternehmer, die nicht von der chinesischen Regierung unterstützt wurden. Manche bauten eigene kleine, improvisierte Schmelzhütten auf, um ein höheres Konzentrat zu exportieren. Ihre kongolesischen Tagelöhner arbeiteten unter erbärmlichen Bedingungen. Sie wurden schlecht bezahlt, atmeten gesundheitsschädliche Dämpfe ein, hatten keine Arbeitskleidung, geschweige denn eine soziale Absicherung. Nehmen wir z. B. Jean. Er fing bei Jia Xing an, einem der größeren Kupfer verarbeitenden Betriebe mit einem Lager in Kolwezi und einer Schmelzhütte in Lubumbashi. Das Unternehmen beschäftigte zweihundert Arbeiter, und Jean bekam einen unbefristeten Arbeitsvertrag, denn er war ein erfahrener Schmelzer. Manchmal konnte ein Tagelöhner also aufsteigen und eine Festanstellung erhalten, auch wenn die Verträge oft in chinesischer Sprache abgefasst waren. Jeans Schichten dauerten zwölf bis dreizehn Stunden, unterbrochen von einer ultrakurzen Mittagspause, sieben Tage in der Woche. Es gab eine Tag- und eine Nachtschicht. Schutzkleidung gab es nicht, seine Werkzeuge waren abgenutzt, die Hitze des Schmelzofens unerträglich. Jeans Monatslohn betrug 120 Dollar, mit einer Prämie von hundert Dollar, wenn er den Ofen bediente; damit war Jia Xing der am besten bezahlende chinesische Arbeitgeber in Katanga.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Morgens waren Jean und zwölf seiner Kollegen ein paar Minuten zu spät zur Arbeit erschienen: Ein Verkehrsunfall hatte sie aufgehalten. Zur Strafe wurden sie in einen Container gesperrt und mussten dort von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags ausharren. Am Abend wurden sie alle entlassen. Es gab ja genug Arbeitswillige. Jean wurde dann Schürfer. Er verkaufte seine Säcke mit Erz zuerst an seinen früheren Chef, aber Bergbau auf eigene Faust war nur an wenigen Orten zugelassen. Vielleicht sollte er sich dann eben den Trupps anschließen, die mitten in der Nacht in die großen, konzessionierten Minen eindrangen? Es war gefährlich im Dunkeln. Manche ertranken oder erstickten bei der Arbeit, andere wurden von Wachleuten erschossen. Er konnte auch noch immer beim Emmanuel Depot in Kolwezi anfangen, auch ein chinesisches Unternehmen, aber die Arbeiter dort, die bei ihrer Arbeit mit radioaktivem Erz weder Handschuhe noch Schutzmasken erhielten, betranken sich in jeder Mittagspause.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Katanga herrschte ein roher Kapitalismus, der an die zwanziger Jahre erinnerte, doch in der Finanzkrise von 2008 gaben vierzig dieser Betriebe auf. Der Kupferpreis sank von knapp 9000 auf 3600 Dollar pro Tonne, und die Provinz verschärfte die Bedingungen. Zehntausende Schürfer hatten keine Arbeit mehr. Plötzlich war die Lage in Katanga eher wie in den dreißiger Jahren.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kamen auch chinesische Staatsunternehmen, keine Glücksritter, sondern Riesenfirmen mit nahezu unbeschränkten Finanzmitteln. Die Straße von Kinshasa nach Matadi wurde neu angelegt, außerdem die Straße von Lubumbashi zur sambischen Grenze, über die mit Erz beladene LKW donnerten. CCT, eine chinesische Telefongesellschaft, wurde einer der wichtigsten Mobilfunkanbieter des Landes. Ein anderes Unternehmen begann mit der Verlegung von 5600 Kilometer Glasfaserkabel, um den Kongo digital zu erschließen.50 Schon in den siebziger Jahren hatten herzliche Freundschaftsbande zwischen Mobutu und Mao bestanden: Damals ging es um die Pflege der ideologischen Kameradschaft (Einparteienstaat, Abacost und Paraden waren das Ergebnis, und das in einem pro-amerikanischen Land), nun ging es ums Geschäft. Der Kongo wurde einer der neuen Handelspartner Chinas. 2006 veranstaltete Präsident Hu Jintao einen entscheidenden chinesisch-afrikanischen Gipfel in Peking, an dem Vertreter von achtundvierzig afrikanischen Staaten teilnahmen. Verträge mit einem Gesamtvolumen von zwei Milliarden Dollar wurden abgeschlossen, China sagte bis zu fünf Milliarden an Krediten und eine Verdopplung der Hilfe um das Jahr 2009 zu, annullierte ausstehende Schulden und setzte eine ganze Reihe Einfuhrzölle auf afrikanische Produkte aus. Hochrangige chinesische Delegationen besuchten fast jedes afrikanische Land im Zusammenhang mit den Handelsbeziehungen. Peking hielt sich streng an seine Politik der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Es berief sich auf eine brüderliche Süd-Süd-Kooperation, nicht auf eine paternalistische Nord-Süd-Bevormundung. Das hörte sich gut an, bedeutete aber auch, dass es keine Bedenken gegen Geschäfte mit zwielichtigen Typen wie Mugabe und Al-Bashir gab. Das neue China war geschäftsmäßig nüchtern, effizient und pragmatisch. Der einzige Gefallen, um die es den neuen Handelspartner bat, war, einmal im Jahr, bei der Vollversammlung der UNO, auch der Auffassung zu sein, dass Taiwan eigentlich zu China gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2007 gab Pierre Lumbi, Minister für Infrastruktur, öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau, bekannt, dass der Kongo einen Megadeal mit China abgeschlossen hatte. Zusammen mit drei chinesischen Staatsunternehmen (einer Bank, einer Straßenbaufirma und einem allgemeinen Bauunternehmen) würde ein Joint Venture nach kongolesischem Recht gegründet. Der Kongo war über Gécamines zu 32 Prozent beteiligt, China zu 68 Prozent. Das Joint Venture durfte in Katanga zehn Millionen Tonnen Kupfer und sechshunderttausend Tonnen Kobalt fördern – gigantische Mengen, wenn man sich vor Augen führt, dass in der ganzen Kolonialzeit nur acht Millionen Tonnen Kupfer gefördert wurden und das gesamte Vorkommen auf siebzig Millionen Tonnen geschätzt wird.51 Als Gegenleistung sollte die neue Gesellschaft drei Milliarden Dollar in die Wiederherstellung der Minen-Infrastruktur investieren und sechs Milliarden in die Anlage asphaltierter Straßen (3.400 Kilometer), unbefestigter Straßen (2.738 Kilometer), Eisenbahnlinien (3.215 Kilometer), Sozialwohnungskomplexe (5000), Gesundheitszentren (145), Krankenhäuser (31), Wasserkraftwerke (2), Flughäfen (2) und Universitäten (2). Investitionen für insgesamt neun Milliarden Dollar. Und da das Joint Venture noch keine Einnahmen hatte, würde die Volksrepublik China das Geld für diese Mammutprojekte erst einmal vorstrecken; das Joint Venture würde es dann irgendwann zurückzahlen. Kabila war überaus begeistert: »Zum ersten Mal in unserer Geschichte wird das kongolesische Volk endlich sehen, wozu all sein Kupfer, sein Nickel und sein Kobalt dienen!«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war tatsächlich ein beeindruckendes Abkommen. Nur sieben Seiten lang, weniger als ein Mietvertrag, war es das wichtigste Dokument für den Kongo seit dem Zehnjahresplan von 1949. Der Kongo würde eine Baustelle werden, wie er es seit den fünfziger Jahren nicht mehr gewesen war. Der Deal wurde in der westlichen Presse oft als »Darlehen« Chinas bezeichnet, obwohl es im Grunde ein Tauschgeschäft war: Erz gegen Infrastruktur. Ein solcher Tauschhandel implizierte nicht die Rückkehr zu einer präkolonialen Wirtschaft, sondern war eine geschickte Form, Korruption aus dem Weg zu gehen: Ein Krankenhaus kann man nicht einfach in der Tasche verschwinden lassen. Doch das Abkommen enthielt eine für den Kongo prekäre Klausel: Sollten die Fundstätten nicht die erhoffte Menge an Erzen erbringen, war das Land verpflichtet, den Vertrag auf andere Weise zu erfüllen. Gleich nach der Bekanntgabe schrie der Westen Zeter und Mordio. Neokolonialismus! Ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;! Raubgier getarnt als Win-win-Theater! Der Vertrag erschien manchen wie eine Neuauflage der Abkommen, die Stanley damals den Häuptlingen abgelistet hatte. Die Kongolesen hatten sich über den Tisch ziehen lassen! Die Sache war nicht mal im Parlament diskutiert worden! Kein Arbeitsplatz würde dadurch geschaffen! Die Chinesen würden sicher einfach ihre Häftlinge einfliegen! Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Teil der Vorbehalte war berechtigt, ein Teil war reine Panik. Panik vor einer sich ankündigenden neuen, komplexen Welt, in der China Supermachtstatus erlangt. Es herrschte eine ähnliche Nervosität wie zur Zeit der Berliner Kongo-Konferenz oder zu Beginn des Kalten Krieges. Der Kongo weckt schon seit eineinhalb Jahrhunderten das Interesse ausländischer Mächte, und daraus erwachsen oft Spannungen – zwischen Europäern und arabischen Händlern um 1870, zwischen europäischen Nationalstaaten untereinander in der Zeit danach, zwischen den USA und der UdSSR im Kalten Krieg und nun also zwischen China und dem Westen. Immer, wenn ein Newcomer seinen Platz auf dem geopolitischen Schachbrett Zentralafrikas fordert, führt das anfangs zu Misstrauen und Nervosität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber hatte sich die kongolesische Regierung denn nicht übervorteilen lassen? Schwer zu sagen. Tauschgeschäften ist inhärent, dass es – abgesehen von der Zufriedenheit der Verhandlungspartner – keinen objektiven Beurteilungsmaßstab gibt. China war erfreut über den Zugang zu Rohstoffen, Kabila über den versprochenen Wiederaufbau seines Landes. Den Vertrag hatte er sich jedenfalls nicht so einfach unterjubeln lassen; zwei Monate lang war in Peking hart verhandelt worden.53 Aber auch wenn man unbedingt quantifizieren möchte, funktioniert die Sache nicht. Ob zehn Millionen Tonnen Kupfer gegen neun Milliarden Dollar Investitionen ein fairer Deal sind, hängt schließlich vom Weltmarktpreis für Kupfer ab. Angesichts der starken Schwankungen in den vergangenen Jahren kann das vierzehn Milliarden wie auch achtzig Milliarden Dollar bedeuten. Eines ist jedoch offenkundig: Es geht China nicht um den schnellen kurzzeitigen Raub von katangesischem Boden, aus dem einfachen Grund, weil Chinas Wirtschaftspolitik von Langzeitdenken und Planung zeugt. Peking hat keinerlei Interesse daran, Afrika auszusaugen und zu destabilisieren, im Gegenteil. Die Vorstellung, dass China wie ein fragwürdiger Arzt ist, der einem todkranken Patienten eine Familienpackung Vitamin C verspricht im Tausch gegen, sagen wir, eine Niere und einen Lungenflügel, ist unzutreffend. China steht am Anfang einer langen, strukturellen Anwesenheit in Afrika, die das Erscheinungsbild der Welt in diesem Jahrhundert verändern wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie demokratisch es dabei zugehen wird, ist selbstverständlich noch die große Frage. Die Vertragsverhandlungen fanden hinter verschlossenen Türen statt, ohne Wissen des Parlaments. Zwar konnte sich das Parlament inzwischen dazu äußern, aber sein Beitrag war alles in allem gering. Außerdem beweisen die umfangreichen Handelsbeziehungen, die China ohne Bedenken mit Simbabwe und dem Sudan unterhält, dass Menschenrechte kein unantastbares Kriterium sind, genauso wenig übrigens wie in China selbst. Kommerzielle Interessen haben für Peking momentan Vorrang vor humanitären Belangen. So ist das Land zu sehr auf das qualitativ hochwertige Erdöl aus dem Sudan angewiesen, um bei einer Abstimmung über Darfur im UNO-Sicherheitsrat, wo es als ständiges Mitglied eigentlich viel Macht hat, dem Regime Al-Bashir in den Rücken zu fallen. Das klingt opportunistisch, aber es ist nicht weniger opportunistisch als die Art und Weise, in der Frankreich, Belgien und die USA in den achtziger Jahren Mobutu ermöglichten, sich an der Macht zu halten. Die Achtung der Menschenrechte datiert bei den westlichen Regierungen auch erst aus den neunziger Jahren. Und selbst seitdem . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hartnäckigsten Kritiker des chinesisch-kongolesischen Vertrages waren die internationalen Finanzinstitutionen. IWF und Weltbank waren beunruhigt wegen der Garantieklausel, die besagte, dass der Kongo seine Verpflichtungen auf andere Weise tilgen müsse, sollte der Boden nicht genug Kupfer oder Kobalt hergeben. Durch diese Zusicherung sei der Kongo in Gefahr, sich noch mehr Schulden aufzuhalsen, obwohl sein Schuldenberg bereits exorbitant sei. Und das stimmte. Das Land schleppte noch immer die Schulden aus der Mobutu-Ära mit sich; insgesamt ergaben die Zahlungsrückstände und die aufgelaufenen Zinsen Anfang 2010 die astronomische Summe von dreizehn Milliarden Dollar. Der Schuldendienst verschlang pro Jahr ein Viertel der Gesamtausgaben; die Auslandsverschuldung betrug mehr als 90 Prozent des BIP, 150 Prozent aller Exporte und mehr als 500 Prozent der Staatseinnahmen (ohne die ausländische Hilfe).54 Das Abkommen mit China hieß, dass nun noch ein Haufen Schulden hinzukommen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IWF und Weltbank erwähnten dabei nicht, dass sie ohne weiteres imstande waren, diese Schuldenlast zu verringern. Jahraus, jahrein drängten sie auf Tilgung, obwohl Erwin Blumenthal schon in den achtziger Jahren darauf hingewiesen hatte, dass das nie geschehen würde. Den Bretton-Woods-Institutionen wurde nur langsam bewusst, dass es unfair war, eine gerade gewählte Regierung noch immer mit den Folgen der Verschwendungssucht eines Diktators aus der Zeit vor zwanzig, dreißig Jahren zu belasten. Es ging natürlich um sehr viel Geld, und es durfte nicht zur Gewohnheit werden, Verbindlichkeiten auf bequeme Weise einfach unter den Tisch fallen zu lassen, aber dreizehn Milliarden Dollar lähmten nun einmal jeden Versuch des Wiederaufbaus. Es war so, als müssten die neuen Mieter eines verfallenen Hauses die gepfefferten Telefonrechnungen ihrer Vorgänger übernehmen, die unter extremer Telefonitis gelitten hatten. Zu Recht äußerte Rigobert Minani, ein kongolesischer Intellektueller, die internationalen Finanzinstitutionen nähmen »die nationale Ökonomie in Geiselhaft«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der IWF beharrte auf der Abbezahlung dieser Schulden, weil die reichen westlichen Länder auf diese Weise eine letzte Einflussmöglichkeit im Kongo behielten. Angeblich ist der IWF eine internationale Institution, das Stimmrecht basiert jedoch auf dem Kapitalanteil. Dadurch verfügen die USA und die EU, als wichtigste Geldgeber, über fast die Hälfte der Stimmen, während der Stimmanteil Chinas, wo ein Viertel der Weltbevölkerung lebt, nicht einmal 4 Prozent ausmacht.56 In diplomatischer Hinsicht hatte der Westen nach den Wahlen nicht mehr viel zu melden im Kongo, doch der IWF, dessen Direktor immer ein Europäer sein muss, diente als allerletztes Druckmittel, um Bedingungen zu stellen hinsichtlich Korruptionsbekämpfung, Steuergesetzgebung sowie Finanz- und Wirtschaftspolitik. Die Verschuldung durfte gesenkt, aber nicht gänzlich gestrichen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Rahmen eines groß angelegten Hilfsprogramms für die sogenannten &#039;&#039;heavily indebted countries&#039;&#039; erklärte sich der IWF bereit, neun der dreizehn Milliarden Dollar Schulden zu erlassen, sofern der Kongo eine Reihe strenger Bedingungen erfüllte. Dazu gehörte unter anderem eine Revision des Vertrags mit China. Kabila war dazu nicht gerade motiviert, aber Anfang 2009 war der Staat durch den Krieg gegen Nkunda und den infolge der globalen Wirtschaftskrise stark gesunkenen Kupferpreis so knapp bei Kasse, dass die Devisen nur noch für zwei, drei Tage Einfuhr reichten. Auf dem Boden der Staatsschatulle fand sich gerade einmal die geringfügige Summe von dreißig Millionen Dollar. IWF und Weltbank eilten nun blitzschnell mit dreihundert Millionen zu Hilfe. Seitdem ist sich die Regierung in Kinshasa bewusst, dass es nicht unklug ist, auch mit diesen Institutionen im Dialog zu bleiben und nicht alles Heil von China zu erwarten. Vielleicht sollte man es sich doch besser mit keiner der beiden Seiten verscherzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach monatelangen Verhandlungen kam es im Dezember 2009 zu einem Kompromiss: Die Garantieklausel wurde aufgehoben, und im Gegenzug reduzierte China seine Investitionen von neun auf sechs Milliarden Dollar. Prompt machte der IWF fünfhundertfünfzig Millionen Dollar locker und verkündete, ein Schuldenerlass sei in greifbare Nähe gerückt: Der Kongo brauche dann von den dreizehn Milliarden »nur« noch vier Milliarden zurückzuzahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen macht auch Indien seine Aufwartung als Geschäftspartner des Kongo; auch diese Zusammenarbeit wird der IWF genau beobachten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hohe, weiße Mauer, dahinter gigantische Asphaltmischer: Am 17. Oktober 2008 fuhr ich in Kinsuka am Gelände der CREC entlang, der &#039;&#039;Chinese Railway Engineering Company&#039;&#039;. Kinsuka am Ufer des Kongoflusses ist ein Vorort von Kinshasa, die CREC, eine der chinesischen Staatsfirmen im Konsortium mit dem Kongo, ist eines der größten Bauunternehmen Asiens. Die Firma beschäftigt hunderttausend Arbeiter. Kabila hat ihr ein riesiges Gebiet in der Nähe der Steinbrüche am Flussufer zur Verfügung gestellt, außerdem noch zwei weitere Standorte in der Stadt. Es kursierte das Gerücht, kongolesische Arbeiter würden entlassen, wenn sie Befehle nicht befolgten, selbst wenn die auf Mandarin gegeben würden. Der Monatslohn von hundertfünfzig Dollar würde gegen einen sehr niedrigen Wechselkurs ausbezahlt, sodass sie eigentlich nur siebzig Dollar erhielten.58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings war es mir unmöglich, das Gelände zu betreten, stellte ich bald fest, geschweige denn, Interviews zu führen. Nur die hohe weiße Mauer um das Gelände bekam ich zu sehen, Hunderte Meter lang. Ich fuhr um sie herum. An der Rückseite grenzte das Firmengelände an ein einfaches Wohnviertel. Es gab nur einen Sandweg. Als ich ausstieg, kam ein etwa vierjähriger Knirps angelaufen. Er sah mich an, zeigte auf mich und sagte laut und deutlich, weil Kinder nun mal gern die Dinge benennen, die sie kennen: &#039;&#039;»Chinois!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa wächst eine Generation heran, für die Europäer exotischer sind als Chinesen. Es gibt im Kongo jetzt wieder Kinder, die noch nie einen Weißen in natura gesehen haben, so wie im späten neunzehnten Jahrhundert. Sogar in den einfachen Vierteln von Kinshasa ist es mir mehr als einmal passiert, dass kleine Kinder kreischend wegrannten, wenn ich mit meiner furchterregenden Erscheinung durch ihre Gassen ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwachsene Kongolesen hingegen schwanken zwischen Ost und West. Europa und Amerika werden noch immer wegen ihres Knowhows bewundert, aber viele Menschen fragen sich, warum so wenig davon zu sehen ist, zumal die Chinesen ein Projekt nach dem anderen realisieren. Daraus entsteht der Eindruck, dass der Westen das Interesse verloren hat. Die Wahl Obamas weckte allerdings neue Hoffnung. Der alte Nkasi konnte es gar nicht glauben, als wir uns am Tag nach den amerikanischen Präsidentenwahlen zum ersten Mal unterhielten. Am belebten Kintambo Magasin in Kinshasa jubelten Jugendliche um sechs Uhr morgens nach Obamas historischer &#039;&#039;acceptance speech&#039;&#039;: »Er ist einer von uns! Er ist einer von uns! Er ist ein Mutetela!« Da sein Name mit O anfängt, glaubte man, er gehöre zum Stamm der Batetela, wo Namen wie Omasombo, Okito und Olenga geläufig sind. Aber auch Menschen, die seinen Stammbaum besser kannten, glaubten an ein neues Kapitel in den afro-amerikanischen Beziehungen. Und tatsächlich, Hillary Clinton reiste nach Goma, seit 1997 besuchte zum ersten Mal wieder ein US-Außenminister das Land. Dass sie in den Kongo reiste und nicht nach Ruanda, das ja an Goma grenzt, weckte die Hoffnung, dass Amerika seine kritiklose Pro-Ruanda-Politik korrigieren würde. Ein Sondergesandter für die Region der Großen Seen wurde ernannt, und in seiner Nobelpreisrede im Dezember 2009 sprach Obama mit Nachdruck das Thema sexuelle Gewalt im Kongo an. In der Praxis jedoch hat die amerikanische Regierung noch keine kohärente Sicht auf Zentralafrika entwickelt.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben die Chinesen? Bei meinen Interviews fiel mir auf, dass Kongolesen die Anwesenheit der Chinesen oft mit zwiespältigen Gefühlen beurteilen. Sie betrachten sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Argwohn, ein Paradox, dass sich nicht selten in leichtem Spott äußert. Im zwischenmenschlichen Umgang erfahren sie die Chinesen als eher reserviert, steif und verschlossen. Sie lachen so selten, meinen viele, sie mischen sich nicht unter uns, sie wohnen zu dreißig Mann in einem Haus und vergessen zu leben! Die Sprachbarriere und die großen kulturellen Unterschiede fördern den Kontakt natürlich nicht. Wer für einen Chinesen arbeitet, verhält sich unterwürfig, aber macht hinter seinem Rücken Witze über ihn (nicht über sie, Chinesinnen gibt es im Kongo nicht) – eine ähnliche Haltung wie vor einem Jahrhundert gegenüber den Europäern. Dennoch imponiert vielen das Tempo, mit dem die Baufirmen ihre Projekte durchziehen. &#039;&#039;»Bachinois batongaka kaka na butu«&#039;&#039;, heißt es in einem witzigen neuen Schlager: Die Chinesen bauen immer nachts, und wenn man morgens aufwacht, gibt es schon wieder ein Stockwerk mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeiten liefen zunächst langsam an, aber dann war es beeindruckend, wie die CREC kaum ein Jahr nach der globalen Finanzkrise die Sanierung der Abwasserleitungen und die Neuanlage des Boulevard du 30 Juin im Zentrum von Kinshasa in Angriff nahm, auch wenn alle Bäume dran glauben mussten und die Verkehrsachse auf eine vierspurige Straße reduziert wurde, auf der viele tödliche Unfälle stattfinden. Die Bevölkerung weiß nur allzu gut, dass Kabila die Realisierung seiner viel beschworenen &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039; an die Chinesen vergeben hat, um seine eigene Untätigkeit zu kaschieren, so wie er die Kriegsführung an die Ruander und die MONUC vergeben hat. Er muss ja etwas vorweisen können zu den Wahlen 2011.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese Wahlen haben inzwischen stattgefunden, und Kabila wurde im Amt bestätigt. Die Opposition bezweifelte die Wahlergebnisse und sprach von Anzeichen für massiven Wahlbetrug; auch westliche Beobachter äußerten Skepsis. Zudem hatte der Präsident seine Chance auf eine Wiederwahl im Januar 2011 durch eine gerissene Verfassungsänderung erhöht: Präsidentschaftswahlen werden nun mit einfacher Mehrheit schon im ersten Wahlgang entschieden, eine Stichwahl findet nicht mehr statt. Gegen eine zersplitterte Opposition hatte Kabila viel größere Chancen als gegen einen einzelnen Gegner, auf den sich die Opposition in einem zweiten Wahlgang geeinigt hätte. (Anm. d. Autors zur deutschen Ausgabe 2012)&amp;lt;/ref&amp;gt; &#039;&#039;Cinq chantiers?&#039;&#039; &#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!&#039;&#039; Immer, wenn Jugendliche einen Chinesen auf der Straße sehen oder eine kongolesische Frau mit einer asiatischen Bluse, rufen sie: »&#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es einen Ort im Kongo gibt, wo sich die Hochachtung vor China fast mit den Händen greifen lässt, dann ist es der Bürgersteig vor der chinesischen Botschaft in Kinshasa. An drei Vormittagen in der Woche sieht man hier lange Warteschlangen von Kongolesen, die auf ein Visum hoffen. Manche stellen sich schon um fünf Uhr morgens an. Andere bezahlen einen Straßenjungen, der sich für sie in die Schlange stellt. Ich selber habe hier frühmorgens schon einmal drei Stunden lang gewartet. Es waren hauptsächlich junge Frauen, die nach China wollten, nicht, um sich dort niederzulassen, sondern um Waren einzukaufen: Wenn die Chinesen wegen unserer Erze hierherkommen, dann können wir genauso gut zu ihnen reisen und uns mit ihren Produkten eindecken. Was die CHINA AMITIÉ COMPANY konnte, konnten sie auch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein anstrengender, aber faszinierender Vormittag. Die Botschaft Chinas befindet sich direkt gegenüber dem militärischen Hauptquartier der MONUC. Die Menschen in der Warteschlange störten sich nicht an dem weißen Panzer, in dem ein pakistanischer Blauhelm mit imposantem Schnurrbart die Zufahrt bewachte. Der Mann stand tapfer an seinem MG, hinter einer Mauer von Sandsäcken und großen Rollen Stacheldraht, an den die Straßenkinder ihre Wäsche zum Trocknen hängten. Die Frauen aber wandten der UNO buchstäblich den Rücken und richteten ihre Hoffnung auf den neuen Retter, die Volksrepublik China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Warten kam ich mit Dadine und mit Rosemonde ins Gespräch. Dadine, siebenundzwanzig Jahre, war eine arbeitslose Schauspielerin. Sie hatte von Frauen gehört, die nach Guanghzhou gereist waren, in die große Industriestadt im Süden Chinas, die auf Kantonesisch einfach Kanton heißt. 2007 hatte sie zum ersten Mal ihr Glück versucht und eine Woche lang Hosen, Schuhe, Perücken und Bodysuits eingekauft. Damals war man noch relativ leicht an ein Visum gekommen, nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking waren die Bestimmungen sehr viel strenger geworden. Sie war nur mit ihrer Handtasche aufgebrochen und mit vierundsechzig Kilo Gepäck zurückgekehrt. Sandalen, die sie dort für drei Dollar erstanden hatte, konnte sie in Kinshasa für neun, manchmal sogar für fünfzehn Dollar verkaufen. Einen Laden besaß sie nicht. Sie ging einfach bei Freundinnen oder in den Studentenwohnheimen der Stadt vorbei. »Sie können originelle Sachen kaufen, die viel billiger sind als das, was sie kennen, und ich verdiene auf einmal Geld. Ich bin richtig aufgeblüht, ich bin unabhängig geworden. Ich schaue jetzt nicht mehr auf hundert Dollar. Einen Mann habe ich immer noch nicht, aber es gibt jetzt viel mehr Bewerber.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde, eine verschmitzt wirkende Frau von sechsundzwanzig, dachte in viel größeren Dimensionen. Zusammen mit ihrer Schwester reiste sie schon seit 2006 nach China, auch nach Guangzhou. Ihre Eltern waren tot, sie hatte ein Kind. Keiner von den Wartenden auf dem Bürgersteig vor der Botschaft wollte nach Shanghai, Hongkong oder Peking, Guangzhou war &#039;&#039;the place to be&#039;&#039;. »Ich kaufe da Teller und Gläser für Restaurants, und Maschinen, um Eiswürfel zu machen, und Plasmabildschirme und Computer. Man muss sehen, dass man Sachen findet, die andere nicht importieren, dann kann man einen höheren Preis verlangen. Jedes Mal fülle ich einen Container, für mich ganz allein. Der kommt dann mit dem Schiff nach Boma, Matadi oder Pointe­Noire. So ein Transport kostet zwölftausend Dollar, aber innerhalb von zwei Jahren habe ich fünfzigtausend Dollar verdient und meine Schwester auch. Wir konnten uns beide ein eigenes Haus kaufen.« Junge Frauen, die es sich leisten können, in Kinshasa eine Immobilie zu besitzen: Das hat es noch nie gegeben. So wie die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre Frauen neue Chancen bot, eröffnet heute die globalisierte Variante neue Perspektiven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der kongolesische Markt wird mit billigen chinesischen Waren überhäuft. Die lokale Textilproduktion, eine der letzten verarbeitenden Industrien des Landes, ging deshalb sogar zugrunde. Ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039;, so erklären mir die Frauen, ist nicht zu vergleichen mit dem legendären &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; von Vlisco, aus dem sie ihre besten Kleider schneidern ließen. »Aber was will man? Ein &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; kostet 120 Dollar und ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039; nur fünf.« Weil die Kleidungs­stücke, Fernseher und Generatoren &#039;&#039;made in China&#039;&#039; allerdings auffallend schnell defekt sind, gibt es im Lingala nun ein neues Adjektiv: &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;. Es leitet sich ab von Guangzhou und bedeutet »nicht sehr haltbar«, »von schlechter Qualität«. Auch von einer Frau, die fremdgeht, wird inzwischen gesagt, sie sei &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde trug einen Pulli mit dem Schriftzug &#039;&#039;Dior, j&#039;adore&#039;&#039;, nein, auf dem Pulli stand &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;, denn man kann nicht erwarten, dass ein chinesischer Fabrikarbeiter neben all seinen Schriftzeichen auch noch das lateinische Alphabet vollkommen beherrscht. China-Reisende wie sie erkennt man in Kinshasa sofort an ihrer Kleidung. Auffälliger und extravaganter, sehen sie fast wie Popstars aus. Eine junge Frau im Minirock oder mit weißen Stiefeln ist fast mit Sicherheit eine Händlerin in Guangzhou. »Sie sind &#039;&#039;guangzhoufiées&#039;&#039;.« Aber Rosemonde hat sich mit dem echten Kennzeichen der neuen Kongolesin ausstatten lassen. Sie streift ihren &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;-Pulli zurück und zeigt ihre nackte Schulter. Dort, auf ihrer dunklen Haut schwer zu erkennen, prangt der Stolz des dritten Millenniums: ein Tattoo. »In China machen wir unsere Sache gut. Du müsstest es wirklich mal sehen.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 15 www.com ==&lt;br /&gt;
Eine Schnellstraße bei Nacht, aber so fühlt es sich nicht an. Sogar nach Mitternacht weben die Taxis ein unsichtbares Netz, wenn sie immer wieder die Fahrbahn wechseln, um schneller voranzukommen. Dennoch ist es, verglichen mit Kinshasa, mucksmäuschenstill. Kaum Gehupe. Keine dröhnenden DAF-LKW aus vorhistorischen Zeiten, die Schritttempo fahren und Dieselwolken ausstoßen. Keine zerbeulten VW-Busse mit mehr als dreißig Passagieren, die auf Holzbänken sitzen oder, in der letzten Reihe, die Beine durch die Heckklappe hinausbaumeln lassen. Und schon gar keine Schlaglöcher in der Größe von Vulkankratern. Das grün-weiße Taxi gleitet auf einer belebten achtspurigen Straße durch endlose Vorstädte an grauen Wohnanlagen entlang. Als wir uns dem Zentrum nähern, fahren wir über lange Straßenüberführungen, die zwischen Bürogebäuden und Wohnblöcken hängen. Manchmal ist unter und über uns eine Schnellstraße. Ein vertikales Gewebe. Und ganz unten, sehr viel tiefer, sehen wir Essbuden mit Lampions und hellroten Leuchtreklamen. Guangzhou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sitze mit drei Kongolesen in einem Taxi, wir kommen vom Flughafen. Vor einem Tag haben wir Kinshasa verlassen. Kenya Airways brachte uns erst nach Nairobi, wo wir sieben Stunden warten mussten, und dann, mit einer Zwischenlandung in Bangkok, nach Guangzhou, sieben Zeitzonen früher. Die andere Flugroute führt über Dubai. Auch Ethiopian Airlines sind von ihrem Drehkreuz in Addis Abeba aus auf der Strecke aktiv. Seit ein paar Jahren bieten die beiden Fluggesellschaften wöchentlich zehn Verbindungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und Südchina an; die Hinflüge finden mit leerem, die Rückflüge mit übervollem Frachtraum statt. »Warum sollten wir Kleider mitnehmen? Die kaufen wir uns doch dort!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine hatte beim ersten Mal noch Befürchtungen. »Kurz nach dem Start ging ich auf die Toilette. Ich versteckte mein ganzes Geld und meinen Pass unter meinen Kleidern, denn ich hatte gehört, dass man sich vor den Nigerianern in Acht nehmen müsse. Sie betäuben dich mit irgendwas und nehmen dir dann alles weg. Ich hatte fünfzehnhundert Dollar bei mir; die Großhändler reisen sogar mit zwanzigtausend Dollar in der Tasche. Man muss umheimlich aufpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Taxifahrer hat einen sicheren Platz. Der Fahrgastraum ist durch Kunststoffgitter abgetrennt. Wir, die Gefangenen auf der Rückbank, werden unterhalten. Die Sitze sind bequem, und im unteren Bereich der Gitterstäbe ist ein kleiner Fernsehbildschirm angebracht, auf dem Zeichentrickfilme laufen und Hautcreme-Reklame gezeigt wird. Die Lautstärke ist gedämpft. Einer der Kongolesen feilscht vorn mit dem Fahrer um den Preis. Schon seit zwanzig Minuten. Er heißt Georges und spricht fließend Kantonesisch. Nach ein paar Jahren in Guang­zhou hat er die Sprache völlig im Griff. Ich wusste, dass fast alle Kongolesen polyglott sind und leicht neue Sprachen hinzulernen, auch in späterem Alter, aber wie sich jemand Chinesisch ohne Unterricht aneignen konnte, war mir unbegreiflich. Georges fand es nichts Besonderes. Eine junge Afrikanerin habe die Sprache schon nach drei Monaten beherrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi bringt uns in die Nähe des Tianxiu-Gebäudes im Norden der Stadt, direkt an der viel befahrenen Huanshi Dong Lu und dem großen Autobahnring von Guangzhou, in einen Stadtteil mit heruntergekommenen Hochhäusern, Sendemasten, Schienenwegen und chaotischer Urbanität. Dort ist in den letzten Jahren ein wahres afrikanisches Viertel entstanden. Etwa hunderttausend Afrikaner wohnen hier, die meisten nur vorübergehend, einige ständig. Georges hat hier, neben vielen hundert anderen, sein kleines Cargo-Unternehmen. &#039;&#039;Air and ocean freight, full and groupage container&#039;&#039;, steht auf seiner beeindruckenden Visitenkarte. In den nächsten Tagen werde ich feststellen, dass jeder Afrikaner hier so eine imposante Karte besitzt, auffällige Karten auf Englisch, Französisch und Chinesisch mit sechs Handynummern für China und Afrika. In den Sraßen um das Tianxiu gibt es mehrere Hotels, die für zwanzig Dollar pro Nacht sehr komfortable Doppelzimmer anbieten. Sie sind voll mit Afrikanern. Ich werde zehn Tage im New Donfranc Hotel wohnen und keinen einzigen Europäer oder Amerikaner sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi hält an einer Fußgängerzone, wo Hunderte von Menschen unterwegs sind, Männer und Frauen, Chinesen und Afrikaner; nachdem ich eingecheckt habe, erkunde ich die Umgebung; die Läden sind Tag und Nacht geöffnet und bieten Schuhe, Reisekoffer, T-Shirts, Handys und Dessous an; auf der Straße verkaufen Bauern mit Strohhut aufgestapelte Früchte, deren Namen ich nicht kenne, winzige Äpfel, kleiner als Kirschen, die noch an einem Zweig hängen, und Grapefruits, größer als Fußbälle, die geduldig und kunstvoll geschält werden; auf hölzernen Handkarren mit einer Flasche Butangas stehen Männer in Unterhemden und bereiten in Windeseile Essen im Wok zu, während ihnen der Schweiß von der Stirn tropft; schüttelnd vermischen sie Nudeln, Senfkohl, Austernsauce, schwenken den Wok, füllen Schälchen aus Styropor; plötzlich ertönt ein durchdringendes Signal, die Polizei ist im Anzug, sie rennen samt Handkarren weg, während die Gasflamme lustig weiterbrennt – die bläulichen Flammen flackern wie eine Fackel, das Öl zischt hysterisch, die Sojasauce spritzt herum – in wenigen Sekunden sind sie in einer dunklen Gasse zwischen Mülleimern und weghuschenden Ratten verschwunden und lassen ihren Kunden verdattert und ohne Abendessen in der Einkaufsstraße zurück; ich kaufe bei einem alten Bauern ein Kilo Mandarinen, er wiegt sie mit einer Schiebewaage aus Bambus ab, die er sich dicht vor die halb zugekniffenen Augen hält, ich bezahle mit Geld, das ich nicht kenne, weiß nicht mal, ob sie hier in Kilogramm denken, und nicke, um mich zu bedanken, wobei ich mich frage, ob das wohl die richtige Geste ist; der kleine Mann mit dem verwitterten Gesicht lächelt jedenfalls und entblößt dabei zwei verfaulte Zähne; das Hotel ist kein einzeln stehendes Haus, sondern Teil einer labyrinthischen Mall, wo Hunderte von Boutiquen die gleichen Goldkettchen, Imitate von Nokia-Handys und Fußballtrikots verkaufen, Trikots von Barça, von Chelsea, von der niederländischen Elf, auf denen steht: Ruud van Nistelrooy, Nummer 9; ich finde die beiden Lifttüren wieder, die zum Hotel führen, aber als ich in der sechsten Etage aussteige, stehe ich nicht in dem Gang mit den Zimmern, sondern in einem dunklen, mir unbekannten Raum; ich komme mir vor wie in einem Traum; im Dunkeln ertönt leise Saitenmusik, zwei Kois schwimmen träge in einem sanft beleuchteten Aquarium, während mir mit meinem Beutel mit Mandarinen in der Hand allmählich dämmert, dass ich den falschen Lift genommen habe, fragt mich eine äußerst anmutige junge Frau, ob ich wegen der &#039;&#039;very special massage&#039;&#039; komme; als ich kurz darauf dann doch mein Hotelzimmer gefunden habe, lese ich in einer Mappe mit Stadtplänen eine Notiz, die besagt, dass &#039;&#039;according to the provisions of Regulations of the People&#039;s Republic of China on Administrative Penalties for Public Security whoring legally forbidden&#039;&#039; sei, da, wie sich gezeigt habe, &#039;&#039;recently some aliens suffered stealing or robbery during whoring&#039;&#039;; tja, das kann einem also als &#039;&#039;alien&#039;&#039; passieren; trotzdem stecken in derselben Mappe drei Päckchen Kondome, zwei verpackte Slips (&#039;&#039;Antisepsis &amp;amp; Healthy&#039;&#039;) und vier Beutelchen des mir unbekannten South Pole (&#039;&#039;Liexin Resispance&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;the Germ Liquid&#039;&#039;); da diese Beschreibung immer noch nicht viel erklärt, lese ich auf der Rückseite, dass das Produkt aus natürlichen chinesischen Kräutern hergestellt ist und zu 99,9 Prozent Bakterien abtötet &#039;&#039;for male and female privates itch and other social disease&#039;&#039;; es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an; der Jetlag und die Sturzflut an Eindrücken halten mich stundenlang wach; schlaflos zappe ich durch sechsunddreißig Kanäle mit brüllenden Samurai und diskutierenden Geschäftsleuten; schließlich bleibe ich bei einer Unterhaltungsshow hängen, wo Kandidaten in farbenprächtigem Outfit einen heiklen Parcours bewältigen müssen; nur wenige schaffen es, die meisten enden ruhmlos in einem Wasserbehälter, zum großen Vergnügen von Publikum und Moderator, der sich über sie lustig macht; es ist vier Uhr morgens, ich vermisse Kinshasa und ziehe die Vorhänge auf; auf der anderen Seite eines Innenhofs, zwei Etagen tiefer, sitzen vier Männer mit nacktem Oberkörper in einem verqualmten Zimmer und spielen bei fahlem Neonlicht Mahjong; eine Spielhölle, eine Opiumhöhle, wer weiß; ihre Stimmen sind unhörbar, aber ich sehe, dass sie hin und wieder vom Stuhl aufspringen und sich heftig anschreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules Bitulu hat miterlebt, wie sich alles verändert hat. Ich treffe ihn in seinem Büro im zehnten Stock des Taole Building, im hektischen Geschäftsdistrikt Dashatou. »1993 war ich der einzige Afrikaner hier. Ich begann zusammen mit einem Chinesen eine Firma in Shunde, hier in der Nähe, zwei Jahre später sind wir ins Zentrum umgezogen. Für die Chinesen war ich eine Art Außerirdischer, ein Kuriosum. Es gab damals keinen Rassismus, eher Neugier. Wo ich hinkam, wurde mir sofort ein Stuhl angeboten. Heute leben hier etwa zwei- bis dreitausend Kongolesen. Die meisten kommen aus Kinshasa, Lubumbashi, Goma und Bukavu. Fünfhundert von ihnen haben kein Visum und leben hier illegal. Manche kommen mit Drogen in Kontakt, aber es gibt auch viele Nigerianer, die mit kongolesischen Pässen rumlaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong, eines Gebietes mit einem Durchmesser von fünfhundert Kilometern, in dem etwa hundert Millionen Menschen leben, fast zweimal so viel wie im gesamten Kongo. Hier lockerte Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal die Zügel der Staatsökonomie, lange vor Shanghai. Es war schließlich die Region, in der er zur Welt gekommen war. Der große Abstand zu Peking machte sie zu einem sicheren Labor für ein Liberalisierungsexperiment. Guangdong liegt zudem in unmittelbarer Nachbarschaft der freieren Provinzen Hongkong und Macao und durfte zu ihnen in Konkurrenz treten. Dreißig Jahre später ist es die Werkbank der Welt. Die Provinz ist international der wichtigste Produzent von Klimaanlagen, Mikrowellenherden, Computern, Telekommunikationsanlagen und LED-Leuchtprodukten. Guangdong ist der drittgrößte Textilexporteur weltweit und fertigt 30 Prozent aller Schuhe auf diesem Planeten. Die Fabriken von Shenzhen exportieren Spielzeug in die entlegensten Winkel des Globus und lieferten bis vor kurzem zwei Drittel der Weltproduktion an künstlichen Weihnachtsbäumen – gar nicht ohne für ein offiziell atheistisches Gebiet. Auf einer kleinen Fläche werden 12 Prozent der chinesischen Wirtschaft und mehr als ein Viertel des landesweiten Exports realisiert. Dieser unwahrscheinliche Erfolg verdankte sich einem System von stark subventionierten Rohstoffen, aber die Finanzkrise 2008 traf das Gebiet schwer – die chinesischen Staatsbanken konnten sich zwar behaupten, doch ausländische Abnehmer wurden rar. Hunderttausende Arbeiter verloren ihre Jobs. Heute wird versucht, eine rein exportorientierte, auf Serienproduktion basierende Wirtschaft umzuwandeln in eine innovative Wissensindustrie, die auch einen rasch wachsenden lokalen Markt bedienen kann. Und das scheint zu gelingen: Der Telekommunikationsriese Huawei schloss im Krisenjahr 2008 Verträge über mehr als dreiundzwanzig Milliarden Dollar ab, ein Wachstum von 46 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner malerischen Lage im Delta des Perlflusses war Guang­zhou schon immer ein internationaler Handelsplatz. Als Ausgangspunkt der maritimen Seidenstraße kam es schon sehr früh mit dem Christentum und dem Islam in Kontakt. Noch heute stehen dort eine prachtvolle Moschee, die möglicherweise auf das siebte Jahrhundert zurückgeht, das Jahrhundert, in dem der Islam entstand, sowie eine katholische Kathedrale viel jüngeren Ursprungs. Perser, Araber, Portugiesen und Holländer fanden hier ihren Weg. So ist es nicht verwunderlich, dass es auch heute der Nabel neuer Handelsbeziehungen zum Ausland ist, diesmal mit Afrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules kam 1988 mit einem Studienstipendium nach China. Er gehörte zu einer Gruppe von siebzehn auserwählten Zairern, die im Rahmen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Peking studieren durften. Das erste Jahr war mit Sprachunterricht ausgefüllt, danach studierte er vier Jahre Informatik. Heute spricht er besser Mandarin als die meisten Kantonesen (Kantonesisch ist Peking zufolge keine Sprache, sondern eine Variante der Standardsprache Mandarin) und schreibt die Schriftzeichen mit einem Schwung, den ihm nur wenige Ausländer nachmachen. Ein Afrikaner, der chinesisch schreibt – das ist nicht gerade alltäglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während seines Sprachstudiums sah er eines Tages, dass an der Wand eines Verwaltungsgebäudes das Wort »Demokratie« stand. »Ich fragte mich: Was hat das zu bedeuten? Es herrschte Unruhe, aber ich verstand nicht, worum es ging. Im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet. Unser Professor sagte, wir dürften nicht auf den Tiananmen-Platz gehen, aber ich fuhr mit dem Bus hin und sah einen Platz voll, voll, voll mit Studenten. Es gab keine Seminare mehr, alles fiel aus. Bei uns an der Uni standen zwei Särge, voll oder leer, ich wusste es nicht. Als ich wieder in meinem Zimmer war, sah ich vom neunten Stock aus, dass die amerikanischen Studenten mit einem Kleinbus von ihrer Botschaft abgeholt wurden. Auch die Studenten aus den ehemaligen französischen Kolonien wie Gabun verließen das Wohnheim. Wir Zairer blieben als Letzte, bis auch unser Konsul kam und uns abholte. Auf dem Weg zur Botschaft sahen wir verbrannte Lastwagen der Armee auf der Straße stehen. Ein Massaker war im Gange. Japanische Studenten erzählten uns später, dass es sehr gut organisiert gewesen sei, mit LKW zum Abtransport der Leichen und mit Putzkolonnen. Wir schliefen neun Tage in der Botschaft auf dem Fußboden. Es war kalt, und es gab nichts zu essen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als frisch diplomierter IT-Ingenieur in einem Land voller frisch diplomierter IT-Ingenieure fand Jules nicht sofort Arbeit, aber er verfügte über ein anderes Talent: Musik. Als Student hatte er schon zusammen mit den paar Kongolesen in Peking eine Band auf die Beine gestellt, nun schloss er sich einem reisenden chinesischen Orchester an. »Wir zogen sechs Monate lang durch Dörfer im Inland. Ich war in den Provinzen Guangxi, Hunan, Yunnan, Guizhou und Sichuan. Am Anfang spielte ich nur Gitarre, später sang ich auch auf Chinesisch. Für das Publikum war das eine Attraktion. Aber ich fühlte mich nicht wohl. Ich sah keinen einzigen Kongolesen, und wir aßen nicht gut, immer nur dieses chinesische Essen.« Seine Geschichte erinnert an das Schicksal der Kongolesen, die ein Jahrhundert zuvor in Tervuren kampieren durften. Auch damals war ein Schwarzer mehr eine Jahrmarktsattraktion als ein Mensch. »Trotzdem habe ich später, als mein Geschäft schon lief, immer noch Musik gemacht. An den Wochenenden habe ich in einer Reggae-Band in Hongkong gespielt, in der Africa Bar. Später habe ich chinesische Schlager gesungen, in Bars und Restaurants, manchmal zwei bis drei Auftritte am Tag, manchmal sechs Tage in der Woche. Das hat sich finanziell gelohnt. Ich habe auf Mandarin, Kantonesisch und Englisch gesungen. &#039;&#039;Un Congolais, c&#039;est bizarre.&#039;&#039; Ich bin in großen Hotels aufgetreten. Auch viel Karaoke. Ich bin bis an die mongolische Grenze gekommen. Als ich im Jahr 2000 in Peking auftreten musste, traf ich auf sechs kongolesische Studenten ohne Geld und ohne Visum. Ich habe sie nach Guangzhou mitgenommen. Das war der Anfang der kongolesischen Gemeinschaft hier. Sie haben in den Diskotheken gearbeitet. Dieses Phänomen kam damals gewaltig in Mode. Danach haben alle die Musikszene verlassen und ein Business aufgebaut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von einer Jahrmarktfigur zum Migrationspionier. Jules Bitulu war eine Art Peter Stuyvesant des Kongo, begreife ich. Er ist ein begnadeter Erzähler und außerordentlich gut informiert. Ich kritzele während unseres Gesprächs zehn Seiten voll. Er erzählt mir noch, wie es in Guangzhou alles angefangen hatte mit Westafrikanern, die binnen weniger Monate im Jahr 2000 aufgetaucht waren, Senegalesen und Malinesen, sie übernachteten in einem islamischen Hotel beim Tianxiu. Er erzählt, wie leicht man damals an ein Visum kam, sogar für sechs Monate, sogar für ein Jahr. Was für ein Unterschied zu heute, wo man schon froh sein darf über ein Visum für zwei Wochen, seufzt er, und wer in die Illegalität abtaucht, wenn seine Papiere abgelaufen sind, riskiert Haftstrafen von einem Monat bis zu einem halben Jahr. Freigelassen wird man erst, wenn man das Ticket für den Rückflug bezahlen kann. »Inzwischen wird die Situation immer schwieriger, sogar für Leute, die ein legales Visum haben oder eine Aufenthaltserlaubnis so wie ich. Die Flüge werden immer teurer, die Einkaufspreise sind gestiegen, die Frachtkosten sind hoch, der Zoll im Kongo ist unbezahlbar, und der Markt in Kinshasa ist gesättigt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtiges Heimweh nach dem Kongo hat er nicht. »Ich habe die chinesische Kultur in mich aufgenommen. Die Kongolesen müssten sich besser organisieren, so wie die Chinesen. Sie müssten sich als Gruppe organisieren, aber das wollen sie nicht, obwohl sie dann viel niedrigere Preise aushandeln könnten. Es ist ein Virus. Auch der Vertrag, den der Kongo mit China geschlossen hat, ist nicht gut ausgehandelt worden. Keiner in der kongolesischen Delegation sprach Chinesisch. China wird nun schnell ein paar Straßen bauen, die dann nicht instand gehalten werden.« Er spricht aus, was viele Kongolesen in China denken: Dieser Deal, der größte in der Geschichte ihres Landes, war zu überstürzt, das Land wurde gegen ein Taschengeld verkauft. »Ich scheue mich nicht, zu sagen, dass ich mich schäme, ein Kongolese zu sein. Der Kongo war seit der Unabhängigkeit nie ein richtiges Land. Nichts funktioniert. Die Leute denken nur an ihr eigenes Portemonnaie. Ich habe miterlebt, wie sich China in zwanzig Jahren entwickelt hat.« In den Dörfern, in denen Jules Bitulu mit seinen Songs auftreten durfte, besaßen 1990 nicht einmal 5 Prozent der Familien einen Fernseher, Ende 2006 waren es 90 Prozent.1 »Ich habe gesehen, wie Vietnam gewachsen ist. Ich war in Dubai, und ich habe nur noch gestaunt. Dort ist nur Wüste, weißt du, aber trotzdem blühen Blumen, sie verlegen Wasserrohre unterm Rasen. Nein, sie haben ihr Land gut aufgebaut. Wenn Gott die Kongolesen in die Wüste gesetzt hätte, hätten die dann das Gleiche getan? &#039;&#039;Papa, c&#039;est fini!&#039;&#039; Es ist bestimmt nicht der Fehler der Weißen oder von Mobutu, dass es bei uns so schlecht läuft, das sind nur Sündenböcke, das ist die Vergangenheit. Sieh dir die Chinesen an. Sie lernen von Europa, und sie wissen, dass es nicht Zauberei ist, sondern einfach nur Arbeit.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Geschäftsdistrikt Dashatou ist ein Stadtviertel, das ganz im Zeichen der Elektronik steht. Es gibt Shopping Malls eigens für Digitalkameras neben Shopping Malls für Laptops oder LCD-Monitore. Nach dem Gespräch mit Jules Bitulu lasse ich mich dort einfach treiben. So gelange ich in einen fensterlosen Megastore, wo ausschließlich Handys verkauft werden. Hunderte Jungen und Mädchen stehen hinter den Verkaufsständen; wenn sie Hunger haben, essen sie, hinter der Kasse hockend, rasch einen Pappbecher mit Nudeln. Da teilnehmende Beobachtung als ethnographische Methode unübertroffen ist, nehme ich ihre Ware in Augenschein. &#039;&#039;»Chinese copy!«&#039;&#039;, sagen sie freiheraus bei etwas, das aussieht wie ein makelloses iPhone. &#039;&#039;»This one good copy. This one bad copy.«&#039;&#039; Das ist also schon mal klar. &#039;&#039;»This one original&#039;&#039;.« Nein, daran habe ich kein Interesse, an so einem &#039;&#039;owigina&#039;&#039;. Eine echte Imitation scheint mir viel origineller, zumal die Fake-Handys über &#039;&#039;features&#039;&#039; verfügen, die man bei den Originalen vermisst, wie etwa die Möglichkeit, zwei SIM-Karten unterzubringen, sehr praktisch, wenn man viel auf Reisen ist. In der &#039;&#039;brave new world&#039;&#039; verwischt sich die Grenze zwischen Original und Plagiat. Ein Plagiat ist keine einfallslose Imitation, sondern technische Avantgarde. Also erstehe ich ein paar Fake-iPhones und Ericsson-Imitate für etwa fünfzig Dollar pro Stück. Einige davon werde ich demnächst in Kinshasa verkaufen, um mir einen Teil des Flugtickets zurück zu verdienen. Nur weiß ich noch nicht, dass ich statt fünf besser gleich dreißig Stück hätte kaufen sollen: An einem einzigen Tag werde ich sie später zu einem Vielfachen des Preises wieder los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem der Stände lerne ich Enson kennen, einen jungen, hyperaktiven Chinesen, der mit mir in fließendem Lingala plaudert, während er Sim-Karten einsetzt und Batterien wechselt. Nein, er war noch nie im Kongo, sagt er, er arbeitet jeden Tag in diesem fensterlosen Raum, aber viele seiner Kunden sind Kinois, von daher. Französisch spreche er auch nicht; ihm ist nicht bewusst, dass die Hälfte der technischen Fachbegriffe, die er verwendet, französische Wörter sind. &#039;&#039;»Ozana besoin sim mibale?«&#039;&#039; Brauchen Sie eins mit doppelter SIM-Karte? &#039;&#039;»&#039;&#039;A&#039;&#039;y, papa, accessoires mpo na modèle oyo eza te.«&#039;&#039; Monsieur, dieses Modell hat kein weiteres Zubehör.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Tianxiu-Gebäude ist eine Shopping Mall über mehrere Etagen mit greller Neonbeleuchtung und einer Muzak-Kakofonie. Schmale Gänge verlaufen zwischen winzigen Shops mit Glaswänden, in denen außerordentlich zuvorkommende Verkäufer ihre Waren anpreisen. Viele dieser Shops sind die Schaufenster der Fabriken anderswo in Guangdong. Auf einem Abschnitt von zwanzig Metern registriere ich industriell gefertigte Batikstoffe, Flipflops, Sneaker, Stiefel, Anzüge, Trainingsanzüge, T-Shirts, G-Strings, Schmuck, Handy-Ladegeräte, Handys, Ventilatoren, Mückenvernichter, Kettensägen, Generatoren, Mopeds und Schlagzeuge. Sobald der Kunde eintritt, springt der Verkäufer auf. Keine Mühe ist ihm zu viel. Stoffe werden auseinandergefaltet und wieder weggeräumt. Anzüge werden mit einer Stange vom Haken genommen, damit man sie anprobieren und ändern lassen kann. Die Kommunikation verläuft holprig, aber der Taschenrechner erleichtert die Sache. Das bringt Perlen der Pantomime hervor. Der Verkäufer tippt als Verhandlungsbasis einen Preis in Renminbi ein, dem gängigen Namen für den Yuan, und zeigt das Display. Der Afrikaner rechnet in Dollar um, macht ein empörtes Gesicht, sagt: &#039;&#039;»No, no, no!«,&#039;&#039; und tippt einen Betrag ein, der halb so groß ist, worauf der Chinese schmerzlich lächelt, den Kopf schüttelt und eine Zahl eintippt, die ihn nicht ganz so melancholisch stimmt. Daraufhin lässt der Afrikaner geknickt den Unterarm auf die gläserne Theke fallen und blickt verzagt nach draußen. Nach einer dramatischen Pause voller Wehmut und tief empfundener Empörung gibt er einen neuen Betrag ein und dreht den Rechner zum Verkäufer. So geht es eine Weile hin und her, bis der Afrikaner Anstalten macht, einen anderen Laden aufzusuchen und sich dann doch noch neue Möglichkeiten für eine freundschaftliche Einigung abzeichnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Shop verkauft nur Strings, darunter ein irres Modell, das mit der angolanischen Flagge bedruckt ist. Schnüre und Dreiecke haben die Nationalfarben Rot und Schwarz; das kommunistische Logo – ein Zahnrad, ein Buschmesser und ein Stern im jubelnden Gelb des Tagesanbruchs – ist in Höhe des Schambeins aufgedruckt. Als ich mich vorsichtig nach dem Preis erkundige, erfahre ich, dass sie nur in Tausendermengen verkauft werden. &#039;&#039;»Thousand«&#039;&#039;, sagt die Frau, »&#039;&#039;not one«&#039;&#039;, und sie tippt eine Eins und drei Nullen in ihren Taschenrechner ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine schwankt, ob sie Jeans mitnehmen soll. Der Preis von sieben Dollar gefällt ihr, in Kin wird sie bestimmt fünfunddreißig dafür bekommen, aber Jeans wiegen ziemlich viel. Eine große Menge passt nicht ins Gepäck, und dann noch der Zoll zu Hause . . . Sie denkt noch mal kurz darüber nach. »Bei uns ist Krieg. Du kommst dann todmüde aus China zurück, und am Flughafen stürzt sich der Zoll auf dich, wenn du auf deine Koffer wartest. Sie verlangen dreißig Dollar pro Tasche, um dich durchzulassen, das kann bis auf hundert Dollar ansteigen, aber sehr oft öffnen sie dein Gepäck mit einem Kugelschreiber oder Schlüssel und nehmen sich einfach ein Hemd oder eine Hose, obwohl du dabei stehst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schwestern Fatima und Fina, Musliminnen, was im Kongo selten ist, stecken in der Klemme. Ich habe sie im Flugzeug kennengelernt und sehe sie ein paar Tage später auf einer Bank sitzen, wo sie vom Shoppen verschnaufen. Sie wollten einen Container mit Tomatenmark in Dosen füllen, erklären sie mir, einen Container von zwanzig Fuß, nicht vierzig, das sei zu teuer, aber in der Fabrik hat man ihnen gesagt, dass die Bestellung erst im Dezember fertig ist. Das bedeutet, dass ihre Konservendosen frühestens im Februar in Kinshasa ankommen werden, viel zu spät für die Feiertage zum Jahresende, auf die sie gesetzt hatten. Vielleicht sollten sie dann eben mit Muskatnüssen handeln? Obwohl, zwischen Januar und Oktober 2008 ist der Preis von 7200 auf 8200 Dollar pro Tonne gestiegen, und in einen Container passen gut und gern zwölf Tonnen. Und dann noch der Transport! Einen 20-Fuß-Container nach Matadi verschiffen zu lassen, kostet 5600 Dollar, für einen 40-Fuß-Container muss man 10.000 Dollar zahlen. Hinzu kommen noch die Einfuhrzölle, und der Kongo verlangt den höchsten Zoll der Welt: bis zu 15.000 Dollar für einen kleinen Container, bis zu 20.000 für einen großen. Sie erklären mir, wie das vonstattengeht. Die offiziellen Tarife sind wie immer Verhandlungssache, aber viele ziehen es inzwischen vor, ihre Fracht nach Pointe-Noire in Kongo-Brazzaville zu verschiffen. Sollten sie sich das nicht auch überlegen? Ein LKW bringt die Fracht dann nach Brazzaville, und dort werden die mehreren hundert Säcke mit Muskatnüssen auf die Fähre nach Kinshasa umgeladen, eine Fähre, auf der der Transport schon seit Jahr und Tag von Rollstuhlfahrern übernommen wird, denn ihnen wird ein Teil der Zollgebühren erlassen. Gelähmte als Träger, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Behinderten, mit denen ich sprach, betrachteten es als ein erworbenes Recht, gegen Bezahlung ihren Rollstuhl, oft eine Art selbst zusammenschweißtes Dreirad, mit Stapeln von Säcken zu beladen, bis sie nichts mehr sehen konnten, um dann als Passagier aufs Boot zu rollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lina ist zweifellos die erfolgreichste junge Geschäftsfrau, der ich hier begegne. Innerhalb von vier Tagen hat sie zwei große Container mit Baumaterialien füllen lassen: Fliesen, Türen, Klimaanlagen, Badkeramik, Sanitärausstattung, Beleuchtung. In Kinshasa findet man heute Toiletten der Marke Aomeikang, Waschbecken der Marke Meijiale und Feuermelder von Hefei Chenmeng, und sogar Toilettenpapier, das Wij Mei heißt. Ihr erster Container ist schon verschlossen, für den zweiten sucht sie noch einige Plasmabildschirme. Wenn sie damit fertig ist, kann sie sich ein paar Kleider nähen lassen. Sie hat Fotos aus einer afrikanischen Illustrierten mitgebracht, die Chinesen sollen es einfach kopieren. Sie hat allerdings stechende Bauchschmerzen. Ihre Cousine ist auch mitgekommen; die überlegt sich, ob sie sich in China einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen sollte, denn warum sollte man nur Waren kaufen, wenn es auch Dienstleistungen gibt? Lina wird schneller, als ihr lieb ist, Bekanntschaft mit dem chinesischen Gesundheitswesen machen. Als ich sie ein paar Tage später wiedersehe, erzählt sie mir, dass sie in einer Klinik war. Die heftigen Bauchschmerzen kommen von einer Blindarmentzündung. »Normalerweise würde ich für eine Operation nach Südafrika gehen«, sagt sie, »aber diesmal lasse ich es in China machen. Die chinesische Medizin soll ja gut sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die afrikanische Diaspora in Guangzhou wird immer bedeutender. Sie wächst weiterhin, und ihre Mitglieder wagen sich immer weiter ins Land vor. Manche leben wie in einer Familie zusammen: Während die anderen Waren einkaufen, bleibt eine Person zu Hause und kocht mit den verfügbaren Zutaten so afrikanisch wie möglich. Andere essen mit Stäbchen, als hätten sie es nie anders gekannt. Ein Kongolese hatte ein Tanzlokal aufgemacht, Chez Edo, nach Ansicht aller Afrikaner, mit denen ich sprach, der beste Schuppen der ganzen Megalopolis, aber die Behörden schlossen ihn, weil die erforderlichen Papiere fehlten. Andere eröffnen einen Frisiersalon oder entwerfen Kleidung. Homosexuelle, die in Afrika einen sehr schweren Stand haben, entdecken in China neue Möglichkeiten und wollen nicht mehr zurückkehren. Ich lernte einen jungen kongolesischen Schwulen kennen, den seine Familie in Kinshasa verstoßen hatte und der in China eine Beziehung mit einem Nigerianer eingegangen war. Für ihn war China nicht das Land der Repression, sondern der Freiheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der großen Händler, Monsieur Fule, ist der informelle »Vorsitzende der kongolesischen Gemeinschaft in Guangzhou«. Obwohl weder das Amt noch die Organisation offiziell existieren, spielt er ein bisschen die Rolle eines Konsuls. Wer in der Stadt ankommt, geht auf einen kleinen Plausch bei ihm vorbei. Als ihn ihn besuche, stapeln sich auf seinem Schreibtisch Kartons mit Damenschuhen. »Ich bin schon seit neun Jahren hier und habe eine Aufenthaltserlaubnis«, sagt er selbstbewusst. Fule war einer der mittellosen Studenten, die Jules Bitulu überredet hatte, mit ihm von Peking nach Guangzhou zu gehen. »Aber für Ausländer ohne Visum haben die Chinesen ein Gefängnis. Die goldenen Jahre sind vorbei. Der Handel ist eine unsichere Sache geworden, nur im Kongo ist es noch viel schlimmer. Das Land ist am Boden und versinkt immer weiter. Alles ist schmutzig, aber dank China sind jetzt immerhin alle ordentlich angezogen.« Den großen Vertrag zwischen beiden Ländern sieht er recht positiv. »Die Sache ist ein bisschen schwammig&#039;&#039;«,&#039;&#039; sagt er, »aber im Kongo werden schon seit Jahren Erze gestohlen. Jetzt werden wenigstens Milliarden dafür bezahlt.« Und zum Schluss erklärt er hinter seiner Wand aus Damenschuhen: »Der Kongo kommt einfach nicht vom Fleck, aber wir gehen trotzdem zurück. Den kongolesischen Migranten in Europa ist ihr Land inzwischen egal, ihr soziales Leben findet jetzt dort statt. Aber wir hier in China merken, dass einen der Handel allein auch nicht zufrieden macht. Irgendwann kehren wir zurück.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Tianxiu, weit oben über den Shops, betrete ich an einem Sonntagmorgen im einunddreißigsten Stock das Büro mit der Nummer 3105. Es ist ein karger Arbeitsplatz, dessen Teppich sich wellt, aber ein kongolesischer Händler hat in diesem Raum seine eigene Kirche mit dem ambitiösen Namen &#039;&#039;Église Internationale pour la Réconciliation&#039;&#039; gegründet. An drei Abenden in der Woche lädt er zum Gebet ein, und sonntags finden zwei Gottesdienste statt, die drei Stunden dauern. Ich merke beim Eintreten sofort, dass Gott in dieser Diaspora etwas von seinem Glanz verloren hat. Er passt zur Einrichtung. Nur acht Gläubige sind erschienen, darunter ein Chinese, der Keyboard spielt. Während einer langen Meditation über einen Bibelvers sagt der Pfarrer: »Das Wort Gottes ist wie der Regen. Der steigt nur zum Himmel auf, nachdem er die Erde bewässert hat, damit wir wissen, . . .« »WAS ERFOLG IST!«, antwortet die Glaubensgemeinschaft im Chor. Dieses Frage- und Antwortspiel haben sie schon öfter gehört. »In all unseren . . .« »PROJEKTEN!« »Damit sie alle . . .« »GELINGEN!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann erheben sich die Gläubigen zum Gebet. Mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen reden sie laut durcheinander und erflehen von Gott Stärke und geschäftlichen Klarblick. Der Prediger bittet, auch »unseren Bruder« David ins Gebet einzubeziehen, der heute zum ersten Mal da ist. Beim anschließenden Gesang tanzen die Afrikaner geschmeidig, während der Chinese am Keyboard nur das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagert. »Es ist nicht leicht für sie«, sagt der Evangelist hinterher zu mir, »sie wissen sehr wenig. Sie wissen nicht mal, wer Abraham ist. Wenn man das alles erst erklären muss . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am späten Nachmittag besuche ich Patou Lelo, einen Händler, der pro Monat hundert bis hundertfünfzig Container nach Afrika verschickt. Er hat den MBA in Wuhan gemacht und lebt jetzt in einem Wohnblock in einer bescheidenen Erdgeschosswohnung, in die nur wenig Tageslicht fällt. Seine kleine Tochter, sie ist fast zwei, spielt auf dem Teppich. Sie hat afrikanische Gesichtszüge, aber asiatische Augen. Ihre Haut hat einen warmen Ockerton.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als ich hier ankam, fragten mich viele Leute, ob sie meine Haut mal anfassen dürften. Sie hielten mich für einen Chinesen, der zu viel in der Sonne gewesen war, und dachten, ich würde wieder weiß werden. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs war, dachten viele, sie sei Dolmetscherin oder sogar Prostituierte. Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren verheiratet. Ihre Mutter war strikt dagegen. ›Er oder wir!‹, hat sie gesagt. Aber ihr Stiefvater hat uns keine Probleme gemacht. ›Er ist doch ein ruhiger und ernsthafter Mann‹, hat er gesagt. Im Kongo war es genauso: Meinem Vater war es egal, aber meine Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt. Erst nach der Geburt unserer Tochter hat sie meine Frau akzeptiert. In China ist die Familie genauso heilig wie im Kongo, es ist nicht so wie in Europa, wo das Paar an erster Stelle steht. Hier sind die Großeltern sehr wichtig, wir sorgen für sie. Das Ehepaar mit einem Kind und die Großeltern, das ist hier die Kernfamilie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf einer Kommode stehen Fotos von Patous Hochzeit. Er und seine Frau sind darauf in chinesischer, japanischer und westlicher Kleidung zu sehen. Ein strahlendes Brautpaar. Sein Cousin und sein Bruder waren aus dem Kongo angereist, und die ganze kongolesische Gemeinschaft aus Guangzhou war dabei. Aber manchmal ist es nicht gerade leicht, räumt er ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist eine völlig andere Kultur, konträr zur kongolesischen. Die Chinesen sind hypernationalistisch. Meine Frau verteidigt jemanden automatisch, nur weil er ein Chinese ist. Sie ist auch atheistisch. Nur wenig Chinesen sind gläubig, oder man zählt den Buddhismus mit, aber das ist &#039;&#039;une petite religion&#039;&#039;. Hier verbrennen sie ihre Toten, das fällt uns sehr schwer. Wenn ein Kongolese stirbt, sammelt unsere Gemeinschaft Geld, damit der Leichnam in den Kongo überführt werden kann. Wirtschaftlich sind sie hoch entwickelt, aber von den Sitten her sind sie rückständig, die Chinesen. Dieses Auf-den-Boden-Gespucke in großen Restaurants . . . Aber ich muss sagen, die chinesischen Frauen sind viel aufgeschlossener als die Männer, und meine Frau sowieso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er weiß, dass er von Glück reden kann, denn in Guangzhou macht sich zunehmend Rassismus breit. Taxifahrer weigern sich immer öfter, Afrikaner mitzunehmen. Sie nennen sie nicht mehr &#039;&#039;hēi rén&#039;&#039;, Schwarze, sondern &#039;&#039;hēi gŭi&#039;&#039;, schwarze Teufel. Die Straßen um das Tianxiu sind bekannt als das »Viertel der schwarzen Teufel« oder &#039;&#039;»chocolate city«&#039;&#039;. Wenn eine Afrikanerin auf dem Markt Gemüse betastet hat, wird es manchmal weggeworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber die Schwarzen tragen auch selber dazu bei. Sie integrieren sich nicht, sie passen sich nicht an. Die Drogengangs von Nigerianern und Typen aus Sierra Leone bescheren uns einen schlechten Ruf, dabei arbeiten viele Kongolosen hier sehr hart.« Härter als im Kongo, meint Patou. »Schau, 100 Prozent ehrliche Menschen gibt es nicht im Kongo. Sie wollen immer nur das schnelle, einfach verdiente Geld. Sie kapieren das Prinzip des Investierens nicht, weil die Familie immer die Hand aufhält. So bleibt nichts übrig, um es neu zu investieren. Aber hier ist der Abstand zur Familie größer, verstehst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast alle seine Angehörigen sind emigriert – sein Bruder lebt in Spanien, seine Schwester in Frankreich, eine andere Schwester in Manhattan. Nur seine alte Mutter ist in Kinshasa zurückgeblieben. Viele Kongolesen gehen ins Ausland, um den erstickenden Familienbanden zu entrinnen. In Krisenzeiten hat die viel gerühmte afrikanische Solidarität etwas Rührendes, aber in Zeiten des Wiederaufbaus führt sie zu einer teuflischen Logik, die langfristige Projekte unmöglich macht: Das bisschen Geld, das verfügbar ist, verflüchtigt sich durch die Verteilung an eine ganze Gruppe sofort. Neuinvestition und Planung stoßen kaum auf Wertschätzung. In China gelingt das besser. Hier kann es nicht passieren, dass Onkel und Cousins einen der Hexerei bezichtigen, wenn man sich weigert, das bisschen Geld, das man verdient hat, zu verteilen, während im Kongo Hexerei als allerletztes Argument vorgebracht wird, um einen zur Solidarität zu zwingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier ist Hexerei kein Thema«, sagt Patou Lelo, offenkundig heilfroh, von dieser höheren Metaphysik befreit zu sein. Im Kongo suchen viele aus Angst vor Hexerei Schutz bei einer Pfingstgemeinde, aber heute Vormittag habe ich gesehen, dass in China tatsächlich kaum Bedarf daran besteht. »Diese Verbreitung falscher Pastoren und Prediger gibt es im Kongo nur wegen der Armut. Aber hier ist die Arbeit wichtiger als die Religion.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuche ich noch Georges in seinem kleinen Büro, den Mann, der mich vom Flughafen abgeholt hat. Auch am Sonntag hat er viel zu tun. »Wir müssen arbeiten, wenn wir jung sind«, sagt er, »man ist schnell alt.« Seine Spedition wirbt mit dem Slogan &#039;&#039;Vous servir, c&#039;est notre devoir&#039;&#039;, und das ist in diesem Fall keine hohle Phrase&#039;&#039;.&#039;&#039; Zwei Mitarbeiter, César und Timothée, mühen sich mit riesengroßen Pappkartons ab und stemmen sie auf eine Waage, von der sie gerade noch die Ziffern ablesen können. Georges telefoniert pausenlos. Kann dieser Container schon verschlossen werden? Wie viel Tonnen können noch dazu? Wann fährt der LKW los? Ist schon jemand zum Flughafen gefahren? Moment mal. David, wie viel Kilo hast du übrig bei deinem Gepäck? Was, vierzig Kilo? Aber was hast du denn gemacht in den vergangenen Tagen? Hast du wirklich nichts gekauft? Nur fünf Handys und zwei Anzüge? Vierzig Kilo, bist du dir sicher? Willst du sie nicht verkaufen? Vierzehn Dollar pro Kilo, okay?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während ich buchstäblich Luft verkaufe, sitzen hinten im Büro Iso und Jodo, zwei junge Chinesen, und verfassen den Text für Formulare. Iso, eine junge Frau mit einer zierlichen Brille, blättert in einem Wörterbuch, sie lernt Englisch und Französisch. Bei einem Kongolesen zu arbeiten bringt neben Geld auch Sprachkenntnisse. An der Wand hängen ein Poster von DHL und eine Weltkarte mit China in der Mitte: Europa und Amerika sind zur Peripherie geworden, Asien und Afrika bilden das neue Zentrum. Waren die europäisch-amerikanischen Beziehungen die wichtigsten interkontinentalen Kontakte im zwanzigsten Jahrhundert, dann werden die chinesisch-afrikanischen Beziehungen die wichtigsten im einundzwanzigsten Jahrhundert sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Wand hängt ein Satz in Lingala: &#039;&#039;»svp&#039;&#039; &#039;&#039;Ndeko awa ezali esika ya mosala«&#039;&#039; – lieber Freund, das hier ist ein Arbeitsplatz. »Ich hab das ausgedruckt und aufgehängt«, sagt Georges, »weil die Kongolesen sonst vorbeikommen, wenn sie quatschen wollen.« Die Betriebsamkeit der Kongolesen in Guangzhou ist phänomenal. Einer der Händler, den ich wegen eines Interviewtermins anrief, sagte: »Heute habe ich einfach zu viel zu tun, aber morgen hätte ich vierzig Minuten Zeit für Sie. Reicht das?« Ein Riesenunterschied zum Kongo, wo nahezu jeder unbegrenzt Zeit hat und die meisten enttäuscht sind, wenn man sich nach vier Stunden schon wieder verabschiedet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als César und Timothée fertig sind mit Wiegen und Aufstapeln, schlagen sie vor, ein Bier zu trinken. Direkt in der Nachbarschaft ist eine Snackbar mit ein paar Stühlen im Freien. Es ist inzwischen dunkel, aber Nacht ist in Guangzhou ein relativer Begriff. Wir sitzen auf der Straße und beobachten die Mädchen aus den Massagesalons gegenüber. Sie tragen weiße Gewänder und ein rotes Band um die Schulter. Sie haben sich in den traditionellen chinesischen Massagetechniken ausbilden lassen und versuchen, Kunden anzulocken. Richtige Massage, erklärt mir César, nicht &#039;&#039;the very special one&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
César ist ein Kapitel für sich. Seine Augen sind blutunterlaufen, und seine Stimme schwankt zwischen heiter und melancholisch. Im Kongo war er jahrelang Polizeikommandant, Kommandant César, so lässt er sich noch immer gern anreden. Er diente unter Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. »Wir hatten noch die schwere Ausbildung. Ich habe mal zwei Tage im Wasser gestanden, bis an die Brust. Ekliges, dreckiges Wasser, wenn man umfiel, war man tot. Oder vier Tage Wache geschoben, ohne Schlaf, kein Problem. Aber 2002 hatte ich es satt. Meine ganze Familie ist ausgeschwärmt, nur meine Eltern sind dageblieben und eine Schwester, die für sie sorgt. Ich bin damals nach Thailand gegangen, und von Thailand aus habe ich versucht, nach Deutschland zu gelangen. Ein Freund von mir, der schon in Deutschland war, hat mir mit DHL seinen Pass geschickt. Aber als ich in Deutschland ankam, haben die Zollbeamten gesehen, dass es nicht stimmte. Ich saß einen Monat im Gefängnis, und dann haben sie mich in ein Flugzeug zurück nach Thailand gesetzt. Von dort aus bin ich in alle Länder gereist: Singapur, Vietnam, Malaysia, Hongkong, Korea, Philippinen . . . Jeden Monat musste ich woanders hin, um meinen Pass verlängern zu lassen. So bin ich in China gelandet, aber mein Visum ist inzwischen abgelaufen. Sie können mich jeden Moment einbuchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stellt sein Glas ab und ruft der Wirtin auf Kantonesisch zu, dass er noch ein Bier möchte. Die Gasse ist grau. Neben unseren Plastikstühlen hockt unbeweglich eine fette Ratte und kaut auf etwas herum. »Hier habe ich eine wunderschöne Frau kennengelernt, mit langen schwarzen Haaren. Sie kam aus dem Westen von China. Sie sah überhaupt nicht chinesisch aus, eher indisch oder russisch, ich weiß nicht.« Uigurisch wahrscheinlich, aber ich unterbreche ihn nicht. Timothée zupft das Etikett von seiner Bierflasche. César beginnt mit seinem zweiten Bier. »Es lief hervorragend. Wir hatten zusammen einen Telefonladen, der brummte richtig. Sie wollte Kinder, aber ich habe schon acht in Kinshasa. Dann begann sie mich in die Enge zu treiben. Sie wollte, dass ich alle Beziehungen zu meinen Freunden und meiner Familie abbrach. Nur noch sie und ich. &#039;&#039;Mais je suis un africain!&#039;&#039;« Er ruft es laut, aber die Ratte rührt sich immer noch nicht. »Ich fühlte mich wie ein Gefangener, ich war kurz davor, mich umzubringen. Aber sie war so schön, auf der Straße sahen sich alle nach uns um. Der &#039;&#039;phone shop&#039;&#039; lief prima. Dann, nach langem Zögern, habe ich Schluss gemacht, es war schrecklich unangenehm. Sie hat den Laden behalten, aber sie hat mich erpresst: Wenn ich noch jemals ins Phonebusiness gehen würde, würde sie mich denunzieren. Und jetzt sitze ich hier. Ohne Job, ohne Visum, ich kann mir nur ein bisschen Geld verdienen bei Georges.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ratte ist weg, und Timothée schlägt vor, tanzen zu gehen. Vielleicht will ich ja mal das Tanzlokal Kama sehen? Das ist was Besonderes. Im Taxi erläutert er mir die Geschichte des Lokals. »Der Besitzer des Kama ist Chinese, seine Frau ist Araberin, und der DJ ist Nigerianer.« Wir kommen in einen pechschwarzen Raum, die Gäste sind Asiaten und Afrikaner. Es wird Chinese Techno, Asian Beat und, wie könnte es anders sein, neben Kupfererz ist es nun mal das wichtigste Exportprodukt des Landes, kongolesische Rumba gespielt. Wir finden einen Tisch und bestellen Bier. Kommandant César ist nach einer Weile wieder obenauf. Er swingt mit zur ansteckendsten aller Nummern, die Afrika im dritten Millennium bereits hervorgebracht hat: »Bouger bouger« von Magic System. Westliche Musik wird nicht gespielt, Pop und Rock sind irrelevante Genres aus den entlegenen Winkeln einer alten Welt. Eine Band bereitet sich auf den Auftritt vor. Der DJ räumt seinen Platz für eine Reggae-Sängerin von den Kapverden, die Begleitband stammt von der Insel Mauritius. Die Go-go-Girls sind drei Sängerinnen von den Philippinen mit Latexstiefel, die viermal so lang sind wie ihre Röckchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In etlichen Nebenzimmern kann man Karaoke-Separees anmieten. César ist es unbegreiflich, warum man denn selber trällern sollte, wenn man sich so einen, ähm, interessanten Auftritt angucken kann. Zwischen den Tischen schlängelt sich ein bildhübsches chinesisches Mädchen durch, das Blumen verkauft und auch einen Teddybären im Angebot hat, der fast so groß ist wie sie. Und auch das begreift César nicht. &#039;&#039;»Les chinois«&#039;&#039;, seufzt er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später gehen wir auf ein Bier in ein Straßencafé im afrikanischen Viertel. Jetzt können wir uns wieder unterhalten, es summt uns noch in den Ohren. Der Verkehr rauscht in roten und gelben Streifen vorbei, Neonreklamen brüllen nach Aufmerksamkeit, Prostituierte schlendern auf und ab. Timothée, der den ganzen Abend eher schweigsam war, kommt in Fahrt. »Ich entdecke so ziemlich was für jeden Geschmack«, lacht er, »Russinnen, Chinesinnen, Thailänderinnen, Tansanierinnen, Ruanderinnen . . . Ha, nein, keine Ruanderinnen, ich hasse sie! Aber die teuersten Frauen sind die aus Afrika, es gibt nicht sehr viele. Für eine Afrikanerin mit schönem Hintern bezahlst du schnell mal zweihundert RMB, damit du einmal darfst. Das sind dreißig Dollar!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oder vierhundert RMB!«, bestätigt César. »Für ein einziges Mal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bezahle immer hundertfünfzig RMB für zwei Mal, manchmal auch nur hundert. Chinesischen Mädchen zahle ich nur dreißig RMB, nicht mal fünf Dollar. Wieso auch nicht? Sie haben nichts und sie tun nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Bangkok hab ich seltsame Sachen gesehen«, lacht César, »Jungs, die zu Mädchen wurden, wirklich! Ihr . . . ihr . . . wie sagt man das? Ihr Dingsbums ist ab, ihr Penis, ja, das ist es. Und danach haben sie ein Loch reingebohrt. &#039;&#039;Vraiment!&#039;&#039;« Er schüttelt wieder den Kopf über dieses seltsame Asien, in das es ihn durch eine Laune des Schicksals verschlagen hat. Wo er doch eigentlich nach Deutschland gewollt hatte. Er sieht den Mädchen auf der Straße nach und lächelt. Seine Augen sind rot, sein Gesicht ist verwittert, aber er hat jetzt etwas Verletzliches. Macht das der Alkohol? Der Liebeskummer? Das Heimweh des Emigranten? »Ich will keine Frau mehr. Nur noch ganz selten nehme ich mal ein Mädchen mit, aber eigentlich fast nie. Meistens steh ich abends im Badezimmer und nehme ein bisschen Duschgel. Das schmier ich drauf und damit entspanne ich mich.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht mehr das Geräusch der Schlitztrommel, die Nachrichten von Dorf zu Dorf weitergab, nicht mehr das dumpfe Wummern des Tamtam, weder das Knallen der Peitsche noch das Glockenläuten der Missionsstation, weder das Dröhnen des Zuges noch das Rattern des Drillbohrers im Minenschacht, nein, es ist nicht mehr das Ticken des Telegrafen, das Knattern des Radios oder das Johlen einer Menschenmenge, worin heute der Herzschlag des Landes ertönt. Nicht im Stampfen von Maniok im Mörser, nicht im Plätschern des Wassers an den Einbaum. Das Herz dieses Landes klopft nicht im Sperrfeuer im Busch, nicht in dem Tisch, der gegen die Wand rumst, während eine Frau schreit, dass sie das nicht will – nein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der neue Kongo hat einen anderen Klang, der neue Kongo hallt wider in der Abflughalle eines Flughafens. Es ist das Geräusch von Klebeband, brauner Rollen Klebeband um Pakete und Schachteln, Klebeband, das schreit, wenn man es abrollt, und schmatzt, wenn man es zerreißt, grrrrraaaa . . . tschack, Klebeband, das schrappt und kreischt und tobt, Klebeband, Meter um Meter, in der Abflughalle des Flughafens, ein leises Fiepen um die Trolleys, wie in einem Brutkasten. Überall Menschen, die ihre Sachen mit braunen Plastikbinden umwickeln. Und dann mit einem Stift ihren Namen und den Stadtteil und die Straße draufschreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kreischen ist kein Jammern, sondern der Schrei neuen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen: zwei Frauen mit Bobfrisur und platinblondem Haar, nein, mit platinblonden Perücken. Sie plapperten vergnügt, schlugen sich abwechselnd auf den Rücken, oder eine lehnte den Kopf an die Schulter der anderen, und sie quietschten vor Vergnügen. Ihre Koffer und Taschen waren im Frachtraum, ihre Namen hatten sie auf das Klebeband geschrieben. Sie trugen beide die gleichen nagelneuen Sachen, eine Hose und eine Bluse mit farbenfrohem Muster. Das Etikett hing noch dran. Das würde ein Auftritt in Kinshasa werden! Wer etwas Neues hat, zeigt es. Schließlich schneiden Männer ja auch nicht das Etikett vom Anzugärmel? Und Kinder nehmen die Plastikumhüllung ja auch nicht von den Fahrradbremsen ab? Na eben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An Bord herrschte ausgelassene Stimmung. Die beiden platinblonden Damen hatten Kopfhörer aufgesetzt und sahen sich einen Zeichentrickfilm an, den sie mit lauter Stimme kommentierten. Wir flogen zurück nach Zentralafrika. Es war erst der zweite direkte Linienflug zwischen Guangzhou und Nairobi; der erste hatte vor zwei Tagen stattgefunden. Keine Zwischenlandung in Bangkok oder Dubai, sondern einfach, direkt, in einem Rutsch über den Indischen Ozean: Es fühlte sich wie ein historisches Ereignis an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nairobi sah ich zwei junge niederländische Touristen mit rot verbrannten Gesichtern zu ihrem Gate spurten. Sie trugen Shorts und Sandalen und hatten eine große Holzgiraffe bei sich, ein Souvenir, in Lokalzeitungen gewickelt. Ich weiß nicht, was genau, aber irgendwas machte mich beim Anblick der Szene wütend. Ich hatte das Gefühl, dass mir in den letzten Tagen ein Blick ins dritte Millenium vergönnt gewesen war und dass ich nun brüsk ins vorige Jahrhundert zurückgeworfen wurde, in das Jahrhundert, in dem Europäer in Afrika Holzgiraffen kauften. Mein Gedankengang war nicht ganz stichhaltig, aber ich war zu müde, um mich um Konsistenz zu scheren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das letzte Stück der Reise flogen wir quer über den Kongo. Die platinblonden Frauen schliefen mit offenem Mund. Durchs Fenster sah ich den großen, moosgrünen Broccoli des Äquatorialwaldes, ab und zu durchschnitten von einem braunen Fluss, der in der Sonne glänzte. Dass die Naturreichtümer und Bodenschätze des Kongo die Weltwirtschaft mit beeinflusst haben, ist sattsam bekannt. Von der Billardkugel und dem Gummireifen über die Patronenhülse und die Atombombe bis hin zum Handy. Aber diese rein utilitaristische Aufzählung schien mir zu beschränkt und abgedroschen, als wäre der Kongo, dieses atemberaubend schöne Land, nur die Vorratskammer der Welt, als habe er außer seinen Rohstoffen nicht viel zur Weltgeschichte beigetragen. Als sei sein Boden von Bedeutung für die ganze Menschheit, seine Geschichte aber eine rein innere Angelegenheit, reich durchsetzt mit Träumen und Schatten. Dabei habe ich in meinen Gesprächen und meiner Lektüre so oft das Gegenteil festgestellt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war die Kautschukpolitik Anlass zu einer der ersten großen humanitären Kampagnen in der Geschichte. In den beiden Weltkriegen trugen Kongolesen zu entscheidenden Siegen auf dem afrikanischen Kontinent bei. In den sechziger Jahren war der Kongo das Land, in dem der Kalte Krieg auch in Afrika begann, und das Land, in dem die erste große UNO-Operation überhaupt stattfand. Es geht nicht darum, ob das Verdienste der Kongolesen sind, es geht darum, dass die kongolesische Geschichte die Weltgeschichte mit bestimmt und gestaltet hat. Der Krieg von 1998 bis 2003 führte zu der größten und kostspieligsten Friedensmission, die es jemals gab, und zum ersten großen militärischen Einsatz der Europäischen Union in der Geschichte; mit dem CIAT kam danach eine einzigartige Verbindung von multilateraler und bilateraler Diplomatie zustande, die einen intensiven Einfluss auf die kongolesische Politik ausübte. Die Wahlen von 2006 waren die komplexesten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals maßgeblich finanziert und organisatorisch abgesichert hat. Der Internationale Strafgerichtshof wird mit der allerersten Verurteilung von Angeklagten, drei Männern aus dem Kongo, eine grundlegende Rechtsprechung ausarbeiten. Es geht darum, dass die Geschichte des Kongo mehrmals von entscheidender Bedeutung für die zaghafte Definition einer internationalen Weltordnung war. Und so ist auch der Vertrag mit China ein wichtiger Meilenstein in einer ruhelosen Welt in voller Bewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie gingen vor mir über den Asphalt, auf dem Weg zum gelben Flughafengebäude. Ein paar Flugzeuge waren kreuz und quer geparkt. Die Düsentriebwerke einer der Maschinen zersägten die Welt. Über dem außerirdischen Dröhnen hing der Geruch von verbranntem Kerosin und mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Plastik aus den nahe gelegenen Slums. Die Luft flirrte von der Hitze, schon vormittags. Ich war zu müde gewesen, um sie anzusprechen, zu müde vom Reisen und von den Bemühungen, zu begreifen. Aber ich sah sie dort gehen, noch immer munter und sichtlich stolz auf ihre Reise. Ich sah die blonden Haare ihrer Perücken bei jedem Schritt hochfliegen. Ich sah, wie der Wind ein paar Strähnen zerzauste. Und während sie über den bröckelnden Asphalt eilten, sah ich die Etiketten an ihren Ärmeln in der Morgenluft wehen und tanzen, ausgelassen und spielerisch, als gäbe es etwas zu feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Danksagung ==&lt;br /&gt;
Die Idee zu diesem Buch entstand an einem Abend im November 2003 im Café Greenwich in Brüssel. Ich saß allein an einem Tisch und trank etwas. In den Jahren davor war ich viel im südlichen Afrika umhergereist und hatte darüber geschrieben, nun wollte ich mich zum ersten Mal in den Kongo aufmachen. Zur Vorbereitung meines Trips hatte ich gerade ein paar Buchhandlungen in Brüssel aufgesucht, aber nicht das gefunden, was ich eigentlich suchte. Vielleicht sollte ich es ja selber schreiben, überlegte ich mir dann, denn ich gehöre offensichtlich zu jenem Schlag von Autoren, die halt die Bücher schreiben, die sie selbst gern gelesen hätten. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich mich mit diesem spielerischen Einfall an ein Projekt wagte, das mehrere Jahre beanspruchen und mir zahlreiche unvergessliche Begegnungen bescheren würde. Aber schon in einem frühen Stadium entschied ich mich dazu, mich mit ein paar Menschen zu umgeben, deren Urteil ich sehr schätze: Geert Buelens, Jozef Deleu, Luc Huyse und Ivo Kuyl. In guter zentralafrikanischer Tradition nannte ich sie »meine Onkel«: Ich konnte ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es nötig war, und sie brachten mir ihr Vertrauen entgegen, auch wenn ich es noch nicht verdient hatte. Das Wissen um ihre stille Verbundenheit war mir mehr wert, als ihnen bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir war von Anfang an klar, dass dieses Buch, als weit ausholendes Projekt, leichter zustande kommen konnte, wenn ich nicht an eine universitäre Einrichtung gebunden war. Die Freiheit des Schriftstellers war mir mehr wert als die Sicherheit einer akademischen Anstellung. Bei der Finanzierung beherzigte ich die Regel von Amnesty International, kein Geld anzunehmen, das unmittelbar von Regierungen stammte; nur so konnte ich meine Unabhängigkeit bewahren. Deshalb war es ein großes Glück, dass mich fünf Institutionen unterstützten, die alle mit autonomen und oft sogar anonymen Gutachterkommissionen arbeiten. Ich bin dem Vlaams Fonds voor de Letteren (Flämischer Literaturfonds), dem Nederlands Letterenfonds (Niederländischer Literaturfonds), dem Fonds Pascal Decroos voor bijzondere journalistiek (Fonds Pascal Decroos für außergewöhnlichen Journalismus), dem Fonds Bijzondere Journalistieke Projekten (Fonds Außergewöhnliche journalistische Projekte) und dem Netherlands Institute for Advanced Study aufrichtig dankbar für die mir anvertrauten Mittel. Auf zwei meiner zehn Reisen in den Kongo reiste ich im Pressetross eines belgischen Minister-Besuchs mit. Während meiner längeren Aufenthalte unternahm ich des Öfteren Inlandsflüge mit den Maschinen der UNO-Friedenstruppe. Das zu meiner &#039;&#039;embeddedness&#039;&#039;. Ich bekam von keinem Minister Geld, wurde von keinem Unternehmen gesponsert und übernachtete bei keiner NGO. Wenn mich jemand zu etwas einladen wollte, klärte ich ihn frotzelnd darüber auf, dass das auf eigenes Risiko sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unabhängigkeit ist das höchste Gut, aber das bedeutet nicht, dass ich alles im Alleingang machte. Die Ideen vieler anderer Menschen, angefangen bei den zahlreichen Informanten, die in den vorhergehenden Kapiteln zu Wort kamen, inspirierten und bereicherten mich. Sie sind das klopfende Herz des Buches. Mit einigen von ihnen freundete ich mich im Laufe der Zeit sogar an. Aber auch hinter den Kulissen halfen mir viele Menschen. Einige herausragende Kongo-Kenner waren von Anfang an ausgesprochen großzügig mit ihren Informationen. Lieve Joris verhalf mir zu Büchern und Kontakten mit einer Freigebigkeit, die heutzutage Seltenheitswert hat. Walter Zinzen, Filip De Boeck und Benoît Standaert waren unerschöpfliche Quellen des Wissens und der Freundschaft. Guy Poppe, Katelijne Hermans, Ine Roox, Peter Verlinden, Koen Vidal, Maarten Rabaey und John Van­daele waren mehr als bereit, ihre Auffassungen über den Kongo mit mir zu teilen. Mehrere Menschen, die wussten, dass ich an diesem Buch arbeitete, machten mich auf interessantes Quellenmaterial aufmerksam. Ich denke insbesondere an Colette Braeckman, Raf Custers, Roger Huisman, Piet Joostens, Luc Leysen, Alphonse Muambi, Sophie de Schaepdrijver, Mark Schaevers, Vincent Stuer, Margot Vanderstraeten, Pascal Verbeken, Paule Verbruggen und Honoré Vinck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa hatte ich sehr wertvolle Gespräche mit Zizi Kabongo, Annie Matiti, Noël Mayamba, Konsul Benoît Standaert und Johan und Mieke Swinnen, dem ehemaligen belgischen Botschafter und dessen Frau. Chauffeur Didier Catu, Oberst Frank Werbrouck, Botschafter Geoffroy de Liedekerke und Bruder Luc Vansina halfen mir in vielfältiger Weise bei praktischen Problemen. In Kisangani halfen mir Pionus Katuala, Faustin Linyekula und Virginie Dupray. In Bunia genoss ich das Privileg, den Rundfunkjournalisten Jean-Paul Basila zu kennen. In Goma erhielt ich Unterstützung von Sekombi Katondolo, Chrispin Mvano ya Bauma, Cléon Mufingizi und Carine Tchoma. In Bukavu war ich zu Gast bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie. In Lubumbashi unterhielt ich mich ausführlich mit Jules Bizimana, Pater Jo De Neckere und Paul Kaboba. In Ruanda war ich mit Gady Byabagabo unterwegs. In Nkamba, der heiligen Stadt der Kimbanguisten, lernte ich von dem jungen Journalisten Tétys Danaé Samba viel dazu. In Nsioni war es etwas Besonderes, Doktor Jacques Courtejoie und seinen Freunden Roger Zimuangu und Clément Nzungu zuzuhören. In Boma lernte ich den wunderbaren Stadtarchivar Placide Munanga kennen, der mir etwas über die Geschichte seiner Stadt erzählte. In Kikwit unterhielt ich mich stundenlang mit dem Schulleiter Rufin Kibari Nsanga, dessen Schreibtisch buchstäblich verschüttet war von Büchern und Dokumenten. Die Begegnung mit ihm war ein Fest. Sein historisches Wissen war verblüffend und wurde nur übertroffen durch seine historische Neugier und seine herzliche Gastfreundlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der MONUC hatte ich während der Nkunda-Offensive 2008 spannende Begegnungen mit William Elachi, Sylvie van den Wildenberg und Bernard Kalume. In China lernte ich viel dazu bei den Gesprächen mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsrepräsentanten Koen De Ridder, dem kongolesischen Journalisten Jaffar Mulassa und den afrikanischen Geschäftsleuten Georges Ndjeka, Dadine Musitu und Lina Garcia Mendes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während meiner Reisen begegnete ich immer wieder Journalisten und Wissenschaftlern, von denen ich interessante Dinge erfuhr. Ich denke insbesondere an Caty Clement, Samuel Turpin, Greg Mthembu-Salter, Kipulu Samba, Hery Mambo, Delphine Schrank und Kristien Geenen. Meist war ich allein, aber es war phantastisch, einige Male in Begleitung kluger Reisender wie Jan Goossens, Carl De Keyzer und Stephan Vanfleteren unterwegs zu sein. Kris Berwouts, der Direktor von EurAc, dem europäischen Netzwerk von NGO, die in Zentralafrika aktiv sind, lernte ich auf einem Flug von Kinshasa nach Bukavu kennen. Auch ohne den Beinahe-Crash bei der Landung in Bukavu wären wir Freunde geworden, aber als wir beide unversehrt aus dem Flugzeug stiegen und durch das hohe Gras, den strömenden Regen und den roten Schlamm wegrannten von einer Maschine, die noch immer explodieren konnte, wurde uns bewusst, dass wir sehr viel Glück gehabt hatten und dass uns künftig nicht nur die Liebe zum Kongo, sondern auch die Liebe zum Leben verbinden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Phase, als ich das Buch niederschrieb, durfte ich regelmäßig die Historiker Jean-Luc Vellut, Daniel Vangroenweghe, Zana Aziza Etambala, Guy Vanthemsche und Vincent Viaene um Rat fragen, die Anthropologen Filip De Boeck, Peter Geschiere, Klaas de Jonge, David Garbin und Anne Mélice, die Kunsthistoriker Roger Pierre Turine und Sabine Cornelis, die Archäologin Els Cornelisen, den Wirtschaftswissenschaftler Frans Buelens und die Cineastin Valérie Kanza. Walter und Alice Lumbeeck und Frans und Marja Vleeschouwers, Freunde meines Vaters aus den frühen sechziger Jahren, halfen mir, die belgische Sicht auf die Abspaltung Katangas zu begreifen, während Michel und Edith Lechat und Jean Cordy außergewöhnliche Informanten waren, wenn es um die Kolonialzeit ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Menschen, denen ich nie persönlich begegnet bin, waren bereit, meine Mails und telefonischen Anfragen zu beantworten. Reverend Martin M&#039;Caw, Robert Lay, Julian Lock und Betty Layton halfen mir mit Informationen über die erste Generation protestantischer Missionare. Aldwin Roes, Fien Danniau, Nancy Hunt, Myriam Mertens, Bob White, Bodomo Adams und Bram Libotte sandten mir unveröffentlichte Manuskripte zu, während Dominiek Dendooven, Didier Mumengi, Steven Spittaels und Didier Verbruggen michatte. Auch Bogumil Jewsiewicki, Tom De Herdt, Stefaan Marysse und Erik Kennes halfen mir mit Informationen an Punkten, an denen ich nicht weiterkam. Odette Kudjabo erzählte mir am Telefon von ihrem Großvater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Michel Drachoussoff sprach über seinen Vater, dessen Kriegstagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg so fesselnd war, und Dorothée Longeni Katende erzählte von ihrem Großvater Disasi Makulo, den sie leider nie kennengelernt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Manuskript dieses Buchs fertig war, ließ ich alles von einigen Experten durchsehen. Vincent Viaene, Guy Vanthemsche und Filip Reyntjens beugten sich jeweils über die Kapitel zum Freistaat, zu Belgisch-Kongo und zum unabhängigen Kongo, und Frans Buelens kontrollierte die Passagen mit ökonomischen Sachverhalten. Ihnen allen bin ich sehr dankbar für ihren kritischen Blick und ihre Kommentare. Es ist in der niederländischen Literatur unüblich, sich bei Lekt Studio in Kuregem, dem viel diskutierten »Problemviertel« in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht; dort hatte ich allerdings mehr Probleme mit den Polizeihubschraubern, die im Rahmen einer &#039;&#039;zero tolerance&#039;&#039;-Politik wochenlang über den Häusern kreisten, als mit dem Viertel selbst, in dem ich schon seit vier Jahren mit Vergnügen arbeite. Ich hätte mir keinen besseren Platz in Europa erträumen können, um ein Buch über den Kongo zu schreiben: Mein Arbeitszimmer geht auf die Straße hinaus, wo täglich Dutzende Gebrauchtwagen den Besitzer wechseln, bevor sie nach Zentralafrika verschifft werden. An den Straßenecken hängen überall Plakate für Auftritte von Werrason oder Gebetsheilern. Von außen betrachtet scheint dieses Viertel in Belgien schlecht integriert zu sein, höre ich manchmal, aber von hier aus gesehen scheint Belgien eher schlecht in die Welt integriert zu sein. Kuregem ist eine Lektion in Globalisierung und auch in Empathie und Engagement.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Lektionen dieser Art ist die Koninklijke Vlaamse Schouwburg in Brüssel vielleicht die beste Schule. Meine Recherchen über den Kongo verliefen ungefähr synchron mit dem künstlerischen Kongo-Projekt der KVS, einem längerfristigen Austauschprogramm zwischen kongolesischen und belgischen Künstlern. Ich war beim Start des Projekts beteiligt, leitete mehrere Workshops für kongolesische Autoren in Kinshasa und Goma und arbeitete unterdessen selbst an meinem Theatermonolog &#039;&#039;Missie&#039;&#039; (Mission), der in der KVS uraufgeführt wurde. Die phantastische Arbeit von Menschen wie Jan Goossens und Paul Kerstens überzeugte mich davon, dass die große gesellschaftliche Debatte oft mit größerer Intensität in solchen Freiräumen für das kritische Denken geführt wird als an vielen Universitäten oder in den stets kommerzielleren Medien. Einige meiner mir liebsten Freunde im Kongo lernte ich über diesen Weg kennen. Ich denke insbesondere an die Autoren Bibish Mumbu und Vincent Lombume, an die Theatermacher Papy Mbwiti und Jovial und Véronique Mbenga, an die Schauspielerinnen Starlette Mathata und Dadine Musitu, an den Cineasten Djo Munga, den Choreographen Faustin Linyekula, den bildenden Künstler Vitshois Mwilambwe und den Bildhauer Freddy Tsimba. Sie haben mir nicht nur geholfen, ihr Land zu verstehen, sondern auch, es zu lieben, denn ein Land, das solche intelligenten und mutigen Künstler hervorbringt, ist alles andere als verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch hätte ich ebenso wenig ohne die Nähe einiger sehr teurer Freunde in Europa schreiben können: Natalie Ariën, Geert Buelens, Emmy Deschuttere, Jan Goossens, Maaike Pereboom, Grażyna Plebanek, Stephan Vanfleteren, Francesca Vanthielen und Peter Vermeersch unterstützten mich jeder auf seine Weise während der langen Arbeit an diesem Text. Vor allem aber bedanke ich mich bei Bernadette De Bouvere und Tomas Van Reybrouck, meiner Mutter und meinem Bruder, für ihre unerschöpfliche Klugheit und Wärme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Brüssel, April 2010&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zu den Quellen ==&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Allgemein&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kongo. Eine Geschichte&#039;&#039; ist das Ergebnis von viel Zuhören und Lesen. Meine Quellen habe ich so minutiös wie möglich in den Anmerkungen angegeben, aber einige davon verdienen zusätzliche Aufmerksamkeit. Weil ich ihnen zu besonderem Tribut verpflichtet bin, weil es wissbegierigen Lesern auf die Sprünge helfen kann oder einfach, weil ich meine Begeisterung darüber unbedingt mit anderen teilen möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch, das ich im Handgepäck hatte, als ich zum ersten Mal in den Kongo flog, war &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039; von Georges Nzongola-Ntalaja (London 2002): eine exzellente, passionierte Einführung in die Geschichte des Landes, die ich allerdings am Ende des Fluges versehentlich im Fach des Sitzes vor mir zurückließ. Auch mein zweites Exemplar ist voller Bleistiftanstreichungen, ebenso das Standardwerk von Isidore Ndaywel è Nziem: &#039;&#039;Histoire générale du Congo&#039;&#039; (Paris 1998). Dieses Buch ist sehr viel akademischer als das andere, aber es hat mich oft durch seine Vollständigkeit, die umfassenden Interpretationen und die zahlreichen Karten angesprochen. Beim Schreiben lag es immer neben mir. Ein weiteres praktisches Nachschlagewerk, in dem ich regelmäßig blätterte, war das &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039; von Emizet Kisangani und F. Scott Bobb, das kürzlich in dritter Auflage erschienen ist (Lanham 2010). Jean Jacques Arthur Malu-Malu schrieb mit &#039;&#039;Le Congo Kinshasa&#039;&#039; ein lesbares und persönliches Übersichtswerk, das viel zu wenig bekannt ist (Paris 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur ersten Orientierung in den Epochen und Themen begann ich mit den renommierten Nachschlagewerken. Die Kapitel über Zentralafrika in der siebenteiligen &#039;&#039;Cambridge History of Africa&#039;&#039; sind auch nach zwei Jahrzehnten immer noch ausgezeichnet. Ich las sie neben den – häufig von afrikanischen Wissenschaftlern verfassten – Beiträgen in der achtteiligen &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique&#039;&#039;. Das kürzlich erschienene Werk &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires&#039;&#039; (Edinburgh 2008) von Prem Poddar et al. half mir mit seinen thematischen Resümees und hilfreichen Ausgangsbibliographien auf die Sprünge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Lektüre einiger älterer Bücher lohnt noch immer, etwa &#039;&#039;The River Congo&#039;&#039; von Peter Forbath (New York 1977) zur vorkolonialen Zeit und &#039;&#039;Leopold to Lumumba&#039;&#039; von George Martelli (London 1962) zur Kolonialzeit. Robert Cornevin schrieb &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville)&#039;&#039; (Paris 1963), ein erhellendes, aber etwas eurozentrisches Werk, dessen brillante Karten vieles wettmachen. Die Sammlung von Jean Stengers&#039; Aufsätzen in &#039;&#039;Congo: mythes et réalités&#039;&#039; (Paris 1989) ist nach wie vor überaus wichtig, insbesondere im Hinblick auf seine Analysen des Freistaates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Funktionsweise der kolonialen Wirtschaft verfügt der niederländischsprachige Leser seit kurzem über ein hervorragendes Nachschlagewerk: &#039;&#039;Congo 1885-1960. Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039; von Frans Buelens (Berchem 2007). Neben der Geschichte der einzelnen im Kongo in jener Zeit tätigen Unternehmen bietet das Werk eine gute Übersicht über die Entwicklung des kolonialen Kapitalismus. Zur sozialen Dimension jenes Kapitalismus siehe unter anderem die Klassiker von Pierre Joye und Rosine Lewin, &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Michel Merlier, &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039; (Paris 1962). Speziell um die sozialen Aspekte des Bergbaus in Katanga geht es in dem Werk des kongolesischen Historikers Donatien Dibwe dia Mwembu, der sich auf sehr viele mündliche Quellen stützt: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999)&#039;&#039; (Lubumbashi 2001) und &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997&#039;&#039; (Paris 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus wurde lange Zeit als eine Art Einbahnstraße von der Metropole in die Kolonie gesehen, von Europa nach Afrika. Seit kurzem ändert sich diese Sicht, und Wissenschaftler erforschen die Rückwirkung des kolonialen Abenteuers auf Europa. In seinem interessanten Buch &#039;&#039;Congo. De impact van de kolonie op België&#039;&#039; (Tielt 2007) wies Guy Vanthemsche überzeugend nach, dass nicht nur Belgien den Kongo geprägt hat, sondern der Kongo auch Belgien. Er fokussiert insbesondere auf die belgische Wirtschaft und die Innen- und Außenpolitik. Zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens habe ich ein Buch herausgegeben, das sich mit dem kolonialen Einfluss auf andere Bereiche der belgischen Gesellschaft wie Kultur, Religion und Wissenschaft beschäftigt: &#039;&#039;Congo in België. Koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven 2009). Nicht nur für diesen Verkehr in beide Richtungen, auch für die Diversität der kolonialen Anwesenheit ist ein zunehmendes Interesse zu verzeichnen. Neben Belgiern waren ja auch Griechen, Portugiesen, Skandinavier und Italiener in Belgisch-Kongo aktiv. Bücher wie &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039; (Brüssel 2007) von Georges Antipas über die griechische Gemeinschaft im Kongo und &#039;&#039;Moïse Levy, un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039; (Brüssel 2000) von Milantia Bourla Errera erweitern das historische Blickfeld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu verschiedenen Teilaspekten liegen interessante diachrone Studien vor. Aufgrund ihrer transversalen Perspektive führe ich sie bereits hier auf. Zum Thema Bildungswesen und Wissenschaft lese man das Werk von Ruben Mantels: &#039;&#039;Geleerd in de tropen. Leuven, Congo&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039; (Leuven 2007) neben Benoît Verhaegens Buch &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza, 1958-1978&#039;&#039; (Paris 1978). Zur Architektur siehe &#039;&#039;Kuvuande Mbote. Een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039; von Bruno De Meulder (Antwerpen 2000) und &#039;&#039;Kongo zoals het is. Drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039; (Gent 2002) von Johan Lagae. Zur kongolesischen Popmusik (die stets mehr als einfach nur Musik ist) siehe Gary Stewart: &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000). Zur Literatur siehe Silvia Riva: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa&#039;&#039; (Paris 2000). Zum Film und zur visuellen Kultur siehe Guido Convents: &#039;&#039;Images &amp;amp; démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039; (Leuven 2006). Und zur bildenden Kunst siehe Roger Pierre Turine: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours&#039;&#039; (Brüssel 2007). Die Abbildungen in diesem Buch sind phantastisch. Oft leisten die zeitgenössischen Künstler einen vielschichtigen Kommentar zur Geschichte ihres Landes. Das gilt mit Sicherheit auch für die kongolesischen Dichter, die Antoine Tshitungu Kongolo in der schönen Anthologie &#039;&#039;Poète ton silence est crime&#039;&#039; (Paris 2002) vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige andere Bücher erstaunten, überraschten und verwirrten mich einzig und allein durch Abbildungen: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039; (Tielt 2010) von Carl De Keyzer und Johan Lagae demontiert alle vorhandenen Klischees über den Kongo-Freistaat durch eine großartige Auswahl aus der Sammlung von Glasplattennegativen des Koninklijk Museum voor Midden-Afrika (Königlichen Museums für Zentralafrika) in Tervuren. Mindestens so verwirrend, was den heutigen Kongo betrifft, sind &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039; (Tielt 2009), ebenfalls von Carl De Keyzer, und &#039;&#039;Congo Eza&#039;&#039; (Roeselare 2008) von Mirko Popovitch und Françoise De Moor mit Aufnahmen zeitgenössischer kongolesischer Fotografen. Da ich Fotografie zu sehr als eine autonome Sprache schätze, enthält mein Buch kein anderes Bildmaterial als Karten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Einleitung&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die allgemeine geographische Übersicht in der Einleitung stellte ich aus einem Wust von Quellen im Internet und in meinem Bücherschrank zusammen. Eine hilfreiche und mit zahlreichen Karten versehene Darstellung ist &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039; von Marie-France Cros und François Misser (Brüssel 2006).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meinen Versuch, eine &#039;&#039;history from below&#039;&#039; zu verfassen anhand von Interviews mit Menschen, deren Sichtweise meist keinen Eingang in die geschriebenen Quellen findet, probierte ich zum ersten Mal in einem Seniorenheim in Brügge im Jahr 2007 aus. Dort befragte ich behutsam alte Menschen, die nie im Kongo gewesen waren, nach ihren Erinnerungen an die Kolonialzeit; ich wollte gern wissen, was sie damals dachten, und vor allem, was sie damals taten (Stanniolpapier sammeln, wie sich herausstellte, und für Missionsstationen nähen, »Angeln« auf dem Kirchenjahrmarkt, der jedes Jahr zu Gunsten der Mission stattfand, und sehr viel beten für die »kleinen Kongolesen«). Diese Recherchen und die methodologischen Möglichkeiten und Schwierigkeiten dieser Arbeitsweise, einer Kombination von &#039;&#039;oral history&#039;&#039; und &#039;&#039;material culture studies&#039;&#039;, arbeitete ich in einem Sammelband aus, den ich zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens verfasste: &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven, 2009). Aber meine Analyse war nicht mehr als eine Explikation der Arbeitsweise, die ich in meiner journalistischen und literarischen Arbeit (wie in dem Theaterstück &#039;&#039;Mission&#039;&#039;) schon seit längerem anwende, sowie meiner Überzeugung, dass die am meisten unterschätzten Archive im Kongo die Menschen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung, die ich der vorkolonialen Zeit beimesse, ist, außer meinem Hintergrund als Archäologe für Vorgeschichte, in hohem Maße dem Klassiker von Eric Wolf, &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;  (Berkeley 1982) zu verdanken. Die früheste Besiedlung des Kongo ist nahezu unbekannt, wie Graham Connah in &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039; (London 2004) bemerkte. Auch neuere Übersichtswerke füllen diese Lücke nur sehr partiell, siehe unter anderem Ann Brower (Hg.), &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction&#039;&#039; (Oxford 2005) und insbesondere Lawrence Barham und Peter Mitchell, &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers&#039;&#039; (Cambridge 2008). Für die Momentaufnahme des Lebens vor etwa neunzigtausend Jahren habe ich mich deshalb auf die Ausgrabungen von John E. Yellen in Katanda gestützt: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 1996. Für eine gute Zusammenfassung der Entstehung modernen menschlichen Verhaltens in Afrika siehe: Sally McBrearty und Alison S. Brooks, »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000). Für meinen Schnappschuss des Pygmäenlebens um das Jahr 2500 v. Chr. machte ich dankbar Gebrauch von neueren Forschungen von Julio Mercader, »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests&#039;&#039; (New Brunswick 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Zeitraum um das Jahr 500 und das Phänomen der Bantu-Wanderung lernte ich besser kennen durch Jan Vansinas beeindruckendes Buch &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa&#039;&#039; (Madison 1990), ergänzt durch das gewissenhaft genaue archäologische Werk von Hans-Peter Wotzka, &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039; (Köln 1995). Über Trommeln und Trommelsprachen informieren John Carrington, &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039; (Kinshasa 1974) und Olga Boone, &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039; (Tervuren 1951).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entstehung der ersten Staaten begriff ich besser nach der Lektüre von Jan Vansinas hervorragendem ethnohistorischen Werk. Für meine viel zu summarische Skizze der lokalen Königreiche in der Savanne benutzte ich seinen Klassiker &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039; (Léopoldville 1965) und sein &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039; (Charlottesville 2004). Für das Kongo-Reich um das Jahr 1560 stützte ich mich auch auf Anne Hilton, &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039; (Oxford 1985), David Northrup, &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039; (New York 2002) und Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039; (Kinshasa 2004).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Momentaufnahme um 1780 und die Auswirkungen des atlantischen Sklavenhandels machte ich ausgiebigen Gebrauch von der meisterhaften Studie von Robert W. Harms: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039; (New Haven 1981).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 1&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel machte dankbar Gebrauch von dem in Europa nicht erhältlichen Buch von Makulo Akambu, &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu&#039;&#039; (Kinshasa 1983). Es enthält den Niederschlag der Lebensgeschichte, die der betagte Disasi Makulo seinem Sohn diktierte. Ich bekam es durch einen glücklichen Zufall in die Hände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl über Entdeckungsreisende in Afrika ungeheuer viel geschrieben wurde (siehe u. a. Christopher Hibbert, &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039; (London 1982)), existiert kein wirklich systematisches Übersichtswerk für die Zeit von 1870-1885. Tim Jeals hervorragendes Buch &#039;&#039;Stanley: The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039; (London 2007) ist jedoch mehr als eine außerordentlich reich dokumentierte und differenzierte Biographie: Es entfaltet das Panorama eines ganzen Zeitalters. Einen Einblick in die turbulente Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erwarb ich dank Jan Vansina, »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976), Jean-Luc Vellut, »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880&#039;&#039; (Paris 1996) und David Northrup, »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in H. Médard und S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa&#039;&#039; (Oxford 2007). Ausführlichere Informationen über den islamischen Sklavenhandel finden sich bei Edward A. Alpers, &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa&#039;&#039; (London 1975), Abdul Sheriff, &#039;&#039;Slaves, Spices&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Ivory in Zanzibar&#039;&#039; (London 1987) und Ronald Segal, &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039; (New York 2001). Zum Leben und zur Tätigkeit der zwei mächtigsten afro-arabischen Händler im Kongo siehe François Bontinck, &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039; (Brüssel 1974) und Auguste Verbeken, &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1956).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die einheimischen Reaktionen auf europäische Entdeckungsreisende siehe: Frank McLynn, &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa&#039;&#039; (London 1992). Johannes Fabian wechselte die Richtung des anthropologischen Blicks und verfasste eine eindringliche ethnographische Studie über die Entdeckungsreisenden: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa&#039;&#039; (Berkeley 2000). Dokumentarisches Material über die erste Generation Missionare erhielt ich mit Hilfe von E. M. Braekman, &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Ruth Slade, &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908&#039;&#039; (Brüssel 1959).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literatur über die Aufteilung Afrikas ist umfangreich. Thomas Pakenham schrieb das dickleibige Werk &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912&#039;&#039; (London 1991), aber für den internationalen Kontext, in dem Köning Leopold manövrierte, hatte ich am meisten an der glasklaren und gut lesbaren Analyse von H. L. Wesseling, &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039; (Amsterdam 1991). Wesseling stützte sich wiederum stark auf das Werk von Jean Stengers, das nach wie vor &#039;&#039;ein Muss&#039;&#039; ist: &#039;&#039;Congo, mythes et réalités: 100 ans d&#039;histoire&#039;&#039; (Paris 1989). Stengers&#039; Aufsatz »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid« in G. Janssens und J. Stengers, &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet&#039;&#039; (Brüssel 1997) bietet ein Update anhand besonderer Archivalien. Die Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen van België (Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften) veröffentlichte zwei wichtige Sammelbände über die Geschehnisse zwischen 1876 und 1885: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976) und &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 2&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Debatte über den Kongo-Freistaat wird schon seit mehr als einem Jahrzehnt von Adam Hochschilds Buch &#039;&#039;King Leopold&#039;s Ghost. A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa&#039;&#039; (Boston/New York 1998) dominiert. Der Verdienst dieses Werks bestand darin, dass es ein großes Publikum über die Missstände im Kongo aufklärte und wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich und spannend machte. Leider sprach daraus mehr ein Talent für Empörung als für Differenzierung; Hochschilds Perspektive erwies sich mehrmals als sehr manichäistisch. Um die Komplexität einer Figur wie Leopold zu verstehen, hatte ich mehr von den bereits erwähnten Studien von Jean Stengers, aber auch von neueren Forschungsarbeiten, die ihn in den Kontext seiner Zeit stellten. Jan Vandersmissen arbeitete in seiner Dissertation den Einfluss der geographischen Wissenschaft heraus: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II (Gent 2008). Vincent Viaene beleuchtete das imperialistische Fieber in der belgischen &#039;&#039;high society&#039;&#039; und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die nationale und soziale Agenda des Königs: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-90. Jean-Luc Vellut erforschte vor kurzem den afrikanischen Kontext von Leopolds Kolonialismus (»Contextes africains du projet colonial de Léopold II.«, unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve, März 2009). Siehe auch die Beiträge von Viaene, Vellut und Vander­smissen in Vincent Dujardin, Valérie Rosoux und Tanguy de Wilde d&#039;Estmael (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; (Tielt 2009). Eine definitive Biographie von Leopold II. steht allerdings noch immer aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine differenzierte Sicht auf die Beamten, Händler und Militärs des Freistaates fand ich in L. H. Gann und Peter Duignan, &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039; (Princeton 1979). Der von Jean-Luc Vellut herausgegebene Ausstellungskatalog &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039; (Tervuren 2005) ist bemüht, alte und neue Klischees über den Freistaat zu umgehen. Einige Wissenschaftler leisteten Pionierarbeit bei ihren Forschungen über die Kautschukpolitik in den sehr verstreuten Archiven: Daniel Vangroenweghe mit &#039;&#039;Rood rubber&#039;&#039; (Brüssel 1985) und &#039;&#039;Voor rubber en ivoor&#039;&#039; (Leuven 2005), Jules Marchal mit &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de Kongostaat&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II (Antwerpen, 1989, erschienen unter dem Pseudonym A. M. Delathuy).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Freistaat umfasste natürlich mehr als die Gräuel der Kautschukpolitik. Eine gute Übersicht bot Jean Stengers und Jan Vansina »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in R. Oliver und G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905&#039;&#039; (Cambridge 1985), S. 315-358. Daran orientierte ich mich bei der Unterteilung in die Zeiträume vor 1890/nach 1890. Analysen der internationalen Diplomatie und der Grenzproblematik finden sich in den klassischen Standardwerken (Cornevin, Stengers, Ndaywel). Über die Pazifizierung des Gebiets und die Formen von lokalem Widerstand informierte ich mich bei Allen Isaacman und Jan Vansina, »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale&#039;&#039; (Paris 1987), S. 191-216. Von Jean-Luc Vellut stammt auch eine differenzierte Analyse über die Rolle der Gewalt im Freistaat: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépendant du Congo« (&#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039;, 1984).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der wachsenden Vertrautheit von Afrikanern mit Europäern und deren Lebensweise. Über Kongolesen, die im Rahmen einer Weltausstellung nach Europa reisten, siehe Maarten Couttenier, &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039; (Leuven 2005) und Maurits Wynants, &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoonstelling 1897&#039;&#039; (Tervuren 1997). Zum Aufbau des Staates in Boma war die CD-ROM von Johan Lagae, Thomas de Keyser und Jef Vervoort eine Goldgrube: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofd­stad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039; (Gent 2006). Für den Teil über die Begegnung zwischen Angehörigen der Kolonialmacht und kongolesischen Frauen las ich die sehr interessante Studie von Amandine Lauro, &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039; (Loverval 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Schlüsselwerke über die protestantischen Missionare wurden bereits zu Kapitel 1 erwähnt. Den Unterschied zwischen ihrer Arbeitsweise und der Praxis der katholischen Missionen entnahm ich Ruth Slade, &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039; (London 1962). Über die Person von George Grenfell existiert Literatur im Überfluss, oftmals eher mit hagiographischem Charakter. Das wichtigste Werk ist die zweibändige Biographie von Harry Johnston, &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039; (London 1908). Über die Rolle der einheimischen Katecheten siehe die Dissertation von Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve, 1984). Eine kritische Betrachtung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Staat findet man in den Werken von A. M. Delathuy (Pseudonym des oben erwähnten Jules Marchal): &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039; (Berchem 1986) und dem zweibändigen &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (Berchem, 1992 und 1994). Bei Vincent Viaene lernte ich viel dazu über die Beziehungen zwischen dem belgischen Königshaus und dem Vatikan: »Leopold II en de Heilige Stoel« (unveröffentlicht, 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die früheste Geschichte der Force Publique beschrieb mit militärischer Präzision und unverhülltem Stolz der hohe Offizier F. Flament in &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039; (Brüssel 1952). Dennoch ist das Werk noch immer brauchbar. Philippe Marechal verfasste die umfangreiche Studie &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039; (Tervuren 1992). Veteranen wie Oscar Michaux und Joseph Meyers berichteten über ihre Erlebnisse bei der Meuterei in &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039; (Namur 1913) bzw. &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039; (Brüssel 1964). Die Aufstände der Soldaten erfuhren viel Beachtung: Marcel Storme, &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1970), Auguste Verbeken, &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1958) und Pierre Salmon, &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039; (Brüssel 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bau der ersten Eisenbahnlinie wurde ausführlich beschrieben und illustriert in Charles Blanchart et al., &#039;&#039;Le rail au Congo belge, 1890-1920&#039;&#039; (Brüssel 1993). Daneben ist René J. Cornet, &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool&#039;&#039; (Brüssel 1947) nach wie vor lesbar. Zur Finanzierung der Bahnlinie und des Freistaates generell las ich &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039; (Brüssel 1957) von Jean Stengers. Als Historiker für die Geschichte der Institutionen und der Diplomatie verfasste er auch das Standardwerk über die Übertragung des Freistaates von Leopold an Belgien: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale&#039;&#039; (Brüssel 1963). Diese entscheidende Episode wurde unlängst noch beleuchtet von Vincent Viaene, der ihre kulturellen Auswirkungen erforschte, »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in V. Viaene, D. Van Reybrouck und B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese »aanwezigheid« in de Belgische samenleving, 1908-1958&#039;&#039; (Leuven 2009), S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 3&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitraum 1908-1921 ist zweifellos die Episode in der Geschichte des Kongo, über die am wenigsten bekannt ist. So umfangreich die Literatur über den Freistaat ist, so spärlich sind Werke über die Anfangsjahre des belgischen Kolonialismus. Zum Glück konnte ich auf einige neuere und ausgezeichnete Einzelstudien zurückgreifen. Über die gesellschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Schlafkrankheit verfasste Maryinez Lyons einen Klassiker: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northern Zaire, 1900-1940&#039;&#039; (Cambridge 1992). Informationen über pharmazeutische Experimente entnahm ich einem Vortrag von Myriam Mertens, »Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s«, gehalten auf der &#039;&#039;Third European Con­ference on African Studies&#039;&#039;, Leipzig, 5. Juni 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Entwicklung der kolonialen Anthropologie verweise ich auf das bereits erwähnte Werk von Maarten Couttenier (siehe voriges Kapitel). Speziell um die Entstehung der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039; geht es in der Diplomarbeit von Fien Danniau, »&#039;&#039;Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039; (Gent 2005). Über den breiteren Kontext der Kolonialwissenschaft veröffentlichte Mark Poncelet kürzlich &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039; (Paris 2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der Entstehung des Tribalismus in der Anfangszeit der Kolonie Kongo. Die Informationen über den Unterricht in katholischen Missionsschulen und die ideologisch gefärbten Darstellungen der sogenannten Stämme in Schulbüchern destillierte ich aus Marc Depaepe, Jan Briffaerts, Pierre Kita Kyankenge Masandi, Honoré Vinck, &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039; (Leuven 2003). Honoré Vincks Online-Veröffentlichung &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; erwies sich als Goldgrube (www.abbol.com). Über den ersten afrikanischen Priester Stefano Kaoze wurde selbstverständlich von katholischer Seite viel geschrieben. Die interessanteste Studie ist jedoch die von Allen F. Roberts, »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of South­eastern Zaire«, in Leroy Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa&#039;&#039; (Berkeley 1989). Roberts verbindet die Geschichte der Missionierung mit Kaozes politischen Idealen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Abschnitten über Industrialisierung, Proto-Urbanisierung und Proletarisierung benutzte ich dankbar die faszinierenden Texte von André Yav. Die Quelle ist online zugänglich, zusammen mit einer vollständigen Übersetzung ins Englische von Johannes Fabian: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville«, &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.lpca.socsci.uva.nl&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es existieren einige ausgezeichnete angelsächsische Studien über die sozialen Aspekte des frühesten Bergbaus. Zu den Goldminen von Kilo-Moto siehe: David Northrup, &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039; (Athen 1988). Zu den Minen von Katanga siehe: John Higginson, &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039; (Madison 1989) und unbedingt auch Charles Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039; (London 1979). Zu den gesellschaftlichen Bedingungen in der Provinz Équateur außerhalb des Bergbaus siehe: Samuel H. Nelson, &#039;&#039;Colonialism in the Congo Basin, 1880-1940&#039;&#039; (Athen 1994). Über die verschiedenen Methoden der Rekrutierung von Bergarbeitern sandte Aldwin Roes mir seinen unveröffentlichten, sehr erhellenden Vortrag »Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914«, gehalten auf der Tagung &#039;&#039;The Quest for Natural Resources in Central Africa: the case of the mining sector in&#039;&#039; DRC, Tervuren, 8.-9. Dezember 2008. Über die Wohnverhältnisse von Bergarbeitern in Katanga schrieb Bruno De Meulder das sehr interessante Buch &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039; (Amsterdam 1996). Die Arbeitsbedingungen bei Huileries du Congo Belge von William Lever schilderte der unermüdliche Jules Marchal in seinem Werk &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: Travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039; (Borgloon 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Ersten Weltkrieg sehr zu empfehlen: Hew Strachan, &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039; (Oxford, 2004) und Edward Paice, &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa&#039;&#039; (London 2007). Zu den verwaltungstechnischen Aspekten siehe Guy Vanthemsche, &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert&#039;&#039; Ier&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039; (Brüssel 2009). Über die Schlacht um den Tanganjikasee schrieb Giles Foden das erfolgreiche &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039; (London 2004). Über die Eroberung von Tabora siehe: Georges Delpierre, »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire« (&#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis&#039;&#039;, 2002). In Bezug auf die menschliche Seite des Feldzuges nach Deutsch-Ostafrika lernte ich viel aus Jan de Waeles Buch »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo« (&#039;&#039;Militaria Belgica&#039;&#039;, 2007-2008). Zur Teilnahme von Afrikanern auf den europäischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges siehe den hervorragenden Ausstellungskatalog von Dominiek Dendooven und Piet Chielens, &#039;&#039;Wereldoorlog I: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039; (Tielt 2008), der auch einen Aufsatz über die ethnographischen Stimmaufnahmen von Kriegsgefangenen in Berlin enthält. Zana Aziza Etambala widmete sich ebenfalls diesem Thema in seinem Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039; (Leuven 1993). Die aktuellste Studie zu diesem Thema stammt von Jeannick Vangansbeke, »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134. Über Ruanda und Burundi unter deutscher und belgischer Kolonialverwaltung: Helmut Strizek, &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039; (Berlin 2006) und Ingeborg Vijgen, &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039; (Leuven 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 4&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Afrika alles andere als eine Zeit des Friedens war, zeigte noch kürzlich Jonathan Derrick in seinem beeindruckenden Überblick: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039; (London 2008). Selbstverständlich geht er auch auf die Geschehnisse im Kongo ein. Über Simon Kimbangu wurde sehr viel geschrieben, von Historikern und Anthropologen wie auch von Adepten. Jules Chomé erregte noch zu Kolonialzeiten die Gemüter mit &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039; (Brüssel 1959). Die beste historische Studie stammt von Susan Asch, &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1982). Noch unlängst verfasste Jean-Luc Vellut eine kompakte, aber sehr gute Einleitung zum ersten Teil seines Quellenbandes &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation&#039;&#039; (Brüssel 2005). Auch die Bücher von Anhängern und Sympathisanten sind oft historisch ausgerichtet. Das vorige geistliche Oberhaupt, Joseph Diangienda Kuntima, schrieb selbst eine umfangreiche Übersicht: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039; (Châtenay-Malabry 2007). Siehe auch das sehr einflussreiche Werk von Marie-Louise Martin, &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039; (Lausanne 1981) und das viel aktuellere Buch von Aurélien Mokoko Grampiot, &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039; (Paris 2004). Eine gründliche Einzelstudie über die Deportation fand ich bei Munayi Muntu-Monji, »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)« (&#039;&#039;Zaïre-Afrique,&#039;&#039; 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über andere messianische Bewegungen konsultierte ich Martial Sinda, &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039; (Paris 1972), André Ryckmans, &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958&#039;&#039; (Kinshasa 1970) und Jacques Gérard, &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039; (Brüssel 1969). Außerdem hatte ich die Gelegenheit, das unveröffentlichte, aber gut dokumentierte Typoskript von Rufin Kibari, Schulleiter in Kikwit, zu lesen: &#039;&#039;Mouvements ›anti-sorciers‹ dans les Provinces de Leopolville&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039; (Kikwit 1985). Eine breite Kontextualisierung des Verhältnisses von einheimischem Christentum und Kolonialismus stammt von Paul Raymaekers und Henri Des­roche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039; (Brüssel 1983). Siehe dazu auch den Klassiker von Wyatt Mac-Gaffey, &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039; (Chicago 1986).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fundierteste Studie über die Todesstrafe stammt wieder von der Hand von Jean-Luc Vellut, »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992). Eine neuere Untersuchung stammt von Bert Go­vaerts: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Revolte der Pende (oder Bapende) floss sehr viel Tinte, aber die äußerst gründliche Studie von Sikitele Gize bleibt unübertroffen: »Les racines de la révolte Pende de 1931« (&#039;&#039;Etudes d&#039;histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Neueren Datums ist eine detaillierte Darstellung der Fakten von Louis-François Vanderstraeten, &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039; (Brüssel 2001). Eine sowjetische Studie aus den dreißiger Jahren ist, wenn man die offenkundige Propagandaschicht abkratzt, nach wie vor solide und ausgesprochen hilfreich, um die tieferen Ursachen zu verstehen: A. T. Nzula, I. I. Potekhin und A. Z. Zusmanovich 1979: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039; (London 1979). Nirgendwo sonst wurde der Zusammenhang zwischen der Erhöhung der Einkommensteuer und dem Prozess der Proletarisierung besser verdeutlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die finanzökonomische Geschichte der Zwischenkriegszeit wird übersichtlich beschrieben in G. Vandewalle, &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039; (Gent 1966). Für die soziale Dimension bediente ich mich wieder der schon im Zusammenhang mit dem vorigen Kapitel erwähnten Werke von Northrup, Nelson, Perrings und Higginson. Wie sich die Industrialisierung auf die materielle Kultur und die Mentalität der Einheimischen auswirkte, fand ich äußerst lebendig beschrieben in einer Studie aus den dreißiger Jahren: John Merle Davis, &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039; (London 1933). Die soziale Politik der Union Minière wird in dem gut dokumentierten, aber firmenfreundlichen Werk von René Brion und Jean-Louis Moreau, &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039; (Tielt 2006) beschrieben. Ergänzend lese man jedoch auch das Werk von Bruce Fetter: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039; (Brüssel 1973) und dessen &#039;&#039;The Creation of Elisabethville&#039;&#039; (Stanford 1976). Die ersten Kapitel von Johannes Fabian, &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039; (Evanston 1941) sind ebenfalls sehr erhellend. Über die Arbeit im Palmölsektor veröffentlichte Jacques Vanderlinden eine wichtige Quellenstudie: &#039;&#039;Main d&#039;œuvre, Eglise, capital et administration dans le Congo des années trente&#039;&#039; (Brüssel 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Herausbildung einer städtischen Kultur besser zu verstehen, machte ich dankbar Gebrauch von dem von Jean-Luc Vellut herausgegebenen Sammelband &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039; (Tervuren 2000). Das Buch enthält faszinierende Kapitel über die Pfadfinderbewegung, über Fußball, Medien, die Rassenschranke und das Alltagsleben in der kolonialen Stadt. Zur besonderen Rolle von »tata Raphaël« las ich, neben dem Kapitel von Bénédicte Van Peel in diesem Sammelband, auch den Aufsatz von Roland Renson und Christel Peeters, »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in M. D&#039;hoker, R. Renson und J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw&#039;&#039; (Leuven 1994). Zur katholischen Jugendarbeit fand ich mehr bei Karl Catteeuw, »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Sara Boel schrieb eine interessante Diplomarbeit über die Bemühungen der Regierung, den Medien- und Kunstbereich unter Kontrolle zu halten: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039; (Brüssel 2005). Bruce Fetter beleuchtete das Vereinsleben und die Versuche der Einvernahme durch die katholische Kirche in einem klassischen Aufsatz: »African associations in Elisa­bethville, 1910-1935: their origins and development« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974). Das ältere Buch von Georges Brausch, &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039; (London 1961), ist wegen des differenzierten Kapitels über die &#039;&#039;colour bar&#039;&#039;, die Rassenschranke, nach wie vor lesenswert. Benoît Verhaegen schrieb eine ausgezeichnete Abhandlung über die übersteigerte Angst vor der roten Gefahr: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Über &#039;&#039;body politics&#039;&#039;, die »Medizinalisierung« der kongolesischen Gesellschaft und die lokalen Reaktionen darauf, verfasste Nancy R. Hunt die faszinierende Studie: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039; (Durham 1999).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Panda Farnana und seiner Union Congolaise widmete Zana Aziza Etambala ein sehr instruktives Kapitel in seinem bereits erwähnten Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993). François Bontinck schrieb »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier&#039;&#039; (Paris 1980). In kongolesischen Kreisen ist in den letzten Jahren ein erneutes Interesse für diesen frühen Vorkämpfer zu verzeichen. Noch unlängst ehrte Didier Mumengi ihn mit &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039; (Paris 2005). Antoine Tshitungu Kongolo erforschte seine Beziehungen zu intellektuellen Zirkeln in Belgien: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action« (&#039;&#039;L&#039;Africain,&#039;&#039; 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 5&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erhellende Übersicht über den Zweiten Weltkrieg in Afrika und die Auswirkungen auf den Kolonialismus bietet Michael Crowders Aufsatz »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa« in Band acht von &#039;&#039;The Cambridge History of Africa&#039;&#039; (Cambridge 1984). Ein aktueller Überblick über die Situation in Belgisch-Kongo ist leider nicht verfügbar. Der letzte Versuch datiert aus den achtziger Jahren, als die Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften &#039;&#039;Bij­dragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983) veröffentlichte. Ich benutzte vor allem die Aufsätze von Léon de Saint-Moulin, Jean-Luc Vellut, Benoît Verhaegen, Gustaaf Hulstaert, Jonathan Helmreich und Antoine Rubbens. Der Band ließ die militärischen Aspekte außer Acht, denn die hatte Emile Janssens bereits untersucht in &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039; (Brüssel 1982-1984). Der Abessinienfeldzug wurde von einigen belgischen Offizieren dokumentiert, die daran teilgenommen hatten, u. a. R. Werbrouck, &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie&#039;&#039; (Léopoldville 1945) und Philippe Brousmiche, &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campagne&#039;&#039; (Tournai 1987). Felix Denis stellte das Tagebuch und vor allem das faszinierende Fotoalbum seines Schwiegervaters, Leutnant Carlo Blomme, online: &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://force-publique-1941.skynetblogs.be/&amp;lt;/nowiki&amp;gt;. Christine Denuit-Somerhausen und Francis Balace veröffentlichten »Abyssinie 41: du mirage à la victoire« in F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte&#039;&#039; (Brüssel 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rolle des katangesischen Urans bei der Entwicklung der Atombombe thematisierten Jacques Vanderlinden in &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039; (Brüssel 1991) und Jonathan E. Helmreich in »The uranium negotations of 1944«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Von Helmreich siehe auch: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039; (Princeton 1986), außerdem &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039; von Pierre Buch und Jacques Vanderlinden (Brüssel 1995).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Unruhen in den Bergwerken wurden ausführlich dokumentiert in dem bereits erwähnten Buch von Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa&#039;&#039; (London 1979). Ich las dazu außerdem J.-L. Vellut, »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Hilfreich waren die Studien von Tshi­bangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974) sowie von Bogumil Jewsiewicki, Kilola Lema, Jean-Luc Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Die klarste Übersicht fand ich jedoch bei Bogumil Jewsiewicki, »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle« (&#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039;, 1976).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das außerordentlich fesselnde Kriegstagebuch von Vladimir Drachoussoff erschien in einer bescheidenen Auflage unter dem Pseudonym Vladi Souchard, &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039; (Brüssel 1983). Es war eines der interessantesten Bücher, die ich bei der Vorbereitung dieses Themas lesen durfte. Generalgouverneur Pierre Ryckmans und Pater Placide Tempels hatten einen differenzierten Blick auf die koloniale Wirklichkeit, siehe: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; (Brüssel 1948) bzw. &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Antwerpen 1946). Siehe auch Jacques Vanderlinden, &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1891-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039; (Brüssel 1994). Über diese Nachkriegszeit schrieb Nestor Delval den sehr lesenswerten Essay &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; (Leuven 1966).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Nachkriegsjahre ist das schmale Büchlein von Antoine Rubbens, &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039; (Elisabethville 1945) nach wie vor sehr lesenswert. Es enthält einige kritische Artikel, die in der Zeitung &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039; erschienen waren. Außerdem sind die Berichte der Commission Permanente pour la Protection des Indigènes Pflichtlektüre, denn neben hilfreichen Informationen zur sozialen Wirklichkeit sind sie sehr bezeichnend für das koloniale Paradigma: siehe L. Guebels, &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951 (Brüssel 1952). Eine hervorragende Einführung in die Problematik der Gewerkschaften und des sozialen Protestes bietet die Themennummer von Brood en Rozen 1999: Sociale bewegingen in Belgisch-Congo. Ich konsultierte außerdem André Corneille, Le syndicalisme au Katanga (Elisabethville 1945), Arthur Doucy und Pierre Feldheim, Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge (Brüssel 1952) und R. Poupart, Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo (Brüssel 1960).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Genauere Vorstellungen vom Leben in der kolonialen Stadt gewann ich durch die Lektüre von Filip De Boeck und Marie-Françoise Plissart, Kinshasa: Tales of the Invisible City (Gent 2004) sowie Johan Lagae, Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960) (Gent 2002). Die Werke von Suzanne Comhaire-Sylvian, Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui (Paris 1968), Valdo Pons, Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Administration (Oxford 1969) und W. C. Klein, De Congolese elite (Amsterdam 1957) vermittelten mir ein lebendiges Bild der neuen urbanen Kultur. Den Einfluss und die Auswirkungen der Radiosendungen für Kongolesen schilderten Greta Pauwels-Boon, L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960 (Tervuren 1979) und Sara Boel, Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid (Brüssel 2005). Über die Vereinigung ehemaliger Schüler von Raphaël de la Kéthulle schrieb Charles Tshimanga »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)« in J.-L. Vellut (Hg.), Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950) (Tervuren 2000).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Lebensumstände der evolués wurden in zahlreichen Werken von so unterschiedlichen Autoren wie Stengers, Young und Ndaywel thematisiert. Das Standardwerk verfasste Jean-Marie Mutamba Makombo: Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960 (Kinshasa 1998). Eine sehr interessante Studie stammt von Mukala Kadima-Nzuji; in La littérature zaïroise de langue française (1945-1965) (Paris 1984) arbeitet er den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Ressentiments, Presse und Literatur heraus. Über die Entstehung der ersten kongolesischen Universität verfasste Ruben Mantels das spannende Buch Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960 (Leuven 2007). Die Reise von König Baudouin wurde farbig geschildert von Erik Raspoet: Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ontmoeting op de evenaar (Antwerpen 2005).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Verse am Schluss dieses Kapitels stammen aus dem Band Esanzo von Antoine-Roger Bolamba, einem der schönsten Werke kongolesischer Lyrik.&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 6&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Literatur über die Entkolonialisierung des Kongo ist äußerst umfangreich, aber qualitativ sehr unterschiedlich und oft veraltet und aus dezidiert »weißer« Sicht verfasst. Das allerbeste Buch über diese Zeit ist nach wie vor Politics in the Congo von Crawford Young (Princeton 1965). Noch fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung wundert man sich, wie jemand so kurz nach den Geschehnissen die großen Prozesse derart klarsichtig festhalten und analysieren konnte. Eine Hilfe hatte er zweifellos an der hervorragenden Vorarbeit des CRISP (Centre de Recherche et d&#039;Information Socio-Politiques in Brüssel), jenes engagierten und grundsoliden Dokumentationszentrums, wo Persönlichkeiten wie Jean Van Lierde, Benoît Verhaegen und Jules Gérard-Libois Pionierarbeit leisteten. Ihre Jahrbücher und Studien über politische Bewegungen sind bis heute eine unverzichtbare Quelle für die historische Erforschung der fünfziger und sechziger Jahre im Kongo. Sie gaben Youngs Standardwerk in Französisch heraus.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine andere ältere, aber noch immer wertvolle Studie stammt von Paule Bouvier, L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance (Brüssel 1965). In neuerer Zeit veröffentlichte Zana Aziza Etambala viel bislang unbekanntes Archivmaterial in zwei lesenswerten Büchern: Congo 55/65: van Koning Boudewijn tot president Mobutu (Tielt 1999) und De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960) (Leuven 2008). Unter den vielen Memoiren, in denen es um die turbulente Zeit der Entkolonialisierung geht, lohnt sich besonders die Lektüre der Erinnerungen von Jef Van Bilsen, Schlüsselfigur im gesamten Prozess: Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie (Leuven 1993).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum internationalen Kontext des kongolesischen Unabhängigkeitskampfes waren besonders hilfreich: Pierre Queuille, &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039; (Paris 1965) und Colin Legum, &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide&#039;&#039; (New York 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasas Jugendkulturen hat Didier Gondola beschrieben: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039; (Paris 1997). Das bereits erwähnte Werk von Filip De Boeck beschäftigte sich gleichfalls mit dem Phänomen der &#039;&#039;bills&#039;&#039; und der &#039;&#039;moziki&#039;&#039;. Über die politische Dimension des kongolesischen Fußballs drehten Jan Antonissen und Joeri Weyn den ausgezeichneten Dokumentarfilm &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039; (2007). Die schweren Unruhen im Januar 1959 in der Hauptstadt waren Gegenstand etlicher Veröffentlichungen. Jacques Marras und Pierre De Vos schrieben das zugängliche Werk &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039; (Brüssel 1959), aber auch der Bericht von General Janssens, der die &#039;&#039;Force Publique&#039;&#039; befehligte und deshalb alles andere als unparteiisch war, lohnt die Lektüre: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039; (Brüssel 1961).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die erste Generation kongolesischer Politiker existiert sehr viel Literatur. Zu Kasavubu siehe: Benoît Verhaegen und Charles Tshimanga, &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039; (Tervuren 2003). Über Lumumba: Jean Omasombo Tshonda sowie Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956&#039;&#039; (Tervuren 1998) und die Fortsetzung: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960&#039;&#039; (Tervuren 2005). Die beste Studie über Lumumba stammt von Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée&#039;&#039; (Paris 1990). Andere Werke verdanken wir meist ausgesprochenen Partisanen, mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen: Was wir an &#039;&#039;erlebter Geschichte&#039;&#039; gewinnen, verlieren wir häufig an Differenzierung und Einordnung in einen größeren Kontext. Pierre De Vos verfasste das gut lesbare, aber nicht durchweg sorgfältig recherchierte Buch &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039; (Paris 1961); Francis Monheim schien förmlich verliebt, als er &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039; (Brüssel 1962) veröffentlichte, und Jules Chomé schien nicht nur erbost, sondern war es auch, als er &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039; publizierte (Brüssel 1966). In &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Paris 1963) sammelte Jean Van Lierde die wichtigsten Reden, Artikel und Briefe Lumumbas. Das Vorwort von Sartre ist nicht nur vorhersehbar, sondern auch noch immer beeindruckend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Studien, die das parteipolitische Gezänk aus größerer Distanz betrachten, sind freilich selten. P. Caprasse bot jedoch mit &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039; (Brüssel 1959) eine hervorragende soziologische Studie, die weit über den lokalen Fokus seiner katangesischen Feldforschung hinausging. Sein Augenmerk galt insbesondere der Rhetorik, mit der das tribale Element ins Spiel gebracht wurde. Luc Fierlafyn griff diese Erkenntnisse auf und unterzog die politischen Texte von damals einer interessanten Diskursanalyse: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039; (Brüssel 1990).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 8&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirbelsturm von Ereignissen, die in ihrer Gesamtheit die Erste Republik bilden, füllt einen ganzen Bücherschrank. Eine aktuelle Übersicht fehlt, doch es existieren fundierte Studien zu sämtlichen Teilaspekten. Walter Geerts&#039; &#039;&#039;Binza 10: de eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039; (Gent 1970) bietet noch immer eine erhellende Einführung in das Thema. Zana Aziza Etambalas &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039; (Leuven 1999) und Jef Van Bilsens äußerst wichtiges &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039; (Leuven 1993) sind ebenfalls gut lesbare erste Orientierungen. Daneben sind die bereits erwähnten Jahrbücher des CRISP sehr wichtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Meuterei der Armee verfasste Louis-François Vander­straeten die definitive Studie: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise&#039;&#039; (Paris 1985). Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Panikstimmung, dem plötzlichen Exodus der zurückgebliebenen Belgier und dem militärischen Vorgehen Belgiens. Für ein lebendiges Bild dieser Tage siehe zwei Bücher von Peter Verlinden: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039; (Leuven 2002) und &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; (Leuven 2008). Marie-Bénédicte Dembour verfasste eine bedeutende anthropologische Studie über die Sichtweise der ehemaligen Kolonialisten: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039; (New York 2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Afrika durch die Kongo-Krise in den Kalten Krieg einbezogen wurde, analysiert wirklich brillant der epische Dokumentarfilm von Jihan El Tahri: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039; (Arte 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Film kommen nicht nur kubanische Veteranen zu Wort, sondern auch kongolesische, sowjetische und US-amerikanische Prominente aus jener Zeit: eine verblüffende Schilderung der Machenschaften des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden. Zur amerikanischen Perspektive siehe: Stephen R. Weissman, &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Ithaca 1974) und Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986). Zur kommunistischen Perspektive siehe: Arthur Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Edouard Mendiaux, &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039; (Brüssel 1960). Vor einigen Jahren veröffentlichte der CIA-Topagent Larry Devlin seine auffallend freimütigen Memoiren: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039; (New York 2007). Noch jüngeren Datums ist das Buch von Frank R. Villafaña über die Konfrontation zwischen linken und rechten Kubanern im Kongo: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039; (New Brunswick 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorgehen der UNO wurde von verschiedenen Autoren kommentiert. Georges Abi-Saab analysierte die Implikationen für das internationale Recht in &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Oxford 1978). Claude Leclercq beschäftigte sich intensiv mit der Situation im Land selbst: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039; (Paris 1964). Georges Martelli fällte ein sehr negatives Urteil: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (London 1966). Die UNO spielte eine derart große Rolle, dass andere Formen von Multilateralismus in den Hintergrund rückten. Zur Entstehung der Organisation für Afrikanische Einheit und ihre Rolle im Konflikt siehe: Catherine Hoskyns, &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Daressalam 1969).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das bekannteste Werk über die Ermordung Lumumbas ist der in viele Sprachen übersetzte Klassiker von Ludo De Witte: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039; (Leuven 1999). In Belgien wurde nach Erscheinen des Buchs ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss aus vier Historikern eingesetzt, die den Auftrag hatten, die verfügbaren Archive mit besonderem Augenmerk auf die Verantwortung Belgiens für den Mord zu durchkämmen. Ihr Bericht war trocken, aber akribisch: Luc De Vos et al., &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039; (Leuven 2004). Zum Anteil der Amerikaner siehe: Madeleine Kalb, &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039; (New York 1982) sowie den kürzlich erschienenen Artikel von Stephen R. Weissman: »An extraordinary rendition« (&#039;&#039;Intelligence and National Security,&#039;&#039; 2010). Zum Blickwinkel zweier kongolesischer Politiker, die früher an der Seite Lumumbas standen, siehe: Cléophas Kamitatu, &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und Thomas Kanza, &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039; (Baltimore 1972).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Abspaltung Katangas beschäftigte sich schon sehr früh eine gründliche Studie: Jules Gérard-Libois, &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1963). Zu den historischen Hintergründen der Sezession siehe: Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufstände im Kwilu und im Osten des Landes wurden erschöpfend abgehandelt in den Studien von Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1966-1969) und dem zweiteiligen, von Catherine Coquery-Vidrovitch et al. herausgegebenen Kongressband &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (Paris 1987). Herbert Weiss und Benoît Verhaegen betreuten 1986 eine wichtige Themenausgabe von &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (Zeitschrift des Centre d&#039;Etude et de Documentation Africaines) unter dem Titel &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Ludo Martens verfasste zwei sympathisierende Biographien von Pierre Mulele und dessen Frau Léonie Abo: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039; (Berchem 1991). Eine ausgezeichnete Reportage über die kongolesische Rebellion stammt von Jean Kestergat: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile&#039;&#039; (Paris 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen und wirtschaftlichen Umstände in der Ersten Republik erfuhren viel weniger Aufmerksamkeit als das politische und militärische Gerangel, aber vom Leben in der Großstadt können wir uns ein sehr genaues Bild machen dank J. S. Lafontaine, &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039; (Cambridge 1970). Zur komplexen Frage des kolonialen Aktienportfolios und zu den Unterhandlungen über dessen Rückgabe an den Kongo siehe: Jean-Claude Willame, &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgozaïrois&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 9&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hervorragende, ja brillante Einführung in das Leben und Wirken Mobutus ist der Dokumentarfilm von Thierry Michel: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1999). Wer sich intensiver mit diesem Zeitraum beschäftigen möchte, beginnt am besten mit dem sehr erhellenden Kapitel über die Zweite Republik, das Jacques Vanderlinden beitrug zu A. Huybrechts et al., &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980&#039;&#039; (Brüssel 1980). Zu den Methoden, mit denen eine politische Elite die Wirtschaft des Landes plünderte, konsultiere man: Fernard Bézy et al., &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve 1981) und David J. Gould, &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire&#039;&#039; (New York 1980). Aber unverzichtbar für jeden, der sich ernsthaft mit diesem Zeitraum beschäftigen will, ist die umfangreiche Studie von Crawford Young und Thomas Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039; (Madison 1985). Die Autoren analysieren vor allem die erste Hälfte von Mobutus Regierungszeit, die Jahre 1965-1980, und zeigen sehr überzeugend, wie der Staat zuerst allumfassend und dann völlig morsch wurde. Verfasst in einem knappen Stil, enthält das Buch eine Fülle von Dokumentationsmaterial. Es ist zweifellos das wichtigste Werk über diesen Zeitraum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Authentische zairische Quellen aus diesem Zeitraum sind in großer Zahl vorhanden, aber durch die Angst vor dem Regime geprägt. Propaganda im Überfluss, kritische Analyse gleich null. Nur außerhalb der Landesgrenzen konnte offene Kritik geübt werden. In Paris verfasste Cléophas Kamitatu, einer der Gründer der &#039;&#039;Parti solidaire africain&#039;&#039;, zwei mit viel dokumentarischem Material ausgestattete Werke, die zugleich das Regime harsch kritisierten: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039; (Paris 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor einigen Jahren ermöglichten zwei amerikanische Bücher einen Blick hinter die Kulissen. Mobutus Leibarzt, der Amerikaner William Close, Vater der Schauspielerin Glenn, veröffentlichte seine Erinnerungen an eine turbulente Zeit: &#039;&#039;Beyond the Storm&#039;&#039; (Marbleton 2007). Auch wenn es sich nicht durchweg um eine tief greifende Analyse handelt, so sind die Anekdoten doch häufig sehr enthüllend. Um sich einen Begriff von den amerikanisch-zairischen Freundschaftsbanden zu machen, lese man am besten das bereits erwähnte Buch von Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) und die gleichfalls bereits aufgeführten Memoiren des CIA-Agenten Larry Devlin, &#039;&#039;Chief of Station&#039;&#039; (New York 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die unvorstellbare, explosionsartige städtische Entwicklung Kinshasas beschreiben anschaulich Marc Pain, &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039; (Paris 1984) und René de Maximy, &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens&#039;&#039; (Paris 1984). Beide Bücher widmen sich nicht nur urbanistischen und demographischen Prozessen, sondern auch den sozialen und kulturellen Auswirkungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der rasch wachsenden und jugendlichen Stadt spielte Musik eine wichtige Rolle. Die kongolesische Musikszene war vermutlich nie so vital wie in den frühen siebziger Jahren, nicht zuletzt durch Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Kampagne. Gary Stewarts erschöpfendes Werk &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000) widmet diesem Aspekt selbstverständlich große Beachtung. Gleichfalls der Mühe wert ist das vor wenigen Jahren erschienene Buch &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039; (Durham 2008), das die Verflechtungen zwischen Politik und Popmusik zum Hauptthema hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Beschreibungen des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman benutzte ich, neben den Filmen auf YouTube, Norman Mailers Klassiker &#039;&#039;The Fight&#039;&#039;, in den Niederlanden unter dem Titel &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039; (Amsterdam, 2007) erschienen, eines der besten Sportbücher überhaupt. Außerdem war der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm &#039;&#039;When We Were Kings&#039;&#039; von Leon Gast (1996) ein großer Genuss; auch die musikalischen Aspekte von &#039;&#039;the rumble in the jungle&#039;&#039; kommen darin nicht zu kurz. Über die Verflechtungen des schwarzen Emanzipationskampfes mit dem Boxsport las ich einige hervorragende Essays in Gerard Early, &#039;&#039;Speech and Power&#039;&#039; (Hopewell 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 10&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Wahnsinn, der das Mobutu-Regime ab 1975 kennzeichnete, existieren in mehreren Sprachen zugängliche und mit viel Dokumentationsmaterial ausgestattete Werke. Jean-Claude Willame verfasste das unaufgeregte und kluge &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme&#039;&#039; (Paris 1992) und Colette Braeckman, Journalistin bei &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;, das lesbare und im Kongo sehr einflussreiche &#039;&#039;Le dinosaure&#039;&#039; (Paris 1991), das ein Jahr später auch auf Niederländisch erschien unter dem Titel &#039;&#039;De dinosaurus&#039;&#039; (Berchem, 1992). In Flandern veröffentlichten zwei Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihre Erfahrungen und Analysen: &#039;&#039;Mobutu, de man van Kamanyola&#039;&#039; von Walter Geerts (Leuven 2005) und vor allem &#039;&#039;Mobutu, van mirakel tot malaise&#039;&#039; von Walter Zinzen (Antwerpen 1995). Letzteres lohnt schon allein wegen des Kapitels über die Shaba-Kriege die Mühe. Der amerikanische Historiker Thomas Callaghy sah eine Parallele zwischen der Mobutu-Regierung und dem Ancien Régime in Frankreich: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039; (New York 1984). Die britische Journalistin Michela Wrong schrieb mit &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo&#039;&#039; (London 2000) einen wunderbaren Pageturner, der auch ausführlich über die neunziger Jahre berichtet. Und mehr als zwanzig Jahre nach dem Erscheinen bietet das in viele Sprachen übersetzte &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039; von Lieve Joris (Amsterdam 1987) nach wie vor ein sehr anschauliches und mitreißendes Bild des Lebens unter der Diktatur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die sogenannten »weißen Elefanten«, Mobutus sinnlose Bauwerke, schrieb Jean-Claude Willame &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039; (Paris 1986). Anders, als der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Buch nicht nur um das berühmte Wasserkraftwerk. Informationen über das deutsche Raketenprogramm puzzelte ich mir zusammen aus dem Dokumentarfilm &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; von Thierry Michel, dem weiter oben erwähnten Buch von Walter Geerts, aber vor allem aus OTRAG &#039;&#039;Rakete&#039;&#039;, der Website von Bernd Leitenberger, &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.bernd-leitenberger.de/otrag.shtml&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Standardwerk über die Shaba-Kriege stammt von Romain Yakemtchouk: &#039;&#039;Les deux guerres du Shaba&#039;&#039; (Brüssel 1988). Er beschäftigte sich intensiv mit den Beziehungen Belgiens, Frankreichs und der USA zu Mobutus Zaire. Bevor ich mir sein &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) vornahm, las ich das eher populärwissenschaftlich abgefasste Werk von Sean Kelly, dessen Titel bereits eine Zusammenfassung ist: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039; (Washington DC 1993).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschafts- und Finanzpolitik zwischen 1975 und 1990 ist ausgesprochen pikant, umso mehr, als ein gutes Übersichtswerk über die Rolle des IWF, der Weltbank und des Clubs von Paris fehlt. Winsome J. Leslie rückte einen der entscheidenden Akteure ins Licht in &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039; (Boulder 1987). Der Aufsatz von Jean-Philippe Peemans, »Zaïre onder het Mobutu-regime« (1988) war eine erhellende und spannende Lektüre, nicht zuletzt, da der Autor bereits in einem sehr frühen Stadium vor den unerwünschten Folgen der IWF-Maßnahmen gewarnt hatte. Kisangani Emizet arbeitete diese Argumentation weiter aus und lieferte wichtige und überzeugende Graphiken in den ersten Kapiteln seines Buchs &#039;&#039;Zaire after Mobutu&#039;&#039; (Helsinki 1997). In meinem Urteil über die Auswirkung der Anforderungen des IWF schulde ich dem Bestseller &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039; des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz (London 2002) Tribut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die dramatischen Folgen der Krise und die Entstehung einer »zweiten«, informellen Wirtschaft untersuchten Janet MacGaffey und ihr Team: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire&#039;&#039; (London 1991). Über die Rolle der Frau in dieser neuen Ökonomie siehe: Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039; (Paris 1990). Bewegende Zeugnisse fand ich auch bei De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den repressiven Staatsapparat zu verstehen, lese man die deprimierenden Berichte von Amnesty International und den von Abdoulaye Yerodia erneut veröffentlichten &#039;&#039;Rapport sur les assassinats&#039;&#039; der Nationalen Souveränen Konferenz (Kinshasa 2004). Ein mehr wissenschaftlicher Ansatz findet sich bei Michael Schatzberg, &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039; (Bloomington 1988). Stadtlegenden, Gerüchte und Neuigkeiten vom &#039;&#039;radio-trottoir&#039;&#039; sammelte Cornelis Nlandu-Tsasa, &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039; (Paris 1997). Zur populären Malerei siehe: Bogumil Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992) und Johannes Fabian, &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire&#039;&#039; (Berkeley 1996).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechstausend Berichte der Volksbefragung von 1990 wurden nie freigegeben, aber das beste Werk über den Anfang des Demokratisierungsprozesses ist das von A. Gbabendu Engunduka und E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire verse la conférence nationale&#039;&#039; (Paris 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 11&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine knappe, aber sehr luzide Einführung in die turbulente Übergangszeit zwischen der Zweiten und der Dritten Republik bot der flämische Rundfunkjournalist Guy Poppe mit &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039; (Antwerpen 1998). Ihre Sicht des politischen Kampfes haben viele aktiv Beteiligte niedergeschrieben und bei l&#039;Harmattan in Paris veröffentlicht. Dieser Verlag fungiert schon seit Jahren als wichtigstes Schaufenster des intellektuellen, französischsprachigen Afrika in der Diaspora, doch durch seine kritiklose Editionspolitik hat er manchmal mehr von einem Edel-Copyshop als von einem Verlag, der systematisch Wissen verbreitet. Eines der ausgewogeneren Werke stammt von Dieudonné Ilunga Mpunga: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2007); es beschäftigt sich vor allem mit der Rolle der UDPS. Loka-ne-Kongo schrieb eine kritische Rückschau auf diese verworrene Periode der Demokratisierung: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039; (Kinshasa 2001). Axel Buyse listete die wichtigsten Ereignisse der ersten Jahre auf in &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039; (Groot-Bijgaarden 1994). Das detailreichste Werk stammt von Gauthier de Villers, &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039; (Paris 1997); es handelt sich um den ersten Band einer sehr wertvollen Trilogie über den demokratischen Übergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ausführlichste Studie über die Niederschlagung der Studentenproteste in Lubumbashi verfasste Muela Ngalamulume Nkongolo, &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039; (Paris 2000). Zur gewaltsamen Auflösung des großen Friedensmarsches in Kinshasa siehe Philippe de Dorlodot (Hg.), &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1994). Ein Standardwerk über die Nationale Souveräne Konferenz existiert meines Wissens nicht, aber ich ergänzte den Zeitzeugenbericht von Régine Mutijima mit Fakten, die ich dem historischen Überblick von Georges Nzongola-Ntalaja entnahm, der auch einer der Teilnehmer war: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila&#039;&#039; (London 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich genoss das Privileg, mehrmals mit Baudouin Hamuli zu sprechen, praktisch der &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; im Kongo. Er war der erste Vorsitzende des CNONGD, einer Dachorganisation kongolesischer NGO, und veröffentlichte seine Analysen in zwei interessanten Studien: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039; (Paris 2002) und, mit zwei Koautoren, &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039; (Brüssel 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die äußerst prekäre Lebenssituation der einfachen Leute ging es in den Sammelbänden von De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren, 2002) und von Monnier et al. (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2001). Diese Bücher beleuchten die Entstehung von Phänomenen wie den &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; in Kinshasa, den Fahrradtaxis in Kisangani und dem Diamantenschmuggel in Kasai. Über den unglaublichen Luxus, in dem Mobutu in den neunziger Jahren noch immer schwelgte, erfährt man einiges aus den Geschichten seines belgischen Schwiegersohns Pierre Janssen, &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039; (Paris 1997). Über den Beginn einer neuen Religiosität siehe Isidore Ndaywel è Nziem, &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039; (Québec 1995). Der Anthropologe René Devisch verfasste einen wichtigen Aufsatz über moralische und soziale Sinngebung in Krisenzeiten: »Frenzy, violence, and renewal in Kinshasa« (&#039;&#039;Public Culture&#039;&#039;, 1995). Lieve Joris&#039; &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039; (Amsterdam 2001) ist wohl das bekannteste literarisch-journalistische Werk über das Ende der Mobutu-Ära.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Völkermord in Ruanda existiert eine Fülle an Literatur. Das Standardwerk ist und bleibt &#039;&#039;Leave None to Tell the Story&#039;&#039; der viel zu jung gestorbenen, für Human Rights Watch tätigen Wissenschaftlerin Alison Des Forges (New York, 1999). Außerdem lese man unbedingt den Klassiker von Gérard Prunier: &#039;&#039;The Rwanda Crisis&#039;&#039; (London 1995). In den letzten Jahren erschienen einige umfangreiche Bücher über den Konflikt in der Region der Großen Seen: Thomas Turner, &#039;&#039;The Congo Wars: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039; (London 2007), René Lemarchand, &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039; (Philadelphia 2008), Filip Reyntjens, &#039;&#039;De Grote Afrikaanse Oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039; (Antwerpen 2009) und Gérard Prunier, &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Making of a Continental Catastrophe&#039;&#039; (Oxford 2009). Während Turner ziemlich verworren schreibt, bietet Lemarchand eine spannende Zusammenfassung, Reyntjens eine knappe Synthese und Prunier eine detaillierte Analyse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Speziell über den Siegeszug der AFDL geht es in dem ausgezeichneten, von Colette Braeckman et al. herausgegebenen Band &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039; (Brüssel 1998). Erik Kennes schrieb eine umfangreiche Biographie über Kabilas Leben vor seiner Machtergreifung: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2003). Unübertroffen in seiner Anschaulichkeit ist wiederum ein Dokumentarfilm der ägyptischen Filmemacherin Jihan El-Tahri, &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039; (2000), der vollständig online steht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 12&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorfeld und der Verlauf des Zweiten Kongo-Krieges werden selbstverständlich in den bereits erwähnten Übersichtswerken von Prunier und Reyntjens ausführlich behandelt. Eine hervorragende Einführung in den Konflikt lieferte Olivier Lanotte: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2003). Analytischer, aber auch sehr faktenreich ist das Buch von Gauthier de Villers: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2001). Über Kabilas Regierung vor und während der Invasion siehe das kritische Werk von Wamu Oyatambwe, &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: avatars d&#039;unepassation inopinée&#039;&#039; (Paris 1999). Sehr viel hagiographischer und hin und wieder fast burlesk ist das von Eddie Tambwe und Jean-Marie Dikanga Kazadi herausgegebene Werk: &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2008). Über die Motive der teilnehmenden Länder erschien schon recht früh &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039; von John F. Clark (New York 2002). Die zähen Friedensverhandlungen, die zu den Verträgen von Lusaka (1999) und Pretoria (2002) führten, schilderte Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Les ›faiseurs de paix‹ au Congo&#039;&#039; (Brüssel 2007). Das Buch beschäftigt sich außerdem ausgiebig mit den Motiven der in- und ausländischen Konfliktparteien und der Rolle der internationalen UNO-Friedensmission MONUC. Die definitive Studie über die MONUC steht noch aus, aber Xavier Zeebroek schrieb vor wenigen Jahren einen aufschlussreichen Bericht, &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039; (Brüssel 2008), und von Julie Reynaert stammt eine übersichtliche Masterarbeit, &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo&#039;&#039; (Leuven 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den massiven Rohstoffraub bewiesen unwiderlegbar die aufeinanderfolgenden Berichte des Experten-Panels der UNO (www.un.org/News/dh/latest/drcongo.htm). Eine zusammenfassende, quantitative Analyse fehlt, aber Stefaan Marysse und Catherine André lieferten bahnbrechende Berechnungen für die Jahre 1999 und 2000 in »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2001). Die Jahrbücher &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, derzeit unter der Redaktion von Stefaan Marysse, Filip Reyntjens und Stef Vandeginste, enthalten überdies einen Schatz von Informationen über die neueren Perioden der kongolesischen (aber auch ruandischen und burundischen) Geschichte. Die älteren Jahrgänge sind auf der Website der Universität Antwerpen vollständig zum Download freigegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige unabhängige NGO leisteten gleichfalls hervorragende Arbeit. Human Rights Watch dokumentierte den Goldschmuggel durch Uganda in zwei Berichten: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC (2001) und vor allem &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039; (2005). Global Witness untersuchte die Rolle Ruandas im Zinnschmuggel: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC (2005). IPIS beschäftigte sich in einer zweibändigen Studie mit den Absatzmärkten für Coltan: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039; (2002). Pole Institute, ein kongolesisches Forschungsinstitut in Goma, veröffentlichte &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039; (2002), mit ausführlichen Interviews mit Minenarbeitern. Auch diese Berichte sind alle online verfügbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus zwei Studien wurde mir klar, dass man den Blick nicht ausschließlich auf die Regierungen von Ruanda und Uganda richten darf, wenn es um den Raub von Rohstoffen im Ostkongo geht. Es gibt Akteure »oberhalb« wie »unterhalb« von ihnen. &#039;&#039;Network War: An In­troduction to Congo&#039;s Privatised War Economy&#039;&#039; von Tim Raeymaekers (IPIS, 2002) zeigte die entscheidende Rolle von privaten, »non-state actors« in der globalisierten Welt von heute, während Koen Vlassenroot und Hans Romkema nachwiesen, dass auch manche einfachen Kongolesen ein kleines Stück vom großen Kuchen abbekamen: »The emergence of a New order? Resources and war in Eastern Congo« (&#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance&#039;&#039;, 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über solche und andere soziale Auswirkungen des Krieges auf lokaler Ebene gaben Koen Vlassenroot und Tim Raeymaekers eine interessante Aufsatzsammlung heraus: &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC (Gent 2004). Ich las unter anderem mit großem Interesse das anthropologische Kapitel von Luca Jourdan in »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«. Human Rights Watch veröffentlichte im Juni 2002 bereits einen Bericht über sexuelle Gewalt: &#039;&#039;The War within the War&#039;&#039;. Zu den ökologischen Folgen des Konflikts konsultierte ich neben dem Unesco-Bericht &#039;&#039;Promoting and Preserving Congolese Heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039; (2005) das groß angelegte Übersichtswerk von Debroux et al. (Hg.), &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo&#039;&#039; (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 13&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politische und militärische Dimension der Übergangsperiode wurde in den bereits genannten Werken von Reyntjens und Prunier ausführlich thematisiert. Die detailreichste Studie stammt auch hier wieder von Gauthier de Villers: &#039;&#039;De la guerre aux élections&#039;&#039; (Tervuren 2009), der damit sein Tryptichon über Zaire/Kongo während des langen Übergangs von der Zweiten zur Dritten Republik abschließt (de Villers 1997, 2001, 2009). Der inventarisierende Charakter dieser Studien macht sie zu Nachschlagewerken für die Zeit von 1990-2008, wie es die Jahrbücher des CRISP für den Zeitraum 1959-1967 waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich ausführlich mit dem Zusammenspiel von multinationalen Konzernen, Popmusik, Pfingstkirchen und Massenmedien in der urbanen Kultur des Kongo. Da es sich um neuere Phänomene handelt, existieren noch keine übergreifenden Studien. Der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039; (London 2004) enthält einige gute Beiträge. &#039;&#039;Das&#039;&#039; Standardwerk über das Leben in der Hauptstadt ist jedoch die anthropologische Studie von Filip De Boeck, &#039;&#039;Kinshasa, Tales of the Invisible City&#039;&#039; (Gent 2004), illustriert mit Fotos von Marie-Françoise Plissart. Zwei seiner Doktorandinnen, Kristien Geenen und Katrien Pype, verfassten in den vergangenen Jahren erhellende Studien über Straßenkinder, Jugendbanden und religiöse Soaps in Kinshasa. De Boeck selbst drehte den Dokumentarfilm &#039;&#039;Cemetery State&#039;&#039; (2010) über Jugend und Tod in einer unergründlichen Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Informationen über Popmusik verdanke ich dem Internet und zahlreichen Gesprächen mit Kongolesen. Außerdem waren &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; von Gary Stewart (London 2000) und &#039;&#039;Rumba Rules&#039;&#039; von Bob White (Durham 2008) meine wichtigsten Quellen. Die Aktivitäten von Heineken in Afrika wurden meines Wissens bisher nicht systematisch erforscht. Der niederländische Fernsehsender RTL produzierte 2008 den recht oberflächlichen und patriotischen Dokumentarfilm &#039;&#039;Een Hollands biertje in Afrika&#039;&#039;. Es ging darin jedoch ausschließlich um Bralima in Kinshasa, mit Dolf van den Brink in der Hauptrolle. Auf der Website des Senders kann man sich den Film ansehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erkenntnisse über den Einfluss der kongolesischen Medien gewann ich, außer durch das Buch von Katrien Pype über religiöse Sender, anhand von Marie-Soleil Frères Buch &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix&#039;&#039; (Brüssel 2005) sowie ihrer späteren Aufsätze. Zum Einfluss der mobilen Telefonie in Afrika siehe Mirjam de Bruijn et al., &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039; (Leiden 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Ausbreitung des charismatischen Christentums informierte ich mich unter anderem bei Gerrie Ter Haar, &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039; (Philadelphia 2009). Die Wechselwirkungen mit der neueren Migrationsgeschichte beschreibt Emma Wild-Wood, &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo&#039;&#039; (Leiden 2008). Zur Entstehung der kongolesischen Diaspora in Europa siehe Zana Etambala: &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993) für Belgien sowie Marc Tardieu: &#039;&#039;Les Africains en France&#039;&#039; (Monaco 2006) für Frankreich. Zur viel jüngeren Gemeinschaft in London siehe die von David Garbin und Wa Gamoka Pambu gesammelten Interviews in &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039; (London 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige journalistische Arbeiten beschreiben die Wechselwirkungen zwischen Popkultur und Politik. Luc Olinga untersuchte in »La victoire en chantant« den Einfluss der kongolesischen Popmusik auf die Wahlen von 2006 (&#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 2006). Marie-Soleil Frère befasste sich in »Quand le pluralisme déraille« mit der Rolle des kommerziellen und religiösen Fernsehens im Wahlkampf (&#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf kinematographischer Ebene verweise ich auf &#039;&#039;Congo River&#039;&#039; von Thierry Michel (2005), ein lebendiges Mosaik des Kongo in den Übergangsjahren, und auf &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039; von Chuck de Liedekerke und Yannick Muller (2006) für eine erhellende Darstellung der politischen Hintergründe. Lieve Joris schrieb mit &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039; (Amsterdam 2006) ein mutiges Buch über die schwierige Reform der kongolesischen Armee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 14&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die jüngste Phase der kongolesischen Geschichte existieren selbstverständlich noch nicht viele Bücher. Ein sehr lesbarer Bericht über den Ablauf der ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten stammt von dem niederländischen Kongolesen Alphonse Muambi, der als internationaler Beobachter für kurze Zeit wieder in sein früheres Heimatland reiste: &#039;&#039;Democratie kun je niet eten&#039;&#039; (Amsterdam 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anfänge der Dritten Republik werden in zwei sehr unterschiedlichen Werken beschrieben: &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;-Journalistin Colette Braeckman zeichnet in &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2009) ein vorsichtig optimistisches Bild, während der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband eher düstere Töne anschlägt: &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039; (Tervuren 2009). Über Nkunda schrieb ein Autor namens Stewart Andrew Scott: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu&#039;&#039; (Paris 2008). Neben der Tagespresse informierte ich mich in &#039;&#039;Mo-magazine&#039;&#039;, &#039;&#039;Le monde diplomatique&#039;&#039; und &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;. Die Blogs von Colette Braeckman (auf lesoir.be) und Jason Stearns (congosiasa.blogspot.com) waren sehr hilfreich bei der Einordnung der aktuellen Entwicklungen. Eine große Hilfe waren auch die messerscharfen Analysen, die Kris Berwouts als Direktor von EurAc, der Dachorganisation europäischer, in Zentralafrika tätiger NGO, in Umlauf brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von International Crisis Group (crisisgroup.org) und Human Rights Watch (hrw.org) sind unübertroffen, wenn es um Konfliktanalyse und Recherchen vor Ort zu Menschenrechtsverletzungen geht. Was die eine Website an Makroperspektive bietet, bietet die andere an detaillierter Feldbeobachtung. Beide NGO leisten Jahr um Jahr hervorragende Arbeit, die nicht nur Historikern gute Dienste leistet, sondern vor allem Menschenleben retten will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und Radio Okapi, der besten Zeitung und des besten Rundfunksenders im Kongo, ermöglichten es mir, die aktuellen Entwicklungen im Land auch aus der Ferne zu verfolgen. Auch der Rapper Alesh, den ich in Kisangani interviewte, ist auf der Website von Radio Okapi zu hören. Mehrere mutige kongolesische NGO verbreiten seit kurzem Berichte über das Internet; insbesondere denke ich dabei an Asadho (Association africaine de défense de droits de l&#039;homme), Rodhecic (Réseau d&#039;organisations des droits humains et d&#039;éducation civique d&#039;inspiration chrétienne) und Journaliste en Danger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die turbulenten Verwicklungen im katangesischen Bergbau drehte Thierry Michel den interessanten Dokumentarfilm &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Sehr informativ waren für mich die Berichte von IPIS, RAID, Global Witness und Resource Consulting Services.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die zunehmende Präsenz Chinas in Afrika erschienen in den letzten Jahren mehrere gute Studien: siehe Chris Alden, &#039;&#039;China in Africa&#039;&#039; (London 2007) für eine analytische Betrachtung und Serge Michel und Michel Beuret, &#039;&#039;La Chinafrique&#039;&#039; (Paris 2009) für einen sehr lebendigen, journalistischen Bericht. Sehr ausgewogen fand ich die Studie von Martine Dahle Huse und Stephen L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039; (online, 2008). Eine gute Analyse des Vertrages zwischen dem Kongo und China fand ich bei Stefaan Marysse und Sara Geenen, »Les contrats chinois en RCD: l&#039;impérialisme rouge en marche?« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, 2007-2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 15&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur afrikanischen Gemeinschaft in Guangzhou existieren bisher kaum wissenschaftliche Studien. Die ersten Forschungsarbeiten wurden inzwischen veröffentlicht, sind aber in der Regel noch sehr deskriptiv; siehe Brigitte Bertoncelo und Sylvie Bredeloup, »The Emergence of New African ›Trading Posts‹ in Hong Kong and Guangzhou« (&#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039;, 2007) und Li Zhang, »Ethnic Congregation in a Globalizing City: The Case of Guangzhou, China« (www.sciencedirect.com, 2008). Zhigang Li, Desheng Xue, Michael Lyons und Alison Brown schrieben »Ethnic Enclave of Transnational Migrants in Guangzhou« (asiandrivers.open.ac.uk, 2007), und von Adams Bodomo, einem ghanaischen Professor in Hongkong, erschien »The African Trading Community in Guangzhou« (in &#039;&#039;China Quarterly&#039;&#039;, 2010). Sehr instruktiv waren für mich die Gespräche mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsvertreter und Sinologen Koen De Ridder und dem kongolesischen, in China lebenden Journalisten Jaffar Mulassa; am meisten aber lernte ich wie immer durch Gespräche mit den unmittelbar betroffenen Menschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Abi-Saab, G.: &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964.&#039;&#039; Oxford 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alden, C.: &#039;&#039;China in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alpers, E. A.: &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa.&#039;&#039; London 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Les violations des droits de l&#039;homme au Zaïre.&#039;&#039; Brüssel 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Zaïre: dossier sur l&#039;emprisonnement politique et commentaires des autorités.&#039;&#039; Paris 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: »Democratic Republic of Congo: Acts of political repression on the increase«, in: AI &#039;&#039;Index&#039;&#039;: AFR 62/014/2006, 4. Juli 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Human Rights Defenders under Attack in the Demo­cratic Republic of Congo&#039;&#039;. Februar 2010, www.amnesty.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antipas, G.: &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antonissen, J./J. Weyn: &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039;. Canvas-documentaire 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Archer, J.: &#039;&#039;Congo: The Birth of a New Nation&#039;&#039;. Folkestone 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ASADHO: &#039;&#039;Les conditions de travail des congolais au sein de l&#039;entreprise chinoise&#039;&#039; CREC &#039;&#039;sont inacceptables!&#039;&#039; Jan. 2010, www.asadho-rdc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Asch, S.: &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre.&#039;&#039; Paris 1982&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ayad, C.: »Les sectes, sauve-qui-peut au Congo-Kinshasa«, in: &#039;&#039;Libération&#039;&#039;, 31. Januar 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bailey, H.: &#039;&#039;Travel and Adventures in the Congo Free State and its Big Game Shooting.&#039;&#039; London 1894.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Banque Centrale du Congo: &#039;&#039;La Banque Centrale du Congo: une rétrospective historique&#039;&#039;. Kinshasa 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barham, L./P. Mitchell: &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers.&#039;&#039; Cambridge 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batumike, C.: &#039;&#039;Une liberté de moins: témoignage de prison et autres rubriques&#039;&#039;. Langenthal 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Zaïre&#039;s hyperinflation, 1990-96. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 97/50, 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Overshooting and dollarization in the Democratic Republic of the Congo. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 03/105, 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Geldmacher. Das geheimste Gewerbe der Welt.&#039;&#039; Weinheim 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Moneymakers: The Secret World of Banknote Printing&#039;&#039;. Weinheim 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bentley, W. H.: &#039;&#039;Pioneering on the Congo.&#039;&#039; London 1900.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertoncelo, B./S. Bredeloup: The emergence of new African »trading posts« in Hong Kong and Guangzhou. &#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039; 1, 2007, chinaperspectives.revues.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berwouts, K.: &#039;&#039;Un semblant d&#039;état en état de ruine&#039;&#039;. Internes Dokument EurAc, 27. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bézy, F./J.-P. Peemans/J.-M. Wautelet: &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; I&#039;&#039;: 1890-1920.&#039;&#039; Brüssel 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; II&#039;&#039;: 1920-1945&#039;&#039;. Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal, E.: Zaïre: rapport over zijn internationale financiële credibiliteit (»Le rapport Blumenthal et annexes«). &#039;&#039;Info Zaïre&#039;&#039; 36, 1982, S. 3-15.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bodomo, A.: »The African trading community in Guangzhou: an emerging bridge for Africa-China relations«, in: &#039;&#039;The China Quarterly&#039;&#039; (2010), 203, S. 693-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boehme, O.: »The involvement of the Belgian Central Bank in the Katanga secession, 1960-1963«, in: &#039;&#039;African Economic History (&#039;&#039;2005), 33, S. 1-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boel, S.: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de con­trole op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039;. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Vrije Universiteit Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boelaert, E./H. Vinck/C. Lonkama: »Témoignages africains de l&#039;arrivée des premiers blancs aux bords des rivières de l&#039;Equateur«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria (&#039;&#039;1995), 16, S. 36-117.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039;. Brüssel 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in: V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier.&#039;&#039; Paris 1980, S. 591-610.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boone, O.: &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Tervuren 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Booven, H. van: &#039;&#039;Tropenwee&#039;&#039;. Amsterdam 1913 (Erstausgabe 1904).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bosschaerts, D.: &#039;&#039;Herinneringen aan Congo: ambtenaar in Boma (1904-1907)&#039;&#039;. Antwerpen 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bourla Errera, M.: &#039;&#039;Moïse Levy: un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039;. Brüssel 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bouvier, P.: &#039;&#039;L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance: essai d&#039;analyse sociologique&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;De dinosaurus: het Zaïre van Mobutu&#039;&#039;. Berchem 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Les nouveaux prédateurs: politique des puissances en Afrique&#039;&#039;. Paris 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: »Les amis chinois du Congo«, in: &#039;&#039;Manière de voir&#039;&#039; (2010), Dez. 2009 – Jan. 2010, S. 52-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C./M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame: &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039;. Brüssel 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braekman, E. M.: &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo.&#039;&#039; Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brausch, G.: &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039;. London 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, E.: »L&#039;Eglise catholique et la rébellion au Zaïre (1964-1967)«, in: &#039;&#039;Les cahiers du cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8, S. 61-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, R./J.-L. Moreau: &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039;. Tielt 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brousmiche, P.: &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campgne&#039;&#039;. Tournai 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brower, A. (Hg.): &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction.&#039;&#039; Oxford 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruijn, M. de/R. van Dijk/D. Foeken (Hg.): &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039;. Leiden 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buana Kabue: &#039;&#039;L&#039;expérience zaïroise: du casque colonial à la toque de léopard&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buch, P./J. Vanderlinden: &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039;. Brüssel 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buelens, F.: &#039;&#039;Congo 1885-1960: Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039;. Ber­chem 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bureau du Président de la République: &#039;&#039;Profils du Zaïre&#039;&#039;. Kinshasa [1972].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buyse, A.: &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039;. Groot-Bijgaarden 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Callaghy, T.: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039;. New York 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Campbell, K.: »800 Chinese state-owned enterprises active in Africa, covering every country«, in: &#039;&#039;Mining Weekly&#039;&#039;, 28. September 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Caprasse, P.: &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carrington, J. F.: &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carton de Wiart, H.: &#039;&#039;Mes vacances au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1923.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catherine, L.: &#039;&#039;Manyiema, de enige oorlog die België won&#039;&#039;. Antwerpen 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catteeuw, K.: »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 153-169.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cattier, F.: &#039;&#039;Etude sur la situation de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1906.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cayen, A.: &#039;&#039;Au service de la colonie.&#039;&#039; Brüssel 1938.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: &#039;&#039;Congo Made in Flanders? Koloniale Vlaamse visies op ›blank‹ en ›zwart‹ in Belgisch-Congo.&#039;&#039; Gent 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: »Een Congolese kolonie in Brussel«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 231-250.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chalux: &#039;&#039;Un an au Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039;. Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé J.: &#039;&#039;Mobutu, guide suprême&#039;&#039;. Brüssel 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Mobutu of de opgang van een sergeant-hulpboekhouder tot Opperste Leider van Zaïre&#039;&#039;. Antwerpen 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Clark, J. F.: &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Close, W. T.: &#039;&#039;Beyond the Storm: Treating the Powerless and the Powerful in Mobutu&#039;s Congo/Zaire&#039;&#039;. Marbleton 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Comhaire-Sylvain, S.: &#039;&#039;Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui&#039;&#039;. Paris 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Connah, G.: &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Convents, G.: &#039;&#039;Images&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039;. Leuven 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Coquery-Vidrovitch, C./A. Forest/H. Weiss (Hg.): &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Corneille, A.: &#039;&#039;Le syndicalisme au Katanga&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;Katanga: le Katanga avant les Belges&#039;&#039;. Brüssel 1944.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool.&#039;&#039; Brüssel 1947.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornevin, R.: &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville).&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Couttenier, M.: &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1959: documents belges et africains&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1960&#039;&#039; (2 vols + annex). Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Abako 1950-1960: documents.&#039;&#039; Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1962.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1963.&#039;&#039; Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1964.&#039;&#039; Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1965.&#039;&#039; Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1966.&#039;&#039; Brüssel 1967.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1967.&#039;&#039; Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cros, M.-F./F. Misser: &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039;. Brüssel 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Crowder, M.: »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975&#039;&#039;. Cambridge 1984, S. 8-51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dahle Huse, M./S. L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039;. (2008) www.afrika.no.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danniau, F.: &#039;&#039;»Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039;. Unpublizierte Arbeit, Universität Gent 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davidson, A. B./A. F. Isaacman/R. Pélissier: »La politique et le nationalisme en Afrique centrale et méridionale, 1919-1935«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous la domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 721-760.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davis, J. M.: &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039;. London 1933.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daye, P.: &#039;&#039;Congo et Angola&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Backer, M. C. C: &#039;&#039;Notes pour servir à l&#039;étude des ›groupements politiques‹ à Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959 (3 Bde., Typoskript).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F./M.-F. Plissart: &#039;&#039;Kinshasa: Tales of the Invisible City.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »On being shege in Kinshasa: children, the occult and the street«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 155-173.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »The apocalyptic interlude: revealing death in Kinshasa«, in: &#039;&#039;African Studies Review&#039;&#039; 48 (2005), 2, S. 11-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Debroux, L./T. Hart/D. Kalmowitz/A. Karsenty/G. Topa (Hg.): &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo: Analysis of a Priority Agenda.&#039;&#039; (2007) www.cifor.cgiar.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Craemer, W./R. C. Fox: &#039;&#039;The Emerging Physician: A Sociological Approach to the Development of a Congolese Medical Profession&#039;&#039;. Stanford 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Dorlodot, P.: &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039;. Paris 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Herdt/T. u. S. Marysse: »La réinvention du marché par le bas: circuits monétaires et personnes de confiance dans les rues de Kinshasa«, in: G. de Villers/B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dehoux, E.: &#039;&#039;L&#039;Afrique centrale à la croisée des chemins: un reportage critique&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Jonghe, E.: »L&#039;activité ethnographique des Belges au Congo«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société d&#039;Etudes coloniales&#039;&#039; 15 (1908), 4, S. 283-308.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C.: &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039;. Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C./J. Lagae: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039;. Tielt 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delannoo, E.: »Het kortstondige verhaal van het Kongolese Vrijwilligers­korps«, in: &#039;&#039;Shrapnel&#039;&#039;, Juni 2006, S. 49-52.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy A. M.: &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039;. Berchem 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II. Antwerpen 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (2 Bde.). Berchem 1992-1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delcommune, A.: &#039;&#039;Le Congo, la plus belle colonie du monde.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Liedekerke, C./Y. Muller: &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delpierre, G.: »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire«, in: &#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis 32&#039;&#039; (2002), 3-4, S. 351-381.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delval, N.: &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; Leuven 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dembour, M.-B.: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039;. New York 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039;. Amsterdam 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;Kuvuande Mbote: een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039;. Antwerpen 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Monstelle, A.: &#039;&#039;La débâcle du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demunter, P.: &#039;&#039;Luttes politiques au Zaïre: le processus de politisation des masses rurales du Bas-Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dendooven, D./P. Chielens: &#039;&#039;Wereldoorlog&#039;&#039; I&#039;&#039;: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039;. Tielt 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen, C.: »Les traités de Stanley et de ses collaborateurs avec les chefs africains, 1880-1885«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 77-146.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen/C. u. F. Balace: »Abyssinie 41: du mirage à la victoire«, in: F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte.&#039;&#039; Brüssel 1992, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Depaepe, M./J. Briffaerts/P. Kita Kyankenge Masandi/H. Vinck: &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039;. Leuven 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrick, J.: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039;. London 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint-Moulin, L.: »La population du Congo pendant la Second Guerre mondiale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Croissance de Kinshasa et transformations du réseau urbain de la République du Congo depuis l&#039;indépendance«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Villes d&#039;Afrique: explorations en histoire urbaine.&#039;&#039; Paris 2007, S. 41-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Analyse du paysage sociopolitique à partir du résultat des élections de 2006«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 49-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des Forges, Alison: &#039;&#039;Kein Zeuge darf überleben.&#039;&#039; Hamburg 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Valon, A.: Mission de renforcement des capacités du Commissariat de District de l&#039;Ituri. Unveröffentlichtes Typoskript, Bunia 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devisch, R.: »Frenzy, violence, and ethical renewal in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Public Culture&#039;&#039; 7 (1995), S. 593-629.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.): &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila (août 1998-janvier 2001).&#039;&#039; Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;De la guerre aux élections: l&#039;ascension de Joseph Kabila et la naissance de la Troisième République (janvier 2001-août 2008)&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./J. Omasombo Tshonda: »An intransitive transition«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy (&#039;&#039;2002), &#039;&#039;93/94,&#039;&#039; S. 399-410.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devlin, L.: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039;. New York 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, L./E. Gerard/P. Raxhon/J. Gérard-Libois: &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, P.: &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039;. Paris 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Waele, J.: »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo«, in: &#039;&#039;Militaria Belgica (&#039;&#039;2007/08), S. 107-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039;. Leuven 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise&#039;&#039;. Leipzig 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diallo, S.: &#039;&#039;Zaire Today&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diangienda Kuntima, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039;. Châtenay-Malabry 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: »De la surpolitisation à l&#039;&#039;&amp;lt;nowiki/&amp;gt;&#039;&#039;&#039;antipolitique, quelques remarques en marge de l&#039;histoire du mouvement ouvrier à l&#039;Unoin minière du Haut-Katanga (UMHK) et à la Gécamines, 1920-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 184-199.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999).&#039;&#039; Lubumbashi 2001a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997.&#039;&#039; Paris 2001b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Le travail hier et aujourd&#039;hui: mémoires de Lubumbashi.&#039;&#039; Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doucy, A./P. Feldheim: &#039;&#039;Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff, V.: &#039;&#039;L&#039;évolution de l&#039;agriculture indigène dans la zone de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1954.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dujardin, V./V. Rosoux/T. de Wilde d&#039;Estmael (Hg.): &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Early, G. (Hg.): &#039;&#039;Speech and Power: The African-American Essay and its Cultural Content from Polemics to Pulpit&#039;&#039; (2 Bde.). Hopewell 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Efinda, E.: &#039;&#039;Grand Lacs: sur les routes malgré nous!&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ekanga Botombele, B.: &#039;&#039;La politique culturelle en République du Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039;. Canal plus-documentaire (2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039;. ARTE-documentaire (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emizet, K. N. F: &#039;&#039;Zaire after Mobutu: A Case of Humanitarian Emergency&#039;&#039;. Helsinki 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emongo Lomomba: »Le ›Blanc-belge‹ au Congo: entretien avec Lomami Tshibamba«, in: &#039;&#039;Zaïre 1885-1985: cent ans de regards croisés.&#039;&#039; Brüssel 1985, S. 135-147.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Engels, D./B. Van Peel: &#039;&#039;Boyamba Belgique&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergo, A.-B.: &#039;&#039;Congo belge: la colonie assassinée&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esgain, N.: »Scènes de la vie quotidienne à Elisabethville dans les années vingt«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 57-60.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esposito, R. F.: &#039;&#039;Anuarite, vierge et martyre zaïroise&#039;&#039;. Kinshasa 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Congolese children at the Congo House in Colwyn Bay (North Wales, Great-Britain), at the end of the 19th century«, in: &#039;&#039;Afrika Focus&#039;&#039; 3 (1987), S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Arbeidersopstanden en het ontstaan van inlandse syndicaten: de houding van de Katholieke Kerk (1940-1947), in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999a) 2, S. 67-111.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039;. Tielt 1999b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960)&#039;&#039;. Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eyskens, G.: &#039;&#039;De memoires&#039;&#039;. Tielt 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039;. Evanston 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Language and Colonial Power: The Appropriation of Swahili in the Former Belgian Congo, 1880-1938.&#039;&#039; Cambridge 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire.&#039;&#039; Berkeley 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa.&#039;&#039; Berkeley 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas&#039;&#039;. München 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039;. Brüssel 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: »African associations in Elisabethville, 1910-1935: their origins and development«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974), S. 205-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;The Creation of Elisabethville, 1910-1940&#039;&#039;. Stanford 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Feuchaux, L.: »Vie coloniale et faits divers à Léopoldville (1920-1940)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 71-101.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fierlafyn, L.: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039;. Brüssel 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flament, F.: &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foden, G.: &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foire Internationale d&#039;Elisabethville: &#039;&#039;Elisabethville 1911-1961&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forbath, P.: &#039;&#039;The River Congo: The Discovery, Exploration and Exploitation of the World&#039;s Most Dramatic River.&#039;&#039; New York 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fox, R. C./W. De Craemer/J.-M. Ribeaucourt: »La deuxième indépendance: étude d&#039;un cas, la rébellion au Kwilu«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 1, S. 1-35.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix.&#039;&#039; Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Quand le pluralisme déraille: images et manipulations télévisuelles à Kinshasa«, in: &#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 20. November 2007, www.africultures.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Appui au secteur des médias: quel bilan pour quel avenir?«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RCD&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 191-210.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frères Maristes: &#039;&#039;Buku na kutanga o lingala (Livre de lecture en lingala).&#039;&#039; Lüttich 1927, www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gann, L. H./P. Duignan: &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039;. Princeton 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Le droit électoral au Congo belge: status des villes et des communes&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Congo, mei-juni 1960&#039;&#039;. O. O. 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Garbin, D./Wa Gamoka Pandu: &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039;. London 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gast, L.: &#039;&#039;When we were kings&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Los Angeles 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gbabendu Engunduka, A./E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire vers la conférence nationale&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geenen, K.: »›Sleep occupies no space‹: the use of public space by street gangs in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the African International Institute&#039;&#039; 79 (2009), 3, S. 347-368.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geernaert, J.: &#039;&#039;Congophilie: solution de la question coloniale belge&#039;&#039;. Brüssel o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Binza 10: De eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039;. Gent 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Mobutu: de man van Kamanyola&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geldof, J.: &#039;&#039;Belgisch-Congo&#039;&#039;. Brügge 1937 (2. Aufl.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard, J. E.: &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039;. Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard-Libois, J.: &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ghilain, J.: &#039;&#039;Le revenu des populations indigènes du Congo-Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giovannoni, M./T. Trefon/J. Kasongo Banga/C. Mwema: »Acting on behalf (and in spite) of the state: NGOs and civil society associations in Kinshasa«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004, S. 99-115.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Global Witness: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC. Juni 2005, www.globalwitness.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goffin, L.: &#039;&#039;Le chemin de fer du Congo (Matadi – Stanley-Pool)&#039;&#039;. Brüssel 1907.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »Unies pour le meilleur et le pire. Femmes africaines et villes coloniales: une histoire du métissage«, in: &#039;&#039;Clio. Histoire, femmes et sociétés&#039;&#039; 6 (1997a), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://clio.revues.org/index377.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039;. Paris 1997b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »La contestation politique des jeunes à Kinshasa à travers l&#039;exemple du mouvement ›kindoubill‹ (1950-1959)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 171-183.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gould, D. J.: &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire.&#039;&#039; New York 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gourou, P.: &#039;&#039;La densité de la population rurale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1955.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Govaerts, B.: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 1 (2009), S. 59-77.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grévisse, F.: &#039;&#039;Le centre extra-coutumier d&#039;Elisabethville: quelques aspects de la politique indigène du Haut-Katanga industriel&#039;&#039;. Brüssel 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guebels, L.: &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951&#039;&#039;. Gembloux 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;De Afrikaanse droom: de revolutionaire dagboeken uit de Kongo 1965-1966&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;Der afrikanische Traum. Das wieder aufgefundene Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo.&#039;&#039; Köln 2000, 4. Auflage 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habran, L.: &#039;&#039;Coup d&#039;oeil sur le problème politique et militaire du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Markings&#039;&#039;. London 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des&#039;&#039; UN&#039;&#039;-Generalsekretärs&#039;&#039;. Stuttgart 2011.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B.: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039;. Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B./F. Mushi Mugumo/N. Yambayamba Shuku: &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harden, B.: »A black mud from Africa helps power the new economy«, in: &#039;&#039;New York Times&#039;&#039;, 12. August 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harms, R. W.: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039;. New Haven 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hawker, G.: &#039;&#039;The Life of George Grenfell: Congo Missionary and Explorer&#039;&#039;. London 1909.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: »The uranium negotations of 1944«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 253-284.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039;. Princeton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hemmens, H. L.: &#039;&#039;George Grenfell, Master Builder of Foundations&#039;&#039;. London 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hibbert, C.: &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Higginson, J.: &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039;. Madison 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilton, A.: &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039;. Oxford 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;De geest van koning Leopold II en de plundering van de Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen.&#039;&#039; Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoebeke, H./H. Boshoff/K. Vlassenroot: »Monsieur le Président, vous n&#039;avez pas d&#039;armée . . .«: La réforme du secteur de sécurité vue du Kivu, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 119-137.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoskyns, C.: &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Case Studies in African Diplomacy 1). Daresssalam 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers à Kisangani, juin-juillet-août 1972&#039;&#039;. O. O. 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers, nutrition et mode de vie à Kinshasa&#039;&#039;. Kinshasa 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Herinneringen aan de oorlog«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 587-595.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Marie aux Léopards: quelques souvenirs historiques«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria&#039;&#039; 11 (1990), S. 433-435.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997a: &#039;&#039;What Kabila is Hiding: Civilian Killings and Impunity in Congo&#039;&#039;. Oktober 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997b: &#039;&#039;Uncertain Course: Transition and Human Rights Violations in the Congo&#039;&#039;. Dezember 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2000: &#039;&#039;Eastern Congo Ravaged: Killing Civilians and Silencing Protest&#039;&#039;. Mai 2000, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2001: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: Fuelling Political and Ethnic Strife&#039;&#039;. März 2001, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002a: &#039;&#039;The War within the War: Sexual Violence against Women and Girls in Eastern Congo&#039;&#039;. Juni 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002b: &#039;&#039;War Crimes in Kisangani: The Response of Rwandan-backed Rebels to the May 2002 Mutiny&#039;&#039;. August 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2003: &#039;&#039;Ituri »covered in blood«: ethnically targeted violence in northeastern&#039;&#039; DR &#039;&#039;Congo&#039;&#039;. Juli 2003, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2004: &#039;&#039;D. R. Congo: war crimes in Bukavu&#039;&#039;. Juni 2004, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2005: &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039;. Juni 2005, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008a: &#039;&#039;»We will crush you«: The Restriction of Political Space in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. November 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008b: &#039;&#039;Killings in Kiwanja.&#039;&#039; Dezember 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hunt, N. R.: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039;. Durham 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Huybrechts, A./V. Y. Mudimbe/L. Peeters/J. Vanderlinden/D. Van Der Steen/B. Verhaegen: &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980: essai de bilan&#039;&#039;. Brüssel [1980].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ikembana, P.: &#039;&#039;Mobutu&#039;s totalitarian political system: an Afrocentric analysis&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilosono Bekili B&#039;Inkonkoy: &#039;&#039;L&#039;épopée du 24 novembre: témoignage&#039;&#039;. Kinshasa 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilunga Mpunga, D.: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inforcongo: &#039;&#039;Belgisch-Congo en Ruandi-Urundi: reisgids&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2007: &#039;&#039;Congo: Consolidating the Peace&#039;&#039;. Juli 2007, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009a: &#039;&#039;Congo: Five Priorities for a Peacebuilding Strategy&#039;&#039;. Mai 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009b: &#039;&#039;A Comprehensive Strategy to Disarm the&#039;&#039; FDLR. Juli 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Rescue Committee 2007: &#039;&#039;Mortality in the Democratic Republic of Congo: An Ongoing Crisis&#039;&#039;. Januar 2007, www.theirc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;European Companies and the Coltan Trade: an update&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Network War: An Introduction to Congo&#039;s Privatised War Economy.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008a: &#039;&#039;The Congo wants to raise the profits of its mining sector&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008b: &#039;&#039;Mapping Conflict Motives: eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2009: &#039;&#039;The Impact of the Global Financial Crisis in Katanga&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isaacman, A./J. Vansina: »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 191-216.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jadin, L.: »Les sectes réligieuses sécrètes des Antoniens au Congo, 1703-1709«, in: &#039;&#039;Cahiers des religions africaines&#039;&#039; 2 (1968), S. 113-120.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssen, P.: &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: »Rapport de la Commission d&#039;Enquête«, in: &#039;&#039;Bulletin officiel de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039; 21 (1905), 9-10, S. 135-287.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Histoire de la Force Publique&#039;&#039;. Brüssel 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039;. Brüssel 1982-1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeal, T.: &#039;&#039;The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle«, in: &#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039; 10 (1976), 1, S. 47-71.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Political consciousness among African peasants in the Belgian Congo«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy&#039;&#039; 7 (1980), 19, S. 23-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Mémoire collective et passé récent dans les discours historiques populaires zaïrois«, in: B. Jewsiewicki/ H. Moniot (Hg.), &#039;&#039;Dialoguer avec le léopard.&#039;&#039; Paris 1988, S. 218-68.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B. (Hg.): &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B./Kilola Lema/J.-L. Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 155-188.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johnston, H.: &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039;. London 1908.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Das schwarze Herz Afrikas. Meine erste Reise in den Kongo.&#039;&#039; München 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Der Tanz des Leoparden. Mein afrikanisches Tagebuch.&#039;&#039; München 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Die Stunde der Rebellen. Begegnungen mit dem Kongo.&#039;&#039; München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jorissen, F.: &#039;&#039;Dagboek van een koloniaal: herinneringen van Belgisch Kongo 1953-1960&#039;&#039;. Hasselt 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jourdan, L.: »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«, in: K. Vlassenroot/T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRG. Gent 2004, S. 157-176.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joye, P./R. Lewin: &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julien, P.: &#039;&#039;Pygmeeën: vijfentwintig jaar dwergen-onderzoek in Equatoriaal Afrika&#039;&#039;. Amsterdam 1953.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala/Kalonji Nsenga/Itimelongo Titi: »Les mésures de démonétisation du 25 décembre 1979 au Zaïre: impacts et conséquences probables«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 20 (1980), 144, S. 197-214.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala F./Matata Ponyo: &#039;&#039;L&#039;espace monétarie kasaïen: crise de légitimité et de souveraineté monétaire en période d&#039;hyperinflation au Congo (1993-1997)&#039;&#039;. Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kadima-Nzuji, M.: &#039;&#039;La littérature zaïroise de langue française (1945-1965)&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalb, M.: &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039;. New York 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalonga, A.: &#039;&#039;Le mal zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalulambi Pongo, M.: »Le ndombolo du Seigneur: itinéraires et logiques des musiques religieuses en Afrique centrale«, in: &#039;&#039;Rupture-Solidarité&#039;&#039; 5 (2004), S. 47-67.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu, C.: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039;. Paris 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu-Massamba, C.: &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T. R.: &#039;&#039;Propos d&#039;un congolais naïf&#039;&#039;. Brüsssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T.: &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039;. Baltimore 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaoze, S.: »La psychologie des Bantu«, in: &#039;&#039;La revue Congolaise&#039;&#039; 1 (1910), S. 406-437.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kelly, S.: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039;. Washington DC 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kennes, E.: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;André Ryckmans&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile.&#039;&#039; Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kibari Nsanga, R.: &#039;&#039;Mouvements »anti-sorciers« dans les Provinces de Leopolville [sic] et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039;. Unveröffentlichtes Typoskript, Kikwit 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimoni Iyay: »Kikwit et son destin: aperçu historique et sociologique«, in: &#039;&#039;Pistes et Recherches: revue scientifique&#039;&#039; 5 (1990), S. 155-182.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisangani, E. F./F. S. Bobb: &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo.&#039;&#039; Lanham 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisobele Ndontoni, N.: &#039;&#039;Mot de Circonstance des Anciens Combattants 40-45.&#039;&#039; Unveröffentlichte Rede, Kinshasa, 11. November 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klein, W. C.: &#039;&#039;De Congolese elite.&#039;&#039; Amsterdam 1957&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039;. Brüssel 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Labrique, J.: &#039;&#039;Congo politique&#039;&#039;. Léopoldville 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
La Fontaine, J. S.: &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039;. Cambridge 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J.: &#039;&#039;Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039;. Gent 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J./T. de Keyser/J. Vervoort: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofdstad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039;. CD-ROM, Gent 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lanotte, O.: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laude, N.: &#039;&#039;La délinquance juvénile au Congo belge et au Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lauro, A.: &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039;. Loverval 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lemarchand, R.: &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039;. Philadelphia 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, C.: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039;. Paris 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, H.: »Le rôle économique du diamant dans le conflit congolais«, in: Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre.&#039;&#039; Tervuren 2003, S. 47-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lefebvre, V.: &#039;&#039;La Belgique et le Congo au milieu du&#039;&#039; XXe &#039;&#039;siècle&#039;&#039;. Charleroi 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Legum, C.: &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide.&#039;&#039; New York 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leslie, W. J.: &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039;. Boulder 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leysen, L.: &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;. ARD-Dokumentarfilm 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Libotte, B.: &#039;&#039;Droeven J.: de eerste kleurling in het Belgische leger&#039;&#039;. O. J., http:/users.telenet.be/ABL1914/Droeven.htm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Li, Z./D. Xue/M. Lyons/A. Brown: &#039;&#039;Ethnic enclave of transnational migrants in Guangzhou: a case study of Xiaobei&#039;&#039;. (2007) asiandrivers.open.ac.uk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Loka-ne-Kongo: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039;. Kinshasa 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lubabu Mpasi-A-Mbongo/Musangi Ntemo: »Histoire du MPR«, in: Sakombi Inongo (Hg.): &#039;&#039;Mélanges pour une révolution.&#039;&#039; Kinshasa 1987, S. 35-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumenganeso, A.: »Stedelijk vervoer in Leopoldstad: de gyrobus«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 108f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lyons, M.: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northe­rn Zaire, 1900-1940.&#039;&#039; Cambridge 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, W.: &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039;. Chicago 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, J.: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire: The Contribution of Smuggling and Other Unofficial Activities to National Wealth&#039;&#039;. London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039;. Amsterdam 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Der Kampf.&#039;&#039; München 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makulo Akambu: &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu.&#039;&#039; Kinshasa 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Malu-Malu, J.-J.: &#039;&#039;Le Congo Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mamdani, M.: &#039;&#039;When Victims Become Killers: Colonialism, Nativism and the Genocide in Rwanda&#039;&#039;. Princeton 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mantels, R.: &#039;&#039;Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039;. Leuven 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manya K&#039;Omalowete: »Utilisation des procédés d&#039;initiation et d&#039;immunisation à caractère magique par le mouvement Simba«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus cedaf&#039;&#039; 7-8 (1986), S. 87-112.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maquet-Tombu, J.: &#039;&#039;Le Siècle marche . . . Vie du chef congolais Lutunu&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;. en de Kongostaat.&#039;&#039; Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039;. Borgloon 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039;. Tervuren 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: »Kritische bedenkingen bij de controverses over Leopold II en Congo in de literatuur en de media«. in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 45f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marres, J./P. De Vos: &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Leopold to Lumumba: A History of the Belgian Congo 1877-1960&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. London 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, G.: »Congolese trade unionism: the colonial heritage«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 129-149.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039;. Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039;. Berchem 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin, M.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039;. Lausanne 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./C. André: »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2000-2001 (&#039;&#039;2001), S. 307-332.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./S. Geenen: »Les contrats chinois en RDC: l&#039;impérialisme rouge en marche?«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2007-2008 (2008), S. 287-313.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Maximy, R.: &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens: dynamique de la croissance et pro­blèmes d&#039;urbanisme: étude socio-politique&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McBrearty, S./A. S. Brooks: »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, in: &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000), S. 453-563.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McCrummen, S.: »Nearly forgotten forces of WW II«, in: &#039;&#039;Washington Post&#039;&#039;, 4. August 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McLynn, F.: &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa.&#039;&#039; London 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meeuwis, M.: »Buntungu&#039;s ›Mokingi mwa Mputu‹: a Boloki perception of Europe at the end of the 19th century«, in: LPCA &#039;&#039;Text Archives&#039;&#039; 1 (1999), www2.fmg.uva.nl/lpca/textarchives/buntungu.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mende Omalanga, L./Tshilenge wa Kabamb: &#039;&#039;Rapport sur les Biens Mal Acquis&#039;&#039;. Kinshasa 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mendiaux, E.: &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mercader, J.: »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in: J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests.&#039;&#039; New Brunswick 2003, S. 93-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meredith, M.: &#039;&#039;The State of Africa: A History of Fifty Years of Independence&#039;&#039;. London 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merlier, M.: &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens, M.: Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s. Unveröffentlichter Vortrag, Leipzig 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meyers, J.: &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039;. Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michaux, O.: &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039;. Namur 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S.: &#039;&#039;Uhuru Lumumba&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S./M. Beuret: &#039;&#039;La Chinafrique: Pékin à la conquête du continent noir.&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Zaïre, le cycle du serpent&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Congo River&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minani, R.: &#039;&#039;2010, année charnière: bref aperçu de la situation sociopolitique&#039;&#039;. 19. Februar 2010, www.rodhecic.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu Sese Seko: »Discours du 30 novembre 1973 devant le Conseil Législatif National«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1973, S. 229-269.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokoko Grampiot, A.: &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Réponse à Pierre De Vos au sujet de »Viet et mort de Lumumba«&#039;&#039;. Antwerpen 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.): &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muambi, A.: &#039;&#039;Democratie kan je niet eten: reisverslag van een verkiezingswaarnemer&#039;&#039;. Amsterdam 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mumengi, D.: &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Munayi Muntu-Monji: »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 119 (1977), S. 555-573.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mutamba Makombo Kitashima, J.-M.: &#039;&#039;Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960&#039;&#039;. Kinshasa 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muzito, A.: &#039;&#039;Les années des nationalistes au pouvoir en chiffres&#039;&#039;. Unveröffentlichte PowerPoint-Präsentation des Premierministers, Kinshasa 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mvumbi Ngolu Tsasa: »›Révolution‹ sexuelle, intention éthique et ordre politique«, in: Assocation des Moralistes Zaïrois (Hg.), &#039;&#039;Crise morale et vie économique au Zaïre.&#039;&#039; Kinshasa 1986, S. 65-72.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwabila Malela: &#039;&#039;Travail et travailleurs au Zaïre: essai sur la conscience ouvrière du prolétariat urbain de Lubumbashi&#039;&#039;. Kinshasa 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039;. Québec 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;L&#039;histoire générale du Congo: de l&#039;héritage ancien à la République Démocratique&#039;&#039;. Paris 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: »Identité congolaise contemporaine du prénom écrit au prénom oral«, in: M. Quaghebeur (Hg.), &#039;&#039;Figures et paradoxes de l&#039;histoire au Burundi, au Congo et au Rwanda&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2002, S. 766-779.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nelson, S.: &#039;&#039;Colonialism in the Congo Bassin, 1880-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Newbury, M. C.: »Ebutumwa Bw&#039;Emiogo, the tyranny of cassava: a women&#039;s tax revolt in Eastern Zaïre«, in: &#039;&#039;Canadian Journal of African Studies&#039;&#039; 18 (1984), 1, S. 35-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngalamulume Nkongolo, M.: &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039;. Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngbanda Nzambo, H.: &#039;&#039;Crimes organisés en Afrique Centrale: Révélations sur les réseaux rwandais et occidentaux&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nguza Karl I Bond: &#039;&#039;Mobutu ou l&#039;incarnation du Mal Zaïrois&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
NIZA: &#039;&#039;The State vs. the People: Governance, Mining and the Transitional Regime in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nlandu-Tsasa, C.: &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in: H. Médard/S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa.&#039;&#039;Oxford 2007, S. 111-123.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzeza Bilakila, A.: »The Kinshasa bargain«, in : T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 20-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G. (Hg.): &#039;&#039;The Crisis in Zaire: Myths and realities&#039;&#039;. Trenton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G.: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzula, A. T./I. I. Potekhin/A. Z. Zusmanovich: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039;. London 1979 (russische Erstausgabe 1933).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Olinga, L.: »La victoire en chantant«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 7. März 2006, www.jeuneafrique.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956.&#039;&#039; Tervuren 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960.&#039;&#039; Tervuren 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paice, E.: &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pain, M.: &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pakenham, T.: &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912.&#039;&#039; London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pardigon, V.: »L&#039;U.R.S.S«, in: A. Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge.&#039;&#039; Brüssel 1961, S. 59-92.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paulus, J.-P.: &#039;&#039;Congo 1956-1960&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pauwels-Boon, G.: &#039;&#039;L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960&#039;&#039;. Tervuren 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peemans, J.-P.: »Zaïre onder het Mobutu-regime: grote stappen in de ekonomische en sociale ontwikkeling«, in: J. Devos/J.-P. Peemans/R. Renard/E. Vervliet/J. C. Willame (Hg.), &#039;&#039;Wederzijds: de toekomst van de Belgisch-Zaïrese samenwerking.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 16-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Perrings, C.: &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039;. London 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon, L. A.: &#039;&#039;Récit: Congo 1929-1958&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Picard, E.: &#039;&#039;En Congolie.&#039;&#039; Brüssel 1896.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poddar, P./R. S. Patke/L. Jensen (Hg.): &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires.&#039;&#039; Edinburgh 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poel, I. van der: &#039;&#039;Congo-Océan: un chemin de fer colonial controversé&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pole Institute: &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039;. Goma 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poncelet, M.: &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pons, V.: &#039;&#039;Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Admini­s­tration&#039;&#039;. Oxford 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Popovitch, M. D./F. De Moor: &#039;&#039;Eza Congo: photographes de&#039;&#039; RDC&#039;&#039;.&#039;&#039; Roeselare 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poppe, G.: &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039;. Antwerpen 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poupart, R.: &#039;&#039;Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;The Rwanda Crisis: History of a Genocide&#039;&#039;. London 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Mak­ing of a Continental Catastrophe&#039;&#039;. Oxford 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Dancing for God or the Devil: pentecostal discourse on popular dance in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Religion in Africa&#039;&#039; 36 (2006), 3-4, S. 296-318.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Fighting boys, strong men and gorillas: notes on the imagination of masculinities in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the International African Institute&#039;&#039; 77 (2007), 2, S. 250-271.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »›We need to open up the country‹: development and the Christian key scenario in the social space of Kinshasa&#039;s teleserials«, in: &#039;&#039;Journal of African Media Studies&#039;&#039; 1 (2009a), 1, S. 101-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Media celebrity, charisma and morality in post-Mobutu Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Southern African Studies&#039;&#039; 35 (2009b), 3, S. 541-555.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »A historical analysis of Christian visual media in postcolonial Kinshasa«, in: &#039;&#039;Studies in World Christianity&#039;&#039; 15 (2009c), 2, S. 131-148.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Queuille, P.: &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039;. Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
RAID: &#039;&#039;Chinese Mining Operations in Katanga&#039;&#039;. September 2009, www.raid-uk.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raspoet, E.: &#039;&#039;Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ont­moeting op de evenaar.&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raymaekers, P./H. Desroche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Remilleux, J.-L.: &#039;&#039;Mobutu: Dignité pour l&#039;Afrique&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renson, R./C. Peeters: »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in: M. D&#039;hoker/R. Renson/J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw.&#039;&#039; Leuven 1994, S. 200-215.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renton, D./D. Seddon/L. Zeilig: &#039;&#039;The Congo: Plunder and Resistance&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reynaert, J.: &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo: hoe effectief is de&#039;&#039; VN&#039;&#039;-vredesmissie op het terrein?&#039;&#039; Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reyntjens, F.: &#039;&#039;De grote Afrikaanse oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039;. Antwerpen 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Riva, S.: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roberts, A. F.: »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of Southeastern Zaire«, in: L. Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa.&#039;&#039; Berkeley 1989, S. 176-207.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roes, A.: Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914. Unveröffentlichter Vortrag, Tervuren 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roussel, J.: &#039;&#039;Déontologie coloniale: consignes de vie et d&#039;action coloniales pour l&#039;élite des blancs et l&#039;élite des noirs&#039;&#039;. Leuven 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: »De naweeën van de oorlogsinspanning«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 579-585.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, A.: &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958: contribution à l&#039;étude de l&#039;Histoire du Congo&#039;&#039;. Kinshasa 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, P.: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039;. Brüssel 1948.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sadin, F.: &#039;&#039;La mission des jésuites au Kwango: notice historique&#039;&#039;. Kisantu 1918.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Dakar«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974a, S. 339-363.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Paris«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974b, S. 365-393.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: &#039;&#039;Mélanges pour une révolution&#039;&#039;. Kinshasa 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salmon, P.: &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039;. Brüssel 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schatzberg, M. G.: &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039;. Bloomington 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlögl, H. A.: &#039;&#039;Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra&#039;&#039;. München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schöller, A.: &#039;&#039;Congo 1959-1960: mission au Katanga, intérim à Léopoldville&#039;&#039;. Paris 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scholl-Latour, P.: &#039;&#039;Mord am großen Fluß. Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit.&#039;&#039; Stuttgart 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, I.: &#039;&#039;Tumbled House: The Congo at Independence&#039;&#039;. London 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, S. A.: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu: au cœur de la guerre congolaise&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Segal, R.: &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039;. New York 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sheriff, A.: &#039;&#039;Slaves, Spices &amp;amp; Ivory in Zanzibar&#039;&#039;. London 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sikitele Gize: »Les racines de la révolte Pende de 1931«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 99-153.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinatu Bolya, C.: &#039;&#039;Des sociétés d&#039;élegance aux mouvements d&#039;émancipation féministes&#039;&#039;. (2003) &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.mvca.be/_realisations/realisations_11.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinda, M.: &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039;. Paris 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Singleton-Gates, P./M. Girodias: &#039;&#039;The Black Diaries: An Account of Roger Casement&#039;s Life and Times with a Collection of his Diaries and Public Writ­ings.&#039;&#039; O. O. 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908.&#039;&#039; Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Smith, J.: &#039;&#039;Dinner with Mobutu: A Chronicle of my Life and Times&#039;&#039;. O. O. 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soete, G.: &#039;&#039;Het einde van de grijshemden: onze koloniale politie&#039;&#039;. Zedelgem 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sohier, J.: &#039;&#039;Essai sur la criminalité dans la province de Léopoldville: meurtres et infractions apparentées&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Souchard, V.: &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soudan, F.: »Kabila, l&#039;heure des choix«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 16. Dezember 2007, S. 26-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Zes jaren aan den Congo en de stichting van een nieuwen vrijen staat&#039;&#039; (2 Bde.). Amsterdam 1886.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Der Kongo und die Gründung des Kongostaates&#039;&#039; (2 Bde.). Leipzig 1885.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Through the Dark Continent&#039;&#039; (2 Bde.). London 1899 (Erstausgabe 1878).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Durch den dunklen Welttheil&#039;&#039;. Leipzig 1878.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stearns, J.: &#039;&#039;What is Obama doing for Congo?&#039;&#039; congosiasa.blogspot.com, 10. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Congo: mythes et réalités. Cent ans d&#039;histoire&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid«, in: G. Janssens/J. Stengers (Hg.), &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet.&#039;&#039; Brüssel 1997, S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers J./J. Vansina: »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in: R. Oliver/G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905.&#039;&#039; Cambridge 1985, S. 315-358.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stewart, G.: &#039;&#039;Rumba on the River: A History of the Popular Music of the two Congos&#039;&#039;. London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Die Schatten der Globalisierung.&#039;&#039; Berlin 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Storme, M.: &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strachan, H.: &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039;. Oxford 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strizek, H.: &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039;. Berlin 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Takizala, H. D.: »Situation de l&#039;enseignement durant la première législature«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 7 (1964), 8, S. 61-79.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tambwe, E./J.-M. Dikanga Kazadi (Hg.): &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tardieu, M.: &#039;&#039;Les Africains en France: de 1914 à nos jours&#039;&#039;. Monaco 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: »La philosophie de la rébellion«, in: &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039;, 31. August 1944 (fortgeführt in A. Rubbens: &#039;&#039;Dettes de guerre.&#039;&#039; Elisabethville 1945, S. 17-23).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantoe-Filosofie&#039;&#039;. Antwerpen 1946 [1945].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantu-Philosophie. Ontologie und Ethik.&#039;&#039; Heidelberg 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ter Haar, G.: &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039;. Philadelphia 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;The Africa Report&#039;&#039;, Dezember 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thieffry, E.: &#039;&#039;En avion de Bruxelles au Congo Belge: histoire de la première liaison aérienne entre la Belgique et sa colonie&#039;&#039;. Brüssel 1926.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thiel, H. van: &#039;&#039;Wij Ngombe: volk in Zaïre&#039;&#039;. Deurne 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tielemans, H.: &#039;&#039;Gijzelaars in Congo: overzicht van de dramatische gebeurtenissen in het missiegebied Isangi tijdens de Congolese rebellie, 4 augustus 1964 - 27 februari 1965&#039;&#039;. O. O. 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tilman, S.: »L&#039;implantation du scoutisme au Congo belge«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 103-140.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tokwaula Aena, B.: &#039;&#039;Tant que je vivrai, tu vivras&#039;&#039;. Kinshasa o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Travaux du Groupe d&#039;Etudes coloniales: »Les fermes-chapelles au point de vue économique et civilisateur«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société belge d&#039;Etudes Coloniales&#039;&#039; 5, 1912.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshibangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974) S. 275-311.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshimanga, C.: »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 189-204.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: &#039;&#039;Panorama de la poésie congolaise de langue française (Congo-Kinshasa): Poète ton silence est crime.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action«, in: &#039;&#039;L&#039;Africain&#039;&#039; 211 (Oktober-November 2003), S. 1-7.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turine, R. P.: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours.&#039;&#039; Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turner, T.: &#039;&#039;The Congo War: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UNESCO 2005: &#039;&#039;Promoting and preserving Congolese heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UN Security Council 2008: &#039;&#039;Final report of the Group of Experts on the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039;. S/2008/773.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Acker, G.: &#039;&#039;Een Vlaamsch geloofszendeling bij de Baloeba&#039;s in Congoland.&#039;&#039; O. O 1924.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Vers l&#039;indépendance du Congo et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Kraainem 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, A. A. J: &#039;&#039;L&#039;indépendance du Congo&#039;&#039;. Tournai 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: &#039;&#039;Het recht van de rijkste: Hebben andersglobalisten gelijk?&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: »Het roofdier, Mozes en de Chinezen«, in: &#039;&#039;Mo&#039;&#039;, Februar 2008, S. 28-33.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, J.: &#039;&#039;Pré-Zaïre: le cordon mal coupé&#039;&#039;. Brüssel 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, P.: &#039;&#039;Vijf en twintig jaren in de branding: Congo-Zaïre, november 1949-januari 1975&#039;&#039;. O. O. 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderkerken, G.: &#039;&#039;Les sociétés bantoues du Congo Belge et les problèmes de la politique indigène.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039;. Brüssel 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1981-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039;. Brüssel 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van der Smissen, E.: &#039;&#039;Léopold&#039;&#039; II &#039;&#039;et Beernaert, d&#039;après leur correspondance inédite de 1884 à 1894&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandersmissen, J.: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II. Gent 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise.&#039;&#039; Paris 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039;. Brüssel 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandewalle, G.: &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039;. Gent 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Dijck, H.: &#039;&#039;Rapport sur les violations des Droits de l&#039;Homme dans le Sud-Equa­teur du 15 Mars 1997 au 15 Septembre 1997&#039;&#039;. Unveröff. Bericht 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandommele, M.: &#039;&#039;Zaïre: buitenlandse belangen, binnenlandse pijnbank&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangansbeke, J.: »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Rood rubber: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en zijn Kongo&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Voor rubber en ivoor: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de ophanging van Stokes&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Lierde, J.: &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba.&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Overbergh, C.: &#039;&#039;Les nègres d&#039;Afrique&#039;&#039;. Brüssel 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Peel, B.: »Aux débuts du football congolais«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 141-187.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Reybrouck, D.: »Congo in de populaire cultuur«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009, S. 169-181.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039;. Léopoldville 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876.&#039;&#039; Brüssel 1976, S. 1-31.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa.&#039;&#039; Madison 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039;. Charlottesville 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: »Radioscopie van een kolonie: Belgisch-Congo 1908-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 9-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Congo: de impact van de kolonie op België.&#039;&#039; Tielt 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert I&#039;&#039;er&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche G.: »Belgian Congo during the First World War, as seen through the reports of Jules Renkin, minister of Colonies, to King Albert I, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Mededelingen der zittingen van de Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen,&#039;&#039; 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Wing, J.: &#039;&#039;Etudes Bakongo: sociologie, réligion et magie&#039;&#039;. Brügge 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Les bassins miniers de l&#039;ancien Congo Belge: essai d&#039;histoire économique et sociale (1900-1960)&#039;&#039;. Brüssel 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 495-523.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépedant du Congo«, in: &#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039; 16 (1984), 3-4, S. 671-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in: B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992, S. 171-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in: J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880.&#039;&#039;Paris 1996, S. 331-361.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation. Les sources. Vol.&#039;&#039; I&#039;&#039;: Fonds missionaires protestants (1). Alliance missionnaire suédoise&#039;&#039;. Brüssel 2005a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039;. Tervuren 2005b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: Contextes africains du projet colonial de Léopold II. Unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, P.: »Ik zeg het eerlijk: het was een prachtjob«, in: &#039;&#039;Humo&#039;&#039;, 26. Juli 2005, S. 32-37.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1966-1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Dix ans d&#039;indépendance«, in: &#039;&#039;Revue française d&#039;études politiques africaines&#039;&#039; 57 (1970), S. 17-25.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Etude sur la rébellion«, in: &#039;&#039;Mouvements nationaux d&#039;indép­endance et classes populaires.&#039;&#039; Paris 1971, S. 418-443.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza 1958-1978&#039;&#039;. Paris 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »La guerre vécue au Centre Extra-Coutumier de Stanleyville«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 439-493.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Conditions politiques et participation sociale à la rébellion dans l&#039;Est du Zaïre«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus&#039;&#039; CEDAF 7-8 (1986), S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039;. Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 113-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen B./C. Tshimanga: &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039;. Leuven 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vesse, A.: &#039;&#039;Note sur l&#039;évolution de l&#039;économie congolaise après l&#039;indépendance du pays&#039;&#039;. O. O. 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, in: &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-790.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese ›aanwezigheid‹ in de Belgische samenleving, 1908-1958.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »De religie van de prins: Leopold II, de Heilige Stoel, &#039;&#039;België en Kongo (1855-1909)&#039;&#039;«&#039;&#039;,&#039;&#039; in: V. Dujardin/V. Rosoux/T. de Wilde (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;, ongegeneerd genie? Buitenlandse politiek en kolonisatie.&#039;&#039; Tielt 2009, S. 143-164.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V./D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.): &#039;&#039;Congo in België: Koloniale cultur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vijgen, I.: &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Villafaña, F. R.: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039;. New Brunswick 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vinck, H.: &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; (2002), www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K.: »The promise of ethnic conflict: militarisation and enclaveformation in South Kivu«, in: D. Goyvaerts (Hg.), &#039;&#039;Conflict and Ethnicity in Central Africa.&#039;&#039; Tokyo 2000, S. 59-104.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./H. Romkema: »The emergence of a new order? Resources and War in Eastern Congo«, in: &#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance (&#039;&#039;2002), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.jha.ac/articles/a111.htm&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers: »Le conflit en Ituri«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2003-2004&#039;&#039; (2004), S. 207-233.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wamu Oyatambwe: &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: Avatars d&#039;une passation inopinée.&#039;&#039; Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A.: &#039;&#039;D&#039;Anvers à Bruxelles via le Lac Kivu: Le Congo vu par un socialiste&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A. (Hg.): &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H.: »L&#039;évolution des élites«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 5, S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H./B. Verhaegen (Hg.): &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Themennummer &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. Ithaca 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: »An extraordinary rendition«, in: &#039;&#039;Intelligence and National Security&#039;&#039; 25 (2010), 2, S. 198-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werbrouck, R.: &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie.&#039;&#039; Léopoldville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039;. Amsterdam 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Teile und herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880-1914.&#039;&#039; Stuttgart 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
White, B.W.: &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039;. Durham 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wild-Wood, E.: &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo.&#039;&#039; Leiden 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039;. Paris 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgo-zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée.&#039;&#039; Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme: pouvoir et argent et obéissance dans le Zaïre des années quatre-vingt&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: »La ›nouvelle‹ politique américaine en Afrique centrale«, in: C. Braeckman/M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame, &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir.&#039;&#039; Brüssel 1998, S. 134-44.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Les »faiseurs de paix« au Congo: gestion d&#039;une crise internationale dans un Etat sous tutelle&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;. Berkeley 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Die Völker ohne Geschichte: Europa und die andere Welt seit 1400&#039;&#039;. Frankfurt a. M./New York 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolter, R./L. Davreux/ R. Regnier: &#039;&#039;Le chômage au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wotzka, H.-P.: &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039;. Köln 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wrong, M.: &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo.&#039;&#039; London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wynants, M.: &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoon­stelling 1897&#039;&#039;. Tervuren 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 39 (1986), 1, S. 5-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039;. Brüssel 1988a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les deux guerres du Shaba: les relations entre la Belgique, la France et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 41 (1988b), 4-6, S. 375-742.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yambuya, P.: &#039;&#039;Zaïre, het abattoir: over gruweldaden van het leger van Mobutu&#039;&#039;. Antwerpen 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yav, A.: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville: a history of Elisabethville from its beginnings to 1965, compiled and written by André Yav, edited, translated, and commented by Johannes Fabian with assistance from Kalundi Mango (1965), in: &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www2.fmg.uva.nl/lpca/aps/vol4/vocabulaireshabaswahili.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yellen, J. E.: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, in: &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 23 (1996), S. 915-932.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yerodia, A.: &#039;&#039;Rapport sur les assassinats et violations des droits de l&#039;homme&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yoka, L. M.: &#039;&#039;Kinshasa, carnets de guerre&#039;&#039;. Kinshasa 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: &#039;&#039;Introduction à la politique congolaise&#039;&#039;. Brüssel 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: »Zaire, Rwanda and Burundi«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975.&#039;&#039; Cambridge 1984, S. 698-754.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C./T. Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039;. Madison 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeebroek, X.: &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039;. Brüssel 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhang, L.: &#039;&#039;Ethnic congregation in a globalizing city: the case of Guangzhou, China&#039;&#039;. (2008) www.sciencedirect.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler, J.: &#039;&#039;La contre-révolution en Afrique&#039;&#039;. Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Mobutu: Van mirakel tot malaise&#039;&#039;. Antwerpen 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Kisangani, verloren stad&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fußnoten ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9308</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9308"/>
		<updated>2026-04-30T11:39:41Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«&amp;lt;ref&amp;gt;Van Booven 1913, S. 23f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://www-odp.tamu.edu/publications/175_SR/chap_11/c11_3.htm. http://www-odp.tamu.edu/publications/175_SR/chap_11/c11_3.htm.]&amp;lt;/ref&amp;gt; Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlögl 2006, S. 116f.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.&amp;lt;ref&amp;gt;Northrup 2002, S. 18-21; Mc Lynn 1992, S. 321f.; Hilton 1985, S. 50.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.&amp;lt;ref&amp;gt;Hilton 1985, S. 80.&amp;lt;/ref&amp;gt; Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.&amp;lt;ref&amp;gt;Jadin 1968.&amp;lt;/ref&amp;gt; Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.&amp;lt;ref&amp;gt;Hilton 1985, S. 69-84.&amp;lt;/ref&amp;gt; Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina 1990, S. 86.&amp;lt;/ref&amp;gt; In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 3-5.&amp;lt;/ref&amp;gt; Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 21-29.&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 3.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.&amp;lt;ref&amp;gt;Northrup 2002, S. 113f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.&amp;lt;ref&amp;gt;Harms 1981, S. 54.&amp;lt;/ref&amp;gt; Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vansina 1965, S. 146-152.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.&amp;lt;ref&amp;gt;Schwarzer Orpheus. Moderne Dichtung afrikanischer Völker beider Hemisphären. Ausgewählt und übertragen von Janheinz Jahn. München 1964, S. 10.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«1 Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.3 Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«4 Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).5 Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.6 Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.7 Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.8 Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«9 Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.11 Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.12 Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.15 Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.16 Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.18 Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.20 Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.22 Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.24 Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?25 Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?26 Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.27 Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.28 Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.30 Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.32 In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.33 Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.3 Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«4 Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.5 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.6 Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.7 Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.9 Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.10 Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«13 Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«14 Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.15 Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels.16 In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 3 Die Belgier haben uns befreit ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die ersten Jahre der Kolonialherrschaft 1908-1921 ===&lt;br /&gt;
Lutunu warf einen besorgten Blick auf seine Frau. Das Laufen fiel ihr immer schwerer. Noch so jung, dachte er. Er konnte die Knötchen an ihrem Hals deutlich sehen. Kiesel, aufgereiht unter der Haut. Er kannte die Zeichen, bei seinen Kindern hatte es auch so angefangen. Erst Fieber, Kopfweh und steife Gelenke, dann Mattigkeit und Apathie tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. Er wusste, was ihr bevorstand. Sie würde zunehmend verwirrter werden und immer lethargischer. Ihre Augen würden sich verdrehen, Schaum würde auf ihre Lippen treten. Dann würde sie in einer Ecke liegen, bis es vorbei wäre. Womit hatte er das verdient? All die Toten. Vor einigen Jahren waren seine Geschwister an den Pocken gestorben, wie die Fliegen. Danach waren seine beiden kleinen Söhne der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen, die ersten Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Und jetzt sie . . . Hatte sie aus einer Kalebasse getrunken, aus der vorher jemand mit der Schlafkrankheit getrunken hatte? Hatte sie eine Apfelsine mit dunklen Flecken gegessen? Niemand wusste, wodurch man sich die Krankheit holte, kein Heiler hatte einen Fetisch oder eine Medizin dagegen. Manche behaupteten, es sei eine Strafe der Missionare. Die würden die Krankheit ausstreuen, aus Zorn, weil nicht alle ihre Lehre annahmen.1 Lutunu wusste es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1900 starb sogar Mfumu Makitu, der große Häuptling von Mbanza-Gombe, sein Herrscher. Der hatte 1884, als einer der ersten Häuptlinge des Landes, ein Abkommen mit Stanley geschlossen. Sein Dorf lag damals an der Karawanenroute von der Küste ins Landesinnere, lange bevor dort die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Häuptling Makitu wollte erst nichts von den weißen Neuankömmlingen wissen, aber ließ sich schließlich doch umstimmen. Am 26. März 1884 setzte er, zusammen mit einigen anderen Häuptlingen, ein Kreuz unter ein Blatt Papier, auf dem stand: »Wir, die unterzeichneten Häuptlinge von Nsungi, verpflichten uns, die Souveränität der ›Association Internationale Africaine‹ anzuerkennen, und nehmen zum Zeichen hiervon deren Flagge (blau mit goldenem Stern) an. (. . .) Wir erklären, dass wir und unsere Nachfolger uns von jetzt an nach der Entscheidung der Vertreter der Association in allen unsere Wohlfahrt und unsere Besitzungen betreffenden Angelegenheiten richten (. . .) werden.«2 Lutunu erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Häuptling Makitu machte Stanley damals ein großzügiges Willkommensgeschenk, einen seiner jüngsten Sklaven: Lutunu. Er war damals zehn Jahre alt. Für so viel Loyalität wurde Makitu 1888 mit einer Auszeichnung belohnt; er war einer der ersten &#039;&#039;chefs médaillés&#039;&#039; des Landes. Sein Reichtum mehrte sich weiterhin. Nun, viele Jahre später, hinterließ er vierundsechzig Dörfer, vierzig Frauen und Hunderte Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben war nicht weniger abenteuerlich als das von Disasi Makulo, es war sogar so abenteuerlich, dass man sich noch heute an ihn erinnert. In Kinshasa wurde eine Straße nach ihm benannt, und der alte Nkasi, dessen Heimatdorf unweit von dem Lutunus lag, war ihm in ferner Vergangenheit noch begegnet: »Lutunu, den habe ich noch gekannt!«, erzählte er mir einmal spontan. Der Name fiel zum ersten Mal in meiner Gegenwart. »Er kam aus meiner Gegend und war etwas älter. Er war der Boy von Stanley. Und er wollte nie eine Hose tragen. Wenn der Weiße rief: ›Lutunu!‹, dann rief er einfach zurück: ›Weißer!‹ Einfach so! Weißer!« Darüber musste er noch immer lachen. Lutunu war ein Kapitel für sich. Ein Draufgänger, mit vielen Weißen befreundet. Als ich wieder in Belgien war, entdeckte ich, dass seine Lebensgeschichte in den dreißiger Jahren von einer belgischen Künstlerin und Schriftstellerin aufgezeichnet worden war.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Disasi Makulo war auch Lutunu Sklave gewesen und in europäische Hände geraten. Er wurde der Boy von Leutnant Alphonse Vangele, einem von Stanleys Mitarbeitern der ersten Stunde. Auch er kam mit den britischen Baptisten in Berührung: Sie errichteten eine ihrer wichtigsten Missionsstationen in seiner Gegend, und er wurde Boy bei einem von ihnen, Thomas Comber. Und wie Disasi geriet er so nach Europa. Er war dabei, als Comber 1885 nach Großbritannien und Belgien reiste, er war dabei, als Comber von König Leopold II. empfangen wurde. Er war eines der neun Kinder, die dem König ein Lied vorsingen durften. Er war derjenige, der später nach Amerika reiste und nach seiner Heimkehr von Matadi bis Stanley Pool berühmt wurde – die Leute rannten ihm hinterher, weil er der erste Radfahrer im Kongo war. Dieser Bursche also. Und seine burlesken Abenteuer waren noch lange nicht vorbei. Das Evangelium geduldig in seine Muttersprache zu übersetzen, war seine Sache nicht; die weite Welt umso mehr. Er schipperte mit Grenfell über den Kongo und muss Disasi Makulo zweifellos gekannt haben. Er wurde Führer und Dolmetscher für die belgischen Offiziere Tobback und Dhanis während ihrer Feldzüge. Er war sogar kurzzeitig Soldat in der Force Publique. Er sah viele Orte und kannte die weißen Kolonialherren wie kein anderer. »Lutunu!« »Weißer!« Aber ihre Hosen trug er nicht. Und für die Taufe konnte er sich auch nicht erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dann starb seine Frau, und er hatte niemanden mehr. Die Kinder tot, die Familie dezimiert. Nach all seinen abenteuerlichen Reisen war er wieder zurück in seinem Heimatdorf. Er sprach dort mit den protestantischen Missionaren und nahm ihren Glauben an. Er war schon um die dreißig. Seine Sklaven, es waren mehrere Dutzend, die er im Laufe der Jahre gekauft hatte, ließ er frei. Er zog in die Missionsstation. Francis Lutunu-Smith war sein neuer Name.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der große Häuptling Makitu um die Jahrhundertwende starb, war sein Nachfolger nach dem lokalen Abstammungsrecht ein junger Mann von 16 Jahren mit wenig Erfahrung. Die Missionare schlugen vor, dass Lutunu sein »Assistent« (&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039;) werden solle: Das sei besser für das Dorf und auch für die Mission. So hatten sie Einfluss auf die lokale Regierung: Lutunu war ja einer von ihnen. So wie Disasi Makulo seine eigene Missionsstation aufbauen durfte, so durfte Lutunu einen Teil der Verantwortung für die Verwaltung tragen: die ehemaligen Kindersklaven erwarben, dank der Weißen, sehr viel Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben ähnelte zwar dem von Disasi, in puncto Frömmigkeit war er ihm jedoch weit unterlegen. Nach fünf Jahren warf man ihn aus der Missionsstation: Er hatte zu eifrig dem englischen &#039;&#039;stout&#039;&#039; und &#039;&#039;lager&#039;&#039; zugesprochen. Der Kongo-Freistaat hatte kurzen Prozess gemacht mit dem endemischen Alkoholismus der einheimischen Bevölkerung. Der Konsum von Palmwein war radikal eingeschränkt worden, Brandy, Gin und Rum waren ohnehin strengstens verboten. Lutunu aber trank und tanzte. Und auch wenn er sein Exemplar der Bibel weiterhin in Ehren hielt, so war er doch auf einmal mit drei Frauen verheiratet und bekam vier, fünf, acht, zwölf, siebzehn Kinder. Ließ sich der neue Glaube denn wirklich nicht mit den alten Bräuchen vereinbaren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bedeutete es für ihn, dass der Kongo plötzlich eine belgische Kolonie war? Hat er etwas vom Übergang des Kongo-Freistaates zu Belgisch-Kongo bemerkt? War 1908 auch für ihn und die Seinen ein Scharnierjahr? Merkte die lokale Bevölkerung etwas von dieser Reprise?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwierige Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die klassische Geschichtsschreibung stellt es oft so dar: Bis 1908 dauerten die Gräuel des Freistaates an, doch von dem Moment an, als Belgien die Kolonie übernahm, beruhigte sich das Ganze und die Geschichte wurde &#039;&#039;un long fleuve tranquille&#039;&#039;, der erst seit den späten fünfziger Jahren wieder ein paar Schaumkronen aufwies.4 Der Kolonialismus sensu stricto, die Zeit von 1908-1960, war in dieser Optik ein langes, dahinplätscherndes Intermezzo zwischen zwei turbulenten Episoden. Heute herrscht in Belgien denn auch meist mehr Betroffenheit über die Gräuel unter Leopold II. und den Mord an Lumumba – streng genommen zwei Momente, die nicht in die klassische Kolonialzeit fallen – als über die Jahrzehnte, in denen das belgische Parlament und damit das belgische Volk für das, was im Kongo geschah, unmittelbar verantwortlich waren (oder hätten sein müssen). Die Vorstellung friedlicher Stabilität wird zudem verstärkt durch die langen Amtszeiten von Schlüsselfiguren. Zwischen 1908 und 1960 hatte der Kongo nur zehn Generalgouverneure; manche blieben sieben oder sogar zwölf Jahre im Amt. Die ersten beiden Kolonialminister, Renkin und Franck, hatten ihren Posten zehn bzw. sechs Jahre inne. Ein ruhiger Fluss mit ein paar soliden Baken, so schien es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch im Grunde gab es keinen totalen Bruch nach 1908. Am 15. November jenes Jahres hisste man in der Hauptstadt Boma zwar zum ersten Mal die belgische Trikolore, und die Fahne des Freistaates wurde für immer zusammengefaltet, ansonsten änderte sich jedoch nicht so viel. Leopolds Regierung warf noch einen sehr langen Schatten über die Kolonialzeit. Zudem war das halbe Jahrhundert für Belgien selber alles andere als statisch. Im Gegenteil – es war durch eine außergewöhnliche Dynamik gekennzeichnet, und zwar nicht nur die vielbesungene unilineare Dynamik des »Fortschritts«, sondern die facettenreiche Dynamik einer komplexen historischen Epoche voller Spannungen, Konflikte, Reibungen. Ein langer, breiter Strom, der immer mächtiger wurde? Nein, viel eher ein mäandernder Fluss mit Nebenläufen, Stromschnellen und Strudeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam durchaus viel in Gang im Jahr 1908, doch von dieser frühen Dynamik war anfangs in Brüssel mehr zu verspüren als im Kongo selbst. Auf dem Papier brach eine neue Morgenröte an. Die &#039;&#039;Charte Coloniale&#039;&#039;, die die Übertragung des Freistaates regelte, brachte dem Kongo zum ersten Mal eine Art Verfassung. Im vollen Bewusstsein der Misere des Freistaates konzipierten die belgischen Minister einen völlig neuen Machtapparat. Die politischen Verhältnisse in der Kolonie waren nicht mehr die Sache eines eigenwilligen Herrschers, der seinen Willen durchsetzen konnte, sondern des Parlaments, das die Gesetze zur Verwaltung der Kolonie verabschiedete. In der Praxis war hauptsächlich der Minister für die Kolonien dafür verantwortlich, ein neu geschaffenes Amt mit einem etwas lächerlichen Titel. Der Plural, nach ausländischem Vorbild, war unnötig, Belgien besaß nur eine Kolonie. Das Parlament selbst befasste sich nur gelegentlich mit der Überseepolitik. Am 17. Dezember 1909 starb Leopold, etwa dreizehn Monate, nachdem man ihm sein Lebenswerk genommen hatte. Sein Nachfolger, König Albert I., hegte in Sachen Kongo eine viel zurückhaltendere und weniger voluntaristische Auffassung. Daneben gab es den Kolonialrat, eine neu gegründete Behörde, die den Minister in zahlreichen Sachfragen beriet. Acht der vierzehn Mitglieder wurden vom König und sechs von Abgeordnetenkammer und Senat ernannt. Ferner gab es die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen; sie verfolgte zwar hehre Ziele, hatte jedoch nur geringen Einfluss. Während ihres mehr als fünfzigjährigen Bestehens tagte sie nur zehn Mal.5 Auch die Finanzierung änderte sich: Leopolds nebulöse Konstruktionen, die es ihm ermöglichten, nach Herzenslust Geld hin und her zu schieben zwischen seinem Privatvermögen und der sogenannten »Zivilliste« – den Mitteln, die ihm der Staat zur Verfügung stellte –, waren passé. Künftig waren die Bereiche strikt voneinander getrennt. Die Erträge der Kolonie mussten in die Kolonie fließen und durften nicht mehr in Brüsseler Bauwerke gesteckt werden; gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass der Kongo in Krisenzeiten selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste (in der Praxis sprang Belgien allerdings manchmal ein). Die Kolonie bekam also sowohl die Vor- wie auch die Nachteile eines eigenen Staatshaushalts zu spüren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren einschneidende Verwaltungsreformen. Aber auch atmosphärisch änderte sich etwas in der Verwaltung der Kolonie. Das Abenteuerliche wich der Bürokratie, und statt &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; gab es &#039;&#039;corned beef&#039;&#039;. Nach Leopolds Kapriolen bevorzugte man eine straffe, streng sachliche Arbeitsweise. Belgien übernahm seine Aufgabe als Kolonialmacht mit mehr Ernst als Stolz. Die Verwaltung wurde sehr amtlich, was in belgischen Begriffen bedeutete: äußerst hierarchisch und zentralisiert. Sie ging von Brüssel aus, und die zuständigen Beamten waren selten oder nie im Kongo gewesen. Das führte mehr als einmal zu Spannungen mit den Weißen vor Ort. Im Kongo war der Generalgouverneur nach wie vor allmächtig, doch seine Beurteilungen der Situation standen oft im Widerspruch zu den Direktiven, die ihn aus Brüssel erreichten. Belgische Kolonialisten konnten außerdem bei der Kolonialverwaltung nicht mitreden, denn sie besaßen keinerlei formale politische Macht. Sie mussten, wenn auch manchmal widerwillig, alles akzeptieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn schon sie sich übergangen fühlten, wie viel schlimmer war es dann für die Kongolesen selbst? Die belgische Politik hatte gewiss die besten Absichten für das Leben der einheimischen Bevölkerung; diese Einsicht war nach dem Skandal um den »roten Kautschuk« nun doch gedämmert. Aber sie brauchte sich vor den Kongolesen selbst nicht zu verantworten. Sie wurde nicht von ihnen gewählt, und sie fragte sie auch nicht nach ihrer Meinung. Man sorgte für sie, mit Güte und Barmherzigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig wie die belgische Regierung auf die Stimme der Kongolesen hörte, so aufmerksam lieh sie der Wissenschaft ihr Ohr. Man erstrebte &#039;&#039;»une colonisation scientifique«&#039;&#039;, wie Albert Thys es bezeichnete.6 Keine Ad-hoc-Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes – neutral, sachlich, nüchtern und vertrauenswürdig. Glaubte man. Gerade wegen dieser vermeintlichen Neutralität galt ihre Stimme in der Praxis sehr viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erste Gruppe Wissenschaftler, die auf diese Weise Einfluss erlangte, waren die Ärzte. Um die Jahrhundertwende entdeckte Ronald Ross, ein britischer Arzt, der in Indien geboren war, dass der Grund für Malaria nicht das Einatmen von »schlechter Luft« in Sumpfgegenden war (&#039;&#039;mal aria&#039;&#039; auf Italienisch, die Krankheit kam damals noch in der Poebene vor). Es waren die Mücken an stillstehenden Gewässern, die die Krankheit übertrugen. Eines der großen Mysterien der Tropen, das so viele Patres und Pioniere das Leben gekostet hatte, war damit enthüllt. Ross erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis. Aber dabei blieb es nicht. Auch Gelbfieber und Elephantiasis, die Krankheit, die die Gliedmaßen so grässlich deformierte, wurden, wie sich herausstellte, von Mücken verbreitet. Die rätselhafte Schlafkrankheit bekam man durch Kontakt mit einer Tsetsefliege. Schwarzfieber (Leishmaniose) wurde von Sandfliegen übertragen, Typhus von Läusen, die Pest von Rattenflöhen. Nach Zeckenbissen konnte man hartnäckige Fieberanfälle bekommen. Ein neues Fachgebiet war entstanden, die Tropenmedizin, und es wurde ein machtvolles Instrument im Dienst des Kolonialismus. Leopold II. hatte bereits Wissenschaftler aus Liverpool in den Kongo eingeladen, um die Schlafkrankheit zu erforschen. 1906 hatte er, nach dem Vorbild der Liverpool School of Tropical Medicine, in Brüssel die Schule für Tropenmedizin, Vorläuferin des Antwerpener Instituts für Tropenmedizin, gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Bewohner des Kongo hatte diese Medizinisierung große Folgen. Bereits unter Leopolds Regierung gab es hier und da im Freistaat Hospitäler, in denen Opfer der Krankheit von Nonnen gepflegt wurden. Diese Hospitäler lagen auf Inseln im Fluss oder an abgelegenen Orten im Busch und waren noch am ehesten mit Leprakolonien vergleichbar. Oft erfolgte die Aufnahme unter Zwang. Die Patienten wurden dort eher isoliert als gepflegt. Besuch von Familienangehörigen, Freunden und Verwandten war verboten. Viele empfanden die Einweisung in das Lazarett deshalb wie die Todesstrafe. Man probierte zwar allerlei neue Medikamente an ihnen aus, etwa Atoxyl, ein Arsenderivat, aber das führte öfter zu Blindheit als zur Heilung. Es war nicht immer deutlich, worum es eigentlich ging: um die Heilung oder um den Test des experimentellen Medikaments. Da man Kranke in einem möglichst frühen Stadium isolieren wollte (wenn die Ansteckungsgefahr, aber auch die Heilungschancen am größten waren), handelte es sich oft um Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Einweisung noch kerngesund fühlten. Ihre Halslymphdrüsen waren höchstens etwas angeschwollen. Erst während des Aufenthalts im Hospital zeigten sich die typischen Symptome. Deshalb gerieten die Krankenhäuser in Verruf: Die Menschen glaubten, es seien Lager, in denen Kolonialbeamte sie vorsätzlich mit der Krankheit infizierten. Tumulte brachen aus, Bewacher griffen ein, aber viele Menschen flohen zurück in ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Belgien den Kongo übernahm, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kolonialismus ein Gesundheitsdienst eingerichtet . . . in Brüssel. Die Befehlskette zu den Leitern der Posten im Urwald war außerordentlich lang, doch es gelang trotzdem, Änderungen durchzusetzen. Hospitäler allein genügten nicht. Künftig sollte die Mobilität aller Kongolesen überwacht werden. 1910 bestimmte ein Erlass, dass jeder Eingeborene zu einer &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; oder &#039;&#039;sous-chefferie&#039;&#039; gehörte.7 Die Umrisse einer solchen Verwaltungseinheit wurden exakt festgelegt, unter Berücksichtigung vorhandener territorialer Begrenzungen. Wer seinen Wohnort über eine Entfernung von mehr als dreißig Kilometern oder für einen Zeitraum von mehr als einem Monat verlassen wollte, so legte ein anderer Erlass von 1910 fest, musste einen Gesundheitspass bei sich führen, in dem sein Geburtsort, sein Gesundheitszustand und eventuell erfolgte ärztliche Behandlungen vermerkt waren. Ein solcher Pass wurde nur mit Zustimmung des Dorfoberhaupts oder dessen Vertreter ausgestellt. Wer krank war, erhielt Dorfarrest. Wer ohne Papiere loszog, riskierte eine Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieser Maßnahme ist kaum zu überschätzen. Sie hatte fünf einschneidende Folgen. Erstens: Kongolesen, auch gesunde, konnten ihren Aufenthaltsort nicht mehr selbst bestimmen, ihre Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt. Für eine Region mit permanent hoher Mobilität war das eine Umstellung. Zweitens: Jeder Einwohner war künftig auf der Landkarte festgeheftet, wie ein Käfer auf einem Stück Pappe. Das Zugehörigkeitsgefühl war in den einheimischen Gemeinschaften schon immer sehr stark entwickelt, nun wurde es absolut. Wer jemand war, lag von da an unumstößlich fest. Drittens: Die lokalen Oberhäupter wurden voll und ganz in die lokale Verwaltung einbezogen. Das hatte bereits zu Stanleys Zeiten begonnen (siehe Makitu), nun wurde es formell bestätigt. Sie standen auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie und erfüllten eine vermittelnde Funktion zwischen Staat und Untertanen. Selbstverständlich bevorzugte die Kolonialregierung devote Charaktere. Das offiziell eingesetzte Oberhaupt war oft eine schwache Persönlichkeit mit wenig moralischer Autorität, während der echte, traditionelle Häuptling sich im Hintergrund hielt, um in Ruhe weiterregieren zu können.8 Viertens: Da eine durchschnittliche &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; höchstens rund tausend Einwohner umfasste, traten größere ethnische Zusammenhänge mehr und mehr in den Hintergrund.9 Das Dorf unterstand unmittelbar der Staatsmacht, die Ebenen dazwischen fielen weg. Auch das wirkte sich auf das Stammesbewusstsein aus: Es entstand eine Sehnsucht nach vergangenem Glanz. Und fünftens: Für viele bedeuteten die Gesetze aus dem fernen Brüssel die erste, unmittelbare Bekanntschaft mit der Kolonialbürokratie. In der Zeit des Freistaates waren Hunderttausende unter das Joch des fernen Herrsches geraten, nun aber blieb im Prinzip &#039;&#039;niemand&#039;&#039; mehr verschont. Die Zahl der Belgier in der Kolonie war noch immer sehr gering (1920 waren es ein paar tausend), doch der Kolonialapparat verstärkte seinen Zugriff auf die Bevölkerung und drang immer tiefer ins Leben der Individuen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat, das war 1885 ein einsamer Weißer, der das Dorfoberhaupt aufforderte, eine blaue Flagge wehen zu lassen. Der Staat, das war 1895 ein Beamter, der Dorfbewohner als Träger oder Soldaten rekrutierte. Der Staat, das war 1900 ein schwarzer Soldat, der wegen ein paar Körben Kautschuk ins Dorf kam, herumbrüllte und auch schoss. 1910 aber war der Staat ein schwarzer Hilfssanitäter, der die Einwohner auf den Dorfplatz rief, ihre Lymphdrüsen am Hals betastete und sagte, es sei in Ordnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung wollte bereits früh mit Reihenuntersuchungen im großen Stil beginnen; König Albert plante mehr als eine Million belgische Franc dafür ein, doch der Erste Weltkrieg verzögerte das Vorhaben. Ab 1918 reisten jedoch Gesundheitsteams aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern in die Dörfer, und viele hunderttausend Bewohner wurden untersucht. Der Staat, das waren Männer mit Mikroskopen, die stirnrunzelnd Blutproben analysierten. Der Staat, das war die glänzende, sterile Injektionsnadel, die sich in die Haut schob und irgendein geheimnisvolles Gift einspritzte. Der Staat kroch den Menschen buchstäblich unter die Haut. Nicht nur die Landschaft wurde kolonisiert, auch der Körper und das Selbstbild. Der Staat, das war der Ausweis, auf dem stand, wer man war, woher man kam und wohin man gehen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben wurde dadurch jedenfalls ein ganzes Stück häuslicher. Der Mann, der nicht nur Europa und Amerika bereist, sondern auch alle Gegenden seines Landes durchstreift hatte, blieb nun jahrein, jahraus in seinem Dorf. Als Assistent eines jugendlichen Dorfoberhaupts musste er wahrscheinlich den weißen &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; beraten, wem man eine Reiseerlaubnis erteilen konnte und wem man sie verweigern musste. Dass dieses System Tür und Tor für Missbrauch öffnete, liegt auf der Hand. Die Ausweise waren sehr gefragt, und manche Postenchefs, Angestellte und Sanitäter ließen sich bestechen. Dorfbewohner, die gerade erst gegen die Schlafkrankheit behandelt worden waren und trotzdem reisen wollten, behaupteten einfach, sie hätten ihren Gesundheitspass verloren, in der Hoffnung, ein neues Exemplar ohne Eintragungen zu erhalten. Viele hegten tiefes Misstrauen gegen die Medizin der Weißen. Von Atoxyl konnte man erblinden, und die Lumbalpunktionen, die in den schlimmsten Fällen vorgenommen wurden, waren extrem schmerzhaft. Das bedeutete nicht, dass die Menschen irrationale Ängste vor weißen Kitteln hatten. Manche Behandlungen, wie die operative Entfernung von durch Elephantiasis verursachten Geschwüren, wurden gewürdigt, doch generell herrschte eher der Gedanke vor, dass die Injektionsnadeln dazu dienten, Krankheiten zu verbreiten. Die Vertreter der Kolonialmacht unterschätzten einfach die Bedeutung der traditionellen Medizin, die sie rigoros als Quacksalberei und Hexerei abtaten. Viele Afrikaner sahen die Schlafkrankheit deshalb als Krankheit, die der Kolonisator verursachte und die mit der militärischen Vorherrschaft, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Neuordnung zusammenhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bei all dem hatten Ärzte Macht, viel Macht. Doktoren entschieden, wer sich wohin begeben durfte. Sie bestimmten die Zonen, in denen Reisen verboten war. War jemand widerspenstig, konnten sie ihn zu einer Behandlung zwingen und durften ihn sogar bestrafen. Es lag sogar in ihrem Ermessen, ganze Dörfer zu verlegen, falls es dafür schwerwiegende medizinische Gründe gab. Dorfgemeinschaften in Zonen, in denen es von Tsetsefliegen wimmelte, konnten sie zu einer kollektiven Umsiedlung zwingen. Und sie durften die Hilfe der Kolonialbeamten und der Force Publique in Anspruch nehmen, falls sich eine Dorfgemeinschaft weigerte. Nicht die Heilung kranker Individuen stand im Mittelpunkt dieser Art Medizin, sondern die Gesunderhaltung der Kolonie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch eine erzwungene Umsiedlung brachte lokale Gemeinschaften oft aus dem Gleichgewicht. Bakongo, die ihr Dorf hatten verlassen müssen, sangen voller Heimweh und Melancholie: »Ach! Schaut auf das Dorf unserer Ahnen. / Das schattige Dorf mit seinen Palmen, aus dem wir fortgehen mussten. / Ach! Die Alten. / Ach! Ach! / Ach! Unsere Toten sind verschwunden! / Ach! Schaut auf unser verlassenes Dorf! / Ein Jammer!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Dorf durfte bleiben, wo es war, aber um das Krankheitsrisiko zu begrenzen, tat er etwas, was bis dahin niemand in seinem Dorf getan hatte: Er baute ein Haus aus Stein. Fortan schlief er nicht mehr unter einem Blätterdach und zwischen Lehmwänden, sondern in einer Hütte aus Stein unter Wellblech. Im benachbarten Thysville gab es inzwischen genügend Maurer und Zimmerleute. Sie wussten, wie man aus Erde Ziegelsteine machen konnte und wie man Wellblech festnageln musste. Die Schlafkrankheit hatte Lutunus Familie zerstört, nun aber lebte er mehr oder weniger wie die Weißen. Hingen an seinen Ziegelsteinwänden auch, wie ein belgischer Staatsminister im Osten des Kongo konstatierte, »sehr mittelmäßige Porträts unserer Könige, die die Kolonialverwaltung überall verbreitet hatte, und ein paar aus Zeitschriften aus Paris und London herausgerissene Fotos«? Bekam er von gelegentlichen weißen Besuchern auch »ein paar schöne Gravüren und ein paar Dosen mit Karamellbonbons« geschenkt?11 Wir wissen es nicht. Was wir immerhin wissen ist, dass die Kolonialregierung ihn einige Jahre später zum Distriktchef ernannte und dass er, der ehemalige Sklave, nun über zweiundvierzig Dörfer herrschen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr Licht über der Kolonie scheinen lassen durften, waren die Ethnographen. Wenn der Skandal des Freistaates etwas deutlich gemacht hatte, dann war das der völlige Mangel an Wissen über die einheimische Kultur. Félicien Cattier, der herausragende Brüsseler Professor und vehementer Kritiker Leopolds, hatte sich dazu unmissverständlich geäußert: »Wie ist es möglich, sinnvolle Arbeit in den Kolonien zu leisten, wenn man nicht erst die einheimischen Institutionen, ihre Sitten, ihre Psychologie, die Bedingungen ihrer wirtschaftlichen Existenz und die Struktur ihrer Gesellschaften eingehend studiert?«12 Manche der Entdeckungsreisenden und Missionare hatten Interesse an lokalen Bräuchen gezeigt, aber viele Offiziere und andere Vertreter des Freistaates hegten, gelinde gesagt, ziemlich rudimentäre Auffassungen über das, was man als »die Negerrasse« bezeichnete. Falls überhaupt Interesse bestand, richtete es sich in erster Linie auf die konkreten Seiten der fremden Kultur: ihre Körbe und Masken, ihre Einbäume und Trommeln, die Form ihrer Speere, die Maße ihrer Schädel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das reiche nicht aus, meinte Cattier. Es gehe nicht um persönliche Objekte oder einzelne Personen. Man müsse ein Auge haben für die tieferen Schichten der einheimischen Gesellschaft. Und das erfordere ein ernsthaftes Studium. »Es wäre deshalb angezeigt, wenn im Kongo, wie in Niederländisch-Indien oder Britisch-Indien, ein Ministerium oder ein Büro für ethnologische Studien gegründet würde.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. Mit großem Tamtam wurde das &#039;&#039;Bureau International d&#039;Ethnographie&#039;&#039; ins Leben gerufen, eine Institution mit belgischen und ausländischen Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele Fakten wie möglich über die Bevölkerung des Kongo zu sammeln und zu erschließen. Was die École de Médicine Tropicale für die Medizin war, war das Bureau International d&#039;Ethnographie für die Anthropologie: eine Institution, deren Forschungsergebnisse in Einfluss umgesetzt wurden. Die Mitglieder lasen Reiseberichte und Missionsrapporte und investierten viel Zeit in die Ausarbeitung eines erschöpfenden Fragebogens, der an Tausende Beamte, Händler, Soldaten und Missionare in der Kolonie geschickt wurde. 202 Rubriken mussten ausgefüllt werden. Die Themen variierten vom Heiratsrecht über Bestattungspraktiken bis hin zur Körperpflege. Die Informanten erledigten ihre Aufgabe und schickten die Fragebogen zurück. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als vierhunderttausend ethnographische Daten verarbeitet.14 Und diese Daten wurden in einer monumentalen Bücherreihe veröffentlicht, der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039;. Zwischen 1907 und 1914 erschienen elf Bände. Jeder Band widmete sich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die als charakteristisch für eine bestimmte Landesgegend galt: die Bangala für die Flussanrainer, die Basonge für die Savanne, die Warega für den Urwald . . . Auch die Mayombe, die Mangbetu, die Baluba und die Baholoholo wurden beschrieben. Jedes Mal wurden die 202 Rubriken abgedruckt, zusammen gut sechstausend Seiten Lektüre. Es war der erste Versuch einer systematischen Dokumentation der einheimischen Kultur. Das Ergebnis war nichts weniger als eine &#039;&#039;encyclopédie des races noires&#039;&#039;.15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ergebnis war jedoch auch, dass diese »Rassen« plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Die Buchreihe unterteilte die Bevölkerung des Kongo in deutlich unterscheidbare Blöcke mit eigener Identität, eigenem Volkscharakter und eigenen Gebräuchen. Auch wenn manches dafür sprach – es existierten nun mal unverkennbare Unterschiede –, war es doch eine völlig künstliche Sache, um jede dieser Gruppen eine kulturelle Mauer zu ziehen, die die Sicht auf einen möglichen Austausch versperrte. Doch genau das geschah. Zu Beginn des Projektes, im Jahr 1908, nahm Edouard De Jonghe, der wichtigste Mitarbeiter, sich vor, »&#039;&#039;les peuplades une à une, en elles-mêmes, pour elles-mêmes&#039;&#039;« zu studieren.16 In methodischer Hinsicht war dieses schrittweise Vorgehen begreiflich: So blieb alles schön übersichtlich. Aber was zunächst nur ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die »Stämme« wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten. Der Initiator des Projekts, Cyrille Van Overbergh, auch ein wichtiger katholischer Politiker, behauptete nach einigen Jahren unumwunden: »Im Allgemeinen unterhalten die Völker wenig Beziehungen untereinander. (. . .) Die Stämme sind voneinander unabhängig und wahren ihre Autonomie.«17 Über den jahrhundertelangen und auch damals bereits bekannten Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sah er dabei völlig hinweg. Pygmäen lebten neben Bantu sprechenden Bauern. Bobangi fuhren den Fluss hinauf und hinunter und kamen mit Dutzenden anderen Bevölkerungsgruppen in Kontakt. Die früheren Savannenkönigreiche der Bakongo und Baluba waren ethnisch oft sehr gemischt. Viele Menschen waren mehrsprachig. Die Kulturen der Bantu-Sprecher waren untereinander sehr eng verwandt. Doch der Anthropologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zergliederte die Gesellschaft in einzelne Rassen, wie der Taxonomiker des achtzehnten Jahrhunderts einst das Tierreich in verschiedene Arten unterteilt hatte. Unveränderlich über die Zeit hinweg, ohne Berührung miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo wurde ein Setzkasten. Die Landkarte der Kolonie bestand von da an aus Fächern, jedes mit seinem eigenen »Stamm«. In Tervuren bei Brüssel legte man eine gigantische Sammlung Ethnographika an, akkurat nach Stämmen geordnet. Da die Bevölkerung von den Ärzten gezwungen wurde, am Ort zu bleiben, gewannen die Anthropologen noch stärker den Eindruck, dass die Völker, die sie vor sich hatten, »an ihr jeweiliges Territorium gebunden waren«, wie es der Direktor des Bureau International d&#039;Éthnographie behauptete.18 Dieser »monographische Blick« hatte weitreichende Folgen. In der Kolonie orientierten sich die Weißen mehr und mehr daran, und die Kongolesen selbst begannen sich zunehmend tribal zu identifizieren. Der Geist des Tribalismus war aus der Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese früheste Völkerkunde war entschieden kein &#039;&#039;l&#039;art pour l&#039;art&#039;&#039;; zweifelsohne sollte sie dazu dienen, das Werk der Kolonialmacht voranzutreiben. Die Rekrutierer der Force Publique konnten eine Beschreibung der Kriegslust in diesem oder jenem Stamm für ihre Zwecke nutzen. Die medizinischen Dienste bekamen Informationen über die hygienischen Bedingungen bei den Völkern, die am schlimmsten von der Schlafkrankheit betroffen waren. Die Politiker in Brüssel konnten ihre Gesetze auf das zuschneiden, was sie über das traditionelle Recht zur Bodennutzung in der Kolonie lasen. Und die Missionskongregationen konnten ihre Strategie mit Hilfe der Erkenntnisse, welcher Glaube in welcher Gegend vorherrschend war, besser planen. Man handelte nach den Beschreibungen der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. Die Stämme bekamen Eigenschaften angedichtet, wie man sie den Nationalitäten Europas zuschrieb. Der Kongo wies nun Pendants auf zum geizigen Schotten, faulen Sizilianer, schlampigen Spanier und fleißigen, aber humorlosen Deutschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Bewohner der Kolonie übernahmen allmählich diesen Blick auf sich und die anderen. Wie war es zum Beispiel bei Lutunu? Er hatte siebzehn Kinder, von denen dreizehn am Leben blieben. Ab 1910 gehörten sie alle zur selben &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, hatten denselben vom Staat anerkannten Dorfvorsteher und durften die Gegend ohne medizinische Kontrolle nicht verlassen – Sachverhalte, die einem starken regionalen und ethnischen Bewusstsein mit Sicherheit Vorschub leisteten. Außerdem besuchten sie Missionsschulen, denn das Schulwesen lag exklusiv in den Händen der Missionare. 1908 gab es im Kongo etwa fünfhundert Missionare, 1920 etwa fünfzehnhundert. Es gab keine Schulpflicht, aber Lutunu mit seinem Fahrrad und seinem Steinhaus wird seine Kinder zweifellos dazu angespornt haben, wie er lesen und schreiben zu lernen. Er war schließlich einer der ersten Alphabetisierten in Bas-Congo. Sein Dorf lag im Einflussbereich der britischen Protestanten, aber außerhalb gewannen die belgischen Katholiken zunehmend an Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was lernten die Kinder in diesen einfachen kleinen Klassenräumen oder im Schatten eines Baumes? Selbstverständlich lesen und schreiben. Und rechnen. Biblische Geschichte. Fromme Legenden. Die belgischen Provinzen. Das Königshaus. Ja, aber auch das eine oder andere über das eigene Land. Über den Sklavenhandel zum Beispiel. &#039;&#039;»Tungalikuwa watumwa wa Wangwana&#039;&#039; / &#039;&#039;Wabeleji wakatukomboa«&#039;&#039;, sangen die Kinder in katholischen Missionsstationen im Landesinneren. Wörtlich: »Wir wurden Sklaven der Arabisierten / Die Belgier haben uns befreit.« Die Melodie war die der »Brabançonne«, der belgischen Nationalhymne. Eines der ältesten bekannten Schullieder in Swahili enthielt eine komprimierte Zusammenfassung der Kolonialisierung: »Früher waren wir Dummköpfe / Mit den Sünden jedes Tages / Sandflöhen an den Füßen / Dem Kopf voller Schimmel / Danke, ehrwürdige Patres!«19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die Lieder waren in der Volkssprache, sondern auch der Unterricht der katholischen Patres und Nonnen. Die meisten Missionare kamen aus Flandern, und eingedenk des Kampfes um das Flämische in Belgien betrachtete man die eigene Sprache als hohes Gut. Auch das verstärkte den Stammesstolz. In einem Schulbuch der Missionare vom Kostbaren Blut aus den dreißiger Jahren in Mbandaka stand folgende Leseübung: »Unsere Sprache ist das Lonkundo. (. . .) Obwohl manche gern Lingala sprechen, lieben wir unser Lonkundo am meisten. Diese Sprache ist sehr schön und hat viele genaue Bedeutungen. Wir lieben sie sehr. Wir haben diese Sprache von unseren Ahnen bekommen.«20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ethnische Identifizierung erfolgte noch viel expliziter. In dieser Zeit lasen Schüler in der Provinz Équateur auch, dass »die Menschen im Kongo in mehrere Gruppen unterteilt sind. Sie unterscheiden sich durch ihren Dialekt, ihre Sitten und sogar durch ihre Gesetze. Unsere echte Familie ist der Stamm der Nkundo.«21 Das klang wie ein wörtliches Echo der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. In den frühesten Schulbüchern der Maristenbrüder (das älteste stammt von etwa 1910) ging man noch einen Schritt weiter. Auf Lingala war zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner des Kongo sind Schwarze. Ihre Zahl hat man noch nicht gezählt. Sie beläuft sich auf etwa sechzehn Millionen. Sie zerfallen in verschiedene Stämme: Basorongo, Bakongo, Bateke, Bangala, Bapoto, Basoko, Babua, Bazande, Bakango, Bangbetu, Batikitiki oder Baka und viele andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basorongo leben am Meer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bakongo flussaufwärts, bei Boma, Matadi, Kisantu, am linken Flussufer. Sie sind Docker und kräftige Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bateke leben in Kitambo. Sie sind auf das Kaufen und Verkaufen spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bangala leben in Makanza, Mobeka, Lisala und Bumba. Sie sind groß. Sie haben Tätowierungen im Gesicht und an den Ohren. Sie entfernen sich die Wimpern von den Augenlidern und feilen ihre Zähne. Sie fürchten sich nicht vor Krieg. Sind denn nicht auch viele Bangala in der Armee des Staates? Sie sind intelligent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bapoto und Basoko sind die Brüder der Bangala. Sie verunstalten ihr Gesicht mit Tätowierungen. Sie machen große Mörser und gute Pirogen, schmieden Speere und Macheten. Sie töten viele Fische.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so immer weiter. Der Kongo bestehe aus Stämmen, konnte man lernen, mit eigenen Territorien und Gebräuchen. Manche waren achtenswert, andere nicht. So bekamen die Schüler auch noch eingeimpft, dass die Azande ihre Häuptlinge respektierten und dass das sehr gut war, dass die Babua das hingegen nicht taten, was eine Schande sei, und dass die Bakango Elefanten töteten und deshalb sehr mutig seien. Missionsschulen waren kleine Fabriken für tribale Vorurteile. Kinder, die ihr Dorf nicht verlassen durften, bekamen plötzlich zu hören, dass in weit entfernten Gegenden ihres ausgedehnten Landes Bakango lebten, und die Meinung über die Bakango wurde gleich mitgeliefert. Pygmäen wurden in vielen Handbüchern als bizarre Abweichungen dargestellt. Auch wer ihnen nie begegnet war, wusste, was er von ihnen zu halten hatte. »Sie tun sich dadurch hervor, dass sie das Eigentum anderer stehlen«, lasen die Schüler von Bongandanga in den späten zwanziger Jahren, »sie freunden sich nicht mit anderen Menschen an. (. . .) Die meisten Völker Zentralafrikas sind gern sauber, und weil es viel Wasser gibt, waschen sie sich täglich. Die Pygmäen jedoch haben etwas gegen Wasser und sind sehr schmutzig. (. . .) In puncto Unwissenheit übertreffen sie alle anderen Völker Afrikas. Sie sehen nicht ein, dass es besser ist, gemeinsam mit anderen Menschen aus der gleichen Kultur in einem Dorf zu leben, als ständig umherzuziehen.«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll nicht heißen, es habe niemals Stämme gegeben – selbstverständlich gab es die, ebenso wie wichtige regionale Unterschiede, verschiedene Sprachen, andere Gebräuche, Tänze, Essgewohnheiten, und es hatten auch intertribale Kriege stattgefunden. Doch nun wurden diese Unterschiede besonders herausgestellt und auf immer festgeschrieben. Es hagelte Stereotype. Die Stämme waren keine Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten unumstößlich waren – unumstößlich wurden sie erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr denn je identifizierten sich die Menschen mit diesem oder jenem Stamm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann aus Lubumbashi erzählte in den achtziger Jahren von seiner Kindheit. Der beginnende Bergbau brachte Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in &#039;&#039;compounds&#039;&#039; zusammen: »In den alten Zeiten sahen wir die Leute nicht an und sagten: Der da ist ein Kasaïen, ein Lamba, ein Bemba oder ein Luba, nein. Wir waren zusammen.« Und er fuhr fort: »Es gab keine Unterschiede. Unterschiede waren für uns kein Thema.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionsstationen beschränkten sich nicht auf den Elementarunterricht. Sie gründeten auch Seminare für begabte Schüler, um einheimische Priester auszubilden. Der erste Kongolese, der zum Priester geweiht wurde, war Stefano Kaoze. Das war im Jahr 1917. Er stammte aus dem Marungu-Massiv und war bei den Weißen Vätern zur Schule gegangen und ausgebildet worden. 1910 hatte er im Alter von fünfundzwanzig schon eine Pioniertat vollbracht: Sein langer Essay »La psychologie des Bantu« erschien in &#039;&#039;La revue congolaise&#039;&#039;. Damit war er der erste Kongolese, der einen Text veröffentlichte. Und was lesen wir in den ersten Absätzen dieses in jeder Hinsicht historischen Meilensteins? Was schreibt ein junger kongolesischer Intellektueller, der durch und durch geprägt ist vom katholischen Missionsunterricht? Genau – Stammesbewusstsein in Afrika werde durch europäische Bücher genährt: »Als ich ein paar Bücher über einige Stämme gelesen hatte, sah ich, dass die meisten der Bräuche den gleichen Hintergrund haben wie bei den Beni-Marungu [seinem Stamm]. Da ich das nun erkannt habe, werde ich erzählen, wer wir sind, wir Beni-Marungu, und was wir nicht sind.«25 Bücher brachten ihn dazu, über seine eigene tribale Identität nachzudenken. Ist es also verwunderlich, dass er sich später im Leben zu einem tribalen Nationalisten entwickelte, einem Vorkämpfer für sein eigenes Volk und einem Verteidiger der kongolesischen Interessen? »Potenziell der gefährlichste Schwarze«, äußerte ein französischer Adliger nach einer Rundreise durch die Kolonie, »ist der, der Schulunterricht genossen hat.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen plätscherte Nkasis Leben ruhig weiter. Als ich ihn interviewte, fiel mir mehrmals auf, dass er kaum Erinnerungen an die ersten Jahre Belgisch-Kongos hatte. Wenn die Sprache auf den Bau der Eisenbahn in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam, leuchteten seine Augen, und die Geschichten kamen von allein. Doch die Jahrzehnte danach, als er in sein Dorf zurückgekehrt war, schienen wie weggespült. Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran das liegen mochte, bis mir auffiel, dass auch Lutunus Biographin die gleiche Periode in dessen Leben ziemlich lapidar abhandelte. Auch sie hatte in den Gesprächen mit ihrem Informanten Lücken registriert. Konnte das Zufall sein? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass die Gesetze, die die Menschen dazu zwangen, in ihren Dörfern zu bleiben, für ruhige Jahre mit wenig spektakulären Ereignissen sorgten. Sogar der Erste Weltkrieg ging geräuschlos an ihnen vorbei, auch an Lutunu, obgleich er damals schon Assistent des Dorfoberhaupts war. Als ich Nkasi zum wiederholten Male fragte, ob er sich wirklich nicht mehr an den Großen Krieg erinnere, sagte er: »Ich habe vielleicht etwas darüber gehört, aber das war nicht hier.«27 Seine Welt war wieder kleiner geworden. Sein jüngster Bruder wurde damals geboren, ja, das wusste er noch. Und er selbst hatte sich schließlich doch zum evangelischen Glauben bekehrt und sich taufen lassen. Das war 1916, in der Missionsstation von Lukunga. Sein Taufname war Etienne, aber alle nannten ihn weiterhin einfach Nkasi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1921 kam es in seinem Leben jedoch zu einem großen Umbruch: Zum ersten Mal seit langer Zeit verließ er wieder sein Dorf. Vorher musste er einen gültigen Pass und &#039;&#039;une feuille de route&#039;&#039; beantragen, sonst durfte er nicht fort. Auch heute kann ein Kongolese nur schwer durch sein Land reisen ohne einen &#039;&#039;ordre de mission&#039;&#039; in der Tasche; der Kongo ist eines der wenigen Länder der Erde, das auch ein Migrationsamt für Ortswechsel im &#039;&#039;Inland&#039;&#039; hat – aufgrund der Schlafkrankheit von ehedem. Aber Nkasi hatte auch Glück. Weil ein Cousin seines Vaters bei der Eisenbahn arbeitete, konnte er umsonst mit dem Zug fahren. Er zuckelte einen Tag lang durch das weite Land und kam abends in Kinshasa an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, seit Swinburne dort 1885 in der wilden Natur seinen Posten aufgebaut hatte. An den Ufern des Stanley Pool hatten sich inzwischen rund achtzig Unternehmen mit ihren Lagerhäusern angesiedelt. Acht Kilometer westlich lag das ältere Militär- und Verwaltungszentrum Léopoldville. Hier hatten die britischen Baptisten seinerzeit ihr Mutterhaus errichtet. Die beiden Kerne, Kinshasa und Léopoldville, waren 1910 durch eine breite Straße miteinander verbunden worden. Heute ist das der Boulevard du 30 juin, nicht mehr eine Verbindungsstraße zwischen zwei europäischen Niederlassungen, sondern die in Abgaswolken gehüllte Hauptachse der Stadt. Damals gab es jedoch nicht einmal zweihundert Autos und LKW. In Kinshasa lebten um diese Zeit tausend Weiße, hundertfünfzig davon Frauen. Es gab etwa vierhundert Häuser aus beständigem Material.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi kam in einer Stadt an, die im Werden war, einer staubigen Ebene voller Baustellen und Avenuen, die ins Nichts führten. Südlich vom Viertel der Weißen hatte die Kolonialmacht eine &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; anlegen lassen, ein Schachbrett von drei mal vier Kilometern, durch schnurgerade Straßen unterteilt. Auf den ordentlichen, quadratischen kleinen Parzellen standen Lehmhütten mit Strohdächern. Darum herum bauten die Bewohner Maniok und Kochbananen an. Hier und da sah er ein Steinhaus mit einem Wellblechdach. Kinder rannten nackt durch die sandigen Gassen. Frauen saßen stundenlang im Schatten und kämmten sich gegenseitig die Haare. An manchen Häusern war etwas aufgemalt. Dort, lernte er schnell, konnte man Reis, Trockenfisch und Streichhölzer kaufen. Es war eine neue Welt. Innerhalb weniger Jahre waren zwanzigtausend Menschen hierher gezogen. Im benachbarten Léopoldville hatten sich noch einmal zwölftausend niedergelassen. Sie stammten aus allen Gegenden des Landes. Ihre Sprachen verstand er nicht, und sie kamen aus Landstrichen, von denen er noch nie gehört hatte. Nur viertausend von ihnen waren Frauen. Es war eine Männerwelt voller Gebrüll, dröhnendem Gelächter und Heimweh. Die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; ähnelte in nichts dem traditionellen Dorf, es war eher ein großes Camp mit Arbeitern und Handwerkern, aber auch mit Boys, die sich jeden Tag in das Viertel der Weißen aufmachten, und mit Vagabunden, Schlafkranken, Dieben und Prostituierten.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1921 kam ich nach Kinshasa. Ich arbeitete für Monsieur Martens«, erzählte er mir. »Er besaß Hallen voller Diamanten aus Kasai. Die Diamanten kamen aus der Mine. In Kinshasa wurden sie sortiert. Ich musste Säcke mit Erde füllen und leeren.« Um seine Worte zu unterstreichen, zeigte er mir durch Gesten, dass er mit einer Schaufel gearbeitet hatte. »Füllen und leeren. Ich verdiente drei Franc im Monat.«30 Um Diebstähle zu vermeiden, wurden die Rohdiamanten nicht in den Minen sortiert. Das Konzentrat aus den Diamantenwäschereien wurde in ein zentrales Depot gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Umzug in die große Stadt, die bald die Hauptstadt der Kolonie werden sollte, war einem Körnchen Glas von zwanzig Milligramm zu verdanken, das Jahre zuvor viele hundert Kilometer östlich entdeckt worden war. 1907 fand Narcisse Janot, ein belgischer Prospektor, der zusammen mit einem Geologen durch Kasai streifte, ein Bröckchen Kristall, das nicht uninteressant aussah. Da er nicht über die Geräte verfügte, um an Ort und Stelle eine petrologische Analyse vorzunehmen, steckte er es in ein Röhrchen und nahm es mit nach Brüssel. Nach seiner Heimkehr beachtete er es jedoch nicht mehr, und das winzige Steinchen geriet zwischen den vielen anderen geologischen Mustern, die die Expedition mitgebracht hatte, in Vergessenheit. Erst ein paar Jahre später beschäftigte sich wieder jemand damit. Eine nähere Analyse zeigte, dass es sich tatsächlich um einen Diamanten handelte.31 Ein wahres Diamantenfieber brach aus. Es zeigte sich, dass es in Kasai Diamantvorkommen gab; hochwertige, für Juweliere geeignete Diamanten neben einer gröberen Art, für die in der Industrie Nachfrage herrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts hielt der Boden der Kolonie überaus angenehme Überraschungen in petto. Bereits 1892 hatte der junge Geologe Jules Cornet in Katanga sehr reiche Kupfervorkommen entdeckt; vor allem Fundorte wie Kambove, Likasi und Kipushi schienen außerordentlich vielversprechend. Abends in seinem Zelt notierte er: »Ich würde es nicht wagen, eine Zahl zu nennen, um eine Vorstellung von den riesigen Kupfervorkommen in den Gebieten zu vermitteln, die ich gerade erforscht habe: das würde allzu unerhört und unglaublich klingen.«32 König Leopold II. beschwor ihn, das Geheimnis für sich zu behalten, um nicht das Interesse der Briten zu wecken. Diese Vorsorge war vermutlich nicht unbegründet: Katangas Kupfervorkommen gehören, wie sich später herausstellen sollte, zu den reichsten der Welt. Manche Bodenschichten enthalten bis zu 16 Prozent reines Kupfer. Im gebirgigen Nordosten des Landes, an der Grenze zu Uganda, fanden zwei australische Prospektoren in einigen Flüssen winzige Krümel, die im Sonnenlicht glitzerten: Gold. Die Fundorte bei Kilo und Moto erwiesen sich als wichtigste Goldvorkommen Zentralafrikas. Und 1915 fand ein anderer Prospektor in Katanga ein gelbes, bleischweres Gestein, das ihn an die Entdeckungen von Pierre und Marie Curie erinnerte. Das Erz erwies sich nach eingehender Analyse tatsächlich als sehr uranreich. Am Fundort entstand die Mine von Shinkolobwe, lange Zeit weltweit der wichtigste Uranlieferant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden des Kongo enthielt einen wahren »geologischen Skandal«, wie Jules Cornet es ausdrückte. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Bis dahin hatte sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes ausschließlich auf biologische Reichtümer gerichtet – Elfenbein und Kautschuk –, nun entdeckte man, dass wenige Meter unter der Oberfläche ein noch viel größerer Reichtum ruhte. Katanga, die wenig verheißungsvolle Region, die Leopold 1884 fast zufällig annektiert hatte, beherbergte, wie sich plötzlich herausstellte, eine unglaubliche Schatzkammer. Neben Kupfer und Uran fand man dort bedeutende Lagerstätten von Zink, Kobalt, Zinn, Gold, Wolfram, Mangan, Tantal und Steinkohle. Die Entdeckung dieser immensen Bodenschätze kam übrigens gerade zur rechten Zeit. Die Einnahmen aus der Kautschukgewinnung sanken ab 1910 drastisch. Der Welthandelspreis für Kaut­schuk befand sich im freien Fall. 1901 machte Kautschuk 87 Prozent des kongolesischen Exports aus, 1928 nur noch 1 Prozent.33 »Derzeit«, so stellte ein Reisender schon 1922 fest, »und bis auf weiteres redet man im Kongo nicht mehr oder jedenfalls kaum noch über Kautschuk.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: So wie der &#039;&#039;rubber boom&#039;&#039; gerade zur rechten Zeit kam, um den rückläufigen Elfenbeinhandel zu kompensieren, kam der Bergbau gerade rechtzeitig, um die im Niedergang befindliche Kautschukwirtschaft abzulösen. Kein anderes Land auf der Welt hat es mit seinen Naturreichtümern so gut getroffen wie der Kongo. Jedes Mal, wenn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren auf dem Weltmarkt akute Nachfrage nach einem bestimmten Rohstoff herrschte – Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Strom aus Wasserkraft während der Ölkrise der siebziger Jahre, der in andere afrikanische Länder exportiert wurde, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie –, zeigte sich, dass der Kongo über riesige Vorkommen der begehrten Güter verfügte und die Nachfrage mühelos befriedigen konnte. Die Wirtschaftsgeschichte des Kongo zeichnet sich durch unwahrscheinliches Glück aus. Aber auch durch eine unwahrscheinliche Misere. Von den sagenhaften Gewinnen kam für gewöhnlich kein Krümel bei der Mehrheit der Bevölkerung an. Diese Diskrepanz zeigt die ganze Tragik. Nkasi, der einst im Schweiße seines Angesichts Säcke mit Erde leerschaufelte, in denen die Edelsteine steckten, hatte so gut wie gar nichts vom ganzen Diamantengeschäft. Heute ist er bettelarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialmacht waren die geologischen Funde jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Sie markierten den Beginn des Bergbaus, bis zur heutigen Zeit mit Abstand der wichtigste Zweig der kongolesischen Industrie. Doch Erz abbauen und bearbeiten war etwas anderes als Stoßzähne aufkaufen oder Körbe voller Kautschuk verlangen. Um hier Profite zu erzielen, mussten zunächst umfangreiche Investitionen getätigt werden. Man benötigte Gesteinsbrecher und Waschanlagen, Hochöfen, Schmelzhütten, Kräne und Walzen. Zudem kamen die wichtigsten Mineralien in Regionen vor, die vom Meer weit entfernt waren. Wenn man Afrika mit einer riesigen Birne verglich, dann war Katanga »vielleicht nicht die Mitte, aber doch einer ihrer besten Kerne«.35 Also mussten neue Eisenbahnlinien, Häfen, Telegraphenkabel und Straßen angelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Finanziert wurde das alles vom belgischen Staat und von Privatinvestoren. Die Goldminen von Kilo-Moto befanden sich anfangs ganz im Besitz des Staates, doch der gab ab 1926 dann doch Aktien aus. Anderswo griff man auf das System der Konzessionsgesellschaften zurück, das gleiche System, das den »roten Kautschuk« möglich gemacht hatte. Diese Unternehmen basierten auf privatem Kapital, doch in der Regel profitierte auch die Kasse der Kolonie. Das erfolgte nicht über eine Besteuerung (vor dem Ersten Weltkrieg gab es noch keine echten Gewinnsteuern), sondern über die pflichtgemäße Überlassung großer Aktienpakete an den Kolonialstaat. Dank dieses Aktienportfolios sicherte sich die Staatskasse von Belgisch-Kongo Dividenden in oft beträchtlicher Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1906 wurden drei Unternehmen gegründet, die im Bergbau eine entscheidende Rolle spielen sollten: &#039;&#039;Union Minière de Haut-Katanga&#039;&#039; (UMHK), &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière du Congo&#039;&#039; (Forminière) und &#039;&#039;Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039; (BCK). Das Startkapital der Union Minière stammte zur Hälfte von britischen Investoren und zur anderen Hälfte von der &#039;&#039;Generale Maat­schappij&#039;&#039;, der mächtigen belgischen Holdinggesellschaft, die schon seit 1822 die Fäden der nationalen Wirtschaft fest in der Hand hielt und sich vor allem auf Katanga richtete. Nachdem die früheste Ausbeutung durch eine privatwirtschaftliche Investitionsgesellschaft erfolgt war, der &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; von Albert Thys (die auch die Bahnlinie in Bas-Congo angelegt hatte), übernahm anschließend das &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039; (CSK) die weitere Erschließung des Gebiets. Das CSK hatte einen sehr eigenartigen rechtlichen Status: Es war kein klassisches Unternehmen, sondern eine halb staatliche Organisation unter Kontrolle des Kolonialstaates, eine Gesellschaft sui generis mit öffentlich-privatem Kapital und außergewöhnlichen Privilegien. Es war im Besitz aller Schürfrechte für die Hälfte von Katanga und zudem mit der politischen Verwaltung des Gebiets betraut. Das CSK, obgleich mehr eine Firma als eine Behörde, besaß sogar eine eigene Polizeitruppe. Es war ein Staat im Staate. Dieser sonderbare Zustand dauerte auch noch an, als 1906 die Union Minière antrat. Wirtschaftliche und politische Interessen waren weiterhin eng miteinander verquickt. Als absoluter industrieller Riese in Katanga schrieb das Unternehmen der Kolonialregierung oft mehr vor als die Kolonialregierung dem Unternehmen. So stand der Kolonialstaat im Dienst des Unternehmens bei der Anwerbung von Bergarbeitern. Katanga hatte also schon immer eine Form der Verwaltung, die sich vom Rest des Landes unterschied. Darin lag unter anderem der Keim für das spätere Unabhängigkeitsstreben der Region.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forminière war mit amerikanischem Kapital gegründet worden. Da die Diamantvorkommen über zahlreiche Lagerstätten verstreut waren, erhielt das Unternehmen zeitweilig ein Prospektionsgebiet von sage und schreibe hundert Millionen Hektar, das später auf zwei Millionen Hektar Exploitationsgebiet schrumpfte; es betrieb dort fünfzig Minen in der Gegend von Tshikapa und Bakwanga. 1913 förderte Forminière 15.000 Karat Diamanten, 1922 220.000 Karat.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BCK schließlich, die dritte 1906 gegründete Gesellschaft, war eine private Eisenbahngesellschaft mit französisch-belgischem Kapital, die eine Bahnlinie zwischen Katanga und Bas-Congo baute. Über diese Strecke sollte das Erz zum Meer transportiert werden, ohne das Territorium von Belgisch-Kongo zu verlassen. Sonst hätten alle Transporte durch portugiesische, deutsche oder britische Kolonien erfolgen müssen, was lästige Abhängigkeiten bedeutet hätte. Die neue Bahnlinie war 1928 fertig. BCK beschränkte sich jedoch nicht auf den Bau von Eisenbahnlinien. Das Unternehmen besaß auch umfangreiche Schürfrechte, und die erwiesen sich als ungemein lukrativ. Wie sich herausstellte, galt die Konzession für eine der weltweit größten Lagerstätten von Industriediamanten. Die erzielten Gewinne waren sagenhaft. Fast die Hälfte davon floss dem kongolesischen Staat zu.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Nkasi schaufelte. In dieser frühen Zeit bedeutete der Bergbau Handarbeit, sehr viel Handarbeit. Wer sollte die leisten? Dass Belgier selbst in Frage kamen, schien ausgeschlossen: »Südlich des Äquators kann der Belgier kaum andere Tätigkeiten ausüben als eine leitende Funktion. Die kontinuierliche körperliche Arbeit, jede Form von Handarbeit, die an sich schon belastend genug ist, ist ihm mehr oder weniger verboten.«38 Im dünn besiedelten Katanga erwog man eine Zeitlang, chinesische Gastarbeiter ins Land zu holen, aber eingedenk der verheerenden Sterberaten beim Bau der Eisenbahn verzichtete man dann doch darauf. Wer heute mit dem Helikopter Katanga überquert, zum Beispiel von Kalemie nach Lubumbashi, wie es mir im Juni 2007 vergönnt war, lernt viel über die Sozialgeschichte. Das UN-Flugzeug, mit dem ich reisen sollte, war aus Mangel an Passagieren unerwartet gegen einen heruntergekommenen &#039;&#039;chopper&#039;&#039; mit russischer Besatzung und Beschriftung ausgetauscht worden. Statt eines kurzen, zweistündigen Fluges wurde es eine Reise von sechs langen und geräuschvollen Stunden über einer menschenleeren Landschaft. Wir flogen in nur dreihundert Metern Höhe. Bäume, Büffel und Termitenhügel waren einzeln zu erkennen, Dörfer aber sahen wir kaum. Während ich, mit roten Ohrenschützern ausgestattet, durch das offene Fenster blickte, begriff ich viel von der Wandlung, die sich hier vor einem Jahrhundert vollzogen hatte. Wenn die Savanne heute, in Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, noch immer so leer ist, überlegte ich mir, wie viel desolater muss es dann hier vor einem Jahrhundert gewesen sein nach einer Pandemie der Schlafkrankheit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga strotzte von Erz, aber es gab niemand, der es ausgrub. In den isolierten Dörfern suchte man vergeblich nach Freiwilligen. Ab 1907 warb man Arbeiter jenseits der Grenze an: Jährlich kamen sechs- bis siebenhundert Rhodesier, um in den Kupferminen von Katanga zu arbeiten.39 1920 war ihre Zahl auf viele Tausende angestiegen; sie bildeten die Hälfte der afrikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeiter blieben höchstens sechs Monate im Dienst, sie lebten in &#039;&#039;compounds&#039;&#039;, wie in den Minen von Südafrika, und durften ihre Familien nicht mitbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Persönliche Zeugnisse dieser frühen Bergarbeiter sind so gut wie unauffindbar, bis auf eine seltene Ausnahme. »Ich kam am 4. Mai 1900 in Katanga an. Ich war als Arbeiter angeworben worden von Herrn Kantshingo«, erinnerte sich ein alter Mann. Er musste zu einer ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Arbeitskarte, auf der er einen Daumenabdruck hinterlassen musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab keine Häuser aus Stein oder Backstein. Die Schwarzen schliefen in Hütten, die Weißen in Zelten und in Termitenhügeln [sic]. Viele der Weißen waren Italiener. Die Vorarbeiter kamen aus Nyasaland [Malawi]. Die Umgangssprache war Kikabanga. Eine Spitzhacke hieß &#039;&#039;mutalimbi&#039;&#039;. Eine Schaufel hieß &#039;&#039;chibassu&#039;&#039;, eine Schubkarre &#039;&#039;pusi-pusi&#039;&#039;, ein Hammer &#039;&#039;hamalu&#039;&#039; [man beachte den Einfluss des Englischen]. Um vier Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Wir fingen um sechs Uhr an und hörten um fünf, sechs, sieben Uhr abends auf. Die Arbeiter bekamen schrecklich viel Prügel. (. . .) Wir bezahlten mit rhodesischem Geld. Das Bier, das wir tranken, hieß &#039;&#039;kataka&#039;&#039; und &#039;&#039;kibuku&#039;&#039;, es war aus Mais oder Hirse gebraut.40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1910 wurde Katanga an das Eisenbahnnetz angeschlossen, das die Briten in ihren südlichen Kolonien angelegt hatten. Von nun an gab es eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Katanga und Kapstadt. Bei dem kleinen Dorf Lubumbashi in der Nähe der Mine, die von Prospektoren &#039;&#039;Star of the Congo&#039;&#039; genannt wurde, schoss eine Stadt aus dem Boden: Elisabethville. 1910 lebten dort dreihundert Europäer und tausend Afrikaner; ein Jahr später: tausend Europäer und fünftausend Afrikaner.41 Die Stadt war von Anfang an mehr südafrikanisch als kongolesisch. Die schnurgeraden Alleen erinnerten an Pretoria, die weißen Häuser im kapholländischen Stil strahlten Behaglichkeit aus. Durch die rhodesischen Arbeiter und britischen Industriellen wurde Englisch die vorherrschende Sprache und das Pfund Sterling das gängigste Zahlungsmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfügen über ein außergewöhnliches Dokument, um diese Anfangsphase des katangesischen Bergbaus aus afrikanischer Perspektive zu verstehen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb André Yav, ein alter Mann, der sein ganzes Leben Boy in Elisabethville gewesen war, seine Erinnerungen nieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Union Minière aufmachte, kamen zuerst die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern, um dort zu arbeiten. Das waren Balamba, Baseba, Balemba, Basanga, Bayeke und Bene Mitumba. Es waren nicht viele, und sie wollten ihre Dörfer nicht wirklich verlassen und lange fort bleiben. Sie arbeiteten dort zwei, drei Monate und gingen wieder nach Hause. Nach einer Weile wurden die Orte, wo es Arbeit gab, groß. Dann riefen sie die Leute aus Luapula und Süd- und Nordrhodesien [heute Simbabwe und Sambia] herbei, und auch andere kamen: Balunda, Babemba, Barotse und auch Burschen aus Nyasaland. Sie hatten genug Kraft für die Arbeit, aber konnten ihr Dorf auch nicht lange verlassen. Nach sechs oder zehn Monaten kehrten sie nach Hause zurück.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei blieb es nicht. Rekrutierer zogen immer tiefer ins Inland von Katanga, um junge, kräftige Männer zusammenzutrommeln. Neben den offiziellen Instanzen waren in den frühen Jahren auch sehr viele &#039;&#039;private contractors&#039;&#039; aktiv – weiße Abenteurer, die versuchten, möglichst viele Jugendliche zu den Minen zu locken. Manche von ihnen gingen sogar bis nach Kasai und Maniema, Touren von achthundert Kilometern. Ihre Rekrutierungsmethoden waren oft fragwürdig: Sie bestachen Dorfvorsteher mit europäischen Luxusgütern wie Decken und Fahrrädern und belohnten sie pro Arbeiter, der ihnen gestellt wurde, mit einer Prämie. Über die Arbeitsbedingungen in der Mine schwiegen sie wohlweislich. Sie kauften Arbeiter, um sie weiterzuverkaufen. Häufig war Gewalt im Spiel. Im Grunde unterschied sich ihr Vorgehen kaum von der Rekrutierung durch die Force Publique 1890 oder der afro-arabischen Sklavenhändler 1850. Der pensionierte Boy ließ in seinen Lebenserinnerungen keine Missverständnisse darüber aufkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Basis konnten &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Changa-Changa [der afrikanische Beiname der Union Minière] und die anderen Weißen ihre Bergwerksgesellschaften gründen. (. . .) Was wir alles ertragen mussten, war unvorstellbar; auf dem Boden schlafen, von Schlangen gebissen werden, von Mücken und allerlei Arten Insekten. So erging es uns mit den Weißen, und das alles, um Erze zu finden in Katanga, und noch schlimmer war es mit den Weißen vom Comité spécial [du Katanga, aktiv bis 1910]. Damals mussten wir herumlaufen, mögliche Lagerstätten erkunden, in den Büschen und auf den Hügeln nach allerlei Sorten Steinen suchen. Und außerdem mussten wir, die Boys, den Weißen entlang allen Flüssen von Katanga, vom Kongo, von überall folgen.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterbringung dieser ersten Generation Bergarbeiter war oft erbärmlich. Sie mussten in Lagern hausen, weitab vom weißen Stadtzentrum. Die räumliche Segregation war seit 1913 gesetzlich verankert.44 Ihre Quartiere glichen eher Militärlagern als Stadtvierteln: rechtwinklig und fast ohne Schatten. Traditionelle Hütten standen streng in Reih und Glied. In jeder Hütte durften vier Arbeiter wohnen, jeder verfügte über vier Quadratmeter. Latrinen waren vorhanden, jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit lebten übermüdete Arbeiter in schlimmen Verhältnissen mit wenig Hygiene. Bei der Mine von Kambove mussten die Campbewohner manchmal buchstäblich durch den Dreck waten. Trinkwasser war knapp. Die Mine mit ihren Dampfmaschinen und Bohranlagen schluckte das meiste Wasser selbst. In der Trockenzeit tranken die Arbeiter aus Pfützen oder schlammigen Rinnsalen.45 Krankheiten blieben nicht aus. Dysenterie, Enteritis und Typhus forderten ihren Tribut, und lokale Grippeepidemien brachen in Elisa­bethville, bei The Star und in Kambove aus. 1916 starben an diesen drei Orten innerhalb von sechs Monaten 322 Arbeiter von den insgesamt fünftausend. Außerdem zogen sich viele Bergarbeiter aufgrund der schweren Arbeit in den staubigen Minen Lungenentzündungen zu oder erkrankten an Tuberkulose. Ein Viertel bis ein Drittel von ihnen wurde krank, aber eine Gesundheitsfürsorge war nur in Ansätzen vorhanden.46 1920 gab es rund siebzig Ärzte und einen Zahnarzt im gesamten Kongo; sie kümmerten sich vor allem um das Wohl der weißen Bevölkerung.47 Die Arbeiter machten viele Überstunden und erhielten einen kärglichen Lohn. Viele wurden apathisch und depressiv und bekamen Heimweh. Sie organisierten sich nur in geringem Grad, oft nach ethnischer Zugehörigkeit, um ihre Kranken zu versorgen, ihre Toten zu begraben, zu trinken und zu singen. Manche liefen fort, andere wagten das nicht. Bis 1922 waren Körperstrafen gesetzlich erlaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ergab eine erschütternde Bilanz. Die Kautschukgewinnung war Süd-Katanga weitgehend erspart geblieben, nun aber wurde die Region in einen schonungslosen Industriekapitalismus mitgerissen. André Yav, der ehemalige Boy, gelangte zu einer äußerst merkwürdigen, aber sehr vielsagenden Schlussfolgerung: Er war der Ansicht, dass König Albert I. viel schlechter sei als Leopold II., der immerhin noch »die Gesetze Afrikas und des Kongo respektiert« habe! Das bedurfte einer Erläuterung: »In der Zeit von König Leopold II. aßen die Boys zusammen mit den Weißen an einem Tisch. Der Weiße sah ihn als einen Angestellten. Sie waren nicht wie die Weißen, die nach Leopold II. kamen. Als er starb, wurde König Albert I. sein Nachfolger. Diese Weißen erließen strenge Verfügungen, und ihre Erlasse waren wirklich sehr schlecht. Sie waren es, die eine schlechte Art von Sklaverei für uns Kongolesen brachten.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso rücksichtslos waren die Zustände in den Goldminen von Kilo-Moto in der Provinz Orientale. Nur einer von acht Arbeitern schuftete dort freiwillig, die anderen waren in den umliegenden Dörfern erbeutet worden. Auch hier ging es um Menschenhandel und Zwangsarbeit. Rekrutierer zahlten einem Dorfvorsteher zehn Franc pro Arbeitskraft und führten die jungen Männer ab, die durch ein hölzernes Joch oder Seilschlingen um den Hals aneinandergefesselt waren. 1908 gab es achthundert Arbeiter, 1920 mehr als neuntausend.49 Im diamantenreichen Kasai arbeiteten 1923 etwa zwanzigtausend Afrikaner im Dienst von zweihundert Weißen.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich im Kongo somit eine erste Industrialisierungswelle und führte zur Proletarisierung vieler Menschen. Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen. Auch in dieser frühesten Phase handelte es sich um sehr große Zahlen. In Katanga, wo 60 Prozent der Arbeiter für die Union Minière tätig waren, stieg die Zahl der Bergarbeiter zwischen 1914 und 1921 von achttausend auf zweiundvierzigtausend und die Zahl der am Bau der Eisenbahn beteiligten Arbeiter von zehntausend auf 40.700. Kasai und die Provinz Orientale stellten zusammen dreißigtausend Arbeiter, in Kinshasa und Léopoldville wohnten außerdem noch dreißigtausend Migranten. Der Grund für diese massenhafte Anwerbung afrikanischer Arbeitskräfte war einfach: Schweiß war billiger als Benzin.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Proletarisierung beschränkte sich überdies nicht auf die Industrie. Auch die Landwirtschaft benötigte Arbeitskräfte, zumal die weißen Farmer nun Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen gründeten. Der größte Bedarf an Landarbeitern bestand jedoch im Palmölsektor. 1884 hatte ein gewisser William Lever in Liverpool mit der Herstellung von Seife in industriellem Maßstab begonnen. Die Stücke glitten wie am Fließband aus den Stanzen, und er taufte sein Produkt »Sunlight«. Dass sich sein Betrieb zum multinationalen Konzern Unilever entwickeln würde, war unter anderem dem Kongo zu verdanken. Die Seife wurde auf der Basis von Palmöl hergestellt, das Lever anfangs in Westafrika kaufte. Als ihm die britische Kolonialverwaltung keine günstigen Bedingungen mehr einräumte, gewährte ihm der belgische Staat 1911 eine sehr umfangreiche Konzession im Kongo. Er durfte nach eigenem Ermessen fünf Kreise mit einem Radius von sechzig Kilometern in Gebieten abgrenzen, in denen wilde Palmen im Überfluss wuchsen, insgesamt eine Fläche von 7,5 Millionen Hektar, zweieinhalbmal so groß wie Belgien. Das war der Anfang der &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; (HCB), eines Unternehmens, das insbesondere im Süden von Bandundu sehr aktiv war und sich zu einem riesigen Konzern entwickelte. In dieser Gegend um Kikwit entstand das Städtchen Leverville. Für die Ernte der Palmnüsse setzte das Unternehmen viele tausend Kongolesen ein, die in traditioneller Weise die Stämme hochkletterten, um die Fruchtbüschel abzuschlagen. Lever stand im Ruf eines großen Philanthropen, doch davon war im Kongo nicht viel zu sehen. Die Arbeiter wurden mit kärglichen fünfundzwanzig Centime pro Tag entlohnt und lebten unter primitiven Bedingungen. Erzwungene Rekrutierung und Bestechung von Dorfvorstehern war an der Tagesordnung. Dutzende von Dörfern mussten zugunsten der Industrie verschwinden. Dabei ging es ziemlich brutal zu. Heute erinnert man sich in Kikwit mit Bitterkeit an diese Zeit: Es war noch schlimmer als das, was die Gegend in den Kautschukjahren erlitten hatte.52 König Albert wird das 1912 sicher nicht vermutet haben, als er von William Lever eine Elfenbeindose mit dem ersten Stück Sunlight-Seife erhielt, die aus kongolesischem Palmöl hergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verdiente 3 Franc im Monat«, hatte Nkasi erzählt. Er wusste es noch so genau, weil er zum ersten Mal im Leben überhaupt Geld verdient hatte. Die einsetzende Industrialisierung des Kongo brachte nicht nur eine erste Form von Urbanisierung und Proletarisierung mit sich, sondern bewirkte auch einen einschneidenden Prozess der Monetarisierung. Zum ersten Mal bekam es die Bevölkerung in großem Maßstab mit so etwas Abstraktem wie Geld zu tun. Formale Zahlungsmittel waren nichts völlig Neues: in Bas-Congo benutzte man von jeher kleine, weiße Muscheln, in Katanga kleine, von Handwerkern gegossene Kreuze aus Kupfer und andernorts &#039;&#039;mitakos&#039;&#039;, jene Kupferstäbe, die die frühesten Kolonisatoren eingeführt hatten. Doch diese Zahlungsmittel wurden nur bei besonderen Geschäften verwendet. Es gab noch keine weit verbreitete Geldwirtschaft. Das änderte sich jedoch schnell. Um 1900 standen höchstens ein paar hundert Menschen in Bas-Congo in einem Arbeitsverhältnis, hauptsächlich bei der Eisenbahn, doch 1920, als Nkasi nach Kinshasa zog, waren es schon – über das ganze Land verbreitet – 123.000. Und damals sollte der echte Beschäftigungsboom erst noch beginnen: 1929 zählte man bereits 450.000 Arbeiter. Im Kongo entstand eine Geldwirtschaft.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Monetarisierung hatte gravierende Auswirkungen. Abermals manifestierte sich der Staat nachdrücklich im alltäglichen Leben. Man konnte kein Huhn mehr von der Nachbarin kaufen, ohne dass die Obrigkeit symbolisch daran teilhatte. Der jahrhundertealte Tauschhandel, ein transparentes Gefüge des Gebens und Nehmens, musste einem abstrakten, vom Staat aufgezwungenen System weichen. Man musste wohl oder übel darauf vertrauen, dass die seltsamen Zettel, auf denen eine weiße Frau in einem weißen Gewand prangte, tatsächlich einen Wert hatten. »Banque du Congo-Belge« stand auf diesem ersten kongolesischen Geldschein in eleganten Lettern, »un franc« – für den, der lesen konnte. Die Frau, die recht hellenistisch anmutete, trug ein Diadem. Ihr linker Arm ruhte auf einem großen Rad, im rechten Arm hielt sie eine Getreidegarbe.54 Es sollte wohl eine Allegorie auf die Landwirtschaft und den Gewerbefleiß darstellen, doch der durchschnittliche Kongolese war mit neoklassizistischer Graphik und mit Kitsch nicht so vertraut. In den frühen zwanziger Jahren hatten die Münzen eher einen Bezug zur lokalen Wirklichkeit: Sie enthielten die Abbildung einer Ölpalme, &#039;&#039;m&#039;bila&#039;&#039; in mehreren einheimischen Sprachen.55 Das Geld galt buchstäblich als Verbindung zwischen Staat und Industrie: Levers Konzern wurde bald als &#039;&#039;Compagnie m&#039;bila&#039;&#039; bezeichnet. Geld, das war Tauschhandel mit der Fabrik. Man gab seinen Leib und bekam dafür einen Lohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorteil war jedoch, dass Steuern künftig einfacher eingezogen werden konnten. Die Pflichtmitgliedschaft im Staat brauchte nicht länger in natura oder durch Arbeitsleistung abgegolten zu werden. Es war vorbei mit dem Schleppen von Lasten, dem Rudern auf dem Fluss oder dem Kautschuksammeln für die Weißen, es war vorbei mit der Regel, dass man vierzig Stunden im Monat dem Staat zu dienen hatte. Als Belgien den Kongo übernahm, führte es anfangs noch ein System ein, in dem auch andere Güter als Kautschuk als Steuern akzeptiert wurden – der koloniale Fiskus gab sich ebenso mit Maniokbrot, Kopal, Palmöl oder Hühnern zufrieden –, doch nach einiger Zeit mussten die Steuern dann doch in bar entrichtet werden. Joseph Njoli, ein Mann aus der Provinz Équateur, konnte sich noch gut daran erinnern, als er 1953 von einem Missionar gebeten wurde, sein langes Leben zu beschreiben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Kautschuk haben sie uns eine Steuer von Fisch und Maniok auferlegt. Nach den Fischen waren es Palmöl und Holz, das wir dem Distriktverwalter in Ikenge liefern mussten. Sein Name war Molo, der Weiße, der in Ikenge bei den Menschen am Flussufer wohnte. Wir kannten viele Formen der Fronarbeit. Dann kam ein anderer Weißer, Lokoka genannt. Er ließ die anderen Dienste stoppen und brachte uns Geld. Er sagte: »Ihr dürft die Steuern mit Geld bezahlen. Jeder muss 4,50 Franc bezahlen.« So wurde bei den Schwarzen das Geld eingeführt. Und heute leben wir noch immer in der Sklaverei der Belgier.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viereinhalb Franc pro Jahr, das war nicht übertrieben viel. Man hielt die Steuerlast bewusst niedrig. 1920 entsprach dieser Betrag sechs Kilo Kautschuk oder fünfundvierzig Kilo Palmfrüchten, fünfundvierzig Kilo Palmöl, fünfundvierzig Kilo Kopalharz, neun Hühnern, einer halben Ziege oder ein paar Dutzend Maniokbroten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Theoretisch wollte Belgisch-Kongo mit den üblen Gepflogenheiten des Freistaates brechen, doch in der Praxis sah es oft ganz anders aus. In den Zonen, in denen sich das internationale Großkapital niederließ, entstanden neue Formen von Ausbeutung und Knechtschaft. Es kam zu Migrationsströmen, die das Land eher zerrütteten als wiederaufbauten. Junge Männer landeten in schmuddeligen Arbeitercamps, während in den Dörfern nur noch Frauen und Alte übrig blieben. Ein großer Teil der Misere in den Jahren 1908-1921 war den vier langen Jahren des Ersten Weltkrieges zuzuschreiben, aber auch schon vorher war die Lage ziemlich trostlos. Es wäre falsch, alles auf diesen vermaledeiten Konflikt zu schieben. Der Große Krieg war nicht die Ursache, er verschlimmerte den Zustand allerdings.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 11. November 2008 goss es in Kinshasa wie aus Eimern. Selbst nach äquatorialen Maßstäben herrschte extrem starker Regenfall. Nicht Tropfen fielen vom Himmel, sondern Glasröhrchen, flüssige Reagenzgläser. Der Verkehr kam zum Erliegen, unaufhörlich wurde gehupt, als sollten die Pfützen zum Trocknen aufgefordert werden, und der Innenhof des Maison des Anciens Combattants glich einem Schwimmbad. In den fünfziger Jahren war hier ein Freiluftkino, jetzt diente das Haus als Vereinslokal für Kriegsveteranen. Hier trafen sich täglich die ehemaligen Soldaten aus den vielen Kriegen, die der Kongo erlebt hat. »Es ist unglaublich«, sagte ein belgischer Soldat in Uniform zu mir, »nichts ist wasserdicht in diesem Land, überall regnet es herein, aber hier bleibt das Wasser einfach stehen.« Er schaute auf den gepflasterten Innenhof. Ein Dutzend Jugendliche versuchten, das Wasser mit Eimern wegzuschöpfen, doch fast ohne sichtbares Ergebnis. Das Wasser stand mindestens dreißig Zentimeter hoch. »Hier kann man verdammt noch mal Kois züchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen strömten immer mehr Leute herbei. Frauen, in prachtvolle Tücher gewandet; die Absätze ihrer Pantoletten hinterließen kleine Kuhlen im Boden. Männer mit funkelnden Blasinstrumenten. Herren in Dreiteilern. Steinalte Soldaten in grüner Uniform. Natürlich, es war ihr Tag. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich. Unter einem Vordach standen sie und begutachteten gegenseitig ihre Orden, nahmen sie einander weg. »Sayo? Da warst du nicht dabei. Gib her.« Unter unwirschem Gebrummel wanderten Auszeichnungen von einer Jacke auf die andere. Es dauerte eine ganze Weile, bis jeder, der ein wenig Rauschgold tragen wollte, tatsächlich versorgt war. André Kitadi sagte zu mir: »Keiner von ihnen war dabei. Von den Veteranen von 40-45 sind in Kinshasa nur noch vier am Leben.« Er war einer von diesen vieren, ich hatte ihn früher schon einmal interviewt. Er gab nichts auf Orden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag wurde der neunzigste Jahrestag des Waffenstillstandes des Ersten Weltkriegs begangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste warteten unter Schutzdächern, bis der Innenhof wieder trocken war. Die Zeremonie sollte um elf Uhr beginnen, aber es war schon halb eins. Schließlich rückte jemand mit einer Pumpe an. Eine halbe Stunde später hatten sie auch Diesel aufgetrieben, und nach einer weiteren Viertelstunde sprang der Motor an. Nach fünf Minuten geräuschvollem Schlürfen war der Innenhof trocken und der Hintergarten des Maison des Anciens Combattants ein Morast. Die Gedenkfeier konnte beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1914 war der Kongo wie Belgien neutral. Das lag auf der Hand: Beide Länder waren einmal als Pufferstaat zwischen rivalisierenden Großmächten gedacht gewesen. Die Neutralität des Kongo ergab sich aus der Schlussakte der Berliner Konferenz. Doch am 15. August 1914, elf Tage nach dem deutschen Angriff auf Belgien, war es damit vorbei. Vor dem Dorf Mokolubu auf der kongolesischen Seite des Tanganjikasees tauchte ein Dampfschiff auf. Es kam von der gegenüberliegenden, deutschen Seite. Das Schiff feuerte auf ein Ausflugslokal und versenkte fünfzehn Pirogen. Eine Abteilung deutscher Soldaten ging an Land und schnitt an vierzehn Stellen die Telefonkabel durch.58 Eine Woche später erfolgte ein Angriff auf den Hafen von Lukuga. So begann im Kongo der Erste Weltkrieg. Die territoriale Integrität war bedroht, das Neutralitätsgebot galt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus war daran schuld, dass aus einem bewaffneten Konflikt in Europa ein Weltkrieg werden konnte. Auch große Teile Afrikas wurden in den Weltenbrand einbezogen. Die deutschen Kolonien in Ostafrika (später Ruanda, Burundi, Tansania) und Westafrika (später Togo, Kamerun und Namibia) grenzten auf allen Seiten an französischen, britischen, portugiesischen und belgischen Besitz. Belgisch-Kongo teilte im Nordwesten einige Dutzend Kilometer Grenze mit Kamerun, im Osten mehr als siebenhundert Kilometer mit Deutsch-Ostafrika. So war es nicht verwunderlich, dass Berlin schon seit geraumer Zeit Interesse an Belgisch-Kongo gezeigt hatte. Es wollte eine Brücke zwischen seinen östlichen und westlichen Kolonien schlagen, nicht zuletzt, um die britische Achse &#039;&#039;from Cape to Cairo&#039;&#039; zu brechen. War Kolonialisieren zudem nicht eine Aufgabe, die Großmächten zukam? Durfte man das überhaupt unbedeutenden Zwergstaaten wie Belgien überlassen?59 Noch 1914 wollte Deutschland mit Großbritannien über eine Aufteilung von Belgisch-Kongo verhandeln. Doch die Briten gingen nicht darauf ein, denn sie wussten nur allzu gut, dass das die Franzosen mit ihrem historischen Vorkaufsrecht auf den Kongo niemals schlucken würden.60 Indes fragte sich sogar in Belgien mancher, ob man den Hunger des Nachbarn im Osten nicht besser stillen sollte, indem man ihm die Hälfte des Kongo schenkte. Ein Gebiet von 680.000 Quadratkilometern Urwald, könnte das die teutonische Gefräßigkeit nicht dämpfen?61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kam doch zum Krieg, auch in Afrika. Niemand dort wusste, wer Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg war und warum ein wohlgezielter Schuss in Sarajevo zu Gemetzeln in der Savanne führen musste, doch die Weißen sprachen mit großem Ernst darüber. Die Kriegshandlungen in Afrika hatten allerdings nichts mit den unverrückbaren Fronten des Stellungskrieges in Europa gemeinsam. Es gab keine kontinuierliche, eindeutige Front wie die Linie, die von der Nordsee bis zur Schweiz verlief. Es gab keine Schützengräben, keine Angriffe mit Senfgas, keine Stellungen, die untergraben und mit Dynamit gesprengt wurden, keine Weihnachtswaffenruhe mit Fußballspielen im Niemandsland. Die Dimensionen des afrikanischen Kontinents, die geringe Erschließung durch Straßen, der Mangel an Soldaten und die oft extrem unwegsame Topographie waren die Ursache für eine ganz andere Form der Kriegsführung. Nicht Gebiete wurden erobert, sondern strategisch wichtige Orte. Nicht geschlossene Fronten wurden durchbrochen, sondern örtliche Regimenter besiegt. Es wurden keine Zonen okkupiert, sondern Straßen kontrolliert. Die Intensität war viel geringer. In Deutsch-Ostafrika behauptete sich General von Lettow-Vorbeck vier Jahre lang mit einer Armee von dreitausend Deutschen und elftausend Afrikanern – in Verdun war das die Zahl der Gefallenen an einem einzigen Vormittag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung in Brüssel teilte dem Generalgouverneur mit, er dürfe die Force Publique einsetzen, um die Kolonie zu verteidigen. Später, als die belgische Regierung nach Le Havre ins Exil gegangen war, gab es eine intensive Kommunikation mit der Kolonialverwaltung in Boma. Doch nun war das keine politische Einbahnstraße Europa – Kongo mehr: Während Belgien nahezu vollständig von den deutschen Truppen überrannt wurde, blieb das Territorium der Kolonie während des gesamten Krieges so gut wie intakt. Das Verhältnis hatte sich plötzlich gewandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Truppen kämpften an drei Fronten: Kamerun, Rhodesien und in Deutsch-Ostafrika. In den ersten beiden Fällen waren die Kampfeinsätze relativ überschaubar. 1914 unterstützten sechshundert Soldaten und eine Handvoll weißer Kommandanten die Truppen der Entente im Kampf um Kamerun. Und ein Jahr später marschierten 283 kongolesische und sieben belgische Soldaten mit den britischen Kolonialtruppen auf, als die Deutschen Rhodesien bedrohten. Doch die weitaus größte Machtentfaltung fand im Osten der Kolonie statt. Im Kivu-Gebiet war die Grenze zwischen belgischem und deutschem Territorium erst 1910 festgelegt worden. Ab 1915 versuchten deutsche Truppen jedoch wiederholt, in den Kivu vorzudringen, um von dort aus zu den Goldminen von Kilo-Moto im Ituri-Wald vorzustoßen. Sie scheiterten, erlangten aber die Kontrolle über zwei der Großen Seen: den Tanganjikasee und den viel kleineren Kivusee. Mit ihren Kriegsschiffen, der Kingani, der Hedwig von Wissmann und vor allem der Graf Goetzen (tausend Tonnen schwer), patroullierten sie vor den kongolesischen Seeufern. Im Kivusee hatten sie sich der Insel Idjwi bemächtigt; das war der einzige Teil Belgisch-Kongos, der unter deutscher Besatzung stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf um den Tanganjikasee wurde zu einem der legendärsten Kämpfe im gesamten Ersten Weltkrieg. Von Südafrika aus schmuggelten britische Truppen die Einzelteile von zwei schnellen, wendigen Kanonenbooten an die Seeufer. Schiffe in Einzelteilen über Land tragen: das erinnerte an die Zeit Stanleys. Unter den Tarnnamen Mimi und Toutou spielten sie eine entscheidende Rolle bei der Schwächung der deutschen marinen Schlagkraft. Möglicherweise noch unvorstellbarer war die Initiative, die belgischen Kolonialtruppen am Tanganjikasee durch vier kleine Wasserflugzeuge zu verstärken. Die Luftfahrt befand sich noch in den Kinderschuhen, die koloniale Luftfahrt ohnehin. Niemand wusste, wie die leichten Maschinen bei tropischer Hitze reagieren würden. Niemand hatte Erfahrung mit der Luftfahrt in Zeiten des Krieges, geschweige denn mit zerbrechlichen Doppeldeckern, die vom Wasser aus starten sollten. Die vier Maschinen kamen in Einzelteilen per Schiff in Matadi an. Mit Eisenbahnzügen wurden sie nach Kinshasa transportiert und dort auf einen Frachter umgeladen, der sie nach Kisangani brachte. Einen Monat später erreichten sie Kalemie. Fünfhundert Tonnen Material, 53.000 Liter Treibstoff und Öl, vier Maschinengewehre und dreißigtausend Patronen. Da der Tanganjikasee wegen des Wellenganges nicht als Start- und Landebahn dienen konnte, brachte man die Flugzeuge zu einer geschlossenen Lagune in dreißig Kilometer Entfernung. Die Lagune war der Sicht des Feindes entzogen, und das Wasser kräuselte sich nur leicht. 1916 überflogen die Doppeldecker den Tanganjikasee mehrmals, vor allem mit dem Ziel, die Graf Goetzen zu bombardieren, was ihnen am 10. Juli auch gelang. (Doch das Schiff wurde nicht versenkt. Im Jahr 2010 ist es noch immer in Betrieb – als Fähre auf dem See, auf dem es als Kriegsschiff ein ruhmloses Ende fand.) Die Verteidigung des deutschen Uferstreifens und insbesondere des Städtchens Kigoma war gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen war die Infanterie nicht untätig. Der Kommandant der Force Publique, General Tombeur, stellte an der Ostgrenze des Kongo eine große Streitmacht auf – fünfzehntausend Soldaten, alle mit Gewehren und Munition ausgestattet. Logistisch gesehen muss es ein Albtraum gewesen sein, das ganze Material heranzuschaffen. Abertausende von Trägern erledigten den Transport. Für jeden Soldaten, der in den Kampf zog, wurden an die sieben Träger benötigt. Alles in allem traten während der vier Kriegsjahre 260.000 Träger an, und das bei einer Bevölkerung von nicht einmal zehn Millionen. Viele von ihnen waren nach einiger Zeit unterernährt. Trinkwasser war knapp. Sie tranken aus Tümpeln, sie tranken ihren eigenen Urin. Während sie über die Hochebene von Kivu mit ihren kühlen Nächten zogen, herrschte bitterer Mangel an Nahrungsmitteln, Zelten und Decken. Schätzungen zufolge kamen fünfundzwanzigtausend Träger um. Etwa zweitausend Soldaten verloren das Leben; auf dem Höhepunkt des Kampfes war die Streitmacht auf fünfundzwanzigtausend Soldaten angewachsen. Doch anders als beim Feldzug in den Sudan 1896 kam es trotz allem kaum zu Fahnenflucht oder Meuterei, teils, da die weißen Offiziere die afrikanischen Hilfstruppen mit mehr Milde behandelten, teils, da es ein Siegeszug wurde, aus dem die Soldaten Mut schöpften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1916 sah Tombeur den richtigen Zeitpunkt für den Angriff gekommen. Die Truppen überschritten die Grenze zu Deutsch-Ostafrika, und der Feldzug nach Kigali, der späteren Hauptstadt von Ruanda, begann. Am 6. Mai fiel die Stadt. Von dort aus ging es weiter nach Tabora, dem administrativen Knotenpunkt der deutschen Kolonie. Bis zu dieser Stadt waren es noch einmal sechshundert Kilometer Luftlinie, die zu Fuß bewältigt werden mussten, wieder mit mehreren zehntausend Trägern. Eine andere Kolonne machte sich von den Ufern des Tanganjikasees aus auf den Weg. Tabora war eine ansehnliche Stadt mit ein paar großen Hotels, Handelshäusern, Manufakturen und Werkstätten, zwölfhundert Meter über dem Meeresspiegel auf einer offenen, kargen Ebene gelegen. Der Kampf um Tabora bildete den Höhepunkt der belgischen Kolonialkämpfe im Ersten Weltkrieg. Am 19. September, nach zehn Tagen und Nächten heftiger Kämpfe, fiel die Stadt in die Hände der Truppen von Belgisch-Kongo. Die deutschen Einheiten flohen; auf ihrem Fort wehte nun die belgische Trikolore. Ein Jahr später, 1917, führte die Force Publique von dort aus einen erfolgreichen Feldzug nach Mahenge, noch einmal fünfhundert Kilometer weiter in Richtung Mosambik, und kontrollierte nun ein Drittel von Deutsch-Ostafrika. Einige Truppenteile stießen sogar bis zum Indischen Ozean vor, aber Tabora war der Name, den damals jeder kannte. General Tombeur wurde in den Adelsstand erhoben – sein neuer Name lautete, auf einmal recht passend, Tombeur de Tabora –, und in Saint-Gilles bei Brüssel wurde ein stilisiertes Denkmal für ihn errichtet. Im Kongo bekam Tabora den Beiklang einer mythischen Eroberung, von der noch Generationen Schulkinder hören sollten. »[König] Albert gibt Acht auf den Feind«, sangen die Schüler der Maristenpatres in Kisangani, »Mit großer Wachsamkeit / In Europa und in der Stadt Tabora / Behält er sie im Auge.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin Kabuya, der 92-jährige ehemalige Soldat, dessen Großvater während des Sudanfeldzuges lebendig begraben worden war, war zwei Jahre alt, als der Krieg endete. Sein anderer Großvater, mütterlicherseits, hatte den Kampf aus der Nähe miterlebt. Als wir an einem glutheißen Tag in seinem Garten saßen, erzählte er mir: »Mein Großvater hieß Matthias Dinda und war 1898 geboren. Er war ein Zande aus dem Norden des Kongo. Unser Stamm kommt ursprünglich aus dem Sudan, wir sind eigentlich alle Sudanesen. Er war sehr stark, er jagte Leoparden. Er trat in die Force Publique ein und wurde &#039;&#039;soldat de première classe&#039;&#039;, der höchste Rang für einen Schwarzen. Von Goma aus marschierte er in Ruanda ein, und in Burundi und in Tansania, in all die deutschen Gebiete. Er war dabei, als Tabora fiel.« Er schwieg einen Moment. Eine Eidechse mit orangefarbenem Kopf huschte über die Mauer. »Mein Großvater war ein Freund des Mannes, der dort die Fahne gehisst hat. Er gab ihm damals sogar Deckung. Er war ein sehr großer Kämpfer.«63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya sah ich bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand in der Maison des Anciens Combattants wieder. Die Gäste, es waren mehrere Dutzend, nahmen auf dem inzwischen trockenen Innenhof Platz. Er saß ganz vorn bei den Veteranen. Man hatte Gartenstühle aus Plastik für sie bereitgestellt. Ein Podium mit schickeren Stühlen füllte sich mit militärischen und zivilen Würdenträgern. Als die Blaskapelle die belgische und die kongolesische Nationalhymne anstimmte, sprangen alle auf, und die Soldaten und Offiziere salutierten minutenlang. Es war wirklich ergreifend: Waffenstillstand feiern in Kinshasa, während im Osten des Landes Laurent Nkundas Rebellen ihre heftigste Offensive führten. Einer der Veteranen von 40-45 sagte bei seiner Ansprache: »Das erfüllt uns mit Empörung und Abscheu. Wenn wir noch in dem Alter von 1940 wären, würden wir zu den Waffen greifen und die Unruhestifter entwaffnen.«64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Ansprachen war es Zeit für die alljährliche &#039;&#039;remise des cadeaux&#039;&#039;, das Verteilen der Geschenke. Der Vorsitzende eines Veteranenvereins bekam von einem Vize-Minister einen Kühlschrank geschenkt, ein anderer Ordensträger empfing vom belgischen Militärattaché zehn Kilo Maniokmehl, aber das bedeutendste Geschenk – ein Ghettoblaster, importiert aus China – erhielt eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die schlicht als &#039;&#039;»la veuve«&#039;&#039; aufgerufen wurde. Ihr Name war Hélène Nzimbu Diluzeyi, sie war 94 Jahre alt und die letzte Witwe eines Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Festakt gab es Bier, Cola und Häppchen. Eine kleine Band spielte sicher eine halbe Stunde lang das Stück »Ancien combattant« von Zao, einem Sänger aus Kongo-Brazzaville, vielleicht der schönste Song der kongolesischen Popmusik. &#039;&#039;»La guerre, ce n&#039;est pas bon, ce n&#039;est pas bon«&#039;&#039;, ertönte es. Die betagten Soldaten begannen auf dem Innenhof zu tanzen. Manche bewegten sich vorsichtig im Takt der Musik, andere spielten Krieg: Jemand hielt einen Regenschirm wie ein Gewehr und tat so, als schieße er, ein anderer ließ sich in Zeitlupe zu Boden fallen, zuckte mit allen Gliedern zur Musik und stellte sich dann tot. La veuve schaute amüsiert zu, klatschte in die Hände und lachte hin und wieder schallend über die brillante Pantomime.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Fest dem Ende zuging, brachte ich sie nach Hause. Sie wohnte in dem Viertel Kasa-Vubu. Auf den schlammigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; lavierten wir um ausgedehnte Pfützen herum. Sie klammerte sich an meinen linken Arm, unterm anderen Arm trug ich den Riesenkarton mit dem Ghettoblaster. Es war das erste Mal, dass ich Arm in Arm mit der Witwe eines Kriegsveteranen ging. Auf dem kleinen Hof setzten wir uns unter die voll bestückte Wäscheleine. Kinder und Enkelkinder kamen hinzu. Ihr Sohn dolmetschte. »Mein Mann hieß Thomas Masamba Lumoso«, begann sie, »er wurde 1896 geboren. Als er zehn war, kam er nach Kin. Die evangelischen Missionare brachten ihm Englisch bei, danach gaben sie ihn der Armee. Dort bekam er eine Kampfuniform. In Khaki.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nein, Mama, das war viel später. Damals trugen sie noch eine blaue Uniform mit rotem Fes.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? &#039;&#039;En tout cas&#039;&#039;, er war achtzehn, als der Krieg anfing. Er war bei der TSF, als Korporal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
TSF, fiel mir ein, das war die &#039;&#039;télégraphie sans fil&#039;&#039;, die Funkverbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ging dahin, wo Krieg war. Überall. Aber er wurde nie verwundet. Gott hat ihn sehr beschützt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, pflichtete ihr Sohn ihr bei, »und er sprach viele Sprachen. Swahili, Kimongo, Mbunza, Tschiluba, Kinzande, aber auch Flämisch, Französisch, Englisch und durch den Krieg sogar ein bisschen Deutsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deutsch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so was wie &#039;&#039;Guten Tag! Wie geht&#039;s? Danke schön!.&#039;&#039; Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber das hat er immer gesagt.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das einzige Mal bei meinen zehn Reisen durch den Kongo, dass ich jemandem begegnete, der deutsche Wörter kannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sah ich bei seinem anderen Sohn, Oberst Yoka, noch ein Foto des Kriegsveteranen. In Uniform, mit Orden und sehr ernstem Gesicht. In einem Rapport von 1921 war er als »aktiv und aufrichtig« bezeichnet worden. Aber das interessanteste Dokument über seinen Vater, das mir Oberst Yoka zeigte, war ein Brief von dessen belgischem Oberstleutnant: »Der vorerwähnte Masamba aus dem Dorf Lugosi war als Ordonnanz im Dienste der TSF vom 9. August 1914 bis zum 5. Oktober 1918.« Unterzeichnet, am 7. Oktober 1918, von einem gewissen Vancleinghem, soweit sich die Handschrift entziffern ließ. Die Daten waren aufschlussreich: Die Dienstzeit dieses Soldaten entsprach ja voll und ganz der Dauer des Ersten Weltkrieges. Fünf Tage nach Kriegsbeginn trat er in Dienst, und einen Monat vor dem Waffenstillstand war seine Militärzeit beendet.66 Der letzte Veteran war auch der Soldat mit der längsten Dienstzeit gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weltkrieg hatte nicht nur Folgen für die Männer der Force Pu­blique. In den Bergwerken von Katanga waren die Kumpel nicht untätig. Der Abbau lief unter Hochdruck. Die finanziellen Verbindungen mit Brüssel waren zwar gekappt, aber die Nachfrage nach Kupfer nahm durch den Krieg dramatisch zu. Der Umfang der kolonialen Exporte stieg von 52 Millionen belgischer Franc 1914 auf 164 Millionen im Jahr 1917.67 Die britischen und amerikanischen Granaten in Passendale, Ypern, Verdun und an der Somme hatten Messingummantelungen, die zu 75 Prozent katangesisches Kupfer enthielten. Teile ihrer Geschütze bestanden aus reinem, gehärteten Kupfer. In den aus Neusilber bestehenden Patronenhülsen der Gewehrmunition war zu 80 Prozent Kupfer verarbeitet. Torpedos und Schiffsinstrumente wurden aus Kupfer, Bronze und Messing gefertigt.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch außerhalb der großen Industriegebiete bekamen viele Kongolesen zu spüren, dass Krieg herrschte. In der Provinz Orientale wurden Bauern gezwungen, Reis für die Truppenversorgung anzubauen. Andernorts verpflichtete die Regierung die Bevölkerung zum Baumwollanbau; das kam dem Export zugute, aber auch den lokalen Textilfabriken. Es entstand ein ganzes System von &#039;&#039;cultures obligatoires&#039;&#039;, dem von der Regierung vorgeschriebenen Pflichtanbau von Gewächsen. Das rührte viele unangenehme Erinnerungen auf. Nkasi und Lutunu haben in ihren Dörfern in Bas-Congo vielleicht wenig vom Krieg gemerkt, doch für viele Kongolesen im Landesinneren bedeutete er ein schweres Joch. Und wie es öfter in der Geschichte des Kongo der Fall war, nahm der Protest dagegen eine religiöse Form an.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1915 hatte im Ekonda-Gebiet in der Provinz Équateur eine Frau namens Maria Nkoi eine mystische Erfahrung. Sie gewann die Überzeugung, Heilkräfte zu besitzen und prophetische Pflichten erfüllen zu müssen. Fortan war sie bekannt als &#039;&#039;Marie aux Léopards&#039;&#039;, Marie mit den Leoparden.70 Sie behandelte Kranke und predigte ihren Glauben. Zugleich rief sie zur Revolte gegen die Kolonialmacht auf und weissagte, dass der Kongo bald von den &#039;&#039;»djermani«&#039;&#039;, den Deutschen, befreit würde.71 Mit ihren aufrührerischen Reden brachte sie die lokale Verwaltung gegen sich auf, und sie wurde verhaftet. Ihre Geschichte erinnert an die von Kimpa Vita, die 1704 in den Ruinen der Kathedrale von Mbanza Kongo eine alternative Form des Christentums gepredigt hatte und deshalb ebenfalls verfolgt worden war. Auch damals befand sich die europäische Macht in einer Krise, auch damals fürchtete man sich vor den Folgen einer religiösen Erweckungsbewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befreit werden von den Deutschen? Daran wagten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana nun doch zu zweifeln. Die Deutschen hatten sie doch verflixt noch mal gefangen genommen! Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser &#039;&#039;métis&#039;&#039; war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris.72 Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte.73 Der überwiegende Teil des Korps bestand aus ehemaligen Soldaten der Kolonialtruppe; das Kommando führte Oberst Chaltin. Sie waren die einzigen Belgier mit Kriegserfahrung; sie hatten während der sogenannten arabischen Kampagne und der Sudan-Feldzüge gekämpft. Doch auch das nützte nichts. Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die »Königlich Preußische Phonographische Kommission« und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache.74 Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Belgisch-Kongo waren gravierend. Zunächst in territorialer Hinsicht. Auf der Versailler Konferenz wurde 1919 beschlossen, die deutschen Kolonien unter den Siegermächten zu verteilen. Kamerun und Togo wurden französisch und britisch, Deutsch-Ostafrika britisch und Namibia wurde dem britischen &#039;&#039;Dominion&#039;&#039; Südafrika anvertraut. Belgien wurde das Mandat über zwei winzige Länder an der Ostgrenze des Kongo übertragen, die historischen Königreiche Ruanda und Burundi (damals noch Urundi). 1923 bestätigte der Völkerbund diese Mandatsgebiete. Auf dem Papier war ein Mandatsgebiet keine Kolonie, in der Praxis machte es kaum einen Unterschied. Auch hier wandte man das rigide und erst vor einiger Zeit entwickelte Begriffssystem der Anthropologie an. Auch in den Mandatsgebieten, so erklärte man, gebe es »Rassen«. Die waren absolut: jemand war entweder Tutsi oder Hutu oder Twa (Pygmäe). Seit den dreißiger Jahren wurde das auch im Pass vermerkt. Dass die Grenzen zwischen diesen tribalen Gruppen jahrhundertelang diffus gewesen waren, wurde dabei nicht berücksichtigt. Diese Nachlässigkeit sollte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verheerende Folgen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kongo bedeutete der Krieg eine Art Pause-Knopf für die Sozialgeschichte. Die halbherzigen Bemühungen, die Lage der einheimischen Bevölkerung durch die Schaffung besserer Unterkünfte bei den Bergwerken oder durch groß angelegte Kampagnen gegen die Schlafkrankheit zu verbessern, wurden auf die lange Bank geschoben. Die Volksgesundheit war nach diesen vier aufreibenden Jahren erneut in einem äußerst prekären Zustand. Als 1918-1919 die Spanische Grippe weltweit fünfzig bis hundert Millionen Opfer forderte, waren darunter eine halbe Million Menschen im Kongo. »Die Spanische Grippe«, sagte der 92-jährige Kabuya zu mir, »daran sind viele gestorben.« Es war wie beim Bevölkerungsschwund von 1905. Der Pause-Knopf war eine Rückspultaste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sichtweise der Belgier hatte sich jedoch durchaus etwas verändert. Zum ersten Mal betrachteten sie die Lage der Kongolesen mit Mitgefühl. Man sah ein, dass sie wegen eines Krieges, der nicht der ihre war, viel erlitten hatten. Zudem hatte die Kriegserfahrung unter den Soldaten ein Gefühl der Brüderschaft bewirkt. Ein belgischer Offizier der Force Publique äußerte sich darüber in den höchsten Tönen: »Nein, diese Männer, die haben gekämpft, gelitten, gehofft, sich gesehnt, sich durchgebissen und gesiegt, mit uns, für uns, wie wir, das sind keine . . . das sind nicht mehr Wilde oder Barbaren. Wenn sie uns im Leid und im höchsten Opfer ebenbürtig sein konnten, dann müssen sie, dann werden sie das auch in puncto Kultur werden.«76 Die Soldaten der Force Publique hatten großen Mut und Loyalität bewiesen, selbst in schwierigsten Situationen. Das nötigte zu größerer Milde und, ja, größerer Anteilnahme am Schicksal der Afrikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kongolesen war es jedoch eine ambivalente Erfahrung. Viele Soldaten identifizierten sich mit den unverkennbaren militärischen Erfolgen der Belgier. Der Siegesrausch schmeckte süß und schmiedete neue Bande, die zweifellos aufrichtig und herzlich waren. Die Belgier konnten durch die Luft fliegen und auf dem Wasser landen! Aber die Kriegsanstrengungen waren für viele einfache Kongolesen eine zentnerschwere Last. Zudem, und das war am ernüchterndsten, hatten sie erlebt, wie die Weißen, die ihnen beigebracht hatten, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, einander vier Jahre lang aus nebulösen Gründen mit einem Ehrfurcht gebietenden Waffenarsenal nach dem Leben getrachtet hatten in einem Konflikt, der mehr Tote forderte als sämtliche Stammeskriege, an die sie sich erinnern konnten. Und das wirkte sich dann doch auf den Respekt aus, den sie ihnen entgegenbrachten. Er bröckelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 4 Im Klammergriff der Angst ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zunehmende Unruhe und gegenseitiges Misstrauen in Friedenszeiten 1921-1940 ===&lt;br /&gt;
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den ersten Jahrzehnten Belgisch-Kongos in Gang gekommen waren, setzten sich in der Zwischenkriegszeit unvermindert fort. Die Industrie gewann rasant an Fahrt. Immer mehr Menschen verließen ihre Dörfer und verdingten sich als Arbeitskräfte. Die ersten Städte entstanden. Stämme vermischten sich dort, neue Lebensstile kamen auf. Am Sonntagnachmittag ging man tanzen zur Musik von Tino Rossi, während die vorige Generation noch zum Rhythmus des Tamtam getanzt hatte. Aber auch auf dem Land stand die Zeit nicht still. Das während des Ersten Weltkrieges eingeführte System des Pflichtanbaus wurde nun überall angewandt. Die Missionsstationen dehnten ihren Zugriff auf die Seelen der Bevölkerung aus. Schulen und Krankenhäuser wurden auch an abgelegenen Orten errichtet. Die Teams zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zogen bis in die kleinsten Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gesehen stand alles im Zeichen einer Expansion, ein Prozess, der sowohl den Kolonisatoren als auch den Einheimischen nutzte. So stellte man es jedenfalls gern dar. »Seit dem Weltkrieg 1914-1918 wurde die Ruhe im Kongo nie empfindlich gestört«, schrieb ein katholischer Schulleiter aus der tiefsten flandrischen Provinz. »Ein paar kleine, unbedeutende Krawalle, nicht selten durch Geheimsekten und Hexer angestachelt, konnten manchmal ein begrenztes Gebiet unsicher machen. (. . .) Das &#039;&#039;Bula-Matari&#039;&#039;, so bezeichnen die Eingeborenen die belgische Verwaltung im Kongo, kann im Allgemeinen auf die Fügsamkeit und den Respekt der Neger vor der angestammten Obrigkeit bauen, jedenfalls, solange die Staatsdiener selbst die &#039;&#039;Anforderungen an einen guten Kolonialbeamten&#039;&#039; beachten und sich durch ein &#039;&#039;geordnetes und sittliches Leben&#039;&#039;, durch &#039;&#039;ernsthafte Menschenliebe&#039;&#039; und &#039;&#039;energische Willenskraft&#039;&#039; auszeichnen.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nun maßlos übertrieben. Die Kolonialbeamten mochten noch so viel ernsthafte Menschenliebe und energische Willenskraft an den Tag legen, aber dem wachsenden Unmut unter der einheimischen Bevölkerung vermochten sie nicht die Stirn zu bieten. Es handelte sich nicht um »ein paar kleine, unbedeutende Krawalle«, die »ein begrenztes Gebiet« aufstörten, sondern um signifikante Volkserhebungen, die sich – trotz rigoroser Unterdrückungsmaßnahmen der Kolonialregierung – über große Teile der Kolonie erstrecken konnten. Das plötzliche Unabhängigkeitsfieber, das sich ab 1955 manifestierte, war ganz und gar nicht neu, sondern hatte eine sehr lange Vorgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir zuerst Nkasis jüngerem Bruder einen Besuch abstatten. Und dem Heiligen Geist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottes Wege sind unergründlich, und die Wege und Straßen, die zum Heiligen Geist führen, sind erbärmlich, vor allem, seit er in Nkamba ansässig ist. Von Kinshasa nach Mbanza-Ngungu, dem früheren Thysville, ist die Straße ausgezeichnet. Vor einigen Jahren taten sich Europäer und Chinesen zusammen, um den Kongo mit wenigstens einer ordentlichen Straße auszustatten, die Route, die Kinshasa mit der Hafenstadt Matadi verbindet. Doch sobald wir diese Hauptstraße verlassen, befinden wir uns auf einer Sandpiste, und aus der Sandpiste wird Morast, sodass wir nur noch im Schneckentempo vorankommen. Von Mbanza-Ngungu nach Nkamba sind es achtzig Kilometer, für die wir drei Stunden brauchen. Ein Rekordtempo, erfahren wir später. Die Straße nach Nkamba ist nun wirklich kein &#039;&#039;dirt track&#039;&#039;, wo nur ganz selten einmal ein Auto entlangfährt. Alljährlich sind hier Abertausende von Pilgern unterwegs zu ihren spirituellen Wurzeln. Sie sprechen nicht von Nkamba, sondern von der Heiligen Stadt oder &#039;&#039;la nouvelle Jérusalem&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba kam am 24. September 1889, einige Jahre nach Nkasi, Simon Kimbangu zur Welt. Seine Kinder- und Jugendzeit unterschied sich kaum von der seiner Altersgenossen, doch er sollte als ein wichtiger Prophet in die Geschichte eingehen. Nur wenigen ist es beschieden, dass eine Religion nach ihnen benannt wird, Simon Kimbangu aber durfte sich in eine Reihe stellen mit Christus und Buddha: Der Kimbanguismus ist im Kongo noch heute eine lebendige Religion, zu der sich zehn Prozent aller Gläubigen im Land bekennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hatte es mir selbst erzählt: »Kimbangu, das war keine Zauberei. Er war von Gott gesandt. Ein sechzehnjähriges Mädchen, das schon vier Tage tot war, hat er wieder zum Leben erweckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen und Kolonisatoren hörten von diesem merkwürdigen Mann zum ersten Mal 1921, im Jahr der angeblichen Wiederauferstehung, Nkasi aber kannte ihn schon viel länger. Sie stammten aus derselben Gegend. Nkamba und Ntimansi, ihre Heimatdörfer, lagen in Gehweite voneinander entfernt. »Ach . . . wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bon . . . Simon Kimbangu kannte ich schon in den achtzehnhunderter Jahren. Wenn er sagte: ›Jetzt geht es nach Brüssel«, dann war er auch eine Sekunde später in Brüssel. Und er hat auch meinen jüngeren Brüder geheilt!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straße ist miserabel, aber in der Heiligen Stadt anzukommen entschädigt für die Strapazen. Die Gegend ist hügelig. In den Tälern rauschen Eukalyptusbäume und spenden angenehmen Schatten. Nkamba selbst liegt auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht über Bas-Congo. Es weht eine erfrischende Brise. Allerdings kommt man nicht einfach so hinein. Akkreditierungen und Passierscheine aus Kinshasa und ein junger Adept aus Mbanza-Ngungu sind erforderlich, um durch die drei Straßensperren zu gelangen, die von kimbanguistischen Ordnungskräften bewacht werden. Etwas an ihnen ist merkwürdig: Sie tragen tadellose Uniformen mit Litzen und auf dem Kopf grüne Barette, aber sie tragen keine Schuhe. Weder Stiefel noch Sandalen, nichts. Kimbanguisten lehnen jede Art von Fußbekleidung ab. Einmal im Ort, ist man von der Ruhe und Friedfertigkeit überwältigt. Der Kimbanguismus ist die kongolesischste aller Religionen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Alle hier gehen barfuß und sind einfach gekleidet, Rundfunkgeräte und Stereoanlagen sind verboten. Niemand ist laut, Alkohol ist tabu. Was für ein Kontrast zu Kinshasa mit seinem extravaganten Kleidungsstil, dem ewigen Gerufe und Geschimpfe, dem Gedränge und Geschubse bei den Taxibussen, dem Gehupe und dem Geplärre aus geborstenen Lautsprechern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auffälligste Gebäude ist der Tempel, ein gewaltiges, rechteckiges Bauwerk in eklektizistischem Stil, zwischen 1986 und 1991 von den Gläubigen errichtet. In kaum fünf Jahren solch ein Bauwerk zu realisieren, darf als Leistung bezeichnet werden. Davor steht das Mausoleum von Simon Kimbangu und seinen drei Söhnen. Anfangs als Prophet angebetet, genießt der Gründer heute göttlichen Status. Inzwischen gilt dieser Status auch für seine drei Söhne, die nichts weniger als die Verkörperung der Heiligen Dreifaltigkeit sein sollen. Eine junge Kimbanguistin hat es mir einmal in Kinshasa am Rand eines Swimmingpools erklärt. Ich besitze noch immer den Zettel, auf dem sie mir alles aufschrieb. »Kisolokele, geboren 1914 = Gottvater; Dialungana, geboren 1916 = Jesus Christus; Diangienda, geboren 1918 = Heiliger Geist.« Weihnachten feiern die Kimbanguisten nicht mehr am 25. Dezember, sondern am 25. März, dem Geburtstag des mittleren Sohnes. Als der Gründer 1951 starb, übernahm Diangienda Kintuma, der Jüngste der drei, die spirituelle Leitung der Bewegung. Für sehr lange Zeit: von 1954 bis 1992. Heute hat sein Enkel diese Funktion inne, Papa Simon Kimbangu Kiangani, doch die Thronfolge verlief nicht ohne Konflikte. Auch sein Cousin Armand Diangienda Wabasolele, ein anderer Enkel des Propheten, fühlte sich als spiritueller Leiter der kimbanguistischen Kirche berufen, und das führte, neben einem Schisma, zu großem musikalischen Wetteifer. Die Kimbanguisten legen viel Wert auf Musik: Neben wundervollen Chorgesängen gehört zu ihrer Liturgie der ausgiebige Einsatz von Instrumenten. In Kinshasa steht der ehemalige Thronprätendent an der Spitze eines zweihundertköpfigen Symphonieorchesters, in Nkamba glänzt der Cousin, der heutige spirituelle Führer, mit seinem Philharmonieorchester. Ich habe einmal ein Freiluftkonzert des Symphonieorchesters in Kinshasa besucht: Keine Ahnung, wie sie in dieser kaputten Stadt an ihre funkelnden Instrumente kamen, aber ihre &#039;&#039;Carmina Burana&#039;&#039; war eine Dampfwalze, die die Huperei in der abendlichen Rushhour mühelos übertönte. Wie dem auch sei, heute ist es Simon Kimbangu Kiangani, der als der Heilige Geist angebetet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf das ziemlich wörtlich nehmen. Am Ende des Tages setze ich mich auf den Platz vor der Kathedrale, um am Abendgebet teilzunehmen. Ich sitze mit dem Rücken zur offiziellen Residenz des Kirchenoberhaupts. Rechts von mir sehe ich das monumentale Portal. Die Säulen sind mit farbenprächtigen Stoffen umspannt, auf dem Betonboden liegen Teppiche, darauf steht in der Mitte ein Thron. Eine Kapelle bläst muntere Marschmusik. Die Musiker tragen weiß-grüne Uniformen und marschieren auf der Stelle. Obwohl der Kimbanguismus eine ausgesprochen friedfertige Religion ist, strotzt er vor militärischen Reminiszenzen. In den Anfängen war das noch nicht so, aber in den dreißiger Jahren schaute man sie sich von der Heilsarmee ab, einer christlichen Organisation, die damals, anders als die Kimbanguisten, nicht verboten war. Manche der Gläubigen dachten, das S an der Uniform der Heilsarmisten stehe nicht für »Salut«, sondern für »Simon«, und fanden Gefallen an der militärischen Liturgie. Heute ist Grün noch immer die Farbe des Kimbanguismus, und militärisch anmutende Blaskapellen untermalen mehrmals am Tag die Andachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sind im Übrigen sehr beeindruckend. Es ist ein ruhiger Montagabend, als ich dort bin. Während die Marschmusik gar kein Ende nimmt, zuerst die Blechblasinstrumente, dann die Querflöten, stellen sich die Gläubigen an, um vom Kirchenoberhaupt gesegnet zu werden. In Vierer- oder Fünfergruppen knien sie vor dem Thron. Der spirituelle Leiter selbst steht. Er trägt einen grauen Anzug mit kurzen Ärmeln und graue Socken. Auch er trägt keine Schuhe. In der Hand hält er eine Plastikflasche, die mit Weihwasser aus dem »Jordan« gefüllt ist, einem kleinen Fluss in der Nähe. Die Gläubigen knien nieder und lassen sich vom Heiligen Geist besprengen. Kinder öffnen den Mund und bekommen einen Schluck Weihwasser hineingespritzt. Ein junger Mann, der taub ist, bittet darum, Wasser auf die Ohren gespritzt zu bekommen. Eine alte Frau, die schlecht sieht, lässt sich die Augen beträufeln. Hinkende zeigen ihre schmerzenden Fußgelenke. Väter halten Kleidungsstücke ihrer kranken Kinder in der Hand. Mütter zeigen Fotos ihrer Familie, damit das Kirchenoberhaupt sie kurz berührt. Die Schlange scheint schier unendlich. Im Durchschnitt wohnen zwei- bis dreitausend Menschen in Nkamba, dazu kommt noch eine große Zahl von Pilgern und Gläubigen, die für eine Weile zur inneren Einkehr hier sind. Menschen aus Kinshasa und Brazzaville, aber auch aus Brüssel und London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende und Abertausende, und das jeden Abend. Einem Außenstehenden mag es als bizarre Zeremonie erscheinen, doch im Grunde unterscheidet es sich nicht von der langen Prozession der Gläubigen, die seit mehr als einem Jahrhundert jeden Abend an einer Grotte in den französischen Pyrenäen vorbeiziehen. Auch dort kommen die Menschen von nah und fern zu einem Ort, an dem sich der Überlieferung nach außergewöhnliche Begebenheiten abgespielt haben, auch dort lechzt man nach Heilung und Wundern, auch dort setzt man seine ganze Hoffnung auf ein Fläschchen Quellwasser. Es handelt sich um Volksfrömmigkeit, und die besagt in der Regel mehr über die Verzweiflung des Volkes als über göttliche Gnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zeremonie unterhalte ich mich bei einer einfachen Mahlzeit mit einer sehr beeindruckenden Frau, die den Kongo als Flüchtling verlassen hatte und nun schon seit Jahren Psychiatrie-Krankenschwester in Schweden ist. Sie liebt Schweden, aber auch ihren Glauben. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kommt sie einmal im Jahr nach Nkamba, um aufzutanken, vor allem jetzt, wo sie einige Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn hat. Sie hat ihn mitgebracht. »Ich kehre immer ganz ausgeglichen nach Schweden zurück«, sagt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag treffe ich endlich Papa Wanzungasa, Nkasis jüngeren Bruder, wegen dem ich nach Nkamba gekommen bin. Er ist nur hundert Jahre alt, und noch immer aktiv. Was für eine Familie! Sein sechzigjähriger Neffe sieht aus wie 45, sein Bruder ist mit seinen 126 einer der ältesten Menschen überhaupt, und er selbst ist noch immer ein Mitglied des höheren Klerus in Nkamba und erster Stellvertreter, wenn es um Evangelisation, Finanzen, Bauvorhaben und Ausstattungsfragen geht. Er ist bereits seit 1962 als &#039;&#039;Pasteur No 1&#039;&#039; der kimbanguistischen Kirche eingetragen. 1921, als das öffentliche Leben von Simon Kimbangu begann, war er ein Junge von dreizehn. Kimbangu war damals einunddreißig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein einziges Gebiet des Kongo war so stark von der Ankunft der Europäer betroffen wie Bas-Congo. Die Sklaverei war abgeschafft worden, die Nachfrage nach Trägern und Eisenbahnarbeitern hatte die traditionellen Strukturen aufgebrochen, Bauern mussten Maniok und Erdnüsse für die Kolonialherren anbauen, Geld und Steuern wurden eingeführt. Europäer beteuerten immer wieder, dass sie den Kongo erschließen und zivilisieren wollten, aber für Afrikaner waren die direkten Auswirkungen verheerend. Schlafkrankheit und Spanische Grippe hatten schätzungsweise zwei von drei Bewohnern getötet, und die europäische Medizin hatte sich als machtlos erwiesen. Das führte zu tiefem Misstrauen bei der lokalen Bevölkerung: Die Weißen brachten eher Krankheit als Heilung. Simon Kimbangu war von britischen Baptisten in der Missionsstation von Gombe-Lutete getauft worden, zwölf Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, und wurde dort zum Katecheten ausgebildet. 1919 ging er, wie Nkasi, zur Arbeitssuche nach Kinshasa. Er versuchte sich dort als Arbeiter bei den &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; von William Lever, doch das ging nicht gut. Aber er geriet in eine Welt von Afrikanern, die Reisen unternommen hatten und rechnen und schreiben konnten. Tausende schwarzer Arbeiter waren im Dienst von etwa zwanzig Unternehmen. In jener Zeit hörte er bereits Stimmen und hatte Visionen, die ihn zu großen Taten aufforderten. Vorerst leistete er ihnen noch nicht Folge. Erst als er nach einem Jahr in sein Dorf zurückkehrte und tief enttäuscht feststellen musste, dass die britischen Baptisten jemand anders zum offiziellen Katecheten ernannt hatten, sollte sich das ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 6. April hörte er, wie sich Leute über Kintondo unterhielten, eine Frau, die schwer krank war. Er ging zu ihr, mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund, man könnte fast sagen: als Missionar. Er legte ihr die Hände auf und gebot der todkranken Frau, aufzustehen, was sie der Überlieferung zufolge am nächsten Tag auch tat. Das Gerücht von der Wunderheilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Geschichten wurden immer phantastischer. In den darauf folgenden Wochen sollte Kimbangu einen Lahmen, einen Tauben und einen Blinden geheilt haben. Ja, er ließ sogar ein Mädchen, das bereits vor einigen Tagen gestorben war, vom Tode auferstehen! Hier war endlich jemand, der viel mächtiger war als die Weißen mit ihren Spritzen gegen die Schlafkrankheit, von denen man nur noch kränker wurde. Die Erlösung war nahe. Im weiten Umkreis ließen die Menschen ihre Äcker und Felder im Stich und eilten nach Nkamba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die Eltern von Nkasi und Wanzungasa. Nkasi schaufelte damals in Kinshasa Erde, aber sein Bruder erlebte alles aus nächster Nähe mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir nehmen in den grünen Ledersesseln im repräsentativen Empfangsraum von Nkamba Platz, um über diese ferne Vergangenheit zu reden. Wie es sich für einen Kimbanguisten gehört, spricht Wanzungasa mit sanfter, freundlicher Stimme. »Unsere Eltern waren beide evangelisch, sie waren Bauern. Ich hatte als Kind einen Buckel. Meine Mutter hatte gehört, dass es einen Heiler gab in Nkamba, der allerlei Krankheiten heilte, Blinde und Taube, und sogar Tote wieder lebendig machte. Sie nahm mich mit, und wir kamen hier an. Nkamba war voller Menschen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Ankunft nach vorn gerufen. Als ich dran war, wurde ich zusammen mit meiner Mutter aufgerufen. Wir knieten vor Simon Kimbangu nieder. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: ›In Jesu Namen, steh auf, richte deinen Rücken auf und wandle.‹ Ich tat es und stellte fest, dass mein Buckel augenblicklich verschwunden war. Es tat nicht weh.« Er erzählt es ruhig und sachlich und gibt sich keine Mühe, seine Zuhörer zu bekehren. Es sind Tatsachen für den, der glauben will. »Meine Mutter war voller Freude. Simon Kimbangu sagte, wir sollten uns im Weihwasser waschen. Wir sind noch drei Tage geblieben, um sicher zu sein, dass ich für immer geheilt war. Heute sagen die Ärzte, ich hätte TBC gehabt, aber das stimmt nicht. Ich ging total gekrümmt. Mein Glaube hat mich geheilt. Das liegt bei uns in der Familie, könnte mein Bruder sonst 126 Jahre alt werden? In unserem Dorf gab es noch viele Kranke. Die Nachricht von meiner Heilung verbreitete sich schnell. Dann gingen alle nach Nkamba und wurden Kimbanguisten.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die abrupte Landflucht beunruhigte die Kolonialverwaltung. Der &#039;&#039;District des Cataractes&#039;&#039; in Bas-Congo war ein wichtiger Nahrungslieferant für Kinshasa, doch auf einmal blieben die Märkte leer. Das Gerücht von den Wunderheilungen erreichte sogar die große Stadt. Manche legten die Arbeit nieder und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die ersten, die sich Sorgen machten, waren die evangelischen Missionare; viele der frühen Anhänger von Kimbangu kamen ja von ihren Missionsstationen. Und obgleich die Protestanten eine viel individuellere Ausübung des Glaubens befürworteten als die Katholiken, fragten sie sich doch, ob hier nicht etwas außer Kontrolle geriet. Kimbangu hatte ein Feuer entfacht, dessen Funken weitere Feuer entzündeten. In ganz Bas-Congo schossen frischgebackene Propheten wie Pilze aus dem Boden; man nannte sie &#039;&#039;bangunza&#039;&#039;, im Singular &#039;&#039;ngunza&#039;&#039;. Das führte zu aberwitzigen Szenen. Ein schwedischer Missionar, der schon seit Jahren im Kongo lebte, notierte in sein Tagebuch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe heute an den &#039;&#039;Ngunza&#039;&#039;-Zusammenkünften teilgenommen. Es ist außerordentlich. Man muss sie gesehen haben, wie sie zittern, die Arme ausstrecken, emporheben, zum Himmel schauen, direkt in die Sonne. Man muss sie rufen hören, beten, flehen, leise »Jesus, Jesus« flüstern hören. Man muss Yambula [einen der besten Prediger] sehen, wie er springt und rennt und sich um seine eigene Achse dreht. Man muss gesehen haben, wie sich die Menschenmenge versammelt, voranschreitet, niederkniet unter den bebenden Händen, die die &#039;&#039;bangunza&#039;&#039; über ihren Köpfen ausstrecken. – Hört, was hier geschieht! Geht fort, werft die Götzenbilder weg.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Aspekte können nicht nachdrücklich genug betont werden. Erstens: Die Anhänger des neuen Glaubens wandten sich nicht gegen den Protestantismus – im Gegenteil, sie eigneten ihn sich an. Es ging nicht um einen Bruch mit dem christlichen Glauben, sondern um eine eigene Auslegung, ja Vertiefung. Es ging nicht im Entferntesten um eine Rückkehr zur vorkolonialen Religiosität; man nahm im Gegenteil Abstand vom Glauben der Ahnen an Hexerei. Gleichzeitig jedoch – und das ist das Faszinierende – bediente man sich religiöser Symbole und Gesten, die auf die traditionelle Heilkunde zurückgriffen (Trance, Beschwörung, Inkantation). Man war gegen Fetische, verhielt sich aber wie ein &#039;&#039;féticheur&#039;&#039;. Man fand, kurzum, eine afrikanische Form für einen importierten Glauben. Zweitens: Auch wenn diese plötzliche religiöse Erweckung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen stattfand, so handelte es sich in erster Linie um ein ausschließlich spirituelles Phänomen. Kimbangu war kein politischer Rebell, er hielt keine antikolonialistischen Reden, seine Lehrsätze waren nicht gegen die Europäer gerichtet. Die Vertreter der Kolonialbehörden sahen das allerdings anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum drei Wochen nach Kimbangus erstem Auftritt schlug der Distriktskommissar Léon Morel Alarm. Das war begreiflich: Für eine Kolonialverwaltung, die im Kongo eine reguläre Geldökonomie mit einem klassischen Arbeitsethos einführen wollte, waren die tagelangen Versammlungen von Arbeitsunwilligen ausgesprochen beunruhigend. Man hatte die Bevölkerung seit 1910 in kleine, sichere &#039;&#039;chefferies&#039;&#039; untergliedert; nun strömten plötzlich viele tausend Menschen zusammen, um sich bizarren Ritualen hinzugeben. In Thysville wurde eine Tagung mit Missionaren beider Konfessionen anberaumt. Die Katholiken, hauptsächlich Belgier, schlossen sich der Meinung der Kolonialherren an und warfen den Protestanten eine zu lasche Haltung im Umgang mit den Einheimischen vor. Sie befürworteten ein energisches und drastisches Vorgehen der Regierung. Die Protestanten hingegen plädierten für eine verständnisvollere Herangehensweise. Es handele sich schließlich um eine Form von christlicher Volksfrömmigkeit, argumentierten sie, und habe das nicht auch begrüßenswerte Seiten? Einige der ihnen liebsten Gläubigen seien daran beteiligt, Menschen, die sie schon seit Jahren kannten und für die sie freundschaftliche Gefühle hegten. Ein rigoroses Vorgehen würde diese Menschen der Missionsstation völlig entfremden. Und außerdem, würde eine solche Unterdrückung nicht erst recht das Feuer anfachen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon öfter waren die Argumente und Praktiken der evangelischen Missionare um einiges differenzierter und menschlicher als die der katholischen, doch gegen das mächtige Bündnis zwischen den katholischen belgischen Missionaren und den belgischen Kolonialbeamten anzukämpfen war aussichtslos. Am 6. Juni marschierte eine Abteilung der Force Publique zusammen mit Léon Morel nach Nkamba, um Kimbangu zu verhaften. Das führte zu Scharmützeln und Plünderungen. Die Soldaten stahlen die Matten, die Kleidungsstücke, die Hühner, die Bibeln, die Gesangbücher und das bisschen Geld, das die Gläubigen besaßen. Sie schossen scharf. Es gab Verwundete und einen Toten. Danach führte die Armee die Anführer der Bewegung in langen Kolonnen nach Thysville ab, doch Simon Kimbangu selbst gelang die Flucht. Für seine Anhänger war das erneut ein Beweis für seine übernatürlichen Gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Monate lang tauchte er ab. Er verbreitete seinen Glauben weiterhin in den Dörfern, in denen selten Vertreter der Kolonialbehörden erschienen und wo ihn niemand verraten würde. Das besagt etwas über seine Popularität und den allgemein zunehmenden Unmut über die weißen Herrscher. Im September 1921 stellte er sich den Behörden – so wie sich Jesus im Garten Gethsemane den Häschern gestellt hatte, meinten seine Anhänger. Den Prozess, der gegen ihn geführt wurde, setzten sie mit der Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus gleich. Nicht zu Unrecht. Es war ja tatsächlich ein Schauprozess. Von Anfang an stand fest, dass Kimbangu verurteilt werden sollte. Man hatte eigens zu diesem Anlass eine leichte Form des Ausnahmezustandes verhängt, sodass er vor einem Militärgericht erscheinen musste und nicht vor einem regulären (und milderen) Zivilgericht. Deshalb hatte er auch keinen Anwalt, und eine Berufung gegen das Urteil war ausgeschlossen. Innerhalb von drei Tagen wurde über sein Schicksal entschieden. Wer heute die Prozessakten liest, ist angesichts der tendenziösen Fragen des Richters fassungslos. Man musste und würde beweisen, dass sich Kimbangu der Unterminierung der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht hatte – das war das einzige Verbrechen, das hier in Betracht kommen konnte und auf das die Todesstrafe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommandant de Rossi, der Vorsitzende des Kriegsgerichts: »Kimbangu, geben Sie zu, dass Sie einen Aufstand gegen die Kolonialregierung organisiert haben und dass Sie die Weißen, Ihre Wohltäter, als schreckliche Feinde bezeichnet haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu antwortete: »Ich habe überhaupt keinen Aufstand angezettelt, weder gegen die Belgier noch gegen die belgische Kolonialverwaltung. Ich wollte nichts anderes als das Evangelium von Jesus Christus verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Richter ließ nicht locker: »Warum haben Sie die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen und keine Steuern mehr zu bezahlen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu: »Das ist nicht wahr. Die Leute, die nach Nkamba kamen, kamen aus freien Stücken, weil sie das Wort Gottes hören wollten, um geheilt zu werden oder den Segen zu erhalten. Nicht ein einziges Mal habe ich die Bevölkerung dazu aufgefordert, keine Steuern mehr zu bezahlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Richter schlug einen anderen Kurs ein und duzte ihn plötzlich. Der Ton wurde sarkastischer: »Bist du der &#039;&#039;mvuluzi&#039;&#039;?« Der Erlöser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das ist Jesus Christus, der der Erlöser ist. Ich habe von ihm den Auftrag erhalten, die Botschaft vom ewigen Heil unter den Meinen zu verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du Tote auferstehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie hast du das gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch die göttliche Kraft, die Jesus mir geschenkt hat.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren Antworten, die man gern hörte. Sie bestätigten die Annahme, dass er ein staatsgefährdender &#039;&#039;farfelu&#039;&#039; war. Man wollte ihm in die Schuhe schieben, dass er zur Gewalt aufrief, weil in den Liedern, die man in Nkamba sang, von Waffen die Rede war. Kimbangu erwiderte, dass die protestantischen Missionare doch auch nicht vor Gericht gestellt würden, obwohl in ihren Liedern »Soldaten Christi« vorkämen. Man wollte ihm einen Strick drehen aus seiner Äußerung: »Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Kimbangu sagte, damit sei nicht gemeint, dass die Belgier verschwinden sollten. Und überhaupt – was sei denn daran rassistisch, wenn man für die Gleichheit von Weißen und Schwarzen eintrat? Man vermutete, dass er während seines Aufenthaltes in Kinshasa mit schwarzen Amerikanern in Kontakt gekommen war, die Anhänger von Marcus Garvey waren, jenem radikalen jamaikanischen Aktivisten, der die Ansicht vertrat, Afrika gehöre den Afrikanern. Kimbangu wehrte sich gegen die Anschuldigung: &#039;&#039;»Cela est faux.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch seine Verteidigungsversuche nützten ihm nichts. Es half ihm auch nicht, dass er mitten im Prozess in Trance geriet, phantasierte und am ganzen Körper zitterte. Epilepsie, denken wir heute, doch der Gerichtsarzt ordnete eine kalte Dusche und zwölf Peitschenhiebe an. Das Urteil war dementsprechend: Am 3. Oktober 1921 wurde Kimbangu zum Tode verurteilt, seine engen Getreuen zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit. Über die wahren Motive hielt die Urteilsbegründung nicht hinterm Berg: »Es ist richtig, dass die Feindseligkeit gegen die Staatsmacht bis heute nur in aufrührerischen Gesängen, Beleidigungen, Formen von übler Nachrede und ein paar vereinzelten Fällen von Rebellion in Erscheinung trat, aber es ist auch richtig, dass der Lauf der Ereignisse in verhängnisvoller Weise zum großen Aufstand führen könnte.«5 Hier sollte ein Exempel statuiert werden, so viel war deutlich. Am liebsten hätte man Kimbangu schnellstmöglich hinrichten lassen, doch zur allgemeinen Verwunderung begnadigte ihn König Albert in Brüssel. Die Strafe wurde umgewandelt in lebenslänglich. Kimbangu wurde auf die andere Seite des Landes gebracht, ins Gefängnis von Elisabethville in Katanga. Mehr als dreißig Jahre war er dort inhaftiert, bis zu seinem Tod 1951. Eine schwere Strafe für jemanden, der weniger als sechs Monate lang in ein paar von Krankheit und Tod getroffene Dörfer ein wenig Hoffnung und Trost gebracht hatte. Seine Internierung war eine der längsten in Kolonialafrika; sie währte länger als die von Nelson Mandela. Den größten Teil der Zeit verbrachte er in Einzelhaft. Er hatte nie Gewalt angewandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ruhige Zeit, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Vereinzelte kleine Krawalle? Die unverhältnismäßig harte Strafe für Simon Kimbangu ließ erkennen, dass hinter der virilen, dem Anschein nach unerschütterlichen Fassade der Kolonialregierung außerordentliche Nervosität herrschte. Man hatte ungeheure Angst vor Unruhen. Das zeigt auch die massive Unterdrückung von Kimbangus Anhängern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von 1921 an verbannte die Regierung Schlüsselfiguren des Kimbanguismus in andere Provinzen, um die Bewegung so zu zerschlagen. Der alte Wanzungasa konnte ein Lied davon singen. Sein Onkel wurde verhaftet und musste sieben Jahre lang in der Force Publique dienen. Sein jüngster Bruder, noch ein Kind, wurde gezwungen, in die katholische Missionsschule zu gehen, und gegen seinen Willen getauft, sodass er der einzige Katholik in einer protestantischen Familie war. Seine zukünftigen Schwiegereltern mussten jedoch das schwerste Los tragen. »Sie wurden nach Lisala verbannt, ganz im Osten der Provinz Équateur. Warum? Weil die Mutter meiner zukünftigen Frau mit Marie Mwilu verwandt war, der Frau von Simon Kimbangu. Ihr Vater starb in der Zeit der Verbannung. Meine zukünftige Frau war damals noch ein Mädchen; sie blieb hier zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs handelte es sich um ein paar hundert Familien, aber im Laufe der Kolonialzeit wuchs die Zahl auf 3200. Heute gehen die Kimbanguisten davon aus, dass 37.000 Familienoberhäupter ihre Heimat verlassen mussten, sodass insgesamt rund 150.000 Personen betroffen waren; in den Unterlagen der Verwaltung ist jedoch nur von einem Zehntel davon die Rede. Inländische Verbannung war im Übrigen eine bewährte Methode der Regierung: In der gesamten Kolonialzeit wurden etwa 14.000 Menschen zu Ortswechseln gezwungen, die meisten aus politisch-religiösen Gründen. Offiziell ging es um Umerziehung, in der Praxis war es oft eine endgültige Deportation. Der Ablauf erinnerte manchmal an das, was in den vierziger Jahren in Europa geschah. Die Kimbanguisten wurden in verschlossenen Güterwaggons transportiert. Hunger, Hitze und Krankheiten forderten unterwegs ihren Tribut. Viele kamen schon während der Fahrt durch die Entbehrungen um. Ein Mann verlor seine drei Kinder, noch ehe sie das Ziel erreicht hatten; sie wurden neben dem Fluss begraben.6 Die Kimbanguisten wurden in den Regenwald der Provinz Équateur verbannt, nach Kasai, nach Katanga, ja sogar in die Provinz Orientale. Dort lebten sie abgesondert in Dörfern, in denen ihre Religion verboten war. Die angeblich gefährlichsten Verbannten wurden ab 1940 in landwirtschaftliche Kolonien geschickt. Das waren mit Stacheldraht umzäunte Arbeitercamps, in denen Männer mit ihren Familien Zwangsarbeit leisten mussten, von Soldaten mit Hunden bewacht. Die Sterblichkeit betrug bis zu 20 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus. Der Kimbanguismus wurde durch dieses drastische Vorgehen nicht ausgelöscht, im Gegenteil. Die Verbannung festigte den Glauben der Menschen; jede Form der Unterdrückung bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Simon Kimbangu der wahre Erlöser sei. In den schwierigen Lebensumständen fanden sie im Glauben Halt und Trost, sogar so sehr, dass es auf ihre Umgebung ansteckend wirkte. Die Menschen in ihrem Umfeld waren von dem neuen Glauben beeindruckt. So konnte sich der Kimbanguismus im Landesinneren verbreiten. Verbannung schwächte die Bewegung nicht, sondern bewirkte ihre Verbreitung. Die Zahl der Anhänger stieg auf mehrere zehntausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba und der Umgebung war der Glaube unterdessen in den Untergrund gegangen. Es gab nächtliche Zusammenkünfte im Wald, wo Marie Mwilu, Kimbangus Frau, von Papa Simon erzählte und neuen Gläubigen das Singen und Beten beibrachte. Sogar aus der Provinz Équateur kamen Menschen den Fluss herabgefahren. Man korrespondierte in Geheimschrift mit den Verbannten anderswo im Land. Die Illegalität war vielleicht ein Hindernis, aber sie war auch eine gewaltige Schule, die die Bewegung stimulierte und konsolidierte. Die Energie und das Feuer dieser Jahre im Untergrund wecken manchmal Assoziationen an die Erfahrungen der ersten Christen im Römischen Reich. Wanzungasa hatte es als Halbwüchsiger persönlich miterlebt: »Wir konnten nur nachts im Urwald beten, zwischen den ›Spinnen‹. Das waren Kongolesen, die für die Weißen spionierten. Tagsüber gingen wir getrennte Wege, aber wir tauschten Geheimzeichen aus. Nachts versammelten wir uns, um zu singen. Manchmal umzingelten uns die Belgier beim Gebet. Sie hatten unsere Lieder gehört, aber sie konnten uns nicht sehen. Wir sahen sie, aber für sie waren wir unsichtbar.« Auch die ersten Christen in Rom, die verfolgt wurden, machten sich Mut mit magischen Geschichten. Wenn die Obrigkeit einen nicht anerkennt, wendet man sich an eine höhere Instanz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das harsche Vorgehen gegen den Kimbanguismus war einer der größten Fehler der Kolonialverwaltung; ihre Vertreter schätzten die Bewegung völlig falsch ein. Sie bekämpften Symptome und nicht Ursachen. Gegen die konkreten Probleme, die einer so massenhaften religiösen Erweckungsbewegung zugrunde lagen, unternahmen sie nichts. Harte Unterdrückung der Form war wichtiger als empathische Beschäftigung mit dem Inhalt. Und das zeitigte genau die entgegengesetzte Wirkung. 1934 entstand in Bas-Congo der &#039;&#039;ngunzisme&#039;&#039;, eine radikale Spielart des Kimbanguismus und tatsächlich offen antikolonialistisch. Die Anhänger forderten die Abschaffung der Steuern und den Abzug der Belgier. Kurz darauf erschien der &#039;&#039;mpadisme&#039;&#039; oder &#039;&#039;khakisme&#039;&#039;, die Initiative eines Mannes namens Simon-Pierre Mpadi, der den Kimbanguismus mit kakifarbenen Armeeuniformen und viel radikalerem Gedankengut bereicherte. Er wandte sich gegen die Kolonialmacht, befürwortete die Polygamie und hielt Versammlungen ab, in denen sich die Menschenmenge ekstatischen Tänzen hingab. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hoffte er, dass der Kongo von den Deutschen befreit würde. Von Kongo-Brazzaville wehte der &#039;&#039;matswanisme&#039;&#039; herüber. André Matswa (oder Matsoua) war ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, der in Frankreich bei den berühmten &#039;&#039;tirailleurs sénégalais&#039;&#039; gekämpft hatte, den französischen Kolonialtruppen. Noch in Frankreich hatte er einen Freundschaftsverein und einen Notfonds für Afrikaner gegründet; bei seiner Heimkehr nach Brazzaville wurde er wie ein Messias verehrt, und diese Verehrung griff auch auf die andere Seite des Flusses über. Er wurde in den Tschad deportiert, wo er 1942 starb. Trotz aller Verfolgungen kamen immer wieder messianische Strömungen auf. Diese Hartnäckigkeit ist aufschlussreich, denn im Grunde handelte es sich um eine erste strukturierte Form von volkstümlichem Protest, der zeigte, wie viele Menschen sich nach Erlösung und Befreiung sehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nicht auf Bas-Congo beschränkt. Im ganzen Land bildeten sich neue religiöse Bewegungen. In den Bergwerken von Katanga entstand die &#039;&#039;kitawala&#039;&#039;; der Name ist eine Verballhornung von The Watch Tower, dem ursprünglichen Namen der Zeugen Jehovas. Diese Religion, 1872 in den USA gegründet, hatte sich nach Südafrika ausgebreitet und erreichte von dort aus 1920 den katangesischen Copperbelt.7 Im Kongo bekam sie eine ausgesprochen politische Ausrichtung. Sie verbreitete sich durch kleine Grüppchen über die Kolonie und existierte größtenteils im Untergrund. Dennoch wurde es die größte religiöse Bewegung neben dem Kimbanguismus. Andernorts entstanden kleinere geheime, sektiererische Gesellschaften. Im Kwango gab es die &#039;&#039;lukusu&#039;&#039;-Bewegung, mit dem Beinamen »Schlangensekte«. In der Provinz Équateur entfaltete sich der &#039;&#039;likili&#039;&#039;-Kult, dessen Anhänger auf westliche Betten, Matratzen, Decken und Moskitonetze verzichteten – Gegenstände, die man für die sinkende Geburtenzahl verantwortlich machte.8 Am Oberlauf des Aruwimi in der Provinz Orientale bildete sich die unheimliche &#039;&#039;Anioto&#039;&#039;-Gesellschaft, deren Mitglieder als »Leoparden-Männer« bekannt waren. Die Bewegung verbreitete sich über den Nordosten des Landes. Sie säten blinden Terror und ermordeten Dutzende von Eingeborenen. Das Motiv war nicht immer offenkundig, doch der Tenor war deutlich anti-europäisch.9 In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden so etwa fünfzig religiöse Bewegungen. Ihre Methoden variierten von pazifistisch bis terroristisch, aber der ihnen zugrunde liegende Unmut war vergleichbar.10 Im Kongo war Religion nicht Opium, sondern Piri-piri für das Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir Menschen gehören Gott«, sagte Wanzungasa am Ende unseres Gesprächs in den grünen Ledersesseln des Empfangsraumes der Heiligen Stadt, »wir dürfen nichts Böses tun, auch nicht Menschen, die uns Böses getan haben. Auge um Auge, das ist nicht unsere Sache. Wir haben Musikinstrumente, keine Macheten.« Er machte eine kurze Pause. Ich blickte von meinem Notizblock auf und sah sein friedvolles, zerfurchtes Gesicht. Er war 1908 geboren, in dem Jahr, in dem Belgisch-Kongo entstand. Seine Religion wurde erst am 24. Dezember 1959 von Belgien anerkannt, ein halbes Jahr vor der Unabhängigkeit. Vielleicht dachte er an die erste Hälfte seines Lebens zurück, sein erstes halbes Jahrhundert. Mit sanfter Stimme sagte er zum Schluss: »Es gab keine Freiheit damals. Menschen wurden gekauft in der Kolonialzeit. Wir waren wie Sklaven. Wirklich, der Kolonialismus war nicht viel anders als die Sklaverei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa konnte ich mit Nkasi ausführlich über die zwanziger und dreißiger Jahre und über den aufkommenden Widerstand reden. Er, der später im Leben so oft zu den Weißen aufsah, musste zugeben, dass es damals heftig zugegangen war. »Die Alten waren sehr hart. Der Weiße, das war damals nicht dein Kamerad!« Nach seiner Zeit als Arbeiter in Kinshasa kehrte er in seine Heimat zurück. Nur wenige blieben in jener Zeit für immer in der Stadt; Lohnarbeit war Saisonarbeit. Da Kimbangu seinen Bruder durch ein Wunder geheilt hatte, war es naheliegend, dass er Kimbanguist wurde, trotz der damit verbundenen Gefahren. »In Nkamba war Monsieur d&#039;Alphonse &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; geworden«, sagte er mit wenig Begeisterung. Dieser Kolonialverwalter sollte die Gegend nach dem kimbanguistischen &#039;&#039;upheaval&#039;&#039; wieder pazifizieren. Zu diesem Zweck hatte er Lutunu, den befreiten Sklaven-Boy-Fahrradfahrer-Säufer-und-&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039; von ehedem, zum einheimischen Verwaltungschef eingesetzt. Der stand ja auf gutem Fuß mit den Weißen.11 Monsieur d&#039;Alphonse pendelte zwischen dem Verwaltungszentrum Thysville und seinem Posten in Nkamba. Nkasi konnte sich noch allzu gut daran erinnern: »Ich musste ihn damals noch tragen. Auf meinen Schultern, ja! Wir waren zwei Träger, und er schaukelte schrecklich.« Jetzt konnte Nkasi herzhaft darüber lachen. Er saß auf der Bettkante und machte nach, wie der weiße Kolonialbeamte in dem &#039;&#039;tipoy&#039;&#039; hin und her geschüttelt wurde. Er ließ die Arme neben seinem Körper flattern, schlaksig und unkontrolliert, als säße er selbst in dem Tragsessel. Humor muss auch damals geholfen haben. Die Reise ging über eine Entfernung von mehr als achtzig Kilometern, und Monsieur d&#039;Alphonse war hart und schonungslos. »Mein Onkel war ein angesehener Mann, aber er bekam zweihundert Peitschenhiebe von Monsieur d&#039;Alphonse. Das war 1924, glaube ich. Er hatte gesagt: &#039;&#039;Mundele kekituka ndonbe, ndonbe kekituka mundele.&#039;&#039; Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Peitschenhiebe, höchstwahrscheinlich weniger als zweihundert, für einen Satz, der zufällig der Slogan der Kimbanguisten war. »Die Soldaten der Force Publique schlugen ihn auf das nackte Gesäß. Mein Onkel hatte zwei Frauen, aber sofort nach den zweihundert Hieben wurde er ein guter Christ, ein Kimbanguist. Dadurch bekam er keine Striemen, Wunden oder Schwellungen am Hintern, überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit wurde die Bahnlinie von Matadi nach Kinshasa verbreitert und für die Elektrifizierung vorbereitet. Der Bummelzug, der über die Schmalspurgleise zuckelte, genügte nicht mehr, da sich der Kongo nun in hohem Tempo industrialisierte. Und die Luftfahrt befand sich natürlich noch in den Kinderschuhen: 1925 landete in Léo­poldville zum erstenmal ein Flugzeug; der kleine Doppeldecker war in Brüssel gestartet und hatte einundfünfzig Tage gebraucht, zweimal so lange wie ein Schiff.12 Die Arbeiten an der Eisenbahn dauerten von 1922 bis 1931, es wurde bis zu elf Stunden am Tag gearbeitet. Die Trasse wurde an manchen Stellen ein Stück verlegt, drei Tunnel wurden gegraben, alte Brücken ersetzt. Die gesamte Fahrzeit sollte von neunzehn auf zwölf Stunden reduziert werden.13 Nkasi, der als kleiner Junge miterlebt hatte, wie sein Vater beim Bau der ersten Eisenbahnlinie arbeitete, war auch jetzt wieder dabei. Hatte er nicht in Kinshasa schon Erde geschaufelt? »Jetzt musste ich mit der Spitzhacke arbeiten.« Mit der &#039;&#039;piccone&#039;&#039;, sagte er – auf Italienisch, denn bei dieser Erneuerung der Bahnlinie waren viele Italiener beteiligt. Sein Bauleiter war einer davon, Monsieur Pasquale. »Ich bekam zehn Franc im Monat und einen Sack Reis. Aber eines Tages sagte Monsieur Pasquale: ›&#039;&#039;Tu dormi, toi?‹«&#039;&#039; Noch immer konnte er das gebrochene Französisch des Italieners imitieren. »Ich antwortete: ›&#039;&#039;Je travaille!‹&#039;&#039; Er nahm mich mit zu sich nach Hause, und ich wurde sein Boy. Er zeigte mir, wie ich das Bett machen und den Tisch decken musste. Und für diese Arbeit bekam ich zwanzig Franc im Monat!« Er strahlte noch immer, als er es erzählte. So großen Dusel hatte er in seinem Arbeitsleben noch nie gehabt! »Die Italiener waren an unsere Sonne gewöhnt. Sie waren alle frei, sie hatten keine Frau bei sich. Und sie nahmen sich auch keine schwarze Frau, oh nein!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den sechzigtausend kongolesischen Arbeitern starben siebentausend. Nkasi hingegen verdiente nun genug Geld, um ans Heiraten zu denken. Seit der Einführung des Geldes war der Brautpreis enorm gestiegen. Eine Eheschließung war nur noch den Reichen vorbehalten. Oft konnten sie sich sogar mehrere Frauen leisten, während viele junge Männer ledig bleiben mussten.14 Nkasi war inzwischen fast 40. In seinem Heimatdorf Ntimansi lernte er Suzanne Mbila kennen, die wie er zu den Kimbanguisten gehörte. 1924 wurde ihr erster Sohn geboren, 1926 heirateten sie. Die Familie wuchs stetig, er lebte wieder unter den Seinen, und es sah so aus, als ob sich sein Leben so bald nicht ändern würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dann kam der Schwarze Freitag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Börsencrash der Wall Street im Oktober 1929 hatte Auswirkungen bis in die Wälder von Bas-Congo. Die Weltwirtschaft war so miteinander verflochten, dass die Zweifel und die Panik der Anleger in New York das weitere Leben eines Mannes und seiner Familie in einem winzigen Dorf im Kongo bestimmten. Es war natürlich kein direkter Einfluss. Die Kausalkette sah so aus: Durch die Börsenkrise verlangsamte sich die Wirtschaft, und weltweit ging die Nachfrage nach Rohstoffen zurück; der kongolesische Bergbau, der Motor der Kolonialwirtschaft, geriet ins Stocken; der Export aus der Kolonie sank um mehr als 60 Prozent;15 daraus resultierte 1929 ein gigantisches Haushaltsdefizit; die belgische Regierung erkannte, dass der Etat der Kolonie zu sehr von Einnahmen aus dem Bergbau abhängig und eine Diversifizierung erforderlich war; die Landwirtschaft bot eine Alternative, insbesondere, wenn sie auf den Export ausgerichtet war; der groß angelegte Anbau von Tabak, Baumwolle und Kaffee erforderte jedoch Zeit und Investitionen; eine einfachere Methode, rasch an Einnahmen zu gelangen, war es, die Steuern zu erhöhen, für die Einheimischen wohlgemerkt, die großen Unternehmen wollte man in der Krise ja gerade verschonen; eine höhere Kopfsteuer hatte noch einen weiteren Vorteil: Der Geldbedarf würde zunehmen, die Kongolesen wären gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, und das könnte nur eine zivilisierende Wirkung haben. Dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und gleichzeitig mehr Kontrolle über eine Bevölkerung zu erlangen, die anfing aufzubegehren, bedeutete das nicht: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. 1920 betrug das Steueraufkommen der Kolonie nur 15,5 Millionen belgische Franc. 1926 belief es sich bereits auf 45 Millionen. Und 1930, auf dem Höhepunkt der Krise, war die Summe auf 269 Millionen angewachsen. Innerhalb von vier Jahren hatte sich das Steueraufkommen versechsfacht. 1930 war der Anteil der direkten Steuern am Kolonialetat auf 39 Prozent angestiegen, während die Gewinnsteuer der Großunternehmen, die in den Jahren davor noch gigantische Gewinne verbucht hatten, nur 4 Prozent des Haushalts ausmachte.16 Mehr noch, viele der notleidenden Privatunternehmen &#039;&#039;empfingen&#039;&#039; nun sogar Geld von der Kolonialregierung, da sie seinerzeit mit finanziellen Garantien in den Kongo gelockt worden waren: Im Fall eines Rückschlages würden sie aus der Kolonialkasse eine pauschale Dividende von 4 Prozent erhalten.17 Das Loch, das die Krise gerissen hatte, wurde also mit dem Geld der einfachen Kongolesen gestopft; hinzu kamen noch eine Kapitalspritze aus der belgischen Staatskasse und Einnahmen aus der Koloniallotterie. Das bedeutete nicht, dass jeder Arbeiter plötzlich sechsmal so viel zahlen musste wie vorher (in den Städten hatte man den Steuerdruck bereits langsam, aber deutlich erhöht), sondern dass der Fiskus nun auch weiter in die Dörfer im Landesinneren vordrang. Der Knüppel der Kopfsteuer jagte so Tausende in die Minen, auf die Plantagen oder in die Verwaltung. 1920 standen 123.000 Kongolesen in einem Arbeitsverhältnis, 1939 war die Zahl auf 493.000 gestiegen.18 Wer kein Arbeitsverhältnis eingehen wollte und selbstständiger Bauer blieb, war verpflichtet, bestimmte Gewächse anzubauen und an koloniale Privatunternehmen zu verkaufen. 1935 waren Schätzungen zufolge 900.000 Menschen im Baumwollanbau tätig.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Nkasi fühlte sich gezwungen, etwas zu unternehmen. »Ja, damals kam die Krise . . . Und wir hatten nicht genug Geld . . . Ich habe mich bei der Verwaltung beworben, beim Distriktverwalter von Mbanza-Ngungu, Musepenje. Er kam in Ntimansi vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen. Die Kimbanguisten hatten allmählich eine tiefe Abneigung gegen die gesamte Kolonialverwaltung entwickelt. Sie versteckten sich in den Wäldern und wärmten sich heimlich an ihrem Glauben. Mit den Weißen wollten sie nichts zu tun haben. Nun aber mussten sie für die Weißen arbeiten. Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte jedoch nicht lange, da war Nkasi von der europäischen Kultur sehr angetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es allerdings auch gut getroffen mit diesem Musepenje. So hatte ich den Namen phonetisch in mein Notizbuch gekritzelt. Musepenje. Muzepenjet? Wenn ich bei einem Interview ein Wort nicht verstand, versuchte ich immer, es möglichst klanggetreu festzuhalten. Und Nkasi war oft schwer zu verstehen. »Monsieur Peignet?« schrieb ich daneben. Es kostete mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage, bis ich seine Identität herausgefunden hatte. In den Kolonialjahrbüchern der dreißiger Jahre stieß ich auf Firmin Peigneux, Distriktverwalter in der Gegend, in der Nkasi gelebt hatte. Der Distriktverwalter war der Kolonialbeamte, der den meisten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Er reiste von &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; zu &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, beriet sich mit den Dorfvorstehern, schlichtete Konflikte um die Nutzung von Grund und Boden. Monsieur Peigneux also. Die meisten Bantu-Sprecher sprechen das französische eu wie è aus. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Im Afrika-Archiv des Außenministeriums in Brüssel konnte ich Einblick nehmen in seine Personalakte.20 Sofort zeigte sich, dass dieser Mann aus anderem Holz geschnitzt war als ein Menschenschinder wie Monsieur d&#039;Alphonse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peigneux, der aus der Provinz Lüttich stammte, war 1925 im Alter von einundzwanzig Jahren in den Kongo gegangen. Er fiel schon bald durch seine Empathiefähigkeit auf. Nach seinem ersten Jahr schrieb sein Vorgesetzter in einer Beurteilung: »Dieser Beamte verfügt tatsächlich über die erforderlichen Qualitäten, um in kurzer Zeit einen Eliteposten zu besetzen (. . .) Monsieur Peigneux zeichnet sich in seinem Umgang mit den Eingeborenen durch eine besonnene Politik aus, durch die er das Vertrauen der Häuptlinge und Würdenträger gewinnt. Er interessiert sich für soziale Fragen und beherrscht bereits in hohem Maße die Kunst, mit den Primitiven, die uns umgeben, auf behutsame und bedachte Weise umzugehen, ohne sie in ihren weltlichen Auffassungen und Gebräuchen zu brüskieren. (. . .) Die Regierung darf an den zukünftigen Nutzen durch die Leistungen dieses Beamten höchste Erwartungen stellen.« Wie sich zeigen sollte, war das nicht übertrieben. Peigneux absolvierte eine glanzvolle koloniale Laufbahn und brachte es 1948 bis zum Provinzgouverneur, der zweithöchsten Funktion in der Hierarchie nach dem Amt des Generalgouverneurs. Dass er sich sein soziales Engagement bewahrte, zeigte sich in den fünfziger Jahren; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nach Belgien zurückgerufen worden war, wurde er Vorstandsmitglied des »Fonds voor Inlands Welzijn« (etwa: »Fonds für das Wohl der Eingeborenen«).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi sprach noch immer mit großer Sympathie von Monsieur Peigneux. »&#039;&#039;Musepenje, c&#039;était mon oncle&#039;&#039;. Er trank sogar Palmwein mit uns! Er und Monsieur Ryckmans, das waren die einzigen Weißen, die freundlich waren.« André Ryckmans war der Sohn von Pierre Ryckmans, dem besten Generalgouverneur, den der Kongo je hatte. Er regierte von 1934 bis 1946 und zeichnete sich durch hohe Intelligenz und moralische Integrität aus. Vom Aussehen her ähnelte er stark Albert Camus, was seine Auffassung von Humanität betraf in mancher Hinsicht auch. Sein Sohn André war ein Distriktverwalter, der ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung hatte. Er lernte ihre Sprichwörter und Tänze und sprach fließend Kikongo und Kiyaka. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er unter tragischen Umständen ermordet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so bekam Nkasi Arbeit bei Monsieur Peigneux. Er lernte tischlern und wurde Möbelschreiner. Als Peigneux einige Jahre später als stellvertretender Distriktskommissar in den Kwango-Distrikt versetzt wurde, begleitete Nkasi ihn. Er und seine Familie zogen nach Kikwit um, wo sie mehr als zwanzig Jahre wohnten. Sein ältester Sohn, Pierre Diakanua, inzwischen auch vierundachtzig, konnte es bestätigen. Ich fand ihn in einem entfernten, einfachen Viertel von Kinshasa: »Ich bin in Ntimansi geboren, war aber noch klein, als wir nach Kikwit umgezogen sind. Die Unterstadt da, die hat mein Vater gebaut. Wir wohnten in dem Viertel für die Schwarzen, in der &#039;&#039;rue du Kasai, numéro 10&#039;&#039;. Wir hatten ein großes Haus aus Lehmziegeln. Papa wurde dort damals ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Ich hatte belgische Freunde.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi selbst kramt mit großem Vergnügen Erinnerungen an diese Zeit aus. »Ich arbeitete im Staatsdienst. Ich war Bauleiter. Ich musste &#039;&#039;le nouveau pays des mindele&#039;&#039; bauen, das neue Land der Weißen.« Das stimmte. Kikwit war gerade erst zur Hauptstadt des Kwango-Distrikts gemacht worden. Zuvor war es Banningville (heute Bandundu), ganz im Norden des Kwango. Aufgrund sozialer Unruhen wurde die Verwaltung jedoch ins Zentrum des Distrikts verlegt. Auch im persönlichen Leben war es für Nkasi eine bewegte Zeit. »In Kikwit bekam ich vier Kinder, eins davon starb. 1938 starb mein Vater, am Neujahrstag. Er war sehr, sehr alt. Ein Jahr später starb meine Mutter, sie war auch uralt.« Während der langen Jahre in Kikwit lernte er die europäische Kultur aus nächster Nähe kennen. »Ich war &#039;&#039;tout à fait mundele&#039;&#039; damals, völlig weiß. Ich hatte nur eine Frau. Ich hatte einen Anzug mit Krawatte und weiße Schuhe, ich aß bei Monsieur Peigneux zu Hause. Ich dolmetschte für ihn, vom Kikongo ins Französische. Monsieur Pei­gneux holte sogar meine Frau vom Bahnhof ab. Ich war ein Vertreter des Staates, ein leitender Angestellter, wie ein Europäer. Darum bekam ich die &#039;&#039;carte civique&#039;&#039;.« 1948 war die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein Nachweis bürgerlicher Verdienste, eingeführt worden. Sie wurde Kongolesen ausgestellt, deren Lebensstil man als ausreichend fortschrittlich ansah. Der Anhänger einer subversiven Religion aus den zwanziger Jahren hatte sich, vor dem Hintergrund des Steuerdrucks in den dreißiger Jahren, in den vierziger und fünfziger Jahren als jemand entpuppt, der voller Stolz über seinen quasi-europäischen Status sprach. Und das bis heute, auch wenn von dem Wohlstand nichts mehr übrig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Erinnerungen an Kikwit sind auch auf einer anderen Ebene außerordentlich interessant. »In Kikwit habe ich auch das Gefängnis gebaut«, erzählte er mir. »Der Gefängnisdirektor damals war Monsieur Framand, ein dicker Mann.« Ich habe das Gefängnis von Kikwit in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Es wird noch immer benutzt und ist ein ziemlich erbärmlicher Ort. Die Häftlinge tragen Lumpen, schlafen auf dem Boden und haben nur etwas zu essen, weil der Gefängnispfarrer, ein alter flämischer Missionar, mit den umliegenden Gemeinden ein System der Versorgung organisiert hat. Toiletten gibt es nicht: Man hockt sich in einer leerstehenden Zelle über ein Stückchen freien Beton. Links und rechts liegen menschliche Exkremente. Die Häftlinge sind fast ausschließlich junge Männer; es gab eine einzige junge Frau, eine bildschöne, schweigsame Frau mit einem zweijährigen Kind. Keine Ahnung, ob sie es vor oder während der Haft bekommen hatte. Auf einem Stein über dem Portal ist das Baujahr eingemeißelt: 1930. Fast alle Gefängnisse von Belgisch-Kongo wurden zwischen 1930 und 1935 errichtet. Um die zunehmenden Rebellionen niederzuschlagen, wurde der Justizapparat verstärkt. Es gab mehr Gerichte, mehr Justizbeamte, mehr Strafverfahren und mehr Gefängnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In diesem Gefängnis habe ich noch einen Galgen gebaut«, sagte Nkasi. »Der war für die Erhängung von zwei Jugendlichen. Sie hatten in einem Laden Kleidungsstücke gestohlen und den Besitzer ermordet, der dort schlief. Das war 1935, glaube ich.22 Die Todesstrafe wurde in Belgisch-Kongo des Öfteren verhängt und in der Zwischenkriegszeit auch oft vollstreckt. 1921, in dem Jahr, als Kimbangu zum Tode verurteilt wurde, wurden in Bomili, in der Provinz Orientale, zehn »Leopardenmänner« der Anioto-Sekte gehängt. 1922 wurde in Elisabethville François Musafiri aufgeknüpft, weil er einen Weißen – als vermeintlichen Liebhaber seiner Frau – erstochen hatte. Die Hinrichtung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Viertausend Zuschauer waren zusammengeströmt, ungefähr die Hälfte der Stadtbevölkerung: dreitausend Afrikaner, darunter auch Kinder, und tausend Weiße, etwa ein Zehntel der gesamten europäischen Bevölkerung des Kongo.23 Öffentliche Hinrichtungen, so glaubte man, hatten eine erzieherische Funktion. Sie sollten die Schwarzen in Reih und Glied zwingen und ihnen Respekt vor dem Kolonialstaat einflößen. Ob diese Wirkung immer erzielt wurde, ist die Frage. 1939, bei der Erhängung von Ambroise Kitenge, klappte es nicht auf Anhieb. Als die Falltür aufschwang, riss das aus der Feuerwehrkaserne stammende Seil. Eine solche Stümperei entsprach nicht gerade dem Bild der Tatkraft und Entschlossenheit, das die Kolonialmacht von sich vermitteln wollte. Wie oft wurde die Todesstrafe vollstreckt? Es gibt keine lückenlosen Daten, aber wir wissen, dass in der Zeit von 1931-1953 mindestens 261 Personen zum Tode verurteilt wurden und dass 127 Hinrichtungen stattfanden.24 Das bedeutet im Durchschnitt einmal in zwei Monaten, doch in der Zwischenkriegszeit wird es zweifellos viel häufiger zu Hinrichtungen gekommen sein. Was nicht unwichtig ist: Niemals wurde ein Belgier zum Tode durch den Strang verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber dass Kikwit plötzlich zur Hauptstadt des Distrikts wurde, war die Folge eines sehr schweren Volksaufstandes in der Gegend, so schwer, dass die Behörden ihn ängstlich vertuschten. 1931 entbrannte die Revolte der Pende, und das führte zu den stärksten Unruhen der Kolonialzeit vor dem Kampf um die Unabhängigkeit. Die Pende waren eine Bevölkerungsgruppe, von denen ein großer Teil im Dienst der Huileries du Congo Belge stand, des Tochterunternehmens von Unilever. Diese Firma exploitierte eine Region, die sehr reich an Palmen, aber sehr arm an Arbeitskräften war. Im Gebiet der Pende war es genau umgekehrt. Die Pende wurden – oft mit Waffengewalt – gezwungen, Dienste als Träger oder Erntekräfte zu leisten. Sie wurden dafür umgesiedelt. Die Arbeit war sehr schwer. Man erwartete von den Männern, dass sie wöchentlich sechsunddreißig Büschel Palmfrüchte sammelten; sie erhielten dann zu ihrem kärglichen Lohn von 20 Centime pro Kilo eine Prämie von 2,10 Franc und drei Kilo Reis. Jeden Tag mussten sie fünf bis acht reife Büschel finden. Dazu mussten sie die Stämme der Palmen erklimmen, oft bis in mehr als dreißig Meter Höhe, um oben mit der Machete ein Büschel abzuhacken. Die Betriebsleiter von Unilever gingen davon aus, dass jeder Schwarze dieses akrobatische Kunststück mühelos beherrschte, obwohl es ein sehr spezielles Geschick erforderte, das längst nicht jeder besaß. Es gab dabei Tote. Außerdem – wer seine Büschel vom Baum abgetrennt hatte, war noch lange nicht fertig. Sie mussten noch zur Sammelstelle gebracht werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass die Pende-Frauen Entfernungen bis zu dreißig Kilometer zu Fuß über Waldpfade zurücklegen mussten, auf dem Kopf die zwanzig oder dreißig Kilo schwere Last eines Büschels Palmfrüchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wirtschaftskrise ausbrach, war auch Unilever betroffen. 1929 war ein Kilo Palmöl 5,9 Franc wert, 1934 nur noch 1,3 Franc.25 Das Unternemen sah sich gezwungen, einen Teil der Verluste auf die Arbeiter abzuwälzen. Für ein Kilo Palmnüsse bezahlte es Mitte der dreißiger Jahre nur noch 3 Centime statt zwanzig.26 Das führte zu großem Unmut. Der Staat trieb die Steuern in die Höhe, und das Unternehmen senkte die Löhne. Ein auf Dauer unhaltbarer Zustand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier äußerte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Form einer Volksreligion. Nachdem eine Frau namens Kavundji Visionen hatte, bildete sich die Sekte der &#039;&#039;Tupelepele&#039;&#039; (wörtlich: Schweber). Faktischer Anführer der Bewegung war Matemu a Kelenge, ein Mann mit dem Beinamen Mundele-Funji (Weißer Sturm). Die Anhänger hofften auf die Wiederkehr der Ahnen, damit sie die gestörte Ordnung wiederherstellten und ein neues Zeitalter des Wohlstandes einläuteten. Unterdessen sollten die Menschen schon einmal allem abschwören, was europäisch war. Ausweise, Steuerbelege, Geldscheine und Arbeitsverträge wurden in den Fluss geworfen. Am Ufer sollte ein Schuppen errichtet werden, in den würden ihnen die Ahnen alle möglichen Dinge legen, wunderbare Dinge wie z. B. Erdnüsse, so fruchtbar, dass eine davon auszusäen genügte, um ein ganzes Feld erblühen zu lassen. Viel eindrucksvoller konnte die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung nicht ausgedrückt werden. Jemand, der damals in der Gegend lebte, fasste die Situation klarsichtig zusammen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Weißen haben uns zu Sklaven gemacht; um Palmnüsse von uns zu bekommen, hatten sie keine Skrupel, uns zu schlagen und auszupeitschen. Sie haben sich mit den Frauen und Mädchen in den Dörfern vergnügt. Unser Leben war nicht mehr das Leben von Menschen, sondern das von Tieren. Unser ganzes Dasein stand im Dienst der Arbeit für die Weißen: Wir schliefen für die Weißen, wir aßen für die Weißen, wir standen auf für die Weißen und für die Arbeit der Weißen. Wir hatten es satt, ständig nur für die Weißen arbeiten zu müssen, die uns unmenschliche Zustände aufgezwungen haben. Darum haben wir die Botschaften von Matemu a Kelenge, dem späteren Mundele-Funji, angehört und angenommen, als er uns aufforderte, keine Steuern mehr zu bezahlen, nicht mehr für die Weißen zu arbeiten und sie wegzujagen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei Simon Kimbangu entsandte die Kolonialregierung Truppen. Die Situation schien unter Kontrolle zu sein, bis am 6. Juni 1931 Maximilien Balot, ein junger belgischer Beamter, zusammen mit einigen afrikanischen Mitarbeitern mit dem Auto in das Gebiet fuhr, um Steuern einzutreiben. Im Dorf Kilamba gelangte er auf die Straße, die zu dem Schuppen führte, der für die Rückkehr der Ahnen errichtet worden war. Hier stieß er auf Matemu a Kelenge, den Führer der Sekte. Der verkündete, es sei kein Geld mehr da, und drohte, den Weißen und seine Handlanger zu ermorden. Daraufhin schoss Balot in die Luft. Viele Menschen rannten weg, auch die meisten seiner Mitarbeiter. Ein zweiter Schuss verletzte einen Dorfbewohner. »Seht ihr, der Weiße will uns töten«, rief Matemu. »Dann töte mich doch!« Balots Schuss verfehlte sein Ziel, Matemu rappelte sich hoch und schlitzte dem Weißen mit einem großen Messer das Gesicht auf. Der schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen und lief dann weg. Doch der Pfeil eines Dorfbewohners traf ihn am Hals. Matemu verfolgte ihn und versetzte ihm mit der Machete einen Hieb auf die Schulter. Der rechte Arm des Weißen hing nun lose herab. Drei Dorfbewohner, darunter der Dorfvorsteher, beschossen ihn mit Pfeilen. Als Balot zu Boden sank, merkte der Dorfvorsteher, dass er noch lebte. Daraufhin schnitt er ihm den Kopf ab und nahm ihn als Trophäe mit. Am nächsten Tag wurde Balots Körper in Stücke gehackt und unter den Würdenträgern von acht Dörfern verteilt. Seine Koffer wurden geplündert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine so grausame Abschlachtung eines Beamten im Dienst hatte die Verwaltung von Belgisch-Kongo noch nie erlebt. Sie reagierte gnadenlos: Der Aufstand sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine Strafexpedition zog in den Kwango, wie sie die Kolonie seit den schlimmsten Jahren des Freistaates nicht mehr gesehen hatte. Drei Offiziere, fünf Unteroffiziere, 260 Soldaten und siebenhundert Träger besetzten monatelang das Gebiet. Es kam zu schweren Kämpfen. Aufständische wurden gefangen genommen und brutal gefoltert, auch Frauen wurden als Geiseln genommen und vergewaltigt. Ein später eingesetzter Untersuchungsausschuss der belgischen Regierung bestätigt die außerordentlich grimmige Bilanz. Mindestens vierhundert Pende wurden ermordet, möglicherweise betrug die Zahl auch ein Vielfaches davon. Die Revolte der Pende war niedergeschlagen, aber der Unmut der Bevölkerung war dadurch nicht geringer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie nach Brüssel zurückgekehrt war, sagte Balots Witwe mit fast übermenschlicher Milde und Großmütigkeit: »Die Vertreter der Privatunternehmen behandeln die Schwarzen schlecht und beuten sie aus. Die Leute sollen das wissen. Was dort geschieht, muss aufhören, sonst wird es überall zu Aufständen kommen. Privatunternehmen maßen sich Rechte an, die nur der Regierung zustehen. Außerdem haben sich viele Distriktsbeamte nicht so verhalten, wie es sich gehört. Mein Mann hat für die anderen gebüßt.«28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag vielleicht etwas verwundern, dass die ersten Formen von Volksprotest auf dem Land stattfanden, bei den Bauern von Bas-Congo und den Nusspflückern im Kwango. Ein aufmerksamer Beobachter, der 1920 eine Rundreise gemacht hätte, hätte sicher vorhergesagt, dass sich die Flamme der Rebellion in den aufkommenden Städten entzünden würde, mit ihren primitiven Arbeitercamps und der harten, gesundheitsschädlichen Arbeit. Doch das war nicht der Fall. Wie lässt sich das erklären?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grosso modo gibt es darauf zwei Antworten: In den Städten ging es mit der Lebensqualität aufwärts, sodass sich immer mehr Afrikaner dort allmählich zu Hause fühlten, und zugleich war die europäische Bevölkerung ständig darauf bedacht, die Masse ruhig zu halten. Solange es möglich war . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die proto-urbanen Agglomerationen entwickelten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu richtigen Städten. Die Einwohnerzahlen stiegen spektakulär. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Bevölkerung von Kinshasa auf fünfzigtausend.29 In Elisa­beth­ville wuchs die Bevölkerung von sechzehntausend im Jahr 1923 auf dreiunddreißigtausend im Jahr 1929, eine Verdopplung innerhalb von sechs Jahren.30 Immer mehr Kongolesen zogen in die Städte. Die erzwungene Rekrutierung von Arbeitskräften nahm ein Ende, nun aber migrierten viele Menschen aus freien Stücken. In Kasai, Maniema, dem Kivu und sogar in Ruanda und Burundi ließen sich Tausende von Dorfbewohnern überzeugen, zu den Bergwerken der Union Minière in Katanga überzusiedeln. Das Unternehmen zählte 1919 etwa achttausendfünfhundert lokale Arbeiter, 1928 siebzehntausend.31 Aus Bas-Congo und der Provinz Équateur ging man nach Léopoldville; Stanleyville wuchs durch den Zuzug von Arbeitern aus der Provinz Orientale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem junge Menschen, die ihre Siebensachen zusammenpackten, um sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Was machte die Arbeit in einer Mine, Plantage oder Fabrik für sie denn so attraktiv? Oft wollten sie weg aus dem Dorf mit seiner Armut, dem korrupten Oberhaupt und den mächtigen alten Männern, die alle jungen Frauen heirateten. Weg von der kärglichen Landwirtschaft und dem Pflichtanbau von Gewächsen. Weg von der Pflicht zum Straßenbau und weg vom einfachen Dorfleben. Weg von einer Welt, die ihnen keine Zukunft bot.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem waren die Stadt und das Bergwerk keine Schreckensvorstellung mehr wie noch vor kurzem. Bei der Union Minière in Katanga sank die Sterbeziffer rasant. 1918 starben 20,2 Prozent der Arbeiter an der Spanischen Grippe, ein Jahr später lag die Mortalität bei 5,1 Prozent, und 1930 nur noch bei 1,6 Prozent.33 Bergarbeiter wurden auch nicht so schnell krank.34 Sie erhielten Impfungen gegen Pocken, Typhus und Meningitis. Krankenhäuser und medizinische Zentren wurden errichtet. Unterbringung, Kleidung und Ernährung verbesserten sich beträchtlich. Gleiches galt für die Diamantminen in Kasai. Ein Arbeiter in den Goldminen von Kilo-Moto erhielt in jener Zeit täglich 179 Gramm frisches Fleisch oder frischen Fisch, 357 Gramm Reis, 286 Gramm Bohnen und eineinhalb Kilo Bananen, außerdem Salz und Palmöl.35 Von einer so reichhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung konnte man in seinem Dorf nur träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Gesundheit ging es auch mit dem sozialen Dasein aufwärts. Das Leben in den Arbeitercamps von Katanga nahm eine wichtige Wende, als die Union Minière ab 1923 den Bergleuten gestattete, ihre Frauen und Kinder mitzubringen. 1925 waren 18 Prozent der Arbeiter verheiratet, 1932 waren es 60 Prozent.36 Das Gefühl der Entwurzelung, unter dem die vorige Generation gelitten hatte, nahm zusehends ab. Viele entschieden sich freiwillig dazu, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Ab 1927 war es den Minenarbeitern erlaubt, Arbeitsverträge von bis zu drei Jahren Dauer abzuschließen, davor war der Zeitraum auf höchstens sechs Monate begrenzt. Viele Arbeiter machten von dieser Möglichkeit Gebrauch: 1928 hatten bereits 45 Prozent einen langfristigen Vertrag, und 1931 betrug der Anteil 98 Prozent.37 Die Arbeit in der Mine galt nicht mehr als Strafe. Als die wirtschaftliche Depression 1929-1933 das Unternehmen zwang, drei Viertel der Belegschaft zu entlassen, protestierte man weniger gegen die plötzliche Arbeitslosigkeit als eher gegen die Aussicht, wieder ins Dorf zurückkehren zu müssen. Die Arbeitslosen mussten die kleinen Arbeiterhäuser der Firma verlassen, doch statt nach Hause zurückzukehren, zogen sie es vor, sich in der unmittelbaren Umgebung von Elisabethville anzusiedeln, wo sie kleine Äcker anlegten und das Land bestellten, bis die Wirtschaft wieder anzog.38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der katangesische Bergbau war nicht mehr eine Sache geschundener junger Männer, die ein paar Monate in düsteren Arbeitercamps hausten, sondern von jungen Familien, denen es in ihrer neuen Umgebung recht gut gefiel. Die Löhne stiegen, in den Siedlungen wurden Kinder geboren, die das Dorf der Eltern und Vorfahren nur vom Hörensagen kannten. Anderswo in Elisabethville entwickelte sich die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; zu einem pulsierenden, multi-ethnischen Universum mit eigener Dynamik und eigenem Flair. Anders als die mit geometrischer Exaktheit angelegten, immer komfortableren Siedlungen, in denen die Arbeiter der großen Bergbauunternehmen lebten, war die wuselige &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit einer bunten Mischung bevölkert: Zimmerleute, Maurer, Holz- und Metallbearbeiter, Handwerker, aber auch Sanitäter, Büroangestellte und Lagerverwalter. Angestellte von Klein- und Mittelbetrieben lebten neben Staatsbeamten.39 Die Bevölkerungsdichte war viermal höher als im weißen Stadtzentrum.40 Kurz gesagt, es bildete sich eine städtische Bevölkerung afrikanischer Herkunft heraus. Die Kolonialverwaltung war anfangs nicht gerade erpicht darauf. Führte so eine länger andauernde Ansammlung von Proletariern nicht zu einem subversiven oder, schlimmer noch, bolschewistischen Klima? Die Angst vor der roten Gefahr saß tief bei den Vertretern der Kolonialmacht. Oder besser gesagt: »Die Angst vor den Schwarzen tarnte sich als Angst vor dem Roten.«41 Doch 1931 war man sich darüber im Klaren, dass soziale Gemeinschaften gewachsen waren, die keine traditionellen Dörfer mehr waren und auch nicht mehr dazu werden würden. Man erkannte ihre Existenz mit einem Monstrum von einer amtlichen Bezeichnung an, etwas, worauf die Kolonialverwaltung übrigens spezialisiert war: das &#039;&#039;centre extra-coutumier&#039;&#039;. Das »außerhalb der Norm liegende Zentrum«, sozusagen. Diese Zentren erhielten eine Struktur, die mit jener der klassischen &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; vergleichbar war. Es wurde ein &#039;&#039;chef&#039;&#039; bestimmt, der als Vermittler zwischen der Masse und der Macht fungierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten entwickelte sich ein neuer Lebensstil, der sich von der Dorfkultur unterschied, aber auch mehr war als eine Kopie der europäischen Stadtkultur, und sei es nur, weil diese neuen Agglomerationen in nichts ihren europäischen Gegenstücken glichen. Sogar für Belgier war die koloniale Stadt eine völlig neue Erfahrung! Es gab mehr Raum und Freiheit, die Entfernungen waren größer, die Straßen breiter, die Grundstücke geräumiger. Die Städte waren von Anfang an auf die Nutzung des Autos eingerichtet. Es hatte auch etwas Amerikanisches, fanden viele Weiße. Léopoldville mit seinen verschiedenen Stadtkernen ohne deutliches Zentrum ähnelte mehr Los Angeles als den mittelalterlichen Städtchen Belgiens oder den im 19. Jahrhundert entstandenen Bürgervierteln von Brüssel oder Antwerpen. Die koloniale Stadt hinkte nicht dem europäischen Modell hinterher, sondern antizipierte manche Entwicklungen. Als ein belgischer Journalist sah, wie weiße Frauen im Kongo das Flugzeug nahmen, um in Léopoldville ihre Kinder zur Welt zu bringen, äußerte er begeistert, in der Kolonie werde »eine neue Gesellschaft, ein neues Belgien mit neuen Ideen geboren«.42 Es schien, als hätten die fünfziger Jahre im Kongo bereits in den zwanziger Jahren begonnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch für Kongolesen bedeutete die koloniale Stadt ein neues Universum mit einer ganz eigenen materiellen Kultur. Eine imaginäre junge Familie aus Kasai, die nach Elisabethville zog, wo der Vater Bergmann wurde, wohnte dort in einem Steinhaus. Die Frau kochte das Essen nicht mehr in Tongeschirr, sondern in emaillierten Töpfen, auch wenn sie die Mahlzeiten wahrscheinlich lieber wie vorher im Freien zubereitet hätte als in der dunklen Küche an der Rückseite des Hauses. Sie bekamen Tische, Stühle und Besteck. Neue Auffassungen über Körperpflege und Hygiene entstanden: Man trug europäische Kleidung, manchmal sogar Schuhe, man wusch sich mit Seife, und man benutzte eine Latrine. Die Eltern schliefen unter Zudecken aus England, und ihre Kinder bekamen im Krankheitsfall Medikamente aus Belgien. Wenn die Frau schwanger war, ging sie zur Entbindung in eine Geburtsklinik bei schwarzen Schwestern oder weißen Nonnen. Wenn die Familie hin und wieder einmal ins Dorf zurück musste, nahm sie für Angehörige und Verwandte Neuerungen mit wie Nadeln, Nähgarn, Scheren, Sicherheitsnadeln, Streichhölzer, kleine Spiegel und Geld. Bei solchen Besuchen zeigte sich freilich auch, wie groß der Abstand inzwischen war. Der junge Vater hatte als Arbeiter ein neues Gefühl von Autonomie erworben. Er ließ sich nicht mehr so sehr davon beindrucken, was der Dorfvorsteher und die alten Männer ihm erzählten. Jetzt hörten sie ihm zu! Er berichtete von der eisernen Disziplin in der Mine, von dem Geheul der Sirene, die die Arbeiter frühmorgens zusammenrief, von der Arbeit an sechs Tagen in der Woche. Darüber machten seine Zuhörer natürlich Witze. Sechs Tage in der Woche? Er hätte im Dorf bleiben sollen, lachten sie, dann hätte seine Frau sicher die Felder bestellt! Für ihn war das Neid. Sie blickten alle bewundernd auf seine Kleidung, das war ihm nicht entgangen. Auf der Rückreise war seine Arbeitslust und Motivation größer denn je. Wenn er nun auch noch in der Hierarchie der Union Minière aufsteigen könnte, dachte er vielleicht, als Mechaniker zum Beispiel, oder als Maschinenführer, würde er dann nach langem Sparen für seine Familie vielleicht ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder sogar, fast nicht auszudenken, ein Grammophon kaufen können? Am Sonntagmorgen würden sie alle mit dem Rad zur Kirche fahren. Er auf dem Sattel, seine Frau auf dem Gepäckträger, die Kinder auf der Stange und auf dem Lenker. Das hieß Wohlstand, und es fühlte sich gut an.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Woche, an dem dieser neue Lebensstil gefeiert wurde, war der Sonntagnachmittag. In Elisabethville gingen die Minenarbeiter zu den Fußballspielen der weißen Teams.44 In Boma flanierten Hafenarbeiter mit steifem Kragen, Strohhut und Spazierstock. Ihre Frauen trugen farbenprächtige Baumwollstoffe und Kopfbedeckungen, die in Europa längst aus der Mode waren.45 Im friedlichen Tshikapa, bei den Diamantminen von Kasai, ertönte aus manchen Hütten die Tenorstimme von Enrico Caruso.46 Jemand spielte Jazzplatten und kubanische Lieder auf seinem Grammophon. In Léopoldville strömten die Menschen um vier Uhr zum Tanzen in den Apollo-Palace.47 Männer mit langer Hose, mit kurzer Hose, mit Radlerhose, Reithose oder Fußballshorts, aber auf jeden Fall: mit Hose, kamen hier zusammen. Und Frauen mit Kleidern, langen Röcken und kompliziert drapierten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, alle auf Schuhen mit hohen Absätzen, manchmal bis zu zwölf Zentimetern. Hin und wieder sah man auch einen Mann mit Smoking und Lackschuhen, die meisten Männer waren jedoch barfuß. Mit großem Ernst wurde getanzt, und mit Vorsicht wegen der Pfennigabsätze. Eine Band spielte Maringa- und Rumbamusik. Auf Flaschen und Trommeln schlug man komplexe, synkopierte afrikanische Rhythmen. Aber man hörte auch Fetzen Fandango, Cha-cha-cha, Polka und Schottisch, neben Echos von Marschmusik und Kirchenliedern.48 Der wichtigste Einfluss war jedoch kubanisch: Schellack-Schallplatten brachten Musik zu Gehör, die sich für Kongolesen irgendwie vage vertraut anhörte. Es war die Musik, die die Sklaven in den Jahrhunderten zuvor auf die andere Seite des Ozeans mitgenommen hatten und die nun, bereichert durch spanische Einflüsse, zurückkehrte. Die Sänger in Léopoldville sangen gern auf Spanisch oder so, dass es sich wie Spanisch anhörte. Die hellen Vokale erinnerten an das Klangmuster des Lingala, man brauchte nur dann und wann ein &#039;&#039;corazón&#039;&#039; und &#039;&#039;mi amor&#039;&#039; einzuwerfen&#039;&#039;.&#039;&#039; Die Gitarre wurde das populärste Instrument, neben dem Banjo, der Mandoline und dem Akkordeon. Camille Feruzi, der größte Akkordeon-Virtuose der kongolesischen Musik, komponierte unvergleichlich wehmutsvolle Melodien. Und auf den Schiffen, die vom Landesinneren nach Léopoldville fuhren, spielte der junge Wendo Kolosoy unermüdlich auf seiner Gitarre: Er würde sich zum Begründer der kongolesischen Rumba entwickeln, des einflussreichsten Musikstils im subsaharischen Afrika im zwanzigsten Jahrhundert. Léopoldville war in jenen Jahren eine Art New Orleans, wo afrikanische, lateinamerikanische und europäische volkstümliche Musik zu einem neuen Genre verschmolzen: der kongolesischen Rumba, unwiderstehlicher Tanzmusik, die den gesamten Kontinent überfluten würde, doch vorerst nur in den Bars der neuen Hauptstadt erklang. Es war Musik, die einen lachen und vergessen ließ, die zum Tanz und zur Verführung einlud, die froh machte und sinnlich. Saturday Night Fever, wenn auch am Sonntagnachmittag. Warum sollte man gegen dieses herrliche, heitere Leben protestieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Machthaber blieben wachsam. In Elisabethville konnte man in den dreißiger Jahren im Cercle Albert des öfteren drei Männer sehen, die sich unterhielten.49 Drei weiße Männer. Sie sprachen leise und mit ernsten Gesichtern. Ihre Stimmen: Basso continuo. Ihr Gespräch: unhörbar. Über ihren Köpfen kräuselte sich Zigarrenrauch, hin und wieder von einem gutmütigen Lachen auseinandergepustet, das aus ihrer Mitte aufstieg. Offiziell war es Afrikanern nicht verboten, in europäischen Restaurants zu essen, aber der elegante Cercle Albert bildete eine Ausnahme. Und doch wurde hier über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung entschieden. Die drei Männer waren Amour Maron, Provinzkommissar von Katanga, Aimé Marthoz, Direktor der Union Minière, oder einer seiner Nachfolger, und Félix de Hemptinne, Bischof von Katanga. Wegen des imposanten weißen Barts des Bischofs war die afrikanische Bevölkerung davon überzeugt, dass er ein Sohn von Leopold II. sei . . . Drei Belgier. Jeder von ihnen stand an der Spitze einer der drei tragenden Säulen der Kolonialmacht: Regierung, Kapital und Kirche. Die »koloniale Dreifaltigkeit«, hieß es manchmal im Scherz. Ob der Erzbischof darüber wohl lachen konnte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam sorgten diese drei Männer dafür, dass das Leben in der Minenstadt Elisabethville in geordneten Bahnen verlief. Ihre Interessen waren in vieler Hinsicht deckungsgleich: Die Industrie wollte willige, loyale Arbeiter; die Regierung wollte keine Wiederholung der Kimbangu-Affäre oder der Pende-Revolte; die Kirche wollte reine Seelen im Jenseits abliefern – und das bedeutete: brave Bürger im Diesseits heranziehen. Auch anderswo in der Kolonie waren diese drei Instanzen eng miteinander verflochten. Es gab zwar oft Spannungen zwischen den Säulen der kolonialen Trinitas, in einem aber waren sie sich vollkommen einig: Damit die Umstellung vom tribalen zum industriellen Lebensstil nicht scheiterte, müssten sie die dunkelhäutigen Mitmenschen sorgfältig im Auge behalten und sie begleiten. Langsam und vor allem behutsam würde der neue, urbane Kongolese zu einem arbeitsfreudigen Werktätigen, einem gefügigen Untertan, einem frommen Katholik geformt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass groß angelegte Aufstände in den Städten ausblieben, hatte nicht nur mit dem angenehmen Wohlstand zu tun, der den Arbeitern zuteil wurde, sondern auch und vor allem mit dem raffinierten Arsenal an Strategien, die die koloniale Dreifaltigkeit einsetzte, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zu disziplinieren und eventuell zu sanktionieren. Von einem übergreifenden Masterplan konnte man zwar nicht sprechen, doch in der Praxis zogen Kirche, Staat und Großkapital sehr oft am selben Strang. Die zugrunde liegende Philosophie – Wie halten wir sie unter Kontrolle? Wie verschaffen sie uns die höchste Rendite? Wie erziehen wir sie? – manifestierte sich in sehr unterschiedlicher Weise. In Léopoldville war man besorgt wegen der ganzen Tanzerei und trat eifrig dafür ein, die &#039;&#039;cité&#039;&#039; nachts zu beleuchten, denn anders könne man »eine Agglomeration von zwanzigtausend Bewohnern nicht effizient überwachen mit einer Handvoll Polizisten, verloren in der Nacht«.50 In Elisabethville gelang es, eine Umgangssprache zu erzwingen, das Swahili, eine Sprache, die dort nicht heimisch war und die fast niemand als Muttersprache hatte, die jedoch die Kontrolle über den ethnischen Schmelztiegel erleichterte.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schulwesen war noch immer die exklusive Domäne der Missionare und wurde ein machtvolles Instrument, um die Massen in die gewünschte Richtung zu lenken: Die Schüler lernten alles über das belgische Königshaus und nichts über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Selbst die Französische Revolution musste mit besonderer Umsicht besprochen werden. Europäische Schulbücher enthielten zu viel Sprengstoff: »Oftmals wird die Revolution nicht mit dem nötigen kritischen Verstand behandelt. Man bejubelt zu leichtfertig manche Reformen, Freiheiten usw., die die Kirche verurteilt hat«, schrieb der einflussreiche Missionar und Schulinspektor Gustaaf Hulstaert. Er warnte davor, dass die Schüler »liberal und dann gleichgültig und atheistisch« werden könnten.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lasen afrikanische Büroangestellte auch französischsprachige Zeitungen. Kommunistische Blätter wie &#039;&#039;Le Drapeau Rouge&#039;&#039; aus Belgien waren ab 1925 verboten, ebenso wie Illustrierte mit vielsagenden Titeln wie &#039;&#039;Paris Plaisirs&#039;&#039;, &#039;&#039;Séduction&#039;&#039; und &#039;&#039;Paris Sex-Appeal&#039;&#039;.53 Der gleiche Kontrollreflex zeigte sich, als nach dem Großen Krieg die ersten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Film sei ein gefährliches Medium, glaubte man, es könnte die ungebildeten Massen aufwiegeln. 1936 wurde deshalb eine separate Filmzensur für das afrikanische Publikum eingeführt. Daraus resultierten getrennte Vorführungen für Europäer und Kongolesen. Häufig lief es darauf hinaus, dass Filme, die für weiße Kinder als ungeeignet eingestuft wurden, auch für schwarze Erwachsene verboten waren.54 &#039;&#039;»Tous les coloniaux seront unanimes à déclarer que les noirs sont encore des enfants, intellectuellement et politiquement«&#039;&#039;, stand in den amtlichen Richtlinien zur Pressepolitik.55 Der Afrikaner, so der gängige Vergleich, sei in kultureller Hinsicht noch ein Kind: Man dürfe ihn nicht seinem Schicksal überlassen, sondern müsse seine Entwicklung gut im Auge behalten. Letztendlich strebte die koloniale Dreifaltigkeit durchaus eine Form der Emanzipation an, jedoch auf lange, notfalls sehr lange Sicht. Es sollte nicht zu stürmisch zugehen. &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; lautete die Devise des damaligen Generalgouverneurs Pierre Ryckmans: herrschen, um zu dienen. Paternalistisch? Unbedingt. Dieses »dienen« klang indes in den Ohren vieler noch gefährlich progressiv. »Disziplinieren« wäre besser gewesen, oder notfalls »erziehen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Léopoldville der zwanziger Jahre wuchs ein intelligenter und sensibler Junge heran, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der ersten literarischen Schwergewichte der kongolesischen Literatur werden sollte, Paul Lomami Tshibamba. Kurz vor seinem Tod 1985 blickte er auf die Atmosphäre in der Zwischenkriegszeit zurück:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialmacht tat alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir große Kinder seien, dass wir so bleiben würden, dass wir unter ihrer Vormundschaft stünden und dass wir alle Anweisungen befolgen müssten, die sie uns für unsere Weiterentwicklung gab mit dem Ziel einer stetigen Integration in die westliche Kultur, dem Ideal der Kultur überhaupt. Und wir, was konnten wir anderes erwarten? In meiner Generation kannten wir die Traditionen unserer Eltern nicht mehr: Wir waren in dieser Stadt geboren, die von den Kolonisatoren gegründet worden war, in dieser Stadt, in der ein Menschenleben der Macht des Geldes untergeordnet war . . . Ohne Geld landete man im Gefängnis. Geld benötigte man, um Steuern zu zahlen, sich einzukleiden und sogar um zu essen, etwas, was in den Dörfern unbekannt war. Es waren die weißen Kolonisatoren, die einem Geld verschafften, also musste man sich allem, was sie sagten, fügen. In dieser Welt wurde ich geboren und habe ich gelebt: Man musste sich beugen und tun, was andere von einem verlangten.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung begnügte sich jedoch nicht damit, das städtische Arbeitermilieu zu beaufsichtigen, sie griff auch aktiv ein. Neben dem Schulwesen waren das Vereinsleben und die Familienpolitik die politischen Instrumente der Wahl. Die Entscheidung, Frauen und Kinder in den Arbeitercamps zu dulden, hatte utilitaristische Gründe: Es sollte die Arbeitslust steigern, Prostitution und Alkoholgenuss bremsen, die Monogamie fördern und zur allgemeinen Ruhe im Camp beitragen. Außerdem sollten die Kinder von klein auf in der Firmenkultur aufwachsen. So wurden sie, mit Unterstützung der Missionsschulen, zu neuen Jahrgängen disziplinierter Arbeitnehmer getrimmt.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirche verfügte über sehr große politische Macht. Um 1930 gab es in Belgisch-Kongo genauso viele katholische Missionare wie Kolonialbeamte.58 Kirchliche und weltliche Macht schlossen nahtlos aneinander an. Das wusste auch der Schriftsteller Lomami Tshibamba:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im praktischen Leben, in dem wir aufwuchsen, verlangte der Priester unsere Unterwerfung; die Vertreter von Bula Matari, anders gesagt des Gouvernements oder der Bezirksverwaltung, besaßen alle Macht, und diese Macht kam von Gott. Demzufolge wurde von uns absoluter Gehorsam erwartet. Das ist das, was uns der Priester nahe­legte! Gut sein, gegenüber Gott und gegenüber diesen Menschen der neuen Gesellschaft, die von der Bula Matari geschaffen worden war, das setzte Gehorsam, Unterwerfung und Respekt voraus. Wir waren reduziert auf Diensteifer – dieses Wort wurde nicht benutzt, aber darauf lief es im Grunde hinaus.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diensteifer zu erzeugen war auch das Motiv, das hinter der Sozialpolitik der großen Betriebe steckte. Die Union Minière ging dabei am weitesten. Ja, das Unternehmen baute Schulen, Spitäler und Freizeitclubs für die Arbeiterfamilien. Ja, es gab Ende der dreißiger Jahre die Anfänge eines Rentensystems. Und ja, der Bergarbeiter wurde von der Wiege bis zur Bahre vom Betrieb umsorgt, mehr als bei jedem anderen Bergbauunternehmen in Zentralafrika. Aber es steht außer Frage, dass das paternalistische Wohlwollen des Unternehmens eher wirtschaftlichen Erwägungen als einer philanthropischen Haltung entsprang. Man zog sich vollkommene Arbeiter heran: glücklich und fügsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als ein Arbeitgeber war die Union Minière ein Staat im Staate, hin und wieder sogar mit totalitären Zügen. Jede Facette des Lebens im Arbeitercamp stand unter der Kontrolle des weißen Camp-Chefs. Er führte über jeden Arbeiter und dessen Familie eine Karteikarte; er war zuständig für die Unterbringung, die Bevorratung, die Löhne und die Schulen; er schlichtete Konflikte und verhängte Disziplinarmaßnahmen. Wenn die Frau eines Union-Minière-Arbeiters in ihr Heimatdorf reisen wollte, musste sie den Camp-Chef um Erlaubnis bitten, obwohl sie selbst nicht im Dienst des Unternehmens stand! Ihre Kinder mussten bereits vom zehnten Lebensjahr an am Werkunterricht teilnehmen, zur Vorbereitung auf ihre spätere Arbeit. Knaben half das Unternehmen, Geld für den Brautpreis zu sparen. Die Union Minière war ein allumfassender Betrieb und genoss die Unterstützung von Mission und Staat.60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Zusammenschlüssen von Einheimischen war man sehr auf der Hut, denn dort könnten Formen von sozialem Protest aufkeimen: »Ein Gemeinschaftsgefühl wird so weit wie möglich unterdrückt. Die Camp-Leitung kontrolliert genauestens alle Aktivitäten, die die Einheimischen organisieren.«61 Nähclubs, Chorgesang und Haushaltskurse fand die Union Minière erwünschter als Eigeninitiativen von Mitarbeitern. Die Missionen, die Kirchen in den Arbeitervierteln hatten, unterstützten das Unternehmen dabei nach Kräften. In Léopoldville waren es hauptsächlich Scheutisten, in Elisabethville Benediktiner. In der Kathedrale van Elisabethville sang am Sonntag ein ausgezeichneter gregorianischer Knabenchor, der nur aus afrikanischen Kindern bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten stampften belgische Priester ab 1922 die ersten Pfadfindergruppen Afrikas aus dem Boden. Die Pfadfinderbewegung, vom Ursprung her säkular, die mit ihrem paramilitärischen Charakter eher zum Staat als zur Kirche passte, war in der Kolonie eine exklusiv katholische Angelegenheit. Sie ermöglichte es dem Missionar, auch nach Schulschluss die besten Schüler unter Kontrolle zu behalten. Mit Aktivitäten wie Spurensuche, Bäume erklettern, Knoten knüpfen, Zelten und Morsezeichen üben vermittelte man Jugendlichen sowohl Stolz als auch Disziplin. Der junge Pfadfinder sammelte Abzeichen, legte sein Gelöbnis ab und behandelte seine Uniform pfleglich. Die Mitgliederzahlen waren nie sehr hoch (etwa tausend im gesamten Kongo), doch es entstand eine einheimische Elite, die wusste, was Disziplin und Zuverlässigkeit war.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine viel größere Masse war für das empfänglich, was wahrscheinlich den erfolgreichsten Teil der belgischen Missionierung ausmachte: Fußball. Auch hier ging die Initiative von Léopoldville und Elisabeth­ville aus. Es begann um 1920. Missionare in Soutane erläuterten die Spielregeln und sahen, wie schon nach kurzer Zeit Kinder und Jugendliche in den staubigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit selbstgemachten Bällen oder mit Pampelmusen trainierten. Die ersten Mannschaften wurden gegründet: Étoile und League in Léopoldville, Prince Charles und Prince Léopold in Elisabethville. 1939 gab es allein schon in Léopoldville dreiundfünfzig Mannschaften und sechs Ligen. Es gab Barfuß-Teams und Teams mit Schuhen – barfuß spielen bedeutete weniger kraftvolle Pässe, aber größere Geschmeidigkeit. Die Wettkämpfe fanden am Sonntagnachmittag statt. Neben Hunderten von Spielern waren Tausende Fans auf den Beinen. Freunde, Kollegen, Frauen und Kinder schrien sich am Rand des Spielfeldes heiser. Fußball war mehr als ein Freizeitvergnügen. Es hatte auch einen erzieherischen Aspekt. Ein flämischer Benediktiner konstatierte zufrieden: »Statt den Sonntagnachmittag in einer Hütte zu hocken und ihren &#039;&#039;pombo&#039;&#039; zu trinken, oder Bars aufzusuchen und in Gesellschaft von Frauen mit zweifelhaften Sitten zu trinken, geben sie sich frei und an frischer Luft den Sportarten hin, die sie fesseln.«63 Ein Scheutist war ebenso begeistert: »Das hält sie, zumindest für die paar Stunden, vom Tanzen und von Saufgelagen ab und ist, nach dem Gottesdienst, eine angenehme Sonntagsbeschäftigung.«64 So wie in den katholischen Oberschulen und Internaten Flanderns Fußball propagiert wurde, um die überschüssige sexuelle Energie der Jungen zu kanalisieren, wurde der Sport in der Kolonie eingeführt, um eventuellen sozialen Unmut zu unterdrücken. Fußball war nicht nur ein ausgelassenes Spiel, sondern auch eine Form der Disziplinierung. Man musste am Training teilnehmen, Geschicklichkeit entwickeln, Reflexe kontrollieren können, sich an Regeln halten, dem Schiedsrichter gehorchen. Vergnügen und zugleich Selbstbeherrschung: eine ideale koloniale Schule. »Sport lehrt den Eingeborenen (. . .), sich einer Disziplin zu fügen, die er freiwillig anerkennt«,65 hieß es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen von Kikwit sah ich im Jahr 2007 einmal ein klappriges, gelbes Moped vorbeiknattern, auf dem ein alter Weißer saß. Das war an sich schon recht ungewöhnlich: Die wenigen Europäer bewegen sich prinzipiell mit dem Auto fort, und die Alten unter ihnen sowieso. Besagter Mopedfahrer war, wie sich herausstellte, Henri de la Kéthulle de Ryhove, ein Jesuit aus adeligem Haus, weit über achtzig und noch immer unermüdlich aktiv, in den letzten Jahren vor allem im Kampf gegen Sichelzellenanämie, eine erbliche Krankheit. Père Henri war auch der Neffe von Raphaël de la Kéthulle, dem wohl berühmtesten Missionar von ganz Belgisch-Kongo. Und diese Berühmtheit verdankte sein Onkel weder einem heroischen Bekehrungseifer im tiefen Urwald noch der christlichen Aufmunterung einer trostlosen Leprakolonie, nein, père Raphaël arbeitete sein ganzes Leben in Kinshasa und brachte seinen Schäfchen das Fußballspielen bei. Er war ein Scheutist, der als Lehrer tätig war, und gehörte zur ersten Gruppe städtischer Missionare. Als Spross einer französischsprachigen, aristokratischen Familie aus Brügge war er selbst im Sint-Lodewijkscollege zur Schule gegangen. (Ein Detail, über das ich lächeln muss: Ich selbst habe eine frühere Zweigstelle dieser Schule besucht. Auch in meinem College war, ein dreiviertel Jahrhundert später und nach einer »Niederlandisierung«, Fußball noch immer die wichtigste Religion neben dem Christentum. Auf unserem gepflasterten Schulhof waren fünf oder sechs Fußballfelder aufgemalt, außerdem hingen dort fünf Volleyballnetze und zwei Basketballkörbe. Statt zwei Pflichtstunden Sport hatten wir vier. Der westflämische Katholizismus hatte, auch wenn viele mit ihm eher den Dichter, Priester und Lehrer Guido Gezelle assoziieren, mehr Affinität zum Ballsport als zur Lyrik.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Onkel war der Gründer der Association Sportive Congolaise, des ersten Sportvereins im Kongo«, erzählte mir père Henri, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sein weißes Haar war vom Mopedfahren nach hinten geföhnt. »Er war der große Förderer des Fußballs in Kinshasa.« Aber dabei blieb es nicht. »In seinem Sportverein gab es auch Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und sogar Wasserball.« Raphaël de la Kéthulle muss ebenso unermüdlich gewesen sein wie sein Neffe. Er hatte sich nicht nur um die sportlichen Aktivitäten gekümmert, sondern auch mehrere Schulen gegründet. Er stand mit an der Wiege der kolonialen Pfadfinderbewegung, des Schul­theaters, einer Musikkapelle und eines Vereins ehemaliger Schüler. Vor allem aber war er die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer soliden Sportinfrastruktur in Léopoldville. Père Henri wusste das. »Er hat drei Fußballstadien gebaut, einen weiträumigen Sportplatz, Tennisplätze und ein Schwimmbad mit olympischen Maßen, das sogar ein Fünfmeterbrett hatte. In diesem Schwimmbad organisierte er auch Einbaumwettkämpfe!« Der absolute Höhepunkt seiner Baulust war das Stade Roi Baudouin, das spätere Stade du 20 Mai, ein Fußballstadion, das achtzigtausend Zuschauern Platz bot und bei seiner Eröffnung im Jahr 1952 das größte Stadion in ganz Afrika war. Es war auch der Ort, an dem 1959 die Unruhen ausbrachen, die zur Unabhängigkeit führen sollten. Und hier hielt Mobutu nach seinem Putsch im Jahr 1965 eine Ansprache an das Volk. 1974 fand hier der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt. Noch heute kennt jeder Kinois &#039;&#039;tata&#039;&#039; Raphaël, Väterchen Raphaël, und sei es nur, weil das große Stadion inzwischen nach ihm benannt wurde und sein Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Logo von Kentucky Fried Chicken aufweist, riesengroß auf den Mauern des Collège Saint Raphaël prangt. »Ja, er war sehr zielstrebig«, resümierte père Henri, »auch wenn er &#039;&#039;la bottine légère&#039;&#039; hatte.« Den leichten Stiefel? »Ja, wenn es sein musste, konnte er auch mal jemandem einen Fußtritt verpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vereinsleben, angekurbelt von den katholischen Missionaren, bot den städtischen Arbeitern nicht nur gesunde Freizeitaktivitäten, sondern veränderte auch zielbewusst die soziale Landkarte. Aus Furcht vor ethnisch gefärbten Aufständen wie bei den Pende verwischte man die tribalen Grenzen – dieselben Grenzen, die die Missionsschulen akzentuiert hatten! Henri de la Kéthulle erzählte mir: »Mein Onkel brachte beim Sport die Stämme zusammen. In seinen Fußballwettkämpfen wurden die Mannschaften gemischt. Er veranstaltete landesweite Wettkämpfe, ja sogar das erste internationale Fußballspiel. Ein kongolesisches Team spielte damals gegen ein belgisches. Beerschot, glaube ich.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch freiheitliche Regungen ließen sich nicht restlos unterdrücken. Trotz aller wohlwollenden Sportinitiativen und der bevormundenden Familienpolitik war ein gewisser Hunger bei Teilen der kongolesischen Städter nicht zu stillen. Die Kolonialverwaltung bezeigte sich zwar freundlich, aber nur, solange man sich unterordnete. Die Masse wurde unter dem lächelnden Blick der kolonialen Dreifaltigkeit in Bahnen gelenkt, doch wer aus der Reihe tanzte, wurde mitleidlos bestraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb blieben einheimische Organisationen bestehen.67 Die Kita­wala-Religion verbreitete sich unter den Bergleuten und infiltrierte große Teile des flachen Landes. Von Katanga aus erreichte sie den Kivu und die Provinzen Orientale und Équateur. Sie existierte im Untergrund und vermengte Mystik mit Revolte. Als 1936 in Jadotville Anhänger dieses Glaubens verhaftet wurden, sagten sie über die Bibel: »In diesem Buch steht sehr deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Gott hat den Weißen nicht geschaffen, damit er über den Schwarzen herrscht. (. . .) Es ist nicht gerecht, dass der Schwarze, der die Arbeit leistet, weiter in Armut und Not leben muss, während die Löhne der Weißen so viel höher sind.«68 Viele Anhänger wurden verbannt, aber wie bei den Kimbanguisten gab das der Bewegung eher einen Impuls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnische Organisationen in Katanga, zum Beispiel der Lulua und der Baluba, boten ein soziales Miteinander und eine Identifikationsmöglichkeit, die kein Pfadfindertrupp bieten konnte. Sie nahmen Neuankömmlinge unter ihre Fittiche und halfen jungen Männern, den Brautpreis aufzubringen. Es entstanden sogar Formen von Solidarität unter Menschen mit demselben Vornamen. Ein alter Mann aus Lubumbashi erklärte das so: »Wenn ich Albert heiße und du heißt Albert, dann wirst du mein Bruder. (. . .) Wir kümmern uns umeinander. Wir helfen uns gegenseitig, etwas zu essen zu bekommen, wir spielen zusammen, wir unterstützen uns auf jeder Ebene.«69 Ab 1929 führte die Krise zu intensiven Formen einheimischer Solidarität. André Yav, der ehemalige Boy aus Lubumbashi, berichtete davon: »Alle hatten viel Hunger damals. Die Arbeitslosigkeit stieg unglaublich. Aber wir haben es so gemacht: Wenn ein Mann Arbeit hatte, dann war er der Vater und die Mutter von allen seinen Freunden. Sie kamen in sein Haus, um zu essen, und sie kamen, wenn sie etwas zum Anziehen brauchten.«70 Solche Formen spontaner Selbstorganisation waren unzerstörbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwanziger Jahren gab es Gruppen, die sich &#039;&#039;Les Belges&#039;&#039; nannten. Ihre Mitglieder schmückten sich nicht ohne Humor mit den Titeln der Kolonialverwaltung (»Distriktskommissar«, »Generalgouverneur«, »König«) und imitierten in ihren Tänzen weiße Beamte und Missionare. Außer mit Satire beschäftigten sie sich auch mit der Unterbringung von Neuankömmlingen, der Essensverteilung und der Organisation von Bestattungen.71&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Krise gründeten sich die ersten Vereine von Afrikanern, die es geschafft hatten, sich hochzuarbeiten. In Organisationen mit Namen wie &#039;&#039;Cercle de l&#039;Amitié des Noirs Civilisés&#039;&#039; oder &#039;&#039;Association Franco-Belge&#039;&#039; fanden sich Kongolesen zusammen, die eine Schule besucht hatten, über ein gutes Einkommen verfügten und untereinander Französisch sprachen. Sie verkörperten den Beginn einer kongolesischen Mittelschicht, mit der entsprechenden Zuversicht und nicht ohne Snobismus. Die Mitglieder blickten oft herab auf die Straße, von der sie sich gerade emporgekämpft hatten, und lechzten nach einem europäischeren Lebensstil, nach Manschettenknöpfen und Respekt. Doch dieses Verlangen konnte, wenn es sich nicht erfüllte, in Unmut und Protest umschlagen – was in den fünfziger Jahren auch geschah. In der Zwischenkriegszeit jedoch hatten diese Aktivitäten noch keinen offen politischen Charakter, auch wenn manche Gruppen sich am liebsten unabhängig von der Kirche organisierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den dreißiger Jahren bot sich mehrmals pro Woche ein faszinierendes Phänomen an der Grenze zu Rhodesien.72 Immer, wenn ein Zug aus dem britischen Dominion ankam, hielt er mit lautem Zischen an, um den weißen Lokführer von Bord zu lassen. Sein Kollege aus Belgisch-Kongo kletterte auf die Lokomotive, um die Fahrt nach Elisabethville fortzusetzen. Wer die Szene zum ersten Mal sah, rieb sich kurz die Augen: War der neue Lokführer tatsächlich ein Afrikaner? Ja, das war er. In Belgisch-Kongo war man stolz darauf, dass es, anders als in Südafrika und Rhodesien, keine Rassenschranke gab. In den Minen und Fabriken durften Afrikaner teure und gefährliche Maschinen bedienen, wenn auch unter der Kontrolle weißer Vorarbeiter. Strebsame Arbeiter der Union Minière konnten bis zu einer gewissen Ebene im Betrieb aufsteigen. Hotels, Restaurants und Kneipen waren theoretisch für jeden zugänglich. Nur in den Kinos herrschte eine deutliche Rassentrennung. Es existierte kein formelles Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Abwesenheit einer gesetzlichen Rassenschranke bedeutet nicht, dass diese nicht unsichtbar gleichwohl existierte.73 Diese unsichtbare Rassenschranke war vielleicht sogar noch die hartnäckigste von allen. Afrikaner konnten nicht bis an die Spitze eines Betriebes aufsteigen. In der Verwaltung war Sachbearbeiter oder Typist die höchste erreichbare Funktion. Die Städte bestanden aus strikt getrennten weißen Zentren und schwarzen Vororten, angeblich, um die Verbreitung von Malaria zu verhindern. Doch das war ein vorgeschobenes Argument. Auch die Friedhöfe waren nach Rassen getrennt, und dort brauchte man sich in der Regel kaum noch vor Malaria zu fürchten. Gemischte Pfadfindergruppen gab es auch nicht. Und kongolesische Fußballmannschaften durften nicht gegen europäische Teams spielen, weil man Tumulte bei Niederlagen oder Demütigungen bei Siegen befürchtete. Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Kolonialzeit schrieb darüber: »Die Tatsache, dass es keine offizielle Rassenschranke gab&#039;&#039;,&#039;&#039; verstärkte seltsamerweise die rassischen Reflexe der Weißen. Juristisch nicht existent, offenbarte sich der Rassismus mit ganzer Macht in den Fakten.«74 Und das traf zu. Wer heute in die Zeitungen der Kolonie aus der Zwischenkriegszeit schaut, merkt, wie sehr eine Wir/Sie-Logik das Denken bestimmte und wie viel Angst hinter dem markigen Sprachgebrauch steckte. Nachdem ein Kongolese einen Weißen ermordet hatte, schrieb &#039;&#039;L&#039;Avenir Colonial Belge&#039;&#039;, eine der populärsten Zeitungen der Kolonie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist für uns, die Weißen, die persönliche Freiheit in Léopoldville überhaupt noch gewährleistet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann in aller Aufrichtigkeit antworten: Nein! Die Handlungen von Insubordination der Schwarzen mehren sich vehement; ihre Unverfrorenheit ist groß und jagt selbst den Tapfersten Angst ein. Diebstähle nehmen an Zahl und Umfang zu; der Dünkel des Eingeborenen gegenüber den Weißen ist manchmal niederschmetternd; die Furcht, die wir ihnen einflößen, ist gleich null; der Respekt vor dem Mundele ist nicht mehr vorhanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sieht es aus im Jahr des Herrn 1930.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber, werden Sie sagen, ist Stanley Pool denn eine Region, die erneut pazifiziert werden muss?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber sicher, warum nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie diese »erneute Pazifizierung« aussehen sollte, sprach die Zeitung klar und deutlich aus: Jeder Afrikaner, der einem Weißen nach dem Leben trachtete, aus welchen Gründen auch immer, sollte mit dem Tode bestraft werden.75 Gesetzlich zulässige Notwehr, mildernde Umstände, Totschlag im Affekt, zwanghafte Persönlichkeitsstörung, das alles war nicht mehr von Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft dachte zum Glück um einiges differenzierter, doch dass ein Blatt, das solches Geschwätz verbreitete, zu einer der einflussreichsten Zeitungen der Kolonie wurde, zeigt, wie die Mehrzahl der Weißen über die Rassenfrage dachte. &#039;&#039;Les noirs&#039;&#039;, das schrieb man mit einem kleinen Buchstaben, und &#039;&#039;les Blancs&#039;&#039; mit einem großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde herrschte in der kolonialen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit wechselseitige Angst: Die weißen Herrscher fürchteten sich gewaltig davor, ihre Respektabilität in den Augen der Kongolesen zu verlieren, während sich sehr viele Kongolesen vor der Macht der Weißen fürchteten und alles daransetzten, sich ihren Respekt zu verdienen. Beide befanden sich im Klammergriff der Angst. Wie lange war so etwas auszuhalten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier lange Jahre hatten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, Jahre, die mehr umfassten, als Berliner Ethnologen Lieder in den Phonographentrichter zu singen. Jahre der Krankheit und Zwangsarbeit. Jahre der Verhöhnung und Erniedrigung. Kudjabo hatte auf einem Bauernhof in der Nähe von Stuttgart arbeiten müssen, wo der Bauer ihn betrogen hatte. Panda war in Hannover gelandet und von dort aus nach Rumänien gebracht worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber waren sie zurück in Belgien, dem Land, für das sie und einige andere Kongolesen ihr Leben riskiert hatten. Und was schrieb das Veteranenblatt &#039;&#039;Le Journal des Combattants&#039;&#039; über sie? »Lasst sie uns repatriieren und in den Schatten ihrer Bananenbäume zurückschicken, wo sie sicherlich eher am richtigen Ort sind. Sie werden dort ihre Negertänze lernen und können ihren Familien, die um sie herum auf Schimpansenfellen sitzen, von ihren Kriegserlebnissen erzählen.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatten sie dafür gekämpft und gelitten? Das konnten sie nicht hinnehmen. Eine Antwort erschien: »In den Schützengräben wurde man nicht müde zu wiederholen, dass wir Brüder seien, und wir wurden genauso behandelt wie die Weißen. Nun aber, wo der Krieg vorbei ist und man unsere Dienste nicht mehr benötigt, sähe man uns lieber verschwinden. Was Letzteres betrifft, sind wir vollkommen einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Wenn so strikt auf der Repatriierung der Schwarzen bestanden wird, könnten wir logischerweise fordern, dass alle Weißen, die sich in Afrika befinden, gleichfalls repatriiert werden.«77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Frechheit! Einen so selbstsicheren Ton wagte im Kongo niemand anzuschlagen. Die Erwiderung war in einem eloquenteren Französisch verfasst als der Artikel, auf den die Kongolesen reagiert hatten. Hier erhob sich tatsächlich eine neue Stimme. Einige Wochen vor dem fraglichen Artikel, am 30. August 1919, war in Brüssel die Union Congolaise gegründet worden, ein »Verein zur Hilfe und moralischen und intellektuellen Entwicklung der kongolesischen Rasse«. Er ähnelte der Organisation, die André Matsoua in Frankreich gegründet hatte. Der Verein zählte anfangs dreihundert Mitglieder, fast alle ehemalige Kriegsteilnehmer. Die wichtigste Persönlichkeit war der ehemalige Kriegsgefangene Paul Panda Farnana, sein Schicksalsgenosse Albert Kudjabo wurde Sekretär. Es ging ihnen darum, armen und kranken Mitgliedern zu helfen, Bestattungskosten zu decken und kostenlose Abendschulen zu ermöglichen. Aber sie verfolgten auch ausgesprochen politische Ziele. Bereits 1920 forderte die Union Congolaise, dass Zwangsarbeit erleichtert, Lohnarbeit besser bezahlt und dass das Schulwesen ausgebaut werden müsse. Vor allem forderten sie, dass Kongolesen mehr Mitspracherecht in der Verwaltung bekämen. Nochmals: im Jahr 1920! In jener Zeit beriet sich die Verwaltung höchstens mit einzelnen Dorfvorstehern, die sie selbst eingesetzt hatte. Viel besser sei es, schlug Paul Panda vor, die Kongolesen selbst einen Rat wählen zu lassen, der die Kolonialregierung in Boma beraten würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pandas Union Congolaise wuchs stetig. Inzwischen gab es regionale Abteilungen in Lüttich, Charleroi und Marchienne-au-Pont. Die neuen Mitglieder waren oft kongolesische Matrosen, die im Hafen von Antwerpen desertiert waren. Diese jungen, unverheirateten Männer, die sich wochenlang im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinenräume als Maschinenschmierer, Heizer oder Kohlentrimmer abgerackert hatten, wollten es nicht hinnehmen, dass nach der Ankunft ihre weißen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr als zweimal so viel bekamen. Im Kongo gab es keine weißen Arbeiter, nur weiße Vorgesetzte, aber auf den Ozeandampfern fiel der große Kontrast zum ersten Mal auf. Und während der Unmut an Land in religiöse Ekstase mündete, führte Unzufriedenheit an Bord zu prosaischerem Widerstand: Streiks. In den Häfen von Antwerpen wie auch Matadi wurde die Arbeit niedergelegt, vor allem auch, nachdem es afrikanischen Seeleuten verboten wurde, ihre geringe Heuer durch einen privaten Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen aufzustocken. Außerdem durften sie an Land keine Bars aufsuchen. Die belgische Regierung hatte panische Angst, dass sie im Rotlichtviertel oder, schlimmer noch, in roten Lokalen landen würden. Es gab schon genug Kommunisten in Antwerpen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs konnte die Union Congolaise noch auf einige Sympathie zählen. Paul Panda Farnana war ein außergewöhnlich redegewandter Intellektueller, der sich auf die seltene Kunst verstand, radikale Ideen als gerechtfertigte Maßnahmen darzustellen. Er durfte im Dezember 1920 auf dem ersten Nationalen Kolonialkongress in Brüssel sprechen, wo sein Redebeitrag über die Notwendigkeit der politischen Teilhabe der Kongolesen auch unter den belgischen Zuhörern viel Beifall erntete. Gebt uns Macht, war seine Devise. Er erhielt dafür Applaus! Als großartiger Redner hatte er sich in seiner Ansprache denn auch ausgiebig auf historische Päpste berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später nahm Paul Panda jedoch am zweiten Panafrikanischen Kongress teil, einer afro-amerikanischen Initiative unter Leitung des radikalen amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten W. E. B Du Bois. Diese Teilnahme schädigte Pandas Ruf: Die koloniale Presse warf ihm Nationalismus, Bolschewismus und Garveyismus vor. Zu Unrecht. Der Panafrikanismus jener Jahre wollte schwarze Menschen auf der ganzen Welt befreien und emanzipieren. Auf dem Kongress, der eine Woche dauerte und in London, Brüssel und Paris stattfand, widerlegte man den Vorwurf des Bolschewismus. Man wollte nichts anderes als die Gleichheit von Weißen und Schwarzen fördern, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten. Die Delegation besuchte auch das Kolonialmuseum in Tervuren, wo die amerikanischen Teilnehmer sich über die damals bereits riesige Sammlung aufregten, die in ihren Augen zusammengeraubt war. So hatte Paul Panda das bis dahin noch nicht gesehen. Vorsitzender bei den Brüsseler und Pariser Tagungen war Blaise Diagne, ein Senegalese, der bereits seit 1914 einen Sitz im französischen Parlament hatte, als erster Afrikaner überhaupt. Auf Panda muss das enormen Eindruck gemacht haben. Während die französischen Kolonien bereits Volksvertreter nach Paris entsenden durften, konnte man in Belgisch-Kongo nicht mehr werden als Lokführer, Chorknabe, Pfadfinder oder Torwart. &#039;&#039;Chef médaillé&#039;&#039; sein zählte nicht mit, wenn es um politische Teilhabe ging: Das war keine Mitbestimmung, sondern Augenwischerei. Einige Jahre später verkündete er sein ungeschminktes Fazit: »Bis jetzt war die Kolonialisierung des Kongo nur ›Zivilisations‹-Vandalismus zum Vorteil des europäischen Elements.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Mai 1929 kehrte Paul Panda Farnana in die Kolonie zurück. Er ließ sich in seinem Heimatdorf Nzemba nieder, nahe der Küste. Dort gründete er eine kleine Schule und erbaute eine Kapelle. Mit seiner seltenen Kombination aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und Takt hätte er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen für eine gerechtere Kolonialpolitik werden können. Doch kaum ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er in seinem Dorf, unverheiratet und kinderlos. Belgisch-Kongo hatte seine brillanteste Gegenstimme verloren. Er war nur 42 Jahre alt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 5 Die rote Stunde des Einsatzes ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Krieg und die trügerische Stille danach 1940-1955 ===&lt;br /&gt;
Sie standen im Kreis und wiegten sich hin und her. Immer wieder verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen; es war ein Mittelding zwischen bedächtigem Tanzen und Auf-der-Stelle-Marschieren. Die kleine Gruppe von Veteranen schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich sah ihnen zu im Maison des Anciens Combattants von Kinshasa. Ihre nagelneuen Uniformen waren ein Geschenk der belgischen Armee an die gegenwärtigen Streitkräfte. Die Veteranen trugen sie mit Stolz, klatschten in die Hände und sangen mit tiefen Stimmen: &#039;&#039;»Saluti, saluti, pesa saluti, tokopesa saluti na bakonzi nyonso.«&#039;&#039; Ein Marschlied. »Gegrüßt, gegrüßt, Achtung, wir salutieren allen unseren Anführern.« Besagte Anführer, so erklärten sie mir später, waren Belgier. Alle ihre Offiziere waren damals Belgier. &#039;&#039;»Biso baCongolais, biso baCongolais«&#039;&#039;, so ging es weiter, »wir Kongolesen, wir Kongolesen, wir haben unsere Stärke bewiesen. Heute haben wir Sayo erobert.« Ein einfaches, aber ansteckendes Soldatenlied. Wenn man es einmal gehört hat, wird es zu einem Ohrwurm. Ein kongolesischer Soldat schuf es 1941, kurz nach der Eroberung der befestigten Garnisonsstadt Sayo in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Es wurde auf den Ladeflächen der LKW gesungen, mit denen die kongolesischen Soldaten durch die ausgetrockneten, offenen Landschaften des Sudan nach Stanleyville zurückfuhren. Fast siebzig Jahre später kannten die Veteranen es noch immer. Es atmete eine neue Form der Brüderlichkeit. Ja, die Weißen waren in jenen Tagen noch immer ihre Befehlshaber, aber während des Krieges hatte sich doch etwas verändert. Der kongolesische Soldat war sehr stolz darauf, dass er seinen weißen Offizieren die Eroberung von Sayo darbringen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dieser Stolz sollte nicht lange anhalten. Noch viel mehr als der Erste Weltkrieg bewirkte der Zweite Weltkrieg eine Annäherung, auf die Enttäuschung folgte. Ich sprach darüber mit dem 87-jährigen André Kitadi, einem der Männer, die das Lied gesungen hatten. Er war zweiter Vorsitzender des Veteranenvereins 40-45, ein bemerkenswerter Mann mit sanfter Stimme und scharfsinnigem Urteilsvermögen. Sein Büro war leer bis auf einen Schreibtisch aus Metall, eine kongolesische Flagge und eine große Wasserlache. Das Regenwasser vom Vorabend stand noch auf dem Betonfußboden. »Wir haben für Belgien gekämpft, so viel ist gewiss. Die Belgier brauchten uns, um ihre Interessen zu verteidigen. Wir machten mit, weil wir Disziplin besaßen. Wir hatten &#039;&#039;la conscience de la guerre&#039;&#039;.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 Belgien in achtzehn Tagen überrannte, war die rechtliche Stellung von Belgisch-Kongo einige Monate lang unklar. Das lag an dem allgemeinen Debakel im Mutterland. Während die belgische Regierung nach Frankreich und später nach Großbritannien floh und sich auf die Seite der Alliierten stellte, akzeptierte König Leopold III., Großneffe von Leopold II., den deutschen Sieg. Er wurde zum Kriegsgefangenen und befand sich am Ende des Krieges in Deutschland. Auf wen sollte die Kolonialregierung nun hören? Auf den König eines Landes, das nicht mehr als souveräner Staat existierte, aber noch eine Kolonie besaß, oder auf dessen Kolonialminister im Exil, der als Generalverwalter von Belgisch-Kongo galt? In der Kolonie selbst gingen die Meinungen auseinander. Konservative Kräfte wie Monseigneur de Hemptinne, der mächtige Bischof von Katanga, waren monarchistisch gesinnt und fanden sich mit dem deutschen Sieg und der neuen faschistischen Weltordnung ab. Und viele Industrielle hegten ultrarechte Sympathien. Sie wollten weiterhin Rohstoffe nach Deutschland liefern können, was manche im Laufe des Krieges, über den Umweg Portugal, auch taten. Antisemitismus kam hier und da auf. Im Eldorado von Elisabethville war im Laufe der Zeit eine kleine jüdische Gemeinde entstanden. Ihr Rabbiner, der einzige im ganzen Kongo, erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Schaufenster jüdischer Kaufleute mit Hakenkreuzen und Losungen wie &#039;&#039;sale juif&#039;&#039; beschmiert worden waren.2 Letztendlich aber räumte Generalgouverneur Pierre Ryckmans jeden Zweifel aus: Belgisch-Kongo würde sich einmütig für die Seite der Alliierten entscheiden und weiterhin gegen den Faschismus kämpfen. Offiziell war sein Ressort dem exilierten Kolonialminister unterstellt, in der Praxis genoss er jedoch große Autonomie. Sein persönlicher Mut war entscheidender als jede Direktive aus London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die französischen Kolonien schwankten in der Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollten: Die meisten entschieden sich für das kollaborierende Vichy-Regime Pétains, einige schlossen sich de Gaulles Freiem Frankreich an. So wurde der Konflikt zwischen den Alliierten und den Achsenmächten auf den afrikanischen Kontinent ausgedehnt. Deutschland besaß zwar seit 1918 keine Gebiete mehr in Übersee, doch große Teile Afrikas gerieten dennoch in den nationalsozialistischen Einflussbereich. Zudem besaß Deutschlands neuer Bündnispartner Italien Kolonien. Bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert herrschte das Land am Horn von Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland, Gebiete am Roten Meer, deren strategische Bedeutung seit der Eröffnung des Sueskanals zugenommen hatte. 1911 annektierte Italien Libyen, und 1935 rückte Mussolini in das Äthiopien von Haile Selassie ein, das einzige größere afrikanische Land, das nie eine Kolonie gewesen war. Auch diese Fremdherrschaft würde nur ein kurzes Intermezzo sein. Das war unter anderem den Soldaten aus Belgisch-Kongo zu verdanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sich die belgische Exilregierung auf die Seite der Alliierten stellte, bat Churchill um materielle und militärische Unterstützung aus Belgisch-Kongo. In Nordafrika bedrohte Libyen Ägypten (das zwar seit 1922 selbstständig, jedoch in vieler Hinsicht noch von Großbritannien abhängig war), während das Horn von Afrika eine Gefahr für die britischen Kolonien Kenia und Sudan bildete. Von diesen beiden Kolonien aus schickte Churchill eigene Truppen nach Abessinien, doch ab Februar 1941 verstärkte das elfte Bataillon der Force Publique ihre Reihen. Es handelte sich um etwa dreitausend Soldaten und zweitausend Träger. Auf fünfzig Afrikaner kam ein belgischer Offizier. Mit LKW und Booten bewegten sie sich durch den Sudan, wo die Mittagstemperaturen bis auf 45 Grad im Schatten stiegen. Von dort aus fielen sie in den gebirgigen Westen Abessiniens ein. Die LKW wurden übermalt: in die noch nasse grüne Farbe streute man braunen Sand für eine bessere Tarnung. Meist aber mussten die Soldaten in der rauen Gegend zu Fuß gehen. Tagsüber kamen sie vor Hitze fast um, und nachts, in großen Höhen, froren sie erbärmlich. Als einige Wochen später die Regenzeit ausbrach, mussten sie ihr Nachtlager manchmal im Schlamm aufbauen. Städtchen wie Asosa und Gambela konnten sie relativ leicht einnehmen. Nach kurzen, allerdings heftigen Feuergefechten traten die italienischen Truppen den Rückzug an. Ihre Offiziere machten sich nicht einmal die Mühe, Säbel und Tennisschläger mitzunehmen. Viel schwieriger gestaltete sich die Sache in Sayo, einer wichtigen italienischen Garnisonsstadt an der Grenze zum Sudan. Nach heftigem Beschuss am 8. Juni 1941 baten die demoralisierten Italiener um einen Waffenstillstand, obgleich sie zahlenmäßig und militärisch überlegen waren. Die belgischen Befehlshaber erklärten sich unter der Bedingung einer vollständigen Kapitulation einverstanden. Gleich neun italienische Generäle wurden gefangen genommen, darunter Pietro Gazzera, der Oberbefehlshaber der italienischen Truppen in Ostafrika, und Graf Arnocovaldo Bonaccorsi, der Generalinspekteur der faschistischen Milizen, die im Spanischen Bürgerkrieg Mallorca terrorisiert hatten. Außerdem gerieten 370 italienische Offiziere (darunter 45 hochrangige) in Kriegsgefangenschaft, neben 2574 Unteroffizieren und 1533 einheimischen Soldaten. Noch einmal 2000 irreguläre einheimische Kämpfer wurden nach Hause geschickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Einnahme von Sayo war vor allem materiell und strategisch von großer Bedeutung. Die Force Publique erbeutete achtzehn Geschütze mit fünftausend Kartuschen, vier Mörser, zweihundert Maschinengewehre, 330 Pistolen, 7600 Gewehre, fünfzehntausend Granaten und zwei Millionen Patronen. Ferner beschlagnahmten Belgier und Kongolesen zwanzig Tonnen Funkmaterial einschließlich drei vollwertiger Sendestationen, zwanzig Motorräder, zwanzig Autos, zwei Panzerwagen, zweihundertfünfzig LKW und – nicht unwichtig im Hochland – fünfhundert Maulesel. Hier wurde eine Armee aufgelöst, so viel war deutlich. Es war der wichtigste belgische Sieg gegen den Faschismus und zugleich der größte militärische Triumph, den belgische Truppen jemals verzeichnen konnten. Den schwersten Tribut zahlten jedoch die Kongolesen. Unter den Belgiern gab es vier Gefallene und sechs Schwerverletzte, unter den Afrikanern zweiundvierzig Tote; fünf Soldaten waren vermisst und 193 erlagen Krankheiten oder Verwundungen. Unter den Trägern gab es 274 Todesfälle; sie starben vorwiegend an Erschöpfung und Dysenterie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser abessinische Feldzug der Force Publique trug zur Rückkehr von Haile Selassie bei. Nur fünf Jahre lang war Äthiopien eine Kolonie gewesen, von 1936 bis 1941, nun wurde das jahrhundertealte Kaiserreich wiederhergestellt. Nicht viel später würden aus diesen Gründen die Rastafaris auf Jamaika beginnen, Kaiser Haile Selassie als Gottheit zu verehren. Diesen göttlichen Status verdankte er jedoch eher dem Militär als der Metaphysik. Es waren kongolesische Soldaten gewesen, die in Äthiopien Orte wie Asosa, Gambela und vor allem Sayo befreit hatten. Der belgische Kolonialismus hat also indirekt zur spirituellen Dimension des Reggae beigetragen. Was Tabora für den Ersten Weltkrieg war, wurde Sayo für den Zweiten Weltkrieg: ein glorioser Sieg, der die Truppenmoral stärkte. Und es war auch etwas Besonderes: Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein afrikanisches Land von afrikanischen Soldaten selbst entkolonisiert. »Wir haben nur Weiße gesehen«, sagte Louis Ngumbi, ein Kriegsveteran aus dem Osten des Kongo, »wir haben nur auf Weiße geschossen.«3 Das war etwas übertrieben, aber dass die Force Publique mehrere tausend weiße Soldaten, darunter neun Generäle, gefangen nahm, imponierte allen sehr. Sayo prägte sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation Soldaten ein. André Kitadi, der zweite Vorsitzende des Veteranenvereins, hatte die Zahlen der Kriegsgefangenen noch im Kopf: »In Abessinien nahmen wir neun italienische Generäle gefangen, neben 370 italienischen Offizieren, zweitausendfünfhundert Soldaten und fünfzehntausend Einheimischen.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kitadi hatte sich 1940 zur Armee gemeldet. Der Krieg hatte damals schon begonnen, aber das kümmerte ihn nicht. In der Armee bekam man eine gute Ausbildung. Er wurde Telegraphist. Während des Feldzuges in Abessinien war er in der Provinz Orientale, an der Grenze zum Sudan, abrufbereit. Doch zum Einsatz kam es nicht. Als die Truppen singend zurückkehrten und von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden, wurde er nach Boma versetzt. Dort sollte er nicht lange bleiben. Da das Horn von Afrika nun gefallen war, richteten sich die Alliierten auf West- und vor allem auf Nordafrika. Im Herbst 1942, als Marokko und Algerien von Pétain zurückerobert wurden, ging er an Bord eines Postschiffes, das ihn und seine Kameraden nach Lagos in Nigeria brachte. Von dieser britischen Kolonie aus sollte der Kampf gegen Dahomey (heute: Benin) beginnen, eine französische Kolonie, die noch dem Vichy-Regime gehorchte. »Die Schiffsreise dauerte vier Tage. Wir kamen in Lagos an und wurden zu einer Kaserne gebracht, dreihundert Kilometer entfernt. Dort wurden wir trainiert. Sechs Monate lang.« Die Männer der Force Publique kamen mit den britischen Kolonialtruppen in Kontakt. Kitadi bekam sogar eine britische Uniform, obwohl er weiter unter belgischem Kommando stand. Anfang 1943 erhielt er seine Marschbefehle. Dahomey hatte sich, nach den Erfolgen der Alliierten in Französisch-Nordafrika, auf de Gaulles Seite geschlagen. Das letzte deutsch-italienische Bollwerk in Afrika war Libyen. Von dort aus beschoss General Rommel Ägypten, um zum Sueskanal vorstoßen zu können. Die Alliierten wollten das um jeden Preis verhindern und verstärkten ihre Truppen in Ägypten. Kitadi musste versuchen, Ägypten von Nigeria aus zu erreichen. Doch das war gar nicht so einfach, solange Italien das Mittelmeer kontrollierte. Dann eben über den Landweg? Quer durch Afrika? Das Nachbarland Tschad, eine französische Kolonie, wurde in jener Zeit von einem schwarzen Gouverneur verwaltet, Félix Éboué. Er unterstützte de Gaulle und gestattete den Durchzug alliierter Truppen über sein Territorium. Nur bedeutete das einen sehr langen Weg durch die Wüste . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zehn, vielleicht fünfzehn Kolonnen machten sich auf den Weg. Eine Kolonne bestand aus hundertfünfzig LKW. Ein belgischer Offizier und ein Funker gehörten jeweils dazu. Ich war so ein Funker. Als &#039;&#039;opérateur&#039;&#039; war ich für die Verbindung mit den anderen Kolonnen zuständig. Wir zogen von Nigeria aus in den Sudan und durchquerten die große Nubische Wüste. Nach dem Kompass. Den Durchzug durch die Wüste werde ich nie vergessen. Es gab Sandstürme, manchmal konnte man eine Stunde lang nichts mehr sehen. Wenn sich der Sand erwärmte, sah man Dinge, die es nicht gab. Wir haben mehr als einen Monat gebraucht. Manchmal kamen wir nur zwanzig Kilometer am Tag voran. Es gab auch Schluchten. Dort kam es zu Unfällen . . . Wir lebten von Keksen und Corned Beef in Dosen. Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag. Viele wurden krank . . . Von den zweitausend Soldaten sind zweihundert unterwegs gestorben . . . Wir haben wie die Tiere gelebt, wir konnten uns nicht waschen . . . Der ganze Weg von Lagos nach Kairo hat uns drei Monate gekostet. Wir sind damals Tausende Kilometer gefahren.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stockte. Schwieg. Noch nie hatte ich von dieser heroischen Saharadurchquerung gehört. Ich fragte ihn, ob er seine Geschichte jemals hatte aufzeichnen lassen. »Nein«, sagte er, »es ist das erste Mal, dass sich ein Weißer dafür interessiert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab natürlich noch eine andere Möglichkeit, Ägypten zu erreichen. Martin Kabuya, der 92-Jährige, dessen Großvater dabei gewesen war, als Tabora 1916 eingenommen wurde, schlug diesen anderen Weg ein. Auch er war in Nigeria stationiert, auch er war Funker. Er war noch immer eine imposante Erscheinung, doch seine Stimme war dünn und brüchig geworden. Er flüsterte mir seine Geschichte zu. »Ich war sehr, sehr gut im Morsen. &#039;&#039;Tititiii-ti&#039;&#039;. Ich machte nie Fehler, sogar rein nach Gehör. Wenn man das kann, ist der Rest einfach. Am 24. März 1943 musste ich mich einschiffen, auf einem holländischen Handelsschiff, der Duchesse de Ritmond. Wir fuhren über den Atlantik nach Südafrika. Dort mussten wir ums Kap der Guten Hoffnung fahren, und dann zum Golf von Aden und zum Roten Meer bis zum Sueskanal. Es waren bestimmt hundert Schiffe. Vor Südafrika wurden manche von japanischen Flugzeugen angegriffen. Auf einem anderen Schiff gab es siebenundzwanzig Tote. Die Soldaten schliefen zusammengepfercht unter Deck. Schlimme Umstände.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ägypten nahmen Kitadi und Kabuya an den Kriegshandlungen teil. André Kitadi lag, wie er erzählte, »ein Jahr lang« in dem wüstenähnlichen Gebiet bei Alexandria; von dort aus wurden feindliche Stellungen und Flugzeuge beschossen. Die Gefahr kam aus Libyen und Sizilien. »Am Tag war es glutheiß, nachts mussten wir Handschuhe tragen gegen die Kälte. Sonntags durften wir kurz in die Stadt, nach Alexandria, aber die war von den Deutschen bombardiert worden. Es gab wahnsinnig viele Fliegen.« Martin Kabuya war in Camp Geneva, einem großen Militärstützpunkt in der Nähe des Sueskanals, wo er Morsenachrichten des Feindes auffangen und decodieren musste. »Ich war in der &#039;&#039;Section d&#039;écoute&#039;&#039;, wir hörten Meldungen über ihre Truppenbewegungen ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg brachte sie mit anderen Völkern in Kontakt: mit britischen Offizieren, nigerianischen Soldaten, Arabern, deutschen und italienischen Kriegsgefangenen. Die geschlossene Welt der Kaserne in Belgisch-Kongo lag weit hinter ihnen. Kitadi sagte: »Es gab sehr viele italienische Kriegsgefangene in Alexandria. Wir hielten sie in der Wüste hinter Stacheldraht, aber sie gruben Tunnel. Ein Stück weiter lag unser Munitionsdepot. Die Araber wollten unsere Munition stehlen. Sie sind große Diebe«, sagte er amüsiert. Auch Kabuya sah Kriegsgefangene. »Einmal kam ein deutscher Kriegsgefangener auf mich zu, ein großer SS-Mann, bestimmt zwei Meter lang. Er war an einen Revolver gekommen. Ich habe ihm das Bajonett in den Bauch gestoßen. Unsere Bajonette waren vergiftet. Es waren sehr gute Waffen. Dieser SS-Mann war mein einziger Toter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Krieges wurden beide noch per LKW nach Palästina gebracht, aber dort ging es ruhiger zu. Es mussten höchstens ein paar Grenzen in der Gegend von Haifa bewacht werden. Die größte Gefahr, in die Kitadi dort geriet, war eine Lebensmittelvergiftung, wegen der er im Krankenhaus von Gaza landete: Er hatte gegrilltes Fleisch gegessen, das verdorben war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitwirkung der Force Publique an den Feldzügen der Alliierten ist nahezu unbekannt. Zahlenmäßig handelte es sich um erheblich weniger effektive Beiträge als während der Feldzüge des Ersten Weltkrieges. Die LKW ersetzten größtenteils die Zehntausende Träger von damals. Deshalb schwindet selbst im Kongo die Erinnerung daran rapide. In Kinshasa, einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, sind nur noch eine Handvoll Veteranen am Leben. Einer von ihnen ist Libert Otenga, ein Mann, der noch immer »We&#039;re going to hang out the washing on the Siegfried Line« aus voller Brust singen kann. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er einer der sehr wenigen ist, die zum »Belgischen Feldhospital« gehörten. Diese mobile Sanitätseinheit aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern unternahm im Laufe des Weltkrieges eine unglaubliche Odyssee zu weit entfernten Schlachtfeldern, die irgendwo im Urwald von Burma, dem heutigen Myanmar, endete. Belgisch-Kongo half den Briten nicht nur militärisch und materiell, sondern auch medizinisch. Das »Belgische Feldhospital« war als »the 10th BCCCS« bekannt, &#039;&#039;the tenth Belgian Congo Casualty Clearing Station&#039;&#039;. Es besaß zwei Operationszelte und ein Zelt für Röntgenaufnahmen. In den anderen Zelten konnten dreißig Patienten in Betten versorgt werden und zweihundert auf Tragbahren. Im Laufe des Krieges behandelte die Einheit siebentausend Verwundete und dreißigtausend Kranke. Auf dem Höhepunkt bestand sie nur noch aus dreiundzwanzig Belgiern, darunter sieben Ärzten, und dreihundert Kongolesen.7 Libert Otenga war einer von ihnen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, konnte er sich noch gut an diese Zeit erinnern. Seine Stimme schallte wie eine Sturmglocke, und er sprach in kurzen, knappen Sätzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war medizinischer Assistent. 1942 ging ich zur Armee. Unser erster Einsatz war in Somalia. Dort arbeitete ich mit einem belgischen Chirurgen. Thorax, Abdomen, Knochen. Wir operierten alles. Danach gingen wir mit britisch-belgischen Truppen nach Madagaskar. Dort waren deutsche Kriegsgefangene. Der Deutsche ist ein Spezialfall! Wirklich! Einer von ihnen benötigte dringend eine Bluttransfusion, und Dr. Valcke, einer der belgischen Ärzte, wollte ihm Blut spenden. Aber er weigerte sich! Blut von einem Alliierten, davon wollte er nichts wissen. Und von einem Schwarzen schon gar nicht. Er wollte seine Ehre retten, wir sein Leben. &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, als er schlief, haben wir ihm dann das Blut doch einfach übertragen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste noch immer herzhaft darüber lachen. Ich wusste nicht, dass Kriegsgefangene unter dem Schutz der Dritten Genfer Konvention ein Recht auf humane Behandlung sogar gegen ihren Willen hatten. Aber er marschierte unbeirrbar weiter durch sein Gedächtnis. »Von Madagaskar fuhren wir mit dem Schiff nach Ceylon. Nach Colombo. Das Lazarett und die Armee wurden dort reorganisiert. Ein Schiff brachte uns dann nach Indien.« Das muss zum Flussdelta des Ganges gewesen sein, heute Bangladesch. »Dort stiegen wir auf ein anderes Schiff um, ein Binnenschiff. Damit fuhren wir den Brahmaputra flussaufwärts. Als wir an Land gingen, mussten wir noch ein ganzes Ende zu Fuß weiter bis zur Grenze mit Burma.« Dort war damals der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen japanischen und antifaschistischen Streitkräften, darunter die Briten. Japan hatte das Land 1942 erobert. »Der Grenzübergang hieß Tamu. Wir stießen nach Burma vor und gelangten ins Chindwin-Tal. Wir folgten dem Chindwin-Fluss bis nach Kalewa. Dort bauten wir unser Lazarett auf.« Otenga kannte alle Ortsnamen noch auswendig. Er buchstabierte sie sogar für mich, in militärischem Stakkato. »Ka-le-wa, hast du das notiert? Dort haben wir Kranke versorgt. Soldaten und Zivilisten. Viele mit Schusswunden. Ich erinnere mich an einen englischen Soldaten, der Schrapnellgeschosse in den Bauch bekommen hatte. Solche Sachen.« Dass sich kongolesische Sanitäter im asiatischen Urwald um Burmesen und &#039;&#039;tommies&#039;&#039; kümmerten, ist ein völlig unbekanntes Kapitel in der Kolonialgeschichte, das bald völlig in Vergessenheit geraten sein wird. »In Burma haben wir uns am längsten aufgehalten. Wir führten dort komplizierte Operationen aus. Wir hatten sogar ein Ambulanzflugzeug. Unsere Rettung war schließlich die Atombombe! Die Japaner mussten aus Burma abziehen.«8 Und um diesen Sieg zu unterstreichen, sang er noch einmal das Lied über die &#039;&#039;Siegfried Line&#039;&#039;, den Westwall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oberst Paul Tibbets wird daran nicht gedacht haben, als er auf den Knopf drückte. Es war der 6. August 1945. Sein Flugzeug hieß Enola Gay. Die Stadt unter ihm würde wenige Sekunden später keine Stadt mehr sein, sondern ein Name: Hiroshima. Er wird nicht daran gedacht haben, dass das, was er als Amerikaner über Japan abwarf, faktisch aus dem Kongo kam. Die ersten amerikanischen Atombomben enthielten Uran aus den Minen von Katanga. Als die Nachricht von der schrecklichen Verwüstung auch das Landesinnere von Burma erreichte, wusste Libert Otenga nicht, dass er seine »Rettung« einem Erz verdankte, das zu den Bodenschätzen seines Landes gehörte. Auch im Kongo hatten die Arbeiter in der Mine von Shinkolobwe nie ahnen können, dass das bleischwere, gelbe Gestein, das sie ausgruben, nach der Weiterverarbeitung zu sogenanntem &#039;&#039;yellow cake&#039;&#039; auf der anderen Seite des Planeten zu so viel Zerstörung führen konnte. Niemand wusste davon. Unter größter Geheimhaltung hatte Edgar Sengier, damals Direktor der Union Minière, dafür gesorgt, dass die Uranvorkommen des Kongo nicht in die falschen Hände fielen. Shinkolobwe war die wichtigste Lagerstätte der Welt. Als die Bedrohung durch die Nazis ernster wurde, hatte er direkt vor dem Krieg 1250 Tonnen Uran, die Ausbeute von drei Jahren, von Katanga nach New York verschiffen und die Mine fluten lassen. Nur ein kleiner Vorrat, der in Belgien lagerte, fiel den Deutschen in die Hände. Wie man Uran für militärische Zwecke genau einsetzen konnte, war noch unbekannt (man benutzte es damals hauptsächlich als Färbemittel in der keramischen Industrie), doch die Kernphysik hatte Ende der dreißiger Jahre darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine unaufhaltsame Kettenreaktion entfesselt werden könne. Einstein erwog, die belgische Königin Elisabeth zu informieren – er kannte sie und teilte ihre Liebe zur Musik –, beschloss dann aber, den belgischen Botschafter in New York und schließlich Präsident Roosevelt persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Als das Manhattan-Projekt 1942 startete, machten sich die amerikanischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten, auf die Suche nach hochwertigem Uran. Das kanadische Erz, das ihnen zur Verfügung stand, hatte nämlich einen sehr niedrigen Urangehalt. Zu ihrer Verwunderung stellte sich heraus, dass in den Archer Daniels Midland Warehouses, einem Lagerhaus im Hafen von New York, ein riesiger Vorrat von höchster Qualität lagerte. Daraufhin kam es zu harten Verhandlungen mit Belgien, das bei dem Deal 2,5 Milliarden harte Dollar verdiente, womit der Wiederaufbau finanziert werden sollte. Außerdem erhielt Belgien Zugang zur Nukleartechnologie. Es entstand ein Forschungszentrum im flämischen Mol und ein kleiner Kernreaktor in Kinshasa, der erste in Afrika.9 Die Amerikaner unterstützten auch den Bau von zwei großen Militärflughäfen im Kongo, einen an der Küste in Kitona und einen in Kamina in Katanga. Nochmals: Während des Zweiten Weltkrieges wusste fast niemand im Kongo von all dem. Doch die strategische Bedeutung des Urans war der Grund für das außerordentliche Interesse der USA am Kongo, ein Interesse, das in den Kriegsjahren begann, in den Jahren rund um die Unabhängigkeit bestimmend war und bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 andauern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es ging nicht allein um Uran. Für die Allierten war der Kongo einer der wichtigsten Rohstofflieferanten bei ihrem Kampf gegen Deutschland, Italien und Japan. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour eroberten die Japaner Anfang 1942 große Teile Südostasiens: Indonesien, Singapur, Malaysia und Burma. Dadurch kamen die Importe aus diesen Ländern für die Alliierten völlig zum Erliegen. Der Kongo sollte einen Teil davon ausgleichen. Die Erze und Rohstoffe waren erneut sehr begehrt. Kupfer wurde für die Ummantelungen von Kugeln und Granaten benötigt. Wolfram wurde in Panzerabwehrgeschützen verarbeitet. Zinn und Zink dienten zur Herstellung von Bronze und Messing. Sogar pflanzliche Produkte wie Kautschuk, Kopal, Baumwolle und Chinin hatten strategischen Wert. Palmöl wurde zu Sunlight-Seife verarbeitet, aber auch in der Stahlindustrie verwendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren also nicht nur kongolesische Soldaten, die ihren Beitrag zum Kriegseinsatz der Alliierten leisteten. Auch Bergleute, Fabrikarbeiter und Tagelöhner auf den Plantagen mussten ihr Letztes geben. Wie im Ersten Weltkrieg lief die kongolesische Wirtschaft auf Hochtouren. Die Zahl der Arbeitnehmer stieg von einer halben Million 1939 auf achthunderttausend 1945, vielleicht sogar auf eine Million.10 Der Kongo wurde nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land südlich der Sahara. Nach dem Ersten Weltkrieg waren auch Textilfabriken, Seifensiedereien, Zuckerraffinerien, Zementwerke, Brauereien und Tabakfabriken hinzugekommen. Doch die brummende Industrie brachte nicht sofort Wohlstand mit sich. Wegen des Krieges erreichten immer weniger Warenlieferungen die Kolonie. Es gab keine Stoffe, keine Werkzeuge, keine Medikamente. Die Ärzte hatten das Land verlassen, die Krankenhäuser hatten keine Vorräte, auf den Flüssen fuhren viel weniger Schiffe. Je kleiner das Angebot, desto höher natürlich die Preise. Und da die Löhne einer festen Regelung unterlagen und nicht erhöht wurden, sank die Kaufkraft der durchschnittlichen Arbeitnehmer dramatisch.11 In dem weitab gelegenen Elisabethville, das stark auf Importe angewiesen war, stieg der Preis eines Coupons Stoff aus Léopoldville um mehr als 400 Prozent. Importstoffe aus Großbritannien und Brasilien verteuerten sich sogar um bis zu 700 Prozent.12 Eine Decke war nun in der kleinen Minenstadt Jadotville viermal so teuer.13 Das war misslich, denn die katangesischen Nächte können kühl sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser dramatischen Inflation konnten soziale Proteste nicht ausbleiben. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Krieges kam es zu Streiks und Aufständen. Im November 1941 versuchten Grubenarbeiter in Manono, in Nord-Katanga, während eines Streiks die belgische Flagge herunterzuholen und durch eine schwarze Fahne zu ersetzen. Die Männer trugen eine Krone aus Palmzweigen. Die meisten von ihnen waren Anhänger des Kitawala-Glaubens. Sie hatten alle ihre Ziegen und Hunde getötet, weil sie davon überzeugt waren, dass eine neue Welt heraufdämmerte.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Monat später kam es in Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, zu großen Protestaktionen. Weiße Beschäftigte der Union Minière, die sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen hatten, protestierten gegen die historisch niedrige Kaufkraft, und ihr Unmut sprang auf die Camps der schwarzen Arbeiter über. Auch dort forderte man eine kräftige Lohnerhöhung. Sozialer Protest nahm hier nicht die Form einer religiösen Erweckung (wie bei Simon Kimbangu 1921) oder ethnischen Revolte (wie bei den Pende 1931) an, sondern drückte sich 1941 in einer transparenten und sehr begreiflichen Lohnforderung aus. Dennoch reagierten die kolonialen und industriellen Mächte auf altmodische Weise. Gewerkschaften für Einheimische waren noch immer verboten. Am wichtigsten Tag des Streiks strömten die Arbeiter auf dem Fußballplatz der Stadt zusammen. Mehr Symbolkraft war kaum denkbar: Der Fußballplatz, der Ort, der die Funktion hatte, die Masse zu disziplinieren, wurde nun zu einem Ort des Volksprotestes und der blutigen Unterdrückung. Amour Maron, der Provinzgouverneur von Katanga, versuchte zusammen mit dem Personalchef der Union Minière die Streikenden zu beschwichtigen, doch die gaben sich nicht geschlagen. Ihr Anführer war Léonard Mpoyi, ein Büroangestellter, der studiert hatte. Einer der Streikenden berichtete später: »Maron sagte: ›Geht wieder an die Arbeit. Wir haben alle eure Löhne erhöht.‹ Wir sagten nein. Die Leute fingen an zu schimpfen und zu schreien. Maron fragte erneut Léonard Mpoyi: ›Du willst nicht gehen?‹ Léonard Mpoyi antwortete: ›Ich weigere mich. Wir wollen erst einen Beweis, ein schriftliches Dokument, in dem steht, dass der Betrieb unsere Löhne erhöht hat.‹« Ein solches Dokument erhielten die Arbeiter nicht. Es brach Panik aus, und die Soldaten der Force Publique traten in Aktion. »Maron gab den Soldaten den Befehl, auf die Arbeiter zu schießen. Die Soldaten führten ihn aus und schossen gnadenlos.«15 Es gab mindestens sechzig Tote und hundert Verletzte. Das erste Opfer war Léonard Mpoyi selbst.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die blutige Niederschlagung des Streiks prägte sich tief ein in Elisabethville. André Yav, der ehemalige Boy, den wir schon vorher zu Wort kommen ließen, schrieb darüber in seiner eigenwilligen Geschichte: »Es war ein Jahr tief im Krieg von 1940 bis 1945. Viele, viele Menschen starben. Sie starben für höhere Monatslöhne. An diesem Tag gab es viel Kummer bei den Leuten von Elisabethville wegen des bwana Gouverneur.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der große Streik von Elisabethville war ein Markstein in der Sozialgeschichte des Kongo, denn er war die erste öffentliche Äußerung von städtischem Protest. Elisabethville war die zweitgrößte Stadt des Landes und der wirtschaftliche Motor des ganzen Kongo. Die Union Minière war das Flaggschiff der kolonialen Industrie, allerorts gelobt wegen seiner großzügigen sozialen Leistungen. Aber die paternalistische Politik, die trotz der veränderten Situation im alten Trott weitermachen wollte, stieß nun doch auf Grenzen. Man ließ sich nicht alles gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges kursierten in den einfachen Vierteln von Léopoldville einige Legenden, die bei all ihrem Erfindungsreichtum dennoch sehr aufschlussreich für die Haltung gegenüber der weißen Vorherrschaft waren. Es gab die Legende von Mundele-Mwinda, dem »weißen Mann mit dem Licht«, einem imaginären Europäer, der nachts mit einer magischen Taschenlampe durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Schwarzen. Wer in das Lichtbündel geriet, war sofort gelähmt. Mundele-Mwinda nahm ihn dann mit zu Mundele-Ngulu, einem anderen grauenhaften Wesen. Dieser weiße Schweinehirt (&#039;&#039;ngulu&#039;&#039; bedeutet »Schwein« im Lingala) mästete das Opfer, bis es zu einem Schwein wurde. »Und aus dem Fleisch von diesem Schwein wurden Würste und Schinken gemacht, von denen sich die Weißen im Krieg ernährten.«18 Dass Eltern solche Geschichten ihren Kindern erzählten, um sie nachts von der Straße fernzuhalten, illustriert, wie wenig positiv das Bild des Weißen noch war. Es war eine perfekte Umkehrung der Figur des »Schwarzen Piet« als Kinderschreck im katholischen Belgien jener Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch Erwachsene schenkten solchen Legenden Glauben. Unter dem Einfluss von volkstümlichen Geschichten über bösartige Weiße suchten Menschen ihr Heil bei messianischen Religionen; aus den Geschichten sprach großer Argwohn gegen die Kolonialherrscher. In der Kaserne von Luluabourg kam es im Februar 1944 zu einer Meuterei. Der Anlass war bizarr: ein Impfstoff. Als Truppensanitäter die Soldaten impfen wollten, verbreitete sich das Gerücht, es sei eine List der Weißen, um sie auszurotten. Sehr viele Soldaten kündigten den Gehorsam, verließen die Kaserne und verbreiteten sich über ein sehr großes Gebiet. Meuterer und Zivilisten begannen zu plündern. Finanzämter, Speicher und einige Häuser von Weißen wurden verwüstet. Es folgte eine gnadenlose Bestrafung. Dass ein unmotiviertes Gerücht zu so weitreichenden Protesten führen konnte, zeigt, wie tief das Misstrauen saß.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts kehrte gegen Ende des Krieges die soziale Unruhe mit aller Heftigkeit zurück. Im Frühjahr 1944 gab es in der Kivu-Provinz in der Gegend um Masisi einen sozial-religiösen Aufstand von Kitawala-Anhängern. Viele der Rebellen arbeiteten in der Goldgewinnung. Drei Weiße verloren das Leben, Hunderte Schwarze wurden getötet, der Anführer der Revolte wurde gehängt. Im November 1945 legten in Léopoldville fünf- bis sechstausend Arbeiter und Boys die Arbeit nieder. Die Eisenbahner verbreiteten die Nachricht bis in die Hafenstadt Matadi. Die Dockarbeiter schlossen sich an. Sie schraubten die Bolzen von den Eisenbahnschienen ab und kappten die Telefonleitungen. Fünfzehnhundert Streikende zogen durch die Stadt, bewaffnet mit Eisenstangen, Hämmern und mit Nägeln gespickten Knüppeln. Eine unbekannte Anzahl von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden von Ordnungstruppen getötet. Das Militär besetzte die Stadt, abends und nachts herrschte Ausgangssperre. In den folgenden Tagen war das Gefängnis von Matadi so überfüllt, dass mehrere Aufständische erstickten.20 Die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach führten im Kongo nicht zu einem Gefühl der Befreiung. Als Brüssel im September 1944 befreit worden war, hatten die Kongolesen noch auf den Straßen Léopoldvilles getanzt. Sie hatten gehofft, dass alles anders werden würde. Doch die Euphorie hielt nicht an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten flehten die Arbeiter um Lohnerhöhungen, aber auch tief im ruhigen Binnenland war der Krieg zu spüren. Neben der militärischen Mobilmachung, die die jungen Männer aus ihren Dörfern holte, gab es eine sehr einschneidende zivile Mobilmachung. Alle Dörfer mussten einen Beitrag zum sogenannten &#039;&#039;»effort de guerre&#039;&#039;« leisten. Die Zahl der Tage, an denen man für den Staat arbeiten musste, verdoppelte sich von 60 auf 120. Dadurch gerieten insbesondere die Kleinbauern in Schwierigkeiten. Vor allem im Äquatorialwald fiel diese »Kriegsanstrengung« sehr schwer. Straßen durch große Sümpfe mussten angelegt und Brücken über breite Flüsse gebaut werden. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, Palmfrüchte und Kopalharz zu sammeln und sogar wieder Kautschuklianen anzuzapfen. 1939 produzierte der Kongo nur noch 1142 Tonnen Kautschuk, einen Bruchteil dessen, was während des Kautschukbooms hervorgebracht worden war, doch 1944 waren es 11.337 Tonnen.21 Das war eine Verzehnfachung innerhalb von fünf Jahren, mitten im Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein außerordentlich lebendiges Bild, wie der Krieg das Leben der Landbevölkerung prägte, vermitteln die großartigen Kriegstagebücher von Vladi Souchard, Pseudonym von Vladimir Drachoussoff, einem jungen belgischen Landwirtschaftsingenieur mit russischen Wurzeln. Seine Eltern waren während der Oktoberrevolution nach Belgien geflohen; er war damals erst ein paar Monate alt. Ende Mai 1940 ging er als 22-Jähriger in die Kolonie, wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch. Zuerst arbeitete er für eine Zuckerrohrplantage in Bas-Congo, später wurde er Beamter der Kolonialverwaltung. Als junger Agronom reiste er von Dorf zu Dorf, um den &#039;&#039;effort de guerre&#039;&#039; einzutreiben. Er war für einen Bereich in der Provinz Équateur zuständig, im Umkreis des Leopoldsees. Plötzlich war ein Emigrantensohn aus Brüssel für die Landwirtschaft in einem Gebiet von zehntausend Quadratkilometern verantwortlich, einem Gebiet ohne Straßen und Industrie, das manchmal nur aus »einer undeutlichen Mischung von Wasser, Schlamm und Bäumen« bestand.22 Er bewegte sich zu Fuß, per Fahrrad oder Einbaum fort und suchte Dörfer auf, die seit Jahren keinen Vertreter der Kolonialregierung mehr gesehen hatten. Seine Karten waren veraltet, manche Dörfer befanden sich inzwischen an anderen Stellen, und die Übernachtungsmöglichkeiten des Staates waren oft völlig heruntergekommen. Während des Krieges ließ der Nachschub an Kolonialbeamten auf sich warten; von einer Ablösung war nicht die Rede. Vladimir Drachoussoff musste Dorfgemeinschaften befehlen, Reis und Erdnüsse anzubauen und wieder Kautschuk zu ernten. Vor Letzterem schreckten die Menschen zurück. Es handelte sich ja um das Gebiet, in dem &#039;&#039;der »rote Kautschuk«&#039;&#039; die tiefsten Wunden geschlagen hatte. Junge Männer kannten die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Zeugen brauchten nicht einmal zu sprechen. Drachoussoff sah es mit eigenen Augen: »Am Lopori und beim Lac [dem Leopoldsee] habe ich persönlich zwei ältere Schwarze gesehen, denen die rechte Hand fehlte und die jene Zeit nicht vergessen haben.«23 Viele Dorfbewohner behaupteten deshalb, dass es in ihrer Gegend keine Kautschuklianen gebe, dass sie sie nicht kennen würden oder dass die Lianenvorkommen erschöpft seien. So begann &#039;&#039;la dure bataille du caoutchouc&#039;&#039;24&#039;&#039;,&#039;&#039; ein Kampf&#039;&#039;,&#039;&#039; zu dem sich Drachoussoff doch ein paar Randbemerkungen erlaubte: »Mit welchem Recht reißen wir die Kongolesen mit in unseren Krieg? Mit keinem einzigen. Aber Not kennt kein Gebot . . . und der Sieg Hitlers würde hier eine rassistische Tyrannei etablieren, der gegenüber sich die Missstände des Kolonialismus wie Wohltaten ausnehmen würden.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren ambivalente Zeiten, und Drachoussoff wusste das. Er balancierte zwischen Notwendigkeit und Unvermögen, zwischen Weltpolitik und Urwald, zwischen antifaschistischem Engagement und kolonialer Wirklichkeit. Als Agronom in einer Zeit der notorisch unterbesetzten Verwaltung musste er viele Aufgaben erfüllen. Abends notierte er seine Erfahrungen. Es lohnt, ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mittwoch, den 10. November 1943. Mekiri.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr breche ich mit einem geliehenen Fahrrad nach Kundu auf. Zwei Soldaten folgen zu Fuß. Meine Leute gehen mit dem Gepäck nach Mekiri.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme in Kundu kurz vor der Morgendämmerung an und warte, bis es hell wird, während ich ein Stück Brot verzehre. Kurz vor sechs klopfe ich an die Tür des capita [ein kongolesischer Mittelsmann] (. . .) und bitte ihn, alle Männer zusammenzurufen, damit sie mir die Ernte des vergangenen Tages zeigen. Die Dorfbewohner sind so überrascht, dass sie alle erscheinen, sowohl die, die Kautschuk haben, als auch die anderen. Ich spreche ein paar aufmunternde Worte, verhänge drei Bußen und lasse den vier schlimmsten Fällen den Strick um den Hals legen (das ist symbolisch gemeint: tatsächlich knüpft man ein zwanzig Zentimeter langes Stück »kekele« um den Hals, eine sehr stabile Schnur aus Baumrinde, die nicht stört, aber die Festnahme versinnbildlicht). Anschließend breche ich im Triumphzug mit meinen »Knastbrüdern« auf, um die Karawane einzuholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gegend gab es kein Gefängnis. Haft bedeutete, dass man ein paar Tage lang mit dem Kolonialbeamten unterwegs war. Ein Fußmarsch als Strafe, die freie Natur als Freiheitsberaubung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Ngongo begegne ich den Soldaten und übergebe ihnen die Gefangenen. Dem Recht ist Genüge getan, Kundu wird seine Kriegsanstrengung erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz hinter Ngongo hole ich das Ende unserer Karawane ein. Die Etappe ist zwanzig Kilometer lang, mitten durch weite Sandebenen, in denen nur ein paar Borassus-Palmen wachsen und die von mageren Galeriewäldern [Wald an den Ufern eines Flusses] durchzogen sind. Wir kontrollieren die Kautschukproduktion in den Weilern, die wir passieren: Nicht gerade berauschend, und ich fertige mehrere Protokolle an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dorf Mekiri warten die Männer, die gestern Abend bereits benachrichtigt worden sind, mit Kautschukmilch auf uns, weil ich ihnen zeigen will, wie sie sie zum Gerinnen bringen müssen. Ich schicke Faigne und Pionso los, die Felder zu kontrollieren und zu vermessen, während ich meinen kurzen Vortrag halte. Abends, als ein Platzregen unsere Unterkunft heimsucht, wie durch ein Sieb durchs Dach strömt und Betten, Kleidungsstücke und Essen durchnässt, halte ich Gericht und verhänge in schnellem Tempo Strafen oder verkünde Freisprüche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gerichtsverfahren erfordert einen Wust an Papieren. Ich bin als Polizeirichter mit begrenzten Befugnissen eingesetzt (das heißt, ich kann nur bei wirtschaftlichen Straftaten Urteile sprechen) und als ambulanter Gefängniswärter (das heißt, ich darf die von mir Verurteilten veranlassen, mich zu begleiten). Die Höchststrafe beträgt sieben Tage für die Unterlassung von Arbeiten mit erzieherischem Charakter, das Fällen von unter Naturschutz stehenden Bäumen und für Jagdvergehen, und dreißig Tage für die unterlassene Leistung der Kriegsanstrengung. Ich bin selbstverständlich auch noch polizeilicher Ermittlungsbeamter mit begrenzten Befugnissen kraft meines Amtes als Distrikts-Agronom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren erfordert, dass ich erst ein Protokoll aufnehme in meiner Funktion als polizeilicher Ermittler und dass ich dann als Polizeirichter auftreten muss. Nachdem ich die Rollen gewechselt habe, fälle ich das Urteil nach einem Verhör, das oft schlichtweg surrealistisch anmutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann muss sich verantworten, weil er keine zehn Ar mit Erdnüssen bepflanzt hat. Entweder er hat einen stichhaltigen und nachprüfbaren Rechtfertigungsgrund und ich schicke ihn nach Hause (manche Staatsanwälte fordern sogar, dass wir dann noch ein Urteil mit Freispruch fällen . . .), oder er behauptet einfach irgendetwas. Das führt zu folgendem Dialog, der gewissenhaft protokolliert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Warum hast du keine Erdnüsse angepflanzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Weil ich krank war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Zwei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Du hattest drei Monate Zeit, dein Feld zu bestellen. Es sind nicht die beiden Tage, die dich daran gehindert haben, deine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Das stimmt, Weißer. Aber da ist noch was anderes . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Die zweite Frau meines Vaters hat ein Kind bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber Himmel, es ist unmöglich, die Gebräuche der dreißig oder vierzig Völker des Sees zu kennen, aber die Feste bei der Geburt eines Kindes dauern keinesfalls ein paar Wochen. Also weiter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, das sind dann fünf Tage Kittchen für dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Ja, Weißer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche beschweren sich. Andere sind geradeheraus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na nini asalaki bilanga te? (Warum hast du die Felder nicht bestellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na koï-koï (Aus Faulheit) . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die würde ich gern einfach freisprechen, aber dann würden mir morgen alle dieselbe Antwort geben.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff war Teil der Kolonialverwaltung, konnte sich aber, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, auch in die Perspektive der Einheimischen einfühlen. Die Menschen hätten genug am Wald und an den Flüssen, konstatierte er, Geld interessiere sie nicht besonders. »Da die Region selten kontrolliert wird, ziehen die meisten Bauern es vor, acht Tage leichte Haft zu erdulden und dafür dreihundertsiebenundfünfzig Tage in Ruhe und Frieden zu leben. Kann ich es ihnen verdenken?«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon im neunzehnten Jahrhundert zwang die Nachfrage nach Kautschuk Menschen, tiefer in den Regenwald vorzudringen, trotz der Gefahr durch Raubtiere und Tsetsefliegen. Die Schlafkrankheit, die als Epidemie bezwungen war, forderte erneut viele Opfer. Womöglich ein Fünftel der Bevölkerung des Äquatorialwaldes wurde infiziert. Viele litten auch unter Darmparasiten, da sie fern von zu Hause ihren Durst nur mit brackigem Sumpfwasser stillen konnten.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ausgesprochen spannend, da hier ein Vertreter der Kolonialmacht zu Wort kommt, dessen Weltbild ins Wanken geraten ist. Während die meisten Weißen einfach das Ende des Krieges abwarteten, um ihr Leben danach wie gewohnt weiterzuführen, hatte er erkannt, dass »die Schwächung Europas unweigerlich Zentrifugalkräfte auslösen wird«.29 Es würde nie mehr wie vorher werden. Verzweiflung kam in ihm auf. Als Kind russischer Emigranten besaß er viel feinere Antennen für jähe historische Umbrüche als der durchschnittliche Belgier. Die brillanteste Passage in seinem Tagebuch war geradezu prophetisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen wir hier eigentlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zivilisieren« im Namen einer Zivilisation, die zerfällt und nicht mehr an sich glaubt? Christianisieren? (. . .) Aber warum sind wir dann hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir bringen Frieden und bewahren ihn, wir überhäufen das Land mit Straßen, Plantagen, Fabriken, wir bauen Schulen, wir sorgen für eine medizinische Betreuung. Als Gegenleistung nutzen wir ihre Bodenschätze und ihr Land und lassen sie für uns arbeiten, gegen Bezahlung . . . bescheiden allerdings. Leistung und Gegenleistung, aber von einer Seite aufgezwungen: Das ist der ganze Kolonialpakt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und morgen? Was wird das schwarze Baby dann sein, das auf dem Rücken der Mutter festgebunden ist, die an meiner &#039;&#039;barza&#039;&#039; vorbeigeht, dieser junge Spross des kolonisierten Afrika? Wird er die Macht aus unseren Händen übernehmen oder sie uns entreißen wollen? Wie fern das heute erscheint, tief in diesem Urwald . . . und doch, es gibt Momente, in denen sich die Geschichte beschleunigt: Als mein Vater ein Kind war, glaubte er ebenso sehr an die Ewigkeit der patriarchalen Welt, die ihn umgab – und das war fünfundzwanzig Jahre vor 1917! Früher oder später – und ich hoffe für den Kongo, dass es nicht zu früh sein wird – wird dort ein Mann aufstehen. Wird es ein &#039;&#039;chef coutumier&#039;&#039; sein, der die modernen Techniken der Machtausübung beherrscht, ohne die traditionellen zu verleugnen? Wird es einer von den kleinen Jungen sein, die »Vers l&#039;avenir« singen bei der Preisverleihung [am Ende des Schuljahrs]? Viele von uns denken heute nicht einmal daran, obwohl unsere Kolonisation weniger danach beurteilt werden wird, was sie geschaffen hat, als danach, was von ihr bleiben wird, wenn sie vorbei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit seinen klarsichtigen Überlegungen fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an – eine Annahme, die bewusst absurd ist –, der Kongo sei im Jahre 1970 unabhängig. Welch ein Berg von Problemen! Wir in Europa hatten nie einen unüberwindbaren Konflikt zwischen unserer gesellschaftlichen Organisation und unseren technischen Errungenschaften: Beide haben sich mehr oder weniger Hand in Hand entwickelt. In Afrika dagegen stößt eine archaische Gesellschaftsform mit der Allmacht einer technischen Zivilisation zusammen, die sie zerfallen lässt, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich tritt der Kongo peu à peu in die Moderne ein. (. . .) Aber geschieht das nicht auf Kosten einer traditionellen Welt, die sich überlebt hat und doch noch immer notwendig und – noch für eine Weile – unersetzbar ist? In wessen Namen? Im Namen der wunderbaren Kultur, deren Früchte wir momentan in Europa pflücken? (. . .) Darum ist es so schwer, ein gutes Gewissen zu behalten. Indem wir nichts als wir selbst sind, zerstören wir Traditionen, die manchmal grausam, aber ehrwürdig waren, und bieten als Ersatz nur weiße Hosen und schwarze Brillen an, nebst etwas Wissen und einem unermesslichen Warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Schulbildung denn keine Form der Emanzipation? Führte die Kolonisation denn nicht zu einem langsamen Erwachsenwerden, wie die koloniale Dreifaltigkeit gern behauptete?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben wir das Recht, auch die Unvoreingenommensten unter uns, zu strafen und zu erziehen, wenn Erziehen allzu oft ein Synonym für Korrumpieren ist?30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ein unbekanntes Meisterwerk der Kolonialliteratur. Ein glänzender Stil, ein subtiler Tonfall, literarisch, ohne es zu wollen. Für ihn waren die Kriegsjahre im Kongo eine Lektion in Bescheidenheit. »Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen«, notierte er gegen Ende des Krieges.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Fall des Dritten Reichs befand sich André Kitadi, der Funker, der die Sahara durchquert hatte, noch immer in Palästina. Womit vertrieb man sich die Zeit, so fern von zu Hause? Ein Militärgeistlicher nahm ihn und seine Kameraden an alle heiligen Orte mit. »Wir waren in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth . . . Manche ließen sich sogar im Jordan noch einmal taufen.« Auch Libert Otenga, der Sanitäter im Feldhospital in Burma, nutzte die Gelegenheit, um etwas von der Welt zu sehen; er bevorzugte eine eher säkulare Form des Sightseeing. »Von Burma aus kehrten wir nach Indien zurück. Um zu essen, zu trinken und zu tanzen. Und um Mädchen aufzureißen.« Er lachte dröhnend. »Sie waren klasse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veteranen sind nach jedem Krieg eine unbequeme Gruppe. Wer für ein Land sein Leben riskiert hat, erwartet später eine Würdigung. Anerkennung, Ehre, Geld. Zurück im Zivilleben, wird Veteranen bewusst, was sie durchgestanden haben. Verletzungen, auch seelische, sind noch lange nicht geheilt – falls sie überhaupt jemals heilen. Junge Männer haben Gliedmaßen verloren und auch ihre Träume. Erinnerungen steigen auf, Traumata schwelen. Sie sehen, dass die Daheimgebliebenen ihr Leben ungestört weiterführen konnten. Und für sie haben sie doch gelitten, für diese Menschen, die nicht nachempfinden können, was sie durchgemacht haben. Veteranen sind immer eine sehr heikle Gruppe, doch die einer Kolonialarmee sind schlichtweg explosiv, zumal sie weniger für ihre eigenen Belange als für einen fremden Machthaber gekämpft haben. Im Kongo war es nicht anders. »Wir haben den Krieg als belgische Kolonie geführt«, schmetterte Libert Otenga mir entgegen. Und das hätte großzügig entgolten werden müssen: »Sie hätten uns nach dem Krieg die belgische Staatsangehörigkeit geben müssen! Das wäre nur recht und billig gewesen.«32 Ein anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer war der Ansicht, nach den glänzenden Siegen habe man sie heimgeschickt »wie einen Hund ohne Beute nach der Jagd mit seinem Herrn«.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Veteranen kamen mit einer Fülle neuer Eindrücke in ihre Heimat zurück. Sie waren jetzt welterfahrener und ließen sich von der Kolonialregierung von Belgisch-Kongo nicht mehr so schnell beeindrucken. In Abessinien hatten sie weiße Generäle gefangen genommen! In Nigeria hatten sie einen anderen Kolonialismus gesehen! André Kitadi fand auch dafür sehr prägnante Worte: »Die Briten behandelten uns sehr gut. Wir wurden gut gekleidet und gut ernährt. In Lagos wurde für uns Soldaten gekocht. Tee, Brot, Milch, Konfitüre . . . Im Kongo dagegen mussten wir uns im Busch was zu essen suchen! Wir sahen auch, dass die Briten schon afrikanische Offiziere hatten, sogar im Rang eines Majors oder Oberst. Gute Schüler schickten sie auf die Oberschule in England. In Belgisch-Kongo gab es das alles nicht. Was für eine Diskriminierung! Sie hielten uns klein! Das führte zu viel Unmut und Misstrauen, ja sogar zu einer gewissen Aufsässigkeit. Nach dem Krieg haben wir gesagt: ›Das wollen wir auch!‹ Wir wollten einen Wandel, aber wir durften nicht einmal ihre Läden betreten. Das passte uns nicht. Wir hatten Englisch gelernt. Wir warfen uns in englische Anzüge, gaben uns als Amerikaner aus und besuchten die Restaurants der Portugiesen, wo wir laut miteinander redeten. ›So, what do you drink?‹, sagten wir zueinander. ›You want to eat?‹«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Autorität der Weißen wurde auf subtile Weise herausgefordert. Am Kräfteverhältnis hatte sich etwas geändert. Viele Kongolesen wussten nur allzu gut, dass die Kolonie sich stärker gezeigt hatte als die Metropole. Belgien war überrannt worden, der Kongo aber hatte sich behauptet und militärische Triumphe verzeichnet. Die Force Publique war, wie schon im Ersten Weltkrieg, erfolgreicher gewesen als die belgische Nationalarmee. Das besetzte Belgien hatte sich über seine Regierung in London nur dank der Kolonie aufrechterhalten. Auch für den Wiederaufbau stützte sich das zerstörte Mutterland stark auf die Kolonie. Kurzum, die Belgier waren stärker auf den Kongo angewiesen als der Kongo auf Belgien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Weltordnung nach dem Krieg gab den Kongolesen im Übrigen nicht unrecht. In Jalta legten die Siegermächte die Umrisse einer neuen Welt fest. Amerika hatte als ehemalige Kolonie nicht viel Sympathie für die kolonialen Abenteuer Europas. Und die Sowjetunion war im Sinne eines proletarischen Ideals gegen jede Form von Unterwerfung. Kolonien, einst eine unerschöpfliche Quelle edelmütiger Phantasien und hochgespannter Ideale, schienen plötzlich nicht mehr zeitgemäß zu sein. Um nicht zu sagen: verdächtig. Als sich 1945 in San Francisco Vertreter von einundfünfzig Staaten aus der ganzen Welt versammelten, um die Charta der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, verschwand der Begriff »Kolonie« in den Kulissen der Geschichte. Man sprach nun von »Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung«. Dieser Begriff hatte etwas Vorwurfsvolles – für die Kolonialmächte –, aber auch etwas Hoffnungsvolles – für die Kolonien. Ihre Unterwerfung würde nicht fortdauern. Artikel 73 ließ keinen Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, daß die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben; sie übernehmen als heiligen Auftrag die Verpflichtung, im Rahmen des durch diese Charta errichteten Systems des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit das Wohl dieser Einwohner aufs äußerste zu fördern; zu diesem Zweck verpflichten sie sich, (. . .) die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam nun die große Wende? In einem solchen Klima wäre zu erwarten, dass alles plötzlich sehr schnell ginge. Dass die Veteranen an den Grundfesten der Macht rüttelten, dass Angestellte sich bestärkt fühlten durch den internationalen Rückhalt, dass Arbeiter die Stimme erheben und Bauern die Mistforke, oder besser die Machete, schwingen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nichts von alledem passierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem turbulenten Streik in Matadi wurde es plötzlich still. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Zehn Jahre lang, von 1946 bis 1956, sollte es im Kongo ruhig bleiben. Es gab keine religiöse Erweckungsbewegung wie in den zwanziger Jahren, keinen Bauernaufstand wie in den dreißiger Jahren, keine Meuterei wie in den vierziger Jahren. Es gab keine Streiks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? Hatte der belgische Kolonialismus etwa über Nacht ein anderes Gesicht bekommen? In gewisser Hinsicht schon, jedenfalls vom Denken her. 1946 sagte Generalgouverneur Ryckmans in seiner letzten öffentlichen Rede: »Die Tage des Kolonialismus sind vorbei.« Er meinte damit vor allem das alte, rein auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes gerichtete System. »So wie in der Diplomatie die Redlichkeit ist in der Kolonisation die Uneigennützigkeit die beste Politik.«35 Die Kolonie sollte endlich selbst die Früchte ihrer Reichtümer genießen. Es ging noch nicht darum, auf die Unabhängigkeit hinzuarbeiten, sondern um eine »Entwicklungskolonisation«.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser neue Elan spricht auch aus den reißerischen Slogans, die in Schwang kamen. Nach dem Krieg bezeichnete die Kolonialmacht den Kongo vollmundig als »die zehnte Provinz Belgiens«. Es war ein Versuch, die herablassende Haltung von ehedem durch einen mehr ebenbürtigen Umgang zu ersetzen. Die Kolonie lag nicht mehr in der Ferne, sondern war integraler Bestandteil des Mutterlandes geworden. Doch das war eine lachhafte Vorstellung: Wie konnte ein riesiges Land, das durch eine Laune des Schicksals zur Kolonie eines Zwergstaates geworden war, eine &#039;&#039;Provinz&#039;&#039; dieses Staates sein? Der Kongo war tausendmal so groß wie Limburg, Brabant oder der Hennegau!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Annäherungsversuch war das Konzept einer »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Die Idee stammte von Léon Pétillon, Generalgouverneur ab 1952, und sollte das &#039;&#039;dominer pour servir&#039;&#039; von einst vergessen machen, das inzwischen allzu bevormundend klang. Belgier und Kongolesen sollten Hand in Hand an einer neuen, modernen Welt bauen. So wie die Briten ihr &#039;&#039;Empire&#039;&#039; umbildeten zum &#039;&#039;Commonwealth&#039;&#039; und die Franzosen ihre überseeischen Gebiete als &#039;&#039;Union française&#039;&#039; neu definierten, so sollte Belgien künftig mit der Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft die Gleichrangigkeit beider Partner anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Politiker leisteten nachdrückliche Lippenbekenntnisse zum neumodischen Diskurs über »das einheimische Volkswohl«. Die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ging dabei am weitesten: »Die Zukunft der Rasse und das Wohl unserer kongolesischen Bevölkerungsgruppen sind unser vorrangiges Ziel«, formulierte sie.37 Belgische Meinungsführer unterschiedlichster politischer Couleur stimmten diesem Statement zu. »Die Kolonisation bringt in erster Linie eine Kulturvermittlung im Dienste der Völker in Gang«, behauptete ein Katholik.38 »Ob wir wollen oder nicht, unser Schicksal im Kongo hängt von dem der Schwarzen ab«, hatte ein Sozialist bereits erkannt.39 »Alles für, alles durch den Eingeborenen«, resümierte ein Liberaler.40 Diese Einmütigkeit darf verwundern, zieht man die weitgehende Versäulung, den gesellschaftlichen Partikularismus im Belgien der Nachkriegszeit, in Betracht. Aber viele Belgier waren sich bewusst, wie sehr die kongolesische Bevölkerung gelitten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kämpferisch nahmen die Belgier ein neues Kapitel ihrer Kolonialgeschichte in Angriff, optimistisch und mit mehr Stolz als zuvor. Sie würden der Kolonie den Weg in die Moderne bahnen, die Bevölkerung auf einen höheren Stand bringen und &#039;&#039;en passant&#039;&#039; über sich selbst hinauswachsen. Ein ehrgeiziger Zehnjahresplan sollte ab 1949 der Kolonie auf allen Ebenen zu einer modernen Infrastruktur verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Zeit der Schnellstraßen, der Nylonstrümpfe und der Sansevierien. Die neue Weltordnung veranlasste zu Fortschrittsglauben, ja sogar zu Frohmut. Scharenweise zogen Wallonen und Flamen in den Kongo. Das war die &#039;&#039;relève&#039;&#039;, die Ablösung, frisches Blut, auf das Männer wie Drachoussoff in den langen Kriegsjahren so gewartet hatten. Am Ende des Krieges befanden sich nur noch 36.080 Weiße im Kongo, 1952 lebten 69.204 dort, mehr als je zuvor.41 Die Kolonialbeamten und die Industriefacharbeiter, alles Männer, nahmen nun sehr viel häufiger ihre Frauen mit. Die Epoche der &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; neigte sich dem Ende zu, zur großen Erleichterung der Kirche, auch wenn mehrere tausend &#039;&#039;métis&#039;&#039; zurückblieben, Kinder gemischter Paare, die oft in keiner der beiden Welten zu Hause waren. Die Mutter war fast immer Kongolesin, der europäische Vater war für gewöhnlich ein Belgier, der in einem Unternehmen oder in der Verwaltung arbeitete, aber es gab auch griechische und portugiesische Väter. Diese Griechen und Portugiesen waren meist kleine Selbstständige, die einen Laden oder ein Restaurant besaßen. Wenn der Vater die Kinder anerkannte, erhielten sie eine europäische Erziehung und Nationalität. Geschah das nicht (wie in neun von zehn Fällen), blieben sie bei der Mutter im Stadtviertel oder Dorf, wo sie oft als Außenseiter behandelt wurden: zu hell, um schwarz zu sein, und zu dunkel, um weiß zu sein.42 Die Zahl der euro-afrikanischen Geburten nahm nach dem Krieg stark ab. Die Neuankömmlinge aus Belgien bekamen in der Kolonie Kinder, blonde, rosige Kinder mit Sommersprossen, die auf dem Rasen vor der Villa in kurzen Hosen umhertollten, mit einer Echse spielten und Mangos eher kannten als Äpfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die kongolesische Bevölkerung jedoch änderte sich nicht besonders viel. Grundlegende Reformen, die den Menschen mehr Rechte (in Sachen Mitbestimmung und gesellschaftliche Rechtsstellung) einräumen sollten, ließen sehr lange auf sich warten.43 Von einem neuen Bündnis zwischen Weiß und Schwarz war in der Praxis nichts zu bemerken. Noch immer schwor die koloniale Dreifaltigkeit darauf, die breite Masse nur langsam an mehr Bildung heranzuführen. Technisch gesehen war es sehr gut möglich, in kurzer Zeit eine Elite heranzubilden, doch die Machthaber befürchteten, dass sich eine solche Elite zu sehr von der Basis entfremden könnte. Das ganze Volk, so meinte man, müsse zunächst auf eine erste Ebene von »Kultur« aufsteigen, ehe man zur folgenden Etappe übergehen könne. Eine Alphabetisierung der Masse schien sinnvoller als die Heranbildung einer dünnen Führungsschicht mit politischen Rechten.44 Verlangte die Mehrzahl der Kongolesen etwa eine Teilhabe an der Macht? Na also!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sie keine politische Macht verlangten, bedeutete jedoch nicht, dass sie wunschlos glücklich waren. Die politische Apathie hatte mehr mit mangelnder Bildung als mit hochgradiger Zufriedenheit zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem kam es im täglichen Leben keineswegs zu mehr Berührungspunkten zwischen Belgiern und Kongolesen. Im Gegenteil – die Kluft wurde noch größer. Der frisch eingetroffene Schwung Kolonialbeamter und Fachkräfte bezog neue, komfortable Villen und wohnte großzügiger als je zuvor. Die Stadtviertel, in denen sie residierten, erinnerten eher an Knokke oder Spa als an Zentralafrika. Nach der Arbeit verbrachten sie die Zeit mit ihrer Familie, am Wochenende kamen Freunde zum Barbecue oder zum Bridge. Bier hatte man im Kühlschrank. (Elektrische Kühlschränke, wahrhaftig: Die Zeit der Pioniere war endgültig vorbei!) Immer mehr Belgier besaßen ein Auto. Das wuschen sie am Sonntagmorgen mit dem Gartenschlauch. Der Kongo des Europäers glich allmählich dem &#039;&#039;middle-class&#039;&#039;, &#039;&#039;suburban&#039;&#039; Kalifornien der fünfziger Jahre. Zweifelsohne ein angenehmes Leben, aber in einer &#039;&#039;expatriate community,&#039;&#039; in der öfter &#039;&#039;über&#039;&#039; Afrikaner als &#039;&#039;mit&#039;&#039; Afrikanern gesprochen wurde. Das Interesse an der lokalen Kultur nahm ab, und kaum jemand machte sich die Mühe, eine oder mehrere einheimische Sprachen zu erlernen. Vladimir Drachoussoff nahm es voller Bedauern zur Kenntnis:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nicht viele Beamte, die sich außerhalb ihrer Berufspflichten für die Einheimischen interessieren. Das Familienleben, eine komfortablere Einrichtung, die Möglichkeit (und folglich auch das Bedürfnis), fast wie in Europa zu leben, haben den alten Typus des &#039;&#039;broussard&#039;&#039; zum Verschwinden gebracht, der, mit all seinen Fehlern und Schwächen, von Posten zu Posten reiste, mit den Dorfältesten redete und sie letztendlich begriff und von ihnen begriffen wurde.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belgisch-Kongolesische Gemeinschaft wurde zu einer Schimäre; in der Praxis bildete sich nach und nach eine immer geschlossenere belgische Kolonialgemeinschaft. Der Tropenhelm verschwand, die abenteuerlichen Geschichten bei einem Glas Whiskey und einer Coleman-Lampe waren Vergangenheit. Der Kongo wurde kleinbürgerlich. Viele Frauen setzten nie einen Fuß in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;, die einzigen Kongolesen, die sie kannten, waren der Boy und der Chauffeur. Weiße Kinder wuchsen oft in einer Atmosphäre des latenten Rassismus auf. 1951 kam es so weit, dass die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ein Schriftstück mit dem Wunsch verbreitete, dass »man im Schulunterricht und beim Spielen den weißen Kindern den Respekt vor der menschlichen Person im Hinblick auf die einheimischen Familien und die schwarzen Kinder vermittelt«.46 Dass eine ehrwürdige Institution wie die Kommission zum Schutz der Eingeborenen sich mit Fangen- und Versteckenspielen beschäftigen musste, ist recht aufschlussreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vereinzelte Europäer vermochten tieferes Verständnis für die Perspektive der Kongolesen aufzubringen. Am weitesten ging dabei der flämische Franziskaner Placide Tempels. Er war in Katanga tätig und unter anderem bemüht, die Ursache für den großen Unmut der Minenarbeiter zu ergründen. Bereits 1944 beschäftigte er sich mit den Aufständen in der Kolonie und schrieb darüber einen mutigen und zugleich aufsehenerregenden Aufsatz, »La philosophie de la rébellion«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der Gipfelpunkt der Desillusionierung im Kongo. Er [der Eingeborene] hat sich mit uns verbunden, um einer von uns zu werden; doch statt als Sohn der Familie betrachtet zu werden, wird er nur ein Lohnarbeiter. Nun fühlt er sich endgültig abgelehnt, zurückgewiesen als Sohn, klassifiziert als nicht eingliederbar.47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Sichtweise war völlig neu. 1945 erschien Tempels&#039; Standardwerk &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Bantu-Philosophie). Die englischen und französischen Übersetzungen machten ihn weltberühmt, Sartre las das Buch mit Interesse. Tempels versuchte, afrikanische Kulturen von innen heraus zu verstehen und führte in seinem Werk den Begriff »Lebenskraft« als zentrales Prinzip ein. Seine Erkenntnisse nötigten zu einem vollkommen anderen Kolonialismus: »Wir glaubten, es mit der Erziehung großer Kinder zu tun zu haben, was ziemlich bequem für uns gewesen wäre. Aber auf einmal wurde uns klar, daß wir es mit einem voll entwickelten Menschentum zu tun haben, mit selbstbewußten Lebensphilosophen, die ganz und gar erfüllt sind von einer eigenen, das ganze All umspannenden Weisheitslehre.«48 Wegen seiner scharfsinnigen Attacken machte sich Tempels bei seinen kirchlichen Vorgesetzten unbeliebt. Von 1946 bis 1949 wurde er nach Flandern zurückgerufen. Es war eine Art Relegation, ein erzwungenes Exil – diesmal wurde nicht ein Kimbanguist in ein Urwalddorf verbannt, sondern ein visionärer Katholik in ein Kloster in Sint-Truiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrschte zwar Ruhe im Kongo zwischen 1946 und 1956, aber es war eine unheimliche, eine relative Ruhe, die eher alte Angst verriet als neue Hoffnung. Über den Gärten der Kolonialvillen, in denen am Sonntagnachmittag die Gläser klangen, ballten sich bereits dunkle Wolken. Doch niemand bemerkte es, nicht einmal der sommersprossige Bengel, der auf dem Rasen eine Echse unter einer Käseglocke gefangen hielt. Es war die Ruhe vor dem Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo würde das Unwetter des Grolls zuerst losbrechen? Die Menschen auf dem Land hatten mit Sicherheit genügend Gründe, sich zu beklagen. Sie lebten noch immer in erbärmlichen Verhältnissen. Die Felder waren vernachlässigt. Aufgrund der bleischweren Last der »Kriegs­anstrengung« war die Selbstversorgung ins Hintertreffen geraten. Die Menschen waren unterernährt. Die Jagd war zum Erliegen gekommen. Kolonialbeamte mussten sie ermuntern, aufs Neue Raupen, Termiten und Larven zu sammeln, eine traditionelle Proteinquelle.49 Denn an den Orten, an denen Vieh gehalten wurde, waren die Rinder prinzipiell dem Minenpersonal vorbehalten. Der Zehnjahresplan enthielt ein umfangreiches Programm, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es sah die Einführung moderner Agrartechniken und Produktionsmittel und die Bildung lokaler Kooperativen (sogenannte &#039;&#039;paysannats indigènes&#039;&#039;) vor, aber ohne großen Erfolg. Das flache Land war und blieb bettelarm. Die Verelendung der Landbevölkerung entstand im Kongo nicht nach der Unabhängigkeit, sondern bereits mitten in der Kolonialzeit. Die Geburtenrate war sehr niedrig. Während heute in Afrika Überbevölkerung ein Grund zur Sorge ist, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Geburtenrückgang ein ständiges Problem in Belgisch-Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Not hätte zu Protesten führen können, aber die blieben aus. Oder besser gesagt: Sie nahmen eine andere Form an. Die Menschen rebellierten nicht, sondern liefen fort. Die Nachkriegsjahre im Kongo sind von einer massiven Landflucht gekennzeichnet. In nie gekanntem Ausmaß strömten Menschen in die städtischen Agglomerationen. Léo­poldville mit seinen fünfzigtausend Bewohnern im Jahr 1940 wuchs explosionsartig zu einer Stadt mit dreihunderttausend Einwohnern im Jahr 1955.50 Bereits in der Zwischenkriegszeit waren junge Männer freiwillig in die Stadt gezogen, nun brachen sie &#039;&#039;en masse&#039;&#039; auf. Nach dem Krieg hatten 70 Prozent des flachen Landes weniger als vier Einwohner pro Quadratkilometer.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hätte unter diesen Umständen die Initiative zum Widerstand ergreifen sollen? Wer Träume hatte, jagte ihnen anderswo nach. Wer zurückblieb, war oft zermürbt und erschöpft. Die ländlichen Gebiete überalterten stark. 1947 waren Schätzungen zufolge 40 Prozent der Landbevölkerung älter als fünfzig.52 Bedenkt man die relativ niedrige Lebenserwartung, ist das ein enorm hoher Anteil. Diese alten Menschen besaßen keinerlei Ausbildung und erduldeten die Kolonialherrschaft, ohne zu murren. Es gab keine landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Gewerkschaften, es gab keine sozialen Strukturen, die die Lebensumstände auf dem Land hätten verbessern können. Die einzige bekannte Form von gesellschaftlicher Organisation beruhte auf der Stammeszugehörigkeit, doch die war fast überall brüchig geworden. Der Häuptling besaß keine moralische Autorität mehr, sondern war ein Emporkömmling, der sich vor den Karren der Kolonialmacht spannen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Städte? Brodelte dort allmählich der Aufruhr? Führte die große Ansammlung von Träumen zur geballten Faust? Nicht sofort. Vielen Menschen bot die Flucht vom Land in die Stadt tatsächlich neue Chancen. Auch wenn kein Manna vom Himmel fiel, war das neue Leben auf jeden Fall besser als das, dem man entflohen war. Und manche hatten einfach Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war achtzig, als ich ihn in Kikwit fand. Ich hatte monatelang nach ihm gesucht, die ganze Zeit hoffte ich, dass er noch am Leben war. Als ich ihm endlich gegenüberstand, wusch er sich gerade im braunen Wasser des Kwilu-Flusses. Sein Körper war mager und eingefallen, sein Waschlappen war ein grüner Stofffetzen, der fast nur noch aus ein paar Fäden bestand. War er es nun wirklich? Sein Gesicht kam mir länglicher vor als auf dem historischen Foto. Nur wenn er umherlief, sah man noch, dass er einmal ein fanatischer Fußballer gewesen war. Er hatte die typischen O-Beine und noch immer den wiegenden Gang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wohnte in einem kleinen Haus aus Lehm. Neben dem Pfad zu seinem Grundstück wuchs ein großer Eukalyptusbaum. Hühner scharrten in der roten Erde, ein Ziegenlämmchen stakste meckernd umher. Wäsche hing zum Trocknen in der Sonne. Die farbenprächtigen Stoffe bauschten sich immer übermütiger im Wind. Hosenbeine knatterten. Ärmel flatterten. Es erinnerte an eine Menschenmenge, die ausgelassen am Rand eines Fußballplatzes steht oder an einem Boulevard, wenn ein König oder ein Filmstar vorbeifährt. Ich blickte zum Himmel. Regenwolken waren aufgezogen. Longin bat mich in sein Haus und bot mir einen Plastikstuhl an. Es war sehr dunkel. Ich setzte mich nah an die Tür, damit ich genug Licht zum Schreiben hatte. Einige seiner Urenkel starrten mich mit großen Augen an. Als er sie verscheuchte, stoben sie prustend vor Lachen nach allen Seiten auseinander. Die ersten Tropfen fielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Regen! Zum ersten Mal seit zwei Wochen!« Er strahlte. »Was für ein Segen. Der liebe Gott segnet dieses Gespräch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte mir, dass er 1928 in Luzuna zur Welt gekommen sei, einem kleinen Dorf am Ufer des Kwilu, und in der katholischen Missionsstation von Djuma, bei den Jesuiten, getauft worden sei. Sein Vater sei dort Zimmermann gewesen. »Wie Joseph!« Er schreinerte Stühle, Türen und Schulbänke für die belgischen Patres. Seine Mutter bestellte das Land und baute Maniok an. In dieser Zeit aßen sie noch gut. Reis, Maniok und Fisch, aber auch Flusskrebse, Raupen, Champignons und Zucchinis. Was für ein Unterschied zu heute. »Jetzt essen wir nur einmal am Tag. Und immer nur Reis mit Bohnen. Oder Maniok mit Bohnen. Fleisch gibt es nur noch selten. Und Fisch gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel zog sich zu. In der Ferne grollte der Donner. Es wurde so dunkel, dass ich meine Notizen kaum noch lesen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte in aller Ruhe weiter. Seine Eltern waren bereits katholisch, sagte er. Er war das mittlere von drei Kindern. In Djuma sah er zum ersten Mal ein Auto, einen Pick-up der Nonnen. »Der Weiße ist intelligent, sagte ich mir. Ich habe dem Priester dazu gratuliert.« Er ging dort auch zur Schule. Die Missionare hielten den Grundschulunterricht in der ganzen Kolonie ab, oft mit Hilfe lokaler Lehrkräfte. Weiterführender Unterricht beschränkte sich entweder auf eine Berufsausbildung oder – für eine verschwindend kleine Gruppe – auf eine Priesterausbildung. Klassischer Sekundarunterricht zur Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung existierte noch nicht. Erst ab 1938 gab es die ersten Oberschulen. Doch in großen Teilen des Kongo wurde man noch lange Zeit entweder Tischler oder Seminarist. Longin besuchte den technischen Zweig. »Ich sollte Mechaniker werden, um in den Lever-Betrieben zu arbeiten, aber ich hatte keine Lust, mich immer schmutzig zu machen.« Mit sechzehn ging er nach Kikwit. Er wollte unbedingt Priester werden. »Aber die Priester sagten: Du bist schon zu alt. Da bin ich dann von der Schule abgegangen und in mein Dorf zurückgekehrt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie enttäuschend diese Zurückweisung gewesen sein muss, lässt sich kaum ermessen. Das Priesterseminar war nicht nur die einzige Möglichkeit, zu studieren, die Priesterwürde war auch das höchste Amt, das einem Kongolesen offenstand. Man war dann &#039;&#039;monsieur l&#039;Abbé&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin zeigte mir ein altes Farbfoto von sich, auf dem er ein purpurfarbenes Bischofsgewand trug. Er saß auf einem Thron und sah mit ernster Miene in die Kamera. »Die Soutane ist verschlissen, aber früher bin ich damit jeden Sonntag durch die Stadt gegangen. Wenn ich eine Vision gehabt hatte, habe ich das verkündet. Alle Leute in Kikwit sprachen mich damals mit &#039;&#039;Monseigneur&#039;&#039; an.« Er war immer ein religiöser Mensch. Seine Religion war das Christentum, natürlich, aber sein eigenes Christentum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie Simon Kimbangu begonnen hatte, selbst zu predigen, nachdem die Protestanten ihn nicht mehr als Katecheten wollten, so zog sich Longin Ngwadi eine Soutane an, nachdem die Katholiken in ihm keinen zukünftigen Priester sahen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fielen dicke, kräftige Tropfen, die murmelgroße Kuhlen in die Erde schlugen, und das Unwetter brach los. Über Kikwit goss es wie aus Eimern, der Regen peitschte auf die dünnen Dächer der Hütten und Häuser. Blitz und Donner fielen zusammen. Der Himmel barst. Bei jedem Tropengewitter kommt ein Moment, in dem der Donner nicht mehr grollt, sondern kreischt. Dieser Moment war jetzt gekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin warf die Hände in die Luft und betete zum Allerhöchsten, während ihm ein Speichelfaden übers Kinn rann: »Seigneur, Sie haben &#039;&#039;papa&#039;&#039; David gesandt. Wir bitten Sie: Könnten Sie etwas weniger Lärm machen, damit wir uns weiter unterhalten können. &#039;&#039;Merci et amen!&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als ob nichts geschehen sei, fuhr er fort: »1945 bin ich nach Kinshasa gegangen. Ich war damals 17. Mein Vater bezahlte die Schifffahrt, meine Mutter gab mir Essen mit. Von Luzuna aus ging ich zu Fuß nach Djuma. Dort nahm ich das Postschiff. Ich war drei, vier Tage unterwegs. Erst auf dem Kwilu, dann auf dem Kasai und schließlich auf dem &#039;&#039;fleuve&#039;&#039; selbst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war einer der vielen zehntausend jungen Leute, die es in die Hauptstadt zog. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter, die schon in der Stadt lebten, aber er verfügte nicht über solche Kontakte. »Ich kannte niemand, als ich in Kinshasa ankam, keine Menschenseele. Aber ein Nachtwächter rief mich auf den Hof von dem Haus, das er bewachen musste. Es war jemand aus meiner Gegend. Ich durfte auf dem Boden schlafen, draußen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sah nicht gerade nach einem glorreichen Auftakt seines Stadtlebens aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz darauf bekam ich meine erste Stelle, bei Papa Dimitrios. Das war ein griechischer Jude. Er hatte einen kleinen Supermarkt. Er ließ mich zur Probe Rechenaufgaben lösen und stellte mich dann ein. Ich musste Hosen und Hemden verkaufen, Stoffe für Frauen, Seife, Zucker und was nicht alles. Er fand ein kleines Zimmer für mich, beim Jardin Botanique. Nach drei Monaten besaß ich schon eine Matratze, Bettlaken, Zudecken, zwei Stühle, Geschirr und Besteck. Dimitrios hat mir viele Sachen geschenkt. Drei Jahre habe ich bei ihm gearbeitet. Dann fing ich beim Économat du Peuple an, einem großen Laden mit sieben Verkäufern. Dort bin ich nur ein Jahr geblieben. Ich bin geflogen, weil ich Wurst verkauft hatte, die schon verdorben war.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es nicht das Priesteramt war, so gefiel ihm sein neues Leben in Léopoldville doch ganz gut. Die Schlappe als Wurstverkäufer wurde durch ein anderes Talent mehr als wettgemacht. »Ich habe vier Jahre lang bei Daring gespielt. Bei tata Raphaël.« Daring war einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Stadt. Pater Raphaël de la Kéthulle – wieder dieser Pater – hatte ihn 1936 gegründet. Der Verein existiert noch immer, unter dem Namen Daring Club Motema Pembe, und steht an der Spitze des kongolesischen Fußballs. »Ich habe lange mit Paul Bonga Bonga gespielt, dem ersten Kongolesen in der höchsten belgischen Liga. Er spielte bei Sporting Charleroi, bei Standard Lüttich. Er war Pele! In Kinshasa spielten wir immer im Vélodrome de Kintambo. Ich war Nummer 9. Ich war ein Stürmer. Tata Raphaël stand mit seiner Pfeife am Rand des Spielfelds, sah mir zu und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Ich war wie eine Schlange!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sprang er auf und dribbelte mit seinem achtzigjährigen Körper durch das dunkle Wohnzimmer. In dem Raum mit der niedrigen Decke führte er ein paar Täuschungsmanöver aus. Er konnte es noch immer. Hacke, Spitze, eins zwei drei. In Zeitlupe führte er es vor, während draußen weiterhin das Unwetter tobte. Inzwischen rann das Regenwasser an den Innenwänden des Wohnzimmers hinab. Es sickerte nicht, es strömte. Longin beachtete es nicht. »Mein Spitzname war &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;. So nannten mich damals alle. &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, Nummer 9, die Sturmspitze von Daring.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das waren noch nicht alle Stationen seines erstaunlichen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre hatte die Stadt noch eine andere Wendung für ihn in petto. »Generalgouverneur Pétillon trat sein Amt an.« Das war 1952. »Er bat fünf Leute, in die Maison des Blancs zu kommen. Das war der Ort, wo alle Geheimnisse des Kongo aufbewahrt werden. Dort trafen sich die Weißen, um den Kongo zu führen. Es lag direkt neben dem Hotel Memling. Es kamen nur ruhige, intelligente und ernsthafte Leute. Es war der &#039;&#039;cercle des européens&#039;&#039;. Ich sollte dort bedienen. &#039;&#039;›S&#039;il vous plaît.‹ ›Merci.‹ ›S&#039;il y a quelque chose, vous me le dites.‹&#039;&#039; Lange Arbeitszeiten, aber hinterher bekam ich fünfzig kongolesische Franc. Das war sehr viel Geld. Unter den fünfen war ich die &#039;&#039;numero uno&#039;&#039;. Ich war der Höflichste, der Ordentlichste. Pétillon sagte deshalb, ich dürfe sein &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; werden. Also ging ich mit zum Haus des Gouverneurs.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zimmermannssohn, der kein Priester werden durfte, der Verkäufer von Haushaltstextilien und vergammelter Leberwurst, der pfeilschnelle Stürmer des Fußballvereins Daring wurde nun Hausdiener beim vorletzten Generalgouverneur von Belgisch-Kongo. »Vier Jahre habe ich für ihn gearbeitet. Er nannte mich &#039;&#039;mon fils&#039;&#039;.« Léopoldville war tatsächlich eine Stadt voller Möglichkeiten.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadis Geschichte ist zweifellos sehr außergewöhnlich, aber die Stadt bot tatsächlich vielen Neuankömmlingen eine neue Freiheit. Für Frauen galt das in besonderem Maße. Thérèse aus Kasai zog nach dem Tod ihres Mannes nach Léopoldville. Ein Onkel kümmerte sich um sie und half ihr, einen kleinen Handel aufzuziehen. Auf dem Markt von Kinshasa verkaufte sie Maniokbier und später auch Obstsaft, den sie aus reifen Bananen herstellte. Nach einem Jahr ließ sie ihre Kinder nachkommen, ein paar Jahre später heiratete sie wieder. Sie hatte einen Arbeiter kennengelernt, jemand von ihrem Stamm, den es auch in die Stadt verschlagen hatte.54 Eine »freie Frau« in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; war nicht länger eine Prostituierte, jene Kategorie, die in der Sprache der Behörden »erwachsene, gesunde, einheimische Frauen, die theoretisch allein leben« hieß, sondern einfach jemand, der auf eigene Faust versuchte, über die Runden zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Schwester Apolline. Sie war im gleichen Alter wie Longin. Ich traf mich mit ihr im Franziskanerkloster von Kinshasa. Sie stammte aus einer gemischten Familie im Hinterland – ihr Vater war Kongolese, ihre Mutter kam aus Tansania. Ihre Eltern hatten sich im Ersten Weltkrieg kennengelernt, als ihr Vater mit der Force Publique in Deutsch-Ostafrika kämpfte. Als sie zwölf war, hatten ihre Eltern einen geeigneten Heiratskandidaten für sie gefunden, doch sie hatte andere Pläne. Sie wollte ins Kloster, dort fühlte sie sich freier. Das Klosterleben führte sie in die große Stadt. »Neunundzwanzig Jahre habe ich in Lubumbashi gearbeitet. Ich war dort Direktorin einer Grundschule. Und viele Jahre später wurde ich das erste schwarze Mitglied des kirchlichen Provinzialrates. Ich habe immer in der Stadt gelebt.«55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Victorine Ndjoli. Sie war die erste Kongolesin, die den Führerschein machte. »Ich hatte die Hauswirtschaftsschule besucht bei den Franziskanerinnen. Knöpfe annähen, schneidern. Später lernte ich beim &#039;&#039;foyer social&#039;&#039; Babykleidung und Hüte machen. Die Weißen suchten damals hübsche Mädchen für ihre Werbeplakate. Ich war Fotomodell für eine Fahrradmarke, für Sherry, für Milch. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte mehr. Ich riss aus, um in die Fahrschule zu gehen. Mein Vater war erst dagegen, aber schließlich war er stolz auf mich. Nach einer Woche hatte ich meinen Führerschein. Es war 1955, ich war 20. Ich durfte einen Dodge fahren, aber ich hatte selber nie ein Auto. Die Männer wollten das nicht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Victorine nahm auch an den ersten Schönheitswettbewerben in Léo­poldville teil. Sie wurden vom Besitzer einer Tanzschule veranstaltet, Maître Taureau. Meister Stier. Ziemlich macho, oder? Ich fragte ihn danach, als wir vor seinem Haus saßen im Stadtteil Yolo, einem einfachen Viertel, wo ihn jeder Vorbeigehende kannte. »Nein, mein richtiger Name ist François Ngombe. &#039;&#039;Ngombe&#039;&#039; ist Lingala und bedeutet Rind. Und &#039;&#039;maître&#039;&#039;, weil ich ein Meister darin bin, im Leben keinen Meister zu brauchen!« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »In meiner Tanzschule habe ich den Leuten Cha-Cha-Cha beigebracht, Bolero, Rumba und Charanga, aber auch Swing und Rock-&#039;n&#039;-Roll. Daneben habe ich die Wahl der &#039;&#039;Miss Charme&#039;&#039; in den Stadtteilen organisiert. Die griechischen und portugiesischen Händler haben umsonst Stoffe rausgerückt. Die Mädchen haben sie getragen und so Reklame für die Händler gemacht. Eine von ihnen wurde dann gewählt.«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville wurde eine Stadt der Mode, Eleganz und Koketterie. Junge Frauen trugen lange, farbenfrohe &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, ein Brauch, den die Missionsschwestern eingeführt hatten. Über den Umweg Europa landeten Batikstoffe aus Indonesien in Zentralafrika. Mädchen trugen die Haare kurz, aber wenn sie ungefähr zehn waren, ließen sie sie wachsen. Es gab ein Dutzend afrikanischer Frisuren in dieser Zeit, für manche brauchte man drei Stunden.58 Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer neuen urbanen Kultur. Sie dominierten den Kleinhandel, sie bestimmten, welche Kleidung, Musik und Tänze erfolgreich waren, und sie gestalteten einen neuen, modernen afrikanischen Lebensstil.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Frauen konnten in angesehene Funktionen vordringen. 1949 wurde Pauline Lisanga als Ansagerin für Radio Congo Belge eingestellt. Dieser Sender hatte mit Programmen für die afrikanische Bevölkerung begonnen. Pauline wurde damit die erste schwarze Radiosprecherin Afrikas.60 Nicht viele Kongolesen besaßen ein Radio, aber an vielen Stellen in der Stadt hingen Lautsprecher, um die sich Gruppen von Passanten und Leute aus der Nachbarschaft versammelten. Sie hörten dort Paulines Stimme. Es gab Nachrichtensendungen, erbauliche Sketche und religiöse Beiträge, aber auch traditionelle kongolesische Klänge und westliche Unterhaltungsmusik. Sogar für neue Schlager aus dem Kongo war Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Léopoldville wimmelte es zu jener Zeit von kleinen Bands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und Festen spielten. Ihre aufpeitschenden Rhythmen, das virtuose Gitarrenspiel, die hohen Falsettstimmen, die differenzierten Melodien und leichtfüßigen Texte sorgten für eine unwiderstehliche Tanzmusik. Das war der Rock-&#039;n&#039;-Roll von Zentralafrika. Im Kongo befanden sich die großen Tanzlokale in den Händen griechischer Migranten. In Kinshasa gab es (und gibt es noch immer) das Akropolis, in Kisangani (damals Stanleyville) gab es die Olympia-Bar. Ein paar griechische Unternehmer hatten auch Aufnahmestudios eingerichtet. Dort wurde die wunderbare Tanzmusik einiger kongolesischer Orchester verewigt. Das Radio ermöglichte eine neue Art des Heldentums. African Jazz von Kabasele und OK Jazz von Franco wurden zu den populärsten Bands der fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das urbane Leben umfasste jedoch mehr als Schönheitswettbewerbe, Maniokbier und Tanzplatten. Auf den Werften von Léopoldville, in den chemischen und metallurgischen Fabriken von Katanga und in den Handelshäusern der städtischen Zentren trat eine neue Generation Kongolesen wie Longin zum ersten Mal eine Stelle an und machte Bekanntschaft mit den hohen Ansprüchen der modernen Wirtschaft. Zu Streiks kam es nicht, aber auch hier herrschte die verräterische Ruhe vor dem Sturm. Als nur wenige Jahre später das Unabhängigkeitsfieber mit aller Heftigkeit ausbrach, hofften sehr viele, dass sie nach der Übergabe der Macht nie mehr zu arbeiten brauchten. Fürs Erste aber herrschte Ruhe, Unheil verkündende Ruhe. Wie hätte etwaiger Groll auch an die Oberfläche kommen können? Gewerkschaften boten keinen Ausweg. Bis 1946 waren sie für Schwarze verboten. Weiße Beamte hatten seit 1920 eine erste Interessenvertretung, hielten die Türen jedoch für kongolesische Mitglieder geschlossen. Nach dem Krieg wurde STICS gegründet, &#039;&#039;Syndicats des Travailleurs Indigènes Spécialisés&#039;&#039;, eine Gewerkschaft nur für spezialisiertes Personal, sodass 90 Prozent der Arbeiter ausgeschlossen waren. Später gab es die APIC, die &#039;&#039;Association du Personnel Indigène de la Colonie&#039;&#039;, eine viel militantere Organisation. Doch nahezu jede gewerkschaftliche Bewegung wurde streng kontrolliert, denn die Kolonialverwaltung schrieb die Einbeziehung weißer Berater vor.61 So schaute einem ständig ein Staatsbeamter oder Geistlicher über die Schulter, und jede rebellische Regung wurde im Keim erstickt. Die Gewerkschaftsarbeit sollte konstruktiv und ruhig ablaufen. Die Kolonialverwaltung sah in ihr allenfalls eine nützliche &#039;&#039;éducation sociale&#039;&#039; der Arbeiter.62 Eine Art Fußball also, aber in geschlossenen Räumen: Man lernte Tagungen abzuhalten, eine Tagesordnung aufzustellen und Protokolle anzufertigen, über einen Etat zu diskutieren . . . Die Gewerkschaft sollte eine Schule sein und nicht eine legitime Form von Opposition und Widerstand. Als belgische Gewerkschaften – christliche und sozialistische – versuchten, in der Kolonie Fuß zu fassen, war das zum Scheitern verurteilt. Die kongolesischen Arbeiter fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sahen sie als etwas, das von oben kam, etwas Weißes. Von den fast 1,2 Millionen Werktätigen 1955 waren 6160 in einer Gewerkschaft organisiert, nicht einmal ein halbes Prozent.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung regte allerdings an, dass die großen Firmen Betriebsräte einführten, in denen Kongolesen ihre Meinung äußern durften. Betriebsräte ließen sich besser kontrollieren als selbstständige Gewerkschaften. Auch die Provinzräte bekamen die ersten kongolesischen Mitglieder, und ab 1951 zählte der koloniale Verwaltungsrat, ein informelles Beratungsorgan ohne reale Macht, acht Afrikaner; die meisten kamen allerdings aus ländlichen Gegenden, gehörten also nicht zur neuen städtischen Mittelschicht. Es waren zaghafte Versuche, den Beschwerden und dringenden Wünschen der kolonialen Untertanen ein Ohr zu leihen, doch sie zeugten zugleich von der Auffassung, dass man noch alle Zeit der Welt habe, ehe man etwas Tiefgreifenderes unternehmen müsse.64 Noch war kein Grund zu wirklicher Besorgnis. Glaubte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hätte man den heraufziehenden Umbruch ahnen können? Die Landbevölkerung fügte sich weiterhin in ihr Schicksal, und die Menschen in den Städten wirkten eigentlich recht zufrieden. Ja, so konnte man feststellen, es entstand sogar eine wirkliche Kaste von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; – Einheimischen, die so europäisch wie möglich leben wollten, die ein Faible hatten für alles Belgische und die die Wohltaten der Kolonisation in den höchsten Tönen rühmten. Von heutiger Warte aus klingt dieser Begriff sehr problematisch, aber es war tatsächlich eine selbst gewählte Bezeichnung.65 Von diesen &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, da waren sich die Kolonialherren sicher, ging keinerlei Gefahr aus. Gut, es hatte manchmal etwas Skurriles, all das Getue mit den gepflegten Anzügen und dem manieristischen Französisch. Aber es handelte sich ja um die echten sozialen Aufsteiger, sie ernteten die größten Früchte der edelmütigen Zivilisierungsarbeit. Loyalere Untertanen gab es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch platzte die Bombe genau in diesem Milieu. Die meisten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Stadt geboren. Das Dorf kannten sie nur vom Hörensagen. Sie besuchten die Missionsschule, sie arbeiteten bei europäischen Firmen, sie respektierten den Kolonialstaat und sie sahen folglich zu ihren weißen Herrschern auf. Ein anderes gesellschaftliches Rollenmodell hatten sie nie gekannt. Viele von ihnen nahmen große Strapazen auf sich, um für voll angesehen zu werden. Sie bildeten sich in Bibliotheken weiter, lasen die Zeitung, hörten Radio, besuchten Kinos und Theater und lasen Bücher, denn es war die Intelligenz mehr noch als der Wohlstand, um die sie die Weißen beneideten. Das Zweite war nicht mehr als ein Ausdruck des Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildete sich eine lebendige Vereinskultur. Noch stand sie unter Aufsicht der Kolonialverwaltung, historisch aber war sie von immenser Bedeutung: In den Vereinen ehemaliger Schüler, in den Studienkreisen und tribalen Organisationen lag der Keim für die spätere politische Bewusstwerdung.66 Die ehemaligen Schüler der Schule von tata Raphaël fanden sich in der Adapes (&#039;&#039;Association des Anciens Elèves des Pères de Scheut&#039;&#039;) zusammen; diese Gemeinschaft wurde ein wichtiger Inkubator für die erste Generation kongolesischer Politiker. In den &#039;&#039;cercles des évolués&#039;&#039; trafen sie sich, um über Bücher zu sprechen und Diskussionen zu führen; als eine Art Volkshochschulen schossen diese Gesprächskreise wie Pilze aus dem Boden. 1950 gab es, über den ganzen Kongo verstreut, etwa dreihundert davon. In den Städten entwickelten sich die tribalen Vereine, die sich früher vor allem als Hilfskassen verstanden hatten, zu kulturellen Einrichtungen, die später auch politische Ambitionen hegten. In Elisabethville wuchs die Spannung zwischen den Baluba aus Katanga und den Baluba aus Kasai: Letztere waren in großer Zahl zu den Minen im Süden gezogen und erregten nun den Unmut der dort Ansässigen. Als Resulat bildeten sich neue Vereine. In Léopoldville fühlten sich die Bakongo bedroht durch die ständige Zunahme der Bangala, Menschen aus der Provinz Équateur, die in der Armee dienten oder im Handel tätig waren. Das Kikongo, die ursprüngliche Sprache des Gebietes um Kinshasa, wurde vom Lingala verdrängt. Die Abako, die &#039;&#039;Alliance des Bakongo&#039;&#039;, wurde gegründet, eine rein kulturelle Vereinigung, die sich für die Sprache des Kongo-Volks einsetzte. Der Gründer war, wieder einmal, ein ehemaliger Seminarist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein é&#039;&#039;volué&#039;&#039; war ein Mann (nie eine Frau, es sei denn als Partnerin), der ein gewisses Bildungsniveau hatte, ein festes Einkommen erzielte, seinen Beruf sehr ernst nahm, monogam war und im europäischen Stil lebte. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, so erklärten es mir zwei Kinder von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einmal, besaß ein Fahrrad der Marke Raleigh, am besten mit Gangschaltung. »Das war damals der Mercedes der Schwarzen.« In seinem Haus stand eine Coleman-Lampe. Er hatte einen Plattenspieler und hörte Lieder von Edith Piaf. Wendo Kolosoy akzeptierte er auch, das war ruhige Musik. »Aber auf keinen Fall Musik, die zu obszönen Tänzen animierte. Sonntags gingen meine Eltern tanzen, mein Vater trug dann eine Melone.« Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; schickte seine Ehefrau mit dem Nachwuchs in die Mütterfürsorge der medizinischen Beratungsstelle. Dort wurde das Baby gewogen. Zu Hause befolgte man die Ernährungsratschläge der weißen Nonnen. Der traditionellen Medizin und dem Ahnenglauben schwor man ab, aber die Kluft zwischen Mann und Frau war sehr groß. Der Mann hatte eine Ausbildung und eine feste Arbeitsstelle, die Frau war Analphabetin und verdiente kein Geld. In ganz Stanleyville konnten in jener Zeit nur zwei von drei Frauen eine Unterhaltung in rudimentärem Französisch führen.67 Eines der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;-Kinder erzählte mir: »Ach, ich habe meinen Vater sehr oft zu meiner Mutter sagen hören: ›Also du bist eine richtige Negerin! So leben die Weißen doch nicht!‹«68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zahl der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; war nicht sehr hoch (knapp sechstausend 1946, knapp zwölftausend 1954), aber ihre Mündigkeit war entscheidend. Tragischerweise strebten sie eine Annäherung an die Europäer an genau in dem Moment, in dem sich die Europäer immer mehr zurückzogen in ihre Villen, an ihre Swimmingpools und zu ihren Tennisturnieren. Ja, es gab in Belgisch-Kongo schwarze LKW-Fahrer und Telegraphisten, aber in Cafés und Restaurants war die Rassenschranke schärfer denn je zuvor. Wenn ein weißer Journalist in Léopoldville es wagte, einen schwarzen Kollegen in eine europäische Bar mitzunehmen, verstummten die Gespräche. Züge und Flussschiffe hatten zwar schwarze Lokführer und Kapitäne, die Passagierabteile aber waren strikt nach Hautfarbe getrennt. Sprang ein Schwarzer in ein Schwimmbecken, verließen die Weißen es. Körperstrafen mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; galten noch immer für alle Afrikaner, selbst wenn sie die lateinische Grammatik beherrschten und die Reden de Gaulles lasen. Der Schriftsteller Paul Lomami Tshibamba war Mitarbeiter von &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039;, einer von der Regierung kontrollierten Zeitschrift für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. 1945 veröffentlichte er in der zweiten Nummer einen aufsehenerregenden, aber alles in allem moderaten Artikel mit dem Titel »Quelle sera notre place dans le monde de demain?«. Das brachte ihm nach eigenen Angaben »zahllose Gerichtstermine ein, begleitet von unendlichen Peitschenhieben«.69 Die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; pfiff durch die Luft, während anderswo in der Stadt die Tennisbälle ploppten. Unterdessen gingen die Weißen zu Pferderennen und veranstalteten Radrennen. Festliche Kirmesrennen waren es, bei denen Amateurfahrer gut gelaunt unter Transparenten mit Martini-Werbung fuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schmerzliche Streben des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde mir nirgends deutlicher bewusst als in einigen Sekunden historischen Filmmaterials in &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;, einem beklemmenden Dokumentarfilm von Luc Leysen. Es ging um Aufnahmen von einem Schönheitswettbewerb in Léopoldville 1951. Nicht Pudel oder Federvieh wurden prämiiert, sondern Familien. Vor einem ausschließlich weißen Publikum paradierten kongolesische Familien an der Jury vorbei. Der Vater in kurzer Hose, neben ihm seine Frau, dahinter die Kinder, ordentlich wie die Orgelpfeifen sortiert. Das jüngste Kind trug ein Schild mit der Teilnehmerzahl. Das Publikum applaudierte höflich. Dann gingen sie weiter, mit ernsten Gesichtern . . . So viel Verzweiflung in so wenigen Sekunden.70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; forderten eine rechtliche Sonderstellung, die ihre Position in der Gesellschaft anerkannte. Das war begreiflich, denn sie waren zu »sozialen Mulatten« geworden, zu Menschen, die zwischen zwei Kulturen lebten.71 Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einer kleinen Stadt wie Luluabourg formulierten es mit ergreifenden Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir fordern, das Gouvernement möge anerkennen, dass sich die einheimische Gesellschaft in den letzten fünfzehn Jahren stark weiterentwickelt hat. Neben der Masse der einheimischen Bevölkerung, die benachteiligt oder kaum gebildet ist, hat sich eine neue soziale Schicht entwickelt, die eine Art einheimisches Bürgertum darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder dieser einheimischen intellektuellen Elite tun ihr Möglichstes, um sich fortzubilden und ein ordentliches Leben wie ein respektabler Europäer zu führen. Diese Évolués haben begriffen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben. Aber sie sind davon überzeugt, dass ihnen, wenn nicht eine spezielle Rechtsstellung, so doch ein besonderer Schutz des Gouvernements zusteht, der sie vor Maßnahmen oder Behandlungen bewahrt, die auf eine unwissende und rückständige Masse angewandt werden. (. . .) Es ist schmerzhaft, empfangen zu werden wie ein Wilder, wenn man voll des guten Willens ist.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wortgewandt ausdrückt, noch mit einer Nilpferdpeitsche traktiert wird. Aus dem unterwürfigen, fast kriecherischen Ton sprach ein sehr großes Verlangen. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte die Mauer zwischen Weiß und Schwarz nicht niederreißen, sondern bat darum, darüber hinweg gehoben zu werden. Er kämpfte nicht gegen die Rassenschranke&#039;&#039;.&#039;&#039; Er verlangte weder nach Rechten für »das kongolesische Volk« noch für seinen Stamm, sondern nur für den Kreis, in den er, nach großen Anstrengungen, vorgedrungen war. War das egoistisch? Gewiss. Hatte es etwas Geringschätzendes? Ja. Im Grunde übernahmen die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; bei ihren Assimilationsbestrebungen sogar den Blick, mit dem die meisten Europäer die Afrikaner betrachteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgische Kolonialverwaltung schwankte sehr lange. Sie hatte doch nie eine entwurzelte Elite heranziehen wollen? Alles zu seiner Zeit, war die Devise. Erst ab 1938 gab es ein paar weiterführende Schulen, erst 1954 (nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, aber das konnte man damals nicht wissen) eröffnete die erste Universität, Lovanium, eine Dependance der katholischen Universität Leuven. Im ersten Jahr studierten dreiunddreißig Studenten bei sieben Professoren. Angeboten wurden Naturwissenschaften, Sozial- und Verwaltungswissenschaften, Pädagogik und Agrarwissenschaft. Ein Jurastudium war erst ab 1958 möglich.73 Es wurde also nichts übereilt. Sollte man dennoch jetzt eine Kaste von Privilegierten anerkennen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1948 entschloss sich die belgische Regierung zu einer vorläufigen Lösung: Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; konnte für die &#039;&#039;»carte du mérite civique«&#039;&#039; (»Karte bürgerlicher Verdienste«) in Betracht kommen. Wer keine Vorstrafen hatte und nie verbannt worden war, wer Polygamie und Hexerei abgeschworen hatte und des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte sich darum bemühen. Die Inhaber dieses Nachweises blieben künftig von Körperstrafen verschont und würden gegebenenfalls von einem europäischen Richter abgeurteilt werden. Sie bekamen gesonderte Pavillons in den Krankenhäusern und durften nach sechs Uhr abends durch die Viertel der Weißen gehen.74 Auf die meisten anderen Kongolesen machte das großen Eindruck. In Boma erzählte Camille Mananga, ein Mann, der dreizehn Jahre alt war, als dieser Nachweis eingeführt wurde: »Das war nur etwas für große Persönlichkeiten. Sie durften bei den Weißen einkaufen und etwas trinken. Es war eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war noch viel zu jung. Also himmelweit davon entfernt.«75 Doch für Menschen, die sich seit Jahren emporarbeiteten, ging es um ziemlich geringe Vorrechte, die in keinem Verhältnis zu ihren Anstrengungen standen. Die strukturelle Lohnungleichheit bestand nach wie vor. Victor Masunda, ein anderer Einwohner von Boma, konnte sich als alter &#039;&#039;évolué&#039;&#039; noch immer darüber aufregen: »Natürlich habe ich diese Karte nicht beantragt. Es bedeutete ja keine Lohnerhöhung. Viele waren kriecherisch, aber ich wollte mich nicht selber demütigen. Diese Karte zu beantragen, das war eine Erniedrigung. Sollte ich ihr kleiner Bruder werden? Nein. Und meinen Rotwein und Whiskey habe ich mir auch so gekauft.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1952 wurde deshalb die »&#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;« eingeführt, ein Dokument, das den &#039;&#039;évolué&#039;&#039; im öffentlichen Leben und vor dem Gesetz mit der europäischen Bevölkerung gleichstellen sollte. Der wichtigste Vorteil war, dass der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; seine Kinder in europäische Schulen schicken durfte, was ein außerordentlicher sozialer Aufstieg war und die Gewähr für eine solide Ausbildung bot. Doch die meisten Vertreter der kolonialen Elite hegten sehr große Skepsis, sodass die Bedingungen, denen ein Antragsteller entsprechen musste, außerordentlich hoch waren. Und oft auch erniedrigend. Solange über den Antrag noch nicht entschieden war, konnte ein Inspektor unangemeldet im Haus eines Anwärters erscheinen, um zu überprüfen, ob er und seine Familie auch zivilisiert genug lebten. Der Inspektor schaute nach, ob jedes Kind ein eigenes Bett besaß, ob mit Messer und Gabel gegessen wurde, ob das Geschirr auch nicht zusammengewürfelt war und ob das Bad geputzt war. Aß die Familie zusammen am Tisch oder saß die Mutter, wie früher, mit den Sprösslingen in der Küche und wartete, während der Vater mit seinem Besuch speiste? Nur wenige entsprachen den Kriterien. Man hatte also jahrelang über eine Rechtsstellung palavert, von der fast niemand profitieren konnte. Im Jahr 1958 gab es nur 1557 Inhaber der &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und nur 217 Besitzer der &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;, bei einer Gesamtbevölkerung von vierzehn Millionen.77 Das führte zu Frustrationen. Denn früher oder später schlägt enttäuschte Hoffnung um in Widerwillen, ja sogar in Feindseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man gebe bei YouTube »Jamais Kolonga« ein, und ein paar Sekunden später hört man einen der großen Klassiker der kongolesischen Rumba. Das Stück könnte auch vom Buena Vista Social Club stammen, aber es war eine Komposition von African Jazz, der populärsten Band der fünfziger Jahre im Kongo. Bandleader des legendären Orchesters war Joseph Kabasele, der den Spitznamen »le Grand Kalle« trug. Sein begnadeter Gitarrist Tino Baroza hatte den Song geschrieben. Er wurde zu einem der größten Erfolge von African Jazz. »Oyé, oyé, oyé«, lautete der Refrain, »halt mich fest. Jamais Kolonga, halt mich fest. Wenn du mich loslässt, falle ich.« Dieses Festhalten konnte man doppeldeutig interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich steige in einer schmalen, staubigen Gasse in Lingwala aus dem Auto. Bin ich hier wohl richtig? Lingwala war in der Kolonialzeit das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. Alle älteren Leute, die ich angesprochen hatte, kannten Jamais Kolonga. Selbstverständlich! Aber lebte er überhaupt noch? In der lokalen Presse hatte doch eine alarmierende Nachricht gestanden: »&#039;&#039;Le vieux Jamais Kolonga laminé par la maladie!&#039;&#039;« Sie hatten gelesen, dass der Mann, »der als &#039;&#039;Bonvivant&#039;&#039; mit seinen Späßen und Faxen die Vitalität des Kinshasa der sechziger Jahre verkörpert hatte«, schwer erkrankt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch über etliche Umwege – ich hatte ein kleines Vermögen vertelefoniert – war es mir gelungen, eine Adresse und eine Telefonnummer zu bekommen. Ich betrat einen Innenhof mit bröckelnden Mauern und ein paar vergilbten, strohtrockenen Maispflanzen. Aus einem Haus aus Zementsteinen kam, auf Krücken gestützt, ein alter Mann in kurzer Hose.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Jamais Kolonga?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der einzige echte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Informanten, die viel erlebt, aber wenig zu erzählen haben, und es gibt Informanten, die wenig zu erzählen haben, aber viel reden. Jamais Kolonga gehörte zu keiner der beiden Kategorien. Er hatte alles erlebt, und er war ein glänzender Erzähler. Er selbst sah das anders: »Ich bin gerade an der Hüfte operiert worden. Es geht mir nicht gut. Ich habe große Schmerzen, trotz der ganzen Medikamente, die ich schlucken muss.« Er schob seine Hose weg und zeigte mir die beeindruckende Narbe an der Leiste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie irgendwas?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein! Wenn Sie ein bisschen Geld haben, kann eins meiner Enkelkinder Wein kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein? In Ihrem Zustand? Sind Sie sich sicher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich drei ganze Nachmittage mit diesem kleinen, geistig regen Mann unterhalten, mal in seinem Wohnzimmer, dann wieder im Schatten seines Hauses. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter mit viel Sinn für Humor, unverwüstlicher Lebenslust und einem überragenden Gedächtnis. Einmal habe ich ihn in einem kleinen Krankenhaus besucht, wo er ein paar Reha-Tage verbringen musste und mit den Schwestern flirtete, dass es eine Art hatte. Seine Hüfte heilte zusehends. Aber wie war das eigentlich mit der weißen Frau gewesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war 1954. Ich war damals achtzehn und hatte gerade bei Otraco angefangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Beim Office des Transports au Congo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Auch mein Vater arbeitete dort. Ich war erst auf der Werft hier in Kinshasa, aber solange ich noch nicht einundzwanzig war, wurde mein Lohn an meinen Vater ausbezahlt. Das war nicht gerade ideal. Ich konnte mir nicht mal Alkohol kaufen. Deshalb bat ich um eine Versetzung ins Inland.« Während alle in die Stadt strömten, floh er von dort. »Ich musste nach Port Francqui, das ist heute Ilebo. Es liegt dicht bei Kasai. Wenn man von Kinshasa nach Lubumbashi reist, muss man dort vom Schiff auf den Zug umsteigen. Damals musste ich sogar noch die Kinder von Simon Kimbangu beherbergen, wenn sie unterwegs waren, um ihren Vater im Gefängnis zu besuchen! Bon, ich war dort also als Angestellter. Und dank meines Vaters durfte ich als einziger Schwarzer in den Läden der Weißen einkaufen. Ich trank portugiesischen Wein und Whiskey. Ja, damals schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Enkelin war inzwischen zu dem kleinen Laden gerannt und kam mit einem Tetrapack billigem Wein zurück. Don Pedro. Ich beschränkte mich auf eine Cola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages war Kabasele mit seiner Band auf der Durchreise. Aber sein Zug ist entgleist, und sie haben das Schiff verpasst. Fünfzehn Tage saßen sie in Port Francqui fest! Ich wusste, dass die Tochter meines flämischen Chefs in Kürze heiraten würde und sorgte dafür, dass Kabasele auf der Hochzeit spielen durfte. Gesagt, getan. Das Fest kam. An dem Abend trug ich einen marineblauen Anzug und einen roten Schlips. Nur drei &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren da. Den Musikern hatte ich Sondergenehmigungen beschaffen müssen, sonst hätten sie abends nicht ins Weißenviertel kommen können. Ich stand an der Bar und beobachtete eine Dame aus Portugal. Sie tanzte gut. Sie müssen bedenken, dass 1954 ein Schwarzer eine weiße Frau nicht berühren durfte. Wir konnten nicht mal miteinander reden! Die einzigen weißen Frauen, die wir sahen, waren katholische Nonnen. Nur die Boys kamen in Kontakt mit europäischen, verheirateten Frauen. Aber bon, ich hatte also gesehen, wie gut sie tanzte, und fragte ihren Mann, ob ich auch mal mit ihr tanzen dürfe. Einfach so! Es war eine Anwandlung von mir, eine Verrücktheit. Aber ihr Mann nickte. Also ging ich zu ihr hin und bat sie um einen Tanz. Ein ganzes Stück lang haben wir zusammen getanzt. Danach applaudierten die Weißen, sogar der Provinzgouverneur! Kabasele schrieb darüber später dieses Lied: ›Jamais Kolonga‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schenkte sich Wein nach. Einmal &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, immer &#039;&#039;évolué&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Vater.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wurde am 1. Januar 1900 geboren, in Bas-Congo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? Oder war das ein willkürliches Datum, das die Mis­sionare eingetragen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, es war wirklich sein Geburtstag. An diesem Tag war jemand von einem Löwen zerrissen worden, ein Schwarzer. Als mein Vater getauft wurde, wussten die Weißen das noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals gab es noch viele Löwen und Büffel, und sogar Elefanten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute gibt es keine mehr. Was das Großwild betrifft, ist Bas-Congo leer. Aber was für eine schnelle Entwicklung! Nur ein halbes Jahrhundert, bevor Jamais Kolonga auf einer europäischen Hochzeit tanzte, gab es in Bas-Congo noch Löwen, die Menschen zerrissen. Und Missionare mit ihrer eigenen Form der Raubgier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als er zwölf, dreizehn Jahre alt war, kam Hochwürden Cuvelier ins Dorf. Er sagte zu meinem Vater: ›Du sollst meine Schuhe putzen. Wo ist dein Vater?‹ Und zu meinem Großvater: ›Können Sie mir Ihren Sohn schenken?‹ ›Einverstanden‹, sagte mein Großvater, ›Sie können ihn mitnehmen, wenn er mich dann auch besuchen kommt.‹ Mein Großvater war selber katholisch, wissen Sie. Als er kirchlich geheiratet hat, hat er zwei von seinen drei Frauen weggeschickt. Die Kinder hat er natürlich bei sich behalten. Wie auch immer, mein Vater ging zum Missionsposten mit und wurde am 13. Dezember 1913 getauft. Danach wurde er in der Schule der Redemptoristen in Matadi angemeldet, und sechs Jahre später wechselte er in die neue Oberschule in Boma. Ipso facto war er also einer der ersten, die dort einen Abschluss machten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das erste Mal auf allen meinen Reisen, dass ich aus dem Mund eines Kongolesen die Wendung »ipso facto« hörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um 1927 oder 1928 wurde er von einem Angestellten von Otraco angesprochen. Sie brauchten intelligente Leute. Bis zur Rente 1958 hat mein Vater für Otraco gearbeitet, immer als Büroangestellter. Als der Betrieb seine Zentrale von Thysville nach Léopoldville verlegte, zog er hierher. Mein Vater wurde ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er hatte das Sagen in &#039;&#039;la cité Otraco&#039;&#039;, dem Wohnviertel für das einheimische Personal. Er überwachte die Arbeit der Maurer, Zimmerleute, Betonbauer. Er besuchte die Häuser der Beschäftigten von Otraco und setzte jeden Samstag eine Prämie für den aus, der die schönste und sauberste Wohnung hatte. Mein Vater trank Wein, er war einer der Ersten, die das durften. An Feiertagen hielt er Ansprachen vor dem Generalgouverneur, vor Ryckmans, Pétillon und Cornelis, er hat sie alle gekannt. 1928 hat er sogar eine Rede vor König Albert gehalten, der auf einer Rundreise hier Halt machte! Er bekam also selbstverständlich die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und später die &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Im ganzen Kongo gab es damals erst 47 &#039;&#039;immatriculés&#039;&#039;!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war sehr beeindruckend. Sogar der alte Nkasi erinnerte sich an ihn. »Joseph Lema, der war vollkommen mundele.« Der Vater trat auch dem Betriebsrat von Otraco bei und wurde später sogar Mitglied des Provinzialrats. Er gehörte zu der ersten Gruppe Einheimischer, die etwas Mitspracherecht in der Verwaltung hatten. Jamais Kolonga kramte in einem schmuddeligen braunen Briefkuvert und zog ein Schwarzweißfoto heraus, von Feuchtigkeit und Termiten beschädigt. Es zerbröselte noch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier, das war er. Und das hier ist mein Patenonkel. Papa Antoine.« Ein Mann in Uniform, mit vielen Orden. »Er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ein guter Freund meines Vaters.« Auf der Rückseite des Fotos sah ich die Handschrift seines Vaters. Äußerst elegant und regelmäßig war sie, strotzend vor Selbstvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin Jahrgang 1935. Ich wurde in Kinshasa geboren. Mit meinem Vater sprach ich Französisch, mit meiner Mutter Kikongo, überall sonst wurde Lingala gesprochen. Meine Eltern kamen aus demselben Dorf. Auch wenn meine Mutter mit einem &#039;&#039;évolué&#039;&#039; verheiratet war, ging sie doch jedes Jahr für sechs Wochen zurück in ihr Dorf. Dort muss sie gestochen worden sein. 1948 ist sie an der Schlafkrankheit gestorben. Mittlerweile ging ich in die Schule von Saint-Pierre, also die Schule von Hochwürden Raphaël de la Kéthulle. In den Pausen durfte ich seine Bibliothek ordnen. Und wenn ein großer Fußballwettkampf war, durfte ich den Ball aus seinem Büro holen und in den Anstoßkreis legen. Eine Militärkapelle spielte, und ich marschierte als Kleinster in die Mitte. De la Kéthulle hat mir beigebracht, mutig zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte es mir gern vorgeführt, aber seine schmerzende Hüfte erlaubte es ihm nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was haben Sie nach der Grundschule gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte Priester werden. Zwei Jahre lang habe ich Latein und Griechisch gelernt am kirchlichen Gymnasium von Kibula, bei Kinshasa. Das war bei den Redemptoristen. Aber dann haben sie mich rausgeworfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil ich kein Maniokbrot mochte. Ich konnte es einfach nicht essen. Sie meinten, ich solle mich nicht so haben. Jacques Ceulemans hieß der Mann, der mich rausgeworfen hat. Den Namen habe ich bis heute nicht vergessen. Er hatte kein bisschen Mitleid. Ich mochte es wirklich nicht. Er war die größte Enttäuschung meines jungen Lebens, aber nach der Unabhängigkeit, als ich in der Presseabteilung des Premierministers gearbeitet habe, da habe ich, kraft meines Amtes, &#039;&#039;ihn&#039;&#039; rausgeworfen. Das war damals, als die Soldaten gemeutert haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehnsucht, Enttäuschung, Abrechnung: ein bekannter psychologischer Prozess. Auch für Jamais Kolonga war das Priesteramt ein glühender Wunschtraum gewesen, aus dem man ihn brutal geweckt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schließlich habe ich die Schule in Kinshasa abgeschlossen, auf dem Collège Sainte-Anne, der Oberschule von de la Kéthulle. Dort saßen wir alle zusammen. Thomas Kanza, Cardoso, Boboliko, Adoula, Ileo. Bolikango auch, der war etwas älter.« Sie alle waren Persönlichkeiten, die nach der Unabhängigkeit Schlüsselfunktionen innehatten. Bolikango verhandelte in Brüssel über die Unabhängigkeit, Adoula, Ileo und Boboliko waren jeder eine Zeitlang Premierminister, Kanza war der erste Botschafter des Kongo bei den Vereinten Nationen, Cardoso war Bildungsminister . . . »Wir waren bei den Scheutisten. Das andere College gehörte den Jesuiten. Dort waren unter anderem Bomboko, Kamitatu, Albert Ndele.« Noch mehr klingende Namen aus der kongolesischen Geschichte. Die ersten beiden wurden Außenminister, letzterer Direktor der Nationalbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Umgebung, was für ein Zeitbild . . . Das war die &#039;&#039;jeunesse dorée&#039;&#039; des Kongo. Dort wurde eine junge, urbane Elite ausgebildet, die vor Ehrgeiz fast platzte. Keine Generation vor oder nach ihnen hat einen so guten Unterricht genossen. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Weißen blieb bestehen, doch die Angst einer vorherigen Generation schlug bei ihnen um in Momente von Schneid, gewiss bei einem Mann wie Jamais Kolonga. Noch immer gurrte er vor Spaß, wenn er an Monsieur Maurice dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1952 fing ich bei Otraco an. Monsieur Maurice war einer der Chefs. Es gab einen Lift für die Weißen und eine Treppe für die Schwarzen, sogar für die Angestellten. Ich nahm einfach den Lift, denn ich musste in den dritten Stock. Eines Tages stand ich mit diesem grandiosen Monsieur Moritz im Lift. Ich hatte noch dazu eine Weinfahne. Weil mein Vater &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war . . . Bon. Moritz gab mir eine Ohrfeige, und dann haben wir uns geprügelt. Es endete schließlich auf der Gendarmerie von Otraco. Ich war echt ein kleiner Rowdy im Betrieb, ja.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo der Nachkriegszeit war in vollem Umbruch, und die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren der deutlichste Beweis dafür. Es herrschte ein Klima hoffnungsvoller Erwartungen. Den Höhepunkt bildete zweifelsohne die berühmte Rundreise von König Baudouin im Mai und Juni 1955. Zum ersten Mal besuchte ein belgischer Monarch nicht nur die Machtzirkel und die Jagdreservate der Kolonie, sondern nahm sich auch ausgiebig Zeit, dem Volk zuzuwinken. Es wurde ein Riesenerfolg, ein totaler Rausch, eine beispiellose Euphorie. Junge Männer kletterten auf Bäume, um dem König zuzuwinken, Frauen trugen &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; mit einem Abdruck von Baudouins Konterfei, Kinder schmetterten die Brabançonne.79 Der Monarch und sein Gefolge reisten kreuz und quer durchs Land, wie ein Wanderzirkus, der überall mit Gesang und Tanz empfangen wurde. In Stanleyville wurde der König von Männern des Bakumu-Stammes getragen. In Elisabethville liefen die Frauen hinter ihm her: »Unser König ist so jung und so schön! Gott schütze ihn!« (&#039;&#039;Unser&#039;&#039; König, nannten sie ihn; das war das erste Mal.) In Kinshasa hatte man geplant, ihn von Victorine Ndjoli, dem Fotomodell mit Führerschein, chauffieren zu lassen, aber daraus wurde nichts. &#039;&#039;Mwana kitoko&#039;&#039; wurde er genannt, schöner junger Mann, denn er war noch immer blutjung und unverheiratet. Alle wollten ihn sehen. Ihm in die Augen zu schauen oder ihn zu berühren, sollte Glück bringen. Kinder in der Provinz, die noch nie Schuhe getragen hatten, bekamen eigens für diesen Tag ihr erstes Paar. »Es war gar nicht so einfach, damit zu laufen«, erzählte mir jemand, der damals eines der Kinder war, »aber wir haben trotzdem viel gelacht.«80 Heute sieht man im Haus von betagten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; neben dem Hochzeitsfoto noch immer ein offizielles Porträt von König Baudouin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Orte, die der König auf seiner Reise besuchte, war Lingwala, das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. »Er wollte mit eigenen Augen die Häuser sehen, die mit königlichen Mitteln erbaut worden waren«, sagte Jamais Kolonga. »Und deshalb hat er das Haus meines Vaters besucht, das hier auf diesem Grundstück stand.« Er deutete mit seiner Krücke durchs Fenster, auf die Stelle, wo der Mais vor sich hin welkte. »Das Haus steht heute nicht mehr, aber damals kam Madame Detiège vorbei, die Fürsorgerin von Otraco. Sie kontrollierte die Polstermöbel und richtete das Haus her. Die Wände wurden neu gestrichen, und sie stellte Blumen auf den Tisch. König Baudouin kam zusammen mit dem Generalgouverneur. Sie haben sich so zehn, fünfzehn Minuten mit meinem Vater unterhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist kaum zu glauben, dass sein Vater nur wenige Jahre später in demselben Haus täglich Besuch von einem Mann bekam, der das Verlangen nach Unabhängigkeit anzufachen wusste wie kein anderer. Dieser Mann war Kasavubu. Er würde einige Jahre später der erste Präsident des unabhängigen Kongo werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich viel verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele die Zeit vor der Ankunft der Weißen zurückgewünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hofften immer mehr Menschen auf einen weißen Lebensstil. Von einem Unabhängigkeitsfieber war noch nichts zu spüren, und doch hatte der Weltkrieg als mächtiger Katalysator gewirkt. Er hatte die Verletzbarkeit des Mutterlandes gezeigt und zu einer neuen Weltordnung geführt, in der Kolonialismus alles andere als selbstverständlich war. Die latente Spannung, die daraus resultierte, wurde 1955 von niemandem klarer in Worte gefasst als von Antoine-Roger Bolamba, Journalist, Schriftsteller und &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er war der größte kongolesische Dichter französischer Sprache während der Kolonialzeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Fleisch des Kampfes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf die rote Stunde des Einsatzes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über mir pfeift schon der Pfeil, der weiter, viel weiter bringen wird&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das schwindelerregende Feuer des Sieges81&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 6 Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Späte Entkolonialisierung, plötzliche Unabhängigkeit 1955-1960 ===&lt;br /&gt;
Und dann ging es plötzlich blitzschnell. 1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität. Dieses Tempo verblüffte fast jeden, wohl am meisten die Kongolesen selbst. Der belgische Kolonialismus, dem sie unterworfen waren, war ja von der Idee des allmählichen Übergangs durchdrungen. Schritt für Schritt sollte der Kongo von seinem archaischen Ursprung losgelöst werden und in die Moderne eintreten. Aus belgischer Perspektive war dieses Ziel noch lange nicht in Sicht. Das Land war seit dem Zweiten Weltkrieg zwar auf dem richtigen Weg, doch die »Kulturvermittlung« war nicht mal zur Hälfte vollbracht. »Unabhängigkeit?«, schnaubte der Missionar vom Heiligen Herzen Jesu und zukünftige Erzbischof Petrus Wijnants 1959 vor seinen Gläubigen. »Vielleicht in fünfundsiebzig, aber auf alle Fälle nicht in den nächsten fünfzig Jahren!«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte anders kommen. Aus dem allmählichen Übergang wurde ein Sturmlauf, Bedächtigkeit wich dem Chaos. Die Verantwortlichen? Niemand speziell. Oder besser gesagt: jeder. Die blitzschnelle Entkolonialisierung war nicht das Werk einer bestimmten Persönlichkeit oder Bewegung, sondern die Folge einer außerordentlich komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Akteuren. Man könnte es mit einer Tischtennispartie vergleichen, die ruhig beginnt, ein gelassenes Hin und Her des Balls, und sich mit einem Mal beschleunigt zu einem nervösen Match voller gezielter Schläge, gewiefter Topspins, bedrohlicher Schmetterbälle und gerissener Täuschungsmanöver. Immer schneller fliegt der Ball, so schnell, dass Spieler und Zuschauer gar nicht mehr richtig mitbekommen, was genau wo und wann passiert. Keiner hat mehr einen Überblick, aber jeder weiß: Es kann nicht mehr lange dauern. Und so geschah es auch im Kongo. Mit dem Unterschied, dass es mehr als zwei Spieler gab, und eigentlich auch mehr als einen Ball. Bei der Entkolonialisierung standen nicht nur Kongolesen Belgiern gegenüber; man konnte nicht von monolithischen Blöcken reden. Auf kongolesischer Seite gab es &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, Religiöse, Soldaten, Arbeiter, Bauern. Menschen aus Bas-Congo hatten andere Ambitionen als die Bewohner des Kivu oder Kasais. Menschen in den Dreißigern hatten andere Träume als Menschen in den Sechzigern. Aber sie alle kamen, früher oder später, und stellten sich um die Tischtennisplatte. Auf belgischer Seite gab es neben den Belgiern in der Kolonie die Belgier im Mutterland. Es gab Liberale, Katholiken und Sozialisten. Die Kirche und das Königshaus hatten andere Interessen als Unternehmen oder Gewerkschaften. In der Kolonie hatten die Beamten andere Wunschvorstellungen als die Plantagenbesitzer im Landesinneren oder die Missionare im Urwald. All diese Interessengruppen standen nebeneinander, sie standen sich einander gegenüber, oder sie hatten sich miteinander vermischt. Und dann gab es die Fans: UdSSR, USA und UNO standen laut schreiend auf den Tribünen, flankiert von jungen Staaten wie Ghana, Indien und Ägypten. Die Spieler wussten nicht, auf wen sie zuerst hören sollten, aber die kongolesischen Spieler bekamen als Underdogs deutlich mehr anfeuernde Zurufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann waren auch noch mehrere Bälle im Spiel: mindestens drei. Wollte man die Unabhängigkeit? Wann wollte man sie? Und wie sollte der unabhängige Kongo aussehen? Die letzte Frage betraf sowohl die innere Organisation des Landes (unitär oder föderal?) wie die externen Beziehungen zu Belgien (völlige Loslösung oder doch noch irgendeine Form von staatsrechtlicher Bindung?). Die Beantwortung dieser drei Fragen führte zu sehr verschiedenen Positionen. So konnte auf der einen Seite der Tischtennisplatte die bedingungslose und sofortige Unabhängigkeit gefordert werden, bei der alle Verbindungen zu Belgien gekappt werden und der Kongo unitär bleiben sollte, während man auf der anderen Seite für eine langsame Entkolonialisierung mit einer bleibenden Verbindung zum Mutterland und großer Autonomie für die verschiedenen Provinzen eintrat. Und dazwischen gab es noch ein Wirrwarr anderer Positionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war so, als würde eine ganze Weltmeisterschaft im Tischtennis zum selben Zeitpunkt auf einer einzigen Platte stattfinden. Die Folge waren Reibereien, Irritationen, Nervosität, Streitsucht, Euphorie, Verzweiflung und Wahnsinn. Und natürlich Tempo. Die Regeln änderten sich pausenlos. Die einzige Möglicheit, einen kühlen Kopf zu bewahren, lag im Fokussieren, in der bewussten Einschränkung des Blickfeldes, im verbissenen Festhalten an der eigenen Taktik; man durfte nur ein Auge für das eigene Spiel haben. So verhielten sich alle Beteiligten. Aber ein anderes Wort für Fokus ist Tunnelblick, und genau der bewirkte – bei allen Akteuren – Ignoranz. Die tragische Entkolonialisierung des Kongo war eine Geschichte mit vielen blinden Flecken und nur gelegentlichen Momenten der Klarheit. Aber hinterher ist leicht reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir schreiben das Jahr 1955, und noch immer befinden wir uns im Haus von Jamais Kolonga. Nach der Stippvisite von König Baudouin bekommt sein Vater immer häufiger Besuch von einem makellos gekleideten &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. »Kasavubu kam jeden Tag vorbei, hier, in dieses Haus.« Er deutete auf den Fußboden mit dem zerbröckelnden Beton. »Morgens und abends kam er, um mit meinem Vater zu diskutieren. Ich schenkte ihm Wein ein. Kasavubu war ein echter Gentleman.« Auf Fotos aus jener Zeit wirkt er tatsächlich sehr distinguiert. Tadelloser Anzug, modische Brille, Augen, die eher lächelten als laut lachten. Es wurde getuschelt, dass einer seiner Vorfahren ein Chinese gewesen sei, der um 1890 beim Bau der Bahnlinie zwischen Matadi und Léopoldville mitgearbeitet habe. Deshalb diese Augen, meinte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kam vierzig Jahre zuvor in Bas-Congo zur Welt, in einem Dorf hundert Kilometer nördlich von Boma, am Rand des Mayombe-Waldes. Rechnen und Lesen lernte er auf der Missionsstation der Scheutisten, und da er sich als sehr gelehrig erwies, durfte er das Gymnasium besuchen, damit er später eventuell Priester werden könnte. Er lernte Latein und Französisch und wechselte mit achtzehn ins Priesterseminar von Kabwe in Kasai. Es war das erste Mal, dass er Bas-Congo verließ. Nach drei Jahren Philosophie-Unterricht war er sich jedoch darüber im Klaren, dass er sich nicht zum Priester berufen fühlte. Er verließ das Seminar, wurde Lehrer, anschließend Angestellter und schließlich Beamter, doch ein Hauch von priesterlichem Pathos war ihm zeitlebens eigen. Ein leidenschaftlicher Redner wie Lumumba wurde er nie. Seine Stimme war schwach und hoch, die Modulation flach und tonlos. Das Publikum bekam er nur mit Mühe still. Er war unverkennbar intelligent, doch seine Intelligenz beruhte eher auf harter Arbeit und gründlichem Nachdenken als auf angeborenem Esprit. In zahlreichen Diskussionen mit Geistesverwandten formten sich seine Ansichten zu klaren Standpunkten. Hatte er erst einmal einen festen Standpunkt gewonnen, verstand er sich auf die Kunst, ihn mit großer Entschiedenheit zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges war er, wie so viele junge Männer, nach Léopoldville gegangen. Als 25-Jähriger war er als Beamter bei der Finanzverwaltung der Kolonialregierung eingestellt worden. Damit wurde er Teil der neuen, schwarzen, urbanen Elite. Nach Feierabend diskutierte er mit Leuten wie dem Vater von Jamais Kolonga über den Status der Bakongo in Léopoldville. Sie waren sich darin einig, dass &#039;&#039;sie&#039;&#039; die ursprünglichen Bewohner des Gebiets um die Hauptstadt seien und ereiferten sich darüber, dass nicht ihre Sprache, sondern das Lingala, die Sprache der flussaufwärts im Urwald lebenden Bangala, im Begriff war, zur Lingua franca der Stadt zu werden. Waren die Bakongo nicht zuerst hier gewesen? Und waren sie nicht am zahlreichsten vertreten? Warum fand der Schulunterricht dann auf Lingala statt? Gab es denn nicht so etwas wie das Recht dessen, der zuerst Besitz ergreift? Dieser Slogan war ein grandioser Fund: Er entstammte der Kolonialrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts, direkt übernommen von der Berliner Konferenz, aber Kasavubu übertrug ihn auf die städtische Situation der vierziger und fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie dachten auch über soziale und gesellschaftliche Probleme im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit nach. Mit welcher Berechtigung verdienten die Weißen so viel mehr als die &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, auch noch dann, wenn Letztere eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen? Auch hier goss Kasavubu seine Empörung in einen kühnen Slogan: &#039;&#039;»à travail égal, salaire égal«&#039;&#039;, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Eine entschieden zugespitzte Äußerung für jemanden, der sonst eher weitschweifig redete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Hauptstadt trat Kasavubu Adapes bei, der Vereinigung ehemaliger Scheutisten-Schüler. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer des Vereins, ein Amt, das er bis 1956 innehatte und bei dem er sehr viele Kontakte mit der jungen, hauptstädtischen Oberschicht unterhielt. Der Alumni-Club zählte damals fünfzehn- bis achtzehntausend Mitglieder.2 1955 übernahm Kasavubu auch noch die Leitung der Abako, der tribalen Vereinigung, die sich schon seit einigen Jahren für die Sprache und Kultur der Bakongo in Léopoldville einsetzte. Mit seinem Vorsitz war ein radikaler Umschwung verbunden. Kasavubu formte die Abako zu einer explizit politischen Organisation um und legte damit den Grundstein für die Politisierung der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und faktisch auch für den Beginn der Entkolonialisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Jahr 1955 wurde auch durch eine andere Begebenheit ein Jahr der Weichenstellung, wenngleich kein &#039;&#039;évolué&#039;&#039; in Belgisch-Kongo es erahnen konnte. Denn das Ereignis fand in Belgien statt, und nur wer die niederländische Sprache beherrschte, bekam es mit. Im Dezember jenes Jahres erschien in der Zeitschrift der flämischen katholischen Arbeiterbewegung ein Beitrag mit dem Titel »Ein Dreißigjahresplan für die politische Emanzipation Belgisch-Afrikas«. Jef Van Bilsen, der Autor, war ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Belga. Er war lange im Kongo tätig gewesen und hatte dort auch als Dozent an der kolonialen Universität unterrichtet. Der Tenor des Artikels war, dass sich die Kolonie endlich darum kümmern müsse, eine intellektuelle Oberschicht heranzuziehen. Es müsse eine Generation von Ingenieuren, Offizieren, Ärzten, Politikern und Beamten ausgebildet werden, damit der Kongo so um das Jahr 1985 herum mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen könne.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als gewöhnlich behauptet handelte sich Van Bilsen mit seinem Plan zunächst keine scharfe Zurechtweisung ein. Sowohl in Belgien wie auch im Kongo stieß er, auch außerhalb der progressiven Kreise, auf wohlwollendes Interesse. Seine Vorstellungen einer langsamen Emanzipation knüpften ja an die Idee des allmählichen Übergangs an, die die koloniale Dreifaltigkeit seit Dezennien vertrat. Sein Dreißigjahresplan sollte für die Politik bewirken, was der Zehnjahresplan von 1949 für die Infrastruktur und die Wirtschaft bewirkt hatte: das Land langsam, aber stetig zu modernisieren. Er brach nicht mit dem bestehenden Paradigma, sondern dachte es weiter bis in die letzte Konsequenz. Dass er das Jahr 1985 als Zeitpunkt benannte, machte das Ganze allerdings sehr konkret, doch auch dabei dachte er nicht in Begriffen einer vollkommenen Unabhängigkeit: Nach diesem Datum sollten Belgien und der Kongo noch durch die Krone miteinander verbunden sein und gemeinsam eine Art Konföderation bilden, eine Völkergemeinschaft &#039;&#039;à deux&#039;&#039; sozusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1956 erschien der Artikel in französischer Übersetzung, und das brachte den Stein ins Rollen. Kopien zirkulierten in den Vierteln der Einheimischen in Léopoldville, den Vierteln, in denen jeden Morgen Tausende von Menschen aufbrachen, häufig barfuß, um in den Lagerhallen, Seifenfabriken oder Brauereien der Europäer zu arbeiten, den Vierteln, in die jeden Abend die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; zurückkehrten nach ihrer täglichen Arbeit als Typist oder Sachbearbeiter bei einem weißen &#039;&#039;patron&#039;&#039;, den Vierteln, wo Einzelne bei einem Glas portugiesischen Weins bis spät in die Nacht über die Weltlage diskutierten. Warum redete der Chef sie immer mit Victor oder Antoine an und nie mit &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Victor oder &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Antoine? Warum sagte jeder Weiße &#039;&#039;tu&#039;&#039; zu einem und niemals &#039;&#039;vous&#039;&#039;, nicht mal, wenn man Manschettenknöpfe und einen weißen Kragen trug? In diesen begrenzten Kreisen fand Van Bilsens Artikel reißenden Absatz. Ein Weißer, der öffentlich über die politische Emanzipation der Schwarzen nachdachte: War das wirklich möglich? Ein Plan, in dem von einem Universitätsstudium und neuen Chancen die Rede war: War das nicht ein Traum? Es war, als breche ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke ihres Daseins. Es würde also nicht auf ewig so bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht mehr als ein Flugblatt, aber Kasavubu war erbost, als er es in die Hände bekam. &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; stand darauf, Juli-August 1956. Das unregelmäßig erscheinende Blättchen mit katholischem Hintergrund, das erst seit ein paar Jahren existierte und nur eine kleine Auflage hatte, wurde von Joseph Ileo geleitet, einem Mann aus der Provinz Équateur. Unter den sechs Redakteuren waren viele ehemalige Schüler von tata Raphaël; einer von ihnen war Inhaber einer &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein anderer war sogar im Besitz einer &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Die bewusste Ausgabe bestand hauptsächlich aus einem langen, anonymen Artikel mit dem unerschrockenen Titel &#039;&#039;»Manifeste«.&#039;&#039; Die Autoren hatten Van Bilsens Plan gut studiert, das sah Kasavubu gleich. »Die kommenden dreißig Jahre sind für unsere Zukunft entscheidend«, las er. »Die Belgier müssen künftig einsehen, dass ihre Herrschaft über den Kongo nicht ewig währen wird.«4 Der Text sprach, ganz auf der Linie von Van Bilsen, über politische Emanzipation und allmähliche Veränderung; es wurde eine gemeinsame belgisch-kongolesische Initiative befürwortet, und es war die Rede von einer Atmosphäre der Brüderlichkeit, die jeder Form von Rassenunterschieden ein Ende machte. Hatte König Baudouin während seiner Reise denn nicht selbst ein gutes Beispiel gegeben? Der Text fuhr fort: »Wir fordern die Europäer auf, ihre Haltung der Missachtung und Rassentrennung aufzugeben, um die fortwährenden Kränkungen, die wir erleiden müssen, zu verhindern. Wir fordern sie außerdem auf, ihre herablassende Haltung aufzugeben, die unser Selbstwertgefühl verletzt. Wir mögen es nicht, ständig wie Kinder behandelt zu werden. Begreifen Sie doch, dass wir anders sind als Sie und dass wir, während wir uns die Werte Ihrer Kultur zu eigen machen, gleichzeitig wir selbst bleiben möchten.«5 Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte nicht mehr länger nur warten und hoffen, wie er es schon seit Jahren tat, denn das blieb vergeblich, sondern wollte auch auf seine eigene Kraft vertrauen können. In Großbuchstaben stand dort ferner: »Wir wollen kultivierte Kongolesen sein, keine ›Europäer mit schwarzer Haut‹.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kochte vor Wut. Nicht, dass er nicht einverstanden gewesen wäre mit diesen Thesen, im Gegenteil. Nur: Woanders das lesen zu müssen, was er selbst schon seit Jahren dachte, das wurmte ihn. Außerdem stammte fast die gesamte Redaktion von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; aus der Provinz Équateur, während er, Kasavubu, gerade der Vorsitzende der größten Bakongo-Vereinigung geworden war. Sollten diese Lingala-Sprecher, die Bangala, in der Hauptstadt jetzt auch noch die Initiative im politischen Kampf übernehmen? Es ist kaum bekannt, doch ethnische Rivalität in den großen Städten spielte bei der Entkolonialisierung eine ebenso große Rolle wie die Ablehnung der Fremdherrschaft, wie künstlich viele dieser »Stämme« auch waren. Die »Bangala«, über die Kasavubu sich so ärgerte, waren als homogener Stamm eine Konstruktion des &#039;&#039;Bureau international d&#039;éthnographie&#039;&#039; (im Äquatorialwald existierte ein Flickenteppich von Kulturen, einen übergreifenden Stammesverband hatte es dort nie gegeben), doch diese Erfindung von Ethnographen aus den Jahren um 1910 wurde, dank der Missionsschulen, im Kinshasa der fünfziger Jahre sehr real.7 Die Bakongo wollten den Bangala nicht nachstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Wochen später rief Kasavubu die Abako-Mitglieder zusammen, um das Manifest von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; zu studieren und zu kommentieren. Im August 1956 erschien ihr »Gegenmanifest«. Es sollte den ersten Text übertreffen, ja, am besten zu Makulatur machen. Der Ton war viel radikaler und der Inhalt durchgehend revolutionär. Van Bilsens Dreißigjahresplan und &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039;? »Wir unsererseits wollen nicht an der Ausführung dieses Planes mitarbeiten, sondern einzig und allein an seiner Abschaffung, denn die Umsetzung würde für den Kongo nur zu mehr Verzögerung führen. Im Kern geht es bloß wieder um das ewige Wiegenlied. Unsere Geduld ist längst am Ende. Da die Zeit reif ist, müssen sie uns noch heute die Selbstbestimmung zuerkennen, statt sie noch einmal dreißig Jahre aufzuschieben. Späte Emanzipationen hat die Geschichte nie gekannt, denn wenn die Zeit gekommen ist, warten die Völker nicht mehr.«8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das mit den Völkern war natürlich übertrieben. Kasavubu hatte nicht das kongolesische Volk hinter sich, und auch große Teile »seines« Bas-Congo kannten nicht einmal seinen Namen. Er sprach allenfalls im Namen der Kikongo-sprachigen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; in der Hauptstadt. Doch in den Kreisen der Kolonialmacht schlug der Text ein wie eine Bombe. Es war das allererste Mal, dass einige Kongolesen so offen die baldige Unabhängigkeit forderten. An einer Konföderation mit dem Mutterland hatten sie wenig Interesse. Und die Einheit der Kolonie war ihnen offenbar auch nicht heilig; wie es schien, setzten sie sich nur für Bas-Congo ein. Viele Vertreter der Kolonialmacht reagierten mit Entrüstung. Sie sprachen von »Wahnsinn«, einem »Wettrennen in den Selbstmord«, einem »Rassismus, der schlimmer ist als der, gegen den man angeblich vorgeht«.9 Jef Van Bilsen wurde zum Sündenbock gestempelt. Er habe, so die herrschende Meinung, die Büchse der Pandora geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialisten kam der Ruf nach Unabhängigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel, doch das sagt viel darüber aus, in welch einer geschlossenen Welt sie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ja in Asien eine erste Entkolonialisierungswelle in Gang gekommen. Innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1946 und 1949, waren die Philippinen, Indien, Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig geworden. Diese Dynamik sprang auf Nordafrika über, wo Ägypten das britische Joch abwarf und Marokko, Tunesien und Algerien sich warm liefen für mehr politische Autonomie. Politiker wie Nehru, Sukarno und Nasser unterhielten gute Kontakte untereinander. Das kulminierte 1955 in der höchst wichtigen Bandung-Konferenz auf Java, einem afro-asiatischen Gipfel, wo neue Staaten und nach Unabhängigkeit strebende Länder den Kolonialismus einhellig auf den Müllplatz der Geschichte verwiesen. »Der Kolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist ein Übel, das so schnell wie möglich enden muss«, stand in der Abschlusserklärung.10 Vertreter des Kongo waren nicht in Bandung, aber eine Delegation aus dem Nachbarland Sudan, das wenige Monate später unabhängig werden sollte. Außerdem begannen nach dieser Konferenz Rundfunksender von ägyptischem und indischem Boden aus den Antiimperialismus zu verbreiten. Über Kurzwelle konnte man im Kongo &#039;&#039;La Voix de l&#039;Afrique libre&#039;&#039; aus Ägypten empfangen und &#039;&#039;All India Radio&#039;&#039;, das sogar Sendungen in Swahili ausstrahlte.11 Ihre Botschaft wurde durch eine technische Neuerung verbreitet: das Transistorradio. Ein kleines, erschwingliches Gerät hatte dadurch große Folgen. Man brauchte nicht länger auf Marktplätzen und an Straßenecken zu stehen und sich die amtlichen Bulletins von &#039;&#039;Radio Congo Belge&#039;&#039; anzuhören, sondern konnte im Wohnzimmer heimlich verbotene ausländische Sender empfangen, die wiederholten, dass Afrika den Afrikanern gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der zunehmenden Stimmung des Unmuts etwas entgegenzusetzen, entschloss sich Brüssel schließlich, eine erste Form der Machtbeteiligung einzuführen. Schon seit zehn Jahren debattierte die Politik über Formen einheimischer Mitbestimmung in den Städten, doch 1957 wurde endlich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In einigen großen Städten sollten die Viertel der Einheimischen eigene Bürgermeister und Gemeinderäte bekommen. Auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie erlangten Kongolesen dadurch zum ersten Mal konkrete Macht. In der Praxis hatten die Kolonialbeamten bereits bemerkt, dass informelle Bezirksräte gut arbeiteten, um lokale Probleme zu lösen, insbesondere, wenn die Gemeinschaft selbst die Mitglieder dieser Räte ernannt hatte.12 Künftig sollten die Mitglieder durch formelle Wahlen bestimmt werden; die Bürgermeister standen allerdings noch immer unter der Kontrolle eines belgischen »Oberbürgermeisters«. Ende 1957 wurden zum ersten Mal in der Geschichte Belgisch-Kongos Wahlen abgehalten, freilich nur in den Städten Léopoldville, Elisabethville und Jadotville. Nur erwachsene Männer durften ihre Stimme abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war zu diesem Zeitpunkt eine der Kolonien in Afrika, die in puncto Urbanisierung, Proletarisierung und Schulbildung weit vorn lagen. 22 Prozent der Bevölkerung lebten in der Stadt, 40 Prozent der aktiven männlichen Bevölkerung standen in einem Arbeitsverhältnis, und 60 Prozent der Kinder besuchten die Grundschule.13 Diese Situation war ebenso neu wie prekär. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre waren die Löhne spektakulär gestiegen, doch ab 1956 stagnierte das Wachstum, und es kam sogar zu einem erheblichen Rückgang. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt führten zu wirtschaftlicher Verlangsamung (unter anderem durch das Ende des Koreakrieges). In den Städten kam es wieder zu Arbeitslosigkeit.14 In Léopoldville gab es schon bald rund zwanzigtausend Arbeitslose.15 Wer seinen Job verlor, zog zu Verwandten, die noch Lohneinkünfte hatten. Die Häuser und Grundstücke der &#039;&#039;cité&#039;&#039; waren nach einiger Zeit gedrängt voll.16 Überall schossen kleine Bars wie Pilze aus dem Boden. Alkoholismus und Prostitution stiegen dementsprechend an, denn wenn das Leben schwer ist, werden die Sitten leicht. In dieser Atmosphäre der Unruhe fanden die ersten Wahlen statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass nur erwachsene Männer teilnehmen durften, bedeutete nicht, dass Frauen und Jugendliche in politische Apathie verfallen waren. Gerade bei ihnen entstanden um diese Zeit alternative Formen eines gesellschaftliches Engagements: die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; und die &#039;&#039;bills&#039;&#039;. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; waren Frauenvereine, in denen sich erfolgreiche Frauen trafen, um gemeinsam zu sparen und sich über Modetrends auszutauschen. Das mochte recht banal erscheinen. Auf speziellen Festen hüllten sich die Mitglieder eines solchen Vereins alle in die gleichen neuen, luxuriösen Stoffe und prunkten damit. Aber das war zugleich auch ein Statement. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; gaben sich Namen wie &#039;&#039;La Beauté&#039;&#039;, &#039;&#039;La Rose&#039;&#039; oder &#039;&#039;La Jeunesse Toilette&#039;&#039;, auf Französisch, weil das in hohem Ansehen stand. Sie reagierten so auf ihre Weise auf die Kluft zwischen Mann und Frau. Sie übernahmen die Sprache der männlichen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und unterstrichen ihren eigenen gesellschaftlichen Fortschritt. Die Mitglieder waren Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Händlerinnen. Victorine Ndjoli, die Frau, die als erste den Führerschein gemacht hatte, gründete mit einigen Freundinnen &#039;&#039;La Mode&#039;&#039;: »Wir waren von der europäischen Mode beeinflusst, die wir in den Katalogen verfolgen konnten. Die französischen Namen bewiesen, dass wir die Schule besucht hatten und gebildet waren. Frauen erhielten erst sehr spät das Recht, Französisch zu lernen, also war Französisch zu sprechen etwas, wodurch wir uns auf eine Ebene mit den Männern stellen konnten.«17 Auch die Rundfunksprecherin Pauline Lisanga war Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele dieser &#039;&#039;moziki&#039;&#039; schlossen sich mit einer der populären Bands der Stadt zusammen. Das Wort »&#039;&#039;moziki&#039;&#039;« kommt übrigens von Musik. &#039;&#039;La Mode&#039;&#039; von Victorine Ndjoli war unbedingter Fan von OK Jazz, dem Orchestre Kinois von François Luambo Makiadi, genannt Franco, dem Mann, der bis heute als größter Gitarrist und Komponist der kongolesischen Rumba gilt und der – in einer weniger anglozentrischen Geschichte der schwarzen Musik – seinen Platz neben B. B. King, Chuck Berry und Little Richard einnehmen würde. Franco de Mi Amor nannten sie ihn, &#039;&#039;le sorcier de la guitare&#039;&#039;, Franco-le-Diable. Victorine ging mit ihren Freundinnen zu seinen Auftritten (eine von ihnen heiratete er sogar), sie tranken &#039;&#039;mazout&#039;&#039;, Bier mit Limonade. Es musste Bier der Marke Polar sein, denn das kam von Bracongo, der Brauerei, in der um diese Zeit ein gewisser Patrice Lumumba seine Arbeit aufnahm. »Ich war für Lumumba, wir unterstützten seinen MNC«, sagte Victorine. Diese Entscheidung lag nicht unbedingt auf der Hand in einer Stadt, in der Abako das Zepter schwang. »Als er starb, haben wir alle getrauert.«18 Frauen durften nicht wählen, aber Mode, Musik, Ausgehen, Trinken und Tanzen bekamen auch eine politische Bedeutung. Sie stimmten mit dem Glas ab. Primus, das Bier der Konkurrenz, tranken ja die Anhänger von Kasavubu.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es die Jugendlichen. Nach einem halben Jahrhundert Geburtenmangel stiegen die Bevölkerungszahlen seit den fünfziger Jahren erheblich. Zwischen 1950 und 1960 wuchs die Zahl der Kongolesen um 2,5 Millionen. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das Land rund 14 Millionen Einwohner. Der Kongo verjüngte sich: Mitte der fünfziger Jahre waren 40 Prozent der Bevölkerung jünger als fünfzehn.20 Die Jugend wurde eine sehr wichtige Bevölkerungsgruppe, nicht nur in demographischer, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; waren die erste Jugendkultur in der Kolonie.21 Was die &#039;&#039;nozems&#039;&#039; für Amsterdam waren, die &#039;&#039;zazous&#039;&#039; für Paris und die &#039;&#039;teddy boys&#039;&#039; für London, waren die &#039;&#039;bills&#039;&#039; für Léopoldville. Sie ließen sich von den Westernfilmen inspirieren, die in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; gezeigt wurden. Wie der Name bereits ahnen lässt, war Buffalo Bill ihr Held. Sie sprachen eine eigene Jugendsprache, das &#039;&#039;hindubill&#039;&#039;, und pflegten einen eigenen Kleidungsstil: Halstücher, Jeans und hochstehende Hemdkragen, die auf den Wilden Westen verwiesen und womit zugleich die tadellos gekleideten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; verspottet wurden. Die wiederum machten sich große Sorgen über die Verlotterung der Jugend. Alles die Schuld verderblicher Filme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Kino müssen Zügel angelegt werden. Kriminalfilme und Cowboyfilme sind sehr beliebt. Alle diese Szenarien zeigen den Zuschauern, oftmals Jugendlichen und nicht selten sogar Kindern, wie man stehlen, töten und, mit einem Wort, Schlechtes tun kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man die Anzeigen und Plakate sieht, wähnt man sich zuweilen im Reich der Brutalität und der Sinnlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollen wir unseren Söhnen und Töchtern Zurückhaltung, Güte, Nächstenliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen beibringen? Das große Übel steckt in den Kinosälen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sieht man anderes in diesen Etablissements als die erotischsten Filme, die aus den wolllüstigsten Szenen bestehen, über die dann noch eine die Sinne aufreizende Musik gekleistert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends habe ich einmal einer Filmvorführung beigewohnt. Im Saal waren alles in allem zehn Erwachsene. Der Rest? . . . Kinder von 6 bis 15 Jahren. Der Saal war voll von diesen »Knirpsen«. Ein Höllenlärm . . . Die Bengel zappelten vor Ungeduld . . . Die Leinwand leuchtete auf . . . Ein Cowboyfilm . . . Applaus . . . Freudenschreie . . . Ein Liebesabenteuer . . . Überall Küsse und »ha!« in allen Ecken . . . Danach die Faustkämpfe und Pistolenschüsse, die bei der Jugend eine unbeschreibliche Freude erwecken . . . Zwei schlechte Filme . . . Nach der Vorführung begann die Wiederholung dessen, was wir in den letzten zwei Stunden auf der Leinwand gesehen hatten. Man belästigte junge Mädchen, die aus der Vorstellung kamen, indem man sie auf die Wangen küsste . . . Man lief mit einem Stock hintereinander her und imitierte das Geräusch einer Pistole, um die Cowboys nachzuäffen . . . Das waren die moralischen Lektionen der Vorstellung dieses Abends . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erbärmlich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das Kino wird zu einer Schule für Gangster in Belgisch-Kongo werden, falls die Vorführung bestimmter Filme in der cité oder in den centres extra-coutumiers nicht verboten wird.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; galten als Unruhestifter, die sich die Zeit mit Diebstahl, Zügellosigkeit und Marihuana vertrieben. Die Jugendkriminalität in den Städten nahm in dieser Zeit tatsächlich zu, aber es ging weniger um schwere Verbrechen als eher um den Diebstahl eines Korbes Papayas oder höchstens eines Fahrrades.23 Trotzdem war das etwas Neues. Die elterliche Autorität bröckelte, das Ansehen des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde verspottet, vom Einfluss des traditionellen Häuptlings war längst nichts mehr übrig. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; organisierten sich in Gangs, die ihre eigenen Territorien in der Stadt beanspruchten und ihnen Namen wie Texas oder Santa Fe gaben. Explizit politisches Interesse hatten sie nicht im Geringsten, doch sie stifteten ein Klima der Rebellion und des Widerstandes, das leicht entflammbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Juni 1957, strömten sechzigtausend Zuschauer in das Stade Roi Baudouin von Raphaël de la Kéthulle zu einem historischen Fußballspiel: F. C. Léopoldville, der Vorläufer der ersten Nationalmannschaft, nahm es gegen Union Saint-Gilloise aus Brüssel auf, einen der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des belgischen Fußballs.24 Eine Premiere. Zum ersten Mal spielte ein kongolesisches Team gegen eine belgische Elf in der Kolonie. Es wurde ein heftiges Match mit einem unerquicklichen Ende. Ein belgischer Armeeoffizier fungierte als Schiedsrichter, und seine Entscheidungen sorgten für Unmut. Als er bei zwei kongolesischen Treffern Abseits pfiff, wurde die Menge wütend. Das Spiel endete mit 4:2 für die Belgier. Schiebung!, riefen die Fans. Beim Verlassen des Stadions reagierten &#039;&#039;bills&#039;&#039;, Arbeiter, Arbeitslose, arme Schlucker, erboste &#039;&#039;mamans&#039;&#039; und Schüler ihren Frust an der Umgebung ab. Es wurde herumgebrüllt, Fäuste flogen. Jugendbanden und Umstehende eilten herbei und beteiligten sich an den Scharmützeln. Autos von Weißen, die das Stadion verlassen wollten, wurden mit Steinen beworfen. So etwas hatten die Vertreter der Kolonialmacht noch nie erlebt. Sollte Fußball nicht die Aggressionen des Volkes in geordnete Bahnen lenken? Die Polizei musste einschreiten. Als alles vorbei war, zählte man vierzig Verletzte und fünfzig lädierte Autos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zunehmenden Spannungen bildeten auch den Hintergrund der Wahlen vom 8. Dezember 1957. 80 bis 85 Prozent der Wahlberechtigten erschienen, das war ein Riesenerfolg. In Léopoldville hatte die Abako ausgezeichnete Arbeit geleistet und schaffte es sogar, Wähler für sich zu gewinnen, die keine Bakongo waren. Sie erlangte 139 der 170 Sitze im Gemeinderat. Von den acht für Einheimische vorgesehenen Bürgermeisterämtern erhielt sie sechs. In Elisabethville erzielten die Migranten aus Kasai, die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, einen stattlichen Stimmenanteil. Außerdem verbuchte die Union congolaise, eine katholische, pro-belgische Vereinigung von &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ein gutes Ergebnis. Es wurden auch neun Weiße gewählt.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Brüssel waren die erfolgreich und korrekt abgelaufenen Wahlen der Beginn einer kontrollierten Demokratisierung der Kolonie. Auch andernorts sollten nun auf lokaler Ebene Wahlen abgehalten werden, gefolgt von Wahlen auf Provinzebene und noch später auf Landesebene. Doch für diesen allmählichen Übergang war es zu spät, meinte Kasavubu. Als er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Dendale in Léopoldville antrat, machte er genau das, was Lumumba 1960 bei seiner Amtseinsetzung als Premierminister tun würde: Er hielt eine flammende Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratie wird nicht eingeführt, wenn man, um das demokratische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, noch Beamte ernennt statt vom Volk gewählte Vertreter. Die Demokratie wird nicht errichtet, wenn wir auf der Seite der Polizei keine kongolesischen Kommissare sehen. Das Gleiche gilt für die Armee: Wir kennen keine kongolesischen Offiziere, noch gibt es kongolesische Führungskräfte im Gesundheitswesen. Und was ist mit der Spitze des Bildungswesens und der Schulaufsicht? Es existiert keine Demokratie, solange kein allgemeines Stimmrecht herrscht. Der erste Schritt ist also noch nicht vollendet. Wir fordern allgemeine Wahlen und innere Autonomie.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte brachten Kasavubu eine Rüge der Obrigkeit ein, doch das berührte ihn kaum. Das Amt des Bürgermeisters verschaffte ihm neben einem hohen Gehalt immenses Ansehen bei der lokalen Bevölkerung. Also setzte er seine politische Kampagne fort. Die Wahlen brachten keine Ruhe in den Laden, sondern schürten die Unruhe noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Zeitbombe tickte weiter. 1955: Die Abako wird politisch. 1956: die Manifeste von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako. 1957: die Gemeinderatswahlen und die Unruhen. Doch das Jahr des großen Umbruchs sollte 1958 werden. Der unmittelbare Anlass war jedoch freundschaftlich geprägt und vollzog sich in einer Atmosphäre herzlicher Verbrüderungen: Expo 58. Nichts deutete darauf hin, dass das gemächliche Flanieren zwischen den Pavillons der Brüsseler Weltausstellung einen revolutionären Effekt haben könnte. Und doch war es so. Belgien blieb von diesem Weltjahrmarkt ein Atomium, dem Kongo ein akuter Hunger nach Autonomie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga konnte es bestätigen. Kleine Gruppen von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; durften schon seit einigen Jahren Studienreisen nach Belgien unternehmen, zur Weltausstellung aber wurden Hunderte Kongolesen, darunter eine große Gruppe von Soldaten, für einen Aufenthalt von mehreren Monaten eingeladen. Es schien eine Art Wiedergutmachung zu sein für die dreihundert Kongolesen, die 1897 in Tervuren zur Schau gestellt worden waren. Auch jetzt stand im Schatten des Atomiums ein kongolesisches Dorf, doch die meisten Belgienreisenden waren dort als Besucher. »Mein Vater durfte 1958 nach Belgien«, erzählte Jamais Kolonga. »Er war sehr beeindruckt von dem, was er dort sah. Europäer, die den Abwasch erledigten und die Straße fegten. Er wusste gar nicht, dass es das gab. Sogar weiße Bettler! Das hat ihm echt die Augen geöffnet.«27 Was für ein Kontrast zu dem Bild von Belgien, das er nur aus den Erzählungen der Missionare und dem Auftreten seiner Vorgesetzten kannte! Der Weiße war &#039;&#039;kein&#039;&#039; weit über ihnen stehender Halbgott. Eine Enttäuschung war diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil, sie weckte Hoffnung und Zuversicht. Und ließ Raum für eine gesellschaftliche Entwicklung, auch in Afrika. Außerdem stellten die Kongolesen fest, dass sie willkommen waren in den Brüsseler Restaurants, Cafés und Kinos, ja sogar in den Bordellen, wie geflüstert wurde.28 Auch das war ein Unterschied zum System der Segregation, das sie täglich in der Kolonie erfuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Expo-Besucher lernten nicht nur ein anderes Belgien kennen, sie lernten sich auch gegenseitig kennen. Menschen aus Léopoldville sprachen zum ersten Mal mit Menschen aus Elisabethville, Stanleyville, Coquilhatville und Costermansville. Aufgrund der immensen Weite des Landes und der Reisebeschränkungen gab es nur wenig Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen der Kolonie. Bauern migrierten in die Städte, aber Städter zogen selten oder nie in andere Städte um. Doch in den Monaten in Belgien tauschte man Erfahrungen aus, unterhielt sich über die Lage daheim und träumte von einer anderen Zukunft. Während der Expo traten auch belgische Politiker und Gewerkschaftsführer – sowohl des linken wie des rechten Spektrums – an einige der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; heran. Auch das trug zur politischen Bewusstwerdung bei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi alias »Élastique«, der Starfußballer von Daring, der Boy von Generalgouverneur Pétillon geworden war, hatte jedoch weniger Glück. Als ich ihn in Kikwit interviewte, erzählte er mir, dass er 1958 mit nach Belgien durfte, von der Expo jedoch nichts zu sehen bekommen hatte. »Wir reisten mit dem Flugzeug. Ich war als &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; von Pétillon mitgekommen. Ich blieb in Namur und musste kochen und die Wäsche waschen. Pétillon fuhr zur Weltausstellung und sah sich alle &#039;&#039;marchandise&#039;&#039; an. Kupfer, Diamanten, alles aus dem Kongo, alles aus allen Ländern.« Doch während der Generalgouverneur in Brüssel mit dem Herzog von Edinburgh und dem niederländischen Außenminister dinierte, blieb Longin in einer Küche in Namur zurück. »Ich habe dort richtig gegessen. Mit Besteck. Ich hatte gut aufgepasst, wie man das machte. Madame de Gouverneur schüttelte sich vor Lachen aus, wenn ich falsch aß. Es war sehr gut in Belgien. Ich bekam dort viele Geschenke. Ich hörte von Zügen, die unter der Erde verschwanden, und vom Seehafen. Namur war ein intelligentes Dorf, genau wie Kikwit.«29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon gefiel die ganze Sache mit der Expo überhaupt nicht. Dreihundert Kongolesen nach Brüssel holen und sie monatelang der Indoktrination durch gewisse belgische Elemente aussetzen? »In dem Trubel und Getümmel auf der Expo hatten diese völlig freies Spiel. Sie schafften es, sogar bei den Soldaten der Force Publique, ein schreckliches Werk der Unterminierung und Vergiftung zu vollenden. Es ist scheußlich, wenn man bedenkt, dass dies vor den Augen der belgischen Regierung geschah, die offenbar nicht erkannte, dass sich im Kongo zunehmend eine vorrevolutionäre Stimmung breitmachte.«30 Als Mann der Praxis hatte er dagegen doch ernsthafte Bedenken. Gerade deshalb wurde ihm während dieser Dienstreise angetragen, in Belgien zu bleiben und Kolonialminister zu werden. Sein Vorgänger, Auguste Buisseret, einer der seltenen Liberalen auf diesem Posten, hatte einen allzu ideologischen Kurs vertreten, unter anderem, indem er in der Kolonie Schulunterricht durch weltliche Lehrer einführte. Das schwächte die geschlossene Rangordnung der weißen Macht, meinten alle, die von einem untertänigen Kongo profitierten. Ein praktisch orientierter Minister musste her: lieber ein Feldforscher als ein Pedant. König Baudouin war dafür, Pétillon übernahm das Amt, warf aber schon nach vier Monaten das Handtuch. Und Longin sollte das Atomium niemals sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hingegen die Konstruktionen aus Stahl und Spannbeton auf der Expo bestaunen durfte, war ein junger Mann von 28 aus der Provinz Équateur. Er war der Sohn eines Kochs in der Missionsstation der Kapuziner und hatte in Léopoldville bei den Scheutisten die Grundschule besucht. Nach einem Jahr auf der Oberschule entschied er sich für eine Laufbahn bei der Force Publique. Er wurde dort Sekretär, Buchhalter und Typist und erlangte 1954 den Rang eines Unteroffiziers. Das Maschineschreiben gefiel ihm recht gut. Unter Pseudonym begann er, auf seiner Schreibmaschine Texte für Kolonialzeitungen wie &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; zu verfassen. 1956 quittierte er den Dienst bei der Armee, um Fulltime-Journalist zu werden. Zwei Jahre später durfte er mit nach Brüssel. Auf der Expo war er eine unauffällige Erscheinung, ein schlaksiger, schüchterner Mann, der in Gesprächen mit Europäern ständig die Floskel &#039;&#039;»n&#039;est-ce pas«&#039;&#039; einflocht&#039;&#039;.&#039;&#039; Zuvorkommend war er jedenfalls, ansonsten recht unbeholfen. Sein Name: Joseph Désiré Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzten Monate des Jahres 1958 waren besonders turbulent. Die Besucher der Weltausstellung kehrten in den Kongo zurück, der Unabhängigkeitskrieg in Algerien erreichte einen Höhepunkt, Marokko und Tunesien hatten sich vom kolonialen Joch befreit. Das Nachbarland Sudan wurde von einer britischen Kolonie zu einem autonomen Staat, und in Brazzaville sprach der französische Präsident Charles de Gaulle die historischen Worte: »Wer die Unabhängigkeit will, soll sie sich doch nehmen!« Es war als Provokation gedacht (denn wer den Rat befolgte, verlor sofort jegliche Unterstützung Frankreichs), doch auf der anderen Seite des Flusses verschluckten sich die Belgier an ihrem Kaffee, als sie das im Radio hörten.31 In den Vierteln der Einheimischen hingegen brach der Jubel los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. Oktober 1958 erhielt die Presseagentur Belga in Léopoldville eine Pressemitteilung, in der die Gründung einer neuen politischen Partei angekündigt wurde. An sich war das nicht so außergewöhnlich. Im selben Monat entstanden noch andere Parteien im Kongo: Cerea (&#039;&#039;Centre de regroupement africain&#039;&#039;) im Kivu, Conakat (&#039;&#039;Confédération des associations tribales du Katanga&#039;&#039;) in Katanga. Jede Provinz schien plötzlich ihre eigene regionale Partei zu wollen; die Wahlerfolge der Abako waren niemandem entgangen. Neu war freilich die radikal nationale Perspektive der Pressemeldung. Das zeigte sich schon im Namen der Partei: &#039;&#039;Mouvement National Congolais&#039;&#039; (MNC). In den Programmpunkten stand, dass man »energisch gegen alle Formen von regionalem Separatismus ankämpfen« wolle, denn die seien »unvereinbar mit den höheren Belangen des Kongo«. Abako hatte sich nur um Bas-Congo gekümmert, aber der MNC spielte entschlossen die nationale Karte aus. Der Kongo müsse befreit werden »aus dem Griff des imperialistischen Kolonialismus, und das im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Landes, innerhalb eines angemessenen Zeitraums und durch friedliche Verhandlungen«.32 Zum ersten Mal gab es eine einheimische politische Bewegung, die den Kongo als Ganzes betrachtete. Die Liste der Namen unter der Pressemeldung umfasste Menschen aus verschiedenen Gegenden und Völkern des Landes. Unter ihnen waren Bakongo, Bangala und Baluba, Leute aus dem katholischen, liberalen und sozialistischen Lager, Gewerkschaftsmitglieder und Journalisten. Der selbsternannte Vorsitzende hieß Patrice Lumumba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war 1925 in Onalua geboren, einem Dorf in Kasai. Ethnisch gehörte er zu den Batetela, jenem Stamm, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die große Meuterei während der arabischen Feldzüge angeführt hatte. Lumumbas Vater war ein Katholik mit einfacher Schulbildung, der für sein aufbrausendes Temperament und seine Sturheit bekannt war. Unbeirrbar trank er seinen selbst hergestellten Palmwein. Lumumba ging in evangelischen und katholischen Missionsposten zur Schule und zog während des Krieges, nach einigen Zwischenstationen im Landesinneren, in die große Stadt: Stanleyville. Dort wurde er einfacher Verwaltungsbeamter, ehe er als Angestellter bei der Post anfing. Die Post schickte ihn für eine Ausbildung nach Léopoldville, wo er sein mangelhaftes Französisch verbesserte und einen nahezu unstillbaren Wissensdurst entwickelte. Zurück in Stanleyville wurde er ein leidenschaftlicher Leser, der ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitete und keinen Vortrag oder Weiterbildungsabend versäumte. 1954 erlangte er die nur selten vergebene &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Sein Selbstvertrauen wuchs zusehends. Er betätigte sich außerordentlich aktiv im Vereinsleben der Stadt und füllte mühelos mehrere Vorstandsämter aus. Er war Vorsitzender des Vereins von Postbeamten, er leitete den Regionalverband der APIC-Gewerkschaft, er unterhielt Kontakte zur liberalen Partei Belgiens, und er wurde Vorsitzender der &#039;&#039;Association des Evolués de Stanleyville&#039;&#039;.33 Er war dafür bekannt, mit zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen.34 Neben den häufigen Versammlungen schrieb er politische Analysen. Er schickte Artikel an Zeitungen wie &#039;&#039;Le Croix du Congo&#039;&#039; und &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039; und gründete sogar eine eigene Zeitschrift: &#039;&#039;L&#039;Echo postal&#039;&#039;. Wer ihn in diesen Tagen in Stanleyville kennenlernte, war von ihm beeindruckt. Lumumba besaß eine rasche Auffassungsgabe und war voller Enthusiasmus und Arbeitseifer. Er hatte die Gabe des Wortes und die Kraft einer Überzeugung. Mit seiner Brille, der Fliege und – selten bei einem afrikanischen Mann – dem Bärtchen hatte er ein intelligentes und attraktives Äußeres, fanden viele. Dass er vor Ehrgeiz fast platzte, wurde durch seinen Charme und seine Ungezwungenheit kaschiert; allerdings neigte er manchmal dazu, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Das gab ihm zuweilen etwas Chamäleonhaftes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1955, als Kasavubu den Vorsitz der Abako übernahm, lenkte Lumumba die Association des Evolués de Stanleyville in eine mehr politische Richtung. Dadurch wurde er der einflussreichste Kongolese der Stadt. Während des Besuchs von König Baudouin glückte es ihm, bei einem Empfang im Garten des Provinzgouverneurs zehn Minuten lang mit dem Monarchen zu reden. Am Ufer des Flusses, zwischen den Bougainvilleen, unterbreitete er dem jungen König, der etwa gleichaltrig war, einige Probleme der einheimischen Bevölkerung. Baudouin hörte aufmerksam zu und stellte auch Fragen. Es entspann sich tatsächlich ein Gespräch. Das Gerücht von dieser Unterhaltung kursierte gleich darauf in den Straßen von Stanleyville. Lumumbas Ansehen bei der Bevölkerung war nun unumstritten. Kurze Zeit darauf durfte er einen Monat lang mit einer Gruppe vielversprechender junger Kongolesen an einer Studienreise nach Belgien teilnehmen, und auf dieser Reise lobte er die Wohltaten Leopolds II. und des belgischen Kolonialismus ohne jeden Hauch von Ironie.35 Nach seiner Rückkehr wurde er jedoch, nach elf Jahren treuer Dienste bei der Post, wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung zu einer Haftstrafe verurteilt. Später würde er sagen: »Habe ich etwas anderes getan als ein bisschen von dem Geld zurückzunehmen, das die Belgier dem Kongo gestohlen hatten?«36 Nachdem er zwölf Monate im Gefängnis gesessen hatte, zog er nach Léopoldville. Er fing bei Bracongo an, der Brauerei des Polar-Biers, und wurde dort Verkaufsleiter, eine Funktion, die ihm ein höheres Gehalt einbrachte, als es viele Weiße erhielten. Mit Polar nahm er den Kampf mit dem Konkurrenten Primus auf. In den Arbeitervierteln verteilte Patrice Bierflaschen. Auch jetzt wirkte seine Eloquenz Wunder. Er brachte Bier und versprach die Freiheit. Er erquickte die Massen und machte sie durstig nach mehr. Emanzipation begann mit einem Freibier. Polar erlebte einen Aufschwung, und Patrice wurde bekannt. Nach und nach befreundete er sich mit vielen jungen Intellektuellen. Anders als seine Gesprächspartner kannte er große Teile der Kolonie. Ehe er in die Hauptstadt zog, hatte er in drei der sechs damaligen Provinzen gelebt. Für ihn war das ethnische Bezugssystem deshalb auch weniger relevant. Viele Batetela lebten ohnehin nicht in Léopoldville. Lieber wollte er »kämpfen zugunsten des kongolesischen Volkes«, so stand es in jener berüchtigten Pressemitteilung.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, hatte ich die Ehre, mit einigen Lumumba-Anhängern der ersten Stunde reden zu dürfen. Der 80-jährige Albert Tukeke kam aus derselben Gegend wie Patrice Lumumba; ihre Mütter waren sogar miteinander verwandt. Wie Lumumba arbeitete er bei der Post und hatte seine Ausbildung in Léo­poldville absolviert. Er wurde Schalterangestellter in Elisabethville, eine harte koloniale Schule. »Wenn ein Europäer das Postamt betrat, stellte er sich nie an. Er sagte einfach ›Mach den Schalter frei!‹ Sie hatten immer diese schockierenden Worte. Wir waren jung und konnten nichts sagen. Wenn sie etwas wollten, sagten sie: ›Ist hier keiner?‹ Sie meinten, kein Weißer. Das tat weh.« Der Kolonialismus war nicht nur ein großes globales System, er bestand zugleich aus tausend kleinen Demütigungen, aus vielsagenden Wendungen und subtilem Mienenspiel. Lumumba prangerte das energisch an, erinnerte sich Albert Tukeke: »Lumumba war ein Mann wie jeder, der nur Rechte forderte für die Schwarzen. Aber seine Persönlichkeit, sein Durchblick und seine Auffassungen waren ganz anders. Er legte hundert Kilometer zurück, wenn der Rest erst einen Kilometer weit war. Und das sage ich nicht, weil ich selbst zum Volk der Batetela gehöre.«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jean Mayani war ein glühender Anhänger, der 2008 noch genauso begeistert über Lumumba sprach wie 1958. Ich hörte ihm einen Vormittag lang zu, in seinem Haus in Kabondo, einem Stadtbezirk von Kisangani. Bereits 1959 war er Parteisekretär des MNC für seinen Bezirk, ein Jahr später war er Lumumbas erster Stellvertreter bei den Kommunalwahlen. Mayanis Sicht war klar und analytisch: »Schauen Sie, es gab keinen extremen Rassismus damals, aber doch eine klare Trennung. In den Läden, in den Schulen und sogar auf den Friedhöfen herrschte eine Quasi-Apartheid. Wir hatten großen Respekt vor den &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, die eine &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; oder eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen. Sie genossen soziale Vorteile, sie besuchten europäische Schulen. Aber was für ein Unterschied bestand doch noch immer zur Kolonialpolitik der Franzosen! Die Schwarzen in den französischen Kolonien konnten in Frankreich studieren. Senghor [der spätere Präsident des Senegal] war Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung und wurde in Paris Staatssekretär. Der Diskurs des MNC interessierte mich deshalb sehr. 1958 war ich einer der ersten Anhänger hier in Kisangani. Ich erinnere mich noch an die ersten Meetings in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Wir trafen uns in Bars und auf Sportplätzen. Lumumba sprach über die Geschichte und die Untaten der Kolonisation. Er hatte wirklich unglaublichen Mut. Er nannte die Dinge beim Namen: das Leid, die Verbannung der Kimbanguisten, den Rassenhass, die Inhumanität, die Zwangsarbeit in den Bergwerken, im Straßen- und Eisenbahnbau. Die Masse war einfach begeistert von so einem Führer.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der alte Raphaël Maindo stimmte ihm ohne Einschränkung zu. Er dachte mit Wehmut daran zurück. »Wenn Lumumba redete, wollte niemand mehr weg. Sogar wenn es regnete, sogar nachts blieben die Leute da und hörten ihm zu.« Anders als Jean Mayani war er nicht in der Parteiführung, sondern ein Aktivist an der Basis: Er verkaufte Mitgliedsausweise. »Das war sehr einfach. Alle wollten einen. Sogar Frauen traten bei. Ich hatte den Parteiausweis Nummer 4. So ein Ausweis kostete damals zwanzig Franc, der Preis war im ganzen Land gleich. Wir fuhren überall hin, bis zu siebenhundert Kilometer weit. Wir hatten Autos.«40 Für viele Kongolesen war der Erwerb eines solchen Mitgliedsausweises mehr als ein politischer Akt, es war eine sehr emotional besetzte Form von Selbstbestätigung und Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1958 fuhr Lumumba nach Ndjili, dem Flughafen von Léopoldville. Er wollte in die ghanaische Hauptstadt Accra. Ghana war ein Jahr zuvor als erstes Land des subsaharischen Afrika unabhängig geworden. Präsident Kwame Nkrumah genoss vom Senegal bis Mosambik Heldenstatus. Er verkörperte den Panafrikanismus, den Traum von einem freien, friedlichen und solidarischen Afrika, und deshalb rief er in Accra Führungspersönlichkeiten und Denker aus dem gesamten Kontinent zusammen. Auch Kasavubu fuhr zum Flughafen, doch die Grenzbeamten machten ihm Schwierigkeiten wegen seines Impfpasses, womöglich böswillig: Die Kolonialregierung hatte seine aufrührerische Rede beim Amtsantritt als Bürgermeister nicht vergessen. Lumumba und zwei Getreue waren in Ghana die einzigen Vertreter des Kongo. Der Kongress in Accra machte einen tiefen Eindruck auf ihn, mehr als jedes Buch, das er gelesen hatte. Er sprach dort mit Intellektuellen und Aktivisten und merkte, dass sie ihm mit großem Interesse zuhörten. Er begegnete Julius Nyerere und Kenneth Kaunda, den späteren Präsidenten von Tansania und Sambia, und Sékou Touré, dem ersten Präsidenten von Guinea. Der nach Anerkennung lechzende &#039;&#039;évolué&#039;&#039; von einst wurde ein selbstbewusster Afrikaner, der stolz war auf seine Wurzeln, sein Land und seine Hautfarbe. Belgisch-Kongo erschien ihm zunehmend als ein Archaismus, der Menschen unnötig klein hielt. Er würde sein Land aus der Angst und der Scham befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Brüssel ist es bitter kalt. Ein stiller, eisiger Sonntagmorgen. Die Straßen sind spiegelglatt. Es herrscht kaum Verkehr. Über die Prachtalleen von Ixelles unweit der Abtei De la Cambre fährt ein Auto in langsamem Tempo zwischen den repräsentativen Bauten. Am Steuer sitzt Jef Van Bilsen, der Mann, der mit seinem Dreißigjahresplan die Höllenhunde von der Kette gelassen hat, wie viele meinen. Aber er ist auch der Belgier mit den besten Kontakten zu den Kreisen der kongolesischen Elite. Besser als er ist kaum jemand über das informiert, was sich unter den &#039;&#039;évolués&#039;&#039; abspielt. In aller Frühe bekam er einen Anruf von Arthur Gilson, dem Verteidigungsminister, der ihn dringend um eine Unterredung bat. Der Minister hat bereits das ganze Neujahrswochenende über den Text einer Regierungserklärung nachgegrübelt. In den letzten Monaten des Jahres 1958 hatte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der belgischen Regierung den Kongo bereist, um eine Bestandsaufnahme der Wünsche der Bevölkerung vorzunehmen. Eine lobenswerte Initiative, freilich mit dem Schönheitsfehler, dass kein einziger Kongolese zum Befragungsteam gehörte. Dennoch soll der Schlussbericht zu einer kraftvollen Regierungserklärung führen, die die Grundlage einer neuen Kolonialpolitik bilden wird. Mehrere Minister hatten sich in den Weihnachtsferien schon mit dem Text beschäftigt, aber sie wurden nicht so recht schlau daraus, auch nicht der Verteidigungsminister. Vielleicht könne Van Bilsen ihnen das Ganze einmal erläutern? Im Arbeitszimmer des Ministers versucht Van Bilsen an diesem friedlichen Sonntagmorgen zu begründen, dass eine so entscheidende Erklärung sinnlos ist, solange darin nicht die Unabhängigkeit erwähnt und ein konkretes Datum dafür vorgeschlagen wird. Der Minister ist wie vom Schlag getroffen. »Zwischen uns entspann sich eine Diskussion, doch wir redeten mehr oder weniger aneinander vorbei, wenn es darum ging, was vom kongolesischen Standpunkt aus wünschenswert und vom belgischen Standpunkt aus erreichbar war«, so Van Bilsen.41 Ein Kompromiss ist unmöglich. Unverrichteter Dinge zieht er ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Léopoldville ist es brütend heiß. Die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei, die Luft ist schwül und stickig. In der Residenz des Generalgouverneurs laufen die Vorbereitungen für den alljährlichen Neujahrsempfang im Garten.42 Gläser werden poliert, Aufgaben verteilt. Der neue Generalgouverneur heißt Rik Cornelis, er weiß noch nicht, dass er der letzte sein wird. Einige Belgier schlafen noch aus, sie waren am Vorabend tanzen im Palace oder im Galiema. Andere frühstücken Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Die schneidigsten von ihnen sind schon zum Schwimmen oder zum Tennis im &#039;&#039;cercle sportif&#039;&#039;. Es wird ein stilvoller Empfang werden. Auch ein paar Kongolesen sind eingeladen, das passt zur Philosophie der »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Einige von den einheimischen Bürgermeistern werden da sein. In seiner kleinen Ansprache wird der Generalgouverneur zweifellos über die großen Herausforderungen des neuen Jahres reden. Der Champagner wird perlen, die Kristallgläser werden funkeln. Man wird »Zuversicht äußern«, »Vertrauen bestätigen« und viel über »wechselseitiges Verständnis« reden, und das alles selbstverständlich »in freundschaftlicher Atmosphäre«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und einige Kilometer weiter in der Stadt, in Bandalungwa, einem Neubauviertel für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ist Patrice Lumumba im Haus eines neuen Freundes zum Essen eingeladen. Als er seine Gefängnisstrafe absaß, hatte er in der Zeitung &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; regelmäßig Artikel eines gewissen Joseph Mobutu gelesen, des Unteroffiziers, der Journalist geworden und zur Weltausstellung nach Brüssel gereist war. Nach Lumumbas Freilassung freunden sich die beiden miteinander an. Lumumba ist oft bei Mobutu zu Gast, und er genießt das köstliche Essen, das Mobutus Frau zubereitet. An diesem Sonntag schmieden sie beim Essen Pläne für den Nachmittag. Um vierzehn Uhr ist im Zentrum der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in einem Haus des YMCA, der christlichen Jugendherberge, ein Meeting der Abako geplant, wissen sie. Vor einer Woche hat Lumumba vor siebentausend Zuhörern über seine Reise nach Accra gesprochen. Es war sein bester öffentlicher Auftritt überhaupt. Die Menge reagierte mit flammender Begeisterung. Sie skandierten nach seiner Rede &#039;&#039;»Dipenda, dipenda!«&#039;&#039;, die Lingala-Verballhornung des französischen Wortes &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Womöglich war das der Grund, warum der Oberbürgermeister der Stadt, der Belgier Jean Tordeur, im letzten Moment entschied, dass das Meeting nicht stattfinden könne. Eine Sicherheitsmaßnahme, er will vermeiden, dass Aufrührer die Bevölkerung anstacheln. Lumumba und Mobutu beschließen, trotzdem vorbeizuschauen. Ein Auto haben sie nicht, aber Mobutu besitzt ein Moped. Halten wir dieses Bild kurz fest: Mobutu und Lumumba, zusammen auf dem Moped, zwei neue Freunde, der Journalist und der Bierverkäufer, der eine ist achtundzwanzig, der andere dreiunddreißig. Lumumba auf dem Sozius. Sie fahren durch die warme Luft und reden laut, um das Knattern des Auspuffs zu übertönen.43 Zwei Jahre später wird der eine an der Ermordung des anderen mitwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und die Menschen strömen ins Stade Roi Baudouin zu einem Spitzenspiel der kongolesischen Fußballmeisterschaft. Das große Sportstadion liegt nur einige hundert Meter vom Haus des YMCA entfernt. Zwanzigtausend Zuschauer sind von nah und fern gekommen.44 Sie tragen farbenfrohe Hemden und &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;. Manche haben einen Kopfschmuck aus Federn und im Gesicht Streifen, wie früher, breite, weiße Lehmstreifen, die auf Stirn und Wangen hell leuchten. Sie tanzen mit beschwörenden Gebärden und weit aufgerissenen Augen. Es ist ein beängstigender Anblick. Die steil ansteigende Betontribüne um den Platz füllt sich mit Menschen und Trommelwirbeln. Es gibt Tamtams und Schlitztrommeln, es wird gejohlt und gekreischt. Es ist fast wie Krieg. Es ist fast so wie am Ufer des Kongoflusses in den 1870er Jahren, als Stanley zum ersten Mal mit seinem Schiff vorbeifuhr. Das Wummern der Kriegstrommel, die tausend wütenden Kehlen, die immer wilderen Tänze, die Augen der Krieger. In den Katakomben des Stadions schnüren die Spieler ihre Schuhe und schieben die Schienbeinschoner in die Strümpfe. Anderswo in der Stadt, in der Residenz des Gouverneurs, hat man die Champagnerflaschen aus dem Kühlschrank genommen, sie stehen jetzt perlend in der Sonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch immer ist es der 4. Januar 1959, und auf der Avenue Prince Baudouin, beim Haus des YMCA, teilt Kasavubu der zusammengetrommelten Menschenmenge mit, dass das Meeting leider nicht stattfinden darf. Lautstarkes Murren und Protestieren sind die Folge. Als Pazifist und Bewunderer Gandhis bittet er seine Anhänger eindringlich, Ruhe zu bewahren. Offenbar mit Erfolg, obwohl er kein Mikrophon hat. Er ist der Anführer, er ist der Chef, er ist der Bürgermeister. Erleichtert und beruhigt kehrt er nach Hause zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist der 4. Januar 1959, der Tag, an dem alles anders wird, auch wenn es immer noch nicht offenkundig ist. Der Kongo geht mit der Zeit, so scheint es. Léopoldville ist weltweit die zweite Stadt mit einem Gyrobus, einem Omnibus mit Elektroantrieb, der seine Energie durch Schwungradspeicherung bezieht. Die erste Stadt auf der Welt mit so einem futuristischen öffentlichen Verkehrsmittel lag in der Schweiz, jetzt surren diese Busse auch durch die &#039;&#039;cité&#039;&#039;.45 Mehrere tausend Abako-Anhänger bleiben grollend in der Nähe des Platzes stehen, wo das Meeting hätte stattfinden sollen. Ein weißer Fahrer des Gyrobus gerät mit einem von ihnen aneinander und hebt die Hand. Futurismus &#039;&#039;meets&#039;&#039; Rassismus. Und schon muss er Schläge einstecken. Der Geist ist aus der Flasche. Gezerre, es kommt zu einer Prügelei. Die Polizei kommt hinzu, schwarze Polizisten, weiße Kommissare. Es hat was mit Neujahr zu tun, denkt man, sie sind noch betrunken oder schon wieder pleite, eins von beiden. Zwei Kommissare teilen Fausthiebe aus. Das ist keine gute Idee. »Dipenda!«, ertönt es. &#039;&#039;»Attaquons les blancs!«&#039;&#039; Panik bricht aus. Die Polizei feuert in die Luft. Ein Stück weiter wird einer ihrer Jeeps umgeworfen und in Brand gesteckt. In diesem Moment leert sich das Fußballstadion – Trommeln, Extase, Frust, Schweiß –, und die Zuschauer mischen sich unter die Leute, die am Abako-Meeting hatten teilnehmen wollen. Fußball hat eine explosive Wirkung. Belgien wurde 1830 unabhängig nach einer Oper, der Kongo fordert 1959 die Unabhängigkeit nach einem Fußballspiel. Auf einem Moped kommen zwei junge Männer herangebraust. Sie trauen ihren Augen nicht. In den letzten Jahren haben sich die beiden durch Selbststudium hochgearbeitet, nun aber sehen sie die Wut der Masse, der sie sich entzogen hatten. Sie blicken nicht mehr auf sie herab, wie es sich für &#039;&#039;évolués&#039;&#039; gehört, sondern fühlen sich solidarisch. Elite und Masse haben endlich zueinander gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville zählt zu diesem Zeitpunkt vierhunderttausend Einwohner, darunter fünfundzwanzigtausend Europäer. Es gibt ein sehr kleines Polizeikorps mit nur 1380 Polizisten.46 Eine Gendarmerie wie in Belgien existiert nicht. Die nächste Ebene zur Aufrechterhaltung der Ordnung ist sofort die Armee. In der Kaserne der Stadt sind ungefähr zweitausendfünfhundert Soldaten stationiert, doch die sind dazu ausgebildet, im Ausland Krieg zu führen und nicht, um gegen Unruhen in der eigenen Zivilbevölkerung vorzugehen. Die Polizei versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, doch innerhalb von ein paar Stunden steht die ganze &#039;&#039;cité&#039;&#039; auf dem Kopf. Autos von Weißen geraten in Steinhagel. Fensterscheiben gehen zu Bruch. Überall lodern Feuer. Die Polizei schießt scharf auf die Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten. Auf dem Asphalt sind immer mehr Blutlachen, in denen sich die Flammen spiegeln. Mehrere tausend Jugendliche beginnen zu plündern. Alles, was belgisch ist, muss dran glauben. Katholische Kirchen und Missionsschulen werden kurz und klein geschlagen, Stadtteilzentren, in denen Nähkurse stattfinden, werden ausgeräumt. Gegen siebzehn Uhr ziehen einige Gangs zu den Läden der Griechen und Portugiesen, in denen die Menschen sonst einkaufen. Die Plünderer greifen skrupellos zu und machen sich mit Ballen von bunten Stoffen, mit Fahrrädern, Radios, Salz und getrocknetem Fisch aus dem Staub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Neujahrsempfangs klingelt beim Generalgouverneur das Telefon. »&#039;&#039;Ça tourne mal dans la cité&#039;&#039;.«, »In der &#039;&#039;cité&#039;&#039; sieht es nicht gut aus.« In einem Bereich von zehn, zwölf Kilometern sind heftige Unruhen. Der europäische Teil der Stadt wird abgeriegelt. Die Armee greift doch ein, zuerst mit Tränengas, dann mit schwerem Geschütz. Die Demonstranten sterben scharenweise. »Das war eigentlich so, als würde man eine Fliege mit einem Vorschlaghammer töten«, erkannte man hinterher.47 Manche Kolonialisten sind jedoch so aufgebracht, dass sie ihr Jagdgewehr von der Wand nehmen und »helfen« wollen. In Jahren aufgestaute Missachtung und Angst, vor allem Letztere, brechen sich Bahn. Gegen achtzehn Uhr, bei Einbruch der Dunkelheit, wird es relativ ruhig in der Stadt. Die Feuer schwelen noch. Im europäischen Krankenhaus lassen sich Dutzende Weiße ärztlich versorgen. Draußen vor der Tür stehen ihre eleganten Wagen im Dunkeln, eingebeult, verschrammt und demoliert. In den Villen müssen Frauen zum ersten Mal seit Jahren wieder selber kochen: der Boy ist weit und breit nicht zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag sind viele Belgier eher resigniert als aufgebracht. »Wir haben einen totalen Gesichtsverlust erlitten«, sagen sie am Montagmorgen zueinander.48 Manche decken sich mit Sardinen ein und hamstern Speiseöl, andere buchen bei Sabena One-way-Tickets nach Brüssel. Die Armee wird drei, vier Tage benötigen, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Bilanz ist unerträglich: 47 Tote und 241 Verletzte auf kongolesischer Seite, jedenfalls nach den offiziellen Angaben. Augenzeugen berichten von zwei-, vielleicht sogar dreihundert Toten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 4. Januar 1959, und es würde nie mehr wie vorher sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein paar Tage später flog ich mit einer DC-6 nach Brüssel«, erzählte mir Jean Cordy im Herbst 2009 in seiner Seniorenwohnung in Louvain-la-Neuve. 1959 war er der Kabinettschef von Generalgouverneur Cornelis. »Meine Direktiven waren klar: Ich sollte die belgische Regierung davon überzeugen, das Wort ›indépendance‹ in ihre lang erwartete Erklärung aufzunehmen. Der Generalgouverneur hatte gesagt, dass wir diese Gelegenheit auf keinen Fall verpassen dürften. Ich stattete auch dem König einen Besuch ab und erklärte ihm, dass Belgien die Unabhängigkeit zur Sprache bringen müsse.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 13. Januar 1959, gut eine Woche nach den Unruhen, folgten sowohl die Regierungserklärung als auch die Verlautbarung des Königs. Der Text der Regierung war schwammig, bürokratisch und unverständlich, doch die Rede von Baudouin war glasklar und schnörkellos. Eine Aufzeichnung seiner Botschaft ging in den Kongo und wurde sofort im Radio gesendet. Fischer am Strand von Moanda, Bauern auf dem Zuckerrohrfeld, Arbeiter im Staub der Zementfabrik, Seminaristen, die über ihren Büchern saßen, Krankenschwestern, die sich gerade die Hände wuschen, Dorfvorsteher im Landesinneren, Steuermänner auf den Binnenschiffen, Nonnen, die den Gemüsegarten jäteten, Betagte und Jugendliche hörten im Transistorradio die historischen Worte ihres geliebten Königs: »Unser heutiger Beschluss lautet, ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile, die Völker des Kongo zur Unabhängigkeit in Wohlstand und Frieden zu führen.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kaum zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein! Die LKW-Fahrer hupten, wenn sie durch die Dörfer von Bas-Congo fuhren, und sangen aus dem Fenster:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwana Kitoko [Baudouin] hat es selbst gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die weißen Chefs haben es auch gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch diese Begeisterung bedeutete nicht, dass sich alle Wogen glätteten. Die Unruhe hielt an und breitete sich bis weit in die ländlichen Gebiete aus. In Gegenden mit einer langen Tradition des Widerstandes, wie im Kwilu und in den Kivu-Provinzen, brodelte es erneut. In Kasai entspann sich ein Konflikt zwischen den Lulua und den Baluba, und in Bas-Congo gab es massiven Protest. Nach den Unruhen vom 4. Januar war die Abako auf Befehl der Regierung aufgelöst worden, und Kasavubu saß mit zwei weiteren Parteiführern eine Zeitlang im Gefängnis (sie wurden später von Maurits Van Hemelrijck freigelassen, dem neuen Minister für überseeische Angelegenheiten). Die Haft kam Kasavubus Bekanntheit im Inland nur zugute, während die Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer ablehnender wurde. Kasavubu rief zu bürgerlichem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auf. Kabinettschef Jean Cordy, der als einer von wenigen Weißen einen Mitgliedsausweis der Abako besaß, reiste im Juli 1959 mit dem stellvertretenden Generalgouverneur André Schöller durch die Provinz. »Kasavubu hatte plötzlich uneingeschränkten Rückhalt im Volk. Keiner sprach mehr mit den Vertretern der Kolonialregierung. ›Unser Führer ist Kasavubu, beraten Sie sich mit ihm‹, bekamen wir zu hören. Weitere Antworten bekam ich nicht, nicht einmal, wenn ich sie auf Kikongo ansprach. Das hatte ich noch nie erlebt, und ich war bereits seit 1946 im Kongo. Die Brücken waren abgebrochen, trotz der Unabhängigkeitserklärung des Königs und der Regierung, trotz des Besuchs von Van Hemelrijck. Der Dialog war vorbei. Ihr Schweigen fühlte sich sehr, sehr befremdlich an.«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aussicht auf einen politischen Umbruch weckte viele Ambitionen. Neue Parteien schossen wie Pilze aus dem Boden. Während es Ende 1958 nur sechs politische Parteien gegeben hatte, waren es eineinhalb Jahre später hundert. Jede Woche entstand eine neue Bewegung, mit Namen wie &#039;&#039;Union Nationale Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Mouvement Unitaire Basonge&#039;&#039; und &#039;&#039;Alliance Progressiste Paysanne&#039;&#039;. Es hagelte Abkürzungen (Puna für &#039;&#039;Parti de l&#039;Unité Nationale&#039;&#039;, Coaka für die &#039;&#039;Coalition Kasaïenne&#039;&#039;, Balubakat für die Baluba von Katanga), und manchmal zählten diese Akronyme mehr Buchstaben als Mitglieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer waren diese politischen Führer? Fast immer relativ junge Männer, die eine höhere Schule besucht hatten. Sie bildeten die intellektuelle Oberschicht des Landes und lebten in den Städten, in die sie in ihrer frühen Jugend gezogen waren. Oft waren sie in Alumni-Vereinen oder kulturellen Zirkeln aktiv und zeigten ihr politisches Interesse, indem sie zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen gingen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ihr Ton oft schärfer war als ihr Durchblick und dass sie meist mehr Drive besaßen als Sachkenntnis. Ihre Programme waren – bis auf wenige Ausnahmen – eher dürftig.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Merkmal kann nicht genug betont werden. Trotz ihres urbanen Umfeldes, ihres jugendlichen Alters und ihres modernen Lebensstils hatte diese erste politische Generation eine Beziehung zu etwas, das von früher und von anderswo zu kommen schien: zum tribalen Bewusstsein. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. Das Gefühl der ethnischen Identität war gerade in der Stadt von Bedeutung. Erst wenn man sich mit anderen verglich, dachte man über die eigene Herkunft nach. Die Grünschnäbel der Politik schlossen sich vorhandenen ethnischen Organisationen an und modernisierten sie. Die tribale Karte auszuspielen, erwies sich auch für die politische Strategie als kluge Entscheidung: So konnten sie die große Masse erreichen. Es lohnte sich, immer wieder zu betonen, dass man ein stolzer Chokwe, Yaka oder Sakata war. Neben einer größeren Anhängerschaft garantierte das bessere Chancen, bei der Kolonialregierung Gehör zu finden. Kasavubu sprach für die Bakongo, Bolikango setzte sich für die Bangala ein, Jason Sendwe für die Baluba aus Katanga, Justin Bomboko für die Mongo und so weiter. Tribale Rhetorik gestattete einer jungen Elite, sich als Wortführer ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu profilieren.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus verständlichen Gründen war dieser &#039;&#039;jeunisme&#039;&#039; nicht nach dem Geschmack der Stammesoberhäupter im Landesinneren, von denen manche noch Einfluss auf ihre Migrantengemeinschaften in den Städten hatten. Was sich hier abspielte, war schon von daher reichlich revolutionär. Von jeher beruhten Macht und Autorität in großen Teilen Zentralafrikas auf dem Alter. Alter bedeutete Ansehen. Nun stand plötzlich eine Generation von Zwanzig- und Dreißigjährigen auf, die um die Macht wetteiferten und um die Gunst des Volkes warben. Das war auch unumgänglich, denn die belgische Regierung hatte beschlossen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen. »Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in den ländlichen Gebieten«, sagte das Oberhaupt der Bayeke im Ost-Kongo, »wird die traditionelle Ordnung völlig unterhöhlt und ist zum Untergang verurteilt.« Und darin hatte er recht: Nach 1960 bekam eine relativ junge Generation im Kongo das Sagen. Nur sie erwies sich als fähig, die Spielregeln der Demokratie zu durchschauen und mit Erfolg mitzuspielen. Der große Häuptling der Lunda, eines ehemaligen Königreichs auf der Grenze zwischen Katanga und Angola, bezeichnete dagegen das allgemeine Wahlrecht als »unverzeihliche Abirrung«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der bekannteste Lunda in jener Zeit, und eigentlich in der ganzen Geschichte des Kongo, war jedoch jemand anders: Moïse Tschombé. 1959 – er war gerade vierzig geworden, lebte in der Stadt und hatte eine Ausbildung zum Buchhalter absolviert – hatte er die Führung einer jungen politischen Partei übernommen, der Conakat (&#039;&#039;Confédération des Associations du Katanga&#039;&#039;). Tschombé war ein dank seines familiären Hintergrundes begüterter, jedoch wenig erfolgreicher Geschäftsmann, der auf andere oft – allerdings zu Unrecht – nachdenklich und versonnen wirkte. Er kam aus einer hoch angesehenen Lunda-Familie; sein Vater war ein reicher Händler, und er selbst war mit einer der Töchter des großen Lunda-Häuptlings verheiratet. Stammesstolz war Tschombé nicht fremd (eine Zeitlang leitete er die wichtigste Lunda-Vereinigung von Elisabethville), doch er widersetzte sich nicht der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Conakat war eine politische Partei, die mit demokratischen Mitteln mehr Rechte für die ursprünglichen Bewohner Katangas anstrebte, wie die Lunda, die Basonge, die Batabwa, die Chokwe und die Baluba (bei Letzteren nicht die aus Kasai, denn das waren »Neuankömmlinge«). Durch die jahrzehntelange Einwanderung von Arbeitern, die hauptsächlich aus Kasai stammten, fühlte sich die ursprüngliche Bevölkerung bedroht. In Elisabethville hatten die Baluba aus Kasai sogar die Wahlen von 1957 gewonnen. Tschombé wollte mehr Macht für die »wahren« katangesischen Stämme. In diesem Sinne glich seine Conakat stark Kasavubus Abako: Beide Bewegungen setzten sich für die frühesten Bewohner der Stadt ein (Abako war allerdings mono-ethnisch), beide forderten weitgehende regionale Autonomie, und beide träumten, im Gegensatz zu Lumumba, von einem föderativen, stark dezentralisierten Kongo. Bas-Congo und Katanga konnten sie sich zur Not auch als unabhängige Staaten vorstellen. Doch über die zukünftige Rolle Belgiens waren sie grundsätzlich geteilter Meinung: Abako vertrat einen radikalen Antikolonialismus, zumal nach den Unruhen im Januar, Conakat hingegen wollte den Kontakt zu Belgien aufrechterhalten. Tschombé, der von belgischen Ratgebern umgeben war, träumte von einem ruhig und in geordneten Bahnen verlaufenden Prozess der Unabhängigkeit, glaubte aber weiterhin an die Idee einer »Belgisch-kongolesischen Gemeinschaft«. »Wenn wir die Unabhängigkeit fordern, tun wir das nicht, um die Europäer zu vertreiben, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten und gemeinsam an der Zukunft des Landes bauen.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Wildwuchs der Parteien verliefen nur zwei wichtige Bruchlinien: War man radikal oder gemäßigt? Radikal bedeutete: für eine schnelle Entkolonialisierung und einen völligen Bruch mit Belgien. Und dachte man in föderativen oder unitaristischen Begriffen? Abako (Kasavubu) war radikal und föderalistisch; der MNC (Lumumba) war radikal und unitaristisch; Conakat (Tschombé) war gemäßigt und föderalistisch. Auch alle anderen Parteien ließen sich nach diesem Schema charakterisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba gelangte zu der Ansicht, dass diese Zersplitterung überwunden werden müsse. Um die Kräfte zu bündeln, rief er im April 1959 acht große und kleine politische Parteien in Luluabourg (in Kasai) zusammen. Es war der erste politische Kongress des Kongo, eine Art Accra im Kleinen. Jean Mayani, der Lumumba-Anhänger der ersten Stunde aus Kisangani, war dabei. In seinem Wohnzimmer in Kisangani erzählte er mir: »Ich ging als Parteisekretär meines Stadtbezirks hin. Alle nationalistischen Parteien nahmen teil. Cerea aus dem Kivu, Sendwes Balubakat aus Katanga, die PSA aus dem Kwilu, Kasavubus Abako. Wirklich alle waren da. Lumumba hatte ungefähr drei Viertel der Bevölkerung hinter sich.«57 Cerea kämpfte gegen die weiße Vorherrschaft in der östlichen Kivu-Provinz. Balubakat setzte sich für die Rechte der Baluba in Katanga ein und stand Tschombés Conakat diametral entgegen. Die PSA (&#039;&#039;Parti Solidaire Africain&#039;&#039;) war im Kwilu aktiv, aber erwarb sich mit großen Persönlichkeiten wie Cléophas Kamitatu und Antoine Gizenga landesweit einen guten Ruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba wollte ein Datum für die Unabhängigkeit festlegen. König Baudouin hatte in seiner Rede versprochen, dass diese »ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile« kommen würde, doch wann Zögern nachteilig und Eile unbesonnen war, ließ Raum für Interpretationen. Lumumba war sich darüber im Klaren, dass es einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten würde, wenn sich der Kongress von Luluabourg auf ein Datum einigen könnte. Außerdem würde er auch persönlich einen großen Coup landen: Er würde den Bonus einstreichen, Initiator des Ganzen gewesen zu sein, und als wichtigste politische Persönlichkeit des Landes anerkannt werden. Sein Vorschlag lautete: 1. Januar 1961. Hatte jemand etwas dagegen? Einer der Anwesenden bemerkte: »Warum denn so übereilt? Das Ende der Welt wird doch nicht für den 1. Januar 1961 erwartet?« Worauf Lumumba konterte: »Sie sprechen die Sprache eines Kolonialisten.«58 Er hielt zwei Jahre für mehr als ausreichend, um den Übergang zum neuen System vorzubereiten. So war es auch in Ghana abgelaufen. In einer Zeit schwacher politischer Programme und debütierender Führungspersönlichkeiten war wenig Raum für Nuancierungen und Reflexion. Wer noch zaghaft für einen allmählichen Übergang plädierte, wurde als Lakai des Imperialismus ausgebuht. Die Parteien verstrickten sich in ein beispielloses symbolisches Überbietungsmanöver. Rhetorische Bravour stand höher im Kurs als pragmatisches Gespür. Die rasche und bedingungslose Unabhängigkeit wurde zum Ziel an sich, ja zur Obsession – zur Not war man bereit, sich blind ins Abenteuer zu stürzen. »Lieber arm und frei als reich und kolonisiert.«59 Solche Slogans kamen gut an. Wie konnte es auch anders sein? Keiner der Anwesenden außer den paar Bürgermeistern von Armenvierteln hatte jemals ein politisches Mandat innegehabt. Verwaltungserfahrung, Realitätssinn und Organisationstalent fehlten. Alle improvisierten. Und keiner wollte hinter den anderen zurückstehen. Dabei ging es um ein Land von der Größe Westeuropas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht unbedingt geheuchelt, als der große Lunda-Häuptling den Generalgouverneur und den belgischen Minister in seinem Distrikt mit den Worten empfing: »Wir möchten nicht, dass Sie Entscheidungen unter dem Druck lautstarker Minderheiten treffen. Wir verstehen die Eile nicht, mit der so viele die Unabhängigkeit anstreben. Wir bestätigen mit großem Ernst, dass wir die Unabhängigkeit wollen, aber noch nicht sofort. Wir benötigen noch viel Hilfe und Unterstützung, um zu einer normalen Entwicklung zu gelangen. Jedes übertriebene Tempo kann unsere Gebiete von Neuem in die Armut und das Elend von einst stürzen.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was damals als reaktionärer Standpunkt galt, ist im Jahr 2010 ein allerorts im Kongo zu hörender Seufzer, ein Seufzer angesichts der ganzen aktuellen Misere. Viele junge Leute werfen ihren Eltern vor, dass sie damals unbedingt die Unabhängigkeit wollten. Auf der Straße in Kinshasa fragte mich einmal jemand: »Wie lange wird diese Unabhängigkeit jetzt noch dauern?« Als Belgier musste ich mir ganz oft anhören: »Wann kommen die Belgier zurück? Ihr seid doch unsere Onkel?« Oft war es als Schmeichelei gedacht, aber zuweilen steckte mehr dahinter. Sogar Albert Tukeke, der Mann aus Kisangani, der ein entfernter Verwandter von Lumumba war, sagte am Ende unseres Gesprächs: »Wir hätten nicht so schnell unabhängig werden sollen. Aber nach dem Krieg, wissen Sie . . . es gab diesen Drang. Wenn es nicht so überstürzt abgelaufen wäre, wären uns diese ganzen Unzulänglichkeiten erspart geblieben.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die stürmische Entkolonialisierung war das Resultat einer eskalierenden Wechselwirkung zwischen den Reaktionen der Kolonialmacht und den symbolischen Überbietungsmanövern der verschiedenen politischen Parteien. Dass bei Unruhen in Stanleyville mehrere Dutzend Anhänger Lumumbas ermordet worden waren, heizte das Klima weiter an. Der überzeugte Lumumba-Anhänger Jean Mayani sagte darüber: »Nach dem Kongress hatte die Kolonialmacht die Forderungen des MNC als eine Form von Rassenhass und Xenophobie interpretiert, die sich gegen die Belgier richteten.« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass Xenophobie im kolonialen Wortschatz hier eine Eigenschaft war, die den Kongolesen zugeschrieben wurde. »Die Force Publique trat repressiv gegen Lumumbas Partisanen auf. In Mangobo, einem Viertel von Stanleyville, gab es zwanzig Tote. Lumumba wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es war genauso wie bei den Unruhen vom 4. Januar in Kinshasa.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 1959 fanden allgemeine Kommunalwahlen statt, die jedoch von Abako, MNC und PSA boykottiert wurden. Diese Parteien hatten kein Interesse mehr an Übergangsmaßnahmen und langsamen Prozessen, es ging ihnen um die sofortige Unabhängigkeit und nichts anderes. Belgien hatte gehofft, dass der Gedanke einer allmählichen Demokratisierung auf fruchtbaren Boden fallen würde, doch es kam anders. Die Atmosphäre war inzwischen zu angespannt. 1957 hatte man die ersten Wahlen abgehalten, in der Hoffnung, damit die Männer von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako zu beschwichtigen. Doch das Gegenteil war der Fall. 1959 hatte Belgien nach den Unruhen vom Januar die Unabhängigkeit versprochen, doch auch das besänftigte die Gemüter nicht, im Gegenteil. Die Kolonialmacht glaubte, es richtig zu machen, verkalkulierte sich aber immer wieder. Deshalb gingen 1959 viel wertvolle Zeit und guter Wille verloren, Trümpfe, mit denen man die Unabhängigkeit dennoch hätte vorbereiten können. Statt eine wohlwollende Politik zu improvisieren, hätte man vielleicht endlich einmal die Kongolesen selbst fragen sollen, was sie wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Januar 1960 versammelten sich rund hundertfünzig Herren in Wintermänteln im Brüsseler Kongresspalast, sechzig Belgier und neunzig Kongolesen. Einen Monat lang sollten sie offen und auf Augenhöhe miteinander über einige heikle Themen diskutieren. Deshalb auch der Name des Treffens: Es sollte ein »Runder Tisch« werden (auch wenn in Wirklichkeit mehrere Tische im Viereck angeordnet waren). Die belgische Sozialistische Partei, damals in der Opposition, war von der Initiative sehr angetan. Auf belgischer Seite nahmen sechs Minister teil, fünf Parlamentarier und fünf Senatoren, begleitet von mehreren Dutzend Beratern und Beobachtern. Nennenswerte Landeskenntnisse der Kolonie besaßen diese Volksvertreter nicht. »Pilger der Trockenzeit« nannten die Belgier im Kongo sie spöttisch. Doch viele von ihnen hegten große Sympathie für die neumodische Entkolonialisierungs-Ideologie der Vereinten Nationen. Auf kongolesischer Seite waren Delegationen der wichtigsten politischen Parteien vertreten (Kasavubu, Tschombé, Kamitatu . . .), außerdem etwa ein Dutzend Stammesälteste, die die traditionelle Macht repräsentierten. Die kongolesischen Teilnehmer hatten sich kurz vor der Konferenz über alle parteipolitischen Rivalitäten, ethnischen Spannungen und ideologischen Differenzen hinweg zu einem &#039;&#039;front commun&#039;&#039; zusammengeschlossen, einer Einheitsfront. Für sie sollte die Konferenz keine schludrige Partie Tischtennis werden, deshalb formierten sie sich als ein einziger Spieler. Einigkeit macht stark, so viel hatten sie von Belgien gelernt. Diese unerwartete Koalition überraschte die belgischen Politiker sehr, zumal diese in ein katholisches, ein liberales und ein sozialistisches Lager zerfielen und zwischen Regierung und Parlament aufgespalten waren. Viele von ihnen waren schlecht vorbereitet. Es gab keinen Zeitplan, es gab keinen Regierungsstandpunkt. Offenbar glaubte man nicht, dass es sich um eine entscheidende Tagung handeln könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten fünf Tagen der Konferenz erzielte die Einheitsfront jedoch drei äußerst wichtige Siege. Als Erstes konnten sie die Belgier davon überzeugen, dass Patrice Lumumba, der nach den Unruhen in Stanleyville inhaftiert worden war, nicht fehlen durfte. Ohne ihn, argumentierten sie, sei die Tagung nicht repräsentativ und könne der Unmut im Kongo wieder aufflackern. Die Belgier wollten auf Nummer sicher gehen, holten Lumumba aus dem Gefängnis und ließen ihn nach Brüssel fliegen. Zweiter wichtiger Sieg: Die belgischen Delegierten mussten sich bereit erklären, dass sie die auf der Konferenz gefassten Resolutionen anschließend in Gesetzentwürfe umsetzen würden, die dann in der Abgeordnetenkammer und im Senat behandelt würden. Die Kongolesen wussten nur allzu gut, dass sie keine legislative Macht besaßen, aber so erhielten sie die Garantie, dass die Beschlüsse der Konferenz nicht nur auf dem Papier existierten. Die Bedeutung dieses Sieges lässt sich kaum überschätzen: Was als eine unverbindliche Diskussion begann, wurde so zu einem Gipfeltreffen mit weitreichender Macht. Der dritte Sieg war noch bemerkenswerter: das Datum! Die Belgier wollten vor allem die politischen Strukturen eines künftigen unabhängigen Kongo lang und breit erörtern, die kongolesische Delegation aber wollte vor der Besprechung aller anderen Punkte erst diese eine Frage klären: Wann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am fünften Konferenztag, Lumumba war noch nicht eingetroffen, fand ein Gespräch statt zwischen Jean Bolikango, dem Führer der Einheitsfront, und August de Schryver, dem für den Kongo zuständigen Minister, das sich noch am ehesten mit dem Geschacher und Gefeilsche auf einem Markt in Kinshasa vergleichen ließ. Das Datum 1. Januar 1961, von dem man im April 1958 noch geträumt hatte, war mittlerweile längst außer Diskussion. Nun konnte es gar nicht mehr schnell genug gehen. Bolikango gab eine kühne Vorlage und schlug den 1. Juni 1960 vor, nach der uralten flämischen Devise: »Fragen kostet nichts, mehr als ein Nein riskiert man nicht.« Die Belgier waren perplex: Das wäre in knapp vier Monaten! Was konnten sie darauf noch antworten? Ihr Gegenvorschlag war der 31. Juli. Zwei Monate Aufschub. Nicht gerade berauschend, aber nun gut. Dann halt der 30. Juni? Läge das nicht genau in der Mitte? Zum Ersten, zum Zweiten – Zuschlag! Am 30. Juni 1960 würde der Kongo unabhängig werden. Die Würfel waren gefallen. Kongolesen &#039;&#039;und&#039;&#039; Belgier applaudierten im Kongresspalast. Niemand aus der kongolesischen Delegation hatte gedacht, dass es so leicht sein würde, alle waren völlig verblüfft.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war eigentlich geschehen? Hatten die Vertreter Belgiens ihrer Kolonie in einem Anfall von Zerstreutheit die Unabhängigkeit geschenkt? Nein. Obwohl die Konferenz eine Eigendynamik entwickelte, die keiner vorausgesehen hatte (wie nahezu jede Initiative in der Kolonialpolitik nach 1955), und obwohl die belgische Delegation nur ungenügend vorbereitet war, handelte es sich nicht um eine unbedachte Entscheidung. In dieser Situation hatte Belgien nur zwei Optionen: die Forderung der Einheitsfront zurückweisen, was mit Sicherheit zu schweren Unruhen geführt hätte, oder auf die Forderung eingehen und hoffen, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.64 Für ruhige Verhandlungen war keine Zeit mehr, meinte man, und traf deshalb rasch eine Entscheidung. Obwohl in den Militärstützpunkten Kitona und Kamina genügend belgische Soldaten stationiert waren, wollte man es nicht auf einen Konflikt ankommen lassen. In Algerien wütete bereits seit sechs Jahren ein blutiger Unabhängigkeitskrieg. Im Parlament bestand nicht die geringste Neigung, einen Militäreinsatz in Betracht zu ziehen. Die Charta der Vereinten Nationen und die antikolonialistischen Positionen der UdSSR und der USA ließen Belgien auch in internationaler Hinsicht wenig Manövrierraum. Die Unabhängigkeit aufhalten? Das wäre möglich gewesen, jedoch um den Preis eines ungewissen Abenteuers in der Kolonie und der moralischen Isolation in der Welt. Im Jahr 1960 erlangten gleich siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit; dieser Entwicklung konnte sich Belgien nicht entgegenstemmen. Die einzigen europäischen Länder, die gar nicht daran dachten, ihre großen afrikanischen Kolonien loszulassen, waren die Diktaturen in Südeuropa: Salazars Portugal, das sich weigerte, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln aufzugeben, und Francos Spanien, das sich noch an Äquatorialguinea festklammerte. Der Apartheidstaat Südafrika war ebenso wenig gewillt, auf die Herrschaft über Namibia zu verzichten. Belgien konnte sich mit dem Datum 30. Juni einverstanden erklären, weil es wusste, dass es auch danach noch an der Verwaltung, der Armee und der Wirtschaft des Kongo beteiligt sein würde. Spitzenbeamte würden als Regierungsratgeber fungieren, weiße Offiziere im Dienst bleiben, die großen Betriebe wären weiterhin in belgischer Hand, und die Missionare würden nach wie vor Unterricht erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Plaza Hotel im Zentrum von Brüssel nahm die Begeisterung kein Ende. Ja, es musste noch alles Mögliche besprochen werden (dass der Kongo eine Republik werden würde, dass die Verbindung zum belgischen Königshaus abgebrochen werden solle, dass es ein unitärer Staat sein würde, dass die Provinzen eigene Zuständigkeitsbereiche bekämen: Das alles stand noch längst nicht fest), doch die Beute war gesichert, der Vogel abgeschossen! African Jazz von Kabasele, die Band, die damals mit dem Song über Jamais Kolonga einen Nerv getroffen hatte, war nach Brüssel mitgekommen. Auch Unterhändler im Dreiteiler mussten nach den Konferenzsitzungen Gelegenheit zum Tanzen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Charly Henault kann sich noch gut daran erinnern. Obgleich er ein Belgier ist, war er jahrelang der Schlagzeuger von African Jazz. »Ich war weiß, aber was kümmerte es mich? Ich war Drummer in einem Land voller Drummer«, erzählte er mir, als ich ihn an einem verregneten Tag in seinem kleinen Haus in Wallonisch-Brabant besuchte. Er lag todkrank im Bett. »Im Plaza Hotel war der Ball der Round-Table-Konferenz, ja . . . Diese Freude, diese Euphorie . . . Kabasele duzte die Politiker. Er war sehr beliebt . . . Ein Mann mit Klasse, in seinem hellblauen Smoking mit den schwarzen Galons. Sehr elegant . . . Er liebte die Frauen, und er hatte Sinn für Humor . . . Einmal habe ich ihm seinen Pyjama versteckt!«65 Im Plaza Hotel alberten sie aber nicht nur herum; sie tüftelten an einem Lied, das bald zum größten Hit der kongolesischen Musik werden sollte: »Indépendance cha cha«. Der Text, in Lingala und Kikongo, bejubelte die gerade erlangte Autonomie, lobte die Zusammenarbeit der verschiedenen Parteien und besang die großen Namen des Unabhängigkeitskampfes: »Die Unabhängigkeit, cha cha, wir haben sie uns genommen / Oh! Autonomie, cha cha, nun ist sie da. / Oh! Runder Tisch, cha cha, wir haben gewonnen!« Nach 1960 würde der Kongo verschiedene Nationalhymnen bekommen, unter Kasavubu, unter Mobutu, unter Kabila, bombastische Kompositionen mit pathetischen Texten, aber die ganze Zeit gab es im letzten halben Jahrhundert nur eine echte kongolesische Hymne, einen einzigen Song, zu dem sich bis heute ganz Zentralafrika spontan in den Hüften wiegt: den ausgelassenen, beschwingten und ergreifenden »Indépendance cha cha«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also der 30. Juni. Die Round-Table-Konferenz endete am 20. Februar 1960. Vier Monate war noch Zeit, einen Staat zusammenzubasteln. Die »To-do-Liste« sah beeindruckend aus: Man musste eine Übergangsregierung bestimmen, eine Verfassung erstellen, ein Parlament und einen Senat aufbauen, Ministerien schaffen, ein diplomatisches Corps zusammenstellen, Wahlen auf Provinz- und Landesebene abhalten, eine Regierung bilden, ein Staatsoberhaupt ernennen . . . und das alles betraf nur die politischen Institutionen des Landes. Was auch noch fehlte: eine nationale Währung und eine Zentralbank, eigene Briefmarken, Führerscheine, Nummernschilder und ein Katasteramt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Belgier in der Kolonie fragten sich, wie das alles in diesem irrwitzigen Tempo bewältigt werden sollte. Sie befürchteten, dass die Kolonie, an der fünfundsiebzig Jahre sorgfältig gearbeitet worden war, nun in ein paar Monaten vor die Hunde gehen würde. Viele schickten ihr Geld, ihre Sachen und ihre Familie nach Hause. Andere gingen nach Rhodesien oder Südafrika. In den ersten beiden Juniwochen flogen vom Flughafen Ndjili viermal so viele Passagiere wie im Jahr zuvor. Sabena musste siebzig zusätzliche Flüge ansetzen, und die Schiffe nach Antwerpen waren proppenvoll.66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einfache Kongolese hingegen war voller Vorfreude. Er glaubte, ein goldenes Zeitalter würde anbrechen, der Kongo würde von einem auf den anderen Tag ein wohlhabendes Land sein – das versprachen ihm Dutzende Handzettel, die im Land zirkulierten. Fast alle Parteien machten völlig unhaltbare Versprechungen, mitunter grotesk, mitunter gefährlich.67 »Wenn die Unabhängigkeit da ist«, stand in einem Flugblatt der Abako, »müssen die Weißen das Land verlassen.« Das gehörte nicht zu den Beschlüssen der Round-Table-Konferenz. »Die zurückgelassenen Sachen werden Eigentum der Schwarzen werden. Das bedeutet, dass die Häuser, die Läden, die LKW, die Waren, die Fabriken und die Felder den Bakongo zurückgegeben werden.« Angesichts solcher aufputschenden Texte ist es nicht verwunderlich, dass Bauern in Bas-Congo nichts weniger als eine totale Befreiung erhofften: »Alle Gesetze werden abgeschafft, wir brauchen den traditionellen Häuptlingen nicht mehr zu gehorchen und nicht den Ältesten, noch den Beamten, den Missionaren, den Vorgesetzten . . .« In dieser Sehnsucht nach einer abrupten, radikalen Wende hallten Echos aus der Zeit von Simon Kimbangu nach. Die Unabhängigkeit wurde zu einer Art messianischem Ereignis, das »Leben, Gesundheit, Freude, Glück und Ehre« mit sich bringen würde. Kasavubu und Lumumba, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden zu Propheten und Märtyrern erhöht. In Kasavubu sah man den König des alten Kongo-Reiches auferstehen, und den dynamischen Lumumba verglich man mit dem Sputnik! Einfache Leute sehnten nichts Geringeres herbei als eine kosmische Wende. Lohnarbeit und Steuerpflicht würden verschwinden. Einige gingen sogar davon aus, dass künftig »die Schwarzen weiße Boys haben werden« und »dass sich jeder eine weiße Frau aussuchen darf, denn sie werden zurückgelassen und verteilt werden, wie die Autos und die anderen Dinge«.68 Ein paar Schlaufüchse nutzten diese Naivität aus und begannen schon mal, Häuser von Weißen für den Spottpreis von vierzig Dollar zu verkaufen . . . Leichtgläubige, die nicht durchschauten, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren, klingelten an den Türen weißer Villen und baten darum, ihr künftiges Eigentum einmal kurz besichtigen zu dürfen. Manche wollten auch die Dame des Hauses in Augenschein nehmen, denn auch die hatten sie gerade für zwanzig Dollar gekauft.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch auf makroökonomischer Ebene mussten einige Übertragungen geregelt werden. Das koloniale Wirtschaftsleben war ja auf vielen Ebenen mit dem kolonialen Staat verflochten, der in Kürze nicht mehr existieren würde. Zu diesem Zweck wurde in Brüssel eine zweite Round-Table-Konferenz einberufen. Die politischen Parteien im Kongo maßen dieser Tagung viel weniger Bedeutung zu. Das Wichtigste, die Unabhängigkeit, war ja entschieden, dachten sie. Überdies war es inzwischen Ende April, im Mai fanden die Wahlen statt, und alle steckten mitten im Wahlkampf. Von der Parteiprominenz konnte niemand für längere Zeit den Kongo verlassen. Stattdessen reisten junge Parteimitglieder nach Brüssel, wo sie von den paar Kongolesen unterstützt wurden, die in Belgien studierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Teilnehmer war Mario Cardoso. Derzeit ist er zweiter Vizepräsident des Senats. In Kinshasa lud er mich zum Lunch ins Restaurant des vornehmen Hotels Memling ein. »Ich war der dritte Student aus dem Kongo, der in Belgien studieren durfte. Jedes Jahr schickte Raphaël de la Kéthulle einen Schüler der Scheutisten nach Leuven. Die Jesuiten waren der Ansicht, sie müssten die Menschen an Ort und Stelle ausbilden, aber die Scheutisten wollten zeigen, dass sich manche ihrer Schüler mit belgischen Studenten messen konnten. Der Erste, der nach Belgien ging, war Thomas Kanza, das war 1951. Er studierte Psychologie und Pädagogik. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber das hatte ihm der Generalgouverneur verboten, aus Angst vor Subversion. Im Jahr darauf brach Paul Mushiete nach Belgien auf. Auch er studierte Psychologie und Pädagogik, und daneben noch Soziologie. Ich war 1954 an der Reihe. Eigentlich wollte ich zur Militärakademie, aber das durfte ich nicht, also studierte ich dann eben auch Psychologie und Pädagogik. 1959 kehrte ich nach Kinshasa zurück und wurde Assistent an der Universität Lovanium. Ich wollte Professor werden, aber Lumumba bat mich, an der Round-Table-Konferenz zur Besprechung der ökonomischen Fragen teilzunehmen. Ich habe die Lumumba-Fraktion der MNC-Delegation geleitet.« Inzwischen hatte es in der Partei eine Spaltung gegeben: Auf der einen Seite der MNC-L von Lumumba, unitaristisch, auf der anderen Seite der MNC-Kalonji, der für die Baluba in Kasai eintrat. »Es herrschte sehr viel Misstrauen auf der Konferenz. In der belgischen Delegation saßen Herren, die unsere Professoren gewesen waren. Mit ihnen mussten wir verhandeln. Nicht gerade einfach. Es ging um den künftigen Status der kolonialen Unternehmen, aber alles schien schon im Voraus entschieden zu sein.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der runde Tisch zu den Wirtschaftsfragen war vor allem ein Versuch Brüssels, zu retten, was zu retten war. Belgien wollte seine wirtschaftlichen Interessen im Kongo sichern und vertrat die Ansicht, dass belgische Unternehmen die Freiheit erhalten mussten, zu bestimmen, wo ihr Firmensitz nach 1960 sein sollte.71 Cardoso war darüber noch immer verbittert: »Die Firmen durften es sich aussuchen, ob sie nach kongolesischem oder nach belgischem Recht weitermachen wollten. Diese Regelung wurde uns als vollendete Tatsache aufgezwungen.« Die meisten Unternehmen entschieden sich für Belgien, denn sie befürchteten eine fiskalische Instabilität im Kongo oder, schlimmer noch, eine Verstaatlichung. Seit Leopold II. war der Kongo ein Versuchsfeld der freien Marktwirtschaft gewesen. Die Betriebe profitierten von günstigen Steuervorschriften, zudem mischte sich der Staat so gut wie gar nicht ein. Große Konzerne, allen voran die &#039;&#039;Société Générale de Belgique&#039;&#039;, erlebten dort Zeiten von ungezügeltem Kapitalismus. Selbst dort, wo der Kolonialstaat Hauptaktionär war, zum Beispiel beim mächtigen &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039;, überließ er das Ruder in der Praxis den Managern. Angesichts der bevorstehenden Unabhängigkeit befürchteten viele Betriebsleiter, dass die Tage ihrer Autonomie und des guten Einvernehmens mit der Regierung gezählt waren. Sie blieben im Kongo aktiv, entschieden sich aber für Belgien als Firmensitz, sodass ihr Unternehmen unter belgisches und nicht unter kongolesisches Recht fiel. Durch diesen Transfer gingen der kongolesischen Staatskasse beträchtliche Steuereinnahmen verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Zukunft des »kolonialen Portfolios« kam bei den Verhandlungen zur Sprache. Mit diesem Portfolio waren die sehr umfangreichen Aktienpakete gemeint, die Belgisch-Kongo an zahlreichen kolonialen Unternehmen besaß (Minen, Plantagen, Bahnlinien, Fabriken). Was sollte damit geschehen? Sobald aus Belgisch-Kongo Kongo würde, wären diese Aktien ja Eigentum des neuen Staates. Diese Vorstellung widerstrebte den belgischen Politikern und Firmenchefs. Sie überzeugten die kongolesischen Delegierten davon, dass es eine gute Sache sei, wenn diese Firmenanteile der Regierung vom Staat auf eine neu zu gründende belgisch-kongolesische Entwicklungsgesellschaft übertragen würden. Das war ein raffinierter Schachzug, um den Daumen auf dem Geldbeutel zu halten.72 Auch hier rächte sich die mangelnde Wirtschaftskompetenz auf kongolesischer Seite. Menschen, die allenfalls Psychologie hatten studieren dürfen, sollten entscheidende makroökonomische Knoten durchschlagen. »Alles zweite Garnitur«, urteilte der damalige belgische Ministerpräsident Eyskens.73 Einer von ihnen war der Journalist Joseph Mobutu. Sein Freund Lumumba hatte ihn zu den Verhandlungen gesandt, und diese Erfahrung würde sein weiteres Leben prägen. Später sagte er darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da saß ich dann als naiver und ungehobelter kleiner Journalist mit den größten Haien der belgischen Finanzwirtschaft an einem Tisch! Ich hatte keinerlei Ausbildung im Finanzwesen, und das hatte auch keiner von meinen Mitstreitern, die die anderen politischen Richtungen vertraten. Es ist nicht gerade eine meiner besten Erinnerungen. Vom 26. April bis zum 16. Mai haben wir Schritt für Schritt diskutiert, aber ich kam mir vor wie so ein Cowboy aus dem Western, der sich jedes Mal von professionellen Betrügern ausnehmen lässt. Wir diskutierten bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag erfuhren wir, dass das belgische Parlament in der Zwischenzeit Beschlüsse gefasst hatte, die die Verhandlungsergebnisse ungültig machten. Wir mussten um alles kämpfen. (. . .) Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern.74&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schlimmste sollte noch kommen, doch erst einige Wochen später. Am 27. Juni 1960, drei Tage vor dem Unabhängigkeitstermin, löste das belgische Parlament – wohlgemerkt mit dem Einverständnis der kongolesischen Regierung – das Comité Spécial du Katanga auf.75 Ein enormer Fehler für den Kongo! Der neue Staat verlor dadurch die Kontrolle über den Minengiganten Union Minière, den Motor der nationalen Wirtschaft. Wie konnte es dazu kommen? Das CSK war faktisch eine staatliche Gesellschaft, die in Katanga Konzessionen an Privatfirmen vergab und dafür Aktien dieser Firmen erhielt. Dadurch hatte es eine Mehrheitsbeteiligung an der Union Minière und damit Entscheidungsgewalt. In der Praxis machte es von diesem Mitspracherecht wenig Gebrauch: Der Kolonialstaat vertraute in der Regel der Kompetenz der Geschäftswelt. Doch mit der Unabhängigkeit des Kongo drohte die Gefahr, dass sich der neue Staat tatsächlich für die Tätigkeiten der Union Minière und all ihrer Töchter interessieren würde. Und das wurde durch die Auflösung des CSK verhindert. Die kongolesischen Delegierten auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz sahen – in ihrer ganzen Abneigung gegen den Moloch des westlichen Kapitalismus – darin kein Problem, und die zukünftige Regierung Lumumba übernahm diese Einschätzung . . . Der Kongo blieb noch immer zu einem Teil der Eigentümer, hatte als Minderheitsaktionär jedoch viel weniger Macht und Gewinnansprüche als die großen belgischen Trusts wie die Société Générale de Belgique. Dadurch entgingen dem Land nicht nur etliche Millionen Dollar, sondern auch die Möglichkeit, die Industrie in den Dienst des Landes zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit großer Arglosigkeit tanzte das Land auf den Abgrund der Unabhängigkeit zu. Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche, die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien. Einen Tag nach diesem unglaublich gewieften Schachzug unterzeichneten beide Länder dennoch einen »Freundschaftsvertrag«, in dem die Rede war von Unterstützung und Hilfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Mai fanden dann endlich die lang erwarteten landesweiten Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis vorhersehbar. Neben dem MNC von Patrice Lumumba waren die größten Wahlsieger die regionalen Parteien mit mehr oder weniger starken separatistischen Tendenzen. Abako siegte in Bas-Congo, Conakat im Süden und Balubakat im Norden Katangas, der MNC von Kalonji in Kasai, Cerea im Kivu und PSA im Kwilu. Die beiden Letzteren waren keine wirklich tribal geprägten Parteien, boten aber in den ethnisch sehr zersplitterten Regionen des Kivu und des Kwilu eine Art supratribalen Elan. Die Karte der Wahlergebnisse im Kongo 1960 überschnitt sich also größtenteils mit den ethnographischen Karten, die Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert zuvor erstellt hatten. Dieser tribale Reflex darf nicht als etwas Atavistisches gedeutet werden. Würden heute in Europa paneuropäische Wahlen stattfinden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Franzosen einen Franzosen wählen würden und die meisten Bulgaren einen Bulgaren. In einem unermesslich großen Land wie dem Kongo, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung allenfalls die Grundschule besucht hatte, ist es sehr verständlich, dass viele Menschen für Vertreter aus ihrer Gegend stimmten. Als stärkste Kandidaten gingen Kasavubu, Lumumba und Tschombé aus den Wahlen hervor. Kasavubu kontrollierte den Westen des Landes, Lumumba den Nordosten und das Zentrum, Tschombé den äußersten Süden. In diesen drei Gebieten lagen auch die größten Städte: Léopoldville, Stanleyville, Elisabethville. Die kleineren Parteien teilten die ländlichen Gebiete dazwischen unter sich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zersplitterung erleichterte die Regierungsbildung nicht gerade. Keine der Parteien besaß die absolute Mehrheit (Lumumbas überwältigender Wahlerfolg beruhte nur auf jeweils einem Drittel der gewählten Abgeordneten in fünf der sechs Provinzen, in Katanga bekam er keinen Fuß auf den Boden), und auch eine einfache Koalition mit einigen Partnern war nicht möglich. Lange Verhandlungen standen bevor. Zudem war die belgische Regierung sehr enttäuscht, dass Lumumba, den man als einen staatsgefährdenden Demagogen ansah, so viele Wähler an sich hatte binden können. Das führte sogar dazu, dass Brüssel eigens einen neuen Minister ernannte, W. J. Ganshof van der Meersch, und in den Kongo entsandte, wo er sich mit der Regierungsbildung befassen sollte. In seinem Schlepptau wurden außerdem vorsorglich belgische Truppen in die Kolonie verlegt. Lumumba war von diesen Schritten nicht gerade begeistert, und er machte daraus auch keinen Hehl. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine gewaltige, wechselseitige Aversion. Zuerst durfte Kasavubu versuchen, eine Regierung auf die Beine zu stellen, doch als das misslang, erhielt Lumumba den Auftrag zur Regierungsbildung. Er stand nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, die sehr unterschiedlichen Abgeordneten in einer gemeinsamen Regierungsmannschaft zu vereinen. Bis eine Woche vor dem Unabhängigkeitstermin hoffte der Vertreter Belgiens, dass Lumumba nicht Ministerpräsident werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch am 23. Juni stand die erste Regierung des Kongo. Sie zählte dreiundzwanzig Minister, neun Staatssekretäre und vier Staatsminister, Ämter, die über zwölf Parteien verteilt waren. Wie bei mühsam ausgehandelten Kompromissen üblich, waren am Ende mehr Beteiligte unzufrieden als zufrieden. Bolikango, der Doyen aus der Provinz Équateur, der in Brüssel die Einheitsfront geleitet hatte, musste erleben, wie ihm das Amt des Präsidenten im letzten Augenblick durch die Lappen ging. Lumumba benötigte nämlich dringend die Unterstützung der Abako und erhielt sie nur durch einen Kompromiss: Wenn Kasavubu seine separatistischen Bestrebungen unterdrückte, durfte er zum Dank Staatsoberhaupt werden. Lumumba, der große Wahlsieger, wurde aus diesem Grund nicht selbst Staatspräsident, sondern nur Ministerpräsident, obwohl seine Partei dreiunddreißig der 137 Parlamentssitze erlangt hatte und die von Kasavubu nur zwölf. Tschombé schließlich musste erkennen, dass er leer ausging und sich mit einem einzigen Ministerposten und nur einem Staatssekretariat für seine Partei begnügen musste. Sein Katanga erwirtschaftete den größten Teil der nationalen Einnahmen, bekam dafür jedoch wenig zurück: Das weckte Groll. Früher oder später musste es sich rächen. Auch das Parlament zögerte: Die neue Regierung wurde mit knapper Not von der Volksvertretung anerkannt.76 Der Start von Lumumbas Regierung war deshalb alles andere als die kollektive Dynamik einer Regierungsmannschaft, die einträchtig ein politisches Projekt realisierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht nur ein heterogenes und reizbares Team, es war noch dazu eine außergewöhnlich junge Mannschaft, die hier antrat. Drei Viertel dieser Politiker waren jünger als fünfunddreißig. Der jüngste war erst sechsundzwanzig: Thomas Kanza, der erste Kongolese mit Universitätsdiplom. Er wurde Vertreter des Kongo bei den Vereinten Nationen, ein Amt, das in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit nicht gerade ein Zuckerschlecken war. Der älteste Minister war Pascal Nkayi, und der war gerade mal neunundfünfzig. Ihm wurde das Finanzressort übertragen; vorher war er als Angestellter bei der Postverwaltung tätig gewesen. Auch im Parlament überwog eine neue Elite: Nur drei der 137 Sitze wurden von traditionellen Häuptlingen eingenommen.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Regierung des Kongo übernahm von Belgien ein Land mit gut ausgebauter Infrastruktur: Es gab gut vierzehntausend Kilometer Eisenbahnlinien und mehr als hundertvierzigtausend Kilometer Schnellstraßen und Straßen, es gab gut vierzig Flughäfen oder Roll­felder und mehr als hundert Wasserkraft- und Elektrizitätswerke, es gab eine moderne Industrie (der Kongo war Weltmarktführer für Industriediamanten und viertgrößter Kupferproduzent der Welt), es gab Anfänge eines allgemeinen Gesundheitswesens (dreihundert Krankenhäuser für Einheimische, außerdem Polikliniken und Entbindungskliniken) und einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad (1,7 Millionen Grundschüler 1959) – das alles war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien schlicht beeindruckend.78 Die Armee hatte außerdem in zwei Weltkriegen wichtige Erfolge verbucht. Doch Infra­struktur ist nicht alles. Thomas Kanza, der frischgebackene Minister, der Psychologie studiert hatte, war sich darüber im Klaren, dass diese Erfolge für viele Afrikaner relativ waren: »Sie haben, anders als es Europäer in der Regel wahrhaben wollen, mehr unter dem Defizit an aufrichtiger Sympathie, Achtung und Liebe von Seiten der Kolonisatoren gelitten als unter einem Mangel an Schulen, Straßen und Fabriken.«79 Außerdem: Was nützte einem ein vollständig ausgestattetes Land, wenn kaum jemand damit umzugehen wusste? Am Tag der Unabhängigkeit zählte der Kongo sechzehn (16) Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab zwar Hunderte gut ausgebildete Krankenpfleger und Verwaltungsangestellte, doch in der Force Publique war nicht ein schwarzer Offizier. Es gab weder einen einheimischen Arzt noch einen Ingenieur, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Belgien hatte keine Erfahrung mit Kolonialisieren«, sagte Mario Cardoso bei unserem exquisiten Lunch im Memling, »aber noch weniger Erfahrung mit Entkolonialisieren. Warum musste das alles so schnell gehen? Hätten sie fünf Jahre gewartet, dann hätte der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere die Ausbildung abgeschlossen. Dann hätte es keine Meuterei in der Armee gegeben.« In der Zeit zwischen 1955 und 1960 suchte die Kolonialregierung fieberhaft nach Reformen, die etwas gegen die große Unruhe in der Gesellschaft bewirken könnten, doch es war &#039;&#039;too little too late&#039;&#039;. Die Entkolonialisierung wurde deshalb ein &#039;&#039;runaway train&#039;&#039;, den keiner mehr aufhalten konnte. Indem es erst so spät auf die begreiflichen Forderungen einer frustrierten Elite einging, entfesselte Brüssel ein Kräftespiel, das seine Fähigkeit, die Entwicklungen zu steuern, weit überstieg. Doch das gilt auch für die junge Elite des neuen Staates, die den sozialen Unmut der unteren Schichten nicht nur artikulierte und kanalisierte, sondern auch hochspielte und steigerte, bis er Ausmaße annahm, gegen die sie selbst keinen Rat mehr wusste. Die Chronologie der Ereignisse brachte ein Paradoxon ans Licht, das man lediglich zur Kenntnis nehmen, aber nicht lösen konnte: Die Entkolonialisierung begann viel zu spät, die Unabhängigkeit kam viel zu früh. Die übereilte Souveränität des Kongo war eine Tragödie, als Lustspiel getarnt, die nicht anders als verhängnisvoll ausgehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 7 Ein Donnerstag im Juni ==&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga stand an diesem Donnerstag schon um vier Uhr morgens auf. Er hatte bei seinem Schneider übernachtet, um nichts dem Zufall zu überlassen.1 Die Zeremonie fand erst um elf Uhr statt, aber dies war nicht irgendein Tag. Die Stadt, in der fast eine Million Menschen lebten, war noch dunkel und still. Eine träge Hitze hing zwischen den Häusern und Hütten. Nichts regte sich. Die Wäsche: bewegungslos auf der Leine. Das Feuer: spröde Kohleschlacken. Unsichtbar die Kinder, die in eckigen Haltungen schliefen. Unsichtbar die Männer und Frauen, die sich aneinanderschmiegten – Trost für eine Nacht oder für ein ganzes Leben. Auf dem leeren Boulevard sprangen die Ampeln lustlos von Grün auf Orange auf Rot um. Das Wasser der Swimmingpools in den Vierteln der Europäer lag spiegelglatt da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vögel waren noch stumm. Und etwas weiter, hinter den Gärten und Villen, den Rasenflächen und Bougainvilleen, glitt das dunkle Wasser des mächtigen Flusses still vorbei. Noch immer schwammen kleine Vegetationsinseln mit, Grassoden und Pflanzen, Hunderte Kilometer stromaufwärts losgerissen aus dem Urwald, Baumstümpfe, die sich im Dunkeln drehten und bei den ersten Katarakten aufragen und in der Gischt des Flusses hinabstürzen würden. So ging es schon seit Jahrtausenden. Die Natur kümmerte es nicht, dass dies ein besonderer Tag war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga zündete das Licht an. Er betete und er wusch sich. Auf einem Kleiderbügel hing sein nagelneuer Anzug. Vorsichtig zog er die Hose unter der Jacke hervor. Sein Schneider hatte ihm einen prachtvollen Smoking genäht. Der glatte Stoff der Hose fühlte sich kühl an, das Hemd war herrlich steif, die Jacke saß wie angegossen um seine kleine Gestalt. Er stellte sich vor den Spiegel. Wer hätte jemals gedacht, dass er, Jean Lema mit bürgerlichem Namen, aber für alle Jamais Kolonga, heute eine so wichtige Rolle spielen würde? Bis vor ein paar Jahren hatte er als Angestellter im Landesinneren gearbeitet, in der Provinz Équateur. Er war bei Otraco für die Verwaltung der Flussschiffe zuständig. Doch bereits damals lag Veränderung in der Luft. Als er befördert wurde, ersetzte er einen Weißen; er bekam den Posten, den vorher Monsieur Eugène, ein Belgier aus Verviers, bekleidet hatte. 1958 kam er zurück nach Léopoldville, eigentlich nur für einen kurzen Besuch, und schnupperte dort, wie er es ausdrückte, »den Duft, das Parfum der Unabhängigkeit«. Kasavubu ging noch immer bei seinen Eltern ein und aus, er hörte den aufregenden Gesprächen zu und bekam eine Ahnung von den unglaublichen Möglichkeiten. Ins Landesinnere wollte er jetzt nicht mehr, obwohl ihn sein Arbeitgeber mehrfach dazu aufforderte. Auf dem Boulevard im Stadtzentrum begegnete er dem großen Bolikango. Bolikango war auch bei tata Raphaël zur Schule gegangen; er war einer der wenigen Kongolesen, die im Hinblick auf eine bald bevorstehende Unabhängigkeit einen hohen Posten in der Verwaltung bekommen hatten, als Staatssekretär im Informationsministerium. Bolikango wusste natürlich, wie eloquent Jamais Kolonga war, und erinnerte sich daran, was für ein Über-&#039;&#039;évolué&#039;&#039; sein Vater war. Immerhin war König Baudouin bei ihm zu Besuch gewesen! Durch das Seitenfenster seines Autos schlug Bolikango Jamais Kolonga vor, Redakteur, Sprecher und Übersetzer beim Informationsdienst des Generalgouvernements zu werden. Jamais Kolonga erklärte sich einverstanden. Vom Büroangestellten in der Binnenschifffahrt wurde er zum Rundfunkjournalisten beim staatlichen Sender. Das Parfum der Unabhängigkeit würde er von nun an täglich schnuppern können. Als Reporter war er nicht nur von Modenschauen zu Fußballspielen unterwegs, sondern er erlebte auch den großen politischen Umbruch in seinem Land aus nächster Nähe. Als in Brüssel die Round-Table-Konferenz stattfand, durfte er jeden Tag aus dem Studio darüber berichten. Und als Kasavubu am 26. Juni 1960 als erster Präsident des in Kürze unabhängigen Kongo vereidigt wurde, war er als Reporter dabei. Sein TEAC umgehängt, das bleischwere Aufnahmegerät jener Zeit, hatte er die Interviews gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine neuen schwarzen Schuhe glänzten und hatten noch ganz helle Sohlen. Kasavubus Eideszeremonie lag vier Tage zurück. Jamais Kolonga hatte seinen Job gut gemacht. Vor zwei Tagen hatte man ihn gefragt, ob er auch bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung die Live-Berichterstattung übernehmen könne. Das wollte er gern tun. Nur musste sein Schneider nun Tag und Nacht durcharbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
30. Juni 1960. Offiziell war der Kongo schon seit Mitternacht unabhängig, aber mit dem Festakt im Palast der Nation sollte der Übergang offiziell gewürdigt werden. König Baudouin war eigens aus Belgien gekommen; er würde Präsident Kasavubu die Macht übergeben, nach zweiundfünfzig Jahren belgischer Kolonialregierung und fünfundsiebzig Jahre, nachdem sein Großonkel Leopold II. den Freistaat gegründet hatte. Und bei diesem historischen Ereignis durfte Jamais Kolonga vom Ort des Geschehens berichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte der belgischen Präsenz in Zentralafrika hatte die Geschichte seiner Familie tiefgreifend beeinflusst. Sein Vater hatte durch seine Ausbildung einer der wichtigsten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; der Kolonie werden können, während sein Großvater noch als Jäger in seinem Dorf gelebt hatte. Jamais Kolonga kannte die Geschichten über ihn. »Als die Weißen in Bas-Congo ankamen, trug er ihre Koffer auf dem Kopf. Er hatte keine Angst vor den Weißen, tat aber, was sie von ihm verlangten. Er war polygam, aber nachdem er sich hatte taufen lassen, schickte er zwei seiner drei Frauen weg.« Kein einziges individuelles Leben, nicht mal im tiefsten Hinterland, war von der großen Geschichte unberührt geblieben. Es war alles sehr schnell gegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Viertel nach sechs gab es ein Briefing mit dem Leiter des Informationsamtes. Die Pressemappen wurden zusammengestellt. Vor wenigen Minuten war noch ein Text von Ministerpräsident Lumumba eingetroffen, der auch unter den Journalisten verteilt werden sollte. Jamais Kolonga bekam seinen Platz ganz vorn im Saal zugewiesen. Alles sollte würdevoll und geordnet ablaufen, hieß es noch einmal mit Nachdruck. Am Vortag war es bereits zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen, als der König und Kasavubu in einem offenen amerikanischen Straßenkreuzer durch die Stadt gefahren waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Jahr 1955 hatte Baudouin dem Volk zugewinkt, das in großer Zahl erschienen war, um am Straßenrand ebenfalls zu winken, doch aus der Menschenmenge hatte sich ein Mann nach vorn gedrängt und den Degen des Königs an sich gerissen. Die Szene war gefilmt und fotografiert worden. Baudouin, der seine weiße Galauniform trug, stand aufrecht in der Limousine, links von ihm stand Kasavubu in einem schwarzen Maßanzug. Baudouin salutierte den Soldaten der Force Publique, die auf der linken Straßenseite die belgische Trikolore hochhielten. Der Monarch hatte, als er an seiner rechten Seite etwas spürte, nicht gleich gemerkt, was da geschah. Ein Mann mit hoher Stirn und einem länglichen Gesicht rannte weg und schwenkte wild den königlichen Degen, eines der Insignien der belgischen Monarchie. Mehr als nur eine Waffe war dieser Degen ein Symbol für die Macht des Herrscherhauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zwischenfall wurde lebhaft kommentiert. »Der Mann war nicht ganz richtig im Kopf«, meinte Jamais Kolonga. »Er war ein &#039;&#039;feu-follet&#039;&#039;, ein Irrlicht, eine unruhige Seele mit leichtem Wahnsinn. Er galt allgemein als ein bisschen verrückt.« Das war sehr wahrscheinlich. Viele Europäer sahen es als Ulk, als einen dummen Studentenstreich, der die Machtübergabe noch einmal besonders akzentuieren sollte, aber für viele Kongolesen aus den einfachen Stadtvierteln war es kein Witz, sondern eine äußerst tollkühne Tat. Einen geheiligten Gegenstand, der dem Herrscher gehört, einfach anfassen und stehlen? Der Mann wird heute Nacht sterben, sagten sie. Wenn eine Maske, eine Ahnenskulptur, ein Leopardenfell oder ein Affenschwanz bereits magische Kräfte besaßen, so galt das gewiss auch für den Degen eines europäischen Herrschers. Auch unter &#039;&#039;évolués&#039;&#039; stieß die rebellische Geste auf Missbilligung. Victorine Ndjoli, das Fotomodell mit dem Führerschein, meinte dazu: »Wir waren wirklich beschämt, dass sich so ein Spinner das Schwert von König Baudouin geschnappt hat. Erst später haben wir erfahren, dass er nicht ganz richtig im Kopf war.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoffentlich läuft heute alles reibungslos ab, dachte Jamais Kolonga. Die Zeremonie sollte makellos sein. Aber die Leute hatten so seltsame Erwartungen an die Unabhängigkeit. Viele hatten kleine Kisten mit Steinen vergraben und hofften, die Steine hätten sich nach der Unabhängigkeit in Goldklumpen verwandelt. Nicht wenige glaubten, die Toten würden auferstehen.3 Man hatte schon Kleidungsstücke auf die Gräber mancher Ahnen gelegt, um sie willkommen zu heißen, und die Grabstätten weniger geliebter Menschen mit Wellblechplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass sie aus der Erde krochen. In den Dörfern des Inlandes schlossen sich manche Menschen aus Angst vor den zurückkehrenden Toten vier Tage lang in ihrer Hütte ein. Schwangere Frauen verließen die Häuser nicht mehr.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten äußerte sich das Unabhängigkeitsfieber mehr in sozialen Phänomenen. In Stanleyville bauten sich manche Leute ohne Genehmigung Hütten auf Grundstücken, die Europäern gehörten. Anhänger der Kitawala-Religion, die jahrelang in der Illegalität gelebt hatten, besetzten leerstehende Villen von Belgiern, die das Land verlassen hatten, und vollzogen dort nachts mit Fackeln und Gesängen ihre Rituale. In Léopoldville gab es vor dem großen Festtag bedeutend mehr Fälle von Diebstahl und Vandalismus. Boys lachten ihre Chefs aus, setzten sich auf die Motorhaube ihrer Autos und weigerten sich hartnäckig, wieder herunterzusteigen.5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr sah Jamais Kolonga, wie allerlei Prominenz in die große Rotunde des Palastes der Nation strömte: Parlamentarier und Senatoren aus Belgien neben Diplomaten, hohen Offizieren und zivilen Würdenträgern, Delegationen aus befreundeten afrikanischen Staaten. Prinz Hassan von Marokko war erschienen, Präsident Youlou von Kongo-Brazzaville und König Kigeri von Ruanda. Vor allem aber sah er die gerade erst gewählten Volksvertreter und Senatoren des neuen Kongo. Der Palast der Nation, ein neues Gebäude, das erst vor wenigen Jahren als Residenz des Generalgouverneurs errichtet worden war (man hatte geglaubt, dieses Amt würde noch Jahrzehnte bestehen), diente nun als Parlament. Unter der großen Kuppel der Rotunde trugen die meisten Politiker dunkle, westliche Anzüge, andere aber waren geschmückt mit traditionellen Kopfbedeckungen voller Muscheln, Federn und Tierfellen, Kopfbedeckungen, die ebenso beeindruckend waren wie der weiße Helm mit Geierfedern, den der Generalgouverneur trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als alle Platz genommen hatten, trat Ministerpräsident Lumumba ein. Kurz darauf sprangen alle im Saal auf, um König Baudouin und Staatspräsident Kasavubu zu begrüßen. Baudouin ergriff als Erster das Wort. Der nette und wohlwollende Fürst hielt eine Rede, die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien. Er rühmte das Werk von Leopold II., als habe niemals ein Untersuchungsausschuss dessen Herrschaft gerügt: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Und er scheute nicht vor Paternalismus zurück: »Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (. . .) Ihre Aufgabe ist unermesslich, und Sie sind die Ersten, die sich darüber im Klaren sind. (. . .) Haben Sie keine Scheu, sich an uns zu wenden. Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er zu Ende gesprochen hatte, applaudierte der Saal höflich. In diesem Augenblick hörten in den Dörfern und den Stadtvierteln der Einheimischen Tausende Menschen, die gebannt vor ihrem Transistorradio saßen, die klare Stimme von Jamais Kolonga, die auf Französisch, Lingala und Kikongo mitteilte: »Meine Damen und Herren, Sie haben soeben die Ansprache von Seiner Majestät dem König der Belgier gehört. Dies ist nun der Moment, in dem der Kongo unabhängig wird.«7 Er, der kleine Jamais Kolonga mit den leuchtenden Augen, war der erste Kongolese, der sein Land als unabhängig bezeichnen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann hatte Präsident Kasavubu das Wort, der Mann, den Jamais Kolonga so oft erlebt hatte, wenn er im Wohnzimmer mit seinem Vater leidenschaftlich diskutierte, der Mann, der bei seiner Ernennung zum Bürgermeister eine flammende Anklage gegen die Kolonialmacht formuliert hatte. Nun jedoch war seine Rede zurückhaltend und versöhnlich. Nicht verwunderlich: den Text hatte Jean Cordy abgefasst, der Belgier, der noch Kabinettsschef von Generalgouverneur Cornelis gewesen war. »Ich habe Kasavubus Text geschrieben, jedenfalls die erste Fassung. Ich hatte auch schon den Text geschrieben, als er Präsident wurde.«8 Nach dem Protokoll war damit der Teil der Zeremonie, der für Ansprachen vorgesehen war, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Rede des Präsidenten war Lumumba zornig damit beschäftigt, etwas zu korrigieren. Er hatte einen kleinen Stapel Papier auf den Knien und notierte hier und da eine Bemerkung. Lumumba hatte am Vortag die zahme Rede Kasavubus kurz überfliegen dürfen und war der Ansicht, er könne es nicht dabei bewenden lassen. Er wollte den Vertretern der Kolonialmacht unbedingt zum letzten Mal Kontra geben. Und sich damit auch selbst ins rechte Licht rücken, denn es störte ihn sehr, dass nicht er, sondern Kasavubu die Honneurs machen durfte. Als großer Wahlsieger musste er mit ansehen, wie sich sein Erzrivale Kasavubu neben König Baudouin groß aufspielen durfte, obwohl er doch als Regionalist den Kongo nicht einmal als Ganzes liebte.9 Lumumba schrieb seine Rede in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag; noch immer kam er mit wenigen Stunden Schlaf aus. Dem Vernehmen nach schrieb sein belgischer Berater und unbedingter Unterstützer Jean Van Lierde an dem Text mit. Heute gilt Lumumbas Ansprache als eine der großen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts und als ein Schlüsseltext der Entkolonialisierung Afrikas:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn heute die Unabhängigkeit des Kongo proklamiert wird im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf gleichem Fuß stehen, so kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, vergessen, dass wir die Unabhängigkeit im Kampf errungen haben, in einem Kampf von Tag zu Tag, einem glühenden und idealistischen Kampf, bei dem wir weder Mühen noch Entbehrungen scheuten, der uns Leid brachte und für den wir unser Blut gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind zutiefst stolz auf diesen Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes, denn es war ein edler und berechtigter Kampf und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam auferlegt wurde, ein Ende zu bereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war unser Schicksal während der achtzig Jahre der Kolonialherrschaft; noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir mussten zermürbende Arbeit leisten, zu einem Lohn, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu stillen, uns zu kleiden und in anständigen Verhältnissen zu wohnen und unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle »Sie« den Weißen vorbehalten war?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass man unser Land raubte aufgrund von Texten, die sich Gesetze nannten, in Wirklichkeit aber nur das Recht des Stärkeren besiegelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass das Gesetz für Weiße und Schwarze nie gleich war: entgegenkommend für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden Zeugen des schrecklichen Leides jener Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihres Glaubens verbannt wurden; im eigenen Land im Exil, war ihr Schicksal schlimmer als der Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos noch in die Restaurants und Geschäfte der Europäer durften; dass Schwarze auf Schiffen unter Deck reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren tatsächlich Worte, die im Gedächtnis haften blieben. Wie alle großen Ansprachen verdeutlichte Lumumbas Rede die abstrakte Geschichte anhand konkreter Details und veranschaulichte das große Unrecht durch zahlreiche greifbare Beispiele. Doch das Timing war denkbar unglücklich. Es war der Tag, an dem der Kongo die Unabhängigkeit erlangt hatte, Lumumba aber sprach, als sei der Wahlkampf noch in vollem Gange. Zu sehr darauf fixiert, Unsterblichkeit zu erlangen, zu verblendet durch die Romantik des Panafrikanismus, vergaß er, der doch der größte Verfechter der Einheit des Kongo war, dass er sein Land an diesem ersten Tag der Autonomie vor allem versöhnen musste und nicht spalten durfte. Er nahm für sich in Anspruch, die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen – das passte in die exaltierte Rhetorik der damaligen Zeit (das Volk, das Joch, der Kampf und natürlich: die Freiheit) –, aber das Volk stand nicht wie ein Mann hinter ihm; er hatte schließlich weniger als ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Lumumbas Rede war deshalb großartig in ihrer Tragweite, aber problematisch in ihrer Wirkung. Und im Vergleich zu den wahrhaft grandiosen Ansprachen in der Geschichte – der Gettysburg Address von Abraham Lincoln von 1863 (&#039;&#039;»a government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth«&#039;&#039;), der ersten Rede von Winston Churchill als britischer Premierminister am 13. Mai 1940 (&#039;&#039;»I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat«&#039;&#039;), der Rede von Martin Luther King 1963 (&#039;&#039;»I have a dream«&#039;&#039;), den Worten über Demokratie, die Mandela 1964 seinen Richtern entgegenhielt (&#039;&#039;»It is an ideal which I hope to live for and to achieve. But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die«&#039;&#039;), oder der &#039;&#039;acceptance speech,&#039;&#039; mit der Barack Obama 2008 die Welt begeisterte (&#039;&#039;»Change has come to America«&#039;&#039;) – waren Lumumbas Worte mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet, enthielten mehr Wut als Hoffnung, mehr Groll als Großmut und damit mehr Rebellion als staatsmännischen Weitblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga saß in der ersten Reihe. Er hörte, wie die Lumumba-Anhänger im Saal die Rede acht Mal mit ihrem Applaus unterbrachen, aber er sah auch, wie »die Mienen der Gäste eisig wurden und der König erbleichte«. Er sah, wie sich Baudouin zu Kasavubu neigte und um eine Erklärung bat, aber der war wie erstarrt: auch er war von Lumumbas Initiative überrascht. Lumumbas Text war – mit einer Sperrfrist – an die Presse gegeben worden, doch weder der König noch der Präsident hatten ihn vorher gesehen. Nach dem Festakt war Baudouin erbost und zugleich tief gekränkt. Für ihn muss es eine schmerzliche Erinnerung an seine eigene Thronbesteigung gewesen sein. Damals, vor zehn Jahren, hatte der kommunistische Senator Julien Lahaut auf dem Höhepunkt der Zeremonie »Vive la république« gerufen. Auch damals hatte es ein glanzvoller Tag werden sollen, ein festliches Ereignis, um ihn in Amt und Würden einzusetzen, aber auch damals war der Festakt durch einen linken Unruhestifter verdorben worden, der ungebeten alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Woche später war Lahaut von ein paar unbekannten Männern auf der Schwelle seines Hauses von Kugeln durchsiebt worden; die Umstände seines Todes waren ähnlich nebulös und gewalttätig wie das Schicksal, das Lumumba ein halbes Jahr später ereilen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baudouin wäre am liebsten sofort nach Belgien zurückgekehrt. Ihm stand nicht mehr der Sinn danach, den Friedhof der Pioniere und das Reiterstandbild von Leopold II. zu besuchen. Aber der belgische Ministerpräsident Eyskens stellte Lumumba zur Rede und verlangte von ihm, beim Mittagsmahl eine zweite, freundlichere Ansprache zu halten. So geschah es: Eyskens verfasste den Text, Lumumba las ihn trocken vor, Baudouin blieb doch noch bis zum Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der ganze Kongo über die kühnen Worte seines Ministerpräsidenten in Jubel ausbrach. Vierzehn Millionen Menschen denken selten das Gleiche. Jamais Kolonga jedenfalls fand die Rede problematisch: »Lumumba war kein Diplomat, er war viel zu kategorisch. Kasavubu, das war ein Gentleman. Er wollte ein paar von den Weißen dabehalten als stellvertretende Direktoren in den Provinzen, im Landwirtschafts- und Finanzressort. Aber unsere Verfassung räumte dem Ministerpräsidenten zu viel Macht ein. Die Rolle des Staatspräsidenten war darin ähnlich definiert wie die des belgischen Königs: Er herrschte, aber er regierte nicht.« Da Jamais Kolonga aus Bas-Congo stammte, galt seine Sympathie eher Kasavubu. Für viele Bakongo war Lumumba kein Held. »Kasavubu war friedfertig, gebildet und respektvoll«, sagen alte Leute in Bas-Congo noch immer, »Lumumba hatte nichts im Kopf, er war impulsiv und unverschämt. Ihm haben wir unsere Misere zu verdanken. Wie er vor dem König geredet hat, das war unverantwortlich! Er hätte sagen müssen: ›Ihr habt jetzt die Unabhängigkeit, also los, an die Arbeit!‹, statt die kleinen Probleme aus der Vergangenheit anzusprechen.«11 Fast alle älteren Einwohner von Boma, Matadi und Mbanza-Ngungu (dem früheren Thysville) können sich noch heute darüber aufregen. »Damals hat alles angefangen. Lumumbas Rede hat die Belgier gegen uns aufgebracht. Der König wollte nicht mal mehr zum Essen bleiben. Kasavubu wollte die Belgier nicht vertreiben, aber Lumumba wollte Tabula rasa machen. Es war ein sehr schlechter Start. Und das sage ich auf Ehre und Gewissen, nicht mal aus ethnischen Gründen.«12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch glühende Mitstreiter Lumumbas setzten ein Fragezeichen hinter die Rede. Mario Cardoso, der aus Stanleyville kam, der Stadt Lumumbas, und ihn auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz in Brüssel vertreten hatte, erzählte mir: »Ich saß im Saal und war sprachlos. Lumumba verhielt sich wie ein Demagoge. Ich war Mitglied des MNC, aber unsere Kampagne hatte nichts mit dem zu tun, was er sagte. Einige &#039;&#039;députés&#039;&#039; applaudierten, ich nicht. Er begeht politischen Selbstmord, dachte ich.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Kongo widmete man dem Vorfall weniger Aufmerksamkeit. In Elisabethville verlief alles ruhig und in freundschaftlicher Atmosphäre. Tschombé, der sich mit einem Posten als Provinzgouverneur hatte zufriedengeben müssen, betonte noch einmal die Bedeutung der herzlichen Freundschaftsbande zwischen Belgien und dem Kongo. Während der Unabhängigkeitsfeier in der Minenstadt sang der Kinderchor &#039;&#039;De Zangertjes van het Koperen Kruis (Die kleinen Sänger des Kupferkreuzes)&#039;&#039; mit lieblichen Stimmen Lobeslieder. Weiße, die sich an die Tatsache gewöhnen mussten, plötzlich keine Kolonialherren mehr zu sein, feierten sogar in Vierteln der Einheimischen und waren dort willkommen.14 Auch andernorts wurden Messen zelebriert, Kantaten gesungen und Huldigungen dargebracht. Die Nachricht von Lumumbas Rede verbreitete sich erst später. Was den Inhalt betraf, widersprachen ihm nur wenige, aber viele fragten sich, ob das in dieser Situation wirklich nötig gewesen sei. Ein Bewohner der Hauptstadt meinte: »Eine Geburt findet unter Wehen statt. So ist es nun mal. Aber wenn das Kind dann auf der Welt ist, lächelt man ihm zu.«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verlief dieser erste Tag des freien Kongo. Es gab Umzüge und Spiele, Volkstänze und Feuerwerk. Vier Tage lang sollte das Fest dauern, von Donnerstag bis Sonntag. Der Kongo begann mit einem langen, freien Wochenende. Es gab Sportwettkämpfe im Stade Baudouin (Kasavubu sollte den Gewinnern den Pokal überreichen, doch Lumumba nahm ihn ihm aus der Hand und machte es selbst).16 Es gab ein Radrennen in den Straßen der Stadt (die belgischste aller Sportarten, aber die ersten drei Plätze erreichten Kongolesen). Und es gab vor allem Bier, viel Bier, sehr viel Bier. Es war Monatsende, alle hatten gerade ihren Lohn ausbezahlt bekommen. An den Wänden der Bars stapelten sich die Bierkästen. Nach einigen Tagen ordnete die neue Regierung an, dass alle Verkaufsstellen für alkoholische Getränke zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr morgens schließen mussten. Die Sache geriet ein wenig außer Kontrolle, doch es war harmlos. Bis auf ein paar Unruhen in Kasai gab es keine Angriffe gegen Belgier, keine Lynchmorde, keine Vergewaltigungen, keine Plünderungen europäischer Häuser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann lag allerdings an diesem ersten Tag der Unabhängigkeit, wie er mir erzählte, auf dem Boden einer Gefängniszelle und stöhnte vor Schmerzen: Longin Ngwadi! Der Mann aus Kikwit, der Gläubige, der Priester hatte werden wollen, aber es nicht durfte, &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, der Starfußballer vom Daring Club, der ehemalige Boy von Generalgouverneur Pétillon, der Mann, der nach Belgien gereist war, um die Weltausstellung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; zu sehen, er, ausgerechnet er, war der erste Dissident des neuen Staates. »Mein Magen war geschwollen wie ein Luftballon. Ich blutete aus Nase und Anus. Ich pinkelte Blut, ließ faulige Winde. Ich hatte Handschellen um, wie ein Dieb.« Als Jamais Kolonga sich um vier Uhr morgens für den großen Tag in Schale warf und Lumumba noch an seiner Rede schrieb, lag Longin bereits seit Stunden in der Zelle und beklagte sein Schicksal. Tags zuvor hatte Provinzgouverneur Bomans ihn verhaften lassen. »Mit zwei Jeeps voller Soldaten haben sie mich abgeholt. ›Sie sind verrückt‹, sagte Bomans zu mir. ›Ich bin nicht verrückt‹, sagte ich, ›ich bin normal. König Baudouin ist mein Bruder. Machen Sie, was Sie wollen, ich bin ein Prophet, wie Elias oder Jeremias.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich Longin Ngwadi nach monatelanger Suche 2008 endlich in Kikwit antraf, wusch er sich gerade im Fluss. Zu meinem Empfang zog er etwas an, das ihm lieb und teuer war: ein Hemd mit Leopardenmuster, an das er ein Foto von Lumumba mit Gizenga gesteckt hatte. Gizenga war sein großer politischer Held, ein Mann aus seiner Region, der in der Regierung Lumumba Vizepremier war und zum Zeitpunkt unserer Begegnung die letzten Tage in seinem Amt als Premierminister unter Joseph Kabila verbrachte. Papa Longin war einer der schillerndsten Kongolesen, denen ich je begegnet bin, und das nicht nur wegen seines sonderbaren Lebenswandels. Schon seine Aufmachung war atemberaubend. Um den Hals trug er bei dieser ersten Begegnung ein großes Kruzifix, daneben ein Medaillon der heiligen Theresa mit dem Jesuskind und ein Medaillon mit dem Erzengel Michael, ein kleines blaues Kreuz aus Lourdes, einen alten Schlüssel der Marke ICSA, &#039;&#039;made in Italy&#039;&#039;, den er als »den Himmelsschlüssel« bezeichnete, einen Hammer, der für ihn »Jean Marteau, das ist der Beiname von Kamitatu« symbolisierte, den anderen großen Politiker aus der Gegend, und schließlich eine kleine Trillerpfeife, »denn wenn ich eine Vision habe, pfeife ich alle zusammen, um die Botschaft weiterzugeben«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longins Phantasie war grenzenlos. So behauptete er, dass er der Mann der verwegenen Aktion vor einem halben Jahrhundert gewesen sei: »Ja, ich bin der Mann, der Baudouin den Degen entrissen hat.« Lange Zeit glaubte ich, dass er die Wahrheit sagte. Mit seiner hohen, runden Stirn und den ovalen Augenhöhlen sah er dem Mann auf dem berühmten Foto täuschend ähnlich. Aber inzwischen wissen wir, dass zahlreiche Geschichten über dieses Ereignis kursieren. Mehrere betagte Kongolesen behaupten, sie wüssten, wer den Degen gestohlen hat und warum, während der tatsächliche Täter vermutlich längst verstorben ist.17 Diese Geschichten, auch wenn sie oft erfunden sind, enthalten eine Fülle von Informationen über die subjektiven Erinnerungen an die Entkolonialisierung. »Baudouin war eine Ikone«, sagte Longin, »ein &#039;&#039;chouchou&#039;&#039;, er war unkompliziert, sehr jung, sehr hübsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Longin von seinem belgischen Abenteuer zurückgekehrt war und Pétillon als Generalgouverneur abgelöst worden war, geriet auch er in den Bann des Unabhängigkeitsfiebers. Er hatte insbesondere einen Blick für dessen mystische Dimensionen. Er streifte durch die Straßen von Léopoldville und besuchte täglich die Église Saint-Pierre im Stadtteil Limete. Dort las Monseigneur Malula die Messe. Malula war 1959 zum Bischof geweiht worden; er war ein hochintelligenter Mann, der den Unabhängigkeitskampf hautnah miterlebte und sogar am &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; mitgewirkt hatte. Später würde er der erste Kardinal aus dem Kongo werden und Auffassungen vertreten, die denen Mobutus diametral entgegengesetzt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jeden Tag ging ich in seine Kirche. Wenn ich betete, wurde alles hell. Ich hatte die Kraft des Geistes und die Vision der Geschichte. Alle Gebete kamen, als würde ich sie schon vorher kennen, ich sang viele neue Lieder, ich brach alle Geheimnisse, ich sah Blumen, viele Blumen. &#039;&#039;Tiens&#039;&#039;, sagte ich, der liebe Gott schenkt mir Frieden. Ich ging zu Malula und erzählte es ihm. Er gab mir einen Kuli und ein Heft und bat mich, meine Visionen aufzuschreiben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin ist auch heute noch ein sehr frommer Mann. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Spiritualität. Er betet ständig, beginnt kein Gespräch, ohne seine Besucher erst mit Haarspray oder Parfum zu segnen, und hebt die Hände zum Himmel, um Schutz zu erbitten. Religion und Politik gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Eingenebelt von billigem Frauenparfum begleitete ich ihn einmal über den Markt von Kikwit, der sich die Hauptstraße der Unterstadt bis zur Brücke über den Kwilu entlangzieht. Jede fünf Minuten blieb er stehen, blies in seine schrille Pfeife und rief allen, die es hören wollten, auf Kikongo zu: »Kinder von Kikwit, wenn ihr jetzt noch nicht an meine Kraft glaubt, dann seht euch diesen Besucher an. Ich habe Gizenga darum gebeten, einen Weißen zu schicken, und nun ist er da!« Sein Sohn musste ihn nach einer halben Stunde ermahnen, die Vision den Gegebenheiten anzupassen, da nicht jeder ein Verehrer von Gizenga sei und meine Sicherheit gefährdet sein könne. Kurz vor der Brücke stand eine unheimliche Marktbude mit Fetischen, Kräutern, Masken und Affenschädeln. Alle gingen daran vorbei. »Nicht hinsehen«, sagte der Sohn zu mir, »das bringt Unglück.« Longin aber schaute sich die Dinge genau an, weil er sich mächtiger fühlte als alle Hexerei. Zu Hause hatte er einen magischen Degen gefertigt: Den Stiel eines alten Regenschirms hatte er mit künstlichen Blumen, Resten von Kupferdraht, einer Christusfigur mit Blumen und einem Fähnchen der Palu, der &#039;&#039;Parti Lumumbiste Unifié&#039;&#039;, Gizengas heutiger Partei, geschmückt. Die Reminiszenz an den magischen Degen von vor fünfzig Jahren war offenkundig. In seiner &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; verschmolzen Erinnerung und Mystik mühelos miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte mich an einer günstigen Stelle postiert und wartete auf Baudouin beim Bahnhof, beim Denkmal für die Eisenbahnarbeiter. Alle wollten ihn sehen, er war ein gutaussehender junger Mann, aber überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war unmöglich, aber dank meiner Kraft konnte ich an ihnen vorbeihuschen. Ich wollte dem König Blumen schenken, um ihm meine Zuneigung zu zeigen, aber ich sah den langen, glänzenden Degen und nahm ihn &#039;&#039;pour la folie&#039;&#039;. Und ich lief fünf Meter damit weg, aber dann hörte ich, wie die Soldaten ihre Waffen luden. König Baudouin sagte: ›Keine Waffen.‹ Ich lief zu ihm zurück und sagte: ›Ich wünsche Ihnen eine gute Reise im Kongo. Der liebe Gott hat mir gerade eingegeben, Ihren Degen zu nehmen. Wir gehen ins Parlament als gute Bekannte. Es ist an der Zeit, dass wir die Unabhängigkeit bekommen. Die europäischen Frauen sind wie die Jungfrau Maria, aber später wird der liebe Gott uns den Frieden geben, damit wir weiße Frauen heiraten können. Belgien ist weit, so weit wie der Himmel, ein gemeinsamer Besitz, wo es auch Schwarze geben wird. Einen gemeinsamen Markt. Die Schwarzen werden nach Belgien gehen. Ich bin nicht verrückt, ich bin normal. Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück.‹ Baudouin erwiderte: ›Niemand darf Sie schlagen! Ich werde Ihnen ein Geschenk geben. Vergessen Sie mich nicht. Es ist wahr, später werden Sie eine weiße Frau heiraten, vorausgesetzt, Sie können Französisch sprechen.‹ Aber er reiste noch am selben Tag ab, ohne mir ein Geschenk zu geben. Es blieb bei dem Versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob dieses merkwürdige Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, sei dahingestellt. Mystik und Erotik kollidierten darin in genialer Weise mit dem aktuellen Geschehen in Europa (gemeinsamer Markt!) und dem belgischen Sprachenkonflikt (Französisch lernen!). Aber dass sich ein Mann mit etwas anderen Denkstrukturen ein halbes Jahrhundert nach den Feierlichkeiten an ein Versprechen erinnert, das nie eingelöst wurde, ist an sich schon aufschlussreich. Durch die Ritzen seiner Phantasievorstellungen sticht heute das Licht einer tiefen Wahrheit: Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen, doch es blieb bei einem leeren Versprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8 Der Kampf um den Thron ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die turbulenten Jahre der Ersten Republik 1960-1965 ===&lt;br /&gt;
Dass in dieser ersten Zeit der Unabhängigkeit viel improvisiert werden musste, war jedem klar. Dass nicht alles wie am Schnürchen klappen würde, war nicht weiter tragisch. Aber die Probleme, mit denen sich der Kongo in den ersten sechs Monaten seiner Existenz dann tatsächlich konfrontiert sah, konnte wirklich niemand voraussehen: eine schwere Meuterei in der Armee, eine Massenflucht der bis dahin im Land verbliebenen Belgier, eine Invasion belgischer Truppen, eine militärische Intervention der UNO, logistische Unterstützung der Sowjetunion, eine sehr hitzige Phase des Kalten Krieges, eine beispiellose Verfassungskrise, zwei Sezessionen, die ein Drittel des Territoriums betrafen – und zu all dem noch die Verhaftung, Flucht und erneute Festnahme und dann die Folterung und Ermordung des Premierministers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch in den Jahren darauf kam das Land nicht zur Ruhe. Der Zeitraum von 1960 bis 1965 wird heute als Erste Republik bezeichnet, hatte aber eher den Charakter einer Endzeit. Das Land zerfiel und erlebte einen Bürgerkrieg, ethnische Pogrome, zwei Staatsstreiche, drei Aufstände und sechs Staatsoberhäupter (Lumumba, Ileo, Bomboko, Adoula, Tschombé und Kimba), von denen zwei auf jeden Fall, vielleicht sogar drei ermordet wurden: Lumumba, erschossen 1961; Kimba, erhängt 1966; Tschombé, tot vorgefunden in einer Gefängniszelle in Algerien 1969. Sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Mann, der an der Spitze einer unschlüssigen Weltregierung stand, verlor unter nie aufgeklärten Umständen das Leben: ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte der Nachkriegszeit. Der Blutzoll unter der kongolesischen Bevölkerung wurde nirgendwo dokumentiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik des Kongo war eine apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte. Auf politischer und militärischer Ebene versank das Land in einem totalen, unentwirrbaren Chaos, auf wirtschaftlicher Ebene war das Bild klarer: Es ging ständig nur noch abwärts. Dennoch fiel der Kongo nicht der puren Irrationalität anheim. Die Misere der ersten fünf Jahre war nicht die Folge einer Renaissance der Barbarei, der Auferstehung von in den Jahren der Kolonialherrschaft unterdrückten Primitivismen, geschweige denn der Ausdruck einer genuinen »Bantuseele«. Nein, auch hier war das Chaos eher das Resultat von Logik als von Unvernunft, genauer gesagt: das Resultat der Konfrontation unterschiedlicher Logiken. Der Präsident, der Premierminister, die Armee, die Rebellen, die Belgier, die UNO, die Russen, die Amerikaner: Jeder für sich agierte entsprechend einer Logik, die in sich konsistent und nachvollziehbar, mit der Logik der anderen jedoch oft unvereinbar war. Wie im Theater war auch hier die Tragödie der Geschichte keine Sache von Vernünftigen gegen Unvernünftige, von Guten gegen Böse, sondern von Menschen, die sich zusammenschlossen und sich selber einer wie der andere als gut und vernünftig ansahen. Idealisten standen Idealisten gegenüber, aber jeder Idealismus, der zu fanatisch ausgelebt wird, führt zu Verblendung, der Verblendung der Guten. Die Geschichte ist ein abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die turbulenten ersten fünf Jahre des Kongo lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase umfasst die Zeit vom 30. Juni 1960 bis zum 17. Januar 1961, dem Tag, an dem Lumumba ermordet wurde. In diesen ersten sechs Monaten stürzte das Kartenhaus des Kolonialstaates ein, und die &#039;&#039;Kongo-Krise&#039;&#039; dominierte Woche für Woche weltweit die Nachrichten. Die zweite Phase betraf den Zeitraum 1961-1963 und stand hauptsächlich im Zeichen der Abspaltung Katangas. Sie endete, als sich die aufständische Provinz – nach einer massiven UNO-Intervention – wieder dem Land anschloss. Die dritte Phase begann mit dem Jahr 1964, als im Osten des Kongo eine Rebellion ausbrach, die dann die Hälfte des Landes erfasste. In zähen Kämpfen eroberte die Zentralregierung die Kontrolle über das Territorium zurück. Das Jahr 1965 sollte eine Rückkehr zur Normalität einläuten, endete jedoch unerwartet mit dem Putsch Mobutus am 24. November. Dieser Staatsstreich prägte die weitere Geschichte des Kongo. Mobutu blieb zweiunddreißig Jahre an der Macht, bis 1997. Das war die sogenannte Zweite Republik mit ihrer anfangs straff zentralisierten Regierung, die sich zu einer Diktatur entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war durch ein Wirrwarr von Namen kongolesischer Politiker und Militärs, europäischer Berater, UNO-Personal, weißer Söldner und einheimischer Rebellen gekennzeichnet. Vier Namen dominierten jedoch das Spiel: Kasavubu, Lumumba, Tschombé und Mobutu. Zwischen ihnen entspann sich ein Machtkampf, der in seiner Komplexität und Intensität Shakespearschen Königsdramen nicht nachstand. Die Geschichte der Ersten Republik ist die Geschichte eines knallharten Ausscheidungsrennens zwischen vier Männern, die zum ersten Mal das Spiel der Demokratie spielen mussten. Ein unmöglicher Auftrag, umso mehr, da jeder von ihnen von ausländischen Akteuren bedrängt wurde, die ihre Eigeninteressen im Kongo vertraten. Kasavubu und Mobutu wurden hofiert vom CIA, Tschombé war zeitweise ein Spielball seiner belgischen Berater, Lumumba stand unter gewaltigem Druck von Seiten der USA, der UdSSR und der UNO. Der Machtkampf dieser vier Politiker wurde dramatisch verschärft und noch komplizierter gemacht durch das Gezerre aus dem Ausland. Es ist schwierig, der Demokratie zu dienen, wenn mächtige Akteure über einem ständig und oft panikartig an den Fäden ziehen. Außerdem hatte keiner von ihnen zuvor im eigenen Land auch nur einen Tag in einer Demokratie gelebt. Belgisch-Kongo hatte kein Parlament besessen, es existierte keine Kultur institutionalisierter Opposition, sachlicher Auseinandersetzung, Konsenssuche, Kompromissbereitschaft. Alles war von Brüssel aus gelenkt worden, die Kolonialregierung vor Ort war nicht mehr als eine ausführende Behörde gewesen. Meinungsverschiedenheiten waren vor der einheimischen Bevölkerung vertuscht worden, da sie nur dem Prestige der Kolonialmacht geschadet hätten. Der Inhaber des höchsten Amtes, der Generalgouverneur mit seinem weißen, mit Geierfedern geschmückten Helm, glich in seiner scheinbar unantastbaren Allmacht mehr dem traditionellen Herrscher eines feudalen afrikanischen Königreichs als dem Spitzenbeamten einer demokratischen Regierung. Kann es dann erstaunen, dass diese erste Generation kongolesischer Politiker mit den demokratischen Grundprinzipien rang? Und dass sie eher Thronanwärtern glichen, die sich gegenseitig nach dem Leben trachteten, als gewählten Volksvertretern? In den historischen Königreichen in der Savanne war ein Thronwechsel immer mit einem heftigen Machtkampf einhergegangen. 1960 war es nicht anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging es denn letztlich nicht darum, wer der Nachfolger von König Baudouin werden durfte? Kasavubu war der erste und einzige Präsident der Ersten Republik. Die Galauniform, die er sich schneidern ließ, war eine exakte Kopie der Uniform Baudouins. In Léopoldville und Bas-Congo konnte er auf breite Unterstützung zählen. Seine Stellung als Staatsoberhaupt war selten offen bedroht, doch 1965 wurde er von Mobutu beiseitegeschoben. Auch dessen Galaanzug kurze Zeit später war dem von Baudouin nachempfunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Machtbasis lag im Osten, mit Stanleyville als Zentrum. Er war der populärste Politiker des Kongo, aber es wurmte ihn, dass er Kasavubu als Präsident über sich dulden musste. Er erlebte nur die ersten sechs Monate der Ersten Republik, doch auch nach seinem Tod beeinflusste sein Gedankengut die Politik in starkem Maße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé fühlte sich noch mehr zurückgesetzt. Seine Partei war bei der Regierungsbildung schlecht weggekommen. Er hatte sich mit dem Amt des Provinzgouverneurs von Katanga in Elisabethville zufriedengeben müssen. Und auch wenn das in Anbetracht der Fläche und der Industrie noch immer so war, als sei er innerhalb eines Vereinten Europas Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden, musste er akzeptieren, dass sich das Zentrum der Macht woanders befand, in Léopoldville.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schließlich war am Tag der Unabhängigkeit der unbedeutendste der vier: Er war der Privatsekretär von Lumumba. Er hatte keine große Stadt hinter sich wie die anderen drei, geschweige denn ein mächtiges Volk wie Kasavubu (mit den Bakongo) oder Tschombé (mit den Lunda). Er kam aus einem kleinen Stamm ganz im Norden der Provinz Équateur, den Ngbandi, einer peripheren Bevölkerungsgruppe, die nicht einmal eine Bantu-Sprache sprach wie der Rest des Kongo. Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er auch der jüngste der vier (Kasavubu war fünfundvierzig, Tschombé vierzig, Lumumba fünfunddreißig). Doch fünf Jahre später war er allmächtig. Er wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Zentralafrikas und zu einem der reichsten Menschen der Welt. Die klassische Geschichte vom Laufjungen, der es zum Mafiaboss bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des ersten Aktes der kongolesischen Unabhängigkeit war Patrice Lumumba die unumstrittene, zentrale Figur. Nach seiner aufrührerischen Rede bei der Zeremonie der Machtübergabe waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als sich der Vorhang des kongolesischen Dramas hob, war er ein dynamischer Volkstribun, angebetet von Zehntausenden kleiner Leute. Nur einige Szenen später wurde er bereits verachtet, angespuckt und gezwungen, eine Kopie seiner Rede zu essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juli 1960. Trockenzeit. Stahlblauer Himmel. Vier Tage dauerten die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit. Die Armee, die Force Publique, sicherte wie eh und je die öffentliche Ordnung. Sie war der Fels in der Brandung. Der jetzt unabhängige Kongo hatte nicht gleich Wind in den Segeln – die politischen Institutionen waren zu neu, die politische Erfahrung gleich null, die Herausforderungen gigantisch –, aber die Streitkräfte waren in sich stabil. Das Offizierskorps war noch durchgehend belgisch: Tausend Europäer hatten die Befehlsgewalt über fünfundzwanzigtausend Kongolesen. Oberbefehlshaber war noch immer General Janssens, der Mann, der die Unruhen im Januar 1959 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Ohne Zweifel der preußischste aller belgischen Offiziere, war er ein großer Militär mit rigiden Prinzipien: Disziplin war ihm heilig, Protest eine Abirrung, Unordnung ein Zeichen von Charakterschwäche. Er musste Lumumba als Minister über sich dulden, denn der hatte neben dem Amt des Premiers auch das Verteidigungsressort erhalten. Später würde er über Lumumba schreiben: »Moralische Persönlichkeit: keine; intellektuelle Persönlichkeit: vollkommen oberflächlich; physische Persönlichkeit: aufgrund seines Nervensystems glich er mehr einer Raubkatze als einem Menschen.«1 Hier zeigt sich, wie die Karten verteilt waren. Der Kongo war zwar unabhängig, doch die Belgier hatten neben der Wirtschaft auch den Militärapparat voll und ganz unter Kontrolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Donnerstag, dem 30. Juni, knallte das Feuerwerk, am Montag, dem 4. Juli, kam es schon zum Eklat. Als stabiles Land existierte der Kongo nur wenige Tage. Während der Mittagsparade in der Kaserne »Leopold II.« verweigerten einige Soldaten den Gehorsam. General Janssens kam hinzu und tat, was er in solchen Fällen immer tat: die aufsässigen Elemente degradieren. Die Wirkung war diesmal genau entgegengesetzt. Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfhundert Soldaten in der Kantine, um ihren Unmut zu äußern. Sie hatten es satt. Schon seit eineinhalb Jahren hatten sie überall Feuerwehr spielen müssen und kleinere Aufstände niedergeschlagen. Nun forderten sie Aufstiegsmöglichkeiten in der militärischen Hierarchie, eine Erhöhung des Soldes und das Ende des Rassismus. Schon kurz vor der Unabhängigkeit hatten sie geschrieben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand vergisst, dass in der Force Publique wir, die Soldaten, wie Sklaven behandelt werden. Wir werden willkürlich bestraft, weil wir Neger sind. Wir haben kein Recht auf dieselben Vorteile und Einrichtungen wie unsere Offiziere. Unsere Zweipersonenstuben sind sehr beengt (7,50 m² Fläche) und weder mit Möbeln noch mit Elektrizität ausgestattet. Wir bekommen wenig zu essen, und unsere Verpflegung entspricht bei weitem nicht den hygienischen Vorschriften. Der Sold, den man uns zubilligt, reicht nicht aus, die heutigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, die von Schwarzen geleitet werden. Es genügt, ertappt zu werden mit &#039;&#039;Présence Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Indépendance&#039;&#039;, &#039;&#039;Emancipation&#039;&#039;, &#039;&#039;Notre Congo&#039;&#039; . . . um auf der Stelle zwei Wochen ins Gefängnis zu wandern. Nach dieser ungerechten Bestrafung wird man in die Strafkompanie in Lokandu versetzt, wo einem das militärische Leben beigebracht wird. (. . .) In der Force Publique leben unsere Offiziere auf amerikanische Art; sie haben bessere Unterkünfte, sie wohnen in großen, modernen Häusern, die alle von der Force Publique eingerichtet wurden, ihr Lebensstandard ist sehr hoch, sie sind überheblich und leben wie Herren; das alles um des Prestiges willen, weil sie weiß sind. Heute ist es der einmütige Wunsch aller kongolesischen Soldaten, verantwortliche Posten zu bekleiden, einen anständigen Sold zu erhalten und jeder Form von Diskriminierung innerhalb der Force Publique Einhalt zu gebieten.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um einer so großen Frustration etwas entgegenzusetzen, bedurfte es einer tiefgreifenden Armeereform; für General Janssens war eine solche Reform in den unruhigen Monaten vor und nach der Unabhängigkeit jedoch ausgeschlossen. Der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere wurde gerade an der Königlichen Militärakademie Brüssel ausgebildet, und in Luluabourg war eine Schule für Unteroffiziere gegründet worden. In einigen Jahren würden sie ihre Posten antreten können, fürs Erste aber blieb alles beim Alten. Am Morgen des 5. Juli, einem Dienstag, begab sich Janssens in die Leopold-II.-Kaserne und erteilte seinen Soldaten eine unmissverständliche Lektion in militärischer Disziplin: Die Force Publique stünde im Dienste des Landes, das sei so zur Zeit von Belgisch-Kongo gewesen, und das müsse auch jetzt so sein. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schrieb er mit großen Lettern an eine Schultafel: »&#039;&#039;Avant l&#039;indépendance = après l&#039;indépendance«&#039;&#039;: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Das war keine gute Idee. Die Soldaten bekamen den Slogan in die falsche Kehle. Sie hatten miterleben müssen, wie kongolesische Beamte von einem Tag auf den anderen hohe Posten in der Verwaltung erhielten und in welchem Ausmaß Politiker von der großen Wende profitierten. Das neue Parlament hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen beschlossen, dass die Volksvertreter das Recht auf eine Diät von 500.000 Franc hatten, fast doppelt so viel wie ihre belgischen Kollegen.3 Schlagartig wurde den Soldaten klar, dass das Fest der Unabhängigkeit für sie nichts in petto hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft wird die Meuterei der Armee mit Lumumbas aufrührerischer Rede erklärt. Aber ob das wirklich stimmt, bleibt dahingestellt, denn die Soldaten waren genauso wütend auf ihre frisch angetretenen Politiker wie auf ihre weißen Vorgesetzten. Sie wollten ihre Wut nicht nur an General Janssens auslassen, sondern auch an Lumumba selbst! In ihren Augen war er weniger ein Held als ein Verteidigungsminister, der selber nie Soldat gewesen war, ein Intellektueller mit elegantem Anzug und Fliege, der sich groß aufspielte, während sich an ihrer Lage trotz aller schönen Versprechungen nichts änderte.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch am selben Tag, dem 5. Juli, griff die Meuterei auf die Garnisonsstadt Thysville über, knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort ging es sehr viel gewalttätiger zu. Mehrere hundert Soldaten revoltierten. Sie verprügelten ihre Offiziere, die sich gezwungen sahen, sich mit ihren Frauen und Kindern im Offizierskasino zu verschanzen. Unterdessen besetzten sie das Munitionsdepot. Außerhalb der Kaserne, an der Straße, die zur Hauptstadt führte, kam es zu schweren Zwischenfällen in der Gegend von Madimba-Inkisi. Soldaten bedrängten diesmal keine weißen Offiziere, sondern weiße Zivilisten. Mehrere Europäerinnen wurden Opfer sexueller Gewalt. Eine von ihnen wurde innerhalb von fünf Stunden sechzehnmal vergewaltigt, im Beisein ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Kinder.5 Die Gerüchte darüber erreichten erst einige Tage später die Hauptstadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba versuchte inzwischen, der Meuterei in seiner Armee mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Er griff zu drei aufeinanderfolgenden Maßnahmen, die jede für sich gut gemeint waren, deren weitreichende Folgen er jedoch nicht absehen konnte. Am 6. Juli inspizierte er, zusammen mit General Janssens, die Truppen in der Leopold-II.-Kaserne in der Hauptstadt. Bei diesem Anlass versprach er, jeden Soldaten in den nächsthöheren Rang zu befördern. »Der Gefreite wird Obergefreiter, der Obergefreite wird Hauptgefreiter, der Hauptgefreite wird Unteroffizier, der Unteroffizier wird Feldwebel, der Feldwebel wird Oberfeldwebel, der Oberfeldwebel wird Hauptfeldwebel und der Hauptfeldwebel wird Adjutant.«6 Die erwünschte Wirkung blieb aus. &#039;&#039;»Lokuta!«,&#039;&#039; riefen die Soldaten, »Lügen«.7 So einfach ließen sie sich nicht abwimmeln. Es ging ihnen um höhere Ränge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später machte Lumumba ein weiteres Zugeständnis. Er setzte General Janssens ab und ernannte Victor Lundula zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Joseph-Désiré Mobutu als dessen Stabschef. Er hoffte, dass sich die Afrikanisierung an der Spitze der Armeeführung positiv auf die Truppenmoral auswirkte. Deshalb ging er auch gleich zu seiner dritten Maßnahme über: eine vorgezogene und radikale Afrikanisierung des Offizierskorps. Die Soldaten durften selbst die Kandidaten vorschlagen, die zum Offizier befördert werden sollten. So wurden Unteroffiziere und Stabsfeldwebel ohne Zwischenstufen Major oder Oberst. Um diesen Bruch zu betonen, erhielt die Force Publique auch einen anderen Namen: Künftig hießen die Streitkräfte &#039;&#039;Armée Nationale Congolaise&#039;&#039; (ANC).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Entscheidungen besänftigten die Gemüter einigermaßen, das Ergebnis aber war verheerend: Die Demokratische Republik Kongo besaß nach der ersten Woche ihrer Existenz keine funktionale Armee mehr. Der stabilste Stützpfeiler des neuen Staates war untergraben worden. Im heutigen entmilitarisierten Europa, in dem die NATO unsichtbar für Sicherheit sorgt, ist es nicht einfach zu begreifen, wie entscheidend die Rolle einer Armee in einem noch jungen Staat ist. Zu einem richtigen Staat wird er erst in dem Maße, in dem es ihm gelingt, die Gewalt (sozial, tribal, territorial) zu monopolisieren. Im unruhigen Kongo der sechziger Jahre war die Armee lebensnotwendig. Doch die Force Publique, die Kolonialarmee, die sich bedeutender Siege im Ersten und Zweiten Weltkrieg rühmen konnte, war innerhalb von nur einer Woche auf einen chaotischen Haufen reduziert worden. Das Oberkommando führten nun zwei Reservisten: Lundula, der Bürgermeister von Jadotville, der fünfzehn Jahre zuvor Sanitätsfeldwebel gewesen war, und Mobutu, ein Journalist, der in der Force Publique einmal Hauptfeldwebel und Buchhalter gewesen war und der nun seit kurzem der Vertraute Lumumbas war. Einst fuhren sie zusammen auf einem Moped durch die Straßen von Léopoldville, nun waren sie Ministerpräsident bzw. Stabschef eines unermesslich großen Landes mit einer desolaten Armee. Dass Mobutu auch eine Vertrauensperson der belgischen und amerikanischen Geheimdienste war, wollte Lumumba nicht wahrhaben. Diese Realitätsverweigerung sollte ihn das Leben kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Versuche, die Meuterei zu bekämpfen, erinnern an die belgischen Pazifizierungsversuche als Antwort auf die sozialen Unruhen in den fünfziger Jahren: Konfrontiert mit einem rebellischen Teil der Gesellschaft, traf auch er übereilte Entscheidungen und machte bedeutende Zugeständnisse in der Hoffnung, so die Ruhe wiederherzustellen. Auch diesmal war das Resultat genau entgegengesetzt. Der Unmut wurde nicht eingehegt, sondern nahm immer mehr Raum ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsere Frauen werden vergewaltigt!« Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den im Kongo lebenden Europäern. Am 7. Juli war ein Zug, voll besetzt mit aus Thysville geflohenen Belgiern, in der Hauptstadt angekommen. Ihre Berichte übertrafen für viele noch die düstersten Szenarien. Manche waren angespuckt, gedemütigt und ausgebuht worden, viele fühlten sich bedroht. Aber die Aufregung über sexuelle Gewalt führte zur größten Panik. In der Kolonialgesellschaft war keine größere Kluft denkbar als die zwischen dem afrikanischen Mann und der europäischen Frau (die umgekehrte Konstellation, Kontakt zwischen einem europäischen Mann und einer afrikanischen Frau, war gang und gäbe). Jamais Kolonga war eine nationale Berühmtheit geworden, indem er mit einer Weißen tanzte. Longin Ngwadi hatte König Baudouin angeblich erzählt, dass er eine Europäerin heiraten wolle. Naive Seelen hatten vor dem 30. Juni geglaubt, sie könnten mit der Unabhängigkeit ein belgisches Haus und eine belgische Frau erwerben. Die weiße Frau war unerreichbar und erweckte gerade deshalb eine so große Neugier. In den späten fünfziger Jahren erlebte ein Belgier einen amüsanten, aber aufschlussreichen Vorfall:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Niederlassung Katana gab es ein Postamt mit einem einheimischen Vorsteher. Eines Tages kommt der Vorsteher zu mir und sagt: »Monsieur, man hat mich betrogen.« Und ich frage: »Was ist denn passiert?« »Also, Monsieur (das ganze Gespräch war auf Swahili), schauen Sie mal, ich habe hier einen Katalog von Au Bon Marché in Brüssel und sehe das Foto hier. (Es war die Abbildung einer hübschen jungen Frau mit einem sehr schönen BH.) Ich habe das bestellt, und wissen Sie, was die mir geschickt haben? Einen leeren BH.« Unser Postvorsteher hatte gemeint, dass er die Frau dazu bekäme, und er fand sie recht preiswert im Vergleich zum Brautpreis für eine einheimische Frau.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiße Frauen im Kongo der Kolonialzeit waren fast immer Ehefrauen oder Nonnen. Sexuelle Beziehungen mit ihnen waren so gut wie ausgeschlossen. Sexuelle Gewalt nach der Unabhängigkeit war eine brutale Handlungsweise, sich das unerreichbarste Element der Kolonialgesellschaft nachträglich anzueignen und zugleich die ehemaligen Machthaber tief zu demütigen. Auf beiden Seiten herrschten Klischees: So wie die weiße Frau für viele kongolesische Männer ein halb mythisches Wesen war, so hegten viele Europäer von jeher halb mythische Vorstellungen über afrikanische Sexualität. Diese Klischees beeinflussten die Ereignisse. Die Vergewaltigungen waren schrecklich, aber ihre Zahl stand in keinem Verhältnis zu der Panik, die sie unter den Europäern verursachten. Alle versetzten sich gegenseitig mit Gräuelgeschichten in Aufruhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein groß angelegter Exodus war die Folge, noch bevor es ein einziges Todesopfer gegeben hatte. Innerhalb weniger Wochen verließen schätzungsweise dreißigtausend Belgier das Land.9 In Léopoldville standen die Autos in kilometerlangen Schlangen, um sich am Beach auf die Fähre nach Brazzaville einzuschiffen. Viele VW-Käfer, viele Pick-ups, viele Mercedes, und alle noch immer mit dem CB-Aufkleber für &#039;&#039;Congo belge&#039;&#039; an der Stoßstange . . . Andernorts wurden die Autos einfach zurückgelassen. Vor der Unabhängigkeit hatte Brüssel die Belgier dazu aufgefordert, möglichst auf ihrem Posten in der Kolonie zu bleiben – der junge Kongo würde ihren Sachverstand dringend benötigen –, doch zwei Wochen später empfahl Belgien seinen Landsleuten, nach Hause zurückzukehren oder schon mal Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Fluggesellschaft Sabena organisierte eine Luftbrücke und flog innerhalb von drei Wochen mehrere zehntausend Europäer aus. Es war ein erschütternder Abzug. Um die zehntausend Beamte, dreizehntausend Angestellte aus dem Privatsektor und achttausend Plantagenbesitzer verließen das Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute wissen wir, dass diese plötzliche Massenpsychose in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stand. Es war, als leere sich ein Kino fluchtartig, nachdem jemand hysterisch »Feuer! Feuer!« gerufen hat, obwohl nur ein Aschenbecher in Flammen steht. »Seht doch nur, ein schreckliches Feuer!«, rufen die Kinobesucher auf dem Weg zum Ausgang, sind sich aber nicht darüber im Klaren, dass sie das Feuer erst richtig schüren, indem sie die Saaltüren öffnen. Sicher, die Lage war ernst, aber es gab keinen Grund zu einer allgemeinen Evakuierung. Doch das sah man damals anders. Jede Panikwelle erreicht irgendwann eine Dynamik, die sich nicht mehr zügeln lässt. Ähnlich wie sich die Kaserne von Luluabourg 1944 durch eine irrationale Angst vor einer Impfkampagne leerte, so verließen die europäischen Bewohner den Kongo, weil sie das Sicherheitsrisiko falsch einschätzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch gab es auch damals Menschen, die einen kühlen Kopf behielten. In Bas-Congo, in dem kleinen Dorf Nsioni, wohnte ich im Jahr 2008 ein paar Tage bei dem alten Arzt Jacques Courtejoie, einem Mann aus Stavelot (in der Provinz Lüttich), der als Kind die Ardennenoffensive in einer Entfernung von dreihundert Metern von seinem Elternhaus miterlebt hatte. Eine Lektion in Kaltblütigkeit. Er lebte bereits seit 1958 im Kongo, immer allein, immer unverheiratet, als ein Missionar der Wissenschaft, ein Einmannbetrieb des Humanismus, der Mitmenschlichkeit und des Optimismus. Er hatte ein halbes Dutzend Menschen aus der Umgebung unterrichtet und ausgebildet; er vermittelte ihnen Verantwortungsgefühl und Selbstvertrauen. Gemeinsam machten sie Bücher und Plakate mit medizinischer Aufklärung, die im ganzen Kongo verbreitet wurden, Bücher über Bandwürmer, Augenkrankheiten und sogar Kaninchenzucht, Plakate zu Themen wie Händewaschen, TBC und Säuglinge stillen. Selten sah ich einen Mann unter so schwierigen Umständen so selbstverständlich der Menschenwürde dienen. Ein unbekannter Albert Schweitzer. Vom ersten Tag seines Aufenthaltes im Kongo an war Jacques Courtejoie ein erbitterter Gegner des Kolonialismus. »Im Juli 1960 hörte ich die Nachrichten im Radio. Überall brach Panik aus, alle flohen. Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und die Sache rational zu sehen. Ich sah überhaupt nicht ein, warum ich gehen sollte.« Er war einer der wenigen, die blieben. Nach drei Monaten Unabhängigkeit zählte der Kongo nur noch rund hundertzwanzig Ärzte.10 »Es herrschte so viel irrationale Angst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Monate vor der Unabhängigkeit war ich noch bei einem weißen Distriktverwalter zum Essen eingeladen. Er kam spät nach Hause, weil er zu einer politischen Versammlung der Abako gemusst hatte. Seine Frau begrüßte ihn mit den Worten: ›Ich hoffe doch sehr, dass du diesem Kasavubu nicht die Hand gegeben hast!‹ Ich habe es noch heute im Ohr. Sogar noch in der Zeit wollte man einem Afrikaner nicht nahe kommen! Und zwei Monate später war dieser Mann der Präsident des Kongo! Das war echt die Stimmung, die damals herrschte. Schwarze durften nie mit im Auto fahren, höchstens auf der Ladefläche eines Pick-up, nicht mal Kranke oder Schwangere. Ich habe noch erlebt, dass die alte Mutter eines schwarzen Priesters auf der Ladefläche liegen musste, obwohl sie schwer krank war. Hier in der Gegend aßen Weiße nie mit Schwarzen an einem Tisch.«11 Courtejoie opponiert noch immer täglich dagegen. Wenn er heute mit seinen Mitarbeitern loszieht, darf jeder mit, bis der Jeep proppenvoll ist. In den Lunchpausen unterwegs teilt er das Maniokbrot mit ihnen, und sie essen gemeinsam aus derselben Sardinenbüchse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Europäer flohen mit dem Gedanken, nach ein paar Monaten, wenn sich die Lage beruhigt hätte, zurückzukehren. Doch es kam anders. Das führte zu viel Verbitterung, zumal die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht ausgesprochen stolz auf ihre Leistung waren. Nicht wenige waren davon überzeugt, dass sie, als Bürger eines kleinen Landes, sich selbst übertroffen und uneigennütziges Engagement und grenzenlosen Einsatz an den Tag gelegt hätten. Vladimir Drachoussoff, der Agronom, der im Zweiten Weltkrieg sein spannendes Tagebuch geführt hatte, erinnerte sich in den achtziger Jahren an »die Freude, an der Entwicklung eines großen Landes mitzuarbeiten, das heute Ausland ist, aber das wir tief im Innern als das unsere empfanden«.12 Die Kolonie hatte vielen Menschen Chancen geboten, die sie in Europa nie gehabt hätten, sie war ihnen das teuerste Vaterland. Und nun wurde es zum Ausland. Thomas Kanza, der erste Kongolese mit einem Universitätsdiplom und blutjunger Minister in der Regierung Lumumba, zeigte einen verblüffenden Einblick in diese Geisteshaltung, als er schrieb: »Fast alle erreichten in Afrika mehr, als sie in Europa erreicht hätten, denn die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, Sachkenntnisse zu beweisen, ihre Dynamik, kurz gesagt, ihre Persönlichkeit zu bestätigen, waren in den Überseegebieten größer als in Europa.«13 Den Kongo zu verlassen bedeutete also auch: einen Traum aufgeben, einen Traum von Selbstentfaltung, der für viele mit einem paternalistischen Ideal einherging. Drachoussoff war auch in dieser Sache sehr ehrlich: »Unser Paternalismus war solide und friedfertig: Wir waren tief und aufrichtig davon überzeugt, dass wir nicht nur die Träger einer moderneren Zivilisation waren, sondern der Zivilisation &#039;&#039;tout court&#039;&#039;, die der Maßstab und der Standard aller Völker auf Erden war. (. . .) Fast alle waren wir stolz darauf, Europäer zu sein, und wir traten als Konstrukteure und Gestalter an die Welt um uns herum heran, mit dem Willen, sie zu formen und umzugestalten und mit der Überzeugung, dass wir das Recht dazu besaßen.« Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen hatte natürlich auch eine dunkle Seite, erkannte er. Die plötzliche Feindseligkeit zwischen Weiß und Schwarz kam nicht aus heiterem Himmel: »Ein begreifliches, aber gefährliches Gefühl von Überlegenheit prägte die tägliche Praxis der Kolonisation. (. . .) Die ›Zivilisatoren‹ wollten gern beschützen und erziehen, solange die Rangordnung gewahrt blieb und die Schutzbefohlenen respektvoll und untertänig waren. Niemand von uns konnte sich dieser gottgegebenen Hierarchie völlig entziehen, die bei den Mittelmäßigen auf elementaren Rassismus hinauslief und den Edelmütigeren ein gutes Gewissen verschaffte.«14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land zu verlassen, war für die Weißen frustrierend; für das junge Land selbst war ihr Weggang ein zweiter schwerer Schlag. Einfach ausgedrückt: Nach einer Woche hatte der Kongo keine Armee, nach zwei Wochen keine Verwaltung mehr. Richtiger ausgedrückt: Die Verwaltung war ohne Leitung. Nur drei der 4878 höheren Positionen waren 1959 von Kongolesen besetzt.15 Plötzlich mussten Menschen mit unzureichender Ausbildung wichtige Funktionen in der Bürokratie übernehmen, oft weit über ihrem Kenntnisstand. Die Armee war für die Aufrechterhaltung der Ordnung unabdingbar, die Verwaltung für einen funktionierenden Staat. In Kisangani unterhielt ich mich darüber mit der sehr schillernden Figur Papa Rovinscky, wie der Beiname von Désiré van-Duel lautete, wiederum ein belgisch anmutender Beiname zu seinem afrikanischen Namen Bonyololo Lokombe. Wenn sich dein Land zu deinen Lebzeiten schon viermal umbenannt hat, warum solltest du dann nicht auch deinen eigenen Namen ändern können? Papa Rovinscky empfing seinen Besuch mit Musik. Er schlug die Schlitztrommel und war noch in der Lage, in der Sprache seines Stammes, der Lokele, Signale über große Entfernungen zu verbreiten. »Der Weiße ist hier und sitzt im Sessel«, trommelte er auf seinem Urwald-Telefon in die Runde, als ich Stift und Notizbuch hervorholte. An der Wand des Wohnzimmers hing seine handgeschriebene Lebensgeschichte samt Lebenslauf. Er hatte seine fünfunddreißig Kinder mit neun verschiedenen Frauen aufgelistet, &#039;&#039;»dont 8 cartouches perdues«&#039;&#039;, darunter acht abgeirrte Kugeln. Er beschrieb sich selbst so: »unabhängiger Journalist und Diakon, von Natur aus nationaler und internationaler Historiker, externer Mitarbeiter von kommunikationeller Klasse [keine Ahnung, was er damit meinte, aber es klang recht gut], Friedenskünstler, multidimensionaler Barde.« Aber heute, mit dreiundsiebzig, verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem mit dem Schreinern von Särgen, insbesondere für Kinder, denn die Nachfrage war groß. Im Kongo stirbt eines von fünf Kindern noch vor dem fünften Geburtstag. Vor der Unabhängigkeit war er Stenotypist bei der Kolonialverwaltung. Er konnte blind tippen (»Meine Finger hatten Augen«), aber nach der Unabhängigkeit wurde er ins Amt des Stadtdirektors von Tshopo katapultiert. »Es gab nur noch ein paar Weiße, die anderen Führungskräfte waren alle schwarz. Keiner war vorbereitet. Der Bürgermeister stellte ein Team zusammen. Weil ich Steno und Maschineschreiben konnte, wurde ich Stadtdirektor. Ich musste die Protokolle der Gemeindevertretung aufsetzen. Das war wirklich nicht einfach für mich! Ich hatte überhaupt keine Ausbildung!«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Exodus der Belgier hatte auch gravierende ökonomische Folgen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1960 erlebte die Landwirtschaft, die auf den Export ausgerichtet war, einen starken Rückschlag. Baumwolle, Kaffee und Kautschuk, bereit zur Ernte, wurden nicht mehr ausgeführt. Die Gewächse verfaulten auf den Plantagen. Der Export von Kakao und Palmnüssen fiel um mehr als die Hälfte zurück.17 Auch andere Sektoren, die stark von europäischem Know-how abhängig waren, traf es empfindlich: Forstwirtschaft, Straßenbau, der Transport- und der Dienstleistungssektor. Nur der Bergbau blieb mehr oder weniger stabil. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Wer jahrelang Boy, Koch oder Putzfrau für eine weiße Familie gewesen war, stand plötzlich auf der Straße. Mehrere zehntausend Arbeiter auf den Plantagen, in den Zuckerraffinerien, Seifensiedereien und Bierbrauereien verloren ihre Jobs. Nach und nach wich die industrielle der traditionellen Landwirtschaft. Man baute wieder Maniok an, schälte Mais und sammelte Heuschrecken, man besuchte wieder Verwandte, wenn man Hunger hatte. Die Kleinfamilie, das Ideal des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, für das die Missionen unentwegt geworben hatten, wurde nach einiger Zeit wieder gegen das weitläufige Netz von Onkeln, Vettern und Cousinen eingetauscht, auf das man in schlechten Zeiten zurückgreifen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unruhen vom Juli 1960 ruinierten nicht nur die Armee, die Verwaltung und die Wirtschaft, sondern führten auch zu einem bewaffneten Konflikt. In Elisabethville gab es am 9. Juli die ersten Toten: Fünf Europäer, darunter der italienische Konsul, wurden abgeschlachtet. So konnte es nicht weitergehen, entschied noch in derselben Nacht der belgische Verteidigungsminister Arthur Gilson. Entgegen dem Ratschlag von Außenminister Wigny und ohne den belgischen Botschafter in Léopoldville zu informieren, gab er grünes Licht für eine militärische Intervention.18 Das Leben von Landsleuten sei in Gefahr, lautete seine Begründung. Am frühen Morgen des 10. Juli stiegen vom Luftstützpunkt Kamina Maschinen der belgischen Luftwaffe mit Soldaten für Elisabethville auf. Über Luluabourg wurde an diesem Tag eine Gruppe Fallschirmspringer abgesetzt, um Belgier zu befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine in jeder Hinsicht verhängnisvolle Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgischen Soldaten waren bereits einige Wochen vor der Unabhängigkeit auf den Militärbasen Kitona und Kamina stationiert worden. Entsprechend dem »Freundschaftsvertrag«, den beide Länder unterzeichnet hatten, sollte Belgien dem unabhängigen Kongo militärischen Beistand leisten, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch Léopoldvilles, also auf Ersuchen von Verteidigungsminister Lumumba. Das war hier aber ganz und gar nicht der Fall. Brüssel schob das Argument vor, es ginge ihm lediglich darum, die Sicherheit der belgischen Staatsbürger zu gewährleisten, doch schon bald besetzte Belgien große Teile der ehemaligen Kolonie. Da die kongolesische Armee nahezu handlungsunfähig war, wollte Belgien selbst die Ordnung (und die Wirtschaft) aufrechterhalten, denn man wollte nicht zulassen, dass das, was in einem Dreivierteljahrhundert aufgebaut worden war, innerhalb von vier Wochen zerstört wurde. Das war begreiflich, aber äußerst unklug. Belgien hätte sich darauf beschränken müssen, seine Bürger zu beschützen. Für alles andere hätte es sich an die Vereinten Nationen wenden müssen. Nun lief sein eigenmächtiger Eingriff auf die militärische Invasion eines souveränen, unabhängigen Staates hinaus. In Katanga entwaffneten belgische Soldaten unter Zwang kongolesische Armeeangehörige, die nicht einmal meuterten! Zum ersten Mal seit 1830 unternahm das Königreich Belgien eine Offensive auf fremdem Boden, auch wenn es sich der Tragweite offenbar kaum bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba waren anfangs geneigt, das Vorgehen Belgiens zu gestatten – es waren ja tatsächlich Belgier in Gefahr –, doch einen Tag später überlegten sie es sich anders und gaben ihre wohlwollende Haltung auf. Und das aus berechtigtem Grund: Am 11. Juli kam der wahre Sachverhalt ans Licht, sogar zweimal. Erstens beschossen an diesem Tag zwei Schiffe der belgischen Marine die Hafenstadt Matadi. Das hatte nichts mehr mit dem Schutz belgischer Bürger zu tun, denn die waren größtenteils evakuiert worden, sondern einzig und allein mit der Einnahme eines strategisch wichtigen Hafens. Zweitens, und das war noch sehr viel bedeutsamer, erklärte Tschombé an diesem Tag die Unabhängigkeit Katangas und wurde sofort von Belgien unterstützt. Kasavubu und Lumumba reisten in diesen Tagen durch das ganze Land, um Unruhen zu beschwichtigen. Sie waren über die Desintegration ihres Landes ebenso besorgt wie Belgien. In Bas-Congo gelang es Persönlichkeiten wie Gaston Diomi, einem der Bürgermeister der Hauptstadt, und Charles Kisolokele, einem der Söhne von Simon Kimbangu, die Meuterei durch ihren klugen und mutigen Einsatz einzudämmen. Es gab also einheimische, oft erfolgreiche Initiativen. Als der Präsident und der Premierminister von der Abspaltung Katangas erfuhren, flogen sie in die Provinz, doch der belgische Kommandant Weber erteilte ihnen keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Elisabethville. Das schaffte selbstverständlich viel böses Blut: Den Nummern 1 und 2 der demokratisch gewählten Regierung wurde der Zugang zur zweitgrößten Stadt ihres Landes verwehrt! Noch dazu von einem ausländischen Offizier, der einen Tag zuvor in der Stadt eingetroffen war!19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba zogen sofort die Schlussfolgerung, dass Belgien hinter der Sezession Katangas steckte. Begreiflich, aber nicht ganz richtig. Die Kontakte zwischen Belgiern und Katangesen waren schon seit langem ausgezeichnet, aber dass Staatsbeamte in Brüssel die Abspaltung Katangas mit geplant hätten, trifft nicht zu.20 In Wirklichkeit war die belgische Regierung von Tschombés verwegener Aktion unangenehm überrascht. Doch in der abtrünnigen Provinz entwickelte sich augenblicklich großes Einvernehmen zwischen den katangesischen Führern, den belgischen Militärs und der Leitung der Union Minière. Belgische Soldaten entwaffneten Lumumbas Truppen und standen mit an der Wiege einer neuen katangesischen Armee, der sogenannten &#039;&#039;Gendarmerie Katangaise&#039;&#039;. Brüssel erkannte den katangesischen Staat nie offiziell an, doch in der Praxis konnte Tschombé auf sehr viel belgische Unterstützung zählen. Die belgische Nationalbank half sogar dabei, die Zentralbank von Katanga aufzubauen.21 Auch das Königshaus hegte große Sympathien. König Baudouin schätzte Tschombé weitaus mehr als Lumumba. Er schrieb ihm: »Ein Bund von achtzig Jahren wie der, der unsere beiden Völker vereint, erschafft viel zu innige Gefühlsbande, um von der hassenswerten Politik eines einzigen Mannes aufgelöst zu werden.« Das Wort »hassenswert« wurde in der endgültigen Fassung gestrichen. Dass es um Lumumba ging, war auch so mehr als deutlich.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch sein militärisches Eingreifen wollte Belgien die Ordnung wiederherstellen, bewirkte aber eine totale Eskalation des Konflikts. Die Geschichte des Kongo zwischen 1955 und 1965 ist nichts anderes als eine Folge von Bemühungen verschiedener Regierungen, die Unruhe einzudämmen, Bemühungen, die jedes Mal in noch mehr Unruhe mündeten. Diesmal jedoch gossen die Belgier besonders viel Öl ins Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem turbulenten Bas-Congo patrouillierten im Juli 1960 vier Harvard-Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe. Sie nahmen Bodenziele unter Beschuss und griffen mit Raketen an. Nach sechs Tagen war eines abgestürzt und eines abgeschossen worden. Die anderen beiden hatten Einschläge von Geschossen an den Tragflächen und am Rumpf.23 Der schwerverletzte Pilot der abgeschossenen Maschine wurde von kongolesischen Soldaten ermordet und in den Inkisi geworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar Vize-Distriktverwalter André Ryckmans wurde erschossen, der Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs. Er war einer der intelligentesten Köpfe in der ehemaligen Verwaltung gewesen, ein Mann, der sich in den Dörfern sehr wohl gefühlt hatte.24 Wer ihn Kikongo sprechen hörte, hätte geschworen, dass da ein Afrikaner redete. Niemand hatte so viel Verständnis für die kongolesische Perspektive wie er. Der alte Nkasi erinnerte sich an ihn als an einen der wenigen Weißen, die wirklich sympathisch waren. Aber als Ryckmans mit den Meuterern über die Freilassung einiger weißen Geiseln verhandelte, wurde er vor den Augen einer aufgestachelten Menschenmenge ermordet. Wie sehr musste das militärische Vorgehen der Belgier die Atmosphäre vergiftet haben, wenn sogar einer der brillantesten und empathischsten Männer aus der Verwaltung von einer wütenden Volksmenge gelyncht werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Monsieur André, ja, den habe ich noch gekannt«, lächelte der blinde Camille Mananga, mit dem ich mich in Boma unterhielt. »Der war fast ein richtiger Kongolese. Er betrachtete sich selbst auch als Kongolesen. Aber bei der Brücke über den Inkisi haben sie ihn damals ermordet.« Ich fragte ihn, was er noch vom militärischen Eingreifen der Belgier wisse. Er brauchte nicht lange nachzudenken: »Ich war in Boma. Die belgischen Soldaten vom Stützpunkt Kitona waren gekommen, um die Armee zu entwaffnen. Auf dem Flughafen standen überall Panzer. Es war früh am Morgen, und ich ging zur Arbeit. Ich war damals Staatsbeamter im einfachen Dienst. In der Stadt wimmelte es von Soldaten. Ein Belgier sprach mich an. ›Wo willst du hin?‹ ›Ich arbeite in der Provinzverwaltung‹, sagte ich. ›Geh wieder nach Hause‹, sagte er, ›die Stadt ist von den Belgiern besetzt.‹ Aber ich ging weiter, ich war zu neugierig. Zum ersten Mal im Leben sah ich einen Panzer. Ich sah mir alles von Nahem an. Die Belgier sind nicht lange geblieben, aber es war eine Besetzung, nicht mehr und nicht weniger.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte also nicht wieder Friede ein. Im ganzen Land nahm die Gewalt gegen Belgier zu. Beamte und Plantagenbesitzer wurden mit Knüppeln, Peitschen und Hosengürteln geschlagen. Manche wurden gezwungen, Urin zu trinken oder verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Katholische Nonnen mussten sich in der Öffentlichkeit ausziehen und wurden festgebunden. Soldaten fragten sie, warum sie nicht der Partei Lumumbas angehörten und ob sie es mit den Patres trieben. Andere schlugen vor, einer weißen Frau eine Granate in die Vagina zu stecken. Erniedrigung war ein Ziel an sich. In der Zeit zwischen dem 5. und dem 14. Juli wurden ungefähr hundert europäische Männer misshandelt, ebenso viele Frauen vergewaltigt und fünf Weiße ermordet.26 Belgien hatte den Kongo in die Unabhängigkeit entlassen, um einen Kolonialkrieg zu vermeiden, bekam ihn nun aber doch. Und das auch noch durch eigene Schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»die regierung der republik kongo ersucht uno organisation dringend um entsendung militärischer unterstützung stop unsere bitte ist gerechtfertigt durch die entsendung belgischer truppen aus dem mutterland in den kongo als verstoß gegen den freundschaftsvertrag unterzeichnet zwischen belgien und republik kongo am 29. juni dieses jahres stop nach den bestimmungen dieses vertrages können belgische truppen nur intervenieren auf ausdrückliches ersuchen der kongolesischen regierung stop dieses ersuchen wurde von der regierung der republik kongo nie formuliert stop betrachten unerbetene belgische aktion als aggressiven akt gegen unser land stop tatsächliche ursache der meisten unruhen sind kolonialistische provokationen stop beschuldigen belgische regierung sezession katangas minutiös vorbereitet zu haben um unser land unter kontrolle zu behalten stop regierung mit rückhalt durch das kongolesische volk weigert sich vor vollendete tatsachen gestellt zu werden die sich aus einer verschwörung von belgischen imperialisten und kleinen gruppen katangesischer führer ergeben stop (. . .) insistieren mit betonung der extremen dringlichkeit auf entsendung von uno truppen in den kongo fullstop«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterzeichnet von: Joseph Kasavubu und Patrice Lumumba. Mit diesem Telegramm ersuchten der Präsident und der Premierminister des Kongo am 12. Juli, einen Tag nach der Sezession Katangas, die Vereinten Nationen um Unterstützung. Die UNO war zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ junge Organisation, die in ihrem fünfzehnjährigen Bestehen nur vier Beobachtungsmissionen vorzuweisen hatte. Ihr Generalsekretär war Dag Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mann, der durchdrungen war von protestantischem Pflichtgefühl. Kasavubu und Lumumba richteten ihre ganze Hoffnung auf die UNO. Ihr Land war noch nicht einmal eine Woche lang Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld berief noch am selben Abend eine Eilsitzung des UNO-Sicherheitsrats ein. In dem nüchternen Sitzungssaal in New York wurde eine ganze Nacht über die aktuellen Entwicklungen im Kongo diskutiert. Die Sowjetunion befürwortete das Hilfeersuchen von Kasavubu und Lumumba ohne Wenn und Aber. Die anderen Mitglieder stimmten der Notwendigkeit einer Intervention zu, zögerten jedoch, Belgien auf die Finger zu klopfen. Der Generalsekretär war der Ansicht, dass eine internationale Truppe in erster Linie den Frieden überwachen und weniger die Befehle der kongolesischen Regierung ausführen müsse. Ebenso wenig äußerte er sich zur belgischen Invasion im Kongo. Polen und die UdSSR waren der Ansicht, dass die Belgier, als Aggressoren, unverzüglich abziehen müssten. Gegen vier Uhr morgens wurde die UNO-Resolution 143 verabschiedet. Der Sicherheitsrat rief »die Regierung Belgiens [dazu auf], ihre Truppen vom Territorium der Republik Kongo zurückzuziehen«, und beschloss, Blauhelme zu entsenden.28 Die Operation wurde unter dem Namen ONUC (&#039;&#039;Opération des Nations Unies au Kongo&#039;&#039;) bekannt; es war die bis dahin größte UNO-Mission der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war mit der UNO-Resolution nicht glücklich. Belgien wurde nirgendwo im Text verurteilt, und die Sezession Katangas wurde mit keiner Silbe erwähnt. Er hatte eine viel souveränere Haltung des Sicherheitsrates erwartet. Er hatte gehofft, dass die UNO-Blauhelme die Sache seiner schlecht funktionierenden Armee übernehmen, die belgischen Soldaten vertreiben und Katanga wieder dem Kongo angliedern würden. Das gestattete die Resolution nicht. Es war so, als riefe jemand bei schweren Krawallen die Polizei an, aber es käme höchstens die Feuerwehr. Nützlich, jedoch nicht ausreichend. Und deshalb bat er, zusammen mit Kasavubu, das Land um Unterstützung, das im Sicherheitsrat das größte Verständnis für sein Anliegen gezeigt hatte: die Sowjetunion. Am 14. Juli brach der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und nahm Kontakt mit Moskau auf: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop«.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht genug betont werden. Mit einem Schlag eröffnete das Telegramm eine neue Front im Kalten Krieg: Afrika. Bis dahin waren die Spannungen zwischen Ost und West hauptsächlich in Osteuropa und Asien (Korea, Vietnam) zum Ausdruck gekommen. Nun stand Afrika plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Kaum war das Telegramm nach Russland abgeschickt worden, da war es schon an den CIA durchgesickert. Der Inhalt sorgte in Washington für große Nervosität: Ersuchte der Kongo jetzt tatsächlich den Erzfeind um Unterstützung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1960 erwarben siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit. Die Folge war ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;. Anders als im neunzehnten Jahrhundert waren es diesmal nicht westeuropäische Mächte, die sich überseeische Kolonien aneignen wollten, sondern die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die ihren Einflussbereich über den ganzen Globus ausdehnen wollten. Wirtschaftsinteressen spielten noch immer eine wichtige Rolle, aber ideologische, geopolitische und militärische Faktoren waren viel entscheidender. Der Kongo war der erste afrikanische Staat, der in das Tauziehen der beiden neuen Weltmächte verwickelt wurde. Es ging dabei nicht nur um ein großes und strategisch günstig gelegenes Land, von dessen Territorium aus ganz Zentralafrika kontrolliert werden konnte, sondern auch darum, dass der Kongo über entscheidende Rohstoffe für die Waffenproduktion verfügte. Die Amerikaner wussten nur allzu gut, dass sie den Zweiten Weltkrieg mit dem Uran aus dem Kongo gewonnen hatten, und dass es für Kobalt, ein Element, das zur Herstellung von Raketen und anderen Waffen benutzt wird, nur zwei wichtige Lagerstätten auf der Welt gab: den Kongo und die UdSSR selbst.30 Den Kongo den Sowjets zu überlassen, hätte für die USA militärisch eine ernsthafte Schwächung bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Kasavubu und Lumumba die Tragweite ihres Telegramms bewusst? Höchstwahrscheinlich nicht. Unerfahren wie sie waren, versuchten sie lediglich, ausländische Unterstützung für die Lösung eines nationalen Entkolonisierungskonflikts zu bekommen; doch sie öffneten damit die Büchse der Pandora eines globalen Konfliktes. Sehr viel Tinte ist geflossen über Lumumbas vermeintlichen Kommunismus. Die Kontakte mit der UdSSR dienen dann meist als Beweismaterial für sein bolschewistisches Naturell. Aber das ist falsch. Was die Wirtschaft betraf, stand Lumumba dem Liberalismus näher als dem Kommunismus. Von einer Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie war bei ihm keine Rede; er hoffte eher auf Privatinvestitionen aus dem Ausland. Außerdem war Lumumba ein Nationalist und kein Internationalist, wie es sich für einen Kommunisten gehört hätte. Sein Bezugssystem war durch und durch kongolesisch, ungeachtet allen Panafrikanismus. Auch die Vorstellung einer proletarischen Revolution passte nicht in sein Weltbild. Als &#039;&#039;évolué&#039;&#039; gehörte er zur frühen kongolesischen Bourgeoisie; er hatte kein Interesse daran, seine eigene gesellschaftliche Gruppe zu stürzen. Zudem suchte er ebenfalls Unterstützung von amerikanischer Seite, um das Problem seines Landes zu lösen. Schließlich wird oft vergessen, dass er sein Bittgesuch an Chruschtschow zusammen mit Kasavubu schrieb, und der war alles andere als ein Kommunist. Sogar Chruschtschow war sich darüber im Klaren: »Ich könnte sagen, dass Herr Lumumba ebenso sehr ein Kommunist ist, wie ich ein Katholik bin. Aber wenn sich die Worte und Taten Lumumbas mit kommunistischen Vorstellungen überschneiden, dann kann mir das nur angenehm sein.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bittgesuch an Moskau war weder durch Lumumbas Sprunghaftigkeit motiviert noch durch seine labile Persönlichkeit, sein grundsätzliches Misstrauen, sein unangemessenes Verhalten oder welchen Charakterzug auch immer man ihm nachsagte. Lumumba galt tatsächlich als reizbar und launenhaft, aber wer heute die Telegramme an die Vereinten Nationen und die Sowjetunion liest, nimmt ein ganz anderes psychologisches Register wahr: Panik. Panik gekoppelt mit bodenlosem Zorn, großer Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Furcht, ermordet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kasavubu und Lumumba keine bedeutende politische Funktion ausgeübt hatten, bevor sie die Führung ihres Landes übernahmen. Kasavubu war Bürgermeister eines Stadtteils von Léopoldville gewesen, Lumumbas erstes politisches Amt war das des Premierministers. Nach zwei Wochen Unabhängigkeit verloren sie die Kontrolle über die Geschehnisse. Es war so, als hätten sie gerade den Führerschein für ein Auto gemacht und stellten plötzlich fest, dass sie am Steuer eines Düsenjägers saßen, der abzustürzen drohte. Konfrontiert mit einer unerbetenen militärischen Intervention Belgiens taten sie das, was ihnen in diesem bedrohlichen Moment als richtig erschien: schnellstmöglich das Land um Hilfe zu bitten, das sich dazu bereit zeigte. Und die UdSSR war mehr als bereit. Einen Tag später teilte Chruschtschow in einem sehr energisch formulierten Brief mit, dass die Sowjetunion, falls die »imperialistische Aggression« Belgiens und seiner Bündnispartner anhalte, »nicht zögern wird, entschlossene Maßnahmen zu treffen, um die Aggression zu beenden«. Sein Land bringe großes Verständnis auf für »den heldenhaften Kampf des kongolesischen Volkes für die Unabhängigkeit und Integrität der Republik Kongo«. Und er fügte hinzu: »Die Forderung der Sowjetunion lautet schlicht und einfach: Hände weg von der Republik Kongo!« Dabei vergaß er der Einfachheit halber, dass die sowjetische Armee vier Jahre zuvor mit ihren Panzern den Volksaufstand in Ungarn niedergewalzt hatte.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dag Hammarskjöld erkannte, dass ein weltweiter Konflikt drohte, und schaffte es, innerhalb von 48 Stunden Blauhelme in den Kongo zu entsenden: Am 15. Juli landeten die ersten marokkanischen und ghanaischen Kontingente, gefolgt von anderen afrikanischen Truppen aus Tunesien, Marokko, Äthiopien und Mali. Unterdessen schickte die UdSSR zehn Iljuschin-Flugzeuge in den Kongo mit Lastwagen, Lebensmitteln und Waffen. Die USA erwogen, die NATO einzuschalten, aber das hätte ein zweites Korea entfesseln können, oder sogar einen neuen Weltkrieg. Washington machte seinen Einfluss deshalb vorzugsweise über zwei diskretere Kanäle geltend: die UNO und den CIA, den Weg der diplomatischen Lobby in New York und der geheimen Beeinflussung in Léopoldville. Larry Devlin, Chef des amerikanischen Geheimdienstes im Kongo, verfügte über ein enormes Budget, um die kongolesische Politik in die Richtung eines für die USA vorteilhaften Kurses zu lenken. Kasavubu und vor allem Mobutu sollten seine Günstlinge werden.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Vorstellung von diesen turbulenten Tagen bekam ich bei den Gesprächen mit Jamais Kolonga. Es war nur eine Anekdote, aber sie war sehr vielsagend. Ende Juli wollte Lumumba nach Amerika, um selbst mit den USA und der UNO zu verhandeln. Das übliche Verfahren, mit dem so ein offizieller Staatsbesuch sorgfältig zwischen den Spitzenbeamten des einen und den Diplomaten des anderen Landes vorbereitet wird, wurde außer Acht gelassen. Einer von Lumumbas Mitarbeitern begab sich zur amerikanischen Botschaft in Léopoldville und verlangte auf der Stelle vierundzwanzig Visa für den Premier und dessen Gefolge. Das kam bei mehreren Stellen nicht gut an. Es gab kein Programm, kein Protokoll, keine Terminabsprachen.34 »Ich habe sie zum Flughafen Ndjili begleitet«, erzählte Jamais Kolonga. Seit dem 30. Juni arbeitete er in der Pressestelle des Premierministers. Er lernte dort auch Mobutu kennen, Lumumbas Sekretär. »Eine Musikkapelle spielte, die Tür schloss sich, die Treppe wurde weggerollt. Aber im Flugzeug fragte sich Lumumba, wo sein Presseattaché war. Die Tür ging wieder auf, und Lumumba zeigte auf unsere Gruppe. Auf wen zeigte er? Auf mich? Auf den Mann neben mir? Jeder von uns fragte sich, ob er gemeint war. &#039;&#039;›C&#039;est vous!‹,&#039;&#039; sagte er und deutete in meine Richtung. Ich ging zum Flugzeug. Ich musste mit. Ich hatte nur einen Parker-Kugelschreiber bei mir und ein Heft. Keine Kleidungsstücke, außer dem grünen Anzug, den ich anhatte! Ohne Pass, ohne Visum, ohne Gepäck ging ich an Bord. Aber als ich zurückkam, hatte ich zwei volle Koffer und eine Umhängetasche. Und ich hatte Dag Hammarskjöld bei seiner Arbeit für die Vereinten Nationen gesehen.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Nonchalance war bezeichnend für das Improvisationshafte der jungen kongolesischen Regierungsmannschaft. Nicht zuletzt deshalb machte Lumumba auf seiner Reise keinen guten Eindruck. Da keine Begegnung vereinbart worden war, weigerte sich Präsident Eisenhower, ihm eine Audienz zu gewähren. Bei der UNO war man darüber konsterniert, in welcher Art Lumumba »unmögliche Forderungen stellte und sofortige Resultate verlangte«.36 Douglas Dillon, der stellvertretende Außenminister der USA, beschwerte sich über seine »irrationale, fast ›psychotische‹ Persönlichkeit«: »Er sah einem nie in die Augen, er schaute in die Luft. Und dann folgte ein gewaltiger Redeschwall (. . .) Seine Worte standen nie im Zusammenhang mit dem, was wir besprechen wollten. Man bekam das Gefühl, dass er als Person von einem Eifer besessen war, den ich nur als messianisch beschreiben kann. Er war einfach nicht rational. (. . .) Der Eindruck, den er hinterließ, war sehr negativ, er war ein Mensch, mit dem man überhaupt nicht zusammenarbeiten konnte.« Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem Monat sah es im Kongo so aus: Die Armee war völlig desolat, die Verwaltung war enthauptet, die Wirtschaft war aus dem Takt, Katanga war abgespalten, Belgien war eingerückt, und der Weltfrieden war bedroht. Und das, weil am Anfang ein paar Soldaten in der Hauptstadt mehr Sold und einen höheren Rang in der Armee gefordert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Lumumba viele Brücken hinter sich abgebrochen. Nach der Rede vor Baudouin und der Entlassung von General Janssens war er für Belgien erledigt. Nach dem Telegramm an Chruschtschow und seiner Reise nach Amerika war er für die USA erledigt. Auch die UNO verlor allmählich die Geduld, und im eigenen Land hatte ihn sein eigenmächtiges Verhalten von Kasavubu entfremdet. Westliche Diplomaten, Berater und Sicherheitsleute trieben einen Keil zwischen die beiden. Einer nach dem anderen stellte sich auf die Seite von Ka­savubu und legte ihm nahe, Lumumba fallenzulassen. Im August 1960 war Lumumba ein einsamer Mann, der nur noch auf die Unterstützung der Sowjets zählen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Groll war zudem nicht kleiner geworden. Zweimal hatte der UNO-Sicherheitsrat Belgien aufgefordert, seine Truppen zurückzuziehen (am 22. Juni sollte das »schnell« geschehen, am 8. August sogar »unverzüglich«), aber Belgien wollte nicht weichen, solange die Blauhelme die Sicherheit nicht gewährleisten konnten.38 Erst gegen Ende August, reichlich spät, hatten alle zehntausend belgischen Soldaten den Kongo verlassen. In Lumumbas Augen war die UNO im besten Fall zahnlos und im schlimmsten Fall prowestlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. August rief der Süden von Kasai die Unabhängigkeit aus. Das hatte noch gefehlt. Die Diamantenprovinz war nach Katanga die wichtigste Bergbauregion des Kongo. Albert Kalonji ließ sich dort zum König krönen. Er war ein ehemaliger Mitstreiter Lumumbas; bereits vor den Wahlen hatte er sich mit ihm überworfen und deshalb kein Ministeramt in der nationalen Regierung erhalten. Seine Sezession hatte jedoch auch ethnische Hintergründe. Kalonji trat für die Baluba ein, die Bewohner Kasais, von denen viele in den Minen von Katanga arbeiteten und dort als Migranten und Glückssucher verhasst waren. In Kasai selbst standen die Baluba im Konflikt mit den Lulua; es kam des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Durch die Proklamation eines eigenen Staates hoffte Kalonji ein Heimatland für die Baluba zu schaffen. Tschombé unterstützte das Unternehmen. Er und Kalonji entschlossen sich sogar zu einer Konföderation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit Katanga nahm der abgespaltene Süden von Kasai ein Viertel des gesamten Territoriums ein, und zwar das reichste Viertel des Kongo. Für einen Verfechter der Einheit des Landes wie Lumumba war das nicht hinnehmbar. Überdies zog nun auch Bolikango in Erwägung, die Provinz Équateur abzutrennen. Das war kein Zufall: Tschombé, Kalonji und Bolikango hatten sich nach der Regierungsbildung als die Betrogenen empfunden, da sie keinen Ministerposten erhalten hatten. Lumumba wollte eingreifen, konnte aber nicht auf die Blauhelme zählen, denn die hatten auch nichts gegen die Unabhängigkeit Katangas unternommen. Als Verteidigungsminister entsandte er nun selbst die neue kongolesische Armee in die aufständische Diamantenprovinz. Aber die Regierungsarmee verfügte kaum über finanzielle Mittel und wurde von Offizieren angeführt, die zwei Monate zuvor ohne Vorbereitung ernannt worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren verheerend. Ende August war Kasai der Schauplatz sinnloser Konfrontationen; statt Siege gab es nur Gemetzel, die mehrere tausend Bürger das Leben kosteten. Bei einem Angriff auf eine katholische Missionsstation, in der einfache Baluba Schutz gesucht hatten, wurden mehr als fünfzig Menschen abgeschlachtet, darunter auch Frauen und Kinder. Die Soldaten der Regierungsarmee waren mit Maschinengewehren, aber auch mit Macheten bewaffnet. UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld äußerte seinen Abscheu und sprach von einem Völkermord gegen die Baluba. Er bezeichnete es als »eine der flagrantesten Verletzungen der elementarsten Menschenrechte, die Merkmale eines Genozidverbrechens haben«.39 Lumumba hatte es sich nun auch mit der UNO völlig verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu hatte sich in der ganzen Zeit einigermaßen zurückgehalten. Aber am 5. September 1960 ergriff er die Gelegenheit und führte aus, was ihm viele westliche Berater nahegelegt hatten: Er setzte Lumumba ab. Artikel 22 der &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039;, der vorläufigen Verfassung des neuen Kongo, gab ihm die Befugnis: »Das Staatsoberhaupt ernennt und entlässt den Ministerpräsidenten und die Minister.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Hörer des nationalen Radiosenders muss es einer der seltsamsten Abende in der Geschichte des staatlichen Rundfunks gewesen sein. Kurz nach zwanzig Uhr wurde die Sendung – ein englischer Sprachkurs – unterbrochen, und Präsident Kasavubu teilte mit seiner dünnen, hohen Stimme mit, dass er soeben den Ministerpräsidenten des Amtes enthoben habe. Überall in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in den ärmlichen Stadtvierteln, in den Dörfern im Landesinneren erfuhren einfache Kongolesen, dass Lumumba nicht mehr ihr Ministerpräsident sei und dass er bis auf weiteres durch einen gewissen Joseph Ileo ersetzt werde, einen gemäßigten Mann, der 1956 noch das &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; verfasst hatte. Keine Stunde später bekamen die Hörer zu ihrer großen Verwunderung im Stakkato-Französisch von Ministerpräsident Lumumba mitgeteilt, er seinerseits habe Präsident Kasavubu abgesetzt! Gegen so viel Verwirrung kam keine englische Grammatik an. Als habe der Kongo nicht genug mit einer militärischen, administrativen, ökonomischen, ethnischen und globalen Krise, musste er nun auch noch mit einer Verfassungskrise fertig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba berief sich auf Artikel 51 der vorläufigen Verfassung, der besagte, dass »nur den Kammern eine authentische Auslegung der Gesetze« zustehe.41 Das war ein geschickter Schachzug; am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut sein Vertrauen aus und weigerte sich, Ileo als neuen Ministerpräsidenten anzuerkennen. Für Präsident Kasavubu war die Blamage so groß, dass er tags darauf das Parlament für einen Monat beurlaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war der Trümmerhaufen komplett. Im Kongo wurde nicht regiert, sondern gestritten. Das Staatsinteresse war dem Machtkampf untergeordnet. In diesem Chaos trat Oberst Mobutu vor, der Stabschef der Armee, um den Querelen ein Ende zu machen. Noch am selben Tag, dem 14. September 1960, unternahm er seinen ersten Staatsstreich, mit Zustimmung und Unterstützung des CIA. Er sagte der Presse, dass die Armee bis zum Jahresende die Macht übernehme. Lumumba und Kasavubu würden »neutralisiert«. Aber während Kasavubu schließlich als eine Art zeremonieller Präsident im Amt verbleiben durfte, wurde Lumumba in seiner Residenz in der Hauptstadt unter Hausarrest gestellt. Die Freundschaft zwischen Mobutu und Lumumba war für immer vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierungsgeschäfte vertraute Mobutu einem Team junger Akademiker an. Sie sollten die mangelnde Sachkenntnis in Lumumbas Regierungsmannschaft vergessen machen. Mario Cardoso, der Mann, der am Runden Tisch zur Ökonomie teilgenommen hatte und bei den kongolesischen Studenten in Belgien beliebt war, erzählte darüber Folgendes: »Oberst Mobutu bat die Studenten und die Akademiker, aus der Diaspora zurückzukehren und ihre Bildung in den Dienst des Landes zu stellen. Wir sollten keinen Ministertitel bekommen, sondern den eines Generalkommissars. Wir sollten unpolitische Verwaltungsfachleute werden, wir vertraten keine Partei, keinen Stamm, keine Region, kein Dorf. Wir besaßen ein Diplom, das genügte.« Cardoso selbst war in diesem Kollegium von Generalkommissaren für den Bildungssektor zuständig. Justin Bomboko, verantwortlich für das Ressort Äußeres, war der Vorsitzende und fungierte de facto als Ministerpräsident. Dieses Arrangement dauerte nur einige Monate. »Wir waren eine Übergangsregierung. Mobutu wollte nur die Ordnung wiederherstellen, denn das Gezänk zwischen Kasavubu und Lumumba hörte einfach nicht auf.«42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dieser Regierung von Akademikern war längst nicht jeder einverstanden. Lumumba bestand darauf, dass er der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo sei. Die belgische Regierung hingegen war über seine Absetzung erfreut und unterhielt herzliche Kontakte mit den jungen Kommissaren, von denen viele in Brüssel oder Lüttich studiert hatten. Eine Rückkehr Lumumbas auf die politische Bühne sollte um jeden Preis verhindert werden, notfalls mit Gewalt. Zwei belgische Militärs, die unter Deckung des Ministers für afrikanische Angelegenheiten, d&#039;Aspremont Lynden, operierten, trafen Vorbereitungen, um Lumumba zu entführen oder zu ermorden.43 Außerdem wies der amerikanische Präsident Eisenhower höchstpersönlich den CIA an, Lumumba physisch zu liquidieren. In klassischem James-Bond-Stil sollte der Ministerpräsident des Kongo mit Hilfe einer Tube hypertoxischer Zahnpasta vergiftet werden.44 Und auch im Kongo gab es viele Menschen, die ihn als Staatsoberhaupt ablehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba, der sich der Gefahr von Anschlägen bewusst war, bat die UNO um Schutz. Daraufhin kampierte ein Kontingent ghanaischer Blauhelme in seinem Garten, um etwaige Belagerer fernzuhalten. Das war auch notwendig, denn am 10. Oktober schickte Mobutu zweihundert Soldaten zur Residenz, um Lumumba festnehmen zu lassen. Die Blauhelme ließen sie jedoch nicht durch. Es herrschte eine Pattsituation, die wochenlang andauerte. Lumumbas Haus war doppelt umzingelt: Blauhelme, die ihn beschützten, solange er sich im Haus aufhielt, Kongolesen, die bereit waren, ihn zu verhaften, sobald er herauskam. Seine Telefonleitung hatte man gekappt. Lumumba war in diesem Moment zum Schweigen verurteilt. Deshalb übernahm Vizepremier Antoine Gizenga die Rolle des Repräsentanten der Regierung Lumumba. Gizenga kam aus dem Kwilu und wird dort bis zum heutigen Tag von älteren Menschen wie Longin Ngwadi, dem »Säbeldieb« aus Kikwit, verehrt. Je mehr Eigendynamik Mobutus Putsch entwickelte, desto klarer erkannte Gizenga, dass für ihn und andere Lumumba-Getreue in Léopoldville kein Platz mehr war. Also zog er Anfang November mit dem, was von der ersten Regierung übrig geblieben war, nach Stanleyville, der Wiege von Lumumbas Bewegung, um das Land von dort aus zu regieren und zurückzuerobern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Der neue Staat war nun vier Monate alt und hatte inzwischen vier Regierungen zur gleichen Zeit, jede mit einer eigenen Armee und ausländischen Bündnispartnern. In Léopoldville genossen Kasavubu und vor allem Mobutu die bedingungslose Unterstützung der Amerikaner. Dank der Mittel, die ihm die USA großzügig zur Verfügung stellten, konnte Mobutu die nationale Armee reorganisieren. Um ihn bildete sich die Binza-Gruppe, benannt nach dem Residenzviertel der Hauptstadt, wo sich die Mitglieder trafen. Es war ein inoffizieller Zirkel mit sehr viel Macht, generös unterstützt vom CIA. In Stanleyville hielt Gizenga das lumumbistische Gedankengut lebendig. Er hatte einen Teil der Armee hinter sich. Seine Regierung bekam Hilfe von der Sowjetunion, die jedoch nicht so systematisch und substanziell war wie die amerikanische Unterstützung der Hauptstadt.45 In Elisabethville stand Tschombé an der Spitze eines Landes, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Belgien war sehr freigebig mit logistischer und militärischer Hilfe. In den Rängen der »Katanga-Gendarmen« war eine große Anzahl belgischer Offiziere. Die Union Minière finanzierte die Sezession mit hohen Summen. In Bakwanga stand Kalonji an der Spitze von Kasai, nun ein unabhängiger Baluba-Staat, in dem belgische Diamantenunternehmen aktiv waren. Hier stellte Forminière die nötigen Mittel bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé und Kalonji waren nur regionale Machthaber, Kasavubu und Gizenga aber pochten beide auf die Legitimität der Staatsregierung. Wer hatte recht? Beide bemühten sich um internationale Anerkennung; und dieser Kampf wurde vor der UNO-Vollversammlung in New York ausgetragen. Der Kongo trat dort mit zwei Lagern an: Kasavubu/Mobutu versus Lumumba/Gizenga. Thomas Kanza, der 26-jährige Psychologe, vertrat die Regierung Lumumba bei der UNO, aber Präsident Kasavubu reiste selbst nach New York, um die Welt davon zu überzeugen, dass er und niemand anders die legitime Regierung der Republik verkörperte. Er brachte vor, dass die Absetzung Lumumbas von der Verfassung gedeckt sei; die US-Amerikaner, die Belgier und viele hochrangige UNO-Vertreter hatten damit wenig Schwierigkeiten. Am 22. November erfolgte der Urteilsspruch: Dreiundfünfzig Länder erkannten Kasavubu an, vierundzwanzig stimmten dagegen, neunzehn enthielten sich der Stimme.46 Mario Cardoso, der damals für Mobutu arbeitete, erlebte es als Triumph: »Wir haben damals den Sitz in der UNO gewonnen. Kasavubu stand an der Spitze unserer Delegation, und Lumumba verlor international.«47 Diese internationale Marginalisierung bedeutete für Lumumba das Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer in seinem Haus in der Hauptstadt unter Hausarrest. Als ihn die Nachricht von der Abstimmung in New York erreichte, wusste er, dass seine Tage in Léopoldville gezählt waren. Würden die Blauhelme im Garten ihn überhaupt noch beschützen, nachden die UNO-Delegierten nun gegen ihn gestimmt hatten? Er hielt es für das Klügste, sich zu seinen Mitstreitern in Stanleyville zu begeben. Es war Nacht, es war November, es war mitten in der Regenzeit. Ein außerordentlich schweres Tropengewitter am 27. November veranlasste die kongolesischen Soldaten, sich ins Trockene zu flüchten. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Versteckt auf dem Boden eines Chevrolet ließ sich Lumumba im strömenden Regen aus der Residenz fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zustand der kongolesischen Straßen war zu diesem Zeitpunkt noch ausgezeichnet. Wenn sein Chauffeur zwei Tage und zwei Nächte zügig durchgefahren wäre, hätten sie Stanleyville erreichen können. Doch in der Nacht seiner Befreiung blieb Lumumba in der Hauptstadt, um Ansprachen an die Bevölkerung zu halten. Auch unterwegs hielt er in den Dörfern an und ließ sich den herzlichen Empfang der Dorfbewohner gefallen.48 Aber es war Regenzeit. In der Hauptstadt erfuhr Mobutu von Lumumbas Flucht und wollte um jeden Preis verhindern, dass Lumumba zu Gizenga gelangte. Denn das hätte Lumumbas politische Rückkehr bedeutet, und das wollten weder seine belgischen Berater noch der CIA. Die UNO weigerte sich, an der Suche nach dem Flüchtigen teilzunehmen, aber eine europäische Luftfahrtgesellschaft stellte eine Maschine mit einem Piloten zur Verfügung, der Erfahrung mit Aufklärungsflügen in geringer Höhe besaß. Schon bald war der Konvoi aus drei PKW und einem LKW entdeckt. Am 1. Dezember hielten Mobutus Soldaten Lumumba und seine Begleiter an, als sie in der Nähe von Mweka den Sankuru-Fluss überqueren wollten. Lumumba wurde nach Camp Hardy bei Thysville geflogen, zu der Kaserne, in der wenige Monate zuvor die Armee gemeutert hatte. Von diesem Augenblick an stand Lumumba nicht mehr unter dem Schutz der UNO, sondern war ein Gefangener der Regierung in Léopoldville. Als er ankam, ohne Brille und gefesselt, stopfte ihm jemand ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mund: den Text seiner berühmten Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollten Kasavubu und Mobutu mit ihm anfangen? Ihn für immer in Gewahrsam nehmen, als eine Art Simon Kimbangu der Ersten Republik? Und sollte man ihn dann nicht besser nach Katanga bringen? Oder nach Kasai? Feindliche Provinzen, gewiss, aber gerade deshalb. Dort würde er keine Anhänger haben. Denn da, wo er jetzt war, regte sich erneut Unmut. In Thysville kam es am 12. Januar wieder zu einer Meuterei. Das war beunruhigend. Die belgische Regierung, in der Person von Minister d&#039;Aspremont, billigte den Plan, Lumumba nach Katanga zu schaffen, ungeachtet der etwaigen Folgen, wenn er nur weit genug von der Hauptstadt entfernt war, irgendwo, wo meuternde Soldaten ihn nicht befreien konnten. Durch die Unterstützung dieses Plans konnte Belgien überdies das Verhältnis zu Kasavubu verbessern, denn das Land wollte die diplomatischen Beziehungen mit Léopoldville wieder aufnehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, nur an Katanga interessiert zu sein. Minister d&#039;Aspremont legte sich hektisch ins Zeug, und Tschombé akzeptierte schließlich widerwillig die Überstellung Lumumbas und zweier weiterer politischer Gefangener.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 17. Januar 1961 landete um 16.50 Uhr in Elisabethville die DC-4, die Lumumba und seine beiden Getreuen, Mpolo und Okito, beförderte. Während des Fluges waren sie geschlagen und misshandelt worden. Eine Hundertschaft bewaffneter Soldaten, die unter dem Befehl des belgischen Hauptmanns Gat standen, erwartete sie. Ein Konvoi brachte sie sofort zum »Brouwez-Haus«, eine abgelegene, leerstehende Villa, Eigentum eines Belgiers, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Bewachung innerhalb und außerhalb des Hauses übernahm die Militärpolizei unter dem Kommando zweier belgischer Offiziere. Im Brouwez-Haus bekamen sie Besuch von mindestens drei katangesischen Ministern – Munongo, Kibwe und Kitenge, zuständig für Inneres, Finanzen und Infrastruktur –, die sie ebenfalls misshandelten. Tschombé war nicht darunter. Der saß im Kino und schaute sich einen Film mit dem in diesem Zusammenhang unwahrscheinlich zynischen Titel &#039;&#039;Liberté&#039;&#039; an, von der Organisation &#039;&#039;Réarmement moral&#039;&#039;, Moralische Aufrüstung. Danach tagte er mit seinen Ministern. Europäer waren bei der Sitzung nicht zugegen, die von 18.30 bis 20.00 Uhr dauerte, aber alle praktischen Maßnahmen für den Rest des Abends waren anscheinend schon im Voraus getroffen worden. Der Beschluss, Lumumba nach Katanga zu bringen, war ein gemeinsamer Plan der Machthaber in Léopoldville, ihrer belgischen Berater und der Regierung in Brüssel gewesen; doch der Beschluss, Lumumba zu ermorden, wurde von den Politikern in Katanga gefasst. Vor allem Minister Godefroid Munongo spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er war der Enkel von Msiri, dem afro-arabischen Sklavenhändler, der im neunzehnten Jahrhundert das Lunda-Reich an sich gerissen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung von Ministern erneut zum Brouwez-Haus. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines Autos verfrachtet. Zusammen mit anderen Wagen und zwei Armeejeeps fuhr das Auto los. Inzwischen war es Nacht. Der Konvoi fuhr Richtung Nordwesten über die ebene Straße durch die Savanne in Richtung Jadotville. Im Licht der Scheinwerfer links und rechts Gras, Gestrüpp, die Silhouette eines Termitenhügels. Nach einer Dreiviertelstunde bog der Konvoi von der Hauptstraße ab und hielt wenig später an einer abgelegenen Stelle. Die Gefangenen mussten aussteigen. In der baumbestandenen Savanne am Straßenrand sahen sie eine flache Grube, frisch ausgehoben. Schwarze Polizisten und Gendarmen in Uniform standen daneben, aber auch ein paar Herren in Anzügen: Präsident Tschombé, die Minister Munongo, Kibwe und noch einige ihrer Kollegen. Auch vier Belgier nahmen an der Exekution teil: Frans Verscheure, Polizeidirektor und Berater der katangesischen Polizei, Julien Gat, Hauptmann der Katanga-Gendarmen, François Son, einer seiner Polizisten, und Leutnant Gabriël Michels. Die drei Gefangenen wurden nacheinander zum Rand der Grube geführt. Sie waren insgesamt keine fünf Stunden in Katanga gewesen. Sie waren verprügelt und misshandelt worden. Kaum vier Meter weiter stand das Exekutionskommando: vier katangesische Freiwillige mit Maschinengewehren. Dreimal krachte in der Nacht eine ohrenbetäubende Salve. Lumumba war als Letzter an der Reihe. Um 21.43 Uhr taumelte der Körper des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo rückwärts in die Grube.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung Lumumbas wurde eine Zeitlang geheim gehalten. Um alle Spuren zu beseitigen, grub Gerard Soete, der belgische Vize-Generalinspekteur der katangesischen Polizei, kurz danach die sterblichen Überreste der drei Opfer wieder aus. Dem Vernehmen nach ragte noch eine Hand, möglicherweise die von Lumumba, aus der Erde.50 Soete zerstückelte die Leichname mit einer Säge und löste sie in einem Fass mit Schwefelsäure auf. Aus Lumumbas Oberkiefer zog er zwei mit Gold überkronte Zähne. Von seiner Hand schnitt er drei Finger ab.51 In seinem Haus bei Brügge bewahrte er jahrelang eine Dose auf, die er manchmal Besuchern zeigte. Sie enthielt die Zähne und eine Kugel.52 Viele Jahre später warf er sie in die Nordsee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Welt von der Ermordung Lumumbas erfuhr, herrschte tiefe Bestürzung. Von Oslo bis Tel Aviv und von Wien bis Neu-Delhi gingen Menschen auf die Straße. In Belgrad, Warschau und Kairo wurden die belgischen Botschaften gestürmt. Während in Moskau eine Universität nach ihm benannt wurde, kam im Westen der »Lumumba« in Mode, ein beliebter Cocktail aus Brandy und Kakao. Gizengas Lumumba-gesinnte Regierung wurde kurzfristig von der UdSSR, Polen, der DDR, Jugoslawien, China, Ghana und Guinea anerkannt. Lumumba wurde binnen kürzester Zeit zu einem Märtyrer der Entkolonialisierung, einem Helden für alle Unterdrückten der Erde, einem Heiligen des gottlosen Kommunismus. Diesen Status verdankte er mehr seinem grausamen Tod als seinen politischen Erfolgen. Er war alles in allem keine zweieinhalb Monate an der Macht gewesen, vom 30. Juni bis zum 14. September 1960. Die Liste seiner Leistungen las sich wie eine Anhäufung von Schnitzern und Fehleinschätzungen. Seine überstürzte Afrikanisierung der Armee war sympathisch, aber führte zu einem Desaster, seine Bitte um militärische Hilfe bei der UNO und der Sowjetunion war begreiflich, aber völlig unbesonnen, sein militärisches Vorgehen in Kasai kostete mehrere tausend seiner Landsleute das Leben. Schon zu seinen Lebzeiten fanden Youlou und Senghor, die ersten Präsidenten von Kongo-Brazzaville und Senegal, seine Handlungsweise sehr problematisch.53 Dem stand gegenüber, dass er kaum auf seine Aufgabe vorbereitet war, dass er mit einem kopflosen zivilen Exodus und einer militärischen Invasion der Belgier konfrontiert war und erleben musste, wie die UNO zögerte, die belgische Aggression energisch zu verurteilen. Doch mit seiner unglücklichen Art, auf tatsächliches Unrecht zu reagieren, machte sich Lumumba systematisch mehr Feinde als Freunde. Die Tragik seiner kurzen politischen Laufbahn bestand darin, dass sein größter Trumpf in der Zeit vor der Unabhängigkeit – sein unwahrscheinliches Talent, die Massen mitzureißen – sich in seinen größten Nachteil verwandelte, als von ihm als Ministerpräsident erwartet wurde, etwas abgeklärter aufzutreten. Der Magnet, der zuerst anzog, stieß nun ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortung für Lumumbas Ende liegt bei mehreren Akteuren. Knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit hatte Brüssel bereits signalisiert, dass es einen anderen Premierminister wollte. Auch bei der UNO und den USA war er nach einem Monat in Ungnade gefallen. Anfangs ging es um eine rein politische Eliminierung, aber amerikanische und belgische Politiker dachten allmählich über seine physische Beseitigung nach. Im Herbst 1960 steckte der CIA hinter Mobutus Putsch und wurde vom Weißen Haus mit der Liquidierung Lumumbas beauftragt. Auch der belgische Afrikaminister deckte &#039;&#039;covert actions&#039;&#039; mit dem Ziel, Lumumba auszuschalten. Alle diese Versuche scheiterten. Aber als Lumumba im Januar 1961 von Thysville nach Katanga gebracht wurde, war das mehr als eine Aktion der Politiker in Léopoldville und Elisabethville: Die logistische und operationelle Vorbereitung war durch belgische Berater in Léopoldville (die unter anderem bei einem Treffen bei Sabena den Plan für den Transfer der Gefangenen festgelegt hatten) erfolgt und aktiv von bestimmten Regierungsinstanzen in Brüssel unterstützt worden, vor allem vom Ministerium für afrikanische Angelegenheiten. Dem Ministerium waren die möglichen fatalen Folgen für Lumumba nicht unbekannt, doch es traf keine Vorsorge, sie zu verhindern. Das Gleiche gilt für den CIA: Der Ortschef in Léopoldville erhob keinen Einspruch, als er erfuhr, dass Lumumba nach Katanga gebracht werden solle, obwohl ihm bewusst war, dass das dramatisch enden konnte. Die eigentliche Exekution war das Werk katangesischer Politiker. Die Rolle ihrer belgischen Berater ist verschwommen: Bekannt ist, dass sie am Abend des 17. Januar zumindest darüber informiert waren, dass das Flugzeug mit Lumumba in Elisabethville gelandet war. Ernst zu nehmende Versuche, einen Mord zu verhindern, unternahmen sie jedenfalls nicht, obwohl sie wussten, dass sie den Lauf der Ereignisse entscheidend hätten beeinflussen können. Einige belgische Militärs, die die katangesischen Ordnungsdienste befehligten, nahmen an den Handlungen teil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Akt des unabhängigen Kongo war vorbei. Er war gekennzeichnet durch einen totalen Horror Vacui, einen unablässigen Strom von Ereignissen und Verwicklungen. Und er endete mit ein paar Zähnen eines leidenschaftlich engagierten Afrikaners, die in Zeitlupentempo auf den sandigen Boden eines grauen europäischen Meers herabsanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 traf ich mich in einem wunderschönen Garten in Lubumbashi mit Frau Anne Mutosh Amuteb. Mit ihren einundneunzig Jahren war sie die älteste Kongolesin, die ich bei meinen Nachforschungen interviewen durfte. Noch immer war sie eine imposante Erscheinung. Anne Mutosh war eine Prinzessin; ihr Großvater war Mwata Yamvo gewesen, der traditionelle König des Lunda-Reichs. Sie gehörte zum Clan von Moïse Tschombé. In der afrikanischen Bedeutung des Wortes war sie seine »Tante«. Mit ihr zu reden bedeutete, mit der Geschichte Katangas zu reden. Sie erzählte, dass ihre Eltern um 1900 bereits lesen konnten, sie hatten es von amerikanischen Methodisten gelernt. Sie selber war Hebamme geworden, hatte dann aber mehr Ambitionen als Geschäftsfrau entwickelt. Ich fragte sie, was die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Darüber brauchte sie nicht nachzudenken. »&#039;&#039;L&#039;époque belge&#039;&#039; und die katangesische Sezession«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. »In der Zeit der Belgier war alles gut organisiert. Es gab keine Korruption, der Handel lief korrekt ab. Ich habe Stoffe aus den Niederlanden importiert, aber auch Weizenmehl und Getreide. Einmal habe ich fünfzig Säcke auf einmal bestellt. Das ging damals ohne weiteres. Während der Sezession hatte ich auch noch keine Probleme. Erst als Mobutu kam, wurde alles so schwierig.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts ihrer Ahnentafel war es nicht verwunderlich, dass sie die Unabhängigkeit Katangas begrüßt hatte. Die Lunda trauerten um ihr verlorenes Königreich und träumten schon lange von regionaler Autonomie. Im Kongo zurückgebliebene Europäer unterstützten sie darin. Viele alteingesessene Kolonialisten begeisterten sich für die Sezession. Diese Haltung hing mit dem Wunsch zusammen, im gesamten Süden Afrikas die Macht der Weißen aufrechtzuerhalten. Die Unterschiede zwischen der Apartheid in Südafrika, Rhodesien, Südwestafrika (dem späteren Namibia) und den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik waren groß, aber während der übrige Kontinent unabhängig wurde, klammerten sich im Süden weiße, rechtsgerichtete Regierungen an die Macht. Katanga passte in diese Reihe.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abspaltung Katangas bildet den zweiten Akt des Schauspiels der Ersten Republik. Proklamiert am 11. Juli 1960, wurde sie am 14. Januar 1963 beendet. Nach der Ermordung Lumumbas am 17. Januar 1961 erhielt sie ein völlig neues Gesicht. Nachdem Tschombé am Rand von Lumumbas Grab gestanden hatte, wurde er der dominante Akteur. Von den vier Thronanwärtern der Unabhängigkeit waren nun noch drei übrig. Kasavubu und Mobutu hatten ebenso viel Blut an den Händen wie Tschombé, doch Lumumbas Tod ließ sie nicht näher zusammenrücken. Künftig würde sich der Kampf zwischen den dreien abspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Tschombé ein so zentraler Akteur wurde, darf verwundern, denn nach Lumumbas Ermordung war sein Katanga-Staat international geächtet. Der kommunistische Block äußerte seinen Abscheu, die UNO beschloss, härter aufzutreten. Kein einziger Staat hat Katanga jemals anerkannt, nicht einmal Belgien oder Amerika. Trotzdem verdankte Tschombé es Belgiern, dass er sich so lange halten konnte. Die Union Minière finanzierte den neuen Staat, indem sie ihre Steuern nicht mehr nach Léopoldville, sondern an die lokale Regierung überwies. Belgier prägten die militärische, administrative und ökonomische Infrastruktur. Hinter jedem katangesischen Minister stand ein belgischer Berater. Professoren aus Lüttich und Gent formulierten die Verfassung Katangas. Schlüsselinstitutionen wie die katangesische Gendarmerie, die Staatssicherheit und die Zentralbank wurden von Belgiern geleitet.56 In den Hotellobbys in Elisabethville sah man sehr oft weiße Männer, die ein Abzeichen mit der Flagge Katangas im Knopfloch trugen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem konnte sich Tschombé mit Hilfe einer kleinen Armee weißer Söldner behaupten. Diese »Freiwilligen« – es waren nie mehr als fünfhundert – kamen aus Südafrika, Rhodesien und Großbritannien, aber es waren auch Franzosen darunter, die in Indochina und Algerien gekämpft hatten, Männer aus der Fremdenlegion. Verkommene Typen, raue Burschen, Ultrarechte, Machos, Rambos, Kerle, die soffen, bis sie ihren Namen nicht mehr wussten, geschweige denn den der Hure, mit der sie im Bett gelandet waren. Sie kamen wegen des Geldes, des Abenteuers und verschwommener Ideale von »weißer Überlegenheit«. Belgische Offiziere waren aktiv an ihrer Rekrutierung, ihrer Ausbildung und ihren Einsätzen beteiligt.58 Sie bildeten den furchterregendsten Teil der katangesischen Streitkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Gegner waren die UNO-Blauhelme, die nationale Regierungsarmee und die Baluba aus dem Norden der Provinz. Das klingt beeindruckender, als es war. Die UNO zögerte, ihr robusteres Mandat in die Praxis umzusetzen. Die ANC war noch immer keine schlagkräftige Armee. Und die Baluba führten Krieg mit Giftpfeilen und Macheten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr nach dem Mord an Lumumba landete ein 22-jähriger Flame zum ersten Mal in Elisabethville. Er war bis dahin noch nie außerhalb Europas gewesen. Aufgewachsen in einem Bauerndorf in Westflandern, hatte er gerade in Gent sein Ingenieurstudium mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik (Bereich Schwachstrom) abgeschlossen. Die Firma &#039;&#039;Nouvelle Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039;, abgekürzt BCK, hatte ihn angeworben. Bei der Eisenbahn zu arbeiten, war eigentlich nicht sein Jungentraum gewesen. Er hatte sich bei der Fluggesellschaft Sabena beworben und bei der Union Minière, den Paradepferden der belgischen Wirtschaft. Er wollte Pilot werden, hatte jedoch seine Augen in einem intensiven Studium so sehr angestrengt, dass er davon kurzsichtig geworden war. Sein Name: Dirk Van Reybrouck. Zehn Jahre später sollte er mein Vater werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, in dem sein Flugzeug landete, hieß Katanga, nicht Kongo. Der übrige Kongo war für ihn Ausland. Von Léopoldville hatte er nur das Sabena-&#039;&#039;Guesthouse&#039;&#039; gesehen, in dem er bei einer Zwischenlandung übernachten musste. Das Katanga, in das er kam, besaß eine eigene Flagge, eine eigene Währung, eigene Briefmarken. Sein Kraftfahrzeugbrief ließ keinen Zweifel daran. Ich habe ihn vor mir liegen. Die giftgrüne Karte war noch zweisprachig, Französisch und Niederländisch. »Kongo Belge / Belgisch-Kongo« steht ganz oben. Jemand hat es mit Kugelschreiber durchgestrichen und einen stattlichen Stempel draufgedrückt: &#039;&#039;État du Katanga&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einsatzort meines Vaters war Jadotville, das heutige Likasi. Er war für die Elektroloks, Oberleitungen und Unterwerke an einer Strecke von sechshundert Kilometern bis zur angolanischen Grenze zuständig. Diese Ost-West-Verbindung, die Benguela-Bahnlinie, war eine Lebensader des unabhängigen Katanga.59 Erze und Rohstoffe konnten nicht mehr nach Norden gebracht und über Léopoldville und Matadi verschifft werden, denn das war feindliches Territorium. Also wurde alles per Bahn zur Küste Angolas transportiert. Die einspurige Bahnlinie, auf der in Angola noch Dampflokomotiven fuhren, war für Katangas Export und Import lebensnotwendig. Mein Vater war oft »auf Strecke«, wie das hieß. Mit einer »Draisine«, einem kleinen Schienenfahrzeug mit Dieselmotor, das als rollende Werkstatt fungierte, fuhr er für zwei, drei Wochen durchs Landesinnere, um Transformatoren zu kontrollieren und Schaltsysteme auszutauschen. BCK war ein hierarchisches Unternehmen, aber in diesen Jahren übertrugen die alten Hasen jungen Mitarbeitern viel Verantwortung. »Sie hatten ihre Familien schon nach Belgien zurückgeschickt«, erzählte Walter Lumbeeck, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, »sie wollten einfach ihre Restzeit absitzen und ließen andere die Arbeit machen. Ihr Vater war schüchtern. Seine Aufgabe war schwer für einen so jungen Mann, und sein Französisch war am Anfang nicht besonders. Aber nach einiger Zeit klappte die Verständigung mit den Schwarzen gut.«60 Er nahm auch Unterricht in Swahili. Jahre später hieß bei uns zu Hause der Hund &#039;&#039;Mbwa&#039;&#039; (Swahili für »Hund«), und Zucker und Tabak waren noch immer &#039;&#039;sukari&#039;&#039; und &#039;&#039;tumbaku&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die strategische Bedeutung der Benguela-Linie war den kriegführenden Parteien bekannt. Mein Vater, der leider kein besonders guter Erzähler war, hat mir zu Lebzeiten mehrmals geschildert, wie er nachts angerufen wurde, »weil irgendwo eine Brücke gesprengt worden war«. Dann machte er sich mit seiner Draisine auf, im zerbrechlichen Licht der Morgendämmerung, wenn die Welt langsam Farbe annahm. Seine afrikanischen Untergebenen fuhren das Wägelchen über die Gleise, während er versuchte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Am Ort des Anschlages mussten sie über dem Fluss die Oberleitung reparieren und die Gleise wieder instand setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Katanga hatten wir noch das Sagen«, meinte Walter Lumbeeck, »dieser Gedanke spielte eine große Rolle. Hier konnten wir die Sache hinbiegen. Soll der Rest doch sehen, wo er bleibt, Hauptsache, hier läuft es gut, so dachte man. Der Kupferpreis war hoch, die Union Minière arbeitete noch auf vollen Touren.« Der Kongo war zwar unabhängig, aber in Katanga dauerte der Kolonialismus faktisch an. Die belgischen Angestellten hatten Whiskey und Obst aus Südafrika, aus Belgien wurden sogar frische Muscheln eingeflogen. Junge Belgier führten dort ein unbeschwertes Leben, weit weg von Eltern, Dorf und Kirche. Es war die Zeit der &#039;&#039;barbecues und parties&#039;&#039;, herrlich neue Wörter für Feste, auf denen es keinen gab, der nicht rauchte: stilvolle junge Frauen mit hochgestecktem Haar, Männer mit weißen Hemden und schmalen Krawatten. Es war die Zeit von Adamo, Juliette Gréco und Françoise Hardy. Sonntags ging man in den cercle, einen Sport- und Freizeitclub. Man lag am Swimmingpool in der Sonne und trank Martini bianco, während im Hintergrund die Tennisbälle ploppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 2007 ging ich über das Gelände des Cercle de Panda; mein Vater war Mitglied in diesem Club gewesen. Der Pool war trocken, die Geräte auf dem Kinderspielplatz waren verrostet. Die Sprungbretter waren wie Gedankenstriche ohne Text.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Vater fuhr einen Ford Consul décapotable«, erzählten mir Frans und Marja Vleeschouwers, ein Ehepaar, mit dem er sich im cercle angefreundet hatte, »der Wagen verbrauchte mehr Öl als Benzin. Dirk musste immer literweise Öl mitnehmen.«61 Sie unternahmen Ausflüge zu den Mwadingusha-Wasserfällen. Sie besuchten den Missionsposten Kapolowe und tranken Bier bei den flämischen Patres. Oder sie gingen angeln im Urwald, an Orten, wo alte Einheimische noch mit Geld von Belgisch-Kongo bezahlten. Freundschaften erhielten dort einen höheren Stellenwert als Familienbande. Als Frans und Marja eine kleine Tochter bekamen, baten sie meinen Vater, Pate zu werden: ein Ehrenamt, das in Flandern Verwandten vorbehalten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war eine geschlossene Welt. »Jeder durfte Mitglied des cercle werden«, erinnerten sich Frans und Marja, »aber die Mitgliedschaft war so teuer, dass es sich kein einziger Schwarzer leisten konnte. Weiße eigentlich auch nicht, aber der Mitgliedsbeitrag wurde von der Union Minière automatisch auf unser Bankkonto in Belgien zurücküberwiesen. Unglaublich, was?« Es gab noch mehr, was nachdenklich stimmte. »Wir ließen unsere kleine Tochter mit schwarzen Kindern spielen. ›Solltet ihr euch nicht vor Krankheiten in Acht nehmen?‹, fragten uns dann manche Leute. Wirkliche Apartheid war das nicht, aber z. B. beim Metzger wurde ein Schwarzer von einem Schwarzen bedient und ein Weißer von einem Weißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Walter und Alice Lumbeeck, die anderen Freunde meines Vaters, konnten das nur bestätigen. Auf den Fotos von ihren Partys sah man nie einen Afrikaner, nicht mal auf denen vom Nikolausfest. »Kontakt mit Schwarzen wurde damals vermieden. Wenn man einen Schwarzen zu einer Party mitbrachte, verlor man seine Freunde. Weiße Männer mit einer schwarzen Frau, auf die wurde wirklich herabgesehen. Das war etwas für die ältere Generation. Bei BCK oder der Union Minière gab es noch ein paar ältere Angestellte mit einer schwarzen Frau, aber nicht mehr bei uns. Das war einfach nicht standesgemäß, es hatte keinen Stil. Man muss das vergleichen mit einem Direktor, der heute zu den Huren gehen würde. Weiße Männer hatten jetzt viel eher Affären mit den Frauen ihrer Kollegen. Ihr Vater war damals Junggeselle, er suchte gern die Gesellschaft von Leuten, die Niederländisch sprachen. Wenn er mit einer Schwarzen zu einem Fest erschienen wäre, hätte ihn niemand mehr eingeladen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga war ein Anachronismus. Nach dem Tod Lumumbas entschloss sich die UNO, mit Tschombé und seiner neokolonialen Sezession kurzen Prozess zu machen. In der ersten Jahreshälfte 1961 wurde der diplomatische Weg beschritten. Es fanden Konferenzen statt in Tananarive (heute Antananarivo), Madagaskar, Coquilhatville (heute Mbandaka) und Léopoldville. Die UNO strebte einen föderalen oder konföderalen Kongo an, ein wiedervereintes Land mit weitreichenden Kompetenzen für die einzelnen Provinzen. Auch Belgien verfolgte diese Option, doch die belgischen Berater der katangesischen Minister boykottierten systematisch alle Kompromissbemühungen. Diese ablehnende Haltung führte zu großem Unmut. Im August 1961 scheiterte die Sache endgültig. Die UNO vermittelte bei einer allerletzten Konferenz, die an der Universität Lovanium in der Hauptstadt abgehalten wurde. Der Kongo sollte einen neuen Premierminister bekommen. Nicht Ileo, Kasavubus Wunschkandidaten, nicht Mobutu, der sich selbst vorschlug, nicht Bomboko, der die Regierung der Akademiker geleitet hatte, sondern Cyrille Adoula, einen gemäßigten und kompetenten Gewerkschafter, der für alle Parteien akzeptabel war. Außerdem sollte das Land reformiert werden: weniger Zentralisierung von der Hauptstadt aus, mehr Macht für die Regionen. Ein Konsens schien in greifbarer Nähe, im letzten Moment aber zog Tschombé sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben mit Gewalt, beschloss die UNO. Im August, September und Dezember 1961 starteten die Blauhelme schwere Offensiven, um Katanga zurückzuerobern, die Armee der Provinz aus dem Weg zu räumen und die ausländischen Söldner zu vertreiben. Es gelang ihnen nicht. Die Söldner zogen sich nach Rhodesien zurück und setzten den Kampf von dort aus fort. Das Vorgehen der UNO verursachte viel Leid unter Zivilisten. Krankenwagen wurden unter Beschuss genommen, Spitäler bombardiert, unschuldige Zivilisten getötet. Mehr als dreißig Europäer wurden umgebracht. Außerdem sorgte der Einsatz der UNO für eine traurige Novität: das erste große Flüchtlingslager in der kongolesischen Geschichte. Mehr als dreißigtausend Baluba ergriffen aus Angst vor Tschombés Vergeltungsmaßnahmen die Flucht. Sie waren keine Befürworter der Sezession und fühlten sich nicht mehr sicher. Am Stadtrand von Elisabethville hausten sie in kleinen Hütten aus Pappkarton, Laubblättern und Stoff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Anne Mutosh hatte keine guten Erinnerungen an das Vorgehen der UNO. »Die marokkanischen Blauhelme haben damals an Straßensperren sehr viele Frauen vergewaltigt, sogar Schwangere. Ich war damals Vorsitzende der &#039;&#039;Union des Femmes Katangaises&#039;&#039; und habe in dieser Funktion noch Briefe an Dag Hammarskjöld und Präsident Kennedy geschickt. Hammarskjöld habe ich selber noch getroffen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem UNO-Generalsekretär war alles daran gelegen, dem neokolonialen Staat Katanga ein Ende zu bereiten. Er vermittelte intensiv zwischen Léopoldville und Elisabethville. Am 18. September 1961 flog er zum nordrhodesischen Flughafen Ndola für eine Besprechung mit Tschombé. Doch kurz vor der Landung stürzte seine Maschine unter nie geklärten Umständen ab. Keiner der Insassen überlebte. »Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben«, hatte er einmal geschrieben.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt schien kein Ende zu nehmen. Der Kongo glich einer zerbrochenen Vase, deren Scherben sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Trotzdem gelang es um diese Zeit (Dezember 1961 – Januar 1962) Mobutus Regierungsarmee, die Abspaltung Kasais zu beenden und die Regierung Gizenga im Osten zu stürzen. Zwei der vier Regierungen waren damit aufgelöst. Katanga würde noch ein Jahr länger durchhalten. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, bemühte sich das ganze Jahr 1962 um eine Verhandlungslösung, bis die UNO Ende Dezember entschied, dass es nun reichte. Kennedy gewährte einer finalen UNO-Offensive, der sogenannten Operation Grand Slam, beträchtliche amerikanische Unterstützung. Nach zwei Wochen war Katanga wieder angegliedert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 3. Januar 1963, und mein Vater stand am Fenster im ersten Stock seines Hauses in Jadotville. BCK hatte ihm eine der Junggesellenunterkünfte gegeben. Keine Villa mit Garten, sondern ein geräumiges Haus mit einer Garage im Erdgeschoss und einem modernistischen Treppenhaus. Es lag etwas außerhalb der Stadt, an der Hauptstraße nach Elisabethville. Er wusste, dass die Hauptstadt inzwischen in die Hände der Blauhelme gefallen war. »Befreit«, wie die einen meinten, »besetzt« nach Ansicht der anderen. Die internationale Streitmacht rückte nun Richtung Norden vor nach Jadotville, der zweitgrößten Stadt Katangas. Sie fuhren über die Straße, auf der Patrice Lumumba zwei Jahre zuvor seine letzte Autofahrt unternehmen musste. Am Lukutwe- und am Lufira-Fluss stießen sie auf Widerstand, aber am 3. Januar um die Mittagszeit nahmen sie Jadotville mühelos ein. Die katangesische Gendarmerie war bereits vorher geflohen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater blickte aus dem Fenster. Er sah einen weißen VW-Käfer, der die Stadt verließ. Die Straße nach Elisabethville war nach dem Durchzug der Truppen anscheinend wieder offen. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Plötzlich hörte er eine Schusssalve. Auf der Höhe seines Hauses hielt der VW an. Er sah drei Insassen, einen Mann am Steuer und zwei Frauen. Drei Belgier, und ein Hund. Mein Vater hatte sie schon öfter gesehen. Der Fahrer stieg aus. Albert Verbrugghe arbeitete in einer Zementfabrik. Er nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Blut rann aus einer Wunde unter seinem Auge. Er schrie, jammerte, stolperte. Die beiden Frauen – seine Frau Madeleine und ihre Freundin Aline – blieben sitzen. Auf ihren geblümten Kleidern breiteten sich große, rote Flecken aus. Erst als ihre Körper aus dem Käfer gezogen wurden und reglos im Gras am Straßenrand lagen, begriff Verbrugghe, was geschehen war. Die indischen Blauhelme hatten sie vermutlich für weiße Söldner gehalten.63 Auch der Hund war tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ist noch eine ganze Woche dort liegen geblieben«, erzählte mir mein Vater irgendwann in den frühen achtziger Jahren. Ich saß mit ihm im Wartezimmer des Zahnarztes. Auf dem Tisch lag eine abgegriffene Ausgabe von &#039;&#039;Paris Match&#039;&#039;. Auf der Titelseite war ein Schwarzweißfoto der Szene mit dem Volkswagen. Ich war zehn oder elf und sah die Todesangst im Blick des Mannes. Mein Vater sah sich das Bild minutenlang an und sagte dann: »Der Fotograf muss ungefähr auf meiner Höhe gestanden haben. Das ist direkt vor meiner Haustür passiert.« Später erfuhr ich, dass ein amerikanischer Kameramann die Fotos gemacht hatte und dass sie durch die ganze Welt gegangen waren. Das &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039; druckte sie im Januar 1963 ab, heute sind sie auch im Internet zu finden.64 Mein Vater war Augenzeuge einer Szene, die das berühmteste Fotos der katangesischen Sezession festgehalten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag im Juli 2007 stand ich dort, wo mein Vater damals gestanden hatte. Ich blickte durch sein Fenster auf den Ort des Geschehens. Die Straße war staubig, am Straßenrand hing ein großes Werbeplakat von CelTel. Jemand schob ein Fahrrad, das mit Holzkohle schwer beladen war. Die Wohnung meines Vaters existierte noch immer. Sie wurde nun von einem jungen, freundlichen Justizbeamten und seiner Familie bewohnt; er hatte eine bildhübsche Frau und zwei reizende Kinder. Sonntags war er Pfarrer der &#039;&#039;Armée de l&#039;Éternel&#039;&#039;, einer der vielen Pfingstgemeinden des Kongo. Die fensterlose Garage, in der mein Vater fünf Jahre lang seinen Ford Consul geparkt hatte, war nun ein improvisiertes Gebetshaus. Ich nahm am Gottesdienst teil. Dreißig Gläubige saßen dicht gedrängt auf wackligen Holzbänken. Das Licht fiel durch das halb offenstehende Garagentor. Im Halbdunkel sah ich die leuchtenden Farben der Betenden. Vor meinem inneren Auge hatte ich Schwarzweißbilder. 1963 und 2007 gingen ineinander über. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Die Menschen sangen wunderbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Hund am Straßenrand verweste, wurde Katanga entsetzt. Eineinhalb Wochen später, am 14. Januar 1963, verkündete Tschombé das Ende der Sezession. Seine Katanga-Gendarmen und weißen Söldner flohen über die Grenze nach Angola. Tschombé setzte sich nach Francos Spanien ab. Die Stimmung unter den Belgiern war sehr antiamerikanisch: Kennedy wurde für die UNO-Schlussoffensive verantwortlich gemacht. »Jetzt ist alles vorbei«, dachte Walter Lumbeeck, der Kollege meines Vaters, damals: »Alles wurde wieder kongolesisch. Das führte zu großer Entmutigung. Viele gingen fort.«65 Die ANC rückte ein, junge Soldaten, die kein Swahili sprachen, nur Lingala, und sich mit der typischen Arroganz von Siegern aufspielten. Die Verwaltung kam in die Hände von Leuten aus Léopoldville. »Unser Boy war in der Zeit der Sezession noch rentenversichert«, sagten Frans und Marja Vleeschouwers, »aber unter der neuen Regierung fiel das alles weg. Die Leute kochten wieder auf &#039;&#039;makala&#039;&#039;, Holzkohle. Es gab nichts mehr zu kaufen, außer Milch und Fleisch.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater musste sich seine Zigaretten und seine Rasierseife bei äthiopischen Blauhelmen besorgen. Die UNO blieb noch eineinhalb Jahre, um den Frieden in Katanga zu überwachen. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal nass rasierte, kramte mein Vater eine große, altmodische Tube Palmolive hervor. Er hatte sich schon lange auf einen Elektrorasierer umgestellt. Als Absolvent eines Studiums der Elektrotechnik konnte er dem Charme von Schaum und Rasierpinsel nichts abgewinnen. »Sei sparsam damit«, sagte er dennoch, »ich hab sie vor mehr als zwanzig Jahren von den UNO-Soldaten gekauft.« Ich besitze die Tube noch. Ein halbes Jahrhundert ist die Seife jetzt alt, aber sie schäumt immer noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sezession Katangas war vorbei, aber die weiße Enklave blieb bestehen. In Jadotville gab es »Oberbayern-Feste«, auf denen man in Lederhosen herumlief und Bierkrüge stemmte. Mitten in der Savanne . . . Alice Lumbeeck erinnerte sich daran, dass am 22. November 1963 bei den belgischen Nachbarn gejuchzt und getanzt wurde. Was war nun wieder los? Sie hatten einmal einen katangesischen Politiker als Nachbarn gehabt. Es war ziemlich lebhaft zugegangen. Die Bierkästen hatten sich bis zum Dach gestapelt. Im Garten wurden Ratten gegrillt. Sie hatten auch einen weißen Söldner als Nachbarn gehabt, einen der sogenannten &#039;&#039;affreux&#039;&#039;, der Schrecklichen. Aber nun johlten belgische Nachbarn, normale Zivilisten. »Ich fragte sie, warum. ›Kennedy ist ermordet worden! Kennedy ist ermordet worden!‹, haben sie gejubelt.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun waren sie noch zu zweit, Kasavubu und Mobutu. Zu Anfang des dritten und letzten Aktes der Ersten Republik war es Kasavubu, der triumphierte: Lumumba war tot, Tschombé verbannt, und Mobutu hatte sich bei der Befreiung Katangas nicht besonders hervorgetan. Es war das Werk der Blauhelme gewesen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit konnte Kasavubu über das gesamte Territorium des Kongo herrschen. Das Land war wiedervereinigt, und er unternahm Rundreisen. Die Beziehungen zu Belgien wurden wieder aufgenommen und die zu den USA bekräftigt. Als Zeichen der Wertschätzung sandte Washington gratis eine Lieferung angereichertes Uran nach Léopoldville, wo es im Kernreaktor der Universität Lovanium zu Forschungszwecken dienen sollte.68 Die Stabilität jener Jahre verdankte Kasavubu auch seinem Premierminister Cyrille Adoula, der drei Jahre an der Macht blieb. Das war mit Abstand die längste Amtszeit der Ersten Republik, wo es beim Amt des Premierministers sonst eher um Monate als um Jahre ging. Adoula war ein hart arbeitender, intelligenter, aber introvertierter Bürokrat, der aufgrund seiner Unentschlossenheit nie eine Bedrohung für Kasavubu bildete.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieses dritten Akts gelang es Kasavubu, seine Position erheblich zu festigen. Nachdem es nun so aussah, als sei wieder Ruhe eingekehrt, trat er für eine neue Verfassung ein, die die vorläufige &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039; ersetzen sollte. Im Laufe des Jahres 1964 erarbeitete eine Kommission die zukünftigen Spielregeln des Landes. Das Resultat war die Verfassung von Luluabourg, ein Text, über den per Referendum abgestimmt wurde. Kasavubu erzielte damit gleich zwei Erfolge. Die neue Verfassung gestaltete den Kongo zu einem dezentralisierten Staat um, und davon hatte Kasavubu schon seit einem Jahrzehnt geträumt. Die Provinzen erhielten mehr Macht, wurden aber bedeutend kleiner. Bereits 1962 waren die sechs riesigen Provinzen aus der Kolonialzeit in einundzwanzig &#039;&#039;provincettes&#039;&#039; aufgeteilt worden, Miniprovinzen, die eher den ethnischen Realitäten und den historischen Territorien entsprachen.70 Außerdem verlieh die neue Verfassung dem Staatsoberhaupt wesentlich mehr Macht. Der Präsident hatte künftig größere Befugnisse als der Ministerpräsident und dessen Regierung. Auch das Parlament hatte nun weniger zu sagen. Wenn es ein Gesetz verabschiedete, das dem Präsidenten nicht passte, durfte er eine erneute Abstimmung verlangen, denn jeder kann sich ja mal irren. Und damit der Fehler nicht ein zweites Mal passierte, bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit, um den Alternativvorschlag des Präsidenten abzulehnen . . . In Notfällen durfte das Staatsoberhaupt selbst zum Gesetzgeber werden. Reibereien mit einem widerspenstigen Ministerpräsidenten gehörten nun der Vergangenheit an. »Er darf auch aus eigener Initiative den Ministerpräsidenten oder eines oder mehrere Mitglieder der Zentralregierung des Amtes entheben, insbesondere, wenn er sich in einem ernsthaften Konflikt mit ihnen befindet«, stand in Artikel 62.71 Kasavubu war auf Rosen gebettet: Das Land bestand aus kleinen Einheiten, Katanga war zu drei harmlosen Miniprovinzen zerbröckelt, und er hielt die Zügel fester denn je in der Hand. Teile und herrsche, heißt so etwas. Ihm konnte nichts mehr passieren. Glaubte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 19. November 1963 wurden zwei sowjetische Diplomaten ver­haftet, die aus Brazzaville zurückkehrten. Man hatte bei ihnen äußerst belastende Dokumente gefunden. Die Diplomaten hatten in der Hauptstadt jenseits des Flusses Kontakt gehabt mit Christophe Gbenye, dem ehemaligen Innenminister zur Zeit Lumumbas. Brazzaville war ein Zufluchtsort für Lumumbisten der ersten Stunde geworden. Nicht zu weit entfernt von Léopoldville, aber doch sicher vor einem Zugriff Kasavubus. Die Dokumente sprachen von der Gründung einer revolutionären Bewegung&#039;&#039;,&#039;&#039; dem &#039;&#039;Comité National de Libération&#039;&#039;, mit Gbenye an der Spitze. Es waren bereits Delegationen nach Moskau und Peking gereist. In den Dokumenten erbat das Komitee die Unterstützung der UdSSR, um junge Männer militärisch auszubilden. Es bat um Funkanlagen, handliche Kassettenrekorder, Mini-Fotoapparate und Fotokopierer »oder andere, ähnliche zur Spionage geeignete Geräte«. Fast wie in &#039;&#039;Mission Impossible&#039;&#039;. Man forderte außerdem: »20 Miniatur-Pistolen (mit Schalldämpfer) in der Form eines Feuerzeuges oder Kugelschreibers« und einige »Koffer mit doppeltem Boden«. Kasavubu hatte sich zu früh in einer sicheren Position geglaubt.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Ausbruch von Unmut fand im Kwilu statt. Der Anstifter war Pierre Mulele, ehemaliger Minister für Bildung und Schöne Künste in der Regierung Lumumba, Handlanger von Gizenga. Mulele hatte mit den Verschwörern in Brazzaville nichts zu tun, verfolgte aber die gleichen Ziele. Nach dem Debakel der ersten Regierung war er ins Ausland geflohen und in China gelandet. Dort lernte er die Ideologie und die Praxis von Maos Bauernaufstand kennen und eignete sich Guerrillatechniken an. Mit dieser Ausbildung kehrte er heimlich in seine Geburtsregion zurück. Gizenga gehörte zu den Pende, jenem Stamm, der 1931 gegen die Kolonialregierung gekämpft hatte; Mulele gehörte dem benachbarten Mbunda-Stamm an. Er versuchte, unter den Bauern den Widerstand erneut anzufachen. Der Feind war diesmal nicht der weiße Kolonisator, sondern die erste Generation kongolesischer Politiker, die Lumumba ermordet hatten. Waren sie nicht mehr mit Machtspielen beschäftigt als mit dem Wohl des Landes? War nicht ihr Lebensstil von Müßiggang geprägt und ihre Selbstbereicherung schamlos? Waren sie keine verwerflichen Bourgeois? Statt dem Volk zu dienen, argumentierte er, missbrauchten sie die Macht, um nach Herzenslust in die Staatskasse greifen zu können. Ihre prowestliche Haltung habe ihre Raffsucht nur noch gesteigert. Die Bauern hörten Mulele zu und nickten grollend. Von der Unabhängigkeit hatten sie tatsächlich noch nicht viel gespürt, da hatte er recht. Ihr Leben war nur mühsamer geworden. Wurde es nicht Zeit für »eine zweite Unabhängigkeit«, fragten sie sich. Das war ein authentischer, volkstümlicher Begriff. Eine neue &#039;&#039;dipenda&#039;&#039;, diesmal die richtige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele begann mit seiner Bauernrevolte, dem ersten großen Aufstand auf dem Land in Afrika seit der Unabhängigkeit. Er bekundete einen außergewöhnlichen Idealismus und große Selbstlosigkeit. Er wurde eine Art kongolesischer Che Guevara, ein Linksintellektueller, der Anschluss bei den einfachen Leuten suchte. In Dörfern und Hütten lehrte er das revolutionäre Gedankengut. Unermüdlich betonte er die Bedeutung von Disziplin während der Revolte. Seine Vorschriften basierten stark auf den Schriften Maos.73 Die revolutionären Kämpfer sollten jeden Menschen respektieren, auch die Kriegsgefangenen. Stehlen war verboten, sogar beten.74 Was zerstört wurde, musste ersetzt werden. »Respektieren Sie die Frauen und vergnügen Sie sich nicht mit ihnen, so wie Sie möchten.« Nein, die Revolution sollte auch Töchter haben. In Muleles &#039;&#039;maquis&#039;&#039; wurden auch Frauen ausgebildet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele verfügte allerdings kaum über Waffen. Da er nicht von ausländischen Mächten abhängig sein wollte, musste sich der Aufstand aus eigenen Mitteln finanzieren. Also zog man mit ein paar alten Schusswaffen, mit Messern und mit aus Fahrradspeichen fabrizierten Giftpfeilen in den Kampf. Schulen wurden in Brand gesteckt, Missionsstationen zerstört, Brücken sabotiert. Es gab mehrere hundert Tote. Gemetzel fanden statt, trotz der Regeln. Dennoch war die Revolution nicht erfolgreich. Muleles chinesische Doktrin fand nicht überall Anklang. Sie war wohl zu säkular. Warum durften die Kämpfer nicht beten? Die einfachen Bauern im Kwilu wussten nicht, was Opium war und hatten kein Ohr für Geschichten über falsches Bewusstsein. Ihr Weltbild war nach wie vor in hohem Maße religiös und tribal geprägt. Deshalb wurde Muleles Machtbasis nie größer als das Stammesgebiet der Pende und der Mbunda. Die Städte entzogen sich seiner Kontrolle. Die mulelistische Revolte fand nur von Januar bis Mai 1964 statt, hatte aber große symbolische Bedeutung. Kasavubus Position war zum ersten Mal seit Tschombé offen bedroht, und Lumumbas Gedankengut erwies sich als quicklebendig. Wenn Lumumba ein Märtyrer war, dann war Mulele sein neuer Prophet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit konnte man in den breiten Alleen von Stanleyville zwischen den modernistischen Meisterwerken der Architektur unter einer sengenden Sonne eine steinalte Frau sehen. Sie war 80, vielleicht sogar 90. Mama Lungeni war die Witwe von Disasi Makulo, dem Mann, den Stanley als Kind freigekauft hatte. Ihr illustrer Mann war 1941 gestorben, sie hatte ihn schon mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. 1962 war sie zur Hochzeit einer Enkelin nach Stanleyville gekommen, und ihre angegriffene Gesundheit hatte die Rückkehr in ihr Heimatdorf im Regenwald verhindert.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als junges Mädchen war sie das Opfer tribaler Gewalt geworden, und jetzt, alt und mit steifen Gliedern, musste sie erleben, dass der Krieg zurückkehrte. Sie wusste natürlich nicht, dass die revolutionären Kampfgenossen in Brazzaville beschlossen hatten, in Aktion zu treten, aber sie würde es bald merken. Gbenyes Comité National de Libération plante eine Invasion in den Osten des Landes. In Burundi, das wie Ruanda seit 1962 unabhängig war, wurden die angehenden Rebellen von chinesischen Guerilla-Spezialisten trainiert. Auch die Sowjetunion war bereit zu helfen. Im Süd-Kivu wurde die Rebellion von einem Mann namens Gaston Soumialot angeführt, in Nord-Katanga hieß der Anführer Laurent-Désiré Kabila. Ihre Kämpfer waren sehr junge Männer, Jugendliche von sechzehn, siebzehn Jahren, manchmal noch jüngere Teenager und auch Kinder. Sie waren empfänglicher für Magie als für jede maoistische und marxistisch-leninistische Rhetorik. Sie nannten sich Simbas, Löwen, und glaubten fest an die Wirkung martialischer Rituale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dienst von Kabilas und Soumialots Befreiungsarmee stand eine mächtige &#039;&#039;féticheuse&#039;&#039;, Mama Onema, eine Frau in den Sechzigern. Jeder junge Krieger wurde von ihr initiiert. Mit einer Rasierklinge zog sie drei kleine Striche zwischen seinen Augen. Aus einer Streichholzschachtel nahm sie ein schwarzes Pulver – gemahlene Knochen und Haut von Löwen und Gorillas, gemischt mit zerquetschten schwarzen Ameisen und pulverisiertem Hanf – und rieb es in die Schnittwunden. Sie überreichte ihm ein &#039;&#039;grigri&#039;&#039;, ein Amulett, das er am Handgelenk oder um den Hals trug und das ihm Kraft verleihen sollte. Immer, wenn er in den Kampf zog, besprenkelte sie seinen Brustkorb und seine Waffen mit Wasser, das ihn unverwundbar machen sollte. Die Kämpfer mussten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln einhalten. Einem Nicht-Simba durften sie niemals die Hand geben, sie durften sich nicht waschen, sich nicht die Haare kämmen oder die Nägel schneiden, sonst verloren sie ihre Unverwundbarkeit. Viele dieser Regeln waren weniger bizarr, als es zunächst scheinen mag. Die meisten Simbas hatten keine Uniformen und kaum Schusswaffen. Sie zogen mit nacktem Oberkörper in den Kampf, behängt mit Zweigen und Tierfellen, und sie hatten nur Speere, Macheten und Knüppel. So ausgerüstet, mussten sie es mit Mobutus Regierungsarmee aufnehmen, die noch immer ein chaotischer Haufen war, allerdings ein chaotischer Haufen mit halbautomatischen Maschinengewehren. Die magischen Regeln zwangen die Simbas zu einer Form von militärischer Disziplin. Sex war verboten, weil die Kämpfer sonst Frauen vergewaltigen würden. In Panik geraten war verboten, weil sie sonst die Flucht ergriffen. Nach hinten zu blicken war verboten, sich zu verstecken war verboten. Die Simba-Krieger mussten auf den Feind losstürmen, unter lautem Gebrüll: &#039;&#039;»Simba, Simba! Mulele mai! Mulele mai! Lumumba mai! Lumumba oyé!«&#039;&#039; (Löwe, Löwe, Wasser von Mulele, Wasser von Lumumba, hoch lebe Lumumba!). Wenn sie das schrien, würden sich die gegnerischen Kugeln in Wasser verwandeln, sobald sie auf ihre Brust trafen. Wer dennoch getroffen wurde, hatte offensichtlich eine der Verhaltensregeln nicht beherzigt.76 Irrwitzig? Ja, aber nicht irrwitziger als bestimmte Angriffe im Ersten Weltkrieg, bei denen Soldaten ins Sperrfeuer getrieben wurden. Und das Bizarre war: Nicht nur die Simbas glaubten an ihre magischen Kräfte, sondern auch die Soldaten der Regierungsarmee. Mobutus Soldaten hatten panische Angst vor diesen unter Drogen gesetzten, hysterischen Berserkern, die mit lautem Geschrei und weit aufgerissenen Augen auf sie zu rannten. Im Mai 1964 nahmen die Simbas Uvira und Albertville ein, zwei wichtige Städte am Westufer des Tanganjikasees. Für Kasavubu und Mobutu war es eine schmachvolle Niederlage. Die Regierungssoldaten banden Zweige um ihre Gewehrläufe und hofften, es würde als Gegenzauber wirken, viel häufiger jedoch ergriffen sie die Flucht. Brüllend und kreischend eroberten die Aufständischen den Osten des Kongo. Die Rebellen konfiszierten Autos und plünderten Läden. Sie sammelten Schusswaffen ein, die die Regierungssoldaten in Panik zurückgelassen hatten. Soumialot zog mit seinen Leuten von Uvira nach Stanleyville, ein monatelanger Fußmarsch durch den Urwald. In allen Dörfern und kleinen Städten, durch die sie kamen, schlossen sich ihnen Jugendliche an, denen die Unabhängigkeit verhasst war. Wegen der Schlamperei der Regierung konnten viele tausend Jugendliche im Osten nicht mehr weiterlernen.77 Ihre Lehrer wurden nicht oder kaum bezahlt. Im ganzen Land traten Lehrer in den Streik.78 Der weiterführende Unterricht, die Möglichkeit schlechthin, in der Gesellschaft aufzusteigen, war nur noch ein Schatten dessen, was er einmal gewesen war. Die Schüler waren ohne Lehrer. Das Wort &#039;&#039;révolution&#039;&#039; enthielt für sie mehr Versprechen als das Wort &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Sie waren zu jung, um schon eine Frau, ein Haus oder ein kleines Feld zu haben, aber noch nicht alt genug, um alle ihre Träume aufzugeben. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie waren &#039;&#039;rebels with a cause&#039;&#039;, junge Löwen, die größten Verlierer der Unabhängigkeit. Und sie wurden zu schrecklichen Mordmaschinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni erlebte mit, wie die Rebellen in die Stadt kamen. Anfang August 1964 fiel ihnen Stanleyville in die Hände. Das Bollwerk von Lumumba und Gizenga gehörte wieder ihnen. Sie gingen auf die Suche nach Nutznießern der Unabhängigkeit. &#039;&#039;Évolués&#039;&#039;, Intellektuelle und Reiche mussten dran glauben. Beim Denkmal für Lumumba wurden rund 2500 »Reaktionäre« ermordet. Die Simbas schnitten ihnen das Herz heraus und aßen es; so verhinderten sie, dass die Toten zurückkehren konnten. Auch andernorts legten sie eine außerordentliche Grausamkeit an den Tag. »Butter! Butter!«, riefen sie in Tshumbe, als eine Machete den Schädel eines Feindes spaltete und das Gehirn herauslief.79 Babys und Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in die sengende Sonne gelegt, bis sie Tage später starben.80 In Kasongo schnitten sie einigen älteren Leuten den Bauch auf und zwangen die Umstehenden, die Gedärme zu essen.81 Außerdem waren sie ausgesprochen antiamerikanisch, antibelgisch und antikatholisch. Der amerikanische Konsul von Stanleyville musste auf der amerikanischen Flagge herumtrampeln und ein Stück davon essen.82 Wer auch nur einen Gegenstand mit der Aufschrift »Made in USA« besaß, war in Lebensgefahr. Es wurde zu einem Spiel, belgischen Missionaren den Bart anzuzünden und das Feuer dann mit Schlägen zu löschen. Viele Simbas beriefen sich auf den geheimen Kitawala-Kult, der im Osten des Kongo schon immer stark gewesen war.83 Ihr Hass gegen Weiße war groß. Mehrere Missionsschwestern wurden vergewaltigt und ermordet, einige Missionare gefoltert und getötet.84&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni befürchtete, nie mehr zu dem evangelischen Missionsposten Yalemba, wo Disasi begraben lag, zurückkehren zu können. Sie wollte dort sterben und neben ihm ruhen. Doch am 5. September 1964 riefen die Rebellenführer einen neuen Staat aus. Das Rebellengebiet hieß künftig &#039;&#039;République Populaire du Kongo&#039;&#039;, nach dem Vorbild der Volksrepublik China. Die verschiedenen Milizen wurden zur &#039;&#039;Armée Populaire de la Libération&#039;&#039;, der Volksbefreiungsarmee, verschmolzen. Christophe Gbenye, der Mann aus Brazzaville, wurde Präsident; Gaston Soumialot wurde Verteidigungsminister; das Oberkommando über die Streitkräfte wurde General Nicholas Olenga übertragen. Ein Drittel des Kongo gehörte ihnen. Mama Lungeni konnte nicht weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Kasavubu war es ein totaler Affront. Mobutu gab eine klägliche Figur ab mit seinen Truppen, die immer wieder ihr Heil in der Flucht suchten. Er bemühte sich, die Armee zu modernisieren, und erhielt sogar Unterstützung von kubanischen Kampfpiloten, Männer, die dem Regime Castros entflohen und fest entschlossen waren, anderswo auf der Welt den Vormarsch linker Revolutionäre zu verhindern. Aber auch das nützte nichts. Würde der Kongo nun doch dem Kommunismus anheimfallen? Das war nach wie vor nicht im Sinne der Amerikaner. Was, wenn Katanga zurückerobert würde? Was, wenn Tschombé aus Spanien zurückkäme und sich den Rebellen anschlösse? Er verfügte über genügend Mittel und Leute. Dann wären zwei Drittel des Kongo in revolutionären Händen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun vollzog sich eine jener völlig unerwarteten Wendungen, die für die politische Geschichte des Kongo typisch sind: Tschombé kehrte tatsächlich zurück und . . . schlug sich auf die Seite von Léopoldville, die Seite, gegen die er zweieinhalb Jahre lang gekämpft hatte! Es war eine Wendung um 180 Grad, aber sie war, lässt man den Faktor Integrität außer Acht, nicht unlogisch. Mobutu und seine Kumpel von der Binza-Gruppe (insbesondere Außenminister Justin Bomboko, Victor Nendaka, der Chef des kongolesischen Sicherheitsdienstes, und Albert Ndele, Gouverneur der Nationalbank) waren sich darüber im Klaren, dass Tschombé noch immer seine Katanga-Gendarmen und Söldner mobilisieren konnte.85 Er brauchte sie nur über die angolanische Grenze zu holen. Wenn sie sich auf die Seite der Rebellen stellten, war Léopoldville verloren. Und so entschieden sie, dass es besser war, einen unangenehmen Zeitgenossen im Haus zu haben, der Steine nach draußen schmiss, als umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé wiederum hatte schon immer eine Machtbasis in der Hauptstadt angestrebt. Das Angebot Mobutus und der Seinen war eine vortreffliche Chance, das Exil in Madrid zu beenden und seiner politischen Laufbahn ein neues Kapitel hinzuzufügen. Kriecherisch schrieb er Kasavubu: »In dieser schwierigen Zeit, die bevorsteht, und aus der das Land stärker hervorgehen muss, um die gewaltigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, die vor ihm liegen, erneuere ich mein Angebot, Ihnen meine uneingeschränkte Mitarbeit im Dienste des Vaterlandes zu gewähren.«86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit bildeten die drei Feinde Lumumbas eine Troika: Kasavubu als Präsident, Mobutu als Oberbefehlshaber der Armee und, nach einigen Verhandlungen, Tschombé als Ministerpräsident. Im Juli 1964 löste er Adoula ab und versprach dem Volk »einen neuen Kongo in drei Monaten«. Im großen Fußballstadion von Léopoldville jubelten ihm dreißig- bis vierzigtausend Menschen zu. In Stanleyville, kurz vor der Einnahme durch die Rebellen, legte er sogar einen Kranz nieder am Denkmal für Lumumba, für dessen Ermordung er mitverantwortlich war.87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé verfügte über zwei Trümpfe: seine Söldner von damals und die US-Armee. Unter den Söldnern befanden sich Oberst Mike Hoare, ein Südafrikaner irischer Abstammung, »Mad Mike« genannt; Oberst Bob Denard, ein Franzose und zweifellos der berüchtigtste Söldner des zwanzigsten Jahrhunderts; und Jean Schramme, genannt »Black Jack«. Letzterer war kein klassischer Söldner, sondern ein Belgier, der Plantagen in Katanga besaß und beschlossen hatte, sich an der »Rettung« des Kongo zu beteiligen. In schmuddeligen Kneipen in Brüssel, Paris und Marseille wurden neue Kämpfer rekrutiert. Sie unterzeichneten Verträge, in denen stand, wie viel Schmerzensgeld sie erhalten würden für den Verlust eines Zehs (30.000 Belgische Franc), eines großen Zehs (50.000 Belgische Franc) oder des rechten Arms (350.000 Belgische Franc). Und auch, was ihre Witwe bekommen würde (1 Million Belgische Franc).88&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Amerikaner stellten Léopoldville eine Luftflotte zur Verfügung: dreizehn T-28 Kampfflugzeuge, fünf B-26-Bomber, drei C-46-Transportmaschinen und zwei kleine zweimotorige Passagierflugzeuge. Alles Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber gut genug, um in den Kampf zu ziehen gegen Halbwüchsige mit nacktem Oberkörper, die sich für unverwundbar hielten.89 Während die Söldner zusammen mit Katanga-Gendarmen, kongolesischen Regierungssoldaten und belgischen Offizieren eine Bodenoffensive starteten, beschossen die Amerikaner die Simbas aus der Luft. Eine Stellung nach der anderen fiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Simbas reagierten mit blindwütigem Zorn. Fassungslos, dass sie doch fallen konnten, erklärten sie ihre Verluste damit, dass die saisonbedingten Regenfälle die magischen Kräfte abwuschen.90 Wie Besessene suchten sie bei den zurückgebliebenen Weißen nach Sendeanlagen, denn sie verdächtigten sie, den Feind zu informieren. Wer ein Transistorradio besaß oder auch nur einen Kugelschreiber, war verdächtig. Sie holten Hunderte Europäer aus dem Gebiet, das noch unter Kontrolle der Rebellen war, und brachten sie als Geiseln in das Hotel Victoria Palace in Stanleyville. Sie drohten damit, alle Geiseln umzubringen. Das war das Startsignal für eine groß angelegte Militäraktion der Belgier und Amerikaner. Sie bestand aus einer Bodenoffensive (Operation Ommegang) und einer Luftoffensive (Operation Dragon Rouge). Am 24. November 1964 landeten 343 belgische Fallschirmjäger in Stanleyville und besetzten den Flughafen. Unterdessen rückten die Bodentruppen in die Stadt ein. Zweitausend Europäer wurden befreit und mit vierzehn C-130-Maschinen evakuiert; etwa hundert kamen bei der Aktion ums Leben. In den Tagen darauf töteten die Simbas als Vergeltung neunzig Nonnen und Patres im Landesinneren.91 Der Blutzoll auf kongolesischer Seite wurde nie ermittelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni entging um Haaresbreite dem Tod. Am Tag der Befreiung Stanleyvilles hörte sie um halb sechs das Dröhnen der Flugzeuge. Sie schloss sich mit ihren Angehörigen im Haus ein. »Kurz darauf flog eine der Maschinen über unser Viertel Tshopo«, erinnerte sich ihr Sohn. »Direkt über uns feuerte sie eine Rakete ab, die ungefähr zehn Meter von unserem Haus entfernt einschlug. Ein Teil des Geschosses verschwand im Boden, die Bruchstücke flogen bis an die Haustür und zertrümmerten alle Fensterscheiben.« Mama Lungeni saß in diesem Moment im Wohnzimmer gegenüber der Haustür. Sie fiel in Ohnmacht. »Alle, die Kinder und die Enkelkinder, riefen: Mama ist tot! Oma ist tot! Wir trugen sie auf den Innenhof, wo sie wenig später wieder zu atmen begann und die Augen öffnete.«92&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Einnahme Stanleyvilles zerstreuten sich die Rebellen über das Landesinnere. Zwei Töchter von Mama Lungeni, die am Fluss wohnten, holten ihre Mutter mit einem Einbaum ab. Aber die Missionsstation Yalemba war noch lange nicht sicher. In großer Angst vor den amerikanischen Bombern verließen die Menschen ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute flohen in den Regenwald oder auf die Inseln. Mama Lungeni und ihre Kinder gehörten zu den Flüchtlingen im Wald. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Immer wieder mussten sie sich einen neuen Ort suchen und sich provisorische Hütten als Schutz gegen das schlechte Wetter bauen. Mama Lungeni war erschöpft und konnte nicht mehr laufen. Bei jedem Ortswechsel musste sie getragen werden, abwechselnd auf dem Rücken ihrer Tochter Bulia und ihrer Enkelinnen Mise und Ndanali. Die Kleinen, Naomi, Toiteli, Maukano, Moali und ihr Cousin Asalo Kengo folgten ihnen und trugen das Gepäck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil es ihr so schlecht ging und weil es so unsicher war, beschloss sie, den Wald zu verlassen und Schutz zu suchen auf der Insel Enoli, mitten im Fluss, wo Onkel Anganga und seine Familie wohnten.93&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau beendete ihr Leben so, wie es begonnen hatte: in Not und Elend eines Krieges. Eines Tages ging sie nach dem Abendgebet schlafen. Ein schwerer Regenschauer prasselte nieder. Um drei Uhr morgens zündete ihre älteste Tochter, die neben ihr schlief, eine Lampe an. Mama Lungeni war gestorben. Es war der 1. Mai 1965. Mit einem Einbaum brachten sie den Leichnam nach Bandio, zu dem Ort, an dem Disasi 1883 entführt worden war. Die Trommel verbreitete die Nachricht von ihrem Tod. Die Menschen kamen aus dem Äquatorialwald, um dem Begräbnis beizuwohnen. Sie wurde neben ihrem Mann bestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der Bürgerkrieg dauerte an. Léopoldville gewann stetig Terrain. Doch als die Rebellen schon sehr geschwächt waren, bekamen sie im Osten Unterstützung von unerwarteter Seite. Die schlecht organisierte Revolution hatte nie eine ernsthafte Diplomatie entwickelt, die Unterstützung sympathisierender Länder wie Ägypten, Algerien, China und der UdSSR war die ganze Zeit kaum der Rede wert. Doch plötzlich ging im April 1965 am Ufer des Tanganjikasees niemand Geringeres als Che Guevara an Land! Er war aus Kuba hergeflogen und ließ mehr als hundert gut ausgebildete kubanische Soldaten in den Kongo kommen, alle von afrikanischer Abstammung, damit ihre Anwesenheit nicht auffiel, späte Nachfahren von Sklaven aus Zentralafrika. Nun sollten sie den Kongo an der Seite von Kabila und seinen Simbas zurückerobern. Aber el Che musste bald erkennen, dass das revolutionäre Feuer bei Kabilas Männern nicht besonders hoch loderte. In ihren geheimen Lagern im Buschwald ertönte laute Tanzmusik, und auch Frauen und Kinder hielten sich dort auf. Die kongolesischen Genossen, die keinerlei militärische Ausbildung hatten, lungerten meist nur herum. Von Schützengräben wollten sie nichts wissen, das sei etwas für Tote. Schießtraining interessierte sie nicht, sie konnten das rechte Auge nicht zukneifen. Sie feuerten lieber einfach drauflos.94 Einer der Kubaner sagte einmal im Scherz, im Kongo seien sämtliche Bedingungen erfüllt, die man für die Revolution nicht brauche, wie Che Guevara sarkastisch in sein Tagebuch notierte.95 Die wenigen Male, als sie an die Front gingen, hatten die Kubaner »mit ansehen [. . .] müssen, wie sich die Truppen gleich zu Beginn der Kampfhandlungen auflösten, wie die teuren Waffen einfach weggeworfen wurden, um schneller fliehen zu können«.96 Kabila selbst hielt sich ständig in Tansania auf und ließ sich nach zwei Monaten kurz sehen, um aufs Neue zu verschwinden. Che räumte ein, dass Kabila die einzige Persönlichkeit mit Führungsqualitäten sei, aber von einem wahren revolutionären Anführer hatte er doch andere Vorstellungen. »Er benötigt dazu außerdem revolutionäre Integrität, eine Ideologie, die der Aktion zugrunde liegt, und Opferbereitschaft, die seine Handlungen begleitet. Bisher hat Kabila noch nicht den Beweis erbracht, dass er irgendetwas davon besitzt. Er ist jung, und möglicherweise ändert er sich ja noch; aber ich bin bereit, auf einem Blatt Papier, das erst in vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, meine tiefen Zweifel daran festzuhalten, dass er in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, seine Defizite ausgleichen kann.«97 Kabila würde mehr als drei Jahrzehnte im Buschwald herumlungern. 1997 stürzte er Mobutu, el Che war damals längst ermordet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach sieben Monaten verließen Che Guevara und seine Kämpfer den Kongo. Die Rebellion war erfolglos. Mit Bitterkeit notierte er: »Während jener letzten Stunden im Kongo hatte ich mich so alleine gefühlt wie nie, weder in Kuba noch an irgendeinem anderen Ort meiner Wanderungen durch die Welt.«98&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé triumphierte. Die Rebellion war zurückgedrängt worden dank »seiner« Söldner und »seiner« Gendarmen. Neben dem militärischen Triumph verbuchte er auch einen äußerst wichtigen diplomatischen Sieg. In Brüssel hatte er Verhandlungen über das viel diskutierte »koloniale Portfolio« aufgenommen. Damit waren die großen Aktienpakete gemeint, die Belgien kurz vor der Unabhängigkeit an sich gerissen hatte. Die Diskussion über die Rückgabe der Wertpapiere wurde unter dem Namen &#039;&#039;»&#039;&#039;c&#039;&#039;ontentieux belgo-congolais«&#039;&#039; bekannt. Tschombé konnte die belgischen Unterhändler davon überzeugen, dass die Aktien im Grunde dem kongolesischen Staat zustünden, und bekam das Huhn mit den goldenen Eiern wieder in den eigenen Stall. Als er in den Kongo zurückkam, schwenkte er überall eine lederne Aktentasche.99 Das Portfolio! Das Volk lachte und strahlte. Der Krieg war vorbei, das Geld kam zurück. »Jetzt werden wir wieder &#039;&#039;makayabu&#039;&#039; essen!«, sangen sie, köstlichen Stockfisch, der unerschwinglich geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik war es für den durchschnittlichen Kongolesen erheblich bergab gegangen. Die Inflation war turmhoch: 1960 kostete ein Kilo Reis nur neun Franc, 1965 neunzig Franc.100 Die Kaufkraft war mächtig geschrumpft.101 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Wer noch einen Arbeitsplatz hatte, musste mit immer weniger Lohn immer mehr Münder stopfen.102 Viele Menschen hungerten.103 Krankheiten, die unter Kontrolle gewesen waren, wie die Schlafkrankheit, TBC und Flussblindheit, forderten erneut zahlreiche Opfer.104&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1965 war Tschombé der mit Abstand populärste Politiker des Kongo. Zum ersten Mal seit der Entkolonialisierung fanden wieder Parlamentswahlen statt. Tschombé gewann haushoch. Mit seinem Zweckbündnis von Parteien errang er 122 der 167 Sitze. Kasavubu erkannte, dass Tschombé eine Gefahr für seine Präsidentschaft bedeuten konnte. In seinen Händen waren nun die Befugnisse des Premierministers, des Außenministers, des Außenhandelsministers und die Ressorts Arbeit, Infrastruktur und Öffentlichkeit.105 Am 13. Oktober machte Kasavubu das, was er im September 1960 mit Lumumba gemacht hatte: Er setzte den Premierminister ab und berief einen Lakaien auf den Posten (Evariste Kimba), einen Mann, zu dem das Parlament kein Vertrauen hatte. Die neue Verfassung erlaubte diesen Schachzug, doch jetzt schien alles von vorn zu beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem unserer Gespräche holte Jamais Kolonga ein merkwürdiges, stark zerknittertes Foto hervor. Eine kleine Gruppe junger Männer stand mit strahlenden Gesichtern um einen Tisch. In der Mitte erkannte ich sofort den jungen Mobutu. Schon damals sah er aus wie ein afrikanisches &#039;&#039;remake&#039;&#039; von König Baudouin. »Das war am fünfunddreißigsten Geburtstag von Mobutu. Die Feier war im Restaurant des Zoos, dem besten Restaurant der Stadt.« Es war der 14. Oktober 1965, einen Tag nach der Absetzung Tschombés. »Hier links steht Isaac Musekiwa, Trompeter bei OK Jazz, daneben Paul Mwanga, Sänger bei OK Jazz, dann ich, Jamais Kolonga, neben Mobutu! Rechts stehen die Männer von African Jazz. Erst der Sänger Mujos und dann der große Kabasele selbst. Das hier ist Roger Izeidi, von OK Jazz. Und ganz rechts, das ist niemand Geringeres als Franco!« Die Elite der kongolesischen Musik versammelte sich an diesem Abend um den höchsten Befehlshaber der Armee; es war so, als wären die Beatles und die Stones zusammen mit dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte auf einem Foto zu sehen. Jean Lema alias Jamais Kolonga schwelgte noch einmal in Erinnerungen. »Weißt du, was Mobutu mir an dem Abend verraten hat? Ich hatte 1960 drei Monate mit ihm im Dienst von Lumumba zusammengearbeitet. ›Jean‹, sagte er, ›in einem Monat bin ich Präsident der Republik.‹«106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kam es auch. Am 24. November 1965, dieses Datum weiß jeder Kongolese auswendig, rief Mobutu um neun Uhr abends alle hohen Kommandanten der Streitkräfte in seiner Residenz in der Hauptstadt zusammen. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten, Zeitungen und Zeitschriften. Den ganzen Tag hatte er an Sitzungen teilgenommen, und sein Entschluss stand fest: Er würde Staatsoberhaupt werden. Die Erste Republik war auf eine totale Katastrophe hinausgelaufen. Er musste Ordnung schaffen. Wenn Kasavubu die Machenschaften von vor fünf Jahren wiederholte, dann würde er, Mobutu, seinen Staatsstreich wiederholen, und diesmal nicht für die Dauer von fünf Monaten, sondern für fünf Jahre. Einem Mitarbeiter diktierte er eine Presseerklärung, ein Leutnant musste den Text für die Übertragung im Rundfunk einsprechen, ein Major sabotierte unterdessen Kasavubus Telefonleitung. Alle versicherten ihm seine Unterstützung. Das Bier floss in Strömen. Madame Mobutu bewirtete die Anwesenden mit Fisch und Kochbananen. Sie war allerdings sehr besorgt: »Hört doch auf mit dem Unsinn. Wenn sie euch fassen, werdet ihr alle ermordet«, flüsterte sie ihrem Schwager zu. Aber um halb drei Uhr morgens schenkte sie jedem ein Glas Champagner ein. Drei Stunden später sendete der Rundfunk die Nachricht vom Staatsstreich.107 Den ganzen Tag war dann nur noch Marschmusik zu hören. Die Erste Republik war vorbei. Kein Schuss war gefallen. Der Kampf um den Thron war entschieden. Jeder der vier Protagonisten hatte seine &#039;&#039;finest hour&#039;&#039; versprochen, aber es war Mobutu, der den Ruhm einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 9 Die elektrisierenden Jahre ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Mobutu krempelt die Ärmel hoch 1965-1975 ===&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo wunderte sich schon ein wenig, als er den Brief entgegennahm. Er bekam zwar öfter Post hier in Paris, aber dass ihm der Direktor seiner Schule höchstpersönlich einen Brief überreichte, das war neu. Seit wann war der Rektor des berühmten INA, des &#039;&#039;Institut National de l&#039;Audiovisuel&#039;&#039;, ein Edel-Kurier? Der Leiter eines der weltweit wichtigsten Ausbildungsinstitute für Rundfunk- und Fernsehjournalisten hatte doch bestimmt Besseres zu tun, als Postbote zu spielen für die Handvoll afrikanischer Studenten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Brief hatte einen bedeutenden Absender. Zizi sah, dass er von der Botschaft kam, und das bedeutete in jener Zeit: vom Präsidenten. Mobutu hatte seinen Minister mit der Zustellung beauftragt, der Minister den Botschafter, der Botschafter sein Personal. So lief das inzwischen in Zizis fernem Vaterland. Seit Mobutu neun Jahre zuvor an die Macht gekommen war, hielt er die Zügel fest in der Hand. Alle Zügel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September. Das akademische Jahr hatte gerade begonnen. Paris wurde wieder eine wuselige Stadt: Die Franzosen waren aus den Ferien zurück, die Metros wieder voll, Menschenmengen hasteten über die Boulevards. »Ambassade de la République du Zaïre«, las Zizi auf dem Briefkuvert. Auch nach drei Jahren hatte er sich noch nicht an den neuen Namen gewöhnt . . . Das offenherzig klingende Wort Kongo hatte 1971 dem zischenden Zaire weichen müssen. Mobutu fand das authentischer als die koloniale Bezeichnung »Kongo«. Der Vater der Revolution stützte sich dabei auf eines der frühesten schriftlichen Dokumente: eine portugiesische Karte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dort trug der breite Strom, der in einem großen Bogen durch sein Land floss, den Namen »Zaire«. Allerdings hatte Mobutu kurz nach der Umbenennung entdecken müssen, dass er einem Irrtum aufgesessen war: Zaire war die völlig fehlerhafte Schreibweise des Wortes &#039;&#039;nzadi&#039;&#039;, im Kikongo einfach nur der Name für »Fluss«. Als die Portugiesen die Eingeborenen im Mündungsgebiet des Stromes fragten, wie sie die große, wirbelnde Wassermasse nannten, hatten die geantwortet: »Fluss!« &#039;&#039;Nzadi&#039;&#039;, wiederholten sie. &#039;&#039;Zaire&#039;&#039;, verstanden die Portugiesen. Zweiunddreißig Jahre lang würde Zizis Land seinen Namen der falschen phonetischen Wiedergabe eines portugiesischen Kartographen verdanken, der vor vier Jahrhunderten gelebt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaïre also. So hieß das Land, und künftig hießen so auch der Fluss und die Währung und die Zigaretten und die Kondome und noch einiges mehr. Ein bizarrer Name, mit dem seltsamen z und dem lästigen Trema. Wenn man ihn auf der Schreibmaschine tippen musste, bekam man über dem i so eine heilige Dreifaltigkeit von Pünktchen. Die amerikanischen Bündnispartner Mobutus sprachen es nie richtig aus. Die machten daraus prinzipiell das einsilbige »zair«, &#039;&#039;air&#039;&#039; mit einem z davor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;A l&#039;attention du Citoyen Kabongo Kalala&#039;&#039;, stand auf dem Brief der Botschaft. Die Franzosen fanden es bestimmt amüsant, dieses »citoyen« als Anrede. Wenigstens noch ein Land, das die revolutionäre Etikette hochhielt, zweihundert Jahre nach dem Sturm auf die Bastille.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich hatte Zizi nicht erwartet, dass man ihn mit »Zizi« anreden würde. Nur wenige wussten noch seinen richtigen Namen, aber in amtlicher Korrespondenz blieb er doch einfach Isidore – zumal &#039;&#039;zizi&#039;&#039; in Frankreich »Schniedel« bedeutet. Aber auch der Isidore fehlte auf dem Briefumschlag. Dort stand weder ein Vorname noch ein Initial. Kabongo Kalala, so hieß er seit zwei Jahren offiziell. 1940 war er als Isidore Kabongo geboren, doch seit 1972 ging er als Kabongo Kalala durchs Leben. Ohne Vorname. Christliche Vornamen waren verboten, weil auch sie zu kolonialistisch waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass seine Untertanen noch allzu sehr unter dem alten Joch standen. Es galt, das Volk auch mental zu befreien. Und dabei konnten auch Namensänderungen helfen. Aus Léopoldville wurde Kinshasa, aus Stanleyville Kisangani und aus Elisabethville Lubumbashi. Auch unbedeutendere Städte bekamen einheimische Namen: Ilebo statt Port Francqui, Kananga statt Luluabourg, Moba statt Baudouinville, Mbandaka statt Coquilhatville, Likasi statt Jadotville. Der Leopold-II.-See wurde in Maï Ndombe umbenannt, schwarzes Wasser, aus dem Albertsee wurde der Lac Mobutu. Und um den Lokalstolz zu brechen, hieß Katanga künftig Shaba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber neue Ortsnamen reichten nicht, meinte Mobutu. Auch die Personennamen mussten dran glauben, denn manche Kongolesen schauten noch zu sehr zu Belgien auf. Leute, die Lukusa hießen, entstellten ihren Namen noch immer zu De Luxe. Kalonda wurde zu De Kalondarve. Der Sänger Georges Kiamuangana fand den flämisch klingenden Namen Verckys als Künstlername attraktiver. Und Désiré Bonyololo, der Stenograph aus Kisangani, nannte sich am liebsten Désiré Van-Duel. Die Ideologen der Zweiten Republik grauste es. Der neue Zairer sollte stolz sein auf das, was er war, statt in lächerlicher Weise damit zu kokettieren, was er sein wollte. Also gab es künftig nur noch einheimische Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so mussten sogar die Vornamen verschwinden, denn die waren ja von Missionaren eingeführt worden, die die Kinder auf die Namen europäischer Heiliger tauften: Joseph, Jean, Christophe, Thérèse, Bernadette, Marie. Definierte sich der wahre Zairer, so der Präsident, nicht eher durch das Verhältnis zu seinen Ahnen als zu einem fernen Heiligen? Also verbot er kurzerhand die Taufnamen und führte zwangsweise Namen ein, die sich auf die Abstammung bezogen. Der &#039;&#039;prénom&#039;&#039; fiel weg, an seine Stelle trat der &#039;&#039;»postnom«&#039;&#039; (ein netter mobutistischer Neologismus). Es war ein hinterlistiger Versuch, die Macht der Kirche zu brechen. Aus Isidore Kabongo wurde Kabongo Kalala. Unter Mobutu wurde wirklich alles anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang waren wir sehr zufrieden mit dem Putsch von Mobutu«, erzählte mir Zizi Kabongo bei einem unserer vielen Gespräche in Kinshasa. Mit wenigen Informanten habe ich mich so oft unterhalten wie mit ihm.1 Er hatte einen scharfen analytischen Blick auf die komplexe Geschichte seines Landes und redete sehr differenziert darüber. Wie viele andere Kongolesen seiner Generation war er eine Zeitlang Seminarist gewesen, hatte auf halber Strecke aufgegeben und war Lehrer für Latein und Griechisch in Katanga geworden. Schließlich entschied er sich für die journalistische Laufbahn. Heute, mit neunundsechzig Jahren, ist er einer der Direktoren des staatlichen Rundfunks. »Uff!, sagten wir damals. Endlich Ordnung. Die Erste Republik war ja ein enormer Kuddelmuddel gewesen. Dieser ganze Zoff zwischen Kasavubu und Tschombé . . . Es war eine Riesenenttäuschung. Die Züge fuhren nicht mehr, mit dem Wohlstand war es vorbei, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Politiker fuhren währenddessen in Limousinen herum und schickten ihre Kinder zum Studium nach Europa. Mobutu schaffte für fünf Jahre die politischen Parteien ab, und alle waren sehr zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte tatsächlich einen neuen Stil in die Politik. Kurz nach seinem Putsch hielt er im großen Fußballstadion von Kinshasa eine Rede. Hier ergriff ein schlanker junger Mann das Wort, der keinen sündhaft teuren Smoking trug, sondern eine khakifarbene Armeeuniform und ein Barett.2 Vor einer riesigen Menschenmenge sprach er mit dröhnender Stimme über »die fruchtlosen Konflikte von Politikern, die das Land und ihre Landsleute dem Eigennutz geopfert haben«. Das Publikum konnte ihm nur beipflichten. »Nichts zählte für sie außer der Macht und den Vorteilen, die sie daraus zogen. Sich die Taschen füllen, den Kongo und die Kongolesen ausbeuten, das war ihre Devise.« Mobutu nannte die Dinge beim Namen. Seine Sprache war konkret, seine Argumente waren stichhaltig. »Ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen, wie hart sie auch sein mag. Es ist vorbei mit den Versicherungen, dass alles gut läuft, obwohl alles schlecht läuft. Und ich sage es Ihnen gleich: In unserem geliebten Land läuft alles wirklich sehr schlecht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traktierte er das proppenvolle Stadion mit einer Gastvorlesung über Volkswirtschaft. Er legte ernüchternde Zahlen auf den Tisch. Die Produktion von Mais, Reis, Maniok, Baumwolle und Palmöl war dramatisch zurückgegangen. Die Staatsausgaben waren exponentiell gestiegen. Die Kaufkraft war eingebrochen, die Korruption quicklebendig. So konnte es nicht weitergehen. »Ein Ausnahmezustand verlangt besondere Maßnahmen, und das auf jedem Gebiet.« Mobutu verbot für die Dauer von fünf Jahren alle parteipolitischen Aktivitäten. In dieser Zeit wollte er das Land wieder flottmachen, und dazu benötigte er die Hilfe jedes Mannes und jeder Frau. »Um dieses Wiederaufbauprogramm zu realisieren, brauchen wir Hände, viele Hände.« Mobutu krempelte die Ärmel seiner Uniform hoch, um ein gutes Beispiel zu geben. »Wir sehen uns hier in fünf Jahren wieder. In fünf Jahren sehen Sie den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Legislatur. Ich bin mir sicher: Sie werden feststellen, dass sich der Kongo von heute mit seiner Misere, seinem Hunger und seinen Rückschlägen in ein reiches und blühendes Land verändert haben wird, in dem man gut leben kann und um das die Welt uns beneiden wird.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So emotional hatte seit Lumumba kein Politiker mehr in der Hauptstadt gesprochen. Mobutu verwendete die drastische Sprache Lumumbas und ergänzte sie mit einem konkreten Programm. Er strahlte Zuversicht und Entschlossenheit aus. Der Kongo würde ein moderner Staat werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten wäre Zizi nach Europa gegangen, um mit einer Arbeit über Baudelaire zu promovieren, doch Mobutu war der Ansicht, dass die junge Intelligenzija dem Land mit konkreteren Leistungen zu dienen habe. Zizi wurde zusammen mit einigen Landsleuten nach Paris geschickt, um dort zu lernen, wie man Fernsehen macht. Staatsfernsehen sollte ein wesentliches Instrument bei Mobutus Anstrengungen werden, das Land wieder auf die Beine zu bringen. Bereits am 23. November 1966, genau ein Jahr nach dem Putsch, wurde das erste kongolesische Fernsehprogramm überhaupt ausgestrahlt. Ein weiteres Jahr später starteten die ersten Sendungen auf Lingala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Überall kamen Antennen und Relais«, erzählte Zizi. »Der Kongo hatte sogar Farbfernsehen, lange bevor es das in großen Teilen Osteuropas gab. Eine ganze Generation Journalisten war sehr gut ausgebildet. Wir gingen nach Paris und bekamen von Mobutu ein Stipendium, das zweimal so hoch war wie der französische Mindestlohn. Ich hatte eine eigene Wohnung, ich ging ins Kino. Ich verdiente mehr als ein französischer Arbeiter!« Als Mobutu seine Studenten einmal in Paris besuchte, durfte sich jeder von ihnen auf seine Kosten fünf Anzüge auf den Champs-Elysées kaufen.4 Bei einem Reportageauftrag in Brüssel überprüfte der Protokollchef das Gepäck des Kamerateams, um zu sehen, ob die Kleidung angemessen war. Sogar der Kameramann musste eine Fliege tragen. Die später ausgezahlten Tagespauschalen waren so hoch, dass sich Zizi ein Haus davon bauen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traf dieser Brief ein, im September 1974. Zizi las, dass er Ende des Monats nach Kinshasa müsse, für einen Besuch von höchstens achtundvierzig Stunden. Alle Studenten aus Zaire am INA hatten so einen Aufruf erhalten; eine Hand wäscht die andere. Der Grund für den so dringenden Besuch im Heimatland? Dort würde ein wichtiger Boxkampf stattfinden, und der sollte live übertragen werden. Ein Boxkampf mit Muhammad Ali.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Jahrzehnt von Mobutus dreißigjährigem Reich war eine Zeit der Hoffnung, hochgespannten Erwartung und des Wiederauflebens. »Mobutu war elektrisierend«, sagte der Schriftsteller Vincent Lombume einmal zu mir.5 Und das nicht nur, weil er das Fernsehen ins Land brachte und Wasserkraftwerke baute, sondern auch, weil er der heruntergekommenen Nation einen starken, die Moral hebenden Impuls gab. Die Jahre zwischen 1965 und 1975 leben im Gedächtnis vieler als die goldenen Jahre des unabhängigen Kongo. Und tatsächlich, in Kinshasa pulsierte das Leben wie nie zuvor, das Bier schäumte, die Nächte waren endlos. Kin-la-Belle wurde die Stadt genannt. Ab 1969 stieg die Bierproduktion jährlich um 16 Prozent. 1974, im Jahr des Boxkampfs, wurden fünf Millionen Hektoliter gebraut.6 Aber in den ersten fünf Jahren, als Mobutu noch vollauf damit beschäftigt war, seine Macht zu konsolidieren, gab es auch äußerst grausame Ereignisse. Momente, die die Euphorie umgaben wie mit Glasscherben bewehrte Betonmauern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein trüber Donnerstag in Kinshasa, als in aller Frühe die ersten Menschen auf dem großen, offenen Platz in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; eintrafen, dem Brachland bei der Brücke westlich des Flughafens Ndolo. Würde es wirklich dazu kommen? Junge Frauen mit einem Korb voll Zuckerrohr auf dem Kopf verlangsamten ihren Schritt. Mütter mit ihrem Baby auf dem Rücken blieben stehen. Beamte im Anzug änderten ihren täglichen Weg. Halbstarke mit zerrissenen T-Shirts kamen angerannt. Sollte es wirklich passieren? Hunderte, Tausende Füße betraten das große Gelände. Schicke italienische Schuhe staksten durch den Staub neben schwieligen, nackten Füßen. Pantoletten mit Stöckelabsätzen hinterließen kleine Löcher in der Erde. Lastwagen mit Soldaten standen bereit. In der Mitte der Fläche konnte jeder sehen, dass es Ernst war: Dort war ein Holzpodest mit einem Galgen errichtet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war Donnerstag, der 2. Juni 1966, und Mobutu war seit sechs Monaten an der Macht. Am Montag hatte er im Radio verkündet, ein Komplott gegen ihn sei vereitelt worden. Alle hatten gehört, dass einen Tag zuvor, am Pfingstsonntag, vier Männer aus der alten Regierung dabei ertappt worden seien, Pläne für einen Putsch zu schmieden. Es handelte sich um Alexandre Mahamba, einen ehemaligen Minister in den Regierungen Lumumba, Ileo und Adoula, um Jerôme Anany, Verteidigungsminister unter Adoula, um Emmanuel Bamba, Finanzminister in derselben Regierung und zugleich bedeutender Führer der Kimbanguisten, und vor allem um Evariste Kimba, den Mann, der kurzzeitig Premierminister gewesen war, auf Wunsch von Kasavubu, direkt vor Mobutus Staatsstreich. Hatten sie tatsächlich einen Umsturz geplant? Höchstwahrscheinlich waren sie in eine Falle gelockt worden. Armeeoffiziere hatten sich als Überläufer ausgegeben und sie gebeten, eine Namensliste für eine neue Regierung aufzustellen. Der Prozess, der darauf folgte, war eine Farce. Keiner der beteiligten Militärs wurde vorgeladen, die vier angeklagten Zivilisten hatten nicht die geringste Chance. Als sich einer von ihnen verteidigen wollte, sagte der Richter: »Meine Herren, das hier ist ein Militärgericht und keine Diskussionsveranstaltung. Wir sind hier, um zu bestrafen, das Verfahren benötigt also nicht viel Zeit.«7 Einige Augenblicke später wurde das Urteil gefällt: Tod durch den Strang, obgleich keiner von ihnen jemals Gewalt angewendet oder eine Waffe besessen hatte oder auch nur ansatzweise in Aktion getreten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menge strömte zusammen. Zu Zehntausenden. Die französische Presseagentur AFP sprach von rund dreihunderttausend Schaulustigen.8 Es war der größte Volksauflauf in der Geschichte des Kongo. Kinshasa war inzwischen auf die doppelte Größe angewachsen, es war nun eine Stadt mit gut achthunderttausend Einwohnern.9 Mehr als die Hälfte davon waren jünger als zwanzig Jahre.10 Nach der Unabhängigkeit hatte erneut eine starke Landflucht eingesetzt, unter anderem durch den Bürgerkrieg im Landesinneren. Kinshasa wucherte: Über eine Zone von fünfzehn Kilometern erstreckte sich ein endloses Meer von Wellblechplatten und improvisierten, meist eingeschossigen Häuschen, die gedrängt voll waren. Nur im Zentrum gab es hohe Bauten. All die alten und neuen Bewohner Kinshasas, die Kinois, waren nun an diesem Donnerstagmorgen nach Pfingsten auf den Beinen. Die Vertreter der Kolonialmacht hatten in den dreißiger Jahren öffentliche Hinrichtungen zur Abschreckung benutzt. Würde auch Mobutu es wagen, so weit zu gehen? Und dann noch bei vier ehemaligen Ministern?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass Mobutu vor nichts zurückschreckte. Nach seinem Staatsstreich hatten sich seine Gegner von einst an sicherere Orte begeben müssen. Kasavubu war in seine alte Heimatgegend geflohen, Tschombé war wieder ins spanische Exil gegangen. Sie waren beide auf der Hut. Kasavubu hatte Mobutu geschrieben, dass er dessen Putsch »im höheren Interesse des Landes« akzeptiere. Als Wunschkandidat des Volkes könne er ja vielleicht seinen Sitz im Parlament einfordern, aber er »erachte es als zweckdienlich, zum momentanen Zeitpunkt dieses Amt nicht zu bekleiden«. Kasavubu hatte schon immer etwas von einem Kanzelredner an sich gehabt, doch so untertänig hatte er noch nie zuvor gesprochen. »Ich würde mich am liebsten in Bas-Congo ein wenig ausruhen«, schrieb er noch. Er wolle zurück in sein Dorf, die europäische Kleidung ablegen und in einheimischer Tracht Freunden und Gästen Palmwein ausschenken.11 Und als sei das noch nicht deutlich genug, fuhr er fort: »Es liegt mir fern, Agitation jedwelcher Art zu betreiben.«12 Kasavubu fiel also als Gegner weg. Vier Jahre später starb er im Alter von zweiundfünfzig Jahren an Krebs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Tschombé sah die Sache ganz anders aus, wusste das Volk. Viele hatten für ihn gestimmt. Nach seinem glänzenden Wahlsieg hegte er, der Retter des Vaterlandes, noch großen politischen Ehrgeiz. Er pendelte zwischen Paris, Madrid und Palma de Mallorca und bereitete seine Rückkehr vor. Das war ganz und gar nicht in Mobutus Sinn. Hatte er nicht öffentlich verkündet, er plane &#039;&#039;»l&#039;élimination pure et simple de la politicaille«&#039;&#039;, werde also politische Intriganten für immer ausschalten?13 Niemand von denen, die sich nun um den Galgen versammelten, konnte es ahnen, aber ein Jahr später würde Tschombé in Abwesenheit zum Tode verurteilt werden wegen angeblicher umstürzlerischer Aktivitäten, obwohl er genau wie Lumumba demokratisch gewählt worden war. Im Juni 1967 wurde er von einem zwielichtigen französischen Geschäftsmann mit Kontakten in höchste kongolesische Regierungskreise zu einem Ausflug von Palma nach Ibiza eingeladen. Auf dem Rückflug feuerte der Mann plötzlich zwei Schüsse ab und zwang die Piloten, Kurs auf Algier zu nehmen. Dort landete Tschombé im Gefängnis. Der Kongo forderte seine Auslieferung, aber der algerische Präsident Boumedienne weigerte sich trotz einer Verfügung des obersten Gerichtshofes. Zuerst war er bereit gewesen, Tschombé auszuliefern, falls der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbräche, doch Präsident de Gaulle intervenierte persönlich bei Boumedienne, um diesen Deal zu verhindern, denn die Auslieferung wäre mit Sicherheit auf eine Neuauflage des Lumumba-Mordes hinausgelaufen.14 Zwei Jahre später, am 29. Juni 1969, starb Tschombé in seiner algerischen Gefängniszelle, drei Monate nach Kasavubu. An Herzversagen, so seine Ärzte. Es war Mord, so die Überzeugung vieler Menschen im Kongo. Er war nur achtundvierzig geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte den Kampf um den Thron für sich entschieden, aber in den ersten Jahren seiner Regierungszeit rechnete er systematisch mit seinen Konkurrenten aus der Ersten Republik ab. Sogar Lumumba musste fünf Jahre nach seinem Tod noch neutralisiert werden. Seine Anhängerschaft war noch immer groß, und das nicht allein im Osten des Landes. Mobutu reagierte mit einem genialen Schachzug, der von ebenso viel strategischem Geschick wie grenzenlosem Zynismus zeugte: Er, Mobutu, der Mann, der an der Ermordung Lumumbas maßgeblich beteiligt gewesen war, erklärte Lumumba nun zum . . . Nationalhelden! Das kongolesische Volk konnte am Nationalfeiertag hören, wie Mobutu ohne mit der Wimper zu zucken sagte: »Ehre und Ruhm diesem berühmten Kongolesen, dem großen Afrikaner, dem ersten Märtyrer unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit: Patrice Emery Lumumba.«15 Und der Boulevard Léopold III., eine der Hauptachsen Kinshasas, wurde umbenannt in Boulevard Patrice Emery Lumumba. So heißt er noch heute. An seinem Anfang winkt Lumumba als riesiges Denkmal dem hupenden Verkehr zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war an Niedertracht nicht zu überbieten. So wie Mobutu 1964 Tschombé neutralisiert hatte, indem er ihn im Kampf gegen die Simbas vor seinen Karren spannte, neutralisierte er nun die Persönlichkeit Lumumbas, indem er ihn posthum rehabilitierte. Die Lumumbisten wussten nicht, wie ihnen geschah: Ihr Held war plötzlich auch der Held des Feindes! Mobutu hatte ihn gleichsam auf dem Rücksitz seines Putsch-Mopeds mitgenommen. Neutralisieren durch Einkapseln sollte in den nächsten dreißig Jahren ein bewährter Trick seiner Diktatur werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neutralisierung war auch schon in seinen ersten Monaten ein Schlüsselwort. Nachdem er die politischen Parteien verboten hatte, schob er nun auch das Parlament aufs Abstellgleis. Den Volksvertretern und Senatoren legte er nahe: »Ruhen Sie sich doch erst einmal aus, machen Sie fünf Jahre Pause!«16 Die Legislative sei unterdessen bei ihm in guten Händen. Auch einige Provinzen mussten dran glauben. Die Aufgliederung in Miniprovinzen sei Geldverschwendung, meinte Mobutu. Er sorgte lieber für Übersichtlichkeit und reduzierte ihre Zahl von einundzwanzig auf neun. An die Spitze stellte er überall seine Getreuen. Diese Zentralisierung sollte den Fliehkräften (Sezessionen, Tribalismus) entgegenwirken. Doch das reichte ihm noch nicht. Von einer föderalen Zivildemokratie wurde der Kongo zu einer zentralisierten Militärdiktatur. Mobutu hatte bei seinem Putsch General Mulamba als Premier eingesetzt, sah sich jedoch nach einiger Zeit veranlasst, sogar dieses Amt zu neutralisieren. Zizi Kabongo wusste den wahren Grund: »Mulamba war beim Volk beliebt, mehr als Mobutu. Deshalb hat er ihn kaltgestellt. Mulamba wurde Botschafter in Japan. So ging das immer. Scheinbeförderungen, Tressen, Geld, alles Aufmerksamkeiten, um Leute zum Schweigen zu bringen.« Künftig nahm Mobutu neben der gesetzgebenden und militärischen Macht auch noch die Exekutive auf seine Schultern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eine öffentliche Hinrichtung? Das war dann doch etwas anderes, als einen Gegner auf einen fernen Botschafterposten in einer luxuriösen Villa abzuschieben. »Keiner hat geglaubt, dass es so weit kommen würde«, sagte Zizi. »Mobutu hatte immer noch keine gefestigte Machtbasis. Er hatte nur die Armee, und in der hatte jeder der vier Verurteilten Männer seines Stammes. Die hätten rebellieren können.« Mobutu war sich unschlüssig. Schon seit mehreren Tagen mied er seine Frau, aus Angst, sie könne ihn umstimmen. Auch Erzbischof Malula hatte um Begnadigung gebeten, sogar der Papst hatte angerufen. Aber nun nachzugeben, wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen . . . Mobutus Lieblingsbuch in diesen Tagen war &#039;&#039;Der Fürst&#039;&#039; von Machiavelli.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag spielte eine Militärkapelle auf dem Hinrichtungsplatz. Das Meer von Menschen sah, wie ein Jeep auf das Gelände fuhr. Die vier Verurteilten saßen darin! Am Schafott schrien zwei Frauen ihren Schmerz und ihre Ohnmacht hinaus. Sie waren Angehörige eines der »comploteurs«. Sie wurden zusammen mit ihren Kindern vom Platz entfernt. Die Frauen waren außer sich, ihr Oberkörper war entblößt, die Haare hingen lose herab. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer richtete sich nun auf das Podest. Als Erster erklomm der Henker das Schafott, ein Hüne, schwarz gekleidet und mit einer schwarzen Kapuze. Gleich danach sah die Menge einen hochgewachsenen Mann mit verbundenen Augen hinaufsteigen. Er trug nur blaue Fußball­shorts mit weißen und roten Streifen. Es war Evariste Kimba, der ehemalige Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Unten hatte er vor einem der anwesenden Priester die Beichte abgelegt, neben den vier Särgen, die schon bereitstanden. Der Henker verlas das Urteil. Kimba hielt sich aufrecht. Die Schlinge wurde ihm um den Hals gelegt, und die Luke öffnete sich. Aus der Masse ertönten Schreie des Abscheus, dann war es totenstill. Mehr als zwanzig Minuten dauerte der Todeskampf. Schweigend sah die Menge zu, wie der Körper des ehemaligen Premiers am Strick zappelte. Eine Ewigkeit. Die anderen drei Verurteilten sahen vom Jeep aus, was ihnen bevorstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der letzten Hinrichtung brach im Publikum heftige Panik aus. Die meisten Menschen ergriffen die Flucht und überrannten die Soldaten. Im Gedränge kamen Kinder und Erwachsene zu Fall. In nur wenigen Minuten rannten mehrere zehntausend Menschen weg. Hinterher lagen stöhnende Verletzte und verlorene Schuhe über das ganze Gelände verstreut. Und auf dem Platz wurde der vierte Sarg zugenagelt. An diesem Tag, dem 2. Juni 1966, jubelte das Volk nicht mehr über Mobutu, sondern zitterte vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu der »Streitfrage, ob es besser ist, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt«, schrieb Machiavelli: &#039;&#039;»Die Antwort lautet, dass beides erstrebenswert ist; da man jedoch beides nur schwerlich miteinander verbinden kann, ist es viel sicherer, dass ein Fürst gefürchtet wird, als dass er geliebt wird, wenn er schon nicht beides zugleich erreichen kann.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Von da an hatten alle Angst«, erzählte Zizi. »Die Staatssicherheit bekam sehr viel Macht. Keiner traute sich mehr, im Restaurant des Zoos, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Treffpunkt von Politikern und Diplomaten, zu essen aus Angst, von den Kellnern belauscht zu werden. Selbst bei Trauerfeiern fürchteten wir uns vor kleinen Jungs, die Erdnüsse verkauften. Sie hätten ja Spione sein können. Mit den Hinrichtungen wollte Mobutu ein Exempel statuieren. ›Niemand spielt mit meiner Macht.‹ Er wollte Angst verbreiten und sich selbst bestätigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später sagte Mobutu in einem Interview: »Bei uns ist der Respekt vor dem Häuptling heilig. Es musste ein eindrucksvolles Exempel statuiert werden.« Das ganze Theater mit Sezessionen, Rebellionen und Amtsenthebungen sollte nicht von vorn beginnen. »Wenn ein Häuptling entscheidet, entscheidet er, und basta.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sorgte dafür, dass es dem Stützpfeiler seiner Macht, der Armee, an nichts mangelte. Ihm würde eine Meuterei erspart bleiben. Unmut wurde mit Geld im Keim erstickt. Es gab eine tief greifende Modernisierung. Neue Rekrutenjahrgänge erhielten neue Chancen. Neben einer Offiziersschule führte er Spezialausbildungen ein. Ki­sangani war von belgischen Fallschirmjägern befreit worden; Mobutu beschloss, dass auch er Fallschirmjäger haben musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa sprach ich mit Alphonsine Mosolo Mpiaka. Sie war die erste Fallschirmspringerin in der kongolesischen Armee. Im Jahr 1966 war sie fünfundzwanzig. »Wir bekamen unsere Grundausbildung hier in Ndjili. Ein Ausbildungszentrum für Fallschirmspringer war eingerichtet worden. Unsere Lehrer waren Israelis.« Die USA unterstützten Mobutu, Israel also auch – zum großen Ärger der arabischen Welt. »Für die Absprünge selbst mussten wir nach Israel. Ich bin zwölf Mal gesprungen. Ich war die erste Frau, nach mir rekrutierte Mobutu noch vierundzwanzig Mädchen. Es sollte ein gemischtes Team sein, auch von der Abstammung her. Ein paar Bakongo, ein paar Baluba, ein paar aus Katanga.« Enttribalisierung, auch jetzt. Mobutu wollte eine Armee, die nicht mehr in Stammeskategorien dachte. Loyalität erkaufte er sich. »Wir waren sehr angesehen und wurden richtig verwöhnt. Mit meiner Prämie konnte ich mir ein Grundstück mit einem Haus darauf kaufen. Und trotzdem brauchte ich nie in einem Krieg abzuspringen, nur für die Paraden hier in Kinshasa.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war ihr Können sehr gelegen gekommen. Im Osten des Landes war die Rebellion immer noch nicht völlig niedergeschlagen, aber Mobutu übertrug diesen Job lieber den noch immer anwesenden weißen Söldnern. Denard und Schramme erledigten den Großteil und erhielten danach Orden. Schramme wandte sich zwar noch gegen Mobutu und versuchte eigenhändig, den Kongo zu »retten«, aber diese Episode nahm ein unrühmliches Ende.19 Die Nationalarmee konnte sich anschließend definitiv ihrer weißen Söldner entledigen. Ende 1967 ergriffen Soumialot und Gbenye die Flucht, und der gesamte Kongo stand wieder unter der Gewalt der Zentralregierung in der Hauptstadt. Der gesamte Kongo? Im äußersten Osten, in einer gebirgigen Gegend beim Tanganjikasee, schwang Laurent-Désiré Kabila noch immer das Zepter. Doch nach der Abreise von Che Guevara glich sein »revolutionärer« Widerstand zwischen Fizi und Baraka eher dem Dorf von Asterix und Obelix: unabhängig, ja, aber vor allem ungefährlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war befriedet, und ab 1968 stellte Mobutu die Zivilregierung wieder her.20 Er selbst zeigte sich nun auch ohne Armeeuniform in der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal trug er die Accessoires, die zu seinem Markenzeichen werden sollten: Auf dem Kopf die charakteristische Leopardenmütze, in der Hand den mit Schnitzereien versehenen Stock aus Ebenholz, traditionelle Häuptlingsattribute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war der Hintergrund, der Pierre Mulele zu dem Glauben veranlasste, er könne nun getrost nach Hause zurückkehren. Nach dem von ihm angeführten Bauernaufstand im Kwilu 1964 war er nach Brazzaville geflohen. 1968 amnestierte Mobutu ihn. Justin Bomboko, Außenminister und Intimus der Binza-Gruppe, teilte ihm mit, dass man ihn wie einen Bruder empfangen werde. Im September des Jahres überquerte Mulele den Fluss und wurde auf der anderen Seite mit einem festlichen Empfang begrüßt. Er durfte bei Bomboko logieren. Drei Tage später holten ihn Soldaten ab, angeblich zu einem großen Auftritt im Fußballstadion. Der leidenschaftliche und eigenwillige Freiheitskämpfer dürfe dort eine Volksansprache halten. Die Soldaten brachten ihn jedoch in ein Militärlager, wo er noch am selben Abend grausam gefoltert wurde. Sie schnitten ihm Ohren und Nase ab, drückten ihm die Augäpfel aus und trennten ihm die Genitalien ab. Während er noch immer lebte, hackten sie ihm Arme und Beine ab. Ein paar Stunden später klatschte ein Sack mit seinen Überresten in den Fluss.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu, Tschombé, Kimba, Gbenye, Soumialot, Mulele: Innerhalb weniger Jahre waren Mobutus alte Gegner einer nach dem anderen von der Bildfläche verschwunden. Doch um seine Macht weiter zu festigen, musste er auch verhindern, dass neue Gegenspieler hochkamen. In einer neuen Verfassung ließ er 1967 seine Allmacht fest verankern. »Das kongolesische Volk und ich«, sagte er einmal vor dem Parlament, »sind ein und dieselbe Person.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es kamen noch bittere Tage. Direkt vor der Hauptstadt lag auf einem grünen, schattigen Hügel die Universität Lovanium. Während Mobutu seine Alleinherrschaft installierte, sägte die Studentenbewegung mit unglaublichem Mut weiter an seinem Stuhl. Die für Europa so entscheidenden Studentenrevolten vom Mai 1968 in Paris, Leuven und Amsterdam wirkten allenfalls wie spielerische Aktionen im Vergleich zu dem Einsatz und der Intensität der kongolesischen Studentenbewegung. Mobutu war es gelungen, alle oppositionellen Bewegungen zum Schweigen zu bringen. Die Gewerkschaften wurden unschädlich gemacht, die Kirche hielt sich zurück. Nur die Studenten wagten es noch, zu rebellieren.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 1967 gründete Mobutu mit seinen Mitarbeitern den &#039;&#039;Mouvement Populaire de la Révolution&#039;&#039; (MPR), am 20. Mai schrieben sie das Grundsatzprogramm. Der MPR war angeblich eine Volksbewegung, faktisch jedoch Mobutus politische Partei. Die Mitglieder versammelten sich außerhalb der Hauptstadt in dem kleinen Ort Nsele. Dieses Dorf am Fluss würde sich binnen weniger Jahre zu einer weiträumigen Tagungsstätte mit weißen, modernistischen Gästehäusern und imposanten Versammlungssälen entwickeln. Es wurde eine Hochburg des Mobutismus. Der Text vom 20. Mai ging hinaus in die Welt unter dem Namen &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039;, ein Dokument, das jeder Kongolese nach einiger Zeit kannte. Es erschien, nach dem Muster von Maos &#039;&#039;Kleinem Rotem Buch&#039;&#039;, als ein kleines grünes Buch, wurde in großen Mengen verbreitet und war als eine Art Katechismus der neuen Regierungspolitik gedacht. Jeder Einwohner des Kongo, so stand in dem Text, sei künftig Mitglied des MPR. &#039;&#039;»Olinga olinga te, ozali na kati ya&#039;&#039; MPR&#039;&#039;«&#039;&#039;, seufzte man. »Ob es einem nun gefällt oder nicht, man gehört einfach dazu.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs schien Mobutu noch einer Oppositionspartei Platz einzuräumen, doch diesen Gedanken ließ er schnell fallen. Der Kongo wurde, wie so viele afrikanische Staaten kurz nach der Unabhängigkeit, ein Einparteienstaat. Der abrupte Übergang von einer monolithischen Kolonialregierung zu einem demokratischen Mehrparteiensystem war ohne Zwischenstufen verlaufen und hatte gerade deshalb in einem Fiasko geendet. Der MPR wollte die Bevölkerung wieder zusammenbringen. »Mehr als der Klassenkampf garantiert die Vereinigung aller den Fortschritt«, war zu hören.25 Das ganze Volk sollte sich für den Wiederaufbau des Landes begeistern. Der erste Kern des MPR bestand aus einem Freiwilligenkorps junger Mobutisten, aber schon bald erreichte die Macht der Partei astronomische Höhen. Der MPR wurde die höchste Institution des Landes, was so weit ging, dass der Unterschied zwischen Staat und Partei verblasste. »Der MPR, das ist der Staat«, äußerte Mobutus Hausideologe unverblümt.26 An der Spitze stand der Präsident mit seinem Kabinett, dem sehr mächtigen &#039;&#039;Bureau du Président.&#039;&#039; Als Nächstes kam der Kongress des MPR und das Politbüro, eine Ebene darunter ein Legislativ-, ein Exekutiv- und ein Judikativrat. Sämtliche Amtsbezeichnungen wurden verändert. Ein Minister war künftig ein Staatskommissar, ein Gouverneur ein Provinzkommissar und ein Parlamentarier ein Volkskommissar. Jeder Bürger war Mitglied, nicht mal die Vorfahren und Embryonen kamen darum herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Studenten waren auf diese Änderungen nicht gerade erpicht. Mobutu schuf de facto die Politik ab, argumentierten sie zu Recht. Damit drehte er die Uhr zurück: In der Kolonialzeit hatte es auch eine pure Bürokratie gegeben, einen Verwaltungsmoloch, der Tabellen führte und Berichte ausspuckte, aber keine Mitsprache duldete. Nachdem akademische Kreise anfangs noch über den Putsch begeistert gewesen waren, hatte sich der Enthusiasmus schon nach kurzer Zeit verflüchtigt. Die wichtigste Gruppierung der Studentenbewegung zog entschlossen die antiimperialistische Karte. Lumumba wurde ihr Held, Mobutu ihr Feind. Als im Januar 1968 der amerikanische Vizepräsident Hubert Humphrey das Land besuchte und einen Kranz beim Lumumba-Denkmal niederlegen wollte, empfanden die Studenten das als Provokation. Es kam zu einer Protestkundgebung und zahlreichen Verhaftungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 1968 und 1969 gab es immer häufiger Scharmützel zwischen den Studenten und der neuen Regierung. Die Studenten forderten mehr Mitspracherecht, weniger Einmischung des MPR und eine gerechtere Vergabe von Stipendien. Anfang Juni 1969 planten sie eine große Demonstration, aber Mobutu schickte die Armee auf den Campus. Tagelang war Lovanium von der Außenwelt abgeschlossen. Trotzdem gelang es einigen hundert Studenten, die Bewacher auszutricksen und mit dem Bus ins Stadtzentrum zu fahren. Dort kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Armee. Die Soldaten setzten Tränengas ein, doch die Studenten banden sich nasse Taschentücher vor den Mund und warfen die Granaten zurück. Immer mehr Bürger schlossen sich ihnen an. Die Armee eröffnete das Feuer. Nach offiziellen Angaben gab es sechs Tote und zwölf Verletzte, die Studenten sprachen von fünfzig Toten und achthundert Verhaftungen. MPR? &#039;&#039;Mourir Pour Rien&#039;&#039;, sagten sie voller Abscheu. Mobutu beschloss, die Studentenbewegung mit Stumpf und Stiel auszurotten. Jeder Campus sollte seine MPR-Jugendabteilung bekommen, das &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039; wurde zur Pflichtlektüre, alle mussten sich wieder ihrem Studium widmen. Mit dem Widerstand war es vorbei. Die Anführer der Studentenrevolte erhielten schwere Gefängnisstrafen, bis zu zwanzig Jahren. Nun waren auch diese kritischen Stimmen mundtot gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinrichtungen, Folterungen, Massaker. Mobutus erste fünf Jahre als Präsident ergeben eine schauerliche Bilanz, doch das war nur die halbe Geschichte. Viele ältere Menschen im Kongo denken heute mit einer gewissen Nostalgie an diese Zeit zurück. »Es herrschte Ordnung«, sagte Zizi Kabongo, als ich mein Erstaunen darüber äußerte. »Die Soldaten waren wieder in ihren Kasernen. Es gab wieder Waren, die Preise sanken, die Industrie erlebte einen Aufschwung. Auch für mich begann damals die erfolgreichste Zeit meines Lebens.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit gab es große infrastrukturelle Projekte. Mobutu begann mit dem Bau eines ersten Staudammes im Kongofluss: dem sogenannten Inga-Staudamm, einem Wasserkraftwerk mit einer Kapazität von 351 Megawatt. Die neuen Viertel von Kinshasa erhielten Trinkwasser, Elektrizität und Abwasserleitungen. Das zentrale Krankenhaus der Stadt hatte fünfzehnhundert Betten und versorgte täglich viertausend Patienten. Zehntausend Operationen pro Jahr wurden ausgeführt, und täglich wurden 1,6 Tonnen Wäsche gewaschen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war kein Demokrat, aber er brachte einige Entwicklungen in Gang. Alle einsatzfähigen Männer und Frauen mussten am Samstagnachmittag einige Stunden unentgeltlich für den Staat arbeiten, ein Arbeitseinsatz wie in der Kolonialzeit. &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; hieß das nun, und es ging um Aufgaben wie Unkraut jäten, Fahrradwege instand halten und Abfall beseitigen. Außerdem wurde jeder Bürger dazu ermuntert, ein Fleckchen Boden zu bestellen, damit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde. Sogar Armeegeneräle bauten Maniokpflanzen an. Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten. Mobutu ging selbst mit gutem Beispiel voran. Jeden Morgen stand er um fünf Uhr auf. Er las stapelweise Zeitungen, frühstückte mit Diplomaten, berief ständig Versammlungen ein und war achtzehn Stunden und mehr aktiv. 1969, mit kaum neununddreißig Jahren, erlitt er einen leichten Herzinfarkt. »Wie würdest du dieses Scheißland regieren?«, fragte er seinen Leibarzt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war längst noch nicht der träge, aufgedunsene Tyrann, der er später werden würde. Nach der totalen Katastrophe der Ersten Republik bemühte er sich, den Kongo international in ein positives Licht zu rücken. Er wollte Anerkennung, und er schaffte Atmosphäre. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet? Er lud die Besatzung der Apollo 11 ein; damit war der Kongo das einzige afrikanische Land, das die Mondreisenden empfing.29 Die Europäer veranstalteten eine Miss-Europa-Wahl? Er überzeugte die Organisatoren davon, das Finale in Kinshasa stattfinden zu lassen und ihm einen afrikanischen Touch zu geben. Eine bezaubernde Blondine aus Finnland gewann, auch in der Kategorie »afrikanisches Kostüm«. Hatten die kongolesischen Frauen noch immer den Ruf als Schönste des Kontinents? Er unterstützte Maître Taureau dabei, die ersten landesweiten Wahlen der Miss Kongo zu organisieren. »Elisabeth Tabares aus Katanga gewann. Sie hatte schöne Fersen und nicht solche kurzen Zehen.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurzum, Mobutu verwirklichte die Versprechen, die die Unabhängigkeit geweckt hatte, aber nicht hatte einlösen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es ging nicht nur um Spiele, es gab auch Brot. Im Januar 1967 zog ein vergnügt lärmender Leichenzug durch die Straßen von Kinshasa. Mobutu war dabei, junge Leute aus seinem Freiwilligenkorps hielten ein Kreuz hoch, an dem ein Tropenhelm hing. Die Inschrift lautete: »Requiescat In Pace, UMHK, geboren 1906 und gestorben am 31. Dezember 1966.« Die Union Minière du Haut Katanga wurde zu Grabe getragen! Der große Sarg war nach den Maßen von Louis Waleff, dem ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrates, gezimmert worden. Um die Ahnen nicht zu stören, wurden die »sterblichen Überreste« des Minengiganten in den Fluss geworfen.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser spaßhafte Umzug war freilich Ausdruck eines sehr wichtigen Projekts. Mobutu war noch immer unzufrieden darüber, wie Tschombé mit Belgien die Einigung über das berühmte Aktienportfolio ausgehandelt hatte. Selbstverständlich spielte hier die Demütigung mit hinein, die er 1960 beim »ökonomischen Runden Tisch« hatte einstecken müssen. Der Kongo war, wie er meinte, politisch unabhängig, in ökonomischer Hinsicht jedoch von einer Unabhängigkeit weit entfernt. Die Zahlen gaben ihm nicht unrecht. In Katanga machten Ausländer nur 5 Prozent der Arbeitnehmer aus, aber sie gingen mit 53 Prozent der ausgezahlten Lohnsumme nach Hause.32 Der Betrag, den sie für eine Flasche guten Whiskey hinblätterten, entsprach dem Monatslohn eines Minenarbeiters. 1967 verstaatlichte Mobutu deshalb die Union Minière und brachte damit die Muttergesellschaft Sociéte Générale de Belgique in Brüssel gegen sich auf. Das Unternehmen wurde umbenannt in Gécomin, &#039;&#039;Générale Congolaise des Mines&#039;&#039;, wurde aber später bekannt als Gécamines, &#039;&#039;Générale des Carrières et de Mines&#039;&#039;. Der Ertrag aus dem Kupferbergbau sollte künftig direkt in die Staatskasse fließen. Und diese Summe war nicht gering. Der Vietnamkrieg hatte den Weltmarktpreis für Kupfer in schwindelnde Höhen getrieben. Die kongolesische Wirtschaft war immer von Kriegen irgendwo auf der Welt abhängig: Das war 1914-1918 so gewesen, 1940-1945 und während des Koreakrieges, aber auch der Vietnamkrieg spülte beträchtliche Summen in die Staatskasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seiner neuen Wirtschaftspolitik Nachdruck zu verleihen, führte Mobutu auch eine neue Währung ein. Bei der Unabhängigkeit entsprach 1 Kongo-Franc 1 belgischem Franc, 1967 war er nur noch 0,10 belgische Franc wert.33 Mobutu führte den Zaïre als neue Währungseinheit ein: 1 Zaïre ersetzte 1000 alte Kongo-Franc und entsprach 100 belgischen Franc oder 2 US-Dollar. Auf der ersten Banknote war Mobutu mit einigen Getreuen abgebildet, die mannhaft die Ärmel hochkrempelten. &#039;&#039;Retroussons les manches!&#039;&#039; lautete der Slogan. Jetzt wird zugepackt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für viele Kongolesen waren es goldene Jahre. In Lumumbashi lernte ich Paul Kasenge kennen, einen ehemaligen Angestellten von Gécamines. »Wir konnten uns wirklich nicht beklagen. Ich war sechsundzwanzig und wurde nach meinem Betriebswirtschaftsstudium leitender Angestellter. Ich war einer der ersten Schwarzen. Die ausländischen Führungskräfte gingen, die Kongolesen übernahmen ihre Posten. Wir wurden gut bezahlt. Die Kupferpreise waren hoch. Wir hatten ein Haus mit Garten. Es gab Schulen und Krankenhäuser für unsere Kinder. Wir bekamen sogar einen Kredit, um ein Auto zu kaufen, den haben wir dann abgestottert.«34 Früher war höchstens die Anschaffung eines Fahrrades realisierbar, jetzt war es ein Auto.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderen bot der MPR neue Chancen. André Kitadi, der nachdenkliche Veteran, der im Zweiten Weltkrieg durch die Wüste gezogen war und nach dem Krieg englisch sprach, wenn er essen ging, erzählte mir: »Über den MPR kam ich in den Gemeinderat von Ngaliema. Zum ersten Mal bekam ich Zugang zu einer Führungsposition. Darauf hatte ich lange gewartet.« Die Leute murrten nicht. Als sich Mobutu 1970 für eine zweite Amtszeit wählen ließ, erhielt er 10.131.669 Stimmen; es gab nur 157 Gegenstimmen, und die stammten alle aus einem einzigen Wahllokal, dem des Studentenviertels in Kinshasa. Auffällig war auch, dass es mehr Ja-Stimmen als Wahlberechtigte gab, obgleich keine Wahlpflicht existierte . . .35 André Kitadi dachte erst später anders darüber: »Die Diktatur brachte den Niedergang, aber damals wussten wir das noch nicht.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo machte sich reisefertig für den Boxkampf in seiner Heimat. In den ersten fünf Jahren hatte Mobutu seine Macht konsolidiert, in den nächsten fünf Jahren regierte er mit großzügiger Geste. Spektakulärer Höhepunkt dieser demonstrativen Jovialität musste einfach der Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman werden, ein Fight um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht. Der Boxkampf würde als &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; in die Geschichte eingehen; im Kongo selbst sprach man davon als &#039;&#039;le combat du siècle&#039;&#039;. Es wurde tatsächlich eines der größten Sportereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen &#039;&#039;(»No Vietcong ever called me a nigga«)&#039;&#039;, hatte Ali seinen Weltmeistertitel verloren, aber nach einer Sperre von dreieinhalb Jahren sann er auf Rache. Foreman war sieben Jahre jünger als Ali, erst fünfundzwanzig, Olympiasieger, Weltmeister, unbesiegbar. Hatte er nicht in zwei Runden die Boxlegende Joe Frazier sechsmal zu Boden geschlagen? Aber Ali wollte seinen Titel zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boxpromotor Don King verlangte zehn Millionen Dollar Preisgeld, ein nach allen Maßstäben irrwitziger Betrag. Niemand war bereit, solch eine astronomische Summe hinzublättern für eine Keilerei, die bestenfalls zwölf Mal drei Minuten dauern würde. Niemand, außer Mobutu. Die Wirtschaft Zaires hatte sechs Jahre unablässigen Wachstums erlebt, und es war Zeit zum Feiern. Ali war begeistert über den Entschluss, aber es war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, dass das Preisgeld, das Mobutu ausspuckte, indirekt doch dem Vietnamkrieg zu verdanken war. Für ihn war das Match in Kinshasa eine allerletzte Chance auf Revanche, für Mobutu war es eine allerletzte Chance für &#039;&#039;country marketing&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; des MPR für das Boxen entschied, ist nicht verwunderlich. Boxen war immer schon ein Teil des schwarzen Emanzipationskampfes gewesen. Fäuste vermochten, was Gesetze verboten: den Triumph des Schwarzen. 1908 wurde der Amerikaner Jack Johnson der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht; nachdem er seinen Titel 1910 erfolgreich gegen Jim Jeffries verteidigt hatte, brachen in ganz Amerika Rassenunruhen aus. Der Senegalese Battling Siki besiegte in den zwanziger Jahren den Franzosen Georges Carpentier mit einem Uppercut: Unerhört, dass ein kolonialer Untertan einen Superathleten aus der Metropole so demütigte. 1938 besiegte Joe Louis, Weltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling durch technischen K.o. &#039;&#039;»Heil Louis!«&#039;&#039;, rief man in den Straßen Harlems in jener Nacht. In Kinshasa ging es zwar um einen Kampf zwischen zwei Farbigen, aber Ali war von Anfang an der Publikumsliebling der Zairer, sagte Zizi. »Die Leute sahen in Ali den guten Schwarzen. Er war sehr schlau, er ging in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;. &#039;&#039;Ali, boma ye!&#039;&#039;, riefen sie: Ali, schlag ihn tot! Foreman war für sie ein weißer Schwarzer, einfach ein Amerikaner, nicht einer von uns.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muhammad Ali und Mobutu: Sie hatten mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick schien. Sie waren sich einig in ihrer Aversion gegen weiße Arroganz, beide präsentierten ihre &#039;&#039;blackness&#039;&#039; als eine Quelle des Stolzes. Beide hatten ihren Taufnamen aus politisch-religiösen Gründen abgelegt: Der Christ Cassius Clay war zum militanten Muslim geworden; der katholische Joseph-Désiré hieß nun auf altväterliche Weise Mobutu Sese Seko Nkuku Ngbendu wa Za Banga, »der machtvolle Krieger, der dank seiner Ausdauer und seinem Willen von Sieg zu Sieg eilt und nur Feuer hinterlässt« (oder aber auch: »der Hahn, der keine Henne unbesprungen lässt« – das hing davon ab, wie man es übersetzte). Beide, der amerikanische Sportler und der afrikanische Diktator, waren junge, zornige Stimmen, die die Dominanz des weißen Westens herausforderten. Und was für Stimmen: virtuos, zungenfertig, scharfsinnig und gewitzt. Auch mit Worten konnte man kämpfen. Das äußerst gewandte Französisch, dessen sich Mobutu so bravourös bediente, konnte sich mit Alis englischen Wortkaskaden messen. Kurz nach den öffentlichen Hinrichtungen seiner Konkurrenten sagte Mobutu mit unbewegter Miene zu zwei belgischen Journalisten: »Wir Bantus können die Demokratie anwenden, aber nicht nach dem Buchstaben, wie bei Ihnen.« Einen Schmeichler fuhr er einmal an: »Ich habe Sie nicht kommen lassen wegen Ihrer engelhaften Stimme und auch nicht wegen Ihrer biblischen Botschaft. Sprechen Sie frei heraus. Was ist Ihr Problem?« Doch wenn es jemand wagte, frei heraus zu sprechen, sagte er: »Also Sie sagen, dass Sie sich ein bisschen wie in einem Katz-und-Maus-Spiel fühlen?« »Ja, so ist es.« »Sagen Sie mir: Wer ist dann die Maus?« »Na, wir, &#039;&#039;papa&#039;&#039;!« »Und wer die Katze?« »Ähm . . . auch wir.« »Nun denn, was ist Ihr Problem?« Ali bereicherte die englische Sprache mit Bonmots wie &#039;&#039;»I am so bad, I make medicine sick«&#039;&#039; oder &#039;&#039;»My toughest fight was with my first wife«.&#039;&#039; Während seines Aufenthaltes in Kinshasa schüttelte er sich den unsterblichen Satz aus dem Ärmel: &#039;&#039;»I&#039;ve seen George Foreman shadow-boxing and the shadow won.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzteres war zudem gar nicht so falsch. Beim Training mit einem Sparringspartner war Foreman eine Augenbraue aufgeplatzt, und der Kampf musste um fünf Wochen verschoben werden. Zizi Kabongo durfte noch eine Weile in Paris bleiben. Das den &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; begleitende Kulturprogramm startete jedoch bereits. Mobutu hatte die größten schwarzen Musiker der Welt in Kinshasa versammelt. Aus Lateinamerika traten Celia Cruz und Johnny Pacheco an, aus den USA kamen B. B. King, The Pointer Sisters, Sister Sledge und James Brown. Der Saxophonist Manu Dibango aus Kamerun und die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba teilten sich die Bühne mit den großen Stars der zairischen Musik. Der alte Wendo Kolosoy, &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der Rumba, war da, zusammen mit Franco und dessen OK Jazz. Tabu Ley, der Mann, der früher noch Rochereau geheißen hatte, trat auf, und die jüngere Generation war durch die vom Funk inspirierte Soukous-Band Zaïko Langa Langa vertreten, die einflussreichste Gruppe der siebziger Jahre. Das dreitägige Festival in Kinshasa war eine kraftvolle Manifestation von afrikanischem Stolz über die Kontinente hinweg, eine Art schwarzes Woodstock.37 Was der Sklavenhandel auseinandergetrieben hatte, brachte Mobutu wieder zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich konnte sich Zizi auf die Reise machen. Er nutzte die Gelegenheit, um seinen Vater in Kasai zu besuchen, denn er hatte für ihn in Europa eine Getreidemühle gekauft. Auch sein Vater, eigentlich Eisenbahner bei der BCK, war im Rahmen von Mobutus Landwirtschaftspolitik Teilzeit-Bauer geworden. Eine elektrische Mühle erleichterte das Mahlen von Maniok ungemein. »Mein Vater hat sich sehr darüber gefreut. Als ich kam, hatte Mobutu gerade erzählt, dass die amerikanischen Künstler Nachkommen von Sklaven waren, und dass diese Sklaven damals nicht von Weißen verkauft worden waren, sondern von einheimischen Dorfvorstehern. Mein Vater sagte: ›Mobutu behauptet, dass die Schwarzen unsere Brüder an die Weißen verkauft haben!‹ ›Das stimmt, Papa.‹ ›Aber das ist doch unglaublich!‹ Er war darüber völlig erschüttert. Ich vermute, dass Mobutu diese Ideen mit Absicht verbreitete. Es half ihm, die Macht der lokalen Oberhäupter zu brechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu setzte alles daran, die tribalen Reflexe zu bekämpfen. Eine starke Nation war mit einer Stammeslogik nicht vereinbar. Die junge Generation sollte einen neuen Bezugsrahmen bekommen. In der Fußballnationalmannschaft sollten alle Gegenden des Landes vertreten sein. An den Wahlen zur Miss Zaire nahmen Mädchen aus allen Provinzen teil. Die Armee musste integrativ werden: Sogar Pygmäen konnten sich verpflichten.38 Um das Zaire-Gefühl zu stärken, reformierte Mobutu auch das Hochschulwesen. Die drei Universitäten des Landes verschmolzen zu einer großen, nationalen Superuniversität mit drei Campus. Nach Kinshasa ging man, wenn man Jura, Wirtschaft, Medizin, Naturwissenschaften oder ein ingenieurtechnisches Fach studieren wollte. In Kisangani wurde Psychologie, Pädagogik und Agrarwissenschaft gelehrt, in Lubumbashi, in der Nähe der Minen, Geowissenschaften. Dorthin, fern der Hauptstadt, waren auch die »gefährlichen« Richtungen wie Sozialwissenschaften, Philosophie und Literatur verdrängt worden.39 Diese Reform schwächte die Studentenbewegung und zwang die Studenten zu intertribaler Vermischung. Das frappanteste Beispiel dafür entdeckte ich auf einem Innenhof in der Abenddämmerung in Bukavu. Ich war bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie zu Gast. Ihre Tochter bereitete auf einem Holzkohlenfeuer das Abendessen zu. Adolphine stammte aus Moanda, einem kleinen Ort an der Atlantikküste. Wie um alles in der Welt war sie zweitausend Kilometer in Richtung Osten an die Grenze zu Ruanda gelangt? »Dodo und ich lernten uns an der Universität von Kinshasa kennen. Er studierte am Polytechnikum, ich studierte Linguistik. Er war ein Mushi aus Bukavu, ich eine Mukongo aus Moanda. Als ältester Sohn der Familie hätte er innerhalb seines Stammes heiraten müssen, aber er entschied sich doch für mich. Ich zog hierher. In seiner Familie gab es großen Protest. Es hat Jahre gedauert, bevor die Nachbarschaft und die Familie mich akzeptierten.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie das Erasmus-Programm jungen Leuten mehr Liebe zu Europa vermitteln soll, notfalls in Form einer Liebesbeziehung im Ausland, so sollte Mobutus Bildungsreform ein größeres Zaire-Bewusstsein schaffen. Mobutu umgab sich gern mit jungen, begeisterten Zairern, die in seinem Projekt zur Förderung von Nationalbewusstsein voll aufgingen. Die beiden einflussreichsten Personen in seiner Entourage waren Citoyen Sakombi Inongo und Citoyen Bisengimana Rwema.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 fuhr ich von Goma nach Bukavu über den wunderschönen Kivusee, der die Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo bildet. An Bord des Fährschiffes wurde ich einem zurückhaltenden, sehr distinguierten jungen Mann vorgestellt, vom Typ her jemand, der niemals auf dem zugigen Achterdeck eines Passagierschiffes steht, sondern sich lieber in den Innenraum setzt und telefoniert. Er war der Sohn von Bisengimana, jahrelang die Nummer zwei in Zaire. »Mein Vater hat schon ab 1966 für Mobutu gearbeitet, aber 1969 wurde er zum Direktor des &#039;&#039;Bureau du Président de la République&#039;&#039; befördert. Mobutu hatte großes Vertrauen zu ihm. Mein Vater durfte ihm sogar widersprechen. Die Leute nannten ihn &#039;&#039;le petit léopard&#039;&#039;, der junge Leopard. Er trug auch eine Mütze aus Leopardenfell. Er war Kabinettschef bis 1977, als sie in Streit gerieten. Nachdem mein Vater gegangen war, hatte unter Mobutu niemand mehr so viel Macht wie er.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Außergewöhnlichste an dieser Anstellung tauchte nun jedoch vor dem Schiffsfenster auf. Das Schiff brauste übers Wasser, und backbord wurden die Konturen der Insel Idjwi sichtbar. Dahinter liegt Ruanda. Bertrand Bisengimana stammte von der Insel, er war unterwegs nach Hause. Idjwi war zuerst deutsch gewesen, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg in belgische Hände übergegangen. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Tutsi, die aus Ruanda stammten. So auch er und sein Vater. Die Tutsi waren eine ethnische Minderheit, die bereits seit Jahrhunderten die soziale und politische Oberschicht des ruandischen Königreichs bildete; diese Stellung verdankten sie der Viehzucht. Rinder waren für die Tutsi das, was Steinkohle für die Industriebarone war: alles. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert hatten Tutsi-Viehzüchter das übervölkerte Ruanda verlassen und sich auf der anderen Seite des Sees angesiedelt. Sie zogen auf die Hochebenen von Süd-Kivu, in das Vulkangebiet von Nord-Kivu und auf die Insel Idjwi. Für die Kongolesen waren sie in jeder Hinsicht »anders«. Sie sahen anders aus und sie redeten anders. Ihr Kinyarwanda war eine ganz eigene Bantu-Sprache, die nur in Ruanda und im Süden Ugandas gesprochen wurde und mit der Sprache von Burundi verwandt war. Der archetypische Tutsi war groß bis sehr groß (manchmal 1,95 m), hatte eine scharf geschnittene Nase, eine hohe Stirn und schmale Lippen. Natürlich war das ein Klischee und hatte mit der Realität so wenig oder so viel zu tun wie Klischees über Iren, Italiener oder Schweden. Die Zairer schrieben ihnen außerdem zu, hochmütig und humorlos zu sein. Trotzdem ernannte Mobutu einen von ihnen zum Kabinettschef.42 »Am Anfang wollte Mobutu seinen eigenen Stamm nicht bevorzugen«, sagte Bertrand, »sonst hätte mein Vater als Tutsi von Idjwi niemals die Nummer zwei der Regierung werden können.« Mobutu kam es natürlich auch sehr gelegen, dass sein enger Mitarbeiter aus einem kleinen Stamm von Migranten kam. Die bildeten sicherlich keine Bedrohung für ihn . . . Er konnte damals noch nicht ahnen, dass ihn 1997 ausgerechnet Tutsi aus Ruanda vom Thron stoßen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte dem Volk mehr Wohlstand geschenkt, nun galt es, ihm auch einen Traum zu schenken. Dieser Traum wurde der zairische Nationalismus. Und der Architekt dieses Traums hieß Dominique Sakombi, oder besser Sakombi Inongo, nach damaliger Gepflogenheit.43 Sakombi war ein intelligenter, sehr eloquenter junger Mann und ein größerer Mobutist als Mobutu selbst. Im Herbst 2008 konnte ich ein kurzes Telefonat mit ihm führen: Seine Stimme war dünn wie ein Zigarettenpapier geworden. Nichts erinnerte mehr an das verbale Sperrfeuer von damals. Er sei sehr krank, sagte er, ein Interview sei nicht möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Sakombi in den frühen siebziger Jahren realisierte, war besonders findig: Er schaffte den Tribalismus nicht ab, sondern erhob ihn auf die Ebene des Staates. Die Bewohner Zaires durften immer noch ihren Stamm lieben, solange dieser Stamm Zaire hieß. Er sagte: »Für uns erstreckt sich das Dorf unserer Ahnen bis an die Landesgrenzen.«44 Das Territorium, das europäische Politiker im neunzehnten Jahrhundert willkürlich abgesteckt hatten, sollte nun als natürliches Staatsgebiet empfunden werden. Mehr als ein Staatspräsident wurde Mobutu zum nationalen Dorfoberhaupt, zum Häuptling de luxe. Und die Bürger wurden seine Dorfbewohner, seine Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi war »Staatskommissar« für Information. Sein Ministerium hatte 1400 Mitarbeiter und verfügte nach dem Verteidigungsressort über das größte Budget. Mobutu wusste, wo seine Prioritäten lagen: In seinem vorigen Leben war er sowohl Soldat als auch Journalist gewesen. Zu Anfang hatte sich seine Diktatur auf die Macht der Armee gestützt, ab 1970 stützte sie sich auf den Einsatz von Propaganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi entwarf eine groß angelegte Kulturpolitik und verkaufte sie der Bevölkerung unter dem Slogan: &#039;&#039;Recours à l&#039;authenticité!&#039;&#039; Die Namensänderungen für das Land, die Städte und die Eigennamen waren ein Teil davon, aber es ging noch viel weiter. Die Rückkehr zum ursprünglichen Leben betraf nahezu jeden Aspekt des Alltagslebens. Wenn ein Zairer morgens aufstand, wusste er, wie er sich zu kleiden hatte. Westliche Kleidung war verboten. Männer durften keinen Anzug mit Krawatte mehr tragen, sondern waren verpflichtet, einen &#039;&#039;»abacost«&#039;&#039; anzuziehen: eine hochgeschlossene, an den Mao-Anzug erinnernde Jacke mit kleinem Kragen, zu der ein Halstuch gehörte. &#039;&#039;(»abacost«&#039;&#039; war wieder so ein mobutistischer Neologismus: Es kam von &#039;&#039;à bas le costume&#039;&#039;, weg mit dem Maßanzug. Auch die Sprache wurde verändert.) Frauen durften keinen Minirock mehr tragen, nur noch den traditionellen &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, ein Wickelgewand aus drei Teilen – Rock, Bluse und Kopftuch. Nur der natürliche Haarwuchs war erlaubt. Verlängern und Entkrausen der Haare war verboten. Und Produkte zum Bleichen der Haut waren auch tabu. Ein authentischer Zairer war das Gegenteil des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;; er sehnte sich nicht mehr danach, etwas zu sein, was er ohnehin nie sein würde, sondern schöpfte seine Kraft aus der eigenen Identität, der eigenen Kultur, den eigenen Traditionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn dieser Zairer ein Städter war, dann sah er auf dem Weg zur Arbeit überall neue, monumentale Skulpturen. Die Denkmäler für Stanley, Leopold II. und Albert I. waren demontiert worden. Sakombi bemerkte dazu trocken: »Soviel ich weiß, steht auch kein Denkmal für Lumumba mitten in Brüssel.«45 Auf Plätzen und vor Regierungsgebäuden erschienen stilisierte Figuren aus Beton, die die Arme in die Luft streckten oder Körbe schleppten. Allein in Kinshasa waren zweihundert Bildhauer aktiv.46 Ihr Stil war oft auffallend modern, Einflüsse von Zadkine, Picasso und Brancusi waren unübersehbar; aber das war erlaubt, denn diese Europäer waren ja selber stark von afrikanischer Kunst beeinflusst. Die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik war keine Übung in Nostalgie, sondern eine komplexe Mischung von Tradition und Modernität. Sakombi sagte darüber: »Wir reagieren, wie es unsere Vorfahren tun würden, wenn ihre Kultur nicht durch die koloniale Akkulturation unterbrochen worden wäre.«47 Es ging ihm nicht um einen &#039;&#039;retour à l&#039;authenticité&#039;&#039;, sondern um einen Rekurs, eine Rückbesinnung. Aus der alten Formensprache sollte eine neue Kunst geboren werden. Darum ließ Mobutu Kunstschätze aus dem ganzen Land zusammentragen. Zehntausende Masken und Fetische fanden den Weg in die staatlichen Museen, so wie in der Kolonialzeit jede Menge Etnographica nach Tervuren verschwunden waren.48 Das Nationalballett sollte traditionelle Tänze im Landesinneren studieren und neu interpretieren. Ein Nationaltheater wurde gegründet und ein nationaler Literaturpreis ausgelobt.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ein Zairer tagsüber das Radio einschaltete, hörte er grundsätzlich Musik aus heimischen Gefilden. Westliche Musik war verboten. Mobutu profilierte sich als der große Förderer der populären Musik. Franco bekam eine leitende Stellung in einem neuen staatlichen Institut, das das Musikbusiness unterstützen sollte. Hatte er nicht auf der Geburtstagsfeier direkt vor dem Putsch strahlend neben Mobutu gestanden? Tabu Ley tourte durchs Land. Mit Mobutus Unterstützung wurde er sogar der erste Schwarze, der im Pariser Olympia auftrat. Docteur Nico experimentierte mit traditioneller Percussion. Franco befreite den alten Akkordeonspieler Camille Feruzi vom Staub. »Recours à l&#039;authenticité«, hörte man ihn singen. Kinshasas Musikindustrie erlebte ihre turbulentesten Jahre. Platten wurden am späten Nachmittag aufgenommen und lagen schon am nächsten Morgen im Laden. Es wimmelte von Künstlern. Der zentrale Platz von Matonge, dem pulsierenden Herzen des Nachtlebens, wurde von Rond-Point Victoire in Place des Artistes umbenannt. Den Pionieren der kongolesischen, nein, der zairischen Musik wurde dort ein großes Denkmal errichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam ein Zairer abends von der Arbeit nach Hause, aß er Gerichte der authentischen Küche. &#039;&#039;Pundu, fufu, makayabu&#039;&#039;, Maniokbrot, Raupen, alles abgeschmeckt mit der Mutter aller scharfen Gewürze: Piri-piri. Bevor man sein Bier oder seinen Palmwein trank, goss man einen kleinen Schluck auf den Boden. Ein Trankopfer für die Ahnen, auch das gehörte sich so. Stellte man nach solch einem leckeren Essen den Fernseher an, sah man Bilder der &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, große Gruppen von Menschen, die in geometrischer Aufstellung und identischer Kleidung (in der Regel aus grünem Stoff und mit aufgedruckter Nationalflagge) singend und tanzend den MPR rühmten. Tagein, tagaus wurden die Segnungen des erlauchten Führers besungen, sechs, manchmal sogar zwölf Stunden am Tag.50 Um 18 Uhr begann dann der Höhepunkt des Staatsfernsehens: die Nachrichten. Sie wurden mit einer Idee Sakombis eröffnet. In einem Wolkenhimmel erschien das Gesicht des Präsidenten, das immer größer wurde, sodass es schien, als schwebe Mobutu vom Firmament ins Wohnzimmer. Die Kinder hielten ihn für einen Gott. »Alle Aktivitäten des Präsidenten und seiner Frau wurden gezeigt«, sagte Zizi, »und auch die der Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees. Es war ein regelrechter Personenkult. Sakombi bezeichnete Mobutu als den ›Pharao von Afrika‹. So in der Art.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch, wenn man sich abends schlafen legte, war man von der Staatspropaganda noch nicht erlöst, denn Mobutu hatte das Volk dazu aufgerufen, sich tüchtig fortzupflanzen – die Revolution bedurfte vieler Hände. Noch in den intimsten Momenten des Privatlebens hörte man den Ruf des Staatsoberhaupts. Es kursierte der Witz, dass er selber beim Liebesspiel nie rufen würde »Ça va jaillir!« (»ich komme«), sondern »Ça va Zaire!« . . . So wie die Missionare vorgeschrieben hatten, was ein »guter« kolonialer Körper war (Seife benutzen, die Haut bedecken, monogam sein), so drang die Diktatur in die Intimität des Privatlebens ein und unterwarf es einer neuen, allumfassenden Ordnung. Es gab kein Entrinnen. Auch beim Orgasmus diente man seinem Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es funktionierte. Die Zairer fühlten sich immer mehr als Zai­rer. Mit Sakombis Hilfe schaffte Mobutu in wenigen Jahren, was der Europäischen Union nach mehr als einem halben Jahrhundert noch nicht gelungen ist: Die Menschen sahen sich tatsächlich als Teil eines größeren Ganzen. Briten und Franzosen wollen einfach keine Europäer werden, Bakongo und Baluba aber waren irgendwann stolz darauf, Zairer zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gab es denn keinen Widerstand? Doch, natürlich, aber nur diskret. Zizi: »Keinen Schlips tragen dürfen, das war ein Problem. In Katanga sah man manchmal jemand, der aus Protest mit Anzug und Krawatte auf die Straße ging. Die Polizei sprach ihn dann sofort an: ›Wieso dieser koloniale Aufzug? Sind Sie vielleicht ein Ausländer?‹ ›Yes, from Zambia‹, sagte man dann. Man konnte ermordet werden, echt!« Während in Europa die Krawatte zum Symbol für Bürgerlichkeit und Angepasstheit wurde, entwickelte sie sich im Kongo zu einem Wahrzeichen des Widerstandes und der Freiheitssehnsucht. »Manche trugen extra einen Schlips, wenn sie im Wohnzimmer saßen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die obligatorische Namensänderung sorgte für unterschwelligen Protest. »Mein Vater schickte mir eine Liste mit neun Namen aus unserer Familiengeschichte, aus denen ich meinen &#039;&#039;postnom&#039;&#039; wählen konnte. Aber ein Kollege von mir – er hieß Gérard Ekwalanga und war ein großer Sportjournalist – war sehr gläubig, deshalb hing er sehr an seinem Taufnamen. Aus Verärgerung nannte er sich Ekwalanga Abomasoda. Dieser &#039;&#039;postnom&#039;&#039; hatte mit seinen Vorfahren überhaupt nichts zu tun. Auf Lingala bedeutete er: ›Der, der die Soldaten tötet‹! Oder Oscar Kisema, der wählte den Namen Kisema Kinzundi. Auf Lingala klang das wie ein normaler Name, aber auf Swahili bedeutete es ›große Vagina‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verbot christlicher Namen machte der Kirche sehr zu schaffen. »Mobutu wollte die Macht der Kirche brechen«, sagte Zizi. »Die Heiligen wollte er durch die Ahnen ersetzen.« Anfangs zeigte sich die Kirche gegenüber dem neuen Regime loyal. Einen Monat nach dem Putsch hatte Kardinal Malula ja feierlich erklärt: »Monsieur le Président, die Kirche erkennt Ihre Macht an, denn die Macht kommt von Gott. Wir werden uns getreulich an die Gesetze halten, die Sie zu erlassen belieben.«51 Doch sechs Jahre später, am 12. Januar 1972, hielt Malula eine donnernde Predigt gegen das Regime. Mobutu kochte vor Wut. Er entließ Malula sofort aus dem Ordre du Léopard, verbannte ihn ins Ausland und verbot Christen, für ihren Erzbischof zu beten. Doch das nützte ihm nichts. Die Kirche würde noch lange Zeit der schärfste Kritiker des Regimes sein. Die Bischöfe wussten sich durch ihr internationales Netzwerk bestärkt, außerdem kontrollierten sie das Bildungswesen. Staaten haben für gewöhnlich zwei Möglichkeiten, sich ihre Bürger zurechtzubiegen: das Bildungssystem und die Medien. Mobutu hatte nur die Medien. Er setzte deshalb alles daran, die Macht der Kirche zu beschränken (Missionsschulen mussten einen einheimischen Direktor einstellen, Kruzifixe wurden verbrannt, Seminaristen mussten in die MPR-Jugendverbände eintreten, christliche Jugendorganisationen wurden verboten, Weihnachten wurde zu einem normalen Arbeitstag, sogar alle religiösen Zusammenkünfte, bis auf die Messe und die Beichte, waren ab einem bestimmten Zeitpunkt tabu). Und als das alles nichts brachte, übertrug er den Bischöfen Spitzenpositionen in der Verwaltung oder schenkte ihnen einfach Jeeps und Limousinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Kulturpolitik schrieb nicht bis ins Kleinste vor, was die Kongolesen glauben sollten und was nicht, und der Ahnenglaube wurde nicht durch eine ausgearbeitete nationale Theologie untermauert, aber der Kimbanguismus, die Religion, gegen die die Belgier so vehement vorgegangen waren, florierte wie nie zuvor, denn er galt als eine authentische afrikanische Religion. Zunehmend war er wie der Staat im Kleinformat organisiert: hyperzentralistisch und hierarchisch. Der religiöse Führer wurde mit Gesang und Tanz angebetet, genau wie Mobutu. Die Underdogs der Kolonialzeit wurden nun die Herolde des Mobutismus.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vertrauen in die eigene Identität – es war ein schöner Gedanke, aber natürlich nicht ohne Haken und Ösen. Warum machte Mobutu Werbung für die einheimische Küche, wenn sein Lieblingsgericht nach wie vor &#039;&#039;ossobuco alla romana war&#039;&#039;? Was war so authentisch an dieser erbärmlichen &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, die er sich im Grunde von Kim Il-sung abgeschaut hatte? Was war das spezifisch »Zairische« an dem berühmten &#039;&#039;abacost&#039;&#039;, der nicht mehr war als ein farbiger Mao-Anzug und dessen edelste Exemplare von Arzoni, einer Textilfabrik in Zellik bei Brüssel, hergestellt wurden? Was war typisch afrikanisch am &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, einem Batikstoff aus Indonesien, von Nonnen empfohlen zur Bedeckung des Busens, dessen farbechteste Varianten, die berühmten &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039;, in den Niederlanden hergestellt wurden, bei Vlisco in Helmond? Warum war Camille Feruzi ein authentischer Musiker? Er spielte Akkordeon, verflixt noch mal, und hatte offenkundig sehr oft Tino Rossi zugehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War dieser &#039;&#039;recours à l&#039;authenticité&#039;&#039; nicht einfach nur ein Vorwand? Eine bestrickende Ideologie, die eine tiefere Wirklichkeit verschleiern sollte? Ja, das war es. Und diese tiefere Wirklichkeit war: Wie es seinem Volk ging, wurde Mobutu zunehmend egal. Er war so intensiv damit beschäftigt, seine Stellung zu sichern, dass er wichtige Regierungsaufgaben vernachlässigte. Autos, Ämter, Tagespauschalen und Botschaftsposten verteilte er mit manischer Besessenheit ohne Rücksicht auf die Staatskasse. Ja, die Wirtschaft erlebte einen Wiederaufschwung, aber das lag eher am Vietnamkrieg als an einer vernünftigen Politik. Es war eine zufällige Hochkonjunktur, auf der Mobutu komfortabel surfen konnte; er bemühte sich nicht im Geringsten, die Armut zu bekämpfen. Mit den beträchtlichen Einnahmen hielt er seinen Machtapparat intakt. Im Grunde verdankte er seine Macht einer extremen Form des Klientelismus. Mobutu stand an der Spitze einer Pyramide; ein paar tausend Menschen fraßen ihm, direkt oder indirekt, aus der Hand. Er und sein Gefolge waren durch wechselseitige Verpflichtungen und Vorteilsgewährungen miteinander verflochten. Die finanzielle Unterstützung dankten ihm seine Anhänger mit der Loyalität, die er benötigte, um an der Macht zu bleiben. Mobutu brauchte sie, sie brauchten Mobutu. Ein Zweckbündnis. Mobutu war der Sklave seines Machthungers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire bildete sich so eine echte Staatsbourgeoisie heraus, eine große Gruppe von Menschen, die zu Wohlstand gelangten auf Kosten des Staates.53 Der Staat diente im wahrsten Sinne des Wortes als ökonomische Basis dieser neuen Mittelschicht, die keinerlei Skrupel hatte, ihren frisch erlangten Wohlstand in Form von teuren Autos, großen Villen und einem luxuriösen Lebensstil zur Schau zu stellen.54 Wer in einem Jaguar oder Mercedes umherfuhr, bekam den Spitznamen Onassis. »Und wer mal ein bisschen husten musste, flog zu seinem Hausarzt nach Brüssel«, sagte Zizi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Klientelismus ging so lange gut, wie Geld vorhanden war. Die Verstaatlichung der Union Minière hatte Mobutu zu sagenhaften Einnahmen verholfen, doch die Aufwendungen für seinen Machterhalt wurden immer größer. »Früher hatte ich im Grunde keine Familie«, seufzte er einmal, »keiner hat sich um mich gekümmert! Aber seit ich Präsident bin, hat fast die Hälfte aller Zairer entdeckt, dass sie irgendwie um ein paar Ecken mit mir verwandt sein könnten und deshalb Ansprüche stellen dürfen.«55 Den Schaden hatte natürlich der zairische Durchschnittsbürger, der sich an keinerlei Familienbande mit dem Staatsoberhaupt erinnern konnte. Um seine wachsende Klientel bei Laune zu halten, musste Mobutu immer neue Finanzquellen auftun. Ausländische Investitionen, bilaterale Verträge und internationale Darlehen kamen ihm sehr gelegen.56 Je bedürftiger sein Land war, desto mehr konnte er kassieren. Armut lohnte sich. Sie war ein wirtschaftlicher Trumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das genügte noch nicht. Am 30. November 1973 fasste er einen drastischen Beschluss. Er war gerade von einer Rundreise durch China zurück und hatte sich dort mit der Staatswirtschaft vertraut gemacht. »Die Gefahr ist eher weiß als gelb«, sagte er nach seiner Rückkehr, »politisch sind wir ein freies Volk, kulturell werden wir es gerade, aber wirtschaftlich sind wir noch alles andere als Meister.«57 Mobutu ging zur »Zairisierung« über: Klein- und Mittelbetriebe, Bauernhöfe, Plantagen und Handelsunternehmen, die noch Eigentum von Ausländern waren, insgesamt ein paar tausend Firmen, wurden enteignet und seinen Getreuen gratis überlassen.58 Von heute auf morgen erlebten portugiesische Restaurantbesitzer, griechische Boutiqueninhaber, pakistanische Fernsehmechaniker und belgische Kaffeepflanzer, wie ihre langjährige Arbeit verloren ging. An der Spitze des Unternehmens stand nun ein Zairer aus der Umgebung des Präsidenten, der meist keine Ahnung hatte, wie man einen Betrieb führte. Bestenfalls ließ er den ehemaligen Besitzer als Geschäftsführer weiterarbeiten und kam einmal im Monat vorbei, um den Gewinn zu kassieren. Schlimmstenfalls plünderte er sofort die Kasse und verkaufte die Lagerbestände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren grotesk. Eine elegante Dame, die nie die Hauptstadt verließ, war plötzlich für eine Chininplantage in einer entfernten Gegend des Landes verantwortlich. Herren, die eine Kuh nicht von einem Stier unterscheiden konnten, leiteten einen Viehzuchtbetrieb. Generäle durften Fischereifirmen verwalten und Diplomaten Limonadefabriken. Der Informationsminister Sakombi wurde Besitzer einer ganzen Reihe von Zeitungskiosken und Kinos, aber auch von ein paar Sägewerken. Bisengimana erhielt die Plantagen des Prince de Ligne auf der Insel Idjwi zum Geschenk, die ein Drittel der Insel einnahmen.59 Unser Freund Jamais Kolonga, ein kleiner Fisch im Netzwerk um den Präsidenten, wurde Chef eines Sägewerks in seiner Heimatgegend. Der Partylöwe aus der Hauptstadt musste sich nun plötzlich mit der Lagerung und Vermarktung von tropischem Hartholz befassen. Manche konnten mit dem Geschenk überhaupt nichts anfangen, andere stürzten sich in die neue Tätigkeit. Popstar Franco wurde über Nacht Besitzer von Willy Pelgrims&#039; Schallplattenimperium, und in diesem Sektor kannte er sich gut aus.60 Jeannot Bemba konnte sich dank der Zairisierung zum reichsten Geschäftsmann des Landes mausern. Er wurde Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes und gründete eine Fluggesellschaft, Scibe Zaïre. Mobutu schließlich genehmigte sich vierzehn Plantagen, verstreut übers ganze Land. Er kontrollierte ein Viertel der Kakao- und Kautschukproduktion, hatte 25.000 Angestellte und wurde der drittgrößte Arbeitgeber des Landes. Nicht zuletzt dank der Einnahmen aus den Minen wurde er Schätzungen zufolge der siebtreichste Mann der Welt.61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu aber betrachtete sein Land und sah, dass es nicht gut war. Ende 1974 schaltete er auf die »Radikalisierung« um. Kränkelnde Betriebe wurden nun vom Staat übernommen. So könnten sie wieder Gewinne erzielen, und mit diesen Gewinnen könnte er sich seine Freunde warmhalten. Sie zu Firmeninhabern zu machen, war wohl eine weniger gute Idee gewesen. Aber auch diese Wirtschaftsreform brachte nicht den gewünschten Erfolg. Mobutu, der große Freund der Amerikaner, hatte plötzlich, ohne es wirklich gewollt zu haben, eine kommunistische Ökonomie am Hals. Mit einer dritten Reform, der sogenannten &#039;&#039;»retrocession«&#039;&#039; (denn Rhetorik war der einzige Geschäftszweig, der wirklich florierte), versuchte er die geschröpften und ausgeplünderten Betriebe den ursprünglichen Besitzern zurückzugeben, doch die hatten längst das Interesse daran verloren.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Folgen waren dementsprechend. So brillant Mobutu als Kommunikator war, so unbedarft war er als Ökonom. Das Fiasko der Zairisierung trieb die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Und wer noch einen Job hatte, etwa als Beamter oder als Lehrer, konnte von seinem Gehalt nicht leben.63 Jeder verdiente sich etwas dazu, als Maurer, Chauffeur oder Bierverkäufer. Die Ehefrauen versuchten es mit dem Mikro-Handel. Sie hockten ganze Tage auf dem Markt, vor sich einen Stapel Holzkohle oder ein paar Zwiebeln. Sie kauften Brot in der Fabrik und trugen es auf dem Kopf durch die Stadt, bis es verkauft war. Sie blieben zu Hause bei den Kindern und machten einen kleinen Laden auf, wo die Leute aus der Nachbarschaft Teebeutel, Streichhölzer und Seife kaufen konnten. Sie stellten Teile ihres Hauses einer Brauerei oder Zementfabrik als Lager zur Verfügung und verkauften mit äußerst winzigen Gewinnspannen Getränke oder Zementsäcke. Mit Mühe und Not versuchte man, über die Runden zu kommen. Notfalls musste man bei Verwandten anklopfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 wurde die Lage unhaltbar. Mit dem Ende des Vietnamkrieges ging ein drastischer Fall des Kupferpreises einher. Außerdem war die beginnende Ölkrise auch in Zaire zu spüren. Die Preise stiegen rasant. Die ganze Zairisierung trug zusätzlich noch zur Inflation bei, denn seit eine Klasse von Superreichen entstanden war, trieben Ladenbesitzer die Preise gewaltig in die Höhe. Für den Durchschnittsbürger hatte das freilich zur Folge, dass seine Kaufkraft weiter sank. Für ein Kilo Süßwasserfisch musste ein einfacher Arbeiter 1960 einen Tag arbeiten; Mitte der siebziger Jahre waren es zehn Tage.64 Lebensmittel wurden unbezahlbar. Das gesamte Einkommen ging dafür drauf. Im Landesinneren war die Landwirtschaft vernachlässigt worden. Warum sollte ein Bauer sein Land bestellen, wenn es ohnehin keine Straßen mehr gab, auf denen er die Ernte in die Stadt bringen konnte? Zaire, eines der fruchtbarsten Länder der Erde, wurde deshalb extrem abhängig von teuren Nahrungsmittelimporten. Im Hafen wurden Dosen mit Tomatenmark entladen, während im Inland Fleischtomaten tonnenweise an den Sträuchern verfaulten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Versprechen eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs war auf eine Katastrophe hinausgelaufen. Ein früher Slogan des MPR lautete: &#039;&#039;Servir et non se servir&#039;&#039; (»Dienen: ja, sich selbst bedienen: nein«); Mobutu und sein Clan hingegen bedienten sich selbst sehr gut. Seine Popularität schwand. Das Brot war langsam alle. Wo blieben die Spiele?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi war nach seinem imaginären Abenteuer mit dem Säbel von König Baudouin wieder nach Kikwit gezogen. Er wurde Verkäufer bei Bata, der internationalen Schuhkette, die auch Filialen in Afrika hatte. Eines Tages betrat ein hübsches Mädchen den Laden. Sie schaute sich einige Modelle an und ging dann wieder, um Fisch zu kaufen. Ein paar Minuten später schloss Longin den Laden zur Mittagspause und ging ihr nach. Sie bezahlte gerade. Fisch war damals noch erschwinglich. Er sprach sie mit den unvergesslichen Worten an: »Ich bezahle Ihren Fisch, damit Sie meine &#039;&#039;fiancée&#039;&#039; werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wirklich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wirklich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann gebe ich Ihnen meine Adresse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuchte er sie zu Hause. Sie rief ihren Vater und ihre Onkel dazu. Die Verwandten wollten den seltsamen Vogel erst einmal in Augenschein nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin bereit, dieses Mädchen zur Frau zu nehmen«, sagte Longin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Haben Sie Geld?«, fragte die Familie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das stimmte nicht so ganz, aber sein europäischer Chef bei Bata war bereit, ihm den Brautpreis vorzuschießen. Das machte er bei seinen Angestellten öfter. Longin musste das Geld in monatlichen Raten abstottern. Bata hatte einen guten Namen, es war ein seriöser Laden. Der Vater und die Onkel waren einverstanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin arbeitete viele Jahre bei Bata. Wie es nun einmal Tradition war, bestellte seine Frau das Land: Sie baute Mais, Maniok und Erdnüsse an. Das junge Paar konnte sich nicht beklagen. 1969 wurde das erste von sechs Kindern geboren. Einige Jahre später kaufte Longin ein großes Grundstück von dreißig mal vierzig Metern und baute ein geräumiges Lehmhaus. In diesem Haus habe ich ihn auch interviewt. »Das war die reichste Zeit in meinem Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber kam die Zairisierung. »Mein europäischer Chef ging. Ein Zairer übernahm Bata. Er leitete den Laden. Das war nicht gut. Bata ging pleite.« Harte Zeiten brachen an. Longin betete immer öfter am Grab von Kuku Pemba, einem gefährlichen Ort, einem mythischen Ort. Kuku Pemba war der erste Mann aus der Region, der einen Weißen erblickt hatte. In Zeiten von Hungersnot wandte man sich an höhere Mächte. Er galt als ein mächtiger Urahn, sogar Mobutu fürchtete sich vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 reiste Longin zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in die Hauptstadt. »Ich fuhr nach Kinshasa, um den Boxkampf zu sehen. Ich sah, dass Ali auch betete. Er war ein Muslim und trug eine Kette. Foreman hatte einen großen Hund bei sich, wie ein Europäer. Ich saß im Stadion. Der Kampf fand nachts statt. Foreman war kräftiger. Ali hing in den Seilen. Das ganze Match hindurch. Foreman war aufgedunsen wie ein Schwein. Es war ein kolossaler Kampf, kolossal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie konnte man einem Präsidenten böse sein, der einen zu einem so grandiosen Fest einlud?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit die Zuschauer in den USA den Boxkampf in der Hauptsendezeit sehen konnten, fand er um vier Uhr nachts statt. In der Stadt war es brütend heiß, die Regenzeit hatte begonnen. Seit dem frühen Morgen füllte sich das Stadion. »Kinder hatten schulfrei. Firmen mussten einen Tag bezahlten Urlaub geben. Bars mussten das Bier zum halben Preis ausschenken. Mehl gab es sogar umsonst«, erinnerte sich Zizi. Die Zuschauer kamen von nah und fern, sogar aus Angola und Kamerun. Siebzigtausend Menschen bekamen einen Sitzplatz im Stadion. Mehrere tausend Sitzplätze waren VIPs vorbehalten, hauptsächlich Jasagern aus Mobutus Gefolge. Um das Stadion herum war eine riesige Menschenmenge auf den Beinen. Wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit hatte Mobutu eine Flutlichtanlage aufbauen lassen. Um die Tribüne ragten vier riesige »Fliegenklatschen« aus dem Dunkel auf. Sie waren mit grell leuchtenden Strahlern ausgerüstet, die dank des Stroms vom Inga-Damm das ganze Stadion in blendend weißes Licht tauchten. Mobutu war wirklich elektrisierend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Mitte des Fußballplatzes war der Boxring aufgebaut. Die amerikanischen Fernsehteams hatten eine beeindruckende Ausrüstung mitgebracht. Die Kinder auf den Betonstufen strahlten vor Stolz. Ihr Land war das einzige Land auf der Welt, das diesen Kampf veranstalten konnte! Sogar der Ring war aus den USA hertransportiert worden! Die Amerikaner hatten sogar ihr eigenes Wasser bei sich! Ja, ihr eigenes Toilettenpapier!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch das Zairer Fernsehteam war gut ausgerüstet. Damit auch wirklich nichts schiefging, hatte man fünf funkelnagelneue Arriflex-Kameras angeschafft, schwere Geräte, die man auf der Schulter tragen konnte. Außerdem verfügten die Reporter über einige Bell &amp;amp; Howells, leichtere Kameras für Detailaufnahmen. Alles in Farbe, versteht sich. Es gab zwei Regisseure, zwei Kommentatoren in französischer Sprache und einen in Lingala. Alle erhielten eine hohe Prämie als Nachtzuschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi Kabongo stand hinter der Kamera, die die Reaktionen des Publikums filmen sollte. Eine Band mit traditioneller kongolesischer Musik machte eine Runde über die Kampfbahn. Jubel und Hochrufe brandeten auf, als Ali aus den Katakomben erschien und sich tänzelnd und in die Luft boxend in den Ring begab. Er legte seinen Mantel ab. Ein göttlicher Körper glänzte im Licht der Scheinwerfer. &#039;&#039;Ali, boma ye! Ali, boma ye!&#039;&#039;, skandierte Zaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Allermerkwürdigste aber war: Mobutu selbst war nicht anwesend. Er mied das Stadion, in dem ihn das Volk 1965 empfangen hatte. Befürchtete er, durch Alis Popularität in den Schatten gestellt zu werden? Fürchtete er um seine Sicherheit? War er der Ansicht, als &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; sei er gerade durch seine Abwesenheit noch präsenter? Zizi wusste es nicht. Dafür wusste er aber, dass Mobutu in seinem Palast seine Aufnahmen direkt sah. Der Präsident verfügte nämlich über das einzige CCTV-Überwachungsnetz des Landes. Zizi ließ die Kamera über das Zuschauermeer gleiten. Auf seinem Monitor sah er das farbenfrohe Fest einer jubelnden Menschenmenge auf eine stumme Szene in graublauen Tönen reduziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Boxkampf selbst bekam er nur wenig mit. Er sah nicht, wie Ali schon in der ersten Runde versuchte, Foreman mit einer brutalen Serie rechter Geraden k. o. zu schlagen. Er sah nicht, wie wütend Foreman wurde und wie Ali das Tänzeln vergaß. &#039;&#039;»Float like a butterfly, sting like a bee«&#039;&#039;, hatte er eigentlich versprochen. Tänzeln würde er, tänzeln musste er, aber daraus wurde nichts. Zizi sah nur die Zuschauermenge durch den Sucher seiner Kamera, die Menge, die zuerst jubelte und dann Angst bekam. Er sah nicht, wie sich Ali von der zweiten Runde an weit in die Seile zurücklehnte, um Foremans Schlägen auszuweichen. Ali verbarg sein Gesicht hinter den schwarzen Boxhandschuhen und kassierte einen unaufhörlichen Hagel von Faustschlägen in die Seiten. &#039;&#039;»Everlast«&#039;&#039; stand auf den Eckpolstern des Rings, doch die Frage war, wie lange das andauern konnte. Foreman hatte einen der härtesten Punchs in der Geschichte des Schwergewichtsboxens. Ali wollte seinen Gegner besiegen, indem er ihn zermürbte. &#039;&#039;Rope-a-dope&#039;&#039;, »am Seil verweilen« würde er diese Taktik später nennen. Zizi hörte nicht, wie Ali über das weiße Grinsen seines Mundschutzes immer wieder rief: &#039;&#039;»George, you disappoint me.« »Come here, sucker! They told me you could punch.« »You&#039;re not breaking popcorn, George.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi filmte und filmte. Seine Aufnahmen waren nicht dazu gedacht, in der Welt verbreitet zu werden. Dafür sorgten schon die Amerikaner. Das hier war für den Eigengebrauch. Er sah die Prominenten vor sich: den Staatskommissar für den Sport, die Provinzgouverneure, die Diplomaten, die Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, die gesamte Kaste, die sich von Mobutu unterhalten ließ. Speichellecker aus dem Publikum steckten ihm Geld zu und baten ihn, sie einmal gut ins Bild zu setzen, damit der Präsident sie sah. Vor allem Frauen. Eine Frau im roten Kleid, eine Dame in Weiß . . . Könnte er bitte mal kurz auf sie zoomen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hin und wieder drehte er sich um. Dann sah er jedes Mal, wie der hünenhafte Foreman auf Alis Körper eindrosch, der fürchterlich nach hinten hing. Zizi bekam nicht mit, wie sich Ali in der achten Runde, dreizehn Sekunden vor dem Gong, plötzlich von den Seilen löste und blitzschnell mit einer gewaltigen Rechts-links-rechts-Kombination ausholte. Der letzte Stoß war ein vernichtender Hammerschlag, der Foremans Gesicht zu einem Tonklumpen verformte. Foremans Arme, acht Runden lang wie stampfende Maschinenkolben, fuchtelten plötzlich unkontrolliert ins Leere. Foreman beugte sich vor, konnte es nicht glauben. Er war noch nie k. o. geschlagen worden. Der Boden des Boxrings kippte auf ihn zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde eine ausgelassene Nacht. Direkt nach dem Kampf brach ein außerordentlich heftiges Gewitter los. Die Nachtclubs von Kinshasa waren gestopft voll. Getränke gab es gratis. Alle feierten, lachten, betranken sich. Aber als Zizi nach Hause ging, beschäftigte ihn auch die Frage, wie Mobutu sich die Aufnahmen angesehen hatte. Saß er allein, nur mit ein paar Angehörigen, in seinem Palast? Genoss er das Schauspiel, das er seinem Land spendiert hatte? War er neugierig auf die Frau im roten Kleid? Oder achtete er mit unruhigen Blicken auf die Reaktionen des Publikums, besorgt über jedes Gesicht, das nicht fröhlich genug aussah?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 10 Toujours servir ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Wahnsinn eines Marschalls 1975-1990 ===&lt;br /&gt;
In der Einsamkeit seiner Allmacht saß Mobutu wie gebannt vor dem Fernseher. Fünfzehn Jahre nach dem historischen Boxkampf sah er Bilder, die ihn mehr aus der Fassung brachten als jedes Filmmaterial, das er jemals gesehen hatte. Es war Weihnachten 1989, und in den Nachrichten eines ausländischen Senders sah er, wie eine Schildkröte den Kopf ausstreckte, langsam, hilflos, mit Todesangst im Blick. Nein, es war keine Schildkröte, es war ein Mann, der aus einer Luke unten an einem Schützenpanzer kroch oder eher herausgeschoben wurde. Vor dem graugrünen Stahl bewegte er den Oberkörper so unbeholfen – die Arme an den Rumpf gedrückt, die Hände noch im Inneren des Panzers –, dass er einer Schildkröte ähnelte. Ein Soldat auf der Straße ergriff den Mann von außen und zog ihn heraus, als mache er die Arbeit einer Hebamme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Videoaufnahmen waren gelblich und unscharf, die Szene wirkte winterlich. Aber Mobutu erkannte den Mann sofort. Es war Nicolae Ceaușescu. Zusammen mit seiner Frau war er kurz zuvor verhaftet worden, nach tagelangen Protesten in seinem Land. Mobutu sah, wie sich der rumänische Präsident hochrappelte und seine schwarze Mütze abnahm, um sich die Haare glatt zu streichen. Die Mütze sah wie eine winterliche Ausführung seiner eigenen Leopardenfellmütze aus. Das war nicht die einzige Ähnlichkeit. Ceaușescu war, genau wie er, 1965 an die Macht gekommen, und Mobutu hegte große Bewunderung für den Schneid, mit dem er Rumänien auf einem von der UdSSR unabhängigen Kurs steuerte. Und wie Mobutu erfreute sich Ceaușescu großer Unterstützung aus dem Westen. Beide verdankten ihre Macht treuen Bündnispartnern im Ausland und einer gefügigen Clique im Inland, und so konnte sich ihre Präsidentschaft zu einer Quasi-Monarchie entwickeln. Beide legten Wert auf denselben Beinamen: Ceaușescu ließ sich &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; nennen, Führer, und Mobutu ließ sich als &#039;&#039;le Guide&#039;&#039; ansprechen. Um das »Genie der Karpaten«, noch so ein Beiname, war ein ebenso sonderbarer Personenkult entstanden wie um den »Großen Steuermann« in Kinshasa. In Zaire war die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Philosophie inzwischen offiziell zum »Mobutismus« umgestaltet worden; in Rumänien herrschte der »Ceaușescuismus«. Auf derart umfassende Weise legitimiert, konnten beide Herrscher nur schwer mit Kritik umgehen. Sie legten der Presse Zügel an und sahen Dissidenten am liebsten jenseits der Landesgrenzen. Sollten die doch in schmuddeligen Pariser Kaschemmen über vollen Aschenbechern ihrem Groll Luft machen, blind wie sie waren für die Segnungen, die ihnen ihre Herrscher gebracht hatten. Die Staatssicherheit ging über alles. Ceaușescus Securitate wies auffallende Ähnlichkeiten mit der DSP auf, Mobutus &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;. Die Beziehungen zwischen Kinshasa und Bukarest waren sehr herzlich und durch eine innige Freundschaft zwischen Mobutu und Ceaușescu gekrönt. Mobutu blickte nach Amerika, wenn es um Geld ging, und nach Osten, um sich Anregungen für seine Regierungsmethode zu holen. Er hatte viel von Mao und Kim Il-sung gelernt, aber das einzige kommunistische Staatsoberhaupt, mit dem er jetzt noch befreundet war, war Ceaușescu. Auch die Gattinnen verstanden sich gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sah die Bilder. Einen Monat zuvor hatten sich in Bukarest noch die Spitzenleute ihrer beiden Parteien getroffen.1 Nun sah er, wie Nicolae und Elena in einem trostlosen Klassenzimmer Platz nahmen. Wie verbraucht sie plötzlich aussahen . . . Nicolae war ein alter, grauhaariger Mann in einem langen Wintermantel, Elena eine Dame im gesetzten Alter mit einem großen Pelzkragen. Ein älteres Ehepaar aus Osteuropa. Sie saßen an einem Tisch mit dünnen Metallbeinen. Nicolae gestikulierte heftig, erhob die Stimme. Die Kamera schwenkte nach rechts. Hohe Offiziere mit vielen Orden kamen ins Bild. Militärs, die aufsprangen. Ein Mann, der einen Text von einem Blatt ablas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein sehr turbulenter Herbst gewesen in Europa. Glasnost, Perestroika, der Mauerfall . . . Mobutu verfolgte alles mit Argusaugen. Seit Gorbatschow das politische Tauwetter eingeleitet hatte, war eine Kettenreaktion in Gang gekommen, die sich nicht mehr aufhalten ließ, am wenigsten von Gorbatschow selbst. Einen großen Einparteienstaat zu demokratisieren, hielt Mobutu schlichtweg für tollkühn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sehe sich an, was in der Sowjetunion geschieht; schon ohne dass das Mehrparteiensystem dort etabliert wird, genügte es, dessen Prinzip zuzulassen, damit Regionalismus und Separatismus aufkamen. Ich kann die baltische, armenische, georgische oder weißrussische Bewegung nicht beurteilen; ich beschränke mich auf die Feststellung, dass allein schon der Gedanke an ein Mehrparteiensystem der Entstehung von Fliehkräften Vorschub leistet.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demokratisierung, davor nahm sich Mobutu in Acht. Er erinnerte sich nur zu gut an das Debakel der Ersten Republik. Der Fall des Kommunismus in Europa ähnelte in mancher Hinsicht der Entkolonialisierung von Afrika: ein abrupter Prozess, in dessen Verlauf eine latente Hoffnung plötzlich in eine unkontrollierbare Stromschnelle geriet. Sophistisch argumentierte er: »Wenn wir bei uns ein demokratisches System nach westlichem Rezept unter Zwang einführen, wäre das erst recht eine Diktatur.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ganz Mittel- und Osteuropa war das Ende des kommunistischen Zeitalters ohne Blutvergießen vonstattengegangen. In den vergangenen Tagen hatte Mobutu Plätze in Bukarest gesehen, auf denen Zehntausende Menschen der Kälte trotzten, um den Rücktritt des &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; zu fordern. Doch erst diese verwackelten Bilder aus einem kleinen Dorf außerhalb der Hauptstadt ließen ihn schaudern. Plötzlich saßen Nicolae und Elena nicht mehr in dem Klassenzimmer von soeben, sondern standen auf einem leeren Schulhof vor einer gelben Mauer. Mobutu sah eine Staubwolke. Geknatter. Als klappere jemand mit einer Büchse, die mit Steinchen gefüllt war. Fahle Farben. Gedämpfte Stimmen. Ewiger Winter. Die Kamera schwebte anschließend über zwei Wachsfiguren. Elena lag auf der Seite, starrte in die eisige Luft, gleichgültig gegenüber dem Blutstrom, der aus ihrem Schädel rann. Nicolae auf dem Rücken, die Unterschenkel unnatürlich unter dem Körper, wie ein Harlekin. Mobutu konnte den Blick nicht abwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus: gut zehn Jahre zuvor, 1978. Grelles Sonnenlicht. Mobutu, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Aufnahmen seiner massiven Statur. Er hatte zugenommen seit seiner Machtergreifung; das Präsidentenamt hatte ihm unübersehbar gut getan. 1970 und 1977 war er erneut zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Die Dauer einer Amtszeit war auf sieben Jahre erhöht worden, und die Zahl der Amtsperioden war nicht mehr begrenzt. Mobutu war zugleich der einzige Kandidat. Bei den Wahlen mussten die Bürger nur eine grüne oder eine rote Karte in die Wahlurne stecken. Rot, so klärte sie im Wahlbüro ein MPR-Funktionär auf, stand für Chaos, Blutvergießen, fremde Ideologien. Grün sei die Farbe der Hoffnung, des Maniok und des MPR selbst. Wie jemand abstimmte, war offen zu sehen. Mobutu erzielte 98 oder 99 Prozent und regierte komfortabler denn je. Er ging nun mit etwas langsameren Schritten, sprach auch etwas langsamer. Würde bekam größere Bedeutung als Arbeitseifer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rakete war startbereit. Am Rand einer Hochebene – man konnte von hier über das Tal des Luvua blicken – ragte ein schlankes Gebilde, abgestützt von einem doppelten Stahlgerüst, zwölf Meter in die Höhe. Es war Montag, der 5. Juni 1978, mittags um halb zwölf. Ein strahlender Mobutu hatte einen Haufen Freunde und Journalisten eingeladen, damit sie Zeugen eines x-ten Coups wurden: eines Raketenstarts auf zairischem Boden. Ein paar Jahre zuvor hatte er mit einem deutschen Privatunternehmen Vereinbarungen getroffen und der Firma namens OTRAG (Orbital Transport- und Raketen Aktiengesellschaft) ein riesiges Savannengelände zur Verfügung gestellt, damit sie dort mit dem Bau und dem Start kostengünstiger Raketen experimentieren konnte. Die OTRAG erhielt Gelder vom deutschen Bundesforschungsministerium, um eine Alternative zu den teuren Projekten von NASA und ESA zu entwickeln.4 Auf lange Sicht sollten die deutschen Billigraketen Satelliten für einen Pappenstiel in ihre Umlaufbahn befördern. Ein Privatunternehmen, das Raketen baute: Das war ein Unikum in der Geschichte der Raumfahrt. Ein Unternehmen, das sich noch dazu der Unterstützung eines afrikanischen Diktators erfreute: So etwas hatte es noch nie gegeben. Initiator des Projekts war Lutz Kayser, doch der auffälligste Name auf der Gehaltsliste war der von Kurt Heinrich Debus; im Zweiten Weltkrieg hatte Debus am Bau der V2 mitgewirkt, und nach dem Krieg leitete er viele Jahre das Kennedy Space Center, wo er für das Apollo-Programm verantwortlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die OTRAG benötigte ein weiträumiges, leeres Gelände in Äquatornähe und hatte Indonesien, Singapur, Brasilien und Nauru ins Auge gefasst, Länder in Ozeannähe: Dort konnte eine Rakete auch mal abstürzen. Auf Zaire kam man erst später. Die Savanne von Shaba, dem früheren Katanga, war so spärlich besiedelt, dass auch sie als geeignet erschien. Innerhalb von zehn Tagen, im Jahr 1977, war die Sache mit Mobutu abgemacht; ein in jeder Hinsicht verblüffender Deal. Die OTRAG wurde Herr und Meister über ein Gebiet von hunderttausend Quadratkilometern, anderthalbmal so groß wie Irland. Das erinnerte an die Kautschukgesellschaften im neunzehnten Jahrhundert mit ihren umfassenden Konzessionen, die es ihnen erlaubten, ungehindert ihren »Geschäften« nachzugehen. Bis ins ferne Jahr 2000 pachtete die OTRAG fast 5 Prozent des zairischen Territoriums zu ausgesprochen vorteilhaften Konditionen. Das Unternehmen war von Einfuhrzöllen befreit und brauchte für etwaige Umweltschäden nicht aufzukommen. Die Arbeitnehmer brauchten keine Steuern zu zahlen und genossen juristische Immunität. Und da die Savanne nicht so menschenleer war wie der Ozean, durfte die OTRAG sogar einheimische Bevölkerungsgruppen umsiedeln, wenn deren Anwesenheit bei den Raketenstarts hinderlich war. Mobutu, der Mann, der gegen Sezessionen und Rebellionen gekämpft hatte, gab nun faktisch die Macht über einen substanziellen Teil des Landes aus der Hand. Als Gegenleistung verlangte er lediglich 5 Prozent des Nettogewinns, falls jemals ein Gewinn erzielt würde; sobald die Sache erfolgreich war, sollte außerdem ein Beobachtungssatellit zum Zweck der inneren Sicherheit stationiert werden.5 Aber so weit würde es nie kommen. Unterdessen kassierte er jährlich fünfundzwanzig Millionen Dollar Pacht, Geld, das umgehend in seiner Privatschatulle verschwand.6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strahlend beobachteten Mobutu und seine Getreuen den Raketenstart. Abgezählt wurde auf Deutsch. Die ersten beiden Tests waren erfolgreich verlaufen. Ein Jahr zuvor hatte man unter größter Geheimhaltung eine sechs Meter lange Rakete auf eine Höhe von zwanzig Kilometern bekommen. Zwei Wochen davor war eine schwerere Ausführung sogar dreißig Kilometer hoch gestiegen. Heute konnte es nicht schiefgehen. Hundert Kilometer hoch sollte das Riesending aufsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu mochte solche Schauspiele. Hatte er nicht die Mondreisenden nach Kinshasa eingeladen? Hatte er nicht dafür gesorgt, dass der Boxkampf des Jahrhunderts im Kongo stattfand? War die öffentliche Hinrichtung nicht auch ein Schauspiel gewesen? Aber Veranstaltungen allein reichten nicht. Er wollte das Land auch mit einer Reihe von megalomanen Infrastrukturprojekten beglücken. Den Inga-Staudamm am Kongofluss ließ er zu einem der größten Wasserkraftwerke Afrikas ausbauen. Als der neue Staudamm »Inga II« 1982 fertiggestellt war, war er auf eine Kapazität von 1424 Megawatt ausgelegt, rund viermal so groß wie Inga I mit seinen 351 Megawatt. Kurz darauf begann Mobutu schon von Inga III zu träumen, einem Kraftwerk, das 30.000 Megawatt erzeugen sollte; es wäre das größte Kraftwerk der Welt, ausreichend, um ganz Afrika und einen Teil Europas mit Energie zu versorgen. Bevor es so weit war, ließ er von Inga aus eine Hochspannungsleitung zur Bergbauprovinz Shaba anlegen, 1800 km Kabel mitten durch den Urwald. Shaba selbst war mit Elektrizitätswerken zwar ausreichend versorgt, doch mit Hilfe dieser Leitung konnte Mobutu den Finger am Hauptschalter der aufständischen Provinz halten. Zehntausend Hochspannungsmasten mussten dafür errichtet werden. In Maluku, am Kongofluss nördlich von Kinshasa, ließ er eine Stahlgießerei bauen, die jährlich 250.000 Tonnen Stahl produzieren sollte.7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle diese Prestigeprojekte wiesen übereinstimmende Merkmale auf: Sie wurden von ausländischen Firmen realisiert, sie waren mit den allerneuesten technischen Schikanen ausgestattet, sie wurden fix und fertig geliefert – und sie funktionierten nie wie erwartet. Sobald die Rechnungen bezahlt waren, zogen sich die französischen, italienischen oder amerikanischen Firmen zurück, und für die ganze Hightech-Apparatur waren Leute verantwortlich, die damit nicht umzugehen wussten und auch keine Chance bekamen, es zu lernen. Inga II verschlang 478 Millionen Dollar, aber Zaire war nach wie vor ein Land mit häufigen Stromausfällen.8 Die Turbinen wurden nicht gewartet, und zwei der acht, die heute noch in Betrieb sind, erzeugen nur 30 Prozent der geplanten Stromproduktion. Die Hochspannungsleitung nach Shaba kostete die schwindelerregende Summe von 850 Millionen Dollar, aber transportierte oft nicht mehr als 10 Prozent der Strommenge, auf die sie ausgelegt war.9 Zudem hatte man beim Bau auf Abzweigstellen für die Städte und Dörfer entlang der Leitungsstrecke verzichtet. Die Stahlfabrik Maluku hatte 182 Millionen Dollar gekostet, doch der Betrieb schrieb nie schwarze Zahlen: Das einheimische Eisenerz konnte er nicht verarbeiten, nur importierten Schrott einschmelzen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Geld, das zum Fenster hinausgeworfen wurde . . . Nie wurde mir das so deutlich bewusst wie an dem Tag im Jahr 2007, als Zizi mich zum ersten Mal durch das Haus des Staatsrundfunks führte. Mobutus Bauwut beschränkte sich nicht auf die Schwerindustrie; auch Kinshasa musste aufgehübscht werden, wie Brüssel zur Zeit von Leopold II. Im Stadtteil Limete entstand ein gewaltiger Verkehrsknotenpunkt mit breiten Zu- und Abfahrten und kühnen Überführungen; in der Mitte des Kreisverkehrs erhob sich eine modernistische Imitation des Eiffelturms, ein spitz zulaufendes Bauwerk aus Stahl und Beton, um die 150 Meter hoch. In die Spitze sollte ein Panoramarestaurant kommen, doch der Komplex wurde nie fertiggestellt. Am Ufer des Kongoflusses ließ er das CCIZ errichten, Zaires internationales Handelszentrum, ein sündhaft teures Gebäude, das schon seit Jahrzehnten vor sich hin rottet. Als kurz nach der Einweihung die Klimaanlage ausfiel, stellte sich heraus, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen – sehr misslich im Tropenklima. Im Stadtzentrum wurde eine schicke Shopping-Mall mit Rolltreppen aus dem Boden gestampft, die &#039;&#039;Galéries présidentielles&#039;&#039;. Und ein paar Kilometer weiter entstand der Medienpark des RTNC, des staatlichen Rundfunks, Zizis neuer Arbeitsplatz. Kostenpunkt: 159 Millionen Dollar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das hier haben die Franzosen gebaut«, sagte er, als er mich herumführte, »sie waren unheimlich scharf auf den Auftrag. Zum Dank lieferten sie Mobutu gratis Mirage-Kampfflugzeuge.« Er zeigte mir die verfallenen Aufnahmestudios. Zwei von den neun wurden noch benutzt: riesengroße Hallen ohne Ausstattung. Bei Live-Sendungen behalfen sich ein paar unentwegte Journalisten mit zwei alten Kameras und ein paar Mikrophonen, wenn überhaupt Strom da war. Ich durfte es einmal selbst miterleben. Im Rahmen eines Austauschprogramms für Künstler aus Brüssel und Kinshasa saß ich mit ein paar anderen Gästen in einer morgendlichen Talkrunde. Deckenplatten hatten sich gelöst. Im Licht der Scheinwerfer sahen wir den Asbeststaub unaufhörlich herabrieseln. Stromkabel lagen frei, Mischpulte fielen fast auseinander. Es war mir ein Rätsel, wie von hier aus noch Live-Fernsehen ausgestrahlt werden konnte. Vor der Talkshow war noch eine Nachrichtensendung. Die Sprecherin hatte keinen Teleprompter, nicht mal ein Manuskript, aber sie trug alle Punkte untadelig vor, auswendig, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten und mit verblüffender Präsenz. Als die Übertragung schon ein paar Minuten lief, stellte allerdings ein Techniker fest, dass kein Mikrophon auf ihrem Tisch stand. Die Sendung musste unterbrochen werden. Während das Team fieberhaft nach einem Mikrophon suchte, das noch tauglich war, bekamen die Zuschauer im Kongo für etliche Minuten das Testbild zu sehen. Die elegante Nachrichtensprecherin saß derweil allein an ihrem hell erleuchteten Tisch, in der endlosen Weite eines dunklen, maroden Studios.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang war dieser Komplex für sechstausend Angestellte gedacht«, erklärte mir Zizi, »jetzt arbeiten hier noch zweitausend.« Das zentrale Gebäude war ein neunzehn Stockwerke hoher Phallus. Der Empfang in der Halle hatte eine Schaltzentrale für Hunderte von externen Fernsprechleitungen. Sie war schon seit Jahren außer Betrieb, genau wie die Fahrstühle. Alle Mitarbeiter mussten die Nottreppe benutzen, ein dunkles, an Bilder von Escher erinnerndes Labyrinth, das penetrant nach Urin stank, denn auch die Wasserzufuhr zu den höheren Etagen funktionierte nicht mehr. In früheren Zeiten hatte der Verwaltungschef sein Büro im obersten Stockwerk des Hauses, mit einem majestätischen Ausblick über die ganze Stadt. Heute will niemand mehr diesen Adlerhorst erklimmen. Der heutige Chef genießt das große Vorrecht, im Erdgeschoss zu arbeiten. Je höher der Arbeitsplatz, desto niedriger der Rang. »Was für eine Verschwendung«, seufzte Zizi, als wir zu seinem Büro im fünften Stock hinaufkletterten, »der RTNC, das CCIZ, die ganzen Projekte . . . und das zu einem Zeitpunkt, als anderswo so große Armut herrschte.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu weiterhin mit Geld nur so um sich warf, ist schon erstaunlich. Seit 1975, als im Nachbarland Angola ein nicht enden wollender Entkolonialisierungskrieg ausgebrochen war, konnte Zaire die Benguela-Bahn nicht mehr nutzen, jene Bahnlinie, bei der mein Vater gearbeitet hatte und die das Bergbaugebiet Katangas mit dem Atlantik verband. Die Ausfuhr von Erzen wurde viel umständlicher, und Mobutu entgingen viele Devisen. Das Land zerbröselte, doch das schien kaum in sein Bewusstsein zu dringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Vier, drei, zwei, eins . . .&#039;&#039; Eine Stichflamme leuchtete auf. Es dröhnte immer lauter. Langsam löste sich die Rakete von der Startrampe. Hundert Kilometer sollte sie aufsteigen, ein neuer Schritt in der afrikanischen Raumfahrt. Ein reiches Buffet stand schon für die Gäste bereit. Aber noch ehe der Flugkörper die Startrampe verlassen hatte, konnte schon ein Kind sehen, dass es missglückte. Die Rakete hing schief, beschrieb eine formvollendete Schleife nach links und schlug ein paar hundert Meter weiter im Luvuatal auf, wo sie explodierte. Eine dichte Rauchwolke stieg aus der Savanne auf, und Mobutu drehte sich schweigend um. Am Himmel sahen die Zuschauer noch ein paar Sekunden die dunkle Rauchfahne der Kurve, die die Rakete beschrieben hatte.12 Eine Parabel aus Ruß. Als sei es die graphische Darstellung von Mobutus Regierung: Nach dem steilen Aufstieg der ersten Jahre kippte sein Zaire endgültig und stürzte in den Abgrund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nicht der einzige Absturz in jenen Jahren. Zwischen 1974 und 1980 stürzten zwei C-130-Transportmaschinen der Luftwaffe Zaires ab, außerdem zwei Macchi-Jagdflugzeuge, drei Alouette- und vier Puma-Helikopter.13 Keiner dieser Abstürze geschah bei Kampfhandlungen. Der Grund für so viel Pech? Die Soldaten wurden so schlecht bezahlt, dass sie angefangen hatten, die Ersatzteile der Maschinen zu verscherbeln. Pierre Yambuya, ein Helikopterpilot der Nationalarmee, erlebte es aus der Nähe mit. Seine Aussage erlaubte einen außergewöhnlichen Einblick in den Zustand der damaligen Streitkräfte. »Jeder, der ein Privatflugzeug besaß, wusste, dass es in Kinshasa den preisgünstigsten Ersatzteilmarkt der Welt gab. Militärangehörige verkauften dort Flugzeugteile zwanzig Mal billiger als der Fabrikpreis.«14 Mobutu spielte sich groß auf mit seinen Prestigeprojekten, vernachlässigte aber zunehmend die Institution, der er seinen Staatsstreich verdankte: die Armee. Piloten der Luftwaffe besserten ihr Einkommen außerdem auf, indem sie überall, wo sie landeten, einen Teil des Kerosins an die Bevölkerung verkauften, die ihre Petroleumlampen damit füllte. Das bürgerte sich so sehr ein, dass Kinder mit gelben Kanistern zum Flugplatz rannten, sobald eine Armeemaschine gelandet war. Pierre Yambuya wusste, wovon er sprach: »Ein Feldwebel verdiente 280 Zaïre, ein Sack Reis kostete damals 1200 Zaïre. Ein Adjutant bekam 430 Zaïre. Für eine Schuluniform bezahlte man damals aber 850 Zaïre, und für die 5 Zaïre, die seinen Kindern zustanden, konnten sie sich nicht mal einen Bleistift kaufen.« Tja, das macht Korruption sehr begreiflich. Die Soldaten protestierten nicht »nach oben«, denn das hätte sie den Job oder sogar das Leben kosten können, sondern wiederholten auf niedrigerer Ebene das, was über ihren Köpfen geschah. »Um einigermaßen anständig leben zu können, habe ich zum Beispiel den Treibstoff für meinen Hubschrauber verkauft. Mein Oberst hat sich das Geld für meine Einsätze in die eigene Tasche gesteckt und zu mir gesagt: ›Wenn du irgendwo landest, verkaufst du doch sowieso deinen Sprit. Das ist natürlich deine Sache.‹«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire erkrankte. Die tiefere Ursache war Geldmangel (aufgrund der Kupferkrise, der Ölkrise, der schiefgelaufenen Zairisierung und der grotesken Ausgabenpolitik), und die schlimmsten Symptome waren der Ausfall des Staates und die Verbreitung der Korruption. In der Armee zeigte sich das am schnellsten. Militärs nahmen Armeefahrzeuge aus den Kasernen mit und betätigten sich als Taxifahrer. Aus den Kantinen verschwanden Radios und Plattenspieler, aus den Garagen Bulldozer und Sattelschlepper. Offiziere setzten sogar Untergebene privat als Hauspersonal ein. In den Kasernen gab es hohe Fehlzeiten; die Ausfälle betrugen manchmal mehr als 50 Prozent. Die paar Soldaten, die zum Appell erschienen, waren nicht sonderlich motiviert. Disziplin war etwas aus längst vergangenen Zeiten. Ein internes Dokument, das &#039;&#039;Mémorandum de Réflexion&#039;&#039;, scheute keine Selbstkritik, als es darum ging, die Moral der Truppe kurz und bündig zusammenzufassen: »Alle wollen befehlen, aber keiner will gehorchen.«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unterdessen standen jenseits der angolanischen Grenze die Veteranen der katangesischen Sezession, die Truppen Tschombés. Viele gehörten zum Stamm der Lunda, einem Volk, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Angola erstreckte. Vor vielen Jahren, nach ihrem Sieg über die Simba-Rebellen, hatte Mobutu sie von der nationalen Bühne vertrieben, doch nun sannen sie, zusammen mit ihren Söhnen und neuen Rekruten, auf Rache. Die berüchtigten Katanga-Gendarmen hatten eine merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Während der Abspaltung Katangas (1960-1963) kämpften sie für ein politisch rechts angesiedeltes, von Europäern angeleitetes Katanga, in Angola aber stellten sie sich ab 1975 auf die Seite des marxistischen MPLA, des Movimento Popular de Libertação de Angola. Dieser ideologische Umschwung hatte einen simplen Grund: Der MPLA verabscheute, wie sie, Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Nelkenrevolution in Portugal begann in Angola 1975 ein heftiger Entkolonialisierungskampf. Wie im Kongo ging es um den Thron, doch in Angola verlief der Kampf sehr viel blutiger. Es gab drei Fraktionen. Der linksgerichtete MPLA von Agostinho Neto stand dem FNLA von Holden Roberto und der UNITA von Jonas Savimbi diametral gegenüber. Die Großmächte mischten sich ein. Angola wurde der Ort, an dem der Kalte Krieg seine heißeste Phase in Afrika erlebte. Der MPLA wurde von der UdSSR und Kuba massiv unterstützt, die beiden anderen Milizen konnten auf die USA zählen. Der amerikanische Beistand verlief über Südafrika und Zaire: Pretoria unterstützte Savimbi im Süden, Kinshasa Holden im Norden. Da Holden zudem der Schwager Mobutus war, schlossen sich die ehemaligen Katanga-Gendarmen dem MPLA an. Ihr Anführer war Nathanaël Mbumba, ihr neuer &#039;&#039;nom de guerre&#039;&#039; FLNC (Front pour la Libération Nationale du Congo), ihr Beiname &#039;&#039;les Tigres Katangais&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweimal fielen die Rebellen in Zaire ein. 1977 und 1978 überquerten sie die Grenze und eroberten große Teile im Westen von Shaba (im sogenannten Ersten und Zweiten Shaba-Krieg). Zahlenmäßig und logistisch waren sie viel schwächer als die Regierungsarmee, aber die lokale Bevölkerung empfing sie mit großem Jubel, nicht nur, weil sie auch Lunda waren, sondern weil die Leute Mobutu satt hatten. Die Rebellen gewannen mühelos Terrain und eroberten 1978 sogar die wichtige Minenstadt Kolwezi. Zum ersten Mal seit zehn Jahren war Mobutu mit einem militärischen Aufstand konfrontiert. Dissidenten, die nach Brüssel und Paris geflohen waren, hofften auf einen Umsturz und das Ende der Mobutu-Diktatur und sahen in der Invasion den »Embryo einer Volksarmee«.17 Mbumba sollte dem Traum von Lumumba und Mulele neues Leben einhauchen. Das Reich des Sonnenkönigs schien für einen Moment ins Wanken zu geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu selbst setzte alles daran, die Rebellion als ausländische, marxistische Einmischung hinzustellen. Er erklärte Mbumba für eine Schachfigur des MPLA, von Kuba und der Sowjetunion gesteuert. Mit solchen Argumenten hoffte er ausländische Hilfe loszueisen, denn seine eigene Armee war zu nichts mehr zu gebrauchen. Sein Kalkül ging auf. Der Erste Shaba-Krieg wurde nach achtzig Tagen von marokkanischen Truppen beendet, die mit französischen Armeemaschinen eingeflogen worden waren. Der Zweite Shaba-Krieg wurde schon nach wenigen Tagen von französischen Fremdenlegionären und belgischen Fallschirmjägern niedergeschlagen. Mobutus Bündnispartner traten blitzschnell in Aktion, nachdem die Rebellen in Kolwezi dreißig Weiße in einer Villa abgeschlachtet hatten. Was die ausländischen Freunde nicht wussten, war, dass nicht die Rebellen, sondern höchstwahrscheinlich Mobutus Soldaten selbst die Mörder waren. Helikopterpilot Pierre Yambuya war zu diesem Zeitpunkt in Kolwezi und ließ nicht den geringsten Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 14. Mai, um 17 Uhr, gibt Oberst Bosange [von der Regierungsarmee] plötzlich den Befehl, alle Europäer, die in der Villa eingeschlossen sind, zu erschießen. Er sagt, es seien alles Söldner. Bosange duldet keine Widerrede, und General Tshikeva sagt dazu kein Wort. Nur der alte Musangu protestiert. Bosange gibt dem Chef des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes, Leutnant Mutuale, und drei anderen Soldaten den Auftrag, seinen Befehl auszuführen. Mutuale und sein Exekutionskommando begeben sich zur Villa, deren Türen und Fenster hermetisch abgeschlossen sind. Durch die Rollladen hindurch schießen die Soldaten ihre automatischen Waffen leer. Das Schnellfeuer hallt wie der Lärm eines Zusammenstoßes. Fünf Minuten später sind Mutuale und seine Leute zurück: Befehl ausgeführt.18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu kannte sich in der Geschichte aus. 1960 hatte Belgien im Kongo interveniert, weil in Elisabethville fünf Weiße ermordet worden waren. 1964 war Stanleyville von belgischen Fallschirmjägern entsetzt worden, weil Hunderte Weiße als Geiseln genommen worden waren. Töte ein paar Europäer, wusste Mobutu, und du hast eine westliche Armee an deiner Seite, jedenfalls solange du die Schuld auf jemand anderen schieben kannst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Shaba-Kriege waren von kurzer Dauer, die Lektionen aber, die sich daraus ziehen ließen, sehr bedeutsam. Erstens: Mobutu schreckte tatsächlich vor nichts zurück, um seine Position zu halten. Zweitens: Seine Armee war nutzlos. Drittens: Er überlebte dank ausländischer Hilfe. Die USA waren schon seit 1960 ein treuer Bündnispartner (das Verhältnis blieb freilich nicht ohne Spannungen), aber nun kam auch noch Frankreich hinzu. Präsident Giscard d&#039;Estaing verfolgte eine sehr bewusste Politik, um den französischen Einflussbereich in Zentralafrika zu erweitern. Als größtes französischsprachiges Land der Welt weckte Zaire selbstverständlich sein Interesse. Noch 1960, als die Entkolonialisierung in vollem Gange war, hatte Frankreich versucht, den Kongo von Belgien zu übernehmen und sich dabei auf das historische Vorkaufsrecht, das &#039;&#039;droit de préemption&#039;&#039; van 1885 berufen!19 Giscard hatte jedoch eher finanzielle Vorteile im Auge. Der Handel mit Zaire wurde spürbar intensiviert. Das war auch der Hintergrund beim Deal um die Fernsehstudios, die französische Firmen als Dank für die Mirages errichten durften. Der wichtigste Bauunternehmer war ein Cousin Giscards, und ein anderer Cousin von ihm gehörte zu den größten Finanziers.20 Nepotismus war schließlich keine zairische Erfindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa und in Brüssel sprach ich mehrmals mit Oberst Eugène Yoka, der einer der sehr wenigen Düsenjägerpiloten in der zairischen Armee gewesen war. Er war der Sohn der letzten noch lebenden Witwe eines Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und kam aus einer Familie von Militärs. Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft, sein Großvater war einer der ersten Soldaten der Force Publique gewesen. Er selbst hatte mehr als zweitausend Flugstunden absolviert. 1961 gehörte er zum ersten Kontingent kongolesischer Piloten; fliegen gelernt hatte er im belgischen Tienen auf einer SV-4B, einem Doppeldecker mit Propeller. Danach war er Dakotas geflogen, T-6, P.148, alle möglichen Maschinen. Beim ersten Flug der Concorde nach Afrika 1973 war er dabei; Mobutu würde das Überschallflugzeug noch mehrmals chartern, unter anderem, um mit seiner Familie einen Ausflug nach Disneyland Paris zu machen.21 Und Yoka trat dem auserwählten Kreis von Piloten bei, die die Mirage fliegen konnten. Er war dazu in Frankreich ausgebildet worden. Ich fragte ihn, wie er die Shaba-Kriege erlebt habe. »Ich war dabei«, sagte er, »beim ersten und beim zweiten Krieg, aber nicht als Pilot.«22 Die gleiche Antwort hatte ich von Alphonsine Mosolo bekommen, der ersten Fallschirmspringerin, die in Israel ausgebildet worden war. »Die Kriege von 1977 und 1978, in denen brauchte ich nicht zu springen.« Beide waren im Ausland gründlich ausgebildet worden, beide mussten zu den alljährlichen Paraden in Kinshasa antraben, aber keiner von beiden hatte sein Können beweisen müssen, als es darauf ankam. Die Streitkräfte waren offenbar zu nichts nütze. Alphonsine sagte: »Statt zu springen musste ich für Mobutu kochen, auf der Kamanyola. Das war seine Privatyacht, mit der fuhr er auf dem Fluss. Eines Abends war an Bord eine kleine Party. Ich war mit Kochen fertig. Mobutu legte Wert auf eine gesellige Atmosphäre, und er war eine richtige Stimmungskanone. Ich saß auf einem Stuhl, aber er meinte, ich solle tanzen. Er zog mir sogar die Schuhe aus, damit ich endlich tanzte. Wirklich! Der Präsident persönlich! Auf den Knien! Und meine Füße haben so gestunken!«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu konnte weitertanzen, weil er davon überzeugt war, dass die Rezession, mit der sein Land zu kämpfen hatte, nur ein vorübergehendes Tief war. Das Kupfer brachte eben für eine Weile weniger ein, und das gerade jetzt, wo der Ölpreis so hoch war. Jeder könne mal einen Rückschlag erleiden, argumentierte er, vor allem, wenn die Wirtschaft in so hohem Maße von einem einzigen Sektor wie dem Bergbau abhängig sei. Ja, sein Land könne nicht alle Kredite gleichzeitig abbezahlen, das stimme, aber in Kürze würde die weltweite Nachfrage nach Erz sicherlich wieder steigen. Er wandte sich an seine französischen und amerikanischen, aber auch an neue arabische Verbündete mit der Bitte, ihm vorübergehend auszuhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaires Schuldenlast war jedoch nicht nur konjunkturbedingt. 1977 belief sich das Haushaltsdefizit auf 32 Prozent des Gesamtetats.24 Jahr für Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um mehrere Prozent.25 Eine jährliche Inflationsrate von 60 Prozent wurde zum Normalzustand.26 Zwischen 1974 und 1983 versechsfachten sich die Preise.27 Die Bevölkerung wusste, dass es sich nicht mehr um ein vorübergehendes Problem handelte. Für ein Kilo Reis mussten die Menschen im Jahr 1984 zwei ganze Tage arbeiten, für ein Kilo Rindfleisch mehr als zehn Tage. Der einfache Zairer, der für seine Familie Maniok gleich in einem preisgünstigeren 40-kg-Sack erwerben wollte, musste dafür achtzig Tage lang schuften.28 Und wenn er das Geld beisammen hatte, war der Preis schon wieder gestiegen. 1979 betrug die Kaufkraft nur noch 4 Prozent der Kaufkraft des Jahres 1960.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Westliche und japanische Banken hatten dem jungen Mobutu anfangs recht problemlos Kredite eingeräumt, damit er die Industrialisierung des Landes vorantreiben konnte – Zaire war ja reich –, doch ab 1975 fürchteten sie um ihr Geld. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Schuldenlast Zaires 887 Millionen Dollar bei insgesamt achtundneunzig Banken.30 Die Banken taten sich zum sogenannten Pariser Club zusammen, um ihre Forderungen zu bündeln. Sie klopften beim Internationalen Währungsfonds an, dem finanziellen Wachhund der Weltwirtschaft, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen worden war, um eine neue Depression wie in den dreißiger Jahren abzuwenden. Der IWF sollte durch Überbrückungskredite verhindern, dass Zaire völlig aus der Bahn geriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte jedoch wenig Lust, sich vom IWF in die Karten gucken zu lassen. Seine gesamte Macht beruhte ja auf der ständigen Alimentierung eines umfangreichen Gefolges. Ließ er den IWF zu, konnte er seine Wohltaten nicht mehr verteilen. Ließ er ihn nicht zu, hatte er kein Geld mehr. Letzteres würde seine Regierung sofort zusammenbrechen lassen, Ersteres bot noch Möglichkeiten. Also galt es, gegenüber dem IWF Lippenbekenntnisse zu leisten und zu allen Bedingungen freundlich zu nicken, damit er anschließend hinter den Kulissen ungestört weiter die Staatskasse plündern konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu, der Mann, der ständig auf die »wirtschaftliche Unabhängigkeit« seines Landes gepocht hatte, musste nun akzeptieren, dass der IWF, der Pariser Club und später auch die Weltbank entscheidenden Einfluss auf die Innenpolitik seines Landes nahmen. 1976 legte der IWF den ersten von vielen Stabilitätsplänen für Zaire vor. Im Gegenzug für eine erste Tranche von siebenundvierzig Millionen Dollar musste Mobutu die Staatsausgaben verringern, die Steuereinnahmen erhöhen, die Währung abwerten, die Produktion und die Infrastruktur stimulieren und das Finanzmanagement verbessern. Nur dann waren die internationalen Banken bereit, über eine eventuelle Stundung zu reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollten noch viele Kapitalspritzen und Überbrückungskredite folgen, aber allein schon in der Zeit zwischen 1977 und 1979 unterschlug Mobutu den vorsichtigsten Schätzungen zufolge mehr als zweihundert Millionen Dollar für sich und seine Familie.31 Nach den Stabilitätsplänen der siebziger Jahre kamen die viel drastischeren Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre, aber auch die brachten keinen Wandel. Um das Jahr 1990 war der Schuldenberg Zaires auf die irrwitzige Summe von mehr als zehn Milliarden Dollar angewachsen. Erst dann wurde Mobutu der Geldhahn zugedreht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus kreative Buchhaltung war freilich schon vorher aufgefallen. Es war ein akribischer deutscher Bankier, der die unangenehme Wahrheit aussprach. Erwin Blumenthal, jahrelang Top-Banker bei der Deutschen Bundesbank, durfte 1978 im Auftrag des IWF den Schutthaufen namens »Zairische Nationalbank« aufräumen. Es war die Zeit, in der der IWF die wichtigsten Finanzinstitutionen des Landes unter Vormundschaft stellte. Gewissenhaft und verzweifelt versuchte Blumenthal, die Zentralbank mit eisernem Besen auszufegen; immer wieder stieß er auf Fälle von skrupelloser Korruption. »Es gibt keinen Verantwortlichen des Fonds oder der Weltbank, der nicht weiß, dass jeder Versuch, eine striktere Etatkontrolle einzuführen, auf ein bedeutendes Hindernis stößt: &#039;&#039;the Presidency«&#039;&#039;, schrieb er. »Wer ruft: Haltet den Dieb!? Jede Kontrolle der Finanztransaktionen des Präsidentenbüros ist unmöglich. In diesem Büro wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen persönlichem Bedarf und Staatsausgaben. Wie ist es möglich, dass internationale Institutionen und westliche Regierungen Präsident Mobutu blind vertrauen?«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die systematische Unterschlagung von Staatsgeld, seine Entdeckung einer ganzen Reihe von Geheimkonten in Europa, die schamlose Raffkultur Mobutus und seiner Clique erfüllten Blumenthal mit Abscheu. Nach nicht einmal zwei Jahren gab er auf. Der vertrauliche Abschlussbericht, mit dem er sein Amt niederlegte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Zweifellos werden neue Versprechen Mobutus und seiner Regierung folgen, und die Auslandsschulden, die unaufhörlich wachsen, werden erneut gestundet werden, aber es besteht keine einzige, ich wiederhole, keine einzige Chance, dass die ausländischen Schuldner ihr Geld jemals wiedersehen.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blumenthal-Bericht war für Mobutu und seinen Clan so belastend, dass sein Inhalt früher oder später durchsickern musste. Zizi Kabongo erinnerte sich noch immer an diese Jahre: »Mobutu wollte auf keinen Fall, dass der Bericht hier erschien. In Zaire wusste erst niemand davon, aber in Paris hatte Nguza Karl-I-Bond den Text veröffentlicht. Journalisten, die aus dem Ausland zurückkamen, wurden auf dem Flughafen gefilzt.« Nguza war acht Monate lang Premierminister unter Mobutu gewesen. Nachdem er 1981 in Ungnade gefallen war, emigrierte er nach Europa und bombardierte Mobutus Regierung von dort aus unermüdlich mit Büchern und Schmähschriften. Für ihn war der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; die Verkörperung der »Zairischen Krankheit«.34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal bestätigte, was jeder vermutet hatte, doch seine Enthüllungen bewirkten keine grundlegende Änderung. Zaires Staatsverschuldung betrug 1981 bereits fünf Milliarden Dollar; für die Franzosen war Mobutu jedoch ökonomisch und kulturell ein so wichtiger Partner, dass man ihm nicht allzu streng entgegentreten wollte, und den Amerikanern war er äußerst wertvoll als Verbündeter in einem Afrika, das sich zunehmend auf sozialistische und kommunistische Experimente einließ (Angola, Kongo-Brazzaville, Uganda, Tansania und Sambia, um nur Nachbarländer zu erwähnen). &#039;&#039;»Mobutu is a bastard, but at least he is our bastard«&#039;&#039;, so sah es der CIA. In Geheimberichten hieß es, dass »ein negatives Votum des IWF oder eine negative Haltung der USA Mobutu vielleicht veranlassen könnte, unsere außerordentlich stabilen Beziehungen neu zu überdenken. Das könnte ein Programm gefährden, dem der Präsident [Reagan] höchste Bedeutung für die Sicherheit der USA beimisst.«35 Vor allem republikanische Präsidenten wie Nixon, Reagan und Bush sen. unterhielten sehr herzliche Kontakte mit Kinshasa; zur Zeit Carters kühlten die Beziehungen vorübergehend ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Logik des Kalten Krieges bürdete dem Wiederaufbauprogramm des IWF eine schwere Hypothek auf. Doch auch der IWF war nicht frei von Schuld. Historisch betrachtet war diese Institution nicht gegründet worden, um armen Ländern aus der Bredouille zu helfen, sondern um weltweite Finanzkrisen zu verhindern.36 Auch in den siebziger Jahren hatten die feinbesaiteten Mitarbeiter in der Regel mehr Ahnung von Makroökonomie als von Anthropologie. Sie lasen lieber Tabellen in ihren Washingtoner Büros, als sich mit den Menschen zu unterhalten, um die es ging. Dieser Mangel an landeskundlichem Wissen führte zu sehr glücklosen Resultaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Weihnachtstag 1979 fand unter der Aufsicht des IWF eine der bemerkenswertesten Währungsmaßnahmen in der Geschichte des Landes statt: die Geldentwertung. Um die Inflation zu bekämpfen, mussten die Bürger alle Fünf- und Zehn-Zaïre-Scheine, die zu jener Zeit höchsten Stückelungen, zur Bank bringen und gegen neue Banknoten eintauschen. Ende 1976 waren 59.000 Fünf-Zaïre-Scheine in Umlauf, Ende 1979 waren es 363.000, sechs Mal so viel. Geld ist für die Wirtschaft das, was Öl für einen Motor ist: zu wenig ist nicht gut, aber zu viel auch nicht.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Inflation war das Horten von Geld ein Problem. In einem weiträumigen Land mit einer desolaten Wirtschaft wie dem Kongo konnte oder wollte fast niemand sein Geld zur Bank tragen. Man behielt es bei sich in Koffern, Kissen oder Krügen. Didace Kawang, ein Bühnenautor, der einmal bei mir an einer Masterclass für Dramatiker teilnahm, erzählte über seinen Onkel, einen erfolgreichen Händler in Lubumbashi: »Er trieb Handel mit Sambia. Er scheffelte Geld, er hatte Stapel von Banknoten. Damit er es überschauen konnte, machte er davon &#039;&#039;Ziegel&#039;&#039;, backsteindicke Bündel, mit einem Gummiband darum. Er hatte eine Matratze aus Geld. Wirklich! Er schlief darauf!«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Wirtschaft eines Landes, wussten die Banker des IWF, ist es sehr ungesund, wenn sich viel mehr Geld im Umlauf befindet (in Form von Münzen und Banknoten), als auf Bankkonten geführt wird. Sie kannten die großen Theorien: Geld, das auf der Bank liegt, dient dazu, neue Kredite zu gewähren, Geld, das unterm Kopfkissen liegt, hilft der Wirtschaft keinen Zentimeter weiter. Um diesem Horten entgegenzusteuern, griffen sie zum Verfahren der Geldentwertung. Wer am 25. Dezember 1979 mit seinen gebündelten Geldscheinen zur Bank ging, bekam dafür neue Banknoten ausgehändigt, jedenfalls für die Hälfte des Betrages. Die andere Hälfte musste er sich auf einem Konto gutschreiben lassen. Das war eine pfiffige Methode, große Mengen »toten« Geldes wieder zum Leben zu erwecken und gleichzeitig gegen die Inflation vorzugehen. Doch die Sache ging schief. Damit kein Bürger seine Rücklagen ins Ausland schaffte, war die Aktion absichtlich sehr spät angekündigt und außerdem nur ein einziger Tag dafür angesetzt worden. Die Grenzen wurden geschlossen, sogar der Luftraum wurde gesperrt. Zaire sollte sich kurz finanziell erfrischen und dann wieder strahlend ins Scheinwerferlicht treten. Aber für eine derartige Blitzaktion war das Land viel zu weiträumig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch mein Onkel wurde gezwungen, bei der Bank zu sparen«, erzählte Didace. »Es war aber nur ein einziger Tag dafür vorgesehen. Vor der Bank war eine riesige Menschenschlange. Die Leute brachten das Geld säckeweise. Die Sonne ging unter, und mein Onkel hatte sein Geld noch nicht umgetauscht. Seine ganzen Stapel waren wertlos geworden . . . Auf einen Schlag war er bettelarm. Er ist in seinem Dorf gestorben.« Und er war längst nicht der Einzige, dem es so erging. Viele Zairer, die zu weit entfernt von einer Bank wohnten oder die Aktion nicht begriffen hatten, verloren sämtliche Ersparnisse, während die Kreise um Mobutu schon eine Weile vorher informiert worden waren und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Maßnahmen des IWF verfehlten nicht nur in praktischer Hinsicht ihr Ziel, es lag auch an der zugrunde liegenden Philosophie. Die Institution sollte nach dem Börsenkrach von 1929 dazu beitragen, die Auswüchse eines zügellosen Marktdenkens zu bändigen, doch im Jahr 1975 hatte sich der IWF selbst zu einem der größten Verfechter des freien Marktes entwickelt. Fast alle Mitarbeiter gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Schaffung günstiger Marktbedingungen ausreiche, um eine nationale Ökonomie anzukurbeln, und ließen die lokale Kultur, den Zustand der Wirtschaft und die Struktur des Staates außer Acht. Auch hier war eine beträchtliche makroökonomische Blindheit im Spiel. Solange sich der Staat nur zurückhielt, würde die unsichtbare Hand alles regeln, wiederholte man wie ein Mantra. Es gab keinerlei Überlegungen zum Tempo und zur Reihenfolge der notwendigen Veränderungen.39 Alle Maßnahmen wurden gleichzeitig eingeführt, ein Gesamtpaket in Form von Programmen zur »strukturellen Anpassung«. Für diese Liberalisierungsfundamentalisten war jegliche Form von Armut, von der sie hinterher aus den Berichten erfuhren (denn vor Ort erschienen sie nur selten), auf die mangelhafte Umsetzung ihrer unfehlbaren, ja heiligen Rezepte zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire wurde die Währung sechsmal abgewertet: 1975 war 1 Zaïre noch immer zwei US-Dollar wert, 1983 nur noch 0,03 US-Dollar.40 Das sollte den internationalen Handel stimulieren. Im Rahmen der »Strukturanpassung« verlangte der IWF eine drastische Einschränkung der Staatsausgaben und weitgehende Privatisierungen. Die staatlichen und semistaatlichen Unternehmen sollten verschlankt werden und größere Autonomie erhalten. Infrastruktur und Produktion sollten verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den frühen achtziger Jahren schienen die Rezepte zunächst erfolgversprechend. Die Inflation wurde tatsächlich gedämpft, und die Wirtschaft erholte sich sichtlich. Die Tabellen sahen gut aus. Die Gläubiger des Pariser Clubs atmeten erleichtert auf und hofften, das Geld aus ihren Krediten vielleicht doch wiederzusehen. Neunmal erklärten sie sich mit einer Neuordnung der Schulden einverstanden. Im Land selbst aber entwickelte sich die Sache völlig anders. Wie so oft bei Interventionen des IWF war der Erfolg von kurzer Dauer. Die Inflation kehrte nach einiger Zeit zurück, die Armut wuchs. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank dramatisch von sechshundert Dollar 1980 auf zweihundert Dollar 1985.41 Die Menschen hatten weniger zu essen, die Kindersterblichkeit war hoch. Zwiebeln wurden viertelweise verkauft.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verwaltung schrumpfen? Die Zahl der Beamten wurde von 444.000 auf 289.000 reduziert, die Zahl der Lehrer von 285.000 auf 126.000.43 Ja, so bekam man die Inflation unter Kontrolle, aber Tausende Familien hatten kein Einkommen mehr. Die Bürokratie und der Bildungssektor waren die letzten großen Arbeitgeber des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ausgaben zügeln? Die staatliche Unterstützung für das Bildungs- und Gesundheitswesen wurde eingeschränkt; die Folge war, dass Menschen, die kein Geld hatten, nun selbst für die Ausbildung ihrer Kinder und für Arztbesuche aufkommen mussten. Aus den Tabellen ging das nicht hervor, aber es waren die Allerärmsten, die den höchsten Preis bezahlten für das gut gemeinte Vorgehen des IWF, während sich Mobutu gerade aufgrund dieser Unterstützung im Sattel halten konnte.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maßnahmen treffen, um den Außenhandel anzukurbeln? Solange Mobutu die verfügbaren Kredite nicht dazu verwendete, die Infrastruktur instand zu setzen, bedeutete dies, dass Zaire noch mehr auf Importe angewiesen war. Das Land hatte zum Beispiel alle Voraussetzungen, wieder ein wichtiger Kaffeeproduzent zu werden, aber in den Städten trank man ausschließlich importierten Instantkaffee. Nicht verwunderlich: Von den 140.000 Kilometern befahrbarer Straßen im Jahr 1960 waren inzwischen weniger als 20.000 übrig.45 Der IWF wollte den Staat sanieren, aber demontierte ihn. Zaire war allenfalls noch ein Absatzmarkt, und daran würde sich über Jahrzehnte nichts ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten Hafen von Boma saß ich irgendwann im Jahr 2008 einen Nachmittag lang und sah auf den Kongofluss hinaus. Schwalben schossen im Zickzack übers Wasser. Fischer in Pirogen paddelten vorbei und inspizierten ihre Netze. Es hätte ebenso gut das Jahr 1890 sein können, bis ein riesiges Handelsschiff vorbeifuhr. Es kam aus Matadi und war auf dem Weg zum offenen Meer. Das Schiff lag sehr hoch auf dem Wasser. Bei der Schraube konnte ich sogar den Kiel sehen. Es war leer, völlig leer. Bis auf ein paar leere Container transportierte es nichts. Ich musste an Edmund Morel denken, der ein Jahrhundert zuvor im Hafen von Antwerpen zugeschaut hatte, wie die Schiffe schwer beladen mit Kautschuk und Elfenbein aus dem Kongo ankamen und später leer wieder abfuhren. Nun war es genau umgekehrt. Schiffe, die den Kongo verließen, waren leer. Für Morel war die Beobachtung, dass die Schiffe mal hoch und mal tief im Wasser lagen, ein Beweis dafür, dass es im Freistaat nicht um Handel ging, sondern um Plünderung. Der Unterschied im Tiefgang, den ich sah, legte nahe, dass der Freihandel, wie er jahrzehntelang von den Propheten der internationalen Wirtschaftsinstitutionen brutal erzwungen wurde, ebenfalls eine Form des Plünderns sein konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren wurde Mobutu ein müder, trübsinniger Mann, der offenbar wenig Freude an seiner Aufgabe fand. Nach dem Tod seiner Mutter und seiner ersten Frau gab es in seinem unmittelbaren Umfeld niemanden, der ihn noch bremsen konnte. Seine neue Frau Bobi Ladawa und deren Zwillingsschwester, die auch Mobutus Geliebte war, hatten nie so viel Einfluss wie mama Yemo und &#039;&#039;mama présidente&#039;&#039; Marie-Antoinette, seine erste Ehefrau. Mobutu hatte an seiner alten, tüchtigen Mutter sehr gehangen. Ihr Tod traf ihn tief. Seine Frau Marie-Antoinette war eine starke Persönlichkeit gewesen, die sich stets hartnäckig geweigert hatte, ihren christlichen Taufnamen aufzugeben. Lange Zeit hatte sie mäßigend auf die exzentrischen Anwandlungen ihres Mannes einwirken können. Und nun hatte Mobutu seinem Kabinettschef Bisengimana den Laufpass gegeben, und sein amerikanischer Hausarzt William Close hatte das Weite gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wurde ein einsamer Mann und verfiel von Tag zu Tag in größere Melancholie. Er schien dem Verlangen nach Exzessen anheimgefallen zu sein, ein Kennzeichen all jener, denen das Leben keine Überraschungen mehr zu bieten hat. In Europa kaufte er eine repräsentative Immobilie nach der anderen. Er besaß ein Dutzend Schlösser, Landgüter und Residenzen in Uccle und Rhode-Saint-Genèse, den wohlhabenden Vororten Brüssels. Er besaß eine achthundert Quadratmeter große Luxuswohnung an der Avenue Foch in Paris, eine schlossähnliche Villa in Savigny bei Lausanne, einen Palazzo in Venedig, eine pompöse Villa an der französischen Riviera, ein Anwesen mit Reitpferden in der Algarve, außerdem Hotels in West-Afrika und Südafrika sowie eine Luxusyacht auf dem Kongofluss.46 Aber am aufsehenerregendsten war zweifellos Gbadolite. Sein Heimatdorf, das mitten im Urwald nah an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik lag, ließ er zu einer Stadt ausbauen, mit Banken, einem Postamt, einem gut ausgestatteten Krankenhaus, einem hypermodernen Hotel und einer Landebahn für die Concorde. (Zizi: »Ja, als Journalist bin ich noch von Gbadolite aus mit der Concorde nach Japan geflogen.«) Es gab eine Kathedrale, deren Krypta als Familiengrab dienen sollte, ein chinesisches Dorf mit Pagoden und importierten Chinesen. Das Prunkstück von allem war Mobutus Palast, ein bescheidenes Eigenheim von 15.000 Quadratmetern. Sieben Meter hohe Türen mit Intarsien aus Malachit, mit Carrara-Marmor und Seidenstoffen verkleidete Wände, Kristall-Leuchter, venezianische Spiegel, Empiremöbel – es konnte nicht luxuriös genug sein. Es gab Whirlpools, Massageräume, ein Schwimmbecken und einen Friseursalon. Madame Mobutu besaß dort einen fünfzig Meter langen begehbaren Kleiderschrank für ihre umfangreiche französische Haute Couture, um die tausend Modelle. Im Keller des Gebäudes verstaubten Tausende französischer Spitzenweine (wenn sie nicht im tropischen Klima sauer wurden), es gab eine Diskothek für die Kinder und einen Atombunker für die Familie.47 Die Springbrunnen der Domäne plätscherten unaufhörlich und waren abends beleuchtet – in einer Region, in der es kaum Elektrizität gab. Mobutu gab dort Staatsbankette für Tausende Gäste, bei denen reichlich Rosé-Champagner floss, sein Lieblingsgetränk, und grinsende Spanferkel mit einer Apfelsine im Maul aufgetragen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ließ die besten Chefköche aus Frankreich und Belgien einfliegen«, erzählte Kibambi Shintwa, ein Mann, der noch immer an seinem »authentischen« Namen festhielt. Er war ab 1982 Berichterstatter im Dienst der &#039;&#039;présidence&#039;&#039; und erlebte Mobutu aus nächster Nähe. »Nachdem er jahrelang knallhart gearbeitet hatte, ließ er es etwas ruhiger angehen. Er besuchte gern teure Restaurants und genoss gutes Essen. Aber es bereitete ihm auch großes Vergnügen, andere zu beschenken. Er war sehr spendabel.« Seine Freigiebigkeit war jedoch nicht uneigennützig. »Die ganze Zeit verspürte er das Bedürfnis, daran zu erinnern, dass er der Chef war. Er wollte seine Macht zeigen.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Korruption war so erschreckend, dass ein vergessenes Wort aus dem Englischen plötzlich geläufig wurde: &#039;&#039;kleptocracy&#039;&#039;. Der unvergessliche Jamais Kolonga konnte das bezeugen. Nach seinem kurzen Abenteuer als Betreiber eines Sägewerks fing er bei der Miba an, dem staatlichen Bergbauunternehmen in Kasai. »Ach, aber ich war häufig in Gbadolite. Mit dem großen Miba-Boss Jonas Mukamba war ich oft beim Präsidenten. Jedesmal musste ich eine Aktentasche tragen und dem Präsidenten zur Begrüßung überreichen. Bitte sehr! Die Aktentasche war voll mit Diamanten.«49 Aber Kleptokratie war nur die halbe Geschichte. Es war auch eine »giftocracy«: Mobutu stahl, um zu verteilen und so seine Popularität zu sichern. Aus Gbadolite kehrte niemand mit leeren Händen zurück, hieß es. Ein paar hundert Dollar, ein Köfferchen voller Geld, eine Zigarrenkiste voller Diamanten, Mobutu hielt für seine Besucher immer ein Geschenk bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutus Eitelkeit grenzenlos war, hatte schon der »Mobutismus« mit dem dazugehörigen Personenkult gezeigt. Von den neunundsiebzig Banknoten, die in Mobutus Regierungszeit ausgegeben wurden, trugen einundsiebzig sein Porträt.50 Doch in den achtziger Jahren nahm sein Narzissmus schlicht pathologische Züge an. Das konnte niemand besser bezeugen als der flämische Schneider Alfons Mertens. Ich traf ihn in einem Villenviertel in der Provinz Antwerpen. Als harmloser Familienvater war er eigentlich nicht der Typ Mann, der glaubte, die Weltgeschichte aus der Nähe mitzuerleben, aber er arbeitete bei Arzoni in Zellik (bei Brüssel), dem Unternehmen, das die elegantesten &#039;&#039;abacosts&#039;&#039; der Welt anfertigte und in Zaire zu einem Markennamen wie Dior oder Versace wurde. Mertens war ein so guter Schneider, dass er 1978 Mobutus Privat-Couturier wurde. »Zwischen 1978 und 1990 war ich mehr als hundert Mal in Kinshasa. Ich wohnte immer im Intercontinental. Mobutu ließ mich kommen, ich sollte Maß nehmen für die Piloten und Stewardessen von Air Zaïre oder für die Generäle seiner Armee. Als sein Sohn in den Rang eines Leutnants befördert wurde, musste ich für seinen ganzen Jahrgang eine Ausgehuniform und einen Paradeanzug entwerfen und siebenundzwanzig Stück davon schneidern. Auch Mobutu selbst habe ich oft eingekleidet, auch seine Zivilkleidung habe ich genäht. Seine Frau oder seine Geliebte suchte dann den Stoff aus, mein Chef zeichnete das Schnittmuster, ich nahm Maß. Sie wählten immer sehr wertvolle Stoffe, wie Naturseide, Wildseide. Mobutus Maße änderten sich kaum. Er war groß, fast einen Meter achtzig, er hatte nie mehr als Größe 54. Er war ein gut aussehender Mann. Es dauerte eine Weile, bis man sein Vertrauen gewonnen hatte, aber dann war er ein netter Mensch&#039;&#039;.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1983 erhielt Alfons Mertens den aufwendigsten Auftrag seiner Laufbahn. »Ich musste für alle seine Generäle neue Uniformen schneidern und für Mobutu persönlich vier Galauniformen, zwei schwarze und zwei weiße. Seine Generäle hatten vorgeschlagen, ihn zum Marschall zu ernennen, und ich machte mich an die Arbeit.« Mobutu, Oberbefehlshaber der Armee, der beim Aufstand in Shaba eine jämmerliche Figur abgegeben hatte, sollte nun den historisch seltenen Rang eines Marschalls erlangen! Die Idee stammte natürlich von ihm selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens zeigte mir Fotos von dem Festakt und erklärte mir seine Kreationen. »Schauen Sie, der Kragen, der Gürtel und die Manschetten, die waren mit echten Goldfäden bestickt. Auch die Fangschnur hier. Alles Handarbeit. Auf den Ärmeln hatte er zwei Mal sieben Sterne. Die waren aus massivem Gold, das kam aus Frankreich.«51 An seiner Mütze war eine Wappen-Kokarde mit der Inschrift: &#039;&#039;Paix Justice Travail&#039;&#039;, obwohl es in seinem Land weder Frieden noch Gerechtigkeit noch Arbeit gab. Die Fotos von der Zeremonie seiner Ernennung zum Marschall zeugen von beispielloser Selbstherrlichkeit. Mobutu trug weiße Handschuhe und hielt ein Zepter in der Hand. Er ließ sich in einem offenen Mercedes umherfahren und winkte dem Volk zu. Er inspizierte die Truppen, die Gerichte und die Verwaltungen und hielt, unter einem Baldachin stehend, eine Ansprache. Jeder Marschall brauche einen Wappenspruch, verkündete er bei diesem Anlass der Nation. Der seine laute: &#039;&#039;Toujours servir&#039;&#039;. Allzeit dienen. Das war nicht mal mehr zum Lachen. Es war der traurige Gipfel des entfesselten Wahnsinns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber lehnte sich denn niemand dagegen auf? Im Dezember 1980 erdreistete sich eine Gruppe von dreizehn Parlamentariern, dem Präsidenten einen offenen Brief zu schreiben; das Schriftstück umfasste zweiundfünfzig Seiten und enthielt die Forderung nach politischen Änderungen. Sprecher der Gruppe war Etienne Tshisekedi, ein ehemaliger Mitarbeiter Mobutus, der schon an der Verfassung von 1967 mitgearbeitet hatte und mehrmals Minister und Botschafter gewesen war. Wie jeder, dessen Name mit »Tshi« beginnt, war er ein Muluba aus Kasai. Seine Sturheit war legendär.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon seit fünfzehn Jahren gehorchen wir Ihnen. Was haben wir in dieser Zeit nicht alles getan, um Ihnen nützlich und angenehm zu sein? Singen, tanzen, andere für Sie begeistern . . . wir haben alle Formen von Erniedrigung erlitten, alle Arten von Beleidigungen, wie sie uns nicht einmal die Kolonialisierung zugemutet hat. Und das alles, damit es Ihnen an nichts fehlt bei Ihrem Kampf für die Verwirklichung, und sei es auch nur zur Hälfte, des Gesellschaftsmodells, das Sie uns als Ziel hinstellten. Waren Sie dabei erfolgreich? Leider nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach fünfzehn Jahren Ihrer Regierung, die Sie autokratisch ausgeübt haben, existieren nun zwei völlig gespaltene Lager. Auf der einen Seite ein paar skandalös reiche Privilegierte. Auf der anderen Seite die Masse des Volks, die sich in finsterem Elend befindet und nur noch auf die internationale Mildtätigkeit verlässt, um mehr oder weniger zu überleben. Und wenn diese Mildtätigkeit Zaire erreicht, sprechen sich dieselben Reichen ab, um sie zum Nachteil der bedürftigen Massen zu veruntreuen! (. . .)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Citoyen Président-Fondateur&#039;&#039;, diese nüchterne Analyse zeigt, dass unsere Gesellschaft mit einem ernsthaften Problem zu kämpfen hat. Sie haben oft gesagt, dass ein echter Häuptling jemand ist, der seine Fehler einsieht. Sie haben das oft getan. Aber das Drama besteht darin, dass Sie nicht immer die Konsequenzen daraus ziehen. Und das Schlimmste ist, dass Sie einen Schritt nach vorn machen und drei zurück.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derart offene Worte hatte Mobutu seit langem nicht mehr vernommen. Die Gruppe der dreizehn wurde verhaftet und ins Landesinnere verbannt, doch 1982 gründeten einige ihrer Mitglieder die UDPS (&#039;&#039;Union pour la Démocratie et le Progrès Social&#039;&#039;), eine illegale Oppositionspartei, die den Einparteienstaat des MPR herausfordern wollte. Sie sollte sich zu einem Sargnagel für Mobutu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sprach darüber mit Raymond Mukoka, einem Beteiligten der ersten Stunde. Er hatte den Brief der Parlamentarier mit formuliert. »Die Unterzeichner wurden zu fünfzehn Jahren Verbannung verurteilt. Mein Name stand nicht dabei, aber als Mitautor landete ich erst im Ituri-Gebiet und dann in Kasai. Ich musste das Essen und das Gehalt meiner Bewacher selbst bezahlen! Wir bekamen Unterstützung von Amnesty International und der katholischen Kirche, die über ihr &#039;&#039;phonie&#039;&#039; Nachrichten an meine Familie weitergeben konnten. &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039; schrieb über uns. 1985 war ich für kurze Zeit wieder in der Hauptstadt. Die UDPS hat sich in der Verbannung gebildet, so wie die Kimbanguisten. Manche träumten von einem paramilitärischen Flügel, aber wir sind immer gewaltlos geblieben. Tshisekedi sagte: Unsere Feder und unser Mund, das sind unsere Waffen. 1987 lud Mobutu uns nach Gbadolite ein. Er sagte: Tretet dem MPR bei. Wir sagten: Nein! Darauf er: Dann kommt zu den Institutionen des MPR. Er wollte uns ins Zentralkomitee aufnehmen, bot uns Ministerposten oder Leitungsfunktionen bei den staatlichen Betrieben an. Viele sind darauf eingegangen, aber ich wollte nicht, und Tshisekedi auch nicht.«53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte seine Kritiker mit Geschenken zum Schweigen, und eine der gefragten Aufmerksamkeiten war ein Ministerposten. Eine politische Laufbahn war sehr lukrativ, fast niemand schlug sie aus. Zwischen 1965 und 1990 traten einundvierzig Regierungen an, jedes Mal mit rund vierzig amtierenden Ministern.54 Regelmäßige Kabinettsumbildungen, ungefähr jedes halbe Jahr, verhinderten, dass jemand tatsächlich Macht erlangen konnte, und boten der nächsten Gruppe die Gelegenheit, sich ein halbes Jahr lang aus der Staatskasse zu bedienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war ein beispielloser politischer Intrigant. »Er hielt nichts von Sitzungen«, sagte Zizi, »er bevorzugte immer Tête-à-têtes, private Gespräche, bei denen er die Politiker und Beamten gegeneinander aufstachelte. Er war ganz groß darin, Hass zu schüren.« Mobutu verfügte über ein ganzes Arsenal an Techniken, um Menschen an sich zu binden. Er war charmant, sympathisch und amüsant, aber auch respektlos, verschlagen und infam. Bewusst verfolgte er eine Jojo-Strategie. Den einen Tag konnte er herzlich sein und jovial, und am nächsten Tag begegnete er einem mit eisiger Kälte. Kibambi Shintwa berichtete mir von seinen Erfahrungen: »Mobutu war vieldeutig, ungreifbar, undurchsichtig. Er war launisch. Er änderte sich jeden Tag. Er wollte vor allem zeigen, dass mit seiner Macht nicht zu spaßen war. Er war argwöhnisch, wie ein Tier mit einer Beute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Personen, die sich seiner Protektion erfreuten, kanzelte er manchmal in aller Öffentlichkeit ab. Anderen, die es sich ein für allemal mit ihm verdorben hatten, wie der ehemalige Premierminister Nguza Karl-I-Bond, wurde unerwartet Vergebung gewährt, und sie durften nach Kinshasa zurückkehren – Nguza ließ sich darauf ein und verlor damit jede Glaubwürdigkeit, denn er war eine Zeitlang noch die Hoffnung der heimlichen Opposition gewesen. So wurde jeder Kritiker vor den Karren des MPR gespannt, und Mobutu triumphierte als mildes, weises Dorfoberhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderes Vorrecht des traditionellen Häuptlings, das Mobutu eifrig in Anspruch nahm, war das &#039;&#039;droit de cuissage&#039;&#039;, das jus primae noctis. Zizi erzählte davon: »Wenn er durchs Land reiste, boten ihm die örtlichen Würdenträger immer eine Jungfrau an. Es war eine große Ehre für die Familie, wenn das Mädchen vom höchsten Häuptling entjungfert wurde. Diesen Brauch gab es früher auch schon, aber Mobutu ging weiter. Er hatte keine Skrupel, Frauen bei seinen Machtspielchen einzusetzen. Er benutzte Frauen aus seiner Provinz &#039;&#039;pour faire avancer les dossiers&#039;&#039;. Er schlief mit den Frauen seiner Minister, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und die Minister zu demütigen. Wenn Minister nach Gbadolite mussten, nahmen sie nie ihre Ehefrau mit, sondern eine Nichte. Das fanden sie weniger schlimm . . . Mokonda war ein Jurist und enger Mitarbeiter. Seine Frau war sehr hübsch. Eines Tages war Mokonda zu einem Treffen mit Mobutu in Gbadolite. Was er nicht wusste, war, dass im Raum nebenan seine Frau schlief. Der Präsident hatte sie mit einem Privatjet einfliegen lassen. Mobutu, haben wir gesagt, der ist multipolygam. Er hat sehr viele Ehen zerstört.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politische und sexuelle Intrigen waren nur die Spitze des Eisbergs. Je mehr Mobutu sich auf seine Yacht oder in seinen Palast zurückzog, desto genauer wollte er wissen, was in seinem Land geschah. Die Nachrichtendienste wurden in den achtziger Jahren so wichtig, wie es die Propagandadienste in den siebziger Jahren gewesen waren. Er verfügte über ein halbes Dutzend Geheimdienste, die nebeneinander operierten, denn auch hier galt die Devise: Teile und herrsche. Spitzel gab es zuhauf. Männer misstrauten ihren Frauen, Mütter ihren Söhnen, Schwestern ihren Brüdern. Überall hatte Mobutu Zuträger, sogar in Belgien. Paranoia wurde zu einem Grundgefühl. Minister, die beim Präsident zum Essen eingeladen waren, täuschten strenge Diäten oder starke Magenbeschwerden vor, denn sie hatten Angst, vergiftet zu werden. Andere brachten sich ihre eigenen Sandwiches mit.55 Es kursierte das Gerücht, in Kinshasa gäbe es einen Kanal vom Präsidentenpalast auf Mont Ngaliema zum Fluss; Widersacher würden über diesen Kanal den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Sogar belgische Diplomaten unter sich sprachen den Namen Mobutu nicht mehr aus. Auf Konferenzen redeten sie von »Jefke Van den Bergh«: »Jef« stand für Joseph, mit »van den Bergh« war Mont Ngaliema gemeint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wahres Schreckensregime begann. Es herrschte Willkür, gegen die sich niemand wehren konnte. Bei einem meiner ersten Aufenthalte im Kongo, im Jahr 2005, kam ich mit Madame A. in Kontakt, einer älteren Dame, die früher Nachrichtensprecherin gewesen war. Bei einem Abendessen erzählte sie mir ihre unvorstellbare Lebensgeschichte. »Mein Mann war Chefredakteur bei den Nachrichten. Wir hatten fünf Kinder. Er war ein gut aussehender Mann. Mobutus Schwägerin sah ihn auf dem Bildschirm und wollte ihn für sich, ob verheiratet oder nicht. Eines Abends, wir saßen gerade beim Essen, standen bewaffnete Soldaten vor der Tür. Mein Mann musste mit. Mir wurde gesagt: Du schweigst, oder deine Kinder enden bei Kinsuka im &#039;&#039;fleuve&#039;&#039;. Auf der Arbeit sagte man zu mir: Unternimm nichts, du weißt doch, wer ihn mitgenommen hat. Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Mobutu gab ihm Botschafterposten in Togo, Argentinien, Österreich und im Iran. Er ist 1995 gestorben, als er Botschafter in Südafrika war. Viele Leute in Kinshasa kennen die Geschichte, aber nur wenige wissen, dass es um mich geht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Nachrichtendienste waren so gnadenlos, dass Madame A. auch heute noch auf Anonymität besteht. Insbesondere die DSP, die &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;, erwarb sich einen finsteren Ruf. Es handelte sich um eine Abteilung von einigen tausend speziell ausgebildeten und gut bezahlten Soldaten, die aus Mobutus Heimatgegend stammten. Der große Vereiniger des Landes war so neurotisch geworden, dass er nun doch Männer seines Stammes für seine Leibgarde bevorzugte! Es war eine Armee neben der Armee. Sie waren loyal und unerbittlich. Der harte Kern bestand aus &#039;&#039;les hiboux&#039;&#039;, den »Eulen«, da sie nachts in Aktion traten und Menschen in aller Stille verschleppten. Tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner wurden ohne Gerichtsverfahren in schmutzstarrende Gefängnisse gesperrt, wo sie nichts zu essen bekamen. Wie überall auf der Welt war auch in Zaire der menschliche Geist besonders kreativ beim Ersinnen von Foltern. Es gab den »Fisch«, eine Methode, bei der dem Gefangenen die Hände auf den Rücken gebunden wurden und er mit dem Kopf nach unten aufgehängt und in einen Behälter mit Wasser getaucht wurde. Es gab die »Boeing«, bei der man den Körper hochzog, mit Stöcken bearbeitete und in »Luftlöcher« fallen ließ. Es gab »die Maschinenschreiberin«, bei der Holzklötze zwischen die Finger geschoben und dann gespannt wurden, um die Finger zu zerquetschen. Es gab den »Nussknacker«, bei dem man die Füße des Gefangenen in nasse Holzklötze steckte und ihn damit in der Sonne sitzen ließ; wenn das Holz trocknete, zermalmte es die Fußknochen.57 Genitalien wurden mit Elektroschocks traktiert, auf Lippen wurden Zigaretten ausgedrückt. Amnesty International erhob Protest und versuchte den Umfang der Menschenrechtsverletzungen einzuschätzen, aber die genaue Zahl der Fälle konnte nie ermittelt werden.58 Wie in der Kolonialzeit wurden Menschen ins Landesinnere verbannt. Andere verschwanden spurlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pierre Yambuya, der Hubschrauberpilot, der sein Kerosin verkaufte, führte mehrmals Geheimaufträge aus. Mit seiner Maschine musste er über dem Kongofluss oder über einem See fliegen, während Fallschirmspringer im Frachtraum ein Dutzend Säcke hinauswarfen, Säcke mit Leichen, sah er. »Von März bis Oktober 1983 habe ich vier solcher Missionen ausgeführt, bei denen jedes Mal eine Ladung in der Gegend der Stromschnellen von Kinsuka abgeworfen wurde. Aber meines Wissens fand jede Woche mindestens einer dieser Flüge statt.« Zuweilen machte man sich gar nicht erst die Mühe, die Oppositionellen vorher zu ermorden. Eines Tages musste Yambuya mit seiner Alouette auf der Kamanyola landen, der Yacht des Präsidenten. Ein hochstehendes Mitglied von Mobutus Leibwache, Yambani, stieg mit zwei gefesselten Männern und zwei Fallschirmspringern ein. Mobutu stand dabei. »Wir steigen wieder auf und Yambani sagt mir, in welche Richtung ich fliegen soll. Irgendwann fordert er mich auf, auf tausend Meter Höhe zu steigen. Er sieht sich um, ob im weiten Umkreis keine Lebenszeichen zu entdecken sind – abgesehen von Jägern im Wald – und befiehlt den beiden Fallschirmspringern, sich mit ihren Gurten gut zu sichern. Die Männer befolgen seinen Befehl und öffnen dann die Luke hinten rechts. Sie stoßen den ersten Gefangenen hinaus, der gar nicht mehr dazu kommt, zu protestieren. Der zweite beginnt zu weinen und fleht um Gnade, aber auch er wird aus der Maschine gestoßen, in den freien Fall überm Urwald.«59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa gab das repressive Klima Anlass zu viel Klatsch und Tratsch; Wahrheit und Dichtung verschwammen. &#039;&#039;Radio-trottoir&#039;&#039; wurde diese Gerüchteküche genannt, denn die offiziellen Medien brachten nur noch Staatspropaganda. Die Straße wurde ein Ort des Argwohns und des Sarkasmus. An den Kreuzungen, wo sich die Taxibusse sammelten, konnte man illegale Comics und kleine volkstümliche Gemälde kaufen. Kinshasa entwickelte eine lebendige visuelle Kultur. Auf hektographierten Blättern oder grober Leinwand wurden gesellschaftliche, politische und moralische Themen ins Bild gesetzt, ohne dass öffentlich Pro- oder Kontra-Meinungen dazu geäußert wurden. Zeichner und Maler gestalteten mit virtuoser Ironie das Leben in der Großstadt unter der Diktatur. Die Themen waren oft ambivalent: Man ergötzte sich daran, die Sünde darzustellen, und schmähte alles, was heilig war. Es erinnerte an Bilder von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Junge Leute, die den Mobutismus verabscheuten, entwickelten eine ganz besondere Form von Kritik an den Zuständen. Sie muckten nicht mit Worten oder Bildern auf, sondern mit ihrer Kleidung. Der Anzug des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war verboten, der obligate &#039;&#039;abacost&#039;&#039; war ihnen zu altmodisch. Also hüllten sie sich in nagelneue, ausgesprochen auffällige Outfits. Sie sparten ihr Geld und importierten sündhaft teure Markenkleidung aus den Boutiquen der Avenue Louise in Brüssel und der Place Vendôme in Paris, jedenfalls behaupteten sie das. Ihre Bewegung nannten sie &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; (&#039;&#039;Société des Ambianceurs et Personnes d&#039;Elégance&#039;&#039;, etwa »Vereinigung der Stimmungsmacher und Eleganten«). Der Musiker Papa Wemba, der aus einfachen Verhältnissen kam und es zum Weltstar gebracht hatte, war ihr Papst, &#039;&#039;le Pape de la Sape&#039;&#039;. Es war eine höchst sonderbare Bewegung. Auf den ersten Blick schien es lächerlich, in Krisenzeiten als Mann in Kinshasa mit einer protzigen Sonnenbrille, einem Hemd von Jean-Paul Gaultier und einer Nerzjacke herumzulaufen, aber der Materialismus der &#039;&#039;sapeurs&#039;&#039; war Gesellschaftskritik, wie es der Punk in Europa war. Er stand für eine tiefe Aversion gegen die täglich erlebte Misere und Unterdrückung und für den Traum von einem Zaire ohne Sorgen. Materialismus ist eines der bekanntesten Symptome von Armut. &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; hatte mit Erfolg zu tun, mit Sichtbarkeit, mit Auffallen und Gefallenwollen. Diskotheken betrat man mit einer Mischung aus &#039;&#039;chic, choc et chèque&#039;&#039;. Der wahre &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; war obercool: Er bewegte sich und sprach mit vollkommener Beherrschung, er bezahlte seinen Freunden das Bier, und er riss Mädchen mit einem Fingerschnippen auf. Er war ein Dandy, ein Playboy, ein Snob. Luxus bedeutete Ansehen. Der &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; wurde nicht verachtet, sondern bewundert. Für viele bettelarme Jugendliche hielt seine Extravaganz die Hoffnung lebendig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi war dafür zu alt. »Mobutu gab ein großes Fest. Franco und Tabu Ley spielten. Die Gäste kamen im &#039;&#039;abacost&#039;&#039; mit dem MPR-Logo am Kragen. Aber Mobutus eigene Söhne waren große Fans von Papa Wemba. Sie trugen weite Hosen und Hemden mit auffallenden Kragen. Das waren zwei getrennte Welten! &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; war wirklich die Musik der Jugend. Sie sahen sich als neue Generation und grenzten sich von ihren Eltern ab. Papa Wemba weigerte sich, über Politik zu reden. Seine Musik war nicht dazu da, dass man aufmerksam zuhörte, man tanzte sofort. Musik, die wie eine Betäubung wirkte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ganze Generation wuchs in einer Welt voller Armut und Elend auf. Musik bot ein Ventil, aber auch ein Studium war noch immer hoch begehrt. Obwohl die Hörsäle der Universitäten heruntergekommen waren, die Professoren nur sporadisch erschienen, obwohl es keine Vorlesungsverzeichnisse gab und die hektographierten Unterlagen zerbröselten, waren die Seminarräume und Hörsäle Woche für Woche proppenvoll mit jungen Leuten, die hofften, ein Universitätsdiplom würde sie aus dem Sumpf retten. Der Hunger nach Bildung und Qualifikationen war enorm und ist seitdem nie geringer geworden. Doch das Niveau des Unterrichts war niedrig, und auf allen Ebenen herrschte Korruption. Für viele schlecht bezahlte Professoren war alles Verhandlungssache. Eine große Zahl von Studentinnen erkaufte sich gute Noten mit sexuellen Dienstleistungen. »Für zahlreiche Mädchen ist der Körper nicht mehr eine Quelle der Schönheit, sondern er muss auch eine Quelle der Rentabilität werden«, schrieb ein besorgter Professor der Moralphilosophie. Das Phänomen trat auch schon in den Oberschulen auf. Schulleiter, Parteifunktionäre und hohe Beamte brüsteten sich damit, &#039;&#039;une série 7&#039;&#039; zu haben, ein Mädchen, das in den siebziger Jahren geboren war.60 »Viele Mädchenschulen sind umfunktioniert worden zum sexuellen Fischteich für die Bonzen aus Politik und Verwaltung. Sie verlassen ihre Dienststellen vor Feierabend und mischen sich in die Autoschlangen, die vor dem Schultor warten. Die Abende beginnen im Allgemeinen in einem Restaurant im Arbeiterviertel mit gegrilltem Huhn oder Fisch und viel Piri-piri und enden in den frühen Morgenstunden in einem kleinen Hotel, im Schutz der dunklen Tropennächte.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Antwort auf die Krise entstand eine völlig neue Parallelwirtschaft, die auf dem Mikrohandel basierte. Frauen brieten morgens in aller Frühe ein Huhn und gingen damit auf den Markt. Gut situierte Damen, die durch Beziehungen ein paar schicke Pumps aus dem Ausland ergattert hatten, verkauften sie in ihrem Wohnviertel. Krankenpfleger, die tagsüber in einer Klinik arbeiteten, nahmen einen Streifen Tabletten mit nach Hause und verkauften ihn weiter. Piloten verhökerten ein paar Kanister Kerosin. Beamte verhandelten über jeden Stempel. Polizisten freuten sich über jeden Verstoß gegen die Verkehrsregeln. Immer war irgendwo etwas zu »regeln«. Eine Hand wäscht die andere. &#039;&#039;Madesu ya bana&#039;&#039;, sagten sie, Bohnen für die Kinder, &#039;&#039;matabiche&#039;&#039;, &#039;&#039;bakchich&#039;&#039;: das Esperanto der Desperados.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf einen Staat, der sich seinen Bürgern entzieht, entzogen sich die Bürger dem Staat. &#039;&#039;»Article 15«,&#039;&#039; nannte man das, nach einem fiktiven Artikel in der zairischen Verfassung, der lautete: &#039;&#039;»Débrouillez-vous!«&#039;&#039; Seht zu, wie ihr klarkommt! Sehr oft ging es um illegale Aktivitäten (Schmuggel, Diebstahl, Betrug), aber was ist illegal, wenn das Land selbst kriminell ist? Korruption des Volks war die beste Methode, sich der Korruption in den höheren Etagen zu erwehren, denn brav bezahlte Steuern hätten sich doch nur verflüchtigt. Hatte Mobutu Sese Seko selbst das nicht augenzwinkernd erlaubt? Auf einer Großveranstaltung im Fußballstadion von Kinshasa hatte er gesagt: »Wenn du stehlen musst, dann stiehl ein bisschen und lass ein bisschen für die Nation übrig.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hätte er gar nicht erst zu sagen brauchen. In jenen Jahren wurden 30 bis 60 Prozent der Kaffee-Ernte außer Landes geschmuggelt, zwischen 1975 und 1979 im Wert von 350 Millionen Dollar. 70 Prozent der Diamanten, 90 Prozent des Elfenbeins, Tonnen Kobalt und Hektoliter Benzin passierten heimlich die Grenzen.63 Das Land war löchrig wie ein Sieb, und dem Staat entgingen viele hundert Millionen. Hier ein bisschen, da ein bisschen, so wie es der Präsident empfohlen hatte, bis schließlich nichts mehr übrig war. »Der Kakerlak frisst ein ganzes Maniokbrot nur mit seinen kleinen Zähnen«, sagten die Leute.64 Es war die einzige Möglichkeit, zu überleben. Dank der Schattenwirtschaft konnten die Menschen Lehrer und Krankenpfleger bezahlen. Das Land holperte auf eckigen Rädern voran, aber immerhin bewegte es sich noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachhaltig war diese Plünderökonomie natürlich nicht. Der Kongo wurde kannibalisiert. Keiner scherte sich mehr um den Staat. Die Post funktionierte nicht mehr, Wasser und Elektrizität wurden knapp, es gab weniger als einen Telefonanschluss pro tausend Einwohner.65 Das Land wurde &#039;&#039;cadavéré&#039;&#039;, wie es in einem Lied von Zao hieß. Die Schiffe auf dem Fluss wurden langsam dahintreibende Dörfer, die irgendwann einmal ihr Ziel erreichten. Air Zaïre, die staatliche Fluggesellschaft und einst der Stolz des Landes, bekam den Beinamen »Air Peut-Être«, dazu den unübersetzbaren Slogan &#039;&#039;»la seule chose au Zaire qui ne vole jamais&#039;&#039;«. Humor war die beste Medizin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mobutu flog einmal mit Reagan und Mitterrand in der Concorde um die Welt«, so fing der beste Witz aus der Mobutu-Ära an. »Reagan streckte die Hand aus dem Fenster und sagte: ›Ich glaube, wir fliegen gerade über Amerika.‹ ›Woher wissen Sie das?‹, fragten die beiden anderen Staatschefs. ›Ich habe gerade die Freiheitsstatue gefühlt‹, sagte Reagan. Daraufhin streckte Mitterrand die Hand nach draußen. ›Ich glaube, wir fliegen jetzt über Frankreich‹, meinte er sofort. ›Woher wissen Sie das?‹, fragten Reagan und Mobutu. ›Ich habe gerade den Eiffelturm gefühlt.‹ Schließlich streckte auch Mobutu die Hand aus dem Fenster. ›Ich bin mir sicher, dass wir über Zaire fliegen‹, sagte er zu seinen Mitpassagieren. ›Aber woher wissen Sie das?‹, riefen sie, ›Zaire hat doch keine Türme!‹ ›Nein‹, sagte Mobutu, ›aber mir ist gerade die Armbanduhr geklaut worden.‹«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch die Krise änderten sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Viele Männer verloren ihren Job und fühlten sich gedemütigt, weil sie nicht mehr für den Unterhalt ihrer Familie sorgen konnten, geschweige denn für den ihrer etwaigen Mätressen. Sie waren ärmer als ihre Eltern und mussten oft bei ihnen betteln. Früher war der Mann der Ernährer, der, der eine Arbeitsstelle hatte, nun sicherte die Frau das Familieneinkommen. Ein Schulleiter in Kikwit erzählte: »Mein Gehalt ging innerhalb von zwei Tagen für Lebensmittel drauf. Es war lächerlich wenig, und oft wurde es nicht mal ausbezahlt. Meine Frau hatte einen kleinen Stand auf dem großen Markt. Sie verkaufte Seife, Zucker und Salz. Das war die wichtigste Einnahmequelle für unsere Familie. In diesen Jahren verdienten viele Frauen mehr als ihr Mann. Manchmal verließen sie ihn. Junge Frauen studierten und wurden selbstständiger.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schattenwirtschaft, wie mühsam und unberechenbar sie auch war, bot manchen Frauen neue Chancen. Einige von ihnen wurden wehrhafter. Maniokverkäuferinnen im Kivu, einfache Bäuerinnen, ließen es sich nicht gefallen, dass sich die lokalen Polizisten und Beamten immer neue Steuern ausdachten, wenn sie mit ihren Körben zum Markt gingen. Sie protestierten bis hin zur Ebene des Provinzgouverneurs.68 In Bukavu konstatierte Régine Mutijima, die Direktorin einer Mädchenschule, dass der Sparkurs des IWF und der Weltbank zu Missständen führte. »1983 war Kengo wa Dondo Premierminister und ordnete drakonische Einsparungen an. Sogar der Mutterschaftsurlaub für Lehrerinnen wurde gestrichen, weil angeblich kein Geld da war, während zugleich gewaltige Mengen Staatsgeld gestohlen wurden. Ich war die Vorsitzende der &#039;&#039;Association des Femmes Enseignantes de Bukavu&#039;&#039;. Eine kanadische Lehrerin erzählte mir von Gandhi. Ich las seine Schriften und die von Martin Luther King, und auch die von Lumumba und Nkrumah, obwohl das verboten war. Ich las auch die verbotene Wochenzeitung &#039;&#039;Jeune Afrique.&#039;&#039; 1986 starb eine Kollegin von mir im Wochenbett. Sie hatte bis zum Tag vor der Geburt gearbeitet, ihr Baby wog kaum 1,7 Kilo, weniger als ein Kaninchen. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich organisierte ein Sit-in. Wir zogen in kleinen Gruppen zur Zahlstelle der Schulbehörde. Drei Viertel der Lehrerinnen kamen mit. Um Punkt zehn Uhr setzten wir uns alle hin. Sie konnten auf uns schießen lassen, das wussten wir, aber wir wollten die Stadt lahmlegen. Abends zu Hause wurde ich verhaftet. Ein Landrover voller Soldaten nahm mich mit ins Rathaus. Ich war nur im Nachthemd. Da standen sie alle: der Bürgermeister, der Chef der Staatssicherheit, des MPR, der Schulbehörde, des Stadtteils. Ich stand als Frau fünfzig Männern gegenüber. Sie beschimpften mich, einer nach dem anderen, und ich musste die ganze Zeit an das Kind denken, das nur 1,7 Kilo wog, das Kaninchen, dessen Mutter, Madame Rumbasa, eine gute Kollegin, gestorben war, weil sie keinen Mutterschaftsurlaub bekommen hatte. Ich wurde schrecklich wütend. Ich explodierte. Ich schrie den Bürgermeister an. Ich hatte einen Kloß im Hals, es war das zweite Mal, seit ich erwachsen bin, dass ich weinte. Nach meiner Tirade schwiegen alle, so empört war ich gewesen. Ich fühlte mich ruhig. Gegen Mitternacht brachte der Bürgermeister mich in seinem Mercedes nach Hause.«69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine hatte außerordentlichen Mut bewiesen. Sie wurde nicht verfolgt, sondern durfte auf Kongressen in Nsele und Gbadolite über das Problem der Jugend referieren. Aber so glimpflich lief es nicht immer ab. Auf der anderen Seite des Landes arbeitete Thérèse Pakasa an der Kasse eines Lebensmittelladens in Kinshasa. Sie war mit Gizenga in Kontakt gekommen, Lumumbas Vizepremier, der in Brazzaville im Exil lebte und aus ihrer Gegend stammte. Auch sie las Lumumba und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihr Blut geriet in Wallung, wenn sie an die Situation in ihrem Land dachte. »Ich wollte eine Demonstration organisieren, aber die Leute hatten so viel Angst! Ich fand nur drei Frauen, die mitmachen wollten. Eine Brotverkäuferin und zwei Hausfrauen. Wir beschrifteten ein Transparent und machten Flugblätter. Am 23. Juli 1987 zogen wir über den Boulevard du 30 Juin, in Höhe der belgischen Botschaft. Wir trugen die alte, blaue Flagge des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier einfache Frauen, die ihr Leben riskierten, indem sie mit einem verbotenen Transparent und einer verbotenen Fahne über die große Allee der Hauptstadt liefen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nach ein paar hundert Metern wurden wir verhaftet. Der Nachrichtendienst hielt mich anderthalb Monate lang fest. Ich wurde leicht gefoltert, aber mein Mut wuchs. Ein Jahr später tat ich es noch einmal, nun mit zehn Frauen. Wieder wurden wir festgenommen. Ich wurde geschlagen und mit einer militärischen Eskorte ins Landesinnere verbannt. Als ich nach Kinshasa zurückkehrte, warf man mich ins Gefängnis, und auch alle meine Kinder wurden verhaftet, sogar das zwei Wochen alte Baby. Sie konnten nicht glauben, dass eine Frau so etwas tun konnte.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blut, das aus ihrem Kopf rann. Der Unterkörper eines Harlekins. Die winterlichen Bilder aus Rumänien ließen Mobutu nicht los.71 Der Ostblock stürzte zusammen, der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Demnächst wäre er als Bündnispartner der Amerikaner unnütz. Mobutu verdankte sein Reich der Angst vor dem Kommunismus, aber Marx war ein Riese auf tönernen Füßen geworden. Loyalität im Kampf gegen die rote Gefahr zählte nicht mehr, Respekt vor den Menschenrechten wurde das neue Kriterium. Auf einem Gipfeltreffen französischsprachiger Länder kündigte Präsident Mitterrand an, dass Frankreich nur noch Entwicklungsländer unterstützen würde, die demokratische Werte vertraten und die Menschenrechte achteten. Die Zeit Giscards war vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1990. Mit dem neuen Jahrzehnt schien ein neues Klima anzubrechen. Im Februar wurde Nelson Mandela freigelassen, ein Weltereignis, das den gesamten Kontinent mit Hoffnung erfüllte. In der Elfenbeinküste, in Benin, Gabun und Tansania erhob sich der Ruf nach einem Mehrparteiensystem. In Kongo-Brazzaville und Mali geriet die Militärdiktatur ins Wanken. Der Rausch der Freiheit erreichte auch Zaire. Mobutu erkannte, dass er sein Volk nicht länger missachten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hielt eine Volksbefragung ab, wie es die belgische Kolonialmacht 1958 getan hatte und Leopold II. 1905. Damals hatte das zu einer drastischen Wende geführt – wie würde es jetzt ausgehen? Eine Gruppe von Interviewern zog von Stadt zu Stadt und veranstaltete öffentliche Sitzungen. Bürger im ganzen Land durften ihre Meinung über Mobutus Regierung äußern, ja, sie durften sogar ihrem Ärger freien Lauf lassen. Verfolgung brauchten sie nicht zu befürchten. Die erste Sitzung fand in Goma statt, und Mobutu war dabei. Er sei selbstverständlich bereit, sich konstruktive Kritik anzuhören, denn niemand sei vollkommen. Aber es regnete, nein, es schüttete Beschwerden. Mobutu fand sich in einem tropischen Unwetter der Unzufriedenheit wieder. Alte Frauen standen auf und kanzelten ihn ab. Sein neuer Beiname in diesem Moment war Mobutu &#039;&#039;Sesesescu . . .&#039;&#039; Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa bekam seine Reaktion mit: »Mobutu konnte es nicht fassen und war ungemein enttäuscht. Er war der Ansicht, das Land schulde ihm alles, und er zog sich zurück, so gekränkt war er. Er wollte der Wahrheit nicht ins Auge sehen. An den folgenden Sitzungen nahm er nicht mehr teil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Interviewer machten ihre Arbeit. Mehr als sechstausend Berichte wurden gesammelt, die meisten davon absolut vernichtend. Der Vorsitzende der Kommission begab sich mit einer Zusammenfassung zum Präsidenten. Zizi wusste noch, wie das abgelaufen war: »Mobutu hatte sich auf sein Schiff Kamanyola zurückgezogen. Er berief das Politbüro des MPR ein, um an Bord zu beraten. Zwei, drei Tage saßen sie dort fest. Auch die Mitglieder der Regierung mussten erscheinen.« Sogar der amerikanische Außenminister kam vorbei, um Mobutu mitzuteilen, dass Bush sen. ihn, ungeachtet aller historischen Freundschaftsbande, nicht länger bedingungslos unterstützen konnte.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber am 24. April 1990 stand sein Entschluss fest. Generäle, hohe Beamte, Provinzgouverneure, Parlamentarier und ausländische Journalisten rief er im weißen Konferenzort Nsele zusammen, schon seit einem Vierteljahrhundert der Vatikan des MPR. Vor sich eine Batterie Mikrophone, hielt Mobutu, in der schwarzen Marschalluniform, die Alfons Mertens ihm geschneidert hatte, eine Ansprache. Er habe die Stimme des Volkes vernommen; Zaire würde demokratisch werden. Zum Erstaunen aller Anwesenden verkündete er das Ende des Einparteienstaates. Künftig dürften drei Parteien existieren, es gäbe Raum für eine freie Presse, freie Gewerkschaften und, innerhalb eines Jahres, freie Wahlen. »Und was geschieht mit dem Chef bei alledem?«, fragte sich Mobutu am Ende seiner Rede. »Das Staatsoberhaupt steht über den politischen Parteien. Er wird der Schiedsrichter, mehr noch, die höchste juristische Instanz sein. Ich gebe Ihnen bekannt, dass ich mich von heute an aus dem Mouvement Populaire de la Révolution zurückziehe, damit ein neuer Chef gewählt werden kann . . .« Mobutu zögerte kurz, geriet ins Stocken und blickte verloren in den Saal, in dem es mucksmäuschenstill geworden war. Dann sagte er die legendären Worte: »&#039;&#039;Comprenez mon émotion.&#039;&#039;« Auf den Jubel hin, der nun losbrach, schob er die klobige Brille hoch und tupfte sich die feucht gewordenen Augen trocken – wie ein Mann, der innerhalb einer Sekunde alt geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufnahmen von der Rede wurden im ganzen Land gezeigt. Hatte man es richtig verstanden? War die Zweite Republik nun endgültig vorbei? Mit einer simplen Rede, begleitet von ein paar Krokodilstränen? Einer Rede, die genauso banal war wie die Rundfunknachricht, mit der Mobutu 1965 die Macht ergriffen hatte? Ohne Revolution oder Straßengewalt? Junge Männer stürzten sich auf die Garderobe ihres Vaters und wühlten zwischen den alten Kleidern nach Krawatten. Keiner wusste mehr, wie man so ein Ding richtig band, aber was machte das schon? Es ging um das Symbol der Freiheit! Mädchen zogen sich die viel zu weiten Hosen ihrer Brüder an und liefen damit kichernd auf die Straße. Bei diesem Umbruch brauchte niemand Steine zu werfen oder Parolen zu skandieren. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«, sagte Zizi, als er an diesen hoffnungsvollsten Tag in seinem Leben zurückdachte, »die Straßen von Kinshasa waren an diesem Abend voller schlecht gebundener Schlipse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 11 Der Todeskampf ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Demokratische Opposition und militärische Konfrontation 1990-1997 ===&lt;br /&gt;
Régine und Ruffin lebten beide in Bukavu, dem hübschen Städtchen am Kivusee an der Grenze zu Ruanda, aber sie hatten nichts miteinander gemein. Als Mobutu das Ende des Einparteienstaats verkündete, war Régine fünfunddreißig Jahre alt und Ruffin sieben. Régine war die Direktorin einer katholischen Mädchenschule, Ruffin lernte gerade lesen in einer katholischen Knabenschule anderswo in der Stadt. Régine hatte einige Jahre zuvor das Sit-in der Lehrerinnen organisiert. Als sie erfuhr, dass die Staatspartei MPR ihre Allmacht verloren hatte, tanzte sie vor Freude. Ruffin war noch zu jung, um die historische Bedeutung dieses Umbruchs zu verstehen. Er spielte mit seinen Freunden Fußball und träumte davon, später Priester zu werden. Trotzdem würden beide zum Sturz des Diktators beitragen, auf ganz verschiedene Weise und zu völlig anderen Zeitpunkten, Régine im Jahr 1992, Ruffin im Jahr 1997, denn dieser Sturz dauerte sehr lange.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine Mutijima glaubte zunächst, es würde sehr schnell gehen. »Wir wollten wirklich, dass Mobutu in freien Wahlen abgesetzt würde und ehrenvoll im Land bleiben könnte.«1 Aber von 1990 bis 1997 klammerte sich Mobutu mit einer Hartnäckigkeit und Schläue an die Macht, die niemand für möglich gehalten hätte. Es war der Todeskampf eines Diktators, der in seinem Sturz das ganze Land mit sich riss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Leopold II. im Jahr 1905 die Gräuel im Freistaat nicht mehr leugnen konnte, zögerte er noch drei Jahre, bevor er seine lukrative Privatkolonie dem belgischen Staat übertrug. Mobutus Haltung nach 1990 war nicht anders. Die Ergebnisse der Volksbefragung veranlassten ihn anfangs dazu, die Zügel zu lockern, dann aber straffte er sie erneut. Die geplanten Wahlen sollten, was ihn betraf, bloß nicht überstürzt werden. 1970, 1977 und 1984 hatte er bei seiner Wahl auf kreative Weise nachgeholfen, doch dieser Trick, das wusste er, würde 1991 nicht mehr verfangen. Der Geist der Demokratie war aus der Flasche. Dennoch schaffte Mobutu es, sieben weitere Jahre an der Macht zu bleiben, diesmal ohne Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine wusste nur zu gut, dass Mobutu seine Macht zwei Dingen verdankte: Geld und Gewalt. Geld aus dem Ausland, Gewalt im Inland. Aber wie lange würde das noch Bestand haben, jetzt, wo der Kalte Krieg vorbei war? Am 12. und 13. Mai 1990, ein paar Wochen nach seiner emotionalen Rede, erteilte Mobutu den Befehl, die Studentenproteste in Lubumbashi mit Militärgewalt niederzuschlagen&#039;&#039;;&#039;&#039; die Studenten waren wieder einmal als Erste auf die Straße gegangen. Für den Westen war damit das Maß voll. Man sprach von Hunderten Opfern, die genaue Zahl wurde jedoch nie bekannt (möglicherweise waren es nur drei, wie Régine später hörte). Belgien setzte die Entwicklungshilfe aus, Frankreich fror die Beziehungen ein, die USA brauchten Mobutu nicht mehr. Anfang der neunziger Jahre wären die ausländischen Bündnispartner ihn am liebsten los gewesen. Sogar der IWF suspendierte Zaire 1994 als stimmberechtigtes Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ihm noch blieb: Gewalt. Aber die Armee war nicht vertrauenswürdig, und den Sicherheitsdiensten entglitt die Kontrolle über die Bevölkerung, da inzwischen immer mehr erlaubt war. Der Informationsfluss wurde nicht mehr von der amtlichen Presse beherrscht. Regierungszeitungen mit »authentischen« Titeln wie &#039;&#039;Elima&#039;&#039; und &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; verloren an Bedeutung zugunsten neuer Zeitschriften mit französischen Namen wie &#039;&#039;L&#039;Opinion&#039;&#039;, &#039;&#039;Le Phare&#039;&#039; und vor allem &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039;. Bis Bukavu, zu Régine, drangen sie nicht vor, aber in der Hauptstadt waren sie von großer Bedeutung. Vor den Kiosken am Boulevard Lumumba lebte das Phänomen der &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; wieder auf: Kleine Gruppen von Arbeitslosen lasen die Titelseiten der ausgestellten Zeitungen und diskutierten den ganzen Tag darüber. Ein öffentlicher Raum kritischer Bürger entstand. Der Gründer von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; war Modeste Mutinga: »Wir waren völlig unabhängig. Wir hatten nicht mal Beziehungen zu anderen Oppositionsbewegungen wie der UDSPS [Union für Demokratie und Sozialen Fortschritt] oder der Kirche. Ich kaufte eine gebrauchte Druckerpresse in Straßburg. Erst später, nach dieser Öffnung in den frühen neunziger Jahren, wurde es wieder schlimmer. Die DSP verbrannte damals unsere Pressen und die der anderen Zeitungen. Alles wurde zerstört.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratisierung äußerte sich auch auf anderen Wegen als über die Zeitungen. Zwischen der Macht und der Masse entwickelte sich ein ganzes Mittelfeld gesellschaftlicher Organisationen, die sogenannte &#039;&#039;société civile&#039;&#039;. Es bildeten sich Hunderte neue Vereine, für Frauen vom Land, für Taxifahrer, für Messdiener . . . Vereine für Agrarentwicklung, für Laiensolidarität, für Krankenpflege und sogar Vereine für Vereinsvorsitzende.3 Gewerkschaften schossen wie Pilze aus dem Boden: 1990 gab es nur die eine staatliche Gewerkschaft, 1991 waren es bereits hundertzwölf.4 Und wie in den späten fünfziger Jahren vermehrten sich die politischen Parteien explosionsartig. Mobutu wollte es zuerst bei dem angekündigten Dreiparteiensystem belassen, musste aber schon bald ein uneingeschränktes Mehrparteiensystem erlauben. Binnen kürzester Zeit musste der allmächtige MPR um die dreihundert Parteien neben sich ertragen, größere und kleinere; manche bestanden nur aus einer Person. Die Nachricht vom bevorstehenden Thronverzicht ließ bei so manchem den Traum von der Macht aufkommen. Mobutu betrachtete die Entwicklungen mit scheelem Blick: Der ständige Zuwachs an Parteien bestätigte seine Angst vor Zersplitterung und Auflösung. &#039;&#039;If you can&#039;t beat them, join them&#039;&#039;, muss er sich gedacht haben, und um die Macht der Opposition zu schwächen, bezahlte er nun Bürger, damit sie eine Partei gründeten, die auf seiner Linie war. »Alimentationsparteien« wurden diese Gruppierungen höhnisch genannt, oder »Taxiparteien«, denn ihre Mitglieder passten in ein einziges Taxi. War das jetzt der Multipartismus&#039;&#039;,&#039;&#039; den Mobutu versprochen hatte? Es lief auf Multimobutismus hinaus!5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich kristallisierte sich das rastlose politische Feld um zwei Pole: Auf der einen Seite stand die UDPS von Étienne Tshisekedi mit ihren Bündnispartnern, der sogenannten &#039;&#039;Union Sacrée de l&#039;Opposition&#039;&#039;, auf der anderen Seite sammelten sich der MPR und die Mobutu-Getreuen in der &#039;&#039;mouvance présidentielle&#039;&#039;. Dazwischen gab es abwartende Gruppierungen. Die Kirche sympathisierte mit der Opposition, war aber oft kompromissbereit. Régine verspürte keine Neigung, in die Politik zu gehen. »Ich war zwar kurz in der UDPS, als die noch illegal war, aber ich fühlte mich in der Politik nicht wohl. Das Jahr 1990 bedeutete für mich eher die Geburt der Zivilgesellschaft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu der Einberufung einer Nationalkonferenz zustimmte, war für die Opposition ein sehr wichtiger Sieg. Der Präsident hoffte, damit im Ausland einen guten Eindruck zu machen und die Unterstützung seiner westlichen Bündnispartner zurückzuerlangen. Wie bei einer ähnlichen Konferenz in Benin, die kurz zuvor innerhalb von zehn Tagen das Land reformiert hatte, wollte man in Zaire Volksdelegierte zusammenrufen, die über die Vergangenheit reden und Konzepte für die Zukunft entwickeln sollten. Die Konferenz sollte dem Übergang von der Zweiten zur Dritten Republik Gestalt verleihen; sie wurde unter ihrem späteren Namen »Nationale Souveräne Konferenz« bekannt. Nicht nur Politiker und Prominente sollten daran teilnehmen, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, dem Vereinsleben und den Kirchen. Als Ort war Kinshasa vorgesehen, und es sollten Delegationen aus allen Provinzen vertreten sein. Alles sollte live im Radio und im Fernsehen übertragen werden. Es sollte ein Hochamt der Basisdemokratie werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im fernen Bukavu wurde Régine eine der Abgesandten der Bevölkerung: »Die Lehrerinnen von Bukavu sagten zu mir: Du musst nach Kin! So geriet ich in die Delegation von Süd-Kivu. Alle Stämme waren vertreten, wir wollten nicht ethnisch denken. Auf der Nationalen Souveränen Konferenz würden wir alles anprangern. Wir wollten Mobutu verjagen und seinen Kopf auf einem Tablett serviert bekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine fuhr in die Hauptstadt. Unter den 2800 Delegierten waren nur zweihundert Frauen. »Wir waren zu wenig Frauen, nicht mal 10 Prozent. Viele der Frauen hatten Angst, mitzureden. Sie waren schlecht informiert über die Wirkung einer solchen Versammlung und den Nutzen von Lobbying.« Aber sie stellte ihren Mumm unter Beweis. Am 7. August 1991 begann die Nationale Souveräne Konferenz, die für drei Monate angesetzt war. Die Eröffnungssitzung fand im Palais du Peuple statt, dem nationalen Parlament. Dieses Ungetüm von einem Gebäude war von den Chinesen hingeklotzt worden, ein paar hundert Meter vom neuen Fußballstadion entfernt. Auf dem Parkplatz stand &#039;&#039;citoyen&#039;&#039; Tshimbombo, einer der &#039;&#039;grosses légumes&#039;&#039;, der Bonzen der Regierung, mit einem Pappkarton und verteilte bündelweise Geldscheine an alle, die noch auf die Schnelle eine kleine Partei gründen wollten. Das Geld durften sie behalten, sie mussten sich nur auf Mobutus Seite stellen . . .6 Tshimbombo, das war der Mann, der einst im Namen des Präsidenten die Spielerinnen der Damen-Basketball-Nationalmannschaft mit zweiundzwanzig Mercedes beglücken durfte, weil sie den Afrika-Cup gewonnen hatten, und der elf Limousinen für den Eigengebrauch zurückbehalten hatte . . .7 Als er nun mit seinem Karton voller Banknoten da stand, nannte man ihn spöttisch den »Hüter des Staatsschatzes«. Es war sonnenklar, dass Mobutu die Konferenz auf alle möglichen Arten unterlaufen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wollte uns ständig korrumpieren – er bot uns Hotelzimmer an, er wollte uns Geschenke geben oder uns im Konferenzort Nsele übernachten lassen«, erzählte Régine, »aber wir sind nicht darauf eingegangen. Die Delegation von Süd-Kivu war sehr entschlossen. Zwei Nächte haben wir sogar draußen vor der Tür des Parlaments geschlafen! Die Leute haben uns etwas zu essen gebracht. Zum ersten Mal im Leben habe ich Maniokbrot gegessen. Und in Kinshasa gab es diese großen, dicken Mücken. All das kannten wir in den Bergen von Süd-Kivu gar nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wollte sich zwar notfalls mit einer breiten Übergangsregierung einverstanden erklären, in der auch Platz für einige Gegenstimmen war, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die Opposition große Macht erhielt, ging ihm zu weit. Er bestimmte selbst den Vorsitzenden der Konferenz: einen alten Getreuen, dessen Name bereits zeigte, wie fanatisch »authentisch« er war: Kalonji Mutambayi wa Pasteur Kabongo. Noch heute seufzt Régine, wenn sie diesen Namen hört: »Dieser Alte war völlig manipulierbar. Er war schwerhörig und verstand uns nicht mal! &#039;&#039;Pasteur wa Farceur&#039;&#039; nannten wir ihn, Hochwürden Witzbold. Ich dachte: Sind wir jetzt zweitausend Kilometer weit gefahren, um uns auf der Nase herumtanzen zu lassen? Wir sagten: Wir müssen den Vorsitzenden zum Schweigen bringen! Aber wie? Jeden Morgen mussten wir an Polizisten vorbei und wurden gefilzt. Wir haben Pfeifen reingeschmuggelt, so kleine aus Plastik. Ich hatte fünf Stück in meinen Schuhen und in meinen Zöpfen versteckt. Immer, wenn der Vorsitzende das Wort ergriff, haben wir gepfiffen, bis er aufhörte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten Wochen der Konferenz verliefen quälend mühsam, mit ausufernden Disputen über das Prozedere und einem endlosen Hickhack über die Zusammenstellung der Kommissionen. Mobutu, der alles aus der Distanz beobachtete, fand die Zänkereien sicherlich amüsant, da er auf das Scheitern des Ganzen hoffte. Aber außerhalb der Mauern des Palais du Peuple wuchs die Unruhe. Am 23. September begannen die Soldaten der Fallschirmjägerbasis in Ndjili zu meutern. Sie zogen zum Flughafen und setzten den Kontrollturm außer Betrieb. Von dort aus bahnten sie sich einen Weg ins Stadtzentrum, wo sie in Kaufhäuser, Läden, Tankstellen und sogar Privathäuser einfielen. Nichts, was irgendeinen Wert hatte, war vor ihnen sicher: Fernseher, Kühlschränke und Fotokopierer wurden nach draußen geschleppt, ganze Warenlager wurden geräumt, Handelsbetriebe geplündert. Das Volk, verzweifelt vor Hunger und Armut, schloss sich den Soldaten an. Es war ein gewaltiger Rausch, ein Fest, die Zeit des Großen Raffens. Endlich durfte das Volk das tun, was die Machthaber schon seit einem Vierteljahrhundert taten! Ein Delirium, die Umwertung aller Werte. Verboten und grandios! Die Unruhen breiteten sich auf andere Städte aus. Die belgische und französische Armee schritt ein, um Landsleute aus dem Hexenkessel herauszuholen, denn die Plünderungen gingen tagelang weiter. 30 bis 40 Prozent aller Firmen wurden verwüstet, 70 Prozent des Kleinhandels mussten dran glauben. Es gab 117 Tote und rund 1500 Verletzte.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Mobutu? Er reagierte nicht und ließ seine Soldaten gewähren. Viele vermuteten, dass er die Meuterei provoziert hatte, um die Nationale Souveräne Konferenz zu destabilisieren. Sogar sein loyaler Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa verdächtigte ihn des Opportunismus; das sagte er, als wir uns auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung unterhielten. »Mobutu wollte das Land kaputtmachen. Vorsätzlich. Er war sehr gekränkt durch den Erfolg von Tshisekedi und wollte sich rächen. Vergleich es mit jemand, der ein tolles Handy hat.« Zur Illustration hob er sein eigenes Mobiltelefon hoch. »So ein Handy, das andere neidisch macht, aber das du nicht mehr bezahlen kannst. Was tust du dann?« Er ließ den Arm mit dem Handy neben seinen Stuhl sinken. »Dann lässt du&#039;s fallen, damit es auch kein anderer kriegt. So hat Mobutu es gemacht. Als die Nationale Souveräne Konferenz anfing, ließ er sich ganz in Gbadolite nieder. Ihm war klar, dass das Volk ihn verachtete. Um drei Uhr morgens plünderten die Soldaten den Flughafen, und er reagierte nicht. Es war echt: Nach mir die Sintflut. Er sah die Plünderungen als eine Strafe für das Volk. Ich war sehr enttäuscht, als er das Land so zerstörte. Zum ersten Mal hatte ich mehr Angst, vom Volk ermordet zu werden, als von Mobutu.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Plünderungen bekam die Konferenz einen neuen Vorsitzenden, diesmal durch Abstimmung. Monseigneur Monsengwo, der populäre Erzbischof von Kisangani und Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz, wurde ohne Probleme gewählt und durfte der Nachfolger von Pasteur wa Farceur werden. Monseigneur Monsengwo: Sein Name weckte hohe Erwartungen. Mit seinem Purpurgewand und seiner großen moralischen Autorität war er anscheinend auf dem Weg, der Desmond Tutu von Zaire zu werden. Die Opposition war für ihn, weil sich die zairische Bischofskonferenz schon des Öfteren äußerst kritisch über das Mobutu-Regime geäußert hatte. Unter Kardinal Malula hatte sich die Kirche zur größten Gegenkraft der Zweiten Republik entwickelt. Als die Mitte der Gesellschaft erwachte, ließen sich zahlreiche Organisationen, auch die mehr säkularen, von den Basisgruppen und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie inspirieren.10 Monsengwo war zwar kein übermäßig radikal-progressiver Katholik, doch die Kirche war glaubwürdig für die Opposition (die sich selbst nicht zufällig &#039;&#039;sacrée&#039;&#039; nannte). Für Régine stand fest: »Monsengwo war unser Kandidat, aber er bekam sogar Stimmen von einigen Mobutu-Anhängern!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war darüber alles andere als froh. Sein Verhältnis zur Kirche war immer ambivalent gewesen: Er bekämpfte und fürchtete sie nun schon seit fast zwanzig Jahren. Am Vorabend des Papstbesuchs 1980 hatte er seine Geliebte Bobi Ladawa rasch noch kirchlich geheiratet. In Gbadolite hatte er eine Kathedrale erbauen lassen, er, der Mann, der einst die kirchlichen Zeremonien abschaffen wollte und der sich gern mit Wundertätern und Wahrsagern aus Westafrika umgab. Mit Monsengwo an der Spitze der Konferenz war also Wachsamkeit geboten. Wenn er, Mobutu, nicht entscheiden durfte, wer die Nationalkonferenz leitete, dann würde er eben über den anderen zentralen Posten des Übergangs bestimmen: den des Premierministers. Zwischen 1990 und 1997 hatte Zaire acht Premierminister gehabt, sieben davon von Mobutu persönlich in den Sattel gehoben. Die längste Amtszeit hatte drei Jahre betragen, die kürzeste drei Wochen. Der mit den drei Wochen, das war Mobutus Erzfeind Tshisekedi. Im Oktober 1991, nach den Plünderungen, hatte Mobutu ihn zum Regierungschef ernannt. Hatten die Unruhen den Führer zu der Einsicht gebracht, dass er Tshisekedi nicht länger ignorieren konnte? Oder war es eine hinterlistige Taktik, um ihn bei seinen Anhängern in Misskredit zu bringen? Die &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; debattierten das Thema tagelang, doch drei Wochen später war es mit dem Amt des Premiers schon wieder vorbei. Mobutu ernannte gleich danach Mungul-Diaka, einen anderen alten Feind, zum Premierminister. Der hielt es einen Monat lang aus. Dann durfte Nguza es noch einmal versuchen, auch ein Dissident aus der fernen Vergangenheit. &#039;&#039;Le vagabondage politique,&#039;&#039; der hemmungslose Opportunismus, war wieder an der Tagesordnung, ansonsten geschah unterdessen nichts. Im Januar 1992 ordnete Mobutu das Ende der Nationalen Souveränen Konferenz an. Das Spiel habe nun lange genug gedauert, befand er; zu seiner Erleichterung war nichts dabei herausgekommen. Diese Klippe hatte er umschifft, er hielt die Zügel wieder fest in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Teilnehmer bekamen Geld für die Heimreise«, erzählte Régine, »aber so konnten wir nicht nach Hause kommen. Die Menschen in meiner Provinz wollten ein Ergebnis sehen. Es musste Wahlen geben. Die Ausbezahlung des Geldes wurde ausgesetzt, aber wir sind trotzdem in Kinshasa geblieben, dank der Unterstützung der Bevölkerung.« Die Menschen gaben die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse nicht auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann kam der 16. Februar 1992, ein Tag, der in der Geschichte des Kongo genauso wichtig wurde wie der 4. Januar 1959, als die Unruhen in Léopoldville ausbrachen. Auch hier war der unmittelbare Anlass eine nicht genehmigte Demonstration, auch hier kam es zu breiten Protesten in Kinshasa, auch hier endete es in einem Blutbad. Die Christen wollten gegen die Schließung der Konferenz protestieren, doch die Behörden ließen den Protest nicht zu. Der charismatische Abbé José Mpundu, ein Priester, der dem Volk näherstand als der kirchlichen Hierarchie, war einer der Organisatoren. Ich unterhielt mich mit ihm in seinem einfachen Haus im Schatten des alten Fußballstadions. Er trug – was man selten sieht bei kongolesischen Männern – eine kurze Hose, und – was noch seltener vorkommt – er duzte mich sofort. »Die Bischöfe hatten schon gefordert, dass die Konferenz wieder eröffnet werden sollte. Die Priester hatten das Thema in der Sonntagsmesse angesprochen. Einige Laien sagten: Gut, dann lasst uns eine Aktion starten. Ich war mit ihrer Initiative einverstanden und besuchte ihre vorbereitenden Versammlungen, ich sprach dort über Gewaltlosigkeit. Ich war in der Bischofskonferenz Sekretär der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, weißt du. Aber Kardinal Etsou, der neue Erzbischof, gab keine Erlaubnis für den Marsch, und Monseigneur Monsengwo war der Ansicht, Bischöfe sollten reden und nicht handeln . . . Nun ja, wir legten die Routen fest und beschlossen, dass auf den Transparenten stehen sollte: ›Bedingungslose Wiedereröffnung der Nationalen Souveränen Konferenz‹. Später wurde ich deshalb aus der Bischofskonferenz entlassen . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Februar, nach der Neun-Uhr-Messe, begann die Demonstration. In den mehr als hundert Pfarrgemeinden von Kinshasa verließen die Menschen ihre Kirchen und strömten auf den maroden Boulevards und Avenuen der Hauptstadt zusammen. Es waren einfache Gläubige, keine kampferprobten Dissidenten, keine Vollblutpolitiker, sondern Schüler, Studenten, junge Eltern, Arme, Menschen, die sich vom niederen Klerus mit Vertretern wie dem nonkonformistischen Abbé José unterstützt wussten. Sie schwenkten grüne Zweige und sangen Lieder. Auch die Protestanten, die Kimbanguisten und die Muslime nahmen teil. In Matadi, Kikwit, Idiofa, Kananga, Mbuji-Mayi, Kisangani, Goma und Bukavu fanden solche Märsche statt. Mehr als eine Million Menschen gingen auf die Straße; es war die größte Massenversammlung in der Geschichte des Landes. Man sprach vom »Marsch der Hoffnung«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war auf der Route von Limete nach Pont Kasavubu«, erzählte Abbé José, »aber auf der Höhe von Saint-Raphaël stießen wir auf ein Bataillon bis an die Zähne bewaffneter Soldaten. Ich lief in der ersten Reihe. Wir hatten abgesprochen: Sobald etwas vorfällt, setzen wir uns alle auf den Boden. Die Soldaten hielten uns auf, und wir setzten uns hin. Neben mir saß eine alte Frau und schaute ungläubig auf die jungen Soldaten, die höchstens sechzehn, siebzehn waren. Einer von ihnen sah ihr direkt in die Augen, und sie sagte: ›&#039;&#039;Mwana na nga, est-ce que omelaki mabele ya mama te?‹&#039;&#039; ›Mein Sohn, hast du denn nie von der Mutterbrust getrunken?‹ Der Junge wusste nicht, wohin er den Blick richten sollte. Das ist die Kraft der Gewaltlosigkeit, der Wahrheit.« Der Kongo glich kurz dem Indien von Mahatma Gandhi. »Dann trieben sie uns mit Tränengas auseinander. Wir rannten weg, aber wir formierten uns neu. Wir gingen weiter und sangen wieder. Bei Kingabwa stießen wir auf Leibwächter, ich denke, die von Premier Nguza. Sie bedrohten uns mit dem Tod. ›Nicht singen, laufen!‹, brüllten sie. Aber ich sagte: ›Wenn wir laufen, schießen sie auf uns.‹ Ein stämmiger Kerl mit einem Revolver packte mich, aber die anderen hielten mich fest. Die Knöpfe meiner Soutane sprangen ab. Meine Kette zerriss. Ein Gemeindemitglied hob sie auf. Auch weiße Priester wurden so behandelt.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marsch der Hoffnung endete in einem Blutbad. An diesem Tag kamen mindestens fünfunddreißig Bürger ums Leben.12 Die Ordnungskräfte schossen ohne Ansehen der Person, sogar aus sehr kurzer Entfernung, sogar auf Kinder. Sie benutzten nicht nur Tränengas, um die Menschenmenge auseinanderzutreiben, sondern auch eine äußerst leicht entzündliche Substanz, die selten in einem zivilen Kontext verwendet wird: Napalm. Bei einem meiner vielen Gespräche mit Zizi an einem Terrassentisch der Kantine des Staatsrundfunks sagte er: »Nach diesem Marsch hatte Mobutu mächtig Angst, exkommuniziert zu werden. Die Nationale Souveräne Konferenz durfte wieder eröffnet werden, und er zog sich in Gbadolite noch mehr zurück. Die Konferenz wurde viel selbstbewusster. Die Angst war weg. ›Hast du wirklich geglaubt, du könntest uns alle abschlachten?‹, wurde laut gesagt. Meine Frau hat bei dem Marsch Leichen gesehen. Ich habe mir Brandwunden zugezogen.« Er zog die Beine unterm Tisch hervor und krempelte die Hosenbeine hoch. Ich kannte ihn nun schon seit einigen Jahren, aber das hatte er mir noch nie erzählt oder gezeigt. An seinen Schienbeinen sah ich große rosa Flecken. Wir schwiegen beide lange. »Napalm«, sagte er schließlich.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konferenz wurde im April 1992 wieder eröffnet und erzielte diesmal große Fortschritte. Sie wurde tatsächlich souverän: Ihre Beschlüsse waren nicht mehr unverbindliche Empfehlungen, sondern Ausdruck des Volkswillens mit Gesetzeskraft. Mit der Konferenz als höchstem Staatsorgan trat die Demokratisierung in eine entscheidende Beschleunigungsphase ein. Nach den Plenarsitzungen zogen sich die Delegierten in dreiundzwanzig Ausschüsse und hundert Unterausschüsse zurück, verstreut über die ganze Stadt. In vielen dieser Ausschüsse wurde brillante Arbeit geleistet. Man erstellte eine Liste aller vorhandenen Probleme und ersann sinnvolle Alternativen. Régine Mutijima saß in dem Ausschuss »Frau, Kind und Familie«. »Ich war auch die Protokollantin. Tag und Nacht haben wir damals gearbeitet. Danach wurden alle Protokolle in der Vollversammlung vorgelesen, damit sie vervollständigt und bestätigt werden konnten. Das Verhandeln über diese Kompromisse war eine ungeheure Schule der Demokratie. Das Mobutu-Lager diskutierte öffentlich mit der Opposition. Wir wollten die wahre Geschichte des Landes ausgraben und den Schwachen eine Stimme geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz stimmte über eine vorläufige Verfassung ab, deren wichtigster Artikel vorsah, dass nicht der Präsident, sondern die Konferenz den Premierminister ernannte. Der Präsident durfte die Wahl allenfalls noch bestätigen. Das bedeutete einen so radikalen Bruch mit der Vergangenheit, dass auch die Symbole des Staates geändert werden mussten: Zaire sollte wieder Kongo heißen, die Flagge, der Wahlspruch und die Nationalhymne sollten wieder die von vor 1965 werden. Und dann geschah etwas Befremdliches: Monsengwo verließ die Konferenz und verhandelte auf eigene Faust mit Mobutu. Mit diesem Schritt verstieß er gegen alle Vereinbarungen und gegen die Souveränität der Konferenz.14 Mobutu gab dem Prälaten klipp und klar zu verstehen, dass das Land weiterhin Zaire heißen würde; eine Namensänderung sei für ihn völlig unannehmbar. Er ließ aber auch durchschimmern, dass er sich mit einer mehr zeremoniellen Bedeutung des Präsidentenamtes zufriedengeben würde. Régine sieht die Sache noch immer mit gemischten Gefühlen: »Ich fand es skandalös, dass Monsengwo nach Gbadolite fuhr, aber ich denke, er wollte verhindern, dass es noch mehr Tote gab.« Die Männer der DSP, Mobutus Privatarmee, waren noch immer gut bewaffnet; es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. »Monsengwo war der Mann der langsamen Änderung. Er wollte keine Gewinner oder Verlierer, weil er befürchtete, dass die Letzteren sich rächen würden. Tshisekedi dagegen wollte einen schnellen Triumph, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem schweren Konflikt führen könnte. Monsengwo entschied sich für die weiche Landung. Er versuchte, in einer komplizierten Situation taktisch vorzugehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire blieb Zaire, aber der Premierminister wurde zum ersten Mal nach dreißig Jahren gewählt. Am 15. August 1992 ernannte die Nationale Souveräne Konferenz Tshisekedi mit 71 Prozent der Stimmen zum Premierminister der Übergangsregierung; sein Gegenkandidat Thomas Kanza kam nur auf 27 Prozent. Die Wahl war nicht ohne Reibereien abgelaufen, die Büros der UDPS waren einige Tage zuvor noch zerstört worden, aber Étienne Tshisekedi, der Mann, der zehn Jahre zuvor den außerordentlich mutigen offenen Brief an Mobutu geschrieben hatte, wurde nun der erste demokratisch gewählte Premierminister seit Tschombé 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach ging es schnell. Es gab eine Übergangsregierung und ein Übergangsparlament: 453 der 2800 Delegierten bildeten nach der Konferenz den »Hohen Rat der Republik«. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, die sich in vielen Punkten an die föderative Verfassung von Luluabourg von 1964 anlehnte, die einzige durch Volksabstimmung beschlossene Verfassung, die es im Kongo jemals gegeben hatte. Und es wurden Termine für die Wahlen festgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der demokratische Wandel schien nicht mehr aufzuhalten. Und doch geschah es. Tshisekedis taufrische Regierung zeichnete sich nicht gerade durch Weitblick und Strategie aus.15 Er unternahm keinerlei Versuche, die Geheimdienste und die Armee, die wesentlichen Elemente des Staatsapparats, unter seine Kontrolle zu bringen. Die Minister vergeudeten ihre Zeit mit Besuchern und Hilfeleistungen für einzelne Bittsteller. Dass Regierungsarbeit mehr umfasst als stundenlang in einem Büro in Ledersesseln zu sitzen und zu palavern, konnten diese Leute, die noch weniger demokratische Bildung genossen hatten als die Politiker der Ersten Republik, nicht wissen. Tshisekedi selbst schien an der Krankheit Lumumbas zu leiden: charismatisch, solange er sich in der Opposition befand, launenhaft und unberechenbar, sobald er an der Macht war. Premierminister zu werden schien ihm wichtiger zu sein als den Kongo dann auch tatsächlich zu regieren.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz ging dem Ende zu, aber die Protokolle der beiden heikelsten Ausschüsse mussten noch verlesen werden: die des Ausschusses zu »unrechtmäßig erlangten Gütern« (gemeint war: Diebstahl) und die des Ausschusses zu den politischen Morden. »Monsengwo wollte diese Sitzungen hinter geschlossenen Türen stattfinden lassen«, erzählte Régine, »Mobutu schickte Panzer zum Parlament und ließ die Fernsehübertragungen von der Konferenz stoppen.« Der vernichtende Bericht über die Korruption der Regierung wurde nur teilweise vorgelesen, der noch viel schlimmere über die Verletzungen der Menschenrechte gar nicht. Zwar waren mehrere hundert Exemplare im Umlauf, doch die zeigten keine Wirkung. »Ich saß mit zwei anderen Frauen in der Delegation von Süd-Kivu. Sie konnten weder lesen noch schreiben«, sagte Régine. In einem Land, in dem mehr als zwei Generationen keinen soliden Schulunterricht gehabt hatten und wo das gesprochene Wort mehr galt als das gedruckte, waren diese Momente von Öffentlichkeit mehr als nur symbolisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang Dezember 1992 schloss die Nationale Souveräne Konferenz ihre Türen, nicht nach drei, sondern nach siebzehn Monaten. Die Bilanz war zwiespältig. Zum ersten Mal war Mobutu mit einem Ministerpräsidenten konfrontiert, den er nicht selbst ausgesucht hatte. Der historische Rückblick war von großer Bedeutung gewesen, doch die entscheidenden Berichte waren nicht verlesen worden, und die gesetzgeberische Arbeit war noch nicht vollendet. Die demokratische Opposition hatte längst nicht immer politische Reife gezeigt. Und ob nun die lang ersehnten Wahlen stattfinden würden, blieb dahingestellt.17 Régine brachte das Ergebnis auf den Punkt: »Wir wollten die Diktatur entwurzeln, ja, aber man kann einen Baobab nicht einfach fällen, denn dann stürzt er auf einen. Man muss eine Wurzel nach der anderen durchhacken und ihn dann gemeinsam aus einiger Entfernung umreißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Gewicht des umstürzenden Baobab wurde das Volk zermalmt. Die Übergangsphase zur Dritten Republik war für viele Menschen in Zaire eine wahre Heimsuchung. Zaire erlebte in den Jahren 1975-1989 eine durchschnittliche jährliche Inflation von 64 Prozent; in den Jahren 1990-1995 stieg die Inflationsrate auf durchschnittlich 3616 Prozent pro Jahr.18 1994 erreichte sie sogar einen Gipfel von 9769 Prozent.19 Im Jahr 1981 kostete ein Rollstuhl 750 Zaïre, im Jahr 1991 zweieinhalb Millionen Zaïre.20 Rechenmaschinen hatten nicht genug Nullen, wenn Rechnungen geschrieben werden mussten. Schon für eine einfache Hotelübernachtung rechnete man mit Hochzahlen.21 Gehälter waren wertlos. Kaufkraft wurde zur Farce. Die Älteren sagten: »In der Zeit der Belgier haben wir dreimal am Tag gegessen, während der Ersten Republik zweimal am Tag, während der Zweiten Republik nur noch einmal. Wo soll das enden?«22 Kinder verhungerten. Schreiner zimmerten keine Möbel mehr, sondern Särge, oft für Kinder. In den Städten betrug die Kindersterblichkeit ca. 10 Prozent, auf dem Land ca. 16 Prozent.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele hofften auf ein Wunder. Im Zaire der neunziger Jahre wurden Glücksspiele ungemein populär. Lotterien, riskante Geldanlagen und Pyramidenspiele versprachen sofortigen Erfolg, aber machten in der Praxis viele Arme noch ärmer.24 Die Leute hoben ihr Geld von der Bank ab, setzten es ein, gewannen am Anfang ein wenig und verloren dann alles, was sie hatten. Man vertraute auf Wahrsagerei und Zauberei, um dem Glück nachzuhelfen, denn Geld und Mystik gingen Hand in Hand. Sogar Mobutu umgab sich gern mit mächtigen &#039;&#039;marabouts&#039;&#039; (Heilern) und allerlei &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;. Als er zwei Söhne durch Aids verlor, machte er okkulte Kräfte dafür verantwortlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf diese mystische Erweckung erwachte eine neue Art Christentum, nicht klassisch katholisch, protestantisch oder kimbanguistisch, sondern evangelikal und messianisch. Man sprach von den »Églises du Réveil« oder »Pfingstkirchen«. Die Initiatoren waren sehr oft ausländische Missionare, hauptsächlich aus den USA.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der auffälligste &#039;&#039;reborn Christian&#039;&#039; in Zaire war Dominique Sakombi Inongo, der Mann, der sich jahrelang um die Propaganda für Mobutu gekümmert hatte. Der Erfinder der &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;, des Mobutismus und der politischen Animation erklärte sich nun zum Sprachrohr Gottes. Nach einem Unfall auf der Autobahn bei Brüssel (als nächtlicher Geisterfahrer hatte er den Tod einer Belgierin verursacht) hatte er mystische Erlebnisse. In einem Traum sprach der Allerhöchste zu ihm: »Dominique, mein Sohn, ich schenke dir das Leben und den Tod, aber ich rate dir, dich für das Leben zu entscheiden! Denn ich werde dich erretten und dich benutzen.« Das bedurfte weiterer Erklärung: »Lange Zeit hast du mein Volk tanzen lassen für einen Mann, aber fortan wirst du das Volk nur für mich und für mich allein mobilisieren, auf dass es mich lobpreise und endlich befreit werde.« Sakombi entschloss sich zu einem radikalen Bruch mit dem Mobutu-Regime und empfahl Mobutu persönlich, das Gleiche zu tun (»Sie müssen mit Tshisekedi kooperieren. Sie müssen sich absolut bekehren. (. . .) Ich rufe Sie auf, als Bruder, endgültig mit den &#039;&#039;marabouts&#039;&#039;, den Hexen, den &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;, den Magiern und so weiter zu brechen. Sie sind Lügner. (. . .) &#039;&#039;Citoyen Président&#039;&#039;, trotzen Sie der Aufforderung des Herrn nicht. Er ist auch für Sie am Kreuz gestorben«).25 Die äußeren Symbole der Zweiten Republik waren für ihn voll und ganz verhext. Die Hymne, die Fahne und das Wappen waren satanischen Ursprungs. Sakombi erzählte seinen Zuhörern bei stundenlangen Gebetssitzungen, er habe das Urbild des Staatswappens mit eigenen Augen in einer Höhle gesehen, in die Wand gemeißelt, Dutzende Meter unter der Erde, und zwar in Ägypten, bei einer der Pyramiden von Kairo, am Rand eines unterirdischen Flusses, und Alte hätten dort Zaubersprüche gesungen . . . Auch die Währung des Landes sei verhext: »Man braucht sich nur die kabbalistischen Symbole darauf anzusehen, um es zu glauben; alle haben mit Magie zu tun. Mit solchen Banknoten kann man niemals die Entwicklungen eines Landes finanzieren. (. . .) Sie erinnern sich sicher daran, dass die jüngere Serie Geldscheine zu Unruhen geführt hat und sogar dem Konflikt zwischen Mobutu und Tshisekedi zugrunde lag. Sie wissen jetzt, warum . . . weil sie des Teufels sind.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hatte es mit diesen Banknoten neuesten Datums tatsächlich eine etwas seltsame Bewandtnis. Sakombis phantastischer Diskurs war nicht völlig abgehoben, sondern gab einer vertrauten Kritik an den sozialen Umständen einen religiösen Touch. 1970 hatte die höchste Banknote einen Wert von fünf Zaïre, 1984 waren es fünfhundert Zaïre. Das war an sich schon ein Zeichen für eine dramatische Inflation. 1990 aber wurde eine Banknote im Wert von fünfzigtausend Zaïre eingeführt, und zwei Jahre später sogar eine von fünf Millionen Zaïre.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makroökonomie kann manchmal spielend einfach sein. Wenn der Wert der höchsten Stückelung so schnell ansteigt, bedeutet das entweder, dass ein Land furchtbar schnell reich wird, oder aber, dass die Währung furchtbar schnell an Wert verliert. Leider war Letzteres der Fall: Der Fünf-Millionen-Zaïre-Schein war nur zwei Dollar wert. Trotzdem war Mobutu darauf ebenso ungerührt abgebildet wie auf den vorigen Banknoten. Stolz trug er die weiße Marschall-Uniform, die Alfons Mertens für ihn geschneidert hatte und die auf diese Weise eines der am häufigsten abgebildeten Kleidungsstücke des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. In großem Maßstab Geld nachdrucken, war ja Mobutus bevorzugte Methode, an Devisen zu gelangen, zumal er jetzt nicht mehr auf seine internationalen Geldgeber zählen konnte. Er beauftragte die deutsche Firma Giesecke &amp;amp; Devrient, Gelddrucker für Auftraggeber von Hitler bis Mugabe, und ließ große Ladungen Banknoten mit Frachtmaschinen einfliegen. Allein im Jahr 1995 waren es 830 Millionen neue Geldscheine. Fast die Hälfte dieses Geldes musste er so schnell wie möglich gegen Dollar eintauschen, um die Rechnungen der Lieferfirma bezahlen zu können.28 Geld drucken, um den Gelddrucker zu bezahlen: Ökonomie kann auch tragikomisch sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Mobutu im Dezember 1992 die ungeheuerliche Banknote von fünf Millionen Zaïre in Umlauf brachte, erklärte Ministerpräsident Tshisekedi sie für gesetzwidrig. Er wollte der unreflektierten Geldpolitik Einhalt gebieten, doch das führte zu einem ersten ernsthaften Zusammenstoß mit dem Präsidenten. Auf den Straßen von Kinshasa bekam der Schein schon bald den Beinamen »Dona Beija«, nach einer bildhübschen, aber durchtriebenen Figur in einer brasilianischen, zu jener Zeit in Zaire sehr populären Soap.29 Mobutu benutzte das Geld, um seine Soldaten zu bezahlen. Wie immer zogen sie mit ihrem Sold zu einem Geldwechsler, denn der Lohn, den sie am Freitagabend erhielten, konnte am Montagmorgen schon ein Drittel an Wert verloren haben. Im ganzen Land war das Phänomen der &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; aufgetaucht, Geldwechslerinnen (fast immer waren es Frauen), die am Straßenrand unter einem Sonnenschirm an einem Tischchen mit Stapeln von Geldscheinen saßen. In Zaire war sogar der Schwarzmarkt farbenfroh. In Kinshasa fand man sie auf der Straße hinter der belgischen Botschaft, die schon bald Wall Street genannt wurde, aber auch mitten im Stadtteil Matonge gab es Gassen mit einer inoffiziellen Wechselstube neben der anderen. Der Beamte, Polizist oder Soldat zog am Zahltag mit seinem Plastikbeutel voller Bündel frisch gedruckter Geldscheine zur Wechslerin und tauschte sie in Dollar ein. Die Wechslerin verkaufte die Scheine später weiter, oft an Behörden, die sie benötigten, um die Gehälter zu zahlen. Zaire wurde auf diese Weise allmählich »dollarisiert«.30 Bis heute gilt der Dollar als primäres Zahlungsmittel für alle größeren Ausgaben, nur kleinere Einkäufe werden noch mit der Landeswährung bestritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber mit der Banknote von fünf Millionen funktionierte das System nicht mehr. Nachdem Tshisekedi sie für gesetzwidrig erklärt hatte, weigerten sich die &#039;&#039;cambistes&#039;&#039;, sie zu wechseln. Die Soldaten, die sich so um ihren Monatslohn betrogen sahen, nahmen nun die Besoldung selbst in die Hand. Vom 28. bis 30. Januar 1993 verlegten sie sich wieder aufs Plündern. Die Folgen waren entsetzlich. In Kinshasa spricht man noch heute von der Ersten und der Zweiten Plünderung, der von 1991 und der von 1993, denn das waren historische Ereignisse, die sich tief ins Gedächtnis des Landes einprägten. Die Zweite Plünderung war die weitaus gewalttätigste. Diesmal war es die DSP selbst, Mobutus Elitetruppe, die meuterte und sich an öffentlichem und privatem Besitz schadlos hielt. Vor den Augen der Ladenbesitzer schlugen sie die Schaufenster ein und rissen die Lampen von der Decke. Weil das Warenangebot oft spärlich war, zerrten sie sogar Kupferleitungen aus der Wand und brachen Waschbecken heraus. Zaire war nun das Land der letzten Dinge geworden, ein gesetzloses, straffreies, hoffnungs­loses Land, Banditentum und Raubgier ausgeliefert. Etwa tausend Menschen fanden bei der Zweiten Plünderung den Tod, darunter der französische Botschafter und sein Mitarbeiter. Wieder wurden französische und belgische Fallschirmjäger eingesetzt. Als alles vorbei war, sah die Stadt aus wie nach einer Heuschreckenplage. Die Straßen waren übersät mit Papieren, Ordnern, Trümmerstücken und Schuhen. Aus den Fenstern mit den zerbrochenen Scheiben bauschten sich die Vorhänge. Auch einfache Leute versuchten, ein bisschen abzubekommen, denn in einem Land, das bankrott war, bekam noch das Geringste wieder einen Wert. Altpapier zum Beispiel wurde ein kostbares Gut. Das Archiv des Zoos von Kinshasa, eines dürftigen Überbleibsels aus der Kolonialzeit, wo noch immer ein Krokodil aus dem Jahr 1938 in der Sonne vor sich hin döste (und noch heute dort liegt), wurde von Menschen gestürmt, die Einwickelpapier benötigten.31 Wer in den Wochen danach auf dem Markt von Kinshasa eine Handvoll Erdnüsse zum Abendessen kaufte, bekam sie in einer Tüte aus vergilbtem Papier mit Beschreibungen des wundersamen Lebens von Schimpanse und Okapi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass es so nicht weitergehen könne mit seinem Land. Ein paar Monate zuvor hatte er in Gbadolite die Hochzeit einer seiner Töchter gefeiert. Sie trug zu diesem Anlass Juwelen von Cartier und Boucheron im Wert von drei Millionen Dollar. Aber das war kein Problem. 2500 Gäste waren geladen. Es gab Kaviar und Hummer. Tausend Flaschen französische Spitzenweine wurden geleert. Auch das war kein Problem. Ein Flugzeug war eigens nach Paris geschickt worden, um die Torte, ein vier Meter hohes Monstrum, bei Chef-Pâtissier Lenôtre abzuholen. Aber das alles war wirklich kein Problem. Das wahre Problem für Mobutu war Tshisekedi, der Mann, der eine Banknote mit seinem Konterfei abgelehnt und damit die Plünderungen entfesselt hatte. Nein, mit diesem Querkopf war nichts anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1993, nach einer zehntägigen Versammlung mit der Spitze des noch immer vitalen MPR, entschloss sich Mobutu, eine eigene Regierung mit eigenem Parlament, einer eigenen Verfassung und einem eigenen Premierminister einzusetzen. Faustin Birindwa, ein ehemaliger politischer Gegner, war das Opfer vom Dienst, und er würde für eine Währungsreform sorgen, bei der eine neue Währung, der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, drei Millionen alte Zaïre ersetzen sollte. Zaire hatte nun eine doppelte Regierung. Neben den Institutionen der Nationalen Souveränen Konferenz existierten die des noch viel souveräneren Präsidenten. Das gewaltige Werk, für das Menschen wie Régine Mutijima gekämpft hatten, fiel der Raffgier eines alten Dinosauriers zum Opfer. Die historische Ironie des Ganzen konnte niemandem entgehen: Mobutu hatte 1960 und 1965 geputscht, weil Kasavubu zweimal neben dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten einen eigenen Premier ernannt hatte (Ileo versus Lumumba 1960, Kimba versus Tschombé 1965), nun aber machte er, Mobutu, genau das Gleiche. Dieser unhaltbare Zustand sollte ein Jahr währen. Transnationale Organisationen erkannten den Ernst der Lage und befürchteten eine Eskalation wie nach der Unabhängigkeit. Die Organisation für Afrikanische Einheit und die UNO schickten Abgesandte nach Kinshasa, die auf einen Kompromiss hinwirken sollten. Der kam in Form eines riesigen Parlaments mit siebenhundert Mitgliedern, in dem die beiden parallelen Volksvertretungen, die der Nationalkonferenz und die der Diktatur, aufgingen. In diesem Gremium mit dem ziemlich technischen Namen HCR-PT (&#039;&#039;Haut Conseil de la République – Parlement de Transition&#039;&#039;) besaßen die Mobutu-Anhänger die Mehrheit. Zum Premier wurde im Juli 1994 erneut Kengo wa Dondo berufen, ein &#039;&#039;métis&#039;&#039; polnisch-kongolesischer Abstammung, der in den achtziger Jahren zwei relativ stabile Regierungen geleitet hatte, die die Strukturanpassungsprogramme des IWF umgesetzt hatten. Das machte ihn für die internationale Gemeinschaft akzeptabel, doch Bürger Zaires hatten schlimme Erinnerungen an jene Jahre der strikten Sparmaßnahmen. Anders als Tshisekedi konnte Kengo nie die Herzen gewinnen. Seine Aufgabe war es nun, das Land zu den Wahlen zu führen, die um das Jahr 1995 stattfinden sollten; 1995 wurde jedoch als neuer Zeitpunkt 1997 angesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schien mit diesem Arrangement (ein Parlament, das ihm gehorchte, ein Premierminister, der nicht gegen ihn arbeitete, Wahlen, die noch in weiter Ferne lagen) seine Schäfchen wieder im Trockenen zu haben. Doch der Schein trog, denn Zaire, das Land, das er vereint und groß gemacht hatte, zerfiel nach und nach. In Kasai weigerte sich die Bevölkerung, die neue Währung, den &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, zu benutzen: In dieser separaten Währungszone lauerte die Gefahr einer neuen Sezession.32 In Katanga war die ethnisch motivierte Gewalt zwischen den ursprünglichen Bewohnern und den Luba-Migranten aus Kasai wieder mit aller Heftigkeit aufgeflammt, angefacht durch den offenen Rassismus von Provinzgouverneur Kyungu wa Kumwanza, der von einem unabhängigen Katanga träumte und einstweilen schon Zehntausende Migranten vertrieb. Doch die schlimmsten Gewaltausbrüche ereigneten sich in Nord-Kivu. Dort wurden Ruandischsprachige, die sogenannten Banyarwanda, zunehmend als unerwünschte Migranten angesehen, die den Reichtum, den Grund und Boden und die Macht an sich rissen. Die meisten von ihnen hatten sich zwischen 1959 und 1962 im Kongo angesiedelt, nach Unruhen in ihrem eigenen Land. Solange Bisengimana, der Vater des jungen Mannes, mit dem ich über den Kivusee gefahren bin, Mobutus Kabinettschef war, wurden die Ruandischsprachigen (hauptsächlich Tutsi) als vollwertige Zairer angesehen und erhielten relativ leicht die zairische Staatsbürgerschaft. Aber ein neues Gesetz von 1981 verschärfte gezielt die Kriterien für die Staatsbürgerschaft Zaires, und ab 1990 wollte man sich der eingewanderten Tutsi entledigen. Die Banyarwanda waren für den Kivu das, was die Baluba für Katanga waren: unerwünschte Elemente, Eindringlinge, Außenseiter, Profiteure, Ausländer, Menschen, die nicht dazugehörten. &#039;&#039;Rwandais&#039;&#039; wurde ein Schimpfwort. Kinder sangen: »Alle Ruander ab nach Haus, wir wollen sie hier nicht mehr.«33 Die Ressentiments zwischen Zairern und »Ruandern« nahmen so stark zu, dass sich nationalistische Volksmilizen bildeten, die Mai-Mai. Diese spontan entstandenen paramilitärischen Gruppen wollten den Kampf gegen alle fremden Einflüsse aufnehmen. Bei ihren bizarren Ritualen orientierten sie sich an den Simbas von 1964, aber diesmal waren die Feinde nicht Mobutu und seine westlichen Verbündeten, sondern die »Migranten« aus dem Osten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»&#039;&#039;J&#039;&#039;e suis zaïrois!«,&#039;&#039; sagte einer ihrer Veteranen im Dezember 2008 voller Stolz zu mir, elf Jahre, nachdem sein Land wieder den Namen Kongo angenommen hatte. »Am Anfang verstanden wir uns gut mit den Banyarwanda, aber dann wollten sie die Tembo, die Bahunde und die Nyanga beseitigen. Ich bin Bahunde. Die Banyarwanda schlossen die Bahunde in ihren Häusern ein und steckten sie in Brand.« Bei dem Konflikt ging es im Wesentlichen um Boden. Ruanda und der Kivu sind die am dichtesten bevölkerten agrarischen Gebiete Afrikas. »1993 fing es an. Wir wurden Mai-Mai. Man musste dafür zur Bantu-Rasse gehören, ein leidenschaftlicher Patriot sein und mit unserem Spezialwasser getauft werden. Man bekam eine rituelle Narbe, traditionelle Getränke und heilkräftige Pflanzen. Stehlen und Vergewaltigen war verboten. Damals gab es noch keine Vergewaltigungen. Wir bastelten an den Gewehren herum, mit denen wir sonst auf die Vogeljagd gingen. Wir hatten keine andere Wahl. Die Banyarwanda waren Ausländer und wollten Nord-Kivu an Ruanda angliedern.« Überbevölkerung, Armut und die Abwesenheit des Staates ergaben eine tödliche Mixtur. 1993 führten die Spannungen in Nord-Kivu zu ethnischen Säuberungen, bei denen mindestens viertausend, möglicherweise sogar zwanzigtausend Menschen umkamen.34 »O, ich habe mindestens vierzig Kämpfe miterlebt.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Goma unterhielt ich mich darüber mit Pierrot Bushala, einem Mann, dem es noch immer ein Rätsel war, wie das damals geschehen konnte: »In den achtziger Jahren kannte keiner den ethnischen Hintergrund seiner Klassenkameraden; das fing erst in den neunziger Jahren an. Meine Klasse in der Oberschule war &#039;&#039;un mélange total&#039;&#039;. Ich hatte damals eine Tutsi-Freundin und wusste das nicht mal. Aber als wir in den neunziger Jahren heiraten wollten, waren ihre Eltern dagegen. Ich bin mir sicher, dass sie mich zehn Jahre vorher akzeptiert hätten.« Seinen Liebeskummer konnte er mir mit historischen Fakten erklären: »Schauen Sie, als Belgien 1918 die Mandatsgebiete dazubekam, wurde die Grenze zwischen Kongo und Ruanda osmotisch. Die Belgier haben Tausende von ruandischen Hutu zu den Minen exportiert, und die Tutsi haben sich spontan über die Grenze ausgebreitet. Unter Mobutu hatten diese Tutsi zairische Pässe, aber in den neunziger Jahren nahm der Tribalismus zu. Plötzlich waren sie angeblich keine loyalen Landsleute mehr, denn sie würden ja den Kampf ihrer Brüder in Ruanda unterstützen. ›Wenn du ein Tutsi bist, dann bist du ein Ruander‹, sagten die Zairer. Da ist es schiefgelaufen. Ich habe dann schließlich eine Lega-Frau geheiratet, sie kam aus einem einheimischen Stamm in Süd-Kivu.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Süd-Kivu wurden die zairischen Tutsi zunehmend als »Banyamulenge« bezeichnet, Leute von Mulenge, eine ethnische Zuschreibung von außen, die es früher nicht gegeben hatte. Immerhin lebten sie schon seit dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren Herden auf den kalten, nebligen Hochebenen westlich des Tanganjikasees, unter anderem in der Umgebung des Ortes Mulenge. Mit ihrer hochgewachsenen Gestalt, den fein geschnittenen Gesichtszügen und den Filzhüten bestätigten sie die Klischees vom Tutsi-Hirten, der mit dem Stab auf den Schultern hinter seinen Rindern her schlendert. Auch sie wurden zunehmend beschimpft und gehasst. Sie seien wie Fledermäuse, sagte mir einmal eine Kongolesin, weder Vogel noch Maus, Ruander oder Zairer, unheimlich und ungreifbar. Und noch dazu ein bisschen schmutzig! Ja, bestätigte jemand anders, sie verdienten viel Geld mit ihren Rindern, aber sie hätten keine Kultur, die Banyamulenge. Sie kauften die teuersten Kleider, doch ohne jeden Geschmack. Ihre Männer trügen Frauenkleider. Und ihre Frauen benutzten ein Klosettbecken als Maniokmörser. Haha! Und dann dieses ständige Grinsen! Kam das durch ihre vorstehenden Zähne? Oder einfach von der Kälte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte versucht, tribale Reflexe zurückzudrängen und das Nationalbewusstsein zu stärken, doch in Zeiten des Mangels keimten feindselige Gefühle auf. Die Tutsi im Kivu (sowohl die Banyarwanda in Nord-Kivu wie die Banyamulenge in Süd-Kivu) bekamen das am stärksten zu spüren. Erst aufgrund der rassistischen Anfeindungen verhielten sie sich immer mehr wie eine Gruppe. Beschimpft als »Banyamulenge«, begannen sie sich tatsächlich als Banyamulenge zu fühlen. Sie sahen ihre Geschichte, erinnerten sich daran, dass sie tatsächlich anders als andere waren, dass ihre Wurzeln in Ruanda lagen und dass sie eigentlich, tja, wenn das Thema nun schon angesprochen wird, nie willkommen waren in Zaire. Gruppen schließen sich zusammen, sobald sie bedroht werden. Ethnische Identifikation wurde wichtiger als nationale Identifikation.37 Sogar der Vater der Nation hatte sich in seine Heimatgegend zurückgezogen und ließ sich von Männern seines Volkes beschützen. Mobutu, der Unitarist, wurde selber ein Tribalist. Zaire wurde wieder zu einem Flickenteppich von Stämmen. Armut führte zu Aggression, Hunger zu Gräueln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Geld, keine ausländische Hilfe, keine funktionierende Armee: Zaire war durch und durch morsch, und so hätte es 1994 nicht viel bedurft, um die Diktatur in die Knie zu zwingen. Aber dann vollzog sich in Zaires kleinstem Nachbarland eine humanitäre Katastrophe, welche die gesamte Region so sehr destabilisierte, dass Mobutu von der internationalen Gemeinschaft plötzlich wieder als ein Garant der Stabilität, als alter, zuverlässiger Vertrauter, als Fels in der Brandung des turbulenten Zentralafrika anerkannt wurde. Diese Katastrophe war der Völkermord in Ruanda, ein Ereignis außerhalb der Landesgrenzen, das wie kein anderes die Geschichte Zaires beeinflussen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie das Schwesterland Burundi war Ruanda 1962 von Belgien unabhängig geworden. Bei den ersten demokratischen Wahlen verloren die Tutsi, eine Minderheit von Viehzüchtern, die über Jahrhunderte die Macht innegehabt hatten, ihre herrschende Position an die viel zahlreicheren Hutu, die seit jeher Bauern waren. Zwischen den beiden Gruppen hatte es zwar ganz reale soziale und wirtschaftliche Unterschiede gegeben, doch erst die belgische Kolonialregierung hatte diese Unterschiede verschärft und verabsolutiert. Man war entweder Hutu oder Tutsi. Nach der Unabhängigkeit zeigte sich die neue Hutu-Regierung gegenüber ihren früheren Herren als äußerst unversöhnlich. Viele Tutsi flohen mit ihren Rindern nach Burundi, in den Kongo oder nach Uganda. Dort, jenseits der Grenze des Heimatlandes, blickten sie auf ihre Hügel in der Ferne, fest entschlossen, früher oder später zurückzukehren und die Macht wiederzugewinnen. Im Süden Ugandas organisierten sie sich militärisch in der RPF, der Ruandischen Patriotischen Front, und kämpften an der Seite des Rebellenführers Yoweri Museveni, um Milton Obote zu vertreiben. Museveni wurde Präsident von Uganda, und die RPF lernte, wie man ein Land eroberte; diese militärische Erfahrung sollte noch sehr nützlich sein. Sein militärischer Anführer wurde Paul Kagame, der heutige Präsident Ruandas. Ab 1990 überschritt die RPF die Grenze zu Ruanda und begann einen Bürgerkrieg mit der Hutu-Regierung. Zwischen 1990 und 1994 forderte dieser Krieg Schätzungen zufolge zwanzigtausend Tote, und eineinhalb Millionen Bürger begaben sich auf die Flucht. Diese Invasionen schufen so viel böses Blut bei der Hutu-Bevölkerung, dass der Hass gegen &#039;&#039;anything&#039;&#039; Tutsi noch zunahm, sogar gegen die Tutsi, die als brave Bürger weiterhin in Ruanda lebten. »Kakerlaken« nannte man sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als am 6. April 1994 das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Habyarimana abgeschossen wurde, brach die Hölle los. Die Hutu behaupteten, dass Kagames RPF dahintersteckte, und begannen Tutsi-Bürger in großem Maßstab zu ermorden. Es war kein Kampf von Soldaten mit Feuerwaffen, sondern von Zivilisten mit Macheten. Die Hutu-Regierung hatte in der Zeit davor bereits Bürgermilizen trainiert und Buschmesser verteilt. Diese Milizen bestanden oft aus Jungs im Teenageralter, die zum Rassenhass aufgestachelt worden waren: die berüchtigten &#039;&#039;Interahamwe&#039;&#039;. Als der Genozid losbrach, begannen sie zu morden und wurden dabei ermutigt durch den Hass-Sender Radio Mille Collines, der ständig wiederholte, dass die Gräber noch nicht voll seien und dass noch immer Kakerlaken herumliefen. Innerhalb von drei Monaten wurden achthunderttausend bis eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu abgeschlachtet. Unterdessen setzte Kagames RPF vom Norden aus den Vormarsch auf Kigali fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft sah weg. Zu Beginn des Völkermords hatte die ruandische Regierungsarmee zehn belgische Blauhelme ermordet, um die Soldaten der UNO zu vertreiben, sodass die ethnische Säuberung ungehindert vor sich gehen konnte. Reporter und Journalisten ausländischer Medien flohen vor der Gewalt und verließen das Land. Die Augen der Welt waren in diesen Wochen eher auf Südafrika gerichtet, wo Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Nur wenige wussten, was genau ablief, und Frankreichs Präsident Mitterrand war keine Ausnahme. Er betrachtete die Hutu als Opfer der Tutsi-Invasion und entsandte zu ihrem Beistand französische Truppen nach Ruanda. Dass die Regierung in Kigali französischsprachig war und dass die vorrückenden Tutsi-Rebellen in Uganda nun englisch sprachen, spielte auf der Ebene des Unbewussten auch eine Rolle für die französische Unterstützung der Hutu. Was Mitterrand nicht wusste, war, dass er damit die Akteure des Völkermordes beschützte. Die französischen Truppen intervenierten mit der Opération Turquoise: Im Südwesten des Landes richteten sie eine sichere Zone ein; dorthin konnten die Hutu vor dem vorrückenden RPF Kagames und vor den Repressalien, die sicherlich folgen würden, fliehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Völkermord hatte Ruanda »tutsifrei« werden sollen, nun aber eroberten die Tutsi von den Nachbarstaaten aus das Land. Die militärische Stärke des RPF war gewaltig unterschätzt worden. Die französischen Soldaten fingen Hunderttausende Hutu-Flüchtlinge auf und schafften sie über die Grenze. Hier ergriff nicht nur ein Volk die Flucht, sondern auch eine Regierung: Die Regierungsarmee, das Waffenarsenal, die Verwaltung und sogar die Staatskasse verließen das Land. Schätzungsweise 270.000 Menschen gingen nach Burundi und 570.000 nach Tansania, die meisten Flüchtlinge landeten jedoch in Ost-Zaire: etwa eineinhalb Millionen.38 Mobutu hatte seine Flugplätze für die französische Offensive zur Verfügung gestellt und sich damit einverstanden erklärt, die Flüchtlinge in seinem Land unterzubringen. Sie strandeten vor allem in Nord-Kivu, in der Stadt Goma und deren Umgebung (850.000 Menschen) und in geringerer Zahl in Süd-Kivu bei Bukavu (650.000 Menschen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Pierrot Bushala, dem Mann, der seine Tutsi-Freundin hatte aufgeben müssen, fuhr ich im Dezember 2008 nach Mugunga westlich von Goma, in das größte der ehemaligen Flüchtlingslager. Es wurde noch immer als Anlaufstelle benutzt, denn seit 1994 ist nie mehr Ruhe in den Kivu eingekehrt. Pierrot war mitverantwortlich für die hygienische Sanierung der Lager im Auftrag der UNHCR, des Flüchtlingskommissariats der UNO. »Können Sie sich das vorstellen? Das ganze Gebiet hier war voller Flüchtlinge, und es gab überhaupt nichts«, sagte er, während wir mit seinem Jeep durch eine schaurige Mondlandschaft fuhren, überwuchert mit grellgrüner Vegetation. Der Boden bestand aus schwarzer Lava, die von dem imposanten Vulkan Nyiragongo in der Nähe stammte. Hier lebten plötzlich 850.000 Menschen. Pierrot trug die Verantwortung für die sanitären Anlagen in einem der Lager. »Am Anfang erleichterten sich die Menschen eigentlich überall. Aber die UNHCR und das Rote Kreuz haben dann Zelte geliefert, und Kalk zum Ausstreuen. Erst später gab es Toiletten mit einem Loch in der Erde.« Als wir in Mugunga selbst waren, wurde mir klar, wie mühsam es gewesen sein musste, in diesem vulkanischen Felsgestein Toilettengruben auszuheben. Pierrot blickte auf die trostlose Landschaft aus erkalteter Lava mit den vielen Hütten und Zelten. »Wir kämpften gegen Fliegen, gegen Mücken, wir liefen mit Zerstäubern herum, wir hatten Teams, um die Toiletten zu leeren, wir haben den Müll abgeholt.« Aber es nützte nichts. In den Lagern brachen Cholera und Dysenterie aus. Mindestens vierzigtausend Menschen starben. Am Straßenrand stapelten sich Leichen. Der Gestank war nicht auszuhalten. Autofahrer konnten durch die Frontscheibe fast nichts sehen wegen der Fliegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Elend, das auf den Genozid folgte, machte Mobutu wieder international akzeptabel. Die Franzosen waren ihm dankbar für seine Kooperation und luden ihn kurz danach zu einem internationalen Gipfel in Biarritz ein. Die UNO erkannte seine Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen an. Als Epidemien die Lager heimsuchten, durften sich Dutzende NGO und internationale Hilfsorganisationen auf das Land stürzen. Der Ausbruch des äußerst ansteckenden Ebola-Fiebers in Kikwit ein Jahr später verlieh Mobutu eher die Aura eines Opfers als die eines Schurken. Da die Welt ihn nun wieder mit milderem Blick sah, durfte Premierminister Kengo wa Dondo die Wahlen getrost etwas verzögern und sabotieren. Es herrschte überhaupt keine Eile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eineinhalb Millionen Flüchtlinge auf dem eigenen Territorium aufzunehmen, das war natürlich ein gepfefferter Preis für eine Rehabilitation, noch dazu in einer ohnehin überbevölkerten Region, wo der Hass gegen Ruanda schon seit Jahren zunahm. So wie die Bevölkerung sich mit riskanten Glücksspielen aus der Misere zu retten versuchte, setzte Mobutu mit den Flüchtlingslagern alles auf eine Karte. Anfangs konnte er tatsächlich davon profitieren, letztlich aber führten sie zu seinem Untergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch an jenem Samstag im Jahr 1996 spielte Ruffin Luliba mit den &#039;&#039;locals&#039;&#039; Fußball. Es war ein sonniger Tag. Kinderstimmen, die um den Ball baten, das dumpfe Geräusch von Sportlatschen, die gegen den Ball traten, ein paar rufende Zuschauer, die Pfiffe des Schiedsrichters. Ruffin war inzwischen dreizehn. Nach der Grundschule in Bukavu war er ins Internat der Maristenpatres in Mugeri gegangen, um dort das Gymnasium zu besuchen und später Priester zu werden. Es war der Tag des Halbfinales, und unter den Zuschauern war Déogratias Bugera, ein Architekt aus Goma, der die Wochenenden gern in seiner Heimatgegend verbrachte. »Nach dem Spiel sagte Bugera, er wolle unser Team sponsern. Er schenkte uns Rohrzucker, Bonbons und Kekse. Wenn wir in der Woche darauf das Finale gewinnen würden, wollte er alles für uns bezahlen: die ganze Sportausrüstung, Trikots, sogar neue Fußballschuhe.« Ruffin traute seinen Ohren nicht: neue Fußballschuhe! »Eine Woche später kam er tatsächlich wieder. Wir wollten unbedingt gewinnen, und wir schlugen die gegnerische Mannschaft mit 2:0. Wir durften alle in seinem Daihatsu mitfahren, um unsere Fußballsachen abzuholen. So ein Pick-up mit Netzen. Wir waren dreizehn Jungs. Der älteste war 16, die anderen 14 oder 15. Auch mein Zimmernachbar Rodrick kam mit.« Aber aus dem Freudentaumel wurde schon bald Verwirrung. »Wir fuhren in Richtung Bukavu, aber dort hielten wir nicht an. Wir fuhren bis an die Grenze zu Ruanda. Bei der Brücke über den Ruzizi überquerten wir die Grenze. Es gab nicht mal Grenzformalitäten, keinen Zoll, keine Einreisekontrolle, nichts. Wir fuhren weiter bis zu einem kleinen Flugplatz. Wartet hier, sagte Déogratias und verschwand. Wir wussten nicht genau, wo wir waren, wir waren ja einfach nur Schüler. Es war halb sechs Uhr abends, und es wurde schon dunkel. Wir hatten Angst, dass der Rektor des Internats uns bestrafen würde, und wir fingen an zu weinen. Um sieben Uhr kam ein großer Lastwagen, und wir mussten einsteigen. Fünf Stunden dauerte die Fahrt. ›Was wird der Rektor sagen?‹, fragten wir uns. Das war unsere größte Sorge. Schließlich kamen wir im militärischen Ausbildungslager Gabiro an. Wir bekamen keine Fußballschuhe, sondern Gummistiefel, keine Lederstiefel wie bei uns. In dem Lager waren sehr viele Kinder, alle aus Goma und Uvira entführt. Auch Banyamulenge waren unter ihnen, aber die waren freiwillig da. Uns wurden sofort die Haare abgeschoren. Es war ein Uhr morgens, und wir mussten als eine Art Aufnahmeritual durch den Schlamm robben. Ihr müsst euch von Mobutu lossagen, schrien sie, ihr seid die zukünftigen Befreier eures Landes.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Bericht des jungen Ruffin ist von großer Bedeutung; er schildert nicht nur das Schicksal eines unfreiwilligen Kindersoldaten, damals ein relativ neues Phänomen, sondern er zeigt auch, wie Ruanda eine Invasion in Zaire vorbereitete. Die Tutsi-Regierung, die nach dem Völkermord in Kigali an die Macht kam, hatte große Angst vor den eineinhalb Millionen nach Zaire geflohenen Hutu. Entgegen den internationalen Vorschriften befanden sich diese nicht einige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt, sondern mehr oder weniger direkt daran. In diesen Lagern organisierte sich die vertriebene Hutu-Regierung neu. Sie hatten Geld und Waffen und waren fest entschlossen, Ruanda wieder zu beherrschen. So wie die Tutsi im Exil in Süd-Uganda von 1962 bis 1994 auf eine günstige Gelegenheit gewartet hatten, so würden die Hutu in Ost-Zaire nun auf ihre Chance warten. Die meisten Flüchtlinge, etwa 85 bis 90 Prozent, gehörten jedoch nicht zu der geflohenen Regierungsarmee, sie hatten am Völkermord nicht teilgenommen und waren auch kein Mitglied der Interahamwe gewesen.40 Es waren unschuldige Zivilisten, die einfach nur in ihr Land zurückwollten, aber Angst vor einem Vergeltungs-Genozid hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Flüchtlingslagern wurde eine Invasion vorbereitet. Die internationale Gemeinschaft erkannte das Problem, schien jedoch nicht besonders geneigt zu handeln. Die USA wollten nach dem Debakel von Somalia nicht schon wieder sehen, wie Leichen von GIs durch den Staub gezerrt wurden. Belgien war nicht gewillt, noch einmal zehn Fallschirmjäger zu verlieren. Und UN-Sekretär Boutros-Ghali gelang es nicht, eine internationale Streitmacht aufzustellen. Jedes internationale Vorgehen in Zaire würde unweigerlich als Unterstützung Mobutus gedeutet werden, und so weit wollte man nicht gehen. Paul Kagame entschloss sich daraufhin, selbst das Heft in die Hand zu nehmen: Seine Ruandische Patriotische Front, inzwischen umbenannt in Ruandische Patriotische Armee, die neue Regierungsarmee, sollte die Gefahr der Lager selbst neutralisieren. Er erhielt dabei Unterstützung von seinem alten Freund Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ein Einfall in die Lager bedeutete eine Invasion in ein souveränes Land, und das lief de facto auf einen Akt der Aggression gegen eine fremde Macht hinaus. Kagame suchte deshalb einen zairischen Deckmantel für seine ruandische Initiative und fand den bei den verbitterten zairischen Tutsi. Sie wurden schon seit Jahren von selbst ernannten »echten« Zairern gedemütigt und waren nun auch noch von eineinhalb Millionen ruandischen Hutu überrannt worden. Déogratias Bugera, der Fußballfan, der Ruffin und seine Mannschaftskameraden in seinem Daihatsu entführt hatte, war ein Tutsi aus Nord-Kivu und stand an der Spitze der ADP (&#039;&#039;Alliance Démocratique des Peuples&#039;&#039;). Dann war da noch Anselme Masasu Nindaga, ein Tutsi aus Süd-Kivu, der politischer Aktivist in Bukavu war und den MRLZ (&#039;&#039;Mouvement Révolutionnaire pour la Libération du Zaire&#039;&#039;) leitete. Aber es gab auch ältere Nationalisten wie André Kisase Ngandu, einen Tetela, die auf die lumumbistische Tradition zurückgriffen. Und es gab Laurent-Désiré Kabila, ebenfalls kein Tutsi, sondern ein Luba aus Katanga, den Mann, der schon seit 1964 das Gebiet zwischen Fizi und Baraka vor dem Zugriff Mobutus bewahrte. Er war der Rebellenführer, der seinerzeit auf Che Guevara einen solch miserablen Eindruck gemacht hatte. War die »Rebellion« von 1964 schon ein planloses Unterfangen gewesen, so war es im Jahr 1996 nicht viel anders. Kabila lebte so gut wie ständig in Tansania und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit Goldschmuggel, ein bisschen Waffenhandel und hin und wieder einer Entführung: kurzum mit dem diversifizierten Geschäft des afrikanischen Verbrechens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese vier Herren gründeten im Oktober 1996, auf Betreiben von Kagame, die AFDL, &#039;&#039;Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération&#039;&#039;. Kabila wurde ihr Wortführer, und als Ältestem der vier gestand man ihm als Anrede das ehrwürdige &#039;&#039;Mzee&#039;&#039; zu, Swahili für »alter weiser Mann«. Bugera war die Nummer zwei, Kisase der militärische Befehlshaber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin Luliba erlebte es live mit: »Während unserer Ausbildung wurden uns schon die späteren Gründer der AFDL vorgestellt. Bugera kannten wir bereits. Aber auch Kisase Ngandu, Masasu und Mzee kamen vorbei. Mzee schenkte uns sogar zwei Kühe, und wir konnten zum ersten Mal seit langer Zeit gut essen! Normalerweise aßen wir nur Bohnen mit Mais aus dem Henkelmann. Im Lager waren zwei Bataillone. Sechs Monate dauerte unsere Ausbildung. Drei Monate körperliches Training für das Schlachtfeld und für die Spionage. Zwei Monate ideologisches Training, das uns das Ziel des Krieges nahebringen sollte. Einen Monat konkrete Vorbereitung. Vor allem der erste Teil war schwer. Einige haben es nicht überlebt. Rodrick, mein Zimmernachbar aus dem Internat, starb an Diarrhö. Wir haben ihn in einer Decke begraben, Särge gab es nicht. Am Ende der Ausbildung bekamen wir unsere richtige Uniform, und wir wurden noch einmal zu den ›zukünftigen Befreiern‹ unseres Landes erklärt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war von Anfang an offenkundig, dass Ruanda nicht nur die Lager neutralisieren, sondern auch bis zur zweitausend Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt vorstoßen wollte. Kagame wollte Mobutu stürzen, weil der die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039; beherbergte und beschützte. Das winzige Ruanda würde Zaire, den Riesen von Zentralafrika, in die Knie zwingen, und die AFDL sollte die Sache als Aufstand von innen heraus erscheinen lassen. Für Kagame ging es um den dritten Regimewechsel in einem zentralafrikanischen Land: Nach Uganda und Ruanda war nun Zaire an der Reihe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befehligt wurde die Invasionstruppe von dem blutjungen, aber zielstrebigen ruandischen Offizier James Kabarebe, einem Vertrauten von Kagame. Er war erst siebenundzwanzig: ein junger Mann mit Babyface, doch mit großem Charisma und einem flexiblen Gewissen. Die Invasionsarmee war ohnehin schon bekannt für ihr niedriges Durchschnittsalter, da zum ersten Mal in großem Maßstab Kindersoldaten aus Zaire eingesetzt wurden, die sogenannten &#039;&#039;kadogo&#039;&#039;. Man erkannte sie an ihren viel zu weiten Uniformen und vor allem an den schwarzen Gummistiefeln, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Markenzeichen der ruandischen Truppen. Die Kalaschnikows schienen zu groß in ihren Händen, aber sie umklammerten das charakteristische gebogene Magazin mit einem Blick, der mehr Gewaltbereitschaft als Widerwille verriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin erinnerte sich an die erste Phase: »James Kabarebe sagte: Ich brauche zehn Kadogo aus Bukavu, zehn aus Uvira und zehn aus Goma. Ich meldete mich, und wir mussten uns als Straßenkinder tarnen und sollten spionieren. James sagte zu mir: ›Ich vertraue dir diese Mission an. Geh und sieh dir die FAZ [&#039;&#039;Forces Armées Zaïroises&#039;&#039;, Mobutus Regierungsarmee] an. Schau, was für Waffen sie haben. Finde raus, ob sie Verstärkung bekommen.‹ Er gab mir ein Motorola, damit ich mit ihm in Kontakt bleiben konnte. Ich ging in meinen Lumpen über die Grenze und zu ihrem Camp in Bukavu. Als ich dort ankam, hatten die Soldaten angefangen zu plündern. Einer von ihnen rief, ich solle ihm helfen, seine Beute zu tragen! Ich versteckte das Motorola. Es herrschte Chaos. Schüsse fielen. Dann ging ich zurück nach Ruanda und erzählte James, was ich gesehen hatte. Meine Familie in Bukavu habe ich damals nicht besucht. Wenn man in der Armee ist, vergisst man seine Familie. Die Armee war meine Familie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FAZ plünderten? Das hörte Kabarebe gern. Zaire war bis ins Innerste verfault, folgerte er. Und tatsächlich, als der Vizegouverneur von Süd-Kivu Anfang Oktober verlauten ließ, dass er demnächst zur ethnischen Säuberung der Banyamulenge schreiten würde, kam es zu einem Aufstand der Banyamulenge. Das war das Startsignal für die Feindseligkeiten. Ruanda griff an. Einige Tage später trat die AFDL als Rebellenbewegung in Aktion. Am 28. Oktober 1996 wurde Uvira eingenommen, zwei Tage später war Bukavu dran. Eines der ersten Opfer war Christophe Munzihirwa, der Erzbischof, der die ruandischen Manöver scharf kritisiert hatte. Ruffin und seine Kameraden kämpften in der vordersten Linie. »Bei uns waren Ruander, Ugander und sogar Eritreer. Wir rauchten Joints, die gut zwanzig Zentimeter groß waren, das gab uns den Mut, Patrioten zu sein.« Mobutus Soldaten ergriffen sofort die Flucht, aber der erbittertste Widerstand kam von den Mai-Mai, den Volksmilizen, die alles hassten, was aus Ruanda kam. »Mein erster Kampf war der gegen die Mai-Mai, die das Haus des RTNC verteidigten, des staatlichen Rundfunks. Ich hatte eine kurze Kalaschnikow. Daran musste ich mich gewöhnen. Weil ich Linkshänder bin, verbrannte ich mir immer die Haut, denn die Hülsen springen rechts raus, gegen den Bauch. Ein Mai-Mai rannte auf mich zu mit seinem roten Stirnband und seinem &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Er hatte keine Munition. Ich hab ihm eine Kugel in den Kopf geschossen. Ich war ganz verstört. Zum ersten Mal hatte ich jemand getötet, und ich fühlte mich schrecklich. Lasst mich zurückkehren in die dritte Abteilung, habe ich die Armeeführung angefleht, ich wollte nicht mehr in der ersten Abteilung kämpfen. Du musst, haben sie zu mir gesagt, und sie haben mir hundert Peitschenhiebe verpasst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Uvira und Bukavu fiel am 31. Oktober 1996 Goma. Innerhalb weniger Tage hatte die AFDL die drei wichtigsten Städte Ost-Zaires erobert, nicht zufällig die drei Städte, in denen sich die größten Flüchtlingslager befanden. Die AFDL wollte so schnell wie möglich nach Kinshasa, aber für die Ruander war es entscheidend, die Lager zu »neutralisieren«. Ruffin empfand diese Spannung sehr deutlich in der gemischten Invasionsarmee: »Wenn wir zu einem Flüchtlingslager kamen, machten die ruandischen Tutsi die Arbeit. Hundert, tausend Tote . . . Väter, Mütter, Frauen . . . Die Hutu sind Schlangen, sagten sie. Im Lager Kashusha bei Bukavu kam ich in ein Zelt, in dem sie gerade eine Großmutter und eine schwangere Frau umgebracht hatten. Nur das Kind lebte noch. Ein Knirps. Ich sollte ihn ermorden, aber das konnte ich nicht. Er streichelte mein Gewehr. Ich habe ihn freigelassen und mit ein paar flüchtenden Hutu weggeschickt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in Goma, wo sich die fünf größten Flüchtlingslager befanden, ging es erbarmungslos zu. Ruanda beschoss die erbärmlichen Lager mit Mörsergeschützen und Maschinengewehren, sodass sehr viele der dort untergebrachten Hutu in Panik zurück in ihr Heimatland flohen. Das führte zu unübersehbaren Menschenströmen. Innerhalb weniger Tage zogen fast vierhunderttausend Flüchtlinge ostwärts über die Grenze.41 In Ruanda wurde ein neues Verkehrsschild eingeführt: »&#039;&#039;Ralentir: refugiés«&#039;&#039; (»Langsam fahren: Flüchtlinge«).42 Aber sehr viele Hutu, und vor allem die am meisten militarisierten, zogen westwärts in den Wald. Als die UNO eine Interventionstruppe einsatzbereit hatte, um die Flüchtlinge zu beschützen, waren die Lager leer. Der Kampf zwischen ruandischen Hutu und Tutsi, die Fortsetzung des Völkermords, spielte sich von da an auf zairischem Boden ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin, mittlerweile vierzehn Jahre alt, lernte die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe kennen. Sein Bataillon zog südwärts, über Uvira am Tanganjikasee entlang nach Katanga. Bei Bendera, einem kleinen Ort in Nord-Katanga, erlebte er seine heftigsten Kämpfe. Die Einheit stand unter anhaltendem Geschützfeuer. »Ein Feuergefecht ist wie ein Schlagzeug. Granaten und Bazookas hören sich an wie das Geräusch der &#039;&#039;toms&#039;&#039; und des &#039;&#039;floor tom&#039;&#039;. Die Salven aus unseren Kalaschnikows sind wie Trommelwirbel auf der &#039;&#039;snare drum&#039;&#039;. Die Bassdrum entspricht einem 80-mm-Mörser. Und die Becken, das ist unser Kreischen, denn wir haben immer geschrien. Wir haben Geistergeräusche gemacht, um den Feind in den Wahnsinn zu treiben, manche mit tiefer und manche mit gellender Stimme. Wir haben ihre Namen gerufen und gesagt, dass wir sie finden würden.« Krieg, Wahnsinn, Hysterie. Fußball, aber ohne Ball. Nur das Kreischen. Und die Waffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nützte ihnen nichts. Ruffin und drei andere Soldaten wurden von ruandischen Hutu gefangen genommen. Er hatte Todesangst. »Die Hutu waren dafür bekannt, mit der Machete zu töten, wie beim Völkermord. Sie hackten einem die Arme ab oder schlugen einem den Schädel ein, sodass man das Gehirn sehen konnte. Das war typisch für sie.« Er war der jüngste der vier Gefangenen, und das war seine Rettung. Die anderen mussten nacheinander ihren Arm auf einen Holzklotz legen. »Die Hutu hatten neue Macheten, die glänzten wie Spiegel. Mein Freund sah weg, als sie die Machete erhoben. Er schrie laut auf. Ich sah seine Hand, seine Hand, die sich noch immer bewegte, die sich weiter bewegte, auch als sie auf dem Boden lag. Lose. Sie haben ihm schreckliche Schmerzen zugefügt. Sie hackten weiter auf ihn ein, sie durchbohrten seinen Körper, bis er tot war. Und dann war der Zweite an der Reihe und dann der Dritte. Meine Kameraden wurden nacheinander abgeschlachtet, und ich sah zu. Als ich an der Reihe war, sagte ihr Kommandant zu mir, dass er Mungura heiße und früher ein Leibwächter von Präsident Habyarimana gewesen sei, bevor der ermordet wurde. Er würde mich verschonen, und er schrieb einen Brief auf Kinyarwanda. ›Hier, bring das Kabarebe.‹ Sie zogen mir die Kleider aus und schickten mich in Unterwäsche weg. Ich stieg die Hügel hinab und kehrte allein zu unserer Stellung zurück. Das war der schwerste Moment in meinem Leben, ich kann es einfach nicht vergessen. Als ich endlich ankam, übergab ich James Kabarebe den Brief. Er las ihn und sagte: ›&#039;&#039;Dieu le veut.&#039;&#039; Mungura hat die ganze Familie niedergemetzelt, aber in Zukunft behalte ich dich als meinen Leibwächter.‹ Ruffin, ein Junge aus Zaire, der bis vor kurzem nichts von Politik wusste und die Abseitsregeln beim Fußball schon schwierig genug fand, war in einem Konflikt zwischen ruandischen Hutu und Tutsi fast getötet worden. »Ich brauchte nicht mehr aufs Schlachtfeld. James mochte mich, ich durfte seine Tasche tragen. Kadogo, bring mir die Tasche!, rief er in den Tagen danach. Ich sah, wie er die Karte des Kongo studierte. Auch er war zum ersten Mal hier. Kabarebe hatte keine Universität besucht, aber er war sehr logisch und ruhig, er konnte gut analysieren und zuhören. Er hatte seine Familie verloren und sagte zu mir: Du musst dein Land lieben, Kadogo.« Und so wurde Ruffin, der Junge, der eigentlich Priester werden wollte, Leibwächter des faktischen Befehlshabers der Invasionsarmee, die Mobutu entthronen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die AFDL eroberte Zaire mit einer Zangenbewegung. Ruffin befand sich im südlichen Arm, der sich auf Lubumbashi zu bewegte; der nördliche Arm rückte nach Kisangani vor, der Stadt am Fluss. Viele Zehntausende Bürger waren nach drei Jahrzehnten Diktatur nun auch noch einem Krieg ausgesetzt. Es kam zu einem wahren Exodus. Viele Menschen versuchten, den Kivu zu verlassen, aber die letzten Flugzeuge waren gedrängt voll, und wer einen Jeep besaß, musste ihn den plündernden Soldaten der FAZ überlassen. Tausende machten sich deshalb zu Fuß auf den Weg nach Kisangani, siebenhundert Kilometer durch den Urwald; die erste Wegstrecke führte durch den gebirgigen Nationalpark Kahuzi-Biéga, in dem in besseren Zeiten Touristen Gorillas beobachtet hatten. Doktor Soki, ein Arzt aus Bukavu, ging fort, nachdem sein Haus durch eine Granate zerstört worden war.43 Sekombi Katondolo, ein Künstler aus Goma, verließ mit ein paar Freunden die Stadt auf der Suche nach Orten, die mehr Sicherheit boten.44 Emilie Efinda, eine relativ wohlhabende Apothekerin aus Bukavu, trug Stöckelschuhe, als sie aufbrach.45 Für viele wurde es eine schreckliche Tour durch den Wald mitten in der Regenzeit. Die Menschen versteckten sich unter Blattwerk, schliefen auf dem Boden, kämpften gegen Ameisen und lebten von verfaulten Früchten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Als Monatsbinden mussten Strümpfe, Taschentücher, Stofffetzen dienen.46 Die Pfade im Landesinneren waren morastig, an vielen Stellen gab es gar keinen Weg mehr. Man durchwatete Flüsse, weil die Brücken weggeschwemmt worden waren. Nur hier und da kam man mit einem LKW weiter, aber die Fahrer verlangten horrende Summen, wenn sie kranke, erschöpfte und halb verhungerte Menschen ein Stückchen weiter transportierten. Die Kolonne der Fliehenden war riesengroß und heterogen: plündernde FAZ-Soldaten, verzweifelte Zivilisten, ruandische Hutu, die in Todesangst um ihr Leben rannten, unter Drogen stehende Kindersoldaten, gestählte Kämpfer aus Ruanda und Uganda. Die Einzigen, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten, waren die Mai-Mai; sie wollten es mit den ausländischen Elementen aufnehmen. In chaotischen Grüppchen zogen sie ostwärts, ohne jede zentrale Befehlsgewalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter im Landesinneren ging die Verfolgung der Hutu mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher. Sobald die AFDL erschien, erlebten die Bewohner der Dörfer, dass die Ruander nach den Flüchtlingen fragten und loszogen, um sie abzuschlachten.47 An verschiedenen Orten kam es zu großen Massakern. In Tingi-Tingi vor den Toren Kisanganis war es grauenhaft. In diesem sumpfigen Gebiet hatten sich etwa 135.000 Hutu-Flüchtlinge gesammelt, und viele von ihnen waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Cholera lichtete ihre Reihen, Kinder starben scharenweise. Als sich die AFDL Ende Februar 1997 von Osten her näherte, versteckten sich die Überlebenden in den Wäldern. Die ruandischen Tutsi missbrauchten daraufhin internationale Hilfsorganisationen, um die Flüchtlinge erneut in einigen improvisierten Lagern zu konzentrieren. Sobald es neue Ansammlungen von Flüchtlingen gab, durften Helfer und Journalisten das Gebiet »aus Sicherheitsgründen« nicht mehr betreten, und es begannen ungestraft die ethnischen Säuberungen. Nicht nur Hutu-Soldaten oder Interahamwe wurden ermordet, sondern auch unterernährte Kinder, Frauen, alte Menschen, Verwundete und Sterbende. Manchmal wurde mit Gewehrkugeln getötet, viel öfter jedoch mit der Machete und dem Hammer. Munition war teuer, und es war mühsam, sie durch den Wald zu schleppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft bekam keinen Zugang zu dem Gebiet, sodass die Gräuel in ihrem ganzen Ausmaß erst später ans Licht kamen. »Ja, ich war in Tingi-Tingi dabei«, sagte Leutnant Papy Bulaya, ein ehemaliger Soldat in der Armee der AFDL. Er konnte erst nach etlichen Flaschen Bier darüber reden. »Weißt du, unser Ziel war Kisangani, und Tingi-Tingi war ein Hindernis. Also mussten wir es beseitigen. Ich war fünfzehn, ein Kadogo, unser Kommandant war ein Ruander, General Ruvusha. Er ist heute Oberst in der ruandischen Armee, aber er war furchtbar. Laurent Nkunda war auch dabei. Den Feind vertreiben, so lautete der Befehl. Unsere Tutsi-Kommandanten sagten zu uns: Es sind Génocidaires, sie müssen getötet werden. Sie riefen: Kadogo, töte diese Person. Und wir mussten den Befehl ausführen, sonst wären wir auf der Stelle exekutiert worden. Wir mussten immer weiter. Dort wurden damals sehr viele Ruander ermordet. Ihre Leichen wurden hinterher mit Benzin übergossen und verbrannt oder begraben. Hinter uns kamen die LKW mit Nachschub: Essen für uns und Benzin fürs ›Saubermachen‹, um ›die Tafel zu wischen‹. Wenn ich daran denke, tut es mir so weh. Heute bereue ich es, aber wir waren der AFDL treu.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Notlager nahe Tingi-Tingi boten 85.000 Menschen eine Unterkunft, nach den Aktionen waren sie leer, verlassen, desolat. Zehntausende Hutu waren abgeschlachtet worden. 45.000 Menschen flohen noch weiter in westliche Richtung, in die Provinz Équateur, wo sie in Boende und Mbandaka abgefangen und in Massen ermordet wurden. Augenzeugen sahen, wie die Soldaten sogar Babys umbrachten, indem sie ihnen mit ihren Stiefeln den Schädel zermalmten oder sie mit dem Kopf gegen eine Mauer schlugen.49 Einige der Flüchtlinge konnten entkommen und schafften es nach Kongo-Brazzaville und sogar nach Gabun. Sie hatten einen Fußmarsch von mehr als zweitausend Kilometern hinter sich, quer durch Zaire, in erbärmlicheren Umständen, als Stanley hatte ertragen müssen. Es waren insgesamt nur ein paar tausend Überlebende, ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Zahl. Die Invasionsarmee hatte auf ihrem Vormarsch Schätzungen zufolge zwei- bis dreihunderttausend Hutu-Flüchtlinge ermordet.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Monate dauerte der Krieg, und er war im Wesentlichen ein unaufhaltsamer Eroberungsfeldzug vom Osten her nach Kinshasa. An manchen Orten, wie in Bunia und Watsa, kam es tatsächlich zu Kämpfen, aber fast überall sonst stieß die AFDL kaum auf nennenswerten Widerstand. Am 28. Februar 1997 fiel Kindu, am 15. März Kisangani, am 4. April Mbuji-Mayi. Vor allem die Eroberung von Kisangani, der drittgrößten Stadt des Landes, war von sehr großer strategischer und symbolischer Bedeutung, denn Kisangani lag am Fluss, der »Schnellstraße« Zentralafrikas, die nach Kinshasa führte. Premierminister Kengo wa Dondo hatte noch geschworen, dass die Stadt niemals fallen würde, aber die Rebellen nahmen sie mühelos ein. Das charakteristische Bild des Vormarsches der AFDL war das einer langen Doppelreihe von Kindersoldaten mit schwarzen Gummistiefeln, die sich zu beiden Seiten der roten, unbefestigten Straße im Stillen einem Dorf oder einer Stadt näherten. Sie waren Infanterie im buchstäblichen Sinne des Wortes: Kinder, die zu Fuß gingen. Wenn sie ankamen, hatte Mobutus Armee längst die Flucht ergriffen, oftmals nicht ohne vorher zu plündern. In Kikwit gaben die Bürger den abziehenden Soldaten Geld und baten sie, das Plündern zu unterlassen.51 Wenn sie fort waren, begrüßte die lokale Bevölkerung die Befreier aus dem Osten mit Transparenten und Gesang. Die demokratische Opposition war froh über die militärische Befreiung. »Die UDPS heißt die AFDL willkommen«, war auf manchen Transparenten zu lesen.52 Die blutjungen Soldaten, die von so weit her kamen und so ernst durch die Straßen marschierten, weckten mit ihrem Mut und ihrer Vaterlandsliebe Bewunderung.53 Wo sie vorbeizogen, meldeten sich sogleich neue Anwärter. Die »Katanga-Tiger«, deren Invasion in Shaba 1978 gescheitert war, schlossen sich an. Die AFDL erlebte einen wahren Triumphzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf politischen Großveranstaltungen hielt Kabila Ansprachen an das soeben befreite Volk. Zum ersten Mal bekamen die Massen den Mann zu sehen, über den sie schon so viel im Radio gehört hatten. Meist schwarz gekleidet, trug er einen Cowboyhut auf dem massiven Kahlkopf. Kabila war eine robuste Erscheinung; ein nicht gerade schlanker Mann, der herzlich lachen konnte und, die Hand in der Hosentasche, ein Air von Ungezwungenheit, ja sogar Lässigkeit verbreitete. Mit dröhnender Stimme erzählte er von den Heldentaten seiner Befreiungsarmee, sprach von der Notwendigkeit von Volksmilizen und bat Eltern, ein Kind für die gute Sache herzugeben. Sein Charisma war nicht zu leugnen. Im Vergleich zu dem &#039;&#039;grumpy old man&#039;&#039; in Gbadolite war er ein wahrer Lichtblick. Er strahlte Macht aus, aber auch Leutseligkeit. Nun würde alles anders werden. Obwohl Ruanda seine Beteiligung vehement bestritt, vermuteten viele im Land, dass Kabilas Siegeszug keine rein innere Angelegenheit war. Aber um vom &#039;&#039;vieux léopard&#039;&#039; erlöst zu werden, war alles recht. »Ein Ertrinkender klammert sich an jedes Stück Treibholz, zur Not auch an eine Schlange«, hieß es in Kikwit.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas AFDL wurde nicht nur vom Volk, das Mobutu satt hatte, und von Ruanda und Uganda, sondern auch von den USA unterstützt. Seit dem Ende des Völkermords hatte Kagames Tutsi-Regierung aufgrund ihrer sorgsam kultivierten Opferrolle großes Ansehen bei der amerikanischen Regierung erworben. Aus Scham, weil man den Völkermord nicht hatte verhindern können, gewährten neue Partnerländer wie die USA, Großbritannien und die Niederlande Kigali großzügige Hilfe. Mit Bill Clinton war zudem ein Präsident angetreten, der endgültig mit der alten, zynischen Zaire-Politik seiner Vorgänger brechen wollte.55 Er glaubte an &#039;&#039;new African leaders&#039;&#039;, Männer wie Mandela und Museveni – eine neue Generation von Staatsoberhäuptern, die keinerlei Gemeinsamkeiten hatten mit Leuten wie Mobutu, Bokassa und Idi Amin, glaubte er –, vielleicht war Kabila ja auch einer von ihnen? Es war kein koordiniertes Vorgehen, aber die ruandische Armee wurde jedenfalls nicht an ihren Plänen gehindert. So wie die Franzosen die Hutu-Regierung weiterhin unterstützt hatten, trotz der Genozid-Gerüchte, so halfen mehrere amerikanische Geheimdienste logistisch und praktisch beim Vormarsch der Invasionsarmee, trotz der Gerüchte über Massaker.56 Der Zynismus, mit dem die Clinton-Regierung brechen wollte, wich einem neuen Zynismus: humanitär in seinen Absichten, ausgesprochen naiv in seinen Analysen und deshalb verheerend in seinen Folgen. Es gab kein langfristiges Konzept. Die Verwirrung war groß, die Politik reagierte ad hoc. Doch die Unterstützung Ruandas und der Rebellen entfesselte Jahre des Elends. Für Kabila muss es amüsant gewesen sein, festzustellen, dass er dreißig Jahre nach der Unterstützung durch Che Guevara nun plötzlich die Unterstützung des imperialistischen Erzfeindes selbst genoss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hingegen hatte seine Bündnispartner verloren. Frankreich versuchte ihn noch kurzzeitig und eher halbherzig mit einigen Soldaten zu unterstützen. Er hoffte, dann eben mit einigen europäischen Söldnern das Steuer noch einmal herumzureißen, aber das verlief diesmal anders als im Jahr 1964. Ein paar bosnische Serben kamen, die im Balkankrieg gekämpft hatten, doch für die Truppen Kabilas waren sie keine ernst zu nehmenden Gegner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Vormarschs der AFDL hielt sich Mobutu die meiste Zeit in Europa auf, wo er an Protastakrebs operiert wurde (was Anlass gab zu einer neuen Bezeichnung für die nächste Ladung wertloser Banknoten Zaires: &#039;&#039;les prostates&#039;&#039;). Er residierte in Lausanne und in seiner Villa in Cap-Martin. Bei seiner Rückkehr nach Kinshasa konnte er kaum noch gehen und war ein todkranker Mann. Trotzdem wurde er von einer großen Menschenmenge jubelnd begrüßt. Der Häuptling war zurück! Er würde das Land retten! Alles würde wieder gut! Aber das blieben Wunschträume. In der Hauptstadt gingen die Scharmützel zwischen Tshisekedi und Mobutu unvermindert weiter, als sei keine massive Streitmacht im Anzug. Man zankte sich wie eh und je darüber, wer Premierminister werden und welche Partei ihn stellen durfte, obgleich das Land, über das man redete, bereits zur Hälfte in den Händen anderer war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Ruffin war unterdessen auf dem Marsch nach Lubumbashi. Die Soldaten schleppten Gewehre und Bazookas mit sich. »Wir waren immer zu Fuß unterwegs. Wir liefen große Strecken neben den Bahngleisen. Mir taten die Füße sehr weh. Wir gossen Wasser in unsere Stiefel, das linderte den Schmerz, dann ging es wieder besser. Aber die Füße schwitzten dabei fürchterlich. Wenn man dann die Stiefel auszog, stanken die Füße wie eine drei Tage alte Leiche!« Soldatenkniffe, Soldatenhumor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. April 1997 fiel Lubumbashi, die ökonomische Hauptstadt des Landes. Mzee Kabila bezog dort Quartier und bekam sofort Besuch von internationalen Bergbauunternehmen wie De Beers und Tenke Mining, die schon begriffen hatten, dass sie ihre Geschäfte künftig mit ihm abwickeln mussten. Die ersten Verträge über die Ausbeutung der Minengebiete wurden bereits unterzeichnet, bevor Mobutu vertrieben worden war.57 Schon damals war deutlich, dass sich die Waagschale zugunsten Kabilas senken würde. Nach zweiunddreißig Jahren Diktatur brach ein neues Zeitalter an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Ruffin begann eine neue Phase des Krieges. Stabschef James Kabarebe benötigte ihn nicht mehr als Leibwächter. »James sagte: ›Für euch ist die Sache erledigt. Ich gehe nach Kisangani, aber ihr bleibt hier bei Mzee.‹ Es war das erste Mal, dass ich bei Mzee war. Auch sein Sohn Joseph war da.« Vater und Sohn hielten sich in Lubumbashi auf, während der Ruandese Kabarebe anderswo im Land die Kämpfe anführte. Der Sieg zeichnete sich langsam ab, und das sorgte für einige Entspannung. Ruffin hatte angenehme Erinnerungen an jene Tage mit dem zukünftigen Präsidenten. »Mit Mzee begann das gute Leben. Ich bin euer Vater, sagte er, aber vergesst eure biologischen Eltern nicht. Er fragte mich nach meiner Herkunft. Bukavu, sagte ich, ich bin von Bugera entführt worden. Ach, sagte er, dann ist es mit dem Priesterspielen ja für dich vorbei. Er zog uns gern auf. Eines Tages hatten wir die Magazine der ehemaligen FAZ geplündert. Ich verkleidete mich mit der Uniform eines Regierungssoldaten, mit Lederstiefeln und allem. Bist du das, Kadogo?, fragte Mzee. Ja, sagte ich, ich bin&#039;s. Wir haben dem Feind seine Sachen weggenommen. Wirklich?, lachte er. Er schüttelte mir die Hand und sagte: Das ist prima, bleib bei mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffins abenteuerliche Jugend bekam mit dieser Bemerkung abermals eine unerwartete Wendung: Nun wurde er einer der Leibwächter Kabilas. Innerhalb eines Jahres hatte er sich von einem unwissenden, Fußball spielenden Kind zu einem welterfahrenen jungen Mann entwickelt, der hyperwachsam war und die Geschichte live erlebte. Der Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen, waren Angst und der Verlust seiner Unschuld, aber jedes Stadium brachte neue Formen der Anerkennung mit sich. »Kabila mochte mich. Er vertraute mir sein Geld an. Zehntausend Dollar! Er aß oft mit uns zusammen, einfach aus seinem Henkelmann. Nach dem Essen durften wir Armdrücken, und er war der Schiedsrichter. Im Busch hatten sie diesen Sport oft betrieben. Wir gingen nicht in Nachtclubs und zu Frauen; ich kannte nur das Leben als Seminarist und als Soldat. Wir wohnten im Hotel Karavia, dem besten Hotel von Lubumbashi. Mzee hatte Zimmer 114. Die Diamantensucher kamen zur Audienz zu ihm. Ich bekam ein Motorola.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in diesem Hotelzimmer erhielt Kabila regelmäßig Anrufe seines Stabschefs Kabarebe, der sich mit Riesenschritten der Hauptstadt näherte. Als er über den Kongofluss fuhr und vor sich die beiden Hauptstädte erblickte, musste er lokale Fischer fragen, an welchem Ufer Kinshasa lag, sonst hätte er versehentlich Brazzaville befreit.58 Kinshasa stand kurz vor dem Fall, erfuhr Kabila in seinem Hotelzimmer. Dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Zwei Wochen zuvor war er noch nach Kongo-Brazzaville geflogen, um mit Mobutu direkt zu verhandeln. Nelson Mandela hatte die beiden auf neutralem Boden zusammengerufen, an Bord eines südafrikanischen Schiffes im Hafen von Pointe-Noire, doch diese nächtlichen Gespräche waren ergebnislos geblieben. Mobutu wollte das Feld nicht räumen, und Kabila sah nicht ein, warum er Zugeständnisse machen sollte; er war ja auf der Siegerstraße. Nein, Kinshasa würde mit Waffengewalt befreit werden, und Ruffin durfte es miterleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mzee sagte zu uns: ›Zieht nur los! Viel Glück! Wir sehen uns in Kinshasa wieder!‹ Und wir sagten: ›Zu Ihren Diensten!‹« So viel war deutlich: Kabila war nur das Aushängeschild der Rebellion, die tatsächliche Arbeit erledigte Kabarebe. Und die Kadogo natürlich. Ruffin: »Ich saß im ersten Flugzeug, das wieder in Kin landete, eine Zivilmaschine von Scibe-Air. Ich bin damals zum ersten Mal geflogen. Der Flughafen war schon in unseren Händen. Jeeps brachten uns in den Stadtteil Limete, von dort aus gingen wir zu Fuß weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es zu keiner Friedensregelung kam, brachte allerdings große Risiken mit sich. Alle befürchteten, dass es zu einer gewalttätigen Konfrontation in Kinshasa kommen würde. Mobutu hatte gerade General Mahele zum neuen Armeestabschef ernannt, einen gefürchteten Militär, der sich seine Sporen in den Shaba-Kriegen verdient und der die Plünderungen von 1991 und 1993 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Mahele war zu diesem Zeitpunkt zweifellos der fähigste Offizier in der zairischen Armee. Bei der Bevölkerung war er beliebt wegen seiner Integrität, aber gefürchtet wegen seiner Härte. Nun sollte er Kinshasa gegen die vorrückenden Rebellen verteidigen. Am Freitag, dem 16. Mai 1997, als die AFDL vor der Tür stand, floh Mobutu frühmorgens in seinen Palast in Gbadolite. Nun herrschte die absolute Gefahr der Anarchie in der Hauptstadt; die nächsten vierundzwanzig Stunden würden entscheidend sein. In der Millionenstadt Kinshasa könnte es zu einer wahren Schlacht aller gegen alle kommen. Die Bewohner fürchteten sich mehr vor den eigenen Soldaten als vor den Rebellen, und sie hatten Angst vor neuen, verheerenden Plünderungen. Mahele war jedoch ein kluger Mann. Er hatte die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt und entschloss sich, die Megalopolis nicht dem Wahnsinn eines alten, geflohenen Mannes zu opfern. Damit die Zivilbevölkerung verschont blieb, nahm er Kontakt mit der AFDL auf und begab sich am späten Abend nach Camp Tshatshi, dem Militärstützpunkt, wo sich Mobutus letzte Getreue verschanzt hatten. Unter ihnen befand sich Mobutus jüngster Sohn, Kongolo, der wegen seiner legendären Grausamkeit den Spitznamen »Saddam Hussein« trug. Mahele versuchte sie davon zu überzeugen, das Plündern sein zu lassen, aber sie betrachteten ihn als einen Offizier, der Hochverrat begangen hatte. In der Nacht von Freitag auf Samstag ermordeten sie ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später marschierte Ruffin in seinen schwarzen Gummistiefeln über die Avenue Lumumba im Stadtteil Limete. Der Einmarsch der AFDL löste Begeisterungsstürme aus. Aus der Ferne war noch das Dröhnen schwerer Geschütze zu hören, aber er und seine Kumpanen brauchten nicht zu kämpfen. »Man bereitete uns einen unglaublichen Empfang. Die Männer riefen &#039;&#039;Libérateurs! Libérateurs!&#039;&#039;, die Frauen breiteten ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; vor uns auf der Straße aus, sodass wir darüber laufen konnten. Die Leute gaben uns Wasser. Sie sprachen Lingala, aber das verstanden wir nicht. Wir suchten das Haus von Premierminister Kengo wa Dondo, und die Leute zeigten uns den Weg. Wir kannten die Stadt nicht. Wir sollten den RTNC einnehmen und das Palais de Marbre von Mobutu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Häuser, die sie durchkämmten, ließ Ruffin einen massiven goldenen Aschenbecher mitgehen. Es war der 17. Mai 1997, und die AFDL besetzte innerhalb weniger Stunden die Schlüsselpositionen in der Stadt. Beach, Hotel Intercontinental, Memling . . . Einige Soldaten der Regierungsarmee plünderten doch noch, aber die meisten von ihnen schlüpften in Häuser und flehten die Bewohner an, ihnen Zivilkleidung zu geben: Wer jetzt noch in Uniform herumlief, unterschrieb sein Todesurteil. Auch Frauen in leitenden Positionen, die ihre Direktorenposten Mobutu zu verdanken hatten, verbrannten in aller Eile ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, die mit dem Logo des MPR oder dem Konterfei des Großen Steuermanns bedruckt waren.59 Bei vereinzelten Abrechnungen und Racheaktionen gab es knapp zweihundert Tote, wenig im Vergleich zu dem, was auch hätte passieren können. In Lubumbashi erhielt Kabila einen Anruf von Kabarebe. »Kinshasa ist gefallen!« Kabila jubelte vor Freude und wälzte sich ausgelassen auf dem Teppich seines Hotelzimmers.60 Er würde sofort kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin war wieder einmal dabei: »An diesem Tag ging ich zurück zum Flughafen, um Mzee abzuholen. ›Na siehst du, dass ich die Wahrheit gesagt habe!‹, rief er mir zu. Er gab eine Pressekonferenz. Ich bin auf allen Fotos und Filmaufnahmen mit ihm dabei, zusammen mit Joseph und mit Masasu, einem anderen Gründer der AFDL.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Pressekonferenz erklärte sich Kabila zum neuen Staatsoberhaupt eines neuen Landes, der Demokratischen Republik Kongo. Der Zusatz »demokratisch« war etwas verwunderlich, denn niemand hatte ihn ernannt, und die gewaltfreie Opposition von Tshisekedi und den Seinen, die anfangs froh waren über die Befreiung, war gar nicht erst gefragt worden. Das Wenige, was Kabila von der Nationalen Souveränen Konferenz übernahm, war die Idee, Zaire wieder umzubenennen in Kongo. An dem zivilen Kampf von Menschen wie Régine war die militärische Eroberung, an der Ruffin teilgenommen hatte, einfach vorbeigezogen. Régine war nun zweiundvierzig, Ruffin vierzehn. Als Kabila einige Tage später, am 29. Mai 1997, den Amtseid als Präsident leistete, geschah das nicht im Parlament, wo die Konferenz stattgefunden hatte, sondern unweit davon in dem großen, neuen Fußballstadion. Die Staatsoberhäupter von Ruanda und Uganda, seine Financiers, waren zugegen, und auch die Staatschefs von Angola und Sambia. Aber das imposante Stadion war nicht gedrängt voll mit jubelnden Kinois. Mindestens ein Drittel der Plätze war leer geblieben, und das in einer Millionenstadt. Als Kabila den Eid sprach und seine Worte aus den Lautsprechern donnerten, hallten sie von halb leeren Betontribünen wider.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Kabila hatte die Fäden bald endgültig in der Hand. Mobutu war nach seiner Flucht über Togo nach Marokko geflogen, in sein endgültiges Exil. Im Bewusstsein des nahenden Todes hatte er noch die Gebeine seiner Mutter und anderer ihm teurer Verstorbener ausgraben lassen und mitgenommen. Kaum vier Monate später würde er, umgeben von ein paar Nahestehenden und den Überresten seiner Vorfahren, niedergedrückt und verbittert seinen Geist aushauchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Tag wie jeder andere, und das Wasser des Kivusees kräuselte sich unbeirrbar. Für Ruffin Luliba wurde es jedoch ein emotionaler Tag. Als Kabila zum ersten Mal wieder Bukavu besuchte, begleitete Ruffin ihn. Er hatte seine Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. »Es war fünf Uhr abends, und ich ging zu meinem Elternhaus. Ich sah meine Mutter, wie sie draußen &#039;&#039;pundu&#039;&#039; stampfte, und ich schoss dreimal in die Luft. Erschrocken flüchtete sie ins Haus, und mein Vater rannte hinter ihr her. Dann rief ich: ›Ich bin&#039;s, Papa!‹ Meine Mutter kam heraus und weinte. Ich war als Seminarist gegangen und kam als Soldat zurück. Sie hatten schon vor langer Zeit eine Trauerfeier für mich gemacht. Alle weinten, sogar mein Bruder.« Für die Familie war es, als sei Ruffin von den Toten auferstanden. Es wurde ein inniges Wiedersehen. Aber er besuchte auch die Mutter seines Zimmernachbarn Rodrick, des Jungen, der mit ihm zusammen entführt worden war und der schon nach wenigen Tagen in Ruanda an Diarrhö gestorben war. »Ich überbrachte Rodricks Mutter die traurige Nachricht. Ich wohnte damals mit Mzee im Hotel Résidence. Er hatte gesagt, ich solle meine Eltern mitbringen. Als ich sie ihm vorstellte, gab er meinem Vater sofort zweitausend Dollar. Er sagte: ›Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich nehme ihn wieder mit. Ihr Sohn ist ein Patriot.‹«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 12 Mitleid, was ist das? ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Große Afrikanische Krieg 1997-2002 ===&lt;br /&gt;
Eine neue Regierung, ein neuer Klang. Die Einwohner Kinshasas wussten nicht, was sie hörten. Die Ära nach Mobutu brach an mit einem tiefen, metallischen Ton, der anschwoll zu einer hohen, schrillen Note und dann zum Ausgangspunkt abfiel, ehe er wieder anstieg, und dann ging es von Neuem los. Das durchdringende Geräusch durchschnitt den Verkehr und hallte in den Gassen wider. Kleine Jungs hörten auf zu bolzen und hielten sich die Ohren zu. Mit schmerzverzerrten Gesichtern hielten sie nach dem roten Wagen Ausschau. Auf und ab, auf und ab, so tönte das infernalische Geheul der Sirene. Kinshasa, eine Stadt mit Millionen Einwohnern, endlosen Slums, maroden Elektrizitätsnetzen, offenliegenden Stromkabeln und Hunderttausenden von kleinen Kohlefeuern, besaß zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein unentbehrliches und sogenanntes »prioritäres« Fahrzeug: ein Feuerwehrauto.1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nur der Anfang. Mit Laurent-Désiré Kabila schien tatsächlich einiges anders zu werden. Der Müll, der sich in der ganzen &#039;&#039;cité&#039;&#039; dampfend häufte, wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder abgeholt. Die Abwasserrinnen wurden gesäubert. In den Gängen der Ministerien roch es nach &#039;&#039;Eau de Javel&#039;&#039;. Sogar der Flughafen Ndjili, das chaotischste Terminal der Welt mit seinem Wirrwarr von Passagieren, Zollbeamten, Einreisekontrolleuren, Polizisten, Soldaten und sogenannten »protocols«, die einen schubsten und um die Pässe und Gepäcktickets der Reisenden rangelten, sogar in diesen Ameisenhaufen kam nach und nach Ordnung. Soldaten und Polizisten wurden bezahlt, ihr Gehalt war nicht hoch, aber sie erhielten es wenigstens regelmäßig. Lehrer und Beamte konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder für ein Fahrrad sparen. Die haushohe, vierstellige Inflation ging zurück auf eine zweistellige Zahl, unter anderem durch den hohen Dollarkurs. Es wurden keine Geldscheine mehr neu gedruckt, sodass die im Umlauf befindliche Geldmenge sich verringerte und der Wert damit stieg. In der ersten Hälfte des Jahres 1998 betrug die Inflationsrate nur 5 Prozent.2 Im Juni 1998 verschwand der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, und es kam eine neue Währungseinheit: der &#039;&#039;franc congolais&#039;&#039;. Ein kongolesischer Franc ersetzte hunderttausend neue Zaïre, was vierzehn Millionen alter Zaïre entsprach. Es war eine stabile Währung, jedenfalls am Anfang, die schnell im ganzen Land akzeptiert wurde. Die Banknoten trugen nicht das Konterfei Kabilas, sondern waren mit neutralen Abbildungen einer Tschokwe-Maske oder des Inga-Staudammes bedruckt. Bei der Einführung hatten alle Großen der kongolesischen Musik – vom steinalten Wendo Kolosoy über Papa Wemba bis zu dem jungen Star JB Mpiana – die neue Währung in einem Song gewürdigt, als eine Art Band Aid für eine Banknote.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Schein trog, denn die Begeisterung für Kabila bröckelte schnell. So euphorisch wie es ihn empfangen hatte, so schnell hatte das Volk ihn auch wieder satt. Freunde gewinnen ist eine Kunst, aber Kabila beherrschte die noch viel seltenere Kunst, aus Freunden im Handumdrehen Erzfeinde zu machen, und zwar nicht nur einige, denn dahinter könnte noch Berechnung stehen, sondern alle, und das deutete auf ziemliche Ruppigkeit hin. Es begann bereits mit der demokratischen Opposition aus der Mobutu-Ära. Die vielen Tausende Bürger, die mutig gegen die Diktatur gekämpft hatten, waren anfangs noch bereit, sich von Kabilas guten Absichten überzeugen zu lassen. Viele hofften, dass die Beschlüsse der Nationalen Souveränen Konferenz nun tatsächlich umgesetzt würden und dass Kabila die Versprechen einlösen würde, die Mobutu gebrochen hatte. Aber Kabila dachte nicht im Traum daran. Für ihn war die Eroberung der Anfang einer neuen Geschichte. Was ging denn ihn, &#039;&#039;maquisard&#039;&#039; seit Menschengedenken, das verworrene Geschwätz eines Saals voller braver Idealisten vor fünf Jahren an? Die Verfassung, das Parlament, die Regierung und die Wahlkommission der Übergangsjahre – alles Makulatur.4 Anhänger der UDPS wurden ins Gefängnis geworfen und brutal verprügelt.5 Tshisekedi wurde bereits zwei Monate nach der »Befreiung« Kinshasas verhaftet. Er wurde verhört, erhielt Hausarrest und wurde schließlich in seinen Heimatort verbannt. Einer von Kabilas Ministern sagte: »Wir haben ihm Saatgut und einen kleinen Traktor geschenkt, dann kann er sich als Landwirt betätigen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, statt eine solide Demokratie zu errichten, kehrte die Kabila-Regierung zu einem äußerst autoritären Regime zurück. Alles drehte sich um die Person Kabilas. Das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, nur seine AFDL durfte noch existieren, und auch diese Partei war lediglich ein Zweckbündnis, das unter Mitwirkung Ruandas ein paar Tage nach der Invasion Zaires ins Leben gerufen worden war. Kabila war anfangs nur ihr Wortführer gewesen, hatte dann aber seine drei Mitgründer nacheinander ausgeschaltet. Noch während des Krieges hatte er Kisase, den Einzigen von ihnen, der über militärische Macht verfügte, ermorden lassen; nach seiner Vereidigung als Präsident ließ er Masasu zu zwanzig Jahren Haft verurteilen, und Bugera, Ruffins Kidnapper, lobte er weg auf einen Posten, wo er ihm nicht gefährlich werden konnte. Die militärische Allianz sollte nun zu einer Staatspartei umgeformt werden, doch sie war inzwischen so gut wie bedeutungslos. Der Kongo wurde die AFDL, die AFDL aber war in der Praxis Kabila. Die Bevölkerung durfte sich politisch nur noch in sogenannten &#039;&#039;Comités du Pouvoir Populaire&#039;&#039; organisieren. Was das genau war, wusste niemand, aber es schmeckte nach schlecht verdautem Marxismus aus dem Maquis. Am 28. Mai 1997 trat eine neue Verfassung in Kraft, die im Wesentlichen dem Präsidenten umfassende Machtbefugnisse einräumte. Kabila stand künftig an der Spitze der legislativen, exekutiven und judikativen Macht, der Armee, der Verwaltung und der Diplomatie. Die Minister, mit denen er sich umgab, waren vorzugsweise Katangesen wie er oder Leute aus der Diaspora. Ehemalige Mobutu-Gegner, die sich schon seit Jahren ein politisches Mandat erhofften, erlebten, dass Unbekannte zum Zuge kamen. Als nette Geste bedachte Kabila auch die inzwischen erwachsenen Töchter von Kasavubu und Lumumba mit einem Ministerposten – eine solche historische Reminiszenz verlieh ihm ja einen Anschein von Legitimität –, aber es war eine Farce.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte 1994 an der Universität von Lubumbashi mein Studium Internationale Beziehungen abgeschlossen«, erzählte mir Bertin Punga, eine wichtige Persönlichkeit beim späteren Protest gegen Kabila. »Ich war politisch interessiert, und ich war gegen Mobutu. Beim Campusmord 1990 hatte ich drei Leichen gesehen. Ich kam aus Kasai und erlebte, dass wir vom Gouverneur aus Katanga vertrieben wurden. Deshalb schloss ich mich der AFDL an, als sie aufkam. Früher war Politik die Angelegenheit einer bestimmten Kaste, aber bei dieser Revolution schien jeder willkommen zu sein. Ich bin Akademiker, ich muss in die Politik, sagte ich mir. Aber als ich in Kinshasa ankam, sah ich, wie die Posten an Leute ohne Ausbildung aus Katanga vergeben wurden, während ich mit meinem Unidiplom zu einem viel niedrigeren &#039;&#039;diplomé d&#039;Etat&#039;&#039; herabgestuft wurde [diplome d&#039;État ist das kongolesische Abitur]. Als ich sah, wie viele Minister aus Katanga stammten, wusste ich, dass Kabila ein zweiter Mobutu war. Nein, es war sogar schlimmer, wenn man vergleicht, was er schon in vier Jahren angerichtet hat und Mobutu in zweiunddreißig. Es gab standrechtliche Exekutionen, das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, der Einparteienstaat kam zurück. Das Getue mit den Comités du Pouvoir Populaire, das war für mich echt eine Neuauflage des MPR.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ersten Jahr seiner Regierung schien Kabila auf einen starken, autoritären und sehr personalisierten Staat hinzusteuern; in der Praxis blieb dieser Staat jedoch sehr schwach. Es gab keine echte Politik, keine weitsichtige Planung, keinen Staatsapparat. Nicht einmal die Armee stellte etwas vor. Mobutus FAZ wurde aufgelöst, an ihre Stelle traten die FAC: &#039;&#039;Forces Armées Congolaises&#039;&#039;. Das klang imposant, war aber nicht mehr als ein Mischmasch aus vormaligen FAZ-Soldaten, ehemaligen »Katanga-Tigern«, Kadogo, Banyamulenge und Tutsi aus Ruanda. Stabschef war noch immer der Ruander James Kabarebe. Kabila regierte sein Land wie früher sein Rebellengebiet: locker, überaus locker. Das Einzige, worauf er wirklich achtete, war die Kontrolle der Informationskanäle. Nicht umsonst war sein Berater für alles, was mit Kommunikation zu tun hatte, Dominique Sakombi Inongo, Mobutus ehemaliger Propagandist, der Prophet geworden war. Das hatte Kabila zweifellos von Mobutu gelernt: Eine starke Regierung musste darauf bedacht sein, die Medien in eisernem Griff zu halten. Der Rundfunkjournalist Zizi Kabongo erlebte es am eigenen Leib, als Armeesoldaten nachts um zwei an seine Tür hämmerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kabila war nicht gerade ein Freund des staatlichen Rundfunks«, erzählte Zizi, »für ihn waren dessen Angestellte ein Haufen Mobutisten. Eines Nachts sendeten wir eine seiner Versammlungen erneut. Kabila schlief sehr wenig und hörte unser Programm. Schon seit Mobutu gab es kein Geld für Material, deshalb mussten wir die Bänder immer wieder löschen und neu verwenden. Aber dieses eine Band war schlecht gelöscht worden. Nach der Aufnahme von Kabilas Versammlung war noch ein Rest von einer Reportage über Mobutu drauf. Der Techniker vom Dienst war eingepennt, und die Zuhörer hörten am Ende auf einmal wieder die Stimme von papa Maréchal. &#039;&#039;»Oyé! Oyé! Papa ndeko! Unser Freund!&#039;&#039;«, hörte man das Volk rufen. Mobutu ist zurück, dachten die Zuhörer. Noch in derselben Nacht holte die Armee alle Journalisten ab und steckte sie ins Gefängnis. Um zwei Uhr morgens standen sie vor meiner Tür. Im Knast landete ich zwischen zum Tode Verurteilten und Revolutionären. Die Lage war ernst. Kabila fing an, alle seine Feinde zu beseitigen.« Zizi, dessen Schienbeine die Spuren des Widerstandes gegen Mobutu trugen, wurde nun des Mobutismus bezichtigt. Zwischen Mai 1997 und Januar 2001 wurden mehr als 160 Journalisten ins Gefängnis geworfen.8 »Am nächsten Tag mussten wir alle in den Präsidentenpalast. Kabila persönlich hielt uns eine heftige Standpauke für unseren Akt der Rebellion. Zur Strafe wurden wir alle verpflichtet, den Marxismus zu studieren. Aber am Ende bekamen wir dann doch neue Aufnahmebänder, auf die wir schon seit Jahren warteten.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die demokratische Opposition und die UDPS brutal bekämpft, die AFDL matt gesetzt, die Presse abgekanzelt und ihr einen Maulkorb verpasst. Welche Brücken konnten noch in die Luft gesprengt werden? Die zum Ausland natürlich. Kabila verspielte binnen kürzester Zeit das Wohlwollen der Vereinten Nationen, als er Ermittlungen zu den Massakern an den Hutu-Flüchtlingen zuerst ablehnte und später behinderte. Expertenteams wurden systematisch boykottiert. Kabila musste entweder Ruanda die Schuld daran geben (was auch zutreffend war), aber dann hätte er einräumen müssen, dass er den Sieg nicht seiner eigenen Rebellion zu verdanken hatte, und so etwas war tödlich für seine Popularität im eigenen Land, oder aber er musste die Schuld auf sich nehmen, doch dann würde er international als brutaler Massenmörder gelten. Innenpolitische Interessen kollidierten mit außenpolitischen. Es war ein heikler Balanceakt, selbst für einen gestandenen Politiker, und Kabila war alles andere als ein gestandener Politiker. Von Diplomatie hatte er keine Ahnung. Sein Stil war eher rustikal. Er betrat das internationale Parkett mehr als argwöhnischer Rebell denn als besonnenes Staatsoberhaupt. Innerhalb kürzester Zeit warf er Frankreich Neokolonialismus und den USA einen Mangel an diplomatischer Höflichkeit vor, und Belgien war in seinen Augen ein Terroristenstaat.10 Die Troika war schon von Mobutu einiges gewohnt, aber solche grobschlächtigen Äußerungen waren neu. Hier sprach nicht mehr ein schlauer Fuchs, sondern ein tolpatschiger Bär. Auch afrikanische Staatsoberhäupter lernten ihren neuen Kollegen schnell kennen. Nelson Mandela hatte bei den Friedensgesprächen in Kongo-Brazzaville 1997 stundenlang auf ihn warten müssen; der sonst so umgängliche Mann war darüber sehr wütend geworden. Der ägyptische Präsident Mubarak erwartete ihn schon am Kairoer Flughafen mit einer Ehrenwache und einem roten Teppich, als Kabila den Besuch telefonisch absagte, weil er sich »ein bisschen müde« fühle. Tansanias Präsident Mkapa wurde zwar mit einem Besuch beeehrt, aber entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten unterbrach Kabila den Staatsbesuch und flog nach Kinshasa zurück.11 Auch Ugandas Präsident Museveni und Ruandas Vizepräsident Kagame mussten erkennen, dass ihr Protegé recht ungehobelt war. Sie hatten gehofft, ihr chaotisches Nachbarland zu sanieren, indem sie ihn dort als Marionette installierten, in der Praxis aber erwies sich Kabila als unlenkbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes: Kabila kehrte Ruanda und Uganda den Rücken zu. Viel Entscheidungsfreiheit hatte er nicht. Im ganzen Land schwollen die Proteste gegen die ausländische Einmischung an. Vor allem Ruanda musste als Sündenbock herhalten. Jeder Tutsi wurde als Ruander angesehen und jeder Ruander als Besatzer. Das ging sogar so weit, dass eine scharf geschnittene Nase oder eine hohe Stirn ausreichten, um fast sofort als Infiltrant verdächtigt zu werden. In Kinshasa herrschte großer Unmut über die sehr gut wahrnehmbare Präsenz von Tutsi in der Armee, oft auf hohen Posten. Es handelte sich um Offiziere, die weder Französisch noch Lingala sprachen, sondern Englisch, Swahili und Kinyarwanda. Die neuen Machthaber gerierten sich auffallend oft als arrogante Sieger, die nicht davor zurückschreckten, die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; wieder einzuführen, die Peitsche aus Nilpferdhaut, die so viele Erinnerungen an die Kolonialzeit wachrief. Frauen, die eine Jeans oder einen Minirock trugen, was seit 1990 wieder erlaubt war, wurden öffentlich mit Peitschenhieben bestraft. Taxifahrern, die gegen eine Verkehrsregel verstoßen hatten, widerfuhr das Gleiche. Die Zahl der Peitschenhiebe blieb nicht auf fünfundzwanzig beschränkt, wie es in der Kolonialzeit amtlich festgelegt war, sondern hing vom Alter ab: Wer fünfzig war, musste fünfzig Hiebe einstecken. Mehr und mehr verbreitete sich die Meinung, das überbevölkerte Ruanda sei auf Rohstoffe und Lebensraum aus und habe ein Auge auf den Kivu geworfen, wo ohnehin schon sehr viele Tutsi lebten. Man glaubte, dass Ruanda eine &#039;&#039;Grande République des Volcans&#039;&#039; anstrebte, einen neuen Staat, bestehend aus Ruanda und dem Kivu. Es war auch nicht gerade beruhigend, dass hochgestellte Ruander zu einer »zweiten Berliner Konferenz« aufriefen, um die Grenzen von 1885 neu zu überdenken.12 Manche Kongolesen waren ohnehin bereits der Ansicht, dass ihr riesiges Land von dem Zwergstaat Ruanda annektiert worden sei.13 Zwischen den beiden Ländern wuchs ein abgrundtiefer Hass. Das Verhältnis erinnerte an das zwischen China und Japan, oder Irland und England in früheren Zeiten. Viele Ruander sahen den Kongo als ein Land von faulen, chaotischen Nichtskönnern, denen Musik, Tanzen und Essen wichtiger waren als Arbeiten, Infrastruktur und Ordnung. Und Ruanda war für viele Kongolesen ein kühles, strenges Land, in dem Plastiktüten aus Gründen der Sauberkeit und Ordnung verboten waren und das Tragen von Schutzhelmen Pflicht war, ein Land voller überheblicher, wichtigtuerischer Emporkömmlinge, die verächtlich auf sie herabblickten. Viele interpretierten die Unterschiede zwischen beiden Ländern als einen uralten, kulturellen Konflikt zwischen sogenannten »Bantu« und »Niloten«, obgleich das sehr problematische Kategorien der kolonialen Anthropologie waren. Solange Kabilas Hofstaat zum großen Teil aus jenen verhassten Ausländern bestand, konnte er die Anerkennung seiner Macht in den Wind schreiben, und der Präsident wusste, dass die Bevölkerung so darüber dachte. Also stand er da, an der Spitze eines unermesslich großen Landes, in einer Stadt, die neu für ihn war, mit einer Bevölkerung, die er weder kannte noch verstand. Der Jubel verstummte allmählich. »Wir müssen uns von unseren Befreiern befreien«, höhnte man auf der Straße.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und genau das tat Kabila. Am 26. Juli 1998, gut ein Jahr nach seinem triumphalen Einzug in Kinshasa, gab er in einer nächtlichen Rundfunkansprache zu verstehen, dass die ruandischen und anderen ausländischen Soldaten das Territorium des Landes verlassen müssten. Diesmal ging es nicht um ein schlecht gelöschtes Band. Dem kongolesischen Volk sprach er seinen Dank »für die Duldung und Beherbergung der ruandischen Truppen« aus.15 Diese Verlautbarung besiegelte definitiv den Bruch mit Kigali und Kampala. In den folgenden Tagen verließen Hunderte Soldaten Kinshasa. Bei Stabschef James Kabarebe, dem Mann, der den Kongo im Namen Kabilas eingenommen hatte, bedankte sich der Präsident für die erwiesenen Dienste. Wutschnaubend kehrte Kabarebe nach Ruanda zurück. Eine neue Eskalation konnte nicht ausbleiben. Und tatsächlich, keine Woche später fiel er erneut in den Kongo ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg vom Oktober 1996 bis Mai 1997, der Mobutu zu Fall gebracht hatte, hat viele Namen erhalten: »Aufstand der Banyamulenge«, »Befreiungskrieg«, »Feldzug der AFDL«. Heute wird er meist als der »Erste Kongokrieg« bezeichnet. Am 2. August 1998 brach der Zweite Kongokrieg aus. Wieder griff Ruanda an, wieder befehligte Kabarebe die Invasionstruppen, wieder war das Ziel ein Regimewechsel in Kinshasa. Diesmal aber würde der Konflikt nicht sieben Monate dauern, sondern fünf Jahre, bis Juni 2003. Offiziell jedenfalls, denn inoffiziell köchelte der Krieg weiter, zunächst bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, Frühjahr 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg war ein außerordentlich komplexer Konflikt, an dem irgendwann neun afrikanische Länder und etwa dreißig lokale Milizen beteiligt waren, ein Kräftemessen in kontinentalem Maßstab mit dem Kongo als zentralem Kriegsschauplatz. Die Dynamik, mit der einige Länder, von Namibia im Süden bis Libyen im Norden, kurzfristig Partei ergriffen (für oder gegen Kabila), erinnert an die blitzschnelle Bildung der Ententen in Europa am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Wegen der kontinentalen Ausdehnung spricht man auch vom »Ersten Afrikanischen Weltkrieg«, doch das ist eine ziemlich verfehlte Bezeichnung, die die gravierenden Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges auf Afrika außer Acht lässt. Der Begriff &#039;&#039;Great African War&#039;&#039; ist deshalb sinnvoller, obgleich der Brandherd größtenteils auf den Kongo beschränkt blieb und lokale Milizen längere Zeit agierten als ausländische Streitkräfte. Was die Zahl der Opfer betraf, weitete sich dieser Große Afrikanische Krieg oder Zweite Kongokrieg zum tödlichsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Allein im Kongo sind seit 1998 mindestens drei Millionen und möglicherweise fünf Millionen Menschen durch den Krieg gestorben, mehr als in den medial so stark präsenten Konflikten in Bosnien, im Irak und in Afghanistan zusammen. Und die Zahl steigt weiter an. 2007 gab es monatlich noch 45.000 Todesopfer durch die indirekten Folgen dieses vergessenen Krieges. Den größten Blutzoll zahlten Zivilisten. Sie starben nicht in den Kämpfen, sondern als Folge von Unterernährung, Diarrhö, Malaria und Lungenentzündung, Krankheiten, die wegen des Krieges nicht mehr behandelt werden konnten. Dazu muss bemerkt werden, dass viele dieser Krankheiten auch schon vor dem Krieg nicht mehr behandelt wurden. Die Sterberate lag im Kongo bereits vor dem Konflikt über dem Durchschnitt und stieg durch den Konflikt weiter an. 2007 war die Sterberate im Kongo noch immer 60 Prozent höher als im gesamten subsaharischen Afrika.16 Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kongolesen bei der Geburt betrug dreiundfünfzig Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg verschwand aus dem Fokus der Weltnachrichten, da er als unergründbar und unübersichtlich galt. Tatsächlich gab es nicht zwei deutlich umrissene Lager, und, was wichtiger war, es gab keine deutliche Rollenverteilung, wer der Buhmann und wer der Underdog war. Nach dem Ende des Kalten Krieges benutzten westliche Berichterstatter in zunehmendem Maße einen moralischen Bezugsrahmen, wenn es darum ging, Kriege zu deuten: In Jugoslawien waren die Serben die großen Übeltäter, in Ruanda die Tutsi die unschuldigen Opfer; in beiden Fällen führte das zu Einschätzungen und politischen Entscheidungen mit katastrophalen Folgen. Es war nicht einfach, im Kongo »die Guten« zu finden. Wer sich näher mit dem Konflikt beschäftigte, musste erkennen, dass alle Beteiligten im Glashaus saßen. Die Anschuldigungen waren oft gerechtfertigt, die gewählten Methoden oft problematisch. Keiner der Parteien schien es zu gelingen, aus der Schusslinie zu treten, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, um sich mit der Berechtigung der gegnerischen Position zu befassen und gemeinsam nach einem Kompromiss zu suchen. Für ein bettelarmes Land mit einer jungen, ungebildeten Bevölkerung, die nur Mobutus finsteren Despotismus gekannt hatte, war das entschieden zu viel verlangt. Kinder einer Diktatur sind selten Musterdemokraten. Das Ganze entwickelte sich zu einem jener Konflikte, bei denen jeder dem anderen immer ein Stückchen mehr Schuld zuspricht, sodass Zurückschlagen gerechtfertigt scheint und eine endlose Gewaltspirale entsteht. Die westlichen Medien kapitulierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem lässt sich der Ablauf der Geschehnisse mit Hilfe einer einfachen kartographischen Bildergeschichte veranschaulichen. Drei Phasen kennzeichneten den Konflikt. Von August 1998 bis Juli 1999 versuchte Ruanda, zusammen mit Uganda und einer zusammengewürfelten einheimischen Rebellenarmee, Kabila zu stürzen. Das gelang nicht. Diese Phase endete mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Lusaka, das vieles regelte, aber keinen Frieden brachte. Die zweite Phase dauerte von Juli 1999 bis Dezember 2002. Ruanda und Uganda versuchten nicht länger, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern kontrollierten jetzt, mit Hilfe von lokalen Milizen, die Hälfte des kongolesischen Territoriums, wo sie in großem Maßstab die vorhandenen Rohstoffe ausbeuteten. Da inzwischen die Beute wichtiger war als die Macht, kam es zu Brüchen innerhalb der Rebellion und zu gewalttätigen Konfrontationen in Kisangani. Diese turbulente Phase erreichte einen Endpunkt mit dem Friedensvertrag von Pretoria im Dezember 2002, der ab Juni 2003 in Kraft trat. Die Ruander und Ugander zogen sich in ihr Land zurück, und die UNO verstärkte ihre Präsenz. Offiziell war der Krieg damit beendet, an Ort und Stelle sah es jedoch anders aus. Die dritte Phase begann 2003 und zieht sich im Kivu bis heute hin. Während dieses langen Zeitraums beschränkte sich der Krieg auf den äußersten Osten des Kongo, jene Gebiete, die unmittelbar an Uganda (Ituri) und Ruanda (Kivu) angrenzen. Diese Zonen wurden zu Schauplätzen heftiger Gewalt, massiver Menschenrechtsverletzungen und unsäglichen menschlichen Leidens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder dieser Phasen war der Konflikt gekennzeichnet durch die Nachwehen des ruandischen Völkermords, die Schwäche des kongolesischen Staates, die militärische Vitalität des neuen Ruanda, die Überbevölkerung im Gebiet um die Großen Seen, die Durchlässigkeit der alten Kolonialgrenzen, die Zunahme ethnischer Spannungen aufgrund von Armut, das Vorhandensein von Naturreichtümern und Bodenschätzen, die Militarisierung der informellen Wirtschaft, die weltweite Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen, das lokale Angebot von Waffen, die Ohnmacht der Vereinten Nationen und einiges mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Juni 2007 frühstückte ich in Ruandas Hauptstadt Kigali im berühmten Hotel des Mille Collines, Zufluchtsort während des Völkermords und Inspirationsquelle für den Film &#039;&#039;Hotel Ruanda&#039;&#039;. Es war noch immer ein sündhaft teures Sternehotel. Ich hatte dort nicht übernachtet, sondern traf mich mit Simba Regis, einem introvertierten ruandischen Kriegsveteranen, der nur wenige Jahre älter ist als ich. Am Buffet nahmen wir uns mit Zangen butterglänzende Croissants. Eine Kellnerin brachte uns herrlich frischen Fruchtsaft. Simba Regis war 1967 geboren, und seine Lebensgeschichte war die Geschichte der ruandischen Tutsi in der Nussschale. 1959, als die Hutu-Unruhen begannen, waren seine Eltern nach Burundi geflohen, wo er geboren wurde. In seiner Kindheit und Jugend hörte er ständig, dass nicht Burundi, sondern Ruanda sein Heimatland sei. Er sympathisierte mit dem Kampf der Tutsi im Exil und ging 1990 nach Süd-Uganda, um sich der Ruandischen Patriotischen Front anzuschließen, Kagames Armee. Er war bei den Invasionen Ruandas dabei, er war einer der Ersten, die Kigali erreichten, und er entrann um ein Haar dem Völkermord 1994. »Sechsjährige Kinder, die elend verreckten, junge Mütter, die von unter Drogen stehenden Interahamwe abgeschlachtet worden waren. Es war zum Wahnsinnigwerden. Wenn man das gesehen hat, dann muss man sich wehren.« Also war er 1996 dabei, als Ruanda zum ersten Mal in den Kongo einfiel, um die Hutu-Gefahr auszuschalten. Und 1998, bei der zweiten Invasion Ruandas, kämpfte er wieder in den vordersten Linien, denn auch jetzt ging es nicht nur um die Entthronung Kabilas, sondern auch darum, die verbliebenen Hutu-Milizen auszuschalten. In den Wäldern des Ost-Kongo versteckten sich noch immer Tausende ruandischer Hutu, die nach den Massakern der AFDL vergeltungssüchtiger waren als je zuvor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf begann am 2. August. Ruanda erhielt Unterstützung von Uganda und Burundi, die ebenfalls über das Rumoren an ihrer Westgrenze beunruhigt waren und denen der Reichtum an Bodenschätzen im Ost-Kongo bekannt war. Goma und Bukavu fielen sofort. Zwei Wochen später hieß es, die Eroberung sei das Werk einer einheimischen Rebellionsbewegung, des &#039;&#039;Rassemblement Congolais pour la Démocratie&#039;&#039; (RCD). Zu ihrem Anführer wurde überraschenderweise Ernest Wamba dia Wamba erklärt, ein ehemaliger Geschichtsprofessor. Doch der gesamte RCD war ebenso sehr eine Phantomkonstruktion wie die AFDL von 1996. Während er sein Croissant langsam zerpflückte, zerstreute Simba Regis jeden Zweifel: »Wir haben die Rebellen ausgebildet und trainiert. Ruanda war einfach besser organisiert. Die Kongolesen trugen ruandische Uniformen und Stiefel. Sie standen unter unserem Befehl. Wir waren ihre Paten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier Jahre lang kämpfte Simba auf kongolesischem Boden, von 1998 bis 2002, über den gesamten Zeitraum des offiziellen Krieges. Er war in Katanga, in Kasai. Manchmal gab es dort Kämpfe gegen die Interahamwe und die Mai-Mai, die von Kabila unterstützt wurden, die meiste Zeit geschah nichts. &#039;&#039;»On faisait la vie«&#039;&#039;, sagte er, »wir hatten unser Auskommen«, was man auch so verstehen konnte, dass die Ausbeutung des Bodens wichtiger gewesen war als das Kriegführen. In Katanga fand man noch immer Rohstoffe im Überfluss, und Kasai war nach wie vor reich an Diamanten. Den Kampf gegen die reorganisierten Hutu bezeichnete er als »gerecht und ehrenhaft«, aber den Krieg als Lebensstil hatte er gründlich satt. »Ich kann nicht mehr. Seit 1990 führe ich Krieg. Die, die über den Krieg entscheiden, kämpfen nie selber, aber ich habe meine Brüder verloren und meine Freunde. Wir waren elf Freunde aus Bujumbura, wir kamen aus demselben Viertel und haben dieselbe Grundschule und Oberschule besucht. Von den elf leben noch zwei, ich und jemand in Kanada.« Von der Terrasse des Frühstücksraums hatte man einen Ausblick auf Kigali. Die Stadt leuchtete im Morgenlicht. »Wenn ich Bier getrunken habe, kriege ich Albträume. Ich sehe Häuser, die in die Luft gesprengt werden. Ich sehe meine Freunde weinen, weil sie einen Arm oder ein Bein verloren haben. Und immer bin ich machtlos und kann nichts tun. Dann schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Ich spüre den Krieg noch immer. Ich hatte kein gutes Leben, nein. Ich möchte nach Europa, denn in fünf oder zehn Jahren geht es hier von Neuem los.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber James Kabarebe glaubte, dass die Sache rasch erledigt werden könne. 1996 hatte es sieben Monate gedauert, nach Kinshasa zu gelangen; das musste man auch schneller schaffen können. Sein Plan war ebenso riskant wie kaltblütig. Auf dem Flughafen von Goma kaperte er mehrere Flugzeuge, lud sie voll mit RCD-Soldaten und zwang die Piloten, westwärts zu fliegen, zur Militärbasis Kitona am Atlantik. Von dort aus waren es nur vierhundert Kilometer bis Kinshasa. Seine Luftbrücke schien zu funktionieren: Am 5. August nahm er Kitona ein und schaffte es, die dort anwesenden Soldaten, hauptsächlich demotivierte ehemalige FAZ-Kämpfer, die in der neuen Armee »umerzogen« wurden, zu überreden, mit ihm gegen Kabila zu kämpfen. Am 9. August fiel die strategisch entscheidende Hafenstadt Matadi, am 11. August das Wasserkraftwerk Inga. Kabarebe hatte nun den Daumen auf dem Hauptschalter von Kinshasa und konnte auch noch die Zufuhr von Lebensmitteln sperren. Nächtelang stürzte er eine hungrige Millionenstadt in die Dunkelheit. In den einfachen Vierteln loderten die Anti-Tutsi-Ressentiments hoch auf. Hunderte von Tutsi oder Menschen, die auch nur Tutsi-Züge aufwiesen, wurden von Menschenmengen grausam gelyncht. Wie in den Townships von Südafrika hängte man ihnen einen Autoreifen um, der mit Benzin gefüllt und angezündet wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles deutete darauf hin, dass Kinshasa binnen kurzem fallen würde. Kabilas Armee war für Kabarebes Truppen kein ernstzunehmender Gegner. Und doch kam es anders. In letzter Minute wurde Kabila von ausländischen Truppen gerettet: Am 19. August 1998 rückten vierhundert Soldaten aus Simbabwe in den Kongo ein, am 22. August begann die Armee Angolas Bas-Congo zu befreien. Vor allem die Rolle Angolas war entscheidend. Während des Ersten Kongokrieges hatte sich das Land neutral verhalten: In Luanda war niemand traurig über den bevorstehenden Abgang Mobutus, dessen Unterstützung der rechten UNITA-Rebellen so viel Leid ausgelöst hatte. Während des Zweiten Kongokrieges waren die Karten jedoch neu gemischt. Ruanda könnte eventuell die UNITA unterstützen, um Kabila zu Fall zu bringen. Das musste verhindert werden. Simbabwe hingegen handelte eher aus wirtschaftlichen Erwägungen; das Land besaß Anteile am katangesischen Bergbau. Daneben gab es eine Art ideologischer Brüderschaft zwischen den Präsidenten Mugabe, Dos Santos und Kabila: alle drei hatten mit dem geflirtet, was in Afrika so schön &#039;&#039;le marxisme tropicalisé&#039;&#039; hieß. Angola war jahrelang von Kuba unterstützt worden, so wie auch Kabila, als Che Guevara ihn besucht hatte. Ruffin Luliba bekam in seiner Zeit als Leibwächter Kabilas mit, dass es noch immer eine enge Beziehung gab. »Mzee hielt große Stücke auf Revolutionäre. Männer wie Mugabe und Castro, die fand er großartig. Sein Leibarzt war ein Kubaner. Ich war mehrmals mit ihm auf Kuba. Wir waren zu vier Kadogo und wurden von Castro empfangen; ich habe ihm noch die Hand geschüttelt. Wir haben bei Castro in Havanna diniert.«18 Wahrscheinlich war es Castro, der den angolanischen Präsidenten Dos Santos veranlasste, seine Armee in den Kongo zu schicken.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Koalition wuchs. Nach Simbabwe und Angola schloss sich auch Namibia an. Im Norden fand er im Sudan, im Tschad und in Libyen Verbündete. Jedes dieser Länder hatte Gründe, Kabilas Sturz zu verhindern. Der Sudan bot seine Dienste an wegen eines sich dahinziehenden Konflikts mit Uganda, das die Rebellen im Süden des Sudan unterstützte. Libyen stellte einige Flugzeuge zur Verfügung, um aus seiner internationalen Isolierung herauszukommen. Der Tschad entsandte zweitausend Soldaten aus Solidarität mit den beiden zuvor genannten Ländern. Kabila verfügte schließlich über eine Armee aus sieben Nationen: Neben seinen eigenen Truppen befanden sich Truppen aus drei Ländern im Süden und aus drei anderen Ländern im Norden des Kongo. Sie nahmen es auf gegen die drei Länder aus dem Osten, die hinter dem RCD steckten: Ruanda, Uganda und Burundi, wobei Ruanda unstreitig die Hauptrolle spielte und der Liebling Amerikas war. Wieder einmal war die zentrale Lage des Kongo in Afrika für den Lauf der Geschichte entscheidend. Die Zahl der Soldaten war groß: Kabilas Koalition konnte sich mit ungefähr 85.000 Kämpfern brüsten, die Rebellen mit rund 55.000.20 Diese beeindruckende militärische Präsenz führte jedoch in eine Sackgasse. Der Westen des Kongo kam schnell wieder in Kabilas Hände, aber der Osten blieb im Griff des RCD. Eine echte Front existierte nicht, doch es gab deutlich abgegrenzte Zonen, zwischen denen ein oft sehr breiter Streifen Niemandsland lag. Die staatliche Autorität Kinshasas galt nur noch in Bas-Congo, Bandundu, West-Kasai und großen Teilen Katangas; Kigali und Kampala kontrollierten Nord-Katanga, Nord- und Süd-Kivu sowie die Provinzen Maniema und Orientale. Als sich der Tschad im November 1998 aus der Provinz Équateur zurückzog, fiel auch diese Region in die Hände der Rebellen. Nicht der RCD war hier die Besatzungsmacht, sondern eine neue Rebellenarmee, die ausschließlich von Uganda unterstützt wurde, der MLC (&#039;&#039;Mouvement pour la Libération du Congo&#039;&#039;). Ihr Kommandant war Jean-Pierre Bemba, Sohn des reichsten Geschäftsmannes aus der Mobutu-Ära. Seine Truppen bestanden zu einem großen Teil aus Veteranen der DSP, Mobutus gefürchteter Privatarmee.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruandas zweite Invasion in den Kongo hatte so erfolgreich ablaufen sollen wie die im Jahr 1996, doch es kam ganz anders. Die Situation war völlig festgefahren, unter anderem durch die Haltung der lokalen Bevölkerung. Während die AFDL noch als eine Befreiungsarmee empfangen worden war, wurde der RCD von Anfang an als Besatzungsmacht empfunden. In einer Stadt wie Goma war Kabila noch immer sehr populär. Als Wamba dia Wamba Jungen für seinen RCD rekrutieren wollte, mobilisierte Jeanine Mukanirwa ihre wichtige Organisation von Landfrauen. Sie war eine der Frauen, die am Ende der Mobutu-Ära die Frauenbewegung im Kivu mit aus dem Boden gestampft hatten. »Wir waren zu fünftausend Frauen. Wamba dia Wamba kam und wollte uns für seine Rebellion gewinnen. Es war seiner Ansicht nach ein ›Berichtigungskrieg‹, aber wir wussten, dass Ruanda dahintersteckte. Wir sagten: ›1996 habt ihr uns unsere Kinder weggenommen, damit sie kämpften. Jetzt kommt ihr, um unsere anderen Kinder zu holen, damit sie gegen ihre eigenen Brüder kämpfen. Euer Krieg hat keine Berechtigung!‹ Ja, wir Frauen hatten damals Mut.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wambas RCD war überaus verhasst. Sogar die Banyamulenge schwankten, ob sie diesmal mit Ruanda mitmachen sollten; ihr Enthusiasmus war längst nicht mehr so groß wie noch zwei Jahre zuvor.23 Einwohner von Goma erzählten mir, wie die gesamte Verwaltung in die Hände von Ruandern überging. Finanzverwaltung, Einwanderungsbehörde, Sicherheitsdienst . . . Kämpfe hatte es nicht gegeben bei der Einnahme, aber als sich die neue Obrigkeit einrichtete, begann eine endlose Serie von Entführungen, oder Menschen verschwanden plötzlich.24 Intellektuelle, Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Kirchenführer wurden eingeschüchtert und willkürlich verhaftet. Hunderte Dissidenten und Gegner der Rebellen aus dem Landesinneren kamen um.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Garten des Caritas-Guesthouse in Goma, am Ufer des wunderschönen Kivusees, interviewte ich einen Mann, der sich »Muhindu« nannte. Er hinkte und hatte eine große Narbe am rechten Arm. Fünf Jahre lang war er LKW-Fahrer für einen RCD-Kommandanten gewesen. Er sprach in kurzen Sätzen. »Damals wurden viele Jugendliche entführt. Ich musste immer mit drei Soldaten zu einem Haus fahren. Alle wehrfähigen Jungen und Männer wurden ergriffen und in die LKW geworfen. Die Tür ging zu. Ich fuhr nach Kinyogote, bei Mugunga, am Ufer des Sees. Dort war ein Bootshaus, in dem früher Schnellboote lagen. Das war das Gefängnis. Wir warfen sie da rein. Nach ein paar Tagen wurden sie getötet. Mit Stricken. Ich fuhr mit einem Motorboot auf den Kivusee. Man musste große Steine an so einen Körper binden.« Die Wellen des Sees schwappten ans Ufer, aber er hatte kein Auge dafür. Es war sehr kühl, hier im hochgelegenen Osten. Er, nur im T-Shirt, trank einen Schluck Bier und fuhr fort. »Wenn man mit irgendjemand ein Problem hatte, suchte man sich einen Freund, der im RCD war. Man gab ihm Geld, und er sorgte dafür, dass der Feind umgebracht wurde. Ich hatte mindestens sechzehn Leute am Tag im LKW, und ich war fünf Jahre Fahrer für den RCD. Manchmal steckten um die hundert Mann in der Garage. Sie starben durch die Kälte und den Wind. Die Wellen schlugen auch hinein.«26 In den Dörfern ging der RCD besonders brutal vor. Die Städte hatten sie in ihrer Macht, das Land nicht. Dort waren die Interahamwe und andere Hutu-Streitkräfte, und die wurden von Kinshasa unterstützt. Es war eine unvorstellbare Umkehrung der Geschichte: 1996 führte Kabila eine Rebellion an, die wahre Gemetzel unter den Hutu-Flüchtlingen anrichtete, zwei Jahre später bewaffnete er die gleichen Flüchtlinge, damit sie gegen Ruanda kämpften . . . Nichts war im Kongo das, was es schien. Bündnisse wurden geschlossen und aufgelöst, je nach den Umständen. Ideologische Übereinstimmung? Politische Verwandtschaft? Unwichtig. Was wirklich zählte, war militärischer (und später auch pekuniärer) Opportunismus. Die Feinde der Feinde waren Freunde; mit ihnen arbeitete man zusammen. Und aufgrund dieser Logik ging im Ost-Kongo der Kampf zwischen ruandischen Hutu und ruandischen Tutsi noch eine Weile weiter. Die Echos des Völkermordes verhallten nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Mai-Mai wurden von Kinshasa mit Nachschub versorgt. Kabila hatte keine Truppen mehr im Osten, aber mit Hilfe der Mai-Mai konnte er dennoch verhindern, dass der RCD das Landesinnere vollständig kontrollierte. Er vergab die Kriegsführung also an zwei Subunternehmer, die Interahamwe und die Mai-Mai. Ein recht seltsames Konsortium: Die einen waren ruandische Hutu, die den Völkermord begangen hatten, die anderen kongolesische Hypernationalisten, die an Magie glaubten und sich für unverwundbar hielten. Im Juni 2007 durfte ich in Bukavu einmal ganz im Geheimen mit vier Mai-Mai tafeln. Wegen ihrer Angst vor der Stadt erschienen sie erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zu unserer Verabredung in einer anonymen Privatwohnung eines gemeinsamen Freundes. Am Anfang herrschte eine sehr nervöse Stimmung. Ihr »Oberst«, ein Mann um die dreißig mit blutunterlaufenen Augen, dozierte mit lauter Stimme ausführlich über die Geschichte der Mai-Mai und gab heroische Storys zum Besten, aus denen sowohl Wut wie auch Kampfgeist sprach, jedoch in so epischer Breite, dass seine Mitstreiter dabei einschliefen. Später, als sie wieder aufgewacht waren, berichteten sie freimütig vom Krieg und ihren Ritualen. Nach einer Weile, sie hatten gegessen und Bier getrunken, zeigten sie mir sogar ihre magischen Lederarmbänder, ihre &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Sie krempelten die Hosenbeine hoch und zeigten mir, wo sie von Kugeln getroffen worden waren, die sie nicht getötet hatten (»Und hier ist sie wieder rausgekommen!«). Sie forderten mich auf, ihren Oberarm zu betasten, wo zu meiner Verblüffung tatsächlich eine Geschosshülse unter der Haut steckte (»Nix da mit ärztlicher Versorgung; einfach eine Pflanze draufgelegt.«). Sie versprachen mir, bei einem nächsten Treffen einen von ihnen den Immunisierungsritualen zu unterziehen und auf ihn zu schießen. Ich würde dann ja selber sehen, dass die Kugeln wie Wasser von seiner Brust abperlten. Oder nein, sie hatten eine bessere Idee. Weil ich den Kongo so offenkundig liebte, sei ich auch ein potenzieller Mai-Mai, fanden sie. Sie würden &#039;&#039;mir&#039;&#039; alle Rituale angedeihen lassen, ja, genau, und einer von ihnen würde dann auf mich feuern. Wollte ich das nicht mal erleben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ethnische Herkunft sahen die Mai-Mai nicht so eng, solange man nur dem Kongo leidenschaftlich zugetan war. Yves Van Winden konnte bei diesem Thema mitreden. Er war ein Belgier, der schon seit Jahren eine kleine Fluggesellschaft im Kongo betrieb, ein Sportpilot, der sein Hobby zum Beruf und den Kongo zu seinem Heimatland gemacht hatte. Während des Krieges war er Kontaktperson zwischen Kabila und den Mai-Mai. Ich unterhielt mich mit ihm in einem zwielichtigen Nachtclub in Goma. Russische Piloten, die sich im Goldschmuggel betätigten, hingen herum, neben obskuren Typen in Militäruniformen, die ich nicht zuordnen konnte. Um den Billardtisch saßen ein paar junge Prostituierte und tranken ihre Cola mit einem Strohhalm. »Sie nannten mich den ›weißen Mai-Mai‹«, sagte Yves Van Winden, »ich brachte ihnen Waffen von Kabila. Mehr als vierhundert Flüge habe ich erledigt, Alleinflüge von fünf, sechs Stunden. Das ist extrem lange. Ich flog meistens mit meiner Cessna, manchmal mit einer DC-3 oder einer kleinen Antonow 26. Pro Flug hatte ich sechshundert Kilo Fracht. Ich schätze mal, ich habe mehr als zwanzigtausend Kalaschnikows transportiert, außerdem dreihundert bis fünfhundert Bazookas, zweihundert Mörser Kaliber 60, zwanzig Mörser Kaliber 90 und zehn Mörser Kaliber 120. Und auch noch zwei SAM-7-Raketen, zur Luftabwehr.« Warum bringt jemand 240 Tonnen Waffen ins Rebellengebiet? »Aus Patriotismus. Durch die Bewaffnung der Mai-Mai wurde der Vormarsch des RCD gestoppt. Ich habe noch sehr viel Geld zu kriegen für meine ganzen Flugstunden. Einmal wurde meine Cessna beim Aufsteigen beschossen, die Kugel flog direkt an meinem Sitz vorbei. Ich wurde nicht getroffen. Die Mai-Mai wunderte das überhaupt nicht. Sie hatten meine Maschine getauft!«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Karte des Kongo war unverrückbar: Im Westen und Süden befand sich Kabila mit seinen angolanischen und simbabwesischen Verbündeten, im Norden Bemba mit seinem von Uganda unterstützten MLC, im Osten Wamba dia Wamba mit seinem von Ruanda unterstützten RCD, der es mit den von Kinshasa unterstützten Interahamwe und den Mai-Mai aufnahm. Seit Anfang 1999 gab es bereits Friedensverhandlungen, aber erst im Juli, unter dem Druck Frankreichs und der USA, kam es in der sambischen Hauptstadt Lusaka zu einer Einigung, dem sogenannten Friedensabkommen von Lusaka. Die ausländischen Armeen versprachen, ihre Soldaten abzuziehen, die UNO wollte eine Friedenstruppe von fünfhundert Beobachtern entsenden, und im Kongo sollte ein nationaler Dialog über die Gestaltung der Übergangszeit nach dem Krieg in Gang kommen. Wieder einmal ein Übergang. Seit Mobutu 1990 einen Anfang von Demokratisierung erlaubt hatte, befand sich das Land permanent in einem Zustand der Vorläufigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Krieg war nicht vorbei. Nach Lusaka geriet er nur in eine neue Phase, eine chaotische, schmutzige Phase. Alle Kriege sind dreckig, aber wenn das politische Motiv einem wirtschaftlichen Motiv weichen muss, gibt es gar kein Halten mehr. Und genau das geschah. Der RCD hatte nicht mehr das Ziel, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern richtete sich in der Rebellion ein und stellte fest, dass sich im Ost-Kongo gute Geschäfte machen ließen. Der Westen ist daran gewöhnt, Kriege als furchtbar teure, geldverschlingende Unternehmen zu betrachten, die für die Wirtschaft eines Landes desaströs sind. In Zentralafrika war es genau umgekehrt: Kriege zu führen war relativ billig, vor allem in Anbetracht der sagenhaften Gewinne, die sich mit der Ausbeutung von Rohstoffen erzielen ließen. Es handelte sich ja nicht um einen Hightech-Krieg. Das Überangebot an leichten, aus zweiter Hand erstandenen Feuerwaffen, die oft von den postkommunistischen Regierungen Osteuropas stammten, drückte den Preis, und (Kinder)Soldaten, die sich ihren »Sold« zusammenplündern durften, kosteten nichts. Sie hielten die Bevölkerung unter der Knute, während Erz in Hülle und Fülle vorhanden war. Krieg wurde, kurz gesagt, eine interessante ökonomische Alternative. Warum sollte man ein so lukratives Geschäft aufgeben? Unter dem Druck der Bevölkerung? Wozu hatte man denn Waffen? Und was, wenn ein Teil der bettelarmen Bevölkerung an der Ausbeutung der Rohstoffe mitverdiente?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki saß allein am Tisch in einer griechischen Cafeteria in Kisangani und aß ein Omelett, als ich ihn zum ersten Mal traf. Es war ein sengend heißer Tag, aber im Raum war es dank der Klimaanlage erträglich. Ich hatte von ihm gehört und kam mit ihm ins Gespräch. Er stammte aus Bukavu und war einer der vielen Kongolesen, die 1996 bei der ersten Invasion aus Ruanda zu Fuß nach Kisangani geflohen waren. Eine Granate hatte sein Haus zerstört. Drei Wochen lang wanderte er mit seiner Familie durch den Urwald. Aber einige Jahre später erreichte der Krieg auch seinen neuen Aufenthaltsort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wichtigste Ereignis in der zweiten Phase des Krieges, erkannte Doktor Soki sehr schnell, war der Bruch zwischen Ruanda und Uganda. Nachdem Gewinn wichtiger geworden war als Gewinnen, ging die Freundschaft zwischen Kagame und Museveni in die Brüche. Sie kämpften nicht mehr gemeinsam um Kinshasa, sondern gegeneinander um Kisangani. Die Rebellen hatten Doktor Sokis Stadt bereits im August 1998 eingenommen. Kisangani war der wichtigste regionale Umschlagplatz für Diamanten. Überall in der Stadt gab es &#039;&#039;comptoirs du diamant&#039;&#039;, Wechselstuben, oft von Libanesen, wo Schürfer und Kuriere aus dem Inland anklopften, um ihre Steine zu verkaufen. Erst schwang Uganda dort das Zepter, aber Ruanda wollte auch einen Teil der Beute und beschloss, Uganda zu vertreiben. Dreimal kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in den Straßen der drittgrößten Stadt des Kongo. Bewohner von Kisangani sprechen noch heute über den »eintägigen Krieg« (August 1999), den »Dreitagekrieg« (Mai 2000) und den »Sechstagekrieg« (Juni 2000). Der letztgenannte Konflikt war besonders heftig, erinnert sich Doktor Soki noch. Offiziell sollte die Stadt damals entmilitarisiert werden. Jeeps fuhren weg, aber beide Lager befürchteten, der Gegner könnte sofort in die Lücke stoßen.28 Die Truppenstärke der UNO-Friedensmission, der MONUC (&#039;&#039;Mission de l&#039;Organisation des Nations Unies au Congo&#039;&#039;), war beträchtlich angewachsen, doch das reichte nicht aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Ugander standen im Norden der Stadt, beim Tshopo-Fluss und auf dem Gelände der Textilfabrik Sotexki. Die Ruander standen im Süden, beim Kongofluss. Wer wen provozierte, lässt sich nicht eindeutig sagen, aber der geplante Abzug eskalierte in einem großen Feuergefecht mit schweren Waffen. Innerhalb von sechs Tagen flogen mehr als tausend Granaten über die Wohnviertel der Stadt mit der schönsten modernistischen Architektur des ganzen Kongo.29 Die Menschen lebten in Kellern und hatten tagelang nichts zu essen. Nachts war der Himmel voller dröhnender Sternschnuppen. Es gab weder Wasser noch Strom. Die Menschen tranken verdorbenes Wasser aus Pfützen und Brunnen und litten unter einem Krieg, der nicht der ihre war. Uganda und Ruanda kämpften um den kaputten, aber reichen Kongo, so wie ein Schakal und eine Hyäne am selben Kadaver herumzerren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter dem städtischen Krankenhaus wurde ein improvisierter Friedhof angelegt. Allein schon während des Sechstagekrieges gab es vierhundert zivile Opfer. Die Zahl der Verletzten und der zerstörten Häuser war unübersehbar. »Es war an einem Montagmorgen um zehn Uhr, als der Krieg ausbrach, ich besprach gerade Baupläne mit einem Kunden.« Ingenieur Utshudi war nicht zu Hause, als eine der ersten Granaten auf sein Haus fiel. »Wir wohnten in der Deuxième Avenue Nr. 11 in der Gemeinde Tshopo. Ich kam nach Hause, aber keines der Häuser stand mehr. Es war eine Wüste. Überall lagen Leichen. Sie haben sechs Tage dort gelegen. Wir mussten fliehen. Die Soldaten schossen sogar auf Totengräber. Als der Krieg vorbei war, haben wir die Leichen weggeholt. Wir steckten sie in Säcke und begruben sie auf dem Friedhof hinter dem Krankenhaus. Ich habe auf einen Schlag meine Frau, meine jüngere Schwester, meine Schwägerin und meine vier Kinder verloren, sieben Angehörige. Jetzt bete ich zu Gott, dass ich vergessen darf.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bruch zwischen Ruanda und Uganda verlief parallel zu einem Bruch im RCD: Die Rebellenbewegung spaltete sich in eine pro-ruandische Fraktion (den RCD-G – das G steht für Goma – unter der Führung von Émile Ilunga und später vor allem Azarias Ruberwa) und eine pro-ugandische Fraktion (den RCD-K – K für Kisangani – unter Führung von Wamba dia Wamba und später Mbusa Nyamwisi, auch als RCD-ML – ML für Mouvement de Libération – oder RCD-K/ML bezeichnet).31 Der Kongo war nicht nur reich an Rohstoffen, sondern auch an Abkürzungen. Doktor Soki beschäftigte sich kaum damit: »Über Politik habe ich nicht viel nachgedacht. Der Grund für den Krieg war uns nicht bekannt.« Als der Sechstagekrieg begann, zogen internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter ab. Doktor Soki blieb in einer belagerten Stadt mit einer halben Million Einwohner zurück. Wie der Arzt in &#039;&#039;Die Pest&#039;&#039; von Camus versuchte er die Menschenwürde in einer menschenunwürdigen Welt zu bewahren. »Sechs Tage lang arbeitete ich allein im städtischen Krankenhaus von Kisangani. Es gab drei Pfleger und fünfzehn Praktikanten. Erst später stieß ein amerikanischer Chirurg vom Roten Kreuz dazu. Die Leute schliefen auf ihren selbst geflochtenen Matten auf dem Boden. Decken und Medikamente kamen später. Wir arbeiteten von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. Zweitausend Menschen haben wir behandelt, Menschen mit Schusswunden im Bauch, im Brustkorb, in den Gliedmaßen oder sogar im Kopf, Menschen, deren Bauch von Granatsplittern aufgerissen war. Wir entfernten Blut aus der Lunge und Schrapnellgeschosse aus der Blase, wir amputierten. Es war echte Kriegschirurgie, aber wir hatten sehr wenige Infektionen. Dabei hatten wir am Anfang nicht mal Diesel für das Stromaggregat. Wir mussten unsere Sterilisationsapparate auf einem Holzkohlenfeuer erhitzen. Und dann schlug auch noch eine Granate im Krankenhaus ein. Einer von den zwei Operationssälen wurde zerstört, und unsere Zisterne mit fünftausend Litern Wasser lief aus. Unter den Kranken und dem Personal brach Panik aus. Nicht mal hier waren wir sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki sprach mit ruhiger Stimme über das Inferno jener Woche. Nichts Heroisches lag in seinen Worten, eher Resignation und Kummer. »Wir haben auch Soldaten behandelt. Vier ugandische Soldaten brachte man uns, der Bauch aufgerissen, die Gedärme hingen heraus. Wir konnten sie retten. Wir haben uns um alle gekümmert, wir haben niemand diskriminiert. Wenn ruandische Soldaten kamen, haben wir sie in einen anderen Saal gelegt. Ich habe einfach weitergemacht, wegen des Leidens, das ich selbst durchgemacht hatte. Ich hatte siebenhundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt und unterwegs Kinder und Erwachsene sterben sehen. Ich hatte offenkundig den Mut, mich selbst den anderen zu schenken.« Und jetzt isst er allein sein Omelett. Er redet nicht gern. »Wir hatten in der Woche auch eine Geburt. Durch die Aufregung bekamen viele Frauen ihre Kinder vorzeitig. Wir machten einen Kaiserschnitt. Ich hielt das Kind. Gott schenke ihm das Leben, dachte ich.«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Teilnahme an dem Massaker 1997 in Tingi-Tingi bei Kisangani war Leutnant Papy mit der AFDL in Kisangani gelandet. Er heiratete, legte die Waffen nieder und zog zur Familie seiner Frau in den Busch, wo er ein Stückchen Land bestellte. Endlich führte er das Leben eines Durchschnittskongolesen in Friedenszeiten: das eines Bauern. Aber dann kam im Mai 1999 Wamba dia Wamba nach Kisangani, aufgrund der Spaltung des RCD. »Er sagte: ›Ihr wollt für euer Land kämpfen, aber die Ruander wollen uns besetzen. Schaut nur nach Goma!‹« Bauer Papy fand, dass es mit der Landwirtschaft nun reichte, und er wurde wieder Leutnant Papy. Drei Monate lang wurde er ausgebildet, diesmal von einem ugandischen Oberst. Wamba hatte zweifelsohne das Lager gewechselt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im August 1999 war Papy dabei, als Ruanda zum ersten Mal Kisangani beschoss und einnahm. Als Wamba sein Hauptquartier nach Bunia verlegte, zog er ebenfalls ostwärts. Nun wollte er sich bei Roger Lumbala melden. Der hatte in Bafwasende, dem Herzen des Diamantengebiets, eine eigene kleine Rebellenarmee aufgestellt, den RCD-N (N für National, obgleich Lokal besser gepasst hätte). Er kam aus dem RCD-G, flirtete mit dem RCD-K/ML, gründete den RCD-N und paktierte schließlich mit Bembas MLC.33 Die Rebellenbewegung zerfiel, vor allem auf ugandischer Seite, und Leutnant Papy verlor zunehmend die Orientierung. Erst wollte er sich Lumbala anschließen, dann doch lieber nicht, dann wollte er zurück zu Wamba, aber dessen Platz nahm jetzt Mbusa ein, eigentlich wollte er zurück zu seiner Familie, die in Beni lebte, doch das war weit weg, also blieb er eben bei Mbusa. Loyalität war vor allem eine Frage von Opportunität. Schließlich durchstreifte er jahrelang mit einem kleinen Trupp von Soldaten den Urwald der Gegend, die in besseren Zeiten Parc National de l&#039;Okapi geheißen hatte, mit achtzehntausend Quadratkilometern eines der größten Naturreservate des Kongo, Weltnaturerbe seit 1996, für gewöhnlich nur bewohnt von Mbuti-Pygmäen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Trupp bestand aus sieben Männern, und Papy war &#039;&#039;chef de peloton&#039;&#039;. Tief im Urwald gelangten sie in den kleinen Ort Bomili, wo sie eine wunderbare Aussicht über den Zusammenfluss des Ituri mit einem Nebenfluss hatten. An diesem Ort hatte ein Mann namens Mamadou das Sagen, ein Wilderer aus Mali, der sich als Dorfoberhaupt aufspielte. Es erinnerte an die Art, in der Msiri, der afro-arabische Sklavenhändler, der von der Ostküste stammte, sich 1856 zum König der Lunda hatte ausrufen lassen. Das Machtvakuum begünstigte neue, von außen eingeführte Strukturen: Ausländische Händler konnten ungestraft agieren und sich, mit einiger Gewalt, reale politische Macht aneignen. Um das Jahr 2000 herrschten im Landesinneren des Kongo ähnliche Wildwest-Verhältnisse wie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar die Handelsware war die gleiche. »Mamadou hatte ein Haus voller Elfenbein. Ich sah fünfzehn Stoßzähne, fast zwei Meter lang. Er hatte vier Jäger, einen Mann, der Pascal hieß, und drei Pygmäen. Auch Felle von Okapis lagen da und das Horn eines Nashorns. Mamadou nahm uns alles ab, sogar unsere Ketten. Drei Stunden lang hat er uns geschlagen. Dann sagte er zu uns: ›Tragt das Elfenbein für mich, sonst töte ich euch.‹« Ein Satz, der so im neunzehnten Jahrhundert hätte fallen können. Papy und seine Männer wanderten sieben Kilometer mit den Stoßzähnen auf der Schulter, in demselben Gebiet, in dem die &#039;&#039;arabisés&#039;&#039; früher ihre Sklavenjagden veranstalteten. Als es dunkelte, bauten sie sich drei kleine Hütten für die Nacht. Sie hatten nicht die Absicht, weiterhin brav den Träger zu spielen. »Nach einer Stunde kam Mamadou. Er war uns gefolgt und eröffnete das Feuer. Einer von uns wurde getötet, darauf haben wir drei seiner Jäger ermordet, darunter Pascal. Wir sind geflohen und haben das Elfenbein vergraben. Ich muss es noch irgendwann holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papys Erzählungen zuzuhören, war, als würde ich noch einmal &#039;&#039;Herz der Finsternis&#039;&#039; lesen und in eine düstere, dunkelgrüne Welt voller dumpfer Gewalt eintauchen. Eine Welt, bevölkert mit schemenhaften Typen, ebenso grausam wie finster und betrunken. »Mamadou arbeitete mit Ramses zusammen, &#039;&#039;le Roi des Imbéciles&#039;&#039;, dem »König der Schwachköpfe«. Der war die Nummer zwei von Bembas MLC. Es herrschte große Rivalität mit dem RCD-ML von Mbusa.« Eine unheilvolle Welt mit nebulöser Logik. Die pro-ugandischen Rebellen kämpften nicht mehr gegen Kinshasa, nicht einmal mehr gegen Ruanda, sondern einfach gegeneinander. »Der MLC wollte sich in Richtung Osten ausbreiten. Sie griffen Isiro an, später auch Beni und Butembo. Ramses war ihr Kommandant. Bei Mambasa haben seine Männer Kannibalismus an Pygmäen begangen.« Eine fiebrige Welt mit bizarren Ritualen und schauerlichen Szenen. Pygmäen wurden sogar gezwungen, Körperteile ihrer gerade ermordeten Angehörigen zu essen. Neugeborenen wurde das Herz herausgeschnitten, und es wurde verzehrt . . .34 Eine schwülheiße Welt mit tropfenden Bäumen und fernen Tierschreien. Leutnant Papy schnaubte. Die Verachtung sprach aus seinen trostlosen Worten. »Eines Tages vermisste ich meinen Freund, meinen Kameraden. Wir konnten ihn erst nicht finden. Dann entdeckten wir ihn in einer Kurve am Straßenrand. Ramses hatte ihn erwischt. Sein Kopf war auf einen Pfahl gespießt. Weiter unten hatten sie seinen Schwanz an die Stange gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Welt der panischen Angst. Zwei Millionen Bürger flohen ins Nirgendwo. Tief im Urwald waren Dorfbewohner so abgeschlossen von der Außenwelt, dass es keine Kleidung mehr gab, die ihre Lumpen ersetzen konnte. &#039;&#039;Les nudistes&#039;&#039; wurden sie genannt. Nackt liefen sie durch den Wald auf der Suche nach etwas zu essen, als lebten sie im Jahr 1870, nun jedoch kannten sie die Scham.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Kolonialzeit war das Gebiet um Bomili wegen seiner kleinen Goldminen bekannt. Die Goldadern waren nicht so ergiebig wie die im weiter östlich gelegenen Kilo-Moto, aber immer noch der Mühe wert. Leutnant Papy verlegte sich auf die Goldgewinnung und war dabei ein ganzes Stück erfolgreicher als beim Elfenbeinhandel. Soldaten wurden zu Unternehmern, Mörder zu Händlern. »Fünfunddreißig kleine Goldminen in der Gegend von Nia-Nia standen unter meiner Kontrolle. Das war mein Sektor. Keiner bezahlte mich und meine Leute, aber jede Mine hatte ihren eigenen CEO.« Auch wenn es sich dabei in der Regel um Heranwachsende in zerrissenen Unterhemden handelte, deutete die Bezeichnung CEO (PDG im Französisch von Papy, &#039;&#039;président-directeur-général&#039;&#039;) doch auf eine gewisse Formalisierung der Plünderökonomie hin. »Ich rief alle CEOs zusammen und hielt eine Ansprache: ›Ihr müsst etwas beisteuern, sonst nehmen die Soldaten das selbst in die Hand, und dann habt ihr echte Probleme. Jeder muss einen Beitrag leisten: &#039;&#039;l&#039;effort de guerre&#039;&#039;. Pro Monat will ich von jedem von euch fünf Gramm Gold.‹ Es kam zu einer Diskussion, schließlich einigten wir uns auf drei Gramm. In manchen Minen arbeiteten fünftausend &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, aber die CEOs bekamen auch nur einen kleinen Teil der Ausbeute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von industriellem Bergbau war längst nicht mehr die Rede. Die Maschinen aus der Kolonialzeit rosteten seit Jahrzehnten vor sich hin. Die Arbeit machten jetzt sogenannte &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, junge Männer und Kinder, die mit einer Spitzhacke ans Werk gingen. Es erinnerte an den frühesten Bergbau in Katanga ein Jahrhundert zuvor, mit dem Unterschied, dass niemand in einem Arbeitsverhältnis stand, sondern jeder ein selbstständiger Unternehmer war, der einen Teil seiner Ausbeute als Steuer an einen Höhergestellten weiterreichte. »Ich machte meine Runde zu allen Minen, um die Steuer zu kassieren. Damit musste ich meine Leute ernähren, aber auch meine höheren Offiziere zufriedenstellen. Ich verkaufte das Gold an Brigade- oder Bataillonskommandanten. Außerdem beanspruchte ich ein paar Quadratmeter der Mine für den Eigengebrauch. Ich hatte überall Gruben und um die zehn Schürfer, die für mich den Sand im Fluss siebten. So kam ich auf gut fünfhundert Gramm im Monat, bon, wenn ich Glück hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner Position befand sich Papy in der Pyramide der Kriegsökonomie irgendwo im Mittelbereich. Der handwerkliche Bergbau bestand aus einer langen Kette: von den Schürfern über den Minenleiter (»CEO«) und Minenbesitzer zu den höheren Offizieren und dann zu den &#039;&#039;comptoirs&#039;&#039; in den städtischen Zentren oder sogar direkt nach Uganda, wo das Edelmetall an internationale Goldhändler weiterverkauft wurde. Salim Saleh, der Bruder von Präsident Museveni, war eine Schlüsselfigur bei solchen Transaktionen. In den großen Goldminen von Kilo-Moto überging man all diese Mittelspersonen. Dort kontrollierte die ugandische Armee die Gruben direkt. Bergarbeiter mussten ohne Schutzvorrichtungen und ohne Lohn, ohne Schuhe und oft ohne angemessenes Handwerkszeug graben, während sich Gewehrläufe auf sie richteten. Arbeitsunfälle passierten zuhauf. Beim Einsturz eines Stollens kamen 1999 mindestens hundert Menschen ums Leben.36 1999 und 2000 hatte der Goldexport Ugandas einen Wert von neunzig bis fünfundneunzig Millionen Dollar pro Jahr. Ruanda exportierte damals jährlich Gold im Wert von neunundzwanzig Millionen Dollar. Viel, wenn man bedenkt, dass beide Länder keine nennenswerten Goldvorhaben aufweisen.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnlich war es mit anderen Mineralien. Vor dem Beginn des Krieges exportierte Uganda Diamanten im Wert von weniger als zweihunderttausend Dollar, 1999 hatte sich der Export fast verzehnfacht auf 1,8 Millionen Dollar.38 Ruanda, ein Land ohne Diamanten, exportierte diese Steinchen möglicherweise sogar in einem Wert bis zu vierzig Millionen Dollar pro Jahr.39 Das erklärt sofort, warum die Kontrolle über Kisangani so wichtig war. Es ging aber nicht nur um Edelmetalle und Edelsteine. Das viel banalere Zinn, weltweit zur Herstellung von Konservendosen genutzt, verschaffte sich Ruanda ebenfalls begierig im Kongo. Zwischen 1998 und 2004 produzierte das Land rund 2200 Tonnen Kassiterit (Zinnerz) vom eigenen Boden, aber exportierte 6800 Tonnen, mehr als dreimal so viel. Die Differenz stammte aus den Kassiterit-Minen im Kivu.40 Das Gebiet um die Großen Seen glich einer Art afrikanischem Schengen, einem gemeinsamen Markt, wo Güter unkontrolliert die Grenze passieren durften. Auch tropisches Hartholz, Kaffee und Tee verschwanden in Richtung Osten. Der Kongo wurde ein Selbstbedienungsladen.41 Der &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039; wurde nun von Afrikanern selbst organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es Coltan. Es sah nicht besonders aus, es ähnelte schwarzem Split, es hatte ein immenses Gewicht, man fand es im Schlamm, doch die ganze Welt war plötzlich scharf darauf. Für Ruanda wurde dieses Erz zum allerwichtigsten ökonomischen Trumpf im Kongo. Was Kautschuk um 1900 war, war Coltan um das Jahr 2000: ein Rohstoff, der in großen Mengen lokal vorhanden war (im Kongo befinden sich Schätzungen zufolge über 80 Prozent des weltweiten Coltanvorkommens) und nach dem plötzlich global eine akute Nachfrage herrschte. Handys wurden die Gummireifen der neuen Jahrhundertwende. Coltan besteht aus Columbit (Niob) und Tantal, zwei chemischen Elementen, die in Mendelejews Periodensystem genau untereinander stehen. Während Niob zur Herstellung von rostfreiem Stahl für u. a. Piercings gebraucht wird, ist Tantal ein Metall mit extrem hohem Schmelzpunkt (fast 3000 Grad Celsius). Dadurch ist es äußerst geeignet für Superlegierungen in der Raketenindustrie und Kondensatoren in der Elektronik. Egal welches Mobiltelefon, welchen MP3-Player, DVD-Recorder, Laptop oder welche Spielkonsole man aufbricht, man findet im Innern ein kleines grünes Labyrinth, auf dem allerlei Unbegreifliches festgesteckt ist. Die tropfenförmigen, grellbunten Perlen, das sind die Kondensatoren. Wenn man sie aufkratzt, hält man ein Bröckchen Kongo in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 2000 kam es zu einem wahren Coltan-Rausch. Nokia und Ericsson wollten eine neue Handygeneration auf den Markt bringen, und Sony war im Begriff, die Playstation 2 zu lancieren (wegen eines Engpasses beim Coltan-Angebot musste die Markteinführung verschoben werden).42 In weniger als einem Jahr verzehnfachte sich der Preis des Coltan-Erzes von dreißig auf dreihundert US-Dollar pro Pound. Neben einer Lagerstätte in Australien war der Ost-Kongo der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Rohstoff gefördert wurde. &#039;&#039;Down under&#039;&#039; bedeutete das Coltan-Erz eine willkommene Einnahmequelle für den Staat, im Kongo aber war es eher ein Fluch als ein Segen. Ein schwacher Staat mit einem Reichtum an Bodenschätzen – das führt unausweichlich zu Problemen. Sämtliche Coltanminen standen unter der Kontrolle Ruandas. 1999 und 2000 exportierte Kigali Coltan im Wert von schwindelerregenden 240 Millionen Dollar – pro Jahr. Der größte Teil davon war Reingewinn. Ruanda musste zwar die Händler und Rebellen im Kongo bezahlen, doch im Vergleich zu den Einnahmen waren das Peanuts. Der finanzielle Nutzen überstieg die Kosten um das Dreifache.43 Hin und wieder eine Kiste Kalaschnikows war da nicht der Rede wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruanda und Uganda waren dennoch nicht die größten Profiteure des Rohstoffraubs im Ost-Kongo. In einer globalisierenden Ökonomie waren Staaten auch nur Zwischenglieder in einem Geflecht von komplexen internationalen, in stetiger Veränderung begriffenen Handelsnetzen. Kagame und Museveni befanden sich nicht am Ende einer Versorgungslinie. Es waren multinationale Bergbaukonzerne, obskure Mini-Fluggesellschafen, notorische, aber ungreifbare Waffenhändler, zwielichtige Geschäftsleute in der Schweiz, in Russland, Kasachstan, Belgien, den Niederlanden und Deutschland, die beim Hehlen der Rohstoffe aus dem Kongo absahnten. Sie agierten auf dem sehr freien Markt. Politisch war der Kongo eine Katastrophe, ökonomisch ein Paradies – für so manchen jedenfalls. Gescheiterte Staaten ermöglichen die Erfolgsgeschichten eines überhitzten, globalen Neoliberalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papy war davon relativ unbeeindruckt. Eines Tages beschloss er, sein Glück erneut mit dem Elfenbeinhandel zu versuchen. Mit ein bisschen Hilfe von ein paar Pygmäen müsste es gelingen. »Ich hatte die Erlaubnis des Dorfvorstehers. Vier Tage dauerte es, ehe wir eine Spur fanden, eine Woche lang sind wir ihr gefolgt. Als wir den Elefanten endlich sahen, hatte er nur einen Stoßzahn. Später fanden wir eine Herde. Ich schoss einen, eine Kuh. Abends aßen wir den Rüssel. Das schmeckte prima.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den rund sechstausend Elefanten im Okapi-Reservat, in dem Papy umherstreifte, wurde mehr als die Hälfte getötet, wegen des Elfenbeins und wegen des Fleischs. Wildern wurde Big Business im Kongo. Von den hundertdreißig Berggorillas – einer ohnehin seltenen Tierart – im Kahuzi-Biega-Park verschwand fast die Hälfte. Im Virunga-Park gab es mehr als zwanzigtausend Nilpferde; nur 1300 überlebten den Krieg.44 Da die Bevölkerung jährlich 1,1 bis 1,7 Millionen Tonnen &#039;&#039;bushmeat&#039;&#039; verspeiste und zweiundsiebzig Millionen Kubikmeter Brennholz verbrauchte, litt die Natur sehr unter dem Krieg.45 Die industrielle Waldnutzung kam zum Erliegen, doch da die Stromversorgung ausgefallen war, kochte der ganze Kongo wieder auf Holz; der Durchschnittsverbrauch betrug ein Kubikmeter pro Person pro Jahr. Bushmeat war hauptsächlich das Fleisch von Affen und Antilopen. Auf allen Märkten sah man geräucherte, fast verkohlte Äffchen mit zusammengeschmorten Augen und aufgesperrten Mäulern. Auf meiner ersten Kongoreise im Jahr 2003 sah ich sogar noch, wie auf dem Markt von Kinshasa Elefantenfleisch verkauft wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Papys Laufbahn als Wilderer währte jedoch nicht lange. »Am nächsten Tag gingen wir zurück, um die Stoßzähne zu holen. Neben der toten Mutter stand ein Kleines. Das habe ich dann auch noch geschossen. Mitleid, was ist das? Als ich es mir näher ansah, fand ich nur zwei ganz mickrige Stoßzähne. Bon, ich handelte doch lieber mit Gold.«46&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Phase des Krieges dauerte lange an, weil viele daran verdienten, nicht nur die großen multinationalen Konzerne weit weg, nicht nur gerissene Händler in kleinen, klimatisierten Büros, nicht nur die militärischen Machthaber in den Nachbarländern, sondern jeder auf jeder Stufe der Pyramide. Für die einfache Bevölkerung gab es endlich wieder eine Möglichkeit, nach den erbärmlichen Mobutu-Jahren Geld zu verdienen. Das zeigte sich nirgends deutlicher als während des Coltan-Booms. Bauern in Nord- und Süd-Kivu verließen ihre kärglichen kleinen Felder, Kinder liefen in Massen von der Schule weg, sogar Lehrer ließen ihren Job im Stich. »Uns ist klar, dass das Graben nach Coltan keine Lösung für unsere Alltagsprobleme ist«, sagten einige Schürfer, »aber hier verdienen wir viel mehr als früher.« Die Risiken nahmen sie in Kauf. Vor allem Männer konnten finanzielle Autonomie zurückgewinnen. Die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre hatte Frauen neue Chancen geboten, der mit Muskelkraft betriebene Bergbau im Krieg aber war die Domäne der Männer. »Nach Coltan graben ist sehr rentabel«, sagten zwei &#039;&#039;mamans&#039;&#039;, »aber nur die Ehemänner profitieren davon. Sobald sie Geld haben, verschwinden sie und suchen sich andere Frauen in Goma. Für die kaufen sie sogar Häuser, und unsere eigenen Kinder leiden Not und gehen nicht zur Schule.«47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Profitstreben war nicht der Grund für den Krieg gewesen; doch da nun so viele davon profitierten, dauerte er an.48 Geschäft und Krieg hielten einander im Klammergriff: Die Wirtschaft war militarisiert, die Gewalt kommerzialisiert. Soldaten wie Leutnant Papy boten ihre Dienste überall da an, wo es für sie lukrativ war. Die Schattenwirtschaft von früher war zu einer militärischen Wirtschaft geworden: Noch immer ging es um groß angelegten Schmuggel kongolesischer Reichtümer, nun jedoch kam die Kalaschnikow hinzu. Extreme Gewalt wurde alltäglich, ethnisch motivierter Hass glich verdächtig stark kommerzieller Konkurrenz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie holten Kasore, einen Lendu in den Dreißigern, aus seiner Familie und fielen mit Messern und Hämmern über ihn her«, sah ein Augenzeuge im goldreichen Mongbwalu in der Provinz Orientale. Dort kämpften die Hema und die Lendu, die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen im Ituri-Distrikt, um die Minen. Früher waren die Minen ein ethnischer Schmelzkessel, jetzt stifteten sie Zwietracht. Ugandas Politik stachelte den Rassenhass an.49 Die Hema, so der Augenzeuge, »töteten Kasore und seinen Sohn (um die zwanzig) mit Messern. Dem Sohn schnitten sie die Kehle durch und schlitzten ihm den Brustkorb auf. Sie durchschnitten die Sehnen seiner Fersen, zertrümmerten seinen Kopf und zerrten seine Gedärme heraus.« Jetzt haben wir hier das Sagen, äußerten die Belagerer nach manchen Aktionen. Die Kehrseite der Globalisierung war die Tribalisierung; der internationale Rohstoffraub ging mit dem Aufleben alter und der Entstehung neuer Riten einher. Ein Hema musste sich einem bizarren Test bei einem &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; unterziehen: »Er hatte zwei Eier. Ich war gefesselt, ich hatte Todesangst. Er rollte die Eier auf dem Boden bei meinen Füßen. Er sagte, wenn die Eier wegrollen würden, sähe man mich als unschuldig an. Aber wenn sie zu mir hin rollten, würde ich als ein Hema gelten und damit als Schuldiger. Ich hatte Glück, die Eier rollten weg. Aber Jean, der bei mir war, hatte nicht so ein Glück. Die Eier rollten in die falsche Richtung, und sie sagten, er solle verschwinden. Als er wegrannte, schossen die Lendu mit Pfeilen auf ihn. Er stürzte. Sie hackten ihn mit ihren Macheten in Stücke, vor meinen Augen. Dann aßen sie sein Fleisch.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Profitgier ging es im Krieg auch um neue Formen der Moralität. Aussagen von Kämpfern finden sich selten in den Berichten von Menschenrechtsorganisationen. In Kasenyi, einem kleinen Fischerdorf am Albertsee, konnte ich mit viel Mühe ein paar von ihnen dazu bewegen, mit mir über dieses Thema zu reden. Das vorherrschende Bild, alle Kindersoldaten seien Opfer einer Entführung gewesen, entspricht nicht der Realität. Viele meldeten sich freiwillig. »Unser Dorf wurde zweimal angegriffen. Mein Opa, meine Schwester und mein Bruder wurden getötet. Ich war zwölf und schloss mich an. Aus freien Stücken. Unser Massaker war die Folge von ihren Massakern. Drei Jahre lang war ich bei der UPC [der wichtigsten Hema-Miliz].« Der junge Hema, der unbedingt anonym bleiben wollte, war jetzt ein Veteran: »Wir wurden von ruandischen Söldnern ausgebildet. Bosco Ntaganda war unser General. Er kämpfte auch gegen Joseph Kony. Ich war bei dem Blutbad von Mahagi dabei. Wir nahmen Mütter, Väter, Kinder. Uns wurde befohlen, zu töten, und ich tötete. Frauen und Kinder zu ermorden, das war mir unangenehm. Zum Glück hatte ich ein Gewehr, ich fürchtete mich davor, mit der Machete zu töten. Die Soldaten nahmen sich Mädchen, um sie zu heiraten. Ich musste zuschauen, wie sie sie vergewaltigten. Bosco sagte: ›Wenn du Soldat bist, kriegst du eine Frau umsonst. Alles ist dann umsonst.‹«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Land, in dem das Bildungswesen am Boden lag, es keine Jobs gab, die Brautpreise unbezahlbar waren und die durchschnittliche Lebenserwartung nur noch zweiundvierzig Jahre betrug, brachte der Krieg nicht nur Profit, sondern war auch Sinngebung. Kinder ohne Zukunft hatten auf einmal ein Ideal und eine Identität.52 »Meine beiden Brüder sind jetzt Fischer, sie fahren mit ihren Booten übers Meer«, erzählte ein anderer. »Im Krieg waren sie bei PUSIC [eine andere Hema-Miliz]. 2002 waren sie zwölf und vierzehn Jahre alt. Als sie aus dem Krieg zurückkamen, erzählten sie lachend von ihren Plünderungen und Vergewaltigungen. Der Krieg war ein Spaß, zwar ein Spaß, der den Tod mit sich brachte, aber doch ein Spaß.«53 Wenn man unter sich war, schwadronierte man von den alten Geschichten, wie Studenten nach einer berauschten Nacht. Die Kämpfe waren ein Bacchanal von Blut und Bier, ein dionysisches Ritual aus Rennen, Ergreifen und Beißen, ein Gelage mit gegrilltem Ziegenfleisch, weichem Mädchenfleisch, kreischenden Stimmen, Pulverdampf, Mädchenfleisch, das doch feucht wurde, na also, ein Rausch, ein Fluch, ein Karneval, eine vorübergehende Umkehrung aller Werte, eine bewusste Transgression, ein verbotener Genuss, durchdrungen von Angst, Schaudern und Humor, viel Humor. Ein Grauen erregendes Fest des zerbrech­lichen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich mit Muhindu, dem Mann, der Leichen im Kivusee versenkt hatte, am Ufer ein Bier trank, sagte er etwas Erschütterndes. »Ein Soldat ist wie ein Hund. Wenn man die Zwingertür aufmacht, richtet er Verwüstungen an. Bevor er uns morgens losschickte, sagte unser Chef: ›Stellt ruhig Dummheiten an.‹ Wir plünderten Häuser. Wir nahmen den Leuten Handys, Geld und Goldkettchen weg. Wir vergewaltigten. Wenn man die Erlaubnis hat zu töten, was bedeutet dann noch eine Vergewaltigung?« Ich saß in einem dämmrigen kleinen Büroraum in Goma. Der Straßenlärm drang herein. Es hingen keine Fahnen von internationalen NGO vor der Tür, es gab keine Logos, keine Klimaanlage. Es war der anonyme, diskrete Arbeitsplatz von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, dem einzigen Anlaufpunkt für kongolesische Frauen in der Stadt, geführt von Kongolesinnen. An dem Holztisch saß mir Masika Katsuva gegenüber, eine einundvierzigjährige Nande. Sie wohnte im Landesinneren. Die Nande waren in Orten wie Beni und Butembo erfolgreiche Händler, und das sah so mancher mit Missgunst. »Es war im Jahr 2000. Wir waren zu Hause. Mein Mann importierte Waren aus Dubai. Die Soldaten drangen ein. Es waren Tutsi. Sie sprachen Ruandisch. Sie plünderten alles und wollten meinen Mann töten. ›Ich habe euch schon alles gegeben‹, sagte er, ›warum wollt ihr mich auch noch ermorden?‹ Aber sie sagten: ›Große Händler sollen wir mit einem Messer umbringen, nicht mit dem Gewehr.‹ Sie hatten Macheten dabei. Sie hieben auf seinen Arm ein. ›Wir müssen fest zuschlagen‹, sagten sie, ›die Nande sind stark.‹ Sie haben ihn abgeschlachtet wie in einer Metzgerei. Sie rissen seine Eingeweide und das Herz heraus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Erzählen sah sie kein einziges Mal auf. Sie kratzte unaufhörlich mit der Kappe eines Kulis über die Maserung des Holzes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich musste alle Teile aufsammeln. Sie hielten mir ein Gewehr an den Kopf. Ich weinte. Alle Teile meines Mannes. Ich musste sie aufsammeln. Sie stachen mich mit einem Messer, davon habe ich die Narbe hier. Ich habe noch eine am Oberschenkel. Ich musste mich auf seine Körperreste legen um damit zu schlafen. Ich habe das getan, überall war Blut. Ich weinte, und sie vergewaltigten mich. Alle zwölf. Und danach meine beiden Töchter im Nebenzimmer. Ich wurde ohnmächtig und landete im Krankenhaus. Nach sechs Monaten war ich immer noch nicht geheilt. Ich blutete noch immer und verbreitete ekelhafte Gerüche. Meine Töchter waren schwanger. Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, aber meine Töchter haben sie nicht angenommen. Ich habe mich der Kinder erbarmt. Als ich zurückkehrte, hatte die Familie meines Mannes alles verkauft, das Haus, das Grundstück, alles. Sie sagten, es sei meine Schuld, dass mein Mann tot sei. Ich hatte keine Söhne und deshalb nicht das Recht, dort zu bleiben. Die Familie hat mich verstoßen. Wenn die Enkelkinder jetzt nach der Narbe fragen, kann ich nichts sagen. Es waren ihre Väter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2006 wurde Masika erneut geschlagen und vergewaltigt, diesmal waren es Männer von Nkunda. Sie suchten sie, weil sie, einsam und ins Landesinnere vertrieben, anderen vergewaltigten Frauen Unterricht gab. Jeden Tag empfing sie neue Opfer, Mädchen, die sich nicht trauten, Anzeige zu erstatten. »Ich könnte Nkunda ermorden. Gott vergebe mir. Sollte ich dabei sterben, habe ich wenigstens getan, was mich erleichtert. Ich bin noch immer allein. Die Männer wollen mich nicht mehr, und ich hasse alle Männer. Ich will anderen Frauen helfen. Mein Haus steht ihnen offen. Ich bete viel. Ich erhoffe mir nichts. Ich versuche zu vergessen. Aber wenn ich zurückdenke . . . An die Zeit, als mein Mann und ich zusammenlebten . . . Der ganze Kummer.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Wasser des Kivusees schwappt gegen die Anlegestege. Der Gipfel des Vulkans Nyiragongo verschwindet in den Wolken. Im Kreisverkehr fahren in langsamem Tempo Jeeps mit getönten Fenstern. Zwei Jungen schieben ein großes hölzernes Fahrrad durch den Schlamm. Das Vehikel ächzt unter einem meterhohen Sack voller bunter Flipflops. Und drinnen in einem halbdunklen kleinen Büroraum reibt eine Frau mit der Kappe eines Kulis langsam auf dem Holz hin und her, als wollte sie etwas wegkratzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 13 La bière et la prière ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Neue Player in einem zerstörten Land 2002-2006 ===&lt;br /&gt;
Auf die Frage, wo er am liebsten leben möchte, wird ein Durchschnittskongolese sehr wahrscheinlich mit &#039;&#039;»na Poto«&#039;&#039; antworten, »in Europa«. &#039;&#039;Poto&#039;&#039; im Lingala kommt von Portugal, dem ersten europäischen Land, mit dem Zentralafrika Bekanntschaft machte. Und konkret bedeutet Poto Brüssel oder Paris, denn das übrige Europa ist nicht von Bedeutung, bis auf London vielleicht. Jamais Kolonga, der in den fünfziger Jahren als Erster mit einer Weißen getanzt hatte, erzählte mir stolz, dass seine acht Enkelkinder nun alle in Europa leben. Poto bedeutet Erfolg. Fragt man denselben Kongolesen, wo er auf keinen Fall leben möchte, bekommt man mit Sicherheit zu hören: &#039;&#039;»na Makala«&#039;&#039;. Makala bedeutet Holzkohle, aber es ist auch ein Vorort von Kinshasa, wo in früheren Zeiten Holzkohle gebrannt wurde und wo heute das &#039;&#039;Centre pénitentiaire et de rééducation de Kinshasa&#039;&#039; steht, das Zentralgefängnis. In der populären Vorstellung steht »Makala« für alles, was ein Kongolese fürchtet und verabscheut. Das Wort ruft schon seit Mobutu Bilder von Hunger, Folter und Mord auf. Makala, das ist die Stätte, wo der Staat seine Giftzähne zeigt, ein düsterer, pechschwarzer Ort, triefend von Blut und Tod. Taxifahrer weigern sich nicht selten, ihn anzusteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und diesen blauen Zettel dürfen Sie auf keinen Fall, wirklich auf keinen Fall verlieren«, sagt der Gefängniswärter zu mir, bevor er das Tor öffnet. In einem chaotischen Eingangsgebäude, wo jeder lautstark verkündet, dass er für &#039;&#039;la sécurité&#039;&#039; zuständig ist, werde ich mehrmals durchsucht, und ich muss mein Handy und mein Geld in Verwahrung geben. Als Quittung für das Handy bekomme ich ein zerknittertes Stückchen Pappe mit einer Zahl. Die SIM-Karte hatte ich schon im Taxi herausgenommen. Mein Geld – zwanzig Dollar, mehr hatte ich absichtlich nicht eingesteckt – verschwand in einer Schublade. Ein Beamter riss ein Stück Papier ab und schrieb darauf, dass ich, &#039;&#039;monsieur David&#039;&#039;, zwanzig Dollar hinterlegt hatte. Aber noch wichtiger als diese beiden Garderobenzettel ist jetzt ein Streifen blaues Papier, um den ich nicht gebeten habe. Er ist kleiner als ein Zigarettenpapier, scheint aber unentbehrlich für meine Zukunft zu sein. »Wenn Sie nachher wieder herauskommen, müssen Sie das abgeben. Wenn Sie es nicht mehr haben, können wir Sie nicht durchlassen. Dann müssen Sie bis zum Abendappell bleiben, damit wir sehen können, ob noch alle da sind.« Auf meinen fragenden Blick bekomme ich eine Antwort. »Wir müssen uns sicher sein, dass Sie ihn nicht einem Häftling gegeben haben, der auf und davon ist, wissen Sie.« Und was ist, wenn zufällig ein Gefangener ausbricht? »Dann sind Sie der Hauptverdächtige.« Und was ist, wenn ich ihn wirklich nicht mehr habe? »Dann bleiben Sie eben hier.« Willkommen in Makala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schloss wird geöffnet. Ich überquere eine kleine, verdorrte Rasenfläche und trete in ein Haus, das als Schleuse dient. Ein paar Bewachern mit apathischen Blicken nicke ich grüßend zu. »Pavillon 1?«, frage ich so gelassen wie möglich, als ginge ich jede Woche in den Trakt der zum Tode Verurteilten. Einer der Männer deutet träge mit dem Kinn auf eine Tür. Ich gelange in einen schmalen Korridor zwischen zwei hohen Betonmauern. Hier endet das Reich der Aufseher und beginnt das Reich der Kriminellen. Weil die Gefängniswärter schon seit Jahren nicht mehr bezahlt werden, befinden sie sich in einer Art Dauerstreik. Sie erscheinen zwar noch an ihrem Arbeitsplatz, tun aber keinen Handschlag. Lustlos fläzen sie sich auf ihren Plastik-Gartenstühlen und fummeln an ihren defekten Walkie-Talkies herum. Der Direktor hat die Aufrechterhaltung der Ordnung intra muros dann eben den Häftlingen selbst übertragen – mit den entsprechenden Konsequenzen. Vom Himmel ist nur ein schmaler blauer Streifen zu sehen. Im Gang starren mich Hunderte Augen an. Rauer Lärm. Keiner trägt Gefängniskluft. Basketballshirts. Tanktops. Muskulöse Körper. Geschorene Köpfe. Makala war ursprünglich für fünfzehnhundert Häftlinge berechnet, inzwischen sind hier sechstausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stehen bleiben ist Schwäche. Ich zwänge mich durch ein Spalier junger Männer, die Geld und Zigaretten erbitten, nein, fordern. Und dann stehe ich vor dem berüchtigten Pavillon. Aus dem grellen Tageslicht trete ich in einen langen, düsteren Gang mit Zellen zu beiden Seiten. Ein paar Türen stehen offen, Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Stimmengewirr. Im Dunkeln sehe ich hier und da Gesichter von Inhaftierten um Kohlefeuer aufleuchten. Es erinnert an eine russisch-orthodoxe Basilika kurz vor der Mitternachtsmesse, aber das hier sind keine Ikonen, die im Flackern einer Kerze aufleuchten. Es sind zum Tode Verurteilte, die sich auf einfachen Kochern ihr Essen zubereiten, denn Verpflegung gibt es in Makala nicht. Wenn die Familie nichts zu essen vorbeibringt, muss man eben Gras oder Steine essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier«, sagt Antoine Vumilia in seiner winzigen Zelle. Ich sehe mich um und schätze die Maße auf 220 x 110 Zentimeter, schmaler als ein Doppelbett in Europa. »Ich teile die Zelle mit zwei anderen.« Er hat mir seine Pritsche als Sitzplatz angeboten. Auf dem Nachtschränkchen stehen ein paar Bücher: &#039;&#039;Reise ans Ende der Nacht&#039;&#039; von Céline, &#039;&#039;Hundert Jahre Einsamkeit&#039;&#039; von Márquez, Werke von Abdourahman Waberi, Zadie Smith, Colette Braeckman . . . Ein Glück, dass er die Bücher hat. »Die schwersten Jungs haben hier das Sagen. Die Direktion lässt ihnen freie Hand. Sie kontrollieren den Drogenhandel, das Geldwechseln und den Handel mit Telefonkarten.« Und dann, flüsternd: »Letztes Jahr haben sie drei Inhaftierte ›hingerichtet‹.« Mit einer Feuerwaffe? »Nein, einfach zu Tode getreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 16. Januar 2001. Antoine Vumilia arbeitete im Büro des &#039;&#039;Conseil National de Sécurité&#039;&#039;, Kabilas Sicherheitsdienst. Seine Abteilung befand sich direkt neben dem Palais de Marbre, dem Sitz des Staatsoberhaupts. Nur eine Wand trennte die Dienststelle von den Räumen des Präsidenten. Um die Mittagszeit erschreckte ihn ein Höllenlärm. »Ich hörte Schüsse«, erzählte mir Antoine in seiner Todeszelle, »es waren drei. Und ein paar Minuten später noch mal acht oder zehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der anderen Seite der Wand hatte Kabila ein Treffen mit einem Berater, als ein Kadogo auf ihn zugekommen war. Mzees Leibwache bestand noch immer aus treuen Kindersoldaten aus dem Kivu. Ruffin war zwar ein Jahr zuvor von UNICEF demobilisiert worden – er war 17 und musste in kurzen Hosen zurück zur Schule, unter Stadtkinder von 12, die nicht mal wussten, wie man eine AK-47 auseinandernahm –, aber Rashidi, einer seiner früheren Kampfgefährten, war noch immer im Dienst und trat nun auf den Präsidenten zu. Es sah so aus, als wolle er ihm etwas ins Ohr flüstern, doch dann zog er eine automatische Pistole und feuerte dreimal. Eine der Kugeln durchschlug den massiven Hinterkopf des Präsidenten. Kabila war auf der Stelle tot, bis auf einen Tag genau vierzig Jahre nach dem Mord an Lumumba. Wenige Minuten später wurde der junge Rashidi von Kugeln durchsiebt, die ein Oberst im Palast abfeuerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine Vumilia hatte das Feuergefecht gehört. Eine Woche später wurde er unter dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet. Als Sicherheitsbeamter hatte Antoine einige Monate zuvor in einem Bericht vor dem wachsenden Unmut der Kindersoldaten aus dem Kivu gewarnt. Die Kadogo waren Kabilas treueste Gefolgsleute, aber auch sie fühlten sich offenbar zunehmend zurückgesetzt. Antoine stammte selbst aus dem Kivu und wusste, was vor sich ging, aber da er die Betroffenen persönlich kannte, hatte er nicht alles offenlegen wollen. »Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits musste ich die Regierung beschützen, andererseits ging es um Freunde von mir. Sie waren sehr unzufrieden. Was soll man da machen? Im November 2000 wurde Masasu ermordet.« Der junge Masasu war ihr Held gewesen: ein Straßenkämpfer wie sie, ein Mann mit Mut und Schneid, ein Mitbegründer der AFDL.1 Nach der Einnahme Kinshasas im Mai 1997 hatte Kabila ihn jedoch kaltgestellt und ins Gefängnis gesteckt. Als er im Herbst 2000 entlassen wurde, träumte er öffentlich von einer Abtrennung des Kivu und war sehr populär. Kurz darauf wurde er erschossen. Unter den Kindersoldaten in Kinshasa kam es daraufhin zu heftigen Protesten mit Dutzenden Todesopfern. Die Liebe zum Mzee war für immer vorbei. Kabila hatte nun selbst die Brücke zu denen abgebrochen, die er »seine Kinder« nannte. Verbittert schmiedeten die Kinder ein Komplott. Rache, Blut, Mord. Antoine versuchte auf sie einzuwirken: »Das waren ganz junge Burschen. Sie wollten nur zeigen, dass sie es gründlich satt hatten. Ich sagte ihnen, es sei der reinste Selbstmord, es hätte nicht die geringste Zukunft.« Aber er wurde mit ihnen zusammen verhaftet und weigerte sich, gegen sie auszusagen in einem Prozess, der keiner war. »Ich sollte gegen Menschen aussagen, die ich kannte und mit denen ich im Gefängnis täglich aß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass Kabila aus anderen Gründen ermordet worden war.2 War es tatsächlich so sicher, dass das Komplott aus dem Kivu kam? War Angola nicht daran beteiligt? Ging es nicht um Diamanten? Es kursierte das Gerücht, dass Kabila, der Angola so viel zu verdanken hatte, inzwischen Geschäfte machte mit den verhassten Rebellen der UNITA, die den diamantenreichen Norden Angolas kontrollierten. Gab es nicht Libanesen, die als Mittelsmänner zwischen Kabila und der UNITA auftraten? Waren nicht gleich nach dem Mord elf libanesische Diamantenhändler in Kinshasa ermordet worden? Ja, das traf zu. Nur war alles so undurchsichtig, so nebulös. Niemand blickte wirklich durch, Antoine Vumilia schon gar nicht. »Ich habe versucht, die Jungs zu entlasten, aber das wurde so aufgefasst, dass ich mit ihnen unter einer Decke steckte.« Antoine wurde zusammen mit dreißig anderen zum Tode verurteilt. Eine Berufung war nicht möglich. Internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichneten den Prozess als Farce.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine ließ seinen Blick zum tausendsten Mal durch die Zelle schweifen. »Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier. Mir fehlen die Worte dafür, es ist eine einzige große Heuchelei. Die Oberen in der Regierung kennen die Wahrheit, aber sie wollten das Volk beruhigen, indem sie ihm schnell einen Sündenbock präsentierten.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Tod bedeutete einen Wendepunkt im Zweiten Kongokrieg. In aller Eile wurde sein Sohn ins Präsidentenamt berufen, Joseph Kabila. Wegen seines jugendlichen Alters (er war gerade neunundzwanzig) und der schüchtern klingenden Stimme wirkte er anfangs eher schwach. Die Kongolesen kannten ihn kaum, der Westen hielt ihn für eine Marionette. Doch kaum einen Monat später traf er sich in New York mit seinem ruandischen Amtskollegen und Erzfeind Paul Kagame, und er hielt einige bemerkenswerte Ansprachen: über Frieden, nationale Einigkeit und die Rolle der internationalen Gemeinschaft. Brach vielleicht doch eine neue Ära an? Ja. Nachdem die Vereinten Nationen in mehreren Berichten den Rohstoffraub durch Ruanda und Uganda eindeutig nachgewiesen hatten, konnten Kagame und Museveni nicht länger behaupten, sie seien nur aus Gründen der nationalen Sicherheit im Kongo. Es kam zu einer langen Reihe von Friedensverhandlungen in Gaborone (August 2001), Sun City (April 2002), Pretoria (Juli 2002), Luanda (September 2002), Gbadolite (Dezember 2002) und wieder Pretoria (Dezember 2002). In dieser letzten Verhandlungsrunde wurde – dank der brillanten Vermittlung des senegalesischen UNO-Sondergesandten Moustapha Niasse und unter großem Druck Südafrikas und der Afrikanischen Union – am 17. Dezember 2002, um drei Uhr morgens, der &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unterzeichnet, das entscheidende Friedensabkommen, das den Krieg ein für allemal beenden sollte. Ruanda und Uganda hatten sich schon zuvor mit einem Truppenabzug einverstanden erklärt, jetzt ging es um die inländischen Milizen. Zu den Unterzeichnern gehörten die Regierung in Kinshasa, einige Vertreter der Zivilgesellschaft, Tshisekedis UDPS, Bembas MLC, Ruberwas RCD-G, Mbusas RCD-ML, Lumbalas RCD-N und die Mai-Mai. Das Wort »inclusif« stand da mit Fug und Recht. Das Ganze war so inklusive, dass Kriegsverbrecher um des lieben Friedens willen nicht vor Gericht gestellt, sondern zu Vizepräsidenten befördert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen sah eine Übergangszeit von zwei Jahren mit einer Aufteilung der Macht nach der Formel »1+4« vor: Neben Präsident Kabila gab es vier Vizepräsidenten, zwei aus dem Kreis der Rebellen (Bemba und Ruberwa), einen aus Kabilas Entourage (Yerodia) und einen aus der unbewaffneten Opposition (überraschenderweise Z&#039;Ahidi Ngoma und nicht Etienne Tshisekedi, der schon seit einem Jahrzehnt gewaltlos kämpfte). In diesen zwei Jahren sollten alle vorhandenen Milizen zu einer neuen nationalen Armee zusammengelegt werden, und es sollten demokratische Wahlen vorbereitet werden. Die Frist konnte zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden. Bis zu der so lange erhofften Wahl wurden ein Übergangsparlament und eine Übergangsregierung eingesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen galt als historischer Meilenstein. Nach Jahren der Verzweiflung eröffnete sich nun eine riesige Chance auf Frieden und Wiederaufbau. Der neue Kongo wurde deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft intensiv unterstützt: Die Truppenstärke der MONUC, der UNO-Friedensmacht, wurde auf 8700 Blauhelme erhöht und stieg in den folgenden Jahren weiter auf 16.700 Blauhelme an; es handelte sich damit um die größte UNO-Operation in der Geschichte (und mit einem Budget von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr zugleich um die teuerste).5 Die Blauhelme sollten unter dem Kommando des immer optimistischen Amerikaners William Swing den Waffenstillstand überwachen und die Entwaffnung begleiten. »Ça va swing!« hieß ein populärer Song im kongolesischen Rundfunk, der Swings starken englischen Akzent parodierte. Politisch wurde die neue Regierung vom CIAT an die Hand genommen, dem &#039;&#039;Comité International d&#039;Accompagnement à la Transition&#039;&#039;; diese einzigartige Form von bilateraler und multilateraler Diplomatie bedeutete, dass die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates zusammen mit den Botschaftern Belgiens, Kanadas, Angolas, Gabuns, Sambias und Südafrikas neben Vertretern der Afrikanischen Union, der Europäischen Union und der MONUC das Land faktisch mit regierten. Das CIAT war kein externes Beratungsorgan, sondern eine formelle Institution des Übergangs.6 »Wir bildeten eine Begleitkommission«, sagte Johan Swinnen, ehemaliger belgischer Botschafter in Kinshasa, »wir hatten keine legislative Macht, aber eine aktivierende, stimulierende Funktion. Wir stellten Expertise zur Verfügung. Wir wollten keine Besserwisser oder Eindringlinge sein, sondern Verbündete. Trotzdem gab es Reibungen zwischen dem CIAT und den 1+4. Am Ende waren wir sehr kritisch und erstellten ein paar scharfe Kommuniqués. Sie verfluchten uns. &#039;&#039;They didn&#039;t like us anymore.«&#039;&#039;7 Man sprach von einer »kontrollierten Souveränität«, de facto aber stand das Land teilweise unter Kuratel. MONUC und CIAT waren mehr als nur die Stützräder des neuen Kongo.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war auch notwendig, denn die neuen Machthaber brachten nicht viel zustande. Sie griffen zu den verfehlten Praktiken des Mobutismus mit einer Leidenschaft, über die sogar Mobutu ins Staunen geraten wäre. Während wichtige Vorhaben wie etwa die Reform der Armee und des Wahlrechts der Bearbeitung harrten, betraf eines der ersten Gesetze des Parlaments . . . die Erhöhung der Diäten. Das festgesetzte Monatssalär der Parlamentarier von sechshundert Dollar (schon an sich großzügig in einem Land, in dem ein Professor dreißig Dollar erhielt) wurde auf zwölfhundert Dollar verdoppelt. Die Senatoren stockten ihr Gehalt wegen ihres würdigen Alters sogar auf fünfzehnhundert Dollar im Monat auf.9 2005 genehmigte sich die vollzählige Volksvertretung (620 Abgeordnete) ein anständiges Fahrzeug: Jeder bekam einen nagelneuen SUV im Wert von 22.000 Dollar, denn der miserable Zustand der Straßen in Kinshasa erforderte eine stabile Karosserie.10 Dass man mit dem Geld auch die Straßen hätte instand setzen können, stand offenbar gar nicht erst zur Debatte. Politische Mandate wurden noch immer als schneller Weg zum eigenen finanziellen Vorteil gesehen und nicht als eine Möglichkeit, die Gesellschaft nachhaltig wiederaufzubauen. Gute Regierungsführung brachte keine persönlichen Vorteile, während sich Korruption nicht nur in finanzieller, sondern auch in sozialer Hinsicht lohnte: Man erwarb sich damit Anerkennung. »Man darf nicht vergessen, dass unsere Politiker aus armen Familien stammen«, sagte mir einmal ein kongolesischer Schulleiter.11 Während Korruption im Westen als verantwortungslos gilt, wird sie im Kongo oft als besonders verantwortungsvolles Verhalten angesehen. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn man eine goldene Chance, seine Familie zu ernähren, ungenutzt ließe.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Minister und Vizepräsidenten trieben es noch bunter. Sie waren der Ansicht, jeder von ihnen habe das Recht auf eine »Sonderregelung« für seine »logistischen Notwendigkeiten«. Übersetzt in normale Sprache hieß das: eine Villa und ein privater PKW. Die vier Vizepräsidenten bekamen sogar eine Villa mit drei Badezimmern, dazu einen Mercedes, ein Zweitauto und zwei Begleitwagen. Die Hoffnung, dass das »Quinquevirat« des Präsidenten und der Vizepräsidenten sich gegenseitig kontrollieren und auf die Einhaltung moralischer Maßstäbe achten würde, erwies sich schon bald als reichlich naiv. Die Herren ließen sich gegenseitig gewähren und hatten nur eine gemeinsame Sorge: die Übergangszeit auszudehnen. 2004 überschritt jeder von ihnen seinen Jahresetat um 100 Prozent, Bemba sogar um 600 Prozent.13 Der Etat für 2005 bewilligte dem Staatsoberhaupt einen Betrag, der achtmal höher war als das Budget fürs Gesundheitswesen und sechzehnmal höher als das Landwirtschaftsbudget. Politik war Krieg mit anderen Mitteln. Der Staatsbetrieb Gécamines hatte noch immer alle Trümpfe in der Hand, um der Wirtschaft des Landes neues Leben einzuhauchen, doch die Kreise um den Präsidenten schlossen eine Reihe dubioser Verträge mit oftmals ausgesprochen nebulösen ausländischen Firmen. In diesen Verträgen ging es um Joint Ventures; ausländische »Cowboys« durften in bestimmten Bereichen des Minengiganten loslegen. Sie konnten nach Herzenslust fördern und exportieren, während der kongolesische Staat als Gegenleistung wenig oder nichts erhielt – unterm Tisch jedoch wechselten prall gefüllte Umschläge den Besitzer.14 Wieder einmal hatte eine sehr kleine Elite die Trümpfe des Landes in der Hand. Der Klientelismus strotzte vor Gesundheit. »1+4=0« stand auf den satirischen Bildern der Volksmaler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Armee sah es nicht viel besser aus. Offiziell sollten alle Milizen zu einer neuen Armee mit etwa 120.000 Soldaten verschmelzen.15 Sehr viele ehemalige Rebellen bekamen auch sofort eine Uniform der Regierungsarmee verpasst, und sehr viele ihrer Anführer erhielten einen hohen Offiziersrang (immer ein guter Köder, um einen Warlord auf die andere Seite zu ziehen), in Wirklichkeit jedoch blieb diese sogenannte &#039;&#039;brassage&#039;&#039; rein phänotypisch. Hinter der Fassade änderte sich nichts. So leicht verbrüdern sich Soldaten nicht, die fünf Jahre lang Feinde waren. Von den achtzehn geplanten Brigaden waren 2006 nur noch drei tatsächlich gemischt.16 Zudem hatte die kongolesische Armee nach dieser &#039;&#039;brassage&#039;&#039; einen Wasserkopf: Nach allen Beförderungen von Ex-Rebellen gab es fast doppelt so viele Führungskräfte (Offiziere und Unteroffiziere) wie Soldaten.17 In der kongolesischen Armee fand man es angenehmer, Befehle zu geben als Befehle auszuführen, nein, es ging nicht ums Befehlen, sondern ums Raffen. Die umfangreiche Armeespitze veruntreute gewaltige Summen. Der Sold fürs Fußvolk verschwand systematisch in den Taschen der Obersten und Generäle, die keine Skrupel hatten, die Zahl ihrer Soldaten gewaltig zu übertreiben, um noch mehr zu kassieren. Die unterbezahlten und nicht ausgebildeten Soldaten selbst waren weder motiviert noch diszipliniert und verhielten sich dementsprechend. Die neue Regierungsarmee, die FARDC (&#039;&#039;Forces Armées de la République Démocratique du Congo&#039;&#039;), die eigentlich ein Stützpfeiler des wiedererstandenen Staates werden sollte, wurde eine ebenso leere Hülle wie der FAC von Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039;, der FAZ von Mobutu und selbst die ANC von Lumumba und Tschombé. Aus FARDC wurde oft scherzhaft gemacht: &#039;&#039;phare décès&#039;&#039;, Totenfeuer. Der unabhängige Kongo verfügte nie über eine Armee, die hinsichtlich Schlagkraft und Disziplin mit der Force Publique von ehedem vergleichbar war. Deshalb konnte er nie die primäre Funktion des Staates, die der Ausübung des Gewalt­monopols, erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann es unter diesen Umständen verwundern, dass der Krieg nie ganz vorbei war? Solange der Sicherheitsapparat eine virtuelle Angelegenheit war, war die MONUC auf sich gestellt. Aber mit 17.000 Soldaten lässt sich ein Gebiet, das so groß ist wie halb Europa, nicht zusammenhalten. Auch die größte UNO-Mission der Geschichte war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im sechsmal kleineren Irak befanden sich zu jenem Zeitpunkt 150.000 amerikanische Soldaten, und nicht einmal ihnen gelang es, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Die Präsenz der Blauhelme hatte an vielen Orten eine beruhigende Wirkung, woanders jedoch waren sie machtlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Osten des Kongo blieb es auch nach dem &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unruhig. Hier geriet der Konflikt in seine dritte Phase. Das betroffene Gebiet war nun kleiner, aber das menschliche Leid war weiterhin groß. Die Gewalt konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Zonen: den Ituri-Distrikt und die beiden Kivu-Provinzen. Nicht zufällig handelte es sich um erzreiche Gebiete, die an Uganda bzw. Ruanda grenzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ituri loderte der Konflikt sogar gerade wegen des Friedensabkommens auf. Als am 6. Mai 2003 die ugandische Armee endgültig aus der Stadt Bunia abzog, stürmten Lendu-Milizen das Stadtzentrum und töteten Dutzende von Hema. Einige Tage später fielen wiederum die Hema in die Stadt ein und ermordeten viele Dutzende Lendu. Der Konflikt verlief – in viel kleinerem Maßstab – nach einem ähnlichen Muster wie der Völkermord von 1994. Die Hema mit ihren Rindern fühlten sich den Tutsi verwandt: eine ethnische Minderheit, die die gesellschaftliche Oberschicht bildete. Die Lendu waren Bauern, die sich mit den Hutu verglichen: zahlreich, aber ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter. Im Kern ging es um den uralten Konflikt zwischen Viehzüchtern und Bauern um den Zugang zum Boden, den Streit über Viehweiden versus Felder, über Kühe, die die Ernte fraßen.18 Aber dieser Kain-und-Abel-Konflikt wurde nun durch Überbevölkerung weiter geschürt und von einem goldgierigen Uganda für seine Zwecke genutzt.19 Die ethnische Hochspannung in der Region stieg so an, dass mir tief katholische Frauen auf beiden Seiten erzählten: »Sogar wir, &#039;&#039;les mamans&#039;&#039;, haben zu den Waffen gegriffen. Wir fühlten uns verfolgt.« Oder: »Wir waren mitschuldig. Wir haben Munition in unseren Körben und unseren Wasserkanistern transportiert.«20 Die ethnisch motivierte Gewalt in Ituri war kein Atavismus, kein primitiver Reflex, sondern die logische Folge von Bodenknappheit in einer Kriegsökonomie, die der Globalisierung diente – und in diesem Sinne eine Vorankündigung dessen, was einem überbevölkerten Planeten noch bevorsteht. Der Kongo ist nicht in der Geschichte zurückgeblieben – er ist der Geschichte voraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb einer Woche kamen im Mai 2003 allein in dem Provinzstädtchen Bunia schon Hunderte Menschen ums Leben, doch die gesamte Region war in einen blutigen, unentwirrbaren Krieg verwickelt. Im Ituri-Distrikt erreichte der Zweite Kongokrieg einen absoluten Tiefpunkt hinsichtlich seiner Komplexität. Mindestens ein Dutzend Milizen agierten hier, mehr oder weniger feste Mini-Armeen von Kindern mit Plastiklatschen und einem &#039;&#039;gun&#039;&#039;, unter dem Kommando durchtriebener Anführer in den Zwanzigern oder Dreißigern, die oft unter Decknamen in wechselnden Bündnissen mit anderen Kriegsherren operierten. Mit seinen zahllosen Fusionen, Abspaltungen, Joint Ventures und Übernahmen ähnelte dieser neue Kriegstyp mehr der Geschäftswelt als dem herkömmlichen Krieg. In den Büros der MONUC hefteten zunehmend mutlose Funktionäre Organigramme der Milizen an die Wand: Das machte allerdings nur noch mutloser. Jeden Monat kam eine Miliz hinzu, oder das noch einigermaßen übersichtliche Schema musste aktualisiert werden – mehr Spalten, mehr Pfeile, mehr Abkürzungen, mehr Fotos von Schurken daneben –, bis es mit dem Chaos vor Ort übereinstimmte und jeden Erklärungswert verlor. Eine Konstante gab es allerdings: Alle Parteien erhielten früher oder später Waffen und eine Ausbildung von Uganda.21 Aber das beruhte weniger auf einer bewussten Teile-und-herrsche-Politik Kampalas als vielmehr auf Rivalitäten innerhalb der ugandischen Armee; jeder ugandische General hatte seine Miliz im Kongo, die er entsprechend den Notwendigkeiten fallen lassen oder wieder aktivieren konnte. Noch mehr Pfeile, noch mehr Querverbindungen, denn auch auf ugandischer Seite bekam man keinen festen Boden unter den Füßen. Und sogar Ruanda unterstützte die eine oder andere Miliz. Nein, der Krieg war noch nicht vorbei. Er war zu einem kleinen, aber hartnäckigen Knäuel geworden, einer Form von bewaffnetem Banditentum, das sich selbst instand hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr später, im Mai 2004, kam es im Kivu zu sehr schweren Gewaltausbrüchen. Die wichtigste Konfliktlinie hier blieb die zwischen den Hutu und Tutsi, und auch hier spielte Überbevölkerung eine Rolle, jedoch vor allem die in Ruanda. Zehn Jahre nach dem Völkermord konnten ruandische Hutu noch immer nicht in ihr überfülltes Heimatland zurückkehren, weil dort ein parteiisch befangenes Gerichtsverfahren auf sie wartete. »Kabila jagt sie nicht fort, und Kagame nimmt sie nicht auf«, fasste der belgische Diplomat Johan Swinnen die Situation kurz und bündig zusammen.22 Dass sie im Exil blieben, führte noch immer zu Unruhe; Ruanda unterstützte die kongolesischen Tutsi weiterhin, um die Hutu zu bekämpfen. Das Ergebnis war, dass im Mai 2004 die Männer von Laurent Nkunda zusammen mit denen von Mutebusi mordend und plündernd durch die Straßen der Provinzhauptstadt Bukavu zogen. Sie vergewaltigten – oft in Gruppen – Dutzende Mädchen und Frauen, sogar dreijährige Mädchen.23 Nkunda war ein Tutsi aus Nord-Kivu und ein gern gesehener Gast in Kigali. Er hatte ab 1990 zusammen mit Kagame gekämpft, er war 1996 mit der AFDL einmarschiert, 1998 hatte er eine Führungsposition im RCD-G innegehabt, und 2002 hatte er mit eiserner Hand die Bevölkerung von Kisangani terrorisiert. Wegen der Blutbäder, die er angerichtet hatte, schien es ihm zu unsicher, eine Position in der neuen Regierungsarmee anzunehmen. Nkunda wurde der neue Mann Kigalis. In seiner bekannten Manier nahm er Bukavu ein. Kurzzeitig schien der fragile Friedensprozess am Ende zu sein. War das der Beginn eines dritten Krieges?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sowohl in Bunia wie in Bukavu sahen die Blauhelme (hauptsächlich Uruguayer) machtlos, um nicht zu sagen feige zu, zur großen Wut der Bevölkerung. In Ituri aber kehrte schließlich wieder Frieden ein – dank einiger historischer Premieren. Zum ersten Mal in der Geschichte trat die Europäische Union militärisch in Erscheinung, und es gab so etwas wie eine europäische Armee. Mit Billigung der UNO befriedeten hauptsächlich französische Kommandotruppen die Stadt Bunia in der sogenannten Operation Artémis. Gegen die wichtigsten Warlords wurden internationale Haftbefehle erlassen. Drei von ihnen landeten in Untersuchungshaft in Den Haag, unter anderem Thomas Lubanga, der an der Spitze der wichtigsten Hema-Miliz stand. Im Jahr 2009 war er der erste Angeklagte, der jemals vor dem neuen Internationalen Strafgerichtshof erscheinen musste. Auch auf dieser Ebene gehört die Situation im Kongo eher zur Vorhut als zur Nachhut der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kivu hätte der Übergang in einen neuen Krieg abrutschen können, denn als Antwort auf die Gewalt Nkundas wurden im August 2004 im Flüchtlingslager Gatumba in Burundi hundertsechzig Flüchtlinge, hauptsächlich kongolesische Tutsi, brutal abgeschlachtet. Ruanda sandte erneut Truppen in den Kongo, um die befreundeten Tutsi zu beschützen. Für einen Moment sah es so aus, als beginne alles wieder von vorn, doch die UNO, Südafrika und das CIAT setzten alles daran, Druck aus dem Kessel zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der dritten Phase des Krieges wurde der Konflikt allmählich wieder zu dem, was er am Anfang gewesen war: ein Zwist zwischen Ruanda und dem Kongo über den Umgang mit den exilierten Hutu im Kivu. Kagame wollte sie am liebsten noch immer neutralisieren, weil er befürchtete, dass sie eine Machtübernahme in Ruanda anstrebten. So wie seine eigene Regierung in der Diaspora Süd-Ugandas entstanden war, so würde nun, wie er annahm, im Ost-Kongo ein Hutu-&#039;&#039;take over&#039;&#039; geplant. Und darauf hatte er keine Lust: Ruanda war voll und in Tutsi-Händen. Dieser immer wieder auflodernde Konflikt dauert inzwischen mehr als fünfzehn Jahre. Die Misere im Gebiet der Großen Seen geht auf jenen verhängnisvollen Tag im Juni 1994 zurück, an dem die Regierung Frankreichs beschloss, die Hutu-Regierung mitsamt ihren Kämpfern und Waffen in den Ost-Kongo entkommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute weist das kleine und starke Ruanda die Merkmale einer blühenden Militärdiktatur auf, die noch immer viel Ansehen bei den Geberländern genießt, während das große Nachbarland Kongo weiterhin schwerfällig und schwach bleibt und den realen Problemen nicht die Stirn bieten kann. Es ist so, als bewohne ein einsamer Berufssoldat, Ruanda, eine spartanisch eingerichtete Einzimmerwohnung in einem chaotischen Mietshaus, das ansonsten von einer enorm disfunktionalen Familie bevölkert wird, die lärmt, streitet, Schulden anhäuft und gelegentlich vergisst, den Gashahn zuzudrehen. Mehr als einmal nimmt der Soldat sein Gewehr von der Wand und stürmt in die Küche der Nachbarn, wo er mehr Schaden als nötig anrichtet. Statt nur den Gasherd abzustellen, zertrümmert er auch die Einrichtung, schießt den Stuck von der Decke und nimmt einen Räucherschinken mit. Die Folge ist noch mehr Lärm und noch mehr Streit. Ein Nachbarschaftsstreit, darum dreht es sich im Kern heute in Zentralafrika, ein Streit unter Nachbarn, die sich gegenseitig verfluchen. Nicht zu Unrecht übrigens, denn Kigali trägt genauso viel Schuld wie Kinshasa. Das Ergebnis bleibt bitter: Da in Kinshasa der entscheidende Übergang einfach nicht in Gang kam, kam im Osten der Zweite Kongokrieg einfach nicht zum Stillstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Klirren von Bierflaschen, Hunderten, Tausenden Bierflaschen, stabilen, braunen Bierflaschen, die sich vor dem Förderband drängten, übertönte die Kakophonie der Fabrik. Es hörte sich an wie ein Glockenspiel, ein hell klingendes, rastloses Geklimper, lauter noch als das Zischen der Spülinstallation, das Ticken der Etikettierungsmaschine, das Rasseln des Fließbandes und das Ächzen der hydraulischen Schläuche – wie ein Glockenspiel hoch über dem Trubel einer geschäftigen Stadt. Das nervöse, heitere Klirren taumelte durch die lärmige Fabrikhalle wie nie zuvor und vermischte sich mit dem Geruch von Malz und Alkohol. Es war im Jahr 2002, und Bralima, die »Primus«-Brauerei, eröffnete in Kinshasa zwei ultramoderne, vollautomatische Abfüllanlagen, die 72.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten konnten. Kaum war der Krieg vorbei, platzte die Industrie schon aus den Nähten. Bralima (das Wort kommt von &#039;&#039;Brasserie et Limonaderie de Léopoldville&#039;&#039;) ging auf eine kleine, koloniale Brauerei von 1923 zurück, aber war seit 1987 im Besitz von Heineken. Das niederländische Bierimperium war fest entschlossen, im Kielwasser des Krieges den Biermarkt des immer durstigen Kongo an sich zu reißen und auszuweiten. 2002 wurden eineinhalb Millionen Hektoliter verkauft, 2008 fast drei Millionen. Diese spektakuläre Verdopplung war noch immer weit entfernt von dem Rekord im Jahr 1974, dem magischen Jahr des Boxkampfes, als Bralima 5,5 Millionen Hektoliter produziert hatte, aber die Zukunft lachte.24 Allein in Kinshasa hatte Bralima inzwischen wieder fünfzigtausend Verkaufsstellen und Bars.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Multinationale Konzerne ließen sich jedenfalls von der Zögerlichkeit der Politiker nicht abschrecken. Der junge Frieden versprach neue Märkte, und die mussten möglichst schnell erobert werden. Das galt vor allem auch für die mobile Telefonie. Vodacom, die südafrikanische Mobilfunkgesellschaft, verlegte in Bunia die ersten Leitungen, als die ethnisch motivierte Gewalt noch ungebremst wütete. Bei den schlimmsten Kampfhandlungen wurden die Grabungsarbeiten gestoppt, und die Arbeiter suchten für ein paar Stunden schusssichere Räume auf.25 Warum diese Eile? In einem Land, dessen Telefoninfrastruktur seit Jahrzehnten zerstört war, herrschte eine enorme Nachfrage nach Handys. Allein die MONUC brachte Tausende von Mobilfunkkunden. Auch einfache Kongolesen träumten von einem Handy. Als ich im Dezember 2003 zum ersten Mal in Kinshasa war, bestand eine kongolesische Mobilfunknummer aus sieben Ziffern, im Jahr 2006 aus zehn. Mobiltelefonie ist für Afrika das, was die Buchdruckkunst für Europa war: eine wahre Revolution, die die Struktur der Gesellschaft grundlegend neu definiert.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein schwacher Staat wie der Kongo ließ neuen, internationalen Playern viel Raum. Während des Kalten Krieges waren es Länder, die über das Schicksal Zaires mitbestimmten (Frankreich, Belgien und die USA), nun handelte es sich zunehmend um private Partner von außen wie Unternehmen, Kirchen, aber auch NGO. Große Teile des Kongo wurden seit dem Krieg von internationalen Hilfsorganisationen gemanaged&#039;&#039;,&#039;&#039; die Verwaltungsaufgaben übernahmen. Dass Kabila für sich selbst eine achtmal so hohe Summe ansetzte wie für den Gesundheitssektor, resultierte aus seiner Überzeugung, dass das Geld für die Gesundheit sicherlich aus dem Ausland kommen würde. Genauso war es mit dem Bildungswesen und der Landwirtschaft: Das waren die bevorzugten Domänen der internationalen Spender. Die Hilfe der vielen Hunderte NGO war oft beeindruckend, aber nicht ohne negative Begleiterscheinungen. Aufgrund der endemischen Korruption im Beamtenapparat zogen es viele NGO vor, auch im Land ihrer Tätigkeit »non-governmental« zu bleiben und mit lokalen Partnern zu kooperieren.27 Begreiflich, aber nicht gerade förderlich für die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Regierung und Bevölkerung. Zudem schaffte der Zustrom ausländischer Gelder auch so etwas wie eine »Hilfeabhängigkeit«: Kongolesen bekamen Zweifel an ihrer Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Monsieur Riza, ein freundlicher, hart arbeitender Mann, der ein bescheidenes Hotel in Bandundu führte, kritisierte die verbreitete Passivität: »Die ganzen NGO hier machen uns abhängig. Wir werden es noch erleben, dass eine NGO kommt, die uns sagt, dass wir uns die Zähne putzen sollen.«28 Nirgendwo war diese NGO&#039;&#039;isierung&#039;&#039; deutlicher als in Goma, zerschossen vom Krieg, überströmt von Lava seit 2002. Während ich im Dezember 2008 in der abendlichen Rushhour hinten auf einem Moped saß – der öffentliche Nahverkehr der einfachen Leute –, achtete ich auf den Verkehr, den wir munter überholten: alles Jeeps, alle von einer NGO, alle mit einem Logo auf der Tür oder einer Flagge an der Antenne. Justine Masika, die Gründerin von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, konnte sich darüber heftig aufregen. »Jetzt gibt es allein schon in Goma zweihundert Organisationen für Frauenrechte. Darunter sind viele Pseudo-NGO, lokale Organisationen, die sich mit ausländischem Geld bereichern, auf dem Rücken kranker Frauen. Jeder fängt hier irgendwas an. Das Geld aus den Geberländern läuft über die Vereinten Nationen, aber die behalten eine stattliche Provision ein, bis zu 20 oder 30 Prozent. Das ist eine richtige UNO-Mafia! Ich arbeite nicht mehr mit ihnen zusammen. Das UNO-Ernährungsprogramm, UNICEF . . . sie kommen mit gewaltigen Budgets hierher, aber 60 Prozent davon gehen für Logistik drauf, ohne dass man Ergebnisse sieht. Die ganzen Ausländer kriegen offenbar ›Risikozulagen‹, die ganzen Büros brauchen Klimaanlagen, alle Räume sind luxuriös und gesichert. Schrecklich viel Geld fließt in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollen Sichtbarkeit, auch hier. Dabei sind die Frauen, um die es geht, in Gefahr, die sind doch auf Diskretion angewiesen.«29 Harte Worte, und Justine Masika ist nicht irgendwer: 2005 war sie eine der tausend Frauen, die gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert waren, 2009 durfte sie die »Menschenrechtstulpe«, eine hohe Auszeichnung der niederländischen Regierung, und den Friedenspreis von Pax Christi International in Empfang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Wirtschaft berief man sich wenigstens gar nicht erst auf humanitäre Motive der Entwicklungszusammenarbeit; hier ging es ganz unverblümt um Gewinn. Dass das nichts Sittenwidriges ist, brauchte man Dolf van den Brink nicht zu erklären. Nach einem Studium der Philosophie und Betriebswirtschaftslehre war dieser junge, unaufhaltsam dynamische Niederländer Kaufmännischer Direktor von Heineken in Kinshasa geworden, die Nummer zwei von Bralima. In dieser Funktion war er mitverantwortlich für die außergewöhnlichen Wachstumszahlen der vergangenen Jahre. »Als ich hier ankam, im Jahr 2005, hatte Primus in Kinshasa einen Marktanteil von 30 Prozent, während Skol, das Bier des Konkurrenten Bracongo, 70 Prozent hatte. Jetzt ist es umgekehrt: Wir haben 70 Prozent und Skol nur noch 30.«30 Er zeigte mir eine Folie aus einer PowerPoint-Präsentation. Die Graphik wies eine ansteigende Linie auf. &#039;&#039;On a gagné beaucoup de batailles, mais pas encore la guerre!&#039;&#039; stand in hipper Managementsprache obendrüber: Wir haben viele Schlachten gewonnen, aber noch nicht den Krieg. Im Konferenzraum von Bralima hing ein Plakat, das die Mitarbeiter an ihre wichtigste Pflicht erinnerte: &#039;&#039;Esprit de combat!&#039;&#039; – als ob das Land nicht einen schrecklichen Konflikt hinter sich gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es war ein Krieg. Der Hauptgrund, warum Bracongo erst noch so gut abgeschnitten hatte, war, dass sie Werrason hatten, während Bralima sich mit J. B. Mpiana begnügen musste. Werrason und Mpiana waren enorm beliebte Popmusiker, die für die beiden Brauereien Werbung machten. Im Jahr 2005 war Werrason deutlich erfolgreicher; keinem seiner Fans wäre es jemals in den Sinn gekommen, in der Kneipe ein Primus zu bestellen. In einer Zeit, in der Politiker nicht gewählt wurden, die Menschen keine Arbeitsstellen hatten und die Städte zu drei Vierteln aus jungen Menschen unter fünfundzwanzig bestanden, verfügten Popmusiker über immense Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rivalität zwischen J. B. Mpiana und Werrason war legendär. Jede Generation in der kongolesischen Popmusik erlebte ihren eigenen Clash: zwischen Franco und Kabasele in den fünfziger Jahren, zwischen Franco und Tabu Ley in den sechziger Jahren, zwischen Papa Wemba und Koffi Olomide in den achtziger Jahren, aber Ende der neunziger Jahre ging es dann wirklich sehr hitzig zu. 1981 hatten die beiden Musiker zusammen eine Band mit dem megalomanen Namen »Wenge Musica 4x4 Tout Terrain BCBG« gegründet. Das musste einfach Zoff geben. Es war eine legendäre Band, die die Welt im Allgemeinen und Kinshasa im Besonderen mit dem &#039;&#039;Ndombolo&#039;&#039; erfreute, dem populärsten Tanzstil in den neunziger und den nuller Jahren, einem Gruppentanz, bei dem die Tänzer in die Knie gingen und zu boxen schienen, während die Frauen in geradezu spektakulärer Weise Hüften und Po kreisen ließen. Der Ndombolo war aufreizend, obszön, ausgelassen und – wie das bei trendigen Tanzstilen so ist – eigentlich ganz schön sexy. Auf der Bühne protzten Werrason und Mpiana mit ihrem Telecel, dem Mobiltelefon der ersten Generation, so groß wie ein Holzschuh. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geräte noch hohen Militärs und Ministern vorbehalten, nun aber steckten sich Fans eine Bierflasche tief in die Gesäßtasche, damit es so aussah, als besäßen auch sie so ein Musterstück voluminöser Technologie. Wenge Musica war &#039;&#039;die&#039;&#039; Sensation der neunziger Jahre. Als Kabila Kinshasa einnahm, wurde der Ndombolo getanzt. Aber Wenge Musica erging es wie allen kongolesischen Popbands oder politischen Parteien, die einigen Erfolg hatten: Sie lösten sich auf. Zwischen Werrason und Mpiana gab es Trouble, die Fans spalteten sich, und noch heute können sie von dem Machtkampf mit einer Leidenschaft und Detailgenauigkeit erzählen, mit der sie über den Krieg selten sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Ironie spricht man von &#039;&#039;la guerre des albums&#039;&#039;, &#039;&#039;la guerre des salles&#039;&#039; und &#039;&#039;la guerre des stades.&#039;&#039; Anfangs war Werrason der Herausforderer, der sich besonders kämpferisch gab: &#039;&#039;Force d&#039;Intervention Rapide&#039;&#039; (schnelle Eingreiftruppe) hieß seine erste CD. Mit Titeln wie &#039;&#039;Attentat&#039;&#039;, &#039;&#039;État d&#039;Urgence&#039;&#039;, &#039;&#039;Ultimatum&#039;&#039;, &#039;&#039;Couvre le feu&#039;&#039; und &#039;&#039;Cessez-le-Feu&#039;&#039; sickerte der militärische Jargon ohnehin in die Popkultur ein.31 Jede Platte brachte einen neuen Tanz und eine neue Mode. Fans warteten mit dem Kauf von Klamotten, bis die neue Platte herauskam. Aber als J. B. Mpiana 1999 als Erster seiner Generation in Paris die mythischen Konzertsäle le Zénith und l&#039;Olympia füllte, nahm Werrason Revanche, indem er im Sportpalast Bercy vor zwanzigtausend Fans auftrat und danach auch in le Zénith und l&#039;Olympia. In Frankreich, &#039;&#039;bien sûr&#039;&#039;, denn die kongolesische Geschichte spielte sich fortan auch in der Diaspora ab. Bei den Metrostationen Château d&#039;Eau in Paris, Porte de Namur in Brüssel und Seven Sisters in London entstanden kongolesische Ausgehviertel mit Friseursalons, Plattenläden und Lebensmittelgeschäften, die Maniok und geräucherte Raupen verkauften. Die Misere hatte Zehntausende in die Migration getrieben. In Kinshasa versuchten Werrason und Mpiana bei Konzerten im Stade des Martyrs einander zu übertrumpfen; die Besucherzahlen stiegen auf über hunderttausend. 2005 nahmen sie es direkt gegeneinander auf bei einem Freiluftkonzert, wo sie &#039;&#039;fara-fara&#039;&#039; spielten, &#039;&#039;face à face&#039;&#039;: Zu beiden Seiten des Geländes stand eine Bühne. Dieses &#039;&#039;concert du siècle&#039;&#039; sollte ein Zermürbungskampf werden, um zu entscheiden, wer der Stärkere war. Die Bands begannen um zweiundzwanzig Uhr und spielten die ganze Nacht durch. Als morgens Ordnungskräfte den Stecker ziehen wollten, bildeten die Straßenkinder ein lebendiges Schutzschild um die Stromaggregate. Um dreizehn Uhr beendete dann die Armee die Veranstaltung mit Tränengas. Der Kampf vor mehr als zweihunderttausend Zuschauern endete deshalb unentschieden, aber Werrasons Stern stieg weiter.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Roi de la forêt&#039;&#039; wurde er genannt, König des Urwaldes. Seine Leibwächter waren &#039;&#039;manzaka na nkoy&#039;&#039;, Engel des Leoparden.33 Mit seiner unbewegten Miene, den bombastischen Sonnenbrillen und dem messerscharf konturierten, ringförmigen Bart wurde er so etwas wie der Inbegriff kongolesischer Coolness. Geboren am ersten Weihnachtstag 1965, schien er zu Großem vorbestimmt. Die UNESCO ernannte ihn zum Friedensbotschafter. Der Papst empfing ihn zu einer Audienz, und der jamaikanische Superstar Shaggy erklärte ihn auf CNN zum »größten lebenden Künstler Afrikas«.34 Aber für die Tausende Straßenkinder von Kinshasa – Knirpse, die man der Hexerei verdächtigt und aus dem Haus gejagt hatte, Kinder, die freiwillig von zu Hause weggelaufen waren, Waisen, deren Eltern an Aids gestorben waren und die nun im Sand vor Werrasons Proberaum lebten, alle, die sich &#039;&#039;shege&#039;&#039; nannten, nach Schengen, denn sie lebten in dem sehr freien Markt –, für all diese Kinder und Jugendlichen in verschlissenen Lumpen blieb er einfach &#039;&#039;Igwe&#039;&#039;, der Hohepriester. Für ihn würden sie ihr Leben hergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann, im Juli 2005, kam die Nachricht, die wie eine Bombe einschlug: Werrason wechselte von Bracongo zu Bralima! Vorher war er monatelang in Europa gewesen. Auf Kosten Bralimas? Brauchte er seinen Vertrag mit Bracongo nicht mehr bis zum Ende zu erfüllen? Es gab heftige Spekulationen, denn Musik ist im Kongo wichtiger als Fußball in Italien. Wie viel Geld war wohl geflossen? Der Preis für diesen Transfer ist bis heute das bestgehütete Geheimnis von Kinshasa. Dolf van den Brink kennt den Betrag, er hatte den Deal ja eingefädelt. »Aber das kann ich dir leider nicht sagen«, lacht er, als ich ihn danach frage. »Glaub mir, die Popmusik kostet uns viele hunderttausend Dollar pro Jahr. Zwei Drittel unseres Marketingetats gehen dafür drauf. Wir haben in eine Konzertbühne für dreihunderttausend Dollar investiert, die größte des Landes. Wir haben LKW, Generatoren und &#039;&#039;event stewards&#039;&#039;. Wir haben ein Veranstaltungsbüro mit dreißig Mitarbeitern, damit wir in der Stadt Gratiskonzerte geben können. Einmal im Jahr schreiben die Musiker ein Primus-Stück für uns. Wir bezahlen das Studio, die CD, den Videoclip. Das allein kostet uns schon hundert- bis hunderfünfzigtausend Dollar. In den Bars in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; verteilen wir gratis viertausend CDs und neuntausend Kassetten. Überall wird zu den Primus-Stücken getanzt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ihn manchmal selbst ein bisschen schwindlig zu machen. Nun gut, er hatte zwar bei dem niederländischen Soziologen Dick Pels seine Diplomarbeit zum Thema »Ästhetisierung des Wirtschaftslebens« geschrieben, aber dass er einmal der Arbeitgeber eines afrikanischen Weltstars werden würde, hätte er nun doch nicht erwartet. »Für mich ist es eine Symbiose zwischen der Musik und der Brauerei. Werrason hat drei Bands, mehr als hundert Leute sind von ihm abhängig. Vom Verkauf der CDs und Kassetten kann er nicht leben. Konzerte sind für viele unerschwinglich. Sponsoring ist deshalb unverzichtbar für ihn, neben VIP-Konzerten und Auftritten in Europa. Und auch dafür sorgen wir. Wenn er im Zénith auftritt, bezahlen wir fünfzig Flüge. Denn wenn wir das nicht tun, läuft er uns davon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werrason, so das Ergebnis einer kleinen Umfrage, gilt als ein unmöglicher Typ. Friedensbotschafter, ja, aber vor allem &#039;&#039;a pain in the ass&#039;&#039;. Von seinen Sponsoren wird erwartet, dass sie für ihn und sein Gefolge Dutzendweise Autos importieren und durch den Zoll schleusen. Vereinbarungen sind unwichtig. Wenn jemandem ganz ausnahmsweise doch ein Interview gewährt wird, bekommt er ihn höchstens flüchtig zu sehen und wartet stundenlang vergeblich auf seine Rückkehr, wie es dem Verfasser dieses Buchs an einem eiskalten Dezembertag in Paris widerfuhr. Dolf van den Brink seufzte. Er kramte in seinen Papieren und zeigte mir einen Zettel. »Sylvie Mampata war gerade da, seine Frau. Sie will eine Party geben und bittet uns um fünfzig Gartenstühle, dreißig Kästen Bier und 50.000 Dollar. So geht das die ganze Zeit. Verstehst du, was ich meine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich verstehe ich das, denn Dolf hat soeben seine PowerPoint-Graphik erläutert. »Schau, hier siehst du es sehr gut«, klang es zufrieden. »Im Juli 2005 kam Werrason zu uns. Unser Marktanteil stieg innerhalb von zwei Monaten um 6 Prozent: von 32 auf 38. Diese Zuwachsrate hielt an. Jetzt sind wir bei 70.« Bralima wurde eine der am rasantesten wachsenden Töchter des Heineken-Konzerns. 2009 erreichte der Marktanteil sogar 75 Prozent: Wachstumszahlen, von denen Betriebsleiter in Europa nur träumen können. Van den Brink wurde mit einer Versetzung in die Vereinigten Staaten belohnt, wo er, mit 36, Topmanager von Heineken USA wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bralima hatte den historischen Wechsel Werrasons allerdings auch wirksam in Szene gesetzt. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr aus Europa – Zehntausende Jugendliche hatten ihn vom Flughafen zum Samba Playa, seinem Proberaum, begleitet – gab er ein Primus-Konzert in seiner Geburtsstadt Kikwit unter dem Titel &#039;&#039;Changement de fréquence&#039;&#039;. Noch nie zuvor war er dort aufgetreten. Es wurde das größte Popkonzert in der Geschichte. Changement de fréquence, das waren die Flussschiffe, die Bralima Monate zuvor aus Kinshasa geschickt hatte, mit Musik- und Beleuchtungsanlagen, Generatoren und fünfzigtausend Kästen Primus an Bord. Changement de fréquence, das war die weiträumige Wiese beim Flughafen, wo die Bühne aufgebaut wurde und wohin Zehntausende zu Fuß kamen, von überall her, manchmal mehr als hundertzwanzig Kilometer. Changement de fréquence, das war Werrason, der am Tag des Konzerts in einer Fokker von Air Tropic mit traditionellen Häuptlingen und Dorfvorstehern angeflogen kam und nach der Landung den Boden küsste. Changement de fréquence, das war der König des Waldes, der wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde, während er auf einem LKW von Bralima thronte. Changement de fréquence, das war seine zwanzigköpfige Band, die Stunden nach Sonnenuntergang die ersten Klänge durch die Boxen jagte. Die phänomenal straffen Rhythmen von Kakol, die kristallinen Gitarrensoli von Flamme Kapaya, die mühelose Falsettstimme von Héritier, die burlesken Raps von Roi David. Letzterer war der Nachfolger des unvergesslichen »Bill Clinton«, des &#039;&#039;animateur&#039;&#039;, der eine Solo-Karriere begonnen hatte und nun bei Kerrygold unter Vertrag stand, wo er Reklamesongs für Milchpulver komponierte. Changement de fréquence, das bedeutete, die Musiker, deren Namen man seit Jahren kannte, endlich live zu erleben. Den unglaublich geschmeidigen Po von Cuisse de poulet kreisen zu sehen, wenn sie vorn auf der Bühne neben Bête sauvage und Linda la Japonaise Ndombolo tanzte. Was für ein Fest! Changement de fréquence, das war schließlich Werrason, der nach Mitternacht auf die Bühne trat, seelenruhig den Blick über die enthusiastische Menschenmenge schweifen ließ (wie viele waren es? Dreihunderttausend nach zurückhaltenden Schätzungen, siebenhunderttausend laut den Fans), drei Titel sang und dann Medikamente an Witwen und Kranke verteilte – woran sich die Regierung mal ein Beispiel nehmen sollte, mit all ihrem Gestümper und Gezänk! Changement de fréquence, das war der Boxkampf von Muhammad Ali &#039;&#039;revisited&#039;&#039;, mit dem Unterschied, dass nicht der Präsident, sondern ein börsennotiertes Unternehmen aus Amsterdam die Party bezahlte. Auch das war eine Frequenzänderung.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es war ein Riesenpublikum in Kikwit«, erzählte mir Flamme Kapaya, als wir uns in Kisangani unterhielten. Es war ein träger Vormittag, und wir saßen im verwilderten Garten eines Hauses am Fluss. Zehn Jahre lang war Flamme Star-Gitarrist und &#039;&#039;artistic director&#039;&#039; Werrasons. Fragt man einen Jugendlichen im Kongo nach dem größten Gitarristen von heute, lautet die Antwort immer: Flamme Kapaya. »Wir mussten das Publikum aufwärmen, sagen, wie phantastisch Werrason war. Wir mussten spielen und tanzen, damit er dann seinen großen Auftritt hatte. Aber er hat höchstens fünfzehn Minuten gesungen, obwohl er das ganze Geld einstrich. Wir wurden nicht bezahlt. Durch den Wechsel von Bracongo zu Bralima hat sich für uns nichts geändert. Er hat alles eingesteckt, wir sind leer ausgegangen! Werrason wurde steinreich und kaufte sich ein Haus bei Brüssel. Als ob er ein Nachkomme von Mobutu wäre.« Und da Gewinn wichtiger war als Investitionen in Bildung, hielt Bralima dieses System instand, denn die Aktionäre von Heineken wollten gern weiterhin so phantastische Tabellen und Graphiken sehen. Es besteht eine grundlegende Ähnlichkeit mit der ausländischen Einmischung von früher: So wie Amerika Mobutu zähneknirschend im Sattel halten musste, weil er sich sonst den Kommunisten zugewandt hätte, so musste Heineken es lernen, mit Werrasons Launen zu leben, weil der sonst zur Konkurrenz gegangen wäre. Integrität wurde der Loyalität geopfert. Flamme Kapaya ist darüber immer noch wütend: »Ich habe die Stücke komponiert, ich habe sie arrangiert, aber er ließ die Songs in Frankreich unter seinem Namen registrieren. &#039;&#039;Arrangeur-compositeur&#039;&#039;: &#039;&#039;Werrason&#039;&#039;, steht im CD-Booklet. Ich werde nur als Gitarrist erwähnt.« Flamme war der musikalische Kopf hinter &#039;&#039;Kibuisa Mpimpa&#039;&#039;, allgemein als Werrasons bestes Album betrachtet, von Kennern als »kulturell und musikalisch revolutionär« bezeichnet.36 »Ich habe die Aufnahmen in Europa gemacht, ich habe die Platte abgemischt, aber als sie fertig war, habe ich nicht ein Stück davon bekommen! Werrason hat sich sogar meine fünf Belegexemplare unter den Nagel gerissen.« Es scheint unglaublich, aber als ich drei Stunden lang in einem kalten Pariser Studio inmitten weiblicher Groupies mit bauschigen, glänzenden Wintermänteln vergeblich auf mein Interview wartete, war Werrason nirgendwo zu sehen; Kakol und Héritier, Drummer und Sänger, machten die ganze Arbeit. Sie instruierten die Sänger, bedienten die Regler am Mischpult und hauten musikalische Knoten durch. »Wir waren so naiv«, seufzte Flamme, »er wollte Musiker, die ihn nicht durchschauten. Tat man das doch, wollte er einen nicht mehr. Musik ist die Leidenschaft aller jungen Leute, aber er missbraucht das. Das ist echt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Deshalb bin ich gegangen. Ich möchte nicht, dass junge Leute den gleichen Weg gehen. Sie müssen ihre Rechte kennen.« Er trommelte auf den Rand seines Stuhls, blickte auf den Fluss und sagte dann: »Werrason ist ein Geschäftsmann und ein Politiker. Viele seiner Tänzerinnen sind in Europa geblieben. Leute haben ihn bezahlt, damit sie als Mitglieder der Band mit nach Europa durften.«37 Und Bralima zahlt dann noch Dutzende Flugtickets, wenn Werrason mit seiner »Band« nach Paris fliegt. Sein Kollege Papa Wemba wurde für ähnliche Praktiken in Paris zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Menschenschmuggel, urteilte das französische Gericht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unternehmen sind nie neutrale Player, und in gescheiterten Staaten schon gar nicht. Mit einem Werbeetat, der den Etat des Ministeriums für Bildung oder Information um ein Vielfaches überschreitet, erreichen sie mehr Bürger als die Regierung. Kinshasa ist heute überwuchert mit Reklametafeln von multinationalen Konzernen wie Nestlé, DHL, Vodacom und Coca-Cola. An alle Betonmauern um Firmen, Stadien und Kasernen sind Werbesprüche gepinselt. Fernsehstationen senden mehr Werbung als Programme. Die Primus-Titel der Künstler von Bralima sind ein Jahr lang auf mehreren Sendern zu sehen. Oft geht es um Stücke von zehn Minuten Länge und mehr. Der Unterschied zwischen Werbung und Unterhaltung verschwimmt. Kinshasa tanzt zu Promo-Platten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts werden Werbebotschaften eingehämmert. Das Mobilfunkunternehmen Tigo, ein Multi, der in sechzehn Ländern aktiv ist und dessen Zentrale sich in Luxemburg befindet, war 2006 so generös, die heruntergekommene Ankunftshalle des nationalen Flughafens aufzumöbeln, denn jeder Großbetrieb hat sein karitatives Programm (Stipendien, Krankenhäuser, Schulpakete, Hauptsache, es macht etwas her). Die fahlen Wände von Ndjili bekamen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Anstrich, aber wer heute aus dem Flieger steigt und die Halle betritt, wähnt sich eher in einem Messestand von Tigo als in einem staatlichen Gebäude. Andere Reklame als jede Menge Fahnen und Plakate des Mobilfunkanbieters gibt es hier nicht. Und mitten in diesem Wirbelwind von Glanz und Glitter wartet der Reisende mit dem Pass in der Hand und verflucht den tranigen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich zahlen Unternehmen wie Bralima und Tigo Steuern, mehr als ihnen lieb ist, denn in einem korrupten Land wird jede Woche eine neue Steuer erfunden. Aber wenn es ihnen zu bunt wird, drohen sie mit der härtesten Maßnahme: der Schließung des Betriebes. Und das bedeutet nicht nur Arbeitslosigkeit für all die Angestellten, die mehr als korrekt bezahlt werden, und Armut für all die kleinen Verkäufer von Bier oder Handyguthaben, sondern vor allem das Ende der fiskalen Einnahmen für all die Beamten. Und das will keiner der hungrigen Steuerinspektoren. Multinationale Konzerne sind die größten Steuerzahler des Landes. Deshalb hört die Regierung hin und wieder auf sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon auf der Berliner Konferenz war 1885 die Öffnung des Kongo-Freistaates für den internationalen Freihandel beschlossen worden. Noch immer existiert ein Wettbewerb zwischen Markt und Staat, sogar mehr denn je. Damals ging es nur um den Aufkauf von Rohstoffen, heute geht es auch um den Verkauf von Produkten, denn selbst in einem bettelarmen Land lässt sich viel verdienen mit dem Verkauf von Waren in kleinen Mengen, zum Beispiel Handyguthaben, Erfrischungsgetränke und Milchpulver. Um die Seelen all der Bedürftigen zu gewinnen, kolonialisieren ausländische Firmen den öffentlichen Raum des verwüsteten Landes mit einer Unverfrorenheit, die von dem strahlenden Lächeln des polierten Marketing kaum verhüllt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2008 war ich eine Woche lang eine &#039;&#039;minor celebrity&#039;&#039; in Kinshasa, ohne dass ich dafür viel zu tun brauchte. Unbekannte sprachen mich auf der Straße an, sagten, sie würden mich von den Fotos wiedererkennen, und wunderten sich darüber, dass ich trotz meines Status nicht über ein eigenes Auto verfügte. Dolf van den Brink hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen. »Wir veranstalten ein Konzert von Werrason in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Hast du Lust, zu kommen?« Der Auftritt fand in Bumbu statt, einem der ärmsten Viertel Kinshasas. Bei der Hinfahrt im Konvoi erklärte er mir die Sache. »Bracongo führt eine Schmutzkampagne gegen uns. Sie senden Spots, in denen es heißt, dass Bumbu ›gefallen‹ sei und Primus dort nicht mehr Marktführer ist. Das ist nachweislich falsch, aber sie drängen uns trotzdem in die Defensive. Jetzt werden wir das Gegenteil beweisen, und zwar ganz spektakulär. Kein Werbespot, keine Kampagne, nein, ein Gratiskonzert von Werrason! Es ist das erste Mal, dass er in Bumbu auftritt. Ich erwarte ziemlich viele Leute.«38 Der SUV mit Klimaanlage fuhr im Slalom um die Schlaglöcher. Dolf erzählte mir, dass das Marketing von Primus mehrere Phasen durchlaufen habe. Zuerst der Slogan &#039;&#039;Pelisa ngwasuma&#039;&#039;, frei übersetzt: &#039;&#039;Get the groove started&#039;&#039;. Diese Betonung des Atmosphärischen kam gut an in einem durch den Krieg innerlich zerrissenen Land. Danach änderten sie die Farbe des Etiketts und gaben ihm die Nationalfarben des Kongo: Blau, Gelb und Rot. Nachdem nun der Krieg vorbei war, wollte sich Primus als &#039;&#039;das&#039;&#039; nationale Bier schlechthin präsentieren. Der Staat mochte morsch sein, der Nationalstolz aber war intakt. Darauf ging Bralima geschickt ein. Primus war inzwischen bei einem neuen Slogan angekommen: &#039;&#039;Primus, Toujours leader.&#039;&#039; Es galt, die frisch erlangte Position des Marktführers als unangreifbar erscheinen zu lassen. Dominanzstreben sei ein wichtiger Aspekt, glaubte Dolf, die Leute wollten wissen, wer »der Stärkere« sei. Und in Bumbu müsse das jetzt mal kurz bewiesen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant, dachte ich, der Mobilfunkanbieter Vodacom greift mit seiner massiven Werbung dieselben Themen auf: Nationalgefühl und Führerschaft. &#039;&#039;Un réseau, une nation&#039;&#039; war jahrelang dessen Slogan im Kongo: ein Netz, eine Nation. Nun preisen sie sich als &#039;&#039;Leader dans le Monde Cellulaire&#039;&#039; an. Auf ihrer kongolesischen Website heißt es: »Unser Bestes ist besser als das Beste aller anderen. Verlieren ist ausgeschlossen. Wir sind ein Team, und Wettbewerb ist unser Sport.« Wer ist am kongolesischsten? Und wer führt? Waren das nicht die zentralen Themen im Wahlkampf zwischen Kabila und Bemba, der damals losbrach? Im Juli 2006 sollten endlich die Wahlen stattfinden, und die beiden größten Favoriten gerieten sich in die Haare wie Popmusiker. Bemba, noch immer eher Kriegsherr als Staatsmann, bezichtigte Kabila, ein halber Ruandese zu sein, der nicht über die erwünschte &#039;&#039;congolité&#039;&#039; verfügte – ein bizarrer Anspruch, wenn man bedenkt, dass er selbst zu einem Viertel Europäer ist. Kabila versuchte als Präsident über dem Tumult zu stehen, als er sagte: »Wer Eier trägt, sucht keinen Streit« – ein Ausspruch, der ihn noch monatelang verfolgen sollte. Er bezog sich auf die Straßenjungs, die von Bar zu Bar gingen mit einem Karton hartgekochter Eier auf dem Kopf, die sie als Snack verkauften. Ganz Kinshasa lachte damals über den Präsidenten. Die scharfen Vorwürfe erinnerten an den Streit zwischen Werrason und Mpiana oder zwischen Bralima und Bracongo. Beim Kampf um das höchste Amt war der Begriff &#039;&#039;leadership&#039;&#039; direkt an die nationale Identität geknüpft. Kommerzielle und politische Slogans befruchteten sich gegenseitig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dolf spähte nach draußen, als wir in Bumbu ankamen. Das Viertel lag im Dunkeln, aber die Bars und Terrassen waren rappelvoll. Zufrieden konstatierte er, dass es sich bei rund 80 Prozent der Bierflaschen auf den Tischen um Primus handelte. Ein Stück weiter sahen wir die LKW von Bracongo bereitstehen: Während des Konzerts und danach würde der Konkurrent zweifellos Tausende Flaschen Skol verteilen. Dolf fragte sich sogar, ob Bracongo nicht vielleicht Jugendgangs angeheuert hatte, damit sie Unruhe stifteten. Bralima hatte vorsichtshalber eigene Sicherheitsleute dabei. Und das war auch notwendig, denn das junge Bumbu – eine andere Generation gab es hier kaum – war massenhaft erschienen. Je dichter wir uns dem Ort des Konzerts näherten (die Band spielte schon, wir hörten sie von weitem), desto beängstigender wuchs die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Auto hinter uns im Konvoi festklammerten. Es war ein SUV mit getönten Scheiben in den Primus-Farben. Die Fans waren fest davon überzeugt, dass Werrason darin saß. Nachdem wir noch ein Weilchen in der fast hysterischen Menge festgesteckt hatten, erreichten wir über einen Schleichweg die Rückseite der Bühne. Die Autos wurden mit der Schnauze nach vorn geparkt: Sollte es zu Krawallen kommen, hieß es nichts wie weg. Wir stiegen aus, gingen zur Bühne und schüttelten rasch ein paar Hände. Das Dämmerlicht des Backstage, die Bässe, die bis ins Brustbein vibrierten: Ich erkannte ihn nicht gleich. Er sah viel normaler aus als ich ihn von Fotos in Erinnerung hatte, und er wirkte viel schüchterner. »Monsieur Werrason«, sagte ich, »&#039;&#039;bon concert.«&#039;&#039; »Mmm«, erwiderte er. Das war denn auch das kürzeste Interview, das ich je geführt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir stiegen auf die Bühne. Eine Reihe Tänzer, dahinter eine Reihe Musiker, alle in T-Shirts von Primus. Eine Mauer aus Klängen. Ich winkte Kakol zu, dem Drummer. Hinter ihm nahm ein riesiges Transparent die ganze Rückwand der Bühne ein: &#039;&#039;Primus, Toujours Leader!&#039;&#039; Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab, um das Publikum sehen zu können. Das Podium war auf einer großen Straßenkreuzung aufgebaut worden. In allen drei Richtungen: Mehrere hundert Meter eine dicht gedrängte Menschenmenge. Ich versuchte, ein Segment durchzuzählen und dann hochzurechnen. Dreißigtausend? Vierzigtausend? Jemand drückte mir eine Flasche Primus in die Hand. Kameraleute filmten die wenigen Weißen auf der Bühne. Und dann, dann erklomm der dem Anschein nach verlegene Mann mit dem kreisrunden Bärtchen die Metalltreppe links von der Bühne. Langsam, fast unlustig trat er vor ins volle Scheinwerferlicht. Er spähte in die ruhelose Nacht. Tausende Arme hoben sich und kreuzten die Fäuste. &#039;&#039;Igwe! Igwe!,&#039;&#039; ertönte es ohrenbetäubend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Konzert war Dolf van den Brink in bester Stimmung. Werrason hatte nicht nur blutjunge Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne geholt, damit sie für ihn Ndombolo tanzten, sondern zwischendurch auch zweimal eine Flasche Primus hochgehalten und ausführlich erzählt, dass Bumbu noch immer eine Hochburg von Bralima sei. Eine solche Werbung war unbezahlbar. 10.000 Dollar hatte der Auftritt gekostet. &#039;&#039;Peanuts&#039;&#039;. Mitschnitte des Konzerts würden in den kommenden Tagen nonstop im Fernsehen gesendet werden. Bralima zahlte monatlich 30.000 bis 40.000 Dollar an Antenne A, einen der wichtigsten Sender in Kinshasa, der davon sein Personal entlohnte. Faktisch war Bralima damit Besitzer des Senders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber ich kenne Sie«, sagten mehrere Kinois zu mir, als ich auf mich neben sie auf die Rückbank eines klapprigen Taxis setzte. »Sie waren der Weiße auf der Bühne beim Konzert von Bumbu. Haben Sie denn kein Auto?« Das besagt einiges über die Macht von Bralima. In einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, in der ich mich für kurze Zeit aufhielt, war ich plötzlich bekannter als in der Stadt mit einer Million Einwohnern, in der ich schon zehn Jahre lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handyguthaben kaufe ich meist bei Beko in der schattigen Avenue des Batetela, einer der wenigen netten, freundlichen Straßen von Kinshasa. Beko, ein diplomierter Pädagoge Anfang zwanzig, sitzt dort von morgens sechs bis abends acht unter einem Sonnenschirm und verkauft Prepaid-Karten von Tigo, Vodacom, CelTel und CCT. Jeden Tag, nur sonntags erst ab elf, denn dann besucht er vorher die Messe. Das ist seine einzige Erholung. Auf dem Gehweg der Avenue Batetela ist ein kleiner Markt im Schatten der Bäume. Neben Beko sitzt eine Frau, die Geld wechselt, daneben brät eine alte Frau kleine Fische, die, warum ist mir schleierhaft, »Thomson« genannt werden. Ein paar Schritte weiter verkauft ein Junge Taschenkalender, Kugelschreiber und Schnürsenkel, neben einer jungen Frau, die auf einem Kohlefeuer Ölkrapfen backt. Ein Ölkrapfen ist für viele das Einzige, was sie an einem Tag essen. Lecker und sättigend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An guten Tagen macht Beko einen Umsatz von gut hundert Dollar, aber ihm bleiben davon keine acht Dollar. Wenn er eine Prepaid-Karte für fünf Dollar verkauft, bekommt die Mobilfunkfirma davon 4,60 Dollar, manchmal sogar 4,75. »Und das sind dann auch nur die großen Kunden, die Guthaben für fünf Dollar kaufen«, erklärt er mir. Gut, acht Dollar Gewinn, an einem Spitzentag. Aber Beko wohnt weit, sehr weit weg von der Avenue des Batetela. Er ist einer der 1,6 Millionen Menschen, die Tag für Tag in überfüllten VW-Bussen mit qualmendem Auspuff ins Stadtzentrum pendeln.39 Der Weg zur Arbeit kostet ihn Stunden und eineinhalb Dollar. Möchte er tagsüber etwas essen, und sei es nur ein Stück Maniokbrot mit einem Scheibchen Fisch, kostet ihn das erneut etwa eineinhalb Dollar. Wenn er nach Hause kommt, gibt er seiner Tante, bei der er seit dem Tod seiner Eltern wohnt, einen Dollar. Er ist der einzige Ernährer seiner Geschwister. Von den acht Dollar ist er nun schon mehr als die Hälfte wieder los. Und das ist nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir uns unterhalten, taucht ein aufgeplusterter Typ auf und brüllt ihn und die anderen Markthändler an. Beko gibt ihm ohne zu protestieren zweihundert kongolesische Franc. Ein paar Schritte weiter steht ein Mann in Polizeiuniform. »Von der Polizei aus dürfen wir hier eigentlich nicht verkaufen. Offiziell muss er uns eine Geldstrafe aufbrummen, aber das passiert nie. Stattdessen schickt er uns den Kerl da auf den Hals. Für zweihundert kongolesische Franc lässt er uns in Ruhe. Allerdings kommt er drei-, viermal am Tag vorbei. Wenn wir nicht zahlen, beschlagnahmt er unsere Waren. So verliere ich nur einen oder anderthalb Dollar.«40 Man kann es Erpressung nennen oder eine Art Spontanbesteuerung, aber solange dieser Polizist kein Gehalt vom Staat bekommt, wird das so weitergehen. Dennoch ist eine Polizeiuniform noch immer ein sehr hohes Gut. Sie garantiert dem Träger ein regelmäßiges Einkommen, nicht von oben, sondern von unten. Kein Wunder, dass inzwischen ein Handel für das Polizistenamt existiert. Dem Vernehmen nach kann man jemandem die Funktion gegen eine stattliche Summe abkaufen, so wie man ein Geschäft übernimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Tage in der Woche, am Sonntag etwas später. Bekos beste Jahre verrinnen. Tigo bietet wieder einen neuen Service an, sieht er. Für einen geringen Betrag können Kunden täglich eine SMS empfangen, die, so das Unternehmen, »Ihren Tag freundlicher macht«. Mit Tigo Bible bekommt man jeden Tag einen Bibelvers zugeschickt, Tigo Foi erteilt religiöse Ratschläge, Tigo Amour berät bei Beziehungsproblemen, und Tigo Riche verrät, wie man reicher werden kann. Wer Unterhaltung möchte, kann Unterhaltung bekommen. Aktuelle Nachrichten per SMS sind nicht im Angebot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko lacht ein bisschen verlegen, als ich ihn frage, ob er einen Zukunftstraum hat. »Botschafter werden«, sagt er dann, nachdem er überlegt hat. Politik fasziniert ihn. Beim Zeitungsverkäufer &#039;&#039;mietet&#039;&#039; er jeden Tag die Zeitung: Gegen ein kleines Entgelt darf er eine halbe Stunde darin lesen. Kaufen ist unmöglich; die Zeitung kostet einen ganzen Dollar. Zeitungen sind eine Rarität in Kinshasa. Die wenigen Titel haben, wenn es hoch kommt, eine Auflage von 1500 Exemplaren, mikroskopisch klein in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern. Außerhalb der Stadt zirkuliert keine gedruckte Presse. Der Inhalt der Blätter ist in der Regel dürftig. &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und &#039;&#039;Le Soft&#039;&#039; tun ihr Möglichstes, aber anderswo regieren Skandalsucht und Parteilichkeit. Journalisten lassen sich im Prinzip von den Ministern bezahlen, über die sie schreiben.41 Die Aufmachung ist miserabel, die Druckqualität erbärmlich. Aber jeden Tag gibt Beko sein Exemplar unzerknittert dem Verkäufer zurück. Ob sein Traum jemals in Erfüllung geht? Er war zweiundzwanzig, als ich ihn im Mai 2007 kennenlernte. »Im Kongo wird man meistens nicht älter als fünfundvierzig«, lächelte er damals, »&#039;&#039;c&#039;est comme ça&#039;&#039;, so ist das.« Tigo verzeichnete in jenem Jahr einen Rohgewinn von 1,65 Milliarden Dollar.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko ist eine Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Kinois bezeichnen sich selbst als schlecht informiert, Frauen noch mehr als Männer. Die Einzigen, die noch das Gefühl haben, auf dem Laufenden zu sein, sind Männer über fünfzig mit einem Universitätsabschluss, die Letzten, die noch eine solide Bildung haben.43 An anderen Medien herrscht im Kongo kein Mangel. Das Radio ist nach wie vor das beliebteste Medium, der Fernsehempfang ist vor allem in den Städten gut, das Internet ist überall schauderhaft langsam. Niemand ist zu Hause online. Surfen und den Lebenslauf tippen erledigt man in Internetcafés, den sogenannten &#039;&#039;cybers&#039;&#039;, zumindest, wenn der Strom nicht ausgefallen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der staatliche Rundfunk pfiff seit Menschengedenken auf dem letzten Loch, aber die MONUC gründete 2002, in Kooperation mit der Schweizer NGO &#039;&#039;Fondation Hirondelle, Radio Okapi&#039;&#039;, einen Sender mit Redaktionen in zehn Städten. Er ist schon seit Jahren das einzige landesweit ausgestrahlte Medium im Kongo. Ausländische und lokale Journalisten liefern jeden Tag mutige Beiträge. Okapi-Reporter gehören zu den besten (und bestbezahlten) in ihrem Metier. Die täglichen Nachrichtensendungen sind wirklich der Mühe wert, aber beim Preis von zehn Millionen Dollar pro Jahr stellt sich die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Wer soll das bezahlen, wenn die UNO nicht mehr im Land ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den großen Städten ist das Fernsehen allgegenwärtig. Männer sehen täglich mehr als zweieinhalb Stunden fern, Frauen sogar mehr als drei Stunden.44 Während der 1+4-Zeit erlebte das Medium einen beachtlichen Boom. Allein in Kinshasa gab es im Februar 2003 fünfundzwanzig Sender, im Juli 2006, dem Monat der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, siebenunddreißig.45 Die weitaus größte Mehrheit waren lokale Sender. Ein Sender lässt sich schon mit knapp 25.000 Dollar auf die Beine stellen. Ein Politiker, Geschäftsmann oder Pastor, der auf sich hält, hat heute seinen eigenen Sender. Durch die Kanäle zu zappen, ist ganz lehrreich, aber was den Inhalt betrifft, kann man es sich sparen. Tropicana, Mirador und Raga sind kommerzielle Sender, die hauptsächlich Musik-Clips zeigen, unterbrochen von Werbung, sofern überhaupt ein Unterschied besteht. DigitalCongo ist der Sender von Präsident Kabila, geleitet von seiner Zwillingsschwester, seinerzeit herausgefordert von Canal Congo und Canal Kin von Vizepräsident Bemba. Antenna A und RTNC versuchen mit den verfügbaren Mitteln informativ zu bleiben. Ratelki ist die TV-Station der Kimbanguisten; Amen TV und Radio TV Puissance vertreten neuere christliche Bewegungen. Mehr als die Hälfte der TV-Kanäle befindet sich in den Händen von Pfingstkirchen.46 Stößt man beim Zappen auf RTVA, muss man wissen, dass das der Sender von Pastor Léonard Bahuti ist, des Mannes, der seine (hauptsächlich weiblichen) Gläubigen anweist, Schmuck, Nagellack und Kunsthaar abzuschwören. RTAE gehört &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, dem leidenschaftlichen Vorsteher der Armée de l&#039;Éternel. RTMV gehört seinem Erzrivalen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039; Fernando Kutino, Gründer von l&#039;Armée de la Victoire, der inzwischen schon seit Jahren im Gefängnis sitzt. All diese religiösen Stationen senden abwechselnd Predigten und Soaps. Die Serien beschäftigen sich mit moralischen Fragen zum Leben und Überleben im Kinshasa von heute (Armut, Ehebruch, Hexerei, Fruchtbarkeit, Erfolg) und betonen, dass nur das charismatische Christentum im Hexenkessel der modernen Zeit Erlösung bringen kann. 2005 war ich einmal bei den Aufnahmen zu einer solchen Soap dabei. Was auffiel, waren weniger die bescheidenen Mittel (nur eine Kamera, eine Lampe, ein Mikrophon) oder das kurzgefasste Szenario (ein Pappbogen, mit der Hand beschriftet) oder die »Fließbandarbeit« (heute aufnehmen, morgen schneiden, übermorgen senden), sondern das jugendliche Alter der Schauspieler. Junge Leute in den Zwanzigern versuchten, ihrem Dasein und dem Dasein der Zuschauer mit einem fanatischen religiösen Diskurs Sinn zu geben. Der merkwürdigste Sender, auf den man beim Zappen stößt, ist NTV. Dort sieht man, wie Pastor Denis Lessie, der Besitzer des Kanals, die Finger spreizt und die Zuschauer auffordert, ihre Hände auf den Bildschirm zu legen, damit sie seine berühren, denn Gott der Herr kommt auch via Glasfaser oder Sendesignale zu einem. Hört doch das Knistern des Allerhöchsten, seht doch, wie euch die Haare bei der Berührung zu Berge stehen. Er forderte seine Gläubigen auch schon mal dazu auf, aus Frömmigkeit die Mattscheibe oder den Plasmabildschirm mit Wasser zu besprenkeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich durchblätterte das abgegriffene Gästebuch des kleinen Hotels im Landesinneren. Vor mir waren nicht viele ausländische Gäste da gewesen. Eigentlich nur einer: Andrew Snyder aus Florida. Er hatte eine strenge Handschrift. Beruf? &#039;&#039;Pastor&#039;&#039;. Grund der Reise? &#039;&#039;Crusade&#039;&#039;. Ah bon. Der Kreuzzug amerikanischer Evangelisten in Afrika hatte nun offenbar auch die kleinen Provinzstädte erreicht. Wie ging es nun wohl Fernando Kutino?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino war ein Kapitel für sich. Anfang der neunziger Jahre erlebte er mit, wie in Kinshasa die erste Generation amerikanischer Evangelisten auftrat, ein neuer Typ von Missionaren, die eine charismatische Variante des Christentums mitbrachten, die sogenannten Pfingstkirchen. Mobutu war so verärgert über die Macht der Katholiken, die den Marsch der Hoffnung realisiert hatten, dass er anderen Predigern erlaubte, ins Land zu kommen und Gottes Wort zu verbreiten. Teile und herrsche, das galt auch für die Seelen. Fernando Kutino, damals noch ein unauffälliger Junge, hörte von Jimmy Swaggart, dem amerikanischen Fernseh-Evangelisten, der im Westen weltberühmt geworden war, als er unter Tränen öffentlich seinen Ehebruch gebeichtet hatte. In Kinshasa wurde er durch seine aufpeitschenden Gottesdienste bekannt, die viele tausend Menschen in Ekstase versetzten. Aber auch der deutsche Evangelist Reinhard Bonnke kam vorbei, und der Niederländer John Maasbach, verheiratete Männer in adretten Anzügen, die mit wirbelnden Shows und makellosen Frisuren ihren Glauben bekundeten. Sie waren nicht von einer zentralen kirchlichen Obrigkeit ausgesandt worden, sondern agierten auf eigene Initiative, oft mit Unterstützung ihrer Familie. Die &#039;&#039;reborn Christians&#039;&#039; fanden Anschluss bei lokalen Gebetsgruppen, die sich wöchentlich versammelten, um außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes das Herz zu Gott zu erheben. Es dauerte nicht lange, bis auch ein einheimischer Klerus entstand, und Fernando Kutino wurde dabei zu einer Schlüsselfigur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kutino band sich eine Krawatte um, nannte sich &#039;&#039;reverend&#039;&#039; und verkündete eine Botschaft, die sich sehr stark von den traditionellen Kirchen und Riten absetzte. Es war der Startschuss für die kongolesischen &#039;&#039;églises du réveil&#039;&#039;, die Erweckungskirchen. Neugierige wurden von den charismatischen Ausdrucksformen des Glaubens angezogen, der in Momenten des religiösen Überschwanges »Heilung« und »Erlösung« verhieß. Mit seinen Ritualen der Trance, von den Gläubigen als Anwesenheit des Heiligen Geistes empfunden, war der Pfingstglaube eine Variante des Christentums, die sehr viel mit dem spirituellen Universum des Ahnenglaubens in Afrika gemeinsam hatte. Laut beten, Dämonen vertreiben, in Zungen reden: Es erinnerte an das Erscheinen von Simon Kimbangu im Jahr 1921. Auch damals war der intensive Glaube ein Mittel gegen Hexerei gewesen. Auch damals dürsteten die Menschen nach augenblicklicher Genesung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino fügte jedoch noch einen Aspekt hinzu, und zwar &#039;&#039;la prospérité&#039;&#039;, Wohlstand. Erlösung verstand er nicht nur im spirituellen, sondern auch im materiellen Sinn. In den harten Krisenjahren der neunziger Jahre kam diese Botschaft besonders gut an. Was nützte es den Armen, ob im Geiste oder nicht, selig zu sein, wenn ihre Kinder verhungerten? Wenn der kümmerliche Geldschein am Abend nur noch halb so viel wert war wie am Morgen? Nein, nicht Armut, sondern Reichtum war der Beweis für Kontakt mit dem Höheren. Und zum Beweis seiner Frömmigkeit putzte sich Fernando Kutino opulent heraus. So ein Mann Gottes konnte ja wohl nicht in Lumpen vor seinem höchsten Boss erscheinen? Von einem bombastischen Thron aus rief er seine Schäfchen wöchentlich zu großzügigen Spenden für seine Kirche auf. Ostentativ zu spenden wurde ein Beweis für Gottesfurcht und Tugend. Kutino nahm die Luxuskarossen und intergalaktisch anmutenden Handys mit Wohlgefallen entgegen. »Ich liebe Geld«, sagte er einem französischen Journalisten, »es hilft, um gut zu leben.«47 Empörend? Ja, aber nicht anders als die Dynamik, die bewirkte, dass im Europa des Mittelalters Kathedralen errichtet wurden und Kirchen­obere in Brokat und Spitze einherwandelten. Postmaterialismus ist ein Luxus für Reiche. Der Arme blickt zum Großprotz hoch. So wie Papa Wemba mit &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; einen Hoffnungsschimmer in die Jugendkultur gebracht hatte, so brachte Fernando Kutino eine Ahnung von Wohlstand über den Umweg des Glaubens. Kutino war einfach auch ein &#039;&#039;sapeur&#039;&#039;, mit seinem Goldschmuck und den Schuhen aus Krokoleder. Er verkörperte Erfolg, Macht und Reichtum.48 Er war sozusagen der Werrason des Gottesdienstes. Im Dezember 2000 versetzte er im Stade des Martyrs eine Menschenmenge von mehr als hunderttausend Gläubigen in Ekstase. Seine Auftritte wurden mit Live-Popmusik bereichert und boten ausgiebig Gelegenheit zum Singen und Tanzen. »Sing, sing, tanz, tanz für den König der Könige«, forderte ein religiöser Popkünstler sein Publikum auf, »denn wenn ihr das hier nicht tut, dann sicher anderswo in der Welt der Finsternis.«49 Kinshasa war die Stadt des Teufels geworden, nur Gott schenkte Gnade, und Kutino war sein Schatzmeister.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Übergangs von 2002-2006 erlebten die Erweckungskirchen ein enormes Wachstum, vor allem in den Städten. Fernando Kutino diente vielen als Vorbild. Unter Vordächern, in Stadtomnibussen, auf Straßenkreuzungen predigten selbsternannte Pastöre voller Begeisterung. In Kinshasa eröffneten Läden, in denen nichts anderes als Stehpulte verkauft wurden, Rednerpulte aus Holz oder Glas, die man beim Verkünden der frohen Botschaft verwendete. So gut wie jedes Wochenende trat ein neuer Prophet in Erscheinung. Im Jahr 2005 gab es in Kinshasa Schätzungen zufolge dreitausend charismatische Kirchen.50 Die meisten von ihnen waren recht bescheiden, ein paar wurden sehr mächtig. &#039;&#039;Full Gospel&#039;&#039; füllte Stadien mit Marathon-Sessions, die drei Tage und mehr dauerten. Pastöre aus Nigeria und den USA gaben Gastspiele mit inbrünstigen Bekenntnissen. Überall erschallten Lobgesänge und Dankgebete. Eine Anzeige auf der Titelseite von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; versprach im riesigen Stade des Martyrs ein »Festival der Wunderheilungen« mit Rév. Dr. Jaerock Lee, einem Südkoreaner: »Die Toten werden auferstehen, die Stummen sprechen, die Blinden sehen und die Tauben hören. Verschiedene unheilbare Krankheiten, einschließlich Aids, Krebs und Leukämie, können geheilt werden. Mit konkreten Beweisen, die zeigen, dass Gott lebt; Sie können selbst am Ort der Wunder anwesend sein. Eintritt frei.«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirchen versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen mit kämpferischen Namen wie l&#039;Armée de l&#039;Éternel, l&#039;Armée de la Victoire, Combat Spirituel und la Chapelle des Vainqueurs. Es erinnerte an die kriegerischen Titel der Popalben im Kampf um &#039;&#039;leadership&#039;&#039; auf dem Markt und in der Politik. Gläubige waren in der Regel gegenüber einer bestimmten Kirche loyal, doch es herrschte große Fluktuation; eine Art serieller Monotheismus bildete sich heraus. »Wenn dein Gott tot ist, probier meinen aus«, lautete der Slogan von Pastor Kiziamina-Kibila, als ob es um ein Waschmittel ginge. Und so wechselten viele zwischen den verschiedenen Kirchen, und an den hohen Feiertagen besuchten manche auch noch die katholische Messe. Nach der Ernennung von Joseph Ratzinger zum neuen Papst gab sich Koffi Olomide einen neuen Künstlernamen: Benoît XVI. Als das in Rom gar nicht gut ankam, nannte er sich einfach Benoît XVII.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war nicht nur ein Konkurrenzkampf. Im Kern ging es um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Christus und Satan, zwischen dem wahren Glauben und Hexerei. Die Erweckungskirchen vertraten ein einfaches, duales Weltbild, das Menschen half, mit den Widersprüchen ihres Daseins umzugehen. Für Misserfolge waren böse Geister in einer Schattenwelt verantwortlich, Erfolge waren der Gnade Gottes zu verdanken. Zu l&#039;Armée de l&#039;Éternel kamen junge Frauen und bezahlten zehn, zwanzig oder fünfzig Dollar, damit der Prediger, &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, ihnen durch Handauflegen half, einen Mann zu finden, schwanger zu werden oder ein Visum für Europa zu bekommen. War das nicht schamlose Geldgier auf Kosten Verzweifelter? »Wir möchten auch, dass Schulen gebaut werden«, erklärte mir der Sprecher dieser Kirche, »wir finden, dass der Mensch arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen, und nicht nur beten. Wir organisieren kostenlose Aidstests und vermitteln jungen Eltern, wie sie ihre Kinder erziehen müssen.«53 Für einen elternlosen, hart arbeitenden jungen Mann wie Beko bot die Kirche ein soziales Auffangnetz. Religion sprang ein, wo die Behörden versagten. Manche Pfarrer schafften es in den vergangenen Jahren, rivalisierende Jugendbanden miteinander zu versöhnen; die Polizei versuchte so etwas gar nicht erst.54 Sie nahmen »Hexenkinder« auf, die von zu Hause weggejagt worden waren, und versuchten sie zu »behandeln«.55 Wie die Unternehmen füllten sie die Lücke, die durch den Ausfall des Staates entstanden war. Verzweifelte Bürger fanden eine kuschelige Zuflucht im leidenschaftlichen Glauben. Kleine Läden hießen fortan la Grâce, le Christ, le Tout-Puissant, Internetcafés hießen Jesus.com, Wechselstuben »God is my bank«. Sogar eine neue Generation Vornamen kam auf: Kinder hießen jetzt Touvidi (von Tout vient de Dieu), Plamedi (Plan Merveilleux de Dieu), Emoro (Éternel Mon Rocher) und, unfassbar, Merdi (von Merveille Divine, das musste ich mir auch erst erklären lassen).56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 2. November 2008 nahm ich am Sonntagsgottesdienst von Parole de Dieu in Yolo-Sud teil, einem Armenviertel der Hauptstadt. Unter einem Schutzdach aus Zink drängten sich in einem Innenhof mehr als tausend Menschen. Sie sangen, sie tanzten, sie schüttelten selbstgemachte Rasseln. Da begann ich zu begreifen, wieso diese Kirchen so erfolgreich sind: Die Atmosphäre war unglaublich. Zu keinem Zeitpunkt fand eine Kollekte statt. Wer wollte, konnte am Eingang etwas spenden. Der Prophet Dominique Khonde Mpolo saß mit Turnschuhen auf dem Podium. Schlichtheit war sein Motto. Nicht jeder Pastor ist auf Geld aus. In seiner sehr langatmigen Predigt wetterte er gegen »Jésus Business« und setzte »Jésus Vérité« an dessen Stelle. »Die ganzen anderen Kirchen, die Geld versprechen . . . Wir wollen keinen Luxus, wir essen nicht mal Fleisch. Keiner hier trägt einen Anzug. Wir müssen für unser Land arbeiten und nicht für unseren Stolz.« Er selber war auf Wiederauferstehungen spezialisiert. Nach eigenem Bekunden hatte er bereits vier davon bewirkt. Die erste sei am schwierigsten gewesen, aber nun sei er im Besitz eines magischen Saftes. Den brauche man dem Toten nur auf die Lippen zu streichen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der katholische Volkspriester, der den Marsch der Hoffnung mit organisiert hatte, konnte sich darüber mächtig aufregen: »Die neuen Kirchen lullen die Menschen nur ein. Sie haben überhaupt nichts mit Befreiung zu tun. Sie versprechen ein leicht zu erreichendes Glück durch ›Wunder‹, aber sie halten die Leute nicht dazu an, Verantwortung zu übernehmen. &#039;&#039;Nzambi akosala&#039;&#039;, sagen die Leute, Gott wird&#039;s schon richten. Ich sage es rundheraus: Diese Kirchen sind ein Geschenk für die Regierung. Sie machen es den Politikern leicht. Deshalb werden sie auch von der Regierung so großzügig unterstützt. Sony Kafuta, dieser Typ, der sich ›Rockman‹ nennt, steht Kabila und dessen Mutter ziemlich nahe, er ist ihr spiritueller Führer.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass er sich bei den Mächtigen anbiederte, konnte man von Fer­nando Kutino jedenfalls nicht behaupten. Er lag nacheinander im Clinch mit Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. Während »Rockman« von den Kabilas zum obersten Seelsorger der nationalen Armee berufen wurde, begann Kutino mit der Kampagne &#039;&#039;Sauvons le Congo&#039;&#039;, »Lasst uns den Kongo retten«. Für seinen Fernsehsender lud er Gäste ein, die unverblümt Kritik an den 1+4 äußerten. Damit war das eine der wenigen kritischen Stimmen aus der Ecke der Pfingstbewegung. Die &#039;&#039;anti-valeurs&#039;&#039;, wie man sie nannte, wurden an den Pranger gestellt. Auffällig war ein sehr anti-ruandischer Tenor. Nach Verdächtigungen, dass sich Joseph Kabila von der ruandischen Lobby lenken ließe oder, eine noch schlimmere Unterstellung, selber ein ruandischer Tutsi sei, wurden die Räume des Senders versiegelt, und der &#039;&#039;bishop&#039;&#039; flüchtete nach Europa. Erst 2006 kehrte er zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das war noch nicht das Ende. Im Mai 2006, sechs Wochen vor den Wahlen, landete Kutino, inzwischen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039;, in Kinshasa und veranstaltete im Stade Tata Raphaël eine große Zusammenkunft. Er trug ein scharlachrotes Bischofsgewand und winkte von der Ladefläche eines Geländewagens den dichtgedrängten Scharen seiner Anhänger zu. Noch immer wetterte er gegen die »ausländischen« Einflüsse und warf Kabila einen Mangel an &#039;&#039;congolité&#039;&#039; vor. Zweifel an seiner Herkunft zu säen (seine Mutter sei nicht seine wirkliche Mutter, er sei ein Ruander und so weiter) wurde eine bewährte Taktik der Opposition. Allerdings gab es dafür keinerlei Beweis.59 Die gesamte Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen, vom Sender von Jean-Pierre Bemba, Kabilas bedeutendstem Herausforderer. Gleich danach wurde Kutino verhaftet, und Bemba konnte ihn in Makala besuchen. Einen Monat später wurde er zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen zehn Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Man sprach ihn des illegalen Waffenbesitzes, der Verschwörung und des versuchten Mordes schuldig, doch es ging offenkundig um eine Abrechnung. Internationale Menschenrechtsorganisationen rügten den sehr fragwürdigen Prozessverlauf.60 Auf der Website von Sauvons le Congo findet man einen dramatischen kleinen Film mit den »letzten Worten« des Propheten, am Schlusstag des Prozesses gedreht. Kutino spricht unsicherer denn je. Von seiner denkwürdigen Redegewandtheit ist nichts mehr übrig. Die Bilder sind mit den blutigsten Szenen aus &#039;&#039;Die Passion Christi&#039;&#039; von Mel Gibson zusammengeschnitten. Auch dieser Prophet wird ans Kreuz genagelt, lautet die Botschaft. Aber im Gerichtssaal trägt er noch immer einen tadellosen Maßanzug mit Einstecktuch. Ein Märtyrer im Maßanzug, vielleicht zeigt das ja die ganze Ambivalenz der Erweckungskirchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so schleppte sich ein Land, das keines war, zu seinen ersten freien Wahlen nach einundvierzig Jahren, wie es im &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; vereinbart war. Wirtschaftsunternehmen und Kirchen – &#039;&#039;la bière et la prière –&#039;&#039; hatten den öffentlichen Raum an sich gerissen und die Köpfe benebelt und erfreut. Im Vorfeld des sprichwörtlichen »Festtages der Demokratie«, der nach vielem Zögern auf den 30. Juli 2006 anberaumt worden war, bestand die Bevölkerung mehr aus Konsumenten und Frömmlern als aus wachen Bürgern. In der Kolonialzeit hatte das umfassende Bündnis zwischen Kirche, Staat und Kapital – die fragwürdige &#039;&#039;koloniale Trinitas&#039;&#039; – dafür gesorgt, dass die Bevölkerung zahm und gefügig blieb. Jetzt war etwas Ähnliches im Gange. Der Staat war freilich viel schwächer, lehnte sich aber gern an die beiden anderen Pfeiler an. Die »postkoloniale Dreifaltigkeit« bestand aus einer korrupten Politikerkaste, die eine Allianz einging mit neumodischen Religionen und von der Geschäftswelt hochgepushten Popstars. Präsident Kabila, der sich in der Zeit des Überganges nicht gerade durch überbordende Tatkraft hervorgetan hatte, bediente sich ausgiebig dieser alternativen Machtblöcke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon im April 2002 hatte Werrason bei seinem Konzert im Pariser Zénith zur Unterstützung Kabilas aufgerufen, wegen dessen »Bemühungen um den Frieden«.61 Unbezahlbare Werbung, denn Kabila war nicht besonders angesehen in den volkstümlichen Vierteln von Kinshasa, wo Bemba &#039;&#039;toujours leader&#039;&#039; wurde. Bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Sun City 2003 gab Werrason, der ja Friedensbotschafter war, ein Konzert für die Delegierten.62 2004, als Nkunda Bukavu einnahm, wurde Werrason sogar darum gebeten, die Gemüter zu beschwichtigen, als sich die Bevölkerung gegen die UNO-Blauhelme wandte. Der Popmusiker, der seinen Aufstieg einem Konzern verdankte, sollte nun die Massen besänftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Januar 2005 lud Kabila alle Größen der kongolesischen Musik auf ein Glas Champagner in den Präsidentenpalast ein. Werrason und J. B. Mpiana waren da, neben Papa Wemba und Koffi Olomide und ein paar anderen Erzrivalen. Der Präsident konnte sich wieder einmal als der große Versöhner profilieren, der den Frieden nicht nur in die Hügel im Osten gebracht hatte, sondern auch in die Bars von Kinshasa. Das Foto von diesem Umtrunk ging um die ganze Welt. Es war eine exakte Kopie der Aufnahme, die Jamais Kolonga mir gezeigt hatte und auf der er mit Franco und Kabasele Mobutu zuprostete. Im Kongo war das Verhältnis zwischen Politik und Musik schon immer sehr innig. War Kabasele nicht zum runden Tisch in Brüssel mitgereist, als er seinen »Unabhängigkeits-Cha-cha-cha« komponierte? War Franco nicht intensiv in Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik eingebunden gewesen? Sang Papa Wemba nicht bei der Einführung von Kabilas neuer Währung mit? Ja, das taten sie alle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt ging es noch einen Schritt weiter. In den neunziger Jahren war es in Mode gekommen, dass Privatleute dafür bezahlten, wenn Künstler ihre Namen in einen Songtext einbauten. Für eine Handvoll Dollar waren Mpiana, Werrason und ihre Kollegen zum Namedropping bereit. Schließlich lebte man in Krisenzeiten. Das Ergebnis sah bei J. B. Mpiana ungefähr so aus: »Liebe, Liebe, wohin führt uns das, &#039;&#039;Ruphin Makengo&#039;&#039;? / Sie beginnen mit Liebe und sie enden damit, &#039;&#039;Jean Ngendu&#039;&#039;. / Ist es nur eine Frage des Stolzes oder was, &#039;&#039;Lidi Ebondja&#039;&#039;?« Bei Werrason klang es so: »Du hättest es mir eher sagen sollen, &#039;&#039;Hugues Kashala&#039;&#039;. / Du hast meine Zeit vergeudet, alle meine Freunde sind verheiratet, &#039;&#039;Chibebi Kangala&#039;&#039;. / Sogar meine jüngeren Schwestern. / &#039;&#039;Claudine Kinua&#039;&#039; ist wütend.«63 &#039;&#039;Kobwaka libanga&#039;&#039; hieß dieses Phämomen, Steinchen werfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es zu einem festen Bestandteil der kongolesischen Popmusik geworden. Die zweite Hälfte eines Songs, die &#039;&#039;sebene&#039;&#039;, ist der Instrumentalteil, in dem die Gitarrensoli die Tänzer zu einem Höhepunkt führen, aufgepeitscht vom Animateur, der die Reihe von Namen herunterschnurrt. Politiker und Prominente bezahlen nicht nur Journalisten für einen Artikel, sondern auch Popstars für eine Nennung. Wer einen Abend im &#039;&#039;le 144&#039;&#039; in der Avenue Louise verbringt, der schicksten kongolesischen Diskothek von Brüssel, hört sogar den DJ durch die Stücke hindurch rufen, wer Geburtstag hat und wie viele Flaschen Champagner zu diesem Anlass bestellt wurden. In Kinshasa wurde der Bogen manchmal völlig überspannt. »Treize ans« von Werrason enthielt mehr als hundertzehn Namen, »Lauréats« von Mpiana sogar zweihundert.64 Das war keine Hommage mehr, sondern serienmäßiges &#039;&#039;Product-Placement&#039;&#039;. Künstlerische Autonomie? Ohne Bedeutung – im Gegenteil. Wenn man sich nicht auf reiche oder mächtige Zeitgenossen berufen konnte, erst dann galt man als Niete. Denn das war ein Zeichen für soziale Isolation und damit tödlich für einen Künstler, der &#039;&#039;leader&#039;&#039; sein wollte. Werrasons opportunistischer Pakt mit Kabila und dessen Lager war – wie auch Mpianas Sympathie für Bemba – so unübersehbar, dass sich die &#039;&#039;Haute Autorité des Médias&#039;&#039; (HAM) veranlasst sah, den TV-Stationen in den Wochen vor den Wahlen zu verbieten, ihre allzu parteiischen Popsongs weiter auszusenden. Zuvor waren sie nonstop über die Bildschirme geflimmert. Doch zu jenem Zeitpunkt war der Volkssänger Tabu Ley, ein Freund von Vater und Sohn Kabila, längst zum Vizegouverneur der Stadt Kinshasa ernannt worden, und Tshala Muana, eine der wenigen weiblichen Popstars, hatte einen Hit gelandet, in dem es hieß: »Wählt, wählt Kabila / Wählt nur Kabila / Wir alle wählen Kabila, unseren Chef / Er ist er einzige gute Führer des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Pfingstkirchen dienten der Sache des Präsidenten, mit der bereits erwähnten Ausnahme. »Alle Macht kommt von Gott«, hörten Gläubige am Sonntagmorgen, »betet für die Regierung.« Und als sei das noch nicht deutlich genug, setzte der Prophet vom Dienst noch mit Vergnügen hinzu: »Wer Jesus und Kabila liebt, steht jetzt auf und applaudiert.«65 Armeeseelsorger Sony Kafuta ging so sehr in seiner Kabila-Manie auf, sowohl in seiner Kirche wie im Fernsehen, dass ihn die HAM wegen Anstachelung zum Hass zur Ordnung rufen musste.66 Die katholische Kirche sah sich alles lediglich etwas verwundert aus der Distanz an. Es war ein himmelweiter Unterschied zu der kritischen Rolle, die sie im Kampf gegen Mobutu gespielt hatte.67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 27. Juli 2006, drei Tage vor dem großen Tag. In Kinshasa herrschte hektisches Wahlfieber. Dass die Wahlen nun stattfanden, war dem internationalen Druck des CIAT zu verdanken, aber vor allem auch der hervorragenden Arbeit der &#039;&#039;Commission Électorale Indépendante&#039;&#039;, der CEI, die von Abbé Malu Malu geleitet wurde, einem inspirierenden Priester. Die Vorbereitungen waren äußerst beeindruckend. Der Kongo war inzwischen ein Land ohne Infrastruktur. Es war unmöglich, das Land mit dem Auto von der einen zur anderen Seite zu durchqueren. Selbst die großen Zentren waren nicht mehr miteinander verbunden. Der Kongo war eher ein Archipel als ein &#039;&#039;pays-continent&#039;&#039;, ein Archipel, dessen Inseln nur per Flugzeug, Helikopter oder Boot zu erreichen waren. Niemand wusste, wie viele Menschen dort lebten, niemand hielt die Geburten fest, niemand besaß Papiere. Die letzte Form von Identitätsnachweisen waren die Mitgliedskarten des MPR aus der Mobutu-Ära. Aber am 15. Juni 2005 gelang es der CEI, fünfundzwanzig Millionen Wähler registrieren zu lassen, ein überwältigender Erfolg. Am 19. Dezember 2005 wurde der Entwurf einer neuen Verfassung durch Volksabstimmung genehmigt. Am 21. Februar 2006 wurde das Wahlgesetz verabschiedet. Der Wahlkampf konnte beginnen. Tshisekedi, der historische Oppositionsführer, boykottierte das Verfahren von Anfang an und wurde ein Opfer seines eigenen Starrsinns. Vizepräsident Ruberwa hatte nicht die geringste Chance, weil man ihn noch immer für den Handlager Ruandas hielt. Die Europäische Union startete nach der Operation Artémis in Bunia eine zweite Militärmission: EUFOR, eine europäische Interventionstruppe von 1400 Soldaten, die in Kinshasa Ruhe und Sicherheit gewährleisten sollte, denn Wahlen in Afrika bringen eher Zwist als Demokratie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 27. Juli zog Jean-Pierre Bemba, der Mann aus der Provinz Équateur, der ehemalige Warlord, dessen Soldaten Kannibalismus verübt hatten, in Kinshasa ein. Er wurde mit offenen Armen empfangen: Er war der &#039;&#039;mwana ya mboka&#039;&#039;, der Sohn des Landes, der wahre Kongolese. Mehr als eine Million Menschen begleiteten ihn auf dem klassischen Weg vom Flughafen ins Zentrum, der zwanzig Kilometer langen Strecke, die auch Baudouin, Mobutu, Tshisekedi und Werrason unter dem Jubel der Zuschauer am Straßenrand zurückgelegt hatten. Bemba würde vor seinen Anhängern im Stade Tata Raphaël sprechen, jenem Stadion, mit dem so viele historische Momente des Kongo verbunden waren, von den Unruhen 1959 über den Boxkampf 1974 bis zu den Predigten Kutinos 2006. Betrunkene Jugendliche hatten einen Hund bei sich, dem sie ein Wahlkampf-T-Shirt mit Kabilas Konterfei angezogen hatten. Das garantierte Heiterkeit. Das Tier drehte sich verstört um die eigene Achse und bellte seinen Schwanz an. Andere trugen ein riesiges Porträt Mobutus umher, des anderen starken Mannes aus der Provinz Équateur, denn inzwischen war eine Generation nachgewachsen, die den Mobutismus nur vom Hörensagen kannte. Sogar die alte grüne MPR-Fahne wehte über dem Stadion. Bemba versprach seinen Zuhörern, den Staat wiederaufzubauen und ihn tatkräftig zu führen. Wie Mobutu konnte er mühelos eine anderthalbstündige Rede ohne Konzept halten. Mit seiner bulligen Statur und seiner ungeschminkten Sprache kam er im extrovertierten Kinshasa viel besser an als der schüchtern wirkende Kabila mit seinem dürftigen Lingala und dem Französisch, das noch immer einen englischen Anklang hatte. Kabila erschien vielen Kongolesen als junge Marionette der internationalen Gemeinschaft (er war erst vierunddreißig, Bemba war dreiundvierzig) und nicht wie jemand, der dem Land neuen Stolz schenken konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann geschah etwas Bedeutsames. Nach der Wahlkundgebung zogen Jugendliche randalierend durch die Stadt und griffen die wichtigsten Stützpfeiler von Kabilas Wahlkampf an. Ihre Wut richtete sich gegen die postkoloniale Trinität von Präsident Kabila, den »Regierungsmissionar« Sony Kafuta und den Sänger und Bierwerber Werrason. Die jungen Bemba-Anhänger richteten Zerstörungen bei der Haute Autorité des Médias an, die sie der Parteilichkeit zugunsten des amtierenden Präsidenten verdächtigten. Dann zogen sie zum nicht weit davon entfernt gelegenen Tempel des Kabila-Adepten Sony Kafuta und schlugen die große Kultstätte seiner Armée de l&#039;Éternel kurz und klein, sodass die »Armee des Ewigen« nun eher wie der Trümmerhaufen der Gegenwart aussah. Anschließend nahmen sie sich ein paar hundert Meter weiter den Samba Playa vor, Werrasons Proberaum und Konzertsaal. Und auch dieser Wallfahrtsort so vieler junger, armer Kinois wurde binnen kürzester Zeit von der wütenden Menge junger, armer Kinois umgestaltet, die sich von Werrasons plakativer Unterstützung Kabilas verraten fühlten.68 Bralima verlor im Monat darauf 3 Prozent Marktanteil. Trotz der Allianz zwischen Bier, Beten und Bestimmen, die das Volk dumm halten sollte, ließen sich die jungen Wähler nicht alles gefallen. Es waren &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 14 Die Erholungspause ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Hoffnung und Verzweiflung in einer jungen Demokratie 2006-2010 ===&lt;br /&gt;
Um sechs Uhr morgens herrschte noch zaghaftes Licht. Pascal Rukengwa musste sich an die Stille des Dorfs gewöhnen. Was für ein Unterschied zu Kinshasa! Bushumba lag fünfunddreißig Kilometer von Bukavu entfernt. Hier war er zur Welt gekommen, hier war seine Heimat, auch wenn er schon seit Jahren in der hektischen Hauptstadt lebte. Hier würde er zur Wahl gehen. Zum ersten Mal. Pascal war zweiundvierzig. Als es im Land zum letzten Mal freie Wahlen gegeben hatte, war er ein Jahr alt gewesen. »Ich wähle das Leben«, sagte er, »das Recht aufs Dasein. Es ist ein Neuanfang.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sah, dass im Dorf reges Leben herrschte. Schon in aller Frühe bildeten sich Schlangen vor dem Wahllokal. Manche Wähler hatten die Nacht vor der Tür zugebracht.2 Das war nicht einfach irgendein Sonntag. &#039;&#039;Mamans&#039;&#039; hatten ihre allerbesten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; angezogen. Herren trugen Krawatten und blankgeputzte Schuhe. Halbwüchsige protzten mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen. Junge Frauen hatten sich neue &#039;&#039;extensions&#039;&#039; einflechten lassen. Geduldig standen sie an, die orangefarbene Wahlkarte in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa hatte keine Zeit für Stolz oder Ergriffenheit, aber ein bisschen war es auch sein Tag. Jahrelang hatte er sich dafür eingesetzt. Er war ein Mitglied der CEI, der aus einundzwanzig Personen bestehenden nationalen Wahlkommission, die den ungeheuer komplexen Urnengang organisiert hatte. »Alle Hoffnungen richteten sich auf uns, aber wir mussten ja selber alles lernen. Manchmal habe ich mich gefühlt wie ein Fremder im Urwald, wo einen jedes Tier jeden Moment zerreißen kann. War die Hoffnung nicht größer als das, was wir leisten konnten? An manchen Orten hatten die Leute noch nie einen Computer gesehen.« Die logistische und finanzielle Hilfe der USA und der EU war immens. Mit fast einer halben Milliarde Dollar, größtenteils von Europa gezahlt, waren es die teuersten und umfangreichsten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals organisiert hatte.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal blickte sich um. Fünfzigtausend Wahllokale öffneten in diesem Augenblick ihre Türen. Vierzigtausend Beobachter aus dem In- und Ausland kontrollierten, ob alles mit rechten Dingen zuging.4 In den vorangegangenen Monaten waren eine Viertelmillion Wahlhelfer losgezogen, um die Bevölkerung zu informieren.5 Die Wahlurnen waren per Helikopter, LKW und Motorrad in die entferntesten Winkel des Landes gebracht worden, zu manchen Flecken im Urwald sogar mit einem Einbaum oder mit Trägern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und heute war es nun so weit. Sechzehn Millionen Menschen machten sich zu den Wahlkabinen auf, sogar Flüchtlinge verließen ihre aus Plastikplanen improvisierten Hütten. Pascal kam aus der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; von Süd-Kivu, dem gesellschaftlichen Mittelfeld mit seinen Bürgerorganisationen. »Freie Wahlen, das war der sehnlichste Wunsch der Nationalen Souveränen Konferenz. Für die Bevölkerung wurde es ein magischer Moment, aber für mich war es ein Tag voller Stress. Eine Schwangere, die in der Schlange stand, wurde ohnmächtig, und das nächste Krankenhaus war zehn Kilometer entfernt. Einem Kind wurde unwohl, und es starb. Ich fuhr hin und her. Ich hatte an dem Tag keine Minute für mich. Aber ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so viel Wert darauf legten, ihre Führer zu wählen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Urnengang verlief, trotz ein paar kleiner Zwischenfälle, ausgesprochen würdevoll. Die Wähler erhielten im Wahllokal – oft nicht mehr als eine geräumige Hütte – die notwendigen Unterlagen. Auf dem Stimmzettel für die Präsidentschaftswahlen standen dreiunddreißig Namen. Joseph Kabila stand selbstverständlich darauf, neben Jean-Pierre Bemba und Azarias Ruberwa, den Rebellenführern, die inzwischen Vizepräsidenten waren. Auch Antoine Gizenga trat an, der noch unter Lumumba Vizepremier gewesen war. Und Nzanga Mobutu, der Sohn des ehemaligen Diktaktors. Außerdem gab es Pierre Pay Pay, den ehemaligen Gouverneur der Zentralbank, und Oscar Kashala, einen Arzt, der aus den USA zurückgekehrt war. Der Stimmzettel für das Parlament war weitaus unübersichtlicher. Um die fünfhundert Sitze bewarben sich zehntausend Kandidaten, verteilt über mehr als zweihundertfünfzig Parteien. Das Formular bestand aus sechs großen Blättern, auf denen die Kandidaten mit Passfoto abgebildet waren: Ein Drittel des Landes konnte ja nicht lesen. Alte Mütterchen baten Wahlhelfer, ihnen zu zeigen, wo sie »Monsieur Sept« ankreuzen konnten. Das war Kabila, dessen Partei PPRD (Parti du Peuple pour la Recon­struction et la Démocratie) Wahlliste Nummer 7 hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wahllokale schlossen, begann die Auszählung der Stimmen. Um Manipulationen der Wahlurnen zu vermeiden, geschah das so weit wie möglich an Ort und Stelle, auch wenn es nicht immer einfach war. »Wir hatten keinen Strom«, erzählte Pascal Rukengwa, »und die Taschenlampen, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, funktionierten nicht. Geld, um Kerzen zu kaufen, hatten wir auch nicht, aber die Leute gingen selbst auf die Suche nach Kerzen. Wir wussten uns zu helfen. In manchen Wahllokalen schliefen die Leute bei den Urnen, um sicher zu sein, dass nichts schiefging.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bild von tapferen Bürgern, die bei Kerzenlicht in einer Hütte Stimmen auszählen, oft, nachdem sie den ganzen Tag nichts gegessen haben, ist sehr ergreifend. Das Bild von erschöpften Männern und Frauen, die im Schlaf eine versiegelte Wahlurne in den Armen halten, als wäre sie ein Schrein oder ein Kind, lässt niemanden unberührt. Der größte Sieger der Wahlen war der einfache Kongolese.6 Noch ehe der Morgen dämmerte, wurden viele Ergebnisse bereits telefonisch oder per SMS in die Rechenzentren durchgegeben. Das Wunder war geschehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa flog nach Kinshasa zurück. Am 20. August 2006, drei Wochen nach den Wahlen, stand das endgültige Ergebnis fest. Keiner der vielen tausend Beobachter hatte groß angelegten Betrug wahrgenommen, und das überraschende Resultat schien das zu bestätigen: Keiner der Kandidaten hatte eine absolute Mehrheit. Kabila holte fast 45 Prozent der Stimmen, Bemba 20 Prozent. Auf den dritten Platz kam der alte Gizenga mit 13 Prozent, ein Mann, der keinen Wahlkampf geführt hatte, aber von seiner historischen Aura zehren konnte. Pascal: »Das Ergebnis führte zu einer riesigen Enttäuschung: Bemba wusste bereits, dass er nicht gewonnen hatte, und Kabila war sich darüber im Klaren, dass er nicht in der ersten Runde gesiegt hatte. Es kam zu heftigen Schießereien in der Stadt. Bembas Anhänger richteten ihre ganze Wut auf Kabila und auf uns. Sie warfen der CEI Parteilichkeit vor, dabei waren wir richtig erstaunt, dass Bemba so viele Stimmen erhalten hatte! Wir mussten uns im Keller versammeln und beratschlagen. Ich wusste nicht, ob ich am nächsten Tag noch leben würde. Mit den Panzern der MONUC sind wir dann zum Staatsrundfunk gefahren und haben das Ergebnis offiziell im Fernsehen bekanntgegeben. Ich saß auf dem Boden zwischen den Beinen der Soldaten. Es war ein alter Panzer, der Startschwierigkeiten hatte. So ein Ding macht ein Geräusch wie ein großer Dieselgenerator, wusstest du das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wahlergebnis zeigte eine auffällige Bruchlinie. Kabila hatte im Osten des Landes gewonnen. In Provinzen wie Nord-Kivu, Süd-Kivu, Maniema und Katanga erzielte er stalinistische Ergebnisse von mehr als 90 Prozent (bis hin zu 98,3 Prozent in Maniema und Katanga). Nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass er selbst aus dem Osten stammte und dort als &#039;&#039;l&#039;artisan de la paix&#039;&#039; gesehen wurde, der Mann, der den Krieg beendet hatte. Bemba triumphierte in den westlichen Provinzen, die vom Krieg nicht betroffen gewesen waren (Bas-Congo, Kinshasa, Bandundu) und seiner Heimatprovinz Équateur. Die Bruchlinie überschnitt sich ungefähr mit der Grenze zwischen dem Lingala- und dem Swahili-sprachigen Kongo. Für kurze Zeit befürchtete man einen makro-ethnischen Konflikt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Tag nach der Bekanntgabe beschossen Ordnungstruppen Kabilas die Residenz von Bemba in Kinshasa, angeblich, weil sie von Bembas Leibwache provoziert worden seien. Was sie nicht wussten, war, dass Bemba zu diesem Zeitpunkt im Gebäude mit nahezu allen wichtigen Botschaftern des CIAT konferierte. Der Beschuss dauerte Stunden, Bembas Privathelikopter wurde zerstört. Die Scharmützel wurden durch Eingreifen der MONUC und der EUFOR, der EU-Friedenstruppe, beendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte jedoch wieder Ruhe ein, und die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen, am 29. Oktober, verlief alles in allem ohne größere Zwischenfälle. Wie das so ist bei zweiten Wahlgängen, arrangierte sich der erste Kandidat mit dem dritten. Kabila versprach Gizenga das Amt des Premierministers, wenn dessen Anhängerschaft für ihn stimmte. Außerdem sicherte er sich die Unterstützung von Nummer vier, Nzanga Mobutu, der später Landwirtschaftsminister werden durfte. Dass sich Mobutu jun. zum Präsidentenlager bekehrte, war nicht unwichtig, da er aus Équateur kam, Bembas Provinz. Kabilas Wahlbündnis, die &#039;&#039;Alliance pour la Majorité Présidentielle&#039;&#039; (AMP), vereinte nun seine eigene PPRD und die Parteien Gizengas und Mobutus. Es hätte auch ganz anders kommen können: dass der Sohn von &#039;&#039;mzee&#039;&#039; Kabila nun mit dem Sohn von Marschall Mobutu an einem Strang zog, ließ wahrscheinlich mehr als einen Vorfahren im Grab rotieren. Es war, als hätten Kinder Churchills und Hitlers zusammen eine Partei gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabila erzielte 58 Prozent der Stimmen, Bemba 42. Am 6. Dezember 2006 wurde Kabila, zwei Tage nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag und frisch verheiratet, als erster demokratisch gewählter Präsident des Kongo seit Kasavubu vereidigt. Damit war die Dritte Republik endlich ein Fakt. Mobutu hatte das Ende der Zweiten Republik im April 1990 verkündet, aber der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung hatte mehr als sechzehn Jahre gedauert, sechzehn Jahre des Hungers, der Armut, des Krieges und des Todes, sechzehn Jahre der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wurde es anders? In Kinshasa waren viele vom Tag eins an skeptisch. Kabila galt als ein Kandidat der westlichen Welt. Auch wenn die Wahlen alles in allem korrekt abgelaufen waren, hatten die Einwohner Kinshasas, die Kinois, nicht vergessen, wie Louis Michel, der ehemalige EU-Kommissar für Entwicklungszusammenarbeit und frühere belgische Außenminister, der in Zentralafrika sehr aktiv war, wie dieser &#039;&#039;big Loulou&#039;&#039;, mit seiner Zigarre und seinem Schultergeklopfe und seinem dröhnenden Lachen, wie dieser Mann, der für viele Kongolesen das Gesicht der stets verschwommenen »internationalen Gemeinschaft« war, im Fernsehen in einem eher unbedachten Moment geäußert hatte, Kabila verkörpere »die Hoffnung für den Kongo«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der streitbare Priester, der den Marsch der Hoffnung organisiert hatte, äußerte sich darüber sehr verächtlich. »Ich habe von 1990 bis 1995 für andere Wahlen gekämpft als für den Maskenzug, den wir jetzt bekommen haben. Das war eine Parodie, orchestriert von der internationalen Politik- und Finanzmafia! Ich wollte Tshisekedi wählen, aber der hatte sich selbst ins Abseits manövriert, also habe ich dann eben für Bemba gestimmt. Sie haben uns eine kleine Nebenrolle spielen lassen. Es war ein einziger großer, mafiöser Schwindel. Uns hat es nichts gebracht. Die internationale Gemeinschaft hat für viel Geld den von ihr bevorzugten Präsidenten gekauft, aber wir hätten besser selbst eine Kollekte abhalten sollen, um die Wahlen zu finanzieren und unsere Wahlurnen zu zimmern. Dann wären es wenigstens unsere Wahlen gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr kritische Äußerungen – doch sie waren keine Ausnahme in der Hauptstadt. Wahlkommissar Pascal Rukengwa kam aus dem Osten, wo Kabila einen Großteil der Stimmen erhalten hatte. Am 6. Dezember war er bei der Vereidigung des Präsidenten zugegen, aber was er dort sah, war nicht besonders beeindruckend. Ja, es gab viele hohe Gäste, viele Staatsoberhäupter. Ja, Tshala Mwana sang wunderbar. Aber alles wirkte so dilettantisch. »Es gab nicht genug Stühle. Die Leute standen stundenlang in der Sonne. Ich hatte eine Einladung zum Diner, aber es war ziemlich chaotisch. Im Saal saßen lauter Leute, die gar nicht eingeladen waren, und ich kam nicht rein. Kurz, es war nicht gerade gut organisiert, nicht besonders professionell.« Sicher, das waren alles nur Äußerlichkeiten, aber auch inhaltlich fand Pascal es recht zweifelhaft. Westliche Beobachter waren über die Ansprache des Präsidenten erfreut. Sprach er nicht voller Energie über »die fünf Baustellen«, &#039;&#039;les cinq chantiers&#039;&#039;, des nationalen Wiederaufbaus? Meinte er damit nicht Infrastruktur, Wasser und Elektrizität, Bildung, Arbeit und Gesundheit? Sagte er nicht wörtlich, dass »die Erholungspause vorbei« sei?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal war sich da nicht so sicher: »Ich habe nicht daran geglaubt. Diese Sache mit den &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039;, das fand ich ziemlich albern. Wenn sich eine Regierung nicht sowieso um diese wesentlichen Aufgaben kümmert, um was dann? Er brauchte doch keinen Wahlkampf mehr zu führen. Die Erholungspause ging einfach weiter, so sehe ich das. Er war derselbe unschlüssige, unbewegliche Mann. Nun ja, von heute aus gesehen war ich noch wohlmeinend damals.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man den Kongo am Vorabend der Dritten Republik beschreiben? Statistiken, Prozente und Zahlen reichen nicht. Die Welt offenbart sich in Krümeln und Staub. Wie beschreibt man dieses unermessliche Gebiet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es ein fruchtbares Land war, in dem viele nur einmal in zwei Tagen etwas zu essen hatten? Dass zahlreiche Menschen Hämorrhoiden bekamen durch die einseitige Ernährung mit Maniok? Dass Menschen, die kein Geld hatten, um sich Hämorrhoidensalbe zu kaufen, falls es überhaupt welche zu kaufen gab, dann eben billige Importzahnpasta zu diesem Zweck verwendeten? Ja, das haben mir gute Freunde erzählt. Schnittwunden behandelten sie mit Bremsflüssigkeit, Brandwunden mit Vaginalsekret. Schuhe putzten sie mit einem Gratiskondom, Gleitmittel ließ das Leder glänzen. Frauen, die vollere Gesäßbacken haben wollten, steckten sich, so hieß es, einen Maggiwürfel in die Vagina. Andere machten sich einen Einlauf mit Rinderbouillon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Ein Land, das kein Staat war, aber mehr als eine halbe Million Beamte zählte, die Hälfte davon ältere Männer und Frauen, die nicht in Pension gingen, weil es das nicht gab, und deshalb hin und wieder noch im Büro erschienen, wo sie zwischen Schränken, die von verschimmelten und von Termiten angefressenen Akten überquollen, auf ein bisschen Gehalt hofften und von einem bisschen Verwaltung träumten.8 Per Hand beschrieben sie Berge von Papier, mit großer Ehrfurcht respektierten sie die Amtshierarchie, denn wenn der Staat virtuell ist, ist er deshalb nicht irreal – im Gegenteil. In Bunia landete ein Brief, ehe er beantwortet wurde, in siebzehn verschiedenen Amtsstuben.9 In Boma begegnete ich einem städtischen Bibliothekar ohne Bibliothek.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Durch den Urwald in der Provinz Équateur zog ein Mann mit einem Schwein. Er war auf dem Weg von seinem Dorf zum Kongofluss. Dort würde er warten, bis ein Schiff vorbeikam, was einmal im Monat passierte. Wenn sich so ein Schiff näherte – eher ein schwimmendes Dorf mit einem Marktplatz, einem Gericht und einer Menagerie –, würde er sich in einem Einbaum längsseits paddeln lassen, um sein stattliches rosa Schwein, das ein Jahr alt war, an die Mannschaft zu verkaufen oder an einen der Passagiere, die sich laut rufend über die Reling beugten. Aber der Fluss war noch weit, zweihundertfünfzig Kilometer. Einsam wanderte er durch den Wald, drei Wochen lang, manchmal trug er sein Schwein, dann wieder ließ er es an einem Strick laufen. Nachts schlief er neben dem Tier. Der Fluss war noch weit, schrecklich weit. Und er trug nur ärmliche Schlappen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufgabe, vor der Kabila stand, war alles andere als einfach. Beherzt ließ er schriftlich festlegen: »Es werden Sorgfalt herrschen und Disziplin. Ich werde die Dinge von Neuem entschlossen in die Hand nehmen und die Kontrolle über die Lage zu 100 Prozent zurückgewinnen.«11 Die neue Verfassung sorgte jedenfalls für ein ausgeklügeltes System von &#039;&#039;checks and balances&#039;&#039;. Das Regierungssystem des Kongo war weder präsidentiell noch parlamentarisch, sondern eine Mischform (das Staatsoberhaupt ernannte den Premierminister, aber das Parlament konnte im Fall von Hochverrat gerichtliche Schritte gegen beide einleiten). Der Kongo war weder ein zentral organisierter noch ein föderalistischer Staat, sondern etwas dazwischen (die Provinzen wurden kleiner, aber erhielten mehr Kompetenzen und Mittel). Der Kongo bekam eine Nationalversammlung &#039;&#039;und&#039;&#039; einen Senat (die Nationalversammlung wurde direkt, der Senat von den Provinzräten gewählt). Und es wurde ein Verfassungsgericht mit weitgehenden Befugnissen eingeführt, das bei Differenzen zwischen Premierminister und Präsident schlichten sollte. Diese komplizierte Konstruktion sollte verhindern, dass eine der Institutionen zu viel Macht auf sich vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Gefahr war für Parlament und Regierung ziemlich gering. Das Parlament bot einen stark fragmentierten Anblick: Die fünfhundert Mitglieder repräsentierten rund siebzig Parteien, nebst noch einmal vierundsechzig Einmannparteien. Die beiden großen Parteien, die von Kabila und die von Bemba, hatten nur 175 Sitze inne, aber nicht einmal sie hatten einen stärkeren Zusammenhalt. Die Regierung war ein adipöses Monster mit sechzig Ministern, nicht, weil so vieles zu regeln war, sondern weil so viele besänftigt werden mussten. (Später würde die Regierungsmannschaft auf fünfundvierzig Ressorts schrumpfen, noch immer doppelt so viel wie unter Lumumba 1960.) Der einundachtzigjährige Premierminister Gizenga genoss anfangs großes Ansehen, aber schon bald zeigte sich, dass er seinen Ruf mehr den alten Zeiten als seiner aktuellen Arbeit verdankte. Einer seiner Minister trug die merkwürdige Bezeichnung »ministre près le Premier ministre«. Ein Minister beim Premierminister? In der Praxis hatte der gute Mann die Aufgabe, den Premierminister bei Sitzungen wachzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Januar 2007, nach nicht einmal zwei Monaten, bekam man bereits einen deutlichen Eindruck von der neuen politischen Kultur. Die Provinzräte mussten ihre Provinzgouverneure wählen, und die Ergebnisse wichen, vorsichtig ausgedrückt, stark von den Erwartungen ab. Die PPRD, Kabilas Partei, siegte in acht der neun Provinzen, auch dort, wo sie bei den Parlamentswahlen keinen Blumentopf hatte gewinnen können – nur die Provinz Équateur bekam einen Gouverneur aus dem Stall von Bemba. Es war verschwenderisch mit Schmier­geldern umgegangen worden; Kandidaten, die es nicht geschafft hatten, verlangten hinterher sogar öffentlich ihr Bestechungsgeld zurück.12 Mitglieder des Provinzrates gaben nach der Wahl zu, Schmiergelder angenommen zu haben. Dieser Betrug erzeugte so viel böses Blut in Bas-Congo, dass es zu Unruhen kam. Nur wenige wollten einen Kabila-Anhänger an der Spitze ihrer ruhmreichen Provinz. Bundu-dia-Kongo, eine ethnische religiös-politische Bewegung, die sich schon in der Mobutu-Ära für die Rechte der Bakongo eingesetzt hatte, rief zu Protesten auf. Die Bewegung träumte von der Wiedererrichtung des historischen Kongo-Reichs, das sich von Angola bis Kongo-Brazzaville erstreckt hatte. Bei Demonstrationen in Moanda, Boma und Matadi kam es zu schweren Zwischenfällen: Zehn Polizisten wurden getötet, worauf die Armee das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Folge: 134 Tote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 2007 entschied sich Kabila erneut für Gewalt. Während der 1+4-Zeit hatte Bemba als Vizepräsident das Recht auf eine Privatmiliz gehabt. Jetzt war er nur noch Senator, weigerte sich aber, auf die Miliz zu verzichten. Eigentlich war es ein Unding, dass er noch immer über eine Truppe von fünfhundert Freibeutern verfügte. Doch nach dem Beschuss seines Hauses im August war er nicht zu Unrecht um seine Sicherheit besorgt. Zudem verfügte Kabila mit seiner Garde Répu­blicaine über eine Privatarmee von fünfzehntausend Mann! Dieses Elitekorps hatte er während des Überganges aufgebaut. Am 21. März eröffneten Kabilas Männer auf dem Boulevard du 30 Juin, der belebtesten Straße der Stadt, das Feuer. Drei Tage lang lag in Kinshasa alles lahm. Büros und Botschaften wurden von Granaten getroffen. Kreisverkehrsplätze waren mit Leichen übersät. Ein Brennstofftank flog in die Luft. Mehr als dreihundert Menschen kamen uns Leben, vielleicht sogar fünfhundert. Anschließend verhafteten und folterten die Sicherheitsdienste des Präsidenten noch 125 Personen, von denen die meisten aus der Provinz Équateur stammten, und ermordeten Dutzende von ihnen.13 Bemba selbst floh nach Portugal; gegen ihn lag zwar ein internationaler Haftbefehl vor, aber er verließ sich auf seine Immunität als Senator. Doch im Mai 2008 wurde er in Brüssel festgenommen und dann an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird Disziplin geben«, hatte Kabila gesagt. Sein gewalttätiges Vorgehen im August, Januar und März ließ allerdings wenig Gutes ahnen. Es rief Erinnerungen daran wach, wie sich Mobutu kurz nach seinem Putsch Respekt verschafft hatte, indem er vier Minister durch den Galgen hinrichten ließ. Kabilas Garde Républicaine erinnerte an Mobutus DSP, seine Nachrichtendienste an die des alten Präsidenten. Aber entsprach das auch der Realität? Vielleicht war es viel tragischer, viel banaler. In allen drei Fällen ging es um Scharmützel, die aus dem Ruder gelaufen waren und unbeabsichtigt mit einem Blutbad geendet hatten. Kabila konnte es natürlich nicht zugeben, aber diese Vorfälle zeigten eher, dass er seine Soldaten nicht unter Kontrolle hatte, nicht einmal seine eigene Elitetruppe, als dass es sich um geplante Aktionen gehandelt hatte. Mobutu hatte beweisen wollen, dass er eine starke Persönlichkeit mit starken Prinzipien war, Kabila musste verbergen, dass er eine schwache Persönlichkeit, umgeben von schwachen Institutionen, war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nutzte nichts: Schon bald schwirrte Kinshasa vor Gerüchten, dass Kabila kokainsüchtig sei, nein, dass er ganze Tage Nintendo spielte, nein, dass er beschossen worden sei und sich deshalb so selten zeige. Die Leute suchten die abenteuerlichsten Erklärungen für den Eindruck der Untätigkeit. &#039;&#039;»Après les élections = avant les élections«&#039;&#039;, murmelten sie, eine sarkastische Anspielung auf die Unabhängigkeit von 1960. Auch im Osten des Landes sank Kabilas Popularität rasant. Kabila hielt niemals eine Rede in einem proppenvollen Stadion. Selten sah man ihn lachen, selten trat er in der Öffentlichkeit auf. Nur im Fernsehen erschien er hin und wieder: Wie eine Sphinx saß er dann an seinem Schreibtisch und verlas eine Erklärung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch war zu Beginn der Dritten Republik hier und da ein neuer Elan zu spüren. Das große, schwerfällige Parlament stimmte in den ersten zehn Monaten seiner Existenz über fünfzehn Gesetze ab, richtete Interpellationen an sechzehn Minister, setzte acht Untersuchungsausschüsse ein und beriet über den Etat. Es wurden Ermittlungen wegen Korruptionsskandalen und widerrechtlichen Bergbauverträgen eingeleitet.14 In Lubumbashi zeigte sich das noch deutlicher, als der öffentliche Raum in beeindruckender Weise instand gesetzt wurde. Die Schlaglöcher in den Straßen wurden aufgefüllt, Schulen und Schulhöfe wurden renoviert, 1600 Müllbehälter wurden aufgestellt, und eine Müllabfuhr wurde eingerichtet.15 Als ich im Juni 2007 dort war, sah ich Arbeiter, die die Straßenbeleuchtung an den langen, schnurgeraden Alleen kontrollierten und die Bäume stutzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Aktivitäten waren freilich immer ein paar tatkräftigen Einzelpersonen zu verdanken. Das Parlament arbeitete dank seines dynamischen Vorsitzenden Vital Kamerhe, eines Vertrauten des Präsidenten, der sich auf die Kunst verstand, uferlose Debatten auf den Punkt zu bringen und Entscheidungen herbeizuführen. Katanga zeigte wieder Initiative dank Moïse Katumbi, einem weltläufigen Geschäftsmann, der so gerissen wie populär war und &#039;&#039;le grand chef&#039;&#039; in Kinshasa bedingungslose Loyalität entgegenbrachte. Kabila brauchte dynamische Persönlichkeiten wie ihn, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es gut stand um seine »cinq chantiers«, zugleich aber achtete er darauf, dass sie ihn nicht an Popularität überflügelten. Für 2011 standen ja wieder Wahlen an.[1] Als der allerorts geschätzte Parlamentsvorsitzende Kamerhe im Januar 2009 öffentlich Kritik an Kabilas militärischem Vorgehen im Osten äußerte, wurde er zum Rücktritt gezwungen, und die neue Regierung verlor eine ihrer intelligentesten Kräfte. Katangas Gouverneur Katumbi hält sich seitdem für seine Verhältnisse auffallend zurück. Sein voluntaristisches Vorgehen illustrierte zunehmend auch die Nachteile einer stark von Einzelpersönlichkeiten abhängenden Verwaltung. Im Juni 2007 sah ich, dass das städtische Krankenhaus von Lubumbashi gerade zwei völlig neue Kühlkammern für Leichen sowie einen Transportwagen für Verstorbene bekommen hatte. &#039;&#039;Don de Moïse&#039;&#039; stand in Riesenbuchstaben an beiden Geschenken. Großzügig, das ja. Aber das Krankenhaus selbst, immerhin das zweitgrößte des Landes, hatte schon seit vier Jahren keinen Tropfen Wasser mehr bekommen.16 Wenn die Kranken die Toilette aufsuchten, mussten sie durch vier Zentimeter Kot und Urin waten. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wahlen hatten unsagbar viel Geld gekostet und sehr hohe Erwartungen geweckt, aber das Ergebnis sah schon bald recht dürftig aus. Nach bewährtem Brauch erhöhten die Parlamentarier ihre Monatsdiäten kräftig – auf 4500 Dollar 2007 und auf 6000 Dollar 2008 – und beglückten sich und ihren Sekretär mit einem funkelnagelneuen Nissan Patrol; das war einer der seltenen Tagesordnungspunkte, über die es kaum Differenzen gab.17 »Ich kapier es nicht«, sagte einmal ein Kinois zu mir, »im Wahlkampf haben uns alle Kandidaten direkt in die Augen geblickt, und das Erste, was sie tun, wenn sie gewählt sind, ist, in einem Geländewagen mit getönten Scheiben herumzukurven, damit sie uns nicht mehr sehen müssen.« Wichtige Vorhaben wie die Armeereform, die Dezentralisierung der Verwaltung und die Reorganisation der Justiz blieben deshalb liegen, mit den entsprechenden Konsequenzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Krankenhaus von Lubumbashi wurde ich Luc vorgestellt, einem sehr sympathischen jungen Mann. Er saß im Rollstuhl. Neun Monate zuvor war er festgenommen worden, als er nachts versuchte, eine Rolle Stromkabel zu stehlen. In Ermangelung einer formalen Gerichtsbarkeit herrschen überall im Kongo Volksgerichte. Die Meute rächte sich, indem sie Lucs Hände und Füße mit Benzin übergoss. Er sah sich selbst verbrennen. Der linke Fuß, der rechte Fuß, die linke Hand. Monate später ging er zur Toilette und sah, wie seine rechte Hand abfiel. Nun hat er nur noch einen Daumen. Den Rollstuhl kann er nicht bedienen. Aber das Rechtswesen ist noch immer ein Hohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leistung der Minister war dementsprechend. Im Oktober 2008 ersetzte Kabila den vor sich hin dösenden Premierminister Gizenga durch Adolphe Muzito, der bis dahin Haushaltsminister gewesen war: ein biederer und ungefährlicher Mann, der seither nichts Nennenswertes auf die Beine gestellt hat, aber in vielen Fällen unter Korruptionsverdacht geraten ist. Auch die meisten Minister zeigten nicht gerade viel Gestaltungswillen, abgesehen von ein paar notorischen Ausnahmen. Warum sollten sie auch? Wenn sie sich rührten, riskierten sie, sich die Gunst des Präsidenten zu verscherzen und ihr lukratives Amt zu verlieren (wie es Ende Februar 2010 geschah, als Kabila seine Regierungsmannschaft wieder einmal umgestaltete und zwanzig neue Exzellenzen zum Bankett lud). Außerdem fielen die politischen Entscheidungen ohnehin anderswo, nämlich in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten. Die wahre Macht in der Dritten Republik liegt nicht bei den demokratischen Institutionen des Landes, sondern bei ein paar Vertrauten des Präsidenten, zu denen auch seine Mutter und seine Zwillingsschwester gehören. Oft sind es Leute wie Augustin Katumba Mwanke, die ihre Rolle weniger ihrem Charisma oder ihrer Kompetenz verdanken als vielmehr ihrer jahrelangen Loyalität gegenüber Kabila. So ist der mächtigste Mann für militärische Angelegenheiten seit 2009 John Numbi. Er ist weder Verteidigungsminister noch Stabschef der nationalen Armee, sondern Generalinspekteur der Polizei und schon seit geraumer Zeit ein Günstling des Präsidenten. Seine militärische Ausbildung ist nicht erwähnenswert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lichtblicke? Ja, ein paar. Die Währung war bis zur weltweiten Finanzkrise im September 2008 relativ stabil: fünfhundert Kongolesische Franc entsprachen einem US-Dollar. Danach stieg der Wechselkurs auf neunhundert Kongolesische Franc für 1 US-Dollar. Der Staatshaushalt wuchs Jahr um Jahr, betrug aber 2010 immer noch nur 4,9 Milliarden Dollar, ein Betrag, vergleichbar mit dem Jahresbudget einer mittelgroßen Stadt in Europa oder der Hälfte der Finanzmittel der New Yorker Columbia University während eines akademischen Jahres. Damit lässt sich der Wiederaufbau eines riesigen Landes, dessen Infrastruktur in Trümmern liegt, nicht finanzieren. Die Hälfte dieses Geldes wird zudem von internationalen Spendern ausgespuckt; ein Viertel der Summe fließt in den Schuldendienst. Das Bruttoinlandsprodukt stieg jährlich um einige Prozent, hauptsächlich dank des Bergbaus, aber auch dieser Wirtschaftssektor ist nach wie vor völlig abhängig von ausländischem Kapital.18 2009 betrug das BIP pro Kopf zweihundert US-Dollar, bedeutend mehr als die achtzig Dollar im Jahr 2000, aber noch immer weit entfernt von den 450 Dollar im Jahr 1960. Um das heutige Niveau des Nachbarlandes Kongo-Brazzaville zu erreichen (4.250 Dollar pro Kopf pro Jahr, dank des Öls), muss die Bevölkerung bis 2040 warten, heißt es in einem internen Dokument des Premierministers vom Februar 2010. Vorausgesetzt werden dabei außerdem ein jährliches reales Wachstum von 13 Prozent und eine unveränderte Bevölkerungszunahme von 3 Prozent.19 Makroökonomisch zeichnet sich also ein leichter Fortschritt ab; allerdings besagen solche Tendenzen nichts über das Leben der einfachen Menschen. Der Human Development Index, den die UNO jährlich für alle Länder aufstellt, ermöglicht eine viel bessere Sicht auf die wirtschaftliche Lage der Bürger als das BIP pro Kopf der Bevölkerung, da er den Alphabetisierungsgrad, die Bildung, das Gesundheitswesen und die Lebenserwartung einbezieht. Und dabei strandete der Kongo im Jahr 2006 auf dem elftletzten Platz der Welt; 2009 stand das Land an siebtletzter Stelle. Keine ermutigende Entwicklung.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitschrift &#039;&#039;Foreign Policy&#039;&#039; veröffentlicht jährlich, gemeinsam mit &#039;&#039;The Fund for Peace&#039;&#039;, den &#039;&#039;Failed States Index&#039;&#039;, eine Liste der sechzig Staaten, die am meisten vom inneren Zerfall bedroht sind. 2009 landete der Kongo auf Platz fünf, noch vor dem Irak, und verschlechterte sich damit um zwei Plätze gegenüber dem Jahr 2007.21 Nach einer leichten Verbesserung droht der Kongo erneut in einen Zustand des Chaos und der Misswirtschaft abzugleiten. Der &#039;&#039;Doing Business Index&#039;&#039; für 2010 setzte das Land auf Platz Nummer 182 von 183 Ländern, nur die Zentralafrikanische Republik konnte den Kongo noch »übertreffen«. Wer im Kongo ein Unternehmen gründen möchte, muss 149 Werktage für die notwendigen Behördenangelegenheiten einplanen. Bis man eine Baugenehmigung in der Hand hält, kommt man leicht auf 322 Werktage. Durchschnittlich bezahlt man mehr als dreißig Mal im Jahr Steuern. Die Gewinnsteuer beträgt fast 60 Prozent – Geld, das nie beim einfachen Kongolesen ankommt.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was beim einfachen Kongolesen ankommt, sind Krankheiten. Die Kindersterblichkeit ist weltweit mit auf dem höchsten Stand: 161 von 1000 Kindern erreichen das Alter von fünf Jahren nicht. Eins von drei Kindern unter fünf hat mit Untergewicht zu kämpfen. Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt sechsundvierzig Jahre. Ungefähr 30 Prozent sind Analphabeten, 50 Prozent der Kinder besuchen keine Grundschule, 54 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es nicht zu einem Aufstand kommt! Innerhalb von achtzehn Monaten, so das Fazit eines Ermittlungsberichts der Regierung im Jahr 2007, verschwanden 1,3 Milliarden Dollar in den Taschen von drei staatlichen Finanzinstituten und sechs Staatsbetrieben.24 Ein schwindelerregender Betrag, aber der Volkszorn blieb aus. Als das Parlament unter Kamerhe sechzig Bergbauverträge mit internationalen Konzernen wie Anvil Mining, De Beers, BHP Billiton, AngloGold Kilo und Tenke Fungureme Mining analysierte, erwies sich nicht ein einziger dieser Verträge als angemessen.25 Der Staatsbetrieb Gécamines brachte im Jahr 2008 nur zweiundneunzig Millionen Dollar in die Kasse, dabei hätten es vierhundertfünfzig Millionen sein können.26 Die Diamantminen von Bakwanga und die Goldminen von Kilo-Moto warfen so gut wie gar nichts ab. Aber Empörung? Wehrhaftigkeit? Wut? Ja, hin und wieder streiken Beamte und Lehrer, aber der einfache Kongolese fügt sich in sein Schicksal und schämt sich fast für die Hoffnung, die er vor den Wahlen für kurze Zeit gehegt hatte. &#039;&#039;»Ça va un peu«&#039;&#039;, antwortet er auf die Frage, wie es ihm geht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im November 2008 unterhielt ich mich darüber mit Alesh, einem dreiundzwanzigjährigen Rapper aus Kisangani und einer der großen Hoffnungen des kongolesischen Hip-Hop. Rap ist ein relativ junges Genre im Kongo, aber für Alesh ist es eine Möglichkeit, die Lethargie zu durchbrechen. In seinem Stück »Bana Kin« zeigt er mit dem Finger anklagend auf die abstumpfende Musikszene von Kinshasa: »Deine Musik ist reich und zeigt die Tradition / aber ethisch enthält sie keine Kontradiktion.« Musiker wie Werrason und Mpiana rütteln die Nation nicht auf, auch wenn ihr kommerzielles Tralala vielleicht einen künstlerischen Wert hat. Ebenso differenziert denkt Alesh über Religion nach: »Ich hab nichts gegen das Gebet / aber für sie wurde es zum Moskitonetz / das sie an die Armut fesselt / wie in einem Spinnennetz.« Das Gespräch mit Alesh war ein Gespräch mit einer jungen, selbstbewussten Generation, frei von kolonialen oder postkolonialen Minderwertigkeitskomplexen: »Wir müssen es wagen, uns selbst zu kritisieren, zu viele Träume sterben, weil die Hoffnung fehlt.« 2008 brachte er »L&#039;élu« heraus, ein schonungsloses Stück, in dem er die gewählten Volksvertreter an ihre Versprechen erinnerte: »Missbrauchen Sie nicht, Exzellenz, all ihre Sonderrechte / Sie verwöhnen sich, Konsequenz: das Volk wünscht Ihnen alles Schlechte.«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren die Wahlen denn völlig überflüssig? Eine schwierige Frage. Zweifelsohne hatten sie für Millionen Bürger eine große symbolische Bedeutung. Dass die Stimmen mit so großem Eifer abgegeben und ausgezählt wurden, bewies, dass die Wahl nicht nur ein Phantasieprojekt der internationalen Gemeinschaft war. Aber ihr größter Gewinn resultierte eher aus der Zeit der Vorbereitung und aus dem Urnengang an sich; das Ritual war mindestens so wichtig wie das Ergebnis. Es war schließlich eine Illusion, zu hoffen, korrekte Wahlen würden automatisch zu einer korrekten Demokratie führen. Der Westen experimentiert schon seit zweitausendfünfhundert Jahren mit demokratischen Regierungsformen, aber schwört noch kein Jahrhundert auf allgemeines Stimmrecht in freien Wahlen. Warum erwartet er dann, dass diese Methode wie durch Zauberhand eine tief verwurzelte politische Kultur der Korruption und Klientelwirtschaft in einen demokratischen Rechtsstaat nach skandinavischem Vorbild verwandeln kann? Noch dazu in einer Region, die in vorkolonialer, kolonialer und nachkolonialer Zeit kaum etwas anderes kannte als autokratische Herrschaftsformen? Wie naiv muss man sein, um zu glauben, es würde schon alles von allein gehen nach diesem ersten Impuls durch die Wahlen? Demokratie muss das Endziel sein – sie ist nun mal die am wenigsten schlechte aller Regierungsformen –, aber im Kongo herrschte ausgesprochen wenig Interesse an den dringend notwendigen Schritten auf dem Weg zu einem demokratischen System und einem konkreten Zeitplan dafür. Jef Van Bilsen war 1955 von dreißig Jahren für die Umwandlung einer Kolonie in einen souveränen Staat ausgegangen – heute aber ist die Situation in vieler Hinsicht um einiges miserabler als damals. Freie Wahlen sollten nicht der Anstoß zu einem nationalen Demokratisierungsprozess sein, sondern ein Schlussstein, oder jedenfalls einer der späteren Schritte. Frieden, Sicherheit und Bildung müssen vorausgehen, und auch Kommunalwahlen, die die Bildung einer im Volk wurzelnden Kultur der politischen Verantwortung anregen können. Diese lokalen Wahlen sollten im Prinzip vorher stattfinden, Kabila aber legte sie auf Eis und kümmerte sich nicht mehr darum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politikexperten aus dem Westen leiden oft an Wahl-Fundamentalismus, so wie Makroökonomen des IWF und der Weltbank vor noch nicht allzu langer Zeit kollektiv an Marktfundamentalismus litten: Sie glauben, es sei damit getan, die formalen Anforderungen eines Systems zu erfüllen, damit noch in der ausgedörrtesten Wüstenei tausend Blumen erblühen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz legte jedoch dar, dass es bei der Einführung einer Marktwirtschaft auf &#039;&#039;sequencing and pacing&#039;&#039; ankommt.28 Nicht das ausgezeichnete Saatgut steht am Anfang, wenn man in der Wüste etwas anbauen will. Und bei der Einführung einer Demokratie ist es ähnlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihrem Enthusiasmus, Demokratie durch die formale Prozedur einer Wahl ein für allemal zu installieren, hat die internationale Gemeinschaft im Kongo vor allem sich selbst ins Abseits manövriert. Demokratie war das Ziel, Schweigepflicht das Resultat. Denn als demokratisch gewählter Präsident eines erneuerten souveränen Landes duldete Kabila keine unerwünschten ausländischen Beobachter mehr – nach vier Jahren Bevormundung durch das CIAT reichte es ihm jetzt. Zynisch ausgedrückt: Amerika und Europa haben enorme Geldsummen in den Kongo gesteckt, um sich selbst diplomatisch mundtot zu machen. Nun kann man zwar mit Krediten winken und Bedingungen für &#039;&#039;good governance&#039;&#039; an die Vergabe knüpfen (vor allem beim IWF und der Weltbank ist das das neue Schlagwort, und auch die EU fällt in den Chor ein), aber warum sollte man als afrikanisches Staatsoberhaupt auf diese Avancen eingehen, wenn China viel mehr Geld bietet und dabei nicht so viele Umstände macht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Politikwissenschaftler behaupten – als Hilfshypothese –, nach drei, vier Urnengängen werde es schon in die richtige Richtung gehen. Man dürfe nicht vorschnell verzweifeln. Es sei normal, wenn ein Land erst noch ein bisschen stottere. Wiederholte Wahlen können tatsächlich eine Dynamik der Verantwortung hervorbringen, das stimmt, politische Führer können sich berufen fühlen, gute Regierungsführung anzustreben. Aber genauso gut kann es zu einem leeren Ritual werden, das autokratischen Regimen eine dünne Firnisschicht Legitimität verschafft. Es ist noch viel zu früh, um zu entscheiden, ob die Wahlen tatsächlich einen Beitrag zur Demokratie im Kongo leisten. Erwähnt werden muss jedoch, dass Kabila im September 2009 im Hinblick auf die Wahlen von 2011 (s. Anm. Seite 597) und 2016 einen Ausschuss eingesetzt hat, der sich mit der Frage befassen darf, ob die Amtszeit des Präsidenten nicht von fünf auf sieben Jahre erhöht werden kann und ob die in der Verfassung verankerte Beschränkung auf zwei Mandate nicht gestrichen werden muss, sodass seine stetige Wiederwahl möglich wäre.29 Erwähnt werden muss auch, dass ebenfalls im Jahr 2009 mehrere Menschenrechtsaktivisten wegen ihrer kritischen Haltung verhaftet wurden.30 Ein Intimus des Präsidenten (der nicht wusste, dass ich wusste, dass er ein Intimus war) sagte zu mir einmal bei einem Lunch kurz vor den Wahlen beiläufig: »Mandela war doch viel zu westlich als Präsident; Mugabe und Mobutu, das sind echte afrikanische Führer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende November 2008. Ich saß mit zwei Brüdern, beides junge Theater­macher, in einem kleinen indischen Restaurant in Goma, gegenüber vom MONUC-Hauptquartier. Unter einem Vordach warteten wir geduldig auf unser Essen, als ich einen Anruf bekam. Aus der Fahrt morgen würde nichts, erfuhr ich, der Fahrer hatte eine Panne gehabt, die Batterie war leer oder das Benzin alle, nein, nein, es sei kompliziert, ich könne ihm nicht helfen, es täte ihm wirklich sehr leid, und er wünsche mir noch einen guten Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ça va?«, fragte Sekombi, der Ältere der beiden, als ich mein Handy zuklappte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte ich, »ich hatte alles geregelt, um morgen zu Nkunda zu fahren, und jetzt höre ich, dass es nicht klappt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte einen Jeep organisiert, einen Fahrer, Sprit und einen Führer, der das Rebellengebiet kannte. Ich hatte noch am Vormittag bei der lokalen Abteilung des Ministeriums für Kommunikation und Medien eine Presseakkreditierung für 250 Dollar erworben – das teuerste Din-A4-Blatt meines Lebens –, ich hatte Passfotos machen lassen, ich hatte bei der Staatssicherheit vorsprechen müssen. Ich hatte dem Verantwortlichen der MONUC von meinem Vorhaben erzählt. Und, das Wichtigste von allem: Ich hatte mit der Nummer zwei von Nkundas zivilem Stab telefoniert. Es war nicht einfach gewesen, ihn im Rebellengebiet zu erreichen, wo es kaum Handyempfang gab, aber die Verabredung stand: Am nächsten Morgen um neun würde er mich bei einem alten Missionsposten erwarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sollen &#039;&#039;wir&#039;&#039; fahren?«, unterbrach Sekombi mein Lamento.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sekombi und Katya, sein jüngerer und schweigsamer Bruder, waren taffe Burschen. Um in dem zerschossenen und mit Lava bedeckten Goma ein Zentrum für junge Künstler zu gründen, musste man über eine Menge Enthusiasmus verfügen. Ihr ältester Bruder, Petna, hatte es begonnen. Einen Monat zuvor stand Nkunda vor der Stadt, und Kabilas FARDC begann zu plündern, doch das Kulturzentrum der Brüder Katondolo setzte sein eigenwilliges Filmfestival ungerührt fort. Aber jetzt mit zwei Künstlern in ein Kriegsgebiet fahren? Und dann noch mit ihrem klapprigen Jeep?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Habt ihr denn Papiere?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Nkunda gelangte man durch drei Straßensperren der FARDC, ein paar Kilometer Niemandsland und dann durch drei Sperren von Nkundas CNDP. Die Sperren der Rebellen seien kein Problem, hatte man mir versichert, Nkunda habe seine Truppen im Griff. Aber die Kontrollen der staatlichen Armee konnten ein Albtraum sein. Pässe und Presseausweise boten nicht immer eine Garantie gegen das Aus­leben von Frustrationen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Sekombi, »aber wir haben unsere Haare.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bitte? Ich verschluckte mich fast an meinem &#039;&#039;poulet tikka masala,&#039;&#039; das nach zwei Stunden Wartezeit dann doch aufgetischt worden war. Ich betrachtete ihre etwas abstehenden Haare. Mit viel gutem Willen konnte man einen Ansatz zu Dreadlocks entdecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir sind Rastas. Alle lieben uns. &#039;&#039;Nous sommes cool.&#039;&#039; Sie werden uns schon durchlassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es tagte schon, als wir kurz nach sechs die Stadt verließen. Wir hatten den Tank gefüllt und ein paar Schachteln Zigaretten gekauft. »Immer nützlich«, sagte Sekombi, ein Nichtraucher, und aß einen Keks. Der Jeep holperte über die Fahrbahn. Das Steuer war rechts: Fast alle Autos im Osten des Kongo kommen aus den Nachbarländern, die früher britische Kolonien waren. In der Ferne tauchte die Silhouette des zweitausend Meter hohen Nyiragongo auf, um die Spitze des Vulkans hing seine ewige Rauchfahne. Sekombi war in lyrischer Stimmung. »Der Vulkan ist unsere Mutter, unsere Schwester und unsere Geliebte in einem. Wenn ich die Rauchfahne sehe, muss ich an eine große Brust denken, die ständig Milch gibt. Wer einmal davon getrunken hat, kehrt immer zurück.« Aber manchmal spie diese Brust schwarze Milch: 2002 begrub der Vulkan halb Goma unter seiner Lava. Bei manchen Häusern wurde der erste Stock zum Erdgeschoss. Es war, als ob die Stadt sich selbst asphaltieren würde. Goma, die schwarze Stadt in einem rostbraunen Land, ist der einzige Ort im Kongo mit Straßen, die statt Schlaglöchern Buckel haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stück weiter nordwärts stießen wir auf die ersten Flüchtlingslager, jene Lager, in denen 1994 die ruandischen Hutu Schutz gesucht hatten. Nun boten sie einer Viertelmillion Bürgern, die vor Nkunda geflohen waren, eine Unterkunft. Ein Festival-Campingplatz ohne Festival, ein deprimierendes Durcheinander von Zeltplanen und Pappe. Immer ist irgendjemand auf der Flucht in Nord-Kivu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach acht Kilometern kamen wir zur ersten Straßensperre. Zwischen zwei Ölfässern hing ein dünnes Seil, an dem ein Zweig baumelte; ein halbes Dutzend Soldaten lungerte herum. Das Autofenster ging runter. »Ya, man!«, lachte Sekombi den Khaki-Uniformen zu. Sein Bruder Katya saß schweigend auf dem Rücksitz, aber trug das Markenzeichen des wahren Rasta: eine dicke Wollmütze. »Rastaman!«, grölten die Soldaten ausgelassen, »wowoow!« Sie ulkten herum, sie laberten alles Mögliche, sie nahmen Zigaretten von uns an und wünschten uns einen prima Tag. &#039;&#039;»Peace and love!«,&#039;&#039; beendete Sekombi die Grenzformalitäten. Peace and love! Zu den Soldaten! In Kriegszeiten! Aber sie ließen das Seil herunter und winkten uns hinterher. So lief es auch bei den nächsten &#039;&#039;roadblocks&#039;&#039;. Ich hätte nie gedacht, dass embryonale Dreadlocks und Nikotin ausreichten, um zum gefürchtetsten Kriegsherrn Zentralafrikas zu gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laurent Nkunda hatte sich nach der brutalen Einnahme von Bukavu 2004 sehr zurückgehalten. Als ausgebildeter Psychologe war er Pastor bei einer Pfingstgemeinde im Kivu geworden.31 Erst 2006 ließ er wieder von sich hören. Gleich nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Parlamentswahlen gründete er den CNDP, den &#039;&#039;Congrès National pour la Défense du Peuple&#039;&#039;.32 Nun sind die Namen kongolesischer Rebellenbewegungen nicht selten aus der Luft gegriffene Abkürzungen, aber Nkundas Einfall übertraf dann doch alles: Es handelte sich nicht um einen »Kongress«, sondern um eine Miliz, und die war auch nicht »national«, sondern regional; und was er unter »Verteidigung des Volkes« verstand, sah man an den Flüchtlingslagern. Trotzdem war dieser letzte Teil noch der zutreffendste, zumindest, solange man es als die Verteidung von &#039;&#039;un peuple&#039;&#039; las, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, nämlich jener Gruppe, die schon seit zwanzig Jahren verhöhnt und schikaniert wurde und zu der Nkunda selbst gehörte: die kongolesischen Tutsi. Hätte ein kolonialer Ethnograph in den zwanziger Jahren ein Foto von einem archetypischen Tutsi machen wollen, dann hätte er zweifellos Laurent Nkunda vor seine Kamera gezerrt. Mit der hochgewachsenen, extrem schlanken Figur, der hohen Stirn und der scharf geschnittenen Nase verkörpert er alle Klischees des Tutsi-Mannes. Er hätte Kagames Bruder sein können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der CNDP entstand, als sich abzeichnete, dass die Wahlen den Tutsi wenig oder gar keine Verbesserungen bringen würden. Der RCD von Vizepräsident Ruberwa, der eigentlich für ihre Interessen eintreten sollte, war in der neuen Regierung kaum vertreten: kein Ministerposten, kein Gouverneurstitel, kein einziger Sitz im Provinzrat, gerade mal fünfzehn Parlamentssitze.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. November 2006, kurz bevor Kabila den Amtseid ablegte, zeigte Nkunda die Zähne und eroberte Sake, eine kleine Stadt, dreißig Kilometer von der Provinzhauptstadt Goma entfernt. Das hügelreiche, vulkanische Gebiet nördlich von Goma, das an Uganda und Ruanda grenzt, wurde sein Spielfeld. Und obgleich die Bewegung nicht ausschließlich aus Tutsi bestand, unterstützte Ruanda sie von Anfang an. Nkundas CNDP passt in die Reihe von Kabilas AFDL und Wamba dia Wambas RCD, mit dem Unterschied, dass es sich hier nicht um eine ruandische Initiative unter kongolesischer Flagge handelte, sondern um eine kongolesische Initiative, die von Ruanda unterstützt wurde. Sein wichtigster Feind waren die ruandischen Hutu-Flüchtlinge im Ost-Kongo, die sich inzwischen in den FDLR organisiert hatten (&#039;&#039;Forces Démocratiques de Libération du Rwanda&#039;&#039;, wieder so ein fragwürdiger Name, denn von Demokratie war nicht viel zu bemerken, und auch das Ziel der Befreiung Ruandas relativierte sich mit der Zeit: Viele von ihnen heirateten Kongolesinnen, betrieben im Kivu Landwirtschaft, kontrollierten ein paar kleine Minen und sicherten sich, plündernd und vergewaltigend, ein regelmäßiges Einkommen – also warum sollten sie den Kampf gegen Kagames mächtige Armee aufnehmen?).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu im Kongo war damit von nun an der Konflikt zwischen CNDP und FDLR. Die Motive waren sowohl ethnisch als auch ökonomisch.34 Auf beiden Seiten betrug die Truppenstärke nie mehr als zehntausend Soldaten, aber die Brutalität, mit der sie agierten, war unbeschreiblich. Das Leid der Zivilbevölkerung wurde zum Alltag, Gruppenvergewaltigungen ein Recht. Wie im Zweiten Kongokrieg wurden die Hutu von Kinshasa unterstützt – Offiziere der FARDC und der FDLR betrieben sogar zusammen einige Minen –, und auch die Mai-Mai schlossen sich wieder an. Sexuelle Gewalt war eine Waffe, derer sich alle Parteien bedienten. Straflosigkeit herrschte. Sogar Zivilisten begannen massenweise zu vergewaltigen, nicht mehr als Waffe, sondern einfach zum Vergnügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 2007 und 2008 gab es viele Versuche, die Gewalt zu beenden. Januar 2007: Nkunda erklärt sich damit einverstanden, dass seine CNDP-Krieger in der Regierungsarmee aufgehen, aber statt einer weitgehenden &#039;&#039;brassage&#039;&#039; erreicht er eine viel leichtere &#039;&#039;mixage&#039;&#039;. Seine Rebellenarmee wird nicht auseinandergerissen und auf weit voneinander entfernte Kasernen aufgeteilt, sondern darf an Ort und Stelle mit der Nationalarmee verschmelzen. Das Ergebnis ist dementsprechend: Nicht die FARDC schlucken den CNDP, sondern der CNDP die FARDC. Nkunda wird General der Regierungsarmee und kann seine Rebellion ungestört fortsetzen. »FARDC?«, lautet der Witz, »Forces Armées Rwandaises Déployées au Congo!« (Ruandische Truppen, aufmarschiert im Kongo). Dezember 2007: Bei Friedensverhandlungen in Nairobi wird das Schicksal der Hutu-Flüchtlinge besprochen. Januar 2008: In Goma wird nach langen Verhandlungen der sogenannte Amani-Prozess (»Amani« bedeutet auf Swahili Frieden) eingeleitet. Abbé Malu Malu, der ehemalige Vorsitzende der Wahlkommission, bekommt alle Milizen so weit, dass sie sich zur Einstellung der Kampfhandlungen verpflichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es nützt alles nichts. Im Mai 2008 fliege ich mit einem Helikopter der MONUC von Goma nach Masisi, wo Malu Malu, in Gegenwart des belgischen Außenministers Karel de Gucht, den Frieden verkündet. Die Menschen sind zu Tausenden zusammengeströmt. Es wird gesungen, getrommelt und getanzt. Es ist sehr ergreifend. Der Frieden, ja, auf den haben die Menschen lange gewartet. Aber zwei junge Hutu erzählen mir: »Jetzt läuft es gut, wir brauchen nur noch einen Völkermord, einen kleinen, und Nkundas Männer werden weggefegt.«35 Der Hass ist nach wie vor endemisch. Ende Oktober 2008, als Sekombi und sein Bruder &#039;&#039;arthouse movies&#039;&#039; vorführen, stößt Nkunda nach Goma vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rumpelnd bahnt sich der Jeep einen Weg durchs Niemandsland, das sich zu einem großen Teil mit dem Nationalpark Virunga überschneidet. Es ist im buchstäblichen Sinn ein Niemandsland: keine Menschenseele weit und breit in dieser tiefgrünen Landschaft, die von so rauer Schönheit ist, dass es einem die Sprache verschlägt. Vulkane, Wälder, Stille, Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straßensperren des CNDP sind nicht der Rede wert: Wir müssen nicht mal Zigaretten herausrücken. Als wir weiter ins Rebellengebiet vordringen, sehen wir wieder Menschen auf der Straße. Frauen mit gelben Wasserkanistern auf dem Rücken, Männer mit rotbraunen Kühen, Jungen auf Holzfahrrädern, beladen mit Zuckerrohr, Bananen oder Holzkohle. Nach kilometerweitem Geholper durch Urwald und Plantagen mit meterhohen Bananenpflanzen gelangen wir endlich zum verfallenen Missionsposten Jomba. Trauben von Kindern umdrängen den Jeep mit den beiden Rastas und dem Weißen. Sie fassen an die Karosserie und stieben hysterisch auseinander, als Sekombi hupt. Mein Interviewpartner kommt in Jeans und Jeanshemd angeschlendert: René Abandi, ein Jurist von noch nicht vierzig Jahren mit einem freundlichen Gesicht und einer sanften Stimme. Das ist also die Nummer zwei des CNDP? Er habe Freunde in Antwerpen, erfahre ich, und er habe an der Universität von Urbino für seine Dissertation geforscht. Aber als Nkunda seine Bewegung gründete, wurde er sein erster ziviler Mitarbeiter. René ist ein kongolesischer Tutsi. Vom Sprecher ist er aufgestiegen zu einer Art Außenminister, denn das Rebellengebiet hat eine eigene Regierung. Er schlägt vor, in ein nahe gelegenes Dorf zu fahren, wo Nkunda eine Ansprache an die Bevölkerung halten wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Strecke wird morastig. Wir überqueren einen schmalen Wasserlauf mit hohen Papyruspflanzen und fahren dann in Serpentinen nach Rwanguba, einem Adlerhorst auf dem Berggipfel. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir können mehr als zehn Kilometer weit sehen: Berge, Vulkane, smaragdgrüne Täler, Wolkenformationen, eine Rauchfahne aus dem Grün, fernes Wetterleuchten. Wie ein Panomaragemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein idyllisches Naturfresko, und im Vordergrund, in 3D, kriegerisches Gedränge. Mehrere hundert Menschen haben sich vor dem zentralen Gebäude auf dem Berg versammelt. CNDP-Soldaten durchsuchen uns und lassen uns durch. Wir schieben uns durch die bereitwillig Platz machende Menge nach vorn. Dort sitzen unter einer Überdachung alle Würdenträger und Offiziere der Rebellenbewegung beisammen, darunter auch Bosco Ntaganda, der Stabschef der Armee, der von Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird. In der Mitte, in Uniform und mit Armeemütze, thront Laurent Nkunda. Er spielt mit einem schwarzen Spazierstock, dessen silberner Griff die Form eines Adlers hat. Seine unwahrscheinlich langen Finger streicheln ständig über den Kopf. Die Augen des &#039;&#039;chairman&#039;&#039; liegen so tief in den Höhlen, dass sein Gesicht einem Totenkopf gleicht. Unter der Mütze sehe ich die hervortretenden Schläfenadern. Er steht auf, um uns zu begrüßen, und sorgt dafür, dass wir sitzen können. Nkunda erlebt in diesen Wochen den Höhepunkt seines Ruhms. Sein Rebellengebiet ist fast halb so groß wie Ruanda, die Weltpresse schreibt über ihn, er hält sich für unbesiegbar. Jungen mit Speeren tanzen vor ihm, Mädchen wiegen sich im Takt. In Rwanguba wird er seine Autorität geltend machen, er ist der neue Chef. Als die Kriegstänze vorbei sind, steht er auf und geht langsam auf die Menschenmenge zu. Er redet ohne Pause. Streng schwingt er seinen Adlerstock, streng sticht er mit seinem knochigen Zeigefinger in die Luft. Dann macht er einen Witz. Charme und Terror gleichzeitig. Er lobt die Dorfbewohner, weil sie nicht geflohen sind. »Ihr seid echte Menschen, ihr seid geblieben. Schön. Bestellt eure Felder, geht an die Arbeit. Beurteilt mich nicht nach meinem Gesicht, sondern nach meinen Taten.« Nachdem er seine Rede beendet hat, geht er in aller Ruhe zurück, und man hört das Gras an seinen hohen Stiefeln rascheln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Nachmittag hält Nkunda eine Sitzung mit seinem zivilen und militärischen Stab in einem Haus am Berghang ab, das einst von einer protestantischen Mission erbaut wurde. Im Garten warte ich stundenlang mit Sekombi und Katya. Es gibt Cola und Bier. Ungefähr zwanzig Kindersoldaten mit Bazookas und Kalaschnikows im Anschlag halten Wache. Sie lassen sich nicht zu einem Gespräch verlocken, aber sie wollen wissen, was das Gewicht in meiner Hosentasche ist. Gehorsam zeige ich ihnen meine beiden Handys. Dreißig Kilometer weiter nördlich befinden sich ihre Kameraden in diesem Moment in einem verbissenen Kampf gegen die Mai-Mai. Sie sind sehr stark angespannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Versammlung dauert lange. Nkunda gewährt Händlern aus der Umgebung, die weniger hohe Steuern zahlen wollen, eine Audienz. Das Rebellengebiet ist nicht reich an Minen; das CNDP beschafft sich Einnahmen durch den Verkauf von Rindern, Kaffee und Holzkohle und die Besteuerung von Händlern und LKW-Fahrern. Sekombi und Katya werden nervös. Es ist schon drei Uhr nachmittags, und es sieht nach Regen aus. Sie möchten vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Goma sein, aus Sicherheitsgründen. Ich zögere, überlege und lasse sie dann gehen. Kurz darauf sehe ich, wie sich der weiße Jeep den Berg hinabschlängelt und im Grün verschwindet. Ich werde bei der Horde übernachten, die zwei Wochen zuvor im nahen Kiwanja beim Massaker an hundertfünfzig Zivilisten beteiligt war.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Major Antoine setzt seine Literflasche Bier an den Mund und will mit mir über Geschichte reden. Stimmt es, dass die Ägypter die Juden so misshandelt haben, wie es die Bibel behauptet? Haben sich die Ägypter jemals dafür entschuldigt? Warum haben die Belgier Kongolesen die Hände abgehackt? Wollten sie mehr Kaffee? (»Kautschuk«, flüstert ein Zuhörer, »Kaffee, das ist nur hier.«) Warum wird der Preis für alle Rohstoffe in Belgien bestimmt? Warum spielen nur drei Franzosen in der französischen Nationalmannschaft? Liegt das an der Globalisierung? Warum klagt der Internationale Strafgerichtshof eigentlich nur Afrikaner an? Die absurdesten Fragen wechseln sich mit klugen Bemerkungen ab. Einen Aspekt will er klar und deutlich betonen: »Das CNDP ist durch und durch kongolesisch, egal, was behauptet wird. Dieser Bursche in Kinshasa ist ein absoluter Nichtsnutz, der das Land an die Chinesen verkauft. Das sehen wir an seinen Soldaten. Wenn wir gegen sie kämpfen, dauert es höchstens eine halbe Stunde, dann türmen sie. Aber wenn es Stunden dauert, wissen wir genau, dass wir gegen die FDLR kämpfen, auch wenn sie Uniformen der Regierungsarmee tragen, die sie unterstützt. Sie machen einfach weiter. Es sind verwundete Tiere, ja. Für sie zählt: Sieg oder gar nichts.«37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen ist es stockfinster, und seit morgens um sechs habe ich nichts mehr gegessen. Kopfweh. Es wird frisch. Wir sind hoch in den Bergen. Gegen zweiundzwanzig Uhr darf ich endlich ins Haus. Erst muss noch gegessen werden: Ziegenfleisch mit Reis, von ein paar Tutsi-Frauen zubereitet. Die Tische stehen in U-Form, acht Offiziere und Händler nehmen Platz. Nkunda sitzt allein an seinem eigenen Tisch, wie ein Umlaut auf dem U. Hinter ihm steht ein Leibwächter mit einem MG und einem Mini-Kopfhörer im Ohr. Keiner sagt etwas. Als der &#039;&#039;chairman&#039;&#039; das Wort ergreift, heucheln alle Interesse. Wenn er einen Witz reißt, lacht man zu laut. Er ist schnell fertig mit essen. Während die Gesellschaft leicht beklommen weiter tafelt, pult er sich mit einem Zahnstocher träge im Mund herum und sieht die Tischgenossen einen nach dem anderen an. Er entblößt die Zähne zu einer Grimasse. Ein Auge ist halb geschlossen. Hin und wieder entspannt er sein Gesicht und schluckt einen Essensrest hinunter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kommen Sie, reden wir«, sagt er. Er lotst mich zu einem Schlafraum im hinteren Bereich des Hauses. Sein Leibwächter und René Abandi folgen. Wir nehmen Platz auf drei niedrigen Hockern zwischen Etagenbetten und Moskitonetzen. Der Teenager mit dem geladenen Gewehr bleibt stehen und behält mich die ganze Zeit im Auge. Nkunda legt sofort los. Er spricht nicht, sondern flüstert. Er redet in beschwörendem Ton und sieht mich mit aufgerissenen Augen an, als müsse er einen Teufel bei mir austreiben: »Es gibt so viele Bruchlinien in diesem Land, zwischen dem Osten, der für Kabila gestimmt hat, und dem Westen, der für Bemba war, zwischen den ehemaligen FAZ von Mobutu und den Kadogo, zwischen den Hema und den Lendu, zwischen den Tutsi und den Hutu. Im Kongo muss ein Prozess der nationalen Versöhnung in Gang kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich traue meinen Ohren nicht. Will er, der rücksichtslose Menschenschinder, jetzt plötzlich als der große Versöhner erscheinen? Versucht er sich etwa über dieses Interview beim Westen einzuschmeicheln? Mit einem rationalen Diskurs, um eine robuste Eingreiftruppe fernzuhalten? Die internationale Desillusionierung in Sachen Kabila greift er jedenfalls sehr geschickt auf. »Ich kenne Kabila. Mit ihm kann man nicht diskutieren. Er hat Bemba vernichtet und den Bundu-dia-Kongo. Dieses Land hat ein Recht auf Befreiung. Dieses Land war nie unabhängig. Dieses Land muss endlich von allen seinen Möglichkeiten profitieren können, sonst wird sich das kongolesische Volk gegen Kabila wenden, wie es sich gegen Mobutu gewandt hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms hat er seine Ambitionen deutlich hochgeschraubt. Es geht ihm nicht mehr um den Schutz der Tutsi, nicht mal mehr um die Lage der Banyarwanda, sondern um nichts Geringeres als die Befreiung des gesamten Kongo. »Es wird kein Tutsi-Territorium im Kongo geben. Das CNDP ist keine Tutsi-Rebellenarmee, denn Tutsi machen nur 10 bis 15 Prozent unserer Bewegung aus. Wir sind eine kongolesische Rebellion. Der Westen hat den Völkermord verurteilt, aber nicht die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039;, die sich hier noch herumtreiben. Es ist einfach nicht akzeptabel, dass sich ausländische Streitkräfte in unserem Hoheitsgebiet befinden und noch dazu von unserer Regierung bewaffnet werden! Normale Länder dulden keine Illegalen, aber wir hier bewaffnen sie!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkunda, der Befreier der Nation: eine etwas gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Jedenfalls scheint er voll und ganz dazu bereit zu sein: »Ich habe das CNDP gegründet als eine Art Kern einer künftigen nationalen Armee.« Aha. »Es handelte sich um einen Test: Ich wollte beweisen, dass es möglich war, mit wenig Mitteln eine disziplinierte Armee aufzustellen, die nicht anfing zu plündern.« Wie bitte? »Bei uns sieht man selten Verstöße gegen die Menschenrechte. Wir haben eindeutige Verhaltensregeln. Meine Soldaten bekommen auch keinen Sold. Sie bekommen Reis, Bohnen und Mais – das ist ihr Sold. Aber wir haben ihnen eine Zukunft aufgezeigt. Sie leben für diesen Traum.« Bei allem Respekt, werfe ich ein, aber Ihre Armee ist im Rest des Kongo verhasst. »Das liegt daran, dass hier nur die Stimme der MONUC zu hören ist. Angeblich sind wir Vergewaltiger und richten Massaker an. Es heißt, wir seien der bewaffnete Zweig von Ruanda. Aber die Zeit ist vorbei! Es waren keine glücklichen Zeiten, als Ruanda und Uganda hier waren.« Aber waren Sie nicht selbst dabei? Sie haben doch die ruandischen Truppen in Kisangani angeführt! »Das stimmt. Ich habe Kisangani beschützt. Deshalb war ich der beliebteste Offizier in der Stadt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also wirklich, denke ich, er ist dort noch heute verhasst! Unter seiner Terrorherrschaft wurden 2002 Dutzende junger Leute aus den Armenvierteln ermordet. Bei der Brücke über den Tshopo wurden zweihundert Polizisten und Soldaten abgeschlachtet und in den Fluss geworfen. Sie waren gefesselt und geknebelt. Manche wurden erschossen oder enthauptet, anderen brach man das Genick oder tötete sie mit dem Bajonett. Ihnen wurden die Bäuche aufgeschlitzt, damit sie nicht ein paar Tage später an die Wasseroberfläche trieben. Nkunda stand dabei. Er hatte die Aufsicht über die Aktion, mit Unterstützung Ruandas.38 Und jetzt die Behauptung, Einmischung aus dem Ausland sei ein Fehler?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als Deutschland England bedrohte, hat Churchill da sein Volk nicht auch zum Widerstand aufgerufen? Dafür hat er Beifall bekommen. Warum sollen wir dann akzeptieren, dass die FDLR hier herrschen wie die Deutschen damals?« Churchill war aber gewählt worden, Herr General, im Gegensatz zu Ihnen. »In Kriegszeiten ist das egal. Hitler war auch gewählt worden, und Sie kennen ja die Folgen. De Gaulle war nicht gewählt worden, und doch hat er Frankreich befreit.« Ich bin einen Moment sprachlos. Sieht er etwa eine Parallele zwischen sich und dem wichtigsten französischen Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts? »Ja, ich bin der General de Gaulle des Kongo!«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verdattert von so viel Rhetorik für Fortgeschrittene quetsche ich mich mit René und sieben anderen in einen Jeep. Im Kofferraum sitzt ein Kindersoldat mit einer Kalaschnikow. Es ist fast Mitternacht. Wir fahren ostwärts durch die feuchten, tropfenden Berge und hoffen, keiner Mai-Mai-Patrouille zu begegnen. Ich bin verängstigt und konfus. Ich weiß nicht, dass in diesem Moment in New York an einem UNO-Bericht gearbeitet wird, der den ruandischen Anteil im CNDP eindeutig nachweist, ich weiß nicht, dass Human Rights Watch einen Bericht über Nkundas Gräueltaten vorbereitet.40 An dem Punkt, an dem ich gerade bin, ist die Geschichte noch warm und ungreifbar. Ich habe keinen Überblick, niemand hat einen Überblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nur, dass ich lieber mit einfachen Menschen rede als mit politischen Führern, dass ich aus Anekdotischem mehr lerne als aus Rhetorischem. Ich weiß nur, dass ich im Flüchtlingslager Mugunga in der aus Plastikplanen bestehenden Hütte von Grâce Nirahabimana saß, Block 48, Nummer 34, aufrecht stehen konnte ich dort nicht. Grâce war eine bildhübsche Frau von dreiundzwanzig mit zwei Kindern, Fabrice und David. Ihre beiden Brüder, zwölf und sechzehn Jahre alt, hatte Nkunda mitgenommen, ihre beiden Schwestern waren an Diarrhö gestorben, sie war von drei Soldaten vergewaltigt worden. Sie hatte alles zurückgelassen. Ihre Schwestern waren im Lager gestorben – zu wenig Nahrung, keine Toiletten – und zwischen den Bananensträuchern begraben worden. Es war kalt, als ich dort auf dem Bett saß. Ein rauer Wind fegte über die Mondlandschaft aus Lava und ließ die Plastikwand ihrer Hütte klappern. »Ich fühle mich überhaupt nicht geschützt«, schluchzte sie, »ich habe große, große Angst. Angst vor Laurent Nkunda.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer endlos scheinenden Fahrt stoppt der Jeep an einem alten Kolonialhaus. »Wir sind an der Grenze zu Uganda«, sagt René, »das war das Haus des Zollinspektors. Dort bei den Bäumen fängt Uganda an.« Der Ort heißt Bunagana, hier können wir in Ruhe übernachten, meint er. Aber zu Renés Verblüffung ist das Haus voll mit Kindersoldaten, mindestens zwanzig. Sie schlafen in den Sesseln, auf dem Fußboden, in der Küche. Es gibt weder Wasser noch Strom, aber es wird schnell ein Bett organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag stehe ich sehr früh auf. Mit nacktem Oberkörper sitze ich auf der Terrasse und lese meine Notizen noch mal durch. Ein dreizehnjähriger Junge erzählt mir, dass sein Gewehr »Tschetschene« genannt wird. Gegen acht gehe ich mit René ins Dorf, um zu frühstücken. Er hat schlecht geschlafen. »Gastritis«, seufzt er, »ich mache mir zu viel Sorgen, ich bin nun mal so ein Typ. Nkunda leidet auch darunter, neben seinem Asthma. Der Krieg ist nicht gut. Es ist das Schlimmste, was es gibt, aber uns bleibt nichts anderes übrig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir gehen zu einem unauffälligen Haus. Es ist das zivile Hauptquartier des CNDP. Ich treffe dort alle hohen Tiere, die ich gestern kennengelernt habe. Auch Nkundas Schwester ist da, sie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Innenhof ist eine Freiluftwerkstatt. Ein halbes Dutzend Humvees&#039;&#039;,&#039;&#039; die die Rebellen von den FARDC erbeutet haben, wird für den Kampf zurechtgeflickt. Im Haus esse ich zum ersten Mal seit Wochen Käse, Kivu-Käse, eine Spezialität der Tutsi. Die Spitze des Regimes bespricht die aktuellen Nachrichten. Desmond Tutu und Romeo Dallaire, der ehemalige UNO-Kommandant in Ruanda, haben gerade zum Einsatz einer großen Eingreif­truppe in Nord-Kivu aufgerufen. »Bah«, schnaubt René, »jetzt, wo sie keine politischen Argumente mehr haben, holen sie sich moralische Schwergewichte heran. Das Humanitäre soll das Militärische bemänteln.« Die anderen pflichten ihm bei. »Wir landen sowieso vor dem Internationalen Strafgerichtshof«, witzelt er, »dann können wir auch genauso gut vergewaltigen und morden, sonst sind wir dort später ganz umsonst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Eingreiftruppe würde nicht entsandt werden. Die Europäische Union zeigte keine Neigung, auf Ban Ki-moons flehentliche Bitte einzugehen, und die Afrikanische Union, die &#039;&#039;Southern African Development Community&#039;&#039; und Angola brannten auch nicht darauf, Kabila zu Hilfe zu eilen. An diesem Vormittag in Bunagana war meine Schlussfolgerung, dass Laurent Nkunda vielleicht noch sehr lange über sein Gebiet herrschen würde. Offiziell war die Grenze mit Uganda geschlossen, aber ich sah einen LKW mit Mehl in den Kongo fahren. Wer kann Nkunda etwas anhaben?, dachte ich. Der Kongo hat keine Armee, die MONUC greift nicht ein, eine robustere Interventionstruppe ist nicht drin, und außerdem hat er genug zu essen, und er erhebt Steuern. Vielleicht hält sich diese Rebellion genauso lange wie die von Vater Kabila.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich sollte mich irren. Einen Monat später, im Januar 2009, geschah das Unvorhersehbare: die kongolesische Armee und die ruandische Armee, eingeschworene Erbfeinde, kooperierten und verhafteten Nkunda. Eine völlig unerwartete Wendung, aber sie waren dazu gezwungen: Kagames Ansehen hatte international stark gelitten durch den UNO-Bericht über seine Unterstützung des CNDP, Kabila war zum Gespött geworden mit seiner miserablen Armee, der niemand beispringen wollte. Noch immer überrascht darüber, nun gemeinsame Sache zu machen, wollten sie sogar die FDLR ausschalten. Das gelang nur halb, aber Nkunda kam in Ruanda in Untersuchungshaft und wartet seitdem auf seinen Prozess im Kongo. Das CNDP kam in die Hände des Kriegsverbrechers Bosco Ntaganda und »verschmolz« noch einmal mit der Regierungsarmee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gemeinsame Operation der Streitkräfte des Kongo und Ruandas trug die Bezeichnung Umoja Wetu (in der ersten Jahreshälfte 2009) und erfuhr eine Fortsetzung in den Operationen Kimia II (2009) und Amani Leo (2010), proaktive Feldzüge der nationalen Armee (faktisch ehemalige CNDP-Kämpfer, angeführt von dem Schurken Ntaganda) mit logistischer Unterstützung der MONUC gegen die FDLR, Operationen, die vorerst zu viel mehr Leid unter Zivilisten als zu militärischen Erfolgen führten.42 Sechstausend Mann zählten die FDLR im Jahr 2010, ein homöopathischer Rest der eineinhalb Millionen Flüchtlinge von 1994. Nicht ganz dreihundert von ihnen stehen unter dem Verdacht, Verbrechen des Völkermordes begangen zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Ruanda übermilitarisiert ist, so ist der Kongo nach wie vor untermilitarisiert. Noch immer sind die Streitkräfte eher Phantom als Wirklichkeit. Und das ist unübersehbar. Die FARDC sind nicht in der Lage, der &#039;&#039;Lord Resistance Army&#039;&#039; des ugandischen Rebellenführers Joseph Kony entgegenzutreten, die im Nordosten für Unruhe sorgt, geschweige denn, dass sie die mehr als siebentausend Kilometer umfassenden Grenzen des Landes wirksam verteidigen könnten. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem sich die geopolitischen Spannungen mit Uganda über Öl im Albertsee, mit Ruanda über Methangas im Kivusee und vor allem mit Angola über Ölfelder im Atlantik verschärfen – bis hin zu gelegentlichen Scharmützeln. Die Armee kann nicht einmal im Innern des Kongo die Ordnung gewährleisten. Bei einem Streit über ein paar Fischteiche in Dongo (in der Provinz Équateur) gab es im November 2009 mindestens hundert Tote, und neunzigtausend Menschen ergriffen die Flucht. Veränderungswille ist kaum zu erkennen.43 Mit einer Armee könnte Kabila besser durchgreifen, aber ohne Armee braucht er keinen Putsch zu fürchten.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Leben fließt so wie immer dahin. Auf der anderen Seite des Landes, in Nsioni, gehen die Menschen auf der roten, staubigen Hauptstraße ihres Dorfs auf und ab. Ich beobachte sie von einer Terrasse aus, wo die Musik für mich und zwei weitere Gäste auf ohrenbetäubende Lautstärke gedreht wurde. Wenn man sich die Handys wegdenkt, besteht wenig Unterschied zwischen der Gegenwart und den achtziger Jahren. Die gleichen Colaflaschen wie damals, die gleichen Autos, in denen man jetzt noch herumfährt, die gleichen wackligen Stände, an denen getrockneter Fisch verkauft wird. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Größe der Stücke: Es sind jetzt nur noch kleine Würfel. Aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheint ein Ufo gelandet zu sein. Zwischen den grauen Baracken und den fahlen kleinen Häusern ragt leuchtend weiß ein aus Stein gemauertes Gebäude auf. Vor der Tür stehen vier nagelneue, chromglänzende Motorräder ordentlich nebeneinander. Die Sättel sind noch mit Plastikfolie bespannt. Daneben: zehn Herrenfahrräder, dicht beieinander, die schräg stehenden Lenker sind noch in Karton verpackt. Die glänzenden Stabbremsen sind eine Augenweide. Drinnen flimmert der blaue Lichtschein eines Plasmabildschirms. Über der Tür hängt ein Schild, das vieles erklärt: CHINA AMITIÉ COMPANY. In Nsioni haben sich die ersten chinesischen Händler niedergelassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe hinein und grüße ein junges asiatisches Ehepaar, das mich argwöhnisch mustert. Die beiden sprechen kein einziges Wort Französisch oder Englisch, aber ihre Ware spricht für sich: flotte Sportschuhe, bis an die Decke gestapelt, neben Fernsehern, Uhren und Ständern mit Parfum. Auf die Bewohner von Nsioni macht die CHINA AMITIÉ COMPANY den gleichen Eindruck von Reichtum und Komfort wie die Supermärkte auf die Menschen in den Bauerndörfern Europas in den fünfziger Jahren. Was für ein Unterschied zu den tristen Buden, in denen man Kerzen und Rasierklingen einzeln kaufte! Was für ein Luxus, wenn man diese Parfums mit den selbst fabrizierten Seifenstücken vergleicht, mit denen man sich schon das ganze Leben lang abschrubbt! Was für eine Annehmlichkeit, dass man für solche Produkte nicht mehr nach Boma oder Kinshasa braucht! Und sogar erschwinglich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ladenbesitzer verkaufen sogar Gemälde in protzigen Rahmen, auf denen Gebirgslandschaften und Almen abgebildet sind. Asiatische Geschäftsleute, die im afrikanischen Binnenland europäische Landschaften verkaufen: Das heißt Globalisierung, glaube ich. Die Welt ein Marktplatz. Es erinnert mich an jenes geniale Graffiti, das jemand knapp hundert Kilometer weiter an die alte Eisenbahnbrücke bei Matadi gesprüht hat. Die Brücke aus der Zeit um 1890, als Nkasis Vater und chinesische Arbeiter die Strecke nach Kinshasa bauten, trägt heute ein Stückchen Vandalismus, der das dritte Millennium auf brillante Weise zusammenfasst: WWW.COM.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den späten neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts machten sich Chinesen in zunehmendem Maße nach Afrika auf. Sie kamen nicht nur, um Waren an den Mann zu bringen, sondern in den meisten Fällen, um Rohstoffe zu kaufen. Die gewaltige Explosion der chinesischen Wirtschaft, Resultat eines kontrollierten Experiments mit dem Kapitalismus in den Küstenregionen des Landes unter Deng Xiaoping, hatte die Nachfrage nach Bodenschätzen enorm gesteigert. 1993 führte China zum ersten Mal mehr Öl ein, als es ausführte.46 Die ersten Länder in Afrika, mit denen China intensive Beziehungen anknüpfte, waren deshalb die Ölstaaten Nigeria, Angola und Sudan. Später rückten auch Sambia und Gabun in den Fokus, wegen des Kupfers und Eisenerzes. Der Kongo, wegen seiner mineralhaltigen Böden auch als »geologischer Skandal« bezeichnet, wurde ebenfalls interessant, ungeachtet des Krieges und des nicht gerade einladenden Investitionsklimas. In Katanga ließen sich schon bald chinesische Abenteurer auf den Trümmerhaufen des einst so blühenden Bergbaus nieder. Sie witterten eine goldene Chance. 2003 hatte Gécamines, auf Veranlassung der Weltbank und des IWF, elftausend überflüssige Bergarbeiter entlassen.47 Sie hatten eine Abfindung erhalten, aber die meisten hatten das Geld für ein Auto oder einen Fernseher ausgegeben. Viele von ihnen waren danach Schürfer geworden. Wie im Kivu waren sie bereit, mit dürftiger Ausrüstung in alten Minen zu graben und Säcke mit Erz zu füllen, um sie an irgendeinen Monsieur Chang oder Wei zu verkaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Februar 2006 hatte ich die Möglichkeit, die Mine von Ruashi zu besuchen. Hunderte Schürfer gruben dort nach Heterogenit, einem Erz, das Kupfer und Kobalt enthält. Ich sah Kinder, die in notdürftig abgestützte Stollen bis in zwölf Meter Tiefe hinabkletterten. Ich sah einen fünfjährigen Jungen, über und über mit Staub bedeckt; er trug ein T-Shirt mit der Trickfilmfigur Kabouter Plop. Wenn es gut ging, bekamen sie fünf Dollar pro Sack. Manchmal schaffte es eine Gruppe von Freunden, an einem Tag zehn Säcke nach oben zu schaffen. Es sei eine harte und gefährliche Arbeit, sagten sie, aber sie könnten davon leben. Was für ein Unterschied zu der riesigen, aufgeräumten Kobalt-Mine von Luiswishi, die dem belgischen Industriellen Georges Forrest gehört; als ich sie später an diesem Tag besuchte, sah ich höchstens ein paar Dutzend Kongolesen bei der Arbeit. Sie trugen Schutzhelme und bedienten Bagger, deren Radkappen größer waren als ein Mensch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die chinesischen Käufer waren Privatunternehmer, die nicht von der chinesischen Regierung unterstützt wurden. Manche bauten eigene kleine, improvisierte Schmelzhütten auf, um ein höheres Konzentrat zu exportieren. Ihre kongolesischen Tagelöhner arbeiteten unter erbärmlichen Bedingungen. Sie wurden schlecht bezahlt, atmeten gesundheitsschädliche Dämpfe ein, hatten keine Arbeitskleidung, geschweige denn eine soziale Absicherung. Nehmen wir z. B. Jean. Er fing bei Jia Xing an, einem der größeren Kupfer verarbeitenden Betriebe mit einem Lager in Kolwezi und einer Schmelzhütte in Lubumbashi. Das Unternehmen beschäftigte zweihundert Arbeiter, und Jean bekam einen unbefristeten Arbeitsvertrag, denn er war ein erfahrener Schmelzer. Manchmal konnte ein Tagelöhner also aufsteigen und eine Festanstellung erhalten, auch wenn die Verträge oft in chinesischer Sprache abgefasst waren. Jeans Schichten dauerten zwölf bis dreizehn Stunden, unterbrochen von einer ultrakurzen Mittagspause, sieben Tage in der Woche. Es gab eine Tag- und eine Nachtschicht. Schutzkleidung gab es nicht, seine Werkzeuge waren abgenutzt, die Hitze des Schmelzofens unerträglich. Jeans Monatslohn betrug 120 Dollar, mit einer Prämie von hundert Dollar, wenn er den Ofen bediente; damit war Jia Xing der am besten bezahlende chinesische Arbeitgeber in Katanga.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Morgens waren Jean und zwölf seiner Kollegen ein paar Minuten zu spät zur Arbeit erschienen: Ein Verkehrsunfall hatte sie aufgehalten. Zur Strafe wurden sie in einen Container gesperrt und mussten dort von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags ausharren. Am Abend wurden sie alle entlassen. Es gab ja genug Arbeitswillige. Jean wurde dann Schürfer. Er verkaufte seine Säcke mit Erz zuerst an seinen früheren Chef, aber Bergbau auf eigene Faust war nur an wenigen Orten zugelassen. Vielleicht sollte er sich dann eben den Trupps anschließen, die mitten in der Nacht in die großen, konzessionierten Minen eindrangen? Es war gefährlich im Dunkeln. Manche ertranken oder erstickten bei der Arbeit, andere wurden von Wachleuten erschossen. Er konnte auch noch immer beim Emmanuel Depot in Kolwezi anfangen, auch ein chinesisches Unternehmen, aber die Arbeiter dort, die bei ihrer Arbeit mit radioaktivem Erz weder Handschuhe noch Schutzmasken erhielten, betranken sich in jeder Mittagspause.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Katanga herrschte ein roher Kapitalismus, der an die zwanziger Jahre erinnerte, doch in der Finanzkrise von 2008 gaben vierzig dieser Betriebe auf. Der Kupferpreis sank von knapp 9000 auf 3600 Dollar pro Tonne, und die Provinz verschärfte die Bedingungen. Zehntausende Schürfer hatten keine Arbeit mehr. Plötzlich war die Lage in Katanga eher wie in den dreißiger Jahren.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kamen auch chinesische Staatsunternehmen, keine Glücksritter, sondern Riesenfirmen mit nahezu unbeschränkten Finanzmitteln. Die Straße von Kinshasa nach Matadi wurde neu angelegt, außerdem die Straße von Lubumbashi zur sambischen Grenze, über die mit Erz beladene LKW donnerten. CCT, eine chinesische Telefongesellschaft, wurde einer der wichtigsten Mobilfunkanbieter des Landes. Ein anderes Unternehmen begann mit der Verlegung von 5600 Kilometer Glasfaserkabel, um den Kongo digital zu erschließen.50 Schon in den siebziger Jahren hatten herzliche Freundschaftsbande zwischen Mobutu und Mao bestanden: Damals ging es um die Pflege der ideologischen Kameradschaft (Einparteienstaat, Abacost und Paraden waren das Ergebnis, und das in einem pro-amerikanischen Land), nun ging es ums Geschäft. Der Kongo wurde einer der neuen Handelspartner Chinas. 2006 veranstaltete Präsident Hu Jintao einen entscheidenden chinesisch-afrikanischen Gipfel in Peking, an dem Vertreter von achtundvierzig afrikanischen Staaten teilnahmen. Verträge mit einem Gesamtvolumen von zwei Milliarden Dollar wurden abgeschlossen, China sagte bis zu fünf Milliarden an Krediten und eine Verdopplung der Hilfe um das Jahr 2009 zu, annullierte ausstehende Schulden und setzte eine ganze Reihe Einfuhrzölle auf afrikanische Produkte aus. Hochrangige chinesische Delegationen besuchten fast jedes afrikanische Land im Zusammenhang mit den Handelsbeziehungen. Peking hielt sich streng an seine Politik der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Es berief sich auf eine brüderliche Süd-Süd-Kooperation, nicht auf eine paternalistische Nord-Süd-Bevormundung. Das hörte sich gut an, bedeutete aber auch, dass es keine Bedenken gegen Geschäfte mit zwielichtigen Typen wie Mugabe und Al-Bashir gab. Das neue China war geschäftsmäßig nüchtern, effizient und pragmatisch. Der einzige Gefallen, um die es den neuen Handelspartner bat, war, einmal im Jahr, bei der Vollversammlung der UNO, auch der Auffassung zu sein, dass Taiwan eigentlich zu China gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2007 gab Pierre Lumbi, Minister für Infrastruktur, öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau, bekannt, dass der Kongo einen Megadeal mit China abgeschlossen hatte. Zusammen mit drei chinesischen Staatsunternehmen (einer Bank, einer Straßenbaufirma und einem allgemeinen Bauunternehmen) würde ein Joint Venture nach kongolesischem Recht gegründet. Der Kongo war über Gécamines zu 32 Prozent beteiligt, China zu 68 Prozent. Das Joint Venture durfte in Katanga zehn Millionen Tonnen Kupfer und sechshunderttausend Tonnen Kobalt fördern – gigantische Mengen, wenn man sich vor Augen führt, dass in der ganzen Kolonialzeit nur acht Millionen Tonnen Kupfer gefördert wurden und das gesamte Vorkommen auf siebzig Millionen Tonnen geschätzt wird.51 Als Gegenleistung sollte die neue Gesellschaft drei Milliarden Dollar in die Wiederherstellung der Minen-Infrastruktur investieren und sechs Milliarden in die Anlage asphaltierter Straßen (3.400 Kilometer), unbefestigter Straßen (2.738 Kilometer), Eisenbahnlinien (3.215 Kilometer), Sozialwohnungskomplexe (5000), Gesundheitszentren (145), Krankenhäuser (31), Wasserkraftwerke (2), Flughäfen (2) und Universitäten (2). Investitionen für insgesamt neun Milliarden Dollar. Und da das Joint Venture noch keine Einnahmen hatte, würde die Volksrepublik China das Geld für diese Mammutprojekte erst einmal vorstrecken; das Joint Venture würde es dann irgendwann zurückzahlen. Kabila war überaus begeistert: »Zum ersten Mal in unserer Geschichte wird das kongolesische Volk endlich sehen, wozu all sein Kupfer, sein Nickel und sein Kobalt dienen!«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war tatsächlich ein beeindruckendes Abkommen. Nur sieben Seiten lang, weniger als ein Mietvertrag, war es das wichtigste Dokument für den Kongo seit dem Zehnjahresplan von 1949. Der Kongo würde eine Baustelle werden, wie er es seit den fünfziger Jahren nicht mehr gewesen war. Der Deal wurde in der westlichen Presse oft als »Darlehen« Chinas bezeichnet, obwohl es im Grunde ein Tauschgeschäft war: Erz gegen Infrastruktur. Ein solcher Tauschhandel implizierte nicht die Rückkehr zu einer präkolonialen Wirtschaft, sondern war eine geschickte Form, Korruption aus dem Weg zu gehen: Ein Krankenhaus kann man nicht einfach in der Tasche verschwinden lassen. Doch das Abkommen enthielt eine für den Kongo prekäre Klausel: Sollten die Fundstätten nicht die erhoffte Menge an Erzen erbringen, war das Land verpflichtet, den Vertrag auf andere Weise zu erfüllen. Gleich nach der Bekanntgabe schrie der Westen Zeter und Mordio. Neokolonialismus! Ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;! Raubgier getarnt als Win-win-Theater! Der Vertrag erschien manchen wie eine Neuauflage der Abkommen, die Stanley damals den Häuptlingen abgelistet hatte. Die Kongolesen hatten sich über den Tisch ziehen lassen! Die Sache war nicht mal im Parlament diskutiert worden! Kein Arbeitsplatz würde dadurch geschaffen! Die Chinesen würden sicher einfach ihre Häftlinge einfliegen! Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Teil der Vorbehalte war berechtigt, ein Teil war reine Panik. Panik vor einer sich ankündigenden neuen, komplexen Welt, in der China Supermachtstatus erlangt. Es herrschte eine ähnliche Nervosität wie zur Zeit der Berliner Kongo-Konferenz oder zu Beginn des Kalten Krieges. Der Kongo weckt schon seit eineinhalb Jahrhunderten das Interesse ausländischer Mächte, und daraus erwachsen oft Spannungen – zwischen Europäern und arabischen Händlern um 1870, zwischen europäischen Nationalstaaten untereinander in der Zeit danach, zwischen den USA und der UdSSR im Kalten Krieg und nun also zwischen China und dem Westen. Immer, wenn ein Newcomer seinen Platz auf dem geopolitischen Schachbrett Zentralafrikas fordert, führt das anfangs zu Misstrauen und Nervosität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber hatte sich die kongolesische Regierung denn nicht übervorteilen lassen? Schwer zu sagen. Tauschgeschäften ist inhärent, dass es – abgesehen von der Zufriedenheit der Verhandlungspartner – keinen objektiven Beurteilungsmaßstab gibt. China war erfreut über den Zugang zu Rohstoffen, Kabila über den versprochenen Wiederaufbau seines Landes. Den Vertrag hatte er sich jedenfalls nicht so einfach unterjubeln lassen; zwei Monate lang war in Peking hart verhandelt worden.53 Aber auch wenn man unbedingt quantifizieren möchte, funktioniert die Sache nicht. Ob zehn Millionen Tonnen Kupfer gegen neun Milliarden Dollar Investitionen ein fairer Deal sind, hängt schließlich vom Weltmarktpreis für Kupfer ab. Angesichts der starken Schwankungen in den vergangenen Jahren kann das vierzehn Milliarden wie auch achtzig Milliarden Dollar bedeuten. Eines ist jedoch offenkundig: Es geht China nicht um den schnellen kurzzeitigen Raub von katangesischem Boden, aus dem einfachen Grund, weil Chinas Wirtschaftspolitik von Langzeitdenken und Planung zeugt. Peking hat keinerlei Interesse daran, Afrika auszusaugen und zu destabilisieren, im Gegenteil. Die Vorstellung, dass China wie ein fragwürdiger Arzt ist, der einem todkranken Patienten eine Familienpackung Vitamin C verspricht im Tausch gegen, sagen wir, eine Niere und einen Lungenflügel, ist unzutreffend. China steht am Anfang einer langen, strukturellen Anwesenheit in Afrika, die das Erscheinungsbild der Welt in diesem Jahrhundert verändern wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie demokratisch es dabei zugehen wird, ist selbstverständlich noch die große Frage. Die Vertragsverhandlungen fanden hinter verschlossenen Türen statt, ohne Wissen des Parlaments. Zwar konnte sich das Parlament inzwischen dazu äußern, aber sein Beitrag war alles in allem gering. Außerdem beweisen die umfangreichen Handelsbeziehungen, die China ohne Bedenken mit Simbabwe und dem Sudan unterhält, dass Menschenrechte kein unantastbares Kriterium sind, genauso wenig übrigens wie in China selbst. Kommerzielle Interessen haben für Peking momentan Vorrang vor humanitären Belangen. So ist das Land zu sehr auf das qualitativ hochwertige Erdöl aus dem Sudan angewiesen, um bei einer Abstimmung über Darfur im UNO-Sicherheitsrat, wo es als ständiges Mitglied eigentlich viel Macht hat, dem Regime Al-Bashir in den Rücken zu fallen. Das klingt opportunistisch, aber es ist nicht weniger opportunistisch als die Art und Weise, in der Frankreich, Belgien und die USA in den achtziger Jahren Mobutu ermöglichten, sich an der Macht zu halten. Die Achtung der Menschenrechte datiert bei den westlichen Regierungen auch erst aus den neunziger Jahren. Und selbst seitdem . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hartnäckigsten Kritiker des chinesisch-kongolesischen Vertrages waren die internationalen Finanzinstitutionen. IWF und Weltbank waren beunruhigt wegen der Garantieklausel, die besagte, dass der Kongo seine Verpflichtungen auf andere Weise tilgen müsse, sollte der Boden nicht genug Kupfer oder Kobalt hergeben. Durch diese Zusicherung sei der Kongo in Gefahr, sich noch mehr Schulden aufzuhalsen, obwohl sein Schuldenberg bereits exorbitant sei. Und das stimmte. Das Land schleppte noch immer die Schulden aus der Mobutu-Ära mit sich; insgesamt ergaben die Zahlungsrückstände und die aufgelaufenen Zinsen Anfang 2010 die astronomische Summe von dreizehn Milliarden Dollar. Der Schuldendienst verschlang pro Jahr ein Viertel der Gesamtausgaben; die Auslandsverschuldung betrug mehr als 90 Prozent des BIP, 150 Prozent aller Exporte und mehr als 500 Prozent der Staatseinnahmen (ohne die ausländische Hilfe).54 Das Abkommen mit China hieß, dass nun noch ein Haufen Schulden hinzukommen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IWF und Weltbank erwähnten dabei nicht, dass sie ohne weiteres imstande waren, diese Schuldenlast zu verringern. Jahraus, jahrein drängten sie auf Tilgung, obwohl Erwin Blumenthal schon in den achtziger Jahren darauf hingewiesen hatte, dass das nie geschehen würde. Den Bretton-Woods-Institutionen wurde nur langsam bewusst, dass es unfair war, eine gerade gewählte Regierung noch immer mit den Folgen der Verschwendungssucht eines Diktators aus der Zeit vor zwanzig, dreißig Jahren zu belasten. Es ging natürlich um sehr viel Geld, und es durfte nicht zur Gewohnheit werden, Verbindlichkeiten auf bequeme Weise einfach unter den Tisch fallen zu lassen, aber dreizehn Milliarden Dollar lähmten nun einmal jeden Versuch des Wiederaufbaus. Es war so, als müssten die neuen Mieter eines verfallenen Hauses die gepfefferten Telefonrechnungen ihrer Vorgänger übernehmen, die unter extremer Telefonitis gelitten hatten. Zu Recht äußerte Rigobert Minani, ein kongolesischer Intellektueller, die internationalen Finanzinstitutionen nähmen »die nationale Ökonomie in Geiselhaft«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der IWF beharrte auf der Abbezahlung dieser Schulden, weil die reichen westlichen Länder auf diese Weise eine letzte Einflussmöglichkeit im Kongo behielten. Angeblich ist der IWF eine internationale Institution, das Stimmrecht basiert jedoch auf dem Kapitalanteil. Dadurch verfügen die USA und die EU, als wichtigste Geldgeber, über fast die Hälfte der Stimmen, während der Stimmanteil Chinas, wo ein Viertel der Weltbevölkerung lebt, nicht einmal 4 Prozent ausmacht.56 In diplomatischer Hinsicht hatte der Westen nach den Wahlen nicht mehr viel zu melden im Kongo, doch der IWF, dessen Direktor immer ein Europäer sein muss, diente als allerletztes Druckmittel, um Bedingungen zu stellen hinsichtlich Korruptionsbekämpfung, Steuergesetzgebung sowie Finanz- und Wirtschaftspolitik. Die Verschuldung durfte gesenkt, aber nicht gänzlich gestrichen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Rahmen eines groß angelegten Hilfsprogramms für die sogenannten &#039;&#039;heavily indebted countries&#039;&#039; erklärte sich der IWF bereit, neun der dreizehn Milliarden Dollar Schulden zu erlassen, sofern der Kongo eine Reihe strenger Bedingungen erfüllte. Dazu gehörte unter anderem eine Revision des Vertrags mit China. Kabila war dazu nicht gerade motiviert, aber Anfang 2009 war der Staat durch den Krieg gegen Nkunda und den infolge der globalen Wirtschaftskrise stark gesunkenen Kupferpreis so knapp bei Kasse, dass die Devisen nur noch für zwei, drei Tage Einfuhr reichten. Auf dem Boden der Staatsschatulle fand sich gerade einmal die geringfügige Summe von dreißig Millionen Dollar. IWF und Weltbank eilten nun blitzschnell mit dreihundert Millionen zu Hilfe. Seitdem ist sich die Regierung in Kinshasa bewusst, dass es nicht unklug ist, auch mit diesen Institutionen im Dialog zu bleiben und nicht alles Heil von China zu erwarten. Vielleicht sollte man es sich doch besser mit keiner der beiden Seiten verscherzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach monatelangen Verhandlungen kam es im Dezember 2009 zu einem Kompromiss: Die Garantieklausel wurde aufgehoben, und im Gegenzug reduzierte China seine Investitionen von neun auf sechs Milliarden Dollar. Prompt machte der IWF fünfhundertfünfzig Millionen Dollar locker und verkündete, ein Schuldenerlass sei in greifbare Nähe gerückt: Der Kongo brauche dann von den dreizehn Milliarden »nur« noch vier Milliarden zurückzuzahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen macht auch Indien seine Aufwartung als Geschäftspartner des Kongo; auch diese Zusammenarbeit wird der IWF genau beobachten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hohe, weiße Mauer, dahinter gigantische Asphaltmischer: Am 17. Oktober 2008 fuhr ich in Kinsuka am Gelände der CREC entlang, der &#039;&#039;Chinese Railway Engineering Company&#039;&#039;. Kinsuka am Ufer des Kongoflusses ist ein Vorort von Kinshasa, die CREC, eine der chinesischen Staatsfirmen im Konsortium mit dem Kongo, ist eines der größten Bauunternehmen Asiens. Die Firma beschäftigt hunderttausend Arbeiter. Kabila hat ihr ein riesiges Gebiet in der Nähe der Steinbrüche am Flussufer zur Verfügung gestellt, außerdem noch zwei weitere Standorte in der Stadt. Es kursierte das Gerücht, kongolesische Arbeiter würden entlassen, wenn sie Befehle nicht befolgten, selbst wenn die auf Mandarin gegeben würden. Der Monatslohn von hundertfünfzig Dollar würde gegen einen sehr niedrigen Wechselkurs ausbezahlt, sodass sie eigentlich nur siebzig Dollar erhielten.58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings war es mir unmöglich, das Gelände zu betreten, stellte ich bald fest, geschweige denn, Interviews zu führen. Nur die hohe weiße Mauer um das Gelände bekam ich zu sehen, Hunderte Meter lang. Ich fuhr um sie herum. An der Rückseite grenzte das Firmengelände an ein einfaches Wohnviertel. Es gab nur einen Sandweg. Als ich ausstieg, kam ein etwa vierjähriger Knirps angelaufen. Er sah mich an, zeigte auf mich und sagte laut und deutlich, weil Kinder nun mal gern die Dinge benennen, die sie kennen: &#039;&#039;»Chinois!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa wächst eine Generation heran, für die Europäer exotischer sind als Chinesen. Es gibt im Kongo jetzt wieder Kinder, die noch nie einen Weißen in natura gesehen haben, so wie im späten neunzehnten Jahrhundert. Sogar in den einfachen Vierteln von Kinshasa ist es mir mehr als einmal passiert, dass kleine Kinder kreischend wegrannten, wenn ich mit meiner furchterregenden Erscheinung durch ihre Gassen ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwachsene Kongolesen hingegen schwanken zwischen Ost und West. Europa und Amerika werden noch immer wegen ihres Knowhows bewundert, aber viele Menschen fragen sich, warum so wenig davon zu sehen ist, zumal die Chinesen ein Projekt nach dem anderen realisieren. Daraus entsteht der Eindruck, dass der Westen das Interesse verloren hat. Die Wahl Obamas weckte allerdings neue Hoffnung. Der alte Nkasi konnte es gar nicht glauben, als wir uns am Tag nach den amerikanischen Präsidentenwahlen zum ersten Mal unterhielten. Am belebten Kintambo Magasin in Kinshasa jubelten Jugendliche um sechs Uhr morgens nach Obamas historischer &#039;&#039;acceptance speech&#039;&#039;: »Er ist einer von uns! Er ist einer von uns! Er ist ein Mutetela!« Da sein Name mit O anfängt, glaubte man, er gehöre zum Stamm der Batetela, wo Namen wie Omasombo, Okito und Olenga geläufig sind. Aber auch Menschen, die seinen Stammbaum besser kannten, glaubten an ein neues Kapitel in den afro-amerikanischen Beziehungen. Und tatsächlich, Hillary Clinton reiste nach Goma, seit 1997 besuchte zum ersten Mal wieder ein US-Außenminister das Land. Dass sie in den Kongo reiste und nicht nach Ruanda, das ja an Goma grenzt, weckte die Hoffnung, dass Amerika seine kritiklose Pro-Ruanda-Politik korrigieren würde. Ein Sondergesandter für die Region der Großen Seen wurde ernannt, und in seiner Nobelpreisrede im Dezember 2009 sprach Obama mit Nachdruck das Thema sexuelle Gewalt im Kongo an. In der Praxis jedoch hat die amerikanische Regierung noch keine kohärente Sicht auf Zentralafrika entwickelt.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben die Chinesen? Bei meinen Interviews fiel mir auf, dass Kongolesen die Anwesenheit der Chinesen oft mit zwiespältigen Gefühlen beurteilen. Sie betrachten sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Argwohn, ein Paradox, dass sich nicht selten in leichtem Spott äußert. Im zwischenmenschlichen Umgang erfahren sie die Chinesen als eher reserviert, steif und verschlossen. Sie lachen so selten, meinen viele, sie mischen sich nicht unter uns, sie wohnen zu dreißig Mann in einem Haus und vergessen zu leben! Die Sprachbarriere und die großen kulturellen Unterschiede fördern den Kontakt natürlich nicht. Wer für einen Chinesen arbeitet, verhält sich unterwürfig, aber macht hinter seinem Rücken Witze über ihn (nicht über sie, Chinesinnen gibt es im Kongo nicht) – eine ähnliche Haltung wie vor einem Jahrhundert gegenüber den Europäern. Dennoch imponiert vielen das Tempo, mit dem die Baufirmen ihre Projekte durchziehen. &#039;&#039;»Bachinois batongaka kaka na butu«&#039;&#039;, heißt es in einem witzigen neuen Schlager: Die Chinesen bauen immer nachts, und wenn man morgens aufwacht, gibt es schon wieder ein Stockwerk mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeiten liefen zunächst langsam an, aber dann war es beeindruckend, wie die CREC kaum ein Jahr nach der globalen Finanzkrise die Sanierung der Abwasserleitungen und die Neuanlage des Boulevard du 30 Juin im Zentrum von Kinshasa in Angriff nahm, auch wenn alle Bäume dran glauben mussten und die Verkehrsachse auf eine vierspurige Straße reduziert wurde, auf der viele tödliche Unfälle stattfinden. Die Bevölkerung weiß nur allzu gut, dass Kabila die Realisierung seiner viel beschworenen &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039; an die Chinesen vergeben hat, um seine eigene Untätigkeit zu kaschieren, so wie er die Kriegsführung an die Ruander und die MONUC vergeben hat. Er muss ja etwas vorweisen können zu den Wahlen 2011.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese Wahlen haben inzwischen stattgefunden, und Kabila wurde im Amt bestätigt. Die Opposition bezweifelte die Wahlergebnisse und sprach von Anzeichen für massiven Wahlbetrug; auch westliche Beobachter äußerten Skepsis. Zudem hatte der Präsident seine Chance auf eine Wiederwahl im Januar 2011 durch eine gerissene Verfassungsänderung erhöht: Präsidentschaftswahlen werden nun mit einfacher Mehrheit schon im ersten Wahlgang entschieden, eine Stichwahl findet nicht mehr statt. Gegen eine zersplitterte Opposition hatte Kabila viel größere Chancen als gegen einen einzelnen Gegner, auf den sich die Opposition in einem zweiten Wahlgang geeinigt hätte. (Anm. d. Autors zur deutschen Ausgabe 2012)&amp;lt;/ref&amp;gt; &#039;&#039;Cinq chantiers?&#039;&#039; &#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!&#039;&#039; Immer, wenn Jugendliche einen Chinesen auf der Straße sehen oder eine kongolesische Frau mit einer asiatischen Bluse, rufen sie: »&#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es einen Ort im Kongo gibt, wo sich die Hochachtung vor China fast mit den Händen greifen lässt, dann ist es der Bürgersteig vor der chinesischen Botschaft in Kinshasa. An drei Vormittagen in der Woche sieht man hier lange Warteschlangen von Kongolesen, die auf ein Visum hoffen. Manche stellen sich schon um fünf Uhr morgens an. Andere bezahlen einen Straßenjungen, der sich für sie in die Schlange stellt. Ich selber habe hier frühmorgens schon einmal drei Stunden lang gewartet. Es waren hauptsächlich junge Frauen, die nach China wollten, nicht, um sich dort niederzulassen, sondern um Waren einzukaufen: Wenn die Chinesen wegen unserer Erze hierherkommen, dann können wir genauso gut zu ihnen reisen und uns mit ihren Produkten eindecken. Was die CHINA AMITIÉ COMPANY konnte, konnten sie auch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein anstrengender, aber faszinierender Vormittag. Die Botschaft Chinas befindet sich direkt gegenüber dem militärischen Hauptquartier der MONUC. Die Menschen in der Warteschlange störten sich nicht an dem weißen Panzer, in dem ein pakistanischer Blauhelm mit imposantem Schnurrbart die Zufahrt bewachte. Der Mann stand tapfer an seinem MG, hinter einer Mauer von Sandsäcken und großen Rollen Stacheldraht, an den die Straßenkinder ihre Wäsche zum Trocknen hängten. Die Frauen aber wandten der UNO buchstäblich den Rücken und richteten ihre Hoffnung auf den neuen Retter, die Volksrepublik China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Warten kam ich mit Dadine und mit Rosemonde ins Gespräch. Dadine, siebenundzwanzig Jahre, war eine arbeitslose Schauspielerin. Sie hatte von Frauen gehört, die nach Guanghzhou gereist waren, in die große Industriestadt im Süden Chinas, die auf Kantonesisch einfach Kanton heißt. 2007 hatte sie zum ersten Mal ihr Glück versucht und eine Woche lang Hosen, Schuhe, Perücken und Bodysuits eingekauft. Damals war man noch relativ leicht an ein Visum gekommen, nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking waren die Bestimmungen sehr viel strenger geworden. Sie war nur mit ihrer Handtasche aufgebrochen und mit vierundsechzig Kilo Gepäck zurückgekehrt. Sandalen, die sie dort für drei Dollar erstanden hatte, konnte sie in Kinshasa für neun, manchmal sogar für fünfzehn Dollar verkaufen. Einen Laden besaß sie nicht. Sie ging einfach bei Freundinnen oder in den Studentenwohnheimen der Stadt vorbei. »Sie können originelle Sachen kaufen, die viel billiger sind als das, was sie kennen, und ich verdiene auf einmal Geld. Ich bin richtig aufgeblüht, ich bin unabhängig geworden. Ich schaue jetzt nicht mehr auf hundert Dollar. Einen Mann habe ich immer noch nicht, aber es gibt jetzt viel mehr Bewerber.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde, eine verschmitzt wirkende Frau von sechsundzwanzig, dachte in viel größeren Dimensionen. Zusammen mit ihrer Schwester reiste sie schon seit 2006 nach China, auch nach Guangzhou. Ihre Eltern waren tot, sie hatte ein Kind. Keiner von den Wartenden auf dem Bürgersteig vor der Botschaft wollte nach Shanghai, Hongkong oder Peking, Guangzhou war &#039;&#039;the place to be&#039;&#039;. »Ich kaufe da Teller und Gläser für Restaurants, und Maschinen, um Eiswürfel zu machen, und Plasmabildschirme und Computer. Man muss sehen, dass man Sachen findet, die andere nicht importieren, dann kann man einen höheren Preis verlangen. Jedes Mal fülle ich einen Container, für mich ganz allein. Der kommt dann mit dem Schiff nach Boma, Matadi oder Pointe­Noire. So ein Transport kostet zwölftausend Dollar, aber innerhalb von zwei Jahren habe ich fünfzigtausend Dollar verdient und meine Schwester auch. Wir konnten uns beide ein eigenes Haus kaufen.« Junge Frauen, die es sich leisten können, in Kinshasa eine Immobilie zu besitzen: Das hat es noch nie gegeben. So wie die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre Frauen neue Chancen bot, eröffnet heute die globalisierte Variante neue Perspektiven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der kongolesische Markt wird mit billigen chinesischen Waren überhäuft. Die lokale Textilproduktion, eine der letzten verarbeitenden Industrien des Landes, ging deshalb sogar zugrunde. Ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039;, so erklären mir die Frauen, ist nicht zu vergleichen mit dem legendären &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; von Vlisco, aus dem sie ihre besten Kleider schneidern ließen. »Aber was will man? Ein &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; kostet 120 Dollar und ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039; nur fünf.« Weil die Kleidungs­stücke, Fernseher und Generatoren &#039;&#039;made in China&#039;&#039; allerdings auffallend schnell defekt sind, gibt es im Lingala nun ein neues Adjektiv: &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;. Es leitet sich ab von Guangzhou und bedeutet »nicht sehr haltbar«, »von schlechter Qualität«. Auch von einer Frau, die fremdgeht, wird inzwischen gesagt, sie sei &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde trug einen Pulli mit dem Schriftzug &#039;&#039;Dior, j&#039;adore&#039;&#039;, nein, auf dem Pulli stand &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;, denn man kann nicht erwarten, dass ein chinesischer Fabrikarbeiter neben all seinen Schriftzeichen auch noch das lateinische Alphabet vollkommen beherrscht. China-Reisende wie sie erkennt man in Kinshasa sofort an ihrer Kleidung. Auffälliger und extravaganter, sehen sie fast wie Popstars aus. Eine junge Frau im Minirock oder mit weißen Stiefeln ist fast mit Sicherheit eine Händlerin in Guangzhou. »Sie sind &#039;&#039;guangzhoufiées&#039;&#039;.« Aber Rosemonde hat sich mit dem echten Kennzeichen der neuen Kongolesin ausstatten lassen. Sie streift ihren &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;-Pulli zurück und zeigt ihre nackte Schulter. Dort, auf ihrer dunklen Haut schwer zu erkennen, prangt der Stolz des dritten Millenniums: ein Tattoo. »In China machen wir unsere Sache gut. Du müsstest es wirklich mal sehen.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 15 www.com ==&lt;br /&gt;
Eine Schnellstraße bei Nacht, aber so fühlt es sich nicht an. Sogar nach Mitternacht weben die Taxis ein unsichtbares Netz, wenn sie immer wieder die Fahrbahn wechseln, um schneller voranzukommen. Dennoch ist es, verglichen mit Kinshasa, mucksmäuschenstill. Kaum Gehupe. Keine dröhnenden DAF-LKW aus vorhistorischen Zeiten, die Schritttempo fahren und Dieselwolken ausstoßen. Keine zerbeulten VW-Busse mit mehr als dreißig Passagieren, die auf Holzbänken sitzen oder, in der letzten Reihe, die Beine durch die Heckklappe hinausbaumeln lassen. Und schon gar keine Schlaglöcher in der Größe von Vulkankratern. Das grün-weiße Taxi gleitet auf einer belebten achtspurigen Straße durch endlose Vorstädte an grauen Wohnanlagen entlang. Als wir uns dem Zentrum nähern, fahren wir über lange Straßenüberführungen, die zwischen Bürogebäuden und Wohnblöcken hängen. Manchmal ist unter und über uns eine Schnellstraße. Ein vertikales Gewebe. Und ganz unten, sehr viel tiefer, sehen wir Essbuden mit Lampions und hellroten Leuchtreklamen. Guangzhou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sitze mit drei Kongolesen in einem Taxi, wir kommen vom Flughafen. Vor einem Tag haben wir Kinshasa verlassen. Kenya Airways brachte uns erst nach Nairobi, wo wir sieben Stunden warten mussten, und dann, mit einer Zwischenlandung in Bangkok, nach Guangzhou, sieben Zeitzonen früher. Die andere Flugroute führt über Dubai. Auch Ethiopian Airlines sind von ihrem Drehkreuz in Addis Abeba aus auf der Strecke aktiv. Seit ein paar Jahren bieten die beiden Fluggesellschaften wöchentlich zehn Verbindungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und Südchina an; die Hinflüge finden mit leerem, die Rückflüge mit übervollem Frachtraum statt. »Warum sollten wir Kleider mitnehmen? Die kaufen wir uns doch dort!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine hatte beim ersten Mal noch Befürchtungen. »Kurz nach dem Start ging ich auf die Toilette. Ich versteckte mein ganzes Geld und meinen Pass unter meinen Kleidern, denn ich hatte gehört, dass man sich vor den Nigerianern in Acht nehmen müsse. Sie betäuben dich mit irgendwas und nehmen dir dann alles weg. Ich hatte fünfzehnhundert Dollar bei mir; die Großhändler reisen sogar mit zwanzigtausend Dollar in der Tasche. Man muss umheimlich aufpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Taxifahrer hat einen sicheren Platz. Der Fahrgastraum ist durch Kunststoffgitter abgetrennt. Wir, die Gefangenen auf der Rückbank, werden unterhalten. Die Sitze sind bequem, und im unteren Bereich der Gitterstäbe ist ein kleiner Fernsehbildschirm angebracht, auf dem Zeichentrickfilme laufen und Hautcreme-Reklame gezeigt wird. Die Lautstärke ist gedämpft. Einer der Kongolesen feilscht vorn mit dem Fahrer um den Preis. Schon seit zwanzig Minuten. Er heißt Georges und spricht fließend Kantonesisch. Nach ein paar Jahren in Guang­zhou hat er die Sprache völlig im Griff. Ich wusste, dass fast alle Kongolesen polyglott sind und leicht neue Sprachen hinzulernen, auch in späterem Alter, aber wie sich jemand Chinesisch ohne Unterricht aneignen konnte, war mir unbegreiflich. Georges fand es nichts Besonderes. Eine junge Afrikanerin habe die Sprache schon nach drei Monaten beherrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi bringt uns in die Nähe des Tianxiu-Gebäudes im Norden der Stadt, direkt an der viel befahrenen Huanshi Dong Lu und dem großen Autobahnring von Guangzhou, in einen Stadtteil mit heruntergekommenen Hochhäusern, Sendemasten, Schienenwegen und chaotischer Urbanität. Dort ist in den letzten Jahren ein wahres afrikanisches Viertel entstanden. Etwa hunderttausend Afrikaner wohnen hier, die meisten nur vorübergehend, einige ständig. Georges hat hier, neben vielen hundert anderen, sein kleines Cargo-Unternehmen. &#039;&#039;Air and ocean freight, full and groupage container&#039;&#039;, steht auf seiner beeindruckenden Visitenkarte. In den nächsten Tagen werde ich feststellen, dass jeder Afrikaner hier so eine imposante Karte besitzt, auffällige Karten auf Englisch, Französisch und Chinesisch mit sechs Handynummern für China und Afrika. In den Sraßen um das Tianxiu gibt es mehrere Hotels, die für zwanzig Dollar pro Nacht sehr komfortable Doppelzimmer anbieten. Sie sind voll mit Afrikanern. Ich werde zehn Tage im New Donfranc Hotel wohnen und keinen einzigen Europäer oder Amerikaner sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi hält an einer Fußgängerzone, wo Hunderte von Menschen unterwegs sind, Männer und Frauen, Chinesen und Afrikaner; nachdem ich eingecheckt habe, erkunde ich die Umgebung; die Läden sind Tag und Nacht geöffnet und bieten Schuhe, Reisekoffer, T-Shirts, Handys und Dessous an; auf der Straße verkaufen Bauern mit Strohhut aufgestapelte Früchte, deren Namen ich nicht kenne, winzige Äpfel, kleiner als Kirschen, die noch an einem Zweig hängen, und Grapefruits, größer als Fußbälle, die geduldig und kunstvoll geschält werden; auf hölzernen Handkarren mit einer Flasche Butangas stehen Männer in Unterhemden und bereiten in Windeseile Essen im Wok zu, während ihnen der Schweiß von der Stirn tropft; schüttelnd vermischen sie Nudeln, Senfkohl, Austernsauce, schwenken den Wok, füllen Schälchen aus Styropor; plötzlich ertönt ein durchdringendes Signal, die Polizei ist im Anzug, sie rennen samt Handkarren weg, während die Gasflamme lustig weiterbrennt – die bläulichen Flammen flackern wie eine Fackel, das Öl zischt hysterisch, die Sojasauce spritzt herum – in wenigen Sekunden sind sie in einer dunklen Gasse zwischen Mülleimern und weghuschenden Ratten verschwunden und lassen ihren Kunden verdattert und ohne Abendessen in der Einkaufsstraße zurück; ich kaufe bei einem alten Bauern ein Kilo Mandarinen, er wiegt sie mit einer Schiebewaage aus Bambus ab, die er sich dicht vor die halb zugekniffenen Augen hält, ich bezahle mit Geld, das ich nicht kenne, weiß nicht mal, ob sie hier in Kilogramm denken, und nicke, um mich zu bedanken, wobei ich mich frage, ob das wohl die richtige Geste ist; der kleine Mann mit dem verwitterten Gesicht lächelt jedenfalls und entblößt dabei zwei verfaulte Zähne; das Hotel ist kein einzeln stehendes Haus, sondern Teil einer labyrinthischen Mall, wo Hunderte von Boutiquen die gleichen Goldkettchen, Imitate von Nokia-Handys und Fußballtrikots verkaufen, Trikots von Barça, von Chelsea, von der niederländischen Elf, auf denen steht: Ruud van Nistelrooy, Nummer 9; ich finde die beiden Lifttüren wieder, die zum Hotel führen, aber als ich in der sechsten Etage aussteige, stehe ich nicht in dem Gang mit den Zimmern, sondern in einem dunklen, mir unbekannten Raum; ich komme mir vor wie in einem Traum; im Dunkeln ertönt leise Saitenmusik, zwei Kois schwimmen träge in einem sanft beleuchteten Aquarium, während mir mit meinem Beutel mit Mandarinen in der Hand allmählich dämmert, dass ich den falschen Lift genommen habe, fragt mich eine äußerst anmutige junge Frau, ob ich wegen der &#039;&#039;very special massage&#039;&#039; komme; als ich kurz darauf dann doch mein Hotelzimmer gefunden habe, lese ich in einer Mappe mit Stadtplänen eine Notiz, die besagt, dass &#039;&#039;according to the provisions of Regulations of the People&#039;s Republic of China on Administrative Penalties for Public Security whoring legally forbidden&#039;&#039; sei, da, wie sich gezeigt habe, &#039;&#039;recently some aliens suffered stealing or robbery during whoring&#039;&#039;; tja, das kann einem also als &#039;&#039;alien&#039;&#039; passieren; trotzdem stecken in derselben Mappe drei Päckchen Kondome, zwei verpackte Slips (&#039;&#039;Antisepsis &amp;amp; Healthy&#039;&#039;) und vier Beutelchen des mir unbekannten South Pole (&#039;&#039;Liexin Resispance&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;the Germ Liquid&#039;&#039;); da diese Beschreibung immer noch nicht viel erklärt, lese ich auf der Rückseite, dass das Produkt aus natürlichen chinesischen Kräutern hergestellt ist und zu 99,9 Prozent Bakterien abtötet &#039;&#039;for male and female privates itch and other social disease&#039;&#039;; es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an; der Jetlag und die Sturzflut an Eindrücken halten mich stundenlang wach; schlaflos zappe ich durch sechsunddreißig Kanäle mit brüllenden Samurai und diskutierenden Geschäftsleuten; schließlich bleibe ich bei einer Unterhaltungsshow hängen, wo Kandidaten in farbenprächtigem Outfit einen heiklen Parcours bewältigen müssen; nur wenige schaffen es, die meisten enden ruhmlos in einem Wasserbehälter, zum großen Vergnügen von Publikum und Moderator, der sich über sie lustig macht; es ist vier Uhr morgens, ich vermisse Kinshasa und ziehe die Vorhänge auf; auf der anderen Seite eines Innenhofs, zwei Etagen tiefer, sitzen vier Männer mit nacktem Oberkörper in einem verqualmten Zimmer und spielen bei fahlem Neonlicht Mahjong; eine Spielhölle, eine Opiumhöhle, wer weiß; ihre Stimmen sind unhörbar, aber ich sehe, dass sie hin und wieder vom Stuhl aufspringen und sich heftig anschreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules Bitulu hat miterlebt, wie sich alles verändert hat. Ich treffe ihn in seinem Büro im zehnten Stock des Taole Building, im hektischen Geschäftsdistrikt Dashatou. »1993 war ich der einzige Afrikaner hier. Ich begann zusammen mit einem Chinesen eine Firma in Shunde, hier in der Nähe, zwei Jahre später sind wir ins Zentrum umgezogen. Für die Chinesen war ich eine Art Außerirdischer, ein Kuriosum. Es gab damals keinen Rassismus, eher Neugier. Wo ich hinkam, wurde mir sofort ein Stuhl angeboten. Heute leben hier etwa zwei- bis dreitausend Kongolesen. Die meisten kommen aus Kinshasa, Lubumbashi, Goma und Bukavu. Fünfhundert von ihnen haben kein Visum und leben hier illegal. Manche kommen mit Drogen in Kontakt, aber es gibt auch viele Nigerianer, die mit kongolesischen Pässen rumlaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong, eines Gebietes mit einem Durchmesser von fünfhundert Kilometern, in dem etwa hundert Millionen Menschen leben, fast zweimal so viel wie im gesamten Kongo. Hier lockerte Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal die Zügel der Staatsökonomie, lange vor Shanghai. Es war schließlich die Region, in der er zur Welt gekommen war. Der große Abstand zu Peking machte sie zu einem sicheren Labor für ein Liberalisierungsexperiment. Guangdong liegt zudem in unmittelbarer Nachbarschaft der freieren Provinzen Hongkong und Macao und durfte zu ihnen in Konkurrenz treten. Dreißig Jahre später ist es die Werkbank der Welt. Die Provinz ist international der wichtigste Produzent von Klimaanlagen, Mikrowellenherden, Computern, Telekommunikationsanlagen und LED-Leuchtprodukten. Guangdong ist der drittgrößte Textilexporteur weltweit und fertigt 30 Prozent aller Schuhe auf diesem Planeten. Die Fabriken von Shenzhen exportieren Spielzeug in die entlegensten Winkel des Globus und lieferten bis vor kurzem zwei Drittel der Weltproduktion an künstlichen Weihnachtsbäumen – gar nicht ohne für ein offiziell atheistisches Gebiet. Auf einer kleinen Fläche werden 12 Prozent der chinesischen Wirtschaft und mehr als ein Viertel des landesweiten Exports realisiert. Dieser unwahrscheinliche Erfolg verdankte sich einem System von stark subventionierten Rohstoffen, aber die Finanzkrise 2008 traf das Gebiet schwer – die chinesischen Staatsbanken konnten sich zwar behaupten, doch ausländische Abnehmer wurden rar. Hunderttausende Arbeiter verloren ihre Jobs. Heute wird versucht, eine rein exportorientierte, auf Serienproduktion basierende Wirtschaft umzuwandeln in eine innovative Wissensindustrie, die auch einen rasch wachsenden lokalen Markt bedienen kann. Und das scheint zu gelingen: Der Telekommunikationsriese Huawei schloss im Krisenjahr 2008 Verträge über mehr als dreiundzwanzig Milliarden Dollar ab, ein Wachstum von 46 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner malerischen Lage im Delta des Perlflusses war Guang­zhou schon immer ein internationaler Handelsplatz. Als Ausgangspunkt der maritimen Seidenstraße kam es schon sehr früh mit dem Christentum und dem Islam in Kontakt. Noch heute stehen dort eine prachtvolle Moschee, die möglicherweise auf das siebte Jahrhundert zurückgeht, das Jahrhundert, in dem der Islam entstand, sowie eine katholische Kathedrale viel jüngeren Ursprungs. Perser, Araber, Portugiesen und Holländer fanden hier ihren Weg. So ist es nicht verwunderlich, dass es auch heute der Nabel neuer Handelsbeziehungen zum Ausland ist, diesmal mit Afrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules kam 1988 mit einem Studienstipendium nach China. Er gehörte zu einer Gruppe von siebzehn auserwählten Zairern, die im Rahmen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Peking studieren durften. Das erste Jahr war mit Sprachunterricht ausgefüllt, danach studierte er vier Jahre Informatik. Heute spricht er besser Mandarin als die meisten Kantonesen (Kantonesisch ist Peking zufolge keine Sprache, sondern eine Variante der Standardsprache Mandarin) und schreibt die Schriftzeichen mit einem Schwung, den ihm nur wenige Ausländer nachmachen. Ein Afrikaner, der chinesisch schreibt – das ist nicht gerade alltäglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während seines Sprachstudiums sah er eines Tages, dass an der Wand eines Verwaltungsgebäudes das Wort »Demokratie« stand. »Ich fragte mich: Was hat das zu bedeuten? Es herrschte Unruhe, aber ich verstand nicht, worum es ging. Im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet. Unser Professor sagte, wir dürften nicht auf den Tiananmen-Platz gehen, aber ich fuhr mit dem Bus hin und sah einen Platz voll, voll, voll mit Studenten. Es gab keine Seminare mehr, alles fiel aus. Bei uns an der Uni standen zwei Särge, voll oder leer, ich wusste es nicht. Als ich wieder in meinem Zimmer war, sah ich vom neunten Stock aus, dass die amerikanischen Studenten mit einem Kleinbus von ihrer Botschaft abgeholt wurden. Auch die Studenten aus den ehemaligen französischen Kolonien wie Gabun verließen das Wohnheim. Wir Zairer blieben als Letzte, bis auch unser Konsul kam und uns abholte. Auf dem Weg zur Botschaft sahen wir verbrannte Lastwagen der Armee auf der Straße stehen. Ein Massaker war im Gange. Japanische Studenten erzählten uns später, dass es sehr gut organisiert gewesen sei, mit LKW zum Abtransport der Leichen und mit Putzkolonnen. Wir schliefen neun Tage in der Botschaft auf dem Fußboden. Es war kalt, und es gab nichts zu essen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als frisch diplomierter IT-Ingenieur in einem Land voller frisch diplomierter IT-Ingenieure fand Jules nicht sofort Arbeit, aber er verfügte über ein anderes Talent: Musik. Als Student hatte er schon zusammen mit den paar Kongolesen in Peking eine Band auf die Beine gestellt, nun schloss er sich einem reisenden chinesischen Orchester an. »Wir zogen sechs Monate lang durch Dörfer im Inland. Ich war in den Provinzen Guangxi, Hunan, Yunnan, Guizhou und Sichuan. Am Anfang spielte ich nur Gitarre, später sang ich auch auf Chinesisch. Für das Publikum war das eine Attraktion. Aber ich fühlte mich nicht wohl. Ich sah keinen einzigen Kongolesen, und wir aßen nicht gut, immer nur dieses chinesische Essen.« Seine Geschichte erinnert an das Schicksal der Kongolesen, die ein Jahrhundert zuvor in Tervuren kampieren durften. Auch damals war ein Schwarzer mehr eine Jahrmarktsattraktion als ein Mensch. »Trotzdem habe ich später, als mein Geschäft schon lief, immer noch Musik gemacht. An den Wochenenden habe ich in einer Reggae-Band in Hongkong gespielt, in der Africa Bar. Später habe ich chinesische Schlager gesungen, in Bars und Restaurants, manchmal zwei bis drei Auftritte am Tag, manchmal sechs Tage in der Woche. Das hat sich finanziell gelohnt. Ich habe auf Mandarin, Kantonesisch und Englisch gesungen. &#039;&#039;Un Congolais, c&#039;est bizarre.&#039;&#039; Ich bin in großen Hotels aufgetreten. Auch viel Karaoke. Ich bin bis an die mongolische Grenze gekommen. Als ich im Jahr 2000 in Peking auftreten musste, traf ich auf sechs kongolesische Studenten ohne Geld und ohne Visum. Ich habe sie nach Guangzhou mitgenommen. Das war der Anfang der kongolesischen Gemeinschaft hier. Sie haben in den Diskotheken gearbeitet. Dieses Phänomen kam damals gewaltig in Mode. Danach haben alle die Musikszene verlassen und ein Business aufgebaut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von einer Jahrmarktfigur zum Migrationspionier. Jules Bitulu war eine Art Peter Stuyvesant des Kongo, begreife ich. Er ist ein begnadeter Erzähler und außerordentlich gut informiert. Ich kritzele während unseres Gesprächs zehn Seiten voll. Er erzählt mir noch, wie es in Guangzhou alles angefangen hatte mit Westafrikanern, die binnen weniger Monate im Jahr 2000 aufgetaucht waren, Senegalesen und Malinesen, sie übernachteten in einem islamischen Hotel beim Tianxiu. Er erzählt, wie leicht man damals an ein Visum kam, sogar für sechs Monate, sogar für ein Jahr. Was für ein Unterschied zu heute, wo man schon froh sein darf über ein Visum für zwei Wochen, seufzt er, und wer in die Illegalität abtaucht, wenn seine Papiere abgelaufen sind, riskiert Haftstrafen von einem Monat bis zu einem halben Jahr. Freigelassen wird man erst, wenn man das Ticket für den Rückflug bezahlen kann. »Inzwischen wird die Situation immer schwieriger, sogar für Leute, die ein legales Visum haben oder eine Aufenthaltserlaubnis so wie ich. Die Flüge werden immer teurer, die Einkaufspreise sind gestiegen, die Frachtkosten sind hoch, der Zoll im Kongo ist unbezahlbar, und der Markt in Kinshasa ist gesättigt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtiges Heimweh nach dem Kongo hat er nicht. »Ich habe die chinesische Kultur in mich aufgenommen. Die Kongolesen müssten sich besser organisieren, so wie die Chinesen. Sie müssten sich als Gruppe organisieren, aber das wollen sie nicht, obwohl sie dann viel niedrigere Preise aushandeln könnten. Es ist ein Virus. Auch der Vertrag, den der Kongo mit China geschlossen hat, ist nicht gut ausgehandelt worden. Keiner in der kongolesischen Delegation sprach Chinesisch. China wird nun schnell ein paar Straßen bauen, die dann nicht instand gehalten werden.« Er spricht aus, was viele Kongolesen in China denken: Dieser Deal, der größte in der Geschichte ihres Landes, war zu überstürzt, das Land wurde gegen ein Taschengeld verkauft. »Ich scheue mich nicht, zu sagen, dass ich mich schäme, ein Kongolese zu sein. Der Kongo war seit der Unabhängigkeit nie ein richtiges Land. Nichts funktioniert. Die Leute denken nur an ihr eigenes Portemonnaie. Ich habe miterlebt, wie sich China in zwanzig Jahren entwickelt hat.« In den Dörfern, in denen Jules Bitulu mit seinen Songs auftreten durfte, besaßen 1990 nicht einmal 5 Prozent der Familien einen Fernseher, Ende 2006 waren es 90 Prozent.1 »Ich habe gesehen, wie Vietnam gewachsen ist. Ich war in Dubai, und ich habe nur noch gestaunt. Dort ist nur Wüste, weißt du, aber trotzdem blühen Blumen, sie verlegen Wasserrohre unterm Rasen. Nein, sie haben ihr Land gut aufgebaut. Wenn Gott die Kongolesen in die Wüste gesetzt hätte, hätten die dann das Gleiche getan? &#039;&#039;Papa, c&#039;est fini!&#039;&#039; Es ist bestimmt nicht der Fehler der Weißen oder von Mobutu, dass es bei uns so schlecht läuft, das sind nur Sündenböcke, das ist die Vergangenheit. Sieh dir die Chinesen an. Sie lernen von Europa, und sie wissen, dass es nicht Zauberei ist, sondern einfach nur Arbeit.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Geschäftsdistrikt Dashatou ist ein Stadtviertel, das ganz im Zeichen der Elektronik steht. Es gibt Shopping Malls eigens für Digitalkameras neben Shopping Malls für Laptops oder LCD-Monitore. Nach dem Gespräch mit Jules Bitulu lasse ich mich dort einfach treiben. So gelange ich in einen fensterlosen Megastore, wo ausschließlich Handys verkauft werden. Hunderte Jungen und Mädchen stehen hinter den Verkaufsständen; wenn sie Hunger haben, essen sie, hinter der Kasse hockend, rasch einen Pappbecher mit Nudeln. Da teilnehmende Beobachtung als ethnographische Methode unübertroffen ist, nehme ich ihre Ware in Augenschein. &#039;&#039;»Chinese copy!«&#039;&#039;, sagen sie freiheraus bei etwas, das aussieht wie ein makelloses iPhone. &#039;&#039;»This one good copy. This one bad copy.«&#039;&#039; Das ist also schon mal klar. &#039;&#039;»This one original&#039;&#039;.« Nein, daran habe ich kein Interesse, an so einem &#039;&#039;owigina&#039;&#039;. Eine echte Imitation scheint mir viel origineller, zumal die Fake-Handys über &#039;&#039;features&#039;&#039; verfügen, die man bei den Originalen vermisst, wie etwa die Möglichkeit, zwei SIM-Karten unterzubringen, sehr praktisch, wenn man viel auf Reisen ist. In der &#039;&#039;brave new world&#039;&#039; verwischt sich die Grenze zwischen Original und Plagiat. Ein Plagiat ist keine einfallslose Imitation, sondern technische Avantgarde. Also erstehe ich ein paar Fake-iPhones und Ericsson-Imitate für etwa fünfzig Dollar pro Stück. Einige davon werde ich demnächst in Kinshasa verkaufen, um mir einen Teil des Flugtickets zurück zu verdienen. Nur weiß ich noch nicht, dass ich statt fünf besser gleich dreißig Stück hätte kaufen sollen: An einem einzigen Tag werde ich sie später zu einem Vielfachen des Preises wieder los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem der Stände lerne ich Enson kennen, einen jungen, hyperaktiven Chinesen, der mit mir in fließendem Lingala plaudert, während er Sim-Karten einsetzt und Batterien wechselt. Nein, er war noch nie im Kongo, sagt er, er arbeitet jeden Tag in diesem fensterlosen Raum, aber viele seiner Kunden sind Kinois, von daher. Französisch spreche er auch nicht; ihm ist nicht bewusst, dass die Hälfte der technischen Fachbegriffe, die er verwendet, französische Wörter sind. &#039;&#039;»Ozana besoin sim mibale?«&#039;&#039; Brauchen Sie eins mit doppelter SIM-Karte? &#039;&#039;»&#039;&#039;A&#039;&#039;y, papa, accessoires mpo na modèle oyo eza te.«&#039;&#039; Monsieur, dieses Modell hat kein weiteres Zubehör.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Tianxiu-Gebäude ist eine Shopping Mall über mehrere Etagen mit greller Neonbeleuchtung und einer Muzak-Kakofonie. Schmale Gänge verlaufen zwischen winzigen Shops mit Glaswänden, in denen außerordentlich zuvorkommende Verkäufer ihre Waren anpreisen. Viele dieser Shops sind die Schaufenster der Fabriken anderswo in Guangdong. Auf einem Abschnitt von zwanzig Metern registriere ich industriell gefertigte Batikstoffe, Flipflops, Sneaker, Stiefel, Anzüge, Trainingsanzüge, T-Shirts, G-Strings, Schmuck, Handy-Ladegeräte, Handys, Ventilatoren, Mückenvernichter, Kettensägen, Generatoren, Mopeds und Schlagzeuge. Sobald der Kunde eintritt, springt der Verkäufer auf. Keine Mühe ist ihm zu viel. Stoffe werden auseinandergefaltet und wieder weggeräumt. Anzüge werden mit einer Stange vom Haken genommen, damit man sie anprobieren und ändern lassen kann. Die Kommunikation verläuft holprig, aber der Taschenrechner erleichtert die Sache. Das bringt Perlen der Pantomime hervor. Der Verkäufer tippt als Verhandlungsbasis einen Preis in Renminbi ein, dem gängigen Namen für den Yuan, und zeigt das Display. Der Afrikaner rechnet in Dollar um, macht ein empörtes Gesicht, sagt: &#039;&#039;»No, no, no!«,&#039;&#039; und tippt einen Betrag ein, der halb so groß ist, worauf der Chinese schmerzlich lächelt, den Kopf schüttelt und eine Zahl eintippt, die ihn nicht ganz so melancholisch stimmt. Daraufhin lässt der Afrikaner geknickt den Unterarm auf die gläserne Theke fallen und blickt verzagt nach draußen. Nach einer dramatischen Pause voller Wehmut und tief empfundener Empörung gibt er einen neuen Betrag ein und dreht den Rechner zum Verkäufer. So geht es eine Weile hin und her, bis der Afrikaner Anstalten macht, einen anderen Laden aufzusuchen und sich dann doch noch neue Möglichkeiten für eine freundschaftliche Einigung abzeichnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Shop verkauft nur Strings, darunter ein irres Modell, das mit der angolanischen Flagge bedruckt ist. Schnüre und Dreiecke haben die Nationalfarben Rot und Schwarz; das kommunistische Logo – ein Zahnrad, ein Buschmesser und ein Stern im jubelnden Gelb des Tagesanbruchs – ist in Höhe des Schambeins aufgedruckt. Als ich mich vorsichtig nach dem Preis erkundige, erfahre ich, dass sie nur in Tausendermengen verkauft werden. &#039;&#039;»Thousand«&#039;&#039;, sagt die Frau, »&#039;&#039;not one«&#039;&#039;, und sie tippt eine Eins und drei Nullen in ihren Taschenrechner ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine schwankt, ob sie Jeans mitnehmen soll. Der Preis von sieben Dollar gefällt ihr, in Kin wird sie bestimmt fünfunddreißig dafür bekommen, aber Jeans wiegen ziemlich viel. Eine große Menge passt nicht ins Gepäck, und dann noch der Zoll zu Hause . . . Sie denkt noch mal kurz darüber nach. »Bei uns ist Krieg. Du kommst dann todmüde aus China zurück, und am Flughafen stürzt sich der Zoll auf dich, wenn du auf deine Koffer wartest. Sie verlangen dreißig Dollar pro Tasche, um dich durchzulassen, das kann bis auf hundert Dollar ansteigen, aber sehr oft öffnen sie dein Gepäck mit einem Kugelschreiber oder Schlüssel und nehmen sich einfach ein Hemd oder eine Hose, obwohl du dabei stehst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schwestern Fatima und Fina, Musliminnen, was im Kongo selten ist, stecken in der Klemme. Ich habe sie im Flugzeug kennengelernt und sehe sie ein paar Tage später auf einer Bank sitzen, wo sie vom Shoppen verschnaufen. Sie wollten einen Container mit Tomatenmark in Dosen füllen, erklären sie mir, einen Container von zwanzig Fuß, nicht vierzig, das sei zu teuer, aber in der Fabrik hat man ihnen gesagt, dass die Bestellung erst im Dezember fertig ist. Das bedeutet, dass ihre Konservendosen frühestens im Februar in Kinshasa ankommen werden, viel zu spät für die Feiertage zum Jahresende, auf die sie gesetzt hatten. Vielleicht sollten sie dann eben mit Muskatnüssen handeln? Obwohl, zwischen Januar und Oktober 2008 ist der Preis von 7200 auf 8200 Dollar pro Tonne gestiegen, und in einen Container passen gut und gern zwölf Tonnen. Und dann noch der Transport! Einen 20-Fuß-Container nach Matadi verschiffen zu lassen, kostet 5600 Dollar, für einen 40-Fuß-Container muss man 10.000 Dollar zahlen. Hinzu kommen noch die Einfuhrzölle, und der Kongo verlangt den höchsten Zoll der Welt: bis zu 15.000 Dollar für einen kleinen Container, bis zu 20.000 für einen großen. Sie erklären mir, wie das vonstattengeht. Die offiziellen Tarife sind wie immer Verhandlungssache, aber viele ziehen es inzwischen vor, ihre Fracht nach Pointe-Noire in Kongo-Brazzaville zu verschiffen. Sollten sie sich das nicht auch überlegen? Ein LKW bringt die Fracht dann nach Brazzaville, und dort werden die mehreren hundert Säcke mit Muskatnüssen auf die Fähre nach Kinshasa umgeladen, eine Fähre, auf der der Transport schon seit Jahr und Tag von Rollstuhlfahrern übernommen wird, denn ihnen wird ein Teil der Zollgebühren erlassen. Gelähmte als Träger, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Behinderten, mit denen ich sprach, betrachteten es als ein erworbenes Recht, gegen Bezahlung ihren Rollstuhl, oft eine Art selbst zusammenschweißtes Dreirad, mit Stapeln von Säcken zu beladen, bis sie nichts mehr sehen konnten, um dann als Passagier aufs Boot zu rollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lina ist zweifellos die erfolgreichste junge Geschäftsfrau, der ich hier begegne. Innerhalb von vier Tagen hat sie zwei große Container mit Baumaterialien füllen lassen: Fliesen, Türen, Klimaanlagen, Badkeramik, Sanitärausstattung, Beleuchtung. In Kinshasa findet man heute Toiletten der Marke Aomeikang, Waschbecken der Marke Meijiale und Feuermelder von Hefei Chenmeng, und sogar Toilettenpapier, das Wij Mei heißt. Ihr erster Container ist schon verschlossen, für den zweiten sucht sie noch einige Plasmabildschirme. Wenn sie damit fertig ist, kann sie sich ein paar Kleider nähen lassen. Sie hat Fotos aus einer afrikanischen Illustrierten mitgebracht, die Chinesen sollen es einfach kopieren. Sie hat allerdings stechende Bauchschmerzen. Ihre Cousine ist auch mitgekommen; die überlegt sich, ob sie sich in China einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen sollte, denn warum sollte man nur Waren kaufen, wenn es auch Dienstleistungen gibt? Lina wird schneller, als ihr lieb ist, Bekanntschaft mit dem chinesischen Gesundheitswesen machen. Als ich sie ein paar Tage später wiedersehe, erzählt sie mir, dass sie in einer Klinik war. Die heftigen Bauchschmerzen kommen von einer Blindarmentzündung. »Normalerweise würde ich für eine Operation nach Südafrika gehen«, sagt sie, »aber diesmal lasse ich es in China machen. Die chinesische Medizin soll ja gut sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die afrikanische Diaspora in Guangzhou wird immer bedeutender. Sie wächst weiterhin, und ihre Mitglieder wagen sich immer weiter ins Land vor. Manche leben wie in einer Familie zusammen: Während die anderen Waren einkaufen, bleibt eine Person zu Hause und kocht mit den verfügbaren Zutaten so afrikanisch wie möglich. Andere essen mit Stäbchen, als hätten sie es nie anders gekannt. Ein Kongolese hatte ein Tanzlokal aufgemacht, Chez Edo, nach Ansicht aller Afrikaner, mit denen ich sprach, der beste Schuppen der ganzen Megalopolis, aber die Behörden schlossen ihn, weil die erforderlichen Papiere fehlten. Andere eröffnen einen Frisiersalon oder entwerfen Kleidung. Homosexuelle, die in Afrika einen sehr schweren Stand haben, entdecken in China neue Möglichkeiten und wollen nicht mehr zurückkehren. Ich lernte einen jungen kongolesischen Schwulen kennen, den seine Familie in Kinshasa verstoßen hatte und der in China eine Beziehung mit einem Nigerianer eingegangen war. Für ihn war China nicht das Land der Repression, sondern der Freiheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der großen Händler, Monsieur Fule, ist der informelle »Vorsitzende der kongolesischen Gemeinschaft in Guangzhou«. Obwohl weder das Amt noch die Organisation offiziell existieren, spielt er ein bisschen die Rolle eines Konsuls. Wer in der Stadt ankommt, geht auf einen kleinen Plausch bei ihm vorbei. Als ihn ihn besuche, stapeln sich auf seinem Schreibtisch Kartons mit Damenschuhen. »Ich bin schon seit neun Jahren hier und habe eine Aufenthaltserlaubnis«, sagt er selbstbewusst. Fule war einer der mittellosen Studenten, die Jules Bitulu überredet hatte, mit ihm von Peking nach Guangzhou zu gehen. »Aber für Ausländer ohne Visum haben die Chinesen ein Gefängnis. Die goldenen Jahre sind vorbei. Der Handel ist eine unsichere Sache geworden, nur im Kongo ist es noch viel schlimmer. Das Land ist am Boden und versinkt immer weiter. Alles ist schmutzig, aber dank China sind jetzt immerhin alle ordentlich angezogen.« Den großen Vertrag zwischen beiden Ländern sieht er recht positiv. »Die Sache ist ein bisschen schwammig&#039;&#039;«,&#039;&#039; sagt er, »aber im Kongo werden schon seit Jahren Erze gestohlen. Jetzt werden wenigstens Milliarden dafür bezahlt.« Und zum Schluss erklärt er hinter seiner Wand aus Damenschuhen: »Der Kongo kommt einfach nicht vom Fleck, aber wir gehen trotzdem zurück. Den kongolesischen Migranten in Europa ist ihr Land inzwischen egal, ihr soziales Leben findet jetzt dort statt. Aber wir hier in China merken, dass einen der Handel allein auch nicht zufrieden macht. Irgendwann kehren wir zurück.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Tianxiu, weit oben über den Shops, betrete ich an einem Sonntagmorgen im einunddreißigsten Stock das Büro mit der Nummer 3105. Es ist ein karger Arbeitsplatz, dessen Teppich sich wellt, aber ein kongolesischer Händler hat in diesem Raum seine eigene Kirche mit dem ambitiösen Namen &#039;&#039;Église Internationale pour la Réconciliation&#039;&#039; gegründet. An drei Abenden in der Woche lädt er zum Gebet ein, und sonntags finden zwei Gottesdienste statt, die drei Stunden dauern. Ich merke beim Eintreten sofort, dass Gott in dieser Diaspora etwas von seinem Glanz verloren hat. Er passt zur Einrichtung. Nur acht Gläubige sind erschienen, darunter ein Chinese, der Keyboard spielt. Während einer langen Meditation über einen Bibelvers sagt der Pfarrer: »Das Wort Gottes ist wie der Regen. Der steigt nur zum Himmel auf, nachdem er die Erde bewässert hat, damit wir wissen, . . .« »WAS ERFOLG IST!«, antwortet die Glaubensgemeinschaft im Chor. Dieses Frage- und Antwortspiel haben sie schon öfter gehört. »In all unseren . . .« »PROJEKTEN!« »Damit sie alle . . .« »GELINGEN!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann erheben sich die Gläubigen zum Gebet. Mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen reden sie laut durcheinander und erflehen von Gott Stärke und geschäftlichen Klarblick. Der Prediger bittet, auch »unseren Bruder« David ins Gebet einzubeziehen, der heute zum ersten Mal da ist. Beim anschließenden Gesang tanzen die Afrikaner geschmeidig, während der Chinese am Keyboard nur das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagert. »Es ist nicht leicht für sie«, sagt der Evangelist hinterher zu mir, »sie wissen sehr wenig. Sie wissen nicht mal, wer Abraham ist. Wenn man das alles erst erklären muss . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am späten Nachmittag besuche ich Patou Lelo, einen Händler, der pro Monat hundert bis hundertfünfzig Container nach Afrika verschickt. Er hat den MBA in Wuhan gemacht und lebt jetzt in einem Wohnblock in einer bescheidenen Erdgeschosswohnung, in die nur wenig Tageslicht fällt. Seine kleine Tochter, sie ist fast zwei, spielt auf dem Teppich. Sie hat afrikanische Gesichtszüge, aber asiatische Augen. Ihre Haut hat einen warmen Ockerton.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als ich hier ankam, fragten mich viele Leute, ob sie meine Haut mal anfassen dürften. Sie hielten mich für einen Chinesen, der zu viel in der Sonne gewesen war, und dachten, ich würde wieder weiß werden. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs war, dachten viele, sie sei Dolmetscherin oder sogar Prostituierte. Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren verheiratet. Ihre Mutter war strikt dagegen. ›Er oder wir!‹, hat sie gesagt. Aber ihr Stiefvater hat uns keine Probleme gemacht. ›Er ist doch ein ruhiger und ernsthafter Mann‹, hat er gesagt. Im Kongo war es genauso: Meinem Vater war es egal, aber meine Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt. Erst nach der Geburt unserer Tochter hat sie meine Frau akzeptiert. In China ist die Familie genauso heilig wie im Kongo, es ist nicht so wie in Europa, wo das Paar an erster Stelle steht. Hier sind die Großeltern sehr wichtig, wir sorgen für sie. Das Ehepaar mit einem Kind und die Großeltern, das ist hier die Kernfamilie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf einer Kommode stehen Fotos von Patous Hochzeit. Er und seine Frau sind darauf in chinesischer, japanischer und westlicher Kleidung zu sehen. Ein strahlendes Brautpaar. Sein Cousin und sein Bruder waren aus dem Kongo angereist, und die ganze kongolesische Gemeinschaft aus Guangzhou war dabei. Aber manchmal ist es nicht gerade leicht, räumt er ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist eine völlig andere Kultur, konträr zur kongolesischen. Die Chinesen sind hypernationalistisch. Meine Frau verteidigt jemanden automatisch, nur weil er ein Chinese ist. Sie ist auch atheistisch. Nur wenig Chinesen sind gläubig, oder man zählt den Buddhismus mit, aber das ist &#039;&#039;une petite religion&#039;&#039;. Hier verbrennen sie ihre Toten, das fällt uns sehr schwer. Wenn ein Kongolese stirbt, sammelt unsere Gemeinschaft Geld, damit der Leichnam in den Kongo überführt werden kann. Wirtschaftlich sind sie hoch entwickelt, aber von den Sitten her sind sie rückständig, die Chinesen. Dieses Auf-den-Boden-Gespucke in großen Restaurants . . . Aber ich muss sagen, die chinesischen Frauen sind viel aufgeschlossener als die Männer, und meine Frau sowieso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er weiß, dass er von Glück reden kann, denn in Guangzhou macht sich zunehmend Rassismus breit. Taxifahrer weigern sich immer öfter, Afrikaner mitzunehmen. Sie nennen sie nicht mehr &#039;&#039;hēi rén&#039;&#039;, Schwarze, sondern &#039;&#039;hēi gŭi&#039;&#039;, schwarze Teufel. Die Straßen um das Tianxiu sind bekannt als das »Viertel der schwarzen Teufel« oder &#039;&#039;»chocolate city«&#039;&#039;. Wenn eine Afrikanerin auf dem Markt Gemüse betastet hat, wird es manchmal weggeworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber die Schwarzen tragen auch selber dazu bei. Sie integrieren sich nicht, sie passen sich nicht an. Die Drogengangs von Nigerianern und Typen aus Sierra Leone bescheren uns einen schlechten Ruf, dabei arbeiten viele Kongolosen hier sehr hart.« Härter als im Kongo, meint Patou. »Schau, 100 Prozent ehrliche Menschen gibt es nicht im Kongo. Sie wollen immer nur das schnelle, einfach verdiente Geld. Sie kapieren das Prinzip des Investierens nicht, weil die Familie immer die Hand aufhält. So bleibt nichts übrig, um es neu zu investieren. Aber hier ist der Abstand zur Familie größer, verstehst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast alle seine Angehörigen sind emigriert – sein Bruder lebt in Spanien, seine Schwester in Frankreich, eine andere Schwester in Manhattan. Nur seine alte Mutter ist in Kinshasa zurückgeblieben. Viele Kongolesen gehen ins Ausland, um den erstickenden Familienbanden zu entrinnen. In Krisenzeiten hat die viel gerühmte afrikanische Solidarität etwas Rührendes, aber in Zeiten des Wiederaufbaus führt sie zu einer teuflischen Logik, die langfristige Projekte unmöglich macht: Das bisschen Geld, das verfügbar ist, verflüchtigt sich durch die Verteilung an eine ganze Gruppe sofort. Neuinvestition und Planung stoßen kaum auf Wertschätzung. In China gelingt das besser. Hier kann es nicht passieren, dass Onkel und Cousins einen der Hexerei bezichtigen, wenn man sich weigert, das bisschen Geld, das man verdient hat, zu verteilen, während im Kongo Hexerei als allerletztes Argument vorgebracht wird, um einen zur Solidarität zu zwingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier ist Hexerei kein Thema«, sagt Patou Lelo, offenkundig heilfroh, von dieser höheren Metaphysik befreit zu sein. Im Kongo suchen viele aus Angst vor Hexerei Schutz bei einer Pfingstgemeinde, aber heute Vormittag habe ich gesehen, dass in China tatsächlich kaum Bedarf daran besteht. »Diese Verbreitung falscher Pastoren und Prediger gibt es im Kongo nur wegen der Armut. Aber hier ist die Arbeit wichtiger als die Religion.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuche ich noch Georges in seinem kleinen Büro, den Mann, der mich vom Flughafen abgeholt hat. Auch am Sonntag hat er viel zu tun. »Wir müssen arbeiten, wenn wir jung sind«, sagt er, »man ist schnell alt.« Seine Spedition wirbt mit dem Slogan &#039;&#039;Vous servir, c&#039;est notre devoir&#039;&#039;, und das ist in diesem Fall keine hohle Phrase&#039;&#039;.&#039;&#039; Zwei Mitarbeiter, César und Timothée, mühen sich mit riesengroßen Pappkartons ab und stemmen sie auf eine Waage, von der sie gerade noch die Ziffern ablesen können. Georges telefoniert pausenlos. Kann dieser Container schon verschlossen werden? Wie viel Tonnen können noch dazu? Wann fährt der LKW los? Ist schon jemand zum Flughafen gefahren? Moment mal. David, wie viel Kilo hast du übrig bei deinem Gepäck? Was, vierzig Kilo? Aber was hast du denn gemacht in den vergangenen Tagen? Hast du wirklich nichts gekauft? Nur fünf Handys und zwei Anzüge? Vierzig Kilo, bist du dir sicher? Willst du sie nicht verkaufen? Vierzehn Dollar pro Kilo, okay?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während ich buchstäblich Luft verkaufe, sitzen hinten im Büro Iso und Jodo, zwei junge Chinesen, und verfassen den Text für Formulare. Iso, eine junge Frau mit einer zierlichen Brille, blättert in einem Wörterbuch, sie lernt Englisch und Französisch. Bei einem Kongolesen zu arbeiten bringt neben Geld auch Sprachkenntnisse. An der Wand hängen ein Poster von DHL und eine Weltkarte mit China in der Mitte: Europa und Amerika sind zur Peripherie geworden, Asien und Afrika bilden das neue Zentrum. Waren die europäisch-amerikanischen Beziehungen die wichtigsten interkontinentalen Kontakte im zwanzigsten Jahrhundert, dann werden die chinesisch-afrikanischen Beziehungen die wichtigsten im einundzwanzigsten Jahrhundert sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Wand hängt ein Satz in Lingala: &#039;&#039;»svp&#039;&#039; &#039;&#039;Ndeko awa ezali esika ya mosala«&#039;&#039; – lieber Freund, das hier ist ein Arbeitsplatz. »Ich hab das ausgedruckt und aufgehängt«, sagt Georges, »weil die Kongolesen sonst vorbeikommen, wenn sie quatschen wollen.« Die Betriebsamkeit der Kongolesen in Guangzhou ist phänomenal. Einer der Händler, den ich wegen eines Interviewtermins anrief, sagte: »Heute habe ich einfach zu viel zu tun, aber morgen hätte ich vierzig Minuten Zeit für Sie. Reicht das?« Ein Riesenunterschied zum Kongo, wo nahezu jeder unbegrenzt Zeit hat und die meisten enttäuscht sind, wenn man sich nach vier Stunden schon wieder verabschiedet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als César und Timothée fertig sind mit Wiegen und Aufstapeln, schlagen sie vor, ein Bier zu trinken. Direkt in der Nachbarschaft ist eine Snackbar mit ein paar Stühlen im Freien. Es ist inzwischen dunkel, aber Nacht ist in Guangzhou ein relativer Begriff. Wir sitzen auf der Straße und beobachten die Mädchen aus den Massagesalons gegenüber. Sie tragen weiße Gewänder und ein rotes Band um die Schulter. Sie haben sich in den traditionellen chinesischen Massagetechniken ausbilden lassen und versuchen, Kunden anzulocken. Richtige Massage, erklärt mir César, nicht &#039;&#039;the very special one&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
César ist ein Kapitel für sich. Seine Augen sind blutunterlaufen, und seine Stimme schwankt zwischen heiter und melancholisch. Im Kongo war er jahrelang Polizeikommandant, Kommandant César, so lässt er sich noch immer gern anreden. Er diente unter Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. »Wir hatten noch die schwere Ausbildung. Ich habe mal zwei Tage im Wasser gestanden, bis an die Brust. Ekliges, dreckiges Wasser, wenn man umfiel, war man tot. Oder vier Tage Wache geschoben, ohne Schlaf, kein Problem. Aber 2002 hatte ich es satt. Meine ganze Familie ist ausgeschwärmt, nur meine Eltern sind dageblieben und eine Schwester, die für sie sorgt. Ich bin damals nach Thailand gegangen, und von Thailand aus habe ich versucht, nach Deutschland zu gelangen. Ein Freund von mir, der schon in Deutschland war, hat mir mit DHL seinen Pass geschickt. Aber als ich in Deutschland ankam, haben die Zollbeamten gesehen, dass es nicht stimmte. Ich saß einen Monat im Gefängnis, und dann haben sie mich in ein Flugzeug zurück nach Thailand gesetzt. Von dort aus bin ich in alle Länder gereist: Singapur, Vietnam, Malaysia, Hongkong, Korea, Philippinen . . . Jeden Monat musste ich woanders hin, um meinen Pass verlängern zu lassen. So bin ich in China gelandet, aber mein Visum ist inzwischen abgelaufen. Sie können mich jeden Moment einbuchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stellt sein Glas ab und ruft der Wirtin auf Kantonesisch zu, dass er noch ein Bier möchte. Die Gasse ist grau. Neben unseren Plastikstühlen hockt unbeweglich eine fette Ratte und kaut auf etwas herum. »Hier habe ich eine wunderschöne Frau kennengelernt, mit langen schwarzen Haaren. Sie kam aus dem Westen von China. Sie sah überhaupt nicht chinesisch aus, eher indisch oder russisch, ich weiß nicht.« Uigurisch wahrscheinlich, aber ich unterbreche ihn nicht. Timothée zupft das Etikett von seiner Bierflasche. César beginnt mit seinem zweiten Bier. »Es lief hervorragend. Wir hatten zusammen einen Telefonladen, der brummte richtig. Sie wollte Kinder, aber ich habe schon acht in Kinshasa. Dann begann sie mich in die Enge zu treiben. Sie wollte, dass ich alle Beziehungen zu meinen Freunden und meiner Familie abbrach. Nur noch sie und ich. &#039;&#039;Mais je suis un africain!&#039;&#039;« Er ruft es laut, aber die Ratte rührt sich immer noch nicht. »Ich fühlte mich wie ein Gefangener, ich war kurz davor, mich umzubringen. Aber sie war so schön, auf der Straße sahen sich alle nach uns um. Der &#039;&#039;phone shop&#039;&#039; lief prima. Dann, nach langem Zögern, habe ich Schluss gemacht, es war schrecklich unangenehm. Sie hat den Laden behalten, aber sie hat mich erpresst: Wenn ich noch jemals ins Phonebusiness gehen würde, würde sie mich denunzieren. Und jetzt sitze ich hier. Ohne Job, ohne Visum, ich kann mir nur ein bisschen Geld verdienen bei Georges.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ratte ist weg, und Timothée schlägt vor, tanzen zu gehen. Vielleicht will ich ja mal das Tanzlokal Kama sehen? Das ist was Besonderes. Im Taxi erläutert er mir die Geschichte des Lokals. »Der Besitzer des Kama ist Chinese, seine Frau ist Araberin, und der DJ ist Nigerianer.« Wir kommen in einen pechschwarzen Raum, die Gäste sind Asiaten und Afrikaner. Es wird Chinese Techno, Asian Beat und, wie könnte es anders sein, neben Kupfererz ist es nun mal das wichtigste Exportprodukt des Landes, kongolesische Rumba gespielt. Wir finden einen Tisch und bestellen Bier. Kommandant César ist nach einer Weile wieder obenauf. Er swingt mit zur ansteckendsten aller Nummern, die Afrika im dritten Millennium bereits hervorgebracht hat: »Bouger bouger« von Magic System. Westliche Musik wird nicht gespielt, Pop und Rock sind irrelevante Genres aus den entlegenen Winkeln einer alten Welt. Eine Band bereitet sich auf den Auftritt vor. Der DJ räumt seinen Platz für eine Reggae-Sängerin von den Kapverden, die Begleitband stammt von der Insel Mauritius. Die Go-go-Girls sind drei Sängerinnen von den Philippinen mit Latexstiefel, die viermal so lang sind wie ihre Röckchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In etlichen Nebenzimmern kann man Karaoke-Separees anmieten. César ist es unbegreiflich, warum man denn selber trällern sollte, wenn man sich so einen, ähm, interessanten Auftritt angucken kann. Zwischen den Tischen schlängelt sich ein bildhübsches chinesisches Mädchen durch, das Blumen verkauft und auch einen Teddybären im Angebot hat, der fast so groß ist wie sie. Und auch das begreift César nicht. &#039;&#039;»Les chinois«&#039;&#039;, seufzt er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später gehen wir auf ein Bier in ein Straßencafé im afrikanischen Viertel. Jetzt können wir uns wieder unterhalten, es summt uns noch in den Ohren. Der Verkehr rauscht in roten und gelben Streifen vorbei, Neonreklamen brüllen nach Aufmerksamkeit, Prostituierte schlendern auf und ab. Timothée, der den ganzen Abend eher schweigsam war, kommt in Fahrt. »Ich entdecke so ziemlich was für jeden Geschmack«, lacht er, »Russinnen, Chinesinnen, Thailänderinnen, Tansanierinnen, Ruanderinnen . . . Ha, nein, keine Ruanderinnen, ich hasse sie! Aber die teuersten Frauen sind die aus Afrika, es gibt nicht sehr viele. Für eine Afrikanerin mit schönem Hintern bezahlst du schnell mal zweihundert RMB, damit du einmal darfst. Das sind dreißig Dollar!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oder vierhundert RMB!«, bestätigt César. »Für ein einziges Mal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bezahle immer hundertfünfzig RMB für zwei Mal, manchmal auch nur hundert. Chinesischen Mädchen zahle ich nur dreißig RMB, nicht mal fünf Dollar. Wieso auch nicht? Sie haben nichts und sie tun nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Bangkok hab ich seltsame Sachen gesehen«, lacht César, »Jungs, die zu Mädchen wurden, wirklich! Ihr . . . ihr . . . wie sagt man das? Ihr Dingsbums ist ab, ihr Penis, ja, das ist es. Und danach haben sie ein Loch reingebohrt. &#039;&#039;Vraiment!&#039;&#039;« Er schüttelt wieder den Kopf über dieses seltsame Asien, in das es ihn durch eine Laune des Schicksals verschlagen hat. Wo er doch eigentlich nach Deutschland gewollt hatte. Er sieht den Mädchen auf der Straße nach und lächelt. Seine Augen sind rot, sein Gesicht ist verwittert, aber er hat jetzt etwas Verletzliches. Macht das der Alkohol? Der Liebeskummer? Das Heimweh des Emigranten? »Ich will keine Frau mehr. Nur noch ganz selten nehme ich mal ein Mädchen mit, aber eigentlich fast nie. Meistens steh ich abends im Badezimmer und nehme ein bisschen Duschgel. Das schmier ich drauf und damit entspanne ich mich.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht mehr das Geräusch der Schlitztrommel, die Nachrichten von Dorf zu Dorf weitergab, nicht mehr das dumpfe Wummern des Tamtam, weder das Knallen der Peitsche noch das Glockenläuten der Missionsstation, weder das Dröhnen des Zuges noch das Rattern des Drillbohrers im Minenschacht, nein, es ist nicht mehr das Ticken des Telegrafen, das Knattern des Radios oder das Johlen einer Menschenmenge, worin heute der Herzschlag des Landes ertönt. Nicht im Stampfen von Maniok im Mörser, nicht im Plätschern des Wassers an den Einbaum. Das Herz dieses Landes klopft nicht im Sperrfeuer im Busch, nicht in dem Tisch, der gegen die Wand rumst, während eine Frau schreit, dass sie das nicht will – nein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der neue Kongo hat einen anderen Klang, der neue Kongo hallt wider in der Abflughalle eines Flughafens. Es ist das Geräusch von Klebeband, brauner Rollen Klebeband um Pakete und Schachteln, Klebeband, das schreit, wenn man es abrollt, und schmatzt, wenn man es zerreißt, grrrrraaaa . . . tschack, Klebeband, das schrappt und kreischt und tobt, Klebeband, Meter um Meter, in der Abflughalle des Flughafens, ein leises Fiepen um die Trolleys, wie in einem Brutkasten. Überall Menschen, die ihre Sachen mit braunen Plastikbinden umwickeln. Und dann mit einem Stift ihren Namen und den Stadtteil und die Straße draufschreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kreischen ist kein Jammern, sondern der Schrei neuen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen: zwei Frauen mit Bobfrisur und platinblondem Haar, nein, mit platinblonden Perücken. Sie plapperten vergnügt, schlugen sich abwechselnd auf den Rücken, oder eine lehnte den Kopf an die Schulter der anderen, und sie quietschten vor Vergnügen. Ihre Koffer und Taschen waren im Frachtraum, ihre Namen hatten sie auf das Klebeband geschrieben. Sie trugen beide die gleichen nagelneuen Sachen, eine Hose und eine Bluse mit farbenfrohem Muster. Das Etikett hing noch dran. Das würde ein Auftritt in Kinshasa werden! Wer etwas Neues hat, zeigt es. Schließlich schneiden Männer ja auch nicht das Etikett vom Anzugärmel? Und Kinder nehmen die Plastikumhüllung ja auch nicht von den Fahrradbremsen ab? Na eben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An Bord herrschte ausgelassene Stimmung. Die beiden platinblonden Damen hatten Kopfhörer aufgesetzt und sahen sich einen Zeichentrickfilm an, den sie mit lauter Stimme kommentierten. Wir flogen zurück nach Zentralafrika. Es war erst der zweite direkte Linienflug zwischen Guangzhou und Nairobi; der erste hatte vor zwei Tagen stattgefunden. Keine Zwischenlandung in Bangkok oder Dubai, sondern einfach, direkt, in einem Rutsch über den Indischen Ozean: Es fühlte sich wie ein historisches Ereignis an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nairobi sah ich zwei junge niederländische Touristen mit rot verbrannten Gesichtern zu ihrem Gate spurten. Sie trugen Shorts und Sandalen und hatten eine große Holzgiraffe bei sich, ein Souvenir, in Lokalzeitungen gewickelt. Ich weiß nicht, was genau, aber irgendwas machte mich beim Anblick der Szene wütend. Ich hatte das Gefühl, dass mir in den letzten Tagen ein Blick ins dritte Millenium vergönnt gewesen war und dass ich nun brüsk ins vorige Jahrhundert zurückgeworfen wurde, in das Jahrhundert, in dem Europäer in Afrika Holzgiraffen kauften. Mein Gedankengang war nicht ganz stichhaltig, aber ich war zu müde, um mich um Konsistenz zu scheren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das letzte Stück der Reise flogen wir quer über den Kongo. Die platinblonden Frauen schliefen mit offenem Mund. Durchs Fenster sah ich den großen, moosgrünen Broccoli des Äquatorialwaldes, ab und zu durchschnitten von einem braunen Fluss, der in der Sonne glänzte. Dass die Naturreichtümer und Bodenschätze des Kongo die Weltwirtschaft mit beeinflusst haben, ist sattsam bekannt. Von der Billardkugel und dem Gummireifen über die Patronenhülse und die Atombombe bis hin zum Handy. Aber diese rein utilitaristische Aufzählung schien mir zu beschränkt und abgedroschen, als wäre der Kongo, dieses atemberaubend schöne Land, nur die Vorratskammer der Welt, als habe er außer seinen Rohstoffen nicht viel zur Weltgeschichte beigetragen. Als sei sein Boden von Bedeutung für die ganze Menschheit, seine Geschichte aber eine rein innere Angelegenheit, reich durchsetzt mit Träumen und Schatten. Dabei habe ich in meinen Gesprächen und meiner Lektüre so oft das Gegenteil festgestellt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war die Kautschukpolitik Anlass zu einer der ersten großen humanitären Kampagnen in der Geschichte. In den beiden Weltkriegen trugen Kongolesen zu entscheidenden Siegen auf dem afrikanischen Kontinent bei. In den sechziger Jahren war der Kongo das Land, in dem der Kalte Krieg auch in Afrika begann, und das Land, in dem die erste große UNO-Operation überhaupt stattfand. Es geht nicht darum, ob das Verdienste der Kongolesen sind, es geht darum, dass die kongolesische Geschichte die Weltgeschichte mit bestimmt und gestaltet hat. Der Krieg von 1998 bis 2003 führte zu der größten und kostspieligsten Friedensmission, die es jemals gab, und zum ersten großen militärischen Einsatz der Europäischen Union in der Geschichte; mit dem CIAT kam danach eine einzigartige Verbindung von multilateraler und bilateraler Diplomatie zustande, die einen intensiven Einfluss auf die kongolesische Politik ausübte. Die Wahlen von 2006 waren die komplexesten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals maßgeblich finanziert und organisatorisch abgesichert hat. Der Internationale Strafgerichtshof wird mit der allerersten Verurteilung von Angeklagten, drei Männern aus dem Kongo, eine grundlegende Rechtsprechung ausarbeiten. Es geht darum, dass die Geschichte des Kongo mehrmals von entscheidender Bedeutung für die zaghafte Definition einer internationalen Weltordnung war. Und so ist auch der Vertrag mit China ein wichtiger Meilenstein in einer ruhelosen Welt in voller Bewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie gingen vor mir über den Asphalt, auf dem Weg zum gelben Flughafengebäude. Ein paar Flugzeuge waren kreuz und quer geparkt. Die Düsentriebwerke einer der Maschinen zersägten die Welt. Über dem außerirdischen Dröhnen hing der Geruch von verbranntem Kerosin und mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Plastik aus den nahe gelegenen Slums. Die Luft flirrte von der Hitze, schon vormittags. Ich war zu müde gewesen, um sie anzusprechen, zu müde vom Reisen und von den Bemühungen, zu begreifen. Aber ich sah sie dort gehen, noch immer munter und sichtlich stolz auf ihre Reise. Ich sah die blonden Haare ihrer Perücken bei jedem Schritt hochfliegen. Ich sah, wie der Wind ein paar Strähnen zerzauste. Und während sie über den bröckelnden Asphalt eilten, sah ich die Etiketten an ihren Ärmeln in der Morgenluft wehen und tanzen, ausgelassen und spielerisch, als gäbe es etwas zu feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Danksagung ==&lt;br /&gt;
Die Idee zu diesem Buch entstand an einem Abend im November 2003 im Café Greenwich in Brüssel. Ich saß allein an einem Tisch und trank etwas. In den Jahren davor war ich viel im südlichen Afrika umhergereist und hatte darüber geschrieben, nun wollte ich mich zum ersten Mal in den Kongo aufmachen. Zur Vorbereitung meines Trips hatte ich gerade ein paar Buchhandlungen in Brüssel aufgesucht, aber nicht das gefunden, was ich eigentlich suchte. Vielleicht sollte ich es ja selber schreiben, überlegte ich mir dann, denn ich gehöre offensichtlich zu jenem Schlag von Autoren, die halt die Bücher schreiben, die sie selbst gern gelesen hätten. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich mich mit diesem spielerischen Einfall an ein Projekt wagte, das mehrere Jahre beanspruchen und mir zahlreiche unvergessliche Begegnungen bescheren würde. Aber schon in einem frühen Stadium entschied ich mich dazu, mich mit ein paar Menschen zu umgeben, deren Urteil ich sehr schätze: Geert Buelens, Jozef Deleu, Luc Huyse und Ivo Kuyl. In guter zentralafrikanischer Tradition nannte ich sie »meine Onkel«: Ich konnte ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es nötig war, und sie brachten mir ihr Vertrauen entgegen, auch wenn ich es noch nicht verdient hatte. Das Wissen um ihre stille Verbundenheit war mir mehr wert, als ihnen bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir war von Anfang an klar, dass dieses Buch, als weit ausholendes Projekt, leichter zustande kommen konnte, wenn ich nicht an eine universitäre Einrichtung gebunden war. Die Freiheit des Schriftstellers war mir mehr wert als die Sicherheit einer akademischen Anstellung. Bei der Finanzierung beherzigte ich die Regel von Amnesty International, kein Geld anzunehmen, das unmittelbar von Regierungen stammte; nur so konnte ich meine Unabhängigkeit bewahren. Deshalb war es ein großes Glück, dass mich fünf Institutionen unterstützten, die alle mit autonomen und oft sogar anonymen Gutachterkommissionen arbeiten. Ich bin dem Vlaams Fonds voor de Letteren (Flämischer Literaturfonds), dem Nederlands Letterenfonds (Niederländischer Literaturfonds), dem Fonds Pascal Decroos voor bijzondere journalistiek (Fonds Pascal Decroos für außergewöhnlichen Journalismus), dem Fonds Bijzondere Journalistieke Projekten (Fonds Außergewöhnliche journalistische Projekte) und dem Netherlands Institute for Advanced Study aufrichtig dankbar für die mir anvertrauten Mittel. Auf zwei meiner zehn Reisen in den Kongo reiste ich im Pressetross eines belgischen Minister-Besuchs mit. Während meiner längeren Aufenthalte unternahm ich des Öfteren Inlandsflüge mit den Maschinen der UNO-Friedenstruppe. Das zu meiner &#039;&#039;embeddedness&#039;&#039;. Ich bekam von keinem Minister Geld, wurde von keinem Unternehmen gesponsert und übernachtete bei keiner NGO. Wenn mich jemand zu etwas einladen wollte, klärte ich ihn frotzelnd darüber auf, dass das auf eigenes Risiko sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unabhängigkeit ist das höchste Gut, aber das bedeutet nicht, dass ich alles im Alleingang machte. Die Ideen vieler anderer Menschen, angefangen bei den zahlreichen Informanten, die in den vorhergehenden Kapiteln zu Wort kamen, inspirierten und bereicherten mich. Sie sind das klopfende Herz des Buches. Mit einigen von ihnen freundete ich mich im Laufe der Zeit sogar an. Aber auch hinter den Kulissen halfen mir viele Menschen. Einige herausragende Kongo-Kenner waren von Anfang an ausgesprochen großzügig mit ihren Informationen. Lieve Joris verhalf mir zu Büchern und Kontakten mit einer Freigebigkeit, die heutzutage Seltenheitswert hat. Walter Zinzen, Filip De Boeck und Benoît Standaert waren unerschöpfliche Quellen des Wissens und der Freundschaft. Guy Poppe, Katelijne Hermans, Ine Roox, Peter Verlinden, Koen Vidal, Maarten Rabaey und John Van­daele waren mehr als bereit, ihre Auffassungen über den Kongo mit mir zu teilen. Mehrere Menschen, die wussten, dass ich an diesem Buch arbeitete, machten mich auf interessantes Quellenmaterial aufmerksam. Ich denke insbesondere an Colette Braeckman, Raf Custers, Roger Huisman, Piet Joostens, Luc Leysen, Alphonse Muambi, Sophie de Schaepdrijver, Mark Schaevers, Vincent Stuer, Margot Vanderstraeten, Pascal Verbeken, Paule Verbruggen und Honoré Vinck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa hatte ich sehr wertvolle Gespräche mit Zizi Kabongo, Annie Matiti, Noël Mayamba, Konsul Benoît Standaert und Johan und Mieke Swinnen, dem ehemaligen belgischen Botschafter und dessen Frau. Chauffeur Didier Catu, Oberst Frank Werbrouck, Botschafter Geoffroy de Liedekerke und Bruder Luc Vansina halfen mir in vielfältiger Weise bei praktischen Problemen. In Kisangani halfen mir Pionus Katuala, Faustin Linyekula und Virginie Dupray. In Bunia genoss ich das Privileg, den Rundfunkjournalisten Jean-Paul Basila zu kennen. In Goma erhielt ich Unterstützung von Sekombi Katondolo, Chrispin Mvano ya Bauma, Cléon Mufingizi und Carine Tchoma. In Bukavu war ich zu Gast bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie. In Lubumbashi unterhielt ich mich ausführlich mit Jules Bizimana, Pater Jo De Neckere und Paul Kaboba. In Ruanda war ich mit Gady Byabagabo unterwegs. In Nkamba, der heiligen Stadt der Kimbanguisten, lernte ich von dem jungen Journalisten Tétys Danaé Samba viel dazu. In Nsioni war es etwas Besonderes, Doktor Jacques Courtejoie und seinen Freunden Roger Zimuangu und Clément Nzungu zuzuhören. In Boma lernte ich den wunderbaren Stadtarchivar Placide Munanga kennen, der mir etwas über die Geschichte seiner Stadt erzählte. In Kikwit unterhielt ich mich stundenlang mit dem Schulleiter Rufin Kibari Nsanga, dessen Schreibtisch buchstäblich verschüttet war von Büchern und Dokumenten. Die Begegnung mit ihm war ein Fest. Sein historisches Wissen war verblüffend und wurde nur übertroffen durch seine historische Neugier und seine herzliche Gastfreundlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der MONUC hatte ich während der Nkunda-Offensive 2008 spannende Begegnungen mit William Elachi, Sylvie van den Wildenberg und Bernard Kalume. In China lernte ich viel dazu bei den Gesprächen mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsrepräsentanten Koen De Ridder, dem kongolesischen Journalisten Jaffar Mulassa und den afrikanischen Geschäftsleuten Georges Ndjeka, Dadine Musitu und Lina Garcia Mendes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während meiner Reisen begegnete ich immer wieder Journalisten und Wissenschaftlern, von denen ich interessante Dinge erfuhr. Ich denke insbesondere an Caty Clement, Samuel Turpin, Greg Mthembu-Salter, Kipulu Samba, Hery Mambo, Delphine Schrank und Kristien Geenen. Meist war ich allein, aber es war phantastisch, einige Male in Begleitung kluger Reisender wie Jan Goossens, Carl De Keyzer und Stephan Vanfleteren unterwegs zu sein. Kris Berwouts, der Direktor von EurAc, dem europäischen Netzwerk von NGO, die in Zentralafrika aktiv sind, lernte ich auf einem Flug von Kinshasa nach Bukavu kennen. Auch ohne den Beinahe-Crash bei der Landung in Bukavu wären wir Freunde geworden, aber als wir beide unversehrt aus dem Flugzeug stiegen und durch das hohe Gras, den strömenden Regen und den roten Schlamm wegrannten von einer Maschine, die noch immer explodieren konnte, wurde uns bewusst, dass wir sehr viel Glück gehabt hatten und dass uns künftig nicht nur die Liebe zum Kongo, sondern auch die Liebe zum Leben verbinden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Phase, als ich das Buch niederschrieb, durfte ich regelmäßig die Historiker Jean-Luc Vellut, Daniel Vangroenweghe, Zana Aziza Etambala, Guy Vanthemsche und Vincent Viaene um Rat fragen, die Anthropologen Filip De Boeck, Peter Geschiere, Klaas de Jonge, David Garbin und Anne Mélice, die Kunsthistoriker Roger Pierre Turine und Sabine Cornelis, die Archäologin Els Cornelisen, den Wirtschaftswissenschaftler Frans Buelens und die Cineastin Valérie Kanza. Walter und Alice Lumbeeck und Frans und Marja Vleeschouwers, Freunde meines Vaters aus den frühen sechziger Jahren, halfen mir, die belgische Sicht auf die Abspaltung Katangas zu begreifen, während Michel und Edith Lechat und Jean Cordy außergewöhnliche Informanten waren, wenn es um die Kolonialzeit ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Menschen, denen ich nie persönlich begegnet bin, waren bereit, meine Mails und telefonischen Anfragen zu beantworten. Reverend Martin M&#039;Caw, Robert Lay, Julian Lock und Betty Layton halfen mir mit Informationen über die erste Generation protestantischer Missionare. Aldwin Roes, Fien Danniau, Nancy Hunt, Myriam Mertens, Bob White, Bodomo Adams und Bram Libotte sandten mir unveröffentlichte Manuskripte zu, während Dominiek Dendooven, Didier Mumengi, Steven Spittaels und Didier Verbruggen michatte. Auch Bogumil Jewsiewicki, Tom De Herdt, Stefaan Marysse und Erik Kennes halfen mir mit Informationen an Punkten, an denen ich nicht weiterkam. Odette Kudjabo erzählte mir am Telefon von ihrem Großvater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Michel Drachoussoff sprach über seinen Vater, dessen Kriegstagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg so fesselnd war, und Dorothée Longeni Katende erzählte von ihrem Großvater Disasi Makulo, den sie leider nie kennengelernt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Manuskript dieses Buchs fertig war, ließ ich alles von einigen Experten durchsehen. Vincent Viaene, Guy Vanthemsche und Filip Reyntjens beugten sich jeweils über die Kapitel zum Freistaat, zu Belgisch-Kongo und zum unabhängigen Kongo, und Frans Buelens kontrollierte die Passagen mit ökonomischen Sachverhalten. Ihnen allen bin ich sehr dankbar für ihren kritischen Blick und ihre Kommentare. Es ist in der niederländischen Literatur unüblich, sich bei Lekt Studio in Kuregem, dem viel diskutierten »Problemviertel« in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht; dort hatte ich allerdings mehr Probleme mit den Polizeihubschraubern, die im Rahmen einer &#039;&#039;zero tolerance&#039;&#039;-Politik wochenlang über den Häusern kreisten, als mit dem Viertel selbst, in dem ich schon seit vier Jahren mit Vergnügen arbeite. Ich hätte mir keinen besseren Platz in Europa erträumen können, um ein Buch über den Kongo zu schreiben: Mein Arbeitszimmer geht auf die Straße hinaus, wo täglich Dutzende Gebrauchtwagen den Besitzer wechseln, bevor sie nach Zentralafrika verschifft werden. An den Straßenecken hängen überall Plakate für Auftritte von Werrason oder Gebetsheilern. Von außen betrachtet scheint dieses Viertel in Belgien schlecht integriert zu sein, höre ich manchmal, aber von hier aus gesehen scheint Belgien eher schlecht in die Welt integriert zu sein. Kuregem ist eine Lektion in Globalisierung und auch in Empathie und Engagement.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Lektionen dieser Art ist die Koninklijke Vlaamse Schouwburg in Brüssel vielleicht die beste Schule. Meine Recherchen über den Kongo verliefen ungefähr synchron mit dem künstlerischen Kongo-Projekt der KVS, einem längerfristigen Austauschprogramm zwischen kongolesischen und belgischen Künstlern. Ich war beim Start des Projekts beteiligt, leitete mehrere Workshops für kongolesische Autoren in Kinshasa und Goma und arbeitete unterdessen selbst an meinem Theatermonolog &#039;&#039;Missie&#039;&#039; (Mission), der in der KVS uraufgeführt wurde. Die phantastische Arbeit von Menschen wie Jan Goossens und Paul Kerstens überzeugte mich davon, dass die große gesellschaftliche Debatte oft mit größerer Intensität in solchen Freiräumen für das kritische Denken geführt wird als an vielen Universitäten oder in den stets kommerzielleren Medien. Einige meiner mir liebsten Freunde im Kongo lernte ich über diesen Weg kennen. Ich denke insbesondere an die Autoren Bibish Mumbu und Vincent Lombume, an die Theatermacher Papy Mbwiti und Jovial und Véronique Mbenga, an die Schauspielerinnen Starlette Mathata und Dadine Musitu, an den Cineasten Djo Munga, den Choreographen Faustin Linyekula, den bildenden Künstler Vitshois Mwilambwe und den Bildhauer Freddy Tsimba. Sie haben mir nicht nur geholfen, ihr Land zu verstehen, sondern auch, es zu lieben, denn ein Land, das solche intelligenten und mutigen Künstler hervorbringt, ist alles andere als verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch hätte ich ebenso wenig ohne die Nähe einiger sehr teurer Freunde in Europa schreiben können: Natalie Ariën, Geert Buelens, Emmy Deschuttere, Jan Goossens, Maaike Pereboom, Grażyna Plebanek, Stephan Vanfleteren, Francesca Vanthielen und Peter Vermeersch unterstützten mich jeder auf seine Weise während der langen Arbeit an diesem Text. Vor allem aber bedanke ich mich bei Bernadette De Bouvere und Tomas Van Reybrouck, meiner Mutter und meinem Bruder, für ihre unerschöpfliche Klugheit und Wärme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Brüssel, April 2010&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zu den Quellen ==&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Allgemein&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kongo. Eine Geschichte&#039;&#039; ist das Ergebnis von viel Zuhören und Lesen. Meine Quellen habe ich so minutiös wie möglich in den Anmerkungen angegeben, aber einige davon verdienen zusätzliche Aufmerksamkeit. Weil ich ihnen zu besonderem Tribut verpflichtet bin, weil es wissbegierigen Lesern auf die Sprünge helfen kann oder einfach, weil ich meine Begeisterung darüber unbedingt mit anderen teilen möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch, das ich im Handgepäck hatte, als ich zum ersten Mal in den Kongo flog, war &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039; von Georges Nzongola-Ntalaja (London 2002): eine exzellente, passionierte Einführung in die Geschichte des Landes, die ich allerdings am Ende des Fluges versehentlich im Fach des Sitzes vor mir zurückließ. Auch mein zweites Exemplar ist voller Bleistiftanstreichungen, ebenso das Standardwerk von Isidore Ndaywel è Nziem: &#039;&#039;Histoire générale du Congo&#039;&#039; (Paris 1998). Dieses Buch ist sehr viel akademischer als das andere, aber es hat mich oft durch seine Vollständigkeit, die umfassenden Interpretationen und die zahlreichen Karten angesprochen. Beim Schreiben lag es immer neben mir. Ein weiteres praktisches Nachschlagewerk, in dem ich regelmäßig blätterte, war das &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039; von Emizet Kisangani und F. Scott Bobb, das kürzlich in dritter Auflage erschienen ist (Lanham 2010). Jean Jacques Arthur Malu-Malu schrieb mit &#039;&#039;Le Congo Kinshasa&#039;&#039; ein lesbares und persönliches Übersichtswerk, das viel zu wenig bekannt ist (Paris 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur ersten Orientierung in den Epochen und Themen begann ich mit den renommierten Nachschlagewerken. Die Kapitel über Zentralafrika in der siebenteiligen &#039;&#039;Cambridge History of Africa&#039;&#039; sind auch nach zwei Jahrzehnten immer noch ausgezeichnet. Ich las sie neben den – häufig von afrikanischen Wissenschaftlern verfassten – Beiträgen in der achtteiligen &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique&#039;&#039;. Das kürzlich erschienene Werk &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires&#039;&#039; (Edinburgh 2008) von Prem Poddar et al. half mir mit seinen thematischen Resümees und hilfreichen Ausgangsbibliographien auf die Sprünge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Lektüre einiger älterer Bücher lohnt noch immer, etwa &#039;&#039;The River Congo&#039;&#039; von Peter Forbath (New York 1977) zur vorkolonialen Zeit und &#039;&#039;Leopold to Lumumba&#039;&#039; von George Martelli (London 1962) zur Kolonialzeit. Robert Cornevin schrieb &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville)&#039;&#039; (Paris 1963), ein erhellendes, aber etwas eurozentrisches Werk, dessen brillante Karten vieles wettmachen. Die Sammlung von Jean Stengers&#039; Aufsätzen in &#039;&#039;Congo: mythes et réalités&#039;&#039; (Paris 1989) ist nach wie vor überaus wichtig, insbesondere im Hinblick auf seine Analysen des Freistaates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Funktionsweise der kolonialen Wirtschaft verfügt der niederländischsprachige Leser seit kurzem über ein hervorragendes Nachschlagewerk: &#039;&#039;Congo 1885-1960. Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039; von Frans Buelens (Berchem 2007). Neben der Geschichte der einzelnen im Kongo in jener Zeit tätigen Unternehmen bietet das Werk eine gute Übersicht über die Entwicklung des kolonialen Kapitalismus. Zur sozialen Dimension jenes Kapitalismus siehe unter anderem die Klassiker von Pierre Joye und Rosine Lewin, &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Michel Merlier, &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039; (Paris 1962). Speziell um die sozialen Aspekte des Bergbaus in Katanga geht es in dem Werk des kongolesischen Historikers Donatien Dibwe dia Mwembu, der sich auf sehr viele mündliche Quellen stützt: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999)&#039;&#039; (Lubumbashi 2001) und &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997&#039;&#039; (Paris 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus wurde lange Zeit als eine Art Einbahnstraße von der Metropole in die Kolonie gesehen, von Europa nach Afrika. Seit kurzem ändert sich diese Sicht, und Wissenschaftler erforschen die Rückwirkung des kolonialen Abenteuers auf Europa. In seinem interessanten Buch &#039;&#039;Congo. De impact van de kolonie op België&#039;&#039; (Tielt 2007) wies Guy Vanthemsche überzeugend nach, dass nicht nur Belgien den Kongo geprägt hat, sondern der Kongo auch Belgien. Er fokussiert insbesondere auf die belgische Wirtschaft und die Innen- und Außenpolitik. Zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens habe ich ein Buch herausgegeben, das sich mit dem kolonialen Einfluss auf andere Bereiche der belgischen Gesellschaft wie Kultur, Religion und Wissenschaft beschäftigt: &#039;&#039;Congo in België. Koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven 2009). Nicht nur für diesen Verkehr in beide Richtungen, auch für die Diversität der kolonialen Anwesenheit ist ein zunehmendes Interesse zu verzeichnen. Neben Belgiern waren ja auch Griechen, Portugiesen, Skandinavier und Italiener in Belgisch-Kongo aktiv. Bücher wie &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039; (Brüssel 2007) von Georges Antipas über die griechische Gemeinschaft im Kongo und &#039;&#039;Moïse Levy, un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039; (Brüssel 2000) von Milantia Bourla Errera erweitern das historische Blickfeld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu verschiedenen Teilaspekten liegen interessante diachrone Studien vor. Aufgrund ihrer transversalen Perspektive führe ich sie bereits hier auf. Zum Thema Bildungswesen und Wissenschaft lese man das Werk von Ruben Mantels: &#039;&#039;Geleerd in de tropen. Leuven, Congo&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039; (Leuven 2007) neben Benoît Verhaegens Buch &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza, 1958-1978&#039;&#039; (Paris 1978). Zur Architektur siehe &#039;&#039;Kuvuande Mbote. Een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039; von Bruno De Meulder (Antwerpen 2000) und &#039;&#039;Kongo zoals het is. Drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039; (Gent 2002) von Johan Lagae. Zur kongolesischen Popmusik (die stets mehr als einfach nur Musik ist) siehe Gary Stewart: &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000). Zur Literatur siehe Silvia Riva: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa&#039;&#039; (Paris 2000). Zum Film und zur visuellen Kultur siehe Guido Convents: &#039;&#039;Images &amp;amp; démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039; (Leuven 2006). Und zur bildenden Kunst siehe Roger Pierre Turine: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours&#039;&#039; (Brüssel 2007). Die Abbildungen in diesem Buch sind phantastisch. Oft leisten die zeitgenössischen Künstler einen vielschichtigen Kommentar zur Geschichte ihres Landes. Das gilt mit Sicherheit auch für die kongolesischen Dichter, die Antoine Tshitungu Kongolo in der schönen Anthologie &#039;&#039;Poète ton silence est crime&#039;&#039; (Paris 2002) vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige andere Bücher erstaunten, überraschten und verwirrten mich einzig und allein durch Abbildungen: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039; (Tielt 2010) von Carl De Keyzer und Johan Lagae demontiert alle vorhandenen Klischees über den Kongo-Freistaat durch eine großartige Auswahl aus der Sammlung von Glasplattennegativen des Koninklijk Museum voor Midden-Afrika (Königlichen Museums für Zentralafrika) in Tervuren. Mindestens so verwirrend, was den heutigen Kongo betrifft, sind &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039; (Tielt 2009), ebenfalls von Carl De Keyzer, und &#039;&#039;Congo Eza&#039;&#039; (Roeselare 2008) von Mirko Popovitch und Françoise De Moor mit Aufnahmen zeitgenössischer kongolesischer Fotografen. Da ich Fotografie zu sehr als eine autonome Sprache schätze, enthält mein Buch kein anderes Bildmaterial als Karten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Einleitung&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die allgemeine geographische Übersicht in der Einleitung stellte ich aus einem Wust von Quellen im Internet und in meinem Bücherschrank zusammen. Eine hilfreiche und mit zahlreichen Karten versehene Darstellung ist &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039; von Marie-France Cros und François Misser (Brüssel 2006).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meinen Versuch, eine &#039;&#039;history from below&#039;&#039; zu verfassen anhand von Interviews mit Menschen, deren Sichtweise meist keinen Eingang in die geschriebenen Quellen findet, probierte ich zum ersten Mal in einem Seniorenheim in Brügge im Jahr 2007 aus. Dort befragte ich behutsam alte Menschen, die nie im Kongo gewesen waren, nach ihren Erinnerungen an die Kolonialzeit; ich wollte gern wissen, was sie damals dachten, und vor allem, was sie damals taten (Stanniolpapier sammeln, wie sich herausstellte, und für Missionsstationen nähen, »Angeln« auf dem Kirchenjahrmarkt, der jedes Jahr zu Gunsten der Mission stattfand, und sehr viel beten für die »kleinen Kongolesen«). Diese Recherchen und die methodologischen Möglichkeiten und Schwierigkeiten dieser Arbeitsweise, einer Kombination von &#039;&#039;oral history&#039;&#039; und &#039;&#039;material culture studies&#039;&#039;, arbeitete ich in einem Sammelband aus, den ich zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens verfasste: &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven, 2009). Aber meine Analyse war nicht mehr als eine Explikation der Arbeitsweise, die ich in meiner journalistischen und literarischen Arbeit (wie in dem Theaterstück &#039;&#039;Mission&#039;&#039;) schon seit längerem anwende, sowie meiner Überzeugung, dass die am meisten unterschätzten Archive im Kongo die Menschen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung, die ich der vorkolonialen Zeit beimesse, ist, außer meinem Hintergrund als Archäologe für Vorgeschichte, in hohem Maße dem Klassiker von Eric Wolf, &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;  (Berkeley 1982) zu verdanken. Die früheste Besiedlung des Kongo ist nahezu unbekannt, wie Graham Connah in &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039; (London 2004) bemerkte. Auch neuere Übersichtswerke füllen diese Lücke nur sehr partiell, siehe unter anderem Ann Brower (Hg.), &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction&#039;&#039; (Oxford 2005) und insbesondere Lawrence Barham und Peter Mitchell, &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers&#039;&#039; (Cambridge 2008). Für die Momentaufnahme des Lebens vor etwa neunzigtausend Jahren habe ich mich deshalb auf die Ausgrabungen von John E. Yellen in Katanda gestützt: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 1996. Für eine gute Zusammenfassung der Entstehung modernen menschlichen Verhaltens in Afrika siehe: Sally McBrearty und Alison S. Brooks, »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000). Für meinen Schnappschuss des Pygmäenlebens um das Jahr 2500 v. Chr. machte ich dankbar Gebrauch von neueren Forschungen von Julio Mercader, »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests&#039;&#039; (New Brunswick 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Zeitraum um das Jahr 500 und das Phänomen der Bantu-Wanderung lernte ich besser kennen durch Jan Vansinas beeindruckendes Buch &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa&#039;&#039; (Madison 1990), ergänzt durch das gewissenhaft genaue archäologische Werk von Hans-Peter Wotzka, &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039; (Köln 1995). Über Trommeln und Trommelsprachen informieren John Carrington, &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039; (Kinshasa 1974) und Olga Boone, &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039; (Tervuren 1951).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entstehung der ersten Staaten begriff ich besser nach der Lektüre von Jan Vansinas hervorragendem ethnohistorischen Werk. Für meine viel zu summarische Skizze der lokalen Königreiche in der Savanne benutzte ich seinen Klassiker &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039; (Léopoldville 1965) und sein &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039; (Charlottesville 2004). Für das Kongo-Reich um das Jahr 1560 stützte ich mich auch auf Anne Hilton, &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039; (Oxford 1985), David Northrup, &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039; (New York 2002) und Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039; (Kinshasa 2004).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Momentaufnahme um 1780 und die Auswirkungen des atlantischen Sklavenhandels machte ich ausgiebigen Gebrauch von der meisterhaften Studie von Robert W. Harms: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039; (New Haven 1981).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 1&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel machte dankbar Gebrauch von dem in Europa nicht erhältlichen Buch von Makulo Akambu, &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu&#039;&#039; (Kinshasa 1983). Es enthält den Niederschlag der Lebensgeschichte, die der betagte Disasi Makulo seinem Sohn diktierte. Ich bekam es durch einen glücklichen Zufall in die Hände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl über Entdeckungsreisende in Afrika ungeheuer viel geschrieben wurde (siehe u. a. Christopher Hibbert, &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039; (London 1982)), existiert kein wirklich systematisches Übersichtswerk für die Zeit von 1870-1885. Tim Jeals hervorragendes Buch &#039;&#039;Stanley: The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039; (London 2007) ist jedoch mehr als eine außerordentlich reich dokumentierte und differenzierte Biographie: Es entfaltet das Panorama eines ganzen Zeitalters. Einen Einblick in die turbulente Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erwarb ich dank Jan Vansina, »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976), Jean-Luc Vellut, »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880&#039;&#039; (Paris 1996) und David Northrup, »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in H. Médard und S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa&#039;&#039; (Oxford 2007). Ausführlichere Informationen über den islamischen Sklavenhandel finden sich bei Edward A. Alpers, &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa&#039;&#039; (London 1975), Abdul Sheriff, &#039;&#039;Slaves, Spices&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Ivory in Zanzibar&#039;&#039; (London 1987) und Ronald Segal, &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039; (New York 2001). Zum Leben und zur Tätigkeit der zwei mächtigsten afro-arabischen Händler im Kongo siehe François Bontinck, &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039; (Brüssel 1974) und Auguste Verbeken, &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1956).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die einheimischen Reaktionen auf europäische Entdeckungsreisende siehe: Frank McLynn, &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa&#039;&#039; (London 1992). Johannes Fabian wechselte die Richtung des anthropologischen Blicks und verfasste eine eindringliche ethnographische Studie über die Entdeckungsreisenden: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa&#039;&#039; (Berkeley 2000). Dokumentarisches Material über die erste Generation Missionare erhielt ich mit Hilfe von E. M. Braekman, &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Ruth Slade, &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908&#039;&#039; (Brüssel 1959).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literatur über die Aufteilung Afrikas ist umfangreich. Thomas Pakenham schrieb das dickleibige Werk &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912&#039;&#039; (London 1991), aber für den internationalen Kontext, in dem Köning Leopold manövrierte, hatte ich am meisten an der glasklaren und gut lesbaren Analyse von H. L. Wesseling, &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039; (Amsterdam 1991). Wesseling stützte sich wiederum stark auf das Werk von Jean Stengers, das nach wie vor &#039;&#039;ein Muss&#039;&#039; ist: &#039;&#039;Congo, mythes et réalités: 100 ans d&#039;histoire&#039;&#039; (Paris 1989). Stengers&#039; Aufsatz »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid« in G. Janssens und J. Stengers, &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet&#039;&#039; (Brüssel 1997) bietet ein Update anhand besonderer Archivalien. Die Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen van België (Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften) veröffentlichte zwei wichtige Sammelbände über die Geschehnisse zwischen 1876 und 1885: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976) und &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 2&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Debatte über den Kongo-Freistaat wird schon seit mehr als einem Jahrzehnt von Adam Hochschilds Buch &#039;&#039;King Leopold&#039;s Ghost. A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa&#039;&#039; (Boston/New York 1998) dominiert. Der Verdienst dieses Werks bestand darin, dass es ein großes Publikum über die Missstände im Kongo aufklärte und wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich und spannend machte. Leider sprach daraus mehr ein Talent für Empörung als für Differenzierung; Hochschilds Perspektive erwies sich mehrmals als sehr manichäistisch. Um die Komplexität einer Figur wie Leopold zu verstehen, hatte ich mehr von den bereits erwähnten Studien von Jean Stengers, aber auch von neueren Forschungsarbeiten, die ihn in den Kontext seiner Zeit stellten. Jan Vandersmissen arbeitete in seiner Dissertation den Einfluss der geographischen Wissenschaft heraus: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II (Gent 2008). Vincent Viaene beleuchtete das imperialistische Fieber in der belgischen &#039;&#039;high society&#039;&#039; und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die nationale und soziale Agenda des Königs: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-90. Jean-Luc Vellut erforschte vor kurzem den afrikanischen Kontext von Leopolds Kolonialismus (»Contextes africains du projet colonial de Léopold II.«, unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve, März 2009). Siehe auch die Beiträge von Viaene, Vellut und Vander­smissen in Vincent Dujardin, Valérie Rosoux und Tanguy de Wilde d&#039;Estmael (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; (Tielt 2009). Eine definitive Biographie von Leopold II. steht allerdings noch immer aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine differenzierte Sicht auf die Beamten, Händler und Militärs des Freistaates fand ich in L. H. Gann und Peter Duignan, &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039; (Princeton 1979). Der von Jean-Luc Vellut herausgegebene Ausstellungskatalog &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039; (Tervuren 2005) ist bemüht, alte und neue Klischees über den Freistaat zu umgehen. Einige Wissenschaftler leisteten Pionierarbeit bei ihren Forschungen über die Kautschukpolitik in den sehr verstreuten Archiven: Daniel Vangroenweghe mit &#039;&#039;Rood rubber&#039;&#039; (Brüssel 1985) und &#039;&#039;Voor rubber en ivoor&#039;&#039; (Leuven 2005), Jules Marchal mit &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de Kongostaat&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II (Antwerpen, 1989, erschienen unter dem Pseudonym A. M. Delathuy).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Freistaat umfasste natürlich mehr als die Gräuel der Kautschukpolitik. Eine gute Übersicht bot Jean Stengers und Jan Vansina »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in R. Oliver und G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905&#039;&#039; (Cambridge 1985), S. 315-358. Daran orientierte ich mich bei der Unterteilung in die Zeiträume vor 1890/nach 1890. Analysen der internationalen Diplomatie und der Grenzproblematik finden sich in den klassischen Standardwerken (Cornevin, Stengers, Ndaywel). Über die Pazifizierung des Gebiets und die Formen von lokalem Widerstand informierte ich mich bei Allen Isaacman und Jan Vansina, »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale&#039;&#039; (Paris 1987), S. 191-216. Von Jean-Luc Vellut stammt auch eine differenzierte Analyse über die Rolle der Gewalt im Freistaat: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépendant du Congo« (&#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039;, 1984).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der wachsenden Vertrautheit von Afrikanern mit Europäern und deren Lebensweise. Über Kongolesen, die im Rahmen einer Weltausstellung nach Europa reisten, siehe Maarten Couttenier, &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039; (Leuven 2005) und Maurits Wynants, &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoonstelling 1897&#039;&#039; (Tervuren 1997). Zum Aufbau des Staates in Boma war die CD-ROM von Johan Lagae, Thomas de Keyser und Jef Vervoort eine Goldgrube: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofd­stad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039; (Gent 2006). Für den Teil über die Begegnung zwischen Angehörigen der Kolonialmacht und kongolesischen Frauen las ich die sehr interessante Studie von Amandine Lauro, &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039; (Loverval 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Schlüsselwerke über die protestantischen Missionare wurden bereits zu Kapitel 1 erwähnt. Den Unterschied zwischen ihrer Arbeitsweise und der Praxis der katholischen Missionen entnahm ich Ruth Slade, &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039; (London 1962). Über die Person von George Grenfell existiert Literatur im Überfluss, oftmals eher mit hagiographischem Charakter. Das wichtigste Werk ist die zweibändige Biographie von Harry Johnston, &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039; (London 1908). Über die Rolle der einheimischen Katecheten siehe die Dissertation von Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve, 1984). Eine kritische Betrachtung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Staat findet man in den Werken von A. M. Delathuy (Pseudonym des oben erwähnten Jules Marchal): &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039; (Berchem 1986) und dem zweibändigen &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (Berchem, 1992 und 1994). Bei Vincent Viaene lernte ich viel dazu über die Beziehungen zwischen dem belgischen Königshaus und dem Vatikan: »Leopold II en de Heilige Stoel« (unveröffentlicht, 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die früheste Geschichte der Force Publique beschrieb mit militärischer Präzision und unverhülltem Stolz der hohe Offizier F. Flament in &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039; (Brüssel 1952). Dennoch ist das Werk noch immer brauchbar. Philippe Marechal verfasste die umfangreiche Studie &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039; (Tervuren 1992). Veteranen wie Oscar Michaux und Joseph Meyers berichteten über ihre Erlebnisse bei der Meuterei in &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039; (Namur 1913) bzw. &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039; (Brüssel 1964). Die Aufstände der Soldaten erfuhren viel Beachtung: Marcel Storme, &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1970), Auguste Verbeken, &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1958) und Pierre Salmon, &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039; (Brüssel 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bau der ersten Eisenbahnlinie wurde ausführlich beschrieben und illustriert in Charles Blanchart et al., &#039;&#039;Le rail au Congo belge, 1890-1920&#039;&#039; (Brüssel 1993). Daneben ist René J. Cornet, &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool&#039;&#039; (Brüssel 1947) nach wie vor lesbar. Zur Finanzierung der Bahnlinie und des Freistaates generell las ich &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039; (Brüssel 1957) von Jean Stengers. Als Historiker für die Geschichte der Institutionen und der Diplomatie verfasste er auch das Standardwerk über die Übertragung des Freistaates von Leopold an Belgien: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale&#039;&#039; (Brüssel 1963). Diese entscheidende Episode wurde unlängst noch beleuchtet von Vincent Viaene, der ihre kulturellen Auswirkungen erforschte, »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in V. Viaene, D. Van Reybrouck und B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese »aanwezigheid« in de Belgische samenleving, 1908-1958&#039;&#039; (Leuven 2009), S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 3&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitraum 1908-1921 ist zweifellos die Episode in der Geschichte des Kongo, über die am wenigsten bekannt ist. So umfangreich die Literatur über den Freistaat ist, so spärlich sind Werke über die Anfangsjahre des belgischen Kolonialismus. Zum Glück konnte ich auf einige neuere und ausgezeichnete Einzelstudien zurückgreifen. Über die gesellschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Schlafkrankheit verfasste Maryinez Lyons einen Klassiker: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northern Zaire, 1900-1940&#039;&#039; (Cambridge 1992). Informationen über pharmazeutische Experimente entnahm ich einem Vortrag von Myriam Mertens, »Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s«, gehalten auf der &#039;&#039;Third European Con­ference on African Studies&#039;&#039;, Leipzig, 5. Juni 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Entwicklung der kolonialen Anthropologie verweise ich auf das bereits erwähnte Werk von Maarten Couttenier (siehe voriges Kapitel). Speziell um die Entstehung der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039; geht es in der Diplomarbeit von Fien Danniau, »&#039;&#039;Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039; (Gent 2005). Über den breiteren Kontext der Kolonialwissenschaft veröffentlichte Mark Poncelet kürzlich &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039; (Paris 2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der Entstehung des Tribalismus in der Anfangszeit der Kolonie Kongo. Die Informationen über den Unterricht in katholischen Missionsschulen und die ideologisch gefärbten Darstellungen der sogenannten Stämme in Schulbüchern destillierte ich aus Marc Depaepe, Jan Briffaerts, Pierre Kita Kyankenge Masandi, Honoré Vinck, &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039; (Leuven 2003). Honoré Vincks Online-Veröffentlichung &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; erwies sich als Goldgrube (www.abbol.com). Über den ersten afrikanischen Priester Stefano Kaoze wurde selbstverständlich von katholischer Seite viel geschrieben. Die interessanteste Studie ist jedoch die von Allen F. Roberts, »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of South­eastern Zaire«, in Leroy Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa&#039;&#039; (Berkeley 1989). Roberts verbindet die Geschichte der Missionierung mit Kaozes politischen Idealen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Abschnitten über Industrialisierung, Proto-Urbanisierung und Proletarisierung benutzte ich dankbar die faszinierenden Texte von André Yav. Die Quelle ist online zugänglich, zusammen mit einer vollständigen Übersetzung ins Englische von Johannes Fabian: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville«, &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.lpca.socsci.uva.nl&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es existieren einige ausgezeichnete angelsächsische Studien über die sozialen Aspekte des frühesten Bergbaus. Zu den Goldminen von Kilo-Moto siehe: David Northrup, &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039; (Athen 1988). Zu den Minen von Katanga siehe: John Higginson, &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039; (Madison 1989) und unbedingt auch Charles Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039; (London 1979). Zu den gesellschaftlichen Bedingungen in der Provinz Équateur außerhalb des Bergbaus siehe: Samuel H. Nelson, &#039;&#039;Colonialism in the Congo Basin, 1880-1940&#039;&#039; (Athen 1994). Über die verschiedenen Methoden der Rekrutierung von Bergarbeitern sandte Aldwin Roes mir seinen unveröffentlichten, sehr erhellenden Vortrag »Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914«, gehalten auf der Tagung &#039;&#039;The Quest for Natural Resources in Central Africa: the case of the mining sector in&#039;&#039; DRC, Tervuren, 8.-9. Dezember 2008. Über die Wohnverhältnisse von Bergarbeitern in Katanga schrieb Bruno De Meulder das sehr interessante Buch &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039; (Amsterdam 1996). Die Arbeitsbedingungen bei Huileries du Congo Belge von William Lever schilderte der unermüdliche Jules Marchal in seinem Werk &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: Travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039; (Borgloon 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Ersten Weltkrieg sehr zu empfehlen: Hew Strachan, &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039; (Oxford, 2004) und Edward Paice, &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa&#039;&#039; (London 2007). Zu den verwaltungstechnischen Aspekten siehe Guy Vanthemsche, &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert&#039;&#039; Ier&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039; (Brüssel 2009). Über die Schlacht um den Tanganjikasee schrieb Giles Foden das erfolgreiche &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039; (London 2004). Über die Eroberung von Tabora siehe: Georges Delpierre, »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire« (&#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis&#039;&#039;, 2002). In Bezug auf die menschliche Seite des Feldzuges nach Deutsch-Ostafrika lernte ich viel aus Jan de Waeles Buch »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo« (&#039;&#039;Militaria Belgica&#039;&#039;, 2007-2008). Zur Teilnahme von Afrikanern auf den europäischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges siehe den hervorragenden Ausstellungskatalog von Dominiek Dendooven und Piet Chielens, &#039;&#039;Wereldoorlog I: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039; (Tielt 2008), der auch einen Aufsatz über die ethnographischen Stimmaufnahmen von Kriegsgefangenen in Berlin enthält. Zana Aziza Etambala widmete sich ebenfalls diesem Thema in seinem Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039; (Leuven 1993). Die aktuellste Studie zu diesem Thema stammt von Jeannick Vangansbeke, »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134. Über Ruanda und Burundi unter deutscher und belgischer Kolonialverwaltung: Helmut Strizek, &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039; (Berlin 2006) und Ingeborg Vijgen, &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039; (Leuven 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 4&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Afrika alles andere als eine Zeit des Friedens war, zeigte noch kürzlich Jonathan Derrick in seinem beeindruckenden Überblick: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039; (London 2008). Selbstverständlich geht er auch auf die Geschehnisse im Kongo ein. Über Simon Kimbangu wurde sehr viel geschrieben, von Historikern und Anthropologen wie auch von Adepten. Jules Chomé erregte noch zu Kolonialzeiten die Gemüter mit &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039; (Brüssel 1959). Die beste historische Studie stammt von Susan Asch, &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1982). Noch unlängst verfasste Jean-Luc Vellut eine kompakte, aber sehr gute Einleitung zum ersten Teil seines Quellenbandes &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation&#039;&#039; (Brüssel 2005). Auch die Bücher von Anhängern und Sympathisanten sind oft historisch ausgerichtet. Das vorige geistliche Oberhaupt, Joseph Diangienda Kuntima, schrieb selbst eine umfangreiche Übersicht: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039; (Châtenay-Malabry 2007). Siehe auch das sehr einflussreiche Werk von Marie-Louise Martin, &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039; (Lausanne 1981) und das viel aktuellere Buch von Aurélien Mokoko Grampiot, &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039; (Paris 2004). Eine gründliche Einzelstudie über die Deportation fand ich bei Munayi Muntu-Monji, »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)« (&#039;&#039;Zaïre-Afrique,&#039;&#039; 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über andere messianische Bewegungen konsultierte ich Martial Sinda, &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039; (Paris 1972), André Ryckmans, &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958&#039;&#039; (Kinshasa 1970) und Jacques Gérard, &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039; (Brüssel 1969). Außerdem hatte ich die Gelegenheit, das unveröffentlichte, aber gut dokumentierte Typoskript von Rufin Kibari, Schulleiter in Kikwit, zu lesen: &#039;&#039;Mouvements ›anti-sorciers‹ dans les Provinces de Leopolville&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039; (Kikwit 1985). Eine breite Kontextualisierung des Verhältnisses von einheimischem Christentum und Kolonialismus stammt von Paul Raymaekers und Henri Des­roche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039; (Brüssel 1983). Siehe dazu auch den Klassiker von Wyatt Mac-Gaffey, &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039; (Chicago 1986).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fundierteste Studie über die Todesstrafe stammt wieder von der Hand von Jean-Luc Vellut, »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992). Eine neuere Untersuchung stammt von Bert Go­vaerts: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Revolte der Pende (oder Bapende) floss sehr viel Tinte, aber die äußerst gründliche Studie von Sikitele Gize bleibt unübertroffen: »Les racines de la révolte Pende de 1931« (&#039;&#039;Etudes d&#039;histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Neueren Datums ist eine detaillierte Darstellung der Fakten von Louis-François Vanderstraeten, &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039; (Brüssel 2001). Eine sowjetische Studie aus den dreißiger Jahren ist, wenn man die offenkundige Propagandaschicht abkratzt, nach wie vor solide und ausgesprochen hilfreich, um die tieferen Ursachen zu verstehen: A. T. Nzula, I. I. Potekhin und A. Z. Zusmanovich 1979: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039; (London 1979). Nirgendwo sonst wurde der Zusammenhang zwischen der Erhöhung der Einkommensteuer und dem Prozess der Proletarisierung besser verdeutlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die finanzökonomische Geschichte der Zwischenkriegszeit wird übersichtlich beschrieben in G. Vandewalle, &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039; (Gent 1966). Für die soziale Dimension bediente ich mich wieder der schon im Zusammenhang mit dem vorigen Kapitel erwähnten Werke von Northrup, Nelson, Perrings und Higginson. Wie sich die Industrialisierung auf die materielle Kultur und die Mentalität der Einheimischen auswirkte, fand ich äußerst lebendig beschrieben in einer Studie aus den dreißiger Jahren: John Merle Davis, &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039; (London 1933). Die soziale Politik der Union Minière wird in dem gut dokumentierten, aber firmenfreundlichen Werk von René Brion und Jean-Louis Moreau, &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039; (Tielt 2006) beschrieben. Ergänzend lese man jedoch auch das Werk von Bruce Fetter: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039; (Brüssel 1973) und dessen &#039;&#039;The Creation of Elisabethville&#039;&#039; (Stanford 1976). Die ersten Kapitel von Johannes Fabian, &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039; (Evanston 1941) sind ebenfalls sehr erhellend. Über die Arbeit im Palmölsektor veröffentlichte Jacques Vanderlinden eine wichtige Quellenstudie: &#039;&#039;Main d&#039;œuvre, Eglise, capital et administration dans le Congo des années trente&#039;&#039; (Brüssel 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Herausbildung einer städtischen Kultur besser zu verstehen, machte ich dankbar Gebrauch von dem von Jean-Luc Vellut herausgegebenen Sammelband &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039; (Tervuren 2000). Das Buch enthält faszinierende Kapitel über die Pfadfinderbewegung, über Fußball, Medien, die Rassenschranke und das Alltagsleben in der kolonialen Stadt. Zur besonderen Rolle von »tata Raphaël« las ich, neben dem Kapitel von Bénédicte Van Peel in diesem Sammelband, auch den Aufsatz von Roland Renson und Christel Peeters, »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in M. D&#039;hoker, R. Renson und J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw&#039;&#039; (Leuven 1994). Zur katholischen Jugendarbeit fand ich mehr bei Karl Catteeuw, »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Sara Boel schrieb eine interessante Diplomarbeit über die Bemühungen der Regierung, den Medien- und Kunstbereich unter Kontrolle zu halten: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039; (Brüssel 2005). Bruce Fetter beleuchtete das Vereinsleben und die Versuche der Einvernahme durch die katholische Kirche in einem klassischen Aufsatz: »African associations in Elisa­bethville, 1910-1935: their origins and development« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974). Das ältere Buch von Georges Brausch, &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039; (London 1961), ist wegen des differenzierten Kapitels über die &#039;&#039;colour bar&#039;&#039;, die Rassenschranke, nach wie vor lesenswert. Benoît Verhaegen schrieb eine ausgezeichnete Abhandlung über die übersteigerte Angst vor der roten Gefahr: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Über &#039;&#039;body politics&#039;&#039;, die »Medizinalisierung« der kongolesischen Gesellschaft und die lokalen Reaktionen darauf, verfasste Nancy R. Hunt die faszinierende Studie: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039; (Durham 1999).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Panda Farnana und seiner Union Congolaise widmete Zana Aziza Etambala ein sehr instruktives Kapitel in seinem bereits erwähnten Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993). François Bontinck schrieb »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier&#039;&#039; (Paris 1980). In kongolesischen Kreisen ist in den letzten Jahren ein erneutes Interesse für diesen frühen Vorkämpfer zu verzeichen. Noch unlängst ehrte Didier Mumengi ihn mit &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039; (Paris 2005). Antoine Tshitungu Kongolo erforschte seine Beziehungen zu intellektuellen Zirkeln in Belgien: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action« (&#039;&#039;L&#039;Africain,&#039;&#039; 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 5&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erhellende Übersicht über den Zweiten Weltkrieg in Afrika und die Auswirkungen auf den Kolonialismus bietet Michael Crowders Aufsatz »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa« in Band acht von &#039;&#039;The Cambridge History of Africa&#039;&#039; (Cambridge 1984). Ein aktueller Überblick über die Situation in Belgisch-Kongo ist leider nicht verfügbar. Der letzte Versuch datiert aus den achtziger Jahren, als die Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften &#039;&#039;Bij­dragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983) veröffentlichte. Ich benutzte vor allem die Aufsätze von Léon de Saint-Moulin, Jean-Luc Vellut, Benoît Verhaegen, Gustaaf Hulstaert, Jonathan Helmreich und Antoine Rubbens. Der Band ließ die militärischen Aspekte außer Acht, denn die hatte Emile Janssens bereits untersucht in &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039; (Brüssel 1982-1984). Der Abessinienfeldzug wurde von einigen belgischen Offizieren dokumentiert, die daran teilgenommen hatten, u. a. R. Werbrouck, &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie&#039;&#039; (Léopoldville 1945) und Philippe Brousmiche, &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campagne&#039;&#039; (Tournai 1987). Felix Denis stellte das Tagebuch und vor allem das faszinierende Fotoalbum seines Schwiegervaters, Leutnant Carlo Blomme, online: &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://force-publique-1941.skynetblogs.be/&amp;lt;/nowiki&amp;gt;. Christine Denuit-Somerhausen und Francis Balace veröffentlichten »Abyssinie 41: du mirage à la victoire« in F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte&#039;&#039; (Brüssel 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rolle des katangesischen Urans bei der Entwicklung der Atombombe thematisierten Jacques Vanderlinden in &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039; (Brüssel 1991) und Jonathan E. Helmreich in »The uranium negotations of 1944«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Von Helmreich siehe auch: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039; (Princeton 1986), außerdem &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039; von Pierre Buch und Jacques Vanderlinden (Brüssel 1995).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Unruhen in den Bergwerken wurden ausführlich dokumentiert in dem bereits erwähnten Buch von Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa&#039;&#039; (London 1979). Ich las dazu außerdem J.-L. Vellut, »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Hilfreich waren die Studien von Tshi­bangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974) sowie von Bogumil Jewsiewicki, Kilola Lema, Jean-Luc Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Die klarste Übersicht fand ich jedoch bei Bogumil Jewsiewicki, »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle« (&#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039;, 1976).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das außerordentlich fesselnde Kriegstagebuch von Vladimir Drachoussoff erschien in einer bescheidenen Auflage unter dem Pseudonym Vladi Souchard, &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039; (Brüssel 1983). Es war eines der interessantesten Bücher, die ich bei der Vorbereitung dieses Themas lesen durfte. Generalgouverneur Pierre Ryckmans und Pater Placide Tempels hatten einen differenzierten Blick auf die koloniale Wirklichkeit, siehe: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; (Brüssel 1948) bzw. &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Antwerpen 1946). Siehe auch Jacques Vanderlinden, &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1891-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039; (Brüssel 1994). Über diese Nachkriegszeit schrieb Nestor Delval den sehr lesenswerten Essay &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; (Leuven 1966).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Nachkriegsjahre ist das schmale Büchlein von Antoine Rubbens, &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039; (Elisabethville 1945) nach wie vor sehr lesenswert. Es enthält einige kritische Artikel, die in der Zeitung &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039; erschienen waren. Außerdem sind die Berichte der Commission Permanente pour la Protection des Indigènes Pflichtlektüre, denn neben hilfreichen Informationen zur sozialen Wirklichkeit sind sie sehr bezeichnend für das koloniale Paradigma: siehe L. Guebels, &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951 (Brüssel 1952). Eine hervorragende Einführung in die Problematik der Gewerkschaften und des sozialen Protestes bietet die Themennummer von Brood en Rozen 1999: Sociale bewegingen in Belgisch-Congo. Ich konsultierte außerdem André Corneille, Le syndicalisme au Katanga (Elisabethville 1945), Arthur Doucy und Pierre Feldheim, Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge (Brüssel 1952) und R. Poupart, Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo (Brüssel 1960).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Genauere Vorstellungen vom Leben in der kolonialen Stadt gewann ich durch die Lektüre von Filip De Boeck und Marie-Françoise Plissart, Kinshasa: Tales of the Invisible City (Gent 2004) sowie Johan Lagae, Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960) (Gent 2002). Die Werke von Suzanne Comhaire-Sylvian, Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui (Paris 1968), Valdo Pons, Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Administration (Oxford 1969) und W. C. Klein, De Congolese elite (Amsterdam 1957) vermittelten mir ein lebendiges Bild der neuen urbanen Kultur. Den Einfluss und die Auswirkungen der Radiosendungen für Kongolesen schilderten Greta Pauwels-Boon, L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960 (Tervuren 1979) und Sara Boel, Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid (Brüssel 2005). Über die Vereinigung ehemaliger Schüler von Raphaël de la Kéthulle schrieb Charles Tshimanga »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)« in J.-L. Vellut (Hg.), Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950) (Tervuren 2000).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Lebensumstände der evolués wurden in zahlreichen Werken von so unterschiedlichen Autoren wie Stengers, Young und Ndaywel thematisiert. Das Standardwerk verfasste Jean-Marie Mutamba Makombo: Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960 (Kinshasa 1998). Eine sehr interessante Studie stammt von Mukala Kadima-Nzuji; in La littérature zaïroise de langue française (1945-1965) (Paris 1984) arbeitet er den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Ressentiments, Presse und Literatur heraus. Über die Entstehung der ersten kongolesischen Universität verfasste Ruben Mantels das spannende Buch Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960 (Leuven 2007). Die Reise von König Baudouin wurde farbig geschildert von Erik Raspoet: Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ontmoeting op de evenaar (Antwerpen 2005).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Verse am Schluss dieses Kapitels stammen aus dem Band Esanzo von Antoine-Roger Bolamba, einem der schönsten Werke kongolesischer Lyrik.&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 6&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Literatur über die Entkolonialisierung des Kongo ist äußerst umfangreich, aber qualitativ sehr unterschiedlich und oft veraltet und aus dezidiert »weißer« Sicht verfasst. Das allerbeste Buch über diese Zeit ist nach wie vor Politics in the Congo von Crawford Young (Princeton 1965). Noch fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung wundert man sich, wie jemand so kurz nach den Geschehnissen die großen Prozesse derart klarsichtig festhalten und analysieren konnte. Eine Hilfe hatte er zweifellos an der hervorragenden Vorarbeit des CRISP (Centre de Recherche et d&#039;Information Socio-Politiques in Brüssel), jenes engagierten und grundsoliden Dokumentationszentrums, wo Persönlichkeiten wie Jean Van Lierde, Benoît Verhaegen und Jules Gérard-Libois Pionierarbeit leisteten. Ihre Jahrbücher und Studien über politische Bewegungen sind bis heute eine unverzichtbare Quelle für die historische Erforschung der fünfziger und sechziger Jahre im Kongo. Sie gaben Youngs Standardwerk in Französisch heraus.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine andere ältere, aber noch immer wertvolle Studie stammt von Paule Bouvier, L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance (Brüssel 1965). In neuerer Zeit veröffentlichte Zana Aziza Etambala viel bislang unbekanntes Archivmaterial in zwei lesenswerten Büchern: Congo 55/65: van Koning Boudewijn tot president Mobutu (Tielt 1999) und De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960) (Leuven 2008). Unter den vielen Memoiren, in denen es um die turbulente Zeit der Entkolonialisierung geht, lohnt sich besonders die Lektüre der Erinnerungen von Jef Van Bilsen, Schlüsselfigur im gesamten Prozess: Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie (Leuven 1993).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum internationalen Kontext des kongolesischen Unabhängigkeitskampfes waren besonders hilfreich: Pierre Queuille, &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039; (Paris 1965) und Colin Legum, &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide&#039;&#039; (New York 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasas Jugendkulturen hat Didier Gondola beschrieben: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039; (Paris 1997). Das bereits erwähnte Werk von Filip De Boeck beschäftigte sich gleichfalls mit dem Phänomen der &#039;&#039;bills&#039;&#039; und der &#039;&#039;moziki&#039;&#039;. Über die politische Dimension des kongolesischen Fußballs drehten Jan Antonissen und Joeri Weyn den ausgezeichneten Dokumentarfilm &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039; (2007). Die schweren Unruhen im Januar 1959 in der Hauptstadt waren Gegenstand etlicher Veröffentlichungen. Jacques Marras und Pierre De Vos schrieben das zugängliche Werk &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039; (Brüssel 1959), aber auch der Bericht von General Janssens, der die &#039;&#039;Force Publique&#039;&#039; befehligte und deshalb alles andere als unparteiisch war, lohnt die Lektüre: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039; (Brüssel 1961).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die erste Generation kongolesischer Politiker existiert sehr viel Literatur. Zu Kasavubu siehe: Benoît Verhaegen und Charles Tshimanga, &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039; (Tervuren 2003). Über Lumumba: Jean Omasombo Tshonda sowie Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956&#039;&#039; (Tervuren 1998) und die Fortsetzung: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960&#039;&#039; (Tervuren 2005). Die beste Studie über Lumumba stammt von Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée&#039;&#039; (Paris 1990). Andere Werke verdanken wir meist ausgesprochenen Partisanen, mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen: Was wir an &#039;&#039;erlebter Geschichte&#039;&#039; gewinnen, verlieren wir häufig an Differenzierung und Einordnung in einen größeren Kontext. Pierre De Vos verfasste das gut lesbare, aber nicht durchweg sorgfältig recherchierte Buch &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039; (Paris 1961); Francis Monheim schien förmlich verliebt, als er &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039; (Brüssel 1962) veröffentlichte, und Jules Chomé schien nicht nur erbost, sondern war es auch, als er &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039; publizierte (Brüssel 1966). In &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Paris 1963) sammelte Jean Van Lierde die wichtigsten Reden, Artikel und Briefe Lumumbas. Das Vorwort von Sartre ist nicht nur vorhersehbar, sondern auch noch immer beeindruckend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Studien, die das parteipolitische Gezänk aus größerer Distanz betrachten, sind freilich selten. P. Caprasse bot jedoch mit &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039; (Brüssel 1959) eine hervorragende soziologische Studie, die weit über den lokalen Fokus seiner katangesischen Feldforschung hinausging. Sein Augenmerk galt insbesondere der Rhetorik, mit der das tribale Element ins Spiel gebracht wurde. Luc Fierlafyn griff diese Erkenntnisse auf und unterzog die politischen Texte von damals einer interessanten Diskursanalyse: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039; (Brüssel 1990).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 8&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirbelsturm von Ereignissen, die in ihrer Gesamtheit die Erste Republik bilden, füllt einen ganzen Bücherschrank. Eine aktuelle Übersicht fehlt, doch es existieren fundierte Studien zu sämtlichen Teilaspekten. Walter Geerts&#039; &#039;&#039;Binza 10: de eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039; (Gent 1970) bietet noch immer eine erhellende Einführung in das Thema. Zana Aziza Etambalas &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039; (Leuven 1999) und Jef Van Bilsens äußerst wichtiges &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039; (Leuven 1993) sind ebenfalls gut lesbare erste Orientierungen. Daneben sind die bereits erwähnten Jahrbücher des CRISP sehr wichtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Meuterei der Armee verfasste Louis-François Vander­straeten die definitive Studie: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise&#039;&#039; (Paris 1985). Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Panikstimmung, dem plötzlichen Exodus der zurückgebliebenen Belgier und dem militärischen Vorgehen Belgiens. Für ein lebendiges Bild dieser Tage siehe zwei Bücher von Peter Verlinden: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039; (Leuven 2002) und &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; (Leuven 2008). Marie-Bénédicte Dembour verfasste eine bedeutende anthropologische Studie über die Sichtweise der ehemaligen Kolonialisten: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039; (New York 2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Afrika durch die Kongo-Krise in den Kalten Krieg einbezogen wurde, analysiert wirklich brillant der epische Dokumentarfilm von Jihan El Tahri: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039; (Arte 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Film kommen nicht nur kubanische Veteranen zu Wort, sondern auch kongolesische, sowjetische und US-amerikanische Prominente aus jener Zeit: eine verblüffende Schilderung der Machenschaften des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden. Zur amerikanischen Perspektive siehe: Stephen R. Weissman, &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Ithaca 1974) und Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986). Zur kommunistischen Perspektive siehe: Arthur Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Edouard Mendiaux, &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039; (Brüssel 1960). Vor einigen Jahren veröffentlichte der CIA-Topagent Larry Devlin seine auffallend freimütigen Memoiren: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039; (New York 2007). Noch jüngeren Datums ist das Buch von Frank R. Villafaña über die Konfrontation zwischen linken und rechten Kubanern im Kongo: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039; (New Brunswick 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorgehen der UNO wurde von verschiedenen Autoren kommentiert. Georges Abi-Saab analysierte die Implikationen für das internationale Recht in &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Oxford 1978). Claude Leclercq beschäftigte sich intensiv mit der Situation im Land selbst: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039; (Paris 1964). Georges Martelli fällte ein sehr negatives Urteil: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (London 1966). Die UNO spielte eine derart große Rolle, dass andere Formen von Multilateralismus in den Hintergrund rückten. Zur Entstehung der Organisation für Afrikanische Einheit und ihre Rolle im Konflikt siehe: Catherine Hoskyns, &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Daressalam 1969).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das bekannteste Werk über die Ermordung Lumumbas ist der in viele Sprachen übersetzte Klassiker von Ludo De Witte: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039; (Leuven 1999). In Belgien wurde nach Erscheinen des Buchs ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss aus vier Historikern eingesetzt, die den Auftrag hatten, die verfügbaren Archive mit besonderem Augenmerk auf die Verantwortung Belgiens für den Mord zu durchkämmen. Ihr Bericht war trocken, aber akribisch: Luc De Vos et al., &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039; (Leuven 2004). Zum Anteil der Amerikaner siehe: Madeleine Kalb, &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039; (New York 1982) sowie den kürzlich erschienenen Artikel von Stephen R. Weissman: »An extraordinary rendition« (&#039;&#039;Intelligence and National Security,&#039;&#039; 2010). Zum Blickwinkel zweier kongolesischer Politiker, die früher an der Seite Lumumbas standen, siehe: Cléophas Kamitatu, &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und Thomas Kanza, &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039; (Baltimore 1972).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Abspaltung Katangas beschäftigte sich schon sehr früh eine gründliche Studie: Jules Gérard-Libois, &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1963). Zu den historischen Hintergründen der Sezession siehe: Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufstände im Kwilu und im Osten des Landes wurden erschöpfend abgehandelt in den Studien von Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1966-1969) und dem zweiteiligen, von Catherine Coquery-Vidrovitch et al. herausgegebenen Kongressband &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (Paris 1987). Herbert Weiss und Benoît Verhaegen betreuten 1986 eine wichtige Themenausgabe von &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (Zeitschrift des Centre d&#039;Etude et de Documentation Africaines) unter dem Titel &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Ludo Martens verfasste zwei sympathisierende Biographien von Pierre Mulele und dessen Frau Léonie Abo: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039; (Berchem 1991). Eine ausgezeichnete Reportage über die kongolesische Rebellion stammt von Jean Kestergat: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile&#039;&#039; (Paris 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen und wirtschaftlichen Umstände in der Ersten Republik erfuhren viel weniger Aufmerksamkeit als das politische und militärische Gerangel, aber vom Leben in der Großstadt können wir uns ein sehr genaues Bild machen dank J. S. Lafontaine, &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039; (Cambridge 1970). Zur komplexen Frage des kolonialen Aktienportfolios und zu den Unterhandlungen über dessen Rückgabe an den Kongo siehe: Jean-Claude Willame, &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgozaïrois&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 9&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hervorragende, ja brillante Einführung in das Leben und Wirken Mobutus ist der Dokumentarfilm von Thierry Michel: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1999). Wer sich intensiver mit diesem Zeitraum beschäftigen möchte, beginnt am besten mit dem sehr erhellenden Kapitel über die Zweite Republik, das Jacques Vanderlinden beitrug zu A. Huybrechts et al., &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980&#039;&#039; (Brüssel 1980). Zu den Methoden, mit denen eine politische Elite die Wirtschaft des Landes plünderte, konsultiere man: Fernard Bézy et al., &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve 1981) und David J. Gould, &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire&#039;&#039; (New York 1980). Aber unverzichtbar für jeden, der sich ernsthaft mit diesem Zeitraum beschäftigen will, ist die umfangreiche Studie von Crawford Young und Thomas Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039; (Madison 1985). Die Autoren analysieren vor allem die erste Hälfte von Mobutus Regierungszeit, die Jahre 1965-1980, und zeigen sehr überzeugend, wie der Staat zuerst allumfassend und dann völlig morsch wurde. Verfasst in einem knappen Stil, enthält das Buch eine Fülle von Dokumentationsmaterial. Es ist zweifellos das wichtigste Werk über diesen Zeitraum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Authentische zairische Quellen aus diesem Zeitraum sind in großer Zahl vorhanden, aber durch die Angst vor dem Regime geprägt. Propaganda im Überfluss, kritische Analyse gleich null. Nur außerhalb der Landesgrenzen konnte offene Kritik geübt werden. In Paris verfasste Cléophas Kamitatu, einer der Gründer der &#039;&#039;Parti solidaire africain&#039;&#039;, zwei mit viel dokumentarischem Material ausgestattete Werke, die zugleich das Regime harsch kritisierten: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039; (Paris 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor einigen Jahren ermöglichten zwei amerikanische Bücher einen Blick hinter die Kulissen. Mobutus Leibarzt, der Amerikaner William Close, Vater der Schauspielerin Glenn, veröffentlichte seine Erinnerungen an eine turbulente Zeit: &#039;&#039;Beyond the Storm&#039;&#039; (Marbleton 2007). Auch wenn es sich nicht durchweg um eine tief greifende Analyse handelt, so sind die Anekdoten doch häufig sehr enthüllend. Um sich einen Begriff von den amerikanisch-zairischen Freundschaftsbanden zu machen, lese man am besten das bereits erwähnte Buch von Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) und die gleichfalls bereits aufgeführten Memoiren des CIA-Agenten Larry Devlin, &#039;&#039;Chief of Station&#039;&#039; (New York 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die unvorstellbare, explosionsartige städtische Entwicklung Kinshasas beschreiben anschaulich Marc Pain, &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039; (Paris 1984) und René de Maximy, &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens&#039;&#039; (Paris 1984). Beide Bücher widmen sich nicht nur urbanistischen und demographischen Prozessen, sondern auch den sozialen und kulturellen Auswirkungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der rasch wachsenden und jugendlichen Stadt spielte Musik eine wichtige Rolle. Die kongolesische Musikszene war vermutlich nie so vital wie in den frühen siebziger Jahren, nicht zuletzt durch Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Kampagne. Gary Stewarts erschöpfendes Werk &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000) widmet diesem Aspekt selbstverständlich große Beachtung. Gleichfalls der Mühe wert ist das vor wenigen Jahren erschienene Buch &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039; (Durham 2008), das die Verflechtungen zwischen Politik und Popmusik zum Hauptthema hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Beschreibungen des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman benutzte ich, neben den Filmen auf YouTube, Norman Mailers Klassiker &#039;&#039;The Fight&#039;&#039;, in den Niederlanden unter dem Titel &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039; (Amsterdam, 2007) erschienen, eines der besten Sportbücher überhaupt. Außerdem war der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm &#039;&#039;When We Were Kings&#039;&#039; von Leon Gast (1996) ein großer Genuss; auch die musikalischen Aspekte von &#039;&#039;the rumble in the jungle&#039;&#039; kommen darin nicht zu kurz. Über die Verflechtungen des schwarzen Emanzipationskampfes mit dem Boxsport las ich einige hervorragende Essays in Gerard Early, &#039;&#039;Speech and Power&#039;&#039; (Hopewell 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 10&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Wahnsinn, der das Mobutu-Regime ab 1975 kennzeichnete, existieren in mehreren Sprachen zugängliche und mit viel Dokumentationsmaterial ausgestattete Werke. Jean-Claude Willame verfasste das unaufgeregte und kluge &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme&#039;&#039; (Paris 1992) und Colette Braeckman, Journalistin bei &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;, das lesbare und im Kongo sehr einflussreiche &#039;&#039;Le dinosaure&#039;&#039; (Paris 1991), das ein Jahr später auch auf Niederländisch erschien unter dem Titel &#039;&#039;De dinosaurus&#039;&#039; (Berchem, 1992). In Flandern veröffentlichten zwei Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihre Erfahrungen und Analysen: &#039;&#039;Mobutu, de man van Kamanyola&#039;&#039; von Walter Geerts (Leuven 2005) und vor allem &#039;&#039;Mobutu, van mirakel tot malaise&#039;&#039; von Walter Zinzen (Antwerpen 1995). Letzteres lohnt schon allein wegen des Kapitels über die Shaba-Kriege die Mühe. Der amerikanische Historiker Thomas Callaghy sah eine Parallele zwischen der Mobutu-Regierung und dem Ancien Régime in Frankreich: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039; (New York 1984). Die britische Journalistin Michela Wrong schrieb mit &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo&#039;&#039; (London 2000) einen wunderbaren Pageturner, der auch ausführlich über die neunziger Jahre berichtet. Und mehr als zwanzig Jahre nach dem Erscheinen bietet das in viele Sprachen übersetzte &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039; von Lieve Joris (Amsterdam 1987) nach wie vor ein sehr anschauliches und mitreißendes Bild des Lebens unter der Diktatur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die sogenannten »weißen Elefanten«, Mobutus sinnlose Bauwerke, schrieb Jean-Claude Willame &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039; (Paris 1986). Anders, als der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Buch nicht nur um das berühmte Wasserkraftwerk. Informationen über das deutsche Raketenprogramm puzzelte ich mir zusammen aus dem Dokumentarfilm &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; von Thierry Michel, dem weiter oben erwähnten Buch von Walter Geerts, aber vor allem aus OTRAG &#039;&#039;Rakete&#039;&#039;, der Website von Bernd Leitenberger, &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.bernd-leitenberger.de/otrag.shtml&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Standardwerk über die Shaba-Kriege stammt von Romain Yakemtchouk: &#039;&#039;Les deux guerres du Shaba&#039;&#039; (Brüssel 1988). Er beschäftigte sich intensiv mit den Beziehungen Belgiens, Frankreichs und der USA zu Mobutus Zaire. Bevor ich mir sein &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) vornahm, las ich das eher populärwissenschaftlich abgefasste Werk von Sean Kelly, dessen Titel bereits eine Zusammenfassung ist: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039; (Washington DC 1993).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschafts- und Finanzpolitik zwischen 1975 und 1990 ist ausgesprochen pikant, umso mehr, als ein gutes Übersichtswerk über die Rolle des IWF, der Weltbank und des Clubs von Paris fehlt. Winsome J. Leslie rückte einen der entscheidenden Akteure ins Licht in &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039; (Boulder 1987). Der Aufsatz von Jean-Philippe Peemans, »Zaïre onder het Mobutu-regime« (1988) war eine erhellende und spannende Lektüre, nicht zuletzt, da der Autor bereits in einem sehr frühen Stadium vor den unerwünschten Folgen der IWF-Maßnahmen gewarnt hatte. Kisangani Emizet arbeitete diese Argumentation weiter aus und lieferte wichtige und überzeugende Graphiken in den ersten Kapiteln seines Buchs &#039;&#039;Zaire after Mobutu&#039;&#039; (Helsinki 1997). In meinem Urteil über die Auswirkung der Anforderungen des IWF schulde ich dem Bestseller &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039; des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz (London 2002) Tribut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die dramatischen Folgen der Krise und die Entstehung einer »zweiten«, informellen Wirtschaft untersuchten Janet MacGaffey und ihr Team: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire&#039;&#039; (London 1991). Über die Rolle der Frau in dieser neuen Ökonomie siehe: Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039; (Paris 1990). Bewegende Zeugnisse fand ich auch bei De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den repressiven Staatsapparat zu verstehen, lese man die deprimierenden Berichte von Amnesty International und den von Abdoulaye Yerodia erneut veröffentlichten &#039;&#039;Rapport sur les assassinats&#039;&#039; der Nationalen Souveränen Konferenz (Kinshasa 2004). Ein mehr wissenschaftlicher Ansatz findet sich bei Michael Schatzberg, &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039; (Bloomington 1988). Stadtlegenden, Gerüchte und Neuigkeiten vom &#039;&#039;radio-trottoir&#039;&#039; sammelte Cornelis Nlandu-Tsasa, &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039; (Paris 1997). Zur populären Malerei siehe: Bogumil Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992) und Johannes Fabian, &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire&#039;&#039; (Berkeley 1996).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechstausend Berichte der Volksbefragung von 1990 wurden nie freigegeben, aber das beste Werk über den Anfang des Demokratisierungsprozesses ist das von A. Gbabendu Engunduka und E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire verse la conférence nationale&#039;&#039; (Paris 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 11&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine knappe, aber sehr luzide Einführung in die turbulente Übergangszeit zwischen der Zweiten und der Dritten Republik bot der flämische Rundfunkjournalist Guy Poppe mit &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039; (Antwerpen 1998). Ihre Sicht des politischen Kampfes haben viele aktiv Beteiligte niedergeschrieben und bei l&#039;Harmattan in Paris veröffentlicht. Dieser Verlag fungiert schon seit Jahren als wichtigstes Schaufenster des intellektuellen, französischsprachigen Afrika in der Diaspora, doch durch seine kritiklose Editionspolitik hat er manchmal mehr von einem Edel-Copyshop als von einem Verlag, der systematisch Wissen verbreitet. Eines der ausgewogeneren Werke stammt von Dieudonné Ilunga Mpunga: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2007); es beschäftigt sich vor allem mit der Rolle der UDPS. Loka-ne-Kongo schrieb eine kritische Rückschau auf diese verworrene Periode der Demokratisierung: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039; (Kinshasa 2001). Axel Buyse listete die wichtigsten Ereignisse der ersten Jahre auf in &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039; (Groot-Bijgaarden 1994). Das detailreichste Werk stammt von Gauthier de Villers, &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039; (Paris 1997); es handelt sich um den ersten Band einer sehr wertvollen Trilogie über den demokratischen Übergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ausführlichste Studie über die Niederschlagung der Studentenproteste in Lubumbashi verfasste Muela Ngalamulume Nkongolo, &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039; (Paris 2000). Zur gewaltsamen Auflösung des großen Friedensmarsches in Kinshasa siehe Philippe de Dorlodot (Hg.), &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1994). Ein Standardwerk über die Nationale Souveräne Konferenz existiert meines Wissens nicht, aber ich ergänzte den Zeitzeugenbericht von Régine Mutijima mit Fakten, die ich dem historischen Überblick von Georges Nzongola-Ntalaja entnahm, der auch einer der Teilnehmer war: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila&#039;&#039; (London 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich genoss das Privileg, mehrmals mit Baudouin Hamuli zu sprechen, praktisch der &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; im Kongo. Er war der erste Vorsitzende des CNONGD, einer Dachorganisation kongolesischer NGO, und veröffentlichte seine Analysen in zwei interessanten Studien: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039; (Paris 2002) und, mit zwei Koautoren, &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039; (Brüssel 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die äußerst prekäre Lebenssituation der einfachen Leute ging es in den Sammelbänden von De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren, 2002) und von Monnier et al. (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2001). Diese Bücher beleuchten die Entstehung von Phänomenen wie den &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; in Kinshasa, den Fahrradtaxis in Kisangani und dem Diamantenschmuggel in Kasai. Über den unglaublichen Luxus, in dem Mobutu in den neunziger Jahren noch immer schwelgte, erfährt man einiges aus den Geschichten seines belgischen Schwiegersohns Pierre Janssen, &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039; (Paris 1997). Über den Beginn einer neuen Religiosität siehe Isidore Ndaywel è Nziem, &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039; (Québec 1995). Der Anthropologe René Devisch verfasste einen wichtigen Aufsatz über moralische und soziale Sinngebung in Krisenzeiten: »Frenzy, violence, and renewal in Kinshasa« (&#039;&#039;Public Culture&#039;&#039;, 1995). Lieve Joris&#039; &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039; (Amsterdam 2001) ist wohl das bekannteste literarisch-journalistische Werk über das Ende der Mobutu-Ära.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Völkermord in Ruanda existiert eine Fülle an Literatur. Das Standardwerk ist und bleibt &#039;&#039;Leave None to Tell the Story&#039;&#039; der viel zu jung gestorbenen, für Human Rights Watch tätigen Wissenschaftlerin Alison Des Forges (New York, 1999). Außerdem lese man unbedingt den Klassiker von Gérard Prunier: &#039;&#039;The Rwanda Crisis&#039;&#039; (London 1995). In den letzten Jahren erschienen einige umfangreiche Bücher über den Konflikt in der Region der Großen Seen: Thomas Turner, &#039;&#039;The Congo Wars: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039; (London 2007), René Lemarchand, &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039; (Philadelphia 2008), Filip Reyntjens, &#039;&#039;De Grote Afrikaanse Oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039; (Antwerpen 2009) und Gérard Prunier, &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Making of a Continental Catastrophe&#039;&#039; (Oxford 2009). Während Turner ziemlich verworren schreibt, bietet Lemarchand eine spannende Zusammenfassung, Reyntjens eine knappe Synthese und Prunier eine detaillierte Analyse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Speziell über den Siegeszug der AFDL geht es in dem ausgezeichneten, von Colette Braeckman et al. herausgegebenen Band &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039; (Brüssel 1998). Erik Kennes schrieb eine umfangreiche Biographie über Kabilas Leben vor seiner Machtergreifung: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2003). Unübertroffen in seiner Anschaulichkeit ist wiederum ein Dokumentarfilm der ägyptischen Filmemacherin Jihan El-Tahri, &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039; (2000), der vollständig online steht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 12&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorfeld und der Verlauf des Zweiten Kongo-Krieges werden selbstverständlich in den bereits erwähnten Übersichtswerken von Prunier und Reyntjens ausführlich behandelt. Eine hervorragende Einführung in den Konflikt lieferte Olivier Lanotte: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2003). Analytischer, aber auch sehr faktenreich ist das Buch von Gauthier de Villers: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2001). Über Kabilas Regierung vor und während der Invasion siehe das kritische Werk von Wamu Oyatambwe, &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: avatars d&#039;unepassation inopinée&#039;&#039; (Paris 1999). Sehr viel hagiographischer und hin und wieder fast burlesk ist das von Eddie Tambwe und Jean-Marie Dikanga Kazadi herausgegebene Werk: &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2008). Über die Motive der teilnehmenden Länder erschien schon recht früh &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039; von John F. Clark (New York 2002). Die zähen Friedensverhandlungen, die zu den Verträgen von Lusaka (1999) und Pretoria (2002) führten, schilderte Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Les ›faiseurs de paix‹ au Congo&#039;&#039; (Brüssel 2007). Das Buch beschäftigt sich außerdem ausgiebig mit den Motiven der in- und ausländischen Konfliktparteien und der Rolle der internationalen UNO-Friedensmission MONUC. Die definitive Studie über die MONUC steht noch aus, aber Xavier Zeebroek schrieb vor wenigen Jahren einen aufschlussreichen Bericht, &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039; (Brüssel 2008), und von Julie Reynaert stammt eine übersichtliche Masterarbeit, &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo&#039;&#039; (Leuven 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den massiven Rohstoffraub bewiesen unwiderlegbar die aufeinanderfolgenden Berichte des Experten-Panels der UNO (www.un.org/News/dh/latest/drcongo.htm). Eine zusammenfassende, quantitative Analyse fehlt, aber Stefaan Marysse und Catherine André lieferten bahnbrechende Berechnungen für die Jahre 1999 und 2000 in »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2001). Die Jahrbücher &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, derzeit unter der Redaktion von Stefaan Marysse, Filip Reyntjens und Stef Vandeginste, enthalten überdies einen Schatz von Informationen über die neueren Perioden der kongolesischen (aber auch ruandischen und burundischen) Geschichte. Die älteren Jahrgänge sind auf der Website der Universität Antwerpen vollständig zum Download freigegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige unabhängige NGO leisteten gleichfalls hervorragende Arbeit. Human Rights Watch dokumentierte den Goldschmuggel durch Uganda in zwei Berichten: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC (2001) und vor allem &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039; (2005). Global Witness untersuchte die Rolle Ruandas im Zinnschmuggel: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC (2005). IPIS beschäftigte sich in einer zweibändigen Studie mit den Absatzmärkten für Coltan: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039; (2002). Pole Institute, ein kongolesisches Forschungsinstitut in Goma, veröffentlichte &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039; (2002), mit ausführlichen Interviews mit Minenarbeitern. Auch diese Berichte sind alle online verfügbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus zwei Studien wurde mir klar, dass man den Blick nicht ausschließlich auf die Regierungen von Ruanda und Uganda richten darf, wenn es um den Raub von Rohstoffen im Ostkongo geht. Es gibt Akteure »oberhalb« wie »unterhalb« von ihnen. &#039;&#039;Network War: An In­troduction to Congo&#039;s Privatised War Economy&#039;&#039; von Tim Raeymaekers (IPIS, 2002) zeigte die entscheidende Rolle von privaten, »non-state actors« in der globalisierten Welt von heute, während Koen Vlassenroot und Hans Romkema nachwiesen, dass auch manche einfachen Kongolesen ein kleines Stück vom großen Kuchen abbekamen: »The emergence of a New order? Resources and war in Eastern Congo« (&#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance&#039;&#039;, 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über solche und andere soziale Auswirkungen des Krieges auf lokaler Ebene gaben Koen Vlassenroot und Tim Raeymaekers eine interessante Aufsatzsammlung heraus: &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC (Gent 2004). Ich las unter anderem mit großem Interesse das anthropologische Kapitel von Luca Jourdan in »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«. Human Rights Watch veröffentlichte im Juni 2002 bereits einen Bericht über sexuelle Gewalt: &#039;&#039;The War within the War&#039;&#039;. Zu den ökologischen Folgen des Konflikts konsultierte ich neben dem Unesco-Bericht &#039;&#039;Promoting and Preserving Congolese Heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039; (2005) das groß angelegte Übersichtswerk von Debroux et al. (Hg.), &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo&#039;&#039; (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 13&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politische und militärische Dimension der Übergangsperiode wurde in den bereits genannten Werken von Reyntjens und Prunier ausführlich thematisiert. Die detailreichste Studie stammt auch hier wieder von Gauthier de Villers: &#039;&#039;De la guerre aux élections&#039;&#039; (Tervuren 2009), der damit sein Tryptichon über Zaire/Kongo während des langen Übergangs von der Zweiten zur Dritten Republik abschließt (de Villers 1997, 2001, 2009). Der inventarisierende Charakter dieser Studien macht sie zu Nachschlagewerken für die Zeit von 1990-2008, wie es die Jahrbücher des CRISP für den Zeitraum 1959-1967 waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich ausführlich mit dem Zusammenspiel von multinationalen Konzernen, Popmusik, Pfingstkirchen und Massenmedien in der urbanen Kultur des Kongo. Da es sich um neuere Phänomene handelt, existieren noch keine übergreifenden Studien. Der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039; (London 2004) enthält einige gute Beiträge. &#039;&#039;Das&#039;&#039; Standardwerk über das Leben in der Hauptstadt ist jedoch die anthropologische Studie von Filip De Boeck, &#039;&#039;Kinshasa, Tales of the Invisible City&#039;&#039; (Gent 2004), illustriert mit Fotos von Marie-Françoise Plissart. Zwei seiner Doktorandinnen, Kristien Geenen und Katrien Pype, verfassten in den vergangenen Jahren erhellende Studien über Straßenkinder, Jugendbanden und religiöse Soaps in Kinshasa. De Boeck selbst drehte den Dokumentarfilm &#039;&#039;Cemetery State&#039;&#039; (2010) über Jugend und Tod in einer unergründlichen Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Informationen über Popmusik verdanke ich dem Internet und zahlreichen Gesprächen mit Kongolesen. Außerdem waren &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; von Gary Stewart (London 2000) und &#039;&#039;Rumba Rules&#039;&#039; von Bob White (Durham 2008) meine wichtigsten Quellen. Die Aktivitäten von Heineken in Afrika wurden meines Wissens bisher nicht systematisch erforscht. Der niederländische Fernsehsender RTL produzierte 2008 den recht oberflächlichen und patriotischen Dokumentarfilm &#039;&#039;Een Hollands biertje in Afrika&#039;&#039;. Es ging darin jedoch ausschließlich um Bralima in Kinshasa, mit Dolf van den Brink in der Hauptrolle. Auf der Website des Senders kann man sich den Film ansehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erkenntnisse über den Einfluss der kongolesischen Medien gewann ich, außer durch das Buch von Katrien Pype über religiöse Sender, anhand von Marie-Soleil Frères Buch &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix&#039;&#039; (Brüssel 2005) sowie ihrer späteren Aufsätze. Zum Einfluss der mobilen Telefonie in Afrika siehe Mirjam de Bruijn et al., &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039; (Leiden 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Ausbreitung des charismatischen Christentums informierte ich mich unter anderem bei Gerrie Ter Haar, &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039; (Philadelphia 2009). Die Wechselwirkungen mit der neueren Migrationsgeschichte beschreibt Emma Wild-Wood, &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo&#039;&#039; (Leiden 2008). Zur Entstehung der kongolesischen Diaspora in Europa siehe Zana Etambala: &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993) für Belgien sowie Marc Tardieu: &#039;&#039;Les Africains en France&#039;&#039; (Monaco 2006) für Frankreich. Zur viel jüngeren Gemeinschaft in London siehe die von David Garbin und Wa Gamoka Pambu gesammelten Interviews in &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039; (London 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige journalistische Arbeiten beschreiben die Wechselwirkungen zwischen Popkultur und Politik. Luc Olinga untersuchte in »La victoire en chantant« den Einfluss der kongolesischen Popmusik auf die Wahlen von 2006 (&#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 2006). Marie-Soleil Frère befasste sich in »Quand le pluralisme déraille« mit der Rolle des kommerziellen und religiösen Fernsehens im Wahlkampf (&#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf kinematographischer Ebene verweise ich auf &#039;&#039;Congo River&#039;&#039; von Thierry Michel (2005), ein lebendiges Mosaik des Kongo in den Übergangsjahren, und auf &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039; von Chuck de Liedekerke und Yannick Muller (2006) für eine erhellende Darstellung der politischen Hintergründe. Lieve Joris schrieb mit &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039; (Amsterdam 2006) ein mutiges Buch über die schwierige Reform der kongolesischen Armee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 14&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die jüngste Phase der kongolesischen Geschichte existieren selbstverständlich noch nicht viele Bücher. Ein sehr lesbarer Bericht über den Ablauf der ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten stammt von dem niederländischen Kongolesen Alphonse Muambi, der als internationaler Beobachter für kurze Zeit wieder in sein früheres Heimatland reiste: &#039;&#039;Democratie kun je niet eten&#039;&#039; (Amsterdam 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anfänge der Dritten Republik werden in zwei sehr unterschiedlichen Werken beschrieben: &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;-Journalistin Colette Braeckman zeichnet in &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2009) ein vorsichtig optimistisches Bild, während der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband eher düstere Töne anschlägt: &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039; (Tervuren 2009). Über Nkunda schrieb ein Autor namens Stewart Andrew Scott: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu&#039;&#039; (Paris 2008). Neben der Tagespresse informierte ich mich in &#039;&#039;Mo-magazine&#039;&#039;, &#039;&#039;Le monde diplomatique&#039;&#039; und &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;. Die Blogs von Colette Braeckman (auf lesoir.be) und Jason Stearns (congosiasa.blogspot.com) waren sehr hilfreich bei der Einordnung der aktuellen Entwicklungen. Eine große Hilfe waren auch die messerscharfen Analysen, die Kris Berwouts als Direktor von EurAc, der Dachorganisation europäischer, in Zentralafrika tätiger NGO, in Umlauf brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von International Crisis Group (crisisgroup.org) und Human Rights Watch (hrw.org) sind unübertroffen, wenn es um Konfliktanalyse und Recherchen vor Ort zu Menschenrechtsverletzungen geht. Was die eine Website an Makroperspektive bietet, bietet die andere an detaillierter Feldbeobachtung. Beide NGO leisten Jahr um Jahr hervorragende Arbeit, die nicht nur Historikern gute Dienste leistet, sondern vor allem Menschenleben retten will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und Radio Okapi, der besten Zeitung und des besten Rundfunksenders im Kongo, ermöglichten es mir, die aktuellen Entwicklungen im Land auch aus der Ferne zu verfolgen. Auch der Rapper Alesh, den ich in Kisangani interviewte, ist auf der Website von Radio Okapi zu hören. Mehrere mutige kongolesische NGO verbreiten seit kurzem Berichte über das Internet; insbesondere denke ich dabei an Asadho (Association africaine de défense de droits de l&#039;homme), Rodhecic (Réseau d&#039;organisations des droits humains et d&#039;éducation civique d&#039;inspiration chrétienne) und Journaliste en Danger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die turbulenten Verwicklungen im katangesischen Bergbau drehte Thierry Michel den interessanten Dokumentarfilm &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Sehr informativ waren für mich die Berichte von IPIS, RAID, Global Witness und Resource Consulting Services.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die zunehmende Präsenz Chinas in Afrika erschienen in den letzten Jahren mehrere gute Studien: siehe Chris Alden, &#039;&#039;China in Africa&#039;&#039; (London 2007) für eine analytische Betrachtung und Serge Michel und Michel Beuret, &#039;&#039;La Chinafrique&#039;&#039; (Paris 2009) für einen sehr lebendigen, journalistischen Bericht. Sehr ausgewogen fand ich die Studie von Martine Dahle Huse und Stephen L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039; (online, 2008). Eine gute Analyse des Vertrages zwischen dem Kongo und China fand ich bei Stefaan Marysse und Sara Geenen, »Les contrats chinois en RCD: l&#039;impérialisme rouge en marche?« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, 2007-2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 15&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur afrikanischen Gemeinschaft in Guangzhou existieren bisher kaum wissenschaftliche Studien. Die ersten Forschungsarbeiten wurden inzwischen veröffentlicht, sind aber in der Regel noch sehr deskriptiv; siehe Brigitte Bertoncelo und Sylvie Bredeloup, »The Emergence of New African ›Trading Posts‹ in Hong Kong and Guangzhou« (&#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039;, 2007) und Li Zhang, »Ethnic Congregation in a Globalizing City: The Case of Guangzhou, China« (www.sciencedirect.com, 2008). Zhigang Li, Desheng Xue, Michael Lyons und Alison Brown schrieben »Ethnic Enclave of Transnational Migrants in Guangzhou« (asiandrivers.open.ac.uk, 2007), und von Adams Bodomo, einem ghanaischen Professor in Hongkong, erschien »The African Trading Community in Guangzhou« (in &#039;&#039;China Quarterly&#039;&#039;, 2010). Sehr instruktiv waren für mich die Gespräche mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsvertreter und Sinologen Koen De Ridder und dem kongolesischen, in China lebenden Journalisten Jaffar Mulassa; am meisten aber lernte ich wie immer durch Gespräche mit den unmittelbar betroffenen Menschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Abi-Saab, G.: &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964.&#039;&#039; Oxford 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alden, C.: &#039;&#039;China in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alpers, E. A.: &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa.&#039;&#039; London 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Les violations des droits de l&#039;homme au Zaïre.&#039;&#039; Brüssel 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Zaïre: dossier sur l&#039;emprisonnement politique et commentaires des autorités.&#039;&#039; Paris 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: »Democratic Republic of Congo: Acts of political repression on the increase«, in: AI &#039;&#039;Index&#039;&#039;: AFR 62/014/2006, 4. Juli 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Human Rights Defenders under Attack in the Demo­cratic Republic of Congo&#039;&#039;. Februar 2010, www.amnesty.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antipas, G.: &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antonissen, J./J. Weyn: &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039;. Canvas-documentaire 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Archer, J.: &#039;&#039;Congo: The Birth of a New Nation&#039;&#039;. Folkestone 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ASADHO: &#039;&#039;Les conditions de travail des congolais au sein de l&#039;entreprise chinoise&#039;&#039; CREC &#039;&#039;sont inacceptables!&#039;&#039; Jan. 2010, www.asadho-rdc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Asch, S.: &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre.&#039;&#039; Paris 1982&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ayad, C.: »Les sectes, sauve-qui-peut au Congo-Kinshasa«, in: &#039;&#039;Libération&#039;&#039;, 31. Januar 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bailey, H.: &#039;&#039;Travel and Adventures in the Congo Free State and its Big Game Shooting.&#039;&#039; London 1894.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Banque Centrale du Congo: &#039;&#039;La Banque Centrale du Congo: une rétrospective historique&#039;&#039;. Kinshasa 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barham, L./P. Mitchell: &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers.&#039;&#039; Cambridge 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batumike, C.: &#039;&#039;Une liberté de moins: témoignage de prison et autres rubriques&#039;&#039;. Langenthal 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Zaïre&#039;s hyperinflation, 1990-96. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 97/50, 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Overshooting and dollarization in the Democratic Republic of the Congo. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 03/105, 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Geldmacher. Das geheimste Gewerbe der Welt.&#039;&#039; Weinheim 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Moneymakers: The Secret World of Banknote Printing&#039;&#039;. Weinheim 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bentley, W. H.: &#039;&#039;Pioneering on the Congo.&#039;&#039; London 1900.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertoncelo, B./S. Bredeloup: The emergence of new African »trading posts« in Hong Kong and Guangzhou. &#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039; 1, 2007, chinaperspectives.revues.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berwouts, K.: &#039;&#039;Un semblant d&#039;état en état de ruine&#039;&#039;. Internes Dokument EurAc, 27. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bézy, F./J.-P. Peemans/J.-M. Wautelet: &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; I&#039;&#039;: 1890-1920.&#039;&#039; Brüssel 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; II&#039;&#039;: 1920-1945&#039;&#039;. Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal, E.: Zaïre: rapport over zijn internationale financiële credibiliteit (»Le rapport Blumenthal et annexes«). &#039;&#039;Info Zaïre&#039;&#039; 36, 1982, S. 3-15.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bodomo, A.: »The African trading community in Guangzhou: an emerging bridge for Africa-China relations«, in: &#039;&#039;The China Quarterly&#039;&#039; (2010), 203, S. 693-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boehme, O.: »The involvement of the Belgian Central Bank in the Katanga secession, 1960-1963«, in: &#039;&#039;African Economic History (&#039;&#039;2005), 33, S. 1-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boel, S.: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de con­trole op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039;. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Vrije Universiteit Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boelaert, E./H. Vinck/C. Lonkama: »Témoignages africains de l&#039;arrivée des premiers blancs aux bords des rivières de l&#039;Equateur«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria (&#039;&#039;1995), 16, S. 36-117.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039;. Brüssel 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in: V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier.&#039;&#039; Paris 1980, S. 591-610.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boone, O.: &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Tervuren 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Booven, H. van: &#039;&#039;Tropenwee&#039;&#039;. Amsterdam 1913 (Erstausgabe 1904).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bosschaerts, D.: &#039;&#039;Herinneringen aan Congo: ambtenaar in Boma (1904-1907)&#039;&#039;. Antwerpen 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bourla Errera, M.: &#039;&#039;Moïse Levy: un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039;. Brüssel 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bouvier, P.: &#039;&#039;L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance: essai d&#039;analyse sociologique&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;De dinosaurus: het Zaïre van Mobutu&#039;&#039;. Berchem 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Les nouveaux prédateurs: politique des puissances en Afrique&#039;&#039;. Paris 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: »Les amis chinois du Congo«, in: &#039;&#039;Manière de voir&#039;&#039; (2010), Dez. 2009 – Jan. 2010, S. 52-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C./M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame: &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039;. Brüssel 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braekman, E. M.: &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo.&#039;&#039; Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brausch, G.: &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039;. London 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, E.: »L&#039;Eglise catholique et la rébellion au Zaïre (1964-1967)«, in: &#039;&#039;Les cahiers du cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8, S. 61-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, R./J.-L. Moreau: &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039;. Tielt 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brousmiche, P.: &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campgne&#039;&#039;. Tournai 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brower, A. (Hg.): &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction.&#039;&#039; Oxford 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruijn, M. de/R. van Dijk/D. Foeken (Hg.): &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039;. Leiden 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buana Kabue: &#039;&#039;L&#039;expérience zaïroise: du casque colonial à la toque de léopard&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buch, P./J. Vanderlinden: &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039;. Brüssel 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buelens, F.: &#039;&#039;Congo 1885-1960: Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039;. Ber­chem 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bureau du Président de la République: &#039;&#039;Profils du Zaïre&#039;&#039;. Kinshasa [1972].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buyse, A.: &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039;. Groot-Bijgaarden 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Callaghy, T.: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039;. New York 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Campbell, K.: »800 Chinese state-owned enterprises active in Africa, covering every country«, in: &#039;&#039;Mining Weekly&#039;&#039;, 28. September 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Caprasse, P.: &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carrington, J. F.: &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carton de Wiart, H.: &#039;&#039;Mes vacances au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1923.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catherine, L.: &#039;&#039;Manyiema, de enige oorlog die België won&#039;&#039;. Antwerpen 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catteeuw, K.: »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 153-169.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cattier, F.: &#039;&#039;Etude sur la situation de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1906.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cayen, A.: &#039;&#039;Au service de la colonie.&#039;&#039; Brüssel 1938.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: &#039;&#039;Congo Made in Flanders? Koloniale Vlaamse visies op ›blank‹ en ›zwart‹ in Belgisch-Congo.&#039;&#039; Gent 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: »Een Congolese kolonie in Brussel«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 231-250.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chalux: &#039;&#039;Un an au Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039;. Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé J.: &#039;&#039;Mobutu, guide suprême&#039;&#039;. Brüssel 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Mobutu of de opgang van een sergeant-hulpboekhouder tot Opperste Leider van Zaïre&#039;&#039;. Antwerpen 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Clark, J. F.: &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Close, W. T.: &#039;&#039;Beyond the Storm: Treating the Powerless and the Powerful in Mobutu&#039;s Congo/Zaire&#039;&#039;. Marbleton 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Comhaire-Sylvain, S.: &#039;&#039;Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui&#039;&#039;. Paris 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Connah, G.: &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Convents, G.: &#039;&#039;Images&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039;. Leuven 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Coquery-Vidrovitch, C./A. Forest/H. Weiss (Hg.): &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Corneille, A.: &#039;&#039;Le syndicalisme au Katanga&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;Katanga: le Katanga avant les Belges&#039;&#039;. Brüssel 1944.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool.&#039;&#039; Brüssel 1947.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornevin, R.: &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville).&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Couttenier, M.: &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1959: documents belges et africains&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1960&#039;&#039; (2 vols + annex). Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Abako 1950-1960: documents.&#039;&#039; Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1962.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1963.&#039;&#039; Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1964.&#039;&#039; Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1965.&#039;&#039; Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1966.&#039;&#039; Brüssel 1967.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1967.&#039;&#039; Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cros, M.-F./F. Misser: &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039;. Brüssel 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Crowder, M.: »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975&#039;&#039;. Cambridge 1984, S. 8-51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dahle Huse, M./S. L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039;. (2008) www.afrika.no.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danniau, F.: &#039;&#039;»Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039;. Unpublizierte Arbeit, Universität Gent 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davidson, A. B./A. F. Isaacman/R. Pélissier: »La politique et le nationalisme en Afrique centrale et méridionale, 1919-1935«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous la domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 721-760.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davis, J. M.: &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039;. London 1933.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daye, P.: &#039;&#039;Congo et Angola&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Backer, M. C. C: &#039;&#039;Notes pour servir à l&#039;étude des ›groupements politiques‹ à Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959 (3 Bde., Typoskript).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F./M.-F. Plissart: &#039;&#039;Kinshasa: Tales of the Invisible City.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »On being shege in Kinshasa: children, the occult and the street«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 155-173.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »The apocalyptic interlude: revealing death in Kinshasa«, in: &#039;&#039;African Studies Review&#039;&#039; 48 (2005), 2, S. 11-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Debroux, L./T. Hart/D. Kalmowitz/A. Karsenty/G. Topa (Hg.): &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo: Analysis of a Priority Agenda.&#039;&#039; (2007) www.cifor.cgiar.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Craemer, W./R. C. Fox: &#039;&#039;The Emerging Physician: A Sociological Approach to the Development of a Congolese Medical Profession&#039;&#039;. Stanford 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Dorlodot, P.: &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039;. Paris 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Herdt/T. u. S. Marysse: »La réinvention du marché par le bas: circuits monétaires et personnes de confiance dans les rues de Kinshasa«, in: G. de Villers/B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dehoux, E.: &#039;&#039;L&#039;Afrique centrale à la croisée des chemins: un reportage critique&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Jonghe, E.: »L&#039;activité ethnographique des Belges au Congo«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société d&#039;Etudes coloniales&#039;&#039; 15 (1908), 4, S. 283-308.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C.: &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039;. Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C./J. Lagae: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039;. Tielt 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delannoo, E.: »Het kortstondige verhaal van het Kongolese Vrijwilligers­korps«, in: &#039;&#039;Shrapnel&#039;&#039;, Juni 2006, S. 49-52.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy A. M.: &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039;. Berchem 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II. Antwerpen 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (2 Bde.). Berchem 1992-1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delcommune, A.: &#039;&#039;Le Congo, la plus belle colonie du monde.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Liedekerke, C./Y. Muller: &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delpierre, G.: »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire«, in: &#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis 32&#039;&#039; (2002), 3-4, S. 351-381.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delval, N.: &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; Leuven 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dembour, M.-B.: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039;. New York 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039;. Amsterdam 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;Kuvuande Mbote: een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039;. Antwerpen 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Monstelle, A.: &#039;&#039;La débâcle du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demunter, P.: &#039;&#039;Luttes politiques au Zaïre: le processus de politisation des masses rurales du Bas-Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dendooven, D./P. Chielens: &#039;&#039;Wereldoorlog&#039;&#039; I&#039;&#039;: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039;. Tielt 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen, C.: »Les traités de Stanley et de ses collaborateurs avec les chefs africains, 1880-1885«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 77-146.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen/C. u. F. Balace: »Abyssinie 41: du mirage à la victoire«, in: F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte.&#039;&#039; Brüssel 1992, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Depaepe, M./J. Briffaerts/P. Kita Kyankenge Masandi/H. Vinck: &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039;. Leuven 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrick, J.: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039;. London 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint-Moulin, L.: »La population du Congo pendant la Second Guerre mondiale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Croissance de Kinshasa et transformations du réseau urbain de la République du Congo depuis l&#039;indépendance«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Villes d&#039;Afrique: explorations en histoire urbaine.&#039;&#039; Paris 2007, S. 41-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Analyse du paysage sociopolitique à partir du résultat des élections de 2006«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 49-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des Forges, Alison: &#039;&#039;Kein Zeuge darf überleben.&#039;&#039; Hamburg 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Valon, A.: Mission de renforcement des capacités du Commissariat de District de l&#039;Ituri. Unveröffentlichtes Typoskript, Bunia 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devisch, R.: »Frenzy, violence, and ethical renewal in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Public Culture&#039;&#039; 7 (1995), S. 593-629.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.): &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila (août 1998-janvier 2001).&#039;&#039; Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;De la guerre aux élections: l&#039;ascension de Joseph Kabila et la naissance de la Troisième République (janvier 2001-août 2008)&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./J. Omasombo Tshonda: »An intransitive transition«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy (&#039;&#039;2002), &#039;&#039;93/94,&#039;&#039; S. 399-410.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devlin, L.: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039;. New York 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, L./E. Gerard/P. Raxhon/J. Gérard-Libois: &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, P.: &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039;. Paris 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Waele, J.: »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo«, in: &#039;&#039;Militaria Belgica (&#039;&#039;2007/08), S. 107-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039;. Leuven 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise&#039;&#039;. Leipzig 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diallo, S.: &#039;&#039;Zaire Today&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diangienda Kuntima, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039;. Châtenay-Malabry 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: »De la surpolitisation à l&#039;&#039;&amp;lt;nowiki/&amp;gt;&#039;&#039;&#039;antipolitique, quelques remarques en marge de l&#039;histoire du mouvement ouvrier à l&#039;Unoin minière du Haut-Katanga (UMHK) et à la Gécamines, 1920-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 184-199.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999).&#039;&#039; Lubumbashi 2001a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997.&#039;&#039; Paris 2001b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Le travail hier et aujourd&#039;hui: mémoires de Lubumbashi.&#039;&#039; Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doucy, A./P. Feldheim: &#039;&#039;Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff, V.: &#039;&#039;L&#039;évolution de l&#039;agriculture indigène dans la zone de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1954.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dujardin, V./V. Rosoux/T. de Wilde d&#039;Estmael (Hg.): &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Early, G. (Hg.): &#039;&#039;Speech and Power: The African-American Essay and its Cultural Content from Polemics to Pulpit&#039;&#039; (2 Bde.). Hopewell 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Efinda, E.: &#039;&#039;Grand Lacs: sur les routes malgré nous!&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ekanga Botombele, B.: &#039;&#039;La politique culturelle en République du Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039;. Canal plus-documentaire (2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039;. ARTE-documentaire (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emizet, K. N. F: &#039;&#039;Zaire after Mobutu: A Case of Humanitarian Emergency&#039;&#039;. Helsinki 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emongo Lomomba: »Le ›Blanc-belge‹ au Congo: entretien avec Lomami Tshibamba«, in: &#039;&#039;Zaïre 1885-1985: cent ans de regards croisés.&#039;&#039; Brüssel 1985, S. 135-147.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Engels, D./B. Van Peel: &#039;&#039;Boyamba Belgique&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergo, A.-B.: &#039;&#039;Congo belge: la colonie assassinée&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esgain, N.: »Scènes de la vie quotidienne à Elisabethville dans les années vingt«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 57-60.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esposito, R. F.: &#039;&#039;Anuarite, vierge et martyre zaïroise&#039;&#039;. Kinshasa 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Congolese children at the Congo House in Colwyn Bay (North Wales, Great-Britain), at the end of the 19th century«, in: &#039;&#039;Afrika Focus&#039;&#039; 3 (1987), S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Arbeidersopstanden en het ontstaan van inlandse syndicaten: de houding van de Katholieke Kerk (1940-1947), in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999a) 2, S. 67-111.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039;. Tielt 1999b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960)&#039;&#039;. Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eyskens, G.: &#039;&#039;De memoires&#039;&#039;. Tielt 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039;. Evanston 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Language and Colonial Power: The Appropriation of Swahili in the Former Belgian Congo, 1880-1938.&#039;&#039; Cambridge 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire.&#039;&#039; Berkeley 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa.&#039;&#039; Berkeley 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas&#039;&#039;. München 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039;. Brüssel 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: »African associations in Elisabethville, 1910-1935: their origins and development«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974), S. 205-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;The Creation of Elisabethville, 1910-1940&#039;&#039;. Stanford 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Feuchaux, L.: »Vie coloniale et faits divers à Léopoldville (1920-1940)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 71-101.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fierlafyn, L.: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039;. Brüssel 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flament, F.: &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foden, G.: &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foire Internationale d&#039;Elisabethville: &#039;&#039;Elisabethville 1911-1961&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forbath, P.: &#039;&#039;The River Congo: The Discovery, Exploration and Exploitation of the World&#039;s Most Dramatic River.&#039;&#039; New York 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fox, R. C./W. De Craemer/J.-M. Ribeaucourt: »La deuxième indépendance: étude d&#039;un cas, la rébellion au Kwilu«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 1, S. 1-35.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix.&#039;&#039; Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Quand le pluralisme déraille: images et manipulations télévisuelles à Kinshasa«, in: &#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 20. November 2007, www.africultures.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Appui au secteur des médias: quel bilan pour quel avenir?«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RCD&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 191-210.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frères Maristes: &#039;&#039;Buku na kutanga o lingala (Livre de lecture en lingala).&#039;&#039; Lüttich 1927, www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gann, L. H./P. Duignan: &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039;. Princeton 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Le droit électoral au Congo belge: status des villes et des communes&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Congo, mei-juni 1960&#039;&#039;. O. O. 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Garbin, D./Wa Gamoka Pandu: &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039;. London 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gast, L.: &#039;&#039;When we were kings&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Los Angeles 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gbabendu Engunduka, A./E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire vers la conférence nationale&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geenen, K.: »›Sleep occupies no space‹: the use of public space by street gangs in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the African International Institute&#039;&#039; 79 (2009), 3, S. 347-368.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geernaert, J.: &#039;&#039;Congophilie: solution de la question coloniale belge&#039;&#039;. Brüssel o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Binza 10: De eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039;. Gent 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Mobutu: de man van Kamanyola&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geldof, J.: &#039;&#039;Belgisch-Congo&#039;&#039;. Brügge 1937 (2. Aufl.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard, J. E.: &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039;. Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard-Libois, J.: &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ghilain, J.: &#039;&#039;Le revenu des populations indigènes du Congo-Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giovannoni, M./T. Trefon/J. Kasongo Banga/C. Mwema: »Acting on behalf (and in spite) of the state: NGOs and civil society associations in Kinshasa«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004, S. 99-115.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Global Witness: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC. Juni 2005, www.globalwitness.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goffin, L.: &#039;&#039;Le chemin de fer du Congo (Matadi – Stanley-Pool)&#039;&#039;. Brüssel 1907.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »Unies pour le meilleur et le pire. Femmes africaines et villes coloniales: une histoire du métissage«, in: &#039;&#039;Clio. Histoire, femmes et sociétés&#039;&#039; 6 (1997a), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://clio.revues.org/index377.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039;. Paris 1997b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »La contestation politique des jeunes à Kinshasa à travers l&#039;exemple du mouvement ›kindoubill‹ (1950-1959)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 171-183.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gould, D. J.: &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire.&#039;&#039; New York 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gourou, P.: &#039;&#039;La densité de la population rurale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1955.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Govaerts, B.: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 1 (2009), S. 59-77.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grévisse, F.: &#039;&#039;Le centre extra-coutumier d&#039;Elisabethville: quelques aspects de la politique indigène du Haut-Katanga industriel&#039;&#039;. Brüssel 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guebels, L.: &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951&#039;&#039;. Gembloux 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;De Afrikaanse droom: de revolutionaire dagboeken uit de Kongo 1965-1966&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;Der afrikanische Traum. Das wieder aufgefundene Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo.&#039;&#039; Köln 2000, 4. Auflage 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habran, L.: &#039;&#039;Coup d&#039;oeil sur le problème politique et militaire du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Markings&#039;&#039;. London 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des&#039;&#039; UN&#039;&#039;-Generalsekretärs&#039;&#039;. Stuttgart 2011.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B.: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039;. Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B./F. Mushi Mugumo/N. Yambayamba Shuku: &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harden, B.: »A black mud from Africa helps power the new economy«, in: &#039;&#039;New York Times&#039;&#039;, 12. August 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harms, R. W.: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039;. New Haven 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hawker, G.: &#039;&#039;The Life of George Grenfell: Congo Missionary and Explorer&#039;&#039;. London 1909.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: »The uranium negotations of 1944«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 253-284.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039;. Princeton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hemmens, H. L.: &#039;&#039;George Grenfell, Master Builder of Foundations&#039;&#039;. London 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hibbert, C.: &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Higginson, J.: &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039;. Madison 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilton, A.: &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039;. Oxford 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;De geest van koning Leopold II en de plundering van de Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen.&#039;&#039; Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoebeke, H./H. Boshoff/K. Vlassenroot: »Monsieur le Président, vous n&#039;avez pas d&#039;armée . . .«: La réforme du secteur de sécurité vue du Kivu, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 119-137.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoskyns, C.: &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Case Studies in African Diplomacy 1). Daresssalam 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers à Kisangani, juin-juillet-août 1972&#039;&#039;. O. O. 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers, nutrition et mode de vie à Kinshasa&#039;&#039;. Kinshasa 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Herinneringen aan de oorlog«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 587-595.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Marie aux Léopards: quelques souvenirs historiques«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria&#039;&#039; 11 (1990), S. 433-435.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997a: &#039;&#039;What Kabila is Hiding: Civilian Killings and Impunity in Congo&#039;&#039;. Oktober 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997b: &#039;&#039;Uncertain Course: Transition and Human Rights Violations in the Congo&#039;&#039;. Dezember 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2000: &#039;&#039;Eastern Congo Ravaged: Killing Civilians and Silencing Protest&#039;&#039;. Mai 2000, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2001: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: Fuelling Political and Ethnic Strife&#039;&#039;. März 2001, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002a: &#039;&#039;The War within the War: Sexual Violence against Women and Girls in Eastern Congo&#039;&#039;. Juni 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002b: &#039;&#039;War Crimes in Kisangani: The Response of Rwandan-backed Rebels to the May 2002 Mutiny&#039;&#039;. August 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2003: &#039;&#039;Ituri »covered in blood«: ethnically targeted violence in northeastern&#039;&#039; DR &#039;&#039;Congo&#039;&#039;. Juli 2003, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2004: &#039;&#039;D. R. Congo: war crimes in Bukavu&#039;&#039;. Juni 2004, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2005: &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039;. Juni 2005, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008a: &#039;&#039;»We will crush you«: The Restriction of Political Space in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. November 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008b: &#039;&#039;Killings in Kiwanja.&#039;&#039; Dezember 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hunt, N. R.: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039;. Durham 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Huybrechts, A./V. Y. Mudimbe/L. Peeters/J. Vanderlinden/D. Van Der Steen/B. Verhaegen: &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980: essai de bilan&#039;&#039;. Brüssel [1980].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ikembana, P.: &#039;&#039;Mobutu&#039;s totalitarian political system: an Afrocentric analysis&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilosono Bekili B&#039;Inkonkoy: &#039;&#039;L&#039;épopée du 24 novembre: témoignage&#039;&#039;. Kinshasa 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilunga Mpunga, D.: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inforcongo: &#039;&#039;Belgisch-Congo en Ruandi-Urundi: reisgids&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2007: &#039;&#039;Congo: Consolidating the Peace&#039;&#039;. Juli 2007, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009a: &#039;&#039;Congo: Five Priorities for a Peacebuilding Strategy&#039;&#039;. Mai 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009b: &#039;&#039;A Comprehensive Strategy to Disarm the&#039;&#039; FDLR. Juli 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Rescue Committee 2007: &#039;&#039;Mortality in the Democratic Republic of Congo: An Ongoing Crisis&#039;&#039;. Januar 2007, www.theirc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;European Companies and the Coltan Trade: an update&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Network War: An Introduction to Congo&#039;s Privatised War Economy.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008a: &#039;&#039;The Congo wants to raise the profits of its mining sector&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008b: &#039;&#039;Mapping Conflict Motives: eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2009: &#039;&#039;The Impact of the Global Financial Crisis in Katanga&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isaacman, A./J. Vansina: »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 191-216.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jadin, L.: »Les sectes réligieuses sécrètes des Antoniens au Congo, 1703-1709«, in: &#039;&#039;Cahiers des religions africaines&#039;&#039; 2 (1968), S. 113-120.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssen, P.: &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: »Rapport de la Commission d&#039;Enquête«, in: &#039;&#039;Bulletin officiel de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039; 21 (1905), 9-10, S. 135-287.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Histoire de la Force Publique&#039;&#039;. Brüssel 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039;. Brüssel 1982-1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeal, T.: &#039;&#039;The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle«, in: &#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039; 10 (1976), 1, S. 47-71.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Political consciousness among African peasants in the Belgian Congo«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy&#039;&#039; 7 (1980), 19, S. 23-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Mémoire collective et passé récent dans les discours historiques populaires zaïrois«, in: B. Jewsiewicki/ H. Moniot (Hg.), &#039;&#039;Dialoguer avec le léopard.&#039;&#039; Paris 1988, S. 218-68.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B. (Hg.): &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B./Kilola Lema/J.-L. Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 155-188.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johnston, H.: &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039;. London 1908.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Das schwarze Herz Afrikas. Meine erste Reise in den Kongo.&#039;&#039; München 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Der Tanz des Leoparden. Mein afrikanisches Tagebuch.&#039;&#039; München 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Die Stunde der Rebellen. Begegnungen mit dem Kongo.&#039;&#039; München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jorissen, F.: &#039;&#039;Dagboek van een koloniaal: herinneringen van Belgisch Kongo 1953-1960&#039;&#039;. Hasselt 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jourdan, L.: »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«, in: K. Vlassenroot/T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRG. Gent 2004, S. 157-176.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joye, P./R. Lewin: &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julien, P.: &#039;&#039;Pygmeeën: vijfentwintig jaar dwergen-onderzoek in Equatoriaal Afrika&#039;&#039;. Amsterdam 1953.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala/Kalonji Nsenga/Itimelongo Titi: »Les mésures de démonétisation du 25 décembre 1979 au Zaïre: impacts et conséquences probables«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 20 (1980), 144, S. 197-214.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala F./Matata Ponyo: &#039;&#039;L&#039;espace monétarie kasaïen: crise de légitimité et de souveraineté monétaire en période d&#039;hyperinflation au Congo (1993-1997)&#039;&#039;. Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kadima-Nzuji, M.: &#039;&#039;La littérature zaïroise de langue française (1945-1965)&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalb, M.: &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039;. New York 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalonga, A.: &#039;&#039;Le mal zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalulambi Pongo, M.: »Le ndombolo du Seigneur: itinéraires et logiques des musiques religieuses en Afrique centrale«, in: &#039;&#039;Rupture-Solidarité&#039;&#039; 5 (2004), S. 47-67.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu, C.: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039;. Paris 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu-Massamba, C.: &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T. R.: &#039;&#039;Propos d&#039;un congolais naïf&#039;&#039;. Brüsssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T.: &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039;. Baltimore 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaoze, S.: »La psychologie des Bantu«, in: &#039;&#039;La revue Congolaise&#039;&#039; 1 (1910), S. 406-437.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kelly, S.: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039;. Washington DC 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kennes, E.: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;André Ryckmans&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile.&#039;&#039; Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kibari Nsanga, R.: &#039;&#039;Mouvements »anti-sorciers« dans les Provinces de Leopolville [sic] et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039;. Unveröffentlichtes Typoskript, Kikwit 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimoni Iyay: »Kikwit et son destin: aperçu historique et sociologique«, in: &#039;&#039;Pistes et Recherches: revue scientifique&#039;&#039; 5 (1990), S. 155-182.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisangani, E. F./F. S. Bobb: &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo.&#039;&#039; Lanham 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisobele Ndontoni, N.: &#039;&#039;Mot de Circonstance des Anciens Combattants 40-45.&#039;&#039; Unveröffentlichte Rede, Kinshasa, 11. November 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klein, W. C.: &#039;&#039;De Congolese elite.&#039;&#039; Amsterdam 1957&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039;. Brüssel 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Labrique, J.: &#039;&#039;Congo politique&#039;&#039;. Léopoldville 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
La Fontaine, J. S.: &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039;. Cambridge 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J.: &#039;&#039;Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039;. Gent 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J./T. de Keyser/J. Vervoort: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofdstad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039;. CD-ROM, Gent 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lanotte, O.: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laude, N.: &#039;&#039;La délinquance juvénile au Congo belge et au Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lauro, A.: &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039;. Loverval 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lemarchand, R.: &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039;. Philadelphia 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, C.: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039;. Paris 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, H.: »Le rôle économique du diamant dans le conflit congolais«, in: Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre.&#039;&#039; Tervuren 2003, S. 47-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lefebvre, V.: &#039;&#039;La Belgique et le Congo au milieu du&#039;&#039; XXe &#039;&#039;siècle&#039;&#039;. Charleroi 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Legum, C.: &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide.&#039;&#039; New York 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leslie, W. J.: &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039;. Boulder 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leysen, L.: &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;. ARD-Dokumentarfilm 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Libotte, B.: &#039;&#039;Droeven J.: de eerste kleurling in het Belgische leger&#039;&#039;. O. J., http:/users.telenet.be/ABL1914/Droeven.htm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Li, Z./D. Xue/M. Lyons/A. Brown: &#039;&#039;Ethnic enclave of transnational migrants in Guangzhou: a case study of Xiaobei&#039;&#039;. (2007) asiandrivers.open.ac.uk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Loka-ne-Kongo: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039;. Kinshasa 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lubabu Mpasi-A-Mbongo/Musangi Ntemo: »Histoire du MPR«, in: Sakombi Inongo (Hg.): &#039;&#039;Mélanges pour une révolution.&#039;&#039; Kinshasa 1987, S. 35-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumenganeso, A.: »Stedelijk vervoer in Leopoldstad: de gyrobus«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 108f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lyons, M.: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northe­rn Zaire, 1900-1940.&#039;&#039; Cambridge 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, W.: &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039;. Chicago 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, J.: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire: The Contribution of Smuggling and Other Unofficial Activities to National Wealth&#039;&#039;. London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039;. Amsterdam 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Der Kampf.&#039;&#039; München 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makulo Akambu: &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu.&#039;&#039; Kinshasa 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Malu-Malu, J.-J.: &#039;&#039;Le Congo Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mamdani, M.: &#039;&#039;When Victims Become Killers: Colonialism, Nativism and the Genocide in Rwanda&#039;&#039;. Princeton 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mantels, R.: &#039;&#039;Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039;. Leuven 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manya K&#039;Omalowete: »Utilisation des procédés d&#039;initiation et d&#039;immunisation à caractère magique par le mouvement Simba«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus cedaf&#039;&#039; 7-8 (1986), S. 87-112.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maquet-Tombu, J.: &#039;&#039;Le Siècle marche . . . Vie du chef congolais Lutunu&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;. en de Kongostaat.&#039;&#039; Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039;. Borgloon 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039;. Tervuren 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: »Kritische bedenkingen bij de controverses over Leopold II en Congo in de literatuur en de media«. in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 45f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marres, J./P. De Vos: &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Leopold to Lumumba: A History of the Belgian Congo 1877-1960&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. London 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, G.: »Congolese trade unionism: the colonial heritage«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 129-149.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039;. Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039;. Berchem 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin, M.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039;. Lausanne 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./C. André: »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2000-2001 (&#039;&#039;2001), S. 307-332.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./S. Geenen: »Les contrats chinois en RDC: l&#039;impérialisme rouge en marche?«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2007-2008 (2008), S. 287-313.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Maximy, R.: &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens: dynamique de la croissance et pro­blèmes d&#039;urbanisme: étude socio-politique&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McBrearty, S./A. S. Brooks: »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, in: &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000), S. 453-563.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McCrummen, S.: »Nearly forgotten forces of WW II«, in: &#039;&#039;Washington Post&#039;&#039;, 4. August 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McLynn, F.: &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa.&#039;&#039; London 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meeuwis, M.: »Buntungu&#039;s ›Mokingi mwa Mputu‹: a Boloki perception of Europe at the end of the 19th century«, in: LPCA &#039;&#039;Text Archives&#039;&#039; 1 (1999), www2.fmg.uva.nl/lpca/textarchives/buntungu.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mende Omalanga, L./Tshilenge wa Kabamb: &#039;&#039;Rapport sur les Biens Mal Acquis&#039;&#039;. Kinshasa 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mendiaux, E.: &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mercader, J.: »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in: J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests.&#039;&#039; New Brunswick 2003, S. 93-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meredith, M.: &#039;&#039;The State of Africa: A History of Fifty Years of Independence&#039;&#039;. London 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merlier, M.: &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens, M.: Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s. Unveröffentlichter Vortrag, Leipzig 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meyers, J.: &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039;. Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michaux, O.: &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039;. Namur 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S.: &#039;&#039;Uhuru Lumumba&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S./M. Beuret: &#039;&#039;La Chinafrique: Pékin à la conquête du continent noir.&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Zaïre, le cycle du serpent&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Congo River&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minani, R.: &#039;&#039;2010, année charnière: bref aperçu de la situation sociopolitique&#039;&#039;. 19. Februar 2010, www.rodhecic.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu Sese Seko: »Discours du 30 novembre 1973 devant le Conseil Législatif National«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1973, S. 229-269.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokoko Grampiot, A.: &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Réponse à Pierre De Vos au sujet de »Viet et mort de Lumumba«&#039;&#039;. Antwerpen 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.): &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muambi, A.: &#039;&#039;Democratie kan je niet eten: reisverslag van een verkiezingswaarnemer&#039;&#039;. Amsterdam 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mumengi, D.: &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Munayi Muntu-Monji: »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 119 (1977), S. 555-573.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mutamba Makombo Kitashima, J.-M.: &#039;&#039;Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960&#039;&#039;. Kinshasa 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muzito, A.: &#039;&#039;Les années des nationalistes au pouvoir en chiffres&#039;&#039;. Unveröffentlichte PowerPoint-Präsentation des Premierministers, Kinshasa 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mvumbi Ngolu Tsasa: »›Révolution‹ sexuelle, intention éthique et ordre politique«, in: Assocation des Moralistes Zaïrois (Hg.), &#039;&#039;Crise morale et vie économique au Zaïre.&#039;&#039; Kinshasa 1986, S. 65-72.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwabila Malela: &#039;&#039;Travail et travailleurs au Zaïre: essai sur la conscience ouvrière du prolétariat urbain de Lubumbashi&#039;&#039;. Kinshasa 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039;. Québec 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;L&#039;histoire générale du Congo: de l&#039;héritage ancien à la République Démocratique&#039;&#039;. Paris 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: »Identité congolaise contemporaine du prénom écrit au prénom oral«, in: M. Quaghebeur (Hg.), &#039;&#039;Figures et paradoxes de l&#039;histoire au Burundi, au Congo et au Rwanda&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2002, S. 766-779.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nelson, S.: &#039;&#039;Colonialism in the Congo Bassin, 1880-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Newbury, M. C.: »Ebutumwa Bw&#039;Emiogo, the tyranny of cassava: a women&#039;s tax revolt in Eastern Zaïre«, in: &#039;&#039;Canadian Journal of African Studies&#039;&#039; 18 (1984), 1, S. 35-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngalamulume Nkongolo, M.: &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039;. Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngbanda Nzambo, H.: &#039;&#039;Crimes organisés en Afrique Centrale: Révélations sur les réseaux rwandais et occidentaux&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nguza Karl I Bond: &#039;&#039;Mobutu ou l&#039;incarnation du Mal Zaïrois&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
NIZA: &#039;&#039;The State vs. the People: Governance, Mining and the Transitional Regime in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nlandu-Tsasa, C.: &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in: H. Médard/S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa.&#039;&#039;Oxford 2007, S. 111-123.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzeza Bilakila, A.: »The Kinshasa bargain«, in : T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 20-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G. (Hg.): &#039;&#039;The Crisis in Zaire: Myths and realities&#039;&#039;. Trenton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G.: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzula, A. T./I. I. Potekhin/A. Z. Zusmanovich: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039;. London 1979 (russische Erstausgabe 1933).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Olinga, L.: »La victoire en chantant«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 7. März 2006, www.jeuneafrique.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956.&#039;&#039; Tervuren 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960.&#039;&#039; Tervuren 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paice, E.: &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pain, M.: &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pakenham, T.: &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912.&#039;&#039; London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pardigon, V.: »L&#039;U.R.S.S«, in: A. Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge.&#039;&#039; Brüssel 1961, S. 59-92.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paulus, J.-P.: &#039;&#039;Congo 1956-1960&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pauwels-Boon, G.: &#039;&#039;L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960&#039;&#039;. Tervuren 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peemans, J.-P.: »Zaïre onder het Mobutu-regime: grote stappen in de ekonomische en sociale ontwikkeling«, in: J. Devos/J.-P. Peemans/R. Renard/E. Vervliet/J. C. Willame (Hg.), &#039;&#039;Wederzijds: de toekomst van de Belgisch-Zaïrese samenwerking.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 16-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Perrings, C.: &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039;. London 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon, L. A.: &#039;&#039;Récit: Congo 1929-1958&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Picard, E.: &#039;&#039;En Congolie.&#039;&#039; Brüssel 1896.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poddar, P./R. S. Patke/L. Jensen (Hg.): &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires.&#039;&#039; Edinburgh 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poel, I. van der: &#039;&#039;Congo-Océan: un chemin de fer colonial controversé&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pole Institute: &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039;. Goma 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poncelet, M.: &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pons, V.: &#039;&#039;Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Admini­s­tration&#039;&#039;. Oxford 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Popovitch, M. D./F. De Moor: &#039;&#039;Eza Congo: photographes de&#039;&#039; RDC&#039;&#039;.&#039;&#039; Roeselare 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poppe, G.: &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039;. Antwerpen 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poupart, R.: &#039;&#039;Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;The Rwanda Crisis: History of a Genocide&#039;&#039;. London 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Mak­ing of a Continental Catastrophe&#039;&#039;. Oxford 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Dancing for God or the Devil: pentecostal discourse on popular dance in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Religion in Africa&#039;&#039; 36 (2006), 3-4, S. 296-318.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Fighting boys, strong men and gorillas: notes on the imagination of masculinities in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the International African Institute&#039;&#039; 77 (2007), 2, S. 250-271.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »›We need to open up the country‹: development and the Christian key scenario in the social space of Kinshasa&#039;s teleserials«, in: &#039;&#039;Journal of African Media Studies&#039;&#039; 1 (2009a), 1, S. 101-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Media celebrity, charisma and morality in post-Mobutu Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Southern African Studies&#039;&#039; 35 (2009b), 3, S. 541-555.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »A historical analysis of Christian visual media in postcolonial Kinshasa«, in: &#039;&#039;Studies in World Christianity&#039;&#039; 15 (2009c), 2, S. 131-148.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Queuille, P.: &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039;. Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
RAID: &#039;&#039;Chinese Mining Operations in Katanga&#039;&#039;. September 2009, www.raid-uk.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raspoet, E.: &#039;&#039;Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ont­moeting op de evenaar.&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raymaekers, P./H. Desroche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Remilleux, J.-L.: &#039;&#039;Mobutu: Dignité pour l&#039;Afrique&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renson, R./C. Peeters: »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in: M. D&#039;hoker/R. Renson/J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw.&#039;&#039; Leuven 1994, S. 200-215.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renton, D./D. Seddon/L. Zeilig: &#039;&#039;The Congo: Plunder and Resistance&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reynaert, J.: &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo: hoe effectief is de&#039;&#039; VN&#039;&#039;-vredesmissie op het terrein?&#039;&#039; Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reyntjens, F.: &#039;&#039;De grote Afrikaanse oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039;. Antwerpen 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Riva, S.: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roberts, A. F.: »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of Southeastern Zaire«, in: L. Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa.&#039;&#039; Berkeley 1989, S. 176-207.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roes, A.: Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914. Unveröffentlichter Vortrag, Tervuren 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roussel, J.: &#039;&#039;Déontologie coloniale: consignes de vie et d&#039;action coloniales pour l&#039;élite des blancs et l&#039;élite des noirs&#039;&#039;. Leuven 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: »De naweeën van de oorlogsinspanning«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 579-585.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, A.: &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958: contribution à l&#039;étude de l&#039;Histoire du Congo&#039;&#039;. Kinshasa 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, P.: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039;. Brüssel 1948.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sadin, F.: &#039;&#039;La mission des jésuites au Kwango: notice historique&#039;&#039;. Kisantu 1918.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Dakar«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974a, S. 339-363.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Paris«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974b, S. 365-393.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: &#039;&#039;Mélanges pour une révolution&#039;&#039;. Kinshasa 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salmon, P.: &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039;. Brüssel 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schatzberg, M. G.: &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039;. Bloomington 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlögl, H. A.: &#039;&#039;Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra&#039;&#039;. München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schöller, A.: &#039;&#039;Congo 1959-1960: mission au Katanga, intérim à Léopoldville&#039;&#039;. Paris 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scholl-Latour, P.: &#039;&#039;Mord am großen Fluß. Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit.&#039;&#039; Stuttgart 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, I.: &#039;&#039;Tumbled House: The Congo at Independence&#039;&#039;. London 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, S. A.: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu: au cœur de la guerre congolaise&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Segal, R.: &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039;. New York 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sheriff, A.: &#039;&#039;Slaves, Spices &amp;amp; Ivory in Zanzibar&#039;&#039;. London 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sikitele Gize: »Les racines de la révolte Pende de 1931«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 99-153.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinatu Bolya, C.: &#039;&#039;Des sociétés d&#039;élegance aux mouvements d&#039;émancipation féministes&#039;&#039;. (2003) &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.mvca.be/_realisations/realisations_11.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinda, M.: &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039;. Paris 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Singleton-Gates, P./M. Girodias: &#039;&#039;The Black Diaries: An Account of Roger Casement&#039;s Life and Times with a Collection of his Diaries and Public Writ­ings.&#039;&#039; O. O. 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908.&#039;&#039; Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Smith, J.: &#039;&#039;Dinner with Mobutu: A Chronicle of my Life and Times&#039;&#039;. O. O. 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soete, G.: &#039;&#039;Het einde van de grijshemden: onze koloniale politie&#039;&#039;. Zedelgem 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sohier, J.: &#039;&#039;Essai sur la criminalité dans la province de Léopoldville: meurtres et infractions apparentées&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Souchard, V.: &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soudan, F.: »Kabila, l&#039;heure des choix«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 16. Dezember 2007, S. 26-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Zes jaren aan den Congo en de stichting van een nieuwen vrijen staat&#039;&#039; (2 Bde.). Amsterdam 1886.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Der Kongo und die Gründung des Kongostaates&#039;&#039; (2 Bde.). Leipzig 1885.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Through the Dark Continent&#039;&#039; (2 Bde.). London 1899 (Erstausgabe 1878).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Durch den dunklen Welttheil&#039;&#039;. Leipzig 1878.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stearns, J.: &#039;&#039;What is Obama doing for Congo?&#039;&#039; congosiasa.blogspot.com, 10. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Congo: mythes et réalités. Cent ans d&#039;histoire&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid«, in: G. Janssens/J. Stengers (Hg.), &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet.&#039;&#039; Brüssel 1997, S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers J./J. Vansina: »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in: R. Oliver/G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905.&#039;&#039; Cambridge 1985, S. 315-358.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stewart, G.: &#039;&#039;Rumba on the River: A History of the Popular Music of the two Congos&#039;&#039;. London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Die Schatten der Globalisierung.&#039;&#039; Berlin 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Storme, M.: &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strachan, H.: &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039;. Oxford 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strizek, H.: &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039;. Berlin 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Takizala, H. D.: »Situation de l&#039;enseignement durant la première législature«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 7 (1964), 8, S. 61-79.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tambwe, E./J.-M. Dikanga Kazadi (Hg.): &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tardieu, M.: &#039;&#039;Les Africains en France: de 1914 à nos jours&#039;&#039;. Monaco 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: »La philosophie de la rébellion«, in: &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039;, 31. August 1944 (fortgeführt in A. Rubbens: &#039;&#039;Dettes de guerre.&#039;&#039; Elisabethville 1945, S. 17-23).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantoe-Filosofie&#039;&#039;. Antwerpen 1946 [1945].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantu-Philosophie. Ontologie und Ethik.&#039;&#039; Heidelberg 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ter Haar, G.: &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039;. Philadelphia 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;The Africa Report&#039;&#039;, Dezember 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thieffry, E.: &#039;&#039;En avion de Bruxelles au Congo Belge: histoire de la première liaison aérienne entre la Belgique et sa colonie&#039;&#039;. Brüssel 1926.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thiel, H. van: &#039;&#039;Wij Ngombe: volk in Zaïre&#039;&#039;. Deurne 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tielemans, H.: &#039;&#039;Gijzelaars in Congo: overzicht van de dramatische gebeurtenissen in het missiegebied Isangi tijdens de Congolese rebellie, 4 augustus 1964 - 27 februari 1965&#039;&#039;. O. O. 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tilman, S.: »L&#039;implantation du scoutisme au Congo belge«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 103-140.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tokwaula Aena, B.: &#039;&#039;Tant que je vivrai, tu vivras&#039;&#039;. Kinshasa o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Travaux du Groupe d&#039;Etudes coloniales: »Les fermes-chapelles au point de vue économique et civilisateur«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société belge d&#039;Etudes Coloniales&#039;&#039; 5, 1912.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshibangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974) S. 275-311.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshimanga, C.: »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 189-204.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: &#039;&#039;Panorama de la poésie congolaise de langue française (Congo-Kinshasa): Poète ton silence est crime.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action«, in: &#039;&#039;L&#039;Africain&#039;&#039; 211 (Oktober-November 2003), S. 1-7.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turine, R. P.: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours.&#039;&#039; Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turner, T.: &#039;&#039;The Congo War: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UNESCO 2005: &#039;&#039;Promoting and preserving Congolese heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UN Security Council 2008: &#039;&#039;Final report of the Group of Experts on the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039;. S/2008/773.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Acker, G.: &#039;&#039;Een Vlaamsch geloofszendeling bij de Baloeba&#039;s in Congoland.&#039;&#039; O. O 1924.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Vers l&#039;indépendance du Congo et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Kraainem 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, A. A. J: &#039;&#039;L&#039;indépendance du Congo&#039;&#039;. Tournai 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: &#039;&#039;Het recht van de rijkste: Hebben andersglobalisten gelijk?&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: »Het roofdier, Mozes en de Chinezen«, in: &#039;&#039;Mo&#039;&#039;, Februar 2008, S. 28-33.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, J.: &#039;&#039;Pré-Zaïre: le cordon mal coupé&#039;&#039;. Brüssel 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, P.: &#039;&#039;Vijf en twintig jaren in de branding: Congo-Zaïre, november 1949-januari 1975&#039;&#039;. O. O. 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderkerken, G.: &#039;&#039;Les sociétés bantoues du Congo Belge et les problèmes de la politique indigène.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039;. Brüssel 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1981-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039;. Brüssel 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van der Smissen, E.: &#039;&#039;Léopold&#039;&#039; II &#039;&#039;et Beernaert, d&#039;après leur correspondance inédite de 1884 à 1894&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandersmissen, J.: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II. Gent 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise.&#039;&#039; Paris 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039;. Brüssel 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandewalle, G.: &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039;. Gent 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Dijck, H.: &#039;&#039;Rapport sur les violations des Droits de l&#039;Homme dans le Sud-Equa­teur du 15 Mars 1997 au 15 Septembre 1997&#039;&#039;. Unveröff. Bericht 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandommele, M.: &#039;&#039;Zaïre: buitenlandse belangen, binnenlandse pijnbank&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangansbeke, J.: »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Rood rubber: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en zijn Kongo&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Voor rubber en ivoor: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de ophanging van Stokes&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Lierde, J.: &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba.&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Overbergh, C.: &#039;&#039;Les nègres d&#039;Afrique&#039;&#039;. Brüssel 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Peel, B.: »Aux débuts du football congolais«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 141-187.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Reybrouck, D.: »Congo in de populaire cultuur«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009, S. 169-181.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039;. Léopoldville 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876.&#039;&#039; Brüssel 1976, S. 1-31.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa.&#039;&#039; Madison 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039;. Charlottesville 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: »Radioscopie van een kolonie: Belgisch-Congo 1908-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 9-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Congo: de impact van de kolonie op België.&#039;&#039; Tielt 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert I&#039;&#039;er&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche G.: »Belgian Congo during the First World War, as seen through the reports of Jules Renkin, minister of Colonies, to King Albert I, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Mededelingen der zittingen van de Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen,&#039;&#039; 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Wing, J.: &#039;&#039;Etudes Bakongo: sociologie, réligion et magie&#039;&#039;. Brügge 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Les bassins miniers de l&#039;ancien Congo Belge: essai d&#039;histoire économique et sociale (1900-1960)&#039;&#039;. Brüssel 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 495-523.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépedant du Congo«, in: &#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039; 16 (1984), 3-4, S. 671-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in: B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992, S. 171-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in: J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880.&#039;&#039;Paris 1996, S. 331-361.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation. Les sources. Vol.&#039;&#039; I&#039;&#039;: Fonds missionaires protestants (1). Alliance missionnaire suédoise&#039;&#039;. Brüssel 2005a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039;. Tervuren 2005b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: Contextes africains du projet colonial de Léopold II. Unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, P.: »Ik zeg het eerlijk: het was een prachtjob«, in: &#039;&#039;Humo&#039;&#039;, 26. Juli 2005, S. 32-37.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1966-1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Dix ans d&#039;indépendance«, in: &#039;&#039;Revue française d&#039;études politiques africaines&#039;&#039; 57 (1970), S. 17-25.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Etude sur la rébellion«, in: &#039;&#039;Mouvements nationaux d&#039;indép­endance et classes populaires.&#039;&#039; Paris 1971, S. 418-443.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza 1958-1978&#039;&#039;. Paris 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »La guerre vécue au Centre Extra-Coutumier de Stanleyville«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 439-493.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Conditions politiques et participation sociale à la rébellion dans l&#039;Est du Zaïre«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus&#039;&#039; CEDAF 7-8 (1986), S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039;. Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 113-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen B./C. Tshimanga: &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039;. Leuven 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vesse, A.: &#039;&#039;Note sur l&#039;évolution de l&#039;économie congolaise après l&#039;indépendance du pays&#039;&#039;. O. O. 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, in: &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-790.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese ›aanwezigheid‹ in de Belgische samenleving, 1908-1958.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »De religie van de prins: Leopold II, de Heilige Stoel, &#039;&#039;België en Kongo (1855-1909)&#039;&#039;«&#039;&#039;,&#039;&#039; in: V. Dujardin/V. Rosoux/T. de Wilde (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;, ongegeneerd genie? Buitenlandse politiek en kolonisatie.&#039;&#039; Tielt 2009, S. 143-164.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V./D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.): &#039;&#039;Congo in België: Koloniale cultur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vijgen, I.: &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Villafaña, F. R.: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039;. New Brunswick 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vinck, H.: &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; (2002), www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K.: »The promise of ethnic conflict: militarisation and enclaveformation in South Kivu«, in: D. Goyvaerts (Hg.), &#039;&#039;Conflict and Ethnicity in Central Africa.&#039;&#039; Tokyo 2000, S. 59-104.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./H. Romkema: »The emergence of a new order? Resources and War in Eastern Congo«, in: &#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance (&#039;&#039;2002), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.jha.ac/articles/a111.htm&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers: »Le conflit en Ituri«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2003-2004&#039;&#039; (2004), S. 207-233.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wamu Oyatambwe: &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: Avatars d&#039;une passation inopinée.&#039;&#039; Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A.: &#039;&#039;D&#039;Anvers à Bruxelles via le Lac Kivu: Le Congo vu par un socialiste&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A. (Hg.): &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H.: »L&#039;évolution des élites«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 5, S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H./B. Verhaegen (Hg.): &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Themennummer &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. Ithaca 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: »An extraordinary rendition«, in: &#039;&#039;Intelligence and National Security&#039;&#039; 25 (2010), 2, S. 198-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werbrouck, R.: &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie.&#039;&#039; Léopoldville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039;. Amsterdam 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Teile und herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880-1914.&#039;&#039; Stuttgart 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
White, B.W.: &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039;. Durham 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wild-Wood, E.: &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo.&#039;&#039; Leiden 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039;. Paris 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgo-zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée.&#039;&#039; Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme: pouvoir et argent et obéissance dans le Zaïre des années quatre-vingt&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: »La ›nouvelle‹ politique américaine en Afrique centrale«, in: C. Braeckman/M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame, &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir.&#039;&#039; Brüssel 1998, S. 134-44.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Les »faiseurs de paix« au Congo: gestion d&#039;une crise internationale dans un Etat sous tutelle&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;. Berkeley 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Die Völker ohne Geschichte: Europa und die andere Welt seit 1400&#039;&#039;. Frankfurt a. M./New York 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolter, R./L. Davreux/ R. Regnier: &#039;&#039;Le chômage au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wotzka, H.-P.: &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039;. Köln 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wrong, M.: &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo.&#039;&#039; London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wynants, M.: &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoon­stelling 1897&#039;&#039;. Tervuren 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 39 (1986), 1, S. 5-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039;. Brüssel 1988a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les deux guerres du Shaba: les relations entre la Belgique, la France et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 41 (1988b), 4-6, S. 375-742.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yambuya, P.: &#039;&#039;Zaïre, het abattoir: over gruweldaden van het leger van Mobutu&#039;&#039;. Antwerpen 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yav, A.: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville: a history of Elisabethville from its beginnings to 1965, compiled and written by André Yav, edited, translated, and commented by Johannes Fabian with assistance from Kalundi Mango (1965), in: &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www2.fmg.uva.nl/lpca/aps/vol4/vocabulaireshabaswahili.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yellen, J. E.: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, in: &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 23 (1996), S. 915-932.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yerodia, A.: &#039;&#039;Rapport sur les assassinats et violations des droits de l&#039;homme&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yoka, L. M.: &#039;&#039;Kinshasa, carnets de guerre&#039;&#039;. Kinshasa 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: &#039;&#039;Introduction à la politique congolaise&#039;&#039;. Brüssel 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: »Zaire, Rwanda and Burundi«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975.&#039;&#039; Cambridge 1984, S. 698-754.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C./T. Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039;. Madison 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeebroek, X.: &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039;. Brüssel 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhang, L.: &#039;&#039;Ethnic congregation in a globalizing city: the case of Guangzhou, China&#039;&#039;. (2008) www.sciencedirect.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler, J.: &#039;&#039;La contre-révolution en Afrique&#039;&#039;. Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Mobutu: Van mirakel tot malaise&#039;&#039;. Antwerpen 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Kisangani, verloren stad&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fußnoten ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9307</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9307"/>
		<updated>2026-04-30T11:29:28Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.2 Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«3 Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.5 Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.6 Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.7 Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.8 In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.9 Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.10 Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.13 Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.14 Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.15&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«1 Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.3 Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«4 Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).5 Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.6 Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.7 Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.8 Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«9 Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.11 Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.12 Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.15 Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.16 Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.18 Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.20 Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.22 Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.24 Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?25 Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?26 Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.27 Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.28 Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.30 Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.32 In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.33 Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.3 Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«4 Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.5 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.6 Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.7 Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.9 Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.10 Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«13 Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«14 Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.15 Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels.16 In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 3 Die Belgier haben uns befreit ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die ersten Jahre der Kolonialherrschaft 1908-1921 ===&lt;br /&gt;
Lutunu warf einen besorgten Blick auf seine Frau. Das Laufen fiel ihr immer schwerer. Noch so jung, dachte er. Er konnte die Knötchen an ihrem Hals deutlich sehen. Kiesel, aufgereiht unter der Haut. Er kannte die Zeichen, bei seinen Kindern hatte es auch so angefangen. Erst Fieber, Kopfweh und steife Gelenke, dann Mattigkeit und Apathie tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. Er wusste, was ihr bevorstand. Sie würde zunehmend verwirrter werden und immer lethargischer. Ihre Augen würden sich verdrehen, Schaum würde auf ihre Lippen treten. Dann würde sie in einer Ecke liegen, bis es vorbei wäre. Womit hatte er das verdient? All die Toten. Vor einigen Jahren waren seine Geschwister an den Pocken gestorben, wie die Fliegen. Danach waren seine beiden kleinen Söhne der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen, die ersten Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Und jetzt sie . . . Hatte sie aus einer Kalebasse getrunken, aus der vorher jemand mit der Schlafkrankheit getrunken hatte? Hatte sie eine Apfelsine mit dunklen Flecken gegessen? Niemand wusste, wodurch man sich die Krankheit holte, kein Heiler hatte einen Fetisch oder eine Medizin dagegen. Manche behaupteten, es sei eine Strafe der Missionare. Die würden die Krankheit ausstreuen, aus Zorn, weil nicht alle ihre Lehre annahmen.1 Lutunu wusste es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1900 starb sogar Mfumu Makitu, der große Häuptling von Mbanza-Gombe, sein Herrscher. Der hatte 1884, als einer der ersten Häuptlinge des Landes, ein Abkommen mit Stanley geschlossen. Sein Dorf lag damals an der Karawanenroute von der Küste ins Landesinnere, lange bevor dort die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Häuptling Makitu wollte erst nichts von den weißen Neuankömmlingen wissen, aber ließ sich schließlich doch umstimmen. Am 26. März 1884 setzte er, zusammen mit einigen anderen Häuptlingen, ein Kreuz unter ein Blatt Papier, auf dem stand: »Wir, die unterzeichneten Häuptlinge von Nsungi, verpflichten uns, die Souveränität der ›Association Internationale Africaine‹ anzuerkennen, und nehmen zum Zeichen hiervon deren Flagge (blau mit goldenem Stern) an. (. . .) Wir erklären, dass wir und unsere Nachfolger uns von jetzt an nach der Entscheidung der Vertreter der Association in allen unsere Wohlfahrt und unsere Besitzungen betreffenden Angelegenheiten richten (. . .) werden.«2 Lutunu erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Häuptling Makitu machte Stanley damals ein großzügiges Willkommensgeschenk, einen seiner jüngsten Sklaven: Lutunu. Er war damals zehn Jahre alt. Für so viel Loyalität wurde Makitu 1888 mit einer Auszeichnung belohnt; er war einer der ersten &#039;&#039;chefs médaillés&#039;&#039; des Landes. Sein Reichtum mehrte sich weiterhin. Nun, viele Jahre später, hinterließ er vierundsechzig Dörfer, vierzig Frauen und Hunderte Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben war nicht weniger abenteuerlich als das von Disasi Makulo, es war sogar so abenteuerlich, dass man sich noch heute an ihn erinnert. In Kinshasa wurde eine Straße nach ihm benannt, und der alte Nkasi, dessen Heimatdorf unweit von dem Lutunus lag, war ihm in ferner Vergangenheit noch begegnet: »Lutunu, den habe ich noch gekannt!«, erzählte er mir einmal spontan. Der Name fiel zum ersten Mal in meiner Gegenwart. »Er kam aus meiner Gegend und war etwas älter. Er war der Boy von Stanley. Und er wollte nie eine Hose tragen. Wenn der Weiße rief: ›Lutunu!‹, dann rief er einfach zurück: ›Weißer!‹ Einfach so! Weißer!« Darüber musste er noch immer lachen. Lutunu war ein Kapitel für sich. Ein Draufgänger, mit vielen Weißen befreundet. Als ich wieder in Belgien war, entdeckte ich, dass seine Lebensgeschichte in den dreißiger Jahren von einer belgischen Künstlerin und Schriftstellerin aufgezeichnet worden war.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Disasi Makulo war auch Lutunu Sklave gewesen und in europäische Hände geraten. Er wurde der Boy von Leutnant Alphonse Vangele, einem von Stanleys Mitarbeitern der ersten Stunde. Auch er kam mit den britischen Baptisten in Berührung: Sie errichteten eine ihrer wichtigsten Missionsstationen in seiner Gegend, und er wurde Boy bei einem von ihnen, Thomas Comber. Und wie Disasi geriet er so nach Europa. Er war dabei, als Comber 1885 nach Großbritannien und Belgien reiste, er war dabei, als Comber von König Leopold II. empfangen wurde. Er war eines der neun Kinder, die dem König ein Lied vorsingen durften. Er war derjenige, der später nach Amerika reiste und nach seiner Heimkehr von Matadi bis Stanley Pool berühmt wurde – die Leute rannten ihm hinterher, weil er der erste Radfahrer im Kongo war. Dieser Bursche also. Und seine burlesken Abenteuer waren noch lange nicht vorbei. Das Evangelium geduldig in seine Muttersprache zu übersetzen, war seine Sache nicht; die weite Welt umso mehr. Er schipperte mit Grenfell über den Kongo und muss Disasi Makulo zweifellos gekannt haben. Er wurde Führer und Dolmetscher für die belgischen Offiziere Tobback und Dhanis während ihrer Feldzüge. Er war sogar kurzzeitig Soldat in der Force Publique. Er sah viele Orte und kannte die weißen Kolonialherren wie kein anderer. »Lutunu!« »Weißer!« Aber ihre Hosen trug er nicht. Und für die Taufe konnte er sich auch nicht erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dann starb seine Frau, und er hatte niemanden mehr. Die Kinder tot, die Familie dezimiert. Nach all seinen abenteuerlichen Reisen war er wieder zurück in seinem Heimatdorf. Er sprach dort mit den protestantischen Missionaren und nahm ihren Glauben an. Er war schon um die dreißig. Seine Sklaven, es waren mehrere Dutzend, die er im Laufe der Jahre gekauft hatte, ließ er frei. Er zog in die Missionsstation. Francis Lutunu-Smith war sein neuer Name.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der große Häuptling Makitu um die Jahrhundertwende starb, war sein Nachfolger nach dem lokalen Abstammungsrecht ein junger Mann von 16 Jahren mit wenig Erfahrung. Die Missionare schlugen vor, dass Lutunu sein »Assistent« (&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039;) werden solle: Das sei besser für das Dorf und auch für die Mission. So hatten sie Einfluss auf die lokale Regierung: Lutunu war ja einer von ihnen. So wie Disasi Makulo seine eigene Missionsstation aufbauen durfte, so durfte Lutunu einen Teil der Verantwortung für die Verwaltung tragen: die ehemaligen Kindersklaven erwarben, dank der Weißen, sehr viel Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben ähnelte zwar dem von Disasi, in puncto Frömmigkeit war er ihm jedoch weit unterlegen. Nach fünf Jahren warf man ihn aus der Missionsstation: Er hatte zu eifrig dem englischen &#039;&#039;stout&#039;&#039; und &#039;&#039;lager&#039;&#039; zugesprochen. Der Kongo-Freistaat hatte kurzen Prozess gemacht mit dem endemischen Alkoholismus der einheimischen Bevölkerung. Der Konsum von Palmwein war radikal eingeschränkt worden, Brandy, Gin und Rum waren ohnehin strengstens verboten. Lutunu aber trank und tanzte. Und auch wenn er sein Exemplar der Bibel weiterhin in Ehren hielt, so war er doch auf einmal mit drei Frauen verheiratet und bekam vier, fünf, acht, zwölf, siebzehn Kinder. Ließ sich der neue Glaube denn wirklich nicht mit den alten Bräuchen vereinbaren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bedeutete es für ihn, dass der Kongo plötzlich eine belgische Kolonie war? Hat er etwas vom Übergang des Kongo-Freistaates zu Belgisch-Kongo bemerkt? War 1908 auch für ihn und die Seinen ein Scharnierjahr? Merkte die lokale Bevölkerung etwas von dieser Reprise?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwierige Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die klassische Geschichtsschreibung stellt es oft so dar: Bis 1908 dauerten die Gräuel des Freistaates an, doch von dem Moment an, als Belgien die Kolonie übernahm, beruhigte sich das Ganze und die Geschichte wurde &#039;&#039;un long fleuve tranquille&#039;&#039;, der erst seit den späten fünfziger Jahren wieder ein paar Schaumkronen aufwies.4 Der Kolonialismus sensu stricto, die Zeit von 1908-1960, war in dieser Optik ein langes, dahinplätscherndes Intermezzo zwischen zwei turbulenten Episoden. Heute herrscht in Belgien denn auch meist mehr Betroffenheit über die Gräuel unter Leopold II. und den Mord an Lumumba – streng genommen zwei Momente, die nicht in die klassische Kolonialzeit fallen – als über die Jahrzehnte, in denen das belgische Parlament und damit das belgische Volk für das, was im Kongo geschah, unmittelbar verantwortlich waren (oder hätten sein müssen). Die Vorstellung friedlicher Stabilität wird zudem verstärkt durch die langen Amtszeiten von Schlüsselfiguren. Zwischen 1908 und 1960 hatte der Kongo nur zehn Generalgouverneure; manche blieben sieben oder sogar zwölf Jahre im Amt. Die ersten beiden Kolonialminister, Renkin und Franck, hatten ihren Posten zehn bzw. sechs Jahre inne. Ein ruhiger Fluss mit ein paar soliden Baken, so schien es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch im Grunde gab es keinen totalen Bruch nach 1908. Am 15. November jenes Jahres hisste man in der Hauptstadt Boma zwar zum ersten Mal die belgische Trikolore, und die Fahne des Freistaates wurde für immer zusammengefaltet, ansonsten änderte sich jedoch nicht so viel. Leopolds Regierung warf noch einen sehr langen Schatten über die Kolonialzeit. Zudem war das halbe Jahrhundert für Belgien selber alles andere als statisch. Im Gegenteil – es war durch eine außergewöhnliche Dynamik gekennzeichnet, und zwar nicht nur die vielbesungene unilineare Dynamik des »Fortschritts«, sondern die facettenreiche Dynamik einer komplexen historischen Epoche voller Spannungen, Konflikte, Reibungen. Ein langer, breiter Strom, der immer mächtiger wurde? Nein, viel eher ein mäandernder Fluss mit Nebenläufen, Stromschnellen und Strudeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam durchaus viel in Gang im Jahr 1908, doch von dieser frühen Dynamik war anfangs in Brüssel mehr zu verspüren als im Kongo selbst. Auf dem Papier brach eine neue Morgenröte an. Die &#039;&#039;Charte Coloniale&#039;&#039;, die die Übertragung des Freistaates regelte, brachte dem Kongo zum ersten Mal eine Art Verfassung. Im vollen Bewusstsein der Misere des Freistaates konzipierten die belgischen Minister einen völlig neuen Machtapparat. Die politischen Verhältnisse in der Kolonie waren nicht mehr die Sache eines eigenwilligen Herrschers, der seinen Willen durchsetzen konnte, sondern des Parlaments, das die Gesetze zur Verwaltung der Kolonie verabschiedete. In der Praxis war hauptsächlich der Minister für die Kolonien dafür verantwortlich, ein neu geschaffenes Amt mit einem etwas lächerlichen Titel. Der Plural, nach ausländischem Vorbild, war unnötig, Belgien besaß nur eine Kolonie. Das Parlament selbst befasste sich nur gelegentlich mit der Überseepolitik. Am 17. Dezember 1909 starb Leopold, etwa dreizehn Monate, nachdem man ihm sein Lebenswerk genommen hatte. Sein Nachfolger, König Albert I., hegte in Sachen Kongo eine viel zurückhaltendere und weniger voluntaristische Auffassung. Daneben gab es den Kolonialrat, eine neu gegründete Behörde, die den Minister in zahlreichen Sachfragen beriet. Acht der vierzehn Mitglieder wurden vom König und sechs von Abgeordnetenkammer und Senat ernannt. Ferner gab es die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen; sie verfolgte zwar hehre Ziele, hatte jedoch nur geringen Einfluss. Während ihres mehr als fünfzigjährigen Bestehens tagte sie nur zehn Mal.5 Auch die Finanzierung änderte sich: Leopolds nebulöse Konstruktionen, die es ihm ermöglichten, nach Herzenslust Geld hin und her zu schieben zwischen seinem Privatvermögen und der sogenannten »Zivilliste« – den Mitteln, die ihm der Staat zur Verfügung stellte –, waren passé. Künftig waren die Bereiche strikt voneinander getrennt. Die Erträge der Kolonie mussten in die Kolonie fließen und durften nicht mehr in Brüsseler Bauwerke gesteckt werden; gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass der Kongo in Krisenzeiten selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste (in der Praxis sprang Belgien allerdings manchmal ein). Die Kolonie bekam also sowohl die Vor- wie auch die Nachteile eines eigenen Staatshaushalts zu spüren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren einschneidende Verwaltungsreformen. Aber auch atmosphärisch änderte sich etwas in der Verwaltung der Kolonie. Das Abenteuerliche wich der Bürokratie, und statt &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; gab es &#039;&#039;corned beef&#039;&#039;. Nach Leopolds Kapriolen bevorzugte man eine straffe, streng sachliche Arbeitsweise. Belgien übernahm seine Aufgabe als Kolonialmacht mit mehr Ernst als Stolz. Die Verwaltung wurde sehr amtlich, was in belgischen Begriffen bedeutete: äußerst hierarchisch und zentralisiert. Sie ging von Brüssel aus, und die zuständigen Beamten waren selten oder nie im Kongo gewesen. Das führte mehr als einmal zu Spannungen mit den Weißen vor Ort. Im Kongo war der Generalgouverneur nach wie vor allmächtig, doch seine Beurteilungen der Situation standen oft im Widerspruch zu den Direktiven, die ihn aus Brüssel erreichten. Belgische Kolonialisten konnten außerdem bei der Kolonialverwaltung nicht mitreden, denn sie besaßen keinerlei formale politische Macht. Sie mussten, wenn auch manchmal widerwillig, alles akzeptieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn schon sie sich übergangen fühlten, wie viel schlimmer war es dann für die Kongolesen selbst? Die belgische Politik hatte gewiss die besten Absichten für das Leben der einheimischen Bevölkerung; diese Einsicht war nach dem Skandal um den »roten Kautschuk« nun doch gedämmert. Aber sie brauchte sich vor den Kongolesen selbst nicht zu verantworten. Sie wurde nicht von ihnen gewählt, und sie fragte sie auch nicht nach ihrer Meinung. Man sorgte für sie, mit Güte und Barmherzigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig wie die belgische Regierung auf die Stimme der Kongolesen hörte, so aufmerksam lieh sie der Wissenschaft ihr Ohr. Man erstrebte &#039;&#039;»une colonisation scientifique«&#039;&#039;, wie Albert Thys es bezeichnete.6 Keine Ad-hoc-Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes – neutral, sachlich, nüchtern und vertrauenswürdig. Glaubte man. Gerade wegen dieser vermeintlichen Neutralität galt ihre Stimme in der Praxis sehr viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erste Gruppe Wissenschaftler, die auf diese Weise Einfluss erlangte, waren die Ärzte. Um die Jahrhundertwende entdeckte Ronald Ross, ein britischer Arzt, der in Indien geboren war, dass der Grund für Malaria nicht das Einatmen von »schlechter Luft« in Sumpfgegenden war (&#039;&#039;mal aria&#039;&#039; auf Italienisch, die Krankheit kam damals noch in der Poebene vor). Es waren die Mücken an stillstehenden Gewässern, die die Krankheit übertrugen. Eines der großen Mysterien der Tropen, das so viele Patres und Pioniere das Leben gekostet hatte, war damit enthüllt. Ross erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis. Aber dabei blieb es nicht. Auch Gelbfieber und Elephantiasis, die Krankheit, die die Gliedmaßen so grässlich deformierte, wurden, wie sich herausstellte, von Mücken verbreitet. Die rätselhafte Schlafkrankheit bekam man durch Kontakt mit einer Tsetsefliege. Schwarzfieber (Leishmaniose) wurde von Sandfliegen übertragen, Typhus von Läusen, die Pest von Rattenflöhen. Nach Zeckenbissen konnte man hartnäckige Fieberanfälle bekommen. Ein neues Fachgebiet war entstanden, die Tropenmedizin, und es wurde ein machtvolles Instrument im Dienst des Kolonialismus. Leopold II. hatte bereits Wissenschaftler aus Liverpool in den Kongo eingeladen, um die Schlafkrankheit zu erforschen. 1906 hatte er, nach dem Vorbild der Liverpool School of Tropical Medicine, in Brüssel die Schule für Tropenmedizin, Vorläuferin des Antwerpener Instituts für Tropenmedizin, gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Bewohner des Kongo hatte diese Medizinisierung große Folgen. Bereits unter Leopolds Regierung gab es hier und da im Freistaat Hospitäler, in denen Opfer der Krankheit von Nonnen gepflegt wurden. Diese Hospitäler lagen auf Inseln im Fluss oder an abgelegenen Orten im Busch und waren noch am ehesten mit Leprakolonien vergleichbar. Oft erfolgte die Aufnahme unter Zwang. Die Patienten wurden dort eher isoliert als gepflegt. Besuch von Familienangehörigen, Freunden und Verwandten war verboten. Viele empfanden die Einweisung in das Lazarett deshalb wie die Todesstrafe. Man probierte zwar allerlei neue Medikamente an ihnen aus, etwa Atoxyl, ein Arsenderivat, aber das führte öfter zu Blindheit als zur Heilung. Es war nicht immer deutlich, worum es eigentlich ging: um die Heilung oder um den Test des experimentellen Medikaments. Da man Kranke in einem möglichst frühen Stadium isolieren wollte (wenn die Ansteckungsgefahr, aber auch die Heilungschancen am größten waren), handelte es sich oft um Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Einweisung noch kerngesund fühlten. Ihre Halslymphdrüsen waren höchstens etwas angeschwollen. Erst während des Aufenthalts im Hospital zeigten sich die typischen Symptome. Deshalb gerieten die Krankenhäuser in Verruf: Die Menschen glaubten, es seien Lager, in denen Kolonialbeamte sie vorsätzlich mit der Krankheit infizierten. Tumulte brachen aus, Bewacher griffen ein, aber viele Menschen flohen zurück in ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Belgien den Kongo übernahm, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kolonialismus ein Gesundheitsdienst eingerichtet . . . in Brüssel. Die Befehlskette zu den Leitern der Posten im Urwald war außerordentlich lang, doch es gelang trotzdem, Änderungen durchzusetzen. Hospitäler allein genügten nicht. Künftig sollte die Mobilität aller Kongolesen überwacht werden. 1910 bestimmte ein Erlass, dass jeder Eingeborene zu einer &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; oder &#039;&#039;sous-chefferie&#039;&#039; gehörte.7 Die Umrisse einer solchen Verwaltungseinheit wurden exakt festgelegt, unter Berücksichtigung vorhandener territorialer Begrenzungen. Wer seinen Wohnort über eine Entfernung von mehr als dreißig Kilometern oder für einen Zeitraum von mehr als einem Monat verlassen wollte, so legte ein anderer Erlass von 1910 fest, musste einen Gesundheitspass bei sich führen, in dem sein Geburtsort, sein Gesundheitszustand und eventuell erfolgte ärztliche Behandlungen vermerkt waren. Ein solcher Pass wurde nur mit Zustimmung des Dorfoberhaupts oder dessen Vertreter ausgestellt. Wer krank war, erhielt Dorfarrest. Wer ohne Papiere loszog, riskierte eine Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieser Maßnahme ist kaum zu überschätzen. Sie hatte fünf einschneidende Folgen. Erstens: Kongolesen, auch gesunde, konnten ihren Aufenthaltsort nicht mehr selbst bestimmen, ihre Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt. Für eine Region mit permanent hoher Mobilität war das eine Umstellung. Zweitens: Jeder Einwohner war künftig auf der Landkarte festgeheftet, wie ein Käfer auf einem Stück Pappe. Das Zugehörigkeitsgefühl war in den einheimischen Gemeinschaften schon immer sehr stark entwickelt, nun wurde es absolut. Wer jemand war, lag von da an unumstößlich fest. Drittens: Die lokalen Oberhäupter wurden voll und ganz in die lokale Verwaltung einbezogen. Das hatte bereits zu Stanleys Zeiten begonnen (siehe Makitu), nun wurde es formell bestätigt. Sie standen auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie und erfüllten eine vermittelnde Funktion zwischen Staat und Untertanen. Selbstverständlich bevorzugte die Kolonialregierung devote Charaktere. Das offiziell eingesetzte Oberhaupt war oft eine schwache Persönlichkeit mit wenig moralischer Autorität, während der echte, traditionelle Häuptling sich im Hintergrund hielt, um in Ruhe weiterregieren zu können.8 Viertens: Da eine durchschnittliche &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; höchstens rund tausend Einwohner umfasste, traten größere ethnische Zusammenhänge mehr und mehr in den Hintergrund.9 Das Dorf unterstand unmittelbar der Staatsmacht, die Ebenen dazwischen fielen weg. Auch das wirkte sich auf das Stammesbewusstsein aus: Es entstand eine Sehnsucht nach vergangenem Glanz. Und fünftens: Für viele bedeuteten die Gesetze aus dem fernen Brüssel die erste, unmittelbare Bekanntschaft mit der Kolonialbürokratie. In der Zeit des Freistaates waren Hunderttausende unter das Joch des fernen Herrsches geraten, nun aber blieb im Prinzip &#039;&#039;niemand&#039;&#039; mehr verschont. Die Zahl der Belgier in der Kolonie war noch immer sehr gering (1920 waren es ein paar tausend), doch der Kolonialapparat verstärkte seinen Zugriff auf die Bevölkerung und drang immer tiefer ins Leben der Individuen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat, das war 1885 ein einsamer Weißer, der das Dorfoberhaupt aufforderte, eine blaue Flagge wehen zu lassen. Der Staat, das war 1895 ein Beamter, der Dorfbewohner als Träger oder Soldaten rekrutierte. Der Staat, das war 1900 ein schwarzer Soldat, der wegen ein paar Körben Kautschuk ins Dorf kam, herumbrüllte und auch schoss. 1910 aber war der Staat ein schwarzer Hilfssanitäter, der die Einwohner auf den Dorfplatz rief, ihre Lymphdrüsen am Hals betastete und sagte, es sei in Ordnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung wollte bereits früh mit Reihenuntersuchungen im großen Stil beginnen; König Albert plante mehr als eine Million belgische Franc dafür ein, doch der Erste Weltkrieg verzögerte das Vorhaben. Ab 1918 reisten jedoch Gesundheitsteams aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern in die Dörfer, und viele hunderttausend Bewohner wurden untersucht. Der Staat, das waren Männer mit Mikroskopen, die stirnrunzelnd Blutproben analysierten. Der Staat, das war die glänzende, sterile Injektionsnadel, die sich in die Haut schob und irgendein geheimnisvolles Gift einspritzte. Der Staat kroch den Menschen buchstäblich unter die Haut. Nicht nur die Landschaft wurde kolonisiert, auch der Körper und das Selbstbild. Der Staat, das war der Ausweis, auf dem stand, wer man war, woher man kam und wohin man gehen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben wurde dadurch jedenfalls ein ganzes Stück häuslicher. Der Mann, der nicht nur Europa und Amerika bereist, sondern auch alle Gegenden seines Landes durchstreift hatte, blieb nun jahrein, jahraus in seinem Dorf. Als Assistent eines jugendlichen Dorfoberhaupts musste er wahrscheinlich den weißen &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; beraten, wem man eine Reiseerlaubnis erteilen konnte und wem man sie verweigern musste. Dass dieses System Tür und Tor für Missbrauch öffnete, liegt auf der Hand. Die Ausweise waren sehr gefragt, und manche Postenchefs, Angestellte und Sanitäter ließen sich bestechen. Dorfbewohner, die gerade erst gegen die Schlafkrankheit behandelt worden waren und trotzdem reisen wollten, behaupteten einfach, sie hätten ihren Gesundheitspass verloren, in der Hoffnung, ein neues Exemplar ohne Eintragungen zu erhalten. Viele hegten tiefes Misstrauen gegen die Medizin der Weißen. Von Atoxyl konnte man erblinden, und die Lumbalpunktionen, die in den schlimmsten Fällen vorgenommen wurden, waren extrem schmerzhaft. Das bedeutete nicht, dass die Menschen irrationale Ängste vor weißen Kitteln hatten. Manche Behandlungen, wie die operative Entfernung von durch Elephantiasis verursachten Geschwüren, wurden gewürdigt, doch generell herrschte eher der Gedanke vor, dass die Injektionsnadeln dazu dienten, Krankheiten zu verbreiten. Die Vertreter der Kolonialmacht unterschätzten einfach die Bedeutung der traditionellen Medizin, die sie rigoros als Quacksalberei und Hexerei abtaten. Viele Afrikaner sahen die Schlafkrankheit deshalb als Krankheit, die der Kolonisator verursachte und die mit der militärischen Vorherrschaft, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Neuordnung zusammenhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bei all dem hatten Ärzte Macht, viel Macht. Doktoren entschieden, wer sich wohin begeben durfte. Sie bestimmten die Zonen, in denen Reisen verboten war. War jemand widerspenstig, konnten sie ihn zu einer Behandlung zwingen und durften ihn sogar bestrafen. Es lag sogar in ihrem Ermessen, ganze Dörfer zu verlegen, falls es dafür schwerwiegende medizinische Gründe gab. Dorfgemeinschaften in Zonen, in denen es von Tsetsefliegen wimmelte, konnten sie zu einer kollektiven Umsiedlung zwingen. Und sie durften die Hilfe der Kolonialbeamten und der Force Publique in Anspruch nehmen, falls sich eine Dorfgemeinschaft weigerte. Nicht die Heilung kranker Individuen stand im Mittelpunkt dieser Art Medizin, sondern die Gesunderhaltung der Kolonie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch eine erzwungene Umsiedlung brachte lokale Gemeinschaften oft aus dem Gleichgewicht. Bakongo, die ihr Dorf hatten verlassen müssen, sangen voller Heimweh und Melancholie: »Ach! Schaut auf das Dorf unserer Ahnen. / Das schattige Dorf mit seinen Palmen, aus dem wir fortgehen mussten. / Ach! Die Alten. / Ach! Ach! / Ach! Unsere Toten sind verschwunden! / Ach! Schaut auf unser verlassenes Dorf! / Ein Jammer!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Dorf durfte bleiben, wo es war, aber um das Krankheitsrisiko zu begrenzen, tat er etwas, was bis dahin niemand in seinem Dorf getan hatte: Er baute ein Haus aus Stein. Fortan schlief er nicht mehr unter einem Blätterdach und zwischen Lehmwänden, sondern in einer Hütte aus Stein unter Wellblech. Im benachbarten Thysville gab es inzwischen genügend Maurer und Zimmerleute. Sie wussten, wie man aus Erde Ziegelsteine machen konnte und wie man Wellblech festnageln musste. Die Schlafkrankheit hatte Lutunus Familie zerstört, nun aber lebte er mehr oder weniger wie die Weißen. Hingen an seinen Ziegelsteinwänden auch, wie ein belgischer Staatsminister im Osten des Kongo konstatierte, »sehr mittelmäßige Porträts unserer Könige, die die Kolonialverwaltung überall verbreitet hatte, und ein paar aus Zeitschriften aus Paris und London herausgerissene Fotos«? Bekam er von gelegentlichen weißen Besuchern auch »ein paar schöne Gravüren und ein paar Dosen mit Karamellbonbons« geschenkt?11 Wir wissen es nicht. Was wir immerhin wissen ist, dass die Kolonialregierung ihn einige Jahre später zum Distriktchef ernannte und dass er, der ehemalige Sklave, nun über zweiundvierzig Dörfer herrschen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr Licht über der Kolonie scheinen lassen durften, waren die Ethnographen. Wenn der Skandal des Freistaates etwas deutlich gemacht hatte, dann war das der völlige Mangel an Wissen über die einheimische Kultur. Félicien Cattier, der herausragende Brüsseler Professor und vehementer Kritiker Leopolds, hatte sich dazu unmissverständlich geäußert: »Wie ist es möglich, sinnvolle Arbeit in den Kolonien zu leisten, wenn man nicht erst die einheimischen Institutionen, ihre Sitten, ihre Psychologie, die Bedingungen ihrer wirtschaftlichen Existenz und die Struktur ihrer Gesellschaften eingehend studiert?«12 Manche der Entdeckungsreisenden und Missionare hatten Interesse an lokalen Bräuchen gezeigt, aber viele Offiziere und andere Vertreter des Freistaates hegten, gelinde gesagt, ziemlich rudimentäre Auffassungen über das, was man als »die Negerrasse« bezeichnete. Falls überhaupt Interesse bestand, richtete es sich in erster Linie auf die konkreten Seiten der fremden Kultur: ihre Körbe und Masken, ihre Einbäume und Trommeln, die Form ihrer Speere, die Maße ihrer Schädel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das reiche nicht aus, meinte Cattier. Es gehe nicht um persönliche Objekte oder einzelne Personen. Man müsse ein Auge haben für die tieferen Schichten der einheimischen Gesellschaft. Und das erfordere ein ernsthaftes Studium. »Es wäre deshalb angezeigt, wenn im Kongo, wie in Niederländisch-Indien oder Britisch-Indien, ein Ministerium oder ein Büro für ethnologische Studien gegründet würde.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. Mit großem Tamtam wurde das &#039;&#039;Bureau International d&#039;Ethnographie&#039;&#039; ins Leben gerufen, eine Institution mit belgischen und ausländischen Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele Fakten wie möglich über die Bevölkerung des Kongo zu sammeln und zu erschließen. Was die École de Médicine Tropicale für die Medizin war, war das Bureau International d&#039;Ethnographie für die Anthropologie: eine Institution, deren Forschungsergebnisse in Einfluss umgesetzt wurden. Die Mitglieder lasen Reiseberichte und Missionsrapporte und investierten viel Zeit in die Ausarbeitung eines erschöpfenden Fragebogens, der an Tausende Beamte, Händler, Soldaten und Missionare in der Kolonie geschickt wurde. 202 Rubriken mussten ausgefüllt werden. Die Themen variierten vom Heiratsrecht über Bestattungspraktiken bis hin zur Körperpflege. Die Informanten erledigten ihre Aufgabe und schickten die Fragebogen zurück. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als vierhunderttausend ethnographische Daten verarbeitet.14 Und diese Daten wurden in einer monumentalen Bücherreihe veröffentlicht, der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039;. Zwischen 1907 und 1914 erschienen elf Bände. Jeder Band widmete sich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die als charakteristisch für eine bestimmte Landesgegend galt: die Bangala für die Flussanrainer, die Basonge für die Savanne, die Warega für den Urwald . . . Auch die Mayombe, die Mangbetu, die Baluba und die Baholoholo wurden beschrieben. Jedes Mal wurden die 202 Rubriken abgedruckt, zusammen gut sechstausend Seiten Lektüre. Es war der erste Versuch einer systematischen Dokumentation der einheimischen Kultur. Das Ergebnis war nichts weniger als eine &#039;&#039;encyclopédie des races noires&#039;&#039;.15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ergebnis war jedoch auch, dass diese »Rassen« plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Die Buchreihe unterteilte die Bevölkerung des Kongo in deutlich unterscheidbare Blöcke mit eigener Identität, eigenem Volkscharakter und eigenen Gebräuchen. Auch wenn manches dafür sprach – es existierten nun mal unverkennbare Unterschiede –, war es doch eine völlig künstliche Sache, um jede dieser Gruppen eine kulturelle Mauer zu ziehen, die die Sicht auf einen möglichen Austausch versperrte. Doch genau das geschah. Zu Beginn des Projektes, im Jahr 1908, nahm Edouard De Jonghe, der wichtigste Mitarbeiter, sich vor, »&#039;&#039;les peuplades une à une, en elles-mêmes, pour elles-mêmes&#039;&#039;« zu studieren.16 In methodischer Hinsicht war dieses schrittweise Vorgehen begreiflich: So blieb alles schön übersichtlich. Aber was zunächst nur ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die »Stämme« wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten. Der Initiator des Projekts, Cyrille Van Overbergh, auch ein wichtiger katholischer Politiker, behauptete nach einigen Jahren unumwunden: »Im Allgemeinen unterhalten die Völker wenig Beziehungen untereinander. (. . .) Die Stämme sind voneinander unabhängig und wahren ihre Autonomie.«17 Über den jahrhundertelangen und auch damals bereits bekannten Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sah er dabei völlig hinweg. Pygmäen lebten neben Bantu sprechenden Bauern. Bobangi fuhren den Fluss hinauf und hinunter und kamen mit Dutzenden anderen Bevölkerungsgruppen in Kontakt. Die früheren Savannenkönigreiche der Bakongo und Baluba waren ethnisch oft sehr gemischt. Viele Menschen waren mehrsprachig. Die Kulturen der Bantu-Sprecher waren untereinander sehr eng verwandt. Doch der Anthropologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zergliederte die Gesellschaft in einzelne Rassen, wie der Taxonomiker des achtzehnten Jahrhunderts einst das Tierreich in verschiedene Arten unterteilt hatte. Unveränderlich über die Zeit hinweg, ohne Berührung miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo wurde ein Setzkasten. Die Landkarte der Kolonie bestand von da an aus Fächern, jedes mit seinem eigenen »Stamm«. In Tervuren bei Brüssel legte man eine gigantische Sammlung Ethnographika an, akkurat nach Stämmen geordnet. Da die Bevölkerung von den Ärzten gezwungen wurde, am Ort zu bleiben, gewannen die Anthropologen noch stärker den Eindruck, dass die Völker, die sie vor sich hatten, »an ihr jeweiliges Territorium gebunden waren«, wie es der Direktor des Bureau International d&#039;Éthnographie behauptete.18 Dieser »monographische Blick« hatte weitreichende Folgen. In der Kolonie orientierten sich die Weißen mehr und mehr daran, und die Kongolesen selbst begannen sich zunehmend tribal zu identifizieren. Der Geist des Tribalismus war aus der Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese früheste Völkerkunde war entschieden kein &#039;&#039;l&#039;art pour l&#039;art&#039;&#039;; zweifelsohne sollte sie dazu dienen, das Werk der Kolonialmacht voranzutreiben. Die Rekrutierer der Force Publique konnten eine Beschreibung der Kriegslust in diesem oder jenem Stamm für ihre Zwecke nutzen. Die medizinischen Dienste bekamen Informationen über die hygienischen Bedingungen bei den Völkern, die am schlimmsten von der Schlafkrankheit betroffen waren. Die Politiker in Brüssel konnten ihre Gesetze auf das zuschneiden, was sie über das traditionelle Recht zur Bodennutzung in der Kolonie lasen. Und die Missionskongregationen konnten ihre Strategie mit Hilfe der Erkenntnisse, welcher Glaube in welcher Gegend vorherrschend war, besser planen. Man handelte nach den Beschreibungen der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. Die Stämme bekamen Eigenschaften angedichtet, wie man sie den Nationalitäten Europas zuschrieb. Der Kongo wies nun Pendants auf zum geizigen Schotten, faulen Sizilianer, schlampigen Spanier und fleißigen, aber humorlosen Deutschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Bewohner der Kolonie übernahmen allmählich diesen Blick auf sich und die anderen. Wie war es zum Beispiel bei Lutunu? Er hatte siebzehn Kinder, von denen dreizehn am Leben blieben. Ab 1910 gehörten sie alle zur selben &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, hatten denselben vom Staat anerkannten Dorfvorsteher und durften die Gegend ohne medizinische Kontrolle nicht verlassen – Sachverhalte, die einem starken regionalen und ethnischen Bewusstsein mit Sicherheit Vorschub leisteten. Außerdem besuchten sie Missionsschulen, denn das Schulwesen lag exklusiv in den Händen der Missionare. 1908 gab es im Kongo etwa fünfhundert Missionare, 1920 etwa fünfzehnhundert. Es gab keine Schulpflicht, aber Lutunu mit seinem Fahrrad und seinem Steinhaus wird seine Kinder zweifellos dazu angespornt haben, wie er lesen und schreiben zu lernen. Er war schließlich einer der ersten Alphabetisierten in Bas-Congo. Sein Dorf lag im Einflussbereich der britischen Protestanten, aber außerhalb gewannen die belgischen Katholiken zunehmend an Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was lernten die Kinder in diesen einfachen kleinen Klassenräumen oder im Schatten eines Baumes? Selbstverständlich lesen und schreiben. Und rechnen. Biblische Geschichte. Fromme Legenden. Die belgischen Provinzen. Das Königshaus. Ja, aber auch das eine oder andere über das eigene Land. Über den Sklavenhandel zum Beispiel. &#039;&#039;»Tungalikuwa watumwa wa Wangwana&#039;&#039; / &#039;&#039;Wabeleji wakatukomboa«&#039;&#039;, sangen die Kinder in katholischen Missionsstationen im Landesinneren. Wörtlich: »Wir wurden Sklaven der Arabisierten / Die Belgier haben uns befreit.« Die Melodie war die der »Brabançonne«, der belgischen Nationalhymne. Eines der ältesten bekannten Schullieder in Swahili enthielt eine komprimierte Zusammenfassung der Kolonialisierung: »Früher waren wir Dummköpfe / Mit den Sünden jedes Tages / Sandflöhen an den Füßen / Dem Kopf voller Schimmel / Danke, ehrwürdige Patres!«19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die Lieder waren in der Volkssprache, sondern auch der Unterricht der katholischen Patres und Nonnen. Die meisten Missionare kamen aus Flandern, und eingedenk des Kampfes um das Flämische in Belgien betrachtete man die eigene Sprache als hohes Gut. Auch das verstärkte den Stammesstolz. In einem Schulbuch der Missionare vom Kostbaren Blut aus den dreißiger Jahren in Mbandaka stand folgende Leseübung: »Unsere Sprache ist das Lonkundo. (. . .) Obwohl manche gern Lingala sprechen, lieben wir unser Lonkundo am meisten. Diese Sprache ist sehr schön und hat viele genaue Bedeutungen. Wir lieben sie sehr. Wir haben diese Sprache von unseren Ahnen bekommen.«20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ethnische Identifizierung erfolgte noch viel expliziter. In dieser Zeit lasen Schüler in der Provinz Équateur auch, dass »die Menschen im Kongo in mehrere Gruppen unterteilt sind. Sie unterscheiden sich durch ihren Dialekt, ihre Sitten und sogar durch ihre Gesetze. Unsere echte Familie ist der Stamm der Nkundo.«21 Das klang wie ein wörtliches Echo der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. In den frühesten Schulbüchern der Maristenbrüder (das älteste stammt von etwa 1910) ging man noch einen Schritt weiter. Auf Lingala war zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner des Kongo sind Schwarze. Ihre Zahl hat man noch nicht gezählt. Sie beläuft sich auf etwa sechzehn Millionen. Sie zerfallen in verschiedene Stämme: Basorongo, Bakongo, Bateke, Bangala, Bapoto, Basoko, Babua, Bazande, Bakango, Bangbetu, Batikitiki oder Baka und viele andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basorongo leben am Meer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bakongo flussaufwärts, bei Boma, Matadi, Kisantu, am linken Flussufer. Sie sind Docker und kräftige Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bateke leben in Kitambo. Sie sind auf das Kaufen und Verkaufen spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bangala leben in Makanza, Mobeka, Lisala und Bumba. Sie sind groß. Sie haben Tätowierungen im Gesicht und an den Ohren. Sie entfernen sich die Wimpern von den Augenlidern und feilen ihre Zähne. Sie fürchten sich nicht vor Krieg. Sind denn nicht auch viele Bangala in der Armee des Staates? Sie sind intelligent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bapoto und Basoko sind die Brüder der Bangala. Sie verunstalten ihr Gesicht mit Tätowierungen. Sie machen große Mörser und gute Pirogen, schmieden Speere und Macheten. Sie töten viele Fische.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so immer weiter. Der Kongo bestehe aus Stämmen, konnte man lernen, mit eigenen Territorien und Gebräuchen. Manche waren achtenswert, andere nicht. So bekamen die Schüler auch noch eingeimpft, dass die Azande ihre Häuptlinge respektierten und dass das sehr gut war, dass die Babua das hingegen nicht taten, was eine Schande sei, und dass die Bakango Elefanten töteten und deshalb sehr mutig seien. Missionsschulen waren kleine Fabriken für tribale Vorurteile. Kinder, die ihr Dorf nicht verlassen durften, bekamen plötzlich zu hören, dass in weit entfernten Gegenden ihres ausgedehnten Landes Bakango lebten, und die Meinung über die Bakango wurde gleich mitgeliefert. Pygmäen wurden in vielen Handbüchern als bizarre Abweichungen dargestellt. Auch wer ihnen nie begegnet war, wusste, was er von ihnen zu halten hatte. »Sie tun sich dadurch hervor, dass sie das Eigentum anderer stehlen«, lasen die Schüler von Bongandanga in den späten zwanziger Jahren, »sie freunden sich nicht mit anderen Menschen an. (. . .) Die meisten Völker Zentralafrikas sind gern sauber, und weil es viel Wasser gibt, waschen sie sich täglich. Die Pygmäen jedoch haben etwas gegen Wasser und sind sehr schmutzig. (. . .) In puncto Unwissenheit übertreffen sie alle anderen Völker Afrikas. Sie sehen nicht ein, dass es besser ist, gemeinsam mit anderen Menschen aus der gleichen Kultur in einem Dorf zu leben, als ständig umherzuziehen.«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll nicht heißen, es habe niemals Stämme gegeben – selbstverständlich gab es die, ebenso wie wichtige regionale Unterschiede, verschiedene Sprachen, andere Gebräuche, Tänze, Essgewohnheiten, und es hatten auch intertribale Kriege stattgefunden. Doch nun wurden diese Unterschiede besonders herausgestellt und auf immer festgeschrieben. Es hagelte Stereotype. Die Stämme waren keine Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten unumstößlich waren – unumstößlich wurden sie erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr denn je identifizierten sich die Menschen mit diesem oder jenem Stamm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann aus Lubumbashi erzählte in den achtziger Jahren von seiner Kindheit. Der beginnende Bergbau brachte Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in &#039;&#039;compounds&#039;&#039; zusammen: »In den alten Zeiten sahen wir die Leute nicht an und sagten: Der da ist ein Kasaïen, ein Lamba, ein Bemba oder ein Luba, nein. Wir waren zusammen.« Und er fuhr fort: »Es gab keine Unterschiede. Unterschiede waren für uns kein Thema.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionsstationen beschränkten sich nicht auf den Elementarunterricht. Sie gründeten auch Seminare für begabte Schüler, um einheimische Priester auszubilden. Der erste Kongolese, der zum Priester geweiht wurde, war Stefano Kaoze. Das war im Jahr 1917. Er stammte aus dem Marungu-Massiv und war bei den Weißen Vätern zur Schule gegangen und ausgebildet worden. 1910 hatte er im Alter von fünfundzwanzig schon eine Pioniertat vollbracht: Sein langer Essay »La psychologie des Bantu« erschien in &#039;&#039;La revue congolaise&#039;&#039;. Damit war er der erste Kongolese, der einen Text veröffentlichte. Und was lesen wir in den ersten Absätzen dieses in jeder Hinsicht historischen Meilensteins? Was schreibt ein junger kongolesischer Intellektueller, der durch und durch geprägt ist vom katholischen Missionsunterricht? Genau – Stammesbewusstsein in Afrika werde durch europäische Bücher genährt: »Als ich ein paar Bücher über einige Stämme gelesen hatte, sah ich, dass die meisten der Bräuche den gleichen Hintergrund haben wie bei den Beni-Marungu [seinem Stamm]. Da ich das nun erkannt habe, werde ich erzählen, wer wir sind, wir Beni-Marungu, und was wir nicht sind.«25 Bücher brachten ihn dazu, über seine eigene tribale Identität nachzudenken. Ist es also verwunderlich, dass er sich später im Leben zu einem tribalen Nationalisten entwickelte, einem Vorkämpfer für sein eigenes Volk und einem Verteidiger der kongolesischen Interessen? »Potenziell der gefährlichste Schwarze«, äußerte ein französischer Adliger nach einer Rundreise durch die Kolonie, »ist der, der Schulunterricht genossen hat.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen plätscherte Nkasis Leben ruhig weiter. Als ich ihn interviewte, fiel mir mehrmals auf, dass er kaum Erinnerungen an die ersten Jahre Belgisch-Kongos hatte. Wenn die Sprache auf den Bau der Eisenbahn in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam, leuchteten seine Augen, und die Geschichten kamen von allein. Doch die Jahrzehnte danach, als er in sein Dorf zurückgekehrt war, schienen wie weggespült. Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran das liegen mochte, bis mir auffiel, dass auch Lutunus Biographin die gleiche Periode in dessen Leben ziemlich lapidar abhandelte. Auch sie hatte in den Gesprächen mit ihrem Informanten Lücken registriert. Konnte das Zufall sein? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass die Gesetze, die die Menschen dazu zwangen, in ihren Dörfern zu bleiben, für ruhige Jahre mit wenig spektakulären Ereignissen sorgten. Sogar der Erste Weltkrieg ging geräuschlos an ihnen vorbei, auch an Lutunu, obgleich er damals schon Assistent des Dorfoberhaupts war. Als ich Nkasi zum wiederholten Male fragte, ob er sich wirklich nicht mehr an den Großen Krieg erinnere, sagte er: »Ich habe vielleicht etwas darüber gehört, aber das war nicht hier.«27 Seine Welt war wieder kleiner geworden. Sein jüngster Bruder wurde damals geboren, ja, das wusste er noch. Und er selbst hatte sich schließlich doch zum evangelischen Glauben bekehrt und sich taufen lassen. Das war 1916, in der Missionsstation von Lukunga. Sein Taufname war Etienne, aber alle nannten ihn weiterhin einfach Nkasi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1921 kam es in seinem Leben jedoch zu einem großen Umbruch: Zum ersten Mal seit langer Zeit verließ er wieder sein Dorf. Vorher musste er einen gültigen Pass und &#039;&#039;une feuille de route&#039;&#039; beantragen, sonst durfte er nicht fort. Auch heute kann ein Kongolese nur schwer durch sein Land reisen ohne einen &#039;&#039;ordre de mission&#039;&#039; in der Tasche; der Kongo ist eines der wenigen Länder der Erde, das auch ein Migrationsamt für Ortswechsel im &#039;&#039;Inland&#039;&#039; hat – aufgrund der Schlafkrankheit von ehedem. Aber Nkasi hatte auch Glück. Weil ein Cousin seines Vaters bei der Eisenbahn arbeitete, konnte er umsonst mit dem Zug fahren. Er zuckelte einen Tag lang durch das weite Land und kam abends in Kinshasa an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, seit Swinburne dort 1885 in der wilden Natur seinen Posten aufgebaut hatte. An den Ufern des Stanley Pool hatten sich inzwischen rund achtzig Unternehmen mit ihren Lagerhäusern angesiedelt. Acht Kilometer westlich lag das ältere Militär- und Verwaltungszentrum Léopoldville. Hier hatten die britischen Baptisten seinerzeit ihr Mutterhaus errichtet. Die beiden Kerne, Kinshasa und Léopoldville, waren 1910 durch eine breite Straße miteinander verbunden worden. Heute ist das der Boulevard du 30 juin, nicht mehr eine Verbindungsstraße zwischen zwei europäischen Niederlassungen, sondern die in Abgaswolken gehüllte Hauptachse der Stadt. Damals gab es jedoch nicht einmal zweihundert Autos und LKW. In Kinshasa lebten um diese Zeit tausend Weiße, hundertfünfzig davon Frauen. Es gab etwa vierhundert Häuser aus beständigem Material.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi kam in einer Stadt an, die im Werden war, einer staubigen Ebene voller Baustellen und Avenuen, die ins Nichts führten. Südlich vom Viertel der Weißen hatte die Kolonialmacht eine &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; anlegen lassen, ein Schachbrett von drei mal vier Kilometern, durch schnurgerade Straßen unterteilt. Auf den ordentlichen, quadratischen kleinen Parzellen standen Lehmhütten mit Strohdächern. Darum herum bauten die Bewohner Maniok und Kochbananen an. Hier und da sah er ein Steinhaus mit einem Wellblechdach. Kinder rannten nackt durch die sandigen Gassen. Frauen saßen stundenlang im Schatten und kämmten sich gegenseitig die Haare. An manchen Häusern war etwas aufgemalt. Dort, lernte er schnell, konnte man Reis, Trockenfisch und Streichhölzer kaufen. Es war eine neue Welt. Innerhalb weniger Jahre waren zwanzigtausend Menschen hierher gezogen. Im benachbarten Léopoldville hatten sich noch einmal zwölftausend niedergelassen. Sie stammten aus allen Gegenden des Landes. Ihre Sprachen verstand er nicht, und sie kamen aus Landstrichen, von denen er noch nie gehört hatte. Nur viertausend von ihnen waren Frauen. Es war eine Männerwelt voller Gebrüll, dröhnendem Gelächter und Heimweh. Die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; ähnelte in nichts dem traditionellen Dorf, es war eher ein großes Camp mit Arbeitern und Handwerkern, aber auch mit Boys, die sich jeden Tag in das Viertel der Weißen aufmachten, und mit Vagabunden, Schlafkranken, Dieben und Prostituierten.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1921 kam ich nach Kinshasa. Ich arbeitete für Monsieur Martens«, erzählte er mir. »Er besaß Hallen voller Diamanten aus Kasai. Die Diamanten kamen aus der Mine. In Kinshasa wurden sie sortiert. Ich musste Säcke mit Erde füllen und leeren.« Um seine Worte zu unterstreichen, zeigte er mir durch Gesten, dass er mit einer Schaufel gearbeitet hatte. »Füllen und leeren. Ich verdiente drei Franc im Monat.«30 Um Diebstähle zu vermeiden, wurden die Rohdiamanten nicht in den Minen sortiert. Das Konzentrat aus den Diamantenwäschereien wurde in ein zentrales Depot gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Umzug in die große Stadt, die bald die Hauptstadt der Kolonie werden sollte, war einem Körnchen Glas von zwanzig Milligramm zu verdanken, das Jahre zuvor viele hundert Kilometer östlich entdeckt worden war. 1907 fand Narcisse Janot, ein belgischer Prospektor, der zusammen mit einem Geologen durch Kasai streifte, ein Bröckchen Kristall, das nicht uninteressant aussah. Da er nicht über die Geräte verfügte, um an Ort und Stelle eine petrologische Analyse vorzunehmen, steckte er es in ein Röhrchen und nahm es mit nach Brüssel. Nach seiner Heimkehr beachtete er es jedoch nicht mehr, und das winzige Steinchen geriet zwischen den vielen anderen geologischen Mustern, die die Expedition mitgebracht hatte, in Vergessenheit. Erst ein paar Jahre später beschäftigte sich wieder jemand damit. Eine nähere Analyse zeigte, dass es sich tatsächlich um einen Diamanten handelte.31 Ein wahres Diamantenfieber brach aus. Es zeigte sich, dass es in Kasai Diamantvorkommen gab; hochwertige, für Juweliere geeignete Diamanten neben einer gröberen Art, für die in der Industrie Nachfrage herrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts hielt der Boden der Kolonie überaus angenehme Überraschungen in petto. Bereits 1892 hatte der junge Geologe Jules Cornet in Katanga sehr reiche Kupfervorkommen entdeckt; vor allem Fundorte wie Kambove, Likasi und Kipushi schienen außerordentlich vielversprechend. Abends in seinem Zelt notierte er: »Ich würde es nicht wagen, eine Zahl zu nennen, um eine Vorstellung von den riesigen Kupfervorkommen in den Gebieten zu vermitteln, die ich gerade erforscht habe: das würde allzu unerhört und unglaublich klingen.«32 König Leopold II. beschwor ihn, das Geheimnis für sich zu behalten, um nicht das Interesse der Briten zu wecken. Diese Vorsorge war vermutlich nicht unbegründet: Katangas Kupfervorkommen gehören, wie sich später herausstellen sollte, zu den reichsten der Welt. Manche Bodenschichten enthalten bis zu 16 Prozent reines Kupfer. Im gebirgigen Nordosten des Landes, an der Grenze zu Uganda, fanden zwei australische Prospektoren in einigen Flüssen winzige Krümel, die im Sonnenlicht glitzerten: Gold. Die Fundorte bei Kilo und Moto erwiesen sich als wichtigste Goldvorkommen Zentralafrikas. Und 1915 fand ein anderer Prospektor in Katanga ein gelbes, bleischweres Gestein, das ihn an die Entdeckungen von Pierre und Marie Curie erinnerte. Das Erz erwies sich nach eingehender Analyse tatsächlich als sehr uranreich. Am Fundort entstand die Mine von Shinkolobwe, lange Zeit weltweit der wichtigste Uranlieferant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden des Kongo enthielt einen wahren »geologischen Skandal«, wie Jules Cornet es ausdrückte. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Bis dahin hatte sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes ausschließlich auf biologische Reichtümer gerichtet – Elfenbein und Kautschuk –, nun entdeckte man, dass wenige Meter unter der Oberfläche ein noch viel größerer Reichtum ruhte. Katanga, die wenig verheißungsvolle Region, die Leopold 1884 fast zufällig annektiert hatte, beherbergte, wie sich plötzlich herausstellte, eine unglaubliche Schatzkammer. Neben Kupfer und Uran fand man dort bedeutende Lagerstätten von Zink, Kobalt, Zinn, Gold, Wolfram, Mangan, Tantal und Steinkohle. Die Entdeckung dieser immensen Bodenschätze kam übrigens gerade zur rechten Zeit. Die Einnahmen aus der Kautschukgewinnung sanken ab 1910 drastisch. Der Welthandelspreis für Kaut­schuk befand sich im freien Fall. 1901 machte Kautschuk 87 Prozent des kongolesischen Exports aus, 1928 nur noch 1 Prozent.33 »Derzeit«, so stellte ein Reisender schon 1922 fest, »und bis auf weiteres redet man im Kongo nicht mehr oder jedenfalls kaum noch über Kautschuk.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: So wie der &#039;&#039;rubber boom&#039;&#039; gerade zur rechten Zeit kam, um den rückläufigen Elfenbeinhandel zu kompensieren, kam der Bergbau gerade rechtzeitig, um die im Niedergang befindliche Kautschukwirtschaft abzulösen. Kein anderes Land auf der Welt hat es mit seinen Naturreichtümern so gut getroffen wie der Kongo. Jedes Mal, wenn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren auf dem Weltmarkt akute Nachfrage nach einem bestimmten Rohstoff herrschte – Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Strom aus Wasserkraft während der Ölkrise der siebziger Jahre, der in andere afrikanische Länder exportiert wurde, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie –, zeigte sich, dass der Kongo über riesige Vorkommen der begehrten Güter verfügte und die Nachfrage mühelos befriedigen konnte. Die Wirtschaftsgeschichte des Kongo zeichnet sich durch unwahrscheinliches Glück aus. Aber auch durch eine unwahrscheinliche Misere. Von den sagenhaften Gewinnen kam für gewöhnlich kein Krümel bei der Mehrheit der Bevölkerung an. Diese Diskrepanz zeigt die ganze Tragik. Nkasi, der einst im Schweiße seines Angesichts Säcke mit Erde leerschaufelte, in denen die Edelsteine steckten, hatte so gut wie gar nichts vom ganzen Diamantengeschäft. Heute ist er bettelarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialmacht waren die geologischen Funde jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Sie markierten den Beginn des Bergbaus, bis zur heutigen Zeit mit Abstand der wichtigste Zweig der kongolesischen Industrie. Doch Erz abbauen und bearbeiten war etwas anderes als Stoßzähne aufkaufen oder Körbe voller Kautschuk verlangen. Um hier Profite zu erzielen, mussten zunächst umfangreiche Investitionen getätigt werden. Man benötigte Gesteinsbrecher und Waschanlagen, Hochöfen, Schmelzhütten, Kräne und Walzen. Zudem kamen die wichtigsten Mineralien in Regionen vor, die vom Meer weit entfernt waren. Wenn man Afrika mit einer riesigen Birne verglich, dann war Katanga »vielleicht nicht die Mitte, aber doch einer ihrer besten Kerne«.35 Also mussten neue Eisenbahnlinien, Häfen, Telegraphenkabel und Straßen angelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Finanziert wurde das alles vom belgischen Staat und von Privatinvestoren. Die Goldminen von Kilo-Moto befanden sich anfangs ganz im Besitz des Staates, doch der gab ab 1926 dann doch Aktien aus. Anderswo griff man auf das System der Konzessionsgesellschaften zurück, das gleiche System, das den »roten Kautschuk« möglich gemacht hatte. Diese Unternehmen basierten auf privatem Kapital, doch in der Regel profitierte auch die Kasse der Kolonie. Das erfolgte nicht über eine Besteuerung (vor dem Ersten Weltkrieg gab es noch keine echten Gewinnsteuern), sondern über die pflichtgemäße Überlassung großer Aktienpakete an den Kolonialstaat. Dank dieses Aktienportfolios sicherte sich die Staatskasse von Belgisch-Kongo Dividenden in oft beträchtlicher Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1906 wurden drei Unternehmen gegründet, die im Bergbau eine entscheidende Rolle spielen sollten: &#039;&#039;Union Minière de Haut-Katanga&#039;&#039; (UMHK), &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière du Congo&#039;&#039; (Forminière) und &#039;&#039;Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039; (BCK). Das Startkapital der Union Minière stammte zur Hälfte von britischen Investoren und zur anderen Hälfte von der &#039;&#039;Generale Maat­schappij&#039;&#039;, der mächtigen belgischen Holdinggesellschaft, die schon seit 1822 die Fäden der nationalen Wirtschaft fest in der Hand hielt und sich vor allem auf Katanga richtete. Nachdem die früheste Ausbeutung durch eine privatwirtschaftliche Investitionsgesellschaft erfolgt war, der &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; von Albert Thys (die auch die Bahnlinie in Bas-Congo angelegt hatte), übernahm anschließend das &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039; (CSK) die weitere Erschließung des Gebiets. Das CSK hatte einen sehr eigenartigen rechtlichen Status: Es war kein klassisches Unternehmen, sondern eine halb staatliche Organisation unter Kontrolle des Kolonialstaates, eine Gesellschaft sui generis mit öffentlich-privatem Kapital und außergewöhnlichen Privilegien. Es war im Besitz aller Schürfrechte für die Hälfte von Katanga und zudem mit der politischen Verwaltung des Gebiets betraut. Das CSK, obgleich mehr eine Firma als eine Behörde, besaß sogar eine eigene Polizeitruppe. Es war ein Staat im Staate. Dieser sonderbare Zustand dauerte auch noch an, als 1906 die Union Minière antrat. Wirtschaftliche und politische Interessen waren weiterhin eng miteinander verquickt. Als absoluter industrieller Riese in Katanga schrieb das Unternehmen der Kolonialregierung oft mehr vor als die Kolonialregierung dem Unternehmen. So stand der Kolonialstaat im Dienst des Unternehmens bei der Anwerbung von Bergarbeitern. Katanga hatte also schon immer eine Form der Verwaltung, die sich vom Rest des Landes unterschied. Darin lag unter anderem der Keim für das spätere Unabhängigkeitsstreben der Region.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forminière war mit amerikanischem Kapital gegründet worden. Da die Diamantvorkommen über zahlreiche Lagerstätten verstreut waren, erhielt das Unternehmen zeitweilig ein Prospektionsgebiet von sage und schreibe hundert Millionen Hektar, das später auf zwei Millionen Hektar Exploitationsgebiet schrumpfte; es betrieb dort fünfzig Minen in der Gegend von Tshikapa und Bakwanga. 1913 förderte Forminière 15.000 Karat Diamanten, 1922 220.000 Karat.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BCK schließlich, die dritte 1906 gegründete Gesellschaft, war eine private Eisenbahngesellschaft mit französisch-belgischem Kapital, die eine Bahnlinie zwischen Katanga und Bas-Congo baute. Über diese Strecke sollte das Erz zum Meer transportiert werden, ohne das Territorium von Belgisch-Kongo zu verlassen. Sonst hätten alle Transporte durch portugiesische, deutsche oder britische Kolonien erfolgen müssen, was lästige Abhängigkeiten bedeutet hätte. Die neue Bahnlinie war 1928 fertig. BCK beschränkte sich jedoch nicht auf den Bau von Eisenbahnlinien. Das Unternehmen besaß auch umfangreiche Schürfrechte, und die erwiesen sich als ungemein lukrativ. Wie sich herausstellte, galt die Konzession für eine der weltweit größten Lagerstätten von Industriediamanten. Die erzielten Gewinne waren sagenhaft. Fast die Hälfte davon floss dem kongolesischen Staat zu.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Nkasi schaufelte. In dieser frühen Zeit bedeutete der Bergbau Handarbeit, sehr viel Handarbeit. Wer sollte die leisten? Dass Belgier selbst in Frage kamen, schien ausgeschlossen: »Südlich des Äquators kann der Belgier kaum andere Tätigkeiten ausüben als eine leitende Funktion. Die kontinuierliche körperliche Arbeit, jede Form von Handarbeit, die an sich schon belastend genug ist, ist ihm mehr oder weniger verboten.«38 Im dünn besiedelten Katanga erwog man eine Zeitlang, chinesische Gastarbeiter ins Land zu holen, aber eingedenk der verheerenden Sterberaten beim Bau der Eisenbahn verzichtete man dann doch darauf. Wer heute mit dem Helikopter Katanga überquert, zum Beispiel von Kalemie nach Lubumbashi, wie es mir im Juni 2007 vergönnt war, lernt viel über die Sozialgeschichte. Das UN-Flugzeug, mit dem ich reisen sollte, war aus Mangel an Passagieren unerwartet gegen einen heruntergekommenen &#039;&#039;chopper&#039;&#039; mit russischer Besatzung und Beschriftung ausgetauscht worden. Statt eines kurzen, zweistündigen Fluges wurde es eine Reise von sechs langen und geräuschvollen Stunden über einer menschenleeren Landschaft. Wir flogen in nur dreihundert Metern Höhe. Bäume, Büffel und Termitenhügel waren einzeln zu erkennen, Dörfer aber sahen wir kaum. Während ich, mit roten Ohrenschützern ausgestattet, durch das offene Fenster blickte, begriff ich viel von der Wandlung, die sich hier vor einem Jahrhundert vollzogen hatte. Wenn die Savanne heute, in Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, noch immer so leer ist, überlegte ich mir, wie viel desolater muss es dann hier vor einem Jahrhundert gewesen sein nach einer Pandemie der Schlafkrankheit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga strotzte von Erz, aber es gab niemand, der es ausgrub. In den isolierten Dörfern suchte man vergeblich nach Freiwilligen. Ab 1907 warb man Arbeiter jenseits der Grenze an: Jährlich kamen sechs- bis siebenhundert Rhodesier, um in den Kupferminen von Katanga zu arbeiten.39 1920 war ihre Zahl auf viele Tausende angestiegen; sie bildeten die Hälfte der afrikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeiter blieben höchstens sechs Monate im Dienst, sie lebten in &#039;&#039;compounds&#039;&#039;, wie in den Minen von Südafrika, und durften ihre Familien nicht mitbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Persönliche Zeugnisse dieser frühen Bergarbeiter sind so gut wie unauffindbar, bis auf eine seltene Ausnahme. »Ich kam am 4. Mai 1900 in Katanga an. Ich war als Arbeiter angeworben worden von Herrn Kantshingo«, erinnerte sich ein alter Mann. Er musste zu einer ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Arbeitskarte, auf der er einen Daumenabdruck hinterlassen musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab keine Häuser aus Stein oder Backstein. Die Schwarzen schliefen in Hütten, die Weißen in Zelten und in Termitenhügeln [sic]. Viele der Weißen waren Italiener. Die Vorarbeiter kamen aus Nyasaland [Malawi]. Die Umgangssprache war Kikabanga. Eine Spitzhacke hieß &#039;&#039;mutalimbi&#039;&#039;. Eine Schaufel hieß &#039;&#039;chibassu&#039;&#039;, eine Schubkarre &#039;&#039;pusi-pusi&#039;&#039;, ein Hammer &#039;&#039;hamalu&#039;&#039; [man beachte den Einfluss des Englischen]. Um vier Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Wir fingen um sechs Uhr an und hörten um fünf, sechs, sieben Uhr abends auf. Die Arbeiter bekamen schrecklich viel Prügel. (. . .) Wir bezahlten mit rhodesischem Geld. Das Bier, das wir tranken, hieß &#039;&#039;kataka&#039;&#039; und &#039;&#039;kibuku&#039;&#039;, es war aus Mais oder Hirse gebraut.40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1910 wurde Katanga an das Eisenbahnnetz angeschlossen, das die Briten in ihren südlichen Kolonien angelegt hatten. Von nun an gab es eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Katanga und Kapstadt. Bei dem kleinen Dorf Lubumbashi in der Nähe der Mine, die von Prospektoren &#039;&#039;Star of the Congo&#039;&#039; genannt wurde, schoss eine Stadt aus dem Boden: Elisabethville. 1910 lebten dort dreihundert Europäer und tausend Afrikaner; ein Jahr später: tausend Europäer und fünftausend Afrikaner.41 Die Stadt war von Anfang an mehr südafrikanisch als kongolesisch. Die schnurgeraden Alleen erinnerten an Pretoria, die weißen Häuser im kapholländischen Stil strahlten Behaglichkeit aus. Durch die rhodesischen Arbeiter und britischen Industriellen wurde Englisch die vorherrschende Sprache und das Pfund Sterling das gängigste Zahlungsmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfügen über ein außergewöhnliches Dokument, um diese Anfangsphase des katangesischen Bergbaus aus afrikanischer Perspektive zu verstehen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb André Yav, ein alter Mann, der sein ganzes Leben Boy in Elisabethville gewesen war, seine Erinnerungen nieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Union Minière aufmachte, kamen zuerst die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern, um dort zu arbeiten. Das waren Balamba, Baseba, Balemba, Basanga, Bayeke und Bene Mitumba. Es waren nicht viele, und sie wollten ihre Dörfer nicht wirklich verlassen und lange fort bleiben. Sie arbeiteten dort zwei, drei Monate und gingen wieder nach Hause. Nach einer Weile wurden die Orte, wo es Arbeit gab, groß. Dann riefen sie die Leute aus Luapula und Süd- und Nordrhodesien [heute Simbabwe und Sambia] herbei, und auch andere kamen: Balunda, Babemba, Barotse und auch Burschen aus Nyasaland. Sie hatten genug Kraft für die Arbeit, aber konnten ihr Dorf auch nicht lange verlassen. Nach sechs oder zehn Monaten kehrten sie nach Hause zurück.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei blieb es nicht. Rekrutierer zogen immer tiefer ins Inland von Katanga, um junge, kräftige Männer zusammenzutrommeln. Neben den offiziellen Instanzen waren in den frühen Jahren auch sehr viele &#039;&#039;private contractors&#039;&#039; aktiv – weiße Abenteurer, die versuchten, möglichst viele Jugendliche zu den Minen zu locken. Manche von ihnen gingen sogar bis nach Kasai und Maniema, Touren von achthundert Kilometern. Ihre Rekrutierungsmethoden waren oft fragwürdig: Sie bestachen Dorfvorsteher mit europäischen Luxusgütern wie Decken und Fahrrädern und belohnten sie pro Arbeiter, der ihnen gestellt wurde, mit einer Prämie. Über die Arbeitsbedingungen in der Mine schwiegen sie wohlweislich. Sie kauften Arbeiter, um sie weiterzuverkaufen. Häufig war Gewalt im Spiel. Im Grunde unterschied sich ihr Vorgehen kaum von der Rekrutierung durch die Force Publique 1890 oder der afro-arabischen Sklavenhändler 1850. Der pensionierte Boy ließ in seinen Lebenserinnerungen keine Missverständnisse darüber aufkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Basis konnten &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Changa-Changa [der afrikanische Beiname der Union Minière] und die anderen Weißen ihre Bergwerksgesellschaften gründen. (. . .) Was wir alles ertragen mussten, war unvorstellbar; auf dem Boden schlafen, von Schlangen gebissen werden, von Mücken und allerlei Arten Insekten. So erging es uns mit den Weißen, und das alles, um Erze zu finden in Katanga, und noch schlimmer war es mit den Weißen vom Comité spécial [du Katanga, aktiv bis 1910]. Damals mussten wir herumlaufen, mögliche Lagerstätten erkunden, in den Büschen und auf den Hügeln nach allerlei Sorten Steinen suchen. Und außerdem mussten wir, die Boys, den Weißen entlang allen Flüssen von Katanga, vom Kongo, von überall folgen.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterbringung dieser ersten Generation Bergarbeiter war oft erbärmlich. Sie mussten in Lagern hausen, weitab vom weißen Stadtzentrum. Die räumliche Segregation war seit 1913 gesetzlich verankert.44 Ihre Quartiere glichen eher Militärlagern als Stadtvierteln: rechtwinklig und fast ohne Schatten. Traditionelle Hütten standen streng in Reih und Glied. In jeder Hütte durften vier Arbeiter wohnen, jeder verfügte über vier Quadratmeter. Latrinen waren vorhanden, jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit lebten übermüdete Arbeiter in schlimmen Verhältnissen mit wenig Hygiene. Bei der Mine von Kambove mussten die Campbewohner manchmal buchstäblich durch den Dreck waten. Trinkwasser war knapp. Die Mine mit ihren Dampfmaschinen und Bohranlagen schluckte das meiste Wasser selbst. In der Trockenzeit tranken die Arbeiter aus Pfützen oder schlammigen Rinnsalen.45 Krankheiten blieben nicht aus. Dysenterie, Enteritis und Typhus forderten ihren Tribut, und lokale Grippeepidemien brachen in Elisa­bethville, bei The Star und in Kambove aus. 1916 starben an diesen drei Orten innerhalb von sechs Monaten 322 Arbeiter von den insgesamt fünftausend. Außerdem zogen sich viele Bergarbeiter aufgrund der schweren Arbeit in den staubigen Minen Lungenentzündungen zu oder erkrankten an Tuberkulose. Ein Viertel bis ein Drittel von ihnen wurde krank, aber eine Gesundheitsfürsorge war nur in Ansätzen vorhanden.46 1920 gab es rund siebzig Ärzte und einen Zahnarzt im gesamten Kongo; sie kümmerten sich vor allem um das Wohl der weißen Bevölkerung.47 Die Arbeiter machten viele Überstunden und erhielten einen kärglichen Lohn. Viele wurden apathisch und depressiv und bekamen Heimweh. Sie organisierten sich nur in geringem Grad, oft nach ethnischer Zugehörigkeit, um ihre Kranken zu versorgen, ihre Toten zu begraben, zu trinken und zu singen. Manche liefen fort, andere wagten das nicht. Bis 1922 waren Körperstrafen gesetzlich erlaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ergab eine erschütternde Bilanz. Die Kautschukgewinnung war Süd-Katanga weitgehend erspart geblieben, nun aber wurde die Region in einen schonungslosen Industriekapitalismus mitgerissen. André Yav, der ehemalige Boy, gelangte zu einer äußerst merkwürdigen, aber sehr vielsagenden Schlussfolgerung: Er war der Ansicht, dass König Albert I. viel schlechter sei als Leopold II., der immerhin noch »die Gesetze Afrikas und des Kongo respektiert« habe! Das bedurfte einer Erläuterung: »In der Zeit von König Leopold II. aßen die Boys zusammen mit den Weißen an einem Tisch. Der Weiße sah ihn als einen Angestellten. Sie waren nicht wie die Weißen, die nach Leopold II. kamen. Als er starb, wurde König Albert I. sein Nachfolger. Diese Weißen erließen strenge Verfügungen, und ihre Erlasse waren wirklich sehr schlecht. Sie waren es, die eine schlechte Art von Sklaverei für uns Kongolesen brachten.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso rücksichtslos waren die Zustände in den Goldminen von Kilo-Moto in der Provinz Orientale. Nur einer von acht Arbeitern schuftete dort freiwillig, die anderen waren in den umliegenden Dörfern erbeutet worden. Auch hier ging es um Menschenhandel und Zwangsarbeit. Rekrutierer zahlten einem Dorfvorsteher zehn Franc pro Arbeitskraft und führten die jungen Männer ab, die durch ein hölzernes Joch oder Seilschlingen um den Hals aneinandergefesselt waren. 1908 gab es achthundert Arbeiter, 1920 mehr als neuntausend.49 Im diamantenreichen Kasai arbeiteten 1923 etwa zwanzigtausend Afrikaner im Dienst von zweihundert Weißen.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich im Kongo somit eine erste Industrialisierungswelle und führte zur Proletarisierung vieler Menschen. Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen. Auch in dieser frühesten Phase handelte es sich um sehr große Zahlen. In Katanga, wo 60 Prozent der Arbeiter für die Union Minière tätig waren, stieg die Zahl der Bergarbeiter zwischen 1914 und 1921 von achttausend auf zweiundvierzigtausend und die Zahl der am Bau der Eisenbahn beteiligten Arbeiter von zehntausend auf 40.700. Kasai und die Provinz Orientale stellten zusammen dreißigtausend Arbeiter, in Kinshasa und Léopoldville wohnten außerdem noch dreißigtausend Migranten. Der Grund für diese massenhafte Anwerbung afrikanischer Arbeitskräfte war einfach: Schweiß war billiger als Benzin.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Proletarisierung beschränkte sich überdies nicht auf die Industrie. Auch die Landwirtschaft benötigte Arbeitskräfte, zumal die weißen Farmer nun Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen gründeten. Der größte Bedarf an Landarbeitern bestand jedoch im Palmölsektor. 1884 hatte ein gewisser William Lever in Liverpool mit der Herstellung von Seife in industriellem Maßstab begonnen. Die Stücke glitten wie am Fließband aus den Stanzen, und er taufte sein Produkt »Sunlight«. Dass sich sein Betrieb zum multinationalen Konzern Unilever entwickeln würde, war unter anderem dem Kongo zu verdanken. Die Seife wurde auf der Basis von Palmöl hergestellt, das Lever anfangs in Westafrika kaufte. Als ihm die britische Kolonialverwaltung keine günstigen Bedingungen mehr einräumte, gewährte ihm der belgische Staat 1911 eine sehr umfangreiche Konzession im Kongo. Er durfte nach eigenem Ermessen fünf Kreise mit einem Radius von sechzig Kilometern in Gebieten abgrenzen, in denen wilde Palmen im Überfluss wuchsen, insgesamt eine Fläche von 7,5 Millionen Hektar, zweieinhalbmal so groß wie Belgien. Das war der Anfang der &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; (HCB), eines Unternehmens, das insbesondere im Süden von Bandundu sehr aktiv war und sich zu einem riesigen Konzern entwickelte. In dieser Gegend um Kikwit entstand das Städtchen Leverville. Für die Ernte der Palmnüsse setzte das Unternehmen viele tausend Kongolesen ein, die in traditioneller Weise die Stämme hochkletterten, um die Fruchtbüschel abzuschlagen. Lever stand im Ruf eines großen Philanthropen, doch davon war im Kongo nicht viel zu sehen. Die Arbeiter wurden mit kärglichen fünfundzwanzig Centime pro Tag entlohnt und lebten unter primitiven Bedingungen. Erzwungene Rekrutierung und Bestechung von Dorfvorstehern war an der Tagesordnung. Dutzende von Dörfern mussten zugunsten der Industrie verschwinden. Dabei ging es ziemlich brutal zu. Heute erinnert man sich in Kikwit mit Bitterkeit an diese Zeit: Es war noch schlimmer als das, was die Gegend in den Kautschukjahren erlitten hatte.52 König Albert wird das 1912 sicher nicht vermutet haben, als er von William Lever eine Elfenbeindose mit dem ersten Stück Sunlight-Seife erhielt, die aus kongolesischem Palmöl hergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verdiente 3 Franc im Monat«, hatte Nkasi erzählt. Er wusste es noch so genau, weil er zum ersten Mal im Leben überhaupt Geld verdient hatte. Die einsetzende Industrialisierung des Kongo brachte nicht nur eine erste Form von Urbanisierung und Proletarisierung mit sich, sondern bewirkte auch einen einschneidenden Prozess der Monetarisierung. Zum ersten Mal bekam es die Bevölkerung in großem Maßstab mit so etwas Abstraktem wie Geld zu tun. Formale Zahlungsmittel waren nichts völlig Neues: in Bas-Congo benutzte man von jeher kleine, weiße Muscheln, in Katanga kleine, von Handwerkern gegossene Kreuze aus Kupfer und andernorts &#039;&#039;mitakos&#039;&#039;, jene Kupferstäbe, die die frühesten Kolonisatoren eingeführt hatten. Doch diese Zahlungsmittel wurden nur bei besonderen Geschäften verwendet. Es gab noch keine weit verbreitete Geldwirtschaft. Das änderte sich jedoch schnell. Um 1900 standen höchstens ein paar hundert Menschen in Bas-Congo in einem Arbeitsverhältnis, hauptsächlich bei der Eisenbahn, doch 1920, als Nkasi nach Kinshasa zog, waren es schon – über das ganze Land verbreitet – 123.000. Und damals sollte der echte Beschäftigungsboom erst noch beginnen: 1929 zählte man bereits 450.000 Arbeiter. Im Kongo entstand eine Geldwirtschaft.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Monetarisierung hatte gravierende Auswirkungen. Abermals manifestierte sich der Staat nachdrücklich im alltäglichen Leben. Man konnte kein Huhn mehr von der Nachbarin kaufen, ohne dass die Obrigkeit symbolisch daran teilhatte. Der jahrhundertealte Tauschhandel, ein transparentes Gefüge des Gebens und Nehmens, musste einem abstrakten, vom Staat aufgezwungenen System weichen. Man musste wohl oder übel darauf vertrauen, dass die seltsamen Zettel, auf denen eine weiße Frau in einem weißen Gewand prangte, tatsächlich einen Wert hatten. »Banque du Congo-Belge« stand auf diesem ersten kongolesischen Geldschein in eleganten Lettern, »un franc« – für den, der lesen konnte. Die Frau, die recht hellenistisch anmutete, trug ein Diadem. Ihr linker Arm ruhte auf einem großen Rad, im rechten Arm hielt sie eine Getreidegarbe.54 Es sollte wohl eine Allegorie auf die Landwirtschaft und den Gewerbefleiß darstellen, doch der durchschnittliche Kongolese war mit neoklassizistischer Graphik und mit Kitsch nicht so vertraut. In den frühen zwanziger Jahren hatten die Münzen eher einen Bezug zur lokalen Wirklichkeit: Sie enthielten die Abbildung einer Ölpalme, &#039;&#039;m&#039;bila&#039;&#039; in mehreren einheimischen Sprachen.55 Das Geld galt buchstäblich als Verbindung zwischen Staat und Industrie: Levers Konzern wurde bald als &#039;&#039;Compagnie m&#039;bila&#039;&#039; bezeichnet. Geld, das war Tauschhandel mit der Fabrik. Man gab seinen Leib und bekam dafür einen Lohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorteil war jedoch, dass Steuern künftig einfacher eingezogen werden konnten. Die Pflichtmitgliedschaft im Staat brauchte nicht länger in natura oder durch Arbeitsleistung abgegolten zu werden. Es war vorbei mit dem Schleppen von Lasten, dem Rudern auf dem Fluss oder dem Kautschuksammeln für die Weißen, es war vorbei mit der Regel, dass man vierzig Stunden im Monat dem Staat zu dienen hatte. Als Belgien den Kongo übernahm, führte es anfangs noch ein System ein, in dem auch andere Güter als Kautschuk als Steuern akzeptiert wurden – der koloniale Fiskus gab sich ebenso mit Maniokbrot, Kopal, Palmöl oder Hühnern zufrieden –, doch nach einiger Zeit mussten die Steuern dann doch in bar entrichtet werden. Joseph Njoli, ein Mann aus der Provinz Équateur, konnte sich noch gut daran erinnern, als er 1953 von einem Missionar gebeten wurde, sein langes Leben zu beschreiben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Kautschuk haben sie uns eine Steuer von Fisch und Maniok auferlegt. Nach den Fischen waren es Palmöl und Holz, das wir dem Distriktverwalter in Ikenge liefern mussten. Sein Name war Molo, der Weiße, der in Ikenge bei den Menschen am Flussufer wohnte. Wir kannten viele Formen der Fronarbeit. Dann kam ein anderer Weißer, Lokoka genannt. Er ließ die anderen Dienste stoppen und brachte uns Geld. Er sagte: »Ihr dürft die Steuern mit Geld bezahlen. Jeder muss 4,50 Franc bezahlen.« So wurde bei den Schwarzen das Geld eingeführt. Und heute leben wir noch immer in der Sklaverei der Belgier.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viereinhalb Franc pro Jahr, das war nicht übertrieben viel. Man hielt die Steuerlast bewusst niedrig. 1920 entsprach dieser Betrag sechs Kilo Kautschuk oder fünfundvierzig Kilo Palmfrüchten, fünfundvierzig Kilo Palmöl, fünfundvierzig Kilo Kopalharz, neun Hühnern, einer halben Ziege oder ein paar Dutzend Maniokbroten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Theoretisch wollte Belgisch-Kongo mit den üblen Gepflogenheiten des Freistaates brechen, doch in der Praxis sah es oft ganz anders aus. In den Zonen, in denen sich das internationale Großkapital niederließ, entstanden neue Formen von Ausbeutung und Knechtschaft. Es kam zu Migrationsströmen, die das Land eher zerrütteten als wiederaufbauten. Junge Männer landeten in schmuddeligen Arbeitercamps, während in den Dörfern nur noch Frauen und Alte übrig blieben. Ein großer Teil der Misere in den Jahren 1908-1921 war den vier langen Jahren des Ersten Weltkrieges zuzuschreiben, aber auch schon vorher war die Lage ziemlich trostlos. Es wäre falsch, alles auf diesen vermaledeiten Konflikt zu schieben. Der Große Krieg war nicht die Ursache, er verschlimmerte den Zustand allerdings.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 11. November 2008 goss es in Kinshasa wie aus Eimern. Selbst nach äquatorialen Maßstäben herrschte extrem starker Regenfall. Nicht Tropfen fielen vom Himmel, sondern Glasröhrchen, flüssige Reagenzgläser. Der Verkehr kam zum Erliegen, unaufhörlich wurde gehupt, als sollten die Pfützen zum Trocknen aufgefordert werden, und der Innenhof des Maison des Anciens Combattants glich einem Schwimmbad. In den fünfziger Jahren war hier ein Freiluftkino, jetzt diente das Haus als Vereinslokal für Kriegsveteranen. Hier trafen sich täglich die ehemaligen Soldaten aus den vielen Kriegen, die der Kongo erlebt hat. »Es ist unglaublich«, sagte ein belgischer Soldat in Uniform zu mir, »nichts ist wasserdicht in diesem Land, überall regnet es herein, aber hier bleibt das Wasser einfach stehen.« Er schaute auf den gepflasterten Innenhof. Ein Dutzend Jugendliche versuchten, das Wasser mit Eimern wegzuschöpfen, doch fast ohne sichtbares Ergebnis. Das Wasser stand mindestens dreißig Zentimeter hoch. »Hier kann man verdammt noch mal Kois züchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen strömten immer mehr Leute herbei. Frauen, in prachtvolle Tücher gewandet; die Absätze ihrer Pantoletten hinterließen kleine Kuhlen im Boden. Männer mit funkelnden Blasinstrumenten. Herren in Dreiteilern. Steinalte Soldaten in grüner Uniform. Natürlich, es war ihr Tag. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich. Unter einem Vordach standen sie und begutachteten gegenseitig ihre Orden, nahmen sie einander weg. »Sayo? Da warst du nicht dabei. Gib her.« Unter unwirschem Gebrummel wanderten Auszeichnungen von einer Jacke auf die andere. Es dauerte eine ganze Weile, bis jeder, der ein wenig Rauschgold tragen wollte, tatsächlich versorgt war. André Kitadi sagte zu mir: »Keiner von ihnen war dabei. Von den Veteranen von 40-45 sind in Kinshasa nur noch vier am Leben.« Er war einer von diesen vieren, ich hatte ihn früher schon einmal interviewt. Er gab nichts auf Orden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag wurde der neunzigste Jahrestag des Waffenstillstandes des Ersten Weltkriegs begangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste warteten unter Schutzdächern, bis der Innenhof wieder trocken war. Die Zeremonie sollte um elf Uhr beginnen, aber es war schon halb eins. Schließlich rückte jemand mit einer Pumpe an. Eine halbe Stunde später hatten sie auch Diesel aufgetrieben, und nach einer weiteren Viertelstunde sprang der Motor an. Nach fünf Minuten geräuschvollem Schlürfen war der Innenhof trocken und der Hintergarten des Maison des Anciens Combattants ein Morast. Die Gedenkfeier konnte beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1914 war der Kongo wie Belgien neutral. Das lag auf der Hand: Beide Länder waren einmal als Pufferstaat zwischen rivalisierenden Großmächten gedacht gewesen. Die Neutralität des Kongo ergab sich aus der Schlussakte der Berliner Konferenz. Doch am 15. August 1914, elf Tage nach dem deutschen Angriff auf Belgien, war es damit vorbei. Vor dem Dorf Mokolubu auf der kongolesischen Seite des Tanganjikasees tauchte ein Dampfschiff auf. Es kam von der gegenüberliegenden, deutschen Seite. Das Schiff feuerte auf ein Ausflugslokal und versenkte fünfzehn Pirogen. Eine Abteilung deutscher Soldaten ging an Land und schnitt an vierzehn Stellen die Telefonkabel durch.58 Eine Woche später erfolgte ein Angriff auf den Hafen von Lukuga. So begann im Kongo der Erste Weltkrieg. Die territoriale Integrität war bedroht, das Neutralitätsgebot galt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus war daran schuld, dass aus einem bewaffneten Konflikt in Europa ein Weltkrieg werden konnte. Auch große Teile Afrikas wurden in den Weltenbrand einbezogen. Die deutschen Kolonien in Ostafrika (später Ruanda, Burundi, Tansania) und Westafrika (später Togo, Kamerun und Namibia) grenzten auf allen Seiten an französischen, britischen, portugiesischen und belgischen Besitz. Belgisch-Kongo teilte im Nordwesten einige Dutzend Kilometer Grenze mit Kamerun, im Osten mehr als siebenhundert Kilometer mit Deutsch-Ostafrika. So war es nicht verwunderlich, dass Berlin schon seit geraumer Zeit Interesse an Belgisch-Kongo gezeigt hatte. Es wollte eine Brücke zwischen seinen östlichen und westlichen Kolonien schlagen, nicht zuletzt, um die britische Achse &#039;&#039;from Cape to Cairo&#039;&#039; zu brechen. War Kolonialisieren zudem nicht eine Aufgabe, die Großmächten zukam? Durfte man das überhaupt unbedeutenden Zwergstaaten wie Belgien überlassen?59 Noch 1914 wollte Deutschland mit Großbritannien über eine Aufteilung von Belgisch-Kongo verhandeln. Doch die Briten gingen nicht darauf ein, denn sie wussten nur allzu gut, dass das die Franzosen mit ihrem historischen Vorkaufsrecht auf den Kongo niemals schlucken würden.60 Indes fragte sich sogar in Belgien mancher, ob man den Hunger des Nachbarn im Osten nicht besser stillen sollte, indem man ihm die Hälfte des Kongo schenkte. Ein Gebiet von 680.000 Quadratkilometern Urwald, könnte das die teutonische Gefräßigkeit nicht dämpfen?61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kam doch zum Krieg, auch in Afrika. Niemand dort wusste, wer Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg war und warum ein wohlgezielter Schuss in Sarajevo zu Gemetzeln in der Savanne führen musste, doch die Weißen sprachen mit großem Ernst darüber. Die Kriegshandlungen in Afrika hatten allerdings nichts mit den unverrückbaren Fronten des Stellungskrieges in Europa gemeinsam. Es gab keine kontinuierliche, eindeutige Front wie die Linie, die von der Nordsee bis zur Schweiz verlief. Es gab keine Schützengräben, keine Angriffe mit Senfgas, keine Stellungen, die untergraben und mit Dynamit gesprengt wurden, keine Weihnachtswaffenruhe mit Fußballspielen im Niemandsland. Die Dimensionen des afrikanischen Kontinents, die geringe Erschließung durch Straßen, der Mangel an Soldaten und die oft extrem unwegsame Topographie waren die Ursache für eine ganz andere Form der Kriegsführung. Nicht Gebiete wurden erobert, sondern strategisch wichtige Orte. Nicht geschlossene Fronten wurden durchbrochen, sondern örtliche Regimenter besiegt. Es wurden keine Zonen okkupiert, sondern Straßen kontrolliert. Die Intensität war viel geringer. In Deutsch-Ostafrika behauptete sich General von Lettow-Vorbeck vier Jahre lang mit einer Armee von dreitausend Deutschen und elftausend Afrikanern – in Verdun war das die Zahl der Gefallenen an einem einzigen Vormittag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung in Brüssel teilte dem Generalgouverneur mit, er dürfe die Force Publique einsetzen, um die Kolonie zu verteidigen. Später, als die belgische Regierung nach Le Havre ins Exil gegangen war, gab es eine intensive Kommunikation mit der Kolonialverwaltung in Boma. Doch nun war das keine politische Einbahnstraße Europa – Kongo mehr: Während Belgien nahezu vollständig von den deutschen Truppen überrannt wurde, blieb das Territorium der Kolonie während des gesamten Krieges so gut wie intakt. Das Verhältnis hatte sich plötzlich gewandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Truppen kämpften an drei Fronten: Kamerun, Rhodesien und in Deutsch-Ostafrika. In den ersten beiden Fällen waren die Kampfeinsätze relativ überschaubar. 1914 unterstützten sechshundert Soldaten und eine Handvoll weißer Kommandanten die Truppen der Entente im Kampf um Kamerun. Und ein Jahr später marschierten 283 kongolesische und sieben belgische Soldaten mit den britischen Kolonialtruppen auf, als die Deutschen Rhodesien bedrohten. Doch die weitaus größte Machtentfaltung fand im Osten der Kolonie statt. Im Kivu-Gebiet war die Grenze zwischen belgischem und deutschem Territorium erst 1910 festgelegt worden. Ab 1915 versuchten deutsche Truppen jedoch wiederholt, in den Kivu vorzudringen, um von dort aus zu den Goldminen von Kilo-Moto im Ituri-Wald vorzustoßen. Sie scheiterten, erlangten aber die Kontrolle über zwei der Großen Seen: den Tanganjikasee und den viel kleineren Kivusee. Mit ihren Kriegsschiffen, der Kingani, der Hedwig von Wissmann und vor allem der Graf Goetzen (tausend Tonnen schwer), patroullierten sie vor den kongolesischen Seeufern. Im Kivusee hatten sie sich der Insel Idjwi bemächtigt; das war der einzige Teil Belgisch-Kongos, der unter deutscher Besatzung stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf um den Tanganjikasee wurde zu einem der legendärsten Kämpfe im gesamten Ersten Weltkrieg. Von Südafrika aus schmuggelten britische Truppen die Einzelteile von zwei schnellen, wendigen Kanonenbooten an die Seeufer. Schiffe in Einzelteilen über Land tragen: das erinnerte an die Zeit Stanleys. Unter den Tarnnamen Mimi und Toutou spielten sie eine entscheidende Rolle bei der Schwächung der deutschen marinen Schlagkraft. Möglicherweise noch unvorstellbarer war die Initiative, die belgischen Kolonialtruppen am Tanganjikasee durch vier kleine Wasserflugzeuge zu verstärken. Die Luftfahrt befand sich noch in den Kinderschuhen, die koloniale Luftfahrt ohnehin. Niemand wusste, wie die leichten Maschinen bei tropischer Hitze reagieren würden. Niemand hatte Erfahrung mit der Luftfahrt in Zeiten des Krieges, geschweige denn mit zerbrechlichen Doppeldeckern, die vom Wasser aus starten sollten. Die vier Maschinen kamen in Einzelteilen per Schiff in Matadi an. Mit Eisenbahnzügen wurden sie nach Kinshasa transportiert und dort auf einen Frachter umgeladen, der sie nach Kisangani brachte. Einen Monat später erreichten sie Kalemie. Fünfhundert Tonnen Material, 53.000 Liter Treibstoff und Öl, vier Maschinengewehre und dreißigtausend Patronen. Da der Tanganjikasee wegen des Wellenganges nicht als Start- und Landebahn dienen konnte, brachte man die Flugzeuge zu einer geschlossenen Lagune in dreißig Kilometer Entfernung. Die Lagune war der Sicht des Feindes entzogen, und das Wasser kräuselte sich nur leicht. 1916 überflogen die Doppeldecker den Tanganjikasee mehrmals, vor allem mit dem Ziel, die Graf Goetzen zu bombardieren, was ihnen am 10. Juli auch gelang. (Doch das Schiff wurde nicht versenkt. Im Jahr 2010 ist es noch immer in Betrieb – als Fähre auf dem See, auf dem es als Kriegsschiff ein ruhmloses Ende fand.) Die Verteidigung des deutschen Uferstreifens und insbesondere des Städtchens Kigoma war gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen war die Infanterie nicht untätig. Der Kommandant der Force Publique, General Tombeur, stellte an der Ostgrenze des Kongo eine große Streitmacht auf – fünfzehntausend Soldaten, alle mit Gewehren und Munition ausgestattet. Logistisch gesehen muss es ein Albtraum gewesen sein, das ganze Material heranzuschaffen. Abertausende von Trägern erledigten den Transport. Für jeden Soldaten, der in den Kampf zog, wurden an die sieben Träger benötigt. Alles in allem traten während der vier Kriegsjahre 260.000 Träger an, und das bei einer Bevölkerung von nicht einmal zehn Millionen. Viele von ihnen waren nach einiger Zeit unterernährt. Trinkwasser war knapp. Sie tranken aus Tümpeln, sie tranken ihren eigenen Urin. Während sie über die Hochebene von Kivu mit ihren kühlen Nächten zogen, herrschte bitterer Mangel an Nahrungsmitteln, Zelten und Decken. Schätzungen zufolge kamen fünfundzwanzigtausend Träger um. Etwa zweitausend Soldaten verloren das Leben; auf dem Höhepunkt des Kampfes war die Streitmacht auf fünfundzwanzigtausend Soldaten angewachsen. Doch anders als beim Feldzug in den Sudan 1896 kam es trotz allem kaum zu Fahnenflucht oder Meuterei, teils, da die weißen Offiziere die afrikanischen Hilfstruppen mit mehr Milde behandelten, teils, da es ein Siegeszug wurde, aus dem die Soldaten Mut schöpften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1916 sah Tombeur den richtigen Zeitpunkt für den Angriff gekommen. Die Truppen überschritten die Grenze zu Deutsch-Ostafrika, und der Feldzug nach Kigali, der späteren Hauptstadt von Ruanda, begann. Am 6. Mai fiel die Stadt. Von dort aus ging es weiter nach Tabora, dem administrativen Knotenpunkt der deutschen Kolonie. Bis zu dieser Stadt waren es noch einmal sechshundert Kilometer Luftlinie, die zu Fuß bewältigt werden mussten, wieder mit mehreren zehntausend Trägern. Eine andere Kolonne machte sich von den Ufern des Tanganjikasees aus auf den Weg. Tabora war eine ansehnliche Stadt mit ein paar großen Hotels, Handelshäusern, Manufakturen und Werkstätten, zwölfhundert Meter über dem Meeresspiegel auf einer offenen, kargen Ebene gelegen. Der Kampf um Tabora bildete den Höhepunkt der belgischen Kolonialkämpfe im Ersten Weltkrieg. Am 19. September, nach zehn Tagen und Nächten heftiger Kämpfe, fiel die Stadt in die Hände der Truppen von Belgisch-Kongo. Die deutschen Einheiten flohen; auf ihrem Fort wehte nun die belgische Trikolore. Ein Jahr später, 1917, führte die Force Publique von dort aus einen erfolgreichen Feldzug nach Mahenge, noch einmal fünfhundert Kilometer weiter in Richtung Mosambik, und kontrollierte nun ein Drittel von Deutsch-Ostafrika. Einige Truppenteile stießen sogar bis zum Indischen Ozean vor, aber Tabora war der Name, den damals jeder kannte. General Tombeur wurde in den Adelsstand erhoben – sein neuer Name lautete, auf einmal recht passend, Tombeur de Tabora –, und in Saint-Gilles bei Brüssel wurde ein stilisiertes Denkmal für ihn errichtet. Im Kongo bekam Tabora den Beiklang einer mythischen Eroberung, von der noch Generationen Schulkinder hören sollten. »[König] Albert gibt Acht auf den Feind«, sangen die Schüler der Maristenpatres in Kisangani, »Mit großer Wachsamkeit / In Europa und in der Stadt Tabora / Behält er sie im Auge.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin Kabuya, der 92-jährige ehemalige Soldat, dessen Großvater während des Sudanfeldzuges lebendig begraben worden war, war zwei Jahre alt, als der Krieg endete. Sein anderer Großvater, mütterlicherseits, hatte den Kampf aus der Nähe miterlebt. Als wir an einem glutheißen Tag in seinem Garten saßen, erzählte er mir: »Mein Großvater hieß Matthias Dinda und war 1898 geboren. Er war ein Zande aus dem Norden des Kongo. Unser Stamm kommt ursprünglich aus dem Sudan, wir sind eigentlich alle Sudanesen. Er war sehr stark, er jagte Leoparden. Er trat in die Force Publique ein und wurde &#039;&#039;soldat de première classe&#039;&#039;, der höchste Rang für einen Schwarzen. Von Goma aus marschierte er in Ruanda ein, und in Burundi und in Tansania, in all die deutschen Gebiete. Er war dabei, als Tabora fiel.« Er schwieg einen Moment. Eine Eidechse mit orangefarbenem Kopf huschte über die Mauer. »Mein Großvater war ein Freund des Mannes, der dort die Fahne gehisst hat. Er gab ihm damals sogar Deckung. Er war ein sehr großer Kämpfer.«63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya sah ich bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand in der Maison des Anciens Combattants wieder. Die Gäste, es waren mehrere Dutzend, nahmen auf dem inzwischen trockenen Innenhof Platz. Er saß ganz vorn bei den Veteranen. Man hatte Gartenstühle aus Plastik für sie bereitgestellt. Ein Podium mit schickeren Stühlen füllte sich mit militärischen und zivilen Würdenträgern. Als die Blaskapelle die belgische und die kongolesische Nationalhymne anstimmte, sprangen alle auf, und die Soldaten und Offiziere salutierten minutenlang. Es war wirklich ergreifend: Waffenstillstand feiern in Kinshasa, während im Osten des Landes Laurent Nkundas Rebellen ihre heftigste Offensive führten. Einer der Veteranen von 40-45 sagte bei seiner Ansprache: »Das erfüllt uns mit Empörung und Abscheu. Wenn wir noch in dem Alter von 1940 wären, würden wir zu den Waffen greifen und die Unruhestifter entwaffnen.«64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Ansprachen war es Zeit für die alljährliche &#039;&#039;remise des cadeaux&#039;&#039;, das Verteilen der Geschenke. Der Vorsitzende eines Veteranenvereins bekam von einem Vize-Minister einen Kühlschrank geschenkt, ein anderer Ordensträger empfing vom belgischen Militärattaché zehn Kilo Maniokmehl, aber das bedeutendste Geschenk – ein Ghettoblaster, importiert aus China – erhielt eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die schlicht als &#039;&#039;»la veuve«&#039;&#039; aufgerufen wurde. Ihr Name war Hélène Nzimbu Diluzeyi, sie war 94 Jahre alt und die letzte Witwe eines Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Festakt gab es Bier, Cola und Häppchen. Eine kleine Band spielte sicher eine halbe Stunde lang das Stück »Ancien combattant« von Zao, einem Sänger aus Kongo-Brazzaville, vielleicht der schönste Song der kongolesischen Popmusik. &#039;&#039;»La guerre, ce n&#039;est pas bon, ce n&#039;est pas bon«&#039;&#039;, ertönte es. Die betagten Soldaten begannen auf dem Innenhof zu tanzen. Manche bewegten sich vorsichtig im Takt der Musik, andere spielten Krieg: Jemand hielt einen Regenschirm wie ein Gewehr und tat so, als schieße er, ein anderer ließ sich in Zeitlupe zu Boden fallen, zuckte mit allen Gliedern zur Musik und stellte sich dann tot. La veuve schaute amüsiert zu, klatschte in die Hände und lachte hin und wieder schallend über die brillante Pantomime.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Fest dem Ende zuging, brachte ich sie nach Hause. Sie wohnte in dem Viertel Kasa-Vubu. Auf den schlammigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; lavierten wir um ausgedehnte Pfützen herum. Sie klammerte sich an meinen linken Arm, unterm anderen Arm trug ich den Riesenkarton mit dem Ghettoblaster. Es war das erste Mal, dass ich Arm in Arm mit der Witwe eines Kriegsveteranen ging. Auf dem kleinen Hof setzten wir uns unter die voll bestückte Wäscheleine. Kinder und Enkelkinder kamen hinzu. Ihr Sohn dolmetschte. »Mein Mann hieß Thomas Masamba Lumoso«, begann sie, »er wurde 1896 geboren. Als er zehn war, kam er nach Kin. Die evangelischen Missionare brachten ihm Englisch bei, danach gaben sie ihn der Armee. Dort bekam er eine Kampfuniform. In Khaki.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nein, Mama, das war viel später. Damals trugen sie noch eine blaue Uniform mit rotem Fes.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? &#039;&#039;En tout cas&#039;&#039;, er war achtzehn, als der Krieg anfing. Er war bei der TSF, als Korporal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
TSF, fiel mir ein, das war die &#039;&#039;télégraphie sans fil&#039;&#039;, die Funkverbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ging dahin, wo Krieg war. Überall. Aber er wurde nie verwundet. Gott hat ihn sehr beschützt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, pflichtete ihr Sohn ihr bei, »und er sprach viele Sprachen. Swahili, Kimongo, Mbunza, Tschiluba, Kinzande, aber auch Flämisch, Französisch, Englisch und durch den Krieg sogar ein bisschen Deutsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deutsch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so was wie &#039;&#039;Guten Tag! Wie geht&#039;s? Danke schön!.&#039;&#039; Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber das hat er immer gesagt.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das einzige Mal bei meinen zehn Reisen durch den Kongo, dass ich jemandem begegnete, der deutsche Wörter kannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sah ich bei seinem anderen Sohn, Oberst Yoka, noch ein Foto des Kriegsveteranen. In Uniform, mit Orden und sehr ernstem Gesicht. In einem Rapport von 1921 war er als »aktiv und aufrichtig« bezeichnet worden. Aber das interessanteste Dokument über seinen Vater, das mir Oberst Yoka zeigte, war ein Brief von dessen belgischem Oberstleutnant: »Der vorerwähnte Masamba aus dem Dorf Lugosi war als Ordonnanz im Dienste der TSF vom 9. August 1914 bis zum 5. Oktober 1918.« Unterzeichnet, am 7. Oktober 1918, von einem gewissen Vancleinghem, soweit sich die Handschrift entziffern ließ. Die Daten waren aufschlussreich: Die Dienstzeit dieses Soldaten entsprach ja voll und ganz der Dauer des Ersten Weltkrieges. Fünf Tage nach Kriegsbeginn trat er in Dienst, und einen Monat vor dem Waffenstillstand war seine Militärzeit beendet.66 Der letzte Veteran war auch der Soldat mit der längsten Dienstzeit gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weltkrieg hatte nicht nur Folgen für die Männer der Force Pu­blique. In den Bergwerken von Katanga waren die Kumpel nicht untätig. Der Abbau lief unter Hochdruck. Die finanziellen Verbindungen mit Brüssel waren zwar gekappt, aber die Nachfrage nach Kupfer nahm durch den Krieg dramatisch zu. Der Umfang der kolonialen Exporte stieg von 52 Millionen belgischer Franc 1914 auf 164 Millionen im Jahr 1917.67 Die britischen und amerikanischen Granaten in Passendale, Ypern, Verdun und an der Somme hatten Messingummantelungen, die zu 75 Prozent katangesisches Kupfer enthielten. Teile ihrer Geschütze bestanden aus reinem, gehärteten Kupfer. In den aus Neusilber bestehenden Patronenhülsen der Gewehrmunition war zu 80 Prozent Kupfer verarbeitet. Torpedos und Schiffsinstrumente wurden aus Kupfer, Bronze und Messing gefertigt.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch außerhalb der großen Industriegebiete bekamen viele Kongolesen zu spüren, dass Krieg herrschte. In der Provinz Orientale wurden Bauern gezwungen, Reis für die Truppenversorgung anzubauen. Andernorts verpflichtete die Regierung die Bevölkerung zum Baumwollanbau; das kam dem Export zugute, aber auch den lokalen Textilfabriken. Es entstand ein ganzes System von &#039;&#039;cultures obligatoires&#039;&#039;, dem von der Regierung vorgeschriebenen Pflichtanbau von Gewächsen. Das rührte viele unangenehme Erinnerungen auf. Nkasi und Lutunu haben in ihren Dörfern in Bas-Congo vielleicht wenig vom Krieg gemerkt, doch für viele Kongolesen im Landesinneren bedeutete er ein schweres Joch. Und wie es öfter in der Geschichte des Kongo der Fall war, nahm der Protest dagegen eine religiöse Form an.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1915 hatte im Ekonda-Gebiet in der Provinz Équateur eine Frau namens Maria Nkoi eine mystische Erfahrung. Sie gewann die Überzeugung, Heilkräfte zu besitzen und prophetische Pflichten erfüllen zu müssen. Fortan war sie bekannt als &#039;&#039;Marie aux Léopards&#039;&#039;, Marie mit den Leoparden.70 Sie behandelte Kranke und predigte ihren Glauben. Zugleich rief sie zur Revolte gegen die Kolonialmacht auf und weissagte, dass der Kongo bald von den &#039;&#039;»djermani«&#039;&#039;, den Deutschen, befreit würde.71 Mit ihren aufrührerischen Reden brachte sie die lokale Verwaltung gegen sich auf, und sie wurde verhaftet. Ihre Geschichte erinnert an die von Kimpa Vita, die 1704 in den Ruinen der Kathedrale von Mbanza Kongo eine alternative Form des Christentums gepredigt hatte und deshalb ebenfalls verfolgt worden war. Auch damals befand sich die europäische Macht in einer Krise, auch damals fürchtete man sich vor den Folgen einer religiösen Erweckungsbewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befreit werden von den Deutschen? Daran wagten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana nun doch zu zweifeln. Die Deutschen hatten sie doch verflixt noch mal gefangen genommen! Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser &#039;&#039;métis&#039;&#039; war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris.72 Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte.73 Der überwiegende Teil des Korps bestand aus ehemaligen Soldaten der Kolonialtruppe; das Kommando führte Oberst Chaltin. Sie waren die einzigen Belgier mit Kriegserfahrung; sie hatten während der sogenannten arabischen Kampagne und der Sudan-Feldzüge gekämpft. Doch auch das nützte nichts. Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die »Königlich Preußische Phonographische Kommission« und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache.74 Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Belgisch-Kongo waren gravierend. Zunächst in territorialer Hinsicht. Auf der Versailler Konferenz wurde 1919 beschlossen, die deutschen Kolonien unter den Siegermächten zu verteilen. Kamerun und Togo wurden französisch und britisch, Deutsch-Ostafrika britisch und Namibia wurde dem britischen &#039;&#039;Dominion&#039;&#039; Südafrika anvertraut. Belgien wurde das Mandat über zwei winzige Länder an der Ostgrenze des Kongo übertragen, die historischen Königreiche Ruanda und Burundi (damals noch Urundi). 1923 bestätigte der Völkerbund diese Mandatsgebiete. Auf dem Papier war ein Mandatsgebiet keine Kolonie, in der Praxis machte es kaum einen Unterschied. Auch hier wandte man das rigide und erst vor einiger Zeit entwickelte Begriffssystem der Anthropologie an. Auch in den Mandatsgebieten, so erklärte man, gebe es »Rassen«. Die waren absolut: jemand war entweder Tutsi oder Hutu oder Twa (Pygmäe). Seit den dreißiger Jahren wurde das auch im Pass vermerkt. Dass die Grenzen zwischen diesen tribalen Gruppen jahrhundertelang diffus gewesen waren, wurde dabei nicht berücksichtigt. Diese Nachlässigkeit sollte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verheerende Folgen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kongo bedeutete der Krieg eine Art Pause-Knopf für die Sozialgeschichte. Die halbherzigen Bemühungen, die Lage der einheimischen Bevölkerung durch die Schaffung besserer Unterkünfte bei den Bergwerken oder durch groß angelegte Kampagnen gegen die Schlafkrankheit zu verbessern, wurden auf die lange Bank geschoben. Die Volksgesundheit war nach diesen vier aufreibenden Jahren erneut in einem äußerst prekären Zustand. Als 1918-1919 die Spanische Grippe weltweit fünfzig bis hundert Millionen Opfer forderte, waren darunter eine halbe Million Menschen im Kongo. »Die Spanische Grippe«, sagte der 92-jährige Kabuya zu mir, »daran sind viele gestorben.« Es war wie beim Bevölkerungsschwund von 1905. Der Pause-Knopf war eine Rückspultaste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sichtweise der Belgier hatte sich jedoch durchaus etwas verändert. Zum ersten Mal betrachteten sie die Lage der Kongolesen mit Mitgefühl. Man sah ein, dass sie wegen eines Krieges, der nicht der ihre war, viel erlitten hatten. Zudem hatte die Kriegserfahrung unter den Soldaten ein Gefühl der Brüderschaft bewirkt. Ein belgischer Offizier der Force Publique äußerte sich darüber in den höchsten Tönen: »Nein, diese Männer, die haben gekämpft, gelitten, gehofft, sich gesehnt, sich durchgebissen und gesiegt, mit uns, für uns, wie wir, das sind keine . . . das sind nicht mehr Wilde oder Barbaren. Wenn sie uns im Leid und im höchsten Opfer ebenbürtig sein konnten, dann müssen sie, dann werden sie das auch in puncto Kultur werden.«76 Die Soldaten der Force Publique hatten großen Mut und Loyalität bewiesen, selbst in schwierigsten Situationen. Das nötigte zu größerer Milde und, ja, größerer Anteilnahme am Schicksal der Afrikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kongolesen war es jedoch eine ambivalente Erfahrung. Viele Soldaten identifizierten sich mit den unverkennbaren militärischen Erfolgen der Belgier. Der Siegesrausch schmeckte süß und schmiedete neue Bande, die zweifellos aufrichtig und herzlich waren. Die Belgier konnten durch die Luft fliegen und auf dem Wasser landen! Aber die Kriegsanstrengungen waren für viele einfache Kongolesen eine zentnerschwere Last. Zudem, und das war am ernüchterndsten, hatten sie erlebt, wie die Weißen, die ihnen beigebracht hatten, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, einander vier Jahre lang aus nebulösen Gründen mit einem Ehrfurcht gebietenden Waffenarsenal nach dem Leben getrachtet hatten in einem Konflikt, der mehr Tote forderte als sämtliche Stammeskriege, an die sie sich erinnern konnten. Und das wirkte sich dann doch auf den Respekt aus, den sie ihnen entgegenbrachten. Er bröckelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 4 Im Klammergriff der Angst ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zunehmende Unruhe und gegenseitiges Misstrauen in Friedenszeiten 1921-1940 ===&lt;br /&gt;
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den ersten Jahrzehnten Belgisch-Kongos in Gang gekommen waren, setzten sich in der Zwischenkriegszeit unvermindert fort. Die Industrie gewann rasant an Fahrt. Immer mehr Menschen verließen ihre Dörfer und verdingten sich als Arbeitskräfte. Die ersten Städte entstanden. Stämme vermischten sich dort, neue Lebensstile kamen auf. Am Sonntagnachmittag ging man tanzen zur Musik von Tino Rossi, während die vorige Generation noch zum Rhythmus des Tamtam getanzt hatte. Aber auch auf dem Land stand die Zeit nicht still. Das während des Ersten Weltkrieges eingeführte System des Pflichtanbaus wurde nun überall angewandt. Die Missionsstationen dehnten ihren Zugriff auf die Seelen der Bevölkerung aus. Schulen und Krankenhäuser wurden auch an abgelegenen Orten errichtet. Die Teams zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zogen bis in die kleinsten Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gesehen stand alles im Zeichen einer Expansion, ein Prozess, der sowohl den Kolonisatoren als auch den Einheimischen nutzte. So stellte man es jedenfalls gern dar. »Seit dem Weltkrieg 1914-1918 wurde die Ruhe im Kongo nie empfindlich gestört«, schrieb ein katholischer Schulleiter aus der tiefsten flandrischen Provinz. »Ein paar kleine, unbedeutende Krawalle, nicht selten durch Geheimsekten und Hexer angestachelt, konnten manchmal ein begrenztes Gebiet unsicher machen. (. . .) Das &#039;&#039;Bula-Matari&#039;&#039;, so bezeichnen die Eingeborenen die belgische Verwaltung im Kongo, kann im Allgemeinen auf die Fügsamkeit und den Respekt der Neger vor der angestammten Obrigkeit bauen, jedenfalls, solange die Staatsdiener selbst die &#039;&#039;Anforderungen an einen guten Kolonialbeamten&#039;&#039; beachten und sich durch ein &#039;&#039;geordnetes und sittliches Leben&#039;&#039;, durch &#039;&#039;ernsthafte Menschenliebe&#039;&#039; und &#039;&#039;energische Willenskraft&#039;&#039; auszeichnen.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nun maßlos übertrieben. Die Kolonialbeamten mochten noch so viel ernsthafte Menschenliebe und energische Willenskraft an den Tag legen, aber dem wachsenden Unmut unter der einheimischen Bevölkerung vermochten sie nicht die Stirn zu bieten. Es handelte sich nicht um »ein paar kleine, unbedeutende Krawalle«, die »ein begrenztes Gebiet« aufstörten, sondern um signifikante Volkserhebungen, die sich – trotz rigoroser Unterdrückungsmaßnahmen der Kolonialregierung – über große Teile der Kolonie erstrecken konnten. Das plötzliche Unabhängigkeitsfieber, das sich ab 1955 manifestierte, war ganz und gar nicht neu, sondern hatte eine sehr lange Vorgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir zuerst Nkasis jüngerem Bruder einen Besuch abstatten. Und dem Heiligen Geist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottes Wege sind unergründlich, und die Wege und Straßen, die zum Heiligen Geist führen, sind erbärmlich, vor allem, seit er in Nkamba ansässig ist. Von Kinshasa nach Mbanza-Ngungu, dem früheren Thysville, ist die Straße ausgezeichnet. Vor einigen Jahren taten sich Europäer und Chinesen zusammen, um den Kongo mit wenigstens einer ordentlichen Straße auszustatten, die Route, die Kinshasa mit der Hafenstadt Matadi verbindet. Doch sobald wir diese Hauptstraße verlassen, befinden wir uns auf einer Sandpiste, und aus der Sandpiste wird Morast, sodass wir nur noch im Schneckentempo vorankommen. Von Mbanza-Ngungu nach Nkamba sind es achtzig Kilometer, für die wir drei Stunden brauchen. Ein Rekordtempo, erfahren wir später. Die Straße nach Nkamba ist nun wirklich kein &#039;&#039;dirt track&#039;&#039;, wo nur ganz selten einmal ein Auto entlangfährt. Alljährlich sind hier Abertausende von Pilgern unterwegs zu ihren spirituellen Wurzeln. Sie sprechen nicht von Nkamba, sondern von der Heiligen Stadt oder &#039;&#039;la nouvelle Jérusalem&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba kam am 24. September 1889, einige Jahre nach Nkasi, Simon Kimbangu zur Welt. Seine Kinder- und Jugendzeit unterschied sich kaum von der seiner Altersgenossen, doch er sollte als ein wichtiger Prophet in die Geschichte eingehen. Nur wenigen ist es beschieden, dass eine Religion nach ihnen benannt wird, Simon Kimbangu aber durfte sich in eine Reihe stellen mit Christus und Buddha: Der Kimbanguismus ist im Kongo noch heute eine lebendige Religion, zu der sich zehn Prozent aller Gläubigen im Land bekennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hatte es mir selbst erzählt: »Kimbangu, das war keine Zauberei. Er war von Gott gesandt. Ein sechzehnjähriges Mädchen, das schon vier Tage tot war, hat er wieder zum Leben erweckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen und Kolonisatoren hörten von diesem merkwürdigen Mann zum ersten Mal 1921, im Jahr der angeblichen Wiederauferstehung, Nkasi aber kannte ihn schon viel länger. Sie stammten aus derselben Gegend. Nkamba und Ntimansi, ihre Heimatdörfer, lagen in Gehweite voneinander entfernt. »Ach . . . wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bon . . . Simon Kimbangu kannte ich schon in den achtzehnhunderter Jahren. Wenn er sagte: ›Jetzt geht es nach Brüssel«, dann war er auch eine Sekunde später in Brüssel. Und er hat auch meinen jüngeren Brüder geheilt!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straße ist miserabel, aber in der Heiligen Stadt anzukommen entschädigt für die Strapazen. Die Gegend ist hügelig. In den Tälern rauschen Eukalyptusbäume und spenden angenehmen Schatten. Nkamba selbst liegt auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht über Bas-Congo. Es weht eine erfrischende Brise. Allerdings kommt man nicht einfach so hinein. Akkreditierungen und Passierscheine aus Kinshasa und ein junger Adept aus Mbanza-Ngungu sind erforderlich, um durch die drei Straßensperren zu gelangen, die von kimbanguistischen Ordnungskräften bewacht werden. Etwas an ihnen ist merkwürdig: Sie tragen tadellose Uniformen mit Litzen und auf dem Kopf grüne Barette, aber sie tragen keine Schuhe. Weder Stiefel noch Sandalen, nichts. Kimbanguisten lehnen jede Art von Fußbekleidung ab. Einmal im Ort, ist man von der Ruhe und Friedfertigkeit überwältigt. Der Kimbanguismus ist die kongolesischste aller Religionen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Alle hier gehen barfuß und sind einfach gekleidet, Rundfunkgeräte und Stereoanlagen sind verboten. Niemand ist laut, Alkohol ist tabu. Was für ein Kontrast zu Kinshasa mit seinem extravaganten Kleidungsstil, dem ewigen Gerufe und Geschimpfe, dem Gedränge und Geschubse bei den Taxibussen, dem Gehupe und dem Geplärre aus geborstenen Lautsprechern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auffälligste Gebäude ist der Tempel, ein gewaltiges, rechteckiges Bauwerk in eklektizistischem Stil, zwischen 1986 und 1991 von den Gläubigen errichtet. In kaum fünf Jahren solch ein Bauwerk zu realisieren, darf als Leistung bezeichnet werden. Davor steht das Mausoleum von Simon Kimbangu und seinen drei Söhnen. Anfangs als Prophet angebetet, genießt der Gründer heute göttlichen Status. Inzwischen gilt dieser Status auch für seine drei Söhne, die nichts weniger als die Verkörperung der Heiligen Dreifaltigkeit sein sollen. Eine junge Kimbanguistin hat es mir einmal in Kinshasa am Rand eines Swimmingpools erklärt. Ich besitze noch immer den Zettel, auf dem sie mir alles aufschrieb. »Kisolokele, geboren 1914 = Gottvater; Dialungana, geboren 1916 = Jesus Christus; Diangienda, geboren 1918 = Heiliger Geist.« Weihnachten feiern die Kimbanguisten nicht mehr am 25. Dezember, sondern am 25. März, dem Geburtstag des mittleren Sohnes. Als der Gründer 1951 starb, übernahm Diangienda Kintuma, der Jüngste der drei, die spirituelle Leitung der Bewegung. Für sehr lange Zeit: von 1954 bis 1992. Heute hat sein Enkel diese Funktion inne, Papa Simon Kimbangu Kiangani, doch die Thronfolge verlief nicht ohne Konflikte. Auch sein Cousin Armand Diangienda Wabasolele, ein anderer Enkel des Propheten, fühlte sich als spiritueller Leiter der kimbanguistischen Kirche berufen, und das führte, neben einem Schisma, zu großem musikalischen Wetteifer. Die Kimbanguisten legen viel Wert auf Musik: Neben wundervollen Chorgesängen gehört zu ihrer Liturgie der ausgiebige Einsatz von Instrumenten. In Kinshasa steht der ehemalige Thronprätendent an der Spitze eines zweihundertköpfigen Symphonieorchesters, in Nkamba glänzt der Cousin, der heutige spirituelle Führer, mit seinem Philharmonieorchester. Ich habe einmal ein Freiluftkonzert des Symphonieorchesters in Kinshasa besucht: Keine Ahnung, wie sie in dieser kaputten Stadt an ihre funkelnden Instrumente kamen, aber ihre &#039;&#039;Carmina Burana&#039;&#039; war eine Dampfwalze, die die Huperei in der abendlichen Rushhour mühelos übertönte. Wie dem auch sei, heute ist es Simon Kimbangu Kiangani, der als der Heilige Geist angebetet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf das ziemlich wörtlich nehmen. Am Ende des Tages setze ich mich auf den Platz vor der Kathedrale, um am Abendgebet teilzunehmen. Ich sitze mit dem Rücken zur offiziellen Residenz des Kirchenoberhaupts. Rechts von mir sehe ich das monumentale Portal. Die Säulen sind mit farbenprächtigen Stoffen umspannt, auf dem Betonboden liegen Teppiche, darauf steht in der Mitte ein Thron. Eine Kapelle bläst muntere Marschmusik. Die Musiker tragen weiß-grüne Uniformen und marschieren auf der Stelle. Obwohl der Kimbanguismus eine ausgesprochen friedfertige Religion ist, strotzt er vor militärischen Reminiszenzen. In den Anfängen war das noch nicht so, aber in den dreißiger Jahren schaute man sie sich von der Heilsarmee ab, einer christlichen Organisation, die damals, anders als die Kimbanguisten, nicht verboten war. Manche der Gläubigen dachten, das S an der Uniform der Heilsarmisten stehe nicht für »Salut«, sondern für »Simon«, und fanden Gefallen an der militärischen Liturgie. Heute ist Grün noch immer die Farbe des Kimbanguismus, und militärisch anmutende Blaskapellen untermalen mehrmals am Tag die Andachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sind im Übrigen sehr beeindruckend. Es ist ein ruhiger Montagabend, als ich dort bin. Während die Marschmusik gar kein Ende nimmt, zuerst die Blechblasinstrumente, dann die Querflöten, stellen sich die Gläubigen an, um vom Kirchenoberhaupt gesegnet zu werden. In Vierer- oder Fünfergruppen knien sie vor dem Thron. Der spirituelle Leiter selbst steht. Er trägt einen grauen Anzug mit kurzen Ärmeln und graue Socken. Auch er trägt keine Schuhe. In der Hand hält er eine Plastikflasche, die mit Weihwasser aus dem »Jordan« gefüllt ist, einem kleinen Fluss in der Nähe. Die Gläubigen knien nieder und lassen sich vom Heiligen Geist besprengen. Kinder öffnen den Mund und bekommen einen Schluck Weihwasser hineingespritzt. Ein junger Mann, der taub ist, bittet darum, Wasser auf die Ohren gespritzt zu bekommen. Eine alte Frau, die schlecht sieht, lässt sich die Augen beträufeln. Hinkende zeigen ihre schmerzenden Fußgelenke. Väter halten Kleidungsstücke ihrer kranken Kinder in der Hand. Mütter zeigen Fotos ihrer Familie, damit das Kirchenoberhaupt sie kurz berührt. Die Schlange scheint schier unendlich. Im Durchschnitt wohnen zwei- bis dreitausend Menschen in Nkamba, dazu kommt noch eine große Zahl von Pilgern und Gläubigen, die für eine Weile zur inneren Einkehr hier sind. Menschen aus Kinshasa und Brazzaville, aber auch aus Brüssel und London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende und Abertausende, und das jeden Abend. Einem Außenstehenden mag es als bizarre Zeremonie erscheinen, doch im Grunde unterscheidet es sich nicht von der langen Prozession der Gläubigen, die seit mehr als einem Jahrhundert jeden Abend an einer Grotte in den französischen Pyrenäen vorbeiziehen. Auch dort kommen die Menschen von nah und fern zu einem Ort, an dem sich der Überlieferung nach außergewöhnliche Begebenheiten abgespielt haben, auch dort lechzt man nach Heilung und Wundern, auch dort setzt man seine ganze Hoffnung auf ein Fläschchen Quellwasser. Es handelt sich um Volksfrömmigkeit, und die besagt in der Regel mehr über die Verzweiflung des Volkes als über göttliche Gnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zeremonie unterhalte ich mich bei einer einfachen Mahlzeit mit einer sehr beeindruckenden Frau, die den Kongo als Flüchtling verlassen hatte und nun schon seit Jahren Psychiatrie-Krankenschwester in Schweden ist. Sie liebt Schweden, aber auch ihren Glauben. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kommt sie einmal im Jahr nach Nkamba, um aufzutanken, vor allem jetzt, wo sie einige Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn hat. Sie hat ihn mitgebracht. »Ich kehre immer ganz ausgeglichen nach Schweden zurück«, sagt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag treffe ich endlich Papa Wanzungasa, Nkasis jüngeren Bruder, wegen dem ich nach Nkamba gekommen bin. Er ist nur hundert Jahre alt, und noch immer aktiv. Was für eine Familie! Sein sechzigjähriger Neffe sieht aus wie 45, sein Bruder ist mit seinen 126 einer der ältesten Menschen überhaupt, und er selbst ist noch immer ein Mitglied des höheren Klerus in Nkamba und erster Stellvertreter, wenn es um Evangelisation, Finanzen, Bauvorhaben und Ausstattungsfragen geht. Er ist bereits seit 1962 als &#039;&#039;Pasteur No 1&#039;&#039; der kimbanguistischen Kirche eingetragen. 1921, als das öffentliche Leben von Simon Kimbangu begann, war er ein Junge von dreizehn. Kimbangu war damals einunddreißig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein einziges Gebiet des Kongo war so stark von der Ankunft der Europäer betroffen wie Bas-Congo. Die Sklaverei war abgeschafft worden, die Nachfrage nach Trägern und Eisenbahnarbeitern hatte die traditionellen Strukturen aufgebrochen, Bauern mussten Maniok und Erdnüsse für die Kolonialherren anbauen, Geld und Steuern wurden eingeführt. Europäer beteuerten immer wieder, dass sie den Kongo erschließen und zivilisieren wollten, aber für Afrikaner waren die direkten Auswirkungen verheerend. Schlafkrankheit und Spanische Grippe hatten schätzungsweise zwei von drei Bewohnern getötet, und die europäische Medizin hatte sich als machtlos erwiesen. Das führte zu tiefem Misstrauen bei der lokalen Bevölkerung: Die Weißen brachten eher Krankheit als Heilung. Simon Kimbangu war von britischen Baptisten in der Missionsstation von Gombe-Lutete getauft worden, zwölf Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, und wurde dort zum Katecheten ausgebildet. 1919 ging er, wie Nkasi, zur Arbeitssuche nach Kinshasa. Er versuchte sich dort als Arbeiter bei den &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; von William Lever, doch das ging nicht gut. Aber er geriet in eine Welt von Afrikanern, die Reisen unternommen hatten und rechnen und schreiben konnten. Tausende schwarzer Arbeiter waren im Dienst von etwa zwanzig Unternehmen. In jener Zeit hörte er bereits Stimmen und hatte Visionen, die ihn zu großen Taten aufforderten. Vorerst leistete er ihnen noch nicht Folge. Erst als er nach einem Jahr in sein Dorf zurückkehrte und tief enttäuscht feststellen musste, dass die britischen Baptisten jemand anders zum offiziellen Katecheten ernannt hatten, sollte sich das ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 6. April hörte er, wie sich Leute über Kintondo unterhielten, eine Frau, die schwer krank war. Er ging zu ihr, mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund, man könnte fast sagen: als Missionar. Er legte ihr die Hände auf und gebot der todkranken Frau, aufzustehen, was sie der Überlieferung zufolge am nächsten Tag auch tat. Das Gerücht von der Wunderheilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Geschichten wurden immer phantastischer. In den darauf folgenden Wochen sollte Kimbangu einen Lahmen, einen Tauben und einen Blinden geheilt haben. Ja, er ließ sogar ein Mädchen, das bereits vor einigen Tagen gestorben war, vom Tode auferstehen! Hier war endlich jemand, der viel mächtiger war als die Weißen mit ihren Spritzen gegen die Schlafkrankheit, von denen man nur noch kränker wurde. Die Erlösung war nahe. Im weiten Umkreis ließen die Menschen ihre Äcker und Felder im Stich und eilten nach Nkamba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die Eltern von Nkasi und Wanzungasa. Nkasi schaufelte damals in Kinshasa Erde, aber sein Bruder erlebte alles aus nächster Nähe mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir nehmen in den grünen Ledersesseln im repräsentativen Empfangsraum von Nkamba Platz, um über diese ferne Vergangenheit zu reden. Wie es sich für einen Kimbanguisten gehört, spricht Wanzungasa mit sanfter, freundlicher Stimme. »Unsere Eltern waren beide evangelisch, sie waren Bauern. Ich hatte als Kind einen Buckel. Meine Mutter hatte gehört, dass es einen Heiler gab in Nkamba, der allerlei Krankheiten heilte, Blinde und Taube, und sogar Tote wieder lebendig machte. Sie nahm mich mit, und wir kamen hier an. Nkamba war voller Menschen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Ankunft nach vorn gerufen. Als ich dran war, wurde ich zusammen mit meiner Mutter aufgerufen. Wir knieten vor Simon Kimbangu nieder. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: ›In Jesu Namen, steh auf, richte deinen Rücken auf und wandle.‹ Ich tat es und stellte fest, dass mein Buckel augenblicklich verschwunden war. Es tat nicht weh.« Er erzählt es ruhig und sachlich und gibt sich keine Mühe, seine Zuhörer zu bekehren. Es sind Tatsachen für den, der glauben will. »Meine Mutter war voller Freude. Simon Kimbangu sagte, wir sollten uns im Weihwasser waschen. Wir sind noch drei Tage geblieben, um sicher zu sein, dass ich für immer geheilt war. Heute sagen die Ärzte, ich hätte TBC gehabt, aber das stimmt nicht. Ich ging total gekrümmt. Mein Glaube hat mich geheilt. Das liegt bei uns in der Familie, könnte mein Bruder sonst 126 Jahre alt werden? In unserem Dorf gab es noch viele Kranke. Die Nachricht von meiner Heilung verbreitete sich schnell. Dann gingen alle nach Nkamba und wurden Kimbanguisten.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die abrupte Landflucht beunruhigte die Kolonialverwaltung. Der &#039;&#039;District des Cataractes&#039;&#039; in Bas-Congo war ein wichtiger Nahrungslieferant für Kinshasa, doch auf einmal blieben die Märkte leer. Das Gerücht von den Wunderheilungen erreichte sogar die große Stadt. Manche legten die Arbeit nieder und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die ersten, die sich Sorgen machten, waren die evangelischen Missionare; viele der frühen Anhänger von Kimbangu kamen ja von ihren Missionsstationen. Und obgleich die Protestanten eine viel individuellere Ausübung des Glaubens befürworteten als die Katholiken, fragten sie sich doch, ob hier nicht etwas außer Kontrolle geriet. Kimbangu hatte ein Feuer entfacht, dessen Funken weitere Feuer entzündeten. In ganz Bas-Congo schossen frischgebackene Propheten wie Pilze aus dem Boden; man nannte sie &#039;&#039;bangunza&#039;&#039;, im Singular &#039;&#039;ngunza&#039;&#039;. Das führte zu aberwitzigen Szenen. Ein schwedischer Missionar, der schon seit Jahren im Kongo lebte, notierte in sein Tagebuch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe heute an den &#039;&#039;Ngunza&#039;&#039;-Zusammenkünften teilgenommen. Es ist außerordentlich. Man muss sie gesehen haben, wie sie zittern, die Arme ausstrecken, emporheben, zum Himmel schauen, direkt in die Sonne. Man muss sie rufen hören, beten, flehen, leise »Jesus, Jesus« flüstern hören. Man muss Yambula [einen der besten Prediger] sehen, wie er springt und rennt und sich um seine eigene Achse dreht. Man muss gesehen haben, wie sich die Menschenmenge versammelt, voranschreitet, niederkniet unter den bebenden Händen, die die &#039;&#039;bangunza&#039;&#039; über ihren Köpfen ausstrecken. – Hört, was hier geschieht! Geht fort, werft die Götzenbilder weg.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Aspekte können nicht nachdrücklich genug betont werden. Erstens: Die Anhänger des neuen Glaubens wandten sich nicht gegen den Protestantismus – im Gegenteil, sie eigneten ihn sich an. Es ging nicht um einen Bruch mit dem christlichen Glauben, sondern um eine eigene Auslegung, ja Vertiefung. Es ging nicht im Entferntesten um eine Rückkehr zur vorkolonialen Religiosität; man nahm im Gegenteil Abstand vom Glauben der Ahnen an Hexerei. Gleichzeitig jedoch – und das ist das Faszinierende – bediente man sich religiöser Symbole und Gesten, die auf die traditionelle Heilkunde zurückgriffen (Trance, Beschwörung, Inkantation). Man war gegen Fetische, verhielt sich aber wie ein &#039;&#039;féticheur&#039;&#039;. Man fand, kurzum, eine afrikanische Form für einen importierten Glauben. Zweitens: Auch wenn diese plötzliche religiöse Erweckung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen stattfand, so handelte es sich in erster Linie um ein ausschließlich spirituelles Phänomen. Kimbangu war kein politischer Rebell, er hielt keine antikolonialistischen Reden, seine Lehrsätze waren nicht gegen die Europäer gerichtet. Die Vertreter der Kolonialbehörden sahen das allerdings anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum drei Wochen nach Kimbangus erstem Auftritt schlug der Distriktskommissar Léon Morel Alarm. Das war begreiflich: Für eine Kolonialverwaltung, die im Kongo eine reguläre Geldökonomie mit einem klassischen Arbeitsethos einführen wollte, waren die tagelangen Versammlungen von Arbeitsunwilligen ausgesprochen beunruhigend. Man hatte die Bevölkerung seit 1910 in kleine, sichere &#039;&#039;chefferies&#039;&#039; untergliedert; nun strömten plötzlich viele tausend Menschen zusammen, um sich bizarren Ritualen hinzugeben. In Thysville wurde eine Tagung mit Missionaren beider Konfessionen anberaumt. Die Katholiken, hauptsächlich Belgier, schlossen sich der Meinung der Kolonialherren an und warfen den Protestanten eine zu lasche Haltung im Umgang mit den Einheimischen vor. Sie befürworteten ein energisches und drastisches Vorgehen der Regierung. Die Protestanten hingegen plädierten für eine verständnisvollere Herangehensweise. Es handele sich schließlich um eine Form von christlicher Volksfrömmigkeit, argumentierten sie, und habe das nicht auch begrüßenswerte Seiten? Einige der ihnen liebsten Gläubigen seien daran beteiligt, Menschen, die sie schon seit Jahren kannten und für die sie freundschaftliche Gefühle hegten. Ein rigoroses Vorgehen würde diese Menschen der Missionsstation völlig entfremden. Und außerdem, würde eine solche Unterdrückung nicht erst recht das Feuer anfachen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon öfter waren die Argumente und Praktiken der evangelischen Missionare um einiges differenzierter und menschlicher als die der katholischen, doch gegen das mächtige Bündnis zwischen den katholischen belgischen Missionaren und den belgischen Kolonialbeamten anzukämpfen war aussichtslos. Am 6. Juni marschierte eine Abteilung der Force Publique zusammen mit Léon Morel nach Nkamba, um Kimbangu zu verhaften. Das führte zu Scharmützeln und Plünderungen. Die Soldaten stahlen die Matten, die Kleidungsstücke, die Hühner, die Bibeln, die Gesangbücher und das bisschen Geld, das die Gläubigen besaßen. Sie schossen scharf. Es gab Verwundete und einen Toten. Danach führte die Armee die Anführer der Bewegung in langen Kolonnen nach Thysville ab, doch Simon Kimbangu selbst gelang die Flucht. Für seine Anhänger war das erneut ein Beweis für seine übernatürlichen Gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Monate lang tauchte er ab. Er verbreitete seinen Glauben weiterhin in den Dörfern, in denen selten Vertreter der Kolonialbehörden erschienen und wo ihn niemand verraten würde. Das besagt etwas über seine Popularität und den allgemein zunehmenden Unmut über die weißen Herrscher. Im September 1921 stellte er sich den Behörden – so wie sich Jesus im Garten Gethsemane den Häschern gestellt hatte, meinten seine Anhänger. Den Prozess, der gegen ihn geführt wurde, setzten sie mit der Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus gleich. Nicht zu Unrecht. Es war ja tatsächlich ein Schauprozess. Von Anfang an stand fest, dass Kimbangu verurteilt werden sollte. Man hatte eigens zu diesem Anlass eine leichte Form des Ausnahmezustandes verhängt, sodass er vor einem Militärgericht erscheinen musste und nicht vor einem regulären (und milderen) Zivilgericht. Deshalb hatte er auch keinen Anwalt, und eine Berufung gegen das Urteil war ausgeschlossen. Innerhalb von drei Tagen wurde über sein Schicksal entschieden. Wer heute die Prozessakten liest, ist angesichts der tendenziösen Fragen des Richters fassungslos. Man musste und würde beweisen, dass sich Kimbangu der Unterminierung der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht hatte – das war das einzige Verbrechen, das hier in Betracht kommen konnte und auf das die Todesstrafe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommandant de Rossi, der Vorsitzende des Kriegsgerichts: »Kimbangu, geben Sie zu, dass Sie einen Aufstand gegen die Kolonialregierung organisiert haben und dass Sie die Weißen, Ihre Wohltäter, als schreckliche Feinde bezeichnet haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu antwortete: »Ich habe überhaupt keinen Aufstand angezettelt, weder gegen die Belgier noch gegen die belgische Kolonialverwaltung. Ich wollte nichts anderes als das Evangelium von Jesus Christus verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Richter ließ nicht locker: »Warum haben Sie die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen und keine Steuern mehr zu bezahlen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu: »Das ist nicht wahr. Die Leute, die nach Nkamba kamen, kamen aus freien Stücken, weil sie das Wort Gottes hören wollten, um geheilt zu werden oder den Segen zu erhalten. Nicht ein einziges Mal habe ich die Bevölkerung dazu aufgefordert, keine Steuern mehr zu bezahlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Richter schlug einen anderen Kurs ein und duzte ihn plötzlich. Der Ton wurde sarkastischer: »Bist du der &#039;&#039;mvuluzi&#039;&#039;?« Der Erlöser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das ist Jesus Christus, der der Erlöser ist. Ich habe von ihm den Auftrag erhalten, die Botschaft vom ewigen Heil unter den Meinen zu verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du Tote auferstehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie hast du das gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch die göttliche Kraft, die Jesus mir geschenkt hat.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren Antworten, die man gern hörte. Sie bestätigten die Annahme, dass er ein staatsgefährdender &#039;&#039;farfelu&#039;&#039; war. Man wollte ihm in die Schuhe schieben, dass er zur Gewalt aufrief, weil in den Liedern, die man in Nkamba sang, von Waffen die Rede war. Kimbangu erwiderte, dass die protestantischen Missionare doch auch nicht vor Gericht gestellt würden, obwohl in ihren Liedern »Soldaten Christi« vorkämen. Man wollte ihm einen Strick drehen aus seiner Äußerung: »Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Kimbangu sagte, damit sei nicht gemeint, dass die Belgier verschwinden sollten. Und überhaupt – was sei denn daran rassistisch, wenn man für die Gleichheit von Weißen und Schwarzen eintrat? Man vermutete, dass er während seines Aufenthaltes in Kinshasa mit schwarzen Amerikanern in Kontakt gekommen war, die Anhänger von Marcus Garvey waren, jenem radikalen jamaikanischen Aktivisten, der die Ansicht vertrat, Afrika gehöre den Afrikanern. Kimbangu wehrte sich gegen die Anschuldigung: &#039;&#039;»Cela est faux.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch seine Verteidigungsversuche nützten ihm nichts. Es half ihm auch nicht, dass er mitten im Prozess in Trance geriet, phantasierte und am ganzen Körper zitterte. Epilepsie, denken wir heute, doch der Gerichtsarzt ordnete eine kalte Dusche und zwölf Peitschenhiebe an. Das Urteil war dementsprechend: Am 3. Oktober 1921 wurde Kimbangu zum Tode verurteilt, seine engen Getreuen zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit. Über die wahren Motive hielt die Urteilsbegründung nicht hinterm Berg: »Es ist richtig, dass die Feindseligkeit gegen die Staatsmacht bis heute nur in aufrührerischen Gesängen, Beleidigungen, Formen von übler Nachrede und ein paar vereinzelten Fällen von Rebellion in Erscheinung trat, aber es ist auch richtig, dass der Lauf der Ereignisse in verhängnisvoller Weise zum großen Aufstand führen könnte.«5 Hier sollte ein Exempel statuiert werden, so viel war deutlich. Am liebsten hätte man Kimbangu schnellstmöglich hinrichten lassen, doch zur allgemeinen Verwunderung begnadigte ihn König Albert in Brüssel. Die Strafe wurde umgewandelt in lebenslänglich. Kimbangu wurde auf die andere Seite des Landes gebracht, ins Gefängnis von Elisabethville in Katanga. Mehr als dreißig Jahre war er dort inhaftiert, bis zu seinem Tod 1951. Eine schwere Strafe für jemanden, der weniger als sechs Monate lang in ein paar von Krankheit und Tod getroffene Dörfer ein wenig Hoffnung und Trost gebracht hatte. Seine Internierung war eine der längsten in Kolonialafrika; sie währte länger als die von Nelson Mandela. Den größten Teil der Zeit verbrachte er in Einzelhaft. Er hatte nie Gewalt angewandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ruhige Zeit, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Vereinzelte kleine Krawalle? Die unverhältnismäßig harte Strafe für Simon Kimbangu ließ erkennen, dass hinter der virilen, dem Anschein nach unerschütterlichen Fassade der Kolonialregierung außerordentliche Nervosität herrschte. Man hatte ungeheure Angst vor Unruhen. Das zeigt auch die massive Unterdrückung von Kimbangus Anhängern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von 1921 an verbannte die Regierung Schlüsselfiguren des Kimbanguismus in andere Provinzen, um die Bewegung so zu zerschlagen. Der alte Wanzungasa konnte ein Lied davon singen. Sein Onkel wurde verhaftet und musste sieben Jahre lang in der Force Publique dienen. Sein jüngster Bruder, noch ein Kind, wurde gezwungen, in die katholische Missionsschule zu gehen, und gegen seinen Willen getauft, sodass er der einzige Katholik in einer protestantischen Familie war. Seine zukünftigen Schwiegereltern mussten jedoch das schwerste Los tragen. »Sie wurden nach Lisala verbannt, ganz im Osten der Provinz Équateur. Warum? Weil die Mutter meiner zukünftigen Frau mit Marie Mwilu verwandt war, der Frau von Simon Kimbangu. Ihr Vater starb in der Zeit der Verbannung. Meine zukünftige Frau war damals noch ein Mädchen; sie blieb hier zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs handelte es sich um ein paar hundert Familien, aber im Laufe der Kolonialzeit wuchs die Zahl auf 3200. Heute gehen die Kimbanguisten davon aus, dass 37.000 Familienoberhäupter ihre Heimat verlassen mussten, sodass insgesamt rund 150.000 Personen betroffen waren; in den Unterlagen der Verwaltung ist jedoch nur von einem Zehntel davon die Rede. Inländische Verbannung war im Übrigen eine bewährte Methode der Regierung: In der gesamten Kolonialzeit wurden etwa 14.000 Menschen zu Ortswechseln gezwungen, die meisten aus politisch-religiösen Gründen. Offiziell ging es um Umerziehung, in der Praxis war es oft eine endgültige Deportation. Der Ablauf erinnerte manchmal an das, was in den vierziger Jahren in Europa geschah. Die Kimbanguisten wurden in verschlossenen Güterwaggons transportiert. Hunger, Hitze und Krankheiten forderten unterwegs ihren Tribut. Viele kamen schon während der Fahrt durch die Entbehrungen um. Ein Mann verlor seine drei Kinder, noch ehe sie das Ziel erreicht hatten; sie wurden neben dem Fluss begraben.6 Die Kimbanguisten wurden in den Regenwald der Provinz Équateur verbannt, nach Kasai, nach Katanga, ja sogar in die Provinz Orientale. Dort lebten sie abgesondert in Dörfern, in denen ihre Religion verboten war. Die angeblich gefährlichsten Verbannten wurden ab 1940 in landwirtschaftliche Kolonien geschickt. Das waren mit Stacheldraht umzäunte Arbeitercamps, in denen Männer mit ihren Familien Zwangsarbeit leisten mussten, von Soldaten mit Hunden bewacht. Die Sterblichkeit betrug bis zu 20 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus. Der Kimbanguismus wurde durch dieses drastische Vorgehen nicht ausgelöscht, im Gegenteil. Die Verbannung festigte den Glauben der Menschen; jede Form der Unterdrückung bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Simon Kimbangu der wahre Erlöser sei. In den schwierigen Lebensumständen fanden sie im Glauben Halt und Trost, sogar so sehr, dass es auf ihre Umgebung ansteckend wirkte. Die Menschen in ihrem Umfeld waren von dem neuen Glauben beeindruckt. So konnte sich der Kimbanguismus im Landesinneren verbreiten. Verbannung schwächte die Bewegung nicht, sondern bewirkte ihre Verbreitung. Die Zahl der Anhänger stieg auf mehrere zehntausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba und der Umgebung war der Glaube unterdessen in den Untergrund gegangen. Es gab nächtliche Zusammenkünfte im Wald, wo Marie Mwilu, Kimbangus Frau, von Papa Simon erzählte und neuen Gläubigen das Singen und Beten beibrachte. Sogar aus der Provinz Équateur kamen Menschen den Fluss herabgefahren. Man korrespondierte in Geheimschrift mit den Verbannten anderswo im Land. Die Illegalität war vielleicht ein Hindernis, aber sie war auch eine gewaltige Schule, die die Bewegung stimulierte und konsolidierte. Die Energie und das Feuer dieser Jahre im Untergrund wecken manchmal Assoziationen an die Erfahrungen der ersten Christen im Römischen Reich. Wanzungasa hatte es als Halbwüchsiger persönlich miterlebt: »Wir konnten nur nachts im Urwald beten, zwischen den ›Spinnen‹. Das waren Kongolesen, die für die Weißen spionierten. Tagsüber gingen wir getrennte Wege, aber wir tauschten Geheimzeichen aus. Nachts versammelten wir uns, um zu singen. Manchmal umzingelten uns die Belgier beim Gebet. Sie hatten unsere Lieder gehört, aber sie konnten uns nicht sehen. Wir sahen sie, aber für sie waren wir unsichtbar.« Auch die ersten Christen in Rom, die verfolgt wurden, machten sich Mut mit magischen Geschichten. Wenn die Obrigkeit einen nicht anerkennt, wendet man sich an eine höhere Instanz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das harsche Vorgehen gegen den Kimbanguismus war einer der größten Fehler der Kolonialverwaltung; ihre Vertreter schätzten die Bewegung völlig falsch ein. Sie bekämpften Symptome und nicht Ursachen. Gegen die konkreten Probleme, die einer so massenhaften religiösen Erweckungsbewegung zugrunde lagen, unternahmen sie nichts. Harte Unterdrückung der Form war wichtiger als empathische Beschäftigung mit dem Inhalt. Und das zeitigte genau die entgegengesetzte Wirkung. 1934 entstand in Bas-Congo der &#039;&#039;ngunzisme&#039;&#039;, eine radikale Spielart des Kimbanguismus und tatsächlich offen antikolonialistisch. Die Anhänger forderten die Abschaffung der Steuern und den Abzug der Belgier. Kurz darauf erschien der &#039;&#039;mpadisme&#039;&#039; oder &#039;&#039;khakisme&#039;&#039;, die Initiative eines Mannes namens Simon-Pierre Mpadi, der den Kimbanguismus mit kakifarbenen Armeeuniformen und viel radikalerem Gedankengut bereicherte. Er wandte sich gegen die Kolonialmacht, befürwortete die Polygamie und hielt Versammlungen ab, in denen sich die Menschenmenge ekstatischen Tänzen hingab. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hoffte er, dass der Kongo von den Deutschen befreit würde. Von Kongo-Brazzaville wehte der &#039;&#039;matswanisme&#039;&#039; herüber. André Matswa (oder Matsoua) war ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, der in Frankreich bei den berühmten &#039;&#039;tirailleurs sénégalais&#039;&#039; gekämpft hatte, den französischen Kolonialtruppen. Noch in Frankreich hatte er einen Freundschaftsverein und einen Notfonds für Afrikaner gegründet; bei seiner Heimkehr nach Brazzaville wurde er wie ein Messias verehrt, und diese Verehrung griff auch auf die andere Seite des Flusses über. Er wurde in den Tschad deportiert, wo er 1942 starb. Trotz aller Verfolgungen kamen immer wieder messianische Strömungen auf. Diese Hartnäckigkeit ist aufschlussreich, denn im Grunde handelte es sich um eine erste strukturierte Form von volkstümlichem Protest, der zeigte, wie viele Menschen sich nach Erlösung und Befreiung sehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nicht auf Bas-Congo beschränkt. Im ganzen Land bildeten sich neue religiöse Bewegungen. In den Bergwerken von Katanga entstand die &#039;&#039;kitawala&#039;&#039;; der Name ist eine Verballhornung von The Watch Tower, dem ursprünglichen Namen der Zeugen Jehovas. Diese Religion, 1872 in den USA gegründet, hatte sich nach Südafrika ausgebreitet und erreichte von dort aus 1920 den katangesischen Copperbelt.7 Im Kongo bekam sie eine ausgesprochen politische Ausrichtung. Sie verbreitete sich durch kleine Grüppchen über die Kolonie und existierte größtenteils im Untergrund. Dennoch wurde es die größte religiöse Bewegung neben dem Kimbanguismus. Andernorts entstanden kleinere geheime, sektiererische Gesellschaften. Im Kwango gab es die &#039;&#039;lukusu&#039;&#039;-Bewegung, mit dem Beinamen »Schlangensekte«. In der Provinz Équateur entfaltete sich der &#039;&#039;likili&#039;&#039;-Kult, dessen Anhänger auf westliche Betten, Matratzen, Decken und Moskitonetze verzichteten – Gegenstände, die man für die sinkende Geburtenzahl verantwortlich machte.8 Am Oberlauf des Aruwimi in der Provinz Orientale bildete sich die unheimliche &#039;&#039;Anioto&#039;&#039;-Gesellschaft, deren Mitglieder als »Leoparden-Männer« bekannt waren. Die Bewegung verbreitete sich über den Nordosten des Landes. Sie säten blinden Terror und ermordeten Dutzende von Eingeborenen. Das Motiv war nicht immer offenkundig, doch der Tenor war deutlich anti-europäisch.9 In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden so etwa fünfzig religiöse Bewegungen. Ihre Methoden variierten von pazifistisch bis terroristisch, aber der ihnen zugrunde liegende Unmut war vergleichbar.10 Im Kongo war Religion nicht Opium, sondern Piri-piri für das Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir Menschen gehören Gott«, sagte Wanzungasa am Ende unseres Gesprächs in den grünen Ledersesseln des Empfangsraumes der Heiligen Stadt, »wir dürfen nichts Böses tun, auch nicht Menschen, die uns Böses getan haben. Auge um Auge, das ist nicht unsere Sache. Wir haben Musikinstrumente, keine Macheten.« Er machte eine kurze Pause. Ich blickte von meinem Notizblock auf und sah sein friedvolles, zerfurchtes Gesicht. Er war 1908 geboren, in dem Jahr, in dem Belgisch-Kongo entstand. Seine Religion wurde erst am 24. Dezember 1959 von Belgien anerkannt, ein halbes Jahr vor der Unabhängigkeit. Vielleicht dachte er an die erste Hälfte seines Lebens zurück, sein erstes halbes Jahrhundert. Mit sanfter Stimme sagte er zum Schluss: »Es gab keine Freiheit damals. Menschen wurden gekauft in der Kolonialzeit. Wir waren wie Sklaven. Wirklich, der Kolonialismus war nicht viel anders als die Sklaverei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa konnte ich mit Nkasi ausführlich über die zwanziger und dreißiger Jahre und über den aufkommenden Widerstand reden. Er, der später im Leben so oft zu den Weißen aufsah, musste zugeben, dass es damals heftig zugegangen war. »Die Alten waren sehr hart. Der Weiße, das war damals nicht dein Kamerad!« Nach seiner Zeit als Arbeiter in Kinshasa kehrte er in seine Heimat zurück. Nur wenige blieben in jener Zeit für immer in der Stadt; Lohnarbeit war Saisonarbeit. Da Kimbangu seinen Bruder durch ein Wunder geheilt hatte, war es naheliegend, dass er Kimbanguist wurde, trotz der damit verbundenen Gefahren. »In Nkamba war Monsieur d&#039;Alphonse &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; geworden«, sagte er mit wenig Begeisterung. Dieser Kolonialverwalter sollte die Gegend nach dem kimbanguistischen &#039;&#039;upheaval&#039;&#039; wieder pazifizieren. Zu diesem Zweck hatte er Lutunu, den befreiten Sklaven-Boy-Fahrradfahrer-Säufer-und-&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039; von ehedem, zum einheimischen Verwaltungschef eingesetzt. Der stand ja auf gutem Fuß mit den Weißen.11 Monsieur d&#039;Alphonse pendelte zwischen dem Verwaltungszentrum Thysville und seinem Posten in Nkamba. Nkasi konnte sich noch allzu gut daran erinnern: »Ich musste ihn damals noch tragen. Auf meinen Schultern, ja! Wir waren zwei Träger, und er schaukelte schrecklich.« Jetzt konnte Nkasi herzhaft darüber lachen. Er saß auf der Bettkante und machte nach, wie der weiße Kolonialbeamte in dem &#039;&#039;tipoy&#039;&#039; hin und her geschüttelt wurde. Er ließ die Arme neben seinem Körper flattern, schlaksig und unkontrolliert, als säße er selbst in dem Tragsessel. Humor muss auch damals geholfen haben. Die Reise ging über eine Entfernung von mehr als achtzig Kilometern, und Monsieur d&#039;Alphonse war hart und schonungslos. »Mein Onkel war ein angesehener Mann, aber er bekam zweihundert Peitschenhiebe von Monsieur d&#039;Alphonse. Das war 1924, glaube ich. Er hatte gesagt: &#039;&#039;Mundele kekituka ndonbe, ndonbe kekituka mundele.&#039;&#039; Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Peitschenhiebe, höchstwahrscheinlich weniger als zweihundert, für einen Satz, der zufällig der Slogan der Kimbanguisten war. »Die Soldaten der Force Publique schlugen ihn auf das nackte Gesäß. Mein Onkel hatte zwei Frauen, aber sofort nach den zweihundert Hieben wurde er ein guter Christ, ein Kimbanguist. Dadurch bekam er keine Striemen, Wunden oder Schwellungen am Hintern, überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit wurde die Bahnlinie von Matadi nach Kinshasa verbreitert und für die Elektrifizierung vorbereitet. Der Bummelzug, der über die Schmalspurgleise zuckelte, genügte nicht mehr, da sich der Kongo nun in hohem Tempo industrialisierte. Und die Luftfahrt befand sich natürlich noch in den Kinderschuhen: 1925 landete in Léo­poldville zum erstenmal ein Flugzeug; der kleine Doppeldecker war in Brüssel gestartet und hatte einundfünfzig Tage gebraucht, zweimal so lange wie ein Schiff.12 Die Arbeiten an der Eisenbahn dauerten von 1922 bis 1931, es wurde bis zu elf Stunden am Tag gearbeitet. Die Trasse wurde an manchen Stellen ein Stück verlegt, drei Tunnel wurden gegraben, alte Brücken ersetzt. Die gesamte Fahrzeit sollte von neunzehn auf zwölf Stunden reduziert werden.13 Nkasi, der als kleiner Junge miterlebt hatte, wie sein Vater beim Bau der ersten Eisenbahnlinie arbeitete, war auch jetzt wieder dabei. Hatte er nicht in Kinshasa schon Erde geschaufelt? »Jetzt musste ich mit der Spitzhacke arbeiten.« Mit der &#039;&#039;piccone&#039;&#039;, sagte er – auf Italienisch, denn bei dieser Erneuerung der Bahnlinie waren viele Italiener beteiligt. Sein Bauleiter war einer davon, Monsieur Pasquale. »Ich bekam zehn Franc im Monat und einen Sack Reis. Aber eines Tages sagte Monsieur Pasquale: ›&#039;&#039;Tu dormi, toi?‹«&#039;&#039; Noch immer konnte er das gebrochene Französisch des Italieners imitieren. »Ich antwortete: ›&#039;&#039;Je travaille!‹&#039;&#039; Er nahm mich mit zu sich nach Hause, und ich wurde sein Boy. Er zeigte mir, wie ich das Bett machen und den Tisch decken musste. Und für diese Arbeit bekam ich zwanzig Franc im Monat!« Er strahlte noch immer, als er es erzählte. So großen Dusel hatte er in seinem Arbeitsleben noch nie gehabt! »Die Italiener waren an unsere Sonne gewöhnt. Sie waren alle frei, sie hatten keine Frau bei sich. Und sie nahmen sich auch keine schwarze Frau, oh nein!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den sechzigtausend kongolesischen Arbeitern starben siebentausend. Nkasi hingegen verdiente nun genug Geld, um ans Heiraten zu denken. Seit der Einführung des Geldes war der Brautpreis enorm gestiegen. Eine Eheschließung war nur noch den Reichen vorbehalten. Oft konnten sie sich sogar mehrere Frauen leisten, während viele junge Männer ledig bleiben mussten.14 Nkasi war inzwischen fast 40. In seinem Heimatdorf Ntimansi lernte er Suzanne Mbila kennen, die wie er zu den Kimbanguisten gehörte. 1924 wurde ihr erster Sohn geboren, 1926 heirateten sie. Die Familie wuchs stetig, er lebte wieder unter den Seinen, und es sah so aus, als ob sich sein Leben so bald nicht ändern würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dann kam der Schwarze Freitag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Börsencrash der Wall Street im Oktober 1929 hatte Auswirkungen bis in die Wälder von Bas-Congo. Die Weltwirtschaft war so miteinander verflochten, dass die Zweifel und die Panik der Anleger in New York das weitere Leben eines Mannes und seiner Familie in einem winzigen Dorf im Kongo bestimmten. Es war natürlich kein direkter Einfluss. Die Kausalkette sah so aus: Durch die Börsenkrise verlangsamte sich die Wirtschaft, und weltweit ging die Nachfrage nach Rohstoffen zurück; der kongolesische Bergbau, der Motor der Kolonialwirtschaft, geriet ins Stocken; der Export aus der Kolonie sank um mehr als 60 Prozent;15 daraus resultierte 1929 ein gigantisches Haushaltsdefizit; die belgische Regierung erkannte, dass der Etat der Kolonie zu sehr von Einnahmen aus dem Bergbau abhängig und eine Diversifizierung erforderlich war; die Landwirtschaft bot eine Alternative, insbesondere, wenn sie auf den Export ausgerichtet war; der groß angelegte Anbau von Tabak, Baumwolle und Kaffee erforderte jedoch Zeit und Investitionen; eine einfachere Methode, rasch an Einnahmen zu gelangen, war es, die Steuern zu erhöhen, für die Einheimischen wohlgemerkt, die großen Unternehmen wollte man in der Krise ja gerade verschonen; eine höhere Kopfsteuer hatte noch einen weiteren Vorteil: Der Geldbedarf würde zunehmen, die Kongolesen wären gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, und das könnte nur eine zivilisierende Wirkung haben. Dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und gleichzeitig mehr Kontrolle über eine Bevölkerung zu erlangen, die anfing aufzubegehren, bedeutete das nicht: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. 1920 betrug das Steueraufkommen der Kolonie nur 15,5 Millionen belgische Franc. 1926 belief es sich bereits auf 45 Millionen. Und 1930, auf dem Höhepunkt der Krise, war die Summe auf 269 Millionen angewachsen. Innerhalb von vier Jahren hatte sich das Steueraufkommen versechsfacht. 1930 war der Anteil der direkten Steuern am Kolonialetat auf 39 Prozent angestiegen, während die Gewinnsteuer der Großunternehmen, die in den Jahren davor noch gigantische Gewinne verbucht hatten, nur 4 Prozent des Haushalts ausmachte.16 Mehr noch, viele der notleidenden Privatunternehmen &#039;&#039;empfingen&#039;&#039; nun sogar Geld von der Kolonialregierung, da sie seinerzeit mit finanziellen Garantien in den Kongo gelockt worden waren: Im Fall eines Rückschlages würden sie aus der Kolonialkasse eine pauschale Dividende von 4 Prozent erhalten.17 Das Loch, das die Krise gerissen hatte, wurde also mit dem Geld der einfachen Kongolesen gestopft; hinzu kamen noch eine Kapitalspritze aus der belgischen Staatskasse und Einnahmen aus der Koloniallotterie. Das bedeutete nicht, dass jeder Arbeiter plötzlich sechsmal so viel zahlen musste wie vorher (in den Städten hatte man den Steuerdruck bereits langsam, aber deutlich erhöht), sondern dass der Fiskus nun auch weiter in die Dörfer im Landesinneren vordrang. Der Knüppel der Kopfsteuer jagte so Tausende in die Minen, auf die Plantagen oder in die Verwaltung. 1920 standen 123.000 Kongolesen in einem Arbeitsverhältnis, 1939 war die Zahl auf 493.000 gestiegen.18 Wer kein Arbeitsverhältnis eingehen wollte und selbstständiger Bauer blieb, war verpflichtet, bestimmte Gewächse anzubauen und an koloniale Privatunternehmen zu verkaufen. 1935 waren Schätzungen zufolge 900.000 Menschen im Baumwollanbau tätig.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Nkasi fühlte sich gezwungen, etwas zu unternehmen. »Ja, damals kam die Krise . . . Und wir hatten nicht genug Geld . . . Ich habe mich bei der Verwaltung beworben, beim Distriktverwalter von Mbanza-Ngungu, Musepenje. Er kam in Ntimansi vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen. Die Kimbanguisten hatten allmählich eine tiefe Abneigung gegen die gesamte Kolonialverwaltung entwickelt. Sie versteckten sich in den Wäldern und wärmten sich heimlich an ihrem Glauben. Mit den Weißen wollten sie nichts zu tun haben. Nun aber mussten sie für die Weißen arbeiten. Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte jedoch nicht lange, da war Nkasi von der europäischen Kultur sehr angetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es allerdings auch gut getroffen mit diesem Musepenje. So hatte ich den Namen phonetisch in mein Notizbuch gekritzelt. Musepenje. Muzepenjet? Wenn ich bei einem Interview ein Wort nicht verstand, versuchte ich immer, es möglichst klanggetreu festzuhalten. Und Nkasi war oft schwer zu verstehen. »Monsieur Peignet?« schrieb ich daneben. Es kostete mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage, bis ich seine Identität herausgefunden hatte. In den Kolonialjahrbüchern der dreißiger Jahre stieß ich auf Firmin Peigneux, Distriktverwalter in der Gegend, in der Nkasi gelebt hatte. Der Distriktverwalter war der Kolonialbeamte, der den meisten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Er reiste von &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; zu &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, beriet sich mit den Dorfvorstehern, schlichtete Konflikte um die Nutzung von Grund und Boden. Monsieur Peigneux also. Die meisten Bantu-Sprecher sprechen das französische eu wie è aus. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Im Afrika-Archiv des Außenministeriums in Brüssel konnte ich Einblick nehmen in seine Personalakte.20 Sofort zeigte sich, dass dieser Mann aus anderem Holz geschnitzt war als ein Menschenschinder wie Monsieur d&#039;Alphonse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peigneux, der aus der Provinz Lüttich stammte, war 1925 im Alter von einundzwanzig Jahren in den Kongo gegangen. Er fiel schon bald durch seine Empathiefähigkeit auf. Nach seinem ersten Jahr schrieb sein Vorgesetzter in einer Beurteilung: »Dieser Beamte verfügt tatsächlich über die erforderlichen Qualitäten, um in kurzer Zeit einen Eliteposten zu besetzen (. . .) Monsieur Peigneux zeichnet sich in seinem Umgang mit den Eingeborenen durch eine besonnene Politik aus, durch die er das Vertrauen der Häuptlinge und Würdenträger gewinnt. Er interessiert sich für soziale Fragen und beherrscht bereits in hohem Maße die Kunst, mit den Primitiven, die uns umgeben, auf behutsame und bedachte Weise umzugehen, ohne sie in ihren weltlichen Auffassungen und Gebräuchen zu brüskieren. (. . .) Die Regierung darf an den zukünftigen Nutzen durch die Leistungen dieses Beamten höchste Erwartungen stellen.« Wie sich zeigen sollte, war das nicht übertrieben. Peigneux absolvierte eine glanzvolle koloniale Laufbahn und brachte es 1948 bis zum Provinzgouverneur, der zweithöchsten Funktion in der Hierarchie nach dem Amt des Generalgouverneurs. Dass er sich sein soziales Engagement bewahrte, zeigte sich in den fünfziger Jahren; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nach Belgien zurückgerufen worden war, wurde er Vorstandsmitglied des »Fonds voor Inlands Welzijn« (etwa: »Fonds für das Wohl der Eingeborenen«).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi sprach noch immer mit großer Sympathie von Monsieur Peigneux. »&#039;&#039;Musepenje, c&#039;était mon oncle&#039;&#039;. Er trank sogar Palmwein mit uns! Er und Monsieur Ryckmans, das waren die einzigen Weißen, die freundlich waren.« André Ryckmans war der Sohn von Pierre Ryckmans, dem besten Generalgouverneur, den der Kongo je hatte. Er regierte von 1934 bis 1946 und zeichnete sich durch hohe Intelligenz und moralische Integrität aus. Vom Aussehen her ähnelte er stark Albert Camus, was seine Auffassung von Humanität betraf in mancher Hinsicht auch. Sein Sohn André war ein Distriktverwalter, der ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung hatte. Er lernte ihre Sprichwörter und Tänze und sprach fließend Kikongo und Kiyaka. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er unter tragischen Umständen ermordet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so bekam Nkasi Arbeit bei Monsieur Peigneux. Er lernte tischlern und wurde Möbelschreiner. Als Peigneux einige Jahre später als stellvertretender Distriktskommissar in den Kwango-Distrikt versetzt wurde, begleitete Nkasi ihn. Er und seine Familie zogen nach Kikwit um, wo sie mehr als zwanzig Jahre wohnten. Sein ältester Sohn, Pierre Diakanua, inzwischen auch vierundachtzig, konnte es bestätigen. Ich fand ihn in einem entfernten, einfachen Viertel von Kinshasa: »Ich bin in Ntimansi geboren, war aber noch klein, als wir nach Kikwit umgezogen sind. Die Unterstadt da, die hat mein Vater gebaut. Wir wohnten in dem Viertel für die Schwarzen, in der &#039;&#039;rue du Kasai, numéro 10&#039;&#039;. Wir hatten ein großes Haus aus Lehmziegeln. Papa wurde dort damals ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Ich hatte belgische Freunde.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi selbst kramt mit großem Vergnügen Erinnerungen an diese Zeit aus. »Ich arbeitete im Staatsdienst. Ich war Bauleiter. Ich musste &#039;&#039;le nouveau pays des mindele&#039;&#039; bauen, das neue Land der Weißen.« Das stimmte. Kikwit war gerade erst zur Hauptstadt des Kwango-Distrikts gemacht worden. Zuvor war es Banningville (heute Bandundu), ganz im Norden des Kwango. Aufgrund sozialer Unruhen wurde die Verwaltung jedoch ins Zentrum des Distrikts verlegt. Auch im persönlichen Leben war es für Nkasi eine bewegte Zeit. »In Kikwit bekam ich vier Kinder, eins davon starb. 1938 starb mein Vater, am Neujahrstag. Er war sehr, sehr alt. Ein Jahr später starb meine Mutter, sie war auch uralt.« Während der langen Jahre in Kikwit lernte er die europäische Kultur aus nächster Nähe kennen. »Ich war &#039;&#039;tout à fait mundele&#039;&#039; damals, völlig weiß. Ich hatte nur eine Frau. Ich hatte einen Anzug mit Krawatte und weiße Schuhe, ich aß bei Monsieur Peigneux zu Hause. Ich dolmetschte für ihn, vom Kikongo ins Französische. Monsieur Pei­gneux holte sogar meine Frau vom Bahnhof ab. Ich war ein Vertreter des Staates, ein leitender Angestellter, wie ein Europäer. Darum bekam ich die &#039;&#039;carte civique&#039;&#039;.« 1948 war die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein Nachweis bürgerlicher Verdienste, eingeführt worden. Sie wurde Kongolesen ausgestellt, deren Lebensstil man als ausreichend fortschrittlich ansah. Der Anhänger einer subversiven Religion aus den zwanziger Jahren hatte sich, vor dem Hintergrund des Steuerdrucks in den dreißiger Jahren, in den vierziger und fünfziger Jahren als jemand entpuppt, der voller Stolz über seinen quasi-europäischen Status sprach. Und das bis heute, auch wenn von dem Wohlstand nichts mehr übrig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Erinnerungen an Kikwit sind auch auf einer anderen Ebene außerordentlich interessant. »In Kikwit habe ich auch das Gefängnis gebaut«, erzählte er mir. »Der Gefängnisdirektor damals war Monsieur Framand, ein dicker Mann.« Ich habe das Gefängnis von Kikwit in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Es wird noch immer benutzt und ist ein ziemlich erbärmlicher Ort. Die Häftlinge tragen Lumpen, schlafen auf dem Boden und haben nur etwas zu essen, weil der Gefängnispfarrer, ein alter flämischer Missionar, mit den umliegenden Gemeinden ein System der Versorgung organisiert hat. Toiletten gibt es nicht: Man hockt sich in einer leerstehenden Zelle über ein Stückchen freien Beton. Links und rechts liegen menschliche Exkremente. Die Häftlinge sind fast ausschließlich junge Männer; es gab eine einzige junge Frau, eine bildschöne, schweigsame Frau mit einem zweijährigen Kind. Keine Ahnung, ob sie es vor oder während der Haft bekommen hatte. Auf einem Stein über dem Portal ist das Baujahr eingemeißelt: 1930. Fast alle Gefängnisse von Belgisch-Kongo wurden zwischen 1930 und 1935 errichtet. Um die zunehmenden Rebellionen niederzuschlagen, wurde der Justizapparat verstärkt. Es gab mehr Gerichte, mehr Justizbeamte, mehr Strafverfahren und mehr Gefängnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In diesem Gefängnis habe ich noch einen Galgen gebaut«, sagte Nkasi. »Der war für die Erhängung von zwei Jugendlichen. Sie hatten in einem Laden Kleidungsstücke gestohlen und den Besitzer ermordet, der dort schlief. Das war 1935, glaube ich.22 Die Todesstrafe wurde in Belgisch-Kongo des Öfteren verhängt und in der Zwischenkriegszeit auch oft vollstreckt. 1921, in dem Jahr, als Kimbangu zum Tode verurteilt wurde, wurden in Bomili, in der Provinz Orientale, zehn »Leopardenmänner« der Anioto-Sekte gehängt. 1922 wurde in Elisabethville François Musafiri aufgeknüpft, weil er einen Weißen – als vermeintlichen Liebhaber seiner Frau – erstochen hatte. Die Hinrichtung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Viertausend Zuschauer waren zusammengeströmt, ungefähr die Hälfte der Stadtbevölkerung: dreitausend Afrikaner, darunter auch Kinder, und tausend Weiße, etwa ein Zehntel der gesamten europäischen Bevölkerung des Kongo.23 Öffentliche Hinrichtungen, so glaubte man, hatten eine erzieherische Funktion. Sie sollten die Schwarzen in Reih und Glied zwingen und ihnen Respekt vor dem Kolonialstaat einflößen. Ob diese Wirkung immer erzielt wurde, ist die Frage. 1939, bei der Erhängung von Ambroise Kitenge, klappte es nicht auf Anhieb. Als die Falltür aufschwang, riss das aus der Feuerwehrkaserne stammende Seil. Eine solche Stümperei entsprach nicht gerade dem Bild der Tatkraft und Entschlossenheit, das die Kolonialmacht von sich vermitteln wollte. Wie oft wurde die Todesstrafe vollstreckt? Es gibt keine lückenlosen Daten, aber wir wissen, dass in der Zeit von 1931-1953 mindestens 261 Personen zum Tode verurteilt wurden und dass 127 Hinrichtungen stattfanden.24 Das bedeutet im Durchschnitt einmal in zwei Monaten, doch in der Zwischenkriegszeit wird es zweifellos viel häufiger zu Hinrichtungen gekommen sein. Was nicht unwichtig ist: Niemals wurde ein Belgier zum Tode durch den Strang verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber dass Kikwit plötzlich zur Hauptstadt des Distrikts wurde, war die Folge eines sehr schweren Volksaufstandes in der Gegend, so schwer, dass die Behörden ihn ängstlich vertuschten. 1931 entbrannte die Revolte der Pende, und das führte zu den stärksten Unruhen der Kolonialzeit vor dem Kampf um die Unabhängigkeit. Die Pende waren eine Bevölkerungsgruppe, von denen ein großer Teil im Dienst der Huileries du Congo Belge stand, des Tochterunternehmens von Unilever. Diese Firma exploitierte eine Region, die sehr reich an Palmen, aber sehr arm an Arbeitskräften war. Im Gebiet der Pende war es genau umgekehrt. Die Pende wurden – oft mit Waffengewalt – gezwungen, Dienste als Träger oder Erntekräfte zu leisten. Sie wurden dafür umgesiedelt. Die Arbeit war sehr schwer. Man erwartete von den Männern, dass sie wöchentlich sechsunddreißig Büschel Palmfrüchte sammelten; sie erhielten dann zu ihrem kärglichen Lohn von 20 Centime pro Kilo eine Prämie von 2,10 Franc und drei Kilo Reis. Jeden Tag mussten sie fünf bis acht reife Büschel finden. Dazu mussten sie die Stämme der Palmen erklimmen, oft bis in mehr als dreißig Meter Höhe, um oben mit der Machete ein Büschel abzuhacken. Die Betriebsleiter von Unilever gingen davon aus, dass jeder Schwarze dieses akrobatische Kunststück mühelos beherrschte, obwohl es ein sehr spezielles Geschick erforderte, das längst nicht jeder besaß. Es gab dabei Tote. Außerdem – wer seine Büschel vom Baum abgetrennt hatte, war noch lange nicht fertig. Sie mussten noch zur Sammelstelle gebracht werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass die Pende-Frauen Entfernungen bis zu dreißig Kilometer zu Fuß über Waldpfade zurücklegen mussten, auf dem Kopf die zwanzig oder dreißig Kilo schwere Last eines Büschels Palmfrüchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wirtschaftskrise ausbrach, war auch Unilever betroffen. 1929 war ein Kilo Palmöl 5,9 Franc wert, 1934 nur noch 1,3 Franc.25 Das Unternemen sah sich gezwungen, einen Teil der Verluste auf die Arbeiter abzuwälzen. Für ein Kilo Palmnüsse bezahlte es Mitte der dreißiger Jahre nur noch 3 Centime statt zwanzig.26 Das führte zu großem Unmut. Der Staat trieb die Steuern in die Höhe, und das Unternehmen senkte die Löhne. Ein auf Dauer unhaltbarer Zustand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier äußerte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Form einer Volksreligion. Nachdem eine Frau namens Kavundji Visionen hatte, bildete sich die Sekte der &#039;&#039;Tupelepele&#039;&#039; (wörtlich: Schweber). Faktischer Anführer der Bewegung war Matemu a Kelenge, ein Mann mit dem Beinamen Mundele-Funji (Weißer Sturm). Die Anhänger hofften auf die Wiederkehr der Ahnen, damit sie die gestörte Ordnung wiederherstellten und ein neues Zeitalter des Wohlstandes einläuteten. Unterdessen sollten die Menschen schon einmal allem abschwören, was europäisch war. Ausweise, Steuerbelege, Geldscheine und Arbeitsverträge wurden in den Fluss geworfen. Am Ufer sollte ein Schuppen errichtet werden, in den würden ihnen die Ahnen alle möglichen Dinge legen, wunderbare Dinge wie z. B. Erdnüsse, so fruchtbar, dass eine davon auszusäen genügte, um ein ganzes Feld erblühen zu lassen. Viel eindrucksvoller konnte die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung nicht ausgedrückt werden. Jemand, der damals in der Gegend lebte, fasste die Situation klarsichtig zusammen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Weißen haben uns zu Sklaven gemacht; um Palmnüsse von uns zu bekommen, hatten sie keine Skrupel, uns zu schlagen und auszupeitschen. Sie haben sich mit den Frauen und Mädchen in den Dörfern vergnügt. Unser Leben war nicht mehr das Leben von Menschen, sondern das von Tieren. Unser ganzes Dasein stand im Dienst der Arbeit für die Weißen: Wir schliefen für die Weißen, wir aßen für die Weißen, wir standen auf für die Weißen und für die Arbeit der Weißen. Wir hatten es satt, ständig nur für die Weißen arbeiten zu müssen, die uns unmenschliche Zustände aufgezwungen haben. Darum haben wir die Botschaften von Matemu a Kelenge, dem späteren Mundele-Funji, angehört und angenommen, als er uns aufforderte, keine Steuern mehr zu bezahlen, nicht mehr für die Weißen zu arbeiten und sie wegzujagen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei Simon Kimbangu entsandte die Kolonialregierung Truppen. Die Situation schien unter Kontrolle zu sein, bis am 6. Juni 1931 Maximilien Balot, ein junger belgischer Beamter, zusammen mit einigen afrikanischen Mitarbeitern mit dem Auto in das Gebiet fuhr, um Steuern einzutreiben. Im Dorf Kilamba gelangte er auf die Straße, die zu dem Schuppen führte, der für die Rückkehr der Ahnen errichtet worden war. Hier stieß er auf Matemu a Kelenge, den Führer der Sekte. Der verkündete, es sei kein Geld mehr da, und drohte, den Weißen und seine Handlanger zu ermorden. Daraufhin schoss Balot in die Luft. Viele Menschen rannten weg, auch die meisten seiner Mitarbeiter. Ein zweiter Schuss verletzte einen Dorfbewohner. »Seht ihr, der Weiße will uns töten«, rief Matemu. »Dann töte mich doch!« Balots Schuss verfehlte sein Ziel, Matemu rappelte sich hoch und schlitzte dem Weißen mit einem großen Messer das Gesicht auf. Der schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen und lief dann weg. Doch der Pfeil eines Dorfbewohners traf ihn am Hals. Matemu verfolgte ihn und versetzte ihm mit der Machete einen Hieb auf die Schulter. Der rechte Arm des Weißen hing nun lose herab. Drei Dorfbewohner, darunter der Dorfvorsteher, beschossen ihn mit Pfeilen. Als Balot zu Boden sank, merkte der Dorfvorsteher, dass er noch lebte. Daraufhin schnitt er ihm den Kopf ab und nahm ihn als Trophäe mit. Am nächsten Tag wurde Balots Körper in Stücke gehackt und unter den Würdenträgern von acht Dörfern verteilt. Seine Koffer wurden geplündert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine so grausame Abschlachtung eines Beamten im Dienst hatte die Verwaltung von Belgisch-Kongo noch nie erlebt. Sie reagierte gnadenlos: Der Aufstand sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine Strafexpedition zog in den Kwango, wie sie die Kolonie seit den schlimmsten Jahren des Freistaates nicht mehr gesehen hatte. Drei Offiziere, fünf Unteroffiziere, 260 Soldaten und siebenhundert Träger besetzten monatelang das Gebiet. Es kam zu schweren Kämpfen. Aufständische wurden gefangen genommen und brutal gefoltert, auch Frauen wurden als Geiseln genommen und vergewaltigt. Ein später eingesetzter Untersuchungsausschuss der belgischen Regierung bestätigt die außerordentlich grimmige Bilanz. Mindestens vierhundert Pende wurden ermordet, möglicherweise betrug die Zahl auch ein Vielfaches davon. Die Revolte der Pende war niedergeschlagen, aber der Unmut der Bevölkerung war dadurch nicht geringer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie nach Brüssel zurückgekehrt war, sagte Balots Witwe mit fast übermenschlicher Milde und Großmütigkeit: »Die Vertreter der Privatunternehmen behandeln die Schwarzen schlecht und beuten sie aus. Die Leute sollen das wissen. Was dort geschieht, muss aufhören, sonst wird es überall zu Aufständen kommen. Privatunternehmen maßen sich Rechte an, die nur der Regierung zustehen. Außerdem haben sich viele Distriktsbeamte nicht so verhalten, wie es sich gehört. Mein Mann hat für die anderen gebüßt.«28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag vielleicht etwas verwundern, dass die ersten Formen von Volksprotest auf dem Land stattfanden, bei den Bauern von Bas-Congo und den Nusspflückern im Kwango. Ein aufmerksamer Beobachter, der 1920 eine Rundreise gemacht hätte, hätte sicher vorhergesagt, dass sich die Flamme der Rebellion in den aufkommenden Städten entzünden würde, mit ihren primitiven Arbeitercamps und der harten, gesundheitsschädlichen Arbeit. Doch das war nicht der Fall. Wie lässt sich das erklären?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grosso modo gibt es darauf zwei Antworten: In den Städten ging es mit der Lebensqualität aufwärts, sodass sich immer mehr Afrikaner dort allmählich zu Hause fühlten, und zugleich war die europäische Bevölkerung ständig darauf bedacht, die Masse ruhig zu halten. Solange es möglich war . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die proto-urbanen Agglomerationen entwickelten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu richtigen Städten. Die Einwohnerzahlen stiegen spektakulär. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Bevölkerung von Kinshasa auf fünfzigtausend.29 In Elisa­beth­ville wuchs die Bevölkerung von sechzehntausend im Jahr 1923 auf dreiunddreißigtausend im Jahr 1929, eine Verdopplung innerhalb von sechs Jahren.30 Immer mehr Kongolesen zogen in die Städte. Die erzwungene Rekrutierung von Arbeitskräften nahm ein Ende, nun aber migrierten viele Menschen aus freien Stücken. In Kasai, Maniema, dem Kivu und sogar in Ruanda und Burundi ließen sich Tausende von Dorfbewohnern überzeugen, zu den Bergwerken der Union Minière in Katanga überzusiedeln. Das Unternehmen zählte 1919 etwa achttausendfünfhundert lokale Arbeiter, 1928 siebzehntausend.31 Aus Bas-Congo und der Provinz Équateur ging man nach Léopoldville; Stanleyville wuchs durch den Zuzug von Arbeitern aus der Provinz Orientale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem junge Menschen, die ihre Siebensachen zusammenpackten, um sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Was machte die Arbeit in einer Mine, Plantage oder Fabrik für sie denn so attraktiv? Oft wollten sie weg aus dem Dorf mit seiner Armut, dem korrupten Oberhaupt und den mächtigen alten Männern, die alle jungen Frauen heirateten. Weg von der kärglichen Landwirtschaft und dem Pflichtanbau von Gewächsen. Weg von der Pflicht zum Straßenbau und weg vom einfachen Dorfleben. Weg von einer Welt, die ihnen keine Zukunft bot.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem waren die Stadt und das Bergwerk keine Schreckensvorstellung mehr wie noch vor kurzem. Bei der Union Minière in Katanga sank die Sterbeziffer rasant. 1918 starben 20,2 Prozent der Arbeiter an der Spanischen Grippe, ein Jahr später lag die Mortalität bei 5,1 Prozent, und 1930 nur noch bei 1,6 Prozent.33 Bergarbeiter wurden auch nicht so schnell krank.34 Sie erhielten Impfungen gegen Pocken, Typhus und Meningitis. Krankenhäuser und medizinische Zentren wurden errichtet. Unterbringung, Kleidung und Ernährung verbesserten sich beträchtlich. Gleiches galt für die Diamantminen in Kasai. Ein Arbeiter in den Goldminen von Kilo-Moto erhielt in jener Zeit täglich 179 Gramm frisches Fleisch oder frischen Fisch, 357 Gramm Reis, 286 Gramm Bohnen und eineinhalb Kilo Bananen, außerdem Salz und Palmöl.35 Von einer so reichhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung konnte man in seinem Dorf nur träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Gesundheit ging es auch mit dem sozialen Dasein aufwärts. Das Leben in den Arbeitercamps von Katanga nahm eine wichtige Wende, als die Union Minière ab 1923 den Bergleuten gestattete, ihre Frauen und Kinder mitzubringen. 1925 waren 18 Prozent der Arbeiter verheiratet, 1932 waren es 60 Prozent.36 Das Gefühl der Entwurzelung, unter dem die vorige Generation gelitten hatte, nahm zusehends ab. Viele entschieden sich freiwillig dazu, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Ab 1927 war es den Minenarbeitern erlaubt, Arbeitsverträge von bis zu drei Jahren Dauer abzuschließen, davor war der Zeitraum auf höchstens sechs Monate begrenzt. Viele Arbeiter machten von dieser Möglichkeit Gebrauch: 1928 hatten bereits 45 Prozent einen langfristigen Vertrag, und 1931 betrug der Anteil 98 Prozent.37 Die Arbeit in der Mine galt nicht mehr als Strafe. Als die wirtschaftliche Depression 1929-1933 das Unternehmen zwang, drei Viertel der Belegschaft zu entlassen, protestierte man weniger gegen die plötzliche Arbeitslosigkeit als eher gegen die Aussicht, wieder ins Dorf zurückkehren zu müssen. Die Arbeitslosen mussten die kleinen Arbeiterhäuser der Firma verlassen, doch statt nach Hause zurückzukehren, zogen sie es vor, sich in der unmittelbaren Umgebung von Elisabethville anzusiedeln, wo sie kleine Äcker anlegten und das Land bestellten, bis die Wirtschaft wieder anzog.38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der katangesische Bergbau war nicht mehr eine Sache geschundener junger Männer, die ein paar Monate in düsteren Arbeitercamps hausten, sondern von jungen Familien, denen es in ihrer neuen Umgebung recht gut gefiel. Die Löhne stiegen, in den Siedlungen wurden Kinder geboren, die das Dorf der Eltern und Vorfahren nur vom Hörensagen kannten. Anderswo in Elisabethville entwickelte sich die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; zu einem pulsierenden, multi-ethnischen Universum mit eigener Dynamik und eigenem Flair. Anders als die mit geometrischer Exaktheit angelegten, immer komfortableren Siedlungen, in denen die Arbeiter der großen Bergbauunternehmen lebten, war die wuselige &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit einer bunten Mischung bevölkert: Zimmerleute, Maurer, Holz- und Metallbearbeiter, Handwerker, aber auch Sanitäter, Büroangestellte und Lagerverwalter. Angestellte von Klein- und Mittelbetrieben lebten neben Staatsbeamten.39 Die Bevölkerungsdichte war viermal höher als im weißen Stadtzentrum.40 Kurz gesagt, es bildete sich eine städtische Bevölkerung afrikanischer Herkunft heraus. Die Kolonialverwaltung war anfangs nicht gerade erpicht darauf. Führte so eine länger andauernde Ansammlung von Proletariern nicht zu einem subversiven oder, schlimmer noch, bolschewistischen Klima? Die Angst vor der roten Gefahr saß tief bei den Vertretern der Kolonialmacht. Oder besser gesagt: »Die Angst vor den Schwarzen tarnte sich als Angst vor dem Roten.«41 Doch 1931 war man sich darüber im Klaren, dass soziale Gemeinschaften gewachsen waren, die keine traditionellen Dörfer mehr waren und auch nicht mehr dazu werden würden. Man erkannte ihre Existenz mit einem Monstrum von einer amtlichen Bezeichnung an, etwas, worauf die Kolonialverwaltung übrigens spezialisiert war: das &#039;&#039;centre extra-coutumier&#039;&#039;. Das »außerhalb der Norm liegende Zentrum«, sozusagen. Diese Zentren erhielten eine Struktur, die mit jener der klassischen &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; vergleichbar war. Es wurde ein &#039;&#039;chef&#039;&#039; bestimmt, der als Vermittler zwischen der Masse und der Macht fungierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten entwickelte sich ein neuer Lebensstil, der sich von der Dorfkultur unterschied, aber auch mehr war als eine Kopie der europäischen Stadtkultur, und sei es nur, weil diese neuen Agglomerationen in nichts ihren europäischen Gegenstücken glichen. Sogar für Belgier war die koloniale Stadt eine völlig neue Erfahrung! Es gab mehr Raum und Freiheit, die Entfernungen waren größer, die Straßen breiter, die Grundstücke geräumiger. Die Städte waren von Anfang an auf die Nutzung des Autos eingerichtet. Es hatte auch etwas Amerikanisches, fanden viele Weiße. Léopoldville mit seinen verschiedenen Stadtkernen ohne deutliches Zentrum ähnelte mehr Los Angeles als den mittelalterlichen Städtchen Belgiens oder den im 19. Jahrhundert entstandenen Bürgervierteln von Brüssel oder Antwerpen. Die koloniale Stadt hinkte nicht dem europäischen Modell hinterher, sondern antizipierte manche Entwicklungen. Als ein belgischer Journalist sah, wie weiße Frauen im Kongo das Flugzeug nahmen, um in Léopoldville ihre Kinder zur Welt zu bringen, äußerte er begeistert, in der Kolonie werde »eine neue Gesellschaft, ein neues Belgien mit neuen Ideen geboren«.42 Es schien, als hätten die fünfziger Jahre im Kongo bereits in den zwanziger Jahren begonnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch für Kongolesen bedeutete die koloniale Stadt ein neues Universum mit einer ganz eigenen materiellen Kultur. Eine imaginäre junge Familie aus Kasai, die nach Elisabethville zog, wo der Vater Bergmann wurde, wohnte dort in einem Steinhaus. Die Frau kochte das Essen nicht mehr in Tongeschirr, sondern in emaillierten Töpfen, auch wenn sie die Mahlzeiten wahrscheinlich lieber wie vorher im Freien zubereitet hätte als in der dunklen Küche an der Rückseite des Hauses. Sie bekamen Tische, Stühle und Besteck. Neue Auffassungen über Körperpflege und Hygiene entstanden: Man trug europäische Kleidung, manchmal sogar Schuhe, man wusch sich mit Seife, und man benutzte eine Latrine. Die Eltern schliefen unter Zudecken aus England, und ihre Kinder bekamen im Krankheitsfall Medikamente aus Belgien. Wenn die Frau schwanger war, ging sie zur Entbindung in eine Geburtsklinik bei schwarzen Schwestern oder weißen Nonnen. Wenn die Familie hin und wieder einmal ins Dorf zurück musste, nahm sie für Angehörige und Verwandte Neuerungen mit wie Nadeln, Nähgarn, Scheren, Sicherheitsnadeln, Streichhölzer, kleine Spiegel und Geld. Bei solchen Besuchen zeigte sich freilich auch, wie groß der Abstand inzwischen war. Der junge Vater hatte als Arbeiter ein neues Gefühl von Autonomie erworben. Er ließ sich nicht mehr so sehr davon beindrucken, was der Dorfvorsteher und die alten Männer ihm erzählten. Jetzt hörten sie ihm zu! Er berichtete von der eisernen Disziplin in der Mine, von dem Geheul der Sirene, die die Arbeiter frühmorgens zusammenrief, von der Arbeit an sechs Tagen in der Woche. Darüber machten seine Zuhörer natürlich Witze. Sechs Tage in der Woche? Er hätte im Dorf bleiben sollen, lachten sie, dann hätte seine Frau sicher die Felder bestellt! Für ihn war das Neid. Sie blickten alle bewundernd auf seine Kleidung, das war ihm nicht entgangen. Auf der Rückreise war seine Arbeitslust und Motivation größer denn je. Wenn er nun auch noch in der Hierarchie der Union Minière aufsteigen könnte, dachte er vielleicht, als Mechaniker zum Beispiel, oder als Maschinenführer, würde er dann nach langem Sparen für seine Familie vielleicht ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder sogar, fast nicht auszudenken, ein Grammophon kaufen können? Am Sonntagmorgen würden sie alle mit dem Rad zur Kirche fahren. Er auf dem Sattel, seine Frau auf dem Gepäckträger, die Kinder auf der Stange und auf dem Lenker. Das hieß Wohlstand, und es fühlte sich gut an.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Woche, an dem dieser neue Lebensstil gefeiert wurde, war der Sonntagnachmittag. In Elisabethville gingen die Minenarbeiter zu den Fußballspielen der weißen Teams.44 In Boma flanierten Hafenarbeiter mit steifem Kragen, Strohhut und Spazierstock. Ihre Frauen trugen farbenprächtige Baumwollstoffe und Kopfbedeckungen, die in Europa längst aus der Mode waren.45 Im friedlichen Tshikapa, bei den Diamantminen von Kasai, ertönte aus manchen Hütten die Tenorstimme von Enrico Caruso.46 Jemand spielte Jazzplatten und kubanische Lieder auf seinem Grammophon. In Léopoldville strömten die Menschen um vier Uhr zum Tanzen in den Apollo-Palace.47 Männer mit langer Hose, mit kurzer Hose, mit Radlerhose, Reithose oder Fußballshorts, aber auf jeden Fall: mit Hose, kamen hier zusammen. Und Frauen mit Kleidern, langen Röcken und kompliziert drapierten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, alle auf Schuhen mit hohen Absätzen, manchmal bis zu zwölf Zentimetern. Hin und wieder sah man auch einen Mann mit Smoking und Lackschuhen, die meisten Männer waren jedoch barfuß. Mit großem Ernst wurde getanzt, und mit Vorsicht wegen der Pfennigabsätze. Eine Band spielte Maringa- und Rumbamusik. Auf Flaschen und Trommeln schlug man komplexe, synkopierte afrikanische Rhythmen. Aber man hörte auch Fetzen Fandango, Cha-cha-cha, Polka und Schottisch, neben Echos von Marschmusik und Kirchenliedern.48 Der wichtigste Einfluss war jedoch kubanisch: Schellack-Schallplatten brachten Musik zu Gehör, die sich für Kongolesen irgendwie vage vertraut anhörte. Es war die Musik, die die Sklaven in den Jahrhunderten zuvor auf die andere Seite des Ozeans mitgenommen hatten und die nun, bereichert durch spanische Einflüsse, zurückkehrte. Die Sänger in Léopoldville sangen gern auf Spanisch oder so, dass es sich wie Spanisch anhörte. Die hellen Vokale erinnerten an das Klangmuster des Lingala, man brauchte nur dann und wann ein &#039;&#039;corazón&#039;&#039; und &#039;&#039;mi amor&#039;&#039; einzuwerfen&#039;&#039;.&#039;&#039; Die Gitarre wurde das populärste Instrument, neben dem Banjo, der Mandoline und dem Akkordeon. Camille Feruzi, der größte Akkordeon-Virtuose der kongolesischen Musik, komponierte unvergleichlich wehmutsvolle Melodien. Und auf den Schiffen, die vom Landesinneren nach Léopoldville fuhren, spielte der junge Wendo Kolosoy unermüdlich auf seiner Gitarre: Er würde sich zum Begründer der kongolesischen Rumba entwickeln, des einflussreichsten Musikstils im subsaharischen Afrika im zwanzigsten Jahrhundert. Léopoldville war in jenen Jahren eine Art New Orleans, wo afrikanische, lateinamerikanische und europäische volkstümliche Musik zu einem neuen Genre verschmolzen: der kongolesischen Rumba, unwiderstehlicher Tanzmusik, die den gesamten Kontinent überfluten würde, doch vorerst nur in den Bars der neuen Hauptstadt erklang. Es war Musik, die einen lachen und vergessen ließ, die zum Tanz und zur Verführung einlud, die froh machte und sinnlich. Saturday Night Fever, wenn auch am Sonntagnachmittag. Warum sollte man gegen dieses herrliche, heitere Leben protestieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Machthaber blieben wachsam. In Elisabethville konnte man in den dreißiger Jahren im Cercle Albert des öfteren drei Männer sehen, die sich unterhielten.49 Drei weiße Männer. Sie sprachen leise und mit ernsten Gesichtern. Ihre Stimmen: Basso continuo. Ihr Gespräch: unhörbar. Über ihren Köpfen kräuselte sich Zigarrenrauch, hin und wieder von einem gutmütigen Lachen auseinandergepustet, das aus ihrer Mitte aufstieg. Offiziell war es Afrikanern nicht verboten, in europäischen Restaurants zu essen, aber der elegante Cercle Albert bildete eine Ausnahme. Und doch wurde hier über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung entschieden. Die drei Männer waren Amour Maron, Provinzkommissar von Katanga, Aimé Marthoz, Direktor der Union Minière, oder einer seiner Nachfolger, und Félix de Hemptinne, Bischof von Katanga. Wegen des imposanten weißen Barts des Bischofs war die afrikanische Bevölkerung davon überzeugt, dass er ein Sohn von Leopold II. sei . . . Drei Belgier. Jeder von ihnen stand an der Spitze einer der drei tragenden Säulen der Kolonialmacht: Regierung, Kapital und Kirche. Die »koloniale Dreifaltigkeit«, hieß es manchmal im Scherz. Ob der Erzbischof darüber wohl lachen konnte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam sorgten diese drei Männer dafür, dass das Leben in der Minenstadt Elisabethville in geordneten Bahnen verlief. Ihre Interessen waren in vieler Hinsicht deckungsgleich: Die Industrie wollte willige, loyale Arbeiter; die Regierung wollte keine Wiederholung der Kimbangu-Affäre oder der Pende-Revolte; die Kirche wollte reine Seelen im Jenseits abliefern – und das bedeutete: brave Bürger im Diesseits heranziehen. Auch anderswo in der Kolonie waren diese drei Instanzen eng miteinander verflochten. Es gab zwar oft Spannungen zwischen den Säulen der kolonialen Trinitas, in einem aber waren sie sich vollkommen einig: Damit die Umstellung vom tribalen zum industriellen Lebensstil nicht scheiterte, müssten sie die dunkelhäutigen Mitmenschen sorgfältig im Auge behalten und sie begleiten. Langsam und vor allem behutsam würde der neue, urbane Kongolese zu einem arbeitsfreudigen Werktätigen, einem gefügigen Untertan, einem frommen Katholik geformt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass groß angelegte Aufstände in den Städten ausblieben, hatte nicht nur mit dem angenehmen Wohlstand zu tun, der den Arbeitern zuteil wurde, sondern auch und vor allem mit dem raffinierten Arsenal an Strategien, die die koloniale Dreifaltigkeit einsetzte, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zu disziplinieren und eventuell zu sanktionieren. Von einem übergreifenden Masterplan konnte man zwar nicht sprechen, doch in der Praxis zogen Kirche, Staat und Großkapital sehr oft am selben Strang. Die zugrunde liegende Philosophie – Wie halten wir sie unter Kontrolle? Wie verschaffen sie uns die höchste Rendite? Wie erziehen wir sie? – manifestierte sich in sehr unterschiedlicher Weise. In Léopoldville war man besorgt wegen der ganzen Tanzerei und trat eifrig dafür ein, die &#039;&#039;cité&#039;&#039; nachts zu beleuchten, denn anders könne man »eine Agglomeration von zwanzigtausend Bewohnern nicht effizient überwachen mit einer Handvoll Polizisten, verloren in der Nacht«.50 In Elisabethville gelang es, eine Umgangssprache zu erzwingen, das Swahili, eine Sprache, die dort nicht heimisch war und die fast niemand als Muttersprache hatte, die jedoch die Kontrolle über den ethnischen Schmelztiegel erleichterte.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schulwesen war noch immer die exklusive Domäne der Missionare und wurde ein machtvolles Instrument, um die Massen in die gewünschte Richtung zu lenken: Die Schüler lernten alles über das belgische Königshaus und nichts über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Selbst die Französische Revolution musste mit besonderer Umsicht besprochen werden. Europäische Schulbücher enthielten zu viel Sprengstoff: »Oftmals wird die Revolution nicht mit dem nötigen kritischen Verstand behandelt. Man bejubelt zu leichtfertig manche Reformen, Freiheiten usw., die die Kirche verurteilt hat«, schrieb der einflussreiche Missionar und Schulinspektor Gustaaf Hulstaert. Er warnte davor, dass die Schüler »liberal und dann gleichgültig und atheistisch« werden könnten.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lasen afrikanische Büroangestellte auch französischsprachige Zeitungen. Kommunistische Blätter wie &#039;&#039;Le Drapeau Rouge&#039;&#039; aus Belgien waren ab 1925 verboten, ebenso wie Illustrierte mit vielsagenden Titeln wie &#039;&#039;Paris Plaisirs&#039;&#039;, &#039;&#039;Séduction&#039;&#039; und &#039;&#039;Paris Sex-Appeal&#039;&#039;.53 Der gleiche Kontrollreflex zeigte sich, als nach dem Großen Krieg die ersten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Film sei ein gefährliches Medium, glaubte man, es könnte die ungebildeten Massen aufwiegeln. 1936 wurde deshalb eine separate Filmzensur für das afrikanische Publikum eingeführt. Daraus resultierten getrennte Vorführungen für Europäer und Kongolesen. Häufig lief es darauf hinaus, dass Filme, die für weiße Kinder als ungeeignet eingestuft wurden, auch für schwarze Erwachsene verboten waren.54 &#039;&#039;»Tous les coloniaux seront unanimes à déclarer que les noirs sont encore des enfants, intellectuellement et politiquement«&#039;&#039;, stand in den amtlichen Richtlinien zur Pressepolitik.55 Der Afrikaner, so der gängige Vergleich, sei in kultureller Hinsicht noch ein Kind: Man dürfe ihn nicht seinem Schicksal überlassen, sondern müsse seine Entwicklung gut im Auge behalten. Letztendlich strebte die koloniale Dreifaltigkeit durchaus eine Form der Emanzipation an, jedoch auf lange, notfalls sehr lange Sicht. Es sollte nicht zu stürmisch zugehen. &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; lautete die Devise des damaligen Generalgouverneurs Pierre Ryckmans: herrschen, um zu dienen. Paternalistisch? Unbedingt. Dieses »dienen« klang indes in den Ohren vieler noch gefährlich progressiv. »Disziplinieren« wäre besser gewesen, oder notfalls »erziehen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Léopoldville der zwanziger Jahre wuchs ein intelligenter und sensibler Junge heran, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der ersten literarischen Schwergewichte der kongolesischen Literatur werden sollte, Paul Lomami Tshibamba. Kurz vor seinem Tod 1985 blickte er auf die Atmosphäre in der Zwischenkriegszeit zurück:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialmacht tat alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir große Kinder seien, dass wir so bleiben würden, dass wir unter ihrer Vormundschaft stünden und dass wir alle Anweisungen befolgen müssten, die sie uns für unsere Weiterentwicklung gab mit dem Ziel einer stetigen Integration in die westliche Kultur, dem Ideal der Kultur überhaupt. Und wir, was konnten wir anderes erwarten? In meiner Generation kannten wir die Traditionen unserer Eltern nicht mehr: Wir waren in dieser Stadt geboren, die von den Kolonisatoren gegründet worden war, in dieser Stadt, in der ein Menschenleben der Macht des Geldes untergeordnet war . . . Ohne Geld landete man im Gefängnis. Geld benötigte man, um Steuern zu zahlen, sich einzukleiden und sogar um zu essen, etwas, was in den Dörfern unbekannt war. Es waren die weißen Kolonisatoren, die einem Geld verschafften, also musste man sich allem, was sie sagten, fügen. In dieser Welt wurde ich geboren und habe ich gelebt: Man musste sich beugen und tun, was andere von einem verlangten.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung begnügte sich jedoch nicht damit, das städtische Arbeitermilieu zu beaufsichtigen, sie griff auch aktiv ein. Neben dem Schulwesen waren das Vereinsleben und die Familienpolitik die politischen Instrumente der Wahl. Die Entscheidung, Frauen und Kinder in den Arbeitercamps zu dulden, hatte utilitaristische Gründe: Es sollte die Arbeitslust steigern, Prostitution und Alkoholgenuss bremsen, die Monogamie fördern und zur allgemeinen Ruhe im Camp beitragen. Außerdem sollten die Kinder von klein auf in der Firmenkultur aufwachsen. So wurden sie, mit Unterstützung der Missionsschulen, zu neuen Jahrgängen disziplinierter Arbeitnehmer getrimmt.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirche verfügte über sehr große politische Macht. Um 1930 gab es in Belgisch-Kongo genauso viele katholische Missionare wie Kolonialbeamte.58 Kirchliche und weltliche Macht schlossen nahtlos aneinander an. Das wusste auch der Schriftsteller Lomami Tshibamba:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im praktischen Leben, in dem wir aufwuchsen, verlangte der Priester unsere Unterwerfung; die Vertreter von Bula Matari, anders gesagt des Gouvernements oder der Bezirksverwaltung, besaßen alle Macht, und diese Macht kam von Gott. Demzufolge wurde von uns absoluter Gehorsam erwartet. Das ist das, was uns der Priester nahe­legte! Gut sein, gegenüber Gott und gegenüber diesen Menschen der neuen Gesellschaft, die von der Bula Matari geschaffen worden war, das setzte Gehorsam, Unterwerfung und Respekt voraus. Wir waren reduziert auf Diensteifer – dieses Wort wurde nicht benutzt, aber darauf lief es im Grunde hinaus.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diensteifer zu erzeugen war auch das Motiv, das hinter der Sozialpolitik der großen Betriebe steckte. Die Union Minière ging dabei am weitesten. Ja, das Unternehmen baute Schulen, Spitäler und Freizeitclubs für die Arbeiterfamilien. Ja, es gab Ende der dreißiger Jahre die Anfänge eines Rentensystems. Und ja, der Bergarbeiter wurde von der Wiege bis zur Bahre vom Betrieb umsorgt, mehr als bei jedem anderen Bergbauunternehmen in Zentralafrika. Aber es steht außer Frage, dass das paternalistische Wohlwollen des Unternehmens eher wirtschaftlichen Erwägungen als einer philanthropischen Haltung entsprang. Man zog sich vollkommene Arbeiter heran: glücklich und fügsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als ein Arbeitgeber war die Union Minière ein Staat im Staate, hin und wieder sogar mit totalitären Zügen. Jede Facette des Lebens im Arbeitercamp stand unter der Kontrolle des weißen Camp-Chefs. Er führte über jeden Arbeiter und dessen Familie eine Karteikarte; er war zuständig für die Unterbringung, die Bevorratung, die Löhne und die Schulen; er schlichtete Konflikte und verhängte Disziplinarmaßnahmen. Wenn die Frau eines Union-Minière-Arbeiters in ihr Heimatdorf reisen wollte, musste sie den Camp-Chef um Erlaubnis bitten, obwohl sie selbst nicht im Dienst des Unternehmens stand! Ihre Kinder mussten bereits vom zehnten Lebensjahr an am Werkunterricht teilnehmen, zur Vorbereitung auf ihre spätere Arbeit. Knaben half das Unternehmen, Geld für den Brautpreis zu sparen. Die Union Minière war ein allumfassender Betrieb und genoss die Unterstützung von Mission und Staat.60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Zusammenschlüssen von Einheimischen war man sehr auf der Hut, denn dort könnten Formen von sozialem Protest aufkeimen: »Ein Gemeinschaftsgefühl wird so weit wie möglich unterdrückt. Die Camp-Leitung kontrolliert genauestens alle Aktivitäten, die die Einheimischen organisieren.«61 Nähclubs, Chorgesang und Haushaltskurse fand die Union Minière erwünschter als Eigeninitiativen von Mitarbeitern. Die Missionen, die Kirchen in den Arbeitervierteln hatten, unterstützten das Unternehmen dabei nach Kräften. In Léopoldville waren es hauptsächlich Scheutisten, in Elisabethville Benediktiner. In der Kathedrale van Elisabethville sang am Sonntag ein ausgezeichneter gregorianischer Knabenchor, der nur aus afrikanischen Kindern bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten stampften belgische Priester ab 1922 die ersten Pfadfindergruppen Afrikas aus dem Boden. Die Pfadfinderbewegung, vom Ursprung her säkular, die mit ihrem paramilitärischen Charakter eher zum Staat als zur Kirche passte, war in der Kolonie eine exklusiv katholische Angelegenheit. Sie ermöglichte es dem Missionar, auch nach Schulschluss die besten Schüler unter Kontrolle zu behalten. Mit Aktivitäten wie Spurensuche, Bäume erklettern, Knoten knüpfen, Zelten und Morsezeichen üben vermittelte man Jugendlichen sowohl Stolz als auch Disziplin. Der junge Pfadfinder sammelte Abzeichen, legte sein Gelöbnis ab und behandelte seine Uniform pfleglich. Die Mitgliederzahlen waren nie sehr hoch (etwa tausend im gesamten Kongo), doch es entstand eine einheimische Elite, die wusste, was Disziplin und Zuverlässigkeit war.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine viel größere Masse war für das empfänglich, was wahrscheinlich den erfolgreichsten Teil der belgischen Missionierung ausmachte: Fußball. Auch hier ging die Initiative von Léopoldville und Elisabeth­ville aus. Es begann um 1920. Missionare in Soutane erläuterten die Spielregeln und sahen, wie schon nach kurzer Zeit Kinder und Jugendliche in den staubigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit selbstgemachten Bällen oder mit Pampelmusen trainierten. Die ersten Mannschaften wurden gegründet: Étoile und League in Léopoldville, Prince Charles und Prince Léopold in Elisabethville. 1939 gab es allein schon in Léopoldville dreiundfünfzig Mannschaften und sechs Ligen. Es gab Barfuß-Teams und Teams mit Schuhen – barfuß spielen bedeutete weniger kraftvolle Pässe, aber größere Geschmeidigkeit. Die Wettkämpfe fanden am Sonntagnachmittag statt. Neben Hunderten von Spielern waren Tausende Fans auf den Beinen. Freunde, Kollegen, Frauen und Kinder schrien sich am Rand des Spielfeldes heiser. Fußball war mehr als ein Freizeitvergnügen. Es hatte auch einen erzieherischen Aspekt. Ein flämischer Benediktiner konstatierte zufrieden: »Statt den Sonntagnachmittag in einer Hütte zu hocken und ihren &#039;&#039;pombo&#039;&#039; zu trinken, oder Bars aufzusuchen und in Gesellschaft von Frauen mit zweifelhaften Sitten zu trinken, geben sie sich frei und an frischer Luft den Sportarten hin, die sie fesseln.«63 Ein Scheutist war ebenso begeistert: »Das hält sie, zumindest für die paar Stunden, vom Tanzen und von Saufgelagen ab und ist, nach dem Gottesdienst, eine angenehme Sonntagsbeschäftigung.«64 So wie in den katholischen Oberschulen und Internaten Flanderns Fußball propagiert wurde, um die überschüssige sexuelle Energie der Jungen zu kanalisieren, wurde der Sport in der Kolonie eingeführt, um eventuellen sozialen Unmut zu unterdrücken. Fußball war nicht nur ein ausgelassenes Spiel, sondern auch eine Form der Disziplinierung. Man musste am Training teilnehmen, Geschicklichkeit entwickeln, Reflexe kontrollieren können, sich an Regeln halten, dem Schiedsrichter gehorchen. Vergnügen und zugleich Selbstbeherrschung: eine ideale koloniale Schule. »Sport lehrt den Eingeborenen (. . .), sich einer Disziplin zu fügen, die er freiwillig anerkennt«,65 hieß es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen von Kikwit sah ich im Jahr 2007 einmal ein klappriges, gelbes Moped vorbeiknattern, auf dem ein alter Weißer saß. Das war an sich schon recht ungewöhnlich: Die wenigen Europäer bewegen sich prinzipiell mit dem Auto fort, und die Alten unter ihnen sowieso. Besagter Mopedfahrer war, wie sich herausstellte, Henri de la Kéthulle de Ryhove, ein Jesuit aus adeligem Haus, weit über achtzig und noch immer unermüdlich aktiv, in den letzten Jahren vor allem im Kampf gegen Sichelzellenanämie, eine erbliche Krankheit. Père Henri war auch der Neffe von Raphaël de la Kéthulle, dem wohl berühmtesten Missionar von ganz Belgisch-Kongo. Und diese Berühmtheit verdankte sein Onkel weder einem heroischen Bekehrungseifer im tiefen Urwald noch der christlichen Aufmunterung einer trostlosen Leprakolonie, nein, père Raphaël arbeitete sein ganzes Leben in Kinshasa und brachte seinen Schäfchen das Fußballspielen bei. Er war ein Scheutist, der als Lehrer tätig war, und gehörte zur ersten Gruppe städtischer Missionare. Als Spross einer französischsprachigen, aristokratischen Familie aus Brügge war er selbst im Sint-Lodewijkscollege zur Schule gegangen. (Ein Detail, über das ich lächeln muss: Ich selbst habe eine frühere Zweigstelle dieser Schule besucht. Auch in meinem College war, ein dreiviertel Jahrhundert später und nach einer »Niederlandisierung«, Fußball noch immer die wichtigste Religion neben dem Christentum. Auf unserem gepflasterten Schulhof waren fünf oder sechs Fußballfelder aufgemalt, außerdem hingen dort fünf Volleyballnetze und zwei Basketballkörbe. Statt zwei Pflichtstunden Sport hatten wir vier. Der westflämische Katholizismus hatte, auch wenn viele mit ihm eher den Dichter, Priester und Lehrer Guido Gezelle assoziieren, mehr Affinität zum Ballsport als zur Lyrik.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Onkel war der Gründer der Association Sportive Congolaise, des ersten Sportvereins im Kongo«, erzählte mir père Henri, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sein weißes Haar war vom Mopedfahren nach hinten geföhnt. »Er war der große Förderer des Fußballs in Kinshasa.« Aber dabei blieb es nicht. »In seinem Sportverein gab es auch Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und sogar Wasserball.« Raphaël de la Kéthulle muss ebenso unermüdlich gewesen sein wie sein Neffe. Er hatte sich nicht nur um die sportlichen Aktivitäten gekümmert, sondern auch mehrere Schulen gegründet. Er stand mit an der Wiege der kolonialen Pfadfinderbewegung, des Schul­theaters, einer Musikkapelle und eines Vereins ehemaliger Schüler. Vor allem aber war er die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer soliden Sportinfrastruktur in Léopoldville. Père Henri wusste das. »Er hat drei Fußballstadien gebaut, einen weiträumigen Sportplatz, Tennisplätze und ein Schwimmbad mit olympischen Maßen, das sogar ein Fünfmeterbrett hatte. In diesem Schwimmbad organisierte er auch Einbaumwettkämpfe!« Der absolute Höhepunkt seiner Baulust war das Stade Roi Baudouin, das spätere Stade du 20 Mai, ein Fußballstadion, das achtzigtausend Zuschauern Platz bot und bei seiner Eröffnung im Jahr 1952 das größte Stadion in ganz Afrika war. Es war auch der Ort, an dem 1959 die Unruhen ausbrachen, die zur Unabhängigkeit führen sollten. Und hier hielt Mobutu nach seinem Putsch im Jahr 1965 eine Ansprache an das Volk. 1974 fand hier der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt. Noch heute kennt jeder Kinois &#039;&#039;tata&#039;&#039; Raphaël, Väterchen Raphaël, und sei es nur, weil das große Stadion inzwischen nach ihm benannt wurde und sein Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Logo von Kentucky Fried Chicken aufweist, riesengroß auf den Mauern des Collège Saint Raphaël prangt. »Ja, er war sehr zielstrebig«, resümierte père Henri, »auch wenn er &#039;&#039;la bottine légère&#039;&#039; hatte.« Den leichten Stiefel? »Ja, wenn es sein musste, konnte er auch mal jemandem einen Fußtritt verpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vereinsleben, angekurbelt von den katholischen Missionaren, bot den städtischen Arbeitern nicht nur gesunde Freizeitaktivitäten, sondern veränderte auch zielbewusst die soziale Landkarte. Aus Furcht vor ethnisch gefärbten Aufständen wie bei den Pende verwischte man die tribalen Grenzen – dieselben Grenzen, die die Missionsschulen akzentuiert hatten! Henri de la Kéthulle erzählte mir: »Mein Onkel brachte beim Sport die Stämme zusammen. In seinen Fußballwettkämpfen wurden die Mannschaften gemischt. Er veranstaltete landesweite Wettkämpfe, ja sogar das erste internationale Fußballspiel. Ein kongolesisches Team spielte damals gegen ein belgisches. Beerschot, glaube ich.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch freiheitliche Regungen ließen sich nicht restlos unterdrücken. Trotz aller wohlwollenden Sportinitiativen und der bevormundenden Familienpolitik war ein gewisser Hunger bei Teilen der kongolesischen Städter nicht zu stillen. Die Kolonialverwaltung bezeigte sich zwar freundlich, aber nur, solange man sich unterordnete. Die Masse wurde unter dem lächelnden Blick der kolonialen Dreifaltigkeit in Bahnen gelenkt, doch wer aus der Reihe tanzte, wurde mitleidlos bestraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb blieben einheimische Organisationen bestehen.67 Die Kita­wala-Religion verbreitete sich unter den Bergleuten und infiltrierte große Teile des flachen Landes. Von Katanga aus erreichte sie den Kivu und die Provinzen Orientale und Équateur. Sie existierte im Untergrund und vermengte Mystik mit Revolte. Als 1936 in Jadotville Anhänger dieses Glaubens verhaftet wurden, sagten sie über die Bibel: »In diesem Buch steht sehr deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Gott hat den Weißen nicht geschaffen, damit er über den Schwarzen herrscht. (. . .) Es ist nicht gerecht, dass der Schwarze, der die Arbeit leistet, weiter in Armut und Not leben muss, während die Löhne der Weißen so viel höher sind.«68 Viele Anhänger wurden verbannt, aber wie bei den Kimbanguisten gab das der Bewegung eher einen Impuls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnische Organisationen in Katanga, zum Beispiel der Lulua und der Baluba, boten ein soziales Miteinander und eine Identifikationsmöglichkeit, die kein Pfadfindertrupp bieten konnte. Sie nahmen Neuankömmlinge unter ihre Fittiche und halfen jungen Männern, den Brautpreis aufzubringen. Es entstanden sogar Formen von Solidarität unter Menschen mit demselben Vornamen. Ein alter Mann aus Lubumbashi erklärte das so: »Wenn ich Albert heiße und du heißt Albert, dann wirst du mein Bruder. (. . .) Wir kümmern uns umeinander. Wir helfen uns gegenseitig, etwas zu essen zu bekommen, wir spielen zusammen, wir unterstützen uns auf jeder Ebene.«69 Ab 1929 führte die Krise zu intensiven Formen einheimischer Solidarität. André Yav, der ehemalige Boy aus Lubumbashi, berichtete davon: »Alle hatten viel Hunger damals. Die Arbeitslosigkeit stieg unglaublich. Aber wir haben es so gemacht: Wenn ein Mann Arbeit hatte, dann war er der Vater und die Mutter von allen seinen Freunden. Sie kamen in sein Haus, um zu essen, und sie kamen, wenn sie etwas zum Anziehen brauchten.«70 Solche Formen spontaner Selbstorganisation waren unzerstörbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwanziger Jahren gab es Gruppen, die sich &#039;&#039;Les Belges&#039;&#039; nannten. Ihre Mitglieder schmückten sich nicht ohne Humor mit den Titeln der Kolonialverwaltung (»Distriktskommissar«, »Generalgouverneur«, »König«) und imitierten in ihren Tänzen weiße Beamte und Missionare. Außer mit Satire beschäftigten sie sich auch mit der Unterbringung von Neuankömmlingen, der Essensverteilung und der Organisation von Bestattungen.71&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Krise gründeten sich die ersten Vereine von Afrikanern, die es geschafft hatten, sich hochzuarbeiten. In Organisationen mit Namen wie &#039;&#039;Cercle de l&#039;Amitié des Noirs Civilisés&#039;&#039; oder &#039;&#039;Association Franco-Belge&#039;&#039; fanden sich Kongolesen zusammen, die eine Schule besucht hatten, über ein gutes Einkommen verfügten und untereinander Französisch sprachen. Sie verkörperten den Beginn einer kongolesischen Mittelschicht, mit der entsprechenden Zuversicht und nicht ohne Snobismus. Die Mitglieder blickten oft herab auf die Straße, von der sie sich gerade emporgekämpft hatten, und lechzten nach einem europäischeren Lebensstil, nach Manschettenknöpfen und Respekt. Doch dieses Verlangen konnte, wenn es sich nicht erfüllte, in Unmut und Protest umschlagen – was in den fünfziger Jahren auch geschah. In der Zwischenkriegszeit jedoch hatten diese Aktivitäten noch keinen offen politischen Charakter, auch wenn manche Gruppen sich am liebsten unabhängig von der Kirche organisierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den dreißiger Jahren bot sich mehrmals pro Woche ein faszinierendes Phänomen an der Grenze zu Rhodesien.72 Immer, wenn ein Zug aus dem britischen Dominion ankam, hielt er mit lautem Zischen an, um den weißen Lokführer von Bord zu lassen. Sein Kollege aus Belgisch-Kongo kletterte auf die Lokomotive, um die Fahrt nach Elisabethville fortzusetzen. Wer die Szene zum ersten Mal sah, rieb sich kurz die Augen: War der neue Lokführer tatsächlich ein Afrikaner? Ja, das war er. In Belgisch-Kongo war man stolz darauf, dass es, anders als in Südafrika und Rhodesien, keine Rassenschranke gab. In den Minen und Fabriken durften Afrikaner teure und gefährliche Maschinen bedienen, wenn auch unter der Kontrolle weißer Vorarbeiter. Strebsame Arbeiter der Union Minière konnten bis zu einer gewissen Ebene im Betrieb aufsteigen. Hotels, Restaurants und Kneipen waren theoretisch für jeden zugänglich. Nur in den Kinos herrschte eine deutliche Rassentrennung. Es existierte kein formelles Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Abwesenheit einer gesetzlichen Rassenschranke bedeutet nicht, dass diese nicht unsichtbar gleichwohl existierte.73 Diese unsichtbare Rassenschranke war vielleicht sogar noch die hartnäckigste von allen. Afrikaner konnten nicht bis an die Spitze eines Betriebes aufsteigen. In der Verwaltung war Sachbearbeiter oder Typist die höchste erreichbare Funktion. Die Städte bestanden aus strikt getrennten weißen Zentren und schwarzen Vororten, angeblich, um die Verbreitung von Malaria zu verhindern. Doch das war ein vorgeschobenes Argument. Auch die Friedhöfe waren nach Rassen getrennt, und dort brauchte man sich in der Regel kaum noch vor Malaria zu fürchten. Gemischte Pfadfindergruppen gab es auch nicht. Und kongolesische Fußballmannschaften durften nicht gegen europäische Teams spielen, weil man Tumulte bei Niederlagen oder Demütigungen bei Siegen befürchtete. Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Kolonialzeit schrieb darüber: »Die Tatsache, dass es keine offizielle Rassenschranke gab&#039;&#039;,&#039;&#039; verstärkte seltsamerweise die rassischen Reflexe der Weißen. Juristisch nicht existent, offenbarte sich der Rassismus mit ganzer Macht in den Fakten.«74 Und das traf zu. Wer heute in die Zeitungen der Kolonie aus der Zwischenkriegszeit schaut, merkt, wie sehr eine Wir/Sie-Logik das Denken bestimmte und wie viel Angst hinter dem markigen Sprachgebrauch steckte. Nachdem ein Kongolese einen Weißen ermordet hatte, schrieb &#039;&#039;L&#039;Avenir Colonial Belge&#039;&#039;, eine der populärsten Zeitungen der Kolonie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist für uns, die Weißen, die persönliche Freiheit in Léopoldville überhaupt noch gewährleistet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann in aller Aufrichtigkeit antworten: Nein! Die Handlungen von Insubordination der Schwarzen mehren sich vehement; ihre Unverfrorenheit ist groß und jagt selbst den Tapfersten Angst ein. Diebstähle nehmen an Zahl und Umfang zu; der Dünkel des Eingeborenen gegenüber den Weißen ist manchmal niederschmetternd; die Furcht, die wir ihnen einflößen, ist gleich null; der Respekt vor dem Mundele ist nicht mehr vorhanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sieht es aus im Jahr des Herrn 1930.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber, werden Sie sagen, ist Stanley Pool denn eine Region, die erneut pazifiziert werden muss?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber sicher, warum nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie diese »erneute Pazifizierung« aussehen sollte, sprach die Zeitung klar und deutlich aus: Jeder Afrikaner, der einem Weißen nach dem Leben trachtete, aus welchen Gründen auch immer, sollte mit dem Tode bestraft werden.75 Gesetzlich zulässige Notwehr, mildernde Umstände, Totschlag im Affekt, zwanghafte Persönlichkeitsstörung, das alles war nicht mehr von Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft dachte zum Glück um einiges differenzierter, doch dass ein Blatt, das solches Geschwätz verbreitete, zu einer der einflussreichsten Zeitungen der Kolonie wurde, zeigt, wie die Mehrzahl der Weißen über die Rassenfrage dachte. &#039;&#039;Les noirs&#039;&#039;, das schrieb man mit einem kleinen Buchstaben, und &#039;&#039;les Blancs&#039;&#039; mit einem großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde herrschte in der kolonialen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit wechselseitige Angst: Die weißen Herrscher fürchteten sich gewaltig davor, ihre Respektabilität in den Augen der Kongolesen zu verlieren, während sich sehr viele Kongolesen vor der Macht der Weißen fürchteten und alles daransetzten, sich ihren Respekt zu verdienen. Beide befanden sich im Klammergriff der Angst. Wie lange war so etwas auszuhalten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier lange Jahre hatten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, Jahre, die mehr umfassten, als Berliner Ethnologen Lieder in den Phonographentrichter zu singen. Jahre der Krankheit und Zwangsarbeit. Jahre der Verhöhnung und Erniedrigung. Kudjabo hatte auf einem Bauernhof in der Nähe von Stuttgart arbeiten müssen, wo der Bauer ihn betrogen hatte. Panda war in Hannover gelandet und von dort aus nach Rumänien gebracht worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber waren sie zurück in Belgien, dem Land, für das sie und einige andere Kongolesen ihr Leben riskiert hatten. Und was schrieb das Veteranenblatt &#039;&#039;Le Journal des Combattants&#039;&#039; über sie? »Lasst sie uns repatriieren und in den Schatten ihrer Bananenbäume zurückschicken, wo sie sicherlich eher am richtigen Ort sind. Sie werden dort ihre Negertänze lernen und können ihren Familien, die um sie herum auf Schimpansenfellen sitzen, von ihren Kriegserlebnissen erzählen.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatten sie dafür gekämpft und gelitten? Das konnten sie nicht hinnehmen. Eine Antwort erschien: »In den Schützengräben wurde man nicht müde zu wiederholen, dass wir Brüder seien, und wir wurden genauso behandelt wie die Weißen. Nun aber, wo der Krieg vorbei ist und man unsere Dienste nicht mehr benötigt, sähe man uns lieber verschwinden. Was Letzteres betrifft, sind wir vollkommen einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Wenn so strikt auf der Repatriierung der Schwarzen bestanden wird, könnten wir logischerweise fordern, dass alle Weißen, die sich in Afrika befinden, gleichfalls repatriiert werden.«77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Frechheit! Einen so selbstsicheren Ton wagte im Kongo niemand anzuschlagen. Die Erwiderung war in einem eloquenteren Französisch verfasst als der Artikel, auf den die Kongolesen reagiert hatten. Hier erhob sich tatsächlich eine neue Stimme. Einige Wochen vor dem fraglichen Artikel, am 30. August 1919, war in Brüssel die Union Congolaise gegründet worden, ein »Verein zur Hilfe und moralischen und intellektuellen Entwicklung der kongolesischen Rasse«. Er ähnelte der Organisation, die André Matsoua in Frankreich gegründet hatte. Der Verein zählte anfangs dreihundert Mitglieder, fast alle ehemalige Kriegsteilnehmer. Die wichtigste Persönlichkeit war der ehemalige Kriegsgefangene Paul Panda Farnana, sein Schicksalsgenosse Albert Kudjabo wurde Sekretär. Es ging ihnen darum, armen und kranken Mitgliedern zu helfen, Bestattungskosten zu decken und kostenlose Abendschulen zu ermöglichen. Aber sie verfolgten auch ausgesprochen politische Ziele. Bereits 1920 forderte die Union Congolaise, dass Zwangsarbeit erleichtert, Lohnarbeit besser bezahlt und dass das Schulwesen ausgebaut werden müsse. Vor allem forderten sie, dass Kongolesen mehr Mitspracherecht in der Verwaltung bekämen. Nochmals: im Jahr 1920! In jener Zeit beriet sich die Verwaltung höchstens mit einzelnen Dorfvorstehern, die sie selbst eingesetzt hatte. Viel besser sei es, schlug Paul Panda vor, die Kongolesen selbst einen Rat wählen zu lassen, der die Kolonialregierung in Boma beraten würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pandas Union Congolaise wuchs stetig. Inzwischen gab es regionale Abteilungen in Lüttich, Charleroi und Marchienne-au-Pont. Die neuen Mitglieder waren oft kongolesische Matrosen, die im Hafen von Antwerpen desertiert waren. Diese jungen, unverheirateten Männer, die sich wochenlang im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinenräume als Maschinenschmierer, Heizer oder Kohlentrimmer abgerackert hatten, wollten es nicht hinnehmen, dass nach der Ankunft ihre weißen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr als zweimal so viel bekamen. Im Kongo gab es keine weißen Arbeiter, nur weiße Vorgesetzte, aber auf den Ozeandampfern fiel der große Kontrast zum ersten Mal auf. Und während der Unmut an Land in religiöse Ekstase mündete, führte Unzufriedenheit an Bord zu prosaischerem Widerstand: Streiks. In den Häfen von Antwerpen wie auch Matadi wurde die Arbeit niedergelegt, vor allem auch, nachdem es afrikanischen Seeleuten verboten wurde, ihre geringe Heuer durch einen privaten Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen aufzustocken. Außerdem durften sie an Land keine Bars aufsuchen. Die belgische Regierung hatte panische Angst, dass sie im Rotlichtviertel oder, schlimmer noch, in roten Lokalen landen würden. Es gab schon genug Kommunisten in Antwerpen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs konnte die Union Congolaise noch auf einige Sympathie zählen. Paul Panda Farnana war ein außergewöhnlich redegewandter Intellektueller, der sich auf die seltene Kunst verstand, radikale Ideen als gerechtfertigte Maßnahmen darzustellen. Er durfte im Dezember 1920 auf dem ersten Nationalen Kolonialkongress in Brüssel sprechen, wo sein Redebeitrag über die Notwendigkeit der politischen Teilhabe der Kongolesen auch unter den belgischen Zuhörern viel Beifall erntete. Gebt uns Macht, war seine Devise. Er erhielt dafür Applaus! Als großartiger Redner hatte er sich in seiner Ansprache denn auch ausgiebig auf historische Päpste berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später nahm Paul Panda jedoch am zweiten Panafrikanischen Kongress teil, einer afro-amerikanischen Initiative unter Leitung des radikalen amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten W. E. B Du Bois. Diese Teilnahme schädigte Pandas Ruf: Die koloniale Presse warf ihm Nationalismus, Bolschewismus und Garveyismus vor. Zu Unrecht. Der Panafrikanismus jener Jahre wollte schwarze Menschen auf der ganzen Welt befreien und emanzipieren. Auf dem Kongress, der eine Woche dauerte und in London, Brüssel und Paris stattfand, widerlegte man den Vorwurf des Bolschewismus. Man wollte nichts anderes als die Gleichheit von Weißen und Schwarzen fördern, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten. Die Delegation besuchte auch das Kolonialmuseum in Tervuren, wo die amerikanischen Teilnehmer sich über die damals bereits riesige Sammlung aufregten, die in ihren Augen zusammengeraubt war. So hatte Paul Panda das bis dahin noch nicht gesehen. Vorsitzender bei den Brüsseler und Pariser Tagungen war Blaise Diagne, ein Senegalese, der bereits seit 1914 einen Sitz im französischen Parlament hatte, als erster Afrikaner überhaupt. Auf Panda muss das enormen Eindruck gemacht haben. Während die französischen Kolonien bereits Volksvertreter nach Paris entsenden durften, konnte man in Belgisch-Kongo nicht mehr werden als Lokführer, Chorknabe, Pfadfinder oder Torwart. &#039;&#039;Chef médaillé&#039;&#039; sein zählte nicht mit, wenn es um politische Teilhabe ging: Das war keine Mitbestimmung, sondern Augenwischerei. Einige Jahre später verkündete er sein ungeschminktes Fazit: »Bis jetzt war die Kolonialisierung des Kongo nur ›Zivilisations‹-Vandalismus zum Vorteil des europäischen Elements.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Mai 1929 kehrte Paul Panda Farnana in die Kolonie zurück. Er ließ sich in seinem Heimatdorf Nzemba nieder, nahe der Küste. Dort gründete er eine kleine Schule und erbaute eine Kapelle. Mit seiner seltenen Kombination aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und Takt hätte er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen für eine gerechtere Kolonialpolitik werden können. Doch kaum ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er in seinem Dorf, unverheiratet und kinderlos. Belgisch-Kongo hatte seine brillanteste Gegenstimme verloren. Er war nur 42 Jahre alt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 5 Die rote Stunde des Einsatzes ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Krieg und die trügerische Stille danach 1940-1955 ===&lt;br /&gt;
Sie standen im Kreis und wiegten sich hin und her. Immer wieder verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen; es war ein Mittelding zwischen bedächtigem Tanzen und Auf-der-Stelle-Marschieren. Die kleine Gruppe von Veteranen schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich sah ihnen zu im Maison des Anciens Combattants von Kinshasa. Ihre nagelneuen Uniformen waren ein Geschenk der belgischen Armee an die gegenwärtigen Streitkräfte. Die Veteranen trugen sie mit Stolz, klatschten in die Hände und sangen mit tiefen Stimmen: &#039;&#039;»Saluti, saluti, pesa saluti, tokopesa saluti na bakonzi nyonso.«&#039;&#039; Ein Marschlied. »Gegrüßt, gegrüßt, Achtung, wir salutieren allen unseren Anführern.« Besagte Anführer, so erklärten sie mir später, waren Belgier. Alle ihre Offiziere waren damals Belgier. &#039;&#039;»Biso baCongolais, biso baCongolais«&#039;&#039;, so ging es weiter, »wir Kongolesen, wir Kongolesen, wir haben unsere Stärke bewiesen. Heute haben wir Sayo erobert.« Ein einfaches, aber ansteckendes Soldatenlied. Wenn man es einmal gehört hat, wird es zu einem Ohrwurm. Ein kongolesischer Soldat schuf es 1941, kurz nach der Eroberung der befestigten Garnisonsstadt Sayo in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Es wurde auf den Ladeflächen der LKW gesungen, mit denen die kongolesischen Soldaten durch die ausgetrockneten, offenen Landschaften des Sudan nach Stanleyville zurückfuhren. Fast siebzig Jahre später kannten die Veteranen es noch immer. Es atmete eine neue Form der Brüderlichkeit. Ja, die Weißen waren in jenen Tagen noch immer ihre Befehlshaber, aber während des Krieges hatte sich doch etwas verändert. Der kongolesische Soldat war sehr stolz darauf, dass er seinen weißen Offizieren die Eroberung von Sayo darbringen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dieser Stolz sollte nicht lange anhalten. Noch viel mehr als der Erste Weltkrieg bewirkte der Zweite Weltkrieg eine Annäherung, auf die Enttäuschung folgte. Ich sprach darüber mit dem 87-jährigen André Kitadi, einem der Männer, die das Lied gesungen hatten. Er war zweiter Vorsitzender des Veteranenvereins 40-45, ein bemerkenswerter Mann mit sanfter Stimme und scharfsinnigem Urteilsvermögen. Sein Büro war leer bis auf einen Schreibtisch aus Metall, eine kongolesische Flagge und eine große Wasserlache. Das Regenwasser vom Vorabend stand noch auf dem Betonfußboden. »Wir haben für Belgien gekämpft, so viel ist gewiss. Die Belgier brauchten uns, um ihre Interessen zu verteidigen. Wir machten mit, weil wir Disziplin besaßen. Wir hatten &#039;&#039;la conscience de la guerre&#039;&#039;.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 Belgien in achtzehn Tagen überrannte, war die rechtliche Stellung von Belgisch-Kongo einige Monate lang unklar. Das lag an dem allgemeinen Debakel im Mutterland. Während die belgische Regierung nach Frankreich und später nach Großbritannien floh und sich auf die Seite der Alliierten stellte, akzeptierte König Leopold III., Großneffe von Leopold II., den deutschen Sieg. Er wurde zum Kriegsgefangenen und befand sich am Ende des Krieges in Deutschland. Auf wen sollte die Kolonialregierung nun hören? Auf den König eines Landes, das nicht mehr als souveräner Staat existierte, aber noch eine Kolonie besaß, oder auf dessen Kolonialminister im Exil, der als Generalverwalter von Belgisch-Kongo galt? In der Kolonie selbst gingen die Meinungen auseinander. Konservative Kräfte wie Monseigneur de Hemptinne, der mächtige Bischof von Katanga, waren monarchistisch gesinnt und fanden sich mit dem deutschen Sieg und der neuen faschistischen Weltordnung ab. Und viele Industrielle hegten ultrarechte Sympathien. Sie wollten weiterhin Rohstoffe nach Deutschland liefern können, was manche im Laufe des Krieges, über den Umweg Portugal, auch taten. Antisemitismus kam hier und da auf. Im Eldorado von Elisabethville war im Laufe der Zeit eine kleine jüdische Gemeinde entstanden. Ihr Rabbiner, der einzige im ganzen Kongo, erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Schaufenster jüdischer Kaufleute mit Hakenkreuzen und Losungen wie &#039;&#039;sale juif&#039;&#039; beschmiert worden waren.2 Letztendlich aber räumte Generalgouverneur Pierre Ryckmans jeden Zweifel aus: Belgisch-Kongo würde sich einmütig für die Seite der Alliierten entscheiden und weiterhin gegen den Faschismus kämpfen. Offiziell war sein Ressort dem exilierten Kolonialminister unterstellt, in der Praxis genoss er jedoch große Autonomie. Sein persönlicher Mut war entscheidender als jede Direktive aus London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die französischen Kolonien schwankten in der Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollten: Die meisten entschieden sich für das kollaborierende Vichy-Regime Pétains, einige schlossen sich de Gaulles Freiem Frankreich an. So wurde der Konflikt zwischen den Alliierten und den Achsenmächten auf den afrikanischen Kontinent ausgedehnt. Deutschland besaß zwar seit 1918 keine Gebiete mehr in Übersee, doch große Teile Afrikas gerieten dennoch in den nationalsozialistischen Einflussbereich. Zudem besaß Deutschlands neuer Bündnispartner Italien Kolonien. Bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert herrschte das Land am Horn von Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland, Gebiete am Roten Meer, deren strategische Bedeutung seit der Eröffnung des Sueskanals zugenommen hatte. 1911 annektierte Italien Libyen, und 1935 rückte Mussolini in das Äthiopien von Haile Selassie ein, das einzige größere afrikanische Land, das nie eine Kolonie gewesen war. Auch diese Fremdherrschaft würde nur ein kurzes Intermezzo sein. Das war unter anderem den Soldaten aus Belgisch-Kongo zu verdanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sich die belgische Exilregierung auf die Seite der Alliierten stellte, bat Churchill um materielle und militärische Unterstützung aus Belgisch-Kongo. In Nordafrika bedrohte Libyen Ägypten (das zwar seit 1922 selbstständig, jedoch in vieler Hinsicht noch von Großbritannien abhängig war), während das Horn von Afrika eine Gefahr für die britischen Kolonien Kenia und Sudan bildete. Von diesen beiden Kolonien aus schickte Churchill eigene Truppen nach Abessinien, doch ab Februar 1941 verstärkte das elfte Bataillon der Force Publique ihre Reihen. Es handelte sich um etwa dreitausend Soldaten und zweitausend Träger. Auf fünfzig Afrikaner kam ein belgischer Offizier. Mit LKW und Booten bewegten sie sich durch den Sudan, wo die Mittagstemperaturen bis auf 45 Grad im Schatten stiegen. Von dort aus fielen sie in den gebirgigen Westen Abessiniens ein. Die LKW wurden übermalt: in die noch nasse grüne Farbe streute man braunen Sand für eine bessere Tarnung. Meist aber mussten die Soldaten in der rauen Gegend zu Fuß gehen. Tagsüber kamen sie vor Hitze fast um, und nachts, in großen Höhen, froren sie erbärmlich. Als einige Wochen später die Regenzeit ausbrach, mussten sie ihr Nachtlager manchmal im Schlamm aufbauen. Städtchen wie Asosa und Gambela konnten sie relativ leicht einnehmen. Nach kurzen, allerdings heftigen Feuergefechten traten die italienischen Truppen den Rückzug an. Ihre Offiziere machten sich nicht einmal die Mühe, Säbel und Tennisschläger mitzunehmen. Viel schwieriger gestaltete sich die Sache in Sayo, einer wichtigen italienischen Garnisonsstadt an der Grenze zum Sudan. Nach heftigem Beschuss am 8. Juni 1941 baten die demoralisierten Italiener um einen Waffenstillstand, obgleich sie zahlenmäßig und militärisch überlegen waren. Die belgischen Befehlshaber erklärten sich unter der Bedingung einer vollständigen Kapitulation einverstanden. Gleich neun italienische Generäle wurden gefangen genommen, darunter Pietro Gazzera, der Oberbefehlshaber der italienischen Truppen in Ostafrika, und Graf Arnocovaldo Bonaccorsi, der Generalinspekteur der faschistischen Milizen, die im Spanischen Bürgerkrieg Mallorca terrorisiert hatten. Außerdem gerieten 370 italienische Offiziere (darunter 45 hochrangige) in Kriegsgefangenschaft, neben 2574 Unteroffizieren und 1533 einheimischen Soldaten. Noch einmal 2000 irreguläre einheimische Kämpfer wurden nach Hause geschickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Einnahme von Sayo war vor allem materiell und strategisch von großer Bedeutung. Die Force Publique erbeutete achtzehn Geschütze mit fünftausend Kartuschen, vier Mörser, zweihundert Maschinengewehre, 330 Pistolen, 7600 Gewehre, fünfzehntausend Granaten und zwei Millionen Patronen. Ferner beschlagnahmten Belgier und Kongolesen zwanzig Tonnen Funkmaterial einschließlich drei vollwertiger Sendestationen, zwanzig Motorräder, zwanzig Autos, zwei Panzerwagen, zweihundertfünfzig LKW und – nicht unwichtig im Hochland – fünfhundert Maulesel. Hier wurde eine Armee aufgelöst, so viel war deutlich. Es war der wichtigste belgische Sieg gegen den Faschismus und zugleich der größte militärische Triumph, den belgische Truppen jemals verzeichnen konnten. Den schwersten Tribut zahlten jedoch die Kongolesen. Unter den Belgiern gab es vier Gefallene und sechs Schwerverletzte, unter den Afrikanern zweiundvierzig Tote; fünf Soldaten waren vermisst und 193 erlagen Krankheiten oder Verwundungen. Unter den Trägern gab es 274 Todesfälle; sie starben vorwiegend an Erschöpfung und Dysenterie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser abessinische Feldzug der Force Publique trug zur Rückkehr von Haile Selassie bei. Nur fünf Jahre lang war Äthiopien eine Kolonie gewesen, von 1936 bis 1941, nun wurde das jahrhundertealte Kaiserreich wiederhergestellt. Nicht viel später würden aus diesen Gründen die Rastafaris auf Jamaika beginnen, Kaiser Haile Selassie als Gottheit zu verehren. Diesen göttlichen Status verdankte er jedoch eher dem Militär als der Metaphysik. Es waren kongolesische Soldaten gewesen, die in Äthiopien Orte wie Asosa, Gambela und vor allem Sayo befreit hatten. Der belgische Kolonialismus hat also indirekt zur spirituellen Dimension des Reggae beigetragen. Was Tabora für den Ersten Weltkrieg war, wurde Sayo für den Zweiten Weltkrieg: ein glorioser Sieg, der die Truppenmoral stärkte. Und es war auch etwas Besonderes: Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein afrikanisches Land von afrikanischen Soldaten selbst entkolonisiert. »Wir haben nur Weiße gesehen«, sagte Louis Ngumbi, ein Kriegsveteran aus dem Osten des Kongo, »wir haben nur auf Weiße geschossen.«3 Das war etwas übertrieben, aber dass die Force Publique mehrere tausend weiße Soldaten, darunter neun Generäle, gefangen nahm, imponierte allen sehr. Sayo prägte sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation Soldaten ein. André Kitadi, der zweite Vorsitzende des Veteranenvereins, hatte die Zahlen der Kriegsgefangenen noch im Kopf: »In Abessinien nahmen wir neun italienische Generäle gefangen, neben 370 italienischen Offizieren, zweitausendfünfhundert Soldaten und fünfzehntausend Einheimischen.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kitadi hatte sich 1940 zur Armee gemeldet. Der Krieg hatte damals schon begonnen, aber das kümmerte ihn nicht. In der Armee bekam man eine gute Ausbildung. Er wurde Telegraphist. Während des Feldzuges in Abessinien war er in der Provinz Orientale, an der Grenze zum Sudan, abrufbereit. Doch zum Einsatz kam es nicht. Als die Truppen singend zurückkehrten und von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden, wurde er nach Boma versetzt. Dort sollte er nicht lange bleiben. Da das Horn von Afrika nun gefallen war, richteten sich die Alliierten auf West- und vor allem auf Nordafrika. Im Herbst 1942, als Marokko und Algerien von Pétain zurückerobert wurden, ging er an Bord eines Postschiffes, das ihn und seine Kameraden nach Lagos in Nigeria brachte. Von dieser britischen Kolonie aus sollte der Kampf gegen Dahomey (heute: Benin) beginnen, eine französische Kolonie, die noch dem Vichy-Regime gehorchte. »Die Schiffsreise dauerte vier Tage. Wir kamen in Lagos an und wurden zu einer Kaserne gebracht, dreihundert Kilometer entfernt. Dort wurden wir trainiert. Sechs Monate lang.« Die Männer der Force Publique kamen mit den britischen Kolonialtruppen in Kontakt. Kitadi bekam sogar eine britische Uniform, obwohl er weiter unter belgischem Kommando stand. Anfang 1943 erhielt er seine Marschbefehle. Dahomey hatte sich, nach den Erfolgen der Alliierten in Französisch-Nordafrika, auf de Gaulles Seite geschlagen. Das letzte deutsch-italienische Bollwerk in Afrika war Libyen. Von dort aus beschoss General Rommel Ägypten, um zum Sueskanal vorstoßen zu können. Die Alliierten wollten das um jeden Preis verhindern und verstärkten ihre Truppen in Ägypten. Kitadi musste versuchen, Ägypten von Nigeria aus zu erreichen. Doch das war gar nicht so einfach, solange Italien das Mittelmeer kontrollierte. Dann eben über den Landweg? Quer durch Afrika? Das Nachbarland Tschad, eine französische Kolonie, wurde in jener Zeit von einem schwarzen Gouverneur verwaltet, Félix Éboué. Er unterstützte de Gaulle und gestattete den Durchzug alliierter Truppen über sein Territorium. Nur bedeutete das einen sehr langen Weg durch die Wüste . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zehn, vielleicht fünfzehn Kolonnen machten sich auf den Weg. Eine Kolonne bestand aus hundertfünfzig LKW. Ein belgischer Offizier und ein Funker gehörten jeweils dazu. Ich war so ein Funker. Als &#039;&#039;opérateur&#039;&#039; war ich für die Verbindung mit den anderen Kolonnen zuständig. Wir zogen von Nigeria aus in den Sudan und durchquerten die große Nubische Wüste. Nach dem Kompass. Den Durchzug durch die Wüste werde ich nie vergessen. Es gab Sandstürme, manchmal konnte man eine Stunde lang nichts mehr sehen. Wenn sich der Sand erwärmte, sah man Dinge, die es nicht gab. Wir haben mehr als einen Monat gebraucht. Manchmal kamen wir nur zwanzig Kilometer am Tag voran. Es gab auch Schluchten. Dort kam es zu Unfällen . . . Wir lebten von Keksen und Corned Beef in Dosen. Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag. Viele wurden krank . . . Von den zweitausend Soldaten sind zweihundert unterwegs gestorben . . . Wir haben wie die Tiere gelebt, wir konnten uns nicht waschen . . . Der ganze Weg von Lagos nach Kairo hat uns drei Monate gekostet. Wir sind damals Tausende Kilometer gefahren.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stockte. Schwieg. Noch nie hatte ich von dieser heroischen Saharadurchquerung gehört. Ich fragte ihn, ob er seine Geschichte jemals hatte aufzeichnen lassen. »Nein«, sagte er, »es ist das erste Mal, dass sich ein Weißer dafür interessiert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab natürlich noch eine andere Möglichkeit, Ägypten zu erreichen. Martin Kabuya, der 92-Jährige, dessen Großvater dabei gewesen war, als Tabora 1916 eingenommen wurde, schlug diesen anderen Weg ein. Auch er war in Nigeria stationiert, auch er war Funker. Er war noch immer eine imposante Erscheinung, doch seine Stimme war dünn und brüchig geworden. Er flüsterte mir seine Geschichte zu. »Ich war sehr, sehr gut im Morsen. &#039;&#039;Tititiii-ti&#039;&#039;. Ich machte nie Fehler, sogar rein nach Gehör. Wenn man das kann, ist der Rest einfach. Am 24. März 1943 musste ich mich einschiffen, auf einem holländischen Handelsschiff, der Duchesse de Ritmond. Wir fuhren über den Atlantik nach Südafrika. Dort mussten wir ums Kap der Guten Hoffnung fahren, und dann zum Golf von Aden und zum Roten Meer bis zum Sueskanal. Es waren bestimmt hundert Schiffe. Vor Südafrika wurden manche von japanischen Flugzeugen angegriffen. Auf einem anderen Schiff gab es siebenundzwanzig Tote. Die Soldaten schliefen zusammengepfercht unter Deck. Schlimme Umstände.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ägypten nahmen Kitadi und Kabuya an den Kriegshandlungen teil. André Kitadi lag, wie er erzählte, »ein Jahr lang« in dem wüstenähnlichen Gebiet bei Alexandria; von dort aus wurden feindliche Stellungen und Flugzeuge beschossen. Die Gefahr kam aus Libyen und Sizilien. »Am Tag war es glutheiß, nachts mussten wir Handschuhe tragen gegen die Kälte. Sonntags durften wir kurz in die Stadt, nach Alexandria, aber die war von den Deutschen bombardiert worden. Es gab wahnsinnig viele Fliegen.« Martin Kabuya war in Camp Geneva, einem großen Militärstützpunkt in der Nähe des Sueskanals, wo er Morsenachrichten des Feindes auffangen und decodieren musste. »Ich war in der &#039;&#039;Section d&#039;écoute&#039;&#039;, wir hörten Meldungen über ihre Truppenbewegungen ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg brachte sie mit anderen Völkern in Kontakt: mit britischen Offizieren, nigerianischen Soldaten, Arabern, deutschen und italienischen Kriegsgefangenen. Die geschlossene Welt der Kaserne in Belgisch-Kongo lag weit hinter ihnen. Kitadi sagte: »Es gab sehr viele italienische Kriegsgefangene in Alexandria. Wir hielten sie in der Wüste hinter Stacheldraht, aber sie gruben Tunnel. Ein Stück weiter lag unser Munitionsdepot. Die Araber wollten unsere Munition stehlen. Sie sind große Diebe«, sagte er amüsiert. Auch Kabuya sah Kriegsgefangene. »Einmal kam ein deutscher Kriegsgefangener auf mich zu, ein großer SS-Mann, bestimmt zwei Meter lang. Er war an einen Revolver gekommen. Ich habe ihm das Bajonett in den Bauch gestoßen. Unsere Bajonette waren vergiftet. Es waren sehr gute Waffen. Dieser SS-Mann war mein einziger Toter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Krieges wurden beide noch per LKW nach Palästina gebracht, aber dort ging es ruhiger zu. Es mussten höchstens ein paar Grenzen in der Gegend von Haifa bewacht werden. Die größte Gefahr, in die Kitadi dort geriet, war eine Lebensmittelvergiftung, wegen der er im Krankenhaus von Gaza landete: Er hatte gegrilltes Fleisch gegessen, das verdorben war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitwirkung der Force Publique an den Feldzügen der Alliierten ist nahezu unbekannt. Zahlenmäßig handelte es sich um erheblich weniger effektive Beiträge als während der Feldzüge des Ersten Weltkrieges. Die LKW ersetzten größtenteils die Zehntausende Träger von damals. Deshalb schwindet selbst im Kongo die Erinnerung daran rapide. In Kinshasa, einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, sind nur noch eine Handvoll Veteranen am Leben. Einer von ihnen ist Libert Otenga, ein Mann, der noch immer »We&#039;re going to hang out the washing on the Siegfried Line« aus voller Brust singen kann. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er einer der sehr wenigen ist, die zum »Belgischen Feldhospital« gehörten. Diese mobile Sanitätseinheit aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern unternahm im Laufe des Weltkrieges eine unglaubliche Odyssee zu weit entfernten Schlachtfeldern, die irgendwo im Urwald von Burma, dem heutigen Myanmar, endete. Belgisch-Kongo half den Briten nicht nur militärisch und materiell, sondern auch medizinisch. Das »Belgische Feldhospital« war als »the 10th BCCCS« bekannt, &#039;&#039;the tenth Belgian Congo Casualty Clearing Station&#039;&#039;. Es besaß zwei Operationszelte und ein Zelt für Röntgenaufnahmen. In den anderen Zelten konnten dreißig Patienten in Betten versorgt werden und zweihundert auf Tragbahren. Im Laufe des Krieges behandelte die Einheit siebentausend Verwundete und dreißigtausend Kranke. Auf dem Höhepunkt bestand sie nur noch aus dreiundzwanzig Belgiern, darunter sieben Ärzten, und dreihundert Kongolesen.7 Libert Otenga war einer von ihnen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, konnte er sich noch gut an diese Zeit erinnern. Seine Stimme schallte wie eine Sturmglocke, und er sprach in kurzen, knappen Sätzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war medizinischer Assistent. 1942 ging ich zur Armee. Unser erster Einsatz war in Somalia. Dort arbeitete ich mit einem belgischen Chirurgen. Thorax, Abdomen, Knochen. Wir operierten alles. Danach gingen wir mit britisch-belgischen Truppen nach Madagaskar. Dort waren deutsche Kriegsgefangene. Der Deutsche ist ein Spezialfall! Wirklich! Einer von ihnen benötigte dringend eine Bluttransfusion, und Dr. Valcke, einer der belgischen Ärzte, wollte ihm Blut spenden. Aber er weigerte sich! Blut von einem Alliierten, davon wollte er nichts wissen. Und von einem Schwarzen schon gar nicht. Er wollte seine Ehre retten, wir sein Leben. &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, als er schlief, haben wir ihm dann das Blut doch einfach übertragen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste noch immer herzhaft darüber lachen. Ich wusste nicht, dass Kriegsgefangene unter dem Schutz der Dritten Genfer Konvention ein Recht auf humane Behandlung sogar gegen ihren Willen hatten. Aber er marschierte unbeirrbar weiter durch sein Gedächtnis. »Von Madagaskar fuhren wir mit dem Schiff nach Ceylon. Nach Colombo. Das Lazarett und die Armee wurden dort reorganisiert. Ein Schiff brachte uns dann nach Indien.« Das muss zum Flussdelta des Ganges gewesen sein, heute Bangladesch. »Dort stiegen wir auf ein anderes Schiff um, ein Binnenschiff. Damit fuhren wir den Brahmaputra flussaufwärts. Als wir an Land gingen, mussten wir noch ein ganzes Ende zu Fuß weiter bis zur Grenze mit Burma.« Dort war damals der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen japanischen und antifaschistischen Streitkräften, darunter die Briten. Japan hatte das Land 1942 erobert. »Der Grenzübergang hieß Tamu. Wir stießen nach Burma vor und gelangten ins Chindwin-Tal. Wir folgten dem Chindwin-Fluss bis nach Kalewa. Dort bauten wir unser Lazarett auf.« Otenga kannte alle Ortsnamen noch auswendig. Er buchstabierte sie sogar für mich, in militärischem Stakkato. »Ka-le-wa, hast du das notiert? Dort haben wir Kranke versorgt. Soldaten und Zivilisten. Viele mit Schusswunden. Ich erinnere mich an einen englischen Soldaten, der Schrapnellgeschosse in den Bauch bekommen hatte. Solche Sachen.« Dass sich kongolesische Sanitäter im asiatischen Urwald um Burmesen und &#039;&#039;tommies&#039;&#039; kümmerten, ist ein völlig unbekanntes Kapitel in der Kolonialgeschichte, das bald völlig in Vergessenheit geraten sein wird. »In Burma haben wir uns am längsten aufgehalten. Wir führten dort komplizierte Operationen aus. Wir hatten sogar ein Ambulanzflugzeug. Unsere Rettung war schließlich die Atombombe! Die Japaner mussten aus Burma abziehen.«8 Und um diesen Sieg zu unterstreichen, sang er noch einmal das Lied über die &#039;&#039;Siegfried Line&#039;&#039;, den Westwall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oberst Paul Tibbets wird daran nicht gedacht haben, als er auf den Knopf drückte. Es war der 6. August 1945. Sein Flugzeug hieß Enola Gay. Die Stadt unter ihm würde wenige Sekunden später keine Stadt mehr sein, sondern ein Name: Hiroshima. Er wird nicht daran gedacht haben, dass das, was er als Amerikaner über Japan abwarf, faktisch aus dem Kongo kam. Die ersten amerikanischen Atombomben enthielten Uran aus den Minen von Katanga. Als die Nachricht von der schrecklichen Verwüstung auch das Landesinnere von Burma erreichte, wusste Libert Otenga nicht, dass er seine »Rettung« einem Erz verdankte, das zu den Bodenschätzen seines Landes gehörte. Auch im Kongo hatten die Arbeiter in der Mine von Shinkolobwe nie ahnen können, dass das bleischwere, gelbe Gestein, das sie ausgruben, nach der Weiterverarbeitung zu sogenanntem &#039;&#039;yellow cake&#039;&#039; auf der anderen Seite des Planeten zu so viel Zerstörung führen konnte. Niemand wusste davon. Unter größter Geheimhaltung hatte Edgar Sengier, damals Direktor der Union Minière, dafür gesorgt, dass die Uranvorkommen des Kongo nicht in die falschen Hände fielen. Shinkolobwe war die wichtigste Lagerstätte der Welt. Als die Bedrohung durch die Nazis ernster wurde, hatte er direkt vor dem Krieg 1250 Tonnen Uran, die Ausbeute von drei Jahren, von Katanga nach New York verschiffen und die Mine fluten lassen. Nur ein kleiner Vorrat, der in Belgien lagerte, fiel den Deutschen in die Hände. Wie man Uran für militärische Zwecke genau einsetzen konnte, war noch unbekannt (man benutzte es damals hauptsächlich als Färbemittel in der keramischen Industrie), doch die Kernphysik hatte Ende der dreißiger Jahre darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine unaufhaltsame Kettenreaktion entfesselt werden könne. Einstein erwog, die belgische Königin Elisabeth zu informieren – er kannte sie und teilte ihre Liebe zur Musik –, beschloss dann aber, den belgischen Botschafter in New York und schließlich Präsident Roosevelt persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Als das Manhattan-Projekt 1942 startete, machten sich die amerikanischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten, auf die Suche nach hochwertigem Uran. Das kanadische Erz, das ihnen zur Verfügung stand, hatte nämlich einen sehr niedrigen Urangehalt. Zu ihrer Verwunderung stellte sich heraus, dass in den Archer Daniels Midland Warehouses, einem Lagerhaus im Hafen von New York, ein riesiger Vorrat von höchster Qualität lagerte. Daraufhin kam es zu harten Verhandlungen mit Belgien, das bei dem Deal 2,5 Milliarden harte Dollar verdiente, womit der Wiederaufbau finanziert werden sollte. Außerdem erhielt Belgien Zugang zur Nukleartechnologie. Es entstand ein Forschungszentrum im flämischen Mol und ein kleiner Kernreaktor in Kinshasa, der erste in Afrika.9 Die Amerikaner unterstützten auch den Bau von zwei großen Militärflughäfen im Kongo, einen an der Küste in Kitona und einen in Kamina in Katanga. Nochmals: Während des Zweiten Weltkrieges wusste fast niemand im Kongo von all dem. Doch die strategische Bedeutung des Urans war der Grund für das außerordentliche Interesse der USA am Kongo, ein Interesse, das in den Kriegsjahren begann, in den Jahren rund um die Unabhängigkeit bestimmend war und bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 andauern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es ging nicht allein um Uran. Für die Allierten war der Kongo einer der wichtigsten Rohstofflieferanten bei ihrem Kampf gegen Deutschland, Italien und Japan. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour eroberten die Japaner Anfang 1942 große Teile Südostasiens: Indonesien, Singapur, Malaysia und Burma. Dadurch kamen die Importe aus diesen Ländern für die Alliierten völlig zum Erliegen. Der Kongo sollte einen Teil davon ausgleichen. Die Erze und Rohstoffe waren erneut sehr begehrt. Kupfer wurde für die Ummantelungen von Kugeln und Granaten benötigt. Wolfram wurde in Panzerabwehrgeschützen verarbeitet. Zinn und Zink dienten zur Herstellung von Bronze und Messing. Sogar pflanzliche Produkte wie Kautschuk, Kopal, Baumwolle und Chinin hatten strategischen Wert. Palmöl wurde zu Sunlight-Seife verarbeitet, aber auch in der Stahlindustrie verwendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren also nicht nur kongolesische Soldaten, die ihren Beitrag zum Kriegseinsatz der Alliierten leisteten. Auch Bergleute, Fabrikarbeiter und Tagelöhner auf den Plantagen mussten ihr Letztes geben. Wie im Ersten Weltkrieg lief die kongolesische Wirtschaft auf Hochtouren. Die Zahl der Arbeitnehmer stieg von einer halben Million 1939 auf achthunderttausend 1945, vielleicht sogar auf eine Million.10 Der Kongo wurde nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land südlich der Sahara. Nach dem Ersten Weltkrieg waren auch Textilfabriken, Seifensiedereien, Zuckerraffinerien, Zementwerke, Brauereien und Tabakfabriken hinzugekommen. Doch die brummende Industrie brachte nicht sofort Wohlstand mit sich. Wegen des Krieges erreichten immer weniger Warenlieferungen die Kolonie. Es gab keine Stoffe, keine Werkzeuge, keine Medikamente. Die Ärzte hatten das Land verlassen, die Krankenhäuser hatten keine Vorräte, auf den Flüssen fuhren viel weniger Schiffe. Je kleiner das Angebot, desto höher natürlich die Preise. Und da die Löhne einer festen Regelung unterlagen und nicht erhöht wurden, sank die Kaufkraft der durchschnittlichen Arbeitnehmer dramatisch.11 In dem weitab gelegenen Elisabethville, das stark auf Importe angewiesen war, stieg der Preis eines Coupons Stoff aus Léopoldville um mehr als 400 Prozent. Importstoffe aus Großbritannien und Brasilien verteuerten sich sogar um bis zu 700 Prozent.12 Eine Decke war nun in der kleinen Minenstadt Jadotville viermal so teuer.13 Das war misslich, denn die katangesischen Nächte können kühl sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser dramatischen Inflation konnten soziale Proteste nicht ausbleiben. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Krieges kam es zu Streiks und Aufständen. Im November 1941 versuchten Grubenarbeiter in Manono, in Nord-Katanga, während eines Streiks die belgische Flagge herunterzuholen und durch eine schwarze Fahne zu ersetzen. Die Männer trugen eine Krone aus Palmzweigen. Die meisten von ihnen waren Anhänger des Kitawala-Glaubens. Sie hatten alle ihre Ziegen und Hunde getötet, weil sie davon überzeugt waren, dass eine neue Welt heraufdämmerte.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Monat später kam es in Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, zu großen Protestaktionen. Weiße Beschäftigte der Union Minière, die sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen hatten, protestierten gegen die historisch niedrige Kaufkraft, und ihr Unmut sprang auf die Camps der schwarzen Arbeiter über. Auch dort forderte man eine kräftige Lohnerhöhung. Sozialer Protest nahm hier nicht die Form einer religiösen Erweckung (wie bei Simon Kimbangu 1921) oder ethnischen Revolte (wie bei den Pende 1931) an, sondern drückte sich 1941 in einer transparenten und sehr begreiflichen Lohnforderung aus. Dennoch reagierten die kolonialen und industriellen Mächte auf altmodische Weise. Gewerkschaften für Einheimische waren noch immer verboten. Am wichtigsten Tag des Streiks strömten die Arbeiter auf dem Fußballplatz der Stadt zusammen. Mehr Symbolkraft war kaum denkbar: Der Fußballplatz, der Ort, der die Funktion hatte, die Masse zu disziplinieren, wurde nun zu einem Ort des Volksprotestes und der blutigen Unterdrückung. Amour Maron, der Provinzgouverneur von Katanga, versuchte zusammen mit dem Personalchef der Union Minière die Streikenden zu beschwichtigen, doch die gaben sich nicht geschlagen. Ihr Anführer war Léonard Mpoyi, ein Büroangestellter, der studiert hatte. Einer der Streikenden berichtete später: »Maron sagte: ›Geht wieder an die Arbeit. Wir haben alle eure Löhne erhöht.‹ Wir sagten nein. Die Leute fingen an zu schimpfen und zu schreien. Maron fragte erneut Léonard Mpoyi: ›Du willst nicht gehen?‹ Léonard Mpoyi antwortete: ›Ich weigere mich. Wir wollen erst einen Beweis, ein schriftliches Dokument, in dem steht, dass der Betrieb unsere Löhne erhöht hat.‹« Ein solches Dokument erhielten die Arbeiter nicht. Es brach Panik aus, und die Soldaten der Force Publique traten in Aktion. »Maron gab den Soldaten den Befehl, auf die Arbeiter zu schießen. Die Soldaten führten ihn aus und schossen gnadenlos.«15 Es gab mindestens sechzig Tote und hundert Verletzte. Das erste Opfer war Léonard Mpoyi selbst.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die blutige Niederschlagung des Streiks prägte sich tief ein in Elisabethville. André Yav, der ehemalige Boy, den wir schon vorher zu Wort kommen ließen, schrieb darüber in seiner eigenwilligen Geschichte: »Es war ein Jahr tief im Krieg von 1940 bis 1945. Viele, viele Menschen starben. Sie starben für höhere Monatslöhne. An diesem Tag gab es viel Kummer bei den Leuten von Elisabethville wegen des bwana Gouverneur.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der große Streik von Elisabethville war ein Markstein in der Sozialgeschichte des Kongo, denn er war die erste öffentliche Äußerung von städtischem Protest. Elisabethville war die zweitgrößte Stadt des Landes und der wirtschaftliche Motor des ganzen Kongo. Die Union Minière war das Flaggschiff der kolonialen Industrie, allerorts gelobt wegen seiner großzügigen sozialen Leistungen. Aber die paternalistische Politik, die trotz der veränderten Situation im alten Trott weitermachen wollte, stieß nun doch auf Grenzen. Man ließ sich nicht alles gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges kursierten in den einfachen Vierteln von Léopoldville einige Legenden, die bei all ihrem Erfindungsreichtum dennoch sehr aufschlussreich für die Haltung gegenüber der weißen Vorherrschaft waren. Es gab die Legende von Mundele-Mwinda, dem »weißen Mann mit dem Licht«, einem imaginären Europäer, der nachts mit einer magischen Taschenlampe durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Schwarzen. Wer in das Lichtbündel geriet, war sofort gelähmt. Mundele-Mwinda nahm ihn dann mit zu Mundele-Ngulu, einem anderen grauenhaften Wesen. Dieser weiße Schweinehirt (&#039;&#039;ngulu&#039;&#039; bedeutet »Schwein« im Lingala) mästete das Opfer, bis es zu einem Schwein wurde. »Und aus dem Fleisch von diesem Schwein wurden Würste und Schinken gemacht, von denen sich die Weißen im Krieg ernährten.«18 Dass Eltern solche Geschichten ihren Kindern erzählten, um sie nachts von der Straße fernzuhalten, illustriert, wie wenig positiv das Bild des Weißen noch war. Es war eine perfekte Umkehrung der Figur des »Schwarzen Piet« als Kinderschreck im katholischen Belgien jener Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch Erwachsene schenkten solchen Legenden Glauben. Unter dem Einfluss von volkstümlichen Geschichten über bösartige Weiße suchten Menschen ihr Heil bei messianischen Religionen; aus den Geschichten sprach großer Argwohn gegen die Kolonialherrscher. In der Kaserne von Luluabourg kam es im Februar 1944 zu einer Meuterei. Der Anlass war bizarr: ein Impfstoff. Als Truppensanitäter die Soldaten impfen wollten, verbreitete sich das Gerücht, es sei eine List der Weißen, um sie auszurotten. Sehr viele Soldaten kündigten den Gehorsam, verließen die Kaserne und verbreiteten sich über ein sehr großes Gebiet. Meuterer und Zivilisten begannen zu plündern. Finanzämter, Speicher und einige Häuser von Weißen wurden verwüstet. Es folgte eine gnadenlose Bestrafung. Dass ein unmotiviertes Gerücht zu so weitreichenden Protesten führen konnte, zeigt, wie tief das Misstrauen saß.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts kehrte gegen Ende des Krieges die soziale Unruhe mit aller Heftigkeit zurück. Im Frühjahr 1944 gab es in der Kivu-Provinz in der Gegend um Masisi einen sozial-religiösen Aufstand von Kitawala-Anhängern. Viele der Rebellen arbeiteten in der Goldgewinnung. Drei Weiße verloren das Leben, Hunderte Schwarze wurden getötet, der Anführer der Revolte wurde gehängt. Im November 1945 legten in Léopoldville fünf- bis sechstausend Arbeiter und Boys die Arbeit nieder. Die Eisenbahner verbreiteten die Nachricht bis in die Hafenstadt Matadi. Die Dockarbeiter schlossen sich an. Sie schraubten die Bolzen von den Eisenbahnschienen ab und kappten die Telefonleitungen. Fünfzehnhundert Streikende zogen durch die Stadt, bewaffnet mit Eisenstangen, Hämmern und mit Nägeln gespickten Knüppeln. Eine unbekannte Anzahl von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden von Ordnungstruppen getötet. Das Militär besetzte die Stadt, abends und nachts herrschte Ausgangssperre. In den folgenden Tagen war das Gefängnis von Matadi so überfüllt, dass mehrere Aufständische erstickten.20 Die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach führten im Kongo nicht zu einem Gefühl der Befreiung. Als Brüssel im September 1944 befreit worden war, hatten die Kongolesen noch auf den Straßen Léopoldvilles getanzt. Sie hatten gehofft, dass alles anders werden würde. Doch die Euphorie hielt nicht an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten flehten die Arbeiter um Lohnerhöhungen, aber auch tief im ruhigen Binnenland war der Krieg zu spüren. Neben der militärischen Mobilmachung, die die jungen Männer aus ihren Dörfern holte, gab es eine sehr einschneidende zivile Mobilmachung. Alle Dörfer mussten einen Beitrag zum sogenannten &#039;&#039;»effort de guerre&#039;&#039;« leisten. Die Zahl der Tage, an denen man für den Staat arbeiten musste, verdoppelte sich von 60 auf 120. Dadurch gerieten insbesondere die Kleinbauern in Schwierigkeiten. Vor allem im Äquatorialwald fiel diese »Kriegsanstrengung« sehr schwer. Straßen durch große Sümpfe mussten angelegt und Brücken über breite Flüsse gebaut werden. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, Palmfrüchte und Kopalharz zu sammeln und sogar wieder Kautschuklianen anzuzapfen. 1939 produzierte der Kongo nur noch 1142 Tonnen Kautschuk, einen Bruchteil dessen, was während des Kautschukbooms hervorgebracht worden war, doch 1944 waren es 11.337 Tonnen.21 Das war eine Verzehnfachung innerhalb von fünf Jahren, mitten im Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein außerordentlich lebendiges Bild, wie der Krieg das Leben der Landbevölkerung prägte, vermitteln die großartigen Kriegstagebücher von Vladi Souchard, Pseudonym von Vladimir Drachoussoff, einem jungen belgischen Landwirtschaftsingenieur mit russischen Wurzeln. Seine Eltern waren während der Oktoberrevolution nach Belgien geflohen; er war damals erst ein paar Monate alt. Ende Mai 1940 ging er als 22-Jähriger in die Kolonie, wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch. Zuerst arbeitete er für eine Zuckerrohrplantage in Bas-Congo, später wurde er Beamter der Kolonialverwaltung. Als junger Agronom reiste er von Dorf zu Dorf, um den &#039;&#039;effort de guerre&#039;&#039; einzutreiben. Er war für einen Bereich in der Provinz Équateur zuständig, im Umkreis des Leopoldsees. Plötzlich war ein Emigrantensohn aus Brüssel für die Landwirtschaft in einem Gebiet von zehntausend Quadratkilometern verantwortlich, einem Gebiet ohne Straßen und Industrie, das manchmal nur aus »einer undeutlichen Mischung von Wasser, Schlamm und Bäumen« bestand.22 Er bewegte sich zu Fuß, per Fahrrad oder Einbaum fort und suchte Dörfer auf, die seit Jahren keinen Vertreter der Kolonialregierung mehr gesehen hatten. Seine Karten waren veraltet, manche Dörfer befanden sich inzwischen an anderen Stellen, und die Übernachtungsmöglichkeiten des Staates waren oft völlig heruntergekommen. Während des Krieges ließ der Nachschub an Kolonialbeamten auf sich warten; von einer Ablösung war nicht die Rede. Vladimir Drachoussoff musste Dorfgemeinschaften befehlen, Reis und Erdnüsse anzubauen und wieder Kautschuk zu ernten. Vor Letzterem schreckten die Menschen zurück. Es handelte sich ja um das Gebiet, in dem &#039;&#039;der »rote Kautschuk«&#039;&#039; die tiefsten Wunden geschlagen hatte. Junge Männer kannten die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Zeugen brauchten nicht einmal zu sprechen. Drachoussoff sah es mit eigenen Augen: »Am Lopori und beim Lac [dem Leopoldsee] habe ich persönlich zwei ältere Schwarze gesehen, denen die rechte Hand fehlte und die jene Zeit nicht vergessen haben.«23 Viele Dorfbewohner behaupteten deshalb, dass es in ihrer Gegend keine Kautschuklianen gebe, dass sie sie nicht kennen würden oder dass die Lianenvorkommen erschöpft seien. So begann &#039;&#039;la dure bataille du caoutchouc&#039;&#039;24&#039;&#039;,&#039;&#039; ein Kampf&#039;&#039;,&#039;&#039; zu dem sich Drachoussoff doch ein paar Randbemerkungen erlaubte: »Mit welchem Recht reißen wir die Kongolesen mit in unseren Krieg? Mit keinem einzigen. Aber Not kennt kein Gebot . . . und der Sieg Hitlers würde hier eine rassistische Tyrannei etablieren, der gegenüber sich die Missstände des Kolonialismus wie Wohltaten ausnehmen würden.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren ambivalente Zeiten, und Drachoussoff wusste das. Er balancierte zwischen Notwendigkeit und Unvermögen, zwischen Weltpolitik und Urwald, zwischen antifaschistischem Engagement und kolonialer Wirklichkeit. Als Agronom in einer Zeit der notorisch unterbesetzten Verwaltung musste er viele Aufgaben erfüllen. Abends notierte er seine Erfahrungen. Es lohnt, ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mittwoch, den 10. November 1943. Mekiri.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr breche ich mit einem geliehenen Fahrrad nach Kundu auf. Zwei Soldaten folgen zu Fuß. Meine Leute gehen mit dem Gepäck nach Mekiri.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme in Kundu kurz vor der Morgendämmerung an und warte, bis es hell wird, während ich ein Stück Brot verzehre. Kurz vor sechs klopfe ich an die Tür des capita [ein kongolesischer Mittelsmann] (. . .) und bitte ihn, alle Männer zusammenzurufen, damit sie mir die Ernte des vergangenen Tages zeigen. Die Dorfbewohner sind so überrascht, dass sie alle erscheinen, sowohl die, die Kautschuk haben, als auch die anderen. Ich spreche ein paar aufmunternde Worte, verhänge drei Bußen und lasse den vier schlimmsten Fällen den Strick um den Hals legen (das ist symbolisch gemeint: tatsächlich knüpft man ein zwanzig Zentimeter langes Stück »kekele« um den Hals, eine sehr stabile Schnur aus Baumrinde, die nicht stört, aber die Festnahme versinnbildlicht). Anschließend breche ich im Triumphzug mit meinen »Knastbrüdern« auf, um die Karawane einzuholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gegend gab es kein Gefängnis. Haft bedeutete, dass man ein paar Tage lang mit dem Kolonialbeamten unterwegs war. Ein Fußmarsch als Strafe, die freie Natur als Freiheitsberaubung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Ngongo begegne ich den Soldaten und übergebe ihnen die Gefangenen. Dem Recht ist Genüge getan, Kundu wird seine Kriegsanstrengung erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz hinter Ngongo hole ich das Ende unserer Karawane ein. Die Etappe ist zwanzig Kilometer lang, mitten durch weite Sandebenen, in denen nur ein paar Borassus-Palmen wachsen und die von mageren Galeriewäldern [Wald an den Ufern eines Flusses] durchzogen sind. Wir kontrollieren die Kautschukproduktion in den Weilern, die wir passieren: Nicht gerade berauschend, und ich fertige mehrere Protokolle an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dorf Mekiri warten die Männer, die gestern Abend bereits benachrichtigt worden sind, mit Kautschukmilch auf uns, weil ich ihnen zeigen will, wie sie sie zum Gerinnen bringen müssen. Ich schicke Faigne und Pionso los, die Felder zu kontrollieren und zu vermessen, während ich meinen kurzen Vortrag halte. Abends, als ein Platzregen unsere Unterkunft heimsucht, wie durch ein Sieb durchs Dach strömt und Betten, Kleidungsstücke und Essen durchnässt, halte ich Gericht und verhänge in schnellem Tempo Strafen oder verkünde Freisprüche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gerichtsverfahren erfordert einen Wust an Papieren. Ich bin als Polizeirichter mit begrenzten Befugnissen eingesetzt (das heißt, ich kann nur bei wirtschaftlichen Straftaten Urteile sprechen) und als ambulanter Gefängniswärter (das heißt, ich darf die von mir Verurteilten veranlassen, mich zu begleiten). Die Höchststrafe beträgt sieben Tage für die Unterlassung von Arbeiten mit erzieherischem Charakter, das Fällen von unter Naturschutz stehenden Bäumen und für Jagdvergehen, und dreißig Tage für die unterlassene Leistung der Kriegsanstrengung. Ich bin selbstverständlich auch noch polizeilicher Ermittlungsbeamter mit begrenzten Befugnissen kraft meines Amtes als Distrikts-Agronom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren erfordert, dass ich erst ein Protokoll aufnehme in meiner Funktion als polizeilicher Ermittler und dass ich dann als Polizeirichter auftreten muss. Nachdem ich die Rollen gewechselt habe, fälle ich das Urteil nach einem Verhör, das oft schlichtweg surrealistisch anmutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann muss sich verantworten, weil er keine zehn Ar mit Erdnüssen bepflanzt hat. Entweder er hat einen stichhaltigen und nachprüfbaren Rechtfertigungsgrund und ich schicke ihn nach Hause (manche Staatsanwälte fordern sogar, dass wir dann noch ein Urteil mit Freispruch fällen . . .), oder er behauptet einfach irgendetwas. Das führt zu folgendem Dialog, der gewissenhaft protokolliert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Warum hast du keine Erdnüsse angepflanzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Weil ich krank war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Zwei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Du hattest drei Monate Zeit, dein Feld zu bestellen. Es sind nicht die beiden Tage, die dich daran gehindert haben, deine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Das stimmt, Weißer. Aber da ist noch was anderes . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Die zweite Frau meines Vaters hat ein Kind bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber Himmel, es ist unmöglich, die Gebräuche der dreißig oder vierzig Völker des Sees zu kennen, aber die Feste bei der Geburt eines Kindes dauern keinesfalls ein paar Wochen. Also weiter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, das sind dann fünf Tage Kittchen für dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Ja, Weißer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche beschweren sich. Andere sind geradeheraus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na nini asalaki bilanga te? (Warum hast du die Felder nicht bestellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na koï-koï (Aus Faulheit) . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die würde ich gern einfach freisprechen, aber dann würden mir morgen alle dieselbe Antwort geben.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff war Teil der Kolonialverwaltung, konnte sich aber, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, auch in die Perspektive der Einheimischen einfühlen. Die Menschen hätten genug am Wald und an den Flüssen, konstatierte er, Geld interessiere sie nicht besonders. »Da die Region selten kontrolliert wird, ziehen die meisten Bauern es vor, acht Tage leichte Haft zu erdulden und dafür dreihundertsiebenundfünfzig Tage in Ruhe und Frieden zu leben. Kann ich es ihnen verdenken?«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon im neunzehnten Jahrhundert zwang die Nachfrage nach Kautschuk Menschen, tiefer in den Regenwald vorzudringen, trotz der Gefahr durch Raubtiere und Tsetsefliegen. Die Schlafkrankheit, die als Epidemie bezwungen war, forderte erneut viele Opfer. Womöglich ein Fünftel der Bevölkerung des Äquatorialwaldes wurde infiziert. Viele litten auch unter Darmparasiten, da sie fern von zu Hause ihren Durst nur mit brackigem Sumpfwasser stillen konnten.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ausgesprochen spannend, da hier ein Vertreter der Kolonialmacht zu Wort kommt, dessen Weltbild ins Wanken geraten ist. Während die meisten Weißen einfach das Ende des Krieges abwarteten, um ihr Leben danach wie gewohnt weiterzuführen, hatte er erkannt, dass »die Schwächung Europas unweigerlich Zentrifugalkräfte auslösen wird«.29 Es würde nie mehr wie vorher werden. Verzweiflung kam in ihm auf. Als Kind russischer Emigranten besaß er viel feinere Antennen für jähe historische Umbrüche als der durchschnittliche Belgier. Die brillanteste Passage in seinem Tagebuch war geradezu prophetisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen wir hier eigentlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zivilisieren« im Namen einer Zivilisation, die zerfällt und nicht mehr an sich glaubt? Christianisieren? (. . .) Aber warum sind wir dann hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir bringen Frieden und bewahren ihn, wir überhäufen das Land mit Straßen, Plantagen, Fabriken, wir bauen Schulen, wir sorgen für eine medizinische Betreuung. Als Gegenleistung nutzen wir ihre Bodenschätze und ihr Land und lassen sie für uns arbeiten, gegen Bezahlung . . . bescheiden allerdings. Leistung und Gegenleistung, aber von einer Seite aufgezwungen: Das ist der ganze Kolonialpakt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und morgen? Was wird das schwarze Baby dann sein, das auf dem Rücken der Mutter festgebunden ist, die an meiner &#039;&#039;barza&#039;&#039; vorbeigeht, dieser junge Spross des kolonisierten Afrika? Wird er die Macht aus unseren Händen übernehmen oder sie uns entreißen wollen? Wie fern das heute erscheint, tief in diesem Urwald . . . und doch, es gibt Momente, in denen sich die Geschichte beschleunigt: Als mein Vater ein Kind war, glaubte er ebenso sehr an die Ewigkeit der patriarchalen Welt, die ihn umgab – und das war fünfundzwanzig Jahre vor 1917! Früher oder später – und ich hoffe für den Kongo, dass es nicht zu früh sein wird – wird dort ein Mann aufstehen. Wird es ein &#039;&#039;chef coutumier&#039;&#039; sein, der die modernen Techniken der Machtausübung beherrscht, ohne die traditionellen zu verleugnen? Wird es einer von den kleinen Jungen sein, die »Vers l&#039;avenir« singen bei der Preisverleihung [am Ende des Schuljahrs]? Viele von uns denken heute nicht einmal daran, obwohl unsere Kolonisation weniger danach beurteilt werden wird, was sie geschaffen hat, als danach, was von ihr bleiben wird, wenn sie vorbei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit seinen klarsichtigen Überlegungen fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an – eine Annahme, die bewusst absurd ist –, der Kongo sei im Jahre 1970 unabhängig. Welch ein Berg von Problemen! Wir in Europa hatten nie einen unüberwindbaren Konflikt zwischen unserer gesellschaftlichen Organisation und unseren technischen Errungenschaften: Beide haben sich mehr oder weniger Hand in Hand entwickelt. In Afrika dagegen stößt eine archaische Gesellschaftsform mit der Allmacht einer technischen Zivilisation zusammen, die sie zerfallen lässt, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich tritt der Kongo peu à peu in die Moderne ein. (. . .) Aber geschieht das nicht auf Kosten einer traditionellen Welt, die sich überlebt hat und doch noch immer notwendig und – noch für eine Weile – unersetzbar ist? In wessen Namen? Im Namen der wunderbaren Kultur, deren Früchte wir momentan in Europa pflücken? (. . .) Darum ist es so schwer, ein gutes Gewissen zu behalten. Indem wir nichts als wir selbst sind, zerstören wir Traditionen, die manchmal grausam, aber ehrwürdig waren, und bieten als Ersatz nur weiße Hosen und schwarze Brillen an, nebst etwas Wissen und einem unermesslichen Warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Schulbildung denn keine Form der Emanzipation? Führte die Kolonisation denn nicht zu einem langsamen Erwachsenwerden, wie die koloniale Dreifaltigkeit gern behauptete?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben wir das Recht, auch die Unvoreingenommensten unter uns, zu strafen und zu erziehen, wenn Erziehen allzu oft ein Synonym für Korrumpieren ist?30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ein unbekanntes Meisterwerk der Kolonialliteratur. Ein glänzender Stil, ein subtiler Tonfall, literarisch, ohne es zu wollen. Für ihn waren die Kriegsjahre im Kongo eine Lektion in Bescheidenheit. »Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen«, notierte er gegen Ende des Krieges.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Fall des Dritten Reichs befand sich André Kitadi, der Funker, der die Sahara durchquert hatte, noch immer in Palästina. Womit vertrieb man sich die Zeit, so fern von zu Hause? Ein Militärgeistlicher nahm ihn und seine Kameraden an alle heiligen Orte mit. »Wir waren in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth . . . Manche ließen sich sogar im Jordan noch einmal taufen.« Auch Libert Otenga, der Sanitäter im Feldhospital in Burma, nutzte die Gelegenheit, um etwas von der Welt zu sehen; er bevorzugte eine eher säkulare Form des Sightseeing. »Von Burma aus kehrten wir nach Indien zurück. Um zu essen, zu trinken und zu tanzen. Und um Mädchen aufzureißen.« Er lachte dröhnend. »Sie waren klasse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veteranen sind nach jedem Krieg eine unbequeme Gruppe. Wer für ein Land sein Leben riskiert hat, erwartet später eine Würdigung. Anerkennung, Ehre, Geld. Zurück im Zivilleben, wird Veteranen bewusst, was sie durchgestanden haben. Verletzungen, auch seelische, sind noch lange nicht geheilt – falls sie überhaupt jemals heilen. Junge Männer haben Gliedmaßen verloren und auch ihre Träume. Erinnerungen steigen auf, Traumata schwelen. Sie sehen, dass die Daheimgebliebenen ihr Leben ungestört weiterführen konnten. Und für sie haben sie doch gelitten, für diese Menschen, die nicht nachempfinden können, was sie durchgemacht haben. Veteranen sind immer eine sehr heikle Gruppe, doch die einer Kolonialarmee sind schlichtweg explosiv, zumal sie weniger für ihre eigenen Belange als für einen fremden Machthaber gekämpft haben. Im Kongo war es nicht anders. »Wir haben den Krieg als belgische Kolonie geführt«, schmetterte Libert Otenga mir entgegen. Und das hätte großzügig entgolten werden müssen: »Sie hätten uns nach dem Krieg die belgische Staatsangehörigkeit geben müssen! Das wäre nur recht und billig gewesen.«32 Ein anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer war der Ansicht, nach den glänzenden Siegen habe man sie heimgeschickt »wie einen Hund ohne Beute nach der Jagd mit seinem Herrn«.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Veteranen kamen mit einer Fülle neuer Eindrücke in ihre Heimat zurück. Sie waren jetzt welterfahrener und ließen sich von der Kolonialregierung von Belgisch-Kongo nicht mehr so schnell beeindrucken. In Abessinien hatten sie weiße Generäle gefangen genommen! In Nigeria hatten sie einen anderen Kolonialismus gesehen! André Kitadi fand auch dafür sehr prägnante Worte: »Die Briten behandelten uns sehr gut. Wir wurden gut gekleidet und gut ernährt. In Lagos wurde für uns Soldaten gekocht. Tee, Brot, Milch, Konfitüre . . . Im Kongo dagegen mussten wir uns im Busch was zu essen suchen! Wir sahen auch, dass die Briten schon afrikanische Offiziere hatten, sogar im Rang eines Majors oder Oberst. Gute Schüler schickten sie auf die Oberschule in England. In Belgisch-Kongo gab es das alles nicht. Was für eine Diskriminierung! Sie hielten uns klein! Das führte zu viel Unmut und Misstrauen, ja sogar zu einer gewissen Aufsässigkeit. Nach dem Krieg haben wir gesagt: ›Das wollen wir auch!‹ Wir wollten einen Wandel, aber wir durften nicht einmal ihre Läden betreten. Das passte uns nicht. Wir hatten Englisch gelernt. Wir warfen uns in englische Anzüge, gaben uns als Amerikaner aus und besuchten die Restaurants der Portugiesen, wo wir laut miteinander redeten. ›So, what do you drink?‹, sagten wir zueinander. ›You want to eat?‹«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Autorität der Weißen wurde auf subtile Weise herausgefordert. Am Kräfteverhältnis hatte sich etwas geändert. Viele Kongolesen wussten nur allzu gut, dass die Kolonie sich stärker gezeigt hatte als die Metropole. Belgien war überrannt worden, der Kongo aber hatte sich behauptet und militärische Triumphe verzeichnet. Die Force Publique war, wie schon im Ersten Weltkrieg, erfolgreicher gewesen als die belgische Nationalarmee. Das besetzte Belgien hatte sich über seine Regierung in London nur dank der Kolonie aufrechterhalten. Auch für den Wiederaufbau stützte sich das zerstörte Mutterland stark auf die Kolonie. Kurzum, die Belgier waren stärker auf den Kongo angewiesen als der Kongo auf Belgien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Weltordnung nach dem Krieg gab den Kongolesen im Übrigen nicht unrecht. In Jalta legten die Siegermächte die Umrisse einer neuen Welt fest. Amerika hatte als ehemalige Kolonie nicht viel Sympathie für die kolonialen Abenteuer Europas. Und die Sowjetunion war im Sinne eines proletarischen Ideals gegen jede Form von Unterwerfung. Kolonien, einst eine unerschöpfliche Quelle edelmütiger Phantasien und hochgespannter Ideale, schienen plötzlich nicht mehr zeitgemäß zu sein. Um nicht zu sagen: verdächtig. Als sich 1945 in San Francisco Vertreter von einundfünfzig Staaten aus der ganzen Welt versammelten, um die Charta der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, verschwand der Begriff »Kolonie« in den Kulissen der Geschichte. Man sprach nun von »Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung«. Dieser Begriff hatte etwas Vorwurfsvolles – für die Kolonialmächte –, aber auch etwas Hoffnungsvolles – für die Kolonien. Ihre Unterwerfung würde nicht fortdauern. Artikel 73 ließ keinen Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, daß die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben; sie übernehmen als heiligen Auftrag die Verpflichtung, im Rahmen des durch diese Charta errichteten Systems des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit das Wohl dieser Einwohner aufs äußerste zu fördern; zu diesem Zweck verpflichten sie sich, (. . .) die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam nun die große Wende? In einem solchen Klima wäre zu erwarten, dass alles plötzlich sehr schnell ginge. Dass die Veteranen an den Grundfesten der Macht rüttelten, dass Angestellte sich bestärkt fühlten durch den internationalen Rückhalt, dass Arbeiter die Stimme erheben und Bauern die Mistforke, oder besser die Machete, schwingen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nichts von alledem passierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem turbulenten Streik in Matadi wurde es plötzlich still. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Zehn Jahre lang, von 1946 bis 1956, sollte es im Kongo ruhig bleiben. Es gab keine religiöse Erweckungsbewegung wie in den zwanziger Jahren, keinen Bauernaufstand wie in den dreißiger Jahren, keine Meuterei wie in den vierziger Jahren. Es gab keine Streiks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? Hatte der belgische Kolonialismus etwa über Nacht ein anderes Gesicht bekommen? In gewisser Hinsicht schon, jedenfalls vom Denken her. 1946 sagte Generalgouverneur Ryckmans in seiner letzten öffentlichen Rede: »Die Tage des Kolonialismus sind vorbei.« Er meinte damit vor allem das alte, rein auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes gerichtete System. »So wie in der Diplomatie die Redlichkeit ist in der Kolonisation die Uneigennützigkeit die beste Politik.«35 Die Kolonie sollte endlich selbst die Früchte ihrer Reichtümer genießen. Es ging noch nicht darum, auf die Unabhängigkeit hinzuarbeiten, sondern um eine »Entwicklungskolonisation«.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser neue Elan spricht auch aus den reißerischen Slogans, die in Schwang kamen. Nach dem Krieg bezeichnete die Kolonialmacht den Kongo vollmundig als »die zehnte Provinz Belgiens«. Es war ein Versuch, die herablassende Haltung von ehedem durch einen mehr ebenbürtigen Umgang zu ersetzen. Die Kolonie lag nicht mehr in der Ferne, sondern war integraler Bestandteil des Mutterlandes geworden. Doch das war eine lachhafte Vorstellung: Wie konnte ein riesiges Land, das durch eine Laune des Schicksals zur Kolonie eines Zwergstaates geworden war, eine &#039;&#039;Provinz&#039;&#039; dieses Staates sein? Der Kongo war tausendmal so groß wie Limburg, Brabant oder der Hennegau!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Annäherungsversuch war das Konzept einer »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Die Idee stammte von Léon Pétillon, Generalgouverneur ab 1952, und sollte das &#039;&#039;dominer pour servir&#039;&#039; von einst vergessen machen, das inzwischen allzu bevormundend klang. Belgier und Kongolesen sollten Hand in Hand an einer neuen, modernen Welt bauen. So wie die Briten ihr &#039;&#039;Empire&#039;&#039; umbildeten zum &#039;&#039;Commonwealth&#039;&#039; und die Franzosen ihre überseeischen Gebiete als &#039;&#039;Union française&#039;&#039; neu definierten, so sollte Belgien künftig mit der Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft die Gleichrangigkeit beider Partner anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Politiker leisteten nachdrückliche Lippenbekenntnisse zum neumodischen Diskurs über »das einheimische Volkswohl«. Die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ging dabei am weitesten: »Die Zukunft der Rasse und das Wohl unserer kongolesischen Bevölkerungsgruppen sind unser vorrangiges Ziel«, formulierte sie.37 Belgische Meinungsführer unterschiedlichster politischer Couleur stimmten diesem Statement zu. »Die Kolonisation bringt in erster Linie eine Kulturvermittlung im Dienste der Völker in Gang«, behauptete ein Katholik.38 »Ob wir wollen oder nicht, unser Schicksal im Kongo hängt von dem der Schwarzen ab«, hatte ein Sozialist bereits erkannt.39 »Alles für, alles durch den Eingeborenen«, resümierte ein Liberaler.40 Diese Einmütigkeit darf verwundern, zieht man die weitgehende Versäulung, den gesellschaftlichen Partikularismus im Belgien der Nachkriegszeit, in Betracht. Aber viele Belgier waren sich bewusst, wie sehr die kongolesische Bevölkerung gelitten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kämpferisch nahmen die Belgier ein neues Kapitel ihrer Kolonialgeschichte in Angriff, optimistisch und mit mehr Stolz als zuvor. Sie würden der Kolonie den Weg in die Moderne bahnen, die Bevölkerung auf einen höheren Stand bringen und &#039;&#039;en passant&#039;&#039; über sich selbst hinauswachsen. Ein ehrgeiziger Zehnjahresplan sollte ab 1949 der Kolonie auf allen Ebenen zu einer modernen Infrastruktur verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Zeit der Schnellstraßen, der Nylonstrümpfe und der Sansevierien. Die neue Weltordnung veranlasste zu Fortschrittsglauben, ja sogar zu Frohmut. Scharenweise zogen Wallonen und Flamen in den Kongo. Das war die &#039;&#039;relève&#039;&#039;, die Ablösung, frisches Blut, auf das Männer wie Drachoussoff in den langen Kriegsjahren so gewartet hatten. Am Ende des Krieges befanden sich nur noch 36.080 Weiße im Kongo, 1952 lebten 69.204 dort, mehr als je zuvor.41 Die Kolonialbeamten und die Industriefacharbeiter, alles Männer, nahmen nun sehr viel häufiger ihre Frauen mit. Die Epoche der &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; neigte sich dem Ende zu, zur großen Erleichterung der Kirche, auch wenn mehrere tausend &#039;&#039;métis&#039;&#039; zurückblieben, Kinder gemischter Paare, die oft in keiner der beiden Welten zu Hause waren. Die Mutter war fast immer Kongolesin, der europäische Vater war für gewöhnlich ein Belgier, der in einem Unternehmen oder in der Verwaltung arbeitete, aber es gab auch griechische und portugiesische Väter. Diese Griechen und Portugiesen waren meist kleine Selbstständige, die einen Laden oder ein Restaurant besaßen. Wenn der Vater die Kinder anerkannte, erhielten sie eine europäische Erziehung und Nationalität. Geschah das nicht (wie in neun von zehn Fällen), blieben sie bei der Mutter im Stadtviertel oder Dorf, wo sie oft als Außenseiter behandelt wurden: zu hell, um schwarz zu sein, und zu dunkel, um weiß zu sein.42 Die Zahl der euro-afrikanischen Geburten nahm nach dem Krieg stark ab. Die Neuankömmlinge aus Belgien bekamen in der Kolonie Kinder, blonde, rosige Kinder mit Sommersprossen, die auf dem Rasen vor der Villa in kurzen Hosen umhertollten, mit einer Echse spielten und Mangos eher kannten als Äpfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die kongolesische Bevölkerung jedoch änderte sich nicht besonders viel. Grundlegende Reformen, die den Menschen mehr Rechte (in Sachen Mitbestimmung und gesellschaftliche Rechtsstellung) einräumen sollten, ließen sehr lange auf sich warten.43 Von einem neuen Bündnis zwischen Weiß und Schwarz war in der Praxis nichts zu bemerken. Noch immer schwor die koloniale Dreifaltigkeit darauf, die breite Masse nur langsam an mehr Bildung heranzuführen. Technisch gesehen war es sehr gut möglich, in kurzer Zeit eine Elite heranzubilden, doch die Machthaber befürchteten, dass sich eine solche Elite zu sehr von der Basis entfremden könnte. Das ganze Volk, so meinte man, müsse zunächst auf eine erste Ebene von »Kultur« aufsteigen, ehe man zur folgenden Etappe übergehen könne. Eine Alphabetisierung der Masse schien sinnvoller als die Heranbildung einer dünnen Führungsschicht mit politischen Rechten.44 Verlangte die Mehrzahl der Kongolesen etwa eine Teilhabe an der Macht? Na also!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sie keine politische Macht verlangten, bedeutete jedoch nicht, dass sie wunschlos glücklich waren. Die politische Apathie hatte mehr mit mangelnder Bildung als mit hochgradiger Zufriedenheit zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem kam es im täglichen Leben keineswegs zu mehr Berührungspunkten zwischen Belgiern und Kongolesen. Im Gegenteil – die Kluft wurde noch größer. Der frisch eingetroffene Schwung Kolonialbeamter und Fachkräfte bezog neue, komfortable Villen und wohnte großzügiger als je zuvor. Die Stadtviertel, in denen sie residierten, erinnerten eher an Knokke oder Spa als an Zentralafrika. Nach der Arbeit verbrachten sie die Zeit mit ihrer Familie, am Wochenende kamen Freunde zum Barbecue oder zum Bridge. Bier hatte man im Kühlschrank. (Elektrische Kühlschränke, wahrhaftig: Die Zeit der Pioniere war endgültig vorbei!) Immer mehr Belgier besaßen ein Auto. Das wuschen sie am Sonntagmorgen mit dem Gartenschlauch. Der Kongo des Europäers glich allmählich dem &#039;&#039;middle-class&#039;&#039;, &#039;&#039;suburban&#039;&#039; Kalifornien der fünfziger Jahre. Zweifelsohne ein angenehmes Leben, aber in einer &#039;&#039;expatriate community,&#039;&#039; in der öfter &#039;&#039;über&#039;&#039; Afrikaner als &#039;&#039;mit&#039;&#039; Afrikanern gesprochen wurde. Das Interesse an der lokalen Kultur nahm ab, und kaum jemand machte sich die Mühe, eine oder mehrere einheimische Sprachen zu erlernen. Vladimir Drachoussoff nahm es voller Bedauern zur Kenntnis:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nicht viele Beamte, die sich außerhalb ihrer Berufspflichten für die Einheimischen interessieren. Das Familienleben, eine komfortablere Einrichtung, die Möglichkeit (und folglich auch das Bedürfnis), fast wie in Europa zu leben, haben den alten Typus des &#039;&#039;broussard&#039;&#039; zum Verschwinden gebracht, der, mit all seinen Fehlern und Schwächen, von Posten zu Posten reiste, mit den Dorfältesten redete und sie letztendlich begriff und von ihnen begriffen wurde.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belgisch-Kongolesische Gemeinschaft wurde zu einer Schimäre; in der Praxis bildete sich nach und nach eine immer geschlossenere belgische Kolonialgemeinschaft. Der Tropenhelm verschwand, die abenteuerlichen Geschichten bei einem Glas Whiskey und einer Coleman-Lampe waren Vergangenheit. Der Kongo wurde kleinbürgerlich. Viele Frauen setzten nie einen Fuß in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;, die einzigen Kongolesen, die sie kannten, waren der Boy und der Chauffeur. Weiße Kinder wuchsen oft in einer Atmosphäre des latenten Rassismus auf. 1951 kam es so weit, dass die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ein Schriftstück mit dem Wunsch verbreitete, dass »man im Schulunterricht und beim Spielen den weißen Kindern den Respekt vor der menschlichen Person im Hinblick auf die einheimischen Familien und die schwarzen Kinder vermittelt«.46 Dass eine ehrwürdige Institution wie die Kommission zum Schutz der Eingeborenen sich mit Fangen- und Versteckenspielen beschäftigen musste, ist recht aufschlussreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vereinzelte Europäer vermochten tieferes Verständnis für die Perspektive der Kongolesen aufzubringen. Am weitesten ging dabei der flämische Franziskaner Placide Tempels. Er war in Katanga tätig und unter anderem bemüht, die Ursache für den großen Unmut der Minenarbeiter zu ergründen. Bereits 1944 beschäftigte er sich mit den Aufständen in der Kolonie und schrieb darüber einen mutigen und zugleich aufsehenerregenden Aufsatz, »La philosophie de la rébellion«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der Gipfelpunkt der Desillusionierung im Kongo. Er [der Eingeborene] hat sich mit uns verbunden, um einer von uns zu werden; doch statt als Sohn der Familie betrachtet zu werden, wird er nur ein Lohnarbeiter. Nun fühlt er sich endgültig abgelehnt, zurückgewiesen als Sohn, klassifiziert als nicht eingliederbar.47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Sichtweise war völlig neu. 1945 erschien Tempels&#039; Standardwerk &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Bantu-Philosophie). Die englischen und französischen Übersetzungen machten ihn weltberühmt, Sartre las das Buch mit Interesse. Tempels versuchte, afrikanische Kulturen von innen heraus zu verstehen und führte in seinem Werk den Begriff »Lebenskraft« als zentrales Prinzip ein. Seine Erkenntnisse nötigten zu einem vollkommen anderen Kolonialismus: »Wir glaubten, es mit der Erziehung großer Kinder zu tun zu haben, was ziemlich bequem für uns gewesen wäre. Aber auf einmal wurde uns klar, daß wir es mit einem voll entwickelten Menschentum zu tun haben, mit selbstbewußten Lebensphilosophen, die ganz und gar erfüllt sind von einer eigenen, das ganze All umspannenden Weisheitslehre.«48 Wegen seiner scharfsinnigen Attacken machte sich Tempels bei seinen kirchlichen Vorgesetzten unbeliebt. Von 1946 bis 1949 wurde er nach Flandern zurückgerufen. Es war eine Art Relegation, ein erzwungenes Exil – diesmal wurde nicht ein Kimbanguist in ein Urwalddorf verbannt, sondern ein visionärer Katholik in ein Kloster in Sint-Truiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrschte zwar Ruhe im Kongo zwischen 1946 und 1956, aber es war eine unheimliche, eine relative Ruhe, die eher alte Angst verriet als neue Hoffnung. Über den Gärten der Kolonialvillen, in denen am Sonntagnachmittag die Gläser klangen, ballten sich bereits dunkle Wolken. Doch niemand bemerkte es, nicht einmal der sommersprossige Bengel, der auf dem Rasen eine Echse unter einer Käseglocke gefangen hielt. Es war die Ruhe vor dem Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo würde das Unwetter des Grolls zuerst losbrechen? Die Menschen auf dem Land hatten mit Sicherheit genügend Gründe, sich zu beklagen. Sie lebten noch immer in erbärmlichen Verhältnissen. Die Felder waren vernachlässigt. Aufgrund der bleischweren Last der »Kriegs­anstrengung« war die Selbstversorgung ins Hintertreffen geraten. Die Menschen waren unterernährt. Die Jagd war zum Erliegen gekommen. Kolonialbeamte mussten sie ermuntern, aufs Neue Raupen, Termiten und Larven zu sammeln, eine traditionelle Proteinquelle.49 Denn an den Orten, an denen Vieh gehalten wurde, waren die Rinder prinzipiell dem Minenpersonal vorbehalten. Der Zehnjahresplan enthielt ein umfangreiches Programm, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es sah die Einführung moderner Agrartechniken und Produktionsmittel und die Bildung lokaler Kooperativen (sogenannte &#039;&#039;paysannats indigènes&#039;&#039;) vor, aber ohne großen Erfolg. Das flache Land war und blieb bettelarm. Die Verelendung der Landbevölkerung entstand im Kongo nicht nach der Unabhängigkeit, sondern bereits mitten in der Kolonialzeit. Die Geburtenrate war sehr niedrig. Während heute in Afrika Überbevölkerung ein Grund zur Sorge ist, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Geburtenrückgang ein ständiges Problem in Belgisch-Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Not hätte zu Protesten führen können, aber die blieben aus. Oder besser gesagt: Sie nahmen eine andere Form an. Die Menschen rebellierten nicht, sondern liefen fort. Die Nachkriegsjahre im Kongo sind von einer massiven Landflucht gekennzeichnet. In nie gekanntem Ausmaß strömten Menschen in die städtischen Agglomerationen. Léo­poldville mit seinen fünfzigtausend Bewohnern im Jahr 1940 wuchs explosionsartig zu einer Stadt mit dreihunderttausend Einwohnern im Jahr 1955.50 Bereits in der Zwischenkriegszeit waren junge Männer freiwillig in die Stadt gezogen, nun brachen sie &#039;&#039;en masse&#039;&#039; auf. Nach dem Krieg hatten 70 Prozent des flachen Landes weniger als vier Einwohner pro Quadratkilometer.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hätte unter diesen Umständen die Initiative zum Widerstand ergreifen sollen? Wer Träume hatte, jagte ihnen anderswo nach. Wer zurückblieb, war oft zermürbt und erschöpft. Die ländlichen Gebiete überalterten stark. 1947 waren Schätzungen zufolge 40 Prozent der Landbevölkerung älter als fünfzig.52 Bedenkt man die relativ niedrige Lebenserwartung, ist das ein enorm hoher Anteil. Diese alten Menschen besaßen keinerlei Ausbildung und erduldeten die Kolonialherrschaft, ohne zu murren. Es gab keine landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Gewerkschaften, es gab keine sozialen Strukturen, die die Lebensumstände auf dem Land hätten verbessern können. Die einzige bekannte Form von gesellschaftlicher Organisation beruhte auf der Stammeszugehörigkeit, doch die war fast überall brüchig geworden. Der Häuptling besaß keine moralische Autorität mehr, sondern war ein Emporkömmling, der sich vor den Karren der Kolonialmacht spannen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Städte? Brodelte dort allmählich der Aufruhr? Führte die große Ansammlung von Träumen zur geballten Faust? Nicht sofort. Vielen Menschen bot die Flucht vom Land in die Stadt tatsächlich neue Chancen. Auch wenn kein Manna vom Himmel fiel, war das neue Leben auf jeden Fall besser als das, dem man entflohen war. Und manche hatten einfach Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war achtzig, als ich ihn in Kikwit fand. Ich hatte monatelang nach ihm gesucht, die ganze Zeit hoffte ich, dass er noch am Leben war. Als ich ihm endlich gegenüberstand, wusch er sich gerade im braunen Wasser des Kwilu-Flusses. Sein Körper war mager und eingefallen, sein Waschlappen war ein grüner Stofffetzen, der fast nur noch aus ein paar Fäden bestand. War er es nun wirklich? Sein Gesicht kam mir länglicher vor als auf dem historischen Foto. Nur wenn er umherlief, sah man noch, dass er einmal ein fanatischer Fußballer gewesen war. Er hatte die typischen O-Beine und noch immer den wiegenden Gang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wohnte in einem kleinen Haus aus Lehm. Neben dem Pfad zu seinem Grundstück wuchs ein großer Eukalyptusbaum. Hühner scharrten in der roten Erde, ein Ziegenlämmchen stakste meckernd umher. Wäsche hing zum Trocknen in der Sonne. Die farbenprächtigen Stoffe bauschten sich immer übermütiger im Wind. Hosenbeine knatterten. Ärmel flatterten. Es erinnerte an eine Menschenmenge, die ausgelassen am Rand eines Fußballplatzes steht oder an einem Boulevard, wenn ein König oder ein Filmstar vorbeifährt. Ich blickte zum Himmel. Regenwolken waren aufgezogen. Longin bat mich in sein Haus und bot mir einen Plastikstuhl an. Es war sehr dunkel. Ich setzte mich nah an die Tür, damit ich genug Licht zum Schreiben hatte. Einige seiner Urenkel starrten mich mit großen Augen an. Als er sie verscheuchte, stoben sie prustend vor Lachen nach allen Seiten auseinander. Die ersten Tropfen fielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Regen! Zum ersten Mal seit zwei Wochen!« Er strahlte. »Was für ein Segen. Der liebe Gott segnet dieses Gespräch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte mir, dass er 1928 in Luzuna zur Welt gekommen sei, einem kleinen Dorf am Ufer des Kwilu, und in der katholischen Missionsstation von Djuma, bei den Jesuiten, getauft worden sei. Sein Vater sei dort Zimmermann gewesen. »Wie Joseph!« Er schreinerte Stühle, Türen und Schulbänke für die belgischen Patres. Seine Mutter bestellte das Land und baute Maniok an. In dieser Zeit aßen sie noch gut. Reis, Maniok und Fisch, aber auch Flusskrebse, Raupen, Champignons und Zucchinis. Was für ein Unterschied zu heute. »Jetzt essen wir nur einmal am Tag. Und immer nur Reis mit Bohnen. Oder Maniok mit Bohnen. Fleisch gibt es nur noch selten. Und Fisch gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel zog sich zu. In der Ferne grollte der Donner. Es wurde so dunkel, dass ich meine Notizen kaum noch lesen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte in aller Ruhe weiter. Seine Eltern waren bereits katholisch, sagte er. Er war das mittlere von drei Kindern. In Djuma sah er zum ersten Mal ein Auto, einen Pick-up der Nonnen. »Der Weiße ist intelligent, sagte ich mir. Ich habe dem Priester dazu gratuliert.« Er ging dort auch zur Schule. Die Missionare hielten den Grundschulunterricht in der ganzen Kolonie ab, oft mit Hilfe lokaler Lehrkräfte. Weiterführender Unterricht beschränkte sich entweder auf eine Berufsausbildung oder – für eine verschwindend kleine Gruppe – auf eine Priesterausbildung. Klassischer Sekundarunterricht zur Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung existierte noch nicht. Erst ab 1938 gab es die ersten Oberschulen. Doch in großen Teilen des Kongo wurde man noch lange Zeit entweder Tischler oder Seminarist. Longin besuchte den technischen Zweig. »Ich sollte Mechaniker werden, um in den Lever-Betrieben zu arbeiten, aber ich hatte keine Lust, mich immer schmutzig zu machen.« Mit sechzehn ging er nach Kikwit. Er wollte unbedingt Priester werden. »Aber die Priester sagten: Du bist schon zu alt. Da bin ich dann von der Schule abgegangen und in mein Dorf zurückgekehrt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie enttäuschend diese Zurückweisung gewesen sein muss, lässt sich kaum ermessen. Das Priesterseminar war nicht nur die einzige Möglichkeit, zu studieren, die Priesterwürde war auch das höchste Amt, das einem Kongolesen offenstand. Man war dann &#039;&#039;monsieur l&#039;Abbé&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin zeigte mir ein altes Farbfoto von sich, auf dem er ein purpurfarbenes Bischofsgewand trug. Er saß auf einem Thron und sah mit ernster Miene in die Kamera. »Die Soutane ist verschlissen, aber früher bin ich damit jeden Sonntag durch die Stadt gegangen. Wenn ich eine Vision gehabt hatte, habe ich das verkündet. Alle Leute in Kikwit sprachen mich damals mit &#039;&#039;Monseigneur&#039;&#039; an.« Er war immer ein religiöser Mensch. Seine Religion war das Christentum, natürlich, aber sein eigenes Christentum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie Simon Kimbangu begonnen hatte, selbst zu predigen, nachdem die Protestanten ihn nicht mehr als Katecheten wollten, so zog sich Longin Ngwadi eine Soutane an, nachdem die Katholiken in ihm keinen zukünftigen Priester sahen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fielen dicke, kräftige Tropfen, die murmelgroße Kuhlen in die Erde schlugen, und das Unwetter brach los. Über Kikwit goss es wie aus Eimern, der Regen peitschte auf die dünnen Dächer der Hütten und Häuser. Blitz und Donner fielen zusammen. Der Himmel barst. Bei jedem Tropengewitter kommt ein Moment, in dem der Donner nicht mehr grollt, sondern kreischt. Dieser Moment war jetzt gekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin warf die Hände in die Luft und betete zum Allerhöchsten, während ihm ein Speichelfaden übers Kinn rann: »Seigneur, Sie haben &#039;&#039;papa&#039;&#039; David gesandt. Wir bitten Sie: Könnten Sie etwas weniger Lärm machen, damit wir uns weiter unterhalten können. &#039;&#039;Merci et amen!&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als ob nichts geschehen sei, fuhr er fort: »1945 bin ich nach Kinshasa gegangen. Ich war damals 17. Mein Vater bezahlte die Schifffahrt, meine Mutter gab mir Essen mit. Von Luzuna aus ging ich zu Fuß nach Djuma. Dort nahm ich das Postschiff. Ich war drei, vier Tage unterwegs. Erst auf dem Kwilu, dann auf dem Kasai und schließlich auf dem &#039;&#039;fleuve&#039;&#039; selbst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war einer der vielen zehntausend jungen Leute, die es in die Hauptstadt zog. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter, die schon in der Stadt lebten, aber er verfügte nicht über solche Kontakte. »Ich kannte niemand, als ich in Kinshasa ankam, keine Menschenseele. Aber ein Nachtwächter rief mich auf den Hof von dem Haus, das er bewachen musste. Es war jemand aus meiner Gegend. Ich durfte auf dem Boden schlafen, draußen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sah nicht gerade nach einem glorreichen Auftakt seines Stadtlebens aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz darauf bekam ich meine erste Stelle, bei Papa Dimitrios. Das war ein griechischer Jude. Er hatte einen kleinen Supermarkt. Er ließ mich zur Probe Rechenaufgaben lösen und stellte mich dann ein. Ich musste Hosen und Hemden verkaufen, Stoffe für Frauen, Seife, Zucker und was nicht alles. Er fand ein kleines Zimmer für mich, beim Jardin Botanique. Nach drei Monaten besaß ich schon eine Matratze, Bettlaken, Zudecken, zwei Stühle, Geschirr und Besteck. Dimitrios hat mir viele Sachen geschenkt. Drei Jahre habe ich bei ihm gearbeitet. Dann fing ich beim Économat du Peuple an, einem großen Laden mit sieben Verkäufern. Dort bin ich nur ein Jahr geblieben. Ich bin geflogen, weil ich Wurst verkauft hatte, die schon verdorben war.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es nicht das Priesteramt war, so gefiel ihm sein neues Leben in Léopoldville doch ganz gut. Die Schlappe als Wurstverkäufer wurde durch ein anderes Talent mehr als wettgemacht. »Ich habe vier Jahre lang bei Daring gespielt. Bei tata Raphaël.« Daring war einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Stadt. Pater Raphaël de la Kéthulle – wieder dieser Pater – hatte ihn 1936 gegründet. Der Verein existiert noch immer, unter dem Namen Daring Club Motema Pembe, und steht an der Spitze des kongolesischen Fußballs. »Ich habe lange mit Paul Bonga Bonga gespielt, dem ersten Kongolesen in der höchsten belgischen Liga. Er spielte bei Sporting Charleroi, bei Standard Lüttich. Er war Pele! In Kinshasa spielten wir immer im Vélodrome de Kintambo. Ich war Nummer 9. Ich war ein Stürmer. Tata Raphaël stand mit seiner Pfeife am Rand des Spielfelds, sah mir zu und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Ich war wie eine Schlange!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sprang er auf und dribbelte mit seinem achtzigjährigen Körper durch das dunkle Wohnzimmer. In dem Raum mit der niedrigen Decke führte er ein paar Täuschungsmanöver aus. Er konnte es noch immer. Hacke, Spitze, eins zwei drei. In Zeitlupe führte er es vor, während draußen weiterhin das Unwetter tobte. Inzwischen rann das Regenwasser an den Innenwänden des Wohnzimmers hinab. Es sickerte nicht, es strömte. Longin beachtete es nicht. »Mein Spitzname war &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;. So nannten mich damals alle. &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, Nummer 9, die Sturmspitze von Daring.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das waren noch nicht alle Stationen seines erstaunlichen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre hatte die Stadt noch eine andere Wendung für ihn in petto. »Generalgouverneur Pétillon trat sein Amt an.« Das war 1952. »Er bat fünf Leute, in die Maison des Blancs zu kommen. Das war der Ort, wo alle Geheimnisse des Kongo aufbewahrt werden. Dort trafen sich die Weißen, um den Kongo zu führen. Es lag direkt neben dem Hotel Memling. Es kamen nur ruhige, intelligente und ernsthafte Leute. Es war der &#039;&#039;cercle des européens&#039;&#039;. Ich sollte dort bedienen. &#039;&#039;›S&#039;il vous plaît.‹ ›Merci.‹ ›S&#039;il y a quelque chose, vous me le dites.‹&#039;&#039; Lange Arbeitszeiten, aber hinterher bekam ich fünfzig kongolesische Franc. Das war sehr viel Geld. Unter den fünfen war ich die &#039;&#039;numero uno&#039;&#039;. Ich war der Höflichste, der Ordentlichste. Pétillon sagte deshalb, ich dürfe sein &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; werden. Also ging ich mit zum Haus des Gouverneurs.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zimmermannssohn, der kein Priester werden durfte, der Verkäufer von Haushaltstextilien und vergammelter Leberwurst, der pfeilschnelle Stürmer des Fußballvereins Daring wurde nun Hausdiener beim vorletzten Generalgouverneur von Belgisch-Kongo. »Vier Jahre habe ich für ihn gearbeitet. Er nannte mich &#039;&#039;mon fils&#039;&#039;.« Léopoldville war tatsächlich eine Stadt voller Möglichkeiten.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadis Geschichte ist zweifellos sehr außergewöhnlich, aber die Stadt bot tatsächlich vielen Neuankömmlingen eine neue Freiheit. Für Frauen galt das in besonderem Maße. Thérèse aus Kasai zog nach dem Tod ihres Mannes nach Léopoldville. Ein Onkel kümmerte sich um sie und half ihr, einen kleinen Handel aufzuziehen. Auf dem Markt von Kinshasa verkaufte sie Maniokbier und später auch Obstsaft, den sie aus reifen Bananen herstellte. Nach einem Jahr ließ sie ihre Kinder nachkommen, ein paar Jahre später heiratete sie wieder. Sie hatte einen Arbeiter kennengelernt, jemand von ihrem Stamm, den es auch in die Stadt verschlagen hatte.54 Eine »freie Frau« in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; war nicht länger eine Prostituierte, jene Kategorie, die in der Sprache der Behörden »erwachsene, gesunde, einheimische Frauen, die theoretisch allein leben« hieß, sondern einfach jemand, der auf eigene Faust versuchte, über die Runden zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Schwester Apolline. Sie war im gleichen Alter wie Longin. Ich traf mich mit ihr im Franziskanerkloster von Kinshasa. Sie stammte aus einer gemischten Familie im Hinterland – ihr Vater war Kongolese, ihre Mutter kam aus Tansania. Ihre Eltern hatten sich im Ersten Weltkrieg kennengelernt, als ihr Vater mit der Force Publique in Deutsch-Ostafrika kämpfte. Als sie zwölf war, hatten ihre Eltern einen geeigneten Heiratskandidaten für sie gefunden, doch sie hatte andere Pläne. Sie wollte ins Kloster, dort fühlte sie sich freier. Das Klosterleben führte sie in die große Stadt. »Neunundzwanzig Jahre habe ich in Lubumbashi gearbeitet. Ich war dort Direktorin einer Grundschule. Und viele Jahre später wurde ich das erste schwarze Mitglied des kirchlichen Provinzialrates. Ich habe immer in der Stadt gelebt.«55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Victorine Ndjoli. Sie war die erste Kongolesin, die den Führerschein machte. »Ich hatte die Hauswirtschaftsschule besucht bei den Franziskanerinnen. Knöpfe annähen, schneidern. Später lernte ich beim &#039;&#039;foyer social&#039;&#039; Babykleidung und Hüte machen. Die Weißen suchten damals hübsche Mädchen für ihre Werbeplakate. Ich war Fotomodell für eine Fahrradmarke, für Sherry, für Milch. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte mehr. Ich riss aus, um in die Fahrschule zu gehen. Mein Vater war erst dagegen, aber schließlich war er stolz auf mich. Nach einer Woche hatte ich meinen Führerschein. Es war 1955, ich war 20. Ich durfte einen Dodge fahren, aber ich hatte selber nie ein Auto. Die Männer wollten das nicht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Victorine nahm auch an den ersten Schönheitswettbewerben in Léo­poldville teil. Sie wurden vom Besitzer einer Tanzschule veranstaltet, Maître Taureau. Meister Stier. Ziemlich macho, oder? Ich fragte ihn danach, als wir vor seinem Haus saßen im Stadtteil Yolo, einem einfachen Viertel, wo ihn jeder Vorbeigehende kannte. »Nein, mein richtiger Name ist François Ngombe. &#039;&#039;Ngombe&#039;&#039; ist Lingala und bedeutet Rind. Und &#039;&#039;maître&#039;&#039;, weil ich ein Meister darin bin, im Leben keinen Meister zu brauchen!« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »In meiner Tanzschule habe ich den Leuten Cha-Cha-Cha beigebracht, Bolero, Rumba und Charanga, aber auch Swing und Rock-&#039;n&#039;-Roll. Daneben habe ich die Wahl der &#039;&#039;Miss Charme&#039;&#039; in den Stadtteilen organisiert. Die griechischen und portugiesischen Händler haben umsonst Stoffe rausgerückt. Die Mädchen haben sie getragen und so Reklame für die Händler gemacht. Eine von ihnen wurde dann gewählt.«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville wurde eine Stadt der Mode, Eleganz und Koketterie. Junge Frauen trugen lange, farbenfrohe &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, ein Brauch, den die Missionsschwestern eingeführt hatten. Über den Umweg Europa landeten Batikstoffe aus Indonesien in Zentralafrika. Mädchen trugen die Haare kurz, aber wenn sie ungefähr zehn waren, ließen sie sie wachsen. Es gab ein Dutzend afrikanischer Frisuren in dieser Zeit, für manche brauchte man drei Stunden.58 Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer neuen urbanen Kultur. Sie dominierten den Kleinhandel, sie bestimmten, welche Kleidung, Musik und Tänze erfolgreich waren, und sie gestalteten einen neuen, modernen afrikanischen Lebensstil.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Frauen konnten in angesehene Funktionen vordringen. 1949 wurde Pauline Lisanga als Ansagerin für Radio Congo Belge eingestellt. Dieser Sender hatte mit Programmen für die afrikanische Bevölkerung begonnen. Pauline wurde damit die erste schwarze Radiosprecherin Afrikas.60 Nicht viele Kongolesen besaßen ein Radio, aber an vielen Stellen in der Stadt hingen Lautsprecher, um die sich Gruppen von Passanten und Leute aus der Nachbarschaft versammelten. Sie hörten dort Paulines Stimme. Es gab Nachrichtensendungen, erbauliche Sketche und religiöse Beiträge, aber auch traditionelle kongolesische Klänge und westliche Unterhaltungsmusik. Sogar für neue Schlager aus dem Kongo war Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Léopoldville wimmelte es zu jener Zeit von kleinen Bands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und Festen spielten. Ihre aufpeitschenden Rhythmen, das virtuose Gitarrenspiel, die hohen Falsettstimmen, die differenzierten Melodien und leichtfüßigen Texte sorgten für eine unwiderstehliche Tanzmusik. Das war der Rock-&#039;n&#039;-Roll von Zentralafrika. Im Kongo befanden sich die großen Tanzlokale in den Händen griechischer Migranten. In Kinshasa gab es (und gibt es noch immer) das Akropolis, in Kisangani (damals Stanleyville) gab es die Olympia-Bar. Ein paar griechische Unternehmer hatten auch Aufnahmestudios eingerichtet. Dort wurde die wunderbare Tanzmusik einiger kongolesischer Orchester verewigt. Das Radio ermöglichte eine neue Art des Heldentums. African Jazz von Kabasele und OK Jazz von Franco wurden zu den populärsten Bands der fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das urbane Leben umfasste jedoch mehr als Schönheitswettbewerbe, Maniokbier und Tanzplatten. Auf den Werften von Léopoldville, in den chemischen und metallurgischen Fabriken von Katanga und in den Handelshäusern der städtischen Zentren trat eine neue Generation Kongolesen wie Longin zum ersten Mal eine Stelle an und machte Bekanntschaft mit den hohen Ansprüchen der modernen Wirtschaft. Zu Streiks kam es nicht, aber auch hier herrschte die verräterische Ruhe vor dem Sturm. Als nur wenige Jahre später das Unabhängigkeitsfieber mit aller Heftigkeit ausbrach, hofften sehr viele, dass sie nach der Übergabe der Macht nie mehr zu arbeiten brauchten. Fürs Erste aber herrschte Ruhe, Unheil verkündende Ruhe. Wie hätte etwaiger Groll auch an die Oberfläche kommen können? Gewerkschaften boten keinen Ausweg. Bis 1946 waren sie für Schwarze verboten. Weiße Beamte hatten seit 1920 eine erste Interessenvertretung, hielten die Türen jedoch für kongolesische Mitglieder geschlossen. Nach dem Krieg wurde STICS gegründet, &#039;&#039;Syndicats des Travailleurs Indigènes Spécialisés&#039;&#039;, eine Gewerkschaft nur für spezialisiertes Personal, sodass 90 Prozent der Arbeiter ausgeschlossen waren. Später gab es die APIC, die &#039;&#039;Association du Personnel Indigène de la Colonie&#039;&#039;, eine viel militantere Organisation. Doch nahezu jede gewerkschaftliche Bewegung wurde streng kontrolliert, denn die Kolonialverwaltung schrieb die Einbeziehung weißer Berater vor.61 So schaute einem ständig ein Staatsbeamter oder Geistlicher über die Schulter, und jede rebellische Regung wurde im Keim erstickt. Die Gewerkschaftsarbeit sollte konstruktiv und ruhig ablaufen. Die Kolonialverwaltung sah in ihr allenfalls eine nützliche &#039;&#039;éducation sociale&#039;&#039; der Arbeiter.62 Eine Art Fußball also, aber in geschlossenen Räumen: Man lernte Tagungen abzuhalten, eine Tagesordnung aufzustellen und Protokolle anzufertigen, über einen Etat zu diskutieren . . . Die Gewerkschaft sollte eine Schule sein und nicht eine legitime Form von Opposition und Widerstand. Als belgische Gewerkschaften – christliche und sozialistische – versuchten, in der Kolonie Fuß zu fassen, war das zum Scheitern verurteilt. Die kongolesischen Arbeiter fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sahen sie als etwas, das von oben kam, etwas Weißes. Von den fast 1,2 Millionen Werktätigen 1955 waren 6160 in einer Gewerkschaft organisiert, nicht einmal ein halbes Prozent.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung regte allerdings an, dass die großen Firmen Betriebsräte einführten, in denen Kongolesen ihre Meinung äußern durften. Betriebsräte ließen sich besser kontrollieren als selbstständige Gewerkschaften. Auch die Provinzräte bekamen die ersten kongolesischen Mitglieder, und ab 1951 zählte der koloniale Verwaltungsrat, ein informelles Beratungsorgan ohne reale Macht, acht Afrikaner; die meisten kamen allerdings aus ländlichen Gegenden, gehörten also nicht zur neuen städtischen Mittelschicht. Es waren zaghafte Versuche, den Beschwerden und dringenden Wünschen der kolonialen Untertanen ein Ohr zu leihen, doch sie zeugten zugleich von der Auffassung, dass man noch alle Zeit der Welt habe, ehe man etwas Tiefgreifenderes unternehmen müsse.64 Noch war kein Grund zu wirklicher Besorgnis. Glaubte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hätte man den heraufziehenden Umbruch ahnen können? Die Landbevölkerung fügte sich weiterhin in ihr Schicksal, und die Menschen in den Städten wirkten eigentlich recht zufrieden. Ja, so konnte man feststellen, es entstand sogar eine wirkliche Kaste von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; – Einheimischen, die so europäisch wie möglich leben wollten, die ein Faible hatten für alles Belgische und die die Wohltaten der Kolonisation in den höchsten Tönen rühmten. Von heutiger Warte aus klingt dieser Begriff sehr problematisch, aber es war tatsächlich eine selbst gewählte Bezeichnung.65 Von diesen &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, da waren sich die Kolonialherren sicher, ging keinerlei Gefahr aus. Gut, es hatte manchmal etwas Skurriles, all das Getue mit den gepflegten Anzügen und dem manieristischen Französisch. Aber es handelte sich ja um die echten sozialen Aufsteiger, sie ernteten die größten Früchte der edelmütigen Zivilisierungsarbeit. Loyalere Untertanen gab es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch platzte die Bombe genau in diesem Milieu. Die meisten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Stadt geboren. Das Dorf kannten sie nur vom Hörensagen. Sie besuchten die Missionsschule, sie arbeiteten bei europäischen Firmen, sie respektierten den Kolonialstaat und sie sahen folglich zu ihren weißen Herrschern auf. Ein anderes gesellschaftliches Rollenmodell hatten sie nie gekannt. Viele von ihnen nahmen große Strapazen auf sich, um für voll angesehen zu werden. Sie bildeten sich in Bibliotheken weiter, lasen die Zeitung, hörten Radio, besuchten Kinos und Theater und lasen Bücher, denn es war die Intelligenz mehr noch als der Wohlstand, um die sie die Weißen beneideten. Das Zweite war nicht mehr als ein Ausdruck des Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildete sich eine lebendige Vereinskultur. Noch stand sie unter Aufsicht der Kolonialverwaltung, historisch aber war sie von immenser Bedeutung: In den Vereinen ehemaliger Schüler, in den Studienkreisen und tribalen Organisationen lag der Keim für die spätere politische Bewusstwerdung.66 Die ehemaligen Schüler der Schule von tata Raphaël fanden sich in der Adapes (&#039;&#039;Association des Anciens Elèves des Pères de Scheut&#039;&#039;) zusammen; diese Gemeinschaft wurde ein wichtiger Inkubator für die erste Generation kongolesischer Politiker. In den &#039;&#039;cercles des évolués&#039;&#039; trafen sie sich, um über Bücher zu sprechen und Diskussionen zu führen; als eine Art Volkshochschulen schossen diese Gesprächskreise wie Pilze aus dem Boden. 1950 gab es, über den ganzen Kongo verstreut, etwa dreihundert davon. In den Städten entwickelten sich die tribalen Vereine, die sich früher vor allem als Hilfskassen verstanden hatten, zu kulturellen Einrichtungen, die später auch politische Ambitionen hegten. In Elisabethville wuchs die Spannung zwischen den Baluba aus Katanga und den Baluba aus Kasai: Letztere waren in großer Zahl zu den Minen im Süden gezogen und erregten nun den Unmut der dort Ansässigen. Als Resulat bildeten sich neue Vereine. In Léopoldville fühlten sich die Bakongo bedroht durch die ständige Zunahme der Bangala, Menschen aus der Provinz Équateur, die in der Armee dienten oder im Handel tätig waren. Das Kikongo, die ursprüngliche Sprache des Gebietes um Kinshasa, wurde vom Lingala verdrängt. Die Abako, die &#039;&#039;Alliance des Bakongo&#039;&#039;, wurde gegründet, eine rein kulturelle Vereinigung, die sich für die Sprache des Kongo-Volks einsetzte. Der Gründer war, wieder einmal, ein ehemaliger Seminarist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein é&#039;&#039;volué&#039;&#039; war ein Mann (nie eine Frau, es sei denn als Partnerin), der ein gewisses Bildungsniveau hatte, ein festes Einkommen erzielte, seinen Beruf sehr ernst nahm, monogam war und im europäischen Stil lebte. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, so erklärten es mir zwei Kinder von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einmal, besaß ein Fahrrad der Marke Raleigh, am besten mit Gangschaltung. »Das war damals der Mercedes der Schwarzen.« In seinem Haus stand eine Coleman-Lampe. Er hatte einen Plattenspieler und hörte Lieder von Edith Piaf. Wendo Kolosoy akzeptierte er auch, das war ruhige Musik. »Aber auf keinen Fall Musik, die zu obszönen Tänzen animierte. Sonntags gingen meine Eltern tanzen, mein Vater trug dann eine Melone.« Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; schickte seine Ehefrau mit dem Nachwuchs in die Mütterfürsorge der medizinischen Beratungsstelle. Dort wurde das Baby gewogen. Zu Hause befolgte man die Ernährungsratschläge der weißen Nonnen. Der traditionellen Medizin und dem Ahnenglauben schwor man ab, aber die Kluft zwischen Mann und Frau war sehr groß. Der Mann hatte eine Ausbildung und eine feste Arbeitsstelle, die Frau war Analphabetin und verdiente kein Geld. In ganz Stanleyville konnten in jener Zeit nur zwei von drei Frauen eine Unterhaltung in rudimentärem Französisch führen.67 Eines der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;-Kinder erzählte mir: »Ach, ich habe meinen Vater sehr oft zu meiner Mutter sagen hören: ›Also du bist eine richtige Negerin! So leben die Weißen doch nicht!‹«68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zahl der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; war nicht sehr hoch (knapp sechstausend 1946, knapp zwölftausend 1954), aber ihre Mündigkeit war entscheidend. Tragischerweise strebten sie eine Annäherung an die Europäer an genau in dem Moment, in dem sich die Europäer immer mehr zurückzogen in ihre Villen, an ihre Swimmingpools und zu ihren Tennisturnieren. Ja, es gab in Belgisch-Kongo schwarze LKW-Fahrer und Telegraphisten, aber in Cafés und Restaurants war die Rassenschranke schärfer denn je zuvor. Wenn ein weißer Journalist in Léopoldville es wagte, einen schwarzen Kollegen in eine europäische Bar mitzunehmen, verstummten die Gespräche. Züge und Flussschiffe hatten zwar schwarze Lokführer und Kapitäne, die Passagierabteile aber waren strikt nach Hautfarbe getrennt. Sprang ein Schwarzer in ein Schwimmbecken, verließen die Weißen es. Körperstrafen mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; galten noch immer für alle Afrikaner, selbst wenn sie die lateinische Grammatik beherrschten und die Reden de Gaulles lasen. Der Schriftsteller Paul Lomami Tshibamba war Mitarbeiter von &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039;, einer von der Regierung kontrollierten Zeitschrift für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. 1945 veröffentlichte er in der zweiten Nummer einen aufsehenerregenden, aber alles in allem moderaten Artikel mit dem Titel »Quelle sera notre place dans le monde de demain?«. Das brachte ihm nach eigenen Angaben »zahllose Gerichtstermine ein, begleitet von unendlichen Peitschenhieben«.69 Die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; pfiff durch die Luft, während anderswo in der Stadt die Tennisbälle ploppten. Unterdessen gingen die Weißen zu Pferderennen und veranstalteten Radrennen. Festliche Kirmesrennen waren es, bei denen Amateurfahrer gut gelaunt unter Transparenten mit Martini-Werbung fuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schmerzliche Streben des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde mir nirgends deutlicher bewusst als in einigen Sekunden historischen Filmmaterials in &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;, einem beklemmenden Dokumentarfilm von Luc Leysen. Es ging um Aufnahmen von einem Schönheitswettbewerb in Léopoldville 1951. Nicht Pudel oder Federvieh wurden prämiiert, sondern Familien. Vor einem ausschließlich weißen Publikum paradierten kongolesische Familien an der Jury vorbei. Der Vater in kurzer Hose, neben ihm seine Frau, dahinter die Kinder, ordentlich wie die Orgelpfeifen sortiert. Das jüngste Kind trug ein Schild mit der Teilnehmerzahl. Das Publikum applaudierte höflich. Dann gingen sie weiter, mit ernsten Gesichtern . . . So viel Verzweiflung in so wenigen Sekunden.70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; forderten eine rechtliche Sonderstellung, die ihre Position in der Gesellschaft anerkannte. Das war begreiflich, denn sie waren zu »sozialen Mulatten« geworden, zu Menschen, die zwischen zwei Kulturen lebten.71 Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einer kleinen Stadt wie Luluabourg formulierten es mit ergreifenden Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir fordern, das Gouvernement möge anerkennen, dass sich die einheimische Gesellschaft in den letzten fünfzehn Jahren stark weiterentwickelt hat. Neben der Masse der einheimischen Bevölkerung, die benachteiligt oder kaum gebildet ist, hat sich eine neue soziale Schicht entwickelt, die eine Art einheimisches Bürgertum darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder dieser einheimischen intellektuellen Elite tun ihr Möglichstes, um sich fortzubilden und ein ordentliches Leben wie ein respektabler Europäer zu führen. Diese Évolués haben begriffen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben. Aber sie sind davon überzeugt, dass ihnen, wenn nicht eine spezielle Rechtsstellung, so doch ein besonderer Schutz des Gouvernements zusteht, der sie vor Maßnahmen oder Behandlungen bewahrt, die auf eine unwissende und rückständige Masse angewandt werden. (. . .) Es ist schmerzhaft, empfangen zu werden wie ein Wilder, wenn man voll des guten Willens ist.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wortgewandt ausdrückt, noch mit einer Nilpferdpeitsche traktiert wird. Aus dem unterwürfigen, fast kriecherischen Ton sprach ein sehr großes Verlangen. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte die Mauer zwischen Weiß und Schwarz nicht niederreißen, sondern bat darum, darüber hinweg gehoben zu werden. Er kämpfte nicht gegen die Rassenschranke&#039;&#039;.&#039;&#039; Er verlangte weder nach Rechten für »das kongolesische Volk« noch für seinen Stamm, sondern nur für den Kreis, in den er, nach großen Anstrengungen, vorgedrungen war. War das egoistisch? Gewiss. Hatte es etwas Geringschätzendes? Ja. Im Grunde übernahmen die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; bei ihren Assimilationsbestrebungen sogar den Blick, mit dem die meisten Europäer die Afrikaner betrachteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgische Kolonialverwaltung schwankte sehr lange. Sie hatte doch nie eine entwurzelte Elite heranziehen wollen? Alles zu seiner Zeit, war die Devise. Erst ab 1938 gab es ein paar weiterführende Schulen, erst 1954 (nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, aber das konnte man damals nicht wissen) eröffnete die erste Universität, Lovanium, eine Dependance der katholischen Universität Leuven. Im ersten Jahr studierten dreiunddreißig Studenten bei sieben Professoren. Angeboten wurden Naturwissenschaften, Sozial- und Verwaltungswissenschaften, Pädagogik und Agrarwissenschaft. Ein Jurastudium war erst ab 1958 möglich.73 Es wurde also nichts übereilt. Sollte man dennoch jetzt eine Kaste von Privilegierten anerkennen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1948 entschloss sich die belgische Regierung zu einer vorläufigen Lösung: Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; konnte für die &#039;&#039;»carte du mérite civique«&#039;&#039; (»Karte bürgerlicher Verdienste«) in Betracht kommen. Wer keine Vorstrafen hatte und nie verbannt worden war, wer Polygamie und Hexerei abgeschworen hatte und des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte sich darum bemühen. Die Inhaber dieses Nachweises blieben künftig von Körperstrafen verschont und würden gegebenenfalls von einem europäischen Richter abgeurteilt werden. Sie bekamen gesonderte Pavillons in den Krankenhäusern und durften nach sechs Uhr abends durch die Viertel der Weißen gehen.74 Auf die meisten anderen Kongolesen machte das großen Eindruck. In Boma erzählte Camille Mananga, ein Mann, der dreizehn Jahre alt war, als dieser Nachweis eingeführt wurde: »Das war nur etwas für große Persönlichkeiten. Sie durften bei den Weißen einkaufen und etwas trinken. Es war eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war noch viel zu jung. Also himmelweit davon entfernt.«75 Doch für Menschen, die sich seit Jahren emporarbeiteten, ging es um ziemlich geringe Vorrechte, die in keinem Verhältnis zu ihren Anstrengungen standen. Die strukturelle Lohnungleichheit bestand nach wie vor. Victor Masunda, ein anderer Einwohner von Boma, konnte sich als alter &#039;&#039;évolué&#039;&#039; noch immer darüber aufregen: »Natürlich habe ich diese Karte nicht beantragt. Es bedeutete ja keine Lohnerhöhung. Viele waren kriecherisch, aber ich wollte mich nicht selber demütigen. Diese Karte zu beantragen, das war eine Erniedrigung. Sollte ich ihr kleiner Bruder werden? Nein. Und meinen Rotwein und Whiskey habe ich mir auch so gekauft.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1952 wurde deshalb die »&#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;« eingeführt, ein Dokument, das den &#039;&#039;évolué&#039;&#039; im öffentlichen Leben und vor dem Gesetz mit der europäischen Bevölkerung gleichstellen sollte. Der wichtigste Vorteil war, dass der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; seine Kinder in europäische Schulen schicken durfte, was ein außerordentlicher sozialer Aufstieg war und die Gewähr für eine solide Ausbildung bot. Doch die meisten Vertreter der kolonialen Elite hegten sehr große Skepsis, sodass die Bedingungen, denen ein Antragsteller entsprechen musste, außerordentlich hoch waren. Und oft auch erniedrigend. Solange über den Antrag noch nicht entschieden war, konnte ein Inspektor unangemeldet im Haus eines Anwärters erscheinen, um zu überprüfen, ob er und seine Familie auch zivilisiert genug lebten. Der Inspektor schaute nach, ob jedes Kind ein eigenes Bett besaß, ob mit Messer und Gabel gegessen wurde, ob das Geschirr auch nicht zusammengewürfelt war und ob das Bad geputzt war. Aß die Familie zusammen am Tisch oder saß die Mutter, wie früher, mit den Sprösslingen in der Küche und wartete, während der Vater mit seinem Besuch speiste? Nur wenige entsprachen den Kriterien. Man hatte also jahrelang über eine Rechtsstellung palavert, von der fast niemand profitieren konnte. Im Jahr 1958 gab es nur 1557 Inhaber der &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und nur 217 Besitzer der &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;, bei einer Gesamtbevölkerung von vierzehn Millionen.77 Das führte zu Frustrationen. Denn früher oder später schlägt enttäuschte Hoffnung um in Widerwillen, ja sogar in Feindseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man gebe bei YouTube »Jamais Kolonga« ein, und ein paar Sekunden später hört man einen der großen Klassiker der kongolesischen Rumba. Das Stück könnte auch vom Buena Vista Social Club stammen, aber es war eine Komposition von African Jazz, der populärsten Band der fünfziger Jahre im Kongo. Bandleader des legendären Orchesters war Joseph Kabasele, der den Spitznamen »le Grand Kalle« trug. Sein begnadeter Gitarrist Tino Baroza hatte den Song geschrieben. Er wurde zu einem der größten Erfolge von African Jazz. »Oyé, oyé, oyé«, lautete der Refrain, »halt mich fest. Jamais Kolonga, halt mich fest. Wenn du mich loslässt, falle ich.« Dieses Festhalten konnte man doppeldeutig interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich steige in einer schmalen, staubigen Gasse in Lingwala aus dem Auto. Bin ich hier wohl richtig? Lingwala war in der Kolonialzeit das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. Alle älteren Leute, die ich angesprochen hatte, kannten Jamais Kolonga. Selbstverständlich! Aber lebte er überhaupt noch? In der lokalen Presse hatte doch eine alarmierende Nachricht gestanden: »&#039;&#039;Le vieux Jamais Kolonga laminé par la maladie!&#039;&#039;« Sie hatten gelesen, dass der Mann, »der als &#039;&#039;Bonvivant&#039;&#039; mit seinen Späßen und Faxen die Vitalität des Kinshasa der sechziger Jahre verkörpert hatte«, schwer erkrankt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch über etliche Umwege – ich hatte ein kleines Vermögen vertelefoniert – war es mir gelungen, eine Adresse und eine Telefonnummer zu bekommen. Ich betrat einen Innenhof mit bröckelnden Mauern und ein paar vergilbten, strohtrockenen Maispflanzen. Aus einem Haus aus Zementsteinen kam, auf Krücken gestützt, ein alter Mann in kurzer Hose.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Jamais Kolonga?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der einzige echte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Informanten, die viel erlebt, aber wenig zu erzählen haben, und es gibt Informanten, die wenig zu erzählen haben, aber viel reden. Jamais Kolonga gehörte zu keiner der beiden Kategorien. Er hatte alles erlebt, und er war ein glänzender Erzähler. Er selbst sah das anders: »Ich bin gerade an der Hüfte operiert worden. Es geht mir nicht gut. Ich habe große Schmerzen, trotz der ganzen Medikamente, die ich schlucken muss.« Er schob seine Hose weg und zeigte mir die beeindruckende Narbe an der Leiste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie irgendwas?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein! Wenn Sie ein bisschen Geld haben, kann eins meiner Enkelkinder Wein kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein? In Ihrem Zustand? Sind Sie sich sicher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich drei ganze Nachmittage mit diesem kleinen, geistig regen Mann unterhalten, mal in seinem Wohnzimmer, dann wieder im Schatten seines Hauses. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter mit viel Sinn für Humor, unverwüstlicher Lebenslust und einem überragenden Gedächtnis. Einmal habe ich ihn in einem kleinen Krankenhaus besucht, wo er ein paar Reha-Tage verbringen musste und mit den Schwestern flirtete, dass es eine Art hatte. Seine Hüfte heilte zusehends. Aber wie war das eigentlich mit der weißen Frau gewesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war 1954. Ich war damals achtzehn und hatte gerade bei Otraco angefangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Beim Office des Transports au Congo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Auch mein Vater arbeitete dort. Ich war erst auf der Werft hier in Kinshasa, aber solange ich noch nicht einundzwanzig war, wurde mein Lohn an meinen Vater ausbezahlt. Das war nicht gerade ideal. Ich konnte mir nicht mal Alkohol kaufen. Deshalb bat ich um eine Versetzung ins Inland.« Während alle in die Stadt strömten, floh er von dort. »Ich musste nach Port Francqui, das ist heute Ilebo. Es liegt dicht bei Kasai. Wenn man von Kinshasa nach Lubumbashi reist, muss man dort vom Schiff auf den Zug umsteigen. Damals musste ich sogar noch die Kinder von Simon Kimbangu beherbergen, wenn sie unterwegs waren, um ihren Vater im Gefängnis zu besuchen! Bon, ich war dort also als Angestellter. Und dank meines Vaters durfte ich als einziger Schwarzer in den Läden der Weißen einkaufen. Ich trank portugiesischen Wein und Whiskey. Ja, damals schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Enkelin war inzwischen zu dem kleinen Laden gerannt und kam mit einem Tetrapack billigem Wein zurück. Don Pedro. Ich beschränkte mich auf eine Cola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages war Kabasele mit seiner Band auf der Durchreise. Aber sein Zug ist entgleist, und sie haben das Schiff verpasst. Fünfzehn Tage saßen sie in Port Francqui fest! Ich wusste, dass die Tochter meines flämischen Chefs in Kürze heiraten würde und sorgte dafür, dass Kabasele auf der Hochzeit spielen durfte. Gesagt, getan. Das Fest kam. An dem Abend trug ich einen marineblauen Anzug und einen roten Schlips. Nur drei &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren da. Den Musikern hatte ich Sondergenehmigungen beschaffen müssen, sonst hätten sie abends nicht ins Weißenviertel kommen können. Ich stand an der Bar und beobachtete eine Dame aus Portugal. Sie tanzte gut. Sie müssen bedenken, dass 1954 ein Schwarzer eine weiße Frau nicht berühren durfte. Wir konnten nicht mal miteinander reden! Die einzigen weißen Frauen, die wir sahen, waren katholische Nonnen. Nur die Boys kamen in Kontakt mit europäischen, verheirateten Frauen. Aber bon, ich hatte also gesehen, wie gut sie tanzte, und fragte ihren Mann, ob ich auch mal mit ihr tanzen dürfe. Einfach so! Es war eine Anwandlung von mir, eine Verrücktheit. Aber ihr Mann nickte. Also ging ich zu ihr hin und bat sie um einen Tanz. Ein ganzes Stück lang haben wir zusammen getanzt. Danach applaudierten die Weißen, sogar der Provinzgouverneur! Kabasele schrieb darüber später dieses Lied: ›Jamais Kolonga‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schenkte sich Wein nach. Einmal &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, immer &#039;&#039;évolué&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Vater.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wurde am 1. Januar 1900 geboren, in Bas-Congo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? Oder war das ein willkürliches Datum, das die Mis­sionare eingetragen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, es war wirklich sein Geburtstag. An diesem Tag war jemand von einem Löwen zerrissen worden, ein Schwarzer. Als mein Vater getauft wurde, wussten die Weißen das noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals gab es noch viele Löwen und Büffel, und sogar Elefanten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute gibt es keine mehr. Was das Großwild betrifft, ist Bas-Congo leer. Aber was für eine schnelle Entwicklung! Nur ein halbes Jahrhundert, bevor Jamais Kolonga auf einer europäischen Hochzeit tanzte, gab es in Bas-Congo noch Löwen, die Menschen zerrissen. Und Missionare mit ihrer eigenen Form der Raubgier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als er zwölf, dreizehn Jahre alt war, kam Hochwürden Cuvelier ins Dorf. Er sagte zu meinem Vater: ›Du sollst meine Schuhe putzen. Wo ist dein Vater?‹ Und zu meinem Großvater: ›Können Sie mir Ihren Sohn schenken?‹ ›Einverstanden‹, sagte mein Großvater, ›Sie können ihn mitnehmen, wenn er mich dann auch besuchen kommt.‹ Mein Großvater war selber katholisch, wissen Sie. Als er kirchlich geheiratet hat, hat er zwei von seinen drei Frauen weggeschickt. Die Kinder hat er natürlich bei sich behalten. Wie auch immer, mein Vater ging zum Missionsposten mit und wurde am 13. Dezember 1913 getauft. Danach wurde er in der Schule der Redemptoristen in Matadi angemeldet, und sechs Jahre später wechselte er in die neue Oberschule in Boma. Ipso facto war er also einer der ersten, die dort einen Abschluss machten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das erste Mal auf allen meinen Reisen, dass ich aus dem Mund eines Kongolesen die Wendung »ipso facto« hörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um 1927 oder 1928 wurde er von einem Angestellten von Otraco angesprochen. Sie brauchten intelligente Leute. Bis zur Rente 1958 hat mein Vater für Otraco gearbeitet, immer als Büroangestellter. Als der Betrieb seine Zentrale von Thysville nach Léopoldville verlegte, zog er hierher. Mein Vater wurde ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er hatte das Sagen in &#039;&#039;la cité Otraco&#039;&#039;, dem Wohnviertel für das einheimische Personal. Er überwachte die Arbeit der Maurer, Zimmerleute, Betonbauer. Er besuchte die Häuser der Beschäftigten von Otraco und setzte jeden Samstag eine Prämie für den aus, der die schönste und sauberste Wohnung hatte. Mein Vater trank Wein, er war einer der Ersten, die das durften. An Feiertagen hielt er Ansprachen vor dem Generalgouverneur, vor Ryckmans, Pétillon und Cornelis, er hat sie alle gekannt. 1928 hat er sogar eine Rede vor König Albert gehalten, der auf einer Rundreise hier Halt machte! Er bekam also selbstverständlich die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und später die &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Im ganzen Kongo gab es damals erst 47 &#039;&#039;immatriculés&#039;&#039;!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war sehr beeindruckend. Sogar der alte Nkasi erinnerte sich an ihn. »Joseph Lema, der war vollkommen mundele.« Der Vater trat auch dem Betriebsrat von Otraco bei und wurde später sogar Mitglied des Provinzialrats. Er gehörte zu der ersten Gruppe Einheimischer, die etwas Mitspracherecht in der Verwaltung hatten. Jamais Kolonga kramte in einem schmuddeligen braunen Briefkuvert und zog ein Schwarzweißfoto heraus, von Feuchtigkeit und Termiten beschädigt. Es zerbröselte noch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier, das war er. Und das hier ist mein Patenonkel. Papa Antoine.« Ein Mann in Uniform, mit vielen Orden. »Er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ein guter Freund meines Vaters.« Auf der Rückseite des Fotos sah ich die Handschrift seines Vaters. Äußerst elegant und regelmäßig war sie, strotzend vor Selbstvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin Jahrgang 1935. Ich wurde in Kinshasa geboren. Mit meinem Vater sprach ich Französisch, mit meiner Mutter Kikongo, überall sonst wurde Lingala gesprochen. Meine Eltern kamen aus demselben Dorf. Auch wenn meine Mutter mit einem &#039;&#039;évolué&#039;&#039; verheiratet war, ging sie doch jedes Jahr für sechs Wochen zurück in ihr Dorf. Dort muss sie gestochen worden sein. 1948 ist sie an der Schlafkrankheit gestorben. Mittlerweile ging ich in die Schule von Saint-Pierre, also die Schule von Hochwürden Raphaël de la Kéthulle. In den Pausen durfte ich seine Bibliothek ordnen. Und wenn ein großer Fußballwettkampf war, durfte ich den Ball aus seinem Büro holen und in den Anstoßkreis legen. Eine Militärkapelle spielte, und ich marschierte als Kleinster in die Mitte. De la Kéthulle hat mir beigebracht, mutig zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte es mir gern vorgeführt, aber seine schmerzende Hüfte erlaubte es ihm nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was haben Sie nach der Grundschule gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte Priester werden. Zwei Jahre lang habe ich Latein und Griechisch gelernt am kirchlichen Gymnasium von Kibula, bei Kinshasa. Das war bei den Redemptoristen. Aber dann haben sie mich rausgeworfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil ich kein Maniokbrot mochte. Ich konnte es einfach nicht essen. Sie meinten, ich solle mich nicht so haben. Jacques Ceulemans hieß der Mann, der mich rausgeworfen hat. Den Namen habe ich bis heute nicht vergessen. Er hatte kein bisschen Mitleid. Ich mochte es wirklich nicht. Er war die größte Enttäuschung meines jungen Lebens, aber nach der Unabhängigkeit, als ich in der Presseabteilung des Premierministers gearbeitet habe, da habe ich, kraft meines Amtes, &#039;&#039;ihn&#039;&#039; rausgeworfen. Das war damals, als die Soldaten gemeutert haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehnsucht, Enttäuschung, Abrechnung: ein bekannter psychologischer Prozess. Auch für Jamais Kolonga war das Priesteramt ein glühender Wunschtraum gewesen, aus dem man ihn brutal geweckt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schließlich habe ich die Schule in Kinshasa abgeschlossen, auf dem Collège Sainte-Anne, der Oberschule von de la Kéthulle. Dort saßen wir alle zusammen. Thomas Kanza, Cardoso, Boboliko, Adoula, Ileo. Bolikango auch, der war etwas älter.« Sie alle waren Persönlichkeiten, die nach der Unabhängigkeit Schlüsselfunktionen innehatten. Bolikango verhandelte in Brüssel über die Unabhängigkeit, Adoula, Ileo und Boboliko waren jeder eine Zeitlang Premierminister, Kanza war der erste Botschafter des Kongo bei den Vereinten Nationen, Cardoso war Bildungsminister . . . »Wir waren bei den Scheutisten. Das andere College gehörte den Jesuiten. Dort waren unter anderem Bomboko, Kamitatu, Albert Ndele.« Noch mehr klingende Namen aus der kongolesischen Geschichte. Die ersten beiden wurden Außenminister, letzterer Direktor der Nationalbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Umgebung, was für ein Zeitbild . . . Das war die &#039;&#039;jeunesse dorée&#039;&#039; des Kongo. Dort wurde eine junge, urbane Elite ausgebildet, die vor Ehrgeiz fast platzte. Keine Generation vor oder nach ihnen hat einen so guten Unterricht genossen. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Weißen blieb bestehen, doch die Angst einer vorherigen Generation schlug bei ihnen um in Momente von Schneid, gewiss bei einem Mann wie Jamais Kolonga. Noch immer gurrte er vor Spaß, wenn er an Monsieur Maurice dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1952 fing ich bei Otraco an. Monsieur Maurice war einer der Chefs. Es gab einen Lift für die Weißen und eine Treppe für die Schwarzen, sogar für die Angestellten. Ich nahm einfach den Lift, denn ich musste in den dritten Stock. Eines Tages stand ich mit diesem grandiosen Monsieur Moritz im Lift. Ich hatte noch dazu eine Weinfahne. Weil mein Vater &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war . . . Bon. Moritz gab mir eine Ohrfeige, und dann haben wir uns geprügelt. Es endete schließlich auf der Gendarmerie von Otraco. Ich war echt ein kleiner Rowdy im Betrieb, ja.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo der Nachkriegszeit war in vollem Umbruch, und die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren der deutlichste Beweis dafür. Es herrschte ein Klima hoffnungsvoller Erwartungen. Den Höhepunkt bildete zweifelsohne die berühmte Rundreise von König Baudouin im Mai und Juni 1955. Zum ersten Mal besuchte ein belgischer Monarch nicht nur die Machtzirkel und die Jagdreservate der Kolonie, sondern nahm sich auch ausgiebig Zeit, dem Volk zuzuwinken. Es wurde ein Riesenerfolg, ein totaler Rausch, eine beispiellose Euphorie. Junge Männer kletterten auf Bäume, um dem König zuzuwinken, Frauen trugen &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; mit einem Abdruck von Baudouins Konterfei, Kinder schmetterten die Brabançonne.79 Der Monarch und sein Gefolge reisten kreuz und quer durchs Land, wie ein Wanderzirkus, der überall mit Gesang und Tanz empfangen wurde. In Stanleyville wurde der König von Männern des Bakumu-Stammes getragen. In Elisabethville liefen die Frauen hinter ihm her: »Unser König ist so jung und so schön! Gott schütze ihn!« (&#039;&#039;Unser&#039;&#039; König, nannten sie ihn; das war das erste Mal.) In Kinshasa hatte man geplant, ihn von Victorine Ndjoli, dem Fotomodell mit Führerschein, chauffieren zu lassen, aber daraus wurde nichts. &#039;&#039;Mwana kitoko&#039;&#039; wurde er genannt, schöner junger Mann, denn er war noch immer blutjung und unverheiratet. Alle wollten ihn sehen. Ihm in die Augen zu schauen oder ihn zu berühren, sollte Glück bringen. Kinder in der Provinz, die noch nie Schuhe getragen hatten, bekamen eigens für diesen Tag ihr erstes Paar. »Es war gar nicht so einfach, damit zu laufen«, erzählte mir jemand, der damals eines der Kinder war, »aber wir haben trotzdem viel gelacht.«80 Heute sieht man im Haus von betagten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; neben dem Hochzeitsfoto noch immer ein offizielles Porträt von König Baudouin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Orte, die der König auf seiner Reise besuchte, war Lingwala, das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. »Er wollte mit eigenen Augen die Häuser sehen, die mit königlichen Mitteln erbaut worden waren«, sagte Jamais Kolonga. »Und deshalb hat er das Haus meines Vaters besucht, das hier auf diesem Grundstück stand.« Er deutete mit seiner Krücke durchs Fenster, auf die Stelle, wo der Mais vor sich hin welkte. »Das Haus steht heute nicht mehr, aber damals kam Madame Detiège vorbei, die Fürsorgerin von Otraco. Sie kontrollierte die Polstermöbel und richtete das Haus her. Die Wände wurden neu gestrichen, und sie stellte Blumen auf den Tisch. König Baudouin kam zusammen mit dem Generalgouverneur. Sie haben sich so zehn, fünfzehn Minuten mit meinem Vater unterhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist kaum zu glauben, dass sein Vater nur wenige Jahre später in demselben Haus täglich Besuch von einem Mann bekam, der das Verlangen nach Unabhängigkeit anzufachen wusste wie kein anderer. Dieser Mann war Kasavubu. Er würde einige Jahre später der erste Präsident des unabhängigen Kongo werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich viel verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele die Zeit vor der Ankunft der Weißen zurückgewünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hofften immer mehr Menschen auf einen weißen Lebensstil. Von einem Unabhängigkeitsfieber war noch nichts zu spüren, und doch hatte der Weltkrieg als mächtiger Katalysator gewirkt. Er hatte die Verletzbarkeit des Mutterlandes gezeigt und zu einer neuen Weltordnung geführt, in der Kolonialismus alles andere als selbstverständlich war. Die latente Spannung, die daraus resultierte, wurde 1955 von niemandem klarer in Worte gefasst als von Antoine-Roger Bolamba, Journalist, Schriftsteller und &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er war der größte kongolesische Dichter französischer Sprache während der Kolonialzeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Fleisch des Kampfes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf die rote Stunde des Einsatzes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über mir pfeift schon der Pfeil, der weiter, viel weiter bringen wird&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das schwindelerregende Feuer des Sieges81&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 6 Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Späte Entkolonialisierung, plötzliche Unabhängigkeit 1955-1960 ===&lt;br /&gt;
Und dann ging es plötzlich blitzschnell. 1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität. Dieses Tempo verblüffte fast jeden, wohl am meisten die Kongolesen selbst. Der belgische Kolonialismus, dem sie unterworfen waren, war ja von der Idee des allmählichen Übergangs durchdrungen. Schritt für Schritt sollte der Kongo von seinem archaischen Ursprung losgelöst werden und in die Moderne eintreten. Aus belgischer Perspektive war dieses Ziel noch lange nicht in Sicht. Das Land war seit dem Zweiten Weltkrieg zwar auf dem richtigen Weg, doch die »Kulturvermittlung« war nicht mal zur Hälfte vollbracht. »Unabhängigkeit?«, schnaubte der Missionar vom Heiligen Herzen Jesu und zukünftige Erzbischof Petrus Wijnants 1959 vor seinen Gläubigen. »Vielleicht in fünfundsiebzig, aber auf alle Fälle nicht in den nächsten fünfzig Jahren!«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte anders kommen. Aus dem allmählichen Übergang wurde ein Sturmlauf, Bedächtigkeit wich dem Chaos. Die Verantwortlichen? Niemand speziell. Oder besser gesagt: jeder. Die blitzschnelle Entkolonialisierung war nicht das Werk einer bestimmten Persönlichkeit oder Bewegung, sondern die Folge einer außerordentlich komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Akteuren. Man könnte es mit einer Tischtennispartie vergleichen, die ruhig beginnt, ein gelassenes Hin und Her des Balls, und sich mit einem Mal beschleunigt zu einem nervösen Match voller gezielter Schläge, gewiefter Topspins, bedrohlicher Schmetterbälle und gerissener Täuschungsmanöver. Immer schneller fliegt der Ball, so schnell, dass Spieler und Zuschauer gar nicht mehr richtig mitbekommen, was genau wo und wann passiert. Keiner hat mehr einen Überblick, aber jeder weiß: Es kann nicht mehr lange dauern. Und so geschah es auch im Kongo. Mit dem Unterschied, dass es mehr als zwei Spieler gab, und eigentlich auch mehr als einen Ball. Bei der Entkolonialisierung standen nicht nur Kongolesen Belgiern gegenüber; man konnte nicht von monolithischen Blöcken reden. Auf kongolesischer Seite gab es &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, Religiöse, Soldaten, Arbeiter, Bauern. Menschen aus Bas-Congo hatten andere Ambitionen als die Bewohner des Kivu oder Kasais. Menschen in den Dreißigern hatten andere Träume als Menschen in den Sechzigern. Aber sie alle kamen, früher oder später, und stellten sich um die Tischtennisplatte. Auf belgischer Seite gab es neben den Belgiern in der Kolonie die Belgier im Mutterland. Es gab Liberale, Katholiken und Sozialisten. Die Kirche und das Königshaus hatten andere Interessen als Unternehmen oder Gewerkschaften. In der Kolonie hatten die Beamten andere Wunschvorstellungen als die Plantagenbesitzer im Landesinneren oder die Missionare im Urwald. All diese Interessengruppen standen nebeneinander, sie standen sich einander gegenüber, oder sie hatten sich miteinander vermischt. Und dann gab es die Fans: UdSSR, USA und UNO standen laut schreiend auf den Tribünen, flankiert von jungen Staaten wie Ghana, Indien und Ägypten. Die Spieler wussten nicht, auf wen sie zuerst hören sollten, aber die kongolesischen Spieler bekamen als Underdogs deutlich mehr anfeuernde Zurufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann waren auch noch mehrere Bälle im Spiel: mindestens drei. Wollte man die Unabhängigkeit? Wann wollte man sie? Und wie sollte der unabhängige Kongo aussehen? Die letzte Frage betraf sowohl die innere Organisation des Landes (unitär oder föderal?) wie die externen Beziehungen zu Belgien (völlige Loslösung oder doch noch irgendeine Form von staatsrechtlicher Bindung?). Die Beantwortung dieser drei Fragen führte zu sehr verschiedenen Positionen. So konnte auf der einen Seite der Tischtennisplatte die bedingungslose und sofortige Unabhängigkeit gefordert werden, bei der alle Verbindungen zu Belgien gekappt werden und der Kongo unitär bleiben sollte, während man auf der anderen Seite für eine langsame Entkolonialisierung mit einer bleibenden Verbindung zum Mutterland und großer Autonomie für die verschiedenen Provinzen eintrat. Und dazwischen gab es noch ein Wirrwarr anderer Positionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war so, als würde eine ganze Weltmeisterschaft im Tischtennis zum selben Zeitpunkt auf einer einzigen Platte stattfinden. Die Folge waren Reibereien, Irritationen, Nervosität, Streitsucht, Euphorie, Verzweiflung und Wahnsinn. Und natürlich Tempo. Die Regeln änderten sich pausenlos. Die einzige Möglicheit, einen kühlen Kopf zu bewahren, lag im Fokussieren, in der bewussten Einschränkung des Blickfeldes, im verbissenen Festhalten an der eigenen Taktik; man durfte nur ein Auge für das eigene Spiel haben. So verhielten sich alle Beteiligten. Aber ein anderes Wort für Fokus ist Tunnelblick, und genau der bewirkte – bei allen Akteuren – Ignoranz. Die tragische Entkolonialisierung des Kongo war eine Geschichte mit vielen blinden Flecken und nur gelegentlichen Momenten der Klarheit. Aber hinterher ist leicht reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir schreiben das Jahr 1955, und noch immer befinden wir uns im Haus von Jamais Kolonga. Nach der Stippvisite von König Baudouin bekommt sein Vater immer häufiger Besuch von einem makellos gekleideten &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. »Kasavubu kam jeden Tag vorbei, hier, in dieses Haus.« Er deutete auf den Fußboden mit dem zerbröckelnden Beton. »Morgens und abends kam er, um mit meinem Vater zu diskutieren. Ich schenkte ihm Wein ein. Kasavubu war ein echter Gentleman.« Auf Fotos aus jener Zeit wirkt er tatsächlich sehr distinguiert. Tadelloser Anzug, modische Brille, Augen, die eher lächelten als laut lachten. Es wurde getuschelt, dass einer seiner Vorfahren ein Chinese gewesen sei, der um 1890 beim Bau der Bahnlinie zwischen Matadi und Léopoldville mitgearbeitet habe. Deshalb diese Augen, meinte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kam vierzig Jahre zuvor in Bas-Congo zur Welt, in einem Dorf hundert Kilometer nördlich von Boma, am Rand des Mayombe-Waldes. Rechnen und Lesen lernte er auf der Missionsstation der Scheutisten, und da er sich als sehr gelehrig erwies, durfte er das Gymnasium besuchen, damit er später eventuell Priester werden könnte. Er lernte Latein und Französisch und wechselte mit achtzehn ins Priesterseminar von Kabwe in Kasai. Es war das erste Mal, dass er Bas-Congo verließ. Nach drei Jahren Philosophie-Unterricht war er sich jedoch darüber im Klaren, dass er sich nicht zum Priester berufen fühlte. Er verließ das Seminar, wurde Lehrer, anschließend Angestellter und schließlich Beamter, doch ein Hauch von priesterlichem Pathos war ihm zeitlebens eigen. Ein leidenschaftlicher Redner wie Lumumba wurde er nie. Seine Stimme war schwach und hoch, die Modulation flach und tonlos. Das Publikum bekam er nur mit Mühe still. Er war unverkennbar intelligent, doch seine Intelligenz beruhte eher auf harter Arbeit und gründlichem Nachdenken als auf angeborenem Esprit. In zahlreichen Diskussionen mit Geistesverwandten formten sich seine Ansichten zu klaren Standpunkten. Hatte er erst einmal einen festen Standpunkt gewonnen, verstand er sich auf die Kunst, ihn mit großer Entschiedenheit zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges war er, wie so viele junge Männer, nach Léopoldville gegangen. Als 25-Jähriger war er als Beamter bei der Finanzverwaltung der Kolonialregierung eingestellt worden. Damit wurde er Teil der neuen, schwarzen, urbanen Elite. Nach Feierabend diskutierte er mit Leuten wie dem Vater von Jamais Kolonga über den Status der Bakongo in Léopoldville. Sie waren sich darin einig, dass &#039;&#039;sie&#039;&#039; die ursprünglichen Bewohner des Gebiets um die Hauptstadt seien und ereiferten sich darüber, dass nicht ihre Sprache, sondern das Lingala, die Sprache der flussaufwärts im Urwald lebenden Bangala, im Begriff war, zur Lingua franca der Stadt zu werden. Waren die Bakongo nicht zuerst hier gewesen? Und waren sie nicht am zahlreichsten vertreten? Warum fand der Schulunterricht dann auf Lingala statt? Gab es denn nicht so etwas wie das Recht dessen, der zuerst Besitz ergreift? Dieser Slogan war ein grandioser Fund: Er entstammte der Kolonialrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts, direkt übernommen von der Berliner Konferenz, aber Kasavubu übertrug ihn auf die städtische Situation der vierziger und fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie dachten auch über soziale und gesellschaftliche Probleme im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit nach. Mit welcher Berechtigung verdienten die Weißen so viel mehr als die &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, auch noch dann, wenn Letztere eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen? Auch hier goss Kasavubu seine Empörung in einen kühnen Slogan: &#039;&#039;»à travail égal, salaire égal«&#039;&#039;, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Eine entschieden zugespitzte Äußerung für jemanden, der sonst eher weitschweifig redete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Hauptstadt trat Kasavubu Adapes bei, der Vereinigung ehemaliger Scheutisten-Schüler. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer des Vereins, ein Amt, das er bis 1956 innehatte und bei dem er sehr viele Kontakte mit der jungen, hauptstädtischen Oberschicht unterhielt. Der Alumni-Club zählte damals fünfzehn- bis achtzehntausend Mitglieder.2 1955 übernahm Kasavubu auch noch die Leitung der Abako, der tribalen Vereinigung, die sich schon seit einigen Jahren für die Sprache und Kultur der Bakongo in Léopoldville einsetzte. Mit seinem Vorsitz war ein radikaler Umschwung verbunden. Kasavubu formte die Abako zu einer explizit politischen Organisation um und legte damit den Grundstein für die Politisierung der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und faktisch auch für den Beginn der Entkolonialisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Jahr 1955 wurde auch durch eine andere Begebenheit ein Jahr der Weichenstellung, wenngleich kein &#039;&#039;évolué&#039;&#039; in Belgisch-Kongo es erahnen konnte. Denn das Ereignis fand in Belgien statt, und nur wer die niederländische Sprache beherrschte, bekam es mit. Im Dezember jenes Jahres erschien in der Zeitschrift der flämischen katholischen Arbeiterbewegung ein Beitrag mit dem Titel »Ein Dreißigjahresplan für die politische Emanzipation Belgisch-Afrikas«. Jef Van Bilsen, der Autor, war ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Belga. Er war lange im Kongo tätig gewesen und hatte dort auch als Dozent an der kolonialen Universität unterrichtet. Der Tenor des Artikels war, dass sich die Kolonie endlich darum kümmern müsse, eine intellektuelle Oberschicht heranzuziehen. Es müsse eine Generation von Ingenieuren, Offizieren, Ärzten, Politikern und Beamten ausgebildet werden, damit der Kongo so um das Jahr 1985 herum mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen könne.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als gewöhnlich behauptet handelte sich Van Bilsen mit seinem Plan zunächst keine scharfe Zurechtweisung ein. Sowohl in Belgien wie auch im Kongo stieß er, auch außerhalb der progressiven Kreise, auf wohlwollendes Interesse. Seine Vorstellungen einer langsamen Emanzipation knüpften ja an die Idee des allmählichen Übergangs an, die die koloniale Dreifaltigkeit seit Dezennien vertrat. Sein Dreißigjahresplan sollte für die Politik bewirken, was der Zehnjahresplan von 1949 für die Infrastruktur und die Wirtschaft bewirkt hatte: das Land langsam, aber stetig zu modernisieren. Er brach nicht mit dem bestehenden Paradigma, sondern dachte es weiter bis in die letzte Konsequenz. Dass er das Jahr 1985 als Zeitpunkt benannte, machte das Ganze allerdings sehr konkret, doch auch dabei dachte er nicht in Begriffen einer vollkommenen Unabhängigkeit: Nach diesem Datum sollten Belgien und der Kongo noch durch die Krone miteinander verbunden sein und gemeinsam eine Art Konföderation bilden, eine Völkergemeinschaft &#039;&#039;à deux&#039;&#039; sozusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1956 erschien der Artikel in französischer Übersetzung, und das brachte den Stein ins Rollen. Kopien zirkulierten in den Vierteln der Einheimischen in Léopoldville, den Vierteln, in denen jeden Morgen Tausende von Menschen aufbrachen, häufig barfuß, um in den Lagerhallen, Seifenfabriken oder Brauereien der Europäer zu arbeiten, den Vierteln, in die jeden Abend die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; zurückkehrten nach ihrer täglichen Arbeit als Typist oder Sachbearbeiter bei einem weißen &#039;&#039;patron&#039;&#039;, den Vierteln, wo Einzelne bei einem Glas portugiesischen Weins bis spät in die Nacht über die Weltlage diskutierten. Warum redete der Chef sie immer mit Victor oder Antoine an und nie mit &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Victor oder &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Antoine? Warum sagte jeder Weiße &#039;&#039;tu&#039;&#039; zu einem und niemals &#039;&#039;vous&#039;&#039;, nicht mal, wenn man Manschettenknöpfe und einen weißen Kragen trug? In diesen begrenzten Kreisen fand Van Bilsens Artikel reißenden Absatz. Ein Weißer, der öffentlich über die politische Emanzipation der Schwarzen nachdachte: War das wirklich möglich? Ein Plan, in dem von einem Universitätsstudium und neuen Chancen die Rede war: War das nicht ein Traum? Es war, als breche ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke ihres Daseins. Es würde also nicht auf ewig so bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht mehr als ein Flugblatt, aber Kasavubu war erbost, als er es in die Hände bekam. &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; stand darauf, Juli-August 1956. Das unregelmäßig erscheinende Blättchen mit katholischem Hintergrund, das erst seit ein paar Jahren existierte und nur eine kleine Auflage hatte, wurde von Joseph Ileo geleitet, einem Mann aus der Provinz Équateur. Unter den sechs Redakteuren waren viele ehemalige Schüler von tata Raphaël; einer von ihnen war Inhaber einer &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein anderer war sogar im Besitz einer &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Die bewusste Ausgabe bestand hauptsächlich aus einem langen, anonymen Artikel mit dem unerschrockenen Titel &#039;&#039;»Manifeste«.&#039;&#039; Die Autoren hatten Van Bilsens Plan gut studiert, das sah Kasavubu gleich. »Die kommenden dreißig Jahre sind für unsere Zukunft entscheidend«, las er. »Die Belgier müssen künftig einsehen, dass ihre Herrschaft über den Kongo nicht ewig währen wird.«4 Der Text sprach, ganz auf der Linie von Van Bilsen, über politische Emanzipation und allmähliche Veränderung; es wurde eine gemeinsame belgisch-kongolesische Initiative befürwortet, und es war die Rede von einer Atmosphäre der Brüderlichkeit, die jeder Form von Rassenunterschieden ein Ende machte. Hatte König Baudouin während seiner Reise denn nicht selbst ein gutes Beispiel gegeben? Der Text fuhr fort: »Wir fordern die Europäer auf, ihre Haltung der Missachtung und Rassentrennung aufzugeben, um die fortwährenden Kränkungen, die wir erleiden müssen, zu verhindern. Wir fordern sie außerdem auf, ihre herablassende Haltung aufzugeben, die unser Selbstwertgefühl verletzt. Wir mögen es nicht, ständig wie Kinder behandelt zu werden. Begreifen Sie doch, dass wir anders sind als Sie und dass wir, während wir uns die Werte Ihrer Kultur zu eigen machen, gleichzeitig wir selbst bleiben möchten.«5 Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte nicht mehr länger nur warten und hoffen, wie er es schon seit Jahren tat, denn das blieb vergeblich, sondern wollte auch auf seine eigene Kraft vertrauen können. In Großbuchstaben stand dort ferner: »Wir wollen kultivierte Kongolesen sein, keine ›Europäer mit schwarzer Haut‹.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kochte vor Wut. Nicht, dass er nicht einverstanden gewesen wäre mit diesen Thesen, im Gegenteil. Nur: Woanders das lesen zu müssen, was er selbst schon seit Jahren dachte, das wurmte ihn. Außerdem stammte fast die gesamte Redaktion von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; aus der Provinz Équateur, während er, Kasavubu, gerade der Vorsitzende der größten Bakongo-Vereinigung geworden war. Sollten diese Lingala-Sprecher, die Bangala, in der Hauptstadt jetzt auch noch die Initiative im politischen Kampf übernehmen? Es ist kaum bekannt, doch ethnische Rivalität in den großen Städten spielte bei der Entkolonialisierung eine ebenso große Rolle wie die Ablehnung der Fremdherrschaft, wie künstlich viele dieser »Stämme« auch waren. Die »Bangala«, über die Kasavubu sich so ärgerte, waren als homogener Stamm eine Konstruktion des &#039;&#039;Bureau international d&#039;éthnographie&#039;&#039; (im Äquatorialwald existierte ein Flickenteppich von Kulturen, einen übergreifenden Stammesverband hatte es dort nie gegeben), doch diese Erfindung von Ethnographen aus den Jahren um 1910 wurde, dank der Missionsschulen, im Kinshasa der fünfziger Jahre sehr real.7 Die Bakongo wollten den Bangala nicht nachstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Wochen später rief Kasavubu die Abako-Mitglieder zusammen, um das Manifest von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; zu studieren und zu kommentieren. Im August 1956 erschien ihr »Gegenmanifest«. Es sollte den ersten Text übertreffen, ja, am besten zu Makulatur machen. Der Ton war viel radikaler und der Inhalt durchgehend revolutionär. Van Bilsens Dreißigjahresplan und &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039;? »Wir unsererseits wollen nicht an der Ausführung dieses Planes mitarbeiten, sondern einzig und allein an seiner Abschaffung, denn die Umsetzung würde für den Kongo nur zu mehr Verzögerung führen. Im Kern geht es bloß wieder um das ewige Wiegenlied. Unsere Geduld ist längst am Ende. Da die Zeit reif ist, müssen sie uns noch heute die Selbstbestimmung zuerkennen, statt sie noch einmal dreißig Jahre aufzuschieben. Späte Emanzipationen hat die Geschichte nie gekannt, denn wenn die Zeit gekommen ist, warten die Völker nicht mehr.«8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das mit den Völkern war natürlich übertrieben. Kasavubu hatte nicht das kongolesische Volk hinter sich, und auch große Teile »seines« Bas-Congo kannten nicht einmal seinen Namen. Er sprach allenfalls im Namen der Kikongo-sprachigen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; in der Hauptstadt. Doch in den Kreisen der Kolonialmacht schlug der Text ein wie eine Bombe. Es war das allererste Mal, dass einige Kongolesen so offen die baldige Unabhängigkeit forderten. An einer Konföderation mit dem Mutterland hatten sie wenig Interesse. Und die Einheit der Kolonie war ihnen offenbar auch nicht heilig; wie es schien, setzten sie sich nur für Bas-Congo ein. Viele Vertreter der Kolonialmacht reagierten mit Entrüstung. Sie sprachen von »Wahnsinn«, einem »Wettrennen in den Selbstmord«, einem »Rassismus, der schlimmer ist als der, gegen den man angeblich vorgeht«.9 Jef Van Bilsen wurde zum Sündenbock gestempelt. Er habe, so die herrschende Meinung, die Büchse der Pandora geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialisten kam der Ruf nach Unabhängigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel, doch das sagt viel darüber aus, in welch einer geschlossenen Welt sie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ja in Asien eine erste Entkolonialisierungswelle in Gang gekommen. Innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1946 und 1949, waren die Philippinen, Indien, Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig geworden. Diese Dynamik sprang auf Nordafrika über, wo Ägypten das britische Joch abwarf und Marokko, Tunesien und Algerien sich warm liefen für mehr politische Autonomie. Politiker wie Nehru, Sukarno und Nasser unterhielten gute Kontakte untereinander. Das kulminierte 1955 in der höchst wichtigen Bandung-Konferenz auf Java, einem afro-asiatischen Gipfel, wo neue Staaten und nach Unabhängigkeit strebende Länder den Kolonialismus einhellig auf den Müllplatz der Geschichte verwiesen. »Der Kolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist ein Übel, das so schnell wie möglich enden muss«, stand in der Abschlusserklärung.10 Vertreter des Kongo waren nicht in Bandung, aber eine Delegation aus dem Nachbarland Sudan, das wenige Monate später unabhängig werden sollte. Außerdem begannen nach dieser Konferenz Rundfunksender von ägyptischem und indischem Boden aus den Antiimperialismus zu verbreiten. Über Kurzwelle konnte man im Kongo &#039;&#039;La Voix de l&#039;Afrique libre&#039;&#039; aus Ägypten empfangen und &#039;&#039;All India Radio&#039;&#039;, das sogar Sendungen in Swahili ausstrahlte.11 Ihre Botschaft wurde durch eine technische Neuerung verbreitet: das Transistorradio. Ein kleines, erschwingliches Gerät hatte dadurch große Folgen. Man brauchte nicht länger auf Marktplätzen und an Straßenecken zu stehen und sich die amtlichen Bulletins von &#039;&#039;Radio Congo Belge&#039;&#039; anzuhören, sondern konnte im Wohnzimmer heimlich verbotene ausländische Sender empfangen, die wiederholten, dass Afrika den Afrikanern gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der zunehmenden Stimmung des Unmuts etwas entgegenzusetzen, entschloss sich Brüssel schließlich, eine erste Form der Machtbeteiligung einzuführen. Schon seit zehn Jahren debattierte die Politik über Formen einheimischer Mitbestimmung in den Städten, doch 1957 wurde endlich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In einigen großen Städten sollten die Viertel der Einheimischen eigene Bürgermeister und Gemeinderäte bekommen. Auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie erlangten Kongolesen dadurch zum ersten Mal konkrete Macht. In der Praxis hatten die Kolonialbeamten bereits bemerkt, dass informelle Bezirksräte gut arbeiteten, um lokale Probleme zu lösen, insbesondere, wenn die Gemeinschaft selbst die Mitglieder dieser Räte ernannt hatte.12 Künftig sollten die Mitglieder durch formelle Wahlen bestimmt werden; die Bürgermeister standen allerdings noch immer unter der Kontrolle eines belgischen »Oberbürgermeisters«. Ende 1957 wurden zum ersten Mal in der Geschichte Belgisch-Kongos Wahlen abgehalten, freilich nur in den Städten Léopoldville, Elisabethville und Jadotville. Nur erwachsene Männer durften ihre Stimme abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war zu diesem Zeitpunkt eine der Kolonien in Afrika, die in puncto Urbanisierung, Proletarisierung und Schulbildung weit vorn lagen. 22 Prozent der Bevölkerung lebten in der Stadt, 40 Prozent der aktiven männlichen Bevölkerung standen in einem Arbeitsverhältnis, und 60 Prozent der Kinder besuchten die Grundschule.13 Diese Situation war ebenso neu wie prekär. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre waren die Löhne spektakulär gestiegen, doch ab 1956 stagnierte das Wachstum, und es kam sogar zu einem erheblichen Rückgang. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt führten zu wirtschaftlicher Verlangsamung (unter anderem durch das Ende des Koreakrieges). In den Städten kam es wieder zu Arbeitslosigkeit.14 In Léopoldville gab es schon bald rund zwanzigtausend Arbeitslose.15 Wer seinen Job verlor, zog zu Verwandten, die noch Lohneinkünfte hatten. Die Häuser und Grundstücke der &#039;&#039;cité&#039;&#039; waren nach einiger Zeit gedrängt voll.16 Überall schossen kleine Bars wie Pilze aus dem Boden. Alkoholismus und Prostitution stiegen dementsprechend an, denn wenn das Leben schwer ist, werden die Sitten leicht. In dieser Atmosphäre der Unruhe fanden die ersten Wahlen statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass nur erwachsene Männer teilnehmen durften, bedeutete nicht, dass Frauen und Jugendliche in politische Apathie verfallen waren. Gerade bei ihnen entstanden um diese Zeit alternative Formen eines gesellschaftliches Engagements: die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; und die &#039;&#039;bills&#039;&#039;. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; waren Frauenvereine, in denen sich erfolgreiche Frauen trafen, um gemeinsam zu sparen und sich über Modetrends auszutauschen. Das mochte recht banal erscheinen. Auf speziellen Festen hüllten sich die Mitglieder eines solchen Vereins alle in die gleichen neuen, luxuriösen Stoffe und prunkten damit. Aber das war zugleich auch ein Statement. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; gaben sich Namen wie &#039;&#039;La Beauté&#039;&#039;, &#039;&#039;La Rose&#039;&#039; oder &#039;&#039;La Jeunesse Toilette&#039;&#039;, auf Französisch, weil das in hohem Ansehen stand. Sie reagierten so auf ihre Weise auf die Kluft zwischen Mann und Frau. Sie übernahmen die Sprache der männlichen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und unterstrichen ihren eigenen gesellschaftlichen Fortschritt. Die Mitglieder waren Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Händlerinnen. Victorine Ndjoli, die Frau, die als erste den Führerschein gemacht hatte, gründete mit einigen Freundinnen &#039;&#039;La Mode&#039;&#039;: »Wir waren von der europäischen Mode beeinflusst, die wir in den Katalogen verfolgen konnten. Die französischen Namen bewiesen, dass wir die Schule besucht hatten und gebildet waren. Frauen erhielten erst sehr spät das Recht, Französisch zu lernen, also war Französisch zu sprechen etwas, wodurch wir uns auf eine Ebene mit den Männern stellen konnten.«17 Auch die Rundfunksprecherin Pauline Lisanga war Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele dieser &#039;&#039;moziki&#039;&#039; schlossen sich mit einer der populären Bands der Stadt zusammen. Das Wort »&#039;&#039;moziki&#039;&#039;« kommt übrigens von Musik. &#039;&#039;La Mode&#039;&#039; von Victorine Ndjoli war unbedingter Fan von OK Jazz, dem Orchestre Kinois von François Luambo Makiadi, genannt Franco, dem Mann, der bis heute als größter Gitarrist und Komponist der kongolesischen Rumba gilt und der – in einer weniger anglozentrischen Geschichte der schwarzen Musik – seinen Platz neben B. B. King, Chuck Berry und Little Richard einnehmen würde. Franco de Mi Amor nannten sie ihn, &#039;&#039;le sorcier de la guitare&#039;&#039;, Franco-le-Diable. Victorine ging mit ihren Freundinnen zu seinen Auftritten (eine von ihnen heiratete er sogar), sie tranken &#039;&#039;mazout&#039;&#039;, Bier mit Limonade. Es musste Bier der Marke Polar sein, denn das kam von Bracongo, der Brauerei, in der um diese Zeit ein gewisser Patrice Lumumba seine Arbeit aufnahm. »Ich war für Lumumba, wir unterstützten seinen MNC«, sagte Victorine. Diese Entscheidung lag nicht unbedingt auf der Hand in einer Stadt, in der Abako das Zepter schwang. »Als er starb, haben wir alle getrauert.«18 Frauen durften nicht wählen, aber Mode, Musik, Ausgehen, Trinken und Tanzen bekamen auch eine politische Bedeutung. Sie stimmten mit dem Glas ab. Primus, das Bier der Konkurrenz, tranken ja die Anhänger von Kasavubu.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es die Jugendlichen. Nach einem halben Jahrhundert Geburtenmangel stiegen die Bevölkerungszahlen seit den fünfziger Jahren erheblich. Zwischen 1950 und 1960 wuchs die Zahl der Kongolesen um 2,5 Millionen. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das Land rund 14 Millionen Einwohner. Der Kongo verjüngte sich: Mitte der fünfziger Jahre waren 40 Prozent der Bevölkerung jünger als fünfzehn.20 Die Jugend wurde eine sehr wichtige Bevölkerungsgruppe, nicht nur in demographischer, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; waren die erste Jugendkultur in der Kolonie.21 Was die &#039;&#039;nozems&#039;&#039; für Amsterdam waren, die &#039;&#039;zazous&#039;&#039; für Paris und die &#039;&#039;teddy boys&#039;&#039; für London, waren die &#039;&#039;bills&#039;&#039; für Léopoldville. Sie ließen sich von den Westernfilmen inspirieren, die in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; gezeigt wurden. Wie der Name bereits ahnen lässt, war Buffalo Bill ihr Held. Sie sprachen eine eigene Jugendsprache, das &#039;&#039;hindubill&#039;&#039;, und pflegten einen eigenen Kleidungsstil: Halstücher, Jeans und hochstehende Hemdkragen, die auf den Wilden Westen verwiesen und womit zugleich die tadellos gekleideten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; verspottet wurden. Die wiederum machten sich große Sorgen über die Verlotterung der Jugend. Alles die Schuld verderblicher Filme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Kino müssen Zügel angelegt werden. Kriminalfilme und Cowboyfilme sind sehr beliebt. Alle diese Szenarien zeigen den Zuschauern, oftmals Jugendlichen und nicht selten sogar Kindern, wie man stehlen, töten und, mit einem Wort, Schlechtes tun kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man die Anzeigen und Plakate sieht, wähnt man sich zuweilen im Reich der Brutalität und der Sinnlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollen wir unseren Söhnen und Töchtern Zurückhaltung, Güte, Nächstenliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen beibringen? Das große Übel steckt in den Kinosälen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sieht man anderes in diesen Etablissements als die erotischsten Filme, die aus den wolllüstigsten Szenen bestehen, über die dann noch eine die Sinne aufreizende Musik gekleistert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends habe ich einmal einer Filmvorführung beigewohnt. Im Saal waren alles in allem zehn Erwachsene. Der Rest? . . . Kinder von 6 bis 15 Jahren. Der Saal war voll von diesen »Knirpsen«. Ein Höllenlärm . . . Die Bengel zappelten vor Ungeduld . . . Die Leinwand leuchtete auf . . . Ein Cowboyfilm . . . Applaus . . . Freudenschreie . . . Ein Liebesabenteuer . . . Überall Küsse und »ha!« in allen Ecken . . . Danach die Faustkämpfe und Pistolenschüsse, die bei der Jugend eine unbeschreibliche Freude erwecken . . . Zwei schlechte Filme . . . Nach der Vorführung begann die Wiederholung dessen, was wir in den letzten zwei Stunden auf der Leinwand gesehen hatten. Man belästigte junge Mädchen, die aus der Vorstellung kamen, indem man sie auf die Wangen küsste . . . Man lief mit einem Stock hintereinander her und imitierte das Geräusch einer Pistole, um die Cowboys nachzuäffen . . . Das waren die moralischen Lektionen der Vorstellung dieses Abends . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erbärmlich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das Kino wird zu einer Schule für Gangster in Belgisch-Kongo werden, falls die Vorführung bestimmter Filme in der cité oder in den centres extra-coutumiers nicht verboten wird.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; galten als Unruhestifter, die sich die Zeit mit Diebstahl, Zügellosigkeit und Marihuana vertrieben. Die Jugendkriminalität in den Städten nahm in dieser Zeit tatsächlich zu, aber es ging weniger um schwere Verbrechen als eher um den Diebstahl eines Korbes Papayas oder höchstens eines Fahrrades.23 Trotzdem war das etwas Neues. Die elterliche Autorität bröckelte, das Ansehen des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde verspottet, vom Einfluss des traditionellen Häuptlings war längst nichts mehr übrig. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; organisierten sich in Gangs, die ihre eigenen Territorien in der Stadt beanspruchten und ihnen Namen wie Texas oder Santa Fe gaben. Explizit politisches Interesse hatten sie nicht im Geringsten, doch sie stifteten ein Klima der Rebellion und des Widerstandes, das leicht entflammbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Juni 1957, strömten sechzigtausend Zuschauer in das Stade Roi Baudouin von Raphaël de la Kéthulle zu einem historischen Fußballspiel: F. C. Léopoldville, der Vorläufer der ersten Nationalmannschaft, nahm es gegen Union Saint-Gilloise aus Brüssel auf, einen der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des belgischen Fußballs.24 Eine Premiere. Zum ersten Mal spielte ein kongolesisches Team gegen eine belgische Elf in der Kolonie. Es wurde ein heftiges Match mit einem unerquicklichen Ende. Ein belgischer Armeeoffizier fungierte als Schiedsrichter, und seine Entscheidungen sorgten für Unmut. Als er bei zwei kongolesischen Treffern Abseits pfiff, wurde die Menge wütend. Das Spiel endete mit 4:2 für die Belgier. Schiebung!, riefen die Fans. Beim Verlassen des Stadions reagierten &#039;&#039;bills&#039;&#039;, Arbeiter, Arbeitslose, arme Schlucker, erboste &#039;&#039;mamans&#039;&#039; und Schüler ihren Frust an der Umgebung ab. Es wurde herumgebrüllt, Fäuste flogen. Jugendbanden und Umstehende eilten herbei und beteiligten sich an den Scharmützeln. Autos von Weißen, die das Stadion verlassen wollten, wurden mit Steinen beworfen. So etwas hatten die Vertreter der Kolonialmacht noch nie erlebt. Sollte Fußball nicht die Aggressionen des Volkes in geordnete Bahnen lenken? Die Polizei musste einschreiten. Als alles vorbei war, zählte man vierzig Verletzte und fünfzig lädierte Autos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zunehmenden Spannungen bildeten auch den Hintergrund der Wahlen vom 8. Dezember 1957. 80 bis 85 Prozent der Wahlberechtigten erschienen, das war ein Riesenerfolg. In Léopoldville hatte die Abako ausgezeichnete Arbeit geleistet und schaffte es sogar, Wähler für sich zu gewinnen, die keine Bakongo waren. Sie erlangte 139 der 170 Sitze im Gemeinderat. Von den acht für Einheimische vorgesehenen Bürgermeisterämtern erhielt sie sechs. In Elisabethville erzielten die Migranten aus Kasai, die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, einen stattlichen Stimmenanteil. Außerdem verbuchte die Union congolaise, eine katholische, pro-belgische Vereinigung von &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ein gutes Ergebnis. Es wurden auch neun Weiße gewählt.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Brüssel waren die erfolgreich und korrekt abgelaufenen Wahlen der Beginn einer kontrollierten Demokratisierung der Kolonie. Auch andernorts sollten nun auf lokaler Ebene Wahlen abgehalten werden, gefolgt von Wahlen auf Provinzebene und noch später auf Landesebene. Doch für diesen allmählichen Übergang war es zu spät, meinte Kasavubu. Als er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Dendale in Léopoldville antrat, machte er genau das, was Lumumba 1960 bei seiner Amtseinsetzung als Premierminister tun würde: Er hielt eine flammende Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratie wird nicht eingeführt, wenn man, um das demokratische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, noch Beamte ernennt statt vom Volk gewählte Vertreter. Die Demokratie wird nicht errichtet, wenn wir auf der Seite der Polizei keine kongolesischen Kommissare sehen. Das Gleiche gilt für die Armee: Wir kennen keine kongolesischen Offiziere, noch gibt es kongolesische Führungskräfte im Gesundheitswesen. Und was ist mit der Spitze des Bildungswesens und der Schulaufsicht? Es existiert keine Demokratie, solange kein allgemeines Stimmrecht herrscht. Der erste Schritt ist also noch nicht vollendet. Wir fordern allgemeine Wahlen und innere Autonomie.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte brachten Kasavubu eine Rüge der Obrigkeit ein, doch das berührte ihn kaum. Das Amt des Bürgermeisters verschaffte ihm neben einem hohen Gehalt immenses Ansehen bei der lokalen Bevölkerung. Also setzte er seine politische Kampagne fort. Die Wahlen brachten keine Ruhe in den Laden, sondern schürten die Unruhe noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Zeitbombe tickte weiter. 1955: Die Abako wird politisch. 1956: die Manifeste von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako. 1957: die Gemeinderatswahlen und die Unruhen. Doch das Jahr des großen Umbruchs sollte 1958 werden. Der unmittelbare Anlass war jedoch freundschaftlich geprägt und vollzog sich in einer Atmosphäre herzlicher Verbrüderungen: Expo 58. Nichts deutete darauf hin, dass das gemächliche Flanieren zwischen den Pavillons der Brüsseler Weltausstellung einen revolutionären Effekt haben könnte. Und doch war es so. Belgien blieb von diesem Weltjahrmarkt ein Atomium, dem Kongo ein akuter Hunger nach Autonomie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga konnte es bestätigen. Kleine Gruppen von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; durften schon seit einigen Jahren Studienreisen nach Belgien unternehmen, zur Weltausstellung aber wurden Hunderte Kongolesen, darunter eine große Gruppe von Soldaten, für einen Aufenthalt von mehreren Monaten eingeladen. Es schien eine Art Wiedergutmachung zu sein für die dreihundert Kongolesen, die 1897 in Tervuren zur Schau gestellt worden waren. Auch jetzt stand im Schatten des Atomiums ein kongolesisches Dorf, doch die meisten Belgienreisenden waren dort als Besucher. »Mein Vater durfte 1958 nach Belgien«, erzählte Jamais Kolonga. »Er war sehr beeindruckt von dem, was er dort sah. Europäer, die den Abwasch erledigten und die Straße fegten. Er wusste gar nicht, dass es das gab. Sogar weiße Bettler! Das hat ihm echt die Augen geöffnet.«27 Was für ein Kontrast zu dem Bild von Belgien, das er nur aus den Erzählungen der Missionare und dem Auftreten seiner Vorgesetzten kannte! Der Weiße war &#039;&#039;kein&#039;&#039; weit über ihnen stehender Halbgott. Eine Enttäuschung war diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil, sie weckte Hoffnung und Zuversicht. Und ließ Raum für eine gesellschaftliche Entwicklung, auch in Afrika. Außerdem stellten die Kongolesen fest, dass sie willkommen waren in den Brüsseler Restaurants, Cafés und Kinos, ja sogar in den Bordellen, wie geflüstert wurde.28 Auch das war ein Unterschied zum System der Segregation, das sie täglich in der Kolonie erfuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Expo-Besucher lernten nicht nur ein anderes Belgien kennen, sie lernten sich auch gegenseitig kennen. Menschen aus Léopoldville sprachen zum ersten Mal mit Menschen aus Elisabethville, Stanleyville, Coquilhatville und Costermansville. Aufgrund der immensen Weite des Landes und der Reisebeschränkungen gab es nur wenig Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen der Kolonie. Bauern migrierten in die Städte, aber Städter zogen selten oder nie in andere Städte um. Doch in den Monaten in Belgien tauschte man Erfahrungen aus, unterhielt sich über die Lage daheim und träumte von einer anderen Zukunft. Während der Expo traten auch belgische Politiker und Gewerkschaftsführer – sowohl des linken wie des rechten Spektrums – an einige der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; heran. Auch das trug zur politischen Bewusstwerdung bei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi alias »Élastique«, der Starfußballer von Daring, der Boy von Generalgouverneur Pétillon geworden war, hatte jedoch weniger Glück. Als ich ihn in Kikwit interviewte, erzählte er mir, dass er 1958 mit nach Belgien durfte, von der Expo jedoch nichts zu sehen bekommen hatte. »Wir reisten mit dem Flugzeug. Ich war als &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; von Pétillon mitgekommen. Ich blieb in Namur und musste kochen und die Wäsche waschen. Pétillon fuhr zur Weltausstellung und sah sich alle &#039;&#039;marchandise&#039;&#039; an. Kupfer, Diamanten, alles aus dem Kongo, alles aus allen Ländern.« Doch während der Generalgouverneur in Brüssel mit dem Herzog von Edinburgh und dem niederländischen Außenminister dinierte, blieb Longin in einer Küche in Namur zurück. »Ich habe dort richtig gegessen. Mit Besteck. Ich hatte gut aufgepasst, wie man das machte. Madame de Gouverneur schüttelte sich vor Lachen aus, wenn ich falsch aß. Es war sehr gut in Belgien. Ich bekam dort viele Geschenke. Ich hörte von Zügen, die unter der Erde verschwanden, und vom Seehafen. Namur war ein intelligentes Dorf, genau wie Kikwit.«29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon gefiel die ganze Sache mit der Expo überhaupt nicht. Dreihundert Kongolesen nach Brüssel holen und sie monatelang der Indoktrination durch gewisse belgische Elemente aussetzen? »In dem Trubel und Getümmel auf der Expo hatten diese völlig freies Spiel. Sie schafften es, sogar bei den Soldaten der Force Publique, ein schreckliches Werk der Unterminierung und Vergiftung zu vollenden. Es ist scheußlich, wenn man bedenkt, dass dies vor den Augen der belgischen Regierung geschah, die offenbar nicht erkannte, dass sich im Kongo zunehmend eine vorrevolutionäre Stimmung breitmachte.«30 Als Mann der Praxis hatte er dagegen doch ernsthafte Bedenken. Gerade deshalb wurde ihm während dieser Dienstreise angetragen, in Belgien zu bleiben und Kolonialminister zu werden. Sein Vorgänger, Auguste Buisseret, einer der seltenen Liberalen auf diesem Posten, hatte einen allzu ideologischen Kurs vertreten, unter anderem, indem er in der Kolonie Schulunterricht durch weltliche Lehrer einführte. Das schwächte die geschlossene Rangordnung der weißen Macht, meinten alle, die von einem untertänigen Kongo profitierten. Ein praktisch orientierter Minister musste her: lieber ein Feldforscher als ein Pedant. König Baudouin war dafür, Pétillon übernahm das Amt, warf aber schon nach vier Monaten das Handtuch. Und Longin sollte das Atomium niemals sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hingegen die Konstruktionen aus Stahl und Spannbeton auf der Expo bestaunen durfte, war ein junger Mann von 28 aus der Provinz Équateur. Er war der Sohn eines Kochs in der Missionsstation der Kapuziner und hatte in Léopoldville bei den Scheutisten die Grundschule besucht. Nach einem Jahr auf der Oberschule entschied er sich für eine Laufbahn bei der Force Publique. Er wurde dort Sekretär, Buchhalter und Typist und erlangte 1954 den Rang eines Unteroffiziers. Das Maschineschreiben gefiel ihm recht gut. Unter Pseudonym begann er, auf seiner Schreibmaschine Texte für Kolonialzeitungen wie &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; zu verfassen. 1956 quittierte er den Dienst bei der Armee, um Fulltime-Journalist zu werden. Zwei Jahre später durfte er mit nach Brüssel. Auf der Expo war er eine unauffällige Erscheinung, ein schlaksiger, schüchterner Mann, der in Gesprächen mit Europäern ständig die Floskel &#039;&#039;»n&#039;est-ce pas«&#039;&#039; einflocht&#039;&#039;.&#039;&#039; Zuvorkommend war er jedenfalls, ansonsten recht unbeholfen. Sein Name: Joseph Désiré Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzten Monate des Jahres 1958 waren besonders turbulent. Die Besucher der Weltausstellung kehrten in den Kongo zurück, der Unabhängigkeitskrieg in Algerien erreichte einen Höhepunkt, Marokko und Tunesien hatten sich vom kolonialen Joch befreit. Das Nachbarland Sudan wurde von einer britischen Kolonie zu einem autonomen Staat, und in Brazzaville sprach der französische Präsident Charles de Gaulle die historischen Worte: »Wer die Unabhängigkeit will, soll sie sich doch nehmen!« Es war als Provokation gedacht (denn wer den Rat befolgte, verlor sofort jegliche Unterstützung Frankreichs), doch auf der anderen Seite des Flusses verschluckten sich die Belgier an ihrem Kaffee, als sie das im Radio hörten.31 In den Vierteln der Einheimischen hingegen brach der Jubel los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. Oktober 1958 erhielt die Presseagentur Belga in Léopoldville eine Pressemitteilung, in der die Gründung einer neuen politischen Partei angekündigt wurde. An sich war das nicht so außergewöhnlich. Im selben Monat entstanden noch andere Parteien im Kongo: Cerea (&#039;&#039;Centre de regroupement africain&#039;&#039;) im Kivu, Conakat (&#039;&#039;Confédération des associations tribales du Katanga&#039;&#039;) in Katanga. Jede Provinz schien plötzlich ihre eigene regionale Partei zu wollen; die Wahlerfolge der Abako waren niemandem entgangen. Neu war freilich die radikal nationale Perspektive der Pressemeldung. Das zeigte sich schon im Namen der Partei: &#039;&#039;Mouvement National Congolais&#039;&#039; (MNC). In den Programmpunkten stand, dass man »energisch gegen alle Formen von regionalem Separatismus ankämpfen« wolle, denn die seien »unvereinbar mit den höheren Belangen des Kongo«. Abako hatte sich nur um Bas-Congo gekümmert, aber der MNC spielte entschlossen die nationale Karte aus. Der Kongo müsse befreit werden »aus dem Griff des imperialistischen Kolonialismus, und das im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Landes, innerhalb eines angemessenen Zeitraums und durch friedliche Verhandlungen«.32 Zum ersten Mal gab es eine einheimische politische Bewegung, die den Kongo als Ganzes betrachtete. Die Liste der Namen unter der Pressemeldung umfasste Menschen aus verschiedenen Gegenden und Völkern des Landes. Unter ihnen waren Bakongo, Bangala und Baluba, Leute aus dem katholischen, liberalen und sozialistischen Lager, Gewerkschaftsmitglieder und Journalisten. Der selbsternannte Vorsitzende hieß Patrice Lumumba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war 1925 in Onalua geboren, einem Dorf in Kasai. Ethnisch gehörte er zu den Batetela, jenem Stamm, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die große Meuterei während der arabischen Feldzüge angeführt hatte. Lumumbas Vater war ein Katholik mit einfacher Schulbildung, der für sein aufbrausendes Temperament und seine Sturheit bekannt war. Unbeirrbar trank er seinen selbst hergestellten Palmwein. Lumumba ging in evangelischen und katholischen Missionsposten zur Schule und zog während des Krieges, nach einigen Zwischenstationen im Landesinneren, in die große Stadt: Stanleyville. Dort wurde er einfacher Verwaltungsbeamter, ehe er als Angestellter bei der Post anfing. Die Post schickte ihn für eine Ausbildung nach Léopoldville, wo er sein mangelhaftes Französisch verbesserte und einen nahezu unstillbaren Wissensdurst entwickelte. Zurück in Stanleyville wurde er ein leidenschaftlicher Leser, der ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitete und keinen Vortrag oder Weiterbildungsabend versäumte. 1954 erlangte er die nur selten vergebene &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Sein Selbstvertrauen wuchs zusehends. Er betätigte sich außerordentlich aktiv im Vereinsleben der Stadt und füllte mühelos mehrere Vorstandsämter aus. Er war Vorsitzender des Vereins von Postbeamten, er leitete den Regionalverband der APIC-Gewerkschaft, er unterhielt Kontakte zur liberalen Partei Belgiens, und er wurde Vorsitzender der &#039;&#039;Association des Evolués de Stanleyville&#039;&#039;.33 Er war dafür bekannt, mit zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen.34 Neben den häufigen Versammlungen schrieb er politische Analysen. Er schickte Artikel an Zeitungen wie &#039;&#039;Le Croix du Congo&#039;&#039; und &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039; und gründete sogar eine eigene Zeitschrift: &#039;&#039;L&#039;Echo postal&#039;&#039;. Wer ihn in diesen Tagen in Stanleyville kennenlernte, war von ihm beeindruckt. Lumumba besaß eine rasche Auffassungsgabe und war voller Enthusiasmus und Arbeitseifer. Er hatte die Gabe des Wortes und die Kraft einer Überzeugung. Mit seiner Brille, der Fliege und – selten bei einem afrikanischen Mann – dem Bärtchen hatte er ein intelligentes und attraktives Äußeres, fanden viele. Dass er vor Ehrgeiz fast platzte, wurde durch seinen Charme und seine Ungezwungenheit kaschiert; allerdings neigte er manchmal dazu, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Das gab ihm zuweilen etwas Chamäleonhaftes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1955, als Kasavubu den Vorsitz der Abako übernahm, lenkte Lumumba die Association des Evolués de Stanleyville in eine mehr politische Richtung. Dadurch wurde er der einflussreichste Kongolese der Stadt. Während des Besuchs von König Baudouin glückte es ihm, bei einem Empfang im Garten des Provinzgouverneurs zehn Minuten lang mit dem Monarchen zu reden. Am Ufer des Flusses, zwischen den Bougainvilleen, unterbreitete er dem jungen König, der etwa gleichaltrig war, einige Probleme der einheimischen Bevölkerung. Baudouin hörte aufmerksam zu und stellte auch Fragen. Es entspann sich tatsächlich ein Gespräch. Das Gerücht von dieser Unterhaltung kursierte gleich darauf in den Straßen von Stanleyville. Lumumbas Ansehen bei der Bevölkerung war nun unumstritten. Kurze Zeit darauf durfte er einen Monat lang mit einer Gruppe vielversprechender junger Kongolesen an einer Studienreise nach Belgien teilnehmen, und auf dieser Reise lobte er die Wohltaten Leopolds II. und des belgischen Kolonialismus ohne jeden Hauch von Ironie.35 Nach seiner Rückkehr wurde er jedoch, nach elf Jahren treuer Dienste bei der Post, wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung zu einer Haftstrafe verurteilt. Später würde er sagen: »Habe ich etwas anderes getan als ein bisschen von dem Geld zurückzunehmen, das die Belgier dem Kongo gestohlen hatten?«36 Nachdem er zwölf Monate im Gefängnis gesessen hatte, zog er nach Léopoldville. Er fing bei Bracongo an, der Brauerei des Polar-Biers, und wurde dort Verkaufsleiter, eine Funktion, die ihm ein höheres Gehalt einbrachte, als es viele Weiße erhielten. Mit Polar nahm er den Kampf mit dem Konkurrenten Primus auf. In den Arbeitervierteln verteilte Patrice Bierflaschen. Auch jetzt wirkte seine Eloquenz Wunder. Er brachte Bier und versprach die Freiheit. Er erquickte die Massen und machte sie durstig nach mehr. Emanzipation begann mit einem Freibier. Polar erlebte einen Aufschwung, und Patrice wurde bekannt. Nach und nach befreundete er sich mit vielen jungen Intellektuellen. Anders als seine Gesprächspartner kannte er große Teile der Kolonie. Ehe er in die Hauptstadt zog, hatte er in drei der sechs damaligen Provinzen gelebt. Für ihn war das ethnische Bezugssystem deshalb auch weniger relevant. Viele Batetela lebten ohnehin nicht in Léopoldville. Lieber wollte er »kämpfen zugunsten des kongolesischen Volkes«, so stand es in jener berüchtigten Pressemitteilung.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, hatte ich die Ehre, mit einigen Lumumba-Anhängern der ersten Stunde reden zu dürfen. Der 80-jährige Albert Tukeke kam aus derselben Gegend wie Patrice Lumumba; ihre Mütter waren sogar miteinander verwandt. Wie Lumumba arbeitete er bei der Post und hatte seine Ausbildung in Léo­poldville absolviert. Er wurde Schalterangestellter in Elisabethville, eine harte koloniale Schule. »Wenn ein Europäer das Postamt betrat, stellte er sich nie an. Er sagte einfach ›Mach den Schalter frei!‹ Sie hatten immer diese schockierenden Worte. Wir waren jung und konnten nichts sagen. Wenn sie etwas wollten, sagten sie: ›Ist hier keiner?‹ Sie meinten, kein Weißer. Das tat weh.« Der Kolonialismus war nicht nur ein großes globales System, er bestand zugleich aus tausend kleinen Demütigungen, aus vielsagenden Wendungen und subtilem Mienenspiel. Lumumba prangerte das energisch an, erinnerte sich Albert Tukeke: »Lumumba war ein Mann wie jeder, der nur Rechte forderte für die Schwarzen. Aber seine Persönlichkeit, sein Durchblick und seine Auffassungen waren ganz anders. Er legte hundert Kilometer zurück, wenn der Rest erst einen Kilometer weit war. Und das sage ich nicht, weil ich selbst zum Volk der Batetela gehöre.«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jean Mayani war ein glühender Anhänger, der 2008 noch genauso begeistert über Lumumba sprach wie 1958. Ich hörte ihm einen Vormittag lang zu, in seinem Haus in Kabondo, einem Stadtbezirk von Kisangani. Bereits 1959 war er Parteisekretär des MNC für seinen Bezirk, ein Jahr später war er Lumumbas erster Stellvertreter bei den Kommunalwahlen. Mayanis Sicht war klar und analytisch: »Schauen Sie, es gab keinen extremen Rassismus damals, aber doch eine klare Trennung. In den Läden, in den Schulen und sogar auf den Friedhöfen herrschte eine Quasi-Apartheid. Wir hatten großen Respekt vor den &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, die eine &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; oder eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen. Sie genossen soziale Vorteile, sie besuchten europäische Schulen. Aber was für ein Unterschied bestand doch noch immer zur Kolonialpolitik der Franzosen! Die Schwarzen in den französischen Kolonien konnten in Frankreich studieren. Senghor [der spätere Präsident des Senegal] war Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung und wurde in Paris Staatssekretär. Der Diskurs des MNC interessierte mich deshalb sehr. 1958 war ich einer der ersten Anhänger hier in Kisangani. Ich erinnere mich noch an die ersten Meetings in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Wir trafen uns in Bars und auf Sportplätzen. Lumumba sprach über die Geschichte und die Untaten der Kolonisation. Er hatte wirklich unglaublichen Mut. Er nannte die Dinge beim Namen: das Leid, die Verbannung der Kimbanguisten, den Rassenhass, die Inhumanität, die Zwangsarbeit in den Bergwerken, im Straßen- und Eisenbahnbau. Die Masse war einfach begeistert von so einem Führer.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der alte Raphaël Maindo stimmte ihm ohne Einschränkung zu. Er dachte mit Wehmut daran zurück. »Wenn Lumumba redete, wollte niemand mehr weg. Sogar wenn es regnete, sogar nachts blieben die Leute da und hörten ihm zu.« Anders als Jean Mayani war er nicht in der Parteiführung, sondern ein Aktivist an der Basis: Er verkaufte Mitgliedsausweise. »Das war sehr einfach. Alle wollten einen. Sogar Frauen traten bei. Ich hatte den Parteiausweis Nummer 4. So ein Ausweis kostete damals zwanzig Franc, der Preis war im ganzen Land gleich. Wir fuhren überall hin, bis zu siebenhundert Kilometer weit. Wir hatten Autos.«40 Für viele Kongolesen war der Erwerb eines solchen Mitgliedsausweises mehr als ein politischer Akt, es war eine sehr emotional besetzte Form von Selbstbestätigung und Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1958 fuhr Lumumba nach Ndjili, dem Flughafen von Léopoldville. Er wollte in die ghanaische Hauptstadt Accra. Ghana war ein Jahr zuvor als erstes Land des subsaharischen Afrika unabhängig geworden. Präsident Kwame Nkrumah genoss vom Senegal bis Mosambik Heldenstatus. Er verkörperte den Panafrikanismus, den Traum von einem freien, friedlichen und solidarischen Afrika, und deshalb rief er in Accra Führungspersönlichkeiten und Denker aus dem gesamten Kontinent zusammen. Auch Kasavubu fuhr zum Flughafen, doch die Grenzbeamten machten ihm Schwierigkeiten wegen seines Impfpasses, womöglich böswillig: Die Kolonialregierung hatte seine aufrührerische Rede beim Amtsantritt als Bürgermeister nicht vergessen. Lumumba und zwei Getreue waren in Ghana die einzigen Vertreter des Kongo. Der Kongress in Accra machte einen tiefen Eindruck auf ihn, mehr als jedes Buch, das er gelesen hatte. Er sprach dort mit Intellektuellen und Aktivisten und merkte, dass sie ihm mit großem Interesse zuhörten. Er begegnete Julius Nyerere und Kenneth Kaunda, den späteren Präsidenten von Tansania und Sambia, und Sékou Touré, dem ersten Präsidenten von Guinea. Der nach Anerkennung lechzende &#039;&#039;évolué&#039;&#039; von einst wurde ein selbstbewusster Afrikaner, der stolz war auf seine Wurzeln, sein Land und seine Hautfarbe. Belgisch-Kongo erschien ihm zunehmend als ein Archaismus, der Menschen unnötig klein hielt. Er würde sein Land aus der Angst und der Scham befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Brüssel ist es bitter kalt. Ein stiller, eisiger Sonntagmorgen. Die Straßen sind spiegelglatt. Es herrscht kaum Verkehr. Über die Prachtalleen von Ixelles unweit der Abtei De la Cambre fährt ein Auto in langsamem Tempo zwischen den repräsentativen Bauten. Am Steuer sitzt Jef Van Bilsen, der Mann, der mit seinem Dreißigjahresplan die Höllenhunde von der Kette gelassen hat, wie viele meinen. Aber er ist auch der Belgier mit den besten Kontakten zu den Kreisen der kongolesischen Elite. Besser als er ist kaum jemand über das informiert, was sich unter den &#039;&#039;évolués&#039;&#039; abspielt. In aller Frühe bekam er einen Anruf von Arthur Gilson, dem Verteidigungsminister, der ihn dringend um eine Unterredung bat. Der Minister hat bereits das ganze Neujahrswochenende über den Text einer Regierungserklärung nachgegrübelt. In den letzten Monaten des Jahres 1958 hatte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der belgischen Regierung den Kongo bereist, um eine Bestandsaufnahme der Wünsche der Bevölkerung vorzunehmen. Eine lobenswerte Initiative, freilich mit dem Schönheitsfehler, dass kein einziger Kongolese zum Befragungsteam gehörte. Dennoch soll der Schlussbericht zu einer kraftvollen Regierungserklärung führen, die die Grundlage einer neuen Kolonialpolitik bilden wird. Mehrere Minister hatten sich in den Weihnachtsferien schon mit dem Text beschäftigt, aber sie wurden nicht so recht schlau daraus, auch nicht der Verteidigungsminister. Vielleicht könne Van Bilsen ihnen das Ganze einmal erläutern? Im Arbeitszimmer des Ministers versucht Van Bilsen an diesem friedlichen Sonntagmorgen zu begründen, dass eine so entscheidende Erklärung sinnlos ist, solange darin nicht die Unabhängigkeit erwähnt und ein konkretes Datum dafür vorgeschlagen wird. Der Minister ist wie vom Schlag getroffen. »Zwischen uns entspann sich eine Diskussion, doch wir redeten mehr oder weniger aneinander vorbei, wenn es darum ging, was vom kongolesischen Standpunkt aus wünschenswert und vom belgischen Standpunkt aus erreichbar war«, so Van Bilsen.41 Ein Kompromiss ist unmöglich. Unverrichteter Dinge zieht er ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Léopoldville ist es brütend heiß. Die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei, die Luft ist schwül und stickig. In der Residenz des Generalgouverneurs laufen die Vorbereitungen für den alljährlichen Neujahrsempfang im Garten.42 Gläser werden poliert, Aufgaben verteilt. Der neue Generalgouverneur heißt Rik Cornelis, er weiß noch nicht, dass er der letzte sein wird. Einige Belgier schlafen noch aus, sie waren am Vorabend tanzen im Palace oder im Galiema. Andere frühstücken Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Die schneidigsten von ihnen sind schon zum Schwimmen oder zum Tennis im &#039;&#039;cercle sportif&#039;&#039;. Es wird ein stilvoller Empfang werden. Auch ein paar Kongolesen sind eingeladen, das passt zur Philosophie der »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Einige von den einheimischen Bürgermeistern werden da sein. In seiner kleinen Ansprache wird der Generalgouverneur zweifellos über die großen Herausforderungen des neuen Jahres reden. Der Champagner wird perlen, die Kristallgläser werden funkeln. Man wird »Zuversicht äußern«, »Vertrauen bestätigen« und viel über »wechselseitiges Verständnis« reden, und das alles selbstverständlich »in freundschaftlicher Atmosphäre«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und einige Kilometer weiter in der Stadt, in Bandalungwa, einem Neubauviertel für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ist Patrice Lumumba im Haus eines neuen Freundes zum Essen eingeladen. Als er seine Gefängnisstrafe absaß, hatte er in der Zeitung &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; regelmäßig Artikel eines gewissen Joseph Mobutu gelesen, des Unteroffiziers, der Journalist geworden und zur Weltausstellung nach Brüssel gereist war. Nach Lumumbas Freilassung freunden sich die beiden miteinander an. Lumumba ist oft bei Mobutu zu Gast, und er genießt das köstliche Essen, das Mobutus Frau zubereitet. An diesem Sonntag schmieden sie beim Essen Pläne für den Nachmittag. Um vierzehn Uhr ist im Zentrum der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in einem Haus des YMCA, der christlichen Jugendherberge, ein Meeting der Abako geplant, wissen sie. Vor einer Woche hat Lumumba vor siebentausend Zuhörern über seine Reise nach Accra gesprochen. Es war sein bester öffentlicher Auftritt überhaupt. Die Menge reagierte mit flammender Begeisterung. Sie skandierten nach seiner Rede &#039;&#039;»Dipenda, dipenda!«&#039;&#039;, die Lingala-Verballhornung des französischen Wortes &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Womöglich war das der Grund, warum der Oberbürgermeister der Stadt, der Belgier Jean Tordeur, im letzten Moment entschied, dass das Meeting nicht stattfinden könne. Eine Sicherheitsmaßnahme, er will vermeiden, dass Aufrührer die Bevölkerung anstacheln. Lumumba und Mobutu beschließen, trotzdem vorbeizuschauen. Ein Auto haben sie nicht, aber Mobutu besitzt ein Moped. Halten wir dieses Bild kurz fest: Mobutu und Lumumba, zusammen auf dem Moped, zwei neue Freunde, der Journalist und der Bierverkäufer, der eine ist achtundzwanzig, der andere dreiunddreißig. Lumumba auf dem Sozius. Sie fahren durch die warme Luft und reden laut, um das Knattern des Auspuffs zu übertönen.43 Zwei Jahre später wird der eine an der Ermordung des anderen mitwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und die Menschen strömen ins Stade Roi Baudouin zu einem Spitzenspiel der kongolesischen Fußballmeisterschaft. Das große Sportstadion liegt nur einige hundert Meter vom Haus des YMCA entfernt. Zwanzigtausend Zuschauer sind von nah und fern gekommen.44 Sie tragen farbenfrohe Hemden und &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;. Manche haben einen Kopfschmuck aus Federn und im Gesicht Streifen, wie früher, breite, weiße Lehmstreifen, die auf Stirn und Wangen hell leuchten. Sie tanzen mit beschwörenden Gebärden und weit aufgerissenen Augen. Es ist ein beängstigender Anblick. Die steil ansteigende Betontribüne um den Platz füllt sich mit Menschen und Trommelwirbeln. Es gibt Tamtams und Schlitztrommeln, es wird gejohlt und gekreischt. Es ist fast wie Krieg. Es ist fast so wie am Ufer des Kongoflusses in den 1870er Jahren, als Stanley zum ersten Mal mit seinem Schiff vorbeifuhr. Das Wummern der Kriegstrommel, die tausend wütenden Kehlen, die immer wilderen Tänze, die Augen der Krieger. In den Katakomben des Stadions schnüren die Spieler ihre Schuhe und schieben die Schienbeinschoner in die Strümpfe. Anderswo in der Stadt, in der Residenz des Gouverneurs, hat man die Champagnerflaschen aus dem Kühlschrank genommen, sie stehen jetzt perlend in der Sonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch immer ist es der 4. Januar 1959, und auf der Avenue Prince Baudouin, beim Haus des YMCA, teilt Kasavubu der zusammengetrommelten Menschenmenge mit, dass das Meeting leider nicht stattfinden darf. Lautstarkes Murren und Protestieren sind die Folge. Als Pazifist und Bewunderer Gandhis bittet er seine Anhänger eindringlich, Ruhe zu bewahren. Offenbar mit Erfolg, obwohl er kein Mikrophon hat. Er ist der Anführer, er ist der Chef, er ist der Bürgermeister. Erleichtert und beruhigt kehrt er nach Hause zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist der 4. Januar 1959, der Tag, an dem alles anders wird, auch wenn es immer noch nicht offenkundig ist. Der Kongo geht mit der Zeit, so scheint es. Léopoldville ist weltweit die zweite Stadt mit einem Gyrobus, einem Omnibus mit Elektroantrieb, der seine Energie durch Schwungradspeicherung bezieht. Die erste Stadt auf der Welt mit so einem futuristischen öffentlichen Verkehrsmittel lag in der Schweiz, jetzt surren diese Busse auch durch die &#039;&#039;cité&#039;&#039;.45 Mehrere tausend Abako-Anhänger bleiben grollend in der Nähe des Platzes stehen, wo das Meeting hätte stattfinden sollen. Ein weißer Fahrer des Gyrobus gerät mit einem von ihnen aneinander und hebt die Hand. Futurismus &#039;&#039;meets&#039;&#039; Rassismus. Und schon muss er Schläge einstecken. Der Geist ist aus der Flasche. Gezerre, es kommt zu einer Prügelei. Die Polizei kommt hinzu, schwarze Polizisten, weiße Kommissare. Es hat was mit Neujahr zu tun, denkt man, sie sind noch betrunken oder schon wieder pleite, eins von beiden. Zwei Kommissare teilen Fausthiebe aus. Das ist keine gute Idee. »Dipenda!«, ertönt es. &#039;&#039;»Attaquons les blancs!«&#039;&#039; Panik bricht aus. Die Polizei feuert in die Luft. Ein Stück weiter wird einer ihrer Jeeps umgeworfen und in Brand gesteckt. In diesem Moment leert sich das Fußballstadion – Trommeln, Extase, Frust, Schweiß –, und die Zuschauer mischen sich unter die Leute, die am Abako-Meeting hatten teilnehmen wollen. Fußball hat eine explosive Wirkung. Belgien wurde 1830 unabhängig nach einer Oper, der Kongo fordert 1959 die Unabhängigkeit nach einem Fußballspiel. Auf einem Moped kommen zwei junge Männer herangebraust. Sie trauen ihren Augen nicht. In den letzten Jahren haben sich die beiden durch Selbststudium hochgearbeitet, nun aber sehen sie die Wut der Masse, der sie sich entzogen hatten. Sie blicken nicht mehr auf sie herab, wie es sich für &#039;&#039;évolués&#039;&#039; gehört, sondern fühlen sich solidarisch. Elite und Masse haben endlich zueinander gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville zählt zu diesem Zeitpunkt vierhunderttausend Einwohner, darunter fünfundzwanzigtausend Europäer. Es gibt ein sehr kleines Polizeikorps mit nur 1380 Polizisten.46 Eine Gendarmerie wie in Belgien existiert nicht. Die nächste Ebene zur Aufrechterhaltung der Ordnung ist sofort die Armee. In der Kaserne der Stadt sind ungefähr zweitausendfünfhundert Soldaten stationiert, doch die sind dazu ausgebildet, im Ausland Krieg zu führen und nicht, um gegen Unruhen in der eigenen Zivilbevölkerung vorzugehen. Die Polizei versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, doch innerhalb von ein paar Stunden steht die ganze &#039;&#039;cité&#039;&#039; auf dem Kopf. Autos von Weißen geraten in Steinhagel. Fensterscheiben gehen zu Bruch. Überall lodern Feuer. Die Polizei schießt scharf auf die Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten. Auf dem Asphalt sind immer mehr Blutlachen, in denen sich die Flammen spiegeln. Mehrere tausend Jugendliche beginnen zu plündern. Alles, was belgisch ist, muss dran glauben. Katholische Kirchen und Missionsschulen werden kurz und klein geschlagen, Stadtteilzentren, in denen Nähkurse stattfinden, werden ausgeräumt. Gegen siebzehn Uhr ziehen einige Gangs zu den Läden der Griechen und Portugiesen, in denen die Menschen sonst einkaufen. Die Plünderer greifen skrupellos zu und machen sich mit Ballen von bunten Stoffen, mit Fahrrädern, Radios, Salz und getrocknetem Fisch aus dem Staub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Neujahrsempfangs klingelt beim Generalgouverneur das Telefon. »&#039;&#039;Ça tourne mal dans la cité&#039;&#039;.«, »In der &#039;&#039;cité&#039;&#039; sieht es nicht gut aus.« In einem Bereich von zehn, zwölf Kilometern sind heftige Unruhen. Der europäische Teil der Stadt wird abgeriegelt. Die Armee greift doch ein, zuerst mit Tränengas, dann mit schwerem Geschütz. Die Demonstranten sterben scharenweise. »Das war eigentlich so, als würde man eine Fliege mit einem Vorschlaghammer töten«, erkannte man hinterher.47 Manche Kolonialisten sind jedoch so aufgebracht, dass sie ihr Jagdgewehr von der Wand nehmen und »helfen« wollen. In Jahren aufgestaute Missachtung und Angst, vor allem Letztere, brechen sich Bahn. Gegen achtzehn Uhr, bei Einbruch der Dunkelheit, wird es relativ ruhig in der Stadt. Die Feuer schwelen noch. Im europäischen Krankenhaus lassen sich Dutzende Weiße ärztlich versorgen. Draußen vor der Tür stehen ihre eleganten Wagen im Dunkeln, eingebeult, verschrammt und demoliert. In den Villen müssen Frauen zum ersten Mal seit Jahren wieder selber kochen: der Boy ist weit und breit nicht zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag sind viele Belgier eher resigniert als aufgebracht. »Wir haben einen totalen Gesichtsverlust erlitten«, sagen sie am Montagmorgen zueinander.48 Manche decken sich mit Sardinen ein und hamstern Speiseöl, andere buchen bei Sabena One-way-Tickets nach Brüssel. Die Armee wird drei, vier Tage benötigen, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Bilanz ist unerträglich: 47 Tote und 241 Verletzte auf kongolesischer Seite, jedenfalls nach den offiziellen Angaben. Augenzeugen berichten von zwei-, vielleicht sogar dreihundert Toten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 4. Januar 1959, und es würde nie mehr wie vorher sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein paar Tage später flog ich mit einer DC-6 nach Brüssel«, erzählte mir Jean Cordy im Herbst 2009 in seiner Seniorenwohnung in Louvain-la-Neuve. 1959 war er der Kabinettschef von Generalgouverneur Cornelis. »Meine Direktiven waren klar: Ich sollte die belgische Regierung davon überzeugen, das Wort ›indépendance‹ in ihre lang erwartete Erklärung aufzunehmen. Der Generalgouverneur hatte gesagt, dass wir diese Gelegenheit auf keinen Fall verpassen dürften. Ich stattete auch dem König einen Besuch ab und erklärte ihm, dass Belgien die Unabhängigkeit zur Sprache bringen müsse.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 13. Januar 1959, gut eine Woche nach den Unruhen, folgten sowohl die Regierungserklärung als auch die Verlautbarung des Königs. Der Text der Regierung war schwammig, bürokratisch und unverständlich, doch die Rede von Baudouin war glasklar und schnörkellos. Eine Aufzeichnung seiner Botschaft ging in den Kongo und wurde sofort im Radio gesendet. Fischer am Strand von Moanda, Bauern auf dem Zuckerrohrfeld, Arbeiter im Staub der Zementfabrik, Seminaristen, die über ihren Büchern saßen, Krankenschwestern, die sich gerade die Hände wuschen, Dorfvorsteher im Landesinneren, Steuermänner auf den Binnenschiffen, Nonnen, die den Gemüsegarten jäteten, Betagte und Jugendliche hörten im Transistorradio die historischen Worte ihres geliebten Königs: »Unser heutiger Beschluss lautet, ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile, die Völker des Kongo zur Unabhängigkeit in Wohlstand und Frieden zu führen.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kaum zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein! Die LKW-Fahrer hupten, wenn sie durch die Dörfer von Bas-Congo fuhren, und sangen aus dem Fenster:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwana Kitoko [Baudouin] hat es selbst gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die weißen Chefs haben es auch gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch diese Begeisterung bedeutete nicht, dass sich alle Wogen glätteten. Die Unruhe hielt an und breitete sich bis weit in die ländlichen Gebiete aus. In Gegenden mit einer langen Tradition des Widerstandes, wie im Kwilu und in den Kivu-Provinzen, brodelte es erneut. In Kasai entspann sich ein Konflikt zwischen den Lulua und den Baluba, und in Bas-Congo gab es massiven Protest. Nach den Unruhen vom 4. Januar war die Abako auf Befehl der Regierung aufgelöst worden, und Kasavubu saß mit zwei weiteren Parteiführern eine Zeitlang im Gefängnis (sie wurden später von Maurits Van Hemelrijck freigelassen, dem neuen Minister für überseeische Angelegenheiten). Die Haft kam Kasavubus Bekanntheit im Inland nur zugute, während die Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer ablehnender wurde. Kasavubu rief zu bürgerlichem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auf. Kabinettschef Jean Cordy, der als einer von wenigen Weißen einen Mitgliedsausweis der Abako besaß, reiste im Juli 1959 mit dem stellvertretenden Generalgouverneur André Schöller durch die Provinz. »Kasavubu hatte plötzlich uneingeschränkten Rückhalt im Volk. Keiner sprach mehr mit den Vertretern der Kolonialregierung. ›Unser Führer ist Kasavubu, beraten Sie sich mit ihm‹, bekamen wir zu hören. Weitere Antworten bekam ich nicht, nicht einmal, wenn ich sie auf Kikongo ansprach. Das hatte ich noch nie erlebt, und ich war bereits seit 1946 im Kongo. Die Brücken waren abgebrochen, trotz der Unabhängigkeitserklärung des Königs und der Regierung, trotz des Besuchs von Van Hemelrijck. Der Dialog war vorbei. Ihr Schweigen fühlte sich sehr, sehr befremdlich an.«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aussicht auf einen politischen Umbruch weckte viele Ambitionen. Neue Parteien schossen wie Pilze aus dem Boden. Während es Ende 1958 nur sechs politische Parteien gegeben hatte, waren es eineinhalb Jahre später hundert. Jede Woche entstand eine neue Bewegung, mit Namen wie &#039;&#039;Union Nationale Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Mouvement Unitaire Basonge&#039;&#039; und &#039;&#039;Alliance Progressiste Paysanne&#039;&#039;. Es hagelte Abkürzungen (Puna für &#039;&#039;Parti de l&#039;Unité Nationale&#039;&#039;, Coaka für die &#039;&#039;Coalition Kasaïenne&#039;&#039;, Balubakat für die Baluba von Katanga), und manchmal zählten diese Akronyme mehr Buchstaben als Mitglieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer waren diese politischen Führer? Fast immer relativ junge Männer, die eine höhere Schule besucht hatten. Sie bildeten die intellektuelle Oberschicht des Landes und lebten in den Städten, in die sie in ihrer frühen Jugend gezogen waren. Oft waren sie in Alumni-Vereinen oder kulturellen Zirkeln aktiv und zeigten ihr politisches Interesse, indem sie zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen gingen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ihr Ton oft schärfer war als ihr Durchblick und dass sie meist mehr Drive besaßen als Sachkenntnis. Ihre Programme waren – bis auf wenige Ausnahmen – eher dürftig.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Merkmal kann nicht genug betont werden. Trotz ihres urbanen Umfeldes, ihres jugendlichen Alters und ihres modernen Lebensstils hatte diese erste politische Generation eine Beziehung zu etwas, das von früher und von anderswo zu kommen schien: zum tribalen Bewusstsein. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. Das Gefühl der ethnischen Identität war gerade in der Stadt von Bedeutung. Erst wenn man sich mit anderen verglich, dachte man über die eigene Herkunft nach. Die Grünschnäbel der Politik schlossen sich vorhandenen ethnischen Organisationen an und modernisierten sie. Die tribale Karte auszuspielen, erwies sich auch für die politische Strategie als kluge Entscheidung: So konnten sie die große Masse erreichen. Es lohnte sich, immer wieder zu betonen, dass man ein stolzer Chokwe, Yaka oder Sakata war. Neben einer größeren Anhängerschaft garantierte das bessere Chancen, bei der Kolonialregierung Gehör zu finden. Kasavubu sprach für die Bakongo, Bolikango setzte sich für die Bangala ein, Jason Sendwe für die Baluba aus Katanga, Justin Bomboko für die Mongo und so weiter. Tribale Rhetorik gestattete einer jungen Elite, sich als Wortführer ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu profilieren.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus verständlichen Gründen war dieser &#039;&#039;jeunisme&#039;&#039; nicht nach dem Geschmack der Stammesoberhäupter im Landesinneren, von denen manche noch Einfluss auf ihre Migrantengemeinschaften in den Städten hatten. Was sich hier abspielte, war schon von daher reichlich revolutionär. Von jeher beruhten Macht und Autorität in großen Teilen Zentralafrikas auf dem Alter. Alter bedeutete Ansehen. Nun stand plötzlich eine Generation von Zwanzig- und Dreißigjährigen auf, die um die Macht wetteiferten und um die Gunst des Volkes warben. Das war auch unumgänglich, denn die belgische Regierung hatte beschlossen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen. »Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in den ländlichen Gebieten«, sagte das Oberhaupt der Bayeke im Ost-Kongo, »wird die traditionelle Ordnung völlig unterhöhlt und ist zum Untergang verurteilt.« Und darin hatte er recht: Nach 1960 bekam eine relativ junge Generation im Kongo das Sagen. Nur sie erwies sich als fähig, die Spielregeln der Demokratie zu durchschauen und mit Erfolg mitzuspielen. Der große Häuptling der Lunda, eines ehemaligen Königreichs auf der Grenze zwischen Katanga und Angola, bezeichnete dagegen das allgemeine Wahlrecht als »unverzeihliche Abirrung«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der bekannteste Lunda in jener Zeit, und eigentlich in der ganzen Geschichte des Kongo, war jedoch jemand anders: Moïse Tschombé. 1959 – er war gerade vierzig geworden, lebte in der Stadt und hatte eine Ausbildung zum Buchhalter absolviert – hatte er die Führung einer jungen politischen Partei übernommen, der Conakat (&#039;&#039;Confédération des Associations du Katanga&#039;&#039;). Tschombé war ein dank seines familiären Hintergrundes begüterter, jedoch wenig erfolgreicher Geschäftsmann, der auf andere oft – allerdings zu Unrecht – nachdenklich und versonnen wirkte. Er kam aus einer hoch angesehenen Lunda-Familie; sein Vater war ein reicher Händler, und er selbst war mit einer der Töchter des großen Lunda-Häuptlings verheiratet. Stammesstolz war Tschombé nicht fremd (eine Zeitlang leitete er die wichtigste Lunda-Vereinigung von Elisabethville), doch er widersetzte sich nicht der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Conakat war eine politische Partei, die mit demokratischen Mitteln mehr Rechte für die ursprünglichen Bewohner Katangas anstrebte, wie die Lunda, die Basonge, die Batabwa, die Chokwe und die Baluba (bei Letzteren nicht die aus Kasai, denn das waren »Neuankömmlinge«). Durch die jahrzehntelange Einwanderung von Arbeitern, die hauptsächlich aus Kasai stammten, fühlte sich die ursprüngliche Bevölkerung bedroht. In Elisabethville hatten die Baluba aus Kasai sogar die Wahlen von 1957 gewonnen. Tschombé wollte mehr Macht für die »wahren« katangesischen Stämme. In diesem Sinne glich seine Conakat stark Kasavubus Abako: Beide Bewegungen setzten sich für die frühesten Bewohner der Stadt ein (Abako war allerdings mono-ethnisch), beide forderten weitgehende regionale Autonomie, und beide träumten, im Gegensatz zu Lumumba, von einem föderativen, stark dezentralisierten Kongo. Bas-Congo und Katanga konnten sie sich zur Not auch als unabhängige Staaten vorstellen. Doch über die zukünftige Rolle Belgiens waren sie grundsätzlich geteilter Meinung: Abako vertrat einen radikalen Antikolonialismus, zumal nach den Unruhen im Januar, Conakat hingegen wollte den Kontakt zu Belgien aufrechterhalten. Tschombé, der von belgischen Ratgebern umgeben war, träumte von einem ruhig und in geordneten Bahnen verlaufenden Prozess der Unabhängigkeit, glaubte aber weiterhin an die Idee einer »Belgisch-kongolesischen Gemeinschaft«. »Wenn wir die Unabhängigkeit fordern, tun wir das nicht, um die Europäer zu vertreiben, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten und gemeinsam an der Zukunft des Landes bauen.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Wildwuchs der Parteien verliefen nur zwei wichtige Bruchlinien: War man radikal oder gemäßigt? Radikal bedeutete: für eine schnelle Entkolonialisierung und einen völligen Bruch mit Belgien. Und dachte man in föderativen oder unitaristischen Begriffen? Abako (Kasavubu) war radikal und föderalistisch; der MNC (Lumumba) war radikal und unitaristisch; Conakat (Tschombé) war gemäßigt und föderalistisch. Auch alle anderen Parteien ließen sich nach diesem Schema charakterisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba gelangte zu der Ansicht, dass diese Zersplitterung überwunden werden müsse. Um die Kräfte zu bündeln, rief er im April 1959 acht große und kleine politische Parteien in Luluabourg (in Kasai) zusammen. Es war der erste politische Kongress des Kongo, eine Art Accra im Kleinen. Jean Mayani, der Lumumba-Anhänger der ersten Stunde aus Kisangani, war dabei. In seinem Wohnzimmer in Kisangani erzählte er mir: »Ich ging als Parteisekretär meines Stadtbezirks hin. Alle nationalistischen Parteien nahmen teil. Cerea aus dem Kivu, Sendwes Balubakat aus Katanga, die PSA aus dem Kwilu, Kasavubus Abako. Wirklich alle waren da. Lumumba hatte ungefähr drei Viertel der Bevölkerung hinter sich.«57 Cerea kämpfte gegen die weiße Vorherrschaft in der östlichen Kivu-Provinz. Balubakat setzte sich für die Rechte der Baluba in Katanga ein und stand Tschombés Conakat diametral entgegen. Die PSA (&#039;&#039;Parti Solidaire Africain&#039;&#039;) war im Kwilu aktiv, aber erwarb sich mit großen Persönlichkeiten wie Cléophas Kamitatu und Antoine Gizenga landesweit einen guten Ruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba wollte ein Datum für die Unabhängigkeit festlegen. König Baudouin hatte in seiner Rede versprochen, dass diese »ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile« kommen würde, doch wann Zögern nachteilig und Eile unbesonnen war, ließ Raum für Interpretationen. Lumumba war sich darüber im Klaren, dass es einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten würde, wenn sich der Kongress von Luluabourg auf ein Datum einigen könnte. Außerdem würde er auch persönlich einen großen Coup landen: Er würde den Bonus einstreichen, Initiator des Ganzen gewesen zu sein, und als wichtigste politische Persönlichkeit des Landes anerkannt werden. Sein Vorschlag lautete: 1. Januar 1961. Hatte jemand etwas dagegen? Einer der Anwesenden bemerkte: »Warum denn so übereilt? Das Ende der Welt wird doch nicht für den 1. Januar 1961 erwartet?« Worauf Lumumba konterte: »Sie sprechen die Sprache eines Kolonialisten.«58 Er hielt zwei Jahre für mehr als ausreichend, um den Übergang zum neuen System vorzubereiten. So war es auch in Ghana abgelaufen. In einer Zeit schwacher politischer Programme und debütierender Führungspersönlichkeiten war wenig Raum für Nuancierungen und Reflexion. Wer noch zaghaft für einen allmählichen Übergang plädierte, wurde als Lakai des Imperialismus ausgebuht. Die Parteien verstrickten sich in ein beispielloses symbolisches Überbietungsmanöver. Rhetorische Bravour stand höher im Kurs als pragmatisches Gespür. Die rasche und bedingungslose Unabhängigkeit wurde zum Ziel an sich, ja zur Obsession – zur Not war man bereit, sich blind ins Abenteuer zu stürzen. »Lieber arm und frei als reich und kolonisiert.«59 Solche Slogans kamen gut an. Wie konnte es auch anders sein? Keiner der Anwesenden außer den paar Bürgermeistern von Armenvierteln hatte jemals ein politisches Mandat innegehabt. Verwaltungserfahrung, Realitätssinn und Organisationstalent fehlten. Alle improvisierten. Und keiner wollte hinter den anderen zurückstehen. Dabei ging es um ein Land von der Größe Westeuropas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht unbedingt geheuchelt, als der große Lunda-Häuptling den Generalgouverneur und den belgischen Minister in seinem Distrikt mit den Worten empfing: »Wir möchten nicht, dass Sie Entscheidungen unter dem Druck lautstarker Minderheiten treffen. Wir verstehen die Eile nicht, mit der so viele die Unabhängigkeit anstreben. Wir bestätigen mit großem Ernst, dass wir die Unabhängigkeit wollen, aber noch nicht sofort. Wir benötigen noch viel Hilfe und Unterstützung, um zu einer normalen Entwicklung zu gelangen. Jedes übertriebene Tempo kann unsere Gebiete von Neuem in die Armut und das Elend von einst stürzen.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was damals als reaktionärer Standpunkt galt, ist im Jahr 2010 ein allerorts im Kongo zu hörender Seufzer, ein Seufzer angesichts der ganzen aktuellen Misere. Viele junge Leute werfen ihren Eltern vor, dass sie damals unbedingt die Unabhängigkeit wollten. Auf der Straße in Kinshasa fragte mich einmal jemand: »Wie lange wird diese Unabhängigkeit jetzt noch dauern?« Als Belgier musste ich mir ganz oft anhören: »Wann kommen die Belgier zurück? Ihr seid doch unsere Onkel?« Oft war es als Schmeichelei gedacht, aber zuweilen steckte mehr dahinter. Sogar Albert Tukeke, der Mann aus Kisangani, der ein entfernter Verwandter von Lumumba war, sagte am Ende unseres Gesprächs: »Wir hätten nicht so schnell unabhängig werden sollen. Aber nach dem Krieg, wissen Sie . . . es gab diesen Drang. Wenn es nicht so überstürzt abgelaufen wäre, wären uns diese ganzen Unzulänglichkeiten erspart geblieben.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die stürmische Entkolonialisierung war das Resultat einer eskalierenden Wechselwirkung zwischen den Reaktionen der Kolonialmacht und den symbolischen Überbietungsmanövern der verschiedenen politischen Parteien. Dass bei Unruhen in Stanleyville mehrere Dutzend Anhänger Lumumbas ermordet worden waren, heizte das Klima weiter an. Der überzeugte Lumumba-Anhänger Jean Mayani sagte darüber: »Nach dem Kongress hatte die Kolonialmacht die Forderungen des MNC als eine Form von Rassenhass und Xenophobie interpretiert, die sich gegen die Belgier richteten.« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass Xenophobie im kolonialen Wortschatz hier eine Eigenschaft war, die den Kongolesen zugeschrieben wurde. »Die Force Publique trat repressiv gegen Lumumbas Partisanen auf. In Mangobo, einem Viertel von Stanleyville, gab es zwanzig Tote. Lumumba wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es war genauso wie bei den Unruhen vom 4. Januar in Kinshasa.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 1959 fanden allgemeine Kommunalwahlen statt, die jedoch von Abako, MNC und PSA boykottiert wurden. Diese Parteien hatten kein Interesse mehr an Übergangsmaßnahmen und langsamen Prozessen, es ging ihnen um die sofortige Unabhängigkeit und nichts anderes. Belgien hatte gehofft, dass der Gedanke einer allmählichen Demokratisierung auf fruchtbaren Boden fallen würde, doch es kam anders. Die Atmosphäre war inzwischen zu angespannt. 1957 hatte man die ersten Wahlen abgehalten, in der Hoffnung, damit die Männer von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako zu beschwichtigen. Doch das Gegenteil war der Fall. 1959 hatte Belgien nach den Unruhen vom Januar die Unabhängigkeit versprochen, doch auch das besänftigte die Gemüter nicht, im Gegenteil. Die Kolonialmacht glaubte, es richtig zu machen, verkalkulierte sich aber immer wieder. Deshalb gingen 1959 viel wertvolle Zeit und guter Wille verloren, Trümpfe, mit denen man die Unabhängigkeit dennoch hätte vorbereiten können. Statt eine wohlwollende Politik zu improvisieren, hätte man vielleicht endlich einmal die Kongolesen selbst fragen sollen, was sie wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Januar 1960 versammelten sich rund hundertfünzig Herren in Wintermänteln im Brüsseler Kongresspalast, sechzig Belgier und neunzig Kongolesen. Einen Monat lang sollten sie offen und auf Augenhöhe miteinander über einige heikle Themen diskutieren. Deshalb auch der Name des Treffens: Es sollte ein »Runder Tisch« werden (auch wenn in Wirklichkeit mehrere Tische im Viereck angeordnet waren). Die belgische Sozialistische Partei, damals in der Opposition, war von der Initiative sehr angetan. Auf belgischer Seite nahmen sechs Minister teil, fünf Parlamentarier und fünf Senatoren, begleitet von mehreren Dutzend Beratern und Beobachtern. Nennenswerte Landeskenntnisse der Kolonie besaßen diese Volksvertreter nicht. »Pilger der Trockenzeit« nannten die Belgier im Kongo sie spöttisch. Doch viele von ihnen hegten große Sympathie für die neumodische Entkolonialisierungs-Ideologie der Vereinten Nationen. Auf kongolesischer Seite waren Delegationen der wichtigsten politischen Parteien vertreten (Kasavubu, Tschombé, Kamitatu . . .), außerdem etwa ein Dutzend Stammesälteste, die die traditionelle Macht repräsentierten. Die kongolesischen Teilnehmer hatten sich kurz vor der Konferenz über alle parteipolitischen Rivalitäten, ethnischen Spannungen und ideologischen Differenzen hinweg zu einem &#039;&#039;front commun&#039;&#039; zusammengeschlossen, einer Einheitsfront. Für sie sollte die Konferenz keine schludrige Partie Tischtennis werden, deshalb formierten sie sich als ein einziger Spieler. Einigkeit macht stark, so viel hatten sie von Belgien gelernt. Diese unerwartete Koalition überraschte die belgischen Politiker sehr, zumal diese in ein katholisches, ein liberales und ein sozialistisches Lager zerfielen und zwischen Regierung und Parlament aufgespalten waren. Viele von ihnen waren schlecht vorbereitet. Es gab keinen Zeitplan, es gab keinen Regierungsstandpunkt. Offenbar glaubte man nicht, dass es sich um eine entscheidende Tagung handeln könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten fünf Tagen der Konferenz erzielte die Einheitsfront jedoch drei äußerst wichtige Siege. Als Erstes konnten sie die Belgier davon überzeugen, dass Patrice Lumumba, der nach den Unruhen in Stanleyville inhaftiert worden war, nicht fehlen durfte. Ohne ihn, argumentierten sie, sei die Tagung nicht repräsentativ und könne der Unmut im Kongo wieder aufflackern. Die Belgier wollten auf Nummer sicher gehen, holten Lumumba aus dem Gefängnis und ließen ihn nach Brüssel fliegen. Zweiter wichtiger Sieg: Die belgischen Delegierten mussten sich bereit erklären, dass sie die auf der Konferenz gefassten Resolutionen anschließend in Gesetzentwürfe umsetzen würden, die dann in der Abgeordnetenkammer und im Senat behandelt würden. Die Kongolesen wussten nur allzu gut, dass sie keine legislative Macht besaßen, aber so erhielten sie die Garantie, dass die Beschlüsse der Konferenz nicht nur auf dem Papier existierten. Die Bedeutung dieses Sieges lässt sich kaum überschätzen: Was als eine unverbindliche Diskussion begann, wurde so zu einem Gipfeltreffen mit weitreichender Macht. Der dritte Sieg war noch bemerkenswerter: das Datum! Die Belgier wollten vor allem die politischen Strukturen eines künftigen unabhängigen Kongo lang und breit erörtern, die kongolesische Delegation aber wollte vor der Besprechung aller anderen Punkte erst diese eine Frage klären: Wann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am fünften Konferenztag, Lumumba war noch nicht eingetroffen, fand ein Gespräch statt zwischen Jean Bolikango, dem Führer der Einheitsfront, und August de Schryver, dem für den Kongo zuständigen Minister, das sich noch am ehesten mit dem Geschacher und Gefeilsche auf einem Markt in Kinshasa vergleichen ließ. Das Datum 1. Januar 1961, von dem man im April 1958 noch geträumt hatte, war mittlerweile längst außer Diskussion. Nun konnte es gar nicht mehr schnell genug gehen. Bolikango gab eine kühne Vorlage und schlug den 1. Juni 1960 vor, nach der uralten flämischen Devise: »Fragen kostet nichts, mehr als ein Nein riskiert man nicht.« Die Belgier waren perplex: Das wäre in knapp vier Monaten! Was konnten sie darauf noch antworten? Ihr Gegenvorschlag war der 31. Juli. Zwei Monate Aufschub. Nicht gerade berauschend, aber nun gut. Dann halt der 30. Juni? Läge das nicht genau in der Mitte? Zum Ersten, zum Zweiten – Zuschlag! Am 30. Juni 1960 würde der Kongo unabhängig werden. Die Würfel waren gefallen. Kongolesen &#039;&#039;und&#039;&#039; Belgier applaudierten im Kongresspalast. Niemand aus der kongolesischen Delegation hatte gedacht, dass es so leicht sein würde, alle waren völlig verblüfft.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war eigentlich geschehen? Hatten die Vertreter Belgiens ihrer Kolonie in einem Anfall von Zerstreutheit die Unabhängigkeit geschenkt? Nein. Obwohl die Konferenz eine Eigendynamik entwickelte, die keiner vorausgesehen hatte (wie nahezu jede Initiative in der Kolonialpolitik nach 1955), und obwohl die belgische Delegation nur ungenügend vorbereitet war, handelte es sich nicht um eine unbedachte Entscheidung. In dieser Situation hatte Belgien nur zwei Optionen: die Forderung der Einheitsfront zurückweisen, was mit Sicherheit zu schweren Unruhen geführt hätte, oder auf die Forderung eingehen und hoffen, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.64 Für ruhige Verhandlungen war keine Zeit mehr, meinte man, und traf deshalb rasch eine Entscheidung. Obwohl in den Militärstützpunkten Kitona und Kamina genügend belgische Soldaten stationiert waren, wollte man es nicht auf einen Konflikt ankommen lassen. In Algerien wütete bereits seit sechs Jahren ein blutiger Unabhängigkeitskrieg. Im Parlament bestand nicht die geringste Neigung, einen Militäreinsatz in Betracht zu ziehen. Die Charta der Vereinten Nationen und die antikolonialistischen Positionen der UdSSR und der USA ließen Belgien auch in internationaler Hinsicht wenig Manövrierraum. Die Unabhängigkeit aufhalten? Das wäre möglich gewesen, jedoch um den Preis eines ungewissen Abenteuers in der Kolonie und der moralischen Isolation in der Welt. Im Jahr 1960 erlangten gleich siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit; dieser Entwicklung konnte sich Belgien nicht entgegenstemmen. Die einzigen europäischen Länder, die gar nicht daran dachten, ihre großen afrikanischen Kolonien loszulassen, waren die Diktaturen in Südeuropa: Salazars Portugal, das sich weigerte, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln aufzugeben, und Francos Spanien, das sich noch an Äquatorialguinea festklammerte. Der Apartheidstaat Südafrika war ebenso wenig gewillt, auf die Herrschaft über Namibia zu verzichten. Belgien konnte sich mit dem Datum 30. Juni einverstanden erklären, weil es wusste, dass es auch danach noch an der Verwaltung, der Armee und der Wirtschaft des Kongo beteiligt sein würde. Spitzenbeamte würden als Regierungsratgeber fungieren, weiße Offiziere im Dienst bleiben, die großen Betriebe wären weiterhin in belgischer Hand, und die Missionare würden nach wie vor Unterricht erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Plaza Hotel im Zentrum von Brüssel nahm die Begeisterung kein Ende. Ja, es musste noch alles Mögliche besprochen werden (dass der Kongo eine Republik werden würde, dass die Verbindung zum belgischen Königshaus abgebrochen werden solle, dass es ein unitärer Staat sein würde, dass die Provinzen eigene Zuständigkeitsbereiche bekämen: Das alles stand noch längst nicht fest), doch die Beute war gesichert, der Vogel abgeschossen! African Jazz von Kabasele, die Band, die damals mit dem Song über Jamais Kolonga einen Nerv getroffen hatte, war nach Brüssel mitgekommen. Auch Unterhändler im Dreiteiler mussten nach den Konferenzsitzungen Gelegenheit zum Tanzen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Charly Henault kann sich noch gut daran erinnern. Obgleich er ein Belgier ist, war er jahrelang der Schlagzeuger von African Jazz. »Ich war weiß, aber was kümmerte es mich? Ich war Drummer in einem Land voller Drummer«, erzählte er mir, als ich ihn an einem verregneten Tag in seinem kleinen Haus in Wallonisch-Brabant besuchte. Er lag todkrank im Bett. »Im Plaza Hotel war der Ball der Round-Table-Konferenz, ja . . . Diese Freude, diese Euphorie . . . Kabasele duzte die Politiker. Er war sehr beliebt . . . Ein Mann mit Klasse, in seinem hellblauen Smoking mit den schwarzen Galons. Sehr elegant . . . Er liebte die Frauen, und er hatte Sinn für Humor . . . Einmal habe ich ihm seinen Pyjama versteckt!«65 Im Plaza Hotel alberten sie aber nicht nur herum; sie tüftelten an einem Lied, das bald zum größten Hit der kongolesischen Musik werden sollte: »Indépendance cha cha«. Der Text, in Lingala und Kikongo, bejubelte die gerade erlangte Autonomie, lobte die Zusammenarbeit der verschiedenen Parteien und besang die großen Namen des Unabhängigkeitskampfes: »Die Unabhängigkeit, cha cha, wir haben sie uns genommen / Oh! Autonomie, cha cha, nun ist sie da. / Oh! Runder Tisch, cha cha, wir haben gewonnen!« Nach 1960 würde der Kongo verschiedene Nationalhymnen bekommen, unter Kasavubu, unter Mobutu, unter Kabila, bombastische Kompositionen mit pathetischen Texten, aber die ganze Zeit gab es im letzten halben Jahrhundert nur eine echte kongolesische Hymne, einen einzigen Song, zu dem sich bis heute ganz Zentralafrika spontan in den Hüften wiegt: den ausgelassenen, beschwingten und ergreifenden »Indépendance cha cha«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also der 30. Juni. Die Round-Table-Konferenz endete am 20. Februar 1960. Vier Monate war noch Zeit, einen Staat zusammenzubasteln. Die »To-do-Liste« sah beeindruckend aus: Man musste eine Übergangsregierung bestimmen, eine Verfassung erstellen, ein Parlament und einen Senat aufbauen, Ministerien schaffen, ein diplomatisches Corps zusammenstellen, Wahlen auf Provinz- und Landesebene abhalten, eine Regierung bilden, ein Staatsoberhaupt ernennen . . . und das alles betraf nur die politischen Institutionen des Landes. Was auch noch fehlte: eine nationale Währung und eine Zentralbank, eigene Briefmarken, Führerscheine, Nummernschilder und ein Katasteramt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Belgier in der Kolonie fragten sich, wie das alles in diesem irrwitzigen Tempo bewältigt werden sollte. Sie befürchteten, dass die Kolonie, an der fünfundsiebzig Jahre sorgfältig gearbeitet worden war, nun in ein paar Monaten vor die Hunde gehen würde. Viele schickten ihr Geld, ihre Sachen und ihre Familie nach Hause. Andere gingen nach Rhodesien oder Südafrika. In den ersten beiden Juniwochen flogen vom Flughafen Ndjili viermal so viele Passagiere wie im Jahr zuvor. Sabena musste siebzig zusätzliche Flüge ansetzen, und die Schiffe nach Antwerpen waren proppenvoll.66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einfache Kongolese hingegen war voller Vorfreude. Er glaubte, ein goldenes Zeitalter würde anbrechen, der Kongo würde von einem auf den anderen Tag ein wohlhabendes Land sein – das versprachen ihm Dutzende Handzettel, die im Land zirkulierten. Fast alle Parteien machten völlig unhaltbare Versprechungen, mitunter grotesk, mitunter gefährlich.67 »Wenn die Unabhängigkeit da ist«, stand in einem Flugblatt der Abako, »müssen die Weißen das Land verlassen.« Das gehörte nicht zu den Beschlüssen der Round-Table-Konferenz. »Die zurückgelassenen Sachen werden Eigentum der Schwarzen werden. Das bedeutet, dass die Häuser, die Läden, die LKW, die Waren, die Fabriken und die Felder den Bakongo zurückgegeben werden.« Angesichts solcher aufputschenden Texte ist es nicht verwunderlich, dass Bauern in Bas-Congo nichts weniger als eine totale Befreiung erhofften: »Alle Gesetze werden abgeschafft, wir brauchen den traditionellen Häuptlingen nicht mehr zu gehorchen und nicht den Ältesten, noch den Beamten, den Missionaren, den Vorgesetzten . . .« In dieser Sehnsucht nach einer abrupten, radikalen Wende hallten Echos aus der Zeit von Simon Kimbangu nach. Die Unabhängigkeit wurde zu einer Art messianischem Ereignis, das »Leben, Gesundheit, Freude, Glück und Ehre« mit sich bringen würde. Kasavubu und Lumumba, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden zu Propheten und Märtyrern erhöht. In Kasavubu sah man den König des alten Kongo-Reiches auferstehen, und den dynamischen Lumumba verglich man mit dem Sputnik! Einfache Leute sehnten nichts Geringeres herbei als eine kosmische Wende. Lohnarbeit und Steuerpflicht würden verschwinden. Einige gingen sogar davon aus, dass künftig »die Schwarzen weiße Boys haben werden« und »dass sich jeder eine weiße Frau aussuchen darf, denn sie werden zurückgelassen und verteilt werden, wie die Autos und die anderen Dinge«.68 Ein paar Schlaufüchse nutzten diese Naivität aus und begannen schon mal, Häuser von Weißen für den Spottpreis von vierzig Dollar zu verkaufen . . . Leichtgläubige, die nicht durchschauten, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren, klingelten an den Türen weißer Villen und baten darum, ihr künftiges Eigentum einmal kurz besichtigen zu dürfen. Manche wollten auch die Dame des Hauses in Augenschein nehmen, denn auch die hatten sie gerade für zwanzig Dollar gekauft.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch auf makroökonomischer Ebene mussten einige Übertragungen geregelt werden. Das koloniale Wirtschaftsleben war ja auf vielen Ebenen mit dem kolonialen Staat verflochten, der in Kürze nicht mehr existieren würde. Zu diesem Zweck wurde in Brüssel eine zweite Round-Table-Konferenz einberufen. Die politischen Parteien im Kongo maßen dieser Tagung viel weniger Bedeutung zu. Das Wichtigste, die Unabhängigkeit, war ja entschieden, dachten sie. Überdies war es inzwischen Ende April, im Mai fanden die Wahlen statt, und alle steckten mitten im Wahlkampf. Von der Parteiprominenz konnte niemand für längere Zeit den Kongo verlassen. Stattdessen reisten junge Parteimitglieder nach Brüssel, wo sie von den paar Kongolesen unterstützt wurden, die in Belgien studierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Teilnehmer war Mario Cardoso. Derzeit ist er zweiter Vizepräsident des Senats. In Kinshasa lud er mich zum Lunch ins Restaurant des vornehmen Hotels Memling ein. »Ich war der dritte Student aus dem Kongo, der in Belgien studieren durfte. Jedes Jahr schickte Raphaël de la Kéthulle einen Schüler der Scheutisten nach Leuven. Die Jesuiten waren der Ansicht, sie müssten die Menschen an Ort und Stelle ausbilden, aber die Scheutisten wollten zeigen, dass sich manche ihrer Schüler mit belgischen Studenten messen konnten. Der Erste, der nach Belgien ging, war Thomas Kanza, das war 1951. Er studierte Psychologie und Pädagogik. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber das hatte ihm der Generalgouverneur verboten, aus Angst vor Subversion. Im Jahr darauf brach Paul Mushiete nach Belgien auf. Auch er studierte Psychologie und Pädagogik, und daneben noch Soziologie. Ich war 1954 an der Reihe. Eigentlich wollte ich zur Militärakademie, aber das durfte ich nicht, also studierte ich dann eben auch Psychologie und Pädagogik. 1959 kehrte ich nach Kinshasa zurück und wurde Assistent an der Universität Lovanium. Ich wollte Professor werden, aber Lumumba bat mich, an der Round-Table-Konferenz zur Besprechung der ökonomischen Fragen teilzunehmen. Ich habe die Lumumba-Fraktion der MNC-Delegation geleitet.« Inzwischen hatte es in der Partei eine Spaltung gegeben: Auf der einen Seite der MNC-L von Lumumba, unitaristisch, auf der anderen Seite der MNC-Kalonji, der für die Baluba in Kasai eintrat. »Es herrschte sehr viel Misstrauen auf der Konferenz. In der belgischen Delegation saßen Herren, die unsere Professoren gewesen waren. Mit ihnen mussten wir verhandeln. Nicht gerade einfach. Es ging um den künftigen Status der kolonialen Unternehmen, aber alles schien schon im Voraus entschieden zu sein.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der runde Tisch zu den Wirtschaftsfragen war vor allem ein Versuch Brüssels, zu retten, was zu retten war. Belgien wollte seine wirtschaftlichen Interessen im Kongo sichern und vertrat die Ansicht, dass belgische Unternehmen die Freiheit erhalten mussten, zu bestimmen, wo ihr Firmensitz nach 1960 sein sollte.71 Cardoso war darüber noch immer verbittert: »Die Firmen durften es sich aussuchen, ob sie nach kongolesischem oder nach belgischem Recht weitermachen wollten. Diese Regelung wurde uns als vollendete Tatsache aufgezwungen.« Die meisten Unternehmen entschieden sich für Belgien, denn sie befürchteten eine fiskalische Instabilität im Kongo oder, schlimmer noch, eine Verstaatlichung. Seit Leopold II. war der Kongo ein Versuchsfeld der freien Marktwirtschaft gewesen. Die Betriebe profitierten von günstigen Steuervorschriften, zudem mischte sich der Staat so gut wie gar nicht ein. Große Konzerne, allen voran die &#039;&#039;Société Générale de Belgique&#039;&#039;, erlebten dort Zeiten von ungezügeltem Kapitalismus. Selbst dort, wo der Kolonialstaat Hauptaktionär war, zum Beispiel beim mächtigen &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039;, überließ er das Ruder in der Praxis den Managern. Angesichts der bevorstehenden Unabhängigkeit befürchteten viele Betriebsleiter, dass die Tage ihrer Autonomie und des guten Einvernehmens mit der Regierung gezählt waren. Sie blieben im Kongo aktiv, entschieden sich aber für Belgien als Firmensitz, sodass ihr Unternehmen unter belgisches und nicht unter kongolesisches Recht fiel. Durch diesen Transfer gingen der kongolesischen Staatskasse beträchtliche Steuereinnahmen verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Zukunft des »kolonialen Portfolios« kam bei den Verhandlungen zur Sprache. Mit diesem Portfolio waren die sehr umfangreichen Aktienpakete gemeint, die Belgisch-Kongo an zahlreichen kolonialen Unternehmen besaß (Minen, Plantagen, Bahnlinien, Fabriken). Was sollte damit geschehen? Sobald aus Belgisch-Kongo Kongo würde, wären diese Aktien ja Eigentum des neuen Staates. Diese Vorstellung widerstrebte den belgischen Politikern und Firmenchefs. Sie überzeugten die kongolesischen Delegierten davon, dass es eine gute Sache sei, wenn diese Firmenanteile der Regierung vom Staat auf eine neu zu gründende belgisch-kongolesische Entwicklungsgesellschaft übertragen würden. Das war ein raffinierter Schachzug, um den Daumen auf dem Geldbeutel zu halten.72 Auch hier rächte sich die mangelnde Wirtschaftskompetenz auf kongolesischer Seite. Menschen, die allenfalls Psychologie hatten studieren dürfen, sollten entscheidende makroökonomische Knoten durchschlagen. »Alles zweite Garnitur«, urteilte der damalige belgische Ministerpräsident Eyskens.73 Einer von ihnen war der Journalist Joseph Mobutu. Sein Freund Lumumba hatte ihn zu den Verhandlungen gesandt, und diese Erfahrung würde sein weiteres Leben prägen. Später sagte er darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da saß ich dann als naiver und ungehobelter kleiner Journalist mit den größten Haien der belgischen Finanzwirtschaft an einem Tisch! Ich hatte keinerlei Ausbildung im Finanzwesen, und das hatte auch keiner von meinen Mitstreitern, die die anderen politischen Richtungen vertraten. Es ist nicht gerade eine meiner besten Erinnerungen. Vom 26. April bis zum 16. Mai haben wir Schritt für Schritt diskutiert, aber ich kam mir vor wie so ein Cowboy aus dem Western, der sich jedes Mal von professionellen Betrügern ausnehmen lässt. Wir diskutierten bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag erfuhren wir, dass das belgische Parlament in der Zwischenzeit Beschlüsse gefasst hatte, die die Verhandlungsergebnisse ungültig machten. Wir mussten um alles kämpfen. (. . .) Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern.74&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schlimmste sollte noch kommen, doch erst einige Wochen später. Am 27. Juni 1960, drei Tage vor dem Unabhängigkeitstermin, löste das belgische Parlament – wohlgemerkt mit dem Einverständnis der kongolesischen Regierung – das Comité Spécial du Katanga auf.75 Ein enormer Fehler für den Kongo! Der neue Staat verlor dadurch die Kontrolle über den Minengiganten Union Minière, den Motor der nationalen Wirtschaft. Wie konnte es dazu kommen? Das CSK war faktisch eine staatliche Gesellschaft, die in Katanga Konzessionen an Privatfirmen vergab und dafür Aktien dieser Firmen erhielt. Dadurch hatte es eine Mehrheitsbeteiligung an der Union Minière und damit Entscheidungsgewalt. In der Praxis machte es von diesem Mitspracherecht wenig Gebrauch: Der Kolonialstaat vertraute in der Regel der Kompetenz der Geschäftswelt. Doch mit der Unabhängigkeit des Kongo drohte die Gefahr, dass sich der neue Staat tatsächlich für die Tätigkeiten der Union Minière und all ihrer Töchter interessieren würde. Und das wurde durch die Auflösung des CSK verhindert. Die kongolesischen Delegierten auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz sahen – in ihrer ganzen Abneigung gegen den Moloch des westlichen Kapitalismus – darin kein Problem, und die zukünftige Regierung Lumumba übernahm diese Einschätzung . . . Der Kongo blieb noch immer zu einem Teil der Eigentümer, hatte als Minderheitsaktionär jedoch viel weniger Macht und Gewinnansprüche als die großen belgischen Trusts wie die Société Générale de Belgique. Dadurch entgingen dem Land nicht nur etliche Millionen Dollar, sondern auch die Möglichkeit, die Industrie in den Dienst des Landes zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit großer Arglosigkeit tanzte das Land auf den Abgrund der Unabhängigkeit zu. Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche, die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien. Einen Tag nach diesem unglaublich gewieften Schachzug unterzeichneten beide Länder dennoch einen »Freundschaftsvertrag«, in dem die Rede war von Unterstützung und Hilfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Mai fanden dann endlich die lang erwarteten landesweiten Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis vorhersehbar. Neben dem MNC von Patrice Lumumba waren die größten Wahlsieger die regionalen Parteien mit mehr oder weniger starken separatistischen Tendenzen. Abako siegte in Bas-Congo, Conakat im Süden und Balubakat im Norden Katangas, der MNC von Kalonji in Kasai, Cerea im Kivu und PSA im Kwilu. Die beiden Letzteren waren keine wirklich tribal geprägten Parteien, boten aber in den ethnisch sehr zersplitterten Regionen des Kivu und des Kwilu eine Art supratribalen Elan. Die Karte der Wahlergebnisse im Kongo 1960 überschnitt sich also größtenteils mit den ethnographischen Karten, die Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert zuvor erstellt hatten. Dieser tribale Reflex darf nicht als etwas Atavistisches gedeutet werden. Würden heute in Europa paneuropäische Wahlen stattfinden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Franzosen einen Franzosen wählen würden und die meisten Bulgaren einen Bulgaren. In einem unermesslich großen Land wie dem Kongo, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung allenfalls die Grundschule besucht hatte, ist es sehr verständlich, dass viele Menschen für Vertreter aus ihrer Gegend stimmten. Als stärkste Kandidaten gingen Kasavubu, Lumumba und Tschombé aus den Wahlen hervor. Kasavubu kontrollierte den Westen des Landes, Lumumba den Nordosten und das Zentrum, Tschombé den äußersten Süden. In diesen drei Gebieten lagen auch die größten Städte: Léopoldville, Stanleyville, Elisabethville. Die kleineren Parteien teilten die ländlichen Gebiete dazwischen unter sich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zersplitterung erleichterte die Regierungsbildung nicht gerade. Keine der Parteien besaß die absolute Mehrheit (Lumumbas überwältigender Wahlerfolg beruhte nur auf jeweils einem Drittel der gewählten Abgeordneten in fünf der sechs Provinzen, in Katanga bekam er keinen Fuß auf den Boden), und auch eine einfache Koalition mit einigen Partnern war nicht möglich. Lange Verhandlungen standen bevor. Zudem war die belgische Regierung sehr enttäuscht, dass Lumumba, den man als einen staatsgefährdenden Demagogen ansah, so viele Wähler an sich hatte binden können. Das führte sogar dazu, dass Brüssel eigens einen neuen Minister ernannte, W. J. Ganshof van der Meersch, und in den Kongo entsandte, wo er sich mit der Regierungsbildung befassen sollte. In seinem Schlepptau wurden außerdem vorsorglich belgische Truppen in die Kolonie verlegt. Lumumba war von diesen Schritten nicht gerade begeistert, und er machte daraus auch keinen Hehl. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine gewaltige, wechselseitige Aversion. Zuerst durfte Kasavubu versuchen, eine Regierung auf die Beine zu stellen, doch als das misslang, erhielt Lumumba den Auftrag zur Regierungsbildung. Er stand nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, die sehr unterschiedlichen Abgeordneten in einer gemeinsamen Regierungsmannschaft zu vereinen. Bis eine Woche vor dem Unabhängigkeitstermin hoffte der Vertreter Belgiens, dass Lumumba nicht Ministerpräsident werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch am 23. Juni stand die erste Regierung des Kongo. Sie zählte dreiundzwanzig Minister, neun Staatssekretäre und vier Staatsminister, Ämter, die über zwölf Parteien verteilt waren. Wie bei mühsam ausgehandelten Kompromissen üblich, waren am Ende mehr Beteiligte unzufrieden als zufrieden. Bolikango, der Doyen aus der Provinz Équateur, der in Brüssel die Einheitsfront geleitet hatte, musste erleben, wie ihm das Amt des Präsidenten im letzten Augenblick durch die Lappen ging. Lumumba benötigte nämlich dringend die Unterstützung der Abako und erhielt sie nur durch einen Kompromiss: Wenn Kasavubu seine separatistischen Bestrebungen unterdrückte, durfte er zum Dank Staatsoberhaupt werden. Lumumba, der große Wahlsieger, wurde aus diesem Grund nicht selbst Staatspräsident, sondern nur Ministerpräsident, obwohl seine Partei dreiunddreißig der 137 Parlamentssitze erlangt hatte und die von Kasavubu nur zwölf. Tschombé schließlich musste erkennen, dass er leer ausging und sich mit einem einzigen Ministerposten und nur einem Staatssekretariat für seine Partei begnügen musste. Sein Katanga erwirtschaftete den größten Teil der nationalen Einnahmen, bekam dafür jedoch wenig zurück: Das weckte Groll. Früher oder später musste es sich rächen. Auch das Parlament zögerte: Die neue Regierung wurde mit knapper Not von der Volksvertretung anerkannt.76 Der Start von Lumumbas Regierung war deshalb alles andere als die kollektive Dynamik einer Regierungsmannschaft, die einträchtig ein politisches Projekt realisierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht nur ein heterogenes und reizbares Team, es war noch dazu eine außergewöhnlich junge Mannschaft, die hier antrat. Drei Viertel dieser Politiker waren jünger als fünfunddreißig. Der jüngste war erst sechsundzwanzig: Thomas Kanza, der erste Kongolese mit Universitätsdiplom. Er wurde Vertreter des Kongo bei den Vereinten Nationen, ein Amt, das in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit nicht gerade ein Zuckerschlecken war. Der älteste Minister war Pascal Nkayi, und der war gerade mal neunundfünfzig. Ihm wurde das Finanzressort übertragen; vorher war er als Angestellter bei der Postverwaltung tätig gewesen. Auch im Parlament überwog eine neue Elite: Nur drei der 137 Sitze wurden von traditionellen Häuptlingen eingenommen.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Regierung des Kongo übernahm von Belgien ein Land mit gut ausgebauter Infrastruktur: Es gab gut vierzehntausend Kilometer Eisenbahnlinien und mehr als hundertvierzigtausend Kilometer Schnellstraßen und Straßen, es gab gut vierzig Flughäfen oder Roll­felder und mehr als hundert Wasserkraft- und Elektrizitätswerke, es gab eine moderne Industrie (der Kongo war Weltmarktführer für Industriediamanten und viertgrößter Kupferproduzent der Welt), es gab Anfänge eines allgemeinen Gesundheitswesens (dreihundert Krankenhäuser für Einheimische, außerdem Polikliniken und Entbindungskliniken) und einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad (1,7 Millionen Grundschüler 1959) – das alles war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien schlicht beeindruckend.78 Die Armee hatte außerdem in zwei Weltkriegen wichtige Erfolge verbucht. Doch Infra­struktur ist nicht alles. Thomas Kanza, der frischgebackene Minister, der Psychologie studiert hatte, war sich darüber im Klaren, dass diese Erfolge für viele Afrikaner relativ waren: »Sie haben, anders als es Europäer in der Regel wahrhaben wollen, mehr unter dem Defizit an aufrichtiger Sympathie, Achtung und Liebe von Seiten der Kolonisatoren gelitten als unter einem Mangel an Schulen, Straßen und Fabriken.«79 Außerdem: Was nützte einem ein vollständig ausgestattetes Land, wenn kaum jemand damit umzugehen wusste? Am Tag der Unabhängigkeit zählte der Kongo sechzehn (16) Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab zwar Hunderte gut ausgebildete Krankenpfleger und Verwaltungsangestellte, doch in der Force Publique war nicht ein schwarzer Offizier. Es gab weder einen einheimischen Arzt noch einen Ingenieur, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Belgien hatte keine Erfahrung mit Kolonialisieren«, sagte Mario Cardoso bei unserem exquisiten Lunch im Memling, »aber noch weniger Erfahrung mit Entkolonialisieren. Warum musste das alles so schnell gehen? Hätten sie fünf Jahre gewartet, dann hätte der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere die Ausbildung abgeschlossen. Dann hätte es keine Meuterei in der Armee gegeben.« In der Zeit zwischen 1955 und 1960 suchte die Kolonialregierung fieberhaft nach Reformen, die etwas gegen die große Unruhe in der Gesellschaft bewirken könnten, doch es war &#039;&#039;too little too late&#039;&#039;. Die Entkolonialisierung wurde deshalb ein &#039;&#039;runaway train&#039;&#039;, den keiner mehr aufhalten konnte. Indem es erst so spät auf die begreiflichen Forderungen einer frustrierten Elite einging, entfesselte Brüssel ein Kräftespiel, das seine Fähigkeit, die Entwicklungen zu steuern, weit überstieg. Doch das gilt auch für die junge Elite des neuen Staates, die den sozialen Unmut der unteren Schichten nicht nur artikulierte und kanalisierte, sondern auch hochspielte und steigerte, bis er Ausmaße annahm, gegen die sie selbst keinen Rat mehr wusste. Die Chronologie der Ereignisse brachte ein Paradoxon ans Licht, das man lediglich zur Kenntnis nehmen, aber nicht lösen konnte: Die Entkolonialisierung begann viel zu spät, die Unabhängigkeit kam viel zu früh. Die übereilte Souveränität des Kongo war eine Tragödie, als Lustspiel getarnt, die nicht anders als verhängnisvoll ausgehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 7 Ein Donnerstag im Juni ==&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga stand an diesem Donnerstag schon um vier Uhr morgens auf. Er hatte bei seinem Schneider übernachtet, um nichts dem Zufall zu überlassen.1 Die Zeremonie fand erst um elf Uhr statt, aber dies war nicht irgendein Tag. Die Stadt, in der fast eine Million Menschen lebten, war noch dunkel und still. Eine träge Hitze hing zwischen den Häusern und Hütten. Nichts regte sich. Die Wäsche: bewegungslos auf der Leine. Das Feuer: spröde Kohleschlacken. Unsichtbar die Kinder, die in eckigen Haltungen schliefen. Unsichtbar die Männer und Frauen, die sich aneinanderschmiegten – Trost für eine Nacht oder für ein ganzes Leben. Auf dem leeren Boulevard sprangen die Ampeln lustlos von Grün auf Orange auf Rot um. Das Wasser der Swimmingpools in den Vierteln der Europäer lag spiegelglatt da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vögel waren noch stumm. Und etwas weiter, hinter den Gärten und Villen, den Rasenflächen und Bougainvilleen, glitt das dunkle Wasser des mächtigen Flusses still vorbei. Noch immer schwammen kleine Vegetationsinseln mit, Grassoden und Pflanzen, Hunderte Kilometer stromaufwärts losgerissen aus dem Urwald, Baumstümpfe, die sich im Dunkeln drehten und bei den ersten Katarakten aufragen und in der Gischt des Flusses hinabstürzen würden. So ging es schon seit Jahrtausenden. Die Natur kümmerte es nicht, dass dies ein besonderer Tag war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga zündete das Licht an. Er betete und er wusch sich. Auf einem Kleiderbügel hing sein nagelneuer Anzug. Vorsichtig zog er die Hose unter der Jacke hervor. Sein Schneider hatte ihm einen prachtvollen Smoking genäht. Der glatte Stoff der Hose fühlte sich kühl an, das Hemd war herrlich steif, die Jacke saß wie angegossen um seine kleine Gestalt. Er stellte sich vor den Spiegel. Wer hätte jemals gedacht, dass er, Jean Lema mit bürgerlichem Namen, aber für alle Jamais Kolonga, heute eine so wichtige Rolle spielen würde? Bis vor ein paar Jahren hatte er als Angestellter im Landesinneren gearbeitet, in der Provinz Équateur. Er war bei Otraco für die Verwaltung der Flussschiffe zuständig. Doch bereits damals lag Veränderung in der Luft. Als er befördert wurde, ersetzte er einen Weißen; er bekam den Posten, den vorher Monsieur Eugène, ein Belgier aus Verviers, bekleidet hatte. 1958 kam er zurück nach Léopoldville, eigentlich nur für einen kurzen Besuch, und schnupperte dort, wie er es ausdrückte, »den Duft, das Parfum der Unabhängigkeit«. Kasavubu ging noch immer bei seinen Eltern ein und aus, er hörte den aufregenden Gesprächen zu und bekam eine Ahnung von den unglaublichen Möglichkeiten. Ins Landesinnere wollte er jetzt nicht mehr, obwohl ihn sein Arbeitgeber mehrfach dazu aufforderte. Auf dem Boulevard im Stadtzentrum begegnete er dem großen Bolikango. Bolikango war auch bei tata Raphaël zur Schule gegangen; er war einer der wenigen Kongolesen, die im Hinblick auf eine bald bevorstehende Unabhängigkeit einen hohen Posten in der Verwaltung bekommen hatten, als Staatssekretär im Informationsministerium. Bolikango wusste natürlich, wie eloquent Jamais Kolonga war, und erinnerte sich daran, was für ein Über-&#039;&#039;évolué&#039;&#039; sein Vater war. Immerhin war König Baudouin bei ihm zu Besuch gewesen! Durch das Seitenfenster seines Autos schlug Bolikango Jamais Kolonga vor, Redakteur, Sprecher und Übersetzer beim Informationsdienst des Generalgouvernements zu werden. Jamais Kolonga erklärte sich einverstanden. Vom Büroangestellten in der Binnenschifffahrt wurde er zum Rundfunkjournalisten beim staatlichen Sender. Das Parfum der Unabhängigkeit würde er von nun an täglich schnuppern können. Als Reporter war er nicht nur von Modenschauen zu Fußballspielen unterwegs, sondern er erlebte auch den großen politischen Umbruch in seinem Land aus nächster Nähe. Als in Brüssel die Round-Table-Konferenz stattfand, durfte er jeden Tag aus dem Studio darüber berichten. Und als Kasavubu am 26. Juni 1960 als erster Präsident des in Kürze unabhängigen Kongo vereidigt wurde, war er als Reporter dabei. Sein TEAC umgehängt, das bleischwere Aufnahmegerät jener Zeit, hatte er die Interviews gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine neuen schwarzen Schuhe glänzten und hatten noch ganz helle Sohlen. Kasavubus Eideszeremonie lag vier Tage zurück. Jamais Kolonga hatte seinen Job gut gemacht. Vor zwei Tagen hatte man ihn gefragt, ob er auch bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung die Live-Berichterstattung übernehmen könne. Das wollte er gern tun. Nur musste sein Schneider nun Tag und Nacht durcharbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
30. Juni 1960. Offiziell war der Kongo schon seit Mitternacht unabhängig, aber mit dem Festakt im Palast der Nation sollte der Übergang offiziell gewürdigt werden. König Baudouin war eigens aus Belgien gekommen; er würde Präsident Kasavubu die Macht übergeben, nach zweiundfünfzig Jahren belgischer Kolonialregierung und fünfundsiebzig Jahre, nachdem sein Großonkel Leopold II. den Freistaat gegründet hatte. Und bei diesem historischen Ereignis durfte Jamais Kolonga vom Ort des Geschehens berichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte der belgischen Präsenz in Zentralafrika hatte die Geschichte seiner Familie tiefgreifend beeinflusst. Sein Vater hatte durch seine Ausbildung einer der wichtigsten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; der Kolonie werden können, während sein Großvater noch als Jäger in seinem Dorf gelebt hatte. Jamais Kolonga kannte die Geschichten über ihn. »Als die Weißen in Bas-Congo ankamen, trug er ihre Koffer auf dem Kopf. Er hatte keine Angst vor den Weißen, tat aber, was sie von ihm verlangten. Er war polygam, aber nachdem er sich hatte taufen lassen, schickte er zwei seiner drei Frauen weg.« Kein einziges individuelles Leben, nicht mal im tiefsten Hinterland, war von der großen Geschichte unberührt geblieben. Es war alles sehr schnell gegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Viertel nach sechs gab es ein Briefing mit dem Leiter des Informationsamtes. Die Pressemappen wurden zusammengestellt. Vor wenigen Minuten war noch ein Text von Ministerpräsident Lumumba eingetroffen, der auch unter den Journalisten verteilt werden sollte. Jamais Kolonga bekam seinen Platz ganz vorn im Saal zugewiesen. Alles sollte würdevoll und geordnet ablaufen, hieß es noch einmal mit Nachdruck. Am Vortag war es bereits zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen, als der König und Kasavubu in einem offenen amerikanischen Straßenkreuzer durch die Stadt gefahren waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Jahr 1955 hatte Baudouin dem Volk zugewinkt, das in großer Zahl erschienen war, um am Straßenrand ebenfalls zu winken, doch aus der Menschenmenge hatte sich ein Mann nach vorn gedrängt und den Degen des Königs an sich gerissen. Die Szene war gefilmt und fotografiert worden. Baudouin, der seine weiße Galauniform trug, stand aufrecht in der Limousine, links von ihm stand Kasavubu in einem schwarzen Maßanzug. Baudouin salutierte den Soldaten der Force Publique, die auf der linken Straßenseite die belgische Trikolore hochhielten. Der Monarch hatte, als er an seiner rechten Seite etwas spürte, nicht gleich gemerkt, was da geschah. Ein Mann mit hoher Stirn und einem länglichen Gesicht rannte weg und schwenkte wild den königlichen Degen, eines der Insignien der belgischen Monarchie. Mehr als nur eine Waffe war dieser Degen ein Symbol für die Macht des Herrscherhauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zwischenfall wurde lebhaft kommentiert. »Der Mann war nicht ganz richtig im Kopf«, meinte Jamais Kolonga. »Er war ein &#039;&#039;feu-follet&#039;&#039;, ein Irrlicht, eine unruhige Seele mit leichtem Wahnsinn. Er galt allgemein als ein bisschen verrückt.« Das war sehr wahrscheinlich. Viele Europäer sahen es als Ulk, als einen dummen Studentenstreich, der die Machtübergabe noch einmal besonders akzentuieren sollte, aber für viele Kongolesen aus den einfachen Stadtvierteln war es kein Witz, sondern eine äußerst tollkühne Tat. Einen geheiligten Gegenstand, der dem Herrscher gehört, einfach anfassen und stehlen? Der Mann wird heute Nacht sterben, sagten sie. Wenn eine Maske, eine Ahnenskulptur, ein Leopardenfell oder ein Affenschwanz bereits magische Kräfte besaßen, so galt das gewiss auch für den Degen eines europäischen Herrschers. Auch unter &#039;&#039;évolués&#039;&#039; stieß die rebellische Geste auf Missbilligung. Victorine Ndjoli, das Fotomodell mit dem Führerschein, meinte dazu: »Wir waren wirklich beschämt, dass sich so ein Spinner das Schwert von König Baudouin geschnappt hat. Erst später haben wir erfahren, dass er nicht ganz richtig im Kopf war.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoffentlich läuft heute alles reibungslos ab, dachte Jamais Kolonga. Die Zeremonie sollte makellos sein. Aber die Leute hatten so seltsame Erwartungen an die Unabhängigkeit. Viele hatten kleine Kisten mit Steinen vergraben und hofften, die Steine hätten sich nach der Unabhängigkeit in Goldklumpen verwandelt. Nicht wenige glaubten, die Toten würden auferstehen.3 Man hatte schon Kleidungsstücke auf die Gräber mancher Ahnen gelegt, um sie willkommen zu heißen, und die Grabstätten weniger geliebter Menschen mit Wellblechplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass sie aus der Erde krochen. In den Dörfern des Inlandes schlossen sich manche Menschen aus Angst vor den zurückkehrenden Toten vier Tage lang in ihrer Hütte ein. Schwangere Frauen verließen die Häuser nicht mehr.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten äußerte sich das Unabhängigkeitsfieber mehr in sozialen Phänomenen. In Stanleyville bauten sich manche Leute ohne Genehmigung Hütten auf Grundstücken, die Europäern gehörten. Anhänger der Kitawala-Religion, die jahrelang in der Illegalität gelebt hatten, besetzten leerstehende Villen von Belgiern, die das Land verlassen hatten, und vollzogen dort nachts mit Fackeln und Gesängen ihre Rituale. In Léopoldville gab es vor dem großen Festtag bedeutend mehr Fälle von Diebstahl und Vandalismus. Boys lachten ihre Chefs aus, setzten sich auf die Motorhaube ihrer Autos und weigerten sich hartnäckig, wieder herunterzusteigen.5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr sah Jamais Kolonga, wie allerlei Prominenz in die große Rotunde des Palastes der Nation strömte: Parlamentarier und Senatoren aus Belgien neben Diplomaten, hohen Offizieren und zivilen Würdenträgern, Delegationen aus befreundeten afrikanischen Staaten. Prinz Hassan von Marokko war erschienen, Präsident Youlou von Kongo-Brazzaville und König Kigeri von Ruanda. Vor allem aber sah er die gerade erst gewählten Volksvertreter und Senatoren des neuen Kongo. Der Palast der Nation, ein neues Gebäude, das erst vor wenigen Jahren als Residenz des Generalgouverneurs errichtet worden war (man hatte geglaubt, dieses Amt würde noch Jahrzehnte bestehen), diente nun als Parlament. Unter der großen Kuppel der Rotunde trugen die meisten Politiker dunkle, westliche Anzüge, andere aber waren geschmückt mit traditionellen Kopfbedeckungen voller Muscheln, Federn und Tierfellen, Kopfbedeckungen, die ebenso beeindruckend waren wie der weiße Helm mit Geierfedern, den der Generalgouverneur trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als alle Platz genommen hatten, trat Ministerpräsident Lumumba ein. Kurz darauf sprangen alle im Saal auf, um König Baudouin und Staatspräsident Kasavubu zu begrüßen. Baudouin ergriff als Erster das Wort. Der nette und wohlwollende Fürst hielt eine Rede, die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien. Er rühmte das Werk von Leopold II., als habe niemals ein Untersuchungsausschuss dessen Herrschaft gerügt: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Und er scheute nicht vor Paternalismus zurück: »Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (. . .) Ihre Aufgabe ist unermesslich, und Sie sind die Ersten, die sich darüber im Klaren sind. (. . .) Haben Sie keine Scheu, sich an uns zu wenden. Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er zu Ende gesprochen hatte, applaudierte der Saal höflich. In diesem Augenblick hörten in den Dörfern und den Stadtvierteln der Einheimischen Tausende Menschen, die gebannt vor ihrem Transistorradio saßen, die klare Stimme von Jamais Kolonga, die auf Französisch, Lingala und Kikongo mitteilte: »Meine Damen und Herren, Sie haben soeben die Ansprache von Seiner Majestät dem König der Belgier gehört. Dies ist nun der Moment, in dem der Kongo unabhängig wird.«7 Er, der kleine Jamais Kolonga mit den leuchtenden Augen, war der erste Kongolese, der sein Land als unabhängig bezeichnen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann hatte Präsident Kasavubu das Wort, der Mann, den Jamais Kolonga so oft erlebt hatte, wenn er im Wohnzimmer mit seinem Vater leidenschaftlich diskutierte, der Mann, der bei seiner Ernennung zum Bürgermeister eine flammende Anklage gegen die Kolonialmacht formuliert hatte. Nun jedoch war seine Rede zurückhaltend und versöhnlich. Nicht verwunderlich: den Text hatte Jean Cordy abgefasst, der Belgier, der noch Kabinettsschef von Generalgouverneur Cornelis gewesen war. »Ich habe Kasavubus Text geschrieben, jedenfalls die erste Fassung. Ich hatte auch schon den Text geschrieben, als er Präsident wurde.«8 Nach dem Protokoll war damit der Teil der Zeremonie, der für Ansprachen vorgesehen war, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Rede des Präsidenten war Lumumba zornig damit beschäftigt, etwas zu korrigieren. Er hatte einen kleinen Stapel Papier auf den Knien und notierte hier und da eine Bemerkung. Lumumba hatte am Vortag die zahme Rede Kasavubus kurz überfliegen dürfen und war der Ansicht, er könne es nicht dabei bewenden lassen. Er wollte den Vertretern der Kolonialmacht unbedingt zum letzten Mal Kontra geben. Und sich damit auch selbst ins rechte Licht rücken, denn es störte ihn sehr, dass nicht er, sondern Kasavubu die Honneurs machen durfte. Als großer Wahlsieger musste er mit ansehen, wie sich sein Erzrivale Kasavubu neben König Baudouin groß aufspielen durfte, obwohl er doch als Regionalist den Kongo nicht einmal als Ganzes liebte.9 Lumumba schrieb seine Rede in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag; noch immer kam er mit wenigen Stunden Schlaf aus. Dem Vernehmen nach schrieb sein belgischer Berater und unbedingter Unterstützer Jean Van Lierde an dem Text mit. Heute gilt Lumumbas Ansprache als eine der großen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts und als ein Schlüsseltext der Entkolonialisierung Afrikas:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn heute die Unabhängigkeit des Kongo proklamiert wird im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf gleichem Fuß stehen, so kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, vergessen, dass wir die Unabhängigkeit im Kampf errungen haben, in einem Kampf von Tag zu Tag, einem glühenden und idealistischen Kampf, bei dem wir weder Mühen noch Entbehrungen scheuten, der uns Leid brachte und für den wir unser Blut gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind zutiefst stolz auf diesen Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes, denn es war ein edler und berechtigter Kampf und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam auferlegt wurde, ein Ende zu bereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war unser Schicksal während der achtzig Jahre der Kolonialherrschaft; noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir mussten zermürbende Arbeit leisten, zu einem Lohn, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu stillen, uns zu kleiden und in anständigen Verhältnissen zu wohnen und unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle »Sie« den Weißen vorbehalten war?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass man unser Land raubte aufgrund von Texten, die sich Gesetze nannten, in Wirklichkeit aber nur das Recht des Stärkeren besiegelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass das Gesetz für Weiße und Schwarze nie gleich war: entgegenkommend für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden Zeugen des schrecklichen Leides jener Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihres Glaubens verbannt wurden; im eigenen Land im Exil, war ihr Schicksal schlimmer als der Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos noch in die Restaurants und Geschäfte der Europäer durften; dass Schwarze auf Schiffen unter Deck reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren tatsächlich Worte, die im Gedächtnis haften blieben. Wie alle großen Ansprachen verdeutlichte Lumumbas Rede die abstrakte Geschichte anhand konkreter Details und veranschaulichte das große Unrecht durch zahlreiche greifbare Beispiele. Doch das Timing war denkbar unglücklich. Es war der Tag, an dem der Kongo die Unabhängigkeit erlangt hatte, Lumumba aber sprach, als sei der Wahlkampf noch in vollem Gange. Zu sehr darauf fixiert, Unsterblichkeit zu erlangen, zu verblendet durch die Romantik des Panafrikanismus, vergaß er, der doch der größte Verfechter der Einheit des Kongo war, dass er sein Land an diesem ersten Tag der Autonomie vor allem versöhnen musste und nicht spalten durfte. Er nahm für sich in Anspruch, die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen – das passte in die exaltierte Rhetorik der damaligen Zeit (das Volk, das Joch, der Kampf und natürlich: die Freiheit) –, aber das Volk stand nicht wie ein Mann hinter ihm; er hatte schließlich weniger als ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Lumumbas Rede war deshalb großartig in ihrer Tragweite, aber problematisch in ihrer Wirkung. Und im Vergleich zu den wahrhaft grandiosen Ansprachen in der Geschichte – der Gettysburg Address von Abraham Lincoln von 1863 (&#039;&#039;»a government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth«&#039;&#039;), der ersten Rede von Winston Churchill als britischer Premierminister am 13. Mai 1940 (&#039;&#039;»I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat«&#039;&#039;), der Rede von Martin Luther King 1963 (&#039;&#039;»I have a dream«&#039;&#039;), den Worten über Demokratie, die Mandela 1964 seinen Richtern entgegenhielt (&#039;&#039;»It is an ideal which I hope to live for and to achieve. But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die«&#039;&#039;), oder der &#039;&#039;acceptance speech,&#039;&#039; mit der Barack Obama 2008 die Welt begeisterte (&#039;&#039;»Change has come to America«&#039;&#039;) – waren Lumumbas Worte mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet, enthielten mehr Wut als Hoffnung, mehr Groll als Großmut und damit mehr Rebellion als staatsmännischen Weitblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga saß in der ersten Reihe. Er hörte, wie die Lumumba-Anhänger im Saal die Rede acht Mal mit ihrem Applaus unterbrachen, aber er sah auch, wie »die Mienen der Gäste eisig wurden und der König erbleichte«. Er sah, wie sich Baudouin zu Kasavubu neigte und um eine Erklärung bat, aber der war wie erstarrt: auch er war von Lumumbas Initiative überrascht. Lumumbas Text war – mit einer Sperrfrist – an die Presse gegeben worden, doch weder der König noch der Präsident hatten ihn vorher gesehen. Nach dem Festakt war Baudouin erbost und zugleich tief gekränkt. Für ihn muss es eine schmerzliche Erinnerung an seine eigene Thronbesteigung gewesen sein. Damals, vor zehn Jahren, hatte der kommunistische Senator Julien Lahaut auf dem Höhepunkt der Zeremonie »Vive la république« gerufen. Auch damals hatte es ein glanzvoller Tag werden sollen, ein festliches Ereignis, um ihn in Amt und Würden einzusetzen, aber auch damals war der Festakt durch einen linken Unruhestifter verdorben worden, der ungebeten alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Woche später war Lahaut von ein paar unbekannten Männern auf der Schwelle seines Hauses von Kugeln durchsiebt worden; die Umstände seines Todes waren ähnlich nebulös und gewalttätig wie das Schicksal, das Lumumba ein halbes Jahr später ereilen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baudouin wäre am liebsten sofort nach Belgien zurückgekehrt. Ihm stand nicht mehr der Sinn danach, den Friedhof der Pioniere und das Reiterstandbild von Leopold II. zu besuchen. Aber der belgische Ministerpräsident Eyskens stellte Lumumba zur Rede und verlangte von ihm, beim Mittagsmahl eine zweite, freundlichere Ansprache zu halten. So geschah es: Eyskens verfasste den Text, Lumumba las ihn trocken vor, Baudouin blieb doch noch bis zum Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der ganze Kongo über die kühnen Worte seines Ministerpräsidenten in Jubel ausbrach. Vierzehn Millionen Menschen denken selten das Gleiche. Jamais Kolonga jedenfalls fand die Rede problematisch: »Lumumba war kein Diplomat, er war viel zu kategorisch. Kasavubu, das war ein Gentleman. Er wollte ein paar von den Weißen dabehalten als stellvertretende Direktoren in den Provinzen, im Landwirtschafts- und Finanzressort. Aber unsere Verfassung räumte dem Ministerpräsidenten zu viel Macht ein. Die Rolle des Staatspräsidenten war darin ähnlich definiert wie die des belgischen Königs: Er herrschte, aber er regierte nicht.« Da Jamais Kolonga aus Bas-Congo stammte, galt seine Sympathie eher Kasavubu. Für viele Bakongo war Lumumba kein Held. »Kasavubu war friedfertig, gebildet und respektvoll«, sagen alte Leute in Bas-Congo noch immer, »Lumumba hatte nichts im Kopf, er war impulsiv und unverschämt. Ihm haben wir unsere Misere zu verdanken. Wie er vor dem König geredet hat, das war unverantwortlich! Er hätte sagen müssen: ›Ihr habt jetzt die Unabhängigkeit, also los, an die Arbeit!‹, statt die kleinen Probleme aus der Vergangenheit anzusprechen.«11 Fast alle älteren Einwohner von Boma, Matadi und Mbanza-Ngungu (dem früheren Thysville) können sich noch heute darüber aufregen. »Damals hat alles angefangen. Lumumbas Rede hat die Belgier gegen uns aufgebracht. Der König wollte nicht mal mehr zum Essen bleiben. Kasavubu wollte die Belgier nicht vertreiben, aber Lumumba wollte Tabula rasa machen. Es war ein sehr schlechter Start. Und das sage ich auf Ehre und Gewissen, nicht mal aus ethnischen Gründen.«12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch glühende Mitstreiter Lumumbas setzten ein Fragezeichen hinter die Rede. Mario Cardoso, der aus Stanleyville kam, der Stadt Lumumbas, und ihn auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz in Brüssel vertreten hatte, erzählte mir: »Ich saß im Saal und war sprachlos. Lumumba verhielt sich wie ein Demagoge. Ich war Mitglied des MNC, aber unsere Kampagne hatte nichts mit dem zu tun, was er sagte. Einige &#039;&#039;députés&#039;&#039; applaudierten, ich nicht. Er begeht politischen Selbstmord, dachte ich.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Kongo widmete man dem Vorfall weniger Aufmerksamkeit. In Elisabethville verlief alles ruhig und in freundschaftlicher Atmosphäre. Tschombé, der sich mit einem Posten als Provinzgouverneur hatte zufriedengeben müssen, betonte noch einmal die Bedeutung der herzlichen Freundschaftsbande zwischen Belgien und dem Kongo. Während der Unabhängigkeitsfeier in der Minenstadt sang der Kinderchor &#039;&#039;De Zangertjes van het Koperen Kruis (Die kleinen Sänger des Kupferkreuzes)&#039;&#039; mit lieblichen Stimmen Lobeslieder. Weiße, die sich an die Tatsache gewöhnen mussten, plötzlich keine Kolonialherren mehr zu sein, feierten sogar in Vierteln der Einheimischen und waren dort willkommen.14 Auch andernorts wurden Messen zelebriert, Kantaten gesungen und Huldigungen dargebracht. Die Nachricht von Lumumbas Rede verbreitete sich erst später. Was den Inhalt betraf, widersprachen ihm nur wenige, aber viele fragten sich, ob das in dieser Situation wirklich nötig gewesen sei. Ein Bewohner der Hauptstadt meinte: »Eine Geburt findet unter Wehen statt. So ist es nun mal. Aber wenn das Kind dann auf der Welt ist, lächelt man ihm zu.«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verlief dieser erste Tag des freien Kongo. Es gab Umzüge und Spiele, Volkstänze und Feuerwerk. Vier Tage lang sollte das Fest dauern, von Donnerstag bis Sonntag. Der Kongo begann mit einem langen, freien Wochenende. Es gab Sportwettkämpfe im Stade Baudouin (Kasavubu sollte den Gewinnern den Pokal überreichen, doch Lumumba nahm ihn ihm aus der Hand und machte es selbst).16 Es gab ein Radrennen in den Straßen der Stadt (die belgischste aller Sportarten, aber die ersten drei Plätze erreichten Kongolesen). Und es gab vor allem Bier, viel Bier, sehr viel Bier. Es war Monatsende, alle hatten gerade ihren Lohn ausbezahlt bekommen. An den Wänden der Bars stapelten sich die Bierkästen. Nach einigen Tagen ordnete die neue Regierung an, dass alle Verkaufsstellen für alkoholische Getränke zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr morgens schließen mussten. Die Sache geriet ein wenig außer Kontrolle, doch es war harmlos. Bis auf ein paar Unruhen in Kasai gab es keine Angriffe gegen Belgier, keine Lynchmorde, keine Vergewaltigungen, keine Plünderungen europäischer Häuser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann lag allerdings an diesem ersten Tag der Unabhängigkeit, wie er mir erzählte, auf dem Boden einer Gefängniszelle und stöhnte vor Schmerzen: Longin Ngwadi! Der Mann aus Kikwit, der Gläubige, der Priester hatte werden wollen, aber es nicht durfte, &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, der Starfußballer vom Daring Club, der ehemalige Boy von Generalgouverneur Pétillon, der Mann, der nach Belgien gereist war, um die Weltausstellung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; zu sehen, er, ausgerechnet er, war der erste Dissident des neuen Staates. »Mein Magen war geschwollen wie ein Luftballon. Ich blutete aus Nase und Anus. Ich pinkelte Blut, ließ faulige Winde. Ich hatte Handschellen um, wie ein Dieb.« Als Jamais Kolonga sich um vier Uhr morgens für den großen Tag in Schale warf und Lumumba noch an seiner Rede schrieb, lag Longin bereits seit Stunden in der Zelle und beklagte sein Schicksal. Tags zuvor hatte Provinzgouverneur Bomans ihn verhaften lassen. »Mit zwei Jeeps voller Soldaten haben sie mich abgeholt. ›Sie sind verrückt‹, sagte Bomans zu mir. ›Ich bin nicht verrückt‹, sagte ich, ›ich bin normal. König Baudouin ist mein Bruder. Machen Sie, was Sie wollen, ich bin ein Prophet, wie Elias oder Jeremias.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich Longin Ngwadi nach monatelanger Suche 2008 endlich in Kikwit antraf, wusch er sich gerade im Fluss. Zu meinem Empfang zog er etwas an, das ihm lieb und teuer war: ein Hemd mit Leopardenmuster, an das er ein Foto von Lumumba mit Gizenga gesteckt hatte. Gizenga war sein großer politischer Held, ein Mann aus seiner Region, der in der Regierung Lumumba Vizepremier war und zum Zeitpunkt unserer Begegnung die letzten Tage in seinem Amt als Premierminister unter Joseph Kabila verbrachte. Papa Longin war einer der schillerndsten Kongolesen, denen ich je begegnet bin, und das nicht nur wegen seines sonderbaren Lebenswandels. Schon seine Aufmachung war atemberaubend. Um den Hals trug er bei dieser ersten Begegnung ein großes Kruzifix, daneben ein Medaillon der heiligen Theresa mit dem Jesuskind und ein Medaillon mit dem Erzengel Michael, ein kleines blaues Kreuz aus Lourdes, einen alten Schlüssel der Marke ICSA, &#039;&#039;made in Italy&#039;&#039;, den er als »den Himmelsschlüssel« bezeichnete, einen Hammer, der für ihn »Jean Marteau, das ist der Beiname von Kamitatu« symbolisierte, den anderen großen Politiker aus der Gegend, und schließlich eine kleine Trillerpfeife, »denn wenn ich eine Vision habe, pfeife ich alle zusammen, um die Botschaft weiterzugeben«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longins Phantasie war grenzenlos. So behauptete er, dass er der Mann der verwegenen Aktion vor einem halben Jahrhundert gewesen sei: »Ja, ich bin der Mann, der Baudouin den Degen entrissen hat.« Lange Zeit glaubte ich, dass er die Wahrheit sagte. Mit seiner hohen, runden Stirn und den ovalen Augenhöhlen sah er dem Mann auf dem berühmten Foto täuschend ähnlich. Aber inzwischen wissen wir, dass zahlreiche Geschichten über dieses Ereignis kursieren. Mehrere betagte Kongolesen behaupten, sie wüssten, wer den Degen gestohlen hat und warum, während der tatsächliche Täter vermutlich längst verstorben ist.17 Diese Geschichten, auch wenn sie oft erfunden sind, enthalten eine Fülle von Informationen über die subjektiven Erinnerungen an die Entkolonialisierung. »Baudouin war eine Ikone«, sagte Longin, »ein &#039;&#039;chouchou&#039;&#039;, er war unkompliziert, sehr jung, sehr hübsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Longin von seinem belgischen Abenteuer zurückgekehrt war und Pétillon als Generalgouverneur abgelöst worden war, geriet auch er in den Bann des Unabhängigkeitsfiebers. Er hatte insbesondere einen Blick für dessen mystische Dimensionen. Er streifte durch die Straßen von Léopoldville und besuchte täglich die Église Saint-Pierre im Stadtteil Limete. Dort las Monseigneur Malula die Messe. Malula war 1959 zum Bischof geweiht worden; er war ein hochintelligenter Mann, der den Unabhängigkeitskampf hautnah miterlebte und sogar am &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; mitgewirkt hatte. Später würde er der erste Kardinal aus dem Kongo werden und Auffassungen vertreten, die denen Mobutus diametral entgegengesetzt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jeden Tag ging ich in seine Kirche. Wenn ich betete, wurde alles hell. Ich hatte die Kraft des Geistes und die Vision der Geschichte. Alle Gebete kamen, als würde ich sie schon vorher kennen, ich sang viele neue Lieder, ich brach alle Geheimnisse, ich sah Blumen, viele Blumen. &#039;&#039;Tiens&#039;&#039;, sagte ich, der liebe Gott schenkt mir Frieden. Ich ging zu Malula und erzählte es ihm. Er gab mir einen Kuli und ein Heft und bat mich, meine Visionen aufzuschreiben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin ist auch heute noch ein sehr frommer Mann. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Spiritualität. Er betet ständig, beginnt kein Gespräch, ohne seine Besucher erst mit Haarspray oder Parfum zu segnen, und hebt die Hände zum Himmel, um Schutz zu erbitten. Religion und Politik gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Eingenebelt von billigem Frauenparfum begleitete ich ihn einmal über den Markt von Kikwit, der sich die Hauptstraße der Unterstadt bis zur Brücke über den Kwilu entlangzieht. Jede fünf Minuten blieb er stehen, blies in seine schrille Pfeife und rief allen, die es hören wollten, auf Kikongo zu: »Kinder von Kikwit, wenn ihr jetzt noch nicht an meine Kraft glaubt, dann seht euch diesen Besucher an. Ich habe Gizenga darum gebeten, einen Weißen zu schicken, und nun ist er da!« Sein Sohn musste ihn nach einer halben Stunde ermahnen, die Vision den Gegebenheiten anzupassen, da nicht jeder ein Verehrer von Gizenga sei und meine Sicherheit gefährdet sein könne. Kurz vor der Brücke stand eine unheimliche Marktbude mit Fetischen, Kräutern, Masken und Affenschädeln. Alle gingen daran vorbei. »Nicht hinsehen«, sagte der Sohn zu mir, »das bringt Unglück.« Longin aber schaute sich die Dinge genau an, weil er sich mächtiger fühlte als alle Hexerei. Zu Hause hatte er einen magischen Degen gefertigt: Den Stiel eines alten Regenschirms hatte er mit künstlichen Blumen, Resten von Kupferdraht, einer Christusfigur mit Blumen und einem Fähnchen der Palu, der &#039;&#039;Parti Lumumbiste Unifié&#039;&#039;, Gizengas heutiger Partei, geschmückt. Die Reminiszenz an den magischen Degen von vor fünfzig Jahren war offenkundig. In seiner &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; verschmolzen Erinnerung und Mystik mühelos miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte mich an einer günstigen Stelle postiert und wartete auf Baudouin beim Bahnhof, beim Denkmal für die Eisenbahnarbeiter. Alle wollten ihn sehen, er war ein gutaussehender junger Mann, aber überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war unmöglich, aber dank meiner Kraft konnte ich an ihnen vorbeihuschen. Ich wollte dem König Blumen schenken, um ihm meine Zuneigung zu zeigen, aber ich sah den langen, glänzenden Degen und nahm ihn &#039;&#039;pour la folie&#039;&#039;. Und ich lief fünf Meter damit weg, aber dann hörte ich, wie die Soldaten ihre Waffen luden. König Baudouin sagte: ›Keine Waffen.‹ Ich lief zu ihm zurück und sagte: ›Ich wünsche Ihnen eine gute Reise im Kongo. Der liebe Gott hat mir gerade eingegeben, Ihren Degen zu nehmen. Wir gehen ins Parlament als gute Bekannte. Es ist an der Zeit, dass wir die Unabhängigkeit bekommen. Die europäischen Frauen sind wie die Jungfrau Maria, aber später wird der liebe Gott uns den Frieden geben, damit wir weiße Frauen heiraten können. Belgien ist weit, so weit wie der Himmel, ein gemeinsamer Besitz, wo es auch Schwarze geben wird. Einen gemeinsamen Markt. Die Schwarzen werden nach Belgien gehen. Ich bin nicht verrückt, ich bin normal. Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück.‹ Baudouin erwiderte: ›Niemand darf Sie schlagen! Ich werde Ihnen ein Geschenk geben. Vergessen Sie mich nicht. Es ist wahr, später werden Sie eine weiße Frau heiraten, vorausgesetzt, Sie können Französisch sprechen.‹ Aber er reiste noch am selben Tag ab, ohne mir ein Geschenk zu geben. Es blieb bei dem Versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob dieses merkwürdige Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, sei dahingestellt. Mystik und Erotik kollidierten darin in genialer Weise mit dem aktuellen Geschehen in Europa (gemeinsamer Markt!) und dem belgischen Sprachenkonflikt (Französisch lernen!). Aber dass sich ein Mann mit etwas anderen Denkstrukturen ein halbes Jahrhundert nach den Feierlichkeiten an ein Versprechen erinnert, das nie eingelöst wurde, ist an sich schon aufschlussreich. Durch die Ritzen seiner Phantasievorstellungen sticht heute das Licht einer tiefen Wahrheit: Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen, doch es blieb bei einem leeren Versprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8 Der Kampf um den Thron ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die turbulenten Jahre der Ersten Republik 1960-1965 ===&lt;br /&gt;
Dass in dieser ersten Zeit der Unabhängigkeit viel improvisiert werden musste, war jedem klar. Dass nicht alles wie am Schnürchen klappen würde, war nicht weiter tragisch. Aber die Probleme, mit denen sich der Kongo in den ersten sechs Monaten seiner Existenz dann tatsächlich konfrontiert sah, konnte wirklich niemand voraussehen: eine schwere Meuterei in der Armee, eine Massenflucht der bis dahin im Land verbliebenen Belgier, eine Invasion belgischer Truppen, eine militärische Intervention der UNO, logistische Unterstützung der Sowjetunion, eine sehr hitzige Phase des Kalten Krieges, eine beispiellose Verfassungskrise, zwei Sezessionen, die ein Drittel des Territoriums betrafen – und zu all dem noch die Verhaftung, Flucht und erneute Festnahme und dann die Folterung und Ermordung des Premierministers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch in den Jahren darauf kam das Land nicht zur Ruhe. Der Zeitraum von 1960 bis 1965 wird heute als Erste Republik bezeichnet, hatte aber eher den Charakter einer Endzeit. Das Land zerfiel und erlebte einen Bürgerkrieg, ethnische Pogrome, zwei Staatsstreiche, drei Aufstände und sechs Staatsoberhäupter (Lumumba, Ileo, Bomboko, Adoula, Tschombé und Kimba), von denen zwei auf jeden Fall, vielleicht sogar drei ermordet wurden: Lumumba, erschossen 1961; Kimba, erhängt 1966; Tschombé, tot vorgefunden in einer Gefängniszelle in Algerien 1969. Sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Mann, der an der Spitze einer unschlüssigen Weltregierung stand, verlor unter nie aufgeklärten Umständen das Leben: ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte der Nachkriegszeit. Der Blutzoll unter der kongolesischen Bevölkerung wurde nirgendwo dokumentiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik des Kongo war eine apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte. Auf politischer und militärischer Ebene versank das Land in einem totalen, unentwirrbaren Chaos, auf wirtschaftlicher Ebene war das Bild klarer: Es ging ständig nur noch abwärts. Dennoch fiel der Kongo nicht der puren Irrationalität anheim. Die Misere der ersten fünf Jahre war nicht die Folge einer Renaissance der Barbarei, der Auferstehung von in den Jahren der Kolonialherrschaft unterdrückten Primitivismen, geschweige denn der Ausdruck einer genuinen »Bantuseele«. Nein, auch hier war das Chaos eher das Resultat von Logik als von Unvernunft, genauer gesagt: das Resultat der Konfrontation unterschiedlicher Logiken. Der Präsident, der Premierminister, die Armee, die Rebellen, die Belgier, die UNO, die Russen, die Amerikaner: Jeder für sich agierte entsprechend einer Logik, die in sich konsistent und nachvollziehbar, mit der Logik der anderen jedoch oft unvereinbar war. Wie im Theater war auch hier die Tragödie der Geschichte keine Sache von Vernünftigen gegen Unvernünftige, von Guten gegen Böse, sondern von Menschen, die sich zusammenschlossen und sich selber einer wie der andere als gut und vernünftig ansahen. Idealisten standen Idealisten gegenüber, aber jeder Idealismus, der zu fanatisch ausgelebt wird, führt zu Verblendung, der Verblendung der Guten. Die Geschichte ist ein abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die turbulenten ersten fünf Jahre des Kongo lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase umfasst die Zeit vom 30. Juni 1960 bis zum 17. Januar 1961, dem Tag, an dem Lumumba ermordet wurde. In diesen ersten sechs Monaten stürzte das Kartenhaus des Kolonialstaates ein, und die &#039;&#039;Kongo-Krise&#039;&#039; dominierte Woche für Woche weltweit die Nachrichten. Die zweite Phase betraf den Zeitraum 1961-1963 und stand hauptsächlich im Zeichen der Abspaltung Katangas. Sie endete, als sich die aufständische Provinz – nach einer massiven UNO-Intervention – wieder dem Land anschloss. Die dritte Phase begann mit dem Jahr 1964, als im Osten des Kongo eine Rebellion ausbrach, die dann die Hälfte des Landes erfasste. In zähen Kämpfen eroberte die Zentralregierung die Kontrolle über das Territorium zurück. Das Jahr 1965 sollte eine Rückkehr zur Normalität einläuten, endete jedoch unerwartet mit dem Putsch Mobutus am 24. November. Dieser Staatsstreich prägte die weitere Geschichte des Kongo. Mobutu blieb zweiunddreißig Jahre an der Macht, bis 1997. Das war die sogenannte Zweite Republik mit ihrer anfangs straff zentralisierten Regierung, die sich zu einer Diktatur entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war durch ein Wirrwarr von Namen kongolesischer Politiker und Militärs, europäischer Berater, UNO-Personal, weißer Söldner und einheimischer Rebellen gekennzeichnet. Vier Namen dominierten jedoch das Spiel: Kasavubu, Lumumba, Tschombé und Mobutu. Zwischen ihnen entspann sich ein Machtkampf, der in seiner Komplexität und Intensität Shakespearschen Königsdramen nicht nachstand. Die Geschichte der Ersten Republik ist die Geschichte eines knallharten Ausscheidungsrennens zwischen vier Männern, die zum ersten Mal das Spiel der Demokratie spielen mussten. Ein unmöglicher Auftrag, umso mehr, da jeder von ihnen von ausländischen Akteuren bedrängt wurde, die ihre Eigeninteressen im Kongo vertraten. Kasavubu und Mobutu wurden hofiert vom CIA, Tschombé war zeitweise ein Spielball seiner belgischen Berater, Lumumba stand unter gewaltigem Druck von Seiten der USA, der UdSSR und der UNO. Der Machtkampf dieser vier Politiker wurde dramatisch verschärft und noch komplizierter gemacht durch das Gezerre aus dem Ausland. Es ist schwierig, der Demokratie zu dienen, wenn mächtige Akteure über einem ständig und oft panikartig an den Fäden ziehen. Außerdem hatte keiner von ihnen zuvor im eigenen Land auch nur einen Tag in einer Demokratie gelebt. Belgisch-Kongo hatte kein Parlament besessen, es existierte keine Kultur institutionalisierter Opposition, sachlicher Auseinandersetzung, Konsenssuche, Kompromissbereitschaft. Alles war von Brüssel aus gelenkt worden, die Kolonialregierung vor Ort war nicht mehr als eine ausführende Behörde gewesen. Meinungsverschiedenheiten waren vor der einheimischen Bevölkerung vertuscht worden, da sie nur dem Prestige der Kolonialmacht geschadet hätten. Der Inhaber des höchsten Amtes, der Generalgouverneur mit seinem weißen, mit Geierfedern geschmückten Helm, glich in seiner scheinbar unantastbaren Allmacht mehr dem traditionellen Herrscher eines feudalen afrikanischen Königreichs als dem Spitzenbeamten einer demokratischen Regierung. Kann es dann erstaunen, dass diese erste Generation kongolesischer Politiker mit den demokratischen Grundprinzipien rang? Und dass sie eher Thronanwärtern glichen, die sich gegenseitig nach dem Leben trachteten, als gewählten Volksvertretern? In den historischen Königreichen in der Savanne war ein Thronwechsel immer mit einem heftigen Machtkampf einhergegangen. 1960 war es nicht anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging es denn letztlich nicht darum, wer der Nachfolger von König Baudouin werden durfte? Kasavubu war der erste und einzige Präsident der Ersten Republik. Die Galauniform, die er sich schneidern ließ, war eine exakte Kopie der Uniform Baudouins. In Léopoldville und Bas-Congo konnte er auf breite Unterstützung zählen. Seine Stellung als Staatsoberhaupt war selten offen bedroht, doch 1965 wurde er von Mobutu beiseitegeschoben. Auch dessen Galaanzug kurze Zeit später war dem von Baudouin nachempfunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Machtbasis lag im Osten, mit Stanleyville als Zentrum. Er war der populärste Politiker des Kongo, aber es wurmte ihn, dass er Kasavubu als Präsident über sich dulden musste. Er erlebte nur die ersten sechs Monate der Ersten Republik, doch auch nach seinem Tod beeinflusste sein Gedankengut die Politik in starkem Maße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé fühlte sich noch mehr zurückgesetzt. Seine Partei war bei der Regierungsbildung schlecht weggekommen. Er hatte sich mit dem Amt des Provinzgouverneurs von Katanga in Elisabethville zufriedengeben müssen. Und auch wenn das in Anbetracht der Fläche und der Industrie noch immer so war, als sei er innerhalb eines Vereinten Europas Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden, musste er akzeptieren, dass sich das Zentrum der Macht woanders befand, in Léopoldville.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schließlich war am Tag der Unabhängigkeit der unbedeutendste der vier: Er war der Privatsekretär von Lumumba. Er hatte keine große Stadt hinter sich wie die anderen drei, geschweige denn ein mächtiges Volk wie Kasavubu (mit den Bakongo) oder Tschombé (mit den Lunda). Er kam aus einem kleinen Stamm ganz im Norden der Provinz Équateur, den Ngbandi, einer peripheren Bevölkerungsgruppe, die nicht einmal eine Bantu-Sprache sprach wie der Rest des Kongo. Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er auch der jüngste der vier (Kasavubu war fünfundvierzig, Tschombé vierzig, Lumumba fünfunddreißig). Doch fünf Jahre später war er allmächtig. Er wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Zentralafrikas und zu einem der reichsten Menschen der Welt. Die klassische Geschichte vom Laufjungen, der es zum Mafiaboss bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des ersten Aktes der kongolesischen Unabhängigkeit war Patrice Lumumba die unumstrittene, zentrale Figur. Nach seiner aufrührerischen Rede bei der Zeremonie der Machtübergabe waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als sich der Vorhang des kongolesischen Dramas hob, war er ein dynamischer Volkstribun, angebetet von Zehntausenden kleiner Leute. Nur einige Szenen später wurde er bereits verachtet, angespuckt und gezwungen, eine Kopie seiner Rede zu essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juli 1960. Trockenzeit. Stahlblauer Himmel. Vier Tage dauerten die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit. Die Armee, die Force Publique, sicherte wie eh und je die öffentliche Ordnung. Sie war der Fels in der Brandung. Der jetzt unabhängige Kongo hatte nicht gleich Wind in den Segeln – die politischen Institutionen waren zu neu, die politische Erfahrung gleich null, die Herausforderungen gigantisch –, aber die Streitkräfte waren in sich stabil. Das Offizierskorps war noch durchgehend belgisch: Tausend Europäer hatten die Befehlsgewalt über fünfundzwanzigtausend Kongolesen. Oberbefehlshaber war noch immer General Janssens, der Mann, der die Unruhen im Januar 1959 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Ohne Zweifel der preußischste aller belgischen Offiziere, war er ein großer Militär mit rigiden Prinzipien: Disziplin war ihm heilig, Protest eine Abirrung, Unordnung ein Zeichen von Charakterschwäche. Er musste Lumumba als Minister über sich dulden, denn der hatte neben dem Amt des Premiers auch das Verteidigungsressort erhalten. Später würde er über Lumumba schreiben: »Moralische Persönlichkeit: keine; intellektuelle Persönlichkeit: vollkommen oberflächlich; physische Persönlichkeit: aufgrund seines Nervensystems glich er mehr einer Raubkatze als einem Menschen.«1 Hier zeigt sich, wie die Karten verteilt waren. Der Kongo war zwar unabhängig, doch die Belgier hatten neben der Wirtschaft auch den Militärapparat voll und ganz unter Kontrolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Donnerstag, dem 30. Juni, knallte das Feuerwerk, am Montag, dem 4. Juli, kam es schon zum Eklat. Als stabiles Land existierte der Kongo nur wenige Tage. Während der Mittagsparade in der Kaserne »Leopold II.« verweigerten einige Soldaten den Gehorsam. General Janssens kam hinzu und tat, was er in solchen Fällen immer tat: die aufsässigen Elemente degradieren. Die Wirkung war diesmal genau entgegengesetzt. Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfhundert Soldaten in der Kantine, um ihren Unmut zu äußern. Sie hatten es satt. Schon seit eineinhalb Jahren hatten sie überall Feuerwehr spielen müssen und kleinere Aufstände niedergeschlagen. Nun forderten sie Aufstiegsmöglichkeiten in der militärischen Hierarchie, eine Erhöhung des Soldes und das Ende des Rassismus. Schon kurz vor der Unabhängigkeit hatten sie geschrieben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand vergisst, dass in der Force Publique wir, die Soldaten, wie Sklaven behandelt werden. Wir werden willkürlich bestraft, weil wir Neger sind. Wir haben kein Recht auf dieselben Vorteile und Einrichtungen wie unsere Offiziere. Unsere Zweipersonenstuben sind sehr beengt (7,50 m² Fläche) und weder mit Möbeln noch mit Elektrizität ausgestattet. Wir bekommen wenig zu essen, und unsere Verpflegung entspricht bei weitem nicht den hygienischen Vorschriften. Der Sold, den man uns zubilligt, reicht nicht aus, die heutigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, die von Schwarzen geleitet werden. Es genügt, ertappt zu werden mit &#039;&#039;Présence Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Indépendance&#039;&#039;, &#039;&#039;Emancipation&#039;&#039;, &#039;&#039;Notre Congo&#039;&#039; . . . um auf der Stelle zwei Wochen ins Gefängnis zu wandern. Nach dieser ungerechten Bestrafung wird man in die Strafkompanie in Lokandu versetzt, wo einem das militärische Leben beigebracht wird. (. . .) In der Force Publique leben unsere Offiziere auf amerikanische Art; sie haben bessere Unterkünfte, sie wohnen in großen, modernen Häusern, die alle von der Force Publique eingerichtet wurden, ihr Lebensstandard ist sehr hoch, sie sind überheblich und leben wie Herren; das alles um des Prestiges willen, weil sie weiß sind. Heute ist es der einmütige Wunsch aller kongolesischen Soldaten, verantwortliche Posten zu bekleiden, einen anständigen Sold zu erhalten und jeder Form von Diskriminierung innerhalb der Force Publique Einhalt zu gebieten.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um einer so großen Frustration etwas entgegenzusetzen, bedurfte es einer tiefgreifenden Armeereform; für General Janssens war eine solche Reform in den unruhigen Monaten vor und nach der Unabhängigkeit jedoch ausgeschlossen. Der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere wurde gerade an der Königlichen Militärakademie Brüssel ausgebildet, und in Luluabourg war eine Schule für Unteroffiziere gegründet worden. In einigen Jahren würden sie ihre Posten antreten können, fürs Erste aber blieb alles beim Alten. Am Morgen des 5. Juli, einem Dienstag, begab sich Janssens in die Leopold-II.-Kaserne und erteilte seinen Soldaten eine unmissverständliche Lektion in militärischer Disziplin: Die Force Publique stünde im Dienste des Landes, das sei so zur Zeit von Belgisch-Kongo gewesen, und das müsse auch jetzt so sein. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schrieb er mit großen Lettern an eine Schultafel: »&#039;&#039;Avant l&#039;indépendance = après l&#039;indépendance«&#039;&#039;: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Das war keine gute Idee. Die Soldaten bekamen den Slogan in die falsche Kehle. Sie hatten miterleben müssen, wie kongolesische Beamte von einem Tag auf den anderen hohe Posten in der Verwaltung erhielten und in welchem Ausmaß Politiker von der großen Wende profitierten. Das neue Parlament hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen beschlossen, dass die Volksvertreter das Recht auf eine Diät von 500.000 Franc hatten, fast doppelt so viel wie ihre belgischen Kollegen.3 Schlagartig wurde den Soldaten klar, dass das Fest der Unabhängigkeit für sie nichts in petto hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft wird die Meuterei der Armee mit Lumumbas aufrührerischer Rede erklärt. Aber ob das wirklich stimmt, bleibt dahingestellt, denn die Soldaten waren genauso wütend auf ihre frisch angetretenen Politiker wie auf ihre weißen Vorgesetzten. Sie wollten ihre Wut nicht nur an General Janssens auslassen, sondern auch an Lumumba selbst! In ihren Augen war er weniger ein Held als ein Verteidigungsminister, der selber nie Soldat gewesen war, ein Intellektueller mit elegantem Anzug und Fliege, der sich groß aufspielte, während sich an ihrer Lage trotz aller schönen Versprechungen nichts änderte.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch am selben Tag, dem 5. Juli, griff die Meuterei auf die Garnisonsstadt Thysville über, knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort ging es sehr viel gewalttätiger zu. Mehrere hundert Soldaten revoltierten. Sie verprügelten ihre Offiziere, die sich gezwungen sahen, sich mit ihren Frauen und Kindern im Offizierskasino zu verschanzen. Unterdessen besetzten sie das Munitionsdepot. Außerhalb der Kaserne, an der Straße, die zur Hauptstadt führte, kam es zu schweren Zwischenfällen in der Gegend von Madimba-Inkisi. Soldaten bedrängten diesmal keine weißen Offiziere, sondern weiße Zivilisten. Mehrere Europäerinnen wurden Opfer sexueller Gewalt. Eine von ihnen wurde innerhalb von fünf Stunden sechzehnmal vergewaltigt, im Beisein ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Kinder.5 Die Gerüchte darüber erreichten erst einige Tage später die Hauptstadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba versuchte inzwischen, der Meuterei in seiner Armee mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Er griff zu drei aufeinanderfolgenden Maßnahmen, die jede für sich gut gemeint waren, deren weitreichende Folgen er jedoch nicht absehen konnte. Am 6. Juli inspizierte er, zusammen mit General Janssens, die Truppen in der Leopold-II.-Kaserne in der Hauptstadt. Bei diesem Anlass versprach er, jeden Soldaten in den nächsthöheren Rang zu befördern. »Der Gefreite wird Obergefreiter, der Obergefreite wird Hauptgefreiter, der Hauptgefreite wird Unteroffizier, der Unteroffizier wird Feldwebel, der Feldwebel wird Oberfeldwebel, der Oberfeldwebel wird Hauptfeldwebel und der Hauptfeldwebel wird Adjutant.«6 Die erwünschte Wirkung blieb aus. &#039;&#039;»Lokuta!«,&#039;&#039; riefen die Soldaten, »Lügen«.7 So einfach ließen sie sich nicht abwimmeln. Es ging ihnen um höhere Ränge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später machte Lumumba ein weiteres Zugeständnis. Er setzte General Janssens ab und ernannte Victor Lundula zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Joseph-Désiré Mobutu als dessen Stabschef. Er hoffte, dass sich die Afrikanisierung an der Spitze der Armeeführung positiv auf die Truppenmoral auswirkte. Deshalb ging er auch gleich zu seiner dritten Maßnahme über: eine vorgezogene und radikale Afrikanisierung des Offizierskorps. Die Soldaten durften selbst die Kandidaten vorschlagen, die zum Offizier befördert werden sollten. So wurden Unteroffiziere und Stabsfeldwebel ohne Zwischenstufen Major oder Oberst. Um diesen Bruch zu betonen, erhielt die Force Publique auch einen anderen Namen: Künftig hießen die Streitkräfte &#039;&#039;Armée Nationale Congolaise&#039;&#039; (ANC).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Entscheidungen besänftigten die Gemüter einigermaßen, das Ergebnis aber war verheerend: Die Demokratische Republik Kongo besaß nach der ersten Woche ihrer Existenz keine funktionale Armee mehr. Der stabilste Stützpfeiler des neuen Staates war untergraben worden. Im heutigen entmilitarisierten Europa, in dem die NATO unsichtbar für Sicherheit sorgt, ist es nicht einfach zu begreifen, wie entscheidend die Rolle einer Armee in einem noch jungen Staat ist. Zu einem richtigen Staat wird er erst in dem Maße, in dem es ihm gelingt, die Gewalt (sozial, tribal, territorial) zu monopolisieren. Im unruhigen Kongo der sechziger Jahre war die Armee lebensnotwendig. Doch die Force Publique, die Kolonialarmee, die sich bedeutender Siege im Ersten und Zweiten Weltkrieg rühmen konnte, war innerhalb von nur einer Woche auf einen chaotischen Haufen reduziert worden. Das Oberkommando führten nun zwei Reservisten: Lundula, der Bürgermeister von Jadotville, der fünfzehn Jahre zuvor Sanitätsfeldwebel gewesen war, und Mobutu, ein Journalist, der in der Force Publique einmal Hauptfeldwebel und Buchhalter gewesen war und der nun seit kurzem der Vertraute Lumumbas war. Einst fuhren sie zusammen auf einem Moped durch die Straßen von Léopoldville, nun waren sie Ministerpräsident bzw. Stabschef eines unermesslich großen Landes mit einer desolaten Armee. Dass Mobutu auch eine Vertrauensperson der belgischen und amerikanischen Geheimdienste war, wollte Lumumba nicht wahrhaben. Diese Realitätsverweigerung sollte ihn das Leben kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Versuche, die Meuterei zu bekämpfen, erinnern an die belgischen Pazifizierungsversuche als Antwort auf die sozialen Unruhen in den fünfziger Jahren: Konfrontiert mit einem rebellischen Teil der Gesellschaft, traf auch er übereilte Entscheidungen und machte bedeutende Zugeständnisse in der Hoffnung, so die Ruhe wiederherzustellen. Auch diesmal war das Resultat genau entgegengesetzt. Der Unmut wurde nicht eingehegt, sondern nahm immer mehr Raum ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsere Frauen werden vergewaltigt!« Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den im Kongo lebenden Europäern. Am 7. Juli war ein Zug, voll besetzt mit aus Thysville geflohenen Belgiern, in der Hauptstadt angekommen. Ihre Berichte übertrafen für viele noch die düstersten Szenarien. Manche waren angespuckt, gedemütigt und ausgebuht worden, viele fühlten sich bedroht. Aber die Aufregung über sexuelle Gewalt führte zur größten Panik. In der Kolonialgesellschaft war keine größere Kluft denkbar als die zwischen dem afrikanischen Mann und der europäischen Frau (die umgekehrte Konstellation, Kontakt zwischen einem europäischen Mann und einer afrikanischen Frau, war gang und gäbe). Jamais Kolonga war eine nationale Berühmtheit geworden, indem er mit einer Weißen tanzte. Longin Ngwadi hatte König Baudouin angeblich erzählt, dass er eine Europäerin heiraten wolle. Naive Seelen hatten vor dem 30. Juni geglaubt, sie könnten mit der Unabhängigkeit ein belgisches Haus und eine belgische Frau erwerben. Die weiße Frau war unerreichbar und erweckte gerade deshalb eine so große Neugier. In den späten fünfziger Jahren erlebte ein Belgier einen amüsanten, aber aufschlussreichen Vorfall:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Niederlassung Katana gab es ein Postamt mit einem einheimischen Vorsteher. Eines Tages kommt der Vorsteher zu mir und sagt: »Monsieur, man hat mich betrogen.« Und ich frage: »Was ist denn passiert?« »Also, Monsieur (das ganze Gespräch war auf Swahili), schauen Sie mal, ich habe hier einen Katalog von Au Bon Marché in Brüssel und sehe das Foto hier. (Es war die Abbildung einer hübschen jungen Frau mit einem sehr schönen BH.) Ich habe das bestellt, und wissen Sie, was die mir geschickt haben? Einen leeren BH.« Unser Postvorsteher hatte gemeint, dass er die Frau dazu bekäme, und er fand sie recht preiswert im Vergleich zum Brautpreis für eine einheimische Frau.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiße Frauen im Kongo der Kolonialzeit waren fast immer Ehefrauen oder Nonnen. Sexuelle Beziehungen mit ihnen waren so gut wie ausgeschlossen. Sexuelle Gewalt nach der Unabhängigkeit war eine brutale Handlungsweise, sich das unerreichbarste Element der Kolonialgesellschaft nachträglich anzueignen und zugleich die ehemaligen Machthaber tief zu demütigen. Auf beiden Seiten herrschten Klischees: So wie die weiße Frau für viele kongolesische Männer ein halb mythisches Wesen war, so hegten viele Europäer von jeher halb mythische Vorstellungen über afrikanische Sexualität. Diese Klischees beeinflussten die Ereignisse. Die Vergewaltigungen waren schrecklich, aber ihre Zahl stand in keinem Verhältnis zu der Panik, die sie unter den Europäern verursachten. Alle versetzten sich gegenseitig mit Gräuelgeschichten in Aufruhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein groß angelegter Exodus war die Folge, noch bevor es ein einziges Todesopfer gegeben hatte. Innerhalb weniger Wochen verließen schätzungsweise dreißigtausend Belgier das Land.9 In Léopoldville standen die Autos in kilometerlangen Schlangen, um sich am Beach auf die Fähre nach Brazzaville einzuschiffen. Viele VW-Käfer, viele Pick-ups, viele Mercedes, und alle noch immer mit dem CB-Aufkleber für &#039;&#039;Congo belge&#039;&#039; an der Stoßstange . . . Andernorts wurden die Autos einfach zurückgelassen. Vor der Unabhängigkeit hatte Brüssel die Belgier dazu aufgefordert, möglichst auf ihrem Posten in der Kolonie zu bleiben – der junge Kongo würde ihren Sachverstand dringend benötigen –, doch zwei Wochen später empfahl Belgien seinen Landsleuten, nach Hause zurückzukehren oder schon mal Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Fluggesellschaft Sabena organisierte eine Luftbrücke und flog innerhalb von drei Wochen mehrere zehntausend Europäer aus. Es war ein erschütternder Abzug. Um die zehntausend Beamte, dreizehntausend Angestellte aus dem Privatsektor und achttausend Plantagenbesitzer verließen das Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute wissen wir, dass diese plötzliche Massenpsychose in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stand. Es war, als leere sich ein Kino fluchtartig, nachdem jemand hysterisch »Feuer! Feuer!« gerufen hat, obwohl nur ein Aschenbecher in Flammen steht. »Seht doch nur, ein schreckliches Feuer!«, rufen die Kinobesucher auf dem Weg zum Ausgang, sind sich aber nicht darüber im Klaren, dass sie das Feuer erst richtig schüren, indem sie die Saaltüren öffnen. Sicher, die Lage war ernst, aber es gab keinen Grund zu einer allgemeinen Evakuierung. Doch das sah man damals anders. Jede Panikwelle erreicht irgendwann eine Dynamik, die sich nicht mehr zügeln lässt. Ähnlich wie sich die Kaserne von Luluabourg 1944 durch eine irrationale Angst vor einer Impfkampagne leerte, so verließen die europäischen Bewohner den Kongo, weil sie das Sicherheitsrisiko falsch einschätzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch gab es auch damals Menschen, die einen kühlen Kopf behielten. In Bas-Congo, in dem kleinen Dorf Nsioni, wohnte ich im Jahr 2008 ein paar Tage bei dem alten Arzt Jacques Courtejoie, einem Mann aus Stavelot (in der Provinz Lüttich), der als Kind die Ardennenoffensive in einer Entfernung von dreihundert Metern von seinem Elternhaus miterlebt hatte. Eine Lektion in Kaltblütigkeit. Er lebte bereits seit 1958 im Kongo, immer allein, immer unverheiratet, als ein Missionar der Wissenschaft, ein Einmannbetrieb des Humanismus, der Mitmenschlichkeit und des Optimismus. Er hatte ein halbes Dutzend Menschen aus der Umgebung unterrichtet und ausgebildet; er vermittelte ihnen Verantwortungsgefühl und Selbstvertrauen. Gemeinsam machten sie Bücher und Plakate mit medizinischer Aufklärung, die im ganzen Kongo verbreitet wurden, Bücher über Bandwürmer, Augenkrankheiten und sogar Kaninchenzucht, Plakate zu Themen wie Händewaschen, TBC und Säuglinge stillen. Selten sah ich einen Mann unter so schwierigen Umständen so selbstverständlich der Menschenwürde dienen. Ein unbekannter Albert Schweitzer. Vom ersten Tag seines Aufenthaltes im Kongo an war Jacques Courtejoie ein erbitterter Gegner des Kolonialismus. »Im Juli 1960 hörte ich die Nachrichten im Radio. Überall brach Panik aus, alle flohen. Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und die Sache rational zu sehen. Ich sah überhaupt nicht ein, warum ich gehen sollte.« Er war einer der wenigen, die blieben. Nach drei Monaten Unabhängigkeit zählte der Kongo nur noch rund hundertzwanzig Ärzte.10 »Es herrschte so viel irrationale Angst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Monate vor der Unabhängigkeit war ich noch bei einem weißen Distriktverwalter zum Essen eingeladen. Er kam spät nach Hause, weil er zu einer politischen Versammlung der Abako gemusst hatte. Seine Frau begrüßte ihn mit den Worten: ›Ich hoffe doch sehr, dass du diesem Kasavubu nicht die Hand gegeben hast!‹ Ich habe es noch heute im Ohr. Sogar noch in der Zeit wollte man einem Afrikaner nicht nahe kommen! Und zwei Monate später war dieser Mann der Präsident des Kongo! Das war echt die Stimmung, die damals herrschte. Schwarze durften nie mit im Auto fahren, höchstens auf der Ladefläche eines Pick-up, nicht mal Kranke oder Schwangere. Ich habe noch erlebt, dass die alte Mutter eines schwarzen Priesters auf der Ladefläche liegen musste, obwohl sie schwer krank war. Hier in der Gegend aßen Weiße nie mit Schwarzen an einem Tisch.«11 Courtejoie opponiert noch immer täglich dagegen. Wenn er heute mit seinen Mitarbeitern loszieht, darf jeder mit, bis der Jeep proppenvoll ist. In den Lunchpausen unterwegs teilt er das Maniokbrot mit ihnen, und sie essen gemeinsam aus derselben Sardinenbüchse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Europäer flohen mit dem Gedanken, nach ein paar Monaten, wenn sich die Lage beruhigt hätte, zurückzukehren. Doch es kam anders. Das führte zu viel Verbitterung, zumal die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht ausgesprochen stolz auf ihre Leistung waren. Nicht wenige waren davon überzeugt, dass sie, als Bürger eines kleinen Landes, sich selbst übertroffen und uneigennütziges Engagement und grenzenlosen Einsatz an den Tag gelegt hätten. Vladimir Drachoussoff, der Agronom, der im Zweiten Weltkrieg sein spannendes Tagebuch geführt hatte, erinnerte sich in den achtziger Jahren an »die Freude, an der Entwicklung eines großen Landes mitzuarbeiten, das heute Ausland ist, aber das wir tief im Innern als das unsere empfanden«.12 Die Kolonie hatte vielen Menschen Chancen geboten, die sie in Europa nie gehabt hätten, sie war ihnen das teuerste Vaterland. Und nun wurde es zum Ausland. Thomas Kanza, der erste Kongolese mit einem Universitätsdiplom und blutjunger Minister in der Regierung Lumumba, zeigte einen verblüffenden Einblick in diese Geisteshaltung, als er schrieb: »Fast alle erreichten in Afrika mehr, als sie in Europa erreicht hätten, denn die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, Sachkenntnisse zu beweisen, ihre Dynamik, kurz gesagt, ihre Persönlichkeit zu bestätigen, waren in den Überseegebieten größer als in Europa.«13 Den Kongo zu verlassen bedeutete also auch: einen Traum aufgeben, einen Traum von Selbstentfaltung, der für viele mit einem paternalistischen Ideal einherging. Drachoussoff war auch in dieser Sache sehr ehrlich: »Unser Paternalismus war solide und friedfertig: Wir waren tief und aufrichtig davon überzeugt, dass wir nicht nur die Träger einer moderneren Zivilisation waren, sondern der Zivilisation &#039;&#039;tout court&#039;&#039;, die der Maßstab und der Standard aller Völker auf Erden war. (. . .) Fast alle waren wir stolz darauf, Europäer zu sein, und wir traten als Konstrukteure und Gestalter an die Welt um uns herum heran, mit dem Willen, sie zu formen und umzugestalten und mit der Überzeugung, dass wir das Recht dazu besaßen.« Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen hatte natürlich auch eine dunkle Seite, erkannte er. Die plötzliche Feindseligkeit zwischen Weiß und Schwarz kam nicht aus heiterem Himmel: »Ein begreifliches, aber gefährliches Gefühl von Überlegenheit prägte die tägliche Praxis der Kolonisation. (. . .) Die ›Zivilisatoren‹ wollten gern beschützen und erziehen, solange die Rangordnung gewahrt blieb und die Schutzbefohlenen respektvoll und untertänig waren. Niemand von uns konnte sich dieser gottgegebenen Hierarchie völlig entziehen, die bei den Mittelmäßigen auf elementaren Rassismus hinauslief und den Edelmütigeren ein gutes Gewissen verschaffte.«14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land zu verlassen, war für die Weißen frustrierend; für das junge Land selbst war ihr Weggang ein zweiter schwerer Schlag. Einfach ausgedrückt: Nach einer Woche hatte der Kongo keine Armee, nach zwei Wochen keine Verwaltung mehr. Richtiger ausgedrückt: Die Verwaltung war ohne Leitung. Nur drei der 4878 höheren Positionen waren 1959 von Kongolesen besetzt.15 Plötzlich mussten Menschen mit unzureichender Ausbildung wichtige Funktionen in der Bürokratie übernehmen, oft weit über ihrem Kenntnisstand. Die Armee war für die Aufrechterhaltung der Ordnung unabdingbar, die Verwaltung für einen funktionierenden Staat. In Kisangani unterhielt ich mich darüber mit der sehr schillernden Figur Papa Rovinscky, wie der Beiname von Désiré van-Duel lautete, wiederum ein belgisch anmutender Beiname zu seinem afrikanischen Namen Bonyololo Lokombe. Wenn sich dein Land zu deinen Lebzeiten schon viermal umbenannt hat, warum solltest du dann nicht auch deinen eigenen Namen ändern können? Papa Rovinscky empfing seinen Besuch mit Musik. Er schlug die Schlitztrommel und war noch in der Lage, in der Sprache seines Stammes, der Lokele, Signale über große Entfernungen zu verbreiten. »Der Weiße ist hier und sitzt im Sessel«, trommelte er auf seinem Urwald-Telefon in die Runde, als ich Stift und Notizbuch hervorholte. An der Wand des Wohnzimmers hing seine handgeschriebene Lebensgeschichte samt Lebenslauf. Er hatte seine fünfunddreißig Kinder mit neun verschiedenen Frauen aufgelistet, &#039;&#039;»dont 8 cartouches perdues«&#039;&#039;, darunter acht abgeirrte Kugeln. Er beschrieb sich selbst so: »unabhängiger Journalist und Diakon, von Natur aus nationaler und internationaler Historiker, externer Mitarbeiter von kommunikationeller Klasse [keine Ahnung, was er damit meinte, aber es klang recht gut], Friedenskünstler, multidimensionaler Barde.« Aber heute, mit dreiundsiebzig, verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem mit dem Schreinern von Särgen, insbesondere für Kinder, denn die Nachfrage war groß. Im Kongo stirbt eines von fünf Kindern noch vor dem fünften Geburtstag. Vor der Unabhängigkeit war er Stenotypist bei der Kolonialverwaltung. Er konnte blind tippen (»Meine Finger hatten Augen«), aber nach der Unabhängigkeit wurde er ins Amt des Stadtdirektors von Tshopo katapultiert. »Es gab nur noch ein paar Weiße, die anderen Führungskräfte waren alle schwarz. Keiner war vorbereitet. Der Bürgermeister stellte ein Team zusammen. Weil ich Steno und Maschineschreiben konnte, wurde ich Stadtdirektor. Ich musste die Protokolle der Gemeindevertretung aufsetzen. Das war wirklich nicht einfach für mich! Ich hatte überhaupt keine Ausbildung!«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Exodus der Belgier hatte auch gravierende ökonomische Folgen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1960 erlebte die Landwirtschaft, die auf den Export ausgerichtet war, einen starken Rückschlag. Baumwolle, Kaffee und Kautschuk, bereit zur Ernte, wurden nicht mehr ausgeführt. Die Gewächse verfaulten auf den Plantagen. Der Export von Kakao und Palmnüssen fiel um mehr als die Hälfte zurück.17 Auch andere Sektoren, die stark von europäischem Know-how abhängig waren, traf es empfindlich: Forstwirtschaft, Straßenbau, der Transport- und der Dienstleistungssektor. Nur der Bergbau blieb mehr oder weniger stabil. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Wer jahrelang Boy, Koch oder Putzfrau für eine weiße Familie gewesen war, stand plötzlich auf der Straße. Mehrere zehntausend Arbeiter auf den Plantagen, in den Zuckerraffinerien, Seifensiedereien und Bierbrauereien verloren ihre Jobs. Nach und nach wich die industrielle der traditionellen Landwirtschaft. Man baute wieder Maniok an, schälte Mais und sammelte Heuschrecken, man besuchte wieder Verwandte, wenn man Hunger hatte. Die Kleinfamilie, das Ideal des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, für das die Missionen unentwegt geworben hatten, wurde nach einiger Zeit wieder gegen das weitläufige Netz von Onkeln, Vettern und Cousinen eingetauscht, auf das man in schlechten Zeiten zurückgreifen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unruhen vom Juli 1960 ruinierten nicht nur die Armee, die Verwaltung und die Wirtschaft, sondern führten auch zu einem bewaffneten Konflikt. In Elisabethville gab es am 9. Juli die ersten Toten: Fünf Europäer, darunter der italienische Konsul, wurden abgeschlachtet. So konnte es nicht weitergehen, entschied noch in derselben Nacht der belgische Verteidigungsminister Arthur Gilson. Entgegen dem Ratschlag von Außenminister Wigny und ohne den belgischen Botschafter in Léopoldville zu informieren, gab er grünes Licht für eine militärische Intervention.18 Das Leben von Landsleuten sei in Gefahr, lautete seine Begründung. Am frühen Morgen des 10. Juli stiegen vom Luftstützpunkt Kamina Maschinen der belgischen Luftwaffe mit Soldaten für Elisabethville auf. Über Luluabourg wurde an diesem Tag eine Gruppe Fallschirmspringer abgesetzt, um Belgier zu befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine in jeder Hinsicht verhängnisvolle Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgischen Soldaten waren bereits einige Wochen vor der Unabhängigkeit auf den Militärbasen Kitona und Kamina stationiert worden. Entsprechend dem »Freundschaftsvertrag«, den beide Länder unterzeichnet hatten, sollte Belgien dem unabhängigen Kongo militärischen Beistand leisten, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch Léopoldvilles, also auf Ersuchen von Verteidigungsminister Lumumba. Das war hier aber ganz und gar nicht der Fall. Brüssel schob das Argument vor, es ginge ihm lediglich darum, die Sicherheit der belgischen Staatsbürger zu gewährleisten, doch schon bald besetzte Belgien große Teile der ehemaligen Kolonie. Da die kongolesische Armee nahezu handlungsunfähig war, wollte Belgien selbst die Ordnung (und die Wirtschaft) aufrechterhalten, denn man wollte nicht zulassen, dass das, was in einem Dreivierteljahrhundert aufgebaut worden war, innerhalb von vier Wochen zerstört wurde. Das war begreiflich, aber äußerst unklug. Belgien hätte sich darauf beschränken müssen, seine Bürger zu beschützen. Für alles andere hätte es sich an die Vereinten Nationen wenden müssen. Nun lief sein eigenmächtiger Eingriff auf die militärische Invasion eines souveränen, unabhängigen Staates hinaus. In Katanga entwaffneten belgische Soldaten unter Zwang kongolesische Armeeangehörige, die nicht einmal meuterten! Zum ersten Mal seit 1830 unternahm das Königreich Belgien eine Offensive auf fremdem Boden, auch wenn es sich der Tragweite offenbar kaum bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba waren anfangs geneigt, das Vorgehen Belgiens zu gestatten – es waren ja tatsächlich Belgier in Gefahr –, doch einen Tag später überlegten sie es sich anders und gaben ihre wohlwollende Haltung auf. Und das aus berechtigtem Grund: Am 11. Juli kam der wahre Sachverhalt ans Licht, sogar zweimal. Erstens beschossen an diesem Tag zwei Schiffe der belgischen Marine die Hafenstadt Matadi. Das hatte nichts mehr mit dem Schutz belgischer Bürger zu tun, denn die waren größtenteils evakuiert worden, sondern einzig und allein mit der Einnahme eines strategisch wichtigen Hafens. Zweitens, und das war noch sehr viel bedeutsamer, erklärte Tschombé an diesem Tag die Unabhängigkeit Katangas und wurde sofort von Belgien unterstützt. Kasavubu und Lumumba reisten in diesen Tagen durch das ganze Land, um Unruhen zu beschwichtigen. Sie waren über die Desintegration ihres Landes ebenso besorgt wie Belgien. In Bas-Congo gelang es Persönlichkeiten wie Gaston Diomi, einem der Bürgermeister der Hauptstadt, und Charles Kisolokele, einem der Söhne von Simon Kimbangu, die Meuterei durch ihren klugen und mutigen Einsatz einzudämmen. Es gab also einheimische, oft erfolgreiche Initiativen. Als der Präsident und der Premierminister von der Abspaltung Katangas erfuhren, flogen sie in die Provinz, doch der belgische Kommandant Weber erteilte ihnen keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Elisabethville. Das schaffte selbstverständlich viel böses Blut: Den Nummern 1 und 2 der demokratisch gewählten Regierung wurde der Zugang zur zweitgrößten Stadt ihres Landes verwehrt! Noch dazu von einem ausländischen Offizier, der einen Tag zuvor in der Stadt eingetroffen war!19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba zogen sofort die Schlussfolgerung, dass Belgien hinter der Sezession Katangas steckte. Begreiflich, aber nicht ganz richtig. Die Kontakte zwischen Belgiern und Katangesen waren schon seit langem ausgezeichnet, aber dass Staatsbeamte in Brüssel die Abspaltung Katangas mit geplant hätten, trifft nicht zu.20 In Wirklichkeit war die belgische Regierung von Tschombés verwegener Aktion unangenehm überrascht. Doch in der abtrünnigen Provinz entwickelte sich augenblicklich großes Einvernehmen zwischen den katangesischen Führern, den belgischen Militärs und der Leitung der Union Minière. Belgische Soldaten entwaffneten Lumumbas Truppen und standen mit an der Wiege einer neuen katangesischen Armee, der sogenannten &#039;&#039;Gendarmerie Katangaise&#039;&#039;. Brüssel erkannte den katangesischen Staat nie offiziell an, doch in der Praxis konnte Tschombé auf sehr viel belgische Unterstützung zählen. Die belgische Nationalbank half sogar dabei, die Zentralbank von Katanga aufzubauen.21 Auch das Königshaus hegte große Sympathien. König Baudouin schätzte Tschombé weitaus mehr als Lumumba. Er schrieb ihm: »Ein Bund von achtzig Jahren wie der, der unsere beiden Völker vereint, erschafft viel zu innige Gefühlsbande, um von der hassenswerten Politik eines einzigen Mannes aufgelöst zu werden.« Das Wort »hassenswert« wurde in der endgültigen Fassung gestrichen. Dass es um Lumumba ging, war auch so mehr als deutlich.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch sein militärisches Eingreifen wollte Belgien die Ordnung wiederherstellen, bewirkte aber eine totale Eskalation des Konflikts. Die Geschichte des Kongo zwischen 1955 und 1965 ist nichts anderes als eine Folge von Bemühungen verschiedener Regierungen, die Unruhe einzudämmen, Bemühungen, die jedes Mal in noch mehr Unruhe mündeten. Diesmal jedoch gossen die Belgier besonders viel Öl ins Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem turbulenten Bas-Congo patrouillierten im Juli 1960 vier Harvard-Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe. Sie nahmen Bodenziele unter Beschuss und griffen mit Raketen an. Nach sechs Tagen war eines abgestürzt und eines abgeschossen worden. Die anderen beiden hatten Einschläge von Geschossen an den Tragflächen und am Rumpf.23 Der schwerverletzte Pilot der abgeschossenen Maschine wurde von kongolesischen Soldaten ermordet und in den Inkisi geworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar Vize-Distriktverwalter André Ryckmans wurde erschossen, der Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs. Er war einer der intelligentesten Köpfe in der ehemaligen Verwaltung gewesen, ein Mann, der sich in den Dörfern sehr wohl gefühlt hatte.24 Wer ihn Kikongo sprechen hörte, hätte geschworen, dass da ein Afrikaner redete. Niemand hatte so viel Verständnis für die kongolesische Perspektive wie er. Der alte Nkasi erinnerte sich an ihn als an einen der wenigen Weißen, die wirklich sympathisch waren. Aber als Ryckmans mit den Meuterern über die Freilassung einiger weißen Geiseln verhandelte, wurde er vor den Augen einer aufgestachelten Menschenmenge ermordet. Wie sehr musste das militärische Vorgehen der Belgier die Atmosphäre vergiftet haben, wenn sogar einer der brillantesten und empathischsten Männer aus der Verwaltung von einer wütenden Volksmenge gelyncht werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Monsieur André, ja, den habe ich noch gekannt«, lächelte der blinde Camille Mananga, mit dem ich mich in Boma unterhielt. »Der war fast ein richtiger Kongolese. Er betrachtete sich selbst auch als Kongolesen. Aber bei der Brücke über den Inkisi haben sie ihn damals ermordet.« Ich fragte ihn, was er noch vom militärischen Eingreifen der Belgier wisse. Er brauchte nicht lange nachzudenken: »Ich war in Boma. Die belgischen Soldaten vom Stützpunkt Kitona waren gekommen, um die Armee zu entwaffnen. Auf dem Flughafen standen überall Panzer. Es war früh am Morgen, und ich ging zur Arbeit. Ich war damals Staatsbeamter im einfachen Dienst. In der Stadt wimmelte es von Soldaten. Ein Belgier sprach mich an. ›Wo willst du hin?‹ ›Ich arbeite in der Provinzverwaltung‹, sagte ich. ›Geh wieder nach Hause‹, sagte er, ›die Stadt ist von den Belgiern besetzt.‹ Aber ich ging weiter, ich war zu neugierig. Zum ersten Mal im Leben sah ich einen Panzer. Ich sah mir alles von Nahem an. Die Belgier sind nicht lange geblieben, aber es war eine Besetzung, nicht mehr und nicht weniger.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte also nicht wieder Friede ein. Im ganzen Land nahm die Gewalt gegen Belgier zu. Beamte und Plantagenbesitzer wurden mit Knüppeln, Peitschen und Hosengürteln geschlagen. Manche wurden gezwungen, Urin zu trinken oder verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Katholische Nonnen mussten sich in der Öffentlichkeit ausziehen und wurden festgebunden. Soldaten fragten sie, warum sie nicht der Partei Lumumbas angehörten und ob sie es mit den Patres trieben. Andere schlugen vor, einer weißen Frau eine Granate in die Vagina zu stecken. Erniedrigung war ein Ziel an sich. In der Zeit zwischen dem 5. und dem 14. Juli wurden ungefähr hundert europäische Männer misshandelt, ebenso viele Frauen vergewaltigt und fünf Weiße ermordet.26 Belgien hatte den Kongo in die Unabhängigkeit entlassen, um einen Kolonialkrieg zu vermeiden, bekam ihn nun aber doch. Und das auch noch durch eigene Schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»die regierung der republik kongo ersucht uno organisation dringend um entsendung militärischer unterstützung stop unsere bitte ist gerechtfertigt durch die entsendung belgischer truppen aus dem mutterland in den kongo als verstoß gegen den freundschaftsvertrag unterzeichnet zwischen belgien und republik kongo am 29. juni dieses jahres stop nach den bestimmungen dieses vertrages können belgische truppen nur intervenieren auf ausdrückliches ersuchen der kongolesischen regierung stop dieses ersuchen wurde von der regierung der republik kongo nie formuliert stop betrachten unerbetene belgische aktion als aggressiven akt gegen unser land stop tatsächliche ursache der meisten unruhen sind kolonialistische provokationen stop beschuldigen belgische regierung sezession katangas minutiös vorbereitet zu haben um unser land unter kontrolle zu behalten stop regierung mit rückhalt durch das kongolesische volk weigert sich vor vollendete tatsachen gestellt zu werden die sich aus einer verschwörung von belgischen imperialisten und kleinen gruppen katangesischer führer ergeben stop (. . .) insistieren mit betonung der extremen dringlichkeit auf entsendung von uno truppen in den kongo fullstop«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterzeichnet von: Joseph Kasavubu und Patrice Lumumba. Mit diesem Telegramm ersuchten der Präsident und der Premierminister des Kongo am 12. Juli, einen Tag nach der Sezession Katangas, die Vereinten Nationen um Unterstützung. Die UNO war zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ junge Organisation, die in ihrem fünfzehnjährigen Bestehen nur vier Beobachtungsmissionen vorzuweisen hatte. Ihr Generalsekretär war Dag Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mann, der durchdrungen war von protestantischem Pflichtgefühl. Kasavubu und Lumumba richteten ihre ganze Hoffnung auf die UNO. Ihr Land war noch nicht einmal eine Woche lang Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld berief noch am selben Abend eine Eilsitzung des UNO-Sicherheitsrats ein. In dem nüchternen Sitzungssaal in New York wurde eine ganze Nacht über die aktuellen Entwicklungen im Kongo diskutiert. Die Sowjetunion befürwortete das Hilfeersuchen von Kasavubu und Lumumba ohne Wenn und Aber. Die anderen Mitglieder stimmten der Notwendigkeit einer Intervention zu, zögerten jedoch, Belgien auf die Finger zu klopfen. Der Generalsekretär war der Ansicht, dass eine internationale Truppe in erster Linie den Frieden überwachen und weniger die Befehle der kongolesischen Regierung ausführen müsse. Ebenso wenig äußerte er sich zur belgischen Invasion im Kongo. Polen und die UdSSR waren der Ansicht, dass die Belgier, als Aggressoren, unverzüglich abziehen müssten. Gegen vier Uhr morgens wurde die UNO-Resolution 143 verabschiedet. Der Sicherheitsrat rief »die Regierung Belgiens [dazu auf], ihre Truppen vom Territorium der Republik Kongo zurückzuziehen«, und beschloss, Blauhelme zu entsenden.28 Die Operation wurde unter dem Namen ONUC (&#039;&#039;Opération des Nations Unies au Kongo&#039;&#039;) bekannt; es war die bis dahin größte UNO-Mission der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war mit der UNO-Resolution nicht glücklich. Belgien wurde nirgendwo im Text verurteilt, und die Sezession Katangas wurde mit keiner Silbe erwähnt. Er hatte eine viel souveränere Haltung des Sicherheitsrates erwartet. Er hatte gehofft, dass die UNO-Blauhelme die Sache seiner schlecht funktionierenden Armee übernehmen, die belgischen Soldaten vertreiben und Katanga wieder dem Kongo angliedern würden. Das gestattete die Resolution nicht. Es war so, als riefe jemand bei schweren Krawallen die Polizei an, aber es käme höchstens die Feuerwehr. Nützlich, jedoch nicht ausreichend. Und deshalb bat er, zusammen mit Kasavubu, das Land um Unterstützung, das im Sicherheitsrat das größte Verständnis für sein Anliegen gezeigt hatte: die Sowjetunion. Am 14. Juli brach der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und nahm Kontakt mit Moskau auf: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop«.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht genug betont werden. Mit einem Schlag eröffnete das Telegramm eine neue Front im Kalten Krieg: Afrika. Bis dahin waren die Spannungen zwischen Ost und West hauptsächlich in Osteuropa und Asien (Korea, Vietnam) zum Ausdruck gekommen. Nun stand Afrika plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Kaum war das Telegramm nach Russland abgeschickt worden, da war es schon an den CIA durchgesickert. Der Inhalt sorgte in Washington für große Nervosität: Ersuchte der Kongo jetzt tatsächlich den Erzfeind um Unterstützung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1960 erwarben siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit. Die Folge war ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;. Anders als im neunzehnten Jahrhundert waren es diesmal nicht westeuropäische Mächte, die sich überseeische Kolonien aneignen wollten, sondern die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die ihren Einflussbereich über den ganzen Globus ausdehnen wollten. Wirtschaftsinteressen spielten noch immer eine wichtige Rolle, aber ideologische, geopolitische und militärische Faktoren waren viel entscheidender. Der Kongo war der erste afrikanische Staat, der in das Tauziehen der beiden neuen Weltmächte verwickelt wurde. Es ging dabei nicht nur um ein großes und strategisch günstig gelegenes Land, von dessen Territorium aus ganz Zentralafrika kontrolliert werden konnte, sondern auch darum, dass der Kongo über entscheidende Rohstoffe für die Waffenproduktion verfügte. Die Amerikaner wussten nur allzu gut, dass sie den Zweiten Weltkrieg mit dem Uran aus dem Kongo gewonnen hatten, und dass es für Kobalt, ein Element, das zur Herstellung von Raketen und anderen Waffen benutzt wird, nur zwei wichtige Lagerstätten auf der Welt gab: den Kongo und die UdSSR selbst.30 Den Kongo den Sowjets zu überlassen, hätte für die USA militärisch eine ernsthafte Schwächung bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Kasavubu und Lumumba die Tragweite ihres Telegramms bewusst? Höchstwahrscheinlich nicht. Unerfahren wie sie waren, versuchten sie lediglich, ausländische Unterstützung für die Lösung eines nationalen Entkolonisierungskonflikts zu bekommen; doch sie öffneten damit die Büchse der Pandora eines globalen Konfliktes. Sehr viel Tinte ist geflossen über Lumumbas vermeintlichen Kommunismus. Die Kontakte mit der UdSSR dienen dann meist als Beweismaterial für sein bolschewistisches Naturell. Aber das ist falsch. Was die Wirtschaft betraf, stand Lumumba dem Liberalismus näher als dem Kommunismus. Von einer Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie war bei ihm keine Rede; er hoffte eher auf Privatinvestitionen aus dem Ausland. Außerdem war Lumumba ein Nationalist und kein Internationalist, wie es sich für einen Kommunisten gehört hätte. Sein Bezugssystem war durch und durch kongolesisch, ungeachtet allen Panafrikanismus. Auch die Vorstellung einer proletarischen Revolution passte nicht in sein Weltbild. Als &#039;&#039;évolué&#039;&#039; gehörte er zur frühen kongolesischen Bourgeoisie; er hatte kein Interesse daran, seine eigene gesellschaftliche Gruppe zu stürzen. Zudem suchte er ebenfalls Unterstützung von amerikanischer Seite, um das Problem seines Landes zu lösen. Schließlich wird oft vergessen, dass er sein Bittgesuch an Chruschtschow zusammen mit Kasavubu schrieb, und der war alles andere als ein Kommunist. Sogar Chruschtschow war sich darüber im Klaren: »Ich könnte sagen, dass Herr Lumumba ebenso sehr ein Kommunist ist, wie ich ein Katholik bin. Aber wenn sich die Worte und Taten Lumumbas mit kommunistischen Vorstellungen überschneiden, dann kann mir das nur angenehm sein.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bittgesuch an Moskau war weder durch Lumumbas Sprunghaftigkeit motiviert noch durch seine labile Persönlichkeit, sein grundsätzliches Misstrauen, sein unangemessenes Verhalten oder welchen Charakterzug auch immer man ihm nachsagte. Lumumba galt tatsächlich als reizbar und launenhaft, aber wer heute die Telegramme an die Vereinten Nationen und die Sowjetunion liest, nimmt ein ganz anderes psychologisches Register wahr: Panik. Panik gekoppelt mit bodenlosem Zorn, großer Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Furcht, ermordet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kasavubu und Lumumba keine bedeutende politische Funktion ausgeübt hatten, bevor sie die Führung ihres Landes übernahmen. Kasavubu war Bürgermeister eines Stadtteils von Léopoldville gewesen, Lumumbas erstes politisches Amt war das des Premierministers. Nach zwei Wochen Unabhängigkeit verloren sie die Kontrolle über die Geschehnisse. Es war so, als hätten sie gerade den Führerschein für ein Auto gemacht und stellten plötzlich fest, dass sie am Steuer eines Düsenjägers saßen, der abzustürzen drohte. Konfrontiert mit einer unerbetenen militärischen Intervention Belgiens taten sie das, was ihnen in diesem bedrohlichen Moment als richtig erschien: schnellstmöglich das Land um Hilfe zu bitten, das sich dazu bereit zeigte. Und die UdSSR war mehr als bereit. Einen Tag später teilte Chruschtschow in einem sehr energisch formulierten Brief mit, dass die Sowjetunion, falls die »imperialistische Aggression« Belgiens und seiner Bündnispartner anhalte, »nicht zögern wird, entschlossene Maßnahmen zu treffen, um die Aggression zu beenden«. Sein Land bringe großes Verständnis auf für »den heldenhaften Kampf des kongolesischen Volkes für die Unabhängigkeit und Integrität der Republik Kongo«. Und er fügte hinzu: »Die Forderung der Sowjetunion lautet schlicht und einfach: Hände weg von der Republik Kongo!« Dabei vergaß er der Einfachheit halber, dass die sowjetische Armee vier Jahre zuvor mit ihren Panzern den Volksaufstand in Ungarn niedergewalzt hatte.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dag Hammarskjöld erkannte, dass ein weltweiter Konflikt drohte, und schaffte es, innerhalb von 48 Stunden Blauhelme in den Kongo zu entsenden: Am 15. Juli landeten die ersten marokkanischen und ghanaischen Kontingente, gefolgt von anderen afrikanischen Truppen aus Tunesien, Marokko, Äthiopien und Mali. Unterdessen schickte die UdSSR zehn Iljuschin-Flugzeuge in den Kongo mit Lastwagen, Lebensmitteln und Waffen. Die USA erwogen, die NATO einzuschalten, aber das hätte ein zweites Korea entfesseln können, oder sogar einen neuen Weltkrieg. Washington machte seinen Einfluss deshalb vorzugsweise über zwei diskretere Kanäle geltend: die UNO und den CIA, den Weg der diplomatischen Lobby in New York und der geheimen Beeinflussung in Léopoldville. Larry Devlin, Chef des amerikanischen Geheimdienstes im Kongo, verfügte über ein enormes Budget, um die kongolesische Politik in die Richtung eines für die USA vorteilhaften Kurses zu lenken. Kasavubu und vor allem Mobutu sollten seine Günstlinge werden.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Vorstellung von diesen turbulenten Tagen bekam ich bei den Gesprächen mit Jamais Kolonga. Es war nur eine Anekdote, aber sie war sehr vielsagend. Ende Juli wollte Lumumba nach Amerika, um selbst mit den USA und der UNO zu verhandeln. Das übliche Verfahren, mit dem so ein offizieller Staatsbesuch sorgfältig zwischen den Spitzenbeamten des einen und den Diplomaten des anderen Landes vorbereitet wird, wurde außer Acht gelassen. Einer von Lumumbas Mitarbeitern begab sich zur amerikanischen Botschaft in Léopoldville und verlangte auf der Stelle vierundzwanzig Visa für den Premier und dessen Gefolge. Das kam bei mehreren Stellen nicht gut an. Es gab kein Programm, kein Protokoll, keine Terminabsprachen.34 »Ich habe sie zum Flughafen Ndjili begleitet«, erzählte Jamais Kolonga. Seit dem 30. Juni arbeitete er in der Pressestelle des Premierministers. Er lernte dort auch Mobutu kennen, Lumumbas Sekretär. »Eine Musikkapelle spielte, die Tür schloss sich, die Treppe wurde weggerollt. Aber im Flugzeug fragte sich Lumumba, wo sein Presseattaché war. Die Tür ging wieder auf, und Lumumba zeigte auf unsere Gruppe. Auf wen zeigte er? Auf mich? Auf den Mann neben mir? Jeder von uns fragte sich, ob er gemeint war. &#039;&#039;›C&#039;est vous!‹,&#039;&#039; sagte er und deutete in meine Richtung. Ich ging zum Flugzeug. Ich musste mit. Ich hatte nur einen Parker-Kugelschreiber bei mir und ein Heft. Keine Kleidungsstücke, außer dem grünen Anzug, den ich anhatte! Ohne Pass, ohne Visum, ohne Gepäck ging ich an Bord. Aber als ich zurückkam, hatte ich zwei volle Koffer und eine Umhängetasche. Und ich hatte Dag Hammarskjöld bei seiner Arbeit für die Vereinten Nationen gesehen.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Nonchalance war bezeichnend für das Improvisationshafte der jungen kongolesischen Regierungsmannschaft. Nicht zuletzt deshalb machte Lumumba auf seiner Reise keinen guten Eindruck. Da keine Begegnung vereinbart worden war, weigerte sich Präsident Eisenhower, ihm eine Audienz zu gewähren. Bei der UNO war man darüber konsterniert, in welcher Art Lumumba »unmögliche Forderungen stellte und sofortige Resultate verlangte«.36 Douglas Dillon, der stellvertretende Außenminister der USA, beschwerte sich über seine »irrationale, fast ›psychotische‹ Persönlichkeit«: »Er sah einem nie in die Augen, er schaute in die Luft. Und dann folgte ein gewaltiger Redeschwall (. . .) Seine Worte standen nie im Zusammenhang mit dem, was wir besprechen wollten. Man bekam das Gefühl, dass er als Person von einem Eifer besessen war, den ich nur als messianisch beschreiben kann. Er war einfach nicht rational. (. . .) Der Eindruck, den er hinterließ, war sehr negativ, er war ein Mensch, mit dem man überhaupt nicht zusammenarbeiten konnte.« Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem Monat sah es im Kongo so aus: Die Armee war völlig desolat, die Verwaltung war enthauptet, die Wirtschaft war aus dem Takt, Katanga war abgespalten, Belgien war eingerückt, und der Weltfrieden war bedroht. Und das, weil am Anfang ein paar Soldaten in der Hauptstadt mehr Sold und einen höheren Rang in der Armee gefordert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Lumumba viele Brücken hinter sich abgebrochen. Nach der Rede vor Baudouin und der Entlassung von General Janssens war er für Belgien erledigt. Nach dem Telegramm an Chruschtschow und seiner Reise nach Amerika war er für die USA erledigt. Auch die UNO verlor allmählich die Geduld, und im eigenen Land hatte ihn sein eigenmächtiges Verhalten von Kasavubu entfremdet. Westliche Diplomaten, Berater und Sicherheitsleute trieben einen Keil zwischen die beiden. Einer nach dem anderen stellte sich auf die Seite von Ka­savubu und legte ihm nahe, Lumumba fallenzulassen. Im August 1960 war Lumumba ein einsamer Mann, der nur noch auf die Unterstützung der Sowjets zählen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Groll war zudem nicht kleiner geworden. Zweimal hatte der UNO-Sicherheitsrat Belgien aufgefordert, seine Truppen zurückzuziehen (am 22. Juni sollte das »schnell« geschehen, am 8. August sogar »unverzüglich«), aber Belgien wollte nicht weichen, solange die Blauhelme die Sicherheit nicht gewährleisten konnten.38 Erst gegen Ende August, reichlich spät, hatten alle zehntausend belgischen Soldaten den Kongo verlassen. In Lumumbas Augen war die UNO im besten Fall zahnlos und im schlimmsten Fall prowestlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. August rief der Süden von Kasai die Unabhängigkeit aus. Das hatte noch gefehlt. Die Diamantenprovinz war nach Katanga die wichtigste Bergbauregion des Kongo. Albert Kalonji ließ sich dort zum König krönen. Er war ein ehemaliger Mitstreiter Lumumbas; bereits vor den Wahlen hatte er sich mit ihm überworfen und deshalb kein Ministeramt in der nationalen Regierung erhalten. Seine Sezession hatte jedoch auch ethnische Hintergründe. Kalonji trat für die Baluba ein, die Bewohner Kasais, von denen viele in den Minen von Katanga arbeiteten und dort als Migranten und Glückssucher verhasst waren. In Kasai selbst standen die Baluba im Konflikt mit den Lulua; es kam des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Durch die Proklamation eines eigenen Staates hoffte Kalonji ein Heimatland für die Baluba zu schaffen. Tschombé unterstützte das Unternehmen. Er und Kalonji entschlossen sich sogar zu einer Konföderation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit Katanga nahm der abgespaltene Süden von Kasai ein Viertel des gesamten Territoriums ein, und zwar das reichste Viertel des Kongo. Für einen Verfechter der Einheit des Landes wie Lumumba war das nicht hinnehmbar. Überdies zog nun auch Bolikango in Erwägung, die Provinz Équateur abzutrennen. Das war kein Zufall: Tschombé, Kalonji und Bolikango hatten sich nach der Regierungsbildung als die Betrogenen empfunden, da sie keinen Ministerposten erhalten hatten. Lumumba wollte eingreifen, konnte aber nicht auf die Blauhelme zählen, denn die hatten auch nichts gegen die Unabhängigkeit Katangas unternommen. Als Verteidigungsminister entsandte er nun selbst die neue kongolesische Armee in die aufständische Diamantenprovinz. Aber die Regierungsarmee verfügte kaum über finanzielle Mittel und wurde von Offizieren angeführt, die zwei Monate zuvor ohne Vorbereitung ernannt worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren verheerend. Ende August war Kasai der Schauplatz sinnloser Konfrontationen; statt Siege gab es nur Gemetzel, die mehrere tausend Bürger das Leben kosteten. Bei einem Angriff auf eine katholische Missionsstation, in der einfache Baluba Schutz gesucht hatten, wurden mehr als fünfzig Menschen abgeschlachtet, darunter auch Frauen und Kinder. Die Soldaten der Regierungsarmee waren mit Maschinengewehren, aber auch mit Macheten bewaffnet. UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld äußerte seinen Abscheu und sprach von einem Völkermord gegen die Baluba. Er bezeichnete es als »eine der flagrantesten Verletzungen der elementarsten Menschenrechte, die Merkmale eines Genozidverbrechens haben«.39 Lumumba hatte es sich nun auch mit der UNO völlig verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu hatte sich in der ganzen Zeit einigermaßen zurückgehalten. Aber am 5. September 1960 ergriff er die Gelegenheit und führte aus, was ihm viele westliche Berater nahegelegt hatten: Er setzte Lumumba ab. Artikel 22 der &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039;, der vorläufigen Verfassung des neuen Kongo, gab ihm die Befugnis: »Das Staatsoberhaupt ernennt und entlässt den Ministerpräsidenten und die Minister.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Hörer des nationalen Radiosenders muss es einer der seltsamsten Abende in der Geschichte des staatlichen Rundfunks gewesen sein. Kurz nach zwanzig Uhr wurde die Sendung – ein englischer Sprachkurs – unterbrochen, und Präsident Kasavubu teilte mit seiner dünnen, hohen Stimme mit, dass er soeben den Ministerpräsidenten des Amtes enthoben habe. Überall in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in den ärmlichen Stadtvierteln, in den Dörfern im Landesinneren erfuhren einfache Kongolesen, dass Lumumba nicht mehr ihr Ministerpräsident sei und dass er bis auf weiteres durch einen gewissen Joseph Ileo ersetzt werde, einen gemäßigten Mann, der 1956 noch das &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; verfasst hatte. Keine Stunde später bekamen die Hörer zu ihrer großen Verwunderung im Stakkato-Französisch von Ministerpräsident Lumumba mitgeteilt, er seinerseits habe Präsident Kasavubu abgesetzt! Gegen so viel Verwirrung kam keine englische Grammatik an. Als habe der Kongo nicht genug mit einer militärischen, administrativen, ökonomischen, ethnischen und globalen Krise, musste er nun auch noch mit einer Verfassungskrise fertig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba berief sich auf Artikel 51 der vorläufigen Verfassung, der besagte, dass »nur den Kammern eine authentische Auslegung der Gesetze« zustehe.41 Das war ein geschickter Schachzug; am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut sein Vertrauen aus und weigerte sich, Ileo als neuen Ministerpräsidenten anzuerkennen. Für Präsident Kasavubu war die Blamage so groß, dass er tags darauf das Parlament für einen Monat beurlaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war der Trümmerhaufen komplett. Im Kongo wurde nicht regiert, sondern gestritten. Das Staatsinteresse war dem Machtkampf untergeordnet. In diesem Chaos trat Oberst Mobutu vor, der Stabschef der Armee, um den Querelen ein Ende zu machen. Noch am selben Tag, dem 14. September 1960, unternahm er seinen ersten Staatsstreich, mit Zustimmung und Unterstützung des CIA. Er sagte der Presse, dass die Armee bis zum Jahresende die Macht übernehme. Lumumba und Kasavubu würden »neutralisiert«. Aber während Kasavubu schließlich als eine Art zeremonieller Präsident im Amt verbleiben durfte, wurde Lumumba in seiner Residenz in der Hauptstadt unter Hausarrest gestellt. Die Freundschaft zwischen Mobutu und Lumumba war für immer vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierungsgeschäfte vertraute Mobutu einem Team junger Akademiker an. Sie sollten die mangelnde Sachkenntnis in Lumumbas Regierungsmannschaft vergessen machen. Mario Cardoso, der Mann, der am Runden Tisch zur Ökonomie teilgenommen hatte und bei den kongolesischen Studenten in Belgien beliebt war, erzählte darüber Folgendes: »Oberst Mobutu bat die Studenten und die Akademiker, aus der Diaspora zurückzukehren und ihre Bildung in den Dienst des Landes zu stellen. Wir sollten keinen Ministertitel bekommen, sondern den eines Generalkommissars. Wir sollten unpolitische Verwaltungsfachleute werden, wir vertraten keine Partei, keinen Stamm, keine Region, kein Dorf. Wir besaßen ein Diplom, das genügte.« Cardoso selbst war in diesem Kollegium von Generalkommissaren für den Bildungssektor zuständig. Justin Bomboko, verantwortlich für das Ressort Äußeres, war der Vorsitzende und fungierte de facto als Ministerpräsident. Dieses Arrangement dauerte nur einige Monate. »Wir waren eine Übergangsregierung. Mobutu wollte nur die Ordnung wiederherstellen, denn das Gezänk zwischen Kasavubu und Lumumba hörte einfach nicht auf.«42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dieser Regierung von Akademikern war längst nicht jeder einverstanden. Lumumba bestand darauf, dass er der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo sei. Die belgische Regierung hingegen war über seine Absetzung erfreut und unterhielt herzliche Kontakte mit den jungen Kommissaren, von denen viele in Brüssel oder Lüttich studiert hatten. Eine Rückkehr Lumumbas auf die politische Bühne sollte um jeden Preis verhindert werden, notfalls mit Gewalt. Zwei belgische Militärs, die unter Deckung des Ministers für afrikanische Angelegenheiten, d&#039;Aspremont Lynden, operierten, trafen Vorbereitungen, um Lumumba zu entführen oder zu ermorden.43 Außerdem wies der amerikanische Präsident Eisenhower höchstpersönlich den CIA an, Lumumba physisch zu liquidieren. In klassischem James-Bond-Stil sollte der Ministerpräsident des Kongo mit Hilfe einer Tube hypertoxischer Zahnpasta vergiftet werden.44 Und auch im Kongo gab es viele Menschen, die ihn als Staatsoberhaupt ablehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba, der sich der Gefahr von Anschlägen bewusst war, bat die UNO um Schutz. Daraufhin kampierte ein Kontingent ghanaischer Blauhelme in seinem Garten, um etwaige Belagerer fernzuhalten. Das war auch notwendig, denn am 10. Oktober schickte Mobutu zweihundert Soldaten zur Residenz, um Lumumba festnehmen zu lassen. Die Blauhelme ließen sie jedoch nicht durch. Es herrschte eine Pattsituation, die wochenlang andauerte. Lumumbas Haus war doppelt umzingelt: Blauhelme, die ihn beschützten, solange er sich im Haus aufhielt, Kongolesen, die bereit waren, ihn zu verhaften, sobald er herauskam. Seine Telefonleitung hatte man gekappt. Lumumba war in diesem Moment zum Schweigen verurteilt. Deshalb übernahm Vizepremier Antoine Gizenga die Rolle des Repräsentanten der Regierung Lumumba. Gizenga kam aus dem Kwilu und wird dort bis zum heutigen Tag von älteren Menschen wie Longin Ngwadi, dem »Säbeldieb« aus Kikwit, verehrt. Je mehr Eigendynamik Mobutus Putsch entwickelte, desto klarer erkannte Gizenga, dass für ihn und andere Lumumba-Getreue in Léopoldville kein Platz mehr war. Also zog er Anfang November mit dem, was von der ersten Regierung übrig geblieben war, nach Stanleyville, der Wiege von Lumumbas Bewegung, um das Land von dort aus zu regieren und zurückzuerobern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Der neue Staat war nun vier Monate alt und hatte inzwischen vier Regierungen zur gleichen Zeit, jede mit einer eigenen Armee und ausländischen Bündnispartnern. In Léopoldville genossen Kasavubu und vor allem Mobutu die bedingungslose Unterstützung der Amerikaner. Dank der Mittel, die ihm die USA großzügig zur Verfügung stellten, konnte Mobutu die nationale Armee reorganisieren. Um ihn bildete sich die Binza-Gruppe, benannt nach dem Residenzviertel der Hauptstadt, wo sich die Mitglieder trafen. Es war ein inoffizieller Zirkel mit sehr viel Macht, generös unterstützt vom CIA. In Stanleyville hielt Gizenga das lumumbistische Gedankengut lebendig. Er hatte einen Teil der Armee hinter sich. Seine Regierung bekam Hilfe von der Sowjetunion, die jedoch nicht so systematisch und substanziell war wie die amerikanische Unterstützung der Hauptstadt.45 In Elisabethville stand Tschombé an der Spitze eines Landes, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Belgien war sehr freigebig mit logistischer und militärischer Hilfe. In den Rängen der »Katanga-Gendarmen« war eine große Anzahl belgischer Offiziere. Die Union Minière finanzierte die Sezession mit hohen Summen. In Bakwanga stand Kalonji an der Spitze von Kasai, nun ein unabhängiger Baluba-Staat, in dem belgische Diamantenunternehmen aktiv waren. Hier stellte Forminière die nötigen Mittel bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé und Kalonji waren nur regionale Machthaber, Kasavubu und Gizenga aber pochten beide auf die Legitimität der Staatsregierung. Wer hatte recht? Beide bemühten sich um internationale Anerkennung; und dieser Kampf wurde vor der UNO-Vollversammlung in New York ausgetragen. Der Kongo trat dort mit zwei Lagern an: Kasavubu/Mobutu versus Lumumba/Gizenga. Thomas Kanza, der 26-jährige Psychologe, vertrat die Regierung Lumumba bei der UNO, aber Präsident Kasavubu reiste selbst nach New York, um die Welt davon zu überzeugen, dass er und niemand anders die legitime Regierung der Republik verkörperte. Er brachte vor, dass die Absetzung Lumumbas von der Verfassung gedeckt sei; die US-Amerikaner, die Belgier und viele hochrangige UNO-Vertreter hatten damit wenig Schwierigkeiten. Am 22. November erfolgte der Urteilsspruch: Dreiundfünfzig Länder erkannten Kasavubu an, vierundzwanzig stimmten dagegen, neunzehn enthielten sich der Stimme.46 Mario Cardoso, der damals für Mobutu arbeitete, erlebte es als Triumph: »Wir haben damals den Sitz in der UNO gewonnen. Kasavubu stand an der Spitze unserer Delegation, und Lumumba verlor international.«47 Diese internationale Marginalisierung bedeutete für Lumumba das Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer in seinem Haus in der Hauptstadt unter Hausarrest. Als ihn die Nachricht von der Abstimmung in New York erreichte, wusste er, dass seine Tage in Léopoldville gezählt waren. Würden die Blauhelme im Garten ihn überhaupt noch beschützen, nachden die UNO-Delegierten nun gegen ihn gestimmt hatten? Er hielt es für das Klügste, sich zu seinen Mitstreitern in Stanleyville zu begeben. Es war Nacht, es war November, es war mitten in der Regenzeit. Ein außerordentlich schweres Tropengewitter am 27. November veranlasste die kongolesischen Soldaten, sich ins Trockene zu flüchten. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Versteckt auf dem Boden eines Chevrolet ließ sich Lumumba im strömenden Regen aus der Residenz fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zustand der kongolesischen Straßen war zu diesem Zeitpunkt noch ausgezeichnet. Wenn sein Chauffeur zwei Tage und zwei Nächte zügig durchgefahren wäre, hätten sie Stanleyville erreichen können. Doch in der Nacht seiner Befreiung blieb Lumumba in der Hauptstadt, um Ansprachen an die Bevölkerung zu halten. Auch unterwegs hielt er in den Dörfern an und ließ sich den herzlichen Empfang der Dorfbewohner gefallen.48 Aber es war Regenzeit. In der Hauptstadt erfuhr Mobutu von Lumumbas Flucht und wollte um jeden Preis verhindern, dass Lumumba zu Gizenga gelangte. Denn das hätte Lumumbas politische Rückkehr bedeutet, und das wollten weder seine belgischen Berater noch der CIA. Die UNO weigerte sich, an der Suche nach dem Flüchtigen teilzunehmen, aber eine europäische Luftfahrtgesellschaft stellte eine Maschine mit einem Piloten zur Verfügung, der Erfahrung mit Aufklärungsflügen in geringer Höhe besaß. Schon bald war der Konvoi aus drei PKW und einem LKW entdeckt. Am 1. Dezember hielten Mobutus Soldaten Lumumba und seine Begleiter an, als sie in der Nähe von Mweka den Sankuru-Fluss überqueren wollten. Lumumba wurde nach Camp Hardy bei Thysville geflogen, zu der Kaserne, in der wenige Monate zuvor die Armee gemeutert hatte. Von diesem Augenblick an stand Lumumba nicht mehr unter dem Schutz der UNO, sondern war ein Gefangener der Regierung in Léopoldville. Als er ankam, ohne Brille und gefesselt, stopfte ihm jemand ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mund: den Text seiner berühmten Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollten Kasavubu und Mobutu mit ihm anfangen? Ihn für immer in Gewahrsam nehmen, als eine Art Simon Kimbangu der Ersten Republik? Und sollte man ihn dann nicht besser nach Katanga bringen? Oder nach Kasai? Feindliche Provinzen, gewiss, aber gerade deshalb. Dort würde er keine Anhänger haben. Denn da, wo er jetzt war, regte sich erneut Unmut. In Thysville kam es am 12. Januar wieder zu einer Meuterei. Das war beunruhigend. Die belgische Regierung, in der Person von Minister d&#039;Aspremont, billigte den Plan, Lumumba nach Katanga zu schaffen, ungeachtet der etwaigen Folgen, wenn er nur weit genug von der Hauptstadt entfernt war, irgendwo, wo meuternde Soldaten ihn nicht befreien konnten. Durch die Unterstützung dieses Plans konnte Belgien überdies das Verhältnis zu Kasavubu verbessern, denn das Land wollte die diplomatischen Beziehungen mit Léopoldville wieder aufnehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, nur an Katanga interessiert zu sein. Minister d&#039;Aspremont legte sich hektisch ins Zeug, und Tschombé akzeptierte schließlich widerwillig die Überstellung Lumumbas und zweier weiterer politischer Gefangener.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 17. Januar 1961 landete um 16.50 Uhr in Elisabethville die DC-4, die Lumumba und seine beiden Getreuen, Mpolo und Okito, beförderte. Während des Fluges waren sie geschlagen und misshandelt worden. Eine Hundertschaft bewaffneter Soldaten, die unter dem Befehl des belgischen Hauptmanns Gat standen, erwartete sie. Ein Konvoi brachte sie sofort zum »Brouwez-Haus«, eine abgelegene, leerstehende Villa, Eigentum eines Belgiers, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Bewachung innerhalb und außerhalb des Hauses übernahm die Militärpolizei unter dem Kommando zweier belgischer Offiziere. Im Brouwez-Haus bekamen sie Besuch von mindestens drei katangesischen Ministern – Munongo, Kibwe und Kitenge, zuständig für Inneres, Finanzen und Infrastruktur –, die sie ebenfalls misshandelten. Tschombé war nicht darunter. Der saß im Kino und schaute sich einen Film mit dem in diesem Zusammenhang unwahrscheinlich zynischen Titel &#039;&#039;Liberté&#039;&#039; an, von der Organisation &#039;&#039;Réarmement moral&#039;&#039;, Moralische Aufrüstung. Danach tagte er mit seinen Ministern. Europäer waren bei der Sitzung nicht zugegen, die von 18.30 bis 20.00 Uhr dauerte, aber alle praktischen Maßnahmen für den Rest des Abends waren anscheinend schon im Voraus getroffen worden. Der Beschluss, Lumumba nach Katanga zu bringen, war ein gemeinsamer Plan der Machthaber in Léopoldville, ihrer belgischen Berater und der Regierung in Brüssel gewesen; doch der Beschluss, Lumumba zu ermorden, wurde von den Politikern in Katanga gefasst. Vor allem Minister Godefroid Munongo spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er war der Enkel von Msiri, dem afro-arabischen Sklavenhändler, der im neunzehnten Jahrhundert das Lunda-Reich an sich gerissen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung von Ministern erneut zum Brouwez-Haus. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines Autos verfrachtet. Zusammen mit anderen Wagen und zwei Armeejeeps fuhr das Auto los. Inzwischen war es Nacht. Der Konvoi fuhr Richtung Nordwesten über die ebene Straße durch die Savanne in Richtung Jadotville. Im Licht der Scheinwerfer links und rechts Gras, Gestrüpp, die Silhouette eines Termitenhügels. Nach einer Dreiviertelstunde bog der Konvoi von der Hauptstraße ab und hielt wenig später an einer abgelegenen Stelle. Die Gefangenen mussten aussteigen. In der baumbestandenen Savanne am Straßenrand sahen sie eine flache Grube, frisch ausgehoben. Schwarze Polizisten und Gendarmen in Uniform standen daneben, aber auch ein paar Herren in Anzügen: Präsident Tschombé, die Minister Munongo, Kibwe und noch einige ihrer Kollegen. Auch vier Belgier nahmen an der Exekution teil: Frans Verscheure, Polizeidirektor und Berater der katangesischen Polizei, Julien Gat, Hauptmann der Katanga-Gendarmen, François Son, einer seiner Polizisten, und Leutnant Gabriël Michels. Die drei Gefangenen wurden nacheinander zum Rand der Grube geführt. Sie waren insgesamt keine fünf Stunden in Katanga gewesen. Sie waren verprügelt und misshandelt worden. Kaum vier Meter weiter stand das Exekutionskommando: vier katangesische Freiwillige mit Maschinengewehren. Dreimal krachte in der Nacht eine ohrenbetäubende Salve. Lumumba war als Letzter an der Reihe. Um 21.43 Uhr taumelte der Körper des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo rückwärts in die Grube.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung Lumumbas wurde eine Zeitlang geheim gehalten. Um alle Spuren zu beseitigen, grub Gerard Soete, der belgische Vize-Generalinspekteur der katangesischen Polizei, kurz danach die sterblichen Überreste der drei Opfer wieder aus. Dem Vernehmen nach ragte noch eine Hand, möglicherweise die von Lumumba, aus der Erde.50 Soete zerstückelte die Leichname mit einer Säge und löste sie in einem Fass mit Schwefelsäure auf. Aus Lumumbas Oberkiefer zog er zwei mit Gold überkronte Zähne. Von seiner Hand schnitt er drei Finger ab.51 In seinem Haus bei Brügge bewahrte er jahrelang eine Dose auf, die er manchmal Besuchern zeigte. Sie enthielt die Zähne und eine Kugel.52 Viele Jahre später warf er sie in die Nordsee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Welt von der Ermordung Lumumbas erfuhr, herrschte tiefe Bestürzung. Von Oslo bis Tel Aviv und von Wien bis Neu-Delhi gingen Menschen auf die Straße. In Belgrad, Warschau und Kairo wurden die belgischen Botschaften gestürmt. Während in Moskau eine Universität nach ihm benannt wurde, kam im Westen der »Lumumba« in Mode, ein beliebter Cocktail aus Brandy und Kakao. Gizengas Lumumba-gesinnte Regierung wurde kurzfristig von der UdSSR, Polen, der DDR, Jugoslawien, China, Ghana und Guinea anerkannt. Lumumba wurde binnen kürzester Zeit zu einem Märtyrer der Entkolonialisierung, einem Helden für alle Unterdrückten der Erde, einem Heiligen des gottlosen Kommunismus. Diesen Status verdankte er mehr seinem grausamen Tod als seinen politischen Erfolgen. Er war alles in allem keine zweieinhalb Monate an der Macht gewesen, vom 30. Juni bis zum 14. September 1960. Die Liste seiner Leistungen las sich wie eine Anhäufung von Schnitzern und Fehleinschätzungen. Seine überstürzte Afrikanisierung der Armee war sympathisch, aber führte zu einem Desaster, seine Bitte um militärische Hilfe bei der UNO und der Sowjetunion war begreiflich, aber völlig unbesonnen, sein militärisches Vorgehen in Kasai kostete mehrere tausend seiner Landsleute das Leben. Schon zu seinen Lebzeiten fanden Youlou und Senghor, die ersten Präsidenten von Kongo-Brazzaville und Senegal, seine Handlungsweise sehr problematisch.53 Dem stand gegenüber, dass er kaum auf seine Aufgabe vorbereitet war, dass er mit einem kopflosen zivilen Exodus und einer militärischen Invasion der Belgier konfrontiert war und erleben musste, wie die UNO zögerte, die belgische Aggression energisch zu verurteilen. Doch mit seiner unglücklichen Art, auf tatsächliches Unrecht zu reagieren, machte sich Lumumba systematisch mehr Feinde als Freunde. Die Tragik seiner kurzen politischen Laufbahn bestand darin, dass sein größter Trumpf in der Zeit vor der Unabhängigkeit – sein unwahrscheinliches Talent, die Massen mitzureißen – sich in seinen größten Nachteil verwandelte, als von ihm als Ministerpräsident erwartet wurde, etwas abgeklärter aufzutreten. Der Magnet, der zuerst anzog, stieß nun ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortung für Lumumbas Ende liegt bei mehreren Akteuren. Knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit hatte Brüssel bereits signalisiert, dass es einen anderen Premierminister wollte. Auch bei der UNO und den USA war er nach einem Monat in Ungnade gefallen. Anfangs ging es um eine rein politische Eliminierung, aber amerikanische und belgische Politiker dachten allmählich über seine physische Beseitigung nach. Im Herbst 1960 steckte der CIA hinter Mobutus Putsch und wurde vom Weißen Haus mit der Liquidierung Lumumbas beauftragt. Auch der belgische Afrikaminister deckte &#039;&#039;covert actions&#039;&#039; mit dem Ziel, Lumumba auszuschalten. Alle diese Versuche scheiterten. Aber als Lumumba im Januar 1961 von Thysville nach Katanga gebracht wurde, war das mehr als eine Aktion der Politiker in Léopoldville und Elisabethville: Die logistische und operationelle Vorbereitung war durch belgische Berater in Léopoldville (die unter anderem bei einem Treffen bei Sabena den Plan für den Transfer der Gefangenen festgelegt hatten) erfolgt und aktiv von bestimmten Regierungsinstanzen in Brüssel unterstützt worden, vor allem vom Ministerium für afrikanische Angelegenheiten. Dem Ministerium waren die möglichen fatalen Folgen für Lumumba nicht unbekannt, doch es traf keine Vorsorge, sie zu verhindern. Das Gleiche gilt für den CIA: Der Ortschef in Léopoldville erhob keinen Einspruch, als er erfuhr, dass Lumumba nach Katanga gebracht werden solle, obwohl ihm bewusst war, dass das dramatisch enden konnte. Die eigentliche Exekution war das Werk katangesischer Politiker. Die Rolle ihrer belgischen Berater ist verschwommen: Bekannt ist, dass sie am Abend des 17. Januar zumindest darüber informiert waren, dass das Flugzeug mit Lumumba in Elisabethville gelandet war. Ernst zu nehmende Versuche, einen Mord zu verhindern, unternahmen sie jedenfalls nicht, obwohl sie wussten, dass sie den Lauf der Ereignisse entscheidend hätten beeinflussen können. Einige belgische Militärs, die die katangesischen Ordnungsdienste befehligten, nahmen an den Handlungen teil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Akt des unabhängigen Kongo war vorbei. Er war gekennzeichnet durch einen totalen Horror Vacui, einen unablässigen Strom von Ereignissen und Verwicklungen. Und er endete mit ein paar Zähnen eines leidenschaftlich engagierten Afrikaners, die in Zeitlupentempo auf den sandigen Boden eines grauen europäischen Meers herabsanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 traf ich mich in einem wunderschönen Garten in Lubumbashi mit Frau Anne Mutosh Amuteb. Mit ihren einundneunzig Jahren war sie die älteste Kongolesin, die ich bei meinen Nachforschungen interviewen durfte. Noch immer war sie eine imposante Erscheinung. Anne Mutosh war eine Prinzessin; ihr Großvater war Mwata Yamvo gewesen, der traditionelle König des Lunda-Reichs. Sie gehörte zum Clan von Moïse Tschombé. In der afrikanischen Bedeutung des Wortes war sie seine »Tante«. Mit ihr zu reden bedeutete, mit der Geschichte Katangas zu reden. Sie erzählte, dass ihre Eltern um 1900 bereits lesen konnten, sie hatten es von amerikanischen Methodisten gelernt. Sie selber war Hebamme geworden, hatte dann aber mehr Ambitionen als Geschäftsfrau entwickelt. Ich fragte sie, was die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Darüber brauchte sie nicht nachzudenken. »&#039;&#039;L&#039;époque belge&#039;&#039; und die katangesische Sezession«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. »In der Zeit der Belgier war alles gut organisiert. Es gab keine Korruption, der Handel lief korrekt ab. Ich habe Stoffe aus den Niederlanden importiert, aber auch Weizenmehl und Getreide. Einmal habe ich fünfzig Säcke auf einmal bestellt. Das ging damals ohne weiteres. Während der Sezession hatte ich auch noch keine Probleme. Erst als Mobutu kam, wurde alles so schwierig.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts ihrer Ahnentafel war es nicht verwunderlich, dass sie die Unabhängigkeit Katangas begrüßt hatte. Die Lunda trauerten um ihr verlorenes Königreich und träumten schon lange von regionaler Autonomie. Im Kongo zurückgebliebene Europäer unterstützten sie darin. Viele alteingesessene Kolonialisten begeisterten sich für die Sezession. Diese Haltung hing mit dem Wunsch zusammen, im gesamten Süden Afrikas die Macht der Weißen aufrechtzuerhalten. Die Unterschiede zwischen der Apartheid in Südafrika, Rhodesien, Südwestafrika (dem späteren Namibia) und den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik waren groß, aber während der übrige Kontinent unabhängig wurde, klammerten sich im Süden weiße, rechtsgerichtete Regierungen an die Macht. Katanga passte in diese Reihe.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abspaltung Katangas bildet den zweiten Akt des Schauspiels der Ersten Republik. Proklamiert am 11. Juli 1960, wurde sie am 14. Januar 1963 beendet. Nach der Ermordung Lumumbas am 17. Januar 1961 erhielt sie ein völlig neues Gesicht. Nachdem Tschombé am Rand von Lumumbas Grab gestanden hatte, wurde er der dominante Akteur. Von den vier Thronanwärtern der Unabhängigkeit waren nun noch drei übrig. Kasavubu und Mobutu hatten ebenso viel Blut an den Händen wie Tschombé, doch Lumumbas Tod ließ sie nicht näher zusammenrücken. Künftig würde sich der Kampf zwischen den dreien abspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Tschombé ein so zentraler Akteur wurde, darf verwundern, denn nach Lumumbas Ermordung war sein Katanga-Staat international geächtet. Der kommunistische Block äußerte seinen Abscheu, die UNO beschloss, härter aufzutreten. Kein einziger Staat hat Katanga jemals anerkannt, nicht einmal Belgien oder Amerika. Trotzdem verdankte Tschombé es Belgiern, dass er sich so lange halten konnte. Die Union Minière finanzierte den neuen Staat, indem sie ihre Steuern nicht mehr nach Léopoldville, sondern an die lokale Regierung überwies. Belgier prägten die militärische, administrative und ökonomische Infrastruktur. Hinter jedem katangesischen Minister stand ein belgischer Berater. Professoren aus Lüttich und Gent formulierten die Verfassung Katangas. Schlüsselinstitutionen wie die katangesische Gendarmerie, die Staatssicherheit und die Zentralbank wurden von Belgiern geleitet.56 In den Hotellobbys in Elisabethville sah man sehr oft weiße Männer, die ein Abzeichen mit der Flagge Katangas im Knopfloch trugen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem konnte sich Tschombé mit Hilfe einer kleinen Armee weißer Söldner behaupten. Diese »Freiwilligen« – es waren nie mehr als fünfhundert – kamen aus Südafrika, Rhodesien und Großbritannien, aber es waren auch Franzosen darunter, die in Indochina und Algerien gekämpft hatten, Männer aus der Fremdenlegion. Verkommene Typen, raue Burschen, Ultrarechte, Machos, Rambos, Kerle, die soffen, bis sie ihren Namen nicht mehr wussten, geschweige denn den der Hure, mit der sie im Bett gelandet waren. Sie kamen wegen des Geldes, des Abenteuers und verschwommener Ideale von »weißer Überlegenheit«. Belgische Offiziere waren aktiv an ihrer Rekrutierung, ihrer Ausbildung und ihren Einsätzen beteiligt.58 Sie bildeten den furchterregendsten Teil der katangesischen Streitkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Gegner waren die UNO-Blauhelme, die nationale Regierungsarmee und die Baluba aus dem Norden der Provinz. Das klingt beeindruckender, als es war. Die UNO zögerte, ihr robusteres Mandat in die Praxis umzusetzen. Die ANC war noch immer keine schlagkräftige Armee. Und die Baluba führten Krieg mit Giftpfeilen und Macheten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr nach dem Mord an Lumumba landete ein 22-jähriger Flame zum ersten Mal in Elisabethville. Er war bis dahin noch nie außerhalb Europas gewesen. Aufgewachsen in einem Bauerndorf in Westflandern, hatte er gerade in Gent sein Ingenieurstudium mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik (Bereich Schwachstrom) abgeschlossen. Die Firma &#039;&#039;Nouvelle Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039;, abgekürzt BCK, hatte ihn angeworben. Bei der Eisenbahn zu arbeiten, war eigentlich nicht sein Jungentraum gewesen. Er hatte sich bei der Fluggesellschaft Sabena beworben und bei der Union Minière, den Paradepferden der belgischen Wirtschaft. Er wollte Pilot werden, hatte jedoch seine Augen in einem intensiven Studium so sehr angestrengt, dass er davon kurzsichtig geworden war. Sein Name: Dirk Van Reybrouck. Zehn Jahre später sollte er mein Vater werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, in dem sein Flugzeug landete, hieß Katanga, nicht Kongo. Der übrige Kongo war für ihn Ausland. Von Léopoldville hatte er nur das Sabena-&#039;&#039;Guesthouse&#039;&#039; gesehen, in dem er bei einer Zwischenlandung übernachten musste. Das Katanga, in das er kam, besaß eine eigene Flagge, eine eigene Währung, eigene Briefmarken. Sein Kraftfahrzeugbrief ließ keinen Zweifel daran. Ich habe ihn vor mir liegen. Die giftgrüne Karte war noch zweisprachig, Französisch und Niederländisch. »Kongo Belge / Belgisch-Kongo« steht ganz oben. Jemand hat es mit Kugelschreiber durchgestrichen und einen stattlichen Stempel draufgedrückt: &#039;&#039;État du Katanga&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einsatzort meines Vaters war Jadotville, das heutige Likasi. Er war für die Elektroloks, Oberleitungen und Unterwerke an einer Strecke von sechshundert Kilometern bis zur angolanischen Grenze zuständig. Diese Ost-West-Verbindung, die Benguela-Bahnlinie, war eine Lebensader des unabhängigen Katanga.59 Erze und Rohstoffe konnten nicht mehr nach Norden gebracht und über Léopoldville und Matadi verschifft werden, denn das war feindliches Territorium. Also wurde alles per Bahn zur Küste Angolas transportiert. Die einspurige Bahnlinie, auf der in Angola noch Dampflokomotiven fuhren, war für Katangas Export und Import lebensnotwendig. Mein Vater war oft »auf Strecke«, wie das hieß. Mit einer »Draisine«, einem kleinen Schienenfahrzeug mit Dieselmotor, das als rollende Werkstatt fungierte, fuhr er für zwei, drei Wochen durchs Landesinnere, um Transformatoren zu kontrollieren und Schaltsysteme auszutauschen. BCK war ein hierarchisches Unternehmen, aber in diesen Jahren übertrugen die alten Hasen jungen Mitarbeitern viel Verantwortung. »Sie hatten ihre Familien schon nach Belgien zurückgeschickt«, erzählte Walter Lumbeeck, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, »sie wollten einfach ihre Restzeit absitzen und ließen andere die Arbeit machen. Ihr Vater war schüchtern. Seine Aufgabe war schwer für einen so jungen Mann, und sein Französisch war am Anfang nicht besonders. Aber nach einiger Zeit klappte die Verständigung mit den Schwarzen gut.«60 Er nahm auch Unterricht in Swahili. Jahre später hieß bei uns zu Hause der Hund &#039;&#039;Mbwa&#039;&#039; (Swahili für »Hund«), und Zucker und Tabak waren noch immer &#039;&#039;sukari&#039;&#039; und &#039;&#039;tumbaku&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die strategische Bedeutung der Benguela-Linie war den kriegführenden Parteien bekannt. Mein Vater, der leider kein besonders guter Erzähler war, hat mir zu Lebzeiten mehrmals geschildert, wie er nachts angerufen wurde, »weil irgendwo eine Brücke gesprengt worden war«. Dann machte er sich mit seiner Draisine auf, im zerbrechlichen Licht der Morgendämmerung, wenn die Welt langsam Farbe annahm. Seine afrikanischen Untergebenen fuhren das Wägelchen über die Gleise, während er versuchte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Am Ort des Anschlages mussten sie über dem Fluss die Oberleitung reparieren und die Gleise wieder instand setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Katanga hatten wir noch das Sagen«, meinte Walter Lumbeeck, »dieser Gedanke spielte eine große Rolle. Hier konnten wir die Sache hinbiegen. Soll der Rest doch sehen, wo er bleibt, Hauptsache, hier läuft es gut, so dachte man. Der Kupferpreis war hoch, die Union Minière arbeitete noch auf vollen Touren.« Der Kongo war zwar unabhängig, aber in Katanga dauerte der Kolonialismus faktisch an. Die belgischen Angestellten hatten Whiskey und Obst aus Südafrika, aus Belgien wurden sogar frische Muscheln eingeflogen. Junge Belgier führten dort ein unbeschwertes Leben, weit weg von Eltern, Dorf und Kirche. Es war die Zeit der &#039;&#039;barbecues und parties&#039;&#039;, herrlich neue Wörter für Feste, auf denen es keinen gab, der nicht rauchte: stilvolle junge Frauen mit hochgestecktem Haar, Männer mit weißen Hemden und schmalen Krawatten. Es war die Zeit von Adamo, Juliette Gréco und Françoise Hardy. Sonntags ging man in den cercle, einen Sport- und Freizeitclub. Man lag am Swimmingpool in der Sonne und trank Martini bianco, während im Hintergrund die Tennisbälle ploppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 2007 ging ich über das Gelände des Cercle de Panda; mein Vater war Mitglied in diesem Club gewesen. Der Pool war trocken, die Geräte auf dem Kinderspielplatz waren verrostet. Die Sprungbretter waren wie Gedankenstriche ohne Text.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Vater fuhr einen Ford Consul décapotable«, erzählten mir Frans und Marja Vleeschouwers, ein Ehepaar, mit dem er sich im cercle angefreundet hatte, »der Wagen verbrauchte mehr Öl als Benzin. Dirk musste immer literweise Öl mitnehmen.«61 Sie unternahmen Ausflüge zu den Mwadingusha-Wasserfällen. Sie besuchten den Missionsposten Kapolowe und tranken Bier bei den flämischen Patres. Oder sie gingen angeln im Urwald, an Orten, wo alte Einheimische noch mit Geld von Belgisch-Kongo bezahlten. Freundschaften erhielten dort einen höheren Stellenwert als Familienbande. Als Frans und Marja eine kleine Tochter bekamen, baten sie meinen Vater, Pate zu werden: ein Ehrenamt, das in Flandern Verwandten vorbehalten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war eine geschlossene Welt. »Jeder durfte Mitglied des cercle werden«, erinnerten sich Frans und Marja, »aber die Mitgliedschaft war so teuer, dass es sich kein einziger Schwarzer leisten konnte. Weiße eigentlich auch nicht, aber der Mitgliedsbeitrag wurde von der Union Minière automatisch auf unser Bankkonto in Belgien zurücküberwiesen. Unglaublich, was?« Es gab noch mehr, was nachdenklich stimmte. »Wir ließen unsere kleine Tochter mit schwarzen Kindern spielen. ›Solltet ihr euch nicht vor Krankheiten in Acht nehmen?‹, fragten uns dann manche Leute. Wirkliche Apartheid war das nicht, aber z. B. beim Metzger wurde ein Schwarzer von einem Schwarzen bedient und ein Weißer von einem Weißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Walter und Alice Lumbeeck, die anderen Freunde meines Vaters, konnten das nur bestätigen. Auf den Fotos von ihren Partys sah man nie einen Afrikaner, nicht mal auf denen vom Nikolausfest. »Kontakt mit Schwarzen wurde damals vermieden. Wenn man einen Schwarzen zu einer Party mitbrachte, verlor man seine Freunde. Weiße Männer mit einer schwarzen Frau, auf die wurde wirklich herabgesehen. Das war etwas für die ältere Generation. Bei BCK oder der Union Minière gab es noch ein paar ältere Angestellte mit einer schwarzen Frau, aber nicht mehr bei uns. Das war einfach nicht standesgemäß, es hatte keinen Stil. Man muss das vergleichen mit einem Direktor, der heute zu den Huren gehen würde. Weiße Männer hatten jetzt viel eher Affären mit den Frauen ihrer Kollegen. Ihr Vater war damals Junggeselle, er suchte gern die Gesellschaft von Leuten, die Niederländisch sprachen. Wenn er mit einer Schwarzen zu einem Fest erschienen wäre, hätte ihn niemand mehr eingeladen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga war ein Anachronismus. Nach dem Tod Lumumbas entschloss sich die UNO, mit Tschombé und seiner neokolonialen Sezession kurzen Prozess zu machen. In der ersten Jahreshälfte 1961 wurde der diplomatische Weg beschritten. Es fanden Konferenzen statt in Tananarive (heute Antananarivo), Madagaskar, Coquilhatville (heute Mbandaka) und Léopoldville. Die UNO strebte einen föderalen oder konföderalen Kongo an, ein wiedervereintes Land mit weitreichenden Kompetenzen für die einzelnen Provinzen. Auch Belgien verfolgte diese Option, doch die belgischen Berater der katangesischen Minister boykottierten systematisch alle Kompromissbemühungen. Diese ablehnende Haltung führte zu großem Unmut. Im August 1961 scheiterte die Sache endgültig. Die UNO vermittelte bei einer allerletzten Konferenz, die an der Universität Lovanium in der Hauptstadt abgehalten wurde. Der Kongo sollte einen neuen Premierminister bekommen. Nicht Ileo, Kasavubus Wunschkandidaten, nicht Mobutu, der sich selbst vorschlug, nicht Bomboko, der die Regierung der Akademiker geleitet hatte, sondern Cyrille Adoula, einen gemäßigten und kompetenten Gewerkschafter, der für alle Parteien akzeptabel war. Außerdem sollte das Land reformiert werden: weniger Zentralisierung von der Hauptstadt aus, mehr Macht für die Regionen. Ein Konsens schien in greifbarer Nähe, im letzten Moment aber zog Tschombé sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben mit Gewalt, beschloss die UNO. Im August, September und Dezember 1961 starteten die Blauhelme schwere Offensiven, um Katanga zurückzuerobern, die Armee der Provinz aus dem Weg zu räumen und die ausländischen Söldner zu vertreiben. Es gelang ihnen nicht. Die Söldner zogen sich nach Rhodesien zurück und setzten den Kampf von dort aus fort. Das Vorgehen der UNO verursachte viel Leid unter Zivilisten. Krankenwagen wurden unter Beschuss genommen, Spitäler bombardiert, unschuldige Zivilisten getötet. Mehr als dreißig Europäer wurden umgebracht. Außerdem sorgte der Einsatz der UNO für eine traurige Novität: das erste große Flüchtlingslager in der kongolesischen Geschichte. Mehr als dreißigtausend Baluba ergriffen aus Angst vor Tschombés Vergeltungsmaßnahmen die Flucht. Sie waren keine Befürworter der Sezession und fühlten sich nicht mehr sicher. Am Stadtrand von Elisabethville hausten sie in kleinen Hütten aus Pappkarton, Laubblättern und Stoff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Anne Mutosh hatte keine guten Erinnerungen an das Vorgehen der UNO. »Die marokkanischen Blauhelme haben damals an Straßensperren sehr viele Frauen vergewaltigt, sogar Schwangere. Ich war damals Vorsitzende der &#039;&#039;Union des Femmes Katangaises&#039;&#039; und habe in dieser Funktion noch Briefe an Dag Hammarskjöld und Präsident Kennedy geschickt. Hammarskjöld habe ich selber noch getroffen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem UNO-Generalsekretär war alles daran gelegen, dem neokolonialen Staat Katanga ein Ende zu bereiten. Er vermittelte intensiv zwischen Léopoldville und Elisabethville. Am 18. September 1961 flog er zum nordrhodesischen Flughafen Ndola für eine Besprechung mit Tschombé. Doch kurz vor der Landung stürzte seine Maschine unter nie geklärten Umständen ab. Keiner der Insassen überlebte. »Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben«, hatte er einmal geschrieben.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt schien kein Ende zu nehmen. Der Kongo glich einer zerbrochenen Vase, deren Scherben sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Trotzdem gelang es um diese Zeit (Dezember 1961 – Januar 1962) Mobutus Regierungsarmee, die Abspaltung Kasais zu beenden und die Regierung Gizenga im Osten zu stürzen. Zwei der vier Regierungen waren damit aufgelöst. Katanga würde noch ein Jahr länger durchhalten. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, bemühte sich das ganze Jahr 1962 um eine Verhandlungslösung, bis die UNO Ende Dezember entschied, dass es nun reichte. Kennedy gewährte einer finalen UNO-Offensive, der sogenannten Operation Grand Slam, beträchtliche amerikanische Unterstützung. Nach zwei Wochen war Katanga wieder angegliedert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 3. Januar 1963, und mein Vater stand am Fenster im ersten Stock seines Hauses in Jadotville. BCK hatte ihm eine der Junggesellenunterkünfte gegeben. Keine Villa mit Garten, sondern ein geräumiges Haus mit einer Garage im Erdgeschoss und einem modernistischen Treppenhaus. Es lag etwas außerhalb der Stadt, an der Hauptstraße nach Elisabethville. Er wusste, dass die Hauptstadt inzwischen in die Hände der Blauhelme gefallen war. »Befreit«, wie die einen meinten, »besetzt« nach Ansicht der anderen. Die internationale Streitmacht rückte nun Richtung Norden vor nach Jadotville, der zweitgrößten Stadt Katangas. Sie fuhren über die Straße, auf der Patrice Lumumba zwei Jahre zuvor seine letzte Autofahrt unternehmen musste. Am Lukutwe- und am Lufira-Fluss stießen sie auf Widerstand, aber am 3. Januar um die Mittagszeit nahmen sie Jadotville mühelos ein. Die katangesische Gendarmerie war bereits vorher geflohen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater blickte aus dem Fenster. Er sah einen weißen VW-Käfer, der die Stadt verließ. Die Straße nach Elisabethville war nach dem Durchzug der Truppen anscheinend wieder offen. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Plötzlich hörte er eine Schusssalve. Auf der Höhe seines Hauses hielt der VW an. Er sah drei Insassen, einen Mann am Steuer und zwei Frauen. Drei Belgier, und ein Hund. Mein Vater hatte sie schon öfter gesehen. Der Fahrer stieg aus. Albert Verbrugghe arbeitete in einer Zementfabrik. Er nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Blut rann aus einer Wunde unter seinem Auge. Er schrie, jammerte, stolperte. Die beiden Frauen – seine Frau Madeleine und ihre Freundin Aline – blieben sitzen. Auf ihren geblümten Kleidern breiteten sich große, rote Flecken aus. Erst als ihre Körper aus dem Käfer gezogen wurden und reglos im Gras am Straßenrand lagen, begriff Verbrugghe, was geschehen war. Die indischen Blauhelme hatten sie vermutlich für weiße Söldner gehalten.63 Auch der Hund war tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ist noch eine ganze Woche dort liegen geblieben«, erzählte mir mein Vater irgendwann in den frühen achtziger Jahren. Ich saß mit ihm im Wartezimmer des Zahnarztes. Auf dem Tisch lag eine abgegriffene Ausgabe von &#039;&#039;Paris Match&#039;&#039;. Auf der Titelseite war ein Schwarzweißfoto der Szene mit dem Volkswagen. Ich war zehn oder elf und sah die Todesangst im Blick des Mannes. Mein Vater sah sich das Bild minutenlang an und sagte dann: »Der Fotograf muss ungefähr auf meiner Höhe gestanden haben. Das ist direkt vor meiner Haustür passiert.« Später erfuhr ich, dass ein amerikanischer Kameramann die Fotos gemacht hatte und dass sie durch die ganze Welt gegangen waren. Das &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039; druckte sie im Januar 1963 ab, heute sind sie auch im Internet zu finden.64 Mein Vater war Augenzeuge einer Szene, die das berühmteste Fotos der katangesischen Sezession festgehalten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag im Juli 2007 stand ich dort, wo mein Vater damals gestanden hatte. Ich blickte durch sein Fenster auf den Ort des Geschehens. Die Straße war staubig, am Straßenrand hing ein großes Werbeplakat von CelTel. Jemand schob ein Fahrrad, das mit Holzkohle schwer beladen war. Die Wohnung meines Vaters existierte noch immer. Sie wurde nun von einem jungen, freundlichen Justizbeamten und seiner Familie bewohnt; er hatte eine bildhübsche Frau und zwei reizende Kinder. Sonntags war er Pfarrer der &#039;&#039;Armée de l&#039;Éternel&#039;&#039;, einer der vielen Pfingstgemeinden des Kongo. Die fensterlose Garage, in der mein Vater fünf Jahre lang seinen Ford Consul geparkt hatte, war nun ein improvisiertes Gebetshaus. Ich nahm am Gottesdienst teil. Dreißig Gläubige saßen dicht gedrängt auf wackligen Holzbänken. Das Licht fiel durch das halb offenstehende Garagentor. Im Halbdunkel sah ich die leuchtenden Farben der Betenden. Vor meinem inneren Auge hatte ich Schwarzweißbilder. 1963 und 2007 gingen ineinander über. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Die Menschen sangen wunderbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Hund am Straßenrand verweste, wurde Katanga entsetzt. Eineinhalb Wochen später, am 14. Januar 1963, verkündete Tschombé das Ende der Sezession. Seine Katanga-Gendarmen und weißen Söldner flohen über die Grenze nach Angola. Tschombé setzte sich nach Francos Spanien ab. Die Stimmung unter den Belgiern war sehr antiamerikanisch: Kennedy wurde für die UNO-Schlussoffensive verantwortlich gemacht. »Jetzt ist alles vorbei«, dachte Walter Lumbeeck, der Kollege meines Vaters, damals: »Alles wurde wieder kongolesisch. Das führte zu großer Entmutigung. Viele gingen fort.«65 Die ANC rückte ein, junge Soldaten, die kein Swahili sprachen, nur Lingala, und sich mit der typischen Arroganz von Siegern aufspielten. Die Verwaltung kam in die Hände von Leuten aus Léopoldville. »Unser Boy war in der Zeit der Sezession noch rentenversichert«, sagten Frans und Marja Vleeschouwers, »aber unter der neuen Regierung fiel das alles weg. Die Leute kochten wieder auf &#039;&#039;makala&#039;&#039;, Holzkohle. Es gab nichts mehr zu kaufen, außer Milch und Fleisch.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater musste sich seine Zigaretten und seine Rasierseife bei äthiopischen Blauhelmen besorgen. Die UNO blieb noch eineinhalb Jahre, um den Frieden in Katanga zu überwachen. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal nass rasierte, kramte mein Vater eine große, altmodische Tube Palmolive hervor. Er hatte sich schon lange auf einen Elektrorasierer umgestellt. Als Absolvent eines Studiums der Elektrotechnik konnte er dem Charme von Schaum und Rasierpinsel nichts abgewinnen. »Sei sparsam damit«, sagte er dennoch, »ich hab sie vor mehr als zwanzig Jahren von den UNO-Soldaten gekauft.« Ich besitze die Tube noch. Ein halbes Jahrhundert ist die Seife jetzt alt, aber sie schäumt immer noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sezession Katangas war vorbei, aber die weiße Enklave blieb bestehen. In Jadotville gab es »Oberbayern-Feste«, auf denen man in Lederhosen herumlief und Bierkrüge stemmte. Mitten in der Savanne . . . Alice Lumbeeck erinnerte sich daran, dass am 22. November 1963 bei den belgischen Nachbarn gejuchzt und getanzt wurde. Was war nun wieder los? Sie hatten einmal einen katangesischen Politiker als Nachbarn gehabt. Es war ziemlich lebhaft zugegangen. Die Bierkästen hatten sich bis zum Dach gestapelt. Im Garten wurden Ratten gegrillt. Sie hatten auch einen weißen Söldner als Nachbarn gehabt, einen der sogenannten &#039;&#039;affreux&#039;&#039;, der Schrecklichen. Aber nun johlten belgische Nachbarn, normale Zivilisten. »Ich fragte sie, warum. ›Kennedy ist ermordet worden! Kennedy ist ermordet worden!‹, haben sie gejubelt.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun waren sie noch zu zweit, Kasavubu und Mobutu. Zu Anfang des dritten und letzten Aktes der Ersten Republik war es Kasavubu, der triumphierte: Lumumba war tot, Tschombé verbannt, und Mobutu hatte sich bei der Befreiung Katangas nicht besonders hervorgetan. Es war das Werk der Blauhelme gewesen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit konnte Kasavubu über das gesamte Territorium des Kongo herrschen. Das Land war wiedervereinigt, und er unternahm Rundreisen. Die Beziehungen zu Belgien wurden wieder aufgenommen und die zu den USA bekräftigt. Als Zeichen der Wertschätzung sandte Washington gratis eine Lieferung angereichertes Uran nach Léopoldville, wo es im Kernreaktor der Universität Lovanium zu Forschungszwecken dienen sollte.68 Die Stabilität jener Jahre verdankte Kasavubu auch seinem Premierminister Cyrille Adoula, der drei Jahre an der Macht blieb. Das war mit Abstand die längste Amtszeit der Ersten Republik, wo es beim Amt des Premierministers sonst eher um Monate als um Jahre ging. Adoula war ein hart arbeitender, intelligenter, aber introvertierter Bürokrat, der aufgrund seiner Unentschlossenheit nie eine Bedrohung für Kasavubu bildete.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieses dritten Akts gelang es Kasavubu, seine Position erheblich zu festigen. Nachdem es nun so aussah, als sei wieder Ruhe eingekehrt, trat er für eine neue Verfassung ein, die die vorläufige &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039; ersetzen sollte. Im Laufe des Jahres 1964 erarbeitete eine Kommission die zukünftigen Spielregeln des Landes. Das Resultat war die Verfassung von Luluabourg, ein Text, über den per Referendum abgestimmt wurde. Kasavubu erzielte damit gleich zwei Erfolge. Die neue Verfassung gestaltete den Kongo zu einem dezentralisierten Staat um, und davon hatte Kasavubu schon seit einem Jahrzehnt geträumt. Die Provinzen erhielten mehr Macht, wurden aber bedeutend kleiner. Bereits 1962 waren die sechs riesigen Provinzen aus der Kolonialzeit in einundzwanzig &#039;&#039;provincettes&#039;&#039; aufgeteilt worden, Miniprovinzen, die eher den ethnischen Realitäten und den historischen Territorien entsprachen.70 Außerdem verlieh die neue Verfassung dem Staatsoberhaupt wesentlich mehr Macht. Der Präsident hatte künftig größere Befugnisse als der Ministerpräsident und dessen Regierung. Auch das Parlament hatte nun weniger zu sagen. Wenn es ein Gesetz verabschiedete, das dem Präsidenten nicht passte, durfte er eine erneute Abstimmung verlangen, denn jeder kann sich ja mal irren. Und damit der Fehler nicht ein zweites Mal passierte, bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit, um den Alternativvorschlag des Präsidenten abzulehnen . . . In Notfällen durfte das Staatsoberhaupt selbst zum Gesetzgeber werden. Reibereien mit einem widerspenstigen Ministerpräsidenten gehörten nun der Vergangenheit an. »Er darf auch aus eigener Initiative den Ministerpräsidenten oder eines oder mehrere Mitglieder der Zentralregierung des Amtes entheben, insbesondere, wenn er sich in einem ernsthaften Konflikt mit ihnen befindet«, stand in Artikel 62.71 Kasavubu war auf Rosen gebettet: Das Land bestand aus kleinen Einheiten, Katanga war zu drei harmlosen Miniprovinzen zerbröckelt, und er hielt die Zügel fester denn je in der Hand. Teile und herrsche, heißt so etwas. Ihm konnte nichts mehr passieren. Glaubte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 19. November 1963 wurden zwei sowjetische Diplomaten ver­haftet, die aus Brazzaville zurückkehrten. Man hatte bei ihnen äußerst belastende Dokumente gefunden. Die Diplomaten hatten in der Hauptstadt jenseits des Flusses Kontakt gehabt mit Christophe Gbenye, dem ehemaligen Innenminister zur Zeit Lumumbas. Brazzaville war ein Zufluchtsort für Lumumbisten der ersten Stunde geworden. Nicht zu weit entfernt von Léopoldville, aber doch sicher vor einem Zugriff Kasavubus. Die Dokumente sprachen von der Gründung einer revolutionären Bewegung&#039;&#039;,&#039;&#039; dem &#039;&#039;Comité National de Libération&#039;&#039;, mit Gbenye an der Spitze. Es waren bereits Delegationen nach Moskau und Peking gereist. In den Dokumenten erbat das Komitee die Unterstützung der UdSSR, um junge Männer militärisch auszubilden. Es bat um Funkanlagen, handliche Kassettenrekorder, Mini-Fotoapparate und Fotokopierer »oder andere, ähnliche zur Spionage geeignete Geräte«. Fast wie in &#039;&#039;Mission Impossible&#039;&#039;. Man forderte außerdem: »20 Miniatur-Pistolen (mit Schalldämpfer) in der Form eines Feuerzeuges oder Kugelschreibers« und einige »Koffer mit doppeltem Boden«. Kasavubu hatte sich zu früh in einer sicheren Position geglaubt.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Ausbruch von Unmut fand im Kwilu statt. Der Anstifter war Pierre Mulele, ehemaliger Minister für Bildung und Schöne Künste in der Regierung Lumumba, Handlanger von Gizenga. Mulele hatte mit den Verschwörern in Brazzaville nichts zu tun, verfolgte aber die gleichen Ziele. Nach dem Debakel der ersten Regierung war er ins Ausland geflohen und in China gelandet. Dort lernte er die Ideologie und die Praxis von Maos Bauernaufstand kennen und eignete sich Guerrillatechniken an. Mit dieser Ausbildung kehrte er heimlich in seine Geburtsregion zurück. Gizenga gehörte zu den Pende, jenem Stamm, der 1931 gegen die Kolonialregierung gekämpft hatte; Mulele gehörte dem benachbarten Mbunda-Stamm an. Er versuchte, unter den Bauern den Widerstand erneut anzufachen. Der Feind war diesmal nicht der weiße Kolonisator, sondern die erste Generation kongolesischer Politiker, die Lumumba ermordet hatten. Waren sie nicht mehr mit Machtspielen beschäftigt als mit dem Wohl des Landes? War nicht ihr Lebensstil von Müßiggang geprägt und ihre Selbstbereicherung schamlos? Waren sie keine verwerflichen Bourgeois? Statt dem Volk zu dienen, argumentierte er, missbrauchten sie die Macht, um nach Herzenslust in die Staatskasse greifen zu können. Ihre prowestliche Haltung habe ihre Raffsucht nur noch gesteigert. Die Bauern hörten Mulele zu und nickten grollend. Von der Unabhängigkeit hatten sie tatsächlich noch nicht viel gespürt, da hatte er recht. Ihr Leben war nur mühsamer geworden. Wurde es nicht Zeit für »eine zweite Unabhängigkeit«, fragten sie sich. Das war ein authentischer, volkstümlicher Begriff. Eine neue &#039;&#039;dipenda&#039;&#039;, diesmal die richtige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele begann mit seiner Bauernrevolte, dem ersten großen Aufstand auf dem Land in Afrika seit der Unabhängigkeit. Er bekundete einen außergewöhnlichen Idealismus und große Selbstlosigkeit. Er wurde eine Art kongolesischer Che Guevara, ein Linksintellektueller, der Anschluss bei den einfachen Leuten suchte. In Dörfern und Hütten lehrte er das revolutionäre Gedankengut. Unermüdlich betonte er die Bedeutung von Disziplin während der Revolte. Seine Vorschriften basierten stark auf den Schriften Maos.73 Die revolutionären Kämpfer sollten jeden Menschen respektieren, auch die Kriegsgefangenen. Stehlen war verboten, sogar beten.74 Was zerstört wurde, musste ersetzt werden. »Respektieren Sie die Frauen und vergnügen Sie sich nicht mit ihnen, so wie Sie möchten.« Nein, die Revolution sollte auch Töchter haben. In Muleles &#039;&#039;maquis&#039;&#039; wurden auch Frauen ausgebildet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele verfügte allerdings kaum über Waffen. Da er nicht von ausländischen Mächten abhängig sein wollte, musste sich der Aufstand aus eigenen Mitteln finanzieren. Also zog man mit ein paar alten Schusswaffen, mit Messern und mit aus Fahrradspeichen fabrizierten Giftpfeilen in den Kampf. Schulen wurden in Brand gesteckt, Missionsstationen zerstört, Brücken sabotiert. Es gab mehrere hundert Tote. Gemetzel fanden statt, trotz der Regeln. Dennoch war die Revolution nicht erfolgreich. Muleles chinesische Doktrin fand nicht überall Anklang. Sie war wohl zu säkular. Warum durften die Kämpfer nicht beten? Die einfachen Bauern im Kwilu wussten nicht, was Opium war und hatten kein Ohr für Geschichten über falsches Bewusstsein. Ihr Weltbild war nach wie vor in hohem Maße religiös und tribal geprägt. Deshalb wurde Muleles Machtbasis nie größer als das Stammesgebiet der Pende und der Mbunda. Die Städte entzogen sich seiner Kontrolle. Die mulelistische Revolte fand nur von Januar bis Mai 1964 statt, hatte aber große symbolische Bedeutung. Kasavubus Position war zum ersten Mal seit Tschombé offen bedroht, und Lumumbas Gedankengut erwies sich als quicklebendig. Wenn Lumumba ein Märtyrer war, dann war Mulele sein neuer Prophet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit konnte man in den breiten Alleen von Stanleyville zwischen den modernistischen Meisterwerken der Architektur unter einer sengenden Sonne eine steinalte Frau sehen. Sie war 80, vielleicht sogar 90. Mama Lungeni war die Witwe von Disasi Makulo, dem Mann, den Stanley als Kind freigekauft hatte. Ihr illustrer Mann war 1941 gestorben, sie hatte ihn schon mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. 1962 war sie zur Hochzeit einer Enkelin nach Stanleyville gekommen, und ihre angegriffene Gesundheit hatte die Rückkehr in ihr Heimatdorf im Regenwald verhindert.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als junges Mädchen war sie das Opfer tribaler Gewalt geworden, und jetzt, alt und mit steifen Gliedern, musste sie erleben, dass der Krieg zurückkehrte. Sie wusste natürlich nicht, dass die revolutionären Kampfgenossen in Brazzaville beschlossen hatten, in Aktion zu treten, aber sie würde es bald merken. Gbenyes Comité National de Libération plante eine Invasion in den Osten des Landes. In Burundi, das wie Ruanda seit 1962 unabhängig war, wurden die angehenden Rebellen von chinesischen Guerilla-Spezialisten trainiert. Auch die Sowjetunion war bereit zu helfen. Im Süd-Kivu wurde die Rebellion von einem Mann namens Gaston Soumialot angeführt, in Nord-Katanga hieß der Anführer Laurent-Désiré Kabila. Ihre Kämpfer waren sehr junge Männer, Jugendliche von sechzehn, siebzehn Jahren, manchmal noch jüngere Teenager und auch Kinder. Sie waren empfänglicher für Magie als für jede maoistische und marxistisch-leninistische Rhetorik. Sie nannten sich Simbas, Löwen, und glaubten fest an die Wirkung martialischer Rituale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dienst von Kabilas und Soumialots Befreiungsarmee stand eine mächtige &#039;&#039;féticheuse&#039;&#039;, Mama Onema, eine Frau in den Sechzigern. Jeder junge Krieger wurde von ihr initiiert. Mit einer Rasierklinge zog sie drei kleine Striche zwischen seinen Augen. Aus einer Streichholzschachtel nahm sie ein schwarzes Pulver – gemahlene Knochen und Haut von Löwen und Gorillas, gemischt mit zerquetschten schwarzen Ameisen und pulverisiertem Hanf – und rieb es in die Schnittwunden. Sie überreichte ihm ein &#039;&#039;grigri&#039;&#039;, ein Amulett, das er am Handgelenk oder um den Hals trug und das ihm Kraft verleihen sollte. Immer, wenn er in den Kampf zog, besprenkelte sie seinen Brustkorb und seine Waffen mit Wasser, das ihn unverwundbar machen sollte. Die Kämpfer mussten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln einhalten. Einem Nicht-Simba durften sie niemals die Hand geben, sie durften sich nicht waschen, sich nicht die Haare kämmen oder die Nägel schneiden, sonst verloren sie ihre Unverwundbarkeit. Viele dieser Regeln waren weniger bizarr, als es zunächst scheinen mag. Die meisten Simbas hatten keine Uniformen und kaum Schusswaffen. Sie zogen mit nacktem Oberkörper in den Kampf, behängt mit Zweigen und Tierfellen, und sie hatten nur Speere, Macheten und Knüppel. So ausgerüstet, mussten sie es mit Mobutus Regierungsarmee aufnehmen, die noch immer ein chaotischer Haufen war, allerdings ein chaotischer Haufen mit halbautomatischen Maschinengewehren. Die magischen Regeln zwangen die Simbas zu einer Form von militärischer Disziplin. Sex war verboten, weil die Kämpfer sonst Frauen vergewaltigen würden. In Panik geraten war verboten, weil sie sonst die Flucht ergriffen. Nach hinten zu blicken war verboten, sich zu verstecken war verboten. Die Simba-Krieger mussten auf den Feind losstürmen, unter lautem Gebrüll: &#039;&#039;»Simba, Simba! Mulele mai! Mulele mai! Lumumba mai! Lumumba oyé!«&#039;&#039; (Löwe, Löwe, Wasser von Mulele, Wasser von Lumumba, hoch lebe Lumumba!). Wenn sie das schrien, würden sich die gegnerischen Kugeln in Wasser verwandeln, sobald sie auf ihre Brust trafen. Wer dennoch getroffen wurde, hatte offensichtlich eine der Verhaltensregeln nicht beherzigt.76 Irrwitzig? Ja, aber nicht irrwitziger als bestimmte Angriffe im Ersten Weltkrieg, bei denen Soldaten ins Sperrfeuer getrieben wurden. Und das Bizarre war: Nicht nur die Simbas glaubten an ihre magischen Kräfte, sondern auch die Soldaten der Regierungsarmee. Mobutus Soldaten hatten panische Angst vor diesen unter Drogen gesetzten, hysterischen Berserkern, die mit lautem Geschrei und weit aufgerissenen Augen auf sie zu rannten. Im Mai 1964 nahmen die Simbas Uvira und Albertville ein, zwei wichtige Städte am Westufer des Tanganjikasees. Für Kasavubu und Mobutu war es eine schmachvolle Niederlage. Die Regierungssoldaten banden Zweige um ihre Gewehrläufe und hofften, es würde als Gegenzauber wirken, viel häufiger jedoch ergriffen sie die Flucht. Brüllend und kreischend eroberten die Aufständischen den Osten des Kongo. Die Rebellen konfiszierten Autos und plünderten Läden. Sie sammelten Schusswaffen ein, die die Regierungssoldaten in Panik zurückgelassen hatten. Soumialot zog mit seinen Leuten von Uvira nach Stanleyville, ein monatelanger Fußmarsch durch den Urwald. In allen Dörfern und kleinen Städten, durch die sie kamen, schlossen sich ihnen Jugendliche an, denen die Unabhängigkeit verhasst war. Wegen der Schlamperei der Regierung konnten viele tausend Jugendliche im Osten nicht mehr weiterlernen.77 Ihre Lehrer wurden nicht oder kaum bezahlt. Im ganzen Land traten Lehrer in den Streik.78 Der weiterführende Unterricht, die Möglichkeit schlechthin, in der Gesellschaft aufzusteigen, war nur noch ein Schatten dessen, was er einmal gewesen war. Die Schüler waren ohne Lehrer. Das Wort &#039;&#039;révolution&#039;&#039; enthielt für sie mehr Versprechen als das Wort &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Sie waren zu jung, um schon eine Frau, ein Haus oder ein kleines Feld zu haben, aber noch nicht alt genug, um alle ihre Träume aufzugeben. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie waren &#039;&#039;rebels with a cause&#039;&#039;, junge Löwen, die größten Verlierer der Unabhängigkeit. Und sie wurden zu schrecklichen Mordmaschinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni erlebte mit, wie die Rebellen in die Stadt kamen. Anfang August 1964 fiel ihnen Stanleyville in die Hände. Das Bollwerk von Lumumba und Gizenga gehörte wieder ihnen. Sie gingen auf die Suche nach Nutznießern der Unabhängigkeit. &#039;&#039;Évolués&#039;&#039;, Intellektuelle und Reiche mussten dran glauben. Beim Denkmal für Lumumba wurden rund 2500 »Reaktionäre« ermordet. Die Simbas schnitten ihnen das Herz heraus und aßen es; so verhinderten sie, dass die Toten zurückkehren konnten. Auch andernorts legten sie eine außerordentliche Grausamkeit an den Tag. »Butter! Butter!«, riefen sie in Tshumbe, als eine Machete den Schädel eines Feindes spaltete und das Gehirn herauslief.79 Babys und Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in die sengende Sonne gelegt, bis sie Tage später starben.80 In Kasongo schnitten sie einigen älteren Leuten den Bauch auf und zwangen die Umstehenden, die Gedärme zu essen.81 Außerdem waren sie ausgesprochen antiamerikanisch, antibelgisch und antikatholisch. Der amerikanische Konsul von Stanleyville musste auf der amerikanischen Flagge herumtrampeln und ein Stück davon essen.82 Wer auch nur einen Gegenstand mit der Aufschrift »Made in USA« besaß, war in Lebensgefahr. Es wurde zu einem Spiel, belgischen Missionaren den Bart anzuzünden und das Feuer dann mit Schlägen zu löschen. Viele Simbas beriefen sich auf den geheimen Kitawala-Kult, der im Osten des Kongo schon immer stark gewesen war.83 Ihr Hass gegen Weiße war groß. Mehrere Missionsschwestern wurden vergewaltigt und ermordet, einige Missionare gefoltert und getötet.84&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni befürchtete, nie mehr zu dem evangelischen Missionsposten Yalemba, wo Disasi begraben lag, zurückkehren zu können. Sie wollte dort sterben und neben ihm ruhen. Doch am 5. September 1964 riefen die Rebellenführer einen neuen Staat aus. Das Rebellengebiet hieß künftig &#039;&#039;République Populaire du Kongo&#039;&#039;, nach dem Vorbild der Volksrepublik China. Die verschiedenen Milizen wurden zur &#039;&#039;Armée Populaire de la Libération&#039;&#039;, der Volksbefreiungsarmee, verschmolzen. Christophe Gbenye, der Mann aus Brazzaville, wurde Präsident; Gaston Soumialot wurde Verteidigungsminister; das Oberkommando über die Streitkräfte wurde General Nicholas Olenga übertragen. Ein Drittel des Kongo gehörte ihnen. Mama Lungeni konnte nicht weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Kasavubu war es ein totaler Affront. Mobutu gab eine klägliche Figur ab mit seinen Truppen, die immer wieder ihr Heil in der Flucht suchten. Er bemühte sich, die Armee zu modernisieren, und erhielt sogar Unterstützung von kubanischen Kampfpiloten, Männer, die dem Regime Castros entflohen und fest entschlossen waren, anderswo auf der Welt den Vormarsch linker Revolutionäre zu verhindern. Aber auch das nützte nichts. Würde der Kongo nun doch dem Kommunismus anheimfallen? Das war nach wie vor nicht im Sinne der Amerikaner. Was, wenn Katanga zurückerobert würde? Was, wenn Tschombé aus Spanien zurückkäme und sich den Rebellen anschlösse? Er verfügte über genügend Mittel und Leute. Dann wären zwei Drittel des Kongo in revolutionären Händen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun vollzog sich eine jener völlig unerwarteten Wendungen, die für die politische Geschichte des Kongo typisch sind: Tschombé kehrte tatsächlich zurück und . . . schlug sich auf die Seite von Léopoldville, die Seite, gegen die er zweieinhalb Jahre lang gekämpft hatte! Es war eine Wendung um 180 Grad, aber sie war, lässt man den Faktor Integrität außer Acht, nicht unlogisch. Mobutu und seine Kumpel von der Binza-Gruppe (insbesondere Außenminister Justin Bomboko, Victor Nendaka, der Chef des kongolesischen Sicherheitsdienstes, und Albert Ndele, Gouverneur der Nationalbank) waren sich darüber im Klaren, dass Tschombé noch immer seine Katanga-Gendarmen und Söldner mobilisieren konnte.85 Er brauchte sie nur über die angolanische Grenze zu holen. Wenn sie sich auf die Seite der Rebellen stellten, war Léopoldville verloren. Und so entschieden sie, dass es besser war, einen unangenehmen Zeitgenossen im Haus zu haben, der Steine nach draußen schmiss, als umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé wiederum hatte schon immer eine Machtbasis in der Hauptstadt angestrebt. Das Angebot Mobutus und der Seinen war eine vortreffliche Chance, das Exil in Madrid zu beenden und seiner politischen Laufbahn ein neues Kapitel hinzuzufügen. Kriecherisch schrieb er Kasavubu: »In dieser schwierigen Zeit, die bevorsteht, und aus der das Land stärker hervorgehen muss, um die gewaltigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, die vor ihm liegen, erneuere ich mein Angebot, Ihnen meine uneingeschränkte Mitarbeit im Dienste des Vaterlandes zu gewähren.«86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit bildeten die drei Feinde Lumumbas eine Troika: Kasavubu als Präsident, Mobutu als Oberbefehlshaber der Armee und, nach einigen Verhandlungen, Tschombé als Ministerpräsident. Im Juli 1964 löste er Adoula ab und versprach dem Volk »einen neuen Kongo in drei Monaten«. Im großen Fußballstadion von Léopoldville jubelten ihm dreißig- bis vierzigtausend Menschen zu. In Stanleyville, kurz vor der Einnahme durch die Rebellen, legte er sogar einen Kranz nieder am Denkmal für Lumumba, für dessen Ermordung er mitverantwortlich war.87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé verfügte über zwei Trümpfe: seine Söldner von damals und die US-Armee. Unter den Söldnern befanden sich Oberst Mike Hoare, ein Südafrikaner irischer Abstammung, »Mad Mike« genannt; Oberst Bob Denard, ein Franzose und zweifellos der berüchtigtste Söldner des zwanzigsten Jahrhunderts; und Jean Schramme, genannt »Black Jack«. Letzterer war kein klassischer Söldner, sondern ein Belgier, der Plantagen in Katanga besaß und beschlossen hatte, sich an der »Rettung« des Kongo zu beteiligen. In schmuddeligen Kneipen in Brüssel, Paris und Marseille wurden neue Kämpfer rekrutiert. Sie unterzeichneten Verträge, in denen stand, wie viel Schmerzensgeld sie erhalten würden für den Verlust eines Zehs (30.000 Belgische Franc), eines großen Zehs (50.000 Belgische Franc) oder des rechten Arms (350.000 Belgische Franc). Und auch, was ihre Witwe bekommen würde (1 Million Belgische Franc).88&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Amerikaner stellten Léopoldville eine Luftflotte zur Verfügung: dreizehn T-28 Kampfflugzeuge, fünf B-26-Bomber, drei C-46-Transportmaschinen und zwei kleine zweimotorige Passagierflugzeuge. Alles Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber gut genug, um in den Kampf zu ziehen gegen Halbwüchsige mit nacktem Oberkörper, die sich für unverwundbar hielten.89 Während die Söldner zusammen mit Katanga-Gendarmen, kongolesischen Regierungssoldaten und belgischen Offizieren eine Bodenoffensive starteten, beschossen die Amerikaner die Simbas aus der Luft. Eine Stellung nach der anderen fiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Simbas reagierten mit blindwütigem Zorn. Fassungslos, dass sie doch fallen konnten, erklärten sie ihre Verluste damit, dass die saisonbedingten Regenfälle die magischen Kräfte abwuschen.90 Wie Besessene suchten sie bei den zurückgebliebenen Weißen nach Sendeanlagen, denn sie verdächtigten sie, den Feind zu informieren. Wer ein Transistorradio besaß oder auch nur einen Kugelschreiber, war verdächtig. Sie holten Hunderte Europäer aus dem Gebiet, das noch unter Kontrolle der Rebellen war, und brachten sie als Geiseln in das Hotel Victoria Palace in Stanleyville. Sie drohten damit, alle Geiseln umzubringen. Das war das Startsignal für eine groß angelegte Militäraktion der Belgier und Amerikaner. Sie bestand aus einer Bodenoffensive (Operation Ommegang) und einer Luftoffensive (Operation Dragon Rouge). Am 24. November 1964 landeten 343 belgische Fallschirmjäger in Stanleyville und besetzten den Flughafen. Unterdessen rückten die Bodentruppen in die Stadt ein. Zweitausend Europäer wurden befreit und mit vierzehn C-130-Maschinen evakuiert; etwa hundert kamen bei der Aktion ums Leben. In den Tagen darauf töteten die Simbas als Vergeltung neunzig Nonnen und Patres im Landesinneren.91 Der Blutzoll auf kongolesischer Seite wurde nie ermittelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni entging um Haaresbreite dem Tod. Am Tag der Befreiung Stanleyvilles hörte sie um halb sechs das Dröhnen der Flugzeuge. Sie schloss sich mit ihren Angehörigen im Haus ein. »Kurz darauf flog eine der Maschinen über unser Viertel Tshopo«, erinnerte sich ihr Sohn. »Direkt über uns feuerte sie eine Rakete ab, die ungefähr zehn Meter von unserem Haus entfernt einschlug. Ein Teil des Geschosses verschwand im Boden, die Bruchstücke flogen bis an die Haustür und zertrümmerten alle Fensterscheiben.« Mama Lungeni saß in diesem Moment im Wohnzimmer gegenüber der Haustür. Sie fiel in Ohnmacht. »Alle, die Kinder und die Enkelkinder, riefen: Mama ist tot! Oma ist tot! Wir trugen sie auf den Innenhof, wo sie wenig später wieder zu atmen begann und die Augen öffnete.«92&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Einnahme Stanleyvilles zerstreuten sich die Rebellen über das Landesinnere. Zwei Töchter von Mama Lungeni, die am Fluss wohnten, holten ihre Mutter mit einem Einbaum ab. Aber die Missionsstation Yalemba war noch lange nicht sicher. In großer Angst vor den amerikanischen Bombern verließen die Menschen ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute flohen in den Regenwald oder auf die Inseln. Mama Lungeni und ihre Kinder gehörten zu den Flüchtlingen im Wald. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Immer wieder mussten sie sich einen neuen Ort suchen und sich provisorische Hütten als Schutz gegen das schlechte Wetter bauen. Mama Lungeni war erschöpft und konnte nicht mehr laufen. Bei jedem Ortswechsel musste sie getragen werden, abwechselnd auf dem Rücken ihrer Tochter Bulia und ihrer Enkelinnen Mise und Ndanali. Die Kleinen, Naomi, Toiteli, Maukano, Moali und ihr Cousin Asalo Kengo folgten ihnen und trugen das Gepäck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil es ihr so schlecht ging und weil es so unsicher war, beschloss sie, den Wald zu verlassen und Schutz zu suchen auf der Insel Enoli, mitten im Fluss, wo Onkel Anganga und seine Familie wohnten.93&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau beendete ihr Leben so, wie es begonnen hatte: in Not und Elend eines Krieges. Eines Tages ging sie nach dem Abendgebet schlafen. Ein schwerer Regenschauer prasselte nieder. Um drei Uhr morgens zündete ihre älteste Tochter, die neben ihr schlief, eine Lampe an. Mama Lungeni war gestorben. Es war der 1. Mai 1965. Mit einem Einbaum brachten sie den Leichnam nach Bandio, zu dem Ort, an dem Disasi 1883 entführt worden war. Die Trommel verbreitete die Nachricht von ihrem Tod. Die Menschen kamen aus dem Äquatorialwald, um dem Begräbnis beizuwohnen. Sie wurde neben ihrem Mann bestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der Bürgerkrieg dauerte an. Léopoldville gewann stetig Terrain. Doch als die Rebellen schon sehr geschwächt waren, bekamen sie im Osten Unterstützung von unerwarteter Seite. Die schlecht organisierte Revolution hatte nie eine ernsthafte Diplomatie entwickelt, die Unterstützung sympathisierender Länder wie Ägypten, Algerien, China und der UdSSR war die ganze Zeit kaum der Rede wert. Doch plötzlich ging im April 1965 am Ufer des Tanganjikasees niemand Geringeres als Che Guevara an Land! Er war aus Kuba hergeflogen und ließ mehr als hundert gut ausgebildete kubanische Soldaten in den Kongo kommen, alle von afrikanischer Abstammung, damit ihre Anwesenheit nicht auffiel, späte Nachfahren von Sklaven aus Zentralafrika. Nun sollten sie den Kongo an der Seite von Kabila und seinen Simbas zurückerobern. Aber el Che musste bald erkennen, dass das revolutionäre Feuer bei Kabilas Männern nicht besonders hoch loderte. In ihren geheimen Lagern im Buschwald ertönte laute Tanzmusik, und auch Frauen und Kinder hielten sich dort auf. Die kongolesischen Genossen, die keinerlei militärische Ausbildung hatten, lungerten meist nur herum. Von Schützengräben wollten sie nichts wissen, das sei etwas für Tote. Schießtraining interessierte sie nicht, sie konnten das rechte Auge nicht zukneifen. Sie feuerten lieber einfach drauflos.94 Einer der Kubaner sagte einmal im Scherz, im Kongo seien sämtliche Bedingungen erfüllt, die man für die Revolution nicht brauche, wie Che Guevara sarkastisch in sein Tagebuch notierte.95 Die wenigen Male, als sie an die Front gingen, hatten die Kubaner »mit ansehen [. . .] müssen, wie sich die Truppen gleich zu Beginn der Kampfhandlungen auflösten, wie die teuren Waffen einfach weggeworfen wurden, um schneller fliehen zu können«.96 Kabila selbst hielt sich ständig in Tansania auf und ließ sich nach zwei Monaten kurz sehen, um aufs Neue zu verschwinden. Che räumte ein, dass Kabila die einzige Persönlichkeit mit Führungsqualitäten sei, aber von einem wahren revolutionären Anführer hatte er doch andere Vorstellungen. »Er benötigt dazu außerdem revolutionäre Integrität, eine Ideologie, die der Aktion zugrunde liegt, und Opferbereitschaft, die seine Handlungen begleitet. Bisher hat Kabila noch nicht den Beweis erbracht, dass er irgendetwas davon besitzt. Er ist jung, und möglicherweise ändert er sich ja noch; aber ich bin bereit, auf einem Blatt Papier, das erst in vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, meine tiefen Zweifel daran festzuhalten, dass er in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, seine Defizite ausgleichen kann.«97 Kabila würde mehr als drei Jahrzehnte im Buschwald herumlungern. 1997 stürzte er Mobutu, el Che war damals längst ermordet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach sieben Monaten verließen Che Guevara und seine Kämpfer den Kongo. Die Rebellion war erfolglos. Mit Bitterkeit notierte er: »Während jener letzten Stunden im Kongo hatte ich mich so alleine gefühlt wie nie, weder in Kuba noch an irgendeinem anderen Ort meiner Wanderungen durch die Welt.«98&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé triumphierte. Die Rebellion war zurückgedrängt worden dank »seiner« Söldner und »seiner« Gendarmen. Neben dem militärischen Triumph verbuchte er auch einen äußerst wichtigen diplomatischen Sieg. In Brüssel hatte er Verhandlungen über das viel diskutierte »koloniale Portfolio« aufgenommen. Damit waren die großen Aktienpakete gemeint, die Belgien kurz vor der Unabhängigkeit an sich gerissen hatte. Die Diskussion über die Rückgabe der Wertpapiere wurde unter dem Namen &#039;&#039;»&#039;&#039;c&#039;&#039;ontentieux belgo-congolais«&#039;&#039; bekannt. Tschombé konnte die belgischen Unterhändler davon überzeugen, dass die Aktien im Grunde dem kongolesischen Staat zustünden, und bekam das Huhn mit den goldenen Eiern wieder in den eigenen Stall. Als er in den Kongo zurückkam, schwenkte er überall eine lederne Aktentasche.99 Das Portfolio! Das Volk lachte und strahlte. Der Krieg war vorbei, das Geld kam zurück. »Jetzt werden wir wieder &#039;&#039;makayabu&#039;&#039; essen!«, sangen sie, köstlichen Stockfisch, der unerschwinglich geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik war es für den durchschnittlichen Kongolesen erheblich bergab gegangen. Die Inflation war turmhoch: 1960 kostete ein Kilo Reis nur neun Franc, 1965 neunzig Franc.100 Die Kaufkraft war mächtig geschrumpft.101 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Wer noch einen Arbeitsplatz hatte, musste mit immer weniger Lohn immer mehr Münder stopfen.102 Viele Menschen hungerten.103 Krankheiten, die unter Kontrolle gewesen waren, wie die Schlafkrankheit, TBC und Flussblindheit, forderten erneut zahlreiche Opfer.104&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1965 war Tschombé der mit Abstand populärste Politiker des Kongo. Zum ersten Mal seit der Entkolonialisierung fanden wieder Parlamentswahlen statt. Tschombé gewann haushoch. Mit seinem Zweckbündnis von Parteien errang er 122 der 167 Sitze. Kasavubu erkannte, dass Tschombé eine Gefahr für seine Präsidentschaft bedeuten konnte. In seinen Händen waren nun die Befugnisse des Premierministers, des Außenministers, des Außenhandelsministers und die Ressorts Arbeit, Infrastruktur und Öffentlichkeit.105 Am 13. Oktober machte Kasavubu das, was er im September 1960 mit Lumumba gemacht hatte: Er setzte den Premierminister ab und berief einen Lakaien auf den Posten (Evariste Kimba), einen Mann, zu dem das Parlament kein Vertrauen hatte. Die neue Verfassung erlaubte diesen Schachzug, doch jetzt schien alles von vorn zu beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem unserer Gespräche holte Jamais Kolonga ein merkwürdiges, stark zerknittertes Foto hervor. Eine kleine Gruppe junger Männer stand mit strahlenden Gesichtern um einen Tisch. In der Mitte erkannte ich sofort den jungen Mobutu. Schon damals sah er aus wie ein afrikanisches &#039;&#039;remake&#039;&#039; von König Baudouin. »Das war am fünfunddreißigsten Geburtstag von Mobutu. Die Feier war im Restaurant des Zoos, dem besten Restaurant der Stadt.« Es war der 14. Oktober 1965, einen Tag nach der Absetzung Tschombés. »Hier links steht Isaac Musekiwa, Trompeter bei OK Jazz, daneben Paul Mwanga, Sänger bei OK Jazz, dann ich, Jamais Kolonga, neben Mobutu! Rechts stehen die Männer von African Jazz. Erst der Sänger Mujos und dann der große Kabasele selbst. Das hier ist Roger Izeidi, von OK Jazz. Und ganz rechts, das ist niemand Geringeres als Franco!« Die Elite der kongolesischen Musik versammelte sich an diesem Abend um den höchsten Befehlshaber der Armee; es war so, als wären die Beatles und die Stones zusammen mit dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte auf einem Foto zu sehen. Jean Lema alias Jamais Kolonga schwelgte noch einmal in Erinnerungen. »Weißt du, was Mobutu mir an dem Abend verraten hat? Ich hatte 1960 drei Monate mit ihm im Dienst von Lumumba zusammengearbeitet. ›Jean‹, sagte er, ›in einem Monat bin ich Präsident der Republik.‹«106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kam es auch. Am 24. November 1965, dieses Datum weiß jeder Kongolese auswendig, rief Mobutu um neun Uhr abends alle hohen Kommandanten der Streitkräfte in seiner Residenz in der Hauptstadt zusammen. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten, Zeitungen und Zeitschriften. Den ganzen Tag hatte er an Sitzungen teilgenommen, und sein Entschluss stand fest: Er würde Staatsoberhaupt werden. Die Erste Republik war auf eine totale Katastrophe hinausgelaufen. Er musste Ordnung schaffen. Wenn Kasavubu die Machenschaften von vor fünf Jahren wiederholte, dann würde er, Mobutu, seinen Staatsstreich wiederholen, und diesmal nicht für die Dauer von fünf Monaten, sondern für fünf Jahre. Einem Mitarbeiter diktierte er eine Presseerklärung, ein Leutnant musste den Text für die Übertragung im Rundfunk einsprechen, ein Major sabotierte unterdessen Kasavubus Telefonleitung. Alle versicherten ihm seine Unterstützung. Das Bier floss in Strömen. Madame Mobutu bewirtete die Anwesenden mit Fisch und Kochbananen. Sie war allerdings sehr besorgt: »Hört doch auf mit dem Unsinn. Wenn sie euch fassen, werdet ihr alle ermordet«, flüsterte sie ihrem Schwager zu. Aber um halb drei Uhr morgens schenkte sie jedem ein Glas Champagner ein. Drei Stunden später sendete der Rundfunk die Nachricht vom Staatsstreich.107 Den ganzen Tag war dann nur noch Marschmusik zu hören. Die Erste Republik war vorbei. Kein Schuss war gefallen. Der Kampf um den Thron war entschieden. Jeder der vier Protagonisten hatte seine &#039;&#039;finest hour&#039;&#039; versprochen, aber es war Mobutu, der den Ruhm einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 9 Die elektrisierenden Jahre ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Mobutu krempelt die Ärmel hoch 1965-1975 ===&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo wunderte sich schon ein wenig, als er den Brief entgegennahm. Er bekam zwar öfter Post hier in Paris, aber dass ihm der Direktor seiner Schule höchstpersönlich einen Brief überreichte, das war neu. Seit wann war der Rektor des berühmten INA, des &#039;&#039;Institut National de l&#039;Audiovisuel&#039;&#039;, ein Edel-Kurier? Der Leiter eines der weltweit wichtigsten Ausbildungsinstitute für Rundfunk- und Fernsehjournalisten hatte doch bestimmt Besseres zu tun, als Postbote zu spielen für die Handvoll afrikanischer Studenten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Brief hatte einen bedeutenden Absender. Zizi sah, dass er von der Botschaft kam, und das bedeutete in jener Zeit: vom Präsidenten. Mobutu hatte seinen Minister mit der Zustellung beauftragt, der Minister den Botschafter, der Botschafter sein Personal. So lief das inzwischen in Zizis fernem Vaterland. Seit Mobutu neun Jahre zuvor an die Macht gekommen war, hielt er die Zügel fest in der Hand. Alle Zügel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September. Das akademische Jahr hatte gerade begonnen. Paris wurde wieder eine wuselige Stadt: Die Franzosen waren aus den Ferien zurück, die Metros wieder voll, Menschenmengen hasteten über die Boulevards. »Ambassade de la République du Zaïre«, las Zizi auf dem Briefkuvert. Auch nach drei Jahren hatte er sich noch nicht an den neuen Namen gewöhnt . . . Das offenherzig klingende Wort Kongo hatte 1971 dem zischenden Zaire weichen müssen. Mobutu fand das authentischer als die koloniale Bezeichnung »Kongo«. Der Vater der Revolution stützte sich dabei auf eines der frühesten schriftlichen Dokumente: eine portugiesische Karte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dort trug der breite Strom, der in einem großen Bogen durch sein Land floss, den Namen »Zaire«. Allerdings hatte Mobutu kurz nach der Umbenennung entdecken müssen, dass er einem Irrtum aufgesessen war: Zaire war die völlig fehlerhafte Schreibweise des Wortes &#039;&#039;nzadi&#039;&#039;, im Kikongo einfach nur der Name für »Fluss«. Als die Portugiesen die Eingeborenen im Mündungsgebiet des Stromes fragten, wie sie die große, wirbelnde Wassermasse nannten, hatten die geantwortet: »Fluss!« &#039;&#039;Nzadi&#039;&#039;, wiederholten sie. &#039;&#039;Zaire&#039;&#039;, verstanden die Portugiesen. Zweiunddreißig Jahre lang würde Zizis Land seinen Namen der falschen phonetischen Wiedergabe eines portugiesischen Kartographen verdanken, der vor vier Jahrhunderten gelebt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaïre also. So hieß das Land, und künftig hießen so auch der Fluss und die Währung und die Zigaretten und die Kondome und noch einiges mehr. Ein bizarrer Name, mit dem seltsamen z und dem lästigen Trema. Wenn man ihn auf der Schreibmaschine tippen musste, bekam man über dem i so eine heilige Dreifaltigkeit von Pünktchen. Die amerikanischen Bündnispartner Mobutus sprachen es nie richtig aus. Die machten daraus prinzipiell das einsilbige »zair«, &#039;&#039;air&#039;&#039; mit einem z davor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;A l&#039;attention du Citoyen Kabongo Kalala&#039;&#039;, stand auf dem Brief der Botschaft. Die Franzosen fanden es bestimmt amüsant, dieses »citoyen« als Anrede. Wenigstens noch ein Land, das die revolutionäre Etikette hochhielt, zweihundert Jahre nach dem Sturm auf die Bastille.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich hatte Zizi nicht erwartet, dass man ihn mit »Zizi« anreden würde. Nur wenige wussten noch seinen richtigen Namen, aber in amtlicher Korrespondenz blieb er doch einfach Isidore – zumal &#039;&#039;zizi&#039;&#039; in Frankreich »Schniedel« bedeutet. Aber auch der Isidore fehlte auf dem Briefumschlag. Dort stand weder ein Vorname noch ein Initial. Kabongo Kalala, so hieß er seit zwei Jahren offiziell. 1940 war er als Isidore Kabongo geboren, doch seit 1972 ging er als Kabongo Kalala durchs Leben. Ohne Vorname. Christliche Vornamen waren verboten, weil auch sie zu kolonialistisch waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass seine Untertanen noch allzu sehr unter dem alten Joch standen. Es galt, das Volk auch mental zu befreien. Und dabei konnten auch Namensänderungen helfen. Aus Léopoldville wurde Kinshasa, aus Stanleyville Kisangani und aus Elisabethville Lubumbashi. Auch unbedeutendere Städte bekamen einheimische Namen: Ilebo statt Port Francqui, Kananga statt Luluabourg, Moba statt Baudouinville, Mbandaka statt Coquilhatville, Likasi statt Jadotville. Der Leopold-II.-See wurde in Maï Ndombe umbenannt, schwarzes Wasser, aus dem Albertsee wurde der Lac Mobutu. Und um den Lokalstolz zu brechen, hieß Katanga künftig Shaba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber neue Ortsnamen reichten nicht, meinte Mobutu. Auch die Personennamen mussten dran glauben, denn manche Kongolesen schauten noch zu sehr zu Belgien auf. Leute, die Lukusa hießen, entstellten ihren Namen noch immer zu De Luxe. Kalonda wurde zu De Kalondarve. Der Sänger Georges Kiamuangana fand den flämisch klingenden Namen Verckys als Künstlername attraktiver. Und Désiré Bonyololo, der Stenograph aus Kisangani, nannte sich am liebsten Désiré Van-Duel. Die Ideologen der Zweiten Republik grauste es. Der neue Zairer sollte stolz sein auf das, was er war, statt in lächerlicher Weise damit zu kokettieren, was er sein wollte. Also gab es künftig nur noch einheimische Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so mussten sogar die Vornamen verschwinden, denn die waren ja von Missionaren eingeführt worden, die die Kinder auf die Namen europäischer Heiliger tauften: Joseph, Jean, Christophe, Thérèse, Bernadette, Marie. Definierte sich der wahre Zairer, so der Präsident, nicht eher durch das Verhältnis zu seinen Ahnen als zu einem fernen Heiligen? Also verbot er kurzerhand die Taufnamen und führte zwangsweise Namen ein, die sich auf die Abstammung bezogen. Der &#039;&#039;prénom&#039;&#039; fiel weg, an seine Stelle trat der &#039;&#039;»postnom«&#039;&#039; (ein netter mobutistischer Neologismus). Es war ein hinterlistiger Versuch, die Macht der Kirche zu brechen. Aus Isidore Kabongo wurde Kabongo Kalala. Unter Mobutu wurde wirklich alles anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang waren wir sehr zufrieden mit dem Putsch von Mobutu«, erzählte mir Zizi Kabongo bei einem unserer vielen Gespräche in Kinshasa. Mit wenigen Informanten habe ich mich so oft unterhalten wie mit ihm.1 Er hatte einen scharfen analytischen Blick auf die komplexe Geschichte seines Landes und redete sehr differenziert darüber. Wie viele andere Kongolesen seiner Generation war er eine Zeitlang Seminarist gewesen, hatte auf halber Strecke aufgegeben und war Lehrer für Latein und Griechisch in Katanga geworden. Schließlich entschied er sich für die journalistische Laufbahn. Heute, mit neunundsechzig Jahren, ist er einer der Direktoren des staatlichen Rundfunks. »Uff!, sagten wir damals. Endlich Ordnung. Die Erste Republik war ja ein enormer Kuddelmuddel gewesen. Dieser ganze Zoff zwischen Kasavubu und Tschombé . . . Es war eine Riesenenttäuschung. Die Züge fuhren nicht mehr, mit dem Wohlstand war es vorbei, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Politiker fuhren währenddessen in Limousinen herum und schickten ihre Kinder zum Studium nach Europa. Mobutu schaffte für fünf Jahre die politischen Parteien ab, und alle waren sehr zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte tatsächlich einen neuen Stil in die Politik. Kurz nach seinem Putsch hielt er im großen Fußballstadion von Kinshasa eine Rede. Hier ergriff ein schlanker junger Mann das Wort, der keinen sündhaft teuren Smoking trug, sondern eine khakifarbene Armeeuniform und ein Barett.2 Vor einer riesigen Menschenmenge sprach er mit dröhnender Stimme über »die fruchtlosen Konflikte von Politikern, die das Land und ihre Landsleute dem Eigennutz geopfert haben«. Das Publikum konnte ihm nur beipflichten. »Nichts zählte für sie außer der Macht und den Vorteilen, die sie daraus zogen. Sich die Taschen füllen, den Kongo und die Kongolesen ausbeuten, das war ihre Devise.« Mobutu nannte die Dinge beim Namen. Seine Sprache war konkret, seine Argumente waren stichhaltig. »Ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen, wie hart sie auch sein mag. Es ist vorbei mit den Versicherungen, dass alles gut läuft, obwohl alles schlecht läuft. Und ich sage es Ihnen gleich: In unserem geliebten Land läuft alles wirklich sehr schlecht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traktierte er das proppenvolle Stadion mit einer Gastvorlesung über Volkswirtschaft. Er legte ernüchternde Zahlen auf den Tisch. Die Produktion von Mais, Reis, Maniok, Baumwolle und Palmöl war dramatisch zurückgegangen. Die Staatsausgaben waren exponentiell gestiegen. Die Kaufkraft war eingebrochen, die Korruption quicklebendig. So konnte es nicht weitergehen. »Ein Ausnahmezustand verlangt besondere Maßnahmen, und das auf jedem Gebiet.« Mobutu verbot für die Dauer von fünf Jahren alle parteipolitischen Aktivitäten. In dieser Zeit wollte er das Land wieder flottmachen, und dazu benötigte er die Hilfe jedes Mannes und jeder Frau. »Um dieses Wiederaufbauprogramm zu realisieren, brauchen wir Hände, viele Hände.« Mobutu krempelte die Ärmel seiner Uniform hoch, um ein gutes Beispiel zu geben. »Wir sehen uns hier in fünf Jahren wieder. In fünf Jahren sehen Sie den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Legislatur. Ich bin mir sicher: Sie werden feststellen, dass sich der Kongo von heute mit seiner Misere, seinem Hunger und seinen Rückschlägen in ein reiches und blühendes Land verändert haben wird, in dem man gut leben kann und um das die Welt uns beneiden wird.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So emotional hatte seit Lumumba kein Politiker mehr in der Hauptstadt gesprochen. Mobutu verwendete die drastische Sprache Lumumbas und ergänzte sie mit einem konkreten Programm. Er strahlte Zuversicht und Entschlossenheit aus. Der Kongo würde ein moderner Staat werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten wäre Zizi nach Europa gegangen, um mit einer Arbeit über Baudelaire zu promovieren, doch Mobutu war der Ansicht, dass die junge Intelligenzija dem Land mit konkreteren Leistungen zu dienen habe. Zizi wurde zusammen mit einigen Landsleuten nach Paris geschickt, um dort zu lernen, wie man Fernsehen macht. Staatsfernsehen sollte ein wesentliches Instrument bei Mobutus Anstrengungen werden, das Land wieder auf die Beine zu bringen. Bereits am 23. November 1966, genau ein Jahr nach dem Putsch, wurde das erste kongolesische Fernsehprogramm überhaupt ausgestrahlt. Ein weiteres Jahr später starteten die ersten Sendungen auf Lingala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Überall kamen Antennen und Relais«, erzählte Zizi. »Der Kongo hatte sogar Farbfernsehen, lange bevor es das in großen Teilen Osteuropas gab. Eine ganze Generation Journalisten war sehr gut ausgebildet. Wir gingen nach Paris und bekamen von Mobutu ein Stipendium, das zweimal so hoch war wie der französische Mindestlohn. Ich hatte eine eigene Wohnung, ich ging ins Kino. Ich verdiente mehr als ein französischer Arbeiter!« Als Mobutu seine Studenten einmal in Paris besuchte, durfte sich jeder von ihnen auf seine Kosten fünf Anzüge auf den Champs-Elysées kaufen.4 Bei einem Reportageauftrag in Brüssel überprüfte der Protokollchef das Gepäck des Kamerateams, um zu sehen, ob die Kleidung angemessen war. Sogar der Kameramann musste eine Fliege tragen. Die später ausgezahlten Tagespauschalen waren so hoch, dass sich Zizi ein Haus davon bauen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traf dieser Brief ein, im September 1974. Zizi las, dass er Ende des Monats nach Kinshasa müsse, für einen Besuch von höchstens achtundvierzig Stunden. Alle Studenten aus Zaire am INA hatten so einen Aufruf erhalten; eine Hand wäscht die andere. Der Grund für den so dringenden Besuch im Heimatland? Dort würde ein wichtiger Boxkampf stattfinden, und der sollte live übertragen werden. Ein Boxkampf mit Muhammad Ali.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Jahrzehnt von Mobutus dreißigjährigem Reich war eine Zeit der Hoffnung, hochgespannten Erwartung und des Wiederauflebens. »Mobutu war elektrisierend«, sagte der Schriftsteller Vincent Lombume einmal zu mir.5 Und das nicht nur, weil er das Fernsehen ins Land brachte und Wasserkraftwerke baute, sondern auch, weil er der heruntergekommenen Nation einen starken, die Moral hebenden Impuls gab. Die Jahre zwischen 1965 und 1975 leben im Gedächtnis vieler als die goldenen Jahre des unabhängigen Kongo. Und tatsächlich, in Kinshasa pulsierte das Leben wie nie zuvor, das Bier schäumte, die Nächte waren endlos. Kin-la-Belle wurde die Stadt genannt. Ab 1969 stieg die Bierproduktion jährlich um 16 Prozent. 1974, im Jahr des Boxkampfs, wurden fünf Millionen Hektoliter gebraut.6 Aber in den ersten fünf Jahren, als Mobutu noch vollauf damit beschäftigt war, seine Macht zu konsolidieren, gab es auch äußerst grausame Ereignisse. Momente, die die Euphorie umgaben wie mit Glasscherben bewehrte Betonmauern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein trüber Donnerstag in Kinshasa, als in aller Frühe die ersten Menschen auf dem großen, offenen Platz in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; eintrafen, dem Brachland bei der Brücke westlich des Flughafens Ndolo. Würde es wirklich dazu kommen? Junge Frauen mit einem Korb voll Zuckerrohr auf dem Kopf verlangsamten ihren Schritt. Mütter mit ihrem Baby auf dem Rücken blieben stehen. Beamte im Anzug änderten ihren täglichen Weg. Halbstarke mit zerrissenen T-Shirts kamen angerannt. Sollte es wirklich passieren? Hunderte, Tausende Füße betraten das große Gelände. Schicke italienische Schuhe staksten durch den Staub neben schwieligen, nackten Füßen. Pantoletten mit Stöckelabsätzen hinterließen kleine Löcher in der Erde. Lastwagen mit Soldaten standen bereit. In der Mitte der Fläche konnte jeder sehen, dass es Ernst war: Dort war ein Holzpodest mit einem Galgen errichtet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war Donnerstag, der 2. Juni 1966, und Mobutu war seit sechs Monaten an der Macht. Am Montag hatte er im Radio verkündet, ein Komplott gegen ihn sei vereitelt worden. Alle hatten gehört, dass einen Tag zuvor, am Pfingstsonntag, vier Männer aus der alten Regierung dabei ertappt worden seien, Pläne für einen Putsch zu schmieden. Es handelte sich um Alexandre Mahamba, einen ehemaligen Minister in den Regierungen Lumumba, Ileo und Adoula, um Jerôme Anany, Verteidigungsminister unter Adoula, um Emmanuel Bamba, Finanzminister in derselben Regierung und zugleich bedeutender Führer der Kimbanguisten, und vor allem um Evariste Kimba, den Mann, der kurzzeitig Premierminister gewesen war, auf Wunsch von Kasavubu, direkt vor Mobutus Staatsstreich. Hatten sie tatsächlich einen Umsturz geplant? Höchstwahrscheinlich waren sie in eine Falle gelockt worden. Armeeoffiziere hatten sich als Überläufer ausgegeben und sie gebeten, eine Namensliste für eine neue Regierung aufzustellen. Der Prozess, der darauf folgte, war eine Farce. Keiner der beteiligten Militärs wurde vorgeladen, die vier angeklagten Zivilisten hatten nicht die geringste Chance. Als sich einer von ihnen verteidigen wollte, sagte der Richter: »Meine Herren, das hier ist ein Militärgericht und keine Diskussionsveranstaltung. Wir sind hier, um zu bestrafen, das Verfahren benötigt also nicht viel Zeit.«7 Einige Augenblicke später wurde das Urteil gefällt: Tod durch den Strang, obgleich keiner von ihnen jemals Gewalt angewendet oder eine Waffe besessen hatte oder auch nur ansatzweise in Aktion getreten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menge strömte zusammen. Zu Zehntausenden. Die französische Presseagentur AFP sprach von rund dreihunderttausend Schaulustigen.8 Es war der größte Volksauflauf in der Geschichte des Kongo. Kinshasa war inzwischen auf die doppelte Größe angewachsen, es war nun eine Stadt mit gut achthunderttausend Einwohnern.9 Mehr als die Hälfte davon waren jünger als zwanzig Jahre.10 Nach der Unabhängigkeit hatte erneut eine starke Landflucht eingesetzt, unter anderem durch den Bürgerkrieg im Landesinneren. Kinshasa wucherte: Über eine Zone von fünfzehn Kilometern erstreckte sich ein endloses Meer von Wellblechplatten und improvisierten, meist eingeschossigen Häuschen, die gedrängt voll waren. Nur im Zentrum gab es hohe Bauten. All die alten und neuen Bewohner Kinshasas, die Kinois, waren nun an diesem Donnerstagmorgen nach Pfingsten auf den Beinen. Die Vertreter der Kolonialmacht hatten in den dreißiger Jahren öffentliche Hinrichtungen zur Abschreckung benutzt. Würde auch Mobutu es wagen, so weit zu gehen? Und dann noch bei vier ehemaligen Ministern?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass Mobutu vor nichts zurückschreckte. Nach seinem Staatsstreich hatten sich seine Gegner von einst an sicherere Orte begeben müssen. Kasavubu war in seine alte Heimatgegend geflohen, Tschombé war wieder ins spanische Exil gegangen. Sie waren beide auf der Hut. Kasavubu hatte Mobutu geschrieben, dass er dessen Putsch »im höheren Interesse des Landes« akzeptiere. Als Wunschkandidat des Volkes könne er ja vielleicht seinen Sitz im Parlament einfordern, aber er »erachte es als zweckdienlich, zum momentanen Zeitpunkt dieses Amt nicht zu bekleiden«. Kasavubu hatte schon immer etwas von einem Kanzelredner an sich gehabt, doch so untertänig hatte er noch nie zuvor gesprochen. »Ich würde mich am liebsten in Bas-Congo ein wenig ausruhen«, schrieb er noch. Er wolle zurück in sein Dorf, die europäische Kleidung ablegen und in einheimischer Tracht Freunden und Gästen Palmwein ausschenken.11 Und als sei das noch nicht deutlich genug, fuhr er fort: »Es liegt mir fern, Agitation jedwelcher Art zu betreiben.«12 Kasavubu fiel also als Gegner weg. Vier Jahre später starb er im Alter von zweiundfünfzig Jahren an Krebs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Tschombé sah die Sache ganz anders aus, wusste das Volk. Viele hatten für ihn gestimmt. Nach seinem glänzenden Wahlsieg hegte er, der Retter des Vaterlandes, noch großen politischen Ehrgeiz. Er pendelte zwischen Paris, Madrid und Palma de Mallorca und bereitete seine Rückkehr vor. Das war ganz und gar nicht in Mobutus Sinn. Hatte er nicht öffentlich verkündet, er plane &#039;&#039;»l&#039;élimination pure et simple de la politicaille«&#039;&#039;, werde also politische Intriganten für immer ausschalten?13 Niemand von denen, die sich nun um den Galgen versammelten, konnte es ahnen, aber ein Jahr später würde Tschombé in Abwesenheit zum Tode verurteilt werden wegen angeblicher umstürzlerischer Aktivitäten, obwohl er genau wie Lumumba demokratisch gewählt worden war. Im Juni 1967 wurde er von einem zwielichtigen französischen Geschäftsmann mit Kontakten in höchste kongolesische Regierungskreise zu einem Ausflug von Palma nach Ibiza eingeladen. Auf dem Rückflug feuerte der Mann plötzlich zwei Schüsse ab und zwang die Piloten, Kurs auf Algier zu nehmen. Dort landete Tschombé im Gefängnis. Der Kongo forderte seine Auslieferung, aber der algerische Präsident Boumedienne weigerte sich trotz einer Verfügung des obersten Gerichtshofes. Zuerst war er bereit gewesen, Tschombé auszuliefern, falls der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbräche, doch Präsident de Gaulle intervenierte persönlich bei Boumedienne, um diesen Deal zu verhindern, denn die Auslieferung wäre mit Sicherheit auf eine Neuauflage des Lumumba-Mordes hinausgelaufen.14 Zwei Jahre später, am 29. Juni 1969, starb Tschombé in seiner algerischen Gefängniszelle, drei Monate nach Kasavubu. An Herzversagen, so seine Ärzte. Es war Mord, so die Überzeugung vieler Menschen im Kongo. Er war nur achtundvierzig geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte den Kampf um den Thron für sich entschieden, aber in den ersten Jahren seiner Regierungszeit rechnete er systematisch mit seinen Konkurrenten aus der Ersten Republik ab. Sogar Lumumba musste fünf Jahre nach seinem Tod noch neutralisiert werden. Seine Anhängerschaft war noch immer groß, und das nicht allein im Osten des Landes. Mobutu reagierte mit einem genialen Schachzug, der von ebenso viel strategischem Geschick wie grenzenlosem Zynismus zeugte: Er, Mobutu, der Mann, der an der Ermordung Lumumbas maßgeblich beteiligt gewesen war, erklärte Lumumba nun zum . . . Nationalhelden! Das kongolesische Volk konnte am Nationalfeiertag hören, wie Mobutu ohne mit der Wimper zu zucken sagte: »Ehre und Ruhm diesem berühmten Kongolesen, dem großen Afrikaner, dem ersten Märtyrer unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit: Patrice Emery Lumumba.«15 Und der Boulevard Léopold III., eine der Hauptachsen Kinshasas, wurde umbenannt in Boulevard Patrice Emery Lumumba. So heißt er noch heute. An seinem Anfang winkt Lumumba als riesiges Denkmal dem hupenden Verkehr zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war an Niedertracht nicht zu überbieten. So wie Mobutu 1964 Tschombé neutralisiert hatte, indem er ihn im Kampf gegen die Simbas vor seinen Karren spannte, neutralisierte er nun die Persönlichkeit Lumumbas, indem er ihn posthum rehabilitierte. Die Lumumbisten wussten nicht, wie ihnen geschah: Ihr Held war plötzlich auch der Held des Feindes! Mobutu hatte ihn gleichsam auf dem Rücksitz seines Putsch-Mopeds mitgenommen. Neutralisieren durch Einkapseln sollte in den nächsten dreißig Jahren ein bewährter Trick seiner Diktatur werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neutralisierung war auch schon in seinen ersten Monaten ein Schlüsselwort. Nachdem er die politischen Parteien verboten hatte, schob er nun auch das Parlament aufs Abstellgleis. Den Volksvertretern und Senatoren legte er nahe: »Ruhen Sie sich doch erst einmal aus, machen Sie fünf Jahre Pause!«16 Die Legislative sei unterdessen bei ihm in guten Händen. Auch einige Provinzen mussten dran glauben. Die Aufgliederung in Miniprovinzen sei Geldverschwendung, meinte Mobutu. Er sorgte lieber für Übersichtlichkeit und reduzierte ihre Zahl von einundzwanzig auf neun. An die Spitze stellte er überall seine Getreuen. Diese Zentralisierung sollte den Fliehkräften (Sezessionen, Tribalismus) entgegenwirken. Doch das reichte ihm noch nicht. Von einer föderalen Zivildemokratie wurde der Kongo zu einer zentralisierten Militärdiktatur. Mobutu hatte bei seinem Putsch General Mulamba als Premier eingesetzt, sah sich jedoch nach einiger Zeit veranlasst, sogar dieses Amt zu neutralisieren. Zizi Kabongo wusste den wahren Grund: »Mulamba war beim Volk beliebt, mehr als Mobutu. Deshalb hat er ihn kaltgestellt. Mulamba wurde Botschafter in Japan. So ging das immer. Scheinbeförderungen, Tressen, Geld, alles Aufmerksamkeiten, um Leute zum Schweigen zu bringen.« Künftig nahm Mobutu neben der gesetzgebenden und militärischen Macht auch noch die Exekutive auf seine Schultern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eine öffentliche Hinrichtung? Das war dann doch etwas anderes, als einen Gegner auf einen fernen Botschafterposten in einer luxuriösen Villa abzuschieben. »Keiner hat geglaubt, dass es so weit kommen würde«, sagte Zizi. »Mobutu hatte immer noch keine gefestigte Machtbasis. Er hatte nur die Armee, und in der hatte jeder der vier Verurteilten Männer seines Stammes. Die hätten rebellieren können.« Mobutu war sich unschlüssig. Schon seit mehreren Tagen mied er seine Frau, aus Angst, sie könne ihn umstimmen. Auch Erzbischof Malula hatte um Begnadigung gebeten, sogar der Papst hatte angerufen. Aber nun nachzugeben, wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen . . . Mobutus Lieblingsbuch in diesen Tagen war &#039;&#039;Der Fürst&#039;&#039; von Machiavelli.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag spielte eine Militärkapelle auf dem Hinrichtungsplatz. Das Meer von Menschen sah, wie ein Jeep auf das Gelände fuhr. Die vier Verurteilten saßen darin! Am Schafott schrien zwei Frauen ihren Schmerz und ihre Ohnmacht hinaus. Sie waren Angehörige eines der »comploteurs«. Sie wurden zusammen mit ihren Kindern vom Platz entfernt. Die Frauen waren außer sich, ihr Oberkörper war entblößt, die Haare hingen lose herab. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer richtete sich nun auf das Podest. Als Erster erklomm der Henker das Schafott, ein Hüne, schwarz gekleidet und mit einer schwarzen Kapuze. Gleich danach sah die Menge einen hochgewachsenen Mann mit verbundenen Augen hinaufsteigen. Er trug nur blaue Fußball­shorts mit weißen und roten Streifen. Es war Evariste Kimba, der ehemalige Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Unten hatte er vor einem der anwesenden Priester die Beichte abgelegt, neben den vier Särgen, die schon bereitstanden. Der Henker verlas das Urteil. Kimba hielt sich aufrecht. Die Schlinge wurde ihm um den Hals gelegt, und die Luke öffnete sich. Aus der Masse ertönten Schreie des Abscheus, dann war es totenstill. Mehr als zwanzig Minuten dauerte der Todeskampf. Schweigend sah die Menge zu, wie der Körper des ehemaligen Premiers am Strick zappelte. Eine Ewigkeit. Die anderen drei Verurteilten sahen vom Jeep aus, was ihnen bevorstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der letzten Hinrichtung brach im Publikum heftige Panik aus. Die meisten Menschen ergriffen die Flucht und überrannten die Soldaten. Im Gedränge kamen Kinder und Erwachsene zu Fall. In nur wenigen Minuten rannten mehrere zehntausend Menschen weg. Hinterher lagen stöhnende Verletzte und verlorene Schuhe über das ganze Gelände verstreut. Und auf dem Platz wurde der vierte Sarg zugenagelt. An diesem Tag, dem 2. Juni 1966, jubelte das Volk nicht mehr über Mobutu, sondern zitterte vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu der »Streitfrage, ob es besser ist, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt«, schrieb Machiavelli: &#039;&#039;»Die Antwort lautet, dass beides erstrebenswert ist; da man jedoch beides nur schwerlich miteinander verbinden kann, ist es viel sicherer, dass ein Fürst gefürchtet wird, als dass er geliebt wird, wenn er schon nicht beides zugleich erreichen kann.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Von da an hatten alle Angst«, erzählte Zizi. »Die Staatssicherheit bekam sehr viel Macht. Keiner traute sich mehr, im Restaurant des Zoos, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Treffpunkt von Politikern und Diplomaten, zu essen aus Angst, von den Kellnern belauscht zu werden. Selbst bei Trauerfeiern fürchteten wir uns vor kleinen Jungs, die Erdnüsse verkauften. Sie hätten ja Spione sein können. Mit den Hinrichtungen wollte Mobutu ein Exempel statuieren. ›Niemand spielt mit meiner Macht.‹ Er wollte Angst verbreiten und sich selbst bestätigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später sagte Mobutu in einem Interview: »Bei uns ist der Respekt vor dem Häuptling heilig. Es musste ein eindrucksvolles Exempel statuiert werden.« Das ganze Theater mit Sezessionen, Rebellionen und Amtsenthebungen sollte nicht von vorn beginnen. »Wenn ein Häuptling entscheidet, entscheidet er, und basta.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sorgte dafür, dass es dem Stützpfeiler seiner Macht, der Armee, an nichts mangelte. Ihm würde eine Meuterei erspart bleiben. Unmut wurde mit Geld im Keim erstickt. Es gab eine tief greifende Modernisierung. Neue Rekrutenjahrgänge erhielten neue Chancen. Neben einer Offiziersschule führte er Spezialausbildungen ein. Ki­sangani war von belgischen Fallschirmjägern befreit worden; Mobutu beschloss, dass auch er Fallschirmjäger haben musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa sprach ich mit Alphonsine Mosolo Mpiaka. Sie war die erste Fallschirmspringerin in der kongolesischen Armee. Im Jahr 1966 war sie fünfundzwanzig. »Wir bekamen unsere Grundausbildung hier in Ndjili. Ein Ausbildungszentrum für Fallschirmspringer war eingerichtet worden. Unsere Lehrer waren Israelis.« Die USA unterstützten Mobutu, Israel also auch – zum großen Ärger der arabischen Welt. »Für die Absprünge selbst mussten wir nach Israel. Ich bin zwölf Mal gesprungen. Ich war die erste Frau, nach mir rekrutierte Mobutu noch vierundzwanzig Mädchen. Es sollte ein gemischtes Team sein, auch von der Abstammung her. Ein paar Bakongo, ein paar Baluba, ein paar aus Katanga.« Enttribalisierung, auch jetzt. Mobutu wollte eine Armee, die nicht mehr in Stammeskategorien dachte. Loyalität erkaufte er sich. »Wir waren sehr angesehen und wurden richtig verwöhnt. Mit meiner Prämie konnte ich mir ein Grundstück mit einem Haus darauf kaufen. Und trotzdem brauchte ich nie in einem Krieg abzuspringen, nur für die Paraden hier in Kinshasa.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war ihr Können sehr gelegen gekommen. Im Osten des Landes war die Rebellion immer noch nicht völlig niedergeschlagen, aber Mobutu übertrug diesen Job lieber den noch immer anwesenden weißen Söldnern. Denard und Schramme erledigten den Großteil und erhielten danach Orden. Schramme wandte sich zwar noch gegen Mobutu und versuchte eigenhändig, den Kongo zu »retten«, aber diese Episode nahm ein unrühmliches Ende.19 Die Nationalarmee konnte sich anschließend definitiv ihrer weißen Söldner entledigen. Ende 1967 ergriffen Soumialot und Gbenye die Flucht, und der gesamte Kongo stand wieder unter der Gewalt der Zentralregierung in der Hauptstadt. Der gesamte Kongo? Im äußersten Osten, in einer gebirgigen Gegend beim Tanganjikasee, schwang Laurent-Désiré Kabila noch immer das Zepter. Doch nach der Abreise von Che Guevara glich sein »revolutionärer« Widerstand zwischen Fizi und Baraka eher dem Dorf von Asterix und Obelix: unabhängig, ja, aber vor allem ungefährlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war befriedet, und ab 1968 stellte Mobutu die Zivilregierung wieder her.20 Er selbst zeigte sich nun auch ohne Armeeuniform in der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal trug er die Accessoires, die zu seinem Markenzeichen werden sollten: Auf dem Kopf die charakteristische Leopardenmütze, in der Hand den mit Schnitzereien versehenen Stock aus Ebenholz, traditionelle Häuptlingsattribute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war der Hintergrund, der Pierre Mulele zu dem Glauben veranlasste, er könne nun getrost nach Hause zurückkehren. Nach dem von ihm angeführten Bauernaufstand im Kwilu 1964 war er nach Brazzaville geflohen. 1968 amnestierte Mobutu ihn. Justin Bomboko, Außenminister und Intimus der Binza-Gruppe, teilte ihm mit, dass man ihn wie einen Bruder empfangen werde. Im September des Jahres überquerte Mulele den Fluss und wurde auf der anderen Seite mit einem festlichen Empfang begrüßt. Er durfte bei Bomboko logieren. Drei Tage später holten ihn Soldaten ab, angeblich zu einem großen Auftritt im Fußballstadion. Der leidenschaftliche und eigenwillige Freiheitskämpfer dürfe dort eine Volksansprache halten. Die Soldaten brachten ihn jedoch in ein Militärlager, wo er noch am selben Abend grausam gefoltert wurde. Sie schnitten ihm Ohren und Nase ab, drückten ihm die Augäpfel aus und trennten ihm die Genitalien ab. Während er noch immer lebte, hackten sie ihm Arme und Beine ab. Ein paar Stunden später klatschte ein Sack mit seinen Überresten in den Fluss.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu, Tschombé, Kimba, Gbenye, Soumialot, Mulele: Innerhalb weniger Jahre waren Mobutus alte Gegner einer nach dem anderen von der Bildfläche verschwunden. Doch um seine Macht weiter zu festigen, musste er auch verhindern, dass neue Gegenspieler hochkamen. In einer neuen Verfassung ließ er 1967 seine Allmacht fest verankern. »Das kongolesische Volk und ich«, sagte er einmal vor dem Parlament, »sind ein und dieselbe Person.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es kamen noch bittere Tage. Direkt vor der Hauptstadt lag auf einem grünen, schattigen Hügel die Universität Lovanium. Während Mobutu seine Alleinherrschaft installierte, sägte die Studentenbewegung mit unglaublichem Mut weiter an seinem Stuhl. Die für Europa so entscheidenden Studentenrevolten vom Mai 1968 in Paris, Leuven und Amsterdam wirkten allenfalls wie spielerische Aktionen im Vergleich zu dem Einsatz und der Intensität der kongolesischen Studentenbewegung. Mobutu war es gelungen, alle oppositionellen Bewegungen zum Schweigen zu bringen. Die Gewerkschaften wurden unschädlich gemacht, die Kirche hielt sich zurück. Nur die Studenten wagten es noch, zu rebellieren.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 1967 gründete Mobutu mit seinen Mitarbeitern den &#039;&#039;Mouvement Populaire de la Révolution&#039;&#039; (MPR), am 20. Mai schrieben sie das Grundsatzprogramm. Der MPR war angeblich eine Volksbewegung, faktisch jedoch Mobutus politische Partei. Die Mitglieder versammelten sich außerhalb der Hauptstadt in dem kleinen Ort Nsele. Dieses Dorf am Fluss würde sich binnen weniger Jahre zu einer weiträumigen Tagungsstätte mit weißen, modernistischen Gästehäusern und imposanten Versammlungssälen entwickeln. Es wurde eine Hochburg des Mobutismus. Der Text vom 20. Mai ging hinaus in die Welt unter dem Namen &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039;, ein Dokument, das jeder Kongolese nach einiger Zeit kannte. Es erschien, nach dem Muster von Maos &#039;&#039;Kleinem Rotem Buch&#039;&#039;, als ein kleines grünes Buch, wurde in großen Mengen verbreitet und war als eine Art Katechismus der neuen Regierungspolitik gedacht. Jeder Einwohner des Kongo, so stand in dem Text, sei künftig Mitglied des MPR. &#039;&#039;»Olinga olinga te, ozali na kati ya&#039;&#039; MPR&#039;&#039;«&#039;&#039;, seufzte man. »Ob es einem nun gefällt oder nicht, man gehört einfach dazu.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs schien Mobutu noch einer Oppositionspartei Platz einzuräumen, doch diesen Gedanken ließ er schnell fallen. Der Kongo wurde, wie so viele afrikanische Staaten kurz nach der Unabhängigkeit, ein Einparteienstaat. Der abrupte Übergang von einer monolithischen Kolonialregierung zu einem demokratischen Mehrparteiensystem war ohne Zwischenstufen verlaufen und hatte gerade deshalb in einem Fiasko geendet. Der MPR wollte die Bevölkerung wieder zusammenbringen. »Mehr als der Klassenkampf garantiert die Vereinigung aller den Fortschritt«, war zu hören.25 Das ganze Volk sollte sich für den Wiederaufbau des Landes begeistern. Der erste Kern des MPR bestand aus einem Freiwilligenkorps junger Mobutisten, aber schon bald erreichte die Macht der Partei astronomische Höhen. Der MPR wurde die höchste Institution des Landes, was so weit ging, dass der Unterschied zwischen Staat und Partei verblasste. »Der MPR, das ist der Staat«, äußerte Mobutus Hausideologe unverblümt.26 An der Spitze stand der Präsident mit seinem Kabinett, dem sehr mächtigen &#039;&#039;Bureau du Président.&#039;&#039; Als Nächstes kam der Kongress des MPR und das Politbüro, eine Ebene darunter ein Legislativ-, ein Exekutiv- und ein Judikativrat. Sämtliche Amtsbezeichnungen wurden verändert. Ein Minister war künftig ein Staatskommissar, ein Gouverneur ein Provinzkommissar und ein Parlamentarier ein Volkskommissar. Jeder Bürger war Mitglied, nicht mal die Vorfahren und Embryonen kamen darum herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Studenten waren auf diese Änderungen nicht gerade erpicht. Mobutu schuf de facto die Politik ab, argumentierten sie zu Recht. Damit drehte er die Uhr zurück: In der Kolonialzeit hatte es auch eine pure Bürokratie gegeben, einen Verwaltungsmoloch, der Tabellen führte und Berichte ausspuckte, aber keine Mitsprache duldete. Nachdem akademische Kreise anfangs noch über den Putsch begeistert gewesen waren, hatte sich der Enthusiasmus schon nach kurzer Zeit verflüchtigt. Die wichtigste Gruppierung der Studentenbewegung zog entschlossen die antiimperialistische Karte. Lumumba wurde ihr Held, Mobutu ihr Feind. Als im Januar 1968 der amerikanische Vizepräsident Hubert Humphrey das Land besuchte und einen Kranz beim Lumumba-Denkmal niederlegen wollte, empfanden die Studenten das als Provokation. Es kam zu einer Protestkundgebung und zahlreichen Verhaftungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 1968 und 1969 gab es immer häufiger Scharmützel zwischen den Studenten und der neuen Regierung. Die Studenten forderten mehr Mitspracherecht, weniger Einmischung des MPR und eine gerechtere Vergabe von Stipendien. Anfang Juni 1969 planten sie eine große Demonstration, aber Mobutu schickte die Armee auf den Campus. Tagelang war Lovanium von der Außenwelt abgeschlossen. Trotzdem gelang es einigen hundert Studenten, die Bewacher auszutricksen und mit dem Bus ins Stadtzentrum zu fahren. Dort kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Armee. Die Soldaten setzten Tränengas ein, doch die Studenten banden sich nasse Taschentücher vor den Mund und warfen die Granaten zurück. Immer mehr Bürger schlossen sich ihnen an. Die Armee eröffnete das Feuer. Nach offiziellen Angaben gab es sechs Tote und zwölf Verletzte, die Studenten sprachen von fünfzig Toten und achthundert Verhaftungen. MPR? &#039;&#039;Mourir Pour Rien&#039;&#039;, sagten sie voller Abscheu. Mobutu beschloss, die Studentenbewegung mit Stumpf und Stiel auszurotten. Jeder Campus sollte seine MPR-Jugendabteilung bekommen, das &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039; wurde zur Pflichtlektüre, alle mussten sich wieder ihrem Studium widmen. Mit dem Widerstand war es vorbei. Die Anführer der Studentenrevolte erhielten schwere Gefängnisstrafen, bis zu zwanzig Jahren. Nun waren auch diese kritischen Stimmen mundtot gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinrichtungen, Folterungen, Massaker. Mobutus erste fünf Jahre als Präsident ergeben eine schauerliche Bilanz, doch das war nur die halbe Geschichte. Viele ältere Menschen im Kongo denken heute mit einer gewissen Nostalgie an diese Zeit zurück. »Es herrschte Ordnung«, sagte Zizi Kabongo, als ich mein Erstaunen darüber äußerte. »Die Soldaten waren wieder in ihren Kasernen. Es gab wieder Waren, die Preise sanken, die Industrie erlebte einen Aufschwung. Auch für mich begann damals die erfolgreichste Zeit meines Lebens.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit gab es große infrastrukturelle Projekte. Mobutu begann mit dem Bau eines ersten Staudammes im Kongofluss: dem sogenannten Inga-Staudamm, einem Wasserkraftwerk mit einer Kapazität von 351 Megawatt. Die neuen Viertel von Kinshasa erhielten Trinkwasser, Elektrizität und Abwasserleitungen. Das zentrale Krankenhaus der Stadt hatte fünfzehnhundert Betten und versorgte täglich viertausend Patienten. Zehntausend Operationen pro Jahr wurden ausgeführt, und täglich wurden 1,6 Tonnen Wäsche gewaschen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war kein Demokrat, aber er brachte einige Entwicklungen in Gang. Alle einsatzfähigen Männer und Frauen mussten am Samstagnachmittag einige Stunden unentgeltlich für den Staat arbeiten, ein Arbeitseinsatz wie in der Kolonialzeit. &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; hieß das nun, und es ging um Aufgaben wie Unkraut jäten, Fahrradwege instand halten und Abfall beseitigen. Außerdem wurde jeder Bürger dazu ermuntert, ein Fleckchen Boden zu bestellen, damit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde. Sogar Armeegeneräle bauten Maniokpflanzen an. Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten. Mobutu ging selbst mit gutem Beispiel voran. Jeden Morgen stand er um fünf Uhr auf. Er las stapelweise Zeitungen, frühstückte mit Diplomaten, berief ständig Versammlungen ein und war achtzehn Stunden und mehr aktiv. 1969, mit kaum neununddreißig Jahren, erlitt er einen leichten Herzinfarkt. »Wie würdest du dieses Scheißland regieren?«, fragte er seinen Leibarzt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war längst noch nicht der träge, aufgedunsene Tyrann, der er später werden würde. Nach der totalen Katastrophe der Ersten Republik bemühte er sich, den Kongo international in ein positives Licht zu rücken. Er wollte Anerkennung, und er schaffte Atmosphäre. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet? Er lud die Besatzung der Apollo 11 ein; damit war der Kongo das einzige afrikanische Land, das die Mondreisenden empfing.29 Die Europäer veranstalteten eine Miss-Europa-Wahl? Er überzeugte die Organisatoren davon, das Finale in Kinshasa stattfinden zu lassen und ihm einen afrikanischen Touch zu geben. Eine bezaubernde Blondine aus Finnland gewann, auch in der Kategorie »afrikanisches Kostüm«. Hatten die kongolesischen Frauen noch immer den Ruf als Schönste des Kontinents? Er unterstützte Maître Taureau dabei, die ersten landesweiten Wahlen der Miss Kongo zu organisieren. »Elisabeth Tabares aus Katanga gewann. Sie hatte schöne Fersen und nicht solche kurzen Zehen.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurzum, Mobutu verwirklichte die Versprechen, die die Unabhängigkeit geweckt hatte, aber nicht hatte einlösen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es ging nicht nur um Spiele, es gab auch Brot. Im Januar 1967 zog ein vergnügt lärmender Leichenzug durch die Straßen von Kinshasa. Mobutu war dabei, junge Leute aus seinem Freiwilligenkorps hielten ein Kreuz hoch, an dem ein Tropenhelm hing. Die Inschrift lautete: »Requiescat In Pace, UMHK, geboren 1906 und gestorben am 31. Dezember 1966.« Die Union Minière du Haut Katanga wurde zu Grabe getragen! Der große Sarg war nach den Maßen von Louis Waleff, dem ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrates, gezimmert worden. Um die Ahnen nicht zu stören, wurden die »sterblichen Überreste« des Minengiganten in den Fluss geworfen.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser spaßhafte Umzug war freilich Ausdruck eines sehr wichtigen Projekts. Mobutu war noch immer unzufrieden darüber, wie Tschombé mit Belgien die Einigung über das berühmte Aktienportfolio ausgehandelt hatte. Selbstverständlich spielte hier die Demütigung mit hinein, die er 1960 beim »ökonomischen Runden Tisch« hatte einstecken müssen. Der Kongo war, wie er meinte, politisch unabhängig, in ökonomischer Hinsicht jedoch von einer Unabhängigkeit weit entfernt. Die Zahlen gaben ihm nicht unrecht. In Katanga machten Ausländer nur 5 Prozent der Arbeitnehmer aus, aber sie gingen mit 53 Prozent der ausgezahlten Lohnsumme nach Hause.32 Der Betrag, den sie für eine Flasche guten Whiskey hinblätterten, entsprach dem Monatslohn eines Minenarbeiters. 1967 verstaatlichte Mobutu deshalb die Union Minière und brachte damit die Muttergesellschaft Sociéte Générale de Belgique in Brüssel gegen sich auf. Das Unternehmen wurde umbenannt in Gécomin, &#039;&#039;Générale Congolaise des Mines&#039;&#039;, wurde aber später bekannt als Gécamines, &#039;&#039;Générale des Carrières et de Mines&#039;&#039;. Der Ertrag aus dem Kupferbergbau sollte künftig direkt in die Staatskasse fließen. Und diese Summe war nicht gering. Der Vietnamkrieg hatte den Weltmarktpreis für Kupfer in schwindelnde Höhen getrieben. Die kongolesische Wirtschaft war immer von Kriegen irgendwo auf der Welt abhängig: Das war 1914-1918 so gewesen, 1940-1945 und während des Koreakrieges, aber auch der Vietnamkrieg spülte beträchtliche Summen in die Staatskasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seiner neuen Wirtschaftspolitik Nachdruck zu verleihen, führte Mobutu auch eine neue Währung ein. Bei der Unabhängigkeit entsprach 1 Kongo-Franc 1 belgischem Franc, 1967 war er nur noch 0,10 belgische Franc wert.33 Mobutu führte den Zaïre als neue Währungseinheit ein: 1 Zaïre ersetzte 1000 alte Kongo-Franc und entsprach 100 belgischen Franc oder 2 US-Dollar. Auf der ersten Banknote war Mobutu mit einigen Getreuen abgebildet, die mannhaft die Ärmel hochkrempelten. &#039;&#039;Retroussons les manches!&#039;&#039; lautete der Slogan. Jetzt wird zugepackt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für viele Kongolesen waren es goldene Jahre. In Lumumbashi lernte ich Paul Kasenge kennen, einen ehemaligen Angestellten von Gécamines. »Wir konnten uns wirklich nicht beklagen. Ich war sechsundzwanzig und wurde nach meinem Betriebswirtschaftsstudium leitender Angestellter. Ich war einer der ersten Schwarzen. Die ausländischen Führungskräfte gingen, die Kongolesen übernahmen ihre Posten. Wir wurden gut bezahlt. Die Kupferpreise waren hoch. Wir hatten ein Haus mit Garten. Es gab Schulen und Krankenhäuser für unsere Kinder. Wir bekamen sogar einen Kredit, um ein Auto zu kaufen, den haben wir dann abgestottert.«34 Früher war höchstens die Anschaffung eines Fahrrades realisierbar, jetzt war es ein Auto.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderen bot der MPR neue Chancen. André Kitadi, der nachdenkliche Veteran, der im Zweiten Weltkrieg durch die Wüste gezogen war und nach dem Krieg englisch sprach, wenn er essen ging, erzählte mir: »Über den MPR kam ich in den Gemeinderat von Ngaliema. Zum ersten Mal bekam ich Zugang zu einer Führungsposition. Darauf hatte ich lange gewartet.« Die Leute murrten nicht. Als sich Mobutu 1970 für eine zweite Amtszeit wählen ließ, erhielt er 10.131.669 Stimmen; es gab nur 157 Gegenstimmen, und die stammten alle aus einem einzigen Wahllokal, dem des Studentenviertels in Kinshasa. Auffällig war auch, dass es mehr Ja-Stimmen als Wahlberechtigte gab, obgleich keine Wahlpflicht existierte . . .35 André Kitadi dachte erst später anders darüber: »Die Diktatur brachte den Niedergang, aber damals wussten wir das noch nicht.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo machte sich reisefertig für den Boxkampf in seiner Heimat. In den ersten fünf Jahren hatte Mobutu seine Macht konsolidiert, in den nächsten fünf Jahren regierte er mit großzügiger Geste. Spektakulärer Höhepunkt dieser demonstrativen Jovialität musste einfach der Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman werden, ein Fight um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht. Der Boxkampf würde als &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; in die Geschichte eingehen; im Kongo selbst sprach man davon als &#039;&#039;le combat du siècle&#039;&#039;. Es wurde tatsächlich eines der größten Sportereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen &#039;&#039;(»No Vietcong ever called me a nigga«)&#039;&#039;, hatte Ali seinen Weltmeistertitel verloren, aber nach einer Sperre von dreieinhalb Jahren sann er auf Rache. Foreman war sieben Jahre jünger als Ali, erst fünfundzwanzig, Olympiasieger, Weltmeister, unbesiegbar. Hatte er nicht in zwei Runden die Boxlegende Joe Frazier sechsmal zu Boden geschlagen? Aber Ali wollte seinen Titel zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boxpromotor Don King verlangte zehn Millionen Dollar Preisgeld, ein nach allen Maßstäben irrwitziger Betrag. Niemand war bereit, solch eine astronomische Summe hinzublättern für eine Keilerei, die bestenfalls zwölf Mal drei Minuten dauern würde. Niemand, außer Mobutu. Die Wirtschaft Zaires hatte sechs Jahre unablässigen Wachstums erlebt, und es war Zeit zum Feiern. Ali war begeistert über den Entschluss, aber es war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, dass das Preisgeld, das Mobutu ausspuckte, indirekt doch dem Vietnamkrieg zu verdanken war. Für ihn war das Match in Kinshasa eine allerletzte Chance auf Revanche, für Mobutu war es eine allerletzte Chance für &#039;&#039;country marketing&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; des MPR für das Boxen entschied, ist nicht verwunderlich. Boxen war immer schon ein Teil des schwarzen Emanzipationskampfes gewesen. Fäuste vermochten, was Gesetze verboten: den Triumph des Schwarzen. 1908 wurde der Amerikaner Jack Johnson der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht; nachdem er seinen Titel 1910 erfolgreich gegen Jim Jeffries verteidigt hatte, brachen in ganz Amerika Rassenunruhen aus. Der Senegalese Battling Siki besiegte in den zwanziger Jahren den Franzosen Georges Carpentier mit einem Uppercut: Unerhört, dass ein kolonialer Untertan einen Superathleten aus der Metropole so demütigte. 1938 besiegte Joe Louis, Weltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling durch technischen K.o. &#039;&#039;»Heil Louis!«&#039;&#039;, rief man in den Straßen Harlems in jener Nacht. In Kinshasa ging es zwar um einen Kampf zwischen zwei Farbigen, aber Ali war von Anfang an der Publikumsliebling der Zairer, sagte Zizi. »Die Leute sahen in Ali den guten Schwarzen. Er war sehr schlau, er ging in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;. &#039;&#039;Ali, boma ye!&#039;&#039;, riefen sie: Ali, schlag ihn tot! Foreman war für sie ein weißer Schwarzer, einfach ein Amerikaner, nicht einer von uns.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muhammad Ali und Mobutu: Sie hatten mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick schien. Sie waren sich einig in ihrer Aversion gegen weiße Arroganz, beide präsentierten ihre &#039;&#039;blackness&#039;&#039; als eine Quelle des Stolzes. Beide hatten ihren Taufnamen aus politisch-religiösen Gründen abgelegt: Der Christ Cassius Clay war zum militanten Muslim geworden; der katholische Joseph-Désiré hieß nun auf altväterliche Weise Mobutu Sese Seko Nkuku Ngbendu wa Za Banga, »der machtvolle Krieger, der dank seiner Ausdauer und seinem Willen von Sieg zu Sieg eilt und nur Feuer hinterlässt« (oder aber auch: »der Hahn, der keine Henne unbesprungen lässt« – das hing davon ab, wie man es übersetzte). Beide, der amerikanische Sportler und der afrikanische Diktator, waren junge, zornige Stimmen, die die Dominanz des weißen Westens herausforderten. Und was für Stimmen: virtuos, zungenfertig, scharfsinnig und gewitzt. Auch mit Worten konnte man kämpfen. Das äußerst gewandte Französisch, dessen sich Mobutu so bravourös bediente, konnte sich mit Alis englischen Wortkaskaden messen. Kurz nach den öffentlichen Hinrichtungen seiner Konkurrenten sagte Mobutu mit unbewegter Miene zu zwei belgischen Journalisten: »Wir Bantus können die Demokratie anwenden, aber nicht nach dem Buchstaben, wie bei Ihnen.« Einen Schmeichler fuhr er einmal an: »Ich habe Sie nicht kommen lassen wegen Ihrer engelhaften Stimme und auch nicht wegen Ihrer biblischen Botschaft. Sprechen Sie frei heraus. Was ist Ihr Problem?« Doch wenn es jemand wagte, frei heraus zu sprechen, sagte er: »Also Sie sagen, dass Sie sich ein bisschen wie in einem Katz-und-Maus-Spiel fühlen?« »Ja, so ist es.« »Sagen Sie mir: Wer ist dann die Maus?« »Na, wir, &#039;&#039;papa&#039;&#039;!« »Und wer die Katze?« »Ähm . . . auch wir.« »Nun denn, was ist Ihr Problem?« Ali bereicherte die englische Sprache mit Bonmots wie &#039;&#039;»I am so bad, I make medicine sick«&#039;&#039; oder &#039;&#039;»My toughest fight was with my first wife«.&#039;&#039; Während seines Aufenthaltes in Kinshasa schüttelte er sich den unsterblichen Satz aus dem Ärmel: &#039;&#039;»I&#039;ve seen George Foreman shadow-boxing and the shadow won.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzteres war zudem gar nicht so falsch. Beim Training mit einem Sparringspartner war Foreman eine Augenbraue aufgeplatzt, und der Kampf musste um fünf Wochen verschoben werden. Zizi Kabongo durfte noch eine Weile in Paris bleiben. Das den &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; begleitende Kulturprogramm startete jedoch bereits. Mobutu hatte die größten schwarzen Musiker der Welt in Kinshasa versammelt. Aus Lateinamerika traten Celia Cruz und Johnny Pacheco an, aus den USA kamen B. B. King, The Pointer Sisters, Sister Sledge und James Brown. Der Saxophonist Manu Dibango aus Kamerun und die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba teilten sich die Bühne mit den großen Stars der zairischen Musik. Der alte Wendo Kolosoy, &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der Rumba, war da, zusammen mit Franco und dessen OK Jazz. Tabu Ley, der Mann, der früher noch Rochereau geheißen hatte, trat auf, und die jüngere Generation war durch die vom Funk inspirierte Soukous-Band Zaïko Langa Langa vertreten, die einflussreichste Gruppe der siebziger Jahre. Das dreitägige Festival in Kinshasa war eine kraftvolle Manifestation von afrikanischem Stolz über die Kontinente hinweg, eine Art schwarzes Woodstock.37 Was der Sklavenhandel auseinandergetrieben hatte, brachte Mobutu wieder zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich konnte sich Zizi auf die Reise machen. Er nutzte die Gelegenheit, um seinen Vater in Kasai zu besuchen, denn er hatte für ihn in Europa eine Getreidemühle gekauft. Auch sein Vater, eigentlich Eisenbahner bei der BCK, war im Rahmen von Mobutus Landwirtschaftspolitik Teilzeit-Bauer geworden. Eine elektrische Mühle erleichterte das Mahlen von Maniok ungemein. »Mein Vater hat sich sehr darüber gefreut. Als ich kam, hatte Mobutu gerade erzählt, dass die amerikanischen Künstler Nachkommen von Sklaven waren, und dass diese Sklaven damals nicht von Weißen verkauft worden waren, sondern von einheimischen Dorfvorstehern. Mein Vater sagte: ›Mobutu behauptet, dass die Schwarzen unsere Brüder an die Weißen verkauft haben!‹ ›Das stimmt, Papa.‹ ›Aber das ist doch unglaublich!‹ Er war darüber völlig erschüttert. Ich vermute, dass Mobutu diese Ideen mit Absicht verbreitete. Es half ihm, die Macht der lokalen Oberhäupter zu brechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu setzte alles daran, die tribalen Reflexe zu bekämpfen. Eine starke Nation war mit einer Stammeslogik nicht vereinbar. Die junge Generation sollte einen neuen Bezugsrahmen bekommen. In der Fußballnationalmannschaft sollten alle Gegenden des Landes vertreten sein. An den Wahlen zur Miss Zaire nahmen Mädchen aus allen Provinzen teil. Die Armee musste integrativ werden: Sogar Pygmäen konnten sich verpflichten.38 Um das Zaire-Gefühl zu stärken, reformierte Mobutu auch das Hochschulwesen. Die drei Universitäten des Landes verschmolzen zu einer großen, nationalen Superuniversität mit drei Campus. Nach Kinshasa ging man, wenn man Jura, Wirtschaft, Medizin, Naturwissenschaften oder ein ingenieurtechnisches Fach studieren wollte. In Kisangani wurde Psychologie, Pädagogik und Agrarwissenschaft gelehrt, in Lubumbashi, in der Nähe der Minen, Geowissenschaften. Dorthin, fern der Hauptstadt, waren auch die »gefährlichen« Richtungen wie Sozialwissenschaften, Philosophie und Literatur verdrängt worden.39 Diese Reform schwächte die Studentenbewegung und zwang die Studenten zu intertribaler Vermischung. Das frappanteste Beispiel dafür entdeckte ich auf einem Innenhof in der Abenddämmerung in Bukavu. Ich war bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie zu Gast. Ihre Tochter bereitete auf einem Holzkohlenfeuer das Abendessen zu. Adolphine stammte aus Moanda, einem kleinen Ort an der Atlantikküste. Wie um alles in der Welt war sie zweitausend Kilometer in Richtung Osten an die Grenze zu Ruanda gelangt? »Dodo und ich lernten uns an der Universität von Kinshasa kennen. Er studierte am Polytechnikum, ich studierte Linguistik. Er war ein Mushi aus Bukavu, ich eine Mukongo aus Moanda. Als ältester Sohn der Familie hätte er innerhalb seines Stammes heiraten müssen, aber er entschied sich doch für mich. Ich zog hierher. In seiner Familie gab es großen Protest. Es hat Jahre gedauert, bevor die Nachbarschaft und die Familie mich akzeptierten.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie das Erasmus-Programm jungen Leuten mehr Liebe zu Europa vermitteln soll, notfalls in Form einer Liebesbeziehung im Ausland, so sollte Mobutus Bildungsreform ein größeres Zaire-Bewusstsein schaffen. Mobutu umgab sich gern mit jungen, begeisterten Zairern, die in seinem Projekt zur Förderung von Nationalbewusstsein voll aufgingen. Die beiden einflussreichsten Personen in seiner Entourage waren Citoyen Sakombi Inongo und Citoyen Bisengimana Rwema.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 fuhr ich von Goma nach Bukavu über den wunderschönen Kivusee, der die Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo bildet. An Bord des Fährschiffes wurde ich einem zurückhaltenden, sehr distinguierten jungen Mann vorgestellt, vom Typ her jemand, der niemals auf dem zugigen Achterdeck eines Passagierschiffes steht, sondern sich lieber in den Innenraum setzt und telefoniert. Er war der Sohn von Bisengimana, jahrelang die Nummer zwei in Zaire. »Mein Vater hat schon ab 1966 für Mobutu gearbeitet, aber 1969 wurde er zum Direktor des &#039;&#039;Bureau du Président de la République&#039;&#039; befördert. Mobutu hatte großes Vertrauen zu ihm. Mein Vater durfte ihm sogar widersprechen. Die Leute nannten ihn &#039;&#039;le petit léopard&#039;&#039;, der junge Leopard. Er trug auch eine Mütze aus Leopardenfell. Er war Kabinettschef bis 1977, als sie in Streit gerieten. Nachdem mein Vater gegangen war, hatte unter Mobutu niemand mehr so viel Macht wie er.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Außergewöhnlichste an dieser Anstellung tauchte nun jedoch vor dem Schiffsfenster auf. Das Schiff brauste übers Wasser, und backbord wurden die Konturen der Insel Idjwi sichtbar. Dahinter liegt Ruanda. Bertrand Bisengimana stammte von der Insel, er war unterwegs nach Hause. Idjwi war zuerst deutsch gewesen, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg in belgische Hände übergegangen. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Tutsi, die aus Ruanda stammten. So auch er und sein Vater. Die Tutsi waren eine ethnische Minderheit, die bereits seit Jahrhunderten die soziale und politische Oberschicht des ruandischen Königreichs bildete; diese Stellung verdankten sie der Viehzucht. Rinder waren für die Tutsi das, was Steinkohle für die Industriebarone war: alles. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert hatten Tutsi-Viehzüchter das übervölkerte Ruanda verlassen und sich auf der anderen Seite des Sees angesiedelt. Sie zogen auf die Hochebenen von Süd-Kivu, in das Vulkangebiet von Nord-Kivu und auf die Insel Idjwi. Für die Kongolesen waren sie in jeder Hinsicht »anders«. Sie sahen anders aus und sie redeten anders. Ihr Kinyarwanda war eine ganz eigene Bantu-Sprache, die nur in Ruanda und im Süden Ugandas gesprochen wurde und mit der Sprache von Burundi verwandt war. Der archetypische Tutsi war groß bis sehr groß (manchmal 1,95 m), hatte eine scharf geschnittene Nase, eine hohe Stirn und schmale Lippen. Natürlich war das ein Klischee und hatte mit der Realität so wenig oder so viel zu tun wie Klischees über Iren, Italiener oder Schweden. Die Zairer schrieben ihnen außerdem zu, hochmütig und humorlos zu sein. Trotzdem ernannte Mobutu einen von ihnen zum Kabinettschef.42 »Am Anfang wollte Mobutu seinen eigenen Stamm nicht bevorzugen«, sagte Bertrand, »sonst hätte mein Vater als Tutsi von Idjwi niemals die Nummer zwei der Regierung werden können.« Mobutu kam es natürlich auch sehr gelegen, dass sein enger Mitarbeiter aus einem kleinen Stamm von Migranten kam. Die bildeten sicherlich keine Bedrohung für ihn . . . Er konnte damals noch nicht ahnen, dass ihn 1997 ausgerechnet Tutsi aus Ruanda vom Thron stoßen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte dem Volk mehr Wohlstand geschenkt, nun galt es, ihm auch einen Traum zu schenken. Dieser Traum wurde der zairische Nationalismus. Und der Architekt dieses Traums hieß Dominique Sakombi, oder besser Sakombi Inongo, nach damaliger Gepflogenheit.43 Sakombi war ein intelligenter, sehr eloquenter junger Mann und ein größerer Mobutist als Mobutu selbst. Im Herbst 2008 konnte ich ein kurzes Telefonat mit ihm führen: Seine Stimme war dünn wie ein Zigarettenpapier geworden. Nichts erinnerte mehr an das verbale Sperrfeuer von damals. Er sei sehr krank, sagte er, ein Interview sei nicht möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Sakombi in den frühen siebziger Jahren realisierte, war besonders findig: Er schaffte den Tribalismus nicht ab, sondern erhob ihn auf die Ebene des Staates. Die Bewohner Zaires durften immer noch ihren Stamm lieben, solange dieser Stamm Zaire hieß. Er sagte: »Für uns erstreckt sich das Dorf unserer Ahnen bis an die Landesgrenzen.«44 Das Territorium, das europäische Politiker im neunzehnten Jahrhundert willkürlich abgesteckt hatten, sollte nun als natürliches Staatsgebiet empfunden werden. Mehr als ein Staatspräsident wurde Mobutu zum nationalen Dorfoberhaupt, zum Häuptling de luxe. Und die Bürger wurden seine Dorfbewohner, seine Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi war »Staatskommissar« für Information. Sein Ministerium hatte 1400 Mitarbeiter und verfügte nach dem Verteidigungsressort über das größte Budget. Mobutu wusste, wo seine Prioritäten lagen: In seinem vorigen Leben war er sowohl Soldat als auch Journalist gewesen. Zu Anfang hatte sich seine Diktatur auf die Macht der Armee gestützt, ab 1970 stützte sie sich auf den Einsatz von Propaganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi entwarf eine groß angelegte Kulturpolitik und verkaufte sie der Bevölkerung unter dem Slogan: &#039;&#039;Recours à l&#039;authenticité!&#039;&#039; Die Namensänderungen für das Land, die Städte und die Eigennamen waren ein Teil davon, aber es ging noch viel weiter. Die Rückkehr zum ursprünglichen Leben betraf nahezu jeden Aspekt des Alltagslebens. Wenn ein Zairer morgens aufstand, wusste er, wie er sich zu kleiden hatte. Westliche Kleidung war verboten. Männer durften keinen Anzug mit Krawatte mehr tragen, sondern waren verpflichtet, einen &#039;&#039;»abacost«&#039;&#039; anzuziehen: eine hochgeschlossene, an den Mao-Anzug erinnernde Jacke mit kleinem Kragen, zu der ein Halstuch gehörte. &#039;&#039;(»abacost«&#039;&#039; war wieder so ein mobutistischer Neologismus: Es kam von &#039;&#039;à bas le costume&#039;&#039;, weg mit dem Maßanzug. Auch die Sprache wurde verändert.) Frauen durften keinen Minirock mehr tragen, nur noch den traditionellen &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, ein Wickelgewand aus drei Teilen – Rock, Bluse und Kopftuch. Nur der natürliche Haarwuchs war erlaubt. Verlängern und Entkrausen der Haare war verboten. Und Produkte zum Bleichen der Haut waren auch tabu. Ein authentischer Zairer war das Gegenteil des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;; er sehnte sich nicht mehr danach, etwas zu sein, was er ohnehin nie sein würde, sondern schöpfte seine Kraft aus der eigenen Identität, der eigenen Kultur, den eigenen Traditionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn dieser Zairer ein Städter war, dann sah er auf dem Weg zur Arbeit überall neue, monumentale Skulpturen. Die Denkmäler für Stanley, Leopold II. und Albert I. waren demontiert worden. Sakombi bemerkte dazu trocken: »Soviel ich weiß, steht auch kein Denkmal für Lumumba mitten in Brüssel.«45 Auf Plätzen und vor Regierungsgebäuden erschienen stilisierte Figuren aus Beton, die die Arme in die Luft streckten oder Körbe schleppten. Allein in Kinshasa waren zweihundert Bildhauer aktiv.46 Ihr Stil war oft auffallend modern, Einflüsse von Zadkine, Picasso und Brancusi waren unübersehbar; aber das war erlaubt, denn diese Europäer waren ja selber stark von afrikanischer Kunst beeinflusst. Die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik war keine Übung in Nostalgie, sondern eine komplexe Mischung von Tradition und Modernität. Sakombi sagte darüber: »Wir reagieren, wie es unsere Vorfahren tun würden, wenn ihre Kultur nicht durch die koloniale Akkulturation unterbrochen worden wäre.«47 Es ging ihm nicht um einen &#039;&#039;retour à l&#039;authenticité&#039;&#039;, sondern um einen Rekurs, eine Rückbesinnung. Aus der alten Formensprache sollte eine neue Kunst geboren werden. Darum ließ Mobutu Kunstschätze aus dem ganzen Land zusammentragen. Zehntausende Masken und Fetische fanden den Weg in die staatlichen Museen, so wie in der Kolonialzeit jede Menge Etnographica nach Tervuren verschwunden waren.48 Das Nationalballett sollte traditionelle Tänze im Landesinneren studieren und neu interpretieren. Ein Nationaltheater wurde gegründet und ein nationaler Literaturpreis ausgelobt.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ein Zairer tagsüber das Radio einschaltete, hörte er grundsätzlich Musik aus heimischen Gefilden. Westliche Musik war verboten. Mobutu profilierte sich als der große Förderer der populären Musik. Franco bekam eine leitende Stellung in einem neuen staatlichen Institut, das das Musikbusiness unterstützen sollte. Hatte er nicht auf der Geburtstagsfeier direkt vor dem Putsch strahlend neben Mobutu gestanden? Tabu Ley tourte durchs Land. Mit Mobutus Unterstützung wurde er sogar der erste Schwarze, der im Pariser Olympia auftrat. Docteur Nico experimentierte mit traditioneller Percussion. Franco befreite den alten Akkordeonspieler Camille Feruzi vom Staub. »Recours à l&#039;authenticité«, hörte man ihn singen. Kinshasas Musikindustrie erlebte ihre turbulentesten Jahre. Platten wurden am späten Nachmittag aufgenommen und lagen schon am nächsten Morgen im Laden. Es wimmelte von Künstlern. Der zentrale Platz von Matonge, dem pulsierenden Herzen des Nachtlebens, wurde von Rond-Point Victoire in Place des Artistes umbenannt. Den Pionieren der kongolesischen, nein, der zairischen Musik wurde dort ein großes Denkmal errichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam ein Zairer abends von der Arbeit nach Hause, aß er Gerichte der authentischen Küche. &#039;&#039;Pundu, fufu, makayabu&#039;&#039;, Maniokbrot, Raupen, alles abgeschmeckt mit der Mutter aller scharfen Gewürze: Piri-piri. Bevor man sein Bier oder seinen Palmwein trank, goss man einen kleinen Schluck auf den Boden. Ein Trankopfer für die Ahnen, auch das gehörte sich so. Stellte man nach solch einem leckeren Essen den Fernseher an, sah man Bilder der &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, große Gruppen von Menschen, die in geometrischer Aufstellung und identischer Kleidung (in der Regel aus grünem Stoff und mit aufgedruckter Nationalflagge) singend und tanzend den MPR rühmten. Tagein, tagaus wurden die Segnungen des erlauchten Führers besungen, sechs, manchmal sogar zwölf Stunden am Tag.50 Um 18 Uhr begann dann der Höhepunkt des Staatsfernsehens: die Nachrichten. Sie wurden mit einer Idee Sakombis eröffnet. In einem Wolkenhimmel erschien das Gesicht des Präsidenten, das immer größer wurde, sodass es schien, als schwebe Mobutu vom Firmament ins Wohnzimmer. Die Kinder hielten ihn für einen Gott. »Alle Aktivitäten des Präsidenten und seiner Frau wurden gezeigt«, sagte Zizi, »und auch die der Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees. Es war ein regelrechter Personenkult. Sakombi bezeichnete Mobutu als den ›Pharao von Afrika‹. So in der Art.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch, wenn man sich abends schlafen legte, war man von der Staatspropaganda noch nicht erlöst, denn Mobutu hatte das Volk dazu aufgerufen, sich tüchtig fortzupflanzen – die Revolution bedurfte vieler Hände. Noch in den intimsten Momenten des Privatlebens hörte man den Ruf des Staatsoberhaupts. Es kursierte der Witz, dass er selber beim Liebesspiel nie rufen würde »Ça va jaillir!« (»ich komme«), sondern »Ça va Zaire!« . . . So wie die Missionare vorgeschrieben hatten, was ein »guter« kolonialer Körper war (Seife benutzen, die Haut bedecken, monogam sein), so drang die Diktatur in die Intimität des Privatlebens ein und unterwarf es einer neuen, allumfassenden Ordnung. Es gab kein Entrinnen. Auch beim Orgasmus diente man seinem Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es funktionierte. Die Zairer fühlten sich immer mehr als Zai­rer. Mit Sakombis Hilfe schaffte Mobutu in wenigen Jahren, was der Europäischen Union nach mehr als einem halben Jahrhundert noch nicht gelungen ist: Die Menschen sahen sich tatsächlich als Teil eines größeren Ganzen. Briten und Franzosen wollen einfach keine Europäer werden, Bakongo und Baluba aber waren irgendwann stolz darauf, Zairer zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gab es denn keinen Widerstand? Doch, natürlich, aber nur diskret. Zizi: »Keinen Schlips tragen dürfen, das war ein Problem. In Katanga sah man manchmal jemand, der aus Protest mit Anzug und Krawatte auf die Straße ging. Die Polizei sprach ihn dann sofort an: ›Wieso dieser koloniale Aufzug? Sind Sie vielleicht ein Ausländer?‹ ›Yes, from Zambia‹, sagte man dann. Man konnte ermordet werden, echt!« Während in Europa die Krawatte zum Symbol für Bürgerlichkeit und Angepasstheit wurde, entwickelte sie sich im Kongo zu einem Wahrzeichen des Widerstandes und der Freiheitssehnsucht. »Manche trugen extra einen Schlips, wenn sie im Wohnzimmer saßen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die obligatorische Namensänderung sorgte für unterschwelligen Protest. »Mein Vater schickte mir eine Liste mit neun Namen aus unserer Familiengeschichte, aus denen ich meinen &#039;&#039;postnom&#039;&#039; wählen konnte. Aber ein Kollege von mir – er hieß Gérard Ekwalanga und war ein großer Sportjournalist – war sehr gläubig, deshalb hing er sehr an seinem Taufnamen. Aus Verärgerung nannte er sich Ekwalanga Abomasoda. Dieser &#039;&#039;postnom&#039;&#039; hatte mit seinen Vorfahren überhaupt nichts zu tun. Auf Lingala bedeutete er: ›Der, der die Soldaten tötet‹! Oder Oscar Kisema, der wählte den Namen Kisema Kinzundi. Auf Lingala klang das wie ein normaler Name, aber auf Swahili bedeutete es ›große Vagina‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verbot christlicher Namen machte der Kirche sehr zu schaffen. »Mobutu wollte die Macht der Kirche brechen«, sagte Zizi. »Die Heiligen wollte er durch die Ahnen ersetzen.« Anfangs zeigte sich die Kirche gegenüber dem neuen Regime loyal. Einen Monat nach dem Putsch hatte Kardinal Malula ja feierlich erklärt: »Monsieur le Président, die Kirche erkennt Ihre Macht an, denn die Macht kommt von Gott. Wir werden uns getreulich an die Gesetze halten, die Sie zu erlassen belieben.«51 Doch sechs Jahre später, am 12. Januar 1972, hielt Malula eine donnernde Predigt gegen das Regime. Mobutu kochte vor Wut. Er entließ Malula sofort aus dem Ordre du Léopard, verbannte ihn ins Ausland und verbot Christen, für ihren Erzbischof zu beten. Doch das nützte ihm nichts. Die Kirche würde noch lange Zeit der schärfste Kritiker des Regimes sein. Die Bischöfe wussten sich durch ihr internationales Netzwerk bestärkt, außerdem kontrollierten sie das Bildungswesen. Staaten haben für gewöhnlich zwei Möglichkeiten, sich ihre Bürger zurechtzubiegen: das Bildungssystem und die Medien. Mobutu hatte nur die Medien. Er setzte deshalb alles daran, die Macht der Kirche zu beschränken (Missionsschulen mussten einen einheimischen Direktor einstellen, Kruzifixe wurden verbrannt, Seminaristen mussten in die MPR-Jugendverbände eintreten, christliche Jugendorganisationen wurden verboten, Weihnachten wurde zu einem normalen Arbeitstag, sogar alle religiösen Zusammenkünfte, bis auf die Messe und die Beichte, waren ab einem bestimmten Zeitpunkt tabu). Und als das alles nichts brachte, übertrug er den Bischöfen Spitzenpositionen in der Verwaltung oder schenkte ihnen einfach Jeeps und Limousinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Kulturpolitik schrieb nicht bis ins Kleinste vor, was die Kongolesen glauben sollten und was nicht, und der Ahnenglaube wurde nicht durch eine ausgearbeitete nationale Theologie untermauert, aber der Kimbanguismus, die Religion, gegen die die Belgier so vehement vorgegangen waren, florierte wie nie zuvor, denn er galt als eine authentische afrikanische Religion. Zunehmend war er wie der Staat im Kleinformat organisiert: hyperzentralistisch und hierarchisch. Der religiöse Führer wurde mit Gesang und Tanz angebetet, genau wie Mobutu. Die Underdogs der Kolonialzeit wurden nun die Herolde des Mobutismus.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vertrauen in die eigene Identität – es war ein schöner Gedanke, aber natürlich nicht ohne Haken und Ösen. Warum machte Mobutu Werbung für die einheimische Küche, wenn sein Lieblingsgericht nach wie vor &#039;&#039;ossobuco alla romana war&#039;&#039;? Was war so authentisch an dieser erbärmlichen &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, die er sich im Grunde von Kim Il-sung abgeschaut hatte? Was war das spezifisch »Zairische« an dem berühmten &#039;&#039;abacost&#039;&#039;, der nicht mehr war als ein farbiger Mao-Anzug und dessen edelste Exemplare von Arzoni, einer Textilfabrik in Zellik bei Brüssel, hergestellt wurden? Was war typisch afrikanisch am &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, einem Batikstoff aus Indonesien, von Nonnen empfohlen zur Bedeckung des Busens, dessen farbechteste Varianten, die berühmten &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039;, in den Niederlanden hergestellt wurden, bei Vlisco in Helmond? Warum war Camille Feruzi ein authentischer Musiker? Er spielte Akkordeon, verflixt noch mal, und hatte offenkundig sehr oft Tino Rossi zugehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War dieser &#039;&#039;recours à l&#039;authenticité&#039;&#039; nicht einfach nur ein Vorwand? Eine bestrickende Ideologie, die eine tiefere Wirklichkeit verschleiern sollte? Ja, das war es. Und diese tiefere Wirklichkeit war: Wie es seinem Volk ging, wurde Mobutu zunehmend egal. Er war so intensiv damit beschäftigt, seine Stellung zu sichern, dass er wichtige Regierungsaufgaben vernachlässigte. Autos, Ämter, Tagespauschalen und Botschaftsposten verteilte er mit manischer Besessenheit ohne Rücksicht auf die Staatskasse. Ja, die Wirtschaft erlebte einen Wiederaufschwung, aber das lag eher am Vietnamkrieg als an einer vernünftigen Politik. Es war eine zufällige Hochkonjunktur, auf der Mobutu komfortabel surfen konnte; er bemühte sich nicht im Geringsten, die Armut zu bekämpfen. Mit den beträchtlichen Einnahmen hielt er seinen Machtapparat intakt. Im Grunde verdankte er seine Macht einer extremen Form des Klientelismus. Mobutu stand an der Spitze einer Pyramide; ein paar tausend Menschen fraßen ihm, direkt oder indirekt, aus der Hand. Er und sein Gefolge waren durch wechselseitige Verpflichtungen und Vorteilsgewährungen miteinander verflochten. Die finanzielle Unterstützung dankten ihm seine Anhänger mit der Loyalität, die er benötigte, um an der Macht zu bleiben. Mobutu brauchte sie, sie brauchten Mobutu. Ein Zweckbündnis. Mobutu war der Sklave seines Machthungers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire bildete sich so eine echte Staatsbourgeoisie heraus, eine große Gruppe von Menschen, die zu Wohlstand gelangten auf Kosten des Staates.53 Der Staat diente im wahrsten Sinne des Wortes als ökonomische Basis dieser neuen Mittelschicht, die keinerlei Skrupel hatte, ihren frisch erlangten Wohlstand in Form von teuren Autos, großen Villen und einem luxuriösen Lebensstil zur Schau zu stellen.54 Wer in einem Jaguar oder Mercedes umherfuhr, bekam den Spitznamen Onassis. »Und wer mal ein bisschen husten musste, flog zu seinem Hausarzt nach Brüssel«, sagte Zizi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Klientelismus ging so lange gut, wie Geld vorhanden war. Die Verstaatlichung der Union Minière hatte Mobutu zu sagenhaften Einnahmen verholfen, doch die Aufwendungen für seinen Machterhalt wurden immer größer. »Früher hatte ich im Grunde keine Familie«, seufzte er einmal, »keiner hat sich um mich gekümmert! Aber seit ich Präsident bin, hat fast die Hälfte aller Zairer entdeckt, dass sie irgendwie um ein paar Ecken mit mir verwandt sein könnten und deshalb Ansprüche stellen dürfen.«55 Den Schaden hatte natürlich der zairische Durchschnittsbürger, der sich an keinerlei Familienbande mit dem Staatsoberhaupt erinnern konnte. Um seine wachsende Klientel bei Laune zu halten, musste Mobutu immer neue Finanzquellen auftun. Ausländische Investitionen, bilaterale Verträge und internationale Darlehen kamen ihm sehr gelegen.56 Je bedürftiger sein Land war, desto mehr konnte er kassieren. Armut lohnte sich. Sie war ein wirtschaftlicher Trumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das genügte noch nicht. Am 30. November 1973 fasste er einen drastischen Beschluss. Er war gerade von einer Rundreise durch China zurück und hatte sich dort mit der Staatswirtschaft vertraut gemacht. »Die Gefahr ist eher weiß als gelb«, sagte er nach seiner Rückkehr, »politisch sind wir ein freies Volk, kulturell werden wir es gerade, aber wirtschaftlich sind wir noch alles andere als Meister.«57 Mobutu ging zur »Zairisierung« über: Klein- und Mittelbetriebe, Bauernhöfe, Plantagen und Handelsunternehmen, die noch Eigentum von Ausländern waren, insgesamt ein paar tausend Firmen, wurden enteignet und seinen Getreuen gratis überlassen.58 Von heute auf morgen erlebten portugiesische Restaurantbesitzer, griechische Boutiqueninhaber, pakistanische Fernsehmechaniker und belgische Kaffeepflanzer, wie ihre langjährige Arbeit verloren ging. An der Spitze des Unternehmens stand nun ein Zairer aus der Umgebung des Präsidenten, der meist keine Ahnung hatte, wie man einen Betrieb führte. Bestenfalls ließ er den ehemaligen Besitzer als Geschäftsführer weiterarbeiten und kam einmal im Monat vorbei, um den Gewinn zu kassieren. Schlimmstenfalls plünderte er sofort die Kasse und verkaufte die Lagerbestände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren grotesk. Eine elegante Dame, die nie die Hauptstadt verließ, war plötzlich für eine Chininplantage in einer entfernten Gegend des Landes verantwortlich. Herren, die eine Kuh nicht von einem Stier unterscheiden konnten, leiteten einen Viehzuchtbetrieb. Generäle durften Fischereifirmen verwalten und Diplomaten Limonadefabriken. Der Informationsminister Sakombi wurde Besitzer einer ganzen Reihe von Zeitungskiosken und Kinos, aber auch von ein paar Sägewerken. Bisengimana erhielt die Plantagen des Prince de Ligne auf der Insel Idjwi zum Geschenk, die ein Drittel der Insel einnahmen.59 Unser Freund Jamais Kolonga, ein kleiner Fisch im Netzwerk um den Präsidenten, wurde Chef eines Sägewerks in seiner Heimatgegend. Der Partylöwe aus der Hauptstadt musste sich nun plötzlich mit der Lagerung und Vermarktung von tropischem Hartholz befassen. Manche konnten mit dem Geschenk überhaupt nichts anfangen, andere stürzten sich in die neue Tätigkeit. Popstar Franco wurde über Nacht Besitzer von Willy Pelgrims&#039; Schallplattenimperium, und in diesem Sektor kannte er sich gut aus.60 Jeannot Bemba konnte sich dank der Zairisierung zum reichsten Geschäftsmann des Landes mausern. Er wurde Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes und gründete eine Fluggesellschaft, Scibe Zaïre. Mobutu schließlich genehmigte sich vierzehn Plantagen, verstreut übers ganze Land. Er kontrollierte ein Viertel der Kakao- und Kautschukproduktion, hatte 25.000 Angestellte und wurde der drittgrößte Arbeitgeber des Landes. Nicht zuletzt dank der Einnahmen aus den Minen wurde er Schätzungen zufolge der siebtreichste Mann der Welt.61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu aber betrachtete sein Land und sah, dass es nicht gut war. Ende 1974 schaltete er auf die »Radikalisierung« um. Kränkelnde Betriebe wurden nun vom Staat übernommen. So könnten sie wieder Gewinne erzielen, und mit diesen Gewinnen könnte er sich seine Freunde warmhalten. Sie zu Firmeninhabern zu machen, war wohl eine weniger gute Idee gewesen. Aber auch diese Wirtschaftsreform brachte nicht den gewünschten Erfolg. Mobutu, der große Freund der Amerikaner, hatte plötzlich, ohne es wirklich gewollt zu haben, eine kommunistische Ökonomie am Hals. Mit einer dritten Reform, der sogenannten &#039;&#039;»retrocession«&#039;&#039; (denn Rhetorik war der einzige Geschäftszweig, der wirklich florierte), versuchte er die geschröpften und ausgeplünderten Betriebe den ursprünglichen Besitzern zurückzugeben, doch die hatten längst das Interesse daran verloren.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Folgen waren dementsprechend. So brillant Mobutu als Kommunikator war, so unbedarft war er als Ökonom. Das Fiasko der Zairisierung trieb die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Und wer noch einen Job hatte, etwa als Beamter oder als Lehrer, konnte von seinem Gehalt nicht leben.63 Jeder verdiente sich etwas dazu, als Maurer, Chauffeur oder Bierverkäufer. Die Ehefrauen versuchten es mit dem Mikro-Handel. Sie hockten ganze Tage auf dem Markt, vor sich einen Stapel Holzkohle oder ein paar Zwiebeln. Sie kauften Brot in der Fabrik und trugen es auf dem Kopf durch die Stadt, bis es verkauft war. Sie blieben zu Hause bei den Kindern und machten einen kleinen Laden auf, wo die Leute aus der Nachbarschaft Teebeutel, Streichhölzer und Seife kaufen konnten. Sie stellten Teile ihres Hauses einer Brauerei oder Zementfabrik als Lager zur Verfügung und verkauften mit äußerst winzigen Gewinnspannen Getränke oder Zementsäcke. Mit Mühe und Not versuchte man, über die Runden zu kommen. Notfalls musste man bei Verwandten anklopfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 wurde die Lage unhaltbar. Mit dem Ende des Vietnamkrieges ging ein drastischer Fall des Kupferpreises einher. Außerdem war die beginnende Ölkrise auch in Zaire zu spüren. Die Preise stiegen rasant. Die ganze Zairisierung trug zusätzlich noch zur Inflation bei, denn seit eine Klasse von Superreichen entstanden war, trieben Ladenbesitzer die Preise gewaltig in die Höhe. Für den Durchschnittsbürger hatte das freilich zur Folge, dass seine Kaufkraft weiter sank. Für ein Kilo Süßwasserfisch musste ein einfacher Arbeiter 1960 einen Tag arbeiten; Mitte der siebziger Jahre waren es zehn Tage.64 Lebensmittel wurden unbezahlbar. Das gesamte Einkommen ging dafür drauf. Im Landesinneren war die Landwirtschaft vernachlässigt worden. Warum sollte ein Bauer sein Land bestellen, wenn es ohnehin keine Straßen mehr gab, auf denen er die Ernte in die Stadt bringen konnte? Zaire, eines der fruchtbarsten Länder der Erde, wurde deshalb extrem abhängig von teuren Nahrungsmittelimporten. Im Hafen wurden Dosen mit Tomatenmark entladen, während im Inland Fleischtomaten tonnenweise an den Sträuchern verfaulten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Versprechen eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs war auf eine Katastrophe hinausgelaufen. Ein früher Slogan des MPR lautete: &#039;&#039;Servir et non se servir&#039;&#039; (»Dienen: ja, sich selbst bedienen: nein«); Mobutu und sein Clan hingegen bedienten sich selbst sehr gut. Seine Popularität schwand. Das Brot war langsam alle. Wo blieben die Spiele?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi war nach seinem imaginären Abenteuer mit dem Säbel von König Baudouin wieder nach Kikwit gezogen. Er wurde Verkäufer bei Bata, der internationalen Schuhkette, die auch Filialen in Afrika hatte. Eines Tages betrat ein hübsches Mädchen den Laden. Sie schaute sich einige Modelle an und ging dann wieder, um Fisch zu kaufen. Ein paar Minuten später schloss Longin den Laden zur Mittagspause und ging ihr nach. Sie bezahlte gerade. Fisch war damals noch erschwinglich. Er sprach sie mit den unvergesslichen Worten an: »Ich bezahle Ihren Fisch, damit Sie meine &#039;&#039;fiancée&#039;&#039; werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wirklich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wirklich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann gebe ich Ihnen meine Adresse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuchte er sie zu Hause. Sie rief ihren Vater und ihre Onkel dazu. Die Verwandten wollten den seltsamen Vogel erst einmal in Augenschein nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin bereit, dieses Mädchen zur Frau zu nehmen«, sagte Longin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Haben Sie Geld?«, fragte die Familie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das stimmte nicht so ganz, aber sein europäischer Chef bei Bata war bereit, ihm den Brautpreis vorzuschießen. Das machte er bei seinen Angestellten öfter. Longin musste das Geld in monatlichen Raten abstottern. Bata hatte einen guten Namen, es war ein seriöser Laden. Der Vater und die Onkel waren einverstanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin arbeitete viele Jahre bei Bata. Wie es nun einmal Tradition war, bestellte seine Frau das Land: Sie baute Mais, Maniok und Erdnüsse an. Das junge Paar konnte sich nicht beklagen. 1969 wurde das erste von sechs Kindern geboren. Einige Jahre später kaufte Longin ein großes Grundstück von dreißig mal vierzig Metern und baute ein geräumiges Lehmhaus. In diesem Haus habe ich ihn auch interviewt. »Das war die reichste Zeit in meinem Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber kam die Zairisierung. »Mein europäischer Chef ging. Ein Zairer übernahm Bata. Er leitete den Laden. Das war nicht gut. Bata ging pleite.« Harte Zeiten brachen an. Longin betete immer öfter am Grab von Kuku Pemba, einem gefährlichen Ort, einem mythischen Ort. Kuku Pemba war der erste Mann aus der Region, der einen Weißen erblickt hatte. In Zeiten von Hungersnot wandte man sich an höhere Mächte. Er galt als ein mächtiger Urahn, sogar Mobutu fürchtete sich vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 reiste Longin zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in die Hauptstadt. »Ich fuhr nach Kinshasa, um den Boxkampf zu sehen. Ich sah, dass Ali auch betete. Er war ein Muslim und trug eine Kette. Foreman hatte einen großen Hund bei sich, wie ein Europäer. Ich saß im Stadion. Der Kampf fand nachts statt. Foreman war kräftiger. Ali hing in den Seilen. Das ganze Match hindurch. Foreman war aufgedunsen wie ein Schwein. Es war ein kolossaler Kampf, kolossal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie konnte man einem Präsidenten böse sein, der einen zu einem so grandiosen Fest einlud?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit die Zuschauer in den USA den Boxkampf in der Hauptsendezeit sehen konnten, fand er um vier Uhr nachts statt. In der Stadt war es brütend heiß, die Regenzeit hatte begonnen. Seit dem frühen Morgen füllte sich das Stadion. »Kinder hatten schulfrei. Firmen mussten einen Tag bezahlten Urlaub geben. Bars mussten das Bier zum halben Preis ausschenken. Mehl gab es sogar umsonst«, erinnerte sich Zizi. Die Zuschauer kamen von nah und fern, sogar aus Angola und Kamerun. Siebzigtausend Menschen bekamen einen Sitzplatz im Stadion. Mehrere tausend Sitzplätze waren VIPs vorbehalten, hauptsächlich Jasagern aus Mobutus Gefolge. Um das Stadion herum war eine riesige Menschenmenge auf den Beinen. Wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit hatte Mobutu eine Flutlichtanlage aufbauen lassen. Um die Tribüne ragten vier riesige »Fliegenklatschen« aus dem Dunkel auf. Sie waren mit grell leuchtenden Strahlern ausgerüstet, die dank des Stroms vom Inga-Damm das ganze Stadion in blendend weißes Licht tauchten. Mobutu war wirklich elektrisierend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Mitte des Fußballplatzes war der Boxring aufgebaut. Die amerikanischen Fernsehteams hatten eine beeindruckende Ausrüstung mitgebracht. Die Kinder auf den Betonstufen strahlten vor Stolz. Ihr Land war das einzige Land auf der Welt, das diesen Kampf veranstalten konnte! Sogar der Ring war aus den USA hertransportiert worden! Die Amerikaner hatten sogar ihr eigenes Wasser bei sich! Ja, ihr eigenes Toilettenpapier!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch das Zairer Fernsehteam war gut ausgerüstet. Damit auch wirklich nichts schiefging, hatte man fünf funkelnagelneue Arriflex-Kameras angeschafft, schwere Geräte, die man auf der Schulter tragen konnte. Außerdem verfügten die Reporter über einige Bell &amp;amp; Howells, leichtere Kameras für Detailaufnahmen. Alles in Farbe, versteht sich. Es gab zwei Regisseure, zwei Kommentatoren in französischer Sprache und einen in Lingala. Alle erhielten eine hohe Prämie als Nachtzuschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi Kabongo stand hinter der Kamera, die die Reaktionen des Publikums filmen sollte. Eine Band mit traditioneller kongolesischer Musik machte eine Runde über die Kampfbahn. Jubel und Hochrufe brandeten auf, als Ali aus den Katakomben erschien und sich tänzelnd und in die Luft boxend in den Ring begab. Er legte seinen Mantel ab. Ein göttlicher Körper glänzte im Licht der Scheinwerfer. &#039;&#039;Ali, boma ye! Ali, boma ye!&#039;&#039;, skandierte Zaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Allermerkwürdigste aber war: Mobutu selbst war nicht anwesend. Er mied das Stadion, in dem ihn das Volk 1965 empfangen hatte. Befürchtete er, durch Alis Popularität in den Schatten gestellt zu werden? Fürchtete er um seine Sicherheit? War er der Ansicht, als &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; sei er gerade durch seine Abwesenheit noch präsenter? Zizi wusste es nicht. Dafür wusste er aber, dass Mobutu in seinem Palast seine Aufnahmen direkt sah. Der Präsident verfügte nämlich über das einzige CCTV-Überwachungsnetz des Landes. Zizi ließ die Kamera über das Zuschauermeer gleiten. Auf seinem Monitor sah er das farbenfrohe Fest einer jubelnden Menschenmenge auf eine stumme Szene in graublauen Tönen reduziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Boxkampf selbst bekam er nur wenig mit. Er sah nicht, wie Ali schon in der ersten Runde versuchte, Foreman mit einer brutalen Serie rechter Geraden k. o. zu schlagen. Er sah nicht, wie wütend Foreman wurde und wie Ali das Tänzeln vergaß. &#039;&#039;»Float like a butterfly, sting like a bee«&#039;&#039;, hatte er eigentlich versprochen. Tänzeln würde er, tänzeln musste er, aber daraus wurde nichts. Zizi sah nur die Zuschauermenge durch den Sucher seiner Kamera, die Menge, die zuerst jubelte und dann Angst bekam. Er sah nicht, wie sich Ali von der zweiten Runde an weit in die Seile zurücklehnte, um Foremans Schlägen auszuweichen. Ali verbarg sein Gesicht hinter den schwarzen Boxhandschuhen und kassierte einen unaufhörlichen Hagel von Faustschlägen in die Seiten. &#039;&#039;»Everlast«&#039;&#039; stand auf den Eckpolstern des Rings, doch die Frage war, wie lange das andauern konnte. Foreman hatte einen der härtesten Punchs in der Geschichte des Schwergewichtsboxens. Ali wollte seinen Gegner besiegen, indem er ihn zermürbte. &#039;&#039;Rope-a-dope&#039;&#039;, »am Seil verweilen« würde er diese Taktik später nennen. Zizi hörte nicht, wie Ali über das weiße Grinsen seines Mundschutzes immer wieder rief: &#039;&#039;»George, you disappoint me.« »Come here, sucker! They told me you could punch.« »You&#039;re not breaking popcorn, George.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi filmte und filmte. Seine Aufnahmen waren nicht dazu gedacht, in der Welt verbreitet zu werden. Dafür sorgten schon die Amerikaner. Das hier war für den Eigengebrauch. Er sah die Prominenten vor sich: den Staatskommissar für den Sport, die Provinzgouverneure, die Diplomaten, die Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, die gesamte Kaste, die sich von Mobutu unterhalten ließ. Speichellecker aus dem Publikum steckten ihm Geld zu und baten ihn, sie einmal gut ins Bild zu setzen, damit der Präsident sie sah. Vor allem Frauen. Eine Frau im roten Kleid, eine Dame in Weiß . . . Könnte er bitte mal kurz auf sie zoomen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hin und wieder drehte er sich um. Dann sah er jedes Mal, wie der hünenhafte Foreman auf Alis Körper eindrosch, der fürchterlich nach hinten hing. Zizi bekam nicht mit, wie sich Ali in der achten Runde, dreizehn Sekunden vor dem Gong, plötzlich von den Seilen löste und blitzschnell mit einer gewaltigen Rechts-links-rechts-Kombination ausholte. Der letzte Stoß war ein vernichtender Hammerschlag, der Foremans Gesicht zu einem Tonklumpen verformte. Foremans Arme, acht Runden lang wie stampfende Maschinenkolben, fuchtelten plötzlich unkontrolliert ins Leere. Foreman beugte sich vor, konnte es nicht glauben. Er war noch nie k. o. geschlagen worden. Der Boden des Boxrings kippte auf ihn zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde eine ausgelassene Nacht. Direkt nach dem Kampf brach ein außerordentlich heftiges Gewitter los. Die Nachtclubs von Kinshasa waren gestopft voll. Getränke gab es gratis. Alle feierten, lachten, betranken sich. Aber als Zizi nach Hause ging, beschäftigte ihn auch die Frage, wie Mobutu sich die Aufnahmen angesehen hatte. Saß er allein, nur mit ein paar Angehörigen, in seinem Palast? Genoss er das Schauspiel, das er seinem Land spendiert hatte? War er neugierig auf die Frau im roten Kleid? Oder achtete er mit unruhigen Blicken auf die Reaktionen des Publikums, besorgt über jedes Gesicht, das nicht fröhlich genug aussah?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 10 Toujours servir ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Wahnsinn eines Marschalls 1975-1990 ===&lt;br /&gt;
In der Einsamkeit seiner Allmacht saß Mobutu wie gebannt vor dem Fernseher. Fünfzehn Jahre nach dem historischen Boxkampf sah er Bilder, die ihn mehr aus der Fassung brachten als jedes Filmmaterial, das er jemals gesehen hatte. Es war Weihnachten 1989, und in den Nachrichten eines ausländischen Senders sah er, wie eine Schildkröte den Kopf ausstreckte, langsam, hilflos, mit Todesangst im Blick. Nein, es war keine Schildkröte, es war ein Mann, der aus einer Luke unten an einem Schützenpanzer kroch oder eher herausgeschoben wurde. Vor dem graugrünen Stahl bewegte er den Oberkörper so unbeholfen – die Arme an den Rumpf gedrückt, die Hände noch im Inneren des Panzers –, dass er einer Schildkröte ähnelte. Ein Soldat auf der Straße ergriff den Mann von außen und zog ihn heraus, als mache er die Arbeit einer Hebamme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Videoaufnahmen waren gelblich und unscharf, die Szene wirkte winterlich. Aber Mobutu erkannte den Mann sofort. Es war Nicolae Ceaușescu. Zusammen mit seiner Frau war er kurz zuvor verhaftet worden, nach tagelangen Protesten in seinem Land. Mobutu sah, wie sich der rumänische Präsident hochrappelte und seine schwarze Mütze abnahm, um sich die Haare glatt zu streichen. Die Mütze sah wie eine winterliche Ausführung seiner eigenen Leopardenfellmütze aus. Das war nicht die einzige Ähnlichkeit. Ceaușescu war, genau wie er, 1965 an die Macht gekommen, und Mobutu hegte große Bewunderung für den Schneid, mit dem er Rumänien auf einem von der UdSSR unabhängigen Kurs steuerte. Und wie Mobutu erfreute sich Ceaușescu großer Unterstützung aus dem Westen. Beide verdankten ihre Macht treuen Bündnispartnern im Ausland und einer gefügigen Clique im Inland, und so konnte sich ihre Präsidentschaft zu einer Quasi-Monarchie entwickeln. Beide legten Wert auf denselben Beinamen: Ceaușescu ließ sich &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; nennen, Führer, und Mobutu ließ sich als &#039;&#039;le Guide&#039;&#039; ansprechen. Um das »Genie der Karpaten«, noch so ein Beiname, war ein ebenso sonderbarer Personenkult entstanden wie um den »Großen Steuermann« in Kinshasa. In Zaire war die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Philosophie inzwischen offiziell zum »Mobutismus« umgestaltet worden; in Rumänien herrschte der »Ceaușescuismus«. Auf derart umfassende Weise legitimiert, konnten beide Herrscher nur schwer mit Kritik umgehen. Sie legten der Presse Zügel an und sahen Dissidenten am liebsten jenseits der Landesgrenzen. Sollten die doch in schmuddeligen Pariser Kaschemmen über vollen Aschenbechern ihrem Groll Luft machen, blind wie sie waren für die Segnungen, die ihnen ihre Herrscher gebracht hatten. Die Staatssicherheit ging über alles. Ceaușescus Securitate wies auffallende Ähnlichkeiten mit der DSP auf, Mobutus &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;. Die Beziehungen zwischen Kinshasa und Bukarest waren sehr herzlich und durch eine innige Freundschaft zwischen Mobutu und Ceaușescu gekrönt. Mobutu blickte nach Amerika, wenn es um Geld ging, und nach Osten, um sich Anregungen für seine Regierungsmethode zu holen. Er hatte viel von Mao und Kim Il-sung gelernt, aber das einzige kommunistische Staatsoberhaupt, mit dem er jetzt noch befreundet war, war Ceaușescu. Auch die Gattinnen verstanden sich gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sah die Bilder. Einen Monat zuvor hatten sich in Bukarest noch die Spitzenleute ihrer beiden Parteien getroffen.1 Nun sah er, wie Nicolae und Elena in einem trostlosen Klassenzimmer Platz nahmen. Wie verbraucht sie plötzlich aussahen . . . Nicolae war ein alter, grauhaariger Mann in einem langen Wintermantel, Elena eine Dame im gesetzten Alter mit einem großen Pelzkragen. Ein älteres Ehepaar aus Osteuropa. Sie saßen an einem Tisch mit dünnen Metallbeinen. Nicolae gestikulierte heftig, erhob die Stimme. Die Kamera schwenkte nach rechts. Hohe Offiziere mit vielen Orden kamen ins Bild. Militärs, die aufsprangen. Ein Mann, der einen Text von einem Blatt ablas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein sehr turbulenter Herbst gewesen in Europa. Glasnost, Perestroika, der Mauerfall . . . Mobutu verfolgte alles mit Argusaugen. Seit Gorbatschow das politische Tauwetter eingeleitet hatte, war eine Kettenreaktion in Gang gekommen, die sich nicht mehr aufhalten ließ, am wenigsten von Gorbatschow selbst. Einen großen Einparteienstaat zu demokratisieren, hielt Mobutu schlichtweg für tollkühn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sehe sich an, was in der Sowjetunion geschieht; schon ohne dass das Mehrparteiensystem dort etabliert wird, genügte es, dessen Prinzip zuzulassen, damit Regionalismus und Separatismus aufkamen. Ich kann die baltische, armenische, georgische oder weißrussische Bewegung nicht beurteilen; ich beschränke mich auf die Feststellung, dass allein schon der Gedanke an ein Mehrparteiensystem der Entstehung von Fliehkräften Vorschub leistet.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demokratisierung, davor nahm sich Mobutu in Acht. Er erinnerte sich nur zu gut an das Debakel der Ersten Republik. Der Fall des Kommunismus in Europa ähnelte in mancher Hinsicht der Entkolonialisierung von Afrika: ein abrupter Prozess, in dessen Verlauf eine latente Hoffnung plötzlich in eine unkontrollierbare Stromschnelle geriet. Sophistisch argumentierte er: »Wenn wir bei uns ein demokratisches System nach westlichem Rezept unter Zwang einführen, wäre das erst recht eine Diktatur.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ganz Mittel- und Osteuropa war das Ende des kommunistischen Zeitalters ohne Blutvergießen vonstattengegangen. In den vergangenen Tagen hatte Mobutu Plätze in Bukarest gesehen, auf denen Zehntausende Menschen der Kälte trotzten, um den Rücktritt des &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; zu fordern. Doch erst diese verwackelten Bilder aus einem kleinen Dorf außerhalb der Hauptstadt ließen ihn schaudern. Plötzlich saßen Nicolae und Elena nicht mehr in dem Klassenzimmer von soeben, sondern standen auf einem leeren Schulhof vor einer gelben Mauer. Mobutu sah eine Staubwolke. Geknatter. Als klappere jemand mit einer Büchse, die mit Steinchen gefüllt war. Fahle Farben. Gedämpfte Stimmen. Ewiger Winter. Die Kamera schwebte anschließend über zwei Wachsfiguren. Elena lag auf der Seite, starrte in die eisige Luft, gleichgültig gegenüber dem Blutstrom, der aus ihrem Schädel rann. Nicolae auf dem Rücken, die Unterschenkel unnatürlich unter dem Körper, wie ein Harlekin. Mobutu konnte den Blick nicht abwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus: gut zehn Jahre zuvor, 1978. Grelles Sonnenlicht. Mobutu, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Aufnahmen seiner massiven Statur. Er hatte zugenommen seit seiner Machtergreifung; das Präsidentenamt hatte ihm unübersehbar gut getan. 1970 und 1977 war er erneut zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Die Dauer einer Amtszeit war auf sieben Jahre erhöht worden, und die Zahl der Amtsperioden war nicht mehr begrenzt. Mobutu war zugleich der einzige Kandidat. Bei den Wahlen mussten die Bürger nur eine grüne oder eine rote Karte in die Wahlurne stecken. Rot, so klärte sie im Wahlbüro ein MPR-Funktionär auf, stand für Chaos, Blutvergießen, fremde Ideologien. Grün sei die Farbe der Hoffnung, des Maniok und des MPR selbst. Wie jemand abstimmte, war offen zu sehen. Mobutu erzielte 98 oder 99 Prozent und regierte komfortabler denn je. Er ging nun mit etwas langsameren Schritten, sprach auch etwas langsamer. Würde bekam größere Bedeutung als Arbeitseifer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rakete war startbereit. Am Rand einer Hochebene – man konnte von hier über das Tal des Luvua blicken – ragte ein schlankes Gebilde, abgestützt von einem doppelten Stahlgerüst, zwölf Meter in die Höhe. Es war Montag, der 5. Juni 1978, mittags um halb zwölf. Ein strahlender Mobutu hatte einen Haufen Freunde und Journalisten eingeladen, damit sie Zeugen eines x-ten Coups wurden: eines Raketenstarts auf zairischem Boden. Ein paar Jahre zuvor hatte er mit einem deutschen Privatunternehmen Vereinbarungen getroffen und der Firma namens OTRAG (Orbital Transport- und Raketen Aktiengesellschaft) ein riesiges Savannengelände zur Verfügung gestellt, damit sie dort mit dem Bau und dem Start kostengünstiger Raketen experimentieren konnte. Die OTRAG erhielt Gelder vom deutschen Bundesforschungsministerium, um eine Alternative zu den teuren Projekten von NASA und ESA zu entwickeln.4 Auf lange Sicht sollten die deutschen Billigraketen Satelliten für einen Pappenstiel in ihre Umlaufbahn befördern. Ein Privatunternehmen, das Raketen baute: Das war ein Unikum in der Geschichte der Raumfahrt. Ein Unternehmen, das sich noch dazu der Unterstützung eines afrikanischen Diktators erfreute: So etwas hatte es noch nie gegeben. Initiator des Projekts war Lutz Kayser, doch der auffälligste Name auf der Gehaltsliste war der von Kurt Heinrich Debus; im Zweiten Weltkrieg hatte Debus am Bau der V2 mitgewirkt, und nach dem Krieg leitete er viele Jahre das Kennedy Space Center, wo er für das Apollo-Programm verantwortlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die OTRAG benötigte ein weiträumiges, leeres Gelände in Äquatornähe und hatte Indonesien, Singapur, Brasilien und Nauru ins Auge gefasst, Länder in Ozeannähe: Dort konnte eine Rakete auch mal abstürzen. Auf Zaire kam man erst später. Die Savanne von Shaba, dem früheren Katanga, war so spärlich besiedelt, dass auch sie als geeignet erschien. Innerhalb von zehn Tagen, im Jahr 1977, war die Sache mit Mobutu abgemacht; ein in jeder Hinsicht verblüffender Deal. Die OTRAG wurde Herr und Meister über ein Gebiet von hunderttausend Quadratkilometern, anderthalbmal so groß wie Irland. Das erinnerte an die Kautschukgesellschaften im neunzehnten Jahrhundert mit ihren umfassenden Konzessionen, die es ihnen erlaubten, ungehindert ihren »Geschäften« nachzugehen. Bis ins ferne Jahr 2000 pachtete die OTRAG fast 5 Prozent des zairischen Territoriums zu ausgesprochen vorteilhaften Konditionen. Das Unternehmen war von Einfuhrzöllen befreit und brauchte für etwaige Umweltschäden nicht aufzukommen. Die Arbeitnehmer brauchten keine Steuern zu zahlen und genossen juristische Immunität. Und da die Savanne nicht so menschenleer war wie der Ozean, durfte die OTRAG sogar einheimische Bevölkerungsgruppen umsiedeln, wenn deren Anwesenheit bei den Raketenstarts hinderlich war. Mobutu, der Mann, der gegen Sezessionen und Rebellionen gekämpft hatte, gab nun faktisch die Macht über einen substanziellen Teil des Landes aus der Hand. Als Gegenleistung verlangte er lediglich 5 Prozent des Nettogewinns, falls jemals ein Gewinn erzielt würde; sobald die Sache erfolgreich war, sollte außerdem ein Beobachtungssatellit zum Zweck der inneren Sicherheit stationiert werden.5 Aber so weit würde es nie kommen. Unterdessen kassierte er jährlich fünfundzwanzig Millionen Dollar Pacht, Geld, das umgehend in seiner Privatschatulle verschwand.6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strahlend beobachteten Mobutu und seine Getreuen den Raketenstart. Abgezählt wurde auf Deutsch. Die ersten beiden Tests waren erfolgreich verlaufen. Ein Jahr zuvor hatte man unter größter Geheimhaltung eine sechs Meter lange Rakete auf eine Höhe von zwanzig Kilometern bekommen. Zwei Wochen davor war eine schwerere Ausführung sogar dreißig Kilometer hoch gestiegen. Heute konnte es nicht schiefgehen. Hundert Kilometer hoch sollte das Riesending aufsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu mochte solche Schauspiele. Hatte er nicht die Mondreisenden nach Kinshasa eingeladen? Hatte er nicht dafür gesorgt, dass der Boxkampf des Jahrhunderts im Kongo stattfand? War die öffentliche Hinrichtung nicht auch ein Schauspiel gewesen? Aber Veranstaltungen allein reichten nicht. Er wollte das Land auch mit einer Reihe von megalomanen Infrastrukturprojekten beglücken. Den Inga-Staudamm am Kongofluss ließ er zu einem der größten Wasserkraftwerke Afrikas ausbauen. Als der neue Staudamm »Inga II« 1982 fertiggestellt war, war er auf eine Kapazität von 1424 Megawatt ausgelegt, rund viermal so groß wie Inga I mit seinen 351 Megawatt. Kurz darauf begann Mobutu schon von Inga III zu träumen, einem Kraftwerk, das 30.000 Megawatt erzeugen sollte; es wäre das größte Kraftwerk der Welt, ausreichend, um ganz Afrika und einen Teil Europas mit Energie zu versorgen. Bevor es so weit war, ließ er von Inga aus eine Hochspannungsleitung zur Bergbauprovinz Shaba anlegen, 1800 km Kabel mitten durch den Urwald. Shaba selbst war mit Elektrizitätswerken zwar ausreichend versorgt, doch mit Hilfe dieser Leitung konnte Mobutu den Finger am Hauptschalter der aufständischen Provinz halten. Zehntausend Hochspannungsmasten mussten dafür errichtet werden. In Maluku, am Kongofluss nördlich von Kinshasa, ließ er eine Stahlgießerei bauen, die jährlich 250.000 Tonnen Stahl produzieren sollte.7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle diese Prestigeprojekte wiesen übereinstimmende Merkmale auf: Sie wurden von ausländischen Firmen realisiert, sie waren mit den allerneuesten technischen Schikanen ausgestattet, sie wurden fix und fertig geliefert – und sie funktionierten nie wie erwartet. Sobald die Rechnungen bezahlt waren, zogen sich die französischen, italienischen oder amerikanischen Firmen zurück, und für die ganze Hightech-Apparatur waren Leute verantwortlich, die damit nicht umzugehen wussten und auch keine Chance bekamen, es zu lernen. Inga II verschlang 478 Millionen Dollar, aber Zaire war nach wie vor ein Land mit häufigen Stromausfällen.8 Die Turbinen wurden nicht gewartet, und zwei der acht, die heute noch in Betrieb sind, erzeugen nur 30 Prozent der geplanten Stromproduktion. Die Hochspannungsleitung nach Shaba kostete die schwindelerregende Summe von 850 Millionen Dollar, aber transportierte oft nicht mehr als 10 Prozent der Strommenge, auf die sie ausgelegt war.9 Zudem hatte man beim Bau auf Abzweigstellen für die Städte und Dörfer entlang der Leitungsstrecke verzichtet. Die Stahlfabrik Maluku hatte 182 Millionen Dollar gekostet, doch der Betrieb schrieb nie schwarze Zahlen: Das einheimische Eisenerz konnte er nicht verarbeiten, nur importierten Schrott einschmelzen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Geld, das zum Fenster hinausgeworfen wurde . . . Nie wurde mir das so deutlich bewusst wie an dem Tag im Jahr 2007, als Zizi mich zum ersten Mal durch das Haus des Staatsrundfunks führte. Mobutus Bauwut beschränkte sich nicht auf die Schwerindustrie; auch Kinshasa musste aufgehübscht werden, wie Brüssel zur Zeit von Leopold II. Im Stadtteil Limete entstand ein gewaltiger Verkehrsknotenpunkt mit breiten Zu- und Abfahrten und kühnen Überführungen; in der Mitte des Kreisverkehrs erhob sich eine modernistische Imitation des Eiffelturms, ein spitz zulaufendes Bauwerk aus Stahl und Beton, um die 150 Meter hoch. In die Spitze sollte ein Panoramarestaurant kommen, doch der Komplex wurde nie fertiggestellt. Am Ufer des Kongoflusses ließ er das CCIZ errichten, Zaires internationales Handelszentrum, ein sündhaft teures Gebäude, das schon seit Jahrzehnten vor sich hin rottet. Als kurz nach der Einweihung die Klimaanlage ausfiel, stellte sich heraus, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen – sehr misslich im Tropenklima. Im Stadtzentrum wurde eine schicke Shopping-Mall mit Rolltreppen aus dem Boden gestampft, die &#039;&#039;Galéries présidentielles&#039;&#039;. Und ein paar Kilometer weiter entstand der Medienpark des RTNC, des staatlichen Rundfunks, Zizis neuer Arbeitsplatz. Kostenpunkt: 159 Millionen Dollar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das hier haben die Franzosen gebaut«, sagte er, als er mich herumführte, »sie waren unheimlich scharf auf den Auftrag. Zum Dank lieferten sie Mobutu gratis Mirage-Kampfflugzeuge.« Er zeigte mir die verfallenen Aufnahmestudios. Zwei von den neun wurden noch benutzt: riesengroße Hallen ohne Ausstattung. Bei Live-Sendungen behalfen sich ein paar unentwegte Journalisten mit zwei alten Kameras und ein paar Mikrophonen, wenn überhaupt Strom da war. Ich durfte es einmal selbst miterleben. Im Rahmen eines Austauschprogramms für Künstler aus Brüssel und Kinshasa saß ich mit ein paar anderen Gästen in einer morgendlichen Talkrunde. Deckenplatten hatten sich gelöst. Im Licht der Scheinwerfer sahen wir den Asbeststaub unaufhörlich herabrieseln. Stromkabel lagen frei, Mischpulte fielen fast auseinander. Es war mir ein Rätsel, wie von hier aus noch Live-Fernsehen ausgestrahlt werden konnte. Vor der Talkshow war noch eine Nachrichtensendung. Die Sprecherin hatte keinen Teleprompter, nicht mal ein Manuskript, aber sie trug alle Punkte untadelig vor, auswendig, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten und mit verblüffender Präsenz. Als die Übertragung schon ein paar Minuten lief, stellte allerdings ein Techniker fest, dass kein Mikrophon auf ihrem Tisch stand. Die Sendung musste unterbrochen werden. Während das Team fieberhaft nach einem Mikrophon suchte, das noch tauglich war, bekamen die Zuschauer im Kongo für etliche Minuten das Testbild zu sehen. Die elegante Nachrichtensprecherin saß derweil allein an ihrem hell erleuchteten Tisch, in der endlosen Weite eines dunklen, maroden Studios.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang war dieser Komplex für sechstausend Angestellte gedacht«, erklärte mir Zizi, »jetzt arbeiten hier noch zweitausend.« Das zentrale Gebäude war ein neunzehn Stockwerke hoher Phallus. Der Empfang in der Halle hatte eine Schaltzentrale für Hunderte von externen Fernsprechleitungen. Sie war schon seit Jahren außer Betrieb, genau wie die Fahrstühle. Alle Mitarbeiter mussten die Nottreppe benutzen, ein dunkles, an Bilder von Escher erinnerndes Labyrinth, das penetrant nach Urin stank, denn auch die Wasserzufuhr zu den höheren Etagen funktionierte nicht mehr. In früheren Zeiten hatte der Verwaltungschef sein Büro im obersten Stockwerk des Hauses, mit einem majestätischen Ausblick über die ganze Stadt. Heute will niemand mehr diesen Adlerhorst erklimmen. Der heutige Chef genießt das große Vorrecht, im Erdgeschoss zu arbeiten. Je höher der Arbeitsplatz, desto niedriger der Rang. »Was für eine Verschwendung«, seufzte Zizi, als wir zu seinem Büro im fünften Stock hinaufkletterten, »der RTNC, das CCIZ, die ganzen Projekte . . . und das zu einem Zeitpunkt, als anderswo so große Armut herrschte.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu weiterhin mit Geld nur so um sich warf, ist schon erstaunlich. Seit 1975, als im Nachbarland Angola ein nicht enden wollender Entkolonialisierungskrieg ausgebrochen war, konnte Zaire die Benguela-Bahn nicht mehr nutzen, jene Bahnlinie, bei der mein Vater gearbeitet hatte und die das Bergbaugebiet Katangas mit dem Atlantik verband. Die Ausfuhr von Erzen wurde viel umständlicher, und Mobutu entgingen viele Devisen. Das Land zerbröselte, doch das schien kaum in sein Bewusstsein zu dringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Vier, drei, zwei, eins . . .&#039;&#039; Eine Stichflamme leuchtete auf. Es dröhnte immer lauter. Langsam löste sich die Rakete von der Startrampe. Hundert Kilometer sollte sie aufsteigen, ein neuer Schritt in der afrikanischen Raumfahrt. Ein reiches Buffet stand schon für die Gäste bereit. Aber noch ehe der Flugkörper die Startrampe verlassen hatte, konnte schon ein Kind sehen, dass es missglückte. Die Rakete hing schief, beschrieb eine formvollendete Schleife nach links und schlug ein paar hundert Meter weiter im Luvuatal auf, wo sie explodierte. Eine dichte Rauchwolke stieg aus der Savanne auf, und Mobutu drehte sich schweigend um. Am Himmel sahen die Zuschauer noch ein paar Sekunden die dunkle Rauchfahne der Kurve, die die Rakete beschrieben hatte.12 Eine Parabel aus Ruß. Als sei es die graphische Darstellung von Mobutus Regierung: Nach dem steilen Aufstieg der ersten Jahre kippte sein Zaire endgültig und stürzte in den Abgrund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nicht der einzige Absturz in jenen Jahren. Zwischen 1974 und 1980 stürzten zwei C-130-Transportmaschinen der Luftwaffe Zaires ab, außerdem zwei Macchi-Jagdflugzeuge, drei Alouette- und vier Puma-Helikopter.13 Keiner dieser Abstürze geschah bei Kampfhandlungen. Der Grund für so viel Pech? Die Soldaten wurden so schlecht bezahlt, dass sie angefangen hatten, die Ersatzteile der Maschinen zu verscherbeln. Pierre Yambuya, ein Helikopterpilot der Nationalarmee, erlebte es aus der Nähe mit. Seine Aussage erlaubte einen außergewöhnlichen Einblick in den Zustand der damaligen Streitkräfte. »Jeder, der ein Privatflugzeug besaß, wusste, dass es in Kinshasa den preisgünstigsten Ersatzteilmarkt der Welt gab. Militärangehörige verkauften dort Flugzeugteile zwanzig Mal billiger als der Fabrikpreis.«14 Mobutu spielte sich groß auf mit seinen Prestigeprojekten, vernachlässigte aber zunehmend die Institution, der er seinen Staatsstreich verdankte: die Armee. Piloten der Luftwaffe besserten ihr Einkommen außerdem auf, indem sie überall, wo sie landeten, einen Teil des Kerosins an die Bevölkerung verkauften, die ihre Petroleumlampen damit füllte. Das bürgerte sich so sehr ein, dass Kinder mit gelben Kanistern zum Flugplatz rannten, sobald eine Armeemaschine gelandet war. Pierre Yambuya wusste, wovon er sprach: »Ein Feldwebel verdiente 280 Zaïre, ein Sack Reis kostete damals 1200 Zaïre. Ein Adjutant bekam 430 Zaïre. Für eine Schuluniform bezahlte man damals aber 850 Zaïre, und für die 5 Zaïre, die seinen Kindern zustanden, konnten sie sich nicht mal einen Bleistift kaufen.« Tja, das macht Korruption sehr begreiflich. Die Soldaten protestierten nicht »nach oben«, denn das hätte sie den Job oder sogar das Leben kosten können, sondern wiederholten auf niedrigerer Ebene das, was über ihren Köpfen geschah. »Um einigermaßen anständig leben zu können, habe ich zum Beispiel den Treibstoff für meinen Hubschrauber verkauft. Mein Oberst hat sich das Geld für meine Einsätze in die eigene Tasche gesteckt und zu mir gesagt: ›Wenn du irgendwo landest, verkaufst du doch sowieso deinen Sprit. Das ist natürlich deine Sache.‹«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire erkrankte. Die tiefere Ursache war Geldmangel (aufgrund der Kupferkrise, der Ölkrise, der schiefgelaufenen Zairisierung und der grotesken Ausgabenpolitik), und die schlimmsten Symptome waren der Ausfall des Staates und die Verbreitung der Korruption. In der Armee zeigte sich das am schnellsten. Militärs nahmen Armeefahrzeuge aus den Kasernen mit und betätigten sich als Taxifahrer. Aus den Kantinen verschwanden Radios und Plattenspieler, aus den Garagen Bulldozer und Sattelschlepper. Offiziere setzten sogar Untergebene privat als Hauspersonal ein. In den Kasernen gab es hohe Fehlzeiten; die Ausfälle betrugen manchmal mehr als 50 Prozent. Die paar Soldaten, die zum Appell erschienen, waren nicht sonderlich motiviert. Disziplin war etwas aus längst vergangenen Zeiten. Ein internes Dokument, das &#039;&#039;Mémorandum de Réflexion&#039;&#039;, scheute keine Selbstkritik, als es darum ging, die Moral der Truppe kurz und bündig zusammenzufassen: »Alle wollen befehlen, aber keiner will gehorchen.«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unterdessen standen jenseits der angolanischen Grenze die Veteranen der katangesischen Sezession, die Truppen Tschombés. Viele gehörten zum Stamm der Lunda, einem Volk, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Angola erstreckte. Vor vielen Jahren, nach ihrem Sieg über die Simba-Rebellen, hatte Mobutu sie von der nationalen Bühne vertrieben, doch nun sannen sie, zusammen mit ihren Söhnen und neuen Rekruten, auf Rache. Die berüchtigten Katanga-Gendarmen hatten eine merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Während der Abspaltung Katangas (1960-1963) kämpften sie für ein politisch rechts angesiedeltes, von Europäern angeleitetes Katanga, in Angola aber stellten sie sich ab 1975 auf die Seite des marxistischen MPLA, des Movimento Popular de Libertação de Angola. Dieser ideologische Umschwung hatte einen simplen Grund: Der MPLA verabscheute, wie sie, Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Nelkenrevolution in Portugal begann in Angola 1975 ein heftiger Entkolonialisierungskampf. Wie im Kongo ging es um den Thron, doch in Angola verlief der Kampf sehr viel blutiger. Es gab drei Fraktionen. Der linksgerichtete MPLA von Agostinho Neto stand dem FNLA von Holden Roberto und der UNITA von Jonas Savimbi diametral gegenüber. Die Großmächte mischten sich ein. Angola wurde der Ort, an dem der Kalte Krieg seine heißeste Phase in Afrika erlebte. Der MPLA wurde von der UdSSR und Kuba massiv unterstützt, die beiden anderen Milizen konnten auf die USA zählen. Der amerikanische Beistand verlief über Südafrika und Zaire: Pretoria unterstützte Savimbi im Süden, Kinshasa Holden im Norden. Da Holden zudem der Schwager Mobutus war, schlossen sich die ehemaligen Katanga-Gendarmen dem MPLA an. Ihr Anführer war Nathanaël Mbumba, ihr neuer &#039;&#039;nom de guerre&#039;&#039; FLNC (Front pour la Libération Nationale du Congo), ihr Beiname &#039;&#039;les Tigres Katangais&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweimal fielen die Rebellen in Zaire ein. 1977 und 1978 überquerten sie die Grenze und eroberten große Teile im Westen von Shaba (im sogenannten Ersten und Zweiten Shaba-Krieg). Zahlenmäßig und logistisch waren sie viel schwächer als die Regierungsarmee, aber die lokale Bevölkerung empfing sie mit großem Jubel, nicht nur, weil sie auch Lunda waren, sondern weil die Leute Mobutu satt hatten. Die Rebellen gewannen mühelos Terrain und eroberten 1978 sogar die wichtige Minenstadt Kolwezi. Zum ersten Mal seit zehn Jahren war Mobutu mit einem militärischen Aufstand konfrontiert. Dissidenten, die nach Brüssel und Paris geflohen waren, hofften auf einen Umsturz und das Ende der Mobutu-Diktatur und sahen in der Invasion den »Embryo einer Volksarmee«.17 Mbumba sollte dem Traum von Lumumba und Mulele neues Leben einhauchen. Das Reich des Sonnenkönigs schien für einen Moment ins Wanken zu geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu selbst setzte alles daran, die Rebellion als ausländische, marxistische Einmischung hinzustellen. Er erklärte Mbumba für eine Schachfigur des MPLA, von Kuba und der Sowjetunion gesteuert. Mit solchen Argumenten hoffte er ausländische Hilfe loszueisen, denn seine eigene Armee war zu nichts mehr zu gebrauchen. Sein Kalkül ging auf. Der Erste Shaba-Krieg wurde nach achtzig Tagen von marokkanischen Truppen beendet, die mit französischen Armeemaschinen eingeflogen worden waren. Der Zweite Shaba-Krieg wurde schon nach wenigen Tagen von französischen Fremdenlegionären und belgischen Fallschirmjägern niedergeschlagen. Mobutus Bündnispartner traten blitzschnell in Aktion, nachdem die Rebellen in Kolwezi dreißig Weiße in einer Villa abgeschlachtet hatten. Was die ausländischen Freunde nicht wussten, war, dass nicht die Rebellen, sondern höchstwahrscheinlich Mobutus Soldaten selbst die Mörder waren. Helikopterpilot Pierre Yambuya war zu diesem Zeitpunkt in Kolwezi und ließ nicht den geringsten Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 14. Mai, um 17 Uhr, gibt Oberst Bosange [von der Regierungsarmee] plötzlich den Befehl, alle Europäer, die in der Villa eingeschlossen sind, zu erschießen. Er sagt, es seien alles Söldner. Bosange duldet keine Widerrede, und General Tshikeva sagt dazu kein Wort. Nur der alte Musangu protestiert. Bosange gibt dem Chef des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes, Leutnant Mutuale, und drei anderen Soldaten den Auftrag, seinen Befehl auszuführen. Mutuale und sein Exekutionskommando begeben sich zur Villa, deren Türen und Fenster hermetisch abgeschlossen sind. Durch die Rollladen hindurch schießen die Soldaten ihre automatischen Waffen leer. Das Schnellfeuer hallt wie der Lärm eines Zusammenstoßes. Fünf Minuten später sind Mutuale und seine Leute zurück: Befehl ausgeführt.18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu kannte sich in der Geschichte aus. 1960 hatte Belgien im Kongo interveniert, weil in Elisabethville fünf Weiße ermordet worden waren. 1964 war Stanleyville von belgischen Fallschirmjägern entsetzt worden, weil Hunderte Weiße als Geiseln genommen worden waren. Töte ein paar Europäer, wusste Mobutu, und du hast eine westliche Armee an deiner Seite, jedenfalls solange du die Schuld auf jemand anderen schieben kannst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Shaba-Kriege waren von kurzer Dauer, die Lektionen aber, die sich daraus ziehen ließen, sehr bedeutsam. Erstens: Mobutu schreckte tatsächlich vor nichts zurück, um seine Position zu halten. Zweitens: Seine Armee war nutzlos. Drittens: Er überlebte dank ausländischer Hilfe. Die USA waren schon seit 1960 ein treuer Bündnispartner (das Verhältnis blieb freilich nicht ohne Spannungen), aber nun kam auch noch Frankreich hinzu. Präsident Giscard d&#039;Estaing verfolgte eine sehr bewusste Politik, um den französischen Einflussbereich in Zentralafrika zu erweitern. Als größtes französischsprachiges Land der Welt weckte Zaire selbstverständlich sein Interesse. Noch 1960, als die Entkolonialisierung in vollem Gange war, hatte Frankreich versucht, den Kongo von Belgien zu übernehmen und sich dabei auf das historische Vorkaufsrecht, das &#039;&#039;droit de préemption&#039;&#039; van 1885 berufen!19 Giscard hatte jedoch eher finanzielle Vorteile im Auge. Der Handel mit Zaire wurde spürbar intensiviert. Das war auch der Hintergrund beim Deal um die Fernsehstudios, die französische Firmen als Dank für die Mirages errichten durften. Der wichtigste Bauunternehmer war ein Cousin Giscards, und ein anderer Cousin von ihm gehörte zu den größten Finanziers.20 Nepotismus war schließlich keine zairische Erfindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa und in Brüssel sprach ich mehrmals mit Oberst Eugène Yoka, der einer der sehr wenigen Düsenjägerpiloten in der zairischen Armee gewesen war. Er war der Sohn der letzten noch lebenden Witwe eines Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und kam aus einer Familie von Militärs. Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft, sein Großvater war einer der ersten Soldaten der Force Publique gewesen. Er selbst hatte mehr als zweitausend Flugstunden absolviert. 1961 gehörte er zum ersten Kontingent kongolesischer Piloten; fliegen gelernt hatte er im belgischen Tienen auf einer SV-4B, einem Doppeldecker mit Propeller. Danach war er Dakotas geflogen, T-6, P.148, alle möglichen Maschinen. Beim ersten Flug der Concorde nach Afrika 1973 war er dabei; Mobutu würde das Überschallflugzeug noch mehrmals chartern, unter anderem, um mit seiner Familie einen Ausflug nach Disneyland Paris zu machen.21 Und Yoka trat dem auserwählten Kreis von Piloten bei, die die Mirage fliegen konnten. Er war dazu in Frankreich ausgebildet worden. Ich fragte ihn, wie er die Shaba-Kriege erlebt habe. »Ich war dabei«, sagte er, »beim ersten und beim zweiten Krieg, aber nicht als Pilot.«22 Die gleiche Antwort hatte ich von Alphonsine Mosolo bekommen, der ersten Fallschirmspringerin, die in Israel ausgebildet worden war. »Die Kriege von 1977 und 1978, in denen brauchte ich nicht zu springen.« Beide waren im Ausland gründlich ausgebildet worden, beide mussten zu den alljährlichen Paraden in Kinshasa antraben, aber keiner von beiden hatte sein Können beweisen müssen, als es darauf ankam. Die Streitkräfte waren offenbar zu nichts nütze. Alphonsine sagte: »Statt zu springen musste ich für Mobutu kochen, auf der Kamanyola. Das war seine Privatyacht, mit der fuhr er auf dem Fluss. Eines Abends war an Bord eine kleine Party. Ich war mit Kochen fertig. Mobutu legte Wert auf eine gesellige Atmosphäre, und er war eine richtige Stimmungskanone. Ich saß auf einem Stuhl, aber er meinte, ich solle tanzen. Er zog mir sogar die Schuhe aus, damit ich endlich tanzte. Wirklich! Der Präsident persönlich! Auf den Knien! Und meine Füße haben so gestunken!«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu konnte weitertanzen, weil er davon überzeugt war, dass die Rezession, mit der sein Land zu kämpfen hatte, nur ein vorübergehendes Tief war. Das Kupfer brachte eben für eine Weile weniger ein, und das gerade jetzt, wo der Ölpreis so hoch war. Jeder könne mal einen Rückschlag erleiden, argumentierte er, vor allem, wenn die Wirtschaft in so hohem Maße von einem einzigen Sektor wie dem Bergbau abhängig sei. Ja, sein Land könne nicht alle Kredite gleichzeitig abbezahlen, das stimme, aber in Kürze würde die weltweite Nachfrage nach Erz sicherlich wieder steigen. Er wandte sich an seine französischen und amerikanischen, aber auch an neue arabische Verbündete mit der Bitte, ihm vorübergehend auszuhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaires Schuldenlast war jedoch nicht nur konjunkturbedingt. 1977 belief sich das Haushaltsdefizit auf 32 Prozent des Gesamtetats.24 Jahr für Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um mehrere Prozent.25 Eine jährliche Inflationsrate von 60 Prozent wurde zum Normalzustand.26 Zwischen 1974 und 1983 versechsfachten sich die Preise.27 Die Bevölkerung wusste, dass es sich nicht mehr um ein vorübergehendes Problem handelte. Für ein Kilo Reis mussten die Menschen im Jahr 1984 zwei ganze Tage arbeiten, für ein Kilo Rindfleisch mehr als zehn Tage. Der einfache Zairer, der für seine Familie Maniok gleich in einem preisgünstigeren 40-kg-Sack erwerben wollte, musste dafür achtzig Tage lang schuften.28 Und wenn er das Geld beisammen hatte, war der Preis schon wieder gestiegen. 1979 betrug die Kaufkraft nur noch 4 Prozent der Kaufkraft des Jahres 1960.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Westliche und japanische Banken hatten dem jungen Mobutu anfangs recht problemlos Kredite eingeräumt, damit er die Industrialisierung des Landes vorantreiben konnte – Zaire war ja reich –, doch ab 1975 fürchteten sie um ihr Geld. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Schuldenlast Zaires 887 Millionen Dollar bei insgesamt achtundneunzig Banken.30 Die Banken taten sich zum sogenannten Pariser Club zusammen, um ihre Forderungen zu bündeln. Sie klopften beim Internationalen Währungsfonds an, dem finanziellen Wachhund der Weltwirtschaft, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen worden war, um eine neue Depression wie in den dreißiger Jahren abzuwenden. Der IWF sollte durch Überbrückungskredite verhindern, dass Zaire völlig aus der Bahn geriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte jedoch wenig Lust, sich vom IWF in die Karten gucken zu lassen. Seine gesamte Macht beruhte ja auf der ständigen Alimentierung eines umfangreichen Gefolges. Ließ er den IWF zu, konnte er seine Wohltaten nicht mehr verteilen. Ließ er ihn nicht zu, hatte er kein Geld mehr. Letzteres würde seine Regierung sofort zusammenbrechen lassen, Ersteres bot noch Möglichkeiten. Also galt es, gegenüber dem IWF Lippenbekenntnisse zu leisten und zu allen Bedingungen freundlich zu nicken, damit er anschließend hinter den Kulissen ungestört weiter die Staatskasse plündern konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu, der Mann, der ständig auf die »wirtschaftliche Unabhängigkeit« seines Landes gepocht hatte, musste nun akzeptieren, dass der IWF, der Pariser Club und später auch die Weltbank entscheidenden Einfluss auf die Innenpolitik seines Landes nahmen. 1976 legte der IWF den ersten von vielen Stabilitätsplänen für Zaire vor. Im Gegenzug für eine erste Tranche von siebenundvierzig Millionen Dollar musste Mobutu die Staatsausgaben verringern, die Steuereinnahmen erhöhen, die Währung abwerten, die Produktion und die Infrastruktur stimulieren und das Finanzmanagement verbessern. Nur dann waren die internationalen Banken bereit, über eine eventuelle Stundung zu reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollten noch viele Kapitalspritzen und Überbrückungskredite folgen, aber allein schon in der Zeit zwischen 1977 und 1979 unterschlug Mobutu den vorsichtigsten Schätzungen zufolge mehr als zweihundert Millionen Dollar für sich und seine Familie.31 Nach den Stabilitätsplänen der siebziger Jahre kamen die viel drastischeren Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre, aber auch die brachten keinen Wandel. Um das Jahr 1990 war der Schuldenberg Zaires auf die irrwitzige Summe von mehr als zehn Milliarden Dollar angewachsen. Erst dann wurde Mobutu der Geldhahn zugedreht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus kreative Buchhaltung war freilich schon vorher aufgefallen. Es war ein akribischer deutscher Bankier, der die unangenehme Wahrheit aussprach. Erwin Blumenthal, jahrelang Top-Banker bei der Deutschen Bundesbank, durfte 1978 im Auftrag des IWF den Schutthaufen namens »Zairische Nationalbank« aufräumen. Es war die Zeit, in der der IWF die wichtigsten Finanzinstitutionen des Landes unter Vormundschaft stellte. Gewissenhaft und verzweifelt versuchte Blumenthal, die Zentralbank mit eisernem Besen auszufegen; immer wieder stieß er auf Fälle von skrupelloser Korruption. »Es gibt keinen Verantwortlichen des Fonds oder der Weltbank, der nicht weiß, dass jeder Versuch, eine striktere Etatkontrolle einzuführen, auf ein bedeutendes Hindernis stößt: &#039;&#039;the Presidency«&#039;&#039;, schrieb er. »Wer ruft: Haltet den Dieb!? Jede Kontrolle der Finanztransaktionen des Präsidentenbüros ist unmöglich. In diesem Büro wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen persönlichem Bedarf und Staatsausgaben. Wie ist es möglich, dass internationale Institutionen und westliche Regierungen Präsident Mobutu blind vertrauen?«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die systematische Unterschlagung von Staatsgeld, seine Entdeckung einer ganzen Reihe von Geheimkonten in Europa, die schamlose Raffkultur Mobutus und seiner Clique erfüllten Blumenthal mit Abscheu. Nach nicht einmal zwei Jahren gab er auf. Der vertrauliche Abschlussbericht, mit dem er sein Amt niederlegte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Zweifellos werden neue Versprechen Mobutus und seiner Regierung folgen, und die Auslandsschulden, die unaufhörlich wachsen, werden erneut gestundet werden, aber es besteht keine einzige, ich wiederhole, keine einzige Chance, dass die ausländischen Schuldner ihr Geld jemals wiedersehen.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blumenthal-Bericht war für Mobutu und seinen Clan so belastend, dass sein Inhalt früher oder später durchsickern musste. Zizi Kabongo erinnerte sich noch immer an diese Jahre: »Mobutu wollte auf keinen Fall, dass der Bericht hier erschien. In Zaire wusste erst niemand davon, aber in Paris hatte Nguza Karl-I-Bond den Text veröffentlicht. Journalisten, die aus dem Ausland zurückkamen, wurden auf dem Flughafen gefilzt.« Nguza war acht Monate lang Premierminister unter Mobutu gewesen. Nachdem er 1981 in Ungnade gefallen war, emigrierte er nach Europa und bombardierte Mobutus Regierung von dort aus unermüdlich mit Büchern und Schmähschriften. Für ihn war der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; die Verkörperung der »Zairischen Krankheit«.34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal bestätigte, was jeder vermutet hatte, doch seine Enthüllungen bewirkten keine grundlegende Änderung. Zaires Staatsverschuldung betrug 1981 bereits fünf Milliarden Dollar; für die Franzosen war Mobutu jedoch ökonomisch und kulturell ein so wichtiger Partner, dass man ihm nicht allzu streng entgegentreten wollte, und den Amerikanern war er äußerst wertvoll als Verbündeter in einem Afrika, das sich zunehmend auf sozialistische und kommunistische Experimente einließ (Angola, Kongo-Brazzaville, Uganda, Tansania und Sambia, um nur Nachbarländer zu erwähnen). &#039;&#039;»Mobutu is a bastard, but at least he is our bastard«&#039;&#039;, so sah es der CIA. In Geheimberichten hieß es, dass »ein negatives Votum des IWF oder eine negative Haltung der USA Mobutu vielleicht veranlassen könnte, unsere außerordentlich stabilen Beziehungen neu zu überdenken. Das könnte ein Programm gefährden, dem der Präsident [Reagan] höchste Bedeutung für die Sicherheit der USA beimisst.«35 Vor allem republikanische Präsidenten wie Nixon, Reagan und Bush sen. unterhielten sehr herzliche Kontakte mit Kinshasa; zur Zeit Carters kühlten die Beziehungen vorübergehend ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Logik des Kalten Krieges bürdete dem Wiederaufbauprogramm des IWF eine schwere Hypothek auf. Doch auch der IWF war nicht frei von Schuld. Historisch betrachtet war diese Institution nicht gegründet worden, um armen Ländern aus der Bredouille zu helfen, sondern um weltweite Finanzkrisen zu verhindern.36 Auch in den siebziger Jahren hatten die feinbesaiteten Mitarbeiter in der Regel mehr Ahnung von Makroökonomie als von Anthropologie. Sie lasen lieber Tabellen in ihren Washingtoner Büros, als sich mit den Menschen zu unterhalten, um die es ging. Dieser Mangel an landeskundlichem Wissen führte zu sehr glücklosen Resultaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Weihnachtstag 1979 fand unter der Aufsicht des IWF eine der bemerkenswertesten Währungsmaßnahmen in der Geschichte des Landes statt: die Geldentwertung. Um die Inflation zu bekämpfen, mussten die Bürger alle Fünf- und Zehn-Zaïre-Scheine, die zu jener Zeit höchsten Stückelungen, zur Bank bringen und gegen neue Banknoten eintauschen. Ende 1976 waren 59.000 Fünf-Zaïre-Scheine in Umlauf, Ende 1979 waren es 363.000, sechs Mal so viel. Geld ist für die Wirtschaft das, was Öl für einen Motor ist: zu wenig ist nicht gut, aber zu viel auch nicht.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Inflation war das Horten von Geld ein Problem. In einem weiträumigen Land mit einer desolaten Wirtschaft wie dem Kongo konnte oder wollte fast niemand sein Geld zur Bank tragen. Man behielt es bei sich in Koffern, Kissen oder Krügen. Didace Kawang, ein Bühnenautor, der einmal bei mir an einer Masterclass für Dramatiker teilnahm, erzählte über seinen Onkel, einen erfolgreichen Händler in Lubumbashi: »Er trieb Handel mit Sambia. Er scheffelte Geld, er hatte Stapel von Banknoten. Damit er es überschauen konnte, machte er davon &#039;&#039;Ziegel&#039;&#039;, backsteindicke Bündel, mit einem Gummiband darum. Er hatte eine Matratze aus Geld. Wirklich! Er schlief darauf!«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Wirtschaft eines Landes, wussten die Banker des IWF, ist es sehr ungesund, wenn sich viel mehr Geld im Umlauf befindet (in Form von Münzen und Banknoten), als auf Bankkonten geführt wird. Sie kannten die großen Theorien: Geld, das auf der Bank liegt, dient dazu, neue Kredite zu gewähren, Geld, das unterm Kopfkissen liegt, hilft der Wirtschaft keinen Zentimeter weiter. Um diesem Horten entgegenzusteuern, griffen sie zum Verfahren der Geldentwertung. Wer am 25. Dezember 1979 mit seinen gebündelten Geldscheinen zur Bank ging, bekam dafür neue Banknoten ausgehändigt, jedenfalls für die Hälfte des Betrages. Die andere Hälfte musste er sich auf einem Konto gutschreiben lassen. Das war eine pfiffige Methode, große Mengen »toten« Geldes wieder zum Leben zu erwecken und gleichzeitig gegen die Inflation vorzugehen. Doch die Sache ging schief. Damit kein Bürger seine Rücklagen ins Ausland schaffte, war die Aktion absichtlich sehr spät angekündigt und außerdem nur ein einziger Tag dafür angesetzt worden. Die Grenzen wurden geschlossen, sogar der Luftraum wurde gesperrt. Zaire sollte sich kurz finanziell erfrischen und dann wieder strahlend ins Scheinwerferlicht treten. Aber für eine derartige Blitzaktion war das Land viel zu weiträumig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch mein Onkel wurde gezwungen, bei der Bank zu sparen«, erzählte Didace. »Es war aber nur ein einziger Tag dafür vorgesehen. Vor der Bank war eine riesige Menschenschlange. Die Leute brachten das Geld säckeweise. Die Sonne ging unter, und mein Onkel hatte sein Geld noch nicht umgetauscht. Seine ganzen Stapel waren wertlos geworden . . . Auf einen Schlag war er bettelarm. Er ist in seinem Dorf gestorben.« Und er war längst nicht der Einzige, dem es so erging. Viele Zairer, die zu weit entfernt von einer Bank wohnten oder die Aktion nicht begriffen hatten, verloren sämtliche Ersparnisse, während die Kreise um Mobutu schon eine Weile vorher informiert worden waren und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Maßnahmen des IWF verfehlten nicht nur in praktischer Hinsicht ihr Ziel, es lag auch an der zugrunde liegenden Philosophie. Die Institution sollte nach dem Börsenkrach von 1929 dazu beitragen, die Auswüchse eines zügellosen Marktdenkens zu bändigen, doch im Jahr 1975 hatte sich der IWF selbst zu einem der größten Verfechter des freien Marktes entwickelt. Fast alle Mitarbeiter gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Schaffung günstiger Marktbedingungen ausreiche, um eine nationale Ökonomie anzukurbeln, und ließen die lokale Kultur, den Zustand der Wirtschaft und die Struktur des Staates außer Acht. Auch hier war eine beträchtliche makroökonomische Blindheit im Spiel. Solange sich der Staat nur zurückhielt, würde die unsichtbare Hand alles regeln, wiederholte man wie ein Mantra. Es gab keinerlei Überlegungen zum Tempo und zur Reihenfolge der notwendigen Veränderungen.39 Alle Maßnahmen wurden gleichzeitig eingeführt, ein Gesamtpaket in Form von Programmen zur »strukturellen Anpassung«. Für diese Liberalisierungsfundamentalisten war jegliche Form von Armut, von der sie hinterher aus den Berichten erfuhren (denn vor Ort erschienen sie nur selten), auf die mangelhafte Umsetzung ihrer unfehlbaren, ja heiligen Rezepte zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire wurde die Währung sechsmal abgewertet: 1975 war 1 Zaïre noch immer zwei US-Dollar wert, 1983 nur noch 0,03 US-Dollar.40 Das sollte den internationalen Handel stimulieren. Im Rahmen der »Strukturanpassung« verlangte der IWF eine drastische Einschränkung der Staatsausgaben und weitgehende Privatisierungen. Die staatlichen und semistaatlichen Unternehmen sollten verschlankt werden und größere Autonomie erhalten. Infrastruktur und Produktion sollten verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den frühen achtziger Jahren schienen die Rezepte zunächst erfolgversprechend. Die Inflation wurde tatsächlich gedämpft, und die Wirtschaft erholte sich sichtlich. Die Tabellen sahen gut aus. Die Gläubiger des Pariser Clubs atmeten erleichtert auf und hofften, das Geld aus ihren Krediten vielleicht doch wiederzusehen. Neunmal erklärten sie sich mit einer Neuordnung der Schulden einverstanden. Im Land selbst aber entwickelte sich die Sache völlig anders. Wie so oft bei Interventionen des IWF war der Erfolg von kurzer Dauer. Die Inflation kehrte nach einiger Zeit zurück, die Armut wuchs. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank dramatisch von sechshundert Dollar 1980 auf zweihundert Dollar 1985.41 Die Menschen hatten weniger zu essen, die Kindersterblichkeit war hoch. Zwiebeln wurden viertelweise verkauft.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verwaltung schrumpfen? Die Zahl der Beamten wurde von 444.000 auf 289.000 reduziert, die Zahl der Lehrer von 285.000 auf 126.000.43 Ja, so bekam man die Inflation unter Kontrolle, aber Tausende Familien hatten kein Einkommen mehr. Die Bürokratie und der Bildungssektor waren die letzten großen Arbeitgeber des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ausgaben zügeln? Die staatliche Unterstützung für das Bildungs- und Gesundheitswesen wurde eingeschränkt; die Folge war, dass Menschen, die kein Geld hatten, nun selbst für die Ausbildung ihrer Kinder und für Arztbesuche aufkommen mussten. Aus den Tabellen ging das nicht hervor, aber es waren die Allerärmsten, die den höchsten Preis bezahlten für das gut gemeinte Vorgehen des IWF, während sich Mobutu gerade aufgrund dieser Unterstützung im Sattel halten konnte.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maßnahmen treffen, um den Außenhandel anzukurbeln? Solange Mobutu die verfügbaren Kredite nicht dazu verwendete, die Infrastruktur instand zu setzen, bedeutete dies, dass Zaire noch mehr auf Importe angewiesen war. Das Land hatte zum Beispiel alle Voraussetzungen, wieder ein wichtiger Kaffeeproduzent zu werden, aber in den Städten trank man ausschließlich importierten Instantkaffee. Nicht verwunderlich: Von den 140.000 Kilometern befahrbarer Straßen im Jahr 1960 waren inzwischen weniger als 20.000 übrig.45 Der IWF wollte den Staat sanieren, aber demontierte ihn. Zaire war allenfalls noch ein Absatzmarkt, und daran würde sich über Jahrzehnte nichts ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten Hafen von Boma saß ich irgendwann im Jahr 2008 einen Nachmittag lang und sah auf den Kongofluss hinaus. Schwalben schossen im Zickzack übers Wasser. Fischer in Pirogen paddelten vorbei und inspizierten ihre Netze. Es hätte ebenso gut das Jahr 1890 sein können, bis ein riesiges Handelsschiff vorbeifuhr. Es kam aus Matadi und war auf dem Weg zum offenen Meer. Das Schiff lag sehr hoch auf dem Wasser. Bei der Schraube konnte ich sogar den Kiel sehen. Es war leer, völlig leer. Bis auf ein paar leere Container transportierte es nichts. Ich musste an Edmund Morel denken, der ein Jahrhundert zuvor im Hafen von Antwerpen zugeschaut hatte, wie die Schiffe schwer beladen mit Kautschuk und Elfenbein aus dem Kongo ankamen und später leer wieder abfuhren. Nun war es genau umgekehrt. Schiffe, die den Kongo verließen, waren leer. Für Morel war die Beobachtung, dass die Schiffe mal hoch und mal tief im Wasser lagen, ein Beweis dafür, dass es im Freistaat nicht um Handel ging, sondern um Plünderung. Der Unterschied im Tiefgang, den ich sah, legte nahe, dass der Freihandel, wie er jahrzehntelang von den Propheten der internationalen Wirtschaftsinstitutionen brutal erzwungen wurde, ebenfalls eine Form des Plünderns sein konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren wurde Mobutu ein müder, trübsinniger Mann, der offenbar wenig Freude an seiner Aufgabe fand. Nach dem Tod seiner Mutter und seiner ersten Frau gab es in seinem unmittelbaren Umfeld niemanden, der ihn noch bremsen konnte. Seine neue Frau Bobi Ladawa und deren Zwillingsschwester, die auch Mobutus Geliebte war, hatten nie so viel Einfluss wie mama Yemo und &#039;&#039;mama présidente&#039;&#039; Marie-Antoinette, seine erste Ehefrau. Mobutu hatte an seiner alten, tüchtigen Mutter sehr gehangen. Ihr Tod traf ihn tief. Seine Frau Marie-Antoinette war eine starke Persönlichkeit gewesen, die sich stets hartnäckig geweigert hatte, ihren christlichen Taufnamen aufzugeben. Lange Zeit hatte sie mäßigend auf die exzentrischen Anwandlungen ihres Mannes einwirken können. Und nun hatte Mobutu seinem Kabinettschef Bisengimana den Laufpass gegeben, und sein amerikanischer Hausarzt William Close hatte das Weite gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wurde ein einsamer Mann und verfiel von Tag zu Tag in größere Melancholie. Er schien dem Verlangen nach Exzessen anheimgefallen zu sein, ein Kennzeichen all jener, denen das Leben keine Überraschungen mehr zu bieten hat. In Europa kaufte er eine repräsentative Immobilie nach der anderen. Er besaß ein Dutzend Schlösser, Landgüter und Residenzen in Uccle und Rhode-Saint-Genèse, den wohlhabenden Vororten Brüssels. Er besaß eine achthundert Quadratmeter große Luxuswohnung an der Avenue Foch in Paris, eine schlossähnliche Villa in Savigny bei Lausanne, einen Palazzo in Venedig, eine pompöse Villa an der französischen Riviera, ein Anwesen mit Reitpferden in der Algarve, außerdem Hotels in West-Afrika und Südafrika sowie eine Luxusyacht auf dem Kongofluss.46 Aber am aufsehenerregendsten war zweifellos Gbadolite. Sein Heimatdorf, das mitten im Urwald nah an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik lag, ließ er zu einer Stadt ausbauen, mit Banken, einem Postamt, einem gut ausgestatteten Krankenhaus, einem hypermodernen Hotel und einer Landebahn für die Concorde. (Zizi: »Ja, als Journalist bin ich noch von Gbadolite aus mit der Concorde nach Japan geflogen.«) Es gab eine Kathedrale, deren Krypta als Familiengrab dienen sollte, ein chinesisches Dorf mit Pagoden und importierten Chinesen. Das Prunkstück von allem war Mobutus Palast, ein bescheidenes Eigenheim von 15.000 Quadratmetern. Sieben Meter hohe Türen mit Intarsien aus Malachit, mit Carrara-Marmor und Seidenstoffen verkleidete Wände, Kristall-Leuchter, venezianische Spiegel, Empiremöbel – es konnte nicht luxuriös genug sein. Es gab Whirlpools, Massageräume, ein Schwimmbecken und einen Friseursalon. Madame Mobutu besaß dort einen fünfzig Meter langen begehbaren Kleiderschrank für ihre umfangreiche französische Haute Couture, um die tausend Modelle. Im Keller des Gebäudes verstaubten Tausende französischer Spitzenweine (wenn sie nicht im tropischen Klima sauer wurden), es gab eine Diskothek für die Kinder und einen Atombunker für die Familie.47 Die Springbrunnen der Domäne plätscherten unaufhörlich und waren abends beleuchtet – in einer Region, in der es kaum Elektrizität gab. Mobutu gab dort Staatsbankette für Tausende Gäste, bei denen reichlich Rosé-Champagner floss, sein Lieblingsgetränk, und grinsende Spanferkel mit einer Apfelsine im Maul aufgetragen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ließ die besten Chefköche aus Frankreich und Belgien einfliegen«, erzählte Kibambi Shintwa, ein Mann, der noch immer an seinem »authentischen« Namen festhielt. Er war ab 1982 Berichterstatter im Dienst der &#039;&#039;présidence&#039;&#039; und erlebte Mobutu aus nächster Nähe. »Nachdem er jahrelang knallhart gearbeitet hatte, ließ er es etwas ruhiger angehen. Er besuchte gern teure Restaurants und genoss gutes Essen. Aber es bereitete ihm auch großes Vergnügen, andere zu beschenken. Er war sehr spendabel.« Seine Freigiebigkeit war jedoch nicht uneigennützig. »Die ganze Zeit verspürte er das Bedürfnis, daran zu erinnern, dass er der Chef war. Er wollte seine Macht zeigen.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Korruption war so erschreckend, dass ein vergessenes Wort aus dem Englischen plötzlich geläufig wurde: &#039;&#039;kleptocracy&#039;&#039;. Der unvergessliche Jamais Kolonga konnte das bezeugen. Nach seinem kurzen Abenteuer als Betreiber eines Sägewerks fing er bei der Miba an, dem staatlichen Bergbauunternehmen in Kasai. »Ach, aber ich war häufig in Gbadolite. Mit dem großen Miba-Boss Jonas Mukamba war ich oft beim Präsidenten. Jedesmal musste ich eine Aktentasche tragen und dem Präsidenten zur Begrüßung überreichen. Bitte sehr! Die Aktentasche war voll mit Diamanten.«49 Aber Kleptokratie war nur die halbe Geschichte. Es war auch eine »giftocracy«: Mobutu stahl, um zu verteilen und so seine Popularität zu sichern. Aus Gbadolite kehrte niemand mit leeren Händen zurück, hieß es. Ein paar hundert Dollar, ein Köfferchen voller Geld, eine Zigarrenkiste voller Diamanten, Mobutu hielt für seine Besucher immer ein Geschenk bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutus Eitelkeit grenzenlos war, hatte schon der »Mobutismus« mit dem dazugehörigen Personenkult gezeigt. Von den neunundsiebzig Banknoten, die in Mobutus Regierungszeit ausgegeben wurden, trugen einundsiebzig sein Porträt.50 Doch in den achtziger Jahren nahm sein Narzissmus schlicht pathologische Züge an. Das konnte niemand besser bezeugen als der flämische Schneider Alfons Mertens. Ich traf ihn in einem Villenviertel in der Provinz Antwerpen. Als harmloser Familienvater war er eigentlich nicht der Typ Mann, der glaubte, die Weltgeschichte aus der Nähe mitzuerleben, aber er arbeitete bei Arzoni in Zellik (bei Brüssel), dem Unternehmen, das die elegantesten &#039;&#039;abacosts&#039;&#039; der Welt anfertigte und in Zaire zu einem Markennamen wie Dior oder Versace wurde. Mertens war ein so guter Schneider, dass er 1978 Mobutus Privat-Couturier wurde. »Zwischen 1978 und 1990 war ich mehr als hundert Mal in Kinshasa. Ich wohnte immer im Intercontinental. Mobutu ließ mich kommen, ich sollte Maß nehmen für die Piloten und Stewardessen von Air Zaïre oder für die Generäle seiner Armee. Als sein Sohn in den Rang eines Leutnants befördert wurde, musste ich für seinen ganzen Jahrgang eine Ausgehuniform und einen Paradeanzug entwerfen und siebenundzwanzig Stück davon schneidern. Auch Mobutu selbst habe ich oft eingekleidet, auch seine Zivilkleidung habe ich genäht. Seine Frau oder seine Geliebte suchte dann den Stoff aus, mein Chef zeichnete das Schnittmuster, ich nahm Maß. Sie wählten immer sehr wertvolle Stoffe, wie Naturseide, Wildseide. Mobutus Maße änderten sich kaum. Er war groß, fast einen Meter achtzig, er hatte nie mehr als Größe 54. Er war ein gut aussehender Mann. Es dauerte eine Weile, bis man sein Vertrauen gewonnen hatte, aber dann war er ein netter Mensch&#039;&#039;.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1983 erhielt Alfons Mertens den aufwendigsten Auftrag seiner Laufbahn. »Ich musste für alle seine Generäle neue Uniformen schneidern und für Mobutu persönlich vier Galauniformen, zwei schwarze und zwei weiße. Seine Generäle hatten vorgeschlagen, ihn zum Marschall zu ernennen, und ich machte mich an die Arbeit.« Mobutu, Oberbefehlshaber der Armee, der beim Aufstand in Shaba eine jämmerliche Figur abgegeben hatte, sollte nun den historisch seltenen Rang eines Marschalls erlangen! Die Idee stammte natürlich von ihm selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens zeigte mir Fotos von dem Festakt und erklärte mir seine Kreationen. »Schauen Sie, der Kragen, der Gürtel und die Manschetten, die waren mit echten Goldfäden bestickt. Auch die Fangschnur hier. Alles Handarbeit. Auf den Ärmeln hatte er zwei Mal sieben Sterne. Die waren aus massivem Gold, das kam aus Frankreich.«51 An seiner Mütze war eine Wappen-Kokarde mit der Inschrift: &#039;&#039;Paix Justice Travail&#039;&#039;, obwohl es in seinem Land weder Frieden noch Gerechtigkeit noch Arbeit gab. Die Fotos von der Zeremonie seiner Ernennung zum Marschall zeugen von beispielloser Selbstherrlichkeit. Mobutu trug weiße Handschuhe und hielt ein Zepter in der Hand. Er ließ sich in einem offenen Mercedes umherfahren und winkte dem Volk zu. Er inspizierte die Truppen, die Gerichte und die Verwaltungen und hielt, unter einem Baldachin stehend, eine Ansprache. Jeder Marschall brauche einen Wappenspruch, verkündete er bei diesem Anlass der Nation. Der seine laute: &#039;&#039;Toujours servir&#039;&#039;. Allzeit dienen. Das war nicht mal mehr zum Lachen. Es war der traurige Gipfel des entfesselten Wahnsinns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber lehnte sich denn niemand dagegen auf? Im Dezember 1980 erdreistete sich eine Gruppe von dreizehn Parlamentariern, dem Präsidenten einen offenen Brief zu schreiben; das Schriftstück umfasste zweiundfünfzig Seiten und enthielt die Forderung nach politischen Änderungen. Sprecher der Gruppe war Etienne Tshisekedi, ein ehemaliger Mitarbeiter Mobutus, der schon an der Verfassung von 1967 mitgearbeitet hatte und mehrmals Minister und Botschafter gewesen war. Wie jeder, dessen Name mit »Tshi« beginnt, war er ein Muluba aus Kasai. Seine Sturheit war legendär.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon seit fünfzehn Jahren gehorchen wir Ihnen. Was haben wir in dieser Zeit nicht alles getan, um Ihnen nützlich und angenehm zu sein? Singen, tanzen, andere für Sie begeistern . . . wir haben alle Formen von Erniedrigung erlitten, alle Arten von Beleidigungen, wie sie uns nicht einmal die Kolonialisierung zugemutet hat. Und das alles, damit es Ihnen an nichts fehlt bei Ihrem Kampf für die Verwirklichung, und sei es auch nur zur Hälfte, des Gesellschaftsmodells, das Sie uns als Ziel hinstellten. Waren Sie dabei erfolgreich? Leider nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach fünfzehn Jahren Ihrer Regierung, die Sie autokratisch ausgeübt haben, existieren nun zwei völlig gespaltene Lager. Auf der einen Seite ein paar skandalös reiche Privilegierte. Auf der anderen Seite die Masse des Volks, die sich in finsterem Elend befindet und nur noch auf die internationale Mildtätigkeit verlässt, um mehr oder weniger zu überleben. Und wenn diese Mildtätigkeit Zaire erreicht, sprechen sich dieselben Reichen ab, um sie zum Nachteil der bedürftigen Massen zu veruntreuen! (. . .)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Citoyen Président-Fondateur&#039;&#039;, diese nüchterne Analyse zeigt, dass unsere Gesellschaft mit einem ernsthaften Problem zu kämpfen hat. Sie haben oft gesagt, dass ein echter Häuptling jemand ist, der seine Fehler einsieht. Sie haben das oft getan. Aber das Drama besteht darin, dass Sie nicht immer die Konsequenzen daraus ziehen. Und das Schlimmste ist, dass Sie einen Schritt nach vorn machen und drei zurück.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derart offene Worte hatte Mobutu seit langem nicht mehr vernommen. Die Gruppe der dreizehn wurde verhaftet und ins Landesinnere verbannt, doch 1982 gründeten einige ihrer Mitglieder die UDPS (&#039;&#039;Union pour la Démocratie et le Progrès Social&#039;&#039;), eine illegale Oppositionspartei, die den Einparteienstaat des MPR herausfordern wollte. Sie sollte sich zu einem Sargnagel für Mobutu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sprach darüber mit Raymond Mukoka, einem Beteiligten der ersten Stunde. Er hatte den Brief der Parlamentarier mit formuliert. »Die Unterzeichner wurden zu fünfzehn Jahren Verbannung verurteilt. Mein Name stand nicht dabei, aber als Mitautor landete ich erst im Ituri-Gebiet und dann in Kasai. Ich musste das Essen und das Gehalt meiner Bewacher selbst bezahlen! Wir bekamen Unterstützung von Amnesty International und der katholischen Kirche, die über ihr &#039;&#039;phonie&#039;&#039; Nachrichten an meine Familie weitergeben konnten. &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039; schrieb über uns. 1985 war ich für kurze Zeit wieder in der Hauptstadt. Die UDPS hat sich in der Verbannung gebildet, so wie die Kimbanguisten. Manche träumten von einem paramilitärischen Flügel, aber wir sind immer gewaltlos geblieben. Tshisekedi sagte: Unsere Feder und unser Mund, das sind unsere Waffen. 1987 lud Mobutu uns nach Gbadolite ein. Er sagte: Tretet dem MPR bei. Wir sagten: Nein! Darauf er: Dann kommt zu den Institutionen des MPR. Er wollte uns ins Zentralkomitee aufnehmen, bot uns Ministerposten oder Leitungsfunktionen bei den staatlichen Betrieben an. Viele sind darauf eingegangen, aber ich wollte nicht, und Tshisekedi auch nicht.«53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte seine Kritiker mit Geschenken zum Schweigen, und eine der gefragten Aufmerksamkeiten war ein Ministerposten. Eine politische Laufbahn war sehr lukrativ, fast niemand schlug sie aus. Zwischen 1965 und 1990 traten einundvierzig Regierungen an, jedes Mal mit rund vierzig amtierenden Ministern.54 Regelmäßige Kabinettsumbildungen, ungefähr jedes halbe Jahr, verhinderten, dass jemand tatsächlich Macht erlangen konnte, und boten der nächsten Gruppe die Gelegenheit, sich ein halbes Jahr lang aus der Staatskasse zu bedienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war ein beispielloser politischer Intrigant. »Er hielt nichts von Sitzungen«, sagte Zizi, »er bevorzugte immer Tête-à-têtes, private Gespräche, bei denen er die Politiker und Beamten gegeneinander aufstachelte. Er war ganz groß darin, Hass zu schüren.« Mobutu verfügte über ein ganzes Arsenal an Techniken, um Menschen an sich zu binden. Er war charmant, sympathisch und amüsant, aber auch respektlos, verschlagen und infam. Bewusst verfolgte er eine Jojo-Strategie. Den einen Tag konnte er herzlich sein und jovial, und am nächsten Tag begegnete er einem mit eisiger Kälte. Kibambi Shintwa berichtete mir von seinen Erfahrungen: »Mobutu war vieldeutig, ungreifbar, undurchsichtig. Er war launisch. Er änderte sich jeden Tag. Er wollte vor allem zeigen, dass mit seiner Macht nicht zu spaßen war. Er war argwöhnisch, wie ein Tier mit einer Beute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Personen, die sich seiner Protektion erfreuten, kanzelte er manchmal in aller Öffentlichkeit ab. Anderen, die es sich ein für allemal mit ihm verdorben hatten, wie der ehemalige Premierminister Nguza Karl-I-Bond, wurde unerwartet Vergebung gewährt, und sie durften nach Kinshasa zurückkehren – Nguza ließ sich darauf ein und verlor damit jede Glaubwürdigkeit, denn er war eine Zeitlang noch die Hoffnung der heimlichen Opposition gewesen. So wurde jeder Kritiker vor den Karren des MPR gespannt, und Mobutu triumphierte als mildes, weises Dorfoberhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderes Vorrecht des traditionellen Häuptlings, das Mobutu eifrig in Anspruch nahm, war das &#039;&#039;droit de cuissage&#039;&#039;, das jus primae noctis. Zizi erzählte davon: »Wenn er durchs Land reiste, boten ihm die örtlichen Würdenträger immer eine Jungfrau an. Es war eine große Ehre für die Familie, wenn das Mädchen vom höchsten Häuptling entjungfert wurde. Diesen Brauch gab es früher auch schon, aber Mobutu ging weiter. Er hatte keine Skrupel, Frauen bei seinen Machtspielchen einzusetzen. Er benutzte Frauen aus seiner Provinz &#039;&#039;pour faire avancer les dossiers&#039;&#039;. Er schlief mit den Frauen seiner Minister, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und die Minister zu demütigen. Wenn Minister nach Gbadolite mussten, nahmen sie nie ihre Ehefrau mit, sondern eine Nichte. Das fanden sie weniger schlimm . . . Mokonda war ein Jurist und enger Mitarbeiter. Seine Frau war sehr hübsch. Eines Tages war Mokonda zu einem Treffen mit Mobutu in Gbadolite. Was er nicht wusste, war, dass im Raum nebenan seine Frau schlief. Der Präsident hatte sie mit einem Privatjet einfliegen lassen. Mobutu, haben wir gesagt, der ist multipolygam. Er hat sehr viele Ehen zerstört.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politische und sexuelle Intrigen waren nur die Spitze des Eisbergs. Je mehr Mobutu sich auf seine Yacht oder in seinen Palast zurückzog, desto genauer wollte er wissen, was in seinem Land geschah. Die Nachrichtendienste wurden in den achtziger Jahren so wichtig, wie es die Propagandadienste in den siebziger Jahren gewesen waren. Er verfügte über ein halbes Dutzend Geheimdienste, die nebeneinander operierten, denn auch hier galt die Devise: Teile und herrsche. Spitzel gab es zuhauf. Männer misstrauten ihren Frauen, Mütter ihren Söhnen, Schwestern ihren Brüdern. Überall hatte Mobutu Zuträger, sogar in Belgien. Paranoia wurde zu einem Grundgefühl. Minister, die beim Präsident zum Essen eingeladen waren, täuschten strenge Diäten oder starke Magenbeschwerden vor, denn sie hatten Angst, vergiftet zu werden. Andere brachten sich ihre eigenen Sandwiches mit.55 Es kursierte das Gerücht, in Kinshasa gäbe es einen Kanal vom Präsidentenpalast auf Mont Ngaliema zum Fluss; Widersacher würden über diesen Kanal den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Sogar belgische Diplomaten unter sich sprachen den Namen Mobutu nicht mehr aus. Auf Konferenzen redeten sie von »Jefke Van den Bergh«: »Jef« stand für Joseph, mit »van den Bergh« war Mont Ngaliema gemeint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wahres Schreckensregime begann. Es herrschte Willkür, gegen die sich niemand wehren konnte. Bei einem meiner ersten Aufenthalte im Kongo, im Jahr 2005, kam ich mit Madame A. in Kontakt, einer älteren Dame, die früher Nachrichtensprecherin gewesen war. Bei einem Abendessen erzählte sie mir ihre unvorstellbare Lebensgeschichte. »Mein Mann war Chefredakteur bei den Nachrichten. Wir hatten fünf Kinder. Er war ein gut aussehender Mann. Mobutus Schwägerin sah ihn auf dem Bildschirm und wollte ihn für sich, ob verheiratet oder nicht. Eines Abends, wir saßen gerade beim Essen, standen bewaffnete Soldaten vor der Tür. Mein Mann musste mit. Mir wurde gesagt: Du schweigst, oder deine Kinder enden bei Kinsuka im &#039;&#039;fleuve&#039;&#039;. Auf der Arbeit sagte man zu mir: Unternimm nichts, du weißt doch, wer ihn mitgenommen hat. Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Mobutu gab ihm Botschafterposten in Togo, Argentinien, Österreich und im Iran. Er ist 1995 gestorben, als er Botschafter in Südafrika war. Viele Leute in Kinshasa kennen die Geschichte, aber nur wenige wissen, dass es um mich geht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Nachrichtendienste waren so gnadenlos, dass Madame A. auch heute noch auf Anonymität besteht. Insbesondere die DSP, die &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;, erwarb sich einen finsteren Ruf. Es handelte sich um eine Abteilung von einigen tausend speziell ausgebildeten und gut bezahlten Soldaten, die aus Mobutus Heimatgegend stammten. Der große Vereiniger des Landes war so neurotisch geworden, dass er nun doch Männer seines Stammes für seine Leibgarde bevorzugte! Es war eine Armee neben der Armee. Sie waren loyal und unerbittlich. Der harte Kern bestand aus &#039;&#039;les hiboux&#039;&#039;, den »Eulen«, da sie nachts in Aktion traten und Menschen in aller Stille verschleppten. Tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner wurden ohne Gerichtsverfahren in schmutzstarrende Gefängnisse gesperrt, wo sie nichts zu essen bekamen. Wie überall auf der Welt war auch in Zaire der menschliche Geist besonders kreativ beim Ersinnen von Foltern. Es gab den »Fisch«, eine Methode, bei der dem Gefangenen die Hände auf den Rücken gebunden wurden und er mit dem Kopf nach unten aufgehängt und in einen Behälter mit Wasser getaucht wurde. Es gab die »Boeing«, bei der man den Körper hochzog, mit Stöcken bearbeitete und in »Luftlöcher« fallen ließ. Es gab »die Maschinenschreiberin«, bei der Holzklötze zwischen die Finger geschoben und dann gespannt wurden, um die Finger zu zerquetschen. Es gab den »Nussknacker«, bei dem man die Füße des Gefangenen in nasse Holzklötze steckte und ihn damit in der Sonne sitzen ließ; wenn das Holz trocknete, zermalmte es die Fußknochen.57 Genitalien wurden mit Elektroschocks traktiert, auf Lippen wurden Zigaretten ausgedrückt. Amnesty International erhob Protest und versuchte den Umfang der Menschenrechtsverletzungen einzuschätzen, aber die genaue Zahl der Fälle konnte nie ermittelt werden.58 Wie in der Kolonialzeit wurden Menschen ins Landesinnere verbannt. Andere verschwanden spurlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pierre Yambuya, der Hubschrauberpilot, der sein Kerosin verkaufte, führte mehrmals Geheimaufträge aus. Mit seiner Maschine musste er über dem Kongofluss oder über einem See fliegen, während Fallschirmspringer im Frachtraum ein Dutzend Säcke hinauswarfen, Säcke mit Leichen, sah er. »Von März bis Oktober 1983 habe ich vier solcher Missionen ausgeführt, bei denen jedes Mal eine Ladung in der Gegend der Stromschnellen von Kinsuka abgeworfen wurde. Aber meines Wissens fand jede Woche mindestens einer dieser Flüge statt.« Zuweilen machte man sich gar nicht erst die Mühe, die Oppositionellen vorher zu ermorden. Eines Tages musste Yambuya mit seiner Alouette auf der Kamanyola landen, der Yacht des Präsidenten. Ein hochstehendes Mitglied von Mobutus Leibwache, Yambani, stieg mit zwei gefesselten Männern und zwei Fallschirmspringern ein. Mobutu stand dabei. »Wir steigen wieder auf und Yambani sagt mir, in welche Richtung ich fliegen soll. Irgendwann fordert er mich auf, auf tausend Meter Höhe zu steigen. Er sieht sich um, ob im weiten Umkreis keine Lebenszeichen zu entdecken sind – abgesehen von Jägern im Wald – und befiehlt den beiden Fallschirmspringern, sich mit ihren Gurten gut zu sichern. Die Männer befolgen seinen Befehl und öffnen dann die Luke hinten rechts. Sie stoßen den ersten Gefangenen hinaus, der gar nicht mehr dazu kommt, zu protestieren. Der zweite beginnt zu weinen und fleht um Gnade, aber auch er wird aus der Maschine gestoßen, in den freien Fall überm Urwald.«59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa gab das repressive Klima Anlass zu viel Klatsch und Tratsch; Wahrheit und Dichtung verschwammen. &#039;&#039;Radio-trottoir&#039;&#039; wurde diese Gerüchteküche genannt, denn die offiziellen Medien brachten nur noch Staatspropaganda. Die Straße wurde ein Ort des Argwohns und des Sarkasmus. An den Kreuzungen, wo sich die Taxibusse sammelten, konnte man illegale Comics und kleine volkstümliche Gemälde kaufen. Kinshasa entwickelte eine lebendige visuelle Kultur. Auf hektographierten Blättern oder grober Leinwand wurden gesellschaftliche, politische und moralische Themen ins Bild gesetzt, ohne dass öffentlich Pro- oder Kontra-Meinungen dazu geäußert wurden. Zeichner und Maler gestalteten mit virtuoser Ironie das Leben in der Großstadt unter der Diktatur. Die Themen waren oft ambivalent: Man ergötzte sich daran, die Sünde darzustellen, und schmähte alles, was heilig war. Es erinnerte an Bilder von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Junge Leute, die den Mobutismus verabscheuten, entwickelten eine ganz besondere Form von Kritik an den Zuständen. Sie muckten nicht mit Worten oder Bildern auf, sondern mit ihrer Kleidung. Der Anzug des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war verboten, der obligate &#039;&#039;abacost&#039;&#039; war ihnen zu altmodisch. Also hüllten sie sich in nagelneue, ausgesprochen auffällige Outfits. Sie sparten ihr Geld und importierten sündhaft teure Markenkleidung aus den Boutiquen der Avenue Louise in Brüssel und der Place Vendôme in Paris, jedenfalls behaupteten sie das. Ihre Bewegung nannten sie &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; (&#039;&#039;Société des Ambianceurs et Personnes d&#039;Elégance&#039;&#039;, etwa »Vereinigung der Stimmungsmacher und Eleganten«). Der Musiker Papa Wemba, der aus einfachen Verhältnissen kam und es zum Weltstar gebracht hatte, war ihr Papst, &#039;&#039;le Pape de la Sape&#039;&#039;. Es war eine höchst sonderbare Bewegung. Auf den ersten Blick schien es lächerlich, in Krisenzeiten als Mann in Kinshasa mit einer protzigen Sonnenbrille, einem Hemd von Jean-Paul Gaultier und einer Nerzjacke herumzulaufen, aber der Materialismus der &#039;&#039;sapeurs&#039;&#039; war Gesellschaftskritik, wie es der Punk in Europa war. Er stand für eine tiefe Aversion gegen die täglich erlebte Misere und Unterdrückung und für den Traum von einem Zaire ohne Sorgen. Materialismus ist eines der bekanntesten Symptome von Armut. &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; hatte mit Erfolg zu tun, mit Sichtbarkeit, mit Auffallen und Gefallenwollen. Diskotheken betrat man mit einer Mischung aus &#039;&#039;chic, choc et chèque&#039;&#039;. Der wahre &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; war obercool: Er bewegte sich und sprach mit vollkommener Beherrschung, er bezahlte seinen Freunden das Bier, und er riss Mädchen mit einem Fingerschnippen auf. Er war ein Dandy, ein Playboy, ein Snob. Luxus bedeutete Ansehen. Der &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; wurde nicht verachtet, sondern bewundert. Für viele bettelarme Jugendliche hielt seine Extravaganz die Hoffnung lebendig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi war dafür zu alt. »Mobutu gab ein großes Fest. Franco und Tabu Ley spielten. Die Gäste kamen im &#039;&#039;abacost&#039;&#039; mit dem MPR-Logo am Kragen. Aber Mobutus eigene Söhne waren große Fans von Papa Wemba. Sie trugen weite Hosen und Hemden mit auffallenden Kragen. Das waren zwei getrennte Welten! &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; war wirklich die Musik der Jugend. Sie sahen sich als neue Generation und grenzten sich von ihren Eltern ab. Papa Wemba weigerte sich, über Politik zu reden. Seine Musik war nicht dazu da, dass man aufmerksam zuhörte, man tanzte sofort. Musik, die wie eine Betäubung wirkte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ganze Generation wuchs in einer Welt voller Armut und Elend auf. Musik bot ein Ventil, aber auch ein Studium war noch immer hoch begehrt. Obwohl die Hörsäle der Universitäten heruntergekommen waren, die Professoren nur sporadisch erschienen, obwohl es keine Vorlesungsverzeichnisse gab und die hektographierten Unterlagen zerbröselten, waren die Seminarräume und Hörsäle Woche für Woche proppenvoll mit jungen Leuten, die hofften, ein Universitätsdiplom würde sie aus dem Sumpf retten. Der Hunger nach Bildung und Qualifikationen war enorm und ist seitdem nie geringer geworden. Doch das Niveau des Unterrichts war niedrig, und auf allen Ebenen herrschte Korruption. Für viele schlecht bezahlte Professoren war alles Verhandlungssache. Eine große Zahl von Studentinnen erkaufte sich gute Noten mit sexuellen Dienstleistungen. »Für zahlreiche Mädchen ist der Körper nicht mehr eine Quelle der Schönheit, sondern er muss auch eine Quelle der Rentabilität werden«, schrieb ein besorgter Professor der Moralphilosophie. Das Phänomen trat auch schon in den Oberschulen auf. Schulleiter, Parteifunktionäre und hohe Beamte brüsteten sich damit, &#039;&#039;une série 7&#039;&#039; zu haben, ein Mädchen, das in den siebziger Jahren geboren war.60 »Viele Mädchenschulen sind umfunktioniert worden zum sexuellen Fischteich für die Bonzen aus Politik und Verwaltung. Sie verlassen ihre Dienststellen vor Feierabend und mischen sich in die Autoschlangen, die vor dem Schultor warten. Die Abende beginnen im Allgemeinen in einem Restaurant im Arbeiterviertel mit gegrilltem Huhn oder Fisch und viel Piri-piri und enden in den frühen Morgenstunden in einem kleinen Hotel, im Schutz der dunklen Tropennächte.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Antwort auf die Krise entstand eine völlig neue Parallelwirtschaft, die auf dem Mikrohandel basierte. Frauen brieten morgens in aller Frühe ein Huhn und gingen damit auf den Markt. Gut situierte Damen, die durch Beziehungen ein paar schicke Pumps aus dem Ausland ergattert hatten, verkauften sie in ihrem Wohnviertel. Krankenpfleger, die tagsüber in einer Klinik arbeiteten, nahmen einen Streifen Tabletten mit nach Hause und verkauften ihn weiter. Piloten verhökerten ein paar Kanister Kerosin. Beamte verhandelten über jeden Stempel. Polizisten freuten sich über jeden Verstoß gegen die Verkehrsregeln. Immer war irgendwo etwas zu »regeln«. Eine Hand wäscht die andere. &#039;&#039;Madesu ya bana&#039;&#039;, sagten sie, Bohnen für die Kinder, &#039;&#039;matabiche&#039;&#039;, &#039;&#039;bakchich&#039;&#039;: das Esperanto der Desperados.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf einen Staat, der sich seinen Bürgern entzieht, entzogen sich die Bürger dem Staat. &#039;&#039;»Article 15«,&#039;&#039; nannte man das, nach einem fiktiven Artikel in der zairischen Verfassung, der lautete: &#039;&#039;»Débrouillez-vous!«&#039;&#039; Seht zu, wie ihr klarkommt! Sehr oft ging es um illegale Aktivitäten (Schmuggel, Diebstahl, Betrug), aber was ist illegal, wenn das Land selbst kriminell ist? Korruption des Volks war die beste Methode, sich der Korruption in den höheren Etagen zu erwehren, denn brav bezahlte Steuern hätten sich doch nur verflüchtigt. Hatte Mobutu Sese Seko selbst das nicht augenzwinkernd erlaubt? Auf einer Großveranstaltung im Fußballstadion von Kinshasa hatte er gesagt: »Wenn du stehlen musst, dann stiehl ein bisschen und lass ein bisschen für die Nation übrig.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hätte er gar nicht erst zu sagen brauchen. In jenen Jahren wurden 30 bis 60 Prozent der Kaffee-Ernte außer Landes geschmuggelt, zwischen 1975 und 1979 im Wert von 350 Millionen Dollar. 70 Prozent der Diamanten, 90 Prozent des Elfenbeins, Tonnen Kobalt und Hektoliter Benzin passierten heimlich die Grenzen.63 Das Land war löchrig wie ein Sieb, und dem Staat entgingen viele hundert Millionen. Hier ein bisschen, da ein bisschen, so wie es der Präsident empfohlen hatte, bis schließlich nichts mehr übrig war. »Der Kakerlak frisst ein ganzes Maniokbrot nur mit seinen kleinen Zähnen«, sagten die Leute.64 Es war die einzige Möglichkeit, zu überleben. Dank der Schattenwirtschaft konnten die Menschen Lehrer und Krankenpfleger bezahlen. Das Land holperte auf eckigen Rädern voran, aber immerhin bewegte es sich noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachhaltig war diese Plünderökonomie natürlich nicht. Der Kongo wurde kannibalisiert. Keiner scherte sich mehr um den Staat. Die Post funktionierte nicht mehr, Wasser und Elektrizität wurden knapp, es gab weniger als einen Telefonanschluss pro tausend Einwohner.65 Das Land wurde &#039;&#039;cadavéré&#039;&#039;, wie es in einem Lied von Zao hieß. Die Schiffe auf dem Fluss wurden langsam dahintreibende Dörfer, die irgendwann einmal ihr Ziel erreichten. Air Zaïre, die staatliche Fluggesellschaft und einst der Stolz des Landes, bekam den Beinamen »Air Peut-Être«, dazu den unübersetzbaren Slogan &#039;&#039;»la seule chose au Zaire qui ne vole jamais&#039;&#039;«. Humor war die beste Medizin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mobutu flog einmal mit Reagan und Mitterrand in der Concorde um die Welt«, so fing der beste Witz aus der Mobutu-Ära an. »Reagan streckte die Hand aus dem Fenster und sagte: ›Ich glaube, wir fliegen gerade über Amerika.‹ ›Woher wissen Sie das?‹, fragten die beiden anderen Staatschefs. ›Ich habe gerade die Freiheitsstatue gefühlt‹, sagte Reagan. Daraufhin streckte Mitterrand die Hand nach draußen. ›Ich glaube, wir fliegen jetzt über Frankreich‹, meinte er sofort. ›Woher wissen Sie das?‹, fragten Reagan und Mobutu. ›Ich habe gerade den Eiffelturm gefühlt.‹ Schließlich streckte auch Mobutu die Hand aus dem Fenster. ›Ich bin mir sicher, dass wir über Zaire fliegen‹, sagte er zu seinen Mitpassagieren. ›Aber woher wissen Sie das?‹, riefen sie, ›Zaire hat doch keine Türme!‹ ›Nein‹, sagte Mobutu, ›aber mir ist gerade die Armbanduhr geklaut worden.‹«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch die Krise änderten sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Viele Männer verloren ihren Job und fühlten sich gedemütigt, weil sie nicht mehr für den Unterhalt ihrer Familie sorgen konnten, geschweige denn für den ihrer etwaigen Mätressen. Sie waren ärmer als ihre Eltern und mussten oft bei ihnen betteln. Früher war der Mann der Ernährer, der, der eine Arbeitsstelle hatte, nun sicherte die Frau das Familieneinkommen. Ein Schulleiter in Kikwit erzählte: »Mein Gehalt ging innerhalb von zwei Tagen für Lebensmittel drauf. Es war lächerlich wenig, und oft wurde es nicht mal ausbezahlt. Meine Frau hatte einen kleinen Stand auf dem großen Markt. Sie verkaufte Seife, Zucker und Salz. Das war die wichtigste Einnahmequelle für unsere Familie. In diesen Jahren verdienten viele Frauen mehr als ihr Mann. Manchmal verließen sie ihn. Junge Frauen studierten und wurden selbstständiger.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schattenwirtschaft, wie mühsam und unberechenbar sie auch war, bot manchen Frauen neue Chancen. Einige von ihnen wurden wehrhafter. Maniokverkäuferinnen im Kivu, einfache Bäuerinnen, ließen es sich nicht gefallen, dass sich die lokalen Polizisten und Beamten immer neue Steuern ausdachten, wenn sie mit ihren Körben zum Markt gingen. Sie protestierten bis hin zur Ebene des Provinzgouverneurs.68 In Bukavu konstatierte Régine Mutijima, die Direktorin einer Mädchenschule, dass der Sparkurs des IWF und der Weltbank zu Missständen führte. »1983 war Kengo wa Dondo Premierminister und ordnete drakonische Einsparungen an. Sogar der Mutterschaftsurlaub für Lehrerinnen wurde gestrichen, weil angeblich kein Geld da war, während zugleich gewaltige Mengen Staatsgeld gestohlen wurden. Ich war die Vorsitzende der &#039;&#039;Association des Femmes Enseignantes de Bukavu&#039;&#039;. Eine kanadische Lehrerin erzählte mir von Gandhi. Ich las seine Schriften und die von Martin Luther King, und auch die von Lumumba und Nkrumah, obwohl das verboten war. Ich las auch die verbotene Wochenzeitung &#039;&#039;Jeune Afrique.&#039;&#039; 1986 starb eine Kollegin von mir im Wochenbett. Sie hatte bis zum Tag vor der Geburt gearbeitet, ihr Baby wog kaum 1,7 Kilo, weniger als ein Kaninchen. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich organisierte ein Sit-in. Wir zogen in kleinen Gruppen zur Zahlstelle der Schulbehörde. Drei Viertel der Lehrerinnen kamen mit. Um Punkt zehn Uhr setzten wir uns alle hin. Sie konnten auf uns schießen lassen, das wussten wir, aber wir wollten die Stadt lahmlegen. Abends zu Hause wurde ich verhaftet. Ein Landrover voller Soldaten nahm mich mit ins Rathaus. Ich war nur im Nachthemd. Da standen sie alle: der Bürgermeister, der Chef der Staatssicherheit, des MPR, der Schulbehörde, des Stadtteils. Ich stand als Frau fünfzig Männern gegenüber. Sie beschimpften mich, einer nach dem anderen, und ich musste die ganze Zeit an das Kind denken, das nur 1,7 Kilo wog, das Kaninchen, dessen Mutter, Madame Rumbasa, eine gute Kollegin, gestorben war, weil sie keinen Mutterschaftsurlaub bekommen hatte. Ich wurde schrecklich wütend. Ich explodierte. Ich schrie den Bürgermeister an. Ich hatte einen Kloß im Hals, es war das zweite Mal, seit ich erwachsen bin, dass ich weinte. Nach meiner Tirade schwiegen alle, so empört war ich gewesen. Ich fühlte mich ruhig. Gegen Mitternacht brachte der Bürgermeister mich in seinem Mercedes nach Hause.«69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine hatte außerordentlichen Mut bewiesen. Sie wurde nicht verfolgt, sondern durfte auf Kongressen in Nsele und Gbadolite über das Problem der Jugend referieren. Aber so glimpflich lief es nicht immer ab. Auf der anderen Seite des Landes arbeitete Thérèse Pakasa an der Kasse eines Lebensmittelladens in Kinshasa. Sie war mit Gizenga in Kontakt gekommen, Lumumbas Vizepremier, der in Brazzaville im Exil lebte und aus ihrer Gegend stammte. Auch sie las Lumumba und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihr Blut geriet in Wallung, wenn sie an die Situation in ihrem Land dachte. »Ich wollte eine Demonstration organisieren, aber die Leute hatten so viel Angst! Ich fand nur drei Frauen, die mitmachen wollten. Eine Brotverkäuferin und zwei Hausfrauen. Wir beschrifteten ein Transparent und machten Flugblätter. Am 23. Juli 1987 zogen wir über den Boulevard du 30 Juin, in Höhe der belgischen Botschaft. Wir trugen die alte, blaue Flagge des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier einfache Frauen, die ihr Leben riskierten, indem sie mit einem verbotenen Transparent und einer verbotenen Fahne über die große Allee der Hauptstadt liefen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nach ein paar hundert Metern wurden wir verhaftet. Der Nachrichtendienst hielt mich anderthalb Monate lang fest. Ich wurde leicht gefoltert, aber mein Mut wuchs. Ein Jahr später tat ich es noch einmal, nun mit zehn Frauen. Wieder wurden wir festgenommen. Ich wurde geschlagen und mit einer militärischen Eskorte ins Landesinnere verbannt. Als ich nach Kinshasa zurückkehrte, warf man mich ins Gefängnis, und auch alle meine Kinder wurden verhaftet, sogar das zwei Wochen alte Baby. Sie konnten nicht glauben, dass eine Frau so etwas tun konnte.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blut, das aus ihrem Kopf rann. Der Unterkörper eines Harlekins. Die winterlichen Bilder aus Rumänien ließen Mobutu nicht los.71 Der Ostblock stürzte zusammen, der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Demnächst wäre er als Bündnispartner der Amerikaner unnütz. Mobutu verdankte sein Reich der Angst vor dem Kommunismus, aber Marx war ein Riese auf tönernen Füßen geworden. Loyalität im Kampf gegen die rote Gefahr zählte nicht mehr, Respekt vor den Menschenrechten wurde das neue Kriterium. Auf einem Gipfeltreffen französischsprachiger Länder kündigte Präsident Mitterrand an, dass Frankreich nur noch Entwicklungsländer unterstützen würde, die demokratische Werte vertraten und die Menschenrechte achteten. Die Zeit Giscards war vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1990. Mit dem neuen Jahrzehnt schien ein neues Klima anzubrechen. Im Februar wurde Nelson Mandela freigelassen, ein Weltereignis, das den gesamten Kontinent mit Hoffnung erfüllte. In der Elfenbeinküste, in Benin, Gabun und Tansania erhob sich der Ruf nach einem Mehrparteiensystem. In Kongo-Brazzaville und Mali geriet die Militärdiktatur ins Wanken. Der Rausch der Freiheit erreichte auch Zaire. Mobutu erkannte, dass er sein Volk nicht länger missachten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hielt eine Volksbefragung ab, wie es die belgische Kolonialmacht 1958 getan hatte und Leopold II. 1905. Damals hatte das zu einer drastischen Wende geführt – wie würde es jetzt ausgehen? Eine Gruppe von Interviewern zog von Stadt zu Stadt und veranstaltete öffentliche Sitzungen. Bürger im ganzen Land durften ihre Meinung über Mobutus Regierung äußern, ja, sie durften sogar ihrem Ärger freien Lauf lassen. Verfolgung brauchten sie nicht zu befürchten. Die erste Sitzung fand in Goma statt, und Mobutu war dabei. Er sei selbstverständlich bereit, sich konstruktive Kritik anzuhören, denn niemand sei vollkommen. Aber es regnete, nein, es schüttete Beschwerden. Mobutu fand sich in einem tropischen Unwetter der Unzufriedenheit wieder. Alte Frauen standen auf und kanzelten ihn ab. Sein neuer Beiname in diesem Moment war Mobutu &#039;&#039;Sesesescu . . .&#039;&#039; Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa bekam seine Reaktion mit: »Mobutu konnte es nicht fassen und war ungemein enttäuscht. Er war der Ansicht, das Land schulde ihm alles, und er zog sich zurück, so gekränkt war er. Er wollte der Wahrheit nicht ins Auge sehen. An den folgenden Sitzungen nahm er nicht mehr teil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Interviewer machten ihre Arbeit. Mehr als sechstausend Berichte wurden gesammelt, die meisten davon absolut vernichtend. Der Vorsitzende der Kommission begab sich mit einer Zusammenfassung zum Präsidenten. Zizi wusste noch, wie das abgelaufen war: »Mobutu hatte sich auf sein Schiff Kamanyola zurückgezogen. Er berief das Politbüro des MPR ein, um an Bord zu beraten. Zwei, drei Tage saßen sie dort fest. Auch die Mitglieder der Regierung mussten erscheinen.« Sogar der amerikanische Außenminister kam vorbei, um Mobutu mitzuteilen, dass Bush sen. ihn, ungeachtet aller historischen Freundschaftsbande, nicht länger bedingungslos unterstützen konnte.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber am 24. April 1990 stand sein Entschluss fest. Generäle, hohe Beamte, Provinzgouverneure, Parlamentarier und ausländische Journalisten rief er im weißen Konferenzort Nsele zusammen, schon seit einem Vierteljahrhundert der Vatikan des MPR. Vor sich eine Batterie Mikrophone, hielt Mobutu, in der schwarzen Marschalluniform, die Alfons Mertens ihm geschneidert hatte, eine Ansprache. Er habe die Stimme des Volkes vernommen; Zaire würde demokratisch werden. Zum Erstaunen aller Anwesenden verkündete er das Ende des Einparteienstaates. Künftig dürften drei Parteien existieren, es gäbe Raum für eine freie Presse, freie Gewerkschaften und, innerhalb eines Jahres, freie Wahlen. »Und was geschieht mit dem Chef bei alledem?«, fragte sich Mobutu am Ende seiner Rede. »Das Staatsoberhaupt steht über den politischen Parteien. Er wird der Schiedsrichter, mehr noch, die höchste juristische Instanz sein. Ich gebe Ihnen bekannt, dass ich mich von heute an aus dem Mouvement Populaire de la Révolution zurückziehe, damit ein neuer Chef gewählt werden kann . . .« Mobutu zögerte kurz, geriet ins Stocken und blickte verloren in den Saal, in dem es mucksmäuschenstill geworden war. Dann sagte er die legendären Worte: »&#039;&#039;Comprenez mon émotion.&#039;&#039;« Auf den Jubel hin, der nun losbrach, schob er die klobige Brille hoch und tupfte sich die feucht gewordenen Augen trocken – wie ein Mann, der innerhalb einer Sekunde alt geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufnahmen von der Rede wurden im ganzen Land gezeigt. Hatte man es richtig verstanden? War die Zweite Republik nun endgültig vorbei? Mit einer simplen Rede, begleitet von ein paar Krokodilstränen? Einer Rede, die genauso banal war wie die Rundfunknachricht, mit der Mobutu 1965 die Macht ergriffen hatte? Ohne Revolution oder Straßengewalt? Junge Männer stürzten sich auf die Garderobe ihres Vaters und wühlten zwischen den alten Kleidern nach Krawatten. Keiner wusste mehr, wie man so ein Ding richtig band, aber was machte das schon? Es ging um das Symbol der Freiheit! Mädchen zogen sich die viel zu weiten Hosen ihrer Brüder an und liefen damit kichernd auf die Straße. Bei diesem Umbruch brauchte niemand Steine zu werfen oder Parolen zu skandieren. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«, sagte Zizi, als er an diesen hoffnungsvollsten Tag in seinem Leben zurückdachte, »die Straßen von Kinshasa waren an diesem Abend voller schlecht gebundener Schlipse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 11 Der Todeskampf ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Demokratische Opposition und militärische Konfrontation 1990-1997 ===&lt;br /&gt;
Régine und Ruffin lebten beide in Bukavu, dem hübschen Städtchen am Kivusee an der Grenze zu Ruanda, aber sie hatten nichts miteinander gemein. Als Mobutu das Ende des Einparteienstaats verkündete, war Régine fünfunddreißig Jahre alt und Ruffin sieben. Régine war die Direktorin einer katholischen Mädchenschule, Ruffin lernte gerade lesen in einer katholischen Knabenschule anderswo in der Stadt. Régine hatte einige Jahre zuvor das Sit-in der Lehrerinnen organisiert. Als sie erfuhr, dass die Staatspartei MPR ihre Allmacht verloren hatte, tanzte sie vor Freude. Ruffin war noch zu jung, um die historische Bedeutung dieses Umbruchs zu verstehen. Er spielte mit seinen Freunden Fußball und träumte davon, später Priester zu werden. Trotzdem würden beide zum Sturz des Diktators beitragen, auf ganz verschiedene Weise und zu völlig anderen Zeitpunkten, Régine im Jahr 1992, Ruffin im Jahr 1997, denn dieser Sturz dauerte sehr lange.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine Mutijima glaubte zunächst, es würde sehr schnell gehen. »Wir wollten wirklich, dass Mobutu in freien Wahlen abgesetzt würde und ehrenvoll im Land bleiben könnte.«1 Aber von 1990 bis 1997 klammerte sich Mobutu mit einer Hartnäckigkeit und Schläue an die Macht, die niemand für möglich gehalten hätte. Es war der Todeskampf eines Diktators, der in seinem Sturz das ganze Land mit sich riss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Leopold II. im Jahr 1905 die Gräuel im Freistaat nicht mehr leugnen konnte, zögerte er noch drei Jahre, bevor er seine lukrative Privatkolonie dem belgischen Staat übertrug. Mobutus Haltung nach 1990 war nicht anders. Die Ergebnisse der Volksbefragung veranlassten ihn anfangs dazu, die Zügel zu lockern, dann aber straffte er sie erneut. Die geplanten Wahlen sollten, was ihn betraf, bloß nicht überstürzt werden. 1970, 1977 und 1984 hatte er bei seiner Wahl auf kreative Weise nachgeholfen, doch dieser Trick, das wusste er, würde 1991 nicht mehr verfangen. Der Geist der Demokratie war aus der Flasche. Dennoch schaffte Mobutu es, sieben weitere Jahre an der Macht zu bleiben, diesmal ohne Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine wusste nur zu gut, dass Mobutu seine Macht zwei Dingen verdankte: Geld und Gewalt. Geld aus dem Ausland, Gewalt im Inland. Aber wie lange würde das noch Bestand haben, jetzt, wo der Kalte Krieg vorbei war? Am 12. und 13. Mai 1990, ein paar Wochen nach seiner emotionalen Rede, erteilte Mobutu den Befehl, die Studentenproteste in Lubumbashi mit Militärgewalt niederzuschlagen&#039;&#039;;&#039;&#039; die Studenten waren wieder einmal als Erste auf die Straße gegangen. Für den Westen war damit das Maß voll. Man sprach von Hunderten Opfern, die genaue Zahl wurde jedoch nie bekannt (möglicherweise waren es nur drei, wie Régine später hörte). Belgien setzte die Entwicklungshilfe aus, Frankreich fror die Beziehungen ein, die USA brauchten Mobutu nicht mehr. Anfang der neunziger Jahre wären die ausländischen Bündnispartner ihn am liebsten los gewesen. Sogar der IWF suspendierte Zaire 1994 als stimmberechtigtes Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ihm noch blieb: Gewalt. Aber die Armee war nicht vertrauenswürdig, und den Sicherheitsdiensten entglitt die Kontrolle über die Bevölkerung, da inzwischen immer mehr erlaubt war. Der Informationsfluss wurde nicht mehr von der amtlichen Presse beherrscht. Regierungszeitungen mit »authentischen« Titeln wie &#039;&#039;Elima&#039;&#039; und &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; verloren an Bedeutung zugunsten neuer Zeitschriften mit französischen Namen wie &#039;&#039;L&#039;Opinion&#039;&#039;, &#039;&#039;Le Phare&#039;&#039; und vor allem &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039;. Bis Bukavu, zu Régine, drangen sie nicht vor, aber in der Hauptstadt waren sie von großer Bedeutung. Vor den Kiosken am Boulevard Lumumba lebte das Phänomen der &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; wieder auf: Kleine Gruppen von Arbeitslosen lasen die Titelseiten der ausgestellten Zeitungen und diskutierten den ganzen Tag darüber. Ein öffentlicher Raum kritischer Bürger entstand. Der Gründer von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; war Modeste Mutinga: »Wir waren völlig unabhängig. Wir hatten nicht mal Beziehungen zu anderen Oppositionsbewegungen wie der UDSPS [Union für Demokratie und Sozialen Fortschritt] oder der Kirche. Ich kaufte eine gebrauchte Druckerpresse in Straßburg. Erst später, nach dieser Öffnung in den frühen neunziger Jahren, wurde es wieder schlimmer. Die DSP verbrannte damals unsere Pressen und die der anderen Zeitungen. Alles wurde zerstört.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratisierung äußerte sich auch auf anderen Wegen als über die Zeitungen. Zwischen der Macht und der Masse entwickelte sich ein ganzes Mittelfeld gesellschaftlicher Organisationen, die sogenannte &#039;&#039;société civile&#039;&#039;. Es bildeten sich Hunderte neue Vereine, für Frauen vom Land, für Taxifahrer, für Messdiener . . . Vereine für Agrarentwicklung, für Laiensolidarität, für Krankenpflege und sogar Vereine für Vereinsvorsitzende.3 Gewerkschaften schossen wie Pilze aus dem Boden: 1990 gab es nur die eine staatliche Gewerkschaft, 1991 waren es bereits hundertzwölf.4 Und wie in den späten fünfziger Jahren vermehrten sich die politischen Parteien explosionsartig. Mobutu wollte es zuerst bei dem angekündigten Dreiparteiensystem belassen, musste aber schon bald ein uneingeschränktes Mehrparteiensystem erlauben. Binnen kürzester Zeit musste der allmächtige MPR um die dreihundert Parteien neben sich ertragen, größere und kleinere; manche bestanden nur aus einer Person. Die Nachricht vom bevorstehenden Thronverzicht ließ bei so manchem den Traum von der Macht aufkommen. Mobutu betrachtete die Entwicklungen mit scheelem Blick: Der ständige Zuwachs an Parteien bestätigte seine Angst vor Zersplitterung und Auflösung. &#039;&#039;If you can&#039;t beat them, join them&#039;&#039;, muss er sich gedacht haben, und um die Macht der Opposition zu schwächen, bezahlte er nun Bürger, damit sie eine Partei gründeten, die auf seiner Linie war. »Alimentationsparteien« wurden diese Gruppierungen höhnisch genannt, oder »Taxiparteien«, denn ihre Mitglieder passten in ein einziges Taxi. War das jetzt der Multipartismus&#039;&#039;,&#039;&#039; den Mobutu versprochen hatte? Es lief auf Multimobutismus hinaus!5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich kristallisierte sich das rastlose politische Feld um zwei Pole: Auf der einen Seite stand die UDPS von Étienne Tshisekedi mit ihren Bündnispartnern, der sogenannten &#039;&#039;Union Sacrée de l&#039;Opposition&#039;&#039;, auf der anderen Seite sammelten sich der MPR und die Mobutu-Getreuen in der &#039;&#039;mouvance présidentielle&#039;&#039;. Dazwischen gab es abwartende Gruppierungen. Die Kirche sympathisierte mit der Opposition, war aber oft kompromissbereit. Régine verspürte keine Neigung, in die Politik zu gehen. »Ich war zwar kurz in der UDPS, als die noch illegal war, aber ich fühlte mich in der Politik nicht wohl. Das Jahr 1990 bedeutete für mich eher die Geburt der Zivilgesellschaft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu der Einberufung einer Nationalkonferenz zustimmte, war für die Opposition ein sehr wichtiger Sieg. Der Präsident hoffte, damit im Ausland einen guten Eindruck zu machen und die Unterstützung seiner westlichen Bündnispartner zurückzuerlangen. Wie bei einer ähnlichen Konferenz in Benin, die kurz zuvor innerhalb von zehn Tagen das Land reformiert hatte, wollte man in Zaire Volksdelegierte zusammenrufen, die über die Vergangenheit reden und Konzepte für die Zukunft entwickeln sollten. Die Konferenz sollte dem Übergang von der Zweiten zur Dritten Republik Gestalt verleihen; sie wurde unter ihrem späteren Namen »Nationale Souveräne Konferenz« bekannt. Nicht nur Politiker und Prominente sollten daran teilnehmen, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, dem Vereinsleben und den Kirchen. Als Ort war Kinshasa vorgesehen, und es sollten Delegationen aus allen Provinzen vertreten sein. Alles sollte live im Radio und im Fernsehen übertragen werden. Es sollte ein Hochamt der Basisdemokratie werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im fernen Bukavu wurde Régine eine der Abgesandten der Bevölkerung: »Die Lehrerinnen von Bukavu sagten zu mir: Du musst nach Kin! So geriet ich in die Delegation von Süd-Kivu. Alle Stämme waren vertreten, wir wollten nicht ethnisch denken. Auf der Nationalen Souveränen Konferenz würden wir alles anprangern. Wir wollten Mobutu verjagen und seinen Kopf auf einem Tablett serviert bekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine fuhr in die Hauptstadt. Unter den 2800 Delegierten waren nur zweihundert Frauen. »Wir waren zu wenig Frauen, nicht mal 10 Prozent. Viele der Frauen hatten Angst, mitzureden. Sie waren schlecht informiert über die Wirkung einer solchen Versammlung und den Nutzen von Lobbying.« Aber sie stellte ihren Mumm unter Beweis. Am 7. August 1991 begann die Nationale Souveräne Konferenz, die für drei Monate angesetzt war. Die Eröffnungssitzung fand im Palais du Peuple statt, dem nationalen Parlament. Dieses Ungetüm von einem Gebäude war von den Chinesen hingeklotzt worden, ein paar hundert Meter vom neuen Fußballstadion entfernt. Auf dem Parkplatz stand &#039;&#039;citoyen&#039;&#039; Tshimbombo, einer der &#039;&#039;grosses légumes&#039;&#039;, der Bonzen der Regierung, mit einem Pappkarton und verteilte bündelweise Geldscheine an alle, die noch auf die Schnelle eine kleine Partei gründen wollten. Das Geld durften sie behalten, sie mussten sich nur auf Mobutus Seite stellen . . .6 Tshimbombo, das war der Mann, der einst im Namen des Präsidenten die Spielerinnen der Damen-Basketball-Nationalmannschaft mit zweiundzwanzig Mercedes beglücken durfte, weil sie den Afrika-Cup gewonnen hatten, und der elf Limousinen für den Eigengebrauch zurückbehalten hatte . . .7 Als er nun mit seinem Karton voller Banknoten da stand, nannte man ihn spöttisch den »Hüter des Staatsschatzes«. Es war sonnenklar, dass Mobutu die Konferenz auf alle möglichen Arten unterlaufen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wollte uns ständig korrumpieren – er bot uns Hotelzimmer an, er wollte uns Geschenke geben oder uns im Konferenzort Nsele übernachten lassen«, erzählte Régine, »aber wir sind nicht darauf eingegangen. Die Delegation von Süd-Kivu war sehr entschlossen. Zwei Nächte haben wir sogar draußen vor der Tür des Parlaments geschlafen! Die Leute haben uns etwas zu essen gebracht. Zum ersten Mal im Leben habe ich Maniokbrot gegessen. Und in Kinshasa gab es diese großen, dicken Mücken. All das kannten wir in den Bergen von Süd-Kivu gar nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wollte sich zwar notfalls mit einer breiten Übergangsregierung einverstanden erklären, in der auch Platz für einige Gegenstimmen war, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die Opposition große Macht erhielt, ging ihm zu weit. Er bestimmte selbst den Vorsitzenden der Konferenz: einen alten Getreuen, dessen Name bereits zeigte, wie fanatisch »authentisch« er war: Kalonji Mutambayi wa Pasteur Kabongo. Noch heute seufzt Régine, wenn sie diesen Namen hört: »Dieser Alte war völlig manipulierbar. Er war schwerhörig und verstand uns nicht mal! &#039;&#039;Pasteur wa Farceur&#039;&#039; nannten wir ihn, Hochwürden Witzbold. Ich dachte: Sind wir jetzt zweitausend Kilometer weit gefahren, um uns auf der Nase herumtanzen zu lassen? Wir sagten: Wir müssen den Vorsitzenden zum Schweigen bringen! Aber wie? Jeden Morgen mussten wir an Polizisten vorbei und wurden gefilzt. Wir haben Pfeifen reingeschmuggelt, so kleine aus Plastik. Ich hatte fünf Stück in meinen Schuhen und in meinen Zöpfen versteckt. Immer, wenn der Vorsitzende das Wort ergriff, haben wir gepfiffen, bis er aufhörte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten Wochen der Konferenz verliefen quälend mühsam, mit ausufernden Disputen über das Prozedere und einem endlosen Hickhack über die Zusammenstellung der Kommissionen. Mobutu, der alles aus der Distanz beobachtete, fand die Zänkereien sicherlich amüsant, da er auf das Scheitern des Ganzen hoffte. Aber außerhalb der Mauern des Palais du Peuple wuchs die Unruhe. Am 23. September begannen die Soldaten der Fallschirmjägerbasis in Ndjili zu meutern. Sie zogen zum Flughafen und setzten den Kontrollturm außer Betrieb. Von dort aus bahnten sie sich einen Weg ins Stadtzentrum, wo sie in Kaufhäuser, Läden, Tankstellen und sogar Privathäuser einfielen. Nichts, was irgendeinen Wert hatte, war vor ihnen sicher: Fernseher, Kühlschränke und Fotokopierer wurden nach draußen geschleppt, ganze Warenlager wurden geräumt, Handelsbetriebe geplündert. Das Volk, verzweifelt vor Hunger und Armut, schloss sich den Soldaten an. Es war ein gewaltiger Rausch, ein Fest, die Zeit des Großen Raffens. Endlich durfte das Volk das tun, was die Machthaber schon seit einem Vierteljahrhundert taten! Ein Delirium, die Umwertung aller Werte. Verboten und grandios! Die Unruhen breiteten sich auf andere Städte aus. Die belgische und französische Armee schritt ein, um Landsleute aus dem Hexenkessel herauszuholen, denn die Plünderungen gingen tagelang weiter. 30 bis 40 Prozent aller Firmen wurden verwüstet, 70 Prozent des Kleinhandels mussten dran glauben. Es gab 117 Tote und rund 1500 Verletzte.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Mobutu? Er reagierte nicht und ließ seine Soldaten gewähren. Viele vermuteten, dass er die Meuterei provoziert hatte, um die Nationale Souveräne Konferenz zu destabilisieren. Sogar sein loyaler Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa verdächtigte ihn des Opportunismus; das sagte er, als wir uns auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung unterhielten. »Mobutu wollte das Land kaputtmachen. Vorsätzlich. Er war sehr gekränkt durch den Erfolg von Tshisekedi und wollte sich rächen. Vergleich es mit jemand, der ein tolles Handy hat.« Zur Illustration hob er sein eigenes Mobiltelefon hoch. »So ein Handy, das andere neidisch macht, aber das du nicht mehr bezahlen kannst. Was tust du dann?« Er ließ den Arm mit dem Handy neben seinen Stuhl sinken. »Dann lässt du&#039;s fallen, damit es auch kein anderer kriegt. So hat Mobutu es gemacht. Als die Nationale Souveräne Konferenz anfing, ließ er sich ganz in Gbadolite nieder. Ihm war klar, dass das Volk ihn verachtete. Um drei Uhr morgens plünderten die Soldaten den Flughafen, und er reagierte nicht. Es war echt: Nach mir die Sintflut. Er sah die Plünderungen als eine Strafe für das Volk. Ich war sehr enttäuscht, als er das Land so zerstörte. Zum ersten Mal hatte ich mehr Angst, vom Volk ermordet zu werden, als von Mobutu.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Plünderungen bekam die Konferenz einen neuen Vorsitzenden, diesmal durch Abstimmung. Monseigneur Monsengwo, der populäre Erzbischof von Kisangani und Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz, wurde ohne Probleme gewählt und durfte der Nachfolger von Pasteur wa Farceur werden. Monseigneur Monsengwo: Sein Name weckte hohe Erwartungen. Mit seinem Purpurgewand und seiner großen moralischen Autorität war er anscheinend auf dem Weg, der Desmond Tutu von Zaire zu werden. Die Opposition war für ihn, weil sich die zairische Bischofskonferenz schon des Öfteren äußerst kritisch über das Mobutu-Regime geäußert hatte. Unter Kardinal Malula hatte sich die Kirche zur größten Gegenkraft der Zweiten Republik entwickelt. Als die Mitte der Gesellschaft erwachte, ließen sich zahlreiche Organisationen, auch die mehr säkularen, von den Basisgruppen und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie inspirieren.10 Monsengwo war zwar kein übermäßig radikal-progressiver Katholik, doch die Kirche war glaubwürdig für die Opposition (die sich selbst nicht zufällig &#039;&#039;sacrée&#039;&#039; nannte). Für Régine stand fest: »Monsengwo war unser Kandidat, aber er bekam sogar Stimmen von einigen Mobutu-Anhängern!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war darüber alles andere als froh. Sein Verhältnis zur Kirche war immer ambivalent gewesen: Er bekämpfte und fürchtete sie nun schon seit fast zwanzig Jahren. Am Vorabend des Papstbesuchs 1980 hatte er seine Geliebte Bobi Ladawa rasch noch kirchlich geheiratet. In Gbadolite hatte er eine Kathedrale erbauen lassen, er, der Mann, der einst die kirchlichen Zeremonien abschaffen wollte und der sich gern mit Wundertätern und Wahrsagern aus Westafrika umgab. Mit Monsengwo an der Spitze der Konferenz war also Wachsamkeit geboten. Wenn er, Mobutu, nicht entscheiden durfte, wer die Nationalkonferenz leitete, dann würde er eben über den anderen zentralen Posten des Übergangs bestimmen: den des Premierministers. Zwischen 1990 und 1997 hatte Zaire acht Premierminister gehabt, sieben davon von Mobutu persönlich in den Sattel gehoben. Die längste Amtszeit hatte drei Jahre betragen, die kürzeste drei Wochen. Der mit den drei Wochen, das war Mobutus Erzfeind Tshisekedi. Im Oktober 1991, nach den Plünderungen, hatte Mobutu ihn zum Regierungschef ernannt. Hatten die Unruhen den Führer zu der Einsicht gebracht, dass er Tshisekedi nicht länger ignorieren konnte? Oder war es eine hinterlistige Taktik, um ihn bei seinen Anhängern in Misskredit zu bringen? Die &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; debattierten das Thema tagelang, doch drei Wochen später war es mit dem Amt des Premiers schon wieder vorbei. Mobutu ernannte gleich danach Mungul-Diaka, einen anderen alten Feind, zum Premierminister. Der hielt es einen Monat lang aus. Dann durfte Nguza es noch einmal versuchen, auch ein Dissident aus der fernen Vergangenheit. &#039;&#039;Le vagabondage politique,&#039;&#039; der hemmungslose Opportunismus, war wieder an der Tagesordnung, ansonsten geschah unterdessen nichts. Im Januar 1992 ordnete Mobutu das Ende der Nationalen Souveränen Konferenz an. Das Spiel habe nun lange genug gedauert, befand er; zu seiner Erleichterung war nichts dabei herausgekommen. Diese Klippe hatte er umschifft, er hielt die Zügel wieder fest in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Teilnehmer bekamen Geld für die Heimreise«, erzählte Régine, »aber so konnten wir nicht nach Hause kommen. Die Menschen in meiner Provinz wollten ein Ergebnis sehen. Es musste Wahlen geben. Die Ausbezahlung des Geldes wurde ausgesetzt, aber wir sind trotzdem in Kinshasa geblieben, dank der Unterstützung der Bevölkerung.« Die Menschen gaben die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse nicht auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann kam der 16. Februar 1992, ein Tag, der in der Geschichte des Kongo genauso wichtig wurde wie der 4. Januar 1959, als die Unruhen in Léopoldville ausbrachen. Auch hier war der unmittelbare Anlass eine nicht genehmigte Demonstration, auch hier kam es zu breiten Protesten in Kinshasa, auch hier endete es in einem Blutbad. Die Christen wollten gegen die Schließung der Konferenz protestieren, doch die Behörden ließen den Protest nicht zu. Der charismatische Abbé José Mpundu, ein Priester, der dem Volk näherstand als der kirchlichen Hierarchie, war einer der Organisatoren. Ich unterhielt mich mit ihm in seinem einfachen Haus im Schatten des alten Fußballstadions. Er trug – was man selten sieht bei kongolesischen Männern – eine kurze Hose, und – was noch seltener vorkommt – er duzte mich sofort. »Die Bischöfe hatten schon gefordert, dass die Konferenz wieder eröffnet werden sollte. Die Priester hatten das Thema in der Sonntagsmesse angesprochen. Einige Laien sagten: Gut, dann lasst uns eine Aktion starten. Ich war mit ihrer Initiative einverstanden und besuchte ihre vorbereitenden Versammlungen, ich sprach dort über Gewaltlosigkeit. Ich war in der Bischofskonferenz Sekretär der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, weißt du. Aber Kardinal Etsou, der neue Erzbischof, gab keine Erlaubnis für den Marsch, und Monseigneur Monsengwo war der Ansicht, Bischöfe sollten reden und nicht handeln . . . Nun ja, wir legten die Routen fest und beschlossen, dass auf den Transparenten stehen sollte: ›Bedingungslose Wiedereröffnung der Nationalen Souveränen Konferenz‹. Später wurde ich deshalb aus der Bischofskonferenz entlassen . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Februar, nach der Neun-Uhr-Messe, begann die Demonstration. In den mehr als hundert Pfarrgemeinden von Kinshasa verließen die Menschen ihre Kirchen und strömten auf den maroden Boulevards und Avenuen der Hauptstadt zusammen. Es waren einfache Gläubige, keine kampferprobten Dissidenten, keine Vollblutpolitiker, sondern Schüler, Studenten, junge Eltern, Arme, Menschen, die sich vom niederen Klerus mit Vertretern wie dem nonkonformistischen Abbé José unterstützt wussten. Sie schwenkten grüne Zweige und sangen Lieder. Auch die Protestanten, die Kimbanguisten und die Muslime nahmen teil. In Matadi, Kikwit, Idiofa, Kananga, Mbuji-Mayi, Kisangani, Goma und Bukavu fanden solche Märsche statt. Mehr als eine Million Menschen gingen auf die Straße; es war die größte Massenversammlung in der Geschichte des Landes. Man sprach vom »Marsch der Hoffnung«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war auf der Route von Limete nach Pont Kasavubu«, erzählte Abbé José, »aber auf der Höhe von Saint-Raphaël stießen wir auf ein Bataillon bis an die Zähne bewaffneter Soldaten. Ich lief in der ersten Reihe. Wir hatten abgesprochen: Sobald etwas vorfällt, setzen wir uns alle auf den Boden. Die Soldaten hielten uns auf, und wir setzten uns hin. Neben mir saß eine alte Frau und schaute ungläubig auf die jungen Soldaten, die höchstens sechzehn, siebzehn waren. Einer von ihnen sah ihr direkt in die Augen, und sie sagte: ›&#039;&#039;Mwana na nga, est-ce que omelaki mabele ya mama te?‹&#039;&#039; ›Mein Sohn, hast du denn nie von der Mutterbrust getrunken?‹ Der Junge wusste nicht, wohin er den Blick richten sollte. Das ist die Kraft der Gewaltlosigkeit, der Wahrheit.« Der Kongo glich kurz dem Indien von Mahatma Gandhi. »Dann trieben sie uns mit Tränengas auseinander. Wir rannten weg, aber wir formierten uns neu. Wir gingen weiter und sangen wieder. Bei Kingabwa stießen wir auf Leibwächter, ich denke, die von Premier Nguza. Sie bedrohten uns mit dem Tod. ›Nicht singen, laufen!‹, brüllten sie. Aber ich sagte: ›Wenn wir laufen, schießen sie auf uns.‹ Ein stämmiger Kerl mit einem Revolver packte mich, aber die anderen hielten mich fest. Die Knöpfe meiner Soutane sprangen ab. Meine Kette zerriss. Ein Gemeindemitglied hob sie auf. Auch weiße Priester wurden so behandelt.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marsch der Hoffnung endete in einem Blutbad. An diesem Tag kamen mindestens fünfunddreißig Bürger ums Leben.12 Die Ordnungskräfte schossen ohne Ansehen der Person, sogar aus sehr kurzer Entfernung, sogar auf Kinder. Sie benutzten nicht nur Tränengas, um die Menschenmenge auseinanderzutreiben, sondern auch eine äußerst leicht entzündliche Substanz, die selten in einem zivilen Kontext verwendet wird: Napalm. Bei einem meiner vielen Gespräche mit Zizi an einem Terrassentisch der Kantine des Staatsrundfunks sagte er: »Nach diesem Marsch hatte Mobutu mächtig Angst, exkommuniziert zu werden. Die Nationale Souveräne Konferenz durfte wieder eröffnet werden, und er zog sich in Gbadolite noch mehr zurück. Die Konferenz wurde viel selbstbewusster. Die Angst war weg. ›Hast du wirklich geglaubt, du könntest uns alle abschlachten?‹, wurde laut gesagt. Meine Frau hat bei dem Marsch Leichen gesehen. Ich habe mir Brandwunden zugezogen.« Er zog die Beine unterm Tisch hervor und krempelte die Hosenbeine hoch. Ich kannte ihn nun schon seit einigen Jahren, aber das hatte er mir noch nie erzählt oder gezeigt. An seinen Schienbeinen sah ich große rosa Flecken. Wir schwiegen beide lange. »Napalm«, sagte er schließlich.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konferenz wurde im April 1992 wieder eröffnet und erzielte diesmal große Fortschritte. Sie wurde tatsächlich souverän: Ihre Beschlüsse waren nicht mehr unverbindliche Empfehlungen, sondern Ausdruck des Volkswillens mit Gesetzeskraft. Mit der Konferenz als höchstem Staatsorgan trat die Demokratisierung in eine entscheidende Beschleunigungsphase ein. Nach den Plenarsitzungen zogen sich die Delegierten in dreiundzwanzig Ausschüsse und hundert Unterausschüsse zurück, verstreut über die ganze Stadt. In vielen dieser Ausschüsse wurde brillante Arbeit geleistet. Man erstellte eine Liste aller vorhandenen Probleme und ersann sinnvolle Alternativen. Régine Mutijima saß in dem Ausschuss »Frau, Kind und Familie«. »Ich war auch die Protokollantin. Tag und Nacht haben wir damals gearbeitet. Danach wurden alle Protokolle in der Vollversammlung vorgelesen, damit sie vervollständigt und bestätigt werden konnten. Das Verhandeln über diese Kompromisse war eine ungeheure Schule der Demokratie. Das Mobutu-Lager diskutierte öffentlich mit der Opposition. Wir wollten die wahre Geschichte des Landes ausgraben und den Schwachen eine Stimme geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz stimmte über eine vorläufige Verfassung ab, deren wichtigster Artikel vorsah, dass nicht der Präsident, sondern die Konferenz den Premierminister ernannte. Der Präsident durfte die Wahl allenfalls noch bestätigen. Das bedeutete einen so radikalen Bruch mit der Vergangenheit, dass auch die Symbole des Staates geändert werden mussten: Zaire sollte wieder Kongo heißen, die Flagge, der Wahlspruch und die Nationalhymne sollten wieder die von vor 1965 werden. Und dann geschah etwas Befremdliches: Monsengwo verließ die Konferenz und verhandelte auf eigene Faust mit Mobutu. Mit diesem Schritt verstieß er gegen alle Vereinbarungen und gegen die Souveränität der Konferenz.14 Mobutu gab dem Prälaten klipp und klar zu verstehen, dass das Land weiterhin Zaire heißen würde; eine Namensänderung sei für ihn völlig unannehmbar. Er ließ aber auch durchschimmern, dass er sich mit einer mehr zeremoniellen Bedeutung des Präsidentenamtes zufriedengeben würde. Régine sieht die Sache noch immer mit gemischten Gefühlen: »Ich fand es skandalös, dass Monsengwo nach Gbadolite fuhr, aber ich denke, er wollte verhindern, dass es noch mehr Tote gab.« Die Männer der DSP, Mobutus Privatarmee, waren noch immer gut bewaffnet; es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. »Monsengwo war der Mann der langsamen Änderung. Er wollte keine Gewinner oder Verlierer, weil er befürchtete, dass die Letzteren sich rächen würden. Tshisekedi dagegen wollte einen schnellen Triumph, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem schweren Konflikt führen könnte. Monsengwo entschied sich für die weiche Landung. Er versuchte, in einer komplizierten Situation taktisch vorzugehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire blieb Zaire, aber der Premierminister wurde zum ersten Mal nach dreißig Jahren gewählt. Am 15. August 1992 ernannte die Nationale Souveräne Konferenz Tshisekedi mit 71 Prozent der Stimmen zum Premierminister der Übergangsregierung; sein Gegenkandidat Thomas Kanza kam nur auf 27 Prozent. Die Wahl war nicht ohne Reibereien abgelaufen, die Büros der UDPS waren einige Tage zuvor noch zerstört worden, aber Étienne Tshisekedi, der Mann, der zehn Jahre zuvor den außerordentlich mutigen offenen Brief an Mobutu geschrieben hatte, wurde nun der erste demokratisch gewählte Premierminister seit Tschombé 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach ging es schnell. Es gab eine Übergangsregierung und ein Übergangsparlament: 453 der 2800 Delegierten bildeten nach der Konferenz den »Hohen Rat der Republik«. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, die sich in vielen Punkten an die föderative Verfassung von Luluabourg von 1964 anlehnte, die einzige durch Volksabstimmung beschlossene Verfassung, die es im Kongo jemals gegeben hatte. Und es wurden Termine für die Wahlen festgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der demokratische Wandel schien nicht mehr aufzuhalten. Und doch geschah es. Tshisekedis taufrische Regierung zeichnete sich nicht gerade durch Weitblick und Strategie aus.15 Er unternahm keinerlei Versuche, die Geheimdienste und die Armee, die wesentlichen Elemente des Staatsapparats, unter seine Kontrolle zu bringen. Die Minister vergeudeten ihre Zeit mit Besuchern und Hilfeleistungen für einzelne Bittsteller. Dass Regierungsarbeit mehr umfasst als stundenlang in einem Büro in Ledersesseln zu sitzen und zu palavern, konnten diese Leute, die noch weniger demokratische Bildung genossen hatten als die Politiker der Ersten Republik, nicht wissen. Tshisekedi selbst schien an der Krankheit Lumumbas zu leiden: charismatisch, solange er sich in der Opposition befand, launenhaft und unberechenbar, sobald er an der Macht war. Premierminister zu werden schien ihm wichtiger zu sein als den Kongo dann auch tatsächlich zu regieren.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz ging dem Ende zu, aber die Protokolle der beiden heikelsten Ausschüsse mussten noch verlesen werden: die des Ausschusses zu »unrechtmäßig erlangten Gütern« (gemeint war: Diebstahl) und die des Ausschusses zu den politischen Morden. »Monsengwo wollte diese Sitzungen hinter geschlossenen Türen stattfinden lassen«, erzählte Régine, »Mobutu schickte Panzer zum Parlament und ließ die Fernsehübertragungen von der Konferenz stoppen.« Der vernichtende Bericht über die Korruption der Regierung wurde nur teilweise vorgelesen, der noch viel schlimmere über die Verletzungen der Menschenrechte gar nicht. Zwar waren mehrere hundert Exemplare im Umlauf, doch die zeigten keine Wirkung. »Ich saß mit zwei anderen Frauen in der Delegation von Süd-Kivu. Sie konnten weder lesen noch schreiben«, sagte Régine. In einem Land, in dem mehr als zwei Generationen keinen soliden Schulunterricht gehabt hatten und wo das gesprochene Wort mehr galt als das gedruckte, waren diese Momente von Öffentlichkeit mehr als nur symbolisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang Dezember 1992 schloss die Nationale Souveräne Konferenz ihre Türen, nicht nach drei, sondern nach siebzehn Monaten. Die Bilanz war zwiespältig. Zum ersten Mal war Mobutu mit einem Ministerpräsidenten konfrontiert, den er nicht selbst ausgesucht hatte. Der historische Rückblick war von großer Bedeutung gewesen, doch die entscheidenden Berichte waren nicht verlesen worden, und die gesetzgeberische Arbeit war noch nicht vollendet. Die demokratische Opposition hatte längst nicht immer politische Reife gezeigt. Und ob nun die lang ersehnten Wahlen stattfinden würden, blieb dahingestellt.17 Régine brachte das Ergebnis auf den Punkt: »Wir wollten die Diktatur entwurzeln, ja, aber man kann einen Baobab nicht einfach fällen, denn dann stürzt er auf einen. Man muss eine Wurzel nach der anderen durchhacken und ihn dann gemeinsam aus einiger Entfernung umreißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Gewicht des umstürzenden Baobab wurde das Volk zermalmt. Die Übergangsphase zur Dritten Republik war für viele Menschen in Zaire eine wahre Heimsuchung. Zaire erlebte in den Jahren 1975-1989 eine durchschnittliche jährliche Inflation von 64 Prozent; in den Jahren 1990-1995 stieg die Inflationsrate auf durchschnittlich 3616 Prozent pro Jahr.18 1994 erreichte sie sogar einen Gipfel von 9769 Prozent.19 Im Jahr 1981 kostete ein Rollstuhl 750 Zaïre, im Jahr 1991 zweieinhalb Millionen Zaïre.20 Rechenmaschinen hatten nicht genug Nullen, wenn Rechnungen geschrieben werden mussten. Schon für eine einfache Hotelübernachtung rechnete man mit Hochzahlen.21 Gehälter waren wertlos. Kaufkraft wurde zur Farce. Die Älteren sagten: »In der Zeit der Belgier haben wir dreimal am Tag gegessen, während der Ersten Republik zweimal am Tag, während der Zweiten Republik nur noch einmal. Wo soll das enden?«22 Kinder verhungerten. Schreiner zimmerten keine Möbel mehr, sondern Särge, oft für Kinder. In den Städten betrug die Kindersterblichkeit ca. 10 Prozent, auf dem Land ca. 16 Prozent.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele hofften auf ein Wunder. Im Zaire der neunziger Jahre wurden Glücksspiele ungemein populär. Lotterien, riskante Geldanlagen und Pyramidenspiele versprachen sofortigen Erfolg, aber machten in der Praxis viele Arme noch ärmer.24 Die Leute hoben ihr Geld von der Bank ab, setzten es ein, gewannen am Anfang ein wenig und verloren dann alles, was sie hatten. Man vertraute auf Wahrsagerei und Zauberei, um dem Glück nachzuhelfen, denn Geld und Mystik gingen Hand in Hand. Sogar Mobutu umgab sich gern mit mächtigen &#039;&#039;marabouts&#039;&#039; (Heilern) und allerlei &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;. Als er zwei Söhne durch Aids verlor, machte er okkulte Kräfte dafür verantwortlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf diese mystische Erweckung erwachte eine neue Art Christentum, nicht klassisch katholisch, protestantisch oder kimbanguistisch, sondern evangelikal und messianisch. Man sprach von den »Églises du Réveil« oder »Pfingstkirchen«. Die Initiatoren waren sehr oft ausländische Missionare, hauptsächlich aus den USA.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der auffälligste &#039;&#039;reborn Christian&#039;&#039; in Zaire war Dominique Sakombi Inongo, der Mann, der sich jahrelang um die Propaganda für Mobutu gekümmert hatte. Der Erfinder der &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;, des Mobutismus und der politischen Animation erklärte sich nun zum Sprachrohr Gottes. Nach einem Unfall auf der Autobahn bei Brüssel (als nächtlicher Geisterfahrer hatte er den Tod einer Belgierin verursacht) hatte er mystische Erlebnisse. In einem Traum sprach der Allerhöchste zu ihm: »Dominique, mein Sohn, ich schenke dir das Leben und den Tod, aber ich rate dir, dich für das Leben zu entscheiden! Denn ich werde dich erretten und dich benutzen.« Das bedurfte weiterer Erklärung: »Lange Zeit hast du mein Volk tanzen lassen für einen Mann, aber fortan wirst du das Volk nur für mich und für mich allein mobilisieren, auf dass es mich lobpreise und endlich befreit werde.« Sakombi entschloss sich zu einem radikalen Bruch mit dem Mobutu-Regime und empfahl Mobutu persönlich, das Gleiche zu tun (»Sie müssen mit Tshisekedi kooperieren. Sie müssen sich absolut bekehren. (. . .) Ich rufe Sie auf, als Bruder, endgültig mit den &#039;&#039;marabouts&#039;&#039;, den Hexen, den &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;, den Magiern und so weiter zu brechen. Sie sind Lügner. (. . .) &#039;&#039;Citoyen Président&#039;&#039;, trotzen Sie der Aufforderung des Herrn nicht. Er ist auch für Sie am Kreuz gestorben«).25 Die äußeren Symbole der Zweiten Republik waren für ihn voll und ganz verhext. Die Hymne, die Fahne und das Wappen waren satanischen Ursprungs. Sakombi erzählte seinen Zuhörern bei stundenlangen Gebetssitzungen, er habe das Urbild des Staatswappens mit eigenen Augen in einer Höhle gesehen, in die Wand gemeißelt, Dutzende Meter unter der Erde, und zwar in Ägypten, bei einer der Pyramiden von Kairo, am Rand eines unterirdischen Flusses, und Alte hätten dort Zaubersprüche gesungen . . . Auch die Währung des Landes sei verhext: »Man braucht sich nur die kabbalistischen Symbole darauf anzusehen, um es zu glauben; alle haben mit Magie zu tun. Mit solchen Banknoten kann man niemals die Entwicklungen eines Landes finanzieren. (. . .) Sie erinnern sich sicher daran, dass die jüngere Serie Geldscheine zu Unruhen geführt hat und sogar dem Konflikt zwischen Mobutu und Tshisekedi zugrunde lag. Sie wissen jetzt, warum . . . weil sie des Teufels sind.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hatte es mit diesen Banknoten neuesten Datums tatsächlich eine etwas seltsame Bewandtnis. Sakombis phantastischer Diskurs war nicht völlig abgehoben, sondern gab einer vertrauten Kritik an den sozialen Umständen einen religiösen Touch. 1970 hatte die höchste Banknote einen Wert von fünf Zaïre, 1984 waren es fünfhundert Zaïre. Das war an sich schon ein Zeichen für eine dramatische Inflation. 1990 aber wurde eine Banknote im Wert von fünfzigtausend Zaïre eingeführt, und zwei Jahre später sogar eine von fünf Millionen Zaïre.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makroökonomie kann manchmal spielend einfach sein. Wenn der Wert der höchsten Stückelung so schnell ansteigt, bedeutet das entweder, dass ein Land furchtbar schnell reich wird, oder aber, dass die Währung furchtbar schnell an Wert verliert. Leider war Letzteres der Fall: Der Fünf-Millionen-Zaïre-Schein war nur zwei Dollar wert. Trotzdem war Mobutu darauf ebenso ungerührt abgebildet wie auf den vorigen Banknoten. Stolz trug er die weiße Marschall-Uniform, die Alfons Mertens für ihn geschneidert hatte und die auf diese Weise eines der am häufigsten abgebildeten Kleidungsstücke des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. In großem Maßstab Geld nachdrucken, war ja Mobutus bevorzugte Methode, an Devisen zu gelangen, zumal er jetzt nicht mehr auf seine internationalen Geldgeber zählen konnte. Er beauftragte die deutsche Firma Giesecke &amp;amp; Devrient, Gelddrucker für Auftraggeber von Hitler bis Mugabe, und ließ große Ladungen Banknoten mit Frachtmaschinen einfliegen. Allein im Jahr 1995 waren es 830 Millionen neue Geldscheine. Fast die Hälfte dieses Geldes musste er so schnell wie möglich gegen Dollar eintauschen, um die Rechnungen der Lieferfirma bezahlen zu können.28 Geld drucken, um den Gelddrucker zu bezahlen: Ökonomie kann auch tragikomisch sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Mobutu im Dezember 1992 die ungeheuerliche Banknote von fünf Millionen Zaïre in Umlauf brachte, erklärte Ministerpräsident Tshisekedi sie für gesetzwidrig. Er wollte der unreflektierten Geldpolitik Einhalt gebieten, doch das führte zu einem ersten ernsthaften Zusammenstoß mit dem Präsidenten. Auf den Straßen von Kinshasa bekam der Schein schon bald den Beinamen »Dona Beija«, nach einer bildhübschen, aber durchtriebenen Figur in einer brasilianischen, zu jener Zeit in Zaire sehr populären Soap.29 Mobutu benutzte das Geld, um seine Soldaten zu bezahlen. Wie immer zogen sie mit ihrem Sold zu einem Geldwechsler, denn der Lohn, den sie am Freitagabend erhielten, konnte am Montagmorgen schon ein Drittel an Wert verloren haben. Im ganzen Land war das Phänomen der &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; aufgetaucht, Geldwechslerinnen (fast immer waren es Frauen), die am Straßenrand unter einem Sonnenschirm an einem Tischchen mit Stapeln von Geldscheinen saßen. In Zaire war sogar der Schwarzmarkt farbenfroh. In Kinshasa fand man sie auf der Straße hinter der belgischen Botschaft, die schon bald Wall Street genannt wurde, aber auch mitten im Stadtteil Matonge gab es Gassen mit einer inoffiziellen Wechselstube neben der anderen. Der Beamte, Polizist oder Soldat zog am Zahltag mit seinem Plastikbeutel voller Bündel frisch gedruckter Geldscheine zur Wechslerin und tauschte sie in Dollar ein. Die Wechslerin verkaufte die Scheine später weiter, oft an Behörden, die sie benötigten, um die Gehälter zu zahlen. Zaire wurde auf diese Weise allmählich »dollarisiert«.30 Bis heute gilt der Dollar als primäres Zahlungsmittel für alle größeren Ausgaben, nur kleinere Einkäufe werden noch mit der Landeswährung bestritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber mit der Banknote von fünf Millionen funktionierte das System nicht mehr. Nachdem Tshisekedi sie für gesetzwidrig erklärt hatte, weigerten sich die &#039;&#039;cambistes&#039;&#039;, sie zu wechseln. Die Soldaten, die sich so um ihren Monatslohn betrogen sahen, nahmen nun die Besoldung selbst in die Hand. Vom 28. bis 30. Januar 1993 verlegten sie sich wieder aufs Plündern. Die Folgen waren entsetzlich. In Kinshasa spricht man noch heute von der Ersten und der Zweiten Plünderung, der von 1991 und der von 1993, denn das waren historische Ereignisse, die sich tief ins Gedächtnis des Landes einprägten. Die Zweite Plünderung war die weitaus gewalttätigste. Diesmal war es die DSP selbst, Mobutus Elitetruppe, die meuterte und sich an öffentlichem und privatem Besitz schadlos hielt. Vor den Augen der Ladenbesitzer schlugen sie die Schaufenster ein und rissen die Lampen von der Decke. Weil das Warenangebot oft spärlich war, zerrten sie sogar Kupferleitungen aus der Wand und brachen Waschbecken heraus. Zaire war nun das Land der letzten Dinge geworden, ein gesetzloses, straffreies, hoffnungs­loses Land, Banditentum und Raubgier ausgeliefert. Etwa tausend Menschen fanden bei der Zweiten Plünderung den Tod, darunter der französische Botschafter und sein Mitarbeiter. Wieder wurden französische und belgische Fallschirmjäger eingesetzt. Als alles vorbei war, sah die Stadt aus wie nach einer Heuschreckenplage. Die Straßen waren übersät mit Papieren, Ordnern, Trümmerstücken und Schuhen. Aus den Fenstern mit den zerbrochenen Scheiben bauschten sich die Vorhänge. Auch einfache Leute versuchten, ein bisschen abzubekommen, denn in einem Land, das bankrott war, bekam noch das Geringste wieder einen Wert. Altpapier zum Beispiel wurde ein kostbares Gut. Das Archiv des Zoos von Kinshasa, eines dürftigen Überbleibsels aus der Kolonialzeit, wo noch immer ein Krokodil aus dem Jahr 1938 in der Sonne vor sich hin döste (und noch heute dort liegt), wurde von Menschen gestürmt, die Einwickelpapier benötigten.31 Wer in den Wochen danach auf dem Markt von Kinshasa eine Handvoll Erdnüsse zum Abendessen kaufte, bekam sie in einer Tüte aus vergilbtem Papier mit Beschreibungen des wundersamen Lebens von Schimpanse und Okapi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass es so nicht weitergehen könne mit seinem Land. Ein paar Monate zuvor hatte er in Gbadolite die Hochzeit einer seiner Töchter gefeiert. Sie trug zu diesem Anlass Juwelen von Cartier und Boucheron im Wert von drei Millionen Dollar. Aber das war kein Problem. 2500 Gäste waren geladen. Es gab Kaviar und Hummer. Tausend Flaschen französische Spitzenweine wurden geleert. Auch das war kein Problem. Ein Flugzeug war eigens nach Paris geschickt worden, um die Torte, ein vier Meter hohes Monstrum, bei Chef-Pâtissier Lenôtre abzuholen. Aber das alles war wirklich kein Problem. Das wahre Problem für Mobutu war Tshisekedi, der Mann, der eine Banknote mit seinem Konterfei abgelehnt und damit die Plünderungen entfesselt hatte. Nein, mit diesem Querkopf war nichts anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1993, nach einer zehntägigen Versammlung mit der Spitze des noch immer vitalen MPR, entschloss sich Mobutu, eine eigene Regierung mit eigenem Parlament, einer eigenen Verfassung und einem eigenen Premierminister einzusetzen. Faustin Birindwa, ein ehemaliger politischer Gegner, war das Opfer vom Dienst, und er würde für eine Währungsreform sorgen, bei der eine neue Währung, der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, drei Millionen alte Zaïre ersetzen sollte. Zaire hatte nun eine doppelte Regierung. Neben den Institutionen der Nationalen Souveränen Konferenz existierten die des noch viel souveräneren Präsidenten. Das gewaltige Werk, für das Menschen wie Régine Mutijima gekämpft hatten, fiel der Raffgier eines alten Dinosauriers zum Opfer. Die historische Ironie des Ganzen konnte niemandem entgehen: Mobutu hatte 1960 und 1965 geputscht, weil Kasavubu zweimal neben dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten einen eigenen Premier ernannt hatte (Ileo versus Lumumba 1960, Kimba versus Tschombé 1965), nun aber machte er, Mobutu, genau das Gleiche. Dieser unhaltbare Zustand sollte ein Jahr währen. Transnationale Organisationen erkannten den Ernst der Lage und befürchteten eine Eskalation wie nach der Unabhängigkeit. Die Organisation für Afrikanische Einheit und die UNO schickten Abgesandte nach Kinshasa, die auf einen Kompromiss hinwirken sollten. Der kam in Form eines riesigen Parlaments mit siebenhundert Mitgliedern, in dem die beiden parallelen Volksvertretungen, die der Nationalkonferenz und die der Diktatur, aufgingen. In diesem Gremium mit dem ziemlich technischen Namen HCR-PT (&#039;&#039;Haut Conseil de la République – Parlement de Transition&#039;&#039;) besaßen die Mobutu-Anhänger die Mehrheit. Zum Premier wurde im Juli 1994 erneut Kengo wa Dondo berufen, ein &#039;&#039;métis&#039;&#039; polnisch-kongolesischer Abstammung, der in den achtziger Jahren zwei relativ stabile Regierungen geleitet hatte, die die Strukturanpassungsprogramme des IWF umgesetzt hatten. Das machte ihn für die internationale Gemeinschaft akzeptabel, doch Bürger Zaires hatten schlimme Erinnerungen an jene Jahre der strikten Sparmaßnahmen. Anders als Tshisekedi konnte Kengo nie die Herzen gewinnen. Seine Aufgabe war es nun, das Land zu den Wahlen zu führen, die um das Jahr 1995 stattfinden sollten; 1995 wurde jedoch als neuer Zeitpunkt 1997 angesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schien mit diesem Arrangement (ein Parlament, das ihm gehorchte, ein Premierminister, der nicht gegen ihn arbeitete, Wahlen, die noch in weiter Ferne lagen) seine Schäfchen wieder im Trockenen zu haben. Doch der Schein trog, denn Zaire, das Land, das er vereint und groß gemacht hatte, zerfiel nach und nach. In Kasai weigerte sich die Bevölkerung, die neue Währung, den &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, zu benutzen: In dieser separaten Währungszone lauerte die Gefahr einer neuen Sezession.32 In Katanga war die ethnisch motivierte Gewalt zwischen den ursprünglichen Bewohnern und den Luba-Migranten aus Kasai wieder mit aller Heftigkeit aufgeflammt, angefacht durch den offenen Rassismus von Provinzgouverneur Kyungu wa Kumwanza, der von einem unabhängigen Katanga träumte und einstweilen schon Zehntausende Migranten vertrieb. Doch die schlimmsten Gewaltausbrüche ereigneten sich in Nord-Kivu. Dort wurden Ruandischsprachige, die sogenannten Banyarwanda, zunehmend als unerwünschte Migranten angesehen, die den Reichtum, den Grund und Boden und die Macht an sich rissen. Die meisten von ihnen hatten sich zwischen 1959 und 1962 im Kongo angesiedelt, nach Unruhen in ihrem eigenen Land. Solange Bisengimana, der Vater des jungen Mannes, mit dem ich über den Kivusee gefahren bin, Mobutus Kabinettschef war, wurden die Ruandischsprachigen (hauptsächlich Tutsi) als vollwertige Zairer angesehen und erhielten relativ leicht die zairische Staatsbürgerschaft. Aber ein neues Gesetz von 1981 verschärfte gezielt die Kriterien für die Staatsbürgerschaft Zaires, und ab 1990 wollte man sich der eingewanderten Tutsi entledigen. Die Banyarwanda waren für den Kivu das, was die Baluba für Katanga waren: unerwünschte Elemente, Eindringlinge, Außenseiter, Profiteure, Ausländer, Menschen, die nicht dazugehörten. &#039;&#039;Rwandais&#039;&#039; wurde ein Schimpfwort. Kinder sangen: »Alle Ruander ab nach Haus, wir wollen sie hier nicht mehr.«33 Die Ressentiments zwischen Zairern und »Ruandern« nahmen so stark zu, dass sich nationalistische Volksmilizen bildeten, die Mai-Mai. Diese spontan entstandenen paramilitärischen Gruppen wollten den Kampf gegen alle fremden Einflüsse aufnehmen. Bei ihren bizarren Ritualen orientierten sie sich an den Simbas von 1964, aber diesmal waren die Feinde nicht Mobutu und seine westlichen Verbündeten, sondern die »Migranten« aus dem Osten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»&#039;&#039;J&#039;&#039;e suis zaïrois!«,&#039;&#039; sagte einer ihrer Veteranen im Dezember 2008 voller Stolz zu mir, elf Jahre, nachdem sein Land wieder den Namen Kongo angenommen hatte. »Am Anfang verstanden wir uns gut mit den Banyarwanda, aber dann wollten sie die Tembo, die Bahunde und die Nyanga beseitigen. Ich bin Bahunde. Die Banyarwanda schlossen die Bahunde in ihren Häusern ein und steckten sie in Brand.« Bei dem Konflikt ging es im Wesentlichen um Boden. Ruanda und der Kivu sind die am dichtesten bevölkerten agrarischen Gebiete Afrikas. »1993 fing es an. Wir wurden Mai-Mai. Man musste dafür zur Bantu-Rasse gehören, ein leidenschaftlicher Patriot sein und mit unserem Spezialwasser getauft werden. Man bekam eine rituelle Narbe, traditionelle Getränke und heilkräftige Pflanzen. Stehlen und Vergewaltigen war verboten. Damals gab es noch keine Vergewaltigungen. Wir bastelten an den Gewehren herum, mit denen wir sonst auf die Vogeljagd gingen. Wir hatten keine andere Wahl. Die Banyarwanda waren Ausländer und wollten Nord-Kivu an Ruanda angliedern.« Überbevölkerung, Armut und die Abwesenheit des Staates ergaben eine tödliche Mixtur. 1993 führten die Spannungen in Nord-Kivu zu ethnischen Säuberungen, bei denen mindestens viertausend, möglicherweise sogar zwanzigtausend Menschen umkamen.34 »O, ich habe mindestens vierzig Kämpfe miterlebt.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Goma unterhielt ich mich darüber mit Pierrot Bushala, einem Mann, dem es noch immer ein Rätsel war, wie das damals geschehen konnte: »In den achtziger Jahren kannte keiner den ethnischen Hintergrund seiner Klassenkameraden; das fing erst in den neunziger Jahren an. Meine Klasse in der Oberschule war &#039;&#039;un mélange total&#039;&#039;. Ich hatte damals eine Tutsi-Freundin und wusste das nicht mal. Aber als wir in den neunziger Jahren heiraten wollten, waren ihre Eltern dagegen. Ich bin mir sicher, dass sie mich zehn Jahre vorher akzeptiert hätten.« Seinen Liebeskummer konnte er mir mit historischen Fakten erklären: »Schauen Sie, als Belgien 1918 die Mandatsgebiete dazubekam, wurde die Grenze zwischen Kongo und Ruanda osmotisch. Die Belgier haben Tausende von ruandischen Hutu zu den Minen exportiert, und die Tutsi haben sich spontan über die Grenze ausgebreitet. Unter Mobutu hatten diese Tutsi zairische Pässe, aber in den neunziger Jahren nahm der Tribalismus zu. Plötzlich waren sie angeblich keine loyalen Landsleute mehr, denn sie würden ja den Kampf ihrer Brüder in Ruanda unterstützen. ›Wenn du ein Tutsi bist, dann bist du ein Ruander‹, sagten die Zairer. Da ist es schiefgelaufen. Ich habe dann schließlich eine Lega-Frau geheiratet, sie kam aus einem einheimischen Stamm in Süd-Kivu.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Süd-Kivu wurden die zairischen Tutsi zunehmend als »Banyamulenge« bezeichnet, Leute von Mulenge, eine ethnische Zuschreibung von außen, die es früher nicht gegeben hatte. Immerhin lebten sie schon seit dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren Herden auf den kalten, nebligen Hochebenen westlich des Tanganjikasees, unter anderem in der Umgebung des Ortes Mulenge. Mit ihrer hochgewachsenen Gestalt, den fein geschnittenen Gesichtszügen und den Filzhüten bestätigten sie die Klischees vom Tutsi-Hirten, der mit dem Stab auf den Schultern hinter seinen Rindern her schlendert. Auch sie wurden zunehmend beschimpft und gehasst. Sie seien wie Fledermäuse, sagte mir einmal eine Kongolesin, weder Vogel noch Maus, Ruander oder Zairer, unheimlich und ungreifbar. Und noch dazu ein bisschen schmutzig! Ja, bestätigte jemand anders, sie verdienten viel Geld mit ihren Rindern, aber sie hätten keine Kultur, die Banyamulenge. Sie kauften die teuersten Kleider, doch ohne jeden Geschmack. Ihre Männer trügen Frauenkleider. Und ihre Frauen benutzten ein Klosettbecken als Maniokmörser. Haha! Und dann dieses ständige Grinsen! Kam das durch ihre vorstehenden Zähne? Oder einfach von der Kälte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte versucht, tribale Reflexe zurückzudrängen und das Nationalbewusstsein zu stärken, doch in Zeiten des Mangels keimten feindselige Gefühle auf. Die Tutsi im Kivu (sowohl die Banyarwanda in Nord-Kivu wie die Banyamulenge in Süd-Kivu) bekamen das am stärksten zu spüren. Erst aufgrund der rassistischen Anfeindungen verhielten sie sich immer mehr wie eine Gruppe. Beschimpft als »Banyamulenge«, begannen sie sich tatsächlich als Banyamulenge zu fühlen. Sie sahen ihre Geschichte, erinnerten sich daran, dass sie tatsächlich anders als andere waren, dass ihre Wurzeln in Ruanda lagen und dass sie eigentlich, tja, wenn das Thema nun schon angesprochen wird, nie willkommen waren in Zaire. Gruppen schließen sich zusammen, sobald sie bedroht werden. Ethnische Identifikation wurde wichtiger als nationale Identifikation.37 Sogar der Vater der Nation hatte sich in seine Heimatgegend zurückgezogen und ließ sich von Männern seines Volkes beschützen. Mobutu, der Unitarist, wurde selber ein Tribalist. Zaire wurde wieder zu einem Flickenteppich von Stämmen. Armut führte zu Aggression, Hunger zu Gräueln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Geld, keine ausländische Hilfe, keine funktionierende Armee: Zaire war durch und durch morsch, und so hätte es 1994 nicht viel bedurft, um die Diktatur in die Knie zu zwingen. Aber dann vollzog sich in Zaires kleinstem Nachbarland eine humanitäre Katastrophe, welche die gesamte Region so sehr destabilisierte, dass Mobutu von der internationalen Gemeinschaft plötzlich wieder als ein Garant der Stabilität, als alter, zuverlässiger Vertrauter, als Fels in der Brandung des turbulenten Zentralafrika anerkannt wurde. Diese Katastrophe war der Völkermord in Ruanda, ein Ereignis außerhalb der Landesgrenzen, das wie kein anderes die Geschichte Zaires beeinflussen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie das Schwesterland Burundi war Ruanda 1962 von Belgien unabhängig geworden. Bei den ersten demokratischen Wahlen verloren die Tutsi, eine Minderheit von Viehzüchtern, die über Jahrhunderte die Macht innegehabt hatten, ihre herrschende Position an die viel zahlreicheren Hutu, die seit jeher Bauern waren. Zwischen den beiden Gruppen hatte es zwar ganz reale soziale und wirtschaftliche Unterschiede gegeben, doch erst die belgische Kolonialregierung hatte diese Unterschiede verschärft und verabsolutiert. Man war entweder Hutu oder Tutsi. Nach der Unabhängigkeit zeigte sich die neue Hutu-Regierung gegenüber ihren früheren Herren als äußerst unversöhnlich. Viele Tutsi flohen mit ihren Rindern nach Burundi, in den Kongo oder nach Uganda. Dort, jenseits der Grenze des Heimatlandes, blickten sie auf ihre Hügel in der Ferne, fest entschlossen, früher oder später zurückzukehren und die Macht wiederzugewinnen. Im Süden Ugandas organisierten sie sich militärisch in der RPF, der Ruandischen Patriotischen Front, und kämpften an der Seite des Rebellenführers Yoweri Museveni, um Milton Obote zu vertreiben. Museveni wurde Präsident von Uganda, und die RPF lernte, wie man ein Land eroberte; diese militärische Erfahrung sollte noch sehr nützlich sein. Sein militärischer Anführer wurde Paul Kagame, der heutige Präsident Ruandas. Ab 1990 überschritt die RPF die Grenze zu Ruanda und begann einen Bürgerkrieg mit der Hutu-Regierung. Zwischen 1990 und 1994 forderte dieser Krieg Schätzungen zufolge zwanzigtausend Tote, und eineinhalb Millionen Bürger begaben sich auf die Flucht. Diese Invasionen schufen so viel böses Blut bei der Hutu-Bevölkerung, dass der Hass gegen &#039;&#039;anything&#039;&#039; Tutsi noch zunahm, sogar gegen die Tutsi, die als brave Bürger weiterhin in Ruanda lebten. »Kakerlaken« nannte man sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als am 6. April 1994 das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Habyarimana abgeschossen wurde, brach die Hölle los. Die Hutu behaupteten, dass Kagames RPF dahintersteckte, und begannen Tutsi-Bürger in großem Maßstab zu ermorden. Es war kein Kampf von Soldaten mit Feuerwaffen, sondern von Zivilisten mit Macheten. Die Hutu-Regierung hatte in der Zeit davor bereits Bürgermilizen trainiert und Buschmesser verteilt. Diese Milizen bestanden oft aus Jungs im Teenageralter, die zum Rassenhass aufgestachelt worden waren: die berüchtigten &#039;&#039;Interahamwe&#039;&#039;. Als der Genozid losbrach, begannen sie zu morden und wurden dabei ermutigt durch den Hass-Sender Radio Mille Collines, der ständig wiederholte, dass die Gräber noch nicht voll seien und dass noch immer Kakerlaken herumliefen. Innerhalb von drei Monaten wurden achthunderttausend bis eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu abgeschlachtet. Unterdessen setzte Kagames RPF vom Norden aus den Vormarsch auf Kigali fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft sah weg. Zu Beginn des Völkermords hatte die ruandische Regierungsarmee zehn belgische Blauhelme ermordet, um die Soldaten der UNO zu vertreiben, sodass die ethnische Säuberung ungehindert vor sich gehen konnte. Reporter und Journalisten ausländischer Medien flohen vor der Gewalt und verließen das Land. Die Augen der Welt waren in diesen Wochen eher auf Südafrika gerichtet, wo Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Nur wenige wussten, was genau ablief, und Frankreichs Präsident Mitterrand war keine Ausnahme. Er betrachtete die Hutu als Opfer der Tutsi-Invasion und entsandte zu ihrem Beistand französische Truppen nach Ruanda. Dass die Regierung in Kigali französischsprachig war und dass die vorrückenden Tutsi-Rebellen in Uganda nun englisch sprachen, spielte auf der Ebene des Unbewussten auch eine Rolle für die französische Unterstützung der Hutu. Was Mitterrand nicht wusste, war, dass er damit die Akteure des Völkermordes beschützte. Die französischen Truppen intervenierten mit der Opération Turquoise: Im Südwesten des Landes richteten sie eine sichere Zone ein; dorthin konnten die Hutu vor dem vorrückenden RPF Kagames und vor den Repressalien, die sicherlich folgen würden, fliehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Völkermord hatte Ruanda »tutsifrei« werden sollen, nun aber eroberten die Tutsi von den Nachbarstaaten aus das Land. Die militärische Stärke des RPF war gewaltig unterschätzt worden. Die französischen Soldaten fingen Hunderttausende Hutu-Flüchtlinge auf und schafften sie über die Grenze. Hier ergriff nicht nur ein Volk die Flucht, sondern auch eine Regierung: Die Regierungsarmee, das Waffenarsenal, die Verwaltung und sogar die Staatskasse verließen das Land. Schätzungsweise 270.000 Menschen gingen nach Burundi und 570.000 nach Tansania, die meisten Flüchtlinge landeten jedoch in Ost-Zaire: etwa eineinhalb Millionen.38 Mobutu hatte seine Flugplätze für die französische Offensive zur Verfügung gestellt und sich damit einverstanden erklärt, die Flüchtlinge in seinem Land unterzubringen. Sie strandeten vor allem in Nord-Kivu, in der Stadt Goma und deren Umgebung (850.000 Menschen) und in geringerer Zahl in Süd-Kivu bei Bukavu (650.000 Menschen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Pierrot Bushala, dem Mann, der seine Tutsi-Freundin hatte aufgeben müssen, fuhr ich im Dezember 2008 nach Mugunga westlich von Goma, in das größte der ehemaligen Flüchtlingslager. Es wurde noch immer als Anlaufstelle benutzt, denn seit 1994 ist nie mehr Ruhe in den Kivu eingekehrt. Pierrot war mitverantwortlich für die hygienische Sanierung der Lager im Auftrag der UNHCR, des Flüchtlingskommissariats der UNO. »Können Sie sich das vorstellen? Das ganze Gebiet hier war voller Flüchtlinge, und es gab überhaupt nichts«, sagte er, während wir mit seinem Jeep durch eine schaurige Mondlandschaft fuhren, überwuchert mit grellgrüner Vegetation. Der Boden bestand aus schwarzer Lava, die von dem imposanten Vulkan Nyiragongo in der Nähe stammte. Hier lebten plötzlich 850.000 Menschen. Pierrot trug die Verantwortung für die sanitären Anlagen in einem der Lager. »Am Anfang erleichterten sich die Menschen eigentlich überall. Aber die UNHCR und das Rote Kreuz haben dann Zelte geliefert, und Kalk zum Ausstreuen. Erst später gab es Toiletten mit einem Loch in der Erde.« Als wir in Mugunga selbst waren, wurde mir klar, wie mühsam es gewesen sein musste, in diesem vulkanischen Felsgestein Toilettengruben auszuheben. Pierrot blickte auf die trostlose Landschaft aus erkalteter Lava mit den vielen Hütten und Zelten. »Wir kämpften gegen Fliegen, gegen Mücken, wir liefen mit Zerstäubern herum, wir hatten Teams, um die Toiletten zu leeren, wir haben den Müll abgeholt.« Aber es nützte nichts. In den Lagern brachen Cholera und Dysenterie aus. Mindestens vierzigtausend Menschen starben. Am Straßenrand stapelten sich Leichen. Der Gestank war nicht auszuhalten. Autofahrer konnten durch die Frontscheibe fast nichts sehen wegen der Fliegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Elend, das auf den Genozid folgte, machte Mobutu wieder international akzeptabel. Die Franzosen waren ihm dankbar für seine Kooperation und luden ihn kurz danach zu einem internationalen Gipfel in Biarritz ein. Die UNO erkannte seine Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen an. Als Epidemien die Lager heimsuchten, durften sich Dutzende NGO und internationale Hilfsorganisationen auf das Land stürzen. Der Ausbruch des äußerst ansteckenden Ebola-Fiebers in Kikwit ein Jahr später verlieh Mobutu eher die Aura eines Opfers als die eines Schurken. Da die Welt ihn nun wieder mit milderem Blick sah, durfte Premierminister Kengo wa Dondo die Wahlen getrost etwas verzögern und sabotieren. Es herrschte überhaupt keine Eile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eineinhalb Millionen Flüchtlinge auf dem eigenen Territorium aufzunehmen, das war natürlich ein gepfefferter Preis für eine Rehabilitation, noch dazu in einer ohnehin überbevölkerten Region, wo der Hass gegen Ruanda schon seit Jahren zunahm. So wie die Bevölkerung sich mit riskanten Glücksspielen aus der Misere zu retten versuchte, setzte Mobutu mit den Flüchtlingslagern alles auf eine Karte. Anfangs konnte er tatsächlich davon profitieren, letztlich aber führten sie zu seinem Untergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch an jenem Samstag im Jahr 1996 spielte Ruffin Luliba mit den &#039;&#039;locals&#039;&#039; Fußball. Es war ein sonniger Tag. Kinderstimmen, die um den Ball baten, das dumpfe Geräusch von Sportlatschen, die gegen den Ball traten, ein paar rufende Zuschauer, die Pfiffe des Schiedsrichters. Ruffin war inzwischen dreizehn. Nach der Grundschule in Bukavu war er ins Internat der Maristenpatres in Mugeri gegangen, um dort das Gymnasium zu besuchen und später Priester zu werden. Es war der Tag des Halbfinales, und unter den Zuschauern war Déogratias Bugera, ein Architekt aus Goma, der die Wochenenden gern in seiner Heimatgegend verbrachte. »Nach dem Spiel sagte Bugera, er wolle unser Team sponsern. Er schenkte uns Rohrzucker, Bonbons und Kekse. Wenn wir in der Woche darauf das Finale gewinnen würden, wollte er alles für uns bezahlen: die ganze Sportausrüstung, Trikots, sogar neue Fußballschuhe.« Ruffin traute seinen Ohren nicht: neue Fußballschuhe! »Eine Woche später kam er tatsächlich wieder. Wir wollten unbedingt gewinnen, und wir schlugen die gegnerische Mannschaft mit 2:0. Wir durften alle in seinem Daihatsu mitfahren, um unsere Fußballsachen abzuholen. So ein Pick-up mit Netzen. Wir waren dreizehn Jungs. Der älteste war 16, die anderen 14 oder 15. Auch mein Zimmernachbar Rodrick kam mit.« Aber aus dem Freudentaumel wurde schon bald Verwirrung. »Wir fuhren in Richtung Bukavu, aber dort hielten wir nicht an. Wir fuhren bis an die Grenze zu Ruanda. Bei der Brücke über den Ruzizi überquerten wir die Grenze. Es gab nicht mal Grenzformalitäten, keinen Zoll, keine Einreisekontrolle, nichts. Wir fuhren weiter bis zu einem kleinen Flugplatz. Wartet hier, sagte Déogratias und verschwand. Wir wussten nicht genau, wo wir waren, wir waren ja einfach nur Schüler. Es war halb sechs Uhr abends, und es wurde schon dunkel. Wir hatten Angst, dass der Rektor des Internats uns bestrafen würde, und wir fingen an zu weinen. Um sieben Uhr kam ein großer Lastwagen, und wir mussten einsteigen. Fünf Stunden dauerte die Fahrt. ›Was wird der Rektor sagen?‹, fragten wir uns. Das war unsere größte Sorge. Schließlich kamen wir im militärischen Ausbildungslager Gabiro an. Wir bekamen keine Fußballschuhe, sondern Gummistiefel, keine Lederstiefel wie bei uns. In dem Lager waren sehr viele Kinder, alle aus Goma und Uvira entführt. Auch Banyamulenge waren unter ihnen, aber die waren freiwillig da. Uns wurden sofort die Haare abgeschoren. Es war ein Uhr morgens, und wir mussten als eine Art Aufnahmeritual durch den Schlamm robben. Ihr müsst euch von Mobutu lossagen, schrien sie, ihr seid die zukünftigen Befreier eures Landes.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Bericht des jungen Ruffin ist von großer Bedeutung; er schildert nicht nur das Schicksal eines unfreiwilligen Kindersoldaten, damals ein relativ neues Phänomen, sondern er zeigt auch, wie Ruanda eine Invasion in Zaire vorbereitete. Die Tutsi-Regierung, die nach dem Völkermord in Kigali an die Macht kam, hatte große Angst vor den eineinhalb Millionen nach Zaire geflohenen Hutu. Entgegen den internationalen Vorschriften befanden sich diese nicht einige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt, sondern mehr oder weniger direkt daran. In diesen Lagern organisierte sich die vertriebene Hutu-Regierung neu. Sie hatten Geld und Waffen und waren fest entschlossen, Ruanda wieder zu beherrschen. So wie die Tutsi im Exil in Süd-Uganda von 1962 bis 1994 auf eine günstige Gelegenheit gewartet hatten, so würden die Hutu in Ost-Zaire nun auf ihre Chance warten. Die meisten Flüchtlinge, etwa 85 bis 90 Prozent, gehörten jedoch nicht zu der geflohenen Regierungsarmee, sie hatten am Völkermord nicht teilgenommen und waren auch kein Mitglied der Interahamwe gewesen.40 Es waren unschuldige Zivilisten, die einfach nur in ihr Land zurückwollten, aber Angst vor einem Vergeltungs-Genozid hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Flüchtlingslagern wurde eine Invasion vorbereitet. Die internationale Gemeinschaft erkannte das Problem, schien jedoch nicht besonders geneigt zu handeln. Die USA wollten nach dem Debakel von Somalia nicht schon wieder sehen, wie Leichen von GIs durch den Staub gezerrt wurden. Belgien war nicht gewillt, noch einmal zehn Fallschirmjäger zu verlieren. Und UN-Sekretär Boutros-Ghali gelang es nicht, eine internationale Streitmacht aufzustellen. Jedes internationale Vorgehen in Zaire würde unweigerlich als Unterstützung Mobutus gedeutet werden, und so weit wollte man nicht gehen. Paul Kagame entschloss sich daraufhin, selbst das Heft in die Hand zu nehmen: Seine Ruandische Patriotische Front, inzwischen umbenannt in Ruandische Patriotische Armee, die neue Regierungsarmee, sollte die Gefahr der Lager selbst neutralisieren. Er erhielt dabei Unterstützung von seinem alten Freund Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ein Einfall in die Lager bedeutete eine Invasion in ein souveränes Land, und das lief de facto auf einen Akt der Aggression gegen eine fremde Macht hinaus. Kagame suchte deshalb einen zairischen Deckmantel für seine ruandische Initiative und fand den bei den verbitterten zairischen Tutsi. Sie wurden schon seit Jahren von selbst ernannten »echten« Zairern gedemütigt und waren nun auch noch von eineinhalb Millionen ruandischen Hutu überrannt worden. Déogratias Bugera, der Fußballfan, der Ruffin und seine Mannschaftskameraden in seinem Daihatsu entführt hatte, war ein Tutsi aus Nord-Kivu und stand an der Spitze der ADP (&#039;&#039;Alliance Démocratique des Peuples&#039;&#039;). Dann war da noch Anselme Masasu Nindaga, ein Tutsi aus Süd-Kivu, der politischer Aktivist in Bukavu war und den MRLZ (&#039;&#039;Mouvement Révolutionnaire pour la Libération du Zaire&#039;&#039;) leitete. Aber es gab auch ältere Nationalisten wie André Kisase Ngandu, einen Tetela, die auf die lumumbistische Tradition zurückgriffen. Und es gab Laurent-Désiré Kabila, ebenfalls kein Tutsi, sondern ein Luba aus Katanga, den Mann, der schon seit 1964 das Gebiet zwischen Fizi und Baraka vor dem Zugriff Mobutus bewahrte. Er war der Rebellenführer, der seinerzeit auf Che Guevara einen solch miserablen Eindruck gemacht hatte. War die »Rebellion« von 1964 schon ein planloses Unterfangen gewesen, so war es im Jahr 1996 nicht viel anders. Kabila lebte so gut wie ständig in Tansania und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit Goldschmuggel, ein bisschen Waffenhandel und hin und wieder einer Entführung: kurzum mit dem diversifizierten Geschäft des afrikanischen Verbrechens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese vier Herren gründeten im Oktober 1996, auf Betreiben von Kagame, die AFDL, &#039;&#039;Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération&#039;&#039;. Kabila wurde ihr Wortführer, und als Ältestem der vier gestand man ihm als Anrede das ehrwürdige &#039;&#039;Mzee&#039;&#039; zu, Swahili für »alter weiser Mann«. Bugera war die Nummer zwei, Kisase der militärische Befehlshaber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin Luliba erlebte es live mit: »Während unserer Ausbildung wurden uns schon die späteren Gründer der AFDL vorgestellt. Bugera kannten wir bereits. Aber auch Kisase Ngandu, Masasu und Mzee kamen vorbei. Mzee schenkte uns sogar zwei Kühe, und wir konnten zum ersten Mal seit langer Zeit gut essen! Normalerweise aßen wir nur Bohnen mit Mais aus dem Henkelmann. Im Lager waren zwei Bataillone. Sechs Monate dauerte unsere Ausbildung. Drei Monate körperliches Training für das Schlachtfeld und für die Spionage. Zwei Monate ideologisches Training, das uns das Ziel des Krieges nahebringen sollte. Einen Monat konkrete Vorbereitung. Vor allem der erste Teil war schwer. Einige haben es nicht überlebt. Rodrick, mein Zimmernachbar aus dem Internat, starb an Diarrhö. Wir haben ihn in einer Decke begraben, Särge gab es nicht. Am Ende der Ausbildung bekamen wir unsere richtige Uniform, und wir wurden noch einmal zu den ›zukünftigen Befreiern‹ unseres Landes erklärt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war von Anfang an offenkundig, dass Ruanda nicht nur die Lager neutralisieren, sondern auch bis zur zweitausend Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt vorstoßen wollte. Kagame wollte Mobutu stürzen, weil der die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039; beherbergte und beschützte. Das winzige Ruanda würde Zaire, den Riesen von Zentralafrika, in die Knie zwingen, und die AFDL sollte die Sache als Aufstand von innen heraus erscheinen lassen. Für Kagame ging es um den dritten Regimewechsel in einem zentralafrikanischen Land: Nach Uganda und Ruanda war nun Zaire an der Reihe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befehligt wurde die Invasionstruppe von dem blutjungen, aber zielstrebigen ruandischen Offizier James Kabarebe, einem Vertrauten von Kagame. Er war erst siebenundzwanzig: ein junger Mann mit Babyface, doch mit großem Charisma und einem flexiblen Gewissen. Die Invasionsarmee war ohnehin schon bekannt für ihr niedriges Durchschnittsalter, da zum ersten Mal in großem Maßstab Kindersoldaten aus Zaire eingesetzt wurden, die sogenannten &#039;&#039;kadogo&#039;&#039;. Man erkannte sie an ihren viel zu weiten Uniformen und vor allem an den schwarzen Gummistiefeln, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Markenzeichen der ruandischen Truppen. Die Kalaschnikows schienen zu groß in ihren Händen, aber sie umklammerten das charakteristische gebogene Magazin mit einem Blick, der mehr Gewaltbereitschaft als Widerwille verriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin erinnerte sich an die erste Phase: »James Kabarebe sagte: Ich brauche zehn Kadogo aus Bukavu, zehn aus Uvira und zehn aus Goma. Ich meldete mich, und wir mussten uns als Straßenkinder tarnen und sollten spionieren. James sagte zu mir: ›Ich vertraue dir diese Mission an. Geh und sieh dir die FAZ [&#039;&#039;Forces Armées Zaïroises&#039;&#039;, Mobutus Regierungsarmee] an. Schau, was für Waffen sie haben. Finde raus, ob sie Verstärkung bekommen.‹ Er gab mir ein Motorola, damit ich mit ihm in Kontakt bleiben konnte. Ich ging in meinen Lumpen über die Grenze und zu ihrem Camp in Bukavu. Als ich dort ankam, hatten die Soldaten angefangen zu plündern. Einer von ihnen rief, ich solle ihm helfen, seine Beute zu tragen! Ich versteckte das Motorola. Es herrschte Chaos. Schüsse fielen. Dann ging ich zurück nach Ruanda und erzählte James, was ich gesehen hatte. Meine Familie in Bukavu habe ich damals nicht besucht. Wenn man in der Armee ist, vergisst man seine Familie. Die Armee war meine Familie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FAZ plünderten? Das hörte Kabarebe gern. Zaire war bis ins Innerste verfault, folgerte er. Und tatsächlich, als der Vizegouverneur von Süd-Kivu Anfang Oktober verlauten ließ, dass er demnächst zur ethnischen Säuberung der Banyamulenge schreiten würde, kam es zu einem Aufstand der Banyamulenge. Das war das Startsignal für die Feindseligkeiten. Ruanda griff an. Einige Tage später trat die AFDL als Rebellenbewegung in Aktion. Am 28. Oktober 1996 wurde Uvira eingenommen, zwei Tage später war Bukavu dran. Eines der ersten Opfer war Christophe Munzihirwa, der Erzbischof, der die ruandischen Manöver scharf kritisiert hatte. Ruffin und seine Kameraden kämpften in der vordersten Linie. »Bei uns waren Ruander, Ugander und sogar Eritreer. Wir rauchten Joints, die gut zwanzig Zentimeter groß waren, das gab uns den Mut, Patrioten zu sein.« Mobutus Soldaten ergriffen sofort die Flucht, aber der erbittertste Widerstand kam von den Mai-Mai, den Volksmilizen, die alles hassten, was aus Ruanda kam. »Mein erster Kampf war der gegen die Mai-Mai, die das Haus des RTNC verteidigten, des staatlichen Rundfunks. Ich hatte eine kurze Kalaschnikow. Daran musste ich mich gewöhnen. Weil ich Linkshänder bin, verbrannte ich mir immer die Haut, denn die Hülsen springen rechts raus, gegen den Bauch. Ein Mai-Mai rannte auf mich zu mit seinem roten Stirnband und seinem &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Er hatte keine Munition. Ich hab ihm eine Kugel in den Kopf geschossen. Ich war ganz verstört. Zum ersten Mal hatte ich jemand getötet, und ich fühlte mich schrecklich. Lasst mich zurückkehren in die dritte Abteilung, habe ich die Armeeführung angefleht, ich wollte nicht mehr in der ersten Abteilung kämpfen. Du musst, haben sie zu mir gesagt, und sie haben mir hundert Peitschenhiebe verpasst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Uvira und Bukavu fiel am 31. Oktober 1996 Goma. Innerhalb weniger Tage hatte die AFDL die drei wichtigsten Städte Ost-Zaires erobert, nicht zufällig die drei Städte, in denen sich die größten Flüchtlingslager befanden. Die AFDL wollte so schnell wie möglich nach Kinshasa, aber für die Ruander war es entscheidend, die Lager zu »neutralisieren«. Ruffin empfand diese Spannung sehr deutlich in der gemischten Invasionsarmee: »Wenn wir zu einem Flüchtlingslager kamen, machten die ruandischen Tutsi die Arbeit. Hundert, tausend Tote . . . Väter, Mütter, Frauen . . . Die Hutu sind Schlangen, sagten sie. Im Lager Kashusha bei Bukavu kam ich in ein Zelt, in dem sie gerade eine Großmutter und eine schwangere Frau umgebracht hatten. Nur das Kind lebte noch. Ein Knirps. Ich sollte ihn ermorden, aber das konnte ich nicht. Er streichelte mein Gewehr. Ich habe ihn freigelassen und mit ein paar flüchtenden Hutu weggeschickt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in Goma, wo sich die fünf größten Flüchtlingslager befanden, ging es erbarmungslos zu. Ruanda beschoss die erbärmlichen Lager mit Mörsergeschützen und Maschinengewehren, sodass sehr viele der dort untergebrachten Hutu in Panik zurück in ihr Heimatland flohen. Das führte zu unübersehbaren Menschenströmen. Innerhalb weniger Tage zogen fast vierhunderttausend Flüchtlinge ostwärts über die Grenze.41 In Ruanda wurde ein neues Verkehrsschild eingeführt: »&#039;&#039;Ralentir: refugiés«&#039;&#039; (»Langsam fahren: Flüchtlinge«).42 Aber sehr viele Hutu, und vor allem die am meisten militarisierten, zogen westwärts in den Wald. Als die UNO eine Interventionstruppe einsatzbereit hatte, um die Flüchtlinge zu beschützen, waren die Lager leer. Der Kampf zwischen ruandischen Hutu und Tutsi, die Fortsetzung des Völkermords, spielte sich von da an auf zairischem Boden ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin, mittlerweile vierzehn Jahre alt, lernte die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe kennen. Sein Bataillon zog südwärts, über Uvira am Tanganjikasee entlang nach Katanga. Bei Bendera, einem kleinen Ort in Nord-Katanga, erlebte er seine heftigsten Kämpfe. Die Einheit stand unter anhaltendem Geschützfeuer. »Ein Feuergefecht ist wie ein Schlagzeug. Granaten und Bazookas hören sich an wie das Geräusch der &#039;&#039;toms&#039;&#039; und des &#039;&#039;floor tom&#039;&#039;. Die Salven aus unseren Kalaschnikows sind wie Trommelwirbel auf der &#039;&#039;snare drum&#039;&#039;. Die Bassdrum entspricht einem 80-mm-Mörser. Und die Becken, das ist unser Kreischen, denn wir haben immer geschrien. Wir haben Geistergeräusche gemacht, um den Feind in den Wahnsinn zu treiben, manche mit tiefer und manche mit gellender Stimme. Wir haben ihre Namen gerufen und gesagt, dass wir sie finden würden.« Krieg, Wahnsinn, Hysterie. Fußball, aber ohne Ball. Nur das Kreischen. Und die Waffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nützte ihnen nichts. Ruffin und drei andere Soldaten wurden von ruandischen Hutu gefangen genommen. Er hatte Todesangst. »Die Hutu waren dafür bekannt, mit der Machete zu töten, wie beim Völkermord. Sie hackten einem die Arme ab oder schlugen einem den Schädel ein, sodass man das Gehirn sehen konnte. Das war typisch für sie.« Er war der jüngste der vier Gefangenen, und das war seine Rettung. Die anderen mussten nacheinander ihren Arm auf einen Holzklotz legen. »Die Hutu hatten neue Macheten, die glänzten wie Spiegel. Mein Freund sah weg, als sie die Machete erhoben. Er schrie laut auf. Ich sah seine Hand, seine Hand, die sich noch immer bewegte, die sich weiter bewegte, auch als sie auf dem Boden lag. Lose. Sie haben ihm schreckliche Schmerzen zugefügt. Sie hackten weiter auf ihn ein, sie durchbohrten seinen Körper, bis er tot war. Und dann war der Zweite an der Reihe und dann der Dritte. Meine Kameraden wurden nacheinander abgeschlachtet, und ich sah zu. Als ich an der Reihe war, sagte ihr Kommandant zu mir, dass er Mungura heiße und früher ein Leibwächter von Präsident Habyarimana gewesen sei, bevor der ermordet wurde. Er würde mich verschonen, und er schrieb einen Brief auf Kinyarwanda. ›Hier, bring das Kabarebe.‹ Sie zogen mir die Kleider aus und schickten mich in Unterwäsche weg. Ich stieg die Hügel hinab und kehrte allein zu unserer Stellung zurück. Das war der schwerste Moment in meinem Leben, ich kann es einfach nicht vergessen. Als ich endlich ankam, übergab ich James Kabarebe den Brief. Er las ihn und sagte: ›&#039;&#039;Dieu le veut.&#039;&#039; Mungura hat die ganze Familie niedergemetzelt, aber in Zukunft behalte ich dich als meinen Leibwächter.‹ Ruffin, ein Junge aus Zaire, der bis vor kurzem nichts von Politik wusste und die Abseitsregeln beim Fußball schon schwierig genug fand, war in einem Konflikt zwischen ruandischen Hutu und Tutsi fast getötet worden. »Ich brauchte nicht mehr aufs Schlachtfeld. James mochte mich, ich durfte seine Tasche tragen. Kadogo, bring mir die Tasche!, rief er in den Tagen danach. Ich sah, wie er die Karte des Kongo studierte. Auch er war zum ersten Mal hier. Kabarebe hatte keine Universität besucht, aber er war sehr logisch und ruhig, er konnte gut analysieren und zuhören. Er hatte seine Familie verloren und sagte zu mir: Du musst dein Land lieben, Kadogo.« Und so wurde Ruffin, der Junge, der eigentlich Priester werden wollte, Leibwächter des faktischen Befehlshabers der Invasionsarmee, die Mobutu entthronen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die AFDL eroberte Zaire mit einer Zangenbewegung. Ruffin befand sich im südlichen Arm, der sich auf Lubumbashi zu bewegte; der nördliche Arm rückte nach Kisangani vor, der Stadt am Fluss. Viele Zehntausende Bürger waren nach drei Jahrzehnten Diktatur nun auch noch einem Krieg ausgesetzt. Es kam zu einem wahren Exodus. Viele Menschen versuchten, den Kivu zu verlassen, aber die letzten Flugzeuge waren gedrängt voll, und wer einen Jeep besaß, musste ihn den plündernden Soldaten der FAZ überlassen. Tausende machten sich deshalb zu Fuß auf den Weg nach Kisangani, siebenhundert Kilometer durch den Urwald; die erste Wegstrecke führte durch den gebirgigen Nationalpark Kahuzi-Biéga, in dem in besseren Zeiten Touristen Gorillas beobachtet hatten. Doktor Soki, ein Arzt aus Bukavu, ging fort, nachdem sein Haus durch eine Granate zerstört worden war.43 Sekombi Katondolo, ein Künstler aus Goma, verließ mit ein paar Freunden die Stadt auf der Suche nach Orten, die mehr Sicherheit boten.44 Emilie Efinda, eine relativ wohlhabende Apothekerin aus Bukavu, trug Stöckelschuhe, als sie aufbrach.45 Für viele wurde es eine schreckliche Tour durch den Wald mitten in der Regenzeit. Die Menschen versteckten sich unter Blattwerk, schliefen auf dem Boden, kämpften gegen Ameisen und lebten von verfaulten Früchten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Als Monatsbinden mussten Strümpfe, Taschentücher, Stofffetzen dienen.46 Die Pfade im Landesinneren waren morastig, an vielen Stellen gab es gar keinen Weg mehr. Man durchwatete Flüsse, weil die Brücken weggeschwemmt worden waren. Nur hier und da kam man mit einem LKW weiter, aber die Fahrer verlangten horrende Summen, wenn sie kranke, erschöpfte und halb verhungerte Menschen ein Stückchen weiter transportierten. Die Kolonne der Fliehenden war riesengroß und heterogen: plündernde FAZ-Soldaten, verzweifelte Zivilisten, ruandische Hutu, die in Todesangst um ihr Leben rannten, unter Drogen stehende Kindersoldaten, gestählte Kämpfer aus Ruanda und Uganda. Die Einzigen, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten, waren die Mai-Mai; sie wollten es mit den ausländischen Elementen aufnehmen. In chaotischen Grüppchen zogen sie ostwärts, ohne jede zentrale Befehlsgewalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter im Landesinneren ging die Verfolgung der Hutu mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher. Sobald die AFDL erschien, erlebten die Bewohner der Dörfer, dass die Ruander nach den Flüchtlingen fragten und loszogen, um sie abzuschlachten.47 An verschiedenen Orten kam es zu großen Massakern. In Tingi-Tingi vor den Toren Kisanganis war es grauenhaft. In diesem sumpfigen Gebiet hatten sich etwa 135.000 Hutu-Flüchtlinge gesammelt, und viele von ihnen waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Cholera lichtete ihre Reihen, Kinder starben scharenweise. Als sich die AFDL Ende Februar 1997 von Osten her näherte, versteckten sich die Überlebenden in den Wäldern. Die ruandischen Tutsi missbrauchten daraufhin internationale Hilfsorganisationen, um die Flüchtlinge erneut in einigen improvisierten Lagern zu konzentrieren. Sobald es neue Ansammlungen von Flüchtlingen gab, durften Helfer und Journalisten das Gebiet »aus Sicherheitsgründen« nicht mehr betreten, und es begannen ungestraft die ethnischen Säuberungen. Nicht nur Hutu-Soldaten oder Interahamwe wurden ermordet, sondern auch unterernährte Kinder, Frauen, alte Menschen, Verwundete und Sterbende. Manchmal wurde mit Gewehrkugeln getötet, viel öfter jedoch mit der Machete und dem Hammer. Munition war teuer, und es war mühsam, sie durch den Wald zu schleppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft bekam keinen Zugang zu dem Gebiet, sodass die Gräuel in ihrem ganzen Ausmaß erst später ans Licht kamen. »Ja, ich war in Tingi-Tingi dabei«, sagte Leutnant Papy Bulaya, ein ehemaliger Soldat in der Armee der AFDL. Er konnte erst nach etlichen Flaschen Bier darüber reden. »Weißt du, unser Ziel war Kisangani, und Tingi-Tingi war ein Hindernis. Also mussten wir es beseitigen. Ich war fünfzehn, ein Kadogo, unser Kommandant war ein Ruander, General Ruvusha. Er ist heute Oberst in der ruandischen Armee, aber er war furchtbar. Laurent Nkunda war auch dabei. Den Feind vertreiben, so lautete der Befehl. Unsere Tutsi-Kommandanten sagten zu uns: Es sind Génocidaires, sie müssen getötet werden. Sie riefen: Kadogo, töte diese Person. Und wir mussten den Befehl ausführen, sonst wären wir auf der Stelle exekutiert worden. Wir mussten immer weiter. Dort wurden damals sehr viele Ruander ermordet. Ihre Leichen wurden hinterher mit Benzin übergossen und verbrannt oder begraben. Hinter uns kamen die LKW mit Nachschub: Essen für uns und Benzin fürs ›Saubermachen‹, um ›die Tafel zu wischen‹. Wenn ich daran denke, tut es mir so weh. Heute bereue ich es, aber wir waren der AFDL treu.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Notlager nahe Tingi-Tingi boten 85.000 Menschen eine Unterkunft, nach den Aktionen waren sie leer, verlassen, desolat. Zehntausende Hutu waren abgeschlachtet worden. 45.000 Menschen flohen noch weiter in westliche Richtung, in die Provinz Équateur, wo sie in Boende und Mbandaka abgefangen und in Massen ermordet wurden. Augenzeugen sahen, wie die Soldaten sogar Babys umbrachten, indem sie ihnen mit ihren Stiefeln den Schädel zermalmten oder sie mit dem Kopf gegen eine Mauer schlugen.49 Einige der Flüchtlinge konnten entkommen und schafften es nach Kongo-Brazzaville und sogar nach Gabun. Sie hatten einen Fußmarsch von mehr als zweitausend Kilometern hinter sich, quer durch Zaire, in erbärmlicheren Umständen, als Stanley hatte ertragen müssen. Es waren insgesamt nur ein paar tausend Überlebende, ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Zahl. Die Invasionsarmee hatte auf ihrem Vormarsch Schätzungen zufolge zwei- bis dreihunderttausend Hutu-Flüchtlinge ermordet.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Monate dauerte der Krieg, und er war im Wesentlichen ein unaufhaltsamer Eroberungsfeldzug vom Osten her nach Kinshasa. An manchen Orten, wie in Bunia und Watsa, kam es tatsächlich zu Kämpfen, aber fast überall sonst stieß die AFDL kaum auf nennenswerten Widerstand. Am 28. Februar 1997 fiel Kindu, am 15. März Kisangani, am 4. April Mbuji-Mayi. Vor allem die Eroberung von Kisangani, der drittgrößten Stadt des Landes, war von sehr großer strategischer und symbolischer Bedeutung, denn Kisangani lag am Fluss, der »Schnellstraße« Zentralafrikas, die nach Kinshasa führte. Premierminister Kengo wa Dondo hatte noch geschworen, dass die Stadt niemals fallen würde, aber die Rebellen nahmen sie mühelos ein. Das charakteristische Bild des Vormarsches der AFDL war das einer langen Doppelreihe von Kindersoldaten mit schwarzen Gummistiefeln, die sich zu beiden Seiten der roten, unbefestigten Straße im Stillen einem Dorf oder einer Stadt näherten. Sie waren Infanterie im buchstäblichen Sinne des Wortes: Kinder, die zu Fuß gingen. Wenn sie ankamen, hatte Mobutus Armee längst die Flucht ergriffen, oftmals nicht ohne vorher zu plündern. In Kikwit gaben die Bürger den abziehenden Soldaten Geld und baten sie, das Plündern zu unterlassen.51 Wenn sie fort waren, begrüßte die lokale Bevölkerung die Befreier aus dem Osten mit Transparenten und Gesang. Die demokratische Opposition war froh über die militärische Befreiung. »Die UDPS heißt die AFDL willkommen«, war auf manchen Transparenten zu lesen.52 Die blutjungen Soldaten, die von so weit her kamen und so ernst durch die Straßen marschierten, weckten mit ihrem Mut und ihrer Vaterlandsliebe Bewunderung.53 Wo sie vorbeizogen, meldeten sich sogleich neue Anwärter. Die »Katanga-Tiger«, deren Invasion in Shaba 1978 gescheitert war, schlossen sich an. Die AFDL erlebte einen wahren Triumphzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf politischen Großveranstaltungen hielt Kabila Ansprachen an das soeben befreite Volk. Zum ersten Mal bekamen die Massen den Mann zu sehen, über den sie schon so viel im Radio gehört hatten. Meist schwarz gekleidet, trug er einen Cowboyhut auf dem massiven Kahlkopf. Kabila war eine robuste Erscheinung; ein nicht gerade schlanker Mann, der herzlich lachen konnte und, die Hand in der Hosentasche, ein Air von Ungezwungenheit, ja sogar Lässigkeit verbreitete. Mit dröhnender Stimme erzählte er von den Heldentaten seiner Befreiungsarmee, sprach von der Notwendigkeit von Volksmilizen und bat Eltern, ein Kind für die gute Sache herzugeben. Sein Charisma war nicht zu leugnen. Im Vergleich zu dem &#039;&#039;grumpy old man&#039;&#039; in Gbadolite war er ein wahrer Lichtblick. Er strahlte Macht aus, aber auch Leutseligkeit. Nun würde alles anders werden. Obwohl Ruanda seine Beteiligung vehement bestritt, vermuteten viele im Land, dass Kabilas Siegeszug keine rein innere Angelegenheit war. Aber um vom &#039;&#039;vieux léopard&#039;&#039; erlöst zu werden, war alles recht. »Ein Ertrinkender klammert sich an jedes Stück Treibholz, zur Not auch an eine Schlange«, hieß es in Kikwit.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas AFDL wurde nicht nur vom Volk, das Mobutu satt hatte, und von Ruanda und Uganda, sondern auch von den USA unterstützt. Seit dem Ende des Völkermords hatte Kagames Tutsi-Regierung aufgrund ihrer sorgsam kultivierten Opferrolle großes Ansehen bei der amerikanischen Regierung erworben. Aus Scham, weil man den Völkermord nicht hatte verhindern können, gewährten neue Partnerländer wie die USA, Großbritannien und die Niederlande Kigali großzügige Hilfe. Mit Bill Clinton war zudem ein Präsident angetreten, der endgültig mit der alten, zynischen Zaire-Politik seiner Vorgänger brechen wollte.55 Er glaubte an &#039;&#039;new African leaders&#039;&#039;, Männer wie Mandela und Museveni – eine neue Generation von Staatsoberhäuptern, die keinerlei Gemeinsamkeiten hatten mit Leuten wie Mobutu, Bokassa und Idi Amin, glaubte er –, vielleicht war Kabila ja auch einer von ihnen? Es war kein koordiniertes Vorgehen, aber die ruandische Armee wurde jedenfalls nicht an ihren Plänen gehindert. So wie die Franzosen die Hutu-Regierung weiterhin unterstützt hatten, trotz der Genozid-Gerüchte, so halfen mehrere amerikanische Geheimdienste logistisch und praktisch beim Vormarsch der Invasionsarmee, trotz der Gerüchte über Massaker.56 Der Zynismus, mit dem die Clinton-Regierung brechen wollte, wich einem neuen Zynismus: humanitär in seinen Absichten, ausgesprochen naiv in seinen Analysen und deshalb verheerend in seinen Folgen. Es gab kein langfristiges Konzept. Die Verwirrung war groß, die Politik reagierte ad hoc. Doch die Unterstützung Ruandas und der Rebellen entfesselte Jahre des Elends. Für Kabila muss es amüsant gewesen sein, festzustellen, dass er dreißig Jahre nach der Unterstützung durch Che Guevara nun plötzlich die Unterstützung des imperialistischen Erzfeindes selbst genoss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hingegen hatte seine Bündnispartner verloren. Frankreich versuchte ihn noch kurzzeitig und eher halbherzig mit einigen Soldaten zu unterstützen. Er hoffte, dann eben mit einigen europäischen Söldnern das Steuer noch einmal herumzureißen, aber das verlief diesmal anders als im Jahr 1964. Ein paar bosnische Serben kamen, die im Balkankrieg gekämpft hatten, doch für die Truppen Kabilas waren sie keine ernst zu nehmenden Gegner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Vormarschs der AFDL hielt sich Mobutu die meiste Zeit in Europa auf, wo er an Protastakrebs operiert wurde (was Anlass gab zu einer neuen Bezeichnung für die nächste Ladung wertloser Banknoten Zaires: &#039;&#039;les prostates&#039;&#039;). Er residierte in Lausanne und in seiner Villa in Cap-Martin. Bei seiner Rückkehr nach Kinshasa konnte er kaum noch gehen und war ein todkranker Mann. Trotzdem wurde er von einer großen Menschenmenge jubelnd begrüßt. Der Häuptling war zurück! Er würde das Land retten! Alles würde wieder gut! Aber das blieben Wunschträume. In der Hauptstadt gingen die Scharmützel zwischen Tshisekedi und Mobutu unvermindert weiter, als sei keine massive Streitmacht im Anzug. Man zankte sich wie eh und je darüber, wer Premierminister werden und welche Partei ihn stellen durfte, obgleich das Land, über das man redete, bereits zur Hälfte in den Händen anderer war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Ruffin war unterdessen auf dem Marsch nach Lubumbashi. Die Soldaten schleppten Gewehre und Bazookas mit sich. »Wir waren immer zu Fuß unterwegs. Wir liefen große Strecken neben den Bahngleisen. Mir taten die Füße sehr weh. Wir gossen Wasser in unsere Stiefel, das linderte den Schmerz, dann ging es wieder besser. Aber die Füße schwitzten dabei fürchterlich. Wenn man dann die Stiefel auszog, stanken die Füße wie eine drei Tage alte Leiche!« Soldatenkniffe, Soldatenhumor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. April 1997 fiel Lubumbashi, die ökonomische Hauptstadt des Landes. Mzee Kabila bezog dort Quartier und bekam sofort Besuch von internationalen Bergbauunternehmen wie De Beers und Tenke Mining, die schon begriffen hatten, dass sie ihre Geschäfte künftig mit ihm abwickeln mussten. Die ersten Verträge über die Ausbeutung der Minengebiete wurden bereits unterzeichnet, bevor Mobutu vertrieben worden war.57 Schon damals war deutlich, dass sich die Waagschale zugunsten Kabilas senken würde. Nach zweiunddreißig Jahren Diktatur brach ein neues Zeitalter an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Ruffin begann eine neue Phase des Krieges. Stabschef James Kabarebe benötigte ihn nicht mehr als Leibwächter. »James sagte: ›Für euch ist die Sache erledigt. Ich gehe nach Kisangani, aber ihr bleibt hier bei Mzee.‹ Es war das erste Mal, dass ich bei Mzee war. Auch sein Sohn Joseph war da.« Vater und Sohn hielten sich in Lubumbashi auf, während der Ruandese Kabarebe anderswo im Land die Kämpfe anführte. Der Sieg zeichnete sich langsam ab, und das sorgte für einige Entspannung. Ruffin hatte angenehme Erinnerungen an jene Tage mit dem zukünftigen Präsidenten. »Mit Mzee begann das gute Leben. Ich bin euer Vater, sagte er, aber vergesst eure biologischen Eltern nicht. Er fragte mich nach meiner Herkunft. Bukavu, sagte ich, ich bin von Bugera entführt worden. Ach, sagte er, dann ist es mit dem Priesterspielen ja für dich vorbei. Er zog uns gern auf. Eines Tages hatten wir die Magazine der ehemaligen FAZ geplündert. Ich verkleidete mich mit der Uniform eines Regierungssoldaten, mit Lederstiefeln und allem. Bist du das, Kadogo?, fragte Mzee. Ja, sagte ich, ich bin&#039;s. Wir haben dem Feind seine Sachen weggenommen. Wirklich?, lachte er. Er schüttelte mir die Hand und sagte: Das ist prima, bleib bei mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffins abenteuerliche Jugend bekam mit dieser Bemerkung abermals eine unerwartete Wendung: Nun wurde er einer der Leibwächter Kabilas. Innerhalb eines Jahres hatte er sich von einem unwissenden, Fußball spielenden Kind zu einem welterfahrenen jungen Mann entwickelt, der hyperwachsam war und die Geschichte live erlebte. Der Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen, waren Angst und der Verlust seiner Unschuld, aber jedes Stadium brachte neue Formen der Anerkennung mit sich. »Kabila mochte mich. Er vertraute mir sein Geld an. Zehntausend Dollar! Er aß oft mit uns zusammen, einfach aus seinem Henkelmann. Nach dem Essen durften wir Armdrücken, und er war der Schiedsrichter. Im Busch hatten sie diesen Sport oft betrieben. Wir gingen nicht in Nachtclubs und zu Frauen; ich kannte nur das Leben als Seminarist und als Soldat. Wir wohnten im Hotel Karavia, dem besten Hotel von Lubumbashi. Mzee hatte Zimmer 114. Die Diamantensucher kamen zur Audienz zu ihm. Ich bekam ein Motorola.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in diesem Hotelzimmer erhielt Kabila regelmäßig Anrufe seines Stabschefs Kabarebe, der sich mit Riesenschritten der Hauptstadt näherte. Als er über den Kongofluss fuhr und vor sich die beiden Hauptstädte erblickte, musste er lokale Fischer fragen, an welchem Ufer Kinshasa lag, sonst hätte er versehentlich Brazzaville befreit.58 Kinshasa stand kurz vor dem Fall, erfuhr Kabila in seinem Hotelzimmer. Dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Zwei Wochen zuvor war er noch nach Kongo-Brazzaville geflogen, um mit Mobutu direkt zu verhandeln. Nelson Mandela hatte die beiden auf neutralem Boden zusammengerufen, an Bord eines südafrikanischen Schiffes im Hafen von Pointe-Noire, doch diese nächtlichen Gespräche waren ergebnislos geblieben. Mobutu wollte das Feld nicht räumen, und Kabila sah nicht ein, warum er Zugeständnisse machen sollte; er war ja auf der Siegerstraße. Nein, Kinshasa würde mit Waffengewalt befreit werden, und Ruffin durfte es miterleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mzee sagte zu uns: ›Zieht nur los! Viel Glück! Wir sehen uns in Kinshasa wieder!‹ Und wir sagten: ›Zu Ihren Diensten!‹« So viel war deutlich: Kabila war nur das Aushängeschild der Rebellion, die tatsächliche Arbeit erledigte Kabarebe. Und die Kadogo natürlich. Ruffin: »Ich saß im ersten Flugzeug, das wieder in Kin landete, eine Zivilmaschine von Scibe-Air. Ich bin damals zum ersten Mal geflogen. Der Flughafen war schon in unseren Händen. Jeeps brachten uns in den Stadtteil Limete, von dort aus gingen wir zu Fuß weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es zu keiner Friedensregelung kam, brachte allerdings große Risiken mit sich. Alle befürchteten, dass es zu einer gewalttätigen Konfrontation in Kinshasa kommen würde. Mobutu hatte gerade General Mahele zum neuen Armeestabschef ernannt, einen gefürchteten Militär, der sich seine Sporen in den Shaba-Kriegen verdient und der die Plünderungen von 1991 und 1993 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Mahele war zu diesem Zeitpunkt zweifellos der fähigste Offizier in der zairischen Armee. Bei der Bevölkerung war er beliebt wegen seiner Integrität, aber gefürchtet wegen seiner Härte. Nun sollte er Kinshasa gegen die vorrückenden Rebellen verteidigen. Am Freitag, dem 16. Mai 1997, als die AFDL vor der Tür stand, floh Mobutu frühmorgens in seinen Palast in Gbadolite. Nun herrschte die absolute Gefahr der Anarchie in der Hauptstadt; die nächsten vierundzwanzig Stunden würden entscheidend sein. In der Millionenstadt Kinshasa könnte es zu einer wahren Schlacht aller gegen alle kommen. Die Bewohner fürchteten sich mehr vor den eigenen Soldaten als vor den Rebellen, und sie hatten Angst vor neuen, verheerenden Plünderungen. Mahele war jedoch ein kluger Mann. Er hatte die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt und entschloss sich, die Megalopolis nicht dem Wahnsinn eines alten, geflohenen Mannes zu opfern. Damit die Zivilbevölkerung verschont blieb, nahm er Kontakt mit der AFDL auf und begab sich am späten Abend nach Camp Tshatshi, dem Militärstützpunkt, wo sich Mobutus letzte Getreue verschanzt hatten. Unter ihnen befand sich Mobutus jüngster Sohn, Kongolo, der wegen seiner legendären Grausamkeit den Spitznamen »Saddam Hussein« trug. Mahele versuchte sie davon zu überzeugen, das Plündern sein zu lassen, aber sie betrachteten ihn als einen Offizier, der Hochverrat begangen hatte. In der Nacht von Freitag auf Samstag ermordeten sie ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später marschierte Ruffin in seinen schwarzen Gummistiefeln über die Avenue Lumumba im Stadtteil Limete. Der Einmarsch der AFDL löste Begeisterungsstürme aus. Aus der Ferne war noch das Dröhnen schwerer Geschütze zu hören, aber er und seine Kumpanen brauchten nicht zu kämpfen. »Man bereitete uns einen unglaublichen Empfang. Die Männer riefen &#039;&#039;Libérateurs! Libérateurs!&#039;&#039;, die Frauen breiteten ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; vor uns auf der Straße aus, sodass wir darüber laufen konnten. Die Leute gaben uns Wasser. Sie sprachen Lingala, aber das verstanden wir nicht. Wir suchten das Haus von Premierminister Kengo wa Dondo, und die Leute zeigten uns den Weg. Wir kannten die Stadt nicht. Wir sollten den RTNC einnehmen und das Palais de Marbre von Mobutu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Häuser, die sie durchkämmten, ließ Ruffin einen massiven goldenen Aschenbecher mitgehen. Es war der 17. Mai 1997, und die AFDL besetzte innerhalb weniger Stunden die Schlüsselpositionen in der Stadt. Beach, Hotel Intercontinental, Memling . . . Einige Soldaten der Regierungsarmee plünderten doch noch, aber die meisten von ihnen schlüpften in Häuser und flehten die Bewohner an, ihnen Zivilkleidung zu geben: Wer jetzt noch in Uniform herumlief, unterschrieb sein Todesurteil. Auch Frauen in leitenden Positionen, die ihre Direktorenposten Mobutu zu verdanken hatten, verbrannten in aller Eile ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, die mit dem Logo des MPR oder dem Konterfei des Großen Steuermanns bedruckt waren.59 Bei vereinzelten Abrechnungen und Racheaktionen gab es knapp zweihundert Tote, wenig im Vergleich zu dem, was auch hätte passieren können. In Lubumbashi erhielt Kabila einen Anruf von Kabarebe. »Kinshasa ist gefallen!« Kabila jubelte vor Freude und wälzte sich ausgelassen auf dem Teppich seines Hotelzimmers.60 Er würde sofort kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin war wieder einmal dabei: »An diesem Tag ging ich zurück zum Flughafen, um Mzee abzuholen. ›Na siehst du, dass ich die Wahrheit gesagt habe!‹, rief er mir zu. Er gab eine Pressekonferenz. Ich bin auf allen Fotos und Filmaufnahmen mit ihm dabei, zusammen mit Joseph und mit Masasu, einem anderen Gründer der AFDL.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Pressekonferenz erklärte sich Kabila zum neuen Staatsoberhaupt eines neuen Landes, der Demokratischen Republik Kongo. Der Zusatz »demokratisch« war etwas verwunderlich, denn niemand hatte ihn ernannt, und die gewaltfreie Opposition von Tshisekedi und den Seinen, die anfangs froh waren über die Befreiung, war gar nicht erst gefragt worden. Das Wenige, was Kabila von der Nationalen Souveränen Konferenz übernahm, war die Idee, Zaire wieder umzubenennen in Kongo. An dem zivilen Kampf von Menschen wie Régine war die militärische Eroberung, an der Ruffin teilgenommen hatte, einfach vorbeigezogen. Régine war nun zweiundvierzig, Ruffin vierzehn. Als Kabila einige Tage später, am 29. Mai 1997, den Amtseid als Präsident leistete, geschah das nicht im Parlament, wo die Konferenz stattgefunden hatte, sondern unweit davon in dem großen, neuen Fußballstadion. Die Staatsoberhäupter von Ruanda und Uganda, seine Financiers, waren zugegen, und auch die Staatschefs von Angola und Sambia. Aber das imposante Stadion war nicht gedrängt voll mit jubelnden Kinois. Mindestens ein Drittel der Plätze war leer geblieben, und das in einer Millionenstadt. Als Kabila den Eid sprach und seine Worte aus den Lautsprechern donnerten, hallten sie von halb leeren Betontribünen wider.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Kabila hatte die Fäden bald endgültig in der Hand. Mobutu war nach seiner Flucht über Togo nach Marokko geflogen, in sein endgültiges Exil. Im Bewusstsein des nahenden Todes hatte er noch die Gebeine seiner Mutter und anderer ihm teurer Verstorbener ausgraben lassen und mitgenommen. Kaum vier Monate später würde er, umgeben von ein paar Nahestehenden und den Überresten seiner Vorfahren, niedergedrückt und verbittert seinen Geist aushauchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Tag wie jeder andere, und das Wasser des Kivusees kräuselte sich unbeirrbar. Für Ruffin Luliba wurde es jedoch ein emotionaler Tag. Als Kabila zum ersten Mal wieder Bukavu besuchte, begleitete Ruffin ihn. Er hatte seine Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. »Es war fünf Uhr abends, und ich ging zu meinem Elternhaus. Ich sah meine Mutter, wie sie draußen &#039;&#039;pundu&#039;&#039; stampfte, und ich schoss dreimal in die Luft. Erschrocken flüchtete sie ins Haus, und mein Vater rannte hinter ihr her. Dann rief ich: ›Ich bin&#039;s, Papa!‹ Meine Mutter kam heraus und weinte. Ich war als Seminarist gegangen und kam als Soldat zurück. Sie hatten schon vor langer Zeit eine Trauerfeier für mich gemacht. Alle weinten, sogar mein Bruder.« Für die Familie war es, als sei Ruffin von den Toten auferstanden. Es wurde ein inniges Wiedersehen. Aber er besuchte auch die Mutter seines Zimmernachbarn Rodrick, des Jungen, der mit ihm zusammen entführt worden war und der schon nach wenigen Tagen in Ruanda an Diarrhö gestorben war. »Ich überbrachte Rodricks Mutter die traurige Nachricht. Ich wohnte damals mit Mzee im Hotel Résidence. Er hatte gesagt, ich solle meine Eltern mitbringen. Als ich sie ihm vorstellte, gab er meinem Vater sofort zweitausend Dollar. Er sagte: ›Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich nehme ihn wieder mit. Ihr Sohn ist ein Patriot.‹«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 12 Mitleid, was ist das? ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Große Afrikanische Krieg 1997-2002 ===&lt;br /&gt;
Eine neue Regierung, ein neuer Klang. Die Einwohner Kinshasas wussten nicht, was sie hörten. Die Ära nach Mobutu brach an mit einem tiefen, metallischen Ton, der anschwoll zu einer hohen, schrillen Note und dann zum Ausgangspunkt abfiel, ehe er wieder anstieg, und dann ging es von Neuem los. Das durchdringende Geräusch durchschnitt den Verkehr und hallte in den Gassen wider. Kleine Jungs hörten auf zu bolzen und hielten sich die Ohren zu. Mit schmerzverzerrten Gesichtern hielten sie nach dem roten Wagen Ausschau. Auf und ab, auf und ab, so tönte das infernalische Geheul der Sirene. Kinshasa, eine Stadt mit Millionen Einwohnern, endlosen Slums, maroden Elektrizitätsnetzen, offenliegenden Stromkabeln und Hunderttausenden von kleinen Kohlefeuern, besaß zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein unentbehrliches und sogenanntes »prioritäres« Fahrzeug: ein Feuerwehrauto.1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nur der Anfang. Mit Laurent-Désiré Kabila schien tatsächlich einiges anders zu werden. Der Müll, der sich in der ganzen &#039;&#039;cité&#039;&#039; dampfend häufte, wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder abgeholt. Die Abwasserrinnen wurden gesäubert. In den Gängen der Ministerien roch es nach &#039;&#039;Eau de Javel&#039;&#039;. Sogar der Flughafen Ndjili, das chaotischste Terminal der Welt mit seinem Wirrwarr von Passagieren, Zollbeamten, Einreisekontrolleuren, Polizisten, Soldaten und sogenannten »protocols«, die einen schubsten und um die Pässe und Gepäcktickets der Reisenden rangelten, sogar in diesen Ameisenhaufen kam nach und nach Ordnung. Soldaten und Polizisten wurden bezahlt, ihr Gehalt war nicht hoch, aber sie erhielten es wenigstens regelmäßig. Lehrer und Beamte konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder für ein Fahrrad sparen. Die haushohe, vierstellige Inflation ging zurück auf eine zweistellige Zahl, unter anderem durch den hohen Dollarkurs. Es wurden keine Geldscheine mehr neu gedruckt, sodass die im Umlauf befindliche Geldmenge sich verringerte und der Wert damit stieg. In der ersten Hälfte des Jahres 1998 betrug die Inflationsrate nur 5 Prozent.2 Im Juni 1998 verschwand der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, und es kam eine neue Währungseinheit: der &#039;&#039;franc congolais&#039;&#039;. Ein kongolesischer Franc ersetzte hunderttausend neue Zaïre, was vierzehn Millionen alter Zaïre entsprach. Es war eine stabile Währung, jedenfalls am Anfang, die schnell im ganzen Land akzeptiert wurde. Die Banknoten trugen nicht das Konterfei Kabilas, sondern waren mit neutralen Abbildungen einer Tschokwe-Maske oder des Inga-Staudammes bedruckt. Bei der Einführung hatten alle Großen der kongolesischen Musik – vom steinalten Wendo Kolosoy über Papa Wemba bis zu dem jungen Star JB Mpiana – die neue Währung in einem Song gewürdigt, als eine Art Band Aid für eine Banknote.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Schein trog, denn die Begeisterung für Kabila bröckelte schnell. So euphorisch wie es ihn empfangen hatte, so schnell hatte das Volk ihn auch wieder satt. Freunde gewinnen ist eine Kunst, aber Kabila beherrschte die noch viel seltenere Kunst, aus Freunden im Handumdrehen Erzfeinde zu machen, und zwar nicht nur einige, denn dahinter könnte noch Berechnung stehen, sondern alle, und das deutete auf ziemliche Ruppigkeit hin. Es begann bereits mit der demokratischen Opposition aus der Mobutu-Ära. Die vielen Tausende Bürger, die mutig gegen die Diktatur gekämpft hatten, waren anfangs noch bereit, sich von Kabilas guten Absichten überzeugen zu lassen. Viele hofften, dass die Beschlüsse der Nationalen Souveränen Konferenz nun tatsächlich umgesetzt würden und dass Kabila die Versprechen einlösen würde, die Mobutu gebrochen hatte. Aber Kabila dachte nicht im Traum daran. Für ihn war die Eroberung der Anfang einer neuen Geschichte. Was ging denn ihn, &#039;&#039;maquisard&#039;&#039; seit Menschengedenken, das verworrene Geschwätz eines Saals voller braver Idealisten vor fünf Jahren an? Die Verfassung, das Parlament, die Regierung und die Wahlkommission der Übergangsjahre – alles Makulatur.4 Anhänger der UDPS wurden ins Gefängnis geworfen und brutal verprügelt.5 Tshisekedi wurde bereits zwei Monate nach der »Befreiung« Kinshasas verhaftet. Er wurde verhört, erhielt Hausarrest und wurde schließlich in seinen Heimatort verbannt. Einer von Kabilas Ministern sagte: »Wir haben ihm Saatgut und einen kleinen Traktor geschenkt, dann kann er sich als Landwirt betätigen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, statt eine solide Demokratie zu errichten, kehrte die Kabila-Regierung zu einem äußerst autoritären Regime zurück. Alles drehte sich um die Person Kabilas. Das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, nur seine AFDL durfte noch existieren, und auch diese Partei war lediglich ein Zweckbündnis, das unter Mitwirkung Ruandas ein paar Tage nach der Invasion Zaires ins Leben gerufen worden war. Kabila war anfangs nur ihr Wortführer gewesen, hatte dann aber seine drei Mitgründer nacheinander ausgeschaltet. Noch während des Krieges hatte er Kisase, den Einzigen von ihnen, der über militärische Macht verfügte, ermorden lassen; nach seiner Vereidigung als Präsident ließ er Masasu zu zwanzig Jahren Haft verurteilen, und Bugera, Ruffins Kidnapper, lobte er weg auf einen Posten, wo er ihm nicht gefährlich werden konnte. Die militärische Allianz sollte nun zu einer Staatspartei umgeformt werden, doch sie war inzwischen so gut wie bedeutungslos. Der Kongo wurde die AFDL, die AFDL aber war in der Praxis Kabila. Die Bevölkerung durfte sich politisch nur noch in sogenannten &#039;&#039;Comités du Pouvoir Populaire&#039;&#039; organisieren. Was das genau war, wusste niemand, aber es schmeckte nach schlecht verdautem Marxismus aus dem Maquis. Am 28. Mai 1997 trat eine neue Verfassung in Kraft, die im Wesentlichen dem Präsidenten umfassende Machtbefugnisse einräumte. Kabila stand künftig an der Spitze der legislativen, exekutiven und judikativen Macht, der Armee, der Verwaltung und der Diplomatie. Die Minister, mit denen er sich umgab, waren vorzugsweise Katangesen wie er oder Leute aus der Diaspora. Ehemalige Mobutu-Gegner, die sich schon seit Jahren ein politisches Mandat erhofften, erlebten, dass Unbekannte zum Zuge kamen. Als nette Geste bedachte Kabila auch die inzwischen erwachsenen Töchter von Kasavubu und Lumumba mit einem Ministerposten – eine solche historische Reminiszenz verlieh ihm ja einen Anschein von Legitimität –, aber es war eine Farce.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte 1994 an der Universität von Lubumbashi mein Studium Internationale Beziehungen abgeschlossen«, erzählte mir Bertin Punga, eine wichtige Persönlichkeit beim späteren Protest gegen Kabila. »Ich war politisch interessiert, und ich war gegen Mobutu. Beim Campusmord 1990 hatte ich drei Leichen gesehen. Ich kam aus Kasai und erlebte, dass wir vom Gouverneur aus Katanga vertrieben wurden. Deshalb schloss ich mich der AFDL an, als sie aufkam. Früher war Politik die Angelegenheit einer bestimmten Kaste, aber bei dieser Revolution schien jeder willkommen zu sein. Ich bin Akademiker, ich muss in die Politik, sagte ich mir. Aber als ich in Kinshasa ankam, sah ich, wie die Posten an Leute ohne Ausbildung aus Katanga vergeben wurden, während ich mit meinem Unidiplom zu einem viel niedrigeren &#039;&#039;diplomé d&#039;Etat&#039;&#039; herabgestuft wurde [diplome d&#039;État ist das kongolesische Abitur]. Als ich sah, wie viele Minister aus Katanga stammten, wusste ich, dass Kabila ein zweiter Mobutu war. Nein, es war sogar schlimmer, wenn man vergleicht, was er schon in vier Jahren angerichtet hat und Mobutu in zweiunddreißig. Es gab standrechtliche Exekutionen, das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, der Einparteienstaat kam zurück. Das Getue mit den Comités du Pouvoir Populaire, das war für mich echt eine Neuauflage des MPR.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ersten Jahr seiner Regierung schien Kabila auf einen starken, autoritären und sehr personalisierten Staat hinzusteuern; in der Praxis blieb dieser Staat jedoch sehr schwach. Es gab keine echte Politik, keine weitsichtige Planung, keinen Staatsapparat. Nicht einmal die Armee stellte etwas vor. Mobutus FAZ wurde aufgelöst, an ihre Stelle traten die FAC: &#039;&#039;Forces Armées Congolaises&#039;&#039;. Das klang imposant, war aber nicht mehr als ein Mischmasch aus vormaligen FAZ-Soldaten, ehemaligen »Katanga-Tigern«, Kadogo, Banyamulenge und Tutsi aus Ruanda. Stabschef war noch immer der Ruander James Kabarebe. Kabila regierte sein Land wie früher sein Rebellengebiet: locker, überaus locker. Das Einzige, worauf er wirklich achtete, war die Kontrolle der Informationskanäle. Nicht umsonst war sein Berater für alles, was mit Kommunikation zu tun hatte, Dominique Sakombi Inongo, Mobutus ehemaliger Propagandist, der Prophet geworden war. Das hatte Kabila zweifellos von Mobutu gelernt: Eine starke Regierung musste darauf bedacht sein, die Medien in eisernem Griff zu halten. Der Rundfunkjournalist Zizi Kabongo erlebte es am eigenen Leib, als Armeesoldaten nachts um zwei an seine Tür hämmerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kabila war nicht gerade ein Freund des staatlichen Rundfunks«, erzählte Zizi, »für ihn waren dessen Angestellte ein Haufen Mobutisten. Eines Nachts sendeten wir eine seiner Versammlungen erneut. Kabila schlief sehr wenig und hörte unser Programm. Schon seit Mobutu gab es kein Geld für Material, deshalb mussten wir die Bänder immer wieder löschen und neu verwenden. Aber dieses eine Band war schlecht gelöscht worden. Nach der Aufnahme von Kabilas Versammlung war noch ein Rest von einer Reportage über Mobutu drauf. Der Techniker vom Dienst war eingepennt, und die Zuhörer hörten am Ende auf einmal wieder die Stimme von papa Maréchal. &#039;&#039;»Oyé! Oyé! Papa ndeko! Unser Freund!&#039;&#039;«, hörte man das Volk rufen. Mobutu ist zurück, dachten die Zuhörer. Noch in derselben Nacht holte die Armee alle Journalisten ab und steckte sie ins Gefängnis. Um zwei Uhr morgens standen sie vor meiner Tür. Im Knast landete ich zwischen zum Tode Verurteilten und Revolutionären. Die Lage war ernst. Kabila fing an, alle seine Feinde zu beseitigen.« Zizi, dessen Schienbeine die Spuren des Widerstandes gegen Mobutu trugen, wurde nun des Mobutismus bezichtigt. Zwischen Mai 1997 und Januar 2001 wurden mehr als 160 Journalisten ins Gefängnis geworfen.8 »Am nächsten Tag mussten wir alle in den Präsidentenpalast. Kabila persönlich hielt uns eine heftige Standpauke für unseren Akt der Rebellion. Zur Strafe wurden wir alle verpflichtet, den Marxismus zu studieren. Aber am Ende bekamen wir dann doch neue Aufnahmebänder, auf die wir schon seit Jahren warteten.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die demokratische Opposition und die UDPS brutal bekämpft, die AFDL matt gesetzt, die Presse abgekanzelt und ihr einen Maulkorb verpasst. Welche Brücken konnten noch in die Luft gesprengt werden? Die zum Ausland natürlich. Kabila verspielte binnen kürzester Zeit das Wohlwollen der Vereinten Nationen, als er Ermittlungen zu den Massakern an den Hutu-Flüchtlingen zuerst ablehnte und später behinderte. Expertenteams wurden systematisch boykottiert. Kabila musste entweder Ruanda die Schuld daran geben (was auch zutreffend war), aber dann hätte er einräumen müssen, dass er den Sieg nicht seiner eigenen Rebellion zu verdanken hatte, und so etwas war tödlich für seine Popularität im eigenen Land, oder aber er musste die Schuld auf sich nehmen, doch dann würde er international als brutaler Massenmörder gelten. Innenpolitische Interessen kollidierten mit außenpolitischen. Es war ein heikler Balanceakt, selbst für einen gestandenen Politiker, und Kabila war alles andere als ein gestandener Politiker. Von Diplomatie hatte er keine Ahnung. Sein Stil war eher rustikal. Er betrat das internationale Parkett mehr als argwöhnischer Rebell denn als besonnenes Staatsoberhaupt. Innerhalb kürzester Zeit warf er Frankreich Neokolonialismus und den USA einen Mangel an diplomatischer Höflichkeit vor, und Belgien war in seinen Augen ein Terroristenstaat.10 Die Troika war schon von Mobutu einiges gewohnt, aber solche grobschlächtigen Äußerungen waren neu. Hier sprach nicht mehr ein schlauer Fuchs, sondern ein tolpatschiger Bär. Auch afrikanische Staatsoberhäupter lernten ihren neuen Kollegen schnell kennen. Nelson Mandela hatte bei den Friedensgesprächen in Kongo-Brazzaville 1997 stundenlang auf ihn warten müssen; der sonst so umgängliche Mann war darüber sehr wütend geworden. Der ägyptische Präsident Mubarak erwartete ihn schon am Kairoer Flughafen mit einer Ehrenwache und einem roten Teppich, als Kabila den Besuch telefonisch absagte, weil er sich »ein bisschen müde« fühle. Tansanias Präsident Mkapa wurde zwar mit einem Besuch beeehrt, aber entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten unterbrach Kabila den Staatsbesuch und flog nach Kinshasa zurück.11 Auch Ugandas Präsident Museveni und Ruandas Vizepräsident Kagame mussten erkennen, dass ihr Protegé recht ungehobelt war. Sie hatten gehofft, ihr chaotisches Nachbarland zu sanieren, indem sie ihn dort als Marionette installierten, in der Praxis aber erwies sich Kabila als unlenkbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes: Kabila kehrte Ruanda und Uganda den Rücken zu. Viel Entscheidungsfreiheit hatte er nicht. Im ganzen Land schwollen die Proteste gegen die ausländische Einmischung an. Vor allem Ruanda musste als Sündenbock herhalten. Jeder Tutsi wurde als Ruander angesehen und jeder Ruander als Besatzer. Das ging sogar so weit, dass eine scharf geschnittene Nase oder eine hohe Stirn ausreichten, um fast sofort als Infiltrant verdächtigt zu werden. In Kinshasa herrschte großer Unmut über die sehr gut wahrnehmbare Präsenz von Tutsi in der Armee, oft auf hohen Posten. Es handelte sich um Offiziere, die weder Französisch noch Lingala sprachen, sondern Englisch, Swahili und Kinyarwanda. Die neuen Machthaber gerierten sich auffallend oft als arrogante Sieger, die nicht davor zurückschreckten, die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; wieder einzuführen, die Peitsche aus Nilpferdhaut, die so viele Erinnerungen an die Kolonialzeit wachrief. Frauen, die eine Jeans oder einen Minirock trugen, was seit 1990 wieder erlaubt war, wurden öffentlich mit Peitschenhieben bestraft. Taxifahrern, die gegen eine Verkehrsregel verstoßen hatten, widerfuhr das Gleiche. Die Zahl der Peitschenhiebe blieb nicht auf fünfundzwanzig beschränkt, wie es in der Kolonialzeit amtlich festgelegt war, sondern hing vom Alter ab: Wer fünfzig war, musste fünfzig Hiebe einstecken. Mehr und mehr verbreitete sich die Meinung, das überbevölkerte Ruanda sei auf Rohstoffe und Lebensraum aus und habe ein Auge auf den Kivu geworfen, wo ohnehin schon sehr viele Tutsi lebten. Man glaubte, dass Ruanda eine &#039;&#039;Grande République des Volcans&#039;&#039; anstrebte, einen neuen Staat, bestehend aus Ruanda und dem Kivu. Es war auch nicht gerade beruhigend, dass hochgestellte Ruander zu einer »zweiten Berliner Konferenz« aufriefen, um die Grenzen von 1885 neu zu überdenken.12 Manche Kongolesen waren ohnehin bereits der Ansicht, dass ihr riesiges Land von dem Zwergstaat Ruanda annektiert worden sei.13 Zwischen den beiden Ländern wuchs ein abgrundtiefer Hass. Das Verhältnis erinnerte an das zwischen China und Japan, oder Irland und England in früheren Zeiten. Viele Ruander sahen den Kongo als ein Land von faulen, chaotischen Nichtskönnern, denen Musik, Tanzen und Essen wichtiger waren als Arbeiten, Infrastruktur und Ordnung. Und Ruanda war für viele Kongolesen ein kühles, strenges Land, in dem Plastiktüten aus Gründen der Sauberkeit und Ordnung verboten waren und das Tragen von Schutzhelmen Pflicht war, ein Land voller überheblicher, wichtigtuerischer Emporkömmlinge, die verächtlich auf sie herabblickten. Viele interpretierten die Unterschiede zwischen beiden Ländern als einen uralten, kulturellen Konflikt zwischen sogenannten »Bantu« und »Niloten«, obgleich das sehr problematische Kategorien der kolonialen Anthropologie waren. Solange Kabilas Hofstaat zum großen Teil aus jenen verhassten Ausländern bestand, konnte er die Anerkennung seiner Macht in den Wind schreiben, und der Präsident wusste, dass die Bevölkerung so darüber dachte. Also stand er da, an der Spitze eines unermesslich großen Landes, in einer Stadt, die neu für ihn war, mit einer Bevölkerung, die er weder kannte noch verstand. Der Jubel verstummte allmählich. »Wir müssen uns von unseren Befreiern befreien«, höhnte man auf der Straße.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und genau das tat Kabila. Am 26. Juli 1998, gut ein Jahr nach seinem triumphalen Einzug in Kinshasa, gab er in einer nächtlichen Rundfunkansprache zu verstehen, dass die ruandischen und anderen ausländischen Soldaten das Territorium des Landes verlassen müssten. Diesmal ging es nicht um ein schlecht gelöschtes Band. Dem kongolesischen Volk sprach er seinen Dank »für die Duldung und Beherbergung der ruandischen Truppen« aus.15 Diese Verlautbarung besiegelte definitiv den Bruch mit Kigali und Kampala. In den folgenden Tagen verließen Hunderte Soldaten Kinshasa. Bei Stabschef James Kabarebe, dem Mann, der den Kongo im Namen Kabilas eingenommen hatte, bedankte sich der Präsident für die erwiesenen Dienste. Wutschnaubend kehrte Kabarebe nach Ruanda zurück. Eine neue Eskalation konnte nicht ausbleiben. Und tatsächlich, keine Woche später fiel er erneut in den Kongo ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg vom Oktober 1996 bis Mai 1997, der Mobutu zu Fall gebracht hatte, hat viele Namen erhalten: »Aufstand der Banyamulenge«, »Befreiungskrieg«, »Feldzug der AFDL«. Heute wird er meist als der »Erste Kongokrieg« bezeichnet. Am 2. August 1998 brach der Zweite Kongokrieg aus. Wieder griff Ruanda an, wieder befehligte Kabarebe die Invasionstruppen, wieder war das Ziel ein Regimewechsel in Kinshasa. Diesmal aber würde der Konflikt nicht sieben Monate dauern, sondern fünf Jahre, bis Juni 2003. Offiziell jedenfalls, denn inoffiziell köchelte der Krieg weiter, zunächst bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, Frühjahr 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg war ein außerordentlich komplexer Konflikt, an dem irgendwann neun afrikanische Länder und etwa dreißig lokale Milizen beteiligt waren, ein Kräftemessen in kontinentalem Maßstab mit dem Kongo als zentralem Kriegsschauplatz. Die Dynamik, mit der einige Länder, von Namibia im Süden bis Libyen im Norden, kurzfristig Partei ergriffen (für oder gegen Kabila), erinnert an die blitzschnelle Bildung der Ententen in Europa am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Wegen der kontinentalen Ausdehnung spricht man auch vom »Ersten Afrikanischen Weltkrieg«, doch das ist eine ziemlich verfehlte Bezeichnung, die die gravierenden Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges auf Afrika außer Acht lässt. Der Begriff &#039;&#039;Great African War&#039;&#039; ist deshalb sinnvoller, obgleich der Brandherd größtenteils auf den Kongo beschränkt blieb und lokale Milizen längere Zeit agierten als ausländische Streitkräfte. Was die Zahl der Opfer betraf, weitete sich dieser Große Afrikanische Krieg oder Zweite Kongokrieg zum tödlichsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Allein im Kongo sind seit 1998 mindestens drei Millionen und möglicherweise fünf Millionen Menschen durch den Krieg gestorben, mehr als in den medial so stark präsenten Konflikten in Bosnien, im Irak und in Afghanistan zusammen. Und die Zahl steigt weiter an. 2007 gab es monatlich noch 45.000 Todesopfer durch die indirekten Folgen dieses vergessenen Krieges. Den größten Blutzoll zahlten Zivilisten. Sie starben nicht in den Kämpfen, sondern als Folge von Unterernährung, Diarrhö, Malaria und Lungenentzündung, Krankheiten, die wegen des Krieges nicht mehr behandelt werden konnten. Dazu muss bemerkt werden, dass viele dieser Krankheiten auch schon vor dem Krieg nicht mehr behandelt wurden. Die Sterberate lag im Kongo bereits vor dem Konflikt über dem Durchschnitt und stieg durch den Konflikt weiter an. 2007 war die Sterberate im Kongo noch immer 60 Prozent höher als im gesamten subsaharischen Afrika.16 Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kongolesen bei der Geburt betrug dreiundfünfzig Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg verschwand aus dem Fokus der Weltnachrichten, da er als unergründbar und unübersichtlich galt. Tatsächlich gab es nicht zwei deutlich umrissene Lager, und, was wichtiger war, es gab keine deutliche Rollenverteilung, wer der Buhmann und wer der Underdog war. Nach dem Ende des Kalten Krieges benutzten westliche Berichterstatter in zunehmendem Maße einen moralischen Bezugsrahmen, wenn es darum ging, Kriege zu deuten: In Jugoslawien waren die Serben die großen Übeltäter, in Ruanda die Tutsi die unschuldigen Opfer; in beiden Fällen führte das zu Einschätzungen und politischen Entscheidungen mit katastrophalen Folgen. Es war nicht einfach, im Kongo »die Guten« zu finden. Wer sich näher mit dem Konflikt beschäftigte, musste erkennen, dass alle Beteiligten im Glashaus saßen. Die Anschuldigungen waren oft gerechtfertigt, die gewählten Methoden oft problematisch. Keiner der Parteien schien es zu gelingen, aus der Schusslinie zu treten, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, um sich mit der Berechtigung der gegnerischen Position zu befassen und gemeinsam nach einem Kompromiss zu suchen. Für ein bettelarmes Land mit einer jungen, ungebildeten Bevölkerung, die nur Mobutus finsteren Despotismus gekannt hatte, war das entschieden zu viel verlangt. Kinder einer Diktatur sind selten Musterdemokraten. Das Ganze entwickelte sich zu einem jener Konflikte, bei denen jeder dem anderen immer ein Stückchen mehr Schuld zuspricht, sodass Zurückschlagen gerechtfertigt scheint und eine endlose Gewaltspirale entsteht. Die westlichen Medien kapitulierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem lässt sich der Ablauf der Geschehnisse mit Hilfe einer einfachen kartographischen Bildergeschichte veranschaulichen. Drei Phasen kennzeichneten den Konflikt. Von August 1998 bis Juli 1999 versuchte Ruanda, zusammen mit Uganda und einer zusammengewürfelten einheimischen Rebellenarmee, Kabila zu stürzen. Das gelang nicht. Diese Phase endete mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Lusaka, das vieles regelte, aber keinen Frieden brachte. Die zweite Phase dauerte von Juli 1999 bis Dezember 2002. Ruanda und Uganda versuchten nicht länger, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern kontrollierten jetzt, mit Hilfe von lokalen Milizen, die Hälfte des kongolesischen Territoriums, wo sie in großem Maßstab die vorhandenen Rohstoffe ausbeuteten. Da inzwischen die Beute wichtiger war als die Macht, kam es zu Brüchen innerhalb der Rebellion und zu gewalttätigen Konfrontationen in Kisangani. Diese turbulente Phase erreichte einen Endpunkt mit dem Friedensvertrag von Pretoria im Dezember 2002, der ab Juni 2003 in Kraft trat. Die Ruander und Ugander zogen sich in ihr Land zurück, und die UNO verstärkte ihre Präsenz. Offiziell war der Krieg damit beendet, an Ort und Stelle sah es jedoch anders aus. Die dritte Phase begann 2003 und zieht sich im Kivu bis heute hin. Während dieses langen Zeitraums beschränkte sich der Krieg auf den äußersten Osten des Kongo, jene Gebiete, die unmittelbar an Uganda (Ituri) und Ruanda (Kivu) angrenzen. Diese Zonen wurden zu Schauplätzen heftiger Gewalt, massiver Menschenrechtsverletzungen und unsäglichen menschlichen Leidens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder dieser Phasen war der Konflikt gekennzeichnet durch die Nachwehen des ruandischen Völkermords, die Schwäche des kongolesischen Staates, die militärische Vitalität des neuen Ruanda, die Überbevölkerung im Gebiet um die Großen Seen, die Durchlässigkeit der alten Kolonialgrenzen, die Zunahme ethnischer Spannungen aufgrund von Armut, das Vorhandensein von Naturreichtümern und Bodenschätzen, die Militarisierung der informellen Wirtschaft, die weltweite Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen, das lokale Angebot von Waffen, die Ohnmacht der Vereinten Nationen und einiges mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Juni 2007 frühstückte ich in Ruandas Hauptstadt Kigali im berühmten Hotel des Mille Collines, Zufluchtsort während des Völkermords und Inspirationsquelle für den Film &#039;&#039;Hotel Ruanda&#039;&#039;. Es war noch immer ein sündhaft teures Sternehotel. Ich hatte dort nicht übernachtet, sondern traf mich mit Simba Regis, einem introvertierten ruandischen Kriegsveteranen, der nur wenige Jahre älter ist als ich. Am Buffet nahmen wir uns mit Zangen butterglänzende Croissants. Eine Kellnerin brachte uns herrlich frischen Fruchtsaft. Simba Regis war 1967 geboren, und seine Lebensgeschichte war die Geschichte der ruandischen Tutsi in der Nussschale. 1959, als die Hutu-Unruhen begannen, waren seine Eltern nach Burundi geflohen, wo er geboren wurde. In seiner Kindheit und Jugend hörte er ständig, dass nicht Burundi, sondern Ruanda sein Heimatland sei. Er sympathisierte mit dem Kampf der Tutsi im Exil und ging 1990 nach Süd-Uganda, um sich der Ruandischen Patriotischen Front anzuschließen, Kagames Armee. Er war bei den Invasionen Ruandas dabei, er war einer der Ersten, die Kigali erreichten, und er entrann um ein Haar dem Völkermord 1994. »Sechsjährige Kinder, die elend verreckten, junge Mütter, die von unter Drogen stehenden Interahamwe abgeschlachtet worden waren. Es war zum Wahnsinnigwerden. Wenn man das gesehen hat, dann muss man sich wehren.« Also war er 1996 dabei, als Ruanda zum ersten Mal in den Kongo einfiel, um die Hutu-Gefahr auszuschalten. Und 1998, bei der zweiten Invasion Ruandas, kämpfte er wieder in den vordersten Linien, denn auch jetzt ging es nicht nur um die Entthronung Kabilas, sondern auch darum, die verbliebenen Hutu-Milizen auszuschalten. In den Wäldern des Ost-Kongo versteckten sich noch immer Tausende ruandischer Hutu, die nach den Massakern der AFDL vergeltungssüchtiger waren als je zuvor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf begann am 2. August. Ruanda erhielt Unterstützung von Uganda und Burundi, die ebenfalls über das Rumoren an ihrer Westgrenze beunruhigt waren und denen der Reichtum an Bodenschätzen im Ost-Kongo bekannt war. Goma und Bukavu fielen sofort. Zwei Wochen später hieß es, die Eroberung sei das Werk einer einheimischen Rebellionsbewegung, des &#039;&#039;Rassemblement Congolais pour la Démocratie&#039;&#039; (RCD). Zu ihrem Anführer wurde überraschenderweise Ernest Wamba dia Wamba erklärt, ein ehemaliger Geschichtsprofessor. Doch der gesamte RCD war ebenso sehr eine Phantomkonstruktion wie die AFDL von 1996. Während er sein Croissant langsam zerpflückte, zerstreute Simba Regis jeden Zweifel: »Wir haben die Rebellen ausgebildet und trainiert. Ruanda war einfach besser organisiert. Die Kongolesen trugen ruandische Uniformen und Stiefel. Sie standen unter unserem Befehl. Wir waren ihre Paten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier Jahre lang kämpfte Simba auf kongolesischem Boden, von 1998 bis 2002, über den gesamten Zeitraum des offiziellen Krieges. Er war in Katanga, in Kasai. Manchmal gab es dort Kämpfe gegen die Interahamwe und die Mai-Mai, die von Kabila unterstützt wurden, die meiste Zeit geschah nichts. &#039;&#039;»On faisait la vie«&#039;&#039;, sagte er, »wir hatten unser Auskommen«, was man auch so verstehen konnte, dass die Ausbeutung des Bodens wichtiger gewesen war als das Kriegführen. In Katanga fand man noch immer Rohstoffe im Überfluss, und Kasai war nach wie vor reich an Diamanten. Den Kampf gegen die reorganisierten Hutu bezeichnete er als »gerecht und ehrenhaft«, aber den Krieg als Lebensstil hatte er gründlich satt. »Ich kann nicht mehr. Seit 1990 führe ich Krieg. Die, die über den Krieg entscheiden, kämpfen nie selber, aber ich habe meine Brüder verloren und meine Freunde. Wir waren elf Freunde aus Bujumbura, wir kamen aus demselben Viertel und haben dieselbe Grundschule und Oberschule besucht. Von den elf leben noch zwei, ich und jemand in Kanada.« Von der Terrasse des Frühstücksraums hatte man einen Ausblick auf Kigali. Die Stadt leuchtete im Morgenlicht. »Wenn ich Bier getrunken habe, kriege ich Albträume. Ich sehe Häuser, die in die Luft gesprengt werden. Ich sehe meine Freunde weinen, weil sie einen Arm oder ein Bein verloren haben. Und immer bin ich machtlos und kann nichts tun. Dann schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Ich spüre den Krieg noch immer. Ich hatte kein gutes Leben, nein. Ich möchte nach Europa, denn in fünf oder zehn Jahren geht es hier von Neuem los.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber James Kabarebe glaubte, dass die Sache rasch erledigt werden könne. 1996 hatte es sieben Monate gedauert, nach Kinshasa zu gelangen; das musste man auch schneller schaffen können. Sein Plan war ebenso riskant wie kaltblütig. Auf dem Flughafen von Goma kaperte er mehrere Flugzeuge, lud sie voll mit RCD-Soldaten und zwang die Piloten, westwärts zu fliegen, zur Militärbasis Kitona am Atlantik. Von dort aus waren es nur vierhundert Kilometer bis Kinshasa. Seine Luftbrücke schien zu funktionieren: Am 5. August nahm er Kitona ein und schaffte es, die dort anwesenden Soldaten, hauptsächlich demotivierte ehemalige FAZ-Kämpfer, die in der neuen Armee »umerzogen« wurden, zu überreden, mit ihm gegen Kabila zu kämpfen. Am 9. August fiel die strategisch entscheidende Hafenstadt Matadi, am 11. August das Wasserkraftwerk Inga. Kabarebe hatte nun den Daumen auf dem Hauptschalter von Kinshasa und konnte auch noch die Zufuhr von Lebensmitteln sperren. Nächtelang stürzte er eine hungrige Millionenstadt in die Dunkelheit. In den einfachen Vierteln loderten die Anti-Tutsi-Ressentiments hoch auf. Hunderte von Tutsi oder Menschen, die auch nur Tutsi-Züge aufwiesen, wurden von Menschenmengen grausam gelyncht. Wie in den Townships von Südafrika hängte man ihnen einen Autoreifen um, der mit Benzin gefüllt und angezündet wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles deutete darauf hin, dass Kinshasa binnen kurzem fallen würde. Kabilas Armee war für Kabarebes Truppen kein ernstzunehmender Gegner. Und doch kam es anders. In letzter Minute wurde Kabila von ausländischen Truppen gerettet: Am 19. August 1998 rückten vierhundert Soldaten aus Simbabwe in den Kongo ein, am 22. August begann die Armee Angolas Bas-Congo zu befreien. Vor allem die Rolle Angolas war entscheidend. Während des Ersten Kongokrieges hatte sich das Land neutral verhalten: In Luanda war niemand traurig über den bevorstehenden Abgang Mobutus, dessen Unterstützung der rechten UNITA-Rebellen so viel Leid ausgelöst hatte. Während des Zweiten Kongokrieges waren die Karten jedoch neu gemischt. Ruanda könnte eventuell die UNITA unterstützen, um Kabila zu Fall zu bringen. Das musste verhindert werden. Simbabwe hingegen handelte eher aus wirtschaftlichen Erwägungen; das Land besaß Anteile am katangesischen Bergbau. Daneben gab es eine Art ideologischer Brüderschaft zwischen den Präsidenten Mugabe, Dos Santos und Kabila: alle drei hatten mit dem geflirtet, was in Afrika so schön &#039;&#039;le marxisme tropicalisé&#039;&#039; hieß. Angola war jahrelang von Kuba unterstützt worden, so wie auch Kabila, als Che Guevara ihn besucht hatte. Ruffin Luliba bekam in seiner Zeit als Leibwächter Kabilas mit, dass es noch immer eine enge Beziehung gab. »Mzee hielt große Stücke auf Revolutionäre. Männer wie Mugabe und Castro, die fand er großartig. Sein Leibarzt war ein Kubaner. Ich war mehrmals mit ihm auf Kuba. Wir waren zu vier Kadogo und wurden von Castro empfangen; ich habe ihm noch die Hand geschüttelt. Wir haben bei Castro in Havanna diniert.«18 Wahrscheinlich war es Castro, der den angolanischen Präsidenten Dos Santos veranlasste, seine Armee in den Kongo zu schicken.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Koalition wuchs. Nach Simbabwe und Angola schloss sich auch Namibia an. Im Norden fand er im Sudan, im Tschad und in Libyen Verbündete. Jedes dieser Länder hatte Gründe, Kabilas Sturz zu verhindern. Der Sudan bot seine Dienste an wegen eines sich dahinziehenden Konflikts mit Uganda, das die Rebellen im Süden des Sudan unterstützte. Libyen stellte einige Flugzeuge zur Verfügung, um aus seiner internationalen Isolierung herauszukommen. Der Tschad entsandte zweitausend Soldaten aus Solidarität mit den beiden zuvor genannten Ländern. Kabila verfügte schließlich über eine Armee aus sieben Nationen: Neben seinen eigenen Truppen befanden sich Truppen aus drei Ländern im Süden und aus drei anderen Ländern im Norden des Kongo. Sie nahmen es auf gegen die drei Länder aus dem Osten, die hinter dem RCD steckten: Ruanda, Uganda und Burundi, wobei Ruanda unstreitig die Hauptrolle spielte und der Liebling Amerikas war. Wieder einmal war die zentrale Lage des Kongo in Afrika für den Lauf der Geschichte entscheidend. Die Zahl der Soldaten war groß: Kabilas Koalition konnte sich mit ungefähr 85.000 Kämpfern brüsten, die Rebellen mit rund 55.000.20 Diese beeindruckende militärische Präsenz führte jedoch in eine Sackgasse. Der Westen des Kongo kam schnell wieder in Kabilas Hände, aber der Osten blieb im Griff des RCD. Eine echte Front existierte nicht, doch es gab deutlich abgegrenzte Zonen, zwischen denen ein oft sehr breiter Streifen Niemandsland lag. Die staatliche Autorität Kinshasas galt nur noch in Bas-Congo, Bandundu, West-Kasai und großen Teilen Katangas; Kigali und Kampala kontrollierten Nord-Katanga, Nord- und Süd-Kivu sowie die Provinzen Maniema und Orientale. Als sich der Tschad im November 1998 aus der Provinz Équateur zurückzog, fiel auch diese Region in die Hände der Rebellen. Nicht der RCD war hier die Besatzungsmacht, sondern eine neue Rebellenarmee, die ausschließlich von Uganda unterstützt wurde, der MLC (&#039;&#039;Mouvement pour la Libération du Congo&#039;&#039;). Ihr Kommandant war Jean-Pierre Bemba, Sohn des reichsten Geschäftsmannes aus der Mobutu-Ära. Seine Truppen bestanden zu einem großen Teil aus Veteranen der DSP, Mobutus gefürchteter Privatarmee.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruandas zweite Invasion in den Kongo hatte so erfolgreich ablaufen sollen wie die im Jahr 1996, doch es kam ganz anders. Die Situation war völlig festgefahren, unter anderem durch die Haltung der lokalen Bevölkerung. Während die AFDL noch als eine Befreiungsarmee empfangen worden war, wurde der RCD von Anfang an als Besatzungsmacht empfunden. In einer Stadt wie Goma war Kabila noch immer sehr populär. Als Wamba dia Wamba Jungen für seinen RCD rekrutieren wollte, mobilisierte Jeanine Mukanirwa ihre wichtige Organisation von Landfrauen. Sie war eine der Frauen, die am Ende der Mobutu-Ära die Frauenbewegung im Kivu mit aus dem Boden gestampft hatten. »Wir waren zu fünftausend Frauen. Wamba dia Wamba kam und wollte uns für seine Rebellion gewinnen. Es war seiner Ansicht nach ein ›Berichtigungskrieg‹, aber wir wussten, dass Ruanda dahintersteckte. Wir sagten: ›1996 habt ihr uns unsere Kinder weggenommen, damit sie kämpften. Jetzt kommt ihr, um unsere anderen Kinder zu holen, damit sie gegen ihre eigenen Brüder kämpfen. Euer Krieg hat keine Berechtigung!‹ Ja, wir Frauen hatten damals Mut.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wambas RCD war überaus verhasst. Sogar die Banyamulenge schwankten, ob sie diesmal mit Ruanda mitmachen sollten; ihr Enthusiasmus war längst nicht mehr so groß wie noch zwei Jahre zuvor.23 Einwohner von Goma erzählten mir, wie die gesamte Verwaltung in die Hände von Ruandern überging. Finanzverwaltung, Einwanderungsbehörde, Sicherheitsdienst . . . Kämpfe hatte es nicht gegeben bei der Einnahme, aber als sich die neue Obrigkeit einrichtete, begann eine endlose Serie von Entführungen, oder Menschen verschwanden plötzlich.24 Intellektuelle, Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Kirchenführer wurden eingeschüchtert und willkürlich verhaftet. Hunderte Dissidenten und Gegner der Rebellen aus dem Landesinneren kamen um.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Garten des Caritas-Guesthouse in Goma, am Ufer des wunderschönen Kivusees, interviewte ich einen Mann, der sich »Muhindu« nannte. Er hinkte und hatte eine große Narbe am rechten Arm. Fünf Jahre lang war er LKW-Fahrer für einen RCD-Kommandanten gewesen. Er sprach in kurzen Sätzen. »Damals wurden viele Jugendliche entführt. Ich musste immer mit drei Soldaten zu einem Haus fahren. Alle wehrfähigen Jungen und Männer wurden ergriffen und in die LKW geworfen. Die Tür ging zu. Ich fuhr nach Kinyogote, bei Mugunga, am Ufer des Sees. Dort war ein Bootshaus, in dem früher Schnellboote lagen. Das war das Gefängnis. Wir warfen sie da rein. Nach ein paar Tagen wurden sie getötet. Mit Stricken. Ich fuhr mit einem Motorboot auf den Kivusee. Man musste große Steine an so einen Körper binden.« Die Wellen des Sees schwappten ans Ufer, aber er hatte kein Auge dafür. Es war sehr kühl, hier im hochgelegenen Osten. Er, nur im T-Shirt, trank einen Schluck Bier und fuhr fort. »Wenn man mit irgendjemand ein Problem hatte, suchte man sich einen Freund, der im RCD war. Man gab ihm Geld, und er sorgte dafür, dass der Feind umgebracht wurde. Ich hatte mindestens sechzehn Leute am Tag im LKW, und ich war fünf Jahre Fahrer für den RCD. Manchmal steckten um die hundert Mann in der Garage. Sie starben durch die Kälte und den Wind. Die Wellen schlugen auch hinein.«26 In den Dörfern ging der RCD besonders brutal vor. Die Städte hatten sie in ihrer Macht, das Land nicht. Dort waren die Interahamwe und andere Hutu-Streitkräfte, und die wurden von Kinshasa unterstützt. Es war eine unvorstellbare Umkehrung der Geschichte: 1996 führte Kabila eine Rebellion an, die wahre Gemetzel unter den Hutu-Flüchtlingen anrichtete, zwei Jahre später bewaffnete er die gleichen Flüchtlinge, damit sie gegen Ruanda kämpften . . . Nichts war im Kongo das, was es schien. Bündnisse wurden geschlossen und aufgelöst, je nach den Umständen. Ideologische Übereinstimmung? Politische Verwandtschaft? Unwichtig. Was wirklich zählte, war militärischer (und später auch pekuniärer) Opportunismus. Die Feinde der Feinde waren Freunde; mit ihnen arbeitete man zusammen. Und aufgrund dieser Logik ging im Ost-Kongo der Kampf zwischen ruandischen Hutu und ruandischen Tutsi noch eine Weile weiter. Die Echos des Völkermordes verhallten nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Mai-Mai wurden von Kinshasa mit Nachschub versorgt. Kabila hatte keine Truppen mehr im Osten, aber mit Hilfe der Mai-Mai konnte er dennoch verhindern, dass der RCD das Landesinnere vollständig kontrollierte. Er vergab die Kriegsführung also an zwei Subunternehmer, die Interahamwe und die Mai-Mai. Ein recht seltsames Konsortium: Die einen waren ruandische Hutu, die den Völkermord begangen hatten, die anderen kongolesische Hypernationalisten, die an Magie glaubten und sich für unverwundbar hielten. Im Juni 2007 durfte ich in Bukavu einmal ganz im Geheimen mit vier Mai-Mai tafeln. Wegen ihrer Angst vor der Stadt erschienen sie erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zu unserer Verabredung in einer anonymen Privatwohnung eines gemeinsamen Freundes. Am Anfang herrschte eine sehr nervöse Stimmung. Ihr »Oberst«, ein Mann um die dreißig mit blutunterlaufenen Augen, dozierte mit lauter Stimme ausführlich über die Geschichte der Mai-Mai und gab heroische Storys zum Besten, aus denen sowohl Wut wie auch Kampfgeist sprach, jedoch in so epischer Breite, dass seine Mitstreiter dabei einschliefen. Später, als sie wieder aufgewacht waren, berichteten sie freimütig vom Krieg und ihren Ritualen. Nach einer Weile, sie hatten gegessen und Bier getrunken, zeigten sie mir sogar ihre magischen Lederarmbänder, ihre &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Sie krempelten die Hosenbeine hoch und zeigten mir, wo sie von Kugeln getroffen worden waren, die sie nicht getötet hatten (»Und hier ist sie wieder rausgekommen!«). Sie forderten mich auf, ihren Oberarm zu betasten, wo zu meiner Verblüffung tatsächlich eine Geschosshülse unter der Haut steckte (»Nix da mit ärztlicher Versorgung; einfach eine Pflanze draufgelegt.«). Sie versprachen mir, bei einem nächsten Treffen einen von ihnen den Immunisierungsritualen zu unterziehen und auf ihn zu schießen. Ich würde dann ja selber sehen, dass die Kugeln wie Wasser von seiner Brust abperlten. Oder nein, sie hatten eine bessere Idee. Weil ich den Kongo so offenkundig liebte, sei ich auch ein potenzieller Mai-Mai, fanden sie. Sie würden &#039;&#039;mir&#039;&#039; alle Rituale angedeihen lassen, ja, genau, und einer von ihnen würde dann auf mich feuern. Wollte ich das nicht mal erleben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ethnische Herkunft sahen die Mai-Mai nicht so eng, solange man nur dem Kongo leidenschaftlich zugetan war. Yves Van Winden konnte bei diesem Thema mitreden. Er war ein Belgier, der schon seit Jahren eine kleine Fluggesellschaft im Kongo betrieb, ein Sportpilot, der sein Hobby zum Beruf und den Kongo zu seinem Heimatland gemacht hatte. Während des Krieges war er Kontaktperson zwischen Kabila und den Mai-Mai. Ich unterhielt mich mit ihm in einem zwielichtigen Nachtclub in Goma. Russische Piloten, die sich im Goldschmuggel betätigten, hingen herum, neben obskuren Typen in Militäruniformen, die ich nicht zuordnen konnte. Um den Billardtisch saßen ein paar junge Prostituierte und tranken ihre Cola mit einem Strohhalm. »Sie nannten mich den ›weißen Mai-Mai‹«, sagte Yves Van Winden, »ich brachte ihnen Waffen von Kabila. Mehr als vierhundert Flüge habe ich erledigt, Alleinflüge von fünf, sechs Stunden. Das ist extrem lange. Ich flog meistens mit meiner Cessna, manchmal mit einer DC-3 oder einer kleinen Antonow 26. Pro Flug hatte ich sechshundert Kilo Fracht. Ich schätze mal, ich habe mehr als zwanzigtausend Kalaschnikows transportiert, außerdem dreihundert bis fünfhundert Bazookas, zweihundert Mörser Kaliber 60, zwanzig Mörser Kaliber 90 und zehn Mörser Kaliber 120. Und auch noch zwei SAM-7-Raketen, zur Luftabwehr.« Warum bringt jemand 240 Tonnen Waffen ins Rebellengebiet? »Aus Patriotismus. Durch die Bewaffnung der Mai-Mai wurde der Vormarsch des RCD gestoppt. Ich habe noch sehr viel Geld zu kriegen für meine ganzen Flugstunden. Einmal wurde meine Cessna beim Aufsteigen beschossen, die Kugel flog direkt an meinem Sitz vorbei. Ich wurde nicht getroffen. Die Mai-Mai wunderte das überhaupt nicht. Sie hatten meine Maschine getauft!«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Karte des Kongo war unverrückbar: Im Westen und Süden befand sich Kabila mit seinen angolanischen und simbabwesischen Verbündeten, im Norden Bemba mit seinem von Uganda unterstützten MLC, im Osten Wamba dia Wamba mit seinem von Ruanda unterstützten RCD, der es mit den von Kinshasa unterstützten Interahamwe und den Mai-Mai aufnahm. Seit Anfang 1999 gab es bereits Friedensverhandlungen, aber erst im Juli, unter dem Druck Frankreichs und der USA, kam es in der sambischen Hauptstadt Lusaka zu einer Einigung, dem sogenannten Friedensabkommen von Lusaka. Die ausländischen Armeen versprachen, ihre Soldaten abzuziehen, die UNO wollte eine Friedenstruppe von fünfhundert Beobachtern entsenden, und im Kongo sollte ein nationaler Dialog über die Gestaltung der Übergangszeit nach dem Krieg in Gang kommen. Wieder einmal ein Übergang. Seit Mobutu 1990 einen Anfang von Demokratisierung erlaubt hatte, befand sich das Land permanent in einem Zustand der Vorläufigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Krieg war nicht vorbei. Nach Lusaka geriet er nur in eine neue Phase, eine chaotische, schmutzige Phase. Alle Kriege sind dreckig, aber wenn das politische Motiv einem wirtschaftlichen Motiv weichen muss, gibt es gar kein Halten mehr. Und genau das geschah. Der RCD hatte nicht mehr das Ziel, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern richtete sich in der Rebellion ein und stellte fest, dass sich im Ost-Kongo gute Geschäfte machen ließen. Der Westen ist daran gewöhnt, Kriege als furchtbar teure, geldverschlingende Unternehmen zu betrachten, die für die Wirtschaft eines Landes desaströs sind. In Zentralafrika war es genau umgekehrt: Kriege zu führen war relativ billig, vor allem in Anbetracht der sagenhaften Gewinne, die sich mit der Ausbeutung von Rohstoffen erzielen ließen. Es handelte sich ja nicht um einen Hightech-Krieg. Das Überangebot an leichten, aus zweiter Hand erstandenen Feuerwaffen, die oft von den postkommunistischen Regierungen Osteuropas stammten, drückte den Preis, und (Kinder)Soldaten, die sich ihren »Sold« zusammenplündern durften, kosteten nichts. Sie hielten die Bevölkerung unter der Knute, während Erz in Hülle und Fülle vorhanden war. Krieg wurde, kurz gesagt, eine interessante ökonomische Alternative. Warum sollte man ein so lukratives Geschäft aufgeben? Unter dem Druck der Bevölkerung? Wozu hatte man denn Waffen? Und was, wenn ein Teil der bettelarmen Bevölkerung an der Ausbeutung der Rohstoffe mitverdiente?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki saß allein am Tisch in einer griechischen Cafeteria in Kisangani und aß ein Omelett, als ich ihn zum ersten Mal traf. Es war ein sengend heißer Tag, aber im Raum war es dank der Klimaanlage erträglich. Ich hatte von ihm gehört und kam mit ihm ins Gespräch. Er stammte aus Bukavu und war einer der vielen Kongolesen, die 1996 bei der ersten Invasion aus Ruanda zu Fuß nach Kisangani geflohen waren. Eine Granate hatte sein Haus zerstört. Drei Wochen lang wanderte er mit seiner Familie durch den Urwald. Aber einige Jahre später erreichte der Krieg auch seinen neuen Aufenthaltsort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wichtigste Ereignis in der zweiten Phase des Krieges, erkannte Doktor Soki sehr schnell, war der Bruch zwischen Ruanda und Uganda. Nachdem Gewinn wichtiger geworden war als Gewinnen, ging die Freundschaft zwischen Kagame und Museveni in die Brüche. Sie kämpften nicht mehr gemeinsam um Kinshasa, sondern gegeneinander um Kisangani. Die Rebellen hatten Doktor Sokis Stadt bereits im August 1998 eingenommen. Kisangani war der wichtigste regionale Umschlagplatz für Diamanten. Überall in der Stadt gab es &#039;&#039;comptoirs du diamant&#039;&#039;, Wechselstuben, oft von Libanesen, wo Schürfer und Kuriere aus dem Inland anklopften, um ihre Steine zu verkaufen. Erst schwang Uganda dort das Zepter, aber Ruanda wollte auch einen Teil der Beute und beschloss, Uganda zu vertreiben. Dreimal kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in den Straßen der drittgrößten Stadt des Kongo. Bewohner von Kisangani sprechen noch heute über den »eintägigen Krieg« (August 1999), den »Dreitagekrieg« (Mai 2000) und den »Sechstagekrieg« (Juni 2000). Der letztgenannte Konflikt war besonders heftig, erinnert sich Doktor Soki noch. Offiziell sollte die Stadt damals entmilitarisiert werden. Jeeps fuhren weg, aber beide Lager befürchteten, der Gegner könnte sofort in die Lücke stoßen.28 Die Truppenstärke der UNO-Friedensmission, der MONUC (&#039;&#039;Mission de l&#039;Organisation des Nations Unies au Congo&#039;&#039;), war beträchtlich angewachsen, doch das reichte nicht aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Ugander standen im Norden der Stadt, beim Tshopo-Fluss und auf dem Gelände der Textilfabrik Sotexki. Die Ruander standen im Süden, beim Kongofluss. Wer wen provozierte, lässt sich nicht eindeutig sagen, aber der geplante Abzug eskalierte in einem großen Feuergefecht mit schweren Waffen. Innerhalb von sechs Tagen flogen mehr als tausend Granaten über die Wohnviertel der Stadt mit der schönsten modernistischen Architektur des ganzen Kongo.29 Die Menschen lebten in Kellern und hatten tagelang nichts zu essen. Nachts war der Himmel voller dröhnender Sternschnuppen. Es gab weder Wasser noch Strom. Die Menschen tranken verdorbenes Wasser aus Pfützen und Brunnen und litten unter einem Krieg, der nicht der ihre war. Uganda und Ruanda kämpften um den kaputten, aber reichen Kongo, so wie ein Schakal und eine Hyäne am selben Kadaver herumzerren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter dem städtischen Krankenhaus wurde ein improvisierter Friedhof angelegt. Allein schon während des Sechstagekrieges gab es vierhundert zivile Opfer. Die Zahl der Verletzten und der zerstörten Häuser war unübersehbar. »Es war an einem Montagmorgen um zehn Uhr, als der Krieg ausbrach, ich besprach gerade Baupläne mit einem Kunden.« Ingenieur Utshudi war nicht zu Hause, als eine der ersten Granaten auf sein Haus fiel. »Wir wohnten in der Deuxième Avenue Nr. 11 in der Gemeinde Tshopo. Ich kam nach Hause, aber keines der Häuser stand mehr. Es war eine Wüste. Überall lagen Leichen. Sie haben sechs Tage dort gelegen. Wir mussten fliehen. Die Soldaten schossen sogar auf Totengräber. Als der Krieg vorbei war, haben wir die Leichen weggeholt. Wir steckten sie in Säcke und begruben sie auf dem Friedhof hinter dem Krankenhaus. Ich habe auf einen Schlag meine Frau, meine jüngere Schwester, meine Schwägerin und meine vier Kinder verloren, sieben Angehörige. Jetzt bete ich zu Gott, dass ich vergessen darf.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bruch zwischen Ruanda und Uganda verlief parallel zu einem Bruch im RCD: Die Rebellenbewegung spaltete sich in eine pro-ruandische Fraktion (den RCD-G – das G steht für Goma – unter der Führung von Émile Ilunga und später vor allem Azarias Ruberwa) und eine pro-ugandische Fraktion (den RCD-K – K für Kisangani – unter Führung von Wamba dia Wamba und später Mbusa Nyamwisi, auch als RCD-ML – ML für Mouvement de Libération – oder RCD-K/ML bezeichnet).31 Der Kongo war nicht nur reich an Rohstoffen, sondern auch an Abkürzungen. Doktor Soki beschäftigte sich kaum damit: »Über Politik habe ich nicht viel nachgedacht. Der Grund für den Krieg war uns nicht bekannt.« Als der Sechstagekrieg begann, zogen internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter ab. Doktor Soki blieb in einer belagerten Stadt mit einer halben Million Einwohner zurück. Wie der Arzt in &#039;&#039;Die Pest&#039;&#039; von Camus versuchte er die Menschenwürde in einer menschenunwürdigen Welt zu bewahren. »Sechs Tage lang arbeitete ich allein im städtischen Krankenhaus von Kisangani. Es gab drei Pfleger und fünfzehn Praktikanten. Erst später stieß ein amerikanischer Chirurg vom Roten Kreuz dazu. Die Leute schliefen auf ihren selbst geflochtenen Matten auf dem Boden. Decken und Medikamente kamen später. Wir arbeiteten von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. Zweitausend Menschen haben wir behandelt, Menschen mit Schusswunden im Bauch, im Brustkorb, in den Gliedmaßen oder sogar im Kopf, Menschen, deren Bauch von Granatsplittern aufgerissen war. Wir entfernten Blut aus der Lunge und Schrapnellgeschosse aus der Blase, wir amputierten. Es war echte Kriegschirurgie, aber wir hatten sehr wenige Infektionen. Dabei hatten wir am Anfang nicht mal Diesel für das Stromaggregat. Wir mussten unsere Sterilisationsapparate auf einem Holzkohlenfeuer erhitzen. Und dann schlug auch noch eine Granate im Krankenhaus ein. Einer von den zwei Operationssälen wurde zerstört, und unsere Zisterne mit fünftausend Litern Wasser lief aus. Unter den Kranken und dem Personal brach Panik aus. Nicht mal hier waren wir sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki sprach mit ruhiger Stimme über das Inferno jener Woche. Nichts Heroisches lag in seinen Worten, eher Resignation und Kummer. »Wir haben auch Soldaten behandelt. Vier ugandische Soldaten brachte man uns, der Bauch aufgerissen, die Gedärme hingen heraus. Wir konnten sie retten. Wir haben uns um alle gekümmert, wir haben niemand diskriminiert. Wenn ruandische Soldaten kamen, haben wir sie in einen anderen Saal gelegt. Ich habe einfach weitergemacht, wegen des Leidens, das ich selbst durchgemacht hatte. Ich hatte siebenhundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt und unterwegs Kinder und Erwachsene sterben sehen. Ich hatte offenkundig den Mut, mich selbst den anderen zu schenken.« Und jetzt isst er allein sein Omelett. Er redet nicht gern. »Wir hatten in der Woche auch eine Geburt. Durch die Aufregung bekamen viele Frauen ihre Kinder vorzeitig. Wir machten einen Kaiserschnitt. Ich hielt das Kind. Gott schenke ihm das Leben, dachte ich.«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Teilnahme an dem Massaker 1997 in Tingi-Tingi bei Kisangani war Leutnant Papy mit der AFDL in Kisangani gelandet. Er heiratete, legte die Waffen nieder und zog zur Familie seiner Frau in den Busch, wo er ein Stückchen Land bestellte. Endlich führte er das Leben eines Durchschnittskongolesen in Friedenszeiten: das eines Bauern. Aber dann kam im Mai 1999 Wamba dia Wamba nach Kisangani, aufgrund der Spaltung des RCD. »Er sagte: ›Ihr wollt für euer Land kämpfen, aber die Ruander wollen uns besetzen. Schaut nur nach Goma!‹« Bauer Papy fand, dass es mit der Landwirtschaft nun reichte, und er wurde wieder Leutnant Papy. Drei Monate lang wurde er ausgebildet, diesmal von einem ugandischen Oberst. Wamba hatte zweifelsohne das Lager gewechselt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im August 1999 war Papy dabei, als Ruanda zum ersten Mal Kisangani beschoss und einnahm. Als Wamba sein Hauptquartier nach Bunia verlegte, zog er ebenfalls ostwärts. Nun wollte er sich bei Roger Lumbala melden. Der hatte in Bafwasende, dem Herzen des Diamantengebiets, eine eigene kleine Rebellenarmee aufgestellt, den RCD-N (N für National, obgleich Lokal besser gepasst hätte). Er kam aus dem RCD-G, flirtete mit dem RCD-K/ML, gründete den RCD-N und paktierte schließlich mit Bembas MLC.33 Die Rebellenbewegung zerfiel, vor allem auf ugandischer Seite, und Leutnant Papy verlor zunehmend die Orientierung. Erst wollte er sich Lumbala anschließen, dann doch lieber nicht, dann wollte er zurück zu Wamba, aber dessen Platz nahm jetzt Mbusa ein, eigentlich wollte er zurück zu seiner Familie, die in Beni lebte, doch das war weit weg, also blieb er eben bei Mbusa. Loyalität war vor allem eine Frage von Opportunität. Schließlich durchstreifte er jahrelang mit einem kleinen Trupp von Soldaten den Urwald der Gegend, die in besseren Zeiten Parc National de l&#039;Okapi geheißen hatte, mit achtzehntausend Quadratkilometern eines der größten Naturreservate des Kongo, Weltnaturerbe seit 1996, für gewöhnlich nur bewohnt von Mbuti-Pygmäen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Trupp bestand aus sieben Männern, und Papy war &#039;&#039;chef de peloton&#039;&#039;. Tief im Urwald gelangten sie in den kleinen Ort Bomili, wo sie eine wunderbare Aussicht über den Zusammenfluss des Ituri mit einem Nebenfluss hatten. An diesem Ort hatte ein Mann namens Mamadou das Sagen, ein Wilderer aus Mali, der sich als Dorfoberhaupt aufspielte. Es erinnerte an die Art, in der Msiri, der afro-arabische Sklavenhändler, der von der Ostküste stammte, sich 1856 zum König der Lunda hatte ausrufen lassen. Das Machtvakuum begünstigte neue, von außen eingeführte Strukturen: Ausländische Händler konnten ungestraft agieren und sich, mit einiger Gewalt, reale politische Macht aneignen. Um das Jahr 2000 herrschten im Landesinneren des Kongo ähnliche Wildwest-Verhältnisse wie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar die Handelsware war die gleiche. »Mamadou hatte ein Haus voller Elfenbein. Ich sah fünfzehn Stoßzähne, fast zwei Meter lang. Er hatte vier Jäger, einen Mann, der Pascal hieß, und drei Pygmäen. Auch Felle von Okapis lagen da und das Horn eines Nashorns. Mamadou nahm uns alles ab, sogar unsere Ketten. Drei Stunden lang hat er uns geschlagen. Dann sagte er zu uns: ›Tragt das Elfenbein für mich, sonst töte ich euch.‹« Ein Satz, der so im neunzehnten Jahrhundert hätte fallen können. Papy und seine Männer wanderten sieben Kilometer mit den Stoßzähnen auf der Schulter, in demselben Gebiet, in dem die &#039;&#039;arabisés&#039;&#039; früher ihre Sklavenjagden veranstalteten. Als es dunkelte, bauten sie sich drei kleine Hütten für die Nacht. Sie hatten nicht die Absicht, weiterhin brav den Träger zu spielen. »Nach einer Stunde kam Mamadou. Er war uns gefolgt und eröffnete das Feuer. Einer von uns wurde getötet, darauf haben wir drei seiner Jäger ermordet, darunter Pascal. Wir sind geflohen und haben das Elfenbein vergraben. Ich muss es noch irgendwann holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papys Erzählungen zuzuhören, war, als würde ich noch einmal &#039;&#039;Herz der Finsternis&#039;&#039; lesen und in eine düstere, dunkelgrüne Welt voller dumpfer Gewalt eintauchen. Eine Welt, bevölkert mit schemenhaften Typen, ebenso grausam wie finster und betrunken. »Mamadou arbeitete mit Ramses zusammen, &#039;&#039;le Roi des Imbéciles&#039;&#039;, dem »König der Schwachköpfe«. Der war die Nummer zwei von Bembas MLC. Es herrschte große Rivalität mit dem RCD-ML von Mbusa.« Eine unheilvolle Welt mit nebulöser Logik. Die pro-ugandischen Rebellen kämpften nicht mehr gegen Kinshasa, nicht einmal mehr gegen Ruanda, sondern einfach gegeneinander. »Der MLC wollte sich in Richtung Osten ausbreiten. Sie griffen Isiro an, später auch Beni und Butembo. Ramses war ihr Kommandant. Bei Mambasa haben seine Männer Kannibalismus an Pygmäen begangen.« Eine fiebrige Welt mit bizarren Ritualen und schauerlichen Szenen. Pygmäen wurden sogar gezwungen, Körperteile ihrer gerade ermordeten Angehörigen zu essen. Neugeborenen wurde das Herz herausgeschnitten, und es wurde verzehrt . . .34 Eine schwülheiße Welt mit tropfenden Bäumen und fernen Tierschreien. Leutnant Papy schnaubte. Die Verachtung sprach aus seinen trostlosen Worten. »Eines Tages vermisste ich meinen Freund, meinen Kameraden. Wir konnten ihn erst nicht finden. Dann entdeckten wir ihn in einer Kurve am Straßenrand. Ramses hatte ihn erwischt. Sein Kopf war auf einen Pfahl gespießt. Weiter unten hatten sie seinen Schwanz an die Stange gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Welt der panischen Angst. Zwei Millionen Bürger flohen ins Nirgendwo. Tief im Urwald waren Dorfbewohner so abgeschlossen von der Außenwelt, dass es keine Kleidung mehr gab, die ihre Lumpen ersetzen konnte. &#039;&#039;Les nudistes&#039;&#039; wurden sie genannt. Nackt liefen sie durch den Wald auf der Suche nach etwas zu essen, als lebten sie im Jahr 1870, nun jedoch kannten sie die Scham.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Kolonialzeit war das Gebiet um Bomili wegen seiner kleinen Goldminen bekannt. Die Goldadern waren nicht so ergiebig wie die im weiter östlich gelegenen Kilo-Moto, aber immer noch der Mühe wert. Leutnant Papy verlegte sich auf die Goldgewinnung und war dabei ein ganzes Stück erfolgreicher als beim Elfenbeinhandel. Soldaten wurden zu Unternehmern, Mörder zu Händlern. »Fünfunddreißig kleine Goldminen in der Gegend von Nia-Nia standen unter meiner Kontrolle. Das war mein Sektor. Keiner bezahlte mich und meine Leute, aber jede Mine hatte ihren eigenen CEO.« Auch wenn es sich dabei in der Regel um Heranwachsende in zerrissenen Unterhemden handelte, deutete die Bezeichnung CEO (PDG im Französisch von Papy, &#039;&#039;président-directeur-général&#039;&#039;) doch auf eine gewisse Formalisierung der Plünderökonomie hin. »Ich rief alle CEOs zusammen und hielt eine Ansprache: ›Ihr müsst etwas beisteuern, sonst nehmen die Soldaten das selbst in die Hand, und dann habt ihr echte Probleme. Jeder muss einen Beitrag leisten: &#039;&#039;l&#039;effort de guerre&#039;&#039;. Pro Monat will ich von jedem von euch fünf Gramm Gold.‹ Es kam zu einer Diskussion, schließlich einigten wir uns auf drei Gramm. In manchen Minen arbeiteten fünftausend &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, aber die CEOs bekamen auch nur einen kleinen Teil der Ausbeute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von industriellem Bergbau war längst nicht mehr die Rede. Die Maschinen aus der Kolonialzeit rosteten seit Jahrzehnten vor sich hin. Die Arbeit machten jetzt sogenannte &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, junge Männer und Kinder, die mit einer Spitzhacke ans Werk gingen. Es erinnerte an den frühesten Bergbau in Katanga ein Jahrhundert zuvor, mit dem Unterschied, dass niemand in einem Arbeitsverhältnis stand, sondern jeder ein selbstständiger Unternehmer war, der einen Teil seiner Ausbeute als Steuer an einen Höhergestellten weiterreichte. »Ich machte meine Runde zu allen Minen, um die Steuer zu kassieren. Damit musste ich meine Leute ernähren, aber auch meine höheren Offiziere zufriedenstellen. Ich verkaufte das Gold an Brigade- oder Bataillonskommandanten. Außerdem beanspruchte ich ein paar Quadratmeter der Mine für den Eigengebrauch. Ich hatte überall Gruben und um die zehn Schürfer, die für mich den Sand im Fluss siebten. So kam ich auf gut fünfhundert Gramm im Monat, bon, wenn ich Glück hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner Position befand sich Papy in der Pyramide der Kriegsökonomie irgendwo im Mittelbereich. Der handwerkliche Bergbau bestand aus einer langen Kette: von den Schürfern über den Minenleiter (»CEO«) und Minenbesitzer zu den höheren Offizieren und dann zu den &#039;&#039;comptoirs&#039;&#039; in den städtischen Zentren oder sogar direkt nach Uganda, wo das Edelmetall an internationale Goldhändler weiterverkauft wurde. Salim Saleh, der Bruder von Präsident Museveni, war eine Schlüsselfigur bei solchen Transaktionen. In den großen Goldminen von Kilo-Moto überging man all diese Mittelspersonen. Dort kontrollierte die ugandische Armee die Gruben direkt. Bergarbeiter mussten ohne Schutzvorrichtungen und ohne Lohn, ohne Schuhe und oft ohne angemessenes Handwerkszeug graben, während sich Gewehrläufe auf sie richteten. Arbeitsunfälle passierten zuhauf. Beim Einsturz eines Stollens kamen 1999 mindestens hundert Menschen ums Leben.36 1999 und 2000 hatte der Goldexport Ugandas einen Wert von neunzig bis fünfundneunzig Millionen Dollar pro Jahr. Ruanda exportierte damals jährlich Gold im Wert von neunundzwanzig Millionen Dollar. Viel, wenn man bedenkt, dass beide Länder keine nennenswerten Goldvorhaben aufweisen.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnlich war es mit anderen Mineralien. Vor dem Beginn des Krieges exportierte Uganda Diamanten im Wert von weniger als zweihunderttausend Dollar, 1999 hatte sich der Export fast verzehnfacht auf 1,8 Millionen Dollar.38 Ruanda, ein Land ohne Diamanten, exportierte diese Steinchen möglicherweise sogar in einem Wert bis zu vierzig Millionen Dollar pro Jahr.39 Das erklärt sofort, warum die Kontrolle über Kisangani so wichtig war. Es ging aber nicht nur um Edelmetalle und Edelsteine. Das viel banalere Zinn, weltweit zur Herstellung von Konservendosen genutzt, verschaffte sich Ruanda ebenfalls begierig im Kongo. Zwischen 1998 und 2004 produzierte das Land rund 2200 Tonnen Kassiterit (Zinnerz) vom eigenen Boden, aber exportierte 6800 Tonnen, mehr als dreimal so viel. Die Differenz stammte aus den Kassiterit-Minen im Kivu.40 Das Gebiet um die Großen Seen glich einer Art afrikanischem Schengen, einem gemeinsamen Markt, wo Güter unkontrolliert die Grenze passieren durften. Auch tropisches Hartholz, Kaffee und Tee verschwanden in Richtung Osten. Der Kongo wurde ein Selbstbedienungsladen.41 Der &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039; wurde nun von Afrikanern selbst organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es Coltan. Es sah nicht besonders aus, es ähnelte schwarzem Split, es hatte ein immenses Gewicht, man fand es im Schlamm, doch die ganze Welt war plötzlich scharf darauf. Für Ruanda wurde dieses Erz zum allerwichtigsten ökonomischen Trumpf im Kongo. Was Kautschuk um 1900 war, war Coltan um das Jahr 2000: ein Rohstoff, der in großen Mengen lokal vorhanden war (im Kongo befinden sich Schätzungen zufolge über 80 Prozent des weltweiten Coltanvorkommens) und nach dem plötzlich global eine akute Nachfrage herrschte. Handys wurden die Gummireifen der neuen Jahrhundertwende. Coltan besteht aus Columbit (Niob) und Tantal, zwei chemischen Elementen, die in Mendelejews Periodensystem genau untereinander stehen. Während Niob zur Herstellung von rostfreiem Stahl für u. a. Piercings gebraucht wird, ist Tantal ein Metall mit extrem hohem Schmelzpunkt (fast 3000 Grad Celsius). Dadurch ist es äußerst geeignet für Superlegierungen in der Raketenindustrie und Kondensatoren in der Elektronik. Egal welches Mobiltelefon, welchen MP3-Player, DVD-Recorder, Laptop oder welche Spielkonsole man aufbricht, man findet im Innern ein kleines grünes Labyrinth, auf dem allerlei Unbegreifliches festgesteckt ist. Die tropfenförmigen, grellbunten Perlen, das sind die Kondensatoren. Wenn man sie aufkratzt, hält man ein Bröckchen Kongo in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 2000 kam es zu einem wahren Coltan-Rausch. Nokia und Ericsson wollten eine neue Handygeneration auf den Markt bringen, und Sony war im Begriff, die Playstation 2 zu lancieren (wegen eines Engpasses beim Coltan-Angebot musste die Markteinführung verschoben werden).42 In weniger als einem Jahr verzehnfachte sich der Preis des Coltan-Erzes von dreißig auf dreihundert US-Dollar pro Pound. Neben einer Lagerstätte in Australien war der Ost-Kongo der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Rohstoff gefördert wurde. &#039;&#039;Down under&#039;&#039; bedeutete das Coltan-Erz eine willkommene Einnahmequelle für den Staat, im Kongo aber war es eher ein Fluch als ein Segen. Ein schwacher Staat mit einem Reichtum an Bodenschätzen – das führt unausweichlich zu Problemen. Sämtliche Coltanminen standen unter der Kontrolle Ruandas. 1999 und 2000 exportierte Kigali Coltan im Wert von schwindelerregenden 240 Millionen Dollar – pro Jahr. Der größte Teil davon war Reingewinn. Ruanda musste zwar die Händler und Rebellen im Kongo bezahlen, doch im Vergleich zu den Einnahmen waren das Peanuts. Der finanzielle Nutzen überstieg die Kosten um das Dreifache.43 Hin und wieder eine Kiste Kalaschnikows war da nicht der Rede wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruanda und Uganda waren dennoch nicht die größten Profiteure des Rohstoffraubs im Ost-Kongo. In einer globalisierenden Ökonomie waren Staaten auch nur Zwischenglieder in einem Geflecht von komplexen internationalen, in stetiger Veränderung begriffenen Handelsnetzen. Kagame und Museveni befanden sich nicht am Ende einer Versorgungslinie. Es waren multinationale Bergbaukonzerne, obskure Mini-Fluggesellschafen, notorische, aber ungreifbare Waffenhändler, zwielichtige Geschäftsleute in der Schweiz, in Russland, Kasachstan, Belgien, den Niederlanden und Deutschland, die beim Hehlen der Rohstoffe aus dem Kongo absahnten. Sie agierten auf dem sehr freien Markt. Politisch war der Kongo eine Katastrophe, ökonomisch ein Paradies – für so manchen jedenfalls. Gescheiterte Staaten ermöglichen die Erfolgsgeschichten eines überhitzten, globalen Neoliberalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papy war davon relativ unbeeindruckt. Eines Tages beschloss er, sein Glück erneut mit dem Elfenbeinhandel zu versuchen. Mit ein bisschen Hilfe von ein paar Pygmäen müsste es gelingen. »Ich hatte die Erlaubnis des Dorfvorstehers. Vier Tage dauerte es, ehe wir eine Spur fanden, eine Woche lang sind wir ihr gefolgt. Als wir den Elefanten endlich sahen, hatte er nur einen Stoßzahn. Später fanden wir eine Herde. Ich schoss einen, eine Kuh. Abends aßen wir den Rüssel. Das schmeckte prima.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den rund sechstausend Elefanten im Okapi-Reservat, in dem Papy umherstreifte, wurde mehr als die Hälfte getötet, wegen des Elfenbeins und wegen des Fleischs. Wildern wurde Big Business im Kongo. Von den hundertdreißig Berggorillas – einer ohnehin seltenen Tierart – im Kahuzi-Biega-Park verschwand fast die Hälfte. Im Virunga-Park gab es mehr als zwanzigtausend Nilpferde; nur 1300 überlebten den Krieg.44 Da die Bevölkerung jährlich 1,1 bis 1,7 Millionen Tonnen &#039;&#039;bushmeat&#039;&#039; verspeiste und zweiundsiebzig Millionen Kubikmeter Brennholz verbrauchte, litt die Natur sehr unter dem Krieg.45 Die industrielle Waldnutzung kam zum Erliegen, doch da die Stromversorgung ausgefallen war, kochte der ganze Kongo wieder auf Holz; der Durchschnittsverbrauch betrug ein Kubikmeter pro Person pro Jahr. Bushmeat war hauptsächlich das Fleisch von Affen und Antilopen. Auf allen Märkten sah man geräucherte, fast verkohlte Äffchen mit zusammengeschmorten Augen und aufgesperrten Mäulern. Auf meiner ersten Kongoreise im Jahr 2003 sah ich sogar noch, wie auf dem Markt von Kinshasa Elefantenfleisch verkauft wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Papys Laufbahn als Wilderer währte jedoch nicht lange. »Am nächsten Tag gingen wir zurück, um die Stoßzähne zu holen. Neben der toten Mutter stand ein Kleines. Das habe ich dann auch noch geschossen. Mitleid, was ist das? Als ich es mir näher ansah, fand ich nur zwei ganz mickrige Stoßzähne. Bon, ich handelte doch lieber mit Gold.«46&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Phase des Krieges dauerte lange an, weil viele daran verdienten, nicht nur die großen multinationalen Konzerne weit weg, nicht nur gerissene Händler in kleinen, klimatisierten Büros, nicht nur die militärischen Machthaber in den Nachbarländern, sondern jeder auf jeder Stufe der Pyramide. Für die einfache Bevölkerung gab es endlich wieder eine Möglichkeit, nach den erbärmlichen Mobutu-Jahren Geld zu verdienen. Das zeigte sich nirgends deutlicher als während des Coltan-Booms. Bauern in Nord- und Süd-Kivu verließen ihre kärglichen kleinen Felder, Kinder liefen in Massen von der Schule weg, sogar Lehrer ließen ihren Job im Stich. »Uns ist klar, dass das Graben nach Coltan keine Lösung für unsere Alltagsprobleme ist«, sagten einige Schürfer, »aber hier verdienen wir viel mehr als früher.« Die Risiken nahmen sie in Kauf. Vor allem Männer konnten finanzielle Autonomie zurückgewinnen. Die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre hatte Frauen neue Chancen geboten, der mit Muskelkraft betriebene Bergbau im Krieg aber war die Domäne der Männer. »Nach Coltan graben ist sehr rentabel«, sagten zwei &#039;&#039;mamans&#039;&#039;, »aber nur die Ehemänner profitieren davon. Sobald sie Geld haben, verschwinden sie und suchen sich andere Frauen in Goma. Für die kaufen sie sogar Häuser, und unsere eigenen Kinder leiden Not und gehen nicht zur Schule.«47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Profitstreben war nicht der Grund für den Krieg gewesen; doch da nun so viele davon profitierten, dauerte er an.48 Geschäft und Krieg hielten einander im Klammergriff: Die Wirtschaft war militarisiert, die Gewalt kommerzialisiert. Soldaten wie Leutnant Papy boten ihre Dienste überall da an, wo es für sie lukrativ war. Die Schattenwirtschaft von früher war zu einer militärischen Wirtschaft geworden: Noch immer ging es um groß angelegten Schmuggel kongolesischer Reichtümer, nun jedoch kam die Kalaschnikow hinzu. Extreme Gewalt wurde alltäglich, ethnisch motivierter Hass glich verdächtig stark kommerzieller Konkurrenz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie holten Kasore, einen Lendu in den Dreißigern, aus seiner Familie und fielen mit Messern und Hämmern über ihn her«, sah ein Augenzeuge im goldreichen Mongbwalu in der Provinz Orientale. Dort kämpften die Hema und die Lendu, die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen im Ituri-Distrikt, um die Minen. Früher waren die Minen ein ethnischer Schmelzkessel, jetzt stifteten sie Zwietracht. Ugandas Politik stachelte den Rassenhass an.49 Die Hema, so der Augenzeuge, »töteten Kasore und seinen Sohn (um die zwanzig) mit Messern. Dem Sohn schnitten sie die Kehle durch und schlitzten ihm den Brustkorb auf. Sie durchschnitten die Sehnen seiner Fersen, zertrümmerten seinen Kopf und zerrten seine Gedärme heraus.« Jetzt haben wir hier das Sagen, äußerten die Belagerer nach manchen Aktionen. Die Kehrseite der Globalisierung war die Tribalisierung; der internationale Rohstoffraub ging mit dem Aufleben alter und der Entstehung neuer Riten einher. Ein Hema musste sich einem bizarren Test bei einem &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; unterziehen: »Er hatte zwei Eier. Ich war gefesselt, ich hatte Todesangst. Er rollte die Eier auf dem Boden bei meinen Füßen. Er sagte, wenn die Eier wegrollen würden, sähe man mich als unschuldig an. Aber wenn sie zu mir hin rollten, würde ich als ein Hema gelten und damit als Schuldiger. Ich hatte Glück, die Eier rollten weg. Aber Jean, der bei mir war, hatte nicht so ein Glück. Die Eier rollten in die falsche Richtung, und sie sagten, er solle verschwinden. Als er wegrannte, schossen die Lendu mit Pfeilen auf ihn. Er stürzte. Sie hackten ihn mit ihren Macheten in Stücke, vor meinen Augen. Dann aßen sie sein Fleisch.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Profitgier ging es im Krieg auch um neue Formen der Moralität. Aussagen von Kämpfern finden sich selten in den Berichten von Menschenrechtsorganisationen. In Kasenyi, einem kleinen Fischerdorf am Albertsee, konnte ich mit viel Mühe ein paar von ihnen dazu bewegen, mit mir über dieses Thema zu reden. Das vorherrschende Bild, alle Kindersoldaten seien Opfer einer Entführung gewesen, entspricht nicht der Realität. Viele meldeten sich freiwillig. »Unser Dorf wurde zweimal angegriffen. Mein Opa, meine Schwester und mein Bruder wurden getötet. Ich war zwölf und schloss mich an. Aus freien Stücken. Unser Massaker war die Folge von ihren Massakern. Drei Jahre lang war ich bei der UPC [der wichtigsten Hema-Miliz].« Der junge Hema, der unbedingt anonym bleiben wollte, war jetzt ein Veteran: »Wir wurden von ruandischen Söldnern ausgebildet. Bosco Ntaganda war unser General. Er kämpfte auch gegen Joseph Kony. Ich war bei dem Blutbad von Mahagi dabei. Wir nahmen Mütter, Väter, Kinder. Uns wurde befohlen, zu töten, und ich tötete. Frauen und Kinder zu ermorden, das war mir unangenehm. Zum Glück hatte ich ein Gewehr, ich fürchtete mich davor, mit der Machete zu töten. Die Soldaten nahmen sich Mädchen, um sie zu heiraten. Ich musste zuschauen, wie sie sie vergewaltigten. Bosco sagte: ›Wenn du Soldat bist, kriegst du eine Frau umsonst. Alles ist dann umsonst.‹«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Land, in dem das Bildungswesen am Boden lag, es keine Jobs gab, die Brautpreise unbezahlbar waren und die durchschnittliche Lebenserwartung nur noch zweiundvierzig Jahre betrug, brachte der Krieg nicht nur Profit, sondern war auch Sinngebung. Kinder ohne Zukunft hatten auf einmal ein Ideal und eine Identität.52 »Meine beiden Brüder sind jetzt Fischer, sie fahren mit ihren Booten übers Meer«, erzählte ein anderer. »Im Krieg waren sie bei PUSIC [eine andere Hema-Miliz]. 2002 waren sie zwölf und vierzehn Jahre alt. Als sie aus dem Krieg zurückkamen, erzählten sie lachend von ihren Plünderungen und Vergewaltigungen. Der Krieg war ein Spaß, zwar ein Spaß, der den Tod mit sich brachte, aber doch ein Spaß.«53 Wenn man unter sich war, schwadronierte man von den alten Geschichten, wie Studenten nach einer berauschten Nacht. Die Kämpfe waren ein Bacchanal von Blut und Bier, ein dionysisches Ritual aus Rennen, Ergreifen und Beißen, ein Gelage mit gegrilltem Ziegenfleisch, weichem Mädchenfleisch, kreischenden Stimmen, Pulverdampf, Mädchenfleisch, das doch feucht wurde, na also, ein Rausch, ein Fluch, ein Karneval, eine vorübergehende Umkehrung aller Werte, eine bewusste Transgression, ein verbotener Genuss, durchdrungen von Angst, Schaudern und Humor, viel Humor. Ein Grauen erregendes Fest des zerbrech­lichen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich mit Muhindu, dem Mann, der Leichen im Kivusee versenkt hatte, am Ufer ein Bier trank, sagte er etwas Erschütterndes. »Ein Soldat ist wie ein Hund. Wenn man die Zwingertür aufmacht, richtet er Verwüstungen an. Bevor er uns morgens losschickte, sagte unser Chef: ›Stellt ruhig Dummheiten an.‹ Wir plünderten Häuser. Wir nahmen den Leuten Handys, Geld und Goldkettchen weg. Wir vergewaltigten. Wenn man die Erlaubnis hat zu töten, was bedeutet dann noch eine Vergewaltigung?« Ich saß in einem dämmrigen kleinen Büroraum in Goma. Der Straßenlärm drang herein. Es hingen keine Fahnen von internationalen NGO vor der Tür, es gab keine Logos, keine Klimaanlage. Es war der anonyme, diskrete Arbeitsplatz von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, dem einzigen Anlaufpunkt für kongolesische Frauen in der Stadt, geführt von Kongolesinnen. An dem Holztisch saß mir Masika Katsuva gegenüber, eine einundvierzigjährige Nande. Sie wohnte im Landesinneren. Die Nande waren in Orten wie Beni und Butembo erfolgreiche Händler, und das sah so mancher mit Missgunst. »Es war im Jahr 2000. Wir waren zu Hause. Mein Mann importierte Waren aus Dubai. Die Soldaten drangen ein. Es waren Tutsi. Sie sprachen Ruandisch. Sie plünderten alles und wollten meinen Mann töten. ›Ich habe euch schon alles gegeben‹, sagte er, ›warum wollt ihr mich auch noch ermorden?‹ Aber sie sagten: ›Große Händler sollen wir mit einem Messer umbringen, nicht mit dem Gewehr.‹ Sie hatten Macheten dabei. Sie hieben auf seinen Arm ein. ›Wir müssen fest zuschlagen‹, sagten sie, ›die Nande sind stark.‹ Sie haben ihn abgeschlachtet wie in einer Metzgerei. Sie rissen seine Eingeweide und das Herz heraus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Erzählen sah sie kein einziges Mal auf. Sie kratzte unaufhörlich mit der Kappe eines Kulis über die Maserung des Holzes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich musste alle Teile aufsammeln. Sie hielten mir ein Gewehr an den Kopf. Ich weinte. Alle Teile meines Mannes. Ich musste sie aufsammeln. Sie stachen mich mit einem Messer, davon habe ich die Narbe hier. Ich habe noch eine am Oberschenkel. Ich musste mich auf seine Körperreste legen um damit zu schlafen. Ich habe das getan, überall war Blut. Ich weinte, und sie vergewaltigten mich. Alle zwölf. Und danach meine beiden Töchter im Nebenzimmer. Ich wurde ohnmächtig und landete im Krankenhaus. Nach sechs Monaten war ich immer noch nicht geheilt. Ich blutete noch immer und verbreitete ekelhafte Gerüche. Meine Töchter waren schwanger. Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, aber meine Töchter haben sie nicht angenommen. Ich habe mich der Kinder erbarmt. Als ich zurückkehrte, hatte die Familie meines Mannes alles verkauft, das Haus, das Grundstück, alles. Sie sagten, es sei meine Schuld, dass mein Mann tot sei. Ich hatte keine Söhne und deshalb nicht das Recht, dort zu bleiben. Die Familie hat mich verstoßen. Wenn die Enkelkinder jetzt nach der Narbe fragen, kann ich nichts sagen. Es waren ihre Väter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2006 wurde Masika erneut geschlagen und vergewaltigt, diesmal waren es Männer von Nkunda. Sie suchten sie, weil sie, einsam und ins Landesinnere vertrieben, anderen vergewaltigten Frauen Unterricht gab. Jeden Tag empfing sie neue Opfer, Mädchen, die sich nicht trauten, Anzeige zu erstatten. »Ich könnte Nkunda ermorden. Gott vergebe mir. Sollte ich dabei sterben, habe ich wenigstens getan, was mich erleichtert. Ich bin noch immer allein. Die Männer wollen mich nicht mehr, und ich hasse alle Männer. Ich will anderen Frauen helfen. Mein Haus steht ihnen offen. Ich bete viel. Ich erhoffe mir nichts. Ich versuche zu vergessen. Aber wenn ich zurückdenke . . . An die Zeit, als mein Mann und ich zusammenlebten . . . Der ganze Kummer.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Wasser des Kivusees schwappt gegen die Anlegestege. Der Gipfel des Vulkans Nyiragongo verschwindet in den Wolken. Im Kreisverkehr fahren in langsamem Tempo Jeeps mit getönten Fenstern. Zwei Jungen schieben ein großes hölzernes Fahrrad durch den Schlamm. Das Vehikel ächzt unter einem meterhohen Sack voller bunter Flipflops. Und drinnen in einem halbdunklen kleinen Büroraum reibt eine Frau mit der Kappe eines Kulis langsam auf dem Holz hin und her, als wollte sie etwas wegkratzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 13 La bière et la prière ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Neue Player in einem zerstörten Land 2002-2006 ===&lt;br /&gt;
Auf die Frage, wo er am liebsten leben möchte, wird ein Durchschnittskongolese sehr wahrscheinlich mit &#039;&#039;»na Poto«&#039;&#039; antworten, »in Europa«. &#039;&#039;Poto&#039;&#039; im Lingala kommt von Portugal, dem ersten europäischen Land, mit dem Zentralafrika Bekanntschaft machte. Und konkret bedeutet Poto Brüssel oder Paris, denn das übrige Europa ist nicht von Bedeutung, bis auf London vielleicht. Jamais Kolonga, der in den fünfziger Jahren als Erster mit einer Weißen getanzt hatte, erzählte mir stolz, dass seine acht Enkelkinder nun alle in Europa leben. Poto bedeutet Erfolg. Fragt man denselben Kongolesen, wo er auf keinen Fall leben möchte, bekommt man mit Sicherheit zu hören: &#039;&#039;»na Makala«&#039;&#039;. Makala bedeutet Holzkohle, aber es ist auch ein Vorort von Kinshasa, wo in früheren Zeiten Holzkohle gebrannt wurde und wo heute das &#039;&#039;Centre pénitentiaire et de rééducation de Kinshasa&#039;&#039; steht, das Zentralgefängnis. In der populären Vorstellung steht »Makala« für alles, was ein Kongolese fürchtet und verabscheut. Das Wort ruft schon seit Mobutu Bilder von Hunger, Folter und Mord auf. Makala, das ist die Stätte, wo der Staat seine Giftzähne zeigt, ein düsterer, pechschwarzer Ort, triefend von Blut und Tod. Taxifahrer weigern sich nicht selten, ihn anzusteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und diesen blauen Zettel dürfen Sie auf keinen Fall, wirklich auf keinen Fall verlieren«, sagt der Gefängniswärter zu mir, bevor er das Tor öffnet. In einem chaotischen Eingangsgebäude, wo jeder lautstark verkündet, dass er für &#039;&#039;la sécurité&#039;&#039; zuständig ist, werde ich mehrmals durchsucht, und ich muss mein Handy und mein Geld in Verwahrung geben. Als Quittung für das Handy bekomme ich ein zerknittertes Stückchen Pappe mit einer Zahl. Die SIM-Karte hatte ich schon im Taxi herausgenommen. Mein Geld – zwanzig Dollar, mehr hatte ich absichtlich nicht eingesteckt – verschwand in einer Schublade. Ein Beamter riss ein Stück Papier ab und schrieb darauf, dass ich, &#039;&#039;monsieur David&#039;&#039;, zwanzig Dollar hinterlegt hatte. Aber noch wichtiger als diese beiden Garderobenzettel ist jetzt ein Streifen blaues Papier, um den ich nicht gebeten habe. Er ist kleiner als ein Zigarettenpapier, scheint aber unentbehrlich für meine Zukunft zu sein. »Wenn Sie nachher wieder herauskommen, müssen Sie das abgeben. Wenn Sie es nicht mehr haben, können wir Sie nicht durchlassen. Dann müssen Sie bis zum Abendappell bleiben, damit wir sehen können, ob noch alle da sind.« Auf meinen fragenden Blick bekomme ich eine Antwort. »Wir müssen uns sicher sein, dass Sie ihn nicht einem Häftling gegeben haben, der auf und davon ist, wissen Sie.« Und was ist, wenn zufällig ein Gefangener ausbricht? »Dann sind Sie der Hauptverdächtige.« Und was ist, wenn ich ihn wirklich nicht mehr habe? »Dann bleiben Sie eben hier.« Willkommen in Makala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schloss wird geöffnet. Ich überquere eine kleine, verdorrte Rasenfläche und trete in ein Haus, das als Schleuse dient. Ein paar Bewachern mit apathischen Blicken nicke ich grüßend zu. »Pavillon 1?«, frage ich so gelassen wie möglich, als ginge ich jede Woche in den Trakt der zum Tode Verurteilten. Einer der Männer deutet träge mit dem Kinn auf eine Tür. Ich gelange in einen schmalen Korridor zwischen zwei hohen Betonmauern. Hier endet das Reich der Aufseher und beginnt das Reich der Kriminellen. Weil die Gefängniswärter schon seit Jahren nicht mehr bezahlt werden, befinden sie sich in einer Art Dauerstreik. Sie erscheinen zwar noch an ihrem Arbeitsplatz, tun aber keinen Handschlag. Lustlos fläzen sie sich auf ihren Plastik-Gartenstühlen und fummeln an ihren defekten Walkie-Talkies herum. Der Direktor hat die Aufrechterhaltung der Ordnung intra muros dann eben den Häftlingen selbst übertragen – mit den entsprechenden Konsequenzen. Vom Himmel ist nur ein schmaler blauer Streifen zu sehen. Im Gang starren mich Hunderte Augen an. Rauer Lärm. Keiner trägt Gefängniskluft. Basketballshirts. Tanktops. Muskulöse Körper. Geschorene Köpfe. Makala war ursprünglich für fünfzehnhundert Häftlinge berechnet, inzwischen sind hier sechstausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stehen bleiben ist Schwäche. Ich zwänge mich durch ein Spalier junger Männer, die Geld und Zigaretten erbitten, nein, fordern. Und dann stehe ich vor dem berüchtigten Pavillon. Aus dem grellen Tageslicht trete ich in einen langen, düsteren Gang mit Zellen zu beiden Seiten. Ein paar Türen stehen offen, Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Stimmengewirr. Im Dunkeln sehe ich hier und da Gesichter von Inhaftierten um Kohlefeuer aufleuchten. Es erinnert an eine russisch-orthodoxe Basilika kurz vor der Mitternachtsmesse, aber das hier sind keine Ikonen, die im Flackern einer Kerze aufleuchten. Es sind zum Tode Verurteilte, die sich auf einfachen Kochern ihr Essen zubereiten, denn Verpflegung gibt es in Makala nicht. Wenn die Familie nichts zu essen vorbeibringt, muss man eben Gras oder Steine essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier«, sagt Antoine Vumilia in seiner winzigen Zelle. Ich sehe mich um und schätze die Maße auf 220 x 110 Zentimeter, schmaler als ein Doppelbett in Europa. »Ich teile die Zelle mit zwei anderen.« Er hat mir seine Pritsche als Sitzplatz angeboten. Auf dem Nachtschränkchen stehen ein paar Bücher: &#039;&#039;Reise ans Ende der Nacht&#039;&#039; von Céline, &#039;&#039;Hundert Jahre Einsamkeit&#039;&#039; von Márquez, Werke von Abdourahman Waberi, Zadie Smith, Colette Braeckman . . . Ein Glück, dass er die Bücher hat. »Die schwersten Jungs haben hier das Sagen. Die Direktion lässt ihnen freie Hand. Sie kontrollieren den Drogenhandel, das Geldwechseln und den Handel mit Telefonkarten.« Und dann, flüsternd: »Letztes Jahr haben sie drei Inhaftierte ›hingerichtet‹.« Mit einer Feuerwaffe? »Nein, einfach zu Tode getreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 16. Januar 2001. Antoine Vumilia arbeitete im Büro des &#039;&#039;Conseil National de Sécurité&#039;&#039;, Kabilas Sicherheitsdienst. Seine Abteilung befand sich direkt neben dem Palais de Marbre, dem Sitz des Staatsoberhaupts. Nur eine Wand trennte die Dienststelle von den Räumen des Präsidenten. Um die Mittagszeit erschreckte ihn ein Höllenlärm. »Ich hörte Schüsse«, erzählte mir Antoine in seiner Todeszelle, »es waren drei. Und ein paar Minuten später noch mal acht oder zehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der anderen Seite der Wand hatte Kabila ein Treffen mit einem Berater, als ein Kadogo auf ihn zugekommen war. Mzees Leibwache bestand noch immer aus treuen Kindersoldaten aus dem Kivu. Ruffin war zwar ein Jahr zuvor von UNICEF demobilisiert worden – er war 17 und musste in kurzen Hosen zurück zur Schule, unter Stadtkinder von 12, die nicht mal wussten, wie man eine AK-47 auseinandernahm –, aber Rashidi, einer seiner früheren Kampfgefährten, war noch immer im Dienst und trat nun auf den Präsidenten zu. Es sah so aus, als wolle er ihm etwas ins Ohr flüstern, doch dann zog er eine automatische Pistole und feuerte dreimal. Eine der Kugeln durchschlug den massiven Hinterkopf des Präsidenten. Kabila war auf der Stelle tot, bis auf einen Tag genau vierzig Jahre nach dem Mord an Lumumba. Wenige Minuten später wurde der junge Rashidi von Kugeln durchsiebt, die ein Oberst im Palast abfeuerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine Vumilia hatte das Feuergefecht gehört. Eine Woche später wurde er unter dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet. Als Sicherheitsbeamter hatte Antoine einige Monate zuvor in einem Bericht vor dem wachsenden Unmut der Kindersoldaten aus dem Kivu gewarnt. Die Kadogo waren Kabilas treueste Gefolgsleute, aber auch sie fühlten sich offenbar zunehmend zurückgesetzt. Antoine stammte selbst aus dem Kivu und wusste, was vor sich ging, aber da er die Betroffenen persönlich kannte, hatte er nicht alles offenlegen wollen. »Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits musste ich die Regierung beschützen, andererseits ging es um Freunde von mir. Sie waren sehr unzufrieden. Was soll man da machen? Im November 2000 wurde Masasu ermordet.« Der junge Masasu war ihr Held gewesen: ein Straßenkämpfer wie sie, ein Mann mit Mut und Schneid, ein Mitbegründer der AFDL.1 Nach der Einnahme Kinshasas im Mai 1997 hatte Kabila ihn jedoch kaltgestellt und ins Gefängnis gesteckt. Als er im Herbst 2000 entlassen wurde, träumte er öffentlich von einer Abtrennung des Kivu und war sehr populär. Kurz darauf wurde er erschossen. Unter den Kindersoldaten in Kinshasa kam es daraufhin zu heftigen Protesten mit Dutzenden Todesopfern. Die Liebe zum Mzee war für immer vorbei. Kabila hatte nun selbst die Brücke zu denen abgebrochen, die er »seine Kinder« nannte. Verbittert schmiedeten die Kinder ein Komplott. Rache, Blut, Mord. Antoine versuchte auf sie einzuwirken: »Das waren ganz junge Burschen. Sie wollten nur zeigen, dass sie es gründlich satt hatten. Ich sagte ihnen, es sei der reinste Selbstmord, es hätte nicht die geringste Zukunft.« Aber er wurde mit ihnen zusammen verhaftet und weigerte sich, gegen sie auszusagen in einem Prozess, der keiner war. »Ich sollte gegen Menschen aussagen, die ich kannte und mit denen ich im Gefängnis täglich aß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass Kabila aus anderen Gründen ermordet worden war.2 War es tatsächlich so sicher, dass das Komplott aus dem Kivu kam? War Angola nicht daran beteiligt? Ging es nicht um Diamanten? Es kursierte das Gerücht, dass Kabila, der Angola so viel zu verdanken hatte, inzwischen Geschäfte machte mit den verhassten Rebellen der UNITA, die den diamantenreichen Norden Angolas kontrollierten. Gab es nicht Libanesen, die als Mittelsmänner zwischen Kabila und der UNITA auftraten? Waren nicht gleich nach dem Mord elf libanesische Diamantenhändler in Kinshasa ermordet worden? Ja, das traf zu. Nur war alles so undurchsichtig, so nebulös. Niemand blickte wirklich durch, Antoine Vumilia schon gar nicht. »Ich habe versucht, die Jungs zu entlasten, aber das wurde so aufgefasst, dass ich mit ihnen unter einer Decke steckte.« Antoine wurde zusammen mit dreißig anderen zum Tode verurteilt. Eine Berufung war nicht möglich. Internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichneten den Prozess als Farce.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine ließ seinen Blick zum tausendsten Mal durch die Zelle schweifen. »Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier. Mir fehlen die Worte dafür, es ist eine einzige große Heuchelei. Die Oberen in der Regierung kennen die Wahrheit, aber sie wollten das Volk beruhigen, indem sie ihm schnell einen Sündenbock präsentierten.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Tod bedeutete einen Wendepunkt im Zweiten Kongokrieg. In aller Eile wurde sein Sohn ins Präsidentenamt berufen, Joseph Kabila. Wegen seines jugendlichen Alters (er war gerade neunundzwanzig) und der schüchtern klingenden Stimme wirkte er anfangs eher schwach. Die Kongolesen kannten ihn kaum, der Westen hielt ihn für eine Marionette. Doch kaum einen Monat später traf er sich in New York mit seinem ruandischen Amtskollegen und Erzfeind Paul Kagame, und er hielt einige bemerkenswerte Ansprachen: über Frieden, nationale Einigkeit und die Rolle der internationalen Gemeinschaft. Brach vielleicht doch eine neue Ära an? Ja. Nachdem die Vereinten Nationen in mehreren Berichten den Rohstoffraub durch Ruanda und Uganda eindeutig nachgewiesen hatten, konnten Kagame und Museveni nicht länger behaupten, sie seien nur aus Gründen der nationalen Sicherheit im Kongo. Es kam zu einer langen Reihe von Friedensverhandlungen in Gaborone (August 2001), Sun City (April 2002), Pretoria (Juli 2002), Luanda (September 2002), Gbadolite (Dezember 2002) und wieder Pretoria (Dezember 2002). In dieser letzten Verhandlungsrunde wurde – dank der brillanten Vermittlung des senegalesischen UNO-Sondergesandten Moustapha Niasse und unter großem Druck Südafrikas und der Afrikanischen Union – am 17. Dezember 2002, um drei Uhr morgens, der &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unterzeichnet, das entscheidende Friedensabkommen, das den Krieg ein für allemal beenden sollte. Ruanda und Uganda hatten sich schon zuvor mit einem Truppenabzug einverstanden erklärt, jetzt ging es um die inländischen Milizen. Zu den Unterzeichnern gehörten die Regierung in Kinshasa, einige Vertreter der Zivilgesellschaft, Tshisekedis UDPS, Bembas MLC, Ruberwas RCD-G, Mbusas RCD-ML, Lumbalas RCD-N und die Mai-Mai. Das Wort »inclusif« stand da mit Fug und Recht. Das Ganze war so inklusive, dass Kriegsverbrecher um des lieben Friedens willen nicht vor Gericht gestellt, sondern zu Vizepräsidenten befördert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen sah eine Übergangszeit von zwei Jahren mit einer Aufteilung der Macht nach der Formel »1+4« vor: Neben Präsident Kabila gab es vier Vizepräsidenten, zwei aus dem Kreis der Rebellen (Bemba und Ruberwa), einen aus Kabilas Entourage (Yerodia) und einen aus der unbewaffneten Opposition (überraschenderweise Z&#039;Ahidi Ngoma und nicht Etienne Tshisekedi, der schon seit einem Jahrzehnt gewaltlos kämpfte). In diesen zwei Jahren sollten alle vorhandenen Milizen zu einer neuen nationalen Armee zusammengelegt werden, und es sollten demokratische Wahlen vorbereitet werden. Die Frist konnte zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden. Bis zu der so lange erhofften Wahl wurden ein Übergangsparlament und eine Übergangsregierung eingesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen galt als historischer Meilenstein. Nach Jahren der Verzweiflung eröffnete sich nun eine riesige Chance auf Frieden und Wiederaufbau. Der neue Kongo wurde deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft intensiv unterstützt: Die Truppenstärke der MONUC, der UNO-Friedensmacht, wurde auf 8700 Blauhelme erhöht und stieg in den folgenden Jahren weiter auf 16.700 Blauhelme an; es handelte sich damit um die größte UNO-Operation in der Geschichte (und mit einem Budget von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr zugleich um die teuerste).5 Die Blauhelme sollten unter dem Kommando des immer optimistischen Amerikaners William Swing den Waffenstillstand überwachen und die Entwaffnung begleiten. »Ça va swing!« hieß ein populärer Song im kongolesischen Rundfunk, der Swings starken englischen Akzent parodierte. Politisch wurde die neue Regierung vom CIAT an die Hand genommen, dem &#039;&#039;Comité International d&#039;Accompagnement à la Transition&#039;&#039;; diese einzigartige Form von bilateraler und multilateraler Diplomatie bedeutete, dass die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates zusammen mit den Botschaftern Belgiens, Kanadas, Angolas, Gabuns, Sambias und Südafrikas neben Vertretern der Afrikanischen Union, der Europäischen Union und der MONUC das Land faktisch mit regierten. Das CIAT war kein externes Beratungsorgan, sondern eine formelle Institution des Übergangs.6 »Wir bildeten eine Begleitkommission«, sagte Johan Swinnen, ehemaliger belgischer Botschafter in Kinshasa, »wir hatten keine legislative Macht, aber eine aktivierende, stimulierende Funktion. Wir stellten Expertise zur Verfügung. Wir wollten keine Besserwisser oder Eindringlinge sein, sondern Verbündete. Trotzdem gab es Reibungen zwischen dem CIAT und den 1+4. Am Ende waren wir sehr kritisch und erstellten ein paar scharfe Kommuniqués. Sie verfluchten uns. &#039;&#039;They didn&#039;t like us anymore.«&#039;&#039;7 Man sprach von einer »kontrollierten Souveränität«, de facto aber stand das Land teilweise unter Kuratel. MONUC und CIAT waren mehr als nur die Stützräder des neuen Kongo.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war auch notwendig, denn die neuen Machthaber brachten nicht viel zustande. Sie griffen zu den verfehlten Praktiken des Mobutismus mit einer Leidenschaft, über die sogar Mobutu ins Staunen geraten wäre. Während wichtige Vorhaben wie etwa die Reform der Armee und des Wahlrechts der Bearbeitung harrten, betraf eines der ersten Gesetze des Parlaments . . . die Erhöhung der Diäten. Das festgesetzte Monatssalär der Parlamentarier von sechshundert Dollar (schon an sich großzügig in einem Land, in dem ein Professor dreißig Dollar erhielt) wurde auf zwölfhundert Dollar verdoppelt. Die Senatoren stockten ihr Gehalt wegen ihres würdigen Alters sogar auf fünfzehnhundert Dollar im Monat auf.9 2005 genehmigte sich die vollzählige Volksvertretung (620 Abgeordnete) ein anständiges Fahrzeug: Jeder bekam einen nagelneuen SUV im Wert von 22.000 Dollar, denn der miserable Zustand der Straßen in Kinshasa erforderte eine stabile Karosserie.10 Dass man mit dem Geld auch die Straßen hätte instand setzen können, stand offenbar gar nicht erst zur Debatte. Politische Mandate wurden noch immer als schneller Weg zum eigenen finanziellen Vorteil gesehen und nicht als eine Möglichkeit, die Gesellschaft nachhaltig wiederaufzubauen. Gute Regierungsführung brachte keine persönlichen Vorteile, während sich Korruption nicht nur in finanzieller, sondern auch in sozialer Hinsicht lohnte: Man erwarb sich damit Anerkennung. »Man darf nicht vergessen, dass unsere Politiker aus armen Familien stammen«, sagte mir einmal ein kongolesischer Schulleiter.11 Während Korruption im Westen als verantwortungslos gilt, wird sie im Kongo oft als besonders verantwortungsvolles Verhalten angesehen. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn man eine goldene Chance, seine Familie zu ernähren, ungenutzt ließe.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Minister und Vizepräsidenten trieben es noch bunter. Sie waren der Ansicht, jeder von ihnen habe das Recht auf eine »Sonderregelung« für seine »logistischen Notwendigkeiten«. Übersetzt in normale Sprache hieß das: eine Villa und ein privater PKW. Die vier Vizepräsidenten bekamen sogar eine Villa mit drei Badezimmern, dazu einen Mercedes, ein Zweitauto und zwei Begleitwagen. Die Hoffnung, dass das »Quinquevirat« des Präsidenten und der Vizepräsidenten sich gegenseitig kontrollieren und auf die Einhaltung moralischer Maßstäbe achten würde, erwies sich schon bald als reichlich naiv. Die Herren ließen sich gegenseitig gewähren und hatten nur eine gemeinsame Sorge: die Übergangszeit auszudehnen. 2004 überschritt jeder von ihnen seinen Jahresetat um 100 Prozent, Bemba sogar um 600 Prozent.13 Der Etat für 2005 bewilligte dem Staatsoberhaupt einen Betrag, der achtmal höher war als das Budget fürs Gesundheitswesen und sechzehnmal höher als das Landwirtschaftsbudget. Politik war Krieg mit anderen Mitteln. Der Staatsbetrieb Gécamines hatte noch immer alle Trümpfe in der Hand, um der Wirtschaft des Landes neues Leben einzuhauchen, doch die Kreise um den Präsidenten schlossen eine Reihe dubioser Verträge mit oftmals ausgesprochen nebulösen ausländischen Firmen. In diesen Verträgen ging es um Joint Ventures; ausländische »Cowboys« durften in bestimmten Bereichen des Minengiganten loslegen. Sie konnten nach Herzenslust fördern und exportieren, während der kongolesische Staat als Gegenleistung wenig oder nichts erhielt – unterm Tisch jedoch wechselten prall gefüllte Umschläge den Besitzer.14 Wieder einmal hatte eine sehr kleine Elite die Trümpfe des Landes in der Hand. Der Klientelismus strotzte vor Gesundheit. »1+4=0« stand auf den satirischen Bildern der Volksmaler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Armee sah es nicht viel besser aus. Offiziell sollten alle Milizen zu einer neuen Armee mit etwa 120.000 Soldaten verschmelzen.15 Sehr viele ehemalige Rebellen bekamen auch sofort eine Uniform der Regierungsarmee verpasst, und sehr viele ihrer Anführer erhielten einen hohen Offiziersrang (immer ein guter Köder, um einen Warlord auf die andere Seite zu ziehen), in Wirklichkeit jedoch blieb diese sogenannte &#039;&#039;brassage&#039;&#039; rein phänotypisch. Hinter der Fassade änderte sich nichts. So leicht verbrüdern sich Soldaten nicht, die fünf Jahre lang Feinde waren. Von den achtzehn geplanten Brigaden waren 2006 nur noch drei tatsächlich gemischt.16 Zudem hatte die kongolesische Armee nach dieser &#039;&#039;brassage&#039;&#039; einen Wasserkopf: Nach allen Beförderungen von Ex-Rebellen gab es fast doppelt so viele Führungskräfte (Offiziere und Unteroffiziere) wie Soldaten.17 In der kongolesischen Armee fand man es angenehmer, Befehle zu geben als Befehle auszuführen, nein, es ging nicht ums Befehlen, sondern ums Raffen. Die umfangreiche Armeespitze veruntreute gewaltige Summen. Der Sold fürs Fußvolk verschwand systematisch in den Taschen der Obersten und Generäle, die keine Skrupel hatten, die Zahl ihrer Soldaten gewaltig zu übertreiben, um noch mehr zu kassieren. Die unterbezahlten und nicht ausgebildeten Soldaten selbst waren weder motiviert noch diszipliniert und verhielten sich dementsprechend. Die neue Regierungsarmee, die FARDC (&#039;&#039;Forces Armées de la République Démocratique du Congo&#039;&#039;), die eigentlich ein Stützpfeiler des wiedererstandenen Staates werden sollte, wurde eine ebenso leere Hülle wie der FAC von Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039;, der FAZ von Mobutu und selbst die ANC von Lumumba und Tschombé. Aus FARDC wurde oft scherzhaft gemacht: &#039;&#039;phare décès&#039;&#039;, Totenfeuer. Der unabhängige Kongo verfügte nie über eine Armee, die hinsichtlich Schlagkraft und Disziplin mit der Force Publique von ehedem vergleichbar war. Deshalb konnte er nie die primäre Funktion des Staates, die der Ausübung des Gewalt­monopols, erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann es unter diesen Umständen verwundern, dass der Krieg nie ganz vorbei war? Solange der Sicherheitsapparat eine virtuelle Angelegenheit war, war die MONUC auf sich gestellt. Aber mit 17.000 Soldaten lässt sich ein Gebiet, das so groß ist wie halb Europa, nicht zusammenhalten. Auch die größte UNO-Mission der Geschichte war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im sechsmal kleineren Irak befanden sich zu jenem Zeitpunkt 150.000 amerikanische Soldaten, und nicht einmal ihnen gelang es, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Die Präsenz der Blauhelme hatte an vielen Orten eine beruhigende Wirkung, woanders jedoch waren sie machtlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Osten des Kongo blieb es auch nach dem &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unruhig. Hier geriet der Konflikt in seine dritte Phase. Das betroffene Gebiet war nun kleiner, aber das menschliche Leid war weiterhin groß. Die Gewalt konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Zonen: den Ituri-Distrikt und die beiden Kivu-Provinzen. Nicht zufällig handelte es sich um erzreiche Gebiete, die an Uganda bzw. Ruanda grenzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ituri loderte der Konflikt sogar gerade wegen des Friedensabkommens auf. Als am 6. Mai 2003 die ugandische Armee endgültig aus der Stadt Bunia abzog, stürmten Lendu-Milizen das Stadtzentrum und töteten Dutzende von Hema. Einige Tage später fielen wiederum die Hema in die Stadt ein und ermordeten viele Dutzende Lendu. Der Konflikt verlief – in viel kleinerem Maßstab – nach einem ähnlichen Muster wie der Völkermord von 1994. Die Hema mit ihren Rindern fühlten sich den Tutsi verwandt: eine ethnische Minderheit, die die gesellschaftliche Oberschicht bildete. Die Lendu waren Bauern, die sich mit den Hutu verglichen: zahlreich, aber ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter. Im Kern ging es um den uralten Konflikt zwischen Viehzüchtern und Bauern um den Zugang zum Boden, den Streit über Viehweiden versus Felder, über Kühe, die die Ernte fraßen.18 Aber dieser Kain-und-Abel-Konflikt wurde nun durch Überbevölkerung weiter geschürt und von einem goldgierigen Uganda für seine Zwecke genutzt.19 Die ethnische Hochspannung in der Region stieg so an, dass mir tief katholische Frauen auf beiden Seiten erzählten: »Sogar wir, &#039;&#039;les mamans&#039;&#039;, haben zu den Waffen gegriffen. Wir fühlten uns verfolgt.« Oder: »Wir waren mitschuldig. Wir haben Munition in unseren Körben und unseren Wasserkanistern transportiert.«20 Die ethnisch motivierte Gewalt in Ituri war kein Atavismus, kein primitiver Reflex, sondern die logische Folge von Bodenknappheit in einer Kriegsökonomie, die der Globalisierung diente – und in diesem Sinne eine Vorankündigung dessen, was einem überbevölkerten Planeten noch bevorsteht. Der Kongo ist nicht in der Geschichte zurückgeblieben – er ist der Geschichte voraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb einer Woche kamen im Mai 2003 allein in dem Provinzstädtchen Bunia schon Hunderte Menschen ums Leben, doch die gesamte Region war in einen blutigen, unentwirrbaren Krieg verwickelt. Im Ituri-Distrikt erreichte der Zweite Kongokrieg einen absoluten Tiefpunkt hinsichtlich seiner Komplexität. Mindestens ein Dutzend Milizen agierten hier, mehr oder weniger feste Mini-Armeen von Kindern mit Plastiklatschen und einem &#039;&#039;gun&#039;&#039;, unter dem Kommando durchtriebener Anführer in den Zwanzigern oder Dreißigern, die oft unter Decknamen in wechselnden Bündnissen mit anderen Kriegsherren operierten. Mit seinen zahllosen Fusionen, Abspaltungen, Joint Ventures und Übernahmen ähnelte dieser neue Kriegstyp mehr der Geschäftswelt als dem herkömmlichen Krieg. In den Büros der MONUC hefteten zunehmend mutlose Funktionäre Organigramme der Milizen an die Wand: Das machte allerdings nur noch mutloser. Jeden Monat kam eine Miliz hinzu, oder das noch einigermaßen übersichtliche Schema musste aktualisiert werden – mehr Spalten, mehr Pfeile, mehr Abkürzungen, mehr Fotos von Schurken daneben –, bis es mit dem Chaos vor Ort übereinstimmte und jeden Erklärungswert verlor. Eine Konstante gab es allerdings: Alle Parteien erhielten früher oder später Waffen und eine Ausbildung von Uganda.21 Aber das beruhte weniger auf einer bewussten Teile-und-herrsche-Politik Kampalas als vielmehr auf Rivalitäten innerhalb der ugandischen Armee; jeder ugandische General hatte seine Miliz im Kongo, die er entsprechend den Notwendigkeiten fallen lassen oder wieder aktivieren konnte. Noch mehr Pfeile, noch mehr Querverbindungen, denn auch auf ugandischer Seite bekam man keinen festen Boden unter den Füßen. Und sogar Ruanda unterstützte die eine oder andere Miliz. Nein, der Krieg war noch nicht vorbei. Er war zu einem kleinen, aber hartnäckigen Knäuel geworden, einer Form von bewaffnetem Banditentum, das sich selbst instand hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr später, im Mai 2004, kam es im Kivu zu sehr schweren Gewaltausbrüchen. Die wichtigste Konfliktlinie hier blieb die zwischen den Hutu und Tutsi, und auch hier spielte Überbevölkerung eine Rolle, jedoch vor allem die in Ruanda. Zehn Jahre nach dem Völkermord konnten ruandische Hutu noch immer nicht in ihr überfülltes Heimatland zurückkehren, weil dort ein parteiisch befangenes Gerichtsverfahren auf sie wartete. »Kabila jagt sie nicht fort, und Kagame nimmt sie nicht auf«, fasste der belgische Diplomat Johan Swinnen die Situation kurz und bündig zusammen.22 Dass sie im Exil blieben, führte noch immer zu Unruhe; Ruanda unterstützte die kongolesischen Tutsi weiterhin, um die Hutu zu bekämpfen. Das Ergebnis war, dass im Mai 2004 die Männer von Laurent Nkunda zusammen mit denen von Mutebusi mordend und plündernd durch die Straßen der Provinzhauptstadt Bukavu zogen. Sie vergewaltigten – oft in Gruppen – Dutzende Mädchen und Frauen, sogar dreijährige Mädchen.23 Nkunda war ein Tutsi aus Nord-Kivu und ein gern gesehener Gast in Kigali. Er hatte ab 1990 zusammen mit Kagame gekämpft, er war 1996 mit der AFDL einmarschiert, 1998 hatte er eine Führungsposition im RCD-G innegehabt, und 2002 hatte er mit eiserner Hand die Bevölkerung von Kisangani terrorisiert. Wegen der Blutbäder, die er angerichtet hatte, schien es ihm zu unsicher, eine Position in der neuen Regierungsarmee anzunehmen. Nkunda wurde der neue Mann Kigalis. In seiner bekannten Manier nahm er Bukavu ein. Kurzzeitig schien der fragile Friedensprozess am Ende zu sein. War das der Beginn eines dritten Krieges?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sowohl in Bunia wie in Bukavu sahen die Blauhelme (hauptsächlich Uruguayer) machtlos, um nicht zu sagen feige zu, zur großen Wut der Bevölkerung. In Ituri aber kehrte schließlich wieder Frieden ein – dank einiger historischer Premieren. Zum ersten Mal in der Geschichte trat die Europäische Union militärisch in Erscheinung, und es gab so etwas wie eine europäische Armee. Mit Billigung der UNO befriedeten hauptsächlich französische Kommandotruppen die Stadt Bunia in der sogenannten Operation Artémis. Gegen die wichtigsten Warlords wurden internationale Haftbefehle erlassen. Drei von ihnen landeten in Untersuchungshaft in Den Haag, unter anderem Thomas Lubanga, der an der Spitze der wichtigsten Hema-Miliz stand. Im Jahr 2009 war er der erste Angeklagte, der jemals vor dem neuen Internationalen Strafgerichtshof erscheinen musste. Auch auf dieser Ebene gehört die Situation im Kongo eher zur Vorhut als zur Nachhut der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kivu hätte der Übergang in einen neuen Krieg abrutschen können, denn als Antwort auf die Gewalt Nkundas wurden im August 2004 im Flüchtlingslager Gatumba in Burundi hundertsechzig Flüchtlinge, hauptsächlich kongolesische Tutsi, brutal abgeschlachtet. Ruanda sandte erneut Truppen in den Kongo, um die befreundeten Tutsi zu beschützen. Für einen Moment sah es so aus, als beginne alles wieder von vorn, doch die UNO, Südafrika und das CIAT setzten alles daran, Druck aus dem Kessel zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der dritten Phase des Krieges wurde der Konflikt allmählich wieder zu dem, was er am Anfang gewesen war: ein Zwist zwischen Ruanda und dem Kongo über den Umgang mit den exilierten Hutu im Kivu. Kagame wollte sie am liebsten noch immer neutralisieren, weil er befürchtete, dass sie eine Machtübernahme in Ruanda anstrebten. So wie seine eigene Regierung in der Diaspora Süd-Ugandas entstanden war, so würde nun, wie er annahm, im Ost-Kongo ein Hutu-&#039;&#039;take over&#039;&#039; geplant. Und darauf hatte er keine Lust: Ruanda war voll und in Tutsi-Händen. Dieser immer wieder auflodernde Konflikt dauert inzwischen mehr als fünfzehn Jahre. Die Misere im Gebiet der Großen Seen geht auf jenen verhängnisvollen Tag im Juni 1994 zurück, an dem die Regierung Frankreichs beschloss, die Hutu-Regierung mitsamt ihren Kämpfern und Waffen in den Ost-Kongo entkommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute weist das kleine und starke Ruanda die Merkmale einer blühenden Militärdiktatur auf, die noch immer viel Ansehen bei den Geberländern genießt, während das große Nachbarland Kongo weiterhin schwerfällig und schwach bleibt und den realen Problemen nicht die Stirn bieten kann. Es ist so, als bewohne ein einsamer Berufssoldat, Ruanda, eine spartanisch eingerichtete Einzimmerwohnung in einem chaotischen Mietshaus, das ansonsten von einer enorm disfunktionalen Familie bevölkert wird, die lärmt, streitet, Schulden anhäuft und gelegentlich vergisst, den Gashahn zuzudrehen. Mehr als einmal nimmt der Soldat sein Gewehr von der Wand und stürmt in die Küche der Nachbarn, wo er mehr Schaden als nötig anrichtet. Statt nur den Gasherd abzustellen, zertrümmert er auch die Einrichtung, schießt den Stuck von der Decke und nimmt einen Räucherschinken mit. Die Folge ist noch mehr Lärm und noch mehr Streit. Ein Nachbarschaftsstreit, darum dreht es sich im Kern heute in Zentralafrika, ein Streit unter Nachbarn, die sich gegenseitig verfluchen. Nicht zu Unrecht übrigens, denn Kigali trägt genauso viel Schuld wie Kinshasa. Das Ergebnis bleibt bitter: Da in Kinshasa der entscheidende Übergang einfach nicht in Gang kam, kam im Osten der Zweite Kongokrieg einfach nicht zum Stillstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Klirren von Bierflaschen, Hunderten, Tausenden Bierflaschen, stabilen, braunen Bierflaschen, die sich vor dem Förderband drängten, übertönte die Kakophonie der Fabrik. Es hörte sich an wie ein Glockenspiel, ein hell klingendes, rastloses Geklimper, lauter noch als das Zischen der Spülinstallation, das Ticken der Etikettierungsmaschine, das Rasseln des Fließbandes und das Ächzen der hydraulischen Schläuche – wie ein Glockenspiel hoch über dem Trubel einer geschäftigen Stadt. Das nervöse, heitere Klirren taumelte durch die lärmige Fabrikhalle wie nie zuvor und vermischte sich mit dem Geruch von Malz und Alkohol. Es war im Jahr 2002, und Bralima, die »Primus«-Brauerei, eröffnete in Kinshasa zwei ultramoderne, vollautomatische Abfüllanlagen, die 72.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten konnten. Kaum war der Krieg vorbei, platzte die Industrie schon aus den Nähten. Bralima (das Wort kommt von &#039;&#039;Brasserie et Limonaderie de Léopoldville&#039;&#039;) ging auf eine kleine, koloniale Brauerei von 1923 zurück, aber war seit 1987 im Besitz von Heineken. Das niederländische Bierimperium war fest entschlossen, im Kielwasser des Krieges den Biermarkt des immer durstigen Kongo an sich zu reißen und auszuweiten. 2002 wurden eineinhalb Millionen Hektoliter verkauft, 2008 fast drei Millionen. Diese spektakuläre Verdopplung war noch immer weit entfernt von dem Rekord im Jahr 1974, dem magischen Jahr des Boxkampfes, als Bralima 5,5 Millionen Hektoliter produziert hatte, aber die Zukunft lachte.24 Allein in Kinshasa hatte Bralima inzwischen wieder fünfzigtausend Verkaufsstellen und Bars.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Multinationale Konzerne ließen sich jedenfalls von der Zögerlichkeit der Politiker nicht abschrecken. Der junge Frieden versprach neue Märkte, und die mussten möglichst schnell erobert werden. Das galt vor allem auch für die mobile Telefonie. Vodacom, die südafrikanische Mobilfunkgesellschaft, verlegte in Bunia die ersten Leitungen, als die ethnisch motivierte Gewalt noch ungebremst wütete. Bei den schlimmsten Kampfhandlungen wurden die Grabungsarbeiten gestoppt, und die Arbeiter suchten für ein paar Stunden schusssichere Räume auf.25 Warum diese Eile? In einem Land, dessen Telefoninfrastruktur seit Jahrzehnten zerstört war, herrschte eine enorme Nachfrage nach Handys. Allein die MONUC brachte Tausende von Mobilfunkkunden. Auch einfache Kongolesen träumten von einem Handy. Als ich im Dezember 2003 zum ersten Mal in Kinshasa war, bestand eine kongolesische Mobilfunknummer aus sieben Ziffern, im Jahr 2006 aus zehn. Mobiltelefonie ist für Afrika das, was die Buchdruckkunst für Europa war: eine wahre Revolution, die die Struktur der Gesellschaft grundlegend neu definiert.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein schwacher Staat wie der Kongo ließ neuen, internationalen Playern viel Raum. Während des Kalten Krieges waren es Länder, die über das Schicksal Zaires mitbestimmten (Frankreich, Belgien und die USA), nun handelte es sich zunehmend um private Partner von außen wie Unternehmen, Kirchen, aber auch NGO. Große Teile des Kongo wurden seit dem Krieg von internationalen Hilfsorganisationen gemanaged&#039;&#039;,&#039;&#039; die Verwaltungsaufgaben übernahmen. Dass Kabila für sich selbst eine achtmal so hohe Summe ansetzte wie für den Gesundheitssektor, resultierte aus seiner Überzeugung, dass das Geld für die Gesundheit sicherlich aus dem Ausland kommen würde. Genauso war es mit dem Bildungswesen und der Landwirtschaft: Das waren die bevorzugten Domänen der internationalen Spender. Die Hilfe der vielen Hunderte NGO war oft beeindruckend, aber nicht ohne negative Begleiterscheinungen. Aufgrund der endemischen Korruption im Beamtenapparat zogen es viele NGO vor, auch im Land ihrer Tätigkeit »non-governmental« zu bleiben und mit lokalen Partnern zu kooperieren.27 Begreiflich, aber nicht gerade förderlich für die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Regierung und Bevölkerung. Zudem schaffte der Zustrom ausländischer Gelder auch so etwas wie eine »Hilfeabhängigkeit«: Kongolesen bekamen Zweifel an ihrer Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Monsieur Riza, ein freundlicher, hart arbeitender Mann, der ein bescheidenes Hotel in Bandundu führte, kritisierte die verbreitete Passivität: »Die ganzen NGO hier machen uns abhängig. Wir werden es noch erleben, dass eine NGO kommt, die uns sagt, dass wir uns die Zähne putzen sollen.«28 Nirgendwo war diese NGO&#039;&#039;isierung&#039;&#039; deutlicher als in Goma, zerschossen vom Krieg, überströmt von Lava seit 2002. Während ich im Dezember 2008 in der abendlichen Rushhour hinten auf einem Moped saß – der öffentliche Nahverkehr der einfachen Leute –, achtete ich auf den Verkehr, den wir munter überholten: alles Jeeps, alle von einer NGO, alle mit einem Logo auf der Tür oder einer Flagge an der Antenne. Justine Masika, die Gründerin von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, konnte sich darüber heftig aufregen. »Jetzt gibt es allein schon in Goma zweihundert Organisationen für Frauenrechte. Darunter sind viele Pseudo-NGO, lokale Organisationen, die sich mit ausländischem Geld bereichern, auf dem Rücken kranker Frauen. Jeder fängt hier irgendwas an. Das Geld aus den Geberländern läuft über die Vereinten Nationen, aber die behalten eine stattliche Provision ein, bis zu 20 oder 30 Prozent. Das ist eine richtige UNO-Mafia! Ich arbeite nicht mehr mit ihnen zusammen. Das UNO-Ernährungsprogramm, UNICEF . . . sie kommen mit gewaltigen Budgets hierher, aber 60 Prozent davon gehen für Logistik drauf, ohne dass man Ergebnisse sieht. Die ganzen Ausländer kriegen offenbar ›Risikozulagen‹, die ganzen Büros brauchen Klimaanlagen, alle Räume sind luxuriös und gesichert. Schrecklich viel Geld fließt in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollen Sichtbarkeit, auch hier. Dabei sind die Frauen, um die es geht, in Gefahr, die sind doch auf Diskretion angewiesen.«29 Harte Worte, und Justine Masika ist nicht irgendwer: 2005 war sie eine der tausend Frauen, die gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert waren, 2009 durfte sie die »Menschenrechtstulpe«, eine hohe Auszeichnung der niederländischen Regierung, und den Friedenspreis von Pax Christi International in Empfang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Wirtschaft berief man sich wenigstens gar nicht erst auf humanitäre Motive der Entwicklungszusammenarbeit; hier ging es ganz unverblümt um Gewinn. Dass das nichts Sittenwidriges ist, brauchte man Dolf van den Brink nicht zu erklären. Nach einem Studium der Philosophie und Betriebswirtschaftslehre war dieser junge, unaufhaltsam dynamische Niederländer Kaufmännischer Direktor von Heineken in Kinshasa geworden, die Nummer zwei von Bralima. In dieser Funktion war er mitverantwortlich für die außergewöhnlichen Wachstumszahlen der vergangenen Jahre. »Als ich hier ankam, im Jahr 2005, hatte Primus in Kinshasa einen Marktanteil von 30 Prozent, während Skol, das Bier des Konkurrenten Bracongo, 70 Prozent hatte. Jetzt ist es umgekehrt: Wir haben 70 Prozent und Skol nur noch 30.«30 Er zeigte mir eine Folie aus einer PowerPoint-Präsentation. Die Graphik wies eine ansteigende Linie auf. &#039;&#039;On a gagné beaucoup de batailles, mais pas encore la guerre!&#039;&#039; stand in hipper Managementsprache obendrüber: Wir haben viele Schlachten gewonnen, aber noch nicht den Krieg. Im Konferenzraum von Bralima hing ein Plakat, das die Mitarbeiter an ihre wichtigste Pflicht erinnerte: &#039;&#039;Esprit de combat!&#039;&#039; – als ob das Land nicht einen schrecklichen Konflikt hinter sich gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es war ein Krieg. Der Hauptgrund, warum Bracongo erst noch so gut abgeschnitten hatte, war, dass sie Werrason hatten, während Bralima sich mit J. B. Mpiana begnügen musste. Werrason und Mpiana waren enorm beliebte Popmusiker, die für die beiden Brauereien Werbung machten. Im Jahr 2005 war Werrason deutlich erfolgreicher; keinem seiner Fans wäre es jemals in den Sinn gekommen, in der Kneipe ein Primus zu bestellen. In einer Zeit, in der Politiker nicht gewählt wurden, die Menschen keine Arbeitsstellen hatten und die Städte zu drei Vierteln aus jungen Menschen unter fünfundzwanzig bestanden, verfügten Popmusiker über immense Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rivalität zwischen J. B. Mpiana und Werrason war legendär. Jede Generation in der kongolesischen Popmusik erlebte ihren eigenen Clash: zwischen Franco und Kabasele in den fünfziger Jahren, zwischen Franco und Tabu Ley in den sechziger Jahren, zwischen Papa Wemba und Koffi Olomide in den achtziger Jahren, aber Ende der neunziger Jahre ging es dann wirklich sehr hitzig zu. 1981 hatten die beiden Musiker zusammen eine Band mit dem megalomanen Namen »Wenge Musica 4x4 Tout Terrain BCBG« gegründet. Das musste einfach Zoff geben. Es war eine legendäre Band, die die Welt im Allgemeinen und Kinshasa im Besonderen mit dem &#039;&#039;Ndombolo&#039;&#039; erfreute, dem populärsten Tanzstil in den neunziger und den nuller Jahren, einem Gruppentanz, bei dem die Tänzer in die Knie gingen und zu boxen schienen, während die Frauen in geradezu spektakulärer Weise Hüften und Po kreisen ließen. Der Ndombolo war aufreizend, obszön, ausgelassen und – wie das bei trendigen Tanzstilen so ist – eigentlich ganz schön sexy. Auf der Bühne protzten Werrason und Mpiana mit ihrem Telecel, dem Mobiltelefon der ersten Generation, so groß wie ein Holzschuh. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geräte noch hohen Militärs und Ministern vorbehalten, nun aber steckten sich Fans eine Bierflasche tief in die Gesäßtasche, damit es so aussah, als besäßen auch sie so ein Musterstück voluminöser Technologie. Wenge Musica war &#039;&#039;die&#039;&#039; Sensation der neunziger Jahre. Als Kabila Kinshasa einnahm, wurde der Ndombolo getanzt. Aber Wenge Musica erging es wie allen kongolesischen Popbands oder politischen Parteien, die einigen Erfolg hatten: Sie lösten sich auf. Zwischen Werrason und Mpiana gab es Trouble, die Fans spalteten sich, und noch heute können sie von dem Machtkampf mit einer Leidenschaft und Detailgenauigkeit erzählen, mit der sie über den Krieg selten sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Ironie spricht man von &#039;&#039;la guerre des albums&#039;&#039;, &#039;&#039;la guerre des salles&#039;&#039; und &#039;&#039;la guerre des stades.&#039;&#039; Anfangs war Werrason der Herausforderer, der sich besonders kämpferisch gab: &#039;&#039;Force d&#039;Intervention Rapide&#039;&#039; (schnelle Eingreiftruppe) hieß seine erste CD. Mit Titeln wie &#039;&#039;Attentat&#039;&#039;, &#039;&#039;État d&#039;Urgence&#039;&#039;, &#039;&#039;Ultimatum&#039;&#039;, &#039;&#039;Couvre le feu&#039;&#039; und &#039;&#039;Cessez-le-Feu&#039;&#039; sickerte der militärische Jargon ohnehin in die Popkultur ein.31 Jede Platte brachte einen neuen Tanz und eine neue Mode. Fans warteten mit dem Kauf von Klamotten, bis die neue Platte herauskam. Aber als J. B. Mpiana 1999 als Erster seiner Generation in Paris die mythischen Konzertsäle le Zénith und l&#039;Olympia füllte, nahm Werrason Revanche, indem er im Sportpalast Bercy vor zwanzigtausend Fans auftrat und danach auch in le Zénith und l&#039;Olympia. In Frankreich, &#039;&#039;bien sûr&#039;&#039;, denn die kongolesische Geschichte spielte sich fortan auch in der Diaspora ab. Bei den Metrostationen Château d&#039;Eau in Paris, Porte de Namur in Brüssel und Seven Sisters in London entstanden kongolesische Ausgehviertel mit Friseursalons, Plattenläden und Lebensmittelgeschäften, die Maniok und geräucherte Raupen verkauften. Die Misere hatte Zehntausende in die Migration getrieben. In Kinshasa versuchten Werrason und Mpiana bei Konzerten im Stade des Martyrs einander zu übertrumpfen; die Besucherzahlen stiegen auf über hunderttausend. 2005 nahmen sie es direkt gegeneinander auf bei einem Freiluftkonzert, wo sie &#039;&#039;fara-fara&#039;&#039; spielten, &#039;&#039;face à face&#039;&#039;: Zu beiden Seiten des Geländes stand eine Bühne. Dieses &#039;&#039;concert du siècle&#039;&#039; sollte ein Zermürbungskampf werden, um zu entscheiden, wer der Stärkere war. Die Bands begannen um zweiundzwanzig Uhr und spielten die ganze Nacht durch. Als morgens Ordnungskräfte den Stecker ziehen wollten, bildeten die Straßenkinder ein lebendiges Schutzschild um die Stromaggregate. Um dreizehn Uhr beendete dann die Armee die Veranstaltung mit Tränengas. Der Kampf vor mehr als zweihunderttausend Zuschauern endete deshalb unentschieden, aber Werrasons Stern stieg weiter.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Roi de la forêt&#039;&#039; wurde er genannt, König des Urwaldes. Seine Leibwächter waren &#039;&#039;manzaka na nkoy&#039;&#039;, Engel des Leoparden.33 Mit seiner unbewegten Miene, den bombastischen Sonnenbrillen und dem messerscharf konturierten, ringförmigen Bart wurde er so etwas wie der Inbegriff kongolesischer Coolness. Geboren am ersten Weihnachtstag 1965, schien er zu Großem vorbestimmt. Die UNESCO ernannte ihn zum Friedensbotschafter. Der Papst empfing ihn zu einer Audienz, und der jamaikanische Superstar Shaggy erklärte ihn auf CNN zum »größten lebenden Künstler Afrikas«.34 Aber für die Tausende Straßenkinder von Kinshasa – Knirpse, die man der Hexerei verdächtigt und aus dem Haus gejagt hatte, Kinder, die freiwillig von zu Hause weggelaufen waren, Waisen, deren Eltern an Aids gestorben waren und die nun im Sand vor Werrasons Proberaum lebten, alle, die sich &#039;&#039;shege&#039;&#039; nannten, nach Schengen, denn sie lebten in dem sehr freien Markt –, für all diese Kinder und Jugendlichen in verschlissenen Lumpen blieb er einfach &#039;&#039;Igwe&#039;&#039;, der Hohepriester. Für ihn würden sie ihr Leben hergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann, im Juli 2005, kam die Nachricht, die wie eine Bombe einschlug: Werrason wechselte von Bracongo zu Bralima! Vorher war er monatelang in Europa gewesen. Auf Kosten Bralimas? Brauchte er seinen Vertrag mit Bracongo nicht mehr bis zum Ende zu erfüllen? Es gab heftige Spekulationen, denn Musik ist im Kongo wichtiger als Fußball in Italien. Wie viel Geld war wohl geflossen? Der Preis für diesen Transfer ist bis heute das bestgehütete Geheimnis von Kinshasa. Dolf van den Brink kennt den Betrag, er hatte den Deal ja eingefädelt. »Aber das kann ich dir leider nicht sagen«, lacht er, als ich ihn danach frage. »Glaub mir, die Popmusik kostet uns viele hunderttausend Dollar pro Jahr. Zwei Drittel unseres Marketingetats gehen dafür drauf. Wir haben in eine Konzertbühne für dreihunderttausend Dollar investiert, die größte des Landes. Wir haben LKW, Generatoren und &#039;&#039;event stewards&#039;&#039;. Wir haben ein Veranstaltungsbüro mit dreißig Mitarbeitern, damit wir in der Stadt Gratiskonzerte geben können. Einmal im Jahr schreiben die Musiker ein Primus-Stück für uns. Wir bezahlen das Studio, die CD, den Videoclip. Das allein kostet uns schon hundert- bis hunderfünfzigtausend Dollar. In den Bars in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; verteilen wir gratis viertausend CDs und neuntausend Kassetten. Überall wird zu den Primus-Stücken getanzt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ihn manchmal selbst ein bisschen schwindlig zu machen. Nun gut, er hatte zwar bei dem niederländischen Soziologen Dick Pels seine Diplomarbeit zum Thema »Ästhetisierung des Wirtschaftslebens« geschrieben, aber dass er einmal der Arbeitgeber eines afrikanischen Weltstars werden würde, hätte er nun doch nicht erwartet. »Für mich ist es eine Symbiose zwischen der Musik und der Brauerei. Werrason hat drei Bands, mehr als hundert Leute sind von ihm abhängig. Vom Verkauf der CDs und Kassetten kann er nicht leben. Konzerte sind für viele unerschwinglich. Sponsoring ist deshalb unverzichtbar für ihn, neben VIP-Konzerten und Auftritten in Europa. Und auch dafür sorgen wir. Wenn er im Zénith auftritt, bezahlen wir fünfzig Flüge. Denn wenn wir das nicht tun, läuft er uns davon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werrason, so das Ergebnis einer kleinen Umfrage, gilt als ein unmöglicher Typ. Friedensbotschafter, ja, aber vor allem &#039;&#039;a pain in the ass&#039;&#039;. Von seinen Sponsoren wird erwartet, dass sie für ihn und sein Gefolge Dutzendweise Autos importieren und durch den Zoll schleusen. Vereinbarungen sind unwichtig. Wenn jemandem ganz ausnahmsweise doch ein Interview gewährt wird, bekommt er ihn höchstens flüchtig zu sehen und wartet stundenlang vergeblich auf seine Rückkehr, wie es dem Verfasser dieses Buchs an einem eiskalten Dezembertag in Paris widerfuhr. Dolf van den Brink seufzte. Er kramte in seinen Papieren und zeigte mir einen Zettel. »Sylvie Mampata war gerade da, seine Frau. Sie will eine Party geben und bittet uns um fünfzig Gartenstühle, dreißig Kästen Bier und 50.000 Dollar. So geht das die ganze Zeit. Verstehst du, was ich meine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich verstehe ich das, denn Dolf hat soeben seine PowerPoint-Graphik erläutert. »Schau, hier siehst du es sehr gut«, klang es zufrieden. »Im Juli 2005 kam Werrason zu uns. Unser Marktanteil stieg innerhalb von zwei Monaten um 6 Prozent: von 32 auf 38. Diese Zuwachsrate hielt an. Jetzt sind wir bei 70.« Bralima wurde eine der am rasantesten wachsenden Töchter des Heineken-Konzerns. 2009 erreichte der Marktanteil sogar 75 Prozent: Wachstumszahlen, von denen Betriebsleiter in Europa nur träumen können. Van den Brink wurde mit einer Versetzung in die Vereinigten Staaten belohnt, wo er, mit 36, Topmanager von Heineken USA wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bralima hatte den historischen Wechsel Werrasons allerdings auch wirksam in Szene gesetzt. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr aus Europa – Zehntausende Jugendliche hatten ihn vom Flughafen zum Samba Playa, seinem Proberaum, begleitet – gab er ein Primus-Konzert in seiner Geburtsstadt Kikwit unter dem Titel &#039;&#039;Changement de fréquence&#039;&#039;. Noch nie zuvor war er dort aufgetreten. Es wurde das größte Popkonzert in der Geschichte. Changement de fréquence, das waren die Flussschiffe, die Bralima Monate zuvor aus Kinshasa geschickt hatte, mit Musik- und Beleuchtungsanlagen, Generatoren und fünfzigtausend Kästen Primus an Bord. Changement de fréquence, das war die weiträumige Wiese beim Flughafen, wo die Bühne aufgebaut wurde und wohin Zehntausende zu Fuß kamen, von überall her, manchmal mehr als hundertzwanzig Kilometer. Changement de fréquence, das war Werrason, der am Tag des Konzerts in einer Fokker von Air Tropic mit traditionellen Häuptlingen und Dorfvorstehern angeflogen kam und nach der Landung den Boden küsste. Changement de fréquence, das war der König des Waldes, der wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde, während er auf einem LKW von Bralima thronte. Changement de fréquence, das war seine zwanzigköpfige Band, die Stunden nach Sonnenuntergang die ersten Klänge durch die Boxen jagte. Die phänomenal straffen Rhythmen von Kakol, die kristallinen Gitarrensoli von Flamme Kapaya, die mühelose Falsettstimme von Héritier, die burlesken Raps von Roi David. Letzterer war der Nachfolger des unvergesslichen »Bill Clinton«, des &#039;&#039;animateur&#039;&#039;, der eine Solo-Karriere begonnen hatte und nun bei Kerrygold unter Vertrag stand, wo er Reklamesongs für Milchpulver komponierte. Changement de fréquence, das bedeutete, die Musiker, deren Namen man seit Jahren kannte, endlich live zu erleben. Den unglaublich geschmeidigen Po von Cuisse de poulet kreisen zu sehen, wenn sie vorn auf der Bühne neben Bête sauvage und Linda la Japonaise Ndombolo tanzte. Was für ein Fest! Changement de fréquence, das war schließlich Werrason, der nach Mitternacht auf die Bühne trat, seelenruhig den Blick über die enthusiastische Menschenmenge schweifen ließ (wie viele waren es? Dreihunderttausend nach zurückhaltenden Schätzungen, siebenhunderttausend laut den Fans), drei Titel sang und dann Medikamente an Witwen und Kranke verteilte – woran sich die Regierung mal ein Beispiel nehmen sollte, mit all ihrem Gestümper und Gezänk! Changement de fréquence, das war der Boxkampf von Muhammad Ali &#039;&#039;revisited&#039;&#039;, mit dem Unterschied, dass nicht der Präsident, sondern ein börsennotiertes Unternehmen aus Amsterdam die Party bezahlte. Auch das war eine Frequenzänderung.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es war ein Riesenpublikum in Kikwit«, erzählte mir Flamme Kapaya, als wir uns in Kisangani unterhielten. Es war ein träger Vormittag, und wir saßen im verwilderten Garten eines Hauses am Fluss. Zehn Jahre lang war Flamme Star-Gitarrist und &#039;&#039;artistic director&#039;&#039; Werrasons. Fragt man einen Jugendlichen im Kongo nach dem größten Gitarristen von heute, lautet die Antwort immer: Flamme Kapaya. »Wir mussten das Publikum aufwärmen, sagen, wie phantastisch Werrason war. Wir mussten spielen und tanzen, damit er dann seinen großen Auftritt hatte. Aber er hat höchstens fünfzehn Minuten gesungen, obwohl er das ganze Geld einstrich. Wir wurden nicht bezahlt. Durch den Wechsel von Bracongo zu Bralima hat sich für uns nichts geändert. Er hat alles eingesteckt, wir sind leer ausgegangen! Werrason wurde steinreich und kaufte sich ein Haus bei Brüssel. Als ob er ein Nachkomme von Mobutu wäre.« Und da Gewinn wichtiger war als Investitionen in Bildung, hielt Bralima dieses System instand, denn die Aktionäre von Heineken wollten gern weiterhin so phantastische Tabellen und Graphiken sehen. Es besteht eine grundlegende Ähnlichkeit mit der ausländischen Einmischung von früher: So wie Amerika Mobutu zähneknirschend im Sattel halten musste, weil er sich sonst den Kommunisten zugewandt hätte, so musste Heineken es lernen, mit Werrasons Launen zu leben, weil der sonst zur Konkurrenz gegangen wäre. Integrität wurde der Loyalität geopfert. Flamme Kapaya ist darüber immer noch wütend: »Ich habe die Stücke komponiert, ich habe sie arrangiert, aber er ließ die Songs in Frankreich unter seinem Namen registrieren. &#039;&#039;Arrangeur-compositeur&#039;&#039;: &#039;&#039;Werrason&#039;&#039;, steht im CD-Booklet. Ich werde nur als Gitarrist erwähnt.« Flamme war der musikalische Kopf hinter &#039;&#039;Kibuisa Mpimpa&#039;&#039;, allgemein als Werrasons bestes Album betrachtet, von Kennern als »kulturell und musikalisch revolutionär« bezeichnet.36 »Ich habe die Aufnahmen in Europa gemacht, ich habe die Platte abgemischt, aber als sie fertig war, habe ich nicht ein Stück davon bekommen! Werrason hat sich sogar meine fünf Belegexemplare unter den Nagel gerissen.« Es scheint unglaublich, aber als ich drei Stunden lang in einem kalten Pariser Studio inmitten weiblicher Groupies mit bauschigen, glänzenden Wintermänteln vergeblich auf mein Interview wartete, war Werrason nirgendwo zu sehen; Kakol und Héritier, Drummer und Sänger, machten die ganze Arbeit. Sie instruierten die Sänger, bedienten die Regler am Mischpult und hauten musikalische Knoten durch. »Wir waren so naiv«, seufzte Flamme, »er wollte Musiker, die ihn nicht durchschauten. Tat man das doch, wollte er einen nicht mehr. Musik ist die Leidenschaft aller jungen Leute, aber er missbraucht das. Das ist echt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Deshalb bin ich gegangen. Ich möchte nicht, dass junge Leute den gleichen Weg gehen. Sie müssen ihre Rechte kennen.« Er trommelte auf den Rand seines Stuhls, blickte auf den Fluss und sagte dann: »Werrason ist ein Geschäftsmann und ein Politiker. Viele seiner Tänzerinnen sind in Europa geblieben. Leute haben ihn bezahlt, damit sie als Mitglieder der Band mit nach Europa durften.«37 Und Bralima zahlt dann noch Dutzende Flugtickets, wenn Werrason mit seiner »Band« nach Paris fliegt. Sein Kollege Papa Wemba wurde für ähnliche Praktiken in Paris zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Menschenschmuggel, urteilte das französische Gericht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unternehmen sind nie neutrale Player, und in gescheiterten Staaten schon gar nicht. Mit einem Werbeetat, der den Etat des Ministeriums für Bildung oder Information um ein Vielfaches überschreitet, erreichen sie mehr Bürger als die Regierung. Kinshasa ist heute überwuchert mit Reklametafeln von multinationalen Konzernen wie Nestlé, DHL, Vodacom und Coca-Cola. An alle Betonmauern um Firmen, Stadien und Kasernen sind Werbesprüche gepinselt. Fernsehstationen senden mehr Werbung als Programme. Die Primus-Titel der Künstler von Bralima sind ein Jahr lang auf mehreren Sendern zu sehen. Oft geht es um Stücke von zehn Minuten Länge und mehr. Der Unterschied zwischen Werbung und Unterhaltung verschwimmt. Kinshasa tanzt zu Promo-Platten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts werden Werbebotschaften eingehämmert. Das Mobilfunkunternehmen Tigo, ein Multi, der in sechzehn Ländern aktiv ist und dessen Zentrale sich in Luxemburg befindet, war 2006 so generös, die heruntergekommene Ankunftshalle des nationalen Flughafens aufzumöbeln, denn jeder Großbetrieb hat sein karitatives Programm (Stipendien, Krankenhäuser, Schulpakete, Hauptsache, es macht etwas her). Die fahlen Wände von Ndjili bekamen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Anstrich, aber wer heute aus dem Flieger steigt und die Halle betritt, wähnt sich eher in einem Messestand von Tigo als in einem staatlichen Gebäude. Andere Reklame als jede Menge Fahnen und Plakate des Mobilfunkanbieters gibt es hier nicht. Und mitten in diesem Wirbelwind von Glanz und Glitter wartet der Reisende mit dem Pass in der Hand und verflucht den tranigen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich zahlen Unternehmen wie Bralima und Tigo Steuern, mehr als ihnen lieb ist, denn in einem korrupten Land wird jede Woche eine neue Steuer erfunden. Aber wenn es ihnen zu bunt wird, drohen sie mit der härtesten Maßnahme: der Schließung des Betriebes. Und das bedeutet nicht nur Arbeitslosigkeit für all die Angestellten, die mehr als korrekt bezahlt werden, und Armut für all die kleinen Verkäufer von Bier oder Handyguthaben, sondern vor allem das Ende der fiskalen Einnahmen für all die Beamten. Und das will keiner der hungrigen Steuerinspektoren. Multinationale Konzerne sind die größten Steuerzahler des Landes. Deshalb hört die Regierung hin und wieder auf sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon auf der Berliner Konferenz war 1885 die Öffnung des Kongo-Freistaates für den internationalen Freihandel beschlossen worden. Noch immer existiert ein Wettbewerb zwischen Markt und Staat, sogar mehr denn je. Damals ging es nur um den Aufkauf von Rohstoffen, heute geht es auch um den Verkauf von Produkten, denn selbst in einem bettelarmen Land lässt sich viel verdienen mit dem Verkauf von Waren in kleinen Mengen, zum Beispiel Handyguthaben, Erfrischungsgetränke und Milchpulver. Um die Seelen all der Bedürftigen zu gewinnen, kolonialisieren ausländische Firmen den öffentlichen Raum des verwüsteten Landes mit einer Unverfrorenheit, die von dem strahlenden Lächeln des polierten Marketing kaum verhüllt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2008 war ich eine Woche lang eine &#039;&#039;minor celebrity&#039;&#039; in Kinshasa, ohne dass ich dafür viel zu tun brauchte. Unbekannte sprachen mich auf der Straße an, sagten, sie würden mich von den Fotos wiedererkennen, und wunderten sich darüber, dass ich trotz meines Status nicht über ein eigenes Auto verfügte. Dolf van den Brink hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen. »Wir veranstalten ein Konzert von Werrason in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Hast du Lust, zu kommen?« Der Auftritt fand in Bumbu statt, einem der ärmsten Viertel Kinshasas. Bei der Hinfahrt im Konvoi erklärte er mir die Sache. »Bracongo führt eine Schmutzkampagne gegen uns. Sie senden Spots, in denen es heißt, dass Bumbu ›gefallen‹ sei und Primus dort nicht mehr Marktführer ist. Das ist nachweislich falsch, aber sie drängen uns trotzdem in die Defensive. Jetzt werden wir das Gegenteil beweisen, und zwar ganz spektakulär. Kein Werbespot, keine Kampagne, nein, ein Gratiskonzert von Werrason! Es ist das erste Mal, dass er in Bumbu auftritt. Ich erwarte ziemlich viele Leute.«38 Der SUV mit Klimaanlage fuhr im Slalom um die Schlaglöcher. Dolf erzählte mir, dass das Marketing von Primus mehrere Phasen durchlaufen habe. Zuerst der Slogan &#039;&#039;Pelisa ngwasuma&#039;&#039;, frei übersetzt: &#039;&#039;Get the groove started&#039;&#039;. Diese Betonung des Atmosphärischen kam gut an in einem durch den Krieg innerlich zerrissenen Land. Danach änderten sie die Farbe des Etiketts und gaben ihm die Nationalfarben des Kongo: Blau, Gelb und Rot. Nachdem nun der Krieg vorbei war, wollte sich Primus als &#039;&#039;das&#039;&#039; nationale Bier schlechthin präsentieren. Der Staat mochte morsch sein, der Nationalstolz aber war intakt. Darauf ging Bralima geschickt ein. Primus war inzwischen bei einem neuen Slogan angekommen: &#039;&#039;Primus, Toujours leader.&#039;&#039; Es galt, die frisch erlangte Position des Marktführers als unangreifbar erscheinen zu lassen. Dominanzstreben sei ein wichtiger Aspekt, glaubte Dolf, die Leute wollten wissen, wer »der Stärkere« sei. Und in Bumbu müsse das jetzt mal kurz bewiesen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant, dachte ich, der Mobilfunkanbieter Vodacom greift mit seiner massiven Werbung dieselben Themen auf: Nationalgefühl und Führerschaft. &#039;&#039;Un réseau, une nation&#039;&#039; war jahrelang dessen Slogan im Kongo: ein Netz, eine Nation. Nun preisen sie sich als &#039;&#039;Leader dans le Monde Cellulaire&#039;&#039; an. Auf ihrer kongolesischen Website heißt es: »Unser Bestes ist besser als das Beste aller anderen. Verlieren ist ausgeschlossen. Wir sind ein Team, und Wettbewerb ist unser Sport.« Wer ist am kongolesischsten? Und wer führt? Waren das nicht die zentralen Themen im Wahlkampf zwischen Kabila und Bemba, der damals losbrach? Im Juli 2006 sollten endlich die Wahlen stattfinden, und die beiden größten Favoriten gerieten sich in die Haare wie Popmusiker. Bemba, noch immer eher Kriegsherr als Staatsmann, bezichtigte Kabila, ein halber Ruandese zu sein, der nicht über die erwünschte &#039;&#039;congolité&#039;&#039; verfügte – ein bizarrer Anspruch, wenn man bedenkt, dass er selbst zu einem Viertel Europäer ist. Kabila versuchte als Präsident über dem Tumult zu stehen, als er sagte: »Wer Eier trägt, sucht keinen Streit« – ein Ausspruch, der ihn noch monatelang verfolgen sollte. Er bezog sich auf die Straßenjungs, die von Bar zu Bar gingen mit einem Karton hartgekochter Eier auf dem Kopf, die sie als Snack verkauften. Ganz Kinshasa lachte damals über den Präsidenten. Die scharfen Vorwürfe erinnerten an den Streit zwischen Werrason und Mpiana oder zwischen Bralima und Bracongo. Beim Kampf um das höchste Amt war der Begriff &#039;&#039;leadership&#039;&#039; direkt an die nationale Identität geknüpft. Kommerzielle und politische Slogans befruchteten sich gegenseitig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dolf spähte nach draußen, als wir in Bumbu ankamen. Das Viertel lag im Dunkeln, aber die Bars und Terrassen waren rappelvoll. Zufrieden konstatierte er, dass es sich bei rund 80 Prozent der Bierflaschen auf den Tischen um Primus handelte. Ein Stück weiter sahen wir die LKW von Bracongo bereitstehen: Während des Konzerts und danach würde der Konkurrent zweifellos Tausende Flaschen Skol verteilen. Dolf fragte sich sogar, ob Bracongo nicht vielleicht Jugendgangs angeheuert hatte, damit sie Unruhe stifteten. Bralima hatte vorsichtshalber eigene Sicherheitsleute dabei. Und das war auch notwendig, denn das junge Bumbu – eine andere Generation gab es hier kaum – war massenhaft erschienen. Je dichter wir uns dem Ort des Konzerts näherten (die Band spielte schon, wir hörten sie von weitem), desto beängstigender wuchs die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Auto hinter uns im Konvoi festklammerten. Es war ein SUV mit getönten Scheiben in den Primus-Farben. Die Fans waren fest davon überzeugt, dass Werrason darin saß. Nachdem wir noch ein Weilchen in der fast hysterischen Menge festgesteckt hatten, erreichten wir über einen Schleichweg die Rückseite der Bühne. Die Autos wurden mit der Schnauze nach vorn geparkt: Sollte es zu Krawallen kommen, hieß es nichts wie weg. Wir stiegen aus, gingen zur Bühne und schüttelten rasch ein paar Hände. Das Dämmerlicht des Backstage, die Bässe, die bis ins Brustbein vibrierten: Ich erkannte ihn nicht gleich. Er sah viel normaler aus als ich ihn von Fotos in Erinnerung hatte, und er wirkte viel schüchterner. »Monsieur Werrason«, sagte ich, »&#039;&#039;bon concert.«&#039;&#039; »Mmm«, erwiderte er. Das war denn auch das kürzeste Interview, das ich je geführt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir stiegen auf die Bühne. Eine Reihe Tänzer, dahinter eine Reihe Musiker, alle in T-Shirts von Primus. Eine Mauer aus Klängen. Ich winkte Kakol zu, dem Drummer. Hinter ihm nahm ein riesiges Transparent die ganze Rückwand der Bühne ein: &#039;&#039;Primus, Toujours Leader!&#039;&#039; Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab, um das Publikum sehen zu können. Das Podium war auf einer großen Straßenkreuzung aufgebaut worden. In allen drei Richtungen: Mehrere hundert Meter eine dicht gedrängte Menschenmenge. Ich versuchte, ein Segment durchzuzählen und dann hochzurechnen. Dreißigtausend? Vierzigtausend? Jemand drückte mir eine Flasche Primus in die Hand. Kameraleute filmten die wenigen Weißen auf der Bühne. Und dann, dann erklomm der dem Anschein nach verlegene Mann mit dem kreisrunden Bärtchen die Metalltreppe links von der Bühne. Langsam, fast unlustig trat er vor ins volle Scheinwerferlicht. Er spähte in die ruhelose Nacht. Tausende Arme hoben sich und kreuzten die Fäuste. &#039;&#039;Igwe! Igwe!,&#039;&#039; ertönte es ohrenbetäubend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Konzert war Dolf van den Brink in bester Stimmung. Werrason hatte nicht nur blutjunge Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne geholt, damit sie für ihn Ndombolo tanzten, sondern zwischendurch auch zweimal eine Flasche Primus hochgehalten und ausführlich erzählt, dass Bumbu noch immer eine Hochburg von Bralima sei. Eine solche Werbung war unbezahlbar. 10.000 Dollar hatte der Auftritt gekostet. &#039;&#039;Peanuts&#039;&#039;. Mitschnitte des Konzerts würden in den kommenden Tagen nonstop im Fernsehen gesendet werden. Bralima zahlte monatlich 30.000 bis 40.000 Dollar an Antenne A, einen der wichtigsten Sender in Kinshasa, der davon sein Personal entlohnte. Faktisch war Bralima damit Besitzer des Senders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber ich kenne Sie«, sagten mehrere Kinois zu mir, als ich auf mich neben sie auf die Rückbank eines klapprigen Taxis setzte. »Sie waren der Weiße auf der Bühne beim Konzert von Bumbu. Haben Sie denn kein Auto?« Das besagt einiges über die Macht von Bralima. In einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, in der ich mich für kurze Zeit aufhielt, war ich plötzlich bekannter als in der Stadt mit einer Million Einwohnern, in der ich schon zehn Jahre lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handyguthaben kaufe ich meist bei Beko in der schattigen Avenue des Batetela, einer der wenigen netten, freundlichen Straßen von Kinshasa. Beko, ein diplomierter Pädagoge Anfang zwanzig, sitzt dort von morgens sechs bis abends acht unter einem Sonnenschirm und verkauft Prepaid-Karten von Tigo, Vodacom, CelTel und CCT. Jeden Tag, nur sonntags erst ab elf, denn dann besucht er vorher die Messe. Das ist seine einzige Erholung. Auf dem Gehweg der Avenue Batetela ist ein kleiner Markt im Schatten der Bäume. Neben Beko sitzt eine Frau, die Geld wechselt, daneben brät eine alte Frau kleine Fische, die, warum ist mir schleierhaft, »Thomson« genannt werden. Ein paar Schritte weiter verkauft ein Junge Taschenkalender, Kugelschreiber und Schnürsenkel, neben einer jungen Frau, die auf einem Kohlefeuer Ölkrapfen backt. Ein Ölkrapfen ist für viele das Einzige, was sie an einem Tag essen. Lecker und sättigend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An guten Tagen macht Beko einen Umsatz von gut hundert Dollar, aber ihm bleiben davon keine acht Dollar. Wenn er eine Prepaid-Karte für fünf Dollar verkauft, bekommt die Mobilfunkfirma davon 4,60 Dollar, manchmal sogar 4,75. »Und das sind dann auch nur die großen Kunden, die Guthaben für fünf Dollar kaufen«, erklärt er mir. Gut, acht Dollar Gewinn, an einem Spitzentag. Aber Beko wohnt weit, sehr weit weg von der Avenue des Batetela. Er ist einer der 1,6 Millionen Menschen, die Tag für Tag in überfüllten VW-Bussen mit qualmendem Auspuff ins Stadtzentrum pendeln.39 Der Weg zur Arbeit kostet ihn Stunden und eineinhalb Dollar. Möchte er tagsüber etwas essen, und sei es nur ein Stück Maniokbrot mit einem Scheibchen Fisch, kostet ihn das erneut etwa eineinhalb Dollar. Wenn er nach Hause kommt, gibt er seiner Tante, bei der er seit dem Tod seiner Eltern wohnt, einen Dollar. Er ist der einzige Ernährer seiner Geschwister. Von den acht Dollar ist er nun schon mehr als die Hälfte wieder los. Und das ist nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir uns unterhalten, taucht ein aufgeplusterter Typ auf und brüllt ihn und die anderen Markthändler an. Beko gibt ihm ohne zu protestieren zweihundert kongolesische Franc. Ein paar Schritte weiter steht ein Mann in Polizeiuniform. »Von der Polizei aus dürfen wir hier eigentlich nicht verkaufen. Offiziell muss er uns eine Geldstrafe aufbrummen, aber das passiert nie. Stattdessen schickt er uns den Kerl da auf den Hals. Für zweihundert kongolesische Franc lässt er uns in Ruhe. Allerdings kommt er drei-, viermal am Tag vorbei. Wenn wir nicht zahlen, beschlagnahmt er unsere Waren. So verliere ich nur einen oder anderthalb Dollar.«40 Man kann es Erpressung nennen oder eine Art Spontanbesteuerung, aber solange dieser Polizist kein Gehalt vom Staat bekommt, wird das so weitergehen. Dennoch ist eine Polizeiuniform noch immer ein sehr hohes Gut. Sie garantiert dem Träger ein regelmäßiges Einkommen, nicht von oben, sondern von unten. Kein Wunder, dass inzwischen ein Handel für das Polizistenamt existiert. Dem Vernehmen nach kann man jemandem die Funktion gegen eine stattliche Summe abkaufen, so wie man ein Geschäft übernimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Tage in der Woche, am Sonntag etwas später. Bekos beste Jahre verrinnen. Tigo bietet wieder einen neuen Service an, sieht er. Für einen geringen Betrag können Kunden täglich eine SMS empfangen, die, so das Unternehmen, »Ihren Tag freundlicher macht«. Mit Tigo Bible bekommt man jeden Tag einen Bibelvers zugeschickt, Tigo Foi erteilt religiöse Ratschläge, Tigo Amour berät bei Beziehungsproblemen, und Tigo Riche verrät, wie man reicher werden kann. Wer Unterhaltung möchte, kann Unterhaltung bekommen. Aktuelle Nachrichten per SMS sind nicht im Angebot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko lacht ein bisschen verlegen, als ich ihn frage, ob er einen Zukunftstraum hat. »Botschafter werden«, sagt er dann, nachdem er überlegt hat. Politik fasziniert ihn. Beim Zeitungsverkäufer &#039;&#039;mietet&#039;&#039; er jeden Tag die Zeitung: Gegen ein kleines Entgelt darf er eine halbe Stunde darin lesen. Kaufen ist unmöglich; die Zeitung kostet einen ganzen Dollar. Zeitungen sind eine Rarität in Kinshasa. Die wenigen Titel haben, wenn es hoch kommt, eine Auflage von 1500 Exemplaren, mikroskopisch klein in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern. Außerhalb der Stadt zirkuliert keine gedruckte Presse. Der Inhalt der Blätter ist in der Regel dürftig. &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und &#039;&#039;Le Soft&#039;&#039; tun ihr Möglichstes, aber anderswo regieren Skandalsucht und Parteilichkeit. Journalisten lassen sich im Prinzip von den Ministern bezahlen, über die sie schreiben.41 Die Aufmachung ist miserabel, die Druckqualität erbärmlich. Aber jeden Tag gibt Beko sein Exemplar unzerknittert dem Verkäufer zurück. Ob sein Traum jemals in Erfüllung geht? Er war zweiundzwanzig, als ich ihn im Mai 2007 kennenlernte. »Im Kongo wird man meistens nicht älter als fünfundvierzig«, lächelte er damals, »&#039;&#039;c&#039;est comme ça&#039;&#039;, so ist das.« Tigo verzeichnete in jenem Jahr einen Rohgewinn von 1,65 Milliarden Dollar.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko ist eine Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Kinois bezeichnen sich selbst als schlecht informiert, Frauen noch mehr als Männer. Die Einzigen, die noch das Gefühl haben, auf dem Laufenden zu sein, sind Männer über fünfzig mit einem Universitätsabschluss, die Letzten, die noch eine solide Bildung haben.43 An anderen Medien herrscht im Kongo kein Mangel. Das Radio ist nach wie vor das beliebteste Medium, der Fernsehempfang ist vor allem in den Städten gut, das Internet ist überall schauderhaft langsam. Niemand ist zu Hause online. Surfen und den Lebenslauf tippen erledigt man in Internetcafés, den sogenannten &#039;&#039;cybers&#039;&#039;, zumindest, wenn der Strom nicht ausgefallen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der staatliche Rundfunk pfiff seit Menschengedenken auf dem letzten Loch, aber die MONUC gründete 2002, in Kooperation mit der Schweizer NGO &#039;&#039;Fondation Hirondelle, Radio Okapi&#039;&#039;, einen Sender mit Redaktionen in zehn Städten. Er ist schon seit Jahren das einzige landesweit ausgestrahlte Medium im Kongo. Ausländische und lokale Journalisten liefern jeden Tag mutige Beiträge. Okapi-Reporter gehören zu den besten (und bestbezahlten) in ihrem Metier. Die täglichen Nachrichtensendungen sind wirklich der Mühe wert, aber beim Preis von zehn Millionen Dollar pro Jahr stellt sich die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Wer soll das bezahlen, wenn die UNO nicht mehr im Land ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den großen Städten ist das Fernsehen allgegenwärtig. Männer sehen täglich mehr als zweieinhalb Stunden fern, Frauen sogar mehr als drei Stunden.44 Während der 1+4-Zeit erlebte das Medium einen beachtlichen Boom. Allein in Kinshasa gab es im Februar 2003 fünfundzwanzig Sender, im Juli 2006, dem Monat der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, siebenunddreißig.45 Die weitaus größte Mehrheit waren lokale Sender. Ein Sender lässt sich schon mit knapp 25.000 Dollar auf die Beine stellen. Ein Politiker, Geschäftsmann oder Pastor, der auf sich hält, hat heute seinen eigenen Sender. Durch die Kanäle zu zappen, ist ganz lehrreich, aber was den Inhalt betrifft, kann man es sich sparen. Tropicana, Mirador und Raga sind kommerzielle Sender, die hauptsächlich Musik-Clips zeigen, unterbrochen von Werbung, sofern überhaupt ein Unterschied besteht. DigitalCongo ist der Sender von Präsident Kabila, geleitet von seiner Zwillingsschwester, seinerzeit herausgefordert von Canal Congo und Canal Kin von Vizepräsident Bemba. Antenna A und RTNC versuchen mit den verfügbaren Mitteln informativ zu bleiben. Ratelki ist die TV-Station der Kimbanguisten; Amen TV und Radio TV Puissance vertreten neuere christliche Bewegungen. Mehr als die Hälfte der TV-Kanäle befindet sich in den Händen von Pfingstkirchen.46 Stößt man beim Zappen auf RTVA, muss man wissen, dass das der Sender von Pastor Léonard Bahuti ist, des Mannes, der seine (hauptsächlich weiblichen) Gläubigen anweist, Schmuck, Nagellack und Kunsthaar abzuschwören. RTAE gehört &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, dem leidenschaftlichen Vorsteher der Armée de l&#039;Éternel. RTMV gehört seinem Erzrivalen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039; Fernando Kutino, Gründer von l&#039;Armée de la Victoire, der inzwischen schon seit Jahren im Gefängnis sitzt. All diese religiösen Stationen senden abwechselnd Predigten und Soaps. Die Serien beschäftigen sich mit moralischen Fragen zum Leben und Überleben im Kinshasa von heute (Armut, Ehebruch, Hexerei, Fruchtbarkeit, Erfolg) und betonen, dass nur das charismatische Christentum im Hexenkessel der modernen Zeit Erlösung bringen kann. 2005 war ich einmal bei den Aufnahmen zu einer solchen Soap dabei. Was auffiel, waren weniger die bescheidenen Mittel (nur eine Kamera, eine Lampe, ein Mikrophon) oder das kurzgefasste Szenario (ein Pappbogen, mit der Hand beschriftet) oder die »Fließbandarbeit« (heute aufnehmen, morgen schneiden, übermorgen senden), sondern das jugendliche Alter der Schauspieler. Junge Leute in den Zwanzigern versuchten, ihrem Dasein und dem Dasein der Zuschauer mit einem fanatischen religiösen Diskurs Sinn zu geben. Der merkwürdigste Sender, auf den man beim Zappen stößt, ist NTV. Dort sieht man, wie Pastor Denis Lessie, der Besitzer des Kanals, die Finger spreizt und die Zuschauer auffordert, ihre Hände auf den Bildschirm zu legen, damit sie seine berühren, denn Gott der Herr kommt auch via Glasfaser oder Sendesignale zu einem. Hört doch das Knistern des Allerhöchsten, seht doch, wie euch die Haare bei der Berührung zu Berge stehen. Er forderte seine Gläubigen auch schon mal dazu auf, aus Frömmigkeit die Mattscheibe oder den Plasmabildschirm mit Wasser zu besprenkeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich durchblätterte das abgegriffene Gästebuch des kleinen Hotels im Landesinneren. Vor mir waren nicht viele ausländische Gäste da gewesen. Eigentlich nur einer: Andrew Snyder aus Florida. Er hatte eine strenge Handschrift. Beruf? &#039;&#039;Pastor&#039;&#039;. Grund der Reise? &#039;&#039;Crusade&#039;&#039;. Ah bon. Der Kreuzzug amerikanischer Evangelisten in Afrika hatte nun offenbar auch die kleinen Provinzstädte erreicht. Wie ging es nun wohl Fernando Kutino?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino war ein Kapitel für sich. Anfang der neunziger Jahre erlebte er mit, wie in Kinshasa die erste Generation amerikanischer Evangelisten auftrat, ein neuer Typ von Missionaren, die eine charismatische Variante des Christentums mitbrachten, die sogenannten Pfingstkirchen. Mobutu war so verärgert über die Macht der Katholiken, die den Marsch der Hoffnung realisiert hatten, dass er anderen Predigern erlaubte, ins Land zu kommen und Gottes Wort zu verbreiten. Teile und herrsche, das galt auch für die Seelen. Fernando Kutino, damals noch ein unauffälliger Junge, hörte von Jimmy Swaggart, dem amerikanischen Fernseh-Evangelisten, der im Westen weltberühmt geworden war, als er unter Tränen öffentlich seinen Ehebruch gebeichtet hatte. In Kinshasa wurde er durch seine aufpeitschenden Gottesdienste bekannt, die viele tausend Menschen in Ekstase versetzten. Aber auch der deutsche Evangelist Reinhard Bonnke kam vorbei, und der Niederländer John Maasbach, verheiratete Männer in adretten Anzügen, die mit wirbelnden Shows und makellosen Frisuren ihren Glauben bekundeten. Sie waren nicht von einer zentralen kirchlichen Obrigkeit ausgesandt worden, sondern agierten auf eigene Initiative, oft mit Unterstützung ihrer Familie. Die &#039;&#039;reborn Christians&#039;&#039; fanden Anschluss bei lokalen Gebetsgruppen, die sich wöchentlich versammelten, um außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes das Herz zu Gott zu erheben. Es dauerte nicht lange, bis auch ein einheimischer Klerus entstand, und Fernando Kutino wurde dabei zu einer Schlüsselfigur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kutino band sich eine Krawatte um, nannte sich &#039;&#039;reverend&#039;&#039; und verkündete eine Botschaft, die sich sehr stark von den traditionellen Kirchen und Riten absetzte. Es war der Startschuss für die kongolesischen &#039;&#039;églises du réveil&#039;&#039;, die Erweckungskirchen. Neugierige wurden von den charismatischen Ausdrucksformen des Glaubens angezogen, der in Momenten des religiösen Überschwanges »Heilung« und »Erlösung« verhieß. Mit seinen Ritualen der Trance, von den Gläubigen als Anwesenheit des Heiligen Geistes empfunden, war der Pfingstglaube eine Variante des Christentums, die sehr viel mit dem spirituellen Universum des Ahnenglaubens in Afrika gemeinsam hatte. Laut beten, Dämonen vertreiben, in Zungen reden: Es erinnerte an das Erscheinen von Simon Kimbangu im Jahr 1921. Auch damals war der intensive Glaube ein Mittel gegen Hexerei gewesen. Auch damals dürsteten die Menschen nach augenblicklicher Genesung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino fügte jedoch noch einen Aspekt hinzu, und zwar &#039;&#039;la prospérité&#039;&#039;, Wohlstand. Erlösung verstand er nicht nur im spirituellen, sondern auch im materiellen Sinn. In den harten Krisenjahren der neunziger Jahre kam diese Botschaft besonders gut an. Was nützte es den Armen, ob im Geiste oder nicht, selig zu sein, wenn ihre Kinder verhungerten? Wenn der kümmerliche Geldschein am Abend nur noch halb so viel wert war wie am Morgen? Nein, nicht Armut, sondern Reichtum war der Beweis für Kontakt mit dem Höheren. Und zum Beweis seiner Frömmigkeit putzte sich Fernando Kutino opulent heraus. So ein Mann Gottes konnte ja wohl nicht in Lumpen vor seinem höchsten Boss erscheinen? Von einem bombastischen Thron aus rief er seine Schäfchen wöchentlich zu großzügigen Spenden für seine Kirche auf. Ostentativ zu spenden wurde ein Beweis für Gottesfurcht und Tugend. Kutino nahm die Luxuskarossen und intergalaktisch anmutenden Handys mit Wohlgefallen entgegen. »Ich liebe Geld«, sagte er einem französischen Journalisten, »es hilft, um gut zu leben.«47 Empörend? Ja, aber nicht anders als die Dynamik, die bewirkte, dass im Europa des Mittelalters Kathedralen errichtet wurden und Kirchen­obere in Brokat und Spitze einherwandelten. Postmaterialismus ist ein Luxus für Reiche. Der Arme blickt zum Großprotz hoch. So wie Papa Wemba mit &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; einen Hoffnungsschimmer in die Jugendkultur gebracht hatte, so brachte Fernando Kutino eine Ahnung von Wohlstand über den Umweg des Glaubens. Kutino war einfach auch ein &#039;&#039;sapeur&#039;&#039;, mit seinem Goldschmuck und den Schuhen aus Krokoleder. Er verkörperte Erfolg, Macht und Reichtum.48 Er war sozusagen der Werrason des Gottesdienstes. Im Dezember 2000 versetzte er im Stade des Martyrs eine Menschenmenge von mehr als hunderttausend Gläubigen in Ekstase. Seine Auftritte wurden mit Live-Popmusik bereichert und boten ausgiebig Gelegenheit zum Singen und Tanzen. »Sing, sing, tanz, tanz für den König der Könige«, forderte ein religiöser Popkünstler sein Publikum auf, »denn wenn ihr das hier nicht tut, dann sicher anderswo in der Welt der Finsternis.«49 Kinshasa war die Stadt des Teufels geworden, nur Gott schenkte Gnade, und Kutino war sein Schatzmeister.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Übergangs von 2002-2006 erlebten die Erweckungskirchen ein enormes Wachstum, vor allem in den Städten. Fernando Kutino diente vielen als Vorbild. Unter Vordächern, in Stadtomnibussen, auf Straßenkreuzungen predigten selbsternannte Pastöre voller Begeisterung. In Kinshasa eröffneten Läden, in denen nichts anderes als Stehpulte verkauft wurden, Rednerpulte aus Holz oder Glas, die man beim Verkünden der frohen Botschaft verwendete. So gut wie jedes Wochenende trat ein neuer Prophet in Erscheinung. Im Jahr 2005 gab es in Kinshasa Schätzungen zufolge dreitausend charismatische Kirchen.50 Die meisten von ihnen waren recht bescheiden, ein paar wurden sehr mächtig. &#039;&#039;Full Gospel&#039;&#039; füllte Stadien mit Marathon-Sessions, die drei Tage und mehr dauerten. Pastöre aus Nigeria und den USA gaben Gastspiele mit inbrünstigen Bekenntnissen. Überall erschallten Lobgesänge und Dankgebete. Eine Anzeige auf der Titelseite von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; versprach im riesigen Stade des Martyrs ein »Festival der Wunderheilungen« mit Rév. Dr. Jaerock Lee, einem Südkoreaner: »Die Toten werden auferstehen, die Stummen sprechen, die Blinden sehen und die Tauben hören. Verschiedene unheilbare Krankheiten, einschließlich Aids, Krebs und Leukämie, können geheilt werden. Mit konkreten Beweisen, die zeigen, dass Gott lebt; Sie können selbst am Ort der Wunder anwesend sein. Eintritt frei.«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirchen versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen mit kämpferischen Namen wie l&#039;Armée de l&#039;Éternel, l&#039;Armée de la Victoire, Combat Spirituel und la Chapelle des Vainqueurs. Es erinnerte an die kriegerischen Titel der Popalben im Kampf um &#039;&#039;leadership&#039;&#039; auf dem Markt und in der Politik. Gläubige waren in der Regel gegenüber einer bestimmten Kirche loyal, doch es herrschte große Fluktuation; eine Art serieller Monotheismus bildete sich heraus. »Wenn dein Gott tot ist, probier meinen aus«, lautete der Slogan von Pastor Kiziamina-Kibila, als ob es um ein Waschmittel ginge. Und so wechselten viele zwischen den verschiedenen Kirchen, und an den hohen Feiertagen besuchten manche auch noch die katholische Messe. Nach der Ernennung von Joseph Ratzinger zum neuen Papst gab sich Koffi Olomide einen neuen Künstlernamen: Benoît XVI. Als das in Rom gar nicht gut ankam, nannte er sich einfach Benoît XVII.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war nicht nur ein Konkurrenzkampf. Im Kern ging es um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Christus und Satan, zwischen dem wahren Glauben und Hexerei. Die Erweckungskirchen vertraten ein einfaches, duales Weltbild, das Menschen half, mit den Widersprüchen ihres Daseins umzugehen. Für Misserfolge waren böse Geister in einer Schattenwelt verantwortlich, Erfolge waren der Gnade Gottes zu verdanken. Zu l&#039;Armée de l&#039;Éternel kamen junge Frauen und bezahlten zehn, zwanzig oder fünfzig Dollar, damit der Prediger, &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, ihnen durch Handauflegen half, einen Mann zu finden, schwanger zu werden oder ein Visum für Europa zu bekommen. War das nicht schamlose Geldgier auf Kosten Verzweifelter? »Wir möchten auch, dass Schulen gebaut werden«, erklärte mir der Sprecher dieser Kirche, »wir finden, dass der Mensch arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen, und nicht nur beten. Wir organisieren kostenlose Aidstests und vermitteln jungen Eltern, wie sie ihre Kinder erziehen müssen.«53 Für einen elternlosen, hart arbeitenden jungen Mann wie Beko bot die Kirche ein soziales Auffangnetz. Religion sprang ein, wo die Behörden versagten. Manche Pfarrer schafften es in den vergangenen Jahren, rivalisierende Jugendbanden miteinander zu versöhnen; die Polizei versuchte so etwas gar nicht erst.54 Sie nahmen »Hexenkinder« auf, die von zu Hause weggejagt worden waren, und versuchten sie zu »behandeln«.55 Wie die Unternehmen füllten sie die Lücke, die durch den Ausfall des Staates entstanden war. Verzweifelte Bürger fanden eine kuschelige Zuflucht im leidenschaftlichen Glauben. Kleine Läden hießen fortan la Grâce, le Christ, le Tout-Puissant, Internetcafés hießen Jesus.com, Wechselstuben »God is my bank«. Sogar eine neue Generation Vornamen kam auf: Kinder hießen jetzt Touvidi (von Tout vient de Dieu), Plamedi (Plan Merveilleux de Dieu), Emoro (Éternel Mon Rocher) und, unfassbar, Merdi (von Merveille Divine, das musste ich mir auch erst erklären lassen).56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 2. November 2008 nahm ich am Sonntagsgottesdienst von Parole de Dieu in Yolo-Sud teil, einem Armenviertel der Hauptstadt. Unter einem Schutzdach aus Zink drängten sich in einem Innenhof mehr als tausend Menschen. Sie sangen, sie tanzten, sie schüttelten selbstgemachte Rasseln. Da begann ich zu begreifen, wieso diese Kirchen so erfolgreich sind: Die Atmosphäre war unglaublich. Zu keinem Zeitpunkt fand eine Kollekte statt. Wer wollte, konnte am Eingang etwas spenden. Der Prophet Dominique Khonde Mpolo saß mit Turnschuhen auf dem Podium. Schlichtheit war sein Motto. Nicht jeder Pastor ist auf Geld aus. In seiner sehr langatmigen Predigt wetterte er gegen »Jésus Business« und setzte »Jésus Vérité« an dessen Stelle. »Die ganzen anderen Kirchen, die Geld versprechen . . . Wir wollen keinen Luxus, wir essen nicht mal Fleisch. Keiner hier trägt einen Anzug. Wir müssen für unser Land arbeiten und nicht für unseren Stolz.« Er selber war auf Wiederauferstehungen spezialisiert. Nach eigenem Bekunden hatte er bereits vier davon bewirkt. Die erste sei am schwierigsten gewesen, aber nun sei er im Besitz eines magischen Saftes. Den brauche man dem Toten nur auf die Lippen zu streichen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der katholische Volkspriester, der den Marsch der Hoffnung mit organisiert hatte, konnte sich darüber mächtig aufregen: »Die neuen Kirchen lullen die Menschen nur ein. Sie haben überhaupt nichts mit Befreiung zu tun. Sie versprechen ein leicht zu erreichendes Glück durch ›Wunder‹, aber sie halten die Leute nicht dazu an, Verantwortung zu übernehmen. &#039;&#039;Nzambi akosala&#039;&#039;, sagen die Leute, Gott wird&#039;s schon richten. Ich sage es rundheraus: Diese Kirchen sind ein Geschenk für die Regierung. Sie machen es den Politikern leicht. Deshalb werden sie auch von der Regierung so großzügig unterstützt. Sony Kafuta, dieser Typ, der sich ›Rockman‹ nennt, steht Kabila und dessen Mutter ziemlich nahe, er ist ihr spiritueller Führer.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass er sich bei den Mächtigen anbiederte, konnte man von Fer­nando Kutino jedenfalls nicht behaupten. Er lag nacheinander im Clinch mit Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. Während »Rockman« von den Kabilas zum obersten Seelsorger der nationalen Armee berufen wurde, begann Kutino mit der Kampagne &#039;&#039;Sauvons le Congo&#039;&#039;, »Lasst uns den Kongo retten«. Für seinen Fernsehsender lud er Gäste ein, die unverblümt Kritik an den 1+4 äußerten. Damit war das eine der wenigen kritischen Stimmen aus der Ecke der Pfingstbewegung. Die &#039;&#039;anti-valeurs&#039;&#039;, wie man sie nannte, wurden an den Pranger gestellt. Auffällig war ein sehr anti-ruandischer Tenor. Nach Verdächtigungen, dass sich Joseph Kabila von der ruandischen Lobby lenken ließe oder, eine noch schlimmere Unterstellung, selber ein ruandischer Tutsi sei, wurden die Räume des Senders versiegelt, und der &#039;&#039;bishop&#039;&#039; flüchtete nach Europa. Erst 2006 kehrte er zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das war noch nicht das Ende. Im Mai 2006, sechs Wochen vor den Wahlen, landete Kutino, inzwischen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039;, in Kinshasa und veranstaltete im Stade Tata Raphaël eine große Zusammenkunft. Er trug ein scharlachrotes Bischofsgewand und winkte von der Ladefläche eines Geländewagens den dichtgedrängten Scharen seiner Anhänger zu. Noch immer wetterte er gegen die »ausländischen« Einflüsse und warf Kabila einen Mangel an &#039;&#039;congolité&#039;&#039; vor. Zweifel an seiner Herkunft zu säen (seine Mutter sei nicht seine wirkliche Mutter, er sei ein Ruander und so weiter) wurde eine bewährte Taktik der Opposition. Allerdings gab es dafür keinerlei Beweis.59 Die gesamte Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen, vom Sender von Jean-Pierre Bemba, Kabilas bedeutendstem Herausforderer. Gleich danach wurde Kutino verhaftet, und Bemba konnte ihn in Makala besuchen. Einen Monat später wurde er zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen zehn Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Man sprach ihn des illegalen Waffenbesitzes, der Verschwörung und des versuchten Mordes schuldig, doch es ging offenkundig um eine Abrechnung. Internationale Menschenrechtsorganisationen rügten den sehr fragwürdigen Prozessverlauf.60 Auf der Website von Sauvons le Congo findet man einen dramatischen kleinen Film mit den »letzten Worten« des Propheten, am Schlusstag des Prozesses gedreht. Kutino spricht unsicherer denn je. Von seiner denkwürdigen Redegewandtheit ist nichts mehr übrig. Die Bilder sind mit den blutigsten Szenen aus &#039;&#039;Die Passion Christi&#039;&#039; von Mel Gibson zusammengeschnitten. Auch dieser Prophet wird ans Kreuz genagelt, lautet die Botschaft. Aber im Gerichtssaal trägt er noch immer einen tadellosen Maßanzug mit Einstecktuch. Ein Märtyrer im Maßanzug, vielleicht zeigt das ja die ganze Ambivalenz der Erweckungskirchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so schleppte sich ein Land, das keines war, zu seinen ersten freien Wahlen nach einundvierzig Jahren, wie es im &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; vereinbart war. Wirtschaftsunternehmen und Kirchen – &#039;&#039;la bière et la prière –&#039;&#039; hatten den öffentlichen Raum an sich gerissen und die Köpfe benebelt und erfreut. Im Vorfeld des sprichwörtlichen »Festtages der Demokratie«, der nach vielem Zögern auf den 30. Juli 2006 anberaumt worden war, bestand die Bevölkerung mehr aus Konsumenten und Frömmlern als aus wachen Bürgern. In der Kolonialzeit hatte das umfassende Bündnis zwischen Kirche, Staat und Kapital – die fragwürdige &#039;&#039;koloniale Trinitas&#039;&#039; – dafür gesorgt, dass die Bevölkerung zahm und gefügig blieb. Jetzt war etwas Ähnliches im Gange. Der Staat war freilich viel schwächer, lehnte sich aber gern an die beiden anderen Pfeiler an. Die »postkoloniale Dreifaltigkeit« bestand aus einer korrupten Politikerkaste, die eine Allianz einging mit neumodischen Religionen und von der Geschäftswelt hochgepushten Popstars. Präsident Kabila, der sich in der Zeit des Überganges nicht gerade durch überbordende Tatkraft hervorgetan hatte, bediente sich ausgiebig dieser alternativen Machtblöcke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon im April 2002 hatte Werrason bei seinem Konzert im Pariser Zénith zur Unterstützung Kabilas aufgerufen, wegen dessen »Bemühungen um den Frieden«.61 Unbezahlbare Werbung, denn Kabila war nicht besonders angesehen in den volkstümlichen Vierteln von Kinshasa, wo Bemba &#039;&#039;toujours leader&#039;&#039; wurde. Bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Sun City 2003 gab Werrason, der ja Friedensbotschafter war, ein Konzert für die Delegierten.62 2004, als Nkunda Bukavu einnahm, wurde Werrason sogar darum gebeten, die Gemüter zu beschwichtigen, als sich die Bevölkerung gegen die UNO-Blauhelme wandte. Der Popmusiker, der seinen Aufstieg einem Konzern verdankte, sollte nun die Massen besänftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Januar 2005 lud Kabila alle Größen der kongolesischen Musik auf ein Glas Champagner in den Präsidentenpalast ein. Werrason und J. B. Mpiana waren da, neben Papa Wemba und Koffi Olomide und ein paar anderen Erzrivalen. Der Präsident konnte sich wieder einmal als der große Versöhner profilieren, der den Frieden nicht nur in die Hügel im Osten gebracht hatte, sondern auch in die Bars von Kinshasa. Das Foto von diesem Umtrunk ging um die ganze Welt. Es war eine exakte Kopie der Aufnahme, die Jamais Kolonga mir gezeigt hatte und auf der er mit Franco und Kabasele Mobutu zuprostete. Im Kongo war das Verhältnis zwischen Politik und Musik schon immer sehr innig. War Kabasele nicht zum runden Tisch in Brüssel mitgereist, als er seinen »Unabhängigkeits-Cha-cha-cha« komponierte? War Franco nicht intensiv in Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik eingebunden gewesen? Sang Papa Wemba nicht bei der Einführung von Kabilas neuer Währung mit? Ja, das taten sie alle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt ging es noch einen Schritt weiter. In den neunziger Jahren war es in Mode gekommen, dass Privatleute dafür bezahlten, wenn Künstler ihre Namen in einen Songtext einbauten. Für eine Handvoll Dollar waren Mpiana, Werrason und ihre Kollegen zum Namedropping bereit. Schließlich lebte man in Krisenzeiten. Das Ergebnis sah bei J. B. Mpiana ungefähr so aus: »Liebe, Liebe, wohin führt uns das, &#039;&#039;Ruphin Makengo&#039;&#039;? / Sie beginnen mit Liebe und sie enden damit, &#039;&#039;Jean Ngendu&#039;&#039;. / Ist es nur eine Frage des Stolzes oder was, &#039;&#039;Lidi Ebondja&#039;&#039;?« Bei Werrason klang es so: »Du hättest es mir eher sagen sollen, &#039;&#039;Hugues Kashala&#039;&#039;. / Du hast meine Zeit vergeudet, alle meine Freunde sind verheiratet, &#039;&#039;Chibebi Kangala&#039;&#039;. / Sogar meine jüngeren Schwestern. / &#039;&#039;Claudine Kinua&#039;&#039; ist wütend.«63 &#039;&#039;Kobwaka libanga&#039;&#039; hieß dieses Phämomen, Steinchen werfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es zu einem festen Bestandteil der kongolesischen Popmusik geworden. Die zweite Hälfte eines Songs, die &#039;&#039;sebene&#039;&#039;, ist der Instrumentalteil, in dem die Gitarrensoli die Tänzer zu einem Höhepunkt führen, aufgepeitscht vom Animateur, der die Reihe von Namen herunterschnurrt. Politiker und Prominente bezahlen nicht nur Journalisten für einen Artikel, sondern auch Popstars für eine Nennung. Wer einen Abend im &#039;&#039;le 144&#039;&#039; in der Avenue Louise verbringt, der schicksten kongolesischen Diskothek von Brüssel, hört sogar den DJ durch die Stücke hindurch rufen, wer Geburtstag hat und wie viele Flaschen Champagner zu diesem Anlass bestellt wurden. In Kinshasa wurde der Bogen manchmal völlig überspannt. »Treize ans« von Werrason enthielt mehr als hundertzehn Namen, »Lauréats« von Mpiana sogar zweihundert.64 Das war keine Hommage mehr, sondern serienmäßiges &#039;&#039;Product-Placement&#039;&#039;. Künstlerische Autonomie? Ohne Bedeutung – im Gegenteil. Wenn man sich nicht auf reiche oder mächtige Zeitgenossen berufen konnte, erst dann galt man als Niete. Denn das war ein Zeichen für soziale Isolation und damit tödlich für einen Künstler, der &#039;&#039;leader&#039;&#039; sein wollte. Werrasons opportunistischer Pakt mit Kabila und dessen Lager war – wie auch Mpianas Sympathie für Bemba – so unübersehbar, dass sich die &#039;&#039;Haute Autorité des Médias&#039;&#039; (HAM) veranlasst sah, den TV-Stationen in den Wochen vor den Wahlen zu verbieten, ihre allzu parteiischen Popsongs weiter auszusenden. Zuvor waren sie nonstop über die Bildschirme geflimmert. Doch zu jenem Zeitpunkt war der Volkssänger Tabu Ley, ein Freund von Vater und Sohn Kabila, längst zum Vizegouverneur der Stadt Kinshasa ernannt worden, und Tshala Muana, eine der wenigen weiblichen Popstars, hatte einen Hit gelandet, in dem es hieß: »Wählt, wählt Kabila / Wählt nur Kabila / Wir alle wählen Kabila, unseren Chef / Er ist er einzige gute Führer des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Pfingstkirchen dienten der Sache des Präsidenten, mit der bereits erwähnten Ausnahme. »Alle Macht kommt von Gott«, hörten Gläubige am Sonntagmorgen, »betet für die Regierung.« Und als sei das noch nicht deutlich genug, setzte der Prophet vom Dienst noch mit Vergnügen hinzu: »Wer Jesus und Kabila liebt, steht jetzt auf und applaudiert.«65 Armeeseelsorger Sony Kafuta ging so sehr in seiner Kabila-Manie auf, sowohl in seiner Kirche wie im Fernsehen, dass ihn die HAM wegen Anstachelung zum Hass zur Ordnung rufen musste.66 Die katholische Kirche sah sich alles lediglich etwas verwundert aus der Distanz an. Es war ein himmelweiter Unterschied zu der kritischen Rolle, die sie im Kampf gegen Mobutu gespielt hatte.67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 27. Juli 2006, drei Tage vor dem großen Tag. In Kinshasa herrschte hektisches Wahlfieber. Dass die Wahlen nun stattfanden, war dem internationalen Druck des CIAT zu verdanken, aber vor allem auch der hervorragenden Arbeit der &#039;&#039;Commission Électorale Indépendante&#039;&#039;, der CEI, die von Abbé Malu Malu geleitet wurde, einem inspirierenden Priester. Die Vorbereitungen waren äußerst beeindruckend. Der Kongo war inzwischen ein Land ohne Infrastruktur. Es war unmöglich, das Land mit dem Auto von der einen zur anderen Seite zu durchqueren. Selbst die großen Zentren waren nicht mehr miteinander verbunden. Der Kongo war eher ein Archipel als ein &#039;&#039;pays-continent&#039;&#039;, ein Archipel, dessen Inseln nur per Flugzeug, Helikopter oder Boot zu erreichen waren. Niemand wusste, wie viele Menschen dort lebten, niemand hielt die Geburten fest, niemand besaß Papiere. Die letzte Form von Identitätsnachweisen waren die Mitgliedskarten des MPR aus der Mobutu-Ära. Aber am 15. Juni 2005 gelang es der CEI, fünfundzwanzig Millionen Wähler registrieren zu lassen, ein überwältigender Erfolg. Am 19. Dezember 2005 wurde der Entwurf einer neuen Verfassung durch Volksabstimmung genehmigt. Am 21. Februar 2006 wurde das Wahlgesetz verabschiedet. Der Wahlkampf konnte beginnen. Tshisekedi, der historische Oppositionsführer, boykottierte das Verfahren von Anfang an und wurde ein Opfer seines eigenen Starrsinns. Vizepräsident Ruberwa hatte nicht die geringste Chance, weil man ihn noch immer für den Handlager Ruandas hielt. Die Europäische Union startete nach der Operation Artémis in Bunia eine zweite Militärmission: EUFOR, eine europäische Interventionstruppe von 1400 Soldaten, die in Kinshasa Ruhe und Sicherheit gewährleisten sollte, denn Wahlen in Afrika bringen eher Zwist als Demokratie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 27. Juli zog Jean-Pierre Bemba, der Mann aus der Provinz Équateur, der ehemalige Warlord, dessen Soldaten Kannibalismus verübt hatten, in Kinshasa ein. Er wurde mit offenen Armen empfangen: Er war der &#039;&#039;mwana ya mboka&#039;&#039;, der Sohn des Landes, der wahre Kongolese. Mehr als eine Million Menschen begleiteten ihn auf dem klassischen Weg vom Flughafen ins Zentrum, der zwanzig Kilometer langen Strecke, die auch Baudouin, Mobutu, Tshisekedi und Werrason unter dem Jubel der Zuschauer am Straßenrand zurückgelegt hatten. Bemba würde vor seinen Anhängern im Stade Tata Raphaël sprechen, jenem Stadion, mit dem so viele historische Momente des Kongo verbunden waren, von den Unruhen 1959 über den Boxkampf 1974 bis zu den Predigten Kutinos 2006. Betrunkene Jugendliche hatten einen Hund bei sich, dem sie ein Wahlkampf-T-Shirt mit Kabilas Konterfei angezogen hatten. Das garantierte Heiterkeit. Das Tier drehte sich verstört um die eigene Achse und bellte seinen Schwanz an. Andere trugen ein riesiges Porträt Mobutus umher, des anderen starken Mannes aus der Provinz Équateur, denn inzwischen war eine Generation nachgewachsen, die den Mobutismus nur vom Hörensagen kannte. Sogar die alte grüne MPR-Fahne wehte über dem Stadion. Bemba versprach seinen Zuhörern, den Staat wiederaufzubauen und ihn tatkräftig zu führen. Wie Mobutu konnte er mühelos eine anderthalbstündige Rede ohne Konzept halten. Mit seiner bulligen Statur und seiner ungeschminkten Sprache kam er im extrovertierten Kinshasa viel besser an als der schüchtern wirkende Kabila mit seinem dürftigen Lingala und dem Französisch, das noch immer einen englischen Anklang hatte. Kabila erschien vielen Kongolesen als junge Marionette der internationalen Gemeinschaft (er war erst vierunddreißig, Bemba war dreiundvierzig) und nicht wie jemand, der dem Land neuen Stolz schenken konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann geschah etwas Bedeutsames. Nach der Wahlkundgebung zogen Jugendliche randalierend durch die Stadt und griffen die wichtigsten Stützpfeiler von Kabilas Wahlkampf an. Ihre Wut richtete sich gegen die postkoloniale Trinität von Präsident Kabila, den »Regierungsmissionar« Sony Kafuta und den Sänger und Bierwerber Werrason. Die jungen Bemba-Anhänger richteten Zerstörungen bei der Haute Autorité des Médias an, die sie der Parteilichkeit zugunsten des amtierenden Präsidenten verdächtigten. Dann zogen sie zum nicht weit davon entfernt gelegenen Tempel des Kabila-Adepten Sony Kafuta und schlugen die große Kultstätte seiner Armée de l&#039;Éternel kurz und klein, sodass die »Armee des Ewigen« nun eher wie der Trümmerhaufen der Gegenwart aussah. Anschließend nahmen sie sich ein paar hundert Meter weiter den Samba Playa vor, Werrasons Proberaum und Konzertsaal. Und auch dieser Wallfahrtsort so vieler junger, armer Kinois wurde binnen kürzester Zeit von der wütenden Menge junger, armer Kinois umgestaltet, die sich von Werrasons plakativer Unterstützung Kabilas verraten fühlten.68 Bralima verlor im Monat darauf 3 Prozent Marktanteil. Trotz der Allianz zwischen Bier, Beten und Bestimmen, die das Volk dumm halten sollte, ließen sich die jungen Wähler nicht alles gefallen. Es waren &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 14 Die Erholungspause ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Hoffnung und Verzweiflung in einer jungen Demokratie 2006-2010 ===&lt;br /&gt;
Um sechs Uhr morgens herrschte noch zaghaftes Licht. Pascal Rukengwa musste sich an die Stille des Dorfs gewöhnen. Was für ein Unterschied zu Kinshasa! Bushumba lag fünfunddreißig Kilometer von Bukavu entfernt. Hier war er zur Welt gekommen, hier war seine Heimat, auch wenn er schon seit Jahren in der hektischen Hauptstadt lebte. Hier würde er zur Wahl gehen. Zum ersten Mal. Pascal war zweiundvierzig. Als es im Land zum letzten Mal freie Wahlen gegeben hatte, war er ein Jahr alt gewesen. »Ich wähle das Leben«, sagte er, »das Recht aufs Dasein. Es ist ein Neuanfang.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sah, dass im Dorf reges Leben herrschte. Schon in aller Frühe bildeten sich Schlangen vor dem Wahllokal. Manche Wähler hatten die Nacht vor der Tür zugebracht.2 Das war nicht einfach irgendein Sonntag. &#039;&#039;Mamans&#039;&#039; hatten ihre allerbesten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; angezogen. Herren trugen Krawatten und blankgeputzte Schuhe. Halbwüchsige protzten mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen. Junge Frauen hatten sich neue &#039;&#039;extensions&#039;&#039; einflechten lassen. Geduldig standen sie an, die orangefarbene Wahlkarte in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa hatte keine Zeit für Stolz oder Ergriffenheit, aber ein bisschen war es auch sein Tag. Jahrelang hatte er sich dafür eingesetzt. Er war ein Mitglied der CEI, der aus einundzwanzig Personen bestehenden nationalen Wahlkommission, die den ungeheuer komplexen Urnengang organisiert hatte. »Alle Hoffnungen richteten sich auf uns, aber wir mussten ja selber alles lernen. Manchmal habe ich mich gefühlt wie ein Fremder im Urwald, wo einen jedes Tier jeden Moment zerreißen kann. War die Hoffnung nicht größer als das, was wir leisten konnten? An manchen Orten hatten die Leute noch nie einen Computer gesehen.« Die logistische und finanzielle Hilfe der USA und der EU war immens. Mit fast einer halben Milliarde Dollar, größtenteils von Europa gezahlt, waren es die teuersten und umfangreichsten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals organisiert hatte.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal blickte sich um. Fünfzigtausend Wahllokale öffneten in diesem Augenblick ihre Türen. Vierzigtausend Beobachter aus dem In- und Ausland kontrollierten, ob alles mit rechten Dingen zuging.4 In den vorangegangenen Monaten waren eine Viertelmillion Wahlhelfer losgezogen, um die Bevölkerung zu informieren.5 Die Wahlurnen waren per Helikopter, LKW und Motorrad in die entferntesten Winkel des Landes gebracht worden, zu manchen Flecken im Urwald sogar mit einem Einbaum oder mit Trägern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und heute war es nun so weit. Sechzehn Millionen Menschen machten sich zu den Wahlkabinen auf, sogar Flüchtlinge verließen ihre aus Plastikplanen improvisierten Hütten. Pascal kam aus der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; von Süd-Kivu, dem gesellschaftlichen Mittelfeld mit seinen Bürgerorganisationen. »Freie Wahlen, das war der sehnlichste Wunsch der Nationalen Souveränen Konferenz. Für die Bevölkerung wurde es ein magischer Moment, aber für mich war es ein Tag voller Stress. Eine Schwangere, die in der Schlange stand, wurde ohnmächtig, und das nächste Krankenhaus war zehn Kilometer entfernt. Einem Kind wurde unwohl, und es starb. Ich fuhr hin und her. Ich hatte an dem Tag keine Minute für mich. Aber ehrlich, ich hätte nicht gedacht, dass die Leute so viel Wert darauf legten, ihre Führer zu wählen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Urnengang verlief, trotz ein paar kleiner Zwischenfälle, ausgesprochen würdevoll. Die Wähler erhielten im Wahllokal – oft nicht mehr als eine geräumige Hütte – die notwendigen Unterlagen. Auf dem Stimmzettel für die Präsidentschaftswahlen standen dreiunddreißig Namen. Joseph Kabila stand selbstverständlich darauf, neben Jean-Pierre Bemba und Azarias Ruberwa, den Rebellenführern, die inzwischen Vizepräsidenten waren. Auch Antoine Gizenga trat an, der noch unter Lumumba Vizepremier gewesen war. Und Nzanga Mobutu, der Sohn des ehemaligen Diktaktors. Außerdem gab es Pierre Pay Pay, den ehemaligen Gouverneur der Zentralbank, und Oscar Kashala, einen Arzt, der aus den USA zurückgekehrt war. Der Stimmzettel für das Parlament war weitaus unübersichtlicher. Um die fünfhundert Sitze bewarben sich zehntausend Kandidaten, verteilt über mehr als zweihundertfünfzig Parteien. Das Formular bestand aus sechs großen Blättern, auf denen die Kandidaten mit Passfoto abgebildet waren: Ein Drittel des Landes konnte ja nicht lesen. Alte Mütterchen baten Wahlhelfer, ihnen zu zeigen, wo sie »Monsieur Sept« ankreuzen konnten. Das war Kabila, dessen Partei PPRD (Parti du Peuple pour la Recon­struction et la Démocratie) Wahlliste Nummer 7 hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wahllokale schlossen, begann die Auszählung der Stimmen. Um Manipulationen der Wahlurnen zu vermeiden, geschah das so weit wie möglich an Ort und Stelle, auch wenn es nicht immer einfach war. »Wir hatten keinen Strom«, erzählte Pascal Rukengwa, »und die Taschenlampen, die man uns zur Verfügung gestellt hatte, funktionierten nicht. Geld, um Kerzen zu kaufen, hatten wir auch nicht, aber die Leute gingen selbst auf die Suche nach Kerzen. Wir wussten uns zu helfen. In manchen Wahllokalen schliefen die Leute bei den Urnen, um sicher zu sein, dass nichts schiefging.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bild von tapferen Bürgern, die bei Kerzenlicht in einer Hütte Stimmen auszählen, oft, nachdem sie den ganzen Tag nichts gegessen haben, ist sehr ergreifend. Das Bild von erschöpften Männern und Frauen, die im Schlaf eine versiegelte Wahlurne in den Armen halten, als wäre sie ein Schrein oder ein Kind, lässt niemanden unberührt. Der größte Sieger der Wahlen war der einfache Kongolese.6 Noch ehe der Morgen dämmerte, wurden viele Ergebnisse bereits telefonisch oder per SMS in die Rechenzentren durchgegeben. Das Wunder war geschehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal Rukengwa flog nach Kinshasa zurück. Am 20. August 2006, drei Wochen nach den Wahlen, stand das endgültige Ergebnis fest. Keiner der vielen tausend Beobachter hatte groß angelegten Betrug wahrgenommen, und das überraschende Resultat schien das zu bestätigen: Keiner der Kandidaten hatte eine absolute Mehrheit. Kabila holte fast 45 Prozent der Stimmen, Bemba 20 Prozent. Auf den dritten Platz kam der alte Gizenga mit 13 Prozent, ein Mann, der keinen Wahlkampf geführt hatte, aber von seiner historischen Aura zehren konnte. Pascal: »Das Ergebnis führte zu einer riesigen Enttäuschung: Bemba wusste bereits, dass er nicht gewonnen hatte, und Kabila war sich darüber im Klaren, dass er nicht in der ersten Runde gesiegt hatte. Es kam zu heftigen Schießereien in der Stadt. Bembas Anhänger richteten ihre ganze Wut auf Kabila und auf uns. Sie warfen der CEI Parteilichkeit vor, dabei waren wir richtig erstaunt, dass Bemba so viele Stimmen erhalten hatte! Wir mussten uns im Keller versammeln und beratschlagen. Ich wusste nicht, ob ich am nächsten Tag noch leben würde. Mit den Panzern der MONUC sind wir dann zum Staatsrundfunk gefahren und haben das Ergebnis offiziell im Fernsehen bekanntgegeben. Ich saß auf dem Boden zwischen den Beinen der Soldaten. Es war ein alter Panzer, der Startschwierigkeiten hatte. So ein Ding macht ein Geräusch wie ein großer Dieselgenerator, wusstest du das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wahlergebnis zeigte eine auffällige Bruchlinie. Kabila hatte im Osten des Landes gewonnen. In Provinzen wie Nord-Kivu, Süd-Kivu, Maniema und Katanga erzielte er stalinistische Ergebnisse von mehr als 90 Prozent (bis hin zu 98,3 Prozent in Maniema und Katanga). Nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass er selbst aus dem Osten stammte und dort als &#039;&#039;l&#039;artisan de la paix&#039;&#039; gesehen wurde, der Mann, der den Krieg beendet hatte. Bemba triumphierte in den westlichen Provinzen, die vom Krieg nicht betroffen gewesen waren (Bas-Congo, Kinshasa, Bandundu) und seiner Heimatprovinz Équateur. Die Bruchlinie überschnitt sich ungefähr mit der Grenze zwischen dem Lingala- und dem Swahili-sprachigen Kongo. Für kurze Zeit befürchtete man einen makro-ethnischen Konflikt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Tag nach der Bekanntgabe beschossen Ordnungstruppen Kabilas die Residenz von Bemba in Kinshasa, angeblich, weil sie von Bembas Leibwache provoziert worden seien. Was sie nicht wussten, war, dass Bemba zu diesem Zeitpunkt im Gebäude mit nahezu allen wichtigen Botschaftern des CIAT konferierte. Der Beschuss dauerte Stunden, Bembas Privathelikopter wurde zerstört. Die Scharmützel wurden durch Eingreifen der MONUC und der EUFOR, der EU-Friedenstruppe, beendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte jedoch wieder Ruhe ein, und die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen, am 29. Oktober, verlief alles in allem ohne größere Zwischenfälle. Wie das so ist bei zweiten Wahlgängen, arrangierte sich der erste Kandidat mit dem dritten. Kabila versprach Gizenga das Amt des Premierministers, wenn dessen Anhängerschaft für ihn stimmte. Außerdem sicherte er sich die Unterstützung von Nummer vier, Nzanga Mobutu, der später Landwirtschaftsminister werden durfte. Dass sich Mobutu jun. zum Präsidentenlager bekehrte, war nicht unwichtig, da er aus Équateur kam, Bembas Provinz. Kabilas Wahlbündnis, die &#039;&#039;Alliance pour la Majorité Présidentielle&#039;&#039; (AMP), vereinte nun seine eigene PPRD und die Parteien Gizengas und Mobutus. Es hätte auch ganz anders kommen können: dass der Sohn von &#039;&#039;mzee&#039;&#039; Kabila nun mit dem Sohn von Marschall Mobutu an einem Strang zog, ließ wahrscheinlich mehr als einen Vorfahren im Grab rotieren. Es war, als hätten Kinder Churchills und Hitlers zusammen eine Partei gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabila erzielte 58 Prozent der Stimmen, Bemba 42. Am 6. Dezember 2006 wurde Kabila, zwei Tage nach seinem fünfunddreißigsten Geburtstag und frisch verheiratet, als erster demokratisch gewählter Präsident des Kongo seit Kasavubu vereidigt. Damit war die Dritte Republik endlich ein Fakt. Mobutu hatte das Ende der Zweiten Republik im April 1990 verkündet, aber der Übergang zu einer neuen politischen Ordnung hatte mehr als sechzehn Jahre gedauert, sechzehn Jahre des Hungers, der Armut, des Krieges und des Todes, sechzehn Jahre der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wurde es anders? In Kinshasa waren viele vom Tag eins an skeptisch. Kabila galt als ein Kandidat der westlichen Welt. Auch wenn die Wahlen alles in allem korrekt abgelaufen waren, hatten die Einwohner Kinshasas, die Kinois, nicht vergessen, wie Louis Michel, der ehemalige EU-Kommissar für Entwicklungszusammenarbeit und frühere belgische Außenminister, der in Zentralafrika sehr aktiv war, wie dieser &#039;&#039;big Loulou&#039;&#039;, mit seiner Zigarre und seinem Schultergeklopfe und seinem dröhnenden Lachen, wie dieser Mann, der für viele Kongolesen das Gesicht der stets verschwommenen »internationalen Gemeinschaft« war, im Fernsehen in einem eher unbedachten Moment geäußert hatte, Kabila verkörpere »die Hoffnung für den Kongo«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der streitbare Priester, der den Marsch der Hoffnung organisiert hatte, äußerte sich darüber sehr verächtlich. »Ich habe von 1990 bis 1995 für andere Wahlen gekämpft als für den Maskenzug, den wir jetzt bekommen haben. Das war eine Parodie, orchestriert von der internationalen Politik- und Finanzmafia! Ich wollte Tshisekedi wählen, aber der hatte sich selbst ins Abseits manövriert, also habe ich dann eben für Bemba gestimmt. Sie haben uns eine kleine Nebenrolle spielen lassen. Es war ein einziger großer, mafiöser Schwindel. Uns hat es nichts gebracht. Die internationale Gemeinschaft hat für viel Geld den von ihr bevorzugten Präsidenten gekauft, aber wir hätten besser selbst eine Kollekte abhalten sollen, um die Wahlen zu finanzieren und unsere Wahlurnen zu zimmern. Dann wären es wenigstens unsere Wahlen gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr kritische Äußerungen – doch sie waren keine Ausnahme in der Hauptstadt. Wahlkommissar Pascal Rukengwa kam aus dem Osten, wo Kabila einen Großteil der Stimmen erhalten hatte. Am 6. Dezember war er bei der Vereidigung des Präsidenten zugegen, aber was er dort sah, war nicht besonders beeindruckend. Ja, es gab viele hohe Gäste, viele Staatsoberhäupter. Ja, Tshala Mwana sang wunderbar. Aber alles wirkte so dilettantisch. »Es gab nicht genug Stühle. Die Leute standen stundenlang in der Sonne. Ich hatte eine Einladung zum Diner, aber es war ziemlich chaotisch. Im Saal saßen lauter Leute, die gar nicht eingeladen waren, und ich kam nicht rein. Kurz, es war nicht gerade gut organisiert, nicht besonders professionell.« Sicher, das waren alles nur Äußerlichkeiten, aber auch inhaltlich fand Pascal es recht zweifelhaft. Westliche Beobachter waren über die Ansprache des Präsidenten erfreut. Sprach er nicht voller Energie über »die fünf Baustellen«, &#039;&#039;les cinq chantiers&#039;&#039;, des nationalen Wiederaufbaus? Meinte er damit nicht Infrastruktur, Wasser und Elektrizität, Bildung, Arbeit und Gesundheit? Sagte er nicht wörtlich, dass »die Erholungspause vorbei« sei?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal war sich da nicht so sicher: »Ich habe nicht daran geglaubt. Diese Sache mit den &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039;, das fand ich ziemlich albern. Wenn sich eine Regierung nicht sowieso um diese wesentlichen Aufgaben kümmert, um was dann? Er brauchte doch keinen Wahlkampf mehr zu führen. Die Erholungspause ging einfach weiter, so sehe ich das. Er war derselbe unschlüssige, unbewegliche Mann. Nun ja, von heute aus gesehen war ich noch wohlmeinend damals.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man den Kongo am Vorabend der Dritten Republik beschreiben? Statistiken, Prozente und Zahlen reichen nicht. Die Welt offenbart sich in Krümeln und Staub. Wie beschreibt man dieses unermessliche Gebiet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es ein fruchtbares Land war, in dem viele nur einmal in zwei Tagen etwas zu essen hatten? Dass zahlreiche Menschen Hämorrhoiden bekamen durch die einseitige Ernährung mit Maniok? Dass Menschen, die kein Geld hatten, um sich Hämorrhoidensalbe zu kaufen, falls es überhaupt welche zu kaufen gab, dann eben billige Importzahnpasta zu diesem Zweck verwendeten? Ja, das haben mir gute Freunde erzählt. Schnittwunden behandelten sie mit Bremsflüssigkeit, Brandwunden mit Vaginalsekret. Schuhe putzten sie mit einem Gratiskondom, Gleitmittel ließ das Leder glänzen. Frauen, die vollere Gesäßbacken haben wollten, steckten sich, so hieß es, einen Maggiwürfel in die Vagina. Andere machten sich einen Einlauf mit Rinderbouillon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Ein Land, das kein Staat war, aber mehr als eine halbe Million Beamte zählte, die Hälfte davon ältere Männer und Frauen, die nicht in Pension gingen, weil es das nicht gab, und deshalb hin und wieder noch im Büro erschienen, wo sie zwischen Schränken, die von verschimmelten und von Termiten angefressenen Akten überquollen, auf ein bisschen Gehalt hofften und von einem bisschen Verwaltung träumten.8 Per Hand beschrieben sie Berge von Papier, mit großer Ehrfurcht respektierten sie die Amtshierarchie, denn wenn der Staat virtuell ist, ist er deshalb nicht irreal – im Gegenteil. In Bunia landete ein Brief, ehe er beantwortet wurde, in siebzehn verschiedenen Amtsstuben.9 In Boma begegnete ich einem städtischen Bibliothekar ohne Bibliothek.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kann man ein Land beschreiben? Durch den Urwald in der Provinz Équateur zog ein Mann mit einem Schwein. Er war auf dem Weg von seinem Dorf zum Kongofluss. Dort würde er warten, bis ein Schiff vorbeikam, was einmal im Monat passierte. Wenn sich so ein Schiff näherte – eher ein schwimmendes Dorf mit einem Marktplatz, einem Gericht und einer Menagerie –, würde er sich in einem Einbaum längsseits paddeln lassen, um sein stattliches rosa Schwein, das ein Jahr alt war, an die Mannschaft zu verkaufen oder an einen der Passagiere, die sich laut rufend über die Reling beugten. Aber der Fluss war noch weit, zweihundertfünfzig Kilometer. Einsam wanderte er durch den Wald, drei Wochen lang, manchmal trug er sein Schwein, dann wieder ließ er es an einem Strick laufen. Nachts schlief er neben dem Tier. Der Fluss war noch weit, schrecklich weit. Und er trug nur ärmliche Schlappen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufgabe, vor der Kabila stand, war alles andere als einfach. Beherzt ließ er schriftlich festlegen: »Es werden Sorgfalt herrschen und Disziplin. Ich werde die Dinge von Neuem entschlossen in die Hand nehmen und die Kontrolle über die Lage zu 100 Prozent zurückgewinnen.«11 Die neue Verfassung sorgte jedenfalls für ein ausgeklügeltes System von &#039;&#039;checks and balances&#039;&#039;. Das Regierungssystem des Kongo war weder präsidentiell noch parlamentarisch, sondern eine Mischform (das Staatsoberhaupt ernannte den Premierminister, aber das Parlament konnte im Fall von Hochverrat gerichtliche Schritte gegen beide einleiten). Der Kongo war weder ein zentral organisierter noch ein föderalistischer Staat, sondern etwas dazwischen (die Provinzen wurden kleiner, aber erhielten mehr Kompetenzen und Mittel). Der Kongo bekam eine Nationalversammlung &#039;&#039;und&#039;&#039; einen Senat (die Nationalversammlung wurde direkt, der Senat von den Provinzräten gewählt). Und es wurde ein Verfassungsgericht mit weitgehenden Befugnissen eingeführt, das bei Differenzen zwischen Premierminister und Präsident schlichten sollte. Diese komplizierte Konstruktion sollte verhindern, dass eine der Institutionen zu viel Macht auf sich vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Gefahr war für Parlament und Regierung ziemlich gering. Das Parlament bot einen stark fragmentierten Anblick: Die fünfhundert Mitglieder repräsentierten rund siebzig Parteien, nebst noch einmal vierundsechzig Einmannparteien. Die beiden großen Parteien, die von Kabila und die von Bemba, hatten nur 175 Sitze inne, aber nicht einmal sie hatten einen stärkeren Zusammenhalt. Die Regierung war ein adipöses Monster mit sechzig Ministern, nicht, weil so vieles zu regeln war, sondern weil so viele besänftigt werden mussten. (Später würde die Regierungsmannschaft auf fünfundvierzig Ressorts schrumpfen, noch immer doppelt so viel wie unter Lumumba 1960.) Der einundachtzigjährige Premierminister Gizenga genoss anfangs großes Ansehen, aber schon bald zeigte sich, dass er seinen Ruf mehr den alten Zeiten als seiner aktuellen Arbeit verdankte. Einer seiner Minister trug die merkwürdige Bezeichnung »ministre près le Premier ministre«. Ein Minister beim Premierminister? In der Praxis hatte der gute Mann die Aufgabe, den Premierminister bei Sitzungen wachzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Januar 2007, nach nicht einmal zwei Monaten, bekam man bereits einen deutlichen Eindruck von der neuen politischen Kultur. Die Provinzräte mussten ihre Provinzgouverneure wählen, und die Ergebnisse wichen, vorsichtig ausgedrückt, stark von den Erwartungen ab. Die PPRD, Kabilas Partei, siegte in acht der neun Provinzen, auch dort, wo sie bei den Parlamentswahlen keinen Blumentopf hatte gewinnen können – nur die Provinz Équateur bekam einen Gouverneur aus dem Stall von Bemba. Es war verschwenderisch mit Schmier­geldern umgegangen worden; Kandidaten, die es nicht geschafft hatten, verlangten hinterher sogar öffentlich ihr Bestechungsgeld zurück.12 Mitglieder des Provinzrates gaben nach der Wahl zu, Schmiergelder angenommen zu haben. Dieser Betrug erzeugte so viel böses Blut in Bas-Congo, dass es zu Unruhen kam. Nur wenige wollten einen Kabila-Anhänger an der Spitze ihrer ruhmreichen Provinz. Bundu-dia-Kongo, eine ethnische religiös-politische Bewegung, die sich schon in der Mobutu-Ära für die Rechte der Bakongo eingesetzt hatte, rief zu Protesten auf. Die Bewegung träumte von der Wiedererrichtung des historischen Kongo-Reichs, das sich von Angola bis Kongo-Brazzaville erstreckt hatte. Bei Demonstrationen in Moanda, Boma und Matadi kam es zu schweren Zwischenfällen: Zehn Polizisten wurden getötet, worauf die Armee das Feuer auf die Demonstranten eröffnete. Die Folge: 134 Tote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 2007 entschied sich Kabila erneut für Gewalt. Während der 1+4-Zeit hatte Bemba als Vizepräsident das Recht auf eine Privatmiliz gehabt. Jetzt war er nur noch Senator, weigerte sich aber, auf die Miliz zu verzichten. Eigentlich war es ein Unding, dass er noch immer über eine Truppe von fünfhundert Freibeutern verfügte. Doch nach dem Beschuss seines Hauses im August war er nicht zu Unrecht um seine Sicherheit besorgt. Zudem verfügte Kabila mit seiner Garde Répu­blicaine über eine Privatarmee von fünfzehntausend Mann! Dieses Elitekorps hatte er während des Überganges aufgebaut. Am 21. März eröffneten Kabilas Männer auf dem Boulevard du 30 Juin, der belebtesten Straße der Stadt, das Feuer. Drei Tage lang lag in Kinshasa alles lahm. Büros und Botschaften wurden von Granaten getroffen. Kreisverkehrsplätze waren mit Leichen übersät. Ein Brennstofftank flog in die Luft. Mehr als dreihundert Menschen kamen uns Leben, vielleicht sogar fünfhundert. Anschließend verhafteten und folterten die Sicherheitsdienste des Präsidenten noch 125 Personen, von denen die meisten aus der Provinz Équateur stammten, und ermordeten Dutzende von ihnen.13 Bemba selbst floh nach Portugal; gegen ihn lag zwar ein internationaler Haftbefehl vor, aber er verließ sich auf seine Immunität als Senator. Doch im Mai 2008 wurde er in Brüssel festgenommen und dann an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag überstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird Disziplin geben«, hatte Kabila gesagt. Sein gewalttätiges Vorgehen im August, Januar und März ließ allerdings wenig Gutes ahnen. Es rief Erinnerungen daran wach, wie sich Mobutu kurz nach seinem Putsch Respekt verschafft hatte, indem er vier Minister durch den Galgen hinrichten ließ. Kabilas Garde Républicaine erinnerte an Mobutus DSP, seine Nachrichtendienste an die des alten Präsidenten. Aber entsprach das auch der Realität? Vielleicht war es viel tragischer, viel banaler. In allen drei Fällen ging es um Scharmützel, die aus dem Ruder gelaufen waren und unbeabsichtigt mit einem Blutbad geendet hatten. Kabila konnte es natürlich nicht zugeben, aber diese Vorfälle zeigten eher, dass er seine Soldaten nicht unter Kontrolle hatte, nicht einmal seine eigene Elitetruppe, als dass es sich um geplante Aktionen gehandelt hatte. Mobutu hatte beweisen wollen, dass er eine starke Persönlichkeit mit starken Prinzipien war, Kabila musste verbergen, dass er eine schwache Persönlichkeit, umgeben von schwachen Institutionen, war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nutzte nichts: Schon bald schwirrte Kinshasa vor Gerüchten, dass Kabila kokainsüchtig sei, nein, dass er ganze Tage Nintendo spielte, nein, dass er beschossen worden sei und sich deshalb so selten zeige. Die Leute suchten die abenteuerlichsten Erklärungen für den Eindruck der Untätigkeit. &#039;&#039;»Après les élections = avant les élections«&#039;&#039;, murmelten sie, eine sarkastische Anspielung auf die Unabhängigkeit von 1960. Auch im Osten des Landes sank Kabilas Popularität rasant. Kabila hielt niemals eine Rede in einem proppenvollen Stadion. Selten sah man ihn lachen, selten trat er in der Öffentlichkeit auf. Nur im Fernsehen erschien er hin und wieder: Wie eine Sphinx saß er dann an seinem Schreibtisch und verlas eine Erklärung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch war zu Beginn der Dritten Republik hier und da ein neuer Elan zu spüren. Das große, schwerfällige Parlament stimmte in den ersten zehn Monaten seiner Existenz über fünfzehn Gesetze ab, richtete Interpellationen an sechzehn Minister, setzte acht Untersuchungsausschüsse ein und beriet über den Etat. Es wurden Ermittlungen wegen Korruptionsskandalen und widerrechtlichen Bergbauverträgen eingeleitet.14 In Lubumbashi zeigte sich das noch deutlicher, als der öffentliche Raum in beeindruckender Weise instand gesetzt wurde. Die Schlaglöcher in den Straßen wurden aufgefüllt, Schulen und Schulhöfe wurden renoviert, 1600 Müllbehälter wurden aufgestellt, und eine Müllabfuhr wurde eingerichtet.15 Als ich im Juni 2007 dort war, sah ich Arbeiter, die die Straßenbeleuchtung an den langen, schnurgeraden Alleen kontrollierten und die Bäume stutzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Aktivitäten waren freilich immer ein paar tatkräftigen Einzelpersonen zu verdanken. Das Parlament arbeitete dank seines dynamischen Vorsitzenden Vital Kamerhe, eines Vertrauten des Präsidenten, der sich auf die Kunst verstand, uferlose Debatten auf den Punkt zu bringen und Entscheidungen herbeizuführen. Katanga zeigte wieder Initiative dank Moïse Katumbi, einem weltläufigen Geschäftsmann, der so gerissen wie populär war und &#039;&#039;le grand chef&#039;&#039; in Kinshasa bedingungslose Loyalität entgegenbrachte. Kabila brauchte dynamische Persönlichkeiten wie ihn, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es gut stand um seine »cinq chantiers«, zugleich aber achtete er darauf, dass sie ihn nicht an Popularität überflügelten. Für 2011 standen ja wieder Wahlen an.[1] Als der allerorts geschätzte Parlamentsvorsitzende Kamerhe im Januar 2009 öffentlich Kritik an Kabilas militärischem Vorgehen im Osten äußerte, wurde er zum Rücktritt gezwungen, und die neue Regierung verlor eine ihrer intelligentesten Kräfte. Katangas Gouverneur Katumbi hält sich seitdem für seine Verhältnisse auffallend zurück. Sein voluntaristisches Vorgehen illustrierte zunehmend auch die Nachteile einer stark von Einzelpersönlichkeiten abhängenden Verwaltung. Im Juni 2007 sah ich, dass das städtische Krankenhaus von Lubumbashi gerade zwei völlig neue Kühlkammern für Leichen sowie einen Transportwagen für Verstorbene bekommen hatte. &#039;&#039;Don de Moïse&#039;&#039; stand in Riesenbuchstaben an beiden Geschenken. Großzügig, das ja. Aber das Krankenhaus selbst, immerhin das zweitgrößte des Landes, hatte schon seit vier Jahren keinen Tropfen Wasser mehr bekommen.16 Wenn die Kranken die Toilette aufsuchten, mussten sie durch vier Zentimeter Kot und Urin waten. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wahlen hatten unsagbar viel Geld gekostet und sehr hohe Erwartungen geweckt, aber das Ergebnis sah schon bald recht dürftig aus. Nach bewährtem Brauch erhöhten die Parlamentarier ihre Monatsdiäten kräftig – auf 4500 Dollar 2007 und auf 6000 Dollar 2008 – und beglückten sich und ihren Sekretär mit einem funkelnagelneuen Nissan Patrol; das war einer der seltenen Tagesordnungspunkte, über die es kaum Differenzen gab.17 »Ich kapier es nicht«, sagte einmal ein Kinois zu mir, »im Wahlkampf haben uns alle Kandidaten direkt in die Augen geblickt, und das Erste, was sie tun, wenn sie gewählt sind, ist, in einem Geländewagen mit getönten Scheiben herumzukurven, damit sie uns nicht mehr sehen müssen.« Wichtige Vorhaben wie die Armeereform, die Dezentralisierung der Verwaltung und die Reorganisation der Justiz blieben deshalb liegen, mit den entsprechenden Konsequenzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Krankenhaus von Lubumbashi wurde ich Luc vorgestellt, einem sehr sympathischen jungen Mann. Er saß im Rollstuhl. Neun Monate zuvor war er festgenommen worden, als er nachts versuchte, eine Rolle Stromkabel zu stehlen. In Ermangelung einer formalen Gerichtsbarkeit herrschen überall im Kongo Volksgerichte. Die Meute rächte sich, indem sie Lucs Hände und Füße mit Benzin übergoss. Er sah sich selbst verbrennen. Der linke Fuß, der rechte Fuß, die linke Hand. Monate später ging er zur Toilette und sah, wie seine rechte Hand abfiel. Nun hat er nur noch einen Daumen. Den Rollstuhl kann er nicht bedienen. Aber das Rechtswesen ist noch immer ein Hohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leistung der Minister war dementsprechend. Im Oktober 2008 ersetzte Kabila den vor sich hin dösenden Premierminister Gizenga durch Adolphe Muzito, der bis dahin Haushaltsminister gewesen war: ein biederer und ungefährlicher Mann, der seither nichts Nennenswertes auf die Beine gestellt hat, aber in vielen Fällen unter Korruptionsverdacht geraten ist. Auch die meisten Minister zeigten nicht gerade viel Gestaltungswillen, abgesehen von ein paar notorischen Ausnahmen. Warum sollten sie auch? Wenn sie sich rührten, riskierten sie, sich die Gunst des Präsidenten zu verscherzen und ihr lukratives Amt zu verlieren (wie es Ende Februar 2010 geschah, als Kabila seine Regierungsmannschaft wieder einmal umgestaltete und zwanzig neue Exzellenzen zum Bankett lud). Außerdem fielen die politischen Entscheidungen ohnehin anderswo, nämlich in der unmittelbaren Umgebung des Präsidenten. Die wahre Macht in der Dritten Republik liegt nicht bei den demokratischen Institutionen des Landes, sondern bei ein paar Vertrauten des Präsidenten, zu denen auch seine Mutter und seine Zwillingsschwester gehören. Oft sind es Leute wie Augustin Katumba Mwanke, die ihre Rolle weniger ihrem Charisma oder ihrer Kompetenz verdanken als vielmehr ihrer jahrelangen Loyalität gegenüber Kabila. So ist der mächtigste Mann für militärische Angelegenheiten seit 2009 John Numbi. Er ist weder Verteidigungsminister noch Stabschef der nationalen Armee, sondern Generalinspekteur der Polizei und schon seit geraumer Zeit ein Günstling des Präsidenten. Seine militärische Ausbildung ist nicht erwähnenswert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lichtblicke? Ja, ein paar. Die Währung war bis zur weltweiten Finanzkrise im September 2008 relativ stabil: fünfhundert Kongolesische Franc entsprachen einem US-Dollar. Danach stieg der Wechselkurs auf neunhundert Kongolesische Franc für 1 US-Dollar. Der Staatshaushalt wuchs Jahr um Jahr, betrug aber 2010 immer noch nur 4,9 Milliarden Dollar, ein Betrag, vergleichbar mit dem Jahresbudget einer mittelgroßen Stadt in Europa oder der Hälfte der Finanzmittel der New Yorker Columbia University während eines akademischen Jahres. Damit lässt sich der Wiederaufbau eines riesigen Landes, dessen Infrastruktur in Trümmern liegt, nicht finanzieren. Die Hälfte dieses Geldes wird zudem von internationalen Spendern ausgespuckt; ein Viertel der Summe fließt in den Schuldendienst. Das Bruttoinlandsprodukt stieg jährlich um einige Prozent, hauptsächlich dank des Bergbaus, aber auch dieser Wirtschaftssektor ist nach wie vor völlig abhängig von ausländischem Kapital.18 2009 betrug das BIP pro Kopf zweihundert US-Dollar, bedeutend mehr als die achtzig Dollar im Jahr 2000, aber noch immer weit entfernt von den 450 Dollar im Jahr 1960. Um das heutige Niveau des Nachbarlandes Kongo-Brazzaville zu erreichen (4.250 Dollar pro Kopf pro Jahr, dank des Öls), muss die Bevölkerung bis 2040 warten, heißt es in einem internen Dokument des Premierministers vom Februar 2010. Vorausgesetzt werden dabei außerdem ein jährliches reales Wachstum von 13 Prozent und eine unveränderte Bevölkerungszunahme von 3 Prozent.19 Makroökonomisch zeichnet sich also ein leichter Fortschritt ab; allerdings besagen solche Tendenzen nichts über das Leben der einfachen Menschen. Der Human Development Index, den die UNO jährlich für alle Länder aufstellt, ermöglicht eine viel bessere Sicht auf die wirtschaftliche Lage der Bürger als das BIP pro Kopf der Bevölkerung, da er den Alphabetisierungsgrad, die Bildung, das Gesundheitswesen und die Lebenserwartung einbezieht. Und dabei strandete der Kongo im Jahr 2006 auf dem elftletzten Platz der Welt; 2009 stand das Land an siebtletzter Stelle. Keine ermutigende Entwicklung.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitschrift &#039;&#039;Foreign Policy&#039;&#039; veröffentlicht jährlich, gemeinsam mit &#039;&#039;The Fund for Peace&#039;&#039;, den &#039;&#039;Failed States Index&#039;&#039;, eine Liste der sechzig Staaten, die am meisten vom inneren Zerfall bedroht sind. 2009 landete der Kongo auf Platz fünf, noch vor dem Irak, und verschlechterte sich damit um zwei Plätze gegenüber dem Jahr 2007.21 Nach einer leichten Verbesserung droht der Kongo erneut in einen Zustand des Chaos und der Misswirtschaft abzugleiten. Der &#039;&#039;Doing Business Index&#039;&#039; für 2010 setzte das Land auf Platz Nummer 182 von 183 Ländern, nur die Zentralafrikanische Republik konnte den Kongo noch »übertreffen«. Wer im Kongo ein Unternehmen gründen möchte, muss 149 Werktage für die notwendigen Behördenangelegenheiten einplanen. Bis man eine Baugenehmigung in der Hand hält, kommt man leicht auf 322 Werktage. Durchschnittlich bezahlt man mehr als dreißig Mal im Jahr Steuern. Die Gewinnsteuer beträgt fast 60 Prozent – Geld, das nie beim einfachen Kongolesen ankommt.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was beim einfachen Kongolesen ankommt, sind Krankheiten. Die Kindersterblichkeit ist weltweit mit auf dem höchsten Stand: 161 von 1000 Kindern erreichen das Alter von fünf Jahren nicht. Eins von drei Kindern unter fünf hat mit Untergewicht zu kämpfen. Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt sechsundvierzig Jahre. Ungefähr 30 Prozent sind Analphabeten, 50 Prozent der Kinder besuchen keine Grundschule, 54 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es nicht zu einem Aufstand kommt! Innerhalb von achtzehn Monaten, so das Fazit eines Ermittlungsberichts der Regierung im Jahr 2007, verschwanden 1,3 Milliarden Dollar in den Taschen von drei staatlichen Finanzinstituten und sechs Staatsbetrieben.24 Ein schwindelerregender Betrag, aber der Volkszorn blieb aus. Als das Parlament unter Kamerhe sechzig Bergbauverträge mit internationalen Konzernen wie Anvil Mining, De Beers, BHP Billiton, AngloGold Kilo und Tenke Fungureme Mining analysierte, erwies sich nicht ein einziger dieser Verträge als angemessen.25 Der Staatsbetrieb Gécamines brachte im Jahr 2008 nur zweiundneunzig Millionen Dollar in die Kasse, dabei hätten es vierhundertfünfzig Millionen sein können.26 Die Diamantminen von Bakwanga und die Goldminen von Kilo-Moto warfen so gut wie gar nichts ab. Aber Empörung? Wehrhaftigkeit? Wut? Ja, hin und wieder streiken Beamte und Lehrer, aber der einfache Kongolese fügt sich in sein Schicksal und schämt sich fast für die Hoffnung, die er vor den Wahlen für kurze Zeit gehegt hatte. &#039;&#039;»Ça va un peu«&#039;&#039;, antwortet er auf die Frage, wie es ihm geht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im November 2008 unterhielt ich mich darüber mit Alesh, einem dreiundzwanzigjährigen Rapper aus Kisangani und einer der großen Hoffnungen des kongolesischen Hip-Hop. Rap ist ein relativ junges Genre im Kongo, aber für Alesh ist es eine Möglichkeit, die Lethargie zu durchbrechen. In seinem Stück »Bana Kin« zeigt er mit dem Finger anklagend auf die abstumpfende Musikszene von Kinshasa: »Deine Musik ist reich und zeigt die Tradition / aber ethisch enthält sie keine Kontradiktion.« Musiker wie Werrason und Mpiana rütteln die Nation nicht auf, auch wenn ihr kommerzielles Tralala vielleicht einen künstlerischen Wert hat. Ebenso differenziert denkt Alesh über Religion nach: »Ich hab nichts gegen das Gebet / aber für sie wurde es zum Moskitonetz / das sie an die Armut fesselt / wie in einem Spinnennetz.« Das Gespräch mit Alesh war ein Gespräch mit einer jungen, selbstbewussten Generation, frei von kolonialen oder postkolonialen Minderwertigkeitskomplexen: »Wir müssen es wagen, uns selbst zu kritisieren, zu viele Träume sterben, weil die Hoffnung fehlt.« 2008 brachte er »L&#039;élu« heraus, ein schonungsloses Stück, in dem er die gewählten Volksvertreter an ihre Versprechen erinnerte: »Missbrauchen Sie nicht, Exzellenz, all ihre Sonderrechte / Sie verwöhnen sich, Konsequenz: das Volk wünscht Ihnen alles Schlechte.«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren die Wahlen denn völlig überflüssig? Eine schwierige Frage. Zweifelsohne hatten sie für Millionen Bürger eine große symbolische Bedeutung. Dass die Stimmen mit so großem Eifer abgegeben und ausgezählt wurden, bewies, dass die Wahl nicht nur ein Phantasieprojekt der internationalen Gemeinschaft war. Aber ihr größter Gewinn resultierte eher aus der Zeit der Vorbereitung und aus dem Urnengang an sich; das Ritual war mindestens so wichtig wie das Ergebnis. Es war schließlich eine Illusion, zu hoffen, korrekte Wahlen würden automatisch zu einer korrekten Demokratie führen. Der Westen experimentiert schon seit zweitausendfünfhundert Jahren mit demokratischen Regierungsformen, aber schwört noch kein Jahrhundert auf allgemeines Stimmrecht in freien Wahlen. Warum erwartet er dann, dass diese Methode wie durch Zauberhand eine tief verwurzelte politische Kultur der Korruption und Klientelwirtschaft in einen demokratischen Rechtsstaat nach skandinavischem Vorbild verwandeln kann? Noch dazu in einer Region, die in vorkolonialer, kolonialer und nachkolonialer Zeit kaum etwas anderes kannte als autokratische Herrschaftsformen? Wie naiv muss man sein, um zu glauben, es würde schon alles von allein gehen nach diesem ersten Impuls durch die Wahlen? Demokratie muss das Endziel sein – sie ist nun mal die am wenigsten schlechte aller Regierungsformen –, aber im Kongo herrschte ausgesprochen wenig Interesse an den dringend notwendigen Schritten auf dem Weg zu einem demokratischen System und einem konkreten Zeitplan dafür. Jef Van Bilsen war 1955 von dreißig Jahren für die Umwandlung einer Kolonie in einen souveränen Staat ausgegangen – heute aber ist die Situation in vieler Hinsicht um einiges miserabler als damals. Freie Wahlen sollten nicht der Anstoß zu einem nationalen Demokratisierungsprozess sein, sondern ein Schlussstein, oder jedenfalls einer der späteren Schritte. Frieden, Sicherheit und Bildung müssen vorausgehen, und auch Kommunalwahlen, die die Bildung einer im Volk wurzelnden Kultur der politischen Verantwortung anregen können. Diese lokalen Wahlen sollten im Prinzip vorher stattfinden, Kabila aber legte sie auf Eis und kümmerte sich nicht mehr darum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politikexperten aus dem Westen leiden oft an Wahl-Fundamentalismus, so wie Makroökonomen des IWF und der Weltbank vor noch nicht allzu langer Zeit kollektiv an Marktfundamentalismus litten: Sie glauben, es sei damit getan, die formalen Anforderungen eines Systems zu erfüllen, damit noch in der ausgedörrtesten Wüstenei tausend Blumen erblühen. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz legte jedoch dar, dass es bei der Einführung einer Marktwirtschaft auf &#039;&#039;sequencing and pacing&#039;&#039; ankommt.28 Nicht das ausgezeichnete Saatgut steht am Anfang, wenn man in der Wüste etwas anbauen will. Und bei der Einführung einer Demokratie ist es ähnlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihrem Enthusiasmus, Demokratie durch die formale Prozedur einer Wahl ein für allemal zu installieren, hat die internationale Gemeinschaft im Kongo vor allem sich selbst ins Abseits manövriert. Demokratie war das Ziel, Schweigepflicht das Resultat. Denn als demokratisch gewählter Präsident eines erneuerten souveränen Landes duldete Kabila keine unerwünschten ausländischen Beobachter mehr – nach vier Jahren Bevormundung durch das CIAT reichte es ihm jetzt. Zynisch ausgedrückt: Amerika und Europa haben enorme Geldsummen in den Kongo gesteckt, um sich selbst diplomatisch mundtot zu machen. Nun kann man zwar mit Krediten winken und Bedingungen für &#039;&#039;good governance&#039;&#039; an die Vergabe knüpfen (vor allem beim IWF und der Weltbank ist das das neue Schlagwort, und auch die EU fällt in den Chor ein), aber warum sollte man als afrikanisches Staatsoberhaupt auf diese Avancen eingehen, wenn China viel mehr Geld bietet und dabei nicht so viele Umstände macht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Politikwissenschaftler behaupten – als Hilfshypothese –, nach drei, vier Urnengängen werde es schon in die richtige Richtung gehen. Man dürfe nicht vorschnell verzweifeln. Es sei normal, wenn ein Land erst noch ein bisschen stottere. Wiederholte Wahlen können tatsächlich eine Dynamik der Verantwortung hervorbringen, das stimmt, politische Führer können sich berufen fühlen, gute Regierungsführung anzustreben. Aber genauso gut kann es zu einem leeren Ritual werden, das autokratischen Regimen eine dünne Firnisschicht Legitimität verschafft. Es ist noch viel zu früh, um zu entscheiden, ob die Wahlen tatsächlich einen Beitrag zur Demokratie im Kongo leisten. Erwähnt werden muss jedoch, dass Kabila im September 2009 im Hinblick auf die Wahlen von 2011 (s. Anm. Seite 597) und 2016 einen Ausschuss eingesetzt hat, der sich mit der Frage befassen darf, ob die Amtszeit des Präsidenten nicht von fünf auf sieben Jahre erhöht werden kann und ob die in der Verfassung verankerte Beschränkung auf zwei Mandate nicht gestrichen werden muss, sodass seine stetige Wiederwahl möglich wäre.29 Erwähnt werden muss auch, dass ebenfalls im Jahr 2009 mehrere Menschenrechtsaktivisten wegen ihrer kritischen Haltung verhaftet wurden.30 Ein Intimus des Präsidenten (der nicht wusste, dass ich wusste, dass er ein Intimus war) sagte zu mir einmal bei einem Lunch kurz vor den Wahlen beiläufig: »Mandela war doch viel zu westlich als Präsident; Mugabe und Mobutu, das sind echte afrikanische Führer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende November 2008. Ich saß mit zwei Brüdern, beides junge Theater­macher, in einem kleinen indischen Restaurant in Goma, gegenüber vom MONUC-Hauptquartier. Unter einem Vordach warteten wir geduldig auf unser Essen, als ich einen Anruf bekam. Aus der Fahrt morgen würde nichts, erfuhr ich, der Fahrer hatte eine Panne gehabt, die Batterie war leer oder das Benzin alle, nein, nein, es sei kompliziert, ich könne ihm nicht helfen, es täte ihm wirklich sehr leid, und er wünsche mir noch einen guten Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ça va?«, fragte Sekombi, der Ältere der beiden, als ich mein Handy zuklappte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte ich, »ich hatte alles geregelt, um morgen zu Nkunda zu fahren, und jetzt höre ich, dass es nicht klappt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte einen Jeep organisiert, einen Fahrer, Sprit und einen Führer, der das Rebellengebiet kannte. Ich hatte noch am Vormittag bei der lokalen Abteilung des Ministeriums für Kommunikation und Medien eine Presseakkreditierung für 250 Dollar erworben – das teuerste Din-A4-Blatt meines Lebens –, ich hatte Passfotos machen lassen, ich hatte bei der Staatssicherheit vorsprechen müssen. Ich hatte dem Verantwortlichen der MONUC von meinem Vorhaben erzählt. Und, das Wichtigste von allem: Ich hatte mit der Nummer zwei von Nkundas zivilem Stab telefoniert. Es war nicht einfach gewesen, ihn im Rebellengebiet zu erreichen, wo es kaum Handyempfang gab, aber die Verabredung stand: Am nächsten Morgen um neun würde er mich bei einem alten Missionsposten erwarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sollen &#039;&#039;wir&#039;&#039; fahren?«, unterbrach Sekombi mein Lamento.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sekombi und Katya, sein jüngerer und schweigsamer Bruder, waren taffe Burschen. Um in dem zerschossenen und mit Lava bedeckten Goma ein Zentrum für junge Künstler zu gründen, musste man über eine Menge Enthusiasmus verfügen. Ihr ältester Bruder, Petna, hatte es begonnen. Einen Monat zuvor stand Nkunda vor der Stadt, und Kabilas FARDC begann zu plündern, doch das Kulturzentrum der Brüder Katondolo setzte sein eigenwilliges Filmfestival ungerührt fort. Aber jetzt mit zwei Künstlern in ein Kriegsgebiet fahren? Und dann noch mit ihrem klapprigen Jeep?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Habt ihr denn Papiere?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Nkunda gelangte man durch drei Straßensperren der FARDC, ein paar Kilometer Niemandsland und dann durch drei Sperren von Nkundas CNDP. Die Sperren der Rebellen seien kein Problem, hatte man mir versichert, Nkunda habe seine Truppen im Griff. Aber die Kontrollen der staatlichen Armee konnten ein Albtraum sein. Pässe und Presseausweise boten nicht immer eine Garantie gegen das Aus­leben von Frustrationen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Sekombi, »aber wir haben unsere Haare.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bitte? Ich verschluckte mich fast an meinem &#039;&#039;poulet tikka masala,&#039;&#039; das nach zwei Stunden Wartezeit dann doch aufgetischt worden war. Ich betrachtete ihre etwas abstehenden Haare. Mit viel gutem Willen konnte man einen Ansatz zu Dreadlocks entdecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir sind Rastas. Alle lieben uns. &#039;&#039;Nous sommes cool.&#039;&#039; Sie werden uns schon durchlassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es tagte schon, als wir kurz nach sechs die Stadt verließen. Wir hatten den Tank gefüllt und ein paar Schachteln Zigaretten gekauft. »Immer nützlich«, sagte Sekombi, ein Nichtraucher, und aß einen Keks. Der Jeep holperte über die Fahrbahn. Das Steuer war rechts: Fast alle Autos im Osten des Kongo kommen aus den Nachbarländern, die früher britische Kolonien waren. In der Ferne tauchte die Silhouette des zweitausend Meter hohen Nyiragongo auf, um die Spitze des Vulkans hing seine ewige Rauchfahne. Sekombi war in lyrischer Stimmung. »Der Vulkan ist unsere Mutter, unsere Schwester und unsere Geliebte in einem. Wenn ich die Rauchfahne sehe, muss ich an eine große Brust denken, die ständig Milch gibt. Wer einmal davon getrunken hat, kehrt immer zurück.« Aber manchmal spie diese Brust schwarze Milch: 2002 begrub der Vulkan halb Goma unter seiner Lava. Bei manchen Häusern wurde der erste Stock zum Erdgeschoss. Es war, als ob die Stadt sich selbst asphaltieren würde. Goma, die schwarze Stadt in einem rostbraunen Land, ist der einzige Ort im Kongo mit Straßen, die statt Schlaglöchern Buckel haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stück weiter nordwärts stießen wir auf die ersten Flüchtlingslager, jene Lager, in denen 1994 die ruandischen Hutu Schutz gesucht hatten. Nun boten sie einer Viertelmillion Bürgern, die vor Nkunda geflohen waren, eine Unterkunft. Ein Festival-Campingplatz ohne Festival, ein deprimierendes Durcheinander von Zeltplanen und Pappe. Immer ist irgendjemand auf der Flucht in Nord-Kivu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach acht Kilometern kamen wir zur ersten Straßensperre. Zwischen zwei Ölfässern hing ein dünnes Seil, an dem ein Zweig baumelte; ein halbes Dutzend Soldaten lungerte herum. Das Autofenster ging runter. »Ya, man!«, lachte Sekombi den Khaki-Uniformen zu. Sein Bruder Katya saß schweigend auf dem Rücksitz, aber trug das Markenzeichen des wahren Rasta: eine dicke Wollmütze. »Rastaman!«, grölten die Soldaten ausgelassen, »wowoow!« Sie ulkten herum, sie laberten alles Mögliche, sie nahmen Zigaretten von uns an und wünschten uns einen prima Tag. &#039;&#039;»Peace and love!«,&#039;&#039; beendete Sekombi die Grenzformalitäten. Peace and love! Zu den Soldaten! In Kriegszeiten! Aber sie ließen das Seil herunter und winkten uns hinterher. So lief es auch bei den nächsten &#039;&#039;roadblocks&#039;&#039;. Ich hätte nie gedacht, dass embryonale Dreadlocks und Nikotin ausreichten, um zum gefürchtetsten Kriegsherrn Zentralafrikas zu gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laurent Nkunda hatte sich nach der brutalen Einnahme von Bukavu 2004 sehr zurückgehalten. Als ausgebildeter Psychologe war er Pastor bei einer Pfingstgemeinde im Kivu geworden.31 Erst 2006 ließ er wieder von sich hören. Gleich nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der Parlamentswahlen gründete er den CNDP, den &#039;&#039;Congrès National pour la Défense du Peuple&#039;&#039;.32 Nun sind die Namen kongolesischer Rebellenbewegungen nicht selten aus der Luft gegriffene Abkürzungen, aber Nkundas Einfall übertraf dann doch alles: Es handelte sich nicht um einen »Kongress«, sondern um eine Miliz, und die war auch nicht »national«, sondern regional; und was er unter »Verteidigung des Volkes« verstand, sah man an den Flüchtlingslagern. Trotzdem war dieser letzte Teil noch der zutreffendste, zumindest, solange man es als die Verteidung von &#039;&#039;un peuple&#039;&#039; las, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, nämlich jener Gruppe, die schon seit zwanzig Jahren verhöhnt und schikaniert wurde und zu der Nkunda selbst gehörte: die kongolesischen Tutsi. Hätte ein kolonialer Ethnograph in den zwanziger Jahren ein Foto von einem archetypischen Tutsi machen wollen, dann hätte er zweifellos Laurent Nkunda vor seine Kamera gezerrt. Mit der hochgewachsenen, extrem schlanken Figur, der hohen Stirn und der scharf geschnittenen Nase verkörpert er alle Klischees des Tutsi-Mannes. Er hätte Kagames Bruder sein können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der CNDP entstand, als sich abzeichnete, dass die Wahlen den Tutsi wenig oder gar keine Verbesserungen bringen würden. Der RCD von Vizepräsident Ruberwa, der eigentlich für ihre Interessen eintreten sollte, war in der neuen Regierung kaum vertreten: kein Ministerposten, kein Gouverneurstitel, kein einziger Sitz im Provinzrat, gerade mal fünfzehn Parlamentssitze.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. November 2006, kurz bevor Kabila den Amtseid ablegte, zeigte Nkunda die Zähne und eroberte Sake, eine kleine Stadt, dreißig Kilometer von der Provinzhauptstadt Goma entfernt. Das hügelreiche, vulkanische Gebiet nördlich von Goma, das an Uganda und Ruanda grenzt, wurde sein Spielfeld. Und obgleich die Bewegung nicht ausschließlich aus Tutsi bestand, unterstützte Ruanda sie von Anfang an. Nkundas CNDP passt in die Reihe von Kabilas AFDL und Wamba dia Wambas RCD, mit dem Unterschied, dass es sich hier nicht um eine ruandische Initiative unter kongolesischer Flagge handelte, sondern um eine kongolesische Initiative, die von Ruanda unterstützt wurde. Sein wichtigster Feind waren die ruandischen Hutu-Flüchtlinge im Ost-Kongo, die sich inzwischen in den FDLR organisiert hatten (&#039;&#039;Forces Démocratiques de Libération du Rwanda&#039;&#039;, wieder so ein fragwürdiger Name, denn von Demokratie war nicht viel zu bemerken, und auch das Ziel der Befreiung Ruandas relativierte sich mit der Zeit: Viele von ihnen heirateten Kongolesinnen, betrieben im Kivu Landwirtschaft, kontrollierten ein paar kleine Minen und sicherten sich, plündernd und vergewaltigend, ein regelmäßiges Einkommen – also warum sollten sie den Kampf gegen Kagames mächtige Armee aufnehmen?).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt zwischen Tutsi und Hutu im Kongo war damit von nun an der Konflikt zwischen CNDP und FDLR. Die Motive waren sowohl ethnisch als auch ökonomisch.34 Auf beiden Seiten betrug die Truppenstärke nie mehr als zehntausend Soldaten, aber die Brutalität, mit der sie agierten, war unbeschreiblich. Das Leid der Zivilbevölkerung wurde zum Alltag, Gruppenvergewaltigungen ein Recht. Wie im Zweiten Kongokrieg wurden die Hutu von Kinshasa unterstützt – Offiziere der FARDC und der FDLR betrieben sogar zusammen einige Minen –, und auch die Mai-Mai schlossen sich wieder an. Sexuelle Gewalt war eine Waffe, derer sich alle Parteien bedienten. Straflosigkeit herrschte. Sogar Zivilisten begannen massenweise zu vergewaltigen, nicht mehr als Waffe, sondern einfach zum Vergnügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 2007 und 2008 gab es viele Versuche, die Gewalt zu beenden. Januar 2007: Nkunda erklärt sich damit einverstanden, dass seine CNDP-Krieger in der Regierungsarmee aufgehen, aber statt einer weitgehenden &#039;&#039;brassage&#039;&#039; erreicht er eine viel leichtere &#039;&#039;mixage&#039;&#039;. Seine Rebellenarmee wird nicht auseinandergerissen und auf weit voneinander entfernte Kasernen aufgeteilt, sondern darf an Ort und Stelle mit der Nationalarmee verschmelzen. Das Ergebnis ist dementsprechend: Nicht die FARDC schlucken den CNDP, sondern der CNDP die FARDC. Nkunda wird General der Regierungsarmee und kann seine Rebellion ungestört fortsetzen. »FARDC?«, lautet der Witz, »Forces Armées Rwandaises Déployées au Congo!« (Ruandische Truppen, aufmarschiert im Kongo). Dezember 2007: Bei Friedensverhandlungen in Nairobi wird das Schicksal der Hutu-Flüchtlinge besprochen. Januar 2008: In Goma wird nach langen Verhandlungen der sogenannte Amani-Prozess (»Amani« bedeutet auf Swahili Frieden) eingeleitet. Abbé Malu Malu, der ehemalige Vorsitzende der Wahlkommission, bekommt alle Milizen so weit, dass sie sich zur Einstellung der Kampfhandlungen verpflichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es nützt alles nichts. Im Mai 2008 fliege ich mit einem Helikopter der MONUC von Goma nach Masisi, wo Malu Malu, in Gegenwart des belgischen Außenministers Karel de Gucht, den Frieden verkündet. Die Menschen sind zu Tausenden zusammengeströmt. Es wird gesungen, getrommelt und getanzt. Es ist sehr ergreifend. Der Frieden, ja, auf den haben die Menschen lange gewartet. Aber zwei junge Hutu erzählen mir: »Jetzt läuft es gut, wir brauchen nur noch einen Völkermord, einen kleinen, und Nkundas Männer werden weggefegt.«35 Der Hass ist nach wie vor endemisch. Ende Oktober 2008, als Sekombi und sein Bruder &#039;&#039;arthouse movies&#039;&#039; vorführen, stößt Nkunda nach Goma vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rumpelnd bahnt sich der Jeep einen Weg durchs Niemandsland, das sich zu einem großen Teil mit dem Nationalpark Virunga überschneidet. Es ist im buchstäblichen Sinn ein Niemandsland: keine Menschenseele weit und breit in dieser tiefgrünen Landschaft, die von so rauer Schönheit ist, dass es einem die Sprache verschlägt. Vulkane, Wälder, Stille, Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straßensperren des CNDP sind nicht der Rede wert: Wir müssen nicht mal Zigaretten herausrücken. Als wir weiter ins Rebellengebiet vordringen, sehen wir wieder Menschen auf der Straße. Frauen mit gelben Wasserkanistern auf dem Rücken, Männer mit rotbraunen Kühen, Jungen auf Holzfahrrädern, beladen mit Zuckerrohr, Bananen oder Holzkohle. Nach kilometerweitem Geholper durch Urwald und Plantagen mit meterhohen Bananenpflanzen gelangen wir endlich zum verfallenen Missionsposten Jomba. Trauben von Kindern umdrängen den Jeep mit den beiden Rastas und dem Weißen. Sie fassen an die Karosserie und stieben hysterisch auseinander, als Sekombi hupt. Mein Interviewpartner kommt in Jeans und Jeanshemd angeschlendert: René Abandi, ein Jurist von noch nicht vierzig Jahren mit einem freundlichen Gesicht und einer sanften Stimme. Das ist also die Nummer zwei des CNDP? Er habe Freunde in Antwerpen, erfahre ich, und er habe an der Universität von Urbino für seine Dissertation geforscht. Aber als Nkunda seine Bewegung gründete, wurde er sein erster ziviler Mitarbeiter. René ist ein kongolesischer Tutsi. Vom Sprecher ist er aufgestiegen zu einer Art Außenminister, denn das Rebellengebiet hat eine eigene Regierung. Er schlägt vor, in ein nahe gelegenes Dorf zu fahren, wo Nkunda eine Ansprache an die Bevölkerung halten wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Strecke wird morastig. Wir überqueren einen schmalen Wasserlauf mit hohen Papyruspflanzen und fahren dann in Serpentinen nach Rwanguba, einem Adlerhorst auf dem Berggipfel. Die Aussicht ist atemberaubend. Wir können mehr als zehn Kilometer weit sehen: Berge, Vulkane, smaragdgrüne Täler, Wolkenformationen, eine Rauchfahne aus dem Grün, fernes Wetterleuchten. Wie ein Panomaragemälde aus dem neunzehnten Jahrhundert, ein idyllisches Naturfresko, und im Vordergrund, in 3D, kriegerisches Gedränge. Mehrere hundert Menschen haben sich vor dem zentralen Gebäude auf dem Berg versammelt. CNDP-Soldaten durchsuchen uns und lassen uns durch. Wir schieben uns durch die bereitwillig Platz machende Menge nach vorn. Dort sitzen unter einer Überdachung alle Würdenträger und Offiziere der Rebellenbewegung beisammen, darunter auch Bosco Ntaganda, der Stabschef der Armee, der von Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird. In der Mitte, in Uniform und mit Armeemütze, thront Laurent Nkunda. Er spielt mit einem schwarzen Spazierstock, dessen silberner Griff die Form eines Adlers hat. Seine unwahrscheinlich langen Finger streicheln ständig über den Kopf. Die Augen des &#039;&#039;chairman&#039;&#039; liegen so tief in den Höhlen, dass sein Gesicht einem Totenkopf gleicht. Unter der Mütze sehe ich die hervortretenden Schläfenadern. Er steht auf, um uns zu begrüßen, und sorgt dafür, dass wir sitzen können. Nkunda erlebt in diesen Wochen den Höhepunkt seines Ruhms. Sein Rebellengebiet ist fast halb so groß wie Ruanda, die Weltpresse schreibt über ihn, er hält sich für unbesiegbar. Jungen mit Speeren tanzen vor ihm, Mädchen wiegen sich im Takt. In Rwanguba wird er seine Autorität geltend machen, er ist der neue Chef. Als die Kriegstänze vorbei sind, steht er auf und geht langsam auf die Menschenmenge zu. Er redet ohne Pause. Streng schwingt er seinen Adlerstock, streng sticht er mit seinem knochigen Zeigefinger in die Luft. Dann macht er einen Witz. Charme und Terror gleichzeitig. Er lobt die Dorfbewohner, weil sie nicht geflohen sind. »Ihr seid echte Menschen, ihr seid geblieben. Schön. Bestellt eure Felder, geht an die Arbeit. Beurteilt mich nicht nach meinem Gesicht, sondern nach meinen Taten.« Nachdem er seine Rede beendet hat, geht er in aller Ruhe zurück, und man hört das Gras an seinen hohen Stiefeln rascheln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Nachmittag hält Nkunda eine Sitzung mit seinem zivilen und militärischen Stab in einem Haus am Berghang ab, das einst von einer protestantischen Mission erbaut wurde. Im Garten warte ich stundenlang mit Sekombi und Katya. Es gibt Cola und Bier. Ungefähr zwanzig Kindersoldaten mit Bazookas und Kalaschnikows im Anschlag halten Wache. Sie lassen sich nicht zu einem Gespräch verlocken, aber sie wollen wissen, was das Gewicht in meiner Hosentasche ist. Gehorsam zeige ich ihnen meine beiden Handys. Dreißig Kilometer weiter nördlich befinden sich ihre Kameraden in diesem Moment in einem verbissenen Kampf gegen die Mai-Mai. Sie sind sehr stark angespannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Versammlung dauert lange. Nkunda gewährt Händlern aus der Umgebung, die weniger hohe Steuern zahlen wollen, eine Audienz. Das Rebellengebiet ist nicht reich an Minen; das CNDP beschafft sich Einnahmen durch den Verkauf von Rindern, Kaffee und Holzkohle und die Besteuerung von Händlern und LKW-Fahrern. Sekombi und Katya werden nervös. Es ist schon drei Uhr nachmittags, und es sieht nach Regen aus. Sie möchten vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Goma sein, aus Sicherheitsgründen. Ich zögere, überlege und lasse sie dann gehen. Kurz darauf sehe ich, wie sich der weiße Jeep den Berg hinabschlängelt und im Grün verschwindet. Ich werde bei der Horde übernachten, die zwei Wochen zuvor im nahen Kiwanja beim Massaker an hundertfünfzig Zivilisten beteiligt war.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Major Antoine setzt seine Literflasche Bier an den Mund und will mit mir über Geschichte reden. Stimmt es, dass die Ägypter die Juden so misshandelt haben, wie es die Bibel behauptet? Haben sich die Ägypter jemals dafür entschuldigt? Warum haben die Belgier Kongolesen die Hände abgehackt? Wollten sie mehr Kaffee? (»Kautschuk«, flüstert ein Zuhörer, »Kaffee, das ist nur hier.«) Warum wird der Preis für alle Rohstoffe in Belgien bestimmt? Warum spielen nur drei Franzosen in der französischen Nationalmannschaft? Liegt das an der Globalisierung? Warum klagt der Internationale Strafgerichtshof eigentlich nur Afrikaner an? Die absurdesten Fragen wechseln sich mit klugen Bemerkungen ab. Einen Aspekt will er klar und deutlich betonen: »Das CNDP ist durch und durch kongolesisch, egal, was behauptet wird. Dieser Bursche in Kinshasa ist ein absoluter Nichtsnutz, der das Land an die Chinesen verkauft. Das sehen wir an seinen Soldaten. Wenn wir gegen sie kämpfen, dauert es höchstens eine halbe Stunde, dann türmen sie. Aber wenn es Stunden dauert, wissen wir genau, dass wir gegen die FDLR kämpfen, auch wenn sie Uniformen der Regierungsarmee tragen, die sie unterstützt. Sie machen einfach weiter. Es sind verwundete Tiere, ja. Für sie zählt: Sieg oder gar nichts.«37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen ist es stockfinster, und seit morgens um sechs habe ich nichts mehr gegessen. Kopfweh. Es wird frisch. Wir sind hoch in den Bergen. Gegen zweiundzwanzig Uhr darf ich endlich ins Haus. Erst muss noch gegessen werden: Ziegenfleisch mit Reis, von ein paar Tutsi-Frauen zubereitet. Die Tische stehen in U-Form, acht Offiziere und Händler nehmen Platz. Nkunda sitzt allein an seinem eigenen Tisch, wie ein Umlaut auf dem U. Hinter ihm steht ein Leibwächter mit einem MG und einem Mini-Kopfhörer im Ohr. Keiner sagt etwas. Als der &#039;&#039;chairman&#039;&#039; das Wort ergreift, heucheln alle Interesse. Wenn er einen Witz reißt, lacht man zu laut. Er ist schnell fertig mit essen. Während die Gesellschaft leicht beklommen weiter tafelt, pult er sich mit einem Zahnstocher träge im Mund herum und sieht die Tischgenossen einen nach dem anderen an. Er entblößt die Zähne zu einer Grimasse. Ein Auge ist halb geschlossen. Hin und wieder entspannt er sein Gesicht und schluckt einen Essensrest hinunter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kommen Sie, reden wir«, sagt er. Er lotst mich zu einem Schlafraum im hinteren Bereich des Hauses. Sein Leibwächter und René Abandi folgen. Wir nehmen Platz auf drei niedrigen Hockern zwischen Etagenbetten und Moskitonetzen. Der Teenager mit dem geladenen Gewehr bleibt stehen und behält mich die ganze Zeit im Auge. Nkunda legt sofort los. Er spricht nicht, sondern flüstert. Er redet in beschwörendem Ton und sieht mich mit aufgerissenen Augen an, als müsse er einen Teufel bei mir austreiben: »Es gibt so viele Bruchlinien in diesem Land, zwischen dem Osten, der für Kabila gestimmt hat, und dem Westen, der für Bemba war, zwischen den ehemaligen FAZ von Mobutu und den Kadogo, zwischen den Hema und den Lendu, zwischen den Tutsi und den Hutu. Im Kongo muss ein Prozess der nationalen Versöhnung in Gang kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich traue meinen Ohren nicht. Will er, der rücksichtslose Menschenschinder, jetzt plötzlich als der große Versöhner erscheinen? Versucht er sich etwa über dieses Interview beim Westen einzuschmeicheln? Mit einem rationalen Diskurs, um eine robuste Eingreiftruppe fernzuhalten? Die internationale Desillusionierung in Sachen Kabila greift er jedenfalls sehr geschickt auf. »Ich kenne Kabila. Mit ihm kann man nicht diskutieren. Er hat Bemba vernichtet und den Bundu-dia-Kongo. Dieses Land hat ein Recht auf Befreiung. Dieses Land war nie unabhängig. Dieses Land muss endlich von allen seinen Möglichkeiten profitieren können, sonst wird sich das kongolesische Volk gegen Kabila wenden, wie es sich gegen Mobutu gewandt hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Höhepunkt seines Ruhms hat er seine Ambitionen deutlich hochgeschraubt. Es geht ihm nicht mehr um den Schutz der Tutsi, nicht mal mehr um die Lage der Banyarwanda, sondern um nichts Geringeres als die Befreiung des gesamten Kongo. »Es wird kein Tutsi-Territorium im Kongo geben. Das CNDP ist keine Tutsi-Rebellenarmee, denn Tutsi machen nur 10 bis 15 Prozent unserer Bewegung aus. Wir sind eine kongolesische Rebellion. Der Westen hat den Völkermord verurteilt, aber nicht die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039;, die sich hier noch herumtreiben. Es ist einfach nicht akzeptabel, dass sich ausländische Streitkräfte in unserem Hoheitsgebiet befinden und noch dazu von unserer Regierung bewaffnet werden! Normale Länder dulden keine Illegalen, aber wir hier bewaffnen sie!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkunda, der Befreier der Nation: eine etwas gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Jedenfalls scheint er voll und ganz dazu bereit zu sein: »Ich habe das CNDP gegründet als eine Art Kern einer künftigen nationalen Armee.« Aha. »Es handelte sich um einen Test: Ich wollte beweisen, dass es möglich war, mit wenig Mitteln eine disziplinierte Armee aufzustellen, die nicht anfing zu plündern.« Wie bitte? »Bei uns sieht man selten Verstöße gegen die Menschenrechte. Wir haben eindeutige Verhaltensregeln. Meine Soldaten bekommen auch keinen Sold. Sie bekommen Reis, Bohnen und Mais – das ist ihr Sold. Aber wir haben ihnen eine Zukunft aufgezeigt. Sie leben für diesen Traum.« Bei allem Respekt, werfe ich ein, aber Ihre Armee ist im Rest des Kongo verhasst. »Das liegt daran, dass hier nur die Stimme der MONUC zu hören ist. Angeblich sind wir Vergewaltiger und richten Massaker an. Es heißt, wir seien der bewaffnete Zweig von Ruanda. Aber die Zeit ist vorbei! Es waren keine glücklichen Zeiten, als Ruanda und Uganda hier waren.« Aber waren Sie nicht selbst dabei? Sie haben doch die ruandischen Truppen in Kisangani angeführt! »Das stimmt. Ich habe Kisangani beschützt. Deshalb war ich der beliebteste Offizier in der Stadt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also wirklich, denke ich, er ist dort noch heute verhasst! Unter seiner Terrorherrschaft wurden 2002 Dutzende junger Leute aus den Armenvierteln ermordet. Bei der Brücke über den Tshopo wurden zweihundert Polizisten und Soldaten abgeschlachtet und in den Fluss geworfen. Sie waren gefesselt und geknebelt. Manche wurden erschossen oder enthauptet, anderen brach man das Genick oder tötete sie mit dem Bajonett. Ihnen wurden die Bäuche aufgeschlitzt, damit sie nicht ein paar Tage später an die Wasseroberfläche trieben. Nkunda stand dabei. Er hatte die Aufsicht über die Aktion, mit Unterstützung Ruandas.38 Und jetzt die Behauptung, Einmischung aus dem Ausland sei ein Fehler?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als Deutschland England bedrohte, hat Churchill da sein Volk nicht auch zum Widerstand aufgerufen? Dafür hat er Beifall bekommen. Warum sollen wir dann akzeptieren, dass die FDLR hier herrschen wie die Deutschen damals?« Churchill war aber gewählt worden, Herr General, im Gegensatz zu Ihnen. »In Kriegszeiten ist das egal. Hitler war auch gewählt worden, und Sie kennen ja die Folgen. De Gaulle war nicht gewählt worden, und doch hat er Frankreich befreit.« Ich bin einen Moment sprachlos. Sieht er etwa eine Parallele zwischen sich und dem wichtigsten französischen Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts? »Ja, ich bin der General de Gaulle des Kongo!«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verdattert von so viel Rhetorik für Fortgeschrittene quetsche ich mich mit René und sieben anderen in einen Jeep. Im Kofferraum sitzt ein Kindersoldat mit einer Kalaschnikow. Es ist fast Mitternacht. Wir fahren ostwärts durch die feuchten, tropfenden Berge und hoffen, keiner Mai-Mai-Patrouille zu begegnen. Ich bin verängstigt und konfus. Ich weiß nicht, dass in diesem Moment in New York an einem UNO-Bericht gearbeitet wird, der den ruandischen Anteil im CNDP eindeutig nachweist, ich weiß nicht, dass Human Rights Watch einen Bericht über Nkundas Gräueltaten vorbereitet.40 An dem Punkt, an dem ich gerade bin, ist die Geschichte noch warm und ungreifbar. Ich habe keinen Überblick, niemand hat einen Überblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nur, dass ich lieber mit einfachen Menschen rede als mit politischen Führern, dass ich aus Anekdotischem mehr lerne als aus Rhetorischem. Ich weiß nur, dass ich im Flüchtlingslager Mugunga in der aus Plastikplanen bestehenden Hütte von Grâce Nirahabimana saß, Block 48, Nummer 34, aufrecht stehen konnte ich dort nicht. Grâce war eine bildhübsche Frau von dreiundzwanzig mit zwei Kindern, Fabrice und David. Ihre beiden Brüder, zwölf und sechzehn Jahre alt, hatte Nkunda mitgenommen, ihre beiden Schwestern waren an Diarrhö gestorben, sie war von drei Soldaten vergewaltigt worden. Sie hatte alles zurückgelassen. Ihre Schwestern waren im Lager gestorben – zu wenig Nahrung, keine Toiletten – und zwischen den Bananensträuchern begraben worden. Es war kalt, als ich dort auf dem Bett saß. Ein rauer Wind fegte über die Mondlandschaft aus Lava und ließ die Plastikwand ihrer Hütte klappern. »Ich fühle mich überhaupt nicht geschützt«, schluchzte sie, »ich habe große, große Angst. Angst vor Laurent Nkunda.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer endlos scheinenden Fahrt stoppt der Jeep an einem alten Kolonialhaus. »Wir sind an der Grenze zu Uganda«, sagt René, »das war das Haus des Zollinspektors. Dort bei den Bäumen fängt Uganda an.« Der Ort heißt Bunagana, hier können wir in Ruhe übernachten, meint er. Aber zu Renés Verblüffung ist das Haus voll mit Kindersoldaten, mindestens zwanzig. Sie schlafen in den Sesseln, auf dem Fußboden, in der Küche. Es gibt weder Wasser noch Strom, aber es wird schnell ein Bett organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag stehe ich sehr früh auf. Mit nacktem Oberkörper sitze ich auf der Terrasse und lese meine Notizen noch mal durch. Ein dreizehnjähriger Junge erzählt mir, dass sein Gewehr »Tschetschene« genannt wird. Gegen acht gehe ich mit René ins Dorf, um zu frühstücken. Er hat schlecht geschlafen. »Gastritis«, seufzt er, »ich mache mir zu viel Sorgen, ich bin nun mal so ein Typ. Nkunda leidet auch darunter, neben seinem Asthma. Der Krieg ist nicht gut. Es ist das Schlimmste, was es gibt, aber uns bleibt nichts anderes übrig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir gehen zu einem unauffälligen Haus. Es ist das zivile Hauptquartier des CNDP. Ich treffe dort alle hohen Tiere, die ich gestern kennengelernt habe. Auch Nkundas Schwester ist da, sie ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Der Innenhof ist eine Freiluftwerkstatt. Ein halbes Dutzend Humvees&#039;&#039;,&#039;&#039; die die Rebellen von den FARDC erbeutet haben, wird für den Kampf zurechtgeflickt. Im Haus esse ich zum ersten Mal seit Wochen Käse, Kivu-Käse, eine Spezialität der Tutsi. Die Spitze des Regimes bespricht die aktuellen Nachrichten. Desmond Tutu und Romeo Dallaire, der ehemalige UNO-Kommandant in Ruanda, haben gerade zum Einsatz einer großen Eingreif­truppe in Nord-Kivu aufgerufen. »Bah«, schnaubt René, »jetzt, wo sie keine politischen Argumente mehr haben, holen sie sich moralische Schwergewichte heran. Das Humanitäre soll das Militärische bemänteln.« Die anderen pflichten ihm bei. »Wir landen sowieso vor dem Internationalen Strafgerichtshof«, witzelt er, »dann können wir auch genauso gut vergewaltigen und morden, sonst sind wir dort später ganz umsonst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Eingreiftruppe würde nicht entsandt werden. Die Europäische Union zeigte keine Neigung, auf Ban Ki-moons flehentliche Bitte einzugehen, und die Afrikanische Union, die &#039;&#039;Southern African Development Community&#039;&#039; und Angola brannten auch nicht darauf, Kabila zu Hilfe zu eilen. An diesem Vormittag in Bunagana war meine Schlussfolgerung, dass Laurent Nkunda vielleicht noch sehr lange über sein Gebiet herrschen würde. Offiziell war die Grenze mit Uganda geschlossen, aber ich sah einen LKW mit Mehl in den Kongo fahren. Wer kann Nkunda etwas anhaben?, dachte ich. Der Kongo hat keine Armee, die MONUC greift nicht ein, eine robustere Interventionstruppe ist nicht drin, und außerdem hat er genug zu essen, und er erhebt Steuern. Vielleicht hält sich diese Rebellion genauso lange wie die von Vater Kabila.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich sollte mich irren. Einen Monat später, im Januar 2009, geschah das Unvorhersehbare: die kongolesische Armee und die ruandische Armee, eingeschworene Erbfeinde, kooperierten und verhafteten Nkunda. Eine völlig unerwartete Wendung, aber sie waren dazu gezwungen: Kagames Ansehen hatte international stark gelitten durch den UNO-Bericht über seine Unterstützung des CNDP, Kabila war zum Gespött geworden mit seiner miserablen Armee, der niemand beispringen wollte. Noch immer überrascht darüber, nun gemeinsame Sache zu machen, wollten sie sogar die FDLR ausschalten. Das gelang nur halb, aber Nkunda kam in Ruanda in Untersuchungshaft und wartet seitdem auf seinen Prozess im Kongo. Das CNDP kam in die Hände des Kriegsverbrechers Bosco Ntaganda und »verschmolz« noch einmal mit der Regierungsarmee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gemeinsame Operation der Streitkräfte des Kongo und Ruandas trug die Bezeichnung Umoja Wetu (in der ersten Jahreshälfte 2009) und erfuhr eine Fortsetzung in den Operationen Kimia II (2009) und Amani Leo (2010), proaktive Feldzüge der nationalen Armee (faktisch ehemalige CNDP-Kämpfer, angeführt von dem Schurken Ntaganda) mit logistischer Unterstützung der MONUC gegen die FDLR, Operationen, die vorerst zu viel mehr Leid unter Zivilisten als zu militärischen Erfolgen führten.42 Sechstausend Mann zählten die FDLR im Jahr 2010, ein homöopathischer Rest der eineinhalb Millionen Flüchtlinge von 1994. Nicht ganz dreihundert von ihnen stehen unter dem Verdacht, Verbrechen des Völkermordes begangen zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Ruanda übermilitarisiert ist, so ist der Kongo nach wie vor untermilitarisiert. Noch immer sind die Streitkräfte eher Phantom als Wirklichkeit. Und das ist unübersehbar. Die FARDC sind nicht in der Lage, der &#039;&#039;Lord Resistance Army&#039;&#039; des ugandischen Rebellenführers Joseph Kony entgegenzutreten, die im Nordosten für Unruhe sorgt, geschweige denn, dass sie die mehr als siebentausend Kilometer umfassenden Grenzen des Landes wirksam verteidigen könnten. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem sich die geopolitischen Spannungen mit Uganda über Öl im Albertsee, mit Ruanda über Methangas im Kivusee und vor allem mit Angola über Ölfelder im Atlantik verschärfen – bis hin zu gelegentlichen Scharmützeln. Die Armee kann nicht einmal im Innern des Kongo die Ordnung gewährleisten. Bei einem Streit über ein paar Fischteiche in Dongo (in der Provinz Équateur) gab es im November 2009 mindestens hundert Tote, und neunzigtausend Menschen ergriffen die Flucht. Veränderungswille ist kaum zu erkennen.43 Mit einer Armee könnte Kabila besser durchgreifen, aber ohne Armee braucht er keinen Putsch zu fürchten.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Leben fließt so wie immer dahin. Auf der anderen Seite des Landes, in Nsioni, gehen die Menschen auf der roten, staubigen Hauptstraße ihres Dorfs auf und ab. Ich beobachte sie von einer Terrasse aus, wo die Musik für mich und zwei weitere Gäste auf ohrenbetäubende Lautstärke gedreht wurde. Wenn man sich die Handys wegdenkt, besteht wenig Unterschied zwischen der Gegenwart und den achtziger Jahren. Die gleichen Colaflaschen wie damals, die gleichen Autos, in denen man jetzt noch herumfährt, die gleichen wackligen Stände, an denen getrockneter Fisch verkauft wird. Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Größe der Stücke: Es sind jetzt nur noch kleine Würfel. Aber auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheint ein Ufo gelandet zu sein. Zwischen den grauen Baracken und den fahlen kleinen Häusern ragt leuchtend weiß ein aus Stein gemauertes Gebäude auf. Vor der Tür stehen vier nagelneue, chromglänzende Motorräder ordentlich nebeneinander. Die Sättel sind noch mit Plastikfolie bespannt. Daneben: zehn Herrenfahrräder, dicht beieinander, die schräg stehenden Lenker sind noch in Karton verpackt. Die glänzenden Stabbremsen sind eine Augenweide. Drinnen flimmert der blaue Lichtschein eines Plasmabildschirms. Über der Tür hängt ein Schild, das vieles erklärt: CHINA AMITIÉ COMPANY. In Nsioni haben sich die ersten chinesischen Händler niedergelassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehe hinein und grüße ein junges asiatisches Ehepaar, das mich argwöhnisch mustert. Die beiden sprechen kein einziges Wort Französisch oder Englisch, aber ihre Ware spricht für sich: flotte Sportschuhe, bis an die Decke gestapelt, neben Fernsehern, Uhren und Ständern mit Parfum. Auf die Bewohner von Nsioni macht die CHINA AMITIÉ COMPANY den gleichen Eindruck von Reichtum und Komfort wie die Supermärkte auf die Menschen in den Bauerndörfern Europas in den fünfziger Jahren. Was für ein Unterschied zu den tristen Buden, in denen man Kerzen und Rasierklingen einzeln kaufte! Was für ein Luxus, wenn man diese Parfums mit den selbst fabrizierten Seifenstücken vergleicht, mit denen man sich schon das ganze Leben lang abschrubbt! Was für eine Annehmlichkeit, dass man für solche Produkte nicht mehr nach Boma oder Kinshasa braucht! Und sogar erschwinglich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ladenbesitzer verkaufen sogar Gemälde in protzigen Rahmen, auf denen Gebirgslandschaften und Almen abgebildet sind. Asiatische Geschäftsleute, die im afrikanischen Binnenland europäische Landschaften verkaufen: Das heißt Globalisierung, glaube ich. Die Welt ein Marktplatz. Es erinnert mich an jenes geniale Graffiti, das jemand knapp hundert Kilometer weiter an die alte Eisenbahnbrücke bei Matadi gesprüht hat. Die Brücke aus der Zeit um 1890, als Nkasis Vater und chinesische Arbeiter die Strecke nach Kinshasa bauten, trägt heute ein Stückchen Vandalismus, der das dritte Millennium auf brillante Weise zusammenfasst: WWW.COM.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den späten neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts machten sich Chinesen in zunehmendem Maße nach Afrika auf. Sie kamen nicht nur, um Waren an den Mann zu bringen, sondern in den meisten Fällen, um Rohstoffe zu kaufen. Die gewaltige Explosion der chinesischen Wirtschaft, Resultat eines kontrollierten Experiments mit dem Kapitalismus in den Küstenregionen des Landes unter Deng Xiaoping, hatte die Nachfrage nach Bodenschätzen enorm gesteigert. 1993 führte China zum ersten Mal mehr Öl ein, als es ausführte.46 Die ersten Länder in Afrika, mit denen China intensive Beziehungen anknüpfte, waren deshalb die Ölstaaten Nigeria, Angola und Sudan. Später rückten auch Sambia und Gabun in den Fokus, wegen des Kupfers und Eisenerzes. Der Kongo, wegen seiner mineralhaltigen Böden auch als »geologischer Skandal« bezeichnet, wurde ebenfalls interessant, ungeachtet des Krieges und des nicht gerade einladenden Investitionsklimas. In Katanga ließen sich schon bald chinesische Abenteurer auf den Trümmerhaufen des einst so blühenden Bergbaus nieder. Sie witterten eine goldene Chance. 2003 hatte Gécamines, auf Veranlassung der Weltbank und des IWF, elftausend überflüssige Bergarbeiter entlassen.47 Sie hatten eine Abfindung erhalten, aber die meisten hatten das Geld für ein Auto oder einen Fernseher ausgegeben. Viele von ihnen waren danach Schürfer geworden. Wie im Kivu waren sie bereit, mit dürftiger Ausrüstung in alten Minen zu graben und Säcke mit Erz zu füllen, um sie an irgendeinen Monsieur Chang oder Wei zu verkaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Februar 2006 hatte ich die Möglichkeit, die Mine von Ruashi zu besuchen. Hunderte Schürfer gruben dort nach Heterogenit, einem Erz, das Kupfer und Kobalt enthält. Ich sah Kinder, die in notdürftig abgestützte Stollen bis in zwölf Meter Tiefe hinabkletterten. Ich sah einen fünfjährigen Jungen, über und über mit Staub bedeckt; er trug ein T-Shirt mit der Trickfilmfigur Kabouter Plop. Wenn es gut ging, bekamen sie fünf Dollar pro Sack. Manchmal schaffte es eine Gruppe von Freunden, an einem Tag zehn Säcke nach oben zu schaffen. Es sei eine harte und gefährliche Arbeit, sagten sie, aber sie könnten davon leben. Was für ein Unterschied zu der riesigen, aufgeräumten Kobalt-Mine von Luiswishi, die dem belgischen Industriellen Georges Forrest gehört; als ich sie später an diesem Tag besuchte, sah ich höchstens ein paar Dutzend Kongolesen bei der Arbeit. Sie trugen Schutzhelme und bedienten Bagger, deren Radkappen größer waren als ein Mensch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die chinesischen Käufer waren Privatunternehmer, die nicht von der chinesischen Regierung unterstützt wurden. Manche bauten eigene kleine, improvisierte Schmelzhütten auf, um ein höheres Konzentrat zu exportieren. Ihre kongolesischen Tagelöhner arbeiteten unter erbärmlichen Bedingungen. Sie wurden schlecht bezahlt, atmeten gesundheitsschädliche Dämpfe ein, hatten keine Arbeitskleidung, geschweige denn eine soziale Absicherung. Nehmen wir z. B. Jean. Er fing bei Jia Xing an, einem der größeren Kupfer verarbeitenden Betriebe mit einem Lager in Kolwezi und einer Schmelzhütte in Lubumbashi. Das Unternehmen beschäftigte zweihundert Arbeiter, und Jean bekam einen unbefristeten Arbeitsvertrag, denn er war ein erfahrener Schmelzer. Manchmal konnte ein Tagelöhner also aufsteigen und eine Festanstellung erhalten, auch wenn die Verträge oft in chinesischer Sprache abgefasst waren. Jeans Schichten dauerten zwölf bis dreizehn Stunden, unterbrochen von einer ultrakurzen Mittagspause, sieben Tage in der Woche. Es gab eine Tag- und eine Nachtschicht. Schutzkleidung gab es nicht, seine Werkzeuge waren abgenutzt, die Hitze des Schmelzofens unerträglich. Jeans Monatslohn betrug 120 Dollar, mit einer Prämie von hundert Dollar, wenn er den Ofen bediente; damit war Jia Xing der am besten bezahlende chinesische Arbeitgeber in Katanga.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Morgens waren Jean und zwölf seiner Kollegen ein paar Minuten zu spät zur Arbeit erschienen: Ein Verkehrsunfall hatte sie aufgehalten. Zur Strafe wurden sie in einen Container gesperrt und mussten dort von sieben Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags ausharren. Am Abend wurden sie alle entlassen. Es gab ja genug Arbeitswillige. Jean wurde dann Schürfer. Er verkaufte seine Säcke mit Erz zuerst an seinen früheren Chef, aber Bergbau auf eigene Faust war nur an wenigen Orten zugelassen. Vielleicht sollte er sich dann eben den Trupps anschließen, die mitten in der Nacht in die großen, konzessionierten Minen eindrangen? Es war gefährlich im Dunkeln. Manche ertranken oder erstickten bei der Arbeit, andere wurden von Wachleuten erschossen. Er konnte auch noch immer beim Emmanuel Depot in Kolwezi anfangen, auch ein chinesisches Unternehmen, aber die Arbeiter dort, die bei ihrer Arbeit mit radioaktivem Erz weder Handschuhe noch Schutzmasken erhielten, betranken sich in jeder Mittagspause.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Katanga herrschte ein roher Kapitalismus, der an die zwanziger Jahre erinnerte, doch in der Finanzkrise von 2008 gaben vierzig dieser Betriebe auf. Der Kupferpreis sank von knapp 9000 auf 3600 Dollar pro Tonne, und die Provinz verschärfte die Bedingungen. Zehntausende Schürfer hatten keine Arbeit mehr. Plötzlich war die Lage in Katanga eher wie in den dreißiger Jahren.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kamen auch chinesische Staatsunternehmen, keine Glücksritter, sondern Riesenfirmen mit nahezu unbeschränkten Finanzmitteln. Die Straße von Kinshasa nach Matadi wurde neu angelegt, außerdem die Straße von Lubumbashi zur sambischen Grenze, über die mit Erz beladene LKW donnerten. CCT, eine chinesische Telefongesellschaft, wurde einer der wichtigsten Mobilfunkanbieter des Landes. Ein anderes Unternehmen begann mit der Verlegung von 5600 Kilometer Glasfaserkabel, um den Kongo digital zu erschließen.50 Schon in den siebziger Jahren hatten herzliche Freundschaftsbande zwischen Mobutu und Mao bestanden: Damals ging es um die Pflege der ideologischen Kameradschaft (Einparteienstaat, Abacost und Paraden waren das Ergebnis, und das in einem pro-amerikanischen Land), nun ging es ums Geschäft. Der Kongo wurde einer der neuen Handelspartner Chinas. 2006 veranstaltete Präsident Hu Jintao einen entscheidenden chinesisch-afrikanischen Gipfel in Peking, an dem Vertreter von achtundvierzig afrikanischen Staaten teilnahmen. Verträge mit einem Gesamtvolumen von zwei Milliarden Dollar wurden abgeschlossen, China sagte bis zu fünf Milliarden an Krediten und eine Verdopplung der Hilfe um das Jahr 2009 zu, annullierte ausstehende Schulden und setzte eine ganze Reihe Einfuhrzölle auf afrikanische Produkte aus. Hochrangige chinesische Delegationen besuchten fast jedes afrikanische Land im Zusammenhang mit den Handelsbeziehungen. Peking hielt sich streng an seine Politik der Nichteinmischung in innere Angelegenheiten. Es berief sich auf eine brüderliche Süd-Süd-Kooperation, nicht auf eine paternalistische Nord-Süd-Bevormundung. Das hörte sich gut an, bedeutete aber auch, dass es keine Bedenken gegen Geschäfte mit zwielichtigen Typen wie Mugabe und Al-Bashir gab. Das neue China war geschäftsmäßig nüchtern, effizient und pragmatisch. Der einzige Gefallen, um die es den neuen Handelspartner bat, war, einmal im Jahr, bei der Vollversammlung der UNO, auch der Auffassung zu sein, dass Taiwan eigentlich zu China gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2007 gab Pierre Lumbi, Minister für Infrastruktur, öffentliche Arbeiten und Wiederaufbau, bekannt, dass der Kongo einen Megadeal mit China abgeschlossen hatte. Zusammen mit drei chinesischen Staatsunternehmen (einer Bank, einer Straßenbaufirma und einem allgemeinen Bauunternehmen) würde ein Joint Venture nach kongolesischem Recht gegründet. Der Kongo war über Gécamines zu 32 Prozent beteiligt, China zu 68 Prozent. Das Joint Venture durfte in Katanga zehn Millionen Tonnen Kupfer und sechshunderttausend Tonnen Kobalt fördern – gigantische Mengen, wenn man sich vor Augen führt, dass in der ganzen Kolonialzeit nur acht Millionen Tonnen Kupfer gefördert wurden und das gesamte Vorkommen auf siebzig Millionen Tonnen geschätzt wird.51 Als Gegenleistung sollte die neue Gesellschaft drei Milliarden Dollar in die Wiederherstellung der Minen-Infrastruktur investieren und sechs Milliarden in die Anlage asphaltierter Straßen (3.400 Kilometer), unbefestigter Straßen (2.738 Kilometer), Eisenbahnlinien (3.215 Kilometer), Sozialwohnungskomplexe (5000), Gesundheitszentren (145), Krankenhäuser (31), Wasserkraftwerke (2), Flughäfen (2) und Universitäten (2). Investitionen für insgesamt neun Milliarden Dollar. Und da das Joint Venture noch keine Einnahmen hatte, würde die Volksrepublik China das Geld für diese Mammutprojekte erst einmal vorstrecken; das Joint Venture würde es dann irgendwann zurückzahlen. Kabila war überaus begeistert: »Zum ersten Mal in unserer Geschichte wird das kongolesische Volk endlich sehen, wozu all sein Kupfer, sein Nickel und sein Kobalt dienen!«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war tatsächlich ein beeindruckendes Abkommen. Nur sieben Seiten lang, weniger als ein Mietvertrag, war es das wichtigste Dokument für den Kongo seit dem Zehnjahresplan von 1949. Der Kongo würde eine Baustelle werden, wie er es seit den fünfziger Jahren nicht mehr gewesen war. Der Deal wurde in der westlichen Presse oft als »Darlehen« Chinas bezeichnet, obwohl es im Grunde ein Tauschgeschäft war: Erz gegen Infrastruktur. Ein solcher Tauschhandel implizierte nicht die Rückkehr zu einer präkolonialen Wirtschaft, sondern war eine geschickte Form, Korruption aus dem Weg zu gehen: Ein Krankenhaus kann man nicht einfach in der Tasche verschwinden lassen. Doch das Abkommen enthielt eine für den Kongo prekäre Klausel: Sollten die Fundstätten nicht die erhoffte Menge an Erzen erbringen, war das Land verpflichtet, den Vertrag auf andere Weise zu erfüllen. Gleich nach der Bekanntgabe schrie der Westen Zeter und Mordio. Neokolonialismus! Ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;! Raubgier getarnt als Win-win-Theater! Der Vertrag erschien manchen wie eine Neuauflage der Abkommen, die Stanley damals den Häuptlingen abgelistet hatte. Die Kongolesen hatten sich über den Tisch ziehen lassen! Die Sache war nicht mal im Parlament diskutiert worden! Kein Arbeitsplatz würde dadurch geschaffen! Die Chinesen würden sicher einfach ihre Häftlinge einfliegen! Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Teil der Vorbehalte war berechtigt, ein Teil war reine Panik. Panik vor einer sich ankündigenden neuen, komplexen Welt, in der China Supermachtstatus erlangt. Es herrschte eine ähnliche Nervosität wie zur Zeit der Berliner Kongo-Konferenz oder zu Beginn des Kalten Krieges. Der Kongo weckt schon seit eineinhalb Jahrhunderten das Interesse ausländischer Mächte, und daraus erwachsen oft Spannungen – zwischen Europäern und arabischen Händlern um 1870, zwischen europäischen Nationalstaaten untereinander in der Zeit danach, zwischen den USA und der UdSSR im Kalten Krieg und nun also zwischen China und dem Westen. Immer, wenn ein Newcomer seinen Platz auf dem geopolitischen Schachbrett Zentralafrikas fordert, führt das anfangs zu Misstrauen und Nervosität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber hatte sich die kongolesische Regierung denn nicht übervorteilen lassen? Schwer zu sagen. Tauschgeschäften ist inhärent, dass es – abgesehen von der Zufriedenheit der Verhandlungspartner – keinen objektiven Beurteilungsmaßstab gibt. China war erfreut über den Zugang zu Rohstoffen, Kabila über den versprochenen Wiederaufbau seines Landes. Den Vertrag hatte er sich jedenfalls nicht so einfach unterjubeln lassen; zwei Monate lang war in Peking hart verhandelt worden.53 Aber auch wenn man unbedingt quantifizieren möchte, funktioniert die Sache nicht. Ob zehn Millionen Tonnen Kupfer gegen neun Milliarden Dollar Investitionen ein fairer Deal sind, hängt schließlich vom Weltmarktpreis für Kupfer ab. Angesichts der starken Schwankungen in den vergangenen Jahren kann das vierzehn Milliarden wie auch achtzig Milliarden Dollar bedeuten. Eines ist jedoch offenkundig: Es geht China nicht um den schnellen kurzzeitigen Raub von katangesischem Boden, aus dem einfachen Grund, weil Chinas Wirtschaftspolitik von Langzeitdenken und Planung zeugt. Peking hat keinerlei Interesse daran, Afrika auszusaugen und zu destabilisieren, im Gegenteil. Die Vorstellung, dass China wie ein fragwürdiger Arzt ist, der einem todkranken Patienten eine Familienpackung Vitamin C verspricht im Tausch gegen, sagen wir, eine Niere und einen Lungenflügel, ist unzutreffend. China steht am Anfang einer langen, strukturellen Anwesenheit in Afrika, die das Erscheinungsbild der Welt in diesem Jahrhundert verändern wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie demokratisch es dabei zugehen wird, ist selbstverständlich noch die große Frage. Die Vertragsverhandlungen fanden hinter verschlossenen Türen statt, ohne Wissen des Parlaments. Zwar konnte sich das Parlament inzwischen dazu äußern, aber sein Beitrag war alles in allem gering. Außerdem beweisen die umfangreichen Handelsbeziehungen, die China ohne Bedenken mit Simbabwe und dem Sudan unterhält, dass Menschenrechte kein unantastbares Kriterium sind, genauso wenig übrigens wie in China selbst. Kommerzielle Interessen haben für Peking momentan Vorrang vor humanitären Belangen. So ist das Land zu sehr auf das qualitativ hochwertige Erdöl aus dem Sudan angewiesen, um bei einer Abstimmung über Darfur im UNO-Sicherheitsrat, wo es als ständiges Mitglied eigentlich viel Macht hat, dem Regime Al-Bashir in den Rücken zu fallen. Das klingt opportunistisch, aber es ist nicht weniger opportunistisch als die Art und Weise, in der Frankreich, Belgien und die USA in den achtziger Jahren Mobutu ermöglichten, sich an der Macht zu halten. Die Achtung der Menschenrechte datiert bei den westlichen Regierungen auch erst aus den neunziger Jahren. Und selbst seitdem . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hartnäckigsten Kritiker des chinesisch-kongolesischen Vertrages waren die internationalen Finanzinstitutionen. IWF und Weltbank waren beunruhigt wegen der Garantieklausel, die besagte, dass der Kongo seine Verpflichtungen auf andere Weise tilgen müsse, sollte der Boden nicht genug Kupfer oder Kobalt hergeben. Durch diese Zusicherung sei der Kongo in Gefahr, sich noch mehr Schulden aufzuhalsen, obwohl sein Schuldenberg bereits exorbitant sei. Und das stimmte. Das Land schleppte noch immer die Schulden aus der Mobutu-Ära mit sich; insgesamt ergaben die Zahlungsrückstände und die aufgelaufenen Zinsen Anfang 2010 die astronomische Summe von dreizehn Milliarden Dollar. Der Schuldendienst verschlang pro Jahr ein Viertel der Gesamtausgaben; die Auslandsverschuldung betrug mehr als 90 Prozent des BIP, 150 Prozent aller Exporte und mehr als 500 Prozent der Staatseinnahmen (ohne die ausländische Hilfe).54 Das Abkommen mit China hieß, dass nun noch ein Haufen Schulden hinzukommen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IWF und Weltbank erwähnten dabei nicht, dass sie ohne weiteres imstande waren, diese Schuldenlast zu verringern. Jahraus, jahrein drängten sie auf Tilgung, obwohl Erwin Blumenthal schon in den achtziger Jahren darauf hingewiesen hatte, dass das nie geschehen würde. Den Bretton-Woods-Institutionen wurde nur langsam bewusst, dass es unfair war, eine gerade gewählte Regierung noch immer mit den Folgen der Verschwendungssucht eines Diktators aus der Zeit vor zwanzig, dreißig Jahren zu belasten. Es ging natürlich um sehr viel Geld, und es durfte nicht zur Gewohnheit werden, Verbindlichkeiten auf bequeme Weise einfach unter den Tisch fallen zu lassen, aber dreizehn Milliarden Dollar lähmten nun einmal jeden Versuch des Wiederaufbaus. Es war so, als müssten die neuen Mieter eines verfallenen Hauses die gepfefferten Telefonrechnungen ihrer Vorgänger übernehmen, die unter extremer Telefonitis gelitten hatten. Zu Recht äußerte Rigobert Minani, ein kongolesischer Intellektueller, die internationalen Finanzinstitutionen nähmen »die nationale Ökonomie in Geiselhaft«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der IWF beharrte auf der Abbezahlung dieser Schulden, weil die reichen westlichen Länder auf diese Weise eine letzte Einflussmöglichkeit im Kongo behielten. Angeblich ist der IWF eine internationale Institution, das Stimmrecht basiert jedoch auf dem Kapitalanteil. Dadurch verfügen die USA und die EU, als wichtigste Geldgeber, über fast die Hälfte der Stimmen, während der Stimmanteil Chinas, wo ein Viertel der Weltbevölkerung lebt, nicht einmal 4 Prozent ausmacht.56 In diplomatischer Hinsicht hatte der Westen nach den Wahlen nicht mehr viel zu melden im Kongo, doch der IWF, dessen Direktor immer ein Europäer sein muss, diente als allerletztes Druckmittel, um Bedingungen zu stellen hinsichtlich Korruptionsbekämpfung, Steuergesetzgebung sowie Finanz- und Wirtschaftspolitik. Die Verschuldung durfte gesenkt, aber nicht gänzlich gestrichen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Rahmen eines groß angelegten Hilfsprogramms für die sogenannten &#039;&#039;heavily indebted countries&#039;&#039; erklärte sich der IWF bereit, neun der dreizehn Milliarden Dollar Schulden zu erlassen, sofern der Kongo eine Reihe strenger Bedingungen erfüllte. Dazu gehörte unter anderem eine Revision des Vertrags mit China. Kabila war dazu nicht gerade motiviert, aber Anfang 2009 war der Staat durch den Krieg gegen Nkunda und den infolge der globalen Wirtschaftskrise stark gesunkenen Kupferpreis so knapp bei Kasse, dass die Devisen nur noch für zwei, drei Tage Einfuhr reichten. Auf dem Boden der Staatsschatulle fand sich gerade einmal die geringfügige Summe von dreißig Millionen Dollar. IWF und Weltbank eilten nun blitzschnell mit dreihundert Millionen zu Hilfe. Seitdem ist sich die Regierung in Kinshasa bewusst, dass es nicht unklug ist, auch mit diesen Institutionen im Dialog zu bleiben und nicht alles Heil von China zu erwarten. Vielleicht sollte man es sich doch besser mit keiner der beiden Seiten verscherzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach monatelangen Verhandlungen kam es im Dezember 2009 zu einem Kompromiss: Die Garantieklausel wurde aufgehoben, und im Gegenzug reduzierte China seine Investitionen von neun auf sechs Milliarden Dollar. Prompt machte der IWF fünfhundertfünfzig Millionen Dollar locker und verkündete, ein Schuldenerlass sei in greifbare Nähe gerückt: Der Kongo brauche dann von den dreizehn Milliarden »nur« noch vier Milliarden zurückzuzahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen macht auch Indien seine Aufwartung als Geschäftspartner des Kongo; auch diese Zusammenarbeit wird der IWF genau beobachten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hohe, weiße Mauer, dahinter gigantische Asphaltmischer: Am 17. Oktober 2008 fuhr ich in Kinsuka am Gelände der CREC entlang, der &#039;&#039;Chinese Railway Engineering Company&#039;&#039;. Kinsuka am Ufer des Kongoflusses ist ein Vorort von Kinshasa, die CREC, eine der chinesischen Staatsfirmen im Konsortium mit dem Kongo, ist eines der größten Bauunternehmen Asiens. Die Firma beschäftigt hunderttausend Arbeiter. Kabila hat ihr ein riesiges Gebiet in der Nähe der Steinbrüche am Flussufer zur Verfügung gestellt, außerdem noch zwei weitere Standorte in der Stadt. Es kursierte das Gerücht, kongolesische Arbeiter würden entlassen, wenn sie Befehle nicht befolgten, selbst wenn die auf Mandarin gegeben würden. Der Monatslohn von hundertfünfzig Dollar würde gegen einen sehr niedrigen Wechselkurs ausbezahlt, sodass sie eigentlich nur siebzig Dollar erhielten.58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings war es mir unmöglich, das Gelände zu betreten, stellte ich bald fest, geschweige denn, Interviews zu führen. Nur die hohe weiße Mauer um das Gelände bekam ich zu sehen, Hunderte Meter lang. Ich fuhr um sie herum. An der Rückseite grenzte das Firmengelände an ein einfaches Wohnviertel. Es gab nur einen Sandweg. Als ich ausstieg, kam ein etwa vierjähriger Knirps angelaufen. Er sah mich an, zeigte auf mich und sagte laut und deutlich, weil Kinder nun mal gern die Dinge benennen, die sie kennen: &#039;&#039;»Chinois!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa wächst eine Generation heran, für die Europäer exotischer sind als Chinesen. Es gibt im Kongo jetzt wieder Kinder, die noch nie einen Weißen in natura gesehen haben, so wie im späten neunzehnten Jahrhundert. Sogar in den einfachen Vierteln von Kinshasa ist es mir mehr als einmal passiert, dass kleine Kinder kreischend wegrannten, wenn ich mit meiner furchterregenden Erscheinung durch ihre Gassen ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwachsene Kongolesen hingegen schwanken zwischen Ost und West. Europa und Amerika werden noch immer wegen ihres Knowhows bewundert, aber viele Menschen fragen sich, warum so wenig davon zu sehen ist, zumal die Chinesen ein Projekt nach dem anderen realisieren. Daraus entsteht der Eindruck, dass der Westen das Interesse verloren hat. Die Wahl Obamas weckte allerdings neue Hoffnung. Der alte Nkasi konnte es gar nicht glauben, als wir uns am Tag nach den amerikanischen Präsidentenwahlen zum ersten Mal unterhielten. Am belebten Kintambo Magasin in Kinshasa jubelten Jugendliche um sechs Uhr morgens nach Obamas historischer &#039;&#039;acceptance speech&#039;&#039;: »Er ist einer von uns! Er ist einer von uns! Er ist ein Mutetela!« Da sein Name mit O anfängt, glaubte man, er gehöre zum Stamm der Batetela, wo Namen wie Omasombo, Okito und Olenga geläufig sind. Aber auch Menschen, die seinen Stammbaum besser kannten, glaubten an ein neues Kapitel in den afro-amerikanischen Beziehungen. Und tatsächlich, Hillary Clinton reiste nach Goma, seit 1997 besuchte zum ersten Mal wieder ein US-Außenminister das Land. Dass sie in den Kongo reiste und nicht nach Ruanda, das ja an Goma grenzt, weckte die Hoffnung, dass Amerika seine kritiklose Pro-Ruanda-Politik korrigieren würde. Ein Sondergesandter für die Region der Großen Seen wurde ernannt, und in seiner Nobelpreisrede im Dezember 2009 sprach Obama mit Nachdruck das Thema sexuelle Gewalt im Kongo an. In der Praxis jedoch hat die amerikanische Regierung noch keine kohärente Sicht auf Zentralafrika entwickelt.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben die Chinesen? Bei meinen Interviews fiel mir auf, dass Kongolesen die Anwesenheit der Chinesen oft mit zwiespältigen Gefühlen beurteilen. Sie betrachten sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Argwohn, ein Paradox, dass sich nicht selten in leichtem Spott äußert. Im zwischenmenschlichen Umgang erfahren sie die Chinesen als eher reserviert, steif und verschlossen. Sie lachen so selten, meinen viele, sie mischen sich nicht unter uns, sie wohnen zu dreißig Mann in einem Haus und vergessen zu leben! Die Sprachbarriere und die großen kulturellen Unterschiede fördern den Kontakt natürlich nicht. Wer für einen Chinesen arbeitet, verhält sich unterwürfig, aber macht hinter seinem Rücken Witze über ihn (nicht über sie, Chinesinnen gibt es im Kongo nicht) – eine ähnliche Haltung wie vor einem Jahrhundert gegenüber den Europäern. Dennoch imponiert vielen das Tempo, mit dem die Baufirmen ihre Projekte durchziehen. &#039;&#039;»Bachinois batongaka kaka na butu«&#039;&#039;, heißt es in einem witzigen neuen Schlager: Die Chinesen bauen immer nachts, und wenn man morgens aufwacht, gibt es schon wieder ein Stockwerk mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeiten liefen zunächst langsam an, aber dann war es beeindruckend, wie die CREC kaum ein Jahr nach der globalen Finanzkrise die Sanierung der Abwasserleitungen und die Neuanlage des Boulevard du 30 Juin im Zentrum von Kinshasa in Angriff nahm, auch wenn alle Bäume dran glauben mussten und die Verkehrsachse auf eine vierspurige Straße reduziert wurde, auf der viele tödliche Unfälle stattfinden. Die Bevölkerung weiß nur allzu gut, dass Kabila die Realisierung seiner viel beschworenen &#039;&#039;cinq chantiers&#039;&#039; an die Chinesen vergeben hat, um seine eigene Untätigkeit zu kaschieren, so wie er die Kriegsführung an die Ruander und die MONUC vergeben hat. Er muss ja etwas vorweisen können zu den Wahlen 2011.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese Wahlen haben inzwischen stattgefunden, und Kabila wurde im Amt bestätigt. Die Opposition bezweifelte die Wahlergebnisse und sprach von Anzeichen für massiven Wahlbetrug; auch westliche Beobachter äußerten Skepsis. Zudem hatte der Präsident seine Chance auf eine Wiederwahl im Januar 2011 durch eine gerissene Verfassungsänderung erhöht: Präsidentschaftswahlen werden nun mit einfacher Mehrheit schon im ersten Wahlgang entschieden, eine Stichwahl findet nicht mehr statt. Gegen eine zersplitterte Opposition hatte Kabila viel größere Chancen als gegen einen einzelnen Gegner, auf den sich die Opposition in einem zweiten Wahlgang geeinigt hätte. (Anm. d. Autors zur deutschen Ausgabe 2012)&amp;lt;/ref&amp;gt; &#039;&#039;Cinq chantiers?&#039;&#039; &#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!&#039;&#039; Immer, wenn Jugendliche einen Chinesen auf der Straße sehen oder eine kongolesische Frau mit einer asiatischen Bluse, rufen sie: »&#039;&#039;Tcheng Tchan Tché!«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es einen Ort im Kongo gibt, wo sich die Hochachtung vor China fast mit den Händen greifen lässt, dann ist es der Bürgersteig vor der chinesischen Botschaft in Kinshasa. An drei Vormittagen in der Woche sieht man hier lange Warteschlangen von Kongolesen, die auf ein Visum hoffen. Manche stellen sich schon um fünf Uhr morgens an. Andere bezahlen einen Straßenjungen, der sich für sie in die Schlange stellt. Ich selber habe hier frühmorgens schon einmal drei Stunden lang gewartet. Es waren hauptsächlich junge Frauen, die nach China wollten, nicht, um sich dort niederzulassen, sondern um Waren einzukaufen: Wenn die Chinesen wegen unserer Erze hierherkommen, dann können wir genauso gut zu ihnen reisen und uns mit ihren Produkten eindecken. Was die CHINA AMITIÉ COMPANY konnte, konnten sie auch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein anstrengender, aber faszinierender Vormittag. Die Botschaft Chinas befindet sich direkt gegenüber dem militärischen Hauptquartier der MONUC. Die Menschen in der Warteschlange störten sich nicht an dem weißen Panzer, in dem ein pakistanischer Blauhelm mit imposantem Schnurrbart die Zufahrt bewachte. Der Mann stand tapfer an seinem MG, hinter einer Mauer von Sandsäcken und großen Rollen Stacheldraht, an den die Straßenkinder ihre Wäsche zum Trocknen hängten. Die Frauen aber wandten der UNO buchstäblich den Rücken und richteten ihre Hoffnung auf den neuen Retter, die Volksrepublik China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Warten kam ich mit Dadine und mit Rosemonde ins Gespräch. Dadine, siebenundzwanzig Jahre, war eine arbeitslose Schauspielerin. Sie hatte von Frauen gehört, die nach Guanghzhou gereist waren, in die große Industriestadt im Süden Chinas, die auf Kantonesisch einfach Kanton heißt. 2007 hatte sie zum ersten Mal ihr Glück versucht und eine Woche lang Hosen, Schuhe, Perücken und Bodysuits eingekauft. Damals war man noch relativ leicht an ein Visum gekommen, nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking waren die Bestimmungen sehr viel strenger geworden. Sie war nur mit ihrer Handtasche aufgebrochen und mit vierundsechzig Kilo Gepäck zurückgekehrt. Sandalen, die sie dort für drei Dollar erstanden hatte, konnte sie in Kinshasa für neun, manchmal sogar für fünfzehn Dollar verkaufen. Einen Laden besaß sie nicht. Sie ging einfach bei Freundinnen oder in den Studentenwohnheimen der Stadt vorbei. »Sie können originelle Sachen kaufen, die viel billiger sind als das, was sie kennen, und ich verdiene auf einmal Geld. Ich bin richtig aufgeblüht, ich bin unabhängig geworden. Ich schaue jetzt nicht mehr auf hundert Dollar. Einen Mann habe ich immer noch nicht, aber es gibt jetzt viel mehr Bewerber.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde, eine verschmitzt wirkende Frau von sechsundzwanzig, dachte in viel größeren Dimensionen. Zusammen mit ihrer Schwester reiste sie schon seit 2006 nach China, auch nach Guangzhou. Ihre Eltern waren tot, sie hatte ein Kind. Keiner von den Wartenden auf dem Bürgersteig vor der Botschaft wollte nach Shanghai, Hongkong oder Peking, Guangzhou war &#039;&#039;the place to be&#039;&#039;. »Ich kaufe da Teller und Gläser für Restaurants, und Maschinen, um Eiswürfel zu machen, und Plasmabildschirme und Computer. Man muss sehen, dass man Sachen findet, die andere nicht importieren, dann kann man einen höheren Preis verlangen. Jedes Mal fülle ich einen Container, für mich ganz allein. Der kommt dann mit dem Schiff nach Boma, Matadi oder Pointe­Noire. So ein Transport kostet zwölftausend Dollar, aber innerhalb von zwei Jahren habe ich fünfzigtausend Dollar verdient und meine Schwester auch. Wir konnten uns beide ein eigenes Haus kaufen.« Junge Frauen, die es sich leisten können, in Kinshasa eine Immobilie zu besitzen: Das hat es noch nie gegeben. So wie die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre Frauen neue Chancen bot, eröffnet heute die globalisierte Variante neue Perspektiven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der kongolesische Markt wird mit billigen chinesischen Waren überhäuft. Die lokale Textilproduktion, eine der letzten verarbeitenden Industrien des Landes, ging deshalb sogar zugrunde. Ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039;, so erklären mir die Frauen, ist nicht zu vergleichen mit dem legendären &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; von Vlisco, aus dem sie ihre besten Kleider schneidern ließen. »Aber was will man? Ein &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039; kostet 120 Dollar und ein &#039;&#039;wax chinois&#039;&#039; nur fünf.« Weil die Kleidungs­stücke, Fernseher und Generatoren &#039;&#039;made in China&#039;&#039; allerdings auffallend schnell defekt sind, gibt es im Lingala nun ein neues Adjektiv: &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;. Es leitet sich ab von Guangzhou und bedeutet »nicht sehr haltbar«, »von schlechter Qualität«. Auch von einer Frau, die fremdgeht, wird inzwischen gesagt, sie sei &#039;&#039;nguanzu&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rosemonde trug einen Pulli mit dem Schriftzug &#039;&#039;Dior, j&#039;adore&#039;&#039;, nein, auf dem Pulli stand &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;, denn man kann nicht erwarten, dass ein chinesischer Fabrikarbeiter neben all seinen Schriftzeichen auch noch das lateinische Alphabet vollkommen beherrscht. China-Reisende wie sie erkennt man in Kinshasa sofort an ihrer Kleidung. Auffälliger und extravaganter, sehen sie fast wie Popstars aus. Eine junge Frau im Minirock oder mit weißen Stiefeln ist fast mit Sicherheit eine Händlerin in Guangzhou. »Sie sind &#039;&#039;guangzhoufiées&#039;&#039;.« Aber Rosemonde hat sich mit dem echten Kennzeichen der neuen Kongolesin ausstatten lassen. Sie streift ihren &#039;&#039;Dior, j&#039;ddore&#039;&#039;-Pulli zurück und zeigt ihre nackte Schulter. Dort, auf ihrer dunklen Haut schwer zu erkennen, prangt der Stolz des dritten Millenniums: ein Tattoo. »In China machen wir unsere Sache gut. Du müsstest es wirklich mal sehen.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 15 www.com ==&lt;br /&gt;
Eine Schnellstraße bei Nacht, aber so fühlt es sich nicht an. Sogar nach Mitternacht weben die Taxis ein unsichtbares Netz, wenn sie immer wieder die Fahrbahn wechseln, um schneller voranzukommen. Dennoch ist es, verglichen mit Kinshasa, mucksmäuschenstill. Kaum Gehupe. Keine dröhnenden DAF-LKW aus vorhistorischen Zeiten, die Schritttempo fahren und Dieselwolken ausstoßen. Keine zerbeulten VW-Busse mit mehr als dreißig Passagieren, die auf Holzbänken sitzen oder, in der letzten Reihe, die Beine durch die Heckklappe hinausbaumeln lassen. Und schon gar keine Schlaglöcher in der Größe von Vulkankratern. Das grün-weiße Taxi gleitet auf einer belebten achtspurigen Straße durch endlose Vorstädte an grauen Wohnanlagen entlang. Als wir uns dem Zentrum nähern, fahren wir über lange Straßenüberführungen, die zwischen Bürogebäuden und Wohnblöcken hängen. Manchmal ist unter und über uns eine Schnellstraße. Ein vertikales Gewebe. Und ganz unten, sehr viel tiefer, sehen wir Essbuden mit Lampions und hellroten Leuchtreklamen. Guangzhou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sitze mit drei Kongolesen in einem Taxi, wir kommen vom Flughafen. Vor einem Tag haben wir Kinshasa verlassen. Kenya Airways brachte uns erst nach Nairobi, wo wir sieben Stunden warten mussten, und dann, mit einer Zwischenlandung in Bangkok, nach Guangzhou, sieben Zeitzonen früher. Die andere Flugroute führt über Dubai. Auch Ethiopian Airlines sind von ihrem Drehkreuz in Addis Abeba aus auf der Strecke aktiv. Seit ein paar Jahren bieten die beiden Fluggesellschaften wöchentlich zehn Verbindungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und Südchina an; die Hinflüge finden mit leerem, die Rückflüge mit übervollem Frachtraum statt. »Warum sollten wir Kleider mitnehmen? Die kaufen wir uns doch dort!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine hatte beim ersten Mal noch Befürchtungen. »Kurz nach dem Start ging ich auf die Toilette. Ich versteckte mein ganzes Geld und meinen Pass unter meinen Kleidern, denn ich hatte gehört, dass man sich vor den Nigerianern in Acht nehmen müsse. Sie betäuben dich mit irgendwas und nehmen dir dann alles weg. Ich hatte fünfzehnhundert Dollar bei mir; die Großhändler reisen sogar mit zwanzigtausend Dollar in der Tasche. Man muss umheimlich aufpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Taxifahrer hat einen sicheren Platz. Der Fahrgastraum ist durch Kunststoffgitter abgetrennt. Wir, die Gefangenen auf der Rückbank, werden unterhalten. Die Sitze sind bequem, und im unteren Bereich der Gitterstäbe ist ein kleiner Fernsehbildschirm angebracht, auf dem Zeichentrickfilme laufen und Hautcreme-Reklame gezeigt wird. Die Lautstärke ist gedämpft. Einer der Kongolesen feilscht vorn mit dem Fahrer um den Preis. Schon seit zwanzig Minuten. Er heißt Georges und spricht fließend Kantonesisch. Nach ein paar Jahren in Guang­zhou hat er die Sprache völlig im Griff. Ich wusste, dass fast alle Kongolesen polyglott sind und leicht neue Sprachen hinzulernen, auch in späterem Alter, aber wie sich jemand Chinesisch ohne Unterricht aneignen konnte, war mir unbegreiflich. Georges fand es nichts Besonderes. Eine junge Afrikanerin habe die Sprache schon nach drei Monaten beherrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi bringt uns in die Nähe des Tianxiu-Gebäudes im Norden der Stadt, direkt an der viel befahrenen Huanshi Dong Lu und dem großen Autobahnring von Guangzhou, in einen Stadtteil mit heruntergekommenen Hochhäusern, Sendemasten, Schienenwegen und chaotischer Urbanität. Dort ist in den letzten Jahren ein wahres afrikanisches Viertel entstanden. Etwa hunderttausend Afrikaner wohnen hier, die meisten nur vorübergehend, einige ständig. Georges hat hier, neben vielen hundert anderen, sein kleines Cargo-Unternehmen. &#039;&#039;Air and ocean freight, full and groupage container&#039;&#039;, steht auf seiner beeindruckenden Visitenkarte. In den nächsten Tagen werde ich feststellen, dass jeder Afrikaner hier so eine imposante Karte besitzt, auffällige Karten auf Englisch, Französisch und Chinesisch mit sechs Handynummern für China und Afrika. In den Sraßen um das Tianxiu gibt es mehrere Hotels, die für zwanzig Dollar pro Nacht sehr komfortable Doppelzimmer anbieten. Sie sind voll mit Afrikanern. Ich werde zehn Tage im New Donfranc Hotel wohnen und keinen einzigen Europäer oder Amerikaner sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Taxi hält an einer Fußgängerzone, wo Hunderte von Menschen unterwegs sind, Männer und Frauen, Chinesen und Afrikaner; nachdem ich eingecheckt habe, erkunde ich die Umgebung; die Läden sind Tag und Nacht geöffnet und bieten Schuhe, Reisekoffer, T-Shirts, Handys und Dessous an; auf der Straße verkaufen Bauern mit Strohhut aufgestapelte Früchte, deren Namen ich nicht kenne, winzige Äpfel, kleiner als Kirschen, die noch an einem Zweig hängen, und Grapefruits, größer als Fußbälle, die geduldig und kunstvoll geschält werden; auf hölzernen Handkarren mit einer Flasche Butangas stehen Männer in Unterhemden und bereiten in Windeseile Essen im Wok zu, während ihnen der Schweiß von der Stirn tropft; schüttelnd vermischen sie Nudeln, Senfkohl, Austernsauce, schwenken den Wok, füllen Schälchen aus Styropor; plötzlich ertönt ein durchdringendes Signal, die Polizei ist im Anzug, sie rennen samt Handkarren weg, während die Gasflamme lustig weiterbrennt – die bläulichen Flammen flackern wie eine Fackel, das Öl zischt hysterisch, die Sojasauce spritzt herum – in wenigen Sekunden sind sie in einer dunklen Gasse zwischen Mülleimern und weghuschenden Ratten verschwunden und lassen ihren Kunden verdattert und ohne Abendessen in der Einkaufsstraße zurück; ich kaufe bei einem alten Bauern ein Kilo Mandarinen, er wiegt sie mit einer Schiebewaage aus Bambus ab, die er sich dicht vor die halb zugekniffenen Augen hält, ich bezahle mit Geld, das ich nicht kenne, weiß nicht mal, ob sie hier in Kilogramm denken, und nicke, um mich zu bedanken, wobei ich mich frage, ob das wohl die richtige Geste ist; der kleine Mann mit dem verwitterten Gesicht lächelt jedenfalls und entblößt dabei zwei verfaulte Zähne; das Hotel ist kein einzeln stehendes Haus, sondern Teil einer labyrinthischen Mall, wo Hunderte von Boutiquen die gleichen Goldkettchen, Imitate von Nokia-Handys und Fußballtrikots verkaufen, Trikots von Barça, von Chelsea, von der niederländischen Elf, auf denen steht: Ruud van Nistelrooy, Nummer 9; ich finde die beiden Lifttüren wieder, die zum Hotel führen, aber als ich in der sechsten Etage aussteige, stehe ich nicht in dem Gang mit den Zimmern, sondern in einem dunklen, mir unbekannten Raum; ich komme mir vor wie in einem Traum; im Dunkeln ertönt leise Saitenmusik, zwei Kois schwimmen träge in einem sanft beleuchteten Aquarium, während mir mit meinem Beutel mit Mandarinen in der Hand allmählich dämmert, dass ich den falschen Lift genommen habe, fragt mich eine äußerst anmutige junge Frau, ob ich wegen der &#039;&#039;very special massage&#039;&#039; komme; als ich kurz darauf dann doch mein Hotelzimmer gefunden habe, lese ich in einer Mappe mit Stadtplänen eine Notiz, die besagt, dass &#039;&#039;according to the provisions of Regulations of the People&#039;s Republic of China on Administrative Penalties for Public Security whoring legally forbidden&#039;&#039; sei, da, wie sich gezeigt habe, &#039;&#039;recently some aliens suffered stealing or robbery during whoring&#039;&#039;; tja, das kann einem also als &#039;&#039;alien&#039;&#039; passieren; trotzdem stecken in derselben Mappe drei Päckchen Kondome, zwei verpackte Slips (&#039;&#039;Antisepsis &amp;amp; Healthy&#039;&#039;) und vier Beutelchen des mir unbekannten South Pole (&#039;&#039;Liexin Resispance&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;the Germ Liquid&#039;&#039;); da diese Beschreibung immer noch nicht viel erklärt, lese ich auf der Rückseite, dass das Produkt aus natürlichen chinesischen Kräutern hergestellt ist und zu 99,9 Prozent Bakterien abtötet &#039;&#039;for male and female privates itch and other social disease&#039;&#039;; es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an; der Jetlag und die Sturzflut an Eindrücken halten mich stundenlang wach; schlaflos zappe ich durch sechsunddreißig Kanäle mit brüllenden Samurai und diskutierenden Geschäftsleuten; schließlich bleibe ich bei einer Unterhaltungsshow hängen, wo Kandidaten in farbenprächtigem Outfit einen heiklen Parcours bewältigen müssen; nur wenige schaffen es, die meisten enden ruhmlos in einem Wasserbehälter, zum großen Vergnügen von Publikum und Moderator, der sich über sie lustig macht; es ist vier Uhr morgens, ich vermisse Kinshasa und ziehe die Vorhänge auf; auf der anderen Seite eines Innenhofs, zwei Etagen tiefer, sitzen vier Männer mit nacktem Oberkörper in einem verqualmten Zimmer und spielen bei fahlem Neonlicht Mahjong; eine Spielhölle, eine Opiumhöhle, wer weiß; ihre Stimmen sind unhörbar, aber ich sehe, dass sie hin und wieder vom Stuhl aufspringen und sich heftig anschreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules Bitulu hat miterlebt, wie sich alles verändert hat. Ich treffe ihn in seinem Büro im zehnten Stock des Taole Building, im hektischen Geschäftsdistrikt Dashatou. »1993 war ich der einzige Afrikaner hier. Ich begann zusammen mit einem Chinesen eine Firma in Shunde, hier in der Nähe, zwei Jahre später sind wir ins Zentrum umgezogen. Für die Chinesen war ich eine Art Außerirdischer, ein Kuriosum. Es gab damals keinen Rassismus, eher Neugier. Wo ich hinkam, wurde mir sofort ein Stuhl angeboten. Heute leben hier etwa zwei- bis dreitausend Kongolesen. Die meisten kommen aus Kinshasa, Lubumbashi, Goma und Bukavu. Fünfhundert von ihnen haben kein Visum und leben hier illegal. Manche kommen mit Drogen in Kontakt, aber es gibt auch viele Nigerianer, die mit kongolesischen Pässen rumlaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guangzhou ist die Hauptstadt der Provinz Guangdong, eines Gebietes mit einem Durchmesser von fünfhundert Kilometern, in dem etwa hundert Millionen Menschen leben, fast zweimal so viel wie im gesamten Kongo. Hier lockerte Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal die Zügel der Staatsökonomie, lange vor Shanghai. Es war schließlich die Region, in der er zur Welt gekommen war. Der große Abstand zu Peking machte sie zu einem sicheren Labor für ein Liberalisierungsexperiment. Guangdong liegt zudem in unmittelbarer Nachbarschaft der freieren Provinzen Hongkong und Macao und durfte zu ihnen in Konkurrenz treten. Dreißig Jahre später ist es die Werkbank der Welt. Die Provinz ist international der wichtigste Produzent von Klimaanlagen, Mikrowellenherden, Computern, Telekommunikationsanlagen und LED-Leuchtprodukten. Guangdong ist der drittgrößte Textilexporteur weltweit und fertigt 30 Prozent aller Schuhe auf diesem Planeten. Die Fabriken von Shenzhen exportieren Spielzeug in die entlegensten Winkel des Globus und lieferten bis vor kurzem zwei Drittel der Weltproduktion an künstlichen Weihnachtsbäumen – gar nicht ohne für ein offiziell atheistisches Gebiet. Auf einer kleinen Fläche werden 12 Prozent der chinesischen Wirtschaft und mehr als ein Viertel des landesweiten Exports realisiert. Dieser unwahrscheinliche Erfolg verdankte sich einem System von stark subventionierten Rohstoffen, aber die Finanzkrise 2008 traf das Gebiet schwer – die chinesischen Staatsbanken konnten sich zwar behaupten, doch ausländische Abnehmer wurden rar. Hunderttausende Arbeiter verloren ihre Jobs. Heute wird versucht, eine rein exportorientierte, auf Serienproduktion basierende Wirtschaft umzuwandeln in eine innovative Wissensindustrie, die auch einen rasch wachsenden lokalen Markt bedienen kann. Und das scheint zu gelingen: Der Telekommunikationsriese Huawei schloss im Krisenjahr 2008 Verträge über mehr als dreiundzwanzig Milliarden Dollar ab, ein Wachstum von 46 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner malerischen Lage im Delta des Perlflusses war Guang­zhou schon immer ein internationaler Handelsplatz. Als Ausgangspunkt der maritimen Seidenstraße kam es schon sehr früh mit dem Christentum und dem Islam in Kontakt. Noch heute stehen dort eine prachtvolle Moschee, die möglicherweise auf das siebte Jahrhundert zurückgeht, das Jahrhundert, in dem der Islam entstand, sowie eine katholische Kathedrale viel jüngeren Ursprungs. Perser, Araber, Portugiesen und Holländer fanden hier ihren Weg. So ist es nicht verwunderlich, dass es auch heute der Nabel neuer Handelsbeziehungen zum Ausland ist, diesmal mit Afrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jules kam 1988 mit einem Studienstipendium nach China. Er gehörte zu einer Gruppe von siebzehn auserwählten Zairern, die im Rahmen der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten in Peking studieren durften. Das erste Jahr war mit Sprachunterricht ausgefüllt, danach studierte er vier Jahre Informatik. Heute spricht er besser Mandarin als die meisten Kantonesen (Kantonesisch ist Peking zufolge keine Sprache, sondern eine Variante der Standardsprache Mandarin) und schreibt die Schriftzeichen mit einem Schwung, den ihm nur wenige Ausländer nachmachen. Ein Afrikaner, der chinesisch schreibt – das ist nicht gerade alltäglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während seines Sprachstudiums sah er eines Tages, dass an der Wand eines Verwaltungsgebäudes das Wort »Demokratie« stand. »Ich fragte mich: Was hat das zu bedeuten? Es herrschte Unruhe, aber ich verstand nicht, worum es ging. Im Fernsehen wurde nicht darüber berichtet. Unser Professor sagte, wir dürften nicht auf den Tiananmen-Platz gehen, aber ich fuhr mit dem Bus hin und sah einen Platz voll, voll, voll mit Studenten. Es gab keine Seminare mehr, alles fiel aus. Bei uns an der Uni standen zwei Särge, voll oder leer, ich wusste es nicht. Als ich wieder in meinem Zimmer war, sah ich vom neunten Stock aus, dass die amerikanischen Studenten mit einem Kleinbus von ihrer Botschaft abgeholt wurden. Auch die Studenten aus den ehemaligen französischen Kolonien wie Gabun verließen das Wohnheim. Wir Zairer blieben als Letzte, bis auch unser Konsul kam und uns abholte. Auf dem Weg zur Botschaft sahen wir verbrannte Lastwagen der Armee auf der Straße stehen. Ein Massaker war im Gange. Japanische Studenten erzählten uns später, dass es sehr gut organisiert gewesen sei, mit LKW zum Abtransport der Leichen und mit Putzkolonnen. Wir schliefen neun Tage in der Botschaft auf dem Fußboden. Es war kalt, und es gab nichts zu essen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als frisch diplomierter IT-Ingenieur in einem Land voller frisch diplomierter IT-Ingenieure fand Jules nicht sofort Arbeit, aber er verfügte über ein anderes Talent: Musik. Als Student hatte er schon zusammen mit den paar Kongolesen in Peking eine Band auf die Beine gestellt, nun schloss er sich einem reisenden chinesischen Orchester an. »Wir zogen sechs Monate lang durch Dörfer im Inland. Ich war in den Provinzen Guangxi, Hunan, Yunnan, Guizhou und Sichuan. Am Anfang spielte ich nur Gitarre, später sang ich auch auf Chinesisch. Für das Publikum war das eine Attraktion. Aber ich fühlte mich nicht wohl. Ich sah keinen einzigen Kongolesen, und wir aßen nicht gut, immer nur dieses chinesische Essen.« Seine Geschichte erinnert an das Schicksal der Kongolesen, die ein Jahrhundert zuvor in Tervuren kampieren durften. Auch damals war ein Schwarzer mehr eine Jahrmarktsattraktion als ein Mensch. »Trotzdem habe ich später, als mein Geschäft schon lief, immer noch Musik gemacht. An den Wochenenden habe ich in einer Reggae-Band in Hongkong gespielt, in der Africa Bar. Später habe ich chinesische Schlager gesungen, in Bars und Restaurants, manchmal zwei bis drei Auftritte am Tag, manchmal sechs Tage in der Woche. Das hat sich finanziell gelohnt. Ich habe auf Mandarin, Kantonesisch und Englisch gesungen. &#039;&#039;Un Congolais, c&#039;est bizarre.&#039;&#039; Ich bin in großen Hotels aufgetreten. Auch viel Karaoke. Ich bin bis an die mongolische Grenze gekommen. Als ich im Jahr 2000 in Peking auftreten musste, traf ich auf sechs kongolesische Studenten ohne Geld und ohne Visum. Ich habe sie nach Guangzhou mitgenommen. Das war der Anfang der kongolesischen Gemeinschaft hier. Sie haben in den Diskotheken gearbeitet. Dieses Phänomen kam damals gewaltig in Mode. Danach haben alle die Musikszene verlassen und ein Business aufgebaut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von einer Jahrmarktfigur zum Migrationspionier. Jules Bitulu war eine Art Peter Stuyvesant des Kongo, begreife ich. Er ist ein begnadeter Erzähler und außerordentlich gut informiert. Ich kritzele während unseres Gesprächs zehn Seiten voll. Er erzählt mir noch, wie es in Guangzhou alles angefangen hatte mit Westafrikanern, die binnen weniger Monate im Jahr 2000 aufgetaucht waren, Senegalesen und Malinesen, sie übernachteten in einem islamischen Hotel beim Tianxiu. Er erzählt, wie leicht man damals an ein Visum kam, sogar für sechs Monate, sogar für ein Jahr. Was für ein Unterschied zu heute, wo man schon froh sein darf über ein Visum für zwei Wochen, seufzt er, und wer in die Illegalität abtaucht, wenn seine Papiere abgelaufen sind, riskiert Haftstrafen von einem Monat bis zu einem halben Jahr. Freigelassen wird man erst, wenn man das Ticket für den Rückflug bezahlen kann. »Inzwischen wird die Situation immer schwieriger, sogar für Leute, die ein legales Visum haben oder eine Aufenthaltserlaubnis so wie ich. Die Flüge werden immer teurer, die Einkaufspreise sind gestiegen, die Frachtkosten sind hoch, der Zoll im Kongo ist unbezahlbar, und der Markt in Kinshasa ist gesättigt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtiges Heimweh nach dem Kongo hat er nicht. »Ich habe die chinesische Kultur in mich aufgenommen. Die Kongolesen müssten sich besser organisieren, so wie die Chinesen. Sie müssten sich als Gruppe organisieren, aber das wollen sie nicht, obwohl sie dann viel niedrigere Preise aushandeln könnten. Es ist ein Virus. Auch der Vertrag, den der Kongo mit China geschlossen hat, ist nicht gut ausgehandelt worden. Keiner in der kongolesischen Delegation sprach Chinesisch. China wird nun schnell ein paar Straßen bauen, die dann nicht instand gehalten werden.« Er spricht aus, was viele Kongolesen in China denken: Dieser Deal, der größte in der Geschichte ihres Landes, war zu überstürzt, das Land wurde gegen ein Taschengeld verkauft. »Ich scheue mich nicht, zu sagen, dass ich mich schäme, ein Kongolese zu sein. Der Kongo war seit der Unabhängigkeit nie ein richtiges Land. Nichts funktioniert. Die Leute denken nur an ihr eigenes Portemonnaie. Ich habe miterlebt, wie sich China in zwanzig Jahren entwickelt hat.« In den Dörfern, in denen Jules Bitulu mit seinen Songs auftreten durfte, besaßen 1990 nicht einmal 5 Prozent der Familien einen Fernseher, Ende 2006 waren es 90 Prozent.1 »Ich habe gesehen, wie Vietnam gewachsen ist. Ich war in Dubai, und ich habe nur noch gestaunt. Dort ist nur Wüste, weißt du, aber trotzdem blühen Blumen, sie verlegen Wasserrohre unterm Rasen. Nein, sie haben ihr Land gut aufgebaut. Wenn Gott die Kongolesen in die Wüste gesetzt hätte, hätten die dann das Gleiche getan? &#039;&#039;Papa, c&#039;est fini!&#039;&#039; Es ist bestimmt nicht der Fehler der Weißen oder von Mobutu, dass es bei uns so schlecht läuft, das sind nur Sündenböcke, das ist die Vergangenheit. Sieh dir die Chinesen an. Sie lernen von Europa, und sie wissen, dass es nicht Zauberei ist, sondern einfach nur Arbeit.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Geschäftsdistrikt Dashatou ist ein Stadtviertel, das ganz im Zeichen der Elektronik steht. Es gibt Shopping Malls eigens für Digitalkameras neben Shopping Malls für Laptops oder LCD-Monitore. Nach dem Gespräch mit Jules Bitulu lasse ich mich dort einfach treiben. So gelange ich in einen fensterlosen Megastore, wo ausschließlich Handys verkauft werden. Hunderte Jungen und Mädchen stehen hinter den Verkaufsständen; wenn sie Hunger haben, essen sie, hinter der Kasse hockend, rasch einen Pappbecher mit Nudeln. Da teilnehmende Beobachtung als ethnographische Methode unübertroffen ist, nehme ich ihre Ware in Augenschein. &#039;&#039;»Chinese copy!«&#039;&#039;, sagen sie freiheraus bei etwas, das aussieht wie ein makelloses iPhone. &#039;&#039;»This one good copy. This one bad copy.«&#039;&#039; Das ist also schon mal klar. &#039;&#039;»This one original&#039;&#039;.« Nein, daran habe ich kein Interesse, an so einem &#039;&#039;owigina&#039;&#039;. Eine echte Imitation scheint mir viel origineller, zumal die Fake-Handys über &#039;&#039;features&#039;&#039; verfügen, die man bei den Originalen vermisst, wie etwa die Möglichkeit, zwei SIM-Karten unterzubringen, sehr praktisch, wenn man viel auf Reisen ist. In der &#039;&#039;brave new world&#039;&#039; verwischt sich die Grenze zwischen Original und Plagiat. Ein Plagiat ist keine einfallslose Imitation, sondern technische Avantgarde. Also erstehe ich ein paar Fake-iPhones und Ericsson-Imitate für etwa fünfzig Dollar pro Stück. Einige davon werde ich demnächst in Kinshasa verkaufen, um mir einen Teil des Flugtickets zurück zu verdienen. Nur weiß ich noch nicht, dass ich statt fünf besser gleich dreißig Stück hätte kaufen sollen: An einem einzigen Tag werde ich sie später zu einem Vielfachen des Preises wieder los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem der Stände lerne ich Enson kennen, einen jungen, hyperaktiven Chinesen, der mit mir in fließendem Lingala plaudert, während er Sim-Karten einsetzt und Batterien wechselt. Nein, er war noch nie im Kongo, sagt er, er arbeitet jeden Tag in diesem fensterlosen Raum, aber viele seiner Kunden sind Kinois, von daher. Französisch spreche er auch nicht; ihm ist nicht bewusst, dass die Hälfte der technischen Fachbegriffe, die er verwendet, französische Wörter sind. &#039;&#039;»Ozana besoin sim mibale?«&#039;&#039; Brauchen Sie eins mit doppelter SIM-Karte? &#039;&#039;»&#039;&#039;A&#039;&#039;y, papa, accessoires mpo na modèle oyo eza te.«&#039;&#039; Monsieur, dieses Modell hat kein weiteres Zubehör.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Tianxiu-Gebäude ist eine Shopping Mall über mehrere Etagen mit greller Neonbeleuchtung und einer Muzak-Kakofonie. Schmale Gänge verlaufen zwischen winzigen Shops mit Glaswänden, in denen außerordentlich zuvorkommende Verkäufer ihre Waren anpreisen. Viele dieser Shops sind die Schaufenster der Fabriken anderswo in Guangdong. Auf einem Abschnitt von zwanzig Metern registriere ich industriell gefertigte Batikstoffe, Flipflops, Sneaker, Stiefel, Anzüge, Trainingsanzüge, T-Shirts, G-Strings, Schmuck, Handy-Ladegeräte, Handys, Ventilatoren, Mückenvernichter, Kettensägen, Generatoren, Mopeds und Schlagzeuge. Sobald der Kunde eintritt, springt der Verkäufer auf. Keine Mühe ist ihm zu viel. Stoffe werden auseinandergefaltet und wieder weggeräumt. Anzüge werden mit einer Stange vom Haken genommen, damit man sie anprobieren und ändern lassen kann. Die Kommunikation verläuft holprig, aber der Taschenrechner erleichtert die Sache. Das bringt Perlen der Pantomime hervor. Der Verkäufer tippt als Verhandlungsbasis einen Preis in Renminbi ein, dem gängigen Namen für den Yuan, und zeigt das Display. Der Afrikaner rechnet in Dollar um, macht ein empörtes Gesicht, sagt: &#039;&#039;»No, no, no!«,&#039;&#039; und tippt einen Betrag ein, der halb so groß ist, worauf der Chinese schmerzlich lächelt, den Kopf schüttelt und eine Zahl eintippt, die ihn nicht ganz so melancholisch stimmt. Daraufhin lässt der Afrikaner geknickt den Unterarm auf die gläserne Theke fallen und blickt verzagt nach draußen. Nach einer dramatischen Pause voller Wehmut und tief empfundener Empörung gibt er einen neuen Betrag ein und dreht den Rechner zum Verkäufer. So geht es eine Weile hin und her, bis der Afrikaner Anstalten macht, einen anderen Laden aufzusuchen und sich dann doch noch neue Möglichkeiten für eine freundschaftliche Einigung abzeichnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Shop verkauft nur Strings, darunter ein irres Modell, das mit der angolanischen Flagge bedruckt ist. Schnüre und Dreiecke haben die Nationalfarben Rot und Schwarz; das kommunistische Logo – ein Zahnrad, ein Buschmesser und ein Stern im jubelnden Gelb des Tagesanbruchs – ist in Höhe des Schambeins aufgedruckt. Als ich mich vorsichtig nach dem Preis erkundige, erfahre ich, dass sie nur in Tausendermengen verkauft werden. &#039;&#039;»Thousand«&#039;&#039;, sagt die Frau, »&#039;&#039;not one«&#039;&#039;, und sie tippt eine Eins und drei Nullen in ihren Taschenrechner ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dadine schwankt, ob sie Jeans mitnehmen soll. Der Preis von sieben Dollar gefällt ihr, in Kin wird sie bestimmt fünfunddreißig dafür bekommen, aber Jeans wiegen ziemlich viel. Eine große Menge passt nicht ins Gepäck, und dann noch der Zoll zu Hause . . . Sie denkt noch mal kurz darüber nach. »Bei uns ist Krieg. Du kommst dann todmüde aus China zurück, und am Flughafen stürzt sich der Zoll auf dich, wenn du auf deine Koffer wartest. Sie verlangen dreißig Dollar pro Tasche, um dich durchzulassen, das kann bis auf hundert Dollar ansteigen, aber sehr oft öffnen sie dein Gepäck mit einem Kugelschreiber oder Schlüssel und nehmen sich einfach ein Hemd oder eine Hose, obwohl du dabei stehst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schwestern Fatima und Fina, Musliminnen, was im Kongo selten ist, stecken in der Klemme. Ich habe sie im Flugzeug kennengelernt und sehe sie ein paar Tage später auf einer Bank sitzen, wo sie vom Shoppen verschnaufen. Sie wollten einen Container mit Tomatenmark in Dosen füllen, erklären sie mir, einen Container von zwanzig Fuß, nicht vierzig, das sei zu teuer, aber in der Fabrik hat man ihnen gesagt, dass die Bestellung erst im Dezember fertig ist. Das bedeutet, dass ihre Konservendosen frühestens im Februar in Kinshasa ankommen werden, viel zu spät für die Feiertage zum Jahresende, auf die sie gesetzt hatten. Vielleicht sollten sie dann eben mit Muskatnüssen handeln? Obwohl, zwischen Januar und Oktober 2008 ist der Preis von 7200 auf 8200 Dollar pro Tonne gestiegen, und in einen Container passen gut und gern zwölf Tonnen. Und dann noch der Transport! Einen 20-Fuß-Container nach Matadi verschiffen zu lassen, kostet 5600 Dollar, für einen 40-Fuß-Container muss man 10.000 Dollar zahlen. Hinzu kommen noch die Einfuhrzölle, und der Kongo verlangt den höchsten Zoll der Welt: bis zu 15.000 Dollar für einen kleinen Container, bis zu 20.000 für einen großen. Sie erklären mir, wie das vonstattengeht. Die offiziellen Tarife sind wie immer Verhandlungssache, aber viele ziehen es inzwischen vor, ihre Fracht nach Pointe-Noire in Kongo-Brazzaville zu verschiffen. Sollten sie sich das nicht auch überlegen? Ein LKW bringt die Fracht dann nach Brazzaville, und dort werden die mehreren hundert Säcke mit Muskatnüssen auf die Fähre nach Kinshasa umgeladen, eine Fähre, auf der der Transport schon seit Jahr und Tag von Rollstuhlfahrern übernommen wird, denn ihnen wird ein Teil der Zollgebühren erlassen. Gelähmte als Träger, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Behinderten, mit denen ich sprach, betrachteten es als ein erworbenes Recht, gegen Bezahlung ihren Rollstuhl, oft eine Art selbst zusammenschweißtes Dreirad, mit Stapeln von Säcken zu beladen, bis sie nichts mehr sehen konnten, um dann als Passagier aufs Boot zu rollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lina ist zweifellos die erfolgreichste junge Geschäftsfrau, der ich hier begegne. Innerhalb von vier Tagen hat sie zwei große Container mit Baumaterialien füllen lassen: Fliesen, Türen, Klimaanlagen, Badkeramik, Sanitärausstattung, Beleuchtung. In Kinshasa findet man heute Toiletten der Marke Aomeikang, Waschbecken der Marke Meijiale und Feuermelder von Hefei Chenmeng, und sogar Toilettenpapier, das Wij Mei heißt. Ihr erster Container ist schon verschlossen, für den zweiten sucht sie noch einige Plasmabildschirme. Wenn sie damit fertig ist, kann sie sich ein paar Kleider nähen lassen. Sie hat Fotos aus einer afrikanischen Illustrierten mitgebracht, die Chinesen sollen es einfach kopieren. Sie hat allerdings stechende Bauchschmerzen. Ihre Cousine ist auch mitgekommen; die überlegt sich, ob sie sich in China einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen sollte, denn warum sollte man nur Waren kaufen, wenn es auch Dienstleistungen gibt? Lina wird schneller, als ihr lieb ist, Bekanntschaft mit dem chinesischen Gesundheitswesen machen. Als ich sie ein paar Tage später wiedersehe, erzählt sie mir, dass sie in einer Klinik war. Die heftigen Bauchschmerzen kommen von einer Blindarmentzündung. »Normalerweise würde ich für eine Operation nach Südafrika gehen«, sagt sie, »aber diesmal lasse ich es in China machen. Die chinesische Medizin soll ja gut sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die afrikanische Diaspora in Guangzhou wird immer bedeutender. Sie wächst weiterhin, und ihre Mitglieder wagen sich immer weiter ins Land vor. Manche leben wie in einer Familie zusammen: Während die anderen Waren einkaufen, bleibt eine Person zu Hause und kocht mit den verfügbaren Zutaten so afrikanisch wie möglich. Andere essen mit Stäbchen, als hätten sie es nie anders gekannt. Ein Kongolese hatte ein Tanzlokal aufgemacht, Chez Edo, nach Ansicht aller Afrikaner, mit denen ich sprach, der beste Schuppen der ganzen Megalopolis, aber die Behörden schlossen ihn, weil die erforderlichen Papiere fehlten. Andere eröffnen einen Frisiersalon oder entwerfen Kleidung. Homosexuelle, die in Afrika einen sehr schweren Stand haben, entdecken in China neue Möglichkeiten und wollen nicht mehr zurückkehren. Ich lernte einen jungen kongolesischen Schwulen kennen, den seine Familie in Kinshasa verstoßen hatte und der in China eine Beziehung mit einem Nigerianer eingegangen war. Für ihn war China nicht das Land der Repression, sondern der Freiheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der großen Händler, Monsieur Fule, ist der informelle »Vorsitzende der kongolesischen Gemeinschaft in Guangzhou«. Obwohl weder das Amt noch die Organisation offiziell existieren, spielt er ein bisschen die Rolle eines Konsuls. Wer in der Stadt ankommt, geht auf einen kleinen Plausch bei ihm vorbei. Als ihn ihn besuche, stapeln sich auf seinem Schreibtisch Kartons mit Damenschuhen. »Ich bin schon seit neun Jahren hier und habe eine Aufenthaltserlaubnis«, sagt er selbstbewusst. Fule war einer der mittellosen Studenten, die Jules Bitulu überredet hatte, mit ihm von Peking nach Guangzhou zu gehen. »Aber für Ausländer ohne Visum haben die Chinesen ein Gefängnis. Die goldenen Jahre sind vorbei. Der Handel ist eine unsichere Sache geworden, nur im Kongo ist es noch viel schlimmer. Das Land ist am Boden und versinkt immer weiter. Alles ist schmutzig, aber dank China sind jetzt immerhin alle ordentlich angezogen.« Den großen Vertrag zwischen beiden Ländern sieht er recht positiv. »Die Sache ist ein bisschen schwammig&#039;&#039;«,&#039;&#039; sagt er, »aber im Kongo werden schon seit Jahren Erze gestohlen. Jetzt werden wenigstens Milliarden dafür bezahlt.« Und zum Schluss erklärt er hinter seiner Wand aus Damenschuhen: »Der Kongo kommt einfach nicht vom Fleck, aber wir gehen trotzdem zurück. Den kongolesischen Migranten in Europa ist ihr Land inzwischen egal, ihr soziales Leben findet jetzt dort statt. Aber wir hier in China merken, dass einen der Handel allein auch nicht zufrieden macht. Irgendwann kehren wir zurück.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Tianxiu, weit oben über den Shops, betrete ich an einem Sonntagmorgen im einunddreißigsten Stock das Büro mit der Nummer 3105. Es ist ein karger Arbeitsplatz, dessen Teppich sich wellt, aber ein kongolesischer Händler hat in diesem Raum seine eigene Kirche mit dem ambitiösen Namen &#039;&#039;Église Internationale pour la Réconciliation&#039;&#039; gegründet. An drei Abenden in der Woche lädt er zum Gebet ein, und sonntags finden zwei Gottesdienste statt, die drei Stunden dauern. Ich merke beim Eintreten sofort, dass Gott in dieser Diaspora etwas von seinem Glanz verloren hat. Er passt zur Einrichtung. Nur acht Gläubige sind erschienen, darunter ein Chinese, der Keyboard spielt. Während einer langen Meditation über einen Bibelvers sagt der Pfarrer: »Das Wort Gottes ist wie der Regen. Der steigt nur zum Himmel auf, nachdem er die Erde bewässert hat, damit wir wissen, . . .« »WAS ERFOLG IST!«, antwortet die Glaubensgemeinschaft im Chor. Dieses Frage- und Antwortspiel haben sie schon öfter gehört. »In all unseren . . .« »PROJEKTEN!« »Damit sie alle . . .« »GELINGEN!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann erheben sich die Gläubigen zum Gebet. Mit geschlossenen Augen und erhobenen Händen reden sie laut durcheinander und erflehen von Gott Stärke und geschäftlichen Klarblick. Der Prediger bittet, auch »unseren Bruder« David ins Gebet einzubeziehen, der heute zum ersten Mal da ist. Beim anschließenden Gesang tanzen die Afrikaner geschmeidig, während der Chinese am Keyboard nur das Gewicht von einem auf den anderen Fuß verlagert. »Es ist nicht leicht für sie«, sagt der Evangelist hinterher zu mir, »sie wissen sehr wenig. Sie wissen nicht mal, wer Abraham ist. Wenn man das alles erst erklären muss . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am späten Nachmittag besuche ich Patou Lelo, einen Händler, der pro Monat hundert bis hundertfünfzig Container nach Afrika verschickt. Er hat den MBA in Wuhan gemacht und lebt jetzt in einem Wohnblock in einer bescheidenen Erdgeschosswohnung, in die nur wenig Tageslicht fällt. Seine kleine Tochter, sie ist fast zwei, spielt auf dem Teppich. Sie hat afrikanische Gesichtszüge, aber asiatische Augen. Ihre Haut hat einen warmen Ockerton.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als ich hier ankam, fragten mich viele Leute, ob sie meine Haut mal anfassen dürften. Sie hielten mich für einen Chinesen, der zu viel in der Sonne gewesen war, und dachten, ich würde wieder weiß werden. Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs war, dachten viele, sie sei Dolmetscherin oder sogar Prostituierte. Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren verheiratet. Ihre Mutter war strikt dagegen. ›Er oder wir!‹, hat sie gesagt. Aber ihr Stiefvater hat uns keine Probleme gemacht. ›Er ist doch ein ruhiger und ernsthafter Mann‹, hat er gesagt. Im Kongo war es genauso: Meinem Vater war es egal, aber meine Mutter hat sich fürchterlich aufgeregt. Erst nach der Geburt unserer Tochter hat sie meine Frau akzeptiert. In China ist die Familie genauso heilig wie im Kongo, es ist nicht so wie in Europa, wo das Paar an erster Stelle steht. Hier sind die Großeltern sehr wichtig, wir sorgen für sie. Das Ehepaar mit einem Kind und die Großeltern, das ist hier die Kernfamilie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf einer Kommode stehen Fotos von Patous Hochzeit. Er und seine Frau sind darauf in chinesischer, japanischer und westlicher Kleidung zu sehen. Ein strahlendes Brautpaar. Sein Cousin und sein Bruder waren aus dem Kongo angereist, und die ganze kongolesische Gemeinschaft aus Guangzhou war dabei. Aber manchmal ist es nicht gerade leicht, räumt er ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist eine völlig andere Kultur, konträr zur kongolesischen. Die Chinesen sind hypernationalistisch. Meine Frau verteidigt jemanden automatisch, nur weil er ein Chinese ist. Sie ist auch atheistisch. Nur wenig Chinesen sind gläubig, oder man zählt den Buddhismus mit, aber das ist &#039;&#039;une petite religion&#039;&#039;. Hier verbrennen sie ihre Toten, das fällt uns sehr schwer. Wenn ein Kongolese stirbt, sammelt unsere Gemeinschaft Geld, damit der Leichnam in den Kongo überführt werden kann. Wirtschaftlich sind sie hoch entwickelt, aber von den Sitten her sind sie rückständig, die Chinesen. Dieses Auf-den-Boden-Gespucke in großen Restaurants . . . Aber ich muss sagen, die chinesischen Frauen sind viel aufgeschlossener als die Männer, und meine Frau sowieso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er weiß, dass er von Glück reden kann, denn in Guangzhou macht sich zunehmend Rassismus breit. Taxifahrer weigern sich immer öfter, Afrikaner mitzunehmen. Sie nennen sie nicht mehr &#039;&#039;hēi rén&#039;&#039;, Schwarze, sondern &#039;&#039;hēi gŭi&#039;&#039;, schwarze Teufel. Die Straßen um das Tianxiu sind bekannt als das »Viertel der schwarzen Teufel« oder &#039;&#039;»chocolate city«&#039;&#039;. Wenn eine Afrikanerin auf dem Markt Gemüse betastet hat, wird es manchmal weggeworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber die Schwarzen tragen auch selber dazu bei. Sie integrieren sich nicht, sie passen sich nicht an. Die Drogengangs von Nigerianern und Typen aus Sierra Leone bescheren uns einen schlechten Ruf, dabei arbeiten viele Kongolosen hier sehr hart.« Härter als im Kongo, meint Patou. »Schau, 100 Prozent ehrliche Menschen gibt es nicht im Kongo. Sie wollen immer nur das schnelle, einfach verdiente Geld. Sie kapieren das Prinzip des Investierens nicht, weil die Familie immer die Hand aufhält. So bleibt nichts übrig, um es neu zu investieren. Aber hier ist der Abstand zur Familie größer, verstehst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast alle seine Angehörigen sind emigriert – sein Bruder lebt in Spanien, seine Schwester in Frankreich, eine andere Schwester in Manhattan. Nur seine alte Mutter ist in Kinshasa zurückgeblieben. Viele Kongolesen gehen ins Ausland, um den erstickenden Familienbanden zu entrinnen. In Krisenzeiten hat die viel gerühmte afrikanische Solidarität etwas Rührendes, aber in Zeiten des Wiederaufbaus führt sie zu einer teuflischen Logik, die langfristige Projekte unmöglich macht: Das bisschen Geld, das verfügbar ist, verflüchtigt sich durch die Verteilung an eine ganze Gruppe sofort. Neuinvestition und Planung stoßen kaum auf Wertschätzung. In China gelingt das besser. Hier kann es nicht passieren, dass Onkel und Cousins einen der Hexerei bezichtigen, wenn man sich weigert, das bisschen Geld, das man verdient hat, zu verteilen, während im Kongo Hexerei als allerletztes Argument vorgebracht wird, um einen zur Solidarität zu zwingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier ist Hexerei kein Thema«, sagt Patou Lelo, offenkundig heilfroh, von dieser höheren Metaphysik befreit zu sein. Im Kongo suchen viele aus Angst vor Hexerei Schutz bei einer Pfingstgemeinde, aber heute Vormittag habe ich gesehen, dass in China tatsächlich kaum Bedarf daran besteht. »Diese Verbreitung falscher Pastoren und Prediger gibt es im Kongo nur wegen der Armut. Aber hier ist die Arbeit wichtiger als die Religion.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuche ich noch Georges in seinem kleinen Büro, den Mann, der mich vom Flughafen abgeholt hat. Auch am Sonntag hat er viel zu tun. »Wir müssen arbeiten, wenn wir jung sind«, sagt er, »man ist schnell alt.« Seine Spedition wirbt mit dem Slogan &#039;&#039;Vous servir, c&#039;est notre devoir&#039;&#039;, und das ist in diesem Fall keine hohle Phrase&#039;&#039;.&#039;&#039; Zwei Mitarbeiter, César und Timothée, mühen sich mit riesengroßen Pappkartons ab und stemmen sie auf eine Waage, von der sie gerade noch die Ziffern ablesen können. Georges telefoniert pausenlos. Kann dieser Container schon verschlossen werden? Wie viel Tonnen können noch dazu? Wann fährt der LKW los? Ist schon jemand zum Flughafen gefahren? Moment mal. David, wie viel Kilo hast du übrig bei deinem Gepäck? Was, vierzig Kilo? Aber was hast du denn gemacht in den vergangenen Tagen? Hast du wirklich nichts gekauft? Nur fünf Handys und zwei Anzüge? Vierzig Kilo, bist du dir sicher? Willst du sie nicht verkaufen? Vierzehn Dollar pro Kilo, okay?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während ich buchstäblich Luft verkaufe, sitzen hinten im Büro Iso und Jodo, zwei junge Chinesen, und verfassen den Text für Formulare. Iso, eine junge Frau mit einer zierlichen Brille, blättert in einem Wörterbuch, sie lernt Englisch und Französisch. Bei einem Kongolesen zu arbeiten bringt neben Geld auch Sprachkenntnisse. An der Wand hängen ein Poster von DHL und eine Weltkarte mit China in der Mitte: Europa und Amerika sind zur Peripherie geworden, Asien und Afrika bilden das neue Zentrum. Waren die europäisch-amerikanischen Beziehungen die wichtigsten interkontinentalen Kontakte im zwanzigsten Jahrhundert, dann werden die chinesisch-afrikanischen Beziehungen die wichtigsten im einundzwanzigsten Jahrhundert sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Wand hängt ein Satz in Lingala: &#039;&#039;»svp&#039;&#039; &#039;&#039;Ndeko awa ezali esika ya mosala«&#039;&#039; – lieber Freund, das hier ist ein Arbeitsplatz. »Ich hab das ausgedruckt und aufgehängt«, sagt Georges, »weil die Kongolesen sonst vorbeikommen, wenn sie quatschen wollen.« Die Betriebsamkeit der Kongolesen in Guangzhou ist phänomenal. Einer der Händler, den ich wegen eines Interviewtermins anrief, sagte: »Heute habe ich einfach zu viel zu tun, aber morgen hätte ich vierzig Minuten Zeit für Sie. Reicht das?« Ein Riesenunterschied zum Kongo, wo nahezu jeder unbegrenzt Zeit hat und die meisten enttäuscht sind, wenn man sich nach vier Stunden schon wieder verabschiedet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als César und Timothée fertig sind mit Wiegen und Aufstapeln, schlagen sie vor, ein Bier zu trinken. Direkt in der Nachbarschaft ist eine Snackbar mit ein paar Stühlen im Freien. Es ist inzwischen dunkel, aber Nacht ist in Guangzhou ein relativer Begriff. Wir sitzen auf der Straße und beobachten die Mädchen aus den Massagesalons gegenüber. Sie tragen weiße Gewänder und ein rotes Band um die Schulter. Sie haben sich in den traditionellen chinesischen Massagetechniken ausbilden lassen und versuchen, Kunden anzulocken. Richtige Massage, erklärt mir César, nicht &#039;&#039;the very special one&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
César ist ein Kapitel für sich. Seine Augen sind blutunterlaufen, und seine Stimme schwankt zwischen heiter und melancholisch. Im Kongo war er jahrelang Polizeikommandant, Kommandant César, so lässt er sich noch immer gern anreden. Er diente unter Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. »Wir hatten noch die schwere Ausbildung. Ich habe mal zwei Tage im Wasser gestanden, bis an die Brust. Ekliges, dreckiges Wasser, wenn man umfiel, war man tot. Oder vier Tage Wache geschoben, ohne Schlaf, kein Problem. Aber 2002 hatte ich es satt. Meine ganze Familie ist ausgeschwärmt, nur meine Eltern sind dageblieben und eine Schwester, die für sie sorgt. Ich bin damals nach Thailand gegangen, und von Thailand aus habe ich versucht, nach Deutschland zu gelangen. Ein Freund von mir, der schon in Deutschland war, hat mir mit DHL seinen Pass geschickt. Aber als ich in Deutschland ankam, haben die Zollbeamten gesehen, dass es nicht stimmte. Ich saß einen Monat im Gefängnis, und dann haben sie mich in ein Flugzeug zurück nach Thailand gesetzt. Von dort aus bin ich in alle Länder gereist: Singapur, Vietnam, Malaysia, Hongkong, Korea, Philippinen . . . Jeden Monat musste ich woanders hin, um meinen Pass verlängern zu lassen. So bin ich in China gelandet, aber mein Visum ist inzwischen abgelaufen. Sie können mich jeden Moment einbuchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stellt sein Glas ab und ruft der Wirtin auf Kantonesisch zu, dass er noch ein Bier möchte. Die Gasse ist grau. Neben unseren Plastikstühlen hockt unbeweglich eine fette Ratte und kaut auf etwas herum. »Hier habe ich eine wunderschöne Frau kennengelernt, mit langen schwarzen Haaren. Sie kam aus dem Westen von China. Sie sah überhaupt nicht chinesisch aus, eher indisch oder russisch, ich weiß nicht.« Uigurisch wahrscheinlich, aber ich unterbreche ihn nicht. Timothée zupft das Etikett von seiner Bierflasche. César beginnt mit seinem zweiten Bier. »Es lief hervorragend. Wir hatten zusammen einen Telefonladen, der brummte richtig. Sie wollte Kinder, aber ich habe schon acht in Kinshasa. Dann begann sie mich in die Enge zu treiben. Sie wollte, dass ich alle Beziehungen zu meinen Freunden und meiner Familie abbrach. Nur noch sie und ich. &#039;&#039;Mais je suis un africain!&#039;&#039;« Er ruft es laut, aber die Ratte rührt sich immer noch nicht. »Ich fühlte mich wie ein Gefangener, ich war kurz davor, mich umzubringen. Aber sie war so schön, auf der Straße sahen sich alle nach uns um. Der &#039;&#039;phone shop&#039;&#039; lief prima. Dann, nach langem Zögern, habe ich Schluss gemacht, es war schrecklich unangenehm. Sie hat den Laden behalten, aber sie hat mich erpresst: Wenn ich noch jemals ins Phonebusiness gehen würde, würde sie mich denunzieren. Und jetzt sitze ich hier. Ohne Job, ohne Visum, ich kann mir nur ein bisschen Geld verdienen bei Georges.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ratte ist weg, und Timothée schlägt vor, tanzen zu gehen. Vielleicht will ich ja mal das Tanzlokal Kama sehen? Das ist was Besonderes. Im Taxi erläutert er mir die Geschichte des Lokals. »Der Besitzer des Kama ist Chinese, seine Frau ist Araberin, und der DJ ist Nigerianer.« Wir kommen in einen pechschwarzen Raum, die Gäste sind Asiaten und Afrikaner. Es wird Chinese Techno, Asian Beat und, wie könnte es anders sein, neben Kupfererz ist es nun mal das wichtigste Exportprodukt des Landes, kongolesische Rumba gespielt. Wir finden einen Tisch und bestellen Bier. Kommandant César ist nach einer Weile wieder obenauf. Er swingt mit zur ansteckendsten aller Nummern, die Afrika im dritten Millennium bereits hervorgebracht hat: »Bouger bouger« von Magic System. Westliche Musik wird nicht gespielt, Pop und Rock sind irrelevante Genres aus den entlegenen Winkeln einer alten Welt. Eine Band bereitet sich auf den Auftritt vor. Der DJ räumt seinen Platz für eine Reggae-Sängerin von den Kapverden, die Begleitband stammt von der Insel Mauritius. Die Go-go-Girls sind drei Sängerinnen von den Philippinen mit Latexstiefel, die viermal so lang sind wie ihre Röckchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In etlichen Nebenzimmern kann man Karaoke-Separees anmieten. César ist es unbegreiflich, warum man denn selber trällern sollte, wenn man sich so einen, ähm, interessanten Auftritt angucken kann. Zwischen den Tischen schlängelt sich ein bildhübsches chinesisches Mädchen durch, das Blumen verkauft und auch einen Teddybären im Angebot hat, der fast so groß ist wie sie. Und auch das begreift César nicht. &#039;&#039;»Les chinois«&#039;&#039;, seufzt er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später gehen wir auf ein Bier in ein Straßencafé im afrikanischen Viertel. Jetzt können wir uns wieder unterhalten, es summt uns noch in den Ohren. Der Verkehr rauscht in roten und gelben Streifen vorbei, Neonreklamen brüllen nach Aufmerksamkeit, Prostituierte schlendern auf und ab. Timothée, der den ganzen Abend eher schweigsam war, kommt in Fahrt. »Ich entdecke so ziemlich was für jeden Geschmack«, lacht er, »Russinnen, Chinesinnen, Thailänderinnen, Tansanierinnen, Ruanderinnen . . . Ha, nein, keine Ruanderinnen, ich hasse sie! Aber die teuersten Frauen sind die aus Afrika, es gibt nicht sehr viele. Für eine Afrikanerin mit schönem Hintern bezahlst du schnell mal zweihundert RMB, damit du einmal darfst. Das sind dreißig Dollar!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oder vierhundert RMB!«, bestätigt César. »Für ein einziges Mal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bezahle immer hundertfünfzig RMB für zwei Mal, manchmal auch nur hundert. Chinesischen Mädchen zahle ich nur dreißig RMB, nicht mal fünf Dollar. Wieso auch nicht? Sie haben nichts und sie tun nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Bangkok hab ich seltsame Sachen gesehen«, lacht César, »Jungs, die zu Mädchen wurden, wirklich! Ihr . . . ihr . . . wie sagt man das? Ihr Dingsbums ist ab, ihr Penis, ja, das ist es. Und danach haben sie ein Loch reingebohrt. &#039;&#039;Vraiment!&#039;&#039;« Er schüttelt wieder den Kopf über dieses seltsame Asien, in das es ihn durch eine Laune des Schicksals verschlagen hat. Wo er doch eigentlich nach Deutschland gewollt hatte. Er sieht den Mädchen auf der Straße nach und lächelt. Seine Augen sind rot, sein Gesicht ist verwittert, aber er hat jetzt etwas Verletzliches. Macht das der Alkohol? Der Liebeskummer? Das Heimweh des Emigranten? »Ich will keine Frau mehr. Nur noch ganz selten nehme ich mal ein Mädchen mit, aber eigentlich fast nie. Meistens steh ich abends im Badezimmer und nehme ein bisschen Duschgel. Das schmier ich drauf und damit entspanne ich mich.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht mehr das Geräusch der Schlitztrommel, die Nachrichten von Dorf zu Dorf weitergab, nicht mehr das dumpfe Wummern des Tamtam, weder das Knallen der Peitsche noch das Glockenläuten der Missionsstation, weder das Dröhnen des Zuges noch das Rattern des Drillbohrers im Minenschacht, nein, es ist nicht mehr das Ticken des Telegrafen, das Knattern des Radios oder das Johlen einer Menschenmenge, worin heute der Herzschlag des Landes ertönt. Nicht im Stampfen von Maniok im Mörser, nicht im Plätschern des Wassers an den Einbaum. Das Herz dieses Landes klopft nicht im Sperrfeuer im Busch, nicht in dem Tisch, der gegen die Wand rumst, während eine Frau schreit, dass sie das nicht will – nein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist Nacht, aber es fühlt sich nicht so an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der neue Kongo hat einen anderen Klang, der neue Kongo hallt wider in der Abflughalle eines Flughafens. Es ist das Geräusch von Klebeband, brauner Rollen Klebeband um Pakete und Schachteln, Klebeband, das schreit, wenn man es abrollt, und schmatzt, wenn man es zerreißt, grrrrraaaa . . . tschack, Klebeband, das schrappt und kreischt und tobt, Klebeband, Meter um Meter, in der Abflughalle des Flughafens, ein leises Fiepen um die Trolleys, wie in einem Brutkasten. Überall Menschen, die ihre Sachen mit braunen Plastikbinden umwickeln. Und dann mit einem Stift ihren Namen und den Stadtteil und die Straße draufschreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kreischen ist kein Jammern, sondern der Schrei neuen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren mir schon beim Einsteigen aufgefallen: zwei Frauen mit Bobfrisur und platinblondem Haar, nein, mit platinblonden Perücken. Sie plapperten vergnügt, schlugen sich abwechselnd auf den Rücken, oder eine lehnte den Kopf an die Schulter der anderen, und sie quietschten vor Vergnügen. Ihre Koffer und Taschen waren im Frachtraum, ihre Namen hatten sie auf das Klebeband geschrieben. Sie trugen beide die gleichen nagelneuen Sachen, eine Hose und eine Bluse mit farbenfrohem Muster. Das Etikett hing noch dran. Das würde ein Auftritt in Kinshasa werden! Wer etwas Neues hat, zeigt es. Schließlich schneiden Männer ja auch nicht das Etikett vom Anzugärmel? Und Kinder nehmen die Plastikumhüllung ja auch nicht von den Fahrradbremsen ab? Na eben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An Bord herrschte ausgelassene Stimmung. Die beiden platinblonden Damen hatten Kopfhörer aufgesetzt und sahen sich einen Zeichentrickfilm an, den sie mit lauter Stimme kommentierten. Wir flogen zurück nach Zentralafrika. Es war erst der zweite direkte Linienflug zwischen Guangzhou und Nairobi; der erste hatte vor zwei Tagen stattgefunden. Keine Zwischenlandung in Bangkok oder Dubai, sondern einfach, direkt, in einem Rutsch über den Indischen Ozean: Es fühlte sich wie ein historisches Ereignis an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nairobi sah ich zwei junge niederländische Touristen mit rot verbrannten Gesichtern zu ihrem Gate spurten. Sie trugen Shorts und Sandalen und hatten eine große Holzgiraffe bei sich, ein Souvenir, in Lokalzeitungen gewickelt. Ich weiß nicht, was genau, aber irgendwas machte mich beim Anblick der Szene wütend. Ich hatte das Gefühl, dass mir in den letzten Tagen ein Blick ins dritte Millenium vergönnt gewesen war und dass ich nun brüsk ins vorige Jahrhundert zurückgeworfen wurde, in das Jahrhundert, in dem Europäer in Afrika Holzgiraffen kauften. Mein Gedankengang war nicht ganz stichhaltig, aber ich war zu müde, um mich um Konsistenz zu scheren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das letzte Stück der Reise flogen wir quer über den Kongo. Die platinblonden Frauen schliefen mit offenem Mund. Durchs Fenster sah ich den großen, moosgrünen Broccoli des Äquatorialwaldes, ab und zu durchschnitten von einem braunen Fluss, der in der Sonne glänzte. Dass die Naturreichtümer und Bodenschätze des Kongo die Weltwirtschaft mit beeinflusst haben, ist sattsam bekannt. Von der Billardkugel und dem Gummireifen über die Patronenhülse und die Atombombe bis hin zum Handy. Aber diese rein utilitaristische Aufzählung schien mir zu beschränkt und abgedroschen, als wäre der Kongo, dieses atemberaubend schöne Land, nur die Vorratskammer der Welt, als habe er außer seinen Rohstoffen nicht viel zur Weltgeschichte beigetragen. Als sei sein Boden von Bedeutung für die ganze Menschheit, seine Geschichte aber eine rein innere Angelegenheit, reich durchsetzt mit Träumen und Schatten. Dabei habe ich in meinen Gesprächen und meiner Lektüre so oft das Gegenteil festgestellt. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war die Kautschukpolitik Anlass zu einer der ersten großen humanitären Kampagnen in der Geschichte. In den beiden Weltkriegen trugen Kongolesen zu entscheidenden Siegen auf dem afrikanischen Kontinent bei. In den sechziger Jahren war der Kongo das Land, in dem der Kalte Krieg auch in Afrika begann, und das Land, in dem die erste große UNO-Operation überhaupt stattfand. Es geht nicht darum, ob das Verdienste der Kongolesen sind, es geht darum, dass die kongolesische Geschichte die Weltgeschichte mit bestimmt und gestaltet hat. Der Krieg von 1998 bis 2003 führte zu der größten und kostspieligsten Friedensmission, die es jemals gab, und zum ersten großen militärischen Einsatz der Europäischen Union in der Geschichte; mit dem CIAT kam danach eine einzigartige Verbindung von multilateraler und bilateraler Diplomatie zustande, die einen intensiven Einfluss auf die kongolesische Politik ausübte. Die Wahlen von 2006 waren die komplexesten Wahlen, die die internationale Gemeinschaft jemals maßgeblich finanziert und organisatorisch abgesichert hat. Der Internationale Strafgerichtshof wird mit der allerersten Verurteilung von Angeklagten, drei Männern aus dem Kongo, eine grundlegende Rechtsprechung ausarbeiten. Es geht darum, dass die Geschichte des Kongo mehrmals von entscheidender Bedeutung für die zaghafte Definition einer internationalen Weltordnung war. Und so ist auch der Vertrag mit China ein wichtiger Meilenstein in einer ruhelosen Welt in voller Bewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie gingen vor mir über den Asphalt, auf dem Weg zum gelben Flughafengebäude. Ein paar Flugzeuge waren kreuz und quer geparkt. Die Düsentriebwerke einer der Maschinen zersägten die Welt. Über dem außerirdischen Dröhnen hing der Geruch von verbranntem Kerosin und mischte sich mit dem Geruch von verbranntem Plastik aus den nahe gelegenen Slums. Die Luft flirrte von der Hitze, schon vormittags. Ich war zu müde gewesen, um sie anzusprechen, zu müde vom Reisen und von den Bemühungen, zu begreifen. Aber ich sah sie dort gehen, noch immer munter und sichtlich stolz auf ihre Reise. Ich sah die blonden Haare ihrer Perücken bei jedem Schritt hochfliegen. Ich sah, wie der Wind ein paar Strähnen zerzauste. Und während sie über den bröckelnden Asphalt eilten, sah ich die Etiketten an ihren Ärmeln in der Morgenluft wehen und tanzen, ausgelassen und spielerisch, als gäbe es etwas zu feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Danksagung ==&lt;br /&gt;
Die Idee zu diesem Buch entstand an einem Abend im November 2003 im Café Greenwich in Brüssel. Ich saß allein an einem Tisch und trank etwas. In den Jahren davor war ich viel im südlichen Afrika umhergereist und hatte darüber geschrieben, nun wollte ich mich zum ersten Mal in den Kongo aufmachen. Zur Vorbereitung meines Trips hatte ich gerade ein paar Buchhandlungen in Brüssel aufgesucht, aber nicht das gefunden, was ich eigentlich suchte. Vielleicht sollte ich es ja selber schreiben, überlegte ich mir dann, denn ich gehöre offensichtlich zu jenem Schlag von Autoren, die halt die Bücher schreiben, die sie selbst gern gelesen hätten. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass ich mich mit diesem spielerischen Einfall an ein Projekt wagte, das mehrere Jahre beanspruchen und mir zahlreiche unvergessliche Begegnungen bescheren würde. Aber schon in einem frühen Stadium entschied ich mich dazu, mich mit ein paar Menschen zu umgeben, deren Urteil ich sehr schätze: Geert Buelens, Jozef Deleu, Luc Huyse und Ivo Kuyl. In guter zentralafrikanischer Tradition nannte ich sie »meine Onkel«: Ich konnte ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wenn es nötig war, und sie brachten mir ihr Vertrauen entgegen, auch wenn ich es noch nicht verdient hatte. Das Wissen um ihre stille Verbundenheit war mir mehr wert, als ihnen bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir war von Anfang an klar, dass dieses Buch, als weit ausholendes Projekt, leichter zustande kommen konnte, wenn ich nicht an eine universitäre Einrichtung gebunden war. Die Freiheit des Schriftstellers war mir mehr wert als die Sicherheit einer akademischen Anstellung. Bei der Finanzierung beherzigte ich die Regel von Amnesty International, kein Geld anzunehmen, das unmittelbar von Regierungen stammte; nur so konnte ich meine Unabhängigkeit bewahren. Deshalb war es ein großes Glück, dass mich fünf Institutionen unterstützten, die alle mit autonomen und oft sogar anonymen Gutachterkommissionen arbeiten. Ich bin dem Vlaams Fonds voor de Letteren (Flämischer Literaturfonds), dem Nederlands Letterenfonds (Niederländischer Literaturfonds), dem Fonds Pascal Decroos voor bijzondere journalistiek (Fonds Pascal Decroos für außergewöhnlichen Journalismus), dem Fonds Bijzondere Journalistieke Projekten (Fonds Außergewöhnliche journalistische Projekte) und dem Netherlands Institute for Advanced Study aufrichtig dankbar für die mir anvertrauten Mittel. Auf zwei meiner zehn Reisen in den Kongo reiste ich im Pressetross eines belgischen Minister-Besuchs mit. Während meiner längeren Aufenthalte unternahm ich des Öfteren Inlandsflüge mit den Maschinen der UNO-Friedenstruppe. Das zu meiner &#039;&#039;embeddedness&#039;&#039;. Ich bekam von keinem Minister Geld, wurde von keinem Unternehmen gesponsert und übernachtete bei keiner NGO. Wenn mich jemand zu etwas einladen wollte, klärte ich ihn frotzelnd darüber auf, dass das auf eigenes Risiko sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unabhängigkeit ist das höchste Gut, aber das bedeutet nicht, dass ich alles im Alleingang machte. Die Ideen vieler anderer Menschen, angefangen bei den zahlreichen Informanten, die in den vorhergehenden Kapiteln zu Wort kamen, inspirierten und bereicherten mich. Sie sind das klopfende Herz des Buches. Mit einigen von ihnen freundete ich mich im Laufe der Zeit sogar an. Aber auch hinter den Kulissen halfen mir viele Menschen. Einige herausragende Kongo-Kenner waren von Anfang an ausgesprochen großzügig mit ihren Informationen. Lieve Joris verhalf mir zu Büchern und Kontakten mit einer Freigebigkeit, die heutzutage Seltenheitswert hat. Walter Zinzen, Filip De Boeck und Benoît Standaert waren unerschöpfliche Quellen des Wissens und der Freundschaft. Guy Poppe, Katelijne Hermans, Ine Roox, Peter Verlinden, Koen Vidal, Maarten Rabaey und John Van­daele waren mehr als bereit, ihre Auffassungen über den Kongo mit mir zu teilen. Mehrere Menschen, die wussten, dass ich an diesem Buch arbeitete, machten mich auf interessantes Quellenmaterial aufmerksam. Ich denke insbesondere an Colette Braeckman, Raf Custers, Roger Huisman, Piet Joostens, Luc Leysen, Alphonse Muambi, Sophie de Schaepdrijver, Mark Schaevers, Vincent Stuer, Margot Vanderstraeten, Pascal Verbeken, Paule Verbruggen und Honoré Vinck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa hatte ich sehr wertvolle Gespräche mit Zizi Kabongo, Annie Matiti, Noël Mayamba, Konsul Benoît Standaert und Johan und Mieke Swinnen, dem ehemaligen belgischen Botschafter und dessen Frau. Chauffeur Didier Catu, Oberst Frank Werbrouck, Botschafter Geoffroy de Liedekerke und Bruder Luc Vansina halfen mir in vielfältiger Weise bei praktischen Problemen. In Kisangani halfen mir Pionus Katuala, Faustin Linyekula und Virginie Dupray. In Bunia genoss ich das Privileg, den Rundfunkjournalisten Jean-Paul Basila zu kennen. In Goma erhielt ich Unterstützung von Sekombi Katondolo, Chrispin Mvano ya Bauma, Cléon Mufingizi und Carine Tchoma. In Bukavu war ich zu Gast bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie. In Lubumbashi unterhielt ich mich ausführlich mit Jules Bizimana, Pater Jo De Neckere und Paul Kaboba. In Ruanda war ich mit Gady Byabagabo unterwegs. In Nkamba, der heiligen Stadt der Kimbanguisten, lernte ich von dem jungen Journalisten Tétys Danaé Samba viel dazu. In Nsioni war es etwas Besonderes, Doktor Jacques Courtejoie und seinen Freunden Roger Zimuangu und Clément Nzungu zuzuhören. In Boma lernte ich den wunderbaren Stadtarchivar Placide Munanga kennen, der mir etwas über die Geschichte seiner Stadt erzählte. In Kikwit unterhielt ich mich stundenlang mit dem Schulleiter Rufin Kibari Nsanga, dessen Schreibtisch buchstäblich verschüttet war von Büchern und Dokumenten. Die Begegnung mit ihm war ein Fest. Sein historisches Wissen war verblüffend und wurde nur übertroffen durch seine historische Neugier und seine herzliche Gastfreundlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der MONUC hatte ich während der Nkunda-Offensive 2008 spannende Begegnungen mit William Elachi, Sylvie van den Wildenberg und Bernard Kalume. In China lernte ich viel dazu bei den Gesprächen mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsrepräsentanten Koen De Ridder, dem kongolesischen Journalisten Jaffar Mulassa und den afrikanischen Geschäftsleuten Georges Ndjeka, Dadine Musitu und Lina Garcia Mendes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während meiner Reisen begegnete ich immer wieder Journalisten und Wissenschaftlern, von denen ich interessante Dinge erfuhr. Ich denke insbesondere an Caty Clement, Samuel Turpin, Greg Mthembu-Salter, Kipulu Samba, Hery Mambo, Delphine Schrank und Kristien Geenen. Meist war ich allein, aber es war phantastisch, einige Male in Begleitung kluger Reisender wie Jan Goossens, Carl De Keyzer und Stephan Vanfleteren unterwegs zu sein. Kris Berwouts, der Direktor von EurAc, dem europäischen Netzwerk von NGO, die in Zentralafrika aktiv sind, lernte ich auf einem Flug von Kinshasa nach Bukavu kennen. Auch ohne den Beinahe-Crash bei der Landung in Bukavu wären wir Freunde geworden, aber als wir beide unversehrt aus dem Flugzeug stiegen und durch das hohe Gras, den strömenden Regen und den roten Schlamm wegrannten von einer Maschine, die noch immer explodieren konnte, wurde uns bewusst, dass wir sehr viel Glück gehabt hatten und dass uns künftig nicht nur die Liebe zum Kongo, sondern auch die Liebe zum Leben verbinden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Phase, als ich das Buch niederschrieb, durfte ich regelmäßig die Historiker Jean-Luc Vellut, Daniel Vangroenweghe, Zana Aziza Etambala, Guy Vanthemsche und Vincent Viaene um Rat fragen, die Anthropologen Filip De Boeck, Peter Geschiere, Klaas de Jonge, David Garbin und Anne Mélice, die Kunsthistoriker Roger Pierre Turine und Sabine Cornelis, die Archäologin Els Cornelisen, den Wirtschaftswissenschaftler Frans Buelens und die Cineastin Valérie Kanza. Walter und Alice Lumbeeck und Frans und Marja Vleeschouwers, Freunde meines Vaters aus den frühen sechziger Jahren, halfen mir, die belgische Sicht auf die Abspaltung Katangas zu begreifen, während Michel und Edith Lechat und Jean Cordy außergewöhnliche Informanten waren, wenn es um die Kolonialzeit ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Menschen, denen ich nie persönlich begegnet bin, waren bereit, meine Mails und telefonischen Anfragen zu beantworten. Reverend Martin M&#039;Caw, Robert Lay, Julian Lock und Betty Layton halfen mir mit Informationen über die erste Generation protestantischer Missionare. Aldwin Roes, Fien Danniau, Nancy Hunt, Myriam Mertens, Bob White, Bodomo Adams und Bram Libotte sandten mir unveröffentlichte Manuskripte zu, während Dominiek Dendooven, Didier Mumengi, Steven Spittaels und Didier Verbruggen michatte. Auch Bogumil Jewsiewicki, Tom De Herdt, Stefaan Marysse und Erik Kennes halfen mir mit Informationen an Punkten, an denen ich nicht weiterkam. Odette Kudjabo erzählte mir am Telefon von ihrem Großvater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte. Michel Drachoussoff sprach über seinen Vater, dessen Kriegstagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg so fesselnd war, und Dorothée Longeni Katende erzählte von ihrem Großvater Disasi Makulo, den sie leider nie kennengelernt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Manuskript dieses Buchs fertig war, ließ ich alles von einigen Experten durchsehen. Vincent Viaene, Guy Vanthemsche und Filip Reyntjens beugten sich jeweils über die Kapitel zum Freistaat, zu Belgisch-Kongo und zum unabhängigen Kongo, und Frans Buelens kontrollierte die Passagen mit ökonomischen Sachverhalten. Ihnen allen bin ich sehr dankbar für ihren kritischen Blick und ihre Kommentare. Es ist in der niederländischen Literatur unüblich, sich bei Lekt Studio in Kuregem, dem viel diskutierten »Problemviertel« in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht; dort hatte ich allerdings mehr Probleme mit den Polizeihubschraubern, die im Rahmen einer &#039;&#039;zero tolerance&#039;&#039;-Politik wochenlang über den Häusern kreisten, als mit dem Viertel selbst, in dem ich schon seit vier Jahren mit Vergnügen arbeite. Ich hätte mir keinen besseren Platz in Europa erträumen können, um ein Buch über den Kongo zu schreiben: Mein Arbeitszimmer geht auf die Straße hinaus, wo täglich Dutzende Gebrauchtwagen den Besitzer wechseln, bevor sie nach Zentralafrika verschifft werden. An den Straßenecken hängen überall Plakate für Auftritte von Werrason oder Gebetsheilern. Von außen betrachtet scheint dieses Viertel in Belgien schlecht integriert zu sein, höre ich manchmal, aber von hier aus gesehen scheint Belgien eher schlecht in die Welt integriert zu sein. Kuregem ist eine Lektion in Globalisierung und auch in Empathie und Engagement.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Lektionen dieser Art ist die Koninklijke Vlaamse Schouwburg in Brüssel vielleicht die beste Schule. Meine Recherchen über den Kongo verliefen ungefähr synchron mit dem künstlerischen Kongo-Projekt der KVS, einem längerfristigen Austauschprogramm zwischen kongolesischen und belgischen Künstlern. Ich war beim Start des Projekts beteiligt, leitete mehrere Workshops für kongolesische Autoren in Kinshasa und Goma und arbeitete unterdessen selbst an meinem Theatermonolog &#039;&#039;Missie&#039;&#039; (Mission), der in der KVS uraufgeführt wurde. Die phantastische Arbeit von Menschen wie Jan Goossens und Paul Kerstens überzeugte mich davon, dass die große gesellschaftliche Debatte oft mit größerer Intensität in solchen Freiräumen für das kritische Denken geführt wird als an vielen Universitäten oder in den stets kommerzielleren Medien. Einige meiner mir liebsten Freunde im Kongo lernte ich über diesen Weg kennen. Ich denke insbesondere an die Autoren Bibish Mumbu und Vincent Lombume, an die Theatermacher Papy Mbwiti und Jovial und Véronique Mbenga, an die Schauspielerinnen Starlette Mathata und Dadine Musitu, an den Cineasten Djo Munga, den Choreographen Faustin Linyekula, den bildenden Künstler Vitshois Mwilambwe und den Bildhauer Freddy Tsimba. Sie haben mir nicht nur geholfen, ihr Land zu verstehen, sondern auch, es zu lieben, denn ein Land, das solche intelligenten und mutigen Künstler hervorbringt, ist alles andere als verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Buch hätte ich ebenso wenig ohne die Nähe einiger sehr teurer Freunde in Europa schreiben können: Natalie Ariën, Geert Buelens, Emmy Deschuttere, Jan Goossens, Maaike Pereboom, Grażyna Plebanek, Stephan Vanfleteren, Francesca Vanthielen und Peter Vermeersch unterstützten mich jeder auf seine Weise während der langen Arbeit an diesem Text. Vor allem aber bedanke ich mich bei Bernadette De Bouvere und Tomas Van Reybrouck, meiner Mutter und meinem Bruder, für ihre unerschöpfliche Klugheit und Wärme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Brüssel, April 2010&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zu den Quellen ==&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Allgemein&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kongo. Eine Geschichte&#039;&#039; ist das Ergebnis von viel Zuhören und Lesen. Meine Quellen habe ich so minutiös wie möglich in den Anmerkungen angegeben, aber einige davon verdienen zusätzliche Aufmerksamkeit. Weil ich ihnen zu besonderem Tribut verpflichtet bin, weil es wissbegierigen Lesern auf die Sprünge helfen kann oder einfach, weil ich meine Begeisterung darüber unbedingt mit anderen teilen möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Buch, das ich im Handgepäck hatte, als ich zum ersten Mal in den Kongo flog, war &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039; von Georges Nzongola-Ntalaja (London 2002): eine exzellente, passionierte Einführung in die Geschichte des Landes, die ich allerdings am Ende des Fluges versehentlich im Fach des Sitzes vor mir zurückließ. Auch mein zweites Exemplar ist voller Bleistiftanstreichungen, ebenso das Standardwerk von Isidore Ndaywel è Nziem: &#039;&#039;Histoire générale du Congo&#039;&#039; (Paris 1998). Dieses Buch ist sehr viel akademischer als das andere, aber es hat mich oft durch seine Vollständigkeit, die umfassenden Interpretationen und die zahlreichen Karten angesprochen. Beim Schreiben lag es immer neben mir. Ein weiteres praktisches Nachschlagewerk, in dem ich regelmäßig blätterte, war das &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039; von Emizet Kisangani und F. Scott Bobb, das kürzlich in dritter Auflage erschienen ist (Lanham 2010). Jean Jacques Arthur Malu-Malu schrieb mit &#039;&#039;Le Congo Kinshasa&#039;&#039; ein lesbares und persönliches Übersichtswerk, das viel zu wenig bekannt ist (Paris 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur ersten Orientierung in den Epochen und Themen begann ich mit den renommierten Nachschlagewerken. Die Kapitel über Zentralafrika in der siebenteiligen &#039;&#039;Cambridge History of Africa&#039;&#039; sind auch nach zwei Jahrzehnten immer noch ausgezeichnet. Ich las sie neben den – häufig von afrikanischen Wissenschaftlern verfassten – Beiträgen in der achtteiligen &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique&#039;&#039;. Das kürzlich erschienene Werk &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires&#039;&#039; (Edinburgh 2008) von Prem Poddar et al. half mir mit seinen thematischen Resümees und hilfreichen Ausgangsbibliographien auf die Sprünge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Lektüre einiger älterer Bücher lohnt noch immer, etwa &#039;&#039;The River Congo&#039;&#039; von Peter Forbath (New York 1977) zur vorkolonialen Zeit und &#039;&#039;Leopold to Lumumba&#039;&#039; von George Martelli (London 1962) zur Kolonialzeit. Robert Cornevin schrieb &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville)&#039;&#039; (Paris 1963), ein erhellendes, aber etwas eurozentrisches Werk, dessen brillante Karten vieles wettmachen. Die Sammlung von Jean Stengers&#039; Aufsätzen in &#039;&#039;Congo: mythes et réalités&#039;&#039; (Paris 1989) ist nach wie vor überaus wichtig, insbesondere im Hinblick auf seine Analysen des Freistaates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Funktionsweise der kolonialen Wirtschaft verfügt der niederländischsprachige Leser seit kurzem über ein hervorragendes Nachschlagewerk: &#039;&#039;Congo 1885-1960. Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039; von Frans Buelens (Berchem 2007). Neben der Geschichte der einzelnen im Kongo in jener Zeit tätigen Unternehmen bietet das Werk eine gute Übersicht über die Entwicklung des kolonialen Kapitalismus. Zur sozialen Dimension jenes Kapitalismus siehe unter anderem die Klassiker von Pierre Joye und Rosine Lewin, &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Michel Merlier, &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039; (Paris 1962). Speziell um die sozialen Aspekte des Bergbaus in Katanga geht es in dem Werk des kongolesischen Historikers Donatien Dibwe dia Mwembu, der sich auf sehr viele mündliche Quellen stützt: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999)&#039;&#039; (Lubumbashi 2001) und &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997&#039;&#039; (Paris 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus wurde lange Zeit als eine Art Einbahnstraße von der Metropole in die Kolonie gesehen, von Europa nach Afrika. Seit kurzem ändert sich diese Sicht, und Wissenschaftler erforschen die Rückwirkung des kolonialen Abenteuers auf Europa. In seinem interessanten Buch &#039;&#039;Congo. De impact van de kolonie op België&#039;&#039; (Tielt 2007) wies Guy Vanthemsche überzeugend nach, dass nicht nur Belgien den Kongo geprägt hat, sondern der Kongo auch Belgien. Er fokussiert insbesondere auf die belgische Wirtschaft und die Innen- und Außenpolitik. Zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens habe ich ein Buch herausgegeben, das sich mit dem kolonialen Einfluss auf andere Bereiche der belgischen Gesellschaft wie Kultur, Religion und Wissenschaft beschäftigt: &#039;&#039;Congo in België. Koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven 2009). Nicht nur für diesen Verkehr in beide Richtungen, auch für die Diversität der kolonialen Anwesenheit ist ein zunehmendes Interesse zu verzeichnen. Neben Belgiern waren ja auch Griechen, Portugiesen, Skandinavier und Italiener in Belgisch-Kongo aktiv. Bücher wie &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039; (Brüssel 2007) von Georges Antipas über die griechische Gemeinschaft im Kongo und &#039;&#039;Moïse Levy, un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039; (Brüssel 2000) von Milantia Bourla Errera erweitern das historische Blickfeld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu verschiedenen Teilaspekten liegen interessante diachrone Studien vor. Aufgrund ihrer transversalen Perspektive führe ich sie bereits hier auf. Zum Thema Bildungswesen und Wissenschaft lese man das Werk von Ruben Mantels: &#039;&#039;Geleerd in de tropen. Leuven, Congo&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039; (Leuven 2007) neben Benoît Verhaegens Buch &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza, 1958-1978&#039;&#039; (Paris 1978). Zur Architektur siehe &#039;&#039;Kuvuande Mbote. Een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039; von Bruno De Meulder (Antwerpen 2000) und &#039;&#039;Kongo zoals het is. Drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039; (Gent 2002) von Johan Lagae. Zur kongolesischen Popmusik (die stets mehr als einfach nur Musik ist) siehe Gary Stewart: &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000). Zur Literatur siehe Silvia Riva: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa&#039;&#039; (Paris 2000). Zum Film und zur visuellen Kultur siehe Guido Convents: &#039;&#039;Images &amp;amp; démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039; (Leuven 2006). Und zur bildenden Kunst siehe Roger Pierre Turine: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours&#039;&#039; (Brüssel 2007). Die Abbildungen in diesem Buch sind phantastisch. Oft leisten die zeitgenössischen Künstler einen vielschichtigen Kommentar zur Geschichte ihres Landes. Das gilt mit Sicherheit auch für die kongolesischen Dichter, die Antoine Tshitungu Kongolo in der schönen Anthologie &#039;&#039;Poète ton silence est crime&#039;&#039; (Paris 2002) vereinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige andere Bücher erstaunten, überraschten und verwirrten mich einzig und allein durch Abbildungen: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039; (Tielt 2010) von Carl De Keyzer und Johan Lagae demontiert alle vorhandenen Klischees über den Kongo-Freistaat durch eine großartige Auswahl aus der Sammlung von Glasplattennegativen des Koninklijk Museum voor Midden-Afrika (Königlichen Museums für Zentralafrika) in Tervuren. Mindestens so verwirrend, was den heutigen Kongo betrifft, sind &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039; (Tielt 2009), ebenfalls von Carl De Keyzer, und &#039;&#039;Congo Eza&#039;&#039; (Roeselare 2008) von Mirko Popovitch und Françoise De Moor mit Aufnahmen zeitgenössischer kongolesischer Fotografen. Da ich Fotografie zu sehr als eine autonome Sprache schätze, enthält mein Buch kein anderes Bildmaterial als Karten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Einleitung&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die allgemeine geographische Übersicht in der Einleitung stellte ich aus einem Wust von Quellen im Internet und in meinem Bücherschrank zusammen. Eine hilfreiche und mit zahlreichen Karten versehene Darstellung ist &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039; von Marie-France Cros und François Misser (Brüssel 2006).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meinen Versuch, eine &#039;&#039;history from below&#039;&#039; zu verfassen anhand von Interviews mit Menschen, deren Sichtweise meist keinen Eingang in die geschriebenen Quellen findet, probierte ich zum ersten Mal in einem Seniorenheim in Brügge im Jahr 2007 aus. Dort befragte ich behutsam alte Menschen, die nie im Kongo gewesen waren, nach ihren Erinnerungen an die Kolonialzeit; ich wollte gern wissen, was sie damals dachten, und vor allem, was sie damals taten (Stanniolpapier sammeln, wie sich herausstellte, und für Missionsstationen nähen, »Angeln« auf dem Kirchenjahrmarkt, der jedes Jahr zu Gunsten der Mission stattfand, und sehr viel beten für die »kleinen Kongolesen«). Diese Recherchen und die methodologischen Möglichkeiten und Schwierigkeiten dieser Arbeitsweise, einer Kombination von &#039;&#039;oral history&#039;&#039; und &#039;&#039;material culture studies&#039;&#039;, arbeitete ich in einem Sammelband aus, den ich zusammen mit Vincent Viaene und Bambi Ceuppens verfasste: &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039; (Leuven, 2009). Aber meine Analyse war nicht mehr als eine Explikation der Arbeitsweise, die ich in meiner journalistischen und literarischen Arbeit (wie in dem Theaterstück &#039;&#039;Mission&#039;&#039;) schon seit längerem anwende, sowie meiner Überzeugung, dass die am meisten unterschätzten Archive im Kongo die Menschen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung, die ich der vorkolonialen Zeit beimesse, ist, außer meinem Hintergrund als Archäologe für Vorgeschichte, in hohem Maße dem Klassiker von Eric Wolf, &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;  (Berkeley 1982) zu verdanken. Die früheste Besiedlung des Kongo ist nahezu unbekannt, wie Graham Connah in &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039; (London 2004) bemerkte. Auch neuere Übersichtswerke füllen diese Lücke nur sehr partiell, siehe unter anderem Ann Brower (Hg.), &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction&#039;&#039; (Oxford 2005) und insbesondere Lawrence Barham und Peter Mitchell, &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers&#039;&#039; (Cambridge 2008). Für die Momentaufnahme des Lebens vor etwa neunzigtausend Jahren habe ich mich deshalb auf die Ausgrabungen von John E. Yellen in Katanda gestützt: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 1996. Für eine gute Zusammenfassung der Entstehung modernen menschlichen Verhaltens in Afrika siehe: Sally McBrearty und Alison S. Brooks, »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000). Für meinen Schnappschuss des Pygmäenlebens um das Jahr 2500 v. Chr. machte ich dankbar Gebrauch von neueren Forschungen von Julio Mercader, »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests&#039;&#039; (New Brunswick 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Zeitraum um das Jahr 500 und das Phänomen der Bantu-Wanderung lernte ich besser kennen durch Jan Vansinas beeindruckendes Buch &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa&#039;&#039; (Madison 1990), ergänzt durch das gewissenhaft genaue archäologische Werk von Hans-Peter Wotzka, &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039; (Köln 1995). Über Trommeln und Trommelsprachen informieren John Carrington, &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039; (Kinshasa 1974) und Olga Boone, &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039; (Tervuren 1951).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entstehung der ersten Staaten begriff ich besser nach der Lektüre von Jan Vansinas hervorragendem ethnohistorischen Werk. Für meine viel zu summarische Skizze der lokalen Königreiche in der Savanne benutzte ich seinen Klassiker &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039; (Léopoldville 1965) und sein &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039; (Charlottesville 2004). Für das Kongo-Reich um das Jahr 1560 stützte ich mich auch auf Anne Hilton, &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039; (Oxford 1985), David Northrup, &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039; (New York 2002) und Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039; (Kinshasa 2004).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Momentaufnahme um 1780 und die Auswirkungen des atlantischen Sklavenhandels machte ich ausgiebigen Gebrauch von der meisterhaften Studie von Robert W. Harms: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039; (New Haven 1981).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 1&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel machte dankbar Gebrauch von dem in Europa nicht erhältlichen Buch von Makulo Akambu, &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu&#039;&#039; (Kinshasa 1983). Es enthält den Niederschlag der Lebensgeschichte, die der betagte Disasi Makulo seinem Sohn diktierte. Ich bekam es durch einen glücklichen Zufall in die Hände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl über Entdeckungsreisende in Afrika ungeheuer viel geschrieben wurde (siehe u. a. Christopher Hibbert, &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039; (London 1982)), existiert kein wirklich systematisches Übersichtswerk für die Zeit von 1870-1885. Tim Jeals hervorragendes Buch &#039;&#039;Stanley: The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039; (London 2007) ist jedoch mehr als eine außerordentlich reich dokumentierte und differenzierte Biographie: Es entfaltet das Panorama eines ganzen Zeitalters. Einen Einblick in die turbulente Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erwarb ich dank Jan Vansina, »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976), Jean-Luc Vellut, »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880&#039;&#039; (Paris 1996) und David Northrup, »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in H. Médard und S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa&#039;&#039; (Oxford 2007). Ausführlichere Informationen über den islamischen Sklavenhandel finden sich bei Edward A. Alpers, &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa&#039;&#039; (London 1975), Abdul Sheriff, &#039;&#039;Slaves, Spices&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Ivory in Zanzibar&#039;&#039; (London 1987) und Ronald Segal, &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039; (New York 2001). Zum Leben und zur Tätigkeit der zwei mächtigsten afro-arabischen Händler im Kongo siehe François Bontinck, &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039; (Brüssel 1974) und Auguste Verbeken, &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1956).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die einheimischen Reaktionen auf europäische Entdeckungsreisende siehe: Frank McLynn, &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa&#039;&#039; (London 1992). Johannes Fabian wechselte die Richtung des anthropologischen Blicks und verfasste eine eindringliche ethnographische Studie über die Entdeckungsreisenden: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa&#039;&#039; (Berkeley 2000). Dokumentarisches Material über die erste Generation Missionare erhielt ich mit Hilfe von E. M. Braekman, &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Ruth Slade, &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908&#039;&#039; (Brüssel 1959).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literatur über die Aufteilung Afrikas ist umfangreich. Thomas Pakenham schrieb das dickleibige Werk &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912&#039;&#039; (London 1991), aber für den internationalen Kontext, in dem Köning Leopold manövrierte, hatte ich am meisten an der glasklaren und gut lesbaren Analyse von H. L. Wesseling, &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039; (Amsterdam 1991). Wesseling stützte sich wiederum stark auf das Werk von Jean Stengers, das nach wie vor &#039;&#039;ein Muss&#039;&#039; ist: &#039;&#039;Congo, mythes et réalités: 100 ans d&#039;histoire&#039;&#039; (Paris 1989). Stengers&#039; Aufsatz »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid« in G. Janssens und J. Stengers, &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet&#039;&#039; (Brüssel 1997) bietet ein Update anhand besonderer Archivalien. Die Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen van België (Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften) veröffentlichte zwei wichtige Sammelbände über die Geschehnisse zwischen 1876 und 1885: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039; (Brüssel 1976) und &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 2&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Debatte über den Kongo-Freistaat wird schon seit mehr als einem Jahrzehnt von Adam Hochschilds Buch &#039;&#039;King Leopold&#039;s Ghost. A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa&#039;&#039; (Boston/New York 1998) dominiert. Der Verdienst dieses Werks bestand darin, dass es ein großes Publikum über die Missstände im Kongo aufklärte und wissenschaftliche Erkenntnisse zugänglich und spannend machte. Leider sprach daraus mehr ein Talent für Empörung als für Differenzierung; Hochschilds Perspektive erwies sich mehrmals als sehr manichäistisch. Um die Komplexität einer Figur wie Leopold zu verstehen, hatte ich mehr von den bereits erwähnten Studien von Jean Stengers, aber auch von neueren Forschungsarbeiten, die ihn in den Kontext seiner Zeit stellten. Jan Vandersmissen arbeitete in seiner Dissertation den Einfluss der geographischen Wissenschaft heraus: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II (Gent 2008). Vincent Viaene beleuchtete das imperialistische Fieber in der belgischen &#039;&#039;high society&#039;&#039; und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die nationale und soziale Agenda des Königs: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-90. Jean-Luc Vellut erforschte vor kurzem den afrikanischen Kontext von Leopolds Kolonialismus (»Contextes africains du projet colonial de Léopold II.«, unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve, März 2009). Siehe auch die Beiträge von Viaene, Vellut und Vander­smissen in Vincent Dujardin, Valérie Rosoux und Tanguy de Wilde d&#039;Estmael (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; (Tielt 2009). Eine definitive Biographie von Leopold II. steht allerdings noch immer aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine differenzierte Sicht auf die Beamten, Händler und Militärs des Freistaates fand ich in L. H. Gann und Peter Duignan, &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039; (Princeton 1979). Der von Jean-Luc Vellut herausgegebene Ausstellungskatalog &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039; (Tervuren 2005) ist bemüht, alte und neue Klischees über den Freistaat zu umgehen. Einige Wissenschaftler leisteten Pionierarbeit bei ihren Forschungen über die Kautschukpolitik in den sehr verstreuten Archiven: Daniel Vangroenweghe mit &#039;&#039;Rood rubber&#039;&#039; (Brüssel 1985) und &#039;&#039;Voor rubber en ivoor&#039;&#039; (Leuven 2005), Jules Marchal mit &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de Kongostaat&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II (Antwerpen, 1989, erschienen unter dem Pseudonym A. M. Delathuy).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Freistaat umfasste natürlich mehr als die Gräuel der Kautschukpolitik. Eine gute Übersicht bot Jean Stengers und Jan Vansina »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in R. Oliver und G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905&#039;&#039; (Cambridge 1985), S. 315-358. Daran orientierte ich mich bei der Unterteilung in die Zeiträume vor 1890/nach 1890. Analysen der internationalen Diplomatie und der Grenzproblematik finden sich in den klassischen Standardwerken (Cornevin, Stengers, Ndaywel). Über die Pazifizierung des Gebiets und die Formen von lokalem Widerstand informierte ich mich bei Allen Isaacman und Jan Vansina, »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale&#039;&#039; (Paris 1987), S. 191-216. Von Jean-Luc Vellut stammt auch eine differenzierte Analyse über die Rolle der Gewalt im Freistaat: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépendant du Congo« (&#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039;, 1984).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der wachsenden Vertrautheit von Afrikanern mit Europäern und deren Lebensweise. Über Kongolesen, die im Rahmen einer Weltausstellung nach Europa reisten, siehe Maarten Couttenier, &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039; (Leuven 2005) und Maurits Wynants, &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoonstelling 1897&#039;&#039; (Tervuren 1997). Zum Aufbau des Staates in Boma war die CD-ROM von Johan Lagae, Thomas de Keyser und Jef Vervoort eine Goldgrube: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofd­stad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039; (Gent 2006). Für den Teil über die Begegnung zwischen Angehörigen der Kolonialmacht und kongolesischen Frauen las ich die sehr interessante Studie von Amandine Lauro, &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039; (Loverval 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Schlüsselwerke über die protestantischen Missionare wurden bereits zu Kapitel 1 erwähnt. Den Unterschied zwischen ihrer Arbeitsweise und der Praxis der katholischen Missionen entnahm ich Ruth Slade, &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039; (London 1962). Über die Person von George Grenfell existiert Literatur im Überfluss, oftmals eher mit hagiographischem Charakter. Das wichtigste Werk ist die zweibändige Biographie von Harry Johnston, &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039; (London 1908). Über die Rolle der einheimischen Katecheten siehe die Dissertation von Paul Serufuri Hakiza, &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve, 1984). Eine kritische Betrachtung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Staat findet man in den Werken von A. M. Delathuy (Pseudonym des oben erwähnten Jules Marchal): &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039; (Berchem 1986) und dem zweibändigen &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (Berchem, 1992 und 1994). Bei Vincent Viaene lernte ich viel dazu über die Beziehungen zwischen dem belgischen Königshaus und dem Vatikan: »Leopold II en de Heilige Stoel« (unveröffentlicht, 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die früheste Geschichte der Force Publique beschrieb mit militärischer Präzision und unverhülltem Stolz der hohe Offizier F. Flament in &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039; (Brüssel 1952). Dennoch ist das Werk noch immer brauchbar. Philippe Marechal verfasste die umfangreiche Studie &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039; (Tervuren 1992). Veteranen wie Oscar Michaux und Joseph Meyers berichteten über ihre Erlebnisse bei der Meuterei in &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039; (Namur 1913) bzw. &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039; (Brüssel 1964). Die Aufstände der Soldaten erfuhren viel Beachtung: Marcel Storme, &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1970), Auguste Verbeken, &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039; (Brüssel 1958) und Pierre Salmon, &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039; (Brüssel 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bau der ersten Eisenbahnlinie wurde ausführlich beschrieben und illustriert in Charles Blanchart et al., &#039;&#039;Le rail au Congo belge, 1890-1920&#039;&#039; (Brüssel 1993). Daneben ist René J. Cornet, &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool&#039;&#039; (Brüssel 1947) nach wie vor lesbar. Zur Finanzierung der Bahnlinie und des Freistaates generell las ich &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039; (Brüssel 1957) von Jean Stengers. Als Historiker für die Geschichte der Institutionen und der Diplomatie verfasste er auch das Standardwerk über die Übertragung des Freistaates von Leopold an Belgien: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale&#039;&#039; (Brüssel 1963). Diese entscheidende Episode wurde unlängst noch beleuchtet von Vincent Viaene, der ihre kulturellen Auswirkungen erforschte, »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in V. Viaene, D. Van Reybrouck und B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese »aanwezigheid« in de Belgische samenleving, 1908-1958&#039;&#039; (Leuven 2009), S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 3&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitraum 1908-1921 ist zweifellos die Episode in der Geschichte des Kongo, über die am wenigsten bekannt ist. So umfangreich die Literatur über den Freistaat ist, so spärlich sind Werke über die Anfangsjahre des belgischen Kolonialismus. Zum Glück konnte ich auf einige neuere und ausgezeichnete Einzelstudien zurückgreifen. Über die gesellschaftlichen Folgen der Bekämpfung der Schlafkrankheit verfasste Maryinez Lyons einen Klassiker: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northern Zaire, 1900-1940&#039;&#039; (Cambridge 1992). Informationen über pharmazeutische Experimente entnahm ich einem Vortrag von Myriam Mertens, »Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s«, gehalten auf der &#039;&#039;Third European Con­ference on African Studies&#039;&#039;, Leipzig, 5. Juni 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Entwicklung der kolonialen Anthropologie verweise ich auf das bereits erwähnte Werk von Maarten Couttenier (siehe voriges Kapitel). Speziell um die Entstehung der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039; geht es in der Diplomarbeit von Fien Danniau, »&#039;&#039;Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039; (Gent 2005). Über den breiteren Kontext der Kolonialwissenschaft veröffentlichte Mark Poncelet kürzlich &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039; (Paris 2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich mit der Entstehung des Tribalismus in der Anfangszeit der Kolonie Kongo. Die Informationen über den Unterricht in katholischen Missionsschulen und die ideologisch gefärbten Darstellungen der sogenannten Stämme in Schulbüchern destillierte ich aus Marc Depaepe, Jan Briffaerts, Pierre Kita Kyankenge Masandi, Honoré Vinck, &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039; (Leuven 2003). Honoré Vincks Online-Veröffentlichung &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; erwies sich als Goldgrube (www.abbol.com). Über den ersten afrikanischen Priester Stefano Kaoze wurde selbstverständlich von katholischer Seite viel geschrieben. Die interessanteste Studie ist jedoch die von Allen F. Roberts, »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of South­eastern Zaire«, in Leroy Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa&#039;&#039; (Berkeley 1989). Roberts verbindet die Geschichte der Missionierung mit Kaozes politischen Idealen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Abschnitten über Industrialisierung, Proto-Urbanisierung und Proletarisierung benutzte ich dankbar die faszinierenden Texte von André Yav. Die Quelle ist online zugänglich, zusammen mit einer vollständigen Übersetzung ins Englische von Johannes Fabian: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville«, &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.lpca.socsci.uva.nl&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es existieren einige ausgezeichnete angelsächsische Studien über die sozialen Aspekte des frühesten Bergbaus. Zu den Goldminen von Kilo-Moto siehe: David Northrup, &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039; (Athen 1988). Zu den Minen von Katanga siehe: John Higginson, &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039; (Madison 1989) und unbedingt auch Charles Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039; (London 1979). Zu den gesellschaftlichen Bedingungen in der Provinz Équateur außerhalb des Bergbaus siehe: Samuel H. Nelson, &#039;&#039;Colonialism in the Congo Basin, 1880-1940&#039;&#039; (Athen 1994). Über die verschiedenen Methoden der Rekrutierung von Bergarbeitern sandte Aldwin Roes mir seinen unveröffentlichten, sehr erhellenden Vortrag »Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914«, gehalten auf der Tagung &#039;&#039;The Quest for Natural Resources in Central Africa: the case of the mining sector in&#039;&#039; DRC, Tervuren, 8.-9. Dezember 2008. Über die Wohnverhältnisse von Bergarbeitern in Katanga schrieb Bruno De Meulder das sehr interessante Buch &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039; (Amsterdam 1996). Die Arbeitsbedingungen bei Huileries du Congo Belge von William Lever schilderte der unermüdliche Jules Marchal in seinem Werk &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: Travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039; (Borgloon 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Ersten Weltkrieg sehr zu empfehlen: Hew Strachan, &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039; (Oxford, 2004) und Edward Paice, &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa&#039;&#039; (London 2007). Zu den verwaltungstechnischen Aspekten siehe Guy Vanthemsche, &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert&#039;&#039; Ier&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039; (Brüssel 2009). Über die Schlacht um den Tanganjikasee schrieb Giles Foden das erfolgreiche &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039; (London 2004). Über die Eroberung von Tabora siehe: Georges Delpierre, »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire« (&#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis&#039;&#039;, 2002). In Bezug auf die menschliche Seite des Feldzuges nach Deutsch-Ostafrika lernte ich viel aus Jan de Waeles Buch »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo« (&#039;&#039;Militaria Belgica&#039;&#039;, 2007-2008). Zur Teilnahme von Afrikanern auf den europäischen Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges siehe den hervorragenden Ausstellungskatalog von Dominiek Dendooven und Piet Chielens, &#039;&#039;Wereldoorlog I: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039; (Tielt 2008), der auch einen Aufsatz über die ethnographischen Stimmaufnahmen von Kriegsgefangenen in Berlin enthält. Zana Aziza Etambala widmete sich ebenfalls diesem Thema in seinem Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039; (Leuven 1993). Die aktuellste Studie zu diesem Thema stammt von Jeannick Vangansbeke, »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134. Über Ruanda und Burundi unter deutscher und belgischer Kolonialverwaltung: Helmut Strizek, &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039; (Berlin 2006) und Ingeborg Vijgen, &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039; (Leuven 2005).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 4&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Afrika alles andere als eine Zeit des Friedens war, zeigte noch kürzlich Jonathan Derrick in seinem beeindruckenden Überblick: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039; (London 2008). Selbstverständlich geht er auch auf die Geschehnisse im Kongo ein. Über Simon Kimbangu wurde sehr viel geschrieben, von Historikern und Anthropologen wie auch von Adepten. Jules Chomé erregte noch zu Kolonialzeiten die Gemüter mit &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039; (Brüssel 1959). Die beste historische Studie stammt von Susan Asch, &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1982). Noch unlängst verfasste Jean-Luc Vellut eine kompakte, aber sehr gute Einleitung zum ersten Teil seines Quellenbandes &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation&#039;&#039; (Brüssel 2005). Auch die Bücher von Anhängern und Sympathisanten sind oft historisch ausgerichtet. Das vorige geistliche Oberhaupt, Joseph Diangienda Kuntima, schrieb selbst eine umfangreiche Übersicht: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039; (Châtenay-Malabry 2007). Siehe auch das sehr einflussreiche Werk von Marie-Louise Martin, &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039; (Lausanne 1981) und das viel aktuellere Buch von Aurélien Mokoko Grampiot, &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039; (Paris 2004). Eine gründliche Einzelstudie über die Deportation fand ich bei Munayi Muntu-Monji, »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)« (&#039;&#039;Zaïre-Afrique,&#039;&#039; 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über andere messianische Bewegungen konsultierte ich Martial Sinda, &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039; (Paris 1972), André Ryckmans, &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958&#039;&#039; (Kinshasa 1970) und Jacques Gérard, &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039; (Brüssel 1969). Außerdem hatte ich die Gelegenheit, das unveröffentlichte, aber gut dokumentierte Typoskript von Rufin Kibari, Schulleiter in Kikwit, zu lesen: &#039;&#039;Mouvements ›anti-sorciers‹ dans les Provinces de Leopolville&#039;&#039; [sic] &#039;&#039;et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039; (Kikwit 1985). Eine breite Kontextualisierung des Verhältnisses von einheimischem Christentum und Kolonialismus stammt von Paul Raymaekers und Henri Des­roche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039; (Brüssel 1983). Siehe dazu auch den Klassiker von Wyatt Mac-Gaffey, &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039; (Chicago 1986).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fundierteste Studie über die Todesstrafe stammt wieder von der Hand von Jean-Luc Vellut, »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992). Eine neuere Untersuchung stammt von Bert Go­vaerts: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Revolte der Pende (oder Bapende) floss sehr viel Tinte, aber die äußerst gründliche Studie von Sikitele Gize bleibt unübertroffen: »Les racines de la révolte Pende de 1931« (&#039;&#039;Etudes d&#039;histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Neueren Datums ist eine detaillierte Darstellung der Fakten von Louis-François Vanderstraeten, &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039; (Brüssel 2001). Eine sowjetische Studie aus den dreißiger Jahren ist, wenn man die offenkundige Propagandaschicht abkratzt, nach wie vor solide und ausgesprochen hilfreich, um die tieferen Ursachen zu verstehen: A. T. Nzula, I. I. Potekhin und A. Z. Zusmanovich 1979: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039; (London 1979). Nirgendwo sonst wurde der Zusammenhang zwischen der Erhöhung der Einkommensteuer und dem Prozess der Proletarisierung besser verdeutlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die finanzökonomische Geschichte der Zwischenkriegszeit wird übersichtlich beschrieben in G. Vandewalle, &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039; (Gent 1966). Für die soziale Dimension bediente ich mich wieder der schon im Zusammenhang mit dem vorigen Kapitel erwähnten Werke von Northrup, Nelson, Perrings und Higginson. Wie sich die Industrialisierung auf die materielle Kultur und die Mentalität der Einheimischen auswirkte, fand ich äußerst lebendig beschrieben in einer Studie aus den dreißiger Jahren: John Merle Davis, &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039; (London 1933). Die soziale Politik der Union Minière wird in dem gut dokumentierten, aber firmenfreundlichen Werk von René Brion und Jean-Louis Moreau, &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039; (Tielt 2006) beschrieben. Ergänzend lese man jedoch auch das Werk von Bruce Fetter: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039; (Brüssel 1973) und dessen &#039;&#039;The Creation of Elisabethville&#039;&#039; (Stanford 1976). Die ersten Kapitel von Johannes Fabian, &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039; (Evanston 1941) sind ebenfalls sehr erhellend. Über die Arbeit im Palmölsektor veröffentlichte Jacques Vanderlinden eine wichtige Quellenstudie: &#039;&#039;Main d&#039;œuvre, Eglise, capital et administration dans le Congo des années trente&#039;&#039; (Brüssel 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Herausbildung einer städtischen Kultur besser zu verstehen, machte ich dankbar Gebrauch von dem von Jean-Luc Vellut herausgegebenen Sammelband &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039; (Tervuren 2000). Das Buch enthält faszinierende Kapitel über die Pfadfinderbewegung, über Fußball, Medien, die Rassenschranke und das Alltagsleben in der kolonialen Stadt. Zur besonderen Rolle von »tata Raphaël« las ich, neben dem Kapitel von Bénédicte Van Peel in diesem Sammelband, auch den Aufsatz von Roland Renson und Christel Peeters, »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in M. D&#039;hoker, R. Renson und J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw&#039;&#039; (Leuven 1994). Zur katholischen Jugendarbeit fand ich mehr bei Karl Catteeuw, »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Sara Boel schrieb eine interessante Diplomarbeit über die Bemühungen der Regierung, den Medien- und Kunstbereich unter Kontrolle zu halten: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039; (Brüssel 2005). Bruce Fetter beleuchtete das Vereinsleben und die Versuche der Einvernahme durch die katholische Kirche in einem klassischen Aufsatz: »African associations in Elisa­bethville, 1910-1935: their origins and development« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974). Das ältere Buch von Georges Brausch, &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039; (London 1961), ist wegen des differenzierten Kapitels über die &#039;&#039;colour bar&#039;&#039;, die Rassenschranke, nach wie vor lesenswert. Benoît Verhaegen schrieb eine ausgezeichnete Abhandlung über die übersteigerte Angst vor der roten Gefahr: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)« (&#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039;, 1999). Über &#039;&#039;body politics&#039;&#039;, die »Medizinalisierung« der kongolesischen Gesellschaft und die lokalen Reaktionen darauf, verfasste Nancy R. Hunt die faszinierende Studie: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039; (Durham 1999).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul Panda Farnana und seiner Union Congolaise widmete Zana Aziza Etambala ein sehr instruktives Kapitel in seinem bereits erwähnten Buch &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993). François Bontinck schrieb »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier&#039;&#039; (Paris 1980). In kongolesischen Kreisen ist in den letzten Jahren ein erneutes Interesse für diesen frühen Vorkämpfer zu verzeichen. Noch unlängst ehrte Didier Mumengi ihn mit &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039; (Paris 2005). Antoine Tshitungu Kongolo erforschte seine Beziehungen zu intellektuellen Zirkeln in Belgien: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action« (&#039;&#039;L&#039;Africain,&#039;&#039; 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 5&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erhellende Übersicht über den Zweiten Weltkrieg in Afrika und die Auswirkungen auf den Kolonialismus bietet Michael Crowders Aufsatz »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa« in Band acht von &#039;&#039;The Cambridge History of Africa&#039;&#039; (Cambridge 1984). Ein aktueller Überblick über die Situation in Belgisch-Kongo ist leider nicht verfügbar. Der letzte Versuch datiert aus den achtziger Jahren, als die Königliche Akademie Belgiens für Überseewissenschaften &#039;&#039;Bij­dragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983) veröffentlichte. Ich benutzte vor allem die Aufsätze von Léon de Saint-Moulin, Jean-Luc Vellut, Benoît Verhaegen, Gustaaf Hulstaert, Jonathan Helmreich und Antoine Rubbens. Der Band ließ die militärischen Aspekte außer Acht, denn die hatte Emile Janssens bereits untersucht in &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039; (Brüssel 1982-1984). Der Abessinienfeldzug wurde von einigen belgischen Offizieren dokumentiert, die daran teilgenommen hatten, u. a. R. Werbrouck, &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie&#039;&#039; (Léopoldville 1945) und Philippe Brousmiche, &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campagne&#039;&#039; (Tournai 1987). Felix Denis stellte das Tagebuch und vor allem das faszinierende Fotoalbum seines Schwiegervaters, Leutnant Carlo Blomme, online: &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://force-publique-1941.skynetblogs.be/&amp;lt;/nowiki&amp;gt;. Christine Denuit-Somerhausen und Francis Balace veröffentlichten »Abyssinie 41: du mirage à la victoire« in F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte&#039;&#039; (Brüssel 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rolle des katangesischen Urans bei der Entwicklung der Atombombe thematisierten Jacques Vanderlinden in &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039; (Brüssel 1991) und Jonathan E. Helmreich in »The uranium negotations of 1944«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Von Helmreich siehe auch: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039; (Princeton 1986), außerdem &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039; von Pierre Buch und Jacques Vanderlinden (Brüssel 1995).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Unruhen in den Bergwerken wurden ausführlich dokumentiert in dem bereits erwähnten Buch von Perrings, &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa&#039;&#039; (London 1979). Ich las dazu außerdem J.-L. Vellut, »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in &#039;&#039;Bijdragen over Belgisch-Congo tijdens de Tweede Wereldoorlog&#039;&#039; (Brüssel 1983). Hilfreich waren die Studien von Tshi­bangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1974) sowie von Bogumil Jewsiewicki, Kilola Lema, Jean-Luc Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945« (&#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039;, 1973). Die klarste Übersicht fand ich jedoch bei Bogumil Jewsiewicki, »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle« (&#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039;, 1976).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das außerordentlich fesselnde Kriegstagebuch von Vladimir Drachoussoff erschien in einer bescheidenen Auflage unter dem Pseudonym Vladi Souchard, &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039; (Brüssel 1983). Es war eines der interessantesten Bücher, die ich bei der Vorbereitung dieses Themas lesen durfte. Generalgouverneur Pierre Ryckmans und Pater Placide Tempels hatten einen differenzierten Blick auf die koloniale Wirklichkeit, siehe: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; (Brüssel 1948) bzw. &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Antwerpen 1946). Siehe auch Jacques Vanderlinden, &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1891-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039; (Brüssel 1994). Über diese Nachkriegszeit schrieb Nestor Delval den sehr lesenswerten Essay &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; (Leuven 1966).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Nachkriegsjahre ist das schmale Büchlein von Antoine Rubbens, &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039; (Elisabethville 1945) nach wie vor sehr lesenswert. Es enthält einige kritische Artikel, die in der Zeitung &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039; erschienen waren. Außerdem sind die Berichte der Commission Permanente pour la Protection des Indigènes Pflichtlektüre, denn neben hilfreichen Informationen zur sozialen Wirklichkeit sind sie sehr bezeichnend für das koloniale Paradigma: siehe L. Guebels, &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951 (Brüssel 1952). Eine hervorragende Einführung in die Problematik der Gewerkschaften und des sozialen Protestes bietet die Themennummer von Brood en Rozen 1999: Sociale bewegingen in Belgisch-Congo. Ich konsultierte außerdem André Corneille, Le syndicalisme au Katanga (Elisabethville 1945), Arthur Doucy und Pierre Feldheim, Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge (Brüssel 1952) und R. Poupart, Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo (Brüssel 1960).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Genauere Vorstellungen vom Leben in der kolonialen Stadt gewann ich durch die Lektüre von Filip De Boeck und Marie-Françoise Plissart, Kinshasa: Tales of the Invisible City (Gent 2004) sowie Johan Lagae, Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960) (Gent 2002). Die Werke von Suzanne Comhaire-Sylvian, Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui (Paris 1968), Valdo Pons, Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Administration (Oxford 1969) und W. C. Klein, De Congolese elite (Amsterdam 1957) vermittelten mir ein lebendiges Bild der neuen urbanen Kultur. Den Einfluss und die Auswirkungen der Radiosendungen für Kongolesen schilderten Greta Pauwels-Boon, L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960 (Tervuren 1979) und Sara Boel, Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de controle op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid (Brüssel 2005). Über die Vereinigung ehemaliger Schüler von Raphaël de la Kéthulle schrieb Charles Tshimanga »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)« in J.-L. Vellut (Hg.), Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950) (Tervuren 2000).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Lebensumstände der evolués wurden in zahlreichen Werken von so unterschiedlichen Autoren wie Stengers, Young und Ndaywel thematisiert. Das Standardwerk verfasste Jean-Marie Mutamba Makombo: Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960 (Kinshasa 1998). Eine sehr interessante Studie stammt von Mukala Kadima-Nzuji; in La littérature zaïroise de langue française (1945-1965) (Paris 1984) arbeitet er den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Ressentiments, Presse und Literatur heraus. Über die Entstehung der ersten kongolesischen Universität verfasste Ruben Mantels das spannende Buch Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960 (Leuven 2007). Die Reise von König Baudouin wurde farbig geschildert von Erik Raspoet: Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ontmoeting op de evenaar (Antwerpen 2005).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Verse am Schluss dieses Kapitels stammen aus dem Band Esanzo von Antoine-Roger Bolamba, einem der schönsten Werke kongolesischer Lyrik.&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 6&#039;&#039; &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Literatur über die Entkolonialisierung des Kongo ist äußerst umfangreich, aber qualitativ sehr unterschiedlich und oft veraltet und aus dezidiert »weißer« Sicht verfasst. Das allerbeste Buch über diese Zeit ist nach wie vor Politics in the Congo von Crawford Young (Princeton 1965). Noch fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung wundert man sich, wie jemand so kurz nach den Geschehnissen die großen Prozesse derart klarsichtig festhalten und analysieren konnte. Eine Hilfe hatte er zweifellos an der hervorragenden Vorarbeit des CRISP (Centre de Recherche et d&#039;Information Socio-Politiques in Brüssel), jenes engagierten und grundsoliden Dokumentationszentrums, wo Persönlichkeiten wie Jean Van Lierde, Benoît Verhaegen und Jules Gérard-Libois Pionierarbeit leisteten. Ihre Jahrbücher und Studien über politische Bewegungen sind bis heute eine unverzichtbare Quelle für die historische Erforschung der fünfziger und sechziger Jahre im Kongo. Sie gaben Youngs Standardwerk in Französisch heraus.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine andere ältere, aber noch immer wertvolle Studie stammt von Paule Bouvier, L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance (Brüssel 1965). In neuerer Zeit veröffentlichte Zana Aziza Etambala viel bislang unbekanntes Archivmaterial in zwei lesenswerten Büchern: Congo 55/65: van Koning Boudewijn tot president Mobutu (Tielt 1999) und De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960) (Leuven 2008). Unter den vielen Memoiren, in denen es um die turbulente Zeit der Entkolonialisierung geht, lohnt sich besonders die Lektüre der Erinnerungen von Jef Van Bilsen, Schlüsselfigur im gesamten Prozess: Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie (Leuven 1993).&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum internationalen Kontext des kongolesischen Unabhängigkeitskampfes waren besonders hilfreich: Pierre Queuille, &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039; (Paris 1965) und Colin Legum, &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide&#039;&#039; (New York 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasas Jugendkulturen hat Didier Gondola beschrieben: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039; (Paris 1997). Das bereits erwähnte Werk von Filip De Boeck beschäftigte sich gleichfalls mit dem Phänomen der &#039;&#039;bills&#039;&#039; und der &#039;&#039;moziki&#039;&#039;. Über die politische Dimension des kongolesischen Fußballs drehten Jan Antonissen und Joeri Weyn den ausgezeichneten Dokumentarfilm &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039; (2007). Die schweren Unruhen im Januar 1959 in der Hauptstadt waren Gegenstand etlicher Veröffentlichungen. Jacques Marras und Pierre De Vos schrieben das zugängliche Werk &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039; (Brüssel 1959), aber auch der Bericht von General Janssens, der die &#039;&#039;Force Publique&#039;&#039; befehligte und deshalb alles andere als unparteiisch war, lohnt die Lektüre: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039; (Brüssel 1961).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die erste Generation kongolesischer Politiker existiert sehr viel Literatur. Zu Kasavubu siehe: Benoît Verhaegen und Charles Tshimanga, &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039; (Tervuren 2003). Über Lumumba: Jean Omasombo Tshonda sowie Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956&#039;&#039; (Tervuren 1998) und die Fortsetzung: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960&#039;&#039; (Tervuren 2005). Die beste Studie über Lumumba stammt von Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée&#039;&#039; (Paris 1990). Andere Werke verdanken wir meist ausgesprochenen Partisanen, mit allen sich daraus ergebenden Vor- und Nachteilen: Was wir an &#039;&#039;erlebter Geschichte&#039;&#039; gewinnen, verlieren wir häufig an Differenzierung und Einordnung in einen größeren Kontext. Pierre De Vos verfasste das gut lesbare, aber nicht durchweg sorgfältig recherchierte Buch &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039; (Paris 1961); Francis Monheim schien förmlich verliebt, als er &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039; (Brüssel 1962) veröffentlichte, und Jules Chomé schien nicht nur erbost, sondern war es auch, als er &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039; publizierte (Brüssel 1966). In &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Paris 1963) sammelte Jean Van Lierde die wichtigsten Reden, Artikel und Briefe Lumumbas. Das Vorwort von Sartre ist nicht nur vorhersehbar, sondern auch noch immer beeindruckend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Studien, die das parteipolitische Gezänk aus größerer Distanz betrachten, sind freilich selten. P. Caprasse bot jedoch mit &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039; (Brüssel 1959) eine hervorragende soziologische Studie, die weit über den lokalen Fokus seiner katangesischen Feldforschung hinausging. Sein Augenmerk galt insbesondere der Rhetorik, mit der das tribale Element ins Spiel gebracht wurde. Luc Fierlafyn griff diese Erkenntnisse auf und unterzog die politischen Texte von damals einer interessanten Diskursanalyse: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039; (Brüssel 1990).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 8&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirbelsturm von Ereignissen, die in ihrer Gesamtheit die Erste Republik bilden, füllt einen ganzen Bücherschrank. Eine aktuelle Übersicht fehlt, doch es existieren fundierte Studien zu sämtlichen Teilaspekten. Walter Geerts&#039; &#039;&#039;Binza 10: de eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039; (Gent 1970) bietet noch immer eine erhellende Einführung in das Thema. Zana Aziza Etambalas &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039; (Leuven 1999) und Jef Van Bilsens äußerst wichtiges &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039; (Leuven 1993) sind ebenfalls gut lesbare erste Orientierungen. Daneben sind die bereits erwähnten Jahrbücher des CRISP sehr wichtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Meuterei der Armee verfasste Louis-François Vander­straeten die definitive Studie: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise&#039;&#039; (Paris 1985). Er beschäftigte sich ausgiebig mit der Panikstimmung, dem plötzlichen Exodus der zurückgebliebenen Belgier und dem militärischen Vorgehen Belgiens. Für ein lebendiges Bild dieser Tage siehe zwei Bücher von Peter Verlinden: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039; (Leuven 2002) und &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; (Leuven 2008). Marie-Bénédicte Dembour verfasste eine bedeutende anthropologische Studie über die Sichtweise der ehemaligen Kolonialisten: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039; (New York 2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Afrika durch die Kongo-Krise in den Kalten Krieg einbezogen wurde, analysiert wirklich brillant der epische Dokumentarfilm von Jihan El Tahri: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039; (Arte 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Film kommen nicht nur kubanische Veteranen zu Wort, sondern auch kongolesische, sowjetische und US-amerikanische Prominente aus jener Zeit: eine verblüffende Schilderung der Machenschaften des Kalten Krieges auf afrikanischem Boden. Zur amerikanischen Perspektive siehe: Stephen R. Weissman, &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Ithaca 1974) und Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986). Zur kommunistischen Perspektive siehe: Arthur Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039; (Brüssel 1961) und Edouard Mendiaux, &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039; (Brüssel 1960). Vor einigen Jahren veröffentlichte der CIA-Topagent Larry Devlin seine auffallend freimütigen Memoiren: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039; (New York 2007). Noch jüngeren Datums ist das Buch von Frank R. Villafaña über die Konfrontation zwischen linken und rechten Kubanern im Kongo: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039; (New Brunswick 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorgehen der UNO wurde von verschiedenen Autoren kommentiert. Georges Abi-Saab analysierte die Implikationen für das internationale Recht in &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (Oxford 1978). Claude Leclercq beschäftigte sich intensiv mit der Situation im Land selbst: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039; (Paris 1964). Georges Martelli fällte ein sehr negatives Urteil: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039; (London 1966). Die UNO spielte eine derart große Rolle, dass andere Formen von Multilateralismus in den Hintergrund rückten. Zur Entstehung der Organisation für Afrikanische Einheit und ihre Rolle im Konflikt siehe: Catherine Hoskyns, &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Daressalam 1969).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das bekannteste Werk über die Ermordung Lumumbas ist der in viele Sprachen übersetzte Klassiker von Ludo De Witte: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039; (Leuven 1999). In Belgien wurde nach Erscheinen des Buchs ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss aus vier Historikern eingesetzt, die den Auftrag hatten, die verfügbaren Archive mit besonderem Augenmerk auf die Verantwortung Belgiens für den Mord zu durchkämmen. Ihr Bericht war trocken, aber akribisch: Luc De Vos et al., &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039; (Leuven 2004). Zum Anteil der Amerikaner siehe: Madeleine Kalb, &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039; (New York 1982) sowie den kürzlich erschienenen Artikel von Stephen R. Weissman: »An extraordinary rendition« (&#039;&#039;Intelligence and National Security,&#039;&#039; 2010). Zum Blickwinkel zweier kongolesischer Politiker, die früher an der Seite Lumumbas standen, siehe: Cléophas Kamitatu, &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und Thomas Kanza, &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039; (Baltimore 1972).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Abspaltung Katangas beschäftigte sich schon sehr früh eine gründliche Studie: Jules Gérard-Libois, &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039; (Brüssel 1963). Zu den historischen Hintergründen der Sezession siehe: Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufstände im Kwilu und im Osten des Landes wurden erschöpfend abgehandelt in den Studien von Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (Brüssel 1966-1969) und dem zweiteiligen, von Catherine Coquery-Vidrovitch et al. herausgegebenen Kongressband &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (Paris 1987). Herbert Weiss und Benoît Verhaegen betreuten 1986 eine wichtige Themenausgabe von &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (Zeitschrift des Centre d&#039;Etude et de Documentation Africaines) unter dem Titel &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Ludo Martens verfasste zwei sympathisierende Biographien von Pierre Mulele und dessen Frau Léonie Abo: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039; (Berchem 1985) und &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039; (Berchem 1991). Eine ausgezeichnete Reportage über die kongolesische Rebellion stammt von Jean Kestergat: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile&#039;&#039; (Paris 1965).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen und wirtschaftlichen Umstände in der Ersten Republik erfuhren viel weniger Aufmerksamkeit als das politische und militärische Gerangel, aber vom Leben in der Großstadt können wir uns ein sehr genaues Bild machen dank J. S. Lafontaine, &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039; (Cambridge 1970). Zur komplexen Frage des kolonialen Aktienportfolios und zu den Unterhandlungen über dessen Rückgabe an den Kongo siehe: Jean-Claude Willame, &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgozaïrois&#039;&#039; (Brüssel 1988).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 9&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hervorragende, ja brillante Einführung in das Leben und Wirken Mobutus ist der Dokumentarfilm von Thierry Michel: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1999). Wer sich intensiver mit diesem Zeitraum beschäftigen möchte, beginnt am besten mit dem sehr erhellenden Kapitel über die Zweite Republik, das Jacques Vanderlinden beitrug zu A. Huybrechts et al., &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980&#039;&#039; (Brüssel 1980). Zu den Methoden, mit denen eine politische Elite die Wirtschaft des Landes plünderte, konsultiere man: Fernard Bézy et al., &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039; (Louvain-la-Neuve 1981) und David J. Gould, &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire&#039;&#039; (New York 1980). Aber unverzichtbar für jeden, der sich ernsthaft mit diesem Zeitraum beschäftigen will, ist die umfangreiche Studie von Crawford Young und Thomas Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039; (Madison 1985). Die Autoren analysieren vor allem die erste Hälfte von Mobutus Regierungszeit, die Jahre 1965-1980, und zeigen sehr überzeugend, wie der Staat zuerst allumfassend und dann völlig morsch wurde. Verfasst in einem knappen Stil, enthält das Buch eine Fülle von Dokumentationsmaterial. Es ist zweifellos das wichtigste Werk über diesen Zeitraum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Authentische zairische Quellen aus diesem Zeitraum sind in großer Zahl vorhanden, aber durch die Angst vor dem Regime geprägt. Propaganda im Überfluss, kritische Analyse gleich null. Nur außerhalb der Landesgrenzen konnte offene Kritik geübt werden. In Paris verfasste Cléophas Kamitatu, einer der Gründer der &#039;&#039;Parti solidaire africain&#039;&#039;, zwei mit viel dokumentarischem Material ausgestattete Werke, die zugleich das Regime harsch kritisierten: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039; (Paris 1971) und &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039; (Paris 1977).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor einigen Jahren ermöglichten zwei amerikanische Bücher einen Blick hinter die Kulissen. Mobutus Leibarzt, der Amerikaner William Close, Vater der Schauspielerin Glenn, veröffentlichte seine Erinnerungen an eine turbulente Zeit: &#039;&#039;Beyond the Storm&#039;&#039; (Marbleton 2007). Auch wenn es sich nicht durchweg um eine tief greifende Analyse handelt, so sind die Anekdoten doch häufig sehr enthüllend. Um sich einen Begriff von den amerikanisch-zairischen Freundschaftsbanden zu machen, lese man am besten das bereits erwähnte Buch von Romain Yakemtchouk, &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) und die gleichfalls bereits aufgeführten Memoiren des CIA-Agenten Larry Devlin, &#039;&#039;Chief of Station&#039;&#039; (New York 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die unvorstellbare, explosionsartige städtische Entwicklung Kinshasas beschreiben anschaulich Marc Pain, &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039; (Paris 1984) und René de Maximy, &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens&#039;&#039; (Paris 1984). Beide Bücher widmen sich nicht nur urbanistischen und demographischen Prozessen, sondern auch den sozialen und kulturellen Auswirkungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der rasch wachsenden und jugendlichen Stadt spielte Musik eine wichtige Rolle. Die kongolesische Musikszene war vermutlich nie so vital wie in den frühen siebziger Jahren, nicht zuletzt durch Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Kampagne. Gary Stewarts erschöpfendes Werk &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; (London 2000) widmet diesem Aspekt selbstverständlich große Beachtung. Gleichfalls der Mühe wert ist das vor wenigen Jahren erschienene Buch &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039; (Durham 2008), das die Verflechtungen zwischen Politik und Popmusik zum Hauptthema hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Beschreibungen des Boxkampfes zwischen Muhammad Ali und George Foreman benutzte ich, neben den Filmen auf YouTube, Norman Mailers Klassiker &#039;&#039;The Fight&#039;&#039;, in den Niederlanden unter dem Titel &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039; (Amsterdam, 2007) erschienen, eines der besten Sportbücher überhaupt. Außerdem war der mit einem Oscar ausgezeichnete Dokumentarfilm &#039;&#039;When We Were Kings&#039;&#039; von Leon Gast (1996) ein großer Genuss; auch die musikalischen Aspekte von &#039;&#039;the rumble in the jungle&#039;&#039; kommen darin nicht zu kurz. Über die Verflechtungen des schwarzen Emanzipationskampfes mit dem Boxsport las ich einige hervorragende Essays in Gerard Early, &#039;&#039;Speech and Power&#039;&#039; (Hopewell 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 10&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Wahnsinn, der das Mobutu-Regime ab 1975 kennzeichnete, existieren in mehreren Sprachen zugängliche und mit viel Dokumentationsmaterial ausgestattete Werke. Jean-Claude Willame verfasste das unaufgeregte und kluge &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme&#039;&#039; (Paris 1992) und Colette Braeckman, Journalistin bei &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;, das lesbare und im Kongo sehr einflussreiche &#039;&#039;Le dinosaure&#039;&#039; (Paris 1991), das ein Jahr später auch auf Niederländisch erschien unter dem Titel &#039;&#039;De dinosaurus&#039;&#039; (Berchem, 1992). In Flandern veröffentlichten zwei Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ihre Erfahrungen und Analysen: &#039;&#039;Mobutu, de man van Kamanyola&#039;&#039; von Walter Geerts (Leuven 2005) und vor allem &#039;&#039;Mobutu, van mirakel tot malaise&#039;&#039; von Walter Zinzen (Antwerpen 1995). Letzteres lohnt schon allein wegen des Kapitels über die Shaba-Kriege die Mühe. Der amerikanische Historiker Thomas Callaghy sah eine Parallele zwischen der Mobutu-Regierung und dem Ancien Régime in Frankreich: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039; (New York 1984). Die britische Journalistin Michela Wrong schrieb mit &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo&#039;&#039; (London 2000) einen wunderbaren Pageturner, der auch ausführlich über die neunziger Jahre berichtet. Und mehr als zwanzig Jahre nach dem Erscheinen bietet das in viele Sprachen übersetzte &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039; von Lieve Joris (Amsterdam 1987) nach wie vor ein sehr anschauliches und mitreißendes Bild des Lebens unter der Diktatur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die sogenannten »weißen Elefanten«, Mobutus sinnlose Bauwerke, schrieb Jean-Claude Willame &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039; (Paris 1986). Anders, als der Titel vermuten lässt, geht es in diesem Buch nicht nur um das berühmte Wasserkraftwerk. Informationen über das deutsche Raketenprogramm puzzelte ich mir zusammen aus dem Dokumentarfilm &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039; von Thierry Michel, dem weiter oben erwähnten Buch von Walter Geerts, aber vor allem aus OTRAG &#039;&#039;Rakete&#039;&#039;, der Website von Bernd Leitenberger, &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.bernd-leitenberger.de/otrag.shtml&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Standardwerk über die Shaba-Kriege stammt von Romain Yakemtchouk: &#039;&#039;Les deux guerres du Shaba&#039;&#039; (Brüssel 1988). Er beschäftigte sich intensiv mit den Beziehungen Belgiens, Frankreichs und der USA zu Mobutus Zaire. Bevor ich mir sein &#039;&#039;Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre&#039;&#039; (Brüssel 1986) vornahm, las ich das eher populärwissenschaftlich abgefasste Werk von Sean Kelly, dessen Titel bereits eine Zusammenfassung ist: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039; (Washington DC 1993).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschafts- und Finanzpolitik zwischen 1975 und 1990 ist ausgesprochen pikant, umso mehr, als ein gutes Übersichtswerk über die Rolle des IWF, der Weltbank und des Clubs von Paris fehlt. Winsome J. Leslie rückte einen der entscheidenden Akteure ins Licht in &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039; (Boulder 1987). Der Aufsatz von Jean-Philippe Peemans, »Zaïre onder het Mobutu-regime« (1988) war eine erhellende und spannende Lektüre, nicht zuletzt, da der Autor bereits in einem sehr frühen Stadium vor den unerwünschten Folgen der IWF-Maßnahmen gewarnt hatte. Kisangani Emizet arbeitete diese Argumentation weiter aus und lieferte wichtige und überzeugende Graphiken in den ersten Kapiteln seines Buchs &#039;&#039;Zaire after Mobutu&#039;&#039; (Helsinki 1997). In meinem Urteil über die Auswirkung der Anforderungen des IWF schulde ich dem Bestseller &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039; des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz (London 2002) Tribut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die dramatischen Folgen der Krise und die Entstehung einer »zweiten«, informellen Wirtschaft untersuchten Janet MacGaffey und ihr Team: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire&#039;&#039; (London 1991). Über die Rolle der Frau in dieser neuen Ökonomie siehe: Benoît Verhaegen, &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039; (Paris 1990). Bewegende Zeugnisse fand ich auch bei De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den repressiven Staatsapparat zu verstehen, lese man die deprimierenden Berichte von Amnesty International und den von Abdoulaye Yerodia erneut veröffentlichten &#039;&#039;Rapport sur les assassinats&#039;&#039; der Nationalen Souveränen Konferenz (Kinshasa 2004). Ein mehr wissenschaftlicher Ansatz findet sich bei Michael Schatzberg, &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039; (Bloomington 1988). Stadtlegenden, Gerüchte und Neuigkeiten vom &#039;&#039;radio-trottoir&#039;&#039; sammelte Cornelis Nlandu-Tsasa, &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039; (Paris 1997). Zur populären Malerei siehe: Bogumil Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039; (Paris 1992) und Johannes Fabian, &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire&#039;&#039; (Berkeley 1996).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechstausend Berichte der Volksbefragung von 1990 wurden nie freigegeben, aber das beste Werk über den Anfang des Demokratisierungsprozesses ist das von A. Gbabendu Engunduka und E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire verse la conférence nationale&#039;&#039; (Paris 1992).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 11&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine knappe, aber sehr luzide Einführung in die turbulente Übergangszeit zwischen der Zweiten und der Dritten Republik bot der flämische Rundfunkjournalist Guy Poppe mit &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039; (Antwerpen 1998). Ihre Sicht des politischen Kampfes haben viele aktiv Beteiligte niedergeschrieben und bei l&#039;Harmattan in Paris veröffentlicht. Dieser Verlag fungiert schon seit Jahren als wichtigstes Schaufenster des intellektuellen, französischsprachigen Afrika in der Diaspora, doch durch seine kritiklose Editionspolitik hat er manchmal mehr von einem Edel-Copyshop als von einem Verlag, der systematisch Wissen verbreitet. Eines der ausgewogeneren Werke stammt von Dieudonné Ilunga Mpunga: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2007); es beschäftigt sich vor allem mit der Rolle der UDPS. Loka-ne-Kongo schrieb eine kritische Rückschau auf diese verworrene Periode der Demokratisierung: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039; (Kinshasa 2001). Axel Buyse listete die wichtigsten Ereignisse der ersten Jahre auf in &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039; (Groot-Bijgaarden 1994). Das detailreichste Werk stammt von Gauthier de Villers, &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039; (Paris 1997); es handelt sich um den ersten Band einer sehr wertvollen Trilogie über den demokratischen Übergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ausführlichste Studie über die Niederschlagung der Studentenproteste in Lubumbashi verfasste Muela Ngalamulume Nkongolo, &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039; (Paris 2000). Zur gewaltsamen Auflösung des großen Friedensmarsches in Kinshasa siehe Philippe de Dorlodot (Hg.), &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039; (Paris 1994). Ein Standardwerk über die Nationale Souveräne Konferenz existiert meines Wissens nicht, aber ich ergänzte den Zeitzeugenbericht von Régine Mutijima mit Fakten, die ich dem historischen Überblick von Georges Nzongola-Ntalaja entnahm, der auch einer der Teilnehmer war: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila&#039;&#039; (London 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich genoss das Privileg, mehrmals mit Baudouin Hamuli zu sprechen, praktisch der &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der &#039;&#039;société civile&#039;&#039; im Kongo. Er war der erste Vorsitzende des CNONGD, einer Dachorganisation kongolesischer NGO, und veröffentlichte seine Analysen in zwei interessanten Studien: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039; (Paris 2002) und, mit zwei Koautoren, &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039; (Brüssel 2003).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die äußerst prekäre Lebenssituation der einfachen Leute ging es in den Sammelbänden von De Villers et al. (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren, 2002) und von Monnier et al. (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039; (Tervuren 2001). Diese Bücher beleuchten die Entstehung von Phänomenen wie den &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; in Kinshasa, den Fahrradtaxis in Kisangani und dem Diamantenschmuggel in Kasai. Über den unglaublichen Luxus, in dem Mobutu in den neunziger Jahren noch immer schwelgte, erfährt man einiges aus den Geschichten seines belgischen Schwiegersohns Pierre Janssen, &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039; (Paris 1997). Über den Beginn einer neuen Religiosität siehe Isidore Ndaywel è Nziem, &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039; (Québec 1995). Der Anthropologe René Devisch verfasste einen wichtigen Aufsatz über moralische und soziale Sinngebung in Krisenzeiten: »Frenzy, violence, and renewal in Kinshasa« (&#039;&#039;Public Culture&#039;&#039;, 1995). Lieve Joris&#039; &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039; (Amsterdam 2001) ist wohl das bekannteste literarisch-journalistische Werk über das Ende der Mobutu-Ära.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über den Völkermord in Ruanda existiert eine Fülle an Literatur. Das Standardwerk ist und bleibt &#039;&#039;Leave None to Tell the Story&#039;&#039; der viel zu jung gestorbenen, für Human Rights Watch tätigen Wissenschaftlerin Alison Des Forges (New York, 1999). Außerdem lese man unbedingt den Klassiker von Gérard Prunier: &#039;&#039;The Rwanda Crisis&#039;&#039; (London 1995). In den letzten Jahren erschienen einige umfangreiche Bücher über den Konflikt in der Region der Großen Seen: Thomas Turner, &#039;&#039;The Congo Wars: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039; (London 2007), René Lemarchand, &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039; (Philadelphia 2008), Filip Reyntjens, &#039;&#039;De Grote Afrikaanse Oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039; (Antwerpen 2009) und Gérard Prunier, &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Making of a Continental Catastrophe&#039;&#039; (Oxford 2009). Während Turner ziemlich verworren schreibt, bietet Lemarchand eine spannende Zusammenfassung, Reyntjens eine knappe Synthese und Prunier eine detaillierte Analyse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Speziell über den Siegeszug der AFDL geht es in dem ausgezeichneten, von Colette Braeckman et al. herausgegebenen Band &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039; (Brüssel 1998). Erik Kennes schrieb eine umfangreiche Biographie über Kabilas Leben vor seiner Machtergreifung: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2003). Unübertroffen in seiner Anschaulichkeit ist wiederum ein Dokumentarfilm der ägyptischen Filmemacherin Jihan El-Tahri, &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039; (2000), der vollständig online steht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 12&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vorfeld und der Verlauf des Zweiten Kongo-Krieges werden selbstverständlich in den bereits erwähnten Übersichtswerken von Prunier und Reyntjens ausführlich behandelt. Eine hervorragende Einführung in den Konflikt lieferte Olivier Lanotte: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2003). Analytischer, aber auch sehr faktenreich ist das Buch von Gauthier de Villers: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila&#039;&#039; (Tervuren 2001). Über Kabilas Regierung vor und während der Invasion siehe das kritische Werk von Wamu Oyatambwe, &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: avatars d&#039;unepassation inopinée&#039;&#039; (Paris 1999). Sehr viel hagiographischer und hin und wieder fast burlesk ist das von Eddie Tambwe und Jean-Marie Dikanga Kazadi herausgegebene Werk: &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039; (Paris 2008). Über die Motive der teilnehmenden Länder erschien schon recht früh &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039; von John F. Clark (New York 2002). Die zähen Friedensverhandlungen, die zu den Verträgen von Lusaka (1999) und Pretoria (2002) führten, schilderte Jean-Claude Willame: &#039;&#039;Les ›faiseurs de paix‹ au Congo&#039;&#039; (Brüssel 2007). Das Buch beschäftigt sich außerdem ausgiebig mit den Motiven der in- und ausländischen Konfliktparteien und der Rolle der internationalen UNO-Friedensmission MONUC. Die definitive Studie über die MONUC steht noch aus, aber Xavier Zeebroek schrieb vor wenigen Jahren einen aufschlussreichen Bericht, &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039; (Brüssel 2008), und von Julie Reynaert stammt eine übersichtliche Masterarbeit, &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo&#039;&#039; (Leuven 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den massiven Rohstoffraub bewiesen unwiderlegbar die aufeinanderfolgenden Berichte des Experten-Panels der UNO (www.un.org/News/dh/latest/drcongo.htm). Eine zusammenfassende, quantitative Analyse fehlt, aber Stefaan Marysse und Catherine André lieferten bahnbrechende Berechnungen für die Jahre 1999 und 2000 in »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2001). Die Jahrbücher &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, derzeit unter der Redaktion von Stefaan Marysse, Filip Reyntjens und Stef Vandeginste, enthalten überdies einen Schatz von Informationen über die neueren Perioden der kongolesischen (aber auch ruandischen und burundischen) Geschichte. Die älteren Jahrgänge sind auf der Website der Universität Antwerpen vollständig zum Download freigegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige unabhängige NGO leisteten gleichfalls hervorragende Arbeit. Human Rights Watch dokumentierte den Goldschmuggel durch Uganda in zwei Berichten: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC (2001) und vor allem &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039; (2005). Global Witness untersuchte die Rolle Ruandas im Zinnschmuggel: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC (2005). IPIS beschäftigte sich in einer zweibändigen Studie mit den Absatzmärkten für Coltan: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039; (2002). Pole Institute, ein kongolesisches Forschungsinstitut in Goma, veröffentlichte &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039; (2002), mit ausführlichen Interviews mit Minenarbeitern. Auch diese Berichte sind alle online verfügbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus zwei Studien wurde mir klar, dass man den Blick nicht ausschließlich auf die Regierungen von Ruanda und Uganda richten darf, wenn es um den Raub von Rohstoffen im Ostkongo geht. Es gibt Akteure »oberhalb« wie »unterhalb« von ihnen. &#039;&#039;Network War: An In­troduction to Congo&#039;s Privatised War Economy&#039;&#039; von Tim Raeymaekers (IPIS, 2002) zeigte die entscheidende Rolle von privaten, »non-state actors« in der globalisierten Welt von heute, während Koen Vlassenroot und Hans Romkema nachwiesen, dass auch manche einfachen Kongolesen ein kleines Stück vom großen Kuchen abbekamen: »The emergence of a New order? Resources and war in Eastern Congo« (&#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance&#039;&#039;, 2002).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über solche und andere soziale Auswirkungen des Krieges auf lokaler Ebene gaben Koen Vlassenroot und Tim Raeymaekers eine interessante Aufsatzsammlung heraus: &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC (Gent 2004). Ich las unter anderem mit großem Interesse das anthropologische Kapitel von Luca Jourdan in »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«. Human Rights Watch veröffentlichte im Juni 2002 bereits einen Bericht über sexuelle Gewalt: &#039;&#039;The War within the War&#039;&#039;. Zu den ökologischen Folgen des Konflikts konsultierte ich neben dem Unesco-Bericht &#039;&#039;Promoting and Preserving Congolese Heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039; (2005) das groß angelegte Übersichtswerk von Debroux et al. (Hg.), &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo&#039;&#039; (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 13&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politische und militärische Dimension der Übergangsperiode wurde in den bereits genannten Werken von Reyntjens und Prunier ausführlich thematisiert. Die detailreichste Studie stammt auch hier wieder von Gauthier de Villers: &#039;&#039;De la guerre aux élections&#039;&#039; (Tervuren 2009), der damit sein Tryptichon über Zaire/Kongo während des langen Übergangs von der Zweiten zur Dritten Republik abschließt (de Villers 1997, 2001, 2009). Der inventarisierende Charakter dieser Studien macht sie zu Nachschlagewerken für die Zeit von 1990-2008, wie es die Jahrbücher des CRISP für den Zeitraum 1959-1967 waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Kapitel beschäftigte sich ausführlich mit dem Zusammenspiel von multinationalen Konzernen, Popmusik, Pfingstkirchen und Massenmedien in der urbanen Kultur des Kongo. Da es sich um neuere Phänomene handelt, existieren noch keine übergreifenden Studien. Der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039; (London 2004) enthält einige gute Beiträge. &#039;&#039;Das&#039;&#039; Standardwerk über das Leben in der Hauptstadt ist jedoch die anthropologische Studie von Filip De Boeck, &#039;&#039;Kinshasa, Tales of the Invisible City&#039;&#039; (Gent 2004), illustriert mit Fotos von Marie-Françoise Plissart. Zwei seiner Doktorandinnen, Kristien Geenen und Katrien Pype, verfassten in den vergangenen Jahren erhellende Studien über Straßenkinder, Jugendbanden und religiöse Soaps in Kinshasa. De Boeck selbst drehte den Dokumentarfilm &#039;&#039;Cemetery State&#039;&#039; (2010) über Jugend und Tod in einer unergründlichen Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Informationen über Popmusik verdanke ich dem Internet und zahlreichen Gesprächen mit Kongolesen. Außerdem waren &#039;&#039;Rumba on the River&#039;&#039; von Gary Stewart (London 2000) und &#039;&#039;Rumba Rules&#039;&#039; von Bob White (Durham 2008) meine wichtigsten Quellen. Die Aktivitäten von Heineken in Afrika wurden meines Wissens bisher nicht systematisch erforscht. Der niederländische Fernsehsender RTL produzierte 2008 den recht oberflächlichen und patriotischen Dokumentarfilm &#039;&#039;Een Hollands biertje in Afrika&#039;&#039;. Es ging darin jedoch ausschließlich um Bralima in Kinshasa, mit Dolf van den Brink in der Hauptrolle. Auf der Website des Senders kann man sich den Film ansehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erkenntnisse über den Einfluss der kongolesischen Medien gewann ich, außer durch das Buch von Katrien Pype über religiöse Sender, anhand von Marie-Soleil Frères Buch &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix&#039;&#039; (Brüssel 2005) sowie ihrer späteren Aufsätze. Zum Einfluss der mobilen Telefonie in Afrika siehe Mirjam de Bruijn et al., &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039; (Leiden 2001).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Ausbreitung des charismatischen Christentums informierte ich mich unter anderem bei Gerrie Ter Haar, &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039; (Philadelphia 2009). Die Wechselwirkungen mit der neueren Migrationsgeschichte beschreibt Emma Wild-Wood, &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo&#039;&#039; (Leiden 2008). Zur Entstehung der kongolesischen Diaspora in Europa siehe Zana Etambala: &#039;&#039;In het land van de Banoko&#039;&#039; (Leuven 1993) für Belgien sowie Marc Tardieu: &#039;&#039;Les Africains en France&#039;&#039; (Monaco 2006) für Frankreich. Zur viel jüngeren Gemeinschaft in London siehe die von David Garbin und Wa Gamoka Pambu gesammelten Interviews in &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039; (London 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige journalistische Arbeiten beschreiben die Wechselwirkungen zwischen Popkultur und Politik. Luc Olinga untersuchte in »La victoire en chantant« den Einfluss der kongolesischen Popmusik auf die Wahlen von 2006 (&#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 2006). Marie-Soleil Frère befasste sich in »Quand le pluralisme déraille« mit der Rolle des kommerziellen und religiösen Fernsehens im Wahlkampf (&#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf kinematographischer Ebene verweise ich auf &#039;&#039;Congo River&#039;&#039; von Thierry Michel (2005), ein lebendiges Mosaik des Kongo in den Übergangsjahren, und auf &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039; von Chuck de Liedekerke und Yannick Muller (2006) für eine erhellende Darstellung der politischen Hintergründe. Lieve Joris schrieb mit &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039; (Amsterdam 2006) ein mutiges Buch über die schwierige Reform der kongolesischen Armee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 14&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die jüngste Phase der kongolesischen Geschichte existieren selbstverständlich noch nicht viele Bücher. Ein sehr lesbarer Bericht über den Ablauf der ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten stammt von dem niederländischen Kongolesen Alphonse Muambi, der als internationaler Beobachter für kurze Zeit wieder in sein früheres Heimatland reiste: &#039;&#039;Democratie kun je niet eten&#039;&#039; (Amsterdam 2009).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anfänge der Dritten Republik werden in zwei sehr unterschiedlichen Werken beschrieben: &#039;&#039;Le Soir&#039;&#039;-Journalistin Colette Braeckman zeichnet in &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039; (Brüssel 2009) ein vorsichtig optimistisches Bild, während der von Theodore Trefon herausgegebene Sammelband eher düstere Töne anschlägt: &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039; (Tervuren 2009). Über Nkunda schrieb ein Autor namens Stewart Andrew Scott: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu&#039;&#039; (Paris 2008). Neben der Tagespresse informierte ich mich in &#039;&#039;Mo-magazine&#039;&#039;, &#039;&#039;Le monde diplomatique&#039;&#039; und &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;. Die Blogs von Colette Braeckman (auf lesoir.be) und Jason Stearns (congosiasa.blogspot.com) waren sehr hilfreich bei der Einordnung der aktuellen Entwicklungen. Eine große Hilfe waren auch die messerscharfen Analysen, die Kris Berwouts als Direktor von EurAc, der Dachorganisation europäischer, in Zentralafrika tätiger NGO, in Umlauf brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von International Crisis Group (crisisgroup.org) und Human Rights Watch (hrw.org) sind unübertroffen, wenn es um Konfliktanalyse und Recherchen vor Ort zu Menschenrechtsverletzungen geht. Was die eine Website an Makroperspektive bietet, bietet die andere an detaillierter Feldbeobachtung. Beide NGO leisten Jahr um Jahr hervorragende Arbeit, die nicht nur Historikern gute Dienste leistet, sondern vor allem Menschenleben retten will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Websites von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und Radio Okapi, der besten Zeitung und des besten Rundfunksenders im Kongo, ermöglichten es mir, die aktuellen Entwicklungen im Land auch aus der Ferne zu verfolgen. Auch der Rapper Alesh, den ich in Kisangani interviewte, ist auf der Website von Radio Okapi zu hören. Mehrere mutige kongolesische NGO verbreiten seit kurzem Berichte über das Internet; insbesondere denke ich dabei an Asadho (Association africaine de défense de droits de l&#039;homme), Rodhecic (Réseau d&#039;organisations des droits humains et d&#039;éducation civique d&#039;inspiration chrétienne) und Journaliste en Danger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die turbulenten Verwicklungen im katangesischen Bergbau drehte Thierry Michel den interessanten Dokumentarfilm &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Sehr informativ waren für mich die Berichte von IPIS, RAID, Global Witness und Resource Consulting Services.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die zunehmende Präsenz Chinas in Afrika erschienen in den letzten Jahren mehrere gute Studien: siehe Chris Alden, &#039;&#039;China in Africa&#039;&#039; (London 2007) für eine analytische Betrachtung und Serge Michel und Michel Beuret, &#039;&#039;La Chinafrique&#039;&#039; (Paris 2009) für einen sehr lebendigen, journalistischen Bericht. Sehr ausgewogen fand ich die Studie von Martine Dahle Huse und Stephen L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039; (online, 2008). Eine gute Analyse des Vertrages zwischen dem Kongo und China fand ich bei Stefaan Marysse und Sara Geenen, »Les contrats chinois en RCD: l&#039;impérialisme rouge en marche?« (&#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs&#039;&#039;, 2007-2008).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Kapitel 15&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur afrikanischen Gemeinschaft in Guangzhou existieren bisher kaum wissenschaftliche Studien. Die ersten Forschungsarbeiten wurden inzwischen veröffentlicht, sind aber in der Regel noch sehr deskriptiv; siehe Brigitte Bertoncelo und Sylvie Bredeloup, »The Emergence of New African ›Trading Posts‹ in Hong Kong and Guangzhou« (&#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039;, 2007) und Li Zhang, »Ethnic Congregation in a Globalizing City: The Case of Guangzhou, China« (www.sciencedirect.com, 2008). Zhigang Li, Desheng Xue, Michael Lyons und Alison Brown schrieben »Ethnic Enclave of Transnational Migrants in Guangzhou« (asiandrivers.open.ac.uk, 2007), und von Adams Bodomo, einem ghanaischen Professor in Hongkong, erschien »The African Trading Community in Guangzhou« (in &#039;&#039;China Quarterly&#039;&#039;, 2010). Sehr instruktiv waren für mich die Gespräche mit dem belgischen Konsul Frank Felix, dem flämischen Wirtschaftsvertreter und Sinologen Koen De Ridder und dem kongolesischen, in China lebenden Journalisten Jaffar Mulassa; am meisten aber lernte ich wie immer durch Gespräche mit den unmittelbar betroffenen Menschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Abi-Saab, G.: &#039;&#039;The United Nations Operation in the Congo 1960-1964.&#039;&#039; Oxford 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alden, C.: &#039;&#039;China in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alpers, E. A.: &#039;&#039;Ivory&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;Slaves in East Central Africa.&#039;&#039; London 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Les violations des droits de l&#039;homme au Zaïre.&#039;&#039; Brüssel 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Zaïre: dossier sur l&#039;emprisonnement politique et commentaires des autorités.&#039;&#039; Paris 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: »Democratic Republic of Congo: Acts of political repression on the increase«, in: AI &#039;&#039;Index&#039;&#039;: AFR 62/014/2006, 4. Juli 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Amnesty International: &#039;&#039;Human Rights Defenders under Attack in the Demo­cratic Republic of Congo&#039;&#039;. Februar 2010, www.amnesty.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antipas, G.: &#039;&#039;Pionniers méconnus du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antonissen, J./J. Weyn: &#039;&#039;F. C. Indépendance&#039;&#039;. Canvas-documentaire 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Archer, J.: &#039;&#039;Congo: The Birth of a New Nation&#039;&#039;. Folkestone 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ASADHO: &#039;&#039;Les conditions de travail des congolais au sein de l&#039;entreprise chinoise&#039;&#039; CREC &#039;&#039;sont inacceptables!&#039;&#039; Jan. 2010, www.asadho-rdc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Asch, S.: &#039;&#039;L&#039;église du prophète Simon Kimbangu: de ses origines à son rôle actuel au Zaïre.&#039;&#039; Paris 1982&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ayad, C.: »Les sectes, sauve-qui-peut au Congo-Kinshasa«, in: &#039;&#039;Libération&#039;&#039;, 31. Januar 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bailey, H.: &#039;&#039;Travel and Adventures in the Congo Free State and its Big Game Shooting.&#039;&#039; London 1894.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Banque Centrale du Congo: &#039;&#039;La Banque Centrale du Congo: une rétrospective historique&#039;&#039;. Kinshasa 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Barham, L./P. Mitchell: &#039;&#039;The First Africans: African Archaeology from the Earliest Toolmakers to the Most Recent Foragers.&#039;&#039; Cambridge 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Batumike, C.: &#039;&#039;Une liberté de moins: témoignage de prison et autres rubriques&#039;&#039;. Langenthal 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Zaïre&#039;s hyperinflation, 1990-96. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 97/50, 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beaugrand, P.: Overshooting and dollarization in the Democratic Republic of the Congo. IMF &#039;&#039;Working Paper&#039;&#039; 03/105, 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Geldmacher. Das geheimste Gewerbe der Welt.&#039;&#039; Weinheim 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bender, K. W.: &#039;&#039;Moneymakers: The Secret World of Banknote Printing&#039;&#039;. Weinheim 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bentley, W. H.: &#039;&#039;Pioneering on the Congo.&#039;&#039; London 1900.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bertoncelo, B./S. Bredeloup: The emergence of new African »trading posts« in Hong Kong and Guangzhou. &#039;&#039;China Perspectives&#039;&#039; 1, 2007, chinaperspectives.revues.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berwouts, K.: &#039;&#039;Un semblant d&#039;état en état de ruine&#039;&#039;. Internes Dokument EurAc, 27. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bézy, F./J.-P. Peemans/J.-M. Wautelet: &#039;&#039;Accumulation et sous-développement au Zaïre 1960-1980&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; I&#039;&#039;: 1890-1920.&#039;&#039; Brüssel 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blanchart, C./J. de Deurwaerder/G. Nève/M. Robeyns/P. van Bost: &#039;&#039;Le rail au Congo Belge, tome&#039;&#039; II&#039;&#039;: 1920-1945&#039;&#039;. Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal, E.: Zaïre: rapport over zijn internationale financiële credibiliteit (»Le rapport Blumenthal et annexes«). &#039;&#039;Info Zaïre&#039;&#039; 36, 1982, S. 3-15.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bodomo, A.: »The African trading community in Guangzhou: an emerging bridge for Africa-China relations«, in: &#039;&#039;The China Quarterly&#039;&#039; (2010), 203, S. 693-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boehme, O.: »The involvement of the Belgian Central Bank in the Katanga secession, 1960-1963«, in: &#039;&#039;African Economic History (&#039;&#039;2005), 33, S. 1-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boel, S.: &#039;&#039;Censuur in Belgisch Congo (1908-1960): een onderzoek naar de con­trole op de pers, de film en de muziek door de koloniale overheid&#039;&#039;. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Vrije Universiteit Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boelaert, E./H. Vinck/C. Lonkama: »Témoignages africains de l&#039;arrivée des premiers blancs aux bords des rivières de l&#039;Equateur«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria (&#039;&#039;1995), 16, S. 36-117.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: &#039;&#039;L&#039;autobiographie de Hamed ben Mohammed el-Murjebi: Tippo Tip (ca. 1840-1905)&#039;&#039;. Brüssel 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bontinck, F.: »Mfumu Paul Panda Farnana, 1888-1930: premier (?) nationaliste congolais«, in: V. Y. Mudimbe (Hg.), &#039;&#039;La dépendance de l&#039;Afrique et les moyens d&#039;y remédier.&#039;&#039; Paris 1980, S. 591-610.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boone, O.: &#039;&#039;Les tambours du Congo-belge et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Tervuren 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Booven, H. van: &#039;&#039;Tropenwee&#039;&#039;. Amsterdam 1913 (Erstausgabe 1904).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bosschaerts, D.: &#039;&#039;Herinneringen aan Congo: ambtenaar in Boma (1904-1907)&#039;&#039;. Antwerpen 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bourla Errera, M.: &#039;&#039;Moïse Levy: un rabbin au Congo (1937-1991)&#039;&#039;. Brüssel 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bouvier, P.: &#039;&#039;L&#039;accesion du Congo belge à l&#039;indépendance: essai d&#039;analyse sociologique&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;De dinosaurus: het Zaïre van Mobutu&#039;&#039;. Berchem 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Les nouveaux prédateurs: politique des puissances en Afrique&#039;&#039;. Paris 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: &#039;&#039;Vers la deuxième indépendance du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C.: »Les amis chinois du Congo«, in: &#039;&#039;Manière de voir&#039;&#039; (2010), Dez. 2009 – Jan. 2010, S. 52-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braeckman, C./M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame: &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir&#039;&#039;. Brüssel 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Braekman, E. M.: &#039;&#039;Histoire du protestantisme au Congo.&#039;&#039; Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brausch, G.: &#039;&#039;Belgian Administration in the Congo&#039;&#039;. London 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, E.: »L&#039;Eglise catholique et la rébellion au Zaïre (1964-1967)«, in: &#039;&#039;Les cahiers du cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8, S. 61-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brion, R./J.-L. Moreau: &#039;&#039;Van mijnbouw tot Mars: de ontstaansgeschiedenis van Umicore&#039;&#039;. Tielt 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brousmiche, P.: &#039;&#039;Bortaï: Faradje, Asosa, Gambela, Saio. Journal de campgne&#039;&#039;. Tournai 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brower, A. (Hg.): &#039;&#039;African Archaeology: A Critical Introduction.&#039;&#039; Oxford 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bruijn, M. de/R. van Dijk/D. Foeken (Hg.): &#039;&#039;Mobile Africa: Changing Patterns of Movement in Africa and Beyond&#039;&#039;. Leiden 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buana Kabue: &#039;&#039;L&#039;expérience zaïroise: du casque colonial à la toque de léopard&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buch, P./J. Vanderlinden: &#039;&#039;L&#039;uranium, la Belgique et les puissances&#039;&#039;. Brüssel 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buelens, F.: &#039;&#039;Congo 1885-1960: Een financieel-economische geschiedenis&#039;&#039;. Ber­chem 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bureau du Président de la République: &#039;&#039;Profils du Zaïre&#039;&#039;. Kinshasa [1972].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buyse, A.: &#039;&#039;Democratie voor Zaïre: de bittere nasmaak van een troebel experiment&#039;&#039;. Groot-Bijgaarden 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Callaghy, T.: &#039;&#039;The State-Society Struggle: Zaire in Comparative Perspective&#039;&#039;. New York 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Campbell, K.: »800 Chinese state-owned enterprises active in Africa, covering every country«, in: &#039;&#039;Mining Weekly&#039;&#039;, 28. September 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Caprasse, P.: &#039;&#039;Leaders africains en milieu urbain (Elisabethville)&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carrington, J. F.: &#039;&#039;La voix des tambours&#039;&#039;. Kinshasa 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Carton de Wiart, H.: &#039;&#039;Mes vacances au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1923.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catherine, L.: &#039;&#039;Manyiema, de enige oorlog die België won&#039;&#039;. Antwerpen 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Catteeuw, K.: »Cardijn in Congo: de ontwikkeling en betekenis van de Katholieke Arbeidersjeugd in Belgisch-Congo«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 153-169.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cattier, F.: &#039;&#039;Etude sur la situation de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1906.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cayen, A.: &#039;&#039;Au service de la colonie.&#039;&#039; Brüssel 1938.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: &#039;&#039;Congo Made in Flanders? Koloniale Vlaamse visies op ›blank‹ en ›zwart‹ in Belgisch-Congo.&#039;&#039; Gent 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ceuppens, B.: »Een Congolese kolonie in Brussel«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 231-250.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chalux: &#039;&#039;Un an au Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;La passion de Simon Kimbangu, 1921-1951&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Moïse Tshombe et l&#039;escroquerie katangaise&#039;&#039;. Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé J.: &#039;&#039;Mobutu, guide suprême&#039;&#039;. Brüssel 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chomé, J.: &#039;&#039;Mobutu of de opgang van een sergeant-hulpboekhouder tot Opperste Leider van Zaïre&#039;&#039;. Antwerpen 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Clark, J. F.: &#039;&#039;The African Stakes of the Congo War&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Close, W. T.: &#039;&#039;Beyond the Storm: Treating the Powerless and the Powerful in Mobutu&#039;s Congo/Zaire&#039;&#039;. Marbleton 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Comhaire-Sylvain, S.: &#039;&#039;Femmes de Kinshasa: hier et aujourd&#039;hui&#039;&#039;. Paris 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Connah, G.: &#039;&#039;Forgotten Africa: An Introduction to its Archaeology&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Convents, G.: &#039;&#039;Images&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;démocratie: les Congolais face au cinéma et à l&#039;audiovisuel&#039;&#039;. Leuven 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Coquery-Vidrovitch, C./A. Forest/H. Weiss (Hg.): &#039;&#039;Rébellions-révolution au Zaïre 1963-1965&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Corneille, A.: &#039;&#039;Le syndicalisme au Katanga&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;Katanga: le Katanga avant les Belges&#039;&#039;. Brüssel 1944.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornet, R. J.: &#039;&#039;La bataille du rail: la construction du chemin de fer de Matadi au Stanley Pool.&#039;&#039; Brüssel 1947.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cornevin, R.: &#039;&#039;Histoire du Congo (Léopoldville).&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Couttenier, M.: &#039;&#039;Congo tentoongesteld: een geschiedenis van de Belgische antropologie en het museum van Tervuren (1882-1925)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1959: documents belges et africains&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1960&#039;&#039; (2 vols + annex). Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Abako 1950-1960: documents.&#039;&#039; Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1962.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1963.&#039;&#039; Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1964.&#039;&#039; Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1965.&#039;&#039; Brüssel 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1966.&#039;&#039; Brüssel 1967.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
CRISP: &#039;&#039;Congo 1967.&#039;&#039; Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cros, M.-F./F. Misser: &#039;&#039;Géopolitique du Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;)&#039;&#039;. Brüssel 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Crowder, M.: »The Second World War: Prelude to decolonization in Africa«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975&#039;&#039;. Cambridge 1984, S. 8-51.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dahle Huse, M./S. L. Muyakwa: &#039;&#039;China in Africa: Lending, Policy Space and Governance&#039;&#039;. (2008) www.afrika.no.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danniau, F.: &#039;&#039;»Il s&#039;agit d&#039;un peuple«: het antropologisch onderzoek van het Bureau international d&#039;ethnographie (1905-1913)&#039;&#039;. Unpublizierte Arbeit, Universität Gent 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davidson, A. B./A. F. Isaacman/R. Pélissier: »La politique et le nationalisme en Afrique centrale et méridionale, 1919-1935«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous la domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 721-760.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Davis, J. M.: &#039;&#039;Modern Industry and the African: An Inquiry into the Effect of the Copper Mines of Central Africa upon Native Society and the Work of the Christian Missions&#039;&#039;. London 1933.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daye, P.: &#039;&#039;Congo et Angola&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Backer, M. C. C: &#039;&#039;Notes pour servir à l&#039;étude des ›groupements politiques‹ à Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959 (3 Bde., Typoskript).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F./M.-F. Plissart: &#039;&#039;Kinshasa: Tales of the Invisible City.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »On being shege in Kinshasa: children, the occult and the street«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 155-173.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Boeck, F.: »The apocalyptic interlude: revealing death in Kinshasa«, in: &#039;&#039;African Studies Review&#039;&#039; 48 (2005), 2, S. 11-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Debroux, L./T. Hart/D. Kalmowitz/A. Karsenty/G. Topa (Hg.): &#039;&#039;Forests in Post-Conflict Democratic Republic of Congo: Analysis of a Priority Agenda.&#039;&#039; (2007) www.cifor.cgiar.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Craemer, W./R. C. Fox: &#039;&#039;The Emerging Physician: A Sociological Approach to the Development of a Congolese Medical Profession&#039;&#039;. Stanford 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Dorlodot, P.: &#039;&#039;Marche d&#039;espoir, Kinshasa 16 février 1992: non-violence pour la démocratie au Zaïre&#039;&#039;. Paris 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Herdt/T. u. S. Marysse: »La réinvention du marché par le bas: circuits monétaires et personnes de confiance dans les rues de Kinshasa«, in: G. de Villers/B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.), &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dehoux, E.: &#039;&#039;L&#039;Afrique centrale à la croisée des chemins: un reportage critique&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Jonghe, E.: »L&#039;activité ethnographique des Belges au Congo«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société d&#039;Etudes coloniales&#039;&#039; 15 (1908), 4, S. 283-308.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C.: &#039;&#039;Congo (Belge)&#039;&#039;. Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Keyzer, C./J. Lagae: &#039;&#039;Congo Belge en images&#039;&#039;. Tielt 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delannoo, E.: »Het kortstondige verhaal van het Kongolese Vrijwilligers­korps«, in: &#039;&#039;Shrapnel&#039;&#039;, Juni 2006, S. 49-52.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy A. M.: &#039;&#039;Jezuïeten in Kongo met zwaard en kruis&#039;&#039;. Berchem 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;De Kongostaat van Leopold&#039;&#039; II. Antwerpen 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delathuy, A. M.: &#039;&#039;Missie en staat in Oud-Kongo&#039;&#039; (2 Bde.). Berchem 1992-1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delcommune, A.: &#039;&#039;Le Congo, la plus belle colonie du monde.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Liedekerke, C./Y. Muller: &#039;&#039;Congo na biso&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delpierre, G.: »Tabora 1916: de la symbolique d&#039;une victoire«, in: &#039;&#039;Belgisch Tijdschrift voor Nieuwste Geschiedenis 32&#039;&#039; (2002), 3-4, S. 351-381.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Delval, N.: &#039;&#039;Schuld in Kongo?&#039;&#039; Leuven 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dembour, M.-B.: &#039;&#039;Recalling the Belgian Congo&#039;&#039;. New York 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;De kampen van Kongo: arbeid, kapitaal en rasveredeling in de koloniale planning&#039;&#039;. Amsterdam 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Meulder, B.: &#039;&#039;Kuvuande Mbote: een eeuw koloniale architectuur en stedenbouw in Kongo&#039;&#039;. Antwerpen 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Monstelle, A.: &#039;&#039;La débâcle du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demunter, P.: &#039;&#039;Luttes politiques au Zaïre: le processus de politisation des masses rurales du Bas-Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dendooven, D./P. Chielens: &#039;&#039;Wereldoorlog&#039;&#039; I&#039;&#039;: Vijf continenten in Vlaanderen&#039;&#039;. Tielt 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen, C.: »Les traités de Stanley et de ses collaborateurs avec les chefs africains, 1880-1885«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 77-146.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denuit-Somerhausen/C. u. F. Balace: »Abyssinie 41: du mirage à la victoire«, in: F. Balace (Hg.), &#039;&#039;Jours de lutte.&#039;&#039; Brüssel 1992, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Depaepe, M./J. Briffaerts/P. Kita Kyankenge Masandi/H. Vinck: &#039;&#039;Manuels et chansons scolaires au Congo Belge&#039;&#039;. Leuven 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derrick, J.: &#039;&#039;Africa&#039;s ›Agitators‹: Militant Anti-Colonialism in Africa and the West, 1918-1939&#039;&#039;. London 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint-Moulin, L.: »La population du Congo pendant la Second Guerre mondiale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 15-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Croissance de Kinshasa et transformations du réseau urbain de la République du Congo depuis l&#039;indépendance«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Villes d&#039;Afrique: explorations en histoire urbaine.&#039;&#039; Paris 2007, S. 41-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Saint Moulin, L.: »Analyse du paysage sociopolitique à partir du résultat des élections de 2006«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 49-65.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des Forges, Alison: &#039;&#039;Kein Zeuge darf überleben.&#039;&#039; Hamburg 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Valon, A.: Mission de renforcement des capacités du Commissariat de District de l&#039;Ituri. Unveröffentlichtes Typoskript, Bunia 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devisch, R.: »Frenzy, violence, and ethical renewal in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Public Culture&#039;&#039; 7 (1995), S. 593-629.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Zaïre: la transition manquée (1990-1997)&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./B. Jewsiewicki/L. Monnier (Hg.): &#039;&#039;Manières de vivre: économie de la »débrouille« dans les villes du Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;Guerre et politique: les trente derniers mois de L. D. Kabila (août 1998-janvier 2001).&#039;&#039; Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G.: &#039;&#039;De la guerre aux élections: l&#039;ascension de Joseph Kabila et la naissance de la Troisième République (janvier 2001-août 2008)&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Villers, G./J. Omasombo Tshonda: »An intransitive transition«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy (&#039;&#039;2002), &#039;&#039;93/94,&#039;&#039; S. 399-410.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Devlin, L.: &#039;&#039;Chief of Station, Congo: A Memoir of 1960-67&#039;&#039;. New York 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, L./E. Gerard/P. Raxhon/J. Gérard-Libois: &#039;&#039;Lumumba: De complotten? De moord&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Vos, P.: &#039;&#039;Vie et mort de Lumumba&#039;&#039;. Paris 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Waele, J.: »Voor vorst en vaderland: zwarte soldaten en dragers tijdens de Eerste Wereldoorlog in Congo«, in: &#039;&#039;Militaria Belgica (&#039;&#039;2007/08), S. 107-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;De moord op Lumumba&#039;&#039;. Leuven 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
De Witte, L.: &#039;&#039;Regierungsauftrag Mord. Der Tod Lumumbas und die Kongo-Krise&#039;&#039;. Leipzig 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diallo, S.: &#039;&#039;Zaire Today&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diangienda Kuntima, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Kimbanguisme&#039;&#039;. Châtenay-Malabry 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: »De la surpolitisation à l&#039;&#039;&amp;lt;nowiki/&amp;gt;&#039;&#039;&#039;antipolitique, quelques remarques en marge de l&#039;histoire du mouvement ouvrier à l&#039;Unoin minière du Haut-Katanga (UMHK) et à la Gécamines, 1920-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 184-199.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Histoire des conditions de vie des travailleurs de l&#039;Union Minière du Haut-Katanga/Gécamines&#039;&#039; &#039;&#039;(1910-1999).&#039;&#039; Lubumbashi 2001a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Bana Shaba abandonnés par leur père: structure de l&#039;autorité et histoire sociale de la famille ouvrière au Katanga, 1910-1997.&#039;&#039; Paris 2001b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dibwe dia Mwembu, D.: &#039;&#039;Le travail hier et aujourd&#039;hui: mémoires de Lubumbashi.&#039;&#039; Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doucy, A./P. Feldheim: &#039;&#039;Problèmes du travail et politique sociale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff, V.: &#039;&#039;L&#039;évolution de l&#039;agriculture indigène dans la zone de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1954.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dujardin, V./V. Rosoux/T. de Wilde d&#039;Estmael (Hg.): &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: schaamteloos genie?&#039;&#039; Tielt 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Early, G. (Hg.): &#039;&#039;Speech and Power: The African-American Essay and its Cultural Content from Polemics to Pulpit&#039;&#039; (2 Bde.). Hopewell 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Efinda, E.: &#039;&#039;Grand Lacs: sur les routes malgré nous!&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ekanga Botombele, B.: &#039;&#039;La politique culturelle en République du Zaïre&#039;&#039;. Paris 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;L&#039;Afrique en morceaux: la tragédie des Grands Lacs&#039;&#039;. Canal plus-documentaire (2000).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
El-Tahri, J.: &#039;&#039;Cuba, une odyssée africaine&#039;&#039;. ARTE-documentaire (2007).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emizet, K. N. F: &#039;&#039;Zaire after Mobutu: A Case of Humanitarian Emergency&#039;&#039;. Helsinki 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emongo Lomomba: »Le ›Blanc-belge‹ au Congo: entretien avec Lomami Tshibamba«, in: &#039;&#039;Zaïre 1885-1985: cent ans de regards croisés.&#039;&#039; Brüssel 1985, S. 135-147.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Engels, D./B. Van Peel: &#039;&#039;Boyamba Belgique&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergo, A.-B.: &#039;&#039;Congo belge: la colonie assassinée&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esgain, N.: »Scènes de la vie quotidienne à Elisabethville dans les années vingt«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 57-60.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Esposito, R. F.: &#039;&#039;Anuarite, vierge et martyre zaïroise&#039;&#039;. Kinshasa 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Congolese children at the Congo House in Colwyn Bay (North Wales, Great-Britain), at the end of the 19th century«, in: &#039;&#039;Afrika Focus&#039;&#039; 3 (1987), S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;In het land van de Banoko: de geschiedenis van de Kongolese/Zaïrese aanwezigheid in België van 1885 tot heden&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: »Arbeidersopstanden en het ontstaan van inlandse syndicaten: de houding van de Katholieke Kerk (1940-1947), in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999a) 2, S. 67-111.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;Congo 55/65: van koning Boudewijn tot president Mobutu&#039;&#039;. Tielt 1999b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etambala, Zana Aziza: &#039;&#039;De teloorgang van een modelkolonie: Belgisch Congo (1958-1960)&#039;&#039;. Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eyskens, G.: &#039;&#039;De memoires&#039;&#039;. Tielt 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Jamaa: A Charismatic Movement in Katanga&#039;&#039;. Evanston 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Language and Colonial Power: The Appropriation of Swahili in the Former Belgian Congo, 1880-1938.&#039;&#039; Cambridge 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Remembering the Present: Painting and Popular History in Zaire.&#039;&#039; Berkeley 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Out of Our Minds: Reason and Madness in the Exploration of Central Africa.&#039;&#039; Berkeley 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fabian, J.: &#039;&#039;Im Tropenfieber. Wissenschaft und Wahn in der Erforschung Zentralafrikas&#039;&#039;. München 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;L&#039;Union Minière du Haut-Katanga, 1920-1940: la naissance d&#039;une sous-culture totalitaire&#039;&#039;. Brüssel 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: »African associations in Elisabethville, 1910-1935: their origins and development«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974), S. 205-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fetter, B.: &#039;&#039;The Creation of Elisabethville, 1910-1940&#039;&#039;. Stanford 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Feuchaux, L.: »Vie coloniale et faits divers à Léopoldville (1920-1940)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 71-101.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fierlafyn, L.: &#039;&#039;Le discours nationaliste au Congo belge durant la période 1955-1960&#039;&#039;. Brüssel 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flament, F.: &#039;&#039;La Force Publique de sa naissance à 1914: participation des militaires à l&#039;histoire des premières années du Congo&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foden, G.: &#039;&#039;Mimi and Toutou go forth: the Bizarre Battle of Lake Tanganyika&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Foire Internationale d&#039;Elisabethville: &#039;&#039;Elisabethville 1911-1961&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forbath, P.: &#039;&#039;The River Congo: The Discovery, Exploration and Exploitation of the World&#039;s Most Dramatic River.&#039;&#039; New York 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fox, R. C./W. De Craemer/J.-M. Ribeaucourt: »La deuxième indépendance: étude d&#039;un cas, la rébellion au Kwilu«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 1, S. 1-35.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: &#039;&#039;Afrique centrale, médias et conflits: vecteurs de guerre ou acteurs de paix.&#039;&#039; Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Quand le pluralisme déraille: images et manipulations télévisuelles à Kinshasa«, in: &#039;&#039;Africultures&#039;&#039;, 20. November 2007, www.africultures.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frère, M.-S.: »Appui au secteur des médias: quel bilan pour quel avenir?«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RCD&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 191-210.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frères Maristes: &#039;&#039;Buku na kutanga o lingala (Livre de lecture en lingala).&#039;&#039; Lüttich 1927, www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gann, L. H./P. Duignan: &#039;&#039;The Rulers of Belgian Congo, 1884-1914&#039;&#039;. Princeton 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Le droit électoral au Congo belge: status des villes et des communes&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganshof van der Meersch: &#039;&#039;Congo, mei-juni 1960&#039;&#039;. O. O. 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Garbin, D./Wa Gamoka Pandu: &#039;&#039;Roots and Routes: Congolese Diaspora in Multicultural Britain&#039;&#039;. London 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gast, L.: &#039;&#039;When we were kings&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Los Angeles 1996.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gbabendu Engunduka, A./E. Efolo Ngobaasu: &#039;&#039;Volonté de changement au Zaïre: de la consultation populaire vers la conférence nationale&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geenen, K.: »›Sleep occupies no space‹: the use of public space by street gangs in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the African International Institute&#039;&#039; 79 (2009), 3, S. 347-368.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geernaert, J.: &#039;&#039;Congophilie: solution de la question coloniale belge&#039;&#039;. Brüssel o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Binza 10: De eerste tien onafhankelijkheidsjaren van de Democratische Republiek Congo&#039;&#039;. Gent 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geerts, W.: &#039;&#039;Mobutu: de man van Kamanyola&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geldof, J.: &#039;&#039;Belgisch-Congo&#039;&#039;. Brügge 1937 (2. Aufl.).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard, J. E.: &#039;&#039;Les fondements syncrétiques du Kitawala&#039;&#039;. Brüssel 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gérard-Libois, J.: &#039;&#039;Sécession au Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ghilain, J.: &#039;&#039;Le revenu des populations indigènes du Congo-Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Giovannoni, M./T. Trefon/J. Kasongo Banga/C. Mwema: »Acting on behalf (and in spite) of the state: NGOs and civil society associations in Kinshasa«, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004, S. 99-115.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Global Witness: &#039;&#039;Under-Mining Peace: Tin, The Explosive Trade in Cassiterite in Eastern&#039;&#039; DRC. Juni 2005, www.globalwitness.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goffin, L.: &#039;&#039;Le chemin de fer du Congo (Matadi – Stanley-Pool)&#039;&#039;. Brüssel 1907.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »Unies pour le meilleur et le pire. Femmes africaines et villes coloniales: une histoire du métissage«, in: &#039;&#039;Clio. Histoire, femmes et sociétés&#039;&#039; 6 (1997a), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://clio.revues.org/index377.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: &#039;&#039;Villes miroirs: migrations et identités urbaines à Kinshasa et Brazzaville, 1930-1970&#039;&#039;. Paris 1997b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gondola, C. D.: »La contestation politique des jeunes à Kinshasa à travers l&#039;exemple du mouvement ›kindoubill‹ (1950-1959)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 171-183.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gould, D. J.: &#039;&#039;Bureaucratic Corruption and Underdevelopment in the Third World: The Case of Zaire.&#039;&#039; New York 1980.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gourou, P.: &#039;&#039;La densité de la population rurale au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1955.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Govaerts, B.: »De strop of de kogel? Over de toepassing van de doodstraf in Kongo en Ruanda-Urundi (1885-1962)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 1 (2009), S. 59-77.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grévisse, F.: &#039;&#039;Le centre extra-coutumier d&#039;Elisabethville: quelques aspects de la politique indigène du Haut-Katanga industriel&#039;&#039;. Brüssel 1951.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guebels, L.: &#039;&#039;Relation complète des travaux de la Commission Permanente pour la Protection des Indigènes, 1911-1951&#039;&#039;. Gembloux 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;De Afrikaanse droom: de revolutionaire dagboeken uit de Kongo 1965-1966&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guevara, E.: &#039;&#039;Der afrikanische Traum. Das wieder aufgefundene Tagebuch vom revolutionären Kampf im Kongo.&#039;&#039; Köln 2000, 4. Auflage 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habran, L.: &#039;&#039;Coup d&#039;oeil sur le problème politique et militaire du Congo Belge&#039;&#039;. Brüssel 1925.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Markings&#039;&#039;. London 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld, D.: &#039;&#039;Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des&#039;&#039; UN&#039;&#039;-Generalsekretärs&#039;&#039;. Stuttgart 2011.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B.: &#039;&#039;Donner sa chance au peuple congolais: expériences de développement participatif (1985-2001)&#039;&#039;. Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hamuli Kabarhuza, B./F. Mushi Mugumo/N. Yambayamba Shuku: &#039;&#039;La société civile congolaise: état des lieux et perspectives&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harden, B.: »A black mud from Africa helps power the new economy«, in: &#039;&#039;New York Times&#039;&#039;, 12. August 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Harms, R. W.: &#039;&#039;River of Wealth, River of Sorrow: The Central Zaire Basin in the Era of the Slave and Ivory Trade, 1500-1891&#039;&#039;. New Haven 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hawker, G.: &#039;&#039;The Life of George Grenfell: Congo Missionary and Explorer&#039;&#039;. London 1909.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: »The uranium negotations of 1944«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 253-284.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Helmreich, J. E.: &#039;&#039;Gathering Rare Ores: The Diplomacy of Uranium Acquisition, 1943-1954&#039;&#039;. Princeton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hemmens, H. L.: &#039;&#039;George Grenfell, Master Builder of Foundations&#039;&#039;. London 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hibbert, C.: &#039;&#039;Africa Explored: Europeans in the Dark Continent, 1769-1889&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Higginson, J.: &#039;&#039;A Working Class in the Making: Belgian Colonial Labor Policy, Private Enterprise, and the African Mineworker, 1907-1951&#039;&#039;. Madison 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilton, A.: &#039;&#039;The Kingdom of Kongo&#039;&#039;. Oxford 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;De geest van koning Leopold II en de plundering van de Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hochschild, A.: &#039;&#039;Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen.&#039;&#039; Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoebeke, H./H. Boshoff/K. Vlassenroot: »Monsieur le Président, vous n&#039;avez pas d&#039;armée . . .«: La réforme du secteur de sécurité vue du Kivu, in: T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions.&#039;&#039; Tervuren 2009, S. 119-137.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoskyns, C.: &#039;&#039;The Organization of African Unity and the Congo Crisis&#039;&#039; (Case Studies in African Diplomacy 1). Daresssalam 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers à Kisangani, juin-juillet-août 1972&#039;&#039;. O. O. 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Houyoux, J.: &#039;&#039;Budgets menagers, nutrition et mode de vie à Kinshasa&#039;&#039;. Kinshasa 1973.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Herinneringen aan de oorlog«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 587-595.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hulstaert, G.: »Marie aux Léopards: quelques souvenirs historiques«, in: &#039;&#039;Annales Aequatoria&#039;&#039; 11 (1990), S. 433-435.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997a: &#039;&#039;What Kabila is Hiding: Civilian Killings and Impunity in Congo&#039;&#039;. Oktober 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 1997b: &#039;&#039;Uncertain Course: Transition and Human Rights Violations in the Congo&#039;&#039;. Dezember 1997, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2000: &#039;&#039;Eastern Congo Ravaged: Killing Civilians and Silencing Protest&#039;&#039;. Mai 2000, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2001: &#039;&#039;Uganda in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: Fuelling Political and Ethnic Strife&#039;&#039;. März 2001, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002a: &#039;&#039;The War within the War: Sexual Violence against Women and Girls in Eastern Congo&#039;&#039;. Juni 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2002b: &#039;&#039;War Crimes in Kisangani: The Response of Rwandan-backed Rebels to the May 2002 Mutiny&#039;&#039;. August 2002, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2003: &#039;&#039;Ituri »covered in blood«: ethnically targeted violence in northeastern&#039;&#039; DR &#039;&#039;Congo&#039;&#039;. Juli 2003, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2004: &#039;&#039;D. R. Congo: war crimes in Bukavu&#039;&#039;. Juni 2004, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2005: &#039;&#039;The Curse of Gold&#039;&#039;. Juni 2005, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008a: &#039;&#039;»We will crush you«: The Restriction of Political Space in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. November 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Human Rights Watch 2008b: &#039;&#039;Killings in Kiwanja.&#039;&#039; Dezember 2008, www.hrw.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hunt, N. R.: &#039;&#039;A Colonial Lexicon: Of Birth Ritual, Medicalization, and Mobility in the Congo&#039;&#039;. Durham 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Huybrechts, A./V. Y. Mudimbe/L. Peeters/J. Vanderlinden/D. Van Der Steen/B. Verhaegen: &#039;&#039;Du Congo au Zaïre, 1960-1980: essai de bilan&#039;&#039;. Brüssel [1980].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ikembana, P.: &#039;&#039;Mobutu&#039;s totalitarian political system: an Afrocentric analysis&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilosono Bekili B&#039;Inkonkoy: &#039;&#039;L&#039;épopée du 24 novembre: témoignage&#039;&#039;. Kinshasa 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ilunga Mpunga, D.: &#039;&#039;Etienne Tshisekedi: le sens d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inforcongo: &#039;&#039;Belgisch-Congo en Ruandi-Urundi: reisgids&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2007: &#039;&#039;Congo: Consolidating the Peace&#039;&#039;. Juli 2007, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009a: &#039;&#039;Congo: Five Priorities for a Peacebuilding Strategy&#039;&#039;. Mai 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Crisis Group 2009b: &#039;&#039;A Comprehensive Strategy to Disarm the&#039;&#039; FDLR. Juli 2009, www.crisisgroup.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
International Rescue Committee 2007: &#039;&#039;Mortality in the Democratic Republic of Congo: An Ongoing Crisis&#039;&#039;. Januar 2007, www.theirc.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Supporting the War Economy in the&#039;&#039; DRC&#039;&#039;: European Companies and the Coltan Trade&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;European Companies and the Coltan Trade: an update&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2002: &#039;&#039;Network War: An Introduction to Congo&#039;s Privatised War Economy.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008a: &#039;&#039;The Congo wants to raise the profits of its mining sector&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2008b: &#039;&#039;Mapping Conflict Motives: eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
IPIS 2009: &#039;&#039;The Impact of the Global Financial Crisis in Katanga&#039;&#039;. www.ipisresearch.be.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isaacman, A./J. Vansina: »Initiatives et résistances africaines en Afrique centrale de 1880 et 1914«, in: A. Adu Boahen (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique,&#039;&#039; VII&#039;&#039;: L&#039;Afrique sous domination coloniale.&#039;&#039; Paris 1987, S. 191-216.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jadin, L.: »Les sectes réligieuses sécrètes des Antoniens au Congo, 1703-1709«, in: &#039;&#039;Cahiers des religions africaines&#039;&#039; 2 (1968), S. 113-120.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssen, P.: &#039;&#039;Aan het hof van Mobutu&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: »Rapport de la Commission d&#039;Enquête«, in: &#039;&#039;Bulletin officiel de l&#039;Etat Indépendent du Congo&#039;&#039; 21 (1905), 9-10, S. 135-287.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;J&#039;étais le général Janssens&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Histoire de la Force Publique&#039;&#039;. Brüssel 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Janssens, E.: &#039;&#039;Contribution à l&#039;histoire militaire du Congo belge pendant la Seconde Guerre mondiale, 1940-45&#039;&#039;. Brüssel 1982-1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeal, T.: &#039;&#039;The Impossible Life of Africa&#039;s Greatest Explorer&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »La contestation sociale et la naissance du prolétariat au Zaïre au cours de la première moitié du XXe siècle«, in: &#039;&#039;Revue canadienne des études africaines&#039;&#039; 10 (1976), 1, S. 47-71.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Political consciousness among African peasants in the Belgian Congo«, in: &#039;&#039;Review of African Political Economy&#039;&#039; 7 (1980), 19, S. 23-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B.: »Mémoire collective et passé récent dans les discours historiques populaires zaïrois«, in: B. Jewsiewicki/ H. Moniot (Hg.), &#039;&#039;Dialoguer avec le léopard.&#039;&#039; Paris 1988, S. 218-68.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B. (Hg.): &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jewsiewicki, B./Kilola Lema/J.-L. Vellut: »Documents pour servir à l&#039;histoire sociale du Zaïre: grèves dans le Bas-Congo (Bas-Zaïre) en 1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 155-188.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johnston, H.: &#039;&#039;George Grenfell and the Congo&#039;&#039;. London 1908.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Terug naar Congo&#039;&#039;. Amsterdam 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Das schwarze Herz Afrikas. Meine erste Reise in den Kongo.&#039;&#039; München 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Dans van de luipaard&#039;&#039;. Amsterdam 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Der Tanz des Leoparden. Mein afrikanisches Tagebuch.&#039;&#039; München 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Het uur van de rebellen&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joris, L.: &#039;&#039;Die Stunde der Rebellen. Begegnungen mit dem Kongo.&#039;&#039; München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jorissen, F.: &#039;&#039;Dagboek van een koloniaal: herinneringen van Belgisch Kongo 1953-1960&#039;&#039;. Hasselt 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jourdan, L.: »Being at war, being young: violence and youth in North Kivu«, in: K. Vlassenroot/T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRG. Gent 2004, S. 157-176.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joye, P./R. Lewin: &#039;&#039;Les trusts au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Julien, P.: &#039;&#039;Pygmeeën: vijfentwintig jaar dwergen-onderzoek in Equatoriaal Afrika&#039;&#039;. Amsterdam 1953.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala/Kalonji Nsenga/Itimelongo Titi: »Les mésures de démonétisation du 25 décembre 1979 au Zaïre: impacts et conséquences probables«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 20 (1980), 144, S. 197-214.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya Kalala F./Matata Ponyo: &#039;&#039;L&#039;espace monétarie kasaïen: crise de légitimité et de souveraineté monétaire en période d&#039;hyperinflation au Congo (1993-1997)&#039;&#039;. Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kadima-Nzuji, M.: &#039;&#039;La littérature zaïroise de langue française (1945-1965)&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalb, M.: &#039;&#039;The Congo Cables: The Cold War in Africa, from Eisenhower to Kennedy&#039;&#039;. New York 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalonga, A.: &#039;&#039;Le mal zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kalulambi Pongo, M.: »Le ndombolo du Seigneur: itinéraires et logiques des musiques religieuses en Afrique centrale«, in: &#039;&#039;Rupture-Solidarité&#039;&#039; 5 (2004), S. 47-67.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu, C.: &#039;&#039;La grande mystification du Congo-Kinshasa: les crimes de Mobutu&#039;&#039;. Paris 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kamitatu-Massamba, C.: &#039;&#039;Zaïre: le pouvoir à la portée du peuple&#039;&#039;. Paris 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T. R.: &#039;&#039;Propos d&#039;un congolais naïf&#039;&#039;. Brüsssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanza, T.: &#039;&#039;Conflict in the Congo: The Rise and Fall of Lumumba&#039;&#039;. Baltimore 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaoze, S.: »La psychologie des Bantu«, in: &#039;&#039;La revue Congolaise&#039;&#039; 1 (1910), S. 406-437.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kelly, S.: &#039;&#039;America&#039;s Tyrant: the&#039;&#039; CIA &#039;&#039;and Mobutu of Zaire: How the United States put Mobutu in power, protected him from his enemies, helped him become one of the richest men in the world, and lived to regret it&#039;&#039;. Washington DC 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kennes, E.: &#039;&#039;Essai biographique sur Laurent Désiré Kabila&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;André Ryckmans&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kestergat, J.: &#039;&#039;Congo Congo: de l&#039;indépendance à la guerre civile.&#039;&#039; Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kibari Nsanga, R.: &#039;&#039;Mouvements »anti-sorciers« dans les Provinces de Leopolville [sic] et du Kasaï, à l&#039;époque coloniale&#039;&#039;. Unveröffentlichtes Typoskript, Kikwit 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimoni Iyay: »Kikwit et son destin: aperçu historique et sociologique«, in: &#039;&#039;Pistes et Recherches: revue scientifique&#039;&#039; 5 (1990), S. 155-182.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisangani, E. F./F. S. Bobb: &#039;&#039;Historical Dictionary of the Democratic Republic of the Congo.&#039;&#039; Lanham 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kisobele Ndontoni, N.: &#039;&#039;Mot de Circonstance des Anciens Combattants 40-45.&#039;&#039; Unveröffentlichte Rede, Kinshasa, 11. November 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klein, W. C.: &#039;&#039;De Congolese elite.&#039;&#039; Amsterdam 1957&#039;&#039;.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876&#039;&#039;. Brüssel 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen: &#039;&#039;Bijdragen over de honderdste verjaring van de Onafhankelijke Kongostaat&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Labrique, J.: &#039;&#039;Congo politique&#039;&#039;. Léopoldville 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
La Fontaine, J. S.: &#039;&#039;City Politics: A Study of Léopoldville, 1962-63&#039;&#039;. Cambridge 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J.: &#039;&#039;Kongo zoals het is: drie architectuurverhalen uit de Belgische kolonisatiegeschiedenis (1920-1960)&#039;&#039;. Gent 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lagae, J./T. de Keyser/J. Vervoort: &#039;&#039;Boma 1880-1920: koloniale hoofdstad of kosmopolitische handelspost&#039;&#039;. CD-ROM, Gent 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lanotte, O.: &#039;&#039;Guerres sans frontières en République Démocratique du Congo&#039;&#039;. Brüssel 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laude, N.: &#039;&#039;La délinquance juvénile au Congo belge et au Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lauro, A.: &#039;&#039;Coloniaux, ménagères et prostituées au Congo belge (1885-1930)&#039;&#039;. Loverval 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lemarchand, R.: &#039;&#039;The Dynamics of Violence in Central-Africa&#039;&#039;. Philadelphia 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, C.: L&#039;ONU &#039;&#039;et l&#039;affaire du Congo&#039;&#039;. Paris 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leclercq, H.: »Le rôle économique du diamant dans le conflit congolais«, in: Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.), &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre.&#039;&#039; Tervuren 2003, S. 47-78.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lefebvre, V.: &#039;&#039;La Belgique et le Congo au milieu du&#039;&#039; XXe &#039;&#039;siècle&#039;&#039;. Charleroi 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Legum, C.: &#039;&#039;Pan-Africanism: A Short Political Guide.&#039;&#039; New York 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leslie, W. J.: &#039;&#039;The World Bank and Structural Adjustment in Developing Countries: The Case of Zaire&#039;&#039;. Boulder 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leysen, L.: &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;. ARD-Dokumentarfilm 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Libotte, B.: &#039;&#039;Droeven J.: de eerste kleurling in het Belgische leger&#039;&#039;. O. J., http:/users.telenet.be/ABL1914/Droeven.htm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Li, Z./D. Xue/M. Lyons/A. Brown: &#039;&#039;Ethnic enclave of transnational migrants in Guangzhou: a case study of Xiaobei&#039;&#039;. (2007) asiandrivers.open.ac.uk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Loka-ne-Kongo: &#039;&#039;Lutte de libération et piège de l&#039;illusion: multipartisme intégral et dérive de l&#039;opposition au Zaïre (1990-1997)&#039;&#039;. Kinshasa 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lubabu Mpasi-A-Mbongo/Musangi Ntemo: »Histoire du MPR«, in: Sakombi Inongo (Hg.): &#039;&#039;Mélanges pour une révolution.&#039;&#039; Kinshasa 1987, S. 35-126.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumenganeso, A.: »Stedelijk vervoer in Leopoldstad: de gyrobus«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 108f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lyons, M.: &#039;&#039;The Colonial Disease: A Social History of Sleeping Sickness in Northe­rn Zaire, 1900-1940.&#039;&#039; Cambridge 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, W.: &#039;&#039;Religion and Society in Central Africa&#039;&#039;. Chicago 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
MacGaffey, J.: &#039;&#039;The Real Economy of Zaire: The Contribution of Smuggling and Other Unofficial Activities to National Wealth&#039;&#039;. London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Het gevecht&#039;&#039;. Amsterdam 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mailer, N.: &#039;&#039;Der Kampf.&#039;&#039; München 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makulo Akambu: &#039;&#039;La vie de Disasi Makulo, ancien esclave de Tippo Tip et catéchiste de Grenfell, par son fils Makulo Akambu.&#039;&#039; Kinshasa 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Malu-Malu, J.-J.: &#039;&#039;Le Congo Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mamdani, M.: &#039;&#039;When Victims Become Killers: Colonialism, Nativism and the Genocide in Rwanda&#039;&#039;. Princeton 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mantels, R.: &#039;&#039;Geleerd in de tropen: Leuven, Congo &amp;amp; de wetenschap, 1885-1960&#039;&#039;. Leuven 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manya K&#039;Omalowete: »Utilisation des procédés d&#039;initiation et d&#039;immunisation à caractère magique par le mouvement Simba«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus cedaf&#039;&#039; 7-8 (1986), S. 87-112.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maquet-Tombu, J.: &#039;&#039;Le Siècle marche . . . Vie du chef congolais Lutunu&#039;&#039;. Brüssel 1952.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;E. D. Morel tegen Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;. en de Kongostaat.&#039;&#039; Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marchal, J.: &#039;&#039;L&#039;histoire du Congo 1910-1945, tome 3: travail forcé pour l&#039;huile de palme de Lord Leverhulme&#039;&#039;. Borgloon 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: &#039;&#039;De »Arabische« campagne in het Maniema-gebied (1892-1894)&#039;&#039;. Tervuren 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marechal, P.: »Kritische bedenkingen bij de controverses over Leopold II en Congo in de literatuur en de media«. in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd.&#039;&#039; Tervuren 2005, S. 45f.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marres, J./P. De Vos: &#039;&#039;L&#039;équinoxe de janvier: les émeutes de Léopoldville&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Leopold to Lumumba: A History of the Belgian Congo 1877-1960&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martelli, G.: &#039;&#039;Experiment in World Government: An Account of the United Nations Operation in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. London 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, G.: »Congolese trade unionism: the colonial heritage«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 129-149.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Pierre Mulele ou la seconde vie de Patrice Lumumba&#039;&#039;. Berchem 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martens, L.: &#039;&#039;Une femme du Congo&#039;&#039;. Berchem 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin, M.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu: un prophète et son église&#039;&#039;. Lausanne 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./C. André: »Guerre et pillage en République Démocratique du Congo«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2000-2001 (&#039;&#039;2001), S. 307-332.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marysse, S./S. Geenen: »Les contrats chinois en RDC: l&#039;impérialisme rouge en marche?«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs,&#039;&#039; 2007-2008 (2008), S. 287-313.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
de Maximy, R.: &#039;&#039;Kinshasa, ville en suspens: dynamique de la croissance et pro­blèmes d&#039;urbanisme: étude socio-politique&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McBrearty, S./A. S. Brooks: »The revolution that wasn&#039;t: a new interpretation of the origin of modern behavior«, in: &#039;&#039;Journal of Human Evolution&#039;&#039; 39 (2000), S. 453-563.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McCrummen, S.: »Nearly forgotten forces of WW II«, in: &#039;&#039;Washington Post&#039;&#039;, 4. August 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
McLynn, F.: &#039;&#039;Hearts of Darkness: The European Exploration of Africa.&#039;&#039; London 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meeuwis, M.: »Buntungu&#039;s ›Mokingi mwa Mputu‹: a Boloki perception of Europe at the end of the 19th century«, in: LPCA &#039;&#039;Text Archives&#039;&#039; 1 (1999), www2.fmg.uva.nl/lpca/textarchives/buntungu.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mende Omalanga, L./Tshilenge wa Kabamb: &#039;&#039;Rapport sur les Biens Mal Acquis&#039;&#039;. Kinshasa 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mendiaux, E.: &#039;&#039;Moscou Accra et le Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mercader, J.: »Foragers of the Congo: the early settlement of the Ituri Forest«, in: J. Mercader (Hg.), &#039;&#039;Under the Canopy: The Archaeology of Tropical Rain Forests.&#039;&#039; New Brunswick 2003, S. 93-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meredith, M.: &#039;&#039;The State of Africa: A History of Fifty Years of Independence&#039;&#039;. London 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merlier, M.: &#039;&#039;Le Congo: de la colonisation belge à l&#039;indépendance&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens, M.: Chemical compounds in the Congo: A Belgian colony&#039;s role in the chemotherapeutic knowledge production during the 1920s. Unveröffentlichter Vortrag, Leipzig 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meyers, J.: &#039;&#039;Le prix d&#039;un empire&#039;&#039;. Brüssel 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michaux, O.: &#039;&#039;Au Congo: carnet de campagne&#039;&#039;. Namur 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S.: &#039;&#039;Uhuru Lumumba&#039;&#039;. Paris 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, S./M. Beuret: &#039;&#039;La Chinafrique: Pékin à la conquête du continent noir.&#039;&#039; Paris 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Zaïre, le cycle du serpent&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Mobutu, roi du Zaïre&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Congo River&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Michel, T.: &#039;&#039;Katanga Business&#039;&#039;. Dokumentarfilm, Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minani, R.: &#039;&#039;2010, année charnière: bref aperçu de la situation sociopolitique&#039;&#039;. 19. Februar 2010, www.rodhecic.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu Sese Seko: »Discours du 30 novembre 1973 devant le Conseil Législatif National«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1973, S. 229-269.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokoko Grampiot, A.: &#039;&#039;Kimbanguisme et identité noire&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Réponse à Pierre De Vos au sujet de »Viet et mort de Lumumba«&#039;&#039;. Antwerpen 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monheim, F.: &#039;&#039;Mobutu, l&#039;homme seul&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Monnier, L./B. Jewsiewicki/G. de Villers (Hg.): &#039;&#039;Chasse au diamant au Congo/Zaïre&#039;&#039;. Tervuren 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muambi, A.: &#039;&#039;Democratie kan je niet eten: reisverslag van een verkiezingswaarnemer&#039;&#039;. Amsterdam 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mumengi, D.: &#039;&#039;Panda Farnana, premier universitaire congolais, 1888-1930&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Munayi Muntu-Monji: »La déportation et le séjour des Kimbanguistes dans le Kasaï-Lukenié (1921-1960)«, in: &#039;&#039;Zaïre-Afrique&#039;&#039; 119 (1977), S. 555-573.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mutamba Makombo Kitashima, J.-M.: &#039;&#039;Du Congo Belge au Congo indépendant 1940-1960&#039;&#039;. Kinshasa 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muzito, A.: &#039;&#039;Les années des nationalistes au pouvoir en chiffres&#039;&#039;. Unveröffentlichte PowerPoint-Präsentation des Premierministers, Kinshasa 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mvumbi Ngolu Tsasa: »›Révolution‹ sexuelle, intention éthique et ordre politique«, in: Assocation des Moralistes Zaïrois (Hg.), &#039;&#039;Crise morale et vie économique au Zaïre.&#039;&#039; Kinshasa 1986, S. 65-72.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwabila Malela: &#039;&#039;Travail et travailleurs au Zaïre: essai sur la conscience ouvrière du prolétariat urbain de Lubumbashi&#039;&#039;. Kinshasa 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;La transition politique au Zaïre et son prophète Dominique Sakombi Inongo&#039;&#039;. Québec 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: &#039;&#039;L&#039;histoire générale du Congo: de l&#039;héritage ancien à la République Démocratique&#039;&#039;. Paris 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ndaywel è Nziem, I.: »Identité congolaise contemporaine du prénom écrit au prénom oral«, in: M. Quaghebeur (Hg.), &#039;&#039;Figures et paradoxes de l&#039;histoire au Burundi, au Congo et au Rwanda&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2002, S. 766-779.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nelson, S.: &#039;&#039;Colonialism in the Congo Bassin, 1880-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Newbury, M. C.: »Ebutumwa Bw&#039;Emiogo, the tyranny of cassava: a women&#039;s tax revolt in Eastern Zaïre«, in: &#039;&#039;Canadian Journal of African Studies&#039;&#039; 18 (1984), 1, S. 35-54.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngalamulume Nkongolo, M.: &#039;&#039;Le campus martyr: Lubumbashi, 11-12 mai 1990&#039;&#039;. Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ngbanda Nzambo, H.: &#039;&#039;Crimes organisés en Afrique Centrale: Révélations sur les réseaux rwandais et occidentaux&#039;&#039;. Paris 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nguza Karl I Bond: &#039;&#039;Mobutu ou l&#039;incarnation du Mal Zaïrois&#039;&#039;. London 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
NIZA: &#039;&#039;The State vs. the People: Governance, Mining and the Transitional Regime in the Democratic Republic of Congo&#039;&#039;. Amsterdam 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nlandu-Tsasa, C.: &#039;&#039;La rumeur au Zaire de Mobutu: Radio-trottoir à Kinshasa&#039;&#039;. Paris 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Beyond the Bend in the River: African Labor in Eastern Zaire, 1865-1940&#039;&#039;. Athens (Ohio) 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: &#039;&#039;Africa&#039;s Discovery of Europe&#039;&#039;. New York 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Northrup, D.: »Slavery &amp;amp; forced labour in the Eastern Congo, 1850-1910«, in: H. Médard/S. Doyle (Hg.), &#039;&#039;Slavery in the Great Lakes Region of East Africa.&#039;&#039;Oxford 2007, S. 111-123.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzeza Bilakila, A.: »The Kinshasa bargain«, in : T. Trefon (Hg.), &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa.&#039;&#039; London 2004, S. 20-32.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G. (Hg.): &#039;&#039;The Crisis in Zaire: Myths and realities&#039;&#039;. Trenton 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzongola-Ntalaja, G.: &#039;&#039;The Congo from Leopold to Kabila: A People&#039;s History&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nzula, A. T./I. I. Potekhin/A. Z. Zusmanovich: &#039;&#039;Forced Labour in Colonial Africa&#039;&#039;. London 1979 (russische Erstausgabe 1933).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Olinga, L.: »La victoire en chantant«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 7. März 2006, www.jeuneafrique.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: jeunesse et apprentissage politique, 1925-1956.&#039;&#039; Tervuren 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omasombo Tshonda, J./B. Verhaegen: &#039;&#039;Patrice Lumumba: de la prison aux portes du pouvoir, juillet 1956-février 1960.&#039;&#039; Tervuren 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paice, E.: &#039;&#039;Tip and Run: The Untold Tragedy of the Great War in Africa.&#039;&#039; London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pain, M.: &#039;&#039;Kinshasa, la ville et la cité&#039;&#039;. Paris 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pakenham, T.: &#039;&#039;The Scramble for Africa, 1876-1912.&#039;&#039; London 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pardigon, V.: »L&#039;U.R.S.S«, in: A. Wauters (Hg.), &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge.&#039;&#039; Brüssel 1961, S. 59-92.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paulus, J.-P.: &#039;&#039;Congo 1956-1960&#039;&#039;. Brüssel 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pauwels-Boon, G.: &#039;&#039;L&#039;origine, l&#039;évolution et le fonctionnement de la radiodiffusion au Zaire de 1937 à 1960&#039;&#039;. Tervuren 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peemans, J.-P.: »Zaïre onder het Mobutu-regime: grote stappen in de ekonomische en sociale ontwikkeling«, in: J. Devos/J.-P. Peemans/R. Renard/E. Vervliet/J. C. Willame (Hg.), &#039;&#039;Wederzijds: de toekomst van de Belgisch-Zaïrese samenwerking.&#039;&#039; Brüssel 1988, S. 16-49.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Perrings, C.: &#039;&#039;Black Mineworkers in Central Africa: Industrial Strategies and the Evolution of an African Proletariat in the Copperbelt 1911-41&#039;&#039;. London 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon, L. A.: &#039;&#039;Récit: Congo 1929-1958&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Picard, E.: &#039;&#039;En Congolie.&#039;&#039; Brüssel 1896.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poddar, P./R. S. Patke/L. Jensen (Hg.): &#039;&#039;A Historical Companion to Postcolonial Literatures: Continental Europe and its Empires.&#039;&#039; Edinburgh 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poel, I. van der: &#039;&#039;Congo-Océan: un chemin de fer colonial controversé&#039;&#039; (2 Bde.). Paris 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pole Institute: &#039;&#039;The Coltan Phenomenon&#039;&#039;. Goma 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poncelet, M.: &#039;&#039;L&#039;invention des sciences coloniales belges&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pons, V.: &#039;&#039;Stanleyville: An African Urban Community under Belgian Admini­s­tration&#039;&#039;. Oxford 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Popovitch, M. D./F. De Moor: &#039;&#039;Eza Congo: photographes de&#039;&#039; RDC&#039;&#039;.&#039;&#039; Roeselare 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poppe, G.: &#039;&#039;De tranen van de dictator: van Mobutu tot Kabila&#039;&#039;. Antwerpen 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Poupart, R.: &#039;&#039;Première esquisse de l&#039;évolution du syndicalisme au Congo&#039;&#039;. Brüssel 1960.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;The Rwanda Crisis: History of a Genocide&#039;&#039;. London 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prunier, G.: &#039;&#039;Africa&#039;s World War: Congo, the Rwandan Genocide, and the Mak­ing of a Continental Catastrophe&#039;&#039;. Oxford 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Dancing for God or the Devil: pentecostal discourse on popular dance in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Religion in Africa&#039;&#039; 36 (2006), 3-4, S. 296-318.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Fighting boys, strong men and gorillas: notes on the imagination of masculinities in Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of the International African Institute&#039;&#039; 77 (2007), 2, S. 250-271.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »›We need to open up the country‹: development and the Christian key scenario in the social space of Kinshasa&#039;s teleserials«, in: &#039;&#039;Journal of African Media Studies&#039;&#039; 1 (2009a), 1, S. 101-116.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »Media celebrity, charisma and morality in post-Mobutu Kinshasa«, in: &#039;&#039;Journal of Southern African Studies&#039;&#039; 35 (2009b), 3, S. 541-555.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pype, K.: »A historical analysis of Christian visual media in postcolonial Kinshasa«, in: &#039;&#039;Studies in World Christianity&#039;&#039; 15 (2009c), 2, S. 131-148.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Queuille, P.: &#039;&#039;Histoire de l&#039;afro-asiatisme jusqu&#039;à Bandoung: la naissance du tiers-monde&#039;&#039;. Paris 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
RAID: &#039;&#039;Chinese Mining Operations in Katanga&#039;&#039;. September 2009, www.raid-uk.org.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raspoet, E.: &#039;&#039;Bwana Kitoko en de koning van de Bakuba: een vorstelijke ont­moeting op de evenaar.&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Raymaekers, P./H. Desroche: &#039;&#039;L&#039;administration et le sacré (1921-1957)&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Remilleux, J.-L.: &#039;&#039;Mobutu: Dignité pour l&#039;Afrique&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renson, R./C. Peeters: »Sport als missie: Raphaël de la Kéthulle de Ryhove (1890-1956)«, in: M. D&#039;hoker/R. Renson/J. Tolleneer (Hg.), &#039;&#039;Voor lichaam&#039;&#039; &amp;amp; &#039;&#039;geest: katholieken, lichamelijke opvoeding en sport in de 19de en 20ste eeuw.&#039;&#039; Leuven 1994, S. 200-215.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Renton, D./D. Seddon/L. Zeilig: &#039;&#039;The Congo: Plunder and Resistance&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reynaert, J.: &#039;&#039;De balans na tien jaar Monuc in Congo: hoe effectief is de&#039;&#039; VN&#039;&#039;-vredesmissie op het terrein?&#039;&#039; Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reyntjens, F.: &#039;&#039;De grote Afrikaanse oorlog: Congo in de regionale geopolitiek, 1996-2006&#039;&#039;. Antwerpen 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Riva, S.: &#039;&#039;Nouvelle histoire de la littérature du Congo-Kinshasa.&#039;&#039; Paris 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roberts, A. F.: »History, ethnicity and change in the ›Christian Kingdom‹ of Southeastern Zaire«, in: L. Vail (Hg.), &#039;&#039;The Creation of Tribalism in Southern Africa.&#039;&#039; Berkeley 1989, S. 176-207.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roes, A.: Thinking with and beyond the state: the sub- and supranational perspectives on the exploitation of Congolese natural resources, 1885-1914. Unveröffentlichter Vortrag, Tervuren 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roussel, J.: &#039;&#039;Déontologie coloniale: consignes de vie et d&#039;action coloniales pour l&#039;élite des blancs et l&#039;élite des noirs&#039;&#039;. Leuven 1949.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: &#039;&#039;Dettes de guerre&#039;&#039;. Elisabethville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rubbens, A.: »De naweeën van de oorlogsinspanning«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 579-585.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, A.: &#039;&#039;Les mouvements prophétiques kongo en 1958: contribution à l&#039;étude de l&#039;Histoire du Congo&#039;&#039;. Kinshasa 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ryckmans, P.: &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039;. Brüssel 1948.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sadin, F.: &#039;&#039;La mission des jésuites au Kwango: notice historique&#039;&#039;. Kisantu 1918.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Dakar«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974a, S. 339-363.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: »L&#039;authenticité à Paris«, in: Cabinet du Département de la Défense Nationale: &#039;&#039;Forces Armées Zaïroises: Mémorandum de Réflexion, d&#039;Action et d&#039;Information.&#039;&#039; Kinshasa 1974b, S. 365-393.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi Inongo: &#039;&#039;Mélanges pour une révolution&#039;&#039;. Kinshasa 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salmon, P.: &#039;&#039;La révolte des Batetela de l&#039;expédition du Haut-Ituri (1897)&#039;&#039;. Brüssel 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schatzberg, M. G.: &#039;&#039;The Dialectics of Oppression in Zaire&#039;&#039;. Bloomington 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlögl, H. A.: &#039;&#039;Das Alte Ägypten. Geschichte und Kultur von der Frühzeit bis zu Kleopatra&#039;&#039;. München 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schöller, A.: &#039;&#039;Congo 1959-1960: mission au Katanga, intérim à Léopoldville&#039;&#039;. Paris 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scholl-Latour, P.: &#039;&#039;Mord am großen Fluß. Ein Vierteljahrhundert afrikanische Unabhängigkeit.&#039;&#039; Stuttgart 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, I.: &#039;&#039;Tumbled House: The Congo at Independence&#039;&#039;. London 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scott, S. A.: &#039;&#039;Laurent Nkunda et la rébellion du Kivu: au cœur de la guerre congolaise&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Segal, R.: &#039;&#039;Islam&#039;s Black Slaves: The Other Black Diaspora&#039;&#039;. New York 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;Les auxiliaires autochtones des missions protestantes au Congo, 1878-1960: Etude de cinq Sociétés missionaires&#039;&#039;. Louvain-la-Neuve 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Serufuri Hakiza, P.: &#039;&#039;L&#039;évangélisation de l&#039;ancien royaume Kongo, 1491-1835&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sheriff, A.: &#039;&#039;Slaves, Spices &amp;amp; Ivory in Zanzibar&#039;&#039;. London 1987.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sikitele Gize: »Les racines de la révolte Pende de 1931«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 5 (1973), S. 99-153.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinatu Bolya, C.: &#039;&#039;Des sociétés d&#039;élegance aux mouvements d&#039;émancipation féministes&#039;&#039;. (2003) &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.mvca.be/_realisations/realisations_11.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sinda, M.: &#039;&#039;Le messianisme congolais et ses incidences politiques: Kimbanguisme – Matsouanisme – Autres mouvements&#039;&#039;. Paris 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Singleton-Gates, P./M. Girodias: &#039;&#039;The Black Diaries: An Account of Roger Casement&#039;s Life and Times with a Collection of his Diaries and Public Writ­ings.&#039;&#039; O. O. 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;English-Speaking Missions in the Congo Independent State, 1878-1908.&#039;&#039; Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Slade, R.: &#039;&#039;King Leopold&#039;s Congo: Aspects of the Development of Race Relations in the Congo Independent State&#039;&#039;. London 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Smith, J.: &#039;&#039;Dinner with Mobutu: A Chronicle of my Life and Times&#039;&#039;. O. O. 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soete, G.: &#039;&#039;Het einde van de grijshemden: onze koloniale politie&#039;&#039;. Zedelgem 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sohier, J.: &#039;&#039;Essai sur la criminalité dans la province de Léopoldville: meurtres et infractions apparentées&#039;&#039;. Brüssel 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Souchard, V.: &#039;&#039;Jours de brousse: Congo 1940-1945&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soudan, F.: »Kabila, l&#039;heure des choix«, in: &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039;, 16. Dezember 2007, S. 26-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Zes jaren aan den Congo en de stichting van een nieuwen vrijen staat&#039;&#039; (2 Bde.). Amsterdam 1886.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Der Kongo und die Gründung des Kongostaates&#039;&#039; (2 Bde.). Leipzig 1885.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Through the Dark Continent&#039;&#039; (2 Bde.). London 1899 (Erstausgabe 1878).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley, H. M.: &#039;&#039;Durch den dunklen Welttheil&#039;&#039;. Leipzig 1878.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stearns, J.: &#039;&#039;What is Obama doing for Congo?&#039;&#039; congosiasa.blogspot.com, 10. Januar 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Combien le Congo a-t-il couté à la Belgique&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Belgique et Congo: l&#039;élaboration de la Charte coloniale.&#039;&#039; Brüssel 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: &#039;&#039;Congo: mythes et réalités. Cent ans d&#039;histoire&#039;&#039;. Paris 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers, J.: »De uitbreiding van België: tussen droom en werkelijkheid«, in: G. Janssens/J. Stengers (Hg.), &#039;&#039;Nieuw licht op Leopold&#039;&#039; I &amp;amp; &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;: het archief Goffinet.&#039;&#039; Brüssel 1997, S. 237-285.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stengers J./J. Vansina: »King Leopold&#039;s Congo, 1886-1908«, in: R. Oliver/G. N. Sanderson (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, volume 6: from 1870 to 1905.&#039;&#039; Cambridge 1985, S. 315-358.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stewart, G.: &#039;&#039;Rumba on the River: A History of the Popular Music of the two Congos&#039;&#039;. London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Globalization and its Discontents&#039;&#039;. London 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stiglitz, J. E.: &#039;&#039;Die Schatten der Globalisierung.&#039;&#039; Berlin 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Storme, M.: &#039;&#039;La mutinerie militaire au Kasai en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1970.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strachan, H.: &#039;&#039;The First World War in Africa&#039;&#039;. Oxford 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strizek, H.: &#039;&#039;Geschenkte Kolonien: Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft&#039;&#039;. Berlin 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Takizala, H. D.: »Situation de l&#039;enseignement durant la première législature«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 7 (1964), 8, S. 61-79.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tambwe, E./J.-M. Dikanga Kazadi (Hg.): &#039;&#039;Laurent-Désiré Kabila: l&#039;actualité d&#039;un combat&#039;&#039;. Paris 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tardieu, M.: &#039;&#039;Les Africains en France: de 1914 à nos jours&#039;&#039;. Monaco 2006.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: »La philosophie de la rébellion«, in: &#039;&#039;L&#039;Essor du Congo&#039;&#039;, 31. August 1944 (fortgeführt in A. Rubbens: &#039;&#039;Dettes de guerre.&#039;&#039; Elisabethville 1945, S. 17-23).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantoe-Filosofie&#039;&#039;. Antwerpen 1946 [1945].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tempels, P.: &#039;&#039;Bantu-Philosophie. Ontologie und Ethik.&#039;&#039; Heidelberg 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ter Haar, G.: &#039;&#039;How God became African: African Spirituality and Western Secular Thought&#039;&#039;. Philadelphia 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;The Africa Report&#039;&#039;, Dezember 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thieffry, E.: &#039;&#039;En avion de Bruxelles au Congo Belge: histoire de la première liaison aérienne entre la Belgique et sa colonie&#039;&#039;. Brüssel 1926.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Thiel, H. van: &#039;&#039;Wij Ngombe: volk in Zaïre&#039;&#039;. Deurne 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tielemans, H.: &#039;&#039;Gijzelaars in Congo: overzicht van de dramatische gebeurtenissen in het missiegebied Isangi tijdens de Congolese rebellie, 4 augustus 1964 - 27 februari 1965&#039;&#039;. O. O. 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tilman, S.: »L&#039;implantation du scoutisme au Congo belge«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 103-140.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tokwaula Aena, B.: &#039;&#039;Tant que je vivrai, tu vivras&#039;&#039;. Kinshasa o. J.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Travaux du Groupe d&#039;Etudes coloniales: »Les fermes-chapelles au point de vue économique et civilisateur«, in: &#039;&#039;Bulletin de la Société belge d&#039;Etudes Coloniales&#039;&#039; 5, 1912.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Reinventing Order in the Congo: How People Respond to State Failure in Kinshasa&#039;&#039;. London 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trefon, T. (Hg.): &#039;&#039;Réforme au Congo (&#039;&#039;RDC&#039;&#039;): attentes et désillusions&#039;&#039;. Tervuren 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshibangu Kabet Musas: »La situation sociale dans le ressort administratif de Likasi (ex-Territoire de Jadotville) pendant la Guerre 1940-1945«, in: &#039;&#039;Etudes d&#039;Histoire africaine&#039;&#039; 6 (1974) S. 275-311.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshimanga, C.: »L&#039;ADAPES et la formation d&#039;une élite au Congo (1925-1945)«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000, S. 189-204.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: &#039;&#039;Panorama de la poésie congolaise de langue française (Congo-Kinshasa): Poète ton silence est crime.&#039;&#039; Paris 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tshitungu Kongolo, A.: »Paul Panda Farnana (1888-1930), panafricaniste, nationaliste, intellectuel engagé: une contribution à l&#039;étude de sa pensée et de son action«, in: &#039;&#039;L&#039;Africain&#039;&#039; 211 (Oktober-November 2003), S. 1-7.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turine, R. P.: &#039;&#039;Les arts du Congo, d&#039;hier à nos jours.&#039;&#039; Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turner, T.: &#039;&#039;The Congo War: Conflict, Myth and Reality&#039;&#039;. London 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UNESCO 2005: &#039;&#039;Promoting and preserving Congolese heritage: Linking Biological and Cultural Diversity&#039;&#039;. Paris 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
UN Security Council 2008: &#039;&#039;Final report of the Group of Experts on the Democratic Republic of the Congo&#039;&#039;. S/2008/773.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Acker, G.: &#039;&#039;Een Vlaamsch geloofszendeling bij de Baloeba&#039;s in Congoland.&#039;&#039; O. O 1924.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Vers l&#039;indépendance du Congo et du Ruanda-Urundi&#039;&#039;. Kraainem 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, A. A. J: &#039;&#039;L&#039;indépendance du Congo&#039;&#039;. Tournai 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Bilsen, J.: &#039;&#039;Kongo 1945-1965: het einde van een kolonie&#039;&#039;. Leuven 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: &#039;&#039;Het recht van de rijkste: Hebben andersglobalisten gelijk?&#039;&#039; Antwerpen 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandaele, J.: »Het roofdier, Mozes en de Chinezen«, in: &#039;&#039;Mo&#039;&#039;, Februar 2008, S. 28-33.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, J.: &#039;&#039;Pré-Zaïre: le cordon mal coupé&#039;&#039;. Brüssel 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van den Bosch, P.: &#039;&#039;Vijf en twintig jaren in de branding: Congo-Zaïre, november 1949-januari 1975&#039;&#039;. O. O. 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderkerken, G.: &#039;&#039;Les sociétés bantoues du Congo Belge et les problèmes de la politique indigène.&#039;&#039; Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;À propos de l&#039;uranium congolais&#039;&#039;. Brüssel 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderlinden, J.: &#039;&#039;Pierre Ryckmans, 1981-1959: coloniser dans l&#039;honneur&#039;&#039;. Brüssel 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van der Smissen, E.: &#039;&#039;Léopold&#039;&#039; II &#039;&#039;et Beernaert, d&#039;après leur correspondance inédite de 1884 à 1894&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1920.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandersmissen, J.: &#039;&#039;Koningen van de wereld: de aardrijkskundige beweging en de ontwikkeling van de koloniale doctrine van Leopold&#039;&#039; II. Gent 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;Histoire d&#039;une mutinerie, juillet 1960: de la Force publique à l&#039;Armée nationale congolaise.&#039;&#039; Paris 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanderstraeten, L.-F.: &#039;&#039;La répression de la révolte des Pende du Kwango en 1931&#039;&#039;. Brüssel 2001.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandewalle, G.: &#039;&#039;De conjuncturele evolutie in Kongo en Ruanda-Urundi van 1920 tot 1939 en van 1949 tot 1958&#039;&#039;. Gent 1966.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Dijck, H.: &#039;&#039;Rapport sur les violations des Droits de l&#039;Homme dans le Sud-Equa­teur du 15 Mars 1997 au 15 Septembre 1997&#039;&#039;. Unveröff. Bericht 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vandommele, M.: &#039;&#039;Zaïre: buitenlandse belangen, binnenlandse pijnbank&#039;&#039;. Brüssel 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangansbeke, J.: »Afrikaanse verdedigers van het Belgisch grondgebied, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Belgische Bijdragen tot de Militaire Geschiedenis&#039;&#039; 4 (2006), S. 123-134.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Rood rubber: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en zijn Kongo&#039;&#039;. Brüssel 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vangroenweghe, D.: &#039;&#039;Voor rubber en ivoor: Leopold&#039;&#039; II &#039;&#039;en de ophanging van Stokes&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Lierde, J.: &#039;&#039;La pensée politique de Patrice Lumumba.&#039;&#039; Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Overbergh, C.: &#039;&#039;Les nègres d&#039;Afrique&#039;&#039;. Brüssel 1913.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Peel, B.: »Aux débuts du football congolais«, in: J.-L. Vellut (Hg.), &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950).&#039;&#039; Tervuren 2000, S. 141-187.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Reybrouck, D.: »Congo in de populaire cultuur«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.), &#039;&#039;Congo in België: koloniale cultuur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009, S. 169-181.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Les anciens royaumes de la savane: les états des savanes méridionales de l&#039;Afrique centrale des origines à l&#039;occupation coloniale&#039;&#039;. Léopoldville 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: »L&#039;Afrique centrale vers 1875«, in: Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen, &#039;&#039;Bijdragen over de Aardrijkskundige Conferentie van 1876.&#039;&#039; Brüssel 1976, S. 1-31.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;Paths in the Rainforest: Toward a History of Political Tradition in Equatorial Africa.&#039;&#039; Madison 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vansina, J.: &#039;&#039;How Societies Are Born: Governance in West Central Africa before 1600&#039;&#039;. Charlottesville 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: »Radioscopie van een kolonie: Belgisch-Congo 1908-1960«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 9-29.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Congo: de impact van de kolonie op België.&#039;&#039; Tielt 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche, G.: &#039;&#039;Le Congo belge pendant la Première Guerre mondiale: les rapports du ministre des Colonies Jules Renkin au roi Albert I&#039;&#039;er&#039;&#039;, 1914-1918&#039;&#039;. Brüssel 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vanthemsche G.: »Belgian Congo during the First World War, as seen through the reports of Jules Renkin, minister of Colonies, to King Albert I, 1914-1918«, in: &#039;&#039;Mededelingen der zittingen van de Koninklijke Academie voor Overzeese Wetenschappen,&#039;&#039; 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Van Wing, J.: &#039;&#039;Etudes Bakongo: sociologie, réligion et magie&#039;&#039;. Brügge 1959.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Les bassins miniers de l&#039;ancien Congo Belge: essai d&#039;histoire économique et sociale (1900-1960)&#039;&#039;. Brüssel 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le Katanga industriel en 1944: malaises et anxiétés dans la société coloniale«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale.&#039;&#039; Brüssel 1983, S. 495-523.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »La violence armée dans l&#039;Etat Indépedant du Congo«, in: &#039;&#039;Cultures et développement&#039;&#039; 16 (1984), 3-4, S. 671-707.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Une exécution publique à Elisabethville (20 septembre 1922): notes sur la pratique de la peine capitale dans l&#039;histoire coloniale du Congo«, in: B. Jewsiewicki (Hg.), &#039;&#039;Art pictural zaïrois&#039;&#039;. Paris 1992, S. 171-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: »Le bassin du Congo et l&#039;Angola«, in: J. F. Ade Ajayi (Hg.), &#039;&#039;Histoire générale de l&#039;Afrique:&#039;&#039; VI&#039;&#039;. L&#039;Afrique au&#039;&#039; XIXe &#039;&#039;siècle jusque vers les années 1880.&#039;&#039;Paris 1996, S. 331-361.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Itinéraires croisés de la modernité: Congo belge (1920-1950)&#039;&#039;. Tervuren 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: &#039;&#039;Simon Kimbangu. 1921: de la prédication à la déportation. Les sources. Vol.&#039;&#039; I&#039;&#039;: Fonds missionaires protestants (1). Alliance missionnaire suédoise&#039;&#039;. Brüssel 2005a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L. (Hg.): &#039;&#039;Het geheugen van Congo: de koloniale tijd&#039;&#039;. Tervuren 2005b.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vellut, J.-L.: Contextes africains du projet colonial de Léopold II. Unveröffentlichter Vortrag, Louvain-la-Neuve 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;Msiri, roi du Garenganze: »l&#039;homme rouge« du Katanga&#039;&#039;. Brüssel 1956.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, A.: &#039;&#039;La révolte des Batetela en 1895&#039;&#039;. Brüssel 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verbeken, P.: »Ik zeg het eerlijk: het was een prachtjob«, in: &#039;&#039;Humo&#039;&#039;, 26. Juli 2005, S. 32-37.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Rébellions au Congo&#039;&#039; (2 Bde.). Brüssel 1966-1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Dix ans d&#039;indépendance«, in: &#039;&#039;Revue française d&#039;études politiques africaines&#039;&#039; 57 (1970), S. 17-25.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Etude sur la rébellion«, in: &#039;&#039;Mouvements nationaux d&#039;indép­endance et classes populaires.&#039;&#039; Paris 1971, S. 418-443.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;L&#039;enseignement universitaire au Zaïre: de Lovanium à l&#039;Unaza 1958-1978&#039;&#039;. Paris 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »La guerre vécue au Centre Extra-Coutumier de Stanleyville«, in: &#039;&#039;Le Congo belge durant la Seconde Guerre Mondiale&#039;&#039;. Brüssel 1983, S. 439-493.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Conditions politiques et participation sociale à la rébellion dans l&#039;Est du Zaïre«, in: &#039;&#039;Les cahiers dus&#039;&#039; CEDAF 7-8 (1986), S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: &#039;&#039;Femmes zaïroises de Kisangani: combats pour la survie&#039;&#039;. Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen, B.: »Communisme et anticommunisme au Congo (1920-1960)«, in: &#039;&#039;Brood en Rozen&#039;&#039; 4 (1999), 2, S. 113-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verhaegen B./C. Tshimanga: &#039;&#039;L&#039;Abako et l&#039;indépendance du Congo belge: dix ans de nationalisme kongo (1950-1960)&#039;&#039;. Tervuren 2003.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Weg uit Congo: het drama van de kolonialen&#039;&#039;. Leuven 2002.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlinden, P.: &#039;&#039;Achterblijven in Congo: een drama voor de Congolezen?&#039;&#039; Leuven 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vesse, A.: &#039;&#039;Note sur l&#039;évolution de l&#039;économie congolaise après l&#039;indépendance du pays&#039;&#039;. O. O. 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »King Leopold&#039;s imperialism and the origins of the Belgian colonial party, 1860-1905«, in: &#039;&#039;Journal of Modern History&#039;&#039; 80 (2008), S. 741-790.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »Reprise-remise: de Congolese identiteitscrisis van België rond 1908«, in: V. Viaene/D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg), &#039;&#039;De overname van België door Congo: aspecten van de Congolese ›aanwezigheid‹ in de Belgische samenleving, 1908-1958.&#039;&#039; Leuven 2009, S. 43-62.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V.: »De religie van de prins: Leopold II, de Heilige Stoel, &#039;&#039;België en Kongo (1855-1909)&#039;&#039;«&#039;&#039;,&#039;&#039; in: V. Dujardin/V. Rosoux/T. de Wilde (Hg.), &#039;&#039;Leopold&#039;&#039; II&#039;&#039;, ongegeneerd genie? Buitenlandse politiek en kolonisatie.&#039;&#039; Tielt 2009, S. 143-164.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viaene, V./D. Van Reybrouck/B. Ceuppens (Hg.): &#039;&#039;Congo in België: Koloniale cultur in de metropool&#039;&#039;. Leuven 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vijgen, I.: &#039;&#039;Tussen mandaat en kolonie: Rwanda, Burundi en het Belgische bestuur in opdracht van de Volkenbond (1916-1932)&#039;&#039;. Leuven 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Villafaña, F. R.: &#039;&#039;Cold War in the Congo: The Confrontation of Cuban Military Forces, 1960-1967&#039;&#039;. New Brunswick 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vinck, H.: &#039;&#039;Colonial Schoolbooks (Belgian Congo): Anthology&#039;&#039; (2002), www.abbol.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K.: »The promise of ethnic conflict: militarisation and enclaveformation in South Kivu«, in: D. Goyvaerts (Hg.), &#039;&#039;Conflict and Ethnicity in Central Africa.&#039;&#039; Tokyo 2000, S. 59-104.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./H. Romkema: »The emergence of a new order? Resources and War in Eastern Congo«, in: &#039;&#039;Journal of Humanitarian Assistance (&#039;&#039;2002), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www.jha.ac/articles/a111.htm&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers (Hg.): &#039;&#039;Conflict and Social Transformation in Eastern&#039;&#039; DRC&#039;&#039;.&#039;&#039; Gent 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vlassenroot, K./T. Raeymaekers: »Le conflit en Ituri«, in: &#039;&#039;L&#039;Afrique des Grands Lacs, annuaire 2003-2004&#039;&#039; (2004), S. 207-233.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wamu Oyatambwe: &#039;&#039;De Mobutu à Kabila: Avatars d&#039;une passation inopinée.&#039;&#039; Paris 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A.: &#039;&#039;D&#039;Anvers à Bruxelles via le Lac Kivu: Le Congo vu par un socialiste&#039;&#039;. Brüssel 1929.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wauters, A. (Hg.): &#039;&#039;Le monde communiste et la crise du Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H.: »L&#039;évolution des élites«, in: &#039;&#039;Etudes congolaises&#039;&#039; 8 (1965), 5, S. 1-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiss, H./B. Verhaegen (Hg.): &#039;&#039;Les rébellions dans l&#039;est du Zaïre (1964-1967)&#039;&#039;. Themennummer &#039;&#039;Les Cahiers du Cedaf&#039;&#039; (1986), 7-8.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: &#039;&#039;American Foreign Policy in the Congo 1960-1964&#039;&#039;. Ithaca 1974.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weissman, S. R.: »An extraordinary rendition«, in: &#039;&#039;Intelligence and National Security&#039;&#039; 25 (2010), 2, S. 198-222.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werbrouck, R.: &#039;&#039;La campagne des troupes coloniales belges en Abyssinie.&#039;&#039; Léopoldville 1945.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Verdeel en heers: de deling van Afrika, 1880-1914&#039;&#039;. Amsterdam 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesseling, H. L.: &#039;&#039;Teile und herrsche. Die Aufteilung Afrikas 1880-1914.&#039;&#039; Stuttgart 1999.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
White, B.W.: &#039;&#039;Rumba Rules: The Politics of Dance Music in Mobutu&#039;s Zaire&#039;&#039;. Durham 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wild-Wood, E.: &#039;&#039;Migration and Christian Identity in Congo.&#039;&#039; Leiden 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Zaïre, l&#039;épopée d&#039;Inga: chronique d&#039;une prédation industrielle&#039;&#039;. Paris 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Eléments pour une lecture du contentieux belgo-zaïrois&#039;&#039;. Brüssel 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Patrice Lumumba: la crise congolaise revisitée.&#039;&#039; Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;L&#039;automne d&#039;un despotisme: pouvoir et argent et obéissance dans le Zaïre des années quatre-vingt&#039;&#039;. Paris 1992.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: »La ›nouvelle‹ politique américaine en Afrique centrale«, in: C. Braeckman/M.-F. Cros/G. de Villers/F. François/F. Reyntjens/F. Ryck­mans/J.-C. Willame, &#039;&#039;Kabila prend le pouvoir.&#039;&#039; Brüssel 1998, S. 134-44.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willame, J.-C.: &#039;&#039;Les »faiseurs de paix« au Congo: gestion d&#039;une crise internationale dans un Etat sous tutelle&#039;&#039;. Brüssel 2007.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Europe and the People Without History&#039;&#039;. Berkeley 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolf, E.: &#039;&#039;Die Völker ohne Geschichte: Europa und die andere Welt seit 1400&#039;&#039;. Frankfurt a. M./New York 1986.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolter, R./L. Davreux/ R. Regnier: &#039;&#039;Le chômage au Congo belge&#039;&#039;. Brüssel 1957.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wotzka, H.-P.: &#039;&#039;Studien zur Archäologie des zentralafrikanischen Regenwaldes: die Keramik des inneren Zaïre-Beckens und ihre Stellung im Kontext der Bantu-Expansion&#039;&#039;. Köln 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wrong, M.: &#039;&#039;In the Footsteps of Mr Kurtz: Living on the Brink of Disaster in the Congo.&#039;&#039; London 2000.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wynants, M.: &#039;&#039;Van hertogen en Kongolezen: Tervuren en de koloniale tentoon­stelling 1897&#039;&#039;. Tervuren 1997.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les relations entre les Etats-Unis et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 39 (1986), 1, S. 5-127.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: &#039;&#039;Aux origines du séparatisme katangais&#039;&#039;. Brüssel 1988a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yakemtchouk, R.: »Les deux guerres du Shaba: les relations entre la Belgique, la France et le Zaïre«, in: &#039;&#039;Studia Diplomatica&#039;&#039; 41 (1988b), 4-6, S. 375-742.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yambuya, P.: &#039;&#039;Zaïre, het abattoir: over gruweldaden van het leger van Mobutu&#039;&#039;. Antwerpen 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yav, A.: »Vocabulaire de la ville de Elisabethville: a history of Elisabethville from its beginnings to 1965, compiled and written by André Yav, edited, translated, and commented by Johannes Fabian with assistance from Kalundi Mango (1965), in: &#039;&#039;Archives of Popular Swahili&#039;&#039; 4 (2001), &amp;lt;nowiki&amp;gt;http://www2.fmg.uva.nl/lpca/aps/vol4/vocabulaireshabaswahili.html&amp;lt;/nowiki&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yellen, J. E.: »Behavioral and taphonomic patterning at Katanda 9: a Middle Stone Age site, Kivu Province, Zaïre«, in: &#039;&#039;Journal of Archaeological Science&#039;&#039; 23 (1996), S. 915-932.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yerodia, A.: &#039;&#039;Rapport sur les assassinats et violations des droits de l&#039;homme&#039;&#039;. Kinshasa 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yoka, L. M.: &#039;&#039;Kinshasa, carnets de guerre&#039;&#039;. Kinshasa 2005.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: &#039;&#039;Introduction à la politique congolaise&#039;&#039;. Brüssel 1968.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C. M.: »Zaire, Rwanda and Burundi«, in: M. Crowder (Hg.), &#039;&#039;The Cambridge History of Africa, vol 8.: from c. 1940 to c. 1975.&#039;&#039; Cambridge 1984, S. 698-754.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Young, C./T. Turner: &#039;&#039;The Rise and Decline of the Zairean State&#039;&#039;. Madison 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeebroek, X.: &#039;&#039;La Mission des Nations Unies au Congo: Le laboratoire de la paix introuvable&#039;&#039;. Brüssel 2008.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhang, L.: &#039;&#039;Ethnic congregation in a globalizing city: the case of Guangzhou, China&#039;&#039;. (2008) www.sciencedirect.com.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler, J.: &#039;&#039;La contre-révolution en Afrique&#039;&#039;. Paris 1963.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Mobutu: Van mirakel tot malaise&#039;&#039;. Antwerpen 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zinzen, W.: &#039;&#039;Kisangani, verloren stad&#039;&#039;. Leuven 2004.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fußnoten ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9306</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9306"/>
		<updated>2026-04-30T11:08:59Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.2 Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«3 Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.5 Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.6 Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.7 Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.8 In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.9 Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.10 Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.13 Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.14 Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.15&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«1 Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.3 Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«4 Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).5 Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.6 Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.7 Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.8 Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«9 Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.11 Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.12 Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.15 Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.16 Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.18 Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.20 Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.22 Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.24 Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?25 Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?26 Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.27 Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.28 Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.30 Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.32 In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.33 Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.3 Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«4 Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.5 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.6 Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.7 Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.9 Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.10 Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«13 Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«14 Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.15 Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels.16 In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 3 Die Belgier haben uns befreit ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die ersten Jahre der Kolonialherrschaft 1908-1921 ===&lt;br /&gt;
Lutunu warf einen besorgten Blick auf seine Frau. Das Laufen fiel ihr immer schwerer. Noch so jung, dachte er. Er konnte die Knötchen an ihrem Hals deutlich sehen. Kiesel, aufgereiht unter der Haut. Er kannte die Zeichen, bei seinen Kindern hatte es auch so angefangen. Erst Fieber, Kopfweh und steife Gelenke, dann Mattigkeit und Apathie tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. Er wusste, was ihr bevorstand. Sie würde zunehmend verwirrter werden und immer lethargischer. Ihre Augen würden sich verdrehen, Schaum würde auf ihre Lippen treten. Dann würde sie in einer Ecke liegen, bis es vorbei wäre. Womit hatte er das verdient? All die Toten. Vor einigen Jahren waren seine Geschwister an den Pocken gestorben, wie die Fliegen. Danach waren seine beiden kleinen Söhne der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen, die ersten Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Und jetzt sie . . . Hatte sie aus einer Kalebasse getrunken, aus der vorher jemand mit der Schlafkrankheit getrunken hatte? Hatte sie eine Apfelsine mit dunklen Flecken gegessen? Niemand wusste, wodurch man sich die Krankheit holte, kein Heiler hatte einen Fetisch oder eine Medizin dagegen. Manche behaupteten, es sei eine Strafe der Missionare. Die würden die Krankheit ausstreuen, aus Zorn, weil nicht alle ihre Lehre annahmen.1 Lutunu wusste es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1900 starb sogar Mfumu Makitu, der große Häuptling von Mbanza-Gombe, sein Herrscher. Der hatte 1884, als einer der ersten Häuptlinge des Landes, ein Abkommen mit Stanley geschlossen. Sein Dorf lag damals an der Karawanenroute von der Küste ins Landesinnere, lange bevor dort die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Häuptling Makitu wollte erst nichts von den weißen Neuankömmlingen wissen, aber ließ sich schließlich doch umstimmen. Am 26. März 1884 setzte er, zusammen mit einigen anderen Häuptlingen, ein Kreuz unter ein Blatt Papier, auf dem stand: »Wir, die unterzeichneten Häuptlinge von Nsungi, verpflichten uns, die Souveränität der ›Association Internationale Africaine‹ anzuerkennen, und nehmen zum Zeichen hiervon deren Flagge (blau mit goldenem Stern) an. (. . .) Wir erklären, dass wir und unsere Nachfolger uns von jetzt an nach der Entscheidung der Vertreter der Association in allen unsere Wohlfahrt und unsere Besitzungen betreffenden Angelegenheiten richten (. . .) werden.«2 Lutunu erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Häuptling Makitu machte Stanley damals ein großzügiges Willkommensgeschenk, einen seiner jüngsten Sklaven: Lutunu. Er war damals zehn Jahre alt. Für so viel Loyalität wurde Makitu 1888 mit einer Auszeichnung belohnt; er war einer der ersten &#039;&#039;chefs médaillés&#039;&#039; des Landes. Sein Reichtum mehrte sich weiterhin. Nun, viele Jahre später, hinterließ er vierundsechzig Dörfer, vierzig Frauen und Hunderte Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben war nicht weniger abenteuerlich als das von Disasi Makulo, es war sogar so abenteuerlich, dass man sich noch heute an ihn erinnert. In Kinshasa wurde eine Straße nach ihm benannt, und der alte Nkasi, dessen Heimatdorf unweit von dem Lutunus lag, war ihm in ferner Vergangenheit noch begegnet: »Lutunu, den habe ich noch gekannt!«, erzählte er mir einmal spontan. Der Name fiel zum ersten Mal in meiner Gegenwart. »Er kam aus meiner Gegend und war etwas älter. Er war der Boy von Stanley. Und er wollte nie eine Hose tragen. Wenn der Weiße rief: ›Lutunu!‹, dann rief er einfach zurück: ›Weißer!‹ Einfach so! Weißer!« Darüber musste er noch immer lachen. Lutunu war ein Kapitel für sich. Ein Draufgänger, mit vielen Weißen befreundet. Als ich wieder in Belgien war, entdeckte ich, dass seine Lebensgeschichte in den dreißiger Jahren von einer belgischen Künstlerin und Schriftstellerin aufgezeichnet worden war.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Disasi Makulo war auch Lutunu Sklave gewesen und in europäische Hände geraten. Er wurde der Boy von Leutnant Alphonse Vangele, einem von Stanleys Mitarbeitern der ersten Stunde. Auch er kam mit den britischen Baptisten in Berührung: Sie errichteten eine ihrer wichtigsten Missionsstationen in seiner Gegend, und er wurde Boy bei einem von ihnen, Thomas Comber. Und wie Disasi geriet er so nach Europa. Er war dabei, als Comber 1885 nach Großbritannien und Belgien reiste, er war dabei, als Comber von König Leopold II. empfangen wurde. Er war eines der neun Kinder, die dem König ein Lied vorsingen durften. Er war derjenige, der später nach Amerika reiste und nach seiner Heimkehr von Matadi bis Stanley Pool berühmt wurde – die Leute rannten ihm hinterher, weil er der erste Radfahrer im Kongo war. Dieser Bursche also. Und seine burlesken Abenteuer waren noch lange nicht vorbei. Das Evangelium geduldig in seine Muttersprache zu übersetzen, war seine Sache nicht; die weite Welt umso mehr. Er schipperte mit Grenfell über den Kongo und muss Disasi Makulo zweifellos gekannt haben. Er wurde Führer und Dolmetscher für die belgischen Offiziere Tobback und Dhanis während ihrer Feldzüge. Er war sogar kurzzeitig Soldat in der Force Publique. Er sah viele Orte und kannte die weißen Kolonialherren wie kein anderer. »Lutunu!« »Weißer!« Aber ihre Hosen trug er nicht. Und für die Taufe konnte er sich auch nicht erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dann starb seine Frau, und er hatte niemanden mehr. Die Kinder tot, die Familie dezimiert. Nach all seinen abenteuerlichen Reisen war er wieder zurück in seinem Heimatdorf. Er sprach dort mit den protestantischen Missionaren und nahm ihren Glauben an. Er war schon um die dreißig. Seine Sklaven, es waren mehrere Dutzend, die er im Laufe der Jahre gekauft hatte, ließ er frei. Er zog in die Missionsstation. Francis Lutunu-Smith war sein neuer Name.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der große Häuptling Makitu um die Jahrhundertwende starb, war sein Nachfolger nach dem lokalen Abstammungsrecht ein junger Mann von 16 Jahren mit wenig Erfahrung. Die Missionare schlugen vor, dass Lutunu sein »Assistent« (&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039;) werden solle: Das sei besser für das Dorf und auch für die Mission. So hatten sie Einfluss auf die lokale Regierung: Lutunu war ja einer von ihnen. So wie Disasi Makulo seine eigene Missionsstation aufbauen durfte, so durfte Lutunu einen Teil der Verantwortung für die Verwaltung tragen: die ehemaligen Kindersklaven erwarben, dank der Weißen, sehr viel Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben ähnelte zwar dem von Disasi, in puncto Frömmigkeit war er ihm jedoch weit unterlegen. Nach fünf Jahren warf man ihn aus der Missionsstation: Er hatte zu eifrig dem englischen &#039;&#039;stout&#039;&#039; und &#039;&#039;lager&#039;&#039; zugesprochen. Der Kongo-Freistaat hatte kurzen Prozess gemacht mit dem endemischen Alkoholismus der einheimischen Bevölkerung. Der Konsum von Palmwein war radikal eingeschränkt worden, Brandy, Gin und Rum waren ohnehin strengstens verboten. Lutunu aber trank und tanzte. Und auch wenn er sein Exemplar der Bibel weiterhin in Ehren hielt, so war er doch auf einmal mit drei Frauen verheiratet und bekam vier, fünf, acht, zwölf, siebzehn Kinder. Ließ sich der neue Glaube denn wirklich nicht mit den alten Bräuchen vereinbaren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bedeutete es für ihn, dass der Kongo plötzlich eine belgische Kolonie war? Hat er etwas vom Übergang des Kongo-Freistaates zu Belgisch-Kongo bemerkt? War 1908 auch für ihn und die Seinen ein Scharnierjahr? Merkte die lokale Bevölkerung etwas von dieser Reprise?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwierige Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die klassische Geschichtsschreibung stellt es oft so dar: Bis 1908 dauerten die Gräuel des Freistaates an, doch von dem Moment an, als Belgien die Kolonie übernahm, beruhigte sich das Ganze und die Geschichte wurde &#039;&#039;un long fleuve tranquille&#039;&#039;, der erst seit den späten fünfziger Jahren wieder ein paar Schaumkronen aufwies.4 Der Kolonialismus sensu stricto, die Zeit von 1908-1960, war in dieser Optik ein langes, dahinplätscherndes Intermezzo zwischen zwei turbulenten Episoden. Heute herrscht in Belgien denn auch meist mehr Betroffenheit über die Gräuel unter Leopold II. und den Mord an Lumumba – streng genommen zwei Momente, die nicht in die klassische Kolonialzeit fallen – als über die Jahrzehnte, in denen das belgische Parlament und damit das belgische Volk für das, was im Kongo geschah, unmittelbar verantwortlich waren (oder hätten sein müssen). Die Vorstellung friedlicher Stabilität wird zudem verstärkt durch die langen Amtszeiten von Schlüsselfiguren. Zwischen 1908 und 1960 hatte der Kongo nur zehn Generalgouverneure; manche blieben sieben oder sogar zwölf Jahre im Amt. Die ersten beiden Kolonialminister, Renkin und Franck, hatten ihren Posten zehn bzw. sechs Jahre inne. Ein ruhiger Fluss mit ein paar soliden Baken, so schien es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch im Grunde gab es keinen totalen Bruch nach 1908. Am 15. November jenes Jahres hisste man in der Hauptstadt Boma zwar zum ersten Mal die belgische Trikolore, und die Fahne des Freistaates wurde für immer zusammengefaltet, ansonsten änderte sich jedoch nicht so viel. Leopolds Regierung warf noch einen sehr langen Schatten über die Kolonialzeit. Zudem war das halbe Jahrhundert für Belgien selber alles andere als statisch. Im Gegenteil – es war durch eine außergewöhnliche Dynamik gekennzeichnet, und zwar nicht nur die vielbesungene unilineare Dynamik des »Fortschritts«, sondern die facettenreiche Dynamik einer komplexen historischen Epoche voller Spannungen, Konflikte, Reibungen. Ein langer, breiter Strom, der immer mächtiger wurde? Nein, viel eher ein mäandernder Fluss mit Nebenläufen, Stromschnellen und Strudeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam durchaus viel in Gang im Jahr 1908, doch von dieser frühen Dynamik war anfangs in Brüssel mehr zu verspüren als im Kongo selbst. Auf dem Papier brach eine neue Morgenröte an. Die &#039;&#039;Charte Coloniale&#039;&#039;, die die Übertragung des Freistaates regelte, brachte dem Kongo zum ersten Mal eine Art Verfassung. Im vollen Bewusstsein der Misere des Freistaates konzipierten die belgischen Minister einen völlig neuen Machtapparat. Die politischen Verhältnisse in der Kolonie waren nicht mehr die Sache eines eigenwilligen Herrschers, der seinen Willen durchsetzen konnte, sondern des Parlaments, das die Gesetze zur Verwaltung der Kolonie verabschiedete. In der Praxis war hauptsächlich der Minister für die Kolonien dafür verantwortlich, ein neu geschaffenes Amt mit einem etwas lächerlichen Titel. Der Plural, nach ausländischem Vorbild, war unnötig, Belgien besaß nur eine Kolonie. Das Parlament selbst befasste sich nur gelegentlich mit der Überseepolitik. Am 17. Dezember 1909 starb Leopold, etwa dreizehn Monate, nachdem man ihm sein Lebenswerk genommen hatte. Sein Nachfolger, König Albert I., hegte in Sachen Kongo eine viel zurückhaltendere und weniger voluntaristische Auffassung. Daneben gab es den Kolonialrat, eine neu gegründete Behörde, die den Minister in zahlreichen Sachfragen beriet. Acht der vierzehn Mitglieder wurden vom König und sechs von Abgeordnetenkammer und Senat ernannt. Ferner gab es die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen; sie verfolgte zwar hehre Ziele, hatte jedoch nur geringen Einfluss. Während ihres mehr als fünfzigjährigen Bestehens tagte sie nur zehn Mal.5 Auch die Finanzierung änderte sich: Leopolds nebulöse Konstruktionen, die es ihm ermöglichten, nach Herzenslust Geld hin und her zu schieben zwischen seinem Privatvermögen und der sogenannten »Zivilliste« – den Mitteln, die ihm der Staat zur Verfügung stellte –, waren passé. Künftig waren die Bereiche strikt voneinander getrennt. Die Erträge der Kolonie mussten in die Kolonie fließen und durften nicht mehr in Brüsseler Bauwerke gesteckt werden; gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass der Kongo in Krisenzeiten selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste (in der Praxis sprang Belgien allerdings manchmal ein). Die Kolonie bekam also sowohl die Vor- wie auch die Nachteile eines eigenen Staatshaushalts zu spüren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren einschneidende Verwaltungsreformen. Aber auch atmosphärisch änderte sich etwas in der Verwaltung der Kolonie. Das Abenteuerliche wich der Bürokratie, und statt &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; gab es &#039;&#039;corned beef&#039;&#039;. Nach Leopolds Kapriolen bevorzugte man eine straffe, streng sachliche Arbeitsweise. Belgien übernahm seine Aufgabe als Kolonialmacht mit mehr Ernst als Stolz. Die Verwaltung wurde sehr amtlich, was in belgischen Begriffen bedeutete: äußerst hierarchisch und zentralisiert. Sie ging von Brüssel aus, und die zuständigen Beamten waren selten oder nie im Kongo gewesen. Das führte mehr als einmal zu Spannungen mit den Weißen vor Ort. Im Kongo war der Generalgouverneur nach wie vor allmächtig, doch seine Beurteilungen der Situation standen oft im Widerspruch zu den Direktiven, die ihn aus Brüssel erreichten. Belgische Kolonialisten konnten außerdem bei der Kolonialverwaltung nicht mitreden, denn sie besaßen keinerlei formale politische Macht. Sie mussten, wenn auch manchmal widerwillig, alles akzeptieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn schon sie sich übergangen fühlten, wie viel schlimmer war es dann für die Kongolesen selbst? Die belgische Politik hatte gewiss die besten Absichten für das Leben der einheimischen Bevölkerung; diese Einsicht war nach dem Skandal um den »roten Kautschuk« nun doch gedämmert. Aber sie brauchte sich vor den Kongolesen selbst nicht zu verantworten. Sie wurde nicht von ihnen gewählt, und sie fragte sie auch nicht nach ihrer Meinung. Man sorgte für sie, mit Güte und Barmherzigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig wie die belgische Regierung auf die Stimme der Kongolesen hörte, so aufmerksam lieh sie der Wissenschaft ihr Ohr. Man erstrebte &#039;&#039;»une colonisation scientifique«&#039;&#039;, wie Albert Thys es bezeichnete.6 Keine Ad-hoc-Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes – neutral, sachlich, nüchtern und vertrauenswürdig. Glaubte man. Gerade wegen dieser vermeintlichen Neutralität galt ihre Stimme in der Praxis sehr viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erste Gruppe Wissenschaftler, die auf diese Weise Einfluss erlangte, waren die Ärzte. Um die Jahrhundertwende entdeckte Ronald Ross, ein britischer Arzt, der in Indien geboren war, dass der Grund für Malaria nicht das Einatmen von »schlechter Luft« in Sumpfgegenden war (&#039;&#039;mal aria&#039;&#039; auf Italienisch, die Krankheit kam damals noch in der Poebene vor). Es waren die Mücken an stillstehenden Gewässern, die die Krankheit übertrugen. Eines der großen Mysterien der Tropen, das so viele Patres und Pioniere das Leben gekostet hatte, war damit enthüllt. Ross erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis. Aber dabei blieb es nicht. Auch Gelbfieber und Elephantiasis, die Krankheit, die die Gliedmaßen so grässlich deformierte, wurden, wie sich herausstellte, von Mücken verbreitet. Die rätselhafte Schlafkrankheit bekam man durch Kontakt mit einer Tsetsefliege. Schwarzfieber (Leishmaniose) wurde von Sandfliegen übertragen, Typhus von Läusen, die Pest von Rattenflöhen. Nach Zeckenbissen konnte man hartnäckige Fieberanfälle bekommen. Ein neues Fachgebiet war entstanden, die Tropenmedizin, und es wurde ein machtvolles Instrument im Dienst des Kolonialismus. Leopold II. hatte bereits Wissenschaftler aus Liverpool in den Kongo eingeladen, um die Schlafkrankheit zu erforschen. 1906 hatte er, nach dem Vorbild der Liverpool School of Tropical Medicine, in Brüssel die Schule für Tropenmedizin, Vorläuferin des Antwerpener Instituts für Tropenmedizin, gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Bewohner des Kongo hatte diese Medizinisierung große Folgen. Bereits unter Leopolds Regierung gab es hier und da im Freistaat Hospitäler, in denen Opfer der Krankheit von Nonnen gepflegt wurden. Diese Hospitäler lagen auf Inseln im Fluss oder an abgelegenen Orten im Busch und waren noch am ehesten mit Leprakolonien vergleichbar. Oft erfolgte die Aufnahme unter Zwang. Die Patienten wurden dort eher isoliert als gepflegt. Besuch von Familienangehörigen, Freunden und Verwandten war verboten. Viele empfanden die Einweisung in das Lazarett deshalb wie die Todesstrafe. Man probierte zwar allerlei neue Medikamente an ihnen aus, etwa Atoxyl, ein Arsenderivat, aber das führte öfter zu Blindheit als zur Heilung. Es war nicht immer deutlich, worum es eigentlich ging: um die Heilung oder um den Test des experimentellen Medikaments. Da man Kranke in einem möglichst frühen Stadium isolieren wollte (wenn die Ansteckungsgefahr, aber auch die Heilungschancen am größten waren), handelte es sich oft um Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Einweisung noch kerngesund fühlten. Ihre Halslymphdrüsen waren höchstens etwas angeschwollen. Erst während des Aufenthalts im Hospital zeigten sich die typischen Symptome. Deshalb gerieten die Krankenhäuser in Verruf: Die Menschen glaubten, es seien Lager, in denen Kolonialbeamte sie vorsätzlich mit der Krankheit infizierten. Tumulte brachen aus, Bewacher griffen ein, aber viele Menschen flohen zurück in ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Belgien den Kongo übernahm, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kolonialismus ein Gesundheitsdienst eingerichtet . . . in Brüssel. Die Befehlskette zu den Leitern der Posten im Urwald war außerordentlich lang, doch es gelang trotzdem, Änderungen durchzusetzen. Hospitäler allein genügten nicht. Künftig sollte die Mobilität aller Kongolesen überwacht werden. 1910 bestimmte ein Erlass, dass jeder Eingeborene zu einer &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; oder &#039;&#039;sous-chefferie&#039;&#039; gehörte.7 Die Umrisse einer solchen Verwaltungseinheit wurden exakt festgelegt, unter Berücksichtigung vorhandener territorialer Begrenzungen. Wer seinen Wohnort über eine Entfernung von mehr als dreißig Kilometern oder für einen Zeitraum von mehr als einem Monat verlassen wollte, so legte ein anderer Erlass von 1910 fest, musste einen Gesundheitspass bei sich führen, in dem sein Geburtsort, sein Gesundheitszustand und eventuell erfolgte ärztliche Behandlungen vermerkt waren. Ein solcher Pass wurde nur mit Zustimmung des Dorfoberhaupts oder dessen Vertreter ausgestellt. Wer krank war, erhielt Dorfarrest. Wer ohne Papiere loszog, riskierte eine Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieser Maßnahme ist kaum zu überschätzen. Sie hatte fünf einschneidende Folgen. Erstens: Kongolesen, auch gesunde, konnten ihren Aufenthaltsort nicht mehr selbst bestimmen, ihre Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt. Für eine Region mit permanent hoher Mobilität war das eine Umstellung. Zweitens: Jeder Einwohner war künftig auf der Landkarte festgeheftet, wie ein Käfer auf einem Stück Pappe. Das Zugehörigkeitsgefühl war in den einheimischen Gemeinschaften schon immer sehr stark entwickelt, nun wurde es absolut. Wer jemand war, lag von da an unumstößlich fest. Drittens: Die lokalen Oberhäupter wurden voll und ganz in die lokale Verwaltung einbezogen. Das hatte bereits zu Stanleys Zeiten begonnen (siehe Makitu), nun wurde es formell bestätigt. Sie standen auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie und erfüllten eine vermittelnde Funktion zwischen Staat und Untertanen. Selbstverständlich bevorzugte die Kolonialregierung devote Charaktere. Das offiziell eingesetzte Oberhaupt war oft eine schwache Persönlichkeit mit wenig moralischer Autorität, während der echte, traditionelle Häuptling sich im Hintergrund hielt, um in Ruhe weiterregieren zu können.8 Viertens: Da eine durchschnittliche &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; höchstens rund tausend Einwohner umfasste, traten größere ethnische Zusammenhänge mehr und mehr in den Hintergrund.9 Das Dorf unterstand unmittelbar der Staatsmacht, die Ebenen dazwischen fielen weg. Auch das wirkte sich auf das Stammesbewusstsein aus: Es entstand eine Sehnsucht nach vergangenem Glanz. Und fünftens: Für viele bedeuteten die Gesetze aus dem fernen Brüssel die erste, unmittelbare Bekanntschaft mit der Kolonialbürokratie. In der Zeit des Freistaates waren Hunderttausende unter das Joch des fernen Herrsches geraten, nun aber blieb im Prinzip &#039;&#039;niemand&#039;&#039; mehr verschont. Die Zahl der Belgier in der Kolonie war noch immer sehr gering (1920 waren es ein paar tausend), doch der Kolonialapparat verstärkte seinen Zugriff auf die Bevölkerung und drang immer tiefer ins Leben der Individuen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat, das war 1885 ein einsamer Weißer, der das Dorfoberhaupt aufforderte, eine blaue Flagge wehen zu lassen. Der Staat, das war 1895 ein Beamter, der Dorfbewohner als Träger oder Soldaten rekrutierte. Der Staat, das war 1900 ein schwarzer Soldat, der wegen ein paar Körben Kautschuk ins Dorf kam, herumbrüllte und auch schoss. 1910 aber war der Staat ein schwarzer Hilfssanitäter, der die Einwohner auf den Dorfplatz rief, ihre Lymphdrüsen am Hals betastete und sagte, es sei in Ordnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung wollte bereits früh mit Reihenuntersuchungen im großen Stil beginnen; König Albert plante mehr als eine Million belgische Franc dafür ein, doch der Erste Weltkrieg verzögerte das Vorhaben. Ab 1918 reisten jedoch Gesundheitsteams aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern in die Dörfer, und viele hunderttausend Bewohner wurden untersucht. Der Staat, das waren Männer mit Mikroskopen, die stirnrunzelnd Blutproben analysierten. Der Staat, das war die glänzende, sterile Injektionsnadel, die sich in die Haut schob und irgendein geheimnisvolles Gift einspritzte. Der Staat kroch den Menschen buchstäblich unter die Haut. Nicht nur die Landschaft wurde kolonisiert, auch der Körper und das Selbstbild. Der Staat, das war der Ausweis, auf dem stand, wer man war, woher man kam und wohin man gehen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben wurde dadurch jedenfalls ein ganzes Stück häuslicher. Der Mann, der nicht nur Europa und Amerika bereist, sondern auch alle Gegenden seines Landes durchstreift hatte, blieb nun jahrein, jahraus in seinem Dorf. Als Assistent eines jugendlichen Dorfoberhaupts musste er wahrscheinlich den weißen &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; beraten, wem man eine Reiseerlaubnis erteilen konnte und wem man sie verweigern musste. Dass dieses System Tür und Tor für Missbrauch öffnete, liegt auf der Hand. Die Ausweise waren sehr gefragt, und manche Postenchefs, Angestellte und Sanitäter ließen sich bestechen. Dorfbewohner, die gerade erst gegen die Schlafkrankheit behandelt worden waren und trotzdem reisen wollten, behaupteten einfach, sie hätten ihren Gesundheitspass verloren, in der Hoffnung, ein neues Exemplar ohne Eintragungen zu erhalten. Viele hegten tiefes Misstrauen gegen die Medizin der Weißen. Von Atoxyl konnte man erblinden, und die Lumbalpunktionen, die in den schlimmsten Fällen vorgenommen wurden, waren extrem schmerzhaft. Das bedeutete nicht, dass die Menschen irrationale Ängste vor weißen Kitteln hatten. Manche Behandlungen, wie die operative Entfernung von durch Elephantiasis verursachten Geschwüren, wurden gewürdigt, doch generell herrschte eher der Gedanke vor, dass die Injektionsnadeln dazu dienten, Krankheiten zu verbreiten. Die Vertreter der Kolonialmacht unterschätzten einfach die Bedeutung der traditionellen Medizin, die sie rigoros als Quacksalberei und Hexerei abtaten. Viele Afrikaner sahen die Schlafkrankheit deshalb als Krankheit, die der Kolonisator verursachte und die mit der militärischen Vorherrschaft, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Neuordnung zusammenhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bei all dem hatten Ärzte Macht, viel Macht. Doktoren entschieden, wer sich wohin begeben durfte. Sie bestimmten die Zonen, in denen Reisen verboten war. War jemand widerspenstig, konnten sie ihn zu einer Behandlung zwingen und durften ihn sogar bestrafen. Es lag sogar in ihrem Ermessen, ganze Dörfer zu verlegen, falls es dafür schwerwiegende medizinische Gründe gab. Dorfgemeinschaften in Zonen, in denen es von Tsetsefliegen wimmelte, konnten sie zu einer kollektiven Umsiedlung zwingen. Und sie durften die Hilfe der Kolonialbeamten und der Force Publique in Anspruch nehmen, falls sich eine Dorfgemeinschaft weigerte. Nicht die Heilung kranker Individuen stand im Mittelpunkt dieser Art Medizin, sondern die Gesunderhaltung der Kolonie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch eine erzwungene Umsiedlung brachte lokale Gemeinschaften oft aus dem Gleichgewicht. Bakongo, die ihr Dorf hatten verlassen müssen, sangen voller Heimweh und Melancholie: »Ach! Schaut auf das Dorf unserer Ahnen. / Das schattige Dorf mit seinen Palmen, aus dem wir fortgehen mussten. / Ach! Die Alten. / Ach! Ach! / Ach! Unsere Toten sind verschwunden! / Ach! Schaut auf unser verlassenes Dorf! / Ein Jammer!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Dorf durfte bleiben, wo es war, aber um das Krankheitsrisiko zu begrenzen, tat er etwas, was bis dahin niemand in seinem Dorf getan hatte: Er baute ein Haus aus Stein. Fortan schlief er nicht mehr unter einem Blätterdach und zwischen Lehmwänden, sondern in einer Hütte aus Stein unter Wellblech. Im benachbarten Thysville gab es inzwischen genügend Maurer und Zimmerleute. Sie wussten, wie man aus Erde Ziegelsteine machen konnte und wie man Wellblech festnageln musste. Die Schlafkrankheit hatte Lutunus Familie zerstört, nun aber lebte er mehr oder weniger wie die Weißen. Hingen an seinen Ziegelsteinwänden auch, wie ein belgischer Staatsminister im Osten des Kongo konstatierte, »sehr mittelmäßige Porträts unserer Könige, die die Kolonialverwaltung überall verbreitet hatte, und ein paar aus Zeitschriften aus Paris und London herausgerissene Fotos«? Bekam er von gelegentlichen weißen Besuchern auch »ein paar schöne Gravüren und ein paar Dosen mit Karamellbonbons« geschenkt?11 Wir wissen es nicht. Was wir immerhin wissen ist, dass die Kolonialregierung ihn einige Jahre später zum Distriktchef ernannte und dass er, der ehemalige Sklave, nun über zweiundvierzig Dörfer herrschen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr Licht über der Kolonie scheinen lassen durften, waren die Ethnographen. Wenn der Skandal des Freistaates etwas deutlich gemacht hatte, dann war das der völlige Mangel an Wissen über die einheimische Kultur. Félicien Cattier, der herausragende Brüsseler Professor und vehementer Kritiker Leopolds, hatte sich dazu unmissverständlich geäußert: »Wie ist es möglich, sinnvolle Arbeit in den Kolonien zu leisten, wenn man nicht erst die einheimischen Institutionen, ihre Sitten, ihre Psychologie, die Bedingungen ihrer wirtschaftlichen Existenz und die Struktur ihrer Gesellschaften eingehend studiert?«12 Manche der Entdeckungsreisenden und Missionare hatten Interesse an lokalen Bräuchen gezeigt, aber viele Offiziere und andere Vertreter des Freistaates hegten, gelinde gesagt, ziemlich rudimentäre Auffassungen über das, was man als »die Negerrasse« bezeichnete. Falls überhaupt Interesse bestand, richtete es sich in erster Linie auf die konkreten Seiten der fremden Kultur: ihre Körbe und Masken, ihre Einbäume und Trommeln, die Form ihrer Speere, die Maße ihrer Schädel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das reiche nicht aus, meinte Cattier. Es gehe nicht um persönliche Objekte oder einzelne Personen. Man müsse ein Auge haben für die tieferen Schichten der einheimischen Gesellschaft. Und das erfordere ein ernsthaftes Studium. »Es wäre deshalb angezeigt, wenn im Kongo, wie in Niederländisch-Indien oder Britisch-Indien, ein Ministerium oder ein Büro für ethnologische Studien gegründet würde.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. Mit großem Tamtam wurde das &#039;&#039;Bureau International d&#039;Ethnographie&#039;&#039; ins Leben gerufen, eine Institution mit belgischen und ausländischen Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele Fakten wie möglich über die Bevölkerung des Kongo zu sammeln und zu erschließen. Was die École de Médicine Tropicale für die Medizin war, war das Bureau International d&#039;Ethnographie für die Anthropologie: eine Institution, deren Forschungsergebnisse in Einfluss umgesetzt wurden. Die Mitglieder lasen Reiseberichte und Missionsrapporte und investierten viel Zeit in die Ausarbeitung eines erschöpfenden Fragebogens, der an Tausende Beamte, Händler, Soldaten und Missionare in der Kolonie geschickt wurde. 202 Rubriken mussten ausgefüllt werden. Die Themen variierten vom Heiratsrecht über Bestattungspraktiken bis hin zur Körperpflege. Die Informanten erledigten ihre Aufgabe und schickten die Fragebogen zurück. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als vierhunderttausend ethnographische Daten verarbeitet.14 Und diese Daten wurden in einer monumentalen Bücherreihe veröffentlicht, der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039;. Zwischen 1907 und 1914 erschienen elf Bände. Jeder Band widmete sich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die als charakteristisch für eine bestimmte Landesgegend galt: die Bangala für die Flussanrainer, die Basonge für die Savanne, die Warega für den Urwald . . . Auch die Mayombe, die Mangbetu, die Baluba und die Baholoholo wurden beschrieben. Jedes Mal wurden die 202 Rubriken abgedruckt, zusammen gut sechstausend Seiten Lektüre. Es war der erste Versuch einer systematischen Dokumentation der einheimischen Kultur. Das Ergebnis war nichts weniger als eine &#039;&#039;encyclopédie des races noires&#039;&#039;.15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ergebnis war jedoch auch, dass diese »Rassen« plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Die Buchreihe unterteilte die Bevölkerung des Kongo in deutlich unterscheidbare Blöcke mit eigener Identität, eigenem Volkscharakter und eigenen Gebräuchen. Auch wenn manches dafür sprach – es existierten nun mal unverkennbare Unterschiede –, war es doch eine völlig künstliche Sache, um jede dieser Gruppen eine kulturelle Mauer zu ziehen, die die Sicht auf einen möglichen Austausch versperrte. Doch genau das geschah. Zu Beginn des Projektes, im Jahr 1908, nahm Edouard De Jonghe, der wichtigste Mitarbeiter, sich vor, »&#039;&#039;les peuplades une à une, en elles-mêmes, pour elles-mêmes&#039;&#039;« zu studieren.16 In methodischer Hinsicht war dieses schrittweise Vorgehen begreiflich: So blieb alles schön übersichtlich. Aber was zunächst nur ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die »Stämme« wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten. Der Initiator des Projekts, Cyrille Van Overbergh, auch ein wichtiger katholischer Politiker, behauptete nach einigen Jahren unumwunden: »Im Allgemeinen unterhalten die Völker wenig Beziehungen untereinander. (. . .) Die Stämme sind voneinander unabhängig und wahren ihre Autonomie.«17 Über den jahrhundertelangen und auch damals bereits bekannten Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sah er dabei völlig hinweg. Pygmäen lebten neben Bantu sprechenden Bauern. Bobangi fuhren den Fluss hinauf und hinunter und kamen mit Dutzenden anderen Bevölkerungsgruppen in Kontakt. Die früheren Savannenkönigreiche der Bakongo und Baluba waren ethnisch oft sehr gemischt. Viele Menschen waren mehrsprachig. Die Kulturen der Bantu-Sprecher waren untereinander sehr eng verwandt. Doch der Anthropologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zergliederte die Gesellschaft in einzelne Rassen, wie der Taxonomiker des achtzehnten Jahrhunderts einst das Tierreich in verschiedene Arten unterteilt hatte. Unveränderlich über die Zeit hinweg, ohne Berührung miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo wurde ein Setzkasten. Die Landkarte der Kolonie bestand von da an aus Fächern, jedes mit seinem eigenen »Stamm«. In Tervuren bei Brüssel legte man eine gigantische Sammlung Ethnographika an, akkurat nach Stämmen geordnet. Da die Bevölkerung von den Ärzten gezwungen wurde, am Ort zu bleiben, gewannen die Anthropologen noch stärker den Eindruck, dass die Völker, die sie vor sich hatten, »an ihr jeweiliges Territorium gebunden waren«, wie es der Direktor des Bureau International d&#039;Éthnographie behauptete.18 Dieser »monographische Blick« hatte weitreichende Folgen. In der Kolonie orientierten sich die Weißen mehr und mehr daran, und die Kongolesen selbst begannen sich zunehmend tribal zu identifizieren. Der Geist des Tribalismus war aus der Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese früheste Völkerkunde war entschieden kein &#039;&#039;l&#039;art pour l&#039;art&#039;&#039;; zweifelsohne sollte sie dazu dienen, das Werk der Kolonialmacht voranzutreiben. Die Rekrutierer der Force Publique konnten eine Beschreibung der Kriegslust in diesem oder jenem Stamm für ihre Zwecke nutzen. Die medizinischen Dienste bekamen Informationen über die hygienischen Bedingungen bei den Völkern, die am schlimmsten von der Schlafkrankheit betroffen waren. Die Politiker in Brüssel konnten ihre Gesetze auf das zuschneiden, was sie über das traditionelle Recht zur Bodennutzung in der Kolonie lasen. Und die Missionskongregationen konnten ihre Strategie mit Hilfe der Erkenntnisse, welcher Glaube in welcher Gegend vorherrschend war, besser planen. Man handelte nach den Beschreibungen der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. Die Stämme bekamen Eigenschaften angedichtet, wie man sie den Nationalitäten Europas zuschrieb. Der Kongo wies nun Pendants auf zum geizigen Schotten, faulen Sizilianer, schlampigen Spanier und fleißigen, aber humorlosen Deutschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Bewohner der Kolonie übernahmen allmählich diesen Blick auf sich und die anderen. Wie war es zum Beispiel bei Lutunu? Er hatte siebzehn Kinder, von denen dreizehn am Leben blieben. Ab 1910 gehörten sie alle zur selben &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, hatten denselben vom Staat anerkannten Dorfvorsteher und durften die Gegend ohne medizinische Kontrolle nicht verlassen – Sachverhalte, die einem starken regionalen und ethnischen Bewusstsein mit Sicherheit Vorschub leisteten. Außerdem besuchten sie Missionsschulen, denn das Schulwesen lag exklusiv in den Händen der Missionare. 1908 gab es im Kongo etwa fünfhundert Missionare, 1920 etwa fünfzehnhundert. Es gab keine Schulpflicht, aber Lutunu mit seinem Fahrrad und seinem Steinhaus wird seine Kinder zweifellos dazu angespornt haben, wie er lesen und schreiben zu lernen. Er war schließlich einer der ersten Alphabetisierten in Bas-Congo. Sein Dorf lag im Einflussbereich der britischen Protestanten, aber außerhalb gewannen die belgischen Katholiken zunehmend an Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was lernten die Kinder in diesen einfachen kleinen Klassenräumen oder im Schatten eines Baumes? Selbstverständlich lesen und schreiben. Und rechnen. Biblische Geschichte. Fromme Legenden. Die belgischen Provinzen. Das Königshaus. Ja, aber auch das eine oder andere über das eigene Land. Über den Sklavenhandel zum Beispiel. &#039;&#039;»Tungalikuwa watumwa wa Wangwana&#039;&#039; / &#039;&#039;Wabeleji wakatukomboa«&#039;&#039;, sangen die Kinder in katholischen Missionsstationen im Landesinneren. Wörtlich: »Wir wurden Sklaven der Arabisierten / Die Belgier haben uns befreit.« Die Melodie war die der »Brabançonne«, der belgischen Nationalhymne. Eines der ältesten bekannten Schullieder in Swahili enthielt eine komprimierte Zusammenfassung der Kolonialisierung: »Früher waren wir Dummköpfe / Mit den Sünden jedes Tages / Sandflöhen an den Füßen / Dem Kopf voller Schimmel / Danke, ehrwürdige Patres!«19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die Lieder waren in der Volkssprache, sondern auch der Unterricht der katholischen Patres und Nonnen. Die meisten Missionare kamen aus Flandern, und eingedenk des Kampfes um das Flämische in Belgien betrachtete man die eigene Sprache als hohes Gut. Auch das verstärkte den Stammesstolz. In einem Schulbuch der Missionare vom Kostbaren Blut aus den dreißiger Jahren in Mbandaka stand folgende Leseübung: »Unsere Sprache ist das Lonkundo. (. . .) Obwohl manche gern Lingala sprechen, lieben wir unser Lonkundo am meisten. Diese Sprache ist sehr schön und hat viele genaue Bedeutungen. Wir lieben sie sehr. Wir haben diese Sprache von unseren Ahnen bekommen.«20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ethnische Identifizierung erfolgte noch viel expliziter. In dieser Zeit lasen Schüler in der Provinz Équateur auch, dass »die Menschen im Kongo in mehrere Gruppen unterteilt sind. Sie unterscheiden sich durch ihren Dialekt, ihre Sitten und sogar durch ihre Gesetze. Unsere echte Familie ist der Stamm der Nkundo.«21 Das klang wie ein wörtliches Echo der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. In den frühesten Schulbüchern der Maristenbrüder (das älteste stammt von etwa 1910) ging man noch einen Schritt weiter. Auf Lingala war zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner des Kongo sind Schwarze. Ihre Zahl hat man noch nicht gezählt. Sie beläuft sich auf etwa sechzehn Millionen. Sie zerfallen in verschiedene Stämme: Basorongo, Bakongo, Bateke, Bangala, Bapoto, Basoko, Babua, Bazande, Bakango, Bangbetu, Batikitiki oder Baka und viele andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basorongo leben am Meer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bakongo flussaufwärts, bei Boma, Matadi, Kisantu, am linken Flussufer. Sie sind Docker und kräftige Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bateke leben in Kitambo. Sie sind auf das Kaufen und Verkaufen spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bangala leben in Makanza, Mobeka, Lisala und Bumba. Sie sind groß. Sie haben Tätowierungen im Gesicht und an den Ohren. Sie entfernen sich die Wimpern von den Augenlidern und feilen ihre Zähne. Sie fürchten sich nicht vor Krieg. Sind denn nicht auch viele Bangala in der Armee des Staates? Sie sind intelligent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bapoto und Basoko sind die Brüder der Bangala. Sie verunstalten ihr Gesicht mit Tätowierungen. Sie machen große Mörser und gute Pirogen, schmieden Speere und Macheten. Sie töten viele Fische.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so immer weiter. Der Kongo bestehe aus Stämmen, konnte man lernen, mit eigenen Territorien und Gebräuchen. Manche waren achtenswert, andere nicht. So bekamen die Schüler auch noch eingeimpft, dass die Azande ihre Häuptlinge respektierten und dass das sehr gut war, dass die Babua das hingegen nicht taten, was eine Schande sei, und dass die Bakango Elefanten töteten und deshalb sehr mutig seien. Missionsschulen waren kleine Fabriken für tribale Vorurteile. Kinder, die ihr Dorf nicht verlassen durften, bekamen plötzlich zu hören, dass in weit entfernten Gegenden ihres ausgedehnten Landes Bakango lebten, und die Meinung über die Bakango wurde gleich mitgeliefert. Pygmäen wurden in vielen Handbüchern als bizarre Abweichungen dargestellt. Auch wer ihnen nie begegnet war, wusste, was er von ihnen zu halten hatte. »Sie tun sich dadurch hervor, dass sie das Eigentum anderer stehlen«, lasen die Schüler von Bongandanga in den späten zwanziger Jahren, »sie freunden sich nicht mit anderen Menschen an. (. . .) Die meisten Völker Zentralafrikas sind gern sauber, und weil es viel Wasser gibt, waschen sie sich täglich. Die Pygmäen jedoch haben etwas gegen Wasser und sind sehr schmutzig. (. . .) In puncto Unwissenheit übertreffen sie alle anderen Völker Afrikas. Sie sehen nicht ein, dass es besser ist, gemeinsam mit anderen Menschen aus der gleichen Kultur in einem Dorf zu leben, als ständig umherzuziehen.«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll nicht heißen, es habe niemals Stämme gegeben – selbstverständlich gab es die, ebenso wie wichtige regionale Unterschiede, verschiedene Sprachen, andere Gebräuche, Tänze, Essgewohnheiten, und es hatten auch intertribale Kriege stattgefunden. Doch nun wurden diese Unterschiede besonders herausgestellt und auf immer festgeschrieben. Es hagelte Stereotype. Die Stämme waren keine Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten unumstößlich waren – unumstößlich wurden sie erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr denn je identifizierten sich die Menschen mit diesem oder jenem Stamm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann aus Lubumbashi erzählte in den achtziger Jahren von seiner Kindheit. Der beginnende Bergbau brachte Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in &#039;&#039;compounds&#039;&#039; zusammen: »In den alten Zeiten sahen wir die Leute nicht an und sagten: Der da ist ein Kasaïen, ein Lamba, ein Bemba oder ein Luba, nein. Wir waren zusammen.« Und er fuhr fort: »Es gab keine Unterschiede. Unterschiede waren für uns kein Thema.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionsstationen beschränkten sich nicht auf den Elementarunterricht. Sie gründeten auch Seminare für begabte Schüler, um einheimische Priester auszubilden. Der erste Kongolese, der zum Priester geweiht wurde, war Stefano Kaoze. Das war im Jahr 1917. Er stammte aus dem Marungu-Massiv und war bei den Weißen Vätern zur Schule gegangen und ausgebildet worden. 1910 hatte er im Alter von fünfundzwanzig schon eine Pioniertat vollbracht: Sein langer Essay »La psychologie des Bantu« erschien in &#039;&#039;La revue congolaise&#039;&#039;. Damit war er der erste Kongolese, der einen Text veröffentlichte. Und was lesen wir in den ersten Absätzen dieses in jeder Hinsicht historischen Meilensteins? Was schreibt ein junger kongolesischer Intellektueller, der durch und durch geprägt ist vom katholischen Missionsunterricht? Genau – Stammesbewusstsein in Afrika werde durch europäische Bücher genährt: »Als ich ein paar Bücher über einige Stämme gelesen hatte, sah ich, dass die meisten der Bräuche den gleichen Hintergrund haben wie bei den Beni-Marungu [seinem Stamm]. Da ich das nun erkannt habe, werde ich erzählen, wer wir sind, wir Beni-Marungu, und was wir nicht sind.«25 Bücher brachten ihn dazu, über seine eigene tribale Identität nachzudenken. Ist es also verwunderlich, dass er sich später im Leben zu einem tribalen Nationalisten entwickelte, einem Vorkämpfer für sein eigenes Volk und einem Verteidiger der kongolesischen Interessen? »Potenziell der gefährlichste Schwarze«, äußerte ein französischer Adliger nach einer Rundreise durch die Kolonie, »ist der, der Schulunterricht genossen hat.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen plätscherte Nkasis Leben ruhig weiter. Als ich ihn interviewte, fiel mir mehrmals auf, dass er kaum Erinnerungen an die ersten Jahre Belgisch-Kongos hatte. Wenn die Sprache auf den Bau der Eisenbahn in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam, leuchteten seine Augen, und die Geschichten kamen von allein. Doch die Jahrzehnte danach, als er in sein Dorf zurückgekehrt war, schienen wie weggespült. Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran das liegen mochte, bis mir auffiel, dass auch Lutunus Biographin die gleiche Periode in dessen Leben ziemlich lapidar abhandelte. Auch sie hatte in den Gesprächen mit ihrem Informanten Lücken registriert. Konnte das Zufall sein? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass die Gesetze, die die Menschen dazu zwangen, in ihren Dörfern zu bleiben, für ruhige Jahre mit wenig spektakulären Ereignissen sorgten. Sogar der Erste Weltkrieg ging geräuschlos an ihnen vorbei, auch an Lutunu, obgleich er damals schon Assistent des Dorfoberhaupts war. Als ich Nkasi zum wiederholten Male fragte, ob er sich wirklich nicht mehr an den Großen Krieg erinnere, sagte er: »Ich habe vielleicht etwas darüber gehört, aber das war nicht hier.«27 Seine Welt war wieder kleiner geworden. Sein jüngster Bruder wurde damals geboren, ja, das wusste er noch. Und er selbst hatte sich schließlich doch zum evangelischen Glauben bekehrt und sich taufen lassen. Das war 1916, in der Missionsstation von Lukunga. Sein Taufname war Etienne, aber alle nannten ihn weiterhin einfach Nkasi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1921 kam es in seinem Leben jedoch zu einem großen Umbruch: Zum ersten Mal seit langer Zeit verließ er wieder sein Dorf. Vorher musste er einen gültigen Pass und &#039;&#039;une feuille de route&#039;&#039; beantragen, sonst durfte er nicht fort. Auch heute kann ein Kongolese nur schwer durch sein Land reisen ohne einen &#039;&#039;ordre de mission&#039;&#039; in der Tasche; der Kongo ist eines der wenigen Länder der Erde, das auch ein Migrationsamt für Ortswechsel im &#039;&#039;Inland&#039;&#039; hat – aufgrund der Schlafkrankheit von ehedem. Aber Nkasi hatte auch Glück. Weil ein Cousin seines Vaters bei der Eisenbahn arbeitete, konnte er umsonst mit dem Zug fahren. Er zuckelte einen Tag lang durch das weite Land und kam abends in Kinshasa an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, seit Swinburne dort 1885 in der wilden Natur seinen Posten aufgebaut hatte. An den Ufern des Stanley Pool hatten sich inzwischen rund achtzig Unternehmen mit ihren Lagerhäusern angesiedelt. Acht Kilometer westlich lag das ältere Militär- und Verwaltungszentrum Léopoldville. Hier hatten die britischen Baptisten seinerzeit ihr Mutterhaus errichtet. Die beiden Kerne, Kinshasa und Léopoldville, waren 1910 durch eine breite Straße miteinander verbunden worden. Heute ist das der Boulevard du 30 juin, nicht mehr eine Verbindungsstraße zwischen zwei europäischen Niederlassungen, sondern die in Abgaswolken gehüllte Hauptachse der Stadt. Damals gab es jedoch nicht einmal zweihundert Autos und LKW. In Kinshasa lebten um diese Zeit tausend Weiße, hundertfünfzig davon Frauen. Es gab etwa vierhundert Häuser aus beständigem Material.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi kam in einer Stadt an, die im Werden war, einer staubigen Ebene voller Baustellen und Avenuen, die ins Nichts führten. Südlich vom Viertel der Weißen hatte die Kolonialmacht eine &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; anlegen lassen, ein Schachbrett von drei mal vier Kilometern, durch schnurgerade Straßen unterteilt. Auf den ordentlichen, quadratischen kleinen Parzellen standen Lehmhütten mit Strohdächern. Darum herum bauten die Bewohner Maniok und Kochbananen an. Hier und da sah er ein Steinhaus mit einem Wellblechdach. Kinder rannten nackt durch die sandigen Gassen. Frauen saßen stundenlang im Schatten und kämmten sich gegenseitig die Haare. An manchen Häusern war etwas aufgemalt. Dort, lernte er schnell, konnte man Reis, Trockenfisch und Streichhölzer kaufen. Es war eine neue Welt. Innerhalb weniger Jahre waren zwanzigtausend Menschen hierher gezogen. Im benachbarten Léopoldville hatten sich noch einmal zwölftausend niedergelassen. Sie stammten aus allen Gegenden des Landes. Ihre Sprachen verstand er nicht, und sie kamen aus Landstrichen, von denen er noch nie gehört hatte. Nur viertausend von ihnen waren Frauen. Es war eine Männerwelt voller Gebrüll, dröhnendem Gelächter und Heimweh. Die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; ähnelte in nichts dem traditionellen Dorf, es war eher ein großes Camp mit Arbeitern und Handwerkern, aber auch mit Boys, die sich jeden Tag in das Viertel der Weißen aufmachten, und mit Vagabunden, Schlafkranken, Dieben und Prostituierten.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1921 kam ich nach Kinshasa. Ich arbeitete für Monsieur Martens«, erzählte er mir. »Er besaß Hallen voller Diamanten aus Kasai. Die Diamanten kamen aus der Mine. In Kinshasa wurden sie sortiert. Ich musste Säcke mit Erde füllen und leeren.« Um seine Worte zu unterstreichen, zeigte er mir durch Gesten, dass er mit einer Schaufel gearbeitet hatte. »Füllen und leeren. Ich verdiente drei Franc im Monat.«30 Um Diebstähle zu vermeiden, wurden die Rohdiamanten nicht in den Minen sortiert. Das Konzentrat aus den Diamantenwäschereien wurde in ein zentrales Depot gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Umzug in die große Stadt, die bald die Hauptstadt der Kolonie werden sollte, war einem Körnchen Glas von zwanzig Milligramm zu verdanken, das Jahre zuvor viele hundert Kilometer östlich entdeckt worden war. 1907 fand Narcisse Janot, ein belgischer Prospektor, der zusammen mit einem Geologen durch Kasai streifte, ein Bröckchen Kristall, das nicht uninteressant aussah. Da er nicht über die Geräte verfügte, um an Ort und Stelle eine petrologische Analyse vorzunehmen, steckte er es in ein Röhrchen und nahm es mit nach Brüssel. Nach seiner Heimkehr beachtete er es jedoch nicht mehr, und das winzige Steinchen geriet zwischen den vielen anderen geologischen Mustern, die die Expedition mitgebracht hatte, in Vergessenheit. Erst ein paar Jahre später beschäftigte sich wieder jemand damit. Eine nähere Analyse zeigte, dass es sich tatsächlich um einen Diamanten handelte.31 Ein wahres Diamantenfieber brach aus. Es zeigte sich, dass es in Kasai Diamantvorkommen gab; hochwertige, für Juweliere geeignete Diamanten neben einer gröberen Art, für die in der Industrie Nachfrage herrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts hielt der Boden der Kolonie überaus angenehme Überraschungen in petto. Bereits 1892 hatte der junge Geologe Jules Cornet in Katanga sehr reiche Kupfervorkommen entdeckt; vor allem Fundorte wie Kambove, Likasi und Kipushi schienen außerordentlich vielversprechend. Abends in seinem Zelt notierte er: »Ich würde es nicht wagen, eine Zahl zu nennen, um eine Vorstellung von den riesigen Kupfervorkommen in den Gebieten zu vermitteln, die ich gerade erforscht habe: das würde allzu unerhört und unglaublich klingen.«32 König Leopold II. beschwor ihn, das Geheimnis für sich zu behalten, um nicht das Interesse der Briten zu wecken. Diese Vorsorge war vermutlich nicht unbegründet: Katangas Kupfervorkommen gehören, wie sich später herausstellen sollte, zu den reichsten der Welt. Manche Bodenschichten enthalten bis zu 16 Prozent reines Kupfer. Im gebirgigen Nordosten des Landes, an der Grenze zu Uganda, fanden zwei australische Prospektoren in einigen Flüssen winzige Krümel, die im Sonnenlicht glitzerten: Gold. Die Fundorte bei Kilo und Moto erwiesen sich als wichtigste Goldvorkommen Zentralafrikas. Und 1915 fand ein anderer Prospektor in Katanga ein gelbes, bleischweres Gestein, das ihn an die Entdeckungen von Pierre und Marie Curie erinnerte. Das Erz erwies sich nach eingehender Analyse tatsächlich als sehr uranreich. Am Fundort entstand die Mine von Shinkolobwe, lange Zeit weltweit der wichtigste Uranlieferant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden des Kongo enthielt einen wahren »geologischen Skandal«, wie Jules Cornet es ausdrückte. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Bis dahin hatte sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes ausschließlich auf biologische Reichtümer gerichtet – Elfenbein und Kautschuk –, nun entdeckte man, dass wenige Meter unter der Oberfläche ein noch viel größerer Reichtum ruhte. Katanga, die wenig verheißungsvolle Region, die Leopold 1884 fast zufällig annektiert hatte, beherbergte, wie sich plötzlich herausstellte, eine unglaubliche Schatzkammer. Neben Kupfer und Uran fand man dort bedeutende Lagerstätten von Zink, Kobalt, Zinn, Gold, Wolfram, Mangan, Tantal und Steinkohle. Die Entdeckung dieser immensen Bodenschätze kam übrigens gerade zur rechten Zeit. Die Einnahmen aus der Kautschukgewinnung sanken ab 1910 drastisch. Der Welthandelspreis für Kaut­schuk befand sich im freien Fall. 1901 machte Kautschuk 87 Prozent des kongolesischen Exports aus, 1928 nur noch 1 Prozent.33 »Derzeit«, so stellte ein Reisender schon 1922 fest, »und bis auf weiteres redet man im Kongo nicht mehr oder jedenfalls kaum noch über Kautschuk.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: So wie der &#039;&#039;rubber boom&#039;&#039; gerade zur rechten Zeit kam, um den rückläufigen Elfenbeinhandel zu kompensieren, kam der Bergbau gerade rechtzeitig, um die im Niedergang befindliche Kautschukwirtschaft abzulösen. Kein anderes Land auf der Welt hat es mit seinen Naturreichtümern so gut getroffen wie der Kongo. Jedes Mal, wenn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren auf dem Weltmarkt akute Nachfrage nach einem bestimmten Rohstoff herrschte – Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Strom aus Wasserkraft während der Ölkrise der siebziger Jahre, der in andere afrikanische Länder exportiert wurde, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie –, zeigte sich, dass der Kongo über riesige Vorkommen der begehrten Güter verfügte und die Nachfrage mühelos befriedigen konnte. Die Wirtschaftsgeschichte des Kongo zeichnet sich durch unwahrscheinliches Glück aus. Aber auch durch eine unwahrscheinliche Misere. Von den sagenhaften Gewinnen kam für gewöhnlich kein Krümel bei der Mehrheit der Bevölkerung an. Diese Diskrepanz zeigt die ganze Tragik. Nkasi, der einst im Schweiße seines Angesichts Säcke mit Erde leerschaufelte, in denen die Edelsteine steckten, hatte so gut wie gar nichts vom ganzen Diamantengeschäft. Heute ist er bettelarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialmacht waren die geologischen Funde jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Sie markierten den Beginn des Bergbaus, bis zur heutigen Zeit mit Abstand der wichtigste Zweig der kongolesischen Industrie. Doch Erz abbauen und bearbeiten war etwas anderes als Stoßzähne aufkaufen oder Körbe voller Kautschuk verlangen. Um hier Profite zu erzielen, mussten zunächst umfangreiche Investitionen getätigt werden. Man benötigte Gesteinsbrecher und Waschanlagen, Hochöfen, Schmelzhütten, Kräne und Walzen. Zudem kamen die wichtigsten Mineralien in Regionen vor, die vom Meer weit entfernt waren. Wenn man Afrika mit einer riesigen Birne verglich, dann war Katanga »vielleicht nicht die Mitte, aber doch einer ihrer besten Kerne«.35 Also mussten neue Eisenbahnlinien, Häfen, Telegraphenkabel und Straßen angelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Finanziert wurde das alles vom belgischen Staat und von Privatinvestoren. Die Goldminen von Kilo-Moto befanden sich anfangs ganz im Besitz des Staates, doch der gab ab 1926 dann doch Aktien aus. Anderswo griff man auf das System der Konzessionsgesellschaften zurück, das gleiche System, das den »roten Kautschuk« möglich gemacht hatte. Diese Unternehmen basierten auf privatem Kapital, doch in der Regel profitierte auch die Kasse der Kolonie. Das erfolgte nicht über eine Besteuerung (vor dem Ersten Weltkrieg gab es noch keine echten Gewinnsteuern), sondern über die pflichtgemäße Überlassung großer Aktienpakete an den Kolonialstaat. Dank dieses Aktienportfolios sicherte sich die Staatskasse von Belgisch-Kongo Dividenden in oft beträchtlicher Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1906 wurden drei Unternehmen gegründet, die im Bergbau eine entscheidende Rolle spielen sollten: &#039;&#039;Union Minière de Haut-Katanga&#039;&#039; (UMHK), &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière du Congo&#039;&#039; (Forminière) und &#039;&#039;Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039; (BCK). Das Startkapital der Union Minière stammte zur Hälfte von britischen Investoren und zur anderen Hälfte von der &#039;&#039;Generale Maat­schappij&#039;&#039;, der mächtigen belgischen Holdinggesellschaft, die schon seit 1822 die Fäden der nationalen Wirtschaft fest in der Hand hielt und sich vor allem auf Katanga richtete. Nachdem die früheste Ausbeutung durch eine privatwirtschaftliche Investitionsgesellschaft erfolgt war, der &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; von Albert Thys (die auch die Bahnlinie in Bas-Congo angelegt hatte), übernahm anschließend das &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039; (CSK) die weitere Erschließung des Gebiets. Das CSK hatte einen sehr eigenartigen rechtlichen Status: Es war kein klassisches Unternehmen, sondern eine halb staatliche Organisation unter Kontrolle des Kolonialstaates, eine Gesellschaft sui generis mit öffentlich-privatem Kapital und außergewöhnlichen Privilegien. Es war im Besitz aller Schürfrechte für die Hälfte von Katanga und zudem mit der politischen Verwaltung des Gebiets betraut. Das CSK, obgleich mehr eine Firma als eine Behörde, besaß sogar eine eigene Polizeitruppe. Es war ein Staat im Staate. Dieser sonderbare Zustand dauerte auch noch an, als 1906 die Union Minière antrat. Wirtschaftliche und politische Interessen waren weiterhin eng miteinander verquickt. Als absoluter industrieller Riese in Katanga schrieb das Unternehmen der Kolonialregierung oft mehr vor als die Kolonialregierung dem Unternehmen. So stand der Kolonialstaat im Dienst des Unternehmens bei der Anwerbung von Bergarbeitern. Katanga hatte also schon immer eine Form der Verwaltung, die sich vom Rest des Landes unterschied. Darin lag unter anderem der Keim für das spätere Unabhängigkeitsstreben der Region.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forminière war mit amerikanischem Kapital gegründet worden. Da die Diamantvorkommen über zahlreiche Lagerstätten verstreut waren, erhielt das Unternehmen zeitweilig ein Prospektionsgebiet von sage und schreibe hundert Millionen Hektar, das später auf zwei Millionen Hektar Exploitationsgebiet schrumpfte; es betrieb dort fünfzig Minen in der Gegend von Tshikapa und Bakwanga. 1913 förderte Forminière 15.000 Karat Diamanten, 1922 220.000 Karat.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BCK schließlich, die dritte 1906 gegründete Gesellschaft, war eine private Eisenbahngesellschaft mit französisch-belgischem Kapital, die eine Bahnlinie zwischen Katanga und Bas-Congo baute. Über diese Strecke sollte das Erz zum Meer transportiert werden, ohne das Territorium von Belgisch-Kongo zu verlassen. Sonst hätten alle Transporte durch portugiesische, deutsche oder britische Kolonien erfolgen müssen, was lästige Abhängigkeiten bedeutet hätte. Die neue Bahnlinie war 1928 fertig. BCK beschränkte sich jedoch nicht auf den Bau von Eisenbahnlinien. Das Unternehmen besaß auch umfangreiche Schürfrechte, und die erwiesen sich als ungemein lukrativ. Wie sich herausstellte, galt die Konzession für eine der weltweit größten Lagerstätten von Industriediamanten. Die erzielten Gewinne waren sagenhaft. Fast die Hälfte davon floss dem kongolesischen Staat zu.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Nkasi schaufelte. In dieser frühen Zeit bedeutete der Bergbau Handarbeit, sehr viel Handarbeit. Wer sollte die leisten? Dass Belgier selbst in Frage kamen, schien ausgeschlossen: »Südlich des Äquators kann der Belgier kaum andere Tätigkeiten ausüben als eine leitende Funktion. Die kontinuierliche körperliche Arbeit, jede Form von Handarbeit, die an sich schon belastend genug ist, ist ihm mehr oder weniger verboten.«38 Im dünn besiedelten Katanga erwog man eine Zeitlang, chinesische Gastarbeiter ins Land zu holen, aber eingedenk der verheerenden Sterberaten beim Bau der Eisenbahn verzichtete man dann doch darauf. Wer heute mit dem Helikopter Katanga überquert, zum Beispiel von Kalemie nach Lubumbashi, wie es mir im Juni 2007 vergönnt war, lernt viel über die Sozialgeschichte. Das UN-Flugzeug, mit dem ich reisen sollte, war aus Mangel an Passagieren unerwartet gegen einen heruntergekommenen &#039;&#039;chopper&#039;&#039; mit russischer Besatzung und Beschriftung ausgetauscht worden. Statt eines kurzen, zweistündigen Fluges wurde es eine Reise von sechs langen und geräuschvollen Stunden über einer menschenleeren Landschaft. Wir flogen in nur dreihundert Metern Höhe. Bäume, Büffel und Termitenhügel waren einzeln zu erkennen, Dörfer aber sahen wir kaum. Während ich, mit roten Ohrenschützern ausgestattet, durch das offene Fenster blickte, begriff ich viel von der Wandlung, die sich hier vor einem Jahrhundert vollzogen hatte. Wenn die Savanne heute, in Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, noch immer so leer ist, überlegte ich mir, wie viel desolater muss es dann hier vor einem Jahrhundert gewesen sein nach einer Pandemie der Schlafkrankheit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga strotzte von Erz, aber es gab niemand, der es ausgrub. In den isolierten Dörfern suchte man vergeblich nach Freiwilligen. Ab 1907 warb man Arbeiter jenseits der Grenze an: Jährlich kamen sechs- bis siebenhundert Rhodesier, um in den Kupferminen von Katanga zu arbeiten.39 1920 war ihre Zahl auf viele Tausende angestiegen; sie bildeten die Hälfte der afrikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeiter blieben höchstens sechs Monate im Dienst, sie lebten in &#039;&#039;compounds&#039;&#039;, wie in den Minen von Südafrika, und durften ihre Familien nicht mitbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Persönliche Zeugnisse dieser frühen Bergarbeiter sind so gut wie unauffindbar, bis auf eine seltene Ausnahme. »Ich kam am 4. Mai 1900 in Katanga an. Ich war als Arbeiter angeworben worden von Herrn Kantshingo«, erinnerte sich ein alter Mann. Er musste zu einer ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Arbeitskarte, auf der er einen Daumenabdruck hinterlassen musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab keine Häuser aus Stein oder Backstein. Die Schwarzen schliefen in Hütten, die Weißen in Zelten und in Termitenhügeln [sic]. Viele der Weißen waren Italiener. Die Vorarbeiter kamen aus Nyasaland [Malawi]. Die Umgangssprache war Kikabanga. Eine Spitzhacke hieß &#039;&#039;mutalimbi&#039;&#039;. Eine Schaufel hieß &#039;&#039;chibassu&#039;&#039;, eine Schubkarre &#039;&#039;pusi-pusi&#039;&#039;, ein Hammer &#039;&#039;hamalu&#039;&#039; [man beachte den Einfluss des Englischen]. Um vier Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Wir fingen um sechs Uhr an und hörten um fünf, sechs, sieben Uhr abends auf. Die Arbeiter bekamen schrecklich viel Prügel. (. . .) Wir bezahlten mit rhodesischem Geld. Das Bier, das wir tranken, hieß &#039;&#039;kataka&#039;&#039; und &#039;&#039;kibuku&#039;&#039;, es war aus Mais oder Hirse gebraut.40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1910 wurde Katanga an das Eisenbahnnetz angeschlossen, das die Briten in ihren südlichen Kolonien angelegt hatten. Von nun an gab es eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Katanga und Kapstadt. Bei dem kleinen Dorf Lubumbashi in der Nähe der Mine, die von Prospektoren &#039;&#039;Star of the Congo&#039;&#039; genannt wurde, schoss eine Stadt aus dem Boden: Elisabethville. 1910 lebten dort dreihundert Europäer und tausend Afrikaner; ein Jahr später: tausend Europäer und fünftausend Afrikaner.41 Die Stadt war von Anfang an mehr südafrikanisch als kongolesisch. Die schnurgeraden Alleen erinnerten an Pretoria, die weißen Häuser im kapholländischen Stil strahlten Behaglichkeit aus. Durch die rhodesischen Arbeiter und britischen Industriellen wurde Englisch die vorherrschende Sprache und das Pfund Sterling das gängigste Zahlungsmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfügen über ein außergewöhnliches Dokument, um diese Anfangsphase des katangesischen Bergbaus aus afrikanischer Perspektive zu verstehen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb André Yav, ein alter Mann, der sein ganzes Leben Boy in Elisabethville gewesen war, seine Erinnerungen nieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Union Minière aufmachte, kamen zuerst die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern, um dort zu arbeiten. Das waren Balamba, Baseba, Balemba, Basanga, Bayeke und Bene Mitumba. Es waren nicht viele, und sie wollten ihre Dörfer nicht wirklich verlassen und lange fort bleiben. Sie arbeiteten dort zwei, drei Monate und gingen wieder nach Hause. Nach einer Weile wurden die Orte, wo es Arbeit gab, groß. Dann riefen sie die Leute aus Luapula und Süd- und Nordrhodesien [heute Simbabwe und Sambia] herbei, und auch andere kamen: Balunda, Babemba, Barotse und auch Burschen aus Nyasaland. Sie hatten genug Kraft für die Arbeit, aber konnten ihr Dorf auch nicht lange verlassen. Nach sechs oder zehn Monaten kehrten sie nach Hause zurück.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei blieb es nicht. Rekrutierer zogen immer tiefer ins Inland von Katanga, um junge, kräftige Männer zusammenzutrommeln. Neben den offiziellen Instanzen waren in den frühen Jahren auch sehr viele &#039;&#039;private contractors&#039;&#039; aktiv – weiße Abenteurer, die versuchten, möglichst viele Jugendliche zu den Minen zu locken. Manche von ihnen gingen sogar bis nach Kasai und Maniema, Touren von achthundert Kilometern. Ihre Rekrutierungsmethoden waren oft fragwürdig: Sie bestachen Dorfvorsteher mit europäischen Luxusgütern wie Decken und Fahrrädern und belohnten sie pro Arbeiter, der ihnen gestellt wurde, mit einer Prämie. Über die Arbeitsbedingungen in der Mine schwiegen sie wohlweislich. Sie kauften Arbeiter, um sie weiterzuverkaufen. Häufig war Gewalt im Spiel. Im Grunde unterschied sich ihr Vorgehen kaum von der Rekrutierung durch die Force Publique 1890 oder der afro-arabischen Sklavenhändler 1850. Der pensionierte Boy ließ in seinen Lebenserinnerungen keine Missverständnisse darüber aufkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Basis konnten &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Changa-Changa [der afrikanische Beiname der Union Minière] und die anderen Weißen ihre Bergwerksgesellschaften gründen. (. . .) Was wir alles ertragen mussten, war unvorstellbar; auf dem Boden schlafen, von Schlangen gebissen werden, von Mücken und allerlei Arten Insekten. So erging es uns mit den Weißen, und das alles, um Erze zu finden in Katanga, und noch schlimmer war es mit den Weißen vom Comité spécial [du Katanga, aktiv bis 1910]. Damals mussten wir herumlaufen, mögliche Lagerstätten erkunden, in den Büschen und auf den Hügeln nach allerlei Sorten Steinen suchen. Und außerdem mussten wir, die Boys, den Weißen entlang allen Flüssen von Katanga, vom Kongo, von überall folgen.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterbringung dieser ersten Generation Bergarbeiter war oft erbärmlich. Sie mussten in Lagern hausen, weitab vom weißen Stadtzentrum. Die räumliche Segregation war seit 1913 gesetzlich verankert.44 Ihre Quartiere glichen eher Militärlagern als Stadtvierteln: rechtwinklig und fast ohne Schatten. Traditionelle Hütten standen streng in Reih und Glied. In jeder Hütte durften vier Arbeiter wohnen, jeder verfügte über vier Quadratmeter. Latrinen waren vorhanden, jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit lebten übermüdete Arbeiter in schlimmen Verhältnissen mit wenig Hygiene. Bei der Mine von Kambove mussten die Campbewohner manchmal buchstäblich durch den Dreck waten. Trinkwasser war knapp. Die Mine mit ihren Dampfmaschinen und Bohranlagen schluckte das meiste Wasser selbst. In der Trockenzeit tranken die Arbeiter aus Pfützen oder schlammigen Rinnsalen.45 Krankheiten blieben nicht aus. Dysenterie, Enteritis und Typhus forderten ihren Tribut, und lokale Grippeepidemien brachen in Elisa­bethville, bei The Star und in Kambove aus. 1916 starben an diesen drei Orten innerhalb von sechs Monaten 322 Arbeiter von den insgesamt fünftausend. Außerdem zogen sich viele Bergarbeiter aufgrund der schweren Arbeit in den staubigen Minen Lungenentzündungen zu oder erkrankten an Tuberkulose. Ein Viertel bis ein Drittel von ihnen wurde krank, aber eine Gesundheitsfürsorge war nur in Ansätzen vorhanden.46 1920 gab es rund siebzig Ärzte und einen Zahnarzt im gesamten Kongo; sie kümmerten sich vor allem um das Wohl der weißen Bevölkerung.47 Die Arbeiter machten viele Überstunden und erhielten einen kärglichen Lohn. Viele wurden apathisch und depressiv und bekamen Heimweh. Sie organisierten sich nur in geringem Grad, oft nach ethnischer Zugehörigkeit, um ihre Kranken zu versorgen, ihre Toten zu begraben, zu trinken und zu singen. Manche liefen fort, andere wagten das nicht. Bis 1922 waren Körperstrafen gesetzlich erlaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ergab eine erschütternde Bilanz. Die Kautschukgewinnung war Süd-Katanga weitgehend erspart geblieben, nun aber wurde die Region in einen schonungslosen Industriekapitalismus mitgerissen. André Yav, der ehemalige Boy, gelangte zu einer äußerst merkwürdigen, aber sehr vielsagenden Schlussfolgerung: Er war der Ansicht, dass König Albert I. viel schlechter sei als Leopold II., der immerhin noch »die Gesetze Afrikas und des Kongo respektiert« habe! Das bedurfte einer Erläuterung: »In der Zeit von König Leopold II. aßen die Boys zusammen mit den Weißen an einem Tisch. Der Weiße sah ihn als einen Angestellten. Sie waren nicht wie die Weißen, die nach Leopold II. kamen. Als er starb, wurde König Albert I. sein Nachfolger. Diese Weißen erließen strenge Verfügungen, und ihre Erlasse waren wirklich sehr schlecht. Sie waren es, die eine schlechte Art von Sklaverei für uns Kongolesen brachten.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso rücksichtslos waren die Zustände in den Goldminen von Kilo-Moto in der Provinz Orientale. Nur einer von acht Arbeitern schuftete dort freiwillig, die anderen waren in den umliegenden Dörfern erbeutet worden. Auch hier ging es um Menschenhandel und Zwangsarbeit. Rekrutierer zahlten einem Dorfvorsteher zehn Franc pro Arbeitskraft und führten die jungen Männer ab, die durch ein hölzernes Joch oder Seilschlingen um den Hals aneinandergefesselt waren. 1908 gab es achthundert Arbeiter, 1920 mehr als neuntausend.49 Im diamantenreichen Kasai arbeiteten 1923 etwa zwanzigtausend Afrikaner im Dienst von zweihundert Weißen.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich im Kongo somit eine erste Industrialisierungswelle und führte zur Proletarisierung vieler Menschen. Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen. Auch in dieser frühesten Phase handelte es sich um sehr große Zahlen. In Katanga, wo 60 Prozent der Arbeiter für die Union Minière tätig waren, stieg die Zahl der Bergarbeiter zwischen 1914 und 1921 von achttausend auf zweiundvierzigtausend und die Zahl der am Bau der Eisenbahn beteiligten Arbeiter von zehntausend auf 40.700. Kasai und die Provinz Orientale stellten zusammen dreißigtausend Arbeiter, in Kinshasa und Léopoldville wohnten außerdem noch dreißigtausend Migranten. Der Grund für diese massenhafte Anwerbung afrikanischer Arbeitskräfte war einfach: Schweiß war billiger als Benzin.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Proletarisierung beschränkte sich überdies nicht auf die Industrie. Auch die Landwirtschaft benötigte Arbeitskräfte, zumal die weißen Farmer nun Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen gründeten. Der größte Bedarf an Landarbeitern bestand jedoch im Palmölsektor. 1884 hatte ein gewisser William Lever in Liverpool mit der Herstellung von Seife in industriellem Maßstab begonnen. Die Stücke glitten wie am Fließband aus den Stanzen, und er taufte sein Produkt »Sunlight«. Dass sich sein Betrieb zum multinationalen Konzern Unilever entwickeln würde, war unter anderem dem Kongo zu verdanken. Die Seife wurde auf der Basis von Palmöl hergestellt, das Lever anfangs in Westafrika kaufte. Als ihm die britische Kolonialverwaltung keine günstigen Bedingungen mehr einräumte, gewährte ihm der belgische Staat 1911 eine sehr umfangreiche Konzession im Kongo. Er durfte nach eigenem Ermessen fünf Kreise mit einem Radius von sechzig Kilometern in Gebieten abgrenzen, in denen wilde Palmen im Überfluss wuchsen, insgesamt eine Fläche von 7,5 Millionen Hektar, zweieinhalbmal so groß wie Belgien. Das war der Anfang der &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; (HCB), eines Unternehmens, das insbesondere im Süden von Bandundu sehr aktiv war und sich zu einem riesigen Konzern entwickelte. In dieser Gegend um Kikwit entstand das Städtchen Leverville. Für die Ernte der Palmnüsse setzte das Unternehmen viele tausend Kongolesen ein, die in traditioneller Weise die Stämme hochkletterten, um die Fruchtbüschel abzuschlagen. Lever stand im Ruf eines großen Philanthropen, doch davon war im Kongo nicht viel zu sehen. Die Arbeiter wurden mit kärglichen fünfundzwanzig Centime pro Tag entlohnt und lebten unter primitiven Bedingungen. Erzwungene Rekrutierung und Bestechung von Dorfvorstehern war an der Tagesordnung. Dutzende von Dörfern mussten zugunsten der Industrie verschwinden. Dabei ging es ziemlich brutal zu. Heute erinnert man sich in Kikwit mit Bitterkeit an diese Zeit: Es war noch schlimmer als das, was die Gegend in den Kautschukjahren erlitten hatte.52 König Albert wird das 1912 sicher nicht vermutet haben, als er von William Lever eine Elfenbeindose mit dem ersten Stück Sunlight-Seife erhielt, die aus kongolesischem Palmöl hergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verdiente 3 Franc im Monat«, hatte Nkasi erzählt. Er wusste es noch so genau, weil er zum ersten Mal im Leben überhaupt Geld verdient hatte. Die einsetzende Industrialisierung des Kongo brachte nicht nur eine erste Form von Urbanisierung und Proletarisierung mit sich, sondern bewirkte auch einen einschneidenden Prozess der Monetarisierung. Zum ersten Mal bekam es die Bevölkerung in großem Maßstab mit so etwas Abstraktem wie Geld zu tun. Formale Zahlungsmittel waren nichts völlig Neues: in Bas-Congo benutzte man von jeher kleine, weiße Muscheln, in Katanga kleine, von Handwerkern gegossene Kreuze aus Kupfer und andernorts &#039;&#039;mitakos&#039;&#039;, jene Kupferstäbe, die die frühesten Kolonisatoren eingeführt hatten. Doch diese Zahlungsmittel wurden nur bei besonderen Geschäften verwendet. Es gab noch keine weit verbreitete Geldwirtschaft. Das änderte sich jedoch schnell. Um 1900 standen höchstens ein paar hundert Menschen in Bas-Congo in einem Arbeitsverhältnis, hauptsächlich bei der Eisenbahn, doch 1920, als Nkasi nach Kinshasa zog, waren es schon – über das ganze Land verbreitet – 123.000. Und damals sollte der echte Beschäftigungsboom erst noch beginnen: 1929 zählte man bereits 450.000 Arbeiter. Im Kongo entstand eine Geldwirtschaft.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Monetarisierung hatte gravierende Auswirkungen. Abermals manifestierte sich der Staat nachdrücklich im alltäglichen Leben. Man konnte kein Huhn mehr von der Nachbarin kaufen, ohne dass die Obrigkeit symbolisch daran teilhatte. Der jahrhundertealte Tauschhandel, ein transparentes Gefüge des Gebens und Nehmens, musste einem abstrakten, vom Staat aufgezwungenen System weichen. Man musste wohl oder übel darauf vertrauen, dass die seltsamen Zettel, auf denen eine weiße Frau in einem weißen Gewand prangte, tatsächlich einen Wert hatten. »Banque du Congo-Belge« stand auf diesem ersten kongolesischen Geldschein in eleganten Lettern, »un franc« – für den, der lesen konnte. Die Frau, die recht hellenistisch anmutete, trug ein Diadem. Ihr linker Arm ruhte auf einem großen Rad, im rechten Arm hielt sie eine Getreidegarbe.54 Es sollte wohl eine Allegorie auf die Landwirtschaft und den Gewerbefleiß darstellen, doch der durchschnittliche Kongolese war mit neoklassizistischer Graphik und mit Kitsch nicht so vertraut. In den frühen zwanziger Jahren hatten die Münzen eher einen Bezug zur lokalen Wirklichkeit: Sie enthielten die Abbildung einer Ölpalme, &#039;&#039;m&#039;bila&#039;&#039; in mehreren einheimischen Sprachen.55 Das Geld galt buchstäblich als Verbindung zwischen Staat und Industrie: Levers Konzern wurde bald als &#039;&#039;Compagnie m&#039;bila&#039;&#039; bezeichnet. Geld, das war Tauschhandel mit der Fabrik. Man gab seinen Leib und bekam dafür einen Lohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorteil war jedoch, dass Steuern künftig einfacher eingezogen werden konnten. Die Pflichtmitgliedschaft im Staat brauchte nicht länger in natura oder durch Arbeitsleistung abgegolten zu werden. Es war vorbei mit dem Schleppen von Lasten, dem Rudern auf dem Fluss oder dem Kautschuksammeln für die Weißen, es war vorbei mit der Regel, dass man vierzig Stunden im Monat dem Staat zu dienen hatte. Als Belgien den Kongo übernahm, führte es anfangs noch ein System ein, in dem auch andere Güter als Kautschuk als Steuern akzeptiert wurden – der koloniale Fiskus gab sich ebenso mit Maniokbrot, Kopal, Palmöl oder Hühnern zufrieden –, doch nach einiger Zeit mussten die Steuern dann doch in bar entrichtet werden. Joseph Njoli, ein Mann aus der Provinz Équateur, konnte sich noch gut daran erinnern, als er 1953 von einem Missionar gebeten wurde, sein langes Leben zu beschreiben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Kautschuk haben sie uns eine Steuer von Fisch und Maniok auferlegt. Nach den Fischen waren es Palmöl und Holz, das wir dem Distriktverwalter in Ikenge liefern mussten. Sein Name war Molo, der Weiße, der in Ikenge bei den Menschen am Flussufer wohnte. Wir kannten viele Formen der Fronarbeit. Dann kam ein anderer Weißer, Lokoka genannt. Er ließ die anderen Dienste stoppen und brachte uns Geld. Er sagte: »Ihr dürft die Steuern mit Geld bezahlen. Jeder muss 4,50 Franc bezahlen.« So wurde bei den Schwarzen das Geld eingeführt. Und heute leben wir noch immer in der Sklaverei der Belgier.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viereinhalb Franc pro Jahr, das war nicht übertrieben viel. Man hielt die Steuerlast bewusst niedrig. 1920 entsprach dieser Betrag sechs Kilo Kautschuk oder fünfundvierzig Kilo Palmfrüchten, fünfundvierzig Kilo Palmöl, fünfundvierzig Kilo Kopalharz, neun Hühnern, einer halben Ziege oder ein paar Dutzend Maniokbroten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Theoretisch wollte Belgisch-Kongo mit den üblen Gepflogenheiten des Freistaates brechen, doch in der Praxis sah es oft ganz anders aus. In den Zonen, in denen sich das internationale Großkapital niederließ, entstanden neue Formen von Ausbeutung und Knechtschaft. Es kam zu Migrationsströmen, die das Land eher zerrütteten als wiederaufbauten. Junge Männer landeten in schmuddeligen Arbeitercamps, während in den Dörfern nur noch Frauen und Alte übrig blieben. Ein großer Teil der Misere in den Jahren 1908-1921 war den vier langen Jahren des Ersten Weltkrieges zuzuschreiben, aber auch schon vorher war die Lage ziemlich trostlos. Es wäre falsch, alles auf diesen vermaledeiten Konflikt zu schieben. Der Große Krieg war nicht die Ursache, er verschlimmerte den Zustand allerdings.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 11. November 2008 goss es in Kinshasa wie aus Eimern. Selbst nach äquatorialen Maßstäben herrschte extrem starker Regenfall. Nicht Tropfen fielen vom Himmel, sondern Glasröhrchen, flüssige Reagenzgläser. Der Verkehr kam zum Erliegen, unaufhörlich wurde gehupt, als sollten die Pfützen zum Trocknen aufgefordert werden, und der Innenhof des Maison des Anciens Combattants glich einem Schwimmbad. In den fünfziger Jahren war hier ein Freiluftkino, jetzt diente das Haus als Vereinslokal für Kriegsveteranen. Hier trafen sich täglich die ehemaligen Soldaten aus den vielen Kriegen, die der Kongo erlebt hat. »Es ist unglaublich«, sagte ein belgischer Soldat in Uniform zu mir, »nichts ist wasserdicht in diesem Land, überall regnet es herein, aber hier bleibt das Wasser einfach stehen.« Er schaute auf den gepflasterten Innenhof. Ein Dutzend Jugendliche versuchten, das Wasser mit Eimern wegzuschöpfen, doch fast ohne sichtbares Ergebnis. Das Wasser stand mindestens dreißig Zentimeter hoch. »Hier kann man verdammt noch mal Kois züchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen strömten immer mehr Leute herbei. Frauen, in prachtvolle Tücher gewandet; die Absätze ihrer Pantoletten hinterließen kleine Kuhlen im Boden. Männer mit funkelnden Blasinstrumenten. Herren in Dreiteilern. Steinalte Soldaten in grüner Uniform. Natürlich, es war ihr Tag. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich. Unter einem Vordach standen sie und begutachteten gegenseitig ihre Orden, nahmen sie einander weg. »Sayo? Da warst du nicht dabei. Gib her.« Unter unwirschem Gebrummel wanderten Auszeichnungen von einer Jacke auf die andere. Es dauerte eine ganze Weile, bis jeder, der ein wenig Rauschgold tragen wollte, tatsächlich versorgt war. André Kitadi sagte zu mir: »Keiner von ihnen war dabei. Von den Veteranen von 40-45 sind in Kinshasa nur noch vier am Leben.« Er war einer von diesen vieren, ich hatte ihn früher schon einmal interviewt. Er gab nichts auf Orden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag wurde der neunzigste Jahrestag des Waffenstillstandes des Ersten Weltkriegs begangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste warteten unter Schutzdächern, bis der Innenhof wieder trocken war. Die Zeremonie sollte um elf Uhr beginnen, aber es war schon halb eins. Schließlich rückte jemand mit einer Pumpe an. Eine halbe Stunde später hatten sie auch Diesel aufgetrieben, und nach einer weiteren Viertelstunde sprang der Motor an. Nach fünf Minuten geräuschvollem Schlürfen war der Innenhof trocken und der Hintergarten des Maison des Anciens Combattants ein Morast. Die Gedenkfeier konnte beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1914 war der Kongo wie Belgien neutral. Das lag auf der Hand: Beide Länder waren einmal als Pufferstaat zwischen rivalisierenden Großmächten gedacht gewesen. Die Neutralität des Kongo ergab sich aus der Schlussakte der Berliner Konferenz. Doch am 15. August 1914, elf Tage nach dem deutschen Angriff auf Belgien, war es damit vorbei. Vor dem Dorf Mokolubu auf der kongolesischen Seite des Tanganjikasees tauchte ein Dampfschiff auf. Es kam von der gegenüberliegenden, deutschen Seite. Das Schiff feuerte auf ein Ausflugslokal und versenkte fünfzehn Pirogen. Eine Abteilung deutscher Soldaten ging an Land und schnitt an vierzehn Stellen die Telefonkabel durch.58 Eine Woche später erfolgte ein Angriff auf den Hafen von Lukuga. So begann im Kongo der Erste Weltkrieg. Die territoriale Integrität war bedroht, das Neutralitätsgebot galt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus war daran schuld, dass aus einem bewaffneten Konflikt in Europa ein Weltkrieg werden konnte. Auch große Teile Afrikas wurden in den Weltenbrand einbezogen. Die deutschen Kolonien in Ostafrika (später Ruanda, Burundi, Tansania) und Westafrika (später Togo, Kamerun und Namibia) grenzten auf allen Seiten an französischen, britischen, portugiesischen und belgischen Besitz. Belgisch-Kongo teilte im Nordwesten einige Dutzend Kilometer Grenze mit Kamerun, im Osten mehr als siebenhundert Kilometer mit Deutsch-Ostafrika. So war es nicht verwunderlich, dass Berlin schon seit geraumer Zeit Interesse an Belgisch-Kongo gezeigt hatte. Es wollte eine Brücke zwischen seinen östlichen und westlichen Kolonien schlagen, nicht zuletzt, um die britische Achse &#039;&#039;from Cape to Cairo&#039;&#039; zu brechen. War Kolonialisieren zudem nicht eine Aufgabe, die Großmächten zukam? Durfte man das überhaupt unbedeutenden Zwergstaaten wie Belgien überlassen?59 Noch 1914 wollte Deutschland mit Großbritannien über eine Aufteilung von Belgisch-Kongo verhandeln. Doch die Briten gingen nicht darauf ein, denn sie wussten nur allzu gut, dass das die Franzosen mit ihrem historischen Vorkaufsrecht auf den Kongo niemals schlucken würden.60 Indes fragte sich sogar in Belgien mancher, ob man den Hunger des Nachbarn im Osten nicht besser stillen sollte, indem man ihm die Hälfte des Kongo schenkte. Ein Gebiet von 680.000 Quadratkilometern Urwald, könnte das die teutonische Gefräßigkeit nicht dämpfen?61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kam doch zum Krieg, auch in Afrika. Niemand dort wusste, wer Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg war und warum ein wohlgezielter Schuss in Sarajevo zu Gemetzeln in der Savanne führen musste, doch die Weißen sprachen mit großem Ernst darüber. Die Kriegshandlungen in Afrika hatten allerdings nichts mit den unverrückbaren Fronten des Stellungskrieges in Europa gemeinsam. Es gab keine kontinuierliche, eindeutige Front wie die Linie, die von der Nordsee bis zur Schweiz verlief. Es gab keine Schützengräben, keine Angriffe mit Senfgas, keine Stellungen, die untergraben und mit Dynamit gesprengt wurden, keine Weihnachtswaffenruhe mit Fußballspielen im Niemandsland. Die Dimensionen des afrikanischen Kontinents, die geringe Erschließung durch Straßen, der Mangel an Soldaten und die oft extrem unwegsame Topographie waren die Ursache für eine ganz andere Form der Kriegsführung. Nicht Gebiete wurden erobert, sondern strategisch wichtige Orte. Nicht geschlossene Fronten wurden durchbrochen, sondern örtliche Regimenter besiegt. Es wurden keine Zonen okkupiert, sondern Straßen kontrolliert. Die Intensität war viel geringer. In Deutsch-Ostafrika behauptete sich General von Lettow-Vorbeck vier Jahre lang mit einer Armee von dreitausend Deutschen und elftausend Afrikanern – in Verdun war das die Zahl der Gefallenen an einem einzigen Vormittag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung in Brüssel teilte dem Generalgouverneur mit, er dürfe die Force Publique einsetzen, um die Kolonie zu verteidigen. Später, als die belgische Regierung nach Le Havre ins Exil gegangen war, gab es eine intensive Kommunikation mit der Kolonialverwaltung in Boma. Doch nun war das keine politische Einbahnstraße Europa – Kongo mehr: Während Belgien nahezu vollständig von den deutschen Truppen überrannt wurde, blieb das Territorium der Kolonie während des gesamten Krieges so gut wie intakt. Das Verhältnis hatte sich plötzlich gewandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Truppen kämpften an drei Fronten: Kamerun, Rhodesien und in Deutsch-Ostafrika. In den ersten beiden Fällen waren die Kampfeinsätze relativ überschaubar. 1914 unterstützten sechshundert Soldaten und eine Handvoll weißer Kommandanten die Truppen der Entente im Kampf um Kamerun. Und ein Jahr später marschierten 283 kongolesische und sieben belgische Soldaten mit den britischen Kolonialtruppen auf, als die Deutschen Rhodesien bedrohten. Doch die weitaus größte Machtentfaltung fand im Osten der Kolonie statt. Im Kivu-Gebiet war die Grenze zwischen belgischem und deutschem Territorium erst 1910 festgelegt worden. Ab 1915 versuchten deutsche Truppen jedoch wiederholt, in den Kivu vorzudringen, um von dort aus zu den Goldminen von Kilo-Moto im Ituri-Wald vorzustoßen. Sie scheiterten, erlangten aber die Kontrolle über zwei der Großen Seen: den Tanganjikasee und den viel kleineren Kivusee. Mit ihren Kriegsschiffen, der Kingani, der Hedwig von Wissmann und vor allem der Graf Goetzen (tausend Tonnen schwer), patroullierten sie vor den kongolesischen Seeufern. Im Kivusee hatten sie sich der Insel Idjwi bemächtigt; das war der einzige Teil Belgisch-Kongos, der unter deutscher Besatzung stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf um den Tanganjikasee wurde zu einem der legendärsten Kämpfe im gesamten Ersten Weltkrieg. Von Südafrika aus schmuggelten britische Truppen die Einzelteile von zwei schnellen, wendigen Kanonenbooten an die Seeufer. Schiffe in Einzelteilen über Land tragen: das erinnerte an die Zeit Stanleys. Unter den Tarnnamen Mimi und Toutou spielten sie eine entscheidende Rolle bei der Schwächung der deutschen marinen Schlagkraft. Möglicherweise noch unvorstellbarer war die Initiative, die belgischen Kolonialtruppen am Tanganjikasee durch vier kleine Wasserflugzeuge zu verstärken. Die Luftfahrt befand sich noch in den Kinderschuhen, die koloniale Luftfahrt ohnehin. Niemand wusste, wie die leichten Maschinen bei tropischer Hitze reagieren würden. Niemand hatte Erfahrung mit der Luftfahrt in Zeiten des Krieges, geschweige denn mit zerbrechlichen Doppeldeckern, die vom Wasser aus starten sollten. Die vier Maschinen kamen in Einzelteilen per Schiff in Matadi an. Mit Eisenbahnzügen wurden sie nach Kinshasa transportiert und dort auf einen Frachter umgeladen, der sie nach Kisangani brachte. Einen Monat später erreichten sie Kalemie. Fünfhundert Tonnen Material, 53.000 Liter Treibstoff und Öl, vier Maschinengewehre und dreißigtausend Patronen. Da der Tanganjikasee wegen des Wellenganges nicht als Start- und Landebahn dienen konnte, brachte man die Flugzeuge zu einer geschlossenen Lagune in dreißig Kilometer Entfernung. Die Lagune war der Sicht des Feindes entzogen, und das Wasser kräuselte sich nur leicht. 1916 überflogen die Doppeldecker den Tanganjikasee mehrmals, vor allem mit dem Ziel, die Graf Goetzen zu bombardieren, was ihnen am 10. Juli auch gelang. (Doch das Schiff wurde nicht versenkt. Im Jahr 2010 ist es noch immer in Betrieb – als Fähre auf dem See, auf dem es als Kriegsschiff ein ruhmloses Ende fand.) Die Verteidigung des deutschen Uferstreifens und insbesondere des Städtchens Kigoma war gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen war die Infanterie nicht untätig. Der Kommandant der Force Publique, General Tombeur, stellte an der Ostgrenze des Kongo eine große Streitmacht auf – fünfzehntausend Soldaten, alle mit Gewehren und Munition ausgestattet. Logistisch gesehen muss es ein Albtraum gewesen sein, das ganze Material heranzuschaffen. Abertausende von Trägern erledigten den Transport. Für jeden Soldaten, der in den Kampf zog, wurden an die sieben Träger benötigt. Alles in allem traten während der vier Kriegsjahre 260.000 Träger an, und das bei einer Bevölkerung von nicht einmal zehn Millionen. Viele von ihnen waren nach einiger Zeit unterernährt. Trinkwasser war knapp. Sie tranken aus Tümpeln, sie tranken ihren eigenen Urin. Während sie über die Hochebene von Kivu mit ihren kühlen Nächten zogen, herrschte bitterer Mangel an Nahrungsmitteln, Zelten und Decken. Schätzungen zufolge kamen fünfundzwanzigtausend Träger um. Etwa zweitausend Soldaten verloren das Leben; auf dem Höhepunkt des Kampfes war die Streitmacht auf fünfundzwanzigtausend Soldaten angewachsen. Doch anders als beim Feldzug in den Sudan 1896 kam es trotz allem kaum zu Fahnenflucht oder Meuterei, teils, da die weißen Offiziere die afrikanischen Hilfstruppen mit mehr Milde behandelten, teils, da es ein Siegeszug wurde, aus dem die Soldaten Mut schöpften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1916 sah Tombeur den richtigen Zeitpunkt für den Angriff gekommen. Die Truppen überschritten die Grenze zu Deutsch-Ostafrika, und der Feldzug nach Kigali, der späteren Hauptstadt von Ruanda, begann. Am 6. Mai fiel die Stadt. Von dort aus ging es weiter nach Tabora, dem administrativen Knotenpunkt der deutschen Kolonie. Bis zu dieser Stadt waren es noch einmal sechshundert Kilometer Luftlinie, die zu Fuß bewältigt werden mussten, wieder mit mehreren zehntausend Trägern. Eine andere Kolonne machte sich von den Ufern des Tanganjikasees aus auf den Weg. Tabora war eine ansehnliche Stadt mit ein paar großen Hotels, Handelshäusern, Manufakturen und Werkstätten, zwölfhundert Meter über dem Meeresspiegel auf einer offenen, kargen Ebene gelegen. Der Kampf um Tabora bildete den Höhepunkt der belgischen Kolonialkämpfe im Ersten Weltkrieg. Am 19. September, nach zehn Tagen und Nächten heftiger Kämpfe, fiel die Stadt in die Hände der Truppen von Belgisch-Kongo. Die deutschen Einheiten flohen; auf ihrem Fort wehte nun die belgische Trikolore. Ein Jahr später, 1917, führte die Force Publique von dort aus einen erfolgreichen Feldzug nach Mahenge, noch einmal fünfhundert Kilometer weiter in Richtung Mosambik, und kontrollierte nun ein Drittel von Deutsch-Ostafrika. Einige Truppenteile stießen sogar bis zum Indischen Ozean vor, aber Tabora war der Name, den damals jeder kannte. General Tombeur wurde in den Adelsstand erhoben – sein neuer Name lautete, auf einmal recht passend, Tombeur de Tabora –, und in Saint-Gilles bei Brüssel wurde ein stilisiertes Denkmal für ihn errichtet. Im Kongo bekam Tabora den Beiklang einer mythischen Eroberung, von der noch Generationen Schulkinder hören sollten. »[König] Albert gibt Acht auf den Feind«, sangen die Schüler der Maristenpatres in Kisangani, »Mit großer Wachsamkeit / In Europa und in der Stadt Tabora / Behält er sie im Auge.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin Kabuya, der 92-jährige ehemalige Soldat, dessen Großvater während des Sudanfeldzuges lebendig begraben worden war, war zwei Jahre alt, als der Krieg endete. Sein anderer Großvater, mütterlicherseits, hatte den Kampf aus der Nähe miterlebt. Als wir an einem glutheißen Tag in seinem Garten saßen, erzählte er mir: »Mein Großvater hieß Matthias Dinda und war 1898 geboren. Er war ein Zande aus dem Norden des Kongo. Unser Stamm kommt ursprünglich aus dem Sudan, wir sind eigentlich alle Sudanesen. Er war sehr stark, er jagte Leoparden. Er trat in die Force Publique ein und wurde &#039;&#039;soldat de première classe&#039;&#039;, der höchste Rang für einen Schwarzen. Von Goma aus marschierte er in Ruanda ein, und in Burundi und in Tansania, in all die deutschen Gebiete. Er war dabei, als Tabora fiel.« Er schwieg einen Moment. Eine Eidechse mit orangefarbenem Kopf huschte über die Mauer. »Mein Großvater war ein Freund des Mannes, der dort die Fahne gehisst hat. Er gab ihm damals sogar Deckung. Er war ein sehr großer Kämpfer.«63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya sah ich bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand in der Maison des Anciens Combattants wieder. Die Gäste, es waren mehrere Dutzend, nahmen auf dem inzwischen trockenen Innenhof Platz. Er saß ganz vorn bei den Veteranen. Man hatte Gartenstühle aus Plastik für sie bereitgestellt. Ein Podium mit schickeren Stühlen füllte sich mit militärischen und zivilen Würdenträgern. Als die Blaskapelle die belgische und die kongolesische Nationalhymne anstimmte, sprangen alle auf, und die Soldaten und Offiziere salutierten minutenlang. Es war wirklich ergreifend: Waffenstillstand feiern in Kinshasa, während im Osten des Landes Laurent Nkundas Rebellen ihre heftigste Offensive führten. Einer der Veteranen von 40-45 sagte bei seiner Ansprache: »Das erfüllt uns mit Empörung und Abscheu. Wenn wir noch in dem Alter von 1940 wären, würden wir zu den Waffen greifen und die Unruhestifter entwaffnen.«64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Ansprachen war es Zeit für die alljährliche &#039;&#039;remise des cadeaux&#039;&#039;, das Verteilen der Geschenke. Der Vorsitzende eines Veteranenvereins bekam von einem Vize-Minister einen Kühlschrank geschenkt, ein anderer Ordensträger empfing vom belgischen Militärattaché zehn Kilo Maniokmehl, aber das bedeutendste Geschenk – ein Ghettoblaster, importiert aus China – erhielt eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die schlicht als &#039;&#039;»la veuve«&#039;&#039; aufgerufen wurde. Ihr Name war Hélène Nzimbu Diluzeyi, sie war 94 Jahre alt und die letzte Witwe eines Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Festakt gab es Bier, Cola und Häppchen. Eine kleine Band spielte sicher eine halbe Stunde lang das Stück »Ancien combattant« von Zao, einem Sänger aus Kongo-Brazzaville, vielleicht der schönste Song der kongolesischen Popmusik. &#039;&#039;»La guerre, ce n&#039;est pas bon, ce n&#039;est pas bon«&#039;&#039;, ertönte es. Die betagten Soldaten begannen auf dem Innenhof zu tanzen. Manche bewegten sich vorsichtig im Takt der Musik, andere spielten Krieg: Jemand hielt einen Regenschirm wie ein Gewehr und tat so, als schieße er, ein anderer ließ sich in Zeitlupe zu Boden fallen, zuckte mit allen Gliedern zur Musik und stellte sich dann tot. La veuve schaute amüsiert zu, klatschte in die Hände und lachte hin und wieder schallend über die brillante Pantomime.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Fest dem Ende zuging, brachte ich sie nach Hause. Sie wohnte in dem Viertel Kasa-Vubu. Auf den schlammigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; lavierten wir um ausgedehnte Pfützen herum. Sie klammerte sich an meinen linken Arm, unterm anderen Arm trug ich den Riesenkarton mit dem Ghettoblaster. Es war das erste Mal, dass ich Arm in Arm mit der Witwe eines Kriegsveteranen ging. Auf dem kleinen Hof setzten wir uns unter die voll bestückte Wäscheleine. Kinder und Enkelkinder kamen hinzu. Ihr Sohn dolmetschte. »Mein Mann hieß Thomas Masamba Lumoso«, begann sie, »er wurde 1896 geboren. Als er zehn war, kam er nach Kin. Die evangelischen Missionare brachten ihm Englisch bei, danach gaben sie ihn der Armee. Dort bekam er eine Kampfuniform. In Khaki.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nein, Mama, das war viel später. Damals trugen sie noch eine blaue Uniform mit rotem Fes.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? &#039;&#039;En tout cas&#039;&#039;, er war achtzehn, als der Krieg anfing. Er war bei der TSF, als Korporal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
TSF, fiel mir ein, das war die &#039;&#039;télégraphie sans fil&#039;&#039;, die Funkverbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ging dahin, wo Krieg war. Überall. Aber er wurde nie verwundet. Gott hat ihn sehr beschützt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, pflichtete ihr Sohn ihr bei, »und er sprach viele Sprachen. Swahili, Kimongo, Mbunza, Tschiluba, Kinzande, aber auch Flämisch, Französisch, Englisch und durch den Krieg sogar ein bisschen Deutsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deutsch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so was wie &#039;&#039;Guten Tag! Wie geht&#039;s? Danke schön!.&#039;&#039; Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber das hat er immer gesagt.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das einzige Mal bei meinen zehn Reisen durch den Kongo, dass ich jemandem begegnete, der deutsche Wörter kannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sah ich bei seinem anderen Sohn, Oberst Yoka, noch ein Foto des Kriegsveteranen. In Uniform, mit Orden und sehr ernstem Gesicht. In einem Rapport von 1921 war er als »aktiv und aufrichtig« bezeichnet worden. Aber das interessanteste Dokument über seinen Vater, das mir Oberst Yoka zeigte, war ein Brief von dessen belgischem Oberstleutnant: »Der vorerwähnte Masamba aus dem Dorf Lugosi war als Ordonnanz im Dienste der TSF vom 9. August 1914 bis zum 5. Oktober 1918.« Unterzeichnet, am 7. Oktober 1918, von einem gewissen Vancleinghem, soweit sich die Handschrift entziffern ließ. Die Daten waren aufschlussreich: Die Dienstzeit dieses Soldaten entsprach ja voll und ganz der Dauer des Ersten Weltkrieges. Fünf Tage nach Kriegsbeginn trat er in Dienst, und einen Monat vor dem Waffenstillstand war seine Militärzeit beendet.66 Der letzte Veteran war auch der Soldat mit der längsten Dienstzeit gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weltkrieg hatte nicht nur Folgen für die Männer der Force Pu­blique. In den Bergwerken von Katanga waren die Kumpel nicht untätig. Der Abbau lief unter Hochdruck. Die finanziellen Verbindungen mit Brüssel waren zwar gekappt, aber die Nachfrage nach Kupfer nahm durch den Krieg dramatisch zu. Der Umfang der kolonialen Exporte stieg von 52 Millionen belgischer Franc 1914 auf 164 Millionen im Jahr 1917.67 Die britischen und amerikanischen Granaten in Passendale, Ypern, Verdun und an der Somme hatten Messingummantelungen, die zu 75 Prozent katangesisches Kupfer enthielten. Teile ihrer Geschütze bestanden aus reinem, gehärteten Kupfer. In den aus Neusilber bestehenden Patronenhülsen der Gewehrmunition war zu 80 Prozent Kupfer verarbeitet. Torpedos und Schiffsinstrumente wurden aus Kupfer, Bronze und Messing gefertigt.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch außerhalb der großen Industriegebiete bekamen viele Kongolesen zu spüren, dass Krieg herrschte. In der Provinz Orientale wurden Bauern gezwungen, Reis für die Truppenversorgung anzubauen. Andernorts verpflichtete die Regierung die Bevölkerung zum Baumwollanbau; das kam dem Export zugute, aber auch den lokalen Textilfabriken. Es entstand ein ganzes System von &#039;&#039;cultures obligatoires&#039;&#039;, dem von der Regierung vorgeschriebenen Pflichtanbau von Gewächsen. Das rührte viele unangenehme Erinnerungen auf. Nkasi und Lutunu haben in ihren Dörfern in Bas-Congo vielleicht wenig vom Krieg gemerkt, doch für viele Kongolesen im Landesinneren bedeutete er ein schweres Joch. Und wie es öfter in der Geschichte des Kongo der Fall war, nahm der Protest dagegen eine religiöse Form an.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1915 hatte im Ekonda-Gebiet in der Provinz Équateur eine Frau namens Maria Nkoi eine mystische Erfahrung. Sie gewann die Überzeugung, Heilkräfte zu besitzen und prophetische Pflichten erfüllen zu müssen. Fortan war sie bekannt als &#039;&#039;Marie aux Léopards&#039;&#039;, Marie mit den Leoparden.70 Sie behandelte Kranke und predigte ihren Glauben. Zugleich rief sie zur Revolte gegen die Kolonialmacht auf und weissagte, dass der Kongo bald von den &#039;&#039;»djermani«&#039;&#039;, den Deutschen, befreit würde.71 Mit ihren aufrührerischen Reden brachte sie die lokale Verwaltung gegen sich auf, und sie wurde verhaftet. Ihre Geschichte erinnert an die von Kimpa Vita, die 1704 in den Ruinen der Kathedrale von Mbanza Kongo eine alternative Form des Christentums gepredigt hatte und deshalb ebenfalls verfolgt worden war. Auch damals befand sich die europäische Macht in einer Krise, auch damals fürchtete man sich vor den Folgen einer religiösen Erweckungsbewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befreit werden von den Deutschen? Daran wagten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana nun doch zu zweifeln. Die Deutschen hatten sie doch verflixt noch mal gefangen genommen! Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser &#039;&#039;métis&#039;&#039; war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris.72 Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte.73 Der überwiegende Teil des Korps bestand aus ehemaligen Soldaten der Kolonialtruppe; das Kommando führte Oberst Chaltin. Sie waren die einzigen Belgier mit Kriegserfahrung; sie hatten während der sogenannten arabischen Kampagne und der Sudan-Feldzüge gekämpft. Doch auch das nützte nichts. Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die »Königlich Preußische Phonographische Kommission« und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache.74 Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Belgisch-Kongo waren gravierend. Zunächst in territorialer Hinsicht. Auf der Versailler Konferenz wurde 1919 beschlossen, die deutschen Kolonien unter den Siegermächten zu verteilen. Kamerun und Togo wurden französisch und britisch, Deutsch-Ostafrika britisch und Namibia wurde dem britischen &#039;&#039;Dominion&#039;&#039; Südafrika anvertraut. Belgien wurde das Mandat über zwei winzige Länder an der Ostgrenze des Kongo übertragen, die historischen Königreiche Ruanda und Burundi (damals noch Urundi). 1923 bestätigte der Völkerbund diese Mandatsgebiete. Auf dem Papier war ein Mandatsgebiet keine Kolonie, in der Praxis machte es kaum einen Unterschied. Auch hier wandte man das rigide und erst vor einiger Zeit entwickelte Begriffssystem der Anthropologie an. Auch in den Mandatsgebieten, so erklärte man, gebe es »Rassen«. Die waren absolut: jemand war entweder Tutsi oder Hutu oder Twa (Pygmäe). Seit den dreißiger Jahren wurde das auch im Pass vermerkt. Dass die Grenzen zwischen diesen tribalen Gruppen jahrhundertelang diffus gewesen waren, wurde dabei nicht berücksichtigt. Diese Nachlässigkeit sollte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verheerende Folgen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kongo bedeutete der Krieg eine Art Pause-Knopf für die Sozialgeschichte. Die halbherzigen Bemühungen, die Lage der einheimischen Bevölkerung durch die Schaffung besserer Unterkünfte bei den Bergwerken oder durch groß angelegte Kampagnen gegen die Schlafkrankheit zu verbessern, wurden auf die lange Bank geschoben. Die Volksgesundheit war nach diesen vier aufreibenden Jahren erneut in einem äußerst prekären Zustand. Als 1918-1919 die Spanische Grippe weltweit fünfzig bis hundert Millionen Opfer forderte, waren darunter eine halbe Million Menschen im Kongo. »Die Spanische Grippe«, sagte der 92-jährige Kabuya zu mir, »daran sind viele gestorben.« Es war wie beim Bevölkerungsschwund von 1905. Der Pause-Knopf war eine Rückspultaste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sichtweise der Belgier hatte sich jedoch durchaus etwas verändert. Zum ersten Mal betrachteten sie die Lage der Kongolesen mit Mitgefühl. Man sah ein, dass sie wegen eines Krieges, der nicht der ihre war, viel erlitten hatten. Zudem hatte die Kriegserfahrung unter den Soldaten ein Gefühl der Brüderschaft bewirkt. Ein belgischer Offizier der Force Publique äußerte sich darüber in den höchsten Tönen: »Nein, diese Männer, die haben gekämpft, gelitten, gehofft, sich gesehnt, sich durchgebissen und gesiegt, mit uns, für uns, wie wir, das sind keine . . . das sind nicht mehr Wilde oder Barbaren. Wenn sie uns im Leid und im höchsten Opfer ebenbürtig sein konnten, dann müssen sie, dann werden sie das auch in puncto Kultur werden.«76 Die Soldaten der Force Publique hatten großen Mut und Loyalität bewiesen, selbst in schwierigsten Situationen. Das nötigte zu größerer Milde und, ja, größerer Anteilnahme am Schicksal der Afrikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kongolesen war es jedoch eine ambivalente Erfahrung. Viele Soldaten identifizierten sich mit den unverkennbaren militärischen Erfolgen der Belgier. Der Siegesrausch schmeckte süß und schmiedete neue Bande, die zweifellos aufrichtig und herzlich waren. Die Belgier konnten durch die Luft fliegen und auf dem Wasser landen! Aber die Kriegsanstrengungen waren für viele einfache Kongolesen eine zentnerschwere Last. Zudem, und das war am ernüchterndsten, hatten sie erlebt, wie die Weißen, die ihnen beigebracht hatten, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, einander vier Jahre lang aus nebulösen Gründen mit einem Ehrfurcht gebietenden Waffenarsenal nach dem Leben getrachtet hatten in einem Konflikt, der mehr Tote forderte als sämtliche Stammeskriege, an die sie sich erinnern konnten. Und das wirkte sich dann doch auf den Respekt aus, den sie ihnen entgegenbrachten. Er bröckelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 4 Im Klammergriff der Angst ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zunehmende Unruhe und gegenseitiges Misstrauen in Friedenszeiten 1921-1940 ===&lt;br /&gt;
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den ersten Jahrzehnten Belgisch-Kongos in Gang gekommen waren, setzten sich in der Zwischenkriegszeit unvermindert fort. Die Industrie gewann rasant an Fahrt. Immer mehr Menschen verließen ihre Dörfer und verdingten sich als Arbeitskräfte. Die ersten Städte entstanden. Stämme vermischten sich dort, neue Lebensstile kamen auf. Am Sonntagnachmittag ging man tanzen zur Musik von Tino Rossi, während die vorige Generation noch zum Rhythmus des Tamtam getanzt hatte. Aber auch auf dem Land stand die Zeit nicht still. Das während des Ersten Weltkrieges eingeführte System des Pflichtanbaus wurde nun überall angewandt. Die Missionsstationen dehnten ihren Zugriff auf die Seelen der Bevölkerung aus. Schulen und Krankenhäuser wurden auch an abgelegenen Orten errichtet. Die Teams zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zogen bis in die kleinsten Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gesehen stand alles im Zeichen einer Expansion, ein Prozess, der sowohl den Kolonisatoren als auch den Einheimischen nutzte. So stellte man es jedenfalls gern dar. »Seit dem Weltkrieg 1914-1918 wurde die Ruhe im Kongo nie empfindlich gestört«, schrieb ein katholischer Schulleiter aus der tiefsten flandrischen Provinz. »Ein paar kleine, unbedeutende Krawalle, nicht selten durch Geheimsekten und Hexer angestachelt, konnten manchmal ein begrenztes Gebiet unsicher machen. (. . .) Das &#039;&#039;Bula-Matari&#039;&#039;, so bezeichnen die Eingeborenen die belgische Verwaltung im Kongo, kann im Allgemeinen auf die Fügsamkeit und den Respekt der Neger vor der angestammten Obrigkeit bauen, jedenfalls, solange die Staatsdiener selbst die &#039;&#039;Anforderungen an einen guten Kolonialbeamten&#039;&#039; beachten und sich durch ein &#039;&#039;geordnetes und sittliches Leben&#039;&#039;, durch &#039;&#039;ernsthafte Menschenliebe&#039;&#039; und &#039;&#039;energische Willenskraft&#039;&#039; auszeichnen.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nun maßlos übertrieben. Die Kolonialbeamten mochten noch so viel ernsthafte Menschenliebe und energische Willenskraft an den Tag legen, aber dem wachsenden Unmut unter der einheimischen Bevölkerung vermochten sie nicht die Stirn zu bieten. Es handelte sich nicht um »ein paar kleine, unbedeutende Krawalle«, die »ein begrenztes Gebiet« aufstörten, sondern um signifikante Volkserhebungen, die sich – trotz rigoroser Unterdrückungsmaßnahmen der Kolonialregierung – über große Teile der Kolonie erstrecken konnten. Das plötzliche Unabhängigkeitsfieber, das sich ab 1955 manifestierte, war ganz und gar nicht neu, sondern hatte eine sehr lange Vorgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir zuerst Nkasis jüngerem Bruder einen Besuch abstatten. Und dem Heiligen Geist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottes Wege sind unergründlich, und die Wege und Straßen, die zum Heiligen Geist führen, sind erbärmlich, vor allem, seit er in Nkamba ansässig ist. Von Kinshasa nach Mbanza-Ngungu, dem früheren Thysville, ist die Straße ausgezeichnet. Vor einigen Jahren taten sich Europäer und Chinesen zusammen, um den Kongo mit wenigstens einer ordentlichen Straße auszustatten, die Route, die Kinshasa mit der Hafenstadt Matadi verbindet. Doch sobald wir diese Hauptstraße verlassen, befinden wir uns auf einer Sandpiste, und aus der Sandpiste wird Morast, sodass wir nur noch im Schneckentempo vorankommen. Von Mbanza-Ngungu nach Nkamba sind es achtzig Kilometer, für die wir drei Stunden brauchen. Ein Rekordtempo, erfahren wir später. Die Straße nach Nkamba ist nun wirklich kein &#039;&#039;dirt track&#039;&#039;, wo nur ganz selten einmal ein Auto entlangfährt. Alljährlich sind hier Abertausende von Pilgern unterwegs zu ihren spirituellen Wurzeln. Sie sprechen nicht von Nkamba, sondern von der Heiligen Stadt oder &#039;&#039;la nouvelle Jérusalem&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba kam am 24. September 1889, einige Jahre nach Nkasi, Simon Kimbangu zur Welt. Seine Kinder- und Jugendzeit unterschied sich kaum von der seiner Altersgenossen, doch er sollte als ein wichtiger Prophet in die Geschichte eingehen. Nur wenigen ist es beschieden, dass eine Religion nach ihnen benannt wird, Simon Kimbangu aber durfte sich in eine Reihe stellen mit Christus und Buddha: Der Kimbanguismus ist im Kongo noch heute eine lebendige Religion, zu der sich zehn Prozent aller Gläubigen im Land bekennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hatte es mir selbst erzählt: »Kimbangu, das war keine Zauberei. Er war von Gott gesandt. Ein sechzehnjähriges Mädchen, das schon vier Tage tot war, hat er wieder zum Leben erweckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen und Kolonisatoren hörten von diesem merkwürdigen Mann zum ersten Mal 1921, im Jahr der angeblichen Wiederauferstehung, Nkasi aber kannte ihn schon viel länger. Sie stammten aus derselben Gegend. Nkamba und Ntimansi, ihre Heimatdörfer, lagen in Gehweite voneinander entfernt. »Ach . . . wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bon . . . Simon Kimbangu kannte ich schon in den achtzehnhunderter Jahren. Wenn er sagte: ›Jetzt geht es nach Brüssel«, dann war er auch eine Sekunde später in Brüssel. Und er hat auch meinen jüngeren Brüder geheilt!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straße ist miserabel, aber in der Heiligen Stadt anzukommen entschädigt für die Strapazen. Die Gegend ist hügelig. In den Tälern rauschen Eukalyptusbäume und spenden angenehmen Schatten. Nkamba selbst liegt auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht über Bas-Congo. Es weht eine erfrischende Brise. Allerdings kommt man nicht einfach so hinein. Akkreditierungen und Passierscheine aus Kinshasa und ein junger Adept aus Mbanza-Ngungu sind erforderlich, um durch die drei Straßensperren zu gelangen, die von kimbanguistischen Ordnungskräften bewacht werden. Etwas an ihnen ist merkwürdig: Sie tragen tadellose Uniformen mit Litzen und auf dem Kopf grüne Barette, aber sie tragen keine Schuhe. Weder Stiefel noch Sandalen, nichts. Kimbanguisten lehnen jede Art von Fußbekleidung ab. Einmal im Ort, ist man von der Ruhe und Friedfertigkeit überwältigt. Der Kimbanguismus ist die kongolesischste aller Religionen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Alle hier gehen barfuß und sind einfach gekleidet, Rundfunkgeräte und Stereoanlagen sind verboten. Niemand ist laut, Alkohol ist tabu. Was für ein Kontrast zu Kinshasa mit seinem extravaganten Kleidungsstil, dem ewigen Gerufe und Geschimpfe, dem Gedränge und Geschubse bei den Taxibussen, dem Gehupe und dem Geplärre aus geborstenen Lautsprechern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auffälligste Gebäude ist der Tempel, ein gewaltiges, rechteckiges Bauwerk in eklektizistischem Stil, zwischen 1986 und 1991 von den Gläubigen errichtet. In kaum fünf Jahren solch ein Bauwerk zu realisieren, darf als Leistung bezeichnet werden. Davor steht das Mausoleum von Simon Kimbangu und seinen drei Söhnen. Anfangs als Prophet angebetet, genießt der Gründer heute göttlichen Status. Inzwischen gilt dieser Status auch für seine drei Söhne, die nichts weniger als die Verkörperung der Heiligen Dreifaltigkeit sein sollen. Eine junge Kimbanguistin hat es mir einmal in Kinshasa am Rand eines Swimmingpools erklärt. Ich besitze noch immer den Zettel, auf dem sie mir alles aufschrieb. »Kisolokele, geboren 1914 = Gottvater; Dialungana, geboren 1916 = Jesus Christus; Diangienda, geboren 1918 = Heiliger Geist.« Weihnachten feiern die Kimbanguisten nicht mehr am 25. Dezember, sondern am 25. März, dem Geburtstag des mittleren Sohnes. Als der Gründer 1951 starb, übernahm Diangienda Kintuma, der Jüngste der drei, die spirituelle Leitung der Bewegung. Für sehr lange Zeit: von 1954 bis 1992. Heute hat sein Enkel diese Funktion inne, Papa Simon Kimbangu Kiangani, doch die Thronfolge verlief nicht ohne Konflikte. Auch sein Cousin Armand Diangienda Wabasolele, ein anderer Enkel des Propheten, fühlte sich als spiritueller Leiter der kimbanguistischen Kirche berufen, und das führte, neben einem Schisma, zu großem musikalischen Wetteifer. Die Kimbanguisten legen viel Wert auf Musik: Neben wundervollen Chorgesängen gehört zu ihrer Liturgie der ausgiebige Einsatz von Instrumenten. In Kinshasa steht der ehemalige Thronprätendent an der Spitze eines zweihundertköpfigen Symphonieorchesters, in Nkamba glänzt der Cousin, der heutige spirituelle Führer, mit seinem Philharmonieorchester. Ich habe einmal ein Freiluftkonzert des Symphonieorchesters in Kinshasa besucht: Keine Ahnung, wie sie in dieser kaputten Stadt an ihre funkelnden Instrumente kamen, aber ihre &#039;&#039;Carmina Burana&#039;&#039; war eine Dampfwalze, die die Huperei in der abendlichen Rushhour mühelos übertönte. Wie dem auch sei, heute ist es Simon Kimbangu Kiangani, der als der Heilige Geist angebetet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf das ziemlich wörtlich nehmen. Am Ende des Tages setze ich mich auf den Platz vor der Kathedrale, um am Abendgebet teilzunehmen. Ich sitze mit dem Rücken zur offiziellen Residenz des Kirchenoberhaupts. Rechts von mir sehe ich das monumentale Portal. Die Säulen sind mit farbenprächtigen Stoffen umspannt, auf dem Betonboden liegen Teppiche, darauf steht in der Mitte ein Thron. Eine Kapelle bläst muntere Marschmusik. Die Musiker tragen weiß-grüne Uniformen und marschieren auf der Stelle. Obwohl der Kimbanguismus eine ausgesprochen friedfertige Religion ist, strotzt er vor militärischen Reminiszenzen. In den Anfängen war das noch nicht so, aber in den dreißiger Jahren schaute man sie sich von der Heilsarmee ab, einer christlichen Organisation, die damals, anders als die Kimbanguisten, nicht verboten war. Manche der Gläubigen dachten, das S an der Uniform der Heilsarmisten stehe nicht für »Salut«, sondern für »Simon«, und fanden Gefallen an der militärischen Liturgie. Heute ist Grün noch immer die Farbe des Kimbanguismus, und militärisch anmutende Blaskapellen untermalen mehrmals am Tag die Andachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sind im Übrigen sehr beeindruckend. Es ist ein ruhiger Montagabend, als ich dort bin. Während die Marschmusik gar kein Ende nimmt, zuerst die Blechblasinstrumente, dann die Querflöten, stellen sich die Gläubigen an, um vom Kirchenoberhaupt gesegnet zu werden. In Vierer- oder Fünfergruppen knien sie vor dem Thron. Der spirituelle Leiter selbst steht. Er trägt einen grauen Anzug mit kurzen Ärmeln und graue Socken. Auch er trägt keine Schuhe. In der Hand hält er eine Plastikflasche, die mit Weihwasser aus dem »Jordan« gefüllt ist, einem kleinen Fluss in der Nähe. Die Gläubigen knien nieder und lassen sich vom Heiligen Geist besprengen. Kinder öffnen den Mund und bekommen einen Schluck Weihwasser hineingespritzt. Ein junger Mann, der taub ist, bittet darum, Wasser auf die Ohren gespritzt zu bekommen. Eine alte Frau, die schlecht sieht, lässt sich die Augen beträufeln. Hinkende zeigen ihre schmerzenden Fußgelenke. Väter halten Kleidungsstücke ihrer kranken Kinder in der Hand. Mütter zeigen Fotos ihrer Familie, damit das Kirchenoberhaupt sie kurz berührt. Die Schlange scheint schier unendlich. Im Durchschnitt wohnen zwei- bis dreitausend Menschen in Nkamba, dazu kommt noch eine große Zahl von Pilgern und Gläubigen, die für eine Weile zur inneren Einkehr hier sind. Menschen aus Kinshasa und Brazzaville, aber auch aus Brüssel und London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende und Abertausende, und das jeden Abend. Einem Außenstehenden mag es als bizarre Zeremonie erscheinen, doch im Grunde unterscheidet es sich nicht von der langen Prozession der Gläubigen, die seit mehr als einem Jahrhundert jeden Abend an einer Grotte in den französischen Pyrenäen vorbeiziehen. Auch dort kommen die Menschen von nah und fern zu einem Ort, an dem sich der Überlieferung nach außergewöhnliche Begebenheiten abgespielt haben, auch dort lechzt man nach Heilung und Wundern, auch dort setzt man seine ganze Hoffnung auf ein Fläschchen Quellwasser. Es handelt sich um Volksfrömmigkeit, und die besagt in der Regel mehr über die Verzweiflung des Volkes als über göttliche Gnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zeremonie unterhalte ich mich bei einer einfachen Mahlzeit mit einer sehr beeindruckenden Frau, die den Kongo als Flüchtling verlassen hatte und nun schon seit Jahren Psychiatrie-Krankenschwester in Schweden ist. Sie liebt Schweden, aber auch ihren Glauben. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kommt sie einmal im Jahr nach Nkamba, um aufzutanken, vor allem jetzt, wo sie einige Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn hat. Sie hat ihn mitgebracht. »Ich kehre immer ganz ausgeglichen nach Schweden zurück«, sagt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag treffe ich endlich Papa Wanzungasa, Nkasis jüngeren Bruder, wegen dem ich nach Nkamba gekommen bin. Er ist nur hundert Jahre alt, und noch immer aktiv. Was für eine Familie! Sein sechzigjähriger Neffe sieht aus wie 45, sein Bruder ist mit seinen 126 einer der ältesten Menschen überhaupt, und er selbst ist noch immer ein Mitglied des höheren Klerus in Nkamba und erster Stellvertreter, wenn es um Evangelisation, Finanzen, Bauvorhaben und Ausstattungsfragen geht. Er ist bereits seit 1962 als &#039;&#039;Pasteur No 1&#039;&#039; der kimbanguistischen Kirche eingetragen. 1921, als das öffentliche Leben von Simon Kimbangu begann, war er ein Junge von dreizehn. Kimbangu war damals einunddreißig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein einziges Gebiet des Kongo war so stark von der Ankunft der Europäer betroffen wie Bas-Congo. Die Sklaverei war abgeschafft worden, die Nachfrage nach Trägern und Eisenbahnarbeitern hatte die traditionellen Strukturen aufgebrochen, Bauern mussten Maniok und Erdnüsse für die Kolonialherren anbauen, Geld und Steuern wurden eingeführt. Europäer beteuerten immer wieder, dass sie den Kongo erschließen und zivilisieren wollten, aber für Afrikaner waren die direkten Auswirkungen verheerend. Schlafkrankheit und Spanische Grippe hatten schätzungsweise zwei von drei Bewohnern getötet, und die europäische Medizin hatte sich als machtlos erwiesen. Das führte zu tiefem Misstrauen bei der lokalen Bevölkerung: Die Weißen brachten eher Krankheit als Heilung. Simon Kimbangu war von britischen Baptisten in der Missionsstation von Gombe-Lutete getauft worden, zwölf Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, und wurde dort zum Katecheten ausgebildet. 1919 ging er, wie Nkasi, zur Arbeitssuche nach Kinshasa. Er versuchte sich dort als Arbeiter bei den &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; von William Lever, doch das ging nicht gut. Aber er geriet in eine Welt von Afrikanern, die Reisen unternommen hatten und rechnen und schreiben konnten. Tausende schwarzer Arbeiter waren im Dienst von etwa zwanzig Unternehmen. In jener Zeit hörte er bereits Stimmen und hatte Visionen, die ihn zu großen Taten aufforderten. Vorerst leistete er ihnen noch nicht Folge. Erst als er nach einem Jahr in sein Dorf zurückkehrte und tief enttäuscht feststellen musste, dass die britischen Baptisten jemand anders zum offiziellen Katecheten ernannt hatten, sollte sich das ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 6. April hörte er, wie sich Leute über Kintondo unterhielten, eine Frau, die schwer krank war. Er ging zu ihr, mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund, man könnte fast sagen: als Missionar. Er legte ihr die Hände auf und gebot der todkranken Frau, aufzustehen, was sie der Überlieferung zufolge am nächsten Tag auch tat. Das Gerücht von der Wunderheilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Geschichten wurden immer phantastischer. In den darauf folgenden Wochen sollte Kimbangu einen Lahmen, einen Tauben und einen Blinden geheilt haben. Ja, er ließ sogar ein Mädchen, das bereits vor einigen Tagen gestorben war, vom Tode auferstehen! Hier war endlich jemand, der viel mächtiger war als die Weißen mit ihren Spritzen gegen die Schlafkrankheit, von denen man nur noch kränker wurde. Die Erlösung war nahe. Im weiten Umkreis ließen die Menschen ihre Äcker und Felder im Stich und eilten nach Nkamba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die Eltern von Nkasi und Wanzungasa. Nkasi schaufelte damals in Kinshasa Erde, aber sein Bruder erlebte alles aus nächster Nähe mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir nehmen in den grünen Ledersesseln im repräsentativen Empfangsraum von Nkamba Platz, um über diese ferne Vergangenheit zu reden. Wie es sich für einen Kimbanguisten gehört, spricht Wanzungasa mit sanfter, freundlicher Stimme. »Unsere Eltern waren beide evangelisch, sie waren Bauern. Ich hatte als Kind einen Buckel. Meine Mutter hatte gehört, dass es einen Heiler gab in Nkamba, der allerlei Krankheiten heilte, Blinde und Taube, und sogar Tote wieder lebendig machte. Sie nahm mich mit, und wir kamen hier an. Nkamba war voller Menschen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Ankunft nach vorn gerufen. Als ich dran war, wurde ich zusammen mit meiner Mutter aufgerufen. Wir knieten vor Simon Kimbangu nieder. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: ›In Jesu Namen, steh auf, richte deinen Rücken auf und wandle.‹ Ich tat es und stellte fest, dass mein Buckel augenblicklich verschwunden war. Es tat nicht weh.« Er erzählt es ruhig und sachlich und gibt sich keine Mühe, seine Zuhörer zu bekehren. Es sind Tatsachen für den, der glauben will. »Meine Mutter war voller Freude. Simon Kimbangu sagte, wir sollten uns im Weihwasser waschen. Wir sind noch drei Tage geblieben, um sicher zu sein, dass ich für immer geheilt war. Heute sagen die Ärzte, ich hätte TBC gehabt, aber das stimmt nicht. Ich ging total gekrümmt. Mein Glaube hat mich geheilt. Das liegt bei uns in der Familie, könnte mein Bruder sonst 126 Jahre alt werden? In unserem Dorf gab es noch viele Kranke. Die Nachricht von meiner Heilung verbreitete sich schnell. Dann gingen alle nach Nkamba und wurden Kimbanguisten.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die abrupte Landflucht beunruhigte die Kolonialverwaltung. Der &#039;&#039;District des Cataractes&#039;&#039; in Bas-Congo war ein wichtiger Nahrungslieferant für Kinshasa, doch auf einmal blieben die Märkte leer. Das Gerücht von den Wunderheilungen erreichte sogar die große Stadt. Manche legten die Arbeit nieder und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die ersten, die sich Sorgen machten, waren die evangelischen Missionare; viele der frühen Anhänger von Kimbangu kamen ja von ihren Missionsstationen. Und obgleich die Protestanten eine viel individuellere Ausübung des Glaubens befürworteten als die Katholiken, fragten sie sich doch, ob hier nicht etwas außer Kontrolle geriet. Kimbangu hatte ein Feuer entfacht, dessen Funken weitere Feuer entzündeten. In ganz Bas-Congo schossen frischgebackene Propheten wie Pilze aus dem Boden; man nannte sie &#039;&#039;bangunza&#039;&#039;, im Singular &#039;&#039;ngunza&#039;&#039;. Das führte zu aberwitzigen Szenen. Ein schwedischer Missionar, der schon seit Jahren im Kongo lebte, notierte in sein Tagebuch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe heute an den &#039;&#039;Ngunza&#039;&#039;-Zusammenkünften teilgenommen. Es ist außerordentlich. Man muss sie gesehen haben, wie sie zittern, die Arme ausstrecken, emporheben, zum Himmel schauen, direkt in die Sonne. Man muss sie rufen hören, beten, flehen, leise »Jesus, Jesus« flüstern hören. Man muss Yambula [einen der besten Prediger] sehen, wie er springt und rennt und sich um seine eigene Achse dreht. Man muss gesehen haben, wie sich die Menschenmenge versammelt, voranschreitet, niederkniet unter den bebenden Händen, die die &#039;&#039;bangunza&#039;&#039; über ihren Köpfen ausstrecken. – Hört, was hier geschieht! Geht fort, werft die Götzenbilder weg.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Aspekte können nicht nachdrücklich genug betont werden. Erstens: Die Anhänger des neuen Glaubens wandten sich nicht gegen den Protestantismus – im Gegenteil, sie eigneten ihn sich an. Es ging nicht um einen Bruch mit dem christlichen Glauben, sondern um eine eigene Auslegung, ja Vertiefung. Es ging nicht im Entferntesten um eine Rückkehr zur vorkolonialen Religiosität; man nahm im Gegenteil Abstand vom Glauben der Ahnen an Hexerei. Gleichzeitig jedoch – und das ist das Faszinierende – bediente man sich religiöser Symbole und Gesten, die auf die traditionelle Heilkunde zurückgriffen (Trance, Beschwörung, Inkantation). Man war gegen Fetische, verhielt sich aber wie ein &#039;&#039;féticheur&#039;&#039;. Man fand, kurzum, eine afrikanische Form für einen importierten Glauben. Zweitens: Auch wenn diese plötzliche religiöse Erweckung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen stattfand, so handelte es sich in erster Linie um ein ausschließlich spirituelles Phänomen. Kimbangu war kein politischer Rebell, er hielt keine antikolonialistischen Reden, seine Lehrsätze waren nicht gegen die Europäer gerichtet. Die Vertreter der Kolonialbehörden sahen das allerdings anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum drei Wochen nach Kimbangus erstem Auftritt schlug der Distriktskommissar Léon Morel Alarm. Das war begreiflich: Für eine Kolonialverwaltung, die im Kongo eine reguläre Geldökonomie mit einem klassischen Arbeitsethos einführen wollte, waren die tagelangen Versammlungen von Arbeitsunwilligen ausgesprochen beunruhigend. Man hatte die Bevölkerung seit 1910 in kleine, sichere &#039;&#039;chefferies&#039;&#039; untergliedert; nun strömten plötzlich viele tausend Menschen zusammen, um sich bizarren Ritualen hinzugeben. In Thysville wurde eine Tagung mit Missionaren beider Konfessionen anberaumt. Die Katholiken, hauptsächlich Belgier, schlossen sich der Meinung der Kolonialherren an und warfen den Protestanten eine zu lasche Haltung im Umgang mit den Einheimischen vor. Sie befürworteten ein energisches und drastisches Vorgehen der Regierung. Die Protestanten hingegen plädierten für eine verständnisvollere Herangehensweise. Es handele sich schließlich um eine Form von christlicher Volksfrömmigkeit, argumentierten sie, und habe das nicht auch begrüßenswerte Seiten? Einige der ihnen liebsten Gläubigen seien daran beteiligt, Menschen, die sie schon seit Jahren kannten und für die sie freundschaftliche Gefühle hegten. Ein rigoroses Vorgehen würde diese Menschen der Missionsstation völlig entfremden. Und außerdem, würde eine solche Unterdrückung nicht erst recht das Feuer anfachen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon öfter waren die Argumente und Praktiken der evangelischen Missionare um einiges differenzierter und menschlicher als die der katholischen, doch gegen das mächtige Bündnis zwischen den katholischen belgischen Missionaren und den belgischen Kolonialbeamten anzukämpfen war aussichtslos. Am 6. Juni marschierte eine Abteilung der Force Publique zusammen mit Léon Morel nach Nkamba, um Kimbangu zu verhaften. Das führte zu Scharmützeln und Plünderungen. Die Soldaten stahlen die Matten, die Kleidungsstücke, die Hühner, die Bibeln, die Gesangbücher und das bisschen Geld, das die Gläubigen besaßen. Sie schossen scharf. Es gab Verwundete und einen Toten. Danach führte die Armee die Anführer der Bewegung in langen Kolonnen nach Thysville ab, doch Simon Kimbangu selbst gelang die Flucht. Für seine Anhänger war das erneut ein Beweis für seine übernatürlichen Gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Monate lang tauchte er ab. Er verbreitete seinen Glauben weiterhin in den Dörfern, in denen selten Vertreter der Kolonialbehörden erschienen und wo ihn niemand verraten würde. Das besagt etwas über seine Popularität und den allgemein zunehmenden Unmut über die weißen Herrscher. Im September 1921 stellte er sich den Behörden – so wie sich Jesus im Garten Gethsemane den Häschern gestellt hatte, meinten seine Anhänger. Den Prozess, der gegen ihn geführt wurde, setzten sie mit der Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus gleich. Nicht zu Unrecht. Es war ja tatsächlich ein Schauprozess. Von Anfang an stand fest, dass Kimbangu verurteilt werden sollte. Man hatte eigens zu diesem Anlass eine leichte Form des Ausnahmezustandes verhängt, sodass er vor einem Militärgericht erscheinen musste und nicht vor einem regulären (und milderen) Zivilgericht. Deshalb hatte er auch keinen Anwalt, und eine Berufung gegen das Urteil war ausgeschlossen. Innerhalb von drei Tagen wurde über sein Schicksal entschieden. Wer heute die Prozessakten liest, ist angesichts der tendenziösen Fragen des Richters fassungslos. Man musste und würde beweisen, dass sich Kimbangu der Unterminierung der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht hatte – das war das einzige Verbrechen, das hier in Betracht kommen konnte und auf das die Todesstrafe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommandant de Rossi, der Vorsitzende des Kriegsgerichts: »Kimbangu, geben Sie zu, dass Sie einen Aufstand gegen die Kolonialregierung organisiert haben und dass Sie die Weißen, Ihre Wohltäter, als schreckliche Feinde bezeichnet haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu antwortete: »Ich habe überhaupt keinen Aufstand angezettelt, weder gegen die Belgier noch gegen die belgische Kolonialverwaltung. Ich wollte nichts anderes als das Evangelium von Jesus Christus verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Richter ließ nicht locker: »Warum haben Sie die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen und keine Steuern mehr zu bezahlen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu: »Das ist nicht wahr. Die Leute, die nach Nkamba kamen, kamen aus freien Stücken, weil sie das Wort Gottes hören wollten, um geheilt zu werden oder den Segen zu erhalten. Nicht ein einziges Mal habe ich die Bevölkerung dazu aufgefordert, keine Steuern mehr zu bezahlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Richter schlug einen anderen Kurs ein und duzte ihn plötzlich. Der Ton wurde sarkastischer: »Bist du der &#039;&#039;mvuluzi&#039;&#039;?« Der Erlöser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das ist Jesus Christus, der der Erlöser ist. Ich habe von ihm den Auftrag erhalten, die Botschaft vom ewigen Heil unter den Meinen zu verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du Tote auferstehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie hast du das gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch die göttliche Kraft, die Jesus mir geschenkt hat.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren Antworten, die man gern hörte. Sie bestätigten die Annahme, dass er ein staatsgefährdender &#039;&#039;farfelu&#039;&#039; war. Man wollte ihm in die Schuhe schieben, dass er zur Gewalt aufrief, weil in den Liedern, die man in Nkamba sang, von Waffen die Rede war. Kimbangu erwiderte, dass die protestantischen Missionare doch auch nicht vor Gericht gestellt würden, obwohl in ihren Liedern »Soldaten Christi« vorkämen. Man wollte ihm einen Strick drehen aus seiner Äußerung: »Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Kimbangu sagte, damit sei nicht gemeint, dass die Belgier verschwinden sollten. Und überhaupt – was sei denn daran rassistisch, wenn man für die Gleichheit von Weißen und Schwarzen eintrat? Man vermutete, dass er während seines Aufenthaltes in Kinshasa mit schwarzen Amerikanern in Kontakt gekommen war, die Anhänger von Marcus Garvey waren, jenem radikalen jamaikanischen Aktivisten, der die Ansicht vertrat, Afrika gehöre den Afrikanern. Kimbangu wehrte sich gegen die Anschuldigung: &#039;&#039;»Cela est faux.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch seine Verteidigungsversuche nützten ihm nichts. Es half ihm auch nicht, dass er mitten im Prozess in Trance geriet, phantasierte und am ganzen Körper zitterte. Epilepsie, denken wir heute, doch der Gerichtsarzt ordnete eine kalte Dusche und zwölf Peitschenhiebe an. Das Urteil war dementsprechend: Am 3. Oktober 1921 wurde Kimbangu zum Tode verurteilt, seine engen Getreuen zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit. Über die wahren Motive hielt die Urteilsbegründung nicht hinterm Berg: »Es ist richtig, dass die Feindseligkeit gegen die Staatsmacht bis heute nur in aufrührerischen Gesängen, Beleidigungen, Formen von übler Nachrede und ein paar vereinzelten Fällen von Rebellion in Erscheinung trat, aber es ist auch richtig, dass der Lauf der Ereignisse in verhängnisvoller Weise zum großen Aufstand führen könnte.«5 Hier sollte ein Exempel statuiert werden, so viel war deutlich. Am liebsten hätte man Kimbangu schnellstmöglich hinrichten lassen, doch zur allgemeinen Verwunderung begnadigte ihn König Albert in Brüssel. Die Strafe wurde umgewandelt in lebenslänglich. Kimbangu wurde auf die andere Seite des Landes gebracht, ins Gefängnis von Elisabethville in Katanga. Mehr als dreißig Jahre war er dort inhaftiert, bis zu seinem Tod 1951. Eine schwere Strafe für jemanden, der weniger als sechs Monate lang in ein paar von Krankheit und Tod getroffene Dörfer ein wenig Hoffnung und Trost gebracht hatte. Seine Internierung war eine der längsten in Kolonialafrika; sie währte länger als die von Nelson Mandela. Den größten Teil der Zeit verbrachte er in Einzelhaft. Er hatte nie Gewalt angewandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ruhige Zeit, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Vereinzelte kleine Krawalle? Die unverhältnismäßig harte Strafe für Simon Kimbangu ließ erkennen, dass hinter der virilen, dem Anschein nach unerschütterlichen Fassade der Kolonialregierung außerordentliche Nervosität herrschte. Man hatte ungeheure Angst vor Unruhen. Das zeigt auch die massive Unterdrückung von Kimbangus Anhängern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von 1921 an verbannte die Regierung Schlüsselfiguren des Kimbanguismus in andere Provinzen, um die Bewegung so zu zerschlagen. Der alte Wanzungasa konnte ein Lied davon singen. Sein Onkel wurde verhaftet und musste sieben Jahre lang in der Force Publique dienen. Sein jüngster Bruder, noch ein Kind, wurde gezwungen, in die katholische Missionsschule zu gehen, und gegen seinen Willen getauft, sodass er der einzige Katholik in einer protestantischen Familie war. Seine zukünftigen Schwiegereltern mussten jedoch das schwerste Los tragen. »Sie wurden nach Lisala verbannt, ganz im Osten der Provinz Équateur. Warum? Weil die Mutter meiner zukünftigen Frau mit Marie Mwilu verwandt war, der Frau von Simon Kimbangu. Ihr Vater starb in der Zeit der Verbannung. Meine zukünftige Frau war damals noch ein Mädchen; sie blieb hier zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs handelte es sich um ein paar hundert Familien, aber im Laufe der Kolonialzeit wuchs die Zahl auf 3200. Heute gehen die Kimbanguisten davon aus, dass 37.000 Familienoberhäupter ihre Heimat verlassen mussten, sodass insgesamt rund 150.000 Personen betroffen waren; in den Unterlagen der Verwaltung ist jedoch nur von einem Zehntel davon die Rede. Inländische Verbannung war im Übrigen eine bewährte Methode der Regierung: In der gesamten Kolonialzeit wurden etwa 14.000 Menschen zu Ortswechseln gezwungen, die meisten aus politisch-religiösen Gründen. Offiziell ging es um Umerziehung, in der Praxis war es oft eine endgültige Deportation. Der Ablauf erinnerte manchmal an das, was in den vierziger Jahren in Europa geschah. Die Kimbanguisten wurden in verschlossenen Güterwaggons transportiert. Hunger, Hitze und Krankheiten forderten unterwegs ihren Tribut. Viele kamen schon während der Fahrt durch die Entbehrungen um. Ein Mann verlor seine drei Kinder, noch ehe sie das Ziel erreicht hatten; sie wurden neben dem Fluss begraben.6 Die Kimbanguisten wurden in den Regenwald der Provinz Équateur verbannt, nach Kasai, nach Katanga, ja sogar in die Provinz Orientale. Dort lebten sie abgesondert in Dörfern, in denen ihre Religion verboten war. Die angeblich gefährlichsten Verbannten wurden ab 1940 in landwirtschaftliche Kolonien geschickt. Das waren mit Stacheldraht umzäunte Arbeitercamps, in denen Männer mit ihren Familien Zwangsarbeit leisten mussten, von Soldaten mit Hunden bewacht. Die Sterblichkeit betrug bis zu 20 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus. Der Kimbanguismus wurde durch dieses drastische Vorgehen nicht ausgelöscht, im Gegenteil. Die Verbannung festigte den Glauben der Menschen; jede Form der Unterdrückung bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Simon Kimbangu der wahre Erlöser sei. In den schwierigen Lebensumständen fanden sie im Glauben Halt und Trost, sogar so sehr, dass es auf ihre Umgebung ansteckend wirkte. Die Menschen in ihrem Umfeld waren von dem neuen Glauben beeindruckt. So konnte sich der Kimbanguismus im Landesinneren verbreiten. Verbannung schwächte die Bewegung nicht, sondern bewirkte ihre Verbreitung. Die Zahl der Anhänger stieg auf mehrere zehntausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba und der Umgebung war der Glaube unterdessen in den Untergrund gegangen. Es gab nächtliche Zusammenkünfte im Wald, wo Marie Mwilu, Kimbangus Frau, von Papa Simon erzählte und neuen Gläubigen das Singen und Beten beibrachte. Sogar aus der Provinz Équateur kamen Menschen den Fluss herabgefahren. Man korrespondierte in Geheimschrift mit den Verbannten anderswo im Land. Die Illegalität war vielleicht ein Hindernis, aber sie war auch eine gewaltige Schule, die die Bewegung stimulierte und konsolidierte. Die Energie und das Feuer dieser Jahre im Untergrund wecken manchmal Assoziationen an die Erfahrungen der ersten Christen im Römischen Reich. Wanzungasa hatte es als Halbwüchsiger persönlich miterlebt: »Wir konnten nur nachts im Urwald beten, zwischen den ›Spinnen‹. Das waren Kongolesen, die für die Weißen spionierten. Tagsüber gingen wir getrennte Wege, aber wir tauschten Geheimzeichen aus. Nachts versammelten wir uns, um zu singen. Manchmal umzingelten uns die Belgier beim Gebet. Sie hatten unsere Lieder gehört, aber sie konnten uns nicht sehen. Wir sahen sie, aber für sie waren wir unsichtbar.« Auch die ersten Christen in Rom, die verfolgt wurden, machten sich Mut mit magischen Geschichten. Wenn die Obrigkeit einen nicht anerkennt, wendet man sich an eine höhere Instanz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das harsche Vorgehen gegen den Kimbanguismus war einer der größten Fehler der Kolonialverwaltung; ihre Vertreter schätzten die Bewegung völlig falsch ein. Sie bekämpften Symptome und nicht Ursachen. Gegen die konkreten Probleme, die einer so massenhaften religiösen Erweckungsbewegung zugrunde lagen, unternahmen sie nichts. Harte Unterdrückung der Form war wichtiger als empathische Beschäftigung mit dem Inhalt. Und das zeitigte genau die entgegengesetzte Wirkung. 1934 entstand in Bas-Congo der &#039;&#039;ngunzisme&#039;&#039;, eine radikale Spielart des Kimbanguismus und tatsächlich offen antikolonialistisch. Die Anhänger forderten die Abschaffung der Steuern und den Abzug der Belgier. Kurz darauf erschien der &#039;&#039;mpadisme&#039;&#039; oder &#039;&#039;khakisme&#039;&#039;, die Initiative eines Mannes namens Simon-Pierre Mpadi, der den Kimbanguismus mit kakifarbenen Armeeuniformen und viel radikalerem Gedankengut bereicherte. Er wandte sich gegen die Kolonialmacht, befürwortete die Polygamie und hielt Versammlungen ab, in denen sich die Menschenmenge ekstatischen Tänzen hingab. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hoffte er, dass der Kongo von den Deutschen befreit würde. Von Kongo-Brazzaville wehte der &#039;&#039;matswanisme&#039;&#039; herüber. André Matswa (oder Matsoua) war ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, der in Frankreich bei den berühmten &#039;&#039;tirailleurs sénégalais&#039;&#039; gekämpft hatte, den französischen Kolonialtruppen. Noch in Frankreich hatte er einen Freundschaftsverein und einen Notfonds für Afrikaner gegründet; bei seiner Heimkehr nach Brazzaville wurde er wie ein Messias verehrt, und diese Verehrung griff auch auf die andere Seite des Flusses über. Er wurde in den Tschad deportiert, wo er 1942 starb. Trotz aller Verfolgungen kamen immer wieder messianische Strömungen auf. Diese Hartnäckigkeit ist aufschlussreich, denn im Grunde handelte es sich um eine erste strukturierte Form von volkstümlichem Protest, der zeigte, wie viele Menschen sich nach Erlösung und Befreiung sehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nicht auf Bas-Congo beschränkt. Im ganzen Land bildeten sich neue religiöse Bewegungen. In den Bergwerken von Katanga entstand die &#039;&#039;kitawala&#039;&#039;; der Name ist eine Verballhornung von The Watch Tower, dem ursprünglichen Namen der Zeugen Jehovas. Diese Religion, 1872 in den USA gegründet, hatte sich nach Südafrika ausgebreitet und erreichte von dort aus 1920 den katangesischen Copperbelt.7 Im Kongo bekam sie eine ausgesprochen politische Ausrichtung. Sie verbreitete sich durch kleine Grüppchen über die Kolonie und existierte größtenteils im Untergrund. Dennoch wurde es die größte religiöse Bewegung neben dem Kimbanguismus. Andernorts entstanden kleinere geheime, sektiererische Gesellschaften. Im Kwango gab es die &#039;&#039;lukusu&#039;&#039;-Bewegung, mit dem Beinamen »Schlangensekte«. In der Provinz Équateur entfaltete sich der &#039;&#039;likili&#039;&#039;-Kult, dessen Anhänger auf westliche Betten, Matratzen, Decken und Moskitonetze verzichteten – Gegenstände, die man für die sinkende Geburtenzahl verantwortlich machte.8 Am Oberlauf des Aruwimi in der Provinz Orientale bildete sich die unheimliche &#039;&#039;Anioto&#039;&#039;-Gesellschaft, deren Mitglieder als »Leoparden-Männer« bekannt waren. Die Bewegung verbreitete sich über den Nordosten des Landes. Sie säten blinden Terror und ermordeten Dutzende von Eingeborenen. Das Motiv war nicht immer offenkundig, doch der Tenor war deutlich anti-europäisch.9 In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden so etwa fünfzig religiöse Bewegungen. Ihre Methoden variierten von pazifistisch bis terroristisch, aber der ihnen zugrunde liegende Unmut war vergleichbar.10 Im Kongo war Religion nicht Opium, sondern Piri-piri für das Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir Menschen gehören Gott«, sagte Wanzungasa am Ende unseres Gesprächs in den grünen Ledersesseln des Empfangsraumes der Heiligen Stadt, »wir dürfen nichts Böses tun, auch nicht Menschen, die uns Böses getan haben. Auge um Auge, das ist nicht unsere Sache. Wir haben Musikinstrumente, keine Macheten.« Er machte eine kurze Pause. Ich blickte von meinem Notizblock auf und sah sein friedvolles, zerfurchtes Gesicht. Er war 1908 geboren, in dem Jahr, in dem Belgisch-Kongo entstand. Seine Religion wurde erst am 24. Dezember 1959 von Belgien anerkannt, ein halbes Jahr vor der Unabhängigkeit. Vielleicht dachte er an die erste Hälfte seines Lebens zurück, sein erstes halbes Jahrhundert. Mit sanfter Stimme sagte er zum Schluss: »Es gab keine Freiheit damals. Menschen wurden gekauft in der Kolonialzeit. Wir waren wie Sklaven. Wirklich, der Kolonialismus war nicht viel anders als die Sklaverei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa konnte ich mit Nkasi ausführlich über die zwanziger und dreißiger Jahre und über den aufkommenden Widerstand reden. Er, der später im Leben so oft zu den Weißen aufsah, musste zugeben, dass es damals heftig zugegangen war. »Die Alten waren sehr hart. Der Weiße, das war damals nicht dein Kamerad!« Nach seiner Zeit als Arbeiter in Kinshasa kehrte er in seine Heimat zurück. Nur wenige blieben in jener Zeit für immer in der Stadt; Lohnarbeit war Saisonarbeit. Da Kimbangu seinen Bruder durch ein Wunder geheilt hatte, war es naheliegend, dass er Kimbanguist wurde, trotz der damit verbundenen Gefahren. »In Nkamba war Monsieur d&#039;Alphonse &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; geworden«, sagte er mit wenig Begeisterung. Dieser Kolonialverwalter sollte die Gegend nach dem kimbanguistischen &#039;&#039;upheaval&#039;&#039; wieder pazifizieren. Zu diesem Zweck hatte er Lutunu, den befreiten Sklaven-Boy-Fahrradfahrer-Säufer-und-&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039; von ehedem, zum einheimischen Verwaltungschef eingesetzt. Der stand ja auf gutem Fuß mit den Weißen.11 Monsieur d&#039;Alphonse pendelte zwischen dem Verwaltungszentrum Thysville und seinem Posten in Nkamba. Nkasi konnte sich noch allzu gut daran erinnern: »Ich musste ihn damals noch tragen. Auf meinen Schultern, ja! Wir waren zwei Träger, und er schaukelte schrecklich.« Jetzt konnte Nkasi herzhaft darüber lachen. Er saß auf der Bettkante und machte nach, wie der weiße Kolonialbeamte in dem &#039;&#039;tipoy&#039;&#039; hin und her geschüttelt wurde. Er ließ die Arme neben seinem Körper flattern, schlaksig und unkontrolliert, als säße er selbst in dem Tragsessel. Humor muss auch damals geholfen haben. Die Reise ging über eine Entfernung von mehr als achtzig Kilometern, und Monsieur d&#039;Alphonse war hart und schonungslos. »Mein Onkel war ein angesehener Mann, aber er bekam zweihundert Peitschenhiebe von Monsieur d&#039;Alphonse. Das war 1924, glaube ich. Er hatte gesagt: &#039;&#039;Mundele kekituka ndonbe, ndonbe kekituka mundele.&#039;&#039; Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Peitschenhiebe, höchstwahrscheinlich weniger als zweihundert, für einen Satz, der zufällig der Slogan der Kimbanguisten war. »Die Soldaten der Force Publique schlugen ihn auf das nackte Gesäß. Mein Onkel hatte zwei Frauen, aber sofort nach den zweihundert Hieben wurde er ein guter Christ, ein Kimbanguist. Dadurch bekam er keine Striemen, Wunden oder Schwellungen am Hintern, überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit wurde die Bahnlinie von Matadi nach Kinshasa verbreitert und für die Elektrifizierung vorbereitet. Der Bummelzug, der über die Schmalspurgleise zuckelte, genügte nicht mehr, da sich der Kongo nun in hohem Tempo industrialisierte. Und die Luftfahrt befand sich natürlich noch in den Kinderschuhen: 1925 landete in Léo­poldville zum erstenmal ein Flugzeug; der kleine Doppeldecker war in Brüssel gestartet und hatte einundfünfzig Tage gebraucht, zweimal so lange wie ein Schiff.12 Die Arbeiten an der Eisenbahn dauerten von 1922 bis 1931, es wurde bis zu elf Stunden am Tag gearbeitet. Die Trasse wurde an manchen Stellen ein Stück verlegt, drei Tunnel wurden gegraben, alte Brücken ersetzt. Die gesamte Fahrzeit sollte von neunzehn auf zwölf Stunden reduziert werden.13 Nkasi, der als kleiner Junge miterlebt hatte, wie sein Vater beim Bau der ersten Eisenbahnlinie arbeitete, war auch jetzt wieder dabei. Hatte er nicht in Kinshasa schon Erde geschaufelt? »Jetzt musste ich mit der Spitzhacke arbeiten.« Mit der &#039;&#039;piccone&#039;&#039;, sagte er – auf Italienisch, denn bei dieser Erneuerung der Bahnlinie waren viele Italiener beteiligt. Sein Bauleiter war einer davon, Monsieur Pasquale. »Ich bekam zehn Franc im Monat und einen Sack Reis. Aber eines Tages sagte Monsieur Pasquale: ›&#039;&#039;Tu dormi, toi?‹«&#039;&#039; Noch immer konnte er das gebrochene Französisch des Italieners imitieren. »Ich antwortete: ›&#039;&#039;Je travaille!‹&#039;&#039; Er nahm mich mit zu sich nach Hause, und ich wurde sein Boy. Er zeigte mir, wie ich das Bett machen und den Tisch decken musste. Und für diese Arbeit bekam ich zwanzig Franc im Monat!« Er strahlte noch immer, als er es erzählte. So großen Dusel hatte er in seinem Arbeitsleben noch nie gehabt! »Die Italiener waren an unsere Sonne gewöhnt. Sie waren alle frei, sie hatten keine Frau bei sich. Und sie nahmen sich auch keine schwarze Frau, oh nein!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den sechzigtausend kongolesischen Arbeitern starben siebentausend. Nkasi hingegen verdiente nun genug Geld, um ans Heiraten zu denken. Seit der Einführung des Geldes war der Brautpreis enorm gestiegen. Eine Eheschließung war nur noch den Reichen vorbehalten. Oft konnten sie sich sogar mehrere Frauen leisten, während viele junge Männer ledig bleiben mussten.14 Nkasi war inzwischen fast 40. In seinem Heimatdorf Ntimansi lernte er Suzanne Mbila kennen, die wie er zu den Kimbanguisten gehörte. 1924 wurde ihr erster Sohn geboren, 1926 heirateten sie. Die Familie wuchs stetig, er lebte wieder unter den Seinen, und es sah so aus, als ob sich sein Leben so bald nicht ändern würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dann kam der Schwarze Freitag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Börsencrash der Wall Street im Oktober 1929 hatte Auswirkungen bis in die Wälder von Bas-Congo. Die Weltwirtschaft war so miteinander verflochten, dass die Zweifel und die Panik der Anleger in New York das weitere Leben eines Mannes und seiner Familie in einem winzigen Dorf im Kongo bestimmten. Es war natürlich kein direkter Einfluss. Die Kausalkette sah so aus: Durch die Börsenkrise verlangsamte sich die Wirtschaft, und weltweit ging die Nachfrage nach Rohstoffen zurück; der kongolesische Bergbau, der Motor der Kolonialwirtschaft, geriet ins Stocken; der Export aus der Kolonie sank um mehr als 60 Prozent;15 daraus resultierte 1929 ein gigantisches Haushaltsdefizit; die belgische Regierung erkannte, dass der Etat der Kolonie zu sehr von Einnahmen aus dem Bergbau abhängig und eine Diversifizierung erforderlich war; die Landwirtschaft bot eine Alternative, insbesondere, wenn sie auf den Export ausgerichtet war; der groß angelegte Anbau von Tabak, Baumwolle und Kaffee erforderte jedoch Zeit und Investitionen; eine einfachere Methode, rasch an Einnahmen zu gelangen, war es, die Steuern zu erhöhen, für die Einheimischen wohlgemerkt, die großen Unternehmen wollte man in der Krise ja gerade verschonen; eine höhere Kopfsteuer hatte noch einen weiteren Vorteil: Der Geldbedarf würde zunehmen, die Kongolesen wären gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, und das könnte nur eine zivilisierende Wirkung haben. Dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und gleichzeitig mehr Kontrolle über eine Bevölkerung zu erlangen, die anfing aufzubegehren, bedeutete das nicht: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. 1920 betrug das Steueraufkommen der Kolonie nur 15,5 Millionen belgische Franc. 1926 belief es sich bereits auf 45 Millionen. Und 1930, auf dem Höhepunkt der Krise, war die Summe auf 269 Millionen angewachsen. Innerhalb von vier Jahren hatte sich das Steueraufkommen versechsfacht. 1930 war der Anteil der direkten Steuern am Kolonialetat auf 39 Prozent angestiegen, während die Gewinnsteuer der Großunternehmen, die in den Jahren davor noch gigantische Gewinne verbucht hatten, nur 4 Prozent des Haushalts ausmachte.16 Mehr noch, viele der notleidenden Privatunternehmen &#039;&#039;empfingen&#039;&#039; nun sogar Geld von der Kolonialregierung, da sie seinerzeit mit finanziellen Garantien in den Kongo gelockt worden waren: Im Fall eines Rückschlages würden sie aus der Kolonialkasse eine pauschale Dividende von 4 Prozent erhalten.17 Das Loch, das die Krise gerissen hatte, wurde also mit dem Geld der einfachen Kongolesen gestopft; hinzu kamen noch eine Kapitalspritze aus der belgischen Staatskasse und Einnahmen aus der Koloniallotterie. Das bedeutete nicht, dass jeder Arbeiter plötzlich sechsmal so viel zahlen musste wie vorher (in den Städten hatte man den Steuerdruck bereits langsam, aber deutlich erhöht), sondern dass der Fiskus nun auch weiter in die Dörfer im Landesinneren vordrang. Der Knüppel der Kopfsteuer jagte so Tausende in die Minen, auf die Plantagen oder in die Verwaltung. 1920 standen 123.000 Kongolesen in einem Arbeitsverhältnis, 1939 war die Zahl auf 493.000 gestiegen.18 Wer kein Arbeitsverhältnis eingehen wollte und selbstständiger Bauer blieb, war verpflichtet, bestimmte Gewächse anzubauen und an koloniale Privatunternehmen zu verkaufen. 1935 waren Schätzungen zufolge 900.000 Menschen im Baumwollanbau tätig.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Nkasi fühlte sich gezwungen, etwas zu unternehmen. »Ja, damals kam die Krise . . . Und wir hatten nicht genug Geld . . . Ich habe mich bei der Verwaltung beworben, beim Distriktverwalter von Mbanza-Ngungu, Musepenje. Er kam in Ntimansi vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen. Die Kimbanguisten hatten allmählich eine tiefe Abneigung gegen die gesamte Kolonialverwaltung entwickelt. Sie versteckten sich in den Wäldern und wärmten sich heimlich an ihrem Glauben. Mit den Weißen wollten sie nichts zu tun haben. Nun aber mussten sie für die Weißen arbeiten. Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte jedoch nicht lange, da war Nkasi von der europäischen Kultur sehr angetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es allerdings auch gut getroffen mit diesem Musepenje. So hatte ich den Namen phonetisch in mein Notizbuch gekritzelt. Musepenje. Muzepenjet? Wenn ich bei einem Interview ein Wort nicht verstand, versuchte ich immer, es möglichst klanggetreu festzuhalten. Und Nkasi war oft schwer zu verstehen. »Monsieur Peignet?« schrieb ich daneben. Es kostete mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage, bis ich seine Identität herausgefunden hatte. In den Kolonialjahrbüchern der dreißiger Jahre stieß ich auf Firmin Peigneux, Distriktverwalter in der Gegend, in der Nkasi gelebt hatte. Der Distriktverwalter war der Kolonialbeamte, der den meisten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Er reiste von &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; zu &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, beriet sich mit den Dorfvorstehern, schlichtete Konflikte um die Nutzung von Grund und Boden. Monsieur Peigneux also. Die meisten Bantu-Sprecher sprechen das französische eu wie è aus. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Im Afrika-Archiv des Außenministeriums in Brüssel konnte ich Einblick nehmen in seine Personalakte.20 Sofort zeigte sich, dass dieser Mann aus anderem Holz geschnitzt war als ein Menschenschinder wie Monsieur d&#039;Alphonse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peigneux, der aus der Provinz Lüttich stammte, war 1925 im Alter von einundzwanzig Jahren in den Kongo gegangen. Er fiel schon bald durch seine Empathiefähigkeit auf. Nach seinem ersten Jahr schrieb sein Vorgesetzter in einer Beurteilung: »Dieser Beamte verfügt tatsächlich über die erforderlichen Qualitäten, um in kurzer Zeit einen Eliteposten zu besetzen (. . .) Monsieur Peigneux zeichnet sich in seinem Umgang mit den Eingeborenen durch eine besonnene Politik aus, durch die er das Vertrauen der Häuptlinge und Würdenträger gewinnt. Er interessiert sich für soziale Fragen und beherrscht bereits in hohem Maße die Kunst, mit den Primitiven, die uns umgeben, auf behutsame und bedachte Weise umzugehen, ohne sie in ihren weltlichen Auffassungen und Gebräuchen zu brüskieren. (. . .) Die Regierung darf an den zukünftigen Nutzen durch die Leistungen dieses Beamten höchste Erwartungen stellen.« Wie sich zeigen sollte, war das nicht übertrieben. Peigneux absolvierte eine glanzvolle koloniale Laufbahn und brachte es 1948 bis zum Provinzgouverneur, der zweithöchsten Funktion in der Hierarchie nach dem Amt des Generalgouverneurs. Dass er sich sein soziales Engagement bewahrte, zeigte sich in den fünfziger Jahren; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nach Belgien zurückgerufen worden war, wurde er Vorstandsmitglied des »Fonds voor Inlands Welzijn« (etwa: »Fonds für das Wohl der Eingeborenen«).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi sprach noch immer mit großer Sympathie von Monsieur Peigneux. »&#039;&#039;Musepenje, c&#039;était mon oncle&#039;&#039;. Er trank sogar Palmwein mit uns! Er und Monsieur Ryckmans, das waren die einzigen Weißen, die freundlich waren.« André Ryckmans war der Sohn von Pierre Ryckmans, dem besten Generalgouverneur, den der Kongo je hatte. Er regierte von 1934 bis 1946 und zeichnete sich durch hohe Intelligenz und moralische Integrität aus. Vom Aussehen her ähnelte er stark Albert Camus, was seine Auffassung von Humanität betraf in mancher Hinsicht auch. Sein Sohn André war ein Distriktverwalter, der ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung hatte. Er lernte ihre Sprichwörter und Tänze und sprach fließend Kikongo und Kiyaka. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er unter tragischen Umständen ermordet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so bekam Nkasi Arbeit bei Monsieur Peigneux. Er lernte tischlern und wurde Möbelschreiner. Als Peigneux einige Jahre später als stellvertretender Distriktskommissar in den Kwango-Distrikt versetzt wurde, begleitete Nkasi ihn. Er und seine Familie zogen nach Kikwit um, wo sie mehr als zwanzig Jahre wohnten. Sein ältester Sohn, Pierre Diakanua, inzwischen auch vierundachtzig, konnte es bestätigen. Ich fand ihn in einem entfernten, einfachen Viertel von Kinshasa: »Ich bin in Ntimansi geboren, war aber noch klein, als wir nach Kikwit umgezogen sind. Die Unterstadt da, die hat mein Vater gebaut. Wir wohnten in dem Viertel für die Schwarzen, in der &#039;&#039;rue du Kasai, numéro 10&#039;&#039;. Wir hatten ein großes Haus aus Lehmziegeln. Papa wurde dort damals ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Ich hatte belgische Freunde.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi selbst kramt mit großem Vergnügen Erinnerungen an diese Zeit aus. »Ich arbeitete im Staatsdienst. Ich war Bauleiter. Ich musste &#039;&#039;le nouveau pays des mindele&#039;&#039; bauen, das neue Land der Weißen.« Das stimmte. Kikwit war gerade erst zur Hauptstadt des Kwango-Distrikts gemacht worden. Zuvor war es Banningville (heute Bandundu), ganz im Norden des Kwango. Aufgrund sozialer Unruhen wurde die Verwaltung jedoch ins Zentrum des Distrikts verlegt. Auch im persönlichen Leben war es für Nkasi eine bewegte Zeit. »In Kikwit bekam ich vier Kinder, eins davon starb. 1938 starb mein Vater, am Neujahrstag. Er war sehr, sehr alt. Ein Jahr später starb meine Mutter, sie war auch uralt.« Während der langen Jahre in Kikwit lernte er die europäische Kultur aus nächster Nähe kennen. »Ich war &#039;&#039;tout à fait mundele&#039;&#039; damals, völlig weiß. Ich hatte nur eine Frau. Ich hatte einen Anzug mit Krawatte und weiße Schuhe, ich aß bei Monsieur Peigneux zu Hause. Ich dolmetschte für ihn, vom Kikongo ins Französische. Monsieur Pei­gneux holte sogar meine Frau vom Bahnhof ab. Ich war ein Vertreter des Staates, ein leitender Angestellter, wie ein Europäer. Darum bekam ich die &#039;&#039;carte civique&#039;&#039;.« 1948 war die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein Nachweis bürgerlicher Verdienste, eingeführt worden. Sie wurde Kongolesen ausgestellt, deren Lebensstil man als ausreichend fortschrittlich ansah. Der Anhänger einer subversiven Religion aus den zwanziger Jahren hatte sich, vor dem Hintergrund des Steuerdrucks in den dreißiger Jahren, in den vierziger und fünfziger Jahren als jemand entpuppt, der voller Stolz über seinen quasi-europäischen Status sprach. Und das bis heute, auch wenn von dem Wohlstand nichts mehr übrig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Erinnerungen an Kikwit sind auch auf einer anderen Ebene außerordentlich interessant. »In Kikwit habe ich auch das Gefängnis gebaut«, erzählte er mir. »Der Gefängnisdirektor damals war Monsieur Framand, ein dicker Mann.« Ich habe das Gefängnis von Kikwit in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Es wird noch immer benutzt und ist ein ziemlich erbärmlicher Ort. Die Häftlinge tragen Lumpen, schlafen auf dem Boden und haben nur etwas zu essen, weil der Gefängnispfarrer, ein alter flämischer Missionar, mit den umliegenden Gemeinden ein System der Versorgung organisiert hat. Toiletten gibt es nicht: Man hockt sich in einer leerstehenden Zelle über ein Stückchen freien Beton. Links und rechts liegen menschliche Exkremente. Die Häftlinge sind fast ausschließlich junge Männer; es gab eine einzige junge Frau, eine bildschöne, schweigsame Frau mit einem zweijährigen Kind. Keine Ahnung, ob sie es vor oder während der Haft bekommen hatte. Auf einem Stein über dem Portal ist das Baujahr eingemeißelt: 1930. Fast alle Gefängnisse von Belgisch-Kongo wurden zwischen 1930 und 1935 errichtet. Um die zunehmenden Rebellionen niederzuschlagen, wurde der Justizapparat verstärkt. Es gab mehr Gerichte, mehr Justizbeamte, mehr Strafverfahren und mehr Gefängnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In diesem Gefängnis habe ich noch einen Galgen gebaut«, sagte Nkasi. »Der war für die Erhängung von zwei Jugendlichen. Sie hatten in einem Laden Kleidungsstücke gestohlen und den Besitzer ermordet, der dort schlief. Das war 1935, glaube ich.22 Die Todesstrafe wurde in Belgisch-Kongo des Öfteren verhängt und in der Zwischenkriegszeit auch oft vollstreckt. 1921, in dem Jahr, als Kimbangu zum Tode verurteilt wurde, wurden in Bomili, in der Provinz Orientale, zehn »Leopardenmänner« der Anioto-Sekte gehängt. 1922 wurde in Elisabethville François Musafiri aufgeknüpft, weil er einen Weißen – als vermeintlichen Liebhaber seiner Frau – erstochen hatte. Die Hinrichtung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Viertausend Zuschauer waren zusammengeströmt, ungefähr die Hälfte der Stadtbevölkerung: dreitausend Afrikaner, darunter auch Kinder, und tausend Weiße, etwa ein Zehntel der gesamten europäischen Bevölkerung des Kongo.23 Öffentliche Hinrichtungen, so glaubte man, hatten eine erzieherische Funktion. Sie sollten die Schwarzen in Reih und Glied zwingen und ihnen Respekt vor dem Kolonialstaat einflößen. Ob diese Wirkung immer erzielt wurde, ist die Frage. 1939, bei der Erhängung von Ambroise Kitenge, klappte es nicht auf Anhieb. Als die Falltür aufschwang, riss das aus der Feuerwehrkaserne stammende Seil. Eine solche Stümperei entsprach nicht gerade dem Bild der Tatkraft und Entschlossenheit, das die Kolonialmacht von sich vermitteln wollte. Wie oft wurde die Todesstrafe vollstreckt? Es gibt keine lückenlosen Daten, aber wir wissen, dass in der Zeit von 1931-1953 mindestens 261 Personen zum Tode verurteilt wurden und dass 127 Hinrichtungen stattfanden.24 Das bedeutet im Durchschnitt einmal in zwei Monaten, doch in der Zwischenkriegszeit wird es zweifellos viel häufiger zu Hinrichtungen gekommen sein. Was nicht unwichtig ist: Niemals wurde ein Belgier zum Tode durch den Strang verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber dass Kikwit plötzlich zur Hauptstadt des Distrikts wurde, war die Folge eines sehr schweren Volksaufstandes in der Gegend, so schwer, dass die Behörden ihn ängstlich vertuschten. 1931 entbrannte die Revolte der Pende, und das führte zu den stärksten Unruhen der Kolonialzeit vor dem Kampf um die Unabhängigkeit. Die Pende waren eine Bevölkerungsgruppe, von denen ein großer Teil im Dienst der Huileries du Congo Belge stand, des Tochterunternehmens von Unilever. Diese Firma exploitierte eine Region, die sehr reich an Palmen, aber sehr arm an Arbeitskräften war. Im Gebiet der Pende war es genau umgekehrt. Die Pende wurden – oft mit Waffengewalt – gezwungen, Dienste als Träger oder Erntekräfte zu leisten. Sie wurden dafür umgesiedelt. Die Arbeit war sehr schwer. Man erwartete von den Männern, dass sie wöchentlich sechsunddreißig Büschel Palmfrüchte sammelten; sie erhielten dann zu ihrem kärglichen Lohn von 20 Centime pro Kilo eine Prämie von 2,10 Franc und drei Kilo Reis. Jeden Tag mussten sie fünf bis acht reife Büschel finden. Dazu mussten sie die Stämme der Palmen erklimmen, oft bis in mehr als dreißig Meter Höhe, um oben mit der Machete ein Büschel abzuhacken. Die Betriebsleiter von Unilever gingen davon aus, dass jeder Schwarze dieses akrobatische Kunststück mühelos beherrschte, obwohl es ein sehr spezielles Geschick erforderte, das längst nicht jeder besaß. Es gab dabei Tote. Außerdem – wer seine Büschel vom Baum abgetrennt hatte, war noch lange nicht fertig. Sie mussten noch zur Sammelstelle gebracht werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass die Pende-Frauen Entfernungen bis zu dreißig Kilometer zu Fuß über Waldpfade zurücklegen mussten, auf dem Kopf die zwanzig oder dreißig Kilo schwere Last eines Büschels Palmfrüchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wirtschaftskrise ausbrach, war auch Unilever betroffen. 1929 war ein Kilo Palmöl 5,9 Franc wert, 1934 nur noch 1,3 Franc.25 Das Unternemen sah sich gezwungen, einen Teil der Verluste auf die Arbeiter abzuwälzen. Für ein Kilo Palmnüsse bezahlte es Mitte der dreißiger Jahre nur noch 3 Centime statt zwanzig.26 Das führte zu großem Unmut. Der Staat trieb die Steuern in die Höhe, und das Unternehmen senkte die Löhne. Ein auf Dauer unhaltbarer Zustand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier äußerte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Form einer Volksreligion. Nachdem eine Frau namens Kavundji Visionen hatte, bildete sich die Sekte der &#039;&#039;Tupelepele&#039;&#039; (wörtlich: Schweber). Faktischer Anführer der Bewegung war Matemu a Kelenge, ein Mann mit dem Beinamen Mundele-Funji (Weißer Sturm). Die Anhänger hofften auf die Wiederkehr der Ahnen, damit sie die gestörte Ordnung wiederherstellten und ein neues Zeitalter des Wohlstandes einläuteten. Unterdessen sollten die Menschen schon einmal allem abschwören, was europäisch war. Ausweise, Steuerbelege, Geldscheine und Arbeitsverträge wurden in den Fluss geworfen. Am Ufer sollte ein Schuppen errichtet werden, in den würden ihnen die Ahnen alle möglichen Dinge legen, wunderbare Dinge wie z. B. Erdnüsse, so fruchtbar, dass eine davon auszusäen genügte, um ein ganzes Feld erblühen zu lassen. Viel eindrucksvoller konnte die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung nicht ausgedrückt werden. Jemand, der damals in der Gegend lebte, fasste die Situation klarsichtig zusammen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Weißen haben uns zu Sklaven gemacht; um Palmnüsse von uns zu bekommen, hatten sie keine Skrupel, uns zu schlagen und auszupeitschen. Sie haben sich mit den Frauen und Mädchen in den Dörfern vergnügt. Unser Leben war nicht mehr das Leben von Menschen, sondern das von Tieren. Unser ganzes Dasein stand im Dienst der Arbeit für die Weißen: Wir schliefen für die Weißen, wir aßen für die Weißen, wir standen auf für die Weißen und für die Arbeit der Weißen. Wir hatten es satt, ständig nur für die Weißen arbeiten zu müssen, die uns unmenschliche Zustände aufgezwungen haben. Darum haben wir die Botschaften von Matemu a Kelenge, dem späteren Mundele-Funji, angehört und angenommen, als er uns aufforderte, keine Steuern mehr zu bezahlen, nicht mehr für die Weißen zu arbeiten und sie wegzujagen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei Simon Kimbangu entsandte die Kolonialregierung Truppen. Die Situation schien unter Kontrolle zu sein, bis am 6. Juni 1931 Maximilien Balot, ein junger belgischer Beamter, zusammen mit einigen afrikanischen Mitarbeitern mit dem Auto in das Gebiet fuhr, um Steuern einzutreiben. Im Dorf Kilamba gelangte er auf die Straße, die zu dem Schuppen führte, der für die Rückkehr der Ahnen errichtet worden war. Hier stieß er auf Matemu a Kelenge, den Führer der Sekte. Der verkündete, es sei kein Geld mehr da, und drohte, den Weißen und seine Handlanger zu ermorden. Daraufhin schoss Balot in die Luft. Viele Menschen rannten weg, auch die meisten seiner Mitarbeiter. Ein zweiter Schuss verletzte einen Dorfbewohner. »Seht ihr, der Weiße will uns töten«, rief Matemu. »Dann töte mich doch!« Balots Schuss verfehlte sein Ziel, Matemu rappelte sich hoch und schlitzte dem Weißen mit einem großen Messer das Gesicht auf. Der schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen und lief dann weg. Doch der Pfeil eines Dorfbewohners traf ihn am Hals. Matemu verfolgte ihn und versetzte ihm mit der Machete einen Hieb auf die Schulter. Der rechte Arm des Weißen hing nun lose herab. Drei Dorfbewohner, darunter der Dorfvorsteher, beschossen ihn mit Pfeilen. Als Balot zu Boden sank, merkte der Dorfvorsteher, dass er noch lebte. Daraufhin schnitt er ihm den Kopf ab und nahm ihn als Trophäe mit. Am nächsten Tag wurde Balots Körper in Stücke gehackt und unter den Würdenträgern von acht Dörfern verteilt. Seine Koffer wurden geplündert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine so grausame Abschlachtung eines Beamten im Dienst hatte die Verwaltung von Belgisch-Kongo noch nie erlebt. Sie reagierte gnadenlos: Der Aufstand sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine Strafexpedition zog in den Kwango, wie sie die Kolonie seit den schlimmsten Jahren des Freistaates nicht mehr gesehen hatte. Drei Offiziere, fünf Unteroffiziere, 260 Soldaten und siebenhundert Träger besetzten monatelang das Gebiet. Es kam zu schweren Kämpfen. Aufständische wurden gefangen genommen und brutal gefoltert, auch Frauen wurden als Geiseln genommen und vergewaltigt. Ein später eingesetzter Untersuchungsausschuss der belgischen Regierung bestätigt die außerordentlich grimmige Bilanz. Mindestens vierhundert Pende wurden ermordet, möglicherweise betrug die Zahl auch ein Vielfaches davon. Die Revolte der Pende war niedergeschlagen, aber der Unmut der Bevölkerung war dadurch nicht geringer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie nach Brüssel zurückgekehrt war, sagte Balots Witwe mit fast übermenschlicher Milde und Großmütigkeit: »Die Vertreter der Privatunternehmen behandeln die Schwarzen schlecht und beuten sie aus. Die Leute sollen das wissen. Was dort geschieht, muss aufhören, sonst wird es überall zu Aufständen kommen. Privatunternehmen maßen sich Rechte an, die nur der Regierung zustehen. Außerdem haben sich viele Distriktsbeamte nicht so verhalten, wie es sich gehört. Mein Mann hat für die anderen gebüßt.«28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag vielleicht etwas verwundern, dass die ersten Formen von Volksprotest auf dem Land stattfanden, bei den Bauern von Bas-Congo und den Nusspflückern im Kwango. Ein aufmerksamer Beobachter, der 1920 eine Rundreise gemacht hätte, hätte sicher vorhergesagt, dass sich die Flamme der Rebellion in den aufkommenden Städten entzünden würde, mit ihren primitiven Arbeitercamps und der harten, gesundheitsschädlichen Arbeit. Doch das war nicht der Fall. Wie lässt sich das erklären?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grosso modo gibt es darauf zwei Antworten: In den Städten ging es mit der Lebensqualität aufwärts, sodass sich immer mehr Afrikaner dort allmählich zu Hause fühlten, und zugleich war die europäische Bevölkerung ständig darauf bedacht, die Masse ruhig zu halten. Solange es möglich war . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die proto-urbanen Agglomerationen entwickelten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu richtigen Städten. Die Einwohnerzahlen stiegen spektakulär. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Bevölkerung von Kinshasa auf fünfzigtausend.29 In Elisa­beth­ville wuchs die Bevölkerung von sechzehntausend im Jahr 1923 auf dreiunddreißigtausend im Jahr 1929, eine Verdopplung innerhalb von sechs Jahren.30 Immer mehr Kongolesen zogen in die Städte. Die erzwungene Rekrutierung von Arbeitskräften nahm ein Ende, nun aber migrierten viele Menschen aus freien Stücken. In Kasai, Maniema, dem Kivu und sogar in Ruanda und Burundi ließen sich Tausende von Dorfbewohnern überzeugen, zu den Bergwerken der Union Minière in Katanga überzusiedeln. Das Unternehmen zählte 1919 etwa achttausendfünfhundert lokale Arbeiter, 1928 siebzehntausend.31 Aus Bas-Congo und der Provinz Équateur ging man nach Léopoldville; Stanleyville wuchs durch den Zuzug von Arbeitern aus der Provinz Orientale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem junge Menschen, die ihre Siebensachen zusammenpackten, um sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Was machte die Arbeit in einer Mine, Plantage oder Fabrik für sie denn so attraktiv? Oft wollten sie weg aus dem Dorf mit seiner Armut, dem korrupten Oberhaupt und den mächtigen alten Männern, die alle jungen Frauen heirateten. Weg von der kärglichen Landwirtschaft und dem Pflichtanbau von Gewächsen. Weg von der Pflicht zum Straßenbau und weg vom einfachen Dorfleben. Weg von einer Welt, die ihnen keine Zukunft bot.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem waren die Stadt und das Bergwerk keine Schreckensvorstellung mehr wie noch vor kurzem. Bei der Union Minière in Katanga sank die Sterbeziffer rasant. 1918 starben 20,2 Prozent der Arbeiter an der Spanischen Grippe, ein Jahr später lag die Mortalität bei 5,1 Prozent, und 1930 nur noch bei 1,6 Prozent.33 Bergarbeiter wurden auch nicht so schnell krank.34 Sie erhielten Impfungen gegen Pocken, Typhus und Meningitis. Krankenhäuser und medizinische Zentren wurden errichtet. Unterbringung, Kleidung und Ernährung verbesserten sich beträchtlich. Gleiches galt für die Diamantminen in Kasai. Ein Arbeiter in den Goldminen von Kilo-Moto erhielt in jener Zeit täglich 179 Gramm frisches Fleisch oder frischen Fisch, 357 Gramm Reis, 286 Gramm Bohnen und eineinhalb Kilo Bananen, außerdem Salz und Palmöl.35 Von einer so reichhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung konnte man in seinem Dorf nur träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Gesundheit ging es auch mit dem sozialen Dasein aufwärts. Das Leben in den Arbeitercamps von Katanga nahm eine wichtige Wende, als die Union Minière ab 1923 den Bergleuten gestattete, ihre Frauen und Kinder mitzubringen. 1925 waren 18 Prozent der Arbeiter verheiratet, 1932 waren es 60 Prozent.36 Das Gefühl der Entwurzelung, unter dem die vorige Generation gelitten hatte, nahm zusehends ab. Viele entschieden sich freiwillig dazu, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Ab 1927 war es den Minenarbeitern erlaubt, Arbeitsverträge von bis zu drei Jahren Dauer abzuschließen, davor war der Zeitraum auf höchstens sechs Monate begrenzt. Viele Arbeiter machten von dieser Möglichkeit Gebrauch: 1928 hatten bereits 45 Prozent einen langfristigen Vertrag, und 1931 betrug der Anteil 98 Prozent.37 Die Arbeit in der Mine galt nicht mehr als Strafe. Als die wirtschaftliche Depression 1929-1933 das Unternehmen zwang, drei Viertel der Belegschaft zu entlassen, protestierte man weniger gegen die plötzliche Arbeitslosigkeit als eher gegen die Aussicht, wieder ins Dorf zurückkehren zu müssen. Die Arbeitslosen mussten die kleinen Arbeiterhäuser der Firma verlassen, doch statt nach Hause zurückzukehren, zogen sie es vor, sich in der unmittelbaren Umgebung von Elisabethville anzusiedeln, wo sie kleine Äcker anlegten und das Land bestellten, bis die Wirtschaft wieder anzog.38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der katangesische Bergbau war nicht mehr eine Sache geschundener junger Männer, die ein paar Monate in düsteren Arbeitercamps hausten, sondern von jungen Familien, denen es in ihrer neuen Umgebung recht gut gefiel. Die Löhne stiegen, in den Siedlungen wurden Kinder geboren, die das Dorf der Eltern und Vorfahren nur vom Hörensagen kannten. Anderswo in Elisabethville entwickelte sich die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; zu einem pulsierenden, multi-ethnischen Universum mit eigener Dynamik und eigenem Flair. Anders als die mit geometrischer Exaktheit angelegten, immer komfortableren Siedlungen, in denen die Arbeiter der großen Bergbauunternehmen lebten, war die wuselige &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit einer bunten Mischung bevölkert: Zimmerleute, Maurer, Holz- und Metallbearbeiter, Handwerker, aber auch Sanitäter, Büroangestellte und Lagerverwalter. Angestellte von Klein- und Mittelbetrieben lebten neben Staatsbeamten.39 Die Bevölkerungsdichte war viermal höher als im weißen Stadtzentrum.40 Kurz gesagt, es bildete sich eine städtische Bevölkerung afrikanischer Herkunft heraus. Die Kolonialverwaltung war anfangs nicht gerade erpicht darauf. Führte so eine länger andauernde Ansammlung von Proletariern nicht zu einem subversiven oder, schlimmer noch, bolschewistischen Klima? Die Angst vor der roten Gefahr saß tief bei den Vertretern der Kolonialmacht. Oder besser gesagt: »Die Angst vor den Schwarzen tarnte sich als Angst vor dem Roten.«41 Doch 1931 war man sich darüber im Klaren, dass soziale Gemeinschaften gewachsen waren, die keine traditionellen Dörfer mehr waren und auch nicht mehr dazu werden würden. Man erkannte ihre Existenz mit einem Monstrum von einer amtlichen Bezeichnung an, etwas, worauf die Kolonialverwaltung übrigens spezialisiert war: das &#039;&#039;centre extra-coutumier&#039;&#039;. Das »außerhalb der Norm liegende Zentrum«, sozusagen. Diese Zentren erhielten eine Struktur, die mit jener der klassischen &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; vergleichbar war. Es wurde ein &#039;&#039;chef&#039;&#039; bestimmt, der als Vermittler zwischen der Masse und der Macht fungierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten entwickelte sich ein neuer Lebensstil, der sich von der Dorfkultur unterschied, aber auch mehr war als eine Kopie der europäischen Stadtkultur, und sei es nur, weil diese neuen Agglomerationen in nichts ihren europäischen Gegenstücken glichen. Sogar für Belgier war die koloniale Stadt eine völlig neue Erfahrung! Es gab mehr Raum und Freiheit, die Entfernungen waren größer, die Straßen breiter, die Grundstücke geräumiger. Die Städte waren von Anfang an auf die Nutzung des Autos eingerichtet. Es hatte auch etwas Amerikanisches, fanden viele Weiße. Léopoldville mit seinen verschiedenen Stadtkernen ohne deutliches Zentrum ähnelte mehr Los Angeles als den mittelalterlichen Städtchen Belgiens oder den im 19. Jahrhundert entstandenen Bürgervierteln von Brüssel oder Antwerpen. Die koloniale Stadt hinkte nicht dem europäischen Modell hinterher, sondern antizipierte manche Entwicklungen. Als ein belgischer Journalist sah, wie weiße Frauen im Kongo das Flugzeug nahmen, um in Léopoldville ihre Kinder zur Welt zu bringen, äußerte er begeistert, in der Kolonie werde »eine neue Gesellschaft, ein neues Belgien mit neuen Ideen geboren«.42 Es schien, als hätten die fünfziger Jahre im Kongo bereits in den zwanziger Jahren begonnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch für Kongolesen bedeutete die koloniale Stadt ein neues Universum mit einer ganz eigenen materiellen Kultur. Eine imaginäre junge Familie aus Kasai, die nach Elisabethville zog, wo der Vater Bergmann wurde, wohnte dort in einem Steinhaus. Die Frau kochte das Essen nicht mehr in Tongeschirr, sondern in emaillierten Töpfen, auch wenn sie die Mahlzeiten wahrscheinlich lieber wie vorher im Freien zubereitet hätte als in der dunklen Küche an der Rückseite des Hauses. Sie bekamen Tische, Stühle und Besteck. Neue Auffassungen über Körperpflege und Hygiene entstanden: Man trug europäische Kleidung, manchmal sogar Schuhe, man wusch sich mit Seife, und man benutzte eine Latrine. Die Eltern schliefen unter Zudecken aus England, und ihre Kinder bekamen im Krankheitsfall Medikamente aus Belgien. Wenn die Frau schwanger war, ging sie zur Entbindung in eine Geburtsklinik bei schwarzen Schwestern oder weißen Nonnen. Wenn die Familie hin und wieder einmal ins Dorf zurück musste, nahm sie für Angehörige und Verwandte Neuerungen mit wie Nadeln, Nähgarn, Scheren, Sicherheitsnadeln, Streichhölzer, kleine Spiegel und Geld. Bei solchen Besuchen zeigte sich freilich auch, wie groß der Abstand inzwischen war. Der junge Vater hatte als Arbeiter ein neues Gefühl von Autonomie erworben. Er ließ sich nicht mehr so sehr davon beindrucken, was der Dorfvorsteher und die alten Männer ihm erzählten. Jetzt hörten sie ihm zu! Er berichtete von der eisernen Disziplin in der Mine, von dem Geheul der Sirene, die die Arbeiter frühmorgens zusammenrief, von der Arbeit an sechs Tagen in der Woche. Darüber machten seine Zuhörer natürlich Witze. Sechs Tage in der Woche? Er hätte im Dorf bleiben sollen, lachten sie, dann hätte seine Frau sicher die Felder bestellt! Für ihn war das Neid. Sie blickten alle bewundernd auf seine Kleidung, das war ihm nicht entgangen. Auf der Rückreise war seine Arbeitslust und Motivation größer denn je. Wenn er nun auch noch in der Hierarchie der Union Minière aufsteigen könnte, dachte er vielleicht, als Mechaniker zum Beispiel, oder als Maschinenführer, würde er dann nach langem Sparen für seine Familie vielleicht ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder sogar, fast nicht auszudenken, ein Grammophon kaufen können? Am Sonntagmorgen würden sie alle mit dem Rad zur Kirche fahren. Er auf dem Sattel, seine Frau auf dem Gepäckträger, die Kinder auf der Stange und auf dem Lenker. Das hieß Wohlstand, und es fühlte sich gut an.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Woche, an dem dieser neue Lebensstil gefeiert wurde, war der Sonntagnachmittag. In Elisabethville gingen die Minenarbeiter zu den Fußballspielen der weißen Teams.44 In Boma flanierten Hafenarbeiter mit steifem Kragen, Strohhut und Spazierstock. Ihre Frauen trugen farbenprächtige Baumwollstoffe und Kopfbedeckungen, die in Europa längst aus der Mode waren.45 Im friedlichen Tshikapa, bei den Diamantminen von Kasai, ertönte aus manchen Hütten die Tenorstimme von Enrico Caruso.46 Jemand spielte Jazzplatten und kubanische Lieder auf seinem Grammophon. In Léopoldville strömten die Menschen um vier Uhr zum Tanzen in den Apollo-Palace.47 Männer mit langer Hose, mit kurzer Hose, mit Radlerhose, Reithose oder Fußballshorts, aber auf jeden Fall: mit Hose, kamen hier zusammen. Und Frauen mit Kleidern, langen Röcken und kompliziert drapierten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, alle auf Schuhen mit hohen Absätzen, manchmal bis zu zwölf Zentimetern. Hin und wieder sah man auch einen Mann mit Smoking und Lackschuhen, die meisten Männer waren jedoch barfuß. Mit großem Ernst wurde getanzt, und mit Vorsicht wegen der Pfennigabsätze. Eine Band spielte Maringa- und Rumbamusik. Auf Flaschen und Trommeln schlug man komplexe, synkopierte afrikanische Rhythmen. Aber man hörte auch Fetzen Fandango, Cha-cha-cha, Polka und Schottisch, neben Echos von Marschmusik und Kirchenliedern.48 Der wichtigste Einfluss war jedoch kubanisch: Schellack-Schallplatten brachten Musik zu Gehör, die sich für Kongolesen irgendwie vage vertraut anhörte. Es war die Musik, die die Sklaven in den Jahrhunderten zuvor auf die andere Seite des Ozeans mitgenommen hatten und die nun, bereichert durch spanische Einflüsse, zurückkehrte. Die Sänger in Léopoldville sangen gern auf Spanisch oder so, dass es sich wie Spanisch anhörte. Die hellen Vokale erinnerten an das Klangmuster des Lingala, man brauchte nur dann und wann ein &#039;&#039;corazón&#039;&#039; und &#039;&#039;mi amor&#039;&#039; einzuwerfen&#039;&#039;.&#039;&#039; Die Gitarre wurde das populärste Instrument, neben dem Banjo, der Mandoline und dem Akkordeon. Camille Feruzi, der größte Akkordeon-Virtuose der kongolesischen Musik, komponierte unvergleichlich wehmutsvolle Melodien. Und auf den Schiffen, die vom Landesinneren nach Léopoldville fuhren, spielte der junge Wendo Kolosoy unermüdlich auf seiner Gitarre: Er würde sich zum Begründer der kongolesischen Rumba entwickeln, des einflussreichsten Musikstils im subsaharischen Afrika im zwanzigsten Jahrhundert. Léopoldville war in jenen Jahren eine Art New Orleans, wo afrikanische, lateinamerikanische und europäische volkstümliche Musik zu einem neuen Genre verschmolzen: der kongolesischen Rumba, unwiderstehlicher Tanzmusik, die den gesamten Kontinent überfluten würde, doch vorerst nur in den Bars der neuen Hauptstadt erklang. Es war Musik, die einen lachen und vergessen ließ, die zum Tanz und zur Verführung einlud, die froh machte und sinnlich. Saturday Night Fever, wenn auch am Sonntagnachmittag. Warum sollte man gegen dieses herrliche, heitere Leben protestieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Machthaber blieben wachsam. In Elisabethville konnte man in den dreißiger Jahren im Cercle Albert des öfteren drei Männer sehen, die sich unterhielten.49 Drei weiße Männer. Sie sprachen leise und mit ernsten Gesichtern. Ihre Stimmen: Basso continuo. Ihr Gespräch: unhörbar. Über ihren Köpfen kräuselte sich Zigarrenrauch, hin und wieder von einem gutmütigen Lachen auseinandergepustet, das aus ihrer Mitte aufstieg. Offiziell war es Afrikanern nicht verboten, in europäischen Restaurants zu essen, aber der elegante Cercle Albert bildete eine Ausnahme. Und doch wurde hier über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung entschieden. Die drei Männer waren Amour Maron, Provinzkommissar von Katanga, Aimé Marthoz, Direktor der Union Minière, oder einer seiner Nachfolger, und Félix de Hemptinne, Bischof von Katanga. Wegen des imposanten weißen Barts des Bischofs war die afrikanische Bevölkerung davon überzeugt, dass er ein Sohn von Leopold II. sei . . . Drei Belgier. Jeder von ihnen stand an der Spitze einer der drei tragenden Säulen der Kolonialmacht: Regierung, Kapital und Kirche. Die »koloniale Dreifaltigkeit«, hieß es manchmal im Scherz. Ob der Erzbischof darüber wohl lachen konnte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam sorgten diese drei Männer dafür, dass das Leben in der Minenstadt Elisabethville in geordneten Bahnen verlief. Ihre Interessen waren in vieler Hinsicht deckungsgleich: Die Industrie wollte willige, loyale Arbeiter; die Regierung wollte keine Wiederholung der Kimbangu-Affäre oder der Pende-Revolte; die Kirche wollte reine Seelen im Jenseits abliefern – und das bedeutete: brave Bürger im Diesseits heranziehen. Auch anderswo in der Kolonie waren diese drei Instanzen eng miteinander verflochten. Es gab zwar oft Spannungen zwischen den Säulen der kolonialen Trinitas, in einem aber waren sie sich vollkommen einig: Damit die Umstellung vom tribalen zum industriellen Lebensstil nicht scheiterte, müssten sie die dunkelhäutigen Mitmenschen sorgfältig im Auge behalten und sie begleiten. Langsam und vor allem behutsam würde der neue, urbane Kongolese zu einem arbeitsfreudigen Werktätigen, einem gefügigen Untertan, einem frommen Katholik geformt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass groß angelegte Aufstände in den Städten ausblieben, hatte nicht nur mit dem angenehmen Wohlstand zu tun, der den Arbeitern zuteil wurde, sondern auch und vor allem mit dem raffinierten Arsenal an Strategien, die die koloniale Dreifaltigkeit einsetzte, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zu disziplinieren und eventuell zu sanktionieren. Von einem übergreifenden Masterplan konnte man zwar nicht sprechen, doch in der Praxis zogen Kirche, Staat und Großkapital sehr oft am selben Strang. Die zugrunde liegende Philosophie – Wie halten wir sie unter Kontrolle? Wie verschaffen sie uns die höchste Rendite? Wie erziehen wir sie? – manifestierte sich in sehr unterschiedlicher Weise. In Léopoldville war man besorgt wegen der ganzen Tanzerei und trat eifrig dafür ein, die &#039;&#039;cité&#039;&#039; nachts zu beleuchten, denn anders könne man »eine Agglomeration von zwanzigtausend Bewohnern nicht effizient überwachen mit einer Handvoll Polizisten, verloren in der Nacht«.50 In Elisabethville gelang es, eine Umgangssprache zu erzwingen, das Swahili, eine Sprache, die dort nicht heimisch war und die fast niemand als Muttersprache hatte, die jedoch die Kontrolle über den ethnischen Schmelztiegel erleichterte.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schulwesen war noch immer die exklusive Domäne der Missionare und wurde ein machtvolles Instrument, um die Massen in die gewünschte Richtung zu lenken: Die Schüler lernten alles über das belgische Königshaus und nichts über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Selbst die Französische Revolution musste mit besonderer Umsicht besprochen werden. Europäische Schulbücher enthielten zu viel Sprengstoff: »Oftmals wird die Revolution nicht mit dem nötigen kritischen Verstand behandelt. Man bejubelt zu leichtfertig manche Reformen, Freiheiten usw., die die Kirche verurteilt hat«, schrieb der einflussreiche Missionar und Schulinspektor Gustaaf Hulstaert. Er warnte davor, dass die Schüler »liberal und dann gleichgültig und atheistisch« werden könnten.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lasen afrikanische Büroangestellte auch französischsprachige Zeitungen. Kommunistische Blätter wie &#039;&#039;Le Drapeau Rouge&#039;&#039; aus Belgien waren ab 1925 verboten, ebenso wie Illustrierte mit vielsagenden Titeln wie &#039;&#039;Paris Plaisirs&#039;&#039;, &#039;&#039;Séduction&#039;&#039; und &#039;&#039;Paris Sex-Appeal&#039;&#039;.53 Der gleiche Kontrollreflex zeigte sich, als nach dem Großen Krieg die ersten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Film sei ein gefährliches Medium, glaubte man, es könnte die ungebildeten Massen aufwiegeln. 1936 wurde deshalb eine separate Filmzensur für das afrikanische Publikum eingeführt. Daraus resultierten getrennte Vorführungen für Europäer und Kongolesen. Häufig lief es darauf hinaus, dass Filme, die für weiße Kinder als ungeeignet eingestuft wurden, auch für schwarze Erwachsene verboten waren.54 &#039;&#039;»Tous les coloniaux seront unanimes à déclarer que les noirs sont encore des enfants, intellectuellement et politiquement«&#039;&#039;, stand in den amtlichen Richtlinien zur Pressepolitik.55 Der Afrikaner, so der gängige Vergleich, sei in kultureller Hinsicht noch ein Kind: Man dürfe ihn nicht seinem Schicksal überlassen, sondern müsse seine Entwicklung gut im Auge behalten. Letztendlich strebte die koloniale Dreifaltigkeit durchaus eine Form der Emanzipation an, jedoch auf lange, notfalls sehr lange Sicht. Es sollte nicht zu stürmisch zugehen. &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; lautete die Devise des damaligen Generalgouverneurs Pierre Ryckmans: herrschen, um zu dienen. Paternalistisch? Unbedingt. Dieses »dienen« klang indes in den Ohren vieler noch gefährlich progressiv. »Disziplinieren« wäre besser gewesen, oder notfalls »erziehen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Léopoldville der zwanziger Jahre wuchs ein intelligenter und sensibler Junge heran, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der ersten literarischen Schwergewichte der kongolesischen Literatur werden sollte, Paul Lomami Tshibamba. Kurz vor seinem Tod 1985 blickte er auf die Atmosphäre in der Zwischenkriegszeit zurück:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialmacht tat alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir große Kinder seien, dass wir so bleiben würden, dass wir unter ihrer Vormundschaft stünden und dass wir alle Anweisungen befolgen müssten, die sie uns für unsere Weiterentwicklung gab mit dem Ziel einer stetigen Integration in die westliche Kultur, dem Ideal der Kultur überhaupt. Und wir, was konnten wir anderes erwarten? In meiner Generation kannten wir die Traditionen unserer Eltern nicht mehr: Wir waren in dieser Stadt geboren, die von den Kolonisatoren gegründet worden war, in dieser Stadt, in der ein Menschenleben der Macht des Geldes untergeordnet war . . . Ohne Geld landete man im Gefängnis. Geld benötigte man, um Steuern zu zahlen, sich einzukleiden und sogar um zu essen, etwas, was in den Dörfern unbekannt war. Es waren die weißen Kolonisatoren, die einem Geld verschafften, also musste man sich allem, was sie sagten, fügen. In dieser Welt wurde ich geboren und habe ich gelebt: Man musste sich beugen und tun, was andere von einem verlangten.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung begnügte sich jedoch nicht damit, das städtische Arbeitermilieu zu beaufsichtigen, sie griff auch aktiv ein. Neben dem Schulwesen waren das Vereinsleben und die Familienpolitik die politischen Instrumente der Wahl. Die Entscheidung, Frauen und Kinder in den Arbeitercamps zu dulden, hatte utilitaristische Gründe: Es sollte die Arbeitslust steigern, Prostitution und Alkoholgenuss bremsen, die Monogamie fördern und zur allgemeinen Ruhe im Camp beitragen. Außerdem sollten die Kinder von klein auf in der Firmenkultur aufwachsen. So wurden sie, mit Unterstützung der Missionsschulen, zu neuen Jahrgängen disziplinierter Arbeitnehmer getrimmt.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirche verfügte über sehr große politische Macht. Um 1930 gab es in Belgisch-Kongo genauso viele katholische Missionare wie Kolonialbeamte.58 Kirchliche und weltliche Macht schlossen nahtlos aneinander an. Das wusste auch der Schriftsteller Lomami Tshibamba:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im praktischen Leben, in dem wir aufwuchsen, verlangte der Priester unsere Unterwerfung; die Vertreter von Bula Matari, anders gesagt des Gouvernements oder der Bezirksverwaltung, besaßen alle Macht, und diese Macht kam von Gott. Demzufolge wurde von uns absoluter Gehorsam erwartet. Das ist das, was uns der Priester nahe­legte! Gut sein, gegenüber Gott und gegenüber diesen Menschen der neuen Gesellschaft, die von der Bula Matari geschaffen worden war, das setzte Gehorsam, Unterwerfung und Respekt voraus. Wir waren reduziert auf Diensteifer – dieses Wort wurde nicht benutzt, aber darauf lief es im Grunde hinaus.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diensteifer zu erzeugen war auch das Motiv, das hinter der Sozialpolitik der großen Betriebe steckte. Die Union Minière ging dabei am weitesten. Ja, das Unternehmen baute Schulen, Spitäler und Freizeitclubs für die Arbeiterfamilien. Ja, es gab Ende der dreißiger Jahre die Anfänge eines Rentensystems. Und ja, der Bergarbeiter wurde von der Wiege bis zur Bahre vom Betrieb umsorgt, mehr als bei jedem anderen Bergbauunternehmen in Zentralafrika. Aber es steht außer Frage, dass das paternalistische Wohlwollen des Unternehmens eher wirtschaftlichen Erwägungen als einer philanthropischen Haltung entsprang. Man zog sich vollkommene Arbeiter heran: glücklich und fügsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als ein Arbeitgeber war die Union Minière ein Staat im Staate, hin und wieder sogar mit totalitären Zügen. Jede Facette des Lebens im Arbeitercamp stand unter der Kontrolle des weißen Camp-Chefs. Er führte über jeden Arbeiter und dessen Familie eine Karteikarte; er war zuständig für die Unterbringung, die Bevorratung, die Löhne und die Schulen; er schlichtete Konflikte und verhängte Disziplinarmaßnahmen. Wenn die Frau eines Union-Minière-Arbeiters in ihr Heimatdorf reisen wollte, musste sie den Camp-Chef um Erlaubnis bitten, obwohl sie selbst nicht im Dienst des Unternehmens stand! Ihre Kinder mussten bereits vom zehnten Lebensjahr an am Werkunterricht teilnehmen, zur Vorbereitung auf ihre spätere Arbeit. Knaben half das Unternehmen, Geld für den Brautpreis zu sparen. Die Union Minière war ein allumfassender Betrieb und genoss die Unterstützung von Mission und Staat.60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Zusammenschlüssen von Einheimischen war man sehr auf der Hut, denn dort könnten Formen von sozialem Protest aufkeimen: »Ein Gemeinschaftsgefühl wird so weit wie möglich unterdrückt. Die Camp-Leitung kontrolliert genauestens alle Aktivitäten, die die Einheimischen organisieren.«61 Nähclubs, Chorgesang und Haushaltskurse fand die Union Minière erwünschter als Eigeninitiativen von Mitarbeitern. Die Missionen, die Kirchen in den Arbeitervierteln hatten, unterstützten das Unternehmen dabei nach Kräften. In Léopoldville waren es hauptsächlich Scheutisten, in Elisabethville Benediktiner. In der Kathedrale van Elisabethville sang am Sonntag ein ausgezeichneter gregorianischer Knabenchor, der nur aus afrikanischen Kindern bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten stampften belgische Priester ab 1922 die ersten Pfadfindergruppen Afrikas aus dem Boden. Die Pfadfinderbewegung, vom Ursprung her säkular, die mit ihrem paramilitärischen Charakter eher zum Staat als zur Kirche passte, war in der Kolonie eine exklusiv katholische Angelegenheit. Sie ermöglichte es dem Missionar, auch nach Schulschluss die besten Schüler unter Kontrolle zu behalten. Mit Aktivitäten wie Spurensuche, Bäume erklettern, Knoten knüpfen, Zelten und Morsezeichen üben vermittelte man Jugendlichen sowohl Stolz als auch Disziplin. Der junge Pfadfinder sammelte Abzeichen, legte sein Gelöbnis ab und behandelte seine Uniform pfleglich. Die Mitgliederzahlen waren nie sehr hoch (etwa tausend im gesamten Kongo), doch es entstand eine einheimische Elite, die wusste, was Disziplin und Zuverlässigkeit war.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine viel größere Masse war für das empfänglich, was wahrscheinlich den erfolgreichsten Teil der belgischen Missionierung ausmachte: Fußball. Auch hier ging die Initiative von Léopoldville und Elisabeth­ville aus. Es begann um 1920. Missionare in Soutane erläuterten die Spielregeln und sahen, wie schon nach kurzer Zeit Kinder und Jugendliche in den staubigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit selbstgemachten Bällen oder mit Pampelmusen trainierten. Die ersten Mannschaften wurden gegründet: Étoile und League in Léopoldville, Prince Charles und Prince Léopold in Elisabethville. 1939 gab es allein schon in Léopoldville dreiundfünfzig Mannschaften und sechs Ligen. Es gab Barfuß-Teams und Teams mit Schuhen – barfuß spielen bedeutete weniger kraftvolle Pässe, aber größere Geschmeidigkeit. Die Wettkämpfe fanden am Sonntagnachmittag statt. Neben Hunderten von Spielern waren Tausende Fans auf den Beinen. Freunde, Kollegen, Frauen und Kinder schrien sich am Rand des Spielfeldes heiser. Fußball war mehr als ein Freizeitvergnügen. Es hatte auch einen erzieherischen Aspekt. Ein flämischer Benediktiner konstatierte zufrieden: »Statt den Sonntagnachmittag in einer Hütte zu hocken und ihren &#039;&#039;pombo&#039;&#039; zu trinken, oder Bars aufzusuchen und in Gesellschaft von Frauen mit zweifelhaften Sitten zu trinken, geben sie sich frei und an frischer Luft den Sportarten hin, die sie fesseln.«63 Ein Scheutist war ebenso begeistert: »Das hält sie, zumindest für die paar Stunden, vom Tanzen und von Saufgelagen ab und ist, nach dem Gottesdienst, eine angenehme Sonntagsbeschäftigung.«64 So wie in den katholischen Oberschulen und Internaten Flanderns Fußball propagiert wurde, um die überschüssige sexuelle Energie der Jungen zu kanalisieren, wurde der Sport in der Kolonie eingeführt, um eventuellen sozialen Unmut zu unterdrücken. Fußball war nicht nur ein ausgelassenes Spiel, sondern auch eine Form der Disziplinierung. Man musste am Training teilnehmen, Geschicklichkeit entwickeln, Reflexe kontrollieren können, sich an Regeln halten, dem Schiedsrichter gehorchen. Vergnügen und zugleich Selbstbeherrschung: eine ideale koloniale Schule. »Sport lehrt den Eingeborenen (. . .), sich einer Disziplin zu fügen, die er freiwillig anerkennt«,65 hieß es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen von Kikwit sah ich im Jahr 2007 einmal ein klappriges, gelbes Moped vorbeiknattern, auf dem ein alter Weißer saß. Das war an sich schon recht ungewöhnlich: Die wenigen Europäer bewegen sich prinzipiell mit dem Auto fort, und die Alten unter ihnen sowieso. Besagter Mopedfahrer war, wie sich herausstellte, Henri de la Kéthulle de Ryhove, ein Jesuit aus adeligem Haus, weit über achtzig und noch immer unermüdlich aktiv, in den letzten Jahren vor allem im Kampf gegen Sichelzellenanämie, eine erbliche Krankheit. Père Henri war auch der Neffe von Raphaël de la Kéthulle, dem wohl berühmtesten Missionar von ganz Belgisch-Kongo. Und diese Berühmtheit verdankte sein Onkel weder einem heroischen Bekehrungseifer im tiefen Urwald noch der christlichen Aufmunterung einer trostlosen Leprakolonie, nein, père Raphaël arbeitete sein ganzes Leben in Kinshasa und brachte seinen Schäfchen das Fußballspielen bei. Er war ein Scheutist, der als Lehrer tätig war, und gehörte zur ersten Gruppe städtischer Missionare. Als Spross einer französischsprachigen, aristokratischen Familie aus Brügge war er selbst im Sint-Lodewijkscollege zur Schule gegangen. (Ein Detail, über das ich lächeln muss: Ich selbst habe eine frühere Zweigstelle dieser Schule besucht. Auch in meinem College war, ein dreiviertel Jahrhundert später und nach einer »Niederlandisierung«, Fußball noch immer die wichtigste Religion neben dem Christentum. Auf unserem gepflasterten Schulhof waren fünf oder sechs Fußballfelder aufgemalt, außerdem hingen dort fünf Volleyballnetze und zwei Basketballkörbe. Statt zwei Pflichtstunden Sport hatten wir vier. Der westflämische Katholizismus hatte, auch wenn viele mit ihm eher den Dichter, Priester und Lehrer Guido Gezelle assoziieren, mehr Affinität zum Ballsport als zur Lyrik.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Onkel war der Gründer der Association Sportive Congolaise, des ersten Sportvereins im Kongo«, erzählte mir père Henri, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sein weißes Haar war vom Mopedfahren nach hinten geföhnt. »Er war der große Förderer des Fußballs in Kinshasa.« Aber dabei blieb es nicht. »In seinem Sportverein gab es auch Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und sogar Wasserball.« Raphaël de la Kéthulle muss ebenso unermüdlich gewesen sein wie sein Neffe. Er hatte sich nicht nur um die sportlichen Aktivitäten gekümmert, sondern auch mehrere Schulen gegründet. Er stand mit an der Wiege der kolonialen Pfadfinderbewegung, des Schul­theaters, einer Musikkapelle und eines Vereins ehemaliger Schüler. Vor allem aber war er die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer soliden Sportinfrastruktur in Léopoldville. Père Henri wusste das. »Er hat drei Fußballstadien gebaut, einen weiträumigen Sportplatz, Tennisplätze und ein Schwimmbad mit olympischen Maßen, das sogar ein Fünfmeterbrett hatte. In diesem Schwimmbad organisierte er auch Einbaumwettkämpfe!« Der absolute Höhepunkt seiner Baulust war das Stade Roi Baudouin, das spätere Stade du 20 Mai, ein Fußballstadion, das achtzigtausend Zuschauern Platz bot und bei seiner Eröffnung im Jahr 1952 das größte Stadion in ganz Afrika war. Es war auch der Ort, an dem 1959 die Unruhen ausbrachen, die zur Unabhängigkeit führen sollten. Und hier hielt Mobutu nach seinem Putsch im Jahr 1965 eine Ansprache an das Volk. 1974 fand hier der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt. Noch heute kennt jeder Kinois &#039;&#039;tata&#039;&#039; Raphaël, Väterchen Raphaël, und sei es nur, weil das große Stadion inzwischen nach ihm benannt wurde und sein Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Logo von Kentucky Fried Chicken aufweist, riesengroß auf den Mauern des Collège Saint Raphaël prangt. »Ja, er war sehr zielstrebig«, resümierte père Henri, »auch wenn er &#039;&#039;la bottine légère&#039;&#039; hatte.« Den leichten Stiefel? »Ja, wenn es sein musste, konnte er auch mal jemandem einen Fußtritt verpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vereinsleben, angekurbelt von den katholischen Missionaren, bot den städtischen Arbeitern nicht nur gesunde Freizeitaktivitäten, sondern veränderte auch zielbewusst die soziale Landkarte. Aus Furcht vor ethnisch gefärbten Aufständen wie bei den Pende verwischte man die tribalen Grenzen – dieselben Grenzen, die die Missionsschulen akzentuiert hatten! Henri de la Kéthulle erzählte mir: »Mein Onkel brachte beim Sport die Stämme zusammen. In seinen Fußballwettkämpfen wurden die Mannschaften gemischt. Er veranstaltete landesweite Wettkämpfe, ja sogar das erste internationale Fußballspiel. Ein kongolesisches Team spielte damals gegen ein belgisches. Beerschot, glaube ich.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch freiheitliche Regungen ließen sich nicht restlos unterdrücken. Trotz aller wohlwollenden Sportinitiativen und der bevormundenden Familienpolitik war ein gewisser Hunger bei Teilen der kongolesischen Städter nicht zu stillen. Die Kolonialverwaltung bezeigte sich zwar freundlich, aber nur, solange man sich unterordnete. Die Masse wurde unter dem lächelnden Blick der kolonialen Dreifaltigkeit in Bahnen gelenkt, doch wer aus der Reihe tanzte, wurde mitleidlos bestraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb blieben einheimische Organisationen bestehen.67 Die Kita­wala-Religion verbreitete sich unter den Bergleuten und infiltrierte große Teile des flachen Landes. Von Katanga aus erreichte sie den Kivu und die Provinzen Orientale und Équateur. Sie existierte im Untergrund und vermengte Mystik mit Revolte. Als 1936 in Jadotville Anhänger dieses Glaubens verhaftet wurden, sagten sie über die Bibel: »In diesem Buch steht sehr deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Gott hat den Weißen nicht geschaffen, damit er über den Schwarzen herrscht. (. . .) Es ist nicht gerecht, dass der Schwarze, der die Arbeit leistet, weiter in Armut und Not leben muss, während die Löhne der Weißen so viel höher sind.«68 Viele Anhänger wurden verbannt, aber wie bei den Kimbanguisten gab das der Bewegung eher einen Impuls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnische Organisationen in Katanga, zum Beispiel der Lulua und der Baluba, boten ein soziales Miteinander und eine Identifikationsmöglichkeit, die kein Pfadfindertrupp bieten konnte. Sie nahmen Neuankömmlinge unter ihre Fittiche und halfen jungen Männern, den Brautpreis aufzubringen. Es entstanden sogar Formen von Solidarität unter Menschen mit demselben Vornamen. Ein alter Mann aus Lubumbashi erklärte das so: »Wenn ich Albert heiße und du heißt Albert, dann wirst du mein Bruder. (. . .) Wir kümmern uns umeinander. Wir helfen uns gegenseitig, etwas zu essen zu bekommen, wir spielen zusammen, wir unterstützen uns auf jeder Ebene.«69 Ab 1929 führte die Krise zu intensiven Formen einheimischer Solidarität. André Yav, der ehemalige Boy aus Lubumbashi, berichtete davon: »Alle hatten viel Hunger damals. Die Arbeitslosigkeit stieg unglaublich. Aber wir haben es so gemacht: Wenn ein Mann Arbeit hatte, dann war er der Vater und die Mutter von allen seinen Freunden. Sie kamen in sein Haus, um zu essen, und sie kamen, wenn sie etwas zum Anziehen brauchten.«70 Solche Formen spontaner Selbstorganisation waren unzerstörbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwanziger Jahren gab es Gruppen, die sich &#039;&#039;Les Belges&#039;&#039; nannten. Ihre Mitglieder schmückten sich nicht ohne Humor mit den Titeln der Kolonialverwaltung (»Distriktskommissar«, »Generalgouverneur«, »König«) und imitierten in ihren Tänzen weiße Beamte und Missionare. Außer mit Satire beschäftigten sie sich auch mit der Unterbringung von Neuankömmlingen, der Essensverteilung und der Organisation von Bestattungen.71&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Krise gründeten sich die ersten Vereine von Afrikanern, die es geschafft hatten, sich hochzuarbeiten. In Organisationen mit Namen wie &#039;&#039;Cercle de l&#039;Amitié des Noirs Civilisés&#039;&#039; oder &#039;&#039;Association Franco-Belge&#039;&#039; fanden sich Kongolesen zusammen, die eine Schule besucht hatten, über ein gutes Einkommen verfügten und untereinander Französisch sprachen. Sie verkörperten den Beginn einer kongolesischen Mittelschicht, mit der entsprechenden Zuversicht und nicht ohne Snobismus. Die Mitglieder blickten oft herab auf die Straße, von der sie sich gerade emporgekämpft hatten, und lechzten nach einem europäischeren Lebensstil, nach Manschettenknöpfen und Respekt. Doch dieses Verlangen konnte, wenn es sich nicht erfüllte, in Unmut und Protest umschlagen – was in den fünfziger Jahren auch geschah. In der Zwischenkriegszeit jedoch hatten diese Aktivitäten noch keinen offen politischen Charakter, auch wenn manche Gruppen sich am liebsten unabhängig von der Kirche organisierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den dreißiger Jahren bot sich mehrmals pro Woche ein faszinierendes Phänomen an der Grenze zu Rhodesien.72 Immer, wenn ein Zug aus dem britischen Dominion ankam, hielt er mit lautem Zischen an, um den weißen Lokführer von Bord zu lassen. Sein Kollege aus Belgisch-Kongo kletterte auf die Lokomotive, um die Fahrt nach Elisabethville fortzusetzen. Wer die Szene zum ersten Mal sah, rieb sich kurz die Augen: War der neue Lokführer tatsächlich ein Afrikaner? Ja, das war er. In Belgisch-Kongo war man stolz darauf, dass es, anders als in Südafrika und Rhodesien, keine Rassenschranke gab. In den Minen und Fabriken durften Afrikaner teure und gefährliche Maschinen bedienen, wenn auch unter der Kontrolle weißer Vorarbeiter. Strebsame Arbeiter der Union Minière konnten bis zu einer gewissen Ebene im Betrieb aufsteigen. Hotels, Restaurants und Kneipen waren theoretisch für jeden zugänglich. Nur in den Kinos herrschte eine deutliche Rassentrennung. Es existierte kein formelles Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Abwesenheit einer gesetzlichen Rassenschranke bedeutet nicht, dass diese nicht unsichtbar gleichwohl existierte.73 Diese unsichtbare Rassenschranke war vielleicht sogar noch die hartnäckigste von allen. Afrikaner konnten nicht bis an die Spitze eines Betriebes aufsteigen. In der Verwaltung war Sachbearbeiter oder Typist die höchste erreichbare Funktion. Die Städte bestanden aus strikt getrennten weißen Zentren und schwarzen Vororten, angeblich, um die Verbreitung von Malaria zu verhindern. Doch das war ein vorgeschobenes Argument. Auch die Friedhöfe waren nach Rassen getrennt, und dort brauchte man sich in der Regel kaum noch vor Malaria zu fürchten. Gemischte Pfadfindergruppen gab es auch nicht. Und kongolesische Fußballmannschaften durften nicht gegen europäische Teams spielen, weil man Tumulte bei Niederlagen oder Demütigungen bei Siegen befürchtete. Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Kolonialzeit schrieb darüber: »Die Tatsache, dass es keine offizielle Rassenschranke gab&#039;&#039;,&#039;&#039; verstärkte seltsamerweise die rassischen Reflexe der Weißen. Juristisch nicht existent, offenbarte sich der Rassismus mit ganzer Macht in den Fakten.«74 Und das traf zu. Wer heute in die Zeitungen der Kolonie aus der Zwischenkriegszeit schaut, merkt, wie sehr eine Wir/Sie-Logik das Denken bestimmte und wie viel Angst hinter dem markigen Sprachgebrauch steckte. Nachdem ein Kongolese einen Weißen ermordet hatte, schrieb &#039;&#039;L&#039;Avenir Colonial Belge&#039;&#039;, eine der populärsten Zeitungen der Kolonie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist für uns, die Weißen, die persönliche Freiheit in Léopoldville überhaupt noch gewährleistet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann in aller Aufrichtigkeit antworten: Nein! Die Handlungen von Insubordination der Schwarzen mehren sich vehement; ihre Unverfrorenheit ist groß und jagt selbst den Tapfersten Angst ein. Diebstähle nehmen an Zahl und Umfang zu; der Dünkel des Eingeborenen gegenüber den Weißen ist manchmal niederschmetternd; die Furcht, die wir ihnen einflößen, ist gleich null; der Respekt vor dem Mundele ist nicht mehr vorhanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sieht es aus im Jahr des Herrn 1930.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber, werden Sie sagen, ist Stanley Pool denn eine Region, die erneut pazifiziert werden muss?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber sicher, warum nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie diese »erneute Pazifizierung« aussehen sollte, sprach die Zeitung klar und deutlich aus: Jeder Afrikaner, der einem Weißen nach dem Leben trachtete, aus welchen Gründen auch immer, sollte mit dem Tode bestraft werden.75 Gesetzlich zulässige Notwehr, mildernde Umstände, Totschlag im Affekt, zwanghafte Persönlichkeitsstörung, das alles war nicht mehr von Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft dachte zum Glück um einiges differenzierter, doch dass ein Blatt, das solches Geschwätz verbreitete, zu einer der einflussreichsten Zeitungen der Kolonie wurde, zeigt, wie die Mehrzahl der Weißen über die Rassenfrage dachte. &#039;&#039;Les noirs&#039;&#039;, das schrieb man mit einem kleinen Buchstaben, und &#039;&#039;les Blancs&#039;&#039; mit einem großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde herrschte in der kolonialen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit wechselseitige Angst: Die weißen Herrscher fürchteten sich gewaltig davor, ihre Respektabilität in den Augen der Kongolesen zu verlieren, während sich sehr viele Kongolesen vor der Macht der Weißen fürchteten und alles daransetzten, sich ihren Respekt zu verdienen. Beide befanden sich im Klammergriff der Angst. Wie lange war so etwas auszuhalten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier lange Jahre hatten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, Jahre, die mehr umfassten, als Berliner Ethnologen Lieder in den Phonographentrichter zu singen. Jahre der Krankheit und Zwangsarbeit. Jahre der Verhöhnung und Erniedrigung. Kudjabo hatte auf einem Bauernhof in der Nähe von Stuttgart arbeiten müssen, wo der Bauer ihn betrogen hatte. Panda war in Hannover gelandet und von dort aus nach Rumänien gebracht worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber waren sie zurück in Belgien, dem Land, für das sie und einige andere Kongolesen ihr Leben riskiert hatten. Und was schrieb das Veteranenblatt &#039;&#039;Le Journal des Combattants&#039;&#039; über sie? »Lasst sie uns repatriieren und in den Schatten ihrer Bananenbäume zurückschicken, wo sie sicherlich eher am richtigen Ort sind. Sie werden dort ihre Negertänze lernen und können ihren Familien, die um sie herum auf Schimpansenfellen sitzen, von ihren Kriegserlebnissen erzählen.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatten sie dafür gekämpft und gelitten? Das konnten sie nicht hinnehmen. Eine Antwort erschien: »In den Schützengräben wurde man nicht müde zu wiederholen, dass wir Brüder seien, und wir wurden genauso behandelt wie die Weißen. Nun aber, wo der Krieg vorbei ist und man unsere Dienste nicht mehr benötigt, sähe man uns lieber verschwinden. Was Letzteres betrifft, sind wir vollkommen einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Wenn so strikt auf der Repatriierung der Schwarzen bestanden wird, könnten wir logischerweise fordern, dass alle Weißen, die sich in Afrika befinden, gleichfalls repatriiert werden.«77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Frechheit! Einen so selbstsicheren Ton wagte im Kongo niemand anzuschlagen. Die Erwiderung war in einem eloquenteren Französisch verfasst als der Artikel, auf den die Kongolesen reagiert hatten. Hier erhob sich tatsächlich eine neue Stimme. Einige Wochen vor dem fraglichen Artikel, am 30. August 1919, war in Brüssel die Union Congolaise gegründet worden, ein »Verein zur Hilfe und moralischen und intellektuellen Entwicklung der kongolesischen Rasse«. Er ähnelte der Organisation, die André Matsoua in Frankreich gegründet hatte. Der Verein zählte anfangs dreihundert Mitglieder, fast alle ehemalige Kriegsteilnehmer. Die wichtigste Persönlichkeit war der ehemalige Kriegsgefangene Paul Panda Farnana, sein Schicksalsgenosse Albert Kudjabo wurde Sekretär. Es ging ihnen darum, armen und kranken Mitgliedern zu helfen, Bestattungskosten zu decken und kostenlose Abendschulen zu ermöglichen. Aber sie verfolgten auch ausgesprochen politische Ziele. Bereits 1920 forderte die Union Congolaise, dass Zwangsarbeit erleichtert, Lohnarbeit besser bezahlt und dass das Schulwesen ausgebaut werden müsse. Vor allem forderten sie, dass Kongolesen mehr Mitspracherecht in der Verwaltung bekämen. Nochmals: im Jahr 1920! In jener Zeit beriet sich die Verwaltung höchstens mit einzelnen Dorfvorstehern, die sie selbst eingesetzt hatte. Viel besser sei es, schlug Paul Panda vor, die Kongolesen selbst einen Rat wählen zu lassen, der die Kolonialregierung in Boma beraten würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pandas Union Congolaise wuchs stetig. Inzwischen gab es regionale Abteilungen in Lüttich, Charleroi und Marchienne-au-Pont. Die neuen Mitglieder waren oft kongolesische Matrosen, die im Hafen von Antwerpen desertiert waren. Diese jungen, unverheirateten Männer, die sich wochenlang im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinenräume als Maschinenschmierer, Heizer oder Kohlentrimmer abgerackert hatten, wollten es nicht hinnehmen, dass nach der Ankunft ihre weißen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr als zweimal so viel bekamen. Im Kongo gab es keine weißen Arbeiter, nur weiße Vorgesetzte, aber auf den Ozeandampfern fiel der große Kontrast zum ersten Mal auf. Und während der Unmut an Land in religiöse Ekstase mündete, führte Unzufriedenheit an Bord zu prosaischerem Widerstand: Streiks. In den Häfen von Antwerpen wie auch Matadi wurde die Arbeit niedergelegt, vor allem auch, nachdem es afrikanischen Seeleuten verboten wurde, ihre geringe Heuer durch einen privaten Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen aufzustocken. Außerdem durften sie an Land keine Bars aufsuchen. Die belgische Regierung hatte panische Angst, dass sie im Rotlichtviertel oder, schlimmer noch, in roten Lokalen landen würden. Es gab schon genug Kommunisten in Antwerpen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs konnte die Union Congolaise noch auf einige Sympathie zählen. Paul Panda Farnana war ein außergewöhnlich redegewandter Intellektueller, der sich auf die seltene Kunst verstand, radikale Ideen als gerechtfertigte Maßnahmen darzustellen. Er durfte im Dezember 1920 auf dem ersten Nationalen Kolonialkongress in Brüssel sprechen, wo sein Redebeitrag über die Notwendigkeit der politischen Teilhabe der Kongolesen auch unter den belgischen Zuhörern viel Beifall erntete. Gebt uns Macht, war seine Devise. Er erhielt dafür Applaus! Als großartiger Redner hatte er sich in seiner Ansprache denn auch ausgiebig auf historische Päpste berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später nahm Paul Panda jedoch am zweiten Panafrikanischen Kongress teil, einer afro-amerikanischen Initiative unter Leitung des radikalen amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten W. E. B Du Bois. Diese Teilnahme schädigte Pandas Ruf: Die koloniale Presse warf ihm Nationalismus, Bolschewismus und Garveyismus vor. Zu Unrecht. Der Panafrikanismus jener Jahre wollte schwarze Menschen auf der ganzen Welt befreien und emanzipieren. Auf dem Kongress, der eine Woche dauerte und in London, Brüssel und Paris stattfand, widerlegte man den Vorwurf des Bolschewismus. Man wollte nichts anderes als die Gleichheit von Weißen und Schwarzen fördern, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten. Die Delegation besuchte auch das Kolonialmuseum in Tervuren, wo die amerikanischen Teilnehmer sich über die damals bereits riesige Sammlung aufregten, die in ihren Augen zusammengeraubt war. So hatte Paul Panda das bis dahin noch nicht gesehen. Vorsitzender bei den Brüsseler und Pariser Tagungen war Blaise Diagne, ein Senegalese, der bereits seit 1914 einen Sitz im französischen Parlament hatte, als erster Afrikaner überhaupt. Auf Panda muss das enormen Eindruck gemacht haben. Während die französischen Kolonien bereits Volksvertreter nach Paris entsenden durften, konnte man in Belgisch-Kongo nicht mehr werden als Lokführer, Chorknabe, Pfadfinder oder Torwart. &#039;&#039;Chef médaillé&#039;&#039; sein zählte nicht mit, wenn es um politische Teilhabe ging: Das war keine Mitbestimmung, sondern Augenwischerei. Einige Jahre später verkündete er sein ungeschminktes Fazit: »Bis jetzt war die Kolonialisierung des Kongo nur ›Zivilisations‹-Vandalismus zum Vorteil des europäischen Elements.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Mai 1929 kehrte Paul Panda Farnana in die Kolonie zurück. Er ließ sich in seinem Heimatdorf Nzemba nieder, nahe der Küste. Dort gründete er eine kleine Schule und erbaute eine Kapelle. Mit seiner seltenen Kombination aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und Takt hätte er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen für eine gerechtere Kolonialpolitik werden können. Doch kaum ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er in seinem Dorf, unverheiratet und kinderlos. Belgisch-Kongo hatte seine brillanteste Gegenstimme verloren. Er war nur 42 Jahre alt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 5 Die rote Stunde des Einsatzes ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Krieg und die trügerische Stille danach 1940-1955 ===&lt;br /&gt;
Sie standen im Kreis und wiegten sich hin und her. Immer wieder verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen; es war ein Mittelding zwischen bedächtigem Tanzen und Auf-der-Stelle-Marschieren. Die kleine Gruppe von Veteranen schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich sah ihnen zu im Maison des Anciens Combattants von Kinshasa. Ihre nagelneuen Uniformen waren ein Geschenk der belgischen Armee an die gegenwärtigen Streitkräfte. Die Veteranen trugen sie mit Stolz, klatschten in die Hände und sangen mit tiefen Stimmen: &#039;&#039;»Saluti, saluti, pesa saluti, tokopesa saluti na bakonzi nyonso.«&#039;&#039; Ein Marschlied. »Gegrüßt, gegrüßt, Achtung, wir salutieren allen unseren Anführern.« Besagte Anführer, so erklärten sie mir später, waren Belgier. Alle ihre Offiziere waren damals Belgier. &#039;&#039;»Biso baCongolais, biso baCongolais«&#039;&#039;, so ging es weiter, »wir Kongolesen, wir Kongolesen, wir haben unsere Stärke bewiesen. Heute haben wir Sayo erobert.« Ein einfaches, aber ansteckendes Soldatenlied. Wenn man es einmal gehört hat, wird es zu einem Ohrwurm. Ein kongolesischer Soldat schuf es 1941, kurz nach der Eroberung der befestigten Garnisonsstadt Sayo in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Es wurde auf den Ladeflächen der LKW gesungen, mit denen die kongolesischen Soldaten durch die ausgetrockneten, offenen Landschaften des Sudan nach Stanleyville zurückfuhren. Fast siebzig Jahre später kannten die Veteranen es noch immer. Es atmete eine neue Form der Brüderlichkeit. Ja, die Weißen waren in jenen Tagen noch immer ihre Befehlshaber, aber während des Krieges hatte sich doch etwas verändert. Der kongolesische Soldat war sehr stolz darauf, dass er seinen weißen Offizieren die Eroberung von Sayo darbringen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dieser Stolz sollte nicht lange anhalten. Noch viel mehr als der Erste Weltkrieg bewirkte der Zweite Weltkrieg eine Annäherung, auf die Enttäuschung folgte. Ich sprach darüber mit dem 87-jährigen André Kitadi, einem der Männer, die das Lied gesungen hatten. Er war zweiter Vorsitzender des Veteranenvereins 40-45, ein bemerkenswerter Mann mit sanfter Stimme und scharfsinnigem Urteilsvermögen. Sein Büro war leer bis auf einen Schreibtisch aus Metall, eine kongolesische Flagge und eine große Wasserlache. Das Regenwasser vom Vorabend stand noch auf dem Betonfußboden. »Wir haben für Belgien gekämpft, so viel ist gewiss. Die Belgier brauchten uns, um ihre Interessen zu verteidigen. Wir machten mit, weil wir Disziplin besaßen. Wir hatten &#039;&#039;la conscience de la guerre&#039;&#039;.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 Belgien in achtzehn Tagen überrannte, war die rechtliche Stellung von Belgisch-Kongo einige Monate lang unklar. Das lag an dem allgemeinen Debakel im Mutterland. Während die belgische Regierung nach Frankreich und später nach Großbritannien floh und sich auf die Seite der Alliierten stellte, akzeptierte König Leopold III., Großneffe von Leopold II., den deutschen Sieg. Er wurde zum Kriegsgefangenen und befand sich am Ende des Krieges in Deutschland. Auf wen sollte die Kolonialregierung nun hören? Auf den König eines Landes, das nicht mehr als souveräner Staat existierte, aber noch eine Kolonie besaß, oder auf dessen Kolonialminister im Exil, der als Generalverwalter von Belgisch-Kongo galt? In der Kolonie selbst gingen die Meinungen auseinander. Konservative Kräfte wie Monseigneur de Hemptinne, der mächtige Bischof von Katanga, waren monarchistisch gesinnt und fanden sich mit dem deutschen Sieg und der neuen faschistischen Weltordnung ab. Und viele Industrielle hegten ultrarechte Sympathien. Sie wollten weiterhin Rohstoffe nach Deutschland liefern können, was manche im Laufe des Krieges, über den Umweg Portugal, auch taten. Antisemitismus kam hier und da auf. Im Eldorado von Elisabethville war im Laufe der Zeit eine kleine jüdische Gemeinde entstanden. Ihr Rabbiner, der einzige im ganzen Kongo, erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Schaufenster jüdischer Kaufleute mit Hakenkreuzen und Losungen wie &#039;&#039;sale juif&#039;&#039; beschmiert worden waren.2 Letztendlich aber räumte Generalgouverneur Pierre Ryckmans jeden Zweifel aus: Belgisch-Kongo würde sich einmütig für die Seite der Alliierten entscheiden und weiterhin gegen den Faschismus kämpfen. Offiziell war sein Ressort dem exilierten Kolonialminister unterstellt, in der Praxis genoss er jedoch große Autonomie. Sein persönlicher Mut war entscheidender als jede Direktive aus London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die französischen Kolonien schwankten in der Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollten: Die meisten entschieden sich für das kollaborierende Vichy-Regime Pétains, einige schlossen sich de Gaulles Freiem Frankreich an. So wurde der Konflikt zwischen den Alliierten und den Achsenmächten auf den afrikanischen Kontinent ausgedehnt. Deutschland besaß zwar seit 1918 keine Gebiete mehr in Übersee, doch große Teile Afrikas gerieten dennoch in den nationalsozialistischen Einflussbereich. Zudem besaß Deutschlands neuer Bündnispartner Italien Kolonien. Bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert herrschte das Land am Horn von Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland, Gebiete am Roten Meer, deren strategische Bedeutung seit der Eröffnung des Sueskanals zugenommen hatte. 1911 annektierte Italien Libyen, und 1935 rückte Mussolini in das Äthiopien von Haile Selassie ein, das einzige größere afrikanische Land, das nie eine Kolonie gewesen war. Auch diese Fremdherrschaft würde nur ein kurzes Intermezzo sein. Das war unter anderem den Soldaten aus Belgisch-Kongo zu verdanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sich die belgische Exilregierung auf die Seite der Alliierten stellte, bat Churchill um materielle und militärische Unterstützung aus Belgisch-Kongo. In Nordafrika bedrohte Libyen Ägypten (das zwar seit 1922 selbstständig, jedoch in vieler Hinsicht noch von Großbritannien abhängig war), während das Horn von Afrika eine Gefahr für die britischen Kolonien Kenia und Sudan bildete. Von diesen beiden Kolonien aus schickte Churchill eigene Truppen nach Abessinien, doch ab Februar 1941 verstärkte das elfte Bataillon der Force Publique ihre Reihen. Es handelte sich um etwa dreitausend Soldaten und zweitausend Träger. Auf fünfzig Afrikaner kam ein belgischer Offizier. Mit LKW und Booten bewegten sie sich durch den Sudan, wo die Mittagstemperaturen bis auf 45 Grad im Schatten stiegen. Von dort aus fielen sie in den gebirgigen Westen Abessiniens ein. Die LKW wurden übermalt: in die noch nasse grüne Farbe streute man braunen Sand für eine bessere Tarnung. Meist aber mussten die Soldaten in der rauen Gegend zu Fuß gehen. Tagsüber kamen sie vor Hitze fast um, und nachts, in großen Höhen, froren sie erbärmlich. Als einige Wochen später die Regenzeit ausbrach, mussten sie ihr Nachtlager manchmal im Schlamm aufbauen. Städtchen wie Asosa und Gambela konnten sie relativ leicht einnehmen. Nach kurzen, allerdings heftigen Feuergefechten traten die italienischen Truppen den Rückzug an. Ihre Offiziere machten sich nicht einmal die Mühe, Säbel und Tennisschläger mitzunehmen. Viel schwieriger gestaltete sich die Sache in Sayo, einer wichtigen italienischen Garnisonsstadt an der Grenze zum Sudan. Nach heftigem Beschuss am 8. Juni 1941 baten die demoralisierten Italiener um einen Waffenstillstand, obgleich sie zahlenmäßig und militärisch überlegen waren. Die belgischen Befehlshaber erklärten sich unter der Bedingung einer vollständigen Kapitulation einverstanden. Gleich neun italienische Generäle wurden gefangen genommen, darunter Pietro Gazzera, der Oberbefehlshaber der italienischen Truppen in Ostafrika, und Graf Arnocovaldo Bonaccorsi, der Generalinspekteur der faschistischen Milizen, die im Spanischen Bürgerkrieg Mallorca terrorisiert hatten. Außerdem gerieten 370 italienische Offiziere (darunter 45 hochrangige) in Kriegsgefangenschaft, neben 2574 Unteroffizieren und 1533 einheimischen Soldaten. Noch einmal 2000 irreguläre einheimische Kämpfer wurden nach Hause geschickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Einnahme von Sayo war vor allem materiell und strategisch von großer Bedeutung. Die Force Publique erbeutete achtzehn Geschütze mit fünftausend Kartuschen, vier Mörser, zweihundert Maschinengewehre, 330 Pistolen, 7600 Gewehre, fünfzehntausend Granaten und zwei Millionen Patronen. Ferner beschlagnahmten Belgier und Kongolesen zwanzig Tonnen Funkmaterial einschließlich drei vollwertiger Sendestationen, zwanzig Motorräder, zwanzig Autos, zwei Panzerwagen, zweihundertfünfzig LKW und – nicht unwichtig im Hochland – fünfhundert Maulesel. Hier wurde eine Armee aufgelöst, so viel war deutlich. Es war der wichtigste belgische Sieg gegen den Faschismus und zugleich der größte militärische Triumph, den belgische Truppen jemals verzeichnen konnten. Den schwersten Tribut zahlten jedoch die Kongolesen. Unter den Belgiern gab es vier Gefallene und sechs Schwerverletzte, unter den Afrikanern zweiundvierzig Tote; fünf Soldaten waren vermisst und 193 erlagen Krankheiten oder Verwundungen. Unter den Trägern gab es 274 Todesfälle; sie starben vorwiegend an Erschöpfung und Dysenterie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser abessinische Feldzug der Force Publique trug zur Rückkehr von Haile Selassie bei. Nur fünf Jahre lang war Äthiopien eine Kolonie gewesen, von 1936 bis 1941, nun wurde das jahrhundertealte Kaiserreich wiederhergestellt. Nicht viel später würden aus diesen Gründen die Rastafaris auf Jamaika beginnen, Kaiser Haile Selassie als Gottheit zu verehren. Diesen göttlichen Status verdankte er jedoch eher dem Militär als der Metaphysik. Es waren kongolesische Soldaten gewesen, die in Äthiopien Orte wie Asosa, Gambela und vor allem Sayo befreit hatten. Der belgische Kolonialismus hat also indirekt zur spirituellen Dimension des Reggae beigetragen. Was Tabora für den Ersten Weltkrieg war, wurde Sayo für den Zweiten Weltkrieg: ein glorioser Sieg, der die Truppenmoral stärkte. Und es war auch etwas Besonderes: Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein afrikanisches Land von afrikanischen Soldaten selbst entkolonisiert. »Wir haben nur Weiße gesehen«, sagte Louis Ngumbi, ein Kriegsveteran aus dem Osten des Kongo, »wir haben nur auf Weiße geschossen.«3 Das war etwas übertrieben, aber dass die Force Publique mehrere tausend weiße Soldaten, darunter neun Generäle, gefangen nahm, imponierte allen sehr. Sayo prägte sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation Soldaten ein. André Kitadi, der zweite Vorsitzende des Veteranenvereins, hatte die Zahlen der Kriegsgefangenen noch im Kopf: »In Abessinien nahmen wir neun italienische Generäle gefangen, neben 370 italienischen Offizieren, zweitausendfünfhundert Soldaten und fünfzehntausend Einheimischen.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kitadi hatte sich 1940 zur Armee gemeldet. Der Krieg hatte damals schon begonnen, aber das kümmerte ihn nicht. In der Armee bekam man eine gute Ausbildung. Er wurde Telegraphist. Während des Feldzuges in Abessinien war er in der Provinz Orientale, an der Grenze zum Sudan, abrufbereit. Doch zum Einsatz kam es nicht. Als die Truppen singend zurückkehrten und von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden, wurde er nach Boma versetzt. Dort sollte er nicht lange bleiben. Da das Horn von Afrika nun gefallen war, richteten sich die Alliierten auf West- und vor allem auf Nordafrika. Im Herbst 1942, als Marokko und Algerien von Pétain zurückerobert wurden, ging er an Bord eines Postschiffes, das ihn und seine Kameraden nach Lagos in Nigeria brachte. Von dieser britischen Kolonie aus sollte der Kampf gegen Dahomey (heute: Benin) beginnen, eine französische Kolonie, die noch dem Vichy-Regime gehorchte. »Die Schiffsreise dauerte vier Tage. Wir kamen in Lagos an und wurden zu einer Kaserne gebracht, dreihundert Kilometer entfernt. Dort wurden wir trainiert. Sechs Monate lang.« Die Männer der Force Publique kamen mit den britischen Kolonialtruppen in Kontakt. Kitadi bekam sogar eine britische Uniform, obwohl er weiter unter belgischem Kommando stand. Anfang 1943 erhielt er seine Marschbefehle. Dahomey hatte sich, nach den Erfolgen der Alliierten in Französisch-Nordafrika, auf de Gaulles Seite geschlagen. Das letzte deutsch-italienische Bollwerk in Afrika war Libyen. Von dort aus beschoss General Rommel Ägypten, um zum Sueskanal vorstoßen zu können. Die Alliierten wollten das um jeden Preis verhindern und verstärkten ihre Truppen in Ägypten. Kitadi musste versuchen, Ägypten von Nigeria aus zu erreichen. Doch das war gar nicht so einfach, solange Italien das Mittelmeer kontrollierte. Dann eben über den Landweg? Quer durch Afrika? Das Nachbarland Tschad, eine französische Kolonie, wurde in jener Zeit von einem schwarzen Gouverneur verwaltet, Félix Éboué. Er unterstützte de Gaulle und gestattete den Durchzug alliierter Truppen über sein Territorium. Nur bedeutete das einen sehr langen Weg durch die Wüste . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zehn, vielleicht fünfzehn Kolonnen machten sich auf den Weg. Eine Kolonne bestand aus hundertfünfzig LKW. Ein belgischer Offizier und ein Funker gehörten jeweils dazu. Ich war so ein Funker. Als &#039;&#039;opérateur&#039;&#039; war ich für die Verbindung mit den anderen Kolonnen zuständig. Wir zogen von Nigeria aus in den Sudan und durchquerten die große Nubische Wüste. Nach dem Kompass. Den Durchzug durch die Wüste werde ich nie vergessen. Es gab Sandstürme, manchmal konnte man eine Stunde lang nichts mehr sehen. Wenn sich der Sand erwärmte, sah man Dinge, die es nicht gab. Wir haben mehr als einen Monat gebraucht. Manchmal kamen wir nur zwanzig Kilometer am Tag voran. Es gab auch Schluchten. Dort kam es zu Unfällen . . . Wir lebten von Keksen und Corned Beef in Dosen. Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag. Viele wurden krank . . . Von den zweitausend Soldaten sind zweihundert unterwegs gestorben . . . Wir haben wie die Tiere gelebt, wir konnten uns nicht waschen . . . Der ganze Weg von Lagos nach Kairo hat uns drei Monate gekostet. Wir sind damals Tausende Kilometer gefahren.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stockte. Schwieg. Noch nie hatte ich von dieser heroischen Saharadurchquerung gehört. Ich fragte ihn, ob er seine Geschichte jemals hatte aufzeichnen lassen. »Nein«, sagte er, »es ist das erste Mal, dass sich ein Weißer dafür interessiert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab natürlich noch eine andere Möglichkeit, Ägypten zu erreichen. Martin Kabuya, der 92-Jährige, dessen Großvater dabei gewesen war, als Tabora 1916 eingenommen wurde, schlug diesen anderen Weg ein. Auch er war in Nigeria stationiert, auch er war Funker. Er war noch immer eine imposante Erscheinung, doch seine Stimme war dünn und brüchig geworden. Er flüsterte mir seine Geschichte zu. »Ich war sehr, sehr gut im Morsen. &#039;&#039;Tititiii-ti&#039;&#039;. Ich machte nie Fehler, sogar rein nach Gehör. Wenn man das kann, ist der Rest einfach. Am 24. März 1943 musste ich mich einschiffen, auf einem holländischen Handelsschiff, der Duchesse de Ritmond. Wir fuhren über den Atlantik nach Südafrika. Dort mussten wir ums Kap der Guten Hoffnung fahren, und dann zum Golf von Aden und zum Roten Meer bis zum Sueskanal. Es waren bestimmt hundert Schiffe. Vor Südafrika wurden manche von japanischen Flugzeugen angegriffen. Auf einem anderen Schiff gab es siebenundzwanzig Tote. Die Soldaten schliefen zusammengepfercht unter Deck. Schlimme Umstände.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ägypten nahmen Kitadi und Kabuya an den Kriegshandlungen teil. André Kitadi lag, wie er erzählte, »ein Jahr lang« in dem wüstenähnlichen Gebiet bei Alexandria; von dort aus wurden feindliche Stellungen und Flugzeuge beschossen. Die Gefahr kam aus Libyen und Sizilien. »Am Tag war es glutheiß, nachts mussten wir Handschuhe tragen gegen die Kälte. Sonntags durften wir kurz in die Stadt, nach Alexandria, aber die war von den Deutschen bombardiert worden. Es gab wahnsinnig viele Fliegen.« Martin Kabuya war in Camp Geneva, einem großen Militärstützpunkt in der Nähe des Sueskanals, wo er Morsenachrichten des Feindes auffangen und decodieren musste. »Ich war in der &#039;&#039;Section d&#039;écoute&#039;&#039;, wir hörten Meldungen über ihre Truppenbewegungen ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg brachte sie mit anderen Völkern in Kontakt: mit britischen Offizieren, nigerianischen Soldaten, Arabern, deutschen und italienischen Kriegsgefangenen. Die geschlossene Welt der Kaserne in Belgisch-Kongo lag weit hinter ihnen. Kitadi sagte: »Es gab sehr viele italienische Kriegsgefangene in Alexandria. Wir hielten sie in der Wüste hinter Stacheldraht, aber sie gruben Tunnel. Ein Stück weiter lag unser Munitionsdepot. Die Araber wollten unsere Munition stehlen. Sie sind große Diebe«, sagte er amüsiert. Auch Kabuya sah Kriegsgefangene. »Einmal kam ein deutscher Kriegsgefangener auf mich zu, ein großer SS-Mann, bestimmt zwei Meter lang. Er war an einen Revolver gekommen. Ich habe ihm das Bajonett in den Bauch gestoßen. Unsere Bajonette waren vergiftet. Es waren sehr gute Waffen. Dieser SS-Mann war mein einziger Toter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Krieges wurden beide noch per LKW nach Palästina gebracht, aber dort ging es ruhiger zu. Es mussten höchstens ein paar Grenzen in der Gegend von Haifa bewacht werden. Die größte Gefahr, in die Kitadi dort geriet, war eine Lebensmittelvergiftung, wegen der er im Krankenhaus von Gaza landete: Er hatte gegrilltes Fleisch gegessen, das verdorben war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitwirkung der Force Publique an den Feldzügen der Alliierten ist nahezu unbekannt. Zahlenmäßig handelte es sich um erheblich weniger effektive Beiträge als während der Feldzüge des Ersten Weltkrieges. Die LKW ersetzten größtenteils die Zehntausende Träger von damals. Deshalb schwindet selbst im Kongo die Erinnerung daran rapide. In Kinshasa, einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, sind nur noch eine Handvoll Veteranen am Leben. Einer von ihnen ist Libert Otenga, ein Mann, der noch immer »We&#039;re going to hang out the washing on the Siegfried Line« aus voller Brust singen kann. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er einer der sehr wenigen ist, die zum »Belgischen Feldhospital« gehörten. Diese mobile Sanitätseinheit aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern unternahm im Laufe des Weltkrieges eine unglaubliche Odyssee zu weit entfernten Schlachtfeldern, die irgendwo im Urwald von Burma, dem heutigen Myanmar, endete. Belgisch-Kongo half den Briten nicht nur militärisch und materiell, sondern auch medizinisch. Das »Belgische Feldhospital« war als »the 10th BCCCS« bekannt, &#039;&#039;the tenth Belgian Congo Casualty Clearing Station&#039;&#039;. Es besaß zwei Operationszelte und ein Zelt für Röntgenaufnahmen. In den anderen Zelten konnten dreißig Patienten in Betten versorgt werden und zweihundert auf Tragbahren. Im Laufe des Krieges behandelte die Einheit siebentausend Verwundete und dreißigtausend Kranke. Auf dem Höhepunkt bestand sie nur noch aus dreiundzwanzig Belgiern, darunter sieben Ärzten, und dreihundert Kongolesen.7 Libert Otenga war einer von ihnen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, konnte er sich noch gut an diese Zeit erinnern. Seine Stimme schallte wie eine Sturmglocke, und er sprach in kurzen, knappen Sätzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war medizinischer Assistent. 1942 ging ich zur Armee. Unser erster Einsatz war in Somalia. Dort arbeitete ich mit einem belgischen Chirurgen. Thorax, Abdomen, Knochen. Wir operierten alles. Danach gingen wir mit britisch-belgischen Truppen nach Madagaskar. Dort waren deutsche Kriegsgefangene. Der Deutsche ist ein Spezialfall! Wirklich! Einer von ihnen benötigte dringend eine Bluttransfusion, und Dr. Valcke, einer der belgischen Ärzte, wollte ihm Blut spenden. Aber er weigerte sich! Blut von einem Alliierten, davon wollte er nichts wissen. Und von einem Schwarzen schon gar nicht. Er wollte seine Ehre retten, wir sein Leben. &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, als er schlief, haben wir ihm dann das Blut doch einfach übertragen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste noch immer herzhaft darüber lachen. Ich wusste nicht, dass Kriegsgefangene unter dem Schutz der Dritten Genfer Konvention ein Recht auf humane Behandlung sogar gegen ihren Willen hatten. Aber er marschierte unbeirrbar weiter durch sein Gedächtnis. »Von Madagaskar fuhren wir mit dem Schiff nach Ceylon. Nach Colombo. Das Lazarett und die Armee wurden dort reorganisiert. Ein Schiff brachte uns dann nach Indien.« Das muss zum Flussdelta des Ganges gewesen sein, heute Bangladesch. »Dort stiegen wir auf ein anderes Schiff um, ein Binnenschiff. Damit fuhren wir den Brahmaputra flussaufwärts. Als wir an Land gingen, mussten wir noch ein ganzes Ende zu Fuß weiter bis zur Grenze mit Burma.« Dort war damals der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen japanischen und antifaschistischen Streitkräften, darunter die Briten. Japan hatte das Land 1942 erobert. »Der Grenzübergang hieß Tamu. Wir stießen nach Burma vor und gelangten ins Chindwin-Tal. Wir folgten dem Chindwin-Fluss bis nach Kalewa. Dort bauten wir unser Lazarett auf.« Otenga kannte alle Ortsnamen noch auswendig. Er buchstabierte sie sogar für mich, in militärischem Stakkato. »Ka-le-wa, hast du das notiert? Dort haben wir Kranke versorgt. Soldaten und Zivilisten. Viele mit Schusswunden. Ich erinnere mich an einen englischen Soldaten, der Schrapnellgeschosse in den Bauch bekommen hatte. Solche Sachen.« Dass sich kongolesische Sanitäter im asiatischen Urwald um Burmesen und &#039;&#039;tommies&#039;&#039; kümmerten, ist ein völlig unbekanntes Kapitel in der Kolonialgeschichte, das bald völlig in Vergessenheit geraten sein wird. »In Burma haben wir uns am längsten aufgehalten. Wir führten dort komplizierte Operationen aus. Wir hatten sogar ein Ambulanzflugzeug. Unsere Rettung war schließlich die Atombombe! Die Japaner mussten aus Burma abziehen.«8 Und um diesen Sieg zu unterstreichen, sang er noch einmal das Lied über die &#039;&#039;Siegfried Line&#039;&#039;, den Westwall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oberst Paul Tibbets wird daran nicht gedacht haben, als er auf den Knopf drückte. Es war der 6. August 1945. Sein Flugzeug hieß Enola Gay. Die Stadt unter ihm würde wenige Sekunden später keine Stadt mehr sein, sondern ein Name: Hiroshima. Er wird nicht daran gedacht haben, dass das, was er als Amerikaner über Japan abwarf, faktisch aus dem Kongo kam. Die ersten amerikanischen Atombomben enthielten Uran aus den Minen von Katanga. Als die Nachricht von der schrecklichen Verwüstung auch das Landesinnere von Burma erreichte, wusste Libert Otenga nicht, dass er seine »Rettung« einem Erz verdankte, das zu den Bodenschätzen seines Landes gehörte. Auch im Kongo hatten die Arbeiter in der Mine von Shinkolobwe nie ahnen können, dass das bleischwere, gelbe Gestein, das sie ausgruben, nach der Weiterverarbeitung zu sogenanntem &#039;&#039;yellow cake&#039;&#039; auf der anderen Seite des Planeten zu so viel Zerstörung führen konnte. Niemand wusste davon. Unter größter Geheimhaltung hatte Edgar Sengier, damals Direktor der Union Minière, dafür gesorgt, dass die Uranvorkommen des Kongo nicht in die falschen Hände fielen. Shinkolobwe war die wichtigste Lagerstätte der Welt. Als die Bedrohung durch die Nazis ernster wurde, hatte er direkt vor dem Krieg 1250 Tonnen Uran, die Ausbeute von drei Jahren, von Katanga nach New York verschiffen und die Mine fluten lassen. Nur ein kleiner Vorrat, der in Belgien lagerte, fiel den Deutschen in die Hände. Wie man Uran für militärische Zwecke genau einsetzen konnte, war noch unbekannt (man benutzte es damals hauptsächlich als Färbemittel in der keramischen Industrie), doch die Kernphysik hatte Ende der dreißiger Jahre darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine unaufhaltsame Kettenreaktion entfesselt werden könne. Einstein erwog, die belgische Königin Elisabeth zu informieren – er kannte sie und teilte ihre Liebe zur Musik –, beschloss dann aber, den belgischen Botschafter in New York und schließlich Präsident Roosevelt persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Als das Manhattan-Projekt 1942 startete, machten sich die amerikanischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten, auf die Suche nach hochwertigem Uran. Das kanadische Erz, das ihnen zur Verfügung stand, hatte nämlich einen sehr niedrigen Urangehalt. Zu ihrer Verwunderung stellte sich heraus, dass in den Archer Daniels Midland Warehouses, einem Lagerhaus im Hafen von New York, ein riesiger Vorrat von höchster Qualität lagerte. Daraufhin kam es zu harten Verhandlungen mit Belgien, das bei dem Deal 2,5 Milliarden harte Dollar verdiente, womit der Wiederaufbau finanziert werden sollte. Außerdem erhielt Belgien Zugang zur Nukleartechnologie. Es entstand ein Forschungszentrum im flämischen Mol und ein kleiner Kernreaktor in Kinshasa, der erste in Afrika.9 Die Amerikaner unterstützten auch den Bau von zwei großen Militärflughäfen im Kongo, einen an der Küste in Kitona und einen in Kamina in Katanga. Nochmals: Während des Zweiten Weltkrieges wusste fast niemand im Kongo von all dem. Doch die strategische Bedeutung des Urans war der Grund für das außerordentliche Interesse der USA am Kongo, ein Interesse, das in den Kriegsjahren begann, in den Jahren rund um die Unabhängigkeit bestimmend war und bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 andauern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es ging nicht allein um Uran. Für die Allierten war der Kongo einer der wichtigsten Rohstofflieferanten bei ihrem Kampf gegen Deutschland, Italien und Japan. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour eroberten die Japaner Anfang 1942 große Teile Südostasiens: Indonesien, Singapur, Malaysia und Burma. Dadurch kamen die Importe aus diesen Ländern für die Alliierten völlig zum Erliegen. Der Kongo sollte einen Teil davon ausgleichen. Die Erze und Rohstoffe waren erneut sehr begehrt. Kupfer wurde für die Ummantelungen von Kugeln und Granaten benötigt. Wolfram wurde in Panzerabwehrgeschützen verarbeitet. Zinn und Zink dienten zur Herstellung von Bronze und Messing. Sogar pflanzliche Produkte wie Kautschuk, Kopal, Baumwolle und Chinin hatten strategischen Wert. Palmöl wurde zu Sunlight-Seife verarbeitet, aber auch in der Stahlindustrie verwendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren also nicht nur kongolesische Soldaten, die ihren Beitrag zum Kriegseinsatz der Alliierten leisteten. Auch Bergleute, Fabrikarbeiter und Tagelöhner auf den Plantagen mussten ihr Letztes geben. Wie im Ersten Weltkrieg lief die kongolesische Wirtschaft auf Hochtouren. Die Zahl der Arbeitnehmer stieg von einer halben Million 1939 auf achthunderttausend 1945, vielleicht sogar auf eine Million.10 Der Kongo wurde nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land südlich der Sahara. Nach dem Ersten Weltkrieg waren auch Textilfabriken, Seifensiedereien, Zuckerraffinerien, Zementwerke, Brauereien und Tabakfabriken hinzugekommen. Doch die brummende Industrie brachte nicht sofort Wohlstand mit sich. Wegen des Krieges erreichten immer weniger Warenlieferungen die Kolonie. Es gab keine Stoffe, keine Werkzeuge, keine Medikamente. Die Ärzte hatten das Land verlassen, die Krankenhäuser hatten keine Vorräte, auf den Flüssen fuhren viel weniger Schiffe. Je kleiner das Angebot, desto höher natürlich die Preise. Und da die Löhne einer festen Regelung unterlagen und nicht erhöht wurden, sank die Kaufkraft der durchschnittlichen Arbeitnehmer dramatisch.11 In dem weitab gelegenen Elisabethville, das stark auf Importe angewiesen war, stieg der Preis eines Coupons Stoff aus Léopoldville um mehr als 400 Prozent. Importstoffe aus Großbritannien und Brasilien verteuerten sich sogar um bis zu 700 Prozent.12 Eine Decke war nun in der kleinen Minenstadt Jadotville viermal so teuer.13 Das war misslich, denn die katangesischen Nächte können kühl sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser dramatischen Inflation konnten soziale Proteste nicht ausbleiben. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Krieges kam es zu Streiks und Aufständen. Im November 1941 versuchten Grubenarbeiter in Manono, in Nord-Katanga, während eines Streiks die belgische Flagge herunterzuholen und durch eine schwarze Fahne zu ersetzen. Die Männer trugen eine Krone aus Palmzweigen. Die meisten von ihnen waren Anhänger des Kitawala-Glaubens. Sie hatten alle ihre Ziegen und Hunde getötet, weil sie davon überzeugt waren, dass eine neue Welt heraufdämmerte.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Monat später kam es in Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, zu großen Protestaktionen. Weiße Beschäftigte der Union Minière, die sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen hatten, protestierten gegen die historisch niedrige Kaufkraft, und ihr Unmut sprang auf die Camps der schwarzen Arbeiter über. Auch dort forderte man eine kräftige Lohnerhöhung. Sozialer Protest nahm hier nicht die Form einer religiösen Erweckung (wie bei Simon Kimbangu 1921) oder ethnischen Revolte (wie bei den Pende 1931) an, sondern drückte sich 1941 in einer transparenten und sehr begreiflichen Lohnforderung aus. Dennoch reagierten die kolonialen und industriellen Mächte auf altmodische Weise. Gewerkschaften für Einheimische waren noch immer verboten. Am wichtigsten Tag des Streiks strömten die Arbeiter auf dem Fußballplatz der Stadt zusammen. Mehr Symbolkraft war kaum denkbar: Der Fußballplatz, der Ort, der die Funktion hatte, die Masse zu disziplinieren, wurde nun zu einem Ort des Volksprotestes und der blutigen Unterdrückung. Amour Maron, der Provinzgouverneur von Katanga, versuchte zusammen mit dem Personalchef der Union Minière die Streikenden zu beschwichtigen, doch die gaben sich nicht geschlagen. Ihr Anführer war Léonard Mpoyi, ein Büroangestellter, der studiert hatte. Einer der Streikenden berichtete später: »Maron sagte: ›Geht wieder an die Arbeit. Wir haben alle eure Löhne erhöht.‹ Wir sagten nein. Die Leute fingen an zu schimpfen und zu schreien. Maron fragte erneut Léonard Mpoyi: ›Du willst nicht gehen?‹ Léonard Mpoyi antwortete: ›Ich weigere mich. Wir wollen erst einen Beweis, ein schriftliches Dokument, in dem steht, dass der Betrieb unsere Löhne erhöht hat.‹« Ein solches Dokument erhielten die Arbeiter nicht. Es brach Panik aus, und die Soldaten der Force Publique traten in Aktion. »Maron gab den Soldaten den Befehl, auf die Arbeiter zu schießen. Die Soldaten führten ihn aus und schossen gnadenlos.«15 Es gab mindestens sechzig Tote und hundert Verletzte. Das erste Opfer war Léonard Mpoyi selbst.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die blutige Niederschlagung des Streiks prägte sich tief ein in Elisabethville. André Yav, der ehemalige Boy, den wir schon vorher zu Wort kommen ließen, schrieb darüber in seiner eigenwilligen Geschichte: »Es war ein Jahr tief im Krieg von 1940 bis 1945. Viele, viele Menschen starben. Sie starben für höhere Monatslöhne. An diesem Tag gab es viel Kummer bei den Leuten von Elisabethville wegen des bwana Gouverneur.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der große Streik von Elisabethville war ein Markstein in der Sozialgeschichte des Kongo, denn er war die erste öffentliche Äußerung von städtischem Protest. Elisabethville war die zweitgrößte Stadt des Landes und der wirtschaftliche Motor des ganzen Kongo. Die Union Minière war das Flaggschiff der kolonialen Industrie, allerorts gelobt wegen seiner großzügigen sozialen Leistungen. Aber die paternalistische Politik, die trotz der veränderten Situation im alten Trott weitermachen wollte, stieß nun doch auf Grenzen. Man ließ sich nicht alles gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges kursierten in den einfachen Vierteln von Léopoldville einige Legenden, die bei all ihrem Erfindungsreichtum dennoch sehr aufschlussreich für die Haltung gegenüber der weißen Vorherrschaft waren. Es gab die Legende von Mundele-Mwinda, dem »weißen Mann mit dem Licht«, einem imaginären Europäer, der nachts mit einer magischen Taschenlampe durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Schwarzen. Wer in das Lichtbündel geriet, war sofort gelähmt. Mundele-Mwinda nahm ihn dann mit zu Mundele-Ngulu, einem anderen grauenhaften Wesen. Dieser weiße Schweinehirt (&#039;&#039;ngulu&#039;&#039; bedeutet »Schwein« im Lingala) mästete das Opfer, bis es zu einem Schwein wurde. »Und aus dem Fleisch von diesem Schwein wurden Würste und Schinken gemacht, von denen sich die Weißen im Krieg ernährten.«18 Dass Eltern solche Geschichten ihren Kindern erzählten, um sie nachts von der Straße fernzuhalten, illustriert, wie wenig positiv das Bild des Weißen noch war. Es war eine perfekte Umkehrung der Figur des »Schwarzen Piet« als Kinderschreck im katholischen Belgien jener Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch Erwachsene schenkten solchen Legenden Glauben. Unter dem Einfluss von volkstümlichen Geschichten über bösartige Weiße suchten Menschen ihr Heil bei messianischen Religionen; aus den Geschichten sprach großer Argwohn gegen die Kolonialherrscher. In der Kaserne von Luluabourg kam es im Februar 1944 zu einer Meuterei. Der Anlass war bizarr: ein Impfstoff. Als Truppensanitäter die Soldaten impfen wollten, verbreitete sich das Gerücht, es sei eine List der Weißen, um sie auszurotten. Sehr viele Soldaten kündigten den Gehorsam, verließen die Kaserne und verbreiteten sich über ein sehr großes Gebiet. Meuterer und Zivilisten begannen zu plündern. Finanzämter, Speicher und einige Häuser von Weißen wurden verwüstet. Es folgte eine gnadenlose Bestrafung. Dass ein unmotiviertes Gerücht zu so weitreichenden Protesten führen konnte, zeigt, wie tief das Misstrauen saß.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts kehrte gegen Ende des Krieges die soziale Unruhe mit aller Heftigkeit zurück. Im Frühjahr 1944 gab es in der Kivu-Provinz in der Gegend um Masisi einen sozial-religiösen Aufstand von Kitawala-Anhängern. Viele der Rebellen arbeiteten in der Goldgewinnung. Drei Weiße verloren das Leben, Hunderte Schwarze wurden getötet, der Anführer der Revolte wurde gehängt. Im November 1945 legten in Léopoldville fünf- bis sechstausend Arbeiter und Boys die Arbeit nieder. Die Eisenbahner verbreiteten die Nachricht bis in die Hafenstadt Matadi. Die Dockarbeiter schlossen sich an. Sie schraubten die Bolzen von den Eisenbahnschienen ab und kappten die Telefonleitungen. Fünfzehnhundert Streikende zogen durch die Stadt, bewaffnet mit Eisenstangen, Hämmern und mit Nägeln gespickten Knüppeln. Eine unbekannte Anzahl von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden von Ordnungstruppen getötet. Das Militär besetzte die Stadt, abends und nachts herrschte Ausgangssperre. In den folgenden Tagen war das Gefängnis von Matadi so überfüllt, dass mehrere Aufständische erstickten.20 Die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach führten im Kongo nicht zu einem Gefühl der Befreiung. Als Brüssel im September 1944 befreit worden war, hatten die Kongolesen noch auf den Straßen Léopoldvilles getanzt. Sie hatten gehofft, dass alles anders werden würde. Doch die Euphorie hielt nicht an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten flehten die Arbeiter um Lohnerhöhungen, aber auch tief im ruhigen Binnenland war der Krieg zu spüren. Neben der militärischen Mobilmachung, die die jungen Männer aus ihren Dörfern holte, gab es eine sehr einschneidende zivile Mobilmachung. Alle Dörfer mussten einen Beitrag zum sogenannten &#039;&#039;»effort de guerre&#039;&#039;« leisten. Die Zahl der Tage, an denen man für den Staat arbeiten musste, verdoppelte sich von 60 auf 120. Dadurch gerieten insbesondere die Kleinbauern in Schwierigkeiten. Vor allem im Äquatorialwald fiel diese »Kriegsanstrengung« sehr schwer. Straßen durch große Sümpfe mussten angelegt und Brücken über breite Flüsse gebaut werden. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, Palmfrüchte und Kopalharz zu sammeln und sogar wieder Kautschuklianen anzuzapfen. 1939 produzierte der Kongo nur noch 1142 Tonnen Kautschuk, einen Bruchteil dessen, was während des Kautschukbooms hervorgebracht worden war, doch 1944 waren es 11.337 Tonnen.21 Das war eine Verzehnfachung innerhalb von fünf Jahren, mitten im Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein außerordentlich lebendiges Bild, wie der Krieg das Leben der Landbevölkerung prägte, vermitteln die großartigen Kriegstagebücher von Vladi Souchard, Pseudonym von Vladimir Drachoussoff, einem jungen belgischen Landwirtschaftsingenieur mit russischen Wurzeln. Seine Eltern waren während der Oktoberrevolution nach Belgien geflohen; er war damals erst ein paar Monate alt. Ende Mai 1940 ging er als 22-Jähriger in die Kolonie, wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch. Zuerst arbeitete er für eine Zuckerrohrplantage in Bas-Congo, später wurde er Beamter der Kolonialverwaltung. Als junger Agronom reiste er von Dorf zu Dorf, um den &#039;&#039;effort de guerre&#039;&#039; einzutreiben. Er war für einen Bereich in der Provinz Équateur zuständig, im Umkreis des Leopoldsees. Plötzlich war ein Emigrantensohn aus Brüssel für die Landwirtschaft in einem Gebiet von zehntausend Quadratkilometern verantwortlich, einem Gebiet ohne Straßen und Industrie, das manchmal nur aus »einer undeutlichen Mischung von Wasser, Schlamm und Bäumen« bestand.22 Er bewegte sich zu Fuß, per Fahrrad oder Einbaum fort und suchte Dörfer auf, die seit Jahren keinen Vertreter der Kolonialregierung mehr gesehen hatten. Seine Karten waren veraltet, manche Dörfer befanden sich inzwischen an anderen Stellen, und die Übernachtungsmöglichkeiten des Staates waren oft völlig heruntergekommen. Während des Krieges ließ der Nachschub an Kolonialbeamten auf sich warten; von einer Ablösung war nicht die Rede. Vladimir Drachoussoff musste Dorfgemeinschaften befehlen, Reis und Erdnüsse anzubauen und wieder Kautschuk zu ernten. Vor Letzterem schreckten die Menschen zurück. Es handelte sich ja um das Gebiet, in dem &#039;&#039;der »rote Kautschuk«&#039;&#039; die tiefsten Wunden geschlagen hatte. Junge Männer kannten die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Zeugen brauchten nicht einmal zu sprechen. Drachoussoff sah es mit eigenen Augen: »Am Lopori und beim Lac [dem Leopoldsee] habe ich persönlich zwei ältere Schwarze gesehen, denen die rechte Hand fehlte und die jene Zeit nicht vergessen haben.«23 Viele Dorfbewohner behaupteten deshalb, dass es in ihrer Gegend keine Kautschuklianen gebe, dass sie sie nicht kennen würden oder dass die Lianenvorkommen erschöpft seien. So begann &#039;&#039;la dure bataille du caoutchouc&#039;&#039;24&#039;&#039;,&#039;&#039; ein Kampf&#039;&#039;,&#039;&#039; zu dem sich Drachoussoff doch ein paar Randbemerkungen erlaubte: »Mit welchem Recht reißen wir die Kongolesen mit in unseren Krieg? Mit keinem einzigen. Aber Not kennt kein Gebot . . . und der Sieg Hitlers würde hier eine rassistische Tyrannei etablieren, der gegenüber sich die Missstände des Kolonialismus wie Wohltaten ausnehmen würden.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren ambivalente Zeiten, und Drachoussoff wusste das. Er balancierte zwischen Notwendigkeit und Unvermögen, zwischen Weltpolitik und Urwald, zwischen antifaschistischem Engagement und kolonialer Wirklichkeit. Als Agronom in einer Zeit der notorisch unterbesetzten Verwaltung musste er viele Aufgaben erfüllen. Abends notierte er seine Erfahrungen. Es lohnt, ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mittwoch, den 10. November 1943. Mekiri.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr breche ich mit einem geliehenen Fahrrad nach Kundu auf. Zwei Soldaten folgen zu Fuß. Meine Leute gehen mit dem Gepäck nach Mekiri.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme in Kundu kurz vor der Morgendämmerung an und warte, bis es hell wird, während ich ein Stück Brot verzehre. Kurz vor sechs klopfe ich an die Tür des capita [ein kongolesischer Mittelsmann] (. . .) und bitte ihn, alle Männer zusammenzurufen, damit sie mir die Ernte des vergangenen Tages zeigen. Die Dorfbewohner sind so überrascht, dass sie alle erscheinen, sowohl die, die Kautschuk haben, als auch die anderen. Ich spreche ein paar aufmunternde Worte, verhänge drei Bußen und lasse den vier schlimmsten Fällen den Strick um den Hals legen (das ist symbolisch gemeint: tatsächlich knüpft man ein zwanzig Zentimeter langes Stück »kekele« um den Hals, eine sehr stabile Schnur aus Baumrinde, die nicht stört, aber die Festnahme versinnbildlicht). Anschließend breche ich im Triumphzug mit meinen »Knastbrüdern« auf, um die Karawane einzuholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gegend gab es kein Gefängnis. Haft bedeutete, dass man ein paar Tage lang mit dem Kolonialbeamten unterwegs war. Ein Fußmarsch als Strafe, die freie Natur als Freiheitsberaubung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Ngongo begegne ich den Soldaten und übergebe ihnen die Gefangenen. Dem Recht ist Genüge getan, Kundu wird seine Kriegsanstrengung erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz hinter Ngongo hole ich das Ende unserer Karawane ein. Die Etappe ist zwanzig Kilometer lang, mitten durch weite Sandebenen, in denen nur ein paar Borassus-Palmen wachsen und die von mageren Galeriewäldern [Wald an den Ufern eines Flusses] durchzogen sind. Wir kontrollieren die Kautschukproduktion in den Weilern, die wir passieren: Nicht gerade berauschend, und ich fertige mehrere Protokolle an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dorf Mekiri warten die Männer, die gestern Abend bereits benachrichtigt worden sind, mit Kautschukmilch auf uns, weil ich ihnen zeigen will, wie sie sie zum Gerinnen bringen müssen. Ich schicke Faigne und Pionso los, die Felder zu kontrollieren und zu vermessen, während ich meinen kurzen Vortrag halte. Abends, als ein Platzregen unsere Unterkunft heimsucht, wie durch ein Sieb durchs Dach strömt und Betten, Kleidungsstücke und Essen durchnässt, halte ich Gericht und verhänge in schnellem Tempo Strafen oder verkünde Freisprüche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gerichtsverfahren erfordert einen Wust an Papieren. Ich bin als Polizeirichter mit begrenzten Befugnissen eingesetzt (das heißt, ich kann nur bei wirtschaftlichen Straftaten Urteile sprechen) und als ambulanter Gefängniswärter (das heißt, ich darf die von mir Verurteilten veranlassen, mich zu begleiten). Die Höchststrafe beträgt sieben Tage für die Unterlassung von Arbeiten mit erzieherischem Charakter, das Fällen von unter Naturschutz stehenden Bäumen und für Jagdvergehen, und dreißig Tage für die unterlassene Leistung der Kriegsanstrengung. Ich bin selbstverständlich auch noch polizeilicher Ermittlungsbeamter mit begrenzten Befugnissen kraft meines Amtes als Distrikts-Agronom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren erfordert, dass ich erst ein Protokoll aufnehme in meiner Funktion als polizeilicher Ermittler und dass ich dann als Polizeirichter auftreten muss. Nachdem ich die Rollen gewechselt habe, fälle ich das Urteil nach einem Verhör, das oft schlichtweg surrealistisch anmutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann muss sich verantworten, weil er keine zehn Ar mit Erdnüssen bepflanzt hat. Entweder er hat einen stichhaltigen und nachprüfbaren Rechtfertigungsgrund und ich schicke ihn nach Hause (manche Staatsanwälte fordern sogar, dass wir dann noch ein Urteil mit Freispruch fällen . . .), oder er behauptet einfach irgendetwas. Das führt zu folgendem Dialog, der gewissenhaft protokolliert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Warum hast du keine Erdnüsse angepflanzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Weil ich krank war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Zwei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Du hattest drei Monate Zeit, dein Feld zu bestellen. Es sind nicht die beiden Tage, die dich daran gehindert haben, deine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Das stimmt, Weißer. Aber da ist noch was anderes . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Die zweite Frau meines Vaters hat ein Kind bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber Himmel, es ist unmöglich, die Gebräuche der dreißig oder vierzig Völker des Sees zu kennen, aber die Feste bei der Geburt eines Kindes dauern keinesfalls ein paar Wochen. Also weiter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, das sind dann fünf Tage Kittchen für dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Ja, Weißer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche beschweren sich. Andere sind geradeheraus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na nini asalaki bilanga te? (Warum hast du die Felder nicht bestellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na koï-koï (Aus Faulheit) . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die würde ich gern einfach freisprechen, aber dann würden mir morgen alle dieselbe Antwort geben.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff war Teil der Kolonialverwaltung, konnte sich aber, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, auch in die Perspektive der Einheimischen einfühlen. Die Menschen hätten genug am Wald und an den Flüssen, konstatierte er, Geld interessiere sie nicht besonders. »Da die Region selten kontrolliert wird, ziehen die meisten Bauern es vor, acht Tage leichte Haft zu erdulden und dafür dreihundertsiebenundfünfzig Tage in Ruhe und Frieden zu leben. Kann ich es ihnen verdenken?«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon im neunzehnten Jahrhundert zwang die Nachfrage nach Kautschuk Menschen, tiefer in den Regenwald vorzudringen, trotz der Gefahr durch Raubtiere und Tsetsefliegen. Die Schlafkrankheit, die als Epidemie bezwungen war, forderte erneut viele Opfer. Womöglich ein Fünftel der Bevölkerung des Äquatorialwaldes wurde infiziert. Viele litten auch unter Darmparasiten, da sie fern von zu Hause ihren Durst nur mit brackigem Sumpfwasser stillen konnten.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ausgesprochen spannend, da hier ein Vertreter der Kolonialmacht zu Wort kommt, dessen Weltbild ins Wanken geraten ist. Während die meisten Weißen einfach das Ende des Krieges abwarteten, um ihr Leben danach wie gewohnt weiterzuführen, hatte er erkannt, dass »die Schwächung Europas unweigerlich Zentrifugalkräfte auslösen wird«.29 Es würde nie mehr wie vorher werden. Verzweiflung kam in ihm auf. Als Kind russischer Emigranten besaß er viel feinere Antennen für jähe historische Umbrüche als der durchschnittliche Belgier. Die brillanteste Passage in seinem Tagebuch war geradezu prophetisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen wir hier eigentlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zivilisieren« im Namen einer Zivilisation, die zerfällt und nicht mehr an sich glaubt? Christianisieren? (. . .) Aber warum sind wir dann hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir bringen Frieden und bewahren ihn, wir überhäufen das Land mit Straßen, Plantagen, Fabriken, wir bauen Schulen, wir sorgen für eine medizinische Betreuung. Als Gegenleistung nutzen wir ihre Bodenschätze und ihr Land und lassen sie für uns arbeiten, gegen Bezahlung . . . bescheiden allerdings. Leistung und Gegenleistung, aber von einer Seite aufgezwungen: Das ist der ganze Kolonialpakt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und morgen? Was wird das schwarze Baby dann sein, das auf dem Rücken der Mutter festgebunden ist, die an meiner &#039;&#039;barza&#039;&#039; vorbeigeht, dieser junge Spross des kolonisierten Afrika? Wird er die Macht aus unseren Händen übernehmen oder sie uns entreißen wollen? Wie fern das heute erscheint, tief in diesem Urwald . . . und doch, es gibt Momente, in denen sich die Geschichte beschleunigt: Als mein Vater ein Kind war, glaubte er ebenso sehr an die Ewigkeit der patriarchalen Welt, die ihn umgab – und das war fünfundzwanzig Jahre vor 1917! Früher oder später – und ich hoffe für den Kongo, dass es nicht zu früh sein wird – wird dort ein Mann aufstehen. Wird es ein &#039;&#039;chef coutumier&#039;&#039; sein, der die modernen Techniken der Machtausübung beherrscht, ohne die traditionellen zu verleugnen? Wird es einer von den kleinen Jungen sein, die »Vers l&#039;avenir« singen bei der Preisverleihung [am Ende des Schuljahrs]? Viele von uns denken heute nicht einmal daran, obwohl unsere Kolonisation weniger danach beurteilt werden wird, was sie geschaffen hat, als danach, was von ihr bleiben wird, wenn sie vorbei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit seinen klarsichtigen Überlegungen fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an – eine Annahme, die bewusst absurd ist –, der Kongo sei im Jahre 1970 unabhängig. Welch ein Berg von Problemen! Wir in Europa hatten nie einen unüberwindbaren Konflikt zwischen unserer gesellschaftlichen Organisation und unseren technischen Errungenschaften: Beide haben sich mehr oder weniger Hand in Hand entwickelt. In Afrika dagegen stößt eine archaische Gesellschaftsform mit der Allmacht einer technischen Zivilisation zusammen, die sie zerfallen lässt, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich tritt der Kongo peu à peu in die Moderne ein. (. . .) Aber geschieht das nicht auf Kosten einer traditionellen Welt, die sich überlebt hat und doch noch immer notwendig und – noch für eine Weile – unersetzbar ist? In wessen Namen? Im Namen der wunderbaren Kultur, deren Früchte wir momentan in Europa pflücken? (. . .) Darum ist es so schwer, ein gutes Gewissen zu behalten. Indem wir nichts als wir selbst sind, zerstören wir Traditionen, die manchmal grausam, aber ehrwürdig waren, und bieten als Ersatz nur weiße Hosen und schwarze Brillen an, nebst etwas Wissen und einem unermesslichen Warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Schulbildung denn keine Form der Emanzipation? Führte die Kolonisation denn nicht zu einem langsamen Erwachsenwerden, wie die koloniale Dreifaltigkeit gern behauptete?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben wir das Recht, auch die Unvoreingenommensten unter uns, zu strafen und zu erziehen, wenn Erziehen allzu oft ein Synonym für Korrumpieren ist?30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ein unbekanntes Meisterwerk der Kolonialliteratur. Ein glänzender Stil, ein subtiler Tonfall, literarisch, ohne es zu wollen. Für ihn waren die Kriegsjahre im Kongo eine Lektion in Bescheidenheit. »Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen«, notierte er gegen Ende des Krieges.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Fall des Dritten Reichs befand sich André Kitadi, der Funker, der die Sahara durchquert hatte, noch immer in Palästina. Womit vertrieb man sich die Zeit, so fern von zu Hause? Ein Militärgeistlicher nahm ihn und seine Kameraden an alle heiligen Orte mit. »Wir waren in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth . . . Manche ließen sich sogar im Jordan noch einmal taufen.« Auch Libert Otenga, der Sanitäter im Feldhospital in Burma, nutzte die Gelegenheit, um etwas von der Welt zu sehen; er bevorzugte eine eher säkulare Form des Sightseeing. »Von Burma aus kehrten wir nach Indien zurück. Um zu essen, zu trinken und zu tanzen. Und um Mädchen aufzureißen.« Er lachte dröhnend. »Sie waren klasse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veteranen sind nach jedem Krieg eine unbequeme Gruppe. Wer für ein Land sein Leben riskiert hat, erwartet später eine Würdigung. Anerkennung, Ehre, Geld. Zurück im Zivilleben, wird Veteranen bewusst, was sie durchgestanden haben. Verletzungen, auch seelische, sind noch lange nicht geheilt – falls sie überhaupt jemals heilen. Junge Männer haben Gliedmaßen verloren und auch ihre Träume. Erinnerungen steigen auf, Traumata schwelen. Sie sehen, dass die Daheimgebliebenen ihr Leben ungestört weiterführen konnten. Und für sie haben sie doch gelitten, für diese Menschen, die nicht nachempfinden können, was sie durchgemacht haben. Veteranen sind immer eine sehr heikle Gruppe, doch die einer Kolonialarmee sind schlichtweg explosiv, zumal sie weniger für ihre eigenen Belange als für einen fremden Machthaber gekämpft haben. Im Kongo war es nicht anders. »Wir haben den Krieg als belgische Kolonie geführt«, schmetterte Libert Otenga mir entgegen. Und das hätte großzügig entgolten werden müssen: »Sie hätten uns nach dem Krieg die belgische Staatsangehörigkeit geben müssen! Das wäre nur recht und billig gewesen.«32 Ein anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer war der Ansicht, nach den glänzenden Siegen habe man sie heimgeschickt »wie einen Hund ohne Beute nach der Jagd mit seinem Herrn«.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Veteranen kamen mit einer Fülle neuer Eindrücke in ihre Heimat zurück. Sie waren jetzt welterfahrener und ließen sich von der Kolonialregierung von Belgisch-Kongo nicht mehr so schnell beeindrucken. In Abessinien hatten sie weiße Generäle gefangen genommen! In Nigeria hatten sie einen anderen Kolonialismus gesehen! André Kitadi fand auch dafür sehr prägnante Worte: »Die Briten behandelten uns sehr gut. Wir wurden gut gekleidet und gut ernährt. In Lagos wurde für uns Soldaten gekocht. Tee, Brot, Milch, Konfitüre . . . Im Kongo dagegen mussten wir uns im Busch was zu essen suchen! Wir sahen auch, dass die Briten schon afrikanische Offiziere hatten, sogar im Rang eines Majors oder Oberst. Gute Schüler schickten sie auf die Oberschule in England. In Belgisch-Kongo gab es das alles nicht. Was für eine Diskriminierung! Sie hielten uns klein! Das führte zu viel Unmut und Misstrauen, ja sogar zu einer gewissen Aufsässigkeit. Nach dem Krieg haben wir gesagt: ›Das wollen wir auch!‹ Wir wollten einen Wandel, aber wir durften nicht einmal ihre Läden betreten. Das passte uns nicht. Wir hatten Englisch gelernt. Wir warfen uns in englische Anzüge, gaben uns als Amerikaner aus und besuchten die Restaurants der Portugiesen, wo wir laut miteinander redeten. ›So, what do you drink?‹, sagten wir zueinander. ›You want to eat?‹«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Autorität der Weißen wurde auf subtile Weise herausgefordert. Am Kräfteverhältnis hatte sich etwas geändert. Viele Kongolesen wussten nur allzu gut, dass die Kolonie sich stärker gezeigt hatte als die Metropole. Belgien war überrannt worden, der Kongo aber hatte sich behauptet und militärische Triumphe verzeichnet. Die Force Publique war, wie schon im Ersten Weltkrieg, erfolgreicher gewesen als die belgische Nationalarmee. Das besetzte Belgien hatte sich über seine Regierung in London nur dank der Kolonie aufrechterhalten. Auch für den Wiederaufbau stützte sich das zerstörte Mutterland stark auf die Kolonie. Kurzum, die Belgier waren stärker auf den Kongo angewiesen als der Kongo auf Belgien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Weltordnung nach dem Krieg gab den Kongolesen im Übrigen nicht unrecht. In Jalta legten die Siegermächte die Umrisse einer neuen Welt fest. Amerika hatte als ehemalige Kolonie nicht viel Sympathie für die kolonialen Abenteuer Europas. Und die Sowjetunion war im Sinne eines proletarischen Ideals gegen jede Form von Unterwerfung. Kolonien, einst eine unerschöpfliche Quelle edelmütiger Phantasien und hochgespannter Ideale, schienen plötzlich nicht mehr zeitgemäß zu sein. Um nicht zu sagen: verdächtig. Als sich 1945 in San Francisco Vertreter von einundfünfzig Staaten aus der ganzen Welt versammelten, um die Charta der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, verschwand der Begriff »Kolonie« in den Kulissen der Geschichte. Man sprach nun von »Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung«. Dieser Begriff hatte etwas Vorwurfsvolles – für die Kolonialmächte –, aber auch etwas Hoffnungsvolles – für die Kolonien. Ihre Unterwerfung würde nicht fortdauern. Artikel 73 ließ keinen Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, daß die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben; sie übernehmen als heiligen Auftrag die Verpflichtung, im Rahmen des durch diese Charta errichteten Systems des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit das Wohl dieser Einwohner aufs äußerste zu fördern; zu diesem Zweck verpflichten sie sich, (. . .) die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam nun die große Wende? In einem solchen Klima wäre zu erwarten, dass alles plötzlich sehr schnell ginge. Dass die Veteranen an den Grundfesten der Macht rüttelten, dass Angestellte sich bestärkt fühlten durch den internationalen Rückhalt, dass Arbeiter die Stimme erheben und Bauern die Mistforke, oder besser die Machete, schwingen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nichts von alledem passierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem turbulenten Streik in Matadi wurde es plötzlich still. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Zehn Jahre lang, von 1946 bis 1956, sollte es im Kongo ruhig bleiben. Es gab keine religiöse Erweckungsbewegung wie in den zwanziger Jahren, keinen Bauernaufstand wie in den dreißiger Jahren, keine Meuterei wie in den vierziger Jahren. Es gab keine Streiks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? Hatte der belgische Kolonialismus etwa über Nacht ein anderes Gesicht bekommen? In gewisser Hinsicht schon, jedenfalls vom Denken her. 1946 sagte Generalgouverneur Ryckmans in seiner letzten öffentlichen Rede: »Die Tage des Kolonialismus sind vorbei.« Er meinte damit vor allem das alte, rein auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes gerichtete System. »So wie in der Diplomatie die Redlichkeit ist in der Kolonisation die Uneigennützigkeit die beste Politik.«35 Die Kolonie sollte endlich selbst die Früchte ihrer Reichtümer genießen. Es ging noch nicht darum, auf die Unabhängigkeit hinzuarbeiten, sondern um eine »Entwicklungskolonisation«.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser neue Elan spricht auch aus den reißerischen Slogans, die in Schwang kamen. Nach dem Krieg bezeichnete die Kolonialmacht den Kongo vollmundig als »die zehnte Provinz Belgiens«. Es war ein Versuch, die herablassende Haltung von ehedem durch einen mehr ebenbürtigen Umgang zu ersetzen. Die Kolonie lag nicht mehr in der Ferne, sondern war integraler Bestandteil des Mutterlandes geworden. Doch das war eine lachhafte Vorstellung: Wie konnte ein riesiges Land, das durch eine Laune des Schicksals zur Kolonie eines Zwergstaates geworden war, eine &#039;&#039;Provinz&#039;&#039; dieses Staates sein? Der Kongo war tausendmal so groß wie Limburg, Brabant oder der Hennegau!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Annäherungsversuch war das Konzept einer »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Die Idee stammte von Léon Pétillon, Generalgouverneur ab 1952, und sollte das &#039;&#039;dominer pour servir&#039;&#039; von einst vergessen machen, das inzwischen allzu bevormundend klang. Belgier und Kongolesen sollten Hand in Hand an einer neuen, modernen Welt bauen. So wie die Briten ihr &#039;&#039;Empire&#039;&#039; umbildeten zum &#039;&#039;Commonwealth&#039;&#039; und die Franzosen ihre überseeischen Gebiete als &#039;&#039;Union française&#039;&#039; neu definierten, so sollte Belgien künftig mit der Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft die Gleichrangigkeit beider Partner anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Politiker leisteten nachdrückliche Lippenbekenntnisse zum neumodischen Diskurs über »das einheimische Volkswohl«. Die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ging dabei am weitesten: »Die Zukunft der Rasse und das Wohl unserer kongolesischen Bevölkerungsgruppen sind unser vorrangiges Ziel«, formulierte sie.37 Belgische Meinungsführer unterschiedlichster politischer Couleur stimmten diesem Statement zu. »Die Kolonisation bringt in erster Linie eine Kulturvermittlung im Dienste der Völker in Gang«, behauptete ein Katholik.38 »Ob wir wollen oder nicht, unser Schicksal im Kongo hängt von dem der Schwarzen ab«, hatte ein Sozialist bereits erkannt.39 »Alles für, alles durch den Eingeborenen«, resümierte ein Liberaler.40 Diese Einmütigkeit darf verwundern, zieht man die weitgehende Versäulung, den gesellschaftlichen Partikularismus im Belgien der Nachkriegszeit, in Betracht. Aber viele Belgier waren sich bewusst, wie sehr die kongolesische Bevölkerung gelitten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kämpferisch nahmen die Belgier ein neues Kapitel ihrer Kolonialgeschichte in Angriff, optimistisch und mit mehr Stolz als zuvor. Sie würden der Kolonie den Weg in die Moderne bahnen, die Bevölkerung auf einen höheren Stand bringen und &#039;&#039;en passant&#039;&#039; über sich selbst hinauswachsen. Ein ehrgeiziger Zehnjahresplan sollte ab 1949 der Kolonie auf allen Ebenen zu einer modernen Infrastruktur verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Zeit der Schnellstraßen, der Nylonstrümpfe und der Sansevierien. Die neue Weltordnung veranlasste zu Fortschrittsglauben, ja sogar zu Frohmut. Scharenweise zogen Wallonen und Flamen in den Kongo. Das war die &#039;&#039;relève&#039;&#039;, die Ablösung, frisches Blut, auf das Männer wie Drachoussoff in den langen Kriegsjahren so gewartet hatten. Am Ende des Krieges befanden sich nur noch 36.080 Weiße im Kongo, 1952 lebten 69.204 dort, mehr als je zuvor.41 Die Kolonialbeamten und die Industriefacharbeiter, alles Männer, nahmen nun sehr viel häufiger ihre Frauen mit. Die Epoche der &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; neigte sich dem Ende zu, zur großen Erleichterung der Kirche, auch wenn mehrere tausend &#039;&#039;métis&#039;&#039; zurückblieben, Kinder gemischter Paare, die oft in keiner der beiden Welten zu Hause waren. Die Mutter war fast immer Kongolesin, der europäische Vater war für gewöhnlich ein Belgier, der in einem Unternehmen oder in der Verwaltung arbeitete, aber es gab auch griechische und portugiesische Väter. Diese Griechen und Portugiesen waren meist kleine Selbstständige, die einen Laden oder ein Restaurant besaßen. Wenn der Vater die Kinder anerkannte, erhielten sie eine europäische Erziehung und Nationalität. Geschah das nicht (wie in neun von zehn Fällen), blieben sie bei der Mutter im Stadtviertel oder Dorf, wo sie oft als Außenseiter behandelt wurden: zu hell, um schwarz zu sein, und zu dunkel, um weiß zu sein.42 Die Zahl der euro-afrikanischen Geburten nahm nach dem Krieg stark ab. Die Neuankömmlinge aus Belgien bekamen in der Kolonie Kinder, blonde, rosige Kinder mit Sommersprossen, die auf dem Rasen vor der Villa in kurzen Hosen umhertollten, mit einer Echse spielten und Mangos eher kannten als Äpfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die kongolesische Bevölkerung jedoch änderte sich nicht besonders viel. Grundlegende Reformen, die den Menschen mehr Rechte (in Sachen Mitbestimmung und gesellschaftliche Rechtsstellung) einräumen sollten, ließen sehr lange auf sich warten.43 Von einem neuen Bündnis zwischen Weiß und Schwarz war in der Praxis nichts zu bemerken. Noch immer schwor die koloniale Dreifaltigkeit darauf, die breite Masse nur langsam an mehr Bildung heranzuführen. Technisch gesehen war es sehr gut möglich, in kurzer Zeit eine Elite heranzubilden, doch die Machthaber befürchteten, dass sich eine solche Elite zu sehr von der Basis entfremden könnte. Das ganze Volk, so meinte man, müsse zunächst auf eine erste Ebene von »Kultur« aufsteigen, ehe man zur folgenden Etappe übergehen könne. Eine Alphabetisierung der Masse schien sinnvoller als die Heranbildung einer dünnen Führungsschicht mit politischen Rechten.44 Verlangte die Mehrzahl der Kongolesen etwa eine Teilhabe an der Macht? Na also!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sie keine politische Macht verlangten, bedeutete jedoch nicht, dass sie wunschlos glücklich waren. Die politische Apathie hatte mehr mit mangelnder Bildung als mit hochgradiger Zufriedenheit zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem kam es im täglichen Leben keineswegs zu mehr Berührungspunkten zwischen Belgiern und Kongolesen. Im Gegenteil – die Kluft wurde noch größer. Der frisch eingetroffene Schwung Kolonialbeamter und Fachkräfte bezog neue, komfortable Villen und wohnte großzügiger als je zuvor. Die Stadtviertel, in denen sie residierten, erinnerten eher an Knokke oder Spa als an Zentralafrika. Nach der Arbeit verbrachten sie die Zeit mit ihrer Familie, am Wochenende kamen Freunde zum Barbecue oder zum Bridge. Bier hatte man im Kühlschrank. (Elektrische Kühlschränke, wahrhaftig: Die Zeit der Pioniere war endgültig vorbei!) Immer mehr Belgier besaßen ein Auto. Das wuschen sie am Sonntagmorgen mit dem Gartenschlauch. Der Kongo des Europäers glich allmählich dem &#039;&#039;middle-class&#039;&#039;, &#039;&#039;suburban&#039;&#039; Kalifornien der fünfziger Jahre. Zweifelsohne ein angenehmes Leben, aber in einer &#039;&#039;expatriate community,&#039;&#039; in der öfter &#039;&#039;über&#039;&#039; Afrikaner als &#039;&#039;mit&#039;&#039; Afrikanern gesprochen wurde. Das Interesse an der lokalen Kultur nahm ab, und kaum jemand machte sich die Mühe, eine oder mehrere einheimische Sprachen zu erlernen. Vladimir Drachoussoff nahm es voller Bedauern zur Kenntnis:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nicht viele Beamte, die sich außerhalb ihrer Berufspflichten für die Einheimischen interessieren. Das Familienleben, eine komfortablere Einrichtung, die Möglichkeit (und folglich auch das Bedürfnis), fast wie in Europa zu leben, haben den alten Typus des &#039;&#039;broussard&#039;&#039; zum Verschwinden gebracht, der, mit all seinen Fehlern und Schwächen, von Posten zu Posten reiste, mit den Dorfältesten redete und sie letztendlich begriff und von ihnen begriffen wurde.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belgisch-Kongolesische Gemeinschaft wurde zu einer Schimäre; in der Praxis bildete sich nach und nach eine immer geschlossenere belgische Kolonialgemeinschaft. Der Tropenhelm verschwand, die abenteuerlichen Geschichten bei einem Glas Whiskey und einer Coleman-Lampe waren Vergangenheit. Der Kongo wurde kleinbürgerlich. Viele Frauen setzten nie einen Fuß in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;, die einzigen Kongolesen, die sie kannten, waren der Boy und der Chauffeur. Weiße Kinder wuchsen oft in einer Atmosphäre des latenten Rassismus auf. 1951 kam es so weit, dass die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ein Schriftstück mit dem Wunsch verbreitete, dass »man im Schulunterricht und beim Spielen den weißen Kindern den Respekt vor der menschlichen Person im Hinblick auf die einheimischen Familien und die schwarzen Kinder vermittelt«.46 Dass eine ehrwürdige Institution wie die Kommission zum Schutz der Eingeborenen sich mit Fangen- und Versteckenspielen beschäftigen musste, ist recht aufschlussreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vereinzelte Europäer vermochten tieferes Verständnis für die Perspektive der Kongolesen aufzubringen. Am weitesten ging dabei der flämische Franziskaner Placide Tempels. Er war in Katanga tätig und unter anderem bemüht, die Ursache für den großen Unmut der Minenarbeiter zu ergründen. Bereits 1944 beschäftigte er sich mit den Aufständen in der Kolonie und schrieb darüber einen mutigen und zugleich aufsehenerregenden Aufsatz, »La philosophie de la rébellion«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der Gipfelpunkt der Desillusionierung im Kongo. Er [der Eingeborene] hat sich mit uns verbunden, um einer von uns zu werden; doch statt als Sohn der Familie betrachtet zu werden, wird er nur ein Lohnarbeiter. Nun fühlt er sich endgültig abgelehnt, zurückgewiesen als Sohn, klassifiziert als nicht eingliederbar.47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Sichtweise war völlig neu. 1945 erschien Tempels&#039; Standardwerk &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Bantu-Philosophie). Die englischen und französischen Übersetzungen machten ihn weltberühmt, Sartre las das Buch mit Interesse. Tempels versuchte, afrikanische Kulturen von innen heraus zu verstehen und führte in seinem Werk den Begriff »Lebenskraft« als zentrales Prinzip ein. Seine Erkenntnisse nötigten zu einem vollkommen anderen Kolonialismus: »Wir glaubten, es mit der Erziehung großer Kinder zu tun zu haben, was ziemlich bequem für uns gewesen wäre. Aber auf einmal wurde uns klar, daß wir es mit einem voll entwickelten Menschentum zu tun haben, mit selbstbewußten Lebensphilosophen, die ganz und gar erfüllt sind von einer eigenen, das ganze All umspannenden Weisheitslehre.«48 Wegen seiner scharfsinnigen Attacken machte sich Tempels bei seinen kirchlichen Vorgesetzten unbeliebt. Von 1946 bis 1949 wurde er nach Flandern zurückgerufen. Es war eine Art Relegation, ein erzwungenes Exil – diesmal wurde nicht ein Kimbanguist in ein Urwalddorf verbannt, sondern ein visionärer Katholik in ein Kloster in Sint-Truiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrschte zwar Ruhe im Kongo zwischen 1946 und 1956, aber es war eine unheimliche, eine relative Ruhe, die eher alte Angst verriet als neue Hoffnung. Über den Gärten der Kolonialvillen, in denen am Sonntagnachmittag die Gläser klangen, ballten sich bereits dunkle Wolken. Doch niemand bemerkte es, nicht einmal der sommersprossige Bengel, der auf dem Rasen eine Echse unter einer Käseglocke gefangen hielt. Es war die Ruhe vor dem Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo würde das Unwetter des Grolls zuerst losbrechen? Die Menschen auf dem Land hatten mit Sicherheit genügend Gründe, sich zu beklagen. Sie lebten noch immer in erbärmlichen Verhältnissen. Die Felder waren vernachlässigt. Aufgrund der bleischweren Last der »Kriegs­anstrengung« war die Selbstversorgung ins Hintertreffen geraten. Die Menschen waren unterernährt. Die Jagd war zum Erliegen gekommen. Kolonialbeamte mussten sie ermuntern, aufs Neue Raupen, Termiten und Larven zu sammeln, eine traditionelle Proteinquelle.49 Denn an den Orten, an denen Vieh gehalten wurde, waren die Rinder prinzipiell dem Minenpersonal vorbehalten. Der Zehnjahresplan enthielt ein umfangreiches Programm, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es sah die Einführung moderner Agrartechniken und Produktionsmittel und die Bildung lokaler Kooperativen (sogenannte &#039;&#039;paysannats indigènes&#039;&#039;) vor, aber ohne großen Erfolg. Das flache Land war und blieb bettelarm. Die Verelendung der Landbevölkerung entstand im Kongo nicht nach der Unabhängigkeit, sondern bereits mitten in der Kolonialzeit. Die Geburtenrate war sehr niedrig. Während heute in Afrika Überbevölkerung ein Grund zur Sorge ist, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Geburtenrückgang ein ständiges Problem in Belgisch-Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Not hätte zu Protesten führen können, aber die blieben aus. Oder besser gesagt: Sie nahmen eine andere Form an. Die Menschen rebellierten nicht, sondern liefen fort. Die Nachkriegsjahre im Kongo sind von einer massiven Landflucht gekennzeichnet. In nie gekanntem Ausmaß strömten Menschen in die städtischen Agglomerationen. Léo­poldville mit seinen fünfzigtausend Bewohnern im Jahr 1940 wuchs explosionsartig zu einer Stadt mit dreihunderttausend Einwohnern im Jahr 1955.50 Bereits in der Zwischenkriegszeit waren junge Männer freiwillig in die Stadt gezogen, nun brachen sie &#039;&#039;en masse&#039;&#039; auf. Nach dem Krieg hatten 70 Prozent des flachen Landes weniger als vier Einwohner pro Quadratkilometer.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hätte unter diesen Umständen die Initiative zum Widerstand ergreifen sollen? Wer Träume hatte, jagte ihnen anderswo nach. Wer zurückblieb, war oft zermürbt und erschöpft. Die ländlichen Gebiete überalterten stark. 1947 waren Schätzungen zufolge 40 Prozent der Landbevölkerung älter als fünfzig.52 Bedenkt man die relativ niedrige Lebenserwartung, ist das ein enorm hoher Anteil. Diese alten Menschen besaßen keinerlei Ausbildung und erduldeten die Kolonialherrschaft, ohne zu murren. Es gab keine landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Gewerkschaften, es gab keine sozialen Strukturen, die die Lebensumstände auf dem Land hätten verbessern können. Die einzige bekannte Form von gesellschaftlicher Organisation beruhte auf der Stammeszugehörigkeit, doch die war fast überall brüchig geworden. Der Häuptling besaß keine moralische Autorität mehr, sondern war ein Emporkömmling, der sich vor den Karren der Kolonialmacht spannen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Städte? Brodelte dort allmählich der Aufruhr? Führte die große Ansammlung von Träumen zur geballten Faust? Nicht sofort. Vielen Menschen bot die Flucht vom Land in die Stadt tatsächlich neue Chancen. Auch wenn kein Manna vom Himmel fiel, war das neue Leben auf jeden Fall besser als das, dem man entflohen war. Und manche hatten einfach Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war achtzig, als ich ihn in Kikwit fand. Ich hatte monatelang nach ihm gesucht, die ganze Zeit hoffte ich, dass er noch am Leben war. Als ich ihm endlich gegenüberstand, wusch er sich gerade im braunen Wasser des Kwilu-Flusses. Sein Körper war mager und eingefallen, sein Waschlappen war ein grüner Stofffetzen, der fast nur noch aus ein paar Fäden bestand. War er es nun wirklich? Sein Gesicht kam mir länglicher vor als auf dem historischen Foto. Nur wenn er umherlief, sah man noch, dass er einmal ein fanatischer Fußballer gewesen war. Er hatte die typischen O-Beine und noch immer den wiegenden Gang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wohnte in einem kleinen Haus aus Lehm. Neben dem Pfad zu seinem Grundstück wuchs ein großer Eukalyptusbaum. Hühner scharrten in der roten Erde, ein Ziegenlämmchen stakste meckernd umher. Wäsche hing zum Trocknen in der Sonne. Die farbenprächtigen Stoffe bauschten sich immer übermütiger im Wind. Hosenbeine knatterten. Ärmel flatterten. Es erinnerte an eine Menschenmenge, die ausgelassen am Rand eines Fußballplatzes steht oder an einem Boulevard, wenn ein König oder ein Filmstar vorbeifährt. Ich blickte zum Himmel. Regenwolken waren aufgezogen. Longin bat mich in sein Haus und bot mir einen Plastikstuhl an. Es war sehr dunkel. Ich setzte mich nah an die Tür, damit ich genug Licht zum Schreiben hatte. Einige seiner Urenkel starrten mich mit großen Augen an. Als er sie verscheuchte, stoben sie prustend vor Lachen nach allen Seiten auseinander. Die ersten Tropfen fielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Regen! Zum ersten Mal seit zwei Wochen!« Er strahlte. »Was für ein Segen. Der liebe Gott segnet dieses Gespräch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte mir, dass er 1928 in Luzuna zur Welt gekommen sei, einem kleinen Dorf am Ufer des Kwilu, und in der katholischen Missionsstation von Djuma, bei den Jesuiten, getauft worden sei. Sein Vater sei dort Zimmermann gewesen. »Wie Joseph!« Er schreinerte Stühle, Türen und Schulbänke für die belgischen Patres. Seine Mutter bestellte das Land und baute Maniok an. In dieser Zeit aßen sie noch gut. Reis, Maniok und Fisch, aber auch Flusskrebse, Raupen, Champignons und Zucchinis. Was für ein Unterschied zu heute. »Jetzt essen wir nur einmal am Tag. Und immer nur Reis mit Bohnen. Oder Maniok mit Bohnen. Fleisch gibt es nur noch selten. Und Fisch gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel zog sich zu. In der Ferne grollte der Donner. Es wurde so dunkel, dass ich meine Notizen kaum noch lesen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte in aller Ruhe weiter. Seine Eltern waren bereits katholisch, sagte er. Er war das mittlere von drei Kindern. In Djuma sah er zum ersten Mal ein Auto, einen Pick-up der Nonnen. »Der Weiße ist intelligent, sagte ich mir. Ich habe dem Priester dazu gratuliert.« Er ging dort auch zur Schule. Die Missionare hielten den Grundschulunterricht in der ganzen Kolonie ab, oft mit Hilfe lokaler Lehrkräfte. Weiterführender Unterricht beschränkte sich entweder auf eine Berufsausbildung oder – für eine verschwindend kleine Gruppe – auf eine Priesterausbildung. Klassischer Sekundarunterricht zur Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung existierte noch nicht. Erst ab 1938 gab es die ersten Oberschulen. Doch in großen Teilen des Kongo wurde man noch lange Zeit entweder Tischler oder Seminarist. Longin besuchte den technischen Zweig. »Ich sollte Mechaniker werden, um in den Lever-Betrieben zu arbeiten, aber ich hatte keine Lust, mich immer schmutzig zu machen.« Mit sechzehn ging er nach Kikwit. Er wollte unbedingt Priester werden. »Aber die Priester sagten: Du bist schon zu alt. Da bin ich dann von der Schule abgegangen und in mein Dorf zurückgekehrt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie enttäuschend diese Zurückweisung gewesen sein muss, lässt sich kaum ermessen. Das Priesterseminar war nicht nur die einzige Möglichkeit, zu studieren, die Priesterwürde war auch das höchste Amt, das einem Kongolesen offenstand. Man war dann &#039;&#039;monsieur l&#039;Abbé&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin zeigte mir ein altes Farbfoto von sich, auf dem er ein purpurfarbenes Bischofsgewand trug. Er saß auf einem Thron und sah mit ernster Miene in die Kamera. »Die Soutane ist verschlissen, aber früher bin ich damit jeden Sonntag durch die Stadt gegangen. Wenn ich eine Vision gehabt hatte, habe ich das verkündet. Alle Leute in Kikwit sprachen mich damals mit &#039;&#039;Monseigneur&#039;&#039; an.« Er war immer ein religiöser Mensch. Seine Religion war das Christentum, natürlich, aber sein eigenes Christentum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie Simon Kimbangu begonnen hatte, selbst zu predigen, nachdem die Protestanten ihn nicht mehr als Katecheten wollten, so zog sich Longin Ngwadi eine Soutane an, nachdem die Katholiken in ihm keinen zukünftigen Priester sahen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fielen dicke, kräftige Tropfen, die murmelgroße Kuhlen in die Erde schlugen, und das Unwetter brach los. Über Kikwit goss es wie aus Eimern, der Regen peitschte auf die dünnen Dächer der Hütten und Häuser. Blitz und Donner fielen zusammen. Der Himmel barst. Bei jedem Tropengewitter kommt ein Moment, in dem der Donner nicht mehr grollt, sondern kreischt. Dieser Moment war jetzt gekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin warf die Hände in die Luft und betete zum Allerhöchsten, während ihm ein Speichelfaden übers Kinn rann: »Seigneur, Sie haben &#039;&#039;papa&#039;&#039; David gesandt. Wir bitten Sie: Könnten Sie etwas weniger Lärm machen, damit wir uns weiter unterhalten können. &#039;&#039;Merci et amen!&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als ob nichts geschehen sei, fuhr er fort: »1945 bin ich nach Kinshasa gegangen. Ich war damals 17. Mein Vater bezahlte die Schifffahrt, meine Mutter gab mir Essen mit. Von Luzuna aus ging ich zu Fuß nach Djuma. Dort nahm ich das Postschiff. Ich war drei, vier Tage unterwegs. Erst auf dem Kwilu, dann auf dem Kasai und schließlich auf dem &#039;&#039;fleuve&#039;&#039; selbst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war einer der vielen zehntausend jungen Leute, die es in die Hauptstadt zog. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter, die schon in der Stadt lebten, aber er verfügte nicht über solche Kontakte. »Ich kannte niemand, als ich in Kinshasa ankam, keine Menschenseele. Aber ein Nachtwächter rief mich auf den Hof von dem Haus, das er bewachen musste. Es war jemand aus meiner Gegend. Ich durfte auf dem Boden schlafen, draußen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sah nicht gerade nach einem glorreichen Auftakt seines Stadtlebens aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz darauf bekam ich meine erste Stelle, bei Papa Dimitrios. Das war ein griechischer Jude. Er hatte einen kleinen Supermarkt. Er ließ mich zur Probe Rechenaufgaben lösen und stellte mich dann ein. Ich musste Hosen und Hemden verkaufen, Stoffe für Frauen, Seife, Zucker und was nicht alles. Er fand ein kleines Zimmer für mich, beim Jardin Botanique. Nach drei Monaten besaß ich schon eine Matratze, Bettlaken, Zudecken, zwei Stühle, Geschirr und Besteck. Dimitrios hat mir viele Sachen geschenkt. Drei Jahre habe ich bei ihm gearbeitet. Dann fing ich beim Économat du Peuple an, einem großen Laden mit sieben Verkäufern. Dort bin ich nur ein Jahr geblieben. Ich bin geflogen, weil ich Wurst verkauft hatte, die schon verdorben war.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es nicht das Priesteramt war, so gefiel ihm sein neues Leben in Léopoldville doch ganz gut. Die Schlappe als Wurstverkäufer wurde durch ein anderes Talent mehr als wettgemacht. »Ich habe vier Jahre lang bei Daring gespielt. Bei tata Raphaël.« Daring war einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Stadt. Pater Raphaël de la Kéthulle – wieder dieser Pater – hatte ihn 1936 gegründet. Der Verein existiert noch immer, unter dem Namen Daring Club Motema Pembe, und steht an der Spitze des kongolesischen Fußballs. »Ich habe lange mit Paul Bonga Bonga gespielt, dem ersten Kongolesen in der höchsten belgischen Liga. Er spielte bei Sporting Charleroi, bei Standard Lüttich. Er war Pele! In Kinshasa spielten wir immer im Vélodrome de Kintambo. Ich war Nummer 9. Ich war ein Stürmer. Tata Raphaël stand mit seiner Pfeife am Rand des Spielfelds, sah mir zu und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Ich war wie eine Schlange!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sprang er auf und dribbelte mit seinem achtzigjährigen Körper durch das dunkle Wohnzimmer. In dem Raum mit der niedrigen Decke führte er ein paar Täuschungsmanöver aus. Er konnte es noch immer. Hacke, Spitze, eins zwei drei. In Zeitlupe führte er es vor, während draußen weiterhin das Unwetter tobte. Inzwischen rann das Regenwasser an den Innenwänden des Wohnzimmers hinab. Es sickerte nicht, es strömte. Longin beachtete es nicht. »Mein Spitzname war &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;. So nannten mich damals alle. &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, Nummer 9, die Sturmspitze von Daring.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das waren noch nicht alle Stationen seines erstaunlichen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre hatte die Stadt noch eine andere Wendung für ihn in petto. »Generalgouverneur Pétillon trat sein Amt an.« Das war 1952. »Er bat fünf Leute, in die Maison des Blancs zu kommen. Das war der Ort, wo alle Geheimnisse des Kongo aufbewahrt werden. Dort trafen sich die Weißen, um den Kongo zu führen. Es lag direkt neben dem Hotel Memling. Es kamen nur ruhige, intelligente und ernsthafte Leute. Es war der &#039;&#039;cercle des européens&#039;&#039;. Ich sollte dort bedienen. &#039;&#039;›S&#039;il vous plaît.‹ ›Merci.‹ ›S&#039;il y a quelque chose, vous me le dites.‹&#039;&#039; Lange Arbeitszeiten, aber hinterher bekam ich fünfzig kongolesische Franc. Das war sehr viel Geld. Unter den fünfen war ich die &#039;&#039;numero uno&#039;&#039;. Ich war der Höflichste, der Ordentlichste. Pétillon sagte deshalb, ich dürfe sein &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; werden. Also ging ich mit zum Haus des Gouverneurs.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zimmermannssohn, der kein Priester werden durfte, der Verkäufer von Haushaltstextilien und vergammelter Leberwurst, der pfeilschnelle Stürmer des Fußballvereins Daring wurde nun Hausdiener beim vorletzten Generalgouverneur von Belgisch-Kongo. »Vier Jahre habe ich für ihn gearbeitet. Er nannte mich &#039;&#039;mon fils&#039;&#039;.« Léopoldville war tatsächlich eine Stadt voller Möglichkeiten.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadis Geschichte ist zweifellos sehr außergewöhnlich, aber die Stadt bot tatsächlich vielen Neuankömmlingen eine neue Freiheit. Für Frauen galt das in besonderem Maße. Thérèse aus Kasai zog nach dem Tod ihres Mannes nach Léopoldville. Ein Onkel kümmerte sich um sie und half ihr, einen kleinen Handel aufzuziehen. Auf dem Markt von Kinshasa verkaufte sie Maniokbier und später auch Obstsaft, den sie aus reifen Bananen herstellte. Nach einem Jahr ließ sie ihre Kinder nachkommen, ein paar Jahre später heiratete sie wieder. Sie hatte einen Arbeiter kennengelernt, jemand von ihrem Stamm, den es auch in die Stadt verschlagen hatte.54 Eine »freie Frau« in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; war nicht länger eine Prostituierte, jene Kategorie, die in der Sprache der Behörden »erwachsene, gesunde, einheimische Frauen, die theoretisch allein leben« hieß, sondern einfach jemand, der auf eigene Faust versuchte, über die Runden zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Schwester Apolline. Sie war im gleichen Alter wie Longin. Ich traf mich mit ihr im Franziskanerkloster von Kinshasa. Sie stammte aus einer gemischten Familie im Hinterland – ihr Vater war Kongolese, ihre Mutter kam aus Tansania. Ihre Eltern hatten sich im Ersten Weltkrieg kennengelernt, als ihr Vater mit der Force Publique in Deutsch-Ostafrika kämpfte. Als sie zwölf war, hatten ihre Eltern einen geeigneten Heiratskandidaten für sie gefunden, doch sie hatte andere Pläne. Sie wollte ins Kloster, dort fühlte sie sich freier. Das Klosterleben führte sie in die große Stadt. »Neunundzwanzig Jahre habe ich in Lubumbashi gearbeitet. Ich war dort Direktorin einer Grundschule. Und viele Jahre später wurde ich das erste schwarze Mitglied des kirchlichen Provinzialrates. Ich habe immer in der Stadt gelebt.«55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Victorine Ndjoli. Sie war die erste Kongolesin, die den Führerschein machte. »Ich hatte die Hauswirtschaftsschule besucht bei den Franziskanerinnen. Knöpfe annähen, schneidern. Später lernte ich beim &#039;&#039;foyer social&#039;&#039; Babykleidung und Hüte machen. Die Weißen suchten damals hübsche Mädchen für ihre Werbeplakate. Ich war Fotomodell für eine Fahrradmarke, für Sherry, für Milch. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte mehr. Ich riss aus, um in die Fahrschule zu gehen. Mein Vater war erst dagegen, aber schließlich war er stolz auf mich. Nach einer Woche hatte ich meinen Führerschein. Es war 1955, ich war 20. Ich durfte einen Dodge fahren, aber ich hatte selber nie ein Auto. Die Männer wollten das nicht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Victorine nahm auch an den ersten Schönheitswettbewerben in Léo­poldville teil. Sie wurden vom Besitzer einer Tanzschule veranstaltet, Maître Taureau. Meister Stier. Ziemlich macho, oder? Ich fragte ihn danach, als wir vor seinem Haus saßen im Stadtteil Yolo, einem einfachen Viertel, wo ihn jeder Vorbeigehende kannte. »Nein, mein richtiger Name ist François Ngombe. &#039;&#039;Ngombe&#039;&#039; ist Lingala und bedeutet Rind. Und &#039;&#039;maître&#039;&#039;, weil ich ein Meister darin bin, im Leben keinen Meister zu brauchen!« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »In meiner Tanzschule habe ich den Leuten Cha-Cha-Cha beigebracht, Bolero, Rumba und Charanga, aber auch Swing und Rock-&#039;n&#039;-Roll. Daneben habe ich die Wahl der &#039;&#039;Miss Charme&#039;&#039; in den Stadtteilen organisiert. Die griechischen und portugiesischen Händler haben umsonst Stoffe rausgerückt. Die Mädchen haben sie getragen und so Reklame für die Händler gemacht. Eine von ihnen wurde dann gewählt.«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville wurde eine Stadt der Mode, Eleganz und Koketterie. Junge Frauen trugen lange, farbenfrohe &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, ein Brauch, den die Missionsschwestern eingeführt hatten. Über den Umweg Europa landeten Batikstoffe aus Indonesien in Zentralafrika. Mädchen trugen die Haare kurz, aber wenn sie ungefähr zehn waren, ließen sie sie wachsen. Es gab ein Dutzend afrikanischer Frisuren in dieser Zeit, für manche brauchte man drei Stunden.58 Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer neuen urbanen Kultur. Sie dominierten den Kleinhandel, sie bestimmten, welche Kleidung, Musik und Tänze erfolgreich waren, und sie gestalteten einen neuen, modernen afrikanischen Lebensstil.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Frauen konnten in angesehene Funktionen vordringen. 1949 wurde Pauline Lisanga als Ansagerin für Radio Congo Belge eingestellt. Dieser Sender hatte mit Programmen für die afrikanische Bevölkerung begonnen. Pauline wurde damit die erste schwarze Radiosprecherin Afrikas.60 Nicht viele Kongolesen besaßen ein Radio, aber an vielen Stellen in der Stadt hingen Lautsprecher, um die sich Gruppen von Passanten und Leute aus der Nachbarschaft versammelten. Sie hörten dort Paulines Stimme. Es gab Nachrichtensendungen, erbauliche Sketche und religiöse Beiträge, aber auch traditionelle kongolesische Klänge und westliche Unterhaltungsmusik. Sogar für neue Schlager aus dem Kongo war Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Léopoldville wimmelte es zu jener Zeit von kleinen Bands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und Festen spielten. Ihre aufpeitschenden Rhythmen, das virtuose Gitarrenspiel, die hohen Falsettstimmen, die differenzierten Melodien und leichtfüßigen Texte sorgten für eine unwiderstehliche Tanzmusik. Das war der Rock-&#039;n&#039;-Roll von Zentralafrika. Im Kongo befanden sich die großen Tanzlokale in den Händen griechischer Migranten. In Kinshasa gab es (und gibt es noch immer) das Akropolis, in Kisangani (damals Stanleyville) gab es die Olympia-Bar. Ein paar griechische Unternehmer hatten auch Aufnahmestudios eingerichtet. Dort wurde die wunderbare Tanzmusik einiger kongolesischer Orchester verewigt. Das Radio ermöglichte eine neue Art des Heldentums. African Jazz von Kabasele und OK Jazz von Franco wurden zu den populärsten Bands der fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das urbane Leben umfasste jedoch mehr als Schönheitswettbewerbe, Maniokbier und Tanzplatten. Auf den Werften von Léopoldville, in den chemischen und metallurgischen Fabriken von Katanga und in den Handelshäusern der städtischen Zentren trat eine neue Generation Kongolesen wie Longin zum ersten Mal eine Stelle an und machte Bekanntschaft mit den hohen Ansprüchen der modernen Wirtschaft. Zu Streiks kam es nicht, aber auch hier herrschte die verräterische Ruhe vor dem Sturm. Als nur wenige Jahre später das Unabhängigkeitsfieber mit aller Heftigkeit ausbrach, hofften sehr viele, dass sie nach der Übergabe der Macht nie mehr zu arbeiten brauchten. Fürs Erste aber herrschte Ruhe, Unheil verkündende Ruhe. Wie hätte etwaiger Groll auch an die Oberfläche kommen können? Gewerkschaften boten keinen Ausweg. Bis 1946 waren sie für Schwarze verboten. Weiße Beamte hatten seit 1920 eine erste Interessenvertretung, hielten die Türen jedoch für kongolesische Mitglieder geschlossen. Nach dem Krieg wurde STICS gegründet, &#039;&#039;Syndicats des Travailleurs Indigènes Spécialisés&#039;&#039;, eine Gewerkschaft nur für spezialisiertes Personal, sodass 90 Prozent der Arbeiter ausgeschlossen waren. Später gab es die APIC, die &#039;&#039;Association du Personnel Indigène de la Colonie&#039;&#039;, eine viel militantere Organisation. Doch nahezu jede gewerkschaftliche Bewegung wurde streng kontrolliert, denn die Kolonialverwaltung schrieb die Einbeziehung weißer Berater vor.61 So schaute einem ständig ein Staatsbeamter oder Geistlicher über die Schulter, und jede rebellische Regung wurde im Keim erstickt. Die Gewerkschaftsarbeit sollte konstruktiv und ruhig ablaufen. Die Kolonialverwaltung sah in ihr allenfalls eine nützliche &#039;&#039;éducation sociale&#039;&#039; der Arbeiter.62 Eine Art Fußball also, aber in geschlossenen Räumen: Man lernte Tagungen abzuhalten, eine Tagesordnung aufzustellen und Protokolle anzufertigen, über einen Etat zu diskutieren . . . Die Gewerkschaft sollte eine Schule sein und nicht eine legitime Form von Opposition und Widerstand. Als belgische Gewerkschaften – christliche und sozialistische – versuchten, in der Kolonie Fuß zu fassen, war das zum Scheitern verurteilt. Die kongolesischen Arbeiter fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sahen sie als etwas, das von oben kam, etwas Weißes. Von den fast 1,2 Millionen Werktätigen 1955 waren 6160 in einer Gewerkschaft organisiert, nicht einmal ein halbes Prozent.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung regte allerdings an, dass die großen Firmen Betriebsräte einführten, in denen Kongolesen ihre Meinung äußern durften. Betriebsräte ließen sich besser kontrollieren als selbstständige Gewerkschaften. Auch die Provinzräte bekamen die ersten kongolesischen Mitglieder, und ab 1951 zählte der koloniale Verwaltungsrat, ein informelles Beratungsorgan ohne reale Macht, acht Afrikaner; die meisten kamen allerdings aus ländlichen Gegenden, gehörten also nicht zur neuen städtischen Mittelschicht. Es waren zaghafte Versuche, den Beschwerden und dringenden Wünschen der kolonialen Untertanen ein Ohr zu leihen, doch sie zeugten zugleich von der Auffassung, dass man noch alle Zeit der Welt habe, ehe man etwas Tiefgreifenderes unternehmen müsse.64 Noch war kein Grund zu wirklicher Besorgnis. Glaubte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hätte man den heraufziehenden Umbruch ahnen können? Die Landbevölkerung fügte sich weiterhin in ihr Schicksal, und die Menschen in den Städten wirkten eigentlich recht zufrieden. Ja, so konnte man feststellen, es entstand sogar eine wirkliche Kaste von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; – Einheimischen, die so europäisch wie möglich leben wollten, die ein Faible hatten für alles Belgische und die die Wohltaten der Kolonisation in den höchsten Tönen rühmten. Von heutiger Warte aus klingt dieser Begriff sehr problematisch, aber es war tatsächlich eine selbst gewählte Bezeichnung.65 Von diesen &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, da waren sich die Kolonialherren sicher, ging keinerlei Gefahr aus. Gut, es hatte manchmal etwas Skurriles, all das Getue mit den gepflegten Anzügen und dem manieristischen Französisch. Aber es handelte sich ja um die echten sozialen Aufsteiger, sie ernteten die größten Früchte der edelmütigen Zivilisierungsarbeit. Loyalere Untertanen gab es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch platzte die Bombe genau in diesem Milieu. Die meisten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Stadt geboren. Das Dorf kannten sie nur vom Hörensagen. Sie besuchten die Missionsschule, sie arbeiteten bei europäischen Firmen, sie respektierten den Kolonialstaat und sie sahen folglich zu ihren weißen Herrschern auf. Ein anderes gesellschaftliches Rollenmodell hatten sie nie gekannt. Viele von ihnen nahmen große Strapazen auf sich, um für voll angesehen zu werden. Sie bildeten sich in Bibliotheken weiter, lasen die Zeitung, hörten Radio, besuchten Kinos und Theater und lasen Bücher, denn es war die Intelligenz mehr noch als der Wohlstand, um die sie die Weißen beneideten. Das Zweite war nicht mehr als ein Ausdruck des Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildete sich eine lebendige Vereinskultur. Noch stand sie unter Aufsicht der Kolonialverwaltung, historisch aber war sie von immenser Bedeutung: In den Vereinen ehemaliger Schüler, in den Studienkreisen und tribalen Organisationen lag der Keim für die spätere politische Bewusstwerdung.66 Die ehemaligen Schüler der Schule von tata Raphaël fanden sich in der Adapes (&#039;&#039;Association des Anciens Elèves des Pères de Scheut&#039;&#039;) zusammen; diese Gemeinschaft wurde ein wichtiger Inkubator für die erste Generation kongolesischer Politiker. In den &#039;&#039;cercles des évolués&#039;&#039; trafen sie sich, um über Bücher zu sprechen und Diskussionen zu führen; als eine Art Volkshochschulen schossen diese Gesprächskreise wie Pilze aus dem Boden. 1950 gab es, über den ganzen Kongo verstreut, etwa dreihundert davon. In den Städten entwickelten sich die tribalen Vereine, die sich früher vor allem als Hilfskassen verstanden hatten, zu kulturellen Einrichtungen, die später auch politische Ambitionen hegten. In Elisabethville wuchs die Spannung zwischen den Baluba aus Katanga und den Baluba aus Kasai: Letztere waren in großer Zahl zu den Minen im Süden gezogen und erregten nun den Unmut der dort Ansässigen. Als Resulat bildeten sich neue Vereine. In Léopoldville fühlten sich die Bakongo bedroht durch die ständige Zunahme der Bangala, Menschen aus der Provinz Équateur, die in der Armee dienten oder im Handel tätig waren. Das Kikongo, die ursprüngliche Sprache des Gebietes um Kinshasa, wurde vom Lingala verdrängt. Die Abako, die &#039;&#039;Alliance des Bakongo&#039;&#039;, wurde gegründet, eine rein kulturelle Vereinigung, die sich für die Sprache des Kongo-Volks einsetzte. Der Gründer war, wieder einmal, ein ehemaliger Seminarist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein é&#039;&#039;volué&#039;&#039; war ein Mann (nie eine Frau, es sei denn als Partnerin), der ein gewisses Bildungsniveau hatte, ein festes Einkommen erzielte, seinen Beruf sehr ernst nahm, monogam war und im europäischen Stil lebte. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, so erklärten es mir zwei Kinder von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einmal, besaß ein Fahrrad der Marke Raleigh, am besten mit Gangschaltung. »Das war damals der Mercedes der Schwarzen.« In seinem Haus stand eine Coleman-Lampe. Er hatte einen Plattenspieler und hörte Lieder von Edith Piaf. Wendo Kolosoy akzeptierte er auch, das war ruhige Musik. »Aber auf keinen Fall Musik, die zu obszönen Tänzen animierte. Sonntags gingen meine Eltern tanzen, mein Vater trug dann eine Melone.« Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; schickte seine Ehefrau mit dem Nachwuchs in die Mütterfürsorge der medizinischen Beratungsstelle. Dort wurde das Baby gewogen. Zu Hause befolgte man die Ernährungsratschläge der weißen Nonnen. Der traditionellen Medizin und dem Ahnenglauben schwor man ab, aber die Kluft zwischen Mann und Frau war sehr groß. Der Mann hatte eine Ausbildung und eine feste Arbeitsstelle, die Frau war Analphabetin und verdiente kein Geld. In ganz Stanleyville konnten in jener Zeit nur zwei von drei Frauen eine Unterhaltung in rudimentärem Französisch führen.67 Eines der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;-Kinder erzählte mir: »Ach, ich habe meinen Vater sehr oft zu meiner Mutter sagen hören: ›Also du bist eine richtige Negerin! So leben die Weißen doch nicht!‹«68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zahl der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; war nicht sehr hoch (knapp sechstausend 1946, knapp zwölftausend 1954), aber ihre Mündigkeit war entscheidend. Tragischerweise strebten sie eine Annäherung an die Europäer an genau in dem Moment, in dem sich die Europäer immer mehr zurückzogen in ihre Villen, an ihre Swimmingpools und zu ihren Tennisturnieren. Ja, es gab in Belgisch-Kongo schwarze LKW-Fahrer und Telegraphisten, aber in Cafés und Restaurants war die Rassenschranke schärfer denn je zuvor. Wenn ein weißer Journalist in Léopoldville es wagte, einen schwarzen Kollegen in eine europäische Bar mitzunehmen, verstummten die Gespräche. Züge und Flussschiffe hatten zwar schwarze Lokführer und Kapitäne, die Passagierabteile aber waren strikt nach Hautfarbe getrennt. Sprang ein Schwarzer in ein Schwimmbecken, verließen die Weißen es. Körperstrafen mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; galten noch immer für alle Afrikaner, selbst wenn sie die lateinische Grammatik beherrschten und die Reden de Gaulles lasen. Der Schriftsteller Paul Lomami Tshibamba war Mitarbeiter von &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039;, einer von der Regierung kontrollierten Zeitschrift für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. 1945 veröffentlichte er in der zweiten Nummer einen aufsehenerregenden, aber alles in allem moderaten Artikel mit dem Titel »Quelle sera notre place dans le monde de demain?«. Das brachte ihm nach eigenen Angaben »zahllose Gerichtstermine ein, begleitet von unendlichen Peitschenhieben«.69 Die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; pfiff durch die Luft, während anderswo in der Stadt die Tennisbälle ploppten. Unterdessen gingen die Weißen zu Pferderennen und veranstalteten Radrennen. Festliche Kirmesrennen waren es, bei denen Amateurfahrer gut gelaunt unter Transparenten mit Martini-Werbung fuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schmerzliche Streben des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde mir nirgends deutlicher bewusst als in einigen Sekunden historischen Filmmaterials in &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;, einem beklemmenden Dokumentarfilm von Luc Leysen. Es ging um Aufnahmen von einem Schönheitswettbewerb in Léopoldville 1951. Nicht Pudel oder Federvieh wurden prämiiert, sondern Familien. Vor einem ausschließlich weißen Publikum paradierten kongolesische Familien an der Jury vorbei. Der Vater in kurzer Hose, neben ihm seine Frau, dahinter die Kinder, ordentlich wie die Orgelpfeifen sortiert. Das jüngste Kind trug ein Schild mit der Teilnehmerzahl. Das Publikum applaudierte höflich. Dann gingen sie weiter, mit ernsten Gesichtern . . . So viel Verzweiflung in so wenigen Sekunden.70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; forderten eine rechtliche Sonderstellung, die ihre Position in der Gesellschaft anerkannte. Das war begreiflich, denn sie waren zu »sozialen Mulatten« geworden, zu Menschen, die zwischen zwei Kulturen lebten.71 Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einer kleinen Stadt wie Luluabourg formulierten es mit ergreifenden Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir fordern, das Gouvernement möge anerkennen, dass sich die einheimische Gesellschaft in den letzten fünfzehn Jahren stark weiterentwickelt hat. Neben der Masse der einheimischen Bevölkerung, die benachteiligt oder kaum gebildet ist, hat sich eine neue soziale Schicht entwickelt, die eine Art einheimisches Bürgertum darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder dieser einheimischen intellektuellen Elite tun ihr Möglichstes, um sich fortzubilden und ein ordentliches Leben wie ein respektabler Europäer zu führen. Diese Évolués haben begriffen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben. Aber sie sind davon überzeugt, dass ihnen, wenn nicht eine spezielle Rechtsstellung, so doch ein besonderer Schutz des Gouvernements zusteht, der sie vor Maßnahmen oder Behandlungen bewahrt, die auf eine unwissende und rückständige Masse angewandt werden. (. . .) Es ist schmerzhaft, empfangen zu werden wie ein Wilder, wenn man voll des guten Willens ist.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wortgewandt ausdrückt, noch mit einer Nilpferdpeitsche traktiert wird. Aus dem unterwürfigen, fast kriecherischen Ton sprach ein sehr großes Verlangen. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte die Mauer zwischen Weiß und Schwarz nicht niederreißen, sondern bat darum, darüber hinweg gehoben zu werden. Er kämpfte nicht gegen die Rassenschranke&#039;&#039;.&#039;&#039; Er verlangte weder nach Rechten für »das kongolesische Volk« noch für seinen Stamm, sondern nur für den Kreis, in den er, nach großen Anstrengungen, vorgedrungen war. War das egoistisch? Gewiss. Hatte es etwas Geringschätzendes? Ja. Im Grunde übernahmen die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; bei ihren Assimilationsbestrebungen sogar den Blick, mit dem die meisten Europäer die Afrikaner betrachteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgische Kolonialverwaltung schwankte sehr lange. Sie hatte doch nie eine entwurzelte Elite heranziehen wollen? Alles zu seiner Zeit, war die Devise. Erst ab 1938 gab es ein paar weiterführende Schulen, erst 1954 (nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, aber das konnte man damals nicht wissen) eröffnete die erste Universität, Lovanium, eine Dependance der katholischen Universität Leuven. Im ersten Jahr studierten dreiunddreißig Studenten bei sieben Professoren. Angeboten wurden Naturwissenschaften, Sozial- und Verwaltungswissenschaften, Pädagogik und Agrarwissenschaft. Ein Jurastudium war erst ab 1958 möglich.73 Es wurde also nichts übereilt. Sollte man dennoch jetzt eine Kaste von Privilegierten anerkennen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1948 entschloss sich die belgische Regierung zu einer vorläufigen Lösung: Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; konnte für die &#039;&#039;»carte du mérite civique«&#039;&#039; (»Karte bürgerlicher Verdienste«) in Betracht kommen. Wer keine Vorstrafen hatte und nie verbannt worden war, wer Polygamie und Hexerei abgeschworen hatte und des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte sich darum bemühen. Die Inhaber dieses Nachweises blieben künftig von Körperstrafen verschont und würden gegebenenfalls von einem europäischen Richter abgeurteilt werden. Sie bekamen gesonderte Pavillons in den Krankenhäusern und durften nach sechs Uhr abends durch die Viertel der Weißen gehen.74 Auf die meisten anderen Kongolesen machte das großen Eindruck. In Boma erzählte Camille Mananga, ein Mann, der dreizehn Jahre alt war, als dieser Nachweis eingeführt wurde: »Das war nur etwas für große Persönlichkeiten. Sie durften bei den Weißen einkaufen und etwas trinken. Es war eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war noch viel zu jung. Also himmelweit davon entfernt.«75 Doch für Menschen, die sich seit Jahren emporarbeiteten, ging es um ziemlich geringe Vorrechte, die in keinem Verhältnis zu ihren Anstrengungen standen. Die strukturelle Lohnungleichheit bestand nach wie vor. Victor Masunda, ein anderer Einwohner von Boma, konnte sich als alter &#039;&#039;évolué&#039;&#039; noch immer darüber aufregen: »Natürlich habe ich diese Karte nicht beantragt. Es bedeutete ja keine Lohnerhöhung. Viele waren kriecherisch, aber ich wollte mich nicht selber demütigen. Diese Karte zu beantragen, das war eine Erniedrigung. Sollte ich ihr kleiner Bruder werden? Nein. Und meinen Rotwein und Whiskey habe ich mir auch so gekauft.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1952 wurde deshalb die »&#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;« eingeführt, ein Dokument, das den &#039;&#039;évolué&#039;&#039; im öffentlichen Leben und vor dem Gesetz mit der europäischen Bevölkerung gleichstellen sollte. Der wichtigste Vorteil war, dass der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; seine Kinder in europäische Schulen schicken durfte, was ein außerordentlicher sozialer Aufstieg war und die Gewähr für eine solide Ausbildung bot. Doch die meisten Vertreter der kolonialen Elite hegten sehr große Skepsis, sodass die Bedingungen, denen ein Antragsteller entsprechen musste, außerordentlich hoch waren. Und oft auch erniedrigend. Solange über den Antrag noch nicht entschieden war, konnte ein Inspektor unangemeldet im Haus eines Anwärters erscheinen, um zu überprüfen, ob er und seine Familie auch zivilisiert genug lebten. Der Inspektor schaute nach, ob jedes Kind ein eigenes Bett besaß, ob mit Messer und Gabel gegessen wurde, ob das Geschirr auch nicht zusammengewürfelt war und ob das Bad geputzt war. Aß die Familie zusammen am Tisch oder saß die Mutter, wie früher, mit den Sprösslingen in der Küche und wartete, während der Vater mit seinem Besuch speiste? Nur wenige entsprachen den Kriterien. Man hatte also jahrelang über eine Rechtsstellung palavert, von der fast niemand profitieren konnte. Im Jahr 1958 gab es nur 1557 Inhaber der &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und nur 217 Besitzer der &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;, bei einer Gesamtbevölkerung von vierzehn Millionen.77 Das führte zu Frustrationen. Denn früher oder später schlägt enttäuschte Hoffnung um in Widerwillen, ja sogar in Feindseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man gebe bei YouTube »Jamais Kolonga« ein, und ein paar Sekunden später hört man einen der großen Klassiker der kongolesischen Rumba. Das Stück könnte auch vom Buena Vista Social Club stammen, aber es war eine Komposition von African Jazz, der populärsten Band der fünfziger Jahre im Kongo. Bandleader des legendären Orchesters war Joseph Kabasele, der den Spitznamen »le Grand Kalle« trug. Sein begnadeter Gitarrist Tino Baroza hatte den Song geschrieben. Er wurde zu einem der größten Erfolge von African Jazz. »Oyé, oyé, oyé«, lautete der Refrain, »halt mich fest. Jamais Kolonga, halt mich fest. Wenn du mich loslässt, falle ich.« Dieses Festhalten konnte man doppeldeutig interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich steige in einer schmalen, staubigen Gasse in Lingwala aus dem Auto. Bin ich hier wohl richtig? Lingwala war in der Kolonialzeit das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. Alle älteren Leute, die ich angesprochen hatte, kannten Jamais Kolonga. Selbstverständlich! Aber lebte er überhaupt noch? In der lokalen Presse hatte doch eine alarmierende Nachricht gestanden: »&#039;&#039;Le vieux Jamais Kolonga laminé par la maladie!&#039;&#039;« Sie hatten gelesen, dass der Mann, »der als &#039;&#039;Bonvivant&#039;&#039; mit seinen Späßen und Faxen die Vitalität des Kinshasa der sechziger Jahre verkörpert hatte«, schwer erkrankt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch über etliche Umwege – ich hatte ein kleines Vermögen vertelefoniert – war es mir gelungen, eine Adresse und eine Telefonnummer zu bekommen. Ich betrat einen Innenhof mit bröckelnden Mauern und ein paar vergilbten, strohtrockenen Maispflanzen. Aus einem Haus aus Zementsteinen kam, auf Krücken gestützt, ein alter Mann in kurzer Hose.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Jamais Kolonga?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der einzige echte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Informanten, die viel erlebt, aber wenig zu erzählen haben, und es gibt Informanten, die wenig zu erzählen haben, aber viel reden. Jamais Kolonga gehörte zu keiner der beiden Kategorien. Er hatte alles erlebt, und er war ein glänzender Erzähler. Er selbst sah das anders: »Ich bin gerade an der Hüfte operiert worden. Es geht mir nicht gut. Ich habe große Schmerzen, trotz der ganzen Medikamente, die ich schlucken muss.« Er schob seine Hose weg und zeigte mir die beeindruckende Narbe an der Leiste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie irgendwas?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein! Wenn Sie ein bisschen Geld haben, kann eins meiner Enkelkinder Wein kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein? In Ihrem Zustand? Sind Sie sich sicher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich drei ganze Nachmittage mit diesem kleinen, geistig regen Mann unterhalten, mal in seinem Wohnzimmer, dann wieder im Schatten seines Hauses. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter mit viel Sinn für Humor, unverwüstlicher Lebenslust und einem überragenden Gedächtnis. Einmal habe ich ihn in einem kleinen Krankenhaus besucht, wo er ein paar Reha-Tage verbringen musste und mit den Schwestern flirtete, dass es eine Art hatte. Seine Hüfte heilte zusehends. Aber wie war das eigentlich mit der weißen Frau gewesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war 1954. Ich war damals achtzehn und hatte gerade bei Otraco angefangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Beim Office des Transports au Congo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Auch mein Vater arbeitete dort. Ich war erst auf der Werft hier in Kinshasa, aber solange ich noch nicht einundzwanzig war, wurde mein Lohn an meinen Vater ausbezahlt. Das war nicht gerade ideal. Ich konnte mir nicht mal Alkohol kaufen. Deshalb bat ich um eine Versetzung ins Inland.« Während alle in die Stadt strömten, floh er von dort. »Ich musste nach Port Francqui, das ist heute Ilebo. Es liegt dicht bei Kasai. Wenn man von Kinshasa nach Lubumbashi reist, muss man dort vom Schiff auf den Zug umsteigen. Damals musste ich sogar noch die Kinder von Simon Kimbangu beherbergen, wenn sie unterwegs waren, um ihren Vater im Gefängnis zu besuchen! Bon, ich war dort also als Angestellter. Und dank meines Vaters durfte ich als einziger Schwarzer in den Läden der Weißen einkaufen. Ich trank portugiesischen Wein und Whiskey. Ja, damals schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Enkelin war inzwischen zu dem kleinen Laden gerannt und kam mit einem Tetrapack billigem Wein zurück. Don Pedro. Ich beschränkte mich auf eine Cola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages war Kabasele mit seiner Band auf der Durchreise. Aber sein Zug ist entgleist, und sie haben das Schiff verpasst. Fünfzehn Tage saßen sie in Port Francqui fest! Ich wusste, dass die Tochter meines flämischen Chefs in Kürze heiraten würde und sorgte dafür, dass Kabasele auf der Hochzeit spielen durfte. Gesagt, getan. Das Fest kam. An dem Abend trug ich einen marineblauen Anzug und einen roten Schlips. Nur drei &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren da. Den Musikern hatte ich Sondergenehmigungen beschaffen müssen, sonst hätten sie abends nicht ins Weißenviertel kommen können. Ich stand an der Bar und beobachtete eine Dame aus Portugal. Sie tanzte gut. Sie müssen bedenken, dass 1954 ein Schwarzer eine weiße Frau nicht berühren durfte. Wir konnten nicht mal miteinander reden! Die einzigen weißen Frauen, die wir sahen, waren katholische Nonnen. Nur die Boys kamen in Kontakt mit europäischen, verheirateten Frauen. Aber bon, ich hatte also gesehen, wie gut sie tanzte, und fragte ihren Mann, ob ich auch mal mit ihr tanzen dürfe. Einfach so! Es war eine Anwandlung von mir, eine Verrücktheit. Aber ihr Mann nickte. Also ging ich zu ihr hin und bat sie um einen Tanz. Ein ganzes Stück lang haben wir zusammen getanzt. Danach applaudierten die Weißen, sogar der Provinzgouverneur! Kabasele schrieb darüber später dieses Lied: ›Jamais Kolonga‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schenkte sich Wein nach. Einmal &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, immer &#039;&#039;évolué&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Vater.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wurde am 1. Januar 1900 geboren, in Bas-Congo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? Oder war das ein willkürliches Datum, das die Mis­sionare eingetragen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, es war wirklich sein Geburtstag. An diesem Tag war jemand von einem Löwen zerrissen worden, ein Schwarzer. Als mein Vater getauft wurde, wussten die Weißen das noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals gab es noch viele Löwen und Büffel, und sogar Elefanten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute gibt es keine mehr. Was das Großwild betrifft, ist Bas-Congo leer. Aber was für eine schnelle Entwicklung! Nur ein halbes Jahrhundert, bevor Jamais Kolonga auf einer europäischen Hochzeit tanzte, gab es in Bas-Congo noch Löwen, die Menschen zerrissen. Und Missionare mit ihrer eigenen Form der Raubgier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als er zwölf, dreizehn Jahre alt war, kam Hochwürden Cuvelier ins Dorf. Er sagte zu meinem Vater: ›Du sollst meine Schuhe putzen. Wo ist dein Vater?‹ Und zu meinem Großvater: ›Können Sie mir Ihren Sohn schenken?‹ ›Einverstanden‹, sagte mein Großvater, ›Sie können ihn mitnehmen, wenn er mich dann auch besuchen kommt.‹ Mein Großvater war selber katholisch, wissen Sie. Als er kirchlich geheiratet hat, hat er zwei von seinen drei Frauen weggeschickt. Die Kinder hat er natürlich bei sich behalten. Wie auch immer, mein Vater ging zum Missionsposten mit und wurde am 13. Dezember 1913 getauft. Danach wurde er in der Schule der Redemptoristen in Matadi angemeldet, und sechs Jahre später wechselte er in die neue Oberschule in Boma. Ipso facto war er also einer der ersten, die dort einen Abschluss machten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das erste Mal auf allen meinen Reisen, dass ich aus dem Mund eines Kongolesen die Wendung »ipso facto« hörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um 1927 oder 1928 wurde er von einem Angestellten von Otraco angesprochen. Sie brauchten intelligente Leute. Bis zur Rente 1958 hat mein Vater für Otraco gearbeitet, immer als Büroangestellter. Als der Betrieb seine Zentrale von Thysville nach Léopoldville verlegte, zog er hierher. Mein Vater wurde ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er hatte das Sagen in &#039;&#039;la cité Otraco&#039;&#039;, dem Wohnviertel für das einheimische Personal. Er überwachte die Arbeit der Maurer, Zimmerleute, Betonbauer. Er besuchte die Häuser der Beschäftigten von Otraco und setzte jeden Samstag eine Prämie für den aus, der die schönste und sauberste Wohnung hatte. Mein Vater trank Wein, er war einer der Ersten, die das durften. An Feiertagen hielt er Ansprachen vor dem Generalgouverneur, vor Ryckmans, Pétillon und Cornelis, er hat sie alle gekannt. 1928 hat er sogar eine Rede vor König Albert gehalten, der auf einer Rundreise hier Halt machte! Er bekam also selbstverständlich die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und später die &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Im ganzen Kongo gab es damals erst 47 &#039;&#039;immatriculés&#039;&#039;!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war sehr beeindruckend. Sogar der alte Nkasi erinnerte sich an ihn. »Joseph Lema, der war vollkommen mundele.« Der Vater trat auch dem Betriebsrat von Otraco bei und wurde später sogar Mitglied des Provinzialrats. Er gehörte zu der ersten Gruppe Einheimischer, die etwas Mitspracherecht in der Verwaltung hatten. Jamais Kolonga kramte in einem schmuddeligen braunen Briefkuvert und zog ein Schwarzweißfoto heraus, von Feuchtigkeit und Termiten beschädigt. Es zerbröselte noch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier, das war er. Und das hier ist mein Patenonkel. Papa Antoine.« Ein Mann in Uniform, mit vielen Orden. »Er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ein guter Freund meines Vaters.« Auf der Rückseite des Fotos sah ich die Handschrift seines Vaters. Äußerst elegant und regelmäßig war sie, strotzend vor Selbstvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin Jahrgang 1935. Ich wurde in Kinshasa geboren. Mit meinem Vater sprach ich Französisch, mit meiner Mutter Kikongo, überall sonst wurde Lingala gesprochen. Meine Eltern kamen aus demselben Dorf. Auch wenn meine Mutter mit einem &#039;&#039;évolué&#039;&#039; verheiratet war, ging sie doch jedes Jahr für sechs Wochen zurück in ihr Dorf. Dort muss sie gestochen worden sein. 1948 ist sie an der Schlafkrankheit gestorben. Mittlerweile ging ich in die Schule von Saint-Pierre, also die Schule von Hochwürden Raphaël de la Kéthulle. In den Pausen durfte ich seine Bibliothek ordnen. Und wenn ein großer Fußballwettkampf war, durfte ich den Ball aus seinem Büro holen und in den Anstoßkreis legen. Eine Militärkapelle spielte, und ich marschierte als Kleinster in die Mitte. De la Kéthulle hat mir beigebracht, mutig zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte es mir gern vorgeführt, aber seine schmerzende Hüfte erlaubte es ihm nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was haben Sie nach der Grundschule gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte Priester werden. Zwei Jahre lang habe ich Latein und Griechisch gelernt am kirchlichen Gymnasium von Kibula, bei Kinshasa. Das war bei den Redemptoristen. Aber dann haben sie mich rausgeworfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil ich kein Maniokbrot mochte. Ich konnte es einfach nicht essen. Sie meinten, ich solle mich nicht so haben. Jacques Ceulemans hieß der Mann, der mich rausgeworfen hat. Den Namen habe ich bis heute nicht vergessen. Er hatte kein bisschen Mitleid. Ich mochte es wirklich nicht. Er war die größte Enttäuschung meines jungen Lebens, aber nach der Unabhängigkeit, als ich in der Presseabteilung des Premierministers gearbeitet habe, da habe ich, kraft meines Amtes, &#039;&#039;ihn&#039;&#039; rausgeworfen. Das war damals, als die Soldaten gemeutert haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehnsucht, Enttäuschung, Abrechnung: ein bekannter psychologischer Prozess. Auch für Jamais Kolonga war das Priesteramt ein glühender Wunschtraum gewesen, aus dem man ihn brutal geweckt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schließlich habe ich die Schule in Kinshasa abgeschlossen, auf dem Collège Sainte-Anne, der Oberschule von de la Kéthulle. Dort saßen wir alle zusammen. Thomas Kanza, Cardoso, Boboliko, Adoula, Ileo. Bolikango auch, der war etwas älter.« Sie alle waren Persönlichkeiten, die nach der Unabhängigkeit Schlüsselfunktionen innehatten. Bolikango verhandelte in Brüssel über die Unabhängigkeit, Adoula, Ileo und Boboliko waren jeder eine Zeitlang Premierminister, Kanza war der erste Botschafter des Kongo bei den Vereinten Nationen, Cardoso war Bildungsminister . . . »Wir waren bei den Scheutisten. Das andere College gehörte den Jesuiten. Dort waren unter anderem Bomboko, Kamitatu, Albert Ndele.« Noch mehr klingende Namen aus der kongolesischen Geschichte. Die ersten beiden wurden Außenminister, letzterer Direktor der Nationalbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Umgebung, was für ein Zeitbild . . . Das war die &#039;&#039;jeunesse dorée&#039;&#039; des Kongo. Dort wurde eine junge, urbane Elite ausgebildet, die vor Ehrgeiz fast platzte. Keine Generation vor oder nach ihnen hat einen so guten Unterricht genossen. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Weißen blieb bestehen, doch die Angst einer vorherigen Generation schlug bei ihnen um in Momente von Schneid, gewiss bei einem Mann wie Jamais Kolonga. Noch immer gurrte er vor Spaß, wenn er an Monsieur Maurice dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1952 fing ich bei Otraco an. Monsieur Maurice war einer der Chefs. Es gab einen Lift für die Weißen und eine Treppe für die Schwarzen, sogar für die Angestellten. Ich nahm einfach den Lift, denn ich musste in den dritten Stock. Eines Tages stand ich mit diesem grandiosen Monsieur Moritz im Lift. Ich hatte noch dazu eine Weinfahne. Weil mein Vater &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war . . . Bon. Moritz gab mir eine Ohrfeige, und dann haben wir uns geprügelt. Es endete schließlich auf der Gendarmerie von Otraco. Ich war echt ein kleiner Rowdy im Betrieb, ja.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo der Nachkriegszeit war in vollem Umbruch, und die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren der deutlichste Beweis dafür. Es herrschte ein Klima hoffnungsvoller Erwartungen. Den Höhepunkt bildete zweifelsohne die berühmte Rundreise von König Baudouin im Mai und Juni 1955. Zum ersten Mal besuchte ein belgischer Monarch nicht nur die Machtzirkel und die Jagdreservate der Kolonie, sondern nahm sich auch ausgiebig Zeit, dem Volk zuzuwinken. Es wurde ein Riesenerfolg, ein totaler Rausch, eine beispiellose Euphorie. Junge Männer kletterten auf Bäume, um dem König zuzuwinken, Frauen trugen &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; mit einem Abdruck von Baudouins Konterfei, Kinder schmetterten die Brabançonne.79 Der Monarch und sein Gefolge reisten kreuz und quer durchs Land, wie ein Wanderzirkus, der überall mit Gesang und Tanz empfangen wurde. In Stanleyville wurde der König von Männern des Bakumu-Stammes getragen. In Elisabethville liefen die Frauen hinter ihm her: »Unser König ist so jung und so schön! Gott schütze ihn!« (&#039;&#039;Unser&#039;&#039; König, nannten sie ihn; das war das erste Mal.) In Kinshasa hatte man geplant, ihn von Victorine Ndjoli, dem Fotomodell mit Führerschein, chauffieren zu lassen, aber daraus wurde nichts. &#039;&#039;Mwana kitoko&#039;&#039; wurde er genannt, schöner junger Mann, denn er war noch immer blutjung und unverheiratet. Alle wollten ihn sehen. Ihm in die Augen zu schauen oder ihn zu berühren, sollte Glück bringen. Kinder in der Provinz, die noch nie Schuhe getragen hatten, bekamen eigens für diesen Tag ihr erstes Paar. »Es war gar nicht so einfach, damit zu laufen«, erzählte mir jemand, der damals eines der Kinder war, »aber wir haben trotzdem viel gelacht.«80 Heute sieht man im Haus von betagten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; neben dem Hochzeitsfoto noch immer ein offizielles Porträt von König Baudouin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Orte, die der König auf seiner Reise besuchte, war Lingwala, das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. »Er wollte mit eigenen Augen die Häuser sehen, die mit königlichen Mitteln erbaut worden waren«, sagte Jamais Kolonga. »Und deshalb hat er das Haus meines Vaters besucht, das hier auf diesem Grundstück stand.« Er deutete mit seiner Krücke durchs Fenster, auf die Stelle, wo der Mais vor sich hin welkte. »Das Haus steht heute nicht mehr, aber damals kam Madame Detiège vorbei, die Fürsorgerin von Otraco. Sie kontrollierte die Polstermöbel und richtete das Haus her. Die Wände wurden neu gestrichen, und sie stellte Blumen auf den Tisch. König Baudouin kam zusammen mit dem Generalgouverneur. Sie haben sich so zehn, fünfzehn Minuten mit meinem Vater unterhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist kaum zu glauben, dass sein Vater nur wenige Jahre später in demselben Haus täglich Besuch von einem Mann bekam, der das Verlangen nach Unabhängigkeit anzufachen wusste wie kein anderer. Dieser Mann war Kasavubu. Er würde einige Jahre später der erste Präsident des unabhängigen Kongo werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich viel verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele die Zeit vor der Ankunft der Weißen zurückgewünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hofften immer mehr Menschen auf einen weißen Lebensstil. Von einem Unabhängigkeitsfieber war noch nichts zu spüren, und doch hatte der Weltkrieg als mächtiger Katalysator gewirkt. Er hatte die Verletzbarkeit des Mutterlandes gezeigt und zu einer neuen Weltordnung geführt, in der Kolonialismus alles andere als selbstverständlich war. Die latente Spannung, die daraus resultierte, wurde 1955 von niemandem klarer in Worte gefasst als von Antoine-Roger Bolamba, Journalist, Schriftsteller und &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er war der größte kongolesische Dichter französischer Sprache während der Kolonialzeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Fleisch des Kampfes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf die rote Stunde des Einsatzes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über mir pfeift schon der Pfeil, der weiter, viel weiter bringen wird&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das schwindelerregende Feuer des Sieges81&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 6 Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Späte Entkolonialisierung, plötzliche Unabhängigkeit 1955-1960 ===&lt;br /&gt;
Und dann ging es plötzlich blitzschnell. 1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität. Dieses Tempo verblüffte fast jeden, wohl am meisten die Kongolesen selbst. Der belgische Kolonialismus, dem sie unterworfen waren, war ja von der Idee des allmählichen Übergangs durchdrungen. Schritt für Schritt sollte der Kongo von seinem archaischen Ursprung losgelöst werden und in die Moderne eintreten. Aus belgischer Perspektive war dieses Ziel noch lange nicht in Sicht. Das Land war seit dem Zweiten Weltkrieg zwar auf dem richtigen Weg, doch die »Kulturvermittlung« war nicht mal zur Hälfte vollbracht. »Unabhängigkeit?«, schnaubte der Missionar vom Heiligen Herzen Jesu und zukünftige Erzbischof Petrus Wijnants 1959 vor seinen Gläubigen. »Vielleicht in fünfundsiebzig, aber auf alle Fälle nicht in den nächsten fünfzig Jahren!«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte anders kommen. Aus dem allmählichen Übergang wurde ein Sturmlauf, Bedächtigkeit wich dem Chaos. Die Verantwortlichen? Niemand speziell. Oder besser gesagt: jeder. Die blitzschnelle Entkolonialisierung war nicht das Werk einer bestimmten Persönlichkeit oder Bewegung, sondern die Folge einer außerordentlich komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Akteuren. Man könnte es mit einer Tischtennispartie vergleichen, die ruhig beginnt, ein gelassenes Hin und Her des Balls, und sich mit einem Mal beschleunigt zu einem nervösen Match voller gezielter Schläge, gewiefter Topspins, bedrohlicher Schmetterbälle und gerissener Täuschungsmanöver. Immer schneller fliegt der Ball, so schnell, dass Spieler und Zuschauer gar nicht mehr richtig mitbekommen, was genau wo und wann passiert. Keiner hat mehr einen Überblick, aber jeder weiß: Es kann nicht mehr lange dauern. Und so geschah es auch im Kongo. Mit dem Unterschied, dass es mehr als zwei Spieler gab, und eigentlich auch mehr als einen Ball. Bei der Entkolonialisierung standen nicht nur Kongolesen Belgiern gegenüber; man konnte nicht von monolithischen Blöcken reden. Auf kongolesischer Seite gab es &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, Religiöse, Soldaten, Arbeiter, Bauern. Menschen aus Bas-Congo hatten andere Ambitionen als die Bewohner des Kivu oder Kasais. Menschen in den Dreißigern hatten andere Träume als Menschen in den Sechzigern. Aber sie alle kamen, früher oder später, und stellten sich um die Tischtennisplatte. Auf belgischer Seite gab es neben den Belgiern in der Kolonie die Belgier im Mutterland. Es gab Liberale, Katholiken und Sozialisten. Die Kirche und das Königshaus hatten andere Interessen als Unternehmen oder Gewerkschaften. In der Kolonie hatten die Beamten andere Wunschvorstellungen als die Plantagenbesitzer im Landesinneren oder die Missionare im Urwald. All diese Interessengruppen standen nebeneinander, sie standen sich einander gegenüber, oder sie hatten sich miteinander vermischt. Und dann gab es die Fans: UdSSR, USA und UNO standen laut schreiend auf den Tribünen, flankiert von jungen Staaten wie Ghana, Indien und Ägypten. Die Spieler wussten nicht, auf wen sie zuerst hören sollten, aber die kongolesischen Spieler bekamen als Underdogs deutlich mehr anfeuernde Zurufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann waren auch noch mehrere Bälle im Spiel: mindestens drei. Wollte man die Unabhängigkeit? Wann wollte man sie? Und wie sollte der unabhängige Kongo aussehen? Die letzte Frage betraf sowohl die innere Organisation des Landes (unitär oder föderal?) wie die externen Beziehungen zu Belgien (völlige Loslösung oder doch noch irgendeine Form von staatsrechtlicher Bindung?). Die Beantwortung dieser drei Fragen führte zu sehr verschiedenen Positionen. So konnte auf der einen Seite der Tischtennisplatte die bedingungslose und sofortige Unabhängigkeit gefordert werden, bei der alle Verbindungen zu Belgien gekappt werden und der Kongo unitär bleiben sollte, während man auf der anderen Seite für eine langsame Entkolonialisierung mit einer bleibenden Verbindung zum Mutterland und großer Autonomie für die verschiedenen Provinzen eintrat. Und dazwischen gab es noch ein Wirrwarr anderer Positionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war so, als würde eine ganze Weltmeisterschaft im Tischtennis zum selben Zeitpunkt auf einer einzigen Platte stattfinden. Die Folge waren Reibereien, Irritationen, Nervosität, Streitsucht, Euphorie, Verzweiflung und Wahnsinn. Und natürlich Tempo. Die Regeln änderten sich pausenlos. Die einzige Möglicheit, einen kühlen Kopf zu bewahren, lag im Fokussieren, in der bewussten Einschränkung des Blickfeldes, im verbissenen Festhalten an der eigenen Taktik; man durfte nur ein Auge für das eigene Spiel haben. So verhielten sich alle Beteiligten. Aber ein anderes Wort für Fokus ist Tunnelblick, und genau der bewirkte – bei allen Akteuren – Ignoranz. Die tragische Entkolonialisierung des Kongo war eine Geschichte mit vielen blinden Flecken und nur gelegentlichen Momenten der Klarheit. Aber hinterher ist leicht reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir schreiben das Jahr 1955, und noch immer befinden wir uns im Haus von Jamais Kolonga. Nach der Stippvisite von König Baudouin bekommt sein Vater immer häufiger Besuch von einem makellos gekleideten &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. »Kasavubu kam jeden Tag vorbei, hier, in dieses Haus.« Er deutete auf den Fußboden mit dem zerbröckelnden Beton. »Morgens und abends kam er, um mit meinem Vater zu diskutieren. Ich schenkte ihm Wein ein. Kasavubu war ein echter Gentleman.« Auf Fotos aus jener Zeit wirkt er tatsächlich sehr distinguiert. Tadelloser Anzug, modische Brille, Augen, die eher lächelten als laut lachten. Es wurde getuschelt, dass einer seiner Vorfahren ein Chinese gewesen sei, der um 1890 beim Bau der Bahnlinie zwischen Matadi und Léopoldville mitgearbeitet habe. Deshalb diese Augen, meinte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kam vierzig Jahre zuvor in Bas-Congo zur Welt, in einem Dorf hundert Kilometer nördlich von Boma, am Rand des Mayombe-Waldes. Rechnen und Lesen lernte er auf der Missionsstation der Scheutisten, und da er sich als sehr gelehrig erwies, durfte er das Gymnasium besuchen, damit er später eventuell Priester werden könnte. Er lernte Latein und Französisch und wechselte mit achtzehn ins Priesterseminar von Kabwe in Kasai. Es war das erste Mal, dass er Bas-Congo verließ. Nach drei Jahren Philosophie-Unterricht war er sich jedoch darüber im Klaren, dass er sich nicht zum Priester berufen fühlte. Er verließ das Seminar, wurde Lehrer, anschließend Angestellter und schließlich Beamter, doch ein Hauch von priesterlichem Pathos war ihm zeitlebens eigen. Ein leidenschaftlicher Redner wie Lumumba wurde er nie. Seine Stimme war schwach und hoch, die Modulation flach und tonlos. Das Publikum bekam er nur mit Mühe still. Er war unverkennbar intelligent, doch seine Intelligenz beruhte eher auf harter Arbeit und gründlichem Nachdenken als auf angeborenem Esprit. In zahlreichen Diskussionen mit Geistesverwandten formten sich seine Ansichten zu klaren Standpunkten. Hatte er erst einmal einen festen Standpunkt gewonnen, verstand er sich auf die Kunst, ihn mit großer Entschiedenheit zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges war er, wie so viele junge Männer, nach Léopoldville gegangen. Als 25-Jähriger war er als Beamter bei der Finanzverwaltung der Kolonialregierung eingestellt worden. Damit wurde er Teil der neuen, schwarzen, urbanen Elite. Nach Feierabend diskutierte er mit Leuten wie dem Vater von Jamais Kolonga über den Status der Bakongo in Léopoldville. Sie waren sich darin einig, dass &#039;&#039;sie&#039;&#039; die ursprünglichen Bewohner des Gebiets um die Hauptstadt seien und ereiferten sich darüber, dass nicht ihre Sprache, sondern das Lingala, die Sprache der flussaufwärts im Urwald lebenden Bangala, im Begriff war, zur Lingua franca der Stadt zu werden. Waren die Bakongo nicht zuerst hier gewesen? Und waren sie nicht am zahlreichsten vertreten? Warum fand der Schulunterricht dann auf Lingala statt? Gab es denn nicht so etwas wie das Recht dessen, der zuerst Besitz ergreift? Dieser Slogan war ein grandioser Fund: Er entstammte der Kolonialrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts, direkt übernommen von der Berliner Konferenz, aber Kasavubu übertrug ihn auf die städtische Situation der vierziger und fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie dachten auch über soziale und gesellschaftliche Probleme im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit nach. Mit welcher Berechtigung verdienten die Weißen so viel mehr als die &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, auch noch dann, wenn Letztere eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen? Auch hier goss Kasavubu seine Empörung in einen kühnen Slogan: &#039;&#039;»à travail égal, salaire égal«&#039;&#039;, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Eine entschieden zugespitzte Äußerung für jemanden, der sonst eher weitschweifig redete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Hauptstadt trat Kasavubu Adapes bei, der Vereinigung ehemaliger Scheutisten-Schüler. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer des Vereins, ein Amt, das er bis 1956 innehatte und bei dem er sehr viele Kontakte mit der jungen, hauptstädtischen Oberschicht unterhielt. Der Alumni-Club zählte damals fünfzehn- bis achtzehntausend Mitglieder.2 1955 übernahm Kasavubu auch noch die Leitung der Abako, der tribalen Vereinigung, die sich schon seit einigen Jahren für die Sprache und Kultur der Bakongo in Léopoldville einsetzte. Mit seinem Vorsitz war ein radikaler Umschwung verbunden. Kasavubu formte die Abako zu einer explizit politischen Organisation um und legte damit den Grundstein für die Politisierung der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und faktisch auch für den Beginn der Entkolonialisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Jahr 1955 wurde auch durch eine andere Begebenheit ein Jahr der Weichenstellung, wenngleich kein &#039;&#039;évolué&#039;&#039; in Belgisch-Kongo es erahnen konnte. Denn das Ereignis fand in Belgien statt, und nur wer die niederländische Sprache beherrschte, bekam es mit. Im Dezember jenes Jahres erschien in der Zeitschrift der flämischen katholischen Arbeiterbewegung ein Beitrag mit dem Titel »Ein Dreißigjahresplan für die politische Emanzipation Belgisch-Afrikas«. Jef Van Bilsen, der Autor, war ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Belga. Er war lange im Kongo tätig gewesen und hatte dort auch als Dozent an der kolonialen Universität unterrichtet. Der Tenor des Artikels war, dass sich die Kolonie endlich darum kümmern müsse, eine intellektuelle Oberschicht heranzuziehen. Es müsse eine Generation von Ingenieuren, Offizieren, Ärzten, Politikern und Beamten ausgebildet werden, damit der Kongo so um das Jahr 1985 herum mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen könne.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als gewöhnlich behauptet handelte sich Van Bilsen mit seinem Plan zunächst keine scharfe Zurechtweisung ein. Sowohl in Belgien wie auch im Kongo stieß er, auch außerhalb der progressiven Kreise, auf wohlwollendes Interesse. Seine Vorstellungen einer langsamen Emanzipation knüpften ja an die Idee des allmählichen Übergangs an, die die koloniale Dreifaltigkeit seit Dezennien vertrat. Sein Dreißigjahresplan sollte für die Politik bewirken, was der Zehnjahresplan von 1949 für die Infrastruktur und die Wirtschaft bewirkt hatte: das Land langsam, aber stetig zu modernisieren. Er brach nicht mit dem bestehenden Paradigma, sondern dachte es weiter bis in die letzte Konsequenz. Dass er das Jahr 1985 als Zeitpunkt benannte, machte das Ganze allerdings sehr konkret, doch auch dabei dachte er nicht in Begriffen einer vollkommenen Unabhängigkeit: Nach diesem Datum sollten Belgien und der Kongo noch durch die Krone miteinander verbunden sein und gemeinsam eine Art Konföderation bilden, eine Völkergemeinschaft &#039;&#039;à deux&#039;&#039; sozusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1956 erschien der Artikel in französischer Übersetzung, und das brachte den Stein ins Rollen. Kopien zirkulierten in den Vierteln der Einheimischen in Léopoldville, den Vierteln, in denen jeden Morgen Tausende von Menschen aufbrachen, häufig barfuß, um in den Lagerhallen, Seifenfabriken oder Brauereien der Europäer zu arbeiten, den Vierteln, in die jeden Abend die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; zurückkehrten nach ihrer täglichen Arbeit als Typist oder Sachbearbeiter bei einem weißen &#039;&#039;patron&#039;&#039;, den Vierteln, wo Einzelne bei einem Glas portugiesischen Weins bis spät in die Nacht über die Weltlage diskutierten. Warum redete der Chef sie immer mit Victor oder Antoine an und nie mit &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Victor oder &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Antoine? Warum sagte jeder Weiße &#039;&#039;tu&#039;&#039; zu einem und niemals &#039;&#039;vous&#039;&#039;, nicht mal, wenn man Manschettenknöpfe und einen weißen Kragen trug? In diesen begrenzten Kreisen fand Van Bilsens Artikel reißenden Absatz. Ein Weißer, der öffentlich über die politische Emanzipation der Schwarzen nachdachte: War das wirklich möglich? Ein Plan, in dem von einem Universitätsstudium und neuen Chancen die Rede war: War das nicht ein Traum? Es war, als breche ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke ihres Daseins. Es würde also nicht auf ewig so bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht mehr als ein Flugblatt, aber Kasavubu war erbost, als er es in die Hände bekam. &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; stand darauf, Juli-August 1956. Das unregelmäßig erscheinende Blättchen mit katholischem Hintergrund, das erst seit ein paar Jahren existierte und nur eine kleine Auflage hatte, wurde von Joseph Ileo geleitet, einem Mann aus der Provinz Équateur. Unter den sechs Redakteuren waren viele ehemalige Schüler von tata Raphaël; einer von ihnen war Inhaber einer &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein anderer war sogar im Besitz einer &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Die bewusste Ausgabe bestand hauptsächlich aus einem langen, anonymen Artikel mit dem unerschrockenen Titel &#039;&#039;»Manifeste«.&#039;&#039; Die Autoren hatten Van Bilsens Plan gut studiert, das sah Kasavubu gleich. »Die kommenden dreißig Jahre sind für unsere Zukunft entscheidend«, las er. »Die Belgier müssen künftig einsehen, dass ihre Herrschaft über den Kongo nicht ewig währen wird.«4 Der Text sprach, ganz auf der Linie von Van Bilsen, über politische Emanzipation und allmähliche Veränderung; es wurde eine gemeinsame belgisch-kongolesische Initiative befürwortet, und es war die Rede von einer Atmosphäre der Brüderlichkeit, die jeder Form von Rassenunterschieden ein Ende machte. Hatte König Baudouin während seiner Reise denn nicht selbst ein gutes Beispiel gegeben? Der Text fuhr fort: »Wir fordern die Europäer auf, ihre Haltung der Missachtung und Rassentrennung aufzugeben, um die fortwährenden Kränkungen, die wir erleiden müssen, zu verhindern. Wir fordern sie außerdem auf, ihre herablassende Haltung aufzugeben, die unser Selbstwertgefühl verletzt. Wir mögen es nicht, ständig wie Kinder behandelt zu werden. Begreifen Sie doch, dass wir anders sind als Sie und dass wir, während wir uns die Werte Ihrer Kultur zu eigen machen, gleichzeitig wir selbst bleiben möchten.«5 Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte nicht mehr länger nur warten und hoffen, wie er es schon seit Jahren tat, denn das blieb vergeblich, sondern wollte auch auf seine eigene Kraft vertrauen können. In Großbuchstaben stand dort ferner: »Wir wollen kultivierte Kongolesen sein, keine ›Europäer mit schwarzer Haut‹.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kochte vor Wut. Nicht, dass er nicht einverstanden gewesen wäre mit diesen Thesen, im Gegenteil. Nur: Woanders das lesen zu müssen, was er selbst schon seit Jahren dachte, das wurmte ihn. Außerdem stammte fast die gesamte Redaktion von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; aus der Provinz Équateur, während er, Kasavubu, gerade der Vorsitzende der größten Bakongo-Vereinigung geworden war. Sollten diese Lingala-Sprecher, die Bangala, in der Hauptstadt jetzt auch noch die Initiative im politischen Kampf übernehmen? Es ist kaum bekannt, doch ethnische Rivalität in den großen Städten spielte bei der Entkolonialisierung eine ebenso große Rolle wie die Ablehnung der Fremdherrschaft, wie künstlich viele dieser »Stämme« auch waren. Die »Bangala«, über die Kasavubu sich so ärgerte, waren als homogener Stamm eine Konstruktion des &#039;&#039;Bureau international d&#039;éthnographie&#039;&#039; (im Äquatorialwald existierte ein Flickenteppich von Kulturen, einen übergreifenden Stammesverband hatte es dort nie gegeben), doch diese Erfindung von Ethnographen aus den Jahren um 1910 wurde, dank der Missionsschulen, im Kinshasa der fünfziger Jahre sehr real.7 Die Bakongo wollten den Bangala nicht nachstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Wochen später rief Kasavubu die Abako-Mitglieder zusammen, um das Manifest von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; zu studieren und zu kommentieren. Im August 1956 erschien ihr »Gegenmanifest«. Es sollte den ersten Text übertreffen, ja, am besten zu Makulatur machen. Der Ton war viel radikaler und der Inhalt durchgehend revolutionär. Van Bilsens Dreißigjahresplan und &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039;? »Wir unsererseits wollen nicht an der Ausführung dieses Planes mitarbeiten, sondern einzig und allein an seiner Abschaffung, denn die Umsetzung würde für den Kongo nur zu mehr Verzögerung führen. Im Kern geht es bloß wieder um das ewige Wiegenlied. Unsere Geduld ist längst am Ende. Da die Zeit reif ist, müssen sie uns noch heute die Selbstbestimmung zuerkennen, statt sie noch einmal dreißig Jahre aufzuschieben. Späte Emanzipationen hat die Geschichte nie gekannt, denn wenn die Zeit gekommen ist, warten die Völker nicht mehr.«8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das mit den Völkern war natürlich übertrieben. Kasavubu hatte nicht das kongolesische Volk hinter sich, und auch große Teile »seines« Bas-Congo kannten nicht einmal seinen Namen. Er sprach allenfalls im Namen der Kikongo-sprachigen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; in der Hauptstadt. Doch in den Kreisen der Kolonialmacht schlug der Text ein wie eine Bombe. Es war das allererste Mal, dass einige Kongolesen so offen die baldige Unabhängigkeit forderten. An einer Konföderation mit dem Mutterland hatten sie wenig Interesse. Und die Einheit der Kolonie war ihnen offenbar auch nicht heilig; wie es schien, setzten sie sich nur für Bas-Congo ein. Viele Vertreter der Kolonialmacht reagierten mit Entrüstung. Sie sprachen von »Wahnsinn«, einem »Wettrennen in den Selbstmord«, einem »Rassismus, der schlimmer ist als der, gegen den man angeblich vorgeht«.9 Jef Van Bilsen wurde zum Sündenbock gestempelt. Er habe, so die herrschende Meinung, die Büchse der Pandora geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialisten kam der Ruf nach Unabhängigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel, doch das sagt viel darüber aus, in welch einer geschlossenen Welt sie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ja in Asien eine erste Entkolonialisierungswelle in Gang gekommen. Innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1946 und 1949, waren die Philippinen, Indien, Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig geworden. Diese Dynamik sprang auf Nordafrika über, wo Ägypten das britische Joch abwarf und Marokko, Tunesien und Algerien sich warm liefen für mehr politische Autonomie. Politiker wie Nehru, Sukarno und Nasser unterhielten gute Kontakte untereinander. Das kulminierte 1955 in der höchst wichtigen Bandung-Konferenz auf Java, einem afro-asiatischen Gipfel, wo neue Staaten und nach Unabhängigkeit strebende Länder den Kolonialismus einhellig auf den Müllplatz der Geschichte verwiesen. »Der Kolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist ein Übel, das so schnell wie möglich enden muss«, stand in der Abschlusserklärung.10 Vertreter des Kongo waren nicht in Bandung, aber eine Delegation aus dem Nachbarland Sudan, das wenige Monate später unabhängig werden sollte. Außerdem begannen nach dieser Konferenz Rundfunksender von ägyptischem und indischem Boden aus den Antiimperialismus zu verbreiten. Über Kurzwelle konnte man im Kongo &#039;&#039;La Voix de l&#039;Afrique libre&#039;&#039; aus Ägypten empfangen und &#039;&#039;All India Radio&#039;&#039;, das sogar Sendungen in Swahili ausstrahlte.11 Ihre Botschaft wurde durch eine technische Neuerung verbreitet: das Transistorradio. Ein kleines, erschwingliches Gerät hatte dadurch große Folgen. Man brauchte nicht länger auf Marktplätzen und an Straßenecken zu stehen und sich die amtlichen Bulletins von &#039;&#039;Radio Congo Belge&#039;&#039; anzuhören, sondern konnte im Wohnzimmer heimlich verbotene ausländische Sender empfangen, die wiederholten, dass Afrika den Afrikanern gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der zunehmenden Stimmung des Unmuts etwas entgegenzusetzen, entschloss sich Brüssel schließlich, eine erste Form der Machtbeteiligung einzuführen. Schon seit zehn Jahren debattierte die Politik über Formen einheimischer Mitbestimmung in den Städten, doch 1957 wurde endlich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In einigen großen Städten sollten die Viertel der Einheimischen eigene Bürgermeister und Gemeinderäte bekommen. Auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie erlangten Kongolesen dadurch zum ersten Mal konkrete Macht. In der Praxis hatten die Kolonialbeamten bereits bemerkt, dass informelle Bezirksräte gut arbeiteten, um lokale Probleme zu lösen, insbesondere, wenn die Gemeinschaft selbst die Mitglieder dieser Räte ernannt hatte.12 Künftig sollten die Mitglieder durch formelle Wahlen bestimmt werden; die Bürgermeister standen allerdings noch immer unter der Kontrolle eines belgischen »Oberbürgermeisters«. Ende 1957 wurden zum ersten Mal in der Geschichte Belgisch-Kongos Wahlen abgehalten, freilich nur in den Städten Léopoldville, Elisabethville und Jadotville. Nur erwachsene Männer durften ihre Stimme abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war zu diesem Zeitpunkt eine der Kolonien in Afrika, die in puncto Urbanisierung, Proletarisierung und Schulbildung weit vorn lagen. 22 Prozent der Bevölkerung lebten in der Stadt, 40 Prozent der aktiven männlichen Bevölkerung standen in einem Arbeitsverhältnis, und 60 Prozent der Kinder besuchten die Grundschule.13 Diese Situation war ebenso neu wie prekär. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre waren die Löhne spektakulär gestiegen, doch ab 1956 stagnierte das Wachstum, und es kam sogar zu einem erheblichen Rückgang. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt führten zu wirtschaftlicher Verlangsamung (unter anderem durch das Ende des Koreakrieges). In den Städten kam es wieder zu Arbeitslosigkeit.14 In Léopoldville gab es schon bald rund zwanzigtausend Arbeitslose.15 Wer seinen Job verlor, zog zu Verwandten, die noch Lohneinkünfte hatten. Die Häuser und Grundstücke der &#039;&#039;cité&#039;&#039; waren nach einiger Zeit gedrängt voll.16 Überall schossen kleine Bars wie Pilze aus dem Boden. Alkoholismus und Prostitution stiegen dementsprechend an, denn wenn das Leben schwer ist, werden die Sitten leicht. In dieser Atmosphäre der Unruhe fanden die ersten Wahlen statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass nur erwachsene Männer teilnehmen durften, bedeutete nicht, dass Frauen und Jugendliche in politische Apathie verfallen waren. Gerade bei ihnen entstanden um diese Zeit alternative Formen eines gesellschaftliches Engagements: die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; und die &#039;&#039;bills&#039;&#039;. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; waren Frauenvereine, in denen sich erfolgreiche Frauen trafen, um gemeinsam zu sparen und sich über Modetrends auszutauschen. Das mochte recht banal erscheinen. Auf speziellen Festen hüllten sich die Mitglieder eines solchen Vereins alle in die gleichen neuen, luxuriösen Stoffe und prunkten damit. Aber das war zugleich auch ein Statement. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; gaben sich Namen wie &#039;&#039;La Beauté&#039;&#039;, &#039;&#039;La Rose&#039;&#039; oder &#039;&#039;La Jeunesse Toilette&#039;&#039;, auf Französisch, weil das in hohem Ansehen stand. Sie reagierten so auf ihre Weise auf die Kluft zwischen Mann und Frau. Sie übernahmen die Sprache der männlichen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und unterstrichen ihren eigenen gesellschaftlichen Fortschritt. Die Mitglieder waren Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Händlerinnen. Victorine Ndjoli, die Frau, die als erste den Führerschein gemacht hatte, gründete mit einigen Freundinnen &#039;&#039;La Mode&#039;&#039;: »Wir waren von der europäischen Mode beeinflusst, die wir in den Katalogen verfolgen konnten. Die französischen Namen bewiesen, dass wir die Schule besucht hatten und gebildet waren. Frauen erhielten erst sehr spät das Recht, Französisch zu lernen, also war Französisch zu sprechen etwas, wodurch wir uns auf eine Ebene mit den Männern stellen konnten.«17 Auch die Rundfunksprecherin Pauline Lisanga war Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele dieser &#039;&#039;moziki&#039;&#039; schlossen sich mit einer der populären Bands der Stadt zusammen. Das Wort »&#039;&#039;moziki&#039;&#039;« kommt übrigens von Musik. &#039;&#039;La Mode&#039;&#039; von Victorine Ndjoli war unbedingter Fan von OK Jazz, dem Orchestre Kinois von François Luambo Makiadi, genannt Franco, dem Mann, der bis heute als größter Gitarrist und Komponist der kongolesischen Rumba gilt und der – in einer weniger anglozentrischen Geschichte der schwarzen Musik – seinen Platz neben B. B. King, Chuck Berry und Little Richard einnehmen würde. Franco de Mi Amor nannten sie ihn, &#039;&#039;le sorcier de la guitare&#039;&#039;, Franco-le-Diable. Victorine ging mit ihren Freundinnen zu seinen Auftritten (eine von ihnen heiratete er sogar), sie tranken &#039;&#039;mazout&#039;&#039;, Bier mit Limonade. Es musste Bier der Marke Polar sein, denn das kam von Bracongo, der Brauerei, in der um diese Zeit ein gewisser Patrice Lumumba seine Arbeit aufnahm. »Ich war für Lumumba, wir unterstützten seinen MNC«, sagte Victorine. Diese Entscheidung lag nicht unbedingt auf der Hand in einer Stadt, in der Abako das Zepter schwang. »Als er starb, haben wir alle getrauert.«18 Frauen durften nicht wählen, aber Mode, Musik, Ausgehen, Trinken und Tanzen bekamen auch eine politische Bedeutung. Sie stimmten mit dem Glas ab. Primus, das Bier der Konkurrenz, tranken ja die Anhänger von Kasavubu.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es die Jugendlichen. Nach einem halben Jahrhundert Geburtenmangel stiegen die Bevölkerungszahlen seit den fünfziger Jahren erheblich. Zwischen 1950 und 1960 wuchs die Zahl der Kongolesen um 2,5 Millionen. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das Land rund 14 Millionen Einwohner. Der Kongo verjüngte sich: Mitte der fünfziger Jahre waren 40 Prozent der Bevölkerung jünger als fünfzehn.20 Die Jugend wurde eine sehr wichtige Bevölkerungsgruppe, nicht nur in demographischer, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; waren die erste Jugendkultur in der Kolonie.21 Was die &#039;&#039;nozems&#039;&#039; für Amsterdam waren, die &#039;&#039;zazous&#039;&#039; für Paris und die &#039;&#039;teddy boys&#039;&#039; für London, waren die &#039;&#039;bills&#039;&#039; für Léopoldville. Sie ließen sich von den Westernfilmen inspirieren, die in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; gezeigt wurden. Wie der Name bereits ahnen lässt, war Buffalo Bill ihr Held. Sie sprachen eine eigene Jugendsprache, das &#039;&#039;hindubill&#039;&#039;, und pflegten einen eigenen Kleidungsstil: Halstücher, Jeans und hochstehende Hemdkragen, die auf den Wilden Westen verwiesen und womit zugleich die tadellos gekleideten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; verspottet wurden. Die wiederum machten sich große Sorgen über die Verlotterung der Jugend. Alles die Schuld verderblicher Filme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Kino müssen Zügel angelegt werden. Kriminalfilme und Cowboyfilme sind sehr beliebt. Alle diese Szenarien zeigen den Zuschauern, oftmals Jugendlichen und nicht selten sogar Kindern, wie man stehlen, töten und, mit einem Wort, Schlechtes tun kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man die Anzeigen und Plakate sieht, wähnt man sich zuweilen im Reich der Brutalität und der Sinnlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollen wir unseren Söhnen und Töchtern Zurückhaltung, Güte, Nächstenliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen beibringen? Das große Übel steckt in den Kinosälen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sieht man anderes in diesen Etablissements als die erotischsten Filme, die aus den wolllüstigsten Szenen bestehen, über die dann noch eine die Sinne aufreizende Musik gekleistert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends habe ich einmal einer Filmvorführung beigewohnt. Im Saal waren alles in allem zehn Erwachsene. Der Rest? . . . Kinder von 6 bis 15 Jahren. Der Saal war voll von diesen »Knirpsen«. Ein Höllenlärm . . . Die Bengel zappelten vor Ungeduld . . . Die Leinwand leuchtete auf . . . Ein Cowboyfilm . . . Applaus . . . Freudenschreie . . . Ein Liebesabenteuer . . . Überall Küsse und »ha!« in allen Ecken . . . Danach die Faustkämpfe und Pistolenschüsse, die bei der Jugend eine unbeschreibliche Freude erwecken . . . Zwei schlechte Filme . . . Nach der Vorführung begann die Wiederholung dessen, was wir in den letzten zwei Stunden auf der Leinwand gesehen hatten. Man belästigte junge Mädchen, die aus der Vorstellung kamen, indem man sie auf die Wangen küsste . . . Man lief mit einem Stock hintereinander her und imitierte das Geräusch einer Pistole, um die Cowboys nachzuäffen . . . Das waren die moralischen Lektionen der Vorstellung dieses Abends . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erbärmlich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das Kino wird zu einer Schule für Gangster in Belgisch-Kongo werden, falls die Vorführung bestimmter Filme in der cité oder in den centres extra-coutumiers nicht verboten wird.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; galten als Unruhestifter, die sich die Zeit mit Diebstahl, Zügellosigkeit und Marihuana vertrieben. Die Jugendkriminalität in den Städten nahm in dieser Zeit tatsächlich zu, aber es ging weniger um schwere Verbrechen als eher um den Diebstahl eines Korbes Papayas oder höchstens eines Fahrrades.23 Trotzdem war das etwas Neues. Die elterliche Autorität bröckelte, das Ansehen des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde verspottet, vom Einfluss des traditionellen Häuptlings war längst nichts mehr übrig. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; organisierten sich in Gangs, die ihre eigenen Territorien in der Stadt beanspruchten und ihnen Namen wie Texas oder Santa Fe gaben. Explizit politisches Interesse hatten sie nicht im Geringsten, doch sie stifteten ein Klima der Rebellion und des Widerstandes, das leicht entflammbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Juni 1957, strömten sechzigtausend Zuschauer in das Stade Roi Baudouin von Raphaël de la Kéthulle zu einem historischen Fußballspiel: F. C. Léopoldville, der Vorläufer der ersten Nationalmannschaft, nahm es gegen Union Saint-Gilloise aus Brüssel auf, einen der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des belgischen Fußballs.24 Eine Premiere. Zum ersten Mal spielte ein kongolesisches Team gegen eine belgische Elf in der Kolonie. Es wurde ein heftiges Match mit einem unerquicklichen Ende. Ein belgischer Armeeoffizier fungierte als Schiedsrichter, und seine Entscheidungen sorgten für Unmut. Als er bei zwei kongolesischen Treffern Abseits pfiff, wurde die Menge wütend. Das Spiel endete mit 4:2 für die Belgier. Schiebung!, riefen die Fans. Beim Verlassen des Stadions reagierten &#039;&#039;bills&#039;&#039;, Arbeiter, Arbeitslose, arme Schlucker, erboste &#039;&#039;mamans&#039;&#039; und Schüler ihren Frust an der Umgebung ab. Es wurde herumgebrüllt, Fäuste flogen. Jugendbanden und Umstehende eilten herbei und beteiligten sich an den Scharmützeln. Autos von Weißen, die das Stadion verlassen wollten, wurden mit Steinen beworfen. So etwas hatten die Vertreter der Kolonialmacht noch nie erlebt. Sollte Fußball nicht die Aggressionen des Volkes in geordnete Bahnen lenken? Die Polizei musste einschreiten. Als alles vorbei war, zählte man vierzig Verletzte und fünfzig lädierte Autos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zunehmenden Spannungen bildeten auch den Hintergrund der Wahlen vom 8. Dezember 1957. 80 bis 85 Prozent der Wahlberechtigten erschienen, das war ein Riesenerfolg. In Léopoldville hatte die Abako ausgezeichnete Arbeit geleistet und schaffte es sogar, Wähler für sich zu gewinnen, die keine Bakongo waren. Sie erlangte 139 der 170 Sitze im Gemeinderat. Von den acht für Einheimische vorgesehenen Bürgermeisterämtern erhielt sie sechs. In Elisabethville erzielten die Migranten aus Kasai, die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, einen stattlichen Stimmenanteil. Außerdem verbuchte die Union congolaise, eine katholische, pro-belgische Vereinigung von &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ein gutes Ergebnis. Es wurden auch neun Weiße gewählt.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Brüssel waren die erfolgreich und korrekt abgelaufenen Wahlen der Beginn einer kontrollierten Demokratisierung der Kolonie. Auch andernorts sollten nun auf lokaler Ebene Wahlen abgehalten werden, gefolgt von Wahlen auf Provinzebene und noch später auf Landesebene. Doch für diesen allmählichen Übergang war es zu spät, meinte Kasavubu. Als er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Dendale in Léopoldville antrat, machte er genau das, was Lumumba 1960 bei seiner Amtseinsetzung als Premierminister tun würde: Er hielt eine flammende Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratie wird nicht eingeführt, wenn man, um das demokratische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, noch Beamte ernennt statt vom Volk gewählte Vertreter. Die Demokratie wird nicht errichtet, wenn wir auf der Seite der Polizei keine kongolesischen Kommissare sehen. Das Gleiche gilt für die Armee: Wir kennen keine kongolesischen Offiziere, noch gibt es kongolesische Führungskräfte im Gesundheitswesen. Und was ist mit der Spitze des Bildungswesens und der Schulaufsicht? Es existiert keine Demokratie, solange kein allgemeines Stimmrecht herrscht. Der erste Schritt ist also noch nicht vollendet. Wir fordern allgemeine Wahlen und innere Autonomie.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte brachten Kasavubu eine Rüge der Obrigkeit ein, doch das berührte ihn kaum. Das Amt des Bürgermeisters verschaffte ihm neben einem hohen Gehalt immenses Ansehen bei der lokalen Bevölkerung. Also setzte er seine politische Kampagne fort. Die Wahlen brachten keine Ruhe in den Laden, sondern schürten die Unruhe noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Zeitbombe tickte weiter. 1955: Die Abako wird politisch. 1956: die Manifeste von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako. 1957: die Gemeinderatswahlen und die Unruhen. Doch das Jahr des großen Umbruchs sollte 1958 werden. Der unmittelbare Anlass war jedoch freundschaftlich geprägt und vollzog sich in einer Atmosphäre herzlicher Verbrüderungen: Expo 58. Nichts deutete darauf hin, dass das gemächliche Flanieren zwischen den Pavillons der Brüsseler Weltausstellung einen revolutionären Effekt haben könnte. Und doch war es so. Belgien blieb von diesem Weltjahrmarkt ein Atomium, dem Kongo ein akuter Hunger nach Autonomie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga konnte es bestätigen. Kleine Gruppen von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; durften schon seit einigen Jahren Studienreisen nach Belgien unternehmen, zur Weltausstellung aber wurden Hunderte Kongolesen, darunter eine große Gruppe von Soldaten, für einen Aufenthalt von mehreren Monaten eingeladen. Es schien eine Art Wiedergutmachung zu sein für die dreihundert Kongolesen, die 1897 in Tervuren zur Schau gestellt worden waren. Auch jetzt stand im Schatten des Atomiums ein kongolesisches Dorf, doch die meisten Belgienreisenden waren dort als Besucher. »Mein Vater durfte 1958 nach Belgien«, erzählte Jamais Kolonga. »Er war sehr beeindruckt von dem, was er dort sah. Europäer, die den Abwasch erledigten und die Straße fegten. Er wusste gar nicht, dass es das gab. Sogar weiße Bettler! Das hat ihm echt die Augen geöffnet.«27 Was für ein Kontrast zu dem Bild von Belgien, das er nur aus den Erzählungen der Missionare und dem Auftreten seiner Vorgesetzten kannte! Der Weiße war &#039;&#039;kein&#039;&#039; weit über ihnen stehender Halbgott. Eine Enttäuschung war diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil, sie weckte Hoffnung und Zuversicht. Und ließ Raum für eine gesellschaftliche Entwicklung, auch in Afrika. Außerdem stellten die Kongolesen fest, dass sie willkommen waren in den Brüsseler Restaurants, Cafés und Kinos, ja sogar in den Bordellen, wie geflüstert wurde.28 Auch das war ein Unterschied zum System der Segregation, das sie täglich in der Kolonie erfuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Expo-Besucher lernten nicht nur ein anderes Belgien kennen, sie lernten sich auch gegenseitig kennen. Menschen aus Léopoldville sprachen zum ersten Mal mit Menschen aus Elisabethville, Stanleyville, Coquilhatville und Costermansville. Aufgrund der immensen Weite des Landes und der Reisebeschränkungen gab es nur wenig Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen der Kolonie. Bauern migrierten in die Städte, aber Städter zogen selten oder nie in andere Städte um. Doch in den Monaten in Belgien tauschte man Erfahrungen aus, unterhielt sich über die Lage daheim und träumte von einer anderen Zukunft. Während der Expo traten auch belgische Politiker und Gewerkschaftsführer – sowohl des linken wie des rechten Spektrums – an einige der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; heran. Auch das trug zur politischen Bewusstwerdung bei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi alias »Élastique«, der Starfußballer von Daring, der Boy von Generalgouverneur Pétillon geworden war, hatte jedoch weniger Glück. Als ich ihn in Kikwit interviewte, erzählte er mir, dass er 1958 mit nach Belgien durfte, von der Expo jedoch nichts zu sehen bekommen hatte. »Wir reisten mit dem Flugzeug. Ich war als &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; von Pétillon mitgekommen. Ich blieb in Namur und musste kochen und die Wäsche waschen. Pétillon fuhr zur Weltausstellung und sah sich alle &#039;&#039;marchandise&#039;&#039; an. Kupfer, Diamanten, alles aus dem Kongo, alles aus allen Ländern.« Doch während der Generalgouverneur in Brüssel mit dem Herzog von Edinburgh und dem niederländischen Außenminister dinierte, blieb Longin in einer Küche in Namur zurück. »Ich habe dort richtig gegessen. Mit Besteck. Ich hatte gut aufgepasst, wie man das machte. Madame de Gouverneur schüttelte sich vor Lachen aus, wenn ich falsch aß. Es war sehr gut in Belgien. Ich bekam dort viele Geschenke. Ich hörte von Zügen, die unter der Erde verschwanden, und vom Seehafen. Namur war ein intelligentes Dorf, genau wie Kikwit.«29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon gefiel die ganze Sache mit der Expo überhaupt nicht. Dreihundert Kongolesen nach Brüssel holen und sie monatelang der Indoktrination durch gewisse belgische Elemente aussetzen? »In dem Trubel und Getümmel auf der Expo hatten diese völlig freies Spiel. Sie schafften es, sogar bei den Soldaten der Force Publique, ein schreckliches Werk der Unterminierung und Vergiftung zu vollenden. Es ist scheußlich, wenn man bedenkt, dass dies vor den Augen der belgischen Regierung geschah, die offenbar nicht erkannte, dass sich im Kongo zunehmend eine vorrevolutionäre Stimmung breitmachte.«30 Als Mann der Praxis hatte er dagegen doch ernsthafte Bedenken. Gerade deshalb wurde ihm während dieser Dienstreise angetragen, in Belgien zu bleiben und Kolonialminister zu werden. Sein Vorgänger, Auguste Buisseret, einer der seltenen Liberalen auf diesem Posten, hatte einen allzu ideologischen Kurs vertreten, unter anderem, indem er in der Kolonie Schulunterricht durch weltliche Lehrer einführte. Das schwächte die geschlossene Rangordnung der weißen Macht, meinten alle, die von einem untertänigen Kongo profitierten. Ein praktisch orientierter Minister musste her: lieber ein Feldforscher als ein Pedant. König Baudouin war dafür, Pétillon übernahm das Amt, warf aber schon nach vier Monaten das Handtuch. Und Longin sollte das Atomium niemals sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hingegen die Konstruktionen aus Stahl und Spannbeton auf der Expo bestaunen durfte, war ein junger Mann von 28 aus der Provinz Équateur. Er war der Sohn eines Kochs in der Missionsstation der Kapuziner und hatte in Léopoldville bei den Scheutisten die Grundschule besucht. Nach einem Jahr auf der Oberschule entschied er sich für eine Laufbahn bei der Force Publique. Er wurde dort Sekretär, Buchhalter und Typist und erlangte 1954 den Rang eines Unteroffiziers. Das Maschineschreiben gefiel ihm recht gut. Unter Pseudonym begann er, auf seiner Schreibmaschine Texte für Kolonialzeitungen wie &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; zu verfassen. 1956 quittierte er den Dienst bei der Armee, um Fulltime-Journalist zu werden. Zwei Jahre später durfte er mit nach Brüssel. Auf der Expo war er eine unauffällige Erscheinung, ein schlaksiger, schüchterner Mann, der in Gesprächen mit Europäern ständig die Floskel &#039;&#039;»n&#039;est-ce pas«&#039;&#039; einflocht&#039;&#039;.&#039;&#039; Zuvorkommend war er jedenfalls, ansonsten recht unbeholfen. Sein Name: Joseph Désiré Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzten Monate des Jahres 1958 waren besonders turbulent. Die Besucher der Weltausstellung kehrten in den Kongo zurück, der Unabhängigkeitskrieg in Algerien erreichte einen Höhepunkt, Marokko und Tunesien hatten sich vom kolonialen Joch befreit. Das Nachbarland Sudan wurde von einer britischen Kolonie zu einem autonomen Staat, und in Brazzaville sprach der französische Präsident Charles de Gaulle die historischen Worte: »Wer die Unabhängigkeit will, soll sie sich doch nehmen!« Es war als Provokation gedacht (denn wer den Rat befolgte, verlor sofort jegliche Unterstützung Frankreichs), doch auf der anderen Seite des Flusses verschluckten sich die Belgier an ihrem Kaffee, als sie das im Radio hörten.31 In den Vierteln der Einheimischen hingegen brach der Jubel los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. Oktober 1958 erhielt die Presseagentur Belga in Léopoldville eine Pressemitteilung, in der die Gründung einer neuen politischen Partei angekündigt wurde. An sich war das nicht so außergewöhnlich. Im selben Monat entstanden noch andere Parteien im Kongo: Cerea (&#039;&#039;Centre de regroupement africain&#039;&#039;) im Kivu, Conakat (&#039;&#039;Confédération des associations tribales du Katanga&#039;&#039;) in Katanga. Jede Provinz schien plötzlich ihre eigene regionale Partei zu wollen; die Wahlerfolge der Abako waren niemandem entgangen. Neu war freilich die radikal nationale Perspektive der Pressemeldung. Das zeigte sich schon im Namen der Partei: &#039;&#039;Mouvement National Congolais&#039;&#039; (MNC). In den Programmpunkten stand, dass man »energisch gegen alle Formen von regionalem Separatismus ankämpfen« wolle, denn die seien »unvereinbar mit den höheren Belangen des Kongo«. Abako hatte sich nur um Bas-Congo gekümmert, aber der MNC spielte entschlossen die nationale Karte aus. Der Kongo müsse befreit werden »aus dem Griff des imperialistischen Kolonialismus, und das im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Landes, innerhalb eines angemessenen Zeitraums und durch friedliche Verhandlungen«.32 Zum ersten Mal gab es eine einheimische politische Bewegung, die den Kongo als Ganzes betrachtete. Die Liste der Namen unter der Pressemeldung umfasste Menschen aus verschiedenen Gegenden und Völkern des Landes. Unter ihnen waren Bakongo, Bangala und Baluba, Leute aus dem katholischen, liberalen und sozialistischen Lager, Gewerkschaftsmitglieder und Journalisten. Der selbsternannte Vorsitzende hieß Patrice Lumumba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war 1925 in Onalua geboren, einem Dorf in Kasai. Ethnisch gehörte er zu den Batetela, jenem Stamm, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die große Meuterei während der arabischen Feldzüge angeführt hatte. Lumumbas Vater war ein Katholik mit einfacher Schulbildung, der für sein aufbrausendes Temperament und seine Sturheit bekannt war. Unbeirrbar trank er seinen selbst hergestellten Palmwein. Lumumba ging in evangelischen und katholischen Missionsposten zur Schule und zog während des Krieges, nach einigen Zwischenstationen im Landesinneren, in die große Stadt: Stanleyville. Dort wurde er einfacher Verwaltungsbeamter, ehe er als Angestellter bei der Post anfing. Die Post schickte ihn für eine Ausbildung nach Léopoldville, wo er sein mangelhaftes Französisch verbesserte und einen nahezu unstillbaren Wissensdurst entwickelte. Zurück in Stanleyville wurde er ein leidenschaftlicher Leser, der ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitete und keinen Vortrag oder Weiterbildungsabend versäumte. 1954 erlangte er die nur selten vergebene &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Sein Selbstvertrauen wuchs zusehends. Er betätigte sich außerordentlich aktiv im Vereinsleben der Stadt und füllte mühelos mehrere Vorstandsämter aus. Er war Vorsitzender des Vereins von Postbeamten, er leitete den Regionalverband der APIC-Gewerkschaft, er unterhielt Kontakte zur liberalen Partei Belgiens, und er wurde Vorsitzender der &#039;&#039;Association des Evolués de Stanleyville&#039;&#039;.33 Er war dafür bekannt, mit zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen.34 Neben den häufigen Versammlungen schrieb er politische Analysen. Er schickte Artikel an Zeitungen wie &#039;&#039;Le Croix du Congo&#039;&#039; und &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039; und gründete sogar eine eigene Zeitschrift: &#039;&#039;L&#039;Echo postal&#039;&#039;. Wer ihn in diesen Tagen in Stanleyville kennenlernte, war von ihm beeindruckt. Lumumba besaß eine rasche Auffassungsgabe und war voller Enthusiasmus und Arbeitseifer. Er hatte die Gabe des Wortes und die Kraft einer Überzeugung. Mit seiner Brille, der Fliege und – selten bei einem afrikanischen Mann – dem Bärtchen hatte er ein intelligentes und attraktives Äußeres, fanden viele. Dass er vor Ehrgeiz fast platzte, wurde durch seinen Charme und seine Ungezwungenheit kaschiert; allerdings neigte er manchmal dazu, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Das gab ihm zuweilen etwas Chamäleonhaftes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1955, als Kasavubu den Vorsitz der Abako übernahm, lenkte Lumumba die Association des Evolués de Stanleyville in eine mehr politische Richtung. Dadurch wurde er der einflussreichste Kongolese der Stadt. Während des Besuchs von König Baudouin glückte es ihm, bei einem Empfang im Garten des Provinzgouverneurs zehn Minuten lang mit dem Monarchen zu reden. Am Ufer des Flusses, zwischen den Bougainvilleen, unterbreitete er dem jungen König, der etwa gleichaltrig war, einige Probleme der einheimischen Bevölkerung. Baudouin hörte aufmerksam zu und stellte auch Fragen. Es entspann sich tatsächlich ein Gespräch. Das Gerücht von dieser Unterhaltung kursierte gleich darauf in den Straßen von Stanleyville. Lumumbas Ansehen bei der Bevölkerung war nun unumstritten. Kurze Zeit darauf durfte er einen Monat lang mit einer Gruppe vielversprechender junger Kongolesen an einer Studienreise nach Belgien teilnehmen, und auf dieser Reise lobte er die Wohltaten Leopolds II. und des belgischen Kolonialismus ohne jeden Hauch von Ironie.35 Nach seiner Rückkehr wurde er jedoch, nach elf Jahren treuer Dienste bei der Post, wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung zu einer Haftstrafe verurteilt. Später würde er sagen: »Habe ich etwas anderes getan als ein bisschen von dem Geld zurückzunehmen, das die Belgier dem Kongo gestohlen hatten?«36 Nachdem er zwölf Monate im Gefängnis gesessen hatte, zog er nach Léopoldville. Er fing bei Bracongo an, der Brauerei des Polar-Biers, und wurde dort Verkaufsleiter, eine Funktion, die ihm ein höheres Gehalt einbrachte, als es viele Weiße erhielten. Mit Polar nahm er den Kampf mit dem Konkurrenten Primus auf. In den Arbeitervierteln verteilte Patrice Bierflaschen. Auch jetzt wirkte seine Eloquenz Wunder. Er brachte Bier und versprach die Freiheit. Er erquickte die Massen und machte sie durstig nach mehr. Emanzipation begann mit einem Freibier. Polar erlebte einen Aufschwung, und Patrice wurde bekannt. Nach und nach befreundete er sich mit vielen jungen Intellektuellen. Anders als seine Gesprächspartner kannte er große Teile der Kolonie. Ehe er in die Hauptstadt zog, hatte er in drei der sechs damaligen Provinzen gelebt. Für ihn war das ethnische Bezugssystem deshalb auch weniger relevant. Viele Batetela lebten ohnehin nicht in Léopoldville. Lieber wollte er »kämpfen zugunsten des kongolesischen Volkes«, so stand es in jener berüchtigten Pressemitteilung.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, hatte ich die Ehre, mit einigen Lumumba-Anhängern der ersten Stunde reden zu dürfen. Der 80-jährige Albert Tukeke kam aus derselben Gegend wie Patrice Lumumba; ihre Mütter waren sogar miteinander verwandt. Wie Lumumba arbeitete er bei der Post und hatte seine Ausbildung in Léo­poldville absolviert. Er wurde Schalterangestellter in Elisabethville, eine harte koloniale Schule. »Wenn ein Europäer das Postamt betrat, stellte er sich nie an. Er sagte einfach ›Mach den Schalter frei!‹ Sie hatten immer diese schockierenden Worte. Wir waren jung und konnten nichts sagen. Wenn sie etwas wollten, sagten sie: ›Ist hier keiner?‹ Sie meinten, kein Weißer. Das tat weh.« Der Kolonialismus war nicht nur ein großes globales System, er bestand zugleich aus tausend kleinen Demütigungen, aus vielsagenden Wendungen und subtilem Mienenspiel. Lumumba prangerte das energisch an, erinnerte sich Albert Tukeke: »Lumumba war ein Mann wie jeder, der nur Rechte forderte für die Schwarzen. Aber seine Persönlichkeit, sein Durchblick und seine Auffassungen waren ganz anders. Er legte hundert Kilometer zurück, wenn der Rest erst einen Kilometer weit war. Und das sage ich nicht, weil ich selbst zum Volk der Batetela gehöre.«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jean Mayani war ein glühender Anhänger, der 2008 noch genauso begeistert über Lumumba sprach wie 1958. Ich hörte ihm einen Vormittag lang zu, in seinem Haus in Kabondo, einem Stadtbezirk von Kisangani. Bereits 1959 war er Parteisekretär des MNC für seinen Bezirk, ein Jahr später war er Lumumbas erster Stellvertreter bei den Kommunalwahlen. Mayanis Sicht war klar und analytisch: »Schauen Sie, es gab keinen extremen Rassismus damals, aber doch eine klare Trennung. In den Läden, in den Schulen und sogar auf den Friedhöfen herrschte eine Quasi-Apartheid. Wir hatten großen Respekt vor den &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, die eine &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; oder eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen. Sie genossen soziale Vorteile, sie besuchten europäische Schulen. Aber was für ein Unterschied bestand doch noch immer zur Kolonialpolitik der Franzosen! Die Schwarzen in den französischen Kolonien konnten in Frankreich studieren. Senghor [der spätere Präsident des Senegal] war Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung und wurde in Paris Staatssekretär. Der Diskurs des MNC interessierte mich deshalb sehr. 1958 war ich einer der ersten Anhänger hier in Kisangani. Ich erinnere mich noch an die ersten Meetings in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Wir trafen uns in Bars und auf Sportplätzen. Lumumba sprach über die Geschichte und die Untaten der Kolonisation. Er hatte wirklich unglaublichen Mut. Er nannte die Dinge beim Namen: das Leid, die Verbannung der Kimbanguisten, den Rassenhass, die Inhumanität, die Zwangsarbeit in den Bergwerken, im Straßen- und Eisenbahnbau. Die Masse war einfach begeistert von so einem Führer.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der alte Raphaël Maindo stimmte ihm ohne Einschränkung zu. Er dachte mit Wehmut daran zurück. »Wenn Lumumba redete, wollte niemand mehr weg. Sogar wenn es regnete, sogar nachts blieben die Leute da und hörten ihm zu.« Anders als Jean Mayani war er nicht in der Parteiführung, sondern ein Aktivist an der Basis: Er verkaufte Mitgliedsausweise. »Das war sehr einfach. Alle wollten einen. Sogar Frauen traten bei. Ich hatte den Parteiausweis Nummer 4. So ein Ausweis kostete damals zwanzig Franc, der Preis war im ganzen Land gleich. Wir fuhren überall hin, bis zu siebenhundert Kilometer weit. Wir hatten Autos.«40 Für viele Kongolesen war der Erwerb eines solchen Mitgliedsausweises mehr als ein politischer Akt, es war eine sehr emotional besetzte Form von Selbstbestätigung und Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1958 fuhr Lumumba nach Ndjili, dem Flughafen von Léopoldville. Er wollte in die ghanaische Hauptstadt Accra. Ghana war ein Jahr zuvor als erstes Land des subsaharischen Afrika unabhängig geworden. Präsident Kwame Nkrumah genoss vom Senegal bis Mosambik Heldenstatus. Er verkörperte den Panafrikanismus, den Traum von einem freien, friedlichen und solidarischen Afrika, und deshalb rief er in Accra Führungspersönlichkeiten und Denker aus dem gesamten Kontinent zusammen. Auch Kasavubu fuhr zum Flughafen, doch die Grenzbeamten machten ihm Schwierigkeiten wegen seines Impfpasses, womöglich böswillig: Die Kolonialregierung hatte seine aufrührerische Rede beim Amtsantritt als Bürgermeister nicht vergessen. Lumumba und zwei Getreue waren in Ghana die einzigen Vertreter des Kongo. Der Kongress in Accra machte einen tiefen Eindruck auf ihn, mehr als jedes Buch, das er gelesen hatte. Er sprach dort mit Intellektuellen und Aktivisten und merkte, dass sie ihm mit großem Interesse zuhörten. Er begegnete Julius Nyerere und Kenneth Kaunda, den späteren Präsidenten von Tansania und Sambia, und Sékou Touré, dem ersten Präsidenten von Guinea. Der nach Anerkennung lechzende &#039;&#039;évolué&#039;&#039; von einst wurde ein selbstbewusster Afrikaner, der stolz war auf seine Wurzeln, sein Land und seine Hautfarbe. Belgisch-Kongo erschien ihm zunehmend als ein Archaismus, der Menschen unnötig klein hielt. Er würde sein Land aus der Angst und der Scham befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Brüssel ist es bitter kalt. Ein stiller, eisiger Sonntagmorgen. Die Straßen sind spiegelglatt. Es herrscht kaum Verkehr. Über die Prachtalleen von Ixelles unweit der Abtei De la Cambre fährt ein Auto in langsamem Tempo zwischen den repräsentativen Bauten. Am Steuer sitzt Jef Van Bilsen, der Mann, der mit seinem Dreißigjahresplan die Höllenhunde von der Kette gelassen hat, wie viele meinen. Aber er ist auch der Belgier mit den besten Kontakten zu den Kreisen der kongolesischen Elite. Besser als er ist kaum jemand über das informiert, was sich unter den &#039;&#039;évolués&#039;&#039; abspielt. In aller Frühe bekam er einen Anruf von Arthur Gilson, dem Verteidigungsminister, der ihn dringend um eine Unterredung bat. Der Minister hat bereits das ganze Neujahrswochenende über den Text einer Regierungserklärung nachgegrübelt. In den letzten Monaten des Jahres 1958 hatte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der belgischen Regierung den Kongo bereist, um eine Bestandsaufnahme der Wünsche der Bevölkerung vorzunehmen. Eine lobenswerte Initiative, freilich mit dem Schönheitsfehler, dass kein einziger Kongolese zum Befragungsteam gehörte. Dennoch soll der Schlussbericht zu einer kraftvollen Regierungserklärung führen, die die Grundlage einer neuen Kolonialpolitik bilden wird. Mehrere Minister hatten sich in den Weihnachtsferien schon mit dem Text beschäftigt, aber sie wurden nicht so recht schlau daraus, auch nicht der Verteidigungsminister. Vielleicht könne Van Bilsen ihnen das Ganze einmal erläutern? Im Arbeitszimmer des Ministers versucht Van Bilsen an diesem friedlichen Sonntagmorgen zu begründen, dass eine so entscheidende Erklärung sinnlos ist, solange darin nicht die Unabhängigkeit erwähnt und ein konkretes Datum dafür vorgeschlagen wird. Der Minister ist wie vom Schlag getroffen. »Zwischen uns entspann sich eine Diskussion, doch wir redeten mehr oder weniger aneinander vorbei, wenn es darum ging, was vom kongolesischen Standpunkt aus wünschenswert und vom belgischen Standpunkt aus erreichbar war«, so Van Bilsen.41 Ein Kompromiss ist unmöglich. Unverrichteter Dinge zieht er ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Léopoldville ist es brütend heiß. Die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei, die Luft ist schwül und stickig. In der Residenz des Generalgouverneurs laufen die Vorbereitungen für den alljährlichen Neujahrsempfang im Garten.42 Gläser werden poliert, Aufgaben verteilt. Der neue Generalgouverneur heißt Rik Cornelis, er weiß noch nicht, dass er der letzte sein wird. Einige Belgier schlafen noch aus, sie waren am Vorabend tanzen im Palace oder im Galiema. Andere frühstücken Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Die schneidigsten von ihnen sind schon zum Schwimmen oder zum Tennis im &#039;&#039;cercle sportif&#039;&#039;. Es wird ein stilvoller Empfang werden. Auch ein paar Kongolesen sind eingeladen, das passt zur Philosophie der »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Einige von den einheimischen Bürgermeistern werden da sein. In seiner kleinen Ansprache wird der Generalgouverneur zweifellos über die großen Herausforderungen des neuen Jahres reden. Der Champagner wird perlen, die Kristallgläser werden funkeln. Man wird »Zuversicht äußern«, »Vertrauen bestätigen« und viel über »wechselseitiges Verständnis« reden, und das alles selbstverständlich »in freundschaftlicher Atmosphäre«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und einige Kilometer weiter in der Stadt, in Bandalungwa, einem Neubauviertel für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ist Patrice Lumumba im Haus eines neuen Freundes zum Essen eingeladen. Als er seine Gefängnisstrafe absaß, hatte er in der Zeitung &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; regelmäßig Artikel eines gewissen Joseph Mobutu gelesen, des Unteroffiziers, der Journalist geworden und zur Weltausstellung nach Brüssel gereist war. Nach Lumumbas Freilassung freunden sich die beiden miteinander an. Lumumba ist oft bei Mobutu zu Gast, und er genießt das köstliche Essen, das Mobutus Frau zubereitet. An diesem Sonntag schmieden sie beim Essen Pläne für den Nachmittag. Um vierzehn Uhr ist im Zentrum der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in einem Haus des YMCA, der christlichen Jugendherberge, ein Meeting der Abako geplant, wissen sie. Vor einer Woche hat Lumumba vor siebentausend Zuhörern über seine Reise nach Accra gesprochen. Es war sein bester öffentlicher Auftritt überhaupt. Die Menge reagierte mit flammender Begeisterung. Sie skandierten nach seiner Rede &#039;&#039;»Dipenda, dipenda!«&#039;&#039;, die Lingala-Verballhornung des französischen Wortes &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Womöglich war das der Grund, warum der Oberbürgermeister der Stadt, der Belgier Jean Tordeur, im letzten Moment entschied, dass das Meeting nicht stattfinden könne. Eine Sicherheitsmaßnahme, er will vermeiden, dass Aufrührer die Bevölkerung anstacheln. Lumumba und Mobutu beschließen, trotzdem vorbeizuschauen. Ein Auto haben sie nicht, aber Mobutu besitzt ein Moped. Halten wir dieses Bild kurz fest: Mobutu und Lumumba, zusammen auf dem Moped, zwei neue Freunde, der Journalist und der Bierverkäufer, der eine ist achtundzwanzig, der andere dreiunddreißig. Lumumba auf dem Sozius. Sie fahren durch die warme Luft und reden laut, um das Knattern des Auspuffs zu übertönen.43 Zwei Jahre später wird der eine an der Ermordung des anderen mitwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und die Menschen strömen ins Stade Roi Baudouin zu einem Spitzenspiel der kongolesischen Fußballmeisterschaft. Das große Sportstadion liegt nur einige hundert Meter vom Haus des YMCA entfernt. Zwanzigtausend Zuschauer sind von nah und fern gekommen.44 Sie tragen farbenfrohe Hemden und &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;. Manche haben einen Kopfschmuck aus Federn und im Gesicht Streifen, wie früher, breite, weiße Lehmstreifen, die auf Stirn und Wangen hell leuchten. Sie tanzen mit beschwörenden Gebärden und weit aufgerissenen Augen. Es ist ein beängstigender Anblick. Die steil ansteigende Betontribüne um den Platz füllt sich mit Menschen und Trommelwirbeln. Es gibt Tamtams und Schlitztrommeln, es wird gejohlt und gekreischt. Es ist fast wie Krieg. Es ist fast so wie am Ufer des Kongoflusses in den 1870er Jahren, als Stanley zum ersten Mal mit seinem Schiff vorbeifuhr. Das Wummern der Kriegstrommel, die tausend wütenden Kehlen, die immer wilderen Tänze, die Augen der Krieger. In den Katakomben des Stadions schnüren die Spieler ihre Schuhe und schieben die Schienbeinschoner in die Strümpfe. Anderswo in der Stadt, in der Residenz des Gouverneurs, hat man die Champagnerflaschen aus dem Kühlschrank genommen, sie stehen jetzt perlend in der Sonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch immer ist es der 4. Januar 1959, und auf der Avenue Prince Baudouin, beim Haus des YMCA, teilt Kasavubu der zusammengetrommelten Menschenmenge mit, dass das Meeting leider nicht stattfinden darf. Lautstarkes Murren und Protestieren sind die Folge. Als Pazifist und Bewunderer Gandhis bittet er seine Anhänger eindringlich, Ruhe zu bewahren. Offenbar mit Erfolg, obwohl er kein Mikrophon hat. Er ist der Anführer, er ist der Chef, er ist der Bürgermeister. Erleichtert und beruhigt kehrt er nach Hause zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist der 4. Januar 1959, der Tag, an dem alles anders wird, auch wenn es immer noch nicht offenkundig ist. Der Kongo geht mit der Zeit, so scheint es. Léopoldville ist weltweit die zweite Stadt mit einem Gyrobus, einem Omnibus mit Elektroantrieb, der seine Energie durch Schwungradspeicherung bezieht. Die erste Stadt auf der Welt mit so einem futuristischen öffentlichen Verkehrsmittel lag in der Schweiz, jetzt surren diese Busse auch durch die &#039;&#039;cité&#039;&#039;.45 Mehrere tausend Abako-Anhänger bleiben grollend in der Nähe des Platzes stehen, wo das Meeting hätte stattfinden sollen. Ein weißer Fahrer des Gyrobus gerät mit einem von ihnen aneinander und hebt die Hand. Futurismus &#039;&#039;meets&#039;&#039; Rassismus. Und schon muss er Schläge einstecken. Der Geist ist aus der Flasche. Gezerre, es kommt zu einer Prügelei. Die Polizei kommt hinzu, schwarze Polizisten, weiße Kommissare. Es hat was mit Neujahr zu tun, denkt man, sie sind noch betrunken oder schon wieder pleite, eins von beiden. Zwei Kommissare teilen Fausthiebe aus. Das ist keine gute Idee. »Dipenda!«, ertönt es. &#039;&#039;»Attaquons les blancs!«&#039;&#039; Panik bricht aus. Die Polizei feuert in die Luft. Ein Stück weiter wird einer ihrer Jeeps umgeworfen und in Brand gesteckt. In diesem Moment leert sich das Fußballstadion – Trommeln, Extase, Frust, Schweiß –, und die Zuschauer mischen sich unter die Leute, die am Abako-Meeting hatten teilnehmen wollen. Fußball hat eine explosive Wirkung. Belgien wurde 1830 unabhängig nach einer Oper, der Kongo fordert 1959 die Unabhängigkeit nach einem Fußballspiel. Auf einem Moped kommen zwei junge Männer herangebraust. Sie trauen ihren Augen nicht. In den letzten Jahren haben sich die beiden durch Selbststudium hochgearbeitet, nun aber sehen sie die Wut der Masse, der sie sich entzogen hatten. Sie blicken nicht mehr auf sie herab, wie es sich für &#039;&#039;évolués&#039;&#039; gehört, sondern fühlen sich solidarisch. Elite und Masse haben endlich zueinander gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville zählt zu diesem Zeitpunkt vierhunderttausend Einwohner, darunter fünfundzwanzigtausend Europäer. Es gibt ein sehr kleines Polizeikorps mit nur 1380 Polizisten.46 Eine Gendarmerie wie in Belgien existiert nicht. Die nächste Ebene zur Aufrechterhaltung der Ordnung ist sofort die Armee. In der Kaserne der Stadt sind ungefähr zweitausendfünfhundert Soldaten stationiert, doch die sind dazu ausgebildet, im Ausland Krieg zu führen und nicht, um gegen Unruhen in der eigenen Zivilbevölkerung vorzugehen. Die Polizei versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, doch innerhalb von ein paar Stunden steht die ganze &#039;&#039;cité&#039;&#039; auf dem Kopf. Autos von Weißen geraten in Steinhagel. Fensterscheiben gehen zu Bruch. Überall lodern Feuer. Die Polizei schießt scharf auf die Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten. Auf dem Asphalt sind immer mehr Blutlachen, in denen sich die Flammen spiegeln. Mehrere tausend Jugendliche beginnen zu plündern. Alles, was belgisch ist, muss dran glauben. Katholische Kirchen und Missionsschulen werden kurz und klein geschlagen, Stadtteilzentren, in denen Nähkurse stattfinden, werden ausgeräumt. Gegen siebzehn Uhr ziehen einige Gangs zu den Läden der Griechen und Portugiesen, in denen die Menschen sonst einkaufen. Die Plünderer greifen skrupellos zu und machen sich mit Ballen von bunten Stoffen, mit Fahrrädern, Radios, Salz und getrocknetem Fisch aus dem Staub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Neujahrsempfangs klingelt beim Generalgouverneur das Telefon. »&#039;&#039;Ça tourne mal dans la cité&#039;&#039;.«, »In der &#039;&#039;cité&#039;&#039; sieht es nicht gut aus.« In einem Bereich von zehn, zwölf Kilometern sind heftige Unruhen. Der europäische Teil der Stadt wird abgeriegelt. Die Armee greift doch ein, zuerst mit Tränengas, dann mit schwerem Geschütz. Die Demonstranten sterben scharenweise. »Das war eigentlich so, als würde man eine Fliege mit einem Vorschlaghammer töten«, erkannte man hinterher.47 Manche Kolonialisten sind jedoch so aufgebracht, dass sie ihr Jagdgewehr von der Wand nehmen und »helfen« wollen. In Jahren aufgestaute Missachtung und Angst, vor allem Letztere, brechen sich Bahn. Gegen achtzehn Uhr, bei Einbruch der Dunkelheit, wird es relativ ruhig in der Stadt. Die Feuer schwelen noch. Im europäischen Krankenhaus lassen sich Dutzende Weiße ärztlich versorgen. Draußen vor der Tür stehen ihre eleganten Wagen im Dunkeln, eingebeult, verschrammt und demoliert. In den Villen müssen Frauen zum ersten Mal seit Jahren wieder selber kochen: der Boy ist weit und breit nicht zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag sind viele Belgier eher resigniert als aufgebracht. »Wir haben einen totalen Gesichtsverlust erlitten«, sagen sie am Montagmorgen zueinander.48 Manche decken sich mit Sardinen ein und hamstern Speiseöl, andere buchen bei Sabena One-way-Tickets nach Brüssel. Die Armee wird drei, vier Tage benötigen, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Bilanz ist unerträglich: 47 Tote und 241 Verletzte auf kongolesischer Seite, jedenfalls nach den offiziellen Angaben. Augenzeugen berichten von zwei-, vielleicht sogar dreihundert Toten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 4. Januar 1959, und es würde nie mehr wie vorher sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein paar Tage später flog ich mit einer DC-6 nach Brüssel«, erzählte mir Jean Cordy im Herbst 2009 in seiner Seniorenwohnung in Louvain-la-Neuve. 1959 war er der Kabinettschef von Generalgouverneur Cornelis. »Meine Direktiven waren klar: Ich sollte die belgische Regierung davon überzeugen, das Wort ›indépendance‹ in ihre lang erwartete Erklärung aufzunehmen. Der Generalgouverneur hatte gesagt, dass wir diese Gelegenheit auf keinen Fall verpassen dürften. Ich stattete auch dem König einen Besuch ab und erklärte ihm, dass Belgien die Unabhängigkeit zur Sprache bringen müsse.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 13. Januar 1959, gut eine Woche nach den Unruhen, folgten sowohl die Regierungserklärung als auch die Verlautbarung des Königs. Der Text der Regierung war schwammig, bürokratisch und unverständlich, doch die Rede von Baudouin war glasklar und schnörkellos. Eine Aufzeichnung seiner Botschaft ging in den Kongo und wurde sofort im Radio gesendet. Fischer am Strand von Moanda, Bauern auf dem Zuckerrohrfeld, Arbeiter im Staub der Zementfabrik, Seminaristen, die über ihren Büchern saßen, Krankenschwestern, die sich gerade die Hände wuschen, Dorfvorsteher im Landesinneren, Steuermänner auf den Binnenschiffen, Nonnen, die den Gemüsegarten jäteten, Betagte und Jugendliche hörten im Transistorradio die historischen Worte ihres geliebten Königs: »Unser heutiger Beschluss lautet, ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile, die Völker des Kongo zur Unabhängigkeit in Wohlstand und Frieden zu führen.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kaum zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein! Die LKW-Fahrer hupten, wenn sie durch die Dörfer von Bas-Congo fuhren, und sangen aus dem Fenster:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwana Kitoko [Baudouin] hat es selbst gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die weißen Chefs haben es auch gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch diese Begeisterung bedeutete nicht, dass sich alle Wogen glätteten. Die Unruhe hielt an und breitete sich bis weit in die ländlichen Gebiete aus. In Gegenden mit einer langen Tradition des Widerstandes, wie im Kwilu und in den Kivu-Provinzen, brodelte es erneut. In Kasai entspann sich ein Konflikt zwischen den Lulua und den Baluba, und in Bas-Congo gab es massiven Protest. Nach den Unruhen vom 4. Januar war die Abako auf Befehl der Regierung aufgelöst worden, und Kasavubu saß mit zwei weiteren Parteiführern eine Zeitlang im Gefängnis (sie wurden später von Maurits Van Hemelrijck freigelassen, dem neuen Minister für überseeische Angelegenheiten). Die Haft kam Kasavubus Bekanntheit im Inland nur zugute, während die Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer ablehnender wurde. Kasavubu rief zu bürgerlichem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auf. Kabinettschef Jean Cordy, der als einer von wenigen Weißen einen Mitgliedsausweis der Abako besaß, reiste im Juli 1959 mit dem stellvertretenden Generalgouverneur André Schöller durch die Provinz. »Kasavubu hatte plötzlich uneingeschränkten Rückhalt im Volk. Keiner sprach mehr mit den Vertretern der Kolonialregierung. ›Unser Führer ist Kasavubu, beraten Sie sich mit ihm‹, bekamen wir zu hören. Weitere Antworten bekam ich nicht, nicht einmal, wenn ich sie auf Kikongo ansprach. Das hatte ich noch nie erlebt, und ich war bereits seit 1946 im Kongo. Die Brücken waren abgebrochen, trotz der Unabhängigkeitserklärung des Königs und der Regierung, trotz des Besuchs von Van Hemelrijck. Der Dialog war vorbei. Ihr Schweigen fühlte sich sehr, sehr befremdlich an.«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aussicht auf einen politischen Umbruch weckte viele Ambitionen. Neue Parteien schossen wie Pilze aus dem Boden. Während es Ende 1958 nur sechs politische Parteien gegeben hatte, waren es eineinhalb Jahre später hundert. Jede Woche entstand eine neue Bewegung, mit Namen wie &#039;&#039;Union Nationale Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Mouvement Unitaire Basonge&#039;&#039; und &#039;&#039;Alliance Progressiste Paysanne&#039;&#039;. Es hagelte Abkürzungen (Puna für &#039;&#039;Parti de l&#039;Unité Nationale&#039;&#039;, Coaka für die &#039;&#039;Coalition Kasaïenne&#039;&#039;, Balubakat für die Baluba von Katanga), und manchmal zählten diese Akronyme mehr Buchstaben als Mitglieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer waren diese politischen Führer? Fast immer relativ junge Männer, die eine höhere Schule besucht hatten. Sie bildeten die intellektuelle Oberschicht des Landes und lebten in den Städten, in die sie in ihrer frühen Jugend gezogen waren. Oft waren sie in Alumni-Vereinen oder kulturellen Zirkeln aktiv und zeigten ihr politisches Interesse, indem sie zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen gingen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ihr Ton oft schärfer war als ihr Durchblick und dass sie meist mehr Drive besaßen als Sachkenntnis. Ihre Programme waren – bis auf wenige Ausnahmen – eher dürftig.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Merkmal kann nicht genug betont werden. Trotz ihres urbanen Umfeldes, ihres jugendlichen Alters und ihres modernen Lebensstils hatte diese erste politische Generation eine Beziehung zu etwas, das von früher und von anderswo zu kommen schien: zum tribalen Bewusstsein. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. Das Gefühl der ethnischen Identität war gerade in der Stadt von Bedeutung. Erst wenn man sich mit anderen verglich, dachte man über die eigene Herkunft nach. Die Grünschnäbel der Politik schlossen sich vorhandenen ethnischen Organisationen an und modernisierten sie. Die tribale Karte auszuspielen, erwies sich auch für die politische Strategie als kluge Entscheidung: So konnten sie die große Masse erreichen. Es lohnte sich, immer wieder zu betonen, dass man ein stolzer Chokwe, Yaka oder Sakata war. Neben einer größeren Anhängerschaft garantierte das bessere Chancen, bei der Kolonialregierung Gehör zu finden. Kasavubu sprach für die Bakongo, Bolikango setzte sich für die Bangala ein, Jason Sendwe für die Baluba aus Katanga, Justin Bomboko für die Mongo und so weiter. Tribale Rhetorik gestattete einer jungen Elite, sich als Wortführer ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu profilieren.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus verständlichen Gründen war dieser &#039;&#039;jeunisme&#039;&#039; nicht nach dem Geschmack der Stammesoberhäupter im Landesinneren, von denen manche noch Einfluss auf ihre Migrantengemeinschaften in den Städten hatten. Was sich hier abspielte, war schon von daher reichlich revolutionär. Von jeher beruhten Macht und Autorität in großen Teilen Zentralafrikas auf dem Alter. Alter bedeutete Ansehen. Nun stand plötzlich eine Generation von Zwanzig- und Dreißigjährigen auf, die um die Macht wetteiferten und um die Gunst des Volkes warben. Das war auch unumgänglich, denn die belgische Regierung hatte beschlossen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen. »Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in den ländlichen Gebieten«, sagte das Oberhaupt der Bayeke im Ost-Kongo, »wird die traditionelle Ordnung völlig unterhöhlt und ist zum Untergang verurteilt.« Und darin hatte er recht: Nach 1960 bekam eine relativ junge Generation im Kongo das Sagen. Nur sie erwies sich als fähig, die Spielregeln der Demokratie zu durchschauen und mit Erfolg mitzuspielen. Der große Häuptling der Lunda, eines ehemaligen Königreichs auf der Grenze zwischen Katanga und Angola, bezeichnete dagegen das allgemeine Wahlrecht als »unverzeihliche Abirrung«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der bekannteste Lunda in jener Zeit, und eigentlich in der ganzen Geschichte des Kongo, war jedoch jemand anders: Moïse Tschombé. 1959 – er war gerade vierzig geworden, lebte in der Stadt und hatte eine Ausbildung zum Buchhalter absolviert – hatte er die Führung einer jungen politischen Partei übernommen, der Conakat (&#039;&#039;Confédération des Associations du Katanga&#039;&#039;). Tschombé war ein dank seines familiären Hintergrundes begüterter, jedoch wenig erfolgreicher Geschäftsmann, der auf andere oft – allerdings zu Unrecht – nachdenklich und versonnen wirkte. Er kam aus einer hoch angesehenen Lunda-Familie; sein Vater war ein reicher Händler, und er selbst war mit einer der Töchter des großen Lunda-Häuptlings verheiratet. Stammesstolz war Tschombé nicht fremd (eine Zeitlang leitete er die wichtigste Lunda-Vereinigung von Elisabethville), doch er widersetzte sich nicht der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Conakat war eine politische Partei, die mit demokratischen Mitteln mehr Rechte für die ursprünglichen Bewohner Katangas anstrebte, wie die Lunda, die Basonge, die Batabwa, die Chokwe und die Baluba (bei Letzteren nicht die aus Kasai, denn das waren »Neuankömmlinge«). Durch die jahrzehntelange Einwanderung von Arbeitern, die hauptsächlich aus Kasai stammten, fühlte sich die ursprüngliche Bevölkerung bedroht. In Elisabethville hatten die Baluba aus Kasai sogar die Wahlen von 1957 gewonnen. Tschombé wollte mehr Macht für die »wahren« katangesischen Stämme. In diesem Sinne glich seine Conakat stark Kasavubus Abako: Beide Bewegungen setzten sich für die frühesten Bewohner der Stadt ein (Abako war allerdings mono-ethnisch), beide forderten weitgehende regionale Autonomie, und beide träumten, im Gegensatz zu Lumumba, von einem föderativen, stark dezentralisierten Kongo. Bas-Congo und Katanga konnten sie sich zur Not auch als unabhängige Staaten vorstellen. Doch über die zukünftige Rolle Belgiens waren sie grundsätzlich geteilter Meinung: Abako vertrat einen radikalen Antikolonialismus, zumal nach den Unruhen im Januar, Conakat hingegen wollte den Kontakt zu Belgien aufrechterhalten. Tschombé, der von belgischen Ratgebern umgeben war, träumte von einem ruhig und in geordneten Bahnen verlaufenden Prozess der Unabhängigkeit, glaubte aber weiterhin an die Idee einer »Belgisch-kongolesischen Gemeinschaft«. »Wenn wir die Unabhängigkeit fordern, tun wir das nicht, um die Europäer zu vertreiben, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten und gemeinsam an der Zukunft des Landes bauen.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Wildwuchs der Parteien verliefen nur zwei wichtige Bruchlinien: War man radikal oder gemäßigt? Radikal bedeutete: für eine schnelle Entkolonialisierung und einen völligen Bruch mit Belgien. Und dachte man in föderativen oder unitaristischen Begriffen? Abako (Kasavubu) war radikal und föderalistisch; der MNC (Lumumba) war radikal und unitaristisch; Conakat (Tschombé) war gemäßigt und föderalistisch. Auch alle anderen Parteien ließen sich nach diesem Schema charakterisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba gelangte zu der Ansicht, dass diese Zersplitterung überwunden werden müsse. Um die Kräfte zu bündeln, rief er im April 1959 acht große und kleine politische Parteien in Luluabourg (in Kasai) zusammen. Es war der erste politische Kongress des Kongo, eine Art Accra im Kleinen. Jean Mayani, der Lumumba-Anhänger der ersten Stunde aus Kisangani, war dabei. In seinem Wohnzimmer in Kisangani erzählte er mir: »Ich ging als Parteisekretär meines Stadtbezirks hin. Alle nationalistischen Parteien nahmen teil. Cerea aus dem Kivu, Sendwes Balubakat aus Katanga, die PSA aus dem Kwilu, Kasavubus Abako. Wirklich alle waren da. Lumumba hatte ungefähr drei Viertel der Bevölkerung hinter sich.«57 Cerea kämpfte gegen die weiße Vorherrschaft in der östlichen Kivu-Provinz. Balubakat setzte sich für die Rechte der Baluba in Katanga ein und stand Tschombés Conakat diametral entgegen. Die PSA (&#039;&#039;Parti Solidaire Africain&#039;&#039;) war im Kwilu aktiv, aber erwarb sich mit großen Persönlichkeiten wie Cléophas Kamitatu und Antoine Gizenga landesweit einen guten Ruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba wollte ein Datum für die Unabhängigkeit festlegen. König Baudouin hatte in seiner Rede versprochen, dass diese »ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile« kommen würde, doch wann Zögern nachteilig und Eile unbesonnen war, ließ Raum für Interpretationen. Lumumba war sich darüber im Klaren, dass es einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten würde, wenn sich der Kongress von Luluabourg auf ein Datum einigen könnte. Außerdem würde er auch persönlich einen großen Coup landen: Er würde den Bonus einstreichen, Initiator des Ganzen gewesen zu sein, und als wichtigste politische Persönlichkeit des Landes anerkannt werden. Sein Vorschlag lautete: 1. Januar 1961. Hatte jemand etwas dagegen? Einer der Anwesenden bemerkte: »Warum denn so übereilt? Das Ende der Welt wird doch nicht für den 1. Januar 1961 erwartet?« Worauf Lumumba konterte: »Sie sprechen die Sprache eines Kolonialisten.«58 Er hielt zwei Jahre für mehr als ausreichend, um den Übergang zum neuen System vorzubereiten. So war es auch in Ghana abgelaufen. In einer Zeit schwacher politischer Programme und debütierender Führungspersönlichkeiten war wenig Raum für Nuancierungen und Reflexion. Wer noch zaghaft für einen allmählichen Übergang plädierte, wurde als Lakai des Imperialismus ausgebuht. Die Parteien verstrickten sich in ein beispielloses symbolisches Überbietungsmanöver. Rhetorische Bravour stand höher im Kurs als pragmatisches Gespür. Die rasche und bedingungslose Unabhängigkeit wurde zum Ziel an sich, ja zur Obsession – zur Not war man bereit, sich blind ins Abenteuer zu stürzen. »Lieber arm und frei als reich und kolonisiert.«59 Solche Slogans kamen gut an. Wie konnte es auch anders sein? Keiner der Anwesenden außer den paar Bürgermeistern von Armenvierteln hatte jemals ein politisches Mandat innegehabt. Verwaltungserfahrung, Realitätssinn und Organisationstalent fehlten. Alle improvisierten. Und keiner wollte hinter den anderen zurückstehen. Dabei ging es um ein Land von der Größe Westeuropas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht unbedingt geheuchelt, als der große Lunda-Häuptling den Generalgouverneur und den belgischen Minister in seinem Distrikt mit den Worten empfing: »Wir möchten nicht, dass Sie Entscheidungen unter dem Druck lautstarker Minderheiten treffen. Wir verstehen die Eile nicht, mit der so viele die Unabhängigkeit anstreben. Wir bestätigen mit großem Ernst, dass wir die Unabhängigkeit wollen, aber noch nicht sofort. Wir benötigen noch viel Hilfe und Unterstützung, um zu einer normalen Entwicklung zu gelangen. Jedes übertriebene Tempo kann unsere Gebiete von Neuem in die Armut und das Elend von einst stürzen.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was damals als reaktionärer Standpunkt galt, ist im Jahr 2010 ein allerorts im Kongo zu hörender Seufzer, ein Seufzer angesichts der ganzen aktuellen Misere. Viele junge Leute werfen ihren Eltern vor, dass sie damals unbedingt die Unabhängigkeit wollten. Auf der Straße in Kinshasa fragte mich einmal jemand: »Wie lange wird diese Unabhängigkeit jetzt noch dauern?« Als Belgier musste ich mir ganz oft anhören: »Wann kommen die Belgier zurück? Ihr seid doch unsere Onkel?« Oft war es als Schmeichelei gedacht, aber zuweilen steckte mehr dahinter. Sogar Albert Tukeke, der Mann aus Kisangani, der ein entfernter Verwandter von Lumumba war, sagte am Ende unseres Gesprächs: »Wir hätten nicht so schnell unabhängig werden sollen. Aber nach dem Krieg, wissen Sie . . . es gab diesen Drang. Wenn es nicht so überstürzt abgelaufen wäre, wären uns diese ganzen Unzulänglichkeiten erspart geblieben.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die stürmische Entkolonialisierung war das Resultat einer eskalierenden Wechselwirkung zwischen den Reaktionen der Kolonialmacht und den symbolischen Überbietungsmanövern der verschiedenen politischen Parteien. Dass bei Unruhen in Stanleyville mehrere Dutzend Anhänger Lumumbas ermordet worden waren, heizte das Klima weiter an. Der überzeugte Lumumba-Anhänger Jean Mayani sagte darüber: »Nach dem Kongress hatte die Kolonialmacht die Forderungen des MNC als eine Form von Rassenhass und Xenophobie interpretiert, die sich gegen die Belgier richteten.« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass Xenophobie im kolonialen Wortschatz hier eine Eigenschaft war, die den Kongolesen zugeschrieben wurde. »Die Force Publique trat repressiv gegen Lumumbas Partisanen auf. In Mangobo, einem Viertel von Stanleyville, gab es zwanzig Tote. Lumumba wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es war genauso wie bei den Unruhen vom 4. Januar in Kinshasa.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 1959 fanden allgemeine Kommunalwahlen statt, die jedoch von Abako, MNC und PSA boykottiert wurden. Diese Parteien hatten kein Interesse mehr an Übergangsmaßnahmen und langsamen Prozessen, es ging ihnen um die sofortige Unabhängigkeit und nichts anderes. Belgien hatte gehofft, dass der Gedanke einer allmählichen Demokratisierung auf fruchtbaren Boden fallen würde, doch es kam anders. Die Atmosphäre war inzwischen zu angespannt. 1957 hatte man die ersten Wahlen abgehalten, in der Hoffnung, damit die Männer von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako zu beschwichtigen. Doch das Gegenteil war der Fall. 1959 hatte Belgien nach den Unruhen vom Januar die Unabhängigkeit versprochen, doch auch das besänftigte die Gemüter nicht, im Gegenteil. Die Kolonialmacht glaubte, es richtig zu machen, verkalkulierte sich aber immer wieder. Deshalb gingen 1959 viel wertvolle Zeit und guter Wille verloren, Trümpfe, mit denen man die Unabhängigkeit dennoch hätte vorbereiten können. Statt eine wohlwollende Politik zu improvisieren, hätte man vielleicht endlich einmal die Kongolesen selbst fragen sollen, was sie wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Januar 1960 versammelten sich rund hundertfünzig Herren in Wintermänteln im Brüsseler Kongresspalast, sechzig Belgier und neunzig Kongolesen. Einen Monat lang sollten sie offen und auf Augenhöhe miteinander über einige heikle Themen diskutieren. Deshalb auch der Name des Treffens: Es sollte ein »Runder Tisch« werden (auch wenn in Wirklichkeit mehrere Tische im Viereck angeordnet waren). Die belgische Sozialistische Partei, damals in der Opposition, war von der Initiative sehr angetan. Auf belgischer Seite nahmen sechs Minister teil, fünf Parlamentarier und fünf Senatoren, begleitet von mehreren Dutzend Beratern und Beobachtern. Nennenswerte Landeskenntnisse der Kolonie besaßen diese Volksvertreter nicht. »Pilger der Trockenzeit« nannten die Belgier im Kongo sie spöttisch. Doch viele von ihnen hegten große Sympathie für die neumodische Entkolonialisierungs-Ideologie der Vereinten Nationen. Auf kongolesischer Seite waren Delegationen der wichtigsten politischen Parteien vertreten (Kasavubu, Tschombé, Kamitatu . . .), außerdem etwa ein Dutzend Stammesälteste, die die traditionelle Macht repräsentierten. Die kongolesischen Teilnehmer hatten sich kurz vor der Konferenz über alle parteipolitischen Rivalitäten, ethnischen Spannungen und ideologischen Differenzen hinweg zu einem &#039;&#039;front commun&#039;&#039; zusammengeschlossen, einer Einheitsfront. Für sie sollte die Konferenz keine schludrige Partie Tischtennis werden, deshalb formierten sie sich als ein einziger Spieler. Einigkeit macht stark, so viel hatten sie von Belgien gelernt. Diese unerwartete Koalition überraschte die belgischen Politiker sehr, zumal diese in ein katholisches, ein liberales und ein sozialistisches Lager zerfielen und zwischen Regierung und Parlament aufgespalten waren. Viele von ihnen waren schlecht vorbereitet. Es gab keinen Zeitplan, es gab keinen Regierungsstandpunkt. Offenbar glaubte man nicht, dass es sich um eine entscheidende Tagung handeln könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten fünf Tagen der Konferenz erzielte die Einheitsfront jedoch drei äußerst wichtige Siege. Als Erstes konnten sie die Belgier davon überzeugen, dass Patrice Lumumba, der nach den Unruhen in Stanleyville inhaftiert worden war, nicht fehlen durfte. Ohne ihn, argumentierten sie, sei die Tagung nicht repräsentativ und könne der Unmut im Kongo wieder aufflackern. Die Belgier wollten auf Nummer sicher gehen, holten Lumumba aus dem Gefängnis und ließen ihn nach Brüssel fliegen. Zweiter wichtiger Sieg: Die belgischen Delegierten mussten sich bereit erklären, dass sie die auf der Konferenz gefassten Resolutionen anschließend in Gesetzentwürfe umsetzen würden, die dann in der Abgeordnetenkammer und im Senat behandelt würden. Die Kongolesen wussten nur allzu gut, dass sie keine legislative Macht besaßen, aber so erhielten sie die Garantie, dass die Beschlüsse der Konferenz nicht nur auf dem Papier existierten. Die Bedeutung dieses Sieges lässt sich kaum überschätzen: Was als eine unverbindliche Diskussion begann, wurde so zu einem Gipfeltreffen mit weitreichender Macht. Der dritte Sieg war noch bemerkenswerter: das Datum! Die Belgier wollten vor allem die politischen Strukturen eines künftigen unabhängigen Kongo lang und breit erörtern, die kongolesische Delegation aber wollte vor der Besprechung aller anderen Punkte erst diese eine Frage klären: Wann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am fünften Konferenztag, Lumumba war noch nicht eingetroffen, fand ein Gespräch statt zwischen Jean Bolikango, dem Führer der Einheitsfront, und August de Schryver, dem für den Kongo zuständigen Minister, das sich noch am ehesten mit dem Geschacher und Gefeilsche auf einem Markt in Kinshasa vergleichen ließ. Das Datum 1. Januar 1961, von dem man im April 1958 noch geträumt hatte, war mittlerweile längst außer Diskussion. Nun konnte es gar nicht mehr schnell genug gehen. Bolikango gab eine kühne Vorlage und schlug den 1. Juni 1960 vor, nach der uralten flämischen Devise: »Fragen kostet nichts, mehr als ein Nein riskiert man nicht.« Die Belgier waren perplex: Das wäre in knapp vier Monaten! Was konnten sie darauf noch antworten? Ihr Gegenvorschlag war der 31. Juli. Zwei Monate Aufschub. Nicht gerade berauschend, aber nun gut. Dann halt der 30. Juni? Läge das nicht genau in der Mitte? Zum Ersten, zum Zweiten – Zuschlag! Am 30. Juni 1960 würde der Kongo unabhängig werden. Die Würfel waren gefallen. Kongolesen &#039;&#039;und&#039;&#039; Belgier applaudierten im Kongresspalast. Niemand aus der kongolesischen Delegation hatte gedacht, dass es so leicht sein würde, alle waren völlig verblüfft.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war eigentlich geschehen? Hatten die Vertreter Belgiens ihrer Kolonie in einem Anfall von Zerstreutheit die Unabhängigkeit geschenkt? Nein. Obwohl die Konferenz eine Eigendynamik entwickelte, die keiner vorausgesehen hatte (wie nahezu jede Initiative in der Kolonialpolitik nach 1955), und obwohl die belgische Delegation nur ungenügend vorbereitet war, handelte es sich nicht um eine unbedachte Entscheidung. In dieser Situation hatte Belgien nur zwei Optionen: die Forderung der Einheitsfront zurückweisen, was mit Sicherheit zu schweren Unruhen geführt hätte, oder auf die Forderung eingehen und hoffen, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.64 Für ruhige Verhandlungen war keine Zeit mehr, meinte man, und traf deshalb rasch eine Entscheidung. Obwohl in den Militärstützpunkten Kitona und Kamina genügend belgische Soldaten stationiert waren, wollte man es nicht auf einen Konflikt ankommen lassen. In Algerien wütete bereits seit sechs Jahren ein blutiger Unabhängigkeitskrieg. Im Parlament bestand nicht die geringste Neigung, einen Militäreinsatz in Betracht zu ziehen. Die Charta der Vereinten Nationen und die antikolonialistischen Positionen der UdSSR und der USA ließen Belgien auch in internationaler Hinsicht wenig Manövrierraum. Die Unabhängigkeit aufhalten? Das wäre möglich gewesen, jedoch um den Preis eines ungewissen Abenteuers in der Kolonie und der moralischen Isolation in der Welt. Im Jahr 1960 erlangten gleich siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit; dieser Entwicklung konnte sich Belgien nicht entgegenstemmen. Die einzigen europäischen Länder, die gar nicht daran dachten, ihre großen afrikanischen Kolonien loszulassen, waren die Diktaturen in Südeuropa: Salazars Portugal, das sich weigerte, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln aufzugeben, und Francos Spanien, das sich noch an Äquatorialguinea festklammerte. Der Apartheidstaat Südafrika war ebenso wenig gewillt, auf die Herrschaft über Namibia zu verzichten. Belgien konnte sich mit dem Datum 30. Juni einverstanden erklären, weil es wusste, dass es auch danach noch an der Verwaltung, der Armee und der Wirtschaft des Kongo beteiligt sein würde. Spitzenbeamte würden als Regierungsratgeber fungieren, weiße Offiziere im Dienst bleiben, die großen Betriebe wären weiterhin in belgischer Hand, und die Missionare würden nach wie vor Unterricht erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Plaza Hotel im Zentrum von Brüssel nahm die Begeisterung kein Ende. Ja, es musste noch alles Mögliche besprochen werden (dass der Kongo eine Republik werden würde, dass die Verbindung zum belgischen Königshaus abgebrochen werden solle, dass es ein unitärer Staat sein würde, dass die Provinzen eigene Zuständigkeitsbereiche bekämen: Das alles stand noch längst nicht fest), doch die Beute war gesichert, der Vogel abgeschossen! African Jazz von Kabasele, die Band, die damals mit dem Song über Jamais Kolonga einen Nerv getroffen hatte, war nach Brüssel mitgekommen. Auch Unterhändler im Dreiteiler mussten nach den Konferenzsitzungen Gelegenheit zum Tanzen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Charly Henault kann sich noch gut daran erinnern. Obgleich er ein Belgier ist, war er jahrelang der Schlagzeuger von African Jazz. »Ich war weiß, aber was kümmerte es mich? Ich war Drummer in einem Land voller Drummer«, erzählte er mir, als ich ihn an einem verregneten Tag in seinem kleinen Haus in Wallonisch-Brabant besuchte. Er lag todkrank im Bett. »Im Plaza Hotel war der Ball der Round-Table-Konferenz, ja . . . Diese Freude, diese Euphorie . . . Kabasele duzte die Politiker. Er war sehr beliebt . . . Ein Mann mit Klasse, in seinem hellblauen Smoking mit den schwarzen Galons. Sehr elegant . . . Er liebte die Frauen, und er hatte Sinn für Humor . . . Einmal habe ich ihm seinen Pyjama versteckt!«65 Im Plaza Hotel alberten sie aber nicht nur herum; sie tüftelten an einem Lied, das bald zum größten Hit der kongolesischen Musik werden sollte: »Indépendance cha cha«. Der Text, in Lingala und Kikongo, bejubelte die gerade erlangte Autonomie, lobte die Zusammenarbeit der verschiedenen Parteien und besang die großen Namen des Unabhängigkeitskampfes: »Die Unabhängigkeit, cha cha, wir haben sie uns genommen / Oh! Autonomie, cha cha, nun ist sie da. / Oh! Runder Tisch, cha cha, wir haben gewonnen!« Nach 1960 würde der Kongo verschiedene Nationalhymnen bekommen, unter Kasavubu, unter Mobutu, unter Kabila, bombastische Kompositionen mit pathetischen Texten, aber die ganze Zeit gab es im letzten halben Jahrhundert nur eine echte kongolesische Hymne, einen einzigen Song, zu dem sich bis heute ganz Zentralafrika spontan in den Hüften wiegt: den ausgelassenen, beschwingten und ergreifenden »Indépendance cha cha«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also der 30. Juni. Die Round-Table-Konferenz endete am 20. Februar 1960. Vier Monate war noch Zeit, einen Staat zusammenzubasteln. Die »To-do-Liste« sah beeindruckend aus: Man musste eine Übergangsregierung bestimmen, eine Verfassung erstellen, ein Parlament und einen Senat aufbauen, Ministerien schaffen, ein diplomatisches Corps zusammenstellen, Wahlen auf Provinz- und Landesebene abhalten, eine Regierung bilden, ein Staatsoberhaupt ernennen . . . und das alles betraf nur die politischen Institutionen des Landes. Was auch noch fehlte: eine nationale Währung und eine Zentralbank, eigene Briefmarken, Führerscheine, Nummernschilder und ein Katasteramt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Belgier in der Kolonie fragten sich, wie das alles in diesem irrwitzigen Tempo bewältigt werden sollte. Sie befürchteten, dass die Kolonie, an der fünfundsiebzig Jahre sorgfältig gearbeitet worden war, nun in ein paar Monaten vor die Hunde gehen würde. Viele schickten ihr Geld, ihre Sachen und ihre Familie nach Hause. Andere gingen nach Rhodesien oder Südafrika. In den ersten beiden Juniwochen flogen vom Flughafen Ndjili viermal so viele Passagiere wie im Jahr zuvor. Sabena musste siebzig zusätzliche Flüge ansetzen, und die Schiffe nach Antwerpen waren proppenvoll.66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einfache Kongolese hingegen war voller Vorfreude. Er glaubte, ein goldenes Zeitalter würde anbrechen, der Kongo würde von einem auf den anderen Tag ein wohlhabendes Land sein – das versprachen ihm Dutzende Handzettel, die im Land zirkulierten. Fast alle Parteien machten völlig unhaltbare Versprechungen, mitunter grotesk, mitunter gefährlich.67 »Wenn die Unabhängigkeit da ist«, stand in einem Flugblatt der Abako, »müssen die Weißen das Land verlassen.« Das gehörte nicht zu den Beschlüssen der Round-Table-Konferenz. »Die zurückgelassenen Sachen werden Eigentum der Schwarzen werden. Das bedeutet, dass die Häuser, die Läden, die LKW, die Waren, die Fabriken und die Felder den Bakongo zurückgegeben werden.« Angesichts solcher aufputschenden Texte ist es nicht verwunderlich, dass Bauern in Bas-Congo nichts weniger als eine totale Befreiung erhofften: »Alle Gesetze werden abgeschafft, wir brauchen den traditionellen Häuptlingen nicht mehr zu gehorchen und nicht den Ältesten, noch den Beamten, den Missionaren, den Vorgesetzten . . .« In dieser Sehnsucht nach einer abrupten, radikalen Wende hallten Echos aus der Zeit von Simon Kimbangu nach. Die Unabhängigkeit wurde zu einer Art messianischem Ereignis, das »Leben, Gesundheit, Freude, Glück und Ehre« mit sich bringen würde. Kasavubu und Lumumba, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden zu Propheten und Märtyrern erhöht. In Kasavubu sah man den König des alten Kongo-Reiches auferstehen, und den dynamischen Lumumba verglich man mit dem Sputnik! Einfache Leute sehnten nichts Geringeres herbei als eine kosmische Wende. Lohnarbeit und Steuerpflicht würden verschwinden. Einige gingen sogar davon aus, dass künftig »die Schwarzen weiße Boys haben werden« und »dass sich jeder eine weiße Frau aussuchen darf, denn sie werden zurückgelassen und verteilt werden, wie die Autos und die anderen Dinge«.68 Ein paar Schlaufüchse nutzten diese Naivität aus und begannen schon mal, Häuser von Weißen für den Spottpreis von vierzig Dollar zu verkaufen . . . Leichtgläubige, die nicht durchschauten, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren, klingelten an den Türen weißer Villen und baten darum, ihr künftiges Eigentum einmal kurz besichtigen zu dürfen. Manche wollten auch die Dame des Hauses in Augenschein nehmen, denn auch die hatten sie gerade für zwanzig Dollar gekauft.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch auf makroökonomischer Ebene mussten einige Übertragungen geregelt werden. Das koloniale Wirtschaftsleben war ja auf vielen Ebenen mit dem kolonialen Staat verflochten, der in Kürze nicht mehr existieren würde. Zu diesem Zweck wurde in Brüssel eine zweite Round-Table-Konferenz einberufen. Die politischen Parteien im Kongo maßen dieser Tagung viel weniger Bedeutung zu. Das Wichtigste, die Unabhängigkeit, war ja entschieden, dachten sie. Überdies war es inzwischen Ende April, im Mai fanden die Wahlen statt, und alle steckten mitten im Wahlkampf. Von der Parteiprominenz konnte niemand für längere Zeit den Kongo verlassen. Stattdessen reisten junge Parteimitglieder nach Brüssel, wo sie von den paar Kongolesen unterstützt wurden, die in Belgien studierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Teilnehmer war Mario Cardoso. Derzeit ist er zweiter Vizepräsident des Senats. In Kinshasa lud er mich zum Lunch ins Restaurant des vornehmen Hotels Memling ein. »Ich war der dritte Student aus dem Kongo, der in Belgien studieren durfte. Jedes Jahr schickte Raphaël de la Kéthulle einen Schüler der Scheutisten nach Leuven. Die Jesuiten waren der Ansicht, sie müssten die Menschen an Ort und Stelle ausbilden, aber die Scheutisten wollten zeigen, dass sich manche ihrer Schüler mit belgischen Studenten messen konnten. Der Erste, der nach Belgien ging, war Thomas Kanza, das war 1951. Er studierte Psychologie und Pädagogik. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber das hatte ihm der Generalgouverneur verboten, aus Angst vor Subversion. Im Jahr darauf brach Paul Mushiete nach Belgien auf. Auch er studierte Psychologie und Pädagogik, und daneben noch Soziologie. Ich war 1954 an der Reihe. Eigentlich wollte ich zur Militärakademie, aber das durfte ich nicht, also studierte ich dann eben auch Psychologie und Pädagogik. 1959 kehrte ich nach Kinshasa zurück und wurde Assistent an der Universität Lovanium. Ich wollte Professor werden, aber Lumumba bat mich, an der Round-Table-Konferenz zur Besprechung der ökonomischen Fragen teilzunehmen. Ich habe die Lumumba-Fraktion der MNC-Delegation geleitet.« Inzwischen hatte es in der Partei eine Spaltung gegeben: Auf der einen Seite der MNC-L von Lumumba, unitaristisch, auf der anderen Seite der MNC-Kalonji, der für die Baluba in Kasai eintrat. »Es herrschte sehr viel Misstrauen auf der Konferenz. In der belgischen Delegation saßen Herren, die unsere Professoren gewesen waren. Mit ihnen mussten wir verhandeln. Nicht gerade einfach. Es ging um den künftigen Status der kolonialen Unternehmen, aber alles schien schon im Voraus entschieden zu sein.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der runde Tisch zu den Wirtschaftsfragen war vor allem ein Versuch Brüssels, zu retten, was zu retten war. Belgien wollte seine wirtschaftlichen Interessen im Kongo sichern und vertrat die Ansicht, dass belgische Unternehmen die Freiheit erhalten mussten, zu bestimmen, wo ihr Firmensitz nach 1960 sein sollte.71 Cardoso war darüber noch immer verbittert: »Die Firmen durften es sich aussuchen, ob sie nach kongolesischem oder nach belgischem Recht weitermachen wollten. Diese Regelung wurde uns als vollendete Tatsache aufgezwungen.« Die meisten Unternehmen entschieden sich für Belgien, denn sie befürchteten eine fiskalische Instabilität im Kongo oder, schlimmer noch, eine Verstaatlichung. Seit Leopold II. war der Kongo ein Versuchsfeld der freien Marktwirtschaft gewesen. Die Betriebe profitierten von günstigen Steuervorschriften, zudem mischte sich der Staat so gut wie gar nicht ein. Große Konzerne, allen voran die &#039;&#039;Société Générale de Belgique&#039;&#039;, erlebten dort Zeiten von ungezügeltem Kapitalismus. Selbst dort, wo der Kolonialstaat Hauptaktionär war, zum Beispiel beim mächtigen &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039;, überließ er das Ruder in der Praxis den Managern. Angesichts der bevorstehenden Unabhängigkeit befürchteten viele Betriebsleiter, dass die Tage ihrer Autonomie und des guten Einvernehmens mit der Regierung gezählt waren. Sie blieben im Kongo aktiv, entschieden sich aber für Belgien als Firmensitz, sodass ihr Unternehmen unter belgisches und nicht unter kongolesisches Recht fiel. Durch diesen Transfer gingen der kongolesischen Staatskasse beträchtliche Steuereinnahmen verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Zukunft des »kolonialen Portfolios« kam bei den Verhandlungen zur Sprache. Mit diesem Portfolio waren die sehr umfangreichen Aktienpakete gemeint, die Belgisch-Kongo an zahlreichen kolonialen Unternehmen besaß (Minen, Plantagen, Bahnlinien, Fabriken). Was sollte damit geschehen? Sobald aus Belgisch-Kongo Kongo würde, wären diese Aktien ja Eigentum des neuen Staates. Diese Vorstellung widerstrebte den belgischen Politikern und Firmenchefs. Sie überzeugten die kongolesischen Delegierten davon, dass es eine gute Sache sei, wenn diese Firmenanteile der Regierung vom Staat auf eine neu zu gründende belgisch-kongolesische Entwicklungsgesellschaft übertragen würden. Das war ein raffinierter Schachzug, um den Daumen auf dem Geldbeutel zu halten.72 Auch hier rächte sich die mangelnde Wirtschaftskompetenz auf kongolesischer Seite. Menschen, die allenfalls Psychologie hatten studieren dürfen, sollten entscheidende makroökonomische Knoten durchschlagen. »Alles zweite Garnitur«, urteilte der damalige belgische Ministerpräsident Eyskens.73 Einer von ihnen war der Journalist Joseph Mobutu. Sein Freund Lumumba hatte ihn zu den Verhandlungen gesandt, und diese Erfahrung würde sein weiteres Leben prägen. Später sagte er darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da saß ich dann als naiver und ungehobelter kleiner Journalist mit den größten Haien der belgischen Finanzwirtschaft an einem Tisch! Ich hatte keinerlei Ausbildung im Finanzwesen, und das hatte auch keiner von meinen Mitstreitern, die die anderen politischen Richtungen vertraten. Es ist nicht gerade eine meiner besten Erinnerungen. Vom 26. April bis zum 16. Mai haben wir Schritt für Schritt diskutiert, aber ich kam mir vor wie so ein Cowboy aus dem Western, der sich jedes Mal von professionellen Betrügern ausnehmen lässt. Wir diskutierten bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag erfuhren wir, dass das belgische Parlament in der Zwischenzeit Beschlüsse gefasst hatte, die die Verhandlungsergebnisse ungültig machten. Wir mussten um alles kämpfen. (. . .) Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern.74&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schlimmste sollte noch kommen, doch erst einige Wochen später. Am 27. Juni 1960, drei Tage vor dem Unabhängigkeitstermin, löste das belgische Parlament – wohlgemerkt mit dem Einverständnis der kongolesischen Regierung – das Comité Spécial du Katanga auf.75 Ein enormer Fehler für den Kongo! Der neue Staat verlor dadurch die Kontrolle über den Minengiganten Union Minière, den Motor der nationalen Wirtschaft. Wie konnte es dazu kommen? Das CSK war faktisch eine staatliche Gesellschaft, die in Katanga Konzessionen an Privatfirmen vergab und dafür Aktien dieser Firmen erhielt. Dadurch hatte es eine Mehrheitsbeteiligung an der Union Minière und damit Entscheidungsgewalt. In der Praxis machte es von diesem Mitspracherecht wenig Gebrauch: Der Kolonialstaat vertraute in der Regel der Kompetenz der Geschäftswelt. Doch mit der Unabhängigkeit des Kongo drohte die Gefahr, dass sich der neue Staat tatsächlich für die Tätigkeiten der Union Minière und all ihrer Töchter interessieren würde. Und das wurde durch die Auflösung des CSK verhindert. Die kongolesischen Delegierten auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz sahen – in ihrer ganzen Abneigung gegen den Moloch des westlichen Kapitalismus – darin kein Problem, und die zukünftige Regierung Lumumba übernahm diese Einschätzung . . . Der Kongo blieb noch immer zu einem Teil der Eigentümer, hatte als Minderheitsaktionär jedoch viel weniger Macht und Gewinnansprüche als die großen belgischen Trusts wie die Société Générale de Belgique. Dadurch entgingen dem Land nicht nur etliche Millionen Dollar, sondern auch die Möglichkeit, die Industrie in den Dienst des Landes zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit großer Arglosigkeit tanzte das Land auf den Abgrund der Unabhängigkeit zu. Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche, die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien. Einen Tag nach diesem unglaublich gewieften Schachzug unterzeichneten beide Länder dennoch einen »Freundschaftsvertrag«, in dem die Rede war von Unterstützung und Hilfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Mai fanden dann endlich die lang erwarteten landesweiten Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis vorhersehbar. Neben dem MNC von Patrice Lumumba waren die größten Wahlsieger die regionalen Parteien mit mehr oder weniger starken separatistischen Tendenzen. Abako siegte in Bas-Congo, Conakat im Süden und Balubakat im Norden Katangas, der MNC von Kalonji in Kasai, Cerea im Kivu und PSA im Kwilu. Die beiden Letzteren waren keine wirklich tribal geprägten Parteien, boten aber in den ethnisch sehr zersplitterten Regionen des Kivu und des Kwilu eine Art supratribalen Elan. Die Karte der Wahlergebnisse im Kongo 1960 überschnitt sich also größtenteils mit den ethnographischen Karten, die Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert zuvor erstellt hatten. Dieser tribale Reflex darf nicht als etwas Atavistisches gedeutet werden. Würden heute in Europa paneuropäische Wahlen stattfinden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Franzosen einen Franzosen wählen würden und die meisten Bulgaren einen Bulgaren. In einem unermesslich großen Land wie dem Kongo, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung allenfalls die Grundschule besucht hatte, ist es sehr verständlich, dass viele Menschen für Vertreter aus ihrer Gegend stimmten. Als stärkste Kandidaten gingen Kasavubu, Lumumba und Tschombé aus den Wahlen hervor. Kasavubu kontrollierte den Westen des Landes, Lumumba den Nordosten und das Zentrum, Tschombé den äußersten Süden. In diesen drei Gebieten lagen auch die größten Städte: Léopoldville, Stanleyville, Elisabethville. Die kleineren Parteien teilten die ländlichen Gebiete dazwischen unter sich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zersplitterung erleichterte die Regierungsbildung nicht gerade. Keine der Parteien besaß die absolute Mehrheit (Lumumbas überwältigender Wahlerfolg beruhte nur auf jeweils einem Drittel der gewählten Abgeordneten in fünf der sechs Provinzen, in Katanga bekam er keinen Fuß auf den Boden), und auch eine einfache Koalition mit einigen Partnern war nicht möglich. Lange Verhandlungen standen bevor. Zudem war die belgische Regierung sehr enttäuscht, dass Lumumba, den man als einen staatsgefährdenden Demagogen ansah, so viele Wähler an sich hatte binden können. Das führte sogar dazu, dass Brüssel eigens einen neuen Minister ernannte, W. J. Ganshof van der Meersch, und in den Kongo entsandte, wo er sich mit der Regierungsbildung befassen sollte. In seinem Schlepptau wurden außerdem vorsorglich belgische Truppen in die Kolonie verlegt. Lumumba war von diesen Schritten nicht gerade begeistert, und er machte daraus auch keinen Hehl. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine gewaltige, wechselseitige Aversion. Zuerst durfte Kasavubu versuchen, eine Regierung auf die Beine zu stellen, doch als das misslang, erhielt Lumumba den Auftrag zur Regierungsbildung. Er stand nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, die sehr unterschiedlichen Abgeordneten in einer gemeinsamen Regierungsmannschaft zu vereinen. Bis eine Woche vor dem Unabhängigkeitstermin hoffte der Vertreter Belgiens, dass Lumumba nicht Ministerpräsident werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch am 23. Juni stand die erste Regierung des Kongo. Sie zählte dreiundzwanzig Minister, neun Staatssekretäre und vier Staatsminister, Ämter, die über zwölf Parteien verteilt waren. Wie bei mühsam ausgehandelten Kompromissen üblich, waren am Ende mehr Beteiligte unzufrieden als zufrieden. Bolikango, der Doyen aus der Provinz Équateur, der in Brüssel die Einheitsfront geleitet hatte, musste erleben, wie ihm das Amt des Präsidenten im letzten Augenblick durch die Lappen ging. Lumumba benötigte nämlich dringend die Unterstützung der Abako und erhielt sie nur durch einen Kompromiss: Wenn Kasavubu seine separatistischen Bestrebungen unterdrückte, durfte er zum Dank Staatsoberhaupt werden. Lumumba, der große Wahlsieger, wurde aus diesem Grund nicht selbst Staatspräsident, sondern nur Ministerpräsident, obwohl seine Partei dreiunddreißig der 137 Parlamentssitze erlangt hatte und die von Kasavubu nur zwölf. Tschombé schließlich musste erkennen, dass er leer ausging und sich mit einem einzigen Ministerposten und nur einem Staatssekretariat für seine Partei begnügen musste. Sein Katanga erwirtschaftete den größten Teil der nationalen Einnahmen, bekam dafür jedoch wenig zurück: Das weckte Groll. Früher oder später musste es sich rächen. Auch das Parlament zögerte: Die neue Regierung wurde mit knapper Not von der Volksvertretung anerkannt.76 Der Start von Lumumbas Regierung war deshalb alles andere als die kollektive Dynamik einer Regierungsmannschaft, die einträchtig ein politisches Projekt realisierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht nur ein heterogenes und reizbares Team, es war noch dazu eine außergewöhnlich junge Mannschaft, die hier antrat. Drei Viertel dieser Politiker waren jünger als fünfunddreißig. Der jüngste war erst sechsundzwanzig: Thomas Kanza, der erste Kongolese mit Universitätsdiplom. Er wurde Vertreter des Kongo bei den Vereinten Nationen, ein Amt, das in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit nicht gerade ein Zuckerschlecken war. Der älteste Minister war Pascal Nkayi, und der war gerade mal neunundfünfzig. Ihm wurde das Finanzressort übertragen; vorher war er als Angestellter bei der Postverwaltung tätig gewesen. Auch im Parlament überwog eine neue Elite: Nur drei der 137 Sitze wurden von traditionellen Häuptlingen eingenommen.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Regierung des Kongo übernahm von Belgien ein Land mit gut ausgebauter Infrastruktur: Es gab gut vierzehntausend Kilometer Eisenbahnlinien und mehr als hundertvierzigtausend Kilometer Schnellstraßen und Straßen, es gab gut vierzig Flughäfen oder Roll­felder und mehr als hundert Wasserkraft- und Elektrizitätswerke, es gab eine moderne Industrie (der Kongo war Weltmarktführer für Industriediamanten und viertgrößter Kupferproduzent der Welt), es gab Anfänge eines allgemeinen Gesundheitswesens (dreihundert Krankenhäuser für Einheimische, außerdem Polikliniken und Entbindungskliniken) und einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad (1,7 Millionen Grundschüler 1959) – das alles war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien schlicht beeindruckend.78 Die Armee hatte außerdem in zwei Weltkriegen wichtige Erfolge verbucht. Doch Infra­struktur ist nicht alles. Thomas Kanza, der frischgebackene Minister, der Psychologie studiert hatte, war sich darüber im Klaren, dass diese Erfolge für viele Afrikaner relativ waren: »Sie haben, anders als es Europäer in der Regel wahrhaben wollen, mehr unter dem Defizit an aufrichtiger Sympathie, Achtung und Liebe von Seiten der Kolonisatoren gelitten als unter einem Mangel an Schulen, Straßen und Fabriken.«79 Außerdem: Was nützte einem ein vollständig ausgestattetes Land, wenn kaum jemand damit umzugehen wusste? Am Tag der Unabhängigkeit zählte der Kongo sechzehn (16) Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab zwar Hunderte gut ausgebildete Krankenpfleger und Verwaltungsangestellte, doch in der Force Publique war nicht ein schwarzer Offizier. Es gab weder einen einheimischen Arzt noch einen Ingenieur, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Belgien hatte keine Erfahrung mit Kolonialisieren«, sagte Mario Cardoso bei unserem exquisiten Lunch im Memling, »aber noch weniger Erfahrung mit Entkolonialisieren. Warum musste das alles so schnell gehen? Hätten sie fünf Jahre gewartet, dann hätte der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere die Ausbildung abgeschlossen. Dann hätte es keine Meuterei in der Armee gegeben.« In der Zeit zwischen 1955 und 1960 suchte die Kolonialregierung fieberhaft nach Reformen, die etwas gegen die große Unruhe in der Gesellschaft bewirken könnten, doch es war &#039;&#039;too little too late&#039;&#039;. Die Entkolonialisierung wurde deshalb ein &#039;&#039;runaway train&#039;&#039;, den keiner mehr aufhalten konnte. Indem es erst so spät auf die begreiflichen Forderungen einer frustrierten Elite einging, entfesselte Brüssel ein Kräftespiel, das seine Fähigkeit, die Entwicklungen zu steuern, weit überstieg. Doch das gilt auch für die junge Elite des neuen Staates, die den sozialen Unmut der unteren Schichten nicht nur artikulierte und kanalisierte, sondern auch hochspielte und steigerte, bis er Ausmaße annahm, gegen die sie selbst keinen Rat mehr wusste. Die Chronologie der Ereignisse brachte ein Paradoxon ans Licht, das man lediglich zur Kenntnis nehmen, aber nicht lösen konnte: Die Entkolonialisierung begann viel zu spät, die Unabhängigkeit kam viel zu früh. Die übereilte Souveränität des Kongo war eine Tragödie, als Lustspiel getarnt, die nicht anders als verhängnisvoll ausgehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 7 Ein Donnerstag im Juni ==&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga stand an diesem Donnerstag schon um vier Uhr morgens auf. Er hatte bei seinem Schneider übernachtet, um nichts dem Zufall zu überlassen.1 Die Zeremonie fand erst um elf Uhr statt, aber dies war nicht irgendein Tag. Die Stadt, in der fast eine Million Menschen lebten, war noch dunkel und still. Eine träge Hitze hing zwischen den Häusern und Hütten. Nichts regte sich. Die Wäsche: bewegungslos auf der Leine. Das Feuer: spröde Kohleschlacken. Unsichtbar die Kinder, die in eckigen Haltungen schliefen. Unsichtbar die Männer und Frauen, die sich aneinanderschmiegten – Trost für eine Nacht oder für ein ganzes Leben. Auf dem leeren Boulevard sprangen die Ampeln lustlos von Grün auf Orange auf Rot um. Das Wasser der Swimmingpools in den Vierteln der Europäer lag spiegelglatt da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vögel waren noch stumm. Und etwas weiter, hinter den Gärten und Villen, den Rasenflächen und Bougainvilleen, glitt das dunkle Wasser des mächtigen Flusses still vorbei. Noch immer schwammen kleine Vegetationsinseln mit, Grassoden und Pflanzen, Hunderte Kilometer stromaufwärts losgerissen aus dem Urwald, Baumstümpfe, die sich im Dunkeln drehten und bei den ersten Katarakten aufragen und in der Gischt des Flusses hinabstürzen würden. So ging es schon seit Jahrtausenden. Die Natur kümmerte es nicht, dass dies ein besonderer Tag war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga zündete das Licht an. Er betete und er wusch sich. Auf einem Kleiderbügel hing sein nagelneuer Anzug. Vorsichtig zog er die Hose unter der Jacke hervor. Sein Schneider hatte ihm einen prachtvollen Smoking genäht. Der glatte Stoff der Hose fühlte sich kühl an, das Hemd war herrlich steif, die Jacke saß wie angegossen um seine kleine Gestalt. Er stellte sich vor den Spiegel. Wer hätte jemals gedacht, dass er, Jean Lema mit bürgerlichem Namen, aber für alle Jamais Kolonga, heute eine so wichtige Rolle spielen würde? Bis vor ein paar Jahren hatte er als Angestellter im Landesinneren gearbeitet, in der Provinz Équateur. Er war bei Otraco für die Verwaltung der Flussschiffe zuständig. Doch bereits damals lag Veränderung in der Luft. Als er befördert wurde, ersetzte er einen Weißen; er bekam den Posten, den vorher Monsieur Eugène, ein Belgier aus Verviers, bekleidet hatte. 1958 kam er zurück nach Léopoldville, eigentlich nur für einen kurzen Besuch, und schnupperte dort, wie er es ausdrückte, »den Duft, das Parfum der Unabhängigkeit«. Kasavubu ging noch immer bei seinen Eltern ein und aus, er hörte den aufregenden Gesprächen zu und bekam eine Ahnung von den unglaublichen Möglichkeiten. Ins Landesinnere wollte er jetzt nicht mehr, obwohl ihn sein Arbeitgeber mehrfach dazu aufforderte. Auf dem Boulevard im Stadtzentrum begegnete er dem großen Bolikango. Bolikango war auch bei tata Raphaël zur Schule gegangen; er war einer der wenigen Kongolesen, die im Hinblick auf eine bald bevorstehende Unabhängigkeit einen hohen Posten in der Verwaltung bekommen hatten, als Staatssekretär im Informationsministerium. Bolikango wusste natürlich, wie eloquent Jamais Kolonga war, und erinnerte sich daran, was für ein Über-&#039;&#039;évolué&#039;&#039; sein Vater war. Immerhin war König Baudouin bei ihm zu Besuch gewesen! Durch das Seitenfenster seines Autos schlug Bolikango Jamais Kolonga vor, Redakteur, Sprecher und Übersetzer beim Informationsdienst des Generalgouvernements zu werden. Jamais Kolonga erklärte sich einverstanden. Vom Büroangestellten in der Binnenschifffahrt wurde er zum Rundfunkjournalisten beim staatlichen Sender. Das Parfum der Unabhängigkeit würde er von nun an täglich schnuppern können. Als Reporter war er nicht nur von Modenschauen zu Fußballspielen unterwegs, sondern er erlebte auch den großen politischen Umbruch in seinem Land aus nächster Nähe. Als in Brüssel die Round-Table-Konferenz stattfand, durfte er jeden Tag aus dem Studio darüber berichten. Und als Kasavubu am 26. Juni 1960 als erster Präsident des in Kürze unabhängigen Kongo vereidigt wurde, war er als Reporter dabei. Sein TEAC umgehängt, das bleischwere Aufnahmegerät jener Zeit, hatte er die Interviews gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine neuen schwarzen Schuhe glänzten und hatten noch ganz helle Sohlen. Kasavubus Eideszeremonie lag vier Tage zurück. Jamais Kolonga hatte seinen Job gut gemacht. Vor zwei Tagen hatte man ihn gefragt, ob er auch bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung die Live-Berichterstattung übernehmen könne. Das wollte er gern tun. Nur musste sein Schneider nun Tag und Nacht durcharbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
30. Juni 1960. Offiziell war der Kongo schon seit Mitternacht unabhängig, aber mit dem Festakt im Palast der Nation sollte der Übergang offiziell gewürdigt werden. König Baudouin war eigens aus Belgien gekommen; er würde Präsident Kasavubu die Macht übergeben, nach zweiundfünfzig Jahren belgischer Kolonialregierung und fünfundsiebzig Jahre, nachdem sein Großonkel Leopold II. den Freistaat gegründet hatte. Und bei diesem historischen Ereignis durfte Jamais Kolonga vom Ort des Geschehens berichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte der belgischen Präsenz in Zentralafrika hatte die Geschichte seiner Familie tiefgreifend beeinflusst. Sein Vater hatte durch seine Ausbildung einer der wichtigsten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; der Kolonie werden können, während sein Großvater noch als Jäger in seinem Dorf gelebt hatte. Jamais Kolonga kannte die Geschichten über ihn. »Als die Weißen in Bas-Congo ankamen, trug er ihre Koffer auf dem Kopf. Er hatte keine Angst vor den Weißen, tat aber, was sie von ihm verlangten. Er war polygam, aber nachdem er sich hatte taufen lassen, schickte er zwei seiner drei Frauen weg.« Kein einziges individuelles Leben, nicht mal im tiefsten Hinterland, war von der großen Geschichte unberührt geblieben. Es war alles sehr schnell gegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Viertel nach sechs gab es ein Briefing mit dem Leiter des Informationsamtes. Die Pressemappen wurden zusammengestellt. Vor wenigen Minuten war noch ein Text von Ministerpräsident Lumumba eingetroffen, der auch unter den Journalisten verteilt werden sollte. Jamais Kolonga bekam seinen Platz ganz vorn im Saal zugewiesen. Alles sollte würdevoll und geordnet ablaufen, hieß es noch einmal mit Nachdruck. Am Vortag war es bereits zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen, als der König und Kasavubu in einem offenen amerikanischen Straßenkreuzer durch die Stadt gefahren waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Jahr 1955 hatte Baudouin dem Volk zugewinkt, das in großer Zahl erschienen war, um am Straßenrand ebenfalls zu winken, doch aus der Menschenmenge hatte sich ein Mann nach vorn gedrängt und den Degen des Königs an sich gerissen. Die Szene war gefilmt und fotografiert worden. Baudouin, der seine weiße Galauniform trug, stand aufrecht in der Limousine, links von ihm stand Kasavubu in einem schwarzen Maßanzug. Baudouin salutierte den Soldaten der Force Publique, die auf der linken Straßenseite die belgische Trikolore hochhielten. Der Monarch hatte, als er an seiner rechten Seite etwas spürte, nicht gleich gemerkt, was da geschah. Ein Mann mit hoher Stirn und einem länglichen Gesicht rannte weg und schwenkte wild den königlichen Degen, eines der Insignien der belgischen Monarchie. Mehr als nur eine Waffe war dieser Degen ein Symbol für die Macht des Herrscherhauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zwischenfall wurde lebhaft kommentiert. »Der Mann war nicht ganz richtig im Kopf«, meinte Jamais Kolonga. »Er war ein &#039;&#039;feu-follet&#039;&#039;, ein Irrlicht, eine unruhige Seele mit leichtem Wahnsinn. Er galt allgemein als ein bisschen verrückt.« Das war sehr wahrscheinlich. Viele Europäer sahen es als Ulk, als einen dummen Studentenstreich, der die Machtübergabe noch einmal besonders akzentuieren sollte, aber für viele Kongolesen aus den einfachen Stadtvierteln war es kein Witz, sondern eine äußerst tollkühne Tat. Einen geheiligten Gegenstand, der dem Herrscher gehört, einfach anfassen und stehlen? Der Mann wird heute Nacht sterben, sagten sie. Wenn eine Maske, eine Ahnenskulptur, ein Leopardenfell oder ein Affenschwanz bereits magische Kräfte besaßen, so galt das gewiss auch für den Degen eines europäischen Herrschers. Auch unter &#039;&#039;évolués&#039;&#039; stieß die rebellische Geste auf Missbilligung. Victorine Ndjoli, das Fotomodell mit dem Führerschein, meinte dazu: »Wir waren wirklich beschämt, dass sich so ein Spinner das Schwert von König Baudouin geschnappt hat. Erst später haben wir erfahren, dass er nicht ganz richtig im Kopf war.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoffentlich läuft heute alles reibungslos ab, dachte Jamais Kolonga. Die Zeremonie sollte makellos sein. Aber die Leute hatten so seltsame Erwartungen an die Unabhängigkeit. Viele hatten kleine Kisten mit Steinen vergraben und hofften, die Steine hätten sich nach der Unabhängigkeit in Goldklumpen verwandelt. Nicht wenige glaubten, die Toten würden auferstehen.3 Man hatte schon Kleidungsstücke auf die Gräber mancher Ahnen gelegt, um sie willkommen zu heißen, und die Grabstätten weniger geliebter Menschen mit Wellblechplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass sie aus der Erde krochen. In den Dörfern des Inlandes schlossen sich manche Menschen aus Angst vor den zurückkehrenden Toten vier Tage lang in ihrer Hütte ein. Schwangere Frauen verließen die Häuser nicht mehr.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten äußerte sich das Unabhängigkeitsfieber mehr in sozialen Phänomenen. In Stanleyville bauten sich manche Leute ohne Genehmigung Hütten auf Grundstücken, die Europäern gehörten. Anhänger der Kitawala-Religion, die jahrelang in der Illegalität gelebt hatten, besetzten leerstehende Villen von Belgiern, die das Land verlassen hatten, und vollzogen dort nachts mit Fackeln und Gesängen ihre Rituale. In Léopoldville gab es vor dem großen Festtag bedeutend mehr Fälle von Diebstahl und Vandalismus. Boys lachten ihre Chefs aus, setzten sich auf die Motorhaube ihrer Autos und weigerten sich hartnäckig, wieder herunterzusteigen.5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr sah Jamais Kolonga, wie allerlei Prominenz in die große Rotunde des Palastes der Nation strömte: Parlamentarier und Senatoren aus Belgien neben Diplomaten, hohen Offizieren und zivilen Würdenträgern, Delegationen aus befreundeten afrikanischen Staaten. Prinz Hassan von Marokko war erschienen, Präsident Youlou von Kongo-Brazzaville und König Kigeri von Ruanda. Vor allem aber sah er die gerade erst gewählten Volksvertreter und Senatoren des neuen Kongo. Der Palast der Nation, ein neues Gebäude, das erst vor wenigen Jahren als Residenz des Generalgouverneurs errichtet worden war (man hatte geglaubt, dieses Amt würde noch Jahrzehnte bestehen), diente nun als Parlament. Unter der großen Kuppel der Rotunde trugen die meisten Politiker dunkle, westliche Anzüge, andere aber waren geschmückt mit traditionellen Kopfbedeckungen voller Muscheln, Federn und Tierfellen, Kopfbedeckungen, die ebenso beeindruckend waren wie der weiße Helm mit Geierfedern, den der Generalgouverneur trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als alle Platz genommen hatten, trat Ministerpräsident Lumumba ein. Kurz darauf sprangen alle im Saal auf, um König Baudouin und Staatspräsident Kasavubu zu begrüßen. Baudouin ergriff als Erster das Wort. Der nette und wohlwollende Fürst hielt eine Rede, die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien. Er rühmte das Werk von Leopold II., als habe niemals ein Untersuchungsausschuss dessen Herrschaft gerügt: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Und er scheute nicht vor Paternalismus zurück: »Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (. . .) Ihre Aufgabe ist unermesslich, und Sie sind die Ersten, die sich darüber im Klaren sind. (. . .) Haben Sie keine Scheu, sich an uns zu wenden. Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er zu Ende gesprochen hatte, applaudierte der Saal höflich. In diesem Augenblick hörten in den Dörfern und den Stadtvierteln der Einheimischen Tausende Menschen, die gebannt vor ihrem Transistorradio saßen, die klare Stimme von Jamais Kolonga, die auf Französisch, Lingala und Kikongo mitteilte: »Meine Damen und Herren, Sie haben soeben die Ansprache von Seiner Majestät dem König der Belgier gehört. Dies ist nun der Moment, in dem der Kongo unabhängig wird.«7 Er, der kleine Jamais Kolonga mit den leuchtenden Augen, war der erste Kongolese, der sein Land als unabhängig bezeichnen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann hatte Präsident Kasavubu das Wort, der Mann, den Jamais Kolonga so oft erlebt hatte, wenn er im Wohnzimmer mit seinem Vater leidenschaftlich diskutierte, der Mann, der bei seiner Ernennung zum Bürgermeister eine flammende Anklage gegen die Kolonialmacht formuliert hatte. Nun jedoch war seine Rede zurückhaltend und versöhnlich. Nicht verwunderlich: den Text hatte Jean Cordy abgefasst, der Belgier, der noch Kabinettsschef von Generalgouverneur Cornelis gewesen war. »Ich habe Kasavubus Text geschrieben, jedenfalls die erste Fassung. Ich hatte auch schon den Text geschrieben, als er Präsident wurde.«8 Nach dem Protokoll war damit der Teil der Zeremonie, der für Ansprachen vorgesehen war, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Rede des Präsidenten war Lumumba zornig damit beschäftigt, etwas zu korrigieren. Er hatte einen kleinen Stapel Papier auf den Knien und notierte hier und da eine Bemerkung. Lumumba hatte am Vortag die zahme Rede Kasavubus kurz überfliegen dürfen und war der Ansicht, er könne es nicht dabei bewenden lassen. Er wollte den Vertretern der Kolonialmacht unbedingt zum letzten Mal Kontra geben. Und sich damit auch selbst ins rechte Licht rücken, denn es störte ihn sehr, dass nicht er, sondern Kasavubu die Honneurs machen durfte. Als großer Wahlsieger musste er mit ansehen, wie sich sein Erzrivale Kasavubu neben König Baudouin groß aufspielen durfte, obwohl er doch als Regionalist den Kongo nicht einmal als Ganzes liebte.9 Lumumba schrieb seine Rede in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag; noch immer kam er mit wenigen Stunden Schlaf aus. Dem Vernehmen nach schrieb sein belgischer Berater und unbedingter Unterstützer Jean Van Lierde an dem Text mit. Heute gilt Lumumbas Ansprache als eine der großen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts und als ein Schlüsseltext der Entkolonialisierung Afrikas:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn heute die Unabhängigkeit des Kongo proklamiert wird im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf gleichem Fuß stehen, so kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, vergessen, dass wir die Unabhängigkeit im Kampf errungen haben, in einem Kampf von Tag zu Tag, einem glühenden und idealistischen Kampf, bei dem wir weder Mühen noch Entbehrungen scheuten, der uns Leid brachte und für den wir unser Blut gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind zutiefst stolz auf diesen Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes, denn es war ein edler und berechtigter Kampf und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam auferlegt wurde, ein Ende zu bereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war unser Schicksal während der achtzig Jahre der Kolonialherrschaft; noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir mussten zermürbende Arbeit leisten, zu einem Lohn, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu stillen, uns zu kleiden und in anständigen Verhältnissen zu wohnen und unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle »Sie« den Weißen vorbehalten war?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass man unser Land raubte aufgrund von Texten, die sich Gesetze nannten, in Wirklichkeit aber nur das Recht des Stärkeren besiegelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass das Gesetz für Weiße und Schwarze nie gleich war: entgegenkommend für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden Zeugen des schrecklichen Leides jener Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihres Glaubens verbannt wurden; im eigenen Land im Exil, war ihr Schicksal schlimmer als der Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos noch in die Restaurants und Geschäfte der Europäer durften; dass Schwarze auf Schiffen unter Deck reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren tatsächlich Worte, die im Gedächtnis haften blieben. Wie alle großen Ansprachen verdeutlichte Lumumbas Rede die abstrakte Geschichte anhand konkreter Details und veranschaulichte das große Unrecht durch zahlreiche greifbare Beispiele. Doch das Timing war denkbar unglücklich. Es war der Tag, an dem der Kongo die Unabhängigkeit erlangt hatte, Lumumba aber sprach, als sei der Wahlkampf noch in vollem Gange. Zu sehr darauf fixiert, Unsterblichkeit zu erlangen, zu verblendet durch die Romantik des Panafrikanismus, vergaß er, der doch der größte Verfechter der Einheit des Kongo war, dass er sein Land an diesem ersten Tag der Autonomie vor allem versöhnen musste und nicht spalten durfte. Er nahm für sich in Anspruch, die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen – das passte in die exaltierte Rhetorik der damaligen Zeit (das Volk, das Joch, der Kampf und natürlich: die Freiheit) –, aber das Volk stand nicht wie ein Mann hinter ihm; er hatte schließlich weniger als ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Lumumbas Rede war deshalb großartig in ihrer Tragweite, aber problematisch in ihrer Wirkung. Und im Vergleich zu den wahrhaft grandiosen Ansprachen in der Geschichte – der Gettysburg Address von Abraham Lincoln von 1863 (&#039;&#039;»a government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth«&#039;&#039;), der ersten Rede von Winston Churchill als britischer Premierminister am 13. Mai 1940 (&#039;&#039;»I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat«&#039;&#039;), der Rede von Martin Luther King 1963 (&#039;&#039;»I have a dream«&#039;&#039;), den Worten über Demokratie, die Mandela 1964 seinen Richtern entgegenhielt (&#039;&#039;»It is an ideal which I hope to live for and to achieve. But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die«&#039;&#039;), oder der &#039;&#039;acceptance speech,&#039;&#039; mit der Barack Obama 2008 die Welt begeisterte (&#039;&#039;»Change has come to America«&#039;&#039;) – waren Lumumbas Worte mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet, enthielten mehr Wut als Hoffnung, mehr Groll als Großmut und damit mehr Rebellion als staatsmännischen Weitblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga saß in der ersten Reihe. Er hörte, wie die Lumumba-Anhänger im Saal die Rede acht Mal mit ihrem Applaus unterbrachen, aber er sah auch, wie »die Mienen der Gäste eisig wurden und der König erbleichte«. Er sah, wie sich Baudouin zu Kasavubu neigte und um eine Erklärung bat, aber der war wie erstarrt: auch er war von Lumumbas Initiative überrascht. Lumumbas Text war – mit einer Sperrfrist – an die Presse gegeben worden, doch weder der König noch der Präsident hatten ihn vorher gesehen. Nach dem Festakt war Baudouin erbost und zugleich tief gekränkt. Für ihn muss es eine schmerzliche Erinnerung an seine eigene Thronbesteigung gewesen sein. Damals, vor zehn Jahren, hatte der kommunistische Senator Julien Lahaut auf dem Höhepunkt der Zeremonie »Vive la république« gerufen. Auch damals hatte es ein glanzvoller Tag werden sollen, ein festliches Ereignis, um ihn in Amt und Würden einzusetzen, aber auch damals war der Festakt durch einen linken Unruhestifter verdorben worden, der ungebeten alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Woche später war Lahaut von ein paar unbekannten Männern auf der Schwelle seines Hauses von Kugeln durchsiebt worden; die Umstände seines Todes waren ähnlich nebulös und gewalttätig wie das Schicksal, das Lumumba ein halbes Jahr später ereilen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baudouin wäre am liebsten sofort nach Belgien zurückgekehrt. Ihm stand nicht mehr der Sinn danach, den Friedhof der Pioniere und das Reiterstandbild von Leopold II. zu besuchen. Aber der belgische Ministerpräsident Eyskens stellte Lumumba zur Rede und verlangte von ihm, beim Mittagsmahl eine zweite, freundlichere Ansprache zu halten. So geschah es: Eyskens verfasste den Text, Lumumba las ihn trocken vor, Baudouin blieb doch noch bis zum Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der ganze Kongo über die kühnen Worte seines Ministerpräsidenten in Jubel ausbrach. Vierzehn Millionen Menschen denken selten das Gleiche. Jamais Kolonga jedenfalls fand die Rede problematisch: »Lumumba war kein Diplomat, er war viel zu kategorisch. Kasavubu, das war ein Gentleman. Er wollte ein paar von den Weißen dabehalten als stellvertretende Direktoren in den Provinzen, im Landwirtschafts- und Finanzressort. Aber unsere Verfassung räumte dem Ministerpräsidenten zu viel Macht ein. Die Rolle des Staatspräsidenten war darin ähnlich definiert wie die des belgischen Königs: Er herrschte, aber er regierte nicht.« Da Jamais Kolonga aus Bas-Congo stammte, galt seine Sympathie eher Kasavubu. Für viele Bakongo war Lumumba kein Held. »Kasavubu war friedfertig, gebildet und respektvoll«, sagen alte Leute in Bas-Congo noch immer, »Lumumba hatte nichts im Kopf, er war impulsiv und unverschämt. Ihm haben wir unsere Misere zu verdanken. Wie er vor dem König geredet hat, das war unverantwortlich! Er hätte sagen müssen: ›Ihr habt jetzt die Unabhängigkeit, also los, an die Arbeit!‹, statt die kleinen Probleme aus der Vergangenheit anzusprechen.«11 Fast alle älteren Einwohner von Boma, Matadi und Mbanza-Ngungu (dem früheren Thysville) können sich noch heute darüber aufregen. »Damals hat alles angefangen. Lumumbas Rede hat die Belgier gegen uns aufgebracht. Der König wollte nicht mal mehr zum Essen bleiben. Kasavubu wollte die Belgier nicht vertreiben, aber Lumumba wollte Tabula rasa machen. Es war ein sehr schlechter Start. Und das sage ich auf Ehre und Gewissen, nicht mal aus ethnischen Gründen.«12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch glühende Mitstreiter Lumumbas setzten ein Fragezeichen hinter die Rede. Mario Cardoso, der aus Stanleyville kam, der Stadt Lumumbas, und ihn auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz in Brüssel vertreten hatte, erzählte mir: »Ich saß im Saal und war sprachlos. Lumumba verhielt sich wie ein Demagoge. Ich war Mitglied des MNC, aber unsere Kampagne hatte nichts mit dem zu tun, was er sagte. Einige &#039;&#039;députés&#039;&#039; applaudierten, ich nicht. Er begeht politischen Selbstmord, dachte ich.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Kongo widmete man dem Vorfall weniger Aufmerksamkeit. In Elisabethville verlief alles ruhig und in freundschaftlicher Atmosphäre. Tschombé, der sich mit einem Posten als Provinzgouverneur hatte zufriedengeben müssen, betonte noch einmal die Bedeutung der herzlichen Freundschaftsbande zwischen Belgien und dem Kongo. Während der Unabhängigkeitsfeier in der Minenstadt sang der Kinderchor &#039;&#039;De Zangertjes van het Koperen Kruis (Die kleinen Sänger des Kupferkreuzes)&#039;&#039; mit lieblichen Stimmen Lobeslieder. Weiße, die sich an die Tatsache gewöhnen mussten, plötzlich keine Kolonialherren mehr zu sein, feierten sogar in Vierteln der Einheimischen und waren dort willkommen.14 Auch andernorts wurden Messen zelebriert, Kantaten gesungen und Huldigungen dargebracht. Die Nachricht von Lumumbas Rede verbreitete sich erst später. Was den Inhalt betraf, widersprachen ihm nur wenige, aber viele fragten sich, ob das in dieser Situation wirklich nötig gewesen sei. Ein Bewohner der Hauptstadt meinte: »Eine Geburt findet unter Wehen statt. So ist es nun mal. Aber wenn das Kind dann auf der Welt ist, lächelt man ihm zu.«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verlief dieser erste Tag des freien Kongo. Es gab Umzüge und Spiele, Volkstänze und Feuerwerk. Vier Tage lang sollte das Fest dauern, von Donnerstag bis Sonntag. Der Kongo begann mit einem langen, freien Wochenende. Es gab Sportwettkämpfe im Stade Baudouin (Kasavubu sollte den Gewinnern den Pokal überreichen, doch Lumumba nahm ihn ihm aus der Hand und machte es selbst).16 Es gab ein Radrennen in den Straßen der Stadt (die belgischste aller Sportarten, aber die ersten drei Plätze erreichten Kongolesen). Und es gab vor allem Bier, viel Bier, sehr viel Bier. Es war Monatsende, alle hatten gerade ihren Lohn ausbezahlt bekommen. An den Wänden der Bars stapelten sich die Bierkästen. Nach einigen Tagen ordnete die neue Regierung an, dass alle Verkaufsstellen für alkoholische Getränke zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr morgens schließen mussten. Die Sache geriet ein wenig außer Kontrolle, doch es war harmlos. Bis auf ein paar Unruhen in Kasai gab es keine Angriffe gegen Belgier, keine Lynchmorde, keine Vergewaltigungen, keine Plünderungen europäischer Häuser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann lag allerdings an diesem ersten Tag der Unabhängigkeit, wie er mir erzählte, auf dem Boden einer Gefängniszelle und stöhnte vor Schmerzen: Longin Ngwadi! Der Mann aus Kikwit, der Gläubige, der Priester hatte werden wollen, aber es nicht durfte, &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, der Starfußballer vom Daring Club, der ehemalige Boy von Generalgouverneur Pétillon, der Mann, der nach Belgien gereist war, um die Weltausstellung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; zu sehen, er, ausgerechnet er, war der erste Dissident des neuen Staates. »Mein Magen war geschwollen wie ein Luftballon. Ich blutete aus Nase und Anus. Ich pinkelte Blut, ließ faulige Winde. Ich hatte Handschellen um, wie ein Dieb.« Als Jamais Kolonga sich um vier Uhr morgens für den großen Tag in Schale warf und Lumumba noch an seiner Rede schrieb, lag Longin bereits seit Stunden in der Zelle und beklagte sein Schicksal. Tags zuvor hatte Provinzgouverneur Bomans ihn verhaften lassen. »Mit zwei Jeeps voller Soldaten haben sie mich abgeholt. ›Sie sind verrückt‹, sagte Bomans zu mir. ›Ich bin nicht verrückt‹, sagte ich, ›ich bin normal. König Baudouin ist mein Bruder. Machen Sie, was Sie wollen, ich bin ein Prophet, wie Elias oder Jeremias.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich Longin Ngwadi nach monatelanger Suche 2008 endlich in Kikwit antraf, wusch er sich gerade im Fluss. Zu meinem Empfang zog er etwas an, das ihm lieb und teuer war: ein Hemd mit Leopardenmuster, an das er ein Foto von Lumumba mit Gizenga gesteckt hatte. Gizenga war sein großer politischer Held, ein Mann aus seiner Region, der in der Regierung Lumumba Vizepremier war und zum Zeitpunkt unserer Begegnung die letzten Tage in seinem Amt als Premierminister unter Joseph Kabila verbrachte. Papa Longin war einer der schillerndsten Kongolesen, denen ich je begegnet bin, und das nicht nur wegen seines sonderbaren Lebenswandels. Schon seine Aufmachung war atemberaubend. Um den Hals trug er bei dieser ersten Begegnung ein großes Kruzifix, daneben ein Medaillon der heiligen Theresa mit dem Jesuskind und ein Medaillon mit dem Erzengel Michael, ein kleines blaues Kreuz aus Lourdes, einen alten Schlüssel der Marke ICSA, &#039;&#039;made in Italy&#039;&#039;, den er als »den Himmelsschlüssel« bezeichnete, einen Hammer, der für ihn »Jean Marteau, das ist der Beiname von Kamitatu« symbolisierte, den anderen großen Politiker aus der Gegend, und schließlich eine kleine Trillerpfeife, »denn wenn ich eine Vision habe, pfeife ich alle zusammen, um die Botschaft weiterzugeben«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longins Phantasie war grenzenlos. So behauptete er, dass er der Mann der verwegenen Aktion vor einem halben Jahrhundert gewesen sei: »Ja, ich bin der Mann, der Baudouin den Degen entrissen hat.« Lange Zeit glaubte ich, dass er die Wahrheit sagte. Mit seiner hohen, runden Stirn und den ovalen Augenhöhlen sah er dem Mann auf dem berühmten Foto täuschend ähnlich. Aber inzwischen wissen wir, dass zahlreiche Geschichten über dieses Ereignis kursieren. Mehrere betagte Kongolesen behaupten, sie wüssten, wer den Degen gestohlen hat und warum, während der tatsächliche Täter vermutlich längst verstorben ist.17 Diese Geschichten, auch wenn sie oft erfunden sind, enthalten eine Fülle von Informationen über die subjektiven Erinnerungen an die Entkolonialisierung. »Baudouin war eine Ikone«, sagte Longin, »ein &#039;&#039;chouchou&#039;&#039;, er war unkompliziert, sehr jung, sehr hübsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Longin von seinem belgischen Abenteuer zurückgekehrt war und Pétillon als Generalgouverneur abgelöst worden war, geriet auch er in den Bann des Unabhängigkeitsfiebers. Er hatte insbesondere einen Blick für dessen mystische Dimensionen. Er streifte durch die Straßen von Léopoldville und besuchte täglich die Église Saint-Pierre im Stadtteil Limete. Dort las Monseigneur Malula die Messe. Malula war 1959 zum Bischof geweiht worden; er war ein hochintelligenter Mann, der den Unabhängigkeitskampf hautnah miterlebte und sogar am &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; mitgewirkt hatte. Später würde er der erste Kardinal aus dem Kongo werden und Auffassungen vertreten, die denen Mobutus diametral entgegengesetzt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jeden Tag ging ich in seine Kirche. Wenn ich betete, wurde alles hell. Ich hatte die Kraft des Geistes und die Vision der Geschichte. Alle Gebete kamen, als würde ich sie schon vorher kennen, ich sang viele neue Lieder, ich brach alle Geheimnisse, ich sah Blumen, viele Blumen. &#039;&#039;Tiens&#039;&#039;, sagte ich, der liebe Gott schenkt mir Frieden. Ich ging zu Malula und erzählte es ihm. Er gab mir einen Kuli und ein Heft und bat mich, meine Visionen aufzuschreiben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin ist auch heute noch ein sehr frommer Mann. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Spiritualität. Er betet ständig, beginnt kein Gespräch, ohne seine Besucher erst mit Haarspray oder Parfum zu segnen, und hebt die Hände zum Himmel, um Schutz zu erbitten. Religion und Politik gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Eingenebelt von billigem Frauenparfum begleitete ich ihn einmal über den Markt von Kikwit, der sich die Hauptstraße der Unterstadt bis zur Brücke über den Kwilu entlangzieht. Jede fünf Minuten blieb er stehen, blies in seine schrille Pfeife und rief allen, die es hören wollten, auf Kikongo zu: »Kinder von Kikwit, wenn ihr jetzt noch nicht an meine Kraft glaubt, dann seht euch diesen Besucher an. Ich habe Gizenga darum gebeten, einen Weißen zu schicken, und nun ist er da!« Sein Sohn musste ihn nach einer halben Stunde ermahnen, die Vision den Gegebenheiten anzupassen, da nicht jeder ein Verehrer von Gizenga sei und meine Sicherheit gefährdet sein könne. Kurz vor der Brücke stand eine unheimliche Marktbude mit Fetischen, Kräutern, Masken und Affenschädeln. Alle gingen daran vorbei. »Nicht hinsehen«, sagte der Sohn zu mir, »das bringt Unglück.« Longin aber schaute sich die Dinge genau an, weil er sich mächtiger fühlte als alle Hexerei. Zu Hause hatte er einen magischen Degen gefertigt: Den Stiel eines alten Regenschirms hatte er mit künstlichen Blumen, Resten von Kupferdraht, einer Christusfigur mit Blumen und einem Fähnchen der Palu, der &#039;&#039;Parti Lumumbiste Unifié&#039;&#039;, Gizengas heutiger Partei, geschmückt. Die Reminiszenz an den magischen Degen von vor fünfzig Jahren war offenkundig. In seiner &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; verschmolzen Erinnerung und Mystik mühelos miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte mich an einer günstigen Stelle postiert und wartete auf Baudouin beim Bahnhof, beim Denkmal für die Eisenbahnarbeiter. Alle wollten ihn sehen, er war ein gutaussehender junger Mann, aber überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war unmöglich, aber dank meiner Kraft konnte ich an ihnen vorbeihuschen. Ich wollte dem König Blumen schenken, um ihm meine Zuneigung zu zeigen, aber ich sah den langen, glänzenden Degen und nahm ihn &#039;&#039;pour la folie&#039;&#039;. Und ich lief fünf Meter damit weg, aber dann hörte ich, wie die Soldaten ihre Waffen luden. König Baudouin sagte: ›Keine Waffen.‹ Ich lief zu ihm zurück und sagte: ›Ich wünsche Ihnen eine gute Reise im Kongo. Der liebe Gott hat mir gerade eingegeben, Ihren Degen zu nehmen. Wir gehen ins Parlament als gute Bekannte. Es ist an der Zeit, dass wir die Unabhängigkeit bekommen. Die europäischen Frauen sind wie die Jungfrau Maria, aber später wird der liebe Gott uns den Frieden geben, damit wir weiße Frauen heiraten können. Belgien ist weit, so weit wie der Himmel, ein gemeinsamer Besitz, wo es auch Schwarze geben wird. Einen gemeinsamen Markt. Die Schwarzen werden nach Belgien gehen. Ich bin nicht verrückt, ich bin normal. Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück.‹ Baudouin erwiderte: ›Niemand darf Sie schlagen! Ich werde Ihnen ein Geschenk geben. Vergessen Sie mich nicht. Es ist wahr, später werden Sie eine weiße Frau heiraten, vorausgesetzt, Sie können Französisch sprechen.‹ Aber er reiste noch am selben Tag ab, ohne mir ein Geschenk zu geben. Es blieb bei dem Versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob dieses merkwürdige Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, sei dahingestellt. Mystik und Erotik kollidierten darin in genialer Weise mit dem aktuellen Geschehen in Europa (gemeinsamer Markt!) und dem belgischen Sprachenkonflikt (Französisch lernen!). Aber dass sich ein Mann mit etwas anderen Denkstrukturen ein halbes Jahrhundert nach den Feierlichkeiten an ein Versprechen erinnert, das nie eingelöst wurde, ist an sich schon aufschlussreich. Durch die Ritzen seiner Phantasievorstellungen sticht heute das Licht einer tiefen Wahrheit: Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen, doch es blieb bei einem leeren Versprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8 Der Kampf um den Thron ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die turbulenten Jahre der Ersten Republik 1960-1965 ===&lt;br /&gt;
Dass in dieser ersten Zeit der Unabhängigkeit viel improvisiert werden musste, war jedem klar. Dass nicht alles wie am Schnürchen klappen würde, war nicht weiter tragisch. Aber die Probleme, mit denen sich der Kongo in den ersten sechs Monaten seiner Existenz dann tatsächlich konfrontiert sah, konnte wirklich niemand voraussehen: eine schwere Meuterei in der Armee, eine Massenflucht der bis dahin im Land verbliebenen Belgier, eine Invasion belgischer Truppen, eine militärische Intervention der UNO, logistische Unterstützung der Sowjetunion, eine sehr hitzige Phase des Kalten Krieges, eine beispiellose Verfassungskrise, zwei Sezessionen, die ein Drittel des Territoriums betrafen – und zu all dem noch die Verhaftung, Flucht und erneute Festnahme und dann die Folterung und Ermordung des Premierministers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch in den Jahren darauf kam das Land nicht zur Ruhe. Der Zeitraum von 1960 bis 1965 wird heute als Erste Republik bezeichnet, hatte aber eher den Charakter einer Endzeit. Das Land zerfiel und erlebte einen Bürgerkrieg, ethnische Pogrome, zwei Staatsstreiche, drei Aufstände und sechs Staatsoberhäupter (Lumumba, Ileo, Bomboko, Adoula, Tschombé und Kimba), von denen zwei auf jeden Fall, vielleicht sogar drei ermordet wurden: Lumumba, erschossen 1961; Kimba, erhängt 1966; Tschombé, tot vorgefunden in einer Gefängniszelle in Algerien 1969. Sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Mann, der an der Spitze einer unschlüssigen Weltregierung stand, verlor unter nie aufgeklärten Umständen das Leben: ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte der Nachkriegszeit. Der Blutzoll unter der kongolesischen Bevölkerung wurde nirgendwo dokumentiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik des Kongo war eine apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte. Auf politischer und militärischer Ebene versank das Land in einem totalen, unentwirrbaren Chaos, auf wirtschaftlicher Ebene war das Bild klarer: Es ging ständig nur noch abwärts. Dennoch fiel der Kongo nicht der puren Irrationalität anheim. Die Misere der ersten fünf Jahre war nicht die Folge einer Renaissance der Barbarei, der Auferstehung von in den Jahren der Kolonialherrschaft unterdrückten Primitivismen, geschweige denn der Ausdruck einer genuinen »Bantuseele«. Nein, auch hier war das Chaos eher das Resultat von Logik als von Unvernunft, genauer gesagt: das Resultat der Konfrontation unterschiedlicher Logiken. Der Präsident, der Premierminister, die Armee, die Rebellen, die Belgier, die UNO, die Russen, die Amerikaner: Jeder für sich agierte entsprechend einer Logik, die in sich konsistent und nachvollziehbar, mit der Logik der anderen jedoch oft unvereinbar war. Wie im Theater war auch hier die Tragödie der Geschichte keine Sache von Vernünftigen gegen Unvernünftige, von Guten gegen Böse, sondern von Menschen, die sich zusammenschlossen und sich selber einer wie der andere als gut und vernünftig ansahen. Idealisten standen Idealisten gegenüber, aber jeder Idealismus, der zu fanatisch ausgelebt wird, führt zu Verblendung, der Verblendung der Guten. Die Geschichte ist ein abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die turbulenten ersten fünf Jahre des Kongo lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase umfasst die Zeit vom 30. Juni 1960 bis zum 17. Januar 1961, dem Tag, an dem Lumumba ermordet wurde. In diesen ersten sechs Monaten stürzte das Kartenhaus des Kolonialstaates ein, und die &#039;&#039;Kongo-Krise&#039;&#039; dominierte Woche für Woche weltweit die Nachrichten. Die zweite Phase betraf den Zeitraum 1961-1963 und stand hauptsächlich im Zeichen der Abspaltung Katangas. Sie endete, als sich die aufständische Provinz – nach einer massiven UNO-Intervention – wieder dem Land anschloss. Die dritte Phase begann mit dem Jahr 1964, als im Osten des Kongo eine Rebellion ausbrach, die dann die Hälfte des Landes erfasste. In zähen Kämpfen eroberte die Zentralregierung die Kontrolle über das Territorium zurück. Das Jahr 1965 sollte eine Rückkehr zur Normalität einläuten, endete jedoch unerwartet mit dem Putsch Mobutus am 24. November. Dieser Staatsstreich prägte die weitere Geschichte des Kongo. Mobutu blieb zweiunddreißig Jahre an der Macht, bis 1997. Das war die sogenannte Zweite Republik mit ihrer anfangs straff zentralisierten Regierung, die sich zu einer Diktatur entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war durch ein Wirrwarr von Namen kongolesischer Politiker und Militärs, europäischer Berater, UNO-Personal, weißer Söldner und einheimischer Rebellen gekennzeichnet. Vier Namen dominierten jedoch das Spiel: Kasavubu, Lumumba, Tschombé und Mobutu. Zwischen ihnen entspann sich ein Machtkampf, der in seiner Komplexität und Intensität Shakespearschen Königsdramen nicht nachstand. Die Geschichte der Ersten Republik ist die Geschichte eines knallharten Ausscheidungsrennens zwischen vier Männern, die zum ersten Mal das Spiel der Demokratie spielen mussten. Ein unmöglicher Auftrag, umso mehr, da jeder von ihnen von ausländischen Akteuren bedrängt wurde, die ihre Eigeninteressen im Kongo vertraten. Kasavubu und Mobutu wurden hofiert vom CIA, Tschombé war zeitweise ein Spielball seiner belgischen Berater, Lumumba stand unter gewaltigem Druck von Seiten der USA, der UdSSR und der UNO. Der Machtkampf dieser vier Politiker wurde dramatisch verschärft und noch komplizierter gemacht durch das Gezerre aus dem Ausland. Es ist schwierig, der Demokratie zu dienen, wenn mächtige Akteure über einem ständig und oft panikartig an den Fäden ziehen. Außerdem hatte keiner von ihnen zuvor im eigenen Land auch nur einen Tag in einer Demokratie gelebt. Belgisch-Kongo hatte kein Parlament besessen, es existierte keine Kultur institutionalisierter Opposition, sachlicher Auseinandersetzung, Konsenssuche, Kompromissbereitschaft. Alles war von Brüssel aus gelenkt worden, die Kolonialregierung vor Ort war nicht mehr als eine ausführende Behörde gewesen. Meinungsverschiedenheiten waren vor der einheimischen Bevölkerung vertuscht worden, da sie nur dem Prestige der Kolonialmacht geschadet hätten. Der Inhaber des höchsten Amtes, der Generalgouverneur mit seinem weißen, mit Geierfedern geschmückten Helm, glich in seiner scheinbar unantastbaren Allmacht mehr dem traditionellen Herrscher eines feudalen afrikanischen Königreichs als dem Spitzenbeamten einer demokratischen Regierung. Kann es dann erstaunen, dass diese erste Generation kongolesischer Politiker mit den demokratischen Grundprinzipien rang? Und dass sie eher Thronanwärtern glichen, die sich gegenseitig nach dem Leben trachteten, als gewählten Volksvertretern? In den historischen Königreichen in der Savanne war ein Thronwechsel immer mit einem heftigen Machtkampf einhergegangen. 1960 war es nicht anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging es denn letztlich nicht darum, wer der Nachfolger von König Baudouin werden durfte? Kasavubu war der erste und einzige Präsident der Ersten Republik. Die Galauniform, die er sich schneidern ließ, war eine exakte Kopie der Uniform Baudouins. In Léopoldville und Bas-Congo konnte er auf breite Unterstützung zählen. Seine Stellung als Staatsoberhaupt war selten offen bedroht, doch 1965 wurde er von Mobutu beiseitegeschoben. Auch dessen Galaanzug kurze Zeit später war dem von Baudouin nachempfunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Machtbasis lag im Osten, mit Stanleyville als Zentrum. Er war der populärste Politiker des Kongo, aber es wurmte ihn, dass er Kasavubu als Präsident über sich dulden musste. Er erlebte nur die ersten sechs Monate der Ersten Republik, doch auch nach seinem Tod beeinflusste sein Gedankengut die Politik in starkem Maße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé fühlte sich noch mehr zurückgesetzt. Seine Partei war bei der Regierungsbildung schlecht weggekommen. Er hatte sich mit dem Amt des Provinzgouverneurs von Katanga in Elisabethville zufriedengeben müssen. Und auch wenn das in Anbetracht der Fläche und der Industrie noch immer so war, als sei er innerhalb eines Vereinten Europas Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden, musste er akzeptieren, dass sich das Zentrum der Macht woanders befand, in Léopoldville.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schließlich war am Tag der Unabhängigkeit der unbedeutendste der vier: Er war der Privatsekretär von Lumumba. Er hatte keine große Stadt hinter sich wie die anderen drei, geschweige denn ein mächtiges Volk wie Kasavubu (mit den Bakongo) oder Tschombé (mit den Lunda). Er kam aus einem kleinen Stamm ganz im Norden der Provinz Équateur, den Ngbandi, einer peripheren Bevölkerungsgruppe, die nicht einmal eine Bantu-Sprache sprach wie der Rest des Kongo. Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er auch der jüngste der vier (Kasavubu war fünfundvierzig, Tschombé vierzig, Lumumba fünfunddreißig). Doch fünf Jahre später war er allmächtig. Er wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Zentralafrikas und zu einem der reichsten Menschen der Welt. Die klassische Geschichte vom Laufjungen, der es zum Mafiaboss bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des ersten Aktes der kongolesischen Unabhängigkeit war Patrice Lumumba die unumstrittene, zentrale Figur. Nach seiner aufrührerischen Rede bei der Zeremonie der Machtübergabe waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als sich der Vorhang des kongolesischen Dramas hob, war er ein dynamischer Volkstribun, angebetet von Zehntausenden kleiner Leute. Nur einige Szenen später wurde er bereits verachtet, angespuckt und gezwungen, eine Kopie seiner Rede zu essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juli 1960. Trockenzeit. Stahlblauer Himmel. Vier Tage dauerten die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit. Die Armee, die Force Publique, sicherte wie eh und je die öffentliche Ordnung. Sie war der Fels in der Brandung. Der jetzt unabhängige Kongo hatte nicht gleich Wind in den Segeln – die politischen Institutionen waren zu neu, die politische Erfahrung gleich null, die Herausforderungen gigantisch –, aber die Streitkräfte waren in sich stabil. Das Offizierskorps war noch durchgehend belgisch: Tausend Europäer hatten die Befehlsgewalt über fünfundzwanzigtausend Kongolesen. Oberbefehlshaber war noch immer General Janssens, der Mann, der die Unruhen im Januar 1959 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Ohne Zweifel der preußischste aller belgischen Offiziere, war er ein großer Militär mit rigiden Prinzipien: Disziplin war ihm heilig, Protest eine Abirrung, Unordnung ein Zeichen von Charakterschwäche. Er musste Lumumba als Minister über sich dulden, denn der hatte neben dem Amt des Premiers auch das Verteidigungsressort erhalten. Später würde er über Lumumba schreiben: »Moralische Persönlichkeit: keine; intellektuelle Persönlichkeit: vollkommen oberflächlich; physische Persönlichkeit: aufgrund seines Nervensystems glich er mehr einer Raubkatze als einem Menschen.«1 Hier zeigt sich, wie die Karten verteilt waren. Der Kongo war zwar unabhängig, doch die Belgier hatten neben der Wirtschaft auch den Militärapparat voll und ganz unter Kontrolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Donnerstag, dem 30. Juni, knallte das Feuerwerk, am Montag, dem 4. Juli, kam es schon zum Eklat. Als stabiles Land existierte der Kongo nur wenige Tage. Während der Mittagsparade in der Kaserne »Leopold II.« verweigerten einige Soldaten den Gehorsam. General Janssens kam hinzu und tat, was er in solchen Fällen immer tat: die aufsässigen Elemente degradieren. Die Wirkung war diesmal genau entgegengesetzt. Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfhundert Soldaten in der Kantine, um ihren Unmut zu äußern. Sie hatten es satt. Schon seit eineinhalb Jahren hatten sie überall Feuerwehr spielen müssen und kleinere Aufstände niedergeschlagen. Nun forderten sie Aufstiegsmöglichkeiten in der militärischen Hierarchie, eine Erhöhung des Soldes und das Ende des Rassismus. Schon kurz vor der Unabhängigkeit hatten sie geschrieben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand vergisst, dass in der Force Publique wir, die Soldaten, wie Sklaven behandelt werden. Wir werden willkürlich bestraft, weil wir Neger sind. Wir haben kein Recht auf dieselben Vorteile und Einrichtungen wie unsere Offiziere. Unsere Zweipersonenstuben sind sehr beengt (7,50 m² Fläche) und weder mit Möbeln noch mit Elektrizität ausgestattet. Wir bekommen wenig zu essen, und unsere Verpflegung entspricht bei weitem nicht den hygienischen Vorschriften. Der Sold, den man uns zubilligt, reicht nicht aus, die heutigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, die von Schwarzen geleitet werden. Es genügt, ertappt zu werden mit &#039;&#039;Présence Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Indépendance&#039;&#039;, &#039;&#039;Emancipation&#039;&#039;, &#039;&#039;Notre Congo&#039;&#039; . . . um auf der Stelle zwei Wochen ins Gefängnis zu wandern. Nach dieser ungerechten Bestrafung wird man in die Strafkompanie in Lokandu versetzt, wo einem das militärische Leben beigebracht wird. (. . .) In der Force Publique leben unsere Offiziere auf amerikanische Art; sie haben bessere Unterkünfte, sie wohnen in großen, modernen Häusern, die alle von der Force Publique eingerichtet wurden, ihr Lebensstandard ist sehr hoch, sie sind überheblich und leben wie Herren; das alles um des Prestiges willen, weil sie weiß sind. Heute ist es der einmütige Wunsch aller kongolesischen Soldaten, verantwortliche Posten zu bekleiden, einen anständigen Sold zu erhalten und jeder Form von Diskriminierung innerhalb der Force Publique Einhalt zu gebieten.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um einer so großen Frustration etwas entgegenzusetzen, bedurfte es einer tiefgreifenden Armeereform; für General Janssens war eine solche Reform in den unruhigen Monaten vor und nach der Unabhängigkeit jedoch ausgeschlossen. Der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere wurde gerade an der Königlichen Militärakademie Brüssel ausgebildet, und in Luluabourg war eine Schule für Unteroffiziere gegründet worden. In einigen Jahren würden sie ihre Posten antreten können, fürs Erste aber blieb alles beim Alten. Am Morgen des 5. Juli, einem Dienstag, begab sich Janssens in die Leopold-II.-Kaserne und erteilte seinen Soldaten eine unmissverständliche Lektion in militärischer Disziplin: Die Force Publique stünde im Dienste des Landes, das sei so zur Zeit von Belgisch-Kongo gewesen, und das müsse auch jetzt so sein. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schrieb er mit großen Lettern an eine Schultafel: »&#039;&#039;Avant l&#039;indépendance = après l&#039;indépendance«&#039;&#039;: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Das war keine gute Idee. Die Soldaten bekamen den Slogan in die falsche Kehle. Sie hatten miterleben müssen, wie kongolesische Beamte von einem Tag auf den anderen hohe Posten in der Verwaltung erhielten und in welchem Ausmaß Politiker von der großen Wende profitierten. Das neue Parlament hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen beschlossen, dass die Volksvertreter das Recht auf eine Diät von 500.000 Franc hatten, fast doppelt so viel wie ihre belgischen Kollegen.3 Schlagartig wurde den Soldaten klar, dass das Fest der Unabhängigkeit für sie nichts in petto hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft wird die Meuterei der Armee mit Lumumbas aufrührerischer Rede erklärt. Aber ob das wirklich stimmt, bleibt dahingestellt, denn die Soldaten waren genauso wütend auf ihre frisch angetretenen Politiker wie auf ihre weißen Vorgesetzten. Sie wollten ihre Wut nicht nur an General Janssens auslassen, sondern auch an Lumumba selbst! In ihren Augen war er weniger ein Held als ein Verteidigungsminister, der selber nie Soldat gewesen war, ein Intellektueller mit elegantem Anzug und Fliege, der sich groß aufspielte, während sich an ihrer Lage trotz aller schönen Versprechungen nichts änderte.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch am selben Tag, dem 5. Juli, griff die Meuterei auf die Garnisonsstadt Thysville über, knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort ging es sehr viel gewalttätiger zu. Mehrere hundert Soldaten revoltierten. Sie verprügelten ihre Offiziere, die sich gezwungen sahen, sich mit ihren Frauen und Kindern im Offizierskasino zu verschanzen. Unterdessen besetzten sie das Munitionsdepot. Außerhalb der Kaserne, an der Straße, die zur Hauptstadt führte, kam es zu schweren Zwischenfällen in der Gegend von Madimba-Inkisi. Soldaten bedrängten diesmal keine weißen Offiziere, sondern weiße Zivilisten. Mehrere Europäerinnen wurden Opfer sexueller Gewalt. Eine von ihnen wurde innerhalb von fünf Stunden sechzehnmal vergewaltigt, im Beisein ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Kinder.5 Die Gerüchte darüber erreichten erst einige Tage später die Hauptstadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba versuchte inzwischen, der Meuterei in seiner Armee mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Er griff zu drei aufeinanderfolgenden Maßnahmen, die jede für sich gut gemeint waren, deren weitreichende Folgen er jedoch nicht absehen konnte. Am 6. Juli inspizierte er, zusammen mit General Janssens, die Truppen in der Leopold-II.-Kaserne in der Hauptstadt. Bei diesem Anlass versprach er, jeden Soldaten in den nächsthöheren Rang zu befördern. »Der Gefreite wird Obergefreiter, der Obergefreite wird Hauptgefreiter, der Hauptgefreite wird Unteroffizier, der Unteroffizier wird Feldwebel, der Feldwebel wird Oberfeldwebel, der Oberfeldwebel wird Hauptfeldwebel und der Hauptfeldwebel wird Adjutant.«6 Die erwünschte Wirkung blieb aus. &#039;&#039;»Lokuta!«,&#039;&#039; riefen die Soldaten, »Lügen«.7 So einfach ließen sie sich nicht abwimmeln. Es ging ihnen um höhere Ränge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später machte Lumumba ein weiteres Zugeständnis. Er setzte General Janssens ab und ernannte Victor Lundula zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Joseph-Désiré Mobutu als dessen Stabschef. Er hoffte, dass sich die Afrikanisierung an der Spitze der Armeeführung positiv auf die Truppenmoral auswirkte. Deshalb ging er auch gleich zu seiner dritten Maßnahme über: eine vorgezogene und radikale Afrikanisierung des Offizierskorps. Die Soldaten durften selbst die Kandidaten vorschlagen, die zum Offizier befördert werden sollten. So wurden Unteroffiziere und Stabsfeldwebel ohne Zwischenstufen Major oder Oberst. Um diesen Bruch zu betonen, erhielt die Force Publique auch einen anderen Namen: Künftig hießen die Streitkräfte &#039;&#039;Armée Nationale Congolaise&#039;&#039; (ANC).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Entscheidungen besänftigten die Gemüter einigermaßen, das Ergebnis aber war verheerend: Die Demokratische Republik Kongo besaß nach der ersten Woche ihrer Existenz keine funktionale Armee mehr. Der stabilste Stützpfeiler des neuen Staates war untergraben worden. Im heutigen entmilitarisierten Europa, in dem die NATO unsichtbar für Sicherheit sorgt, ist es nicht einfach zu begreifen, wie entscheidend die Rolle einer Armee in einem noch jungen Staat ist. Zu einem richtigen Staat wird er erst in dem Maße, in dem es ihm gelingt, die Gewalt (sozial, tribal, territorial) zu monopolisieren. Im unruhigen Kongo der sechziger Jahre war die Armee lebensnotwendig. Doch die Force Publique, die Kolonialarmee, die sich bedeutender Siege im Ersten und Zweiten Weltkrieg rühmen konnte, war innerhalb von nur einer Woche auf einen chaotischen Haufen reduziert worden. Das Oberkommando führten nun zwei Reservisten: Lundula, der Bürgermeister von Jadotville, der fünfzehn Jahre zuvor Sanitätsfeldwebel gewesen war, und Mobutu, ein Journalist, der in der Force Publique einmal Hauptfeldwebel und Buchhalter gewesen war und der nun seit kurzem der Vertraute Lumumbas war. Einst fuhren sie zusammen auf einem Moped durch die Straßen von Léopoldville, nun waren sie Ministerpräsident bzw. Stabschef eines unermesslich großen Landes mit einer desolaten Armee. Dass Mobutu auch eine Vertrauensperson der belgischen und amerikanischen Geheimdienste war, wollte Lumumba nicht wahrhaben. Diese Realitätsverweigerung sollte ihn das Leben kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Versuche, die Meuterei zu bekämpfen, erinnern an die belgischen Pazifizierungsversuche als Antwort auf die sozialen Unruhen in den fünfziger Jahren: Konfrontiert mit einem rebellischen Teil der Gesellschaft, traf auch er übereilte Entscheidungen und machte bedeutende Zugeständnisse in der Hoffnung, so die Ruhe wiederherzustellen. Auch diesmal war das Resultat genau entgegengesetzt. Der Unmut wurde nicht eingehegt, sondern nahm immer mehr Raum ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsere Frauen werden vergewaltigt!« Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den im Kongo lebenden Europäern. Am 7. Juli war ein Zug, voll besetzt mit aus Thysville geflohenen Belgiern, in der Hauptstadt angekommen. Ihre Berichte übertrafen für viele noch die düstersten Szenarien. Manche waren angespuckt, gedemütigt und ausgebuht worden, viele fühlten sich bedroht. Aber die Aufregung über sexuelle Gewalt führte zur größten Panik. In der Kolonialgesellschaft war keine größere Kluft denkbar als die zwischen dem afrikanischen Mann und der europäischen Frau (die umgekehrte Konstellation, Kontakt zwischen einem europäischen Mann und einer afrikanischen Frau, war gang und gäbe). Jamais Kolonga war eine nationale Berühmtheit geworden, indem er mit einer Weißen tanzte. Longin Ngwadi hatte König Baudouin angeblich erzählt, dass er eine Europäerin heiraten wolle. Naive Seelen hatten vor dem 30. Juni geglaubt, sie könnten mit der Unabhängigkeit ein belgisches Haus und eine belgische Frau erwerben. Die weiße Frau war unerreichbar und erweckte gerade deshalb eine so große Neugier. In den späten fünfziger Jahren erlebte ein Belgier einen amüsanten, aber aufschlussreichen Vorfall:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Niederlassung Katana gab es ein Postamt mit einem einheimischen Vorsteher. Eines Tages kommt der Vorsteher zu mir und sagt: »Monsieur, man hat mich betrogen.« Und ich frage: »Was ist denn passiert?« »Also, Monsieur (das ganze Gespräch war auf Swahili), schauen Sie mal, ich habe hier einen Katalog von Au Bon Marché in Brüssel und sehe das Foto hier. (Es war die Abbildung einer hübschen jungen Frau mit einem sehr schönen BH.) Ich habe das bestellt, und wissen Sie, was die mir geschickt haben? Einen leeren BH.« Unser Postvorsteher hatte gemeint, dass er die Frau dazu bekäme, und er fand sie recht preiswert im Vergleich zum Brautpreis für eine einheimische Frau.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiße Frauen im Kongo der Kolonialzeit waren fast immer Ehefrauen oder Nonnen. Sexuelle Beziehungen mit ihnen waren so gut wie ausgeschlossen. Sexuelle Gewalt nach der Unabhängigkeit war eine brutale Handlungsweise, sich das unerreichbarste Element der Kolonialgesellschaft nachträglich anzueignen und zugleich die ehemaligen Machthaber tief zu demütigen. Auf beiden Seiten herrschten Klischees: So wie die weiße Frau für viele kongolesische Männer ein halb mythisches Wesen war, so hegten viele Europäer von jeher halb mythische Vorstellungen über afrikanische Sexualität. Diese Klischees beeinflussten die Ereignisse. Die Vergewaltigungen waren schrecklich, aber ihre Zahl stand in keinem Verhältnis zu der Panik, die sie unter den Europäern verursachten. Alle versetzten sich gegenseitig mit Gräuelgeschichten in Aufruhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein groß angelegter Exodus war die Folge, noch bevor es ein einziges Todesopfer gegeben hatte. Innerhalb weniger Wochen verließen schätzungsweise dreißigtausend Belgier das Land.9 In Léopoldville standen die Autos in kilometerlangen Schlangen, um sich am Beach auf die Fähre nach Brazzaville einzuschiffen. Viele VW-Käfer, viele Pick-ups, viele Mercedes, und alle noch immer mit dem CB-Aufkleber für &#039;&#039;Congo belge&#039;&#039; an der Stoßstange . . . Andernorts wurden die Autos einfach zurückgelassen. Vor der Unabhängigkeit hatte Brüssel die Belgier dazu aufgefordert, möglichst auf ihrem Posten in der Kolonie zu bleiben – der junge Kongo würde ihren Sachverstand dringend benötigen –, doch zwei Wochen später empfahl Belgien seinen Landsleuten, nach Hause zurückzukehren oder schon mal Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Fluggesellschaft Sabena organisierte eine Luftbrücke und flog innerhalb von drei Wochen mehrere zehntausend Europäer aus. Es war ein erschütternder Abzug. Um die zehntausend Beamte, dreizehntausend Angestellte aus dem Privatsektor und achttausend Plantagenbesitzer verließen das Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute wissen wir, dass diese plötzliche Massenpsychose in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stand. Es war, als leere sich ein Kino fluchtartig, nachdem jemand hysterisch »Feuer! Feuer!« gerufen hat, obwohl nur ein Aschenbecher in Flammen steht. »Seht doch nur, ein schreckliches Feuer!«, rufen die Kinobesucher auf dem Weg zum Ausgang, sind sich aber nicht darüber im Klaren, dass sie das Feuer erst richtig schüren, indem sie die Saaltüren öffnen. Sicher, die Lage war ernst, aber es gab keinen Grund zu einer allgemeinen Evakuierung. Doch das sah man damals anders. Jede Panikwelle erreicht irgendwann eine Dynamik, die sich nicht mehr zügeln lässt. Ähnlich wie sich die Kaserne von Luluabourg 1944 durch eine irrationale Angst vor einer Impfkampagne leerte, so verließen die europäischen Bewohner den Kongo, weil sie das Sicherheitsrisiko falsch einschätzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch gab es auch damals Menschen, die einen kühlen Kopf behielten. In Bas-Congo, in dem kleinen Dorf Nsioni, wohnte ich im Jahr 2008 ein paar Tage bei dem alten Arzt Jacques Courtejoie, einem Mann aus Stavelot (in der Provinz Lüttich), der als Kind die Ardennenoffensive in einer Entfernung von dreihundert Metern von seinem Elternhaus miterlebt hatte. Eine Lektion in Kaltblütigkeit. Er lebte bereits seit 1958 im Kongo, immer allein, immer unverheiratet, als ein Missionar der Wissenschaft, ein Einmannbetrieb des Humanismus, der Mitmenschlichkeit und des Optimismus. Er hatte ein halbes Dutzend Menschen aus der Umgebung unterrichtet und ausgebildet; er vermittelte ihnen Verantwortungsgefühl und Selbstvertrauen. Gemeinsam machten sie Bücher und Plakate mit medizinischer Aufklärung, die im ganzen Kongo verbreitet wurden, Bücher über Bandwürmer, Augenkrankheiten und sogar Kaninchenzucht, Plakate zu Themen wie Händewaschen, TBC und Säuglinge stillen. Selten sah ich einen Mann unter so schwierigen Umständen so selbstverständlich der Menschenwürde dienen. Ein unbekannter Albert Schweitzer. Vom ersten Tag seines Aufenthaltes im Kongo an war Jacques Courtejoie ein erbitterter Gegner des Kolonialismus. »Im Juli 1960 hörte ich die Nachrichten im Radio. Überall brach Panik aus, alle flohen. Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und die Sache rational zu sehen. Ich sah überhaupt nicht ein, warum ich gehen sollte.« Er war einer der wenigen, die blieben. Nach drei Monaten Unabhängigkeit zählte der Kongo nur noch rund hundertzwanzig Ärzte.10 »Es herrschte so viel irrationale Angst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Monate vor der Unabhängigkeit war ich noch bei einem weißen Distriktverwalter zum Essen eingeladen. Er kam spät nach Hause, weil er zu einer politischen Versammlung der Abako gemusst hatte. Seine Frau begrüßte ihn mit den Worten: ›Ich hoffe doch sehr, dass du diesem Kasavubu nicht die Hand gegeben hast!‹ Ich habe es noch heute im Ohr. Sogar noch in der Zeit wollte man einem Afrikaner nicht nahe kommen! Und zwei Monate später war dieser Mann der Präsident des Kongo! Das war echt die Stimmung, die damals herrschte. Schwarze durften nie mit im Auto fahren, höchstens auf der Ladefläche eines Pick-up, nicht mal Kranke oder Schwangere. Ich habe noch erlebt, dass die alte Mutter eines schwarzen Priesters auf der Ladefläche liegen musste, obwohl sie schwer krank war. Hier in der Gegend aßen Weiße nie mit Schwarzen an einem Tisch.«11 Courtejoie opponiert noch immer täglich dagegen. Wenn er heute mit seinen Mitarbeitern loszieht, darf jeder mit, bis der Jeep proppenvoll ist. In den Lunchpausen unterwegs teilt er das Maniokbrot mit ihnen, und sie essen gemeinsam aus derselben Sardinenbüchse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Europäer flohen mit dem Gedanken, nach ein paar Monaten, wenn sich die Lage beruhigt hätte, zurückzukehren. Doch es kam anders. Das führte zu viel Verbitterung, zumal die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht ausgesprochen stolz auf ihre Leistung waren. Nicht wenige waren davon überzeugt, dass sie, als Bürger eines kleinen Landes, sich selbst übertroffen und uneigennütziges Engagement und grenzenlosen Einsatz an den Tag gelegt hätten. Vladimir Drachoussoff, der Agronom, der im Zweiten Weltkrieg sein spannendes Tagebuch geführt hatte, erinnerte sich in den achtziger Jahren an »die Freude, an der Entwicklung eines großen Landes mitzuarbeiten, das heute Ausland ist, aber das wir tief im Innern als das unsere empfanden«.12 Die Kolonie hatte vielen Menschen Chancen geboten, die sie in Europa nie gehabt hätten, sie war ihnen das teuerste Vaterland. Und nun wurde es zum Ausland. Thomas Kanza, der erste Kongolese mit einem Universitätsdiplom und blutjunger Minister in der Regierung Lumumba, zeigte einen verblüffenden Einblick in diese Geisteshaltung, als er schrieb: »Fast alle erreichten in Afrika mehr, als sie in Europa erreicht hätten, denn die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, Sachkenntnisse zu beweisen, ihre Dynamik, kurz gesagt, ihre Persönlichkeit zu bestätigen, waren in den Überseegebieten größer als in Europa.«13 Den Kongo zu verlassen bedeutete also auch: einen Traum aufgeben, einen Traum von Selbstentfaltung, der für viele mit einem paternalistischen Ideal einherging. Drachoussoff war auch in dieser Sache sehr ehrlich: »Unser Paternalismus war solide und friedfertig: Wir waren tief und aufrichtig davon überzeugt, dass wir nicht nur die Träger einer moderneren Zivilisation waren, sondern der Zivilisation &#039;&#039;tout court&#039;&#039;, die der Maßstab und der Standard aller Völker auf Erden war. (. . .) Fast alle waren wir stolz darauf, Europäer zu sein, und wir traten als Konstrukteure und Gestalter an die Welt um uns herum heran, mit dem Willen, sie zu formen und umzugestalten und mit der Überzeugung, dass wir das Recht dazu besaßen.« Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen hatte natürlich auch eine dunkle Seite, erkannte er. Die plötzliche Feindseligkeit zwischen Weiß und Schwarz kam nicht aus heiterem Himmel: »Ein begreifliches, aber gefährliches Gefühl von Überlegenheit prägte die tägliche Praxis der Kolonisation. (. . .) Die ›Zivilisatoren‹ wollten gern beschützen und erziehen, solange die Rangordnung gewahrt blieb und die Schutzbefohlenen respektvoll und untertänig waren. Niemand von uns konnte sich dieser gottgegebenen Hierarchie völlig entziehen, die bei den Mittelmäßigen auf elementaren Rassismus hinauslief und den Edelmütigeren ein gutes Gewissen verschaffte.«14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land zu verlassen, war für die Weißen frustrierend; für das junge Land selbst war ihr Weggang ein zweiter schwerer Schlag. Einfach ausgedrückt: Nach einer Woche hatte der Kongo keine Armee, nach zwei Wochen keine Verwaltung mehr. Richtiger ausgedrückt: Die Verwaltung war ohne Leitung. Nur drei der 4878 höheren Positionen waren 1959 von Kongolesen besetzt.15 Plötzlich mussten Menschen mit unzureichender Ausbildung wichtige Funktionen in der Bürokratie übernehmen, oft weit über ihrem Kenntnisstand. Die Armee war für die Aufrechterhaltung der Ordnung unabdingbar, die Verwaltung für einen funktionierenden Staat. In Kisangani unterhielt ich mich darüber mit der sehr schillernden Figur Papa Rovinscky, wie der Beiname von Désiré van-Duel lautete, wiederum ein belgisch anmutender Beiname zu seinem afrikanischen Namen Bonyololo Lokombe. Wenn sich dein Land zu deinen Lebzeiten schon viermal umbenannt hat, warum solltest du dann nicht auch deinen eigenen Namen ändern können? Papa Rovinscky empfing seinen Besuch mit Musik. Er schlug die Schlitztrommel und war noch in der Lage, in der Sprache seines Stammes, der Lokele, Signale über große Entfernungen zu verbreiten. »Der Weiße ist hier und sitzt im Sessel«, trommelte er auf seinem Urwald-Telefon in die Runde, als ich Stift und Notizbuch hervorholte. An der Wand des Wohnzimmers hing seine handgeschriebene Lebensgeschichte samt Lebenslauf. Er hatte seine fünfunddreißig Kinder mit neun verschiedenen Frauen aufgelistet, &#039;&#039;»dont 8 cartouches perdues«&#039;&#039;, darunter acht abgeirrte Kugeln. Er beschrieb sich selbst so: »unabhängiger Journalist und Diakon, von Natur aus nationaler und internationaler Historiker, externer Mitarbeiter von kommunikationeller Klasse [keine Ahnung, was er damit meinte, aber es klang recht gut], Friedenskünstler, multidimensionaler Barde.« Aber heute, mit dreiundsiebzig, verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem mit dem Schreinern von Särgen, insbesondere für Kinder, denn die Nachfrage war groß. Im Kongo stirbt eines von fünf Kindern noch vor dem fünften Geburtstag. Vor der Unabhängigkeit war er Stenotypist bei der Kolonialverwaltung. Er konnte blind tippen (»Meine Finger hatten Augen«), aber nach der Unabhängigkeit wurde er ins Amt des Stadtdirektors von Tshopo katapultiert. »Es gab nur noch ein paar Weiße, die anderen Führungskräfte waren alle schwarz. Keiner war vorbereitet. Der Bürgermeister stellte ein Team zusammen. Weil ich Steno und Maschineschreiben konnte, wurde ich Stadtdirektor. Ich musste die Protokolle der Gemeindevertretung aufsetzen. Das war wirklich nicht einfach für mich! Ich hatte überhaupt keine Ausbildung!«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Exodus der Belgier hatte auch gravierende ökonomische Folgen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1960 erlebte die Landwirtschaft, die auf den Export ausgerichtet war, einen starken Rückschlag. Baumwolle, Kaffee und Kautschuk, bereit zur Ernte, wurden nicht mehr ausgeführt. Die Gewächse verfaulten auf den Plantagen. Der Export von Kakao und Palmnüssen fiel um mehr als die Hälfte zurück.17 Auch andere Sektoren, die stark von europäischem Know-how abhängig waren, traf es empfindlich: Forstwirtschaft, Straßenbau, der Transport- und der Dienstleistungssektor. Nur der Bergbau blieb mehr oder weniger stabil. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Wer jahrelang Boy, Koch oder Putzfrau für eine weiße Familie gewesen war, stand plötzlich auf der Straße. Mehrere zehntausend Arbeiter auf den Plantagen, in den Zuckerraffinerien, Seifensiedereien und Bierbrauereien verloren ihre Jobs. Nach und nach wich die industrielle der traditionellen Landwirtschaft. Man baute wieder Maniok an, schälte Mais und sammelte Heuschrecken, man besuchte wieder Verwandte, wenn man Hunger hatte. Die Kleinfamilie, das Ideal des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, für das die Missionen unentwegt geworben hatten, wurde nach einiger Zeit wieder gegen das weitläufige Netz von Onkeln, Vettern und Cousinen eingetauscht, auf das man in schlechten Zeiten zurückgreifen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unruhen vom Juli 1960 ruinierten nicht nur die Armee, die Verwaltung und die Wirtschaft, sondern führten auch zu einem bewaffneten Konflikt. In Elisabethville gab es am 9. Juli die ersten Toten: Fünf Europäer, darunter der italienische Konsul, wurden abgeschlachtet. So konnte es nicht weitergehen, entschied noch in derselben Nacht der belgische Verteidigungsminister Arthur Gilson. Entgegen dem Ratschlag von Außenminister Wigny und ohne den belgischen Botschafter in Léopoldville zu informieren, gab er grünes Licht für eine militärische Intervention.18 Das Leben von Landsleuten sei in Gefahr, lautete seine Begründung. Am frühen Morgen des 10. Juli stiegen vom Luftstützpunkt Kamina Maschinen der belgischen Luftwaffe mit Soldaten für Elisabethville auf. Über Luluabourg wurde an diesem Tag eine Gruppe Fallschirmspringer abgesetzt, um Belgier zu befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine in jeder Hinsicht verhängnisvolle Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgischen Soldaten waren bereits einige Wochen vor der Unabhängigkeit auf den Militärbasen Kitona und Kamina stationiert worden. Entsprechend dem »Freundschaftsvertrag«, den beide Länder unterzeichnet hatten, sollte Belgien dem unabhängigen Kongo militärischen Beistand leisten, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch Léopoldvilles, also auf Ersuchen von Verteidigungsminister Lumumba. Das war hier aber ganz und gar nicht der Fall. Brüssel schob das Argument vor, es ginge ihm lediglich darum, die Sicherheit der belgischen Staatsbürger zu gewährleisten, doch schon bald besetzte Belgien große Teile der ehemaligen Kolonie. Da die kongolesische Armee nahezu handlungsunfähig war, wollte Belgien selbst die Ordnung (und die Wirtschaft) aufrechterhalten, denn man wollte nicht zulassen, dass das, was in einem Dreivierteljahrhundert aufgebaut worden war, innerhalb von vier Wochen zerstört wurde. Das war begreiflich, aber äußerst unklug. Belgien hätte sich darauf beschränken müssen, seine Bürger zu beschützen. Für alles andere hätte es sich an die Vereinten Nationen wenden müssen. Nun lief sein eigenmächtiger Eingriff auf die militärische Invasion eines souveränen, unabhängigen Staates hinaus. In Katanga entwaffneten belgische Soldaten unter Zwang kongolesische Armeeangehörige, die nicht einmal meuterten! Zum ersten Mal seit 1830 unternahm das Königreich Belgien eine Offensive auf fremdem Boden, auch wenn es sich der Tragweite offenbar kaum bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba waren anfangs geneigt, das Vorgehen Belgiens zu gestatten – es waren ja tatsächlich Belgier in Gefahr –, doch einen Tag später überlegten sie es sich anders und gaben ihre wohlwollende Haltung auf. Und das aus berechtigtem Grund: Am 11. Juli kam der wahre Sachverhalt ans Licht, sogar zweimal. Erstens beschossen an diesem Tag zwei Schiffe der belgischen Marine die Hafenstadt Matadi. Das hatte nichts mehr mit dem Schutz belgischer Bürger zu tun, denn die waren größtenteils evakuiert worden, sondern einzig und allein mit der Einnahme eines strategisch wichtigen Hafens. Zweitens, und das war noch sehr viel bedeutsamer, erklärte Tschombé an diesem Tag die Unabhängigkeit Katangas und wurde sofort von Belgien unterstützt. Kasavubu und Lumumba reisten in diesen Tagen durch das ganze Land, um Unruhen zu beschwichtigen. Sie waren über die Desintegration ihres Landes ebenso besorgt wie Belgien. In Bas-Congo gelang es Persönlichkeiten wie Gaston Diomi, einem der Bürgermeister der Hauptstadt, und Charles Kisolokele, einem der Söhne von Simon Kimbangu, die Meuterei durch ihren klugen und mutigen Einsatz einzudämmen. Es gab also einheimische, oft erfolgreiche Initiativen. Als der Präsident und der Premierminister von der Abspaltung Katangas erfuhren, flogen sie in die Provinz, doch der belgische Kommandant Weber erteilte ihnen keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Elisabethville. Das schaffte selbstverständlich viel böses Blut: Den Nummern 1 und 2 der demokratisch gewählten Regierung wurde der Zugang zur zweitgrößten Stadt ihres Landes verwehrt! Noch dazu von einem ausländischen Offizier, der einen Tag zuvor in der Stadt eingetroffen war!19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba zogen sofort die Schlussfolgerung, dass Belgien hinter der Sezession Katangas steckte. Begreiflich, aber nicht ganz richtig. Die Kontakte zwischen Belgiern und Katangesen waren schon seit langem ausgezeichnet, aber dass Staatsbeamte in Brüssel die Abspaltung Katangas mit geplant hätten, trifft nicht zu.20 In Wirklichkeit war die belgische Regierung von Tschombés verwegener Aktion unangenehm überrascht. Doch in der abtrünnigen Provinz entwickelte sich augenblicklich großes Einvernehmen zwischen den katangesischen Führern, den belgischen Militärs und der Leitung der Union Minière. Belgische Soldaten entwaffneten Lumumbas Truppen und standen mit an der Wiege einer neuen katangesischen Armee, der sogenannten &#039;&#039;Gendarmerie Katangaise&#039;&#039;. Brüssel erkannte den katangesischen Staat nie offiziell an, doch in der Praxis konnte Tschombé auf sehr viel belgische Unterstützung zählen. Die belgische Nationalbank half sogar dabei, die Zentralbank von Katanga aufzubauen.21 Auch das Königshaus hegte große Sympathien. König Baudouin schätzte Tschombé weitaus mehr als Lumumba. Er schrieb ihm: »Ein Bund von achtzig Jahren wie der, der unsere beiden Völker vereint, erschafft viel zu innige Gefühlsbande, um von der hassenswerten Politik eines einzigen Mannes aufgelöst zu werden.« Das Wort »hassenswert« wurde in der endgültigen Fassung gestrichen. Dass es um Lumumba ging, war auch so mehr als deutlich.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch sein militärisches Eingreifen wollte Belgien die Ordnung wiederherstellen, bewirkte aber eine totale Eskalation des Konflikts. Die Geschichte des Kongo zwischen 1955 und 1965 ist nichts anderes als eine Folge von Bemühungen verschiedener Regierungen, die Unruhe einzudämmen, Bemühungen, die jedes Mal in noch mehr Unruhe mündeten. Diesmal jedoch gossen die Belgier besonders viel Öl ins Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem turbulenten Bas-Congo patrouillierten im Juli 1960 vier Harvard-Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe. Sie nahmen Bodenziele unter Beschuss und griffen mit Raketen an. Nach sechs Tagen war eines abgestürzt und eines abgeschossen worden. Die anderen beiden hatten Einschläge von Geschossen an den Tragflächen und am Rumpf.23 Der schwerverletzte Pilot der abgeschossenen Maschine wurde von kongolesischen Soldaten ermordet und in den Inkisi geworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar Vize-Distriktverwalter André Ryckmans wurde erschossen, der Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs. Er war einer der intelligentesten Köpfe in der ehemaligen Verwaltung gewesen, ein Mann, der sich in den Dörfern sehr wohl gefühlt hatte.24 Wer ihn Kikongo sprechen hörte, hätte geschworen, dass da ein Afrikaner redete. Niemand hatte so viel Verständnis für die kongolesische Perspektive wie er. Der alte Nkasi erinnerte sich an ihn als an einen der wenigen Weißen, die wirklich sympathisch waren. Aber als Ryckmans mit den Meuterern über die Freilassung einiger weißen Geiseln verhandelte, wurde er vor den Augen einer aufgestachelten Menschenmenge ermordet. Wie sehr musste das militärische Vorgehen der Belgier die Atmosphäre vergiftet haben, wenn sogar einer der brillantesten und empathischsten Männer aus der Verwaltung von einer wütenden Volksmenge gelyncht werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Monsieur André, ja, den habe ich noch gekannt«, lächelte der blinde Camille Mananga, mit dem ich mich in Boma unterhielt. »Der war fast ein richtiger Kongolese. Er betrachtete sich selbst auch als Kongolesen. Aber bei der Brücke über den Inkisi haben sie ihn damals ermordet.« Ich fragte ihn, was er noch vom militärischen Eingreifen der Belgier wisse. Er brauchte nicht lange nachzudenken: »Ich war in Boma. Die belgischen Soldaten vom Stützpunkt Kitona waren gekommen, um die Armee zu entwaffnen. Auf dem Flughafen standen überall Panzer. Es war früh am Morgen, und ich ging zur Arbeit. Ich war damals Staatsbeamter im einfachen Dienst. In der Stadt wimmelte es von Soldaten. Ein Belgier sprach mich an. ›Wo willst du hin?‹ ›Ich arbeite in der Provinzverwaltung‹, sagte ich. ›Geh wieder nach Hause‹, sagte er, ›die Stadt ist von den Belgiern besetzt.‹ Aber ich ging weiter, ich war zu neugierig. Zum ersten Mal im Leben sah ich einen Panzer. Ich sah mir alles von Nahem an. Die Belgier sind nicht lange geblieben, aber es war eine Besetzung, nicht mehr und nicht weniger.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte also nicht wieder Friede ein. Im ganzen Land nahm die Gewalt gegen Belgier zu. Beamte und Plantagenbesitzer wurden mit Knüppeln, Peitschen und Hosengürteln geschlagen. Manche wurden gezwungen, Urin zu trinken oder verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Katholische Nonnen mussten sich in der Öffentlichkeit ausziehen und wurden festgebunden. Soldaten fragten sie, warum sie nicht der Partei Lumumbas angehörten und ob sie es mit den Patres trieben. Andere schlugen vor, einer weißen Frau eine Granate in die Vagina zu stecken. Erniedrigung war ein Ziel an sich. In der Zeit zwischen dem 5. und dem 14. Juli wurden ungefähr hundert europäische Männer misshandelt, ebenso viele Frauen vergewaltigt und fünf Weiße ermordet.26 Belgien hatte den Kongo in die Unabhängigkeit entlassen, um einen Kolonialkrieg zu vermeiden, bekam ihn nun aber doch. Und das auch noch durch eigene Schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»die regierung der republik kongo ersucht uno organisation dringend um entsendung militärischer unterstützung stop unsere bitte ist gerechtfertigt durch die entsendung belgischer truppen aus dem mutterland in den kongo als verstoß gegen den freundschaftsvertrag unterzeichnet zwischen belgien und republik kongo am 29. juni dieses jahres stop nach den bestimmungen dieses vertrages können belgische truppen nur intervenieren auf ausdrückliches ersuchen der kongolesischen regierung stop dieses ersuchen wurde von der regierung der republik kongo nie formuliert stop betrachten unerbetene belgische aktion als aggressiven akt gegen unser land stop tatsächliche ursache der meisten unruhen sind kolonialistische provokationen stop beschuldigen belgische regierung sezession katangas minutiös vorbereitet zu haben um unser land unter kontrolle zu behalten stop regierung mit rückhalt durch das kongolesische volk weigert sich vor vollendete tatsachen gestellt zu werden die sich aus einer verschwörung von belgischen imperialisten und kleinen gruppen katangesischer führer ergeben stop (. . .) insistieren mit betonung der extremen dringlichkeit auf entsendung von uno truppen in den kongo fullstop«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterzeichnet von: Joseph Kasavubu und Patrice Lumumba. Mit diesem Telegramm ersuchten der Präsident und der Premierminister des Kongo am 12. Juli, einen Tag nach der Sezession Katangas, die Vereinten Nationen um Unterstützung. Die UNO war zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ junge Organisation, die in ihrem fünfzehnjährigen Bestehen nur vier Beobachtungsmissionen vorzuweisen hatte. Ihr Generalsekretär war Dag Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mann, der durchdrungen war von protestantischem Pflichtgefühl. Kasavubu und Lumumba richteten ihre ganze Hoffnung auf die UNO. Ihr Land war noch nicht einmal eine Woche lang Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld berief noch am selben Abend eine Eilsitzung des UNO-Sicherheitsrats ein. In dem nüchternen Sitzungssaal in New York wurde eine ganze Nacht über die aktuellen Entwicklungen im Kongo diskutiert. Die Sowjetunion befürwortete das Hilfeersuchen von Kasavubu und Lumumba ohne Wenn und Aber. Die anderen Mitglieder stimmten der Notwendigkeit einer Intervention zu, zögerten jedoch, Belgien auf die Finger zu klopfen. Der Generalsekretär war der Ansicht, dass eine internationale Truppe in erster Linie den Frieden überwachen und weniger die Befehle der kongolesischen Regierung ausführen müsse. Ebenso wenig äußerte er sich zur belgischen Invasion im Kongo. Polen und die UdSSR waren der Ansicht, dass die Belgier, als Aggressoren, unverzüglich abziehen müssten. Gegen vier Uhr morgens wurde die UNO-Resolution 143 verabschiedet. Der Sicherheitsrat rief »die Regierung Belgiens [dazu auf], ihre Truppen vom Territorium der Republik Kongo zurückzuziehen«, und beschloss, Blauhelme zu entsenden.28 Die Operation wurde unter dem Namen ONUC (&#039;&#039;Opération des Nations Unies au Kongo&#039;&#039;) bekannt; es war die bis dahin größte UNO-Mission der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war mit der UNO-Resolution nicht glücklich. Belgien wurde nirgendwo im Text verurteilt, und die Sezession Katangas wurde mit keiner Silbe erwähnt. Er hatte eine viel souveränere Haltung des Sicherheitsrates erwartet. Er hatte gehofft, dass die UNO-Blauhelme die Sache seiner schlecht funktionierenden Armee übernehmen, die belgischen Soldaten vertreiben und Katanga wieder dem Kongo angliedern würden. Das gestattete die Resolution nicht. Es war so, als riefe jemand bei schweren Krawallen die Polizei an, aber es käme höchstens die Feuerwehr. Nützlich, jedoch nicht ausreichend. Und deshalb bat er, zusammen mit Kasavubu, das Land um Unterstützung, das im Sicherheitsrat das größte Verständnis für sein Anliegen gezeigt hatte: die Sowjetunion. Am 14. Juli brach der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und nahm Kontakt mit Moskau auf: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop«.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht genug betont werden. Mit einem Schlag eröffnete das Telegramm eine neue Front im Kalten Krieg: Afrika. Bis dahin waren die Spannungen zwischen Ost und West hauptsächlich in Osteuropa und Asien (Korea, Vietnam) zum Ausdruck gekommen. Nun stand Afrika plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Kaum war das Telegramm nach Russland abgeschickt worden, da war es schon an den CIA durchgesickert. Der Inhalt sorgte in Washington für große Nervosität: Ersuchte der Kongo jetzt tatsächlich den Erzfeind um Unterstützung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1960 erwarben siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit. Die Folge war ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;. Anders als im neunzehnten Jahrhundert waren es diesmal nicht westeuropäische Mächte, die sich überseeische Kolonien aneignen wollten, sondern die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die ihren Einflussbereich über den ganzen Globus ausdehnen wollten. Wirtschaftsinteressen spielten noch immer eine wichtige Rolle, aber ideologische, geopolitische und militärische Faktoren waren viel entscheidender. Der Kongo war der erste afrikanische Staat, der in das Tauziehen der beiden neuen Weltmächte verwickelt wurde. Es ging dabei nicht nur um ein großes und strategisch günstig gelegenes Land, von dessen Territorium aus ganz Zentralafrika kontrolliert werden konnte, sondern auch darum, dass der Kongo über entscheidende Rohstoffe für die Waffenproduktion verfügte. Die Amerikaner wussten nur allzu gut, dass sie den Zweiten Weltkrieg mit dem Uran aus dem Kongo gewonnen hatten, und dass es für Kobalt, ein Element, das zur Herstellung von Raketen und anderen Waffen benutzt wird, nur zwei wichtige Lagerstätten auf der Welt gab: den Kongo und die UdSSR selbst.30 Den Kongo den Sowjets zu überlassen, hätte für die USA militärisch eine ernsthafte Schwächung bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Kasavubu und Lumumba die Tragweite ihres Telegramms bewusst? Höchstwahrscheinlich nicht. Unerfahren wie sie waren, versuchten sie lediglich, ausländische Unterstützung für die Lösung eines nationalen Entkolonisierungskonflikts zu bekommen; doch sie öffneten damit die Büchse der Pandora eines globalen Konfliktes. Sehr viel Tinte ist geflossen über Lumumbas vermeintlichen Kommunismus. Die Kontakte mit der UdSSR dienen dann meist als Beweismaterial für sein bolschewistisches Naturell. Aber das ist falsch. Was die Wirtschaft betraf, stand Lumumba dem Liberalismus näher als dem Kommunismus. Von einer Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie war bei ihm keine Rede; er hoffte eher auf Privatinvestitionen aus dem Ausland. Außerdem war Lumumba ein Nationalist und kein Internationalist, wie es sich für einen Kommunisten gehört hätte. Sein Bezugssystem war durch und durch kongolesisch, ungeachtet allen Panafrikanismus. Auch die Vorstellung einer proletarischen Revolution passte nicht in sein Weltbild. Als &#039;&#039;évolué&#039;&#039; gehörte er zur frühen kongolesischen Bourgeoisie; er hatte kein Interesse daran, seine eigene gesellschaftliche Gruppe zu stürzen. Zudem suchte er ebenfalls Unterstützung von amerikanischer Seite, um das Problem seines Landes zu lösen. Schließlich wird oft vergessen, dass er sein Bittgesuch an Chruschtschow zusammen mit Kasavubu schrieb, und der war alles andere als ein Kommunist. Sogar Chruschtschow war sich darüber im Klaren: »Ich könnte sagen, dass Herr Lumumba ebenso sehr ein Kommunist ist, wie ich ein Katholik bin. Aber wenn sich die Worte und Taten Lumumbas mit kommunistischen Vorstellungen überschneiden, dann kann mir das nur angenehm sein.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bittgesuch an Moskau war weder durch Lumumbas Sprunghaftigkeit motiviert noch durch seine labile Persönlichkeit, sein grundsätzliches Misstrauen, sein unangemessenes Verhalten oder welchen Charakterzug auch immer man ihm nachsagte. Lumumba galt tatsächlich als reizbar und launenhaft, aber wer heute die Telegramme an die Vereinten Nationen und die Sowjetunion liest, nimmt ein ganz anderes psychologisches Register wahr: Panik. Panik gekoppelt mit bodenlosem Zorn, großer Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Furcht, ermordet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kasavubu und Lumumba keine bedeutende politische Funktion ausgeübt hatten, bevor sie die Führung ihres Landes übernahmen. Kasavubu war Bürgermeister eines Stadtteils von Léopoldville gewesen, Lumumbas erstes politisches Amt war das des Premierministers. Nach zwei Wochen Unabhängigkeit verloren sie die Kontrolle über die Geschehnisse. Es war so, als hätten sie gerade den Führerschein für ein Auto gemacht und stellten plötzlich fest, dass sie am Steuer eines Düsenjägers saßen, der abzustürzen drohte. Konfrontiert mit einer unerbetenen militärischen Intervention Belgiens taten sie das, was ihnen in diesem bedrohlichen Moment als richtig erschien: schnellstmöglich das Land um Hilfe zu bitten, das sich dazu bereit zeigte. Und die UdSSR war mehr als bereit. Einen Tag später teilte Chruschtschow in einem sehr energisch formulierten Brief mit, dass die Sowjetunion, falls die »imperialistische Aggression« Belgiens und seiner Bündnispartner anhalte, »nicht zögern wird, entschlossene Maßnahmen zu treffen, um die Aggression zu beenden«. Sein Land bringe großes Verständnis auf für »den heldenhaften Kampf des kongolesischen Volkes für die Unabhängigkeit und Integrität der Republik Kongo«. Und er fügte hinzu: »Die Forderung der Sowjetunion lautet schlicht und einfach: Hände weg von der Republik Kongo!« Dabei vergaß er der Einfachheit halber, dass die sowjetische Armee vier Jahre zuvor mit ihren Panzern den Volksaufstand in Ungarn niedergewalzt hatte.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dag Hammarskjöld erkannte, dass ein weltweiter Konflikt drohte, und schaffte es, innerhalb von 48 Stunden Blauhelme in den Kongo zu entsenden: Am 15. Juli landeten die ersten marokkanischen und ghanaischen Kontingente, gefolgt von anderen afrikanischen Truppen aus Tunesien, Marokko, Äthiopien und Mali. Unterdessen schickte die UdSSR zehn Iljuschin-Flugzeuge in den Kongo mit Lastwagen, Lebensmitteln und Waffen. Die USA erwogen, die NATO einzuschalten, aber das hätte ein zweites Korea entfesseln können, oder sogar einen neuen Weltkrieg. Washington machte seinen Einfluss deshalb vorzugsweise über zwei diskretere Kanäle geltend: die UNO und den CIA, den Weg der diplomatischen Lobby in New York und der geheimen Beeinflussung in Léopoldville. Larry Devlin, Chef des amerikanischen Geheimdienstes im Kongo, verfügte über ein enormes Budget, um die kongolesische Politik in die Richtung eines für die USA vorteilhaften Kurses zu lenken. Kasavubu und vor allem Mobutu sollten seine Günstlinge werden.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Vorstellung von diesen turbulenten Tagen bekam ich bei den Gesprächen mit Jamais Kolonga. Es war nur eine Anekdote, aber sie war sehr vielsagend. Ende Juli wollte Lumumba nach Amerika, um selbst mit den USA und der UNO zu verhandeln. Das übliche Verfahren, mit dem so ein offizieller Staatsbesuch sorgfältig zwischen den Spitzenbeamten des einen und den Diplomaten des anderen Landes vorbereitet wird, wurde außer Acht gelassen. Einer von Lumumbas Mitarbeitern begab sich zur amerikanischen Botschaft in Léopoldville und verlangte auf der Stelle vierundzwanzig Visa für den Premier und dessen Gefolge. Das kam bei mehreren Stellen nicht gut an. Es gab kein Programm, kein Protokoll, keine Terminabsprachen.34 »Ich habe sie zum Flughafen Ndjili begleitet«, erzählte Jamais Kolonga. Seit dem 30. Juni arbeitete er in der Pressestelle des Premierministers. Er lernte dort auch Mobutu kennen, Lumumbas Sekretär. »Eine Musikkapelle spielte, die Tür schloss sich, die Treppe wurde weggerollt. Aber im Flugzeug fragte sich Lumumba, wo sein Presseattaché war. Die Tür ging wieder auf, und Lumumba zeigte auf unsere Gruppe. Auf wen zeigte er? Auf mich? Auf den Mann neben mir? Jeder von uns fragte sich, ob er gemeint war. &#039;&#039;›C&#039;est vous!‹,&#039;&#039; sagte er und deutete in meine Richtung. Ich ging zum Flugzeug. Ich musste mit. Ich hatte nur einen Parker-Kugelschreiber bei mir und ein Heft. Keine Kleidungsstücke, außer dem grünen Anzug, den ich anhatte! Ohne Pass, ohne Visum, ohne Gepäck ging ich an Bord. Aber als ich zurückkam, hatte ich zwei volle Koffer und eine Umhängetasche. Und ich hatte Dag Hammarskjöld bei seiner Arbeit für die Vereinten Nationen gesehen.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Nonchalance war bezeichnend für das Improvisationshafte der jungen kongolesischen Regierungsmannschaft. Nicht zuletzt deshalb machte Lumumba auf seiner Reise keinen guten Eindruck. Da keine Begegnung vereinbart worden war, weigerte sich Präsident Eisenhower, ihm eine Audienz zu gewähren. Bei der UNO war man darüber konsterniert, in welcher Art Lumumba »unmögliche Forderungen stellte und sofortige Resultate verlangte«.36 Douglas Dillon, der stellvertretende Außenminister der USA, beschwerte sich über seine »irrationale, fast ›psychotische‹ Persönlichkeit«: »Er sah einem nie in die Augen, er schaute in die Luft. Und dann folgte ein gewaltiger Redeschwall (. . .) Seine Worte standen nie im Zusammenhang mit dem, was wir besprechen wollten. Man bekam das Gefühl, dass er als Person von einem Eifer besessen war, den ich nur als messianisch beschreiben kann. Er war einfach nicht rational. (. . .) Der Eindruck, den er hinterließ, war sehr negativ, er war ein Mensch, mit dem man überhaupt nicht zusammenarbeiten konnte.« Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem Monat sah es im Kongo so aus: Die Armee war völlig desolat, die Verwaltung war enthauptet, die Wirtschaft war aus dem Takt, Katanga war abgespalten, Belgien war eingerückt, und der Weltfrieden war bedroht. Und das, weil am Anfang ein paar Soldaten in der Hauptstadt mehr Sold und einen höheren Rang in der Armee gefordert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Lumumba viele Brücken hinter sich abgebrochen. Nach der Rede vor Baudouin und der Entlassung von General Janssens war er für Belgien erledigt. Nach dem Telegramm an Chruschtschow und seiner Reise nach Amerika war er für die USA erledigt. Auch die UNO verlor allmählich die Geduld, und im eigenen Land hatte ihn sein eigenmächtiges Verhalten von Kasavubu entfremdet. Westliche Diplomaten, Berater und Sicherheitsleute trieben einen Keil zwischen die beiden. Einer nach dem anderen stellte sich auf die Seite von Ka­savubu und legte ihm nahe, Lumumba fallenzulassen. Im August 1960 war Lumumba ein einsamer Mann, der nur noch auf die Unterstützung der Sowjets zählen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Groll war zudem nicht kleiner geworden. Zweimal hatte der UNO-Sicherheitsrat Belgien aufgefordert, seine Truppen zurückzuziehen (am 22. Juni sollte das »schnell« geschehen, am 8. August sogar »unverzüglich«), aber Belgien wollte nicht weichen, solange die Blauhelme die Sicherheit nicht gewährleisten konnten.38 Erst gegen Ende August, reichlich spät, hatten alle zehntausend belgischen Soldaten den Kongo verlassen. In Lumumbas Augen war die UNO im besten Fall zahnlos und im schlimmsten Fall prowestlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. August rief der Süden von Kasai die Unabhängigkeit aus. Das hatte noch gefehlt. Die Diamantenprovinz war nach Katanga die wichtigste Bergbauregion des Kongo. Albert Kalonji ließ sich dort zum König krönen. Er war ein ehemaliger Mitstreiter Lumumbas; bereits vor den Wahlen hatte er sich mit ihm überworfen und deshalb kein Ministeramt in der nationalen Regierung erhalten. Seine Sezession hatte jedoch auch ethnische Hintergründe. Kalonji trat für die Baluba ein, die Bewohner Kasais, von denen viele in den Minen von Katanga arbeiteten und dort als Migranten und Glückssucher verhasst waren. In Kasai selbst standen die Baluba im Konflikt mit den Lulua; es kam des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Durch die Proklamation eines eigenen Staates hoffte Kalonji ein Heimatland für die Baluba zu schaffen. Tschombé unterstützte das Unternehmen. Er und Kalonji entschlossen sich sogar zu einer Konföderation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit Katanga nahm der abgespaltene Süden von Kasai ein Viertel des gesamten Territoriums ein, und zwar das reichste Viertel des Kongo. Für einen Verfechter der Einheit des Landes wie Lumumba war das nicht hinnehmbar. Überdies zog nun auch Bolikango in Erwägung, die Provinz Équateur abzutrennen. Das war kein Zufall: Tschombé, Kalonji und Bolikango hatten sich nach der Regierungsbildung als die Betrogenen empfunden, da sie keinen Ministerposten erhalten hatten. Lumumba wollte eingreifen, konnte aber nicht auf die Blauhelme zählen, denn die hatten auch nichts gegen die Unabhängigkeit Katangas unternommen. Als Verteidigungsminister entsandte er nun selbst die neue kongolesische Armee in die aufständische Diamantenprovinz. Aber die Regierungsarmee verfügte kaum über finanzielle Mittel und wurde von Offizieren angeführt, die zwei Monate zuvor ohne Vorbereitung ernannt worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren verheerend. Ende August war Kasai der Schauplatz sinnloser Konfrontationen; statt Siege gab es nur Gemetzel, die mehrere tausend Bürger das Leben kosteten. Bei einem Angriff auf eine katholische Missionsstation, in der einfache Baluba Schutz gesucht hatten, wurden mehr als fünfzig Menschen abgeschlachtet, darunter auch Frauen und Kinder. Die Soldaten der Regierungsarmee waren mit Maschinengewehren, aber auch mit Macheten bewaffnet. UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld äußerte seinen Abscheu und sprach von einem Völkermord gegen die Baluba. Er bezeichnete es als »eine der flagrantesten Verletzungen der elementarsten Menschenrechte, die Merkmale eines Genozidverbrechens haben«.39 Lumumba hatte es sich nun auch mit der UNO völlig verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu hatte sich in der ganzen Zeit einigermaßen zurückgehalten. Aber am 5. September 1960 ergriff er die Gelegenheit und führte aus, was ihm viele westliche Berater nahegelegt hatten: Er setzte Lumumba ab. Artikel 22 der &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039;, der vorläufigen Verfassung des neuen Kongo, gab ihm die Befugnis: »Das Staatsoberhaupt ernennt und entlässt den Ministerpräsidenten und die Minister.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Hörer des nationalen Radiosenders muss es einer der seltsamsten Abende in der Geschichte des staatlichen Rundfunks gewesen sein. Kurz nach zwanzig Uhr wurde die Sendung – ein englischer Sprachkurs – unterbrochen, und Präsident Kasavubu teilte mit seiner dünnen, hohen Stimme mit, dass er soeben den Ministerpräsidenten des Amtes enthoben habe. Überall in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in den ärmlichen Stadtvierteln, in den Dörfern im Landesinneren erfuhren einfache Kongolesen, dass Lumumba nicht mehr ihr Ministerpräsident sei und dass er bis auf weiteres durch einen gewissen Joseph Ileo ersetzt werde, einen gemäßigten Mann, der 1956 noch das &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; verfasst hatte. Keine Stunde später bekamen die Hörer zu ihrer großen Verwunderung im Stakkato-Französisch von Ministerpräsident Lumumba mitgeteilt, er seinerseits habe Präsident Kasavubu abgesetzt! Gegen so viel Verwirrung kam keine englische Grammatik an. Als habe der Kongo nicht genug mit einer militärischen, administrativen, ökonomischen, ethnischen und globalen Krise, musste er nun auch noch mit einer Verfassungskrise fertig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba berief sich auf Artikel 51 der vorläufigen Verfassung, der besagte, dass »nur den Kammern eine authentische Auslegung der Gesetze« zustehe.41 Das war ein geschickter Schachzug; am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut sein Vertrauen aus und weigerte sich, Ileo als neuen Ministerpräsidenten anzuerkennen. Für Präsident Kasavubu war die Blamage so groß, dass er tags darauf das Parlament für einen Monat beurlaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war der Trümmerhaufen komplett. Im Kongo wurde nicht regiert, sondern gestritten. Das Staatsinteresse war dem Machtkampf untergeordnet. In diesem Chaos trat Oberst Mobutu vor, der Stabschef der Armee, um den Querelen ein Ende zu machen. Noch am selben Tag, dem 14. September 1960, unternahm er seinen ersten Staatsstreich, mit Zustimmung und Unterstützung des CIA. Er sagte der Presse, dass die Armee bis zum Jahresende die Macht übernehme. Lumumba und Kasavubu würden »neutralisiert«. Aber während Kasavubu schließlich als eine Art zeremonieller Präsident im Amt verbleiben durfte, wurde Lumumba in seiner Residenz in der Hauptstadt unter Hausarrest gestellt. Die Freundschaft zwischen Mobutu und Lumumba war für immer vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierungsgeschäfte vertraute Mobutu einem Team junger Akademiker an. Sie sollten die mangelnde Sachkenntnis in Lumumbas Regierungsmannschaft vergessen machen. Mario Cardoso, der Mann, der am Runden Tisch zur Ökonomie teilgenommen hatte und bei den kongolesischen Studenten in Belgien beliebt war, erzählte darüber Folgendes: »Oberst Mobutu bat die Studenten und die Akademiker, aus der Diaspora zurückzukehren und ihre Bildung in den Dienst des Landes zu stellen. Wir sollten keinen Ministertitel bekommen, sondern den eines Generalkommissars. Wir sollten unpolitische Verwaltungsfachleute werden, wir vertraten keine Partei, keinen Stamm, keine Region, kein Dorf. Wir besaßen ein Diplom, das genügte.« Cardoso selbst war in diesem Kollegium von Generalkommissaren für den Bildungssektor zuständig. Justin Bomboko, verantwortlich für das Ressort Äußeres, war der Vorsitzende und fungierte de facto als Ministerpräsident. Dieses Arrangement dauerte nur einige Monate. »Wir waren eine Übergangsregierung. Mobutu wollte nur die Ordnung wiederherstellen, denn das Gezänk zwischen Kasavubu und Lumumba hörte einfach nicht auf.«42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dieser Regierung von Akademikern war längst nicht jeder einverstanden. Lumumba bestand darauf, dass er der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo sei. Die belgische Regierung hingegen war über seine Absetzung erfreut und unterhielt herzliche Kontakte mit den jungen Kommissaren, von denen viele in Brüssel oder Lüttich studiert hatten. Eine Rückkehr Lumumbas auf die politische Bühne sollte um jeden Preis verhindert werden, notfalls mit Gewalt. Zwei belgische Militärs, die unter Deckung des Ministers für afrikanische Angelegenheiten, d&#039;Aspremont Lynden, operierten, trafen Vorbereitungen, um Lumumba zu entführen oder zu ermorden.43 Außerdem wies der amerikanische Präsident Eisenhower höchstpersönlich den CIA an, Lumumba physisch zu liquidieren. In klassischem James-Bond-Stil sollte der Ministerpräsident des Kongo mit Hilfe einer Tube hypertoxischer Zahnpasta vergiftet werden.44 Und auch im Kongo gab es viele Menschen, die ihn als Staatsoberhaupt ablehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba, der sich der Gefahr von Anschlägen bewusst war, bat die UNO um Schutz. Daraufhin kampierte ein Kontingent ghanaischer Blauhelme in seinem Garten, um etwaige Belagerer fernzuhalten. Das war auch notwendig, denn am 10. Oktober schickte Mobutu zweihundert Soldaten zur Residenz, um Lumumba festnehmen zu lassen. Die Blauhelme ließen sie jedoch nicht durch. Es herrschte eine Pattsituation, die wochenlang andauerte. Lumumbas Haus war doppelt umzingelt: Blauhelme, die ihn beschützten, solange er sich im Haus aufhielt, Kongolesen, die bereit waren, ihn zu verhaften, sobald er herauskam. Seine Telefonleitung hatte man gekappt. Lumumba war in diesem Moment zum Schweigen verurteilt. Deshalb übernahm Vizepremier Antoine Gizenga die Rolle des Repräsentanten der Regierung Lumumba. Gizenga kam aus dem Kwilu und wird dort bis zum heutigen Tag von älteren Menschen wie Longin Ngwadi, dem »Säbeldieb« aus Kikwit, verehrt. Je mehr Eigendynamik Mobutus Putsch entwickelte, desto klarer erkannte Gizenga, dass für ihn und andere Lumumba-Getreue in Léopoldville kein Platz mehr war. Also zog er Anfang November mit dem, was von der ersten Regierung übrig geblieben war, nach Stanleyville, der Wiege von Lumumbas Bewegung, um das Land von dort aus zu regieren und zurückzuerobern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Der neue Staat war nun vier Monate alt und hatte inzwischen vier Regierungen zur gleichen Zeit, jede mit einer eigenen Armee und ausländischen Bündnispartnern. In Léopoldville genossen Kasavubu und vor allem Mobutu die bedingungslose Unterstützung der Amerikaner. Dank der Mittel, die ihm die USA großzügig zur Verfügung stellten, konnte Mobutu die nationale Armee reorganisieren. Um ihn bildete sich die Binza-Gruppe, benannt nach dem Residenzviertel der Hauptstadt, wo sich die Mitglieder trafen. Es war ein inoffizieller Zirkel mit sehr viel Macht, generös unterstützt vom CIA. In Stanleyville hielt Gizenga das lumumbistische Gedankengut lebendig. Er hatte einen Teil der Armee hinter sich. Seine Regierung bekam Hilfe von der Sowjetunion, die jedoch nicht so systematisch und substanziell war wie die amerikanische Unterstützung der Hauptstadt.45 In Elisabethville stand Tschombé an der Spitze eines Landes, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Belgien war sehr freigebig mit logistischer und militärischer Hilfe. In den Rängen der »Katanga-Gendarmen« war eine große Anzahl belgischer Offiziere. Die Union Minière finanzierte die Sezession mit hohen Summen. In Bakwanga stand Kalonji an der Spitze von Kasai, nun ein unabhängiger Baluba-Staat, in dem belgische Diamantenunternehmen aktiv waren. Hier stellte Forminière die nötigen Mittel bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé und Kalonji waren nur regionale Machthaber, Kasavubu und Gizenga aber pochten beide auf die Legitimität der Staatsregierung. Wer hatte recht? Beide bemühten sich um internationale Anerkennung; und dieser Kampf wurde vor der UNO-Vollversammlung in New York ausgetragen. Der Kongo trat dort mit zwei Lagern an: Kasavubu/Mobutu versus Lumumba/Gizenga. Thomas Kanza, der 26-jährige Psychologe, vertrat die Regierung Lumumba bei der UNO, aber Präsident Kasavubu reiste selbst nach New York, um die Welt davon zu überzeugen, dass er und niemand anders die legitime Regierung der Republik verkörperte. Er brachte vor, dass die Absetzung Lumumbas von der Verfassung gedeckt sei; die US-Amerikaner, die Belgier und viele hochrangige UNO-Vertreter hatten damit wenig Schwierigkeiten. Am 22. November erfolgte der Urteilsspruch: Dreiundfünfzig Länder erkannten Kasavubu an, vierundzwanzig stimmten dagegen, neunzehn enthielten sich der Stimme.46 Mario Cardoso, der damals für Mobutu arbeitete, erlebte es als Triumph: »Wir haben damals den Sitz in der UNO gewonnen. Kasavubu stand an der Spitze unserer Delegation, und Lumumba verlor international.«47 Diese internationale Marginalisierung bedeutete für Lumumba das Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer in seinem Haus in der Hauptstadt unter Hausarrest. Als ihn die Nachricht von der Abstimmung in New York erreichte, wusste er, dass seine Tage in Léopoldville gezählt waren. Würden die Blauhelme im Garten ihn überhaupt noch beschützen, nachden die UNO-Delegierten nun gegen ihn gestimmt hatten? Er hielt es für das Klügste, sich zu seinen Mitstreitern in Stanleyville zu begeben. Es war Nacht, es war November, es war mitten in der Regenzeit. Ein außerordentlich schweres Tropengewitter am 27. November veranlasste die kongolesischen Soldaten, sich ins Trockene zu flüchten. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Versteckt auf dem Boden eines Chevrolet ließ sich Lumumba im strömenden Regen aus der Residenz fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zustand der kongolesischen Straßen war zu diesem Zeitpunkt noch ausgezeichnet. Wenn sein Chauffeur zwei Tage und zwei Nächte zügig durchgefahren wäre, hätten sie Stanleyville erreichen können. Doch in der Nacht seiner Befreiung blieb Lumumba in der Hauptstadt, um Ansprachen an die Bevölkerung zu halten. Auch unterwegs hielt er in den Dörfern an und ließ sich den herzlichen Empfang der Dorfbewohner gefallen.48 Aber es war Regenzeit. In der Hauptstadt erfuhr Mobutu von Lumumbas Flucht und wollte um jeden Preis verhindern, dass Lumumba zu Gizenga gelangte. Denn das hätte Lumumbas politische Rückkehr bedeutet, und das wollten weder seine belgischen Berater noch der CIA. Die UNO weigerte sich, an der Suche nach dem Flüchtigen teilzunehmen, aber eine europäische Luftfahrtgesellschaft stellte eine Maschine mit einem Piloten zur Verfügung, der Erfahrung mit Aufklärungsflügen in geringer Höhe besaß. Schon bald war der Konvoi aus drei PKW und einem LKW entdeckt. Am 1. Dezember hielten Mobutus Soldaten Lumumba und seine Begleiter an, als sie in der Nähe von Mweka den Sankuru-Fluss überqueren wollten. Lumumba wurde nach Camp Hardy bei Thysville geflogen, zu der Kaserne, in der wenige Monate zuvor die Armee gemeutert hatte. Von diesem Augenblick an stand Lumumba nicht mehr unter dem Schutz der UNO, sondern war ein Gefangener der Regierung in Léopoldville. Als er ankam, ohne Brille und gefesselt, stopfte ihm jemand ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mund: den Text seiner berühmten Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollten Kasavubu und Mobutu mit ihm anfangen? Ihn für immer in Gewahrsam nehmen, als eine Art Simon Kimbangu der Ersten Republik? Und sollte man ihn dann nicht besser nach Katanga bringen? Oder nach Kasai? Feindliche Provinzen, gewiss, aber gerade deshalb. Dort würde er keine Anhänger haben. Denn da, wo er jetzt war, regte sich erneut Unmut. In Thysville kam es am 12. Januar wieder zu einer Meuterei. Das war beunruhigend. Die belgische Regierung, in der Person von Minister d&#039;Aspremont, billigte den Plan, Lumumba nach Katanga zu schaffen, ungeachtet der etwaigen Folgen, wenn er nur weit genug von der Hauptstadt entfernt war, irgendwo, wo meuternde Soldaten ihn nicht befreien konnten. Durch die Unterstützung dieses Plans konnte Belgien überdies das Verhältnis zu Kasavubu verbessern, denn das Land wollte die diplomatischen Beziehungen mit Léopoldville wieder aufnehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, nur an Katanga interessiert zu sein. Minister d&#039;Aspremont legte sich hektisch ins Zeug, und Tschombé akzeptierte schließlich widerwillig die Überstellung Lumumbas und zweier weiterer politischer Gefangener.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 17. Januar 1961 landete um 16.50 Uhr in Elisabethville die DC-4, die Lumumba und seine beiden Getreuen, Mpolo und Okito, beförderte. Während des Fluges waren sie geschlagen und misshandelt worden. Eine Hundertschaft bewaffneter Soldaten, die unter dem Befehl des belgischen Hauptmanns Gat standen, erwartete sie. Ein Konvoi brachte sie sofort zum »Brouwez-Haus«, eine abgelegene, leerstehende Villa, Eigentum eines Belgiers, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Bewachung innerhalb und außerhalb des Hauses übernahm die Militärpolizei unter dem Kommando zweier belgischer Offiziere. Im Brouwez-Haus bekamen sie Besuch von mindestens drei katangesischen Ministern – Munongo, Kibwe und Kitenge, zuständig für Inneres, Finanzen und Infrastruktur –, die sie ebenfalls misshandelten. Tschombé war nicht darunter. Der saß im Kino und schaute sich einen Film mit dem in diesem Zusammenhang unwahrscheinlich zynischen Titel &#039;&#039;Liberté&#039;&#039; an, von der Organisation &#039;&#039;Réarmement moral&#039;&#039;, Moralische Aufrüstung. Danach tagte er mit seinen Ministern. Europäer waren bei der Sitzung nicht zugegen, die von 18.30 bis 20.00 Uhr dauerte, aber alle praktischen Maßnahmen für den Rest des Abends waren anscheinend schon im Voraus getroffen worden. Der Beschluss, Lumumba nach Katanga zu bringen, war ein gemeinsamer Plan der Machthaber in Léopoldville, ihrer belgischen Berater und der Regierung in Brüssel gewesen; doch der Beschluss, Lumumba zu ermorden, wurde von den Politikern in Katanga gefasst. Vor allem Minister Godefroid Munongo spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er war der Enkel von Msiri, dem afro-arabischen Sklavenhändler, der im neunzehnten Jahrhundert das Lunda-Reich an sich gerissen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung von Ministern erneut zum Brouwez-Haus. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines Autos verfrachtet. Zusammen mit anderen Wagen und zwei Armeejeeps fuhr das Auto los. Inzwischen war es Nacht. Der Konvoi fuhr Richtung Nordwesten über die ebene Straße durch die Savanne in Richtung Jadotville. Im Licht der Scheinwerfer links und rechts Gras, Gestrüpp, die Silhouette eines Termitenhügels. Nach einer Dreiviertelstunde bog der Konvoi von der Hauptstraße ab und hielt wenig später an einer abgelegenen Stelle. Die Gefangenen mussten aussteigen. In der baumbestandenen Savanne am Straßenrand sahen sie eine flache Grube, frisch ausgehoben. Schwarze Polizisten und Gendarmen in Uniform standen daneben, aber auch ein paar Herren in Anzügen: Präsident Tschombé, die Minister Munongo, Kibwe und noch einige ihrer Kollegen. Auch vier Belgier nahmen an der Exekution teil: Frans Verscheure, Polizeidirektor und Berater der katangesischen Polizei, Julien Gat, Hauptmann der Katanga-Gendarmen, François Son, einer seiner Polizisten, und Leutnant Gabriël Michels. Die drei Gefangenen wurden nacheinander zum Rand der Grube geführt. Sie waren insgesamt keine fünf Stunden in Katanga gewesen. Sie waren verprügelt und misshandelt worden. Kaum vier Meter weiter stand das Exekutionskommando: vier katangesische Freiwillige mit Maschinengewehren. Dreimal krachte in der Nacht eine ohrenbetäubende Salve. Lumumba war als Letzter an der Reihe. Um 21.43 Uhr taumelte der Körper des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo rückwärts in die Grube.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung Lumumbas wurde eine Zeitlang geheim gehalten. Um alle Spuren zu beseitigen, grub Gerard Soete, der belgische Vize-Generalinspekteur der katangesischen Polizei, kurz danach die sterblichen Überreste der drei Opfer wieder aus. Dem Vernehmen nach ragte noch eine Hand, möglicherweise die von Lumumba, aus der Erde.50 Soete zerstückelte die Leichname mit einer Säge und löste sie in einem Fass mit Schwefelsäure auf. Aus Lumumbas Oberkiefer zog er zwei mit Gold überkronte Zähne. Von seiner Hand schnitt er drei Finger ab.51 In seinem Haus bei Brügge bewahrte er jahrelang eine Dose auf, die er manchmal Besuchern zeigte. Sie enthielt die Zähne und eine Kugel.52 Viele Jahre später warf er sie in die Nordsee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Welt von der Ermordung Lumumbas erfuhr, herrschte tiefe Bestürzung. Von Oslo bis Tel Aviv und von Wien bis Neu-Delhi gingen Menschen auf die Straße. In Belgrad, Warschau und Kairo wurden die belgischen Botschaften gestürmt. Während in Moskau eine Universität nach ihm benannt wurde, kam im Westen der »Lumumba« in Mode, ein beliebter Cocktail aus Brandy und Kakao. Gizengas Lumumba-gesinnte Regierung wurde kurzfristig von der UdSSR, Polen, der DDR, Jugoslawien, China, Ghana und Guinea anerkannt. Lumumba wurde binnen kürzester Zeit zu einem Märtyrer der Entkolonialisierung, einem Helden für alle Unterdrückten der Erde, einem Heiligen des gottlosen Kommunismus. Diesen Status verdankte er mehr seinem grausamen Tod als seinen politischen Erfolgen. Er war alles in allem keine zweieinhalb Monate an der Macht gewesen, vom 30. Juni bis zum 14. September 1960. Die Liste seiner Leistungen las sich wie eine Anhäufung von Schnitzern und Fehleinschätzungen. Seine überstürzte Afrikanisierung der Armee war sympathisch, aber führte zu einem Desaster, seine Bitte um militärische Hilfe bei der UNO und der Sowjetunion war begreiflich, aber völlig unbesonnen, sein militärisches Vorgehen in Kasai kostete mehrere tausend seiner Landsleute das Leben. Schon zu seinen Lebzeiten fanden Youlou und Senghor, die ersten Präsidenten von Kongo-Brazzaville und Senegal, seine Handlungsweise sehr problematisch.53 Dem stand gegenüber, dass er kaum auf seine Aufgabe vorbereitet war, dass er mit einem kopflosen zivilen Exodus und einer militärischen Invasion der Belgier konfrontiert war und erleben musste, wie die UNO zögerte, die belgische Aggression energisch zu verurteilen. Doch mit seiner unglücklichen Art, auf tatsächliches Unrecht zu reagieren, machte sich Lumumba systematisch mehr Feinde als Freunde. Die Tragik seiner kurzen politischen Laufbahn bestand darin, dass sein größter Trumpf in der Zeit vor der Unabhängigkeit – sein unwahrscheinliches Talent, die Massen mitzureißen – sich in seinen größten Nachteil verwandelte, als von ihm als Ministerpräsident erwartet wurde, etwas abgeklärter aufzutreten. Der Magnet, der zuerst anzog, stieß nun ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortung für Lumumbas Ende liegt bei mehreren Akteuren. Knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit hatte Brüssel bereits signalisiert, dass es einen anderen Premierminister wollte. Auch bei der UNO und den USA war er nach einem Monat in Ungnade gefallen. Anfangs ging es um eine rein politische Eliminierung, aber amerikanische und belgische Politiker dachten allmählich über seine physische Beseitigung nach. Im Herbst 1960 steckte der CIA hinter Mobutus Putsch und wurde vom Weißen Haus mit der Liquidierung Lumumbas beauftragt. Auch der belgische Afrikaminister deckte &#039;&#039;covert actions&#039;&#039; mit dem Ziel, Lumumba auszuschalten. Alle diese Versuche scheiterten. Aber als Lumumba im Januar 1961 von Thysville nach Katanga gebracht wurde, war das mehr als eine Aktion der Politiker in Léopoldville und Elisabethville: Die logistische und operationelle Vorbereitung war durch belgische Berater in Léopoldville (die unter anderem bei einem Treffen bei Sabena den Plan für den Transfer der Gefangenen festgelegt hatten) erfolgt und aktiv von bestimmten Regierungsinstanzen in Brüssel unterstützt worden, vor allem vom Ministerium für afrikanische Angelegenheiten. Dem Ministerium waren die möglichen fatalen Folgen für Lumumba nicht unbekannt, doch es traf keine Vorsorge, sie zu verhindern. Das Gleiche gilt für den CIA: Der Ortschef in Léopoldville erhob keinen Einspruch, als er erfuhr, dass Lumumba nach Katanga gebracht werden solle, obwohl ihm bewusst war, dass das dramatisch enden konnte. Die eigentliche Exekution war das Werk katangesischer Politiker. Die Rolle ihrer belgischen Berater ist verschwommen: Bekannt ist, dass sie am Abend des 17. Januar zumindest darüber informiert waren, dass das Flugzeug mit Lumumba in Elisabethville gelandet war. Ernst zu nehmende Versuche, einen Mord zu verhindern, unternahmen sie jedenfalls nicht, obwohl sie wussten, dass sie den Lauf der Ereignisse entscheidend hätten beeinflussen können. Einige belgische Militärs, die die katangesischen Ordnungsdienste befehligten, nahmen an den Handlungen teil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Akt des unabhängigen Kongo war vorbei. Er war gekennzeichnet durch einen totalen Horror Vacui, einen unablässigen Strom von Ereignissen und Verwicklungen. Und er endete mit ein paar Zähnen eines leidenschaftlich engagierten Afrikaners, die in Zeitlupentempo auf den sandigen Boden eines grauen europäischen Meers herabsanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 traf ich mich in einem wunderschönen Garten in Lubumbashi mit Frau Anne Mutosh Amuteb. Mit ihren einundneunzig Jahren war sie die älteste Kongolesin, die ich bei meinen Nachforschungen interviewen durfte. Noch immer war sie eine imposante Erscheinung. Anne Mutosh war eine Prinzessin; ihr Großvater war Mwata Yamvo gewesen, der traditionelle König des Lunda-Reichs. Sie gehörte zum Clan von Moïse Tschombé. In der afrikanischen Bedeutung des Wortes war sie seine »Tante«. Mit ihr zu reden bedeutete, mit der Geschichte Katangas zu reden. Sie erzählte, dass ihre Eltern um 1900 bereits lesen konnten, sie hatten es von amerikanischen Methodisten gelernt. Sie selber war Hebamme geworden, hatte dann aber mehr Ambitionen als Geschäftsfrau entwickelt. Ich fragte sie, was die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Darüber brauchte sie nicht nachzudenken. »&#039;&#039;L&#039;époque belge&#039;&#039; und die katangesische Sezession«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. »In der Zeit der Belgier war alles gut organisiert. Es gab keine Korruption, der Handel lief korrekt ab. Ich habe Stoffe aus den Niederlanden importiert, aber auch Weizenmehl und Getreide. Einmal habe ich fünfzig Säcke auf einmal bestellt. Das ging damals ohne weiteres. Während der Sezession hatte ich auch noch keine Probleme. Erst als Mobutu kam, wurde alles so schwierig.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts ihrer Ahnentafel war es nicht verwunderlich, dass sie die Unabhängigkeit Katangas begrüßt hatte. Die Lunda trauerten um ihr verlorenes Königreich und träumten schon lange von regionaler Autonomie. Im Kongo zurückgebliebene Europäer unterstützten sie darin. Viele alteingesessene Kolonialisten begeisterten sich für die Sezession. Diese Haltung hing mit dem Wunsch zusammen, im gesamten Süden Afrikas die Macht der Weißen aufrechtzuerhalten. Die Unterschiede zwischen der Apartheid in Südafrika, Rhodesien, Südwestafrika (dem späteren Namibia) und den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik waren groß, aber während der übrige Kontinent unabhängig wurde, klammerten sich im Süden weiße, rechtsgerichtete Regierungen an die Macht. Katanga passte in diese Reihe.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abspaltung Katangas bildet den zweiten Akt des Schauspiels der Ersten Republik. Proklamiert am 11. Juli 1960, wurde sie am 14. Januar 1963 beendet. Nach der Ermordung Lumumbas am 17. Januar 1961 erhielt sie ein völlig neues Gesicht. Nachdem Tschombé am Rand von Lumumbas Grab gestanden hatte, wurde er der dominante Akteur. Von den vier Thronanwärtern der Unabhängigkeit waren nun noch drei übrig. Kasavubu und Mobutu hatten ebenso viel Blut an den Händen wie Tschombé, doch Lumumbas Tod ließ sie nicht näher zusammenrücken. Künftig würde sich der Kampf zwischen den dreien abspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Tschombé ein so zentraler Akteur wurde, darf verwundern, denn nach Lumumbas Ermordung war sein Katanga-Staat international geächtet. Der kommunistische Block äußerte seinen Abscheu, die UNO beschloss, härter aufzutreten. Kein einziger Staat hat Katanga jemals anerkannt, nicht einmal Belgien oder Amerika. Trotzdem verdankte Tschombé es Belgiern, dass er sich so lange halten konnte. Die Union Minière finanzierte den neuen Staat, indem sie ihre Steuern nicht mehr nach Léopoldville, sondern an die lokale Regierung überwies. Belgier prägten die militärische, administrative und ökonomische Infrastruktur. Hinter jedem katangesischen Minister stand ein belgischer Berater. Professoren aus Lüttich und Gent formulierten die Verfassung Katangas. Schlüsselinstitutionen wie die katangesische Gendarmerie, die Staatssicherheit und die Zentralbank wurden von Belgiern geleitet.56 In den Hotellobbys in Elisabethville sah man sehr oft weiße Männer, die ein Abzeichen mit der Flagge Katangas im Knopfloch trugen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem konnte sich Tschombé mit Hilfe einer kleinen Armee weißer Söldner behaupten. Diese »Freiwilligen« – es waren nie mehr als fünfhundert – kamen aus Südafrika, Rhodesien und Großbritannien, aber es waren auch Franzosen darunter, die in Indochina und Algerien gekämpft hatten, Männer aus der Fremdenlegion. Verkommene Typen, raue Burschen, Ultrarechte, Machos, Rambos, Kerle, die soffen, bis sie ihren Namen nicht mehr wussten, geschweige denn den der Hure, mit der sie im Bett gelandet waren. Sie kamen wegen des Geldes, des Abenteuers und verschwommener Ideale von »weißer Überlegenheit«. Belgische Offiziere waren aktiv an ihrer Rekrutierung, ihrer Ausbildung und ihren Einsätzen beteiligt.58 Sie bildeten den furchterregendsten Teil der katangesischen Streitkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Gegner waren die UNO-Blauhelme, die nationale Regierungsarmee und die Baluba aus dem Norden der Provinz. Das klingt beeindruckender, als es war. Die UNO zögerte, ihr robusteres Mandat in die Praxis umzusetzen. Die ANC war noch immer keine schlagkräftige Armee. Und die Baluba führten Krieg mit Giftpfeilen und Macheten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr nach dem Mord an Lumumba landete ein 22-jähriger Flame zum ersten Mal in Elisabethville. Er war bis dahin noch nie außerhalb Europas gewesen. Aufgewachsen in einem Bauerndorf in Westflandern, hatte er gerade in Gent sein Ingenieurstudium mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik (Bereich Schwachstrom) abgeschlossen. Die Firma &#039;&#039;Nouvelle Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039;, abgekürzt BCK, hatte ihn angeworben. Bei der Eisenbahn zu arbeiten, war eigentlich nicht sein Jungentraum gewesen. Er hatte sich bei der Fluggesellschaft Sabena beworben und bei der Union Minière, den Paradepferden der belgischen Wirtschaft. Er wollte Pilot werden, hatte jedoch seine Augen in einem intensiven Studium so sehr angestrengt, dass er davon kurzsichtig geworden war. Sein Name: Dirk Van Reybrouck. Zehn Jahre später sollte er mein Vater werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, in dem sein Flugzeug landete, hieß Katanga, nicht Kongo. Der übrige Kongo war für ihn Ausland. Von Léopoldville hatte er nur das Sabena-&#039;&#039;Guesthouse&#039;&#039; gesehen, in dem er bei einer Zwischenlandung übernachten musste. Das Katanga, in das er kam, besaß eine eigene Flagge, eine eigene Währung, eigene Briefmarken. Sein Kraftfahrzeugbrief ließ keinen Zweifel daran. Ich habe ihn vor mir liegen. Die giftgrüne Karte war noch zweisprachig, Französisch und Niederländisch. »Kongo Belge / Belgisch-Kongo« steht ganz oben. Jemand hat es mit Kugelschreiber durchgestrichen und einen stattlichen Stempel draufgedrückt: &#039;&#039;État du Katanga&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einsatzort meines Vaters war Jadotville, das heutige Likasi. Er war für die Elektroloks, Oberleitungen und Unterwerke an einer Strecke von sechshundert Kilometern bis zur angolanischen Grenze zuständig. Diese Ost-West-Verbindung, die Benguela-Bahnlinie, war eine Lebensader des unabhängigen Katanga.59 Erze und Rohstoffe konnten nicht mehr nach Norden gebracht und über Léopoldville und Matadi verschifft werden, denn das war feindliches Territorium. Also wurde alles per Bahn zur Küste Angolas transportiert. Die einspurige Bahnlinie, auf der in Angola noch Dampflokomotiven fuhren, war für Katangas Export und Import lebensnotwendig. Mein Vater war oft »auf Strecke«, wie das hieß. Mit einer »Draisine«, einem kleinen Schienenfahrzeug mit Dieselmotor, das als rollende Werkstatt fungierte, fuhr er für zwei, drei Wochen durchs Landesinnere, um Transformatoren zu kontrollieren und Schaltsysteme auszutauschen. BCK war ein hierarchisches Unternehmen, aber in diesen Jahren übertrugen die alten Hasen jungen Mitarbeitern viel Verantwortung. »Sie hatten ihre Familien schon nach Belgien zurückgeschickt«, erzählte Walter Lumbeeck, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, »sie wollten einfach ihre Restzeit absitzen und ließen andere die Arbeit machen. Ihr Vater war schüchtern. Seine Aufgabe war schwer für einen so jungen Mann, und sein Französisch war am Anfang nicht besonders. Aber nach einiger Zeit klappte die Verständigung mit den Schwarzen gut.«60 Er nahm auch Unterricht in Swahili. Jahre später hieß bei uns zu Hause der Hund &#039;&#039;Mbwa&#039;&#039; (Swahili für »Hund«), und Zucker und Tabak waren noch immer &#039;&#039;sukari&#039;&#039; und &#039;&#039;tumbaku&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die strategische Bedeutung der Benguela-Linie war den kriegführenden Parteien bekannt. Mein Vater, der leider kein besonders guter Erzähler war, hat mir zu Lebzeiten mehrmals geschildert, wie er nachts angerufen wurde, »weil irgendwo eine Brücke gesprengt worden war«. Dann machte er sich mit seiner Draisine auf, im zerbrechlichen Licht der Morgendämmerung, wenn die Welt langsam Farbe annahm. Seine afrikanischen Untergebenen fuhren das Wägelchen über die Gleise, während er versuchte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Am Ort des Anschlages mussten sie über dem Fluss die Oberleitung reparieren und die Gleise wieder instand setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Katanga hatten wir noch das Sagen«, meinte Walter Lumbeeck, »dieser Gedanke spielte eine große Rolle. Hier konnten wir die Sache hinbiegen. Soll der Rest doch sehen, wo er bleibt, Hauptsache, hier läuft es gut, so dachte man. Der Kupferpreis war hoch, die Union Minière arbeitete noch auf vollen Touren.« Der Kongo war zwar unabhängig, aber in Katanga dauerte der Kolonialismus faktisch an. Die belgischen Angestellten hatten Whiskey und Obst aus Südafrika, aus Belgien wurden sogar frische Muscheln eingeflogen. Junge Belgier führten dort ein unbeschwertes Leben, weit weg von Eltern, Dorf und Kirche. Es war die Zeit der &#039;&#039;barbecues und parties&#039;&#039;, herrlich neue Wörter für Feste, auf denen es keinen gab, der nicht rauchte: stilvolle junge Frauen mit hochgestecktem Haar, Männer mit weißen Hemden und schmalen Krawatten. Es war die Zeit von Adamo, Juliette Gréco und Françoise Hardy. Sonntags ging man in den cercle, einen Sport- und Freizeitclub. Man lag am Swimmingpool in der Sonne und trank Martini bianco, während im Hintergrund die Tennisbälle ploppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 2007 ging ich über das Gelände des Cercle de Panda; mein Vater war Mitglied in diesem Club gewesen. Der Pool war trocken, die Geräte auf dem Kinderspielplatz waren verrostet. Die Sprungbretter waren wie Gedankenstriche ohne Text.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Vater fuhr einen Ford Consul décapotable«, erzählten mir Frans und Marja Vleeschouwers, ein Ehepaar, mit dem er sich im cercle angefreundet hatte, »der Wagen verbrauchte mehr Öl als Benzin. Dirk musste immer literweise Öl mitnehmen.«61 Sie unternahmen Ausflüge zu den Mwadingusha-Wasserfällen. Sie besuchten den Missionsposten Kapolowe und tranken Bier bei den flämischen Patres. Oder sie gingen angeln im Urwald, an Orten, wo alte Einheimische noch mit Geld von Belgisch-Kongo bezahlten. Freundschaften erhielten dort einen höheren Stellenwert als Familienbande. Als Frans und Marja eine kleine Tochter bekamen, baten sie meinen Vater, Pate zu werden: ein Ehrenamt, das in Flandern Verwandten vorbehalten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war eine geschlossene Welt. »Jeder durfte Mitglied des cercle werden«, erinnerten sich Frans und Marja, »aber die Mitgliedschaft war so teuer, dass es sich kein einziger Schwarzer leisten konnte. Weiße eigentlich auch nicht, aber der Mitgliedsbeitrag wurde von der Union Minière automatisch auf unser Bankkonto in Belgien zurücküberwiesen. Unglaublich, was?« Es gab noch mehr, was nachdenklich stimmte. »Wir ließen unsere kleine Tochter mit schwarzen Kindern spielen. ›Solltet ihr euch nicht vor Krankheiten in Acht nehmen?‹, fragten uns dann manche Leute. Wirkliche Apartheid war das nicht, aber z. B. beim Metzger wurde ein Schwarzer von einem Schwarzen bedient und ein Weißer von einem Weißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Walter und Alice Lumbeeck, die anderen Freunde meines Vaters, konnten das nur bestätigen. Auf den Fotos von ihren Partys sah man nie einen Afrikaner, nicht mal auf denen vom Nikolausfest. »Kontakt mit Schwarzen wurde damals vermieden. Wenn man einen Schwarzen zu einer Party mitbrachte, verlor man seine Freunde. Weiße Männer mit einer schwarzen Frau, auf die wurde wirklich herabgesehen. Das war etwas für die ältere Generation. Bei BCK oder der Union Minière gab es noch ein paar ältere Angestellte mit einer schwarzen Frau, aber nicht mehr bei uns. Das war einfach nicht standesgemäß, es hatte keinen Stil. Man muss das vergleichen mit einem Direktor, der heute zu den Huren gehen würde. Weiße Männer hatten jetzt viel eher Affären mit den Frauen ihrer Kollegen. Ihr Vater war damals Junggeselle, er suchte gern die Gesellschaft von Leuten, die Niederländisch sprachen. Wenn er mit einer Schwarzen zu einem Fest erschienen wäre, hätte ihn niemand mehr eingeladen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga war ein Anachronismus. Nach dem Tod Lumumbas entschloss sich die UNO, mit Tschombé und seiner neokolonialen Sezession kurzen Prozess zu machen. In der ersten Jahreshälfte 1961 wurde der diplomatische Weg beschritten. Es fanden Konferenzen statt in Tananarive (heute Antananarivo), Madagaskar, Coquilhatville (heute Mbandaka) und Léopoldville. Die UNO strebte einen föderalen oder konföderalen Kongo an, ein wiedervereintes Land mit weitreichenden Kompetenzen für die einzelnen Provinzen. Auch Belgien verfolgte diese Option, doch die belgischen Berater der katangesischen Minister boykottierten systematisch alle Kompromissbemühungen. Diese ablehnende Haltung führte zu großem Unmut. Im August 1961 scheiterte die Sache endgültig. Die UNO vermittelte bei einer allerletzten Konferenz, die an der Universität Lovanium in der Hauptstadt abgehalten wurde. Der Kongo sollte einen neuen Premierminister bekommen. Nicht Ileo, Kasavubus Wunschkandidaten, nicht Mobutu, der sich selbst vorschlug, nicht Bomboko, der die Regierung der Akademiker geleitet hatte, sondern Cyrille Adoula, einen gemäßigten und kompetenten Gewerkschafter, der für alle Parteien akzeptabel war. Außerdem sollte das Land reformiert werden: weniger Zentralisierung von der Hauptstadt aus, mehr Macht für die Regionen. Ein Konsens schien in greifbarer Nähe, im letzten Moment aber zog Tschombé sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben mit Gewalt, beschloss die UNO. Im August, September und Dezember 1961 starteten die Blauhelme schwere Offensiven, um Katanga zurückzuerobern, die Armee der Provinz aus dem Weg zu räumen und die ausländischen Söldner zu vertreiben. Es gelang ihnen nicht. Die Söldner zogen sich nach Rhodesien zurück und setzten den Kampf von dort aus fort. Das Vorgehen der UNO verursachte viel Leid unter Zivilisten. Krankenwagen wurden unter Beschuss genommen, Spitäler bombardiert, unschuldige Zivilisten getötet. Mehr als dreißig Europäer wurden umgebracht. Außerdem sorgte der Einsatz der UNO für eine traurige Novität: das erste große Flüchtlingslager in der kongolesischen Geschichte. Mehr als dreißigtausend Baluba ergriffen aus Angst vor Tschombés Vergeltungsmaßnahmen die Flucht. Sie waren keine Befürworter der Sezession und fühlten sich nicht mehr sicher. Am Stadtrand von Elisabethville hausten sie in kleinen Hütten aus Pappkarton, Laubblättern und Stoff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Anne Mutosh hatte keine guten Erinnerungen an das Vorgehen der UNO. »Die marokkanischen Blauhelme haben damals an Straßensperren sehr viele Frauen vergewaltigt, sogar Schwangere. Ich war damals Vorsitzende der &#039;&#039;Union des Femmes Katangaises&#039;&#039; und habe in dieser Funktion noch Briefe an Dag Hammarskjöld und Präsident Kennedy geschickt. Hammarskjöld habe ich selber noch getroffen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem UNO-Generalsekretär war alles daran gelegen, dem neokolonialen Staat Katanga ein Ende zu bereiten. Er vermittelte intensiv zwischen Léopoldville und Elisabethville. Am 18. September 1961 flog er zum nordrhodesischen Flughafen Ndola für eine Besprechung mit Tschombé. Doch kurz vor der Landung stürzte seine Maschine unter nie geklärten Umständen ab. Keiner der Insassen überlebte. »Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben«, hatte er einmal geschrieben.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt schien kein Ende zu nehmen. Der Kongo glich einer zerbrochenen Vase, deren Scherben sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Trotzdem gelang es um diese Zeit (Dezember 1961 – Januar 1962) Mobutus Regierungsarmee, die Abspaltung Kasais zu beenden und die Regierung Gizenga im Osten zu stürzen. Zwei der vier Regierungen waren damit aufgelöst. Katanga würde noch ein Jahr länger durchhalten. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, bemühte sich das ganze Jahr 1962 um eine Verhandlungslösung, bis die UNO Ende Dezember entschied, dass es nun reichte. Kennedy gewährte einer finalen UNO-Offensive, der sogenannten Operation Grand Slam, beträchtliche amerikanische Unterstützung. Nach zwei Wochen war Katanga wieder angegliedert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 3. Januar 1963, und mein Vater stand am Fenster im ersten Stock seines Hauses in Jadotville. BCK hatte ihm eine der Junggesellenunterkünfte gegeben. Keine Villa mit Garten, sondern ein geräumiges Haus mit einer Garage im Erdgeschoss und einem modernistischen Treppenhaus. Es lag etwas außerhalb der Stadt, an der Hauptstraße nach Elisabethville. Er wusste, dass die Hauptstadt inzwischen in die Hände der Blauhelme gefallen war. »Befreit«, wie die einen meinten, »besetzt« nach Ansicht der anderen. Die internationale Streitmacht rückte nun Richtung Norden vor nach Jadotville, der zweitgrößten Stadt Katangas. Sie fuhren über die Straße, auf der Patrice Lumumba zwei Jahre zuvor seine letzte Autofahrt unternehmen musste. Am Lukutwe- und am Lufira-Fluss stießen sie auf Widerstand, aber am 3. Januar um die Mittagszeit nahmen sie Jadotville mühelos ein. Die katangesische Gendarmerie war bereits vorher geflohen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater blickte aus dem Fenster. Er sah einen weißen VW-Käfer, der die Stadt verließ. Die Straße nach Elisabethville war nach dem Durchzug der Truppen anscheinend wieder offen. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Plötzlich hörte er eine Schusssalve. Auf der Höhe seines Hauses hielt der VW an. Er sah drei Insassen, einen Mann am Steuer und zwei Frauen. Drei Belgier, und ein Hund. Mein Vater hatte sie schon öfter gesehen. Der Fahrer stieg aus. Albert Verbrugghe arbeitete in einer Zementfabrik. Er nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Blut rann aus einer Wunde unter seinem Auge. Er schrie, jammerte, stolperte. Die beiden Frauen – seine Frau Madeleine und ihre Freundin Aline – blieben sitzen. Auf ihren geblümten Kleidern breiteten sich große, rote Flecken aus. Erst als ihre Körper aus dem Käfer gezogen wurden und reglos im Gras am Straßenrand lagen, begriff Verbrugghe, was geschehen war. Die indischen Blauhelme hatten sie vermutlich für weiße Söldner gehalten.63 Auch der Hund war tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ist noch eine ganze Woche dort liegen geblieben«, erzählte mir mein Vater irgendwann in den frühen achtziger Jahren. Ich saß mit ihm im Wartezimmer des Zahnarztes. Auf dem Tisch lag eine abgegriffene Ausgabe von &#039;&#039;Paris Match&#039;&#039;. Auf der Titelseite war ein Schwarzweißfoto der Szene mit dem Volkswagen. Ich war zehn oder elf und sah die Todesangst im Blick des Mannes. Mein Vater sah sich das Bild minutenlang an und sagte dann: »Der Fotograf muss ungefähr auf meiner Höhe gestanden haben. Das ist direkt vor meiner Haustür passiert.« Später erfuhr ich, dass ein amerikanischer Kameramann die Fotos gemacht hatte und dass sie durch die ganze Welt gegangen waren. Das &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039; druckte sie im Januar 1963 ab, heute sind sie auch im Internet zu finden.64 Mein Vater war Augenzeuge einer Szene, die das berühmteste Fotos der katangesischen Sezession festgehalten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag im Juli 2007 stand ich dort, wo mein Vater damals gestanden hatte. Ich blickte durch sein Fenster auf den Ort des Geschehens. Die Straße war staubig, am Straßenrand hing ein großes Werbeplakat von CelTel. Jemand schob ein Fahrrad, das mit Holzkohle schwer beladen war. Die Wohnung meines Vaters existierte noch immer. Sie wurde nun von einem jungen, freundlichen Justizbeamten und seiner Familie bewohnt; er hatte eine bildhübsche Frau und zwei reizende Kinder. Sonntags war er Pfarrer der &#039;&#039;Armée de l&#039;Éternel&#039;&#039;, einer der vielen Pfingstgemeinden des Kongo. Die fensterlose Garage, in der mein Vater fünf Jahre lang seinen Ford Consul geparkt hatte, war nun ein improvisiertes Gebetshaus. Ich nahm am Gottesdienst teil. Dreißig Gläubige saßen dicht gedrängt auf wackligen Holzbänken. Das Licht fiel durch das halb offenstehende Garagentor. Im Halbdunkel sah ich die leuchtenden Farben der Betenden. Vor meinem inneren Auge hatte ich Schwarzweißbilder. 1963 und 2007 gingen ineinander über. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Die Menschen sangen wunderbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Hund am Straßenrand verweste, wurde Katanga entsetzt. Eineinhalb Wochen später, am 14. Januar 1963, verkündete Tschombé das Ende der Sezession. Seine Katanga-Gendarmen und weißen Söldner flohen über die Grenze nach Angola. Tschombé setzte sich nach Francos Spanien ab. Die Stimmung unter den Belgiern war sehr antiamerikanisch: Kennedy wurde für die UNO-Schlussoffensive verantwortlich gemacht. »Jetzt ist alles vorbei«, dachte Walter Lumbeeck, der Kollege meines Vaters, damals: »Alles wurde wieder kongolesisch. Das führte zu großer Entmutigung. Viele gingen fort.«65 Die ANC rückte ein, junge Soldaten, die kein Swahili sprachen, nur Lingala, und sich mit der typischen Arroganz von Siegern aufspielten. Die Verwaltung kam in die Hände von Leuten aus Léopoldville. »Unser Boy war in der Zeit der Sezession noch rentenversichert«, sagten Frans und Marja Vleeschouwers, »aber unter der neuen Regierung fiel das alles weg. Die Leute kochten wieder auf &#039;&#039;makala&#039;&#039;, Holzkohle. Es gab nichts mehr zu kaufen, außer Milch und Fleisch.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater musste sich seine Zigaretten und seine Rasierseife bei äthiopischen Blauhelmen besorgen. Die UNO blieb noch eineinhalb Jahre, um den Frieden in Katanga zu überwachen. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal nass rasierte, kramte mein Vater eine große, altmodische Tube Palmolive hervor. Er hatte sich schon lange auf einen Elektrorasierer umgestellt. Als Absolvent eines Studiums der Elektrotechnik konnte er dem Charme von Schaum und Rasierpinsel nichts abgewinnen. »Sei sparsam damit«, sagte er dennoch, »ich hab sie vor mehr als zwanzig Jahren von den UNO-Soldaten gekauft.« Ich besitze die Tube noch. Ein halbes Jahrhundert ist die Seife jetzt alt, aber sie schäumt immer noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sezession Katangas war vorbei, aber die weiße Enklave blieb bestehen. In Jadotville gab es »Oberbayern-Feste«, auf denen man in Lederhosen herumlief und Bierkrüge stemmte. Mitten in der Savanne . . . Alice Lumbeeck erinnerte sich daran, dass am 22. November 1963 bei den belgischen Nachbarn gejuchzt und getanzt wurde. Was war nun wieder los? Sie hatten einmal einen katangesischen Politiker als Nachbarn gehabt. Es war ziemlich lebhaft zugegangen. Die Bierkästen hatten sich bis zum Dach gestapelt. Im Garten wurden Ratten gegrillt. Sie hatten auch einen weißen Söldner als Nachbarn gehabt, einen der sogenannten &#039;&#039;affreux&#039;&#039;, der Schrecklichen. Aber nun johlten belgische Nachbarn, normale Zivilisten. »Ich fragte sie, warum. ›Kennedy ist ermordet worden! Kennedy ist ermordet worden!‹, haben sie gejubelt.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun waren sie noch zu zweit, Kasavubu und Mobutu. Zu Anfang des dritten und letzten Aktes der Ersten Republik war es Kasavubu, der triumphierte: Lumumba war tot, Tschombé verbannt, und Mobutu hatte sich bei der Befreiung Katangas nicht besonders hervorgetan. Es war das Werk der Blauhelme gewesen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit konnte Kasavubu über das gesamte Territorium des Kongo herrschen. Das Land war wiedervereinigt, und er unternahm Rundreisen. Die Beziehungen zu Belgien wurden wieder aufgenommen und die zu den USA bekräftigt. Als Zeichen der Wertschätzung sandte Washington gratis eine Lieferung angereichertes Uran nach Léopoldville, wo es im Kernreaktor der Universität Lovanium zu Forschungszwecken dienen sollte.68 Die Stabilität jener Jahre verdankte Kasavubu auch seinem Premierminister Cyrille Adoula, der drei Jahre an der Macht blieb. Das war mit Abstand die längste Amtszeit der Ersten Republik, wo es beim Amt des Premierministers sonst eher um Monate als um Jahre ging. Adoula war ein hart arbeitender, intelligenter, aber introvertierter Bürokrat, der aufgrund seiner Unentschlossenheit nie eine Bedrohung für Kasavubu bildete.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieses dritten Akts gelang es Kasavubu, seine Position erheblich zu festigen. Nachdem es nun so aussah, als sei wieder Ruhe eingekehrt, trat er für eine neue Verfassung ein, die die vorläufige &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039; ersetzen sollte. Im Laufe des Jahres 1964 erarbeitete eine Kommission die zukünftigen Spielregeln des Landes. Das Resultat war die Verfassung von Luluabourg, ein Text, über den per Referendum abgestimmt wurde. Kasavubu erzielte damit gleich zwei Erfolge. Die neue Verfassung gestaltete den Kongo zu einem dezentralisierten Staat um, und davon hatte Kasavubu schon seit einem Jahrzehnt geträumt. Die Provinzen erhielten mehr Macht, wurden aber bedeutend kleiner. Bereits 1962 waren die sechs riesigen Provinzen aus der Kolonialzeit in einundzwanzig &#039;&#039;provincettes&#039;&#039; aufgeteilt worden, Miniprovinzen, die eher den ethnischen Realitäten und den historischen Territorien entsprachen.70 Außerdem verlieh die neue Verfassung dem Staatsoberhaupt wesentlich mehr Macht. Der Präsident hatte künftig größere Befugnisse als der Ministerpräsident und dessen Regierung. Auch das Parlament hatte nun weniger zu sagen. Wenn es ein Gesetz verabschiedete, das dem Präsidenten nicht passte, durfte er eine erneute Abstimmung verlangen, denn jeder kann sich ja mal irren. Und damit der Fehler nicht ein zweites Mal passierte, bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit, um den Alternativvorschlag des Präsidenten abzulehnen . . . In Notfällen durfte das Staatsoberhaupt selbst zum Gesetzgeber werden. Reibereien mit einem widerspenstigen Ministerpräsidenten gehörten nun der Vergangenheit an. »Er darf auch aus eigener Initiative den Ministerpräsidenten oder eines oder mehrere Mitglieder der Zentralregierung des Amtes entheben, insbesondere, wenn er sich in einem ernsthaften Konflikt mit ihnen befindet«, stand in Artikel 62.71 Kasavubu war auf Rosen gebettet: Das Land bestand aus kleinen Einheiten, Katanga war zu drei harmlosen Miniprovinzen zerbröckelt, und er hielt die Zügel fester denn je in der Hand. Teile und herrsche, heißt so etwas. Ihm konnte nichts mehr passieren. Glaubte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 19. November 1963 wurden zwei sowjetische Diplomaten ver­haftet, die aus Brazzaville zurückkehrten. Man hatte bei ihnen äußerst belastende Dokumente gefunden. Die Diplomaten hatten in der Hauptstadt jenseits des Flusses Kontakt gehabt mit Christophe Gbenye, dem ehemaligen Innenminister zur Zeit Lumumbas. Brazzaville war ein Zufluchtsort für Lumumbisten der ersten Stunde geworden. Nicht zu weit entfernt von Léopoldville, aber doch sicher vor einem Zugriff Kasavubus. Die Dokumente sprachen von der Gründung einer revolutionären Bewegung&#039;&#039;,&#039;&#039; dem &#039;&#039;Comité National de Libération&#039;&#039;, mit Gbenye an der Spitze. Es waren bereits Delegationen nach Moskau und Peking gereist. In den Dokumenten erbat das Komitee die Unterstützung der UdSSR, um junge Männer militärisch auszubilden. Es bat um Funkanlagen, handliche Kassettenrekorder, Mini-Fotoapparate und Fotokopierer »oder andere, ähnliche zur Spionage geeignete Geräte«. Fast wie in &#039;&#039;Mission Impossible&#039;&#039;. Man forderte außerdem: »20 Miniatur-Pistolen (mit Schalldämpfer) in der Form eines Feuerzeuges oder Kugelschreibers« und einige »Koffer mit doppeltem Boden«. Kasavubu hatte sich zu früh in einer sicheren Position geglaubt.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Ausbruch von Unmut fand im Kwilu statt. Der Anstifter war Pierre Mulele, ehemaliger Minister für Bildung und Schöne Künste in der Regierung Lumumba, Handlanger von Gizenga. Mulele hatte mit den Verschwörern in Brazzaville nichts zu tun, verfolgte aber die gleichen Ziele. Nach dem Debakel der ersten Regierung war er ins Ausland geflohen und in China gelandet. Dort lernte er die Ideologie und die Praxis von Maos Bauernaufstand kennen und eignete sich Guerrillatechniken an. Mit dieser Ausbildung kehrte er heimlich in seine Geburtsregion zurück. Gizenga gehörte zu den Pende, jenem Stamm, der 1931 gegen die Kolonialregierung gekämpft hatte; Mulele gehörte dem benachbarten Mbunda-Stamm an. Er versuchte, unter den Bauern den Widerstand erneut anzufachen. Der Feind war diesmal nicht der weiße Kolonisator, sondern die erste Generation kongolesischer Politiker, die Lumumba ermordet hatten. Waren sie nicht mehr mit Machtspielen beschäftigt als mit dem Wohl des Landes? War nicht ihr Lebensstil von Müßiggang geprägt und ihre Selbstbereicherung schamlos? Waren sie keine verwerflichen Bourgeois? Statt dem Volk zu dienen, argumentierte er, missbrauchten sie die Macht, um nach Herzenslust in die Staatskasse greifen zu können. Ihre prowestliche Haltung habe ihre Raffsucht nur noch gesteigert. Die Bauern hörten Mulele zu und nickten grollend. Von der Unabhängigkeit hatten sie tatsächlich noch nicht viel gespürt, da hatte er recht. Ihr Leben war nur mühsamer geworden. Wurde es nicht Zeit für »eine zweite Unabhängigkeit«, fragten sie sich. Das war ein authentischer, volkstümlicher Begriff. Eine neue &#039;&#039;dipenda&#039;&#039;, diesmal die richtige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele begann mit seiner Bauernrevolte, dem ersten großen Aufstand auf dem Land in Afrika seit der Unabhängigkeit. Er bekundete einen außergewöhnlichen Idealismus und große Selbstlosigkeit. Er wurde eine Art kongolesischer Che Guevara, ein Linksintellektueller, der Anschluss bei den einfachen Leuten suchte. In Dörfern und Hütten lehrte er das revolutionäre Gedankengut. Unermüdlich betonte er die Bedeutung von Disziplin während der Revolte. Seine Vorschriften basierten stark auf den Schriften Maos.73 Die revolutionären Kämpfer sollten jeden Menschen respektieren, auch die Kriegsgefangenen. Stehlen war verboten, sogar beten.74 Was zerstört wurde, musste ersetzt werden. »Respektieren Sie die Frauen und vergnügen Sie sich nicht mit ihnen, so wie Sie möchten.« Nein, die Revolution sollte auch Töchter haben. In Muleles &#039;&#039;maquis&#039;&#039; wurden auch Frauen ausgebildet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele verfügte allerdings kaum über Waffen. Da er nicht von ausländischen Mächten abhängig sein wollte, musste sich der Aufstand aus eigenen Mitteln finanzieren. Also zog man mit ein paar alten Schusswaffen, mit Messern und mit aus Fahrradspeichen fabrizierten Giftpfeilen in den Kampf. Schulen wurden in Brand gesteckt, Missionsstationen zerstört, Brücken sabotiert. Es gab mehrere hundert Tote. Gemetzel fanden statt, trotz der Regeln. Dennoch war die Revolution nicht erfolgreich. Muleles chinesische Doktrin fand nicht überall Anklang. Sie war wohl zu säkular. Warum durften die Kämpfer nicht beten? Die einfachen Bauern im Kwilu wussten nicht, was Opium war und hatten kein Ohr für Geschichten über falsches Bewusstsein. Ihr Weltbild war nach wie vor in hohem Maße religiös und tribal geprägt. Deshalb wurde Muleles Machtbasis nie größer als das Stammesgebiet der Pende und der Mbunda. Die Städte entzogen sich seiner Kontrolle. Die mulelistische Revolte fand nur von Januar bis Mai 1964 statt, hatte aber große symbolische Bedeutung. Kasavubus Position war zum ersten Mal seit Tschombé offen bedroht, und Lumumbas Gedankengut erwies sich als quicklebendig. Wenn Lumumba ein Märtyrer war, dann war Mulele sein neuer Prophet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit konnte man in den breiten Alleen von Stanleyville zwischen den modernistischen Meisterwerken der Architektur unter einer sengenden Sonne eine steinalte Frau sehen. Sie war 80, vielleicht sogar 90. Mama Lungeni war die Witwe von Disasi Makulo, dem Mann, den Stanley als Kind freigekauft hatte. Ihr illustrer Mann war 1941 gestorben, sie hatte ihn schon mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. 1962 war sie zur Hochzeit einer Enkelin nach Stanleyville gekommen, und ihre angegriffene Gesundheit hatte die Rückkehr in ihr Heimatdorf im Regenwald verhindert.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als junges Mädchen war sie das Opfer tribaler Gewalt geworden, und jetzt, alt und mit steifen Gliedern, musste sie erleben, dass der Krieg zurückkehrte. Sie wusste natürlich nicht, dass die revolutionären Kampfgenossen in Brazzaville beschlossen hatten, in Aktion zu treten, aber sie würde es bald merken. Gbenyes Comité National de Libération plante eine Invasion in den Osten des Landes. In Burundi, das wie Ruanda seit 1962 unabhängig war, wurden die angehenden Rebellen von chinesischen Guerilla-Spezialisten trainiert. Auch die Sowjetunion war bereit zu helfen. Im Süd-Kivu wurde die Rebellion von einem Mann namens Gaston Soumialot angeführt, in Nord-Katanga hieß der Anführer Laurent-Désiré Kabila. Ihre Kämpfer waren sehr junge Männer, Jugendliche von sechzehn, siebzehn Jahren, manchmal noch jüngere Teenager und auch Kinder. Sie waren empfänglicher für Magie als für jede maoistische und marxistisch-leninistische Rhetorik. Sie nannten sich Simbas, Löwen, und glaubten fest an die Wirkung martialischer Rituale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dienst von Kabilas und Soumialots Befreiungsarmee stand eine mächtige &#039;&#039;féticheuse&#039;&#039;, Mama Onema, eine Frau in den Sechzigern. Jeder junge Krieger wurde von ihr initiiert. Mit einer Rasierklinge zog sie drei kleine Striche zwischen seinen Augen. Aus einer Streichholzschachtel nahm sie ein schwarzes Pulver – gemahlene Knochen und Haut von Löwen und Gorillas, gemischt mit zerquetschten schwarzen Ameisen und pulverisiertem Hanf – und rieb es in die Schnittwunden. Sie überreichte ihm ein &#039;&#039;grigri&#039;&#039;, ein Amulett, das er am Handgelenk oder um den Hals trug und das ihm Kraft verleihen sollte. Immer, wenn er in den Kampf zog, besprenkelte sie seinen Brustkorb und seine Waffen mit Wasser, das ihn unverwundbar machen sollte. Die Kämpfer mussten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln einhalten. Einem Nicht-Simba durften sie niemals die Hand geben, sie durften sich nicht waschen, sich nicht die Haare kämmen oder die Nägel schneiden, sonst verloren sie ihre Unverwundbarkeit. Viele dieser Regeln waren weniger bizarr, als es zunächst scheinen mag. Die meisten Simbas hatten keine Uniformen und kaum Schusswaffen. Sie zogen mit nacktem Oberkörper in den Kampf, behängt mit Zweigen und Tierfellen, und sie hatten nur Speere, Macheten und Knüppel. So ausgerüstet, mussten sie es mit Mobutus Regierungsarmee aufnehmen, die noch immer ein chaotischer Haufen war, allerdings ein chaotischer Haufen mit halbautomatischen Maschinengewehren. Die magischen Regeln zwangen die Simbas zu einer Form von militärischer Disziplin. Sex war verboten, weil die Kämpfer sonst Frauen vergewaltigen würden. In Panik geraten war verboten, weil sie sonst die Flucht ergriffen. Nach hinten zu blicken war verboten, sich zu verstecken war verboten. Die Simba-Krieger mussten auf den Feind losstürmen, unter lautem Gebrüll: &#039;&#039;»Simba, Simba! Mulele mai! Mulele mai! Lumumba mai! Lumumba oyé!«&#039;&#039; (Löwe, Löwe, Wasser von Mulele, Wasser von Lumumba, hoch lebe Lumumba!). Wenn sie das schrien, würden sich die gegnerischen Kugeln in Wasser verwandeln, sobald sie auf ihre Brust trafen. Wer dennoch getroffen wurde, hatte offensichtlich eine der Verhaltensregeln nicht beherzigt.76 Irrwitzig? Ja, aber nicht irrwitziger als bestimmte Angriffe im Ersten Weltkrieg, bei denen Soldaten ins Sperrfeuer getrieben wurden. Und das Bizarre war: Nicht nur die Simbas glaubten an ihre magischen Kräfte, sondern auch die Soldaten der Regierungsarmee. Mobutus Soldaten hatten panische Angst vor diesen unter Drogen gesetzten, hysterischen Berserkern, die mit lautem Geschrei und weit aufgerissenen Augen auf sie zu rannten. Im Mai 1964 nahmen die Simbas Uvira und Albertville ein, zwei wichtige Städte am Westufer des Tanganjikasees. Für Kasavubu und Mobutu war es eine schmachvolle Niederlage. Die Regierungssoldaten banden Zweige um ihre Gewehrläufe und hofften, es würde als Gegenzauber wirken, viel häufiger jedoch ergriffen sie die Flucht. Brüllend und kreischend eroberten die Aufständischen den Osten des Kongo. Die Rebellen konfiszierten Autos und plünderten Läden. Sie sammelten Schusswaffen ein, die die Regierungssoldaten in Panik zurückgelassen hatten. Soumialot zog mit seinen Leuten von Uvira nach Stanleyville, ein monatelanger Fußmarsch durch den Urwald. In allen Dörfern und kleinen Städten, durch die sie kamen, schlossen sich ihnen Jugendliche an, denen die Unabhängigkeit verhasst war. Wegen der Schlamperei der Regierung konnten viele tausend Jugendliche im Osten nicht mehr weiterlernen.77 Ihre Lehrer wurden nicht oder kaum bezahlt. Im ganzen Land traten Lehrer in den Streik.78 Der weiterführende Unterricht, die Möglichkeit schlechthin, in der Gesellschaft aufzusteigen, war nur noch ein Schatten dessen, was er einmal gewesen war. Die Schüler waren ohne Lehrer. Das Wort &#039;&#039;révolution&#039;&#039; enthielt für sie mehr Versprechen als das Wort &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Sie waren zu jung, um schon eine Frau, ein Haus oder ein kleines Feld zu haben, aber noch nicht alt genug, um alle ihre Träume aufzugeben. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie waren &#039;&#039;rebels with a cause&#039;&#039;, junge Löwen, die größten Verlierer der Unabhängigkeit. Und sie wurden zu schrecklichen Mordmaschinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni erlebte mit, wie die Rebellen in die Stadt kamen. Anfang August 1964 fiel ihnen Stanleyville in die Hände. Das Bollwerk von Lumumba und Gizenga gehörte wieder ihnen. Sie gingen auf die Suche nach Nutznießern der Unabhängigkeit. &#039;&#039;Évolués&#039;&#039;, Intellektuelle und Reiche mussten dran glauben. Beim Denkmal für Lumumba wurden rund 2500 »Reaktionäre« ermordet. Die Simbas schnitten ihnen das Herz heraus und aßen es; so verhinderten sie, dass die Toten zurückkehren konnten. Auch andernorts legten sie eine außerordentliche Grausamkeit an den Tag. »Butter! Butter!«, riefen sie in Tshumbe, als eine Machete den Schädel eines Feindes spaltete und das Gehirn herauslief.79 Babys und Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in die sengende Sonne gelegt, bis sie Tage später starben.80 In Kasongo schnitten sie einigen älteren Leuten den Bauch auf und zwangen die Umstehenden, die Gedärme zu essen.81 Außerdem waren sie ausgesprochen antiamerikanisch, antibelgisch und antikatholisch. Der amerikanische Konsul von Stanleyville musste auf der amerikanischen Flagge herumtrampeln und ein Stück davon essen.82 Wer auch nur einen Gegenstand mit der Aufschrift »Made in USA« besaß, war in Lebensgefahr. Es wurde zu einem Spiel, belgischen Missionaren den Bart anzuzünden und das Feuer dann mit Schlägen zu löschen. Viele Simbas beriefen sich auf den geheimen Kitawala-Kult, der im Osten des Kongo schon immer stark gewesen war.83 Ihr Hass gegen Weiße war groß. Mehrere Missionsschwestern wurden vergewaltigt und ermordet, einige Missionare gefoltert und getötet.84&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni befürchtete, nie mehr zu dem evangelischen Missionsposten Yalemba, wo Disasi begraben lag, zurückkehren zu können. Sie wollte dort sterben und neben ihm ruhen. Doch am 5. September 1964 riefen die Rebellenführer einen neuen Staat aus. Das Rebellengebiet hieß künftig &#039;&#039;République Populaire du Kongo&#039;&#039;, nach dem Vorbild der Volksrepublik China. Die verschiedenen Milizen wurden zur &#039;&#039;Armée Populaire de la Libération&#039;&#039;, der Volksbefreiungsarmee, verschmolzen. Christophe Gbenye, der Mann aus Brazzaville, wurde Präsident; Gaston Soumialot wurde Verteidigungsminister; das Oberkommando über die Streitkräfte wurde General Nicholas Olenga übertragen. Ein Drittel des Kongo gehörte ihnen. Mama Lungeni konnte nicht weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Kasavubu war es ein totaler Affront. Mobutu gab eine klägliche Figur ab mit seinen Truppen, die immer wieder ihr Heil in der Flucht suchten. Er bemühte sich, die Armee zu modernisieren, und erhielt sogar Unterstützung von kubanischen Kampfpiloten, Männer, die dem Regime Castros entflohen und fest entschlossen waren, anderswo auf der Welt den Vormarsch linker Revolutionäre zu verhindern. Aber auch das nützte nichts. Würde der Kongo nun doch dem Kommunismus anheimfallen? Das war nach wie vor nicht im Sinne der Amerikaner. Was, wenn Katanga zurückerobert würde? Was, wenn Tschombé aus Spanien zurückkäme und sich den Rebellen anschlösse? Er verfügte über genügend Mittel und Leute. Dann wären zwei Drittel des Kongo in revolutionären Händen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun vollzog sich eine jener völlig unerwarteten Wendungen, die für die politische Geschichte des Kongo typisch sind: Tschombé kehrte tatsächlich zurück und . . . schlug sich auf die Seite von Léopoldville, die Seite, gegen die er zweieinhalb Jahre lang gekämpft hatte! Es war eine Wendung um 180 Grad, aber sie war, lässt man den Faktor Integrität außer Acht, nicht unlogisch. Mobutu und seine Kumpel von der Binza-Gruppe (insbesondere Außenminister Justin Bomboko, Victor Nendaka, der Chef des kongolesischen Sicherheitsdienstes, und Albert Ndele, Gouverneur der Nationalbank) waren sich darüber im Klaren, dass Tschombé noch immer seine Katanga-Gendarmen und Söldner mobilisieren konnte.85 Er brauchte sie nur über die angolanische Grenze zu holen. Wenn sie sich auf die Seite der Rebellen stellten, war Léopoldville verloren. Und so entschieden sie, dass es besser war, einen unangenehmen Zeitgenossen im Haus zu haben, der Steine nach draußen schmiss, als umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé wiederum hatte schon immer eine Machtbasis in der Hauptstadt angestrebt. Das Angebot Mobutus und der Seinen war eine vortreffliche Chance, das Exil in Madrid zu beenden und seiner politischen Laufbahn ein neues Kapitel hinzuzufügen. Kriecherisch schrieb er Kasavubu: »In dieser schwierigen Zeit, die bevorsteht, und aus der das Land stärker hervorgehen muss, um die gewaltigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, die vor ihm liegen, erneuere ich mein Angebot, Ihnen meine uneingeschränkte Mitarbeit im Dienste des Vaterlandes zu gewähren.«86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit bildeten die drei Feinde Lumumbas eine Troika: Kasavubu als Präsident, Mobutu als Oberbefehlshaber der Armee und, nach einigen Verhandlungen, Tschombé als Ministerpräsident. Im Juli 1964 löste er Adoula ab und versprach dem Volk »einen neuen Kongo in drei Monaten«. Im großen Fußballstadion von Léopoldville jubelten ihm dreißig- bis vierzigtausend Menschen zu. In Stanleyville, kurz vor der Einnahme durch die Rebellen, legte er sogar einen Kranz nieder am Denkmal für Lumumba, für dessen Ermordung er mitverantwortlich war.87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé verfügte über zwei Trümpfe: seine Söldner von damals und die US-Armee. Unter den Söldnern befanden sich Oberst Mike Hoare, ein Südafrikaner irischer Abstammung, »Mad Mike« genannt; Oberst Bob Denard, ein Franzose und zweifellos der berüchtigtste Söldner des zwanzigsten Jahrhunderts; und Jean Schramme, genannt »Black Jack«. Letzterer war kein klassischer Söldner, sondern ein Belgier, der Plantagen in Katanga besaß und beschlossen hatte, sich an der »Rettung« des Kongo zu beteiligen. In schmuddeligen Kneipen in Brüssel, Paris und Marseille wurden neue Kämpfer rekrutiert. Sie unterzeichneten Verträge, in denen stand, wie viel Schmerzensgeld sie erhalten würden für den Verlust eines Zehs (30.000 Belgische Franc), eines großen Zehs (50.000 Belgische Franc) oder des rechten Arms (350.000 Belgische Franc). Und auch, was ihre Witwe bekommen würde (1 Million Belgische Franc).88&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Amerikaner stellten Léopoldville eine Luftflotte zur Verfügung: dreizehn T-28 Kampfflugzeuge, fünf B-26-Bomber, drei C-46-Transportmaschinen und zwei kleine zweimotorige Passagierflugzeuge. Alles Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber gut genug, um in den Kampf zu ziehen gegen Halbwüchsige mit nacktem Oberkörper, die sich für unverwundbar hielten.89 Während die Söldner zusammen mit Katanga-Gendarmen, kongolesischen Regierungssoldaten und belgischen Offizieren eine Bodenoffensive starteten, beschossen die Amerikaner die Simbas aus der Luft. Eine Stellung nach der anderen fiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Simbas reagierten mit blindwütigem Zorn. Fassungslos, dass sie doch fallen konnten, erklärten sie ihre Verluste damit, dass die saisonbedingten Regenfälle die magischen Kräfte abwuschen.90 Wie Besessene suchten sie bei den zurückgebliebenen Weißen nach Sendeanlagen, denn sie verdächtigten sie, den Feind zu informieren. Wer ein Transistorradio besaß oder auch nur einen Kugelschreiber, war verdächtig. Sie holten Hunderte Europäer aus dem Gebiet, das noch unter Kontrolle der Rebellen war, und brachten sie als Geiseln in das Hotel Victoria Palace in Stanleyville. Sie drohten damit, alle Geiseln umzubringen. Das war das Startsignal für eine groß angelegte Militäraktion der Belgier und Amerikaner. Sie bestand aus einer Bodenoffensive (Operation Ommegang) und einer Luftoffensive (Operation Dragon Rouge). Am 24. November 1964 landeten 343 belgische Fallschirmjäger in Stanleyville und besetzten den Flughafen. Unterdessen rückten die Bodentruppen in die Stadt ein. Zweitausend Europäer wurden befreit und mit vierzehn C-130-Maschinen evakuiert; etwa hundert kamen bei der Aktion ums Leben. In den Tagen darauf töteten die Simbas als Vergeltung neunzig Nonnen und Patres im Landesinneren.91 Der Blutzoll auf kongolesischer Seite wurde nie ermittelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni entging um Haaresbreite dem Tod. Am Tag der Befreiung Stanleyvilles hörte sie um halb sechs das Dröhnen der Flugzeuge. Sie schloss sich mit ihren Angehörigen im Haus ein. »Kurz darauf flog eine der Maschinen über unser Viertel Tshopo«, erinnerte sich ihr Sohn. »Direkt über uns feuerte sie eine Rakete ab, die ungefähr zehn Meter von unserem Haus entfernt einschlug. Ein Teil des Geschosses verschwand im Boden, die Bruchstücke flogen bis an die Haustür und zertrümmerten alle Fensterscheiben.« Mama Lungeni saß in diesem Moment im Wohnzimmer gegenüber der Haustür. Sie fiel in Ohnmacht. »Alle, die Kinder und die Enkelkinder, riefen: Mama ist tot! Oma ist tot! Wir trugen sie auf den Innenhof, wo sie wenig später wieder zu atmen begann und die Augen öffnete.«92&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Einnahme Stanleyvilles zerstreuten sich die Rebellen über das Landesinnere. Zwei Töchter von Mama Lungeni, die am Fluss wohnten, holten ihre Mutter mit einem Einbaum ab. Aber die Missionsstation Yalemba war noch lange nicht sicher. In großer Angst vor den amerikanischen Bombern verließen die Menschen ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute flohen in den Regenwald oder auf die Inseln. Mama Lungeni und ihre Kinder gehörten zu den Flüchtlingen im Wald. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Immer wieder mussten sie sich einen neuen Ort suchen und sich provisorische Hütten als Schutz gegen das schlechte Wetter bauen. Mama Lungeni war erschöpft und konnte nicht mehr laufen. Bei jedem Ortswechsel musste sie getragen werden, abwechselnd auf dem Rücken ihrer Tochter Bulia und ihrer Enkelinnen Mise und Ndanali. Die Kleinen, Naomi, Toiteli, Maukano, Moali und ihr Cousin Asalo Kengo folgten ihnen und trugen das Gepäck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil es ihr so schlecht ging und weil es so unsicher war, beschloss sie, den Wald zu verlassen und Schutz zu suchen auf der Insel Enoli, mitten im Fluss, wo Onkel Anganga und seine Familie wohnten.93&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau beendete ihr Leben so, wie es begonnen hatte: in Not und Elend eines Krieges. Eines Tages ging sie nach dem Abendgebet schlafen. Ein schwerer Regenschauer prasselte nieder. Um drei Uhr morgens zündete ihre älteste Tochter, die neben ihr schlief, eine Lampe an. Mama Lungeni war gestorben. Es war der 1. Mai 1965. Mit einem Einbaum brachten sie den Leichnam nach Bandio, zu dem Ort, an dem Disasi 1883 entführt worden war. Die Trommel verbreitete die Nachricht von ihrem Tod. Die Menschen kamen aus dem Äquatorialwald, um dem Begräbnis beizuwohnen. Sie wurde neben ihrem Mann bestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der Bürgerkrieg dauerte an. Léopoldville gewann stetig Terrain. Doch als die Rebellen schon sehr geschwächt waren, bekamen sie im Osten Unterstützung von unerwarteter Seite. Die schlecht organisierte Revolution hatte nie eine ernsthafte Diplomatie entwickelt, die Unterstützung sympathisierender Länder wie Ägypten, Algerien, China und der UdSSR war die ganze Zeit kaum der Rede wert. Doch plötzlich ging im April 1965 am Ufer des Tanganjikasees niemand Geringeres als Che Guevara an Land! Er war aus Kuba hergeflogen und ließ mehr als hundert gut ausgebildete kubanische Soldaten in den Kongo kommen, alle von afrikanischer Abstammung, damit ihre Anwesenheit nicht auffiel, späte Nachfahren von Sklaven aus Zentralafrika. Nun sollten sie den Kongo an der Seite von Kabila und seinen Simbas zurückerobern. Aber el Che musste bald erkennen, dass das revolutionäre Feuer bei Kabilas Männern nicht besonders hoch loderte. In ihren geheimen Lagern im Buschwald ertönte laute Tanzmusik, und auch Frauen und Kinder hielten sich dort auf. Die kongolesischen Genossen, die keinerlei militärische Ausbildung hatten, lungerten meist nur herum. Von Schützengräben wollten sie nichts wissen, das sei etwas für Tote. Schießtraining interessierte sie nicht, sie konnten das rechte Auge nicht zukneifen. Sie feuerten lieber einfach drauflos.94 Einer der Kubaner sagte einmal im Scherz, im Kongo seien sämtliche Bedingungen erfüllt, die man für die Revolution nicht brauche, wie Che Guevara sarkastisch in sein Tagebuch notierte.95 Die wenigen Male, als sie an die Front gingen, hatten die Kubaner »mit ansehen [. . .] müssen, wie sich die Truppen gleich zu Beginn der Kampfhandlungen auflösten, wie die teuren Waffen einfach weggeworfen wurden, um schneller fliehen zu können«.96 Kabila selbst hielt sich ständig in Tansania auf und ließ sich nach zwei Monaten kurz sehen, um aufs Neue zu verschwinden. Che räumte ein, dass Kabila die einzige Persönlichkeit mit Führungsqualitäten sei, aber von einem wahren revolutionären Anführer hatte er doch andere Vorstellungen. »Er benötigt dazu außerdem revolutionäre Integrität, eine Ideologie, die der Aktion zugrunde liegt, und Opferbereitschaft, die seine Handlungen begleitet. Bisher hat Kabila noch nicht den Beweis erbracht, dass er irgendetwas davon besitzt. Er ist jung, und möglicherweise ändert er sich ja noch; aber ich bin bereit, auf einem Blatt Papier, das erst in vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, meine tiefen Zweifel daran festzuhalten, dass er in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, seine Defizite ausgleichen kann.«97 Kabila würde mehr als drei Jahrzehnte im Buschwald herumlungern. 1997 stürzte er Mobutu, el Che war damals längst ermordet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach sieben Monaten verließen Che Guevara und seine Kämpfer den Kongo. Die Rebellion war erfolglos. Mit Bitterkeit notierte er: »Während jener letzten Stunden im Kongo hatte ich mich so alleine gefühlt wie nie, weder in Kuba noch an irgendeinem anderen Ort meiner Wanderungen durch die Welt.«98&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé triumphierte. Die Rebellion war zurückgedrängt worden dank »seiner« Söldner und »seiner« Gendarmen. Neben dem militärischen Triumph verbuchte er auch einen äußerst wichtigen diplomatischen Sieg. In Brüssel hatte er Verhandlungen über das viel diskutierte »koloniale Portfolio« aufgenommen. Damit waren die großen Aktienpakete gemeint, die Belgien kurz vor der Unabhängigkeit an sich gerissen hatte. Die Diskussion über die Rückgabe der Wertpapiere wurde unter dem Namen &#039;&#039;»&#039;&#039;c&#039;&#039;ontentieux belgo-congolais«&#039;&#039; bekannt. Tschombé konnte die belgischen Unterhändler davon überzeugen, dass die Aktien im Grunde dem kongolesischen Staat zustünden, und bekam das Huhn mit den goldenen Eiern wieder in den eigenen Stall. Als er in den Kongo zurückkam, schwenkte er überall eine lederne Aktentasche.99 Das Portfolio! Das Volk lachte und strahlte. Der Krieg war vorbei, das Geld kam zurück. »Jetzt werden wir wieder &#039;&#039;makayabu&#039;&#039; essen!«, sangen sie, köstlichen Stockfisch, der unerschwinglich geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik war es für den durchschnittlichen Kongolesen erheblich bergab gegangen. Die Inflation war turmhoch: 1960 kostete ein Kilo Reis nur neun Franc, 1965 neunzig Franc.100 Die Kaufkraft war mächtig geschrumpft.101 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Wer noch einen Arbeitsplatz hatte, musste mit immer weniger Lohn immer mehr Münder stopfen.102 Viele Menschen hungerten.103 Krankheiten, die unter Kontrolle gewesen waren, wie die Schlafkrankheit, TBC und Flussblindheit, forderten erneut zahlreiche Opfer.104&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1965 war Tschombé der mit Abstand populärste Politiker des Kongo. Zum ersten Mal seit der Entkolonialisierung fanden wieder Parlamentswahlen statt. Tschombé gewann haushoch. Mit seinem Zweckbündnis von Parteien errang er 122 der 167 Sitze. Kasavubu erkannte, dass Tschombé eine Gefahr für seine Präsidentschaft bedeuten konnte. In seinen Händen waren nun die Befugnisse des Premierministers, des Außenministers, des Außenhandelsministers und die Ressorts Arbeit, Infrastruktur und Öffentlichkeit.105 Am 13. Oktober machte Kasavubu das, was er im September 1960 mit Lumumba gemacht hatte: Er setzte den Premierminister ab und berief einen Lakaien auf den Posten (Evariste Kimba), einen Mann, zu dem das Parlament kein Vertrauen hatte. Die neue Verfassung erlaubte diesen Schachzug, doch jetzt schien alles von vorn zu beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem unserer Gespräche holte Jamais Kolonga ein merkwürdiges, stark zerknittertes Foto hervor. Eine kleine Gruppe junger Männer stand mit strahlenden Gesichtern um einen Tisch. In der Mitte erkannte ich sofort den jungen Mobutu. Schon damals sah er aus wie ein afrikanisches &#039;&#039;remake&#039;&#039; von König Baudouin. »Das war am fünfunddreißigsten Geburtstag von Mobutu. Die Feier war im Restaurant des Zoos, dem besten Restaurant der Stadt.« Es war der 14. Oktober 1965, einen Tag nach der Absetzung Tschombés. »Hier links steht Isaac Musekiwa, Trompeter bei OK Jazz, daneben Paul Mwanga, Sänger bei OK Jazz, dann ich, Jamais Kolonga, neben Mobutu! Rechts stehen die Männer von African Jazz. Erst der Sänger Mujos und dann der große Kabasele selbst. Das hier ist Roger Izeidi, von OK Jazz. Und ganz rechts, das ist niemand Geringeres als Franco!« Die Elite der kongolesischen Musik versammelte sich an diesem Abend um den höchsten Befehlshaber der Armee; es war so, als wären die Beatles und die Stones zusammen mit dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte auf einem Foto zu sehen. Jean Lema alias Jamais Kolonga schwelgte noch einmal in Erinnerungen. »Weißt du, was Mobutu mir an dem Abend verraten hat? Ich hatte 1960 drei Monate mit ihm im Dienst von Lumumba zusammengearbeitet. ›Jean‹, sagte er, ›in einem Monat bin ich Präsident der Republik.‹«106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kam es auch. Am 24. November 1965, dieses Datum weiß jeder Kongolese auswendig, rief Mobutu um neun Uhr abends alle hohen Kommandanten der Streitkräfte in seiner Residenz in der Hauptstadt zusammen. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten, Zeitungen und Zeitschriften. Den ganzen Tag hatte er an Sitzungen teilgenommen, und sein Entschluss stand fest: Er würde Staatsoberhaupt werden. Die Erste Republik war auf eine totale Katastrophe hinausgelaufen. Er musste Ordnung schaffen. Wenn Kasavubu die Machenschaften von vor fünf Jahren wiederholte, dann würde er, Mobutu, seinen Staatsstreich wiederholen, und diesmal nicht für die Dauer von fünf Monaten, sondern für fünf Jahre. Einem Mitarbeiter diktierte er eine Presseerklärung, ein Leutnant musste den Text für die Übertragung im Rundfunk einsprechen, ein Major sabotierte unterdessen Kasavubus Telefonleitung. Alle versicherten ihm seine Unterstützung. Das Bier floss in Strömen. Madame Mobutu bewirtete die Anwesenden mit Fisch und Kochbananen. Sie war allerdings sehr besorgt: »Hört doch auf mit dem Unsinn. Wenn sie euch fassen, werdet ihr alle ermordet«, flüsterte sie ihrem Schwager zu. Aber um halb drei Uhr morgens schenkte sie jedem ein Glas Champagner ein. Drei Stunden später sendete der Rundfunk die Nachricht vom Staatsstreich.107 Den ganzen Tag war dann nur noch Marschmusik zu hören. Die Erste Republik war vorbei. Kein Schuss war gefallen. Der Kampf um den Thron war entschieden. Jeder der vier Protagonisten hatte seine &#039;&#039;finest hour&#039;&#039; versprochen, aber es war Mobutu, der den Ruhm einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 9 Die elektrisierenden Jahre ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Mobutu krempelt die Ärmel hoch 1965-1975 ===&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo wunderte sich schon ein wenig, als er den Brief entgegennahm. Er bekam zwar öfter Post hier in Paris, aber dass ihm der Direktor seiner Schule höchstpersönlich einen Brief überreichte, das war neu. Seit wann war der Rektor des berühmten INA, des &#039;&#039;Institut National de l&#039;Audiovisuel&#039;&#039;, ein Edel-Kurier? Der Leiter eines der weltweit wichtigsten Ausbildungsinstitute für Rundfunk- und Fernsehjournalisten hatte doch bestimmt Besseres zu tun, als Postbote zu spielen für die Handvoll afrikanischer Studenten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Brief hatte einen bedeutenden Absender. Zizi sah, dass er von der Botschaft kam, und das bedeutete in jener Zeit: vom Präsidenten. Mobutu hatte seinen Minister mit der Zustellung beauftragt, der Minister den Botschafter, der Botschafter sein Personal. So lief das inzwischen in Zizis fernem Vaterland. Seit Mobutu neun Jahre zuvor an die Macht gekommen war, hielt er die Zügel fest in der Hand. Alle Zügel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September. Das akademische Jahr hatte gerade begonnen. Paris wurde wieder eine wuselige Stadt: Die Franzosen waren aus den Ferien zurück, die Metros wieder voll, Menschenmengen hasteten über die Boulevards. »Ambassade de la République du Zaïre«, las Zizi auf dem Briefkuvert. Auch nach drei Jahren hatte er sich noch nicht an den neuen Namen gewöhnt . . . Das offenherzig klingende Wort Kongo hatte 1971 dem zischenden Zaire weichen müssen. Mobutu fand das authentischer als die koloniale Bezeichnung »Kongo«. Der Vater der Revolution stützte sich dabei auf eines der frühesten schriftlichen Dokumente: eine portugiesische Karte aus dem sechzehnten Jahrhundert. Dort trug der breite Strom, der in einem großen Bogen durch sein Land floss, den Namen »Zaire«. Allerdings hatte Mobutu kurz nach der Umbenennung entdecken müssen, dass er einem Irrtum aufgesessen war: Zaire war die völlig fehlerhafte Schreibweise des Wortes &#039;&#039;nzadi&#039;&#039;, im Kikongo einfach nur der Name für »Fluss«. Als die Portugiesen die Eingeborenen im Mündungsgebiet des Stromes fragten, wie sie die große, wirbelnde Wassermasse nannten, hatten die geantwortet: »Fluss!« &#039;&#039;Nzadi&#039;&#039;, wiederholten sie. &#039;&#039;Zaire&#039;&#039;, verstanden die Portugiesen. Zweiunddreißig Jahre lang würde Zizis Land seinen Namen der falschen phonetischen Wiedergabe eines portugiesischen Kartographen verdanken, der vor vier Jahrhunderten gelebt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaïre also. So hieß das Land, und künftig hießen so auch der Fluss und die Währung und die Zigaretten und die Kondome und noch einiges mehr. Ein bizarrer Name, mit dem seltsamen z und dem lästigen Trema. Wenn man ihn auf der Schreibmaschine tippen musste, bekam man über dem i so eine heilige Dreifaltigkeit von Pünktchen. Die amerikanischen Bündnispartner Mobutus sprachen es nie richtig aus. Die machten daraus prinzipiell das einsilbige »zair«, &#039;&#039;air&#039;&#039; mit einem z davor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;A l&#039;attention du Citoyen Kabongo Kalala&#039;&#039;, stand auf dem Brief der Botschaft. Die Franzosen fanden es bestimmt amüsant, dieses »citoyen« als Anrede. Wenigstens noch ein Land, das die revolutionäre Etikette hochhielt, zweihundert Jahre nach dem Sturm auf die Bastille.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich hatte Zizi nicht erwartet, dass man ihn mit »Zizi« anreden würde. Nur wenige wussten noch seinen richtigen Namen, aber in amtlicher Korrespondenz blieb er doch einfach Isidore – zumal &#039;&#039;zizi&#039;&#039; in Frankreich »Schniedel« bedeutet. Aber auch der Isidore fehlte auf dem Briefumschlag. Dort stand weder ein Vorname noch ein Initial. Kabongo Kalala, so hieß er seit zwei Jahren offiziell. 1940 war er als Isidore Kabongo geboren, doch seit 1972 ging er als Kabongo Kalala durchs Leben. Ohne Vorname. Christliche Vornamen waren verboten, weil auch sie zu kolonialistisch waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass seine Untertanen noch allzu sehr unter dem alten Joch standen. Es galt, das Volk auch mental zu befreien. Und dabei konnten auch Namensänderungen helfen. Aus Léopoldville wurde Kinshasa, aus Stanleyville Kisangani und aus Elisabethville Lubumbashi. Auch unbedeutendere Städte bekamen einheimische Namen: Ilebo statt Port Francqui, Kananga statt Luluabourg, Moba statt Baudouinville, Mbandaka statt Coquilhatville, Likasi statt Jadotville. Der Leopold-II.-See wurde in Maï Ndombe umbenannt, schwarzes Wasser, aus dem Albertsee wurde der Lac Mobutu. Und um den Lokalstolz zu brechen, hieß Katanga künftig Shaba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber neue Ortsnamen reichten nicht, meinte Mobutu. Auch die Personennamen mussten dran glauben, denn manche Kongolesen schauten noch zu sehr zu Belgien auf. Leute, die Lukusa hießen, entstellten ihren Namen noch immer zu De Luxe. Kalonda wurde zu De Kalondarve. Der Sänger Georges Kiamuangana fand den flämisch klingenden Namen Verckys als Künstlername attraktiver. Und Désiré Bonyololo, der Stenograph aus Kisangani, nannte sich am liebsten Désiré Van-Duel. Die Ideologen der Zweiten Republik grauste es. Der neue Zairer sollte stolz sein auf das, was er war, statt in lächerlicher Weise damit zu kokettieren, was er sein wollte. Also gab es künftig nur noch einheimische Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so mussten sogar die Vornamen verschwinden, denn die waren ja von Missionaren eingeführt worden, die die Kinder auf die Namen europäischer Heiliger tauften: Joseph, Jean, Christophe, Thérèse, Bernadette, Marie. Definierte sich der wahre Zairer, so der Präsident, nicht eher durch das Verhältnis zu seinen Ahnen als zu einem fernen Heiligen? Also verbot er kurzerhand die Taufnamen und führte zwangsweise Namen ein, die sich auf die Abstammung bezogen. Der &#039;&#039;prénom&#039;&#039; fiel weg, an seine Stelle trat der &#039;&#039;»postnom«&#039;&#039; (ein netter mobutistischer Neologismus). Es war ein hinterlistiger Versuch, die Macht der Kirche zu brechen. Aus Isidore Kabongo wurde Kabongo Kalala. Unter Mobutu wurde wirklich alles anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang waren wir sehr zufrieden mit dem Putsch von Mobutu«, erzählte mir Zizi Kabongo bei einem unserer vielen Gespräche in Kinshasa. Mit wenigen Informanten habe ich mich so oft unterhalten wie mit ihm.1 Er hatte einen scharfen analytischen Blick auf die komplexe Geschichte seines Landes und redete sehr differenziert darüber. Wie viele andere Kongolesen seiner Generation war er eine Zeitlang Seminarist gewesen, hatte auf halber Strecke aufgegeben und war Lehrer für Latein und Griechisch in Katanga geworden. Schließlich entschied er sich für die journalistische Laufbahn. Heute, mit neunundsechzig Jahren, ist er einer der Direktoren des staatlichen Rundfunks. »Uff!, sagten wir damals. Endlich Ordnung. Die Erste Republik war ja ein enormer Kuddelmuddel gewesen. Dieser ganze Zoff zwischen Kasavubu und Tschombé . . . Es war eine Riesenenttäuschung. Die Züge fuhren nicht mehr, mit dem Wohlstand war es vorbei, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Politiker fuhren währenddessen in Limousinen herum und schickten ihre Kinder zum Studium nach Europa. Mobutu schaffte für fünf Jahre die politischen Parteien ab, und alle waren sehr zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte tatsächlich einen neuen Stil in die Politik. Kurz nach seinem Putsch hielt er im großen Fußballstadion von Kinshasa eine Rede. Hier ergriff ein schlanker junger Mann das Wort, der keinen sündhaft teuren Smoking trug, sondern eine khakifarbene Armeeuniform und ein Barett.2 Vor einer riesigen Menschenmenge sprach er mit dröhnender Stimme über »die fruchtlosen Konflikte von Politikern, die das Land und ihre Landsleute dem Eigennutz geopfert haben«. Das Publikum konnte ihm nur beipflichten. »Nichts zählte für sie außer der Macht und den Vorteilen, die sie daraus zogen. Sich die Taschen füllen, den Kongo und die Kongolesen ausbeuten, das war ihre Devise.« Mobutu nannte die Dinge beim Namen. Seine Sprache war konkret, seine Argumente waren stichhaltig. »Ich werde Ihnen immer die Wahrheit sagen, wie hart sie auch sein mag. Es ist vorbei mit den Versicherungen, dass alles gut läuft, obwohl alles schlecht läuft. Und ich sage es Ihnen gleich: In unserem geliebten Land läuft alles wirklich sehr schlecht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traktierte er das proppenvolle Stadion mit einer Gastvorlesung über Volkswirtschaft. Er legte ernüchternde Zahlen auf den Tisch. Die Produktion von Mais, Reis, Maniok, Baumwolle und Palmöl war dramatisch zurückgegangen. Die Staatsausgaben waren exponentiell gestiegen. Die Kaufkraft war eingebrochen, die Korruption quicklebendig. So konnte es nicht weitergehen. »Ein Ausnahmezustand verlangt besondere Maßnahmen, und das auf jedem Gebiet.« Mobutu verbot für die Dauer von fünf Jahren alle parteipolitischen Aktivitäten. In dieser Zeit wollte er das Land wieder flottmachen, und dazu benötigte er die Hilfe jedes Mannes und jeder Frau. »Um dieses Wiederaufbauprogramm zu realisieren, brauchen wir Hände, viele Hände.« Mobutu krempelte die Ärmel seiner Uniform hoch, um ein gutes Beispiel zu geben. »Wir sehen uns hier in fünf Jahren wieder. In fünf Jahren sehen Sie den Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Legislatur. Ich bin mir sicher: Sie werden feststellen, dass sich der Kongo von heute mit seiner Misere, seinem Hunger und seinen Rückschlägen in ein reiches und blühendes Land verändert haben wird, in dem man gut leben kann und um das die Welt uns beneiden wird.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So emotional hatte seit Lumumba kein Politiker mehr in der Hauptstadt gesprochen. Mobutu verwendete die drastische Sprache Lumumbas und ergänzte sie mit einem konkreten Programm. Er strahlte Zuversicht und Entschlossenheit aus. Der Kongo würde ein moderner Staat werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten wäre Zizi nach Europa gegangen, um mit einer Arbeit über Baudelaire zu promovieren, doch Mobutu war der Ansicht, dass die junge Intelligenzija dem Land mit konkreteren Leistungen zu dienen habe. Zizi wurde zusammen mit einigen Landsleuten nach Paris geschickt, um dort zu lernen, wie man Fernsehen macht. Staatsfernsehen sollte ein wesentliches Instrument bei Mobutus Anstrengungen werden, das Land wieder auf die Beine zu bringen. Bereits am 23. November 1966, genau ein Jahr nach dem Putsch, wurde das erste kongolesische Fernsehprogramm überhaupt ausgestrahlt. Ein weiteres Jahr später starteten die ersten Sendungen auf Lingala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Überall kamen Antennen und Relais«, erzählte Zizi. »Der Kongo hatte sogar Farbfernsehen, lange bevor es das in großen Teilen Osteuropas gab. Eine ganze Generation Journalisten war sehr gut ausgebildet. Wir gingen nach Paris und bekamen von Mobutu ein Stipendium, das zweimal so hoch war wie der französische Mindestlohn. Ich hatte eine eigene Wohnung, ich ging ins Kino. Ich verdiente mehr als ein französischer Arbeiter!« Als Mobutu seine Studenten einmal in Paris besuchte, durfte sich jeder von ihnen auf seine Kosten fünf Anzüge auf den Champs-Elysées kaufen.4 Bei einem Reportageauftrag in Brüssel überprüfte der Protokollchef das Gepäck des Kamerateams, um zu sehen, ob die Kleidung angemessen war. Sogar der Kameramann musste eine Fliege tragen. Die später ausgezahlten Tagespauschalen waren so hoch, dass sich Zizi ein Haus davon bauen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann traf dieser Brief ein, im September 1974. Zizi las, dass er Ende des Monats nach Kinshasa müsse, für einen Besuch von höchstens achtundvierzig Stunden. Alle Studenten aus Zaire am INA hatten so einen Aufruf erhalten; eine Hand wäscht die andere. Der Grund für den so dringenden Besuch im Heimatland? Dort würde ein wichtiger Boxkampf stattfinden, und der sollte live übertragen werden. Ein Boxkampf mit Muhammad Ali.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Jahrzehnt von Mobutus dreißigjährigem Reich war eine Zeit der Hoffnung, hochgespannten Erwartung und des Wiederauflebens. »Mobutu war elektrisierend«, sagte der Schriftsteller Vincent Lombume einmal zu mir.5 Und das nicht nur, weil er das Fernsehen ins Land brachte und Wasserkraftwerke baute, sondern auch, weil er der heruntergekommenen Nation einen starken, die Moral hebenden Impuls gab. Die Jahre zwischen 1965 und 1975 leben im Gedächtnis vieler als die goldenen Jahre des unabhängigen Kongo. Und tatsächlich, in Kinshasa pulsierte das Leben wie nie zuvor, das Bier schäumte, die Nächte waren endlos. Kin-la-Belle wurde die Stadt genannt. Ab 1969 stieg die Bierproduktion jährlich um 16 Prozent. 1974, im Jahr des Boxkampfs, wurden fünf Millionen Hektoliter gebraut.6 Aber in den ersten fünf Jahren, als Mobutu noch vollauf damit beschäftigt war, seine Macht zu konsolidieren, gab es auch äußerst grausame Ereignisse. Momente, die die Euphorie umgaben wie mit Glasscherben bewehrte Betonmauern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein trüber Donnerstag in Kinshasa, als in aller Frühe die ersten Menschen auf dem großen, offenen Platz in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; eintrafen, dem Brachland bei der Brücke westlich des Flughafens Ndolo. Würde es wirklich dazu kommen? Junge Frauen mit einem Korb voll Zuckerrohr auf dem Kopf verlangsamten ihren Schritt. Mütter mit ihrem Baby auf dem Rücken blieben stehen. Beamte im Anzug änderten ihren täglichen Weg. Halbstarke mit zerrissenen T-Shirts kamen angerannt. Sollte es wirklich passieren? Hunderte, Tausende Füße betraten das große Gelände. Schicke italienische Schuhe staksten durch den Staub neben schwieligen, nackten Füßen. Pantoletten mit Stöckelabsätzen hinterließen kleine Löcher in der Erde. Lastwagen mit Soldaten standen bereit. In der Mitte der Fläche konnte jeder sehen, dass es Ernst war: Dort war ein Holzpodest mit einem Galgen errichtet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war Donnerstag, der 2. Juni 1966, und Mobutu war seit sechs Monaten an der Macht. Am Montag hatte er im Radio verkündet, ein Komplott gegen ihn sei vereitelt worden. Alle hatten gehört, dass einen Tag zuvor, am Pfingstsonntag, vier Männer aus der alten Regierung dabei ertappt worden seien, Pläne für einen Putsch zu schmieden. Es handelte sich um Alexandre Mahamba, einen ehemaligen Minister in den Regierungen Lumumba, Ileo und Adoula, um Jerôme Anany, Verteidigungsminister unter Adoula, um Emmanuel Bamba, Finanzminister in derselben Regierung und zugleich bedeutender Führer der Kimbanguisten, und vor allem um Evariste Kimba, den Mann, der kurzzeitig Premierminister gewesen war, auf Wunsch von Kasavubu, direkt vor Mobutus Staatsstreich. Hatten sie tatsächlich einen Umsturz geplant? Höchstwahrscheinlich waren sie in eine Falle gelockt worden. Armeeoffiziere hatten sich als Überläufer ausgegeben und sie gebeten, eine Namensliste für eine neue Regierung aufzustellen. Der Prozess, der darauf folgte, war eine Farce. Keiner der beteiligten Militärs wurde vorgeladen, die vier angeklagten Zivilisten hatten nicht die geringste Chance. Als sich einer von ihnen verteidigen wollte, sagte der Richter: »Meine Herren, das hier ist ein Militärgericht und keine Diskussionsveranstaltung. Wir sind hier, um zu bestrafen, das Verfahren benötigt also nicht viel Zeit.«7 Einige Augenblicke später wurde das Urteil gefällt: Tod durch den Strang, obgleich keiner von ihnen jemals Gewalt angewendet oder eine Waffe besessen hatte oder auch nur ansatzweise in Aktion getreten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menge strömte zusammen. Zu Zehntausenden. Die französische Presseagentur AFP sprach von rund dreihunderttausend Schaulustigen.8 Es war der größte Volksauflauf in der Geschichte des Kongo. Kinshasa war inzwischen auf die doppelte Größe angewachsen, es war nun eine Stadt mit gut achthunderttausend Einwohnern.9 Mehr als die Hälfte davon waren jünger als zwanzig Jahre.10 Nach der Unabhängigkeit hatte erneut eine starke Landflucht eingesetzt, unter anderem durch den Bürgerkrieg im Landesinneren. Kinshasa wucherte: Über eine Zone von fünfzehn Kilometern erstreckte sich ein endloses Meer von Wellblechplatten und improvisierten, meist eingeschossigen Häuschen, die gedrängt voll waren. Nur im Zentrum gab es hohe Bauten. All die alten und neuen Bewohner Kinshasas, die Kinois, waren nun an diesem Donnerstagmorgen nach Pfingsten auf den Beinen. Die Vertreter der Kolonialmacht hatten in den dreißiger Jahren öffentliche Hinrichtungen zur Abschreckung benutzt. Würde auch Mobutu es wagen, so weit zu gehen? Und dann noch bei vier ehemaligen Ministern?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk hatte unterdessen die Erfahrung gemacht, dass Mobutu vor nichts zurückschreckte. Nach seinem Staatsstreich hatten sich seine Gegner von einst an sicherere Orte begeben müssen. Kasavubu war in seine alte Heimatgegend geflohen, Tschombé war wieder ins spanische Exil gegangen. Sie waren beide auf der Hut. Kasavubu hatte Mobutu geschrieben, dass er dessen Putsch »im höheren Interesse des Landes« akzeptiere. Als Wunschkandidat des Volkes könne er ja vielleicht seinen Sitz im Parlament einfordern, aber er »erachte es als zweckdienlich, zum momentanen Zeitpunkt dieses Amt nicht zu bekleiden«. Kasavubu hatte schon immer etwas von einem Kanzelredner an sich gehabt, doch so untertänig hatte er noch nie zuvor gesprochen. »Ich würde mich am liebsten in Bas-Congo ein wenig ausruhen«, schrieb er noch. Er wolle zurück in sein Dorf, die europäische Kleidung ablegen und in einheimischer Tracht Freunden und Gästen Palmwein ausschenken.11 Und als sei das noch nicht deutlich genug, fuhr er fort: »Es liegt mir fern, Agitation jedwelcher Art zu betreiben.«12 Kasavubu fiel also als Gegner weg. Vier Jahre später starb er im Alter von zweiundfünfzig Jahren an Krebs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Tschombé sah die Sache ganz anders aus, wusste das Volk. Viele hatten für ihn gestimmt. Nach seinem glänzenden Wahlsieg hegte er, der Retter des Vaterlandes, noch großen politischen Ehrgeiz. Er pendelte zwischen Paris, Madrid und Palma de Mallorca und bereitete seine Rückkehr vor. Das war ganz und gar nicht in Mobutus Sinn. Hatte er nicht öffentlich verkündet, er plane &#039;&#039;»l&#039;élimination pure et simple de la politicaille«&#039;&#039;, werde also politische Intriganten für immer ausschalten?13 Niemand von denen, die sich nun um den Galgen versammelten, konnte es ahnen, aber ein Jahr später würde Tschombé in Abwesenheit zum Tode verurteilt werden wegen angeblicher umstürzlerischer Aktivitäten, obwohl er genau wie Lumumba demokratisch gewählt worden war. Im Juni 1967 wurde er von einem zwielichtigen französischen Geschäftsmann mit Kontakten in höchste kongolesische Regierungskreise zu einem Ausflug von Palma nach Ibiza eingeladen. Auf dem Rückflug feuerte der Mann plötzlich zwei Schüsse ab und zwang die Piloten, Kurs auf Algier zu nehmen. Dort landete Tschombé im Gefängnis. Der Kongo forderte seine Auslieferung, aber der algerische Präsident Boumedienne weigerte sich trotz einer Verfügung des obersten Gerichtshofes. Zuerst war er bereit gewesen, Tschombé auszuliefern, falls der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Israel abbräche, doch Präsident de Gaulle intervenierte persönlich bei Boumedienne, um diesen Deal zu verhindern, denn die Auslieferung wäre mit Sicherheit auf eine Neuauflage des Lumumba-Mordes hinausgelaufen.14 Zwei Jahre später, am 29. Juni 1969, starb Tschombé in seiner algerischen Gefängniszelle, drei Monate nach Kasavubu. An Herzversagen, so seine Ärzte. Es war Mord, so die Überzeugung vieler Menschen im Kongo. Er war nur achtundvierzig geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte den Kampf um den Thron für sich entschieden, aber in den ersten Jahren seiner Regierungszeit rechnete er systematisch mit seinen Konkurrenten aus der Ersten Republik ab. Sogar Lumumba musste fünf Jahre nach seinem Tod noch neutralisiert werden. Seine Anhängerschaft war noch immer groß, und das nicht allein im Osten des Landes. Mobutu reagierte mit einem genialen Schachzug, der von ebenso viel strategischem Geschick wie grenzenlosem Zynismus zeugte: Er, Mobutu, der Mann, der an der Ermordung Lumumbas maßgeblich beteiligt gewesen war, erklärte Lumumba nun zum . . . Nationalhelden! Das kongolesische Volk konnte am Nationalfeiertag hören, wie Mobutu ohne mit der Wimper zu zucken sagte: »Ehre und Ruhm diesem berühmten Kongolesen, dem großen Afrikaner, dem ersten Märtyrer unserer wirtschaftlichen Unabhängigkeit: Patrice Emery Lumumba.«15 Und der Boulevard Léopold III., eine der Hauptachsen Kinshasas, wurde umbenannt in Boulevard Patrice Emery Lumumba. So heißt er noch heute. An seinem Anfang winkt Lumumba als riesiges Denkmal dem hupenden Verkehr zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war an Niedertracht nicht zu überbieten. So wie Mobutu 1964 Tschombé neutralisiert hatte, indem er ihn im Kampf gegen die Simbas vor seinen Karren spannte, neutralisierte er nun die Persönlichkeit Lumumbas, indem er ihn posthum rehabilitierte. Die Lumumbisten wussten nicht, wie ihnen geschah: Ihr Held war plötzlich auch der Held des Feindes! Mobutu hatte ihn gleichsam auf dem Rücksitz seines Putsch-Mopeds mitgenommen. Neutralisieren durch Einkapseln sollte in den nächsten dreißig Jahren ein bewährter Trick seiner Diktatur werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neutralisierung war auch schon in seinen ersten Monaten ein Schlüsselwort. Nachdem er die politischen Parteien verboten hatte, schob er nun auch das Parlament aufs Abstellgleis. Den Volksvertretern und Senatoren legte er nahe: »Ruhen Sie sich doch erst einmal aus, machen Sie fünf Jahre Pause!«16 Die Legislative sei unterdessen bei ihm in guten Händen. Auch einige Provinzen mussten dran glauben. Die Aufgliederung in Miniprovinzen sei Geldverschwendung, meinte Mobutu. Er sorgte lieber für Übersichtlichkeit und reduzierte ihre Zahl von einundzwanzig auf neun. An die Spitze stellte er überall seine Getreuen. Diese Zentralisierung sollte den Fliehkräften (Sezessionen, Tribalismus) entgegenwirken. Doch das reichte ihm noch nicht. Von einer föderalen Zivildemokratie wurde der Kongo zu einer zentralisierten Militärdiktatur. Mobutu hatte bei seinem Putsch General Mulamba als Premier eingesetzt, sah sich jedoch nach einiger Zeit veranlasst, sogar dieses Amt zu neutralisieren. Zizi Kabongo wusste den wahren Grund: »Mulamba war beim Volk beliebt, mehr als Mobutu. Deshalb hat er ihn kaltgestellt. Mulamba wurde Botschafter in Japan. So ging das immer. Scheinbeförderungen, Tressen, Geld, alles Aufmerksamkeiten, um Leute zum Schweigen zu bringen.« Künftig nahm Mobutu neben der gesetzgebenden und militärischen Macht auch noch die Exekutive auf seine Schultern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eine öffentliche Hinrichtung? Das war dann doch etwas anderes, als einen Gegner auf einen fernen Botschafterposten in einer luxuriösen Villa abzuschieben. »Keiner hat geglaubt, dass es so weit kommen würde«, sagte Zizi. »Mobutu hatte immer noch keine gefestigte Machtbasis. Er hatte nur die Armee, und in der hatte jeder der vier Verurteilten Männer seines Stammes. Die hätten rebellieren können.« Mobutu war sich unschlüssig. Schon seit mehreren Tagen mied er seine Frau, aus Angst, sie könne ihn umstimmen. Auch Erzbischof Malula hatte um Begnadigung gebeten, sogar der Papst hatte angerufen. Aber nun nachzugeben, wäre ein Zeichen von Schwäche gewesen . . . Mobutus Lieblingsbuch in diesen Tagen war &#039;&#039;Der Fürst&#039;&#039; von Machiavelli.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag spielte eine Militärkapelle auf dem Hinrichtungsplatz. Das Meer von Menschen sah, wie ein Jeep auf das Gelände fuhr. Die vier Verurteilten saßen darin! Am Schafott schrien zwei Frauen ihren Schmerz und ihre Ohnmacht hinaus. Sie waren Angehörige eines der »comploteurs«. Sie wurden zusammen mit ihren Kindern vom Platz entfernt. Die Frauen waren außer sich, ihr Oberkörper war entblößt, die Haare hingen lose herab. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer richtete sich nun auf das Podest. Als Erster erklomm der Henker das Schafott, ein Hüne, schwarz gekleidet und mit einer schwarzen Kapuze. Gleich danach sah die Menge einen hochgewachsenen Mann mit verbundenen Augen hinaufsteigen. Er trug nur blaue Fußball­shorts mit weißen und roten Streifen. Es war Evariste Kimba, der ehemalige Premierminister der Demokratischen Republik Kongo. Unten hatte er vor einem der anwesenden Priester die Beichte abgelegt, neben den vier Särgen, die schon bereitstanden. Der Henker verlas das Urteil. Kimba hielt sich aufrecht. Die Schlinge wurde ihm um den Hals gelegt, und die Luke öffnete sich. Aus der Masse ertönten Schreie des Abscheus, dann war es totenstill. Mehr als zwanzig Minuten dauerte der Todeskampf. Schweigend sah die Menge zu, wie der Körper des ehemaligen Premiers am Strick zappelte. Eine Ewigkeit. Die anderen drei Verurteilten sahen vom Jeep aus, was ihnen bevorstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der letzten Hinrichtung brach im Publikum heftige Panik aus. Die meisten Menschen ergriffen die Flucht und überrannten die Soldaten. Im Gedränge kamen Kinder und Erwachsene zu Fall. In nur wenigen Minuten rannten mehrere zehntausend Menschen weg. Hinterher lagen stöhnende Verletzte und verlorene Schuhe über das ganze Gelände verstreut. Und auf dem Platz wurde der vierte Sarg zugenagelt. An diesem Tag, dem 2. Juni 1966, jubelte das Volk nicht mehr über Mobutu, sondern zitterte vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu der »Streitfrage, ob es besser ist, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt«, schrieb Machiavelli: &#039;&#039;»Die Antwort lautet, dass beides erstrebenswert ist; da man jedoch beides nur schwerlich miteinander verbinden kann, ist es viel sicherer, dass ein Fürst gefürchtet wird, als dass er geliebt wird, wenn er schon nicht beides zugleich erreichen kann.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Von da an hatten alle Angst«, erzählte Zizi. »Die Staatssicherheit bekam sehr viel Macht. Keiner traute sich mehr, im Restaurant des Zoos, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Treffpunkt von Politikern und Diplomaten, zu essen aus Angst, von den Kellnern belauscht zu werden. Selbst bei Trauerfeiern fürchteten wir uns vor kleinen Jungs, die Erdnüsse verkauften. Sie hätten ja Spione sein können. Mit den Hinrichtungen wollte Mobutu ein Exempel statuieren. ›Niemand spielt mit meiner Macht.‹ Er wollte Angst verbreiten und sich selbst bestätigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später sagte Mobutu in einem Interview: »Bei uns ist der Respekt vor dem Häuptling heilig. Es musste ein eindrucksvolles Exempel statuiert werden.« Das ganze Theater mit Sezessionen, Rebellionen und Amtsenthebungen sollte nicht von vorn beginnen. »Wenn ein Häuptling entscheidet, entscheidet er, und basta.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sorgte dafür, dass es dem Stützpfeiler seiner Macht, der Armee, an nichts mangelte. Ihm würde eine Meuterei erspart bleiben. Unmut wurde mit Geld im Keim erstickt. Es gab eine tief greifende Modernisierung. Neue Rekrutenjahrgänge erhielten neue Chancen. Neben einer Offiziersschule führte er Spezialausbildungen ein. Ki­sangani war von belgischen Fallschirmjägern befreit worden; Mobutu beschloss, dass auch er Fallschirmjäger haben musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa sprach ich mit Alphonsine Mosolo Mpiaka. Sie war die erste Fallschirmspringerin in der kongolesischen Armee. Im Jahr 1966 war sie fünfundzwanzig. »Wir bekamen unsere Grundausbildung hier in Ndjili. Ein Ausbildungszentrum für Fallschirmspringer war eingerichtet worden. Unsere Lehrer waren Israelis.« Die USA unterstützten Mobutu, Israel also auch – zum großen Ärger der arabischen Welt. »Für die Absprünge selbst mussten wir nach Israel. Ich bin zwölf Mal gesprungen. Ich war die erste Frau, nach mir rekrutierte Mobutu noch vierundzwanzig Mädchen. Es sollte ein gemischtes Team sein, auch von der Abstammung her. Ein paar Bakongo, ein paar Baluba, ein paar aus Katanga.« Enttribalisierung, auch jetzt. Mobutu wollte eine Armee, die nicht mehr in Stammeskategorien dachte. Loyalität erkaufte er sich. »Wir waren sehr angesehen und wurden richtig verwöhnt. Mit meiner Prämie konnte ich mir ein Grundstück mit einem Haus darauf kaufen. Und trotzdem brauchte ich nie in einem Krieg abzuspringen, nur für die Paraden hier in Kinshasa.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war ihr Können sehr gelegen gekommen. Im Osten des Landes war die Rebellion immer noch nicht völlig niedergeschlagen, aber Mobutu übertrug diesen Job lieber den noch immer anwesenden weißen Söldnern. Denard und Schramme erledigten den Großteil und erhielten danach Orden. Schramme wandte sich zwar noch gegen Mobutu und versuchte eigenhändig, den Kongo zu »retten«, aber diese Episode nahm ein unrühmliches Ende.19 Die Nationalarmee konnte sich anschließend definitiv ihrer weißen Söldner entledigen. Ende 1967 ergriffen Soumialot und Gbenye die Flucht, und der gesamte Kongo stand wieder unter der Gewalt der Zentralregierung in der Hauptstadt. Der gesamte Kongo? Im äußersten Osten, in einer gebirgigen Gegend beim Tanganjikasee, schwang Laurent-Désiré Kabila noch immer das Zepter. Doch nach der Abreise von Che Guevara glich sein »revolutionärer« Widerstand zwischen Fizi und Baraka eher dem Dorf von Asterix und Obelix: unabhängig, ja, aber vor allem ungefährlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war befriedet, und ab 1968 stellte Mobutu die Zivilregierung wieder her.20 Er selbst zeigte sich nun auch ohne Armeeuniform in der Öffentlichkeit. Zum ersten Mal trug er die Accessoires, die zu seinem Markenzeichen werden sollten: Auf dem Kopf die charakteristische Leopardenmütze, in der Hand den mit Schnitzereien versehenen Stock aus Ebenholz, traditionelle Häuptlingsattribute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war der Hintergrund, der Pierre Mulele zu dem Glauben veranlasste, er könne nun getrost nach Hause zurückkehren. Nach dem von ihm angeführten Bauernaufstand im Kwilu 1964 war er nach Brazzaville geflohen. 1968 amnestierte Mobutu ihn. Justin Bomboko, Außenminister und Intimus der Binza-Gruppe, teilte ihm mit, dass man ihn wie einen Bruder empfangen werde. Im September des Jahres überquerte Mulele den Fluss und wurde auf der anderen Seite mit einem festlichen Empfang begrüßt. Er durfte bei Bomboko logieren. Drei Tage später holten ihn Soldaten ab, angeblich zu einem großen Auftritt im Fußballstadion. Der leidenschaftliche und eigenwillige Freiheitskämpfer dürfe dort eine Volksansprache halten. Die Soldaten brachten ihn jedoch in ein Militärlager, wo er noch am selben Abend grausam gefoltert wurde. Sie schnitten ihm Ohren und Nase ab, drückten ihm die Augäpfel aus und trennten ihm die Genitalien ab. Während er noch immer lebte, hackten sie ihm Arme und Beine ab. Ein paar Stunden später klatschte ein Sack mit seinen Überresten in den Fluss.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu, Tschombé, Kimba, Gbenye, Soumialot, Mulele: Innerhalb weniger Jahre waren Mobutus alte Gegner einer nach dem anderen von der Bildfläche verschwunden. Doch um seine Macht weiter zu festigen, musste er auch verhindern, dass neue Gegenspieler hochkamen. In einer neuen Verfassung ließ er 1967 seine Allmacht fest verankern. »Das kongolesische Volk und ich«, sagte er einmal vor dem Parlament, »sind ein und dieselbe Person.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es kamen noch bittere Tage. Direkt vor der Hauptstadt lag auf einem grünen, schattigen Hügel die Universität Lovanium. Während Mobutu seine Alleinherrschaft installierte, sägte die Studentenbewegung mit unglaublichem Mut weiter an seinem Stuhl. Die für Europa so entscheidenden Studentenrevolten vom Mai 1968 in Paris, Leuven und Amsterdam wirkten allenfalls wie spielerische Aktionen im Vergleich zu dem Einsatz und der Intensität der kongolesischen Studentenbewegung. Mobutu war es gelungen, alle oppositionellen Bewegungen zum Schweigen zu bringen. Die Gewerkschaften wurden unschädlich gemacht, die Kirche hielt sich zurück. Nur die Studenten wagten es noch, zu rebellieren.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 1967 gründete Mobutu mit seinen Mitarbeitern den &#039;&#039;Mouvement Populaire de la Révolution&#039;&#039; (MPR), am 20. Mai schrieben sie das Grundsatzprogramm. Der MPR war angeblich eine Volksbewegung, faktisch jedoch Mobutus politische Partei. Die Mitglieder versammelten sich außerhalb der Hauptstadt in dem kleinen Ort Nsele. Dieses Dorf am Fluss würde sich binnen weniger Jahre zu einer weiträumigen Tagungsstätte mit weißen, modernistischen Gästehäusern und imposanten Versammlungssälen entwickeln. Es wurde eine Hochburg des Mobutismus. Der Text vom 20. Mai ging hinaus in die Welt unter dem Namen &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039;, ein Dokument, das jeder Kongolese nach einiger Zeit kannte. Es erschien, nach dem Muster von Maos &#039;&#039;Kleinem Rotem Buch&#039;&#039;, als ein kleines grünes Buch, wurde in großen Mengen verbreitet und war als eine Art Katechismus der neuen Regierungspolitik gedacht. Jeder Einwohner des Kongo, so stand in dem Text, sei künftig Mitglied des MPR. &#039;&#039;»Olinga olinga te, ozali na kati ya&#039;&#039; MPR&#039;&#039;«&#039;&#039;, seufzte man. »Ob es einem nun gefällt oder nicht, man gehört einfach dazu.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs schien Mobutu noch einer Oppositionspartei Platz einzuräumen, doch diesen Gedanken ließ er schnell fallen. Der Kongo wurde, wie so viele afrikanische Staaten kurz nach der Unabhängigkeit, ein Einparteienstaat. Der abrupte Übergang von einer monolithischen Kolonialregierung zu einem demokratischen Mehrparteiensystem war ohne Zwischenstufen verlaufen und hatte gerade deshalb in einem Fiasko geendet. Der MPR wollte die Bevölkerung wieder zusammenbringen. »Mehr als der Klassenkampf garantiert die Vereinigung aller den Fortschritt«, war zu hören.25 Das ganze Volk sollte sich für den Wiederaufbau des Landes begeistern. Der erste Kern des MPR bestand aus einem Freiwilligenkorps junger Mobutisten, aber schon bald erreichte die Macht der Partei astronomische Höhen. Der MPR wurde die höchste Institution des Landes, was so weit ging, dass der Unterschied zwischen Staat und Partei verblasste. »Der MPR, das ist der Staat«, äußerte Mobutus Hausideologe unverblümt.26 An der Spitze stand der Präsident mit seinem Kabinett, dem sehr mächtigen &#039;&#039;Bureau du Président.&#039;&#039; Als Nächstes kam der Kongress des MPR und das Politbüro, eine Ebene darunter ein Legislativ-, ein Exekutiv- und ein Judikativrat. Sämtliche Amtsbezeichnungen wurden verändert. Ein Minister war künftig ein Staatskommissar, ein Gouverneur ein Provinzkommissar und ein Parlamentarier ein Volkskommissar. Jeder Bürger war Mitglied, nicht mal die Vorfahren und Embryonen kamen darum herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Studenten waren auf diese Änderungen nicht gerade erpicht. Mobutu schuf de facto die Politik ab, argumentierten sie zu Recht. Damit drehte er die Uhr zurück: In der Kolonialzeit hatte es auch eine pure Bürokratie gegeben, einen Verwaltungsmoloch, der Tabellen führte und Berichte ausspuckte, aber keine Mitsprache duldete. Nachdem akademische Kreise anfangs noch über den Putsch begeistert gewesen waren, hatte sich der Enthusiasmus schon nach kurzer Zeit verflüchtigt. Die wichtigste Gruppierung der Studentenbewegung zog entschlossen die antiimperialistische Karte. Lumumba wurde ihr Held, Mobutu ihr Feind. Als im Januar 1968 der amerikanische Vizepräsident Hubert Humphrey das Land besuchte und einen Kranz beim Lumumba-Denkmal niederlegen wollte, empfanden die Studenten das als Provokation. Es kam zu einer Protestkundgebung und zahlreichen Verhaftungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren 1968 und 1969 gab es immer häufiger Scharmützel zwischen den Studenten und der neuen Regierung. Die Studenten forderten mehr Mitspracherecht, weniger Einmischung des MPR und eine gerechtere Vergabe von Stipendien. Anfang Juni 1969 planten sie eine große Demonstration, aber Mobutu schickte die Armee auf den Campus. Tagelang war Lovanium von der Außenwelt abgeschlossen. Trotzdem gelang es einigen hundert Studenten, die Bewacher auszutricksen und mit dem Bus ins Stadtzentrum zu fahren. Dort kam es zu schweren Zusammenstößen mit der Armee. Die Soldaten setzten Tränengas ein, doch die Studenten banden sich nasse Taschentücher vor den Mund und warfen die Granaten zurück. Immer mehr Bürger schlossen sich ihnen an. Die Armee eröffnete das Feuer. Nach offiziellen Angaben gab es sechs Tote und zwölf Verletzte, die Studenten sprachen von fünfzig Toten und achthundert Verhaftungen. MPR? &#039;&#039;Mourir Pour Rien&#039;&#039;, sagten sie voller Abscheu. Mobutu beschloss, die Studentenbewegung mit Stumpf und Stiel auszurotten. Jeder Campus sollte seine MPR-Jugendabteilung bekommen, das &#039;&#039;Manifeste de la Nsele&#039;&#039; wurde zur Pflichtlektüre, alle mussten sich wieder ihrem Studium widmen. Mit dem Widerstand war es vorbei. Die Anführer der Studentenrevolte erhielten schwere Gefängnisstrafen, bis zu zwanzig Jahren. Nun waren auch diese kritischen Stimmen mundtot gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinrichtungen, Folterungen, Massaker. Mobutus erste fünf Jahre als Präsident ergeben eine schauerliche Bilanz, doch das war nur die halbe Geschichte. Viele ältere Menschen im Kongo denken heute mit einer gewissen Nostalgie an diese Zeit zurück. »Es herrschte Ordnung«, sagte Zizi Kabongo, als ich mein Erstaunen darüber äußerte. »Die Soldaten waren wieder in ihren Kasernen. Es gab wieder Waren, die Preise sanken, die Industrie erlebte einen Aufschwung. Auch für mich begann damals die erfolgreichste Zeit meines Lebens.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit gab es große infrastrukturelle Projekte. Mobutu begann mit dem Bau eines ersten Staudammes im Kongofluss: dem sogenannten Inga-Staudamm, einem Wasserkraftwerk mit einer Kapazität von 351 Megawatt. Die neuen Viertel von Kinshasa erhielten Trinkwasser, Elektrizität und Abwasserleitungen. Das zentrale Krankenhaus der Stadt hatte fünfzehnhundert Betten und versorgte täglich viertausend Patienten. Zehntausend Operationen pro Jahr wurden ausgeführt, und täglich wurden 1,6 Tonnen Wäsche gewaschen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war kein Demokrat, aber er brachte einige Entwicklungen in Gang. Alle einsatzfähigen Männer und Frauen mussten am Samstagnachmittag einige Stunden unentgeltlich für den Staat arbeiten, ein Arbeitseinsatz wie in der Kolonialzeit. &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; hieß das nun, und es ging um Aufgaben wie Unkraut jäten, Fahrradwege instand halten und Abfall beseitigen. Außerdem wurde jeder Bürger dazu ermuntert, ein Fleckchen Boden zu bestellen, damit die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde. Sogar Armeegeneräle bauten Maniokpflanzen an. Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten. Mobutu ging selbst mit gutem Beispiel voran. Jeden Morgen stand er um fünf Uhr auf. Er las stapelweise Zeitungen, frühstückte mit Diplomaten, berief ständig Versammlungen ein und war achtzehn Stunden und mehr aktiv. 1969, mit kaum neununddreißig Jahren, erlitt er einen leichten Herzinfarkt. »Wie würdest du dieses Scheißland regieren?«, fragte er seinen Leibarzt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war längst noch nicht der träge, aufgedunsene Tyrann, der er später werden würde. Nach der totalen Katastrophe der Ersten Republik bemühte er sich, den Kongo international in ein positives Licht zu rücken. Er wollte Anerkennung, und er schaffte Atmosphäre. Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet? Er lud die Besatzung der Apollo 11 ein; damit war der Kongo das einzige afrikanische Land, das die Mondreisenden empfing.29 Die Europäer veranstalteten eine Miss-Europa-Wahl? Er überzeugte die Organisatoren davon, das Finale in Kinshasa stattfinden zu lassen und ihm einen afrikanischen Touch zu geben. Eine bezaubernde Blondine aus Finnland gewann, auch in der Kategorie »afrikanisches Kostüm«. Hatten die kongolesischen Frauen noch immer den Ruf als Schönste des Kontinents? Er unterstützte Maître Taureau dabei, die ersten landesweiten Wahlen der Miss Kongo zu organisieren. »Elisabeth Tabares aus Katanga gewann. Sie hatte schöne Fersen und nicht solche kurzen Zehen.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurzum, Mobutu verwirklichte die Versprechen, die die Unabhängigkeit geweckt hatte, aber nicht hatte einlösen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es ging nicht nur um Spiele, es gab auch Brot. Im Januar 1967 zog ein vergnügt lärmender Leichenzug durch die Straßen von Kinshasa. Mobutu war dabei, junge Leute aus seinem Freiwilligenkorps hielten ein Kreuz hoch, an dem ein Tropenhelm hing. Die Inschrift lautete: »Requiescat In Pace, UMHK, geboren 1906 und gestorben am 31. Dezember 1966.« Die Union Minière du Haut Katanga wurde zu Grabe getragen! Der große Sarg war nach den Maßen von Louis Waleff, dem ehemaligen Vorsitzenden des Verwaltungsrates, gezimmert worden. Um die Ahnen nicht zu stören, wurden die »sterblichen Überreste« des Minengiganten in den Fluss geworfen.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser spaßhafte Umzug war freilich Ausdruck eines sehr wichtigen Projekts. Mobutu war noch immer unzufrieden darüber, wie Tschombé mit Belgien die Einigung über das berühmte Aktienportfolio ausgehandelt hatte. Selbstverständlich spielte hier die Demütigung mit hinein, die er 1960 beim »ökonomischen Runden Tisch« hatte einstecken müssen. Der Kongo war, wie er meinte, politisch unabhängig, in ökonomischer Hinsicht jedoch von einer Unabhängigkeit weit entfernt. Die Zahlen gaben ihm nicht unrecht. In Katanga machten Ausländer nur 5 Prozent der Arbeitnehmer aus, aber sie gingen mit 53 Prozent der ausgezahlten Lohnsumme nach Hause.32 Der Betrag, den sie für eine Flasche guten Whiskey hinblätterten, entsprach dem Monatslohn eines Minenarbeiters. 1967 verstaatlichte Mobutu deshalb die Union Minière und brachte damit die Muttergesellschaft Sociéte Générale de Belgique in Brüssel gegen sich auf. Das Unternehmen wurde umbenannt in Gécomin, &#039;&#039;Générale Congolaise des Mines&#039;&#039;, wurde aber später bekannt als Gécamines, &#039;&#039;Générale des Carrières et de Mines&#039;&#039;. Der Ertrag aus dem Kupferbergbau sollte künftig direkt in die Staatskasse fließen. Und diese Summe war nicht gering. Der Vietnamkrieg hatte den Weltmarktpreis für Kupfer in schwindelnde Höhen getrieben. Die kongolesische Wirtschaft war immer von Kriegen irgendwo auf der Welt abhängig: Das war 1914-1918 so gewesen, 1940-1945 und während des Koreakrieges, aber auch der Vietnamkrieg spülte beträchtliche Summen in die Staatskasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seiner neuen Wirtschaftspolitik Nachdruck zu verleihen, führte Mobutu auch eine neue Währung ein. Bei der Unabhängigkeit entsprach 1 Kongo-Franc 1 belgischem Franc, 1967 war er nur noch 0,10 belgische Franc wert.33 Mobutu führte den Zaïre als neue Währungseinheit ein: 1 Zaïre ersetzte 1000 alte Kongo-Franc und entsprach 100 belgischen Franc oder 2 US-Dollar. Auf der ersten Banknote war Mobutu mit einigen Getreuen abgebildet, die mannhaft die Ärmel hochkrempelten. &#039;&#039;Retroussons les manches!&#039;&#039; lautete der Slogan. Jetzt wird zugepackt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für viele Kongolesen waren es goldene Jahre. In Lumumbashi lernte ich Paul Kasenge kennen, einen ehemaligen Angestellten von Gécamines. »Wir konnten uns wirklich nicht beklagen. Ich war sechsundzwanzig und wurde nach meinem Betriebswirtschaftsstudium leitender Angestellter. Ich war einer der ersten Schwarzen. Die ausländischen Führungskräfte gingen, die Kongolesen übernahmen ihre Posten. Wir wurden gut bezahlt. Die Kupferpreise waren hoch. Wir hatten ein Haus mit Garten. Es gab Schulen und Krankenhäuser für unsere Kinder. Wir bekamen sogar einen Kredit, um ein Auto zu kaufen, den haben wir dann abgestottert.«34 Früher war höchstens die Anschaffung eines Fahrrades realisierbar, jetzt war es ein Auto.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderen bot der MPR neue Chancen. André Kitadi, der nachdenkliche Veteran, der im Zweiten Weltkrieg durch die Wüste gezogen war und nach dem Krieg englisch sprach, wenn er essen ging, erzählte mir: »Über den MPR kam ich in den Gemeinderat von Ngaliema. Zum ersten Mal bekam ich Zugang zu einer Führungsposition. Darauf hatte ich lange gewartet.« Die Leute murrten nicht. Als sich Mobutu 1970 für eine zweite Amtszeit wählen ließ, erhielt er 10.131.669 Stimmen; es gab nur 157 Gegenstimmen, und die stammten alle aus einem einzigen Wahllokal, dem des Studentenviertels in Kinshasa. Auffällig war auch, dass es mehr Ja-Stimmen als Wahlberechtigte gab, obgleich keine Wahlpflicht existierte . . .35 André Kitadi dachte erst später anders darüber: »Die Diktatur brachte den Niedergang, aber damals wussten wir das noch nicht.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
September 1974. Zizi Kabongo machte sich reisefertig für den Boxkampf in seiner Heimat. In den ersten fünf Jahren hatte Mobutu seine Macht konsolidiert, in den nächsten fünf Jahren regierte er mit großzügiger Geste. Spektakulärer Höhepunkt dieser demonstrativen Jovialität musste einfach der Kampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman werden, ein Fight um den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht. Der Boxkampf würde als &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; in die Geschichte eingehen; im Kongo selbst sprach man davon als &#039;&#039;le combat du siècle&#039;&#039;. Es wurde tatsächlich eines der größten Sportereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen seiner Weigerung, nach Vietnam zu gehen &#039;&#039;(»No Vietcong ever called me a nigga«)&#039;&#039;, hatte Ali seinen Weltmeistertitel verloren, aber nach einer Sperre von dreieinhalb Jahren sann er auf Rache. Foreman war sieben Jahre jünger als Ali, erst fünfundzwanzig, Olympiasieger, Weltmeister, unbesiegbar. Hatte er nicht in zwei Runden die Boxlegende Joe Frazier sechsmal zu Boden geschlagen? Aber Ali wollte seinen Titel zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Boxpromotor Don King verlangte zehn Millionen Dollar Preisgeld, ein nach allen Maßstäben irrwitziger Betrag. Niemand war bereit, solch eine astronomische Summe hinzublättern für eine Keilerei, die bestenfalls zwölf Mal drei Minuten dauern würde. Niemand, außer Mobutu. Die Wirtschaft Zaires hatte sechs Jahre unablässigen Wachstums erlebt, und es war Zeit zum Feiern. Ali war begeistert über den Entschluss, aber es war ihm wahrscheinlich nicht bewusst, dass das Preisgeld, das Mobutu ausspuckte, indirekt doch dem Vietnamkrieg zu verdanken war. Für ihn war das Match in Kinshasa eine allerletzte Chance auf Revanche, für Mobutu war es eine allerletzte Chance für &#039;&#039;country marketing&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; des MPR für das Boxen entschied, ist nicht verwunderlich. Boxen war immer schon ein Teil des schwarzen Emanzipationskampfes gewesen. Fäuste vermochten, was Gesetze verboten: den Triumph des Schwarzen. 1908 wurde der Amerikaner Jack Johnson der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht; nachdem er seinen Titel 1910 erfolgreich gegen Jim Jeffries verteidigt hatte, brachen in ganz Amerika Rassenunruhen aus. Der Senegalese Battling Siki besiegte in den zwanziger Jahren den Franzosen Georges Carpentier mit einem Uppercut: Unerhört, dass ein kolonialer Untertan einen Superathleten aus der Metropole so demütigte. 1938 besiegte Joe Louis, Weltmeister im Schwergewicht, Max Schmeling durch technischen K.o. &#039;&#039;»Heil Louis!«&#039;&#039;, rief man in den Straßen Harlems in jener Nacht. In Kinshasa ging es zwar um einen Kampf zwischen zwei Farbigen, aber Ali war von Anfang an der Publikumsliebling der Zairer, sagte Zizi. »Die Leute sahen in Ali den guten Schwarzen. Er war sehr schlau, er ging in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;. &#039;&#039;Ali, boma ye!&#039;&#039;, riefen sie: Ali, schlag ihn tot! Foreman war für sie ein weißer Schwarzer, einfach ein Amerikaner, nicht einer von uns.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Muhammad Ali und Mobutu: Sie hatten mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick schien. Sie waren sich einig in ihrer Aversion gegen weiße Arroganz, beide präsentierten ihre &#039;&#039;blackness&#039;&#039; als eine Quelle des Stolzes. Beide hatten ihren Taufnamen aus politisch-religiösen Gründen abgelegt: Der Christ Cassius Clay war zum militanten Muslim geworden; der katholische Joseph-Désiré hieß nun auf altväterliche Weise Mobutu Sese Seko Nkuku Ngbendu wa Za Banga, »der machtvolle Krieger, der dank seiner Ausdauer und seinem Willen von Sieg zu Sieg eilt und nur Feuer hinterlässt« (oder aber auch: »der Hahn, der keine Henne unbesprungen lässt« – das hing davon ab, wie man es übersetzte). Beide, der amerikanische Sportler und der afrikanische Diktator, waren junge, zornige Stimmen, die die Dominanz des weißen Westens herausforderten. Und was für Stimmen: virtuos, zungenfertig, scharfsinnig und gewitzt. Auch mit Worten konnte man kämpfen. Das äußerst gewandte Französisch, dessen sich Mobutu so bravourös bediente, konnte sich mit Alis englischen Wortkaskaden messen. Kurz nach den öffentlichen Hinrichtungen seiner Konkurrenten sagte Mobutu mit unbewegter Miene zu zwei belgischen Journalisten: »Wir Bantus können die Demokratie anwenden, aber nicht nach dem Buchstaben, wie bei Ihnen.« Einen Schmeichler fuhr er einmal an: »Ich habe Sie nicht kommen lassen wegen Ihrer engelhaften Stimme und auch nicht wegen Ihrer biblischen Botschaft. Sprechen Sie frei heraus. Was ist Ihr Problem?« Doch wenn es jemand wagte, frei heraus zu sprechen, sagte er: »Also Sie sagen, dass Sie sich ein bisschen wie in einem Katz-und-Maus-Spiel fühlen?« »Ja, so ist es.« »Sagen Sie mir: Wer ist dann die Maus?« »Na, wir, &#039;&#039;papa&#039;&#039;!« »Und wer die Katze?« »Ähm . . . auch wir.« »Nun denn, was ist Ihr Problem?« Ali bereicherte die englische Sprache mit Bonmots wie &#039;&#039;»I am so bad, I make medicine sick«&#039;&#039; oder &#039;&#039;»My toughest fight was with my first wife«.&#039;&#039; Während seines Aufenthaltes in Kinshasa schüttelte er sich den unsterblichen Satz aus dem Ärmel: &#039;&#039;»I&#039;ve seen George Foreman shadow-boxing and the shadow won.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzteres war zudem gar nicht so falsch. Beim Training mit einem Sparringspartner war Foreman eine Augenbraue aufgeplatzt, und der Kampf musste um fünf Wochen verschoben werden. Zizi Kabongo durfte noch eine Weile in Paris bleiben. Das den &#039;&#039;rumble in the jungle&#039;&#039; begleitende Kulturprogramm startete jedoch bereits. Mobutu hatte die größten schwarzen Musiker der Welt in Kinshasa versammelt. Aus Lateinamerika traten Celia Cruz und Johnny Pacheco an, aus den USA kamen B. B. King, The Pointer Sisters, Sister Sledge und James Brown. Der Saxophonist Manu Dibango aus Kamerun und die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba teilten sich die Bühne mit den großen Stars der zairischen Musik. Der alte Wendo Kolosoy, &#039;&#039;godfather&#039;&#039; der Rumba, war da, zusammen mit Franco und dessen OK Jazz. Tabu Ley, der Mann, der früher noch Rochereau geheißen hatte, trat auf, und die jüngere Generation war durch die vom Funk inspirierte Soukous-Band Zaïko Langa Langa vertreten, die einflussreichste Gruppe der siebziger Jahre. Das dreitägige Festival in Kinshasa war eine kraftvolle Manifestation von afrikanischem Stolz über die Kontinente hinweg, eine Art schwarzes Woodstock.37 Was der Sklavenhandel auseinandergetrieben hatte, brachte Mobutu wieder zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich konnte sich Zizi auf die Reise machen. Er nutzte die Gelegenheit, um seinen Vater in Kasai zu besuchen, denn er hatte für ihn in Europa eine Getreidemühle gekauft. Auch sein Vater, eigentlich Eisenbahner bei der BCK, war im Rahmen von Mobutus Landwirtschaftspolitik Teilzeit-Bauer geworden. Eine elektrische Mühle erleichterte das Mahlen von Maniok ungemein. »Mein Vater hat sich sehr darüber gefreut. Als ich kam, hatte Mobutu gerade erzählt, dass die amerikanischen Künstler Nachkommen von Sklaven waren, und dass diese Sklaven damals nicht von Weißen verkauft worden waren, sondern von einheimischen Dorfvorstehern. Mein Vater sagte: ›Mobutu behauptet, dass die Schwarzen unsere Brüder an die Weißen verkauft haben!‹ ›Das stimmt, Papa.‹ ›Aber das ist doch unglaublich!‹ Er war darüber völlig erschüttert. Ich vermute, dass Mobutu diese Ideen mit Absicht verbreitete. Es half ihm, die Macht der lokalen Oberhäupter zu brechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu setzte alles daran, die tribalen Reflexe zu bekämpfen. Eine starke Nation war mit einer Stammeslogik nicht vereinbar. Die junge Generation sollte einen neuen Bezugsrahmen bekommen. In der Fußballnationalmannschaft sollten alle Gegenden des Landes vertreten sein. An den Wahlen zur Miss Zaire nahmen Mädchen aus allen Provinzen teil. Die Armee musste integrativ werden: Sogar Pygmäen konnten sich verpflichten.38 Um das Zaire-Gefühl zu stärken, reformierte Mobutu auch das Hochschulwesen. Die drei Universitäten des Landes verschmolzen zu einer großen, nationalen Superuniversität mit drei Campus. Nach Kinshasa ging man, wenn man Jura, Wirtschaft, Medizin, Naturwissenschaften oder ein ingenieurtechnisches Fach studieren wollte. In Kisangani wurde Psychologie, Pädagogik und Agrarwissenschaft gelehrt, in Lubumbashi, in der Nähe der Minen, Geowissenschaften. Dorthin, fern der Hauptstadt, waren auch die »gefährlichen« Richtungen wie Sozialwissenschaften, Philosophie und Literatur verdrängt worden.39 Diese Reform schwächte die Studentenbewegung und zwang die Studenten zu intertribaler Vermischung. Das frappanteste Beispiel dafür entdeckte ich auf einem Innenhof in der Abenddämmerung in Bukavu. Ich war bei Adolphine Ngoy und ihrer Familie zu Gast. Ihre Tochter bereitete auf einem Holzkohlenfeuer das Abendessen zu. Adolphine stammte aus Moanda, einem kleinen Ort an der Atlantikküste. Wie um alles in der Welt war sie zweitausend Kilometer in Richtung Osten an die Grenze zu Ruanda gelangt? »Dodo und ich lernten uns an der Universität von Kinshasa kennen. Er studierte am Polytechnikum, ich studierte Linguistik. Er war ein Mushi aus Bukavu, ich eine Mukongo aus Moanda. Als ältester Sohn der Familie hätte er innerhalb seines Stammes heiraten müssen, aber er entschied sich doch für mich. Ich zog hierher. In seiner Familie gab es großen Protest. Es hat Jahre gedauert, bevor die Nachbarschaft und die Familie mich akzeptierten.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie das Erasmus-Programm jungen Leuten mehr Liebe zu Europa vermitteln soll, notfalls in Form einer Liebesbeziehung im Ausland, so sollte Mobutus Bildungsreform ein größeres Zaire-Bewusstsein schaffen. Mobutu umgab sich gern mit jungen, begeisterten Zairern, die in seinem Projekt zur Förderung von Nationalbewusstsein voll aufgingen. Die beiden einflussreichsten Personen in seiner Entourage waren Citoyen Sakombi Inongo und Citoyen Bisengimana Rwema.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 fuhr ich von Goma nach Bukavu über den wunderschönen Kivusee, der die Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo bildet. An Bord des Fährschiffes wurde ich einem zurückhaltenden, sehr distinguierten jungen Mann vorgestellt, vom Typ her jemand, der niemals auf dem zugigen Achterdeck eines Passagierschiffes steht, sondern sich lieber in den Innenraum setzt und telefoniert. Er war der Sohn von Bisengimana, jahrelang die Nummer zwei in Zaire. »Mein Vater hat schon ab 1966 für Mobutu gearbeitet, aber 1969 wurde er zum Direktor des &#039;&#039;Bureau du Président de la République&#039;&#039; befördert. Mobutu hatte großes Vertrauen zu ihm. Mein Vater durfte ihm sogar widersprechen. Die Leute nannten ihn &#039;&#039;le petit léopard&#039;&#039;, der junge Leopard. Er trug auch eine Mütze aus Leopardenfell. Er war Kabinettschef bis 1977, als sie in Streit gerieten. Nachdem mein Vater gegangen war, hatte unter Mobutu niemand mehr so viel Macht wie er.«41&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Außergewöhnlichste an dieser Anstellung tauchte nun jedoch vor dem Schiffsfenster auf. Das Schiff brauste übers Wasser, und backbord wurden die Konturen der Insel Idjwi sichtbar. Dahinter liegt Ruanda. Bertrand Bisengimana stammte von der Insel, er war unterwegs nach Hause. Idjwi war zuerst deutsch gewesen, aber schon vor dem Ersten Weltkrieg in belgische Hände übergegangen. Die Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Tutsi, die aus Ruanda stammten. So auch er und sein Vater. Die Tutsi waren eine ethnische Minderheit, die bereits seit Jahrhunderten die soziale und politische Oberschicht des ruandischen Königreichs bildete; diese Stellung verdankten sie der Viehzucht. Rinder waren für die Tutsi das, was Steinkohle für die Industriebarone war: alles. Schon seit dem neunzehnten Jahrhundert hatten Tutsi-Viehzüchter das übervölkerte Ruanda verlassen und sich auf der anderen Seite des Sees angesiedelt. Sie zogen auf die Hochebenen von Süd-Kivu, in das Vulkangebiet von Nord-Kivu und auf die Insel Idjwi. Für die Kongolesen waren sie in jeder Hinsicht »anders«. Sie sahen anders aus und sie redeten anders. Ihr Kinyarwanda war eine ganz eigene Bantu-Sprache, die nur in Ruanda und im Süden Ugandas gesprochen wurde und mit der Sprache von Burundi verwandt war. Der archetypische Tutsi war groß bis sehr groß (manchmal 1,95 m), hatte eine scharf geschnittene Nase, eine hohe Stirn und schmale Lippen. Natürlich war das ein Klischee und hatte mit der Realität so wenig oder so viel zu tun wie Klischees über Iren, Italiener oder Schweden. Die Zairer schrieben ihnen außerdem zu, hochmütig und humorlos zu sein. Trotzdem ernannte Mobutu einen von ihnen zum Kabinettschef.42 »Am Anfang wollte Mobutu seinen eigenen Stamm nicht bevorzugen«, sagte Bertrand, »sonst hätte mein Vater als Tutsi von Idjwi niemals die Nummer zwei der Regierung werden können.« Mobutu kam es natürlich auch sehr gelegen, dass sein enger Mitarbeiter aus einem kleinen Stamm von Migranten kam. Die bildeten sicherlich keine Bedrohung für ihn . . . Er konnte damals noch nicht ahnen, dass ihn 1997 ausgerechnet Tutsi aus Ruanda vom Thron stoßen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte dem Volk mehr Wohlstand geschenkt, nun galt es, ihm auch einen Traum zu schenken. Dieser Traum wurde der zairische Nationalismus. Und der Architekt dieses Traums hieß Dominique Sakombi, oder besser Sakombi Inongo, nach damaliger Gepflogenheit.43 Sakombi war ein intelligenter, sehr eloquenter junger Mann und ein größerer Mobutist als Mobutu selbst. Im Herbst 2008 konnte ich ein kurzes Telefonat mit ihm führen: Seine Stimme war dünn wie ein Zigarettenpapier geworden. Nichts erinnerte mehr an das verbale Sperrfeuer von damals. Er sei sehr krank, sagte er, ein Interview sei nicht möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Sakombi in den frühen siebziger Jahren realisierte, war besonders findig: Er schaffte den Tribalismus nicht ab, sondern erhob ihn auf die Ebene des Staates. Die Bewohner Zaires durften immer noch ihren Stamm lieben, solange dieser Stamm Zaire hieß. Er sagte: »Für uns erstreckt sich das Dorf unserer Ahnen bis an die Landesgrenzen.«44 Das Territorium, das europäische Politiker im neunzehnten Jahrhundert willkürlich abgesteckt hatten, sollte nun als natürliches Staatsgebiet empfunden werden. Mehr als ein Staatspräsident wurde Mobutu zum nationalen Dorfoberhaupt, zum Häuptling de luxe. Und die Bürger wurden seine Dorfbewohner, seine Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi war »Staatskommissar« für Information. Sein Ministerium hatte 1400 Mitarbeiter und verfügte nach dem Verteidigungsressort über das größte Budget. Mobutu wusste, wo seine Prioritäten lagen: In seinem vorigen Leben war er sowohl Soldat als auch Journalist gewesen. Zu Anfang hatte sich seine Diktatur auf die Macht der Armee gestützt, ab 1970 stützte sie sich auf den Einsatz von Propaganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sakombi entwarf eine groß angelegte Kulturpolitik und verkaufte sie der Bevölkerung unter dem Slogan: &#039;&#039;Recours à l&#039;authenticité!&#039;&#039; Die Namensänderungen für das Land, die Städte und die Eigennamen waren ein Teil davon, aber es ging noch viel weiter. Die Rückkehr zum ursprünglichen Leben betraf nahezu jeden Aspekt des Alltagslebens. Wenn ein Zairer morgens aufstand, wusste er, wie er sich zu kleiden hatte. Westliche Kleidung war verboten. Männer durften keinen Anzug mit Krawatte mehr tragen, sondern waren verpflichtet, einen &#039;&#039;»abacost«&#039;&#039; anzuziehen: eine hochgeschlossene, an den Mao-Anzug erinnernde Jacke mit kleinem Kragen, zu der ein Halstuch gehörte. &#039;&#039;(»abacost«&#039;&#039; war wieder so ein mobutistischer Neologismus: Es kam von &#039;&#039;à bas le costume&#039;&#039;, weg mit dem Maßanzug. Auch die Sprache wurde verändert.) Frauen durften keinen Minirock mehr tragen, nur noch den traditionellen &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, ein Wickelgewand aus drei Teilen – Rock, Bluse und Kopftuch. Nur der natürliche Haarwuchs war erlaubt. Verlängern und Entkrausen der Haare war verboten. Und Produkte zum Bleichen der Haut waren auch tabu. Ein authentischer Zairer war das Gegenteil des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;; er sehnte sich nicht mehr danach, etwas zu sein, was er ohnehin nie sein würde, sondern schöpfte seine Kraft aus der eigenen Identität, der eigenen Kultur, den eigenen Traditionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn dieser Zairer ein Städter war, dann sah er auf dem Weg zur Arbeit überall neue, monumentale Skulpturen. Die Denkmäler für Stanley, Leopold II. und Albert I. waren demontiert worden. Sakombi bemerkte dazu trocken: »Soviel ich weiß, steht auch kein Denkmal für Lumumba mitten in Brüssel.«45 Auf Plätzen und vor Regierungsgebäuden erschienen stilisierte Figuren aus Beton, die die Arme in die Luft streckten oder Körbe schleppten. Allein in Kinshasa waren zweihundert Bildhauer aktiv.46 Ihr Stil war oft auffallend modern, Einflüsse von Zadkine, Picasso und Brancusi waren unübersehbar; aber das war erlaubt, denn diese Europäer waren ja selber stark von afrikanischer Kunst beeinflusst. Die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik war keine Übung in Nostalgie, sondern eine komplexe Mischung von Tradition und Modernität. Sakombi sagte darüber: »Wir reagieren, wie es unsere Vorfahren tun würden, wenn ihre Kultur nicht durch die koloniale Akkulturation unterbrochen worden wäre.«47 Es ging ihm nicht um einen &#039;&#039;retour à l&#039;authenticité&#039;&#039;, sondern um einen Rekurs, eine Rückbesinnung. Aus der alten Formensprache sollte eine neue Kunst geboren werden. Darum ließ Mobutu Kunstschätze aus dem ganzen Land zusammentragen. Zehntausende Masken und Fetische fanden den Weg in die staatlichen Museen, so wie in der Kolonialzeit jede Menge Etnographica nach Tervuren verschwunden waren.48 Das Nationalballett sollte traditionelle Tänze im Landesinneren studieren und neu interpretieren. Ein Nationaltheater wurde gegründet und ein nationaler Literaturpreis ausgelobt.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ein Zairer tagsüber das Radio einschaltete, hörte er grundsätzlich Musik aus heimischen Gefilden. Westliche Musik war verboten. Mobutu profilierte sich als der große Förderer der populären Musik. Franco bekam eine leitende Stellung in einem neuen staatlichen Institut, das das Musikbusiness unterstützen sollte. Hatte er nicht auf der Geburtstagsfeier direkt vor dem Putsch strahlend neben Mobutu gestanden? Tabu Ley tourte durchs Land. Mit Mobutus Unterstützung wurde er sogar der erste Schwarze, der im Pariser Olympia auftrat. Docteur Nico experimentierte mit traditioneller Percussion. Franco befreite den alten Akkordeonspieler Camille Feruzi vom Staub. »Recours à l&#039;authenticité«, hörte man ihn singen. Kinshasas Musikindustrie erlebte ihre turbulentesten Jahre. Platten wurden am späten Nachmittag aufgenommen und lagen schon am nächsten Morgen im Laden. Es wimmelte von Künstlern. Der zentrale Platz von Matonge, dem pulsierenden Herzen des Nachtlebens, wurde von Rond-Point Victoire in Place des Artistes umbenannt. Den Pionieren der kongolesischen, nein, der zairischen Musik wurde dort ein großes Denkmal errichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam ein Zairer abends von der Arbeit nach Hause, aß er Gerichte der authentischen Küche. &#039;&#039;Pundu, fufu, makayabu&#039;&#039;, Maniokbrot, Raupen, alles abgeschmeckt mit der Mutter aller scharfen Gewürze: Piri-piri. Bevor man sein Bier oder seinen Palmwein trank, goss man einen kleinen Schluck auf den Boden. Ein Trankopfer für die Ahnen, auch das gehörte sich so. Stellte man nach solch einem leckeren Essen den Fernseher an, sah man Bilder der &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, große Gruppen von Menschen, die in geometrischer Aufstellung und identischer Kleidung (in der Regel aus grünem Stoff und mit aufgedruckter Nationalflagge) singend und tanzend den MPR rühmten. Tagein, tagaus wurden die Segnungen des erlauchten Führers besungen, sechs, manchmal sogar zwölf Stunden am Tag.50 Um 18 Uhr begann dann der Höhepunkt des Staatsfernsehens: die Nachrichten. Sie wurden mit einer Idee Sakombis eröffnet. In einem Wolkenhimmel erschien das Gesicht des Präsidenten, das immer größer wurde, sodass es schien, als schwebe Mobutu vom Firmament ins Wohnzimmer. Die Kinder hielten ihn für einen Gott. »Alle Aktivitäten des Präsidenten und seiner Frau wurden gezeigt«, sagte Zizi, »und auch die der Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees. Es war ein regelrechter Personenkult. Sakombi bezeichnete Mobutu als den ›Pharao von Afrika‹. So in der Art.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch, wenn man sich abends schlafen legte, war man von der Staatspropaganda noch nicht erlöst, denn Mobutu hatte das Volk dazu aufgerufen, sich tüchtig fortzupflanzen – die Revolution bedurfte vieler Hände. Noch in den intimsten Momenten des Privatlebens hörte man den Ruf des Staatsoberhaupts. Es kursierte der Witz, dass er selber beim Liebesspiel nie rufen würde »Ça va jaillir!« (»ich komme«), sondern »Ça va Zaire!« . . . So wie die Missionare vorgeschrieben hatten, was ein »guter« kolonialer Körper war (Seife benutzen, die Haut bedecken, monogam sein), so drang die Diktatur in die Intimität des Privatlebens ein und unterwarf es einer neuen, allumfassenden Ordnung. Es gab kein Entrinnen. Auch beim Orgasmus diente man seinem Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es funktionierte. Die Zairer fühlten sich immer mehr als Zai­rer. Mit Sakombis Hilfe schaffte Mobutu in wenigen Jahren, was der Europäischen Union nach mehr als einem halben Jahrhundert noch nicht gelungen ist: Die Menschen sahen sich tatsächlich als Teil eines größeren Ganzen. Briten und Franzosen wollen einfach keine Europäer werden, Bakongo und Baluba aber waren irgendwann stolz darauf, Zairer zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gab es denn keinen Widerstand? Doch, natürlich, aber nur diskret. Zizi: »Keinen Schlips tragen dürfen, das war ein Problem. In Katanga sah man manchmal jemand, der aus Protest mit Anzug und Krawatte auf die Straße ging. Die Polizei sprach ihn dann sofort an: ›Wieso dieser koloniale Aufzug? Sind Sie vielleicht ein Ausländer?‹ ›Yes, from Zambia‹, sagte man dann. Man konnte ermordet werden, echt!« Während in Europa die Krawatte zum Symbol für Bürgerlichkeit und Angepasstheit wurde, entwickelte sie sich im Kongo zu einem Wahrzeichen des Widerstandes und der Freiheitssehnsucht. »Manche trugen extra einen Schlips, wenn sie im Wohnzimmer saßen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die obligatorische Namensänderung sorgte für unterschwelligen Protest. »Mein Vater schickte mir eine Liste mit neun Namen aus unserer Familiengeschichte, aus denen ich meinen &#039;&#039;postnom&#039;&#039; wählen konnte. Aber ein Kollege von mir – er hieß Gérard Ekwalanga und war ein großer Sportjournalist – war sehr gläubig, deshalb hing er sehr an seinem Taufnamen. Aus Verärgerung nannte er sich Ekwalanga Abomasoda. Dieser &#039;&#039;postnom&#039;&#039; hatte mit seinen Vorfahren überhaupt nichts zu tun. Auf Lingala bedeutete er: ›Der, der die Soldaten tötet‹! Oder Oscar Kisema, der wählte den Namen Kisema Kinzundi. Auf Lingala klang das wie ein normaler Name, aber auf Swahili bedeutete es ›große Vagina‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verbot christlicher Namen machte der Kirche sehr zu schaffen. »Mobutu wollte die Macht der Kirche brechen«, sagte Zizi. »Die Heiligen wollte er durch die Ahnen ersetzen.« Anfangs zeigte sich die Kirche gegenüber dem neuen Regime loyal. Einen Monat nach dem Putsch hatte Kardinal Malula ja feierlich erklärt: »Monsieur le Président, die Kirche erkennt Ihre Macht an, denn die Macht kommt von Gott. Wir werden uns getreulich an die Gesetze halten, die Sie zu erlassen belieben.«51 Doch sechs Jahre später, am 12. Januar 1972, hielt Malula eine donnernde Predigt gegen das Regime. Mobutu kochte vor Wut. Er entließ Malula sofort aus dem Ordre du Léopard, verbannte ihn ins Ausland und verbot Christen, für ihren Erzbischof zu beten. Doch das nützte ihm nichts. Die Kirche würde noch lange Zeit der schärfste Kritiker des Regimes sein. Die Bischöfe wussten sich durch ihr internationales Netzwerk bestärkt, außerdem kontrollierten sie das Bildungswesen. Staaten haben für gewöhnlich zwei Möglichkeiten, sich ihre Bürger zurechtzubiegen: das Bildungssystem und die Medien. Mobutu hatte nur die Medien. Er setzte deshalb alles daran, die Macht der Kirche zu beschränken (Missionsschulen mussten einen einheimischen Direktor einstellen, Kruzifixe wurden verbrannt, Seminaristen mussten in die MPR-Jugendverbände eintreten, christliche Jugendorganisationen wurden verboten, Weihnachten wurde zu einem normalen Arbeitstag, sogar alle religiösen Zusammenkünfte, bis auf die Messe und die Beichte, waren ab einem bestimmten Zeitpunkt tabu). Und als das alles nichts brachte, übertrug er den Bischöfen Spitzenpositionen in der Verwaltung oder schenkte ihnen einfach Jeeps und Limousinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Kulturpolitik schrieb nicht bis ins Kleinste vor, was die Kongolesen glauben sollten und was nicht, und der Ahnenglaube wurde nicht durch eine ausgearbeitete nationale Theologie untermauert, aber der Kimbanguismus, die Religion, gegen die die Belgier so vehement vorgegangen waren, florierte wie nie zuvor, denn er galt als eine authentische afrikanische Religion. Zunehmend war er wie der Staat im Kleinformat organisiert: hyperzentralistisch und hierarchisch. Der religiöse Führer wurde mit Gesang und Tanz angebetet, genau wie Mobutu. Die Underdogs der Kolonialzeit wurden nun die Herolde des Mobutismus.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vertrauen in die eigene Identität – es war ein schöner Gedanke, aber natürlich nicht ohne Haken und Ösen. Warum machte Mobutu Werbung für die einheimische Küche, wenn sein Lieblingsgericht nach wie vor &#039;&#039;ossobuco alla romana war&#039;&#039;? Was war so authentisch an dieser erbärmlichen &#039;&#039;animation politique&#039;&#039;, die er sich im Grunde von Kim Il-sung abgeschaut hatte? Was war das spezifisch »Zairische« an dem berühmten &#039;&#039;abacost&#039;&#039;, der nicht mehr war als ein farbiger Mao-Anzug und dessen edelste Exemplare von Arzoni, einer Textilfabrik in Zellik bei Brüssel, hergestellt wurden? Was war typisch afrikanisch am &#039;&#039;pagne&#039;&#039;, einem Batikstoff aus Indonesien, von Nonnen empfohlen zur Bedeckung des Busens, dessen farbechteste Varianten, die berühmten &#039;&#039;wax hollandais&#039;&#039;, in den Niederlanden hergestellt wurden, bei Vlisco in Helmond? Warum war Camille Feruzi ein authentischer Musiker? Er spielte Akkordeon, verflixt noch mal, und hatte offenkundig sehr oft Tino Rossi zugehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War dieser &#039;&#039;recours à l&#039;authenticité&#039;&#039; nicht einfach nur ein Vorwand? Eine bestrickende Ideologie, die eine tiefere Wirklichkeit verschleiern sollte? Ja, das war es. Und diese tiefere Wirklichkeit war: Wie es seinem Volk ging, wurde Mobutu zunehmend egal. Er war so intensiv damit beschäftigt, seine Stellung zu sichern, dass er wichtige Regierungsaufgaben vernachlässigte. Autos, Ämter, Tagespauschalen und Botschaftsposten verteilte er mit manischer Besessenheit ohne Rücksicht auf die Staatskasse. Ja, die Wirtschaft erlebte einen Wiederaufschwung, aber das lag eher am Vietnamkrieg als an einer vernünftigen Politik. Es war eine zufällige Hochkonjunktur, auf der Mobutu komfortabel surfen konnte; er bemühte sich nicht im Geringsten, die Armut zu bekämpfen. Mit den beträchtlichen Einnahmen hielt er seinen Machtapparat intakt. Im Grunde verdankte er seine Macht einer extremen Form des Klientelismus. Mobutu stand an der Spitze einer Pyramide; ein paar tausend Menschen fraßen ihm, direkt oder indirekt, aus der Hand. Er und sein Gefolge waren durch wechselseitige Verpflichtungen und Vorteilsgewährungen miteinander verflochten. Die finanzielle Unterstützung dankten ihm seine Anhänger mit der Loyalität, die er benötigte, um an der Macht zu bleiben. Mobutu brauchte sie, sie brauchten Mobutu. Ein Zweckbündnis. Mobutu war der Sklave seines Machthungers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire bildete sich so eine echte Staatsbourgeoisie heraus, eine große Gruppe von Menschen, die zu Wohlstand gelangten auf Kosten des Staates.53 Der Staat diente im wahrsten Sinne des Wortes als ökonomische Basis dieser neuen Mittelschicht, die keinerlei Skrupel hatte, ihren frisch erlangten Wohlstand in Form von teuren Autos, großen Villen und einem luxuriösen Lebensstil zur Schau zu stellen.54 Wer in einem Jaguar oder Mercedes umherfuhr, bekam den Spitznamen Onassis. »Und wer mal ein bisschen husten musste, flog zu seinem Hausarzt nach Brüssel«, sagte Zizi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Klientelismus ging so lange gut, wie Geld vorhanden war. Die Verstaatlichung der Union Minière hatte Mobutu zu sagenhaften Einnahmen verholfen, doch die Aufwendungen für seinen Machterhalt wurden immer größer. »Früher hatte ich im Grunde keine Familie«, seufzte er einmal, »keiner hat sich um mich gekümmert! Aber seit ich Präsident bin, hat fast die Hälfte aller Zairer entdeckt, dass sie irgendwie um ein paar Ecken mit mir verwandt sein könnten und deshalb Ansprüche stellen dürfen.«55 Den Schaden hatte natürlich der zairische Durchschnittsbürger, der sich an keinerlei Familienbande mit dem Staatsoberhaupt erinnern konnte. Um seine wachsende Klientel bei Laune zu halten, musste Mobutu immer neue Finanzquellen auftun. Ausländische Investitionen, bilaterale Verträge und internationale Darlehen kamen ihm sehr gelegen.56 Je bedürftiger sein Land war, desto mehr konnte er kassieren. Armut lohnte sich. Sie war ein wirtschaftlicher Trumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das genügte noch nicht. Am 30. November 1973 fasste er einen drastischen Beschluss. Er war gerade von einer Rundreise durch China zurück und hatte sich dort mit der Staatswirtschaft vertraut gemacht. »Die Gefahr ist eher weiß als gelb«, sagte er nach seiner Rückkehr, »politisch sind wir ein freies Volk, kulturell werden wir es gerade, aber wirtschaftlich sind wir noch alles andere als Meister.«57 Mobutu ging zur »Zairisierung« über: Klein- und Mittelbetriebe, Bauernhöfe, Plantagen und Handelsunternehmen, die noch Eigentum von Ausländern waren, insgesamt ein paar tausend Firmen, wurden enteignet und seinen Getreuen gratis überlassen.58 Von heute auf morgen erlebten portugiesische Restaurantbesitzer, griechische Boutiqueninhaber, pakistanische Fernsehmechaniker und belgische Kaffeepflanzer, wie ihre langjährige Arbeit verloren ging. An der Spitze des Unternehmens stand nun ein Zairer aus der Umgebung des Präsidenten, der meist keine Ahnung hatte, wie man einen Betrieb führte. Bestenfalls ließ er den ehemaligen Besitzer als Geschäftsführer weiterarbeiten und kam einmal im Monat vorbei, um den Gewinn zu kassieren. Schlimmstenfalls plünderte er sofort die Kasse und verkaufte die Lagerbestände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren grotesk. Eine elegante Dame, die nie die Hauptstadt verließ, war plötzlich für eine Chininplantage in einer entfernten Gegend des Landes verantwortlich. Herren, die eine Kuh nicht von einem Stier unterscheiden konnten, leiteten einen Viehzuchtbetrieb. Generäle durften Fischereifirmen verwalten und Diplomaten Limonadefabriken. Der Informationsminister Sakombi wurde Besitzer einer ganzen Reihe von Zeitungskiosken und Kinos, aber auch von ein paar Sägewerken. Bisengimana erhielt die Plantagen des Prince de Ligne auf der Insel Idjwi zum Geschenk, die ein Drittel der Insel einnahmen.59 Unser Freund Jamais Kolonga, ein kleiner Fisch im Netzwerk um den Präsidenten, wurde Chef eines Sägewerks in seiner Heimatgegend. Der Partylöwe aus der Hauptstadt musste sich nun plötzlich mit der Lagerung und Vermarktung von tropischem Hartholz befassen. Manche konnten mit dem Geschenk überhaupt nichts anfangen, andere stürzten sich in die neue Tätigkeit. Popstar Franco wurde über Nacht Besitzer von Willy Pelgrims&#039; Schallplattenimperium, und in diesem Sektor kannte er sich gut aus.60 Jeannot Bemba konnte sich dank der Zairisierung zum reichsten Geschäftsmann des Landes mausern. Er wurde Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes und gründete eine Fluggesellschaft, Scibe Zaïre. Mobutu schließlich genehmigte sich vierzehn Plantagen, verstreut übers ganze Land. Er kontrollierte ein Viertel der Kakao- und Kautschukproduktion, hatte 25.000 Angestellte und wurde der drittgrößte Arbeitgeber des Landes. Nicht zuletzt dank der Einnahmen aus den Minen wurde er Schätzungen zufolge der siebtreichste Mann der Welt.61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu aber betrachtete sein Land und sah, dass es nicht gut war. Ende 1974 schaltete er auf die »Radikalisierung« um. Kränkelnde Betriebe wurden nun vom Staat übernommen. So könnten sie wieder Gewinne erzielen, und mit diesen Gewinnen könnte er sich seine Freunde warmhalten. Sie zu Firmeninhabern zu machen, war wohl eine weniger gute Idee gewesen. Aber auch diese Wirtschaftsreform brachte nicht den gewünschten Erfolg. Mobutu, der große Freund der Amerikaner, hatte plötzlich, ohne es wirklich gewollt zu haben, eine kommunistische Ökonomie am Hals. Mit einer dritten Reform, der sogenannten &#039;&#039;»retrocession«&#039;&#039; (denn Rhetorik war der einzige Geschäftszweig, der wirklich florierte), versuchte er die geschröpften und ausgeplünderten Betriebe den ursprünglichen Besitzern zurückzugeben, doch die hatten längst das Interesse daran verloren.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sozialen Folgen waren dementsprechend. So brillant Mobutu als Kommunikator war, so unbedarft war er als Ökonom. Das Fiasko der Zairisierung trieb die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Und wer noch einen Job hatte, etwa als Beamter oder als Lehrer, konnte von seinem Gehalt nicht leben.63 Jeder verdiente sich etwas dazu, als Maurer, Chauffeur oder Bierverkäufer. Die Ehefrauen versuchten es mit dem Mikro-Handel. Sie hockten ganze Tage auf dem Markt, vor sich einen Stapel Holzkohle oder ein paar Zwiebeln. Sie kauften Brot in der Fabrik und trugen es auf dem Kopf durch die Stadt, bis es verkauft war. Sie blieben zu Hause bei den Kindern und machten einen kleinen Laden auf, wo die Leute aus der Nachbarschaft Teebeutel, Streichhölzer und Seife kaufen konnten. Sie stellten Teile ihres Hauses einer Brauerei oder Zementfabrik als Lager zur Verfügung und verkauften mit äußerst winzigen Gewinnspannen Getränke oder Zementsäcke. Mit Mühe und Not versuchte man, über die Runden zu kommen. Notfalls musste man bei Verwandten anklopfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 wurde die Lage unhaltbar. Mit dem Ende des Vietnamkrieges ging ein drastischer Fall des Kupferpreises einher. Außerdem war die beginnende Ölkrise auch in Zaire zu spüren. Die Preise stiegen rasant. Die ganze Zairisierung trug zusätzlich noch zur Inflation bei, denn seit eine Klasse von Superreichen entstanden war, trieben Ladenbesitzer die Preise gewaltig in die Höhe. Für den Durchschnittsbürger hatte das freilich zur Folge, dass seine Kaufkraft weiter sank. Für ein Kilo Süßwasserfisch musste ein einfacher Arbeiter 1960 einen Tag arbeiten; Mitte der siebziger Jahre waren es zehn Tage.64 Lebensmittel wurden unbezahlbar. Das gesamte Einkommen ging dafür drauf. Im Landesinneren war die Landwirtschaft vernachlässigt worden. Warum sollte ein Bauer sein Land bestellen, wenn es ohnehin keine Straßen mehr gab, auf denen er die Ernte in die Stadt bringen konnte? Zaire, eines der fruchtbarsten Länder der Erde, wurde deshalb extrem abhängig von teuren Nahrungsmittelimporten. Im Hafen wurden Dosen mit Tomatenmark entladen, während im Inland Fleischtomaten tonnenweise an den Sträuchern verfaulten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Versprechen eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs war auf eine Katastrophe hinausgelaufen. Ein früher Slogan des MPR lautete: &#039;&#039;Servir et non se servir&#039;&#039; (»Dienen: ja, sich selbst bedienen: nein«); Mobutu und sein Clan hingegen bedienten sich selbst sehr gut. Seine Popularität schwand. Das Brot war langsam alle. Wo blieben die Spiele?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi war nach seinem imaginären Abenteuer mit dem Säbel von König Baudouin wieder nach Kikwit gezogen. Er wurde Verkäufer bei Bata, der internationalen Schuhkette, die auch Filialen in Afrika hatte. Eines Tages betrat ein hübsches Mädchen den Laden. Sie schaute sich einige Modelle an und ging dann wieder, um Fisch zu kaufen. Ein paar Minuten später schloss Longin den Laden zur Mittagspause und ging ihr nach. Sie bezahlte gerade. Fisch war damals noch erschwinglich. Er sprach sie mit den unvergesslichen Worten an: »Ich bezahle Ihren Fisch, damit Sie meine &#039;&#039;fiancée&#039;&#039; werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wirklich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wirklich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann gebe ich Ihnen meine Adresse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends besuchte er sie zu Hause. Sie rief ihren Vater und ihre Onkel dazu. Die Verwandten wollten den seltsamen Vogel erst einmal in Augenschein nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin bereit, dieses Mädchen zur Frau zu nehmen«, sagte Longin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Haben Sie Geld?«, fragte die Familie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das stimmte nicht so ganz, aber sein europäischer Chef bei Bata war bereit, ihm den Brautpreis vorzuschießen. Das machte er bei seinen Angestellten öfter. Longin musste das Geld in monatlichen Raten abstottern. Bata hatte einen guten Namen, es war ein seriöser Laden. Der Vater und die Onkel waren einverstanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin arbeitete viele Jahre bei Bata. Wie es nun einmal Tradition war, bestellte seine Frau das Land: Sie baute Mais, Maniok und Erdnüsse an. Das junge Paar konnte sich nicht beklagen. 1969 wurde das erste von sechs Kindern geboren. Einige Jahre später kaufte Longin ein großes Grundstück von dreißig mal vierzig Metern und baute ein geräumiges Lehmhaus. In diesem Haus habe ich ihn auch interviewt. »Das war die reichste Zeit in meinem Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber kam die Zairisierung. »Mein europäischer Chef ging. Ein Zairer übernahm Bata. Er leitete den Laden. Das war nicht gut. Bata ging pleite.« Harte Zeiten brachen an. Longin betete immer öfter am Grab von Kuku Pemba, einem gefährlichen Ort, einem mythischen Ort. Kuku Pemba war der erste Mann aus der Region, der einen Weißen erblickt hatte. In Zeiten von Hungersnot wandte man sich an höhere Mächte. Er galt als ein mächtiger Urahn, sogar Mobutu fürchtete sich vor ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1974 reiste Longin zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder in die Hauptstadt. »Ich fuhr nach Kinshasa, um den Boxkampf zu sehen. Ich sah, dass Ali auch betete. Er war ein Muslim und trug eine Kette. Foreman hatte einen großen Hund bei sich, wie ein Europäer. Ich saß im Stadion. Der Kampf fand nachts statt. Foreman war kräftiger. Ali hing in den Seilen. Das ganze Match hindurch. Foreman war aufgedunsen wie ein Schwein. Es war ein kolossaler Kampf, kolossal!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie konnte man einem Präsidenten böse sein, der einen zu einem so grandiosen Fest einlud?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit die Zuschauer in den USA den Boxkampf in der Hauptsendezeit sehen konnten, fand er um vier Uhr nachts statt. In der Stadt war es brütend heiß, die Regenzeit hatte begonnen. Seit dem frühen Morgen füllte sich das Stadion. »Kinder hatten schulfrei. Firmen mussten einen Tag bezahlten Urlaub geben. Bars mussten das Bier zum halben Preis ausschenken. Mehl gab es sogar umsonst«, erinnerte sich Zizi. Die Zuschauer kamen von nah und fern, sogar aus Angola und Kamerun. Siebzigtausend Menschen bekamen einen Sitzplatz im Stadion. Mehrere tausend Sitzplätze waren VIPs vorbehalten, hauptsächlich Jasagern aus Mobutus Gefolge. Um das Stadion herum war eine riesige Menschenmenge auf den Beinen. Wegen der ungewöhnlichen Uhrzeit hatte Mobutu eine Flutlichtanlage aufbauen lassen. Um die Tribüne ragten vier riesige »Fliegenklatschen« aus dem Dunkel auf. Sie waren mit grell leuchtenden Strahlern ausgerüstet, die dank des Stroms vom Inga-Damm das ganze Stadion in blendend weißes Licht tauchten. Mobutu war wirklich elektrisierend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Mitte des Fußballplatzes war der Boxring aufgebaut. Die amerikanischen Fernsehteams hatten eine beeindruckende Ausrüstung mitgebracht. Die Kinder auf den Betonstufen strahlten vor Stolz. Ihr Land war das einzige Land auf der Welt, das diesen Kampf veranstalten konnte! Sogar der Ring war aus den USA hertransportiert worden! Die Amerikaner hatten sogar ihr eigenes Wasser bei sich! Ja, ihr eigenes Toilettenpapier!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch das Zairer Fernsehteam war gut ausgerüstet. Damit auch wirklich nichts schiefging, hatte man fünf funkelnagelneue Arriflex-Kameras angeschafft, schwere Geräte, die man auf der Schulter tragen konnte. Außerdem verfügten die Reporter über einige Bell &amp;amp; Howells, leichtere Kameras für Detailaufnahmen. Alles in Farbe, versteht sich. Es gab zwei Regisseure, zwei Kommentatoren in französischer Sprache und einen in Lingala. Alle erhielten eine hohe Prämie als Nachtzuschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi Kabongo stand hinter der Kamera, die die Reaktionen des Publikums filmen sollte. Eine Band mit traditioneller kongolesischer Musik machte eine Runde über die Kampfbahn. Jubel und Hochrufe brandeten auf, als Ali aus den Katakomben erschien und sich tänzelnd und in die Luft boxend in den Ring begab. Er legte seinen Mantel ab. Ein göttlicher Körper glänzte im Licht der Scheinwerfer. &#039;&#039;Ali, boma ye! Ali, boma ye!&#039;&#039;, skandierte Zaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Allermerkwürdigste aber war: Mobutu selbst war nicht anwesend. Er mied das Stadion, in dem ihn das Volk 1965 empfangen hatte. Befürchtete er, durch Alis Popularität in den Schatten gestellt zu werden? Fürchtete er um seine Sicherheit? War er der Ansicht, als &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; sei er gerade durch seine Abwesenheit noch präsenter? Zizi wusste es nicht. Dafür wusste er aber, dass Mobutu in seinem Palast seine Aufnahmen direkt sah. Der Präsident verfügte nämlich über das einzige CCTV-Überwachungsnetz des Landes. Zizi ließ die Kamera über das Zuschauermeer gleiten. Auf seinem Monitor sah er das farbenfrohe Fest einer jubelnden Menschenmenge auf eine stumme Szene in graublauen Tönen reduziert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Boxkampf selbst bekam er nur wenig mit. Er sah nicht, wie Ali schon in der ersten Runde versuchte, Foreman mit einer brutalen Serie rechter Geraden k. o. zu schlagen. Er sah nicht, wie wütend Foreman wurde und wie Ali das Tänzeln vergaß. &#039;&#039;»Float like a butterfly, sting like a bee«&#039;&#039;, hatte er eigentlich versprochen. Tänzeln würde er, tänzeln musste er, aber daraus wurde nichts. Zizi sah nur die Zuschauermenge durch den Sucher seiner Kamera, die Menge, die zuerst jubelte und dann Angst bekam. Er sah nicht, wie sich Ali von der zweiten Runde an weit in die Seile zurücklehnte, um Foremans Schlägen auszuweichen. Ali verbarg sein Gesicht hinter den schwarzen Boxhandschuhen und kassierte einen unaufhörlichen Hagel von Faustschlägen in die Seiten. &#039;&#039;»Everlast«&#039;&#039; stand auf den Eckpolstern des Rings, doch die Frage war, wie lange das andauern konnte. Foreman hatte einen der härtesten Punchs in der Geschichte des Schwergewichtsboxens. Ali wollte seinen Gegner besiegen, indem er ihn zermürbte. &#039;&#039;Rope-a-dope&#039;&#039;, »am Seil verweilen« würde er diese Taktik später nennen. Zizi hörte nicht, wie Ali über das weiße Grinsen seines Mundschutzes immer wieder rief: &#039;&#039;»George, you disappoint me.« »Come here, sucker! They told me you could punch.« »You&#039;re not breaking popcorn, George.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi filmte und filmte. Seine Aufnahmen waren nicht dazu gedacht, in der Welt verbreitet zu werden. Dafür sorgten schon die Amerikaner. Das hier war für den Eigengebrauch. Er sah die Prominenten vor sich: den Staatskommissar für den Sport, die Provinzgouverneure, die Diplomaten, die Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees, die gesamte Kaste, die sich von Mobutu unterhalten ließ. Speichellecker aus dem Publikum steckten ihm Geld zu und baten ihn, sie einmal gut ins Bild zu setzen, damit der Präsident sie sah. Vor allem Frauen. Eine Frau im roten Kleid, eine Dame in Weiß . . . Könnte er bitte mal kurz auf sie zoomen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hin und wieder drehte er sich um. Dann sah er jedes Mal, wie der hünenhafte Foreman auf Alis Körper eindrosch, der fürchterlich nach hinten hing. Zizi bekam nicht mit, wie sich Ali in der achten Runde, dreizehn Sekunden vor dem Gong, plötzlich von den Seilen löste und blitzschnell mit einer gewaltigen Rechts-links-rechts-Kombination ausholte. Der letzte Stoß war ein vernichtender Hammerschlag, der Foremans Gesicht zu einem Tonklumpen verformte. Foremans Arme, acht Runden lang wie stampfende Maschinenkolben, fuchtelten plötzlich unkontrolliert ins Leere. Foreman beugte sich vor, konnte es nicht glauben. Er war noch nie k. o. geschlagen worden. Der Boden des Boxrings kippte auf ihn zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde eine ausgelassene Nacht. Direkt nach dem Kampf brach ein außerordentlich heftiges Gewitter los. Die Nachtclubs von Kinshasa waren gestopft voll. Getränke gab es gratis. Alle feierten, lachten, betranken sich. Aber als Zizi nach Hause ging, beschäftigte ihn auch die Frage, wie Mobutu sich die Aufnahmen angesehen hatte. Saß er allein, nur mit ein paar Angehörigen, in seinem Palast? Genoss er das Schauspiel, das er seinem Land spendiert hatte? War er neugierig auf die Frau im roten Kleid? Oder achtete er mit unruhigen Blicken auf die Reaktionen des Publikums, besorgt über jedes Gesicht, das nicht fröhlich genug aussah?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 10 Toujours servir ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Wahnsinn eines Marschalls 1975-1990 ===&lt;br /&gt;
In der Einsamkeit seiner Allmacht saß Mobutu wie gebannt vor dem Fernseher. Fünfzehn Jahre nach dem historischen Boxkampf sah er Bilder, die ihn mehr aus der Fassung brachten als jedes Filmmaterial, das er jemals gesehen hatte. Es war Weihnachten 1989, und in den Nachrichten eines ausländischen Senders sah er, wie eine Schildkröte den Kopf ausstreckte, langsam, hilflos, mit Todesangst im Blick. Nein, es war keine Schildkröte, es war ein Mann, der aus einer Luke unten an einem Schützenpanzer kroch oder eher herausgeschoben wurde. Vor dem graugrünen Stahl bewegte er den Oberkörper so unbeholfen – die Arme an den Rumpf gedrückt, die Hände noch im Inneren des Panzers –, dass er einer Schildkröte ähnelte. Ein Soldat auf der Straße ergriff den Mann von außen und zog ihn heraus, als mache er die Arbeit einer Hebamme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Videoaufnahmen waren gelblich und unscharf, die Szene wirkte winterlich. Aber Mobutu erkannte den Mann sofort. Es war Nicolae Ceaușescu. Zusammen mit seiner Frau war er kurz zuvor verhaftet worden, nach tagelangen Protesten in seinem Land. Mobutu sah, wie sich der rumänische Präsident hochrappelte und seine schwarze Mütze abnahm, um sich die Haare glatt zu streichen. Die Mütze sah wie eine winterliche Ausführung seiner eigenen Leopardenfellmütze aus. Das war nicht die einzige Ähnlichkeit. Ceaușescu war, genau wie er, 1965 an die Macht gekommen, und Mobutu hegte große Bewunderung für den Schneid, mit dem er Rumänien auf einem von der UdSSR unabhängigen Kurs steuerte. Und wie Mobutu erfreute sich Ceaușescu großer Unterstützung aus dem Westen. Beide verdankten ihre Macht treuen Bündnispartnern im Ausland und einer gefügigen Clique im Inland, und so konnte sich ihre Präsidentschaft zu einer Quasi-Monarchie entwickeln. Beide legten Wert auf denselben Beinamen: Ceaușescu ließ sich &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; nennen, Führer, und Mobutu ließ sich als &#039;&#039;le Guide&#039;&#039; ansprechen. Um das »Genie der Karpaten«, noch so ein Beiname, war ein ebenso sonderbarer Personenkult entstanden wie um den »Großen Steuermann« in Kinshasa. In Zaire war die &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Philosophie inzwischen offiziell zum »Mobutismus« umgestaltet worden; in Rumänien herrschte der »Ceaușescuismus«. Auf derart umfassende Weise legitimiert, konnten beide Herrscher nur schwer mit Kritik umgehen. Sie legten der Presse Zügel an und sahen Dissidenten am liebsten jenseits der Landesgrenzen. Sollten die doch in schmuddeligen Pariser Kaschemmen über vollen Aschenbechern ihrem Groll Luft machen, blind wie sie waren für die Segnungen, die ihnen ihre Herrscher gebracht hatten. Die Staatssicherheit ging über alles. Ceaușescus Securitate wies auffallende Ähnlichkeiten mit der DSP auf, Mobutus &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;. Die Beziehungen zwischen Kinshasa und Bukarest waren sehr herzlich und durch eine innige Freundschaft zwischen Mobutu und Ceaușescu gekrönt. Mobutu blickte nach Amerika, wenn es um Geld ging, und nach Osten, um sich Anregungen für seine Regierungsmethode zu holen. Er hatte viel von Mao und Kim Il-sung gelernt, aber das einzige kommunistische Staatsoberhaupt, mit dem er jetzt noch befreundet war, war Ceaușescu. Auch die Gattinnen verstanden sich gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu sah die Bilder. Einen Monat zuvor hatten sich in Bukarest noch die Spitzenleute ihrer beiden Parteien getroffen.1 Nun sah er, wie Nicolae und Elena in einem trostlosen Klassenzimmer Platz nahmen. Wie verbraucht sie plötzlich aussahen . . . Nicolae war ein alter, grauhaariger Mann in einem langen Wintermantel, Elena eine Dame im gesetzten Alter mit einem großen Pelzkragen. Ein älteres Ehepaar aus Osteuropa. Sie saßen an einem Tisch mit dünnen Metallbeinen. Nicolae gestikulierte heftig, erhob die Stimme. Die Kamera schwenkte nach rechts. Hohe Offiziere mit vielen Orden kamen ins Bild. Militärs, die aufsprangen. Ein Mann, der einen Text von einem Blatt ablas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein sehr turbulenter Herbst gewesen in Europa. Glasnost, Perestroika, der Mauerfall . . . Mobutu verfolgte alles mit Argusaugen. Seit Gorbatschow das politische Tauwetter eingeleitet hatte, war eine Kettenreaktion in Gang gekommen, die sich nicht mehr aufhalten ließ, am wenigsten von Gorbatschow selbst. Einen großen Einparteienstaat zu demokratisieren, hielt Mobutu schlichtweg für tollkühn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sehe sich an, was in der Sowjetunion geschieht; schon ohne dass das Mehrparteiensystem dort etabliert wird, genügte es, dessen Prinzip zuzulassen, damit Regionalismus und Separatismus aufkamen. Ich kann die baltische, armenische, georgische oder weißrussische Bewegung nicht beurteilen; ich beschränke mich auf die Feststellung, dass allein schon der Gedanke an ein Mehrparteiensystem der Entstehung von Fliehkräften Vorschub leistet.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demokratisierung, davor nahm sich Mobutu in Acht. Er erinnerte sich nur zu gut an das Debakel der Ersten Republik. Der Fall des Kommunismus in Europa ähnelte in mancher Hinsicht der Entkolonialisierung von Afrika: ein abrupter Prozess, in dessen Verlauf eine latente Hoffnung plötzlich in eine unkontrollierbare Stromschnelle geriet. Sophistisch argumentierte er: »Wenn wir bei uns ein demokratisches System nach westlichem Rezept unter Zwang einführen, wäre das erst recht eine Diktatur.«3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ganz Mittel- und Osteuropa war das Ende des kommunistischen Zeitalters ohne Blutvergießen vonstattengegangen. In den vergangenen Tagen hatte Mobutu Plätze in Bukarest gesehen, auf denen Zehntausende Menschen der Kälte trotzten, um den Rücktritt des &#039;&#039;Conducător&#039;&#039; zu fordern. Doch erst diese verwackelten Bilder aus einem kleinen Dorf außerhalb der Hauptstadt ließen ihn schaudern. Plötzlich saßen Nicolae und Elena nicht mehr in dem Klassenzimmer von soeben, sondern standen auf einem leeren Schulhof vor einer gelben Mauer. Mobutu sah eine Staubwolke. Geknatter. Als klappere jemand mit einer Büchse, die mit Steinchen gefüllt war. Fahle Farben. Gedämpfte Stimmen. Ewiger Winter. Die Kamera schwebte anschließend über zwei Wachsfiguren. Elena lag auf der Seite, starrte in die eisige Luft, gleichgültig gegenüber dem Blutstrom, der aus ihrem Schädel rann. Nicolae auf dem Rücken, die Unterschenkel unnatürlich unter dem Körper, wie ein Harlekin. Mobutu konnte den Blick nicht abwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus: gut zehn Jahre zuvor, 1978. Grelles Sonnenlicht. Mobutu, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Aufnahmen seiner massiven Statur. Er hatte zugenommen seit seiner Machtergreifung; das Präsidentenamt hatte ihm unübersehbar gut getan. 1970 und 1977 war er erneut zum Staatsoberhaupt gewählt worden. Die Dauer einer Amtszeit war auf sieben Jahre erhöht worden, und die Zahl der Amtsperioden war nicht mehr begrenzt. Mobutu war zugleich der einzige Kandidat. Bei den Wahlen mussten die Bürger nur eine grüne oder eine rote Karte in die Wahlurne stecken. Rot, so klärte sie im Wahlbüro ein MPR-Funktionär auf, stand für Chaos, Blutvergießen, fremde Ideologien. Grün sei die Farbe der Hoffnung, des Maniok und des MPR selbst. Wie jemand abstimmte, war offen zu sehen. Mobutu erzielte 98 oder 99 Prozent und regierte komfortabler denn je. Er ging nun mit etwas langsameren Schritten, sprach auch etwas langsamer. Würde bekam größere Bedeutung als Arbeitseifer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rakete war startbereit. Am Rand einer Hochebene – man konnte von hier über das Tal des Luvua blicken – ragte ein schlankes Gebilde, abgestützt von einem doppelten Stahlgerüst, zwölf Meter in die Höhe. Es war Montag, der 5. Juni 1978, mittags um halb zwölf. Ein strahlender Mobutu hatte einen Haufen Freunde und Journalisten eingeladen, damit sie Zeugen eines x-ten Coups wurden: eines Raketenstarts auf zairischem Boden. Ein paar Jahre zuvor hatte er mit einem deutschen Privatunternehmen Vereinbarungen getroffen und der Firma namens OTRAG (Orbital Transport- und Raketen Aktiengesellschaft) ein riesiges Savannengelände zur Verfügung gestellt, damit sie dort mit dem Bau und dem Start kostengünstiger Raketen experimentieren konnte. Die OTRAG erhielt Gelder vom deutschen Bundesforschungsministerium, um eine Alternative zu den teuren Projekten von NASA und ESA zu entwickeln.4 Auf lange Sicht sollten die deutschen Billigraketen Satelliten für einen Pappenstiel in ihre Umlaufbahn befördern. Ein Privatunternehmen, das Raketen baute: Das war ein Unikum in der Geschichte der Raumfahrt. Ein Unternehmen, das sich noch dazu der Unterstützung eines afrikanischen Diktators erfreute: So etwas hatte es noch nie gegeben. Initiator des Projekts war Lutz Kayser, doch der auffälligste Name auf der Gehaltsliste war der von Kurt Heinrich Debus; im Zweiten Weltkrieg hatte Debus am Bau der V2 mitgewirkt, und nach dem Krieg leitete er viele Jahre das Kennedy Space Center, wo er für das Apollo-Programm verantwortlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die OTRAG benötigte ein weiträumiges, leeres Gelände in Äquatornähe und hatte Indonesien, Singapur, Brasilien und Nauru ins Auge gefasst, Länder in Ozeannähe: Dort konnte eine Rakete auch mal abstürzen. Auf Zaire kam man erst später. Die Savanne von Shaba, dem früheren Katanga, war so spärlich besiedelt, dass auch sie als geeignet erschien. Innerhalb von zehn Tagen, im Jahr 1977, war die Sache mit Mobutu abgemacht; ein in jeder Hinsicht verblüffender Deal. Die OTRAG wurde Herr und Meister über ein Gebiet von hunderttausend Quadratkilometern, anderthalbmal so groß wie Irland. Das erinnerte an die Kautschukgesellschaften im neunzehnten Jahrhundert mit ihren umfassenden Konzessionen, die es ihnen erlaubten, ungehindert ihren »Geschäften« nachzugehen. Bis ins ferne Jahr 2000 pachtete die OTRAG fast 5 Prozent des zairischen Territoriums zu ausgesprochen vorteilhaften Konditionen. Das Unternehmen war von Einfuhrzöllen befreit und brauchte für etwaige Umweltschäden nicht aufzukommen. Die Arbeitnehmer brauchten keine Steuern zu zahlen und genossen juristische Immunität. Und da die Savanne nicht so menschenleer war wie der Ozean, durfte die OTRAG sogar einheimische Bevölkerungsgruppen umsiedeln, wenn deren Anwesenheit bei den Raketenstarts hinderlich war. Mobutu, der Mann, der gegen Sezessionen und Rebellionen gekämpft hatte, gab nun faktisch die Macht über einen substanziellen Teil des Landes aus der Hand. Als Gegenleistung verlangte er lediglich 5 Prozent des Nettogewinns, falls jemals ein Gewinn erzielt würde; sobald die Sache erfolgreich war, sollte außerdem ein Beobachtungssatellit zum Zweck der inneren Sicherheit stationiert werden.5 Aber so weit würde es nie kommen. Unterdessen kassierte er jährlich fünfundzwanzig Millionen Dollar Pacht, Geld, das umgehend in seiner Privatschatulle verschwand.6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strahlend beobachteten Mobutu und seine Getreuen den Raketenstart. Abgezählt wurde auf Deutsch. Die ersten beiden Tests waren erfolgreich verlaufen. Ein Jahr zuvor hatte man unter größter Geheimhaltung eine sechs Meter lange Rakete auf eine Höhe von zwanzig Kilometern bekommen. Zwei Wochen davor war eine schwerere Ausführung sogar dreißig Kilometer hoch gestiegen. Heute konnte es nicht schiefgehen. Hundert Kilometer hoch sollte das Riesending aufsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu mochte solche Schauspiele. Hatte er nicht die Mondreisenden nach Kinshasa eingeladen? Hatte er nicht dafür gesorgt, dass der Boxkampf des Jahrhunderts im Kongo stattfand? War die öffentliche Hinrichtung nicht auch ein Schauspiel gewesen? Aber Veranstaltungen allein reichten nicht. Er wollte das Land auch mit einer Reihe von megalomanen Infrastrukturprojekten beglücken. Den Inga-Staudamm am Kongofluss ließ er zu einem der größten Wasserkraftwerke Afrikas ausbauen. Als der neue Staudamm »Inga II« 1982 fertiggestellt war, war er auf eine Kapazität von 1424 Megawatt ausgelegt, rund viermal so groß wie Inga I mit seinen 351 Megawatt. Kurz darauf begann Mobutu schon von Inga III zu träumen, einem Kraftwerk, das 30.000 Megawatt erzeugen sollte; es wäre das größte Kraftwerk der Welt, ausreichend, um ganz Afrika und einen Teil Europas mit Energie zu versorgen. Bevor es so weit war, ließ er von Inga aus eine Hochspannungsleitung zur Bergbauprovinz Shaba anlegen, 1800 km Kabel mitten durch den Urwald. Shaba selbst war mit Elektrizitätswerken zwar ausreichend versorgt, doch mit Hilfe dieser Leitung konnte Mobutu den Finger am Hauptschalter der aufständischen Provinz halten. Zehntausend Hochspannungsmasten mussten dafür errichtet werden. In Maluku, am Kongofluss nördlich von Kinshasa, ließ er eine Stahlgießerei bauen, die jährlich 250.000 Tonnen Stahl produzieren sollte.7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle diese Prestigeprojekte wiesen übereinstimmende Merkmale auf: Sie wurden von ausländischen Firmen realisiert, sie waren mit den allerneuesten technischen Schikanen ausgestattet, sie wurden fix und fertig geliefert – und sie funktionierten nie wie erwartet. Sobald die Rechnungen bezahlt waren, zogen sich die französischen, italienischen oder amerikanischen Firmen zurück, und für die ganze Hightech-Apparatur waren Leute verantwortlich, die damit nicht umzugehen wussten und auch keine Chance bekamen, es zu lernen. Inga II verschlang 478 Millionen Dollar, aber Zaire war nach wie vor ein Land mit häufigen Stromausfällen.8 Die Turbinen wurden nicht gewartet, und zwei der acht, die heute noch in Betrieb sind, erzeugen nur 30 Prozent der geplanten Stromproduktion. Die Hochspannungsleitung nach Shaba kostete die schwindelerregende Summe von 850 Millionen Dollar, aber transportierte oft nicht mehr als 10 Prozent der Strommenge, auf die sie ausgelegt war.9 Zudem hatte man beim Bau auf Abzweigstellen für die Städte und Dörfer entlang der Leitungsstrecke verzichtet. Die Stahlfabrik Maluku hatte 182 Millionen Dollar gekostet, doch der Betrieb schrieb nie schwarze Zahlen: Das einheimische Eisenerz konnte er nicht verarbeiten, nur importierten Schrott einschmelzen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Geld, das zum Fenster hinausgeworfen wurde . . . Nie wurde mir das so deutlich bewusst wie an dem Tag im Jahr 2007, als Zizi mich zum ersten Mal durch das Haus des Staatsrundfunks führte. Mobutus Bauwut beschränkte sich nicht auf die Schwerindustrie; auch Kinshasa musste aufgehübscht werden, wie Brüssel zur Zeit von Leopold II. Im Stadtteil Limete entstand ein gewaltiger Verkehrsknotenpunkt mit breiten Zu- und Abfahrten und kühnen Überführungen; in der Mitte des Kreisverkehrs erhob sich eine modernistische Imitation des Eiffelturms, ein spitz zulaufendes Bauwerk aus Stahl und Beton, um die 150 Meter hoch. In die Spitze sollte ein Panoramarestaurant kommen, doch der Komplex wurde nie fertiggestellt. Am Ufer des Kongoflusses ließ er das CCIZ errichten, Zaires internationales Handelszentrum, ein sündhaft teures Gebäude, das schon seit Jahrzehnten vor sich hin rottet. Als kurz nach der Einweihung die Klimaanlage ausfiel, stellte sich heraus, dass sich die Fenster nicht öffnen ließen – sehr misslich im Tropenklima. Im Stadtzentrum wurde eine schicke Shopping-Mall mit Rolltreppen aus dem Boden gestampft, die &#039;&#039;Galéries présidentielles&#039;&#039;. Und ein paar Kilometer weiter entstand der Medienpark des RTNC, des staatlichen Rundfunks, Zizis neuer Arbeitsplatz. Kostenpunkt: 159 Millionen Dollar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das hier haben die Franzosen gebaut«, sagte er, als er mich herumführte, »sie waren unheimlich scharf auf den Auftrag. Zum Dank lieferten sie Mobutu gratis Mirage-Kampfflugzeuge.« Er zeigte mir die verfallenen Aufnahmestudios. Zwei von den neun wurden noch benutzt: riesengroße Hallen ohne Ausstattung. Bei Live-Sendungen behalfen sich ein paar unentwegte Journalisten mit zwei alten Kameras und ein paar Mikrophonen, wenn überhaupt Strom da war. Ich durfte es einmal selbst miterleben. Im Rahmen eines Austauschprogramms für Künstler aus Brüssel und Kinshasa saß ich mit ein paar anderen Gästen in einer morgendlichen Talkrunde. Deckenplatten hatten sich gelöst. Im Licht der Scheinwerfer sahen wir den Asbeststaub unaufhörlich herabrieseln. Stromkabel lagen frei, Mischpulte fielen fast auseinander. Es war mir ein Rätsel, wie von hier aus noch Live-Fernsehen ausgestrahlt werden konnte. Vor der Talkshow war noch eine Nachrichtensendung. Die Sprecherin hatte keinen Teleprompter, nicht mal ein Manuskript, aber sie trug alle Punkte untadelig vor, auswendig, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten und mit verblüffender Präsenz. Als die Übertragung schon ein paar Minuten lief, stellte allerdings ein Techniker fest, dass kein Mikrophon auf ihrem Tisch stand. Die Sendung musste unterbrochen werden. Während das Team fieberhaft nach einem Mikrophon suchte, das noch tauglich war, bekamen die Zuschauer im Kongo für etliche Minuten das Testbild zu sehen. Die elegante Nachrichtensprecherin saß derweil allein an ihrem hell erleuchteten Tisch, in der endlosen Weite eines dunklen, maroden Studios.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Anfang war dieser Komplex für sechstausend Angestellte gedacht«, erklärte mir Zizi, »jetzt arbeiten hier noch zweitausend.« Das zentrale Gebäude war ein neunzehn Stockwerke hoher Phallus. Der Empfang in der Halle hatte eine Schaltzentrale für Hunderte von externen Fernsprechleitungen. Sie war schon seit Jahren außer Betrieb, genau wie die Fahrstühle. Alle Mitarbeiter mussten die Nottreppe benutzen, ein dunkles, an Bilder von Escher erinnerndes Labyrinth, das penetrant nach Urin stank, denn auch die Wasserzufuhr zu den höheren Etagen funktionierte nicht mehr. In früheren Zeiten hatte der Verwaltungschef sein Büro im obersten Stockwerk des Hauses, mit einem majestätischen Ausblick über die ganze Stadt. Heute will niemand mehr diesen Adlerhorst erklimmen. Der heutige Chef genießt das große Vorrecht, im Erdgeschoss zu arbeiten. Je höher der Arbeitsplatz, desto niedriger der Rang. »Was für eine Verschwendung«, seufzte Zizi, als wir zu seinem Büro im fünften Stock hinaufkletterten, »der RTNC, das CCIZ, die ganzen Projekte . . . und das zu einem Zeitpunkt, als anderswo so große Armut herrschte.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu weiterhin mit Geld nur so um sich warf, ist schon erstaunlich. Seit 1975, als im Nachbarland Angola ein nicht enden wollender Entkolonialisierungskrieg ausgebrochen war, konnte Zaire die Benguela-Bahn nicht mehr nutzen, jene Bahnlinie, bei der mein Vater gearbeitet hatte und die das Bergbaugebiet Katangas mit dem Atlantik verband. Die Ausfuhr von Erzen wurde viel umständlicher, und Mobutu entgingen viele Devisen. Das Land zerbröselte, doch das schien kaum in sein Bewusstsein zu dringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Vier, drei, zwei, eins . . .&#039;&#039; Eine Stichflamme leuchtete auf. Es dröhnte immer lauter. Langsam löste sich die Rakete von der Startrampe. Hundert Kilometer sollte sie aufsteigen, ein neuer Schritt in der afrikanischen Raumfahrt. Ein reiches Buffet stand schon für die Gäste bereit. Aber noch ehe der Flugkörper die Startrampe verlassen hatte, konnte schon ein Kind sehen, dass es missglückte. Die Rakete hing schief, beschrieb eine formvollendete Schleife nach links und schlug ein paar hundert Meter weiter im Luvuatal auf, wo sie explodierte. Eine dichte Rauchwolke stieg aus der Savanne auf, und Mobutu drehte sich schweigend um. Am Himmel sahen die Zuschauer noch ein paar Sekunden die dunkle Rauchfahne der Kurve, die die Rakete beschrieben hatte.12 Eine Parabel aus Ruß. Als sei es die graphische Darstellung von Mobutus Regierung: Nach dem steilen Aufstieg der ersten Jahre kippte sein Zaire endgültig und stürzte in den Abgrund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nicht der einzige Absturz in jenen Jahren. Zwischen 1974 und 1980 stürzten zwei C-130-Transportmaschinen der Luftwaffe Zaires ab, außerdem zwei Macchi-Jagdflugzeuge, drei Alouette- und vier Puma-Helikopter.13 Keiner dieser Abstürze geschah bei Kampfhandlungen. Der Grund für so viel Pech? Die Soldaten wurden so schlecht bezahlt, dass sie angefangen hatten, die Ersatzteile der Maschinen zu verscherbeln. Pierre Yambuya, ein Helikopterpilot der Nationalarmee, erlebte es aus der Nähe mit. Seine Aussage erlaubte einen außergewöhnlichen Einblick in den Zustand der damaligen Streitkräfte. »Jeder, der ein Privatflugzeug besaß, wusste, dass es in Kinshasa den preisgünstigsten Ersatzteilmarkt der Welt gab. Militärangehörige verkauften dort Flugzeugteile zwanzig Mal billiger als der Fabrikpreis.«14 Mobutu spielte sich groß auf mit seinen Prestigeprojekten, vernachlässigte aber zunehmend die Institution, der er seinen Staatsstreich verdankte: die Armee. Piloten der Luftwaffe besserten ihr Einkommen außerdem auf, indem sie überall, wo sie landeten, einen Teil des Kerosins an die Bevölkerung verkauften, die ihre Petroleumlampen damit füllte. Das bürgerte sich so sehr ein, dass Kinder mit gelben Kanistern zum Flugplatz rannten, sobald eine Armeemaschine gelandet war. Pierre Yambuya wusste, wovon er sprach: »Ein Feldwebel verdiente 280 Zaïre, ein Sack Reis kostete damals 1200 Zaïre. Ein Adjutant bekam 430 Zaïre. Für eine Schuluniform bezahlte man damals aber 850 Zaïre, und für die 5 Zaïre, die seinen Kindern zustanden, konnten sie sich nicht mal einen Bleistift kaufen.« Tja, das macht Korruption sehr begreiflich. Die Soldaten protestierten nicht »nach oben«, denn das hätte sie den Job oder sogar das Leben kosten können, sondern wiederholten auf niedrigerer Ebene das, was über ihren Köpfen geschah. »Um einigermaßen anständig leben zu können, habe ich zum Beispiel den Treibstoff für meinen Hubschrauber verkauft. Mein Oberst hat sich das Geld für meine Einsätze in die eigene Tasche gesteckt und zu mir gesagt: ›Wenn du irgendwo landest, verkaufst du doch sowieso deinen Sprit. Das ist natürlich deine Sache.‹«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire erkrankte. Die tiefere Ursache war Geldmangel (aufgrund der Kupferkrise, der Ölkrise, der schiefgelaufenen Zairisierung und der grotesken Ausgabenpolitik), und die schlimmsten Symptome waren der Ausfall des Staates und die Verbreitung der Korruption. In der Armee zeigte sich das am schnellsten. Militärs nahmen Armeefahrzeuge aus den Kasernen mit und betätigten sich als Taxifahrer. Aus den Kantinen verschwanden Radios und Plattenspieler, aus den Garagen Bulldozer und Sattelschlepper. Offiziere setzten sogar Untergebene privat als Hauspersonal ein. In den Kasernen gab es hohe Fehlzeiten; die Ausfälle betrugen manchmal mehr als 50 Prozent. Die paar Soldaten, die zum Appell erschienen, waren nicht sonderlich motiviert. Disziplin war etwas aus längst vergangenen Zeiten. Ein internes Dokument, das &#039;&#039;Mémorandum de Réflexion&#039;&#039;, scheute keine Selbstkritik, als es darum ging, die Moral der Truppe kurz und bündig zusammenzufassen: »Alle wollen befehlen, aber keiner will gehorchen.«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unterdessen standen jenseits der angolanischen Grenze die Veteranen der katangesischen Sezession, die Truppen Tschombés. Viele gehörten zum Stamm der Lunda, einem Volk, dessen Verbreitungsgebiet sich bis nach Angola erstreckte. Vor vielen Jahren, nach ihrem Sieg über die Simba-Rebellen, hatte Mobutu sie von der nationalen Bühne vertrieben, doch nun sannen sie, zusammen mit ihren Söhnen und neuen Rekruten, auf Rache. Die berüchtigten Katanga-Gendarmen hatten eine merkwürdige Entwicklung durchgemacht. Während der Abspaltung Katangas (1960-1963) kämpften sie für ein politisch rechts angesiedeltes, von Europäern angeleitetes Katanga, in Angola aber stellten sie sich ab 1975 auf die Seite des marxistischen MPLA, des Movimento Popular de Libertação de Angola. Dieser ideologische Umschwung hatte einen simplen Grund: Der MPLA verabscheute, wie sie, Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Nelkenrevolution in Portugal begann in Angola 1975 ein heftiger Entkolonialisierungskampf. Wie im Kongo ging es um den Thron, doch in Angola verlief der Kampf sehr viel blutiger. Es gab drei Fraktionen. Der linksgerichtete MPLA von Agostinho Neto stand dem FNLA von Holden Roberto und der UNITA von Jonas Savimbi diametral gegenüber. Die Großmächte mischten sich ein. Angola wurde der Ort, an dem der Kalte Krieg seine heißeste Phase in Afrika erlebte. Der MPLA wurde von der UdSSR und Kuba massiv unterstützt, die beiden anderen Milizen konnten auf die USA zählen. Der amerikanische Beistand verlief über Südafrika und Zaire: Pretoria unterstützte Savimbi im Süden, Kinshasa Holden im Norden. Da Holden zudem der Schwager Mobutus war, schlossen sich die ehemaligen Katanga-Gendarmen dem MPLA an. Ihr Anführer war Nathanaël Mbumba, ihr neuer &#039;&#039;nom de guerre&#039;&#039; FLNC (Front pour la Libération Nationale du Congo), ihr Beiname &#039;&#039;les Tigres Katangais&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweimal fielen die Rebellen in Zaire ein. 1977 und 1978 überquerten sie die Grenze und eroberten große Teile im Westen von Shaba (im sogenannten Ersten und Zweiten Shaba-Krieg). Zahlenmäßig und logistisch waren sie viel schwächer als die Regierungsarmee, aber die lokale Bevölkerung empfing sie mit großem Jubel, nicht nur, weil sie auch Lunda waren, sondern weil die Leute Mobutu satt hatten. Die Rebellen gewannen mühelos Terrain und eroberten 1978 sogar die wichtige Minenstadt Kolwezi. Zum ersten Mal seit zehn Jahren war Mobutu mit einem militärischen Aufstand konfrontiert. Dissidenten, die nach Brüssel und Paris geflohen waren, hofften auf einen Umsturz und das Ende der Mobutu-Diktatur und sahen in der Invasion den »Embryo einer Volksarmee«.17 Mbumba sollte dem Traum von Lumumba und Mulele neues Leben einhauchen. Das Reich des Sonnenkönigs schien für einen Moment ins Wanken zu geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu selbst setzte alles daran, die Rebellion als ausländische, marxistische Einmischung hinzustellen. Er erklärte Mbumba für eine Schachfigur des MPLA, von Kuba und der Sowjetunion gesteuert. Mit solchen Argumenten hoffte er ausländische Hilfe loszueisen, denn seine eigene Armee war zu nichts mehr zu gebrauchen. Sein Kalkül ging auf. Der Erste Shaba-Krieg wurde nach achtzig Tagen von marokkanischen Truppen beendet, die mit französischen Armeemaschinen eingeflogen worden waren. Der Zweite Shaba-Krieg wurde schon nach wenigen Tagen von französischen Fremdenlegionären und belgischen Fallschirmjägern niedergeschlagen. Mobutus Bündnispartner traten blitzschnell in Aktion, nachdem die Rebellen in Kolwezi dreißig Weiße in einer Villa abgeschlachtet hatten. Was die ausländischen Freunde nicht wussten, war, dass nicht die Rebellen, sondern höchstwahrscheinlich Mobutus Soldaten selbst die Mörder waren. Helikopterpilot Pierre Yambuya war zu diesem Zeitpunkt in Kolwezi und ließ nicht den geringsten Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 14. Mai, um 17 Uhr, gibt Oberst Bosange [von der Regierungsarmee] plötzlich den Befehl, alle Europäer, die in der Villa eingeschlossen sind, zu erschießen. Er sagt, es seien alles Söldner. Bosange duldet keine Widerrede, und General Tshikeva sagt dazu kein Wort. Nur der alte Musangu protestiert. Bosange gibt dem Chef des Nachrichten- und Sicherheitsdienstes, Leutnant Mutuale, und drei anderen Soldaten den Auftrag, seinen Befehl auszuführen. Mutuale und sein Exekutionskommando begeben sich zur Villa, deren Türen und Fenster hermetisch abgeschlossen sind. Durch die Rollladen hindurch schießen die Soldaten ihre automatischen Waffen leer. Das Schnellfeuer hallt wie der Lärm eines Zusammenstoßes. Fünf Minuten später sind Mutuale und seine Leute zurück: Befehl ausgeführt.18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu kannte sich in der Geschichte aus. 1960 hatte Belgien im Kongo interveniert, weil in Elisabethville fünf Weiße ermordet worden waren. 1964 war Stanleyville von belgischen Fallschirmjägern entsetzt worden, weil Hunderte Weiße als Geiseln genommen worden waren. Töte ein paar Europäer, wusste Mobutu, und du hast eine westliche Armee an deiner Seite, jedenfalls solange du die Schuld auf jemand anderen schieben kannst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Shaba-Kriege waren von kurzer Dauer, die Lektionen aber, die sich daraus ziehen ließen, sehr bedeutsam. Erstens: Mobutu schreckte tatsächlich vor nichts zurück, um seine Position zu halten. Zweitens: Seine Armee war nutzlos. Drittens: Er überlebte dank ausländischer Hilfe. Die USA waren schon seit 1960 ein treuer Bündnispartner (das Verhältnis blieb freilich nicht ohne Spannungen), aber nun kam auch noch Frankreich hinzu. Präsident Giscard d&#039;Estaing verfolgte eine sehr bewusste Politik, um den französischen Einflussbereich in Zentralafrika zu erweitern. Als größtes französischsprachiges Land der Welt weckte Zaire selbstverständlich sein Interesse. Noch 1960, als die Entkolonialisierung in vollem Gange war, hatte Frankreich versucht, den Kongo von Belgien zu übernehmen und sich dabei auf das historische Vorkaufsrecht, das &#039;&#039;droit de préemption&#039;&#039; van 1885 berufen!19 Giscard hatte jedoch eher finanzielle Vorteile im Auge. Der Handel mit Zaire wurde spürbar intensiviert. Das war auch der Hintergrund beim Deal um die Fernsehstudios, die französische Firmen als Dank für die Mirages errichten durften. Der wichtigste Bauunternehmer war ein Cousin Giscards, und ein anderer Cousin von ihm gehörte zu den größten Finanziers.20 Nepotismus war schließlich keine zairische Erfindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa und in Brüssel sprach ich mehrmals mit Oberst Eugène Yoka, der einer der sehr wenigen Düsenjägerpiloten in der zairischen Armee gewesen war. Er war der Sohn der letzten noch lebenden Witwe eines Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und kam aus einer Familie von Militärs. Sein Vater hatte gegen die Deutschen gekämpft, sein Großvater war einer der ersten Soldaten der Force Publique gewesen. Er selbst hatte mehr als zweitausend Flugstunden absolviert. 1961 gehörte er zum ersten Kontingent kongolesischer Piloten; fliegen gelernt hatte er im belgischen Tienen auf einer SV-4B, einem Doppeldecker mit Propeller. Danach war er Dakotas geflogen, T-6, P.148, alle möglichen Maschinen. Beim ersten Flug der Concorde nach Afrika 1973 war er dabei; Mobutu würde das Überschallflugzeug noch mehrmals chartern, unter anderem, um mit seiner Familie einen Ausflug nach Disneyland Paris zu machen.21 Und Yoka trat dem auserwählten Kreis von Piloten bei, die die Mirage fliegen konnten. Er war dazu in Frankreich ausgebildet worden. Ich fragte ihn, wie er die Shaba-Kriege erlebt habe. »Ich war dabei«, sagte er, »beim ersten und beim zweiten Krieg, aber nicht als Pilot.«22 Die gleiche Antwort hatte ich von Alphonsine Mosolo bekommen, der ersten Fallschirmspringerin, die in Israel ausgebildet worden war. »Die Kriege von 1977 und 1978, in denen brauchte ich nicht zu springen.« Beide waren im Ausland gründlich ausgebildet worden, beide mussten zu den alljährlichen Paraden in Kinshasa antraben, aber keiner von beiden hatte sein Können beweisen müssen, als es darauf ankam. Die Streitkräfte waren offenbar zu nichts nütze. Alphonsine sagte: »Statt zu springen musste ich für Mobutu kochen, auf der Kamanyola. Das war seine Privatyacht, mit der fuhr er auf dem Fluss. Eines Abends war an Bord eine kleine Party. Ich war mit Kochen fertig. Mobutu legte Wert auf eine gesellige Atmosphäre, und er war eine richtige Stimmungskanone. Ich saß auf einem Stuhl, aber er meinte, ich solle tanzen. Er zog mir sogar die Schuhe aus, damit ich endlich tanzte. Wirklich! Der Präsident persönlich! Auf den Knien! Und meine Füße haben so gestunken!«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu konnte weitertanzen, weil er davon überzeugt war, dass die Rezession, mit der sein Land zu kämpfen hatte, nur ein vorübergehendes Tief war. Das Kupfer brachte eben für eine Weile weniger ein, und das gerade jetzt, wo der Ölpreis so hoch war. Jeder könne mal einen Rückschlag erleiden, argumentierte er, vor allem, wenn die Wirtschaft in so hohem Maße von einem einzigen Sektor wie dem Bergbau abhängig sei. Ja, sein Land könne nicht alle Kredite gleichzeitig abbezahlen, das stimme, aber in Kürze würde die weltweite Nachfrage nach Erz sicherlich wieder steigen. Er wandte sich an seine französischen und amerikanischen, aber auch an neue arabische Verbündete mit der Bitte, ihm vorübergehend auszuhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaires Schuldenlast war jedoch nicht nur konjunkturbedingt. 1977 belief sich das Haushaltsdefizit auf 32 Prozent des Gesamtetats.24 Jahr für Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um mehrere Prozent.25 Eine jährliche Inflationsrate von 60 Prozent wurde zum Normalzustand.26 Zwischen 1974 und 1983 versechsfachten sich die Preise.27 Die Bevölkerung wusste, dass es sich nicht mehr um ein vorübergehendes Problem handelte. Für ein Kilo Reis mussten die Menschen im Jahr 1984 zwei ganze Tage arbeiten, für ein Kilo Rindfleisch mehr als zehn Tage. Der einfache Zairer, der für seine Familie Maniok gleich in einem preisgünstigeren 40-kg-Sack erwerben wollte, musste dafür achtzig Tage lang schuften.28 Und wenn er das Geld beisammen hatte, war der Preis schon wieder gestiegen. 1979 betrug die Kaufkraft nur noch 4 Prozent der Kaufkraft des Jahres 1960.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Westliche und japanische Banken hatten dem jungen Mobutu anfangs recht problemlos Kredite eingeräumt, damit er die Industrialisierung des Landes vorantreiben konnte – Zaire war ja reich –, doch ab 1975 fürchteten sie um ihr Geld. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Schuldenlast Zaires 887 Millionen Dollar bei insgesamt achtundneunzig Banken.30 Die Banken taten sich zum sogenannten Pariser Club zusammen, um ihre Forderungen zu bündeln. Sie klopften beim Internationalen Währungsfonds an, dem finanziellen Wachhund der Weltwirtschaft, der nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen worden war, um eine neue Depression wie in den dreißiger Jahren abzuwenden. Der IWF sollte durch Überbrückungskredite verhindern, dass Zaire völlig aus der Bahn geriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte jedoch wenig Lust, sich vom IWF in die Karten gucken zu lassen. Seine gesamte Macht beruhte ja auf der ständigen Alimentierung eines umfangreichen Gefolges. Ließ er den IWF zu, konnte er seine Wohltaten nicht mehr verteilen. Ließ er ihn nicht zu, hatte er kein Geld mehr. Letzteres würde seine Regierung sofort zusammenbrechen lassen, Ersteres bot noch Möglichkeiten. Also galt es, gegenüber dem IWF Lippenbekenntnisse zu leisten und zu allen Bedingungen freundlich zu nicken, damit er anschließend hinter den Kulissen ungestört weiter die Staatskasse plündern konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu, der Mann, der ständig auf die »wirtschaftliche Unabhängigkeit« seines Landes gepocht hatte, musste nun akzeptieren, dass der IWF, der Pariser Club und später auch die Weltbank entscheidenden Einfluss auf die Innenpolitik seines Landes nahmen. 1976 legte der IWF den ersten von vielen Stabilitätsplänen für Zaire vor. Im Gegenzug für eine erste Tranche von siebenundvierzig Millionen Dollar musste Mobutu die Staatsausgaben verringern, die Steuereinnahmen erhöhen, die Währung abwerten, die Produktion und die Infrastruktur stimulieren und das Finanzmanagement verbessern. Nur dann waren die internationalen Banken bereit, über eine eventuelle Stundung zu reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollten noch viele Kapitalspritzen und Überbrückungskredite folgen, aber allein schon in der Zeit zwischen 1977 und 1979 unterschlug Mobutu den vorsichtigsten Schätzungen zufolge mehr als zweihundert Millionen Dollar für sich und seine Familie.31 Nach den Stabilitätsplänen der siebziger Jahre kamen die viel drastischeren Strukturanpassungsprogramme der achtziger Jahre, aber auch die brachten keinen Wandel. Um das Jahr 1990 war der Schuldenberg Zaires auf die irrwitzige Summe von mehr als zehn Milliarden Dollar angewachsen. Erst dann wurde Mobutu der Geldhahn zugedreht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus kreative Buchhaltung war freilich schon vorher aufgefallen. Es war ein akribischer deutscher Bankier, der die unangenehme Wahrheit aussprach. Erwin Blumenthal, jahrelang Top-Banker bei der Deutschen Bundesbank, durfte 1978 im Auftrag des IWF den Schutthaufen namens »Zairische Nationalbank« aufräumen. Es war die Zeit, in der der IWF die wichtigsten Finanzinstitutionen des Landes unter Vormundschaft stellte. Gewissenhaft und verzweifelt versuchte Blumenthal, die Zentralbank mit eisernem Besen auszufegen; immer wieder stieß er auf Fälle von skrupelloser Korruption. »Es gibt keinen Verantwortlichen des Fonds oder der Weltbank, der nicht weiß, dass jeder Versuch, eine striktere Etatkontrolle einzuführen, auf ein bedeutendes Hindernis stößt: &#039;&#039;the Presidency«&#039;&#039;, schrieb er. »Wer ruft: Haltet den Dieb!? Jede Kontrolle der Finanztransaktionen des Präsidentenbüros ist unmöglich. In diesem Büro wird kein Unterschied mehr gemacht zwischen persönlichem Bedarf und Staatsausgaben. Wie ist es möglich, dass internationale Institutionen und westliche Regierungen Präsident Mobutu blind vertrauen?«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die systematische Unterschlagung von Staatsgeld, seine Entdeckung einer ganzen Reihe von Geheimkonten in Europa, die schamlose Raffkultur Mobutus und seiner Clique erfüllten Blumenthal mit Abscheu. Nach nicht einmal zwei Jahren gab er auf. Der vertrauliche Abschlussbericht, mit dem er sein Amt niederlegte, ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: »Zweifellos werden neue Versprechen Mobutus und seiner Regierung folgen, und die Auslandsschulden, die unaufhörlich wachsen, werden erneut gestundet werden, aber es besteht keine einzige, ich wiederhole, keine einzige Chance, dass die ausländischen Schuldner ihr Geld jemals wiedersehen.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Blumenthal-Bericht war für Mobutu und seinen Clan so belastend, dass sein Inhalt früher oder später durchsickern musste. Zizi Kabongo erinnerte sich noch immer an diese Jahre: »Mobutu wollte auf keinen Fall, dass der Bericht hier erschien. In Zaire wusste erst niemand davon, aber in Paris hatte Nguza Karl-I-Bond den Text veröffentlicht. Journalisten, die aus dem Ausland zurückkamen, wurden auf dem Flughafen gefilzt.« Nguza war acht Monate lang Premierminister unter Mobutu gewesen. Nachdem er 1981 in Ungnade gefallen war, emigrierte er nach Europa und bombardierte Mobutus Regierung von dort aus unermüdlich mit Büchern und Schmähschriften. Für ihn war der &#039;&#039;président-fondateur&#039;&#039; die Verkörperung der »Zairischen Krankheit«.34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blumenthal bestätigte, was jeder vermutet hatte, doch seine Enthüllungen bewirkten keine grundlegende Änderung. Zaires Staatsverschuldung betrug 1981 bereits fünf Milliarden Dollar; für die Franzosen war Mobutu jedoch ökonomisch und kulturell ein so wichtiger Partner, dass man ihm nicht allzu streng entgegentreten wollte, und den Amerikanern war er äußerst wertvoll als Verbündeter in einem Afrika, das sich zunehmend auf sozialistische und kommunistische Experimente einließ (Angola, Kongo-Brazzaville, Uganda, Tansania und Sambia, um nur Nachbarländer zu erwähnen). &#039;&#039;»Mobutu is a bastard, but at least he is our bastard«&#039;&#039;, so sah es der CIA. In Geheimberichten hieß es, dass »ein negatives Votum des IWF oder eine negative Haltung der USA Mobutu vielleicht veranlassen könnte, unsere außerordentlich stabilen Beziehungen neu zu überdenken. Das könnte ein Programm gefährden, dem der Präsident [Reagan] höchste Bedeutung für die Sicherheit der USA beimisst.«35 Vor allem republikanische Präsidenten wie Nixon, Reagan und Bush sen. unterhielten sehr herzliche Kontakte mit Kinshasa; zur Zeit Carters kühlten die Beziehungen vorübergehend ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Logik des Kalten Krieges bürdete dem Wiederaufbauprogramm des IWF eine schwere Hypothek auf. Doch auch der IWF war nicht frei von Schuld. Historisch betrachtet war diese Institution nicht gegründet worden, um armen Ländern aus der Bredouille zu helfen, sondern um weltweite Finanzkrisen zu verhindern.36 Auch in den siebziger Jahren hatten die feinbesaiteten Mitarbeiter in der Regel mehr Ahnung von Makroökonomie als von Anthropologie. Sie lasen lieber Tabellen in ihren Washingtoner Büros, als sich mit den Menschen zu unterhalten, um die es ging. Dieser Mangel an landeskundlichem Wissen führte zu sehr glücklosen Resultaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Weihnachtstag 1979 fand unter der Aufsicht des IWF eine der bemerkenswertesten Währungsmaßnahmen in der Geschichte des Landes statt: die Geldentwertung. Um die Inflation zu bekämpfen, mussten die Bürger alle Fünf- und Zehn-Zaïre-Scheine, die zu jener Zeit höchsten Stückelungen, zur Bank bringen und gegen neue Banknoten eintauschen. Ende 1976 waren 59.000 Fünf-Zaïre-Scheine in Umlauf, Ende 1979 waren es 363.000, sechs Mal so viel. Geld ist für die Wirtschaft das, was Öl für einen Motor ist: zu wenig ist nicht gut, aber zu viel auch nicht.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Inflation war das Horten von Geld ein Problem. In einem weiträumigen Land mit einer desolaten Wirtschaft wie dem Kongo konnte oder wollte fast niemand sein Geld zur Bank tragen. Man behielt es bei sich in Koffern, Kissen oder Krügen. Didace Kawang, ein Bühnenautor, der einmal bei mir an einer Masterclass für Dramatiker teilnahm, erzählte über seinen Onkel, einen erfolgreichen Händler in Lubumbashi: »Er trieb Handel mit Sambia. Er scheffelte Geld, er hatte Stapel von Banknoten. Damit er es überschauen konnte, machte er davon &#039;&#039;Ziegel&#039;&#039;, backsteindicke Bündel, mit einem Gummiband darum. Er hatte eine Matratze aus Geld. Wirklich! Er schlief darauf!«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Wirtschaft eines Landes, wussten die Banker des IWF, ist es sehr ungesund, wenn sich viel mehr Geld im Umlauf befindet (in Form von Münzen und Banknoten), als auf Bankkonten geführt wird. Sie kannten die großen Theorien: Geld, das auf der Bank liegt, dient dazu, neue Kredite zu gewähren, Geld, das unterm Kopfkissen liegt, hilft der Wirtschaft keinen Zentimeter weiter. Um diesem Horten entgegenzusteuern, griffen sie zum Verfahren der Geldentwertung. Wer am 25. Dezember 1979 mit seinen gebündelten Geldscheinen zur Bank ging, bekam dafür neue Banknoten ausgehändigt, jedenfalls für die Hälfte des Betrages. Die andere Hälfte musste er sich auf einem Konto gutschreiben lassen. Das war eine pfiffige Methode, große Mengen »toten« Geldes wieder zum Leben zu erwecken und gleichzeitig gegen die Inflation vorzugehen. Doch die Sache ging schief. Damit kein Bürger seine Rücklagen ins Ausland schaffte, war die Aktion absichtlich sehr spät angekündigt und außerdem nur ein einziger Tag dafür angesetzt worden. Die Grenzen wurden geschlossen, sogar der Luftraum wurde gesperrt. Zaire sollte sich kurz finanziell erfrischen und dann wieder strahlend ins Scheinwerferlicht treten. Aber für eine derartige Blitzaktion war das Land viel zu weiträumig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch mein Onkel wurde gezwungen, bei der Bank zu sparen«, erzählte Didace. »Es war aber nur ein einziger Tag dafür vorgesehen. Vor der Bank war eine riesige Menschenschlange. Die Leute brachten das Geld säckeweise. Die Sonne ging unter, und mein Onkel hatte sein Geld noch nicht umgetauscht. Seine ganzen Stapel waren wertlos geworden . . . Auf einen Schlag war er bettelarm. Er ist in seinem Dorf gestorben.« Und er war längst nicht der Einzige, dem es so erging. Viele Zairer, die zu weit entfernt von einer Bank wohnten oder die Aktion nicht begriffen hatten, verloren sämtliche Ersparnisse, während die Kreise um Mobutu schon eine Weile vorher informiert worden waren und ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Maßnahmen des IWF verfehlten nicht nur in praktischer Hinsicht ihr Ziel, es lag auch an der zugrunde liegenden Philosophie. Die Institution sollte nach dem Börsenkrach von 1929 dazu beitragen, die Auswüchse eines zügellosen Marktdenkens zu bändigen, doch im Jahr 1975 hatte sich der IWF selbst zu einem der größten Verfechter des freien Marktes entwickelt. Fast alle Mitarbeiter gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Schaffung günstiger Marktbedingungen ausreiche, um eine nationale Ökonomie anzukurbeln, und ließen die lokale Kultur, den Zustand der Wirtschaft und die Struktur des Staates außer Acht. Auch hier war eine beträchtliche makroökonomische Blindheit im Spiel. Solange sich der Staat nur zurückhielt, würde die unsichtbare Hand alles regeln, wiederholte man wie ein Mantra. Es gab keinerlei Überlegungen zum Tempo und zur Reihenfolge der notwendigen Veränderungen.39 Alle Maßnahmen wurden gleichzeitig eingeführt, ein Gesamtpaket in Form von Programmen zur »strukturellen Anpassung«. Für diese Liberalisierungsfundamentalisten war jegliche Form von Armut, von der sie hinterher aus den Berichten erfuhren (denn vor Ort erschienen sie nur selten), auf die mangelhafte Umsetzung ihrer unfehlbaren, ja heiligen Rezepte zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zaire wurde die Währung sechsmal abgewertet: 1975 war 1 Zaïre noch immer zwei US-Dollar wert, 1983 nur noch 0,03 US-Dollar.40 Das sollte den internationalen Handel stimulieren. Im Rahmen der »Strukturanpassung« verlangte der IWF eine drastische Einschränkung der Staatsausgaben und weitgehende Privatisierungen. Die staatlichen und semistaatlichen Unternehmen sollten verschlankt werden und größere Autonomie erhalten. Infrastruktur und Produktion sollten verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den frühen achtziger Jahren schienen die Rezepte zunächst erfolgversprechend. Die Inflation wurde tatsächlich gedämpft, und die Wirtschaft erholte sich sichtlich. Die Tabellen sahen gut aus. Die Gläubiger des Pariser Clubs atmeten erleichtert auf und hofften, das Geld aus ihren Krediten vielleicht doch wiederzusehen. Neunmal erklärten sie sich mit einer Neuordnung der Schulden einverstanden. Im Land selbst aber entwickelte sich die Sache völlig anders. Wie so oft bei Interventionen des IWF war der Erfolg von kurzer Dauer. Die Inflation kehrte nach einiger Zeit zurück, die Armut wuchs. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf sank dramatisch von sechshundert Dollar 1980 auf zweihundert Dollar 1985.41 Die Menschen hatten weniger zu essen, die Kindersterblichkeit war hoch. Zwiebeln wurden viertelweise verkauft.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verwaltung schrumpfen? Die Zahl der Beamten wurde von 444.000 auf 289.000 reduziert, die Zahl der Lehrer von 285.000 auf 126.000.43 Ja, so bekam man die Inflation unter Kontrolle, aber Tausende Familien hatten kein Einkommen mehr. Die Bürokratie und der Bildungssektor waren die letzten großen Arbeitgeber des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ausgaben zügeln? Die staatliche Unterstützung für das Bildungs- und Gesundheitswesen wurde eingeschränkt; die Folge war, dass Menschen, die kein Geld hatten, nun selbst für die Ausbildung ihrer Kinder und für Arztbesuche aufkommen mussten. Aus den Tabellen ging das nicht hervor, aber es waren die Allerärmsten, die den höchsten Preis bezahlten für das gut gemeinte Vorgehen des IWF, während sich Mobutu gerade aufgrund dieser Unterstützung im Sattel halten konnte.44&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maßnahmen treffen, um den Außenhandel anzukurbeln? Solange Mobutu die verfügbaren Kredite nicht dazu verwendete, die Infrastruktur instand zu setzen, bedeutete dies, dass Zaire noch mehr auf Importe angewiesen war. Das Land hatte zum Beispiel alle Voraussetzungen, wieder ein wichtiger Kaffeeproduzent zu werden, aber in den Städten trank man ausschließlich importierten Instantkaffee. Nicht verwunderlich: Von den 140.000 Kilometern befahrbarer Straßen im Jahr 1960 waren inzwischen weniger als 20.000 übrig.45 Der IWF wollte den Staat sanieren, aber demontierte ihn. Zaire war allenfalls noch ein Absatzmarkt, und daran würde sich über Jahrzehnte nichts ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten Hafen von Boma saß ich irgendwann im Jahr 2008 einen Nachmittag lang und sah auf den Kongofluss hinaus. Schwalben schossen im Zickzack übers Wasser. Fischer in Pirogen paddelten vorbei und inspizierten ihre Netze. Es hätte ebenso gut das Jahr 1890 sein können, bis ein riesiges Handelsschiff vorbeifuhr. Es kam aus Matadi und war auf dem Weg zum offenen Meer. Das Schiff lag sehr hoch auf dem Wasser. Bei der Schraube konnte ich sogar den Kiel sehen. Es war leer, völlig leer. Bis auf ein paar leere Container transportierte es nichts. Ich musste an Edmund Morel denken, der ein Jahrhundert zuvor im Hafen von Antwerpen zugeschaut hatte, wie die Schiffe schwer beladen mit Kautschuk und Elfenbein aus dem Kongo ankamen und später leer wieder abfuhren. Nun war es genau umgekehrt. Schiffe, die den Kongo verließen, waren leer. Für Morel war die Beobachtung, dass die Schiffe mal hoch und mal tief im Wasser lagen, ein Beweis dafür, dass es im Freistaat nicht um Handel ging, sondern um Plünderung. Der Unterschied im Tiefgang, den ich sah, legte nahe, dass der Freihandel, wie er jahrzehntelang von den Propheten der internationalen Wirtschaftsinstitutionen brutal erzwungen wurde, ebenfalls eine Form des Plünderns sein konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren wurde Mobutu ein müder, trübsinniger Mann, der offenbar wenig Freude an seiner Aufgabe fand. Nach dem Tod seiner Mutter und seiner ersten Frau gab es in seinem unmittelbaren Umfeld niemanden, der ihn noch bremsen konnte. Seine neue Frau Bobi Ladawa und deren Zwillingsschwester, die auch Mobutus Geliebte war, hatten nie so viel Einfluss wie mama Yemo und &#039;&#039;mama présidente&#039;&#039; Marie-Antoinette, seine erste Ehefrau. Mobutu hatte an seiner alten, tüchtigen Mutter sehr gehangen. Ihr Tod traf ihn tief. Seine Frau Marie-Antoinette war eine starke Persönlichkeit gewesen, die sich stets hartnäckig geweigert hatte, ihren christlichen Taufnamen aufzugeben. Lange Zeit hatte sie mäßigend auf die exzentrischen Anwandlungen ihres Mannes einwirken können. Und nun hatte Mobutu seinem Kabinettschef Bisengimana den Laufpass gegeben, und sein amerikanischer Hausarzt William Close hatte das Weite gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wurde ein einsamer Mann und verfiel von Tag zu Tag in größere Melancholie. Er schien dem Verlangen nach Exzessen anheimgefallen zu sein, ein Kennzeichen all jener, denen das Leben keine Überraschungen mehr zu bieten hat. In Europa kaufte er eine repräsentative Immobilie nach der anderen. Er besaß ein Dutzend Schlösser, Landgüter und Residenzen in Uccle und Rhode-Saint-Genèse, den wohlhabenden Vororten Brüssels. Er besaß eine achthundert Quadratmeter große Luxuswohnung an der Avenue Foch in Paris, eine schlossähnliche Villa in Savigny bei Lausanne, einen Palazzo in Venedig, eine pompöse Villa an der französischen Riviera, ein Anwesen mit Reitpferden in der Algarve, außerdem Hotels in West-Afrika und Südafrika sowie eine Luxusyacht auf dem Kongofluss.46 Aber am aufsehenerregendsten war zweifellos Gbadolite. Sein Heimatdorf, das mitten im Urwald nah an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik lag, ließ er zu einer Stadt ausbauen, mit Banken, einem Postamt, einem gut ausgestatteten Krankenhaus, einem hypermodernen Hotel und einer Landebahn für die Concorde. (Zizi: »Ja, als Journalist bin ich noch von Gbadolite aus mit der Concorde nach Japan geflogen.«) Es gab eine Kathedrale, deren Krypta als Familiengrab dienen sollte, ein chinesisches Dorf mit Pagoden und importierten Chinesen. Das Prunkstück von allem war Mobutus Palast, ein bescheidenes Eigenheim von 15.000 Quadratmetern. Sieben Meter hohe Türen mit Intarsien aus Malachit, mit Carrara-Marmor und Seidenstoffen verkleidete Wände, Kristall-Leuchter, venezianische Spiegel, Empiremöbel – es konnte nicht luxuriös genug sein. Es gab Whirlpools, Massageräume, ein Schwimmbecken und einen Friseursalon. Madame Mobutu besaß dort einen fünfzig Meter langen begehbaren Kleiderschrank für ihre umfangreiche französische Haute Couture, um die tausend Modelle. Im Keller des Gebäudes verstaubten Tausende französischer Spitzenweine (wenn sie nicht im tropischen Klima sauer wurden), es gab eine Diskothek für die Kinder und einen Atombunker für die Familie.47 Die Springbrunnen der Domäne plätscherten unaufhörlich und waren abends beleuchtet – in einer Region, in der es kaum Elektrizität gab. Mobutu gab dort Staatsbankette für Tausende Gäste, bei denen reichlich Rosé-Champagner floss, sein Lieblingsgetränk, und grinsende Spanferkel mit einer Apfelsine im Maul aufgetragen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ließ die besten Chefköche aus Frankreich und Belgien einfliegen«, erzählte Kibambi Shintwa, ein Mann, der noch immer an seinem »authentischen« Namen festhielt. Er war ab 1982 Berichterstatter im Dienst der &#039;&#039;présidence&#039;&#039; und erlebte Mobutu aus nächster Nähe. »Nachdem er jahrelang knallhart gearbeitet hatte, ließ er es etwas ruhiger angehen. Er besuchte gern teure Restaurants und genoss gutes Essen. Aber es bereitete ihm auch großes Vergnügen, andere zu beschenken. Er war sehr spendabel.« Seine Freigiebigkeit war jedoch nicht uneigennützig. »Die ganze Zeit verspürte er das Bedürfnis, daran zu erinnern, dass er der Chef war. Er wollte seine Macht zeigen.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Korruption war so erschreckend, dass ein vergessenes Wort aus dem Englischen plötzlich geläufig wurde: &#039;&#039;kleptocracy&#039;&#039;. Der unvergessliche Jamais Kolonga konnte das bezeugen. Nach seinem kurzen Abenteuer als Betreiber eines Sägewerks fing er bei der Miba an, dem staatlichen Bergbauunternehmen in Kasai. »Ach, aber ich war häufig in Gbadolite. Mit dem großen Miba-Boss Jonas Mukamba war ich oft beim Präsidenten. Jedesmal musste ich eine Aktentasche tragen und dem Präsidenten zur Begrüßung überreichen. Bitte sehr! Die Aktentasche war voll mit Diamanten.«49 Aber Kleptokratie war nur die halbe Geschichte. Es war auch eine »giftocracy«: Mobutu stahl, um zu verteilen und so seine Popularität zu sichern. Aus Gbadolite kehrte niemand mit leeren Händen zurück, hieß es. Ein paar hundert Dollar, ein Köfferchen voller Geld, eine Zigarrenkiste voller Diamanten, Mobutu hielt für seine Besucher immer ein Geschenk bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutus Eitelkeit grenzenlos war, hatte schon der »Mobutismus« mit dem dazugehörigen Personenkult gezeigt. Von den neunundsiebzig Banknoten, die in Mobutus Regierungszeit ausgegeben wurden, trugen einundsiebzig sein Porträt.50 Doch in den achtziger Jahren nahm sein Narzissmus schlicht pathologische Züge an. Das konnte niemand besser bezeugen als der flämische Schneider Alfons Mertens. Ich traf ihn in einem Villenviertel in der Provinz Antwerpen. Als harmloser Familienvater war er eigentlich nicht der Typ Mann, der glaubte, die Weltgeschichte aus der Nähe mitzuerleben, aber er arbeitete bei Arzoni in Zellik (bei Brüssel), dem Unternehmen, das die elegantesten &#039;&#039;abacosts&#039;&#039; der Welt anfertigte und in Zaire zu einem Markennamen wie Dior oder Versace wurde. Mertens war ein so guter Schneider, dass er 1978 Mobutus Privat-Couturier wurde. »Zwischen 1978 und 1990 war ich mehr als hundert Mal in Kinshasa. Ich wohnte immer im Intercontinental. Mobutu ließ mich kommen, ich sollte Maß nehmen für die Piloten und Stewardessen von Air Zaïre oder für die Generäle seiner Armee. Als sein Sohn in den Rang eines Leutnants befördert wurde, musste ich für seinen ganzen Jahrgang eine Ausgehuniform und einen Paradeanzug entwerfen und siebenundzwanzig Stück davon schneidern. Auch Mobutu selbst habe ich oft eingekleidet, auch seine Zivilkleidung habe ich genäht. Seine Frau oder seine Geliebte suchte dann den Stoff aus, mein Chef zeichnete das Schnittmuster, ich nahm Maß. Sie wählten immer sehr wertvolle Stoffe, wie Naturseide, Wildseide. Mobutus Maße änderten sich kaum. Er war groß, fast einen Meter achtzig, er hatte nie mehr als Größe 54. Er war ein gut aussehender Mann. Es dauerte eine Weile, bis man sein Vertrauen gewonnen hatte, aber dann war er ein netter Mensch&#039;&#039;.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1983 erhielt Alfons Mertens den aufwendigsten Auftrag seiner Laufbahn. »Ich musste für alle seine Generäle neue Uniformen schneidern und für Mobutu persönlich vier Galauniformen, zwei schwarze und zwei weiße. Seine Generäle hatten vorgeschlagen, ihn zum Marschall zu ernennen, und ich machte mich an die Arbeit.« Mobutu, Oberbefehlshaber der Armee, der beim Aufstand in Shaba eine jämmerliche Figur abgegeben hatte, sollte nun den historisch seltenen Rang eines Marschalls erlangen! Die Idee stammte natürlich von ihm selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mertens zeigte mir Fotos von dem Festakt und erklärte mir seine Kreationen. »Schauen Sie, der Kragen, der Gürtel und die Manschetten, die waren mit echten Goldfäden bestickt. Auch die Fangschnur hier. Alles Handarbeit. Auf den Ärmeln hatte er zwei Mal sieben Sterne. Die waren aus massivem Gold, das kam aus Frankreich.«51 An seiner Mütze war eine Wappen-Kokarde mit der Inschrift: &#039;&#039;Paix Justice Travail&#039;&#039;, obwohl es in seinem Land weder Frieden noch Gerechtigkeit noch Arbeit gab. Die Fotos von der Zeremonie seiner Ernennung zum Marschall zeugen von beispielloser Selbstherrlichkeit. Mobutu trug weiße Handschuhe und hielt ein Zepter in der Hand. Er ließ sich in einem offenen Mercedes umherfahren und winkte dem Volk zu. Er inspizierte die Truppen, die Gerichte und die Verwaltungen und hielt, unter einem Baldachin stehend, eine Ansprache. Jeder Marschall brauche einen Wappenspruch, verkündete er bei diesem Anlass der Nation. Der seine laute: &#039;&#039;Toujours servir&#039;&#039;. Allzeit dienen. Das war nicht mal mehr zum Lachen. Es war der traurige Gipfel des entfesselten Wahnsinns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber lehnte sich denn niemand dagegen auf? Im Dezember 1980 erdreistete sich eine Gruppe von dreizehn Parlamentariern, dem Präsidenten einen offenen Brief zu schreiben; das Schriftstück umfasste zweiundfünfzig Seiten und enthielt die Forderung nach politischen Änderungen. Sprecher der Gruppe war Etienne Tshisekedi, ein ehemaliger Mitarbeiter Mobutus, der schon an der Verfassung von 1967 mitgearbeitet hatte und mehrmals Minister und Botschafter gewesen war. Wie jeder, dessen Name mit »Tshi« beginnt, war er ein Muluba aus Kasai. Seine Sturheit war legendär.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon seit fünfzehn Jahren gehorchen wir Ihnen. Was haben wir in dieser Zeit nicht alles getan, um Ihnen nützlich und angenehm zu sein? Singen, tanzen, andere für Sie begeistern . . . wir haben alle Formen von Erniedrigung erlitten, alle Arten von Beleidigungen, wie sie uns nicht einmal die Kolonialisierung zugemutet hat. Und das alles, damit es Ihnen an nichts fehlt bei Ihrem Kampf für die Verwirklichung, und sei es auch nur zur Hälfte, des Gesellschaftsmodells, das Sie uns als Ziel hinstellten. Waren Sie dabei erfolgreich? Leider nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach fünfzehn Jahren Ihrer Regierung, die Sie autokratisch ausgeübt haben, existieren nun zwei völlig gespaltene Lager. Auf der einen Seite ein paar skandalös reiche Privilegierte. Auf der anderen Seite die Masse des Volks, die sich in finsterem Elend befindet und nur noch auf die internationale Mildtätigkeit verlässt, um mehr oder weniger zu überleben. Und wenn diese Mildtätigkeit Zaire erreicht, sprechen sich dieselben Reichen ab, um sie zum Nachteil der bedürftigen Massen zu veruntreuen! (. . .)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Citoyen Président-Fondateur&#039;&#039;, diese nüchterne Analyse zeigt, dass unsere Gesellschaft mit einem ernsthaften Problem zu kämpfen hat. Sie haben oft gesagt, dass ein echter Häuptling jemand ist, der seine Fehler einsieht. Sie haben das oft getan. Aber das Drama besteht darin, dass Sie nicht immer die Konsequenzen daraus ziehen. Und das Schlimmste ist, dass Sie einen Schritt nach vorn machen und drei zurück.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derart offene Worte hatte Mobutu seit langem nicht mehr vernommen. Die Gruppe der dreizehn wurde verhaftet und ins Landesinnere verbannt, doch 1982 gründeten einige ihrer Mitglieder die UDPS (&#039;&#039;Union pour la Démocratie et le Progrès Social&#039;&#039;), eine illegale Oppositionspartei, die den Einparteienstaat des MPR herausfordern wollte. Sie sollte sich zu einem Sargnagel für Mobutu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sprach darüber mit Raymond Mukoka, einem Beteiligten der ersten Stunde. Er hatte den Brief der Parlamentarier mit formuliert. »Die Unterzeichner wurden zu fünfzehn Jahren Verbannung verurteilt. Mein Name stand nicht dabei, aber als Mitautor landete ich erst im Ituri-Gebiet und dann in Kasai. Ich musste das Essen und das Gehalt meiner Bewacher selbst bezahlen! Wir bekamen Unterstützung von Amnesty International und der katholischen Kirche, die über ihr &#039;&#039;phonie&#039;&#039; Nachrichten an meine Familie weitergeben konnten. &#039;&#039;Jeune Afrique&#039;&#039; schrieb über uns. 1985 war ich für kurze Zeit wieder in der Hauptstadt. Die UDPS hat sich in der Verbannung gebildet, so wie die Kimbanguisten. Manche träumten von einem paramilitärischen Flügel, aber wir sind immer gewaltlos geblieben. Tshisekedi sagte: Unsere Feder und unser Mund, das sind unsere Waffen. 1987 lud Mobutu uns nach Gbadolite ein. Er sagte: Tretet dem MPR bei. Wir sagten: Nein! Darauf er: Dann kommt zu den Institutionen des MPR. Er wollte uns ins Zentralkomitee aufnehmen, bot uns Ministerposten oder Leitungsfunktionen bei den staatlichen Betrieben an. Viele sind darauf eingegangen, aber ich wollte nicht, und Tshisekedi auch nicht.«53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu brachte seine Kritiker mit Geschenken zum Schweigen, und eine der gefragten Aufmerksamkeiten war ein Ministerposten. Eine politische Laufbahn war sehr lukrativ, fast niemand schlug sie aus. Zwischen 1965 und 1990 traten einundvierzig Regierungen an, jedes Mal mit rund vierzig amtierenden Ministern.54 Regelmäßige Kabinettsumbildungen, ungefähr jedes halbe Jahr, verhinderten, dass jemand tatsächlich Macht erlangen konnte, und boten der nächsten Gruppe die Gelegenheit, sich ein halbes Jahr lang aus der Staatskasse zu bedienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war ein beispielloser politischer Intrigant. »Er hielt nichts von Sitzungen«, sagte Zizi, »er bevorzugte immer Tête-à-têtes, private Gespräche, bei denen er die Politiker und Beamten gegeneinander aufstachelte. Er war ganz groß darin, Hass zu schüren.« Mobutu verfügte über ein ganzes Arsenal an Techniken, um Menschen an sich zu binden. Er war charmant, sympathisch und amüsant, aber auch respektlos, verschlagen und infam. Bewusst verfolgte er eine Jojo-Strategie. Den einen Tag konnte er herzlich sein und jovial, und am nächsten Tag begegnete er einem mit eisiger Kälte. Kibambi Shintwa berichtete mir von seinen Erfahrungen: »Mobutu war vieldeutig, ungreifbar, undurchsichtig. Er war launisch. Er änderte sich jeden Tag. Er wollte vor allem zeigen, dass mit seiner Macht nicht zu spaßen war. Er war argwöhnisch, wie ein Tier mit einer Beute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Personen, die sich seiner Protektion erfreuten, kanzelte er manchmal in aller Öffentlichkeit ab. Anderen, die es sich ein für allemal mit ihm verdorben hatten, wie der ehemalige Premierminister Nguza Karl-I-Bond, wurde unerwartet Vergebung gewährt, und sie durften nach Kinshasa zurückkehren – Nguza ließ sich darauf ein und verlor damit jede Glaubwürdigkeit, denn er war eine Zeitlang noch die Hoffnung der heimlichen Opposition gewesen. So wurde jeder Kritiker vor den Karren des MPR gespannt, und Mobutu triumphierte als mildes, weises Dorfoberhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderes Vorrecht des traditionellen Häuptlings, das Mobutu eifrig in Anspruch nahm, war das &#039;&#039;droit de cuissage&#039;&#039;, das jus primae noctis. Zizi erzählte davon: »Wenn er durchs Land reiste, boten ihm die örtlichen Würdenträger immer eine Jungfrau an. Es war eine große Ehre für die Familie, wenn das Mädchen vom höchsten Häuptling entjungfert wurde. Diesen Brauch gab es früher auch schon, aber Mobutu ging weiter. Er hatte keine Skrupel, Frauen bei seinen Machtspielchen einzusetzen. Er benutzte Frauen aus seiner Provinz &#039;&#039;pour faire avancer les dossiers&#039;&#039;. Er schlief mit den Frauen seiner Minister, um ihnen Geheimnisse zu entlocken und die Minister zu demütigen. Wenn Minister nach Gbadolite mussten, nahmen sie nie ihre Ehefrau mit, sondern eine Nichte. Das fanden sie weniger schlimm . . . Mokonda war ein Jurist und enger Mitarbeiter. Seine Frau war sehr hübsch. Eines Tages war Mokonda zu einem Treffen mit Mobutu in Gbadolite. Was er nicht wusste, war, dass im Raum nebenan seine Frau schlief. Der Präsident hatte sie mit einem Privatjet einfliegen lassen. Mobutu, haben wir gesagt, der ist multipolygam. Er hat sehr viele Ehen zerstört.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Politische und sexuelle Intrigen waren nur die Spitze des Eisbergs. Je mehr Mobutu sich auf seine Yacht oder in seinen Palast zurückzog, desto genauer wollte er wissen, was in seinem Land geschah. Die Nachrichtendienste wurden in den achtziger Jahren so wichtig, wie es die Propagandadienste in den siebziger Jahren gewesen waren. Er verfügte über ein halbes Dutzend Geheimdienste, die nebeneinander operierten, denn auch hier galt die Devise: Teile und herrsche. Spitzel gab es zuhauf. Männer misstrauten ihren Frauen, Mütter ihren Söhnen, Schwestern ihren Brüdern. Überall hatte Mobutu Zuträger, sogar in Belgien. Paranoia wurde zu einem Grundgefühl. Minister, die beim Präsident zum Essen eingeladen waren, täuschten strenge Diäten oder starke Magenbeschwerden vor, denn sie hatten Angst, vergiftet zu werden. Andere brachten sich ihre eigenen Sandwiches mit.55 Es kursierte das Gerücht, in Kinshasa gäbe es einen Kanal vom Präsidentenpalast auf Mont Ngaliema zum Fluss; Widersacher würden über diesen Kanal den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen. Sogar belgische Diplomaten unter sich sprachen den Namen Mobutu nicht mehr aus. Auf Konferenzen redeten sie von »Jefke Van den Bergh«: »Jef« stand für Joseph, mit »van den Bergh« war Mont Ngaliema gemeint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wahres Schreckensregime begann. Es herrschte Willkür, gegen die sich niemand wehren konnte. Bei einem meiner ersten Aufenthalte im Kongo, im Jahr 2005, kam ich mit Madame A. in Kontakt, einer älteren Dame, die früher Nachrichtensprecherin gewesen war. Bei einem Abendessen erzählte sie mir ihre unvorstellbare Lebensgeschichte. »Mein Mann war Chefredakteur bei den Nachrichten. Wir hatten fünf Kinder. Er war ein gut aussehender Mann. Mobutus Schwägerin sah ihn auf dem Bildschirm und wollte ihn für sich, ob verheiratet oder nicht. Eines Abends, wir saßen gerade beim Essen, standen bewaffnete Soldaten vor der Tür. Mein Mann musste mit. Mir wurde gesagt: Du schweigst, oder deine Kinder enden bei Kinsuka im &#039;&#039;fleuve&#039;&#039;. Auf der Arbeit sagte man zu mir: Unternimm nichts, du weißt doch, wer ihn mitgenommen hat. Ich habe ihn nie mehr wiedergesehen. Mobutu gab ihm Botschafterposten in Togo, Argentinien, Österreich und im Iran. Er ist 1995 gestorben, als er Botschafter in Südafrika war. Viele Leute in Kinshasa kennen die Geschichte, aber nur wenige wissen, dass es um mich geht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutus Nachrichtendienste waren so gnadenlos, dass Madame A. auch heute noch auf Anonymität besteht. Insbesondere die DSP, die &#039;&#039;Division Spéciale Présidentielle&#039;&#039;, erwarb sich einen finsteren Ruf. Es handelte sich um eine Abteilung von einigen tausend speziell ausgebildeten und gut bezahlten Soldaten, die aus Mobutus Heimatgegend stammten. Der große Vereiniger des Landes war so neurotisch geworden, dass er nun doch Männer seines Stammes für seine Leibgarde bevorzugte! Es war eine Armee neben der Armee. Sie waren loyal und unerbittlich. Der harte Kern bestand aus &#039;&#039;les hiboux&#039;&#039;, den »Eulen«, da sie nachts in Aktion traten und Menschen in aller Stille verschleppten. Tatsächliche oder vermeintliche Regimegegner wurden ohne Gerichtsverfahren in schmutzstarrende Gefängnisse gesperrt, wo sie nichts zu essen bekamen. Wie überall auf der Welt war auch in Zaire der menschliche Geist besonders kreativ beim Ersinnen von Foltern. Es gab den »Fisch«, eine Methode, bei der dem Gefangenen die Hände auf den Rücken gebunden wurden und er mit dem Kopf nach unten aufgehängt und in einen Behälter mit Wasser getaucht wurde. Es gab die »Boeing«, bei der man den Körper hochzog, mit Stöcken bearbeitete und in »Luftlöcher« fallen ließ. Es gab »die Maschinenschreiberin«, bei der Holzklötze zwischen die Finger geschoben und dann gespannt wurden, um die Finger zu zerquetschen. Es gab den »Nussknacker«, bei dem man die Füße des Gefangenen in nasse Holzklötze steckte und ihn damit in der Sonne sitzen ließ; wenn das Holz trocknete, zermalmte es die Fußknochen.57 Genitalien wurden mit Elektroschocks traktiert, auf Lippen wurden Zigaretten ausgedrückt. Amnesty International erhob Protest und versuchte den Umfang der Menschenrechtsverletzungen einzuschätzen, aber die genaue Zahl der Fälle konnte nie ermittelt werden.58 Wie in der Kolonialzeit wurden Menschen ins Landesinnere verbannt. Andere verschwanden spurlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pierre Yambuya, der Hubschrauberpilot, der sein Kerosin verkaufte, führte mehrmals Geheimaufträge aus. Mit seiner Maschine musste er über dem Kongofluss oder über einem See fliegen, während Fallschirmspringer im Frachtraum ein Dutzend Säcke hinauswarfen, Säcke mit Leichen, sah er. »Von März bis Oktober 1983 habe ich vier solcher Missionen ausgeführt, bei denen jedes Mal eine Ladung in der Gegend der Stromschnellen von Kinsuka abgeworfen wurde. Aber meines Wissens fand jede Woche mindestens einer dieser Flüge statt.« Zuweilen machte man sich gar nicht erst die Mühe, die Oppositionellen vorher zu ermorden. Eines Tages musste Yambuya mit seiner Alouette auf der Kamanyola landen, der Yacht des Präsidenten. Ein hochstehendes Mitglied von Mobutus Leibwache, Yambani, stieg mit zwei gefesselten Männern und zwei Fallschirmspringern ein. Mobutu stand dabei. »Wir steigen wieder auf und Yambani sagt mir, in welche Richtung ich fliegen soll. Irgendwann fordert er mich auf, auf tausend Meter Höhe zu steigen. Er sieht sich um, ob im weiten Umkreis keine Lebenszeichen zu entdecken sind – abgesehen von Jägern im Wald – und befiehlt den beiden Fallschirmspringern, sich mit ihren Gurten gut zu sichern. Die Männer befolgen seinen Befehl und öffnen dann die Luke hinten rechts. Sie stoßen den ersten Gefangenen hinaus, der gar nicht mehr dazu kommt, zu protestieren. Der zweite beginnt zu weinen und fleht um Gnade, aber auch er wird aus der Maschine gestoßen, in den freien Fall überm Urwald.«59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa gab das repressive Klima Anlass zu viel Klatsch und Tratsch; Wahrheit und Dichtung verschwammen. &#039;&#039;Radio-trottoir&#039;&#039; wurde diese Gerüchteküche genannt, denn die offiziellen Medien brachten nur noch Staatspropaganda. Die Straße wurde ein Ort des Argwohns und des Sarkasmus. An den Kreuzungen, wo sich die Taxibusse sammelten, konnte man illegale Comics und kleine volkstümliche Gemälde kaufen. Kinshasa entwickelte eine lebendige visuelle Kultur. Auf hektographierten Blättern oder grober Leinwand wurden gesellschaftliche, politische und moralische Themen ins Bild gesetzt, ohne dass öffentlich Pro- oder Kontra-Meinungen dazu geäußert wurden. Zeichner und Maler gestalteten mit virtuoser Ironie das Leben in der Großstadt unter der Diktatur. Die Themen waren oft ambivalent: Man ergötzte sich daran, die Sünde darzustellen, und schmähte alles, was heilig war. Es erinnerte an Bilder von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Junge Leute, die den Mobutismus verabscheuten, entwickelten eine ganz besondere Form von Kritik an den Zuständen. Sie muckten nicht mit Worten oder Bildern auf, sondern mit ihrer Kleidung. Der Anzug des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war verboten, der obligate &#039;&#039;abacost&#039;&#039; war ihnen zu altmodisch. Also hüllten sie sich in nagelneue, ausgesprochen auffällige Outfits. Sie sparten ihr Geld und importierten sündhaft teure Markenkleidung aus den Boutiquen der Avenue Louise in Brüssel und der Place Vendôme in Paris, jedenfalls behaupteten sie das. Ihre Bewegung nannten sie &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; (&#039;&#039;Société des Ambianceurs et Personnes d&#039;Elégance&#039;&#039;, etwa »Vereinigung der Stimmungsmacher und Eleganten«). Der Musiker Papa Wemba, der aus einfachen Verhältnissen kam und es zum Weltstar gebracht hatte, war ihr Papst, &#039;&#039;le Pape de la Sape&#039;&#039;. Es war eine höchst sonderbare Bewegung. Auf den ersten Blick schien es lächerlich, in Krisenzeiten als Mann in Kinshasa mit einer protzigen Sonnenbrille, einem Hemd von Jean-Paul Gaultier und einer Nerzjacke herumzulaufen, aber der Materialismus der &#039;&#039;sapeurs&#039;&#039; war Gesellschaftskritik, wie es der Punk in Europa war. Er stand für eine tiefe Aversion gegen die täglich erlebte Misere und Unterdrückung und für den Traum von einem Zaire ohne Sorgen. Materialismus ist eines der bekanntesten Symptome von Armut. &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; hatte mit Erfolg zu tun, mit Sichtbarkeit, mit Auffallen und Gefallenwollen. Diskotheken betrat man mit einer Mischung aus &#039;&#039;chic, choc et chèque&#039;&#039;. Der wahre &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; war obercool: Er bewegte sich und sprach mit vollkommener Beherrschung, er bezahlte seinen Freunden das Bier, und er riss Mädchen mit einem Fingerschnippen auf. Er war ein Dandy, ein Playboy, ein Snob. Luxus bedeutete Ansehen. Der &#039;&#039;sapeur&#039;&#039; wurde nicht verachtet, sondern bewundert. Für viele bettelarme Jugendliche hielt seine Extravaganz die Hoffnung lebendig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zizi war dafür zu alt. »Mobutu gab ein großes Fest. Franco und Tabu Ley spielten. Die Gäste kamen im &#039;&#039;abacost&#039;&#039; mit dem MPR-Logo am Kragen. Aber Mobutus eigene Söhne waren große Fans von Papa Wemba. Sie trugen weite Hosen und Hemden mit auffallenden Kragen. Das waren zwei getrennte Welten! &#039;&#039;La Sape&#039;&#039; war wirklich die Musik der Jugend. Sie sahen sich als neue Generation und grenzten sich von ihren Eltern ab. Papa Wemba weigerte sich, über Politik zu reden. Seine Musik war nicht dazu da, dass man aufmerksam zuhörte, man tanzte sofort. Musik, die wie eine Betäubung wirkte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ganze Generation wuchs in einer Welt voller Armut und Elend auf. Musik bot ein Ventil, aber auch ein Studium war noch immer hoch begehrt. Obwohl die Hörsäle der Universitäten heruntergekommen waren, die Professoren nur sporadisch erschienen, obwohl es keine Vorlesungsverzeichnisse gab und die hektographierten Unterlagen zerbröselten, waren die Seminarräume und Hörsäle Woche für Woche proppenvoll mit jungen Leuten, die hofften, ein Universitätsdiplom würde sie aus dem Sumpf retten. Der Hunger nach Bildung und Qualifikationen war enorm und ist seitdem nie geringer geworden. Doch das Niveau des Unterrichts war niedrig, und auf allen Ebenen herrschte Korruption. Für viele schlecht bezahlte Professoren war alles Verhandlungssache. Eine große Zahl von Studentinnen erkaufte sich gute Noten mit sexuellen Dienstleistungen. »Für zahlreiche Mädchen ist der Körper nicht mehr eine Quelle der Schönheit, sondern er muss auch eine Quelle der Rentabilität werden«, schrieb ein besorgter Professor der Moralphilosophie. Das Phänomen trat auch schon in den Oberschulen auf. Schulleiter, Parteifunktionäre und hohe Beamte brüsteten sich damit, &#039;&#039;une série 7&#039;&#039; zu haben, ein Mädchen, das in den siebziger Jahren geboren war.60 »Viele Mädchenschulen sind umfunktioniert worden zum sexuellen Fischteich für die Bonzen aus Politik und Verwaltung. Sie verlassen ihre Dienststellen vor Feierabend und mischen sich in die Autoschlangen, die vor dem Schultor warten. Die Abende beginnen im Allgemeinen in einem Restaurant im Arbeiterviertel mit gegrilltem Huhn oder Fisch und viel Piri-piri und enden in den frühen Morgenstunden in einem kleinen Hotel, im Schutz der dunklen Tropennächte.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Antwort auf die Krise entstand eine völlig neue Parallelwirtschaft, die auf dem Mikrohandel basierte. Frauen brieten morgens in aller Frühe ein Huhn und gingen damit auf den Markt. Gut situierte Damen, die durch Beziehungen ein paar schicke Pumps aus dem Ausland ergattert hatten, verkauften sie in ihrem Wohnviertel. Krankenpfleger, die tagsüber in einer Klinik arbeiteten, nahmen einen Streifen Tabletten mit nach Hause und verkauften ihn weiter. Piloten verhökerten ein paar Kanister Kerosin. Beamte verhandelten über jeden Stempel. Polizisten freuten sich über jeden Verstoß gegen die Verkehrsregeln. Immer war irgendwo etwas zu »regeln«. Eine Hand wäscht die andere. &#039;&#039;Madesu ya bana&#039;&#039;, sagten sie, Bohnen für die Kinder, &#039;&#039;matabiche&#039;&#039;, &#039;&#039;bakchich&#039;&#039;: das Esperanto der Desperados.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf einen Staat, der sich seinen Bürgern entzieht, entzogen sich die Bürger dem Staat. &#039;&#039;»Article 15«,&#039;&#039; nannte man das, nach einem fiktiven Artikel in der zairischen Verfassung, der lautete: &#039;&#039;»Débrouillez-vous!«&#039;&#039; Seht zu, wie ihr klarkommt! Sehr oft ging es um illegale Aktivitäten (Schmuggel, Diebstahl, Betrug), aber was ist illegal, wenn das Land selbst kriminell ist? Korruption des Volks war die beste Methode, sich der Korruption in den höheren Etagen zu erwehren, denn brav bezahlte Steuern hätten sich doch nur verflüchtigt. Hatte Mobutu Sese Seko selbst das nicht augenzwinkernd erlaubt? Auf einer Großveranstaltung im Fußballstadion von Kinshasa hatte er gesagt: »Wenn du stehlen musst, dann stiehl ein bisschen und lass ein bisschen für die Nation übrig.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hätte er gar nicht erst zu sagen brauchen. In jenen Jahren wurden 30 bis 60 Prozent der Kaffee-Ernte außer Landes geschmuggelt, zwischen 1975 und 1979 im Wert von 350 Millionen Dollar. 70 Prozent der Diamanten, 90 Prozent des Elfenbeins, Tonnen Kobalt und Hektoliter Benzin passierten heimlich die Grenzen.63 Das Land war löchrig wie ein Sieb, und dem Staat entgingen viele hundert Millionen. Hier ein bisschen, da ein bisschen, so wie es der Präsident empfohlen hatte, bis schließlich nichts mehr übrig war. »Der Kakerlak frisst ein ganzes Maniokbrot nur mit seinen kleinen Zähnen«, sagten die Leute.64 Es war die einzige Möglichkeit, zu überleben. Dank der Schattenwirtschaft konnten die Menschen Lehrer und Krankenpfleger bezahlen. Das Land holperte auf eckigen Rädern voran, aber immerhin bewegte es sich noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachhaltig war diese Plünderökonomie natürlich nicht. Der Kongo wurde kannibalisiert. Keiner scherte sich mehr um den Staat. Die Post funktionierte nicht mehr, Wasser und Elektrizität wurden knapp, es gab weniger als einen Telefonanschluss pro tausend Einwohner.65 Das Land wurde &#039;&#039;cadavéré&#039;&#039;, wie es in einem Lied von Zao hieß. Die Schiffe auf dem Fluss wurden langsam dahintreibende Dörfer, die irgendwann einmal ihr Ziel erreichten. Air Zaïre, die staatliche Fluggesellschaft und einst der Stolz des Landes, bekam den Beinamen »Air Peut-Être«, dazu den unübersetzbaren Slogan &#039;&#039;»la seule chose au Zaire qui ne vole jamais&#039;&#039;«. Humor war die beste Medizin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mobutu flog einmal mit Reagan und Mitterrand in der Concorde um die Welt«, so fing der beste Witz aus der Mobutu-Ära an. »Reagan streckte die Hand aus dem Fenster und sagte: ›Ich glaube, wir fliegen gerade über Amerika.‹ ›Woher wissen Sie das?‹, fragten die beiden anderen Staatschefs. ›Ich habe gerade die Freiheitsstatue gefühlt‹, sagte Reagan. Daraufhin streckte Mitterrand die Hand nach draußen. ›Ich glaube, wir fliegen jetzt über Frankreich‹, meinte er sofort. ›Woher wissen Sie das?‹, fragten Reagan und Mobutu. ›Ich habe gerade den Eiffelturm gefühlt.‹ Schließlich streckte auch Mobutu die Hand aus dem Fenster. ›Ich bin mir sicher, dass wir über Zaire fliegen‹, sagte er zu seinen Mitpassagieren. ›Aber woher wissen Sie das?‹, riefen sie, ›Zaire hat doch keine Türme!‹ ›Nein‹, sagte Mobutu, ›aber mir ist gerade die Armbanduhr geklaut worden.‹«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch die Krise änderten sich die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Viele Männer verloren ihren Job und fühlten sich gedemütigt, weil sie nicht mehr für den Unterhalt ihrer Familie sorgen konnten, geschweige denn für den ihrer etwaigen Mätressen. Sie waren ärmer als ihre Eltern und mussten oft bei ihnen betteln. Früher war der Mann der Ernährer, der, der eine Arbeitsstelle hatte, nun sicherte die Frau das Familieneinkommen. Ein Schulleiter in Kikwit erzählte: »Mein Gehalt ging innerhalb von zwei Tagen für Lebensmittel drauf. Es war lächerlich wenig, und oft wurde es nicht mal ausbezahlt. Meine Frau hatte einen kleinen Stand auf dem großen Markt. Sie verkaufte Seife, Zucker und Salz. Das war die wichtigste Einnahmequelle für unsere Familie. In diesen Jahren verdienten viele Frauen mehr als ihr Mann. Manchmal verließen sie ihn. Junge Frauen studierten und wurden selbstständiger.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schattenwirtschaft, wie mühsam und unberechenbar sie auch war, bot manchen Frauen neue Chancen. Einige von ihnen wurden wehrhafter. Maniokverkäuferinnen im Kivu, einfache Bäuerinnen, ließen es sich nicht gefallen, dass sich die lokalen Polizisten und Beamten immer neue Steuern ausdachten, wenn sie mit ihren Körben zum Markt gingen. Sie protestierten bis hin zur Ebene des Provinzgouverneurs.68 In Bukavu konstatierte Régine Mutijima, die Direktorin einer Mädchenschule, dass der Sparkurs des IWF und der Weltbank zu Missständen führte. »1983 war Kengo wa Dondo Premierminister und ordnete drakonische Einsparungen an. Sogar der Mutterschaftsurlaub für Lehrerinnen wurde gestrichen, weil angeblich kein Geld da war, während zugleich gewaltige Mengen Staatsgeld gestohlen wurden. Ich war die Vorsitzende der &#039;&#039;Association des Femmes Enseignantes de Bukavu&#039;&#039;. Eine kanadische Lehrerin erzählte mir von Gandhi. Ich las seine Schriften und die von Martin Luther King, und auch die von Lumumba und Nkrumah, obwohl das verboten war. Ich las auch die verbotene Wochenzeitung &#039;&#039;Jeune Afrique.&#039;&#039; 1986 starb eine Kollegin von mir im Wochenbett. Sie hatte bis zum Tag vor der Geburt gearbeitet, ihr Baby wog kaum 1,7 Kilo, weniger als ein Kaninchen. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich organisierte ein Sit-in. Wir zogen in kleinen Gruppen zur Zahlstelle der Schulbehörde. Drei Viertel der Lehrerinnen kamen mit. Um Punkt zehn Uhr setzten wir uns alle hin. Sie konnten auf uns schießen lassen, das wussten wir, aber wir wollten die Stadt lahmlegen. Abends zu Hause wurde ich verhaftet. Ein Landrover voller Soldaten nahm mich mit ins Rathaus. Ich war nur im Nachthemd. Da standen sie alle: der Bürgermeister, der Chef der Staatssicherheit, des MPR, der Schulbehörde, des Stadtteils. Ich stand als Frau fünfzig Männern gegenüber. Sie beschimpften mich, einer nach dem anderen, und ich musste die ganze Zeit an das Kind denken, das nur 1,7 Kilo wog, das Kaninchen, dessen Mutter, Madame Rumbasa, eine gute Kollegin, gestorben war, weil sie keinen Mutterschaftsurlaub bekommen hatte. Ich wurde schrecklich wütend. Ich explodierte. Ich schrie den Bürgermeister an. Ich hatte einen Kloß im Hals, es war das zweite Mal, seit ich erwachsen bin, dass ich weinte. Nach meiner Tirade schwiegen alle, so empört war ich gewesen. Ich fühlte mich ruhig. Gegen Mitternacht brachte der Bürgermeister mich in seinem Mercedes nach Hause.«69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine hatte außerordentlichen Mut bewiesen. Sie wurde nicht verfolgt, sondern durfte auf Kongressen in Nsele und Gbadolite über das Problem der Jugend referieren. Aber so glimpflich lief es nicht immer ab. Auf der anderen Seite des Landes arbeitete Thérèse Pakasa an der Kasse eines Lebensmittelladens in Kinshasa. Sie war mit Gizenga in Kontakt gekommen, Lumumbas Vizepremier, der in Brazzaville im Exil lebte und aus ihrer Gegend stammte. Auch sie las Lumumba und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Ihr Blut geriet in Wallung, wenn sie an die Situation in ihrem Land dachte. »Ich wollte eine Demonstration organisieren, aber die Leute hatten so viel Angst! Ich fand nur drei Frauen, die mitmachen wollten. Eine Brotverkäuferin und zwei Hausfrauen. Wir beschrifteten ein Transparent und machten Flugblätter. Am 23. Juli 1987 zogen wir über den Boulevard du 30 Juin, in Höhe der belgischen Botschaft. Wir trugen die alte, blaue Flagge des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier einfache Frauen, die ihr Leben riskierten, indem sie mit einem verbotenen Transparent und einer verbotenen Fahne über die große Allee der Hauptstadt liefen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nach ein paar hundert Metern wurden wir verhaftet. Der Nachrichtendienst hielt mich anderthalb Monate lang fest. Ich wurde leicht gefoltert, aber mein Mut wuchs. Ein Jahr später tat ich es noch einmal, nun mit zehn Frauen. Wieder wurden wir festgenommen. Ich wurde geschlagen und mit einer militärischen Eskorte ins Landesinnere verbannt. Als ich nach Kinshasa zurückkehrte, warf man mich ins Gefängnis, und auch alle meine Kinder wurden verhaftet, sogar das zwei Wochen alte Baby. Sie konnten nicht glauben, dass eine Frau so etwas tun konnte.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blut, das aus ihrem Kopf rann. Der Unterkörper eines Harlekins. Die winterlichen Bilder aus Rumänien ließen Mobutu nicht los.71 Der Ostblock stürzte zusammen, der Kalte Krieg neigte sich dem Ende zu. Demnächst wäre er als Bündnispartner der Amerikaner unnütz. Mobutu verdankte sein Reich der Angst vor dem Kommunismus, aber Marx war ein Riese auf tönernen Füßen geworden. Loyalität im Kampf gegen die rote Gefahr zählte nicht mehr, Respekt vor den Menschenrechten wurde das neue Kriterium. Auf einem Gipfeltreffen französischsprachiger Länder kündigte Präsident Mitterrand an, dass Frankreich nur noch Entwicklungsländer unterstützen würde, die demokratische Werte vertraten und die Menschenrechte achteten. Die Zeit Giscards war vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1990. Mit dem neuen Jahrzehnt schien ein neues Klima anzubrechen. Im Februar wurde Nelson Mandela freigelassen, ein Weltereignis, das den gesamten Kontinent mit Hoffnung erfüllte. In der Elfenbeinküste, in Benin, Gabun und Tansania erhob sich der Ruf nach einem Mehrparteiensystem. In Kongo-Brazzaville und Mali geriet die Militärdiktatur ins Wanken. Der Rausch der Freiheit erreichte auch Zaire. Mobutu erkannte, dass er sein Volk nicht länger missachten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hielt eine Volksbefragung ab, wie es die belgische Kolonialmacht 1958 getan hatte und Leopold II. 1905. Damals hatte das zu einer drastischen Wende geführt – wie würde es jetzt ausgehen? Eine Gruppe von Interviewern zog von Stadt zu Stadt und veranstaltete öffentliche Sitzungen. Bürger im ganzen Land durften ihre Meinung über Mobutus Regierung äußern, ja, sie durften sogar ihrem Ärger freien Lauf lassen. Verfolgung brauchten sie nicht zu befürchten. Die erste Sitzung fand in Goma statt, und Mobutu war dabei. Er sei selbstverständlich bereit, sich konstruktive Kritik anzuhören, denn niemand sei vollkommen. Aber es regnete, nein, es schüttete Beschwerden. Mobutu fand sich in einem tropischen Unwetter der Unzufriedenheit wieder. Alte Frauen standen auf und kanzelten ihn ab. Sein neuer Beiname in diesem Moment war Mobutu &#039;&#039;Sesesescu . . .&#039;&#039; Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa bekam seine Reaktion mit: »Mobutu konnte es nicht fassen und war ungemein enttäuscht. Er war der Ansicht, das Land schulde ihm alles, und er zog sich zurück, so gekränkt war er. Er wollte der Wahrheit nicht ins Auge sehen. An den folgenden Sitzungen nahm er nicht mehr teil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Interviewer machten ihre Arbeit. Mehr als sechstausend Berichte wurden gesammelt, die meisten davon absolut vernichtend. Der Vorsitzende der Kommission begab sich mit einer Zusammenfassung zum Präsidenten. Zizi wusste noch, wie das abgelaufen war: »Mobutu hatte sich auf sein Schiff Kamanyola zurückgezogen. Er berief das Politbüro des MPR ein, um an Bord zu beraten. Zwei, drei Tage saßen sie dort fest. Auch die Mitglieder der Regierung mussten erscheinen.« Sogar der amerikanische Außenminister kam vorbei, um Mobutu mitzuteilen, dass Bush sen. ihn, ungeachtet aller historischen Freundschaftsbande, nicht länger bedingungslos unterstützen konnte.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber am 24. April 1990 stand sein Entschluss fest. Generäle, hohe Beamte, Provinzgouverneure, Parlamentarier und ausländische Journalisten rief er im weißen Konferenzort Nsele zusammen, schon seit einem Vierteljahrhundert der Vatikan des MPR. Vor sich eine Batterie Mikrophone, hielt Mobutu, in der schwarzen Marschalluniform, die Alfons Mertens ihm geschneidert hatte, eine Ansprache. Er habe die Stimme des Volkes vernommen; Zaire würde demokratisch werden. Zum Erstaunen aller Anwesenden verkündete er das Ende des Einparteienstaates. Künftig dürften drei Parteien existieren, es gäbe Raum für eine freie Presse, freie Gewerkschaften und, innerhalb eines Jahres, freie Wahlen. »Und was geschieht mit dem Chef bei alledem?«, fragte sich Mobutu am Ende seiner Rede. »Das Staatsoberhaupt steht über den politischen Parteien. Er wird der Schiedsrichter, mehr noch, die höchste juristische Instanz sein. Ich gebe Ihnen bekannt, dass ich mich von heute an aus dem Mouvement Populaire de la Révolution zurückziehe, damit ein neuer Chef gewählt werden kann . . .« Mobutu zögerte kurz, geriet ins Stocken und blickte verloren in den Saal, in dem es mucksmäuschenstill geworden war. Dann sagte er die legendären Worte: »&#039;&#039;Comprenez mon émotion.&#039;&#039;« Auf den Jubel hin, der nun losbrach, schob er die klobige Brille hoch und tupfte sich die feucht gewordenen Augen trocken – wie ein Mann, der innerhalb einer Sekunde alt geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufnahmen von der Rede wurden im ganzen Land gezeigt. Hatte man es richtig verstanden? War die Zweite Republik nun endgültig vorbei? Mit einer simplen Rede, begleitet von ein paar Krokodilstränen? Einer Rede, die genauso banal war wie die Rundfunknachricht, mit der Mobutu 1965 die Macht ergriffen hatte? Ohne Revolution oder Straßengewalt? Junge Männer stürzten sich auf die Garderobe ihres Vaters und wühlten zwischen den alten Kleidern nach Krawatten. Keiner wusste mehr, wie man so ein Ding richtig band, aber was machte das schon? Es ging um das Symbol der Freiheit! Mädchen zogen sich die viel zu weiten Hosen ihrer Brüder an und liefen damit kichernd auf die Straße. Bei diesem Umbruch brauchte niemand Steine zu werfen oder Parolen zu skandieren. »Ich kann mich noch gut daran erinnern«, sagte Zizi, als er an diesen hoffnungsvollsten Tag in seinem Leben zurückdachte, »die Straßen von Kinshasa waren an diesem Abend voller schlecht gebundener Schlipse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 11 Der Todeskampf ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Demokratische Opposition und militärische Konfrontation 1990-1997 ===&lt;br /&gt;
Régine und Ruffin lebten beide in Bukavu, dem hübschen Städtchen am Kivusee an der Grenze zu Ruanda, aber sie hatten nichts miteinander gemein. Als Mobutu das Ende des Einparteienstaats verkündete, war Régine fünfunddreißig Jahre alt und Ruffin sieben. Régine war die Direktorin einer katholischen Mädchenschule, Ruffin lernte gerade lesen in einer katholischen Knabenschule anderswo in der Stadt. Régine hatte einige Jahre zuvor das Sit-in der Lehrerinnen organisiert. Als sie erfuhr, dass die Staatspartei MPR ihre Allmacht verloren hatte, tanzte sie vor Freude. Ruffin war noch zu jung, um die historische Bedeutung dieses Umbruchs zu verstehen. Er spielte mit seinen Freunden Fußball und träumte davon, später Priester zu werden. Trotzdem würden beide zum Sturz des Diktators beitragen, auf ganz verschiedene Weise und zu völlig anderen Zeitpunkten, Régine im Jahr 1992, Ruffin im Jahr 1997, denn dieser Sturz dauerte sehr lange.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine Mutijima glaubte zunächst, es würde sehr schnell gehen. »Wir wollten wirklich, dass Mobutu in freien Wahlen abgesetzt würde und ehrenvoll im Land bleiben könnte.«1 Aber von 1990 bis 1997 klammerte sich Mobutu mit einer Hartnäckigkeit und Schläue an die Macht, die niemand für möglich gehalten hätte. Es war der Todeskampf eines Diktators, der in seinem Sturz das ganze Land mit sich riss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Leopold II. im Jahr 1905 die Gräuel im Freistaat nicht mehr leugnen konnte, zögerte er noch drei Jahre, bevor er seine lukrative Privatkolonie dem belgischen Staat übertrug. Mobutus Haltung nach 1990 war nicht anders. Die Ergebnisse der Volksbefragung veranlassten ihn anfangs dazu, die Zügel zu lockern, dann aber straffte er sie erneut. Die geplanten Wahlen sollten, was ihn betraf, bloß nicht überstürzt werden. 1970, 1977 und 1984 hatte er bei seiner Wahl auf kreative Weise nachgeholfen, doch dieser Trick, das wusste er, würde 1991 nicht mehr verfangen. Der Geist der Demokratie war aus der Flasche. Dennoch schaffte Mobutu es, sieben weitere Jahre an der Macht zu bleiben, diesmal ohne Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine wusste nur zu gut, dass Mobutu seine Macht zwei Dingen verdankte: Geld und Gewalt. Geld aus dem Ausland, Gewalt im Inland. Aber wie lange würde das noch Bestand haben, jetzt, wo der Kalte Krieg vorbei war? Am 12. und 13. Mai 1990, ein paar Wochen nach seiner emotionalen Rede, erteilte Mobutu den Befehl, die Studentenproteste in Lubumbashi mit Militärgewalt niederzuschlagen&#039;&#039;;&#039;&#039; die Studenten waren wieder einmal als Erste auf die Straße gegangen. Für den Westen war damit das Maß voll. Man sprach von Hunderten Opfern, die genaue Zahl wurde jedoch nie bekannt (möglicherweise waren es nur drei, wie Régine später hörte). Belgien setzte die Entwicklungshilfe aus, Frankreich fror die Beziehungen ein, die USA brauchten Mobutu nicht mehr. Anfang der neunziger Jahre wären die ausländischen Bündnispartner ihn am liebsten los gewesen. Sogar der IWF suspendierte Zaire 1994 als stimmberechtigtes Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ihm noch blieb: Gewalt. Aber die Armee war nicht vertrauenswürdig, und den Sicherheitsdiensten entglitt die Kontrolle über die Bevölkerung, da inzwischen immer mehr erlaubt war. Der Informationsfluss wurde nicht mehr von der amtlichen Presse beherrscht. Regierungszeitungen mit »authentischen« Titeln wie &#039;&#039;Elima&#039;&#039; und &#039;&#039;Salongo&#039;&#039; verloren an Bedeutung zugunsten neuer Zeitschriften mit französischen Namen wie &#039;&#039;L&#039;Opinion&#039;&#039;, &#039;&#039;Le Phare&#039;&#039; und vor allem &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039;. Bis Bukavu, zu Régine, drangen sie nicht vor, aber in der Hauptstadt waren sie von großer Bedeutung. Vor den Kiosken am Boulevard Lumumba lebte das Phänomen der &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; wieder auf: Kleine Gruppen von Arbeitslosen lasen die Titelseiten der ausgestellten Zeitungen und diskutierten den ganzen Tag darüber. Ein öffentlicher Raum kritischer Bürger entstand. Der Gründer von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; war Modeste Mutinga: »Wir waren völlig unabhängig. Wir hatten nicht mal Beziehungen zu anderen Oppositionsbewegungen wie der UDSPS [Union für Demokratie und Sozialen Fortschritt] oder der Kirche. Ich kaufte eine gebrauchte Druckerpresse in Straßburg. Erst später, nach dieser Öffnung in den frühen neunziger Jahren, wurde es wieder schlimmer. Die DSP verbrannte damals unsere Pressen und die der anderen Zeitungen. Alles wurde zerstört.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratisierung äußerte sich auch auf anderen Wegen als über die Zeitungen. Zwischen der Macht und der Masse entwickelte sich ein ganzes Mittelfeld gesellschaftlicher Organisationen, die sogenannte &#039;&#039;société civile&#039;&#039;. Es bildeten sich Hunderte neue Vereine, für Frauen vom Land, für Taxifahrer, für Messdiener . . . Vereine für Agrarentwicklung, für Laiensolidarität, für Krankenpflege und sogar Vereine für Vereinsvorsitzende.3 Gewerkschaften schossen wie Pilze aus dem Boden: 1990 gab es nur die eine staatliche Gewerkschaft, 1991 waren es bereits hundertzwölf.4 Und wie in den späten fünfziger Jahren vermehrten sich die politischen Parteien explosionsartig. Mobutu wollte es zuerst bei dem angekündigten Dreiparteiensystem belassen, musste aber schon bald ein uneingeschränktes Mehrparteiensystem erlauben. Binnen kürzester Zeit musste der allmächtige MPR um die dreihundert Parteien neben sich ertragen, größere und kleinere; manche bestanden nur aus einer Person. Die Nachricht vom bevorstehenden Thronverzicht ließ bei so manchem den Traum von der Macht aufkommen. Mobutu betrachtete die Entwicklungen mit scheelem Blick: Der ständige Zuwachs an Parteien bestätigte seine Angst vor Zersplitterung und Auflösung. &#039;&#039;If you can&#039;t beat them, join them&#039;&#039;, muss er sich gedacht haben, und um die Macht der Opposition zu schwächen, bezahlte er nun Bürger, damit sie eine Partei gründeten, die auf seiner Linie war. »Alimentationsparteien« wurden diese Gruppierungen höhnisch genannt, oder »Taxiparteien«, denn ihre Mitglieder passten in ein einziges Taxi. War das jetzt der Multipartismus&#039;&#039;,&#039;&#039; den Mobutu versprochen hatte? Es lief auf Multimobutismus hinaus!5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich kristallisierte sich das rastlose politische Feld um zwei Pole: Auf der einen Seite stand die UDPS von Étienne Tshisekedi mit ihren Bündnispartnern, der sogenannten &#039;&#039;Union Sacrée de l&#039;Opposition&#039;&#039;, auf der anderen Seite sammelten sich der MPR und die Mobutu-Getreuen in der &#039;&#039;mouvance présidentielle&#039;&#039;. Dazwischen gab es abwartende Gruppierungen. Die Kirche sympathisierte mit der Opposition, war aber oft kompromissbereit. Régine verspürte keine Neigung, in die Politik zu gehen. »Ich war zwar kurz in der UDPS, als die noch illegal war, aber ich fühlte mich in der Politik nicht wohl. Das Jahr 1990 bedeutete für mich eher die Geburt der Zivilgesellschaft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Mobutu der Einberufung einer Nationalkonferenz zustimmte, war für die Opposition ein sehr wichtiger Sieg. Der Präsident hoffte, damit im Ausland einen guten Eindruck zu machen und die Unterstützung seiner westlichen Bündnispartner zurückzuerlangen. Wie bei einer ähnlichen Konferenz in Benin, die kurz zuvor innerhalb von zehn Tagen das Land reformiert hatte, wollte man in Zaire Volksdelegierte zusammenrufen, die über die Vergangenheit reden und Konzepte für die Zukunft entwickeln sollten. Die Konferenz sollte dem Übergang von der Zweiten zur Dritten Republik Gestalt verleihen; sie wurde unter ihrem späteren Namen »Nationale Souveräne Konferenz« bekannt. Nicht nur Politiker und Prominente sollten daran teilnehmen, sondern auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, dem Vereinsleben und den Kirchen. Als Ort war Kinshasa vorgesehen, und es sollten Delegationen aus allen Provinzen vertreten sein. Alles sollte live im Radio und im Fernsehen übertragen werden. Es sollte ein Hochamt der Basisdemokratie werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im fernen Bukavu wurde Régine eine der Abgesandten der Bevölkerung: »Die Lehrerinnen von Bukavu sagten zu mir: Du musst nach Kin! So geriet ich in die Delegation von Süd-Kivu. Alle Stämme waren vertreten, wir wollten nicht ethnisch denken. Auf der Nationalen Souveränen Konferenz würden wir alles anprangern. Wir wollten Mobutu verjagen und seinen Kopf auf einem Tablett serviert bekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Régine fuhr in die Hauptstadt. Unter den 2800 Delegierten waren nur zweihundert Frauen. »Wir waren zu wenig Frauen, nicht mal 10 Prozent. Viele der Frauen hatten Angst, mitzureden. Sie waren schlecht informiert über die Wirkung einer solchen Versammlung und den Nutzen von Lobbying.« Aber sie stellte ihren Mumm unter Beweis. Am 7. August 1991 begann die Nationale Souveräne Konferenz, die für drei Monate angesetzt war. Die Eröffnungssitzung fand im Palais du Peuple statt, dem nationalen Parlament. Dieses Ungetüm von einem Gebäude war von den Chinesen hingeklotzt worden, ein paar hundert Meter vom neuen Fußballstadion entfernt. Auf dem Parkplatz stand &#039;&#039;citoyen&#039;&#039; Tshimbombo, einer der &#039;&#039;grosses légumes&#039;&#039;, der Bonzen der Regierung, mit einem Pappkarton und verteilte bündelweise Geldscheine an alle, die noch auf die Schnelle eine kleine Partei gründen wollten. Das Geld durften sie behalten, sie mussten sich nur auf Mobutus Seite stellen . . .6 Tshimbombo, das war der Mann, der einst im Namen des Präsidenten die Spielerinnen der Damen-Basketball-Nationalmannschaft mit zweiundzwanzig Mercedes beglücken durfte, weil sie den Afrika-Cup gewonnen hatten, und der elf Limousinen für den Eigengebrauch zurückbehalten hatte . . .7 Als er nun mit seinem Karton voller Banknoten da stand, nannte man ihn spöttisch den »Hüter des Staatsschatzes«. Es war sonnenklar, dass Mobutu die Konferenz auf alle möglichen Arten unterlaufen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wollte uns ständig korrumpieren – er bot uns Hotelzimmer an, er wollte uns Geschenke geben oder uns im Konferenzort Nsele übernachten lassen«, erzählte Régine, »aber wir sind nicht darauf eingegangen. Die Delegation von Süd-Kivu war sehr entschlossen. Zwei Nächte haben wir sogar draußen vor der Tür des Parlaments geschlafen! Die Leute haben uns etwas zu essen gebracht. Zum ersten Mal im Leben habe ich Maniokbrot gegessen. Und in Kinshasa gab es diese großen, dicken Mücken. All das kannten wir in den Bergen von Süd-Kivu gar nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu wollte sich zwar notfalls mit einer breiten Übergangsregierung einverstanden erklären, in der auch Platz für einige Gegenstimmen war, aber eine Regierung der nationalen Einheit, in der die Opposition große Macht erhielt, ging ihm zu weit. Er bestimmte selbst den Vorsitzenden der Konferenz: einen alten Getreuen, dessen Name bereits zeigte, wie fanatisch »authentisch« er war: Kalonji Mutambayi wa Pasteur Kabongo. Noch heute seufzt Régine, wenn sie diesen Namen hört: »Dieser Alte war völlig manipulierbar. Er war schwerhörig und verstand uns nicht mal! &#039;&#039;Pasteur wa Farceur&#039;&#039; nannten wir ihn, Hochwürden Witzbold. Ich dachte: Sind wir jetzt zweitausend Kilometer weit gefahren, um uns auf der Nase herumtanzen zu lassen? Wir sagten: Wir müssen den Vorsitzenden zum Schweigen bringen! Aber wie? Jeden Morgen mussten wir an Polizisten vorbei und wurden gefilzt. Wir haben Pfeifen reingeschmuggelt, so kleine aus Plastik. Ich hatte fünf Stück in meinen Schuhen und in meinen Zöpfen versteckt. Immer, wenn der Vorsitzende das Wort ergriff, haben wir gepfiffen, bis er aufhörte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten Wochen der Konferenz verliefen quälend mühsam, mit ausufernden Disputen über das Prozedere und einem endlosen Hickhack über die Zusammenstellung der Kommissionen. Mobutu, der alles aus der Distanz beobachtete, fand die Zänkereien sicherlich amüsant, da er auf das Scheitern des Ganzen hoffte. Aber außerhalb der Mauern des Palais du Peuple wuchs die Unruhe. Am 23. September begannen die Soldaten der Fallschirmjägerbasis in Ndjili zu meutern. Sie zogen zum Flughafen und setzten den Kontrollturm außer Betrieb. Von dort aus bahnten sie sich einen Weg ins Stadtzentrum, wo sie in Kaufhäuser, Läden, Tankstellen und sogar Privathäuser einfielen. Nichts, was irgendeinen Wert hatte, war vor ihnen sicher: Fernseher, Kühlschränke und Fotokopierer wurden nach draußen geschleppt, ganze Warenlager wurden geräumt, Handelsbetriebe geplündert. Das Volk, verzweifelt vor Hunger und Armut, schloss sich den Soldaten an. Es war ein gewaltiger Rausch, ein Fest, die Zeit des Großen Raffens. Endlich durfte das Volk das tun, was die Machthaber schon seit einem Vierteljahrhundert taten! Ein Delirium, die Umwertung aller Werte. Verboten und grandios! Die Unruhen breiteten sich auf andere Städte aus. Die belgische und französische Armee schritt ein, um Landsleute aus dem Hexenkessel herauszuholen, denn die Plünderungen gingen tagelang weiter. 30 bis 40 Prozent aller Firmen wurden verwüstet, 70 Prozent des Kleinhandels mussten dran glauben. Es gab 117 Tote und rund 1500 Verletzte.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Mobutu? Er reagierte nicht und ließ seine Soldaten gewähren. Viele vermuteten, dass er die Meuterei provoziert hatte, um die Nationale Souveräne Konferenz zu destabilisieren. Sogar sein loyaler Pressemitarbeiter Kibambi Shintwa verdächtigte ihn des Opportunismus; das sagte er, als wir uns auf dem Balkon seiner kleinen Wohnung unterhielten. »Mobutu wollte das Land kaputtmachen. Vorsätzlich. Er war sehr gekränkt durch den Erfolg von Tshisekedi und wollte sich rächen. Vergleich es mit jemand, der ein tolles Handy hat.« Zur Illustration hob er sein eigenes Mobiltelefon hoch. »So ein Handy, das andere neidisch macht, aber das du nicht mehr bezahlen kannst. Was tust du dann?« Er ließ den Arm mit dem Handy neben seinen Stuhl sinken. »Dann lässt du&#039;s fallen, damit es auch kein anderer kriegt. So hat Mobutu es gemacht. Als die Nationale Souveräne Konferenz anfing, ließ er sich ganz in Gbadolite nieder. Ihm war klar, dass das Volk ihn verachtete. Um drei Uhr morgens plünderten die Soldaten den Flughafen, und er reagierte nicht. Es war echt: Nach mir die Sintflut. Er sah die Plünderungen als eine Strafe für das Volk. Ich war sehr enttäuscht, als er das Land so zerstörte. Zum ersten Mal hatte ich mehr Angst, vom Volk ermordet zu werden, als von Mobutu.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Plünderungen bekam die Konferenz einen neuen Vorsitzenden, diesmal durch Abstimmung. Monseigneur Monsengwo, der populäre Erzbischof von Kisangani und Vorsitzende der nationalen Bischofskonferenz, wurde ohne Probleme gewählt und durfte der Nachfolger von Pasteur wa Farceur werden. Monseigneur Monsengwo: Sein Name weckte hohe Erwartungen. Mit seinem Purpurgewand und seiner großen moralischen Autorität war er anscheinend auf dem Weg, der Desmond Tutu von Zaire zu werden. Die Opposition war für ihn, weil sich die zairische Bischofskonferenz schon des Öfteren äußerst kritisch über das Mobutu-Regime geäußert hatte. Unter Kardinal Malula hatte sich die Kirche zur größten Gegenkraft der Zweiten Republik entwickelt. Als die Mitte der Gesellschaft erwachte, ließen sich zahlreiche Organisationen, auch die mehr säkularen, von den Basisgruppen und der lateinamerikanischen Befreiungstheologie inspirieren.10 Monsengwo war zwar kein übermäßig radikal-progressiver Katholik, doch die Kirche war glaubwürdig für die Opposition (die sich selbst nicht zufällig &#039;&#039;sacrée&#039;&#039; nannte). Für Régine stand fest: »Monsengwo war unser Kandidat, aber er bekam sogar Stimmen von einigen Mobutu-Anhängern!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war darüber alles andere als froh. Sein Verhältnis zur Kirche war immer ambivalent gewesen: Er bekämpfte und fürchtete sie nun schon seit fast zwanzig Jahren. Am Vorabend des Papstbesuchs 1980 hatte er seine Geliebte Bobi Ladawa rasch noch kirchlich geheiratet. In Gbadolite hatte er eine Kathedrale erbauen lassen, er, der Mann, der einst die kirchlichen Zeremonien abschaffen wollte und der sich gern mit Wundertätern und Wahrsagern aus Westafrika umgab. Mit Monsengwo an der Spitze der Konferenz war also Wachsamkeit geboten. Wenn er, Mobutu, nicht entscheiden durfte, wer die Nationalkonferenz leitete, dann würde er eben über den anderen zentralen Posten des Übergangs bestimmen: den des Premierministers. Zwischen 1990 und 1997 hatte Zaire acht Premierminister gehabt, sieben davon von Mobutu persönlich in den Sattel gehoben. Die längste Amtszeit hatte drei Jahre betragen, die kürzeste drei Wochen. Der mit den drei Wochen, das war Mobutus Erzfeind Tshisekedi. Im Oktober 1991, nach den Plünderungen, hatte Mobutu ihn zum Regierungschef ernannt. Hatten die Unruhen den Führer zu der Einsicht gebracht, dass er Tshisekedi nicht länger ignorieren konnte? Oder war es eine hinterlistige Taktik, um ihn bei seinen Anhängern in Misskredit zu bringen? Die &#039;&#039;parlémentaires debout&#039;&#039; debattierten das Thema tagelang, doch drei Wochen später war es mit dem Amt des Premiers schon wieder vorbei. Mobutu ernannte gleich danach Mungul-Diaka, einen anderen alten Feind, zum Premierminister. Der hielt es einen Monat lang aus. Dann durfte Nguza es noch einmal versuchen, auch ein Dissident aus der fernen Vergangenheit. &#039;&#039;Le vagabondage politique,&#039;&#039; der hemmungslose Opportunismus, war wieder an der Tagesordnung, ansonsten geschah unterdessen nichts. Im Januar 1992 ordnete Mobutu das Ende der Nationalen Souveränen Konferenz an. Das Spiel habe nun lange genug gedauert, befand er; zu seiner Erleichterung war nichts dabei herausgekommen. Diese Klippe hatte er umschifft, er hielt die Zügel wieder fest in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Teilnehmer bekamen Geld für die Heimreise«, erzählte Régine, »aber so konnten wir nicht nach Hause kommen. Die Menschen in meiner Provinz wollten ein Ergebnis sehen. Es musste Wahlen geben. Die Ausbezahlung des Geldes wurde ausgesetzt, aber wir sind trotzdem in Kinshasa geblieben, dank der Unterstützung der Bevölkerung.« Die Menschen gaben die Hoffnung auf eine Änderung der Verhältnisse nicht auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann kam der 16. Februar 1992, ein Tag, der in der Geschichte des Kongo genauso wichtig wurde wie der 4. Januar 1959, als die Unruhen in Léopoldville ausbrachen. Auch hier war der unmittelbare Anlass eine nicht genehmigte Demonstration, auch hier kam es zu breiten Protesten in Kinshasa, auch hier endete es in einem Blutbad. Die Christen wollten gegen die Schließung der Konferenz protestieren, doch die Behörden ließen den Protest nicht zu. Der charismatische Abbé José Mpundu, ein Priester, der dem Volk näherstand als der kirchlichen Hierarchie, war einer der Organisatoren. Ich unterhielt mich mit ihm in seinem einfachen Haus im Schatten des alten Fußballstadions. Er trug – was man selten sieht bei kongolesischen Männern – eine kurze Hose, und – was noch seltener vorkommt – er duzte mich sofort. »Die Bischöfe hatten schon gefordert, dass die Konferenz wieder eröffnet werden sollte. Die Priester hatten das Thema in der Sonntagsmesse angesprochen. Einige Laien sagten: Gut, dann lasst uns eine Aktion starten. Ich war mit ihrer Initiative einverstanden und besuchte ihre vorbereitenden Versammlungen, ich sprach dort über Gewaltlosigkeit. Ich war in der Bischofskonferenz Sekretär der Kommission für Gerechtigkeit und Frieden, weißt du. Aber Kardinal Etsou, der neue Erzbischof, gab keine Erlaubnis für den Marsch, und Monseigneur Monsengwo war der Ansicht, Bischöfe sollten reden und nicht handeln . . . Nun ja, wir legten die Routen fest und beschlossen, dass auf den Transparenten stehen sollte: ›Bedingungslose Wiedereröffnung der Nationalen Souveränen Konferenz‹. Später wurde ich deshalb aus der Bischofskonferenz entlassen . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Februar, nach der Neun-Uhr-Messe, begann die Demonstration. In den mehr als hundert Pfarrgemeinden von Kinshasa verließen die Menschen ihre Kirchen und strömten auf den maroden Boulevards und Avenuen der Hauptstadt zusammen. Es waren einfache Gläubige, keine kampferprobten Dissidenten, keine Vollblutpolitiker, sondern Schüler, Studenten, junge Eltern, Arme, Menschen, die sich vom niederen Klerus mit Vertretern wie dem nonkonformistischen Abbé José unterstützt wussten. Sie schwenkten grüne Zweige und sangen Lieder. Auch die Protestanten, die Kimbanguisten und die Muslime nahmen teil. In Matadi, Kikwit, Idiofa, Kananga, Mbuji-Mayi, Kisangani, Goma und Bukavu fanden solche Märsche statt. Mehr als eine Million Menschen gingen auf die Straße; es war die größte Massenversammlung in der Geschichte des Landes. Man sprach vom »Marsch der Hoffnung«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war auf der Route von Limete nach Pont Kasavubu«, erzählte Abbé José, »aber auf der Höhe von Saint-Raphaël stießen wir auf ein Bataillon bis an die Zähne bewaffneter Soldaten. Ich lief in der ersten Reihe. Wir hatten abgesprochen: Sobald etwas vorfällt, setzen wir uns alle auf den Boden. Die Soldaten hielten uns auf, und wir setzten uns hin. Neben mir saß eine alte Frau und schaute ungläubig auf die jungen Soldaten, die höchstens sechzehn, siebzehn waren. Einer von ihnen sah ihr direkt in die Augen, und sie sagte: ›&#039;&#039;Mwana na nga, est-ce que omelaki mabele ya mama te?‹&#039;&#039; ›Mein Sohn, hast du denn nie von der Mutterbrust getrunken?‹ Der Junge wusste nicht, wohin er den Blick richten sollte. Das ist die Kraft der Gewaltlosigkeit, der Wahrheit.« Der Kongo glich kurz dem Indien von Mahatma Gandhi. »Dann trieben sie uns mit Tränengas auseinander. Wir rannten weg, aber wir formierten uns neu. Wir gingen weiter und sangen wieder. Bei Kingabwa stießen wir auf Leibwächter, ich denke, die von Premier Nguza. Sie bedrohten uns mit dem Tod. ›Nicht singen, laufen!‹, brüllten sie. Aber ich sagte: ›Wenn wir laufen, schießen sie auf uns.‹ Ein stämmiger Kerl mit einem Revolver packte mich, aber die anderen hielten mich fest. Die Knöpfe meiner Soutane sprangen ab. Meine Kette zerriss. Ein Gemeindemitglied hob sie auf. Auch weiße Priester wurden so behandelt.«11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marsch der Hoffnung endete in einem Blutbad. An diesem Tag kamen mindestens fünfunddreißig Bürger ums Leben.12 Die Ordnungskräfte schossen ohne Ansehen der Person, sogar aus sehr kurzer Entfernung, sogar auf Kinder. Sie benutzten nicht nur Tränengas, um die Menschenmenge auseinanderzutreiben, sondern auch eine äußerst leicht entzündliche Substanz, die selten in einem zivilen Kontext verwendet wird: Napalm. Bei einem meiner vielen Gespräche mit Zizi an einem Terrassentisch der Kantine des Staatsrundfunks sagte er: »Nach diesem Marsch hatte Mobutu mächtig Angst, exkommuniziert zu werden. Die Nationale Souveräne Konferenz durfte wieder eröffnet werden, und er zog sich in Gbadolite noch mehr zurück. Die Konferenz wurde viel selbstbewusster. Die Angst war weg. ›Hast du wirklich geglaubt, du könntest uns alle abschlachten?‹, wurde laut gesagt. Meine Frau hat bei dem Marsch Leichen gesehen. Ich habe mir Brandwunden zugezogen.« Er zog die Beine unterm Tisch hervor und krempelte die Hosenbeine hoch. Ich kannte ihn nun schon seit einigen Jahren, aber das hatte er mir noch nie erzählt oder gezeigt. An seinen Schienbeinen sah ich große rosa Flecken. Wir schwiegen beide lange. »Napalm«, sagte er schließlich.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konferenz wurde im April 1992 wieder eröffnet und erzielte diesmal große Fortschritte. Sie wurde tatsächlich souverän: Ihre Beschlüsse waren nicht mehr unverbindliche Empfehlungen, sondern Ausdruck des Volkswillens mit Gesetzeskraft. Mit der Konferenz als höchstem Staatsorgan trat die Demokratisierung in eine entscheidende Beschleunigungsphase ein. Nach den Plenarsitzungen zogen sich die Delegierten in dreiundzwanzig Ausschüsse und hundert Unterausschüsse zurück, verstreut über die ganze Stadt. In vielen dieser Ausschüsse wurde brillante Arbeit geleistet. Man erstellte eine Liste aller vorhandenen Probleme und ersann sinnvolle Alternativen. Régine Mutijima saß in dem Ausschuss »Frau, Kind und Familie«. »Ich war auch die Protokollantin. Tag und Nacht haben wir damals gearbeitet. Danach wurden alle Protokolle in der Vollversammlung vorgelesen, damit sie vervollständigt und bestätigt werden konnten. Das Verhandeln über diese Kompromisse war eine ungeheure Schule der Demokratie. Das Mobutu-Lager diskutierte öffentlich mit der Opposition. Wir wollten die wahre Geschichte des Landes ausgraben und den Schwachen eine Stimme geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz stimmte über eine vorläufige Verfassung ab, deren wichtigster Artikel vorsah, dass nicht der Präsident, sondern die Konferenz den Premierminister ernannte. Der Präsident durfte die Wahl allenfalls noch bestätigen. Das bedeutete einen so radikalen Bruch mit der Vergangenheit, dass auch die Symbole des Staates geändert werden mussten: Zaire sollte wieder Kongo heißen, die Flagge, der Wahlspruch und die Nationalhymne sollten wieder die von vor 1965 werden. Und dann geschah etwas Befremdliches: Monsengwo verließ die Konferenz und verhandelte auf eigene Faust mit Mobutu. Mit diesem Schritt verstieß er gegen alle Vereinbarungen und gegen die Souveränität der Konferenz.14 Mobutu gab dem Prälaten klipp und klar zu verstehen, dass das Land weiterhin Zaire heißen würde; eine Namensänderung sei für ihn völlig unannehmbar. Er ließ aber auch durchschimmern, dass er sich mit einer mehr zeremoniellen Bedeutung des Präsidentenamtes zufriedengeben würde. Régine sieht die Sache noch immer mit gemischten Gefühlen: »Ich fand es skandalös, dass Monsengwo nach Gbadolite fuhr, aber ich denke, er wollte verhindern, dass es noch mehr Tote gab.« Die Männer der DSP, Mobutus Privatarmee, waren noch immer gut bewaffnet; es hätte zum Bürgerkrieg kommen können. »Monsengwo war der Mann der langsamen Änderung. Er wollte keine Gewinner oder Verlierer, weil er befürchtete, dass die Letzteren sich rächen würden. Tshisekedi dagegen wollte einen schnellen Triumph, auch auf die Gefahr hin, dass das zu einem schweren Konflikt führen könnte. Monsengwo entschied sich für die weiche Landung. Er versuchte, in einer komplizierten Situation taktisch vorzugehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zaire blieb Zaire, aber der Premierminister wurde zum ersten Mal nach dreißig Jahren gewählt. Am 15. August 1992 ernannte die Nationale Souveräne Konferenz Tshisekedi mit 71 Prozent der Stimmen zum Premierminister der Übergangsregierung; sein Gegenkandidat Thomas Kanza kam nur auf 27 Prozent. Die Wahl war nicht ohne Reibereien abgelaufen, die Büros der UDPS waren einige Tage zuvor noch zerstört worden, aber Étienne Tshisekedi, der Mann, der zehn Jahre zuvor den außerordentlich mutigen offenen Brief an Mobutu geschrieben hatte, wurde nun der erste demokratisch gewählte Premierminister seit Tschombé 1965.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach ging es schnell. Es gab eine Übergangsregierung und ein Übergangsparlament: 453 der 2800 Delegierten bildeten nach der Konferenz den »Hohen Rat der Republik«. Eine neue Verfassung wurde ausgearbeitet, die sich in vielen Punkten an die föderative Verfassung von Luluabourg von 1964 anlehnte, die einzige durch Volksabstimmung beschlossene Verfassung, die es im Kongo jemals gegeben hatte. Und es wurden Termine für die Wahlen festgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der demokratische Wandel schien nicht mehr aufzuhalten. Und doch geschah es. Tshisekedis taufrische Regierung zeichnete sich nicht gerade durch Weitblick und Strategie aus.15 Er unternahm keinerlei Versuche, die Geheimdienste und die Armee, die wesentlichen Elemente des Staatsapparats, unter seine Kontrolle zu bringen. Die Minister vergeudeten ihre Zeit mit Besuchern und Hilfeleistungen für einzelne Bittsteller. Dass Regierungsarbeit mehr umfasst als stundenlang in einem Büro in Ledersesseln zu sitzen und zu palavern, konnten diese Leute, die noch weniger demokratische Bildung genossen hatten als die Politiker der Ersten Republik, nicht wissen. Tshisekedi selbst schien an der Krankheit Lumumbas zu leiden: charismatisch, solange er sich in der Opposition befand, launenhaft und unberechenbar, sobald er an der Macht war. Premierminister zu werden schien ihm wichtiger zu sein als den Kongo dann auch tatsächlich zu regieren.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nationale Souveräne Konferenz ging dem Ende zu, aber die Protokolle der beiden heikelsten Ausschüsse mussten noch verlesen werden: die des Ausschusses zu »unrechtmäßig erlangten Gütern« (gemeint war: Diebstahl) und die des Ausschusses zu den politischen Morden. »Monsengwo wollte diese Sitzungen hinter geschlossenen Türen stattfinden lassen«, erzählte Régine, »Mobutu schickte Panzer zum Parlament und ließ die Fernsehübertragungen von der Konferenz stoppen.« Der vernichtende Bericht über die Korruption der Regierung wurde nur teilweise vorgelesen, der noch viel schlimmere über die Verletzungen der Menschenrechte gar nicht. Zwar waren mehrere hundert Exemplare im Umlauf, doch die zeigten keine Wirkung. »Ich saß mit zwei anderen Frauen in der Delegation von Süd-Kivu. Sie konnten weder lesen noch schreiben«, sagte Régine. In einem Land, in dem mehr als zwei Generationen keinen soliden Schulunterricht gehabt hatten und wo das gesprochene Wort mehr galt als das gedruckte, waren diese Momente von Öffentlichkeit mehr als nur symbolisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang Dezember 1992 schloss die Nationale Souveräne Konferenz ihre Türen, nicht nach drei, sondern nach siebzehn Monaten. Die Bilanz war zwiespältig. Zum ersten Mal war Mobutu mit einem Ministerpräsidenten konfrontiert, den er nicht selbst ausgesucht hatte. Der historische Rückblick war von großer Bedeutung gewesen, doch die entscheidenden Berichte waren nicht verlesen worden, und die gesetzgeberische Arbeit war noch nicht vollendet. Die demokratische Opposition hatte längst nicht immer politische Reife gezeigt. Und ob nun die lang ersehnten Wahlen stattfinden würden, blieb dahingestellt.17 Régine brachte das Ergebnis auf den Punkt: »Wir wollten die Diktatur entwurzeln, ja, aber man kann einen Baobab nicht einfach fällen, denn dann stürzt er auf einen. Man muss eine Wurzel nach der anderen durchhacken und ihn dann gemeinsam aus einiger Entfernung umreißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Gewicht des umstürzenden Baobab wurde das Volk zermalmt. Die Übergangsphase zur Dritten Republik war für viele Menschen in Zaire eine wahre Heimsuchung. Zaire erlebte in den Jahren 1975-1989 eine durchschnittliche jährliche Inflation von 64 Prozent; in den Jahren 1990-1995 stieg die Inflationsrate auf durchschnittlich 3616 Prozent pro Jahr.18 1994 erreichte sie sogar einen Gipfel von 9769 Prozent.19 Im Jahr 1981 kostete ein Rollstuhl 750 Zaïre, im Jahr 1991 zweieinhalb Millionen Zaïre.20 Rechenmaschinen hatten nicht genug Nullen, wenn Rechnungen geschrieben werden mussten. Schon für eine einfache Hotelübernachtung rechnete man mit Hochzahlen.21 Gehälter waren wertlos. Kaufkraft wurde zur Farce. Die Älteren sagten: »In der Zeit der Belgier haben wir dreimal am Tag gegessen, während der Ersten Republik zweimal am Tag, während der Zweiten Republik nur noch einmal. Wo soll das enden?«22 Kinder verhungerten. Schreiner zimmerten keine Möbel mehr, sondern Särge, oft für Kinder. In den Städten betrug die Kindersterblichkeit ca. 10 Prozent, auf dem Land ca. 16 Prozent.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele hofften auf ein Wunder. Im Zaire der neunziger Jahre wurden Glücksspiele ungemein populär. Lotterien, riskante Geldanlagen und Pyramidenspiele versprachen sofortigen Erfolg, aber machten in der Praxis viele Arme noch ärmer.24 Die Leute hoben ihr Geld von der Bank ab, setzten es ein, gewannen am Anfang ein wenig und verloren dann alles, was sie hatten. Man vertraute auf Wahrsagerei und Zauberei, um dem Glück nachzuhelfen, denn Geld und Mystik gingen Hand in Hand. Sogar Mobutu umgab sich gern mit mächtigen &#039;&#039;marabouts&#039;&#039; (Heilern) und allerlei &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;. Als er zwei Söhne durch Aids verlor, machte er okkulte Kräfte dafür verantwortlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Reaktion auf diese mystische Erweckung erwachte eine neue Art Christentum, nicht klassisch katholisch, protestantisch oder kimbanguistisch, sondern evangelikal und messianisch. Man sprach von den »Églises du Réveil« oder »Pfingstkirchen«. Die Initiatoren waren sehr oft ausländische Missionare, hauptsächlich aus den USA.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der auffälligste &#039;&#039;reborn Christian&#039;&#039; in Zaire war Dominique Sakombi Inongo, der Mann, der sich jahrelang um die Propaganda für Mobutu gekümmert hatte. Der Erfinder der &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;, des Mobutismus und der politischen Animation erklärte sich nun zum Sprachrohr Gottes. Nach einem Unfall auf der Autobahn bei Brüssel (als nächtlicher Geisterfahrer hatte er den Tod einer Belgierin verursacht) hatte er mystische Erlebnisse. In einem Traum sprach der Allerhöchste zu ihm: »Dominique, mein Sohn, ich schenke dir das Leben und den Tod, aber ich rate dir, dich für das Leben zu entscheiden! Denn ich werde dich erretten und dich benutzen.« Das bedurfte weiterer Erklärung: »Lange Zeit hast du mein Volk tanzen lassen für einen Mann, aber fortan wirst du das Volk nur für mich und für mich allein mobilisieren, auf dass es mich lobpreise und endlich befreit werde.« Sakombi entschloss sich zu einem radikalen Bruch mit dem Mobutu-Regime und empfahl Mobutu persönlich, das Gleiche zu tun (»Sie müssen mit Tshisekedi kooperieren. Sie müssen sich absolut bekehren. (. . .) Ich rufe Sie auf, als Bruder, endgültig mit den &#039;&#039;marabouts&#039;&#039;, den Hexen, den &#039;&#039;féticheurs&#039;&#039;, den Magiern und so weiter zu brechen. Sie sind Lügner. (. . .) &#039;&#039;Citoyen Président&#039;&#039;, trotzen Sie der Aufforderung des Herrn nicht. Er ist auch für Sie am Kreuz gestorben«).25 Die äußeren Symbole der Zweiten Republik waren für ihn voll und ganz verhext. Die Hymne, die Fahne und das Wappen waren satanischen Ursprungs. Sakombi erzählte seinen Zuhörern bei stundenlangen Gebetssitzungen, er habe das Urbild des Staatswappens mit eigenen Augen in einer Höhle gesehen, in die Wand gemeißelt, Dutzende Meter unter der Erde, und zwar in Ägypten, bei einer der Pyramiden von Kairo, am Rand eines unterirdischen Flusses, und Alte hätten dort Zaubersprüche gesungen . . . Auch die Währung des Landes sei verhext: »Man braucht sich nur die kabbalistischen Symbole darauf anzusehen, um es zu glauben; alle haben mit Magie zu tun. Mit solchen Banknoten kann man niemals die Entwicklungen eines Landes finanzieren. (. . .) Sie erinnern sich sicher daran, dass die jüngere Serie Geldscheine zu Unruhen geführt hat und sogar dem Konflikt zwischen Mobutu und Tshisekedi zugrunde lag. Sie wissen jetzt, warum . . . weil sie des Teufels sind.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hatte es mit diesen Banknoten neuesten Datums tatsächlich eine etwas seltsame Bewandtnis. Sakombis phantastischer Diskurs war nicht völlig abgehoben, sondern gab einer vertrauten Kritik an den sozialen Umständen einen religiösen Touch. 1970 hatte die höchste Banknote einen Wert von fünf Zaïre, 1984 waren es fünfhundert Zaïre. Das war an sich schon ein Zeichen für eine dramatische Inflation. 1990 aber wurde eine Banknote im Wert von fünfzigtausend Zaïre eingeführt, und zwei Jahre später sogar eine von fünf Millionen Zaïre.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Makroökonomie kann manchmal spielend einfach sein. Wenn der Wert der höchsten Stückelung so schnell ansteigt, bedeutet das entweder, dass ein Land furchtbar schnell reich wird, oder aber, dass die Währung furchtbar schnell an Wert verliert. Leider war Letzteres der Fall: Der Fünf-Millionen-Zaïre-Schein war nur zwei Dollar wert. Trotzdem war Mobutu darauf ebenso ungerührt abgebildet wie auf den vorigen Banknoten. Stolz trug er die weiße Marschall-Uniform, die Alfons Mertens für ihn geschneidert hatte und die auf diese Weise eines der am häufigsten abgebildeten Kleidungsstücke des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. In großem Maßstab Geld nachdrucken, war ja Mobutus bevorzugte Methode, an Devisen zu gelangen, zumal er jetzt nicht mehr auf seine internationalen Geldgeber zählen konnte. Er beauftragte die deutsche Firma Giesecke &amp;amp; Devrient, Gelddrucker für Auftraggeber von Hitler bis Mugabe, und ließ große Ladungen Banknoten mit Frachtmaschinen einfliegen. Allein im Jahr 1995 waren es 830 Millionen neue Geldscheine. Fast die Hälfte dieses Geldes musste er so schnell wie möglich gegen Dollar eintauschen, um die Rechnungen der Lieferfirma bezahlen zu können.28 Geld drucken, um den Gelddrucker zu bezahlen: Ökonomie kann auch tragikomisch sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Mobutu im Dezember 1992 die ungeheuerliche Banknote von fünf Millionen Zaïre in Umlauf brachte, erklärte Ministerpräsident Tshisekedi sie für gesetzwidrig. Er wollte der unreflektierten Geldpolitik Einhalt gebieten, doch das führte zu einem ersten ernsthaften Zusammenstoß mit dem Präsidenten. Auf den Straßen von Kinshasa bekam der Schein schon bald den Beinamen »Dona Beija«, nach einer bildhübschen, aber durchtriebenen Figur in einer brasilianischen, zu jener Zeit in Zaire sehr populären Soap.29 Mobutu benutzte das Geld, um seine Soldaten zu bezahlen. Wie immer zogen sie mit ihrem Sold zu einem Geldwechsler, denn der Lohn, den sie am Freitagabend erhielten, konnte am Montagmorgen schon ein Drittel an Wert verloren haben. Im ganzen Land war das Phänomen der &#039;&#039;cambistes&#039;&#039; aufgetaucht, Geldwechslerinnen (fast immer waren es Frauen), die am Straßenrand unter einem Sonnenschirm an einem Tischchen mit Stapeln von Geldscheinen saßen. In Zaire war sogar der Schwarzmarkt farbenfroh. In Kinshasa fand man sie auf der Straße hinter der belgischen Botschaft, die schon bald Wall Street genannt wurde, aber auch mitten im Stadtteil Matonge gab es Gassen mit einer inoffiziellen Wechselstube neben der anderen. Der Beamte, Polizist oder Soldat zog am Zahltag mit seinem Plastikbeutel voller Bündel frisch gedruckter Geldscheine zur Wechslerin und tauschte sie in Dollar ein. Die Wechslerin verkaufte die Scheine später weiter, oft an Behörden, die sie benötigten, um die Gehälter zu zahlen. Zaire wurde auf diese Weise allmählich »dollarisiert«.30 Bis heute gilt der Dollar als primäres Zahlungsmittel für alle größeren Ausgaben, nur kleinere Einkäufe werden noch mit der Landeswährung bestritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber mit der Banknote von fünf Millionen funktionierte das System nicht mehr. Nachdem Tshisekedi sie für gesetzwidrig erklärt hatte, weigerten sich die &#039;&#039;cambistes&#039;&#039;, sie zu wechseln. Die Soldaten, die sich so um ihren Monatslohn betrogen sahen, nahmen nun die Besoldung selbst in die Hand. Vom 28. bis 30. Januar 1993 verlegten sie sich wieder aufs Plündern. Die Folgen waren entsetzlich. In Kinshasa spricht man noch heute von der Ersten und der Zweiten Plünderung, der von 1991 und der von 1993, denn das waren historische Ereignisse, die sich tief ins Gedächtnis des Landes einprägten. Die Zweite Plünderung war die weitaus gewalttätigste. Diesmal war es die DSP selbst, Mobutus Elitetruppe, die meuterte und sich an öffentlichem und privatem Besitz schadlos hielt. Vor den Augen der Ladenbesitzer schlugen sie die Schaufenster ein und rissen die Lampen von der Decke. Weil das Warenangebot oft spärlich war, zerrten sie sogar Kupferleitungen aus der Wand und brachen Waschbecken heraus. Zaire war nun das Land der letzten Dinge geworden, ein gesetzloses, straffreies, hoffnungs­loses Land, Banditentum und Raubgier ausgeliefert. Etwa tausend Menschen fanden bei der Zweiten Plünderung den Tod, darunter der französische Botschafter und sein Mitarbeiter. Wieder wurden französische und belgische Fallschirmjäger eingesetzt. Als alles vorbei war, sah die Stadt aus wie nach einer Heuschreckenplage. Die Straßen waren übersät mit Papieren, Ordnern, Trümmerstücken und Schuhen. Aus den Fenstern mit den zerbrochenen Scheiben bauschten sich die Vorhänge. Auch einfache Leute versuchten, ein bisschen abzubekommen, denn in einem Land, das bankrott war, bekam noch das Geringste wieder einen Wert. Altpapier zum Beispiel wurde ein kostbares Gut. Das Archiv des Zoos von Kinshasa, eines dürftigen Überbleibsels aus der Kolonialzeit, wo noch immer ein Krokodil aus dem Jahr 1938 in der Sonne vor sich hin döste (und noch heute dort liegt), wurde von Menschen gestürmt, die Einwickelpapier benötigten.31 Wer in den Wochen danach auf dem Markt von Kinshasa eine Handvoll Erdnüsse zum Abendessen kaufte, bekam sie in einer Tüte aus vergilbtem Papier mit Beschreibungen des wundersamen Lebens von Schimpanse und Okapi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu war der Ansicht, dass es so nicht weitergehen könne mit seinem Land. Ein paar Monate zuvor hatte er in Gbadolite die Hochzeit einer seiner Töchter gefeiert. Sie trug zu diesem Anlass Juwelen von Cartier und Boucheron im Wert von drei Millionen Dollar. Aber das war kein Problem. 2500 Gäste waren geladen. Es gab Kaviar und Hummer. Tausend Flaschen französische Spitzenweine wurden geleert. Auch das war kein Problem. Ein Flugzeug war eigens nach Paris geschickt worden, um die Torte, ein vier Meter hohes Monstrum, bei Chef-Pâtissier Lenôtre abzuholen. Aber das alles war wirklich kein Problem. Das wahre Problem für Mobutu war Tshisekedi, der Mann, der eine Banknote mit seinem Konterfei abgelehnt und damit die Plünderungen entfesselt hatte. Nein, mit diesem Querkopf war nichts anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1993, nach einer zehntägigen Versammlung mit der Spitze des noch immer vitalen MPR, entschloss sich Mobutu, eine eigene Regierung mit eigenem Parlament, einer eigenen Verfassung und einem eigenen Premierminister einzusetzen. Faustin Birindwa, ein ehemaliger politischer Gegner, war das Opfer vom Dienst, und er würde für eine Währungsreform sorgen, bei der eine neue Währung, der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, drei Millionen alte Zaïre ersetzen sollte. Zaire hatte nun eine doppelte Regierung. Neben den Institutionen der Nationalen Souveränen Konferenz existierten die des noch viel souveräneren Präsidenten. Das gewaltige Werk, für das Menschen wie Régine Mutijima gekämpft hatten, fiel der Raffgier eines alten Dinosauriers zum Opfer. Die historische Ironie des Ganzen konnte niemandem entgehen: Mobutu hatte 1960 und 1965 geputscht, weil Kasavubu zweimal neben dem demokratisch gewählten Ministerpräsidenten einen eigenen Premier ernannt hatte (Ileo versus Lumumba 1960, Kimba versus Tschombé 1965), nun aber machte er, Mobutu, genau das Gleiche. Dieser unhaltbare Zustand sollte ein Jahr währen. Transnationale Organisationen erkannten den Ernst der Lage und befürchteten eine Eskalation wie nach der Unabhängigkeit. Die Organisation für Afrikanische Einheit und die UNO schickten Abgesandte nach Kinshasa, die auf einen Kompromiss hinwirken sollten. Der kam in Form eines riesigen Parlaments mit siebenhundert Mitgliedern, in dem die beiden parallelen Volksvertretungen, die der Nationalkonferenz und die der Diktatur, aufgingen. In diesem Gremium mit dem ziemlich technischen Namen HCR-PT (&#039;&#039;Haut Conseil de la République – Parlement de Transition&#039;&#039;) besaßen die Mobutu-Anhänger die Mehrheit. Zum Premier wurde im Juli 1994 erneut Kengo wa Dondo berufen, ein &#039;&#039;métis&#039;&#039; polnisch-kongolesischer Abstammung, der in den achtziger Jahren zwei relativ stabile Regierungen geleitet hatte, die die Strukturanpassungsprogramme des IWF umgesetzt hatten. Das machte ihn für die internationale Gemeinschaft akzeptabel, doch Bürger Zaires hatten schlimme Erinnerungen an jene Jahre der strikten Sparmaßnahmen. Anders als Tshisekedi konnte Kengo nie die Herzen gewinnen. Seine Aufgabe war es nun, das Land zu den Wahlen zu führen, die um das Jahr 1995 stattfinden sollten; 1995 wurde jedoch als neuer Zeitpunkt 1997 angesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schien mit diesem Arrangement (ein Parlament, das ihm gehorchte, ein Premierminister, der nicht gegen ihn arbeitete, Wahlen, die noch in weiter Ferne lagen) seine Schäfchen wieder im Trockenen zu haben. Doch der Schein trog, denn Zaire, das Land, das er vereint und groß gemacht hatte, zerfiel nach und nach. In Kasai weigerte sich die Bevölkerung, die neue Währung, den &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, zu benutzen: In dieser separaten Währungszone lauerte die Gefahr einer neuen Sezession.32 In Katanga war die ethnisch motivierte Gewalt zwischen den ursprünglichen Bewohnern und den Luba-Migranten aus Kasai wieder mit aller Heftigkeit aufgeflammt, angefacht durch den offenen Rassismus von Provinzgouverneur Kyungu wa Kumwanza, der von einem unabhängigen Katanga träumte und einstweilen schon Zehntausende Migranten vertrieb. Doch die schlimmsten Gewaltausbrüche ereigneten sich in Nord-Kivu. Dort wurden Ruandischsprachige, die sogenannten Banyarwanda, zunehmend als unerwünschte Migranten angesehen, die den Reichtum, den Grund und Boden und die Macht an sich rissen. Die meisten von ihnen hatten sich zwischen 1959 und 1962 im Kongo angesiedelt, nach Unruhen in ihrem eigenen Land. Solange Bisengimana, der Vater des jungen Mannes, mit dem ich über den Kivusee gefahren bin, Mobutus Kabinettschef war, wurden die Ruandischsprachigen (hauptsächlich Tutsi) als vollwertige Zairer angesehen und erhielten relativ leicht die zairische Staatsbürgerschaft. Aber ein neues Gesetz von 1981 verschärfte gezielt die Kriterien für die Staatsbürgerschaft Zaires, und ab 1990 wollte man sich der eingewanderten Tutsi entledigen. Die Banyarwanda waren für den Kivu das, was die Baluba für Katanga waren: unerwünschte Elemente, Eindringlinge, Außenseiter, Profiteure, Ausländer, Menschen, die nicht dazugehörten. &#039;&#039;Rwandais&#039;&#039; wurde ein Schimpfwort. Kinder sangen: »Alle Ruander ab nach Haus, wir wollen sie hier nicht mehr.«33 Die Ressentiments zwischen Zairern und »Ruandern« nahmen so stark zu, dass sich nationalistische Volksmilizen bildeten, die Mai-Mai. Diese spontan entstandenen paramilitärischen Gruppen wollten den Kampf gegen alle fremden Einflüsse aufnehmen. Bei ihren bizarren Ritualen orientierten sie sich an den Simbas von 1964, aber diesmal waren die Feinde nicht Mobutu und seine westlichen Verbündeten, sondern die »Migranten« aus dem Osten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»&#039;&#039;J&#039;&#039;e suis zaïrois!«,&#039;&#039; sagte einer ihrer Veteranen im Dezember 2008 voller Stolz zu mir, elf Jahre, nachdem sein Land wieder den Namen Kongo angenommen hatte. »Am Anfang verstanden wir uns gut mit den Banyarwanda, aber dann wollten sie die Tembo, die Bahunde und die Nyanga beseitigen. Ich bin Bahunde. Die Banyarwanda schlossen die Bahunde in ihren Häusern ein und steckten sie in Brand.« Bei dem Konflikt ging es im Wesentlichen um Boden. Ruanda und der Kivu sind die am dichtesten bevölkerten agrarischen Gebiete Afrikas. »1993 fing es an. Wir wurden Mai-Mai. Man musste dafür zur Bantu-Rasse gehören, ein leidenschaftlicher Patriot sein und mit unserem Spezialwasser getauft werden. Man bekam eine rituelle Narbe, traditionelle Getränke und heilkräftige Pflanzen. Stehlen und Vergewaltigen war verboten. Damals gab es noch keine Vergewaltigungen. Wir bastelten an den Gewehren herum, mit denen wir sonst auf die Vogeljagd gingen. Wir hatten keine andere Wahl. Die Banyarwanda waren Ausländer und wollten Nord-Kivu an Ruanda angliedern.« Überbevölkerung, Armut und die Abwesenheit des Staates ergaben eine tödliche Mixtur. 1993 führten die Spannungen in Nord-Kivu zu ethnischen Säuberungen, bei denen mindestens viertausend, möglicherweise sogar zwanzigtausend Menschen umkamen.34 »O, ich habe mindestens vierzig Kämpfe miterlebt.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Goma unterhielt ich mich darüber mit Pierrot Bushala, einem Mann, dem es noch immer ein Rätsel war, wie das damals geschehen konnte: »In den achtziger Jahren kannte keiner den ethnischen Hintergrund seiner Klassenkameraden; das fing erst in den neunziger Jahren an. Meine Klasse in der Oberschule war &#039;&#039;un mélange total&#039;&#039;. Ich hatte damals eine Tutsi-Freundin und wusste das nicht mal. Aber als wir in den neunziger Jahren heiraten wollten, waren ihre Eltern dagegen. Ich bin mir sicher, dass sie mich zehn Jahre vorher akzeptiert hätten.« Seinen Liebeskummer konnte er mir mit historischen Fakten erklären: »Schauen Sie, als Belgien 1918 die Mandatsgebiete dazubekam, wurde die Grenze zwischen Kongo und Ruanda osmotisch. Die Belgier haben Tausende von ruandischen Hutu zu den Minen exportiert, und die Tutsi haben sich spontan über die Grenze ausgebreitet. Unter Mobutu hatten diese Tutsi zairische Pässe, aber in den neunziger Jahren nahm der Tribalismus zu. Plötzlich waren sie angeblich keine loyalen Landsleute mehr, denn sie würden ja den Kampf ihrer Brüder in Ruanda unterstützen. ›Wenn du ein Tutsi bist, dann bist du ein Ruander‹, sagten die Zairer. Da ist es schiefgelaufen. Ich habe dann schließlich eine Lega-Frau geheiratet, sie kam aus einem einheimischen Stamm in Süd-Kivu.«36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Süd-Kivu wurden die zairischen Tutsi zunehmend als »Banyamulenge« bezeichnet, Leute von Mulenge, eine ethnische Zuschreibung von außen, die es früher nicht gegeben hatte. Immerhin lebten sie schon seit dem neunzehnten Jahrhundert mit ihren Herden auf den kalten, nebligen Hochebenen westlich des Tanganjikasees, unter anderem in der Umgebung des Ortes Mulenge. Mit ihrer hochgewachsenen Gestalt, den fein geschnittenen Gesichtszügen und den Filzhüten bestätigten sie die Klischees vom Tutsi-Hirten, der mit dem Stab auf den Schultern hinter seinen Rindern her schlendert. Auch sie wurden zunehmend beschimpft und gehasst. Sie seien wie Fledermäuse, sagte mir einmal eine Kongolesin, weder Vogel noch Maus, Ruander oder Zairer, unheimlich und ungreifbar. Und noch dazu ein bisschen schmutzig! Ja, bestätigte jemand anders, sie verdienten viel Geld mit ihren Rindern, aber sie hätten keine Kultur, die Banyamulenge. Sie kauften die teuersten Kleider, doch ohne jeden Geschmack. Ihre Männer trügen Frauenkleider. Und ihre Frauen benutzten ein Klosettbecken als Maniokmörser. Haha! Und dann dieses ständige Grinsen! Kam das durch ihre vorstehenden Zähne? Oder einfach von der Kälte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hatte versucht, tribale Reflexe zurückzudrängen und das Nationalbewusstsein zu stärken, doch in Zeiten des Mangels keimten feindselige Gefühle auf. Die Tutsi im Kivu (sowohl die Banyarwanda in Nord-Kivu wie die Banyamulenge in Süd-Kivu) bekamen das am stärksten zu spüren. Erst aufgrund der rassistischen Anfeindungen verhielten sie sich immer mehr wie eine Gruppe. Beschimpft als »Banyamulenge«, begannen sie sich tatsächlich als Banyamulenge zu fühlen. Sie sahen ihre Geschichte, erinnerten sich daran, dass sie tatsächlich anders als andere waren, dass ihre Wurzeln in Ruanda lagen und dass sie eigentlich, tja, wenn das Thema nun schon angesprochen wird, nie willkommen waren in Zaire. Gruppen schließen sich zusammen, sobald sie bedroht werden. Ethnische Identifikation wurde wichtiger als nationale Identifikation.37 Sogar der Vater der Nation hatte sich in seine Heimatgegend zurückgezogen und ließ sich von Männern seines Volkes beschützen. Mobutu, der Unitarist, wurde selber ein Tribalist. Zaire wurde wieder zu einem Flickenteppich von Stämmen. Armut führte zu Aggression, Hunger zu Gräueln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Geld, keine ausländische Hilfe, keine funktionierende Armee: Zaire war durch und durch morsch, und so hätte es 1994 nicht viel bedurft, um die Diktatur in die Knie zu zwingen. Aber dann vollzog sich in Zaires kleinstem Nachbarland eine humanitäre Katastrophe, welche die gesamte Region so sehr destabilisierte, dass Mobutu von der internationalen Gemeinschaft plötzlich wieder als ein Garant der Stabilität, als alter, zuverlässiger Vertrauter, als Fels in der Brandung des turbulenten Zentralafrika anerkannt wurde. Diese Katastrophe war der Völkermord in Ruanda, ein Ereignis außerhalb der Landesgrenzen, das wie kein anderes die Geschichte Zaires beeinflussen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie das Schwesterland Burundi war Ruanda 1962 von Belgien unabhängig geworden. Bei den ersten demokratischen Wahlen verloren die Tutsi, eine Minderheit von Viehzüchtern, die über Jahrhunderte die Macht innegehabt hatten, ihre herrschende Position an die viel zahlreicheren Hutu, die seit jeher Bauern waren. Zwischen den beiden Gruppen hatte es zwar ganz reale soziale und wirtschaftliche Unterschiede gegeben, doch erst die belgische Kolonialregierung hatte diese Unterschiede verschärft und verabsolutiert. Man war entweder Hutu oder Tutsi. Nach der Unabhängigkeit zeigte sich die neue Hutu-Regierung gegenüber ihren früheren Herren als äußerst unversöhnlich. Viele Tutsi flohen mit ihren Rindern nach Burundi, in den Kongo oder nach Uganda. Dort, jenseits der Grenze des Heimatlandes, blickten sie auf ihre Hügel in der Ferne, fest entschlossen, früher oder später zurückzukehren und die Macht wiederzugewinnen. Im Süden Ugandas organisierten sie sich militärisch in der RPF, der Ruandischen Patriotischen Front, und kämpften an der Seite des Rebellenführers Yoweri Museveni, um Milton Obote zu vertreiben. Museveni wurde Präsident von Uganda, und die RPF lernte, wie man ein Land eroberte; diese militärische Erfahrung sollte noch sehr nützlich sein. Sein militärischer Anführer wurde Paul Kagame, der heutige Präsident Ruandas. Ab 1990 überschritt die RPF die Grenze zu Ruanda und begann einen Bürgerkrieg mit der Hutu-Regierung. Zwischen 1990 und 1994 forderte dieser Krieg Schätzungen zufolge zwanzigtausend Tote, und eineinhalb Millionen Bürger begaben sich auf die Flucht. Diese Invasionen schufen so viel böses Blut bei der Hutu-Bevölkerung, dass der Hass gegen &#039;&#039;anything&#039;&#039; Tutsi noch zunahm, sogar gegen die Tutsi, die als brave Bürger weiterhin in Ruanda lebten. »Kakerlaken« nannte man sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als am 6. April 1994 das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Habyarimana abgeschossen wurde, brach die Hölle los. Die Hutu behaupteten, dass Kagames RPF dahintersteckte, und begannen Tutsi-Bürger in großem Maßstab zu ermorden. Es war kein Kampf von Soldaten mit Feuerwaffen, sondern von Zivilisten mit Macheten. Die Hutu-Regierung hatte in der Zeit davor bereits Bürgermilizen trainiert und Buschmesser verteilt. Diese Milizen bestanden oft aus Jungs im Teenageralter, die zum Rassenhass aufgestachelt worden waren: die berüchtigten &#039;&#039;Interahamwe&#039;&#039;. Als der Genozid losbrach, begannen sie zu morden und wurden dabei ermutigt durch den Hass-Sender Radio Mille Collines, der ständig wiederholte, dass die Gräber noch nicht voll seien und dass noch immer Kakerlaken herumliefen. Innerhalb von drei Monaten wurden achthunderttausend bis eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu abgeschlachtet. Unterdessen setzte Kagames RPF vom Norden aus den Vormarsch auf Kigali fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft sah weg. Zu Beginn des Völkermords hatte die ruandische Regierungsarmee zehn belgische Blauhelme ermordet, um die Soldaten der UNO zu vertreiben, sodass die ethnische Säuberung ungehindert vor sich gehen konnte. Reporter und Journalisten ausländischer Medien flohen vor der Gewalt und verließen das Land. Die Augen der Welt waren in diesen Wochen eher auf Südafrika gerichtet, wo Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde. Nur wenige wussten, was genau ablief, und Frankreichs Präsident Mitterrand war keine Ausnahme. Er betrachtete die Hutu als Opfer der Tutsi-Invasion und entsandte zu ihrem Beistand französische Truppen nach Ruanda. Dass die Regierung in Kigali französischsprachig war und dass die vorrückenden Tutsi-Rebellen in Uganda nun englisch sprachen, spielte auf der Ebene des Unbewussten auch eine Rolle für die französische Unterstützung der Hutu. Was Mitterrand nicht wusste, war, dass er damit die Akteure des Völkermordes beschützte. Die französischen Truppen intervenierten mit der Opération Turquoise: Im Südwesten des Landes richteten sie eine sichere Zone ein; dorthin konnten die Hutu vor dem vorrückenden RPF Kagames und vor den Repressalien, die sicherlich folgen würden, fliehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Völkermord hatte Ruanda »tutsifrei« werden sollen, nun aber eroberten die Tutsi von den Nachbarstaaten aus das Land. Die militärische Stärke des RPF war gewaltig unterschätzt worden. Die französischen Soldaten fingen Hunderttausende Hutu-Flüchtlinge auf und schafften sie über die Grenze. Hier ergriff nicht nur ein Volk die Flucht, sondern auch eine Regierung: Die Regierungsarmee, das Waffenarsenal, die Verwaltung und sogar die Staatskasse verließen das Land. Schätzungsweise 270.000 Menschen gingen nach Burundi und 570.000 nach Tansania, die meisten Flüchtlinge landeten jedoch in Ost-Zaire: etwa eineinhalb Millionen.38 Mobutu hatte seine Flugplätze für die französische Offensive zur Verfügung gestellt und sich damit einverstanden erklärt, die Flüchtlinge in seinem Land unterzubringen. Sie strandeten vor allem in Nord-Kivu, in der Stadt Goma und deren Umgebung (850.000 Menschen) und in geringerer Zahl in Süd-Kivu bei Bukavu (650.000 Menschen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Pierrot Bushala, dem Mann, der seine Tutsi-Freundin hatte aufgeben müssen, fuhr ich im Dezember 2008 nach Mugunga westlich von Goma, in das größte der ehemaligen Flüchtlingslager. Es wurde noch immer als Anlaufstelle benutzt, denn seit 1994 ist nie mehr Ruhe in den Kivu eingekehrt. Pierrot war mitverantwortlich für die hygienische Sanierung der Lager im Auftrag der UNHCR, des Flüchtlingskommissariats der UNO. »Können Sie sich das vorstellen? Das ganze Gebiet hier war voller Flüchtlinge, und es gab überhaupt nichts«, sagte er, während wir mit seinem Jeep durch eine schaurige Mondlandschaft fuhren, überwuchert mit grellgrüner Vegetation. Der Boden bestand aus schwarzer Lava, die von dem imposanten Vulkan Nyiragongo in der Nähe stammte. Hier lebten plötzlich 850.000 Menschen. Pierrot trug die Verantwortung für die sanitären Anlagen in einem der Lager. »Am Anfang erleichterten sich die Menschen eigentlich überall. Aber die UNHCR und das Rote Kreuz haben dann Zelte geliefert, und Kalk zum Ausstreuen. Erst später gab es Toiletten mit einem Loch in der Erde.« Als wir in Mugunga selbst waren, wurde mir klar, wie mühsam es gewesen sein musste, in diesem vulkanischen Felsgestein Toilettengruben auszuheben. Pierrot blickte auf die trostlose Landschaft aus erkalteter Lava mit den vielen Hütten und Zelten. »Wir kämpften gegen Fliegen, gegen Mücken, wir liefen mit Zerstäubern herum, wir hatten Teams, um die Toiletten zu leeren, wir haben den Müll abgeholt.« Aber es nützte nichts. In den Lagern brachen Cholera und Dysenterie aus. Mindestens vierzigtausend Menschen starben. Am Straßenrand stapelten sich Leichen. Der Gestank war nicht auszuhalten. Autofahrer konnten durch die Frontscheibe fast nichts sehen wegen der Fliegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Elend, das auf den Genozid folgte, machte Mobutu wieder international akzeptabel. Die Franzosen waren ihm dankbar für seine Kooperation und luden ihn kurz danach zu einem internationalen Gipfel in Biarritz ein. Die UNO erkannte seine Rolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen an. Als Epidemien die Lager heimsuchten, durften sich Dutzende NGO und internationale Hilfsorganisationen auf das Land stürzen. Der Ausbruch des äußerst ansteckenden Ebola-Fiebers in Kikwit ein Jahr später verlieh Mobutu eher die Aura eines Opfers als die eines Schurken. Da die Welt ihn nun wieder mit milderem Blick sah, durfte Premierminister Kengo wa Dondo die Wahlen getrost etwas verzögern und sabotieren. Es herrschte überhaupt keine Eile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eineinhalb Millionen Flüchtlinge auf dem eigenen Territorium aufzunehmen, das war natürlich ein gepfefferter Preis für eine Rehabilitation, noch dazu in einer ohnehin überbevölkerten Region, wo der Hass gegen Ruanda schon seit Jahren zunahm. So wie die Bevölkerung sich mit riskanten Glücksspielen aus der Misere zu retten versuchte, setzte Mobutu mit den Flüchtlingslagern alles auf eine Karte. Anfangs konnte er tatsächlich davon profitieren, letztlich aber führten sie zu seinem Untergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch an jenem Samstag im Jahr 1996 spielte Ruffin Luliba mit den &#039;&#039;locals&#039;&#039; Fußball. Es war ein sonniger Tag. Kinderstimmen, die um den Ball baten, das dumpfe Geräusch von Sportlatschen, die gegen den Ball traten, ein paar rufende Zuschauer, die Pfiffe des Schiedsrichters. Ruffin war inzwischen dreizehn. Nach der Grundschule in Bukavu war er ins Internat der Maristenpatres in Mugeri gegangen, um dort das Gymnasium zu besuchen und später Priester zu werden. Es war der Tag des Halbfinales, und unter den Zuschauern war Déogratias Bugera, ein Architekt aus Goma, der die Wochenenden gern in seiner Heimatgegend verbrachte. »Nach dem Spiel sagte Bugera, er wolle unser Team sponsern. Er schenkte uns Rohrzucker, Bonbons und Kekse. Wenn wir in der Woche darauf das Finale gewinnen würden, wollte er alles für uns bezahlen: die ganze Sportausrüstung, Trikots, sogar neue Fußballschuhe.« Ruffin traute seinen Ohren nicht: neue Fußballschuhe! »Eine Woche später kam er tatsächlich wieder. Wir wollten unbedingt gewinnen, und wir schlugen die gegnerische Mannschaft mit 2:0. Wir durften alle in seinem Daihatsu mitfahren, um unsere Fußballsachen abzuholen. So ein Pick-up mit Netzen. Wir waren dreizehn Jungs. Der älteste war 16, die anderen 14 oder 15. Auch mein Zimmernachbar Rodrick kam mit.« Aber aus dem Freudentaumel wurde schon bald Verwirrung. »Wir fuhren in Richtung Bukavu, aber dort hielten wir nicht an. Wir fuhren bis an die Grenze zu Ruanda. Bei der Brücke über den Ruzizi überquerten wir die Grenze. Es gab nicht mal Grenzformalitäten, keinen Zoll, keine Einreisekontrolle, nichts. Wir fuhren weiter bis zu einem kleinen Flugplatz. Wartet hier, sagte Déogratias und verschwand. Wir wussten nicht genau, wo wir waren, wir waren ja einfach nur Schüler. Es war halb sechs Uhr abends, und es wurde schon dunkel. Wir hatten Angst, dass der Rektor des Internats uns bestrafen würde, und wir fingen an zu weinen. Um sieben Uhr kam ein großer Lastwagen, und wir mussten einsteigen. Fünf Stunden dauerte die Fahrt. ›Was wird der Rektor sagen?‹, fragten wir uns. Das war unsere größte Sorge. Schließlich kamen wir im militärischen Ausbildungslager Gabiro an. Wir bekamen keine Fußballschuhe, sondern Gummistiefel, keine Lederstiefel wie bei uns. In dem Lager waren sehr viele Kinder, alle aus Goma und Uvira entführt. Auch Banyamulenge waren unter ihnen, aber die waren freiwillig da. Uns wurden sofort die Haare abgeschoren. Es war ein Uhr morgens, und wir mussten als eine Art Aufnahmeritual durch den Schlamm robben. Ihr müsst euch von Mobutu lossagen, schrien sie, ihr seid die zukünftigen Befreier eures Landes.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Bericht des jungen Ruffin ist von großer Bedeutung; er schildert nicht nur das Schicksal eines unfreiwilligen Kindersoldaten, damals ein relativ neues Phänomen, sondern er zeigt auch, wie Ruanda eine Invasion in Zaire vorbereitete. Die Tutsi-Regierung, die nach dem Völkermord in Kigali an die Macht kam, hatte große Angst vor den eineinhalb Millionen nach Zaire geflohenen Hutu. Entgegen den internationalen Vorschriften befanden sich diese nicht einige Dutzend Kilometer von der Grenze entfernt, sondern mehr oder weniger direkt daran. In diesen Lagern organisierte sich die vertriebene Hutu-Regierung neu. Sie hatten Geld und Waffen und waren fest entschlossen, Ruanda wieder zu beherrschen. So wie die Tutsi im Exil in Süd-Uganda von 1962 bis 1994 auf eine günstige Gelegenheit gewartet hatten, so würden die Hutu in Ost-Zaire nun auf ihre Chance warten. Die meisten Flüchtlinge, etwa 85 bis 90 Prozent, gehörten jedoch nicht zu der geflohenen Regierungsarmee, sie hatten am Völkermord nicht teilgenommen und waren auch kein Mitglied der Interahamwe gewesen.40 Es waren unschuldige Zivilisten, die einfach nur in ihr Land zurückwollten, aber Angst vor einem Vergeltungs-Genozid hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Flüchtlingslagern wurde eine Invasion vorbereitet. Die internationale Gemeinschaft erkannte das Problem, schien jedoch nicht besonders geneigt zu handeln. Die USA wollten nach dem Debakel von Somalia nicht schon wieder sehen, wie Leichen von GIs durch den Staub gezerrt wurden. Belgien war nicht gewillt, noch einmal zehn Fallschirmjäger zu verlieren. Und UN-Sekretär Boutros-Ghali gelang es nicht, eine internationale Streitmacht aufzustellen. Jedes internationale Vorgehen in Zaire würde unweigerlich als Unterstützung Mobutus gedeutet werden, und so weit wollte man nicht gehen. Paul Kagame entschloss sich daraufhin, selbst das Heft in die Hand zu nehmen: Seine Ruandische Patriotische Front, inzwischen umbenannt in Ruandische Patriotische Armee, die neue Regierungsarmee, sollte die Gefahr der Lager selbst neutralisieren. Er erhielt dabei Unterstützung von seinem alten Freund Yoweri Museveni, dem Präsidenten von Uganda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ein Einfall in die Lager bedeutete eine Invasion in ein souveränes Land, und das lief de facto auf einen Akt der Aggression gegen eine fremde Macht hinaus. Kagame suchte deshalb einen zairischen Deckmantel für seine ruandische Initiative und fand den bei den verbitterten zairischen Tutsi. Sie wurden schon seit Jahren von selbst ernannten »echten« Zairern gedemütigt und waren nun auch noch von eineinhalb Millionen ruandischen Hutu überrannt worden. Déogratias Bugera, der Fußballfan, der Ruffin und seine Mannschaftskameraden in seinem Daihatsu entführt hatte, war ein Tutsi aus Nord-Kivu und stand an der Spitze der ADP (&#039;&#039;Alliance Démocratique des Peuples&#039;&#039;). Dann war da noch Anselme Masasu Nindaga, ein Tutsi aus Süd-Kivu, der politischer Aktivist in Bukavu war und den MRLZ (&#039;&#039;Mouvement Révolutionnaire pour la Libération du Zaire&#039;&#039;) leitete. Aber es gab auch ältere Nationalisten wie André Kisase Ngandu, einen Tetela, die auf die lumumbistische Tradition zurückgriffen. Und es gab Laurent-Désiré Kabila, ebenfalls kein Tutsi, sondern ein Luba aus Katanga, den Mann, der schon seit 1964 das Gebiet zwischen Fizi und Baraka vor dem Zugriff Mobutus bewahrte. Er war der Rebellenführer, der seinerzeit auf Che Guevara einen solch miserablen Eindruck gemacht hatte. War die »Rebellion« von 1964 schon ein planloses Unterfangen gewesen, so war es im Jahr 1996 nicht viel anders. Kabila lebte so gut wie ständig in Tansania und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit Goldschmuggel, ein bisschen Waffenhandel und hin und wieder einer Entführung: kurzum mit dem diversifizierten Geschäft des afrikanischen Verbrechens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese vier Herren gründeten im Oktober 1996, auf Betreiben von Kagame, die AFDL, &#039;&#039;Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération&#039;&#039;. Kabila wurde ihr Wortführer, und als Ältestem der vier gestand man ihm als Anrede das ehrwürdige &#039;&#039;Mzee&#039;&#039; zu, Swahili für »alter weiser Mann«. Bugera war die Nummer zwei, Kisase der militärische Befehlshaber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin Luliba erlebte es live mit: »Während unserer Ausbildung wurden uns schon die späteren Gründer der AFDL vorgestellt. Bugera kannten wir bereits. Aber auch Kisase Ngandu, Masasu und Mzee kamen vorbei. Mzee schenkte uns sogar zwei Kühe, und wir konnten zum ersten Mal seit langer Zeit gut essen! Normalerweise aßen wir nur Bohnen mit Mais aus dem Henkelmann. Im Lager waren zwei Bataillone. Sechs Monate dauerte unsere Ausbildung. Drei Monate körperliches Training für das Schlachtfeld und für die Spionage. Zwei Monate ideologisches Training, das uns das Ziel des Krieges nahebringen sollte. Einen Monat konkrete Vorbereitung. Vor allem der erste Teil war schwer. Einige haben es nicht überlebt. Rodrick, mein Zimmernachbar aus dem Internat, starb an Diarrhö. Wir haben ihn in einer Decke begraben, Särge gab es nicht. Am Ende der Ausbildung bekamen wir unsere richtige Uniform, und wir wurden noch einmal zu den ›zukünftigen Befreiern‹ unseres Landes erklärt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war von Anfang an offenkundig, dass Ruanda nicht nur die Lager neutralisieren, sondern auch bis zur zweitausend Kilometer weiter westlich gelegenen Hauptstadt vorstoßen wollte. Kagame wollte Mobutu stürzen, weil der die &#039;&#039;génocidaires&#039;&#039; beherbergte und beschützte. Das winzige Ruanda würde Zaire, den Riesen von Zentralafrika, in die Knie zwingen, und die AFDL sollte die Sache als Aufstand von innen heraus erscheinen lassen. Für Kagame ging es um den dritten Regimewechsel in einem zentralafrikanischen Land: Nach Uganda und Ruanda war nun Zaire an der Reihe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befehligt wurde die Invasionstruppe von dem blutjungen, aber zielstrebigen ruandischen Offizier James Kabarebe, einem Vertrauten von Kagame. Er war erst siebenundzwanzig: ein junger Mann mit Babyface, doch mit großem Charisma und einem flexiblen Gewissen. Die Invasionsarmee war ohnehin schon bekannt für ihr niedriges Durchschnittsalter, da zum ersten Mal in großem Maßstab Kindersoldaten aus Zaire eingesetzt wurden, die sogenannten &#039;&#039;kadogo&#039;&#039;. Man erkannte sie an ihren viel zu weiten Uniformen und vor allem an den schwarzen Gummistiefeln, &#039;&#039;dem&#039;&#039; Markenzeichen der ruandischen Truppen. Die Kalaschnikows schienen zu groß in ihren Händen, aber sie umklammerten das charakteristische gebogene Magazin mit einem Blick, der mehr Gewaltbereitschaft als Widerwille verriet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin erinnerte sich an die erste Phase: »James Kabarebe sagte: Ich brauche zehn Kadogo aus Bukavu, zehn aus Uvira und zehn aus Goma. Ich meldete mich, und wir mussten uns als Straßenkinder tarnen und sollten spionieren. James sagte zu mir: ›Ich vertraue dir diese Mission an. Geh und sieh dir die FAZ [&#039;&#039;Forces Armées Zaïroises&#039;&#039;, Mobutus Regierungsarmee] an. Schau, was für Waffen sie haben. Finde raus, ob sie Verstärkung bekommen.‹ Er gab mir ein Motorola, damit ich mit ihm in Kontakt bleiben konnte. Ich ging in meinen Lumpen über die Grenze und zu ihrem Camp in Bukavu. Als ich dort ankam, hatten die Soldaten angefangen zu plündern. Einer von ihnen rief, ich solle ihm helfen, seine Beute zu tragen! Ich versteckte das Motorola. Es herrschte Chaos. Schüsse fielen. Dann ging ich zurück nach Ruanda und erzählte James, was ich gesehen hatte. Meine Familie in Bukavu habe ich damals nicht besucht. Wenn man in der Armee ist, vergisst man seine Familie. Die Armee war meine Familie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FAZ plünderten? Das hörte Kabarebe gern. Zaire war bis ins Innerste verfault, folgerte er. Und tatsächlich, als der Vizegouverneur von Süd-Kivu Anfang Oktober verlauten ließ, dass er demnächst zur ethnischen Säuberung der Banyamulenge schreiten würde, kam es zu einem Aufstand der Banyamulenge. Das war das Startsignal für die Feindseligkeiten. Ruanda griff an. Einige Tage später trat die AFDL als Rebellenbewegung in Aktion. Am 28. Oktober 1996 wurde Uvira eingenommen, zwei Tage später war Bukavu dran. Eines der ersten Opfer war Christophe Munzihirwa, der Erzbischof, der die ruandischen Manöver scharf kritisiert hatte. Ruffin und seine Kameraden kämpften in der vordersten Linie. »Bei uns waren Ruander, Ugander und sogar Eritreer. Wir rauchten Joints, die gut zwanzig Zentimeter groß waren, das gab uns den Mut, Patrioten zu sein.« Mobutus Soldaten ergriffen sofort die Flucht, aber der erbittertste Widerstand kam von den Mai-Mai, den Volksmilizen, die alles hassten, was aus Ruanda kam. »Mein erster Kampf war der gegen die Mai-Mai, die das Haus des RTNC verteidigten, des staatlichen Rundfunks. Ich hatte eine kurze Kalaschnikow. Daran musste ich mich gewöhnen. Weil ich Linkshänder bin, verbrannte ich mir immer die Haut, denn die Hülsen springen rechts raus, gegen den Bauch. Ein Mai-Mai rannte auf mich zu mit seinem roten Stirnband und seinem &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Er hatte keine Munition. Ich hab ihm eine Kugel in den Kopf geschossen. Ich war ganz verstört. Zum ersten Mal hatte ich jemand getötet, und ich fühlte mich schrecklich. Lasst mich zurückkehren in die dritte Abteilung, habe ich die Armeeführung angefleht, ich wollte nicht mehr in der ersten Abteilung kämpfen. Du musst, haben sie zu mir gesagt, und sie haben mir hundert Peitschenhiebe verpasst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Uvira und Bukavu fiel am 31. Oktober 1996 Goma. Innerhalb weniger Tage hatte die AFDL die drei wichtigsten Städte Ost-Zaires erobert, nicht zufällig die drei Städte, in denen sich die größten Flüchtlingslager befanden. Die AFDL wollte so schnell wie möglich nach Kinshasa, aber für die Ruander war es entscheidend, die Lager zu »neutralisieren«. Ruffin empfand diese Spannung sehr deutlich in der gemischten Invasionsarmee: »Wenn wir zu einem Flüchtlingslager kamen, machten die ruandischen Tutsi die Arbeit. Hundert, tausend Tote . . . Väter, Mütter, Frauen . . . Die Hutu sind Schlangen, sagten sie. Im Lager Kashusha bei Bukavu kam ich in ein Zelt, in dem sie gerade eine Großmutter und eine schwangere Frau umgebracht hatten. Nur das Kind lebte noch. Ein Knirps. Ich sollte ihn ermorden, aber das konnte ich nicht. Er streichelte mein Gewehr. Ich habe ihn freigelassen und mit ein paar flüchtenden Hutu weggeschickt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in Goma, wo sich die fünf größten Flüchtlingslager befanden, ging es erbarmungslos zu. Ruanda beschoss die erbärmlichen Lager mit Mörsergeschützen und Maschinengewehren, sodass sehr viele der dort untergebrachten Hutu in Panik zurück in ihr Heimatland flohen. Das führte zu unübersehbaren Menschenströmen. Innerhalb weniger Tage zogen fast vierhunderttausend Flüchtlinge ostwärts über die Grenze.41 In Ruanda wurde ein neues Verkehrsschild eingeführt: »&#039;&#039;Ralentir: refugiés«&#039;&#039; (»Langsam fahren: Flüchtlinge«).42 Aber sehr viele Hutu, und vor allem die am meisten militarisierten, zogen westwärts in den Wald. Als die UNO eine Interventionstruppe einsatzbereit hatte, um die Flüchtlinge zu beschützen, waren die Lager leer. Der Kampf zwischen ruandischen Hutu und Tutsi, die Fortsetzung des Völkermords, spielte sich von da an auf zairischem Boden ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin, mittlerweile vierzehn Jahre alt, lernte die Gräuel des Krieges aus nächster Nähe kennen. Sein Bataillon zog südwärts, über Uvira am Tanganjikasee entlang nach Katanga. Bei Bendera, einem kleinen Ort in Nord-Katanga, erlebte er seine heftigsten Kämpfe. Die Einheit stand unter anhaltendem Geschützfeuer. »Ein Feuergefecht ist wie ein Schlagzeug. Granaten und Bazookas hören sich an wie das Geräusch der &#039;&#039;toms&#039;&#039; und des &#039;&#039;floor tom&#039;&#039;. Die Salven aus unseren Kalaschnikows sind wie Trommelwirbel auf der &#039;&#039;snare drum&#039;&#039;. Die Bassdrum entspricht einem 80-mm-Mörser. Und die Becken, das ist unser Kreischen, denn wir haben immer geschrien. Wir haben Geistergeräusche gemacht, um den Feind in den Wahnsinn zu treiben, manche mit tiefer und manche mit gellender Stimme. Wir haben ihre Namen gerufen und gesagt, dass wir sie finden würden.« Krieg, Wahnsinn, Hysterie. Fußball, aber ohne Ball. Nur das Kreischen. Und die Waffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es nützte ihnen nichts. Ruffin und drei andere Soldaten wurden von ruandischen Hutu gefangen genommen. Er hatte Todesangst. »Die Hutu waren dafür bekannt, mit der Machete zu töten, wie beim Völkermord. Sie hackten einem die Arme ab oder schlugen einem den Schädel ein, sodass man das Gehirn sehen konnte. Das war typisch für sie.« Er war der jüngste der vier Gefangenen, und das war seine Rettung. Die anderen mussten nacheinander ihren Arm auf einen Holzklotz legen. »Die Hutu hatten neue Macheten, die glänzten wie Spiegel. Mein Freund sah weg, als sie die Machete erhoben. Er schrie laut auf. Ich sah seine Hand, seine Hand, die sich noch immer bewegte, die sich weiter bewegte, auch als sie auf dem Boden lag. Lose. Sie haben ihm schreckliche Schmerzen zugefügt. Sie hackten weiter auf ihn ein, sie durchbohrten seinen Körper, bis er tot war. Und dann war der Zweite an der Reihe und dann der Dritte. Meine Kameraden wurden nacheinander abgeschlachtet, und ich sah zu. Als ich an der Reihe war, sagte ihr Kommandant zu mir, dass er Mungura heiße und früher ein Leibwächter von Präsident Habyarimana gewesen sei, bevor der ermordet wurde. Er würde mich verschonen, und er schrieb einen Brief auf Kinyarwanda. ›Hier, bring das Kabarebe.‹ Sie zogen mir die Kleider aus und schickten mich in Unterwäsche weg. Ich stieg die Hügel hinab und kehrte allein zu unserer Stellung zurück. Das war der schwerste Moment in meinem Leben, ich kann es einfach nicht vergessen. Als ich endlich ankam, übergab ich James Kabarebe den Brief. Er las ihn und sagte: ›&#039;&#039;Dieu le veut.&#039;&#039; Mungura hat die ganze Familie niedergemetzelt, aber in Zukunft behalte ich dich als meinen Leibwächter.‹ Ruffin, ein Junge aus Zaire, der bis vor kurzem nichts von Politik wusste und die Abseitsregeln beim Fußball schon schwierig genug fand, war in einem Konflikt zwischen ruandischen Hutu und Tutsi fast getötet worden. »Ich brauchte nicht mehr aufs Schlachtfeld. James mochte mich, ich durfte seine Tasche tragen. Kadogo, bring mir die Tasche!, rief er in den Tagen danach. Ich sah, wie er die Karte des Kongo studierte. Auch er war zum ersten Mal hier. Kabarebe hatte keine Universität besucht, aber er war sehr logisch und ruhig, er konnte gut analysieren und zuhören. Er hatte seine Familie verloren und sagte zu mir: Du musst dein Land lieben, Kadogo.« Und so wurde Ruffin, der Junge, der eigentlich Priester werden wollte, Leibwächter des faktischen Befehlshabers der Invasionsarmee, die Mobutu entthronen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die AFDL eroberte Zaire mit einer Zangenbewegung. Ruffin befand sich im südlichen Arm, der sich auf Lubumbashi zu bewegte; der nördliche Arm rückte nach Kisangani vor, der Stadt am Fluss. Viele Zehntausende Bürger waren nach drei Jahrzehnten Diktatur nun auch noch einem Krieg ausgesetzt. Es kam zu einem wahren Exodus. Viele Menschen versuchten, den Kivu zu verlassen, aber die letzten Flugzeuge waren gedrängt voll, und wer einen Jeep besaß, musste ihn den plündernden Soldaten der FAZ überlassen. Tausende machten sich deshalb zu Fuß auf den Weg nach Kisangani, siebenhundert Kilometer durch den Urwald; die erste Wegstrecke führte durch den gebirgigen Nationalpark Kahuzi-Biéga, in dem in besseren Zeiten Touristen Gorillas beobachtet hatten. Doktor Soki, ein Arzt aus Bukavu, ging fort, nachdem sein Haus durch eine Granate zerstört worden war.43 Sekombi Katondolo, ein Künstler aus Goma, verließ mit ein paar Freunden die Stadt auf der Suche nach Orten, die mehr Sicherheit boten.44 Emilie Efinda, eine relativ wohlhabende Apothekerin aus Bukavu, trug Stöckelschuhe, als sie aufbrach.45 Für viele wurde es eine schreckliche Tour durch den Wald mitten in der Regenzeit. Die Menschen versteckten sich unter Blattwerk, schliefen auf dem Boden, kämpften gegen Ameisen und lebten von verfaulten Früchten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Als Monatsbinden mussten Strümpfe, Taschentücher, Stofffetzen dienen.46 Die Pfade im Landesinneren waren morastig, an vielen Stellen gab es gar keinen Weg mehr. Man durchwatete Flüsse, weil die Brücken weggeschwemmt worden waren. Nur hier und da kam man mit einem LKW weiter, aber die Fahrer verlangten horrende Summen, wenn sie kranke, erschöpfte und halb verhungerte Menschen ein Stückchen weiter transportierten. Die Kolonne der Fliehenden war riesengroß und heterogen: plündernde FAZ-Soldaten, verzweifelte Zivilisten, ruandische Hutu, die in Todesangst um ihr Leben rannten, unter Drogen stehende Kindersoldaten, gestählte Kämpfer aus Ruanda und Uganda. Die Einzigen, die sich in die entgegengesetzte Richtung bewegten, waren die Mai-Mai; sie wollten es mit den ausländischen Elementen aufnehmen. In chaotischen Grüppchen zogen sie ostwärts, ohne jede zentrale Befehlsgewalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter im Landesinneren ging die Verfolgung der Hutu mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher. Sobald die AFDL erschien, erlebten die Bewohner der Dörfer, dass die Ruander nach den Flüchtlingen fragten und loszogen, um sie abzuschlachten.47 An verschiedenen Orten kam es zu großen Massakern. In Tingi-Tingi vor den Toren Kisanganis war es grauenhaft. In diesem sumpfigen Gebiet hatten sich etwa 135.000 Hutu-Flüchtlinge gesammelt, und viele von ihnen waren in einem erbärmlichen Zustand. Die Cholera lichtete ihre Reihen, Kinder starben scharenweise. Als sich die AFDL Ende Februar 1997 von Osten her näherte, versteckten sich die Überlebenden in den Wäldern. Die ruandischen Tutsi missbrauchten daraufhin internationale Hilfsorganisationen, um die Flüchtlinge erneut in einigen improvisierten Lagern zu konzentrieren. Sobald es neue Ansammlungen von Flüchtlingen gab, durften Helfer und Journalisten das Gebiet »aus Sicherheitsgründen« nicht mehr betreten, und es begannen ungestraft die ethnischen Säuberungen. Nicht nur Hutu-Soldaten oder Interahamwe wurden ermordet, sondern auch unterernährte Kinder, Frauen, alte Menschen, Verwundete und Sterbende. Manchmal wurde mit Gewehrkugeln getötet, viel öfter jedoch mit der Machete und dem Hammer. Munition war teuer, und es war mühsam, sie durch den Wald zu schleppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die internationale Gemeinschaft bekam keinen Zugang zu dem Gebiet, sodass die Gräuel in ihrem ganzen Ausmaß erst später ans Licht kamen. »Ja, ich war in Tingi-Tingi dabei«, sagte Leutnant Papy Bulaya, ein ehemaliger Soldat in der Armee der AFDL. Er konnte erst nach etlichen Flaschen Bier darüber reden. »Weißt du, unser Ziel war Kisangani, und Tingi-Tingi war ein Hindernis. Also mussten wir es beseitigen. Ich war fünfzehn, ein Kadogo, unser Kommandant war ein Ruander, General Ruvusha. Er ist heute Oberst in der ruandischen Armee, aber er war furchtbar. Laurent Nkunda war auch dabei. Den Feind vertreiben, so lautete der Befehl. Unsere Tutsi-Kommandanten sagten zu uns: Es sind Génocidaires, sie müssen getötet werden. Sie riefen: Kadogo, töte diese Person. Und wir mussten den Befehl ausführen, sonst wären wir auf der Stelle exekutiert worden. Wir mussten immer weiter. Dort wurden damals sehr viele Ruander ermordet. Ihre Leichen wurden hinterher mit Benzin übergossen und verbrannt oder begraben. Hinter uns kamen die LKW mit Nachschub: Essen für uns und Benzin fürs ›Saubermachen‹, um ›die Tafel zu wischen‹. Wenn ich daran denke, tut es mir so weh. Heute bereue ich es, aber wir waren der AFDL treu.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Notlager nahe Tingi-Tingi boten 85.000 Menschen eine Unterkunft, nach den Aktionen waren sie leer, verlassen, desolat. Zehntausende Hutu waren abgeschlachtet worden. 45.000 Menschen flohen noch weiter in westliche Richtung, in die Provinz Équateur, wo sie in Boende und Mbandaka abgefangen und in Massen ermordet wurden. Augenzeugen sahen, wie die Soldaten sogar Babys umbrachten, indem sie ihnen mit ihren Stiefeln den Schädel zermalmten oder sie mit dem Kopf gegen eine Mauer schlugen.49 Einige der Flüchtlinge konnten entkommen und schafften es nach Kongo-Brazzaville und sogar nach Gabun. Sie hatten einen Fußmarsch von mehr als zweitausend Kilometern hinter sich, quer durch Zaire, in erbärmlicheren Umständen, als Stanley hatte ertragen müssen. Es waren insgesamt nur ein paar tausend Überlebende, ein winziger Bruchteil der ursprünglichen Zahl. Die Invasionsarmee hatte auf ihrem Vormarsch Schätzungen zufolge zwei- bis dreihunderttausend Hutu-Flüchtlinge ermordet.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Monate dauerte der Krieg, und er war im Wesentlichen ein unaufhaltsamer Eroberungsfeldzug vom Osten her nach Kinshasa. An manchen Orten, wie in Bunia und Watsa, kam es tatsächlich zu Kämpfen, aber fast überall sonst stieß die AFDL kaum auf nennenswerten Widerstand. Am 28. Februar 1997 fiel Kindu, am 15. März Kisangani, am 4. April Mbuji-Mayi. Vor allem die Eroberung von Kisangani, der drittgrößten Stadt des Landes, war von sehr großer strategischer und symbolischer Bedeutung, denn Kisangani lag am Fluss, der »Schnellstraße« Zentralafrikas, die nach Kinshasa führte. Premierminister Kengo wa Dondo hatte noch geschworen, dass die Stadt niemals fallen würde, aber die Rebellen nahmen sie mühelos ein. Das charakteristische Bild des Vormarsches der AFDL war das einer langen Doppelreihe von Kindersoldaten mit schwarzen Gummistiefeln, die sich zu beiden Seiten der roten, unbefestigten Straße im Stillen einem Dorf oder einer Stadt näherten. Sie waren Infanterie im buchstäblichen Sinne des Wortes: Kinder, die zu Fuß gingen. Wenn sie ankamen, hatte Mobutus Armee längst die Flucht ergriffen, oftmals nicht ohne vorher zu plündern. In Kikwit gaben die Bürger den abziehenden Soldaten Geld und baten sie, das Plündern zu unterlassen.51 Wenn sie fort waren, begrüßte die lokale Bevölkerung die Befreier aus dem Osten mit Transparenten und Gesang. Die demokratische Opposition war froh über die militärische Befreiung. »Die UDPS heißt die AFDL willkommen«, war auf manchen Transparenten zu lesen.52 Die blutjungen Soldaten, die von so weit her kamen und so ernst durch die Straßen marschierten, weckten mit ihrem Mut und ihrer Vaterlandsliebe Bewunderung.53 Wo sie vorbeizogen, meldeten sich sogleich neue Anwärter. Die »Katanga-Tiger«, deren Invasion in Shaba 1978 gescheitert war, schlossen sich an. Die AFDL erlebte einen wahren Triumphzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf politischen Großveranstaltungen hielt Kabila Ansprachen an das soeben befreite Volk. Zum ersten Mal bekamen die Massen den Mann zu sehen, über den sie schon so viel im Radio gehört hatten. Meist schwarz gekleidet, trug er einen Cowboyhut auf dem massiven Kahlkopf. Kabila war eine robuste Erscheinung; ein nicht gerade schlanker Mann, der herzlich lachen konnte und, die Hand in der Hosentasche, ein Air von Ungezwungenheit, ja sogar Lässigkeit verbreitete. Mit dröhnender Stimme erzählte er von den Heldentaten seiner Befreiungsarmee, sprach von der Notwendigkeit von Volksmilizen und bat Eltern, ein Kind für die gute Sache herzugeben. Sein Charisma war nicht zu leugnen. Im Vergleich zu dem &#039;&#039;grumpy old man&#039;&#039; in Gbadolite war er ein wahrer Lichtblick. Er strahlte Macht aus, aber auch Leutseligkeit. Nun würde alles anders werden. Obwohl Ruanda seine Beteiligung vehement bestritt, vermuteten viele im Land, dass Kabilas Siegeszug keine rein innere Angelegenheit war. Aber um vom &#039;&#039;vieux léopard&#039;&#039; erlöst zu werden, war alles recht. »Ein Ertrinkender klammert sich an jedes Stück Treibholz, zur Not auch an eine Schlange«, hieß es in Kikwit.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas AFDL wurde nicht nur vom Volk, das Mobutu satt hatte, und von Ruanda und Uganda, sondern auch von den USA unterstützt. Seit dem Ende des Völkermords hatte Kagames Tutsi-Regierung aufgrund ihrer sorgsam kultivierten Opferrolle großes Ansehen bei der amerikanischen Regierung erworben. Aus Scham, weil man den Völkermord nicht hatte verhindern können, gewährten neue Partnerländer wie die USA, Großbritannien und die Niederlande Kigali großzügige Hilfe. Mit Bill Clinton war zudem ein Präsident angetreten, der endgültig mit der alten, zynischen Zaire-Politik seiner Vorgänger brechen wollte.55 Er glaubte an &#039;&#039;new African leaders&#039;&#039;, Männer wie Mandela und Museveni – eine neue Generation von Staatsoberhäuptern, die keinerlei Gemeinsamkeiten hatten mit Leuten wie Mobutu, Bokassa und Idi Amin, glaubte er –, vielleicht war Kabila ja auch einer von ihnen? Es war kein koordiniertes Vorgehen, aber die ruandische Armee wurde jedenfalls nicht an ihren Plänen gehindert. So wie die Franzosen die Hutu-Regierung weiterhin unterstützt hatten, trotz der Genozid-Gerüchte, so halfen mehrere amerikanische Geheimdienste logistisch und praktisch beim Vormarsch der Invasionsarmee, trotz der Gerüchte über Massaker.56 Der Zynismus, mit dem die Clinton-Regierung brechen wollte, wich einem neuen Zynismus: humanitär in seinen Absichten, ausgesprochen naiv in seinen Analysen und deshalb verheerend in seinen Folgen. Es gab kein langfristiges Konzept. Die Verwirrung war groß, die Politik reagierte ad hoc. Doch die Unterstützung Ruandas und der Rebellen entfesselte Jahre des Elends. Für Kabila muss es amüsant gewesen sein, festzustellen, dass er dreißig Jahre nach der Unterstützung durch Che Guevara nun plötzlich die Unterstützung des imperialistischen Erzfeindes selbst genoss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu hingegen hatte seine Bündnispartner verloren. Frankreich versuchte ihn noch kurzzeitig und eher halbherzig mit einigen Soldaten zu unterstützen. Er hoffte, dann eben mit einigen europäischen Söldnern das Steuer noch einmal herumzureißen, aber das verlief diesmal anders als im Jahr 1964. Ein paar bosnische Serben kamen, die im Balkankrieg gekämpft hatten, doch für die Truppen Kabilas waren sie keine ernst zu nehmenden Gegner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Vormarschs der AFDL hielt sich Mobutu die meiste Zeit in Europa auf, wo er an Protastakrebs operiert wurde (was Anlass gab zu einer neuen Bezeichnung für die nächste Ladung wertloser Banknoten Zaires: &#039;&#039;les prostates&#039;&#039;). Er residierte in Lausanne und in seiner Villa in Cap-Martin. Bei seiner Rückkehr nach Kinshasa konnte er kaum noch gehen und war ein todkranker Mann. Trotzdem wurde er von einer großen Menschenmenge jubelnd begrüßt. Der Häuptling war zurück! Er würde das Land retten! Alles würde wieder gut! Aber das blieben Wunschträume. In der Hauptstadt gingen die Scharmützel zwischen Tshisekedi und Mobutu unvermindert weiter, als sei keine massive Streitmacht im Anzug. Man zankte sich wie eh und je darüber, wer Premierminister werden und welche Partei ihn stellen durfte, obgleich das Land, über das man redete, bereits zur Hälfte in den Händen anderer war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Ruffin war unterdessen auf dem Marsch nach Lubumbashi. Die Soldaten schleppten Gewehre und Bazookas mit sich. »Wir waren immer zu Fuß unterwegs. Wir liefen große Strecken neben den Bahngleisen. Mir taten die Füße sehr weh. Wir gossen Wasser in unsere Stiefel, das linderte den Schmerz, dann ging es wieder besser. Aber die Füße schwitzten dabei fürchterlich. Wenn man dann die Stiefel auszog, stanken die Füße wie eine drei Tage alte Leiche!« Soldatenkniffe, Soldatenhumor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. April 1997 fiel Lubumbashi, die ökonomische Hauptstadt des Landes. Mzee Kabila bezog dort Quartier und bekam sofort Besuch von internationalen Bergbauunternehmen wie De Beers und Tenke Mining, die schon begriffen hatten, dass sie ihre Geschäfte künftig mit ihm abwickeln mussten. Die ersten Verträge über die Ausbeutung der Minengebiete wurden bereits unterzeichnet, bevor Mobutu vertrieben worden war.57 Schon damals war deutlich, dass sich die Waagschale zugunsten Kabilas senken würde. Nach zweiunddreißig Jahren Diktatur brach ein neues Zeitalter an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Ruffin begann eine neue Phase des Krieges. Stabschef James Kabarebe benötigte ihn nicht mehr als Leibwächter. »James sagte: ›Für euch ist die Sache erledigt. Ich gehe nach Kisangani, aber ihr bleibt hier bei Mzee.‹ Es war das erste Mal, dass ich bei Mzee war. Auch sein Sohn Joseph war da.« Vater und Sohn hielten sich in Lubumbashi auf, während der Ruandese Kabarebe anderswo im Land die Kämpfe anführte. Der Sieg zeichnete sich langsam ab, und das sorgte für einige Entspannung. Ruffin hatte angenehme Erinnerungen an jene Tage mit dem zukünftigen Präsidenten. »Mit Mzee begann das gute Leben. Ich bin euer Vater, sagte er, aber vergesst eure biologischen Eltern nicht. Er fragte mich nach meiner Herkunft. Bukavu, sagte ich, ich bin von Bugera entführt worden. Ach, sagte er, dann ist es mit dem Priesterspielen ja für dich vorbei. Er zog uns gern auf. Eines Tages hatten wir die Magazine der ehemaligen FAZ geplündert. Ich verkleidete mich mit der Uniform eines Regierungssoldaten, mit Lederstiefeln und allem. Bist du das, Kadogo?, fragte Mzee. Ja, sagte ich, ich bin&#039;s. Wir haben dem Feind seine Sachen weggenommen. Wirklich?, lachte er. Er schüttelte mir die Hand und sagte: Das ist prima, bleib bei mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffins abenteuerliche Jugend bekam mit dieser Bemerkung abermals eine unerwartete Wendung: Nun wurde er einer der Leibwächter Kabilas. Innerhalb eines Jahres hatte er sich von einem unwissenden, Fußball spielenden Kind zu einem welterfahrenen jungen Mann entwickelt, der hyperwachsam war und die Geschichte live erlebte. Der Preis, den er dafür hatte bezahlen müssen, waren Angst und der Verlust seiner Unschuld, aber jedes Stadium brachte neue Formen der Anerkennung mit sich. »Kabila mochte mich. Er vertraute mir sein Geld an. Zehntausend Dollar! Er aß oft mit uns zusammen, einfach aus seinem Henkelmann. Nach dem Essen durften wir Armdrücken, und er war der Schiedsrichter. Im Busch hatten sie diesen Sport oft betrieben. Wir gingen nicht in Nachtclubs und zu Frauen; ich kannte nur das Leben als Seminarist und als Soldat. Wir wohnten im Hotel Karavia, dem besten Hotel von Lubumbashi. Mzee hatte Zimmer 114. Die Diamantensucher kamen zur Audienz zu ihm. Ich bekam ein Motorola.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in diesem Hotelzimmer erhielt Kabila regelmäßig Anrufe seines Stabschefs Kabarebe, der sich mit Riesenschritten der Hauptstadt näherte. Als er über den Kongofluss fuhr und vor sich die beiden Hauptstädte erblickte, musste er lokale Fischer fragen, an welchem Ufer Kinshasa lag, sonst hätte er versehentlich Brazzaville befreit.58 Kinshasa stand kurz vor dem Fall, erfuhr Kabila in seinem Hotelzimmer. Dass es so schnell gehen würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Zwei Wochen zuvor war er noch nach Kongo-Brazzaville geflogen, um mit Mobutu direkt zu verhandeln. Nelson Mandela hatte die beiden auf neutralem Boden zusammengerufen, an Bord eines südafrikanischen Schiffes im Hafen von Pointe-Noire, doch diese nächtlichen Gespräche waren ergebnislos geblieben. Mobutu wollte das Feld nicht räumen, und Kabila sah nicht ein, warum er Zugeständnisse machen sollte; er war ja auf der Siegerstraße. Nein, Kinshasa würde mit Waffengewalt befreit werden, und Ruffin durfte es miterleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mzee sagte zu uns: ›Zieht nur los! Viel Glück! Wir sehen uns in Kinshasa wieder!‹ Und wir sagten: ›Zu Ihren Diensten!‹« So viel war deutlich: Kabila war nur das Aushängeschild der Rebellion, die tatsächliche Arbeit erledigte Kabarebe. Und die Kadogo natürlich. Ruffin: »Ich saß im ersten Flugzeug, das wieder in Kin landete, eine Zivilmaschine von Scibe-Air. Ich bin damals zum ersten Mal geflogen. Der Flughafen war schon in unseren Händen. Jeeps brachten uns in den Stadtteil Limete, von dort aus gingen wir zu Fuß weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass es zu keiner Friedensregelung kam, brachte allerdings große Risiken mit sich. Alle befürchteten, dass es zu einer gewalttätigen Konfrontation in Kinshasa kommen würde. Mobutu hatte gerade General Mahele zum neuen Armeestabschef ernannt, einen gefürchteten Militär, der sich seine Sporen in den Shaba-Kriegen verdient und der die Plünderungen von 1991 und 1993 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Mahele war zu diesem Zeitpunkt zweifellos der fähigste Offizier in der zairischen Armee. Bei der Bevölkerung war er beliebt wegen seiner Integrität, aber gefürchtet wegen seiner Härte. Nun sollte er Kinshasa gegen die vorrückenden Rebellen verteidigen. Am Freitag, dem 16. Mai 1997, als die AFDL vor der Tür stand, floh Mobutu frühmorgens in seinen Palast in Gbadolite. Nun herrschte die absolute Gefahr der Anarchie in der Hauptstadt; die nächsten vierundzwanzig Stunden würden entscheidend sein. In der Millionenstadt Kinshasa könnte es zu einer wahren Schlacht aller gegen alle kommen. Die Bewohner fürchteten sich mehr vor den eigenen Soldaten als vor den Rebellen, und sie hatten Angst vor neuen, verheerenden Plünderungen. Mahele war jedoch ein kluger Mann. Er hatte die Aussichtslosigkeit der Lage erkannt und entschloss sich, die Megalopolis nicht dem Wahnsinn eines alten, geflohenen Mannes zu opfern. Damit die Zivilbevölkerung verschont blieb, nahm er Kontakt mit der AFDL auf und begab sich am späten Abend nach Camp Tshatshi, dem Militärstützpunkt, wo sich Mobutus letzte Getreue verschanzt hatten. Unter ihnen befand sich Mobutus jüngster Sohn, Kongolo, der wegen seiner legendären Grausamkeit den Spitznamen »Saddam Hussein« trug. Mahele versuchte sie davon zu überzeugen, das Plündern sein zu lassen, aber sie betrachteten ihn als einen Offizier, der Hochverrat begangen hatte. In der Nacht von Freitag auf Samstag ermordeten sie ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Stunden später marschierte Ruffin in seinen schwarzen Gummistiefeln über die Avenue Lumumba im Stadtteil Limete. Der Einmarsch der AFDL löste Begeisterungsstürme aus. Aus der Ferne war noch das Dröhnen schwerer Geschütze zu hören, aber er und seine Kumpanen brauchten nicht zu kämpfen. »Man bereitete uns einen unglaublichen Empfang. Die Männer riefen &#039;&#039;Libérateurs! Libérateurs!&#039;&#039;, die Frauen breiteten ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; vor uns auf der Straße aus, sodass wir darüber laufen konnten. Die Leute gaben uns Wasser. Sie sprachen Lingala, aber das verstanden wir nicht. Wir suchten das Haus von Premierminister Kengo wa Dondo, und die Leute zeigten uns den Weg. Wir kannten die Stadt nicht. Wir sollten den RTNC einnehmen und das Palais de Marbre von Mobutu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Häuser, die sie durchkämmten, ließ Ruffin einen massiven goldenen Aschenbecher mitgehen. Es war der 17. Mai 1997, und die AFDL besetzte innerhalb weniger Stunden die Schlüsselpositionen in der Stadt. Beach, Hotel Intercontinental, Memling . . . Einige Soldaten der Regierungsarmee plünderten doch noch, aber die meisten von ihnen schlüpften in Häuser und flehten die Bewohner an, ihnen Zivilkleidung zu geben: Wer jetzt noch in Uniform herumlief, unterschrieb sein Todesurteil. Auch Frauen in leitenden Positionen, die ihre Direktorenposten Mobutu zu verdanken hatten, verbrannten in aller Eile ihre &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, die mit dem Logo des MPR oder dem Konterfei des Großen Steuermanns bedruckt waren.59 Bei vereinzelten Abrechnungen und Racheaktionen gab es knapp zweihundert Tote, wenig im Vergleich zu dem, was auch hätte passieren können. In Lubumbashi erhielt Kabila einen Anruf von Kabarebe. »Kinshasa ist gefallen!« Kabila jubelte vor Freude und wälzte sich ausgelassen auf dem Teppich seines Hotelzimmers.60 Er würde sofort kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruffin war wieder einmal dabei: »An diesem Tag ging ich zurück zum Flughafen, um Mzee abzuholen. ›Na siehst du, dass ich die Wahrheit gesagt habe!‹, rief er mir zu. Er gab eine Pressekonferenz. Ich bin auf allen Fotos und Filmaufnahmen mit ihm dabei, zusammen mit Joseph und mit Masasu, einem anderen Gründer der AFDL.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Pressekonferenz erklärte sich Kabila zum neuen Staatsoberhaupt eines neuen Landes, der Demokratischen Republik Kongo. Der Zusatz »demokratisch« war etwas verwunderlich, denn niemand hatte ihn ernannt, und die gewaltfreie Opposition von Tshisekedi und den Seinen, die anfangs froh waren über die Befreiung, war gar nicht erst gefragt worden. Das Wenige, was Kabila von der Nationalen Souveränen Konferenz übernahm, war die Idee, Zaire wieder umzubenennen in Kongo. An dem zivilen Kampf von Menschen wie Régine war die militärische Eroberung, an der Ruffin teilgenommen hatte, einfach vorbeigezogen. Régine war nun zweiundvierzig, Ruffin vierzehn. Als Kabila einige Tage später, am 29. Mai 1997, den Amtseid als Präsident leistete, geschah das nicht im Parlament, wo die Konferenz stattgefunden hatte, sondern unweit davon in dem großen, neuen Fußballstadion. Die Staatsoberhäupter von Ruanda und Uganda, seine Financiers, waren zugegen, und auch die Staatschefs von Angola und Sambia. Aber das imposante Stadion war nicht gedrängt voll mit jubelnden Kinois. Mindestens ein Drittel der Plätze war leer geblieben, und das in einer Millionenstadt. Als Kabila den Eid sprach und seine Worte aus den Lautsprechern donnerten, hallten sie von halb leeren Betontribünen wider.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Kabila hatte die Fäden bald endgültig in der Hand. Mobutu war nach seiner Flucht über Togo nach Marokko geflogen, in sein endgültiges Exil. Im Bewusstsein des nahenden Todes hatte er noch die Gebeine seiner Mutter und anderer ihm teurer Verstorbener ausgraben lassen und mitgenommen. Kaum vier Monate später würde er, umgeben von ein paar Nahestehenden und den Überresten seiner Vorfahren, niedergedrückt und verbittert seinen Geist aushauchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Tag wie jeder andere, und das Wasser des Kivusees kräuselte sich unbeirrbar. Für Ruffin Luliba wurde es jedoch ein emotionaler Tag. Als Kabila zum ersten Mal wieder Bukavu besuchte, begleitete Ruffin ihn. Er hatte seine Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. »Es war fünf Uhr abends, und ich ging zu meinem Elternhaus. Ich sah meine Mutter, wie sie draußen &#039;&#039;pundu&#039;&#039; stampfte, und ich schoss dreimal in die Luft. Erschrocken flüchtete sie ins Haus, und mein Vater rannte hinter ihr her. Dann rief ich: ›Ich bin&#039;s, Papa!‹ Meine Mutter kam heraus und weinte. Ich war als Seminarist gegangen und kam als Soldat zurück. Sie hatten schon vor langer Zeit eine Trauerfeier für mich gemacht. Alle weinten, sogar mein Bruder.« Für die Familie war es, als sei Ruffin von den Toten auferstanden. Es wurde ein inniges Wiedersehen. Aber er besuchte auch die Mutter seines Zimmernachbarn Rodrick, des Jungen, der mit ihm zusammen entführt worden war und der schon nach wenigen Tagen in Ruanda an Diarrhö gestorben war. »Ich überbrachte Rodricks Mutter die traurige Nachricht. Ich wohnte damals mit Mzee im Hotel Résidence. Er hatte gesagt, ich solle meine Eltern mitbringen. Als ich sie ihm vorstellte, gab er meinem Vater sofort zweitausend Dollar. Er sagte: ›Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich nehme ihn wieder mit. Ihr Sohn ist ein Patriot.‹«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 12 Mitleid, was ist das? ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Große Afrikanische Krieg 1997-2002 ===&lt;br /&gt;
Eine neue Regierung, ein neuer Klang. Die Einwohner Kinshasas wussten nicht, was sie hörten. Die Ära nach Mobutu brach an mit einem tiefen, metallischen Ton, der anschwoll zu einer hohen, schrillen Note und dann zum Ausgangspunkt abfiel, ehe er wieder anstieg, und dann ging es von Neuem los. Das durchdringende Geräusch durchschnitt den Verkehr und hallte in den Gassen wider. Kleine Jungs hörten auf zu bolzen und hielten sich die Ohren zu. Mit schmerzverzerrten Gesichtern hielten sie nach dem roten Wagen Ausschau. Auf und ab, auf und ab, so tönte das infernalische Geheul der Sirene. Kinshasa, eine Stadt mit Millionen Einwohnern, endlosen Slums, maroden Elektrizitätsnetzen, offenliegenden Stromkabeln und Hunderttausenden von kleinen Kohlefeuern, besaß zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein unentbehrliches und sogenanntes »prioritäres« Fahrzeug: ein Feuerwehrauto.1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nur der Anfang. Mit Laurent-Désiré Kabila schien tatsächlich einiges anders zu werden. Der Müll, der sich in der ganzen &#039;&#039;cité&#039;&#039; dampfend häufte, wurde zum ersten Mal seit Jahren wieder abgeholt. Die Abwasserrinnen wurden gesäubert. In den Gängen der Ministerien roch es nach &#039;&#039;Eau de Javel&#039;&#039;. Sogar der Flughafen Ndjili, das chaotischste Terminal der Welt mit seinem Wirrwarr von Passagieren, Zollbeamten, Einreisekontrolleuren, Polizisten, Soldaten und sogenannten »protocols«, die einen schubsten und um die Pässe und Gepäcktickets der Reisenden rangelten, sogar in diesen Ameisenhaufen kam nach und nach Ordnung. Soldaten und Polizisten wurden bezahlt, ihr Gehalt war nicht hoch, aber sie erhielten es wenigstens regelmäßig. Lehrer und Beamte konnten zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder für ein Fahrrad sparen. Die haushohe, vierstellige Inflation ging zurück auf eine zweistellige Zahl, unter anderem durch den hohen Dollarkurs. Es wurden keine Geldscheine mehr neu gedruckt, sodass die im Umlauf befindliche Geldmenge sich verringerte und der Wert damit stieg. In der ersten Hälfte des Jahres 1998 betrug die Inflationsrate nur 5 Prozent.2 Im Juni 1998 verschwand der &#039;&#039;nouveau zaïre&#039;&#039;, und es kam eine neue Währungseinheit: der &#039;&#039;franc congolais&#039;&#039;. Ein kongolesischer Franc ersetzte hunderttausend neue Zaïre, was vierzehn Millionen alter Zaïre entsprach. Es war eine stabile Währung, jedenfalls am Anfang, die schnell im ganzen Land akzeptiert wurde. Die Banknoten trugen nicht das Konterfei Kabilas, sondern waren mit neutralen Abbildungen einer Tschokwe-Maske oder des Inga-Staudammes bedruckt. Bei der Einführung hatten alle Großen der kongolesischen Musik – vom steinalten Wendo Kolosoy über Papa Wemba bis zu dem jungen Star JB Mpiana – die neue Währung in einem Song gewürdigt, als eine Art Band Aid für eine Banknote.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Schein trog, denn die Begeisterung für Kabila bröckelte schnell. So euphorisch wie es ihn empfangen hatte, so schnell hatte das Volk ihn auch wieder satt. Freunde gewinnen ist eine Kunst, aber Kabila beherrschte die noch viel seltenere Kunst, aus Freunden im Handumdrehen Erzfeinde zu machen, und zwar nicht nur einige, denn dahinter könnte noch Berechnung stehen, sondern alle, und das deutete auf ziemliche Ruppigkeit hin. Es begann bereits mit der demokratischen Opposition aus der Mobutu-Ära. Die vielen Tausende Bürger, die mutig gegen die Diktatur gekämpft hatten, waren anfangs noch bereit, sich von Kabilas guten Absichten überzeugen zu lassen. Viele hofften, dass die Beschlüsse der Nationalen Souveränen Konferenz nun tatsächlich umgesetzt würden und dass Kabila die Versprechen einlösen würde, die Mobutu gebrochen hatte. Aber Kabila dachte nicht im Traum daran. Für ihn war die Eroberung der Anfang einer neuen Geschichte. Was ging denn ihn, &#039;&#039;maquisard&#039;&#039; seit Menschengedenken, das verworrene Geschwätz eines Saals voller braver Idealisten vor fünf Jahren an? Die Verfassung, das Parlament, die Regierung und die Wahlkommission der Übergangsjahre – alles Makulatur.4 Anhänger der UDPS wurden ins Gefängnis geworfen und brutal verprügelt.5 Tshisekedi wurde bereits zwei Monate nach der »Befreiung« Kinshasas verhaftet. Er wurde verhört, erhielt Hausarrest und wurde schließlich in seinen Heimatort verbannt. Einer von Kabilas Ministern sagte: »Wir haben ihm Saatgut und einen kleinen Traktor geschenkt, dann kann er sich als Landwirt betätigen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, statt eine solide Demokratie zu errichten, kehrte die Kabila-Regierung zu einem äußerst autoritären Regime zurück. Alles drehte sich um die Person Kabilas. Das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, nur seine AFDL durfte noch existieren, und auch diese Partei war lediglich ein Zweckbündnis, das unter Mitwirkung Ruandas ein paar Tage nach der Invasion Zaires ins Leben gerufen worden war. Kabila war anfangs nur ihr Wortführer gewesen, hatte dann aber seine drei Mitgründer nacheinander ausgeschaltet. Noch während des Krieges hatte er Kisase, den Einzigen von ihnen, der über militärische Macht verfügte, ermorden lassen; nach seiner Vereidigung als Präsident ließ er Masasu zu zwanzig Jahren Haft verurteilen, und Bugera, Ruffins Kidnapper, lobte er weg auf einen Posten, wo er ihm nicht gefährlich werden konnte. Die militärische Allianz sollte nun zu einer Staatspartei umgeformt werden, doch sie war inzwischen so gut wie bedeutungslos. Der Kongo wurde die AFDL, die AFDL aber war in der Praxis Kabila. Die Bevölkerung durfte sich politisch nur noch in sogenannten &#039;&#039;Comités du Pouvoir Populaire&#039;&#039; organisieren. Was das genau war, wusste niemand, aber es schmeckte nach schlecht verdautem Marxismus aus dem Maquis. Am 28. Mai 1997 trat eine neue Verfassung in Kraft, die im Wesentlichen dem Präsidenten umfassende Machtbefugnisse einräumte. Kabila stand künftig an der Spitze der legislativen, exekutiven und judikativen Macht, der Armee, der Verwaltung und der Diplomatie. Die Minister, mit denen er sich umgab, waren vorzugsweise Katangesen wie er oder Leute aus der Diaspora. Ehemalige Mobutu-Gegner, die sich schon seit Jahren ein politisches Mandat erhofften, erlebten, dass Unbekannte zum Zuge kamen. Als nette Geste bedachte Kabila auch die inzwischen erwachsenen Töchter von Kasavubu und Lumumba mit einem Ministerposten – eine solche historische Reminiszenz verlieh ihm ja einen Anschein von Legitimität –, aber es war eine Farce.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte 1994 an der Universität von Lubumbashi mein Studium Internationale Beziehungen abgeschlossen«, erzählte mir Bertin Punga, eine wichtige Persönlichkeit beim späteren Protest gegen Kabila. »Ich war politisch interessiert, und ich war gegen Mobutu. Beim Campusmord 1990 hatte ich drei Leichen gesehen. Ich kam aus Kasai und erlebte, dass wir vom Gouverneur aus Katanga vertrieben wurden. Deshalb schloss ich mich der AFDL an, als sie aufkam. Früher war Politik die Angelegenheit einer bestimmten Kaste, aber bei dieser Revolution schien jeder willkommen zu sein. Ich bin Akademiker, ich muss in die Politik, sagte ich mir. Aber als ich in Kinshasa ankam, sah ich, wie die Posten an Leute ohne Ausbildung aus Katanga vergeben wurden, während ich mit meinem Unidiplom zu einem viel niedrigeren &#039;&#039;diplomé d&#039;Etat&#039;&#039; herabgestuft wurde [diplome d&#039;État ist das kongolesische Abitur]. Als ich sah, wie viele Minister aus Katanga stammten, wusste ich, dass Kabila ein zweiter Mobutu war. Nein, es war sogar schlimmer, wenn man vergleicht, was er schon in vier Jahren angerichtet hat und Mobutu in zweiunddreißig. Es gab standrechtliche Exekutionen, das Mehrparteiensystem wurde abgeschafft, der Einparteienstaat kam zurück. Das Getue mit den Comités du Pouvoir Populaire, das war für mich echt eine Neuauflage des MPR.«7&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im ersten Jahr seiner Regierung schien Kabila auf einen starken, autoritären und sehr personalisierten Staat hinzusteuern; in der Praxis blieb dieser Staat jedoch sehr schwach. Es gab keine echte Politik, keine weitsichtige Planung, keinen Staatsapparat. Nicht einmal die Armee stellte etwas vor. Mobutus FAZ wurde aufgelöst, an ihre Stelle traten die FAC: &#039;&#039;Forces Armées Congolaises&#039;&#039;. Das klang imposant, war aber nicht mehr als ein Mischmasch aus vormaligen FAZ-Soldaten, ehemaligen »Katanga-Tigern«, Kadogo, Banyamulenge und Tutsi aus Ruanda. Stabschef war noch immer der Ruander James Kabarebe. Kabila regierte sein Land wie früher sein Rebellengebiet: locker, überaus locker. Das Einzige, worauf er wirklich achtete, war die Kontrolle der Informationskanäle. Nicht umsonst war sein Berater für alles, was mit Kommunikation zu tun hatte, Dominique Sakombi Inongo, Mobutus ehemaliger Propagandist, der Prophet geworden war. Das hatte Kabila zweifellos von Mobutu gelernt: Eine starke Regierung musste darauf bedacht sein, die Medien in eisernem Griff zu halten. Der Rundfunkjournalist Zizi Kabongo erlebte es am eigenen Leib, als Armeesoldaten nachts um zwei an seine Tür hämmerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kabila war nicht gerade ein Freund des staatlichen Rundfunks«, erzählte Zizi, »für ihn waren dessen Angestellte ein Haufen Mobutisten. Eines Nachts sendeten wir eine seiner Versammlungen erneut. Kabila schlief sehr wenig und hörte unser Programm. Schon seit Mobutu gab es kein Geld für Material, deshalb mussten wir die Bänder immer wieder löschen und neu verwenden. Aber dieses eine Band war schlecht gelöscht worden. Nach der Aufnahme von Kabilas Versammlung war noch ein Rest von einer Reportage über Mobutu drauf. Der Techniker vom Dienst war eingepennt, und die Zuhörer hörten am Ende auf einmal wieder die Stimme von papa Maréchal. &#039;&#039;»Oyé! Oyé! Papa ndeko! Unser Freund!&#039;&#039;«, hörte man das Volk rufen. Mobutu ist zurück, dachten die Zuhörer. Noch in derselben Nacht holte die Armee alle Journalisten ab und steckte sie ins Gefängnis. Um zwei Uhr morgens standen sie vor meiner Tür. Im Knast landete ich zwischen zum Tode Verurteilten und Revolutionären. Die Lage war ernst. Kabila fing an, alle seine Feinde zu beseitigen.« Zizi, dessen Schienbeine die Spuren des Widerstandes gegen Mobutu trugen, wurde nun des Mobutismus bezichtigt. Zwischen Mai 1997 und Januar 2001 wurden mehr als 160 Journalisten ins Gefängnis geworfen.8 »Am nächsten Tag mussten wir alle in den Präsidentenpalast. Kabila persönlich hielt uns eine heftige Standpauke für unseren Akt der Rebellion. Zur Strafe wurden wir alle verpflichtet, den Marxismus zu studieren. Aber am Ende bekamen wir dann doch neue Aufnahmebänder, auf die wir schon seit Jahren warteten.«9&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die demokratische Opposition und die UDPS brutal bekämpft, die AFDL matt gesetzt, die Presse abgekanzelt und ihr einen Maulkorb verpasst. Welche Brücken konnten noch in die Luft gesprengt werden? Die zum Ausland natürlich. Kabila verspielte binnen kürzester Zeit das Wohlwollen der Vereinten Nationen, als er Ermittlungen zu den Massakern an den Hutu-Flüchtlingen zuerst ablehnte und später behinderte. Expertenteams wurden systematisch boykottiert. Kabila musste entweder Ruanda die Schuld daran geben (was auch zutreffend war), aber dann hätte er einräumen müssen, dass er den Sieg nicht seiner eigenen Rebellion zu verdanken hatte, und so etwas war tödlich für seine Popularität im eigenen Land, oder aber er musste die Schuld auf sich nehmen, doch dann würde er international als brutaler Massenmörder gelten. Innenpolitische Interessen kollidierten mit außenpolitischen. Es war ein heikler Balanceakt, selbst für einen gestandenen Politiker, und Kabila war alles andere als ein gestandener Politiker. Von Diplomatie hatte er keine Ahnung. Sein Stil war eher rustikal. Er betrat das internationale Parkett mehr als argwöhnischer Rebell denn als besonnenes Staatsoberhaupt. Innerhalb kürzester Zeit warf er Frankreich Neokolonialismus und den USA einen Mangel an diplomatischer Höflichkeit vor, und Belgien war in seinen Augen ein Terroristenstaat.10 Die Troika war schon von Mobutu einiges gewohnt, aber solche grobschlächtigen Äußerungen waren neu. Hier sprach nicht mehr ein schlauer Fuchs, sondern ein tolpatschiger Bär. Auch afrikanische Staatsoberhäupter lernten ihren neuen Kollegen schnell kennen. Nelson Mandela hatte bei den Friedensgesprächen in Kongo-Brazzaville 1997 stundenlang auf ihn warten müssen; der sonst so umgängliche Mann war darüber sehr wütend geworden. Der ägyptische Präsident Mubarak erwartete ihn schon am Kairoer Flughafen mit einer Ehrenwache und einem roten Teppich, als Kabila den Besuch telefonisch absagte, weil er sich »ein bisschen müde« fühle. Tansanias Präsident Mkapa wurde zwar mit einem Besuch beeehrt, aber entgegen allen diplomatischen Gepflogenheiten unterbrach Kabila den Staatsbesuch und flog nach Kinshasa zurück.11 Auch Ugandas Präsident Museveni und Ruandas Vizepräsident Kagame mussten erkennen, dass ihr Protegé recht ungehobelt war. Sie hatten gehofft, ihr chaotisches Nachbarland zu sanieren, indem sie ihn dort als Marionette installierten, in der Praxis aber erwies sich Kabila als unlenkbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann passierte etwas ganz Entscheidendes: Kabila kehrte Ruanda und Uganda den Rücken zu. Viel Entscheidungsfreiheit hatte er nicht. Im ganzen Land schwollen die Proteste gegen die ausländische Einmischung an. Vor allem Ruanda musste als Sündenbock herhalten. Jeder Tutsi wurde als Ruander angesehen und jeder Ruander als Besatzer. Das ging sogar so weit, dass eine scharf geschnittene Nase oder eine hohe Stirn ausreichten, um fast sofort als Infiltrant verdächtigt zu werden. In Kinshasa herrschte großer Unmut über die sehr gut wahrnehmbare Präsenz von Tutsi in der Armee, oft auf hohen Posten. Es handelte sich um Offiziere, die weder Französisch noch Lingala sprachen, sondern Englisch, Swahili und Kinyarwanda. Die neuen Machthaber gerierten sich auffallend oft als arrogante Sieger, die nicht davor zurückschreckten, die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; wieder einzuführen, die Peitsche aus Nilpferdhaut, die so viele Erinnerungen an die Kolonialzeit wachrief. Frauen, die eine Jeans oder einen Minirock trugen, was seit 1990 wieder erlaubt war, wurden öffentlich mit Peitschenhieben bestraft. Taxifahrern, die gegen eine Verkehrsregel verstoßen hatten, widerfuhr das Gleiche. Die Zahl der Peitschenhiebe blieb nicht auf fünfundzwanzig beschränkt, wie es in der Kolonialzeit amtlich festgelegt war, sondern hing vom Alter ab: Wer fünfzig war, musste fünfzig Hiebe einstecken. Mehr und mehr verbreitete sich die Meinung, das überbevölkerte Ruanda sei auf Rohstoffe und Lebensraum aus und habe ein Auge auf den Kivu geworfen, wo ohnehin schon sehr viele Tutsi lebten. Man glaubte, dass Ruanda eine &#039;&#039;Grande République des Volcans&#039;&#039; anstrebte, einen neuen Staat, bestehend aus Ruanda und dem Kivu. Es war auch nicht gerade beruhigend, dass hochgestellte Ruander zu einer »zweiten Berliner Konferenz« aufriefen, um die Grenzen von 1885 neu zu überdenken.12 Manche Kongolesen waren ohnehin bereits der Ansicht, dass ihr riesiges Land von dem Zwergstaat Ruanda annektiert worden sei.13 Zwischen den beiden Ländern wuchs ein abgrundtiefer Hass. Das Verhältnis erinnerte an das zwischen China und Japan, oder Irland und England in früheren Zeiten. Viele Ruander sahen den Kongo als ein Land von faulen, chaotischen Nichtskönnern, denen Musik, Tanzen und Essen wichtiger waren als Arbeiten, Infrastruktur und Ordnung. Und Ruanda war für viele Kongolesen ein kühles, strenges Land, in dem Plastiktüten aus Gründen der Sauberkeit und Ordnung verboten waren und das Tragen von Schutzhelmen Pflicht war, ein Land voller überheblicher, wichtigtuerischer Emporkömmlinge, die verächtlich auf sie herabblickten. Viele interpretierten die Unterschiede zwischen beiden Ländern als einen uralten, kulturellen Konflikt zwischen sogenannten »Bantu« und »Niloten«, obgleich das sehr problematische Kategorien der kolonialen Anthropologie waren. Solange Kabilas Hofstaat zum großen Teil aus jenen verhassten Ausländern bestand, konnte er die Anerkennung seiner Macht in den Wind schreiben, und der Präsident wusste, dass die Bevölkerung so darüber dachte. Also stand er da, an der Spitze eines unermesslich großen Landes, in einer Stadt, die neu für ihn war, mit einer Bevölkerung, die er weder kannte noch verstand. Der Jubel verstummte allmählich. »Wir müssen uns von unseren Befreiern befreien«, höhnte man auf der Straße.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und genau das tat Kabila. Am 26. Juli 1998, gut ein Jahr nach seinem triumphalen Einzug in Kinshasa, gab er in einer nächtlichen Rundfunkansprache zu verstehen, dass die ruandischen und anderen ausländischen Soldaten das Territorium des Landes verlassen müssten. Diesmal ging es nicht um ein schlecht gelöschtes Band. Dem kongolesischen Volk sprach er seinen Dank »für die Duldung und Beherbergung der ruandischen Truppen« aus.15 Diese Verlautbarung besiegelte definitiv den Bruch mit Kigali und Kampala. In den folgenden Tagen verließen Hunderte Soldaten Kinshasa. Bei Stabschef James Kabarebe, dem Mann, der den Kongo im Namen Kabilas eingenommen hatte, bedankte sich der Präsident für die erwiesenen Dienste. Wutschnaubend kehrte Kabarebe nach Ruanda zurück. Eine neue Eskalation konnte nicht ausbleiben. Und tatsächlich, keine Woche später fiel er erneut in den Kongo ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg vom Oktober 1996 bis Mai 1997, der Mobutu zu Fall gebracht hatte, hat viele Namen erhalten: »Aufstand der Banyamulenge«, »Befreiungskrieg«, »Feldzug der AFDL«. Heute wird er meist als der »Erste Kongokrieg« bezeichnet. Am 2. August 1998 brach der Zweite Kongokrieg aus. Wieder griff Ruanda an, wieder befehligte Kabarebe die Invasionstruppen, wieder war das Ziel ein Regimewechsel in Kinshasa. Diesmal aber würde der Konflikt nicht sieben Monate dauern, sondern fünf Jahre, bis Juni 2003. Offiziell jedenfalls, denn inoffiziell köchelte der Krieg weiter, zunächst bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ich dies schreibe, Frühjahr 2010.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg war ein außerordentlich komplexer Konflikt, an dem irgendwann neun afrikanische Länder und etwa dreißig lokale Milizen beteiligt waren, ein Kräftemessen in kontinentalem Maßstab mit dem Kongo als zentralem Kriegsschauplatz. Die Dynamik, mit der einige Länder, von Namibia im Süden bis Libyen im Norden, kurzfristig Partei ergriffen (für oder gegen Kabila), erinnert an die blitzschnelle Bildung der Ententen in Europa am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Wegen der kontinentalen Ausdehnung spricht man auch vom »Ersten Afrikanischen Weltkrieg«, doch das ist eine ziemlich verfehlte Bezeichnung, die die gravierenden Auswirkungen des Ersten und Zweiten Weltkrieges auf Afrika außer Acht lässt. Der Begriff &#039;&#039;Great African War&#039;&#039; ist deshalb sinnvoller, obgleich der Brandherd größtenteils auf den Kongo beschränkt blieb und lokale Milizen längere Zeit agierten als ausländische Streitkräfte. Was die Zahl der Opfer betraf, weitete sich dieser Große Afrikanische Krieg oder Zweite Kongokrieg zum tödlichsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg aus. Allein im Kongo sind seit 1998 mindestens drei Millionen und möglicherweise fünf Millionen Menschen durch den Krieg gestorben, mehr als in den medial so stark präsenten Konflikten in Bosnien, im Irak und in Afghanistan zusammen. Und die Zahl steigt weiter an. 2007 gab es monatlich noch 45.000 Todesopfer durch die indirekten Folgen dieses vergessenen Krieges. Den größten Blutzoll zahlten Zivilisten. Sie starben nicht in den Kämpfen, sondern als Folge von Unterernährung, Diarrhö, Malaria und Lungenentzündung, Krankheiten, die wegen des Krieges nicht mehr behandelt werden konnten. Dazu muss bemerkt werden, dass viele dieser Krankheiten auch schon vor dem Krieg nicht mehr behandelt wurden. Die Sterberate lag im Kongo bereits vor dem Konflikt über dem Durchschnitt und stieg durch den Konflikt weiter an. 2007 war die Sterberate im Kongo noch immer 60 Prozent höher als im gesamten subsaharischen Afrika.16 Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Kongolesen bei der Geburt betrug dreiundfünfzig Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zweite Kongokrieg verschwand aus dem Fokus der Weltnachrichten, da er als unergründbar und unübersichtlich galt. Tatsächlich gab es nicht zwei deutlich umrissene Lager, und, was wichtiger war, es gab keine deutliche Rollenverteilung, wer der Buhmann und wer der Underdog war. Nach dem Ende des Kalten Krieges benutzten westliche Berichterstatter in zunehmendem Maße einen moralischen Bezugsrahmen, wenn es darum ging, Kriege zu deuten: In Jugoslawien waren die Serben die großen Übeltäter, in Ruanda die Tutsi die unschuldigen Opfer; in beiden Fällen führte das zu Einschätzungen und politischen Entscheidungen mit katastrophalen Folgen. Es war nicht einfach, im Kongo »die Guten« zu finden. Wer sich näher mit dem Konflikt beschäftigte, musste erkennen, dass alle Beteiligten im Glashaus saßen. Die Anschuldigungen waren oft gerechtfertigt, die gewählten Methoden oft problematisch. Keiner der Parteien schien es zu gelingen, aus der Schusslinie zu treten, im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn, um sich mit der Berechtigung der gegnerischen Position zu befassen und gemeinsam nach einem Kompromiss zu suchen. Für ein bettelarmes Land mit einer jungen, ungebildeten Bevölkerung, die nur Mobutus finsteren Despotismus gekannt hatte, war das entschieden zu viel verlangt. Kinder einer Diktatur sind selten Musterdemokraten. Das Ganze entwickelte sich zu einem jener Konflikte, bei denen jeder dem anderen immer ein Stückchen mehr Schuld zuspricht, sodass Zurückschlagen gerechtfertigt scheint und eine endlose Gewaltspirale entsteht. Die westlichen Medien kapitulierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem lässt sich der Ablauf der Geschehnisse mit Hilfe einer einfachen kartographischen Bildergeschichte veranschaulichen. Drei Phasen kennzeichneten den Konflikt. Von August 1998 bis Juli 1999 versuchte Ruanda, zusammen mit Uganda und einer zusammengewürfelten einheimischen Rebellenarmee, Kabila zu stürzen. Das gelang nicht. Diese Phase endete mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Lusaka, das vieles regelte, aber keinen Frieden brachte. Die zweite Phase dauerte von Juli 1999 bis Dezember 2002. Ruanda und Uganda versuchten nicht länger, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern kontrollierten jetzt, mit Hilfe von lokalen Milizen, die Hälfte des kongolesischen Territoriums, wo sie in großem Maßstab die vorhandenen Rohstoffe ausbeuteten. Da inzwischen die Beute wichtiger war als die Macht, kam es zu Brüchen innerhalb der Rebellion und zu gewalttätigen Konfrontationen in Kisangani. Diese turbulente Phase erreichte einen Endpunkt mit dem Friedensvertrag von Pretoria im Dezember 2002, der ab Juni 2003 in Kraft trat. Die Ruander und Ugander zogen sich in ihr Land zurück, und die UNO verstärkte ihre Präsenz. Offiziell war der Krieg damit beendet, an Ort und Stelle sah es jedoch anders aus. Die dritte Phase begann 2003 und zieht sich im Kivu bis heute hin. Während dieses langen Zeitraums beschränkte sich der Krieg auf den äußersten Osten des Kongo, jene Gebiete, die unmittelbar an Uganda (Ituri) und Ruanda (Kivu) angrenzen. Diese Zonen wurden zu Schauplätzen heftiger Gewalt, massiver Menschenrechtsverletzungen und unsäglichen menschlichen Leidens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder dieser Phasen war der Konflikt gekennzeichnet durch die Nachwehen des ruandischen Völkermords, die Schwäche des kongolesischen Staates, die militärische Vitalität des neuen Ruanda, die Überbevölkerung im Gebiet um die Großen Seen, die Durchlässigkeit der alten Kolonialgrenzen, die Zunahme ethnischer Spannungen aufgrund von Armut, das Vorhandensein von Naturreichtümern und Bodenschätzen, die Militarisierung der informellen Wirtschaft, die weltweite Nachfrage nach mineralischen Rohstoffen, das lokale Angebot von Waffen, die Ohnmacht der Vereinten Nationen und einiges mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Juni 2007 frühstückte ich in Ruandas Hauptstadt Kigali im berühmten Hotel des Mille Collines, Zufluchtsort während des Völkermords und Inspirationsquelle für den Film &#039;&#039;Hotel Ruanda&#039;&#039;. Es war noch immer ein sündhaft teures Sternehotel. Ich hatte dort nicht übernachtet, sondern traf mich mit Simba Regis, einem introvertierten ruandischen Kriegsveteranen, der nur wenige Jahre älter ist als ich. Am Buffet nahmen wir uns mit Zangen butterglänzende Croissants. Eine Kellnerin brachte uns herrlich frischen Fruchtsaft. Simba Regis war 1967 geboren, und seine Lebensgeschichte war die Geschichte der ruandischen Tutsi in der Nussschale. 1959, als die Hutu-Unruhen begannen, waren seine Eltern nach Burundi geflohen, wo er geboren wurde. In seiner Kindheit und Jugend hörte er ständig, dass nicht Burundi, sondern Ruanda sein Heimatland sei. Er sympathisierte mit dem Kampf der Tutsi im Exil und ging 1990 nach Süd-Uganda, um sich der Ruandischen Patriotischen Front anzuschließen, Kagames Armee. Er war bei den Invasionen Ruandas dabei, er war einer der Ersten, die Kigali erreichten, und er entrann um ein Haar dem Völkermord 1994. »Sechsjährige Kinder, die elend verreckten, junge Mütter, die von unter Drogen stehenden Interahamwe abgeschlachtet worden waren. Es war zum Wahnsinnigwerden. Wenn man das gesehen hat, dann muss man sich wehren.« Also war er 1996 dabei, als Ruanda zum ersten Mal in den Kongo einfiel, um die Hutu-Gefahr auszuschalten. Und 1998, bei der zweiten Invasion Ruandas, kämpfte er wieder in den vordersten Linien, denn auch jetzt ging es nicht nur um die Entthronung Kabilas, sondern auch darum, die verbliebenen Hutu-Milizen auszuschalten. In den Wäldern des Ost-Kongo versteckten sich noch immer Tausende ruandischer Hutu, die nach den Massakern der AFDL vergeltungssüchtiger waren als je zuvor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf begann am 2. August. Ruanda erhielt Unterstützung von Uganda und Burundi, die ebenfalls über das Rumoren an ihrer Westgrenze beunruhigt waren und denen der Reichtum an Bodenschätzen im Ost-Kongo bekannt war. Goma und Bukavu fielen sofort. Zwei Wochen später hieß es, die Eroberung sei das Werk einer einheimischen Rebellionsbewegung, des &#039;&#039;Rassemblement Congolais pour la Démocratie&#039;&#039; (RCD). Zu ihrem Anführer wurde überraschenderweise Ernest Wamba dia Wamba erklärt, ein ehemaliger Geschichtsprofessor. Doch der gesamte RCD war ebenso sehr eine Phantomkonstruktion wie die AFDL von 1996. Während er sein Croissant langsam zerpflückte, zerstreute Simba Regis jeden Zweifel: »Wir haben die Rebellen ausgebildet und trainiert. Ruanda war einfach besser organisiert. Die Kongolesen trugen ruandische Uniformen und Stiefel. Sie standen unter unserem Befehl. Wir waren ihre Paten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier Jahre lang kämpfte Simba auf kongolesischem Boden, von 1998 bis 2002, über den gesamten Zeitraum des offiziellen Krieges. Er war in Katanga, in Kasai. Manchmal gab es dort Kämpfe gegen die Interahamwe und die Mai-Mai, die von Kabila unterstützt wurden, die meiste Zeit geschah nichts. &#039;&#039;»On faisait la vie«&#039;&#039;, sagte er, »wir hatten unser Auskommen«, was man auch so verstehen konnte, dass die Ausbeutung des Bodens wichtiger gewesen war als das Kriegführen. In Katanga fand man noch immer Rohstoffe im Überfluss, und Kasai war nach wie vor reich an Diamanten. Den Kampf gegen die reorganisierten Hutu bezeichnete er als »gerecht und ehrenhaft«, aber den Krieg als Lebensstil hatte er gründlich satt. »Ich kann nicht mehr. Seit 1990 führe ich Krieg. Die, die über den Krieg entscheiden, kämpfen nie selber, aber ich habe meine Brüder verloren und meine Freunde. Wir waren elf Freunde aus Bujumbura, wir kamen aus demselben Viertel und haben dieselbe Grundschule und Oberschule besucht. Von den elf leben noch zwei, ich und jemand in Kanada.« Von der Terrasse des Frühstücksraums hatte man einen Ausblick auf Kigali. Die Stadt leuchtete im Morgenlicht. »Wenn ich Bier getrunken habe, kriege ich Albträume. Ich sehe Häuser, die in die Luft gesprengt werden. Ich sehe meine Freunde weinen, weil sie einen Arm oder ein Bein verloren haben. Und immer bin ich machtlos und kann nichts tun. Dann schrecke ich aus dem Schlaf hoch. Ich spüre den Krieg noch immer. Ich hatte kein gutes Leben, nein. Ich möchte nach Europa, denn in fünf oder zehn Jahren geht es hier von Neuem los.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber James Kabarebe glaubte, dass die Sache rasch erledigt werden könne. 1996 hatte es sieben Monate gedauert, nach Kinshasa zu gelangen; das musste man auch schneller schaffen können. Sein Plan war ebenso riskant wie kaltblütig. Auf dem Flughafen von Goma kaperte er mehrere Flugzeuge, lud sie voll mit RCD-Soldaten und zwang die Piloten, westwärts zu fliegen, zur Militärbasis Kitona am Atlantik. Von dort aus waren es nur vierhundert Kilometer bis Kinshasa. Seine Luftbrücke schien zu funktionieren: Am 5. August nahm er Kitona ein und schaffte es, die dort anwesenden Soldaten, hauptsächlich demotivierte ehemalige FAZ-Kämpfer, die in der neuen Armee »umerzogen« wurden, zu überreden, mit ihm gegen Kabila zu kämpfen. Am 9. August fiel die strategisch entscheidende Hafenstadt Matadi, am 11. August das Wasserkraftwerk Inga. Kabarebe hatte nun den Daumen auf dem Hauptschalter von Kinshasa und konnte auch noch die Zufuhr von Lebensmitteln sperren. Nächtelang stürzte er eine hungrige Millionenstadt in die Dunkelheit. In den einfachen Vierteln loderten die Anti-Tutsi-Ressentiments hoch auf. Hunderte von Tutsi oder Menschen, die auch nur Tutsi-Züge aufwiesen, wurden von Menschenmengen grausam gelyncht. Wie in den Townships von Südafrika hängte man ihnen einen Autoreifen um, der mit Benzin gefüllt und angezündet wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles deutete darauf hin, dass Kinshasa binnen kurzem fallen würde. Kabilas Armee war für Kabarebes Truppen kein ernstzunehmender Gegner. Und doch kam es anders. In letzter Minute wurde Kabila von ausländischen Truppen gerettet: Am 19. August 1998 rückten vierhundert Soldaten aus Simbabwe in den Kongo ein, am 22. August begann die Armee Angolas Bas-Congo zu befreien. Vor allem die Rolle Angolas war entscheidend. Während des Ersten Kongokrieges hatte sich das Land neutral verhalten: In Luanda war niemand traurig über den bevorstehenden Abgang Mobutus, dessen Unterstützung der rechten UNITA-Rebellen so viel Leid ausgelöst hatte. Während des Zweiten Kongokrieges waren die Karten jedoch neu gemischt. Ruanda könnte eventuell die UNITA unterstützen, um Kabila zu Fall zu bringen. Das musste verhindert werden. Simbabwe hingegen handelte eher aus wirtschaftlichen Erwägungen; das Land besaß Anteile am katangesischen Bergbau. Daneben gab es eine Art ideologischer Brüderschaft zwischen den Präsidenten Mugabe, Dos Santos und Kabila: alle drei hatten mit dem geflirtet, was in Afrika so schön &#039;&#039;le marxisme tropicalisé&#039;&#039; hieß. Angola war jahrelang von Kuba unterstützt worden, so wie auch Kabila, als Che Guevara ihn besucht hatte. Ruffin Luliba bekam in seiner Zeit als Leibwächter Kabilas mit, dass es noch immer eine enge Beziehung gab. »Mzee hielt große Stücke auf Revolutionäre. Männer wie Mugabe und Castro, die fand er großartig. Sein Leibarzt war ein Kubaner. Ich war mehrmals mit ihm auf Kuba. Wir waren zu vier Kadogo und wurden von Castro empfangen; ich habe ihm noch die Hand geschüttelt. Wir haben bei Castro in Havanna diniert.«18 Wahrscheinlich war es Castro, der den angolanischen Präsidenten Dos Santos veranlasste, seine Armee in den Kongo zu schicken.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Koalition wuchs. Nach Simbabwe und Angola schloss sich auch Namibia an. Im Norden fand er im Sudan, im Tschad und in Libyen Verbündete. Jedes dieser Länder hatte Gründe, Kabilas Sturz zu verhindern. Der Sudan bot seine Dienste an wegen eines sich dahinziehenden Konflikts mit Uganda, das die Rebellen im Süden des Sudan unterstützte. Libyen stellte einige Flugzeuge zur Verfügung, um aus seiner internationalen Isolierung herauszukommen. Der Tschad entsandte zweitausend Soldaten aus Solidarität mit den beiden zuvor genannten Ländern. Kabila verfügte schließlich über eine Armee aus sieben Nationen: Neben seinen eigenen Truppen befanden sich Truppen aus drei Ländern im Süden und aus drei anderen Ländern im Norden des Kongo. Sie nahmen es auf gegen die drei Länder aus dem Osten, die hinter dem RCD steckten: Ruanda, Uganda und Burundi, wobei Ruanda unstreitig die Hauptrolle spielte und der Liebling Amerikas war. Wieder einmal war die zentrale Lage des Kongo in Afrika für den Lauf der Geschichte entscheidend. Die Zahl der Soldaten war groß: Kabilas Koalition konnte sich mit ungefähr 85.000 Kämpfern brüsten, die Rebellen mit rund 55.000.20 Diese beeindruckende militärische Präsenz führte jedoch in eine Sackgasse. Der Westen des Kongo kam schnell wieder in Kabilas Hände, aber der Osten blieb im Griff des RCD. Eine echte Front existierte nicht, doch es gab deutlich abgegrenzte Zonen, zwischen denen ein oft sehr breiter Streifen Niemandsland lag. Die staatliche Autorität Kinshasas galt nur noch in Bas-Congo, Bandundu, West-Kasai und großen Teilen Katangas; Kigali und Kampala kontrollierten Nord-Katanga, Nord- und Süd-Kivu sowie die Provinzen Maniema und Orientale. Als sich der Tschad im November 1998 aus der Provinz Équateur zurückzog, fiel auch diese Region in die Hände der Rebellen. Nicht der RCD war hier die Besatzungsmacht, sondern eine neue Rebellenarmee, die ausschließlich von Uganda unterstützt wurde, der MLC (&#039;&#039;Mouvement pour la Libération du Congo&#039;&#039;). Ihr Kommandant war Jean-Pierre Bemba, Sohn des reichsten Geschäftsmannes aus der Mobutu-Ära. Seine Truppen bestanden zu einem großen Teil aus Veteranen der DSP, Mobutus gefürchteter Privatarmee.21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruandas zweite Invasion in den Kongo hatte so erfolgreich ablaufen sollen wie die im Jahr 1996, doch es kam ganz anders. Die Situation war völlig festgefahren, unter anderem durch die Haltung der lokalen Bevölkerung. Während die AFDL noch als eine Befreiungsarmee empfangen worden war, wurde der RCD von Anfang an als Besatzungsmacht empfunden. In einer Stadt wie Goma war Kabila noch immer sehr populär. Als Wamba dia Wamba Jungen für seinen RCD rekrutieren wollte, mobilisierte Jeanine Mukanirwa ihre wichtige Organisation von Landfrauen. Sie war eine der Frauen, die am Ende der Mobutu-Ära die Frauenbewegung im Kivu mit aus dem Boden gestampft hatten. »Wir waren zu fünftausend Frauen. Wamba dia Wamba kam und wollte uns für seine Rebellion gewinnen. Es war seiner Ansicht nach ein ›Berichtigungskrieg‹, aber wir wussten, dass Ruanda dahintersteckte. Wir sagten: ›1996 habt ihr uns unsere Kinder weggenommen, damit sie kämpften. Jetzt kommt ihr, um unsere anderen Kinder zu holen, damit sie gegen ihre eigenen Brüder kämpfen. Euer Krieg hat keine Berechtigung!‹ Ja, wir Frauen hatten damals Mut.«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wambas RCD war überaus verhasst. Sogar die Banyamulenge schwankten, ob sie diesmal mit Ruanda mitmachen sollten; ihr Enthusiasmus war längst nicht mehr so groß wie noch zwei Jahre zuvor.23 Einwohner von Goma erzählten mir, wie die gesamte Verwaltung in die Hände von Ruandern überging. Finanzverwaltung, Einwanderungsbehörde, Sicherheitsdienst . . . Kämpfe hatte es nicht gegeben bei der Einnahme, aber als sich die neue Obrigkeit einrichtete, begann eine endlose Serie von Entführungen, oder Menschen verschwanden plötzlich.24 Intellektuelle, Journalisten, Aktivisten der Zivilgesellschaft und Kirchenführer wurden eingeschüchtert und willkürlich verhaftet. Hunderte Dissidenten und Gegner der Rebellen aus dem Landesinneren kamen um.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Garten des Caritas-Guesthouse in Goma, am Ufer des wunderschönen Kivusees, interviewte ich einen Mann, der sich »Muhindu« nannte. Er hinkte und hatte eine große Narbe am rechten Arm. Fünf Jahre lang war er LKW-Fahrer für einen RCD-Kommandanten gewesen. Er sprach in kurzen Sätzen. »Damals wurden viele Jugendliche entführt. Ich musste immer mit drei Soldaten zu einem Haus fahren. Alle wehrfähigen Jungen und Männer wurden ergriffen und in die LKW geworfen. Die Tür ging zu. Ich fuhr nach Kinyogote, bei Mugunga, am Ufer des Sees. Dort war ein Bootshaus, in dem früher Schnellboote lagen. Das war das Gefängnis. Wir warfen sie da rein. Nach ein paar Tagen wurden sie getötet. Mit Stricken. Ich fuhr mit einem Motorboot auf den Kivusee. Man musste große Steine an so einen Körper binden.« Die Wellen des Sees schwappten ans Ufer, aber er hatte kein Auge dafür. Es war sehr kühl, hier im hochgelegenen Osten. Er, nur im T-Shirt, trank einen Schluck Bier und fuhr fort. »Wenn man mit irgendjemand ein Problem hatte, suchte man sich einen Freund, der im RCD war. Man gab ihm Geld, und er sorgte dafür, dass der Feind umgebracht wurde. Ich hatte mindestens sechzehn Leute am Tag im LKW, und ich war fünf Jahre Fahrer für den RCD. Manchmal steckten um die hundert Mann in der Garage. Sie starben durch die Kälte und den Wind. Die Wellen schlugen auch hinein.«26 In den Dörfern ging der RCD besonders brutal vor. Die Städte hatten sie in ihrer Macht, das Land nicht. Dort waren die Interahamwe und andere Hutu-Streitkräfte, und die wurden von Kinshasa unterstützt. Es war eine unvorstellbare Umkehrung der Geschichte: 1996 führte Kabila eine Rebellion an, die wahre Gemetzel unter den Hutu-Flüchtlingen anrichtete, zwei Jahre später bewaffnete er die gleichen Flüchtlinge, damit sie gegen Ruanda kämpften . . . Nichts war im Kongo das, was es schien. Bündnisse wurden geschlossen und aufgelöst, je nach den Umständen. Ideologische Übereinstimmung? Politische Verwandtschaft? Unwichtig. Was wirklich zählte, war militärischer (und später auch pekuniärer) Opportunismus. Die Feinde der Feinde waren Freunde; mit ihnen arbeitete man zusammen. Und aufgrund dieser Logik ging im Ost-Kongo der Kampf zwischen ruandischen Hutu und ruandischen Tutsi noch eine Weile weiter. Die Echos des Völkermordes verhallten nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Mai-Mai wurden von Kinshasa mit Nachschub versorgt. Kabila hatte keine Truppen mehr im Osten, aber mit Hilfe der Mai-Mai konnte er dennoch verhindern, dass der RCD das Landesinnere vollständig kontrollierte. Er vergab die Kriegsführung also an zwei Subunternehmer, die Interahamwe und die Mai-Mai. Ein recht seltsames Konsortium: Die einen waren ruandische Hutu, die den Völkermord begangen hatten, die anderen kongolesische Hypernationalisten, die an Magie glaubten und sich für unverwundbar hielten. Im Juni 2007 durfte ich in Bukavu einmal ganz im Geheimen mit vier Mai-Mai tafeln. Wegen ihrer Angst vor der Stadt erschienen sie erst lange nach Einbruch der Dunkelheit zu unserer Verabredung in einer anonymen Privatwohnung eines gemeinsamen Freundes. Am Anfang herrschte eine sehr nervöse Stimmung. Ihr »Oberst«, ein Mann um die dreißig mit blutunterlaufenen Augen, dozierte mit lauter Stimme ausführlich über die Geschichte der Mai-Mai und gab heroische Storys zum Besten, aus denen sowohl Wut wie auch Kampfgeist sprach, jedoch in so epischer Breite, dass seine Mitstreiter dabei einschliefen. Später, als sie wieder aufgewacht waren, berichteten sie freimütig vom Krieg und ihren Ritualen. Nach einer Weile, sie hatten gegessen und Bier getrunken, zeigten sie mir sogar ihre magischen Lederarmbänder, ihre &#039;&#039;grigri&#039;&#039;. Sie krempelten die Hosenbeine hoch und zeigten mir, wo sie von Kugeln getroffen worden waren, die sie nicht getötet hatten (»Und hier ist sie wieder rausgekommen!«). Sie forderten mich auf, ihren Oberarm zu betasten, wo zu meiner Verblüffung tatsächlich eine Geschosshülse unter der Haut steckte (»Nix da mit ärztlicher Versorgung; einfach eine Pflanze draufgelegt.«). Sie versprachen mir, bei einem nächsten Treffen einen von ihnen den Immunisierungsritualen zu unterziehen und auf ihn zu schießen. Ich würde dann ja selber sehen, dass die Kugeln wie Wasser von seiner Brust abperlten. Oder nein, sie hatten eine bessere Idee. Weil ich den Kongo so offenkundig liebte, sei ich auch ein potenzieller Mai-Mai, fanden sie. Sie würden &#039;&#039;mir&#039;&#039; alle Rituale angedeihen lassen, ja, genau, und einer von ihnen würde dann auf mich feuern. Wollte ich das nicht mal erleben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ethnische Herkunft sahen die Mai-Mai nicht so eng, solange man nur dem Kongo leidenschaftlich zugetan war. Yves Van Winden konnte bei diesem Thema mitreden. Er war ein Belgier, der schon seit Jahren eine kleine Fluggesellschaft im Kongo betrieb, ein Sportpilot, der sein Hobby zum Beruf und den Kongo zu seinem Heimatland gemacht hatte. Während des Krieges war er Kontaktperson zwischen Kabila und den Mai-Mai. Ich unterhielt mich mit ihm in einem zwielichtigen Nachtclub in Goma. Russische Piloten, die sich im Goldschmuggel betätigten, hingen herum, neben obskuren Typen in Militäruniformen, die ich nicht zuordnen konnte. Um den Billardtisch saßen ein paar junge Prostituierte und tranken ihre Cola mit einem Strohhalm. »Sie nannten mich den ›weißen Mai-Mai‹«, sagte Yves Van Winden, »ich brachte ihnen Waffen von Kabila. Mehr als vierhundert Flüge habe ich erledigt, Alleinflüge von fünf, sechs Stunden. Das ist extrem lange. Ich flog meistens mit meiner Cessna, manchmal mit einer DC-3 oder einer kleinen Antonow 26. Pro Flug hatte ich sechshundert Kilo Fracht. Ich schätze mal, ich habe mehr als zwanzigtausend Kalaschnikows transportiert, außerdem dreihundert bis fünfhundert Bazookas, zweihundert Mörser Kaliber 60, zwanzig Mörser Kaliber 90 und zehn Mörser Kaliber 120. Und auch noch zwei SAM-7-Raketen, zur Luftabwehr.« Warum bringt jemand 240 Tonnen Waffen ins Rebellengebiet? »Aus Patriotismus. Durch die Bewaffnung der Mai-Mai wurde der Vormarsch des RCD gestoppt. Ich habe noch sehr viel Geld zu kriegen für meine ganzen Flugstunden. Einmal wurde meine Cessna beim Aufsteigen beschossen, die Kugel flog direkt an meinem Sitz vorbei. Ich wurde nicht getroffen. Die Mai-Mai wunderte das überhaupt nicht. Sie hatten meine Maschine getauft!«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Karte des Kongo war unverrückbar: Im Westen und Süden befand sich Kabila mit seinen angolanischen und simbabwesischen Verbündeten, im Norden Bemba mit seinem von Uganda unterstützten MLC, im Osten Wamba dia Wamba mit seinem von Ruanda unterstützten RCD, der es mit den von Kinshasa unterstützten Interahamwe und den Mai-Mai aufnahm. Seit Anfang 1999 gab es bereits Friedensverhandlungen, aber erst im Juli, unter dem Druck Frankreichs und der USA, kam es in der sambischen Hauptstadt Lusaka zu einer Einigung, dem sogenannten Friedensabkommen von Lusaka. Die ausländischen Armeen versprachen, ihre Soldaten abzuziehen, die UNO wollte eine Friedenstruppe von fünfhundert Beobachtern entsenden, und im Kongo sollte ein nationaler Dialog über die Gestaltung der Übergangszeit nach dem Krieg in Gang kommen. Wieder einmal ein Übergang. Seit Mobutu 1990 einen Anfang von Demokratisierung erlaubt hatte, befand sich das Land permanent in einem Zustand der Vorläufigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Krieg war nicht vorbei. Nach Lusaka geriet er nur in eine neue Phase, eine chaotische, schmutzige Phase. Alle Kriege sind dreckig, aber wenn das politische Motiv einem wirtschaftlichen Motiv weichen muss, gibt es gar kein Halten mehr. Und genau das geschah. Der RCD hatte nicht mehr das Ziel, nach Kinshasa vorzustoßen, sondern richtete sich in der Rebellion ein und stellte fest, dass sich im Ost-Kongo gute Geschäfte machen ließen. Der Westen ist daran gewöhnt, Kriege als furchtbar teure, geldverschlingende Unternehmen zu betrachten, die für die Wirtschaft eines Landes desaströs sind. In Zentralafrika war es genau umgekehrt: Kriege zu führen war relativ billig, vor allem in Anbetracht der sagenhaften Gewinne, die sich mit der Ausbeutung von Rohstoffen erzielen ließen. Es handelte sich ja nicht um einen Hightech-Krieg. Das Überangebot an leichten, aus zweiter Hand erstandenen Feuerwaffen, die oft von den postkommunistischen Regierungen Osteuropas stammten, drückte den Preis, und (Kinder)Soldaten, die sich ihren »Sold« zusammenplündern durften, kosteten nichts. Sie hielten die Bevölkerung unter der Knute, während Erz in Hülle und Fülle vorhanden war. Krieg wurde, kurz gesagt, eine interessante ökonomische Alternative. Warum sollte man ein so lukratives Geschäft aufgeben? Unter dem Druck der Bevölkerung? Wozu hatte man denn Waffen? Und was, wenn ein Teil der bettelarmen Bevölkerung an der Ausbeutung der Rohstoffe mitverdiente?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki saß allein am Tisch in einer griechischen Cafeteria in Kisangani und aß ein Omelett, als ich ihn zum ersten Mal traf. Es war ein sengend heißer Tag, aber im Raum war es dank der Klimaanlage erträglich. Ich hatte von ihm gehört und kam mit ihm ins Gespräch. Er stammte aus Bukavu und war einer der vielen Kongolesen, die 1996 bei der ersten Invasion aus Ruanda zu Fuß nach Kisangani geflohen waren. Eine Granate hatte sein Haus zerstört. Drei Wochen lang wanderte er mit seiner Familie durch den Urwald. Aber einige Jahre später erreichte der Krieg auch seinen neuen Aufenthaltsort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wichtigste Ereignis in der zweiten Phase des Krieges, erkannte Doktor Soki sehr schnell, war der Bruch zwischen Ruanda und Uganda. Nachdem Gewinn wichtiger geworden war als Gewinnen, ging die Freundschaft zwischen Kagame und Museveni in die Brüche. Sie kämpften nicht mehr gemeinsam um Kinshasa, sondern gegeneinander um Kisangani. Die Rebellen hatten Doktor Sokis Stadt bereits im August 1998 eingenommen. Kisangani war der wichtigste regionale Umschlagplatz für Diamanten. Überall in der Stadt gab es &#039;&#039;comptoirs du diamant&#039;&#039;, Wechselstuben, oft von Libanesen, wo Schürfer und Kuriere aus dem Inland anklopften, um ihre Steine zu verkaufen. Erst schwang Uganda dort das Zepter, aber Ruanda wollte auch einen Teil der Beute und beschloss, Uganda zu vertreiben. Dreimal kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen in den Straßen der drittgrößten Stadt des Kongo. Bewohner von Kisangani sprechen noch heute über den »eintägigen Krieg« (August 1999), den »Dreitagekrieg« (Mai 2000) und den »Sechstagekrieg« (Juni 2000). Der letztgenannte Konflikt war besonders heftig, erinnert sich Doktor Soki noch. Offiziell sollte die Stadt damals entmilitarisiert werden. Jeeps fuhren weg, aber beide Lager befürchteten, der Gegner könnte sofort in die Lücke stoßen.28 Die Truppenstärke der UNO-Friedensmission, der MONUC (&#039;&#039;Mission de l&#039;Organisation des Nations Unies au Congo&#039;&#039;), war beträchtlich angewachsen, doch das reichte nicht aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Ugander standen im Norden der Stadt, beim Tshopo-Fluss und auf dem Gelände der Textilfabrik Sotexki. Die Ruander standen im Süden, beim Kongofluss. Wer wen provozierte, lässt sich nicht eindeutig sagen, aber der geplante Abzug eskalierte in einem großen Feuergefecht mit schweren Waffen. Innerhalb von sechs Tagen flogen mehr als tausend Granaten über die Wohnviertel der Stadt mit der schönsten modernistischen Architektur des ganzen Kongo.29 Die Menschen lebten in Kellern und hatten tagelang nichts zu essen. Nachts war der Himmel voller dröhnender Sternschnuppen. Es gab weder Wasser noch Strom. Die Menschen tranken verdorbenes Wasser aus Pfützen und Brunnen und litten unter einem Krieg, der nicht der ihre war. Uganda und Ruanda kämpften um den kaputten, aber reichen Kongo, so wie ein Schakal und eine Hyäne am selben Kadaver herumzerren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter dem städtischen Krankenhaus wurde ein improvisierter Friedhof angelegt. Allein schon während des Sechstagekrieges gab es vierhundert zivile Opfer. Die Zahl der Verletzten und der zerstörten Häuser war unübersehbar. »Es war an einem Montagmorgen um zehn Uhr, als der Krieg ausbrach, ich besprach gerade Baupläne mit einem Kunden.« Ingenieur Utshudi war nicht zu Hause, als eine der ersten Granaten auf sein Haus fiel. »Wir wohnten in der Deuxième Avenue Nr. 11 in der Gemeinde Tshopo. Ich kam nach Hause, aber keines der Häuser stand mehr. Es war eine Wüste. Überall lagen Leichen. Sie haben sechs Tage dort gelegen. Wir mussten fliehen. Die Soldaten schossen sogar auf Totengräber. Als der Krieg vorbei war, haben wir die Leichen weggeholt. Wir steckten sie in Säcke und begruben sie auf dem Friedhof hinter dem Krankenhaus. Ich habe auf einen Schlag meine Frau, meine jüngere Schwester, meine Schwägerin und meine vier Kinder verloren, sieben Angehörige. Jetzt bete ich zu Gott, dass ich vergessen darf.«30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bruch zwischen Ruanda und Uganda verlief parallel zu einem Bruch im RCD: Die Rebellenbewegung spaltete sich in eine pro-ruandische Fraktion (den RCD-G – das G steht für Goma – unter der Führung von Émile Ilunga und später vor allem Azarias Ruberwa) und eine pro-ugandische Fraktion (den RCD-K – K für Kisangani – unter Führung von Wamba dia Wamba und später Mbusa Nyamwisi, auch als RCD-ML – ML für Mouvement de Libération – oder RCD-K/ML bezeichnet).31 Der Kongo war nicht nur reich an Rohstoffen, sondern auch an Abkürzungen. Doktor Soki beschäftigte sich kaum damit: »Über Politik habe ich nicht viel nachgedacht. Der Grund für den Krieg war uns nicht bekannt.« Als der Sechstagekrieg begann, zogen internationale Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter ab. Doktor Soki blieb in einer belagerten Stadt mit einer halben Million Einwohner zurück. Wie der Arzt in &#039;&#039;Die Pest&#039;&#039; von Camus versuchte er die Menschenwürde in einer menschenunwürdigen Welt zu bewahren. »Sechs Tage lang arbeitete ich allein im städtischen Krankenhaus von Kisangani. Es gab drei Pfleger und fünfzehn Praktikanten. Erst später stieß ein amerikanischer Chirurg vom Roten Kreuz dazu. Die Leute schliefen auf ihren selbst geflochtenen Matten auf dem Boden. Decken und Medikamente kamen später. Wir arbeiteten von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends. Zweitausend Menschen haben wir behandelt, Menschen mit Schusswunden im Bauch, im Brustkorb, in den Gliedmaßen oder sogar im Kopf, Menschen, deren Bauch von Granatsplittern aufgerissen war. Wir entfernten Blut aus der Lunge und Schrapnellgeschosse aus der Blase, wir amputierten. Es war echte Kriegschirurgie, aber wir hatten sehr wenige Infektionen. Dabei hatten wir am Anfang nicht mal Diesel für das Stromaggregat. Wir mussten unsere Sterilisationsapparate auf einem Holzkohlenfeuer erhitzen. Und dann schlug auch noch eine Granate im Krankenhaus ein. Einer von den zwei Operationssälen wurde zerstört, und unsere Zisterne mit fünftausend Litern Wasser lief aus. Unter den Kranken und dem Personal brach Panik aus. Nicht mal hier waren wir sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Soki sprach mit ruhiger Stimme über das Inferno jener Woche. Nichts Heroisches lag in seinen Worten, eher Resignation und Kummer. »Wir haben auch Soldaten behandelt. Vier ugandische Soldaten brachte man uns, der Bauch aufgerissen, die Gedärme hingen heraus. Wir konnten sie retten. Wir haben uns um alle gekümmert, wir haben niemand diskriminiert. Wenn ruandische Soldaten kamen, haben wir sie in einen anderen Saal gelegt. Ich habe einfach weitergemacht, wegen des Leidens, das ich selbst durchgemacht hatte. Ich hatte siebenhundert Kilometer zu Fuß zurückgelegt und unterwegs Kinder und Erwachsene sterben sehen. Ich hatte offenkundig den Mut, mich selbst den anderen zu schenken.« Und jetzt isst er allein sein Omelett. Er redet nicht gern. »Wir hatten in der Woche auch eine Geburt. Durch die Aufregung bekamen viele Frauen ihre Kinder vorzeitig. Wir machten einen Kaiserschnitt. Ich hielt das Kind. Gott schenke ihm das Leben, dachte ich.«32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Teilnahme an dem Massaker 1997 in Tingi-Tingi bei Kisangani war Leutnant Papy mit der AFDL in Kisangani gelandet. Er heiratete, legte die Waffen nieder und zog zur Familie seiner Frau in den Busch, wo er ein Stückchen Land bestellte. Endlich führte er das Leben eines Durchschnittskongolesen in Friedenszeiten: das eines Bauern. Aber dann kam im Mai 1999 Wamba dia Wamba nach Kisangani, aufgrund der Spaltung des RCD. »Er sagte: ›Ihr wollt für euer Land kämpfen, aber die Ruander wollen uns besetzen. Schaut nur nach Goma!‹« Bauer Papy fand, dass es mit der Landwirtschaft nun reichte, und er wurde wieder Leutnant Papy. Drei Monate lang wurde er ausgebildet, diesmal von einem ugandischen Oberst. Wamba hatte zweifelsohne das Lager gewechselt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im August 1999 war Papy dabei, als Ruanda zum ersten Mal Kisangani beschoss und einnahm. Als Wamba sein Hauptquartier nach Bunia verlegte, zog er ebenfalls ostwärts. Nun wollte er sich bei Roger Lumbala melden. Der hatte in Bafwasende, dem Herzen des Diamantengebiets, eine eigene kleine Rebellenarmee aufgestellt, den RCD-N (N für National, obgleich Lokal besser gepasst hätte). Er kam aus dem RCD-G, flirtete mit dem RCD-K/ML, gründete den RCD-N und paktierte schließlich mit Bembas MLC.33 Die Rebellenbewegung zerfiel, vor allem auf ugandischer Seite, und Leutnant Papy verlor zunehmend die Orientierung. Erst wollte er sich Lumbala anschließen, dann doch lieber nicht, dann wollte er zurück zu Wamba, aber dessen Platz nahm jetzt Mbusa ein, eigentlich wollte er zurück zu seiner Familie, die in Beni lebte, doch das war weit weg, also blieb er eben bei Mbusa. Loyalität war vor allem eine Frage von Opportunität. Schließlich durchstreifte er jahrelang mit einem kleinen Trupp von Soldaten den Urwald der Gegend, die in besseren Zeiten Parc National de l&#039;Okapi geheißen hatte, mit achtzehntausend Quadratkilometern eines der größten Naturreservate des Kongo, Weltnaturerbe seit 1996, für gewöhnlich nur bewohnt von Mbuti-Pygmäen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Trupp bestand aus sieben Männern, und Papy war &#039;&#039;chef de peloton&#039;&#039;. Tief im Urwald gelangten sie in den kleinen Ort Bomili, wo sie eine wunderbare Aussicht über den Zusammenfluss des Ituri mit einem Nebenfluss hatten. An diesem Ort hatte ein Mann namens Mamadou das Sagen, ein Wilderer aus Mali, der sich als Dorfoberhaupt aufspielte. Es erinnerte an die Art, in der Msiri, der afro-arabische Sklavenhändler, der von der Ostküste stammte, sich 1856 zum König der Lunda hatte ausrufen lassen. Das Machtvakuum begünstigte neue, von außen eingeführte Strukturen: Ausländische Händler konnten ungestraft agieren und sich, mit einiger Gewalt, reale politische Macht aneignen. Um das Jahr 2000 herrschten im Landesinneren des Kongo ähnliche Wildwest-Verhältnisse wie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Sogar die Handelsware war die gleiche. »Mamadou hatte ein Haus voller Elfenbein. Ich sah fünfzehn Stoßzähne, fast zwei Meter lang. Er hatte vier Jäger, einen Mann, der Pascal hieß, und drei Pygmäen. Auch Felle von Okapis lagen da und das Horn eines Nashorns. Mamadou nahm uns alles ab, sogar unsere Ketten. Drei Stunden lang hat er uns geschlagen. Dann sagte er zu uns: ›Tragt das Elfenbein für mich, sonst töte ich euch.‹« Ein Satz, der so im neunzehnten Jahrhundert hätte fallen können. Papy und seine Männer wanderten sieben Kilometer mit den Stoßzähnen auf der Schulter, in demselben Gebiet, in dem die &#039;&#039;arabisés&#039;&#039; früher ihre Sklavenjagden veranstalteten. Als es dunkelte, bauten sie sich drei kleine Hütten für die Nacht. Sie hatten nicht die Absicht, weiterhin brav den Träger zu spielen. »Nach einer Stunde kam Mamadou. Er war uns gefolgt und eröffnete das Feuer. Einer von uns wurde getötet, darauf haben wir drei seiner Jäger ermordet, darunter Pascal. Wir sind geflohen und haben das Elfenbein vergraben. Ich muss es noch irgendwann holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papys Erzählungen zuzuhören, war, als würde ich noch einmal &#039;&#039;Herz der Finsternis&#039;&#039; lesen und in eine düstere, dunkelgrüne Welt voller dumpfer Gewalt eintauchen. Eine Welt, bevölkert mit schemenhaften Typen, ebenso grausam wie finster und betrunken. »Mamadou arbeitete mit Ramses zusammen, &#039;&#039;le Roi des Imbéciles&#039;&#039;, dem »König der Schwachköpfe«. Der war die Nummer zwei von Bembas MLC. Es herrschte große Rivalität mit dem RCD-ML von Mbusa.« Eine unheilvolle Welt mit nebulöser Logik. Die pro-ugandischen Rebellen kämpften nicht mehr gegen Kinshasa, nicht einmal mehr gegen Ruanda, sondern einfach gegeneinander. »Der MLC wollte sich in Richtung Osten ausbreiten. Sie griffen Isiro an, später auch Beni und Butembo. Ramses war ihr Kommandant. Bei Mambasa haben seine Männer Kannibalismus an Pygmäen begangen.« Eine fiebrige Welt mit bizarren Ritualen und schauerlichen Szenen. Pygmäen wurden sogar gezwungen, Körperteile ihrer gerade ermordeten Angehörigen zu essen. Neugeborenen wurde das Herz herausgeschnitten, und es wurde verzehrt . . .34 Eine schwülheiße Welt mit tropfenden Bäumen und fernen Tierschreien. Leutnant Papy schnaubte. Die Verachtung sprach aus seinen trostlosen Worten. »Eines Tages vermisste ich meinen Freund, meinen Kameraden. Wir konnten ihn erst nicht finden. Dann entdeckten wir ihn in einer Kurve am Straßenrand. Ramses hatte ihn erwischt. Sein Kopf war auf einen Pfahl gespießt. Weiter unten hatten sie seinen Schwanz an die Stange gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Welt der panischen Angst. Zwei Millionen Bürger flohen ins Nirgendwo. Tief im Urwald waren Dorfbewohner so abgeschlossen von der Außenwelt, dass es keine Kleidung mehr gab, die ihre Lumpen ersetzen konnte. &#039;&#039;Les nudistes&#039;&#039; wurden sie genannt. Nackt liefen sie durch den Wald auf der Suche nach etwas zu essen, als lebten sie im Jahr 1870, nun jedoch kannten sie die Scham.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Kolonialzeit war das Gebiet um Bomili wegen seiner kleinen Goldminen bekannt. Die Goldadern waren nicht so ergiebig wie die im weiter östlich gelegenen Kilo-Moto, aber immer noch der Mühe wert. Leutnant Papy verlegte sich auf die Goldgewinnung und war dabei ein ganzes Stück erfolgreicher als beim Elfenbeinhandel. Soldaten wurden zu Unternehmern, Mörder zu Händlern. »Fünfunddreißig kleine Goldminen in der Gegend von Nia-Nia standen unter meiner Kontrolle. Das war mein Sektor. Keiner bezahlte mich und meine Leute, aber jede Mine hatte ihren eigenen CEO.« Auch wenn es sich dabei in der Regel um Heranwachsende in zerrissenen Unterhemden handelte, deutete die Bezeichnung CEO (PDG im Französisch von Papy, &#039;&#039;président-directeur-général&#039;&#039;) doch auf eine gewisse Formalisierung der Plünderökonomie hin. »Ich rief alle CEOs zusammen und hielt eine Ansprache: ›Ihr müsst etwas beisteuern, sonst nehmen die Soldaten das selbst in die Hand, und dann habt ihr echte Probleme. Jeder muss einen Beitrag leisten: &#039;&#039;l&#039;effort de guerre&#039;&#039;. Pro Monat will ich von jedem von euch fünf Gramm Gold.‹ Es kam zu einer Diskussion, schließlich einigten wir uns auf drei Gramm. In manchen Minen arbeiteten fünftausend &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, aber die CEOs bekamen auch nur einen kleinen Teil der Ausbeute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von industriellem Bergbau war längst nicht mehr die Rede. Die Maschinen aus der Kolonialzeit rosteten seit Jahrzehnten vor sich hin. Die Arbeit machten jetzt sogenannte &#039;&#039;creuseurs&#039;&#039;, junge Männer und Kinder, die mit einer Spitzhacke ans Werk gingen. Es erinnerte an den frühesten Bergbau in Katanga ein Jahrhundert zuvor, mit dem Unterschied, dass niemand in einem Arbeitsverhältnis stand, sondern jeder ein selbstständiger Unternehmer war, der einen Teil seiner Ausbeute als Steuer an einen Höhergestellten weiterreichte. »Ich machte meine Runde zu allen Minen, um die Steuer zu kassieren. Damit musste ich meine Leute ernähren, aber auch meine höheren Offiziere zufriedenstellen. Ich verkaufte das Gold an Brigade- oder Bataillonskommandanten. Außerdem beanspruchte ich ein paar Quadratmeter der Mine für den Eigengebrauch. Ich hatte überall Gruben und um die zehn Schürfer, die für mich den Sand im Fluss siebten. So kam ich auf gut fünfhundert Gramm im Monat, bon, wenn ich Glück hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seiner Position befand sich Papy in der Pyramide der Kriegsökonomie irgendwo im Mittelbereich. Der handwerkliche Bergbau bestand aus einer langen Kette: von den Schürfern über den Minenleiter (»CEO«) und Minenbesitzer zu den höheren Offizieren und dann zu den &#039;&#039;comptoirs&#039;&#039; in den städtischen Zentren oder sogar direkt nach Uganda, wo das Edelmetall an internationale Goldhändler weiterverkauft wurde. Salim Saleh, der Bruder von Präsident Museveni, war eine Schlüsselfigur bei solchen Transaktionen. In den großen Goldminen von Kilo-Moto überging man all diese Mittelspersonen. Dort kontrollierte die ugandische Armee die Gruben direkt. Bergarbeiter mussten ohne Schutzvorrichtungen und ohne Lohn, ohne Schuhe und oft ohne angemessenes Handwerkszeug graben, während sich Gewehrläufe auf sie richteten. Arbeitsunfälle passierten zuhauf. Beim Einsturz eines Stollens kamen 1999 mindestens hundert Menschen ums Leben.36 1999 und 2000 hatte der Goldexport Ugandas einen Wert von neunzig bis fünfundneunzig Millionen Dollar pro Jahr. Ruanda exportierte damals jährlich Gold im Wert von neunundzwanzig Millionen Dollar. Viel, wenn man bedenkt, dass beide Länder keine nennenswerten Goldvorhaben aufweisen.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ähnlich war es mit anderen Mineralien. Vor dem Beginn des Krieges exportierte Uganda Diamanten im Wert von weniger als zweihunderttausend Dollar, 1999 hatte sich der Export fast verzehnfacht auf 1,8 Millionen Dollar.38 Ruanda, ein Land ohne Diamanten, exportierte diese Steinchen möglicherweise sogar in einem Wert bis zu vierzig Millionen Dollar pro Jahr.39 Das erklärt sofort, warum die Kontrolle über Kisangani so wichtig war. Es ging aber nicht nur um Edelmetalle und Edelsteine. Das viel banalere Zinn, weltweit zur Herstellung von Konservendosen genutzt, verschaffte sich Ruanda ebenfalls begierig im Kongo. Zwischen 1998 und 2004 produzierte das Land rund 2200 Tonnen Kassiterit (Zinnerz) vom eigenen Boden, aber exportierte 6800 Tonnen, mehr als dreimal so viel. Die Differenz stammte aus den Kassiterit-Minen im Kivu.40 Das Gebiet um die Großen Seen glich einer Art afrikanischem Schengen, einem gemeinsamen Markt, wo Güter unkontrolliert die Grenze passieren durften. Auch tropisches Hartholz, Kaffee und Tee verschwanden in Richtung Osten. Der Kongo wurde ein Selbstbedienungsladen.41 Der &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039; wurde nun von Afrikanern selbst organisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es Coltan. Es sah nicht besonders aus, es ähnelte schwarzem Split, es hatte ein immenses Gewicht, man fand es im Schlamm, doch die ganze Welt war plötzlich scharf darauf. Für Ruanda wurde dieses Erz zum allerwichtigsten ökonomischen Trumpf im Kongo. Was Kautschuk um 1900 war, war Coltan um das Jahr 2000: ein Rohstoff, der in großen Mengen lokal vorhanden war (im Kongo befinden sich Schätzungen zufolge über 80 Prozent des weltweiten Coltanvorkommens) und nach dem plötzlich global eine akute Nachfrage herrschte. Handys wurden die Gummireifen der neuen Jahrhundertwende. Coltan besteht aus Columbit (Niob) und Tantal, zwei chemischen Elementen, die in Mendelejews Periodensystem genau untereinander stehen. Während Niob zur Herstellung von rostfreiem Stahl für u. a. Piercings gebraucht wird, ist Tantal ein Metall mit extrem hohem Schmelzpunkt (fast 3000 Grad Celsius). Dadurch ist es äußerst geeignet für Superlegierungen in der Raketenindustrie und Kondensatoren in der Elektronik. Egal welches Mobiltelefon, welchen MP3-Player, DVD-Recorder, Laptop oder welche Spielkonsole man aufbricht, man findet im Innern ein kleines grünes Labyrinth, auf dem allerlei Unbegreifliches festgesteckt ist. Die tropfenförmigen, grellbunten Perlen, das sind die Kondensatoren. Wenn man sie aufkratzt, hält man ein Bröckchen Kongo in der Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 2000 kam es zu einem wahren Coltan-Rausch. Nokia und Ericsson wollten eine neue Handygeneration auf den Markt bringen, und Sony war im Begriff, die Playstation 2 zu lancieren (wegen eines Engpasses beim Coltan-Angebot musste die Markteinführung verschoben werden).42 In weniger als einem Jahr verzehnfachte sich der Preis des Coltan-Erzes von dreißig auf dreihundert US-Dollar pro Pound. Neben einer Lagerstätte in Australien war der Ost-Kongo der einzige Ort auf der Welt, wo dieser Rohstoff gefördert wurde. &#039;&#039;Down under&#039;&#039; bedeutete das Coltan-Erz eine willkommene Einnahmequelle für den Staat, im Kongo aber war es eher ein Fluch als ein Segen. Ein schwacher Staat mit einem Reichtum an Bodenschätzen – das führt unausweichlich zu Problemen. Sämtliche Coltanminen standen unter der Kontrolle Ruandas. 1999 und 2000 exportierte Kigali Coltan im Wert von schwindelerregenden 240 Millionen Dollar – pro Jahr. Der größte Teil davon war Reingewinn. Ruanda musste zwar die Händler und Rebellen im Kongo bezahlen, doch im Vergleich zu den Einnahmen waren das Peanuts. Der finanzielle Nutzen überstieg die Kosten um das Dreifache.43 Hin und wieder eine Kiste Kalaschnikows war da nicht der Rede wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ruanda und Uganda waren dennoch nicht die größten Profiteure des Rohstoffraubs im Ost-Kongo. In einer globalisierenden Ökonomie waren Staaten auch nur Zwischenglieder in einem Geflecht von komplexen internationalen, in stetiger Veränderung begriffenen Handelsnetzen. Kagame und Museveni befanden sich nicht am Ende einer Versorgungslinie. Es waren multinationale Bergbaukonzerne, obskure Mini-Fluggesellschafen, notorische, aber ungreifbare Waffenhändler, zwielichtige Geschäftsleute in der Schweiz, in Russland, Kasachstan, Belgien, den Niederlanden und Deutschland, die beim Hehlen der Rohstoffe aus dem Kongo absahnten. Sie agierten auf dem sehr freien Markt. Politisch war der Kongo eine Katastrophe, ökonomisch ein Paradies – für so manchen jedenfalls. Gescheiterte Staaten ermöglichen die Erfolgsgeschichten eines überhitzten, globalen Neoliberalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leutnant Papy war davon relativ unbeeindruckt. Eines Tages beschloss er, sein Glück erneut mit dem Elfenbeinhandel zu versuchen. Mit ein bisschen Hilfe von ein paar Pygmäen müsste es gelingen. »Ich hatte die Erlaubnis des Dorfvorstehers. Vier Tage dauerte es, ehe wir eine Spur fanden, eine Woche lang sind wir ihr gefolgt. Als wir den Elefanten endlich sahen, hatte er nur einen Stoßzahn. Später fanden wir eine Herde. Ich schoss einen, eine Kuh. Abends aßen wir den Rüssel. Das schmeckte prima.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den rund sechstausend Elefanten im Okapi-Reservat, in dem Papy umherstreifte, wurde mehr als die Hälfte getötet, wegen des Elfenbeins und wegen des Fleischs. Wildern wurde Big Business im Kongo. Von den hundertdreißig Berggorillas – einer ohnehin seltenen Tierart – im Kahuzi-Biega-Park verschwand fast die Hälfte. Im Virunga-Park gab es mehr als zwanzigtausend Nilpferde; nur 1300 überlebten den Krieg.44 Da die Bevölkerung jährlich 1,1 bis 1,7 Millionen Tonnen &#039;&#039;bushmeat&#039;&#039; verspeiste und zweiundsiebzig Millionen Kubikmeter Brennholz verbrauchte, litt die Natur sehr unter dem Krieg.45 Die industrielle Waldnutzung kam zum Erliegen, doch da die Stromversorgung ausgefallen war, kochte der ganze Kongo wieder auf Holz; der Durchschnittsverbrauch betrug ein Kubikmeter pro Person pro Jahr. Bushmeat war hauptsächlich das Fleisch von Affen und Antilopen. Auf allen Märkten sah man geräucherte, fast verkohlte Äffchen mit zusammengeschmorten Augen und aufgesperrten Mäulern. Auf meiner ersten Kongoreise im Jahr 2003 sah ich sogar noch, wie auf dem Markt von Kinshasa Elefantenfleisch verkauft wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Papys Laufbahn als Wilderer währte jedoch nicht lange. »Am nächsten Tag gingen wir zurück, um die Stoßzähne zu holen. Neben der toten Mutter stand ein Kleines. Das habe ich dann auch noch geschossen. Mitleid, was ist das? Als ich es mir näher ansah, fand ich nur zwei ganz mickrige Stoßzähne. Bon, ich handelte doch lieber mit Gold.«46&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Phase des Krieges dauerte lange an, weil viele daran verdienten, nicht nur die großen multinationalen Konzerne weit weg, nicht nur gerissene Händler in kleinen, klimatisierten Büros, nicht nur die militärischen Machthaber in den Nachbarländern, sondern jeder auf jeder Stufe der Pyramide. Für die einfache Bevölkerung gab es endlich wieder eine Möglichkeit, nach den erbärmlichen Mobutu-Jahren Geld zu verdienen. Das zeigte sich nirgends deutlicher als während des Coltan-Booms. Bauern in Nord- und Süd-Kivu verließen ihre kärglichen kleinen Felder, Kinder liefen in Massen von der Schule weg, sogar Lehrer ließen ihren Job im Stich. »Uns ist klar, dass das Graben nach Coltan keine Lösung für unsere Alltagsprobleme ist«, sagten einige Schürfer, »aber hier verdienen wir viel mehr als früher.« Die Risiken nahmen sie in Kauf. Vor allem Männer konnten finanzielle Autonomie zurückgewinnen. Die Schattenwirtschaft der achtziger Jahre hatte Frauen neue Chancen geboten, der mit Muskelkraft betriebene Bergbau im Krieg aber war die Domäne der Männer. »Nach Coltan graben ist sehr rentabel«, sagten zwei &#039;&#039;mamans&#039;&#039;, »aber nur die Ehemänner profitieren davon. Sobald sie Geld haben, verschwinden sie und suchen sich andere Frauen in Goma. Für die kaufen sie sogar Häuser, und unsere eigenen Kinder leiden Not und gehen nicht zur Schule.«47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Profitstreben war nicht der Grund für den Krieg gewesen; doch da nun so viele davon profitierten, dauerte er an.48 Geschäft und Krieg hielten einander im Klammergriff: Die Wirtschaft war militarisiert, die Gewalt kommerzialisiert. Soldaten wie Leutnant Papy boten ihre Dienste überall da an, wo es für sie lukrativ war. Die Schattenwirtschaft von früher war zu einer militärischen Wirtschaft geworden: Noch immer ging es um groß angelegten Schmuggel kongolesischer Reichtümer, nun jedoch kam die Kalaschnikow hinzu. Extreme Gewalt wurde alltäglich, ethnisch motivierter Hass glich verdächtig stark kommerzieller Konkurrenz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie holten Kasore, einen Lendu in den Dreißigern, aus seiner Familie und fielen mit Messern und Hämmern über ihn her«, sah ein Augenzeuge im goldreichen Mongbwalu in der Provinz Orientale. Dort kämpften die Hema und die Lendu, die beiden wichtigsten Bevölkerungsgruppen im Ituri-Distrikt, um die Minen. Früher waren die Minen ein ethnischer Schmelzkessel, jetzt stifteten sie Zwietracht. Ugandas Politik stachelte den Rassenhass an.49 Die Hema, so der Augenzeuge, »töteten Kasore und seinen Sohn (um die zwanzig) mit Messern. Dem Sohn schnitten sie die Kehle durch und schlitzten ihm den Brustkorb auf. Sie durchschnitten die Sehnen seiner Fersen, zertrümmerten seinen Kopf und zerrten seine Gedärme heraus.« Jetzt haben wir hier das Sagen, äußerten die Belagerer nach manchen Aktionen. Die Kehrseite der Globalisierung war die Tribalisierung; der internationale Rohstoffraub ging mit dem Aufleben alter und der Entstehung neuer Riten einher. Ein Hema musste sich einem bizarren Test bei einem &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; unterziehen: »Er hatte zwei Eier. Ich war gefesselt, ich hatte Todesangst. Er rollte die Eier auf dem Boden bei meinen Füßen. Er sagte, wenn die Eier wegrollen würden, sähe man mich als unschuldig an. Aber wenn sie zu mir hin rollten, würde ich als ein Hema gelten und damit als Schuldiger. Ich hatte Glück, die Eier rollten weg. Aber Jean, der bei mir war, hatte nicht so ein Glück. Die Eier rollten in die falsche Richtung, und sie sagten, er solle verschwinden. Als er wegrannte, schossen die Lendu mit Pfeilen auf ihn. Er stürzte. Sie hackten ihn mit ihren Macheten in Stücke, vor meinen Augen. Dann aßen sie sein Fleisch.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Profitgier ging es im Krieg auch um neue Formen der Moralität. Aussagen von Kämpfern finden sich selten in den Berichten von Menschenrechtsorganisationen. In Kasenyi, einem kleinen Fischerdorf am Albertsee, konnte ich mit viel Mühe ein paar von ihnen dazu bewegen, mit mir über dieses Thema zu reden. Das vorherrschende Bild, alle Kindersoldaten seien Opfer einer Entführung gewesen, entspricht nicht der Realität. Viele meldeten sich freiwillig. »Unser Dorf wurde zweimal angegriffen. Mein Opa, meine Schwester und mein Bruder wurden getötet. Ich war zwölf und schloss mich an. Aus freien Stücken. Unser Massaker war die Folge von ihren Massakern. Drei Jahre lang war ich bei der UPC [der wichtigsten Hema-Miliz].« Der junge Hema, der unbedingt anonym bleiben wollte, war jetzt ein Veteran: »Wir wurden von ruandischen Söldnern ausgebildet. Bosco Ntaganda war unser General. Er kämpfte auch gegen Joseph Kony. Ich war bei dem Blutbad von Mahagi dabei. Wir nahmen Mütter, Väter, Kinder. Uns wurde befohlen, zu töten, und ich tötete. Frauen und Kinder zu ermorden, das war mir unangenehm. Zum Glück hatte ich ein Gewehr, ich fürchtete mich davor, mit der Machete zu töten. Die Soldaten nahmen sich Mädchen, um sie zu heiraten. Ich musste zuschauen, wie sie sie vergewaltigten. Bosco sagte: ›Wenn du Soldat bist, kriegst du eine Frau umsonst. Alles ist dann umsonst.‹«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Land, in dem das Bildungswesen am Boden lag, es keine Jobs gab, die Brautpreise unbezahlbar waren und die durchschnittliche Lebenserwartung nur noch zweiundvierzig Jahre betrug, brachte der Krieg nicht nur Profit, sondern war auch Sinngebung. Kinder ohne Zukunft hatten auf einmal ein Ideal und eine Identität.52 »Meine beiden Brüder sind jetzt Fischer, sie fahren mit ihren Booten übers Meer«, erzählte ein anderer. »Im Krieg waren sie bei PUSIC [eine andere Hema-Miliz]. 2002 waren sie zwölf und vierzehn Jahre alt. Als sie aus dem Krieg zurückkamen, erzählten sie lachend von ihren Plünderungen und Vergewaltigungen. Der Krieg war ein Spaß, zwar ein Spaß, der den Tod mit sich brachte, aber doch ein Spaß.«53 Wenn man unter sich war, schwadronierte man von den alten Geschichten, wie Studenten nach einer berauschten Nacht. Die Kämpfe waren ein Bacchanal von Blut und Bier, ein dionysisches Ritual aus Rennen, Ergreifen und Beißen, ein Gelage mit gegrilltem Ziegenfleisch, weichem Mädchenfleisch, kreischenden Stimmen, Pulverdampf, Mädchenfleisch, das doch feucht wurde, na also, ein Rausch, ein Fluch, ein Karneval, eine vorübergehende Umkehrung aller Werte, eine bewusste Transgression, ein verbotener Genuss, durchdrungen von Angst, Schaudern und Humor, viel Humor. Ein Grauen erregendes Fest des zerbrech­lichen Lebens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich mit Muhindu, dem Mann, der Leichen im Kivusee versenkt hatte, am Ufer ein Bier trank, sagte er etwas Erschütterndes. »Ein Soldat ist wie ein Hund. Wenn man die Zwingertür aufmacht, richtet er Verwüstungen an. Bevor er uns morgens losschickte, sagte unser Chef: ›Stellt ruhig Dummheiten an.‹ Wir plünderten Häuser. Wir nahmen den Leuten Handys, Geld und Goldkettchen weg. Wir vergewaltigten. Wenn man die Erlaubnis hat zu töten, was bedeutet dann noch eine Vergewaltigung?« Ich saß in einem dämmrigen kleinen Büroraum in Goma. Der Straßenlärm drang herein. Es hingen keine Fahnen von internationalen NGO vor der Tür, es gab keine Logos, keine Klimaanlage. Es war der anonyme, diskrete Arbeitsplatz von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, dem einzigen Anlaufpunkt für kongolesische Frauen in der Stadt, geführt von Kongolesinnen. An dem Holztisch saß mir Masika Katsuva gegenüber, eine einundvierzigjährige Nande. Sie wohnte im Landesinneren. Die Nande waren in Orten wie Beni und Butembo erfolgreiche Händler, und das sah so mancher mit Missgunst. »Es war im Jahr 2000. Wir waren zu Hause. Mein Mann importierte Waren aus Dubai. Die Soldaten drangen ein. Es waren Tutsi. Sie sprachen Ruandisch. Sie plünderten alles und wollten meinen Mann töten. ›Ich habe euch schon alles gegeben‹, sagte er, ›warum wollt ihr mich auch noch ermorden?‹ Aber sie sagten: ›Große Händler sollen wir mit einem Messer umbringen, nicht mit dem Gewehr.‹ Sie hatten Macheten dabei. Sie hieben auf seinen Arm ein. ›Wir müssen fest zuschlagen‹, sagten sie, ›die Nande sind stark.‹ Sie haben ihn abgeschlachtet wie in einer Metzgerei. Sie rissen seine Eingeweide und das Herz heraus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Erzählen sah sie kein einziges Mal auf. Sie kratzte unaufhörlich mit der Kappe eines Kulis über die Maserung des Holzes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich musste alle Teile aufsammeln. Sie hielten mir ein Gewehr an den Kopf. Ich weinte. Alle Teile meines Mannes. Ich musste sie aufsammeln. Sie stachen mich mit einem Messer, davon habe ich die Narbe hier. Ich habe noch eine am Oberschenkel. Ich musste mich auf seine Körperreste legen um damit zu schlafen. Ich habe das getan, überall war Blut. Ich weinte, und sie vergewaltigten mich. Alle zwölf. Und danach meine beiden Töchter im Nebenzimmer. Ich wurde ohnmächtig und landete im Krankenhaus. Nach sechs Monaten war ich immer noch nicht geheilt. Ich blutete noch immer und verbreitete ekelhafte Gerüche. Meine Töchter waren schwanger. Sie bekamen einen Jungen und ein Mädchen, aber meine Töchter haben sie nicht angenommen. Ich habe mich der Kinder erbarmt. Als ich zurückkehrte, hatte die Familie meines Mannes alles verkauft, das Haus, das Grundstück, alles. Sie sagten, es sei meine Schuld, dass mein Mann tot sei. Ich hatte keine Söhne und deshalb nicht das Recht, dort zu bleiben. Die Familie hat mich verstoßen. Wenn die Enkelkinder jetzt nach der Narbe fragen, kann ich nichts sagen. Es waren ihre Väter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2006 wurde Masika erneut geschlagen und vergewaltigt, diesmal waren es Männer von Nkunda. Sie suchten sie, weil sie, einsam und ins Landesinnere vertrieben, anderen vergewaltigten Frauen Unterricht gab. Jeden Tag empfing sie neue Opfer, Mädchen, die sich nicht trauten, Anzeige zu erstatten. »Ich könnte Nkunda ermorden. Gott vergebe mir. Sollte ich dabei sterben, habe ich wenigstens getan, was mich erleichtert. Ich bin noch immer allein. Die Männer wollen mich nicht mehr, und ich hasse alle Männer. Ich will anderen Frauen helfen. Mein Haus steht ihnen offen. Ich bete viel. Ich erhoffe mir nichts. Ich versuche zu vergessen. Aber wenn ich zurückdenke . . . An die Zeit, als mein Mann und ich zusammenlebten . . . Der ganze Kummer.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Wasser des Kivusees schwappt gegen die Anlegestege. Der Gipfel des Vulkans Nyiragongo verschwindet in den Wolken. Im Kreisverkehr fahren in langsamem Tempo Jeeps mit getönten Fenstern. Zwei Jungen schieben ein großes hölzernes Fahrrad durch den Schlamm. Das Vehikel ächzt unter einem meterhohen Sack voller bunter Flipflops. Und drinnen in einem halbdunklen kleinen Büroraum reibt eine Frau mit der Kappe eines Kulis langsam auf dem Holz hin und her, als wollte sie etwas wegkratzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 13 La bière et la prière ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Neue Player in einem zerstörten Land 2002-2006 ===&lt;br /&gt;
Auf die Frage, wo er am liebsten leben möchte, wird ein Durchschnittskongolese sehr wahrscheinlich mit &#039;&#039;»na Poto«&#039;&#039; antworten, »in Europa«. &#039;&#039;Poto&#039;&#039; im Lingala kommt von Portugal, dem ersten europäischen Land, mit dem Zentralafrika Bekanntschaft machte. Und konkret bedeutet Poto Brüssel oder Paris, denn das übrige Europa ist nicht von Bedeutung, bis auf London vielleicht. Jamais Kolonga, der in den fünfziger Jahren als Erster mit einer Weißen getanzt hatte, erzählte mir stolz, dass seine acht Enkelkinder nun alle in Europa leben. Poto bedeutet Erfolg. Fragt man denselben Kongolesen, wo er auf keinen Fall leben möchte, bekommt man mit Sicherheit zu hören: &#039;&#039;»na Makala«&#039;&#039;. Makala bedeutet Holzkohle, aber es ist auch ein Vorort von Kinshasa, wo in früheren Zeiten Holzkohle gebrannt wurde und wo heute das &#039;&#039;Centre pénitentiaire et de rééducation de Kinshasa&#039;&#039; steht, das Zentralgefängnis. In der populären Vorstellung steht »Makala« für alles, was ein Kongolese fürchtet und verabscheut. Das Wort ruft schon seit Mobutu Bilder von Hunger, Folter und Mord auf. Makala, das ist die Stätte, wo der Staat seine Giftzähne zeigt, ein düsterer, pechschwarzer Ort, triefend von Blut und Tod. Taxifahrer weigern sich nicht selten, ihn anzusteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und diesen blauen Zettel dürfen Sie auf keinen Fall, wirklich auf keinen Fall verlieren«, sagt der Gefängniswärter zu mir, bevor er das Tor öffnet. In einem chaotischen Eingangsgebäude, wo jeder lautstark verkündet, dass er für &#039;&#039;la sécurité&#039;&#039; zuständig ist, werde ich mehrmals durchsucht, und ich muss mein Handy und mein Geld in Verwahrung geben. Als Quittung für das Handy bekomme ich ein zerknittertes Stückchen Pappe mit einer Zahl. Die SIM-Karte hatte ich schon im Taxi herausgenommen. Mein Geld – zwanzig Dollar, mehr hatte ich absichtlich nicht eingesteckt – verschwand in einer Schublade. Ein Beamter riss ein Stück Papier ab und schrieb darauf, dass ich, &#039;&#039;monsieur David&#039;&#039;, zwanzig Dollar hinterlegt hatte. Aber noch wichtiger als diese beiden Garderobenzettel ist jetzt ein Streifen blaues Papier, um den ich nicht gebeten habe. Er ist kleiner als ein Zigarettenpapier, scheint aber unentbehrlich für meine Zukunft zu sein. »Wenn Sie nachher wieder herauskommen, müssen Sie das abgeben. Wenn Sie es nicht mehr haben, können wir Sie nicht durchlassen. Dann müssen Sie bis zum Abendappell bleiben, damit wir sehen können, ob noch alle da sind.« Auf meinen fragenden Blick bekomme ich eine Antwort. »Wir müssen uns sicher sein, dass Sie ihn nicht einem Häftling gegeben haben, der auf und davon ist, wissen Sie.« Und was ist, wenn zufällig ein Gefangener ausbricht? »Dann sind Sie der Hauptverdächtige.« Und was ist, wenn ich ihn wirklich nicht mehr habe? »Dann bleiben Sie eben hier.« Willkommen in Makala.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schloss wird geöffnet. Ich überquere eine kleine, verdorrte Rasenfläche und trete in ein Haus, das als Schleuse dient. Ein paar Bewachern mit apathischen Blicken nicke ich grüßend zu. »Pavillon 1?«, frage ich so gelassen wie möglich, als ginge ich jede Woche in den Trakt der zum Tode Verurteilten. Einer der Männer deutet träge mit dem Kinn auf eine Tür. Ich gelange in einen schmalen Korridor zwischen zwei hohen Betonmauern. Hier endet das Reich der Aufseher und beginnt das Reich der Kriminellen. Weil die Gefängniswärter schon seit Jahren nicht mehr bezahlt werden, befinden sie sich in einer Art Dauerstreik. Sie erscheinen zwar noch an ihrem Arbeitsplatz, tun aber keinen Handschlag. Lustlos fläzen sie sich auf ihren Plastik-Gartenstühlen und fummeln an ihren defekten Walkie-Talkies herum. Der Direktor hat die Aufrechterhaltung der Ordnung intra muros dann eben den Häftlingen selbst übertragen – mit den entsprechenden Konsequenzen. Vom Himmel ist nur ein schmaler blauer Streifen zu sehen. Im Gang starren mich Hunderte Augen an. Rauer Lärm. Keiner trägt Gefängniskluft. Basketballshirts. Tanktops. Muskulöse Körper. Geschorene Köpfe. Makala war ursprünglich für fünfzehnhundert Häftlinge berechnet, inzwischen sind hier sechstausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stehen bleiben ist Schwäche. Ich zwänge mich durch ein Spalier junger Männer, die Geld und Zigaretten erbitten, nein, fordern. Und dann stehe ich vor dem berüchtigten Pavillon. Aus dem grellen Tageslicht trete ich in einen langen, düsteren Gang mit Zellen zu beiden Seiten. Ein paar Türen stehen offen, Wäsche ist zum Trocknen aufgehängt. Stimmengewirr. Im Dunkeln sehe ich hier und da Gesichter von Inhaftierten um Kohlefeuer aufleuchten. Es erinnert an eine russisch-orthodoxe Basilika kurz vor der Mitternachtsmesse, aber das hier sind keine Ikonen, die im Flackern einer Kerze aufleuchten. Es sind zum Tode Verurteilte, die sich auf einfachen Kochern ihr Essen zubereiten, denn Verpflegung gibt es in Makala nicht. Wenn die Familie nichts zu essen vorbeibringt, muss man eben Gras oder Steine essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier«, sagt Antoine Vumilia in seiner winzigen Zelle. Ich sehe mich um und schätze die Maße auf 220 x 110 Zentimeter, schmaler als ein Doppelbett in Europa. »Ich teile die Zelle mit zwei anderen.« Er hat mir seine Pritsche als Sitzplatz angeboten. Auf dem Nachtschränkchen stehen ein paar Bücher: &#039;&#039;Reise ans Ende der Nacht&#039;&#039; von Céline, &#039;&#039;Hundert Jahre Einsamkeit&#039;&#039; von Márquez, Werke von Abdourahman Waberi, Zadie Smith, Colette Braeckman . . . Ein Glück, dass er die Bücher hat. »Die schwersten Jungs haben hier das Sagen. Die Direktion lässt ihnen freie Hand. Sie kontrollieren den Drogenhandel, das Geldwechseln und den Handel mit Telefonkarten.« Und dann, flüsternd: »Letztes Jahr haben sie drei Inhaftierte ›hingerichtet‹.« Mit einer Feuerwaffe? »Nein, einfach zu Tode getreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 16. Januar 2001. Antoine Vumilia arbeitete im Büro des &#039;&#039;Conseil National de Sécurité&#039;&#039;, Kabilas Sicherheitsdienst. Seine Abteilung befand sich direkt neben dem Palais de Marbre, dem Sitz des Staatsoberhaupts. Nur eine Wand trennte die Dienststelle von den Räumen des Präsidenten. Um die Mittagszeit erschreckte ihn ein Höllenlärm. »Ich hörte Schüsse«, erzählte mir Antoine in seiner Todeszelle, »es waren drei. Und ein paar Minuten später noch mal acht oder zehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der anderen Seite der Wand hatte Kabila ein Treffen mit einem Berater, als ein Kadogo auf ihn zugekommen war. Mzees Leibwache bestand noch immer aus treuen Kindersoldaten aus dem Kivu. Ruffin war zwar ein Jahr zuvor von UNICEF demobilisiert worden – er war 17 und musste in kurzen Hosen zurück zur Schule, unter Stadtkinder von 12, die nicht mal wussten, wie man eine AK-47 auseinandernahm –, aber Rashidi, einer seiner früheren Kampfgefährten, war noch immer im Dienst und trat nun auf den Präsidenten zu. Es sah so aus, als wolle er ihm etwas ins Ohr flüstern, doch dann zog er eine automatische Pistole und feuerte dreimal. Eine der Kugeln durchschlug den massiven Hinterkopf des Präsidenten. Kabila war auf der Stelle tot, bis auf einen Tag genau vierzig Jahre nach dem Mord an Lumumba. Wenige Minuten später wurde der junge Rashidi von Kugeln durchsiebt, die ein Oberst im Palast abfeuerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine Vumilia hatte das Feuergefecht gehört. Eine Woche später wurde er unter dem Verdacht der Mittäterschaft verhaftet. Als Sicherheitsbeamter hatte Antoine einige Monate zuvor in einem Bericht vor dem wachsenden Unmut der Kindersoldaten aus dem Kivu gewarnt. Die Kadogo waren Kabilas treueste Gefolgsleute, aber auch sie fühlten sich offenbar zunehmend zurückgesetzt. Antoine stammte selbst aus dem Kivu und wusste, was vor sich ging, aber da er die Betroffenen persönlich kannte, hatte er nicht alles offenlegen wollen. »Ich steckte in einem Dilemma: Einerseits musste ich die Regierung beschützen, andererseits ging es um Freunde von mir. Sie waren sehr unzufrieden. Was soll man da machen? Im November 2000 wurde Masasu ermordet.« Der junge Masasu war ihr Held gewesen: ein Straßenkämpfer wie sie, ein Mann mit Mut und Schneid, ein Mitbegründer der AFDL.1 Nach der Einnahme Kinshasas im Mai 1997 hatte Kabila ihn jedoch kaltgestellt und ins Gefängnis gesteckt. Als er im Herbst 2000 entlassen wurde, träumte er öffentlich von einer Abtrennung des Kivu und war sehr populär. Kurz darauf wurde er erschossen. Unter den Kindersoldaten in Kinshasa kam es daraufhin zu heftigen Protesten mit Dutzenden Todesopfern. Die Liebe zum Mzee war für immer vorbei. Kabila hatte nun selbst die Brücke zu denen abgebrochen, die er »seine Kinder« nannte. Verbittert schmiedeten die Kinder ein Komplott. Rache, Blut, Mord. Antoine versuchte auf sie einzuwirken: »Das waren ganz junge Burschen. Sie wollten nur zeigen, dass sie es gründlich satt hatten. Ich sagte ihnen, es sei der reinste Selbstmord, es hätte nicht die geringste Zukunft.« Aber er wurde mit ihnen zusammen verhaftet und weigerte sich, gegen sie auszusagen in einem Prozess, der keiner war. »Ich sollte gegen Menschen aussagen, die ich kannte und mit denen ich im Gefängnis täglich aß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass Kabila aus anderen Gründen ermordet worden war.2 War es tatsächlich so sicher, dass das Komplott aus dem Kivu kam? War Angola nicht daran beteiligt? Ging es nicht um Diamanten? Es kursierte das Gerücht, dass Kabila, der Angola so viel zu verdanken hatte, inzwischen Geschäfte machte mit den verhassten Rebellen der UNITA, die den diamantenreichen Norden Angolas kontrollierten. Gab es nicht Libanesen, die als Mittelsmänner zwischen Kabila und der UNITA auftraten? Waren nicht gleich nach dem Mord elf libanesische Diamantenhändler in Kinshasa ermordet worden? Ja, das traf zu. Nur war alles so undurchsichtig, so nebulös. Niemand blickte wirklich durch, Antoine Vumilia schon gar nicht. »Ich habe versucht, die Jungs zu entlasten, aber das wurde so aufgefasst, dass ich mit ihnen unter einer Decke steckte.« Antoine wurde zusammen mit dreißig anderen zum Tode verurteilt. Eine Berufung war nicht möglich. Internationale Menschenrechtsorganisationen bezeichneten den Prozess als Farce.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine ließ seinen Blick zum tausendsten Mal durch die Zelle schweifen. »Acht Jahre sitze ich jetzt schon hier. Mir fehlen die Worte dafür, es ist eine einzige große Heuchelei. Die Oberen in der Regierung kennen die Wahrheit, aber sie wollten das Volk beruhigen, indem sie ihm schnell einen Sündenbock präsentierten.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabilas Tod bedeutete einen Wendepunkt im Zweiten Kongokrieg. In aller Eile wurde sein Sohn ins Präsidentenamt berufen, Joseph Kabila. Wegen seines jugendlichen Alters (er war gerade neunundzwanzig) und der schüchtern klingenden Stimme wirkte er anfangs eher schwach. Die Kongolesen kannten ihn kaum, der Westen hielt ihn für eine Marionette. Doch kaum einen Monat später traf er sich in New York mit seinem ruandischen Amtskollegen und Erzfeind Paul Kagame, und er hielt einige bemerkenswerte Ansprachen: über Frieden, nationale Einigkeit und die Rolle der internationalen Gemeinschaft. Brach vielleicht doch eine neue Ära an? Ja. Nachdem die Vereinten Nationen in mehreren Berichten den Rohstoffraub durch Ruanda und Uganda eindeutig nachgewiesen hatten, konnten Kagame und Museveni nicht länger behaupten, sie seien nur aus Gründen der nationalen Sicherheit im Kongo. Es kam zu einer langen Reihe von Friedensverhandlungen in Gaborone (August 2001), Sun City (April 2002), Pretoria (Juli 2002), Luanda (September 2002), Gbadolite (Dezember 2002) und wieder Pretoria (Dezember 2002). In dieser letzten Verhandlungsrunde wurde – dank der brillanten Vermittlung des senegalesischen UNO-Sondergesandten Moustapha Niasse und unter großem Druck Südafrikas und der Afrikanischen Union – am 17. Dezember 2002, um drei Uhr morgens, der &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unterzeichnet, das entscheidende Friedensabkommen, das den Krieg ein für allemal beenden sollte. Ruanda und Uganda hatten sich schon zuvor mit einem Truppenabzug einverstanden erklärt, jetzt ging es um die inländischen Milizen. Zu den Unterzeichnern gehörten die Regierung in Kinshasa, einige Vertreter der Zivilgesellschaft, Tshisekedis UDPS, Bembas MLC, Ruberwas RCD-G, Mbusas RCD-ML, Lumbalas RCD-N und die Mai-Mai. Das Wort »inclusif« stand da mit Fug und Recht. Das Ganze war so inklusive, dass Kriegsverbrecher um des lieben Friedens willen nicht vor Gericht gestellt, sondern zu Vizepräsidenten befördert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen sah eine Übergangszeit von zwei Jahren mit einer Aufteilung der Macht nach der Formel »1+4« vor: Neben Präsident Kabila gab es vier Vizepräsidenten, zwei aus dem Kreis der Rebellen (Bemba und Ruberwa), einen aus Kabilas Entourage (Yerodia) und einen aus der unbewaffneten Opposition (überraschenderweise Z&#039;Ahidi Ngoma und nicht Etienne Tshisekedi, der schon seit einem Jahrzehnt gewaltlos kämpfte). In diesen zwei Jahren sollten alle vorhandenen Milizen zu einer neuen nationalen Armee zusammengelegt werden, und es sollten demokratische Wahlen vorbereitet werden. Die Frist konnte zweimal um jeweils sechs Monate verlängert werden. Bis zu der so lange erhofften Wahl wurden ein Übergangsparlament und eine Übergangsregierung eingesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Abkommen galt als historischer Meilenstein. Nach Jahren der Verzweiflung eröffnete sich nun eine riesige Chance auf Frieden und Wiederaufbau. Der neue Kongo wurde deshalb von der internationalen Staatengemeinschaft intensiv unterstützt: Die Truppenstärke der MONUC, der UNO-Friedensmacht, wurde auf 8700 Blauhelme erhöht und stieg in den folgenden Jahren weiter auf 16.700 Blauhelme an; es handelte sich damit um die größte UNO-Operation in der Geschichte (und mit einem Budget von rund einer Milliarde Dollar pro Jahr zugleich um die teuerste).5 Die Blauhelme sollten unter dem Kommando des immer optimistischen Amerikaners William Swing den Waffenstillstand überwachen und die Entwaffnung begleiten. »Ça va swing!« hieß ein populärer Song im kongolesischen Rundfunk, der Swings starken englischen Akzent parodierte. Politisch wurde die neue Regierung vom CIAT an die Hand genommen, dem &#039;&#039;Comité International d&#039;Accompagnement à la Transition&#039;&#039;; diese einzigartige Form von bilateraler und multilateraler Diplomatie bedeutete, dass die Botschafter der fünf ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates zusammen mit den Botschaftern Belgiens, Kanadas, Angolas, Gabuns, Sambias und Südafrikas neben Vertretern der Afrikanischen Union, der Europäischen Union und der MONUC das Land faktisch mit regierten. Das CIAT war kein externes Beratungsorgan, sondern eine formelle Institution des Übergangs.6 »Wir bildeten eine Begleitkommission«, sagte Johan Swinnen, ehemaliger belgischer Botschafter in Kinshasa, »wir hatten keine legislative Macht, aber eine aktivierende, stimulierende Funktion. Wir stellten Expertise zur Verfügung. Wir wollten keine Besserwisser oder Eindringlinge sein, sondern Verbündete. Trotzdem gab es Reibungen zwischen dem CIAT und den 1+4. Am Ende waren wir sehr kritisch und erstellten ein paar scharfe Kommuniqués. Sie verfluchten uns. &#039;&#039;They didn&#039;t like us anymore.«&#039;&#039;7 Man sprach von einer »kontrollierten Souveränität«, de facto aber stand das Land teilweise unter Kuratel. MONUC und CIAT waren mehr als nur die Stützräder des neuen Kongo.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war auch notwendig, denn die neuen Machthaber brachten nicht viel zustande. Sie griffen zu den verfehlten Praktiken des Mobutismus mit einer Leidenschaft, über die sogar Mobutu ins Staunen geraten wäre. Während wichtige Vorhaben wie etwa die Reform der Armee und des Wahlrechts der Bearbeitung harrten, betraf eines der ersten Gesetze des Parlaments . . . die Erhöhung der Diäten. Das festgesetzte Monatssalär der Parlamentarier von sechshundert Dollar (schon an sich großzügig in einem Land, in dem ein Professor dreißig Dollar erhielt) wurde auf zwölfhundert Dollar verdoppelt. Die Senatoren stockten ihr Gehalt wegen ihres würdigen Alters sogar auf fünfzehnhundert Dollar im Monat auf.9 2005 genehmigte sich die vollzählige Volksvertretung (620 Abgeordnete) ein anständiges Fahrzeug: Jeder bekam einen nagelneuen SUV im Wert von 22.000 Dollar, denn der miserable Zustand der Straßen in Kinshasa erforderte eine stabile Karosserie.10 Dass man mit dem Geld auch die Straßen hätte instand setzen können, stand offenbar gar nicht erst zur Debatte. Politische Mandate wurden noch immer als schneller Weg zum eigenen finanziellen Vorteil gesehen und nicht als eine Möglichkeit, die Gesellschaft nachhaltig wiederaufzubauen. Gute Regierungsführung brachte keine persönlichen Vorteile, während sich Korruption nicht nur in finanzieller, sondern auch in sozialer Hinsicht lohnte: Man erwarb sich damit Anerkennung. »Man darf nicht vergessen, dass unsere Politiker aus armen Familien stammen«, sagte mir einmal ein kongolesischer Schulleiter.11 Während Korruption im Westen als verantwortungslos gilt, wird sie im Kongo oft als besonders verantwortungsvolles Verhalten angesehen. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn man eine goldene Chance, seine Familie zu ernähren, ungenutzt ließe.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Minister und Vizepräsidenten trieben es noch bunter. Sie waren der Ansicht, jeder von ihnen habe das Recht auf eine »Sonderregelung« für seine »logistischen Notwendigkeiten«. Übersetzt in normale Sprache hieß das: eine Villa und ein privater PKW. Die vier Vizepräsidenten bekamen sogar eine Villa mit drei Badezimmern, dazu einen Mercedes, ein Zweitauto und zwei Begleitwagen. Die Hoffnung, dass das »Quinquevirat« des Präsidenten und der Vizepräsidenten sich gegenseitig kontrollieren und auf die Einhaltung moralischer Maßstäbe achten würde, erwies sich schon bald als reichlich naiv. Die Herren ließen sich gegenseitig gewähren und hatten nur eine gemeinsame Sorge: die Übergangszeit auszudehnen. 2004 überschritt jeder von ihnen seinen Jahresetat um 100 Prozent, Bemba sogar um 600 Prozent.13 Der Etat für 2005 bewilligte dem Staatsoberhaupt einen Betrag, der achtmal höher war als das Budget fürs Gesundheitswesen und sechzehnmal höher als das Landwirtschaftsbudget. Politik war Krieg mit anderen Mitteln. Der Staatsbetrieb Gécamines hatte noch immer alle Trümpfe in der Hand, um der Wirtschaft des Landes neues Leben einzuhauchen, doch die Kreise um den Präsidenten schlossen eine Reihe dubioser Verträge mit oftmals ausgesprochen nebulösen ausländischen Firmen. In diesen Verträgen ging es um Joint Ventures; ausländische »Cowboys« durften in bestimmten Bereichen des Minengiganten loslegen. Sie konnten nach Herzenslust fördern und exportieren, während der kongolesische Staat als Gegenleistung wenig oder nichts erhielt – unterm Tisch jedoch wechselten prall gefüllte Umschläge den Besitzer.14 Wieder einmal hatte eine sehr kleine Elite die Trümpfe des Landes in der Hand. Der Klientelismus strotzte vor Gesundheit. »1+4=0« stand auf den satirischen Bildern der Volksmaler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Armee sah es nicht viel besser aus. Offiziell sollten alle Milizen zu einer neuen Armee mit etwa 120.000 Soldaten verschmelzen.15 Sehr viele ehemalige Rebellen bekamen auch sofort eine Uniform der Regierungsarmee verpasst, und sehr viele ihrer Anführer erhielten einen hohen Offiziersrang (immer ein guter Köder, um einen Warlord auf die andere Seite zu ziehen), in Wirklichkeit jedoch blieb diese sogenannte &#039;&#039;brassage&#039;&#039; rein phänotypisch. Hinter der Fassade änderte sich nichts. So leicht verbrüdern sich Soldaten nicht, die fünf Jahre lang Feinde waren. Von den achtzehn geplanten Brigaden waren 2006 nur noch drei tatsächlich gemischt.16 Zudem hatte die kongolesische Armee nach dieser &#039;&#039;brassage&#039;&#039; einen Wasserkopf: Nach allen Beförderungen von Ex-Rebellen gab es fast doppelt so viele Führungskräfte (Offiziere und Unteroffiziere) wie Soldaten.17 In der kongolesischen Armee fand man es angenehmer, Befehle zu geben als Befehle auszuführen, nein, es ging nicht ums Befehlen, sondern ums Raffen. Die umfangreiche Armeespitze veruntreute gewaltige Summen. Der Sold fürs Fußvolk verschwand systematisch in den Taschen der Obersten und Generäle, die keine Skrupel hatten, die Zahl ihrer Soldaten gewaltig zu übertreiben, um noch mehr zu kassieren. Die unterbezahlten und nicht ausgebildeten Soldaten selbst waren weder motiviert noch diszipliniert und verhielten sich dementsprechend. Die neue Regierungsarmee, die FARDC (&#039;&#039;Forces Armées de la République Démocratique du Congo&#039;&#039;), die eigentlich ein Stützpfeiler des wiedererstandenen Staates werden sollte, wurde eine ebenso leere Hülle wie der FAC von Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039;, der FAZ von Mobutu und selbst die ANC von Lumumba und Tschombé. Aus FARDC wurde oft scherzhaft gemacht: &#039;&#039;phare décès&#039;&#039;, Totenfeuer. Der unabhängige Kongo verfügte nie über eine Armee, die hinsichtlich Schlagkraft und Disziplin mit der Force Publique von ehedem vergleichbar war. Deshalb konnte er nie die primäre Funktion des Staates, die der Ausübung des Gewalt­monopols, erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann es unter diesen Umständen verwundern, dass der Krieg nie ganz vorbei war? Solange der Sicherheitsapparat eine virtuelle Angelegenheit war, war die MONUC auf sich gestellt. Aber mit 17.000 Soldaten lässt sich ein Gebiet, das so groß ist wie halb Europa, nicht zusammenhalten. Auch die größte UNO-Mission der Geschichte war nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Im sechsmal kleineren Irak befanden sich zu jenem Zeitpunkt 150.000 amerikanische Soldaten, und nicht einmal ihnen gelang es, die Gewalt unter Kontrolle zu bekommen. Die Präsenz der Blauhelme hatte an vielen Orten eine beruhigende Wirkung, woanders jedoch waren sie machtlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Osten des Kongo blieb es auch nach dem &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; unruhig. Hier geriet der Konflikt in seine dritte Phase. Das betroffene Gebiet war nun kleiner, aber das menschliche Leid war weiterhin groß. Die Gewalt konzentrierte sich im Wesentlichen auf zwei Zonen: den Ituri-Distrikt und die beiden Kivu-Provinzen. Nicht zufällig handelte es sich um erzreiche Gebiete, die an Uganda bzw. Ruanda grenzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ituri loderte der Konflikt sogar gerade wegen des Friedensabkommens auf. Als am 6. Mai 2003 die ugandische Armee endgültig aus der Stadt Bunia abzog, stürmten Lendu-Milizen das Stadtzentrum und töteten Dutzende von Hema. Einige Tage später fielen wiederum die Hema in die Stadt ein und ermordeten viele Dutzende Lendu. Der Konflikt verlief – in viel kleinerem Maßstab – nach einem ähnlichen Muster wie der Völkermord von 1994. Die Hema mit ihren Rindern fühlten sich den Tutsi verwandt: eine ethnische Minderheit, die die gesellschaftliche Oberschicht bildete. Die Lendu waren Bauern, die sich mit den Hutu verglichen: zahlreich, aber ganz unten auf der gesellschaftlichen Leiter. Im Kern ging es um den uralten Konflikt zwischen Viehzüchtern und Bauern um den Zugang zum Boden, den Streit über Viehweiden versus Felder, über Kühe, die die Ernte fraßen.18 Aber dieser Kain-und-Abel-Konflikt wurde nun durch Überbevölkerung weiter geschürt und von einem goldgierigen Uganda für seine Zwecke genutzt.19 Die ethnische Hochspannung in der Region stieg so an, dass mir tief katholische Frauen auf beiden Seiten erzählten: »Sogar wir, &#039;&#039;les mamans&#039;&#039;, haben zu den Waffen gegriffen. Wir fühlten uns verfolgt.« Oder: »Wir waren mitschuldig. Wir haben Munition in unseren Körben und unseren Wasserkanistern transportiert.«20 Die ethnisch motivierte Gewalt in Ituri war kein Atavismus, kein primitiver Reflex, sondern die logische Folge von Bodenknappheit in einer Kriegsökonomie, die der Globalisierung diente – und in diesem Sinne eine Vorankündigung dessen, was einem überbevölkerten Planeten noch bevorsteht. Der Kongo ist nicht in der Geschichte zurückgeblieben – er ist der Geschichte voraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb einer Woche kamen im Mai 2003 allein in dem Provinzstädtchen Bunia schon Hunderte Menschen ums Leben, doch die gesamte Region war in einen blutigen, unentwirrbaren Krieg verwickelt. Im Ituri-Distrikt erreichte der Zweite Kongokrieg einen absoluten Tiefpunkt hinsichtlich seiner Komplexität. Mindestens ein Dutzend Milizen agierten hier, mehr oder weniger feste Mini-Armeen von Kindern mit Plastiklatschen und einem &#039;&#039;gun&#039;&#039;, unter dem Kommando durchtriebener Anführer in den Zwanzigern oder Dreißigern, die oft unter Decknamen in wechselnden Bündnissen mit anderen Kriegsherren operierten. Mit seinen zahllosen Fusionen, Abspaltungen, Joint Ventures und Übernahmen ähnelte dieser neue Kriegstyp mehr der Geschäftswelt als dem herkömmlichen Krieg. In den Büros der MONUC hefteten zunehmend mutlose Funktionäre Organigramme der Milizen an die Wand: Das machte allerdings nur noch mutloser. Jeden Monat kam eine Miliz hinzu, oder das noch einigermaßen übersichtliche Schema musste aktualisiert werden – mehr Spalten, mehr Pfeile, mehr Abkürzungen, mehr Fotos von Schurken daneben –, bis es mit dem Chaos vor Ort übereinstimmte und jeden Erklärungswert verlor. Eine Konstante gab es allerdings: Alle Parteien erhielten früher oder später Waffen und eine Ausbildung von Uganda.21 Aber das beruhte weniger auf einer bewussten Teile-und-herrsche-Politik Kampalas als vielmehr auf Rivalitäten innerhalb der ugandischen Armee; jeder ugandische General hatte seine Miliz im Kongo, die er entsprechend den Notwendigkeiten fallen lassen oder wieder aktivieren konnte. Noch mehr Pfeile, noch mehr Querverbindungen, denn auch auf ugandischer Seite bekam man keinen festen Boden unter den Füßen. Und sogar Ruanda unterstützte die eine oder andere Miliz. Nein, der Krieg war noch nicht vorbei. Er war zu einem kleinen, aber hartnäckigen Knäuel geworden, einer Form von bewaffnetem Banditentum, das sich selbst instand hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr später, im Mai 2004, kam es im Kivu zu sehr schweren Gewaltausbrüchen. Die wichtigste Konfliktlinie hier blieb die zwischen den Hutu und Tutsi, und auch hier spielte Überbevölkerung eine Rolle, jedoch vor allem die in Ruanda. Zehn Jahre nach dem Völkermord konnten ruandische Hutu noch immer nicht in ihr überfülltes Heimatland zurückkehren, weil dort ein parteiisch befangenes Gerichtsverfahren auf sie wartete. »Kabila jagt sie nicht fort, und Kagame nimmt sie nicht auf«, fasste der belgische Diplomat Johan Swinnen die Situation kurz und bündig zusammen.22 Dass sie im Exil blieben, führte noch immer zu Unruhe; Ruanda unterstützte die kongolesischen Tutsi weiterhin, um die Hutu zu bekämpfen. Das Ergebnis war, dass im Mai 2004 die Männer von Laurent Nkunda zusammen mit denen von Mutebusi mordend und plündernd durch die Straßen der Provinzhauptstadt Bukavu zogen. Sie vergewaltigten – oft in Gruppen – Dutzende Mädchen und Frauen, sogar dreijährige Mädchen.23 Nkunda war ein Tutsi aus Nord-Kivu und ein gern gesehener Gast in Kigali. Er hatte ab 1990 zusammen mit Kagame gekämpft, er war 1996 mit der AFDL einmarschiert, 1998 hatte er eine Führungsposition im RCD-G innegehabt, und 2002 hatte er mit eiserner Hand die Bevölkerung von Kisangani terrorisiert. Wegen der Blutbäder, die er angerichtet hatte, schien es ihm zu unsicher, eine Position in der neuen Regierungsarmee anzunehmen. Nkunda wurde der neue Mann Kigalis. In seiner bekannten Manier nahm er Bukavu ein. Kurzzeitig schien der fragile Friedensprozess am Ende zu sein. War das der Beginn eines dritten Krieges?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sowohl in Bunia wie in Bukavu sahen die Blauhelme (hauptsächlich Uruguayer) machtlos, um nicht zu sagen feige zu, zur großen Wut der Bevölkerung. In Ituri aber kehrte schließlich wieder Frieden ein – dank einiger historischer Premieren. Zum ersten Mal in der Geschichte trat die Europäische Union militärisch in Erscheinung, und es gab so etwas wie eine europäische Armee. Mit Billigung der UNO befriedeten hauptsächlich französische Kommandotruppen die Stadt Bunia in der sogenannten Operation Artémis. Gegen die wichtigsten Warlords wurden internationale Haftbefehle erlassen. Drei von ihnen landeten in Untersuchungshaft in Den Haag, unter anderem Thomas Lubanga, der an der Spitze der wichtigsten Hema-Miliz stand. Im Jahr 2009 war er der erste Angeklagte, der jemals vor dem neuen Internationalen Strafgerichtshof erscheinen musste. Auch auf dieser Ebene gehört die Situation im Kongo eher zur Vorhut als zur Nachhut der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kivu hätte der Übergang in einen neuen Krieg abrutschen können, denn als Antwort auf die Gewalt Nkundas wurden im August 2004 im Flüchtlingslager Gatumba in Burundi hundertsechzig Flüchtlinge, hauptsächlich kongolesische Tutsi, brutal abgeschlachtet. Ruanda sandte erneut Truppen in den Kongo, um die befreundeten Tutsi zu beschützen. Für einen Moment sah es so aus, als beginne alles wieder von vorn, doch die UNO, Südafrika und das CIAT setzten alles daran, Druck aus dem Kessel zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der dritten Phase des Krieges wurde der Konflikt allmählich wieder zu dem, was er am Anfang gewesen war: ein Zwist zwischen Ruanda und dem Kongo über den Umgang mit den exilierten Hutu im Kivu. Kagame wollte sie am liebsten noch immer neutralisieren, weil er befürchtete, dass sie eine Machtübernahme in Ruanda anstrebten. So wie seine eigene Regierung in der Diaspora Süd-Ugandas entstanden war, so würde nun, wie er annahm, im Ost-Kongo ein Hutu-&#039;&#039;take over&#039;&#039; geplant. Und darauf hatte er keine Lust: Ruanda war voll und in Tutsi-Händen. Dieser immer wieder auflodernde Konflikt dauert inzwischen mehr als fünfzehn Jahre. Die Misere im Gebiet der Großen Seen geht auf jenen verhängnisvollen Tag im Juni 1994 zurück, an dem die Regierung Frankreichs beschloss, die Hutu-Regierung mitsamt ihren Kämpfern und Waffen in den Ost-Kongo entkommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute weist das kleine und starke Ruanda die Merkmale einer blühenden Militärdiktatur auf, die noch immer viel Ansehen bei den Geberländern genießt, während das große Nachbarland Kongo weiterhin schwerfällig und schwach bleibt und den realen Problemen nicht die Stirn bieten kann. Es ist so, als bewohne ein einsamer Berufssoldat, Ruanda, eine spartanisch eingerichtete Einzimmerwohnung in einem chaotischen Mietshaus, das ansonsten von einer enorm disfunktionalen Familie bevölkert wird, die lärmt, streitet, Schulden anhäuft und gelegentlich vergisst, den Gashahn zuzudrehen. Mehr als einmal nimmt der Soldat sein Gewehr von der Wand und stürmt in die Küche der Nachbarn, wo er mehr Schaden als nötig anrichtet. Statt nur den Gasherd abzustellen, zertrümmert er auch die Einrichtung, schießt den Stuck von der Decke und nimmt einen Räucherschinken mit. Die Folge ist noch mehr Lärm und noch mehr Streit. Ein Nachbarschaftsstreit, darum dreht es sich im Kern heute in Zentralafrika, ein Streit unter Nachbarn, die sich gegenseitig verfluchen. Nicht zu Unrecht übrigens, denn Kigali trägt genauso viel Schuld wie Kinshasa. Das Ergebnis bleibt bitter: Da in Kinshasa der entscheidende Übergang einfach nicht in Gang kam, kam im Osten der Zweite Kongokrieg einfach nicht zum Stillstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Klirren von Bierflaschen, Hunderten, Tausenden Bierflaschen, stabilen, braunen Bierflaschen, die sich vor dem Förderband drängten, übertönte die Kakophonie der Fabrik. Es hörte sich an wie ein Glockenspiel, ein hell klingendes, rastloses Geklimper, lauter noch als das Zischen der Spülinstallation, das Ticken der Etikettierungsmaschine, das Rasseln des Fließbandes und das Ächzen der hydraulischen Schläuche – wie ein Glockenspiel hoch über dem Trubel einer geschäftigen Stadt. Das nervöse, heitere Klirren taumelte durch die lärmige Fabrikhalle wie nie zuvor und vermischte sich mit dem Geruch von Malz und Alkohol. Es war im Jahr 2002, und Bralima, die »Primus«-Brauerei, eröffnete in Kinshasa zwei ultramoderne, vollautomatische Abfüllanlagen, die 72.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten konnten. Kaum war der Krieg vorbei, platzte die Industrie schon aus den Nähten. Bralima (das Wort kommt von &#039;&#039;Brasserie et Limonaderie de Léopoldville&#039;&#039;) ging auf eine kleine, koloniale Brauerei von 1923 zurück, aber war seit 1987 im Besitz von Heineken. Das niederländische Bierimperium war fest entschlossen, im Kielwasser des Krieges den Biermarkt des immer durstigen Kongo an sich zu reißen und auszuweiten. 2002 wurden eineinhalb Millionen Hektoliter verkauft, 2008 fast drei Millionen. Diese spektakuläre Verdopplung war noch immer weit entfernt von dem Rekord im Jahr 1974, dem magischen Jahr des Boxkampfes, als Bralima 5,5 Millionen Hektoliter produziert hatte, aber die Zukunft lachte.24 Allein in Kinshasa hatte Bralima inzwischen wieder fünfzigtausend Verkaufsstellen und Bars.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Multinationale Konzerne ließen sich jedenfalls von der Zögerlichkeit der Politiker nicht abschrecken. Der junge Frieden versprach neue Märkte, und die mussten möglichst schnell erobert werden. Das galt vor allem auch für die mobile Telefonie. Vodacom, die südafrikanische Mobilfunkgesellschaft, verlegte in Bunia die ersten Leitungen, als die ethnisch motivierte Gewalt noch ungebremst wütete. Bei den schlimmsten Kampfhandlungen wurden die Grabungsarbeiten gestoppt, und die Arbeiter suchten für ein paar Stunden schusssichere Räume auf.25 Warum diese Eile? In einem Land, dessen Telefoninfrastruktur seit Jahrzehnten zerstört war, herrschte eine enorme Nachfrage nach Handys. Allein die MONUC brachte Tausende von Mobilfunkkunden. Auch einfache Kongolesen träumten von einem Handy. Als ich im Dezember 2003 zum ersten Mal in Kinshasa war, bestand eine kongolesische Mobilfunknummer aus sieben Ziffern, im Jahr 2006 aus zehn. Mobiltelefonie ist für Afrika das, was die Buchdruckkunst für Europa war: eine wahre Revolution, die die Struktur der Gesellschaft grundlegend neu definiert.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein schwacher Staat wie der Kongo ließ neuen, internationalen Playern viel Raum. Während des Kalten Krieges waren es Länder, die über das Schicksal Zaires mitbestimmten (Frankreich, Belgien und die USA), nun handelte es sich zunehmend um private Partner von außen wie Unternehmen, Kirchen, aber auch NGO. Große Teile des Kongo wurden seit dem Krieg von internationalen Hilfsorganisationen gemanaged&#039;&#039;,&#039;&#039; die Verwaltungsaufgaben übernahmen. Dass Kabila für sich selbst eine achtmal so hohe Summe ansetzte wie für den Gesundheitssektor, resultierte aus seiner Überzeugung, dass das Geld für die Gesundheit sicherlich aus dem Ausland kommen würde. Genauso war es mit dem Bildungswesen und der Landwirtschaft: Das waren die bevorzugten Domänen der internationalen Spender. Die Hilfe der vielen Hunderte NGO war oft beeindruckend, aber nicht ohne negative Begleiterscheinungen. Aufgrund der endemischen Korruption im Beamtenapparat zogen es viele NGO vor, auch im Land ihrer Tätigkeit »non-governmental« zu bleiben und mit lokalen Partnern zu kooperieren.27 Begreiflich, aber nicht gerade förderlich für die Wiederherstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Regierung und Bevölkerung. Zudem schaffte der Zustrom ausländischer Gelder auch so etwas wie eine »Hilfeabhängigkeit«: Kongolesen bekamen Zweifel an ihrer Fähigkeit, sich selbst zu helfen. Monsieur Riza, ein freundlicher, hart arbeitender Mann, der ein bescheidenes Hotel in Bandundu führte, kritisierte die verbreitete Passivität: »Die ganzen NGO hier machen uns abhängig. Wir werden es noch erleben, dass eine NGO kommt, die uns sagt, dass wir uns die Zähne putzen sollen.«28 Nirgendwo war diese NGO&#039;&#039;isierung&#039;&#039; deutlicher als in Goma, zerschossen vom Krieg, überströmt von Lava seit 2002. Während ich im Dezember 2008 in der abendlichen Rushhour hinten auf einem Moped saß – der öffentliche Nahverkehr der einfachen Leute –, achtete ich auf den Verkehr, den wir munter überholten: alles Jeeps, alle von einer NGO, alle mit einem Logo auf der Tür oder einer Flagge an der Antenne. Justine Masika, die Gründerin von &#039;&#039;La Synergie des Femmes&#039;&#039;, konnte sich darüber heftig aufregen. »Jetzt gibt es allein schon in Goma zweihundert Organisationen für Frauenrechte. Darunter sind viele Pseudo-NGO, lokale Organisationen, die sich mit ausländischem Geld bereichern, auf dem Rücken kranker Frauen. Jeder fängt hier irgendwas an. Das Geld aus den Geberländern läuft über die Vereinten Nationen, aber die behalten eine stattliche Provision ein, bis zu 20 oder 30 Prozent. Das ist eine richtige UNO-Mafia! Ich arbeite nicht mehr mit ihnen zusammen. Das UNO-Ernährungsprogramm, UNICEF . . . sie kommen mit gewaltigen Budgets hierher, aber 60 Prozent davon gehen für Logistik drauf, ohne dass man Ergebnisse sieht. Die ganzen Ausländer kriegen offenbar ›Risikozulagen‹, die ganzen Büros brauchen Klimaanlagen, alle Räume sind luxuriös und gesichert. Schrecklich viel Geld fließt in die Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollen Sichtbarkeit, auch hier. Dabei sind die Frauen, um die es geht, in Gefahr, die sind doch auf Diskretion angewiesen.«29 Harte Worte, und Justine Masika ist nicht irgendwer: 2005 war sie eine der tausend Frauen, die gemeinsam für den Friedensnobelpreis nominiert waren, 2009 durfte sie die »Menschenrechtstulpe«, eine hohe Auszeichnung der niederländischen Regierung, und den Friedenspreis von Pax Christi International in Empfang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Wirtschaft berief man sich wenigstens gar nicht erst auf humanitäre Motive der Entwicklungszusammenarbeit; hier ging es ganz unverblümt um Gewinn. Dass das nichts Sittenwidriges ist, brauchte man Dolf van den Brink nicht zu erklären. Nach einem Studium der Philosophie und Betriebswirtschaftslehre war dieser junge, unaufhaltsam dynamische Niederländer Kaufmännischer Direktor von Heineken in Kinshasa geworden, die Nummer zwei von Bralima. In dieser Funktion war er mitverantwortlich für die außergewöhnlichen Wachstumszahlen der vergangenen Jahre. »Als ich hier ankam, im Jahr 2005, hatte Primus in Kinshasa einen Marktanteil von 30 Prozent, während Skol, das Bier des Konkurrenten Bracongo, 70 Prozent hatte. Jetzt ist es umgekehrt: Wir haben 70 Prozent und Skol nur noch 30.«30 Er zeigte mir eine Folie aus einer PowerPoint-Präsentation. Die Graphik wies eine ansteigende Linie auf. &#039;&#039;On a gagné beaucoup de batailles, mais pas encore la guerre!&#039;&#039; stand in hipper Managementsprache obendrüber: Wir haben viele Schlachten gewonnen, aber noch nicht den Krieg. Im Konferenzraum von Bralima hing ein Plakat, das die Mitarbeiter an ihre wichtigste Pflicht erinnerte: &#039;&#039;Esprit de combat!&#039;&#039; – als ob das Land nicht einen schrecklichen Konflikt hinter sich gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und es war ein Krieg. Der Hauptgrund, warum Bracongo erst noch so gut abgeschnitten hatte, war, dass sie Werrason hatten, während Bralima sich mit J. B. Mpiana begnügen musste. Werrason und Mpiana waren enorm beliebte Popmusiker, die für die beiden Brauereien Werbung machten. Im Jahr 2005 war Werrason deutlich erfolgreicher; keinem seiner Fans wäre es jemals in den Sinn gekommen, in der Kneipe ein Primus zu bestellen. In einer Zeit, in der Politiker nicht gewählt wurden, die Menschen keine Arbeitsstellen hatten und die Städte zu drei Vierteln aus jungen Menschen unter fünfundzwanzig bestanden, verfügten Popmusiker über immense Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rivalität zwischen J. B. Mpiana und Werrason war legendär. Jede Generation in der kongolesischen Popmusik erlebte ihren eigenen Clash: zwischen Franco und Kabasele in den fünfziger Jahren, zwischen Franco und Tabu Ley in den sechziger Jahren, zwischen Papa Wemba und Koffi Olomide in den achtziger Jahren, aber Ende der neunziger Jahre ging es dann wirklich sehr hitzig zu. 1981 hatten die beiden Musiker zusammen eine Band mit dem megalomanen Namen »Wenge Musica 4x4 Tout Terrain BCBG« gegründet. Das musste einfach Zoff geben. Es war eine legendäre Band, die die Welt im Allgemeinen und Kinshasa im Besonderen mit dem &#039;&#039;Ndombolo&#039;&#039; erfreute, dem populärsten Tanzstil in den neunziger und den nuller Jahren, einem Gruppentanz, bei dem die Tänzer in die Knie gingen und zu boxen schienen, während die Frauen in geradezu spektakulärer Weise Hüften und Po kreisen ließen. Der Ndombolo war aufreizend, obszön, ausgelassen und – wie das bei trendigen Tanzstilen so ist – eigentlich ganz schön sexy. Auf der Bühne protzten Werrason und Mpiana mit ihrem Telecel, dem Mobiltelefon der ersten Generation, so groß wie ein Holzschuh. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geräte noch hohen Militärs und Ministern vorbehalten, nun aber steckten sich Fans eine Bierflasche tief in die Gesäßtasche, damit es so aussah, als besäßen auch sie so ein Musterstück voluminöser Technologie. Wenge Musica war &#039;&#039;die&#039;&#039; Sensation der neunziger Jahre. Als Kabila Kinshasa einnahm, wurde der Ndombolo getanzt. Aber Wenge Musica erging es wie allen kongolesischen Popbands oder politischen Parteien, die einigen Erfolg hatten: Sie lösten sich auf. Zwischen Werrason und Mpiana gab es Trouble, die Fans spalteten sich, und noch heute können sie von dem Machtkampf mit einer Leidenschaft und Detailgenauigkeit erzählen, mit der sie über den Krieg selten sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Ironie spricht man von &#039;&#039;la guerre des albums&#039;&#039;, &#039;&#039;la guerre des salles&#039;&#039; und &#039;&#039;la guerre des stades.&#039;&#039; Anfangs war Werrason der Herausforderer, der sich besonders kämpferisch gab: &#039;&#039;Force d&#039;Intervention Rapide&#039;&#039; (schnelle Eingreiftruppe) hieß seine erste CD. Mit Titeln wie &#039;&#039;Attentat&#039;&#039;, &#039;&#039;État d&#039;Urgence&#039;&#039;, &#039;&#039;Ultimatum&#039;&#039;, &#039;&#039;Couvre le feu&#039;&#039; und &#039;&#039;Cessez-le-Feu&#039;&#039; sickerte der militärische Jargon ohnehin in die Popkultur ein.31 Jede Platte brachte einen neuen Tanz und eine neue Mode. Fans warteten mit dem Kauf von Klamotten, bis die neue Platte herauskam. Aber als J. B. Mpiana 1999 als Erster seiner Generation in Paris die mythischen Konzertsäle le Zénith und l&#039;Olympia füllte, nahm Werrason Revanche, indem er im Sportpalast Bercy vor zwanzigtausend Fans auftrat und danach auch in le Zénith und l&#039;Olympia. In Frankreich, &#039;&#039;bien sûr&#039;&#039;, denn die kongolesische Geschichte spielte sich fortan auch in der Diaspora ab. Bei den Metrostationen Château d&#039;Eau in Paris, Porte de Namur in Brüssel und Seven Sisters in London entstanden kongolesische Ausgehviertel mit Friseursalons, Plattenläden und Lebensmittelgeschäften, die Maniok und geräucherte Raupen verkauften. Die Misere hatte Zehntausende in die Migration getrieben. In Kinshasa versuchten Werrason und Mpiana bei Konzerten im Stade des Martyrs einander zu übertrumpfen; die Besucherzahlen stiegen auf über hunderttausend. 2005 nahmen sie es direkt gegeneinander auf bei einem Freiluftkonzert, wo sie &#039;&#039;fara-fara&#039;&#039; spielten, &#039;&#039;face à face&#039;&#039;: Zu beiden Seiten des Geländes stand eine Bühne. Dieses &#039;&#039;concert du siècle&#039;&#039; sollte ein Zermürbungskampf werden, um zu entscheiden, wer der Stärkere war. Die Bands begannen um zweiundzwanzig Uhr und spielten die ganze Nacht durch. Als morgens Ordnungskräfte den Stecker ziehen wollten, bildeten die Straßenkinder ein lebendiges Schutzschild um die Stromaggregate. Um dreizehn Uhr beendete dann die Armee die Veranstaltung mit Tränengas. Der Kampf vor mehr als zweihunderttausend Zuschauern endete deshalb unentschieden, aber Werrasons Stern stieg weiter.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Roi de la forêt&#039;&#039; wurde er genannt, König des Urwaldes. Seine Leibwächter waren &#039;&#039;manzaka na nkoy&#039;&#039;, Engel des Leoparden.33 Mit seiner unbewegten Miene, den bombastischen Sonnenbrillen und dem messerscharf konturierten, ringförmigen Bart wurde er so etwas wie der Inbegriff kongolesischer Coolness. Geboren am ersten Weihnachtstag 1965, schien er zu Großem vorbestimmt. Die UNESCO ernannte ihn zum Friedensbotschafter. Der Papst empfing ihn zu einer Audienz, und der jamaikanische Superstar Shaggy erklärte ihn auf CNN zum »größten lebenden Künstler Afrikas«.34 Aber für die Tausende Straßenkinder von Kinshasa – Knirpse, die man der Hexerei verdächtigt und aus dem Haus gejagt hatte, Kinder, die freiwillig von zu Hause weggelaufen waren, Waisen, deren Eltern an Aids gestorben waren und die nun im Sand vor Werrasons Proberaum lebten, alle, die sich &#039;&#039;shege&#039;&#039; nannten, nach Schengen, denn sie lebten in dem sehr freien Markt –, für all diese Kinder und Jugendlichen in verschlissenen Lumpen blieb er einfach &#039;&#039;Igwe&#039;&#039;, der Hohepriester. Für ihn würden sie ihr Leben hergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann, im Juli 2005, kam die Nachricht, die wie eine Bombe einschlug: Werrason wechselte von Bracongo zu Bralima! Vorher war er monatelang in Europa gewesen. Auf Kosten Bralimas? Brauchte er seinen Vertrag mit Bracongo nicht mehr bis zum Ende zu erfüllen? Es gab heftige Spekulationen, denn Musik ist im Kongo wichtiger als Fußball in Italien. Wie viel Geld war wohl geflossen? Der Preis für diesen Transfer ist bis heute das bestgehütete Geheimnis von Kinshasa. Dolf van den Brink kennt den Betrag, er hatte den Deal ja eingefädelt. »Aber das kann ich dir leider nicht sagen«, lacht er, als ich ihn danach frage. »Glaub mir, die Popmusik kostet uns viele hunderttausend Dollar pro Jahr. Zwei Drittel unseres Marketingetats gehen dafür drauf. Wir haben in eine Konzertbühne für dreihunderttausend Dollar investiert, die größte des Landes. Wir haben LKW, Generatoren und &#039;&#039;event stewards&#039;&#039;. Wir haben ein Veranstaltungsbüro mit dreißig Mitarbeitern, damit wir in der Stadt Gratiskonzerte geben können. Einmal im Jahr schreiben die Musiker ein Primus-Stück für uns. Wir bezahlen das Studio, die CD, den Videoclip. Das allein kostet uns schon hundert- bis hunderfünfzigtausend Dollar. In den Bars in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; verteilen wir gratis viertausend CDs und neuntausend Kassetten. Überall wird zu den Primus-Stücken getanzt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ihn manchmal selbst ein bisschen schwindlig zu machen. Nun gut, er hatte zwar bei dem niederländischen Soziologen Dick Pels seine Diplomarbeit zum Thema »Ästhetisierung des Wirtschaftslebens« geschrieben, aber dass er einmal der Arbeitgeber eines afrikanischen Weltstars werden würde, hätte er nun doch nicht erwartet. »Für mich ist es eine Symbiose zwischen der Musik und der Brauerei. Werrason hat drei Bands, mehr als hundert Leute sind von ihm abhängig. Vom Verkauf der CDs und Kassetten kann er nicht leben. Konzerte sind für viele unerschwinglich. Sponsoring ist deshalb unverzichtbar für ihn, neben VIP-Konzerten und Auftritten in Europa. Und auch dafür sorgen wir. Wenn er im Zénith auftritt, bezahlen wir fünfzig Flüge. Denn wenn wir das nicht tun, läuft er uns davon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werrason, so das Ergebnis einer kleinen Umfrage, gilt als ein unmöglicher Typ. Friedensbotschafter, ja, aber vor allem &#039;&#039;a pain in the ass&#039;&#039;. Von seinen Sponsoren wird erwartet, dass sie für ihn und sein Gefolge Dutzendweise Autos importieren und durch den Zoll schleusen. Vereinbarungen sind unwichtig. Wenn jemandem ganz ausnahmsweise doch ein Interview gewährt wird, bekommt er ihn höchstens flüchtig zu sehen und wartet stundenlang vergeblich auf seine Rückkehr, wie es dem Verfasser dieses Buchs an einem eiskalten Dezembertag in Paris widerfuhr. Dolf van den Brink seufzte. Er kramte in seinen Papieren und zeigte mir einen Zettel. »Sylvie Mampata war gerade da, seine Frau. Sie will eine Party geben und bittet uns um fünfzig Gartenstühle, dreißig Kästen Bier und 50.000 Dollar. So geht das die ganze Zeit. Verstehst du, was ich meine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich verstehe ich das, denn Dolf hat soeben seine PowerPoint-Graphik erläutert. »Schau, hier siehst du es sehr gut«, klang es zufrieden. »Im Juli 2005 kam Werrason zu uns. Unser Marktanteil stieg innerhalb von zwei Monaten um 6 Prozent: von 32 auf 38. Diese Zuwachsrate hielt an. Jetzt sind wir bei 70.« Bralima wurde eine der am rasantesten wachsenden Töchter des Heineken-Konzerns. 2009 erreichte der Marktanteil sogar 75 Prozent: Wachstumszahlen, von denen Betriebsleiter in Europa nur träumen können. Van den Brink wurde mit einer Versetzung in die Vereinigten Staaten belohnt, wo er, mit 36, Topmanager von Heineken USA wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bralima hatte den historischen Wechsel Werrasons allerdings auch wirksam in Szene gesetzt. Ein paar Tage nach seiner Rückkehr aus Europa – Zehntausende Jugendliche hatten ihn vom Flughafen zum Samba Playa, seinem Proberaum, begleitet – gab er ein Primus-Konzert in seiner Geburtsstadt Kikwit unter dem Titel &#039;&#039;Changement de fréquence&#039;&#039;. Noch nie zuvor war er dort aufgetreten. Es wurde das größte Popkonzert in der Geschichte. Changement de fréquence, das waren die Flussschiffe, die Bralima Monate zuvor aus Kinshasa geschickt hatte, mit Musik- und Beleuchtungsanlagen, Generatoren und fünfzigtausend Kästen Primus an Bord. Changement de fréquence, das war die weiträumige Wiese beim Flughafen, wo die Bühne aufgebaut wurde und wohin Zehntausende zu Fuß kamen, von überall her, manchmal mehr als hundertzwanzig Kilometer. Changement de fréquence, das war Werrason, der am Tag des Konzerts in einer Fokker von Air Tropic mit traditionellen Häuptlingen und Dorfvorstehern angeflogen kam und nach der Landung den Boden küsste. Changement de fréquence, das war der König des Waldes, der wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde, während er auf einem LKW von Bralima thronte. Changement de fréquence, das war seine zwanzigköpfige Band, die Stunden nach Sonnenuntergang die ersten Klänge durch die Boxen jagte. Die phänomenal straffen Rhythmen von Kakol, die kristallinen Gitarrensoli von Flamme Kapaya, die mühelose Falsettstimme von Héritier, die burlesken Raps von Roi David. Letzterer war der Nachfolger des unvergesslichen »Bill Clinton«, des &#039;&#039;animateur&#039;&#039;, der eine Solo-Karriere begonnen hatte und nun bei Kerrygold unter Vertrag stand, wo er Reklamesongs für Milchpulver komponierte. Changement de fréquence, das bedeutete, die Musiker, deren Namen man seit Jahren kannte, endlich live zu erleben. Den unglaublich geschmeidigen Po von Cuisse de poulet kreisen zu sehen, wenn sie vorn auf der Bühne neben Bête sauvage und Linda la Japonaise Ndombolo tanzte. Was für ein Fest! Changement de fréquence, das war schließlich Werrason, der nach Mitternacht auf die Bühne trat, seelenruhig den Blick über die enthusiastische Menschenmenge schweifen ließ (wie viele waren es? Dreihunderttausend nach zurückhaltenden Schätzungen, siebenhunderttausend laut den Fans), drei Titel sang und dann Medikamente an Witwen und Kranke verteilte – woran sich die Regierung mal ein Beispiel nehmen sollte, mit all ihrem Gestümper und Gezänk! Changement de fréquence, das war der Boxkampf von Muhammad Ali &#039;&#039;revisited&#039;&#039;, mit dem Unterschied, dass nicht der Präsident, sondern ein börsennotiertes Unternehmen aus Amsterdam die Party bezahlte. Auch das war eine Frequenzänderung.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es war ein Riesenpublikum in Kikwit«, erzählte mir Flamme Kapaya, als wir uns in Kisangani unterhielten. Es war ein träger Vormittag, und wir saßen im verwilderten Garten eines Hauses am Fluss. Zehn Jahre lang war Flamme Star-Gitarrist und &#039;&#039;artistic director&#039;&#039; Werrasons. Fragt man einen Jugendlichen im Kongo nach dem größten Gitarristen von heute, lautet die Antwort immer: Flamme Kapaya. »Wir mussten das Publikum aufwärmen, sagen, wie phantastisch Werrason war. Wir mussten spielen und tanzen, damit er dann seinen großen Auftritt hatte. Aber er hat höchstens fünfzehn Minuten gesungen, obwohl er das ganze Geld einstrich. Wir wurden nicht bezahlt. Durch den Wechsel von Bracongo zu Bralima hat sich für uns nichts geändert. Er hat alles eingesteckt, wir sind leer ausgegangen! Werrason wurde steinreich und kaufte sich ein Haus bei Brüssel. Als ob er ein Nachkomme von Mobutu wäre.« Und da Gewinn wichtiger war als Investitionen in Bildung, hielt Bralima dieses System instand, denn die Aktionäre von Heineken wollten gern weiterhin so phantastische Tabellen und Graphiken sehen. Es besteht eine grundlegende Ähnlichkeit mit der ausländischen Einmischung von früher: So wie Amerika Mobutu zähneknirschend im Sattel halten musste, weil er sich sonst den Kommunisten zugewandt hätte, so musste Heineken es lernen, mit Werrasons Launen zu leben, weil der sonst zur Konkurrenz gegangen wäre. Integrität wurde der Loyalität geopfert. Flamme Kapaya ist darüber immer noch wütend: »Ich habe die Stücke komponiert, ich habe sie arrangiert, aber er ließ die Songs in Frankreich unter seinem Namen registrieren. &#039;&#039;Arrangeur-compositeur&#039;&#039;: &#039;&#039;Werrason&#039;&#039;, steht im CD-Booklet. Ich werde nur als Gitarrist erwähnt.« Flamme war der musikalische Kopf hinter &#039;&#039;Kibuisa Mpimpa&#039;&#039;, allgemein als Werrasons bestes Album betrachtet, von Kennern als »kulturell und musikalisch revolutionär« bezeichnet.36 »Ich habe die Aufnahmen in Europa gemacht, ich habe die Platte abgemischt, aber als sie fertig war, habe ich nicht ein Stück davon bekommen! Werrason hat sich sogar meine fünf Belegexemplare unter den Nagel gerissen.« Es scheint unglaublich, aber als ich drei Stunden lang in einem kalten Pariser Studio inmitten weiblicher Groupies mit bauschigen, glänzenden Wintermänteln vergeblich auf mein Interview wartete, war Werrason nirgendwo zu sehen; Kakol und Héritier, Drummer und Sänger, machten die ganze Arbeit. Sie instruierten die Sänger, bedienten die Regler am Mischpult und hauten musikalische Knoten durch. »Wir waren so naiv«, seufzte Flamme, »er wollte Musiker, die ihn nicht durchschauten. Tat man das doch, wollte er einen nicht mehr. Musik ist die Leidenschaft aller jungen Leute, aber er missbraucht das. Das ist echt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Deshalb bin ich gegangen. Ich möchte nicht, dass junge Leute den gleichen Weg gehen. Sie müssen ihre Rechte kennen.« Er trommelte auf den Rand seines Stuhls, blickte auf den Fluss und sagte dann: »Werrason ist ein Geschäftsmann und ein Politiker. Viele seiner Tänzerinnen sind in Europa geblieben. Leute haben ihn bezahlt, damit sie als Mitglieder der Band mit nach Europa durften.«37 Und Bralima zahlt dann noch Dutzende Flugtickets, wenn Werrason mit seiner »Band« nach Paris fliegt. Sein Kollege Papa Wemba wurde für ähnliche Praktiken in Paris zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt. Menschenschmuggel, urteilte das französische Gericht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unternehmen sind nie neutrale Player, und in gescheiterten Staaten schon gar nicht. Mit einem Werbeetat, der den Etat des Ministeriums für Bildung oder Information um ein Vielfaches überschreitet, erreichen sie mehr Bürger als die Regierung. Kinshasa ist heute überwuchert mit Reklametafeln von multinationalen Konzernen wie Nestlé, DHL, Vodacom und Coca-Cola. An alle Betonmauern um Firmen, Stadien und Kasernen sind Werbesprüche gepinselt. Fernsehstationen senden mehr Werbung als Programme. Die Primus-Titel der Künstler von Bralima sind ein Jahr lang auf mehreren Sendern zu sehen. Oft geht es um Stücke von zehn Minuten Länge und mehr. Der Unterschied zwischen Werbung und Unterhaltung verschwimmt. Kinshasa tanzt zu Promo-Platten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts werden Werbebotschaften eingehämmert. Das Mobilfunkunternehmen Tigo, ein Multi, der in sechzehn Ländern aktiv ist und dessen Zentrale sich in Luxemburg befindet, war 2006 so generös, die heruntergekommene Ankunftshalle des nationalen Flughafens aufzumöbeln, denn jeder Großbetrieb hat sein karitatives Programm (Stipendien, Krankenhäuser, Schulpakete, Hauptsache, es macht etwas her). Die fahlen Wände von Ndjili bekamen zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Anstrich, aber wer heute aus dem Flieger steigt und die Halle betritt, wähnt sich eher in einem Messestand von Tigo als in einem staatlichen Gebäude. Andere Reklame als jede Menge Fahnen und Plakate des Mobilfunkanbieters gibt es hier nicht. Und mitten in diesem Wirbelwind von Glanz und Glitter wartet der Reisende mit dem Pass in der Hand und verflucht den tranigen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich zahlen Unternehmen wie Bralima und Tigo Steuern, mehr als ihnen lieb ist, denn in einem korrupten Land wird jede Woche eine neue Steuer erfunden. Aber wenn es ihnen zu bunt wird, drohen sie mit der härtesten Maßnahme: der Schließung des Betriebes. Und das bedeutet nicht nur Arbeitslosigkeit für all die Angestellten, die mehr als korrekt bezahlt werden, und Armut für all die kleinen Verkäufer von Bier oder Handyguthaben, sondern vor allem das Ende der fiskalen Einnahmen für all die Beamten. Und das will keiner der hungrigen Steuerinspektoren. Multinationale Konzerne sind die größten Steuerzahler des Landes. Deshalb hört die Regierung hin und wieder auf sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon auf der Berliner Konferenz war 1885 die Öffnung des Kongo-Freistaates für den internationalen Freihandel beschlossen worden. Noch immer existiert ein Wettbewerb zwischen Markt und Staat, sogar mehr denn je. Damals ging es nur um den Aufkauf von Rohstoffen, heute geht es auch um den Verkauf von Produkten, denn selbst in einem bettelarmen Land lässt sich viel verdienen mit dem Verkauf von Waren in kleinen Mengen, zum Beispiel Handyguthaben, Erfrischungsgetränke und Milchpulver. Um die Seelen all der Bedürftigen zu gewinnen, kolonialisieren ausländische Firmen den öffentlichen Raum des verwüsteten Landes mit einer Unverfrorenheit, die von dem strahlenden Lächeln des polierten Marketing kaum verhüllt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2008 war ich eine Woche lang eine &#039;&#039;minor celebrity&#039;&#039; in Kinshasa, ohne dass ich dafür viel zu tun brauchte. Unbekannte sprachen mich auf der Straße an, sagten, sie würden mich von den Fotos wiedererkennen, und wunderten sich darüber, dass ich trotz meines Status nicht über ein eigenes Auto verfügte. Dolf van den Brink hatte mich ein paar Tage zuvor angerufen. »Wir veranstalten ein Konzert von Werrason in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Hast du Lust, zu kommen?« Der Auftritt fand in Bumbu statt, einem der ärmsten Viertel Kinshasas. Bei der Hinfahrt im Konvoi erklärte er mir die Sache. »Bracongo führt eine Schmutzkampagne gegen uns. Sie senden Spots, in denen es heißt, dass Bumbu ›gefallen‹ sei und Primus dort nicht mehr Marktführer ist. Das ist nachweislich falsch, aber sie drängen uns trotzdem in die Defensive. Jetzt werden wir das Gegenteil beweisen, und zwar ganz spektakulär. Kein Werbespot, keine Kampagne, nein, ein Gratiskonzert von Werrason! Es ist das erste Mal, dass er in Bumbu auftritt. Ich erwarte ziemlich viele Leute.«38 Der SUV mit Klimaanlage fuhr im Slalom um die Schlaglöcher. Dolf erzählte mir, dass das Marketing von Primus mehrere Phasen durchlaufen habe. Zuerst der Slogan &#039;&#039;Pelisa ngwasuma&#039;&#039;, frei übersetzt: &#039;&#039;Get the groove started&#039;&#039;. Diese Betonung des Atmosphärischen kam gut an in einem durch den Krieg innerlich zerrissenen Land. Danach änderten sie die Farbe des Etiketts und gaben ihm die Nationalfarben des Kongo: Blau, Gelb und Rot. Nachdem nun der Krieg vorbei war, wollte sich Primus als &#039;&#039;das&#039;&#039; nationale Bier schlechthin präsentieren. Der Staat mochte morsch sein, der Nationalstolz aber war intakt. Darauf ging Bralima geschickt ein. Primus war inzwischen bei einem neuen Slogan angekommen: &#039;&#039;Primus, Toujours leader.&#039;&#039; Es galt, die frisch erlangte Position des Marktführers als unangreifbar erscheinen zu lassen. Dominanzstreben sei ein wichtiger Aspekt, glaubte Dolf, die Leute wollten wissen, wer »der Stärkere« sei. Und in Bumbu müsse das jetzt mal kurz bewiesen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Interessant, dachte ich, der Mobilfunkanbieter Vodacom greift mit seiner massiven Werbung dieselben Themen auf: Nationalgefühl und Führerschaft. &#039;&#039;Un réseau, une nation&#039;&#039; war jahrelang dessen Slogan im Kongo: ein Netz, eine Nation. Nun preisen sie sich als &#039;&#039;Leader dans le Monde Cellulaire&#039;&#039; an. Auf ihrer kongolesischen Website heißt es: »Unser Bestes ist besser als das Beste aller anderen. Verlieren ist ausgeschlossen. Wir sind ein Team, und Wettbewerb ist unser Sport.« Wer ist am kongolesischsten? Und wer führt? Waren das nicht die zentralen Themen im Wahlkampf zwischen Kabila und Bemba, der damals losbrach? Im Juli 2006 sollten endlich die Wahlen stattfinden, und die beiden größten Favoriten gerieten sich in die Haare wie Popmusiker. Bemba, noch immer eher Kriegsherr als Staatsmann, bezichtigte Kabila, ein halber Ruandese zu sein, der nicht über die erwünschte &#039;&#039;congolité&#039;&#039; verfügte – ein bizarrer Anspruch, wenn man bedenkt, dass er selbst zu einem Viertel Europäer ist. Kabila versuchte als Präsident über dem Tumult zu stehen, als er sagte: »Wer Eier trägt, sucht keinen Streit« – ein Ausspruch, der ihn noch monatelang verfolgen sollte. Er bezog sich auf die Straßenjungs, die von Bar zu Bar gingen mit einem Karton hartgekochter Eier auf dem Kopf, die sie als Snack verkauften. Ganz Kinshasa lachte damals über den Präsidenten. Die scharfen Vorwürfe erinnerten an den Streit zwischen Werrason und Mpiana oder zwischen Bralima und Bracongo. Beim Kampf um das höchste Amt war der Begriff &#039;&#039;leadership&#039;&#039; direkt an die nationale Identität geknüpft. Kommerzielle und politische Slogans befruchteten sich gegenseitig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dolf spähte nach draußen, als wir in Bumbu ankamen. Das Viertel lag im Dunkeln, aber die Bars und Terrassen waren rappelvoll. Zufrieden konstatierte er, dass es sich bei rund 80 Prozent der Bierflaschen auf den Tischen um Primus handelte. Ein Stück weiter sahen wir die LKW von Bracongo bereitstehen: Während des Konzerts und danach würde der Konkurrent zweifellos Tausende Flaschen Skol verteilen. Dolf fragte sich sogar, ob Bracongo nicht vielleicht Jugendgangs angeheuert hatte, damit sie Unruhe stifteten. Bralima hatte vorsichtshalber eigene Sicherheitsleute dabei. Und das war auch notwendig, denn das junge Bumbu – eine andere Generation gab es hier kaum – war massenhaft erschienen. Je dichter wir uns dem Ort des Konzerts näherten (die Band spielte schon, wir hörten sie von weitem), desto beängstigender wuchs die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Auto hinter uns im Konvoi festklammerten. Es war ein SUV mit getönten Scheiben in den Primus-Farben. Die Fans waren fest davon überzeugt, dass Werrason darin saß. Nachdem wir noch ein Weilchen in der fast hysterischen Menge festgesteckt hatten, erreichten wir über einen Schleichweg die Rückseite der Bühne. Die Autos wurden mit der Schnauze nach vorn geparkt: Sollte es zu Krawallen kommen, hieß es nichts wie weg. Wir stiegen aus, gingen zur Bühne und schüttelten rasch ein paar Hände. Das Dämmerlicht des Backstage, die Bässe, die bis ins Brustbein vibrierten: Ich erkannte ihn nicht gleich. Er sah viel normaler aus als ich ihn von Fotos in Erinnerung hatte, und er wirkte viel schüchterner. »Monsieur Werrason«, sagte ich, »&#039;&#039;bon concert.«&#039;&#039; »Mmm«, erwiderte er. Das war denn auch das kürzeste Interview, das ich je geführt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir stiegen auf die Bühne. Eine Reihe Tänzer, dahinter eine Reihe Musiker, alle in T-Shirts von Primus. Eine Mauer aus Klängen. Ich winkte Kakol zu, dem Drummer. Hinter ihm nahm ein riesiges Transparent die ganze Rückwand der Bühne ein: &#039;&#039;Primus, Toujours Leader!&#039;&#039; Ich schirmte meine Augen mit der Hand ab, um das Publikum sehen zu können. Das Podium war auf einer großen Straßenkreuzung aufgebaut worden. In allen drei Richtungen: Mehrere hundert Meter eine dicht gedrängte Menschenmenge. Ich versuchte, ein Segment durchzuzählen und dann hochzurechnen. Dreißigtausend? Vierzigtausend? Jemand drückte mir eine Flasche Primus in die Hand. Kameraleute filmten die wenigen Weißen auf der Bühne. Und dann, dann erklomm der dem Anschein nach verlegene Mann mit dem kreisrunden Bärtchen die Metalltreppe links von der Bühne. Langsam, fast unlustig trat er vor ins volle Scheinwerferlicht. Er spähte in die ruhelose Nacht. Tausende Arme hoben sich und kreuzten die Fäuste. &#039;&#039;Igwe! Igwe!,&#039;&#039; ertönte es ohrenbetäubend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Konzert war Dolf van den Brink in bester Stimmung. Werrason hatte nicht nur blutjunge Mädchen aus dem Publikum auf die Bühne geholt, damit sie für ihn Ndombolo tanzten, sondern zwischendurch auch zweimal eine Flasche Primus hochgehalten und ausführlich erzählt, dass Bumbu noch immer eine Hochburg von Bralima sei. Eine solche Werbung war unbezahlbar. 10.000 Dollar hatte der Auftritt gekostet. &#039;&#039;Peanuts&#039;&#039;. Mitschnitte des Konzerts würden in den kommenden Tagen nonstop im Fernsehen gesendet werden. Bralima zahlte monatlich 30.000 bis 40.000 Dollar an Antenne A, einen der wichtigsten Sender in Kinshasa, der davon sein Personal entlohnte. Faktisch war Bralima damit Besitzer des Senders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber ich kenne Sie«, sagten mehrere Kinois zu mir, als ich auf mich neben sie auf die Rückbank eines klapprigen Taxis setzte. »Sie waren der Weiße auf der Bühne beim Konzert von Bumbu. Haben Sie denn kein Auto?« Das besagt einiges über die Macht von Bralima. In einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, in der ich mich für kurze Zeit aufhielt, war ich plötzlich bekannter als in der Stadt mit einer Million Einwohnern, in der ich schon zehn Jahre lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handyguthaben kaufe ich meist bei Beko in der schattigen Avenue des Batetela, einer der wenigen netten, freundlichen Straßen von Kinshasa. Beko, ein diplomierter Pädagoge Anfang zwanzig, sitzt dort von morgens sechs bis abends acht unter einem Sonnenschirm und verkauft Prepaid-Karten von Tigo, Vodacom, CelTel und CCT. Jeden Tag, nur sonntags erst ab elf, denn dann besucht er vorher die Messe. Das ist seine einzige Erholung. Auf dem Gehweg der Avenue Batetela ist ein kleiner Markt im Schatten der Bäume. Neben Beko sitzt eine Frau, die Geld wechselt, daneben brät eine alte Frau kleine Fische, die, warum ist mir schleierhaft, »Thomson« genannt werden. Ein paar Schritte weiter verkauft ein Junge Taschenkalender, Kugelschreiber und Schnürsenkel, neben einer jungen Frau, die auf einem Kohlefeuer Ölkrapfen backt. Ein Ölkrapfen ist für viele das Einzige, was sie an einem Tag essen. Lecker und sättigend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An guten Tagen macht Beko einen Umsatz von gut hundert Dollar, aber ihm bleiben davon keine acht Dollar. Wenn er eine Prepaid-Karte für fünf Dollar verkauft, bekommt die Mobilfunkfirma davon 4,60 Dollar, manchmal sogar 4,75. »Und das sind dann auch nur die großen Kunden, die Guthaben für fünf Dollar kaufen«, erklärt er mir. Gut, acht Dollar Gewinn, an einem Spitzentag. Aber Beko wohnt weit, sehr weit weg von der Avenue des Batetela. Er ist einer der 1,6 Millionen Menschen, die Tag für Tag in überfüllten VW-Bussen mit qualmendem Auspuff ins Stadtzentrum pendeln.39 Der Weg zur Arbeit kostet ihn Stunden und eineinhalb Dollar. Möchte er tagsüber etwas essen, und sei es nur ein Stück Maniokbrot mit einem Scheibchen Fisch, kostet ihn das erneut etwa eineinhalb Dollar. Wenn er nach Hause kommt, gibt er seiner Tante, bei der er seit dem Tod seiner Eltern wohnt, einen Dollar. Er ist der einzige Ernährer seiner Geschwister. Von den acht Dollar ist er nun schon mehr als die Hälfte wieder los. Und das ist nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir uns unterhalten, taucht ein aufgeplusterter Typ auf und brüllt ihn und die anderen Markthändler an. Beko gibt ihm ohne zu protestieren zweihundert kongolesische Franc. Ein paar Schritte weiter steht ein Mann in Polizeiuniform. »Von der Polizei aus dürfen wir hier eigentlich nicht verkaufen. Offiziell muss er uns eine Geldstrafe aufbrummen, aber das passiert nie. Stattdessen schickt er uns den Kerl da auf den Hals. Für zweihundert kongolesische Franc lässt er uns in Ruhe. Allerdings kommt er drei-, viermal am Tag vorbei. Wenn wir nicht zahlen, beschlagnahmt er unsere Waren. So verliere ich nur einen oder anderthalb Dollar.«40 Man kann es Erpressung nennen oder eine Art Spontanbesteuerung, aber solange dieser Polizist kein Gehalt vom Staat bekommt, wird das so weitergehen. Dennoch ist eine Polizeiuniform noch immer ein sehr hohes Gut. Sie garantiert dem Träger ein regelmäßiges Einkommen, nicht von oben, sondern von unten. Kein Wunder, dass inzwischen ein Handel für das Polizistenamt existiert. Dem Vernehmen nach kann man jemandem die Funktion gegen eine stattliche Summe abkaufen, so wie man ein Geschäft übernimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sieben Tage in der Woche, am Sonntag etwas später. Bekos beste Jahre verrinnen. Tigo bietet wieder einen neuen Service an, sieht er. Für einen geringen Betrag können Kunden täglich eine SMS empfangen, die, so das Unternehmen, »Ihren Tag freundlicher macht«. Mit Tigo Bible bekommt man jeden Tag einen Bibelvers zugeschickt, Tigo Foi erteilt religiöse Ratschläge, Tigo Amour berät bei Beziehungsproblemen, und Tigo Riche verrät, wie man reicher werden kann. Wer Unterhaltung möchte, kann Unterhaltung bekommen. Aktuelle Nachrichten per SMS sind nicht im Angebot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko lacht ein bisschen verlegen, als ich ihn frage, ob er einen Zukunftstraum hat. »Botschafter werden«, sagt er dann, nachdem er überlegt hat. Politik fasziniert ihn. Beim Zeitungsverkäufer &#039;&#039;mietet&#039;&#039; er jeden Tag die Zeitung: Gegen ein kleines Entgelt darf er eine halbe Stunde darin lesen. Kaufen ist unmöglich; die Zeitung kostet einen ganzen Dollar. Zeitungen sind eine Rarität in Kinshasa. Die wenigen Titel haben, wenn es hoch kommt, eine Auflage von 1500 Exemplaren, mikroskopisch klein in einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern. Außerhalb der Stadt zirkuliert keine gedruckte Presse. Der Inhalt der Blätter ist in der Regel dürftig. &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; und &#039;&#039;Le Soft&#039;&#039; tun ihr Möglichstes, aber anderswo regieren Skandalsucht und Parteilichkeit. Journalisten lassen sich im Prinzip von den Ministern bezahlen, über die sie schreiben.41 Die Aufmachung ist miserabel, die Druckqualität erbärmlich. Aber jeden Tag gibt Beko sein Exemplar unzerknittert dem Verkäufer zurück. Ob sein Traum jemals in Erfüllung geht? Er war zweiundzwanzig, als ich ihn im Mai 2007 kennenlernte. »Im Kongo wird man meistens nicht älter als fünfundvierzig«, lächelte er damals, »&#039;&#039;c&#039;est comme ça&#039;&#039;, so ist das.« Tigo verzeichnete in jenem Jahr einen Rohgewinn von 1,65 Milliarden Dollar.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beko ist eine Ausnahme. Mehr als die Hälfte der Kinois bezeichnen sich selbst als schlecht informiert, Frauen noch mehr als Männer. Die Einzigen, die noch das Gefühl haben, auf dem Laufenden zu sein, sind Männer über fünfzig mit einem Universitätsabschluss, die Letzten, die noch eine solide Bildung haben.43 An anderen Medien herrscht im Kongo kein Mangel. Das Radio ist nach wie vor das beliebteste Medium, der Fernsehempfang ist vor allem in den Städten gut, das Internet ist überall schauderhaft langsam. Niemand ist zu Hause online. Surfen und den Lebenslauf tippen erledigt man in Internetcafés, den sogenannten &#039;&#039;cybers&#039;&#039;, zumindest, wenn der Strom nicht ausgefallen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der staatliche Rundfunk pfiff seit Menschengedenken auf dem letzten Loch, aber die MONUC gründete 2002, in Kooperation mit der Schweizer NGO &#039;&#039;Fondation Hirondelle, Radio Okapi&#039;&#039;, einen Sender mit Redaktionen in zehn Städten. Er ist schon seit Jahren das einzige landesweit ausgestrahlte Medium im Kongo. Ausländische und lokale Journalisten liefern jeden Tag mutige Beiträge. Okapi-Reporter gehören zu den besten (und bestbezahlten) in ihrem Metier. Die täglichen Nachrichtensendungen sind wirklich der Mühe wert, aber beim Preis von zehn Millionen Dollar pro Jahr stellt sich die Frage, wie es langfristig weitergehen soll. Wer soll das bezahlen, wenn die UNO nicht mehr im Land ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den großen Städten ist das Fernsehen allgegenwärtig. Männer sehen täglich mehr als zweieinhalb Stunden fern, Frauen sogar mehr als drei Stunden.44 Während der 1+4-Zeit erlebte das Medium einen beachtlichen Boom. Allein in Kinshasa gab es im Februar 2003 fünfundzwanzig Sender, im Juli 2006, dem Monat der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen, siebenunddreißig.45 Die weitaus größte Mehrheit waren lokale Sender. Ein Sender lässt sich schon mit knapp 25.000 Dollar auf die Beine stellen. Ein Politiker, Geschäftsmann oder Pastor, der auf sich hält, hat heute seinen eigenen Sender. Durch die Kanäle zu zappen, ist ganz lehrreich, aber was den Inhalt betrifft, kann man es sich sparen. Tropicana, Mirador und Raga sind kommerzielle Sender, die hauptsächlich Musik-Clips zeigen, unterbrochen von Werbung, sofern überhaupt ein Unterschied besteht. DigitalCongo ist der Sender von Präsident Kabila, geleitet von seiner Zwillingsschwester, seinerzeit herausgefordert von Canal Congo und Canal Kin von Vizepräsident Bemba. Antenna A und RTNC versuchen mit den verfügbaren Mitteln informativ zu bleiben. Ratelki ist die TV-Station der Kimbanguisten; Amen TV und Radio TV Puissance vertreten neuere christliche Bewegungen. Mehr als die Hälfte der TV-Kanäle befindet sich in den Händen von Pfingstkirchen.46 Stößt man beim Zappen auf RTVA, muss man wissen, dass das der Sender von Pastor Léonard Bahuti ist, des Mannes, der seine (hauptsächlich weiblichen) Gläubigen anweist, Schmuck, Nagellack und Kunsthaar abzuschwören. RTAE gehört &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, dem leidenschaftlichen Vorsteher der Armée de l&#039;Éternel. RTMV gehört seinem Erzrivalen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039; Fernando Kutino, Gründer von l&#039;Armée de la Victoire, der inzwischen schon seit Jahren im Gefängnis sitzt. All diese religiösen Stationen senden abwechselnd Predigten und Soaps. Die Serien beschäftigen sich mit moralischen Fragen zum Leben und Überleben im Kinshasa von heute (Armut, Ehebruch, Hexerei, Fruchtbarkeit, Erfolg) und betonen, dass nur das charismatische Christentum im Hexenkessel der modernen Zeit Erlösung bringen kann. 2005 war ich einmal bei den Aufnahmen zu einer solchen Soap dabei. Was auffiel, waren weniger die bescheidenen Mittel (nur eine Kamera, eine Lampe, ein Mikrophon) oder das kurzgefasste Szenario (ein Pappbogen, mit der Hand beschriftet) oder die »Fließbandarbeit« (heute aufnehmen, morgen schneiden, übermorgen senden), sondern das jugendliche Alter der Schauspieler. Junge Leute in den Zwanzigern versuchten, ihrem Dasein und dem Dasein der Zuschauer mit einem fanatischen religiösen Diskurs Sinn zu geben. Der merkwürdigste Sender, auf den man beim Zappen stößt, ist NTV. Dort sieht man, wie Pastor Denis Lessie, der Besitzer des Kanals, die Finger spreizt und die Zuschauer auffordert, ihre Hände auf den Bildschirm zu legen, damit sie seine berühren, denn Gott der Herr kommt auch via Glasfaser oder Sendesignale zu einem. Hört doch das Knistern des Allerhöchsten, seht doch, wie euch die Haare bei der Berührung zu Berge stehen. Er forderte seine Gläubigen auch schon mal dazu auf, aus Frömmigkeit die Mattscheibe oder den Plasmabildschirm mit Wasser zu besprenkeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich durchblätterte das abgegriffene Gästebuch des kleinen Hotels im Landesinneren. Vor mir waren nicht viele ausländische Gäste da gewesen. Eigentlich nur einer: Andrew Snyder aus Florida. Er hatte eine strenge Handschrift. Beruf? &#039;&#039;Pastor&#039;&#039;. Grund der Reise? &#039;&#039;Crusade&#039;&#039;. Ah bon. Der Kreuzzug amerikanischer Evangelisten in Afrika hatte nun offenbar auch die kleinen Provinzstädte erreicht. Wie ging es nun wohl Fernando Kutino?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino war ein Kapitel für sich. Anfang der neunziger Jahre erlebte er mit, wie in Kinshasa die erste Generation amerikanischer Evangelisten auftrat, ein neuer Typ von Missionaren, die eine charismatische Variante des Christentums mitbrachten, die sogenannten Pfingstkirchen. Mobutu war so verärgert über die Macht der Katholiken, die den Marsch der Hoffnung realisiert hatten, dass er anderen Predigern erlaubte, ins Land zu kommen und Gottes Wort zu verbreiten. Teile und herrsche, das galt auch für die Seelen. Fernando Kutino, damals noch ein unauffälliger Junge, hörte von Jimmy Swaggart, dem amerikanischen Fernseh-Evangelisten, der im Westen weltberühmt geworden war, als er unter Tränen öffentlich seinen Ehebruch gebeichtet hatte. In Kinshasa wurde er durch seine aufpeitschenden Gottesdienste bekannt, die viele tausend Menschen in Ekstase versetzten. Aber auch der deutsche Evangelist Reinhard Bonnke kam vorbei, und der Niederländer John Maasbach, verheiratete Männer in adretten Anzügen, die mit wirbelnden Shows und makellosen Frisuren ihren Glauben bekundeten. Sie waren nicht von einer zentralen kirchlichen Obrigkeit ausgesandt worden, sondern agierten auf eigene Initiative, oft mit Unterstützung ihrer Familie. Die &#039;&#039;reborn Christians&#039;&#039; fanden Anschluss bei lokalen Gebetsgruppen, die sich wöchentlich versammelten, um außerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes das Herz zu Gott zu erheben. Es dauerte nicht lange, bis auch ein einheimischer Klerus entstand, und Fernando Kutino wurde dabei zu einer Schlüsselfigur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kutino band sich eine Krawatte um, nannte sich &#039;&#039;reverend&#039;&#039; und verkündete eine Botschaft, die sich sehr stark von den traditionellen Kirchen und Riten absetzte. Es war der Startschuss für die kongolesischen &#039;&#039;églises du réveil&#039;&#039;, die Erweckungskirchen. Neugierige wurden von den charismatischen Ausdrucksformen des Glaubens angezogen, der in Momenten des religiösen Überschwanges »Heilung« und »Erlösung« verhieß. Mit seinen Ritualen der Trance, von den Gläubigen als Anwesenheit des Heiligen Geistes empfunden, war der Pfingstglaube eine Variante des Christentums, die sehr viel mit dem spirituellen Universum des Ahnenglaubens in Afrika gemeinsam hatte. Laut beten, Dämonen vertreiben, in Zungen reden: Es erinnerte an das Erscheinen von Simon Kimbangu im Jahr 1921. Auch damals war der intensive Glaube ein Mittel gegen Hexerei gewesen. Auch damals dürsteten die Menschen nach augenblicklicher Genesung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fernando Kutino fügte jedoch noch einen Aspekt hinzu, und zwar &#039;&#039;la prospérité&#039;&#039;, Wohlstand. Erlösung verstand er nicht nur im spirituellen, sondern auch im materiellen Sinn. In den harten Krisenjahren der neunziger Jahre kam diese Botschaft besonders gut an. Was nützte es den Armen, ob im Geiste oder nicht, selig zu sein, wenn ihre Kinder verhungerten? Wenn der kümmerliche Geldschein am Abend nur noch halb so viel wert war wie am Morgen? Nein, nicht Armut, sondern Reichtum war der Beweis für Kontakt mit dem Höheren. Und zum Beweis seiner Frömmigkeit putzte sich Fernando Kutino opulent heraus. So ein Mann Gottes konnte ja wohl nicht in Lumpen vor seinem höchsten Boss erscheinen? Von einem bombastischen Thron aus rief er seine Schäfchen wöchentlich zu großzügigen Spenden für seine Kirche auf. Ostentativ zu spenden wurde ein Beweis für Gottesfurcht und Tugend. Kutino nahm die Luxuskarossen und intergalaktisch anmutenden Handys mit Wohlgefallen entgegen. »Ich liebe Geld«, sagte er einem französischen Journalisten, »es hilft, um gut zu leben.«47 Empörend? Ja, aber nicht anders als die Dynamik, die bewirkte, dass im Europa des Mittelalters Kathedralen errichtet wurden und Kirchen­obere in Brokat und Spitze einherwandelten. Postmaterialismus ist ein Luxus für Reiche. Der Arme blickt zum Großprotz hoch. So wie Papa Wemba mit &#039;&#039;la Sape&#039;&#039; einen Hoffnungsschimmer in die Jugendkultur gebracht hatte, so brachte Fernando Kutino eine Ahnung von Wohlstand über den Umweg des Glaubens. Kutino war einfach auch ein &#039;&#039;sapeur&#039;&#039;, mit seinem Goldschmuck und den Schuhen aus Krokoleder. Er verkörperte Erfolg, Macht und Reichtum.48 Er war sozusagen der Werrason des Gottesdienstes. Im Dezember 2000 versetzte er im Stade des Martyrs eine Menschenmenge von mehr als hunderttausend Gläubigen in Ekstase. Seine Auftritte wurden mit Live-Popmusik bereichert und boten ausgiebig Gelegenheit zum Singen und Tanzen. »Sing, sing, tanz, tanz für den König der Könige«, forderte ein religiöser Popkünstler sein Publikum auf, »denn wenn ihr das hier nicht tut, dann sicher anderswo in der Welt der Finsternis.«49 Kinshasa war die Stadt des Teufels geworden, nur Gott schenkte Gnade, und Kutino war sein Schatzmeister.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Übergangs von 2002-2006 erlebten die Erweckungskirchen ein enormes Wachstum, vor allem in den Städten. Fernando Kutino diente vielen als Vorbild. Unter Vordächern, in Stadtomnibussen, auf Straßenkreuzungen predigten selbsternannte Pastöre voller Begeisterung. In Kinshasa eröffneten Läden, in denen nichts anderes als Stehpulte verkauft wurden, Rednerpulte aus Holz oder Glas, die man beim Verkünden der frohen Botschaft verwendete. So gut wie jedes Wochenende trat ein neuer Prophet in Erscheinung. Im Jahr 2005 gab es in Kinshasa Schätzungen zufolge dreitausend charismatische Kirchen.50 Die meisten von ihnen waren recht bescheiden, ein paar wurden sehr mächtig. &#039;&#039;Full Gospel&#039;&#039; füllte Stadien mit Marathon-Sessions, die drei Tage und mehr dauerten. Pastöre aus Nigeria und den USA gaben Gastspiele mit inbrünstigen Bekenntnissen. Überall erschallten Lobgesänge und Dankgebete. Eine Anzeige auf der Titelseite von &#039;&#039;Le Potentiel&#039;&#039; versprach im riesigen Stade des Martyrs ein »Festival der Wunderheilungen« mit Rév. Dr. Jaerock Lee, einem Südkoreaner: »Die Toten werden auferstehen, die Stummen sprechen, die Blinden sehen und die Tauben hören. Verschiedene unheilbare Krankheiten, einschließlich Aids, Krebs und Leukämie, können geheilt werden. Mit konkreten Beweisen, die zeigen, dass Gott lebt; Sie können selbst am Ort der Wunder anwesend sein. Eintritt frei.«51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirchen versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen mit kämpferischen Namen wie l&#039;Armée de l&#039;Éternel, l&#039;Armée de la Victoire, Combat Spirituel und la Chapelle des Vainqueurs. Es erinnerte an die kriegerischen Titel der Popalben im Kampf um &#039;&#039;leadership&#039;&#039; auf dem Markt und in der Politik. Gläubige waren in der Regel gegenüber einer bestimmten Kirche loyal, doch es herrschte große Fluktuation; eine Art serieller Monotheismus bildete sich heraus. »Wenn dein Gott tot ist, probier meinen aus«, lautete der Slogan von Pastor Kiziamina-Kibila, als ob es um ein Waschmittel ginge. Und so wechselten viele zwischen den verschiedenen Kirchen, und an den hohen Feiertagen besuchten manche auch noch die katholische Messe. Nach der Ernennung von Joseph Ratzinger zum neuen Papst gab sich Koffi Olomide einen neuen Künstlernamen: Benoît XVI. Als das in Rom gar nicht gut ankam, nannte er sich einfach Benoît XVII.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war nicht nur ein Konkurrenzkampf. Im Kern ging es um den Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Christus und Satan, zwischen dem wahren Glauben und Hexerei. Die Erweckungskirchen vertraten ein einfaches, duales Weltbild, das Menschen half, mit den Widersprüchen ihres Daseins umzugehen. Für Misserfolge waren böse Geister in einer Schattenwelt verantwortlich, Erfolge waren der Gnade Gottes zu verdanken. Zu l&#039;Armée de l&#039;Éternel kamen junge Frauen und bezahlten zehn, zwanzig oder fünfzig Dollar, damit der Prediger, &#039;&#039;général&#039;&#039; Sony Kafuta »Rockman«, ihnen durch Handauflegen half, einen Mann zu finden, schwanger zu werden oder ein Visum für Europa zu bekommen. War das nicht schamlose Geldgier auf Kosten Verzweifelter? »Wir möchten auch, dass Schulen gebaut werden«, erklärte mir der Sprecher dieser Kirche, »wir finden, dass der Mensch arbeiten muss, um sein Brot zu verdienen, und nicht nur beten. Wir organisieren kostenlose Aidstests und vermitteln jungen Eltern, wie sie ihre Kinder erziehen müssen.«53 Für einen elternlosen, hart arbeitenden jungen Mann wie Beko bot die Kirche ein soziales Auffangnetz. Religion sprang ein, wo die Behörden versagten. Manche Pfarrer schafften es in den vergangenen Jahren, rivalisierende Jugendbanden miteinander zu versöhnen; die Polizei versuchte so etwas gar nicht erst.54 Sie nahmen »Hexenkinder« auf, die von zu Hause weggejagt worden waren, und versuchten sie zu »behandeln«.55 Wie die Unternehmen füllten sie die Lücke, die durch den Ausfall des Staates entstanden war. Verzweifelte Bürger fanden eine kuschelige Zuflucht im leidenschaftlichen Glauben. Kleine Läden hießen fortan la Grâce, le Christ, le Tout-Puissant, Internetcafés hießen Jesus.com, Wechselstuben »God is my bank«. Sogar eine neue Generation Vornamen kam auf: Kinder hießen jetzt Touvidi (von Tout vient de Dieu), Plamedi (Plan Merveilleux de Dieu), Emoro (Éternel Mon Rocher) und, unfassbar, Merdi (von Merveille Divine, das musste ich mir auch erst erklären lassen).56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 2. November 2008 nahm ich am Sonntagsgottesdienst von Parole de Dieu in Yolo-Sud teil, einem Armenviertel der Hauptstadt. Unter einem Schutzdach aus Zink drängten sich in einem Innenhof mehr als tausend Menschen. Sie sangen, sie tanzten, sie schüttelten selbstgemachte Rasseln. Da begann ich zu begreifen, wieso diese Kirchen so erfolgreich sind: Die Atmosphäre war unglaublich. Zu keinem Zeitpunkt fand eine Kollekte statt. Wer wollte, konnte am Eingang etwas spenden. Der Prophet Dominique Khonde Mpolo saß mit Turnschuhen auf dem Podium. Schlichtheit war sein Motto. Nicht jeder Pastor ist auf Geld aus. In seiner sehr langatmigen Predigt wetterte er gegen »Jésus Business« und setzte »Jésus Vérité« an dessen Stelle. »Die ganzen anderen Kirchen, die Geld versprechen . . . Wir wollen keinen Luxus, wir essen nicht mal Fleisch. Keiner hier trägt einen Anzug. Wir müssen für unser Land arbeiten und nicht für unseren Stolz.« Er selber war auf Wiederauferstehungen spezialisiert. Nach eigenem Bekunden hatte er bereits vier davon bewirkt. Die erste sei am schwierigsten gewesen, aber nun sei er im Besitz eines magischen Saftes. Den brauche man dem Toten nur auf die Lippen zu streichen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abbé José Mpundu, der katholische Volkspriester, der den Marsch der Hoffnung mit organisiert hatte, konnte sich darüber mächtig aufregen: »Die neuen Kirchen lullen die Menschen nur ein. Sie haben überhaupt nichts mit Befreiung zu tun. Sie versprechen ein leicht zu erreichendes Glück durch ›Wunder‹, aber sie halten die Leute nicht dazu an, Verantwortung zu übernehmen. &#039;&#039;Nzambi akosala&#039;&#039;, sagen die Leute, Gott wird&#039;s schon richten. Ich sage es rundheraus: Diese Kirchen sind ein Geschenk für die Regierung. Sie machen es den Politikern leicht. Deshalb werden sie auch von der Regierung so großzügig unterstützt. Sony Kafuta, dieser Typ, der sich ›Rockman‹ nennt, steht Kabila und dessen Mutter ziemlich nahe, er ist ihr spiritueller Führer.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass er sich bei den Mächtigen anbiederte, konnte man von Fer­nando Kutino jedenfalls nicht behaupten. Er lag nacheinander im Clinch mit Mobutu, Kabila &#039;&#039;père&#039;&#039; und Kabila &#039;&#039;fils&#039;&#039;. Während »Rockman« von den Kabilas zum obersten Seelsorger der nationalen Armee berufen wurde, begann Kutino mit der Kampagne &#039;&#039;Sauvons le Congo&#039;&#039;, »Lasst uns den Kongo retten«. Für seinen Fernsehsender lud er Gäste ein, die unverblümt Kritik an den 1+4 äußerten. Damit war das eine der wenigen kritischen Stimmen aus der Ecke der Pfingstbewegung. Die &#039;&#039;anti-valeurs&#039;&#039;, wie man sie nannte, wurden an den Pranger gestellt. Auffällig war ein sehr anti-ruandischer Tenor. Nach Verdächtigungen, dass sich Joseph Kabila von der ruandischen Lobby lenken ließe oder, eine noch schlimmere Unterstellung, selber ein ruandischer Tutsi sei, wurden die Räume des Senders versiegelt, und der &#039;&#039;bishop&#039;&#039; flüchtete nach Europa. Erst 2006 kehrte er zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das war noch nicht das Ende. Im Mai 2006, sechs Wochen vor den Wahlen, landete Kutino, inzwischen &#039;&#039;archbishop&#039;&#039;, in Kinshasa und veranstaltete im Stade Tata Raphaël eine große Zusammenkunft. Er trug ein scharlachrotes Bischofsgewand und winkte von der Ladefläche eines Geländewagens den dichtgedrängten Scharen seiner Anhänger zu. Noch immer wetterte er gegen die »ausländischen« Einflüsse und warf Kabila einen Mangel an &#039;&#039;congolité&#039;&#039; vor. Zweifel an seiner Herkunft zu säen (seine Mutter sei nicht seine wirkliche Mutter, er sei ein Ruander und so weiter) wurde eine bewährte Taktik der Opposition. Allerdings gab es dafür keinerlei Beweis.59 Die gesamte Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen, vom Sender von Jean-Pierre Bemba, Kabilas bedeutendstem Herausforderer. Gleich danach wurde Kutino verhaftet, und Bemba konnte ihn in Makala besuchen. Einen Monat später wurde er zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen zehn Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurden. Man sprach ihn des illegalen Waffenbesitzes, der Verschwörung und des versuchten Mordes schuldig, doch es ging offenkundig um eine Abrechnung. Internationale Menschenrechtsorganisationen rügten den sehr fragwürdigen Prozessverlauf.60 Auf der Website von Sauvons le Congo findet man einen dramatischen kleinen Film mit den »letzten Worten« des Propheten, am Schlusstag des Prozesses gedreht. Kutino spricht unsicherer denn je. Von seiner denkwürdigen Redegewandtheit ist nichts mehr übrig. Die Bilder sind mit den blutigsten Szenen aus &#039;&#039;Die Passion Christi&#039;&#039; von Mel Gibson zusammengeschnitten. Auch dieser Prophet wird ans Kreuz genagelt, lautet die Botschaft. Aber im Gerichtssaal trägt er noch immer einen tadellosen Maßanzug mit Einstecktuch. Ein Märtyrer im Maßanzug, vielleicht zeigt das ja die ganze Ambivalenz der Erweckungskirchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so schleppte sich ein Land, das keines war, zu seinen ersten freien Wahlen nach einundvierzig Jahren, wie es im &#039;&#039;Accord Global et Inclusif&#039;&#039; vereinbart war. Wirtschaftsunternehmen und Kirchen – &#039;&#039;la bière et la prière –&#039;&#039; hatten den öffentlichen Raum an sich gerissen und die Köpfe benebelt und erfreut. Im Vorfeld des sprichwörtlichen »Festtages der Demokratie«, der nach vielem Zögern auf den 30. Juli 2006 anberaumt worden war, bestand die Bevölkerung mehr aus Konsumenten und Frömmlern als aus wachen Bürgern. In der Kolonialzeit hatte das umfassende Bündnis zwischen Kirche, Staat und Kapital – die fragwürdige &#039;&#039;koloniale Trinitas&#039;&#039; – dafür gesorgt, dass die Bevölkerung zahm und gefügig blieb. Jetzt war etwas Ähnliches im Gange. Der Staat war freilich viel schwächer, lehnte sich aber gern an die beiden anderen Pfeiler an. Die »postkoloniale Dreifaltigkeit« bestand aus einer korrupten Politikerkaste, die eine Allianz einging mit neumodischen Religionen und von der Geschäftswelt hochgepushten Popstars. Präsident Kabila, der sich in der Zeit des Überganges nicht gerade durch überbordende Tatkraft hervorgetan hatte, bediente sich ausgiebig dieser alternativen Machtblöcke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon im April 2002 hatte Werrason bei seinem Konzert im Pariser Zénith zur Unterstützung Kabilas aufgerufen, wegen dessen »Bemühungen um den Frieden«.61 Unbezahlbare Werbung, denn Kabila war nicht besonders angesehen in den volkstümlichen Vierteln von Kinshasa, wo Bemba &#039;&#039;toujours leader&#039;&#039; wurde. Bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens von Sun City 2003 gab Werrason, der ja Friedensbotschafter war, ein Konzert für die Delegierten.62 2004, als Nkunda Bukavu einnahm, wurde Werrason sogar darum gebeten, die Gemüter zu beschwichtigen, als sich die Bevölkerung gegen die UNO-Blauhelme wandte. Der Popmusiker, der seinen Aufstieg einem Konzern verdankte, sollte nun die Massen besänftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. Januar 2005 lud Kabila alle Größen der kongolesischen Musik auf ein Glas Champagner in den Präsidentenpalast ein. Werrason und J. B. Mpiana waren da, neben Papa Wemba und Koffi Olomide und ein paar anderen Erzrivalen. Der Präsident konnte sich wieder einmal als der große Versöhner profilieren, der den Frieden nicht nur in die Hügel im Osten gebracht hatte, sondern auch in die Bars von Kinshasa. Das Foto von diesem Umtrunk ging um die ganze Welt. Es war eine exakte Kopie der Aufnahme, die Jamais Kolonga mir gezeigt hatte und auf der er mit Franco und Kabasele Mobutu zuprostete. Im Kongo war das Verhältnis zwischen Politik und Musik schon immer sehr innig. War Kabasele nicht zum runden Tisch in Brüssel mitgereist, als er seinen »Unabhängigkeits-Cha-cha-cha« komponierte? War Franco nicht intensiv in Mobutus &#039;&#039;authenticité&#039;&#039;-Politik eingebunden gewesen? Sang Papa Wemba nicht bei der Einführung von Kabilas neuer Währung mit? Ja, das taten sie alle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt ging es noch einen Schritt weiter. In den neunziger Jahren war es in Mode gekommen, dass Privatleute dafür bezahlten, wenn Künstler ihre Namen in einen Songtext einbauten. Für eine Handvoll Dollar waren Mpiana, Werrason und ihre Kollegen zum Namedropping bereit. Schließlich lebte man in Krisenzeiten. Das Ergebnis sah bei J. B. Mpiana ungefähr so aus: »Liebe, Liebe, wohin führt uns das, &#039;&#039;Ruphin Makengo&#039;&#039;? / Sie beginnen mit Liebe und sie enden damit, &#039;&#039;Jean Ngendu&#039;&#039;. / Ist es nur eine Frage des Stolzes oder was, &#039;&#039;Lidi Ebondja&#039;&#039;?« Bei Werrason klang es so: »Du hättest es mir eher sagen sollen, &#039;&#039;Hugues Kashala&#039;&#039;. / Du hast meine Zeit vergeudet, alle meine Freunde sind verheiratet, &#039;&#039;Chibebi Kangala&#039;&#039;. / Sogar meine jüngeren Schwestern. / &#039;&#039;Claudine Kinua&#039;&#039; ist wütend.«63 &#039;&#039;Kobwaka libanga&#039;&#039; hieß dieses Phämomen, Steinchen werfen, um auf sich aufmerksam zu machen. Inzwischen ist es zu einem festen Bestandteil der kongolesischen Popmusik geworden. Die zweite Hälfte eines Songs, die &#039;&#039;sebene&#039;&#039;, ist der Instrumentalteil, in dem die Gitarrensoli die Tänzer zu einem Höhepunkt führen, aufgepeitscht vom Animateur, der die Reihe von Namen herunterschnurrt. Politiker und Prominente bezahlen nicht nur Journalisten für einen Artikel, sondern auch Popstars für eine Nennung. Wer einen Abend im &#039;&#039;le 144&#039;&#039; in der Avenue Louise verbringt, der schicksten kongolesischen Diskothek von Brüssel, hört sogar den DJ durch die Stücke hindurch rufen, wer Geburtstag hat und wie viele Flaschen Champagner zu diesem Anlass bestellt wurden. In Kinshasa wurde der Bogen manchmal völlig überspannt. »Treize ans« von Werrason enthielt mehr als hundertzehn Namen, »Lauréats« von Mpiana sogar zweihundert.64 Das war keine Hommage mehr, sondern serienmäßiges &#039;&#039;Product-Placement&#039;&#039;. Künstlerische Autonomie? Ohne Bedeutung – im Gegenteil. Wenn man sich nicht auf reiche oder mächtige Zeitgenossen berufen konnte, erst dann galt man als Niete. Denn das war ein Zeichen für soziale Isolation und damit tödlich für einen Künstler, der &#039;&#039;leader&#039;&#039; sein wollte. Werrasons opportunistischer Pakt mit Kabila und dessen Lager war – wie auch Mpianas Sympathie für Bemba – so unübersehbar, dass sich die &#039;&#039;Haute Autorité des Médias&#039;&#039; (HAM) veranlasst sah, den TV-Stationen in den Wochen vor den Wahlen zu verbieten, ihre allzu parteiischen Popsongs weiter auszusenden. Zuvor waren sie nonstop über die Bildschirme geflimmert. Doch zu jenem Zeitpunkt war der Volkssänger Tabu Ley, ein Freund von Vater und Sohn Kabila, längst zum Vizegouverneur der Stadt Kinshasa ernannt worden, und Tshala Muana, eine der wenigen weiblichen Popstars, hatte einen Hit gelandet, in dem es hieß: »Wählt, wählt Kabila / Wählt nur Kabila / Wir alle wählen Kabila, unseren Chef / Er ist er einzige gute Führer des Kongo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Pfingstkirchen dienten der Sache des Präsidenten, mit der bereits erwähnten Ausnahme. »Alle Macht kommt von Gott«, hörten Gläubige am Sonntagmorgen, »betet für die Regierung.« Und als sei das noch nicht deutlich genug, setzte der Prophet vom Dienst noch mit Vergnügen hinzu: »Wer Jesus und Kabila liebt, steht jetzt auf und applaudiert.«65 Armeeseelsorger Sony Kafuta ging so sehr in seiner Kabila-Manie auf, sowohl in seiner Kirche wie im Fernsehen, dass ihn die HAM wegen Anstachelung zum Hass zur Ordnung rufen musste.66 Die katholische Kirche sah sich alles lediglich etwas verwundert aus der Distanz an. Es war ein himmelweiter Unterschied zu der kritischen Rolle, die sie im Kampf gegen Mobutu gespielt hatte.67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 27. Juli 2006, drei Tage vor dem großen Tag. In Kinshasa herrschte hektisches Wahlfieber. Dass die Wahlen nun stattfanden, war dem internationalen Druck des CIAT zu verdanken, aber vor allem auch der hervorragenden Arbeit der &#039;&#039;Commission Électorale Indépendante&#039;&#039;, der CEI, die von Abbé Malu Malu geleitet wurde, einem inspirierenden Priester. Die Vorbereitungen waren äußerst beeindruckend. Der Kongo war inzwischen ein Land ohne Infrastruktur. Es war unmöglich, das Land mit dem Auto von der einen zur anderen Seite zu durchqueren. Selbst die großen Zentren waren nicht mehr miteinander verbunden. Der Kongo war eher ein Archipel als ein &#039;&#039;pays-continent&#039;&#039;, ein Archipel, dessen Inseln nur per Flugzeug, Helikopter oder Boot zu erreichen waren. Niemand wusste, wie viele Menschen dort lebten, niemand hielt die Geburten fest, niemand besaß Papiere. Die letzte Form von Identitätsnachweisen waren die Mitgliedskarten des MPR aus der Mobutu-Ära. Aber am 15. Juni 2005 gelang es der CEI, fünfundzwanzig Millionen Wähler registrieren zu lassen, ein überwältigender Erfolg. Am 19. Dezember 2005 wurde der Entwurf einer neuen Verfassung durch Volksabstimmung genehmigt. Am 21. Februar 2006 wurde das Wahlgesetz verabschiedet. Der Wahlkampf konnte beginnen. Tshisekedi, der historische Oppositionsführer, boykottierte das Verfahren von Anfang an und wurde ein Opfer seines eigenen Starrsinns. Vizepräsident Ruberwa hatte nicht die geringste Chance, weil man ihn noch immer für den Handlager Ruandas hielt. Die Europäische Union startete nach der Operation Artémis in Bunia eine zweite Militärmission: EUFOR, eine europäische Interventionstruppe von 1400 Soldaten, die in Kinshasa Ruhe und Sicherheit gewährleisten sollte, denn Wahlen in Afrika bringen eher Zwist als Demokratie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 27. Juli zog Jean-Pierre Bemba, der Mann aus der Provinz Équateur, der ehemalige Warlord, dessen Soldaten Kannibalismus verübt hatten, in Kinshasa ein. Er wurde mit offenen Armen empfangen: Er war der &#039;&#039;mwana ya mboka&#039;&#039;, der Sohn des Landes, der wahre Kongolese. Mehr als eine Million Menschen begleiteten ihn auf dem klassischen Weg vom Flughafen ins Zentrum, der zwanzig Kilometer langen Strecke, die auch Baudouin, Mobutu, Tshisekedi und Werrason unter dem Jubel der Zuschauer am Straßenrand zurückgelegt hatten. Bemba würde vor seinen Anhängern im Stade Tata Raphaël sprechen, jenem Stadion, mit dem so viele historische Momente des Kongo verbunden waren, von den Unruhen 1959 über den Boxkampf 1974 bis zu den Predigten Kutinos 2006. Betrunkene Jugendliche hatten einen Hund bei sich, dem sie ein Wahlkampf-T-Shirt mit Kabilas Konterfei angezogen hatten. Das garantierte Heiterkeit. Das Tier drehte sich verstört um die eigene Achse und bellte seinen Schwanz an. Andere trugen ein riesiges Porträt Mobutus umher, des anderen starken Mannes aus der Provinz Équateur, denn inzwischen war eine Generation nachgewachsen, die den Mobutismus nur vom Hörensagen kannte. Sogar die alte grüne MPR-Fahne wehte über dem Stadion. Bemba versprach seinen Zuhörern, den Staat wiederaufzubauen und ihn tatkräftig zu führen. Wie Mobutu konnte er mühelos eine anderthalbstündige Rede ohne Konzept halten. Mit seiner bulligen Statur und seiner ungeschminkten Sprache kam er im extrovertierten Kinshasa viel besser an als der schüchtern wirkende Kabila mit seinem dürftigen Lingala und dem Französisch, das noch immer einen englischen Anklang hatte. Kabila erschien vielen Kongolesen als junge Marionette der internationalen Gemeinschaft (er war erst vierunddreißig, Bemba war dreiundvierzig) und nicht wie jemand, der dem Land neuen Stolz schenken konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann geschah etwas Bedeutsames. Nach der Wahlkundgebung zogen Jugendliche randalierend durch die Stadt und griffen die wichtigsten Stützpfeiler von Kabilas Wahlkampf an. Ihre Wut richtete sich gegen die postkoloniale Trinität von Präsident Kabila, den »Regierungsmissionar« Sony Kafuta und den Sänger und Bierwerber Werrason. Die jungen Bemba-Anhänger richteten Zerstörungen bei der Haute Autorité des Médias an, die sie der Parteilichkeit zugunsten des amtierenden Präsidenten verdächtigten. Dann zogen sie zum nicht weit davon entfernt gelegenen Tempel des Kabila-Adepten Sony Kafuta und schlugen die große Kultstätte seiner Armée de l&#039;Éternel kurz und klein, sodass die »Armee des Ewigen« nun eher wie der Trümmerhaufen der Gegenwart aussah. Anschließend nahmen sie sich ein paar hundert Meter weiter den Samba Playa vor, Werrasons Proberaum und Konzertsaal. Und auch dieser Wallfahrtsort so vieler junger, armer Kinois wurde binnen kürzester Zeit von der wütenden Menge junger, armer Kinois umgestaltet, die sich von Werrasons plakativer Unterstützung Kabilas verraten fühlten.68 Bralima verlor im Monat darauf 3 Prozent Marktanteil. Trotz der Allianz zwischen Bier, Beten und Bestimmen, die das Volk dumm halten sollte, ließen sich die jungen Wähler nicht alles gefallen. Es waren &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Wahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 14 Die Erholungspause ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Hoffnung und Verzweiflung in einer jungen Demokratie 2006-2010 ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9305</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9305"/>
		<updated>2026-04-30T10:54:03Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.2 Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«3 Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.5 Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.6 Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.7 Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.8 In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.9 Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.10 Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.13 Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.14 Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.15&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«1 Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.3 Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«4 Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).5 Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.6 Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.7 Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.8 Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«9 Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.11 Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.12 Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.15 Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.16 Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.18 Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.20 Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.22 Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.24 Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?25 Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?26 Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.27 Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.28 Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.30 Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.32 In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.33 Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.3 Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«4 Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.5 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.6 Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.7 Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.9 Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.10 Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«13 Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«14 Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.15 Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels.16 In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 3 Die Belgier haben uns befreit ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die ersten Jahre der Kolonialherrschaft 1908-1921 ===&lt;br /&gt;
Lutunu warf einen besorgten Blick auf seine Frau. Das Laufen fiel ihr immer schwerer. Noch so jung, dachte er. Er konnte die Knötchen an ihrem Hals deutlich sehen. Kiesel, aufgereiht unter der Haut. Er kannte die Zeichen, bei seinen Kindern hatte es auch so angefangen. Erst Fieber, Kopfweh und steife Gelenke, dann Mattigkeit und Apathie tagsüber und Schlaflosigkeit nachts. Er wusste, was ihr bevorstand. Sie würde zunehmend verwirrter werden und immer lethargischer. Ihre Augen würden sich verdrehen, Schaum würde auf ihre Lippen treten. Dann würde sie in einer Ecke liegen, bis es vorbei wäre. Womit hatte er das verdient? All die Toten. Vor einigen Jahren waren seine Geschwister an den Pocken gestorben, wie die Fliegen. Danach waren seine beiden kleinen Söhne der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen, die ersten Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Und jetzt sie . . . Hatte sie aus einer Kalebasse getrunken, aus der vorher jemand mit der Schlafkrankheit getrunken hatte? Hatte sie eine Apfelsine mit dunklen Flecken gegessen? Niemand wusste, wodurch man sich die Krankheit holte, kein Heiler hatte einen Fetisch oder eine Medizin dagegen. Manche behaupteten, es sei eine Strafe der Missionare. Die würden die Krankheit ausstreuen, aus Zorn, weil nicht alle ihre Lehre annahmen.1 Lutunu wusste es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1900 starb sogar Mfumu Makitu, der große Häuptling von Mbanza-Gombe, sein Herrscher. Der hatte 1884, als einer der ersten Häuptlinge des Landes, ein Abkommen mit Stanley geschlossen. Sein Dorf lag damals an der Karawanenroute von der Küste ins Landesinnere, lange bevor dort die Eisenbahnlinie gebaut wurde. Häuptling Makitu wollte erst nichts von den weißen Neuankömmlingen wissen, aber ließ sich schließlich doch umstimmen. Am 26. März 1884 setzte er, zusammen mit einigen anderen Häuptlingen, ein Kreuz unter ein Blatt Papier, auf dem stand: »Wir, die unterzeichneten Häuptlinge von Nsungi, verpflichten uns, die Souveränität der ›Association Internationale Africaine‹ anzuerkennen, und nehmen zum Zeichen hiervon deren Flagge (blau mit goldenem Stern) an. (. . .) Wir erklären, dass wir und unsere Nachfolger uns von jetzt an nach der Entscheidung der Vertreter der Association in allen unsere Wohlfahrt und unsere Besitzungen betreffenden Angelegenheiten richten (. . .) werden.«2 Lutunu erinnerte sich daran, als sei es gestern gewesen. Häuptling Makitu machte Stanley damals ein großzügiges Willkommensgeschenk, einen seiner jüngsten Sklaven: Lutunu. Er war damals zehn Jahre alt. Für so viel Loyalität wurde Makitu 1888 mit einer Auszeichnung belohnt; er war einer der ersten &#039;&#039;chefs médaillés&#039;&#039; des Landes. Sein Reichtum mehrte sich weiterhin. Nun, viele Jahre später, hinterließ er vierundsechzig Dörfer, vierzig Frauen und Hunderte Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben war nicht weniger abenteuerlich als das von Disasi Makulo, es war sogar so abenteuerlich, dass man sich noch heute an ihn erinnert. In Kinshasa wurde eine Straße nach ihm benannt, und der alte Nkasi, dessen Heimatdorf unweit von dem Lutunus lag, war ihm in ferner Vergangenheit noch begegnet: »Lutunu, den habe ich noch gekannt!«, erzählte er mir einmal spontan. Der Name fiel zum ersten Mal in meiner Gegenwart. »Er kam aus meiner Gegend und war etwas älter. Er war der Boy von Stanley. Und er wollte nie eine Hose tragen. Wenn der Weiße rief: ›Lutunu!‹, dann rief er einfach zurück: ›Weißer!‹ Einfach so! Weißer!« Darüber musste er noch immer lachen. Lutunu war ein Kapitel für sich. Ein Draufgänger, mit vielen Weißen befreundet. Als ich wieder in Belgien war, entdeckte ich, dass seine Lebensgeschichte in den dreißiger Jahren von einer belgischen Künstlerin und Schriftstellerin aufgezeichnet worden war.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Disasi Makulo war auch Lutunu Sklave gewesen und in europäische Hände geraten. Er wurde der Boy von Leutnant Alphonse Vangele, einem von Stanleys Mitarbeitern der ersten Stunde. Auch er kam mit den britischen Baptisten in Berührung: Sie errichteten eine ihrer wichtigsten Missionsstationen in seiner Gegend, und er wurde Boy bei einem von ihnen, Thomas Comber. Und wie Disasi geriet er so nach Europa. Er war dabei, als Comber 1885 nach Großbritannien und Belgien reiste, er war dabei, als Comber von König Leopold II. empfangen wurde. Er war eines der neun Kinder, die dem König ein Lied vorsingen durften. Er war derjenige, der später nach Amerika reiste und nach seiner Heimkehr von Matadi bis Stanley Pool berühmt wurde – die Leute rannten ihm hinterher, weil er der erste Radfahrer im Kongo war. Dieser Bursche also. Und seine burlesken Abenteuer waren noch lange nicht vorbei. Das Evangelium geduldig in seine Muttersprache zu übersetzen, war seine Sache nicht; die weite Welt umso mehr. Er schipperte mit Grenfell über den Kongo und muss Disasi Makulo zweifellos gekannt haben. Er wurde Führer und Dolmetscher für die belgischen Offiziere Tobback und Dhanis während ihrer Feldzüge. Er war sogar kurzzeitig Soldat in der Force Publique. Er sah viele Orte und kannte die weißen Kolonialherren wie kein anderer. »Lutunu!« »Weißer!« Aber ihre Hosen trug er nicht. Und für die Taufe konnte er sich auch nicht erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dann starb seine Frau, und er hatte niemanden mehr. Die Kinder tot, die Familie dezimiert. Nach all seinen abenteuerlichen Reisen war er wieder zurück in seinem Heimatdorf. Er sprach dort mit den protestantischen Missionaren und nahm ihren Glauben an. Er war schon um die dreißig. Seine Sklaven, es waren mehrere Dutzend, die er im Laufe der Jahre gekauft hatte, ließ er frei. Er zog in die Missionsstation. Francis Lutunu-Smith war sein neuer Name.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der große Häuptling Makitu um die Jahrhundertwende starb, war sein Nachfolger nach dem lokalen Abstammungsrecht ein junger Mann von 16 Jahren mit wenig Erfahrung. Die Missionare schlugen vor, dass Lutunu sein »Assistent« (&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039;) werden solle: Das sei besser für das Dorf und auch für die Mission. So hatten sie Einfluss auf die lokale Regierung: Lutunu war ja einer von ihnen. So wie Disasi Makulo seine eigene Missionsstation aufbauen durfte, so durfte Lutunu einen Teil der Verantwortung für die Verwaltung tragen: die ehemaligen Kindersklaven erwarben, dank der Weißen, sehr viel Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben ähnelte zwar dem von Disasi, in puncto Frömmigkeit war er ihm jedoch weit unterlegen. Nach fünf Jahren warf man ihn aus der Missionsstation: Er hatte zu eifrig dem englischen &#039;&#039;stout&#039;&#039; und &#039;&#039;lager&#039;&#039; zugesprochen. Der Kongo-Freistaat hatte kurzen Prozess gemacht mit dem endemischen Alkoholismus der einheimischen Bevölkerung. Der Konsum von Palmwein war radikal eingeschränkt worden, Brandy, Gin und Rum waren ohnehin strengstens verboten. Lutunu aber trank und tanzte. Und auch wenn er sein Exemplar der Bibel weiterhin in Ehren hielt, so war er doch auf einmal mit drei Frauen verheiratet und bekam vier, fünf, acht, zwölf, siebzehn Kinder. Ließ sich der neue Glaube denn wirklich nicht mit den alten Bräuchen vereinbaren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was bedeutete es für ihn, dass der Kongo plötzlich eine belgische Kolonie war? Hat er etwas vom Übergang des Kongo-Freistaates zu Belgisch-Kongo bemerkt? War 1908 auch für ihn und die Seinen ein Scharnierjahr? Merkte die lokale Bevölkerung etwas von dieser Reprise?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwierige Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die klassische Geschichtsschreibung stellt es oft so dar: Bis 1908 dauerten die Gräuel des Freistaates an, doch von dem Moment an, als Belgien die Kolonie übernahm, beruhigte sich das Ganze und die Geschichte wurde &#039;&#039;un long fleuve tranquille&#039;&#039;, der erst seit den späten fünfziger Jahren wieder ein paar Schaumkronen aufwies.4 Der Kolonialismus sensu stricto, die Zeit von 1908-1960, war in dieser Optik ein langes, dahinplätscherndes Intermezzo zwischen zwei turbulenten Episoden. Heute herrscht in Belgien denn auch meist mehr Betroffenheit über die Gräuel unter Leopold II. und den Mord an Lumumba – streng genommen zwei Momente, die nicht in die klassische Kolonialzeit fallen – als über die Jahrzehnte, in denen das belgische Parlament und damit das belgische Volk für das, was im Kongo geschah, unmittelbar verantwortlich waren (oder hätten sein müssen). Die Vorstellung friedlicher Stabilität wird zudem verstärkt durch die langen Amtszeiten von Schlüsselfiguren. Zwischen 1908 und 1960 hatte der Kongo nur zehn Generalgouverneure; manche blieben sieben oder sogar zwölf Jahre im Amt. Die ersten beiden Kolonialminister, Renkin und Franck, hatten ihren Posten zehn bzw. sechs Jahre inne. Ein ruhiger Fluss mit ein paar soliden Baken, so schien es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch im Grunde gab es keinen totalen Bruch nach 1908. Am 15. November jenes Jahres hisste man in der Hauptstadt Boma zwar zum ersten Mal die belgische Trikolore, und die Fahne des Freistaates wurde für immer zusammengefaltet, ansonsten änderte sich jedoch nicht so viel. Leopolds Regierung warf noch einen sehr langen Schatten über die Kolonialzeit. Zudem war das halbe Jahrhundert für Belgien selber alles andere als statisch. Im Gegenteil – es war durch eine außergewöhnliche Dynamik gekennzeichnet, und zwar nicht nur die vielbesungene unilineare Dynamik des »Fortschritts«, sondern die facettenreiche Dynamik einer komplexen historischen Epoche voller Spannungen, Konflikte, Reibungen. Ein langer, breiter Strom, der immer mächtiger wurde? Nein, viel eher ein mäandernder Fluss mit Nebenläufen, Stromschnellen und Strudeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam durchaus viel in Gang im Jahr 1908, doch von dieser frühen Dynamik war anfangs in Brüssel mehr zu verspüren als im Kongo selbst. Auf dem Papier brach eine neue Morgenröte an. Die &#039;&#039;Charte Coloniale&#039;&#039;, die die Übertragung des Freistaates regelte, brachte dem Kongo zum ersten Mal eine Art Verfassung. Im vollen Bewusstsein der Misere des Freistaates konzipierten die belgischen Minister einen völlig neuen Machtapparat. Die politischen Verhältnisse in der Kolonie waren nicht mehr die Sache eines eigenwilligen Herrschers, der seinen Willen durchsetzen konnte, sondern des Parlaments, das die Gesetze zur Verwaltung der Kolonie verabschiedete. In der Praxis war hauptsächlich der Minister für die Kolonien dafür verantwortlich, ein neu geschaffenes Amt mit einem etwas lächerlichen Titel. Der Plural, nach ausländischem Vorbild, war unnötig, Belgien besaß nur eine Kolonie. Das Parlament selbst befasste sich nur gelegentlich mit der Überseepolitik. Am 17. Dezember 1909 starb Leopold, etwa dreizehn Monate, nachdem man ihm sein Lebenswerk genommen hatte. Sein Nachfolger, König Albert I., hegte in Sachen Kongo eine viel zurückhaltendere und weniger voluntaristische Auffassung. Daneben gab es den Kolonialrat, eine neu gegründete Behörde, die den Minister in zahlreichen Sachfragen beriet. Acht der vierzehn Mitglieder wurden vom König und sechs von Abgeordnetenkammer und Senat ernannt. Ferner gab es die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen; sie verfolgte zwar hehre Ziele, hatte jedoch nur geringen Einfluss. Während ihres mehr als fünfzigjährigen Bestehens tagte sie nur zehn Mal.5 Auch die Finanzierung änderte sich: Leopolds nebulöse Konstruktionen, die es ihm ermöglichten, nach Herzenslust Geld hin und her zu schieben zwischen seinem Privatvermögen und der sogenannten »Zivilliste« – den Mitteln, die ihm der Staat zur Verfügung stellte –, waren passé. Künftig waren die Bereiche strikt voneinander getrennt. Die Erträge der Kolonie mussten in die Kolonie fließen und durften nicht mehr in Brüsseler Bauwerke gesteckt werden; gleichzeitig bedeutete das jedoch, dass der Kongo in Krisenzeiten selbst für seinen Unterhalt aufkommen musste (in der Praxis sprang Belgien allerdings manchmal ein). Die Kolonie bekam also sowohl die Vor- wie auch die Nachteile eines eigenen Staatshaushalts zu spüren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren einschneidende Verwaltungsreformen. Aber auch atmosphärisch änderte sich etwas in der Verwaltung der Kolonie. Das Abenteuerliche wich der Bürokratie, und statt &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; gab es &#039;&#039;corned beef&#039;&#039;. Nach Leopolds Kapriolen bevorzugte man eine straffe, streng sachliche Arbeitsweise. Belgien übernahm seine Aufgabe als Kolonialmacht mit mehr Ernst als Stolz. Die Verwaltung wurde sehr amtlich, was in belgischen Begriffen bedeutete: äußerst hierarchisch und zentralisiert. Sie ging von Brüssel aus, und die zuständigen Beamten waren selten oder nie im Kongo gewesen. Das führte mehr als einmal zu Spannungen mit den Weißen vor Ort. Im Kongo war der Generalgouverneur nach wie vor allmächtig, doch seine Beurteilungen der Situation standen oft im Widerspruch zu den Direktiven, die ihn aus Brüssel erreichten. Belgische Kolonialisten konnten außerdem bei der Kolonialverwaltung nicht mitreden, denn sie besaßen keinerlei formale politische Macht. Sie mussten, wenn auch manchmal widerwillig, alles akzeptieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn schon sie sich übergangen fühlten, wie viel schlimmer war es dann für die Kongolesen selbst? Die belgische Politik hatte gewiss die besten Absichten für das Leben der einheimischen Bevölkerung; diese Einsicht war nach dem Skandal um den »roten Kautschuk« nun doch gedämmert. Aber sie brauchte sich vor den Kongolesen selbst nicht zu verantworten. Sie wurde nicht von ihnen gewählt, und sie fragte sie auch nicht nach ihrer Meinung. Man sorgte für sie, mit Güte und Barmherzigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig wie die belgische Regierung auf die Stimme der Kongolesen hörte, so aufmerksam lieh sie der Wissenschaft ihr Ohr. Man erstrebte &#039;&#039;»une colonisation scientifique«&#039;&#039;, wie Albert Thys es bezeichnete.6 Keine Ad-hoc-Improvisationen mehr, sondern cartesianische Planmäßigkeit. Wissenschaftler waren die Verkörperung dieses neumodischen Ernstes – neutral, sachlich, nüchtern und vertrauenswürdig. Glaubte man. Gerade wegen dieser vermeintlichen Neutralität galt ihre Stimme in der Praxis sehr viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine erste Gruppe Wissenschaftler, die auf diese Weise Einfluss erlangte, waren die Ärzte. Um die Jahrhundertwende entdeckte Ronald Ross, ein britischer Arzt, der in Indien geboren war, dass der Grund für Malaria nicht das Einatmen von »schlechter Luft« in Sumpfgegenden war (&#039;&#039;mal aria&#039;&#039; auf Italienisch, die Krankheit kam damals noch in der Poebene vor). Es waren die Mücken an stillstehenden Gewässern, die die Krankheit übertrugen. Eines der großen Mysterien der Tropen, das so viele Patres und Pioniere das Leben gekostet hatte, war damit enthüllt. Ross erhielt für seine Entdeckung den Nobelpreis. Aber dabei blieb es nicht. Auch Gelbfieber und Elephantiasis, die Krankheit, die die Gliedmaßen so grässlich deformierte, wurden, wie sich herausstellte, von Mücken verbreitet. Die rätselhafte Schlafkrankheit bekam man durch Kontakt mit einer Tsetsefliege. Schwarzfieber (Leishmaniose) wurde von Sandfliegen übertragen, Typhus von Läusen, die Pest von Rattenflöhen. Nach Zeckenbissen konnte man hartnäckige Fieberanfälle bekommen. Ein neues Fachgebiet war entstanden, die Tropenmedizin, und es wurde ein machtvolles Instrument im Dienst des Kolonialismus. Leopold II. hatte bereits Wissenschaftler aus Liverpool in den Kongo eingeladen, um die Schlafkrankheit zu erforschen. 1906 hatte er, nach dem Vorbild der Liverpool School of Tropical Medicine, in Brüssel die Schule für Tropenmedizin, Vorläuferin des Antwerpener Instituts für Tropenmedizin, gegründet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Bewohner des Kongo hatte diese Medizinisierung große Folgen. Bereits unter Leopolds Regierung gab es hier und da im Freistaat Hospitäler, in denen Opfer der Krankheit von Nonnen gepflegt wurden. Diese Hospitäler lagen auf Inseln im Fluss oder an abgelegenen Orten im Busch und waren noch am ehesten mit Leprakolonien vergleichbar. Oft erfolgte die Aufnahme unter Zwang. Die Patienten wurden dort eher isoliert als gepflegt. Besuch von Familienangehörigen, Freunden und Verwandten war verboten. Viele empfanden die Einweisung in das Lazarett deshalb wie die Todesstrafe. Man probierte zwar allerlei neue Medikamente an ihnen aus, etwa Atoxyl, ein Arsenderivat, aber das führte öfter zu Blindheit als zur Heilung. Es war nicht immer deutlich, worum es eigentlich ging: um die Heilung oder um den Test des experimentellen Medikaments. Da man Kranke in einem möglichst frühen Stadium isolieren wollte (wenn die Ansteckungsgefahr, aber auch die Heilungschancen am größten waren), handelte es sich oft um Patienten, die sich zum Zeitpunkt der Einweisung noch kerngesund fühlten. Ihre Halslymphdrüsen waren höchstens etwas angeschwollen. Erst während des Aufenthalts im Hospital zeigten sich die typischen Symptome. Deshalb gerieten die Krankenhäuser in Verruf: Die Menschen glaubten, es seien Lager, in denen Kolonialbeamte sie vorsätzlich mit der Krankheit infizierten. Tumulte brachen aus, Bewacher griffen ein, aber viele Menschen flohen zurück in ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Belgien den Kongo übernahm, wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Kolonialismus ein Gesundheitsdienst eingerichtet . . . in Brüssel. Die Befehlskette zu den Leitern der Posten im Urwald war außerordentlich lang, doch es gelang trotzdem, Änderungen durchzusetzen. Hospitäler allein genügten nicht. Künftig sollte die Mobilität aller Kongolesen überwacht werden. 1910 bestimmte ein Erlass, dass jeder Eingeborene zu einer &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; oder &#039;&#039;sous-chefferie&#039;&#039; gehörte.7 Die Umrisse einer solchen Verwaltungseinheit wurden exakt festgelegt, unter Berücksichtigung vorhandener territorialer Begrenzungen. Wer seinen Wohnort über eine Entfernung von mehr als dreißig Kilometern oder für einen Zeitraum von mehr als einem Monat verlassen wollte, so legte ein anderer Erlass von 1910 fest, musste einen Gesundheitspass bei sich führen, in dem sein Geburtsort, sein Gesundheitszustand und eventuell erfolgte ärztliche Behandlungen vermerkt waren. Ein solcher Pass wurde nur mit Zustimmung des Dorfoberhaupts oder dessen Vertreter ausgestellt. Wer krank war, erhielt Dorfarrest. Wer ohne Papiere loszog, riskierte eine Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieser Maßnahme ist kaum zu überschätzen. Sie hatte fünf einschneidende Folgen. Erstens: Kongolesen, auch gesunde, konnten ihren Aufenthaltsort nicht mehr selbst bestimmen, ihre Bewegungsfreiheit war massiv eingeschränkt. Für eine Region mit permanent hoher Mobilität war das eine Umstellung. Zweitens: Jeder Einwohner war künftig auf der Landkarte festgeheftet, wie ein Käfer auf einem Stück Pappe. Das Zugehörigkeitsgefühl war in den einheimischen Gemeinschaften schon immer sehr stark entwickelt, nun wurde es absolut. Wer jemand war, lag von da an unumstößlich fest. Drittens: Die lokalen Oberhäupter wurden voll und ganz in die lokale Verwaltung einbezogen. Das hatte bereits zu Stanleys Zeiten begonnen (siehe Makitu), nun wurde es formell bestätigt. Sie standen auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie und erfüllten eine vermittelnde Funktion zwischen Staat und Untertanen. Selbstverständlich bevorzugte die Kolonialregierung devote Charaktere. Das offiziell eingesetzte Oberhaupt war oft eine schwache Persönlichkeit mit wenig moralischer Autorität, während der echte, traditionelle Häuptling sich im Hintergrund hielt, um in Ruhe weiterregieren zu können.8 Viertens: Da eine durchschnittliche &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; höchstens rund tausend Einwohner umfasste, traten größere ethnische Zusammenhänge mehr und mehr in den Hintergrund.9 Das Dorf unterstand unmittelbar der Staatsmacht, die Ebenen dazwischen fielen weg. Auch das wirkte sich auf das Stammesbewusstsein aus: Es entstand eine Sehnsucht nach vergangenem Glanz. Und fünftens: Für viele bedeuteten die Gesetze aus dem fernen Brüssel die erste, unmittelbare Bekanntschaft mit der Kolonialbürokratie. In der Zeit des Freistaates waren Hunderttausende unter das Joch des fernen Herrsches geraten, nun aber blieb im Prinzip &#039;&#039;niemand&#039;&#039; mehr verschont. Die Zahl der Belgier in der Kolonie war noch immer sehr gering (1920 waren es ein paar tausend), doch der Kolonialapparat verstärkte seinen Zugriff auf die Bevölkerung und drang immer tiefer ins Leben der Individuen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat, das war 1885 ein einsamer Weißer, der das Dorfoberhaupt aufforderte, eine blaue Flagge wehen zu lassen. Der Staat, das war 1895 ein Beamter, der Dorfbewohner als Träger oder Soldaten rekrutierte. Der Staat, das war 1900 ein schwarzer Soldat, der wegen ein paar Körben Kautschuk ins Dorf kam, herumbrüllte und auch schoss. 1910 aber war der Staat ein schwarzer Hilfssanitäter, der die Einwohner auf den Dorfplatz rief, ihre Lymphdrüsen am Hals betastete und sagte, es sei in Ordnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung wollte bereits früh mit Reihenuntersuchungen im großen Stil beginnen; König Albert plante mehr als eine Million belgische Franc dafür ein, doch der Erste Weltkrieg verzögerte das Vorhaben. Ab 1918 reisten jedoch Gesundheitsteams aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern in die Dörfer, und viele hunderttausend Bewohner wurden untersucht. Der Staat, das waren Männer mit Mikroskopen, die stirnrunzelnd Blutproben analysierten. Der Staat, das war die glänzende, sterile Injektionsnadel, die sich in die Haut schob und irgendein geheimnisvolles Gift einspritzte. Der Staat kroch den Menschen buchstäblich unter die Haut. Nicht nur die Landschaft wurde kolonisiert, auch der Körper und das Selbstbild. Der Staat, das war der Ausweis, auf dem stand, wer man war, woher man kam und wohin man gehen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Leben wurde dadurch jedenfalls ein ganzes Stück häuslicher. Der Mann, der nicht nur Europa und Amerika bereist, sondern auch alle Gegenden seines Landes durchstreift hatte, blieb nun jahrein, jahraus in seinem Dorf. Als Assistent eines jugendlichen Dorfoberhaupts musste er wahrscheinlich den weißen &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; beraten, wem man eine Reiseerlaubnis erteilen konnte und wem man sie verweigern musste. Dass dieses System Tür und Tor für Missbrauch öffnete, liegt auf der Hand. Die Ausweise waren sehr gefragt, und manche Postenchefs, Angestellte und Sanitäter ließen sich bestechen. Dorfbewohner, die gerade erst gegen die Schlafkrankheit behandelt worden waren und trotzdem reisen wollten, behaupteten einfach, sie hätten ihren Gesundheitspass verloren, in der Hoffnung, ein neues Exemplar ohne Eintragungen zu erhalten. Viele hegten tiefes Misstrauen gegen die Medizin der Weißen. Von Atoxyl konnte man erblinden, und die Lumbalpunktionen, die in den schlimmsten Fällen vorgenommen wurden, waren extrem schmerzhaft. Das bedeutete nicht, dass die Menschen irrationale Ängste vor weißen Kitteln hatten. Manche Behandlungen, wie die operative Entfernung von durch Elephantiasis verursachten Geschwüren, wurden gewürdigt, doch generell herrschte eher der Gedanke vor, dass die Injektionsnadeln dazu dienten, Krankheiten zu verbreiten. Die Vertreter der Kolonialmacht unterschätzten einfach die Bedeutung der traditionellen Medizin, die sie rigoros als Quacksalberei und Hexerei abtaten. Viele Afrikaner sahen die Schlafkrankheit deshalb als Krankheit, die der Kolonisator verursachte und die mit der militärischen Vorherrschaft, der wirtschaftlichen Ausbeutung und der politischen Neuordnung zusammenhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bei all dem hatten Ärzte Macht, viel Macht. Doktoren entschieden, wer sich wohin begeben durfte. Sie bestimmten die Zonen, in denen Reisen verboten war. War jemand widerspenstig, konnten sie ihn zu einer Behandlung zwingen und durften ihn sogar bestrafen. Es lag sogar in ihrem Ermessen, ganze Dörfer zu verlegen, falls es dafür schwerwiegende medizinische Gründe gab. Dorfgemeinschaften in Zonen, in denen es von Tsetsefliegen wimmelte, konnten sie zu einer kollektiven Umsiedlung zwingen. Und sie durften die Hilfe der Kolonialbeamten und der Force Publique in Anspruch nehmen, falls sich eine Dorfgemeinschaft weigerte. Nicht die Heilung kranker Individuen stand im Mittelpunkt dieser Art Medizin, sondern die Gesunderhaltung der Kolonie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch eine erzwungene Umsiedlung brachte lokale Gemeinschaften oft aus dem Gleichgewicht. Bakongo, die ihr Dorf hatten verlassen müssen, sangen voller Heimweh und Melancholie: »Ach! Schaut auf das Dorf unserer Ahnen. / Das schattige Dorf mit seinen Palmen, aus dem wir fortgehen mussten. / Ach! Die Alten. / Ach! Ach! / Ach! Unsere Toten sind verschwunden! / Ach! Schaut auf unser verlassenes Dorf! / Ein Jammer!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lutunus Dorf durfte bleiben, wo es war, aber um das Krankheitsrisiko zu begrenzen, tat er etwas, was bis dahin niemand in seinem Dorf getan hatte: Er baute ein Haus aus Stein. Fortan schlief er nicht mehr unter einem Blätterdach und zwischen Lehmwänden, sondern in einer Hütte aus Stein unter Wellblech. Im benachbarten Thysville gab es inzwischen genügend Maurer und Zimmerleute. Sie wussten, wie man aus Erde Ziegelsteine machen konnte und wie man Wellblech festnageln musste. Die Schlafkrankheit hatte Lutunus Familie zerstört, nun aber lebte er mehr oder weniger wie die Weißen. Hingen an seinen Ziegelsteinwänden auch, wie ein belgischer Staatsminister im Osten des Kongo konstatierte, »sehr mittelmäßige Porträts unserer Könige, die die Kolonialverwaltung überall verbreitet hatte, und ein paar aus Zeitschriften aus Paris und London herausgerissene Fotos«? Bekam er von gelegentlichen weißen Besuchern auch »ein paar schöne Gravüren und ein paar Dosen mit Karamellbonbons« geschenkt?11 Wir wissen es nicht. Was wir immerhin wissen ist, dass die Kolonialregierung ihn einige Jahre später zum Distriktchef ernannte und dass er, der ehemalige Sklave, nun über zweiundvierzig Dörfer herrschen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zweite Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr Licht über der Kolonie scheinen lassen durften, waren die Ethnographen. Wenn der Skandal des Freistaates etwas deutlich gemacht hatte, dann war das der völlige Mangel an Wissen über die einheimische Kultur. Félicien Cattier, der herausragende Brüsseler Professor und vehementer Kritiker Leopolds, hatte sich dazu unmissverständlich geäußert: »Wie ist es möglich, sinnvolle Arbeit in den Kolonien zu leisten, wenn man nicht erst die einheimischen Institutionen, ihre Sitten, ihre Psychologie, die Bedingungen ihrer wirtschaftlichen Existenz und die Struktur ihrer Gesellschaften eingehend studiert?«12 Manche der Entdeckungsreisenden und Missionare hatten Interesse an lokalen Bräuchen gezeigt, aber viele Offiziere und andere Vertreter des Freistaates hegten, gelinde gesagt, ziemlich rudimentäre Auffassungen über das, was man als »die Negerrasse« bezeichnete. Falls überhaupt Interesse bestand, richtete es sich in erster Linie auf die konkreten Seiten der fremden Kultur: ihre Körbe und Masken, ihre Einbäume und Trommeln, die Form ihrer Speere, die Maße ihrer Schädel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das reiche nicht aus, meinte Cattier. Es gehe nicht um persönliche Objekte oder einzelne Personen. Man müsse ein Auge haben für die tieferen Schichten der einheimischen Gesellschaft. Und das erfordere ein ernsthaftes Studium. »Es wäre deshalb angezeigt, wenn im Kongo, wie in Niederländisch-Indien oder Britisch-Indien, ein Ministerium oder ein Büro für ethnologische Studien gegründet würde.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. Mit großem Tamtam wurde das &#039;&#039;Bureau International d&#039;Ethnographie&#039;&#039; ins Leben gerufen, eine Institution mit belgischen und ausländischen Wissenschaftlern, die sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele Fakten wie möglich über die Bevölkerung des Kongo zu sammeln und zu erschließen. Was die École de Médicine Tropicale für die Medizin war, war das Bureau International d&#039;Ethnographie für die Anthropologie: eine Institution, deren Forschungsergebnisse in Einfluss umgesetzt wurden. Die Mitglieder lasen Reiseberichte und Missionsrapporte und investierten viel Zeit in die Ausarbeitung eines erschöpfenden Fragebogens, der an Tausende Beamte, Händler, Soldaten und Missionare in der Kolonie geschickt wurde. 202 Rubriken mussten ausgefüllt werden. Die Themen variierten vom Heiratsrecht über Bestattungspraktiken bis hin zur Körperpflege. Die Informanten erledigten ihre Aufgabe und schickten die Fragebogen zurück. Innerhalb weniger Jahre wurden mehr als vierhunderttausend ethnographische Daten verarbeitet.14 Und diese Daten wurden in einer monumentalen Bücherreihe veröffentlicht, der &#039;&#039;Collection des Monographies ethnographiques&#039;&#039;. Zwischen 1907 und 1914 erschienen elf Bände. Jeder Band widmete sich einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die als charakteristisch für eine bestimmte Landesgegend galt: die Bangala für die Flussanrainer, die Basonge für die Savanne, die Warega für den Urwald . . . Auch die Mayombe, die Mangbetu, die Baluba und die Baholoholo wurden beschrieben. Jedes Mal wurden die 202 Rubriken abgedruckt, zusammen gut sechstausend Seiten Lektüre. Es war der erste Versuch einer systematischen Dokumentation der einheimischen Kultur. Das Ergebnis war nichts weniger als eine &#039;&#039;encyclopédie des races noires&#039;&#039;.15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ergebnis war jedoch auch, dass diese »Rassen« plötzlich als etwas Absolutes gesehen wurden. Die Buchreihe unterteilte die Bevölkerung des Kongo in deutlich unterscheidbare Blöcke mit eigener Identität, eigenem Volkscharakter und eigenen Gebräuchen. Auch wenn manches dafür sprach – es existierten nun mal unverkennbare Unterschiede –, war es doch eine völlig künstliche Sache, um jede dieser Gruppen eine kulturelle Mauer zu ziehen, die die Sicht auf einen möglichen Austausch versperrte. Doch genau das geschah. Zu Beginn des Projektes, im Jahr 1908, nahm Edouard De Jonghe, der wichtigste Mitarbeiter, sich vor, »&#039;&#039;les peuplades une à une, en elles-mêmes, pour elles-mêmes&#039;&#039;« zu studieren.16 In methodischer Hinsicht war dieses schrittweise Vorgehen begreiflich: So blieb alles schön übersichtlich. Aber was zunächst nur ein Ausgangspunkt war, wurde bald zur unumstößlichen Schlussfolgerung. Die »Stämme« wurden ewige, eigenständige und unveränderliche Einheiten. Der Initiator des Projekts, Cyrille Van Overbergh, auch ein wichtiger katholischer Politiker, behauptete nach einigen Jahren unumwunden: »Im Allgemeinen unterhalten die Völker wenig Beziehungen untereinander. (. . .) Die Stämme sind voneinander unabhängig und wahren ihre Autonomie.«17 Über den jahrhundertelangen und auch damals bereits bekannten Austausch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sah er dabei völlig hinweg. Pygmäen lebten neben Bantu sprechenden Bauern. Bobangi fuhren den Fluss hinauf und hinunter und kamen mit Dutzenden anderen Bevölkerungsgruppen in Kontakt. Die früheren Savannenkönigreiche der Bakongo und Baluba waren ethnisch oft sehr gemischt. Viele Menschen waren mehrsprachig. Die Kulturen der Bantu-Sprecher waren untereinander sehr eng verwandt. Doch der Anthropologe des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zergliederte die Gesellschaft in einzelne Rassen, wie der Taxonomiker des achtzehnten Jahrhunderts einst das Tierreich in verschiedene Arten unterteilt hatte. Unveränderlich über die Zeit hinweg, ohne Berührung miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo wurde ein Setzkasten. Die Landkarte der Kolonie bestand von da an aus Fächern, jedes mit seinem eigenen »Stamm«. In Tervuren bei Brüssel legte man eine gigantische Sammlung Ethnographika an, akkurat nach Stämmen geordnet. Da die Bevölkerung von den Ärzten gezwungen wurde, am Ort zu bleiben, gewannen die Anthropologen noch stärker den Eindruck, dass die Völker, die sie vor sich hatten, »an ihr jeweiliges Territorium gebunden waren«, wie es der Direktor des Bureau International d&#039;Éthnographie behauptete.18 Dieser »monographische Blick« hatte weitreichende Folgen. In der Kolonie orientierten sich die Weißen mehr und mehr daran, und die Kongolesen selbst begannen sich zunehmend tribal zu identifizieren. Der Geist des Tribalismus war aus der Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese früheste Völkerkunde war entschieden kein &#039;&#039;l&#039;art pour l&#039;art&#039;&#039;; zweifelsohne sollte sie dazu dienen, das Werk der Kolonialmacht voranzutreiben. Die Rekrutierer der Force Publique konnten eine Beschreibung der Kriegslust in diesem oder jenem Stamm für ihre Zwecke nutzen. Die medizinischen Dienste bekamen Informationen über die hygienischen Bedingungen bei den Völkern, die am schlimmsten von der Schlafkrankheit betroffen waren. Die Politiker in Brüssel konnten ihre Gesetze auf das zuschneiden, was sie über das traditionelle Recht zur Bodennutzung in der Kolonie lasen. Und die Missionskongregationen konnten ihre Strategie mit Hilfe der Erkenntnisse, welcher Glaube in welcher Gegend vorherrschend war, besser planen. Man handelte nach den Beschreibungen der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. Die Stämme bekamen Eigenschaften angedichtet, wie man sie den Nationalitäten Europas zuschrieb. Der Kongo wies nun Pendants auf zum geizigen Schotten, faulen Sizilianer, schlampigen Spanier und fleißigen, aber humorlosen Deutschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Bewohner der Kolonie übernahmen allmählich diesen Blick auf sich und die anderen. Wie war es zum Beispiel bei Lutunu? Er hatte siebzehn Kinder, von denen dreizehn am Leben blieben. Ab 1910 gehörten sie alle zur selben &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, hatten denselben vom Staat anerkannten Dorfvorsteher und durften die Gegend ohne medizinische Kontrolle nicht verlassen – Sachverhalte, die einem starken regionalen und ethnischen Bewusstsein mit Sicherheit Vorschub leisteten. Außerdem besuchten sie Missionsschulen, denn das Schulwesen lag exklusiv in den Händen der Missionare. 1908 gab es im Kongo etwa fünfhundert Missionare, 1920 etwa fünfzehnhundert. Es gab keine Schulpflicht, aber Lutunu mit seinem Fahrrad und seinem Steinhaus wird seine Kinder zweifellos dazu angespornt haben, wie er lesen und schreiben zu lernen. Er war schließlich einer der ersten Alphabetisierten in Bas-Congo. Sein Dorf lag im Einflussbereich der britischen Protestanten, aber außerhalb gewannen die belgischen Katholiken zunehmend an Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was lernten die Kinder in diesen einfachen kleinen Klassenräumen oder im Schatten eines Baumes? Selbstverständlich lesen und schreiben. Und rechnen. Biblische Geschichte. Fromme Legenden. Die belgischen Provinzen. Das Königshaus. Ja, aber auch das eine oder andere über das eigene Land. Über den Sklavenhandel zum Beispiel. &#039;&#039;»Tungalikuwa watumwa wa Wangwana&#039;&#039; / &#039;&#039;Wabeleji wakatukomboa«&#039;&#039;, sangen die Kinder in katholischen Missionsstationen im Landesinneren. Wörtlich: »Wir wurden Sklaven der Arabisierten / Die Belgier haben uns befreit.« Die Melodie war die der »Brabançonne«, der belgischen Nationalhymne. Eines der ältesten bekannten Schullieder in Swahili enthielt eine komprimierte Zusammenfassung der Kolonialisierung: »Früher waren wir Dummköpfe / Mit den Sünden jedes Tages / Sandflöhen an den Füßen / Dem Kopf voller Schimmel / Danke, ehrwürdige Patres!«19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die Lieder waren in der Volkssprache, sondern auch der Unterricht der katholischen Patres und Nonnen. Die meisten Missionare kamen aus Flandern, und eingedenk des Kampfes um das Flämische in Belgien betrachtete man die eigene Sprache als hohes Gut. Auch das verstärkte den Stammesstolz. In einem Schulbuch der Missionare vom Kostbaren Blut aus den dreißiger Jahren in Mbandaka stand folgende Leseübung: »Unsere Sprache ist das Lonkundo. (. . .) Obwohl manche gern Lingala sprechen, lieben wir unser Lonkundo am meisten. Diese Sprache ist sehr schön und hat viele genaue Bedeutungen. Wir lieben sie sehr. Wir haben diese Sprache von unseren Ahnen bekommen.«20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ethnische Identifizierung erfolgte noch viel expliziter. In dieser Zeit lasen Schüler in der Provinz Équateur auch, dass »die Menschen im Kongo in mehrere Gruppen unterteilt sind. Sie unterscheiden sich durch ihren Dialekt, ihre Sitten und sogar durch ihre Gesetze. Unsere echte Familie ist der Stamm der Nkundo.«21 Das klang wie ein wörtliches Echo der &#039;&#039;Collection des Monographies éthnographiques&#039;&#039;. In den frühesten Schulbüchern der Maristenbrüder (das älteste stammt von etwa 1910) ging man noch einen Schritt weiter. Auf Lingala war zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner des Kongo sind Schwarze. Ihre Zahl hat man noch nicht gezählt. Sie beläuft sich auf etwa sechzehn Millionen. Sie zerfallen in verschiedene Stämme: Basorongo, Bakongo, Bateke, Bangala, Bapoto, Basoko, Babua, Bazande, Bakango, Bangbetu, Batikitiki oder Baka und viele andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basorongo leben am Meer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bakongo flussaufwärts, bei Boma, Matadi, Kisantu, am linken Flussufer. Sie sind Docker und kräftige Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bateke leben in Kitambo. Sie sind auf das Kaufen und Verkaufen spezialisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bangala leben in Makanza, Mobeka, Lisala und Bumba. Sie sind groß. Sie haben Tätowierungen im Gesicht und an den Ohren. Sie entfernen sich die Wimpern von den Augenlidern und feilen ihre Zähne. Sie fürchten sich nicht vor Krieg. Sind denn nicht auch viele Bangala in der Armee des Staates? Sie sind intelligent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bapoto und Basoko sind die Brüder der Bangala. Sie verunstalten ihr Gesicht mit Tätowierungen. Sie machen große Mörser und gute Pirogen, schmieden Speere und Macheten. Sie töten viele Fische.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so immer weiter. Der Kongo bestehe aus Stämmen, konnte man lernen, mit eigenen Territorien und Gebräuchen. Manche waren achtenswert, andere nicht. So bekamen die Schüler auch noch eingeimpft, dass die Azande ihre Häuptlinge respektierten und dass das sehr gut war, dass die Babua das hingegen nicht taten, was eine Schande sei, und dass die Bakango Elefanten töteten und deshalb sehr mutig seien. Missionsschulen waren kleine Fabriken für tribale Vorurteile. Kinder, die ihr Dorf nicht verlassen durften, bekamen plötzlich zu hören, dass in weit entfernten Gegenden ihres ausgedehnten Landes Bakango lebten, und die Meinung über die Bakango wurde gleich mitgeliefert. Pygmäen wurden in vielen Handbüchern als bizarre Abweichungen dargestellt. Auch wer ihnen nie begegnet war, wusste, was er von ihnen zu halten hatte. »Sie tun sich dadurch hervor, dass sie das Eigentum anderer stehlen«, lasen die Schüler von Bongandanga in den späten zwanziger Jahren, »sie freunden sich nicht mit anderen Menschen an. (. . .) Die meisten Völker Zentralafrikas sind gern sauber, und weil es viel Wasser gibt, waschen sie sich täglich. Die Pygmäen jedoch haben etwas gegen Wasser und sind sehr schmutzig. (. . .) In puncto Unwissenheit übertreffen sie alle anderen Völker Afrikas. Sie sehen nicht ein, dass es besser ist, gemeinsam mit anderen Menschen aus der gleichen Kultur in einem Dorf zu leben, als ständig umherzuziehen.«23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll nicht heißen, es habe niemals Stämme gegeben – selbstverständlich gab es die, ebenso wie wichtige regionale Unterschiede, verschiedene Sprachen, andere Gebräuche, Tänze, Essgewohnheiten, und es hatten auch intertribale Kriege stattgefunden. Doch nun wurden diese Unterschiede besonders herausgestellt und auf immer festgeschrieben. Es hagelte Stereotype. Die Stämme waren keine Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten unumstößlich waren – unumstößlich wurden sie erst in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Mehr denn je identifizierten sich die Menschen mit diesem oder jenem Stamm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann aus Lubumbashi erzählte in den achtziger Jahren von seiner Kindheit. Der beginnende Bergbau brachte Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund in &#039;&#039;compounds&#039;&#039; zusammen: »In den alten Zeiten sahen wir die Leute nicht an und sagten: Der da ist ein Kasaïen, ein Lamba, ein Bemba oder ein Luba, nein. Wir waren zusammen.« Und er fuhr fort: »Es gab keine Unterschiede. Unterschiede waren für uns kein Thema.«24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionsstationen beschränkten sich nicht auf den Elementarunterricht. Sie gründeten auch Seminare für begabte Schüler, um einheimische Priester auszubilden. Der erste Kongolese, der zum Priester geweiht wurde, war Stefano Kaoze. Das war im Jahr 1917. Er stammte aus dem Marungu-Massiv und war bei den Weißen Vätern zur Schule gegangen und ausgebildet worden. 1910 hatte er im Alter von fünfundzwanzig schon eine Pioniertat vollbracht: Sein langer Essay »La psychologie des Bantu« erschien in &#039;&#039;La revue congolaise&#039;&#039;. Damit war er der erste Kongolese, der einen Text veröffentlichte. Und was lesen wir in den ersten Absätzen dieses in jeder Hinsicht historischen Meilensteins? Was schreibt ein junger kongolesischer Intellektueller, der durch und durch geprägt ist vom katholischen Missionsunterricht? Genau – Stammesbewusstsein in Afrika werde durch europäische Bücher genährt: »Als ich ein paar Bücher über einige Stämme gelesen hatte, sah ich, dass die meisten der Bräuche den gleichen Hintergrund haben wie bei den Beni-Marungu [seinem Stamm]. Da ich das nun erkannt habe, werde ich erzählen, wer wir sind, wir Beni-Marungu, und was wir nicht sind.«25 Bücher brachten ihn dazu, über seine eigene tribale Identität nachzudenken. Ist es also verwunderlich, dass er sich später im Leben zu einem tribalen Nationalisten entwickelte, einem Vorkämpfer für sein eigenes Volk und einem Verteidiger der kongolesischen Interessen? »Potenziell der gefährlichste Schwarze«, äußerte ein französischer Adliger nach einer Rundreise durch die Kolonie, »ist der, der Schulunterricht genossen hat.«26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen plätscherte Nkasis Leben ruhig weiter. Als ich ihn interviewte, fiel mir mehrmals auf, dass er kaum Erinnerungen an die ersten Jahre Belgisch-Kongos hatte. Wenn die Sprache auf den Bau der Eisenbahn in den neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kam, leuchteten seine Augen, und die Geschichten kamen von allein. Doch die Jahrzehnte danach, als er in sein Dorf zurückgekehrt war, schienen wie weggespült. Ich habe mich lange Zeit gefragt, woran das liegen mochte, bis mir auffiel, dass auch Lutunus Biographin die gleiche Periode in dessen Leben ziemlich lapidar abhandelte. Auch sie hatte in den Gesprächen mit ihrem Informanten Lücken registriert. Konnte das Zufall sein? Ich glaube nicht. Ich vermute, dass die Gesetze, die die Menschen dazu zwangen, in ihren Dörfern zu bleiben, für ruhige Jahre mit wenig spektakulären Ereignissen sorgten. Sogar der Erste Weltkrieg ging geräuschlos an ihnen vorbei, auch an Lutunu, obgleich er damals schon Assistent des Dorfoberhaupts war. Als ich Nkasi zum wiederholten Male fragte, ob er sich wirklich nicht mehr an den Großen Krieg erinnere, sagte er: »Ich habe vielleicht etwas darüber gehört, aber das war nicht hier.«27 Seine Welt war wieder kleiner geworden. Sein jüngster Bruder wurde damals geboren, ja, das wusste er noch. Und er selbst hatte sich schließlich doch zum evangelischen Glauben bekehrt und sich taufen lassen. Das war 1916, in der Missionsstation von Lukunga. Sein Taufname war Etienne, aber alle nannten ihn weiterhin einfach Nkasi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1921 kam es in seinem Leben jedoch zu einem großen Umbruch: Zum ersten Mal seit langer Zeit verließ er wieder sein Dorf. Vorher musste er einen gültigen Pass und &#039;&#039;une feuille de route&#039;&#039; beantragen, sonst durfte er nicht fort. Auch heute kann ein Kongolese nur schwer durch sein Land reisen ohne einen &#039;&#039;ordre de mission&#039;&#039; in der Tasche; der Kongo ist eines der wenigen Länder der Erde, das auch ein Migrationsamt für Ortswechsel im &#039;&#039;Inland&#039;&#039; hat – aufgrund der Schlafkrankheit von ehedem. Aber Nkasi hatte auch Glück. Weil ein Cousin seines Vaters bei der Eisenbahn arbeitete, konnte er umsonst mit dem Zug fahren. Er zuckelte einen Tag lang durch das weite Land und kam abends in Kinshasa an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort hatte sich bis zur Unkenntlichkeit verändert, seit Swinburne dort 1885 in der wilden Natur seinen Posten aufgebaut hatte. An den Ufern des Stanley Pool hatten sich inzwischen rund achtzig Unternehmen mit ihren Lagerhäusern angesiedelt. Acht Kilometer westlich lag das ältere Militär- und Verwaltungszentrum Léopoldville. Hier hatten die britischen Baptisten seinerzeit ihr Mutterhaus errichtet. Die beiden Kerne, Kinshasa und Léopoldville, waren 1910 durch eine breite Straße miteinander verbunden worden. Heute ist das der Boulevard du 30 juin, nicht mehr eine Verbindungsstraße zwischen zwei europäischen Niederlassungen, sondern die in Abgaswolken gehüllte Hauptachse der Stadt. Damals gab es jedoch nicht einmal zweihundert Autos und LKW. In Kinshasa lebten um diese Zeit tausend Weiße, hundertfünfzig davon Frauen. Es gab etwa vierhundert Häuser aus beständigem Material.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi kam in einer Stadt an, die im Werden war, einer staubigen Ebene voller Baustellen und Avenuen, die ins Nichts führten. Südlich vom Viertel der Weißen hatte die Kolonialmacht eine &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; anlegen lassen, ein Schachbrett von drei mal vier Kilometern, durch schnurgerade Straßen unterteilt. Auf den ordentlichen, quadratischen kleinen Parzellen standen Lehmhütten mit Strohdächern. Darum herum bauten die Bewohner Maniok und Kochbananen an. Hier und da sah er ein Steinhaus mit einem Wellblechdach. Kinder rannten nackt durch die sandigen Gassen. Frauen saßen stundenlang im Schatten und kämmten sich gegenseitig die Haare. An manchen Häusern war etwas aufgemalt. Dort, lernte er schnell, konnte man Reis, Trockenfisch und Streichhölzer kaufen. Es war eine neue Welt. Innerhalb weniger Jahre waren zwanzigtausend Menschen hierher gezogen. Im benachbarten Léopoldville hatten sich noch einmal zwölftausend niedergelassen. Sie stammten aus allen Gegenden des Landes. Ihre Sprachen verstand er nicht, und sie kamen aus Landstrichen, von denen er noch nie gehört hatte. Nur viertausend von ihnen waren Frauen. Es war eine Männerwelt voller Gebrüll, dröhnendem Gelächter und Heimweh. Die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; ähnelte in nichts dem traditionellen Dorf, es war eher ein großes Camp mit Arbeitern und Handwerkern, aber auch mit Boys, die sich jeden Tag in das Viertel der Weißen aufmachten, und mit Vagabunden, Schlafkranken, Dieben und Prostituierten.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1921 kam ich nach Kinshasa. Ich arbeitete für Monsieur Martens«, erzählte er mir. »Er besaß Hallen voller Diamanten aus Kasai. Die Diamanten kamen aus der Mine. In Kinshasa wurden sie sortiert. Ich musste Säcke mit Erde füllen und leeren.« Um seine Worte zu unterstreichen, zeigte er mir durch Gesten, dass er mit einer Schaufel gearbeitet hatte. »Füllen und leeren. Ich verdiente drei Franc im Monat.«30 Um Diebstähle zu vermeiden, wurden die Rohdiamanten nicht in den Minen sortiert. Das Konzentrat aus den Diamantenwäschereien wurde in ein zentrales Depot gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Umzug in die große Stadt, die bald die Hauptstadt der Kolonie werden sollte, war einem Körnchen Glas von zwanzig Milligramm zu verdanken, das Jahre zuvor viele hundert Kilometer östlich entdeckt worden war. 1907 fand Narcisse Janot, ein belgischer Prospektor, der zusammen mit einem Geologen durch Kasai streifte, ein Bröckchen Kristall, das nicht uninteressant aussah. Da er nicht über die Geräte verfügte, um an Ort und Stelle eine petrologische Analyse vorzunehmen, steckte er es in ein Röhrchen und nahm es mit nach Brüssel. Nach seiner Heimkehr beachtete er es jedoch nicht mehr, und das winzige Steinchen geriet zwischen den vielen anderen geologischen Mustern, die die Expedition mitgebracht hatte, in Vergessenheit. Erst ein paar Jahre später beschäftigte sich wieder jemand damit. Eine nähere Analyse zeigte, dass es sich tatsächlich um einen Diamanten handelte.31 Ein wahres Diamantenfieber brach aus. Es zeigte sich, dass es in Kasai Diamantvorkommen gab; hochwertige, für Juweliere geeignete Diamanten neben einer gröberen Art, für die in der Industrie Nachfrage herrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts hielt der Boden der Kolonie überaus angenehme Überraschungen in petto. Bereits 1892 hatte der junge Geologe Jules Cornet in Katanga sehr reiche Kupfervorkommen entdeckt; vor allem Fundorte wie Kambove, Likasi und Kipushi schienen außerordentlich vielversprechend. Abends in seinem Zelt notierte er: »Ich würde es nicht wagen, eine Zahl zu nennen, um eine Vorstellung von den riesigen Kupfervorkommen in den Gebieten zu vermitteln, die ich gerade erforscht habe: das würde allzu unerhört und unglaublich klingen.«32 König Leopold II. beschwor ihn, das Geheimnis für sich zu behalten, um nicht das Interesse der Briten zu wecken. Diese Vorsorge war vermutlich nicht unbegründet: Katangas Kupfervorkommen gehören, wie sich später herausstellen sollte, zu den reichsten der Welt. Manche Bodenschichten enthalten bis zu 16 Prozent reines Kupfer. Im gebirgigen Nordosten des Landes, an der Grenze zu Uganda, fanden zwei australische Prospektoren in einigen Flüssen winzige Krümel, die im Sonnenlicht glitzerten: Gold. Die Fundorte bei Kilo und Moto erwiesen sich als wichtigste Goldvorkommen Zentralafrikas. Und 1915 fand ein anderer Prospektor in Katanga ein gelbes, bleischweres Gestein, das ihn an die Entdeckungen von Pierre und Marie Curie erinnerte. Das Erz erwies sich nach eingehender Analyse tatsächlich als sehr uranreich. Am Fundort entstand die Mine von Shinkolobwe, lange Zeit weltweit der wichtigste Uranlieferant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden des Kongo enthielt einen wahren »geologischen Skandal«, wie Jules Cornet es ausdrückte. Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Bis dahin hatte sich die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes ausschließlich auf biologische Reichtümer gerichtet – Elfenbein und Kautschuk –, nun entdeckte man, dass wenige Meter unter der Oberfläche ein noch viel größerer Reichtum ruhte. Katanga, die wenig verheißungsvolle Region, die Leopold 1884 fast zufällig annektiert hatte, beherbergte, wie sich plötzlich herausstellte, eine unglaubliche Schatzkammer. Neben Kupfer und Uran fand man dort bedeutende Lagerstätten von Zink, Kobalt, Zinn, Gold, Wolfram, Mangan, Tantal und Steinkohle. Die Entdeckung dieser immensen Bodenschätze kam übrigens gerade zur rechten Zeit. Die Einnahmen aus der Kautschukgewinnung sanken ab 1910 drastisch. Der Welthandelspreis für Kaut­schuk befand sich im freien Fall. 1901 machte Kautschuk 87 Prozent des kongolesischen Exports aus, 1928 nur noch 1 Prozent.33 »Derzeit«, so stellte ein Reisender schon 1922 fest, »und bis auf weiteres redet man im Kongo nicht mehr oder jedenfalls kaum noch über Kautschuk.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte schien sich zu wiederholen: So wie der &#039;&#039;rubber boom&#039;&#039; gerade zur rechten Zeit kam, um den rückläufigen Elfenbeinhandel zu kompensieren, kam der Bergbau gerade rechtzeitig, um die im Niedergang befindliche Kautschukwirtschaft abzulösen. Kein anderes Land auf der Welt hat es mit seinen Naturreichtümern so gut getroffen wie der Kongo. Jedes Mal, wenn in den vergangenen hundertfünfzig Jahren auf dem Weltmarkt akute Nachfrage nach einem bestimmten Rohstoff herrschte – Elfenbein in der viktorianischen Zeit, Kautschuk nach der Erfindung des luftgefüllten Reifens, Kupfer in der Zeit der vollen industriellen und militärischen Expansion, Uran während des Kalten Krieges, Strom aus Wasserkraft während der Ölkrise der siebziger Jahre, der in andere afrikanische Länder exportiert wurde, Coltan in Zeiten der mobilen Telefonie –, zeigte sich, dass der Kongo über riesige Vorkommen der begehrten Güter verfügte und die Nachfrage mühelos befriedigen konnte. Die Wirtschaftsgeschichte des Kongo zeichnet sich durch unwahrscheinliches Glück aus. Aber auch durch eine unwahrscheinliche Misere. Von den sagenhaften Gewinnen kam für gewöhnlich kein Krümel bei der Mehrheit der Bevölkerung an. Diese Diskrepanz zeigt die ganze Tragik. Nkasi, der einst im Schweiße seines Angesichts Säcke mit Erde leerschaufelte, in denen die Edelsteine steckten, hatte so gut wie gar nichts vom ganzen Diamantengeschäft. Heute ist er bettelarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialmacht waren die geologischen Funde jedoch von außerordentlicher Bedeutung. Sie markierten den Beginn des Bergbaus, bis zur heutigen Zeit mit Abstand der wichtigste Zweig der kongolesischen Industrie. Doch Erz abbauen und bearbeiten war etwas anderes als Stoßzähne aufkaufen oder Körbe voller Kautschuk verlangen. Um hier Profite zu erzielen, mussten zunächst umfangreiche Investitionen getätigt werden. Man benötigte Gesteinsbrecher und Waschanlagen, Hochöfen, Schmelzhütten, Kräne und Walzen. Zudem kamen die wichtigsten Mineralien in Regionen vor, die vom Meer weit entfernt waren. Wenn man Afrika mit einer riesigen Birne verglich, dann war Katanga »vielleicht nicht die Mitte, aber doch einer ihrer besten Kerne«.35 Also mussten neue Eisenbahnlinien, Häfen, Telegraphenkabel und Straßen angelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Finanziert wurde das alles vom belgischen Staat und von Privatinvestoren. Die Goldminen von Kilo-Moto befanden sich anfangs ganz im Besitz des Staates, doch der gab ab 1926 dann doch Aktien aus. Anderswo griff man auf das System der Konzessionsgesellschaften zurück, das gleiche System, das den »roten Kautschuk« möglich gemacht hatte. Diese Unternehmen basierten auf privatem Kapital, doch in der Regel profitierte auch die Kasse der Kolonie. Das erfolgte nicht über eine Besteuerung (vor dem Ersten Weltkrieg gab es noch keine echten Gewinnsteuern), sondern über die pflichtgemäße Überlassung großer Aktienpakete an den Kolonialstaat. Dank dieses Aktienportfolios sicherte sich die Staatskasse von Belgisch-Kongo Dividenden in oft beträchtlicher Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1906 wurden drei Unternehmen gegründet, die im Bergbau eine entscheidende Rolle spielen sollten: &#039;&#039;Union Minière de Haut-Katanga&#039;&#039; (UMHK), &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière du Congo&#039;&#039; (Forminière) und &#039;&#039;Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039; (BCK). Das Startkapital der Union Minière stammte zur Hälfte von britischen Investoren und zur anderen Hälfte von der &#039;&#039;Generale Maat­schappij&#039;&#039;, der mächtigen belgischen Holdinggesellschaft, die schon seit 1822 die Fäden der nationalen Wirtschaft fest in der Hand hielt und sich vor allem auf Katanga richtete. Nachdem die früheste Ausbeutung durch eine privatwirtschaftliche Investitionsgesellschaft erfolgt war, der &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; von Albert Thys (die auch die Bahnlinie in Bas-Congo angelegt hatte), übernahm anschließend das &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039; (CSK) die weitere Erschließung des Gebiets. Das CSK hatte einen sehr eigenartigen rechtlichen Status: Es war kein klassisches Unternehmen, sondern eine halb staatliche Organisation unter Kontrolle des Kolonialstaates, eine Gesellschaft sui generis mit öffentlich-privatem Kapital und außergewöhnlichen Privilegien. Es war im Besitz aller Schürfrechte für die Hälfte von Katanga und zudem mit der politischen Verwaltung des Gebiets betraut. Das CSK, obgleich mehr eine Firma als eine Behörde, besaß sogar eine eigene Polizeitruppe. Es war ein Staat im Staate. Dieser sonderbare Zustand dauerte auch noch an, als 1906 die Union Minière antrat. Wirtschaftliche und politische Interessen waren weiterhin eng miteinander verquickt. Als absoluter industrieller Riese in Katanga schrieb das Unternehmen der Kolonialregierung oft mehr vor als die Kolonialregierung dem Unternehmen. So stand der Kolonialstaat im Dienst des Unternehmens bei der Anwerbung von Bergarbeitern. Katanga hatte also schon immer eine Form der Verwaltung, die sich vom Rest des Landes unterschied. Darin lag unter anderem der Keim für das spätere Unabhängigkeitsstreben der Region.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forminière war mit amerikanischem Kapital gegründet worden. Da die Diamantvorkommen über zahlreiche Lagerstätten verstreut waren, erhielt das Unternehmen zeitweilig ein Prospektionsgebiet von sage und schreibe hundert Millionen Hektar, das später auf zwei Millionen Hektar Exploitationsgebiet schrumpfte; es betrieb dort fünfzig Minen in der Gegend von Tshikapa und Bakwanga. 1913 förderte Forminière 15.000 Karat Diamanten, 1922 220.000 Karat.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BCK schließlich, die dritte 1906 gegründete Gesellschaft, war eine private Eisenbahngesellschaft mit französisch-belgischem Kapital, die eine Bahnlinie zwischen Katanga und Bas-Congo baute. Über diese Strecke sollte das Erz zum Meer transportiert werden, ohne das Territorium von Belgisch-Kongo zu verlassen. Sonst hätten alle Transporte durch portugiesische, deutsche oder britische Kolonien erfolgen müssen, was lästige Abhängigkeiten bedeutet hätte. Die neue Bahnlinie war 1928 fertig. BCK beschränkte sich jedoch nicht auf den Bau von Eisenbahnlinien. Das Unternehmen besaß auch umfangreiche Schürfrechte, und die erwiesen sich als ungemein lukrativ. Wie sich herausstellte, galt die Konzession für eine der weltweit größten Lagerstätten von Industriediamanten. Die erzielten Gewinne waren sagenhaft. Fast die Hälfte davon floss dem kongolesischen Staat zu.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Nkasi schaufelte. In dieser frühen Zeit bedeutete der Bergbau Handarbeit, sehr viel Handarbeit. Wer sollte die leisten? Dass Belgier selbst in Frage kamen, schien ausgeschlossen: »Südlich des Äquators kann der Belgier kaum andere Tätigkeiten ausüben als eine leitende Funktion. Die kontinuierliche körperliche Arbeit, jede Form von Handarbeit, die an sich schon belastend genug ist, ist ihm mehr oder weniger verboten.«38 Im dünn besiedelten Katanga erwog man eine Zeitlang, chinesische Gastarbeiter ins Land zu holen, aber eingedenk der verheerenden Sterberaten beim Bau der Eisenbahn verzichtete man dann doch darauf. Wer heute mit dem Helikopter Katanga überquert, zum Beispiel von Kalemie nach Lubumbashi, wie es mir im Juni 2007 vergönnt war, lernt viel über die Sozialgeschichte. Das UN-Flugzeug, mit dem ich reisen sollte, war aus Mangel an Passagieren unerwartet gegen einen heruntergekommenen &#039;&#039;chopper&#039;&#039; mit russischer Besatzung und Beschriftung ausgetauscht worden. Statt eines kurzen, zweistündigen Fluges wurde es eine Reise von sechs langen und geräuschvollen Stunden über einer menschenleeren Landschaft. Wir flogen in nur dreihundert Metern Höhe. Bäume, Büffel und Termitenhügel waren einzeln zu erkennen, Dörfer aber sahen wir kaum. Während ich, mit roten Ohrenschützern ausgestattet, durch das offene Fenster blickte, begriff ich viel von der Wandlung, die sich hier vor einem Jahrhundert vollzogen hatte. Wenn die Savanne heute, in Zeiten eines explosiven Bevölkerungswachstums, noch immer so leer ist, überlegte ich mir, wie viel desolater muss es dann hier vor einem Jahrhundert gewesen sein nach einer Pandemie der Schlafkrankheit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga strotzte von Erz, aber es gab niemand, der es ausgrub. In den isolierten Dörfern suchte man vergeblich nach Freiwilligen. Ab 1907 warb man Arbeiter jenseits der Grenze an: Jährlich kamen sechs- bis siebenhundert Rhodesier, um in den Kupferminen von Katanga zu arbeiten.39 1920 war ihre Zahl auf viele Tausende angestiegen; sie bildeten die Hälfte der afrikanischen Arbeitskräfte. Die Arbeiter blieben höchstens sechs Monate im Dienst, sie lebten in &#039;&#039;compounds&#039;&#039;, wie in den Minen von Südafrika, und durften ihre Familien nicht mitbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Persönliche Zeugnisse dieser frühen Bergarbeiter sind so gut wie unauffindbar, bis auf eine seltene Ausnahme. »Ich kam am 4. Mai 1900 in Katanga an. Ich war als Arbeiter angeworben worden von Herrn Kantshingo«, erinnerte sich ein alter Mann. Er musste zu einer ärztlichen Untersuchung und erhielt eine Arbeitskarte, auf der er einen Daumenabdruck hinterlassen musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab keine Häuser aus Stein oder Backstein. Die Schwarzen schliefen in Hütten, die Weißen in Zelten und in Termitenhügeln [sic]. Viele der Weißen waren Italiener. Die Vorarbeiter kamen aus Nyasaland [Malawi]. Die Umgangssprache war Kikabanga. Eine Spitzhacke hieß &#039;&#039;mutalimbi&#039;&#039;. Eine Schaufel hieß &#039;&#039;chibassu&#039;&#039;, eine Schubkarre &#039;&#039;pusi-pusi&#039;&#039;, ein Hammer &#039;&#039;hamalu&#039;&#039; [man beachte den Einfluss des Englischen]. Um vier Uhr morgens machten wir uns auf den Weg zur Arbeit. Wir fingen um sechs Uhr an und hörten um fünf, sechs, sieben Uhr abends auf. Die Arbeiter bekamen schrecklich viel Prügel. (. . .) Wir bezahlten mit rhodesischem Geld. Das Bier, das wir tranken, hieß &#039;&#039;kataka&#039;&#039; und &#039;&#039;kibuku&#039;&#039;, es war aus Mais oder Hirse gebraut.40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1910 wurde Katanga an das Eisenbahnnetz angeschlossen, das die Briten in ihren südlichen Kolonien angelegt hatten. Von nun an gab es eine durchgehende Bahnverbindung zwischen Katanga und Kapstadt. Bei dem kleinen Dorf Lubumbashi in der Nähe der Mine, die von Prospektoren &#039;&#039;Star of the Congo&#039;&#039; genannt wurde, schoss eine Stadt aus dem Boden: Elisabethville. 1910 lebten dort dreihundert Europäer und tausend Afrikaner; ein Jahr später: tausend Europäer und fünftausend Afrikaner.41 Die Stadt war von Anfang an mehr südafrikanisch als kongolesisch. Die schnurgeraden Alleen erinnerten an Pretoria, die weißen Häuser im kapholländischen Stil strahlten Behaglichkeit aus. Durch die rhodesischen Arbeiter und britischen Industriellen wurde Englisch die vorherrschende Sprache und das Pfund Sterling das gängigste Zahlungsmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfügen über ein außergewöhnliches Dokument, um diese Anfangsphase des katangesischen Bergbaus aus afrikanischer Perspektive zu verstehen. In den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts schrieb André Yav, ein alter Mann, der sein ganzes Leben Boy in Elisabethville gewesen war, seine Erinnerungen nieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Union Minière aufmachte, kamen zuerst die Leute aus den nahe gelegenen Dörfern, um dort zu arbeiten. Das waren Balamba, Baseba, Balemba, Basanga, Bayeke und Bene Mitumba. Es waren nicht viele, und sie wollten ihre Dörfer nicht wirklich verlassen und lange fort bleiben. Sie arbeiteten dort zwei, drei Monate und gingen wieder nach Hause. Nach einer Weile wurden die Orte, wo es Arbeit gab, groß. Dann riefen sie die Leute aus Luapula und Süd- und Nordrhodesien [heute Simbabwe und Sambia] herbei, und auch andere kamen: Balunda, Babemba, Barotse und auch Burschen aus Nyasaland. Sie hatten genug Kraft für die Arbeit, aber konnten ihr Dorf auch nicht lange verlassen. Nach sechs oder zehn Monaten kehrten sie nach Hause zurück.42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei blieb es nicht. Rekrutierer zogen immer tiefer ins Inland von Katanga, um junge, kräftige Männer zusammenzutrommeln. Neben den offiziellen Instanzen waren in den frühen Jahren auch sehr viele &#039;&#039;private contractors&#039;&#039; aktiv – weiße Abenteurer, die versuchten, möglichst viele Jugendliche zu den Minen zu locken. Manche von ihnen gingen sogar bis nach Kasai und Maniema, Touren von achthundert Kilometern. Ihre Rekrutierungsmethoden waren oft fragwürdig: Sie bestachen Dorfvorsteher mit europäischen Luxusgütern wie Decken und Fahrrädern und belohnten sie pro Arbeiter, der ihnen gestellt wurde, mit einer Prämie. Über die Arbeitsbedingungen in der Mine schwiegen sie wohlweislich. Sie kauften Arbeiter, um sie weiterzuverkaufen. Häufig war Gewalt im Spiel. Im Grunde unterschied sich ihr Vorgehen kaum von der Rekrutierung durch die Force Publique 1890 oder der afro-arabischen Sklavenhändler 1850. Der pensionierte Boy ließ in seinen Lebenserinnerungen keine Missverständnisse darüber aufkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dieser Basis konnten &#039;&#039;bwana&#039;&#039; Changa-Changa [der afrikanische Beiname der Union Minière] und die anderen Weißen ihre Bergwerksgesellschaften gründen. (. . .) Was wir alles ertragen mussten, war unvorstellbar; auf dem Boden schlafen, von Schlangen gebissen werden, von Mücken und allerlei Arten Insekten. So erging es uns mit den Weißen, und das alles, um Erze zu finden in Katanga, und noch schlimmer war es mit den Weißen vom Comité spécial [du Katanga, aktiv bis 1910]. Damals mussten wir herumlaufen, mögliche Lagerstätten erkunden, in den Büschen und auf den Hügeln nach allerlei Sorten Steinen suchen. Und außerdem mussten wir, die Boys, den Weißen entlang allen Flüssen von Katanga, vom Kongo, von überall folgen.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterbringung dieser ersten Generation Bergarbeiter war oft erbärmlich. Sie mussten in Lagern hausen, weitab vom weißen Stadtzentrum. Die räumliche Segregation war seit 1913 gesetzlich verankert.44 Ihre Quartiere glichen eher Militärlagern als Stadtvierteln: rechtwinklig und fast ohne Schatten. Traditionelle Hütten standen streng in Reih und Glied. In jeder Hütte durften vier Arbeiter wohnen, jeder verfügte über vier Quadratmeter. Latrinen waren vorhanden, jedenfalls theoretisch. In Wirklichkeit lebten übermüdete Arbeiter in schlimmen Verhältnissen mit wenig Hygiene. Bei der Mine von Kambove mussten die Campbewohner manchmal buchstäblich durch den Dreck waten. Trinkwasser war knapp. Die Mine mit ihren Dampfmaschinen und Bohranlagen schluckte das meiste Wasser selbst. In der Trockenzeit tranken die Arbeiter aus Pfützen oder schlammigen Rinnsalen.45 Krankheiten blieben nicht aus. Dysenterie, Enteritis und Typhus forderten ihren Tribut, und lokale Grippeepidemien brachen in Elisa­bethville, bei The Star und in Kambove aus. 1916 starben an diesen drei Orten innerhalb von sechs Monaten 322 Arbeiter von den insgesamt fünftausend. Außerdem zogen sich viele Bergarbeiter aufgrund der schweren Arbeit in den staubigen Minen Lungenentzündungen zu oder erkrankten an Tuberkulose. Ein Viertel bis ein Drittel von ihnen wurde krank, aber eine Gesundheitsfürsorge war nur in Ansätzen vorhanden.46 1920 gab es rund siebzig Ärzte und einen Zahnarzt im gesamten Kongo; sie kümmerten sich vor allem um das Wohl der weißen Bevölkerung.47 Die Arbeiter machten viele Überstunden und erhielten einen kärglichen Lohn. Viele wurden apathisch und depressiv und bekamen Heimweh. Sie organisierten sich nur in geringem Grad, oft nach ethnischer Zugehörigkeit, um ihre Kranken zu versorgen, ihre Toten zu begraben, zu trinken und zu singen. Manche liefen fort, andere wagten das nicht. Bis 1922 waren Körperstrafen gesetzlich erlaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles ergab eine erschütternde Bilanz. Die Kautschukgewinnung war Süd-Katanga weitgehend erspart geblieben, nun aber wurde die Region in einen schonungslosen Industriekapitalismus mitgerissen. André Yav, der ehemalige Boy, gelangte zu einer äußerst merkwürdigen, aber sehr vielsagenden Schlussfolgerung: Er war der Ansicht, dass König Albert I. viel schlechter sei als Leopold II., der immerhin noch »die Gesetze Afrikas und des Kongo respektiert« habe! Das bedurfte einer Erläuterung: »In der Zeit von König Leopold II. aßen die Boys zusammen mit den Weißen an einem Tisch. Der Weiße sah ihn als einen Angestellten. Sie waren nicht wie die Weißen, die nach Leopold II. kamen. Als er starb, wurde König Albert I. sein Nachfolger. Diese Weißen erließen strenge Verfügungen, und ihre Erlasse waren wirklich sehr schlecht. Sie waren es, die eine schlechte Art von Sklaverei für uns Kongolesen brachten.«48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso rücksichtslos waren die Zustände in den Goldminen von Kilo-Moto in der Provinz Orientale. Nur einer von acht Arbeitern schuftete dort freiwillig, die anderen waren in den umliegenden Dörfern erbeutet worden. Auch hier ging es um Menschenhandel und Zwangsarbeit. Rekrutierer zahlten einem Dorfvorsteher zehn Franc pro Arbeitskraft und führten die jungen Männer ab, die durch ein hölzernes Joch oder Seilschlingen um den Hals aneinandergefesselt waren. 1908 gab es achthundert Arbeiter, 1920 mehr als neuntausend.49 Im diamantenreichen Kasai arbeiteten 1923 etwa zwanzigtausend Afrikaner im Dienst von zweihundert Weißen.50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1908 und 1921 vollzog sich im Kongo somit eine erste Industrialisierungswelle und führte zur Proletarisierung vieler Menschen. Männer, die zuvor Fischer, Schmied oder Jäger waren, wurden Lohnarbeiter in einem Unternehmen. Auch in dieser frühesten Phase handelte es sich um sehr große Zahlen. In Katanga, wo 60 Prozent der Arbeiter für die Union Minière tätig waren, stieg die Zahl der Bergarbeiter zwischen 1914 und 1921 von achttausend auf zweiundvierzigtausend und die Zahl der am Bau der Eisenbahn beteiligten Arbeiter von zehntausend auf 40.700. Kasai und die Provinz Orientale stellten zusammen dreißigtausend Arbeiter, in Kinshasa und Léopoldville wohnten außerdem noch dreißigtausend Migranten. Der Grund für diese massenhafte Anwerbung afrikanischer Arbeitskräfte war einfach: Schweiß war billiger als Benzin.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Proletarisierung beschränkte sich überdies nicht auf die Industrie. Auch die Landwirtschaft benötigte Arbeitskräfte, zumal die weißen Farmer nun Kaffee-, Kakao- und Tabakplantagen gründeten. Der größte Bedarf an Landarbeitern bestand jedoch im Palmölsektor. 1884 hatte ein gewisser William Lever in Liverpool mit der Herstellung von Seife in industriellem Maßstab begonnen. Die Stücke glitten wie am Fließband aus den Stanzen, und er taufte sein Produkt »Sunlight«. Dass sich sein Betrieb zum multinationalen Konzern Unilever entwickeln würde, war unter anderem dem Kongo zu verdanken. Die Seife wurde auf der Basis von Palmöl hergestellt, das Lever anfangs in Westafrika kaufte. Als ihm die britische Kolonialverwaltung keine günstigen Bedingungen mehr einräumte, gewährte ihm der belgische Staat 1911 eine sehr umfangreiche Konzession im Kongo. Er durfte nach eigenem Ermessen fünf Kreise mit einem Radius von sechzig Kilometern in Gebieten abgrenzen, in denen wilde Palmen im Überfluss wuchsen, insgesamt eine Fläche von 7,5 Millionen Hektar, zweieinhalbmal so groß wie Belgien. Das war der Anfang der &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; (HCB), eines Unternehmens, das insbesondere im Süden von Bandundu sehr aktiv war und sich zu einem riesigen Konzern entwickelte. In dieser Gegend um Kikwit entstand das Städtchen Leverville. Für die Ernte der Palmnüsse setzte das Unternehmen viele tausend Kongolesen ein, die in traditioneller Weise die Stämme hochkletterten, um die Fruchtbüschel abzuschlagen. Lever stand im Ruf eines großen Philanthropen, doch davon war im Kongo nicht viel zu sehen. Die Arbeiter wurden mit kärglichen fünfundzwanzig Centime pro Tag entlohnt und lebten unter primitiven Bedingungen. Erzwungene Rekrutierung und Bestechung von Dorfvorstehern war an der Tagesordnung. Dutzende von Dörfern mussten zugunsten der Industrie verschwinden. Dabei ging es ziemlich brutal zu. Heute erinnert man sich in Kikwit mit Bitterkeit an diese Zeit: Es war noch schlimmer als das, was die Gegend in den Kautschukjahren erlitten hatte.52 König Albert wird das 1912 sicher nicht vermutet haben, als er von William Lever eine Elfenbeindose mit dem ersten Stück Sunlight-Seife erhielt, die aus kongolesischem Palmöl hergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verdiente 3 Franc im Monat«, hatte Nkasi erzählt. Er wusste es noch so genau, weil er zum ersten Mal im Leben überhaupt Geld verdient hatte. Die einsetzende Industrialisierung des Kongo brachte nicht nur eine erste Form von Urbanisierung und Proletarisierung mit sich, sondern bewirkte auch einen einschneidenden Prozess der Monetarisierung. Zum ersten Mal bekam es die Bevölkerung in großem Maßstab mit so etwas Abstraktem wie Geld zu tun. Formale Zahlungsmittel waren nichts völlig Neues: in Bas-Congo benutzte man von jeher kleine, weiße Muscheln, in Katanga kleine, von Handwerkern gegossene Kreuze aus Kupfer und andernorts &#039;&#039;mitakos&#039;&#039;, jene Kupferstäbe, die die frühesten Kolonisatoren eingeführt hatten. Doch diese Zahlungsmittel wurden nur bei besonderen Geschäften verwendet. Es gab noch keine weit verbreitete Geldwirtschaft. Das änderte sich jedoch schnell. Um 1900 standen höchstens ein paar hundert Menschen in Bas-Congo in einem Arbeitsverhältnis, hauptsächlich bei der Eisenbahn, doch 1920, als Nkasi nach Kinshasa zog, waren es schon – über das ganze Land verbreitet – 123.000. Und damals sollte der echte Beschäftigungsboom erst noch beginnen: 1929 zählte man bereits 450.000 Arbeiter. Im Kongo entstand eine Geldwirtschaft.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Monetarisierung hatte gravierende Auswirkungen. Abermals manifestierte sich der Staat nachdrücklich im alltäglichen Leben. Man konnte kein Huhn mehr von der Nachbarin kaufen, ohne dass die Obrigkeit symbolisch daran teilhatte. Der jahrhundertealte Tauschhandel, ein transparentes Gefüge des Gebens und Nehmens, musste einem abstrakten, vom Staat aufgezwungenen System weichen. Man musste wohl oder übel darauf vertrauen, dass die seltsamen Zettel, auf denen eine weiße Frau in einem weißen Gewand prangte, tatsächlich einen Wert hatten. »Banque du Congo-Belge« stand auf diesem ersten kongolesischen Geldschein in eleganten Lettern, »un franc« – für den, der lesen konnte. Die Frau, die recht hellenistisch anmutete, trug ein Diadem. Ihr linker Arm ruhte auf einem großen Rad, im rechten Arm hielt sie eine Getreidegarbe.54 Es sollte wohl eine Allegorie auf die Landwirtschaft und den Gewerbefleiß darstellen, doch der durchschnittliche Kongolese war mit neoklassizistischer Graphik und mit Kitsch nicht so vertraut. In den frühen zwanziger Jahren hatten die Münzen eher einen Bezug zur lokalen Wirklichkeit: Sie enthielten die Abbildung einer Ölpalme, &#039;&#039;m&#039;bila&#039;&#039; in mehreren einheimischen Sprachen.55 Das Geld galt buchstäblich als Verbindung zwischen Staat und Industrie: Levers Konzern wurde bald als &#039;&#039;Compagnie m&#039;bila&#039;&#039; bezeichnet. Geld, das war Tauschhandel mit der Fabrik. Man gab seinen Leib und bekam dafür einen Lohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorteil war jedoch, dass Steuern künftig einfacher eingezogen werden konnten. Die Pflichtmitgliedschaft im Staat brauchte nicht länger in natura oder durch Arbeitsleistung abgegolten zu werden. Es war vorbei mit dem Schleppen von Lasten, dem Rudern auf dem Fluss oder dem Kautschuksammeln für die Weißen, es war vorbei mit der Regel, dass man vierzig Stunden im Monat dem Staat zu dienen hatte. Als Belgien den Kongo übernahm, führte es anfangs noch ein System ein, in dem auch andere Güter als Kautschuk als Steuern akzeptiert wurden – der koloniale Fiskus gab sich ebenso mit Maniokbrot, Kopal, Palmöl oder Hühnern zufrieden –, doch nach einiger Zeit mussten die Steuern dann doch in bar entrichtet werden. Joseph Njoli, ein Mann aus der Provinz Équateur, konnte sich noch gut daran erinnern, als er 1953 von einem Missionar gebeten wurde, sein langes Leben zu beschreiben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Kautschuk haben sie uns eine Steuer von Fisch und Maniok auferlegt. Nach den Fischen waren es Palmöl und Holz, das wir dem Distriktverwalter in Ikenge liefern mussten. Sein Name war Molo, der Weiße, der in Ikenge bei den Menschen am Flussufer wohnte. Wir kannten viele Formen der Fronarbeit. Dann kam ein anderer Weißer, Lokoka genannt. Er ließ die anderen Dienste stoppen und brachte uns Geld. Er sagte: »Ihr dürft die Steuern mit Geld bezahlen. Jeder muss 4,50 Franc bezahlen.« So wurde bei den Schwarzen das Geld eingeführt. Und heute leben wir noch immer in der Sklaverei der Belgier.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viereinhalb Franc pro Jahr, das war nicht übertrieben viel. Man hielt die Steuerlast bewusst niedrig. 1920 entsprach dieser Betrag sechs Kilo Kautschuk oder fünfundvierzig Kilo Palmfrüchten, fünfundvierzig Kilo Palmöl, fünfundvierzig Kilo Kopalharz, neun Hühnern, einer halben Ziege oder ein paar Dutzend Maniokbroten.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Theoretisch wollte Belgisch-Kongo mit den üblen Gepflogenheiten des Freistaates brechen, doch in der Praxis sah es oft ganz anders aus. In den Zonen, in denen sich das internationale Großkapital niederließ, entstanden neue Formen von Ausbeutung und Knechtschaft. Es kam zu Migrationsströmen, die das Land eher zerrütteten als wiederaufbauten. Junge Männer landeten in schmuddeligen Arbeitercamps, während in den Dörfern nur noch Frauen und Alte übrig blieben. Ein großer Teil der Misere in den Jahren 1908-1921 war den vier langen Jahren des Ersten Weltkrieges zuzuschreiben, aber auch schon vorher war die Lage ziemlich trostlos. Es wäre falsch, alles auf diesen vermaledeiten Konflikt zu schieben. Der Große Krieg war nicht die Ursache, er verschlimmerte den Zustand allerdings.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 11. November 2008 goss es in Kinshasa wie aus Eimern. Selbst nach äquatorialen Maßstäben herrschte extrem starker Regenfall. Nicht Tropfen fielen vom Himmel, sondern Glasröhrchen, flüssige Reagenzgläser. Der Verkehr kam zum Erliegen, unaufhörlich wurde gehupt, als sollten die Pfützen zum Trocknen aufgefordert werden, und der Innenhof des Maison des Anciens Combattants glich einem Schwimmbad. In den fünfziger Jahren war hier ein Freiluftkino, jetzt diente das Haus als Vereinslokal für Kriegsveteranen. Hier trafen sich täglich die ehemaligen Soldaten aus den vielen Kriegen, die der Kongo erlebt hat. »Es ist unglaublich«, sagte ein belgischer Soldat in Uniform zu mir, »nichts ist wasserdicht in diesem Land, überall regnet es herein, aber hier bleibt das Wasser einfach stehen.« Er schaute auf den gepflasterten Innenhof. Ein Dutzend Jugendliche versuchten, das Wasser mit Eimern wegzuschöpfen, doch fast ohne sichtbares Ergebnis. Das Wasser stand mindestens dreißig Zentimeter hoch. »Hier kann man verdammt noch mal Kois züchten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen strömten immer mehr Leute herbei. Frauen, in prachtvolle Tücher gewandet; die Absätze ihrer Pantoletten hinterließen kleine Kuhlen im Boden. Männer mit funkelnden Blasinstrumenten. Herren in Dreiteilern. Steinalte Soldaten in grüner Uniform. Natürlich, es war ihr Tag. Sie waren nicht mehr sehr zahlreich. Unter einem Vordach standen sie und begutachteten gegenseitig ihre Orden, nahmen sie einander weg. »Sayo? Da warst du nicht dabei. Gib her.« Unter unwirschem Gebrummel wanderten Auszeichnungen von einer Jacke auf die andere. Es dauerte eine ganze Weile, bis jeder, der ein wenig Rauschgold tragen wollte, tatsächlich versorgt war. André Kitadi sagte zu mir: »Keiner von ihnen war dabei. Von den Veteranen von 40-45 sind in Kinshasa nur noch vier am Leben.« Er war einer von diesen vieren, ich hatte ihn früher schon einmal interviewt. Er gab nichts auf Orden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Tag wurde der neunzigste Jahrestag des Waffenstillstandes des Ersten Weltkriegs begangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste warteten unter Schutzdächern, bis der Innenhof wieder trocken war. Die Zeremonie sollte um elf Uhr beginnen, aber es war schon halb eins. Schließlich rückte jemand mit einer Pumpe an. Eine halbe Stunde später hatten sie auch Diesel aufgetrieben, und nach einer weiteren Viertelstunde sprang der Motor an. Nach fünf Minuten geräuschvollem Schlürfen war der Innenhof trocken und der Hintergarten des Maison des Anciens Combattants ein Morast. Die Gedenkfeier konnte beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1914 war der Kongo wie Belgien neutral. Das lag auf der Hand: Beide Länder waren einmal als Pufferstaat zwischen rivalisierenden Großmächten gedacht gewesen. Die Neutralität des Kongo ergab sich aus der Schlussakte der Berliner Konferenz. Doch am 15. August 1914, elf Tage nach dem deutschen Angriff auf Belgien, war es damit vorbei. Vor dem Dorf Mokolubu auf der kongolesischen Seite des Tanganjikasees tauchte ein Dampfschiff auf. Es kam von der gegenüberliegenden, deutschen Seite. Das Schiff feuerte auf ein Ausflugslokal und versenkte fünfzehn Pirogen. Eine Abteilung deutscher Soldaten ging an Land und schnitt an vierzehn Stellen die Telefonkabel durch.58 Eine Woche später erfolgte ein Angriff auf den Hafen von Lukuga. So begann im Kongo der Erste Weltkrieg. Die territoriale Integrität war bedroht, das Neutralitätsgebot galt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kolonialismus war daran schuld, dass aus einem bewaffneten Konflikt in Europa ein Weltkrieg werden konnte. Auch große Teile Afrikas wurden in den Weltenbrand einbezogen. Die deutschen Kolonien in Ostafrika (später Ruanda, Burundi, Tansania) und Westafrika (später Togo, Kamerun und Namibia) grenzten auf allen Seiten an französischen, britischen, portugiesischen und belgischen Besitz. Belgisch-Kongo teilte im Nordwesten einige Dutzend Kilometer Grenze mit Kamerun, im Osten mehr als siebenhundert Kilometer mit Deutsch-Ostafrika. So war es nicht verwunderlich, dass Berlin schon seit geraumer Zeit Interesse an Belgisch-Kongo gezeigt hatte. Es wollte eine Brücke zwischen seinen östlichen und westlichen Kolonien schlagen, nicht zuletzt, um die britische Achse &#039;&#039;from Cape to Cairo&#039;&#039; zu brechen. War Kolonialisieren zudem nicht eine Aufgabe, die Großmächten zukam? Durfte man das überhaupt unbedeutenden Zwergstaaten wie Belgien überlassen?59 Noch 1914 wollte Deutschland mit Großbritannien über eine Aufteilung von Belgisch-Kongo verhandeln. Doch die Briten gingen nicht darauf ein, denn sie wussten nur allzu gut, dass das die Franzosen mit ihrem historischen Vorkaufsrecht auf den Kongo niemals schlucken würden.60 Indes fragte sich sogar in Belgien mancher, ob man den Hunger des Nachbarn im Osten nicht besser stillen sollte, indem man ihm die Hälfte des Kongo schenkte. Ein Gebiet von 680.000 Quadratkilometern Urwald, könnte das die teutonische Gefräßigkeit nicht dämpfen?61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es kam doch zum Krieg, auch in Afrika. Niemand dort wusste, wer Erzherzog Franz Ferdinand von Habsburg war und warum ein wohlgezielter Schuss in Sarajevo zu Gemetzeln in der Savanne führen musste, doch die Weißen sprachen mit großem Ernst darüber. Die Kriegshandlungen in Afrika hatten allerdings nichts mit den unverrückbaren Fronten des Stellungskrieges in Europa gemeinsam. Es gab keine kontinuierliche, eindeutige Front wie die Linie, die von der Nordsee bis zur Schweiz verlief. Es gab keine Schützengräben, keine Angriffe mit Senfgas, keine Stellungen, die untergraben und mit Dynamit gesprengt wurden, keine Weihnachtswaffenruhe mit Fußballspielen im Niemandsland. Die Dimensionen des afrikanischen Kontinents, die geringe Erschließung durch Straßen, der Mangel an Soldaten und die oft extrem unwegsame Topographie waren die Ursache für eine ganz andere Form der Kriegsführung. Nicht Gebiete wurden erobert, sondern strategisch wichtige Orte. Nicht geschlossene Fronten wurden durchbrochen, sondern örtliche Regimenter besiegt. Es wurden keine Zonen okkupiert, sondern Straßen kontrolliert. Die Intensität war viel geringer. In Deutsch-Ostafrika behauptete sich General von Lettow-Vorbeck vier Jahre lang mit einer Armee von dreitausend Deutschen und elftausend Afrikanern – in Verdun war das die Zahl der Gefallenen an einem einzigen Vormittag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung in Brüssel teilte dem Generalgouverneur mit, er dürfe die Force Publique einsetzen, um die Kolonie zu verteidigen. Später, als die belgische Regierung nach Le Havre ins Exil gegangen war, gab es eine intensive Kommunikation mit der Kolonialverwaltung in Boma. Doch nun war das keine politische Einbahnstraße Europa – Kongo mehr: Während Belgien nahezu vollständig von den deutschen Truppen überrannt wurde, blieb das Territorium der Kolonie während des gesamten Krieges so gut wie intakt. Das Verhältnis hatte sich plötzlich gewandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Truppen kämpften an drei Fronten: Kamerun, Rhodesien und in Deutsch-Ostafrika. In den ersten beiden Fällen waren die Kampfeinsätze relativ überschaubar. 1914 unterstützten sechshundert Soldaten und eine Handvoll weißer Kommandanten die Truppen der Entente im Kampf um Kamerun. Und ein Jahr später marschierten 283 kongolesische und sieben belgische Soldaten mit den britischen Kolonialtruppen auf, als die Deutschen Rhodesien bedrohten. Doch die weitaus größte Machtentfaltung fand im Osten der Kolonie statt. Im Kivu-Gebiet war die Grenze zwischen belgischem und deutschem Territorium erst 1910 festgelegt worden. Ab 1915 versuchten deutsche Truppen jedoch wiederholt, in den Kivu vorzudringen, um von dort aus zu den Goldminen von Kilo-Moto im Ituri-Wald vorzustoßen. Sie scheiterten, erlangten aber die Kontrolle über zwei der Großen Seen: den Tanganjikasee und den viel kleineren Kivusee. Mit ihren Kriegsschiffen, der Kingani, der Hedwig von Wissmann und vor allem der Graf Goetzen (tausend Tonnen schwer), patroullierten sie vor den kongolesischen Seeufern. Im Kivusee hatten sie sich der Insel Idjwi bemächtigt; das war der einzige Teil Belgisch-Kongos, der unter deutscher Besatzung stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf um den Tanganjikasee wurde zu einem der legendärsten Kämpfe im gesamten Ersten Weltkrieg. Von Südafrika aus schmuggelten britische Truppen die Einzelteile von zwei schnellen, wendigen Kanonenbooten an die Seeufer. Schiffe in Einzelteilen über Land tragen: das erinnerte an die Zeit Stanleys. Unter den Tarnnamen Mimi und Toutou spielten sie eine entscheidende Rolle bei der Schwächung der deutschen marinen Schlagkraft. Möglicherweise noch unvorstellbarer war die Initiative, die belgischen Kolonialtruppen am Tanganjikasee durch vier kleine Wasserflugzeuge zu verstärken. Die Luftfahrt befand sich noch in den Kinderschuhen, die koloniale Luftfahrt ohnehin. Niemand wusste, wie die leichten Maschinen bei tropischer Hitze reagieren würden. Niemand hatte Erfahrung mit der Luftfahrt in Zeiten des Krieges, geschweige denn mit zerbrechlichen Doppeldeckern, die vom Wasser aus starten sollten. Die vier Maschinen kamen in Einzelteilen per Schiff in Matadi an. Mit Eisenbahnzügen wurden sie nach Kinshasa transportiert und dort auf einen Frachter umgeladen, der sie nach Kisangani brachte. Einen Monat später erreichten sie Kalemie. Fünfhundert Tonnen Material, 53.000 Liter Treibstoff und Öl, vier Maschinengewehre und dreißigtausend Patronen. Da der Tanganjikasee wegen des Wellenganges nicht als Start- und Landebahn dienen konnte, brachte man die Flugzeuge zu einer geschlossenen Lagune in dreißig Kilometer Entfernung. Die Lagune war der Sicht des Feindes entzogen, und das Wasser kräuselte sich nur leicht. 1916 überflogen die Doppeldecker den Tanganjikasee mehrmals, vor allem mit dem Ziel, die Graf Goetzen zu bombardieren, was ihnen am 10. Juli auch gelang. (Doch das Schiff wurde nicht versenkt. Im Jahr 2010 ist es noch immer in Betrieb – als Fähre auf dem See, auf dem es als Kriegsschiff ein ruhmloses Ende fand.) Die Verteidigung des deutschen Uferstreifens und insbesondere des Städtchens Kigoma war gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen war die Infanterie nicht untätig. Der Kommandant der Force Publique, General Tombeur, stellte an der Ostgrenze des Kongo eine große Streitmacht auf – fünfzehntausend Soldaten, alle mit Gewehren und Munition ausgestattet. Logistisch gesehen muss es ein Albtraum gewesen sein, das ganze Material heranzuschaffen. Abertausende von Trägern erledigten den Transport. Für jeden Soldaten, der in den Kampf zog, wurden an die sieben Träger benötigt. Alles in allem traten während der vier Kriegsjahre 260.000 Träger an, und das bei einer Bevölkerung von nicht einmal zehn Millionen. Viele von ihnen waren nach einiger Zeit unterernährt. Trinkwasser war knapp. Sie tranken aus Tümpeln, sie tranken ihren eigenen Urin. Während sie über die Hochebene von Kivu mit ihren kühlen Nächten zogen, herrschte bitterer Mangel an Nahrungsmitteln, Zelten und Decken. Schätzungen zufolge kamen fünfundzwanzigtausend Träger um. Etwa zweitausend Soldaten verloren das Leben; auf dem Höhepunkt des Kampfes war die Streitmacht auf fünfundzwanzigtausend Soldaten angewachsen. Doch anders als beim Feldzug in den Sudan 1896 kam es trotz allem kaum zu Fahnenflucht oder Meuterei, teils, da die weißen Offiziere die afrikanischen Hilfstruppen mit mehr Milde behandelten, teils, da es ein Siegeszug wurde, aus dem die Soldaten Mut schöpften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1916 sah Tombeur den richtigen Zeitpunkt für den Angriff gekommen. Die Truppen überschritten die Grenze zu Deutsch-Ostafrika, und der Feldzug nach Kigali, der späteren Hauptstadt von Ruanda, begann. Am 6. Mai fiel die Stadt. Von dort aus ging es weiter nach Tabora, dem administrativen Knotenpunkt der deutschen Kolonie. Bis zu dieser Stadt waren es noch einmal sechshundert Kilometer Luftlinie, die zu Fuß bewältigt werden mussten, wieder mit mehreren zehntausend Trägern. Eine andere Kolonne machte sich von den Ufern des Tanganjikasees aus auf den Weg. Tabora war eine ansehnliche Stadt mit ein paar großen Hotels, Handelshäusern, Manufakturen und Werkstätten, zwölfhundert Meter über dem Meeresspiegel auf einer offenen, kargen Ebene gelegen. Der Kampf um Tabora bildete den Höhepunkt der belgischen Kolonialkämpfe im Ersten Weltkrieg. Am 19. September, nach zehn Tagen und Nächten heftiger Kämpfe, fiel die Stadt in die Hände der Truppen von Belgisch-Kongo. Die deutschen Einheiten flohen; auf ihrem Fort wehte nun die belgische Trikolore. Ein Jahr später, 1917, führte die Force Publique von dort aus einen erfolgreichen Feldzug nach Mahenge, noch einmal fünfhundert Kilometer weiter in Richtung Mosambik, und kontrollierte nun ein Drittel von Deutsch-Ostafrika. Einige Truppenteile stießen sogar bis zum Indischen Ozean vor, aber Tabora war der Name, den damals jeder kannte. General Tombeur wurde in den Adelsstand erhoben – sein neuer Name lautete, auf einmal recht passend, Tombeur de Tabora –, und in Saint-Gilles bei Brüssel wurde ein stilisiertes Denkmal für ihn errichtet. Im Kongo bekam Tabora den Beiklang einer mythischen Eroberung, von der noch Generationen Schulkinder hören sollten. »[König] Albert gibt Acht auf den Feind«, sangen die Schüler der Maristenpatres in Kisangani, »Mit großer Wachsamkeit / In Europa und in der Stadt Tabora / Behält er sie im Auge.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Martin Kabuya, der 92-jährige ehemalige Soldat, dessen Großvater während des Sudanfeldzuges lebendig begraben worden war, war zwei Jahre alt, als der Krieg endete. Sein anderer Großvater, mütterlicherseits, hatte den Kampf aus der Nähe miterlebt. Als wir an einem glutheißen Tag in seinem Garten saßen, erzählte er mir: »Mein Großvater hieß Matthias Dinda und war 1898 geboren. Er war ein Zande aus dem Norden des Kongo. Unser Stamm kommt ursprünglich aus dem Sudan, wir sind eigentlich alle Sudanesen. Er war sehr stark, er jagte Leoparden. Er trat in die Force Publique ein und wurde &#039;&#039;soldat de première classe&#039;&#039;, der höchste Rang für einen Schwarzen. Von Goma aus marschierte er in Ruanda ein, und in Burundi und in Tansania, in all die deutschen Gebiete. Er war dabei, als Tabora fiel.« Er schwieg einen Moment. Eine Eidechse mit orangefarbenem Kopf huschte über die Mauer. »Mein Großvater war ein Freund des Mannes, der dort die Fahne gehisst hat. Er gab ihm damals sogar Deckung. Er war ein sehr großer Kämpfer.«63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kabuya sah ich bei der Gedenkfeier zum Waffenstillstand in der Maison des Anciens Combattants wieder. Die Gäste, es waren mehrere Dutzend, nahmen auf dem inzwischen trockenen Innenhof Platz. Er saß ganz vorn bei den Veteranen. Man hatte Gartenstühle aus Plastik für sie bereitgestellt. Ein Podium mit schickeren Stühlen füllte sich mit militärischen und zivilen Würdenträgern. Als die Blaskapelle die belgische und die kongolesische Nationalhymne anstimmte, sprangen alle auf, und die Soldaten und Offiziere salutierten minutenlang. Es war wirklich ergreifend: Waffenstillstand feiern in Kinshasa, während im Osten des Landes Laurent Nkundas Rebellen ihre heftigste Offensive führten. Einer der Veteranen von 40-45 sagte bei seiner Ansprache: »Das erfüllt uns mit Empörung und Abscheu. Wenn wir noch in dem Alter von 1940 wären, würden wir zu den Waffen greifen und die Unruhestifter entwaffnen.«64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Ansprachen war es Zeit für die alljährliche &#039;&#039;remise des cadeaux&#039;&#039;, das Verteilen der Geschenke. Der Vorsitzende eines Veteranenvereins bekam von einem Vize-Minister einen Kühlschrank geschenkt, ein anderer Ordensträger empfing vom belgischen Militärattaché zehn Kilo Maniokmehl, aber das bedeutendste Geschenk – ein Ghettoblaster, importiert aus China – erhielt eine alte, zerbrechlich wirkende Frau, die schlicht als &#039;&#039;»la veuve«&#039;&#039; aufgerufen wurde. Ihr Name war Hélène Nzimbu Diluzeyi, sie war 94 Jahre alt und die letzte Witwe eines Kriegsveteranen aus dem Ersten Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Festakt gab es Bier, Cola und Häppchen. Eine kleine Band spielte sicher eine halbe Stunde lang das Stück »Ancien combattant« von Zao, einem Sänger aus Kongo-Brazzaville, vielleicht der schönste Song der kongolesischen Popmusik. &#039;&#039;»La guerre, ce n&#039;est pas bon, ce n&#039;est pas bon«&#039;&#039;, ertönte es. Die betagten Soldaten begannen auf dem Innenhof zu tanzen. Manche bewegten sich vorsichtig im Takt der Musik, andere spielten Krieg: Jemand hielt einen Regenschirm wie ein Gewehr und tat so, als schieße er, ein anderer ließ sich in Zeitlupe zu Boden fallen, zuckte mit allen Gliedern zur Musik und stellte sich dann tot. La veuve schaute amüsiert zu, klatschte in die Hände und lachte hin und wieder schallend über die brillante Pantomime.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als das Fest dem Ende zuging, brachte ich sie nach Hause. Sie wohnte in dem Viertel Kasa-Vubu. Auf den schlammigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; lavierten wir um ausgedehnte Pfützen herum. Sie klammerte sich an meinen linken Arm, unterm anderen Arm trug ich den Riesenkarton mit dem Ghettoblaster. Es war das erste Mal, dass ich Arm in Arm mit der Witwe eines Kriegsveteranen ging. Auf dem kleinen Hof setzten wir uns unter die voll bestückte Wäscheleine. Kinder und Enkelkinder kamen hinzu. Ihr Sohn dolmetschte. »Mein Mann hieß Thomas Masamba Lumoso«, begann sie, »er wurde 1896 geboren. Als er zehn war, kam er nach Kin. Die evangelischen Missionare brachten ihm Englisch bei, danach gaben sie ihn der Armee. Dort bekam er eine Kampfuniform. In Khaki.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nein, Mama, das war viel später. Damals trugen sie noch eine blaue Uniform mit rotem Fes.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? &#039;&#039;En tout cas&#039;&#039;, er war achtzehn, als der Krieg anfing. Er war bei der TSF, als Korporal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
TSF, fiel mir ein, das war die &#039;&#039;télégraphie sans fil&#039;&#039;, die Funkverbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er ging dahin, wo Krieg war. Überall. Aber er wurde nie verwundet. Gott hat ihn sehr beschützt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, pflichtete ihr Sohn ihr bei, »und er sprach viele Sprachen. Swahili, Kimongo, Mbunza, Tschiluba, Kinzande, aber auch Flämisch, Französisch, Englisch und durch den Krieg sogar ein bisschen Deutsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deutsch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so was wie &#039;&#039;Guten Tag! Wie geht&#039;s? Danke schön!.&#039;&#039; Ich weiß nicht, was es bedeutet, aber das hat er immer gesagt.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das einzige Mal bei meinen zehn Reisen durch den Kongo, dass ich jemandem begegnete, der deutsche Wörter kannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abends sah ich bei seinem anderen Sohn, Oberst Yoka, noch ein Foto des Kriegsveteranen. In Uniform, mit Orden und sehr ernstem Gesicht. In einem Rapport von 1921 war er als »aktiv und aufrichtig« bezeichnet worden. Aber das interessanteste Dokument über seinen Vater, das mir Oberst Yoka zeigte, war ein Brief von dessen belgischem Oberstleutnant: »Der vorerwähnte Masamba aus dem Dorf Lugosi war als Ordonnanz im Dienste der TSF vom 9. August 1914 bis zum 5. Oktober 1918.« Unterzeichnet, am 7. Oktober 1918, von einem gewissen Vancleinghem, soweit sich die Handschrift entziffern ließ. Die Daten waren aufschlussreich: Die Dienstzeit dieses Soldaten entsprach ja voll und ganz der Dauer des Ersten Weltkrieges. Fünf Tage nach Kriegsbeginn trat er in Dienst, und einen Monat vor dem Waffenstillstand war seine Militärzeit beendet.66 Der letzte Veteran war auch der Soldat mit der längsten Dienstzeit gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Weltkrieg hatte nicht nur Folgen für die Männer der Force Pu­blique. In den Bergwerken von Katanga waren die Kumpel nicht untätig. Der Abbau lief unter Hochdruck. Die finanziellen Verbindungen mit Brüssel waren zwar gekappt, aber die Nachfrage nach Kupfer nahm durch den Krieg dramatisch zu. Der Umfang der kolonialen Exporte stieg von 52 Millionen belgischer Franc 1914 auf 164 Millionen im Jahr 1917.67 Die britischen und amerikanischen Granaten in Passendale, Ypern, Verdun und an der Somme hatten Messingummantelungen, die zu 75 Prozent katangesisches Kupfer enthielten. Teile ihrer Geschütze bestanden aus reinem, gehärteten Kupfer. In den aus Neusilber bestehenden Patronenhülsen der Gewehrmunition war zu 80 Prozent Kupfer verarbeitet. Torpedos und Schiffsinstrumente wurden aus Kupfer, Bronze und Messing gefertigt.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch außerhalb der großen Industriegebiete bekamen viele Kongolesen zu spüren, dass Krieg herrschte. In der Provinz Orientale wurden Bauern gezwungen, Reis für die Truppenversorgung anzubauen. Andernorts verpflichtete die Regierung die Bevölkerung zum Baumwollanbau; das kam dem Export zugute, aber auch den lokalen Textilfabriken. Es entstand ein ganzes System von &#039;&#039;cultures obligatoires&#039;&#039;, dem von der Regierung vorgeschriebenen Pflichtanbau von Gewächsen. Das rührte viele unangenehme Erinnerungen auf. Nkasi und Lutunu haben in ihren Dörfern in Bas-Congo vielleicht wenig vom Krieg gemerkt, doch für viele Kongolesen im Landesinneren bedeutete er ein schweres Joch. Und wie es öfter in der Geschichte des Kongo der Fall war, nahm der Protest dagegen eine religiöse Form an.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1915 hatte im Ekonda-Gebiet in der Provinz Équateur eine Frau namens Maria Nkoi eine mystische Erfahrung. Sie gewann die Überzeugung, Heilkräfte zu besitzen und prophetische Pflichten erfüllen zu müssen. Fortan war sie bekannt als &#039;&#039;Marie aux Léopards&#039;&#039;, Marie mit den Leoparden.70 Sie behandelte Kranke und predigte ihren Glauben. Zugleich rief sie zur Revolte gegen die Kolonialmacht auf und weissagte, dass der Kongo bald von den &#039;&#039;»djermani«&#039;&#039;, den Deutschen, befreit würde.71 Mit ihren aufrührerischen Reden brachte sie die lokale Verwaltung gegen sich auf, und sie wurde verhaftet. Ihre Geschichte erinnert an die von Kimpa Vita, die 1704 in den Ruinen der Kathedrale von Mbanza Kongo eine alternative Form des Christentums gepredigt hatte und deshalb ebenfalls verfolgt worden war. Auch damals befand sich die europäische Macht in einer Krise, auch damals fürchtete man sich vor den Folgen einer religiösen Erweckungsbewegung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Befreit werden von den Deutschen? Daran wagten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana nun doch zu zweifeln. Die Deutschen hatten sie doch verflixt noch mal gefangen genommen! Kudjabo und Panda hatten zu dem sehr kleinen Kreis von Kongolesen gehört, die im Ersten Weltkrieg in Belgien kämpften. Bereits 1912 war ein Mann namens J. Droeven in die belgische Armee eingetreten; er war der Sohn eines belgischen Büchsenmachers, der 1910 im Kongo ermordet worden war, und einer Afrikanerin. Dieser &#039;&#039;métis&#039;&#039; war der erste Farbige in der belgischen Armee, aber noch keine drei Monate nach Kriegsbeginn desertierte er und führte ein ausschweifendes Leben in den Schänken von Paris.72 Kudjabo hingegen gehörte zu einem kongolesischen Freiwilligenkorps, das sich 1914 zu den bedrängten belgischen Streitkräften gemeldet hatte.73 Der überwiegende Teil des Korps bestand aus ehemaligen Soldaten der Kolonialtruppe; das Kommando führte Oberst Chaltin. Sie waren die einzigen Belgier mit Kriegserfahrung; sie hatten während der sogenannten arabischen Kampagne und der Sudan-Feldzüge gekämpft. Doch auch das nützte nichts. Sie sollten dabei helfen, die Stadt Namur gegen die vorrückenden deutschen Truppen zu verteidigen, konnten aber nicht viel ausrichten. Das deutsche Heer rollte wie eine Dampfwalze über Belgien hinweg, und der 21-jährige Albert Kudjabo geriet, zusammen mit Paul Panda, in Gefangenschaft. Als Kriegsgefangener landete er in Berlin, unter Soldaten aus allen Gegenden der Welt. Einige Völkerkundler und Philologen fanden diese unversehens entstandene ethnographische Ansammlung recht interessant. Sie gründeten die »Königlich Preußische Phonographische Kommission« und machten fast zweitausend Sprachaufnahmen all dieser Exoten. Albert Kudjabo durfte ein Lied singen. Er trommelte, pfiff und redete in seiner Muttersprache.74 Diese Aufnahmen sind bewahrt geblieben. Es hat etwas Anrührendes: Der einzige Soldat im Dienst der belgischen Armee im Ersten Weltkrieg, dessen Stimme wir noch kennen, ist ein Kongolese.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen des Ersten Weltkrieges für Belgisch-Kongo waren gravierend. Zunächst in territorialer Hinsicht. Auf der Versailler Konferenz wurde 1919 beschlossen, die deutschen Kolonien unter den Siegermächten zu verteilen. Kamerun und Togo wurden französisch und britisch, Deutsch-Ostafrika britisch und Namibia wurde dem britischen &#039;&#039;Dominion&#039;&#039; Südafrika anvertraut. Belgien wurde das Mandat über zwei winzige Länder an der Ostgrenze des Kongo übertragen, die historischen Königreiche Ruanda und Burundi (damals noch Urundi). 1923 bestätigte der Völkerbund diese Mandatsgebiete. Auf dem Papier war ein Mandatsgebiet keine Kolonie, in der Praxis machte es kaum einen Unterschied. Auch hier wandte man das rigide und erst vor einiger Zeit entwickelte Begriffssystem der Anthropologie an. Auch in den Mandatsgebieten, so erklärte man, gebe es »Rassen«. Die waren absolut: jemand war entweder Tutsi oder Hutu oder Twa (Pygmäe). Seit den dreißiger Jahren wurde das auch im Pass vermerkt. Dass die Grenzen zwischen diesen tribalen Gruppen jahrhundertelang diffus gewesen waren, wurde dabei nicht berücksichtigt. Diese Nachlässigkeit sollte in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verheerende Folgen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kongo bedeutete der Krieg eine Art Pause-Knopf für die Sozialgeschichte. Die halbherzigen Bemühungen, die Lage der einheimischen Bevölkerung durch die Schaffung besserer Unterkünfte bei den Bergwerken oder durch groß angelegte Kampagnen gegen die Schlafkrankheit zu verbessern, wurden auf die lange Bank geschoben. Die Volksgesundheit war nach diesen vier aufreibenden Jahren erneut in einem äußerst prekären Zustand. Als 1918-1919 die Spanische Grippe weltweit fünfzig bis hundert Millionen Opfer forderte, waren darunter eine halbe Million Menschen im Kongo. »Die Spanische Grippe«, sagte der 92-jährige Kabuya zu mir, »daran sind viele gestorben.« Es war wie beim Bevölkerungsschwund von 1905. Der Pause-Knopf war eine Rückspultaste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sichtweise der Belgier hatte sich jedoch durchaus etwas verändert. Zum ersten Mal betrachteten sie die Lage der Kongolesen mit Mitgefühl. Man sah ein, dass sie wegen eines Krieges, der nicht der ihre war, viel erlitten hatten. Zudem hatte die Kriegserfahrung unter den Soldaten ein Gefühl der Brüderschaft bewirkt. Ein belgischer Offizier der Force Publique äußerte sich darüber in den höchsten Tönen: »Nein, diese Männer, die haben gekämpft, gelitten, gehofft, sich gesehnt, sich durchgebissen und gesiegt, mit uns, für uns, wie wir, das sind keine . . . das sind nicht mehr Wilde oder Barbaren. Wenn sie uns im Leid und im höchsten Opfer ebenbürtig sein konnten, dann müssen sie, dann werden sie das auch in puncto Kultur werden.«76 Die Soldaten der Force Publique hatten großen Mut und Loyalität bewiesen, selbst in schwierigsten Situationen. Das nötigte zu größerer Milde und, ja, größerer Anteilnahme am Schicksal der Afrikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kongolesen war es jedoch eine ambivalente Erfahrung. Viele Soldaten identifizierten sich mit den unverkennbaren militärischen Erfolgen der Belgier. Der Siegesrausch schmeckte süß und schmiedete neue Bande, die zweifellos aufrichtig und herzlich waren. Die Belgier konnten durch die Luft fliegen und auf dem Wasser landen! Aber die Kriegsanstrengungen waren für viele einfache Kongolesen eine zentnerschwere Last. Zudem, und das war am ernüchterndsten, hatten sie erlebt, wie die Weißen, die ihnen beigebracht hatten, nicht mehr zu morden und keine Stammeskriege mehr zu führen, einander vier Jahre lang aus nebulösen Gründen mit einem Ehrfurcht gebietenden Waffenarsenal nach dem Leben getrachtet hatten in einem Konflikt, der mehr Tote forderte als sämtliche Stammeskriege, an die sie sich erinnern konnten. Und das wirkte sich dann doch auf den Respekt aus, den sie ihnen entgegenbrachten. Er bröckelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 4 Im Klammergriff der Angst ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zunehmende Unruhe und gegenseitiges Misstrauen in Friedenszeiten 1921-1940 ===&lt;br /&gt;
Die großen gesellschaftlichen Umwälzungen, die in den ersten Jahrzehnten Belgisch-Kongos in Gang gekommen waren, setzten sich in der Zwischenkriegszeit unvermindert fort. Die Industrie gewann rasant an Fahrt. Immer mehr Menschen verließen ihre Dörfer und verdingten sich als Arbeitskräfte. Die ersten Städte entstanden. Stämme vermischten sich dort, neue Lebensstile kamen auf. Am Sonntagnachmittag ging man tanzen zur Musik von Tino Rossi, während die vorige Generation noch zum Rhythmus des Tamtam getanzt hatte. Aber auch auf dem Land stand die Zeit nicht still. Das während des Ersten Weltkrieges eingeführte System des Pflichtanbaus wurde nun überall angewandt. Die Missionsstationen dehnten ihren Zugriff auf die Seelen der Bevölkerung aus. Schulen und Krankenhäuser wurden auch an abgelegenen Orten errichtet. Die Teams zur Bekämpfung der Schlafkrankheit zogen bis in die kleinsten Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gesehen stand alles im Zeichen einer Expansion, ein Prozess, der sowohl den Kolonisatoren als auch den Einheimischen nutzte. So stellte man es jedenfalls gern dar. »Seit dem Weltkrieg 1914-1918 wurde die Ruhe im Kongo nie empfindlich gestört«, schrieb ein katholischer Schulleiter aus der tiefsten flandrischen Provinz. »Ein paar kleine, unbedeutende Krawalle, nicht selten durch Geheimsekten und Hexer angestachelt, konnten manchmal ein begrenztes Gebiet unsicher machen. (. . .) Das &#039;&#039;Bula-Matari&#039;&#039;, so bezeichnen die Eingeborenen die belgische Verwaltung im Kongo, kann im Allgemeinen auf die Fügsamkeit und den Respekt der Neger vor der angestammten Obrigkeit bauen, jedenfalls, solange die Staatsdiener selbst die &#039;&#039;Anforderungen an einen guten Kolonialbeamten&#039;&#039; beachten und sich durch ein &#039;&#039;geordnetes und sittliches Leben&#039;&#039;, durch &#039;&#039;ernsthafte Menschenliebe&#039;&#039; und &#039;&#039;energische Willenskraft&#039;&#039; auszeichnen.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war nun maßlos übertrieben. Die Kolonialbeamten mochten noch so viel ernsthafte Menschenliebe und energische Willenskraft an den Tag legen, aber dem wachsenden Unmut unter der einheimischen Bevölkerung vermochten sie nicht die Stirn zu bieten. Es handelte sich nicht um »ein paar kleine, unbedeutende Krawalle«, die »ein begrenztes Gebiet« aufstörten, sondern um signifikante Volkserhebungen, die sich – trotz rigoroser Unterdrückungsmaßnahmen der Kolonialregierung – über große Teile der Kolonie erstrecken konnten. Das plötzliche Unabhängigkeitsfieber, das sich ab 1955 manifestierte, war ganz und gar nicht neu, sondern hatte eine sehr lange Vorgeschichte. Um das zu verstehen, müssen wir zuerst Nkasis jüngerem Bruder einen Besuch abstatten. Und dem Heiligen Geist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottes Wege sind unergründlich, und die Wege und Straßen, die zum Heiligen Geist führen, sind erbärmlich, vor allem, seit er in Nkamba ansässig ist. Von Kinshasa nach Mbanza-Ngungu, dem früheren Thysville, ist die Straße ausgezeichnet. Vor einigen Jahren taten sich Europäer und Chinesen zusammen, um den Kongo mit wenigstens einer ordentlichen Straße auszustatten, die Route, die Kinshasa mit der Hafenstadt Matadi verbindet. Doch sobald wir diese Hauptstraße verlassen, befinden wir uns auf einer Sandpiste, und aus der Sandpiste wird Morast, sodass wir nur noch im Schneckentempo vorankommen. Von Mbanza-Ngungu nach Nkamba sind es achtzig Kilometer, für die wir drei Stunden brauchen. Ein Rekordtempo, erfahren wir später. Die Straße nach Nkamba ist nun wirklich kein &#039;&#039;dirt track&#039;&#039;, wo nur ganz selten einmal ein Auto entlangfährt. Alljährlich sind hier Abertausende von Pilgern unterwegs zu ihren spirituellen Wurzeln. Sie sprechen nicht von Nkamba, sondern von der Heiligen Stadt oder &#039;&#039;la nouvelle Jérusalem&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba kam am 24. September 1889, einige Jahre nach Nkasi, Simon Kimbangu zur Welt. Seine Kinder- und Jugendzeit unterschied sich kaum von der seiner Altersgenossen, doch er sollte als ein wichtiger Prophet in die Geschichte eingehen. Nur wenigen ist es beschieden, dass eine Religion nach ihnen benannt wird, Simon Kimbangu aber durfte sich in eine Reihe stellen mit Christus und Buddha: Der Kimbanguismus ist im Kongo noch heute eine lebendige Religion, zu der sich zehn Prozent aller Gläubigen im Land bekennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hatte es mir selbst erzählt: »Kimbangu, das war keine Zauberei. Er war von Gott gesandt. Ein sechzehnjähriges Mädchen, das schon vier Tage tot war, hat er wieder zum Leben erweckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen und Kolonisatoren hörten von diesem merkwürdigen Mann zum ersten Mal 1921, im Jahr der angeblichen Wiederauferstehung, Nkasi aber kannte ihn schon viel länger. Sie stammten aus derselben Gegend. Nkamba und Ntimansi, ihre Heimatdörfer, lagen in Gehweite voneinander entfernt. »Ach . . . wann habe ich ihn zum ersten Mal gesehen? Bon . . . Simon Kimbangu kannte ich schon in den achtzehnhunderter Jahren. Wenn er sagte: ›Jetzt geht es nach Brüssel«, dann war er auch eine Sekunde später in Brüssel. Und er hat auch meinen jüngeren Brüder geheilt!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Straße ist miserabel, aber in der Heiligen Stadt anzukommen entschädigt für die Strapazen. Die Gegend ist hügelig. In den Tälern rauschen Eukalyptusbäume und spenden angenehmen Schatten. Nkamba selbst liegt auf einer Anhöhe mit weiter Aussicht über Bas-Congo. Es weht eine erfrischende Brise. Allerdings kommt man nicht einfach so hinein. Akkreditierungen und Passierscheine aus Kinshasa und ein junger Adept aus Mbanza-Ngungu sind erforderlich, um durch die drei Straßensperren zu gelangen, die von kimbanguistischen Ordnungskräften bewacht werden. Etwas an ihnen ist merkwürdig: Sie tragen tadellose Uniformen mit Litzen und auf dem Kopf grüne Barette, aber sie tragen keine Schuhe. Weder Stiefel noch Sandalen, nichts. Kimbanguisten lehnen jede Art von Fußbekleidung ab. Einmal im Ort, ist man von der Ruhe und Friedfertigkeit überwältigt. Der Kimbanguismus ist die kongolesischste aller Religionen, und gleichzeitig hat man das Gefühl, in einem anderen Land zu sein. Alle hier gehen barfuß und sind einfach gekleidet, Rundfunkgeräte und Stereoanlagen sind verboten. Niemand ist laut, Alkohol ist tabu. Was für ein Kontrast zu Kinshasa mit seinem extravaganten Kleidungsstil, dem ewigen Gerufe und Geschimpfe, dem Gedränge und Geschubse bei den Taxibussen, dem Gehupe und dem Geplärre aus geborstenen Lautsprechern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das auffälligste Gebäude ist der Tempel, ein gewaltiges, rechteckiges Bauwerk in eklektizistischem Stil, zwischen 1986 und 1991 von den Gläubigen errichtet. In kaum fünf Jahren solch ein Bauwerk zu realisieren, darf als Leistung bezeichnet werden. Davor steht das Mausoleum von Simon Kimbangu und seinen drei Söhnen. Anfangs als Prophet angebetet, genießt der Gründer heute göttlichen Status. Inzwischen gilt dieser Status auch für seine drei Söhne, die nichts weniger als die Verkörperung der Heiligen Dreifaltigkeit sein sollen. Eine junge Kimbanguistin hat es mir einmal in Kinshasa am Rand eines Swimmingpools erklärt. Ich besitze noch immer den Zettel, auf dem sie mir alles aufschrieb. »Kisolokele, geboren 1914 = Gottvater; Dialungana, geboren 1916 = Jesus Christus; Diangienda, geboren 1918 = Heiliger Geist.« Weihnachten feiern die Kimbanguisten nicht mehr am 25. Dezember, sondern am 25. März, dem Geburtstag des mittleren Sohnes. Als der Gründer 1951 starb, übernahm Diangienda Kintuma, der Jüngste der drei, die spirituelle Leitung der Bewegung. Für sehr lange Zeit: von 1954 bis 1992. Heute hat sein Enkel diese Funktion inne, Papa Simon Kimbangu Kiangani, doch die Thronfolge verlief nicht ohne Konflikte. Auch sein Cousin Armand Diangienda Wabasolele, ein anderer Enkel des Propheten, fühlte sich als spiritueller Leiter der kimbanguistischen Kirche berufen, und das führte, neben einem Schisma, zu großem musikalischen Wetteifer. Die Kimbanguisten legen viel Wert auf Musik: Neben wundervollen Chorgesängen gehört zu ihrer Liturgie der ausgiebige Einsatz von Instrumenten. In Kinshasa steht der ehemalige Thronprätendent an der Spitze eines zweihundertköpfigen Symphonieorchesters, in Nkamba glänzt der Cousin, der heutige spirituelle Führer, mit seinem Philharmonieorchester. Ich habe einmal ein Freiluftkonzert des Symphonieorchesters in Kinshasa besucht: Keine Ahnung, wie sie in dieser kaputten Stadt an ihre funkelnden Instrumente kamen, aber ihre &#039;&#039;Carmina Burana&#039;&#039; war eine Dampfwalze, die die Huperei in der abendlichen Rushhour mühelos übertönte. Wie dem auch sei, heute ist es Simon Kimbangu Kiangani, der als der Heilige Geist angebetet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf das ziemlich wörtlich nehmen. Am Ende des Tages setze ich mich auf den Platz vor der Kathedrale, um am Abendgebet teilzunehmen. Ich sitze mit dem Rücken zur offiziellen Residenz des Kirchenoberhaupts. Rechts von mir sehe ich das monumentale Portal. Die Säulen sind mit farbenprächtigen Stoffen umspannt, auf dem Betonboden liegen Teppiche, darauf steht in der Mitte ein Thron. Eine Kapelle bläst muntere Marschmusik. Die Musiker tragen weiß-grüne Uniformen und marschieren auf der Stelle. Obwohl der Kimbanguismus eine ausgesprochen friedfertige Religion ist, strotzt er vor militärischen Reminiszenzen. In den Anfängen war das noch nicht so, aber in den dreißiger Jahren schaute man sie sich von der Heilsarmee ab, einer christlichen Organisation, die damals, anders als die Kimbanguisten, nicht verboten war. Manche der Gläubigen dachten, das S an der Uniform der Heilsarmisten stehe nicht für »Salut«, sondern für »Simon«, und fanden Gefallen an der militärischen Liturgie. Heute ist Grün noch immer die Farbe des Kimbanguismus, und militärisch anmutende Blaskapellen untermalen mehrmals am Tag die Andachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sind im Übrigen sehr beeindruckend. Es ist ein ruhiger Montagabend, als ich dort bin. Während die Marschmusik gar kein Ende nimmt, zuerst die Blechblasinstrumente, dann die Querflöten, stellen sich die Gläubigen an, um vom Kirchenoberhaupt gesegnet zu werden. In Vierer- oder Fünfergruppen knien sie vor dem Thron. Der spirituelle Leiter selbst steht. Er trägt einen grauen Anzug mit kurzen Ärmeln und graue Socken. Auch er trägt keine Schuhe. In der Hand hält er eine Plastikflasche, die mit Weihwasser aus dem »Jordan« gefüllt ist, einem kleinen Fluss in der Nähe. Die Gläubigen knien nieder und lassen sich vom Heiligen Geist besprengen. Kinder öffnen den Mund und bekommen einen Schluck Weihwasser hineingespritzt. Ein junger Mann, der taub ist, bittet darum, Wasser auf die Ohren gespritzt zu bekommen. Eine alte Frau, die schlecht sieht, lässt sich die Augen beträufeln. Hinkende zeigen ihre schmerzenden Fußgelenke. Väter halten Kleidungsstücke ihrer kranken Kinder in der Hand. Mütter zeigen Fotos ihrer Familie, damit das Kirchenoberhaupt sie kurz berührt. Die Schlange scheint schier unendlich. Im Durchschnitt wohnen zwei- bis dreitausend Menschen in Nkamba, dazu kommt noch eine große Zahl von Pilgern und Gläubigen, die für eine Weile zur inneren Einkehr hier sind. Menschen aus Kinshasa und Brazzaville, aber auch aus Brüssel und London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausende und Abertausende, und das jeden Abend. Einem Außenstehenden mag es als bizarre Zeremonie erscheinen, doch im Grunde unterscheidet es sich nicht von der langen Prozession der Gläubigen, die seit mehr als einem Jahrhundert jeden Abend an einer Grotte in den französischen Pyrenäen vorbeiziehen. Auch dort kommen die Menschen von nah und fern zu einem Ort, an dem sich der Überlieferung nach außergewöhnliche Begebenheiten abgespielt haben, auch dort lechzt man nach Heilung und Wundern, auch dort setzt man seine ganze Hoffnung auf ein Fläschchen Quellwasser. Es handelt sich um Volksfrömmigkeit, und die besagt in der Regel mehr über die Verzweiflung des Volkes als über göttliche Gnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zeremonie unterhalte ich mich bei einer einfachen Mahlzeit mit einer sehr beeindruckenden Frau, die den Kongo als Flüchtling verlassen hatte und nun schon seit Jahren Psychiatrie-Krankenschwester in Schweden ist. Sie liebt Schweden, aber auch ihren Glauben. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kommt sie einmal im Jahr nach Nkamba, um aufzutanken, vor allem jetzt, wo sie einige Probleme mit ihrem pubertierenden Sohn hat. Sie hat ihn mitgebracht. »Ich kehre immer ganz ausgeglichen nach Schweden zurück«, sagt sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag treffe ich endlich Papa Wanzungasa, Nkasis jüngeren Bruder, wegen dem ich nach Nkamba gekommen bin. Er ist nur hundert Jahre alt, und noch immer aktiv. Was für eine Familie! Sein sechzigjähriger Neffe sieht aus wie 45, sein Bruder ist mit seinen 126 einer der ältesten Menschen überhaupt, und er selbst ist noch immer ein Mitglied des höheren Klerus in Nkamba und erster Stellvertreter, wenn es um Evangelisation, Finanzen, Bauvorhaben und Ausstattungsfragen geht. Er ist bereits seit 1962 als &#039;&#039;Pasteur No 1&#039;&#039; der kimbanguistischen Kirche eingetragen. 1921, als das öffentliche Leben von Simon Kimbangu begann, war er ein Junge von dreizehn. Kimbangu war damals einunddreißig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein einziges Gebiet des Kongo war so stark von der Ankunft der Europäer betroffen wie Bas-Congo. Die Sklaverei war abgeschafft worden, die Nachfrage nach Trägern und Eisenbahnarbeitern hatte die traditionellen Strukturen aufgebrochen, Bauern mussten Maniok und Erdnüsse für die Kolonialherren anbauen, Geld und Steuern wurden eingeführt. Europäer beteuerten immer wieder, dass sie den Kongo erschließen und zivilisieren wollten, aber für Afrikaner waren die direkten Auswirkungen verheerend. Schlafkrankheit und Spanische Grippe hatten schätzungsweise zwei von drei Bewohnern getötet, und die europäische Medizin hatte sich als machtlos erwiesen. Das führte zu tiefem Misstrauen bei der lokalen Bevölkerung: Die Weißen brachten eher Krankheit als Heilung. Simon Kimbangu war von britischen Baptisten in der Missionsstation von Gombe-Lutete getauft worden, zwölf Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt, und wurde dort zum Katecheten ausgebildet. 1919 ging er, wie Nkasi, zur Arbeitssuche nach Kinshasa. Er versuchte sich dort als Arbeiter bei den &#039;&#039;Huileries du Congo Belge&#039;&#039; von William Lever, doch das ging nicht gut. Aber er geriet in eine Welt von Afrikanern, die Reisen unternommen hatten und rechnen und schreiben konnten. Tausende schwarzer Arbeiter waren im Dienst von etwa zwanzig Unternehmen. In jener Zeit hörte er bereits Stimmen und hatte Visionen, die ihn zu großen Taten aufforderten. Vorerst leistete er ihnen noch nicht Folge. Erst als er nach einem Jahr in sein Dorf zurückkehrte und tief enttäuscht feststellen musste, dass die britischen Baptisten jemand anders zum offiziellen Katecheten ernannt hatten, sollte sich das ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 6. April hörte er, wie sich Leute über Kintondo unterhielten, eine Frau, die schwer krank war. Er ging zu ihr, mit einem Hut auf dem Kopf und einer Pfeife im Mund, man könnte fast sagen: als Missionar. Er legte ihr die Hände auf und gebot der todkranken Frau, aufzustehen, was sie der Überlieferung zufolge am nächsten Tag auch tat. Das Gerücht von der Wunderheilung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Geschichten wurden immer phantastischer. In den darauf folgenden Wochen sollte Kimbangu einen Lahmen, einen Tauben und einen Blinden geheilt haben. Ja, er ließ sogar ein Mädchen, das bereits vor einigen Tagen gestorben war, vom Tode auferstehen! Hier war endlich jemand, der viel mächtiger war als die Weißen mit ihren Spritzen gegen die Schlafkrankheit, von denen man nur noch kränker wurde. Die Erlösung war nahe. Im weiten Umkreis ließen die Menschen ihre Äcker und Felder im Stich und eilten nach Nkamba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch die Eltern von Nkasi und Wanzungasa. Nkasi schaufelte damals in Kinshasa Erde, aber sein Bruder erlebte alles aus nächster Nähe mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir nehmen in den grünen Ledersesseln im repräsentativen Empfangsraum von Nkamba Platz, um über diese ferne Vergangenheit zu reden. Wie es sich für einen Kimbanguisten gehört, spricht Wanzungasa mit sanfter, freundlicher Stimme. »Unsere Eltern waren beide evangelisch, sie waren Bauern. Ich hatte als Kind einen Buckel. Meine Mutter hatte gehört, dass es einen Heiler gab in Nkamba, der allerlei Krankheiten heilte, Blinde und Taube, und sogar Tote wieder lebendig machte. Sie nahm mich mit, und wir kamen hier an. Nkamba war voller Menschen. Sie wurden in der Reihenfolge ihrer Ankunft nach vorn gerufen. Als ich dran war, wurde ich zusammen mit meiner Mutter aufgerufen. Wir knieten vor Simon Kimbangu nieder. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte: ›In Jesu Namen, steh auf, richte deinen Rücken auf und wandle.‹ Ich tat es und stellte fest, dass mein Buckel augenblicklich verschwunden war. Es tat nicht weh.« Er erzählt es ruhig und sachlich und gibt sich keine Mühe, seine Zuhörer zu bekehren. Es sind Tatsachen für den, der glauben will. »Meine Mutter war voller Freude. Simon Kimbangu sagte, wir sollten uns im Weihwasser waschen. Wir sind noch drei Tage geblieben, um sicher zu sein, dass ich für immer geheilt war. Heute sagen die Ärzte, ich hätte TBC gehabt, aber das stimmt nicht. Ich ging total gekrümmt. Mein Glaube hat mich geheilt. Das liegt bei uns in der Familie, könnte mein Bruder sonst 126 Jahre alt werden? In unserem Dorf gab es noch viele Kranke. Die Nachricht von meiner Heilung verbreitete sich schnell. Dann gingen alle nach Nkamba und wurden Kimbanguisten.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die abrupte Landflucht beunruhigte die Kolonialverwaltung. Der &#039;&#039;District des Cataractes&#039;&#039; in Bas-Congo war ein wichtiger Nahrungslieferant für Kinshasa, doch auf einmal blieben die Märkte leer. Das Gerücht von den Wunderheilungen erreichte sogar die große Stadt. Manche legten die Arbeit nieder und kehrten in ihre Heimatdörfer zurück. Die ersten, die sich Sorgen machten, waren die evangelischen Missionare; viele der frühen Anhänger von Kimbangu kamen ja von ihren Missionsstationen. Und obgleich die Protestanten eine viel individuellere Ausübung des Glaubens befürworteten als die Katholiken, fragten sie sich doch, ob hier nicht etwas außer Kontrolle geriet. Kimbangu hatte ein Feuer entfacht, dessen Funken weitere Feuer entzündeten. In ganz Bas-Congo schossen frischgebackene Propheten wie Pilze aus dem Boden; man nannte sie &#039;&#039;bangunza&#039;&#039;, im Singular &#039;&#039;ngunza&#039;&#039;. Das führte zu aberwitzigen Szenen. Ein schwedischer Missionar, der schon seit Jahren im Kongo lebte, notierte in sein Tagebuch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe heute an den &#039;&#039;Ngunza&#039;&#039;-Zusammenkünften teilgenommen. Es ist außerordentlich. Man muss sie gesehen haben, wie sie zittern, die Arme ausstrecken, emporheben, zum Himmel schauen, direkt in die Sonne. Man muss sie rufen hören, beten, flehen, leise »Jesus, Jesus« flüstern hören. Man muss Yambula [einen der besten Prediger] sehen, wie er springt und rennt und sich um seine eigene Achse dreht. Man muss gesehen haben, wie sich die Menschenmenge versammelt, voranschreitet, niederkniet unter den bebenden Händen, die die &#039;&#039;bangunza&#039;&#039; über ihren Köpfen ausstrecken. – Hört, was hier geschieht! Geht fort, werft die Götzenbilder weg.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Aspekte können nicht nachdrücklich genug betont werden. Erstens: Die Anhänger des neuen Glaubens wandten sich nicht gegen den Protestantismus – im Gegenteil, sie eigneten ihn sich an. Es ging nicht um einen Bruch mit dem christlichen Glauben, sondern um eine eigene Auslegung, ja Vertiefung. Es ging nicht im Entferntesten um eine Rückkehr zur vorkolonialen Religiosität; man nahm im Gegenteil Abstand vom Glauben der Ahnen an Hexerei. Gleichzeitig jedoch – und das ist das Faszinierende – bediente man sich religiöser Symbole und Gesten, die auf die traditionelle Heilkunde zurückgriffen (Trance, Beschwörung, Inkantation). Man war gegen Fetische, verhielt sich aber wie ein &#039;&#039;féticheur&#039;&#039;. Man fand, kurzum, eine afrikanische Form für einen importierten Glauben. Zweitens: Auch wenn diese plötzliche religiöse Erweckung nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Umständen stattfand, so handelte es sich in erster Linie um ein ausschließlich spirituelles Phänomen. Kimbangu war kein politischer Rebell, er hielt keine antikolonialistischen Reden, seine Lehrsätze waren nicht gegen die Europäer gerichtet. Die Vertreter der Kolonialbehörden sahen das allerdings anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum drei Wochen nach Kimbangus erstem Auftritt schlug der Distriktskommissar Léon Morel Alarm. Das war begreiflich: Für eine Kolonialverwaltung, die im Kongo eine reguläre Geldökonomie mit einem klassischen Arbeitsethos einführen wollte, waren die tagelangen Versammlungen von Arbeitsunwilligen ausgesprochen beunruhigend. Man hatte die Bevölkerung seit 1910 in kleine, sichere &#039;&#039;chefferies&#039;&#039; untergliedert; nun strömten plötzlich viele tausend Menschen zusammen, um sich bizarren Ritualen hinzugeben. In Thysville wurde eine Tagung mit Missionaren beider Konfessionen anberaumt. Die Katholiken, hauptsächlich Belgier, schlossen sich der Meinung der Kolonialherren an und warfen den Protestanten eine zu lasche Haltung im Umgang mit den Einheimischen vor. Sie befürworteten ein energisches und drastisches Vorgehen der Regierung. Die Protestanten hingegen plädierten für eine verständnisvollere Herangehensweise. Es handele sich schließlich um eine Form von christlicher Volksfrömmigkeit, argumentierten sie, und habe das nicht auch begrüßenswerte Seiten? Einige der ihnen liebsten Gläubigen seien daran beteiligt, Menschen, die sie schon seit Jahren kannten und für die sie freundschaftliche Gefühle hegten. Ein rigoroses Vorgehen würde diese Menschen der Missionsstation völlig entfremden. Und außerdem, würde eine solche Unterdrückung nicht erst recht das Feuer anfachen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon öfter waren die Argumente und Praktiken der evangelischen Missionare um einiges differenzierter und menschlicher als die der katholischen, doch gegen das mächtige Bündnis zwischen den katholischen belgischen Missionaren und den belgischen Kolonialbeamten anzukämpfen war aussichtslos. Am 6. Juni marschierte eine Abteilung der Force Publique zusammen mit Léon Morel nach Nkamba, um Kimbangu zu verhaften. Das führte zu Scharmützeln und Plünderungen. Die Soldaten stahlen die Matten, die Kleidungsstücke, die Hühner, die Bibeln, die Gesangbücher und das bisschen Geld, das die Gläubigen besaßen. Sie schossen scharf. Es gab Verwundete und einen Toten. Danach führte die Armee die Anführer der Bewegung in langen Kolonnen nach Thysville ab, doch Simon Kimbangu selbst gelang die Flucht. Für seine Anhänger war das erneut ein Beweis für seine übernatürlichen Gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Monate lang tauchte er ab. Er verbreitete seinen Glauben weiterhin in den Dörfern, in denen selten Vertreter der Kolonialbehörden erschienen und wo ihn niemand verraten würde. Das besagt etwas über seine Popularität und den allgemein zunehmenden Unmut über die weißen Herrscher. Im September 1921 stellte er sich den Behörden – so wie sich Jesus im Garten Gethsemane den Häschern gestellt hatte, meinten seine Anhänger. Den Prozess, der gegen ihn geführt wurde, setzten sie mit der Verurteilung Christi durch Pontius Pilatus gleich. Nicht zu Unrecht. Es war ja tatsächlich ein Schauprozess. Von Anfang an stand fest, dass Kimbangu verurteilt werden sollte. Man hatte eigens zu diesem Anlass eine leichte Form des Ausnahmezustandes verhängt, sodass er vor einem Militärgericht erscheinen musste und nicht vor einem regulären (und milderen) Zivilgericht. Deshalb hatte er auch keinen Anwalt, und eine Berufung gegen das Urteil war ausgeschlossen. Innerhalb von drei Tagen wurde über sein Schicksal entschieden. Wer heute die Prozessakten liest, ist angesichts der tendenziösen Fragen des Richters fassungslos. Man musste und würde beweisen, dass sich Kimbangu der Unterminierung der Staatssicherheit und der öffentlichen Ordnung schuldig gemacht hatte – das war das einzige Verbrechen, das hier in Betracht kommen konnte und auf das die Todesstrafe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommandant de Rossi, der Vorsitzende des Kriegsgerichts: »Kimbangu, geben Sie zu, dass Sie einen Aufstand gegen die Kolonialregierung organisiert haben und dass Sie die Weißen, Ihre Wohltäter, als schreckliche Feinde bezeichnet haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu antwortete: »Ich habe überhaupt keinen Aufstand angezettelt, weder gegen die Belgier noch gegen die belgische Kolonialverwaltung. Ich wollte nichts anderes als das Evangelium von Jesus Christus verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Richter ließ nicht locker: »Warum haben Sie die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Arbeit niederzulegen und keine Steuern mehr zu bezahlen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kimbangu: »Das ist nicht wahr. Die Leute, die nach Nkamba kamen, kamen aus freien Stücken, weil sie das Wort Gottes hören wollten, um geheilt zu werden oder den Segen zu erhalten. Nicht ein einziges Mal habe ich die Bevölkerung dazu aufgefordert, keine Steuern mehr zu bezahlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Richter schlug einen anderen Kurs ein und duzte ihn plötzlich. Der Ton wurde sarkastischer: »Bist du der &#039;&#039;mvuluzi&#039;&#039;?« Der Erlöser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das ist Jesus Christus, der der Erlöser ist. Ich habe von ihm den Auftrag erhalten, die Botschaft vom ewigen Heil unter den Meinen zu verkünden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast du Tote auferstehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie hast du das gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch die göttliche Kraft, die Jesus mir geschenkt hat.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren Antworten, die man gern hörte. Sie bestätigten die Annahme, dass er ein staatsgefährdender &#039;&#039;farfelu&#039;&#039; war. Man wollte ihm in die Schuhe schieben, dass er zur Gewalt aufrief, weil in den Liedern, die man in Nkamba sang, von Waffen die Rede war. Kimbangu erwiderte, dass die protestantischen Missionare doch auch nicht vor Gericht gestellt würden, obwohl in ihren Liedern »Soldaten Christi« vorkämen. Man wollte ihm einen Strick drehen aus seiner Äußerung: »Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Kimbangu sagte, damit sei nicht gemeint, dass die Belgier verschwinden sollten. Und überhaupt – was sei denn daran rassistisch, wenn man für die Gleichheit von Weißen und Schwarzen eintrat? Man vermutete, dass er während seines Aufenthaltes in Kinshasa mit schwarzen Amerikanern in Kontakt gekommen war, die Anhänger von Marcus Garvey waren, jenem radikalen jamaikanischen Aktivisten, der die Ansicht vertrat, Afrika gehöre den Afrikanern. Kimbangu wehrte sich gegen die Anschuldigung: &#039;&#039;»Cela est faux.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch seine Verteidigungsversuche nützten ihm nichts. Es half ihm auch nicht, dass er mitten im Prozess in Trance geriet, phantasierte und am ganzen Körper zitterte. Epilepsie, denken wir heute, doch der Gerichtsarzt ordnete eine kalte Dusche und zwölf Peitschenhiebe an. Das Urteil war dementsprechend: Am 3. Oktober 1921 wurde Kimbangu zum Tode verurteilt, seine engen Getreuen zu lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit. Über die wahren Motive hielt die Urteilsbegründung nicht hinterm Berg: »Es ist richtig, dass die Feindseligkeit gegen die Staatsmacht bis heute nur in aufrührerischen Gesängen, Beleidigungen, Formen von übler Nachrede und ein paar vereinzelten Fällen von Rebellion in Erscheinung trat, aber es ist auch richtig, dass der Lauf der Ereignisse in verhängnisvoller Weise zum großen Aufstand führen könnte.«5 Hier sollte ein Exempel statuiert werden, so viel war deutlich. Am liebsten hätte man Kimbangu schnellstmöglich hinrichten lassen, doch zur allgemeinen Verwunderung begnadigte ihn König Albert in Brüssel. Die Strafe wurde umgewandelt in lebenslänglich. Kimbangu wurde auf die andere Seite des Landes gebracht, ins Gefängnis von Elisabethville in Katanga. Mehr als dreißig Jahre war er dort inhaftiert, bis zu seinem Tod 1951. Eine schwere Strafe für jemanden, der weniger als sechs Monate lang in ein paar von Krankheit und Tod getroffene Dörfer ein wenig Hoffnung und Trost gebracht hatte. Seine Internierung war eine der längsten in Kolonialafrika; sie währte länger als die von Nelson Mandela. Den größten Teil der Zeit verbrachte er in Einzelhaft. Er hatte nie Gewalt angewandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ruhige Zeit, die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen? Vereinzelte kleine Krawalle? Die unverhältnismäßig harte Strafe für Simon Kimbangu ließ erkennen, dass hinter der virilen, dem Anschein nach unerschütterlichen Fassade der Kolonialregierung außerordentliche Nervosität herrschte. Man hatte ungeheure Angst vor Unruhen. Das zeigt auch die massive Unterdrückung von Kimbangus Anhängern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von 1921 an verbannte die Regierung Schlüsselfiguren des Kimbanguismus in andere Provinzen, um die Bewegung so zu zerschlagen. Der alte Wanzungasa konnte ein Lied davon singen. Sein Onkel wurde verhaftet und musste sieben Jahre lang in der Force Publique dienen. Sein jüngster Bruder, noch ein Kind, wurde gezwungen, in die katholische Missionsschule zu gehen, und gegen seinen Willen getauft, sodass er der einzige Katholik in einer protestantischen Familie war. Seine zukünftigen Schwiegereltern mussten jedoch das schwerste Los tragen. »Sie wurden nach Lisala verbannt, ganz im Osten der Provinz Équateur. Warum? Weil die Mutter meiner zukünftigen Frau mit Marie Mwilu verwandt war, der Frau von Simon Kimbangu. Ihr Vater starb in der Zeit der Verbannung. Meine zukünftige Frau war damals noch ein Mädchen; sie blieb hier zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs handelte es sich um ein paar hundert Familien, aber im Laufe der Kolonialzeit wuchs die Zahl auf 3200. Heute gehen die Kimbanguisten davon aus, dass 37.000 Familienoberhäupter ihre Heimat verlassen mussten, sodass insgesamt rund 150.000 Personen betroffen waren; in den Unterlagen der Verwaltung ist jedoch nur von einem Zehntel davon die Rede. Inländische Verbannung war im Übrigen eine bewährte Methode der Regierung: In der gesamten Kolonialzeit wurden etwa 14.000 Menschen zu Ortswechseln gezwungen, die meisten aus politisch-religiösen Gründen. Offiziell ging es um Umerziehung, in der Praxis war es oft eine endgültige Deportation. Der Ablauf erinnerte manchmal an das, was in den vierziger Jahren in Europa geschah. Die Kimbanguisten wurden in verschlossenen Güterwaggons transportiert. Hunger, Hitze und Krankheiten forderten unterwegs ihren Tribut. Viele kamen schon während der Fahrt durch die Entbehrungen um. Ein Mann verlor seine drei Kinder, noch ehe sie das Ziel erreicht hatten; sie wurden neben dem Fluss begraben.6 Die Kimbanguisten wurden in den Regenwald der Provinz Équateur verbannt, nach Kasai, nach Katanga, ja sogar in die Provinz Orientale. Dort lebten sie abgesondert in Dörfern, in denen ihre Religion verboten war. Die angeblich gefährlichsten Verbannten wurden ab 1940 in landwirtschaftliche Kolonien geschickt. Das waren mit Stacheldraht umzäunte Arbeitercamps, in denen Männer mit ihren Familien Zwangsarbeit leisten mussten, von Soldaten mit Hunden bewacht. Die Sterblichkeit betrug bis zu 20 Prozent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die beabsichtigte Wirkung blieb aus. Der Kimbanguismus wurde durch dieses drastische Vorgehen nicht ausgelöscht, im Gegenteil. Die Verbannung festigte den Glauben der Menschen; jede Form der Unterdrückung bestärkte sie in ihrer Überzeugung, dass Simon Kimbangu der wahre Erlöser sei. In den schwierigen Lebensumständen fanden sie im Glauben Halt und Trost, sogar so sehr, dass es auf ihre Umgebung ansteckend wirkte. Die Menschen in ihrem Umfeld waren von dem neuen Glauben beeindruckt. So konnte sich der Kimbanguismus im Landesinneren verbreiten. Verbannung schwächte die Bewegung nicht, sondern bewirkte ihre Verbreitung. Die Zahl der Anhänger stieg auf mehrere zehntausend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Nkamba und der Umgebung war der Glaube unterdessen in den Untergrund gegangen. Es gab nächtliche Zusammenkünfte im Wald, wo Marie Mwilu, Kimbangus Frau, von Papa Simon erzählte und neuen Gläubigen das Singen und Beten beibrachte. Sogar aus der Provinz Équateur kamen Menschen den Fluss herabgefahren. Man korrespondierte in Geheimschrift mit den Verbannten anderswo im Land. Die Illegalität war vielleicht ein Hindernis, aber sie war auch eine gewaltige Schule, die die Bewegung stimulierte und konsolidierte. Die Energie und das Feuer dieser Jahre im Untergrund wecken manchmal Assoziationen an die Erfahrungen der ersten Christen im Römischen Reich. Wanzungasa hatte es als Halbwüchsiger persönlich miterlebt: »Wir konnten nur nachts im Urwald beten, zwischen den ›Spinnen‹. Das waren Kongolesen, die für die Weißen spionierten. Tagsüber gingen wir getrennte Wege, aber wir tauschten Geheimzeichen aus. Nachts versammelten wir uns, um zu singen. Manchmal umzingelten uns die Belgier beim Gebet. Sie hatten unsere Lieder gehört, aber sie konnten uns nicht sehen. Wir sahen sie, aber für sie waren wir unsichtbar.« Auch die ersten Christen in Rom, die verfolgt wurden, machten sich Mut mit magischen Geschichten. Wenn die Obrigkeit einen nicht anerkennt, wendet man sich an eine höhere Instanz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das harsche Vorgehen gegen den Kimbanguismus war einer der größten Fehler der Kolonialverwaltung; ihre Vertreter schätzten die Bewegung völlig falsch ein. Sie bekämpften Symptome und nicht Ursachen. Gegen die konkreten Probleme, die einer so massenhaften religiösen Erweckungsbewegung zugrunde lagen, unternahmen sie nichts. Harte Unterdrückung der Form war wichtiger als empathische Beschäftigung mit dem Inhalt. Und das zeitigte genau die entgegengesetzte Wirkung. 1934 entstand in Bas-Congo der &#039;&#039;ngunzisme&#039;&#039;, eine radikale Spielart des Kimbanguismus und tatsächlich offen antikolonialistisch. Die Anhänger forderten die Abschaffung der Steuern und den Abzug der Belgier. Kurz darauf erschien der &#039;&#039;mpadisme&#039;&#039; oder &#039;&#039;khakisme&#039;&#039;, die Initiative eines Mannes namens Simon-Pierre Mpadi, der den Kimbanguismus mit kakifarbenen Armeeuniformen und viel radikalerem Gedankengut bereicherte. Er wandte sich gegen die Kolonialmacht, befürwortete die Polygamie und hielt Versammlungen ab, in denen sich die Menschenmenge ekstatischen Tänzen hingab. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges hoffte er, dass der Kongo von den Deutschen befreit würde. Von Kongo-Brazzaville wehte der &#039;&#039;matswanisme&#039;&#039; herüber. André Matswa (oder Matsoua) war ein Veteran aus dem Ersten Weltkrieg, der in Frankreich bei den berühmten &#039;&#039;tirailleurs sénégalais&#039;&#039; gekämpft hatte, den französischen Kolonialtruppen. Noch in Frankreich hatte er einen Freundschaftsverein und einen Notfonds für Afrikaner gegründet; bei seiner Heimkehr nach Brazzaville wurde er wie ein Messias verehrt, und diese Verehrung griff auch auf die andere Seite des Flusses über. Er wurde in den Tschad deportiert, wo er 1942 starb. Trotz aller Verfolgungen kamen immer wieder messianische Strömungen auf. Diese Hartnäckigkeit ist aufschlussreich, denn im Grunde handelte es sich um eine erste strukturierte Form von volkstümlichem Protest, der zeigte, wie viele Menschen sich nach Erlösung und Befreiung sehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das war nicht auf Bas-Congo beschränkt. Im ganzen Land bildeten sich neue religiöse Bewegungen. In den Bergwerken von Katanga entstand die &#039;&#039;kitawala&#039;&#039;; der Name ist eine Verballhornung von The Watch Tower, dem ursprünglichen Namen der Zeugen Jehovas. Diese Religion, 1872 in den USA gegründet, hatte sich nach Südafrika ausgebreitet und erreichte von dort aus 1920 den katangesischen Copperbelt.7 Im Kongo bekam sie eine ausgesprochen politische Ausrichtung. Sie verbreitete sich durch kleine Grüppchen über die Kolonie und existierte größtenteils im Untergrund. Dennoch wurde es die größte religiöse Bewegung neben dem Kimbanguismus. Andernorts entstanden kleinere geheime, sektiererische Gesellschaften. Im Kwango gab es die &#039;&#039;lukusu&#039;&#039;-Bewegung, mit dem Beinamen »Schlangensekte«. In der Provinz Équateur entfaltete sich der &#039;&#039;likili&#039;&#039;-Kult, dessen Anhänger auf westliche Betten, Matratzen, Decken und Moskitonetze verzichteten – Gegenstände, die man für die sinkende Geburtenzahl verantwortlich machte.8 Am Oberlauf des Aruwimi in der Provinz Orientale bildete sich die unheimliche &#039;&#039;Anioto&#039;&#039;-Gesellschaft, deren Mitglieder als »Leoparden-Männer« bekannt waren. Die Bewegung verbreitete sich über den Nordosten des Landes. Sie säten blinden Terror und ermordeten Dutzende von Eingeborenen. Das Motiv war nicht immer offenkundig, doch der Tenor war deutlich anti-europäisch.9 In den zwanziger und dreißiger Jahren entstanden so etwa fünfzig religiöse Bewegungen. Ihre Methoden variierten von pazifistisch bis terroristisch, aber der ihnen zugrunde liegende Unmut war vergleichbar.10 Im Kongo war Religion nicht Opium, sondern Piri-piri für das Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir Menschen gehören Gott«, sagte Wanzungasa am Ende unseres Gesprächs in den grünen Ledersesseln des Empfangsraumes der Heiligen Stadt, »wir dürfen nichts Böses tun, auch nicht Menschen, die uns Böses getan haben. Auge um Auge, das ist nicht unsere Sache. Wir haben Musikinstrumente, keine Macheten.« Er machte eine kurze Pause. Ich blickte von meinem Notizblock auf und sah sein friedvolles, zerfurchtes Gesicht. Er war 1908 geboren, in dem Jahr, in dem Belgisch-Kongo entstand. Seine Religion wurde erst am 24. Dezember 1959 von Belgien anerkannt, ein halbes Jahr vor der Unabhängigkeit. Vielleicht dachte er an die erste Hälfte seines Lebens zurück, sein erstes halbes Jahrhundert. Mit sanfter Stimme sagte er zum Schluss: »Es gab keine Freiheit damals. Menschen wurden gekauft in der Kolonialzeit. Wir waren wie Sklaven. Wirklich, der Kolonialismus war nicht viel anders als die Sklaverei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa konnte ich mit Nkasi ausführlich über die zwanziger und dreißiger Jahre und über den aufkommenden Widerstand reden. Er, der später im Leben so oft zu den Weißen aufsah, musste zugeben, dass es damals heftig zugegangen war. »Die Alten waren sehr hart. Der Weiße, das war damals nicht dein Kamerad!« Nach seiner Zeit als Arbeiter in Kinshasa kehrte er in seine Heimat zurück. Nur wenige blieben in jener Zeit für immer in der Stadt; Lohnarbeit war Saisonarbeit. Da Kimbangu seinen Bruder durch ein Wunder geheilt hatte, war es naheliegend, dass er Kimbanguist wurde, trotz der damit verbundenen Gefahren. »In Nkamba war Monsieur d&#039;Alphonse &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039; geworden«, sagte er mit wenig Begeisterung. Dieser Kolonialverwalter sollte die Gegend nach dem kimbanguistischen &#039;&#039;upheaval&#039;&#039; wieder pazifizieren. Zu diesem Zweck hatte er Lutunu, den befreiten Sklaven-Boy-Fahrradfahrer-Säufer-und-&#039;&#039;assistent-regent&#039;&#039; von ehedem, zum einheimischen Verwaltungschef eingesetzt. Der stand ja auf gutem Fuß mit den Weißen.11 Monsieur d&#039;Alphonse pendelte zwischen dem Verwaltungszentrum Thysville und seinem Posten in Nkamba. Nkasi konnte sich noch allzu gut daran erinnern: »Ich musste ihn damals noch tragen. Auf meinen Schultern, ja! Wir waren zwei Träger, und er schaukelte schrecklich.« Jetzt konnte Nkasi herzhaft darüber lachen. Er saß auf der Bettkante und machte nach, wie der weiße Kolonialbeamte in dem &#039;&#039;tipoy&#039;&#039; hin und her geschüttelt wurde. Er ließ die Arme neben seinem Körper flattern, schlaksig und unkontrolliert, als säße er selbst in dem Tragsessel. Humor muss auch damals geholfen haben. Die Reise ging über eine Entfernung von mehr als achtzig Kilometern, und Monsieur d&#039;Alphonse war hart und schonungslos. »Mein Onkel war ein angesehener Mann, aber er bekam zweihundert Peitschenhiebe von Monsieur d&#039;Alphonse. Das war 1924, glaube ich. Er hatte gesagt: &#039;&#039;Mundele kekituka ndonbe, ndonbe kekituka mundele.&#039;&#039; Die Weißen werden Schwarze sein und die Schwarzen Weiße.« Peitschenhiebe, höchstwahrscheinlich weniger als zweihundert, für einen Satz, der zufällig der Slogan der Kimbanguisten war. »Die Soldaten der Force Publique schlugen ihn auf das nackte Gesäß. Mein Onkel hatte zwei Frauen, aber sofort nach den zweihundert Hieben wurde er ein guter Christ, ein Kimbanguist. Dadurch bekam er keine Striemen, Wunden oder Schwellungen am Hintern, überhaupt nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit wurde die Bahnlinie von Matadi nach Kinshasa verbreitert und für die Elektrifizierung vorbereitet. Der Bummelzug, der über die Schmalspurgleise zuckelte, genügte nicht mehr, da sich der Kongo nun in hohem Tempo industrialisierte. Und die Luftfahrt befand sich natürlich noch in den Kinderschuhen: 1925 landete in Léo­poldville zum erstenmal ein Flugzeug; der kleine Doppeldecker war in Brüssel gestartet und hatte einundfünfzig Tage gebraucht, zweimal so lange wie ein Schiff.12 Die Arbeiten an der Eisenbahn dauerten von 1922 bis 1931, es wurde bis zu elf Stunden am Tag gearbeitet. Die Trasse wurde an manchen Stellen ein Stück verlegt, drei Tunnel wurden gegraben, alte Brücken ersetzt. Die gesamte Fahrzeit sollte von neunzehn auf zwölf Stunden reduziert werden.13 Nkasi, der als kleiner Junge miterlebt hatte, wie sein Vater beim Bau der ersten Eisenbahnlinie arbeitete, war auch jetzt wieder dabei. Hatte er nicht in Kinshasa schon Erde geschaufelt? »Jetzt musste ich mit der Spitzhacke arbeiten.« Mit der &#039;&#039;piccone&#039;&#039;, sagte er – auf Italienisch, denn bei dieser Erneuerung der Bahnlinie waren viele Italiener beteiligt. Sein Bauleiter war einer davon, Monsieur Pasquale. »Ich bekam zehn Franc im Monat und einen Sack Reis. Aber eines Tages sagte Monsieur Pasquale: ›&#039;&#039;Tu dormi, toi?‹«&#039;&#039; Noch immer konnte er das gebrochene Französisch des Italieners imitieren. »Ich antwortete: ›&#039;&#039;Je travaille!‹&#039;&#039; Er nahm mich mit zu sich nach Hause, und ich wurde sein Boy. Er zeigte mir, wie ich das Bett machen und den Tisch decken musste. Und für diese Arbeit bekam ich zwanzig Franc im Monat!« Er strahlte noch immer, als er es erzählte. So großen Dusel hatte er in seinem Arbeitsleben noch nie gehabt! »Die Italiener waren an unsere Sonne gewöhnt. Sie waren alle frei, sie hatten keine Frau bei sich. Und sie nahmen sich auch keine schwarze Frau, oh nein!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den sechzigtausend kongolesischen Arbeitern starben siebentausend. Nkasi hingegen verdiente nun genug Geld, um ans Heiraten zu denken. Seit der Einführung des Geldes war der Brautpreis enorm gestiegen. Eine Eheschließung war nur noch den Reichen vorbehalten. Oft konnten sie sich sogar mehrere Frauen leisten, während viele junge Männer ledig bleiben mussten.14 Nkasi war inzwischen fast 40. In seinem Heimatdorf Ntimansi lernte er Suzanne Mbila kennen, die wie er zu den Kimbanguisten gehörte. 1924 wurde ihr erster Sohn geboren, 1926 heirateten sie. Die Familie wuchs stetig, er lebte wieder unter den Seinen, und es sah so aus, als ob sich sein Leben so bald nicht ändern würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dann kam der Schwarze Freitag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Börsencrash der Wall Street im Oktober 1929 hatte Auswirkungen bis in die Wälder von Bas-Congo. Die Weltwirtschaft war so miteinander verflochten, dass die Zweifel und die Panik der Anleger in New York das weitere Leben eines Mannes und seiner Familie in einem winzigen Dorf im Kongo bestimmten. Es war natürlich kein direkter Einfluss. Die Kausalkette sah so aus: Durch die Börsenkrise verlangsamte sich die Wirtschaft, und weltweit ging die Nachfrage nach Rohstoffen zurück; der kongolesische Bergbau, der Motor der Kolonialwirtschaft, geriet ins Stocken; der Export aus der Kolonie sank um mehr als 60 Prozent;15 daraus resultierte 1929 ein gigantisches Haushaltsdefizit; die belgische Regierung erkannte, dass der Etat der Kolonie zu sehr von Einnahmen aus dem Bergbau abhängig und eine Diversifizierung erforderlich war; die Landwirtschaft bot eine Alternative, insbesondere, wenn sie auf den Export ausgerichtet war; der groß angelegte Anbau von Tabak, Baumwolle und Kaffee erforderte jedoch Zeit und Investitionen; eine einfachere Methode, rasch an Einnahmen zu gelangen, war es, die Steuern zu erhöhen, für die Einheimischen wohlgemerkt, die großen Unternehmen wollte man in der Krise ja gerade verschonen; eine höhere Kopfsteuer hatte noch einen weiteren Vorteil: Der Geldbedarf würde zunehmen, die Kongolesen wären gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, und das könnte nur eine zivilisierende Wirkung haben. Dem Staat mehr Einnahmen zu verschaffen und gleichzeitig mehr Kontrolle über eine Bevölkerung zu erlangen, die anfing aufzubegehren, bedeutete das nicht: zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es. 1920 betrug das Steueraufkommen der Kolonie nur 15,5 Millionen belgische Franc. 1926 belief es sich bereits auf 45 Millionen. Und 1930, auf dem Höhepunkt der Krise, war die Summe auf 269 Millionen angewachsen. Innerhalb von vier Jahren hatte sich das Steueraufkommen versechsfacht. 1930 war der Anteil der direkten Steuern am Kolonialetat auf 39 Prozent angestiegen, während die Gewinnsteuer der Großunternehmen, die in den Jahren davor noch gigantische Gewinne verbucht hatten, nur 4 Prozent des Haushalts ausmachte.16 Mehr noch, viele der notleidenden Privatunternehmen &#039;&#039;empfingen&#039;&#039; nun sogar Geld von der Kolonialregierung, da sie seinerzeit mit finanziellen Garantien in den Kongo gelockt worden waren: Im Fall eines Rückschlages würden sie aus der Kolonialkasse eine pauschale Dividende von 4 Prozent erhalten.17 Das Loch, das die Krise gerissen hatte, wurde also mit dem Geld der einfachen Kongolesen gestopft; hinzu kamen noch eine Kapitalspritze aus der belgischen Staatskasse und Einnahmen aus der Koloniallotterie. Das bedeutete nicht, dass jeder Arbeiter plötzlich sechsmal so viel zahlen musste wie vorher (in den Städten hatte man den Steuerdruck bereits langsam, aber deutlich erhöht), sondern dass der Fiskus nun auch weiter in die Dörfer im Landesinneren vordrang. Der Knüppel der Kopfsteuer jagte so Tausende in die Minen, auf die Plantagen oder in die Verwaltung. 1920 standen 123.000 Kongolesen in einem Arbeitsverhältnis, 1939 war die Zahl auf 493.000 gestiegen.18 Wer kein Arbeitsverhältnis eingehen wollte und selbstständiger Bauer blieb, war verpflichtet, bestimmte Gewächse anzubauen und an koloniale Privatunternehmen zu verkaufen. 1935 waren Schätzungen zufolge 900.000 Menschen im Baumwollanbau tätig.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Nkasi fühlte sich gezwungen, etwas zu unternehmen. »Ja, damals kam die Krise . . . Und wir hatten nicht genug Geld . . . Ich habe mich bei der Verwaltung beworben, beim Distriktverwalter von Mbanza-Ngungu, Musepenje. Er kam in Ntimansi vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes lässt sich kaum überschätzen. Die Kimbanguisten hatten allmählich eine tiefe Abneigung gegen die gesamte Kolonialverwaltung entwickelt. Sie versteckten sich in den Wäldern und wärmten sich heimlich an ihrem Glauben. Mit den Weißen wollten sie nichts zu tun haben. Nun aber mussten sie für die Weißen arbeiten. Das Unternehmen Steuererhöhung war voll gelungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte jedoch nicht lange, da war Nkasi von der europäischen Kultur sehr angetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte es allerdings auch gut getroffen mit diesem Musepenje. So hatte ich den Namen phonetisch in mein Notizbuch gekritzelt. Musepenje. Muzepenjet? Wenn ich bei einem Interview ein Wort nicht verstand, versuchte ich immer, es möglichst klanggetreu festzuhalten. Und Nkasi war oft schwer zu verstehen. »Monsieur Peignet?« schrieb ich daneben. Es kostete mich nach meiner Heimkehr ein paar Tage, bis ich seine Identität herausgefunden hatte. In den Kolonialjahrbüchern der dreißiger Jahre stieß ich auf Firmin Peigneux, Distriktverwalter in der Gegend, in der Nkasi gelebt hatte. Der Distriktverwalter war der Kolonialbeamte, der den meisten Kontakt zur Bevölkerung hatte. Er reiste von &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; zu &#039;&#039;chefferie&#039;&#039;, beriet sich mit den Dorfvorstehern, schlichtete Konflikte um die Nutzung von Grund und Boden. Monsieur Peigneux also. Die meisten Bantu-Sprecher sprechen das französische eu wie è aus. Ich hätte es mir eigentlich denken können. Im Afrika-Archiv des Außenministeriums in Brüssel konnte ich Einblick nehmen in seine Personalakte.20 Sofort zeigte sich, dass dieser Mann aus anderem Holz geschnitzt war als ein Menschenschinder wie Monsieur d&#039;Alphonse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peigneux, der aus der Provinz Lüttich stammte, war 1925 im Alter von einundzwanzig Jahren in den Kongo gegangen. Er fiel schon bald durch seine Empathiefähigkeit auf. Nach seinem ersten Jahr schrieb sein Vorgesetzter in einer Beurteilung: »Dieser Beamte verfügt tatsächlich über die erforderlichen Qualitäten, um in kurzer Zeit einen Eliteposten zu besetzen (. . .) Monsieur Peigneux zeichnet sich in seinem Umgang mit den Eingeborenen durch eine besonnene Politik aus, durch die er das Vertrauen der Häuptlinge und Würdenträger gewinnt. Er interessiert sich für soziale Fragen und beherrscht bereits in hohem Maße die Kunst, mit den Primitiven, die uns umgeben, auf behutsame und bedachte Weise umzugehen, ohne sie in ihren weltlichen Auffassungen und Gebräuchen zu brüskieren. (. . .) Die Regierung darf an den zukünftigen Nutzen durch die Leistungen dieses Beamten höchste Erwartungen stellen.« Wie sich zeigen sollte, war das nicht übertrieben. Peigneux absolvierte eine glanzvolle koloniale Laufbahn und brachte es 1948 bis zum Provinzgouverneur, der zweithöchsten Funktion in der Hierarchie nach dem Amt des Generalgouverneurs. Dass er sich sein soziales Engagement bewahrte, zeigte sich in den fünfziger Jahren; nachdem er aus gesundheitlichen Gründen nach Belgien zurückgerufen worden war, wurde er Vorstandsmitglied des »Fonds voor Inlands Welzijn« (etwa: »Fonds für das Wohl der Eingeborenen«).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi sprach noch immer mit großer Sympathie von Monsieur Peigneux. »&#039;&#039;Musepenje, c&#039;était mon oncle&#039;&#039;. Er trank sogar Palmwein mit uns! Er und Monsieur Ryckmans, das waren die einzigen Weißen, die freundlich waren.« André Ryckmans war der Sohn von Pierre Ryckmans, dem besten Generalgouverneur, den der Kongo je hatte. Er regierte von 1934 bis 1946 und zeichnete sich durch hohe Intelligenz und moralische Integrität aus. Vom Aussehen her ähnelte er stark Albert Camus, was seine Auffassung von Humanität betraf in mancher Hinsicht auch. Sein Sohn André war ein Distriktverwalter, der ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung hatte. Er lernte ihre Sprichwörter und Tänze und sprach fließend Kikongo und Kiyaka. Kurz nach der Unabhängigkeit wurde er unter tragischen Umständen ermordet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so bekam Nkasi Arbeit bei Monsieur Peigneux. Er lernte tischlern und wurde Möbelschreiner. Als Peigneux einige Jahre später als stellvertretender Distriktskommissar in den Kwango-Distrikt versetzt wurde, begleitete Nkasi ihn. Er und seine Familie zogen nach Kikwit um, wo sie mehr als zwanzig Jahre wohnten. Sein ältester Sohn, Pierre Diakanua, inzwischen auch vierundachtzig, konnte es bestätigen. Ich fand ihn in einem entfernten, einfachen Viertel von Kinshasa: »Ich bin in Ntimansi geboren, war aber noch klein, als wir nach Kikwit umgezogen sind. Die Unterstadt da, die hat mein Vater gebaut. Wir wohnten in dem Viertel für die Schwarzen, in der &#039;&#039;rue du Kasai, numéro 10&#039;&#039;. Wir hatten ein großes Haus aus Lehmziegeln. Papa wurde dort damals ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Ich hatte belgische Freunde.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi selbst kramt mit großem Vergnügen Erinnerungen an diese Zeit aus. »Ich arbeitete im Staatsdienst. Ich war Bauleiter. Ich musste &#039;&#039;le nouveau pays des mindele&#039;&#039; bauen, das neue Land der Weißen.« Das stimmte. Kikwit war gerade erst zur Hauptstadt des Kwango-Distrikts gemacht worden. Zuvor war es Banningville (heute Bandundu), ganz im Norden des Kwango. Aufgrund sozialer Unruhen wurde die Verwaltung jedoch ins Zentrum des Distrikts verlegt. Auch im persönlichen Leben war es für Nkasi eine bewegte Zeit. »In Kikwit bekam ich vier Kinder, eins davon starb. 1938 starb mein Vater, am Neujahrstag. Er war sehr, sehr alt. Ein Jahr später starb meine Mutter, sie war auch uralt.« Während der langen Jahre in Kikwit lernte er die europäische Kultur aus nächster Nähe kennen. »Ich war &#039;&#039;tout à fait mundele&#039;&#039; damals, völlig weiß. Ich hatte nur eine Frau. Ich hatte einen Anzug mit Krawatte und weiße Schuhe, ich aß bei Monsieur Peigneux zu Hause. Ich dolmetschte für ihn, vom Kikongo ins Französische. Monsieur Pei­gneux holte sogar meine Frau vom Bahnhof ab. Ich war ein Vertreter des Staates, ein leitender Angestellter, wie ein Europäer. Darum bekam ich die &#039;&#039;carte civique&#039;&#039;.« 1948 war die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein Nachweis bürgerlicher Verdienste, eingeführt worden. Sie wurde Kongolesen ausgestellt, deren Lebensstil man als ausreichend fortschrittlich ansah. Der Anhänger einer subversiven Religion aus den zwanziger Jahren hatte sich, vor dem Hintergrund des Steuerdrucks in den dreißiger Jahren, in den vierziger und fünfziger Jahren als jemand entpuppt, der voller Stolz über seinen quasi-europäischen Status sprach. Und das bis heute, auch wenn von dem Wohlstand nichts mehr übrig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Erinnerungen an Kikwit sind auch auf einer anderen Ebene außerordentlich interessant. »In Kikwit habe ich auch das Gefängnis gebaut«, erzählte er mir. »Der Gefängnisdirektor damals war Monsieur Framand, ein dicker Mann.« Ich habe das Gefängnis von Kikwit in den vergangenen Jahren mehrmals besucht. Es wird noch immer benutzt und ist ein ziemlich erbärmlicher Ort. Die Häftlinge tragen Lumpen, schlafen auf dem Boden und haben nur etwas zu essen, weil der Gefängnispfarrer, ein alter flämischer Missionar, mit den umliegenden Gemeinden ein System der Versorgung organisiert hat. Toiletten gibt es nicht: Man hockt sich in einer leerstehenden Zelle über ein Stückchen freien Beton. Links und rechts liegen menschliche Exkremente. Die Häftlinge sind fast ausschließlich junge Männer; es gab eine einzige junge Frau, eine bildschöne, schweigsame Frau mit einem zweijährigen Kind. Keine Ahnung, ob sie es vor oder während der Haft bekommen hatte. Auf einem Stein über dem Portal ist das Baujahr eingemeißelt: 1930. Fast alle Gefängnisse von Belgisch-Kongo wurden zwischen 1930 und 1935 errichtet. Um die zunehmenden Rebellionen niederzuschlagen, wurde der Justizapparat verstärkt. Es gab mehr Gerichte, mehr Justizbeamte, mehr Strafverfahren und mehr Gefängnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In diesem Gefängnis habe ich noch einen Galgen gebaut«, sagte Nkasi. »Der war für die Erhängung von zwei Jugendlichen. Sie hatten in einem Laden Kleidungsstücke gestohlen und den Besitzer ermordet, der dort schlief. Das war 1935, glaube ich.22 Die Todesstrafe wurde in Belgisch-Kongo des Öfteren verhängt und in der Zwischenkriegszeit auch oft vollstreckt. 1921, in dem Jahr, als Kimbangu zum Tode verurteilt wurde, wurden in Bomili, in der Provinz Orientale, zehn »Leopardenmänner« der Anioto-Sekte gehängt. 1922 wurde in Elisabethville François Musafiri aufgeknüpft, weil er einen Weißen – als vermeintlichen Liebhaber seiner Frau – erstochen hatte. Die Hinrichtung fand unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. Viertausend Zuschauer waren zusammengeströmt, ungefähr die Hälfte der Stadtbevölkerung: dreitausend Afrikaner, darunter auch Kinder, und tausend Weiße, etwa ein Zehntel der gesamten europäischen Bevölkerung des Kongo.23 Öffentliche Hinrichtungen, so glaubte man, hatten eine erzieherische Funktion. Sie sollten die Schwarzen in Reih und Glied zwingen und ihnen Respekt vor dem Kolonialstaat einflößen. Ob diese Wirkung immer erzielt wurde, ist die Frage. 1939, bei der Erhängung von Ambroise Kitenge, klappte es nicht auf Anhieb. Als die Falltür aufschwang, riss das aus der Feuerwehrkaserne stammende Seil. Eine solche Stümperei entsprach nicht gerade dem Bild der Tatkraft und Entschlossenheit, das die Kolonialmacht von sich vermitteln wollte. Wie oft wurde die Todesstrafe vollstreckt? Es gibt keine lückenlosen Daten, aber wir wissen, dass in der Zeit von 1931-1953 mindestens 261 Personen zum Tode verurteilt wurden und dass 127 Hinrichtungen stattfanden.24 Das bedeutet im Durchschnitt einmal in zwei Monaten, doch in der Zwischenkriegszeit wird es zweifellos viel häufiger zu Hinrichtungen gekommen sein. Was nicht unwichtig ist: Niemals wurde ein Belgier zum Tode durch den Strang verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi hat es mir gegenüber nie erwähnt, aber dass Kikwit plötzlich zur Hauptstadt des Distrikts wurde, war die Folge eines sehr schweren Volksaufstandes in der Gegend, so schwer, dass die Behörden ihn ängstlich vertuschten. 1931 entbrannte die Revolte der Pende, und das führte zu den stärksten Unruhen der Kolonialzeit vor dem Kampf um die Unabhängigkeit. Die Pende waren eine Bevölkerungsgruppe, von denen ein großer Teil im Dienst der Huileries du Congo Belge stand, des Tochterunternehmens von Unilever. Diese Firma exploitierte eine Region, die sehr reich an Palmen, aber sehr arm an Arbeitskräften war. Im Gebiet der Pende war es genau umgekehrt. Die Pende wurden – oft mit Waffengewalt – gezwungen, Dienste als Träger oder Erntekräfte zu leisten. Sie wurden dafür umgesiedelt. Die Arbeit war sehr schwer. Man erwartete von den Männern, dass sie wöchentlich sechsunddreißig Büschel Palmfrüchte sammelten; sie erhielten dann zu ihrem kärglichen Lohn von 20 Centime pro Kilo eine Prämie von 2,10 Franc und drei Kilo Reis. Jeden Tag mussten sie fünf bis acht reife Büschel finden. Dazu mussten sie die Stämme der Palmen erklimmen, oft bis in mehr als dreißig Meter Höhe, um oben mit der Machete ein Büschel abzuhacken. Die Betriebsleiter von Unilever gingen davon aus, dass jeder Schwarze dieses akrobatische Kunststück mühelos beherrschte, obwohl es ein sehr spezielles Geschick erforderte, das längst nicht jeder besaß. Es gab dabei Tote. Außerdem – wer seine Büschel vom Baum abgetrennt hatte, war noch lange nicht fertig. Sie mussten noch zur Sammelstelle gebracht werden. In der Praxis lief es darauf hinaus, dass die Pende-Frauen Entfernungen bis zu dreißig Kilometer zu Fuß über Waldpfade zurücklegen mussten, auf dem Kopf die zwanzig oder dreißig Kilo schwere Last eines Büschels Palmfrüchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Wirtschaftskrise ausbrach, war auch Unilever betroffen. 1929 war ein Kilo Palmöl 5,9 Franc wert, 1934 nur noch 1,3 Franc.25 Das Unternemen sah sich gezwungen, einen Teil der Verluste auf die Arbeiter abzuwälzen. Für ein Kilo Palmnüsse bezahlte es Mitte der dreißiger Jahre nur noch 3 Centime statt zwanzig.26 Das führte zu großem Unmut. Der Staat trieb die Steuern in die Höhe, und das Unternehmen senkte die Löhne. Ein auf Dauer unhaltbarer Zustand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier äußerte sich die Unzufriedenheit mit den sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Form einer Volksreligion. Nachdem eine Frau namens Kavundji Visionen hatte, bildete sich die Sekte der &#039;&#039;Tupelepele&#039;&#039; (wörtlich: Schweber). Faktischer Anführer der Bewegung war Matemu a Kelenge, ein Mann mit dem Beinamen Mundele-Funji (Weißer Sturm). Die Anhänger hofften auf die Wiederkehr der Ahnen, damit sie die gestörte Ordnung wiederherstellten und ein neues Zeitalter des Wohlstandes einläuteten. Unterdessen sollten die Menschen schon einmal allem abschwören, was europäisch war. Ausweise, Steuerbelege, Geldscheine und Arbeitsverträge wurden in den Fluss geworfen. Am Ufer sollte ein Schuppen errichtet werden, in den würden ihnen die Ahnen alle möglichen Dinge legen, wunderbare Dinge wie z. B. Erdnüsse, so fruchtbar, dass eine davon auszusäen genügte, um ein ganzes Feld erblühen zu lassen. Viel eindrucksvoller konnte die Hoffnung auf Erlösung und Befreiung nicht ausgedrückt werden. Jemand, der damals in der Gegend lebte, fasste die Situation klarsichtig zusammen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Weißen haben uns zu Sklaven gemacht; um Palmnüsse von uns zu bekommen, hatten sie keine Skrupel, uns zu schlagen und auszupeitschen. Sie haben sich mit den Frauen und Mädchen in den Dörfern vergnügt. Unser Leben war nicht mehr das Leben von Menschen, sondern das von Tieren. Unser ganzes Dasein stand im Dienst der Arbeit für die Weißen: Wir schliefen für die Weißen, wir aßen für die Weißen, wir standen auf für die Weißen und für die Arbeit der Weißen. Wir hatten es satt, ständig nur für die Weißen arbeiten zu müssen, die uns unmenschliche Zustände aufgezwungen haben. Darum haben wir die Botschaften von Matemu a Kelenge, dem späteren Mundele-Funji, angehört und angenommen, als er uns aufforderte, keine Steuern mehr zu bezahlen, nicht mehr für die Weißen zu arbeiten und sie wegzujagen.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei Simon Kimbangu entsandte die Kolonialregierung Truppen. Die Situation schien unter Kontrolle zu sein, bis am 6. Juni 1931 Maximilien Balot, ein junger belgischer Beamter, zusammen mit einigen afrikanischen Mitarbeitern mit dem Auto in das Gebiet fuhr, um Steuern einzutreiben. Im Dorf Kilamba gelangte er auf die Straße, die zu dem Schuppen führte, der für die Rückkehr der Ahnen errichtet worden war. Hier stieß er auf Matemu a Kelenge, den Führer der Sekte. Der verkündete, es sei kein Geld mehr da, und drohte, den Weißen und seine Handlanger zu ermorden. Daraufhin schoss Balot in die Luft. Viele Menschen rannten weg, auch die meisten seiner Mitarbeiter. Ein zweiter Schuss verletzte einen Dorfbewohner. »Seht ihr, der Weiße will uns töten«, rief Matemu. »Dann töte mich doch!« Balots Schuss verfehlte sein Ziel, Matemu rappelte sich hoch und schlitzte dem Weißen mit einem großen Messer das Gesicht auf. Der schlug ihn mit dem Gewehrkolben zusammen und lief dann weg. Doch der Pfeil eines Dorfbewohners traf ihn am Hals. Matemu verfolgte ihn und versetzte ihm mit der Machete einen Hieb auf die Schulter. Der rechte Arm des Weißen hing nun lose herab. Drei Dorfbewohner, darunter der Dorfvorsteher, beschossen ihn mit Pfeilen. Als Balot zu Boden sank, merkte der Dorfvorsteher, dass er noch lebte. Daraufhin schnitt er ihm den Kopf ab und nahm ihn als Trophäe mit. Am nächsten Tag wurde Balots Körper in Stücke gehackt und unter den Würdenträgern von acht Dörfern verteilt. Seine Koffer wurden geplündert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine so grausame Abschlachtung eines Beamten im Dienst hatte die Verwaltung von Belgisch-Kongo noch nie erlebt. Sie reagierte gnadenlos: Der Aufstand sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Eine Strafexpedition zog in den Kwango, wie sie die Kolonie seit den schlimmsten Jahren des Freistaates nicht mehr gesehen hatte. Drei Offiziere, fünf Unteroffiziere, 260 Soldaten und siebenhundert Träger besetzten monatelang das Gebiet. Es kam zu schweren Kämpfen. Aufständische wurden gefangen genommen und brutal gefoltert, auch Frauen wurden als Geiseln genommen und vergewaltigt. Ein später eingesetzter Untersuchungsausschuss der belgischen Regierung bestätigt die außerordentlich grimmige Bilanz. Mindestens vierhundert Pende wurden ermordet, möglicherweise betrug die Zahl auch ein Vielfaches davon. Die Revolte der Pende war niedergeschlagen, aber der Unmut der Bevölkerung war dadurch nicht geringer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie nach Brüssel zurückgekehrt war, sagte Balots Witwe mit fast übermenschlicher Milde und Großmütigkeit: »Die Vertreter der Privatunternehmen behandeln die Schwarzen schlecht und beuten sie aus. Die Leute sollen das wissen. Was dort geschieht, muss aufhören, sonst wird es überall zu Aufständen kommen. Privatunternehmen maßen sich Rechte an, die nur der Regierung zustehen. Außerdem haben sich viele Distriktsbeamte nicht so verhalten, wie es sich gehört. Mein Mann hat für die anderen gebüßt.«28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag vielleicht etwas verwundern, dass die ersten Formen von Volksprotest auf dem Land stattfanden, bei den Bauern von Bas-Congo und den Nusspflückern im Kwango. Ein aufmerksamer Beobachter, der 1920 eine Rundreise gemacht hätte, hätte sicher vorhergesagt, dass sich die Flamme der Rebellion in den aufkommenden Städten entzünden würde, mit ihren primitiven Arbeitercamps und der harten, gesundheitsschädlichen Arbeit. Doch das war nicht der Fall. Wie lässt sich das erklären?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grosso modo gibt es darauf zwei Antworten: In den Städten ging es mit der Lebensqualität aufwärts, sodass sich immer mehr Afrikaner dort allmählich zu Hause fühlten, und zugleich war die europäische Bevölkerung ständig darauf bedacht, die Masse ruhig zu halten. Solange es möglich war . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die proto-urbanen Agglomerationen entwickelten sich in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu richtigen Städten. Die Einwohnerzahlen stiegen spektakulär. Zwischen 1920 und 1940 verdoppelte sich die Bevölkerung von Kinshasa auf fünfzigtausend.29 In Elisa­beth­ville wuchs die Bevölkerung von sechzehntausend im Jahr 1923 auf dreiunddreißigtausend im Jahr 1929, eine Verdopplung innerhalb von sechs Jahren.30 Immer mehr Kongolesen zogen in die Städte. Die erzwungene Rekrutierung von Arbeitskräften nahm ein Ende, nun aber migrierten viele Menschen aus freien Stücken. In Kasai, Maniema, dem Kivu und sogar in Ruanda und Burundi ließen sich Tausende von Dorfbewohnern überzeugen, zu den Bergwerken der Union Minière in Katanga überzusiedeln. Das Unternehmen zählte 1919 etwa achttausendfünfhundert lokale Arbeiter, 1928 siebzehntausend.31 Aus Bas-Congo und der Provinz Équateur ging man nach Léopoldville; Stanleyville wuchs durch den Zuzug von Arbeitern aus der Provinz Orientale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem junge Menschen, die ihre Siebensachen zusammenpackten, um sich als Lohnarbeiter zu verdingen. Was machte die Arbeit in einer Mine, Plantage oder Fabrik für sie denn so attraktiv? Oft wollten sie weg aus dem Dorf mit seiner Armut, dem korrupten Oberhaupt und den mächtigen alten Männern, die alle jungen Frauen heirateten. Weg von der kärglichen Landwirtschaft und dem Pflichtanbau von Gewächsen. Weg von der Pflicht zum Straßenbau und weg vom einfachen Dorfleben. Weg von einer Welt, die ihnen keine Zukunft bot.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem waren die Stadt und das Bergwerk keine Schreckensvorstellung mehr wie noch vor kurzem. Bei der Union Minière in Katanga sank die Sterbeziffer rasant. 1918 starben 20,2 Prozent der Arbeiter an der Spanischen Grippe, ein Jahr später lag die Mortalität bei 5,1 Prozent, und 1930 nur noch bei 1,6 Prozent.33 Bergarbeiter wurden auch nicht so schnell krank.34 Sie erhielten Impfungen gegen Pocken, Typhus und Meningitis. Krankenhäuser und medizinische Zentren wurden errichtet. Unterbringung, Kleidung und Ernährung verbesserten sich beträchtlich. Gleiches galt für die Diamantminen in Kasai. Ein Arbeiter in den Goldminen von Kilo-Moto erhielt in jener Zeit täglich 179 Gramm frisches Fleisch oder frischen Fisch, 357 Gramm Reis, 286 Gramm Bohnen und eineinhalb Kilo Bananen, außerdem Salz und Palmöl.35 Von einer so reichhaltigen und abwechslungsreichen Ernährung konnte man in seinem Dorf nur träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben der Gesundheit ging es auch mit dem sozialen Dasein aufwärts. Das Leben in den Arbeitercamps von Katanga nahm eine wichtige Wende, als die Union Minière ab 1923 den Bergleuten gestattete, ihre Frauen und Kinder mitzubringen. 1925 waren 18 Prozent der Arbeiter verheiratet, 1932 waren es 60 Prozent.36 Das Gefühl der Entwurzelung, unter dem die vorige Generation gelitten hatte, nahm zusehends ab. Viele entschieden sich freiwillig dazu, das Arbeitsverhältnis zu verlängern. Ab 1927 war es den Minenarbeitern erlaubt, Arbeitsverträge von bis zu drei Jahren Dauer abzuschließen, davor war der Zeitraum auf höchstens sechs Monate begrenzt. Viele Arbeiter machten von dieser Möglichkeit Gebrauch: 1928 hatten bereits 45 Prozent einen langfristigen Vertrag, und 1931 betrug der Anteil 98 Prozent.37 Die Arbeit in der Mine galt nicht mehr als Strafe. Als die wirtschaftliche Depression 1929-1933 das Unternehmen zwang, drei Viertel der Belegschaft zu entlassen, protestierte man weniger gegen die plötzliche Arbeitslosigkeit als eher gegen die Aussicht, wieder ins Dorf zurückkehren zu müssen. Die Arbeitslosen mussten die kleinen Arbeiterhäuser der Firma verlassen, doch statt nach Hause zurückzukehren, zogen sie es vor, sich in der unmittelbaren Umgebung von Elisabethville anzusiedeln, wo sie kleine Äcker anlegten und das Land bestellten, bis die Wirtschaft wieder anzog.38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der katangesische Bergbau war nicht mehr eine Sache geschundener junger Männer, die ein paar Monate in düsteren Arbeitercamps hausten, sondern von jungen Familien, denen es in ihrer neuen Umgebung recht gut gefiel. Die Löhne stiegen, in den Siedlungen wurden Kinder geboren, die das Dorf der Eltern und Vorfahren nur vom Hörensagen kannten. Anderswo in Elisabethville entwickelte sich die &#039;&#039;cité indigène&#039;&#039; zu einem pulsierenden, multi-ethnischen Universum mit eigener Dynamik und eigenem Flair. Anders als die mit geometrischer Exaktheit angelegten, immer komfortableren Siedlungen, in denen die Arbeiter der großen Bergbauunternehmen lebten, war die wuselige &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit einer bunten Mischung bevölkert: Zimmerleute, Maurer, Holz- und Metallbearbeiter, Handwerker, aber auch Sanitäter, Büroangestellte und Lagerverwalter. Angestellte von Klein- und Mittelbetrieben lebten neben Staatsbeamten.39 Die Bevölkerungsdichte war viermal höher als im weißen Stadtzentrum.40 Kurz gesagt, es bildete sich eine städtische Bevölkerung afrikanischer Herkunft heraus. Die Kolonialverwaltung war anfangs nicht gerade erpicht darauf. Führte so eine länger andauernde Ansammlung von Proletariern nicht zu einem subversiven oder, schlimmer noch, bolschewistischen Klima? Die Angst vor der roten Gefahr saß tief bei den Vertretern der Kolonialmacht. Oder besser gesagt: »Die Angst vor den Schwarzen tarnte sich als Angst vor dem Roten.«41 Doch 1931 war man sich darüber im Klaren, dass soziale Gemeinschaften gewachsen waren, die keine traditionellen Dörfer mehr waren und auch nicht mehr dazu werden würden. Man erkannte ihre Existenz mit einem Monstrum von einer amtlichen Bezeichnung an, etwas, worauf die Kolonialverwaltung übrigens spezialisiert war: das &#039;&#039;centre extra-coutumier&#039;&#039;. Das »außerhalb der Norm liegende Zentrum«, sozusagen. Diese Zentren erhielten eine Struktur, die mit jener der klassischen &#039;&#039;chefferie&#039;&#039; vergleichbar war. Es wurde ein &#039;&#039;chef&#039;&#039; bestimmt, der als Vermittler zwischen der Masse und der Macht fungierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten entwickelte sich ein neuer Lebensstil, der sich von der Dorfkultur unterschied, aber auch mehr war als eine Kopie der europäischen Stadtkultur, und sei es nur, weil diese neuen Agglomerationen in nichts ihren europäischen Gegenstücken glichen. Sogar für Belgier war die koloniale Stadt eine völlig neue Erfahrung! Es gab mehr Raum und Freiheit, die Entfernungen waren größer, die Straßen breiter, die Grundstücke geräumiger. Die Städte waren von Anfang an auf die Nutzung des Autos eingerichtet. Es hatte auch etwas Amerikanisches, fanden viele Weiße. Léopoldville mit seinen verschiedenen Stadtkernen ohne deutliches Zentrum ähnelte mehr Los Angeles als den mittelalterlichen Städtchen Belgiens oder den im 19. Jahrhundert entstandenen Bürgervierteln von Brüssel oder Antwerpen. Die koloniale Stadt hinkte nicht dem europäischen Modell hinterher, sondern antizipierte manche Entwicklungen. Als ein belgischer Journalist sah, wie weiße Frauen im Kongo das Flugzeug nahmen, um in Léopoldville ihre Kinder zur Welt zu bringen, äußerte er begeistert, in der Kolonie werde »eine neue Gesellschaft, ein neues Belgien mit neuen Ideen geboren«.42 Es schien, als hätten die fünfziger Jahre im Kongo bereits in den zwanziger Jahren begonnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch für Kongolesen bedeutete die koloniale Stadt ein neues Universum mit einer ganz eigenen materiellen Kultur. Eine imaginäre junge Familie aus Kasai, die nach Elisabethville zog, wo der Vater Bergmann wurde, wohnte dort in einem Steinhaus. Die Frau kochte das Essen nicht mehr in Tongeschirr, sondern in emaillierten Töpfen, auch wenn sie die Mahlzeiten wahrscheinlich lieber wie vorher im Freien zubereitet hätte als in der dunklen Küche an der Rückseite des Hauses. Sie bekamen Tische, Stühle und Besteck. Neue Auffassungen über Körperpflege und Hygiene entstanden: Man trug europäische Kleidung, manchmal sogar Schuhe, man wusch sich mit Seife, und man benutzte eine Latrine. Die Eltern schliefen unter Zudecken aus England, und ihre Kinder bekamen im Krankheitsfall Medikamente aus Belgien. Wenn die Frau schwanger war, ging sie zur Entbindung in eine Geburtsklinik bei schwarzen Schwestern oder weißen Nonnen. Wenn die Familie hin und wieder einmal ins Dorf zurück musste, nahm sie für Angehörige und Verwandte Neuerungen mit wie Nadeln, Nähgarn, Scheren, Sicherheitsnadeln, Streichhölzer, kleine Spiegel und Geld. Bei solchen Besuchen zeigte sich freilich auch, wie groß der Abstand inzwischen war. Der junge Vater hatte als Arbeiter ein neues Gefühl von Autonomie erworben. Er ließ sich nicht mehr so sehr davon beindrucken, was der Dorfvorsteher und die alten Männer ihm erzählten. Jetzt hörten sie ihm zu! Er berichtete von der eisernen Disziplin in der Mine, von dem Geheul der Sirene, die die Arbeiter frühmorgens zusammenrief, von der Arbeit an sechs Tagen in der Woche. Darüber machten seine Zuhörer natürlich Witze. Sechs Tage in der Woche? Er hätte im Dorf bleiben sollen, lachten sie, dann hätte seine Frau sicher die Felder bestellt! Für ihn war das Neid. Sie blickten alle bewundernd auf seine Kleidung, das war ihm nicht entgangen. Auf der Rückreise war seine Arbeitslust und Motivation größer denn je. Wenn er nun auch noch in der Hierarchie der Union Minière aufsteigen könnte, dachte er vielleicht, als Mechaniker zum Beispiel, oder als Maschinenführer, würde er dann nach langem Sparen für seine Familie vielleicht ein Fahrrad, eine Nähmaschine oder sogar, fast nicht auszudenken, ein Grammophon kaufen können? Am Sonntagmorgen würden sie alle mit dem Rad zur Kirche fahren. Er auf dem Sattel, seine Frau auf dem Gepäckträger, die Kinder auf der Stange und auf dem Lenker. Das hieß Wohlstand, und es fühlte sich gut an.43&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitpunkt der Woche, an dem dieser neue Lebensstil gefeiert wurde, war der Sonntagnachmittag. In Elisabethville gingen die Minenarbeiter zu den Fußballspielen der weißen Teams.44 In Boma flanierten Hafenarbeiter mit steifem Kragen, Strohhut und Spazierstock. Ihre Frauen trugen farbenprächtige Baumwollstoffe und Kopfbedeckungen, die in Europa längst aus der Mode waren.45 Im friedlichen Tshikapa, bei den Diamantminen von Kasai, ertönte aus manchen Hütten die Tenorstimme von Enrico Caruso.46 Jemand spielte Jazzplatten und kubanische Lieder auf seinem Grammophon. In Léopoldville strömten die Menschen um vier Uhr zum Tanzen in den Apollo-Palace.47 Männer mit langer Hose, mit kurzer Hose, mit Radlerhose, Reithose oder Fußballshorts, aber auf jeden Fall: mit Hose, kamen hier zusammen. Und Frauen mit Kleidern, langen Röcken und kompliziert drapierten &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, alle auf Schuhen mit hohen Absätzen, manchmal bis zu zwölf Zentimetern. Hin und wieder sah man auch einen Mann mit Smoking und Lackschuhen, die meisten Männer waren jedoch barfuß. Mit großem Ernst wurde getanzt, und mit Vorsicht wegen der Pfennigabsätze. Eine Band spielte Maringa- und Rumbamusik. Auf Flaschen und Trommeln schlug man komplexe, synkopierte afrikanische Rhythmen. Aber man hörte auch Fetzen Fandango, Cha-cha-cha, Polka und Schottisch, neben Echos von Marschmusik und Kirchenliedern.48 Der wichtigste Einfluss war jedoch kubanisch: Schellack-Schallplatten brachten Musik zu Gehör, die sich für Kongolesen irgendwie vage vertraut anhörte. Es war die Musik, die die Sklaven in den Jahrhunderten zuvor auf die andere Seite des Ozeans mitgenommen hatten und die nun, bereichert durch spanische Einflüsse, zurückkehrte. Die Sänger in Léopoldville sangen gern auf Spanisch oder so, dass es sich wie Spanisch anhörte. Die hellen Vokale erinnerten an das Klangmuster des Lingala, man brauchte nur dann und wann ein &#039;&#039;corazón&#039;&#039; und &#039;&#039;mi amor&#039;&#039; einzuwerfen&#039;&#039;.&#039;&#039; Die Gitarre wurde das populärste Instrument, neben dem Banjo, der Mandoline und dem Akkordeon. Camille Feruzi, der größte Akkordeon-Virtuose der kongolesischen Musik, komponierte unvergleichlich wehmutsvolle Melodien. Und auf den Schiffen, die vom Landesinneren nach Léopoldville fuhren, spielte der junge Wendo Kolosoy unermüdlich auf seiner Gitarre: Er würde sich zum Begründer der kongolesischen Rumba entwickeln, des einflussreichsten Musikstils im subsaharischen Afrika im zwanzigsten Jahrhundert. Léopoldville war in jenen Jahren eine Art New Orleans, wo afrikanische, lateinamerikanische und europäische volkstümliche Musik zu einem neuen Genre verschmolzen: der kongolesischen Rumba, unwiderstehlicher Tanzmusik, die den gesamten Kontinent überfluten würde, doch vorerst nur in den Bars der neuen Hauptstadt erklang. Es war Musik, die einen lachen und vergessen ließ, die zum Tanz und zur Verführung einlud, die froh machte und sinnlich. Saturday Night Fever, wenn auch am Sonntagnachmittag. Warum sollte man gegen dieses herrliche, heitere Leben protestieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Machthaber blieben wachsam. In Elisabethville konnte man in den dreißiger Jahren im Cercle Albert des öfteren drei Männer sehen, die sich unterhielten.49 Drei weiße Männer. Sie sprachen leise und mit ernsten Gesichtern. Ihre Stimmen: Basso continuo. Ihr Gespräch: unhörbar. Über ihren Köpfen kräuselte sich Zigarrenrauch, hin und wieder von einem gutmütigen Lachen auseinandergepustet, das aus ihrer Mitte aufstieg. Offiziell war es Afrikanern nicht verboten, in europäischen Restaurants zu essen, aber der elegante Cercle Albert bildete eine Ausnahme. Und doch wurde hier über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung entschieden. Die drei Männer waren Amour Maron, Provinzkommissar von Katanga, Aimé Marthoz, Direktor der Union Minière, oder einer seiner Nachfolger, und Félix de Hemptinne, Bischof von Katanga. Wegen des imposanten weißen Barts des Bischofs war die afrikanische Bevölkerung davon überzeugt, dass er ein Sohn von Leopold II. sei . . . Drei Belgier. Jeder von ihnen stand an der Spitze einer der drei tragenden Säulen der Kolonialmacht: Regierung, Kapital und Kirche. Die »koloniale Dreifaltigkeit«, hieß es manchmal im Scherz. Ob der Erzbischof darüber wohl lachen konnte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gemeinsam sorgten diese drei Männer dafür, dass das Leben in der Minenstadt Elisabethville in geordneten Bahnen verlief. Ihre Interessen waren in vieler Hinsicht deckungsgleich: Die Industrie wollte willige, loyale Arbeiter; die Regierung wollte keine Wiederholung der Kimbangu-Affäre oder der Pende-Revolte; die Kirche wollte reine Seelen im Jenseits abliefern – und das bedeutete: brave Bürger im Diesseits heranziehen. Auch anderswo in der Kolonie waren diese drei Instanzen eng miteinander verflochten. Es gab zwar oft Spannungen zwischen den Säulen der kolonialen Trinitas, in einem aber waren sie sich vollkommen einig: Damit die Umstellung vom tribalen zum industriellen Lebensstil nicht scheiterte, müssten sie die dunkelhäutigen Mitmenschen sorgfältig im Auge behalten und sie begleiten. Langsam und vor allem behutsam würde der neue, urbane Kongolese zu einem arbeitsfreudigen Werktätigen, einem gefügigen Untertan, einem frommen Katholik geformt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass groß angelegte Aufstände in den Städten ausblieben, hatte nicht nur mit dem angenehmen Wohlstand zu tun, der den Arbeitern zuteil wurde, sondern auch und vor allem mit dem raffinierten Arsenal an Strategien, die die koloniale Dreifaltigkeit einsetzte, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zu disziplinieren und eventuell zu sanktionieren. Von einem übergreifenden Masterplan konnte man zwar nicht sprechen, doch in der Praxis zogen Kirche, Staat und Großkapital sehr oft am selben Strang. Die zugrunde liegende Philosophie – Wie halten wir sie unter Kontrolle? Wie verschaffen sie uns die höchste Rendite? Wie erziehen wir sie? – manifestierte sich in sehr unterschiedlicher Weise. In Léopoldville war man besorgt wegen der ganzen Tanzerei und trat eifrig dafür ein, die &#039;&#039;cité&#039;&#039; nachts zu beleuchten, denn anders könne man »eine Agglomeration von zwanzigtausend Bewohnern nicht effizient überwachen mit einer Handvoll Polizisten, verloren in der Nacht«.50 In Elisabethville gelang es, eine Umgangssprache zu erzwingen, das Swahili, eine Sprache, die dort nicht heimisch war und die fast niemand als Muttersprache hatte, die jedoch die Kontrolle über den ethnischen Schmelztiegel erleichterte.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schulwesen war noch immer die exklusive Domäne der Missionare und wurde ein machtvolles Instrument, um die Massen in die gewünschte Richtung zu lenken: Die Schüler lernten alles über das belgische Königshaus und nichts über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Selbst die Französische Revolution musste mit besonderer Umsicht besprochen werden. Europäische Schulbücher enthielten zu viel Sprengstoff: »Oftmals wird die Revolution nicht mit dem nötigen kritischen Verstand behandelt. Man bejubelt zu leichtfertig manche Reformen, Freiheiten usw., die die Kirche verurteilt hat«, schrieb der einflussreiche Missionar und Schulinspektor Gustaaf Hulstaert. Er warnte davor, dass die Schüler »liberal und dann gleichgültig und atheistisch« werden könnten.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lasen afrikanische Büroangestellte auch französischsprachige Zeitungen. Kommunistische Blätter wie &#039;&#039;Le Drapeau Rouge&#039;&#039; aus Belgien waren ab 1925 verboten, ebenso wie Illustrierte mit vielsagenden Titeln wie &#039;&#039;Paris Plaisirs&#039;&#039;, &#039;&#039;Séduction&#039;&#039; und &#039;&#039;Paris Sex-Appeal&#039;&#039;.53 Der gleiche Kontrollreflex zeigte sich, als nach dem Großen Krieg die ersten Lichtspielhäuser eröffnet wurden. Film sei ein gefährliches Medium, glaubte man, es könnte die ungebildeten Massen aufwiegeln. 1936 wurde deshalb eine separate Filmzensur für das afrikanische Publikum eingeführt. Daraus resultierten getrennte Vorführungen für Europäer und Kongolesen. Häufig lief es darauf hinaus, dass Filme, die für weiße Kinder als ungeeignet eingestuft wurden, auch für schwarze Erwachsene verboten waren.54 &#039;&#039;»Tous les coloniaux seront unanimes à déclarer que les noirs sont encore des enfants, intellectuellement et politiquement«&#039;&#039;, stand in den amtlichen Richtlinien zur Pressepolitik.55 Der Afrikaner, so der gängige Vergleich, sei in kultureller Hinsicht noch ein Kind: Man dürfe ihn nicht seinem Schicksal überlassen, sondern müsse seine Entwicklung gut im Auge behalten. Letztendlich strebte die koloniale Dreifaltigkeit durchaus eine Form der Emanzipation an, jedoch auf lange, notfalls sehr lange Sicht. Es sollte nicht zu stürmisch zugehen. &#039;&#039;Dominer pour servir&#039;&#039; lautete die Devise des damaligen Generalgouverneurs Pierre Ryckmans: herrschen, um zu dienen. Paternalistisch? Unbedingt. Dieses »dienen« klang indes in den Ohren vieler noch gefährlich progressiv. »Disziplinieren« wäre besser gewesen, oder notfalls »erziehen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Léopoldville der zwanziger Jahre wuchs ein intelligenter und sensibler Junge heran, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem der ersten literarischen Schwergewichte der kongolesischen Literatur werden sollte, Paul Lomami Tshibamba. Kurz vor seinem Tod 1985 blickte er auf die Atmosphäre in der Zwischenkriegszeit zurück:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialmacht tat alles, um uns davon zu überzeugen, dass wir große Kinder seien, dass wir so bleiben würden, dass wir unter ihrer Vormundschaft stünden und dass wir alle Anweisungen befolgen müssten, die sie uns für unsere Weiterentwicklung gab mit dem Ziel einer stetigen Integration in die westliche Kultur, dem Ideal der Kultur überhaupt. Und wir, was konnten wir anderes erwarten? In meiner Generation kannten wir die Traditionen unserer Eltern nicht mehr: Wir waren in dieser Stadt geboren, die von den Kolonisatoren gegründet worden war, in dieser Stadt, in der ein Menschenleben der Macht des Geldes untergeordnet war . . . Ohne Geld landete man im Gefängnis. Geld benötigte man, um Steuern zu zahlen, sich einzukleiden und sogar um zu essen, etwas, was in den Dörfern unbekannt war. Es waren die weißen Kolonisatoren, die einem Geld verschafften, also musste man sich allem, was sie sagten, fügen. In dieser Welt wurde ich geboren und habe ich gelebt: Man musste sich beugen und tun, was andere von einem verlangten.56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonialregierung begnügte sich jedoch nicht damit, das städtische Arbeitermilieu zu beaufsichtigen, sie griff auch aktiv ein. Neben dem Schulwesen waren das Vereinsleben und die Familienpolitik die politischen Instrumente der Wahl. Die Entscheidung, Frauen und Kinder in den Arbeitercamps zu dulden, hatte utilitaristische Gründe: Es sollte die Arbeitslust steigern, Prostitution und Alkoholgenuss bremsen, die Monogamie fördern und zur allgemeinen Ruhe im Camp beitragen. Außerdem sollten die Kinder von klein auf in der Firmenkultur aufwachsen. So wurden sie, mit Unterstützung der Missionsschulen, zu neuen Jahrgängen disziplinierter Arbeitnehmer getrimmt.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kirche verfügte über sehr große politische Macht. Um 1930 gab es in Belgisch-Kongo genauso viele katholische Missionare wie Kolonialbeamte.58 Kirchliche und weltliche Macht schlossen nahtlos aneinander an. Das wusste auch der Schriftsteller Lomami Tshibamba:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im praktischen Leben, in dem wir aufwuchsen, verlangte der Priester unsere Unterwerfung; die Vertreter von Bula Matari, anders gesagt des Gouvernements oder der Bezirksverwaltung, besaßen alle Macht, und diese Macht kam von Gott. Demzufolge wurde von uns absoluter Gehorsam erwartet. Das ist das, was uns der Priester nahe­legte! Gut sein, gegenüber Gott und gegenüber diesen Menschen der neuen Gesellschaft, die von der Bula Matari geschaffen worden war, das setzte Gehorsam, Unterwerfung und Respekt voraus. Wir waren reduziert auf Diensteifer – dieses Wort wurde nicht benutzt, aber darauf lief es im Grunde hinaus.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diensteifer zu erzeugen war auch das Motiv, das hinter der Sozialpolitik der großen Betriebe steckte. Die Union Minière ging dabei am weitesten. Ja, das Unternehmen baute Schulen, Spitäler und Freizeitclubs für die Arbeiterfamilien. Ja, es gab Ende der dreißiger Jahre die Anfänge eines Rentensystems. Und ja, der Bergarbeiter wurde von der Wiege bis zur Bahre vom Betrieb umsorgt, mehr als bei jedem anderen Bergbauunternehmen in Zentralafrika. Aber es steht außer Frage, dass das paternalistische Wohlwollen des Unternehmens eher wirtschaftlichen Erwägungen als einer philanthropischen Haltung entsprang. Man zog sich vollkommene Arbeiter heran: glücklich und fügsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr als ein Arbeitgeber war die Union Minière ein Staat im Staate, hin und wieder sogar mit totalitären Zügen. Jede Facette des Lebens im Arbeitercamp stand unter der Kontrolle des weißen Camp-Chefs. Er führte über jeden Arbeiter und dessen Familie eine Karteikarte; er war zuständig für die Unterbringung, die Bevorratung, die Löhne und die Schulen; er schlichtete Konflikte und verhängte Disziplinarmaßnahmen. Wenn die Frau eines Union-Minière-Arbeiters in ihr Heimatdorf reisen wollte, musste sie den Camp-Chef um Erlaubnis bitten, obwohl sie selbst nicht im Dienst des Unternehmens stand! Ihre Kinder mussten bereits vom zehnten Lebensjahr an am Werkunterricht teilnehmen, zur Vorbereitung auf ihre spätere Arbeit. Knaben half das Unternehmen, Geld für den Brautpreis zu sparen. Die Union Minière war ein allumfassender Betrieb und genoss die Unterstützung von Mission und Staat.60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Zusammenschlüssen von Einheimischen war man sehr auf der Hut, denn dort könnten Formen von sozialem Protest aufkeimen: »Ein Gemeinschaftsgefühl wird so weit wie möglich unterdrückt. Die Camp-Leitung kontrolliert genauestens alle Aktivitäten, die die Einheimischen organisieren.«61 Nähclubs, Chorgesang und Haushaltskurse fand die Union Minière erwünschter als Eigeninitiativen von Mitarbeitern. Die Missionen, die Kirchen in den Arbeitervierteln hatten, unterstützten das Unternehmen dabei nach Kräften. In Léopoldville waren es hauptsächlich Scheutisten, in Elisabethville Benediktiner. In der Kathedrale van Elisabethville sang am Sonntag ein ausgezeichneter gregorianischer Knabenchor, der nur aus afrikanischen Kindern bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten stampften belgische Priester ab 1922 die ersten Pfadfindergruppen Afrikas aus dem Boden. Die Pfadfinderbewegung, vom Ursprung her säkular, die mit ihrem paramilitärischen Charakter eher zum Staat als zur Kirche passte, war in der Kolonie eine exklusiv katholische Angelegenheit. Sie ermöglichte es dem Missionar, auch nach Schulschluss die besten Schüler unter Kontrolle zu behalten. Mit Aktivitäten wie Spurensuche, Bäume erklettern, Knoten knüpfen, Zelten und Morsezeichen üben vermittelte man Jugendlichen sowohl Stolz als auch Disziplin. Der junge Pfadfinder sammelte Abzeichen, legte sein Gelöbnis ab und behandelte seine Uniform pfleglich. Die Mitgliederzahlen waren nie sehr hoch (etwa tausend im gesamten Kongo), doch es entstand eine einheimische Elite, die wusste, was Disziplin und Zuverlässigkeit war.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine viel größere Masse war für das empfänglich, was wahrscheinlich den erfolgreichsten Teil der belgischen Missionierung ausmachte: Fußball. Auch hier ging die Initiative von Léopoldville und Elisabeth­ville aus. Es begann um 1920. Missionare in Soutane erläuterten die Spielregeln und sahen, wie schon nach kurzer Zeit Kinder und Jugendliche in den staubigen Straßen der &#039;&#039;cité&#039;&#039; mit selbstgemachten Bällen oder mit Pampelmusen trainierten. Die ersten Mannschaften wurden gegründet: Étoile und League in Léopoldville, Prince Charles und Prince Léopold in Elisabethville. 1939 gab es allein schon in Léopoldville dreiundfünfzig Mannschaften und sechs Ligen. Es gab Barfuß-Teams und Teams mit Schuhen – barfuß spielen bedeutete weniger kraftvolle Pässe, aber größere Geschmeidigkeit. Die Wettkämpfe fanden am Sonntagnachmittag statt. Neben Hunderten von Spielern waren Tausende Fans auf den Beinen. Freunde, Kollegen, Frauen und Kinder schrien sich am Rand des Spielfeldes heiser. Fußball war mehr als ein Freizeitvergnügen. Es hatte auch einen erzieherischen Aspekt. Ein flämischer Benediktiner konstatierte zufrieden: »Statt den Sonntagnachmittag in einer Hütte zu hocken und ihren &#039;&#039;pombo&#039;&#039; zu trinken, oder Bars aufzusuchen und in Gesellschaft von Frauen mit zweifelhaften Sitten zu trinken, geben sie sich frei und an frischer Luft den Sportarten hin, die sie fesseln.«63 Ein Scheutist war ebenso begeistert: »Das hält sie, zumindest für die paar Stunden, vom Tanzen und von Saufgelagen ab und ist, nach dem Gottesdienst, eine angenehme Sonntagsbeschäftigung.«64 So wie in den katholischen Oberschulen und Internaten Flanderns Fußball propagiert wurde, um die überschüssige sexuelle Energie der Jungen zu kanalisieren, wurde der Sport in der Kolonie eingeführt, um eventuellen sozialen Unmut zu unterdrücken. Fußball war nicht nur ein ausgelassenes Spiel, sondern auch eine Form der Disziplinierung. Man musste am Training teilnehmen, Geschicklichkeit entwickeln, Reflexe kontrollieren können, sich an Regeln halten, dem Schiedsrichter gehorchen. Vergnügen und zugleich Selbstbeherrschung: eine ideale koloniale Schule. »Sport lehrt den Eingeborenen (. . .), sich einer Disziplin zu fügen, die er freiwillig anerkennt«,65 hieß es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen von Kikwit sah ich im Jahr 2007 einmal ein klappriges, gelbes Moped vorbeiknattern, auf dem ein alter Weißer saß. Das war an sich schon recht ungewöhnlich: Die wenigen Europäer bewegen sich prinzipiell mit dem Auto fort, und die Alten unter ihnen sowieso. Besagter Mopedfahrer war, wie sich herausstellte, Henri de la Kéthulle de Ryhove, ein Jesuit aus adeligem Haus, weit über achtzig und noch immer unermüdlich aktiv, in den letzten Jahren vor allem im Kampf gegen Sichelzellenanämie, eine erbliche Krankheit. Père Henri war auch der Neffe von Raphaël de la Kéthulle, dem wohl berühmtesten Missionar von ganz Belgisch-Kongo. Und diese Berühmtheit verdankte sein Onkel weder einem heroischen Bekehrungseifer im tiefen Urwald noch der christlichen Aufmunterung einer trostlosen Leprakolonie, nein, père Raphaël arbeitete sein ganzes Leben in Kinshasa und brachte seinen Schäfchen das Fußballspielen bei. Er war ein Scheutist, der als Lehrer tätig war, und gehörte zur ersten Gruppe städtischer Missionare. Als Spross einer französischsprachigen, aristokratischen Familie aus Brügge war er selbst im Sint-Lodewijkscollege zur Schule gegangen. (Ein Detail, über das ich lächeln muss: Ich selbst habe eine frühere Zweigstelle dieser Schule besucht. Auch in meinem College war, ein dreiviertel Jahrhundert später und nach einer »Niederlandisierung«, Fußball noch immer die wichtigste Religion neben dem Christentum. Auf unserem gepflasterten Schulhof waren fünf oder sechs Fußballfelder aufgemalt, außerdem hingen dort fünf Volleyballnetze und zwei Basketballkörbe. Statt zwei Pflichtstunden Sport hatten wir vier. Der westflämische Katholizismus hatte, auch wenn viele mit ihm eher den Dichter, Priester und Lehrer Guido Gezelle assoziieren, mehr Affinität zum Ballsport als zur Lyrik.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Onkel war der Gründer der Association Sportive Congolaise, des ersten Sportvereins im Kongo«, erzählte mir père Henri, nachdem wir uns hingesetzt hatten. Sein weißes Haar war vom Mopedfahren nach hinten geföhnt. »Er war der große Förderer des Fußballs in Kinshasa.« Aber dabei blieb es nicht. »In seinem Sportverein gab es auch Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und sogar Wasserball.« Raphaël de la Kéthulle muss ebenso unermüdlich gewesen sein wie sein Neffe. Er hatte sich nicht nur um die sportlichen Aktivitäten gekümmert, sondern auch mehrere Schulen gegründet. Er stand mit an der Wiege der kolonialen Pfadfinderbewegung, des Schul­theaters, einer Musikkapelle und eines Vereins ehemaliger Schüler. Vor allem aber war er die treibende Kraft hinter dem Aufbau einer soliden Sportinfrastruktur in Léopoldville. Père Henri wusste das. »Er hat drei Fußballstadien gebaut, einen weiträumigen Sportplatz, Tennisplätze und ein Schwimmbad mit olympischen Maßen, das sogar ein Fünfmeterbrett hatte. In diesem Schwimmbad organisierte er auch Einbaumwettkämpfe!« Der absolute Höhepunkt seiner Baulust war das Stade Roi Baudouin, das spätere Stade du 20 Mai, ein Fußballstadion, das achtzigtausend Zuschauern Platz bot und bei seiner Eröffnung im Jahr 1952 das größte Stadion in ganz Afrika war. Es war auch der Ort, an dem 1959 die Unruhen ausbrachen, die zur Unabhängigkeit führen sollten. Und hier hielt Mobutu nach seinem Putsch im Jahr 1965 eine Ansprache an das Volk. 1974 fand hier der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman statt. Noch heute kennt jeder Kinois &#039;&#039;tata&#039;&#039; Raphaël, Väterchen Raphaël, und sei es nur, weil das große Stadion inzwischen nach ihm benannt wurde und sein Porträt, das eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Logo von Kentucky Fried Chicken aufweist, riesengroß auf den Mauern des Collège Saint Raphaël prangt. »Ja, er war sehr zielstrebig«, resümierte père Henri, »auch wenn er &#039;&#039;la bottine légère&#039;&#039; hatte.« Den leichten Stiefel? »Ja, wenn es sein musste, konnte er auch mal jemandem einen Fußtritt verpassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Vereinsleben, angekurbelt von den katholischen Missionaren, bot den städtischen Arbeitern nicht nur gesunde Freizeitaktivitäten, sondern veränderte auch zielbewusst die soziale Landkarte. Aus Furcht vor ethnisch gefärbten Aufständen wie bei den Pende verwischte man die tribalen Grenzen – dieselben Grenzen, die die Missionsschulen akzentuiert hatten! Henri de la Kéthulle erzählte mir: »Mein Onkel brachte beim Sport die Stämme zusammen. In seinen Fußballwettkämpfen wurden die Mannschaften gemischt. Er veranstaltete landesweite Wettkämpfe, ja sogar das erste internationale Fußballspiel. Ein kongolesisches Team spielte damals gegen ein belgisches. Beerschot, glaube ich.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch freiheitliche Regungen ließen sich nicht restlos unterdrücken. Trotz aller wohlwollenden Sportinitiativen und der bevormundenden Familienpolitik war ein gewisser Hunger bei Teilen der kongolesischen Städter nicht zu stillen. Die Kolonialverwaltung bezeigte sich zwar freundlich, aber nur, solange man sich unterordnete. Die Masse wurde unter dem lächelnden Blick der kolonialen Dreifaltigkeit in Bahnen gelenkt, doch wer aus der Reihe tanzte, wurde mitleidlos bestraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb blieben einheimische Organisationen bestehen.67 Die Kita­wala-Religion verbreitete sich unter den Bergleuten und infiltrierte große Teile des flachen Landes. Von Katanga aus erreichte sie den Kivu und die Provinzen Orientale und Équateur. Sie existierte im Untergrund und vermengte Mystik mit Revolte. Als 1936 in Jadotville Anhänger dieses Glaubens verhaftet wurden, sagten sie über die Bibel: »In diesem Buch steht sehr deutlich, dass alle Menschen gleich sind. Gott hat den Weißen nicht geschaffen, damit er über den Schwarzen herrscht. (. . .) Es ist nicht gerecht, dass der Schwarze, der die Arbeit leistet, weiter in Armut und Not leben muss, während die Löhne der Weißen so viel höher sind.«68 Viele Anhänger wurden verbannt, aber wie bei den Kimbanguisten gab das der Bewegung eher einen Impuls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnische Organisationen in Katanga, zum Beispiel der Lulua und der Baluba, boten ein soziales Miteinander und eine Identifikationsmöglichkeit, die kein Pfadfindertrupp bieten konnte. Sie nahmen Neuankömmlinge unter ihre Fittiche und halfen jungen Männern, den Brautpreis aufzubringen. Es entstanden sogar Formen von Solidarität unter Menschen mit demselben Vornamen. Ein alter Mann aus Lubumbashi erklärte das so: »Wenn ich Albert heiße und du heißt Albert, dann wirst du mein Bruder. (. . .) Wir kümmern uns umeinander. Wir helfen uns gegenseitig, etwas zu essen zu bekommen, wir spielen zusammen, wir unterstützen uns auf jeder Ebene.«69 Ab 1929 führte die Krise zu intensiven Formen einheimischer Solidarität. André Yav, der ehemalige Boy aus Lubumbashi, berichtete davon: »Alle hatten viel Hunger damals. Die Arbeitslosigkeit stieg unglaublich. Aber wir haben es so gemacht: Wenn ein Mann Arbeit hatte, dann war er der Vater und die Mutter von allen seinen Freunden. Sie kamen in sein Haus, um zu essen, und sie kamen, wenn sie etwas zum Anziehen brauchten.«70 Solche Formen spontaner Selbstorganisation waren unzerstörbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwanziger Jahren gab es Gruppen, die sich &#039;&#039;Les Belges&#039;&#039; nannten. Ihre Mitglieder schmückten sich nicht ohne Humor mit den Titeln der Kolonialverwaltung (»Distriktskommissar«, »Generalgouverneur«, »König«) und imitierten in ihren Tänzen weiße Beamte und Missionare. Außer mit Satire beschäftigten sie sich auch mit der Unterbringung von Neuankömmlingen, der Essensverteilung und der Organisation von Bestattungen.71&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Krise gründeten sich die ersten Vereine von Afrikanern, die es geschafft hatten, sich hochzuarbeiten. In Organisationen mit Namen wie &#039;&#039;Cercle de l&#039;Amitié des Noirs Civilisés&#039;&#039; oder &#039;&#039;Association Franco-Belge&#039;&#039; fanden sich Kongolesen zusammen, die eine Schule besucht hatten, über ein gutes Einkommen verfügten und untereinander Französisch sprachen. Sie verkörperten den Beginn einer kongolesischen Mittelschicht, mit der entsprechenden Zuversicht und nicht ohne Snobismus. Die Mitglieder blickten oft herab auf die Straße, von der sie sich gerade emporgekämpft hatten, und lechzten nach einem europäischeren Lebensstil, nach Manschettenknöpfen und Respekt. Doch dieses Verlangen konnte, wenn es sich nicht erfüllte, in Unmut und Protest umschlagen – was in den fünfziger Jahren auch geschah. In der Zwischenkriegszeit jedoch hatten diese Aktivitäten noch keinen offen politischen Charakter, auch wenn manche Gruppen sich am liebsten unabhängig von der Kirche organisierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den dreißiger Jahren bot sich mehrmals pro Woche ein faszinierendes Phänomen an der Grenze zu Rhodesien.72 Immer, wenn ein Zug aus dem britischen Dominion ankam, hielt er mit lautem Zischen an, um den weißen Lokführer von Bord zu lassen. Sein Kollege aus Belgisch-Kongo kletterte auf die Lokomotive, um die Fahrt nach Elisabethville fortzusetzen. Wer die Szene zum ersten Mal sah, rieb sich kurz die Augen: War der neue Lokführer tatsächlich ein Afrikaner? Ja, das war er. In Belgisch-Kongo war man stolz darauf, dass es, anders als in Südafrika und Rhodesien, keine Rassenschranke gab. In den Minen und Fabriken durften Afrikaner teure und gefährliche Maschinen bedienen, wenn auch unter der Kontrolle weißer Vorarbeiter. Strebsame Arbeiter der Union Minière konnten bis zu einer gewissen Ebene im Betrieb aufsteigen. Hotels, Restaurants und Kneipen waren theoretisch für jeden zugänglich. Nur in den Kinos herrschte eine deutliche Rassentrennung. Es existierte kein formelles Verbot von sexuellen Beziehungen zwischen Weißen und Farbigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Abwesenheit einer gesetzlichen Rassenschranke bedeutet nicht, dass diese nicht unsichtbar gleichwohl existierte.73 Diese unsichtbare Rassenschranke war vielleicht sogar noch die hartnäckigste von allen. Afrikaner konnten nicht bis an die Spitze eines Betriebes aufsteigen. In der Verwaltung war Sachbearbeiter oder Typist die höchste erreichbare Funktion. Die Städte bestanden aus strikt getrennten weißen Zentren und schwarzen Vororten, angeblich, um die Verbreitung von Malaria zu verhindern. Doch das war ein vorgeschobenes Argument. Auch die Friedhöfe waren nach Rassen getrennt, und dort brauchte man sich in der Regel kaum noch vor Malaria zu fürchten. Gemischte Pfadfindergruppen gab es auch nicht. Und kongolesische Fußballmannschaften durften nicht gegen europäische Teams spielen, weil man Tumulte bei Niederlagen oder Demütigungen bei Siegen befürchtete. Einer der scharfsinnigsten Beobachter der Kolonialzeit schrieb darüber: »Die Tatsache, dass es keine offizielle Rassenschranke gab&#039;&#039;,&#039;&#039; verstärkte seltsamerweise die rassischen Reflexe der Weißen. Juristisch nicht existent, offenbarte sich der Rassismus mit ganzer Macht in den Fakten.«74 Und das traf zu. Wer heute in die Zeitungen der Kolonie aus der Zwischenkriegszeit schaut, merkt, wie sehr eine Wir/Sie-Logik das Denken bestimmte und wie viel Angst hinter dem markigen Sprachgebrauch steckte. Nachdem ein Kongolese einen Weißen ermordet hatte, schrieb &#039;&#039;L&#039;Avenir Colonial Belge&#039;&#039;, eine der populärsten Zeitungen der Kolonie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist für uns, die Weißen, die persönliche Freiheit in Léopoldville überhaupt noch gewährleistet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann in aller Aufrichtigkeit antworten: Nein! Die Handlungen von Insubordination der Schwarzen mehren sich vehement; ihre Unverfrorenheit ist groß und jagt selbst den Tapfersten Angst ein. Diebstähle nehmen an Zahl und Umfang zu; der Dünkel des Eingeborenen gegenüber den Weißen ist manchmal niederschmetternd; die Furcht, die wir ihnen einflößen, ist gleich null; der Respekt vor dem Mundele ist nicht mehr vorhanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sieht es aus im Jahr des Herrn 1930.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber, werden Sie sagen, ist Stanley Pool denn eine Region, die erneut pazifiziert werden muss?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Aber sicher, warum nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie diese »erneute Pazifizierung« aussehen sollte, sprach die Zeitung klar und deutlich aus: Jeder Afrikaner, der einem Weißen nach dem Leben trachtete, aus welchen Gründen auch immer, sollte mit dem Tode bestraft werden.75 Gesetzlich zulässige Notwehr, mildernde Umstände, Totschlag im Affekt, zwanghafte Persönlichkeitsstörung, das alles war nicht mehr von Bedeutung. Die Staatsanwaltschaft dachte zum Glück um einiges differenzierter, doch dass ein Blatt, das solches Geschwätz verbreitete, zu einer der einflussreichsten Zeitungen der Kolonie wurde, zeigt, wie die Mehrzahl der Weißen über die Rassenfrage dachte. &#039;&#039;Les noirs&#039;&#039;, das schrieb man mit einem kleinen Buchstaben, und &#039;&#039;les Blancs&#039;&#039; mit einem großen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde herrschte in der kolonialen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit wechselseitige Angst: Die weißen Herrscher fürchteten sich gewaltig davor, ihre Respektabilität in den Augen der Kongolesen zu verlieren, während sich sehr viele Kongolesen vor der Macht der Weißen fürchteten und alles daransetzten, sich ihren Respekt zu verdienen. Beide befanden sich im Klammergriff der Angst. Wie lange war so etwas auszuhalten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier lange Jahre hatten Albert Kudjabo und Paul Panda Farnana in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht, Jahre, die mehr umfassten, als Berliner Ethnologen Lieder in den Phonographentrichter zu singen. Jahre der Krankheit und Zwangsarbeit. Jahre der Verhöhnung und Erniedrigung. Kudjabo hatte auf einem Bauernhof in der Nähe von Stuttgart arbeiten müssen, wo der Bauer ihn betrogen hatte. Panda war in Hannover gelandet und von dort aus nach Rumänien gebracht worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber waren sie zurück in Belgien, dem Land, für das sie und einige andere Kongolesen ihr Leben riskiert hatten. Und was schrieb das Veteranenblatt &#039;&#039;Le Journal des Combattants&#039;&#039; über sie? »Lasst sie uns repatriieren und in den Schatten ihrer Bananenbäume zurückschicken, wo sie sicherlich eher am richtigen Ort sind. Sie werden dort ihre Negertänze lernen und können ihren Familien, die um sie herum auf Schimpansenfellen sitzen, von ihren Kriegserlebnissen erzählen.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatten sie dafür gekämpft und gelitten? Das konnten sie nicht hinnehmen. Eine Antwort erschien: »In den Schützengräben wurde man nicht müde zu wiederholen, dass wir Brüder seien, und wir wurden genauso behandelt wie die Weißen. Nun aber, wo der Krieg vorbei ist und man unsere Dienste nicht mehr benötigt, sähe man uns lieber verschwinden. Was Letzteres betrifft, sind wir vollkommen einverstanden, jedoch unter einer Bedingung: Wenn so strikt auf der Repatriierung der Schwarzen bestanden wird, könnten wir logischerweise fordern, dass alle Weißen, die sich in Afrika befinden, gleichfalls repatriiert werden.«77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Frechheit! Einen so selbstsicheren Ton wagte im Kongo niemand anzuschlagen. Die Erwiderung war in einem eloquenteren Französisch verfasst als der Artikel, auf den die Kongolesen reagiert hatten. Hier erhob sich tatsächlich eine neue Stimme. Einige Wochen vor dem fraglichen Artikel, am 30. August 1919, war in Brüssel die Union Congolaise gegründet worden, ein »Verein zur Hilfe und moralischen und intellektuellen Entwicklung der kongolesischen Rasse«. Er ähnelte der Organisation, die André Matsoua in Frankreich gegründet hatte. Der Verein zählte anfangs dreihundert Mitglieder, fast alle ehemalige Kriegsteilnehmer. Die wichtigste Persönlichkeit war der ehemalige Kriegsgefangene Paul Panda Farnana, sein Schicksalsgenosse Albert Kudjabo wurde Sekretär. Es ging ihnen darum, armen und kranken Mitgliedern zu helfen, Bestattungskosten zu decken und kostenlose Abendschulen zu ermöglichen. Aber sie verfolgten auch ausgesprochen politische Ziele. Bereits 1920 forderte die Union Congolaise, dass Zwangsarbeit erleichtert, Lohnarbeit besser bezahlt und dass das Schulwesen ausgebaut werden müsse. Vor allem forderten sie, dass Kongolesen mehr Mitspracherecht in der Verwaltung bekämen. Nochmals: im Jahr 1920! In jener Zeit beriet sich die Verwaltung höchstens mit einzelnen Dorfvorstehern, die sie selbst eingesetzt hatte. Viel besser sei es, schlug Paul Panda vor, die Kongolesen selbst einen Rat wählen zu lassen, der die Kolonialregierung in Boma beraten würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pandas Union Congolaise wuchs stetig. Inzwischen gab es regionale Abteilungen in Lüttich, Charleroi und Marchienne-au-Pont. Die neuen Mitglieder waren oft kongolesische Matrosen, die im Hafen von Antwerpen desertiert waren. Diese jungen, unverheirateten Männer, die sich wochenlang im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinenräume als Maschinenschmierer, Heizer oder Kohlentrimmer abgerackert hatten, wollten es nicht hinnehmen, dass nach der Ankunft ihre weißen Kollegen für die gleiche Arbeit mehr als zweimal so viel bekamen. Im Kongo gab es keine weißen Arbeiter, nur weiße Vorgesetzte, aber auf den Ozeandampfern fiel der große Kontrast zum ersten Mal auf. Und während der Unmut an Land in religiöse Ekstase mündete, führte Unzufriedenheit an Bord zu prosaischerem Widerstand: Streiks. In den Häfen von Antwerpen wie auch Matadi wurde die Arbeit niedergelegt, vor allem auch, nachdem es afrikanischen Seeleuten verboten wurde, ihre geringe Heuer durch einen privaten Handel mit Fahrrädern und Nähmaschinen aufzustocken. Außerdem durften sie an Land keine Bars aufsuchen. Die belgische Regierung hatte panische Angst, dass sie im Rotlichtviertel oder, schlimmer noch, in roten Lokalen landen würden. Es gab schon genug Kommunisten in Antwerpen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs konnte die Union Congolaise noch auf einige Sympathie zählen. Paul Panda Farnana war ein außergewöhnlich redegewandter Intellektueller, der sich auf die seltene Kunst verstand, radikale Ideen als gerechtfertigte Maßnahmen darzustellen. Er durfte im Dezember 1920 auf dem ersten Nationalen Kolonialkongress in Brüssel sprechen, wo sein Redebeitrag über die Notwendigkeit der politischen Teilhabe der Kongolesen auch unter den belgischen Zuhörern viel Beifall erntete. Gebt uns Macht, war seine Devise. Er erhielt dafür Applaus! Als großartiger Redner hatte er sich in seiner Ansprache denn auch ausgiebig auf historische Päpste berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später nahm Paul Panda jedoch am zweiten Panafrikanischen Kongress teil, einer afro-amerikanischen Initiative unter Leitung des radikalen amerikanischen Bürgerrechtsaktivisten W. E. B Du Bois. Diese Teilnahme schädigte Pandas Ruf: Die koloniale Presse warf ihm Nationalismus, Bolschewismus und Garveyismus vor. Zu Unrecht. Der Panafrikanismus jener Jahre wollte schwarze Menschen auf der ganzen Welt befreien und emanzipieren. Auf dem Kongress, der eine Woche dauerte und in London, Brüssel und Paris stattfand, widerlegte man den Vorwurf des Bolschewismus. Man wollte nichts anderes als die Gleichheit von Weißen und Schwarzen fördern, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten. Die Delegation besuchte auch das Kolonialmuseum in Tervuren, wo die amerikanischen Teilnehmer sich über die damals bereits riesige Sammlung aufregten, die in ihren Augen zusammengeraubt war. So hatte Paul Panda das bis dahin noch nicht gesehen. Vorsitzender bei den Brüsseler und Pariser Tagungen war Blaise Diagne, ein Senegalese, der bereits seit 1914 einen Sitz im französischen Parlament hatte, als erster Afrikaner überhaupt. Auf Panda muss das enormen Eindruck gemacht haben. Während die französischen Kolonien bereits Volksvertreter nach Paris entsenden durften, konnte man in Belgisch-Kongo nicht mehr werden als Lokführer, Chorknabe, Pfadfinder oder Torwart. &#039;&#039;Chef médaillé&#039;&#039; sein zählte nicht mit, wenn es um politische Teilhabe ging: Das war keine Mitbestimmung, sondern Augenwischerei. Einige Jahre später verkündete er sein ungeschminktes Fazit: »Bis jetzt war die Kolonialisierung des Kongo nur ›Zivilisations‹-Vandalismus zum Vorteil des europäischen Elements.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Mai 1929 kehrte Paul Panda Farnana in die Kolonie zurück. Er ließ sich in seinem Heimatdorf Nzemba nieder, nahe der Küste. Dort gründete er eine kleine Schule und erbaute eine Kapelle. Mit seiner seltenen Kombination aus Lebenserfahrung, Scharfsinn und Takt hätte er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen für eine gerechtere Kolonialpolitik werden können. Doch kaum ein Jahr nach seiner Rückkehr starb er in seinem Dorf, unverheiratet und kinderlos. Belgisch-Kongo hatte seine brillanteste Gegenstimme verloren. Er war nur 42 Jahre alt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 5 Die rote Stunde des Einsatzes ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Krieg und die trügerische Stille danach 1940-1955 ===&lt;br /&gt;
Sie standen im Kreis und wiegten sich hin und her. Immer wieder verlagerten sie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen; es war ein Mittelding zwischen bedächtigem Tanzen und Auf-der-Stelle-Marschieren. Die kleine Gruppe von Veteranen schien sich sehr wohl zu fühlen. Ich sah ihnen zu im Maison des Anciens Combattants von Kinshasa. Ihre nagelneuen Uniformen waren ein Geschenk der belgischen Armee an die gegenwärtigen Streitkräfte. Die Veteranen trugen sie mit Stolz, klatschten in die Hände und sangen mit tiefen Stimmen: &#039;&#039;»Saluti, saluti, pesa saluti, tokopesa saluti na bakonzi nyonso.«&#039;&#039; Ein Marschlied. »Gegrüßt, gegrüßt, Achtung, wir salutieren allen unseren Anführern.« Besagte Anführer, so erklärten sie mir später, waren Belgier. Alle ihre Offiziere waren damals Belgier. &#039;&#039;»Biso baCongolais, biso baCongolais«&#039;&#039;, so ging es weiter, »wir Kongolesen, wir Kongolesen, wir haben unsere Stärke bewiesen. Heute haben wir Sayo erobert.« Ein einfaches, aber ansteckendes Soldatenlied. Wenn man es einmal gehört hat, wird es zu einem Ohrwurm. Ein kongolesischer Soldat schuf es 1941, kurz nach der Eroberung der befestigten Garnisonsstadt Sayo in Abessinien, dem heutigen Äthiopien. Es wurde auf den Ladeflächen der LKW gesungen, mit denen die kongolesischen Soldaten durch die ausgetrockneten, offenen Landschaften des Sudan nach Stanleyville zurückfuhren. Fast siebzig Jahre später kannten die Veteranen es noch immer. Es atmete eine neue Form der Brüderlichkeit. Ja, die Weißen waren in jenen Tagen noch immer ihre Befehlshaber, aber während des Krieges hatte sich doch etwas verändert. Der kongolesische Soldat war sehr stolz darauf, dass er seinen weißen Offizieren die Eroberung von Sayo darbringen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch dieser Stolz sollte nicht lange anhalten. Noch viel mehr als der Erste Weltkrieg bewirkte der Zweite Weltkrieg eine Annäherung, auf die Enttäuschung folgte. Ich sprach darüber mit dem 87-jährigen André Kitadi, einem der Männer, die das Lied gesungen hatten. Er war zweiter Vorsitzender des Veteranenvereins 40-45, ein bemerkenswerter Mann mit sanfter Stimme und scharfsinnigem Urteilsvermögen. Sein Büro war leer bis auf einen Schreibtisch aus Metall, eine kongolesische Flagge und eine große Wasserlache. Das Regenwasser vom Vorabend stand noch auf dem Betonfußboden. »Wir haben für Belgien gekämpft, so viel ist gewiss. Die Belgier brauchten uns, um ihre Interessen zu verteidigen. Wir machten mit, weil wir Disziplin besaßen. Wir hatten &#039;&#039;la conscience de la guerre&#039;&#039;.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 Belgien in achtzehn Tagen überrannte, war die rechtliche Stellung von Belgisch-Kongo einige Monate lang unklar. Das lag an dem allgemeinen Debakel im Mutterland. Während die belgische Regierung nach Frankreich und später nach Großbritannien floh und sich auf die Seite der Alliierten stellte, akzeptierte König Leopold III., Großneffe von Leopold II., den deutschen Sieg. Er wurde zum Kriegsgefangenen und befand sich am Ende des Krieges in Deutschland. Auf wen sollte die Kolonialregierung nun hören? Auf den König eines Landes, das nicht mehr als souveräner Staat existierte, aber noch eine Kolonie besaß, oder auf dessen Kolonialminister im Exil, der als Generalverwalter von Belgisch-Kongo galt? In der Kolonie selbst gingen die Meinungen auseinander. Konservative Kräfte wie Monseigneur de Hemptinne, der mächtige Bischof von Katanga, waren monarchistisch gesinnt und fanden sich mit dem deutschen Sieg und der neuen faschistischen Weltordnung ab. Und viele Industrielle hegten ultrarechte Sympathien. Sie wollten weiterhin Rohstoffe nach Deutschland liefern können, was manche im Laufe des Krieges, über den Umweg Portugal, auch taten. Antisemitismus kam hier und da auf. Im Eldorado von Elisabethville war im Laufe der Zeit eine kleine jüdische Gemeinde entstanden. Ihr Rabbiner, der einzige im ganzen Kongo, erfuhr zu seiner Bestürzung, dass die Schaufenster jüdischer Kaufleute mit Hakenkreuzen und Losungen wie &#039;&#039;sale juif&#039;&#039; beschmiert worden waren.2 Letztendlich aber räumte Generalgouverneur Pierre Ryckmans jeden Zweifel aus: Belgisch-Kongo würde sich einmütig für die Seite der Alliierten entscheiden und weiterhin gegen den Faschismus kämpfen. Offiziell war sein Ressort dem exilierten Kolonialminister unterstellt, in der Praxis genoss er jedoch große Autonomie. Sein persönlicher Mut war entscheidender als jede Direktive aus London.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die französischen Kolonien schwankten in der Frage, auf welche Seite sie sich schlagen sollten: Die meisten entschieden sich für das kollaborierende Vichy-Regime Pétains, einige schlossen sich de Gaulles Freiem Frankreich an. So wurde der Konflikt zwischen den Alliierten und den Achsenmächten auf den afrikanischen Kontinent ausgedehnt. Deutschland besaß zwar seit 1918 keine Gebiete mehr in Übersee, doch große Teile Afrikas gerieten dennoch in den nationalsozialistischen Einflussbereich. Zudem besaß Deutschlands neuer Bündnispartner Italien Kolonien. Bereits seit dem späten neunzehnten Jahrhundert herrschte das Land am Horn von Afrika über Eritrea und Italienisch-Somaliland, Gebiete am Roten Meer, deren strategische Bedeutung seit der Eröffnung des Sueskanals zugenommen hatte. 1911 annektierte Italien Libyen, und 1935 rückte Mussolini in das Äthiopien von Haile Selassie ein, das einzige größere afrikanische Land, das nie eine Kolonie gewesen war. Auch diese Fremdherrschaft würde nur ein kurzes Intermezzo sein. Das war unter anderem den Soldaten aus Belgisch-Kongo zu verdanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sich die belgische Exilregierung auf die Seite der Alliierten stellte, bat Churchill um materielle und militärische Unterstützung aus Belgisch-Kongo. In Nordafrika bedrohte Libyen Ägypten (das zwar seit 1922 selbstständig, jedoch in vieler Hinsicht noch von Großbritannien abhängig war), während das Horn von Afrika eine Gefahr für die britischen Kolonien Kenia und Sudan bildete. Von diesen beiden Kolonien aus schickte Churchill eigene Truppen nach Abessinien, doch ab Februar 1941 verstärkte das elfte Bataillon der Force Publique ihre Reihen. Es handelte sich um etwa dreitausend Soldaten und zweitausend Träger. Auf fünfzig Afrikaner kam ein belgischer Offizier. Mit LKW und Booten bewegten sie sich durch den Sudan, wo die Mittagstemperaturen bis auf 45 Grad im Schatten stiegen. Von dort aus fielen sie in den gebirgigen Westen Abessiniens ein. Die LKW wurden übermalt: in die noch nasse grüne Farbe streute man braunen Sand für eine bessere Tarnung. Meist aber mussten die Soldaten in der rauen Gegend zu Fuß gehen. Tagsüber kamen sie vor Hitze fast um, und nachts, in großen Höhen, froren sie erbärmlich. Als einige Wochen später die Regenzeit ausbrach, mussten sie ihr Nachtlager manchmal im Schlamm aufbauen. Städtchen wie Asosa und Gambela konnten sie relativ leicht einnehmen. Nach kurzen, allerdings heftigen Feuergefechten traten die italienischen Truppen den Rückzug an. Ihre Offiziere machten sich nicht einmal die Mühe, Säbel und Tennisschläger mitzunehmen. Viel schwieriger gestaltete sich die Sache in Sayo, einer wichtigen italienischen Garnisonsstadt an der Grenze zum Sudan. Nach heftigem Beschuss am 8. Juni 1941 baten die demoralisierten Italiener um einen Waffenstillstand, obgleich sie zahlenmäßig und militärisch überlegen waren. Die belgischen Befehlshaber erklärten sich unter der Bedingung einer vollständigen Kapitulation einverstanden. Gleich neun italienische Generäle wurden gefangen genommen, darunter Pietro Gazzera, der Oberbefehlshaber der italienischen Truppen in Ostafrika, und Graf Arnocovaldo Bonaccorsi, der Generalinspekteur der faschistischen Milizen, die im Spanischen Bürgerkrieg Mallorca terrorisiert hatten. Außerdem gerieten 370 italienische Offiziere (darunter 45 hochrangige) in Kriegsgefangenschaft, neben 2574 Unteroffizieren und 1533 einheimischen Soldaten. Noch einmal 2000 irreguläre einheimische Kämpfer wurden nach Hause geschickt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Einnahme von Sayo war vor allem materiell und strategisch von großer Bedeutung. Die Force Publique erbeutete achtzehn Geschütze mit fünftausend Kartuschen, vier Mörser, zweihundert Maschinengewehre, 330 Pistolen, 7600 Gewehre, fünfzehntausend Granaten und zwei Millionen Patronen. Ferner beschlagnahmten Belgier und Kongolesen zwanzig Tonnen Funkmaterial einschließlich drei vollwertiger Sendestationen, zwanzig Motorräder, zwanzig Autos, zwei Panzerwagen, zweihundertfünfzig LKW und – nicht unwichtig im Hochland – fünfhundert Maulesel. Hier wurde eine Armee aufgelöst, so viel war deutlich. Es war der wichtigste belgische Sieg gegen den Faschismus und zugleich der größte militärische Triumph, den belgische Truppen jemals verzeichnen konnten. Den schwersten Tribut zahlten jedoch die Kongolesen. Unter den Belgiern gab es vier Gefallene und sechs Schwerverletzte, unter den Afrikanern zweiundvierzig Tote; fünf Soldaten waren vermisst und 193 erlagen Krankheiten oder Verwundungen. Unter den Trägern gab es 274 Todesfälle; sie starben vorwiegend an Erschöpfung und Dysenterie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser abessinische Feldzug der Force Publique trug zur Rückkehr von Haile Selassie bei. Nur fünf Jahre lang war Äthiopien eine Kolonie gewesen, von 1936 bis 1941, nun wurde das jahrhundertealte Kaiserreich wiederhergestellt. Nicht viel später würden aus diesen Gründen die Rastafaris auf Jamaika beginnen, Kaiser Haile Selassie als Gottheit zu verehren. Diesen göttlichen Status verdankte er jedoch eher dem Militär als der Metaphysik. Es waren kongolesische Soldaten gewesen, die in Äthiopien Orte wie Asosa, Gambela und vor allem Sayo befreit hatten. Der belgische Kolonialismus hat also indirekt zur spirituellen Dimension des Reggae beigetragen. Was Tabora für den Ersten Weltkrieg war, wurde Sayo für den Zweiten Weltkrieg: ein glorioser Sieg, der die Truppenmoral stärkte. Und es war auch etwas Besonderes: Hier wurde zum ersten Mal in der Geschichte ein afrikanisches Land von afrikanischen Soldaten selbst entkolonisiert. »Wir haben nur Weiße gesehen«, sagte Louis Ngumbi, ein Kriegsveteran aus dem Osten des Kongo, »wir haben nur auf Weiße geschossen.«3 Das war etwas übertrieben, aber dass die Force Publique mehrere tausend weiße Soldaten, darunter neun Generäle, gefangen nahm, imponierte allen sehr. Sayo prägte sich ins Gedächtnis einer ganzen Generation Soldaten ein. André Kitadi, der zweite Vorsitzende des Veteranenvereins, hatte die Zahlen der Kriegsgefangenen noch im Kopf: »In Abessinien nahmen wir neun italienische Generäle gefangen, neben 370 italienischen Offizieren, zweitausendfünfhundert Soldaten und fünfzehntausend Einheimischen.«4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kitadi hatte sich 1940 zur Armee gemeldet. Der Krieg hatte damals schon begonnen, aber das kümmerte ihn nicht. In der Armee bekam man eine gute Ausbildung. Er wurde Telegraphist. Während des Feldzuges in Abessinien war er in der Provinz Orientale, an der Grenze zum Sudan, abrufbereit. Doch zum Einsatz kam es nicht. Als die Truppen singend zurückkehrten und von jubelnden Menschenmengen empfangen wurden, wurde er nach Boma versetzt. Dort sollte er nicht lange bleiben. Da das Horn von Afrika nun gefallen war, richteten sich die Alliierten auf West- und vor allem auf Nordafrika. Im Herbst 1942, als Marokko und Algerien von Pétain zurückerobert wurden, ging er an Bord eines Postschiffes, das ihn und seine Kameraden nach Lagos in Nigeria brachte. Von dieser britischen Kolonie aus sollte der Kampf gegen Dahomey (heute: Benin) beginnen, eine französische Kolonie, die noch dem Vichy-Regime gehorchte. »Die Schiffsreise dauerte vier Tage. Wir kamen in Lagos an und wurden zu einer Kaserne gebracht, dreihundert Kilometer entfernt. Dort wurden wir trainiert. Sechs Monate lang.« Die Männer der Force Publique kamen mit den britischen Kolonialtruppen in Kontakt. Kitadi bekam sogar eine britische Uniform, obwohl er weiter unter belgischem Kommando stand. Anfang 1943 erhielt er seine Marschbefehle. Dahomey hatte sich, nach den Erfolgen der Alliierten in Französisch-Nordafrika, auf de Gaulles Seite geschlagen. Das letzte deutsch-italienische Bollwerk in Afrika war Libyen. Von dort aus beschoss General Rommel Ägypten, um zum Sueskanal vorstoßen zu können. Die Alliierten wollten das um jeden Preis verhindern und verstärkten ihre Truppen in Ägypten. Kitadi musste versuchen, Ägypten von Nigeria aus zu erreichen. Doch das war gar nicht so einfach, solange Italien das Mittelmeer kontrollierte. Dann eben über den Landweg? Quer durch Afrika? Das Nachbarland Tschad, eine französische Kolonie, wurde in jener Zeit von einem schwarzen Gouverneur verwaltet, Félix Éboué. Er unterstützte de Gaulle und gestattete den Durchzug alliierter Truppen über sein Territorium. Nur bedeutete das einen sehr langen Weg durch die Wüste . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zehn, vielleicht fünfzehn Kolonnen machten sich auf den Weg. Eine Kolonne bestand aus hundertfünfzig LKW. Ein belgischer Offizier und ein Funker gehörten jeweils dazu. Ich war so ein Funker. Als &#039;&#039;opérateur&#039;&#039; war ich für die Verbindung mit den anderen Kolonnen zuständig. Wir zogen von Nigeria aus in den Sudan und durchquerten die große Nubische Wüste. Nach dem Kompass. Den Durchzug durch die Wüste werde ich nie vergessen. Es gab Sandstürme, manchmal konnte man eine Stunde lang nichts mehr sehen. Wenn sich der Sand erwärmte, sah man Dinge, die es nicht gab. Wir haben mehr als einen Monat gebraucht. Manchmal kamen wir nur zwanzig Kilometer am Tag voran. Es gab auch Schluchten. Dort kam es zu Unfällen . . . Wir lebten von Keksen und Corned Beef in Dosen. Wir bekamen nur einen halben Liter Wasser pro Tag. Viele wurden krank . . . Von den zweitausend Soldaten sind zweihundert unterwegs gestorben . . . Wir haben wie die Tiere gelebt, wir konnten uns nicht waschen . . . Der ganze Weg von Lagos nach Kairo hat uns drei Monate gekostet. Wir sind damals Tausende Kilometer gefahren.«5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stockte. Schwieg. Noch nie hatte ich von dieser heroischen Saharadurchquerung gehört. Ich fragte ihn, ob er seine Geschichte jemals hatte aufzeichnen lassen. »Nein«, sagte er, »es ist das erste Mal, dass sich ein Weißer dafür interessiert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab natürlich noch eine andere Möglichkeit, Ägypten zu erreichen. Martin Kabuya, der 92-Jährige, dessen Großvater dabei gewesen war, als Tabora 1916 eingenommen wurde, schlug diesen anderen Weg ein. Auch er war in Nigeria stationiert, auch er war Funker. Er war noch immer eine imposante Erscheinung, doch seine Stimme war dünn und brüchig geworden. Er flüsterte mir seine Geschichte zu. »Ich war sehr, sehr gut im Morsen. &#039;&#039;Tititiii-ti&#039;&#039;. Ich machte nie Fehler, sogar rein nach Gehör. Wenn man das kann, ist der Rest einfach. Am 24. März 1943 musste ich mich einschiffen, auf einem holländischen Handelsschiff, der Duchesse de Ritmond. Wir fuhren über den Atlantik nach Südafrika. Dort mussten wir ums Kap der Guten Hoffnung fahren, und dann zum Golf von Aden und zum Roten Meer bis zum Sueskanal. Es waren bestimmt hundert Schiffe. Vor Südafrika wurden manche von japanischen Flugzeugen angegriffen. Auf einem anderen Schiff gab es siebenundzwanzig Tote. Die Soldaten schliefen zusammengepfercht unter Deck. Schlimme Umstände.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ägypten nahmen Kitadi und Kabuya an den Kriegshandlungen teil. André Kitadi lag, wie er erzählte, »ein Jahr lang« in dem wüstenähnlichen Gebiet bei Alexandria; von dort aus wurden feindliche Stellungen und Flugzeuge beschossen. Die Gefahr kam aus Libyen und Sizilien. »Am Tag war es glutheiß, nachts mussten wir Handschuhe tragen gegen die Kälte. Sonntags durften wir kurz in die Stadt, nach Alexandria, aber die war von den Deutschen bombardiert worden. Es gab wahnsinnig viele Fliegen.« Martin Kabuya war in Camp Geneva, einem großen Militärstützpunkt in der Nähe des Sueskanals, wo er Morsenachrichten des Feindes auffangen und decodieren musste. »Ich war in der &#039;&#039;Section d&#039;écoute&#039;&#039;, wir hörten Meldungen über ihre Truppenbewegungen ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Krieg brachte sie mit anderen Völkern in Kontakt: mit britischen Offizieren, nigerianischen Soldaten, Arabern, deutschen und italienischen Kriegsgefangenen. Die geschlossene Welt der Kaserne in Belgisch-Kongo lag weit hinter ihnen. Kitadi sagte: »Es gab sehr viele italienische Kriegsgefangene in Alexandria. Wir hielten sie in der Wüste hinter Stacheldraht, aber sie gruben Tunnel. Ein Stück weiter lag unser Munitionsdepot. Die Araber wollten unsere Munition stehlen. Sie sind große Diebe«, sagte er amüsiert. Auch Kabuya sah Kriegsgefangene. »Einmal kam ein deutscher Kriegsgefangener auf mich zu, ein großer SS-Mann, bestimmt zwei Meter lang. Er war an einen Revolver gekommen. Ich habe ihm das Bajonett in den Bauch gestoßen. Unsere Bajonette waren vergiftet. Es waren sehr gute Waffen. Dieser SS-Mann war mein einziger Toter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Krieges wurden beide noch per LKW nach Palästina gebracht, aber dort ging es ruhiger zu. Es mussten höchstens ein paar Grenzen in der Gegend von Haifa bewacht werden. Die größte Gefahr, in die Kitadi dort geriet, war eine Lebensmittelvergiftung, wegen der er im Krankenhaus von Gaza landete: Er hatte gegrilltes Fleisch gegessen, das verdorben war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitwirkung der Force Publique an den Feldzügen der Alliierten ist nahezu unbekannt. Zahlenmäßig handelte es sich um erheblich weniger effektive Beiträge als während der Feldzüge des Ersten Weltkrieges. Die LKW ersetzten größtenteils die Zehntausende Träger von damals. Deshalb schwindet selbst im Kongo die Erinnerung daran rapide. In Kinshasa, einer Stadt mit acht Millionen Einwohnern, sind nur noch eine Handvoll Veteranen am Leben. Einer von ihnen ist Libert Otenga, ein Mann, der noch immer »We&#039;re going to hang out the washing on the Siegfried Line« aus voller Brust singen kann. Ich wollte unbedingt mit ihm sprechen, weil er einer der sehr wenigen ist, die zum »Belgischen Feldhospital« gehörten. Diese mobile Sanitätseinheit aus belgischen Ärzten und kongolesischen Sanitätern unternahm im Laufe des Weltkrieges eine unglaubliche Odyssee zu weit entfernten Schlachtfeldern, die irgendwo im Urwald von Burma, dem heutigen Myanmar, endete. Belgisch-Kongo half den Briten nicht nur militärisch und materiell, sondern auch medizinisch. Das »Belgische Feldhospital« war als »the 10th BCCCS« bekannt, &#039;&#039;the tenth Belgian Congo Casualty Clearing Station&#039;&#039;. Es besaß zwei Operationszelte und ein Zelt für Röntgenaufnahmen. In den anderen Zelten konnten dreißig Patienten in Betten versorgt werden und zweihundert auf Tragbahren. Im Laufe des Krieges behandelte die Einheit siebentausend Verwundete und dreißigtausend Kranke. Auf dem Höhepunkt bestand sie nur noch aus dreiundzwanzig Belgiern, darunter sieben Ärzten, und dreihundert Kongolesen.7 Libert Otenga war einer von ihnen. Als ich ihn endlich gefunden hatte, konnte er sich noch gut an diese Zeit erinnern. Seine Stimme schallte wie eine Sturmglocke, und er sprach in kurzen, knappen Sätzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war medizinischer Assistent. 1942 ging ich zur Armee. Unser erster Einsatz war in Somalia. Dort arbeitete ich mit einem belgischen Chirurgen. Thorax, Abdomen, Knochen. Wir operierten alles. Danach gingen wir mit britisch-belgischen Truppen nach Madagaskar. Dort waren deutsche Kriegsgefangene. Der Deutsche ist ein Spezialfall! Wirklich! Einer von ihnen benötigte dringend eine Bluttransfusion, und Dr. Valcke, einer der belgischen Ärzte, wollte ihm Blut spenden. Aber er weigerte sich! Blut von einem Alliierten, davon wollte er nichts wissen. Und von einem Schwarzen schon gar nicht. Er wollte seine Ehre retten, wir sein Leben. &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, als er schlief, haben wir ihm dann das Blut doch einfach übertragen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er musste noch immer herzhaft darüber lachen. Ich wusste nicht, dass Kriegsgefangene unter dem Schutz der Dritten Genfer Konvention ein Recht auf humane Behandlung sogar gegen ihren Willen hatten. Aber er marschierte unbeirrbar weiter durch sein Gedächtnis. »Von Madagaskar fuhren wir mit dem Schiff nach Ceylon. Nach Colombo. Das Lazarett und die Armee wurden dort reorganisiert. Ein Schiff brachte uns dann nach Indien.« Das muss zum Flussdelta des Ganges gewesen sein, heute Bangladesch. »Dort stiegen wir auf ein anderes Schiff um, ein Binnenschiff. Damit fuhren wir den Brahmaputra flussaufwärts. Als wir an Land gingen, mussten wir noch ein ganzes Ende zu Fuß weiter bis zur Grenze mit Burma.« Dort war damals der Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen japanischen und antifaschistischen Streitkräften, darunter die Briten. Japan hatte das Land 1942 erobert. »Der Grenzübergang hieß Tamu. Wir stießen nach Burma vor und gelangten ins Chindwin-Tal. Wir folgten dem Chindwin-Fluss bis nach Kalewa. Dort bauten wir unser Lazarett auf.« Otenga kannte alle Ortsnamen noch auswendig. Er buchstabierte sie sogar für mich, in militärischem Stakkato. »Ka-le-wa, hast du das notiert? Dort haben wir Kranke versorgt. Soldaten und Zivilisten. Viele mit Schusswunden. Ich erinnere mich an einen englischen Soldaten, der Schrapnellgeschosse in den Bauch bekommen hatte. Solche Sachen.« Dass sich kongolesische Sanitäter im asiatischen Urwald um Burmesen und &#039;&#039;tommies&#039;&#039; kümmerten, ist ein völlig unbekanntes Kapitel in der Kolonialgeschichte, das bald völlig in Vergessenheit geraten sein wird. »In Burma haben wir uns am längsten aufgehalten. Wir führten dort komplizierte Operationen aus. Wir hatten sogar ein Ambulanzflugzeug. Unsere Rettung war schließlich die Atombombe! Die Japaner mussten aus Burma abziehen.«8 Und um diesen Sieg zu unterstreichen, sang er noch einmal das Lied über die &#039;&#039;Siegfried Line&#039;&#039;, den Westwall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oberst Paul Tibbets wird daran nicht gedacht haben, als er auf den Knopf drückte. Es war der 6. August 1945. Sein Flugzeug hieß Enola Gay. Die Stadt unter ihm würde wenige Sekunden später keine Stadt mehr sein, sondern ein Name: Hiroshima. Er wird nicht daran gedacht haben, dass das, was er als Amerikaner über Japan abwarf, faktisch aus dem Kongo kam. Die ersten amerikanischen Atombomben enthielten Uran aus den Minen von Katanga. Als die Nachricht von der schrecklichen Verwüstung auch das Landesinnere von Burma erreichte, wusste Libert Otenga nicht, dass er seine »Rettung« einem Erz verdankte, das zu den Bodenschätzen seines Landes gehörte. Auch im Kongo hatten die Arbeiter in der Mine von Shinkolobwe nie ahnen können, dass das bleischwere, gelbe Gestein, das sie ausgruben, nach der Weiterverarbeitung zu sogenanntem &#039;&#039;yellow cake&#039;&#039; auf der anderen Seite des Planeten zu so viel Zerstörung führen konnte. Niemand wusste davon. Unter größter Geheimhaltung hatte Edgar Sengier, damals Direktor der Union Minière, dafür gesorgt, dass die Uranvorkommen des Kongo nicht in die falschen Hände fielen. Shinkolobwe war die wichtigste Lagerstätte der Welt. Als die Bedrohung durch die Nazis ernster wurde, hatte er direkt vor dem Krieg 1250 Tonnen Uran, die Ausbeute von drei Jahren, von Katanga nach New York verschiffen und die Mine fluten lassen. Nur ein kleiner Vorrat, der in Belgien lagerte, fiel den Deutschen in die Hände. Wie man Uran für militärische Zwecke genau einsetzen konnte, war noch unbekannt (man benutzte es damals hauptsächlich als Färbemittel in der keramischen Industrie), doch die Kernphysik hatte Ende der dreißiger Jahre darauf aufmerksam gemacht, dass damit eine unaufhaltsame Kettenreaktion entfesselt werden könne. Einstein erwog, die belgische Königin Elisabeth zu informieren – er kannte sie und teilte ihre Liebe zur Musik –, beschloss dann aber, den belgischen Botschafter in New York und schließlich Präsident Roosevelt persönlich davon in Kenntnis zu setzen. Als das Manhattan-Projekt 1942 startete, machten sich die amerikanischen Wissenschaftler, die an der Entwicklung der Atombombe arbeiteten, auf die Suche nach hochwertigem Uran. Das kanadische Erz, das ihnen zur Verfügung stand, hatte nämlich einen sehr niedrigen Urangehalt. Zu ihrer Verwunderung stellte sich heraus, dass in den Archer Daniels Midland Warehouses, einem Lagerhaus im Hafen von New York, ein riesiger Vorrat von höchster Qualität lagerte. Daraufhin kam es zu harten Verhandlungen mit Belgien, das bei dem Deal 2,5 Milliarden harte Dollar verdiente, womit der Wiederaufbau finanziert werden sollte. Außerdem erhielt Belgien Zugang zur Nukleartechnologie. Es entstand ein Forschungszentrum im flämischen Mol und ein kleiner Kernreaktor in Kinshasa, der erste in Afrika.9 Die Amerikaner unterstützten auch den Bau von zwei großen Militärflughäfen im Kongo, einen an der Küste in Kitona und einen in Kamina in Katanga. Nochmals: Während des Zweiten Weltkrieges wusste fast niemand im Kongo von all dem. Doch die strategische Bedeutung des Urans war der Grund für das außerordentliche Interesse der USA am Kongo, ein Interesse, das in den Kriegsjahren begann, in den Jahren rund um die Unabhängigkeit bestimmend war und bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 andauern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es ging nicht allein um Uran. Für die Allierten war der Kongo einer der wichtigsten Rohstofflieferanten bei ihrem Kampf gegen Deutschland, Italien und Japan. Nach dem Angriff auf Pearl Harbour eroberten die Japaner Anfang 1942 große Teile Südostasiens: Indonesien, Singapur, Malaysia und Burma. Dadurch kamen die Importe aus diesen Ländern für die Alliierten völlig zum Erliegen. Der Kongo sollte einen Teil davon ausgleichen. Die Erze und Rohstoffe waren erneut sehr begehrt. Kupfer wurde für die Ummantelungen von Kugeln und Granaten benötigt. Wolfram wurde in Panzerabwehrgeschützen verarbeitet. Zinn und Zink dienten zur Herstellung von Bronze und Messing. Sogar pflanzliche Produkte wie Kautschuk, Kopal, Baumwolle und Chinin hatten strategischen Wert. Palmöl wurde zu Sunlight-Seife verarbeitet, aber auch in der Stahlindustrie verwendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren also nicht nur kongolesische Soldaten, die ihren Beitrag zum Kriegseinsatz der Alliierten leisteten. Auch Bergleute, Fabrikarbeiter und Tagelöhner auf den Plantagen mussten ihr Letztes geben. Wie im Ersten Weltkrieg lief die kongolesische Wirtschaft auf Hochtouren. Die Zahl der Arbeitnehmer stieg von einer halben Million 1939 auf achthunderttausend 1945, vielleicht sogar auf eine Million.10 Der Kongo wurde nach Südafrika das am stärksten industrialisierte Land südlich der Sahara. Nach dem Ersten Weltkrieg waren auch Textilfabriken, Seifensiedereien, Zuckerraffinerien, Zementwerke, Brauereien und Tabakfabriken hinzugekommen. Doch die brummende Industrie brachte nicht sofort Wohlstand mit sich. Wegen des Krieges erreichten immer weniger Warenlieferungen die Kolonie. Es gab keine Stoffe, keine Werkzeuge, keine Medikamente. Die Ärzte hatten das Land verlassen, die Krankenhäuser hatten keine Vorräte, auf den Flüssen fuhren viel weniger Schiffe. Je kleiner das Angebot, desto höher natürlich die Preise. Und da die Löhne einer festen Regelung unterlagen und nicht erhöht wurden, sank die Kaufkraft der durchschnittlichen Arbeitnehmer dramatisch.11 In dem weitab gelegenen Elisabethville, das stark auf Importe angewiesen war, stieg der Preis eines Coupons Stoff aus Léopoldville um mehr als 400 Prozent. Importstoffe aus Großbritannien und Brasilien verteuerten sich sogar um bis zu 700 Prozent.12 Eine Decke war nun in der kleinen Minenstadt Jadotville viermal so teuer.13 Das war misslich, denn die katangesischen Nächte können kühl sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser dramatischen Inflation konnten soziale Proteste nicht ausbleiben. Sowohl zu Beginn als auch gegen Ende des Krieges kam es zu Streiks und Aufständen. Im November 1941 versuchten Grubenarbeiter in Manono, in Nord-Katanga, während eines Streiks die belgische Flagge herunterzuholen und durch eine schwarze Fahne zu ersetzen. Die Männer trugen eine Krone aus Palmzweigen. Die meisten von ihnen waren Anhänger des Kitawala-Glaubens. Sie hatten alle ihre Ziegen und Hunde getötet, weil sie davon überzeugt waren, dass eine neue Welt heraufdämmerte.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Monat später kam es in Elisabethville, der Hauptstadt Katangas, zu großen Protestaktionen. Weiße Beschäftigte der Union Minière, die sich in einer Gewerkschaft zusammengeschlossen hatten, protestierten gegen die historisch niedrige Kaufkraft, und ihr Unmut sprang auf die Camps der schwarzen Arbeiter über. Auch dort forderte man eine kräftige Lohnerhöhung. Sozialer Protest nahm hier nicht die Form einer religiösen Erweckung (wie bei Simon Kimbangu 1921) oder ethnischen Revolte (wie bei den Pende 1931) an, sondern drückte sich 1941 in einer transparenten und sehr begreiflichen Lohnforderung aus. Dennoch reagierten die kolonialen und industriellen Mächte auf altmodische Weise. Gewerkschaften für Einheimische waren noch immer verboten. Am wichtigsten Tag des Streiks strömten die Arbeiter auf dem Fußballplatz der Stadt zusammen. Mehr Symbolkraft war kaum denkbar: Der Fußballplatz, der Ort, der die Funktion hatte, die Masse zu disziplinieren, wurde nun zu einem Ort des Volksprotestes und der blutigen Unterdrückung. Amour Maron, der Provinzgouverneur von Katanga, versuchte zusammen mit dem Personalchef der Union Minière die Streikenden zu beschwichtigen, doch die gaben sich nicht geschlagen. Ihr Anführer war Léonard Mpoyi, ein Büroangestellter, der studiert hatte. Einer der Streikenden berichtete später: »Maron sagte: ›Geht wieder an die Arbeit. Wir haben alle eure Löhne erhöht.‹ Wir sagten nein. Die Leute fingen an zu schimpfen und zu schreien. Maron fragte erneut Léonard Mpoyi: ›Du willst nicht gehen?‹ Léonard Mpoyi antwortete: ›Ich weigere mich. Wir wollen erst einen Beweis, ein schriftliches Dokument, in dem steht, dass der Betrieb unsere Löhne erhöht hat.‹« Ein solches Dokument erhielten die Arbeiter nicht. Es brach Panik aus, und die Soldaten der Force Publique traten in Aktion. »Maron gab den Soldaten den Befehl, auf die Arbeiter zu schießen. Die Soldaten führten ihn aus und schossen gnadenlos.«15 Es gab mindestens sechzig Tote und hundert Verletzte. Das erste Opfer war Léonard Mpoyi selbst.16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die blutige Niederschlagung des Streiks prägte sich tief ein in Elisabethville. André Yav, der ehemalige Boy, den wir schon vorher zu Wort kommen ließen, schrieb darüber in seiner eigenwilligen Geschichte: »Es war ein Jahr tief im Krieg von 1940 bis 1945. Viele, viele Menschen starben. Sie starben für höhere Monatslöhne. An diesem Tag gab es viel Kummer bei den Leuten von Elisabethville wegen des bwana Gouverneur.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der große Streik von Elisabethville war ein Markstein in der Sozialgeschichte des Kongo, denn er war die erste öffentliche Äußerung von städtischem Protest. Elisabethville war die zweitgrößte Stadt des Landes und der wirtschaftliche Motor des ganzen Kongo. Die Union Minière war das Flaggschiff der kolonialen Industrie, allerorts gelobt wegen seiner großzügigen sozialen Leistungen. Aber die paternalistische Politik, die trotz der veränderten Situation im alten Trott weitermachen wollte, stieß nun doch auf Grenzen. Man ließ sich nicht alles gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges kursierten in den einfachen Vierteln von Léopoldville einige Legenden, die bei all ihrem Erfindungsreichtum dennoch sehr aufschlussreich für die Haltung gegenüber der weißen Vorherrschaft waren. Es gab die Legende von Mundele-Mwinda, dem »weißen Mann mit dem Licht«, einem imaginären Europäer, der nachts mit einer magischen Taschenlampe durch die Straßen der Stadt streifte, auf der Suche nach Schwarzen. Wer in das Lichtbündel geriet, war sofort gelähmt. Mundele-Mwinda nahm ihn dann mit zu Mundele-Ngulu, einem anderen grauenhaften Wesen. Dieser weiße Schweinehirt (&#039;&#039;ngulu&#039;&#039; bedeutet »Schwein« im Lingala) mästete das Opfer, bis es zu einem Schwein wurde. »Und aus dem Fleisch von diesem Schwein wurden Würste und Schinken gemacht, von denen sich die Weißen im Krieg ernährten.«18 Dass Eltern solche Geschichten ihren Kindern erzählten, um sie nachts von der Straße fernzuhalten, illustriert, wie wenig positiv das Bild des Weißen noch war. Es war eine perfekte Umkehrung der Figur des »Schwarzen Piet« als Kinderschreck im katholischen Belgien jener Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch Erwachsene schenkten solchen Legenden Glauben. Unter dem Einfluss von volkstümlichen Geschichten über bösartige Weiße suchten Menschen ihr Heil bei messianischen Religionen; aus den Geschichten sprach großer Argwohn gegen die Kolonialherrscher. In der Kaserne von Luluabourg kam es im Februar 1944 zu einer Meuterei. Der Anlass war bizarr: ein Impfstoff. Als Truppensanitäter die Soldaten impfen wollten, verbreitete sich das Gerücht, es sei eine List der Weißen, um sie auszurotten. Sehr viele Soldaten kündigten den Gehorsam, verließen die Kaserne und verbreiteten sich über ein sehr großes Gebiet. Meuterer und Zivilisten begannen zu plündern. Finanzämter, Speicher und einige Häuser von Weißen wurden verwüstet. Es folgte eine gnadenlose Bestrafung. Dass ein unmotiviertes Gerücht zu so weitreichenden Protesten führen konnte, zeigt, wie tief das Misstrauen saß.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch andernorts kehrte gegen Ende des Krieges die soziale Unruhe mit aller Heftigkeit zurück. Im Frühjahr 1944 gab es in der Kivu-Provinz in der Gegend um Masisi einen sozial-religiösen Aufstand von Kitawala-Anhängern. Viele der Rebellen arbeiteten in der Goldgewinnung. Drei Weiße verloren das Leben, Hunderte Schwarze wurden getötet, der Anführer der Revolte wurde gehängt. Im November 1945 legten in Léopoldville fünf- bis sechstausend Arbeiter und Boys die Arbeit nieder. Die Eisenbahner verbreiteten die Nachricht bis in die Hafenstadt Matadi. Die Dockarbeiter schlossen sich an. Sie schraubten die Bolzen von den Eisenbahnschienen ab und kappten die Telefonleitungen. Fünfzehnhundert Streikende zogen durch die Stadt, bewaffnet mit Eisenstangen, Hämmern und mit Nägeln gespickten Knüppeln. Eine unbekannte Anzahl von ihnen, darunter auch Frauen und Kinder, wurden von Ordnungstruppen getötet. Das Militär besetzte die Stadt, abends und nachts herrschte Ausgangssperre. In den folgenden Tagen war das Gefängnis von Matadi so überfüllt, dass mehrere Aufständische erstickten.20 Die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die Zeit danach führten im Kongo nicht zu einem Gefühl der Befreiung. Als Brüssel im September 1944 befreit worden war, hatten die Kongolesen noch auf den Straßen Léopoldvilles getanzt. Sie hatten gehofft, dass alles anders werden würde. Doch die Euphorie hielt nicht an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten flehten die Arbeiter um Lohnerhöhungen, aber auch tief im ruhigen Binnenland war der Krieg zu spüren. Neben der militärischen Mobilmachung, die die jungen Männer aus ihren Dörfern holte, gab es eine sehr einschneidende zivile Mobilmachung. Alle Dörfer mussten einen Beitrag zum sogenannten &#039;&#039;»effort de guerre&#039;&#039;« leisten. Die Zahl der Tage, an denen man für den Staat arbeiten musste, verdoppelte sich von 60 auf 120. Dadurch gerieten insbesondere die Kleinbauern in Schwierigkeiten. Vor allem im Äquatorialwald fiel diese »Kriegsanstrengung« sehr schwer. Straßen durch große Sümpfe mussten angelegt und Brücken über breite Flüsse gebaut werden. Die Dorfbewohner waren verpflichtet, Palmfrüchte und Kopalharz zu sammeln und sogar wieder Kautschuklianen anzuzapfen. 1939 produzierte der Kongo nur noch 1142 Tonnen Kautschuk, einen Bruchteil dessen, was während des Kautschukbooms hervorgebracht worden war, doch 1944 waren es 11.337 Tonnen.21 Das war eine Verzehnfachung innerhalb von fünf Jahren, mitten im Weltkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein außerordentlich lebendiges Bild, wie der Krieg das Leben der Landbevölkerung prägte, vermitteln die großartigen Kriegstagebücher von Vladi Souchard, Pseudonym von Vladimir Drachoussoff, einem jungen belgischen Landwirtschaftsingenieur mit russischen Wurzeln. Seine Eltern waren während der Oktoberrevolution nach Belgien geflohen; er war damals erst ein paar Monate alt. Ende Mai 1940 ging er als 22-Jähriger in die Kolonie, wenige Wochen nach dem Kriegsausbruch. Zuerst arbeitete er für eine Zuckerrohrplantage in Bas-Congo, später wurde er Beamter der Kolonialverwaltung. Als junger Agronom reiste er von Dorf zu Dorf, um den &#039;&#039;effort de guerre&#039;&#039; einzutreiben. Er war für einen Bereich in der Provinz Équateur zuständig, im Umkreis des Leopoldsees. Plötzlich war ein Emigrantensohn aus Brüssel für die Landwirtschaft in einem Gebiet von zehntausend Quadratkilometern verantwortlich, einem Gebiet ohne Straßen und Industrie, das manchmal nur aus »einer undeutlichen Mischung von Wasser, Schlamm und Bäumen« bestand.22 Er bewegte sich zu Fuß, per Fahrrad oder Einbaum fort und suchte Dörfer auf, die seit Jahren keinen Vertreter der Kolonialregierung mehr gesehen hatten. Seine Karten waren veraltet, manche Dörfer befanden sich inzwischen an anderen Stellen, und die Übernachtungsmöglichkeiten des Staates waren oft völlig heruntergekommen. Während des Krieges ließ der Nachschub an Kolonialbeamten auf sich warten; von einer Ablösung war nicht die Rede. Vladimir Drachoussoff musste Dorfgemeinschaften befehlen, Reis und Erdnüsse anzubauen und wieder Kautschuk zu ernten. Vor Letzterem schreckten die Menschen zurück. Es handelte sich ja um das Gebiet, in dem &#039;&#039;der »rote Kautschuk«&#039;&#039; die tiefsten Wunden geschlagen hatte. Junge Männer kannten die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Zeugen brauchten nicht einmal zu sprechen. Drachoussoff sah es mit eigenen Augen: »Am Lopori und beim Lac [dem Leopoldsee] habe ich persönlich zwei ältere Schwarze gesehen, denen die rechte Hand fehlte und die jene Zeit nicht vergessen haben.«23 Viele Dorfbewohner behaupteten deshalb, dass es in ihrer Gegend keine Kautschuklianen gebe, dass sie sie nicht kennen würden oder dass die Lianenvorkommen erschöpft seien. So begann &#039;&#039;la dure bataille du caoutchouc&#039;&#039;24&#039;&#039;,&#039;&#039; ein Kampf&#039;&#039;,&#039;&#039; zu dem sich Drachoussoff doch ein paar Randbemerkungen erlaubte: »Mit welchem Recht reißen wir die Kongolesen mit in unseren Krieg? Mit keinem einzigen. Aber Not kennt kein Gebot . . . und der Sieg Hitlers würde hier eine rassistische Tyrannei etablieren, der gegenüber sich die Missstände des Kolonialismus wie Wohltaten ausnehmen würden.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren ambivalente Zeiten, und Drachoussoff wusste das. Er balancierte zwischen Notwendigkeit und Unvermögen, zwischen Weltpolitik und Urwald, zwischen antifaschistischem Engagement und kolonialer Wirklichkeit. Als Agronom in einer Zeit der notorisch unterbesetzten Verwaltung musste er viele Aufgaben erfüllen. Abends notierte er seine Erfahrungen. Es lohnt, ihn ausführlich zu Wort kommen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mittwoch, den 10. November 1943. Mekiri.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr breche ich mit einem geliehenen Fahrrad nach Kundu auf. Zwei Soldaten folgen zu Fuß. Meine Leute gehen mit dem Gepäck nach Mekiri.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme in Kundu kurz vor der Morgendämmerung an und warte, bis es hell wird, während ich ein Stück Brot verzehre. Kurz vor sechs klopfe ich an die Tür des capita [ein kongolesischer Mittelsmann] (. . .) und bitte ihn, alle Männer zusammenzurufen, damit sie mir die Ernte des vergangenen Tages zeigen. Die Dorfbewohner sind so überrascht, dass sie alle erscheinen, sowohl die, die Kautschuk haben, als auch die anderen. Ich spreche ein paar aufmunternde Worte, verhänge drei Bußen und lasse den vier schlimmsten Fällen den Strick um den Hals legen (das ist symbolisch gemeint: tatsächlich knüpft man ein zwanzig Zentimeter langes Stück »kekele« um den Hals, eine sehr stabile Schnur aus Baumrinde, die nicht stört, aber die Festnahme versinnbildlicht). Anschließend breche ich im Triumphzug mit meinen »Knastbrüdern« auf, um die Karawane einzuholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gegend gab es kein Gefängnis. Haft bedeutete, dass man ein paar Tage lang mit dem Kolonialbeamten unterwegs war. Ein Fußmarsch als Strafe, die freie Natur als Freiheitsberaubung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Ngongo begegne ich den Soldaten und übergebe ihnen die Gefangenen. Dem Recht ist Genüge getan, Kundu wird seine Kriegsanstrengung erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz hinter Ngongo hole ich das Ende unserer Karawane ein. Die Etappe ist zwanzig Kilometer lang, mitten durch weite Sandebenen, in denen nur ein paar Borassus-Palmen wachsen und die von mageren Galeriewäldern [Wald an den Ufern eines Flusses] durchzogen sind. Wir kontrollieren die Kautschukproduktion in den Weilern, die wir passieren: Nicht gerade berauschend, und ich fertige mehrere Protokolle an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dorf Mekiri warten die Männer, die gestern Abend bereits benachrichtigt worden sind, mit Kautschukmilch auf uns, weil ich ihnen zeigen will, wie sie sie zum Gerinnen bringen müssen. Ich schicke Faigne und Pionso los, die Felder zu kontrollieren und zu vermessen, während ich meinen kurzen Vortrag halte. Abends, als ein Platzregen unsere Unterkunft heimsucht, wie durch ein Sieb durchs Dach strömt und Betten, Kleidungsstücke und Essen durchnässt, halte ich Gericht und verhänge in schnellem Tempo Strafen oder verkünde Freisprüche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gerichtsverfahren erfordert einen Wust an Papieren. Ich bin als Polizeirichter mit begrenzten Befugnissen eingesetzt (das heißt, ich kann nur bei wirtschaftlichen Straftaten Urteile sprechen) und als ambulanter Gefängniswärter (das heißt, ich darf die von mir Verurteilten veranlassen, mich zu begleiten). Die Höchststrafe beträgt sieben Tage für die Unterlassung von Arbeiten mit erzieherischem Charakter, das Fällen von unter Naturschutz stehenden Bäumen und für Jagdvergehen, und dreißig Tage für die unterlassene Leistung der Kriegsanstrengung. Ich bin selbstverständlich auch noch polizeilicher Ermittlungsbeamter mit begrenzten Befugnissen kraft meines Amtes als Distrikts-Agronom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Verfahren erfordert, dass ich erst ein Protokoll aufnehme in meiner Funktion als polizeilicher Ermittler und dass ich dann als Polizeirichter auftreten muss. Nachdem ich die Rollen gewechselt habe, fälle ich das Urteil nach einem Verhör, das oft schlichtweg surrealistisch anmutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann muss sich verantworten, weil er keine zehn Ar mit Erdnüssen bepflanzt hat. Entweder er hat einen stichhaltigen und nachprüfbaren Rechtfertigungsgrund und ich schicke ihn nach Hause (manche Staatsanwälte fordern sogar, dass wir dann noch ein Urteil mit Freispruch fällen . . .), oder er behauptet einfach irgendetwas. Das führt zu folgendem Dialog, der gewissenhaft protokolliert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Warum hast du keine Erdnüsse angepflanzt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Weil ich krank war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Zwei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Du hattest drei Monate Zeit, dein Feld zu bestellen. Es sind nicht die beiden Tage, die dich daran gehindert haben, deine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Das stimmt, Weißer. Aber da ist noch was anderes . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Was?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Die zweite Frau meines Vaters hat ein Kind bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber Himmel, es ist unmöglich, die Gebräuche der dreißig oder vierzig Völker des Sees zu kennen, aber die Feste bei der Geburt eines Kindes dauern keinesfalls ein paar Wochen. Also weiter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– &#039;&#039;Bon&#039;&#039;, das sind dann fünf Tage Kittchen für dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Ja, Weißer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche beschweren sich. Andere sind geradeheraus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na nini asalaki bilanga te? (Warum hast du die Felder nicht bestellt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Mpua na koï-koï (Aus Faulheit) . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die würde ich gern einfach freisprechen, aber dann würden mir morgen alle dieselbe Antwort geben.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoff war Teil der Kolonialverwaltung, konnte sich aber, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, auch in die Perspektive der Einheimischen einfühlen. Die Menschen hätten genug am Wald und an den Flüssen, konstatierte er, Geld interessiere sie nicht besonders. »Da die Region selten kontrolliert wird, ziehen die meisten Bauern es vor, acht Tage leichte Haft zu erdulden und dafür dreihundertsiebenundfünfzig Tage in Ruhe und Frieden zu leben. Kann ich es ihnen verdenken?«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schon im neunzehnten Jahrhundert zwang die Nachfrage nach Kautschuk Menschen, tiefer in den Regenwald vorzudringen, trotz der Gefahr durch Raubtiere und Tsetsefliegen. Die Schlafkrankheit, die als Epidemie bezwungen war, forderte erneut viele Opfer. Womöglich ein Fünftel der Bevölkerung des Äquatorialwaldes wurde infiziert. Viele litten auch unter Darmparasiten, da sie fern von zu Hause ihren Durst nur mit brackigem Sumpfwasser stillen konnten.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ausgesprochen spannend, da hier ein Vertreter der Kolonialmacht zu Wort kommt, dessen Weltbild ins Wanken geraten ist. Während die meisten Weißen einfach das Ende des Krieges abwarteten, um ihr Leben danach wie gewohnt weiterzuführen, hatte er erkannt, dass »die Schwächung Europas unweigerlich Zentrifugalkräfte auslösen wird«.29 Es würde nie mehr wie vorher werden. Verzweiflung kam in ihm auf. Als Kind russischer Emigranten besaß er viel feinere Antennen für jähe historische Umbrüche als der durchschnittliche Belgier. Die brillanteste Passage in seinem Tagebuch war geradezu prophetisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen wir hier eigentlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zivilisieren« im Namen einer Zivilisation, die zerfällt und nicht mehr an sich glaubt? Christianisieren? (. . .) Aber warum sind wir dann hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir bringen Frieden und bewahren ihn, wir überhäufen das Land mit Straßen, Plantagen, Fabriken, wir bauen Schulen, wir sorgen für eine medizinische Betreuung. Als Gegenleistung nutzen wir ihre Bodenschätze und ihr Land und lassen sie für uns arbeiten, gegen Bezahlung . . . bescheiden allerdings. Leistung und Gegenleistung, aber von einer Seite aufgezwungen: Das ist der ganze Kolonialpakt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und morgen? Was wird das schwarze Baby dann sein, das auf dem Rücken der Mutter festgebunden ist, die an meiner &#039;&#039;barza&#039;&#039; vorbeigeht, dieser junge Spross des kolonisierten Afrika? Wird er die Macht aus unseren Händen übernehmen oder sie uns entreißen wollen? Wie fern das heute erscheint, tief in diesem Urwald . . . und doch, es gibt Momente, in denen sich die Geschichte beschleunigt: Als mein Vater ein Kind war, glaubte er ebenso sehr an die Ewigkeit der patriarchalen Welt, die ihn umgab – und das war fünfundzwanzig Jahre vor 1917! Früher oder später – und ich hoffe für den Kongo, dass es nicht zu früh sein wird – wird dort ein Mann aufstehen. Wird es ein &#039;&#039;chef coutumier&#039;&#039; sein, der die modernen Techniken der Machtausübung beherrscht, ohne die traditionellen zu verleugnen? Wird es einer von den kleinen Jungen sein, die »Vers l&#039;avenir« singen bei der Preisverleihung [am Ende des Schuljahrs]? Viele von uns denken heute nicht einmal daran, obwohl unsere Kolonisation weniger danach beurteilt werden wird, was sie geschaffen hat, als danach, was von ihr bleiben wird, wenn sie vorbei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit seinen klarsichtigen Überlegungen fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an – eine Annahme, die bewusst absurd ist –, der Kongo sei im Jahre 1970 unabhängig. Welch ein Berg von Problemen! Wir in Europa hatten nie einen unüberwindbaren Konflikt zwischen unserer gesellschaftlichen Organisation und unseren technischen Errungenschaften: Beide haben sich mehr oder weniger Hand in Hand entwickelt. In Afrika dagegen stößt eine archaische Gesellschaftsform mit der Allmacht einer technischen Zivilisation zusammen, die sie zerfallen lässt, ohne sie durch etwas Neues zu ersetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich tritt der Kongo peu à peu in die Moderne ein. (. . .) Aber geschieht das nicht auf Kosten einer traditionellen Welt, die sich überlebt hat und doch noch immer notwendig und – noch für eine Weile – unersetzbar ist? In wessen Namen? Im Namen der wunderbaren Kultur, deren Früchte wir momentan in Europa pflücken? (. . .) Darum ist es so schwer, ein gutes Gewissen zu behalten. Indem wir nichts als wir selbst sind, zerstören wir Traditionen, die manchmal grausam, aber ehrwürdig waren, und bieten als Ersatz nur weiße Hosen und schwarze Brillen an, nebst etwas Wissen und einem unermesslichen Warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Schulbildung denn keine Form der Emanzipation? Führte die Kolonisation denn nicht zu einem langsamen Erwachsenwerden, wie die koloniale Dreifaltigkeit gern behauptete?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben wir das Recht, auch die Unvoreingenommensten unter uns, zu strafen und zu erziehen, wenn Erziehen allzu oft ein Synonym für Korrumpieren ist?30&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drachoussoffs Tagebuch ist ein unbekanntes Meisterwerk der Kolonialliteratur. Ein glänzender Stil, ein subtiler Tonfall, literarisch, ohne es zu wollen. Für ihn waren die Kriegsjahre im Kongo eine Lektion in Bescheidenheit. »Afrika ist eine Schule für den Charakter, aber auch ein Friedhof der Illusionen«, notierte er gegen Ende des Krieges.31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Fall des Dritten Reichs befand sich André Kitadi, der Funker, der die Sahara durchquert hatte, noch immer in Palästina. Womit vertrieb man sich die Zeit, so fern von zu Hause? Ein Militärgeistlicher nahm ihn und seine Kameraden an alle heiligen Orte mit. »Wir waren in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth . . . Manche ließen sich sogar im Jordan noch einmal taufen.« Auch Libert Otenga, der Sanitäter im Feldhospital in Burma, nutzte die Gelegenheit, um etwas von der Welt zu sehen; er bevorzugte eine eher säkulare Form des Sightseeing. »Von Burma aus kehrten wir nach Indien zurück. Um zu essen, zu trinken und zu tanzen. Und um Mädchen aufzureißen.« Er lachte dröhnend. »Sie waren klasse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veteranen sind nach jedem Krieg eine unbequeme Gruppe. Wer für ein Land sein Leben riskiert hat, erwartet später eine Würdigung. Anerkennung, Ehre, Geld. Zurück im Zivilleben, wird Veteranen bewusst, was sie durchgestanden haben. Verletzungen, auch seelische, sind noch lange nicht geheilt – falls sie überhaupt jemals heilen. Junge Männer haben Gliedmaßen verloren und auch ihre Träume. Erinnerungen steigen auf, Traumata schwelen. Sie sehen, dass die Daheimgebliebenen ihr Leben ungestört weiterführen konnten. Und für sie haben sie doch gelitten, für diese Menschen, die nicht nachempfinden können, was sie durchgemacht haben. Veteranen sind immer eine sehr heikle Gruppe, doch die einer Kolonialarmee sind schlichtweg explosiv, zumal sie weniger für ihre eigenen Belange als für einen fremden Machthaber gekämpft haben. Im Kongo war es nicht anders. »Wir haben den Krieg als belgische Kolonie geführt«, schmetterte Libert Otenga mir entgegen. Und das hätte großzügig entgolten werden müssen: »Sie hätten uns nach dem Krieg die belgische Staatsangehörigkeit geben müssen! Das wäre nur recht und billig gewesen.«32 Ein anderer ehemaliger Kriegsteilnehmer war der Ansicht, nach den glänzenden Siegen habe man sie heimgeschickt »wie einen Hund ohne Beute nach der Jagd mit seinem Herrn«.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Veteranen kamen mit einer Fülle neuer Eindrücke in ihre Heimat zurück. Sie waren jetzt welterfahrener und ließen sich von der Kolonialregierung von Belgisch-Kongo nicht mehr so schnell beeindrucken. In Abessinien hatten sie weiße Generäle gefangen genommen! In Nigeria hatten sie einen anderen Kolonialismus gesehen! André Kitadi fand auch dafür sehr prägnante Worte: »Die Briten behandelten uns sehr gut. Wir wurden gut gekleidet und gut ernährt. In Lagos wurde für uns Soldaten gekocht. Tee, Brot, Milch, Konfitüre . . . Im Kongo dagegen mussten wir uns im Busch was zu essen suchen! Wir sahen auch, dass die Briten schon afrikanische Offiziere hatten, sogar im Rang eines Majors oder Oberst. Gute Schüler schickten sie auf die Oberschule in England. In Belgisch-Kongo gab es das alles nicht. Was für eine Diskriminierung! Sie hielten uns klein! Das führte zu viel Unmut und Misstrauen, ja sogar zu einer gewissen Aufsässigkeit. Nach dem Krieg haben wir gesagt: ›Das wollen wir auch!‹ Wir wollten einen Wandel, aber wir durften nicht einmal ihre Läden betreten. Das passte uns nicht. Wir hatten Englisch gelernt. Wir warfen uns in englische Anzüge, gaben uns als Amerikaner aus und besuchten die Restaurants der Portugiesen, wo wir laut miteinander redeten. ›So, what do you drink?‹, sagten wir zueinander. ›You want to eat?‹«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Autorität der Weißen wurde auf subtile Weise herausgefordert. Am Kräfteverhältnis hatte sich etwas geändert. Viele Kongolesen wussten nur allzu gut, dass die Kolonie sich stärker gezeigt hatte als die Metropole. Belgien war überrannt worden, der Kongo aber hatte sich behauptet und militärische Triumphe verzeichnet. Die Force Publique war, wie schon im Ersten Weltkrieg, erfolgreicher gewesen als die belgische Nationalarmee. Das besetzte Belgien hatte sich über seine Regierung in London nur dank der Kolonie aufrechterhalten. Auch für den Wiederaufbau stützte sich das zerstörte Mutterland stark auf die Kolonie. Kurzum, die Belgier waren stärker auf den Kongo angewiesen als der Kongo auf Belgien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Weltordnung nach dem Krieg gab den Kongolesen im Übrigen nicht unrecht. In Jalta legten die Siegermächte die Umrisse einer neuen Welt fest. Amerika hatte als ehemalige Kolonie nicht viel Sympathie für die kolonialen Abenteuer Europas. Und die Sowjetunion war im Sinne eines proletarischen Ideals gegen jede Form von Unterwerfung. Kolonien, einst eine unerschöpfliche Quelle edelmütiger Phantasien und hochgespannter Ideale, schienen plötzlich nicht mehr zeitgemäß zu sein. Um nicht zu sagen: verdächtig. Als sich 1945 in San Francisco Vertreter von einundfünfzig Staaten aus der ganzen Welt versammelten, um die Charta der Vereinten Nationen zu unterzeichnen, verschwand der Begriff »Kolonie« in den Kulissen der Geschichte. Man sprach nun von »Hoheitsgebieten ohne Selbstregierung«. Dieser Begriff hatte etwas Vorwurfsvolles – für die Kolonialmächte –, aber auch etwas Hoffnungsvolles – für die Kolonien. Ihre Unterwerfung würde nicht fortdauern. Artikel 73 ließ keinen Zweifel daran bestehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, daß die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben; sie übernehmen als heiligen Auftrag die Verpflichtung, im Rahmen des durch diese Charta errichteten Systems des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit das Wohl dieser Einwohner aufs äußerste zu fördern; zu diesem Zweck verpflichten sie sich, (. . .) die Selbstregierung zu entwickeln, die politischen Bestrebungen dieser Völker gebührend zu berücksichtigen und sie bei der fortschreitenden Entwicklung ihrer freien politischen Einrichtungen zu unterstützen, und zwar je nach den besonderen Verhältnissen jedes Hoheitsgebiets, seiner Bevölkerung und deren jeweiliger Entwicklungsstufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam nun die große Wende? In einem solchen Klima wäre zu erwarten, dass alles plötzlich sehr schnell ginge. Dass die Veteranen an den Grundfesten der Macht rüttelten, dass Angestellte sich bestärkt fühlten durch den internationalen Rückhalt, dass Arbeiter die Stimme erheben und Bauern die Mistforke, oder besser die Machete, schwingen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nichts von alledem passierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem turbulenten Streik in Matadi wurde es plötzlich still. Es herrschte eine seltsame Ruhe. Zehn Jahre lang, von 1946 bis 1956, sollte es im Kongo ruhig bleiben. Es gab keine religiöse Erweckungsbewegung wie in den zwanziger Jahren, keinen Bauernaufstand wie in den dreißiger Jahren, keine Meuterei wie in den vierziger Jahren. Es gab keine Streiks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? Hatte der belgische Kolonialismus etwa über Nacht ein anderes Gesicht bekommen? In gewisser Hinsicht schon, jedenfalls vom Denken her. 1946 sagte Generalgouverneur Ryckmans in seiner letzten öffentlichen Rede: »Die Tage des Kolonialismus sind vorbei.« Er meinte damit vor allem das alte, rein auf die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes gerichtete System. »So wie in der Diplomatie die Redlichkeit ist in der Kolonisation die Uneigennützigkeit die beste Politik.«35 Die Kolonie sollte endlich selbst die Früchte ihrer Reichtümer genießen. Es ging noch nicht darum, auf die Unabhängigkeit hinzuarbeiten, sondern um eine »Entwicklungskolonisation«.36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser neue Elan spricht auch aus den reißerischen Slogans, die in Schwang kamen. Nach dem Krieg bezeichnete die Kolonialmacht den Kongo vollmundig als »die zehnte Provinz Belgiens«. Es war ein Versuch, die herablassende Haltung von ehedem durch einen mehr ebenbürtigen Umgang zu ersetzen. Die Kolonie lag nicht mehr in der Ferne, sondern war integraler Bestandteil des Mutterlandes geworden. Doch das war eine lachhafte Vorstellung: Wie konnte ein riesiges Land, das durch eine Laune des Schicksals zur Kolonie eines Zwergstaates geworden war, eine &#039;&#039;Provinz&#039;&#039; dieses Staates sein? Der Kongo war tausendmal so groß wie Limburg, Brabant oder der Hennegau!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Annäherungsversuch war das Konzept einer »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Die Idee stammte von Léon Pétillon, Generalgouverneur ab 1952, und sollte das &#039;&#039;dominer pour servir&#039;&#039; von einst vergessen machen, das inzwischen allzu bevormundend klang. Belgier und Kongolesen sollten Hand in Hand an einer neuen, modernen Welt bauen. So wie die Briten ihr &#039;&#039;Empire&#039;&#039; umbildeten zum &#039;&#039;Commonwealth&#039;&#039; und die Franzosen ihre überseeischen Gebiete als &#039;&#039;Union française&#039;&#039; neu definierten, so sollte Belgien künftig mit der Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft die Gleichrangigkeit beider Partner anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Politiker leisteten nachdrückliche Lippenbekenntnisse zum neumodischen Diskurs über »das einheimische Volkswohl«. Die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ging dabei am weitesten: »Die Zukunft der Rasse und das Wohl unserer kongolesischen Bevölkerungsgruppen sind unser vorrangiges Ziel«, formulierte sie.37 Belgische Meinungsführer unterschiedlichster politischer Couleur stimmten diesem Statement zu. »Die Kolonisation bringt in erster Linie eine Kulturvermittlung im Dienste der Völker in Gang«, behauptete ein Katholik.38 »Ob wir wollen oder nicht, unser Schicksal im Kongo hängt von dem der Schwarzen ab«, hatte ein Sozialist bereits erkannt.39 »Alles für, alles durch den Eingeborenen«, resümierte ein Liberaler.40 Diese Einmütigkeit darf verwundern, zieht man die weitgehende Versäulung, den gesellschaftlichen Partikularismus im Belgien der Nachkriegszeit, in Betracht. Aber viele Belgier waren sich bewusst, wie sehr die kongolesische Bevölkerung gelitten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kämpferisch nahmen die Belgier ein neues Kapitel ihrer Kolonialgeschichte in Angriff, optimistisch und mit mehr Stolz als zuvor. Sie würden der Kolonie den Weg in die Moderne bahnen, die Bevölkerung auf einen höheren Stand bringen und &#039;&#039;en passant&#039;&#039; über sich selbst hinauswachsen. Ein ehrgeiziger Zehnjahresplan sollte ab 1949 der Kolonie auf allen Ebenen zu einer modernen Infrastruktur verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Zeit der Schnellstraßen, der Nylonstrümpfe und der Sansevierien. Die neue Weltordnung veranlasste zu Fortschrittsglauben, ja sogar zu Frohmut. Scharenweise zogen Wallonen und Flamen in den Kongo. Das war die &#039;&#039;relève&#039;&#039;, die Ablösung, frisches Blut, auf das Männer wie Drachoussoff in den langen Kriegsjahren so gewartet hatten. Am Ende des Krieges befanden sich nur noch 36.080 Weiße im Kongo, 1952 lebten 69.204 dort, mehr als je zuvor.41 Die Kolonialbeamten und die Industriefacharbeiter, alles Männer, nahmen nun sehr viel häufiger ihre Frauen mit. Die Epoche der &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; neigte sich dem Ende zu, zur großen Erleichterung der Kirche, auch wenn mehrere tausend &#039;&#039;métis&#039;&#039; zurückblieben, Kinder gemischter Paare, die oft in keiner der beiden Welten zu Hause waren. Die Mutter war fast immer Kongolesin, der europäische Vater war für gewöhnlich ein Belgier, der in einem Unternehmen oder in der Verwaltung arbeitete, aber es gab auch griechische und portugiesische Väter. Diese Griechen und Portugiesen waren meist kleine Selbstständige, die einen Laden oder ein Restaurant besaßen. Wenn der Vater die Kinder anerkannte, erhielten sie eine europäische Erziehung und Nationalität. Geschah das nicht (wie in neun von zehn Fällen), blieben sie bei der Mutter im Stadtviertel oder Dorf, wo sie oft als Außenseiter behandelt wurden: zu hell, um schwarz zu sein, und zu dunkel, um weiß zu sein.42 Die Zahl der euro-afrikanischen Geburten nahm nach dem Krieg stark ab. Die Neuankömmlinge aus Belgien bekamen in der Kolonie Kinder, blonde, rosige Kinder mit Sommersprossen, die auf dem Rasen vor der Villa in kurzen Hosen umhertollten, mit einer Echse spielten und Mangos eher kannten als Äpfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die kongolesische Bevölkerung jedoch änderte sich nicht besonders viel. Grundlegende Reformen, die den Menschen mehr Rechte (in Sachen Mitbestimmung und gesellschaftliche Rechtsstellung) einräumen sollten, ließen sehr lange auf sich warten.43 Von einem neuen Bündnis zwischen Weiß und Schwarz war in der Praxis nichts zu bemerken. Noch immer schwor die koloniale Dreifaltigkeit darauf, die breite Masse nur langsam an mehr Bildung heranzuführen. Technisch gesehen war es sehr gut möglich, in kurzer Zeit eine Elite heranzubilden, doch die Machthaber befürchteten, dass sich eine solche Elite zu sehr von der Basis entfremden könnte. Das ganze Volk, so meinte man, müsse zunächst auf eine erste Ebene von »Kultur« aufsteigen, ehe man zur folgenden Etappe übergehen könne. Eine Alphabetisierung der Masse schien sinnvoller als die Heranbildung einer dünnen Führungsschicht mit politischen Rechten.44 Verlangte die Mehrzahl der Kongolesen etwa eine Teilhabe an der Macht? Na also!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sie keine politische Macht verlangten, bedeutete jedoch nicht, dass sie wunschlos glücklich waren. Die politische Apathie hatte mehr mit mangelnder Bildung als mit hochgradiger Zufriedenheit zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem kam es im täglichen Leben keineswegs zu mehr Berührungspunkten zwischen Belgiern und Kongolesen. Im Gegenteil – die Kluft wurde noch größer. Der frisch eingetroffene Schwung Kolonialbeamter und Fachkräfte bezog neue, komfortable Villen und wohnte großzügiger als je zuvor. Die Stadtviertel, in denen sie residierten, erinnerten eher an Knokke oder Spa als an Zentralafrika. Nach der Arbeit verbrachten sie die Zeit mit ihrer Familie, am Wochenende kamen Freunde zum Barbecue oder zum Bridge. Bier hatte man im Kühlschrank. (Elektrische Kühlschränke, wahrhaftig: Die Zeit der Pioniere war endgültig vorbei!) Immer mehr Belgier besaßen ein Auto. Das wuschen sie am Sonntagmorgen mit dem Gartenschlauch. Der Kongo des Europäers glich allmählich dem &#039;&#039;middle-class&#039;&#039;, &#039;&#039;suburban&#039;&#039; Kalifornien der fünfziger Jahre. Zweifelsohne ein angenehmes Leben, aber in einer &#039;&#039;expatriate community,&#039;&#039; in der öfter &#039;&#039;über&#039;&#039; Afrikaner als &#039;&#039;mit&#039;&#039; Afrikanern gesprochen wurde. Das Interesse an der lokalen Kultur nahm ab, und kaum jemand machte sich die Mühe, eine oder mehrere einheimische Sprachen zu erlernen. Vladimir Drachoussoff nahm es voller Bedauern zur Kenntnis:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nicht viele Beamte, die sich außerhalb ihrer Berufspflichten für die Einheimischen interessieren. Das Familienleben, eine komfortablere Einrichtung, die Möglichkeit (und folglich auch das Bedürfnis), fast wie in Europa zu leben, haben den alten Typus des &#039;&#039;broussard&#039;&#039; zum Verschwinden gebracht, der, mit all seinen Fehlern und Schwächen, von Posten zu Posten reiste, mit den Dorfältesten redete und sie letztendlich begriff und von ihnen begriffen wurde.45&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belgisch-Kongolesische Gemeinschaft wurde zu einer Schimäre; in der Praxis bildete sich nach und nach eine immer geschlossenere belgische Kolonialgemeinschaft. Der Tropenhelm verschwand, die abenteuerlichen Geschichten bei einem Glas Whiskey und einer Coleman-Lampe waren Vergangenheit. Der Kongo wurde kleinbürgerlich. Viele Frauen setzten nie einen Fuß in die &#039;&#039;cité&#039;&#039;, die einzigen Kongolesen, die sie kannten, waren der Boy und der Chauffeur. Weiße Kinder wuchsen oft in einer Atmosphäre des latenten Rassismus auf. 1951 kam es so weit, dass die Ständige Kommission zum Schutz der Eingeborenen ein Schriftstück mit dem Wunsch verbreitete, dass »man im Schulunterricht und beim Spielen den weißen Kindern den Respekt vor der menschlichen Person im Hinblick auf die einheimischen Familien und die schwarzen Kinder vermittelt«.46 Dass eine ehrwürdige Institution wie die Kommission zum Schutz der Eingeborenen sich mit Fangen- und Versteckenspielen beschäftigen musste, ist recht aufschlussreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vereinzelte Europäer vermochten tieferes Verständnis für die Perspektive der Kongolesen aufzubringen. Am weitesten ging dabei der flämische Franziskaner Placide Tempels. Er war in Katanga tätig und unter anderem bemüht, die Ursache für den großen Unmut der Minenarbeiter zu ergründen. Bereits 1944 beschäftigte er sich mit den Aufständen in der Kolonie und schrieb darüber einen mutigen und zugleich aufsehenerregenden Aufsatz, »La philosophie de la rébellion«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der Gipfelpunkt der Desillusionierung im Kongo. Er [der Eingeborene] hat sich mit uns verbunden, um einer von uns zu werden; doch statt als Sohn der Familie betrachtet zu werden, wird er nur ein Lohnarbeiter. Nun fühlt er sich endgültig abgelehnt, zurückgewiesen als Sohn, klassifiziert als nicht eingliederbar.47&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Sichtweise war völlig neu. 1945 erschien Tempels&#039; Standardwerk &#039;&#039;Bantoe-filosofie&#039;&#039; (Bantu-Philosophie). Die englischen und französischen Übersetzungen machten ihn weltberühmt, Sartre las das Buch mit Interesse. Tempels versuchte, afrikanische Kulturen von innen heraus zu verstehen und führte in seinem Werk den Begriff »Lebenskraft« als zentrales Prinzip ein. Seine Erkenntnisse nötigten zu einem vollkommen anderen Kolonialismus: »Wir glaubten, es mit der Erziehung großer Kinder zu tun zu haben, was ziemlich bequem für uns gewesen wäre. Aber auf einmal wurde uns klar, daß wir es mit einem voll entwickelten Menschentum zu tun haben, mit selbstbewußten Lebensphilosophen, die ganz und gar erfüllt sind von einer eigenen, das ganze All umspannenden Weisheitslehre.«48 Wegen seiner scharfsinnigen Attacken machte sich Tempels bei seinen kirchlichen Vorgesetzten unbeliebt. Von 1946 bis 1949 wurde er nach Flandern zurückgerufen. Es war eine Art Relegation, ein erzwungenes Exil – diesmal wurde nicht ein Kimbanguist in ein Urwalddorf verbannt, sondern ein visionärer Katholik in ein Kloster in Sint-Truiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es herrschte zwar Ruhe im Kongo zwischen 1946 und 1956, aber es war eine unheimliche, eine relative Ruhe, die eher alte Angst verriet als neue Hoffnung. Über den Gärten der Kolonialvillen, in denen am Sonntagnachmittag die Gläser klangen, ballten sich bereits dunkle Wolken. Doch niemand bemerkte es, nicht einmal der sommersprossige Bengel, der auf dem Rasen eine Echse unter einer Käseglocke gefangen hielt. Es war die Ruhe vor dem Sturm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo würde das Unwetter des Grolls zuerst losbrechen? Die Menschen auf dem Land hatten mit Sicherheit genügend Gründe, sich zu beklagen. Sie lebten noch immer in erbärmlichen Verhältnissen. Die Felder waren vernachlässigt. Aufgrund der bleischweren Last der »Kriegs­anstrengung« war die Selbstversorgung ins Hintertreffen geraten. Die Menschen waren unterernährt. Die Jagd war zum Erliegen gekommen. Kolonialbeamte mussten sie ermuntern, aufs Neue Raupen, Termiten und Larven zu sammeln, eine traditionelle Proteinquelle.49 Denn an den Orten, an denen Vieh gehalten wurde, waren die Rinder prinzipiell dem Minenpersonal vorbehalten. Der Zehnjahresplan enthielt ein umfangreiches Programm, um die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Es sah die Einführung moderner Agrartechniken und Produktionsmittel und die Bildung lokaler Kooperativen (sogenannte &#039;&#039;paysannats indigènes&#039;&#039;) vor, aber ohne großen Erfolg. Das flache Land war und blieb bettelarm. Die Verelendung der Landbevölkerung entstand im Kongo nicht nach der Unabhängigkeit, sondern bereits mitten in der Kolonialzeit. Die Geburtenrate war sehr niedrig. Während heute in Afrika Überbevölkerung ein Grund zur Sorge ist, war in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Geburtenrückgang ein ständiges Problem in Belgisch-Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So viel Not hätte zu Protesten führen können, aber die blieben aus. Oder besser gesagt: Sie nahmen eine andere Form an. Die Menschen rebellierten nicht, sondern liefen fort. Die Nachkriegsjahre im Kongo sind von einer massiven Landflucht gekennzeichnet. In nie gekanntem Ausmaß strömten Menschen in die städtischen Agglomerationen. Léo­poldville mit seinen fünfzigtausend Bewohnern im Jahr 1940 wuchs explosionsartig zu einer Stadt mit dreihunderttausend Einwohnern im Jahr 1955.50 Bereits in der Zwischenkriegszeit waren junge Männer freiwillig in die Stadt gezogen, nun brachen sie &#039;&#039;en masse&#039;&#039; auf. Nach dem Krieg hatten 70 Prozent des flachen Landes weniger als vier Einwohner pro Quadratkilometer.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hätte unter diesen Umständen die Initiative zum Widerstand ergreifen sollen? Wer Träume hatte, jagte ihnen anderswo nach. Wer zurückblieb, war oft zermürbt und erschöpft. Die ländlichen Gebiete überalterten stark. 1947 waren Schätzungen zufolge 40 Prozent der Landbevölkerung älter als fünfzig.52 Bedenkt man die relativ niedrige Lebenserwartung, ist das ein enorm hoher Anteil. Diese alten Menschen besaßen keinerlei Ausbildung und erduldeten die Kolonialherrschaft, ohne zu murren. Es gab keine landwirtschaftlichen Genossenschaften oder Gewerkschaften, es gab keine sozialen Strukturen, die die Lebensumstände auf dem Land hätten verbessern können. Die einzige bekannte Form von gesellschaftlicher Organisation beruhte auf der Stammeszugehörigkeit, doch die war fast überall brüchig geworden. Der Häuptling besaß keine moralische Autorität mehr, sondern war ein Emporkömmling, der sich vor den Karren der Kolonialmacht spannen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Städte? Brodelte dort allmählich der Aufruhr? Führte die große Ansammlung von Träumen zur geballten Faust? Nicht sofort. Vielen Menschen bot die Flucht vom Land in die Stadt tatsächlich neue Chancen. Auch wenn kein Manna vom Himmel fiel, war das neue Leben auf jeden Fall besser als das, dem man entflohen war. Und manche hatten einfach Glück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war achtzig, als ich ihn in Kikwit fand. Ich hatte monatelang nach ihm gesucht, die ganze Zeit hoffte ich, dass er noch am Leben war. Als ich ihm endlich gegenüberstand, wusch er sich gerade im braunen Wasser des Kwilu-Flusses. Sein Körper war mager und eingefallen, sein Waschlappen war ein grüner Stofffetzen, der fast nur noch aus ein paar Fäden bestand. War er es nun wirklich? Sein Gesicht kam mir länglicher vor als auf dem historischen Foto. Nur wenn er umherlief, sah man noch, dass er einmal ein fanatischer Fußballer gewesen war. Er hatte die typischen O-Beine und noch immer den wiegenden Gang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wohnte in einem kleinen Haus aus Lehm. Neben dem Pfad zu seinem Grundstück wuchs ein großer Eukalyptusbaum. Hühner scharrten in der roten Erde, ein Ziegenlämmchen stakste meckernd umher. Wäsche hing zum Trocknen in der Sonne. Die farbenprächtigen Stoffe bauschten sich immer übermütiger im Wind. Hosenbeine knatterten. Ärmel flatterten. Es erinnerte an eine Menschenmenge, die ausgelassen am Rand eines Fußballplatzes steht oder an einem Boulevard, wenn ein König oder ein Filmstar vorbeifährt. Ich blickte zum Himmel. Regenwolken waren aufgezogen. Longin bat mich in sein Haus und bot mir einen Plastikstuhl an. Es war sehr dunkel. Ich setzte mich nah an die Tür, damit ich genug Licht zum Schreiben hatte. Einige seiner Urenkel starrten mich mit großen Augen an. Als er sie verscheuchte, stoben sie prustend vor Lachen nach allen Seiten auseinander. Die ersten Tropfen fielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Regen! Zum ersten Mal seit zwei Wochen!« Er strahlte. »Was für ein Segen. Der liebe Gott segnet dieses Gespräch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte mir, dass er 1928 in Luzuna zur Welt gekommen sei, einem kleinen Dorf am Ufer des Kwilu, und in der katholischen Missionsstation von Djuma, bei den Jesuiten, getauft worden sei. Sein Vater sei dort Zimmermann gewesen. »Wie Joseph!« Er schreinerte Stühle, Türen und Schulbänke für die belgischen Patres. Seine Mutter bestellte das Land und baute Maniok an. In dieser Zeit aßen sie noch gut. Reis, Maniok und Fisch, aber auch Flusskrebse, Raupen, Champignons und Zucchinis. Was für ein Unterschied zu heute. »Jetzt essen wir nur einmal am Tag. Und immer nur Reis mit Bohnen. Oder Maniok mit Bohnen. Fleisch gibt es nur noch selten. Und Fisch gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Himmel zog sich zu. In der Ferne grollte der Donner. Es wurde so dunkel, dass ich meine Notizen kaum noch lesen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin erzählte in aller Ruhe weiter. Seine Eltern waren bereits katholisch, sagte er. Er war das mittlere von drei Kindern. In Djuma sah er zum ersten Mal ein Auto, einen Pick-up der Nonnen. »Der Weiße ist intelligent, sagte ich mir. Ich habe dem Priester dazu gratuliert.« Er ging dort auch zur Schule. Die Missionare hielten den Grundschulunterricht in der ganzen Kolonie ab, oft mit Hilfe lokaler Lehrkräfte. Weiterführender Unterricht beschränkte sich entweder auf eine Berufsausbildung oder – für eine verschwindend kleine Gruppe – auf eine Priesterausbildung. Klassischer Sekundarunterricht zur Vermittlung einer breiten Allgemeinbildung existierte noch nicht. Erst ab 1938 gab es die ersten Oberschulen. Doch in großen Teilen des Kongo wurde man noch lange Zeit entweder Tischler oder Seminarist. Longin besuchte den technischen Zweig. »Ich sollte Mechaniker werden, um in den Lever-Betrieben zu arbeiten, aber ich hatte keine Lust, mich immer schmutzig zu machen.« Mit sechzehn ging er nach Kikwit. Er wollte unbedingt Priester werden. »Aber die Priester sagten: Du bist schon zu alt. Da bin ich dann von der Schule abgegangen und in mein Dorf zurückgekehrt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie enttäuschend diese Zurückweisung gewesen sein muss, lässt sich kaum ermessen. Das Priesterseminar war nicht nur die einzige Möglichkeit, zu studieren, die Priesterwürde war auch das höchste Amt, das einem Kongolesen offenstand. Man war dann &#039;&#039;monsieur l&#039;Abbé&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin zeigte mir ein altes Farbfoto von sich, auf dem er ein purpurfarbenes Bischofsgewand trug. Er saß auf einem Thron und sah mit ernster Miene in die Kamera. »Die Soutane ist verschlissen, aber früher bin ich damit jeden Sonntag durch die Stadt gegangen. Wenn ich eine Vision gehabt hatte, habe ich das verkündet. Alle Leute in Kikwit sprachen mich damals mit &#039;&#039;Monseigneur&#039;&#039; an.« Er war immer ein religiöser Mensch. Seine Religion war das Christentum, natürlich, aber sein eigenes Christentum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie Simon Kimbangu begonnen hatte, selbst zu predigen, nachdem die Protestanten ihn nicht mehr als Katecheten wollten, so zog sich Longin Ngwadi eine Soutane an, nachdem die Katholiken in ihm keinen zukünftigen Priester sahen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fielen dicke, kräftige Tropfen, die murmelgroße Kuhlen in die Erde schlugen, und das Unwetter brach los. Über Kikwit goss es wie aus Eimern, der Regen peitschte auf die dünnen Dächer der Hütten und Häuser. Blitz und Donner fielen zusammen. Der Himmel barst. Bei jedem Tropengewitter kommt ein Moment, in dem der Donner nicht mehr grollt, sondern kreischt. Dieser Moment war jetzt gekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin warf die Hände in die Luft und betete zum Allerhöchsten, während ihm ein Speichelfaden übers Kinn rann: »Seigneur, Sie haben &#039;&#039;papa&#039;&#039; David gesandt. Wir bitten Sie: Könnten Sie etwas weniger Lärm machen, damit wir uns weiter unterhalten können. &#039;&#039;Merci et amen!&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als ob nichts geschehen sei, fuhr er fort: »1945 bin ich nach Kinshasa gegangen. Ich war damals 17. Mein Vater bezahlte die Schifffahrt, meine Mutter gab mir Essen mit. Von Luzuna aus ging ich zu Fuß nach Djuma. Dort nahm ich das Postschiff. Ich war drei, vier Tage unterwegs. Erst auf dem Kwilu, dann auf dem Kasai und schließlich auf dem &#039;&#039;fleuve&#039;&#039; selbst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin war einer der vielen zehntausend jungen Leute, die es in die Hauptstadt zog. Die meisten kamen bei Verwandten oder Freunden unter, die schon in der Stadt lebten, aber er verfügte nicht über solche Kontakte. »Ich kannte niemand, als ich in Kinshasa ankam, keine Menschenseele. Aber ein Nachtwächter rief mich auf den Hof von dem Haus, das er bewachen musste. Es war jemand aus meiner Gegend. Ich durfte auf dem Boden schlafen, draußen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sah nicht gerade nach einem glorreichen Auftakt seines Stadtlebens aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz darauf bekam ich meine erste Stelle, bei Papa Dimitrios. Das war ein griechischer Jude. Er hatte einen kleinen Supermarkt. Er ließ mich zur Probe Rechenaufgaben lösen und stellte mich dann ein. Ich musste Hosen und Hemden verkaufen, Stoffe für Frauen, Seife, Zucker und was nicht alles. Er fand ein kleines Zimmer für mich, beim Jardin Botanique. Nach drei Monaten besaß ich schon eine Matratze, Bettlaken, Zudecken, zwei Stühle, Geschirr und Besteck. Dimitrios hat mir viele Sachen geschenkt. Drei Jahre habe ich bei ihm gearbeitet. Dann fing ich beim Économat du Peuple an, einem großen Laden mit sieben Verkäufern. Dort bin ich nur ein Jahr geblieben. Ich bin geflogen, weil ich Wurst verkauft hatte, die schon verdorben war.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn es nicht das Priesteramt war, so gefiel ihm sein neues Leben in Léopoldville doch ganz gut. Die Schlappe als Wurstverkäufer wurde durch ein anderes Talent mehr als wettgemacht. »Ich habe vier Jahre lang bei Daring gespielt. Bei tata Raphaël.« Daring war einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Stadt. Pater Raphaël de la Kéthulle – wieder dieser Pater – hatte ihn 1936 gegründet. Der Verein existiert noch immer, unter dem Namen Daring Club Motema Pembe, und steht an der Spitze des kongolesischen Fußballs. »Ich habe lange mit Paul Bonga Bonga gespielt, dem ersten Kongolesen in der höchsten belgischen Liga. Er spielte bei Sporting Charleroi, bei Standard Lüttich. Er war Pele! In Kinshasa spielten wir immer im Vélodrome de Kintambo. Ich war Nummer 9. Ich war ein Stürmer. Tata Raphaël stand mit seiner Pfeife am Rand des Spielfelds, sah mir zu und schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Ich war wie eine Schlange!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sprang er auf und dribbelte mit seinem achtzigjährigen Körper durch das dunkle Wohnzimmer. In dem Raum mit der niedrigen Decke führte er ein paar Täuschungsmanöver aus. Er konnte es noch immer. Hacke, Spitze, eins zwei drei. In Zeitlupe führte er es vor, während draußen weiterhin das Unwetter tobte. Inzwischen rann das Regenwasser an den Innenwänden des Wohnzimmers hinab. Es sickerte nicht, es strömte. Longin beachtete es nicht. »Mein Spitzname war &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;. So nannten mich damals alle. &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, Nummer 9, die Sturmspitze von Daring.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das waren noch nicht alle Stationen seines erstaunlichen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre hatte die Stadt noch eine andere Wendung für ihn in petto. »Generalgouverneur Pétillon trat sein Amt an.« Das war 1952. »Er bat fünf Leute, in die Maison des Blancs zu kommen. Das war der Ort, wo alle Geheimnisse des Kongo aufbewahrt werden. Dort trafen sich die Weißen, um den Kongo zu führen. Es lag direkt neben dem Hotel Memling. Es kamen nur ruhige, intelligente und ernsthafte Leute. Es war der &#039;&#039;cercle des européens&#039;&#039;. Ich sollte dort bedienen. &#039;&#039;›S&#039;il vous plaît.‹ ›Merci.‹ ›S&#039;il y a quelque chose, vous me le dites.‹&#039;&#039; Lange Arbeitszeiten, aber hinterher bekam ich fünfzig kongolesische Franc. Das war sehr viel Geld. Unter den fünfen war ich die &#039;&#039;numero uno&#039;&#039;. Ich war der Höflichste, der Ordentlichste. Pétillon sagte deshalb, ich dürfe sein &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; werden. Also ging ich mit zum Haus des Gouverneurs.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zimmermannssohn, der kein Priester werden durfte, der Verkäufer von Haushaltstextilien und vergammelter Leberwurst, der pfeilschnelle Stürmer des Fußballvereins Daring wurde nun Hausdiener beim vorletzten Generalgouverneur von Belgisch-Kongo. »Vier Jahre habe ich für ihn gearbeitet. Er nannte mich &#039;&#039;mon fils&#039;&#039;.« Léopoldville war tatsächlich eine Stadt voller Möglichkeiten.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadis Geschichte ist zweifellos sehr außergewöhnlich, aber die Stadt bot tatsächlich vielen Neuankömmlingen eine neue Freiheit. Für Frauen galt das in besonderem Maße. Thérèse aus Kasai zog nach dem Tod ihres Mannes nach Léopoldville. Ein Onkel kümmerte sich um sie und half ihr, einen kleinen Handel aufzuziehen. Auf dem Markt von Kinshasa verkaufte sie Maniokbier und später auch Obstsaft, den sie aus reifen Bananen herstellte. Nach einem Jahr ließ sie ihre Kinder nachkommen, ein paar Jahre später heiratete sie wieder. Sie hatte einen Arbeiter kennengelernt, jemand von ihrem Stamm, den es auch in die Stadt verschlagen hatte.54 Eine »freie Frau« in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; war nicht länger eine Prostituierte, jene Kategorie, die in der Sprache der Behörden »erwachsene, gesunde, einheimische Frauen, die theoretisch allein leben« hieß, sondern einfach jemand, der auf eigene Faust versuchte, über die Runden zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Schwester Apolline. Sie war im gleichen Alter wie Longin. Ich traf mich mit ihr im Franziskanerkloster von Kinshasa. Sie stammte aus einer gemischten Familie im Hinterland – ihr Vater war Kongolese, ihre Mutter kam aus Tansania. Ihre Eltern hatten sich im Ersten Weltkrieg kennengelernt, als ihr Vater mit der Force Publique in Deutsch-Ostafrika kämpfte. Als sie zwölf war, hatten ihre Eltern einen geeigneten Heiratskandidaten für sie gefunden, doch sie hatte andere Pläne. Sie wollte ins Kloster, dort fühlte sie sich freier. Das Klosterleben führte sie in die große Stadt. »Neunundzwanzig Jahre habe ich in Lubumbashi gearbeitet. Ich war dort Direktorin einer Grundschule. Und viele Jahre später wurde ich das erste schwarze Mitglied des kirchlichen Provinzialrates. Ich habe immer in der Stadt gelebt.«55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder Victorine Ndjoli. Sie war die erste Kongolesin, die den Führerschein machte. »Ich hatte die Hauswirtschaftsschule besucht bei den Franziskanerinnen. Knöpfe annähen, schneidern. Später lernte ich beim &#039;&#039;foyer social&#039;&#039; Babykleidung und Hüte machen. Die Weißen suchten damals hübsche Mädchen für ihre Werbeplakate. Ich war Fotomodell für eine Fahrradmarke, für Sherry, für Milch. Das gefiel mir zwar, aber ich wollte mehr. Ich riss aus, um in die Fahrschule zu gehen. Mein Vater war erst dagegen, aber schließlich war er stolz auf mich. Nach einer Woche hatte ich meinen Führerschein. Es war 1955, ich war 20. Ich durfte einen Dodge fahren, aber ich hatte selber nie ein Auto. Die Männer wollten das nicht.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Victorine nahm auch an den ersten Schönheitswettbewerben in Léo­poldville teil. Sie wurden vom Besitzer einer Tanzschule veranstaltet, Maître Taureau. Meister Stier. Ziemlich macho, oder? Ich fragte ihn danach, als wir vor seinem Haus saßen im Stadtteil Yolo, einem einfachen Viertel, wo ihn jeder Vorbeigehende kannte. »Nein, mein richtiger Name ist François Ngombe. &#039;&#039;Ngombe&#039;&#039; ist Lingala und bedeutet Rind. Und &#039;&#039;maître&#039;&#039;, weil ich ein Meister darin bin, im Leben keinen Meister zu brauchen!« Er hielt sich den Bauch vor Lachen. »In meiner Tanzschule habe ich den Leuten Cha-Cha-Cha beigebracht, Bolero, Rumba und Charanga, aber auch Swing und Rock-&#039;n&#039;-Roll. Daneben habe ich die Wahl der &#039;&#039;Miss Charme&#039;&#039; in den Stadtteilen organisiert. Die griechischen und portugiesischen Händler haben umsonst Stoffe rausgerückt. Die Mädchen haben sie getragen und so Reklame für die Händler gemacht. Eine von ihnen wurde dann gewählt.«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville wurde eine Stadt der Mode, Eleganz und Koketterie. Junge Frauen trugen lange, farbenfrohe &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;, ein Brauch, den die Missionsschwestern eingeführt hatten. Über den Umweg Europa landeten Batikstoffe aus Indonesien in Zentralafrika. Mädchen trugen die Haare kurz, aber wenn sie ungefähr zehn waren, ließen sie sie wachsen. Es gab ein Dutzend afrikanischer Frisuren in dieser Zeit, für manche brauchte man drei Stunden.58 Frauen spielten eine wesentliche Rolle bei der Entstehung einer neuen urbanen Kultur. Sie dominierten den Kleinhandel, sie bestimmten, welche Kleidung, Musik und Tänze erfolgreich waren, und sie gestalteten einen neuen, modernen afrikanischen Lebensstil.59&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Frauen konnten in angesehene Funktionen vordringen. 1949 wurde Pauline Lisanga als Ansagerin für Radio Congo Belge eingestellt. Dieser Sender hatte mit Programmen für die afrikanische Bevölkerung begonnen. Pauline wurde damit die erste schwarze Radiosprecherin Afrikas.60 Nicht viele Kongolesen besaßen ein Radio, aber an vielen Stellen in der Stadt hingen Lautsprecher, um die sich Gruppen von Passanten und Leute aus der Nachbarschaft versammelten. Sie hörten dort Paulines Stimme. Es gab Nachrichtensendungen, erbauliche Sketche und religiöse Beiträge, aber auch traditionelle kongolesische Klänge und westliche Unterhaltungsmusik. Sogar für neue Schlager aus dem Kongo war Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Léopoldville wimmelte es zu jener Zeit von kleinen Bands, die auf Hochzeiten, Beerdigungen und Festen spielten. Ihre aufpeitschenden Rhythmen, das virtuose Gitarrenspiel, die hohen Falsettstimmen, die differenzierten Melodien und leichtfüßigen Texte sorgten für eine unwiderstehliche Tanzmusik. Das war der Rock-&#039;n&#039;-Roll von Zentralafrika. Im Kongo befanden sich die großen Tanzlokale in den Händen griechischer Migranten. In Kinshasa gab es (und gibt es noch immer) das Akropolis, in Kisangani (damals Stanleyville) gab es die Olympia-Bar. Ein paar griechische Unternehmer hatten auch Aufnahmestudios eingerichtet. Dort wurde die wunderbare Tanzmusik einiger kongolesischer Orchester verewigt. Das Radio ermöglichte eine neue Art des Heldentums. African Jazz von Kabasele und OK Jazz von Franco wurden zu den populärsten Bands der fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das urbane Leben umfasste jedoch mehr als Schönheitswettbewerbe, Maniokbier und Tanzplatten. Auf den Werften von Léopoldville, in den chemischen und metallurgischen Fabriken von Katanga und in den Handelshäusern der städtischen Zentren trat eine neue Generation Kongolesen wie Longin zum ersten Mal eine Stelle an und machte Bekanntschaft mit den hohen Ansprüchen der modernen Wirtschaft. Zu Streiks kam es nicht, aber auch hier herrschte die verräterische Ruhe vor dem Sturm. Als nur wenige Jahre später das Unabhängigkeitsfieber mit aller Heftigkeit ausbrach, hofften sehr viele, dass sie nach der Übergabe der Macht nie mehr zu arbeiten brauchten. Fürs Erste aber herrschte Ruhe, Unheil verkündende Ruhe. Wie hätte etwaiger Groll auch an die Oberfläche kommen können? Gewerkschaften boten keinen Ausweg. Bis 1946 waren sie für Schwarze verboten. Weiße Beamte hatten seit 1920 eine erste Interessenvertretung, hielten die Türen jedoch für kongolesische Mitglieder geschlossen. Nach dem Krieg wurde STICS gegründet, &#039;&#039;Syndicats des Travailleurs Indigènes Spécialisés&#039;&#039;, eine Gewerkschaft nur für spezialisiertes Personal, sodass 90 Prozent der Arbeiter ausgeschlossen waren. Später gab es die APIC, die &#039;&#039;Association du Personnel Indigène de la Colonie&#039;&#039;, eine viel militantere Organisation. Doch nahezu jede gewerkschaftliche Bewegung wurde streng kontrolliert, denn die Kolonialverwaltung schrieb die Einbeziehung weißer Berater vor.61 So schaute einem ständig ein Staatsbeamter oder Geistlicher über die Schulter, und jede rebellische Regung wurde im Keim erstickt. Die Gewerkschaftsarbeit sollte konstruktiv und ruhig ablaufen. Die Kolonialverwaltung sah in ihr allenfalls eine nützliche &#039;&#039;éducation sociale&#039;&#039; der Arbeiter.62 Eine Art Fußball also, aber in geschlossenen Räumen: Man lernte Tagungen abzuhalten, eine Tagesordnung aufzustellen und Protokolle anzufertigen, über einen Etat zu diskutieren . . . Die Gewerkschaft sollte eine Schule sein und nicht eine legitime Form von Opposition und Widerstand. Als belgische Gewerkschaften – christliche und sozialistische – versuchten, in der Kolonie Fuß zu fassen, war das zum Scheitern verurteilt. Die kongolesischen Arbeiter fühlten sich davon nicht angesprochen. Sie sahen sie als etwas, das von oben kam, etwas Weißes. Von den fast 1,2 Millionen Werktätigen 1955 waren 6160 in einer Gewerkschaft organisiert, nicht einmal ein halbes Prozent.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung regte allerdings an, dass die großen Firmen Betriebsräte einführten, in denen Kongolesen ihre Meinung äußern durften. Betriebsräte ließen sich besser kontrollieren als selbstständige Gewerkschaften. Auch die Provinzräte bekamen die ersten kongolesischen Mitglieder, und ab 1951 zählte der koloniale Verwaltungsrat, ein informelles Beratungsorgan ohne reale Macht, acht Afrikaner; die meisten kamen allerdings aus ländlichen Gegenden, gehörten also nicht zur neuen städtischen Mittelschicht. Es waren zaghafte Versuche, den Beschwerden und dringenden Wünschen der kolonialen Untertanen ein Ohr zu leihen, doch sie zeugten zugleich von der Auffassung, dass man noch alle Zeit der Welt habe, ehe man etwas Tiefgreifenderes unternehmen müsse.64 Noch war kein Grund zu wirklicher Besorgnis. Glaubte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie hätte man den heraufziehenden Umbruch ahnen können? Die Landbevölkerung fügte sich weiterhin in ihr Schicksal, und die Menschen in den Städten wirkten eigentlich recht zufrieden. Ja, so konnte man feststellen, es entstand sogar eine wirkliche Kaste von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; – Einheimischen, die so europäisch wie möglich leben wollten, die ein Faible hatten für alles Belgische und die die Wohltaten der Kolonisation in den höchsten Tönen rühmten. Von heutiger Warte aus klingt dieser Begriff sehr problematisch, aber es war tatsächlich eine selbst gewählte Bezeichnung.65 Von diesen &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, da waren sich die Kolonialherren sicher, ging keinerlei Gefahr aus. Gut, es hatte manchmal etwas Skurriles, all das Getue mit den gepflegten Anzügen und dem manieristischen Französisch. Aber es handelte sich ja um die echten sozialen Aufsteiger, sie ernteten die größten Früchte der edelmütigen Zivilisierungsarbeit. Loyalere Untertanen gab es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch platzte die Bombe genau in diesem Milieu. Die meisten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Stadt geboren. Das Dorf kannten sie nur vom Hörensagen. Sie besuchten die Missionsschule, sie arbeiteten bei europäischen Firmen, sie respektierten den Kolonialstaat und sie sahen folglich zu ihren weißen Herrschern auf. Ein anderes gesellschaftliches Rollenmodell hatten sie nie gekannt. Viele von ihnen nahmen große Strapazen auf sich, um für voll angesehen zu werden. Sie bildeten sich in Bibliotheken weiter, lasen die Zeitung, hörten Radio, besuchten Kinos und Theater und lasen Bücher, denn es war die Intelligenz mehr noch als der Wohlstand, um die sie die Weißen beneideten. Das Zweite war nicht mehr als ein Ausdruck des Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildete sich eine lebendige Vereinskultur. Noch stand sie unter Aufsicht der Kolonialverwaltung, historisch aber war sie von immenser Bedeutung: In den Vereinen ehemaliger Schüler, in den Studienkreisen und tribalen Organisationen lag der Keim für die spätere politische Bewusstwerdung.66 Die ehemaligen Schüler der Schule von tata Raphaël fanden sich in der Adapes (&#039;&#039;Association des Anciens Elèves des Pères de Scheut&#039;&#039;) zusammen; diese Gemeinschaft wurde ein wichtiger Inkubator für die erste Generation kongolesischer Politiker. In den &#039;&#039;cercles des évolués&#039;&#039; trafen sie sich, um über Bücher zu sprechen und Diskussionen zu führen; als eine Art Volkshochschulen schossen diese Gesprächskreise wie Pilze aus dem Boden. 1950 gab es, über den ganzen Kongo verstreut, etwa dreihundert davon. In den Städten entwickelten sich die tribalen Vereine, die sich früher vor allem als Hilfskassen verstanden hatten, zu kulturellen Einrichtungen, die später auch politische Ambitionen hegten. In Elisabethville wuchs die Spannung zwischen den Baluba aus Katanga und den Baluba aus Kasai: Letztere waren in großer Zahl zu den Minen im Süden gezogen und erregten nun den Unmut der dort Ansässigen. Als Resulat bildeten sich neue Vereine. In Léopoldville fühlten sich die Bakongo bedroht durch die ständige Zunahme der Bangala, Menschen aus der Provinz Équateur, die in der Armee dienten oder im Handel tätig waren. Das Kikongo, die ursprüngliche Sprache des Gebietes um Kinshasa, wurde vom Lingala verdrängt. Die Abako, die &#039;&#039;Alliance des Bakongo&#039;&#039;, wurde gegründet, eine rein kulturelle Vereinigung, die sich für die Sprache des Kongo-Volks einsetzte. Der Gründer war, wieder einmal, ein ehemaliger Seminarist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein é&#039;&#039;volué&#039;&#039; war ein Mann (nie eine Frau, es sei denn als Partnerin), der ein gewisses Bildungsniveau hatte, ein festes Einkommen erzielte, seinen Beruf sehr ernst nahm, monogam war und im europäischen Stil lebte. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, so erklärten es mir zwei Kinder von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einmal, besaß ein Fahrrad der Marke Raleigh, am besten mit Gangschaltung. »Das war damals der Mercedes der Schwarzen.« In seinem Haus stand eine Coleman-Lampe. Er hatte einen Plattenspieler und hörte Lieder von Edith Piaf. Wendo Kolosoy akzeptierte er auch, das war ruhige Musik. »Aber auf keinen Fall Musik, die zu obszönen Tänzen animierte. Sonntags gingen meine Eltern tanzen, mein Vater trug dann eine Melone.« Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; schickte seine Ehefrau mit dem Nachwuchs in die Mütterfürsorge der medizinischen Beratungsstelle. Dort wurde das Baby gewogen. Zu Hause befolgte man die Ernährungsratschläge der weißen Nonnen. Der traditionellen Medizin und dem Ahnenglauben schwor man ab, aber die Kluft zwischen Mann und Frau war sehr groß. Der Mann hatte eine Ausbildung und eine feste Arbeitsstelle, die Frau war Analphabetin und verdiente kein Geld. In ganz Stanleyville konnten in jener Zeit nur zwei von drei Frauen eine Unterhaltung in rudimentärem Französisch führen.67 Eines der &#039;&#039;évolué&#039;&#039;-Kinder erzählte mir: »Ach, ich habe meinen Vater sehr oft zu meiner Mutter sagen hören: ›Also du bist eine richtige Negerin! So leben die Weißen doch nicht!‹«68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zahl der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; war nicht sehr hoch (knapp sechstausend 1946, knapp zwölftausend 1954), aber ihre Mündigkeit war entscheidend. Tragischerweise strebten sie eine Annäherung an die Europäer an genau in dem Moment, in dem sich die Europäer immer mehr zurückzogen in ihre Villen, an ihre Swimmingpools und zu ihren Tennisturnieren. Ja, es gab in Belgisch-Kongo schwarze LKW-Fahrer und Telegraphisten, aber in Cafés und Restaurants war die Rassenschranke schärfer denn je zuvor. Wenn ein weißer Journalist in Léopoldville es wagte, einen schwarzen Kollegen in eine europäische Bar mitzunehmen, verstummten die Gespräche. Züge und Flussschiffe hatten zwar schwarze Lokführer und Kapitäne, die Passagierabteile aber waren strikt nach Hautfarbe getrennt. Sprang ein Schwarzer in ein Schwimmbecken, verließen die Weißen es. Körperstrafen mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; galten noch immer für alle Afrikaner, selbst wenn sie die lateinische Grammatik beherrschten und die Reden de Gaulles lasen. Der Schriftsteller Paul Lomami Tshibamba war Mitarbeiter von &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039;, einer von der Regierung kontrollierten Zeitschrift für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. 1945 veröffentlichte er in der zweiten Nummer einen aufsehenerregenden, aber alles in allem moderaten Artikel mit dem Titel »Quelle sera notre place dans le monde de demain?«. Das brachte ihm nach eigenen Angaben »zahllose Gerichtstermine ein, begleitet von unendlichen Peitschenhieben«.69 Die &#039;&#039;chicotte&#039;&#039; pfiff durch die Luft, während anderswo in der Stadt die Tennisbälle ploppten. Unterdessen gingen die Weißen zu Pferderennen und veranstalteten Radrennen. Festliche Kirmesrennen waren es, bei denen Amateurfahrer gut gelaunt unter Transparenten mit Martini-Werbung fuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schmerzliche Streben des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde mir nirgends deutlicher bewusst als in einigen Sekunden historischen Filmmaterials in &#039;&#039;Heimweh nach den Tropen&#039;&#039;, einem beklemmenden Dokumentarfilm von Luc Leysen. Es ging um Aufnahmen von einem Schönheitswettbewerb in Léopoldville 1951. Nicht Pudel oder Federvieh wurden prämiiert, sondern Familien. Vor einem ausschließlich weißen Publikum paradierten kongolesische Familien an der Jury vorbei. Der Vater in kurzer Hose, neben ihm seine Frau, dahinter die Kinder, ordentlich wie die Orgelpfeifen sortiert. Das jüngste Kind trug ein Schild mit der Teilnehmerzahl. Das Publikum applaudierte höflich. Dann gingen sie weiter, mit ernsten Gesichtern . . . So viel Verzweiflung in so wenigen Sekunden.70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; forderten eine rechtliche Sonderstellung, die ihre Position in der Gesellschaft anerkannte. Das war begreiflich, denn sie waren zu »sozialen Mulatten« geworden, zu Menschen, die zwischen zwei Kulturen lebten.71 Die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; einer kleinen Stadt wie Luluabourg formulierten es mit ergreifenden Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir fordern, das Gouvernement möge anerkennen, dass sich die einheimische Gesellschaft in den letzten fünfzehn Jahren stark weiterentwickelt hat. Neben der Masse der einheimischen Bevölkerung, die benachteiligt oder kaum gebildet ist, hat sich eine neue soziale Schicht entwickelt, die eine Art einheimisches Bürgertum darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder dieser einheimischen intellektuellen Elite tun ihr Möglichstes, um sich fortzubilden und ein ordentliches Leben wie ein respektabler Europäer zu führen. Diese Évolués haben begriffen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben. Aber sie sind davon überzeugt, dass ihnen, wenn nicht eine spezielle Rechtsstellung, so doch ein besonderer Schutz des Gouvernements zusteht, der sie vor Maßnahmen oder Behandlungen bewahrt, die auf eine unwissende und rückständige Masse angewandt werden. (. . .) Es ist schmerzhaft, empfangen zu werden wie ein Wilder, wenn man voll des guten Willens ist.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist auch schmerzhaft, dass jemand, der sich so wortgewandt ausdrückt, noch mit einer Nilpferdpeitsche traktiert wird. Aus dem unterwürfigen, fast kriecherischen Ton sprach ein sehr großes Verlangen. Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte die Mauer zwischen Weiß und Schwarz nicht niederreißen, sondern bat darum, darüber hinweg gehoben zu werden. Er kämpfte nicht gegen die Rassenschranke&#039;&#039;.&#039;&#039; Er verlangte weder nach Rechten für »das kongolesische Volk« noch für seinen Stamm, sondern nur für den Kreis, in den er, nach großen Anstrengungen, vorgedrungen war. War das egoistisch? Gewiss. Hatte es etwas Geringschätzendes? Ja. Im Grunde übernahmen die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; bei ihren Assimilationsbestrebungen sogar den Blick, mit dem die meisten Europäer die Afrikaner betrachteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgische Kolonialverwaltung schwankte sehr lange. Sie hatte doch nie eine entwurzelte Elite heranziehen wollen? Alles zu seiner Zeit, war die Devise. Erst ab 1938 gab es ein paar weiterführende Schulen, erst 1954 (nur sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, aber das konnte man damals nicht wissen) eröffnete die erste Universität, Lovanium, eine Dependance der katholischen Universität Leuven. Im ersten Jahr studierten dreiunddreißig Studenten bei sieben Professoren. Angeboten wurden Naturwissenschaften, Sozial- und Verwaltungswissenschaften, Pädagogik und Agrarwissenschaft. Ein Jurastudium war erst ab 1958 möglich.73 Es wurde also nichts übereilt. Sollte man dennoch jetzt eine Kaste von Privilegierten anerkennen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1948 entschloss sich die belgische Regierung zu einer vorläufigen Lösung: Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; konnte für die &#039;&#039;»carte du mérite civique«&#039;&#039; (»Karte bürgerlicher Verdienste«) in Betracht kommen. Wer keine Vorstrafen hatte und nie verbannt worden war, wer Polygamie und Hexerei abgeschworen hatte und des Lesens und Schreibens mächtig war, konnte sich darum bemühen. Die Inhaber dieses Nachweises blieben künftig von Körperstrafen verschont und würden gegebenenfalls von einem europäischen Richter abgeurteilt werden. Sie bekamen gesonderte Pavillons in den Krankenhäusern und durften nach sechs Uhr abends durch die Viertel der Weißen gehen.74 Auf die meisten anderen Kongolesen machte das großen Eindruck. In Boma erzählte Camille Mananga, ein Mann, der dreizehn Jahre alt war, als dieser Nachweis eingeführt wurde: »Das war nur etwas für große Persönlichkeiten. Sie durften bei den Weißen einkaufen und etwas trinken. Es war eine sehr hohe Auszeichnung. Ich war noch viel zu jung. Also himmelweit davon entfernt.«75 Doch für Menschen, die sich seit Jahren emporarbeiteten, ging es um ziemlich geringe Vorrechte, die in keinem Verhältnis zu ihren Anstrengungen standen. Die strukturelle Lohnungleichheit bestand nach wie vor. Victor Masunda, ein anderer Einwohner von Boma, konnte sich als alter &#039;&#039;évolué&#039;&#039; noch immer darüber aufregen: »Natürlich habe ich diese Karte nicht beantragt. Es bedeutete ja keine Lohnerhöhung. Viele waren kriecherisch, aber ich wollte mich nicht selber demütigen. Diese Karte zu beantragen, das war eine Erniedrigung. Sollte ich ihr kleiner Bruder werden? Nein. Und meinen Rotwein und Whiskey habe ich mir auch so gekauft.«76&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1952 wurde deshalb die »&#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;« eingeführt, ein Dokument, das den &#039;&#039;évolué&#039;&#039; im öffentlichen Leben und vor dem Gesetz mit der europäischen Bevölkerung gleichstellen sollte. Der wichtigste Vorteil war, dass der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; seine Kinder in europäische Schulen schicken durfte, was ein außerordentlicher sozialer Aufstieg war und die Gewähr für eine solide Ausbildung bot. Doch die meisten Vertreter der kolonialen Elite hegten sehr große Skepsis, sodass die Bedingungen, denen ein Antragsteller entsprechen musste, außerordentlich hoch waren. Und oft auch erniedrigend. Solange über den Antrag noch nicht entschieden war, konnte ein Inspektor unangemeldet im Haus eines Anwärters erscheinen, um zu überprüfen, ob er und seine Familie auch zivilisiert genug lebten. Der Inspektor schaute nach, ob jedes Kind ein eigenes Bett besaß, ob mit Messer und Gabel gegessen wurde, ob das Geschirr auch nicht zusammengewürfelt war und ob das Bad geputzt war. Aß die Familie zusammen am Tisch oder saß die Mutter, wie früher, mit den Sprösslingen in der Küche und wartete, während der Vater mit seinem Besuch speiste? Nur wenige entsprachen den Kriterien. Man hatte also jahrelang über eine Rechtsstellung palavert, von der fast niemand profitieren konnte. Im Jahr 1958 gab es nur 1557 Inhaber der &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und nur 217 Besitzer der &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;, bei einer Gesamtbevölkerung von vierzehn Millionen.77 Das führte zu Frustrationen. Denn früher oder später schlägt enttäuschte Hoffnung um in Widerwillen, ja sogar in Feindseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man gebe bei YouTube »Jamais Kolonga« ein, und ein paar Sekunden später hört man einen der großen Klassiker der kongolesischen Rumba. Das Stück könnte auch vom Buena Vista Social Club stammen, aber es war eine Komposition von African Jazz, der populärsten Band der fünfziger Jahre im Kongo. Bandleader des legendären Orchesters war Joseph Kabasele, der den Spitznamen »le Grand Kalle« trug. Sein begnadeter Gitarrist Tino Baroza hatte den Song geschrieben. Er wurde zu einem der größten Erfolge von African Jazz. »Oyé, oyé, oyé«, lautete der Refrain, »halt mich fest. Jamais Kolonga, halt mich fest. Wenn du mich loslässt, falle ich.« Dieses Festhalten konnte man doppeldeutig interpretieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich steige in einer schmalen, staubigen Gasse in Lingwala aus dem Auto. Bin ich hier wohl richtig? Lingwala war in der Kolonialzeit das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. Alle älteren Leute, die ich angesprochen hatte, kannten Jamais Kolonga. Selbstverständlich! Aber lebte er überhaupt noch? In der lokalen Presse hatte doch eine alarmierende Nachricht gestanden: »&#039;&#039;Le vieux Jamais Kolonga laminé par la maladie!&#039;&#039;« Sie hatten gelesen, dass der Mann, »der als &#039;&#039;Bonvivant&#039;&#039; mit seinen Späßen und Faxen die Vitalität des Kinshasa der sechziger Jahre verkörpert hatte«, schwer erkrankt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch über etliche Umwege – ich hatte ein kleines Vermögen vertelefoniert – war es mir gelungen, eine Adresse und eine Telefonnummer zu bekommen. Ich betrat einen Innenhof mit bröckelnden Mauern und ein paar vergilbten, strohtrockenen Maispflanzen. Aus einem Haus aus Zementsteinen kam, auf Krücken gestützt, ein alter Mann in kurzer Hose.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sind Sie Jamais Kolonga?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der einzige echte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Informanten, die viel erlebt, aber wenig zu erzählen haben, und es gibt Informanten, die wenig zu erzählen haben, aber viel reden. Jamais Kolonga gehörte zu keiner der beiden Kategorien. Er hatte alles erlebt, und er war ein glänzender Erzähler. Er selbst sah das anders: »Ich bin gerade an der Hüfte operiert worden. Es geht mir nicht gut. Ich habe große Schmerzen, trotz der ganzen Medikamente, die ich schlucken muss.« Er schob seine Hose weg und zeigte mir die beeindruckende Narbe an der Leiste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann ich etwas für Sie tun? Brauchen Sie irgendwas?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein! Wenn Sie ein bisschen Geld haben, kann eins meiner Enkelkinder Wein kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wein? In Ihrem Zustand? Sind Sie sich sicher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich drei ganze Nachmittage mit diesem kleinen, geistig regen Mann unterhalten, mal in seinem Wohnzimmer, dann wieder im Schatten seines Hauses. Er war ein ausgezeichneter Gesellschafter mit viel Sinn für Humor, unverwüstlicher Lebenslust und einem überragenden Gedächtnis. Einmal habe ich ihn in einem kleinen Krankenhaus besucht, wo er ein paar Reha-Tage verbringen musste und mit den Schwestern flirtete, dass es eine Art hatte. Seine Hüfte heilte zusehends. Aber wie war das eigentlich mit der weißen Frau gewesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war 1954. Ich war damals achtzehn und hatte gerade bei Otraco angefangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Beim Office des Transports au Congo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Auch mein Vater arbeitete dort. Ich war erst auf der Werft hier in Kinshasa, aber solange ich noch nicht einundzwanzig war, wurde mein Lohn an meinen Vater ausbezahlt. Das war nicht gerade ideal. Ich konnte mir nicht mal Alkohol kaufen. Deshalb bat ich um eine Versetzung ins Inland.« Während alle in die Stadt strömten, floh er von dort. »Ich musste nach Port Francqui, das ist heute Ilebo. Es liegt dicht bei Kasai. Wenn man von Kinshasa nach Lubumbashi reist, muss man dort vom Schiff auf den Zug umsteigen. Damals musste ich sogar noch die Kinder von Simon Kimbangu beherbergen, wenn sie unterwegs waren, um ihren Vater im Gefängnis zu besuchen! Bon, ich war dort also als Angestellter. Und dank meines Vaters durfte ich als einziger Schwarzer in den Läden der Weißen einkaufen. Ich trank portugiesischen Wein und Whiskey. Ja, damals schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Enkelin war inzwischen zu dem kleinen Laden gerannt und kam mit einem Tetrapack billigem Wein zurück. Don Pedro. Ich beschränkte mich auf eine Cola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages war Kabasele mit seiner Band auf der Durchreise. Aber sein Zug ist entgleist, und sie haben das Schiff verpasst. Fünfzehn Tage saßen sie in Port Francqui fest! Ich wusste, dass die Tochter meines flämischen Chefs in Kürze heiraten würde und sorgte dafür, dass Kabasele auf der Hochzeit spielen durfte. Gesagt, getan. Das Fest kam. An dem Abend trug ich einen marineblauen Anzug und einen roten Schlips. Nur drei &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren da. Den Musikern hatte ich Sondergenehmigungen beschaffen müssen, sonst hätten sie abends nicht ins Weißenviertel kommen können. Ich stand an der Bar und beobachtete eine Dame aus Portugal. Sie tanzte gut. Sie müssen bedenken, dass 1954 ein Schwarzer eine weiße Frau nicht berühren durfte. Wir konnten nicht mal miteinander reden! Die einzigen weißen Frauen, die wir sahen, waren katholische Nonnen. Nur die Boys kamen in Kontakt mit europäischen, verheirateten Frauen. Aber bon, ich hatte also gesehen, wie gut sie tanzte, und fragte ihren Mann, ob ich auch mal mit ihr tanzen dürfe. Einfach so! Es war eine Anwandlung von mir, eine Verrücktheit. Aber ihr Mann nickte. Also ging ich zu ihr hin und bat sie um einen Tanz. Ein ganzes Stück lang haben wir zusammen getanzt. Danach applaudierten die Weißen, sogar der Provinzgouverneur! Kabasele schrieb darüber später dieses Lied: ›Jamais Kolonga‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schenkte sich Wein nach. Einmal &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, immer &#039;&#039;évolué&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Erzählen Sie mir etwas von Ihrem Vater.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er wurde am 1. Januar 1900 geboren, in Bas-Congo.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tatsächlich? Oder war das ein willkürliches Datum, das die Mis­sionare eingetragen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, es war wirklich sein Geburtstag. An diesem Tag war jemand von einem Löwen zerrissen worden, ein Schwarzer. Als mein Vater getauft wurde, wussten die Weißen das noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals gab es noch viele Löwen und Büffel, und sogar Elefanten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute gibt es keine mehr. Was das Großwild betrifft, ist Bas-Congo leer. Aber was für eine schnelle Entwicklung! Nur ein halbes Jahrhundert, bevor Jamais Kolonga auf einer europäischen Hochzeit tanzte, gab es in Bas-Congo noch Löwen, die Menschen zerrissen. Und Missionare mit ihrer eigenen Form der Raubgier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Als er zwölf, dreizehn Jahre alt war, kam Hochwürden Cuvelier ins Dorf. Er sagte zu meinem Vater: ›Du sollst meine Schuhe putzen. Wo ist dein Vater?‹ Und zu meinem Großvater: ›Können Sie mir Ihren Sohn schenken?‹ ›Einverstanden‹, sagte mein Großvater, ›Sie können ihn mitnehmen, wenn er mich dann auch besuchen kommt.‹ Mein Großvater war selber katholisch, wissen Sie. Als er kirchlich geheiratet hat, hat er zwei von seinen drei Frauen weggeschickt. Die Kinder hat er natürlich bei sich behalten. Wie auch immer, mein Vater ging zum Missionsposten mit und wurde am 13. Dezember 1913 getauft. Danach wurde er in der Schule der Redemptoristen in Matadi angemeldet, und sechs Jahre später wechselte er in die neue Oberschule in Boma. Ipso facto war er also einer der ersten, die dort einen Abschluss machten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war das erste Mal auf allen meinen Reisen, dass ich aus dem Mund eines Kongolesen die Wendung »ipso facto« hörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um 1927 oder 1928 wurde er von einem Angestellten von Otraco angesprochen. Sie brauchten intelligente Leute. Bis zur Rente 1958 hat mein Vater für Otraco gearbeitet, immer als Büroangestellter. Als der Betrieb seine Zentrale von Thysville nach Léopoldville verlegte, zog er hierher. Mein Vater wurde ein &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er hatte das Sagen in &#039;&#039;la cité Otraco&#039;&#039;, dem Wohnviertel für das einheimische Personal. Er überwachte die Arbeit der Maurer, Zimmerleute, Betonbauer. Er besuchte die Häuser der Beschäftigten von Otraco und setzte jeden Samstag eine Prämie für den aus, der die schönste und sauberste Wohnung hatte. Mein Vater trank Wein, er war einer der Ersten, die das durften. An Feiertagen hielt er Ansprachen vor dem Generalgouverneur, vor Ryckmans, Pétillon und Cornelis, er hat sie alle gekannt. 1928 hat er sogar eine Rede vor König Albert gehalten, der auf einer Rundreise hier Halt machte! Er bekam also selbstverständlich die &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; und später die &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Im ganzen Kongo gab es damals erst 47 &#039;&#039;immatriculés&#039;&#039;!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war sehr beeindruckend. Sogar der alte Nkasi erinnerte sich an ihn. »Joseph Lema, der war vollkommen mundele.« Der Vater trat auch dem Betriebsrat von Otraco bei und wurde später sogar Mitglied des Provinzialrats. Er gehörte zu der ersten Gruppe Einheimischer, die etwas Mitspracherecht in der Verwaltung hatten. Jamais Kolonga kramte in einem schmuddeligen braunen Briefkuvert und zog ein Schwarzweißfoto heraus, von Feuchtigkeit und Termiten beschädigt. Es zerbröselte noch mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier, das war er. Und das hier ist mein Patenonkel. Papa Antoine.« Ein Mann in Uniform, mit vielen Orden. »Er hat im Ersten Weltkrieg gekämpft und war ein guter Freund meines Vaters.« Auf der Rückseite des Fotos sah ich die Handschrift seines Vaters. Äußerst elegant und regelmäßig war sie, strotzend vor Selbstvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin Jahrgang 1935. Ich wurde in Kinshasa geboren. Mit meinem Vater sprach ich Französisch, mit meiner Mutter Kikongo, überall sonst wurde Lingala gesprochen. Meine Eltern kamen aus demselben Dorf. Auch wenn meine Mutter mit einem &#039;&#039;évolué&#039;&#039; verheiratet war, ging sie doch jedes Jahr für sechs Wochen zurück in ihr Dorf. Dort muss sie gestochen worden sein. 1948 ist sie an der Schlafkrankheit gestorben. Mittlerweile ging ich in die Schule von Saint-Pierre, also die Schule von Hochwürden Raphaël de la Kéthulle. In den Pausen durfte ich seine Bibliothek ordnen. Und wenn ein großer Fußballwettkampf war, durfte ich den Ball aus seinem Büro holen und in den Anstoßkreis legen. Eine Militärkapelle spielte, und ich marschierte als Kleinster in die Mitte. De la Kéthulle hat mir beigebracht, mutig zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hätte es mir gern vorgeführt, aber seine schmerzende Hüfte erlaubte es ihm nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was haben Sie nach der Grundschule gemacht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich wollte Priester werden. Zwei Jahre lang habe ich Latein und Griechisch gelernt am kirchlichen Gymnasium von Kibula, bei Kinshasa. Das war bei den Redemptoristen. Aber dann haben sie mich rausgeworfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil ich kein Maniokbrot mochte. Ich konnte es einfach nicht essen. Sie meinten, ich solle mich nicht so haben. Jacques Ceulemans hieß der Mann, der mich rausgeworfen hat. Den Namen habe ich bis heute nicht vergessen. Er hatte kein bisschen Mitleid. Ich mochte es wirklich nicht. Er war die größte Enttäuschung meines jungen Lebens, aber nach der Unabhängigkeit, als ich in der Presseabteilung des Premierministers gearbeitet habe, da habe ich, kraft meines Amtes, &#039;&#039;ihn&#039;&#039; rausgeworfen. Das war damals, als die Soldaten gemeutert haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehnsucht, Enttäuschung, Abrechnung: ein bekannter psychologischer Prozess. Auch für Jamais Kolonga war das Priesteramt ein glühender Wunschtraum gewesen, aus dem man ihn brutal geweckt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schließlich habe ich die Schule in Kinshasa abgeschlossen, auf dem Collège Sainte-Anne, der Oberschule von de la Kéthulle. Dort saßen wir alle zusammen. Thomas Kanza, Cardoso, Boboliko, Adoula, Ileo. Bolikango auch, der war etwas älter.« Sie alle waren Persönlichkeiten, die nach der Unabhängigkeit Schlüsselfunktionen innehatten. Bolikango verhandelte in Brüssel über die Unabhängigkeit, Adoula, Ileo und Boboliko waren jeder eine Zeitlang Premierminister, Kanza war der erste Botschafter des Kongo bei den Vereinten Nationen, Cardoso war Bildungsminister . . . »Wir waren bei den Scheutisten. Das andere College gehörte den Jesuiten. Dort waren unter anderem Bomboko, Kamitatu, Albert Ndele.« Noch mehr klingende Namen aus der kongolesischen Geschichte. Die ersten beiden wurden Außenminister, letzterer Direktor der Nationalbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Umgebung, was für ein Zeitbild . . . Das war die &#039;&#039;jeunesse dorée&#039;&#039; des Kongo. Dort wurde eine junge, urbane Elite ausgebildet, die vor Ehrgeiz fast platzte. Keine Generation vor oder nach ihnen hat einen so guten Unterricht genossen. Ein gewisser Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Weißen blieb bestehen, doch die Angst einer vorherigen Generation schlug bei ihnen um in Momente von Schneid, gewiss bei einem Mann wie Jamais Kolonga. Noch immer gurrte er vor Spaß, wenn er an Monsieur Maurice dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»1952 fing ich bei Otraco an. Monsieur Maurice war einer der Chefs. Es gab einen Lift für die Weißen und eine Treppe für die Schwarzen, sogar für die Angestellten. Ich nahm einfach den Lift, denn ich musste in den dritten Stock. Eines Tages stand ich mit diesem grandiosen Monsieur Moritz im Lift. Ich hatte noch dazu eine Weinfahne. Weil mein Vater &#039;&#039;évolué&#039;&#039; war . . . Bon. Moritz gab mir eine Ohrfeige, und dann haben wir uns geprügelt. Es endete schließlich auf der Gendarmerie von Otraco. Ich war echt ein kleiner Rowdy im Betrieb, ja.«78&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo der Nachkriegszeit war in vollem Umbruch, und die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; waren der deutlichste Beweis dafür. Es herrschte ein Klima hoffnungsvoller Erwartungen. Den Höhepunkt bildete zweifelsohne die berühmte Rundreise von König Baudouin im Mai und Juni 1955. Zum ersten Mal besuchte ein belgischer Monarch nicht nur die Machtzirkel und die Jagdreservate der Kolonie, sondern nahm sich auch ausgiebig Zeit, dem Volk zuzuwinken. Es wurde ein Riesenerfolg, ein totaler Rausch, eine beispiellose Euphorie. Junge Männer kletterten auf Bäume, um dem König zuzuwinken, Frauen trugen &#039;&#039;pagnes&#039;&#039; mit einem Abdruck von Baudouins Konterfei, Kinder schmetterten die Brabançonne.79 Der Monarch und sein Gefolge reisten kreuz und quer durchs Land, wie ein Wanderzirkus, der überall mit Gesang und Tanz empfangen wurde. In Stanleyville wurde der König von Männern des Bakumu-Stammes getragen. In Elisabethville liefen die Frauen hinter ihm her: »Unser König ist so jung und so schön! Gott schütze ihn!« (&#039;&#039;Unser&#039;&#039; König, nannten sie ihn; das war das erste Mal.) In Kinshasa hatte man geplant, ihn von Victorine Ndjoli, dem Fotomodell mit Führerschein, chauffieren zu lassen, aber daraus wurde nichts. &#039;&#039;Mwana kitoko&#039;&#039; wurde er genannt, schöner junger Mann, denn er war noch immer blutjung und unverheiratet. Alle wollten ihn sehen. Ihm in die Augen zu schauen oder ihn zu berühren, sollte Glück bringen. Kinder in der Provinz, die noch nie Schuhe getragen hatten, bekamen eigens für diesen Tag ihr erstes Paar. »Es war gar nicht so einfach, damit zu laufen«, erzählte mir jemand, der damals eines der Kinder war, »aber wir haben trotzdem viel gelacht.«80 Heute sieht man im Haus von betagten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; neben dem Hochzeitsfoto noch immer ein offizielles Porträt von König Baudouin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Orte, die der König auf seiner Reise besuchte, war Lingwala, das Viertel der &#039;&#039;évolués&#039;&#039;. »Er wollte mit eigenen Augen die Häuser sehen, die mit königlichen Mitteln erbaut worden waren«, sagte Jamais Kolonga. »Und deshalb hat er das Haus meines Vaters besucht, das hier auf diesem Grundstück stand.« Er deutete mit seiner Krücke durchs Fenster, auf die Stelle, wo der Mais vor sich hin welkte. »Das Haus steht heute nicht mehr, aber damals kam Madame Detiège vorbei, die Fürsorgerin von Otraco. Sie kontrollierte die Polstermöbel und richtete das Haus her. Die Wände wurden neu gestrichen, und sie stellte Blumen auf den Tisch. König Baudouin kam zusammen mit dem Generalgouverneur. Sie haben sich so zehn, fünfzehn Minuten mit meinem Vater unterhalten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist kaum zu glauben, dass sein Vater nur wenige Jahre später in demselben Haus täglich Besuch von einem Mann bekam, der das Verlangen nach Unabhängigkeit anzufachen wusste wie kein anderer. Dieser Mann war Kasavubu. Er würde einige Jahre später der erste Präsident des unabhängigen Kongo werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich viel verändert. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten sich viele die Zeit vor der Ankunft der Weißen zurückgewünscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hofften immer mehr Menschen auf einen weißen Lebensstil. Von einem Unabhängigkeitsfieber war noch nichts zu spüren, und doch hatte der Weltkrieg als mächtiger Katalysator gewirkt. Er hatte die Verletzbarkeit des Mutterlandes gezeigt und zu einer neuen Weltordnung geführt, in der Kolonialismus alles andere als selbstverständlich war. Die latente Spannung, die daraus resultierte, wurde 1955 von niemandem klarer in Worte gefasst als von Antoine-Roger Bolamba, Journalist, Schriftsteller und &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. Er war der größte kongolesische Dichter französischer Sprache während der Kolonialzeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Fleisch des Kampfes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ich warten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf die rote Stunde des Einsatzes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über mir pfeift schon der Pfeil, der weiter, viel weiter bringen wird&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das schwindelerregende Feuer des Sieges81&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 6 Unabhängigkeits-Cha-Cha-Cha ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Späte Entkolonialisierung, plötzliche Unabhängigkeit 1955-1960 ===&lt;br /&gt;
Und dann ging es plötzlich blitzschnell. 1955 träumte noch keine einzige einheimische Organisation von einem unabhängigen Kongo. Fünf Jahre später war die politische Autonomie Realität. Dieses Tempo verblüffte fast jeden, wohl am meisten die Kongolesen selbst. Der belgische Kolonialismus, dem sie unterworfen waren, war ja von der Idee des allmählichen Übergangs durchdrungen. Schritt für Schritt sollte der Kongo von seinem archaischen Ursprung losgelöst werden und in die Moderne eintreten. Aus belgischer Perspektive war dieses Ziel noch lange nicht in Sicht. Das Land war seit dem Zweiten Weltkrieg zwar auf dem richtigen Weg, doch die »Kulturvermittlung« war nicht mal zur Hälfte vollbracht. »Unabhängigkeit?«, schnaubte der Missionar vom Heiligen Herzen Jesu und zukünftige Erzbischof Petrus Wijnants 1959 vor seinen Gläubigen. »Vielleicht in fünfundsiebzig, aber auf alle Fälle nicht in den nächsten fünfzig Jahren!«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte anders kommen. Aus dem allmählichen Übergang wurde ein Sturmlauf, Bedächtigkeit wich dem Chaos. Die Verantwortlichen? Niemand speziell. Oder besser gesagt: jeder. Die blitzschnelle Entkolonialisierung war nicht das Werk einer bestimmten Persönlichkeit oder Bewegung, sondern die Folge einer außerordentlich komplexen Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Akteuren. Man könnte es mit einer Tischtennispartie vergleichen, die ruhig beginnt, ein gelassenes Hin und Her des Balls, und sich mit einem Mal beschleunigt zu einem nervösen Match voller gezielter Schläge, gewiefter Topspins, bedrohlicher Schmetterbälle und gerissener Täuschungsmanöver. Immer schneller fliegt der Ball, so schnell, dass Spieler und Zuschauer gar nicht mehr richtig mitbekommen, was genau wo und wann passiert. Keiner hat mehr einen Überblick, aber jeder weiß: Es kann nicht mehr lange dauern. Und so geschah es auch im Kongo. Mit dem Unterschied, dass es mehr als zwei Spieler gab, und eigentlich auch mehr als einen Ball. Bei der Entkolonialisierung standen nicht nur Kongolesen Belgiern gegenüber; man konnte nicht von monolithischen Blöcken reden. Auf kongolesischer Seite gab es &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, Religiöse, Soldaten, Arbeiter, Bauern. Menschen aus Bas-Congo hatten andere Ambitionen als die Bewohner des Kivu oder Kasais. Menschen in den Dreißigern hatten andere Träume als Menschen in den Sechzigern. Aber sie alle kamen, früher oder später, und stellten sich um die Tischtennisplatte. Auf belgischer Seite gab es neben den Belgiern in der Kolonie die Belgier im Mutterland. Es gab Liberale, Katholiken und Sozialisten. Die Kirche und das Königshaus hatten andere Interessen als Unternehmen oder Gewerkschaften. In der Kolonie hatten die Beamten andere Wunschvorstellungen als die Plantagenbesitzer im Landesinneren oder die Missionare im Urwald. All diese Interessengruppen standen nebeneinander, sie standen sich einander gegenüber, oder sie hatten sich miteinander vermischt. Und dann gab es die Fans: UdSSR, USA und UNO standen laut schreiend auf den Tribünen, flankiert von jungen Staaten wie Ghana, Indien und Ägypten. Die Spieler wussten nicht, auf wen sie zuerst hören sollten, aber die kongolesischen Spieler bekamen als Underdogs deutlich mehr anfeuernde Zurufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann waren auch noch mehrere Bälle im Spiel: mindestens drei. Wollte man die Unabhängigkeit? Wann wollte man sie? Und wie sollte der unabhängige Kongo aussehen? Die letzte Frage betraf sowohl die innere Organisation des Landes (unitär oder föderal?) wie die externen Beziehungen zu Belgien (völlige Loslösung oder doch noch irgendeine Form von staatsrechtlicher Bindung?). Die Beantwortung dieser drei Fragen führte zu sehr verschiedenen Positionen. So konnte auf der einen Seite der Tischtennisplatte die bedingungslose und sofortige Unabhängigkeit gefordert werden, bei der alle Verbindungen zu Belgien gekappt werden und der Kongo unitär bleiben sollte, während man auf der anderen Seite für eine langsame Entkolonialisierung mit einer bleibenden Verbindung zum Mutterland und großer Autonomie für die verschiedenen Provinzen eintrat. Und dazwischen gab es noch ein Wirrwarr anderer Positionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war so, als würde eine ganze Weltmeisterschaft im Tischtennis zum selben Zeitpunkt auf einer einzigen Platte stattfinden. Die Folge waren Reibereien, Irritationen, Nervosität, Streitsucht, Euphorie, Verzweiflung und Wahnsinn. Und natürlich Tempo. Die Regeln änderten sich pausenlos. Die einzige Möglicheit, einen kühlen Kopf zu bewahren, lag im Fokussieren, in der bewussten Einschränkung des Blickfeldes, im verbissenen Festhalten an der eigenen Taktik; man durfte nur ein Auge für das eigene Spiel haben. So verhielten sich alle Beteiligten. Aber ein anderes Wort für Fokus ist Tunnelblick, und genau der bewirkte – bei allen Akteuren – Ignoranz. Die tragische Entkolonialisierung des Kongo war eine Geschichte mit vielen blinden Flecken und nur gelegentlichen Momenten der Klarheit. Aber hinterher ist leicht reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir schreiben das Jahr 1955, und noch immer befinden wir uns im Haus von Jamais Kolonga. Nach der Stippvisite von König Baudouin bekommt sein Vater immer häufiger Besuch von einem makellos gekleideten &#039;&#039;évolué&#039;&#039;. »Kasavubu kam jeden Tag vorbei, hier, in dieses Haus.« Er deutete auf den Fußboden mit dem zerbröckelnden Beton. »Morgens und abends kam er, um mit meinem Vater zu diskutieren. Ich schenkte ihm Wein ein. Kasavubu war ein echter Gentleman.« Auf Fotos aus jener Zeit wirkt er tatsächlich sehr distinguiert. Tadelloser Anzug, modische Brille, Augen, die eher lächelten als laut lachten. Es wurde getuschelt, dass einer seiner Vorfahren ein Chinese gewesen sei, der um 1890 beim Bau der Bahnlinie zwischen Matadi und Léopoldville mitgearbeitet habe. Deshalb diese Augen, meinte man.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kam vierzig Jahre zuvor in Bas-Congo zur Welt, in einem Dorf hundert Kilometer nördlich von Boma, am Rand des Mayombe-Waldes. Rechnen und Lesen lernte er auf der Missionsstation der Scheutisten, und da er sich als sehr gelehrig erwies, durfte er das Gymnasium besuchen, damit er später eventuell Priester werden könnte. Er lernte Latein und Französisch und wechselte mit achtzehn ins Priesterseminar von Kabwe in Kasai. Es war das erste Mal, dass er Bas-Congo verließ. Nach drei Jahren Philosophie-Unterricht war er sich jedoch darüber im Klaren, dass er sich nicht zum Priester berufen fühlte. Er verließ das Seminar, wurde Lehrer, anschließend Angestellter und schließlich Beamter, doch ein Hauch von priesterlichem Pathos war ihm zeitlebens eigen. Ein leidenschaftlicher Redner wie Lumumba wurde er nie. Seine Stimme war schwach und hoch, die Modulation flach und tonlos. Das Publikum bekam er nur mit Mühe still. Er war unverkennbar intelligent, doch seine Intelligenz beruhte eher auf harter Arbeit und gründlichem Nachdenken als auf angeborenem Esprit. In zahlreichen Diskussionen mit Geistesverwandten formten sich seine Ansichten zu klaren Standpunkten. Hatte er erst einmal einen festen Standpunkt gewonnen, verstand er sich auf die Kunst, ihn mit großer Entschiedenheit zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Krieges war er, wie so viele junge Männer, nach Léopoldville gegangen. Als 25-Jähriger war er als Beamter bei der Finanzverwaltung der Kolonialregierung eingestellt worden. Damit wurde er Teil der neuen, schwarzen, urbanen Elite. Nach Feierabend diskutierte er mit Leuten wie dem Vater von Jamais Kolonga über den Status der Bakongo in Léopoldville. Sie waren sich darin einig, dass &#039;&#039;sie&#039;&#039; die ursprünglichen Bewohner des Gebiets um die Hauptstadt seien und ereiferten sich darüber, dass nicht ihre Sprache, sondern das Lingala, die Sprache der flussaufwärts im Urwald lebenden Bangala, im Begriff war, zur Lingua franca der Stadt zu werden. Waren die Bakongo nicht zuerst hier gewesen? Und waren sie nicht am zahlreichsten vertreten? Warum fand der Schulunterricht dann auf Lingala statt? Gab es denn nicht so etwas wie das Recht dessen, der zuerst Besitz ergreift? Dieser Slogan war ein grandioser Fund: Er entstammte der Kolonialrhetorik des neunzehnten Jahrhunderts, direkt übernommen von der Berliner Konferenz, aber Kasavubu übertrug ihn auf die städtische Situation der vierziger und fünfziger Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie dachten auch über soziale und gesellschaftliche Probleme im Zusammenhang mit der ethnischen Zugehörigkeit nach. Mit welcher Berechtigung verdienten die Weißen so viel mehr als die &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, auch noch dann, wenn Letztere eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen? Auch hier goss Kasavubu seine Empörung in einen kühnen Slogan: &#039;&#039;»à travail égal, salaire égal«&#039;&#039;, gleiche Arbeit, gleicher Lohn. Eine entschieden zugespitzte Äußerung für jemanden, der sonst eher weitschweifig redete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Hauptstadt trat Kasavubu Adapes bei, der Vereinigung ehemaliger Scheutisten-Schüler. Nach dem Krieg wurde er Geschäftsführer des Vereins, ein Amt, das er bis 1956 innehatte und bei dem er sehr viele Kontakte mit der jungen, hauptstädtischen Oberschicht unterhielt. Der Alumni-Club zählte damals fünfzehn- bis achtzehntausend Mitglieder.2 1955 übernahm Kasavubu auch noch die Leitung der Abako, der tribalen Vereinigung, die sich schon seit einigen Jahren für die Sprache und Kultur der Bakongo in Léopoldville einsetzte. Mit seinem Vorsitz war ein radikaler Umschwung verbunden. Kasavubu formte die Abako zu einer explizit politischen Organisation um und legte damit den Grundstein für die Politisierung der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und faktisch auch für den Beginn der Entkolonialisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Jahr 1955 wurde auch durch eine andere Begebenheit ein Jahr der Weichenstellung, wenngleich kein &#039;&#039;évolué&#039;&#039; in Belgisch-Kongo es erahnen konnte. Denn das Ereignis fand in Belgien statt, und nur wer die niederländische Sprache beherrschte, bekam es mit. Im Dezember jenes Jahres erschien in der Zeitschrift der flämischen katholischen Arbeiterbewegung ein Beitrag mit dem Titel »Ein Dreißigjahresplan für die politische Emanzipation Belgisch-Afrikas«. Jef Van Bilsen, der Autor, war ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Belga. Er war lange im Kongo tätig gewesen und hatte dort auch als Dozent an der kolonialen Universität unterrichtet. Der Tenor des Artikels war, dass sich die Kolonie endlich darum kümmern müsse, eine intellektuelle Oberschicht heranzuziehen. Es müsse eine Generation von Ingenieuren, Offizieren, Ärzten, Politikern und Beamten ausgebildet werden, damit der Kongo so um das Jahr 1985 herum mehr oder weniger auf eigenen Füßen stehen könne.3&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als gewöhnlich behauptet handelte sich Van Bilsen mit seinem Plan zunächst keine scharfe Zurechtweisung ein. Sowohl in Belgien wie auch im Kongo stieß er, auch außerhalb der progressiven Kreise, auf wohlwollendes Interesse. Seine Vorstellungen einer langsamen Emanzipation knüpften ja an die Idee des allmählichen Übergangs an, die die koloniale Dreifaltigkeit seit Dezennien vertrat. Sein Dreißigjahresplan sollte für die Politik bewirken, was der Zehnjahresplan von 1949 für die Infrastruktur und die Wirtschaft bewirkt hatte: das Land langsam, aber stetig zu modernisieren. Er brach nicht mit dem bestehenden Paradigma, sondern dachte es weiter bis in die letzte Konsequenz. Dass er das Jahr 1985 als Zeitpunkt benannte, machte das Ganze allerdings sehr konkret, doch auch dabei dachte er nicht in Begriffen einer vollkommenen Unabhängigkeit: Nach diesem Datum sollten Belgien und der Kongo noch durch die Krone miteinander verbunden sein und gemeinsam eine Art Konföderation bilden, eine Völkergemeinschaft &#039;&#039;à deux&#039;&#039; sozusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfang 1956 erschien der Artikel in französischer Übersetzung, und das brachte den Stein ins Rollen. Kopien zirkulierten in den Vierteln der Einheimischen in Léopoldville, den Vierteln, in denen jeden Morgen Tausende von Menschen aufbrachen, häufig barfuß, um in den Lagerhallen, Seifenfabriken oder Brauereien der Europäer zu arbeiten, den Vierteln, in die jeden Abend die &#039;&#039;évolués&#039;&#039; zurückkehrten nach ihrer täglichen Arbeit als Typist oder Sachbearbeiter bei einem weißen &#039;&#039;patron&#039;&#039;, den Vierteln, wo Einzelne bei einem Glas portugiesischen Weins bis spät in die Nacht über die Weltlage diskutierten. Warum redete der Chef sie immer mit Victor oder Antoine an und nie mit &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Victor oder &#039;&#039;monsieur&#039;&#039; Antoine? Warum sagte jeder Weiße &#039;&#039;tu&#039;&#039; zu einem und niemals &#039;&#039;vous&#039;&#039;, nicht mal, wenn man Manschettenknöpfe und einen weißen Kragen trug? In diesen begrenzten Kreisen fand Van Bilsens Artikel reißenden Absatz. Ein Weißer, der öffentlich über die politische Emanzipation der Schwarzen nachdachte: War das wirklich möglich? Ein Plan, in dem von einem Universitätsstudium und neuen Chancen die Rede war: War das nicht ein Traum? Es war, als breche ein Sonnenstrahl durch die dichte Wolkendecke ihres Daseins. Es würde also nicht auf ewig so bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht mehr als ein Flugblatt, aber Kasavubu war erbost, als er es in die Hände bekam. &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; stand darauf, Juli-August 1956. Das unregelmäßig erscheinende Blättchen mit katholischem Hintergrund, das erst seit ein paar Jahren existierte und nur eine kleine Auflage hatte, wurde von Joseph Ileo geleitet, einem Mann aus der Provinz Équateur. Unter den sechs Redakteuren waren viele ehemalige Schüler von tata Raphaël; einer von ihnen war Inhaber einer &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039;, ein anderer war sogar im Besitz einer &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Die bewusste Ausgabe bestand hauptsächlich aus einem langen, anonymen Artikel mit dem unerschrockenen Titel &#039;&#039;»Manifeste«.&#039;&#039; Die Autoren hatten Van Bilsens Plan gut studiert, das sah Kasavubu gleich. »Die kommenden dreißig Jahre sind für unsere Zukunft entscheidend«, las er. »Die Belgier müssen künftig einsehen, dass ihre Herrschaft über den Kongo nicht ewig währen wird.«4 Der Text sprach, ganz auf der Linie von Van Bilsen, über politische Emanzipation und allmähliche Veränderung; es wurde eine gemeinsame belgisch-kongolesische Initiative befürwortet, und es war die Rede von einer Atmosphäre der Brüderlichkeit, die jeder Form von Rassenunterschieden ein Ende machte. Hatte König Baudouin während seiner Reise denn nicht selbst ein gutes Beispiel gegeben? Der Text fuhr fort: »Wir fordern die Europäer auf, ihre Haltung der Missachtung und Rassentrennung aufzugeben, um die fortwährenden Kränkungen, die wir erleiden müssen, zu verhindern. Wir fordern sie außerdem auf, ihre herablassende Haltung aufzugeben, die unser Selbstwertgefühl verletzt. Wir mögen es nicht, ständig wie Kinder behandelt zu werden. Begreifen Sie doch, dass wir anders sind als Sie und dass wir, während wir uns die Werte Ihrer Kultur zu eigen machen, gleichzeitig wir selbst bleiben möchten.«5 Der &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wollte nicht mehr länger nur warten und hoffen, wie er es schon seit Jahren tat, denn das blieb vergeblich, sondern wollte auch auf seine eigene Kraft vertrauen können. In Großbuchstaben stand dort ferner: »Wir wollen kultivierte Kongolesen sein, keine ›Europäer mit schwarzer Haut‹.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu kochte vor Wut. Nicht, dass er nicht einverstanden gewesen wäre mit diesen Thesen, im Gegenteil. Nur: Woanders das lesen zu müssen, was er selbst schon seit Jahren dachte, das wurmte ihn. Außerdem stammte fast die gesamte Redaktion von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; aus der Provinz Équateur, während er, Kasavubu, gerade der Vorsitzende der größten Bakongo-Vereinigung geworden war. Sollten diese Lingala-Sprecher, die Bangala, in der Hauptstadt jetzt auch noch die Initiative im politischen Kampf übernehmen? Es ist kaum bekannt, doch ethnische Rivalität in den großen Städten spielte bei der Entkolonialisierung eine ebenso große Rolle wie die Ablehnung der Fremdherrschaft, wie künstlich viele dieser »Stämme« auch waren. Die »Bangala«, über die Kasavubu sich so ärgerte, waren als homogener Stamm eine Konstruktion des &#039;&#039;Bureau international d&#039;éthnographie&#039;&#039; (im Äquatorialwald existierte ein Flickenteppich von Kulturen, einen übergreifenden Stammesverband hatte es dort nie gegeben), doch diese Erfindung von Ethnographen aus den Jahren um 1910 wurde, dank der Missionsschulen, im Kinshasa der fünfziger Jahre sehr real.7 Die Bakongo wollten den Bangala nicht nachstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Wochen später rief Kasavubu die Abako-Mitglieder zusammen, um das Manifest von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; zu studieren und zu kommentieren. Im August 1956 erschien ihr »Gegenmanifest«. Es sollte den ersten Text übertreffen, ja, am besten zu Makulatur machen. Der Ton war viel radikaler und der Inhalt durchgehend revolutionär. Van Bilsens Dreißigjahresplan und &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039;? »Wir unsererseits wollen nicht an der Ausführung dieses Planes mitarbeiten, sondern einzig und allein an seiner Abschaffung, denn die Umsetzung würde für den Kongo nur zu mehr Verzögerung führen. Im Kern geht es bloß wieder um das ewige Wiegenlied. Unsere Geduld ist längst am Ende. Da die Zeit reif ist, müssen sie uns noch heute die Selbstbestimmung zuerkennen, statt sie noch einmal dreißig Jahre aufzuschieben. Späte Emanzipationen hat die Geschichte nie gekannt, denn wenn die Zeit gekommen ist, warten die Völker nicht mehr.«8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das mit den Völkern war natürlich übertrieben. Kasavubu hatte nicht das kongolesische Volk hinter sich, und auch große Teile »seines« Bas-Congo kannten nicht einmal seinen Namen. Er sprach allenfalls im Namen der Kikongo-sprachigen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; in der Hauptstadt. Doch in den Kreisen der Kolonialmacht schlug der Text ein wie eine Bombe. Es war das allererste Mal, dass einige Kongolesen so offen die baldige Unabhängigkeit forderten. An einer Konföderation mit dem Mutterland hatten sie wenig Interesse. Und die Einheit der Kolonie war ihnen offenbar auch nicht heilig; wie es schien, setzten sie sich nur für Bas-Congo ein. Viele Vertreter der Kolonialmacht reagierten mit Entrüstung. Sie sprachen von »Wahnsinn«, einem »Wettrennen in den Selbstmord«, einem »Rassismus, der schlimmer ist als der, gegen den man angeblich vorgeht«.9 Jef Van Bilsen wurde zum Sündenbock gestempelt. Er habe, so die herrschende Meinung, die Büchse der Pandora geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Kolonialisten kam der Ruf nach Unabhängigkeit wie ein Blitz aus heiterem Himmel, doch das sagt viel darüber aus, in welch einer geschlossenen Welt sie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war ja in Asien eine erste Entkolonialisierungswelle in Gang gekommen. Innerhalb von nur drei Jahren, zwischen 1946 und 1949, waren die Philippinen, Indien, Pakistan, Burma, Ceylon und Indonesien unabhängig geworden. Diese Dynamik sprang auf Nordafrika über, wo Ägypten das britische Joch abwarf und Marokko, Tunesien und Algerien sich warm liefen für mehr politische Autonomie. Politiker wie Nehru, Sukarno und Nasser unterhielten gute Kontakte untereinander. Das kulminierte 1955 in der höchst wichtigen Bandung-Konferenz auf Java, einem afro-asiatischen Gipfel, wo neue Staaten und nach Unabhängigkeit strebende Länder den Kolonialismus einhellig auf den Müllplatz der Geschichte verwiesen. »Der Kolonialismus in all seinen Erscheinungsformen ist ein Übel, das so schnell wie möglich enden muss«, stand in der Abschlusserklärung.10 Vertreter des Kongo waren nicht in Bandung, aber eine Delegation aus dem Nachbarland Sudan, das wenige Monate später unabhängig werden sollte. Außerdem begannen nach dieser Konferenz Rundfunksender von ägyptischem und indischem Boden aus den Antiimperialismus zu verbreiten. Über Kurzwelle konnte man im Kongo &#039;&#039;La Voix de l&#039;Afrique libre&#039;&#039; aus Ägypten empfangen und &#039;&#039;All India Radio&#039;&#039;, das sogar Sendungen in Swahili ausstrahlte.11 Ihre Botschaft wurde durch eine technische Neuerung verbreitet: das Transistorradio. Ein kleines, erschwingliches Gerät hatte dadurch große Folgen. Man brauchte nicht länger auf Marktplätzen und an Straßenecken zu stehen und sich die amtlichen Bulletins von &#039;&#039;Radio Congo Belge&#039;&#039; anzuhören, sondern konnte im Wohnzimmer heimlich verbotene ausländische Sender empfangen, die wiederholten, dass Afrika den Afrikanern gehöre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der zunehmenden Stimmung des Unmuts etwas entgegenzusetzen, entschloss sich Brüssel schließlich, eine erste Form der Machtbeteiligung einzuführen. Schon seit zehn Jahren debattierte die Politik über Formen einheimischer Mitbestimmung in den Städten, doch 1957 wurde endlich ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. In einigen großen Städten sollten die Viertel der Einheimischen eigene Bürgermeister und Gemeinderäte bekommen. Auf der untersten Stufe der Verwaltungshierarchie erlangten Kongolesen dadurch zum ersten Mal konkrete Macht. In der Praxis hatten die Kolonialbeamten bereits bemerkt, dass informelle Bezirksräte gut arbeiteten, um lokale Probleme zu lösen, insbesondere, wenn die Gemeinschaft selbst die Mitglieder dieser Räte ernannt hatte.12 Künftig sollten die Mitglieder durch formelle Wahlen bestimmt werden; die Bürgermeister standen allerdings noch immer unter der Kontrolle eines belgischen »Oberbürgermeisters«. Ende 1957 wurden zum ersten Mal in der Geschichte Belgisch-Kongos Wahlen abgehalten, freilich nur in den Städten Léopoldville, Elisabethville und Jadotville. Nur erwachsene Männer durften ihre Stimme abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo war zu diesem Zeitpunkt eine der Kolonien in Afrika, die in puncto Urbanisierung, Proletarisierung und Schulbildung weit vorn lagen. 22 Prozent der Bevölkerung lebten in der Stadt, 40 Prozent der aktiven männlichen Bevölkerung standen in einem Arbeitsverhältnis, und 60 Prozent der Kinder besuchten die Grundschule.13 Diese Situation war ebenso neu wie prekär. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre waren die Löhne spektakulär gestiegen, doch ab 1956 stagnierte das Wachstum, und es kam sogar zu einem erheblichen Rückgang. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt führten zu wirtschaftlicher Verlangsamung (unter anderem durch das Ende des Koreakrieges). In den Städten kam es wieder zu Arbeitslosigkeit.14 In Léopoldville gab es schon bald rund zwanzigtausend Arbeitslose.15 Wer seinen Job verlor, zog zu Verwandten, die noch Lohneinkünfte hatten. Die Häuser und Grundstücke der &#039;&#039;cité&#039;&#039; waren nach einiger Zeit gedrängt voll.16 Überall schossen kleine Bars wie Pilze aus dem Boden. Alkoholismus und Prostitution stiegen dementsprechend an, denn wenn das Leben schwer ist, werden die Sitten leicht. In dieser Atmosphäre der Unruhe fanden die ersten Wahlen statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass nur erwachsene Männer teilnehmen durften, bedeutete nicht, dass Frauen und Jugendliche in politische Apathie verfallen waren. Gerade bei ihnen entstanden um diese Zeit alternative Formen eines gesellschaftliches Engagements: die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; und die &#039;&#039;bills&#039;&#039;. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; waren Frauenvereine, in denen sich erfolgreiche Frauen trafen, um gemeinsam zu sparen und sich über Modetrends auszutauschen. Das mochte recht banal erscheinen. Auf speziellen Festen hüllten sich die Mitglieder eines solchen Vereins alle in die gleichen neuen, luxuriösen Stoffe und prunkten damit. Aber das war zugleich auch ein Statement. Die &#039;&#039;moziki&#039;&#039; gaben sich Namen wie &#039;&#039;La Beauté&#039;&#039;, &#039;&#039;La Rose&#039;&#039; oder &#039;&#039;La Jeunesse Toilette&#039;&#039;, auf Französisch, weil das in hohem Ansehen stand. Sie reagierten so auf ihre Weise auf die Kluft zwischen Mann und Frau. Sie übernahmen die Sprache der männlichen &#039;&#039;évolués&#039;&#039; und unterstrichen ihren eigenen gesellschaftlichen Fortschritt. Die Mitglieder waren Sozialarbeiterinnen, Lehrerinnen oder Händlerinnen. Victorine Ndjoli, die Frau, die als erste den Führerschein gemacht hatte, gründete mit einigen Freundinnen &#039;&#039;La Mode&#039;&#039;: »Wir waren von der europäischen Mode beeinflusst, die wir in den Katalogen verfolgen konnten. Die französischen Namen bewiesen, dass wir die Schule besucht hatten und gebildet waren. Frauen erhielten erst sehr spät das Recht, Französisch zu lernen, also war Französisch zu sprechen etwas, wodurch wir uns auf eine Ebene mit den Männern stellen konnten.«17 Auch die Rundfunksprecherin Pauline Lisanga war Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele dieser &#039;&#039;moziki&#039;&#039; schlossen sich mit einer der populären Bands der Stadt zusammen. Das Wort »&#039;&#039;moziki&#039;&#039;« kommt übrigens von Musik. &#039;&#039;La Mode&#039;&#039; von Victorine Ndjoli war unbedingter Fan von OK Jazz, dem Orchestre Kinois von François Luambo Makiadi, genannt Franco, dem Mann, der bis heute als größter Gitarrist und Komponist der kongolesischen Rumba gilt und der – in einer weniger anglozentrischen Geschichte der schwarzen Musik – seinen Platz neben B. B. King, Chuck Berry und Little Richard einnehmen würde. Franco de Mi Amor nannten sie ihn, &#039;&#039;le sorcier de la guitare&#039;&#039;, Franco-le-Diable. Victorine ging mit ihren Freundinnen zu seinen Auftritten (eine von ihnen heiratete er sogar), sie tranken &#039;&#039;mazout&#039;&#039;, Bier mit Limonade. Es musste Bier der Marke Polar sein, denn das kam von Bracongo, der Brauerei, in der um diese Zeit ein gewisser Patrice Lumumba seine Arbeit aufnahm. »Ich war für Lumumba, wir unterstützten seinen MNC«, sagte Victorine. Diese Entscheidung lag nicht unbedingt auf der Hand in einer Stadt, in der Abako das Zepter schwang. »Als er starb, haben wir alle getrauert.«18 Frauen durften nicht wählen, aber Mode, Musik, Ausgehen, Trinken und Tanzen bekamen auch eine politische Bedeutung. Sie stimmten mit dem Glas ab. Primus, das Bier der Konkurrenz, tranken ja die Anhänger von Kasavubu.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dann gab es die Jugendlichen. Nach einem halben Jahrhundert Geburtenmangel stiegen die Bevölkerungszahlen seit den fünfziger Jahren erheblich. Zwischen 1950 und 1960 wuchs die Zahl der Kongolesen um 2,5 Millionen. Am Tag der Unabhängigkeit zählte das Land rund 14 Millionen Einwohner. Der Kongo verjüngte sich: Mitte der fünfziger Jahre waren 40 Prozent der Bevölkerung jünger als fünfzehn.20 Die Jugend wurde eine sehr wichtige Bevölkerungsgruppe, nicht nur in demographischer, sondern auch in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; waren die erste Jugendkultur in der Kolonie.21 Was die &#039;&#039;nozems&#039;&#039; für Amsterdam waren, die &#039;&#039;zazous&#039;&#039; für Paris und die &#039;&#039;teddy boys&#039;&#039; für London, waren die &#039;&#039;bills&#039;&#039; für Léopoldville. Sie ließen sich von den Westernfilmen inspirieren, die in der &#039;&#039;cité&#039;&#039; gezeigt wurden. Wie der Name bereits ahnen lässt, war Buffalo Bill ihr Held. Sie sprachen eine eigene Jugendsprache, das &#039;&#039;hindubill&#039;&#039;, und pflegten einen eigenen Kleidungsstil: Halstücher, Jeans und hochstehende Hemdkragen, die auf den Wilden Westen verwiesen und womit zugleich die tadellos gekleideten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; verspottet wurden. Die wiederum machten sich große Sorgen über die Verlotterung der Jugend. Alles die Schuld verderblicher Filme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Kino müssen Zügel angelegt werden. Kriminalfilme und Cowboyfilme sind sehr beliebt. Alle diese Szenarien zeigen den Zuschauern, oftmals Jugendlichen und nicht selten sogar Kindern, wie man stehlen, töten und, mit einem Wort, Schlechtes tun kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man die Anzeigen und Plakate sieht, wähnt man sich zuweilen im Reich der Brutalität und der Sinnlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollen wir unseren Söhnen und Töchtern Zurückhaltung, Güte, Nächstenliebe, Selbstachtung und Respekt vor anderen beibringen? Das große Übel steckt in den Kinosälen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sieht man anderes in diesen Etablissements als die erotischsten Filme, die aus den wolllüstigsten Szenen bestehen, über die dann noch eine die Sinne aufreizende Musik gekleistert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends habe ich einmal einer Filmvorführung beigewohnt. Im Saal waren alles in allem zehn Erwachsene. Der Rest? . . . Kinder von 6 bis 15 Jahren. Der Saal war voll von diesen »Knirpsen«. Ein Höllenlärm . . . Die Bengel zappelten vor Ungeduld . . . Die Leinwand leuchtete auf . . . Ein Cowboyfilm . . . Applaus . . . Freudenschreie . . . Ein Liebesabenteuer . . . Überall Küsse und »ha!« in allen Ecken . . . Danach die Faustkämpfe und Pistolenschüsse, die bei der Jugend eine unbeschreibliche Freude erwecken . . . Zwei schlechte Filme . . . Nach der Vorführung begann die Wiederholung dessen, was wir in den letzten zwei Stunden auf der Leinwand gesehen hatten. Man belästigte junge Mädchen, die aus der Vorstellung kamen, indem man sie auf die Wangen küsste . . . Man lief mit einem Stock hintereinander her und imitierte das Geräusch einer Pistole, um die Cowboys nachzuäffen . . . Das waren die moralischen Lektionen der Vorstellung dieses Abends . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erbärmlich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben wir uns keinen Illusionen hin. Das Kino wird zu einer Schule für Gangster in Belgisch-Kongo werden, falls die Vorführung bestimmter Filme in der cité oder in den centres extra-coutumiers nicht verboten wird.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; galten als Unruhestifter, die sich die Zeit mit Diebstahl, Zügellosigkeit und Marihuana vertrieben. Die Jugendkriminalität in den Städten nahm in dieser Zeit tatsächlich zu, aber es ging weniger um schwere Verbrechen als eher um den Diebstahl eines Korbes Papayas oder höchstens eines Fahrrades.23 Trotzdem war das etwas Neues. Die elterliche Autorität bröckelte, das Ansehen des &#039;&#039;évolué&#039;&#039; wurde verspottet, vom Einfluss des traditionellen Häuptlings war längst nichts mehr übrig. Die &#039;&#039;bills&#039;&#039; organisierten sich in Gangs, die ihre eigenen Territorien in der Stadt beanspruchten und ihnen Namen wie Texas oder Santa Fe gaben. Explizit politisches Interesse hatten sie nicht im Geringsten, doch sie stifteten ein Klima der Rebellion und des Widerstandes, das leicht entflammbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Sonntag, dem 16. Juni 1957, strömten sechzigtausend Zuschauer in das Stade Roi Baudouin von Raphaël de la Kéthulle zu einem historischen Fußballspiel: F. C. Léopoldville, der Vorläufer der ersten Nationalmannschaft, nahm es gegen Union Saint-Gilloise aus Brüssel auf, einen der erfolgreichsten Vereine in der Geschichte des belgischen Fußballs.24 Eine Premiere. Zum ersten Mal spielte ein kongolesisches Team gegen eine belgische Elf in der Kolonie. Es wurde ein heftiges Match mit einem unerquicklichen Ende. Ein belgischer Armeeoffizier fungierte als Schiedsrichter, und seine Entscheidungen sorgten für Unmut. Als er bei zwei kongolesischen Treffern Abseits pfiff, wurde die Menge wütend. Das Spiel endete mit 4:2 für die Belgier. Schiebung!, riefen die Fans. Beim Verlassen des Stadions reagierten &#039;&#039;bills&#039;&#039;, Arbeiter, Arbeitslose, arme Schlucker, erboste &#039;&#039;mamans&#039;&#039; und Schüler ihren Frust an der Umgebung ab. Es wurde herumgebrüllt, Fäuste flogen. Jugendbanden und Umstehende eilten herbei und beteiligten sich an den Scharmützeln. Autos von Weißen, die das Stadion verlassen wollten, wurden mit Steinen beworfen. So etwas hatten die Vertreter der Kolonialmacht noch nie erlebt. Sollte Fußball nicht die Aggressionen des Volkes in geordnete Bahnen lenken? Die Polizei musste einschreiten. Als alles vorbei war, zählte man vierzig Verletzte und fünfzig lädierte Autos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zunehmenden Spannungen bildeten auch den Hintergrund der Wahlen vom 8. Dezember 1957. 80 bis 85 Prozent der Wahlberechtigten erschienen, das war ein Riesenerfolg. In Léopoldville hatte die Abako ausgezeichnete Arbeit geleistet und schaffte es sogar, Wähler für sich zu gewinnen, die keine Bakongo waren. Sie erlangte 139 der 170 Sitze im Gemeinderat. Von den acht für Einheimische vorgesehenen Bürgermeisterämtern erhielt sie sechs. In Elisabethville erzielten die Migranten aus Kasai, die größte Bevölkerungsgruppe der Stadt, einen stattlichen Stimmenanteil. Außerdem verbuchte die Union congolaise, eine katholische, pro-belgische Vereinigung von &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ein gutes Ergebnis. Es wurden auch neun Weiße gewählt.25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Brüssel waren die erfolgreich und korrekt abgelaufenen Wahlen der Beginn einer kontrollierten Demokratisierung der Kolonie. Auch andernorts sollten nun auf lokaler Ebene Wahlen abgehalten werden, gefolgt von Wahlen auf Provinzebene und noch später auf Landesebene. Doch für diesen allmählichen Übergang war es zu spät, meinte Kasavubu. Als er sein Amt als Bürgermeister der Gemeinde Dendale in Léopoldville antrat, machte er genau das, was Lumumba 1960 bei seiner Amtseinsetzung als Premierminister tun würde: Er hielt eine flammende Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Demokratie wird nicht eingeführt, wenn man, um das demokratische Geschehen unter Kontrolle zu behalten, noch Beamte ernennt statt vom Volk gewählte Vertreter. Die Demokratie wird nicht errichtet, wenn wir auf der Seite der Polizei keine kongolesischen Kommissare sehen. Das Gleiche gilt für die Armee: Wir kennen keine kongolesischen Offiziere, noch gibt es kongolesische Führungskräfte im Gesundheitswesen. Und was ist mit der Spitze des Bildungswesens und der Schulaufsicht? Es existiert keine Demokratie, solange kein allgemeines Stimmrecht herrscht. Der erste Schritt ist also noch nicht vollendet. Wir fordern allgemeine Wahlen und innere Autonomie.26&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte brachten Kasavubu eine Rüge der Obrigkeit ein, doch das berührte ihn kaum. Das Amt des Bürgermeisters verschaffte ihm neben einem hohen Gehalt immenses Ansehen bei der lokalen Bevölkerung. Also setzte er seine politische Kampagne fort. Die Wahlen brachten keine Ruhe in den Laden, sondern schürten die Unruhe noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die Zeitbombe tickte weiter. 1955: Die Abako wird politisch. 1956: die Manifeste von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako. 1957: die Gemeinderatswahlen und die Unruhen. Doch das Jahr des großen Umbruchs sollte 1958 werden. Der unmittelbare Anlass war jedoch freundschaftlich geprägt und vollzog sich in einer Atmosphäre herzlicher Verbrüderungen: Expo 58. Nichts deutete darauf hin, dass das gemächliche Flanieren zwischen den Pavillons der Brüsseler Weltausstellung einen revolutionären Effekt haben könnte. Und doch war es so. Belgien blieb von diesem Weltjahrmarkt ein Atomium, dem Kongo ein akuter Hunger nach Autonomie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga konnte es bestätigen. Kleine Gruppen von &#039;&#039;évolués&#039;&#039; durften schon seit einigen Jahren Studienreisen nach Belgien unternehmen, zur Weltausstellung aber wurden Hunderte Kongolesen, darunter eine große Gruppe von Soldaten, für einen Aufenthalt von mehreren Monaten eingeladen. Es schien eine Art Wiedergutmachung zu sein für die dreihundert Kongolesen, die 1897 in Tervuren zur Schau gestellt worden waren. Auch jetzt stand im Schatten des Atomiums ein kongolesisches Dorf, doch die meisten Belgienreisenden waren dort als Besucher. »Mein Vater durfte 1958 nach Belgien«, erzählte Jamais Kolonga. »Er war sehr beeindruckt von dem, was er dort sah. Europäer, die den Abwasch erledigten und die Straße fegten. Er wusste gar nicht, dass es das gab. Sogar weiße Bettler! Das hat ihm echt die Augen geöffnet.«27 Was für ein Kontrast zu dem Bild von Belgien, das er nur aus den Erzählungen der Missionare und dem Auftreten seiner Vorgesetzten kannte! Der Weiße war &#039;&#039;kein&#039;&#039; weit über ihnen stehender Halbgott. Eine Enttäuschung war diese Erkenntnis nicht, im Gegenteil, sie weckte Hoffnung und Zuversicht. Und ließ Raum für eine gesellschaftliche Entwicklung, auch in Afrika. Außerdem stellten die Kongolesen fest, dass sie willkommen waren in den Brüsseler Restaurants, Cafés und Kinos, ja sogar in den Bordellen, wie geflüstert wurde.28 Auch das war ein Unterschied zum System der Segregation, das sie täglich in der Kolonie erfuhren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die kongolesischen Expo-Besucher lernten nicht nur ein anderes Belgien kennen, sie lernten sich auch gegenseitig kennen. Menschen aus Léopoldville sprachen zum ersten Mal mit Menschen aus Elisabethville, Stanleyville, Coquilhatville und Costermansville. Aufgrund der immensen Weite des Landes und der Reisebeschränkungen gab es nur wenig Kontakte zwischen den verschiedenen Regionen der Kolonie. Bauern migrierten in die Städte, aber Städter zogen selten oder nie in andere Städte um. Doch in den Monaten in Belgien tauschte man Erfahrungen aus, unterhielt sich über die Lage daheim und träumte von einer anderen Zukunft. Während der Expo traten auch belgische Politiker und Gewerkschaftsführer – sowohl des linken wie des rechten Spektrums – an einige der &#039;&#039;évolués&#039;&#039; heran. Auch das trug zur politischen Bewusstwerdung bei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin Ngwadi alias »Élastique«, der Starfußballer von Daring, der Boy von Generalgouverneur Pétillon geworden war, hatte jedoch weniger Glück. Als ich ihn in Kikwit interviewte, erzählte er mir, dass er 1958 mit nach Belgien durfte, von der Expo jedoch nichts zu sehen bekommen hatte. »Wir reisten mit dem Flugzeug. Ich war als &#039;&#039;boy maison&#039;&#039; von Pétillon mitgekommen. Ich blieb in Namur und musste kochen und die Wäsche waschen. Pétillon fuhr zur Weltausstellung und sah sich alle &#039;&#039;marchandise&#039;&#039; an. Kupfer, Diamanten, alles aus dem Kongo, alles aus allen Ländern.« Doch während der Generalgouverneur in Brüssel mit dem Herzog von Edinburgh und dem niederländischen Außenminister dinierte, blieb Longin in einer Küche in Namur zurück. »Ich habe dort richtig gegessen. Mit Besteck. Ich hatte gut aufgepasst, wie man das machte. Madame de Gouverneur schüttelte sich vor Lachen aus, wenn ich falsch aß. Es war sehr gut in Belgien. Ich bekam dort viele Geschenke. Ich hörte von Zügen, die unter der Erde verschwanden, und vom Seehafen. Namur war ein intelligentes Dorf, genau wie Kikwit.«29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pétillon gefiel die ganze Sache mit der Expo überhaupt nicht. Dreihundert Kongolesen nach Brüssel holen und sie monatelang der Indoktrination durch gewisse belgische Elemente aussetzen? »In dem Trubel und Getümmel auf der Expo hatten diese völlig freies Spiel. Sie schafften es, sogar bei den Soldaten der Force Publique, ein schreckliches Werk der Unterminierung und Vergiftung zu vollenden. Es ist scheußlich, wenn man bedenkt, dass dies vor den Augen der belgischen Regierung geschah, die offenbar nicht erkannte, dass sich im Kongo zunehmend eine vorrevolutionäre Stimmung breitmachte.«30 Als Mann der Praxis hatte er dagegen doch ernsthafte Bedenken. Gerade deshalb wurde ihm während dieser Dienstreise angetragen, in Belgien zu bleiben und Kolonialminister zu werden. Sein Vorgänger, Auguste Buisseret, einer der seltenen Liberalen auf diesem Posten, hatte einen allzu ideologischen Kurs vertreten, unter anderem, indem er in der Kolonie Schulunterricht durch weltliche Lehrer einführte. Das schwächte die geschlossene Rangordnung der weißen Macht, meinten alle, die von einem untertänigen Kongo profitierten. Ein praktisch orientierter Minister musste her: lieber ein Feldforscher als ein Pedant. König Baudouin war dafür, Pétillon übernahm das Amt, warf aber schon nach vier Monaten das Handtuch. Und Longin sollte das Atomium niemals sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hingegen die Konstruktionen aus Stahl und Spannbeton auf der Expo bestaunen durfte, war ein junger Mann von 28 aus der Provinz Équateur. Er war der Sohn eines Kochs in der Missionsstation der Kapuziner und hatte in Léopoldville bei den Scheutisten die Grundschule besucht. Nach einem Jahr auf der Oberschule entschied er sich für eine Laufbahn bei der Force Publique. Er wurde dort Sekretär, Buchhalter und Typist und erlangte 1954 den Rang eines Unteroffiziers. Das Maschineschreiben gefiel ihm recht gut. Unter Pseudonym begann er, auf seiner Schreibmaschine Texte für Kolonialzeitungen wie &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; zu verfassen. 1956 quittierte er den Dienst bei der Armee, um Fulltime-Journalist zu werden. Zwei Jahre später durfte er mit nach Brüssel. Auf der Expo war er eine unauffällige Erscheinung, ein schlaksiger, schüchterner Mann, der in Gesprächen mit Europäern ständig die Floskel &#039;&#039;»n&#039;est-ce pas«&#039;&#039; einflocht&#039;&#039;.&#039;&#039; Zuvorkommend war er jedenfalls, ansonsten recht unbeholfen. Sein Name: Joseph Désiré Mobutu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die letzten Monate des Jahres 1958 waren besonders turbulent. Die Besucher der Weltausstellung kehrten in den Kongo zurück, der Unabhängigkeitskrieg in Algerien erreichte einen Höhepunkt, Marokko und Tunesien hatten sich vom kolonialen Joch befreit. Das Nachbarland Sudan wurde von einer britischen Kolonie zu einem autonomen Staat, und in Brazzaville sprach der französische Präsident Charles de Gaulle die historischen Worte: »Wer die Unabhängigkeit will, soll sie sich doch nehmen!« Es war als Provokation gedacht (denn wer den Rat befolgte, verlor sofort jegliche Unterstützung Frankreichs), doch auf der anderen Seite des Flusses verschluckten sich die Belgier an ihrem Kaffee, als sie das im Radio hörten.31 In den Vierteln der Einheimischen hingegen brach der Jubel los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. Oktober 1958 erhielt die Presseagentur Belga in Léopoldville eine Pressemitteilung, in der die Gründung einer neuen politischen Partei angekündigt wurde. An sich war das nicht so außergewöhnlich. Im selben Monat entstanden noch andere Parteien im Kongo: Cerea (&#039;&#039;Centre de regroupement africain&#039;&#039;) im Kivu, Conakat (&#039;&#039;Confédération des associations tribales du Katanga&#039;&#039;) in Katanga. Jede Provinz schien plötzlich ihre eigene regionale Partei zu wollen; die Wahlerfolge der Abako waren niemandem entgangen. Neu war freilich die radikal nationale Perspektive der Pressemeldung. Das zeigte sich schon im Namen der Partei: &#039;&#039;Mouvement National Congolais&#039;&#039; (MNC). In den Programmpunkten stand, dass man »energisch gegen alle Formen von regionalem Separatismus ankämpfen« wolle, denn die seien »unvereinbar mit den höheren Belangen des Kongo«. Abako hatte sich nur um Bas-Congo gekümmert, aber der MNC spielte entschlossen die nationale Karte aus. Der Kongo müsse befreit werden »aus dem Griff des imperialistischen Kolonialismus, und das im Hinblick auf die Unabhängigkeit des Landes, innerhalb eines angemessenen Zeitraums und durch friedliche Verhandlungen«.32 Zum ersten Mal gab es eine einheimische politische Bewegung, die den Kongo als Ganzes betrachtete. Die Liste der Namen unter der Pressemeldung umfasste Menschen aus verschiedenen Gegenden und Völkern des Landes. Unter ihnen waren Bakongo, Bangala und Baluba, Leute aus dem katholischen, liberalen und sozialistischen Lager, Gewerkschaftsmitglieder und Journalisten. Der selbsternannte Vorsitzende hieß Patrice Lumumba.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war 1925 in Onalua geboren, einem Dorf in Kasai. Ethnisch gehörte er zu den Batetela, jenem Stamm, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts die große Meuterei während der arabischen Feldzüge angeführt hatte. Lumumbas Vater war ein Katholik mit einfacher Schulbildung, der für sein aufbrausendes Temperament und seine Sturheit bekannt war. Unbeirrbar trank er seinen selbst hergestellten Palmwein. Lumumba ging in evangelischen und katholischen Missionsposten zur Schule und zog während des Krieges, nach einigen Zwischenstationen im Landesinneren, in die große Stadt: Stanleyville. Dort wurde er einfacher Verwaltungsbeamter, ehe er als Angestellter bei der Post anfing. Die Post schickte ihn für eine Ausbildung nach Léopoldville, wo er sein mangelhaftes Französisch verbesserte und einen nahezu unstillbaren Wissensdurst entwickelte. Zurück in Stanleyville wurde er ein leidenschaftlicher Leser, der ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitete und keinen Vortrag oder Weiterbildungsabend versäumte. 1954 erlangte er die nur selten vergebene &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039;. Sein Selbstvertrauen wuchs zusehends. Er betätigte sich außerordentlich aktiv im Vereinsleben der Stadt und füllte mühelos mehrere Vorstandsämter aus. Er war Vorsitzender des Vereins von Postbeamten, er leitete den Regionalverband der APIC-Gewerkschaft, er unterhielt Kontakte zur liberalen Partei Belgiens, und er wurde Vorsitzender der &#039;&#039;Association des Evolués de Stanleyville&#039;&#039;.33 Er war dafür bekannt, mit zwei, drei Stunden Schlaf pro Nacht auszukommen.34 Neben den häufigen Versammlungen schrieb er politische Analysen. Er schickte Artikel an Zeitungen wie &#039;&#039;Le Croix du Congo&#039;&#039; und &#039;&#039;La Voix du Congolais&#039;&#039; und gründete sogar eine eigene Zeitschrift: &#039;&#039;L&#039;Echo postal&#039;&#039;. Wer ihn in diesen Tagen in Stanleyville kennenlernte, war von ihm beeindruckt. Lumumba besaß eine rasche Auffassungsgabe und war voller Enthusiasmus und Arbeitseifer. Er hatte die Gabe des Wortes und die Kraft einer Überzeugung. Mit seiner Brille, der Fliege und – selten bei einem afrikanischen Mann – dem Bärtchen hatte er ein intelligentes und attraktives Äußeres, fanden viele. Dass er vor Ehrgeiz fast platzte, wurde durch seinen Charme und seine Ungezwungenheit kaschiert; allerdings neigte er manchmal dazu, seinen Zuhörern nach dem Mund zu reden. Das gab ihm zuweilen etwas Chamäleonhaftes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1955, als Kasavubu den Vorsitz der Abako übernahm, lenkte Lumumba die Association des Evolués de Stanleyville in eine mehr politische Richtung. Dadurch wurde er der einflussreichste Kongolese der Stadt. Während des Besuchs von König Baudouin glückte es ihm, bei einem Empfang im Garten des Provinzgouverneurs zehn Minuten lang mit dem Monarchen zu reden. Am Ufer des Flusses, zwischen den Bougainvilleen, unterbreitete er dem jungen König, der etwa gleichaltrig war, einige Probleme der einheimischen Bevölkerung. Baudouin hörte aufmerksam zu und stellte auch Fragen. Es entspann sich tatsächlich ein Gespräch. Das Gerücht von dieser Unterhaltung kursierte gleich darauf in den Straßen von Stanleyville. Lumumbas Ansehen bei der Bevölkerung war nun unumstritten. Kurze Zeit darauf durfte er einen Monat lang mit einer Gruppe vielversprechender junger Kongolesen an einer Studienreise nach Belgien teilnehmen, und auf dieser Reise lobte er die Wohltaten Leopolds II. und des belgischen Kolonialismus ohne jeden Hauch von Ironie.35 Nach seiner Rückkehr wurde er jedoch, nach elf Jahren treuer Dienste bei der Post, wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung zu einer Haftstrafe verurteilt. Später würde er sagen: »Habe ich etwas anderes getan als ein bisschen von dem Geld zurückzunehmen, das die Belgier dem Kongo gestohlen hatten?«36 Nachdem er zwölf Monate im Gefängnis gesessen hatte, zog er nach Léopoldville. Er fing bei Bracongo an, der Brauerei des Polar-Biers, und wurde dort Verkaufsleiter, eine Funktion, die ihm ein höheres Gehalt einbrachte, als es viele Weiße erhielten. Mit Polar nahm er den Kampf mit dem Konkurrenten Primus auf. In den Arbeitervierteln verteilte Patrice Bierflaschen. Auch jetzt wirkte seine Eloquenz Wunder. Er brachte Bier und versprach die Freiheit. Er erquickte die Massen und machte sie durstig nach mehr. Emanzipation begann mit einem Freibier. Polar erlebte einen Aufschwung, und Patrice wurde bekannt. Nach und nach befreundete er sich mit vielen jungen Intellektuellen. Anders als seine Gesprächspartner kannte er große Teile der Kolonie. Ehe er in die Hauptstadt zog, hatte er in drei der sechs damaligen Provinzen gelebt. Für ihn war das ethnische Bezugssystem deshalb auch weniger relevant. Viele Batetela lebten ohnehin nicht in Léopoldville. Lieber wollte er »kämpfen zugunsten des kongolesischen Volkes«, so stand es in jener berüchtigten Pressemitteilung.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kisangani, dem ehemaligen Stanleyville, hatte ich die Ehre, mit einigen Lumumba-Anhängern der ersten Stunde reden zu dürfen. Der 80-jährige Albert Tukeke kam aus derselben Gegend wie Patrice Lumumba; ihre Mütter waren sogar miteinander verwandt. Wie Lumumba arbeitete er bei der Post und hatte seine Ausbildung in Léo­poldville absolviert. Er wurde Schalterangestellter in Elisabethville, eine harte koloniale Schule. »Wenn ein Europäer das Postamt betrat, stellte er sich nie an. Er sagte einfach ›Mach den Schalter frei!‹ Sie hatten immer diese schockierenden Worte. Wir waren jung und konnten nichts sagen. Wenn sie etwas wollten, sagten sie: ›Ist hier keiner?‹ Sie meinten, kein Weißer. Das tat weh.« Der Kolonialismus war nicht nur ein großes globales System, er bestand zugleich aus tausend kleinen Demütigungen, aus vielsagenden Wendungen und subtilem Mienenspiel. Lumumba prangerte das energisch an, erinnerte sich Albert Tukeke: »Lumumba war ein Mann wie jeder, der nur Rechte forderte für die Schwarzen. Aber seine Persönlichkeit, sein Durchblick und seine Auffassungen waren ganz anders. Er legte hundert Kilometer zurück, wenn der Rest erst einen Kilometer weit war. Und das sage ich nicht, weil ich selbst zum Volk der Batetela gehöre.«38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jean Mayani war ein glühender Anhänger, der 2008 noch genauso begeistert über Lumumba sprach wie 1958. Ich hörte ihm einen Vormittag lang zu, in seinem Haus in Kabondo, einem Stadtbezirk von Kisangani. Bereits 1959 war er Parteisekretär des MNC für seinen Bezirk, ein Jahr später war er Lumumbas erster Stellvertreter bei den Kommunalwahlen. Mayanis Sicht war klar und analytisch: »Schauen Sie, es gab keinen extremen Rassismus damals, aber doch eine klare Trennung. In den Läden, in den Schulen und sogar auf den Friedhöfen herrschte eine Quasi-Apartheid. Wir hatten großen Respekt vor den &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, die eine &#039;&#039;carte du mérite civique&#039;&#039; oder eine &#039;&#039;carte d&#039;immatriculation&#039;&#039; besaßen. Sie genossen soziale Vorteile, sie besuchten europäische Schulen. Aber was für ein Unterschied bestand doch noch immer zur Kolonialpolitik der Franzosen! Die Schwarzen in den französischen Kolonien konnten in Frankreich studieren. Senghor [der spätere Präsident des Senegal] war Abgeordneter der Französischen Nationalversammlung und wurde in Paris Staatssekretär. Der Diskurs des MNC interessierte mich deshalb sehr. 1958 war ich einer der ersten Anhänger hier in Kisangani. Ich erinnere mich noch an die ersten Meetings in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;. Wir trafen uns in Bars und auf Sportplätzen. Lumumba sprach über die Geschichte und die Untaten der Kolonisation. Er hatte wirklich unglaublichen Mut. Er nannte die Dinge beim Namen: das Leid, die Verbannung der Kimbanguisten, den Rassenhass, die Inhumanität, die Zwangsarbeit in den Bergwerken, im Straßen- und Eisenbahnbau. Die Masse war einfach begeistert von so einem Führer.«39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der alte Raphaël Maindo stimmte ihm ohne Einschränkung zu. Er dachte mit Wehmut daran zurück. »Wenn Lumumba redete, wollte niemand mehr weg. Sogar wenn es regnete, sogar nachts blieben die Leute da und hörten ihm zu.« Anders als Jean Mayani war er nicht in der Parteiführung, sondern ein Aktivist an der Basis: Er verkaufte Mitgliedsausweise. »Das war sehr einfach. Alle wollten einen. Sogar Frauen traten bei. Ich hatte den Parteiausweis Nummer 4. So ein Ausweis kostete damals zwanzig Franc, der Preis war im ganzen Land gleich. Wir fuhren überall hin, bis zu siebenhundert Kilometer weit. Wir hatten Autos.«40 Für viele Kongolesen war der Erwerb eines solchen Mitgliedsausweises mehr als ein politischer Akt, es war eine sehr emotional besetzte Form von Selbstbestätigung und Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1958 fuhr Lumumba nach Ndjili, dem Flughafen von Léopoldville. Er wollte in die ghanaische Hauptstadt Accra. Ghana war ein Jahr zuvor als erstes Land des subsaharischen Afrika unabhängig geworden. Präsident Kwame Nkrumah genoss vom Senegal bis Mosambik Heldenstatus. Er verkörperte den Panafrikanismus, den Traum von einem freien, friedlichen und solidarischen Afrika, und deshalb rief er in Accra Führungspersönlichkeiten und Denker aus dem gesamten Kontinent zusammen. Auch Kasavubu fuhr zum Flughafen, doch die Grenzbeamten machten ihm Schwierigkeiten wegen seines Impfpasses, womöglich böswillig: Die Kolonialregierung hatte seine aufrührerische Rede beim Amtsantritt als Bürgermeister nicht vergessen. Lumumba und zwei Getreue waren in Ghana die einzigen Vertreter des Kongo. Der Kongress in Accra machte einen tiefen Eindruck auf ihn, mehr als jedes Buch, das er gelesen hatte. Er sprach dort mit Intellektuellen und Aktivisten und merkte, dass sie ihm mit großem Interesse zuhörten. Er begegnete Julius Nyerere und Kenneth Kaunda, den späteren Präsidenten von Tansania und Sambia, und Sékou Touré, dem ersten Präsidenten von Guinea. Der nach Anerkennung lechzende &#039;&#039;évolué&#039;&#039; von einst wurde ein selbstbewusster Afrikaner, der stolz war auf seine Wurzeln, sein Land und seine Hautfarbe. Belgisch-Kongo erschien ihm zunehmend als ein Archaismus, der Menschen unnötig klein hielt. Er würde sein Land aus der Angst und der Scham befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Brüssel ist es bitter kalt. Ein stiller, eisiger Sonntagmorgen. Die Straßen sind spiegelglatt. Es herrscht kaum Verkehr. Über die Prachtalleen von Ixelles unweit der Abtei De la Cambre fährt ein Auto in langsamem Tempo zwischen den repräsentativen Bauten. Am Steuer sitzt Jef Van Bilsen, der Mann, der mit seinem Dreißigjahresplan die Höllenhunde von der Kette gelassen hat, wie viele meinen. Aber er ist auch der Belgier mit den besten Kontakten zu den Kreisen der kongolesischen Elite. Besser als er ist kaum jemand über das informiert, was sich unter den &#039;&#039;évolués&#039;&#039; abspielt. In aller Frühe bekam er einen Anruf von Arthur Gilson, dem Verteidigungsminister, der ihn dringend um eine Unterredung bat. Der Minister hat bereits das ganze Neujahrswochenende über den Text einer Regierungserklärung nachgegrübelt. In den letzten Monaten des Jahres 1958 hatte eine Arbeitsgruppe im Auftrag der belgischen Regierung den Kongo bereist, um eine Bestandsaufnahme der Wünsche der Bevölkerung vorzunehmen. Eine lobenswerte Initiative, freilich mit dem Schönheitsfehler, dass kein einziger Kongolese zum Befragungsteam gehörte. Dennoch soll der Schlussbericht zu einer kraftvollen Regierungserklärung führen, die die Grundlage einer neuen Kolonialpolitik bilden wird. Mehrere Minister hatten sich in den Weihnachtsferien schon mit dem Text beschäftigt, aber sie wurden nicht so recht schlau daraus, auch nicht der Verteidigungsminister. Vielleicht könne Van Bilsen ihnen das Ganze einmal erläutern? Im Arbeitszimmer des Ministers versucht Van Bilsen an diesem friedlichen Sonntagmorgen zu begründen, dass eine so entscheidende Erklärung sinnlos ist, solange darin nicht die Unabhängigkeit erwähnt und ein konkretes Datum dafür vorgeschlagen wird. Der Minister ist wie vom Schlag getroffen. »Zwischen uns entspann sich eine Diskussion, doch wir redeten mehr oder weniger aneinander vorbei, wenn es darum ging, was vom kongolesischen Standpunkt aus wünschenswert und vom belgischen Standpunkt aus erreichbar war«, so Van Bilsen.41 Ein Kompromiss ist unmöglich. Unverrichteter Dinge zieht er ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und in Léopoldville ist es brütend heiß. Die Regenzeit ist noch lange nicht vorbei, die Luft ist schwül und stickig. In der Residenz des Generalgouverneurs laufen die Vorbereitungen für den alljährlichen Neujahrsempfang im Garten.42 Gläser werden poliert, Aufgaben verteilt. Der neue Generalgouverneur heißt Rik Cornelis, er weiß noch nicht, dass er der letzte sein wird. Einige Belgier schlafen noch aus, sie waren am Vorabend tanzen im Palace oder im Galiema. Andere frühstücken Brötchen mit Erdbeerkonfitüre. Die schneidigsten von ihnen sind schon zum Schwimmen oder zum Tennis im &#039;&#039;cercle sportif&#039;&#039;. Es wird ein stilvoller Empfang werden. Auch ein paar Kongolesen sind eingeladen, das passt zur Philosophie der »Belgisch-Kongolesischen Gemeinschaft«. Einige von den einheimischen Bürgermeistern werden da sein. In seiner kleinen Ansprache wird der Generalgouverneur zweifellos über die großen Herausforderungen des neuen Jahres reden. Der Champagner wird perlen, die Kristallgläser werden funkeln. Man wird »Zuversicht äußern«, »Vertrauen bestätigen« und viel über »wechselseitiges Verständnis« reden, und das alles selbstverständlich »in freundschaftlicher Atmosphäre«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und einige Kilometer weiter in der Stadt, in Bandalungwa, einem Neubauviertel für &#039;&#039;évolués&#039;&#039;, ist Patrice Lumumba im Haus eines neuen Freundes zum Essen eingeladen. Als er seine Gefängnisstrafe absaß, hatte er in der Zeitung &#039;&#039;Actualités africaines&#039;&#039; regelmäßig Artikel eines gewissen Joseph Mobutu gelesen, des Unteroffiziers, der Journalist geworden und zur Weltausstellung nach Brüssel gereist war. Nach Lumumbas Freilassung freunden sich die beiden miteinander an. Lumumba ist oft bei Mobutu zu Gast, und er genießt das köstliche Essen, das Mobutus Frau zubereitet. An diesem Sonntag schmieden sie beim Essen Pläne für den Nachmittag. Um vierzehn Uhr ist im Zentrum der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in einem Haus des YMCA, der christlichen Jugendherberge, ein Meeting der Abako geplant, wissen sie. Vor einer Woche hat Lumumba vor siebentausend Zuhörern über seine Reise nach Accra gesprochen. Es war sein bester öffentlicher Auftritt überhaupt. Die Menge reagierte mit flammender Begeisterung. Sie skandierten nach seiner Rede &#039;&#039;»Dipenda, dipenda!«&#039;&#039;, die Lingala-Verballhornung des französischen Wortes &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Womöglich war das der Grund, warum der Oberbürgermeister der Stadt, der Belgier Jean Tordeur, im letzten Moment entschied, dass das Meeting nicht stattfinden könne. Eine Sicherheitsmaßnahme, er will vermeiden, dass Aufrührer die Bevölkerung anstacheln. Lumumba und Mobutu beschließen, trotzdem vorbeizuschauen. Ein Auto haben sie nicht, aber Mobutu besitzt ein Moped. Halten wir dieses Bild kurz fest: Mobutu und Lumumba, zusammen auf dem Moped, zwei neue Freunde, der Journalist und der Bierverkäufer, der eine ist achtundzwanzig, der andere dreiunddreißig. Lumumba auf dem Sozius. Sie fahren durch die warme Luft und reden laut, um das Knattern des Auspuffs zu übertönen.43 Zwei Jahre später wird der eine an der Ermordung des anderen mitwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist der 4. Januar 1959, und die Menschen strömen ins Stade Roi Baudouin zu einem Spitzenspiel der kongolesischen Fußballmeisterschaft. Das große Sportstadion liegt nur einige hundert Meter vom Haus des YMCA entfernt. Zwanzigtausend Zuschauer sind von nah und fern gekommen.44 Sie tragen farbenfrohe Hemden und &#039;&#039;pagnes&#039;&#039;. Manche haben einen Kopfschmuck aus Federn und im Gesicht Streifen, wie früher, breite, weiße Lehmstreifen, die auf Stirn und Wangen hell leuchten. Sie tanzen mit beschwörenden Gebärden und weit aufgerissenen Augen. Es ist ein beängstigender Anblick. Die steil ansteigende Betontribüne um den Platz füllt sich mit Menschen und Trommelwirbeln. Es gibt Tamtams und Schlitztrommeln, es wird gejohlt und gekreischt. Es ist fast wie Krieg. Es ist fast so wie am Ufer des Kongoflusses in den 1870er Jahren, als Stanley zum ersten Mal mit seinem Schiff vorbeifuhr. Das Wummern der Kriegstrommel, die tausend wütenden Kehlen, die immer wilderen Tänze, die Augen der Krieger. In den Katakomben des Stadions schnüren die Spieler ihre Schuhe und schieben die Schienbeinschoner in die Strümpfe. Anderswo in der Stadt, in der Residenz des Gouverneurs, hat man die Champagnerflaschen aus dem Kühlschrank genommen, sie stehen jetzt perlend in der Sonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch immer ist es der 4. Januar 1959, und auf der Avenue Prince Baudouin, beim Haus des YMCA, teilt Kasavubu der zusammengetrommelten Menschenmenge mit, dass das Meeting leider nicht stattfinden darf. Lautstarkes Murren und Protestieren sind die Folge. Als Pazifist und Bewunderer Gandhis bittet er seine Anhänger eindringlich, Ruhe zu bewahren. Offenbar mit Erfolg, obwohl er kein Mikrophon hat. Er ist der Anführer, er ist der Chef, er ist der Bürgermeister. Erleichtert und beruhigt kehrt er nach Hause zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist der 4. Januar 1959, der Tag, an dem alles anders wird, auch wenn es immer noch nicht offenkundig ist. Der Kongo geht mit der Zeit, so scheint es. Léopoldville ist weltweit die zweite Stadt mit einem Gyrobus, einem Omnibus mit Elektroantrieb, der seine Energie durch Schwungradspeicherung bezieht. Die erste Stadt auf der Welt mit so einem futuristischen öffentlichen Verkehrsmittel lag in der Schweiz, jetzt surren diese Busse auch durch die &#039;&#039;cité&#039;&#039;.45 Mehrere tausend Abako-Anhänger bleiben grollend in der Nähe des Platzes stehen, wo das Meeting hätte stattfinden sollen. Ein weißer Fahrer des Gyrobus gerät mit einem von ihnen aneinander und hebt die Hand. Futurismus &#039;&#039;meets&#039;&#039; Rassismus. Und schon muss er Schläge einstecken. Der Geist ist aus der Flasche. Gezerre, es kommt zu einer Prügelei. Die Polizei kommt hinzu, schwarze Polizisten, weiße Kommissare. Es hat was mit Neujahr zu tun, denkt man, sie sind noch betrunken oder schon wieder pleite, eins von beiden. Zwei Kommissare teilen Fausthiebe aus. Das ist keine gute Idee. »Dipenda!«, ertönt es. &#039;&#039;»Attaquons les blancs!«&#039;&#039; Panik bricht aus. Die Polizei feuert in die Luft. Ein Stück weiter wird einer ihrer Jeeps umgeworfen und in Brand gesteckt. In diesem Moment leert sich das Fußballstadion – Trommeln, Extase, Frust, Schweiß –, und die Zuschauer mischen sich unter die Leute, die am Abako-Meeting hatten teilnehmen wollen. Fußball hat eine explosive Wirkung. Belgien wurde 1830 unabhängig nach einer Oper, der Kongo fordert 1959 die Unabhängigkeit nach einem Fußballspiel. Auf einem Moped kommen zwei junge Männer herangebraust. Sie trauen ihren Augen nicht. In den letzten Jahren haben sich die beiden durch Selbststudium hochgearbeitet, nun aber sehen sie die Wut der Masse, der sie sich entzogen hatten. Sie blicken nicht mehr auf sie herab, wie es sich für &#039;&#039;évolués&#039;&#039; gehört, sondern fühlen sich solidarisch. Elite und Masse haben endlich zueinander gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Léopoldville zählt zu diesem Zeitpunkt vierhunderttausend Einwohner, darunter fünfundzwanzigtausend Europäer. Es gibt ein sehr kleines Polizeikorps mit nur 1380 Polizisten.46 Eine Gendarmerie wie in Belgien existiert nicht. Die nächste Ebene zur Aufrechterhaltung der Ordnung ist sofort die Armee. In der Kaserne der Stadt sind ungefähr zweitausendfünfhundert Soldaten stationiert, doch die sind dazu ausgebildet, im Ausland Krieg zu führen und nicht, um gegen Unruhen in der eigenen Zivilbevölkerung vorzugehen. Die Polizei versucht, die Lage unter Kontrolle zu bringen, doch innerhalb von ein paar Stunden steht die ganze &#039;&#039;cité&#039;&#039; auf dem Kopf. Autos von Weißen geraten in Steinhagel. Fensterscheiben gehen zu Bruch. Überall lodern Feuer. Die Polizei schießt scharf auf die Menschen, die an der Kundgebung teilnehmen wollten. Auf dem Asphalt sind immer mehr Blutlachen, in denen sich die Flammen spiegeln. Mehrere tausend Jugendliche beginnen zu plündern. Alles, was belgisch ist, muss dran glauben. Katholische Kirchen und Missionsschulen werden kurz und klein geschlagen, Stadtteilzentren, in denen Nähkurse stattfinden, werden ausgeräumt. Gegen siebzehn Uhr ziehen einige Gangs zu den Läden der Griechen und Portugiesen, in denen die Menschen sonst einkaufen. Die Plünderer greifen skrupellos zu und machen sich mit Ballen von bunten Stoffen, mit Fahrrädern, Radios, Salz und getrocknetem Fisch aus dem Staub.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des Neujahrsempfangs klingelt beim Generalgouverneur das Telefon. »&#039;&#039;Ça tourne mal dans la cité&#039;&#039;.«, »In der &#039;&#039;cité&#039;&#039; sieht es nicht gut aus.« In einem Bereich von zehn, zwölf Kilometern sind heftige Unruhen. Der europäische Teil der Stadt wird abgeriegelt. Die Armee greift doch ein, zuerst mit Tränengas, dann mit schwerem Geschütz. Die Demonstranten sterben scharenweise. »Das war eigentlich so, als würde man eine Fliege mit einem Vorschlaghammer töten«, erkannte man hinterher.47 Manche Kolonialisten sind jedoch so aufgebracht, dass sie ihr Jagdgewehr von der Wand nehmen und »helfen« wollen. In Jahren aufgestaute Missachtung und Angst, vor allem Letztere, brechen sich Bahn. Gegen achtzehn Uhr, bei Einbruch der Dunkelheit, wird es relativ ruhig in der Stadt. Die Feuer schwelen noch. Im europäischen Krankenhaus lassen sich Dutzende Weiße ärztlich versorgen. Draußen vor der Tür stehen ihre eleganten Wagen im Dunkeln, eingebeult, verschrammt und demoliert. In den Villen müssen Frauen zum ersten Mal seit Jahren wieder selber kochen: der Boy ist weit und breit nicht zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag sind viele Belgier eher resigniert als aufgebracht. »Wir haben einen totalen Gesichtsverlust erlitten«, sagen sie am Montagmorgen zueinander.48 Manche decken sich mit Sardinen ein und hamstern Speiseöl, andere buchen bei Sabena One-way-Tickets nach Brüssel. Die Armee wird drei, vier Tage benötigen, um die Stadt wieder unter Kontrolle zu bringen. Die Bilanz ist unerträglich: 47 Tote und 241 Verletzte auf kongolesischer Seite, jedenfalls nach den offiziellen Angaben. Augenzeugen berichten von zwei-, vielleicht sogar dreihundert Toten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 4. Januar 1959, und es würde nie mehr wie vorher sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein paar Tage später flog ich mit einer DC-6 nach Brüssel«, erzählte mir Jean Cordy im Herbst 2009 in seiner Seniorenwohnung in Louvain-la-Neuve. 1959 war er der Kabinettschef von Generalgouverneur Cornelis. »Meine Direktiven waren klar: Ich sollte die belgische Regierung davon überzeugen, das Wort ›indépendance‹ in ihre lang erwartete Erklärung aufzunehmen. Der Generalgouverneur hatte gesagt, dass wir diese Gelegenheit auf keinen Fall verpassen dürften. Ich stattete auch dem König einen Besuch ab und erklärte ihm, dass Belgien die Unabhängigkeit zur Sprache bringen müsse.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 13. Januar 1959, gut eine Woche nach den Unruhen, folgten sowohl die Regierungserklärung als auch die Verlautbarung des Königs. Der Text der Regierung war schwammig, bürokratisch und unverständlich, doch die Rede von Baudouin war glasklar und schnörkellos. Eine Aufzeichnung seiner Botschaft ging in den Kongo und wurde sofort im Radio gesendet. Fischer am Strand von Moanda, Bauern auf dem Zuckerrohrfeld, Arbeiter im Staub der Zementfabrik, Seminaristen, die über ihren Büchern saßen, Krankenschwestern, die sich gerade die Hände wuschen, Dorfvorsteher im Landesinneren, Steuermänner auf den Binnenschiffen, Nonnen, die den Gemüsegarten jäteten, Betagte und Jugendliche hörten im Transistorradio die historischen Worte ihres geliebten Königs: »Unser heutiger Beschluss lautet, ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile, die Völker des Kongo zur Unabhängigkeit in Wohlstand und Frieden zu führen.«50&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kaum zu glauben. Zu schön, um wahr zu sein! Die LKW-Fahrer hupten, wenn sie durch die Dörfer von Bas-Congo fuhren, und sangen aus dem Fenster:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mwana Kitoko [Baudouin] hat es selbst gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die weißen Chefs haben es auch gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unabhängigkeit ist bald unser.51&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch diese Begeisterung bedeutete nicht, dass sich alle Wogen glätteten. Die Unruhe hielt an und breitete sich bis weit in die ländlichen Gebiete aus. In Gegenden mit einer langen Tradition des Widerstandes, wie im Kwilu und in den Kivu-Provinzen, brodelte es erneut. In Kasai entspann sich ein Konflikt zwischen den Lulua und den Baluba, und in Bas-Congo gab es massiven Protest. Nach den Unruhen vom 4. Januar war die Abako auf Befehl der Regierung aufgelöst worden, und Kasavubu saß mit zwei weiteren Parteiführern eine Zeitlang im Gefängnis (sie wurden später von Maurits Van Hemelrijck freigelassen, dem neuen Minister für überseeische Angelegenheiten). Die Haft kam Kasavubus Bekanntheit im Inland nur zugute, während die Haltung gegenüber der Kolonialmacht immer ablehnender wurde. Kasavubu rief zu bürgerlichem Ungehorsam und gewaltfreiem Widerstand auf. Kabinettschef Jean Cordy, der als einer von wenigen Weißen einen Mitgliedsausweis der Abako besaß, reiste im Juli 1959 mit dem stellvertretenden Generalgouverneur André Schöller durch die Provinz. »Kasavubu hatte plötzlich uneingeschränkten Rückhalt im Volk. Keiner sprach mehr mit den Vertretern der Kolonialregierung. ›Unser Führer ist Kasavubu, beraten Sie sich mit ihm‹, bekamen wir zu hören. Weitere Antworten bekam ich nicht, nicht einmal, wenn ich sie auf Kikongo ansprach. Das hatte ich noch nie erlebt, und ich war bereits seit 1946 im Kongo. Die Brücken waren abgebrochen, trotz der Unabhängigkeitserklärung des Königs und der Regierung, trotz des Besuchs von Van Hemelrijck. Der Dialog war vorbei. Ihr Schweigen fühlte sich sehr, sehr befremdlich an.«52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aussicht auf einen politischen Umbruch weckte viele Ambitionen. Neue Parteien schossen wie Pilze aus dem Boden. Während es Ende 1958 nur sechs politische Parteien gegeben hatte, waren es eineinhalb Jahre später hundert. Jede Woche entstand eine neue Bewegung, mit Namen wie &#039;&#039;Union Nationale Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Mouvement Unitaire Basonge&#039;&#039; und &#039;&#039;Alliance Progressiste Paysanne&#039;&#039;. Es hagelte Abkürzungen (Puna für &#039;&#039;Parti de l&#039;Unité Nationale&#039;&#039;, Coaka für die &#039;&#039;Coalition Kasaïenne&#039;&#039;, Balubakat für die Baluba von Katanga), und manchmal zählten diese Akronyme mehr Buchstaben als Mitglieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer waren diese politischen Führer? Fast immer relativ junge Männer, die eine höhere Schule besucht hatten. Sie bildeten die intellektuelle Oberschicht des Landes und lebten in den Städten, in die sie in ihrer frühen Jugend gezogen waren. Oft waren sie in Alumni-Vereinen oder kulturellen Zirkeln aktiv und zeigten ihr politisches Interesse, indem sie zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen gingen. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass ihr Ton oft schärfer war als ihr Durchblick und dass sie meist mehr Drive besaßen als Sachkenntnis. Ihre Programme waren – bis auf wenige Ausnahmen – eher dürftig.53&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Merkmal kann nicht genug betont werden. Trotz ihres urbanen Umfeldes, ihres jugendlichen Alters und ihres modernen Lebensstils hatte diese erste politische Generation eine Beziehung zu etwas, das von früher und von anderswo zu kommen schien: zum tribalen Bewusstsein. Das scheint ein Widerspruch zu sein, ist es aber nicht. Das Gefühl der ethnischen Identität war gerade in der Stadt von Bedeutung. Erst wenn man sich mit anderen verglich, dachte man über die eigene Herkunft nach. Die Grünschnäbel der Politik schlossen sich vorhandenen ethnischen Organisationen an und modernisierten sie. Die tribale Karte auszuspielen, erwies sich auch für die politische Strategie als kluge Entscheidung: So konnten sie die große Masse erreichen. Es lohnte sich, immer wieder zu betonen, dass man ein stolzer Chokwe, Yaka oder Sakata war. Neben einer größeren Anhängerschaft garantierte das bessere Chancen, bei der Kolonialregierung Gehör zu finden. Kasavubu sprach für die Bakongo, Bolikango setzte sich für die Bangala ein, Jason Sendwe für die Baluba aus Katanga, Justin Bomboko für die Mongo und so weiter. Tribale Rhetorik gestattete einer jungen Elite, sich als Wortführer ihrer jeweiligen Gemeinschaft zu profilieren.54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus verständlichen Gründen war dieser &#039;&#039;jeunisme&#039;&#039; nicht nach dem Geschmack der Stammesoberhäupter im Landesinneren, von denen manche noch Einfluss auf ihre Migrantengemeinschaften in den Städten hatten. Was sich hier abspielte, war schon von daher reichlich revolutionär. Von jeher beruhten Macht und Autorität in großen Teilen Zentralafrikas auf dem Alter. Alter bedeutete Ansehen. Nun stand plötzlich eine Generation von Zwanzig- und Dreißigjährigen auf, die um die Macht wetteiferten und um die Gunst des Volkes warben. Das war auch unumgänglich, denn die belgische Regierung hatte beschlossen, das allgemeine Wahlrecht einzuführen. »Durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts in den ländlichen Gebieten«, sagte das Oberhaupt der Bayeke im Ost-Kongo, »wird die traditionelle Ordnung völlig unterhöhlt und ist zum Untergang verurteilt.« Und darin hatte er recht: Nach 1960 bekam eine relativ junge Generation im Kongo das Sagen. Nur sie erwies sich als fähig, die Spielregeln der Demokratie zu durchschauen und mit Erfolg mitzuspielen. Der große Häuptling der Lunda, eines ehemaligen Königreichs auf der Grenze zwischen Katanga und Angola, bezeichnete dagegen das allgemeine Wahlrecht als »unverzeihliche Abirrung«.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der bekannteste Lunda in jener Zeit, und eigentlich in der ganzen Geschichte des Kongo, war jedoch jemand anders: Moïse Tschombé. 1959 – er war gerade vierzig geworden, lebte in der Stadt und hatte eine Ausbildung zum Buchhalter absolviert – hatte er die Führung einer jungen politischen Partei übernommen, der Conakat (&#039;&#039;Confédération des Associations du Katanga&#039;&#039;). Tschombé war ein dank seines familiären Hintergrundes begüterter, jedoch wenig erfolgreicher Geschäftsmann, der auf andere oft – allerdings zu Unrecht – nachdenklich und versonnen wirkte. Er kam aus einer hoch angesehenen Lunda-Familie; sein Vater war ein reicher Händler, und er selbst war mit einer der Töchter des großen Lunda-Häuptlings verheiratet. Stammesstolz war Tschombé nicht fremd (eine Zeitlang leitete er die wichtigste Lunda-Vereinigung von Elisabethville), doch er widersetzte sich nicht der Einführung des allgemeinen Wahlrechts. Conakat war eine politische Partei, die mit demokratischen Mitteln mehr Rechte für die ursprünglichen Bewohner Katangas anstrebte, wie die Lunda, die Basonge, die Batabwa, die Chokwe und die Baluba (bei Letzteren nicht die aus Kasai, denn das waren »Neuankömmlinge«). Durch die jahrzehntelange Einwanderung von Arbeitern, die hauptsächlich aus Kasai stammten, fühlte sich die ursprüngliche Bevölkerung bedroht. In Elisabethville hatten die Baluba aus Kasai sogar die Wahlen von 1957 gewonnen. Tschombé wollte mehr Macht für die »wahren« katangesischen Stämme. In diesem Sinne glich seine Conakat stark Kasavubus Abako: Beide Bewegungen setzten sich für die frühesten Bewohner der Stadt ein (Abako war allerdings mono-ethnisch), beide forderten weitgehende regionale Autonomie, und beide träumten, im Gegensatz zu Lumumba, von einem föderativen, stark dezentralisierten Kongo. Bas-Congo und Katanga konnten sie sich zur Not auch als unabhängige Staaten vorstellen. Doch über die zukünftige Rolle Belgiens waren sie grundsätzlich geteilter Meinung: Abako vertrat einen radikalen Antikolonialismus, zumal nach den Unruhen im Januar, Conakat hingegen wollte den Kontakt zu Belgien aufrechterhalten. Tschombé, der von belgischen Ratgebern umgeben war, träumte von einem ruhig und in geordneten Bahnen verlaufenden Prozess der Unabhängigkeit, glaubte aber weiterhin an die Idee einer »Belgisch-kongolesischen Gemeinschaft«. »Wenn wir die Unabhängigkeit fordern, tun wir das nicht, um die Europäer zu vertreiben, ganz im Gegenteil. Wir wollen weiter mit ihnen zusammenarbeiten und gemeinsam an der Zukunft des Landes bauen.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch den Wildwuchs der Parteien verliefen nur zwei wichtige Bruchlinien: War man radikal oder gemäßigt? Radikal bedeutete: für eine schnelle Entkolonialisierung und einen völligen Bruch mit Belgien. Und dachte man in föderativen oder unitaristischen Begriffen? Abako (Kasavubu) war radikal und föderalistisch; der MNC (Lumumba) war radikal und unitaristisch; Conakat (Tschombé) war gemäßigt und föderalistisch. Auch alle anderen Parteien ließen sich nach diesem Schema charakterisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba gelangte zu der Ansicht, dass diese Zersplitterung überwunden werden müsse. Um die Kräfte zu bündeln, rief er im April 1959 acht große und kleine politische Parteien in Luluabourg (in Kasai) zusammen. Es war der erste politische Kongress des Kongo, eine Art Accra im Kleinen. Jean Mayani, der Lumumba-Anhänger der ersten Stunde aus Kisangani, war dabei. In seinem Wohnzimmer in Kisangani erzählte er mir: »Ich ging als Parteisekretär meines Stadtbezirks hin. Alle nationalistischen Parteien nahmen teil. Cerea aus dem Kivu, Sendwes Balubakat aus Katanga, die PSA aus dem Kwilu, Kasavubus Abako. Wirklich alle waren da. Lumumba hatte ungefähr drei Viertel der Bevölkerung hinter sich.«57 Cerea kämpfte gegen die weiße Vorherrschaft in der östlichen Kivu-Provinz. Balubakat setzte sich für die Rechte der Baluba in Katanga ein und stand Tschombés Conakat diametral entgegen. Die PSA (&#039;&#039;Parti Solidaire Africain&#039;&#039;) war im Kwilu aktiv, aber erwarb sich mit großen Persönlichkeiten wie Cléophas Kamitatu und Antoine Gizenga landesweit einen guten Ruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba wollte ein Datum für die Unabhängigkeit festlegen. König Baudouin hatte in seiner Rede versprochen, dass diese »ohne nachteiliges Zögern, aber ohne unbesonnene Eile« kommen würde, doch wann Zögern nachteilig und Eile unbesonnen war, ließ Raum für Interpretationen. Lumumba war sich darüber im Klaren, dass es einen gewaltigen Schritt nach vorn bedeuteten würde, wenn sich der Kongress von Luluabourg auf ein Datum einigen könnte. Außerdem würde er auch persönlich einen großen Coup landen: Er würde den Bonus einstreichen, Initiator des Ganzen gewesen zu sein, und als wichtigste politische Persönlichkeit des Landes anerkannt werden. Sein Vorschlag lautete: 1. Januar 1961. Hatte jemand etwas dagegen? Einer der Anwesenden bemerkte: »Warum denn so übereilt? Das Ende der Welt wird doch nicht für den 1. Januar 1961 erwartet?« Worauf Lumumba konterte: »Sie sprechen die Sprache eines Kolonialisten.«58 Er hielt zwei Jahre für mehr als ausreichend, um den Übergang zum neuen System vorzubereiten. So war es auch in Ghana abgelaufen. In einer Zeit schwacher politischer Programme und debütierender Führungspersönlichkeiten war wenig Raum für Nuancierungen und Reflexion. Wer noch zaghaft für einen allmählichen Übergang plädierte, wurde als Lakai des Imperialismus ausgebuht. Die Parteien verstrickten sich in ein beispielloses symbolisches Überbietungsmanöver. Rhetorische Bravour stand höher im Kurs als pragmatisches Gespür. Die rasche und bedingungslose Unabhängigkeit wurde zum Ziel an sich, ja zur Obsession – zur Not war man bereit, sich blind ins Abenteuer zu stürzen. »Lieber arm und frei als reich und kolonisiert.«59 Solche Slogans kamen gut an. Wie konnte es auch anders sein? Keiner der Anwesenden außer den paar Bürgermeistern von Armenvierteln hatte jemals ein politisches Mandat innegehabt. Verwaltungserfahrung, Realitätssinn und Organisationstalent fehlten. Alle improvisierten. Und keiner wollte hinter den anderen zurückstehen. Dabei ging es um ein Land von der Größe Westeuropas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht unbedingt geheuchelt, als der große Lunda-Häuptling den Generalgouverneur und den belgischen Minister in seinem Distrikt mit den Worten empfing: »Wir möchten nicht, dass Sie Entscheidungen unter dem Druck lautstarker Minderheiten treffen. Wir verstehen die Eile nicht, mit der so viele die Unabhängigkeit anstreben. Wir bestätigen mit großem Ernst, dass wir die Unabhängigkeit wollen, aber noch nicht sofort. Wir benötigen noch viel Hilfe und Unterstützung, um zu einer normalen Entwicklung zu gelangen. Jedes übertriebene Tempo kann unsere Gebiete von Neuem in die Armut und das Elend von einst stürzen.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was damals als reaktionärer Standpunkt galt, ist im Jahr 2010 ein allerorts im Kongo zu hörender Seufzer, ein Seufzer angesichts der ganzen aktuellen Misere. Viele junge Leute werfen ihren Eltern vor, dass sie damals unbedingt die Unabhängigkeit wollten. Auf der Straße in Kinshasa fragte mich einmal jemand: »Wie lange wird diese Unabhängigkeit jetzt noch dauern?« Als Belgier musste ich mir ganz oft anhören: »Wann kommen die Belgier zurück? Ihr seid doch unsere Onkel?« Oft war es als Schmeichelei gedacht, aber zuweilen steckte mehr dahinter. Sogar Albert Tukeke, der Mann aus Kisangani, der ein entfernter Verwandter von Lumumba war, sagte am Ende unseres Gesprächs: »Wir hätten nicht so schnell unabhängig werden sollen. Aber nach dem Krieg, wissen Sie . . . es gab diesen Drang. Wenn es nicht so überstürzt abgelaufen wäre, wären uns diese ganzen Unzulänglichkeiten erspart geblieben.«61&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die stürmische Entkolonialisierung war das Resultat einer eskalierenden Wechselwirkung zwischen den Reaktionen der Kolonialmacht und den symbolischen Überbietungsmanövern der verschiedenen politischen Parteien. Dass bei Unruhen in Stanleyville mehrere Dutzend Anhänger Lumumbas ermordet worden waren, heizte das Klima weiter an. Der überzeugte Lumumba-Anhänger Jean Mayani sagte darüber: »Nach dem Kongress hatte die Kolonialmacht die Forderungen des MNC als eine Form von Rassenhass und Xenophobie interpretiert, die sich gegen die Belgier richteten.« Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass Xenophobie im kolonialen Wortschatz hier eine Eigenschaft war, die den Kongolesen zugeschrieben wurde. »Die Force Publique trat repressiv gegen Lumumbas Partisanen auf. In Mangobo, einem Viertel von Stanleyville, gab es zwanzig Tote. Lumumba wurde verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Es war genauso wie bei den Unruhen vom 4. Januar in Kinshasa.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 1959 fanden allgemeine Kommunalwahlen statt, die jedoch von Abako, MNC und PSA boykottiert wurden. Diese Parteien hatten kein Interesse mehr an Übergangsmaßnahmen und langsamen Prozessen, es ging ihnen um die sofortige Unabhängigkeit und nichts anderes. Belgien hatte gehofft, dass der Gedanke einer allmählichen Demokratisierung auf fruchtbaren Boden fallen würde, doch es kam anders. Die Atmosphäre war inzwischen zu angespannt. 1957 hatte man die ersten Wahlen abgehalten, in der Hoffnung, damit die Männer von &#039;&#039;Conscience africaine&#039;&#039; und Abako zu beschwichtigen. Doch das Gegenteil war der Fall. 1959 hatte Belgien nach den Unruhen vom Januar die Unabhängigkeit versprochen, doch auch das besänftigte die Gemüter nicht, im Gegenteil. Die Kolonialmacht glaubte, es richtig zu machen, verkalkulierte sich aber immer wieder. Deshalb gingen 1959 viel wertvolle Zeit und guter Wille verloren, Trümpfe, mit denen man die Unabhängigkeit dennoch hätte vorbereiten können. Statt eine wohlwollende Politik zu improvisieren, hätte man vielleicht endlich einmal die Kongolesen selbst fragen sollen, was sie wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Januar 1960 versammelten sich rund hundertfünzig Herren in Wintermänteln im Brüsseler Kongresspalast, sechzig Belgier und neunzig Kongolesen. Einen Monat lang sollten sie offen und auf Augenhöhe miteinander über einige heikle Themen diskutieren. Deshalb auch der Name des Treffens: Es sollte ein »Runder Tisch« werden (auch wenn in Wirklichkeit mehrere Tische im Viereck angeordnet waren). Die belgische Sozialistische Partei, damals in der Opposition, war von der Initiative sehr angetan. Auf belgischer Seite nahmen sechs Minister teil, fünf Parlamentarier und fünf Senatoren, begleitet von mehreren Dutzend Beratern und Beobachtern. Nennenswerte Landeskenntnisse der Kolonie besaßen diese Volksvertreter nicht. »Pilger der Trockenzeit« nannten die Belgier im Kongo sie spöttisch. Doch viele von ihnen hegten große Sympathie für die neumodische Entkolonialisierungs-Ideologie der Vereinten Nationen. Auf kongolesischer Seite waren Delegationen der wichtigsten politischen Parteien vertreten (Kasavubu, Tschombé, Kamitatu . . .), außerdem etwa ein Dutzend Stammesälteste, die die traditionelle Macht repräsentierten. Die kongolesischen Teilnehmer hatten sich kurz vor der Konferenz über alle parteipolitischen Rivalitäten, ethnischen Spannungen und ideologischen Differenzen hinweg zu einem &#039;&#039;front commun&#039;&#039; zusammengeschlossen, einer Einheitsfront. Für sie sollte die Konferenz keine schludrige Partie Tischtennis werden, deshalb formierten sie sich als ein einziger Spieler. Einigkeit macht stark, so viel hatten sie von Belgien gelernt. Diese unerwartete Koalition überraschte die belgischen Politiker sehr, zumal diese in ein katholisches, ein liberales und ein sozialistisches Lager zerfielen und zwischen Regierung und Parlament aufgespalten waren. Viele von ihnen waren schlecht vorbereitet. Es gab keinen Zeitplan, es gab keinen Regierungsstandpunkt. Offenbar glaubte man nicht, dass es sich um eine entscheidende Tagung handeln könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten fünf Tagen der Konferenz erzielte die Einheitsfront jedoch drei äußerst wichtige Siege. Als Erstes konnten sie die Belgier davon überzeugen, dass Patrice Lumumba, der nach den Unruhen in Stanleyville inhaftiert worden war, nicht fehlen durfte. Ohne ihn, argumentierten sie, sei die Tagung nicht repräsentativ und könne der Unmut im Kongo wieder aufflackern. Die Belgier wollten auf Nummer sicher gehen, holten Lumumba aus dem Gefängnis und ließen ihn nach Brüssel fliegen. Zweiter wichtiger Sieg: Die belgischen Delegierten mussten sich bereit erklären, dass sie die auf der Konferenz gefassten Resolutionen anschließend in Gesetzentwürfe umsetzen würden, die dann in der Abgeordnetenkammer und im Senat behandelt würden. Die Kongolesen wussten nur allzu gut, dass sie keine legislative Macht besaßen, aber so erhielten sie die Garantie, dass die Beschlüsse der Konferenz nicht nur auf dem Papier existierten. Die Bedeutung dieses Sieges lässt sich kaum überschätzen: Was als eine unverbindliche Diskussion begann, wurde so zu einem Gipfeltreffen mit weitreichender Macht. Der dritte Sieg war noch bemerkenswerter: das Datum! Die Belgier wollten vor allem die politischen Strukturen eines künftigen unabhängigen Kongo lang und breit erörtern, die kongolesische Delegation aber wollte vor der Besprechung aller anderen Punkte erst diese eine Frage klären: Wann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am fünften Konferenztag, Lumumba war noch nicht eingetroffen, fand ein Gespräch statt zwischen Jean Bolikango, dem Führer der Einheitsfront, und August de Schryver, dem für den Kongo zuständigen Minister, das sich noch am ehesten mit dem Geschacher und Gefeilsche auf einem Markt in Kinshasa vergleichen ließ. Das Datum 1. Januar 1961, von dem man im April 1958 noch geträumt hatte, war mittlerweile längst außer Diskussion. Nun konnte es gar nicht mehr schnell genug gehen. Bolikango gab eine kühne Vorlage und schlug den 1. Juni 1960 vor, nach der uralten flämischen Devise: »Fragen kostet nichts, mehr als ein Nein riskiert man nicht.« Die Belgier waren perplex: Das wäre in knapp vier Monaten! Was konnten sie darauf noch antworten? Ihr Gegenvorschlag war der 31. Juli. Zwei Monate Aufschub. Nicht gerade berauschend, aber nun gut. Dann halt der 30. Juni? Läge das nicht genau in der Mitte? Zum Ersten, zum Zweiten – Zuschlag! Am 30. Juni 1960 würde der Kongo unabhängig werden. Die Würfel waren gefallen. Kongolesen &#039;&#039;und&#039;&#039; Belgier applaudierten im Kongresspalast. Niemand aus der kongolesischen Delegation hatte gedacht, dass es so leicht sein würde, alle waren völlig verblüfft.63&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war eigentlich geschehen? Hatten die Vertreter Belgiens ihrer Kolonie in einem Anfall von Zerstreutheit die Unabhängigkeit geschenkt? Nein. Obwohl die Konferenz eine Eigendynamik entwickelte, die keiner vorausgesehen hatte (wie nahezu jede Initiative in der Kolonialpolitik nach 1955), und obwohl die belgische Delegation nur ungenügend vorbereitet war, handelte es sich nicht um eine unbedachte Entscheidung. In dieser Situation hatte Belgien nur zwei Optionen: die Forderung der Einheitsfront zurückweisen, was mit Sicherheit zu schweren Unruhen geführt hätte, oder auf die Forderung eingehen und hoffen, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief.64 Für ruhige Verhandlungen war keine Zeit mehr, meinte man, und traf deshalb rasch eine Entscheidung. Obwohl in den Militärstützpunkten Kitona und Kamina genügend belgische Soldaten stationiert waren, wollte man es nicht auf einen Konflikt ankommen lassen. In Algerien wütete bereits seit sechs Jahren ein blutiger Unabhängigkeitskrieg. Im Parlament bestand nicht die geringste Neigung, einen Militäreinsatz in Betracht zu ziehen. Die Charta der Vereinten Nationen und die antikolonialistischen Positionen der UdSSR und der USA ließen Belgien auch in internationaler Hinsicht wenig Manövrierraum. Die Unabhängigkeit aufhalten? Das wäre möglich gewesen, jedoch um den Preis eines ungewissen Abenteuers in der Kolonie und der moralischen Isolation in der Welt. Im Jahr 1960 erlangten gleich siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit; dieser Entwicklung konnte sich Belgien nicht entgegenstemmen. Die einzigen europäischen Länder, die gar nicht daran dachten, ihre großen afrikanischen Kolonien loszulassen, waren die Diktaturen in Südeuropa: Salazars Portugal, das sich weigerte, Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und die Kapverdischen Inseln aufzugeben, und Francos Spanien, das sich noch an Äquatorialguinea festklammerte. Der Apartheidstaat Südafrika war ebenso wenig gewillt, auf die Herrschaft über Namibia zu verzichten. Belgien konnte sich mit dem Datum 30. Juni einverstanden erklären, weil es wusste, dass es auch danach noch an der Verwaltung, der Armee und der Wirtschaft des Kongo beteiligt sein würde. Spitzenbeamte würden als Regierungsratgeber fungieren, weiße Offiziere im Dienst bleiben, die großen Betriebe wären weiterhin in belgischer Hand, und die Missionare würden nach wie vor Unterricht erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Plaza Hotel im Zentrum von Brüssel nahm die Begeisterung kein Ende. Ja, es musste noch alles Mögliche besprochen werden (dass der Kongo eine Republik werden würde, dass die Verbindung zum belgischen Königshaus abgebrochen werden solle, dass es ein unitärer Staat sein würde, dass die Provinzen eigene Zuständigkeitsbereiche bekämen: Das alles stand noch längst nicht fest), doch die Beute war gesichert, der Vogel abgeschossen! African Jazz von Kabasele, die Band, die damals mit dem Song über Jamais Kolonga einen Nerv getroffen hatte, war nach Brüssel mitgekommen. Auch Unterhändler im Dreiteiler mussten nach den Konferenzsitzungen Gelegenheit zum Tanzen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Charly Henault kann sich noch gut daran erinnern. Obgleich er ein Belgier ist, war er jahrelang der Schlagzeuger von African Jazz. »Ich war weiß, aber was kümmerte es mich? Ich war Drummer in einem Land voller Drummer«, erzählte er mir, als ich ihn an einem verregneten Tag in seinem kleinen Haus in Wallonisch-Brabant besuchte. Er lag todkrank im Bett. »Im Plaza Hotel war der Ball der Round-Table-Konferenz, ja . . . Diese Freude, diese Euphorie . . . Kabasele duzte die Politiker. Er war sehr beliebt . . . Ein Mann mit Klasse, in seinem hellblauen Smoking mit den schwarzen Galons. Sehr elegant . . . Er liebte die Frauen, und er hatte Sinn für Humor . . . Einmal habe ich ihm seinen Pyjama versteckt!«65 Im Plaza Hotel alberten sie aber nicht nur herum; sie tüftelten an einem Lied, das bald zum größten Hit der kongolesischen Musik werden sollte: »Indépendance cha cha«. Der Text, in Lingala und Kikongo, bejubelte die gerade erlangte Autonomie, lobte die Zusammenarbeit der verschiedenen Parteien und besang die großen Namen des Unabhängigkeitskampfes: »Die Unabhängigkeit, cha cha, wir haben sie uns genommen / Oh! Autonomie, cha cha, nun ist sie da. / Oh! Runder Tisch, cha cha, wir haben gewonnen!« Nach 1960 würde der Kongo verschiedene Nationalhymnen bekommen, unter Kasavubu, unter Mobutu, unter Kabila, bombastische Kompositionen mit pathetischen Texten, aber die ganze Zeit gab es im letzten halben Jahrhundert nur eine echte kongolesische Hymne, einen einzigen Song, zu dem sich bis heute ganz Zentralafrika spontan in den Hüften wiegt: den ausgelassenen, beschwingten und ergreifenden »Indépendance cha cha«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also der 30. Juni. Die Round-Table-Konferenz endete am 20. Februar 1960. Vier Monate war noch Zeit, einen Staat zusammenzubasteln. Die »To-do-Liste« sah beeindruckend aus: Man musste eine Übergangsregierung bestimmen, eine Verfassung erstellen, ein Parlament und einen Senat aufbauen, Ministerien schaffen, ein diplomatisches Corps zusammenstellen, Wahlen auf Provinz- und Landesebene abhalten, eine Regierung bilden, ein Staatsoberhaupt ernennen . . . und das alles betraf nur die politischen Institutionen des Landes. Was auch noch fehlte: eine nationale Währung und eine Zentralbank, eigene Briefmarken, Führerscheine, Nummernschilder und ein Katasteramt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr viele Belgier in der Kolonie fragten sich, wie das alles in diesem irrwitzigen Tempo bewältigt werden sollte. Sie befürchteten, dass die Kolonie, an der fünfundsiebzig Jahre sorgfältig gearbeitet worden war, nun in ein paar Monaten vor die Hunde gehen würde. Viele schickten ihr Geld, ihre Sachen und ihre Familie nach Hause. Andere gingen nach Rhodesien oder Südafrika. In den ersten beiden Juniwochen flogen vom Flughafen Ndjili viermal so viele Passagiere wie im Jahr zuvor. Sabena musste siebzig zusätzliche Flüge ansetzen, und die Schiffe nach Antwerpen waren proppenvoll.66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der einfache Kongolese hingegen war voller Vorfreude. Er glaubte, ein goldenes Zeitalter würde anbrechen, der Kongo würde von einem auf den anderen Tag ein wohlhabendes Land sein – das versprachen ihm Dutzende Handzettel, die im Land zirkulierten. Fast alle Parteien machten völlig unhaltbare Versprechungen, mitunter grotesk, mitunter gefährlich.67 »Wenn die Unabhängigkeit da ist«, stand in einem Flugblatt der Abako, »müssen die Weißen das Land verlassen.« Das gehörte nicht zu den Beschlüssen der Round-Table-Konferenz. »Die zurückgelassenen Sachen werden Eigentum der Schwarzen werden. Das bedeutet, dass die Häuser, die Läden, die LKW, die Waren, die Fabriken und die Felder den Bakongo zurückgegeben werden.« Angesichts solcher aufputschenden Texte ist es nicht verwunderlich, dass Bauern in Bas-Congo nichts weniger als eine totale Befreiung erhofften: »Alle Gesetze werden abgeschafft, wir brauchen den traditionellen Häuptlingen nicht mehr zu gehorchen und nicht den Ältesten, noch den Beamten, den Missionaren, den Vorgesetzten . . .« In dieser Sehnsucht nach einer abrupten, radikalen Wende hallten Echos aus der Zeit von Simon Kimbangu nach. Die Unabhängigkeit wurde zu einer Art messianischem Ereignis, das »Leben, Gesundheit, Freude, Glück und Ehre« mit sich bringen würde. Kasavubu und Lumumba, die im Gefängnis gesessen hatten, wurden zu Propheten und Märtyrern erhöht. In Kasavubu sah man den König des alten Kongo-Reiches auferstehen, und den dynamischen Lumumba verglich man mit dem Sputnik! Einfache Leute sehnten nichts Geringeres herbei als eine kosmische Wende. Lohnarbeit und Steuerpflicht würden verschwinden. Einige gingen sogar davon aus, dass künftig »die Schwarzen weiße Boys haben werden« und »dass sich jeder eine weiße Frau aussuchen darf, denn sie werden zurückgelassen und verteilt werden, wie die Autos und die anderen Dinge«.68 Ein paar Schlaufüchse nutzten diese Naivität aus und begannen schon mal, Häuser von Weißen für den Spottpreis von vierzig Dollar zu verkaufen . . . Leichtgläubige, die nicht durchschauten, dass sie Betrügern auf den Leim gegangen waren, klingelten an den Türen weißer Villen und baten darum, ihr künftiges Eigentum einmal kurz besichtigen zu dürfen. Manche wollten auch die Dame des Hauses in Augenschein nehmen, denn auch die hatten sie gerade für zwanzig Dollar gekauft.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch auf makroökonomischer Ebene mussten einige Übertragungen geregelt werden. Das koloniale Wirtschaftsleben war ja auf vielen Ebenen mit dem kolonialen Staat verflochten, der in Kürze nicht mehr existieren würde. Zu diesem Zweck wurde in Brüssel eine zweite Round-Table-Konferenz einberufen. Die politischen Parteien im Kongo maßen dieser Tagung viel weniger Bedeutung zu. Das Wichtigste, die Unabhängigkeit, war ja entschieden, dachten sie. Überdies war es inzwischen Ende April, im Mai fanden die Wahlen statt, und alle steckten mitten im Wahlkampf. Von der Parteiprominenz konnte niemand für längere Zeit den Kongo verlassen. Stattdessen reisten junge Parteimitglieder nach Brüssel, wo sie von den paar Kongolesen unterstützt wurden, die in Belgien studierten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Teilnehmer war Mario Cardoso. Derzeit ist er zweiter Vizepräsident des Senats. In Kinshasa lud er mich zum Lunch ins Restaurant des vornehmen Hotels Memling ein. »Ich war der dritte Student aus dem Kongo, der in Belgien studieren durfte. Jedes Jahr schickte Raphaël de la Kéthulle einen Schüler der Scheutisten nach Leuven. Die Jesuiten waren der Ansicht, sie müssten die Menschen an Ort und Stelle ausbilden, aber die Scheutisten wollten zeigen, dass sich manche ihrer Schüler mit belgischen Studenten messen konnten. Der Erste, der nach Belgien ging, war Thomas Kanza, das war 1951. Er studierte Psychologie und Pädagogik. Eigentlich wollte er Jura studieren, aber das hatte ihm der Generalgouverneur verboten, aus Angst vor Subversion. Im Jahr darauf brach Paul Mushiete nach Belgien auf. Auch er studierte Psychologie und Pädagogik, und daneben noch Soziologie. Ich war 1954 an der Reihe. Eigentlich wollte ich zur Militärakademie, aber das durfte ich nicht, also studierte ich dann eben auch Psychologie und Pädagogik. 1959 kehrte ich nach Kinshasa zurück und wurde Assistent an der Universität Lovanium. Ich wollte Professor werden, aber Lumumba bat mich, an der Round-Table-Konferenz zur Besprechung der ökonomischen Fragen teilzunehmen. Ich habe die Lumumba-Fraktion der MNC-Delegation geleitet.« Inzwischen hatte es in der Partei eine Spaltung gegeben: Auf der einen Seite der MNC-L von Lumumba, unitaristisch, auf der anderen Seite der MNC-Kalonji, der für die Baluba in Kasai eintrat. »Es herrschte sehr viel Misstrauen auf der Konferenz. In der belgischen Delegation saßen Herren, die unsere Professoren gewesen waren. Mit ihnen mussten wir verhandeln. Nicht gerade einfach. Es ging um den künftigen Status der kolonialen Unternehmen, aber alles schien schon im Voraus entschieden zu sein.«70&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der runde Tisch zu den Wirtschaftsfragen war vor allem ein Versuch Brüssels, zu retten, was zu retten war. Belgien wollte seine wirtschaftlichen Interessen im Kongo sichern und vertrat die Ansicht, dass belgische Unternehmen die Freiheit erhalten mussten, zu bestimmen, wo ihr Firmensitz nach 1960 sein sollte.71 Cardoso war darüber noch immer verbittert: »Die Firmen durften es sich aussuchen, ob sie nach kongolesischem oder nach belgischem Recht weitermachen wollten. Diese Regelung wurde uns als vollendete Tatsache aufgezwungen.« Die meisten Unternehmen entschieden sich für Belgien, denn sie befürchteten eine fiskalische Instabilität im Kongo oder, schlimmer noch, eine Verstaatlichung. Seit Leopold II. war der Kongo ein Versuchsfeld der freien Marktwirtschaft gewesen. Die Betriebe profitierten von günstigen Steuervorschriften, zudem mischte sich der Staat so gut wie gar nicht ein. Große Konzerne, allen voran die &#039;&#039;Société Générale de Belgique&#039;&#039;, erlebten dort Zeiten von ungezügeltem Kapitalismus. Selbst dort, wo der Kolonialstaat Hauptaktionär war, zum Beispiel beim mächtigen &#039;&#039;Comité Spécial du Katanga&#039;&#039;, überließ er das Ruder in der Praxis den Managern. Angesichts der bevorstehenden Unabhängigkeit befürchteten viele Betriebsleiter, dass die Tage ihrer Autonomie und des guten Einvernehmens mit der Regierung gezählt waren. Sie blieben im Kongo aktiv, entschieden sich aber für Belgien als Firmensitz, sodass ihr Unternehmen unter belgisches und nicht unter kongolesisches Recht fiel. Durch diesen Transfer gingen der kongolesischen Staatskasse beträchtliche Steuereinnahmen verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Zukunft des »kolonialen Portfolios« kam bei den Verhandlungen zur Sprache. Mit diesem Portfolio waren die sehr umfangreichen Aktienpakete gemeint, die Belgisch-Kongo an zahlreichen kolonialen Unternehmen besaß (Minen, Plantagen, Bahnlinien, Fabriken). Was sollte damit geschehen? Sobald aus Belgisch-Kongo Kongo würde, wären diese Aktien ja Eigentum des neuen Staates. Diese Vorstellung widerstrebte den belgischen Politikern und Firmenchefs. Sie überzeugten die kongolesischen Delegierten davon, dass es eine gute Sache sei, wenn diese Firmenanteile der Regierung vom Staat auf eine neu zu gründende belgisch-kongolesische Entwicklungsgesellschaft übertragen würden. Das war ein raffinierter Schachzug, um den Daumen auf dem Geldbeutel zu halten.72 Auch hier rächte sich die mangelnde Wirtschaftskompetenz auf kongolesischer Seite. Menschen, die allenfalls Psychologie hatten studieren dürfen, sollten entscheidende makroökonomische Knoten durchschlagen. »Alles zweite Garnitur«, urteilte der damalige belgische Ministerpräsident Eyskens.73 Einer von ihnen war der Journalist Joseph Mobutu. Sein Freund Lumumba hatte ihn zu den Verhandlungen gesandt, und diese Erfahrung würde sein weiteres Leben prägen. Später sagte er darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da saß ich dann als naiver und ungehobelter kleiner Journalist mit den größten Haien der belgischen Finanzwirtschaft an einem Tisch! Ich hatte keinerlei Ausbildung im Finanzwesen, und das hatte auch keiner von meinen Mitstreitern, die die anderen politischen Richtungen vertraten. Es ist nicht gerade eine meiner besten Erinnerungen. Vom 26. April bis zum 16. Mai haben wir Schritt für Schritt diskutiert, aber ich kam mir vor wie so ein Cowboy aus dem Western, der sich jedes Mal von professionellen Betrügern ausnehmen lässt. Wir diskutierten bis spät in die Nacht, und am nächsten Tag erfuhren wir, dass das belgische Parlament in der Zwischenzeit Beschlüsse gefasst hatte, die die Verhandlungsergebnisse ungültig machten. Wir mussten um alles kämpfen. (. . .) Selbstverständlich haben wir uns bestehlen lassen. Durch eine ganze Reihe von juristischen und sachlichen Spitzfindigkeiten ist es unseren Gesprächspartnern gelungen, den Zugriff der Multinationals und der belgischen Kapitalisten auf das kongolesische Portfolio völlig abzusichern.74&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Schlimmste sollte noch kommen, doch erst einige Wochen später. Am 27. Juni 1960, drei Tage vor dem Unabhängigkeitstermin, löste das belgische Parlament – wohlgemerkt mit dem Einverständnis der kongolesischen Regierung – das Comité Spécial du Katanga auf.75 Ein enormer Fehler für den Kongo! Der neue Staat verlor dadurch die Kontrolle über den Minengiganten Union Minière, den Motor der nationalen Wirtschaft. Wie konnte es dazu kommen? Das CSK war faktisch eine staatliche Gesellschaft, die in Katanga Konzessionen an Privatfirmen vergab und dafür Aktien dieser Firmen erhielt. Dadurch hatte es eine Mehrheitsbeteiligung an der Union Minière und damit Entscheidungsgewalt. In der Praxis machte es von diesem Mitspracherecht wenig Gebrauch: Der Kolonialstaat vertraute in der Regel der Kompetenz der Geschäftswelt. Doch mit der Unabhängigkeit des Kongo drohte die Gefahr, dass sich der neue Staat tatsächlich für die Tätigkeiten der Union Minière und all ihrer Töchter interessieren würde. Und das wurde durch die Auflösung des CSK verhindert. Die kongolesischen Delegierten auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz sahen – in ihrer ganzen Abneigung gegen den Moloch des westlichen Kapitalismus – darin kein Problem, und die zukünftige Regierung Lumumba übernahm diese Einschätzung . . . Der Kongo blieb noch immer zu einem Teil der Eigentümer, hatte als Minderheitsaktionär jedoch viel weniger Macht und Gewinnansprüche als die großen belgischen Trusts wie die Société Générale de Belgique. Dadurch entgingen dem Land nicht nur etliche Millionen Dollar, sondern auch die Möglichkeit, die Industrie in den Dienst des Landes zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit großer Arglosigkeit tanzte das Land auf den Abgrund der Unabhängigkeit zu. Die politischen Schlüssel hatte man in der Tasche, die ökonomischen aber lagen sicher aufbewahrt in Belgien. Einen Tag nach diesem unglaublich gewieften Schachzug unterzeichneten beide Länder dennoch einen »Freundschaftsvertrag«, in dem die Rede war von Unterstützung und Hilfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende Mai fanden dann endlich die lang erwarteten landesweiten Wahlen statt. Die Wahlbeteiligung war hoch, das Ergebnis vorhersehbar. Neben dem MNC von Patrice Lumumba waren die größten Wahlsieger die regionalen Parteien mit mehr oder weniger starken separatistischen Tendenzen. Abako siegte in Bas-Congo, Conakat im Süden und Balubakat im Norden Katangas, der MNC von Kalonji in Kasai, Cerea im Kivu und PSA im Kwilu. Die beiden Letzteren waren keine wirklich tribal geprägten Parteien, boten aber in den ethnisch sehr zersplitterten Regionen des Kivu und des Kwilu eine Art supratribalen Elan. Die Karte der Wahlergebnisse im Kongo 1960 überschnitt sich also größtenteils mit den ethnographischen Karten, die Wissenschaftler ein halbes Jahrhundert zuvor erstellt hatten. Dieser tribale Reflex darf nicht als etwas Atavistisches gedeutet werden. Würden heute in Europa paneuropäische Wahlen stattfinden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die meisten Franzosen einen Franzosen wählen würden und die meisten Bulgaren einen Bulgaren. In einem unermesslich großen Land wie dem Kongo, in dem die Mehrzahl der Bevölkerung allenfalls die Grundschule besucht hatte, ist es sehr verständlich, dass viele Menschen für Vertreter aus ihrer Gegend stimmten. Als stärkste Kandidaten gingen Kasavubu, Lumumba und Tschombé aus den Wahlen hervor. Kasavubu kontrollierte den Westen des Landes, Lumumba den Nordosten und das Zentrum, Tschombé den äußersten Süden. In diesen drei Gebieten lagen auch die größten Städte: Léopoldville, Stanleyville, Elisabethville. Die kleineren Parteien teilten die ländlichen Gebiete dazwischen unter sich auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zersplitterung erleichterte die Regierungsbildung nicht gerade. Keine der Parteien besaß die absolute Mehrheit (Lumumbas überwältigender Wahlerfolg beruhte nur auf jeweils einem Drittel der gewählten Abgeordneten in fünf der sechs Provinzen, in Katanga bekam er keinen Fuß auf den Boden), und auch eine einfache Koalition mit einigen Partnern war nicht möglich. Lange Verhandlungen standen bevor. Zudem war die belgische Regierung sehr enttäuscht, dass Lumumba, den man als einen staatsgefährdenden Demagogen ansah, so viele Wähler an sich hatte binden können. Das führte sogar dazu, dass Brüssel eigens einen neuen Minister ernannte, W. J. Ganshof van der Meersch, und in den Kongo entsandte, wo er sich mit der Regierungsbildung befassen sollte. In seinem Schlepptau wurden außerdem vorsorglich belgische Truppen in die Kolonie verlegt. Lumumba war von diesen Schritten nicht gerade begeistert, und er machte daraus auch keinen Hehl. Zwischen den beiden Männern entwickelte sich eine gewaltige, wechselseitige Aversion. Zuerst durfte Kasavubu versuchen, eine Regierung auf die Beine zu stellen, doch als das misslang, erhielt Lumumba den Auftrag zur Regierungsbildung. Er stand nun vor der schier unlösbaren Aufgabe, die sehr unterschiedlichen Abgeordneten in einer gemeinsamen Regierungsmannschaft zu vereinen. Bis eine Woche vor dem Unabhängigkeitstermin hoffte der Vertreter Belgiens, dass Lumumba nicht Ministerpräsident werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch am 23. Juni stand die erste Regierung des Kongo. Sie zählte dreiundzwanzig Minister, neun Staatssekretäre und vier Staatsminister, Ämter, die über zwölf Parteien verteilt waren. Wie bei mühsam ausgehandelten Kompromissen üblich, waren am Ende mehr Beteiligte unzufrieden als zufrieden. Bolikango, der Doyen aus der Provinz Équateur, der in Brüssel die Einheitsfront geleitet hatte, musste erleben, wie ihm das Amt des Präsidenten im letzten Augenblick durch die Lappen ging. Lumumba benötigte nämlich dringend die Unterstützung der Abako und erhielt sie nur durch einen Kompromiss: Wenn Kasavubu seine separatistischen Bestrebungen unterdrückte, durfte er zum Dank Staatsoberhaupt werden. Lumumba, der große Wahlsieger, wurde aus diesem Grund nicht selbst Staatspräsident, sondern nur Ministerpräsident, obwohl seine Partei dreiunddreißig der 137 Parlamentssitze erlangt hatte und die von Kasavubu nur zwölf. Tschombé schließlich musste erkennen, dass er leer ausging und sich mit einem einzigen Ministerposten und nur einem Staatssekretariat für seine Partei begnügen musste. Sein Katanga erwirtschaftete den größten Teil der nationalen Einnahmen, bekam dafür jedoch wenig zurück: Das weckte Groll. Früher oder später musste es sich rächen. Auch das Parlament zögerte: Die neue Regierung wurde mit knapper Not von der Volksvertretung anerkannt.76 Der Start von Lumumbas Regierung war deshalb alles andere als die kollektive Dynamik einer Regierungsmannschaft, die einträchtig ein politisches Projekt realisierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nicht nur ein heterogenes und reizbares Team, es war noch dazu eine außergewöhnlich junge Mannschaft, die hier antrat. Drei Viertel dieser Politiker waren jünger als fünfunddreißig. Der jüngste war erst sechsundzwanzig: Thomas Kanza, der erste Kongolese mit Universitätsdiplom. Er wurde Vertreter des Kongo bei den Vereinten Nationen, ein Amt, das in den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit nicht gerade ein Zuckerschlecken war. Der älteste Minister war Pascal Nkayi, und der war gerade mal neunundfünfzig. Ihm wurde das Finanzressort übertragen; vorher war er als Angestellter bei der Postverwaltung tätig gewesen. Auch im Parlament überwog eine neue Elite: Nur drei der 137 Sitze wurden von traditionellen Häuptlingen eingenommen.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Regierung des Kongo übernahm von Belgien ein Land mit gut ausgebauter Infrastruktur: Es gab gut vierzehntausend Kilometer Eisenbahnlinien und mehr als hundertvierzigtausend Kilometer Schnellstraßen und Straßen, es gab gut vierzig Flughäfen oder Roll­felder und mehr als hundert Wasserkraft- und Elektrizitätswerke, es gab eine moderne Industrie (der Kongo war Weltmarktführer für Industriediamanten und viertgrößter Kupferproduzent der Welt), es gab Anfänge eines allgemeinen Gesundheitswesens (dreihundert Krankenhäuser für Einheimische, außerdem Polikliniken und Entbindungskliniken) und einen sehr hohen Alphabetisierungsgrad (1,7 Millionen Grundschüler 1959) – das alles war im Vergleich zu anderen afrikanischen Kolonien schlicht beeindruckend.78 Die Armee hatte außerdem in zwei Weltkriegen wichtige Erfolge verbucht. Doch Infra­struktur ist nicht alles. Thomas Kanza, der frischgebackene Minister, der Psychologie studiert hatte, war sich darüber im Klaren, dass diese Erfolge für viele Afrikaner relativ waren: »Sie haben, anders als es Europäer in der Regel wahrhaben wollen, mehr unter dem Defizit an aufrichtiger Sympathie, Achtung und Liebe von Seiten der Kolonisatoren gelitten als unter einem Mangel an Schulen, Straßen und Fabriken.«79 Außerdem: Was nützte einem ein vollständig ausgestattetes Land, wenn kaum jemand damit umzugehen wusste? Am Tag der Unabhängigkeit zählte der Kongo sechzehn (16) Menschen mit Universitätsdiplom. Es gab zwar Hunderte gut ausgebildete Krankenpfleger und Verwaltungsangestellte, doch in der Force Publique war nicht ein schwarzer Offizier. Es gab weder einen einheimischen Arzt noch einen Ingenieur, Juristen, Agronomen oder Ökonomen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Belgien hatte keine Erfahrung mit Kolonialisieren«, sagte Mario Cardoso bei unserem exquisiten Lunch im Memling, »aber noch weniger Erfahrung mit Entkolonialisieren. Warum musste das alles so schnell gehen? Hätten sie fünf Jahre gewartet, dann hätte der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere die Ausbildung abgeschlossen. Dann hätte es keine Meuterei in der Armee gegeben.« In der Zeit zwischen 1955 und 1960 suchte die Kolonialregierung fieberhaft nach Reformen, die etwas gegen die große Unruhe in der Gesellschaft bewirken könnten, doch es war &#039;&#039;too little too late&#039;&#039;. Die Entkolonialisierung wurde deshalb ein &#039;&#039;runaway train&#039;&#039;, den keiner mehr aufhalten konnte. Indem es erst so spät auf die begreiflichen Forderungen einer frustrierten Elite einging, entfesselte Brüssel ein Kräftespiel, das seine Fähigkeit, die Entwicklungen zu steuern, weit überstieg. Doch das gilt auch für die junge Elite des neuen Staates, die den sozialen Unmut der unteren Schichten nicht nur artikulierte und kanalisierte, sondern auch hochspielte und steigerte, bis er Ausmaße annahm, gegen die sie selbst keinen Rat mehr wusste. Die Chronologie der Ereignisse brachte ein Paradoxon ans Licht, das man lediglich zur Kenntnis nehmen, aber nicht lösen konnte: Die Entkolonialisierung begann viel zu spät, die Unabhängigkeit kam viel zu früh. Die übereilte Souveränität des Kongo war eine Tragödie, als Lustspiel getarnt, die nicht anders als verhängnisvoll ausgehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 7 Ein Donnerstag im Juni ==&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga stand an diesem Donnerstag schon um vier Uhr morgens auf. Er hatte bei seinem Schneider übernachtet, um nichts dem Zufall zu überlassen.1 Die Zeremonie fand erst um elf Uhr statt, aber dies war nicht irgendein Tag. Die Stadt, in der fast eine Million Menschen lebten, war noch dunkel und still. Eine träge Hitze hing zwischen den Häusern und Hütten. Nichts regte sich. Die Wäsche: bewegungslos auf der Leine. Das Feuer: spröde Kohleschlacken. Unsichtbar die Kinder, die in eckigen Haltungen schliefen. Unsichtbar die Männer und Frauen, die sich aneinanderschmiegten – Trost für eine Nacht oder für ein ganzes Leben. Auf dem leeren Boulevard sprangen die Ampeln lustlos von Grün auf Orange auf Rot um. Das Wasser der Swimmingpools in den Vierteln der Europäer lag spiegelglatt da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vögel waren noch stumm. Und etwas weiter, hinter den Gärten und Villen, den Rasenflächen und Bougainvilleen, glitt das dunkle Wasser des mächtigen Flusses still vorbei. Noch immer schwammen kleine Vegetationsinseln mit, Grassoden und Pflanzen, Hunderte Kilometer stromaufwärts losgerissen aus dem Urwald, Baumstümpfe, die sich im Dunkeln drehten und bei den ersten Katarakten aufragen und in der Gischt des Flusses hinabstürzen würden. So ging es schon seit Jahrtausenden. Die Natur kümmerte es nicht, dass dies ein besonderer Tag war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga zündete das Licht an. Er betete und er wusch sich. Auf einem Kleiderbügel hing sein nagelneuer Anzug. Vorsichtig zog er die Hose unter der Jacke hervor. Sein Schneider hatte ihm einen prachtvollen Smoking genäht. Der glatte Stoff der Hose fühlte sich kühl an, das Hemd war herrlich steif, die Jacke saß wie angegossen um seine kleine Gestalt. Er stellte sich vor den Spiegel. Wer hätte jemals gedacht, dass er, Jean Lema mit bürgerlichem Namen, aber für alle Jamais Kolonga, heute eine so wichtige Rolle spielen würde? Bis vor ein paar Jahren hatte er als Angestellter im Landesinneren gearbeitet, in der Provinz Équateur. Er war bei Otraco für die Verwaltung der Flussschiffe zuständig. Doch bereits damals lag Veränderung in der Luft. Als er befördert wurde, ersetzte er einen Weißen; er bekam den Posten, den vorher Monsieur Eugène, ein Belgier aus Verviers, bekleidet hatte. 1958 kam er zurück nach Léopoldville, eigentlich nur für einen kurzen Besuch, und schnupperte dort, wie er es ausdrückte, »den Duft, das Parfum der Unabhängigkeit«. Kasavubu ging noch immer bei seinen Eltern ein und aus, er hörte den aufregenden Gesprächen zu und bekam eine Ahnung von den unglaublichen Möglichkeiten. Ins Landesinnere wollte er jetzt nicht mehr, obwohl ihn sein Arbeitgeber mehrfach dazu aufforderte. Auf dem Boulevard im Stadtzentrum begegnete er dem großen Bolikango. Bolikango war auch bei tata Raphaël zur Schule gegangen; er war einer der wenigen Kongolesen, die im Hinblick auf eine bald bevorstehende Unabhängigkeit einen hohen Posten in der Verwaltung bekommen hatten, als Staatssekretär im Informationsministerium. Bolikango wusste natürlich, wie eloquent Jamais Kolonga war, und erinnerte sich daran, was für ein Über-&#039;&#039;évolué&#039;&#039; sein Vater war. Immerhin war König Baudouin bei ihm zu Besuch gewesen! Durch das Seitenfenster seines Autos schlug Bolikango Jamais Kolonga vor, Redakteur, Sprecher und Übersetzer beim Informationsdienst des Generalgouvernements zu werden. Jamais Kolonga erklärte sich einverstanden. Vom Büroangestellten in der Binnenschifffahrt wurde er zum Rundfunkjournalisten beim staatlichen Sender. Das Parfum der Unabhängigkeit würde er von nun an täglich schnuppern können. Als Reporter war er nicht nur von Modenschauen zu Fußballspielen unterwegs, sondern er erlebte auch den großen politischen Umbruch in seinem Land aus nächster Nähe. Als in Brüssel die Round-Table-Konferenz stattfand, durfte er jeden Tag aus dem Studio darüber berichten. Und als Kasavubu am 26. Juni 1960 als erster Präsident des in Kürze unabhängigen Kongo vereidigt wurde, war er als Reporter dabei. Sein TEAC umgehängt, das bleischwere Aufnahmegerät jener Zeit, hatte er die Interviews gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine neuen schwarzen Schuhe glänzten und hatten noch ganz helle Sohlen. Kasavubus Eideszeremonie lag vier Tage zurück. Jamais Kolonga hatte seinen Job gut gemacht. Vor zwei Tagen hatte man ihn gefragt, ob er auch bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung die Live-Berichterstattung übernehmen könne. Das wollte er gern tun. Nur musste sein Schneider nun Tag und Nacht durcharbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
30. Juni 1960. Offiziell war der Kongo schon seit Mitternacht unabhängig, aber mit dem Festakt im Palast der Nation sollte der Übergang offiziell gewürdigt werden. König Baudouin war eigens aus Belgien gekommen; er würde Präsident Kasavubu die Macht übergeben, nach zweiundfünfzig Jahren belgischer Kolonialregierung und fünfundsiebzig Jahre, nachdem sein Großonkel Leopold II. den Freistaat gegründet hatte. Und bei diesem historischen Ereignis durfte Jamais Kolonga vom Ort des Geschehens berichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Geschichte der belgischen Präsenz in Zentralafrika hatte die Geschichte seiner Familie tiefgreifend beeinflusst. Sein Vater hatte durch seine Ausbildung einer der wichtigsten &#039;&#039;évolués&#039;&#039; der Kolonie werden können, während sein Großvater noch als Jäger in seinem Dorf gelebt hatte. Jamais Kolonga kannte die Geschichten über ihn. »Als die Weißen in Bas-Congo ankamen, trug er ihre Koffer auf dem Kopf. Er hatte keine Angst vor den Weißen, tat aber, was sie von ihm verlangten. Er war polygam, aber nachdem er sich hatte taufen lassen, schickte er zwei seiner drei Frauen weg.« Kein einziges individuelles Leben, nicht mal im tiefsten Hinterland, war von der großen Geschichte unberührt geblieben. Es war alles sehr schnell gegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Viertel nach sechs gab es ein Briefing mit dem Leiter des Informationsamtes. Die Pressemappen wurden zusammengestellt. Vor wenigen Minuten war noch ein Text von Ministerpräsident Lumumba eingetroffen, der auch unter den Journalisten verteilt werden sollte. Jamais Kolonga bekam seinen Platz ganz vorn im Saal zugewiesen. Alles sollte würdevoll und geordnet ablaufen, hieß es noch einmal mit Nachdruck. Am Vortag war es bereits zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen, als der König und Kasavubu in einem offenen amerikanischen Straßenkreuzer durch die Stadt gefahren waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Jahr 1955 hatte Baudouin dem Volk zugewinkt, das in großer Zahl erschienen war, um am Straßenrand ebenfalls zu winken, doch aus der Menschenmenge hatte sich ein Mann nach vorn gedrängt und den Degen des Königs an sich gerissen. Die Szene war gefilmt und fotografiert worden. Baudouin, der seine weiße Galauniform trug, stand aufrecht in der Limousine, links von ihm stand Kasavubu in einem schwarzen Maßanzug. Baudouin salutierte den Soldaten der Force Publique, die auf der linken Straßenseite die belgische Trikolore hochhielten. Der Monarch hatte, als er an seiner rechten Seite etwas spürte, nicht gleich gemerkt, was da geschah. Ein Mann mit hoher Stirn und einem länglichen Gesicht rannte weg und schwenkte wild den königlichen Degen, eines der Insignien der belgischen Monarchie. Mehr als nur eine Waffe war dieser Degen ein Symbol für die Macht des Herrscherhauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zwischenfall wurde lebhaft kommentiert. »Der Mann war nicht ganz richtig im Kopf«, meinte Jamais Kolonga. »Er war ein &#039;&#039;feu-follet&#039;&#039;, ein Irrlicht, eine unruhige Seele mit leichtem Wahnsinn. Er galt allgemein als ein bisschen verrückt.« Das war sehr wahrscheinlich. Viele Europäer sahen es als Ulk, als einen dummen Studentenstreich, der die Machtübergabe noch einmal besonders akzentuieren sollte, aber für viele Kongolesen aus den einfachen Stadtvierteln war es kein Witz, sondern eine äußerst tollkühne Tat. Einen geheiligten Gegenstand, der dem Herrscher gehört, einfach anfassen und stehlen? Der Mann wird heute Nacht sterben, sagten sie. Wenn eine Maske, eine Ahnenskulptur, ein Leopardenfell oder ein Affenschwanz bereits magische Kräfte besaßen, so galt das gewiss auch für den Degen eines europäischen Herrschers. Auch unter &#039;&#039;évolués&#039;&#039; stieß die rebellische Geste auf Missbilligung. Victorine Ndjoli, das Fotomodell mit dem Führerschein, meinte dazu: »Wir waren wirklich beschämt, dass sich so ein Spinner das Schwert von König Baudouin geschnappt hat. Erst später haben wir erfahren, dass er nicht ganz richtig im Kopf war.«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoffentlich läuft heute alles reibungslos ab, dachte Jamais Kolonga. Die Zeremonie sollte makellos sein. Aber die Leute hatten so seltsame Erwartungen an die Unabhängigkeit. Viele hatten kleine Kisten mit Steinen vergraben und hofften, die Steine hätten sich nach der Unabhängigkeit in Goldklumpen verwandelt. Nicht wenige glaubten, die Toten würden auferstehen.3 Man hatte schon Kleidungsstücke auf die Gräber mancher Ahnen gelegt, um sie willkommen zu heißen, und die Grabstätten weniger geliebter Menschen mit Wellblechplatten abgedeckt, um zu verhindern, dass sie aus der Erde krochen. In den Dörfern des Inlandes schlossen sich manche Menschen aus Angst vor den zurückkehrenden Toten vier Tage lang in ihrer Hütte ein. Schwangere Frauen verließen die Häuser nicht mehr.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Städten äußerte sich das Unabhängigkeitsfieber mehr in sozialen Phänomenen. In Stanleyville bauten sich manche Leute ohne Genehmigung Hütten auf Grundstücken, die Europäern gehörten. Anhänger der Kitawala-Religion, die jahrelang in der Illegalität gelebt hatten, besetzten leerstehende Villen von Belgiern, die das Land verlassen hatten, und vollzogen dort nachts mit Fackeln und Gesängen ihre Rituale. In Léopoldville gab es vor dem großen Festtag bedeutend mehr Fälle von Diebstahl und Vandalismus. Boys lachten ihre Chefs aus, setzten sich auf die Motorhaube ihrer Autos und weigerten sich hartnäckig, wieder herunterzusteigen.5&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr sah Jamais Kolonga, wie allerlei Prominenz in die große Rotunde des Palastes der Nation strömte: Parlamentarier und Senatoren aus Belgien neben Diplomaten, hohen Offizieren und zivilen Würdenträgern, Delegationen aus befreundeten afrikanischen Staaten. Prinz Hassan von Marokko war erschienen, Präsident Youlou von Kongo-Brazzaville und König Kigeri von Ruanda. Vor allem aber sah er die gerade erst gewählten Volksvertreter und Senatoren des neuen Kongo. Der Palast der Nation, ein neues Gebäude, das erst vor wenigen Jahren als Residenz des Generalgouverneurs errichtet worden war (man hatte geglaubt, dieses Amt würde noch Jahrzehnte bestehen), diente nun als Parlament. Unter der großen Kuppel der Rotunde trugen die meisten Politiker dunkle, westliche Anzüge, andere aber waren geschmückt mit traditionellen Kopfbedeckungen voller Muscheln, Federn und Tierfellen, Kopfbedeckungen, die ebenso beeindruckend waren wie der weiße Helm mit Geierfedern, den der Generalgouverneur trug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als alle Platz genommen hatten, trat Ministerpräsident Lumumba ein. Kurz darauf sprangen alle im Saal auf, um König Baudouin und Staatspräsident Kasavubu zu begrüßen. Baudouin ergriff als Erster das Wort. Der nette und wohlwollende Fürst hielt eine Rede, die eher im Jahr 1900 als im Jahr 1960 geschrieben zu sein schien. Er rühmte das Werk von Leopold II., als habe niemals ein Untersuchungsausschuss dessen Herrschaft gerügt: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde.« Und er scheute nicht vor Paternalismus zurück: »Es ist nun an Ihnen, meine Herren, zu beweisen, dass wir recht daran taten, Ihnen zu vertrauen. (. . .) Ihre Aufgabe ist unermesslich, und Sie sind die Ersten, die sich darüber im Klaren sind. (. . .) Haben Sie keine Scheu, sich an uns zu wenden. Wir sind bereit, Ihnen weiterhin zur Seite zu stehen und Ihnen mit unserem Rat zu helfen.«6&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er zu Ende gesprochen hatte, applaudierte der Saal höflich. In diesem Augenblick hörten in den Dörfern und den Stadtvierteln der Einheimischen Tausende Menschen, die gebannt vor ihrem Transistorradio saßen, die klare Stimme von Jamais Kolonga, die auf Französisch, Lingala und Kikongo mitteilte: »Meine Damen und Herren, Sie haben soeben die Ansprache von Seiner Majestät dem König der Belgier gehört. Dies ist nun der Moment, in dem der Kongo unabhängig wird.«7 Er, der kleine Jamais Kolonga mit den leuchtenden Augen, war der erste Kongolese, der sein Land als unabhängig bezeichnen durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann hatte Präsident Kasavubu das Wort, der Mann, den Jamais Kolonga so oft erlebt hatte, wenn er im Wohnzimmer mit seinem Vater leidenschaftlich diskutierte, der Mann, der bei seiner Ernennung zum Bürgermeister eine flammende Anklage gegen die Kolonialmacht formuliert hatte. Nun jedoch war seine Rede zurückhaltend und versöhnlich. Nicht verwunderlich: den Text hatte Jean Cordy abgefasst, der Belgier, der noch Kabinettsschef von Generalgouverneur Cornelis gewesen war. »Ich habe Kasavubus Text geschrieben, jedenfalls die erste Fassung. Ich hatte auch schon den Text geschrieben, als er Präsident wurde.«8 Nach dem Protokoll war damit der Teil der Zeremonie, der für Ansprachen vorgesehen war, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Rede des Präsidenten war Lumumba zornig damit beschäftigt, etwas zu korrigieren. Er hatte einen kleinen Stapel Papier auf den Knien und notierte hier und da eine Bemerkung. Lumumba hatte am Vortag die zahme Rede Kasavubus kurz überfliegen dürfen und war der Ansicht, er könne es nicht dabei bewenden lassen. Er wollte den Vertretern der Kolonialmacht unbedingt zum letzten Mal Kontra geben. Und sich damit auch selbst ins rechte Licht rücken, denn es störte ihn sehr, dass nicht er, sondern Kasavubu die Honneurs machen durfte. Als großer Wahlsieger musste er mit ansehen, wie sich sein Erzrivale Kasavubu neben König Baudouin groß aufspielen durfte, obwohl er doch als Regionalist den Kongo nicht einmal als Ganzes liebte.9 Lumumba schrieb seine Rede in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag; noch immer kam er mit wenigen Stunden Schlaf aus. Dem Vernehmen nach schrieb sein belgischer Berater und unbedingter Unterstützer Jean Van Lierde an dem Text mit. Heute gilt Lumumbas Ansprache als eine der großen Reden des zwanzigsten Jahrhunderts und als ein Schlüsseltext der Entkolonialisierung Afrikas:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn heute die Unabhängigkeit des Kongo proklamiert wird im Einvernehmen mit Belgien, einem befreundeten Land, mit dem wir auf gleichem Fuß stehen, so kann kein Kongolese, der dieses Namens würdig ist, vergessen, dass wir die Unabhängigkeit im Kampf errungen haben, in einem Kampf von Tag zu Tag, einem glühenden und idealistischen Kampf, bei dem wir weder Mühen noch Entbehrungen scheuten, der uns Leid brachte und für den wir unser Blut gaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind zutiefst stolz auf diesen Kampf der Tränen, des Feuers und des Blutes, denn es war ein edler und berechtigter Kampf und unentbehrlich, um der erniedrigenden Sklaverei, die uns gewaltsam auferlegt wurde, ein Ende zu bereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war unser Schicksal während der achtzig Jahre der Kolonialherrschaft; noch sind unsere Wunden zu frisch und zu schmerzhaft, um sie aus unserem Gedächtnis zu verbannen. Wir mussten zermürbende Arbeit leisten, zu einem Lohn, der es uns nicht ermöglichte, den Hunger zu stillen, uns zu kleiden und in anständigen Verhältnissen zu wohnen und unsere Kinder als geliebte Wesen großzuziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden verhöhnt und beleidigt, wir mussten morgens, mittags und abends Schläge ertragen, weil wir Neger waren. Wer wird jemals vergessen, dass man einen Schwarzen selbstverständlich duzte – nicht etwa, wie man einen Freund duzt, sondern weil das respektvolle »Sie« den Weißen vorbehalten war?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass man unser Land raubte aufgrund von Texten, die sich Gesetze nannten, in Wirklichkeit aber nur das Recht des Stärkeren besiegelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass das Gesetz für Weiße und Schwarze nie gleich war: entgegenkommend für die einen, grausam und unmenschlich für die anderen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden Zeugen des schrecklichen Leides jener Menschen, die wegen ihrer politischen Überzeugung oder ihres Glaubens verbannt wurden; im eigenen Land im Exil, war ihr Schicksal schlimmer als der Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir mussten erleben, dass es in den Städten herrliche Häuser für die Weißen gab und baufällige Hütten für die Schwarzen, dass Schwarze weder in die Kinos noch in die Restaurants und Geschäfte der Europäer durften; dass Schwarze auf Schiffen unter Deck reisten, zu Füßen der Weißen in ihren Luxuskabinen.10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren tatsächlich Worte, die im Gedächtnis haften blieben. Wie alle großen Ansprachen verdeutlichte Lumumbas Rede die abstrakte Geschichte anhand konkreter Details und veranschaulichte das große Unrecht durch zahlreiche greifbare Beispiele. Doch das Timing war denkbar unglücklich. Es war der Tag, an dem der Kongo die Unabhängigkeit erlangt hatte, Lumumba aber sprach, als sei der Wahlkampf noch in vollem Gange. Zu sehr darauf fixiert, Unsterblichkeit zu erlangen, zu verblendet durch die Romantik des Panafrikanismus, vergaß er, der doch der größte Verfechter der Einheit des Kongo war, dass er sein Land an diesem ersten Tag der Autonomie vor allem versöhnen musste und nicht spalten durfte. Er nahm für sich in Anspruch, die Stimme des Volkes zum Ausdruck zu bringen – das passte in die exaltierte Rhetorik der damaligen Zeit (das Volk, das Joch, der Kampf und natürlich: die Freiheit) –, aber das Volk stand nicht wie ein Mann hinter ihm; er hatte schließlich weniger als ein Drittel der Stimmen auf sich vereinen können. Lumumbas Rede war deshalb großartig in ihrer Tragweite, aber problematisch in ihrer Wirkung. Und im Vergleich zu den wahrhaft grandiosen Ansprachen in der Geschichte – der Gettysburg Address von Abraham Lincoln von 1863 (&#039;&#039;»a government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth«&#039;&#039;), der ersten Rede von Winston Churchill als britischer Premierminister am 13. Mai 1940 (&#039;&#039;»I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat«&#039;&#039;), der Rede von Martin Luther King 1963 (&#039;&#039;»I have a dream«&#039;&#039;), den Worten über Demokratie, die Mandela 1964 seinen Richtern entgegenhielt (&#039;&#039;»It is an ideal which I hope to live for and to achieve. But if needs be, it is an ideal for which I am prepared to die«&#039;&#039;), oder der &#039;&#039;acceptance speech,&#039;&#039; mit der Barack Obama 2008 die Welt begeisterte (&#039;&#039;»Change has come to America«&#039;&#039;) – waren Lumumbas Worte mehr in die Vergangenheit als in die Zukunft gerichtet, enthielten mehr Wut als Hoffnung, mehr Groll als Großmut und damit mehr Rebellion als staatsmännischen Weitblick.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jamais Kolonga saß in der ersten Reihe. Er hörte, wie die Lumumba-Anhänger im Saal die Rede acht Mal mit ihrem Applaus unterbrachen, aber er sah auch, wie »die Mienen der Gäste eisig wurden und der König erbleichte«. Er sah, wie sich Baudouin zu Kasavubu neigte und um eine Erklärung bat, aber der war wie erstarrt: auch er war von Lumumbas Initiative überrascht. Lumumbas Text war – mit einer Sperrfrist – an die Presse gegeben worden, doch weder der König noch der Präsident hatten ihn vorher gesehen. Nach dem Festakt war Baudouin erbost und zugleich tief gekränkt. Für ihn muss es eine schmerzliche Erinnerung an seine eigene Thronbesteigung gewesen sein. Damals, vor zehn Jahren, hatte der kommunistische Senator Julien Lahaut auf dem Höhepunkt der Zeremonie »Vive la république« gerufen. Auch damals hatte es ein glanzvoller Tag werden sollen, ein festliches Ereignis, um ihn in Amt und Würden einzusetzen, aber auch damals war der Festakt durch einen linken Unruhestifter verdorben worden, der ungebeten alle Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine Woche später war Lahaut von ein paar unbekannten Männern auf der Schwelle seines Hauses von Kugeln durchsiebt worden; die Umstände seines Todes waren ähnlich nebulös und gewalttätig wie das Schicksal, das Lumumba ein halbes Jahr später ereilen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Baudouin wäre am liebsten sofort nach Belgien zurückgekehrt. Ihm stand nicht mehr der Sinn danach, den Friedhof der Pioniere und das Reiterstandbild von Leopold II. zu besuchen. Aber der belgische Ministerpräsident Eyskens stellte Lumumba zur Rede und verlangte von ihm, beim Mittagsmahl eine zweite, freundlichere Ansprache zu halten. So geschah es: Eyskens verfasste den Text, Lumumba las ihn trocken vor, Baudouin blieb doch noch bis zum Abend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein Irrtum zu glauben, dass der ganze Kongo über die kühnen Worte seines Ministerpräsidenten in Jubel ausbrach. Vierzehn Millionen Menschen denken selten das Gleiche. Jamais Kolonga jedenfalls fand die Rede problematisch: »Lumumba war kein Diplomat, er war viel zu kategorisch. Kasavubu, das war ein Gentleman. Er wollte ein paar von den Weißen dabehalten als stellvertretende Direktoren in den Provinzen, im Landwirtschafts- und Finanzressort. Aber unsere Verfassung räumte dem Ministerpräsidenten zu viel Macht ein. Die Rolle des Staatspräsidenten war darin ähnlich definiert wie die des belgischen Königs: Er herrschte, aber er regierte nicht.« Da Jamais Kolonga aus Bas-Congo stammte, galt seine Sympathie eher Kasavubu. Für viele Bakongo war Lumumba kein Held. »Kasavubu war friedfertig, gebildet und respektvoll«, sagen alte Leute in Bas-Congo noch immer, »Lumumba hatte nichts im Kopf, er war impulsiv und unverschämt. Ihm haben wir unsere Misere zu verdanken. Wie er vor dem König geredet hat, das war unverantwortlich! Er hätte sagen müssen: ›Ihr habt jetzt die Unabhängigkeit, also los, an die Arbeit!‹, statt die kleinen Probleme aus der Vergangenheit anzusprechen.«11 Fast alle älteren Einwohner von Boma, Matadi und Mbanza-Ngungu (dem früheren Thysville) können sich noch heute darüber aufregen. »Damals hat alles angefangen. Lumumbas Rede hat die Belgier gegen uns aufgebracht. Der König wollte nicht mal mehr zum Essen bleiben. Kasavubu wollte die Belgier nicht vertreiben, aber Lumumba wollte Tabula rasa machen. Es war ein sehr schlechter Start. Und das sage ich auf Ehre und Gewissen, nicht mal aus ethnischen Gründen.«12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch glühende Mitstreiter Lumumbas setzten ein Fragezeichen hinter die Rede. Mario Cardoso, der aus Stanleyville kam, der Stadt Lumumbas, und ihn auf der ökonomischen Round-Table-Konferenz in Brüssel vertreten hatte, erzählte mir: »Ich saß im Saal und war sprachlos. Lumumba verhielt sich wie ein Demagoge. Ich war Mitglied des MNC, aber unsere Kampagne hatte nichts mit dem zu tun, was er sagte. Einige &#039;&#039;députés&#039;&#039; applaudierten, ich nicht. Er begeht politischen Selbstmord, dachte ich.«13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Kongo widmete man dem Vorfall weniger Aufmerksamkeit. In Elisabethville verlief alles ruhig und in freundschaftlicher Atmosphäre. Tschombé, der sich mit einem Posten als Provinzgouverneur hatte zufriedengeben müssen, betonte noch einmal die Bedeutung der herzlichen Freundschaftsbande zwischen Belgien und dem Kongo. Während der Unabhängigkeitsfeier in der Minenstadt sang der Kinderchor &#039;&#039;De Zangertjes van het Koperen Kruis (Die kleinen Sänger des Kupferkreuzes)&#039;&#039; mit lieblichen Stimmen Lobeslieder. Weiße, die sich an die Tatsache gewöhnen mussten, plötzlich keine Kolonialherren mehr zu sein, feierten sogar in Vierteln der Einheimischen und waren dort willkommen.14 Auch andernorts wurden Messen zelebriert, Kantaten gesungen und Huldigungen dargebracht. Die Nachricht von Lumumbas Rede verbreitete sich erst später. Was den Inhalt betraf, widersprachen ihm nur wenige, aber viele fragten sich, ob das in dieser Situation wirklich nötig gewesen sei. Ein Bewohner der Hauptstadt meinte: »Eine Geburt findet unter Wehen statt. So ist es nun mal. Aber wenn das Kind dann auf der Welt ist, lächelt man ihm zu.«15&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verlief dieser erste Tag des freien Kongo. Es gab Umzüge und Spiele, Volkstänze und Feuerwerk. Vier Tage lang sollte das Fest dauern, von Donnerstag bis Sonntag. Der Kongo begann mit einem langen, freien Wochenende. Es gab Sportwettkämpfe im Stade Baudouin (Kasavubu sollte den Gewinnern den Pokal überreichen, doch Lumumba nahm ihn ihm aus der Hand und machte es selbst).16 Es gab ein Radrennen in den Straßen der Stadt (die belgischste aller Sportarten, aber die ersten drei Plätze erreichten Kongolesen). Und es gab vor allem Bier, viel Bier, sehr viel Bier. Es war Monatsende, alle hatten gerade ihren Lohn ausbezahlt bekommen. An den Wänden der Bars stapelten sich die Bierkästen. Nach einigen Tagen ordnete die neue Regierung an, dass alle Verkaufsstellen für alkoholische Getränke zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr morgens schließen mussten. Die Sache geriet ein wenig außer Kontrolle, doch es war harmlos. Bis auf ein paar Unruhen in Kasai gab es keine Angriffe gegen Belgier, keine Lynchmorde, keine Vergewaltigungen, keine Plünderungen europäischer Häuser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Mann lag allerdings an diesem ersten Tag der Unabhängigkeit, wie er mir erzählte, auf dem Boden einer Gefängniszelle und stöhnte vor Schmerzen: Longin Ngwadi! Der Mann aus Kikwit, der Gläubige, der Priester hatte werden wollen, aber es nicht durfte, &#039;&#039;Élastique&#039;&#039;, der Starfußballer vom Daring Club, der ehemalige Boy von Generalgouverneur Pétillon, der Mann, der nach Belgien gereist war, um die Weltausstellung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; zu sehen, er, ausgerechnet er, war der erste Dissident des neuen Staates. »Mein Magen war geschwollen wie ein Luftballon. Ich blutete aus Nase und Anus. Ich pinkelte Blut, ließ faulige Winde. Ich hatte Handschellen um, wie ein Dieb.« Als Jamais Kolonga sich um vier Uhr morgens für den großen Tag in Schale warf und Lumumba noch an seiner Rede schrieb, lag Longin bereits seit Stunden in der Zelle und beklagte sein Schicksal. Tags zuvor hatte Provinzgouverneur Bomans ihn verhaften lassen. »Mit zwei Jeeps voller Soldaten haben sie mich abgeholt. ›Sie sind verrückt‹, sagte Bomans zu mir. ›Ich bin nicht verrückt‹, sagte ich, ›ich bin normal. König Baudouin ist mein Bruder. Machen Sie, was Sie wollen, ich bin ein Prophet, wie Elias oder Jeremias.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich Longin Ngwadi nach monatelanger Suche 2008 endlich in Kikwit antraf, wusch er sich gerade im Fluss. Zu meinem Empfang zog er etwas an, das ihm lieb und teuer war: ein Hemd mit Leopardenmuster, an das er ein Foto von Lumumba mit Gizenga gesteckt hatte. Gizenga war sein großer politischer Held, ein Mann aus seiner Region, der in der Regierung Lumumba Vizepremier war und zum Zeitpunkt unserer Begegnung die letzten Tage in seinem Amt als Premierminister unter Joseph Kabila verbrachte. Papa Longin war einer der schillerndsten Kongolesen, denen ich je begegnet bin, und das nicht nur wegen seines sonderbaren Lebenswandels. Schon seine Aufmachung war atemberaubend. Um den Hals trug er bei dieser ersten Begegnung ein großes Kruzifix, daneben ein Medaillon der heiligen Theresa mit dem Jesuskind und ein Medaillon mit dem Erzengel Michael, ein kleines blaues Kreuz aus Lourdes, einen alten Schlüssel der Marke ICSA, &#039;&#039;made in Italy&#039;&#039;, den er als »den Himmelsschlüssel« bezeichnete, einen Hammer, der für ihn »Jean Marteau, das ist der Beiname von Kamitatu« symbolisierte, den anderen großen Politiker aus der Gegend, und schließlich eine kleine Trillerpfeife, »denn wenn ich eine Vision habe, pfeife ich alle zusammen, um die Botschaft weiterzugeben«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longins Phantasie war grenzenlos. So behauptete er, dass er der Mann der verwegenen Aktion vor einem halben Jahrhundert gewesen sei: »Ja, ich bin der Mann, der Baudouin den Degen entrissen hat.« Lange Zeit glaubte ich, dass er die Wahrheit sagte. Mit seiner hohen, runden Stirn und den ovalen Augenhöhlen sah er dem Mann auf dem berühmten Foto täuschend ähnlich. Aber inzwischen wissen wir, dass zahlreiche Geschichten über dieses Ereignis kursieren. Mehrere betagte Kongolesen behaupten, sie wüssten, wer den Degen gestohlen hat und warum, während der tatsächliche Täter vermutlich längst verstorben ist.17 Diese Geschichten, auch wenn sie oft erfunden sind, enthalten eine Fülle von Informationen über die subjektiven Erinnerungen an die Entkolonialisierung. »Baudouin war eine Ikone«, sagte Longin, »ein &#039;&#039;chouchou&#039;&#039;, er war unkompliziert, sehr jung, sehr hübsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem Longin von seinem belgischen Abenteuer zurückgekehrt war und Pétillon als Generalgouverneur abgelöst worden war, geriet auch er in den Bann des Unabhängigkeitsfiebers. Er hatte insbesondere einen Blick für dessen mystische Dimensionen. Er streifte durch die Straßen von Léopoldville und besuchte täglich die Église Saint-Pierre im Stadtteil Limete. Dort las Monseigneur Malula die Messe. Malula war 1959 zum Bischof geweiht worden; er war ein hochintelligenter Mann, der den Unabhängigkeitskampf hautnah miterlebte und sogar am &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; mitgewirkt hatte. Später würde er der erste Kardinal aus dem Kongo werden und Auffassungen vertreten, die denen Mobutus diametral entgegengesetzt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jeden Tag ging ich in seine Kirche. Wenn ich betete, wurde alles hell. Ich hatte die Kraft des Geistes und die Vision der Geschichte. Alle Gebete kamen, als würde ich sie schon vorher kennen, ich sang viele neue Lieder, ich brach alle Geheimnisse, ich sah Blumen, viele Blumen. &#039;&#039;Tiens&#039;&#039;, sagte ich, der liebe Gott schenkt mir Frieden. Ich ging zu Malula und erzählte es ihm. Er gab mir einen Kuli und ein Heft und bat mich, meine Visionen aufzuschreiben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Longin ist auch heute noch ein sehr frommer Mann. Sein ganzes Dasein ist geprägt von Spiritualität. Er betet ständig, beginnt kein Gespräch, ohne seine Besucher erst mit Haarspray oder Parfum zu segnen, und hebt die Hände zum Himmel, um Schutz zu erbitten. Religion und Politik gehen bei ihm nahtlos ineinander über. Eingenebelt von billigem Frauenparfum begleitete ich ihn einmal über den Markt von Kikwit, der sich die Hauptstraße der Unterstadt bis zur Brücke über den Kwilu entlangzieht. Jede fünf Minuten blieb er stehen, blies in seine schrille Pfeife und rief allen, die es hören wollten, auf Kikongo zu: »Kinder von Kikwit, wenn ihr jetzt noch nicht an meine Kraft glaubt, dann seht euch diesen Besucher an. Ich habe Gizenga darum gebeten, einen Weißen zu schicken, und nun ist er da!« Sein Sohn musste ihn nach einer halben Stunde ermahnen, die Vision den Gegebenheiten anzupassen, da nicht jeder ein Verehrer von Gizenga sei und meine Sicherheit gefährdet sein könne. Kurz vor der Brücke stand eine unheimliche Marktbude mit Fetischen, Kräutern, Masken und Affenschädeln. Alle gingen daran vorbei. »Nicht hinsehen«, sagte der Sohn zu mir, »das bringt Unglück.« Longin aber schaute sich die Dinge genau an, weil er sich mächtiger fühlte als alle Hexerei. Zu Hause hatte er einen magischen Degen gefertigt: Den Stiel eines alten Regenschirms hatte er mit künstlichen Blumen, Resten von Kupferdraht, einer Christusfigur mit Blumen und einem Fähnchen der Palu, der &#039;&#039;Parti Lumumbiste Unifié&#039;&#039;, Gizengas heutiger Partei, geschmückt. Die Reminiszenz an den magischen Degen von vor fünfzig Jahren war offenkundig. In seiner &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; verschmolzen Erinnerung und Mystik mühelos miteinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hatte mich an einer günstigen Stelle postiert und wartete auf Baudouin beim Bahnhof, beim Denkmal für die Eisenbahnarbeiter. Alle wollten ihn sehen, er war ein gutaussehender junger Mann, aber überall standen Soldaten mit Gewehren. Es war unmöglich, aber dank meiner Kraft konnte ich an ihnen vorbeihuschen. Ich wollte dem König Blumen schenken, um ihm meine Zuneigung zu zeigen, aber ich sah den langen, glänzenden Degen und nahm ihn &#039;&#039;pour la folie&#039;&#039;. Und ich lief fünf Meter damit weg, aber dann hörte ich, wie die Soldaten ihre Waffen luden. König Baudouin sagte: ›Keine Waffen.‹ Ich lief zu ihm zurück und sagte: ›Ich wünsche Ihnen eine gute Reise im Kongo. Der liebe Gott hat mir gerade eingegeben, Ihren Degen zu nehmen. Wir gehen ins Parlament als gute Bekannte. Es ist an der Zeit, dass wir die Unabhängigkeit bekommen. Die europäischen Frauen sind wie die Jungfrau Maria, aber später wird der liebe Gott uns den Frieden geben, damit wir weiße Frauen heiraten können. Belgien ist weit, so weit wie der Himmel, ein gemeinsamer Besitz, wo es auch Schwarze geben wird. Einen gemeinsamen Markt. Die Schwarzen werden nach Belgien gehen. Ich bin nicht verrückt, ich bin normal. Ich gebe Ihnen Ihren Degen zurück.‹ Baudouin erwiderte: ›Niemand darf Sie schlagen! Ich werde Ihnen ein Geschenk geben. Vergessen Sie mich nicht. Es ist wahr, später werden Sie eine weiße Frau heiraten, vorausgesetzt, Sie können Französisch sprechen.‹ Aber er reiste noch am selben Tag ab, ohne mir ein Geschenk zu geben. Es blieb bei dem Versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob dieses merkwürdige Gespräch tatsächlich stattgefunden hat, sei dahingestellt. Mystik und Erotik kollidierten darin in genialer Weise mit dem aktuellen Geschehen in Europa (gemeinsamer Markt!) und dem belgischen Sprachenkonflikt (Französisch lernen!). Aber dass sich ein Mann mit etwas anderen Denkstrukturen ein halbes Jahrhundert nach den Feierlichkeiten an ein Versprechen erinnert, das nie eingelöst wurde, ist an sich schon aufschlussreich. Durch die Ritzen seiner Phantasievorstellungen sticht heute das Licht einer tiefen Wahrheit: Die Unabhängigkeit hätte ein Geschenk sein müssen, doch es blieb bei einem leeren Versprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 8 Der Kampf um den Thron ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Die turbulenten Jahre der Ersten Republik 1960-1965 ===&lt;br /&gt;
Dass in dieser ersten Zeit der Unabhängigkeit viel improvisiert werden musste, war jedem klar. Dass nicht alles wie am Schnürchen klappen würde, war nicht weiter tragisch. Aber die Probleme, mit denen sich der Kongo in den ersten sechs Monaten seiner Existenz dann tatsächlich konfrontiert sah, konnte wirklich niemand voraussehen: eine schwere Meuterei in der Armee, eine Massenflucht der bis dahin im Land verbliebenen Belgier, eine Invasion belgischer Truppen, eine militärische Intervention der UNO, logistische Unterstützung der Sowjetunion, eine sehr hitzige Phase des Kalten Krieges, eine beispiellose Verfassungskrise, zwei Sezessionen, die ein Drittel des Territoriums betrafen – und zu all dem noch die Verhaftung, Flucht und erneute Festnahme und dann die Folterung und Ermordung des Premierministers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und auch in den Jahren darauf kam das Land nicht zur Ruhe. Der Zeitraum von 1960 bis 1965 wird heute als Erste Republik bezeichnet, hatte aber eher den Charakter einer Endzeit. Das Land zerfiel und erlebte einen Bürgerkrieg, ethnische Pogrome, zwei Staatsstreiche, drei Aufstände und sechs Staatsoberhäupter (Lumumba, Ileo, Bomboko, Adoula, Tschombé und Kimba), von denen zwei auf jeden Fall, vielleicht sogar drei ermordet wurden: Lumumba, erschossen 1961; Kimba, erhängt 1966; Tschombé, tot vorgefunden in einer Gefängniszelle in Algerien 1969. Sogar der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, der Mann, der an der Spitze einer unschlüssigen Weltregierung stand, verlor unter nie aufgeklärten Umständen das Leben: ein singuläres Ereignis in der Weltgeschichte der Nachkriegszeit. Der Blutzoll unter der kongolesischen Bevölkerung wurde nirgendwo dokumentiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik des Kongo war eine apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte. Auf politischer und militärischer Ebene versank das Land in einem totalen, unentwirrbaren Chaos, auf wirtschaftlicher Ebene war das Bild klarer: Es ging ständig nur noch abwärts. Dennoch fiel der Kongo nicht der puren Irrationalität anheim. Die Misere der ersten fünf Jahre war nicht die Folge einer Renaissance der Barbarei, der Auferstehung von in den Jahren der Kolonialherrschaft unterdrückten Primitivismen, geschweige denn der Ausdruck einer genuinen »Bantuseele«. Nein, auch hier war das Chaos eher das Resultat von Logik als von Unvernunft, genauer gesagt: das Resultat der Konfrontation unterschiedlicher Logiken. Der Präsident, der Premierminister, die Armee, die Rebellen, die Belgier, die UNO, die Russen, die Amerikaner: Jeder für sich agierte entsprechend einer Logik, die in sich konsistent und nachvollziehbar, mit der Logik der anderen jedoch oft unvereinbar war. Wie im Theater war auch hier die Tragödie der Geschichte keine Sache von Vernünftigen gegen Unvernünftige, von Guten gegen Böse, sondern von Menschen, die sich zusammenschlossen und sich selber einer wie der andere als gut und vernünftig ansahen. Idealisten standen Idealisten gegenüber, aber jeder Idealismus, der zu fanatisch ausgelebt wird, führt zu Verblendung, der Verblendung der Guten. Die Geschichte ist ein abscheuliches Gericht, zubereitet mit den besten Zutaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die turbulenten ersten fünf Jahre des Kongo lassen sich in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase umfasst die Zeit vom 30. Juni 1960 bis zum 17. Januar 1961, dem Tag, an dem Lumumba ermordet wurde. In diesen ersten sechs Monaten stürzte das Kartenhaus des Kolonialstaates ein, und die &#039;&#039;Kongo-Krise&#039;&#039; dominierte Woche für Woche weltweit die Nachrichten. Die zweite Phase betraf den Zeitraum 1961-1963 und stand hauptsächlich im Zeichen der Abspaltung Katangas. Sie endete, als sich die aufständische Provinz – nach einer massiven UNO-Intervention – wieder dem Land anschloss. Die dritte Phase begann mit dem Jahr 1964, als im Osten des Kongo eine Rebellion ausbrach, die dann die Hälfte des Landes erfasste. In zähen Kämpfen eroberte die Zentralregierung die Kontrolle über das Territorium zurück. Das Jahr 1965 sollte eine Rückkehr zur Normalität einläuten, endete jedoch unerwartet mit dem Putsch Mobutus am 24. November. Dieser Staatsstreich prägte die weitere Geschichte des Kongo. Mobutu blieb zweiunddreißig Jahre an der Macht, bis 1997. Das war die sogenannte Zweite Republik mit ihrer anfangs straff zentralisierten Regierung, die sich zu einer Diktatur entwickelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war durch ein Wirrwarr von Namen kongolesischer Politiker und Militärs, europäischer Berater, UNO-Personal, weißer Söldner und einheimischer Rebellen gekennzeichnet. Vier Namen dominierten jedoch das Spiel: Kasavubu, Lumumba, Tschombé und Mobutu. Zwischen ihnen entspann sich ein Machtkampf, der in seiner Komplexität und Intensität Shakespearschen Königsdramen nicht nachstand. Die Geschichte der Ersten Republik ist die Geschichte eines knallharten Ausscheidungsrennens zwischen vier Männern, die zum ersten Mal das Spiel der Demokratie spielen mussten. Ein unmöglicher Auftrag, umso mehr, da jeder von ihnen von ausländischen Akteuren bedrängt wurde, die ihre Eigeninteressen im Kongo vertraten. Kasavubu und Mobutu wurden hofiert vom CIA, Tschombé war zeitweise ein Spielball seiner belgischen Berater, Lumumba stand unter gewaltigem Druck von Seiten der USA, der UdSSR und der UNO. Der Machtkampf dieser vier Politiker wurde dramatisch verschärft und noch komplizierter gemacht durch das Gezerre aus dem Ausland. Es ist schwierig, der Demokratie zu dienen, wenn mächtige Akteure über einem ständig und oft panikartig an den Fäden ziehen. Außerdem hatte keiner von ihnen zuvor im eigenen Land auch nur einen Tag in einer Demokratie gelebt. Belgisch-Kongo hatte kein Parlament besessen, es existierte keine Kultur institutionalisierter Opposition, sachlicher Auseinandersetzung, Konsenssuche, Kompromissbereitschaft. Alles war von Brüssel aus gelenkt worden, die Kolonialregierung vor Ort war nicht mehr als eine ausführende Behörde gewesen. Meinungsverschiedenheiten waren vor der einheimischen Bevölkerung vertuscht worden, da sie nur dem Prestige der Kolonialmacht geschadet hätten. Der Inhaber des höchsten Amtes, der Generalgouverneur mit seinem weißen, mit Geierfedern geschmückten Helm, glich in seiner scheinbar unantastbaren Allmacht mehr dem traditionellen Herrscher eines feudalen afrikanischen Königreichs als dem Spitzenbeamten einer demokratischen Regierung. Kann es dann erstaunen, dass diese erste Generation kongolesischer Politiker mit den demokratischen Grundprinzipien rang? Und dass sie eher Thronanwärtern glichen, die sich gegenseitig nach dem Leben trachteten, als gewählten Volksvertretern? In den historischen Königreichen in der Savanne war ein Thronwechsel immer mit einem heftigen Machtkampf einhergegangen. 1960 war es nicht anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging es denn letztlich nicht darum, wer der Nachfolger von König Baudouin werden durfte? Kasavubu war der erste und einzige Präsident der Ersten Republik. Die Galauniform, die er sich schneidern ließ, war eine exakte Kopie der Uniform Baudouins. In Léopoldville und Bas-Congo konnte er auf breite Unterstützung zählen. Seine Stellung als Staatsoberhaupt war selten offen bedroht, doch 1965 wurde er von Mobutu beiseitegeschoben. Auch dessen Galaanzug kurze Zeit später war dem von Baudouin nachempfunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Machtbasis lag im Osten, mit Stanleyville als Zentrum. Er war der populärste Politiker des Kongo, aber es wurmte ihn, dass er Kasavubu als Präsident über sich dulden musste. Er erlebte nur die ersten sechs Monate der Ersten Republik, doch auch nach seinem Tod beeinflusste sein Gedankengut die Politik in starkem Maße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé fühlte sich noch mehr zurückgesetzt. Seine Partei war bei der Regierungsbildung schlecht weggekommen. Er hatte sich mit dem Amt des Provinzgouverneurs von Katanga in Elisabethville zufriedengeben müssen. Und auch wenn das in Anbetracht der Fläche und der Industrie noch immer so war, als sei er innerhalb eines Vereinten Europas Kanzler der Bundesrepublik Deutschland geworden, musste er akzeptieren, dass sich das Zentrum der Macht woanders befand, in Léopoldville.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mobutu schließlich war am Tag der Unabhängigkeit der unbedeutendste der vier: Er war der Privatsekretär von Lumumba. Er hatte keine große Stadt hinter sich wie die anderen drei, geschweige denn ein mächtiges Volk wie Kasavubu (mit den Bakongo) oder Tschombé (mit den Lunda). Er kam aus einem kleinen Stamm ganz im Norden der Provinz Équateur, den Ngbandi, einer peripheren Bevölkerungsgruppe, die nicht einmal eine Bantu-Sprache sprach wie der Rest des Kongo. Mit seinen neunundzwanzig Jahren war er auch der jüngste der vier (Kasavubu war fünfundvierzig, Tschombé vierzig, Lumumba fünfunddreißig). Doch fünf Jahre später war er allmächtig. Er wurde zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten Zentralafrikas und zu einem der reichsten Menschen der Welt. Die klassische Geschichte vom Laufjungen, der es zum Mafiaboss bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während des ersten Aktes der kongolesischen Unabhängigkeit war Patrice Lumumba die unumstrittene, zentrale Figur. Nach seiner aufrührerischen Rede bei der Zeremonie der Machtübergabe waren alle Augen auf ihn gerichtet. Als sich der Vorhang des kongolesischen Dramas hob, war er ein dynamischer Volkstribun, angebetet von Zehntausenden kleiner Leute. Nur einige Szenen später wurde er bereits verachtet, angespuckt und gezwungen, eine Kopie seiner Rede zu essen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juli 1960. Trockenzeit. Stahlblauer Himmel. Vier Tage dauerten die Festlichkeiten zur Unabhängigkeit. Die Armee, die Force Publique, sicherte wie eh und je die öffentliche Ordnung. Sie war der Fels in der Brandung. Der jetzt unabhängige Kongo hatte nicht gleich Wind in den Segeln – die politischen Institutionen waren zu neu, die politische Erfahrung gleich null, die Herausforderungen gigantisch –, aber die Streitkräfte waren in sich stabil. Das Offizierskorps war noch durchgehend belgisch: Tausend Europäer hatten die Befehlsgewalt über fünfundzwanzigtausend Kongolesen. Oberbefehlshaber war noch immer General Janssens, der Mann, der die Unruhen im Januar 1959 mit harter Hand niedergeschlagen hatte. Ohne Zweifel der preußischste aller belgischen Offiziere, war er ein großer Militär mit rigiden Prinzipien: Disziplin war ihm heilig, Protest eine Abirrung, Unordnung ein Zeichen von Charakterschwäche. Er musste Lumumba als Minister über sich dulden, denn der hatte neben dem Amt des Premiers auch das Verteidigungsressort erhalten. Später würde er über Lumumba schreiben: »Moralische Persönlichkeit: keine; intellektuelle Persönlichkeit: vollkommen oberflächlich; physische Persönlichkeit: aufgrund seines Nervensystems glich er mehr einer Raubkatze als einem Menschen.«1 Hier zeigt sich, wie die Karten verteilt waren. Der Kongo war zwar unabhängig, doch die Belgier hatten neben der Wirtschaft auch den Militärapparat voll und ganz unter Kontrolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Donnerstag, dem 30. Juni, knallte das Feuerwerk, am Montag, dem 4. Juli, kam es schon zum Eklat. Als stabiles Land existierte der Kongo nur wenige Tage. Während der Mittagsparade in der Kaserne »Leopold II.« verweigerten einige Soldaten den Gehorsam. General Janssens kam hinzu und tat, was er in solchen Fällen immer tat: die aufsässigen Elemente degradieren. Die Wirkung war diesmal genau entgegengesetzt. Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfhundert Soldaten in der Kantine, um ihren Unmut zu äußern. Sie hatten es satt. Schon seit eineinhalb Jahren hatten sie überall Feuerwehr spielen müssen und kleinere Aufstände niedergeschlagen. Nun forderten sie Aufstiegsmöglichkeiten in der militärischen Hierarchie, eine Erhöhung des Soldes und das Ende des Rassismus. Schon kurz vor der Unabhängigkeit hatten sie geschrieben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand vergisst, dass in der Force Publique wir, die Soldaten, wie Sklaven behandelt werden. Wir werden willkürlich bestraft, weil wir Neger sind. Wir haben kein Recht auf dieselben Vorteile und Einrichtungen wie unsere Offiziere. Unsere Zweipersonenstuben sind sehr beengt (7,50 m² Fläche) und weder mit Möbeln noch mit Elektrizität ausgestattet. Wir bekommen wenig zu essen, und unsere Verpflegung entspricht bei weitem nicht den hygienischen Vorschriften. Der Sold, den man uns zubilligt, reicht nicht aus, die heutigen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Wir dürfen keine Zeitungen lesen, die von Schwarzen geleitet werden. Es genügt, ertappt zu werden mit &#039;&#039;Présence Congolaise&#039;&#039;, &#039;&#039;Indépendance&#039;&#039;, &#039;&#039;Emancipation&#039;&#039;, &#039;&#039;Notre Congo&#039;&#039; . . . um auf der Stelle zwei Wochen ins Gefängnis zu wandern. Nach dieser ungerechten Bestrafung wird man in die Strafkompanie in Lokandu versetzt, wo einem das militärische Leben beigebracht wird. (. . .) In der Force Publique leben unsere Offiziere auf amerikanische Art; sie haben bessere Unterkünfte, sie wohnen in großen, modernen Häusern, die alle von der Force Publique eingerichtet wurden, ihr Lebensstandard ist sehr hoch, sie sind überheblich und leben wie Herren; das alles um des Prestiges willen, weil sie weiß sind. Heute ist es der einmütige Wunsch aller kongolesischen Soldaten, verantwortliche Posten zu bekleiden, einen anständigen Sold zu erhalten und jeder Form von Diskriminierung innerhalb der Force Publique Einhalt zu gebieten.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um einer so großen Frustration etwas entgegenzusetzen, bedurfte es einer tiefgreifenden Armeereform; für General Janssens war eine solche Reform in den unruhigen Monaten vor und nach der Unabhängigkeit jedoch ausgeschlossen. Der erste Jahrgang kongolesischer Offiziere wurde gerade an der Königlichen Militärakademie Brüssel ausgebildet, und in Luluabourg war eine Schule für Unteroffiziere gegründet worden. In einigen Jahren würden sie ihre Posten antreten können, fürs Erste aber blieb alles beim Alten. Am Morgen des 5. Juli, einem Dienstag, begab sich Janssens in die Leopold-II.-Kaserne und erteilte seinen Soldaten eine unmissverständliche Lektion in militärischer Disziplin: Die Force Publique stünde im Dienste des Landes, das sei so zur Zeit von Belgisch-Kongo gewesen, und das müsse auch jetzt so sein. Und um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schrieb er mit großen Lettern an eine Schultafel: »&#039;&#039;Avant l&#039;indépendance = après l&#039;indépendance«&#039;&#039;: »Vor der Unabhängigkeit = nach der Unabhängigkeit«. Das war keine gute Idee. Die Soldaten bekamen den Slogan in die falsche Kehle. Sie hatten miterleben müssen, wie kongolesische Beamte von einem Tag auf den anderen hohe Posten in der Verwaltung erhielten und in welchem Ausmaß Politiker von der großen Wende profitierten. Das neue Parlament hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen beschlossen, dass die Volksvertreter das Recht auf eine Diät von 500.000 Franc hatten, fast doppelt so viel wie ihre belgischen Kollegen.3 Schlagartig wurde den Soldaten klar, dass das Fest der Unabhängigkeit für sie nichts in petto hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft wird die Meuterei der Armee mit Lumumbas aufrührerischer Rede erklärt. Aber ob das wirklich stimmt, bleibt dahingestellt, denn die Soldaten waren genauso wütend auf ihre frisch angetretenen Politiker wie auf ihre weißen Vorgesetzten. Sie wollten ihre Wut nicht nur an General Janssens auslassen, sondern auch an Lumumba selbst! In ihren Augen war er weniger ein Held als ein Verteidigungsminister, der selber nie Soldat gewesen war, ein Intellektueller mit elegantem Anzug und Fliege, der sich groß aufspielte, während sich an ihrer Lage trotz aller schönen Versprechungen nichts änderte.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch am selben Tag, dem 5. Juli, griff die Meuterei auf die Garnisonsstadt Thysville über, knapp zwei Autostunden von der Hauptstadt entfernt. Dort ging es sehr viel gewalttätiger zu. Mehrere hundert Soldaten revoltierten. Sie verprügelten ihre Offiziere, die sich gezwungen sahen, sich mit ihren Frauen und Kindern im Offizierskasino zu verschanzen. Unterdessen besetzten sie das Munitionsdepot. Außerhalb der Kaserne, an der Straße, die zur Hauptstadt führte, kam es zu schweren Zwischenfällen in der Gegend von Madimba-Inkisi. Soldaten bedrängten diesmal keine weißen Offiziere, sondern weiße Zivilisten. Mehrere Europäerinnen wurden Opfer sexueller Gewalt. Eine von ihnen wurde innerhalb von fünf Stunden sechzehnmal vergewaltigt, im Beisein ihres Mannes, ihrer Mutter und ihrer Kinder.5 Die Gerüchte darüber erreichten erst einige Tage später die Hauptstadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba versuchte inzwischen, der Meuterei in seiner Armee mit allen möglichen Mitteln zu begegnen. Er griff zu drei aufeinanderfolgenden Maßnahmen, die jede für sich gut gemeint waren, deren weitreichende Folgen er jedoch nicht absehen konnte. Am 6. Juli inspizierte er, zusammen mit General Janssens, die Truppen in der Leopold-II.-Kaserne in der Hauptstadt. Bei diesem Anlass versprach er, jeden Soldaten in den nächsthöheren Rang zu befördern. »Der Gefreite wird Obergefreiter, der Obergefreite wird Hauptgefreiter, der Hauptgefreite wird Unteroffizier, der Unteroffizier wird Feldwebel, der Feldwebel wird Oberfeldwebel, der Oberfeldwebel wird Hauptfeldwebel und der Hauptfeldwebel wird Adjutant.«6 Die erwünschte Wirkung blieb aus. &#039;&#039;»Lokuta!«,&#039;&#039; riefen die Soldaten, »Lügen«.7 So einfach ließen sie sich nicht abwimmeln. Es ging ihnen um höhere Ränge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später machte Lumumba ein weiteres Zugeständnis. Er setzte General Janssens ab und ernannte Victor Lundula zum neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, mit Joseph-Désiré Mobutu als dessen Stabschef. Er hoffte, dass sich die Afrikanisierung an der Spitze der Armeeführung positiv auf die Truppenmoral auswirkte. Deshalb ging er auch gleich zu seiner dritten Maßnahme über: eine vorgezogene und radikale Afrikanisierung des Offizierskorps. Die Soldaten durften selbst die Kandidaten vorschlagen, die zum Offizier befördert werden sollten. So wurden Unteroffiziere und Stabsfeldwebel ohne Zwischenstufen Major oder Oberst. Um diesen Bruch zu betonen, erhielt die Force Publique auch einen anderen Namen: Künftig hießen die Streitkräfte &#039;&#039;Armée Nationale Congolaise&#039;&#039; (ANC).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Entscheidungen besänftigten die Gemüter einigermaßen, das Ergebnis aber war verheerend: Die Demokratische Republik Kongo besaß nach der ersten Woche ihrer Existenz keine funktionale Armee mehr. Der stabilste Stützpfeiler des neuen Staates war untergraben worden. Im heutigen entmilitarisierten Europa, in dem die NATO unsichtbar für Sicherheit sorgt, ist es nicht einfach zu begreifen, wie entscheidend die Rolle einer Armee in einem noch jungen Staat ist. Zu einem richtigen Staat wird er erst in dem Maße, in dem es ihm gelingt, die Gewalt (sozial, tribal, territorial) zu monopolisieren. Im unruhigen Kongo der sechziger Jahre war die Armee lebensnotwendig. Doch die Force Publique, die Kolonialarmee, die sich bedeutender Siege im Ersten und Zweiten Weltkrieg rühmen konnte, war innerhalb von nur einer Woche auf einen chaotischen Haufen reduziert worden. Das Oberkommando führten nun zwei Reservisten: Lundula, der Bürgermeister von Jadotville, der fünfzehn Jahre zuvor Sanitätsfeldwebel gewesen war, und Mobutu, ein Journalist, der in der Force Publique einmal Hauptfeldwebel und Buchhalter gewesen war und der nun seit kurzem der Vertraute Lumumbas war. Einst fuhren sie zusammen auf einem Moped durch die Straßen von Léopoldville, nun waren sie Ministerpräsident bzw. Stabschef eines unermesslich großen Landes mit einer desolaten Armee. Dass Mobutu auch eine Vertrauensperson der belgischen und amerikanischen Geheimdienste war, wollte Lumumba nicht wahrhaben. Diese Realitätsverweigerung sollte ihn das Leben kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumbas Versuche, die Meuterei zu bekämpfen, erinnern an die belgischen Pazifizierungsversuche als Antwort auf die sozialen Unruhen in den fünfziger Jahren: Konfrontiert mit einem rebellischen Teil der Gesellschaft, traf auch er übereilte Entscheidungen und machte bedeutende Zugeständnisse in der Hoffnung, so die Ruhe wiederherzustellen. Auch diesmal war das Resultat genau entgegengesetzt. Der Unmut wurde nicht eingehegt, sondern nahm immer mehr Raum ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsere Frauen werden vergewaltigt!« Das Gerücht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den im Kongo lebenden Europäern. Am 7. Juli war ein Zug, voll besetzt mit aus Thysville geflohenen Belgiern, in der Hauptstadt angekommen. Ihre Berichte übertrafen für viele noch die düstersten Szenarien. Manche waren angespuckt, gedemütigt und ausgebuht worden, viele fühlten sich bedroht. Aber die Aufregung über sexuelle Gewalt führte zur größten Panik. In der Kolonialgesellschaft war keine größere Kluft denkbar als die zwischen dem afrikanischen Mann und der europäischen Frau (die umgekehrte Konstellation, Kontakt zwischen einem europäischen Mann und einer afrikanischen Frau, war gang und gäbe). Jamais Kolonga war eine nationale Berühmtheit geworden, indem er mit einer Weißen tanzte. Longin Ngwadi hatte König Baudouin angeblich erzählt, dass er eine Europäerin heiraten wolle. Naive Seelen hatten vor dem 30. Juni geglaubt, sie könnten mit der Unabhängigkeit ein belgisches Haus und eine belgische Frau erwerben. Die weiße Frau war unerreichbar und erweckte gerade deshalb eine so große Neugier. In den späten fünfziger Jahren erlebte ein Belgier einen amüsanten, aber aufschlussreichen Vorfall:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Niederlassung Katana gab es ein Postamt mit einem einheimischen Vorsteher. Eines Tages kommt der Vorsteher zu mir und sagt: »Monsieur, man hat mich betrogen.« Und ich frage: »Was ist denn passiert?« »Also, Monsieur (das ganze Gespräch war auf Swahili), schauen Sie mal, ich habe hier einen Katalog von Au Bon Marché in Brüssel und sehe das Foto hier. (Es war die Abbildung einer hübschen jungen Frau mit einem sehr schönen BH.) Ich habe das bestellt, und wissen Sie, was die mir geschickt haben? Einen leeren BH.« Unser Postvorsteher hatte gemeint, dass er die Frau dazu bekäme, und er fand sie recht preiswert im Vergleich zum Brautpreis für eine einheimische Frau.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiße Frauen im Kongo der Kolonialzeit waren fast immer Ehefrauen oder Nonnen. Sexuelle Beziehungen mit ihnen waren so gut wie ausgeschlossen. Sexuelle Gewalt nach der Unabhängigkeit war eine brutale Handlungsweise, sich das unerreichbarste Element der Kolonialgesellschaft nachträglich anzueignen und zugleich die ehemaligen Machthaber tief zu demütigen. Auf beiden Seiten herrschten Klischees: So wie die weiße Frau für viele kongolesische Männer ein halb mythisches Wesen war, so hegten viele Europäer von jeher halb mythische Vorstellungen über afrikanische Sexualität. Diese Klischees beeinflussten die Ereignisse. Die Vergewaltigungen waren schrecklich, aber ihre Zahl stand in keinem Verhältnis zu der Panik, die sie unter den Europäern verursachten. Alle versetzten sich gegenseitig mit Gräuelgeschichten in Aufruhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein groß angelegter Exodus war die Folge, noch bevor es ein einziges Todesopfer gegeben hatte. Innerhalb weniger Wochen verließen schätzungsweise dreißigtausend Belgier das Land.9 In Léopoldville standen die Autos in kilometerlangen Schlangen, um sich am Beach auf die Fähre nach Brazzaville einzuschiffen. Viele VW-Käfer, viele Pick-ups, viele Mercedes, und alle noch immer mit dem CB-Aufkleber für &#039;&#039;Congo belge&#039;&#039; an der Stoßstange . . . Andernorts wurden die Autos einfach zurückgelassen. Vor der Unabhängigkeit hatte Brüssel die Belgier dazu aufgefordert, möglichst auf ihrem Posten in der Kolonie zu bleiben – der junge Kongo würde ihren Sachverstand dringend benötigen –, doch zwei Wochen später empfahl Belgien seinen Landsleuten, nach Hause zurückzukehren oder schon mal Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Fluggesellschaft Sabena organisierte eine Luftbrücke und flog innerhalb von drei Wochen mehrere zehntausend Europäer aus. Es war ein erschütternder Abzug. Um die zehntausend Beamte, dreizehntausend Angestellte aus dem Privatsektor und achttausend Plantagenbesitzer verließen das Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute wissen wir, dass diese plötzliche Massenpsychose in keinem Verhältnis zur realen Gefahr stand. Es war, als leere sich ein Kino fluchtartig, nachdem jemand hysterisch »Feuer! Feuer!« gerufen hat, obwohl nur ein Aschenbecher in Flammen steht. »Seht doch nur, ein schreckliches Feuer!«, rufen die Kinobesucher auf dem Weg zum Ausgang, sind sich aber nicht darüber im Klaren, dass sie das Feuer erst richtig schüren, indem sie die Saaltüren öffnen. Sicher, die Lage war ernst, aber es gab keinen Grund zu einer allgemeinen Evakuierung. Doch das sah man damals anders. Jede Panikwelle erreicht irgendwann eine Dynamik, die sich nicht mehr zügeln lässt. Ähnlich wie sich die Kaserne von Luluabourg 1944 durch eine irrationale Angst vor einer Impfkampagne leerte, so verließen die europäischen Bewohner den Kongo, weil sie das Sicherheitsrisiko falsch einschätzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch gab es auch damals Menschen, die einen kühlen Kopf behielten. In Bas-Congo, in dem kleinen Dorf Nsioni, wohnte ich im Jahr 2008 ein paar Tage bei dem alten Arzt Jacques Courtejoie, einem Mann aus Stavelot (in der Provinz Lüttich), der als Kind die Ardennenoffensive in einer Entfernung von dreihundert Metern von seinem Elternhaus miterlebt hatte. Eine Lektion in Kaltblütigkeit. Er lebte bereits seit 1958 im Kongo, immer allein, immer unverheiratet, als ein Missionar der Wissenschaft, ein Einmannbetrieb des Humanismus, der Mitmenschlichkeit und des Optimismus. Er hatte ein halbes Dutzend Menschen aus der Umgebung unterrichtet und ausgebildet; er vermittelte ihnen Verantwortungsgefühl und Selbstvertrauen. Gemeinsam machten sie Bücher und Plakate mit medizinischer Aufklärung, die im ganzen Kongo verbreitet wurden, Bücher über Bandwürmer, Augenkrankheiten und sogar Kaninchenzucht, Plakate zu Themen wie Händewaschen, TBC und Säuglinge stillen. Selten sah ich einen Mann unter so schwierigen Umständen so selbstverständlich der Menschenwürde dienen. Ein unbekannter Albert Schweitzer. Vom ersten Tag seines Aufenthaltes im Kongo an war Jacques Courtejoie ein erbitterter Gegner des Kolonialismus. »Im Juli 1960 hörte ich die Nachrichten im Radio. Überall brach Panik aus, alle flohen. Ich versuchte, einen kühlen Kopf zu behalten und die Sache rational zu sehen. Ich sah überhaupt nicht ein, warum ich gehen sollte.« Er war einer der wenigen, die blieben. Nach drei Monaten Unabhängigkeit zählte der Kongo nur noch rund hundertzwanzig Ärzte.10 »Es herrschte so viel irrationale Angst. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwei Monate vor der Unabhängigkeit war ich noch bei einem weißen Distriktverwalter zum Essen eingeladen. Er kam spät nach Hause, weil er zu einer politischen Versammlung der Abako gemusst hatte. Seine Frau begrüßte ihn mit den Worten: ›Ich hoffe doch sehr, dass du diesem Kasavubu nicht die Hand gegeben hast!‹ Ich habe es noch heute im Ohr. Sogar noch in der Zeit wollte man einem Afrikaner nicht nahe kommen! Und zwei Monate später war dieser Mann der Präsident des Kongo! Das war echt die Stimmung, die damals herrschte. Schwarze durften nie mit im Auto fahren, höchstens auf der Ladefläche eines Pick-up, nicht mal Kranke oder Schwangere. Ich habe noch erlebt, dass die alte Mutter eines schwarzen Priesters auf der Ladefläche liegen musste, obwohl sie schwer krank war. Hier in der Gegend aßen Weiße nie mit Schwarzen an einem Tisch.«11 Courtejoie opponiert noch immer täglich dagegen. Wenn er heute mit seinen Mitarbeitern loszieht, darf jeder mit, bis der Jeep proppenvoll ist. In den Lunchpausen unterwegs teilt er das Maniokbrot mit ihnen, und sie essen gemeinsam aus derselben Sardinenbüchse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Europäer flohen mit dem Gedanken, nach ein paar Monaten, wenn sich die Lage beruhigt hätte, zurückzukehren. Doch es kam anders. Das führte zu viel Verbitterung, zumal die Angehörigen der ehemaligen Kolonialmacht ausgesprochen stolz auf ihre Leistung waren. Nicht wenige waren davon überzeugt, dass sie, als Bürger eines kleinen Landes, sich selbst übertroffen und uneigennütziges Engagement und grenzenlosen Einsatz an den Tag gelegt hätten. Vladimir Drachoussoff, der Agronom, der im Zweiten Weltkrieg sein spannendes Tagebuch geführt hatte, erinnerte sich in den achtziger Jahren an »die Freude, an der Entwicklung eines großen Landes mitzuarbeiten, das heute Ausland ist, aber das wir tief im Innern als das unsere empfanden«.12 Die Kolonie hatte vielen Menschen Chancen geboten, die sie in Europa nie gehabt hätten, sie war ihnen das teuerste Vaterland. Und nun wurde es zum Ausland. Thomas Kanza, der erste Kongolese mit einem Universitätsdiplom und blutjunger Minister in der Regierung Lumumba, zeigte einen verblüffenden Einblick in diese Geisteshaltung, als er schrieb: »Fast alle erreichten in Afrika mehr, als sie in Europa erreicht hätten, denn die Möglichkeit, Initiative zu ergreifen, Sachkenntnisse zu beweisen, ihre Dynamik, kurz gesagt, ihre Persönlichkeit zu bestätigen, waren in den Überseegebieten größer als in Europa.«13 Den Kongo zu verlassen bedeutete also auch: einen Traum aufgeben, einen Traum von Selbstentfaltung, der für viele mit einem paternalistischen Ideal einherging. Drachoussoff war auch in dieser Sache sehr ehrlich: »Unser Paternalismus war solide und friedfertig: Wir waren tief und aufrichtig davon überzeugt, dass wir nicht nur die Träger einer moderneren Zivilisation waren, sondern der Zivilisation &#039;&#039;tout court&#039;&#039;, die der Maßstab und der Standard aller Völker auf Erden war. (. . .) Fast alle waren wir stolz darauf, Europäer zu sein, und wir traten als Konstrukteure und Gestalter an die Welt um uns herum heran, mit dem Willen, sie zu formen und umzugestalten und mit der Überzeugung, dass wir das Recht dazu besaßen.« Dieses unerschütterliche Selbstvertrauen hatte natürlich auch eine dunkle Seite, erkannte er. Die plötzliche Feindseligkeit zwischen Weiß und Schwarz kam nicht aus heiterem Himmel: »Ein begreifliches, aber gefährliches Gefühl von Überlegenheit prägte die tägliche Praxis der Kolonisation. (. . .) Die ›Zivilisatoren‹ wollten gern beschützen und erziehen, solange die Rangordnung gewahrt blieb und die Schutzbefohlenen respektvoll und untertänig waren. Niemand von uns konnte sich dieser gottgegebenen Hierarchie völlig entziehen, die bei den Mittelmäßigen auf elementaren Rassismus hinauslief und den Edelmütigeren ein gutes Gewissen verschaffte.«14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land zu verlassen, war für die Weißen frustrierend; für das junge Land selbst war ihr Weggang ein zweiter schwerer Schlag. Einfach ausgedrückt: Nach einer Woche hatte der Kongo keine Armee, nach zwei Wochen keine Verwaltung mehr. Richtiger ausgedrückt: Die Verwaltung war ohne Leitung. Nur drei der 4878 höheren Positionen waren 1959 von Kongolesen besetzt.15 Plötzlich mussten Menschen mit unzureichender Ausbildung wichtige Funktionen in der Bürokratie übernehmen, oft weit über ihrem Kenntnisstand. Die Armee war für die Aufrechterhaltung der Ordnung unabdingbar, die Verwaltung für einen funktionierenden Staat. In Kisangani unterhielt ich mich darüber mit der sehr schillernden Figur Papa Rovinscky, wie der Beiname von Désiré van-Duel lautete, wiederum ein belgisch anmutender Beiname zu seinem afrikanischen Namen Bonyololo Lokombe. Wenn sich dein Land zu deinen Lebzeiten schon viermal umbenannt hat, warum solltest du dann nicht auch deinen eigenen Namen ändern können? Papa Rovinscky empfing seinen Besuch mit Musik. Er schlug die Schlitztrommel und war noch in der Lage, in der Sprache seines Stammes, der Lokele, Signale über große Entfernungen zu verbreiten. »Der Weiße ist hier und sitzt im Sessel«, trommelte er auf seinem Urwald-Telefon in die Runde, als ich Stift und Notizbuch hervorholte. An der Wand des Wohnzimmers hing seine handgeschriebene Lebensgeschichte samt Lebenslauf. Er hatte seine fünfunddreißig Kinder mit neun verschiedenen Frauen aufgelistet, &#039;&#039;»dont 8 cartouches perdues«&#039;&#039;, darunter acht abgeirrte Kugeln. Er beschrieb sich selbst so: »unabhängiger Journalist und Diakon, von Natur aus nationaler und internationaler Historiker, externer Mitarbeiter von kommunikationeller Klasse [keine Ahnung, was er damit meinte, aber es klang recht gut], Friedenskünstler, multidimensionaler Barde.« Aber heute, mit dreiundsiebzig, verdiente er seinen Lebensunterhalt vor allem mit dem Schreinern von Särgen, insbesondere für Kinder, denn die Nachfrage war groß. Im Kongo stirbt eines von fünf Kindern noch vor dem fünften Geburtstag. Vor der Unabhängigkeit war er Stenotypist bei der Kolonialverwaltung. Er konnte blind tippen (»Meine Finger hatten Augen«), aber nach der Unabhängigkeit wurde er ins Amt des Stadtdirektors von Tshopo katapultiert. »Es gab nur noch ein paar Weiße, die anderen Führungskräfte waren alle schwarz. Keiner war vorbereitet. Der Bürgermeister stellte ein Team zusammen. Weil ich Steno und Maschineschreiben konnte, wurde ich Stadtdirektor. Ich musste die Protokolle der Gemeindevertretung aufsetzen. Das war wirklich nicht einfach für mich! Ich hatte überhaupt keine Ausbildung!«16&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Exodus der Belgier hatte auch gravierende ökonomische Folgen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1960 erlebte die Landwirtschaft, die auf den Export ausgerichtet war, einen starken Rückschlag. Baumwolle, Kaffee und Kautschuk, bereit zur Ernte, wurden nicht mehr ausgeführt. Die Gewächse verfaulten auf den Plantagen. Der Export von Kakao und Palmnüssen fiel um mehr als die Hälfte zurück.17 Auch andere Sektoren, die stark von europäischem Know-how abhängig waren, traf es empfindlich: Forstwirtschaft, Straßenbau, der Transport- und der Dienstleistungssektor. Nur der Bergbau blieb mehr oder weniger stabil. Die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Wer jahrelang Boy, Koch oder Putzfrau für eine weiße Familie gewesen war, stand plötzlich auf der Straße. Mehrere zehntausend Arbeiter auf den Plantagen, in den Zuckerraffinerien, Seifensiedereien und Bierbrauereien verloren ihre Jobs. Nach und nach wich die industrielle der traditionellen Landwirtschaft. Man baute wieder Maniok an, schälte Mais und sammelte Heuschrecken, man besuchte wieder Verwandte, wenn man Hunger hatte. Die Kleinfamilie, das Ideal des &#039;&#039;évolué&#039;&#039;, für das die Missionen unentwegt geworben hatten, wurde nach einiger Zeit wieder gegen das weitläufige Netz von Onkeln, Vettern und Cousinen eingetauscht, auf das man in schlechten Zeiten zurückgreifen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unruhen vom Juli 1960 ruinierten nicht nur die Armee, die Verwaltung und die Wirtschaft, sondern führten auch zu einem bewaffneten Konflikt. In Elisabethville gab es am 9. Juli die ersten Toten: Fünf Europäer, darunter der italienische Konsul, wurden abgeschlachtet. So konnte es nicht weitergehen, entschied noch in derselben Nacht der belgische Verteidigungsminister Arthur Gilson. Entgegen dem Ratschlag von Außenminister Wigny und ohne den belgischen Botschafter in Léopoldville zu informieren, gab er grünes Licht für eine militärische Intervention.18 Das Leben von Landsleuten sei in Gefahr, lautete seine Begründung. Am frühen Morgen des 10. Juli stiegen vom Luftstützpunkt Kamina Maschinen der belgischen Luftwaffe mit Soldaten für Elisabethville auf. Über Luluabourg wurde an diesem Tag eine Gruppe Fallschirmspringer abgesetzt, um Belgier zu befreien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine in jeder Hinsicht verhängnisvolle Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die belgischen Soldaten waren bereits einige Wochen vor der Unabhängigkeit auf den Militärbasen Kitona und Kamina stationiert worden. Entsprechend dem »Freundschaftsvertrag«, den beide Länder unterzeichnet hatten, sollte Belgien dem unabhängigen Kongo militärischen Beistand leisten, allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch Léopoldvilles, also auf Ersuchen von Verteidigungsminister Lumumba. Das war hier aber ganz und gar nicht der Fall. Brüssel schob das Argument vor, es ginge ihm lediglich darum, die Sicherheit der belgischen Staatsbürger zu gewährleisten, doch schon bald besetzte Belgien große Teile der ehemaligen Kolonie. Da die kongolesische Armee nahezu handlungsunfähig war, wollte Belgien selbst die Ordnung (und die Wirtschaft) aufrechterhalten, denn man wollte nicht zulassen, dass das, was in einem Dreivierteljahrhundert aufgebaut worden war, innerhalb von vier Wochen zerstört wurde. Das war begreiflich, aber äußerst unklug. Belgien hätte sich darauf beschränken müssen, seine Bürger zu beschützen. Für alles andere hätte es sich an die Vereinten Nationen wenden müssen. Nun lief sein eigenmächtiger Eingriff auf die militärische Invasion eines souveränen, unabhängigen Staates hinaus. In Katanga entwaffneten belgische Soldaten unter Zwang kongolesische Armeeangehörige, die nicht einmal meuterten! Zum ersten Mal seit 1830 unternahm das Königreich Belgien eine Offensive auf fremdem Boden, auch wenn es sich der Tragweite offenbar kaum bewusst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba waren anfangs geneigt, das Vorgehen Belgiens zu gestatten – es waren ja tatsächlich Belgier in Gefahr –, doch einen Tag später überlegten sie es sich anders und gaben ihre wohlwollende Haltung auf. Und das aus berechtigtem Grund: Am 11. Juli kam der wahre Sachverhalt ans Licht, sogar zweimal. Erstens beschossen an diesem Tag zwei Schiffe der belgischen Marine die Hafenstadt Matadi. Das hatte nichts mehr mit dem Schutz belgischer Bürger zu tun, denn die waren größtenteils evakuiert worden, sondern einzig und allein mit der Einnahme eines strategisch wichtigen Hafens. Zweitens, und das war noch sehr viel bedeutsamer, erklärte Tschombé an diesem Tag die Unabhängigkeit Katangas und wurde sofort von Belgien unterstützt. Kasavubu und Lumumba reisten in diesen Tagen durch das ganze Land, um Unruhen zu beschwichtigen. Sie waren über die Desintegration ihres Landes ebenso besorgt wie Belgien. In Bas-Congo gelang es Persönlichkeiten wie Gaston Diomi, einem der Bürgermeister der Hauptstadt, und Charles Kisolokele, einem der Söhne von Simon Kimbangu, die Meuterei durch ihren klugen und mutigen Einsatz einzudämmen. Es gab also einheimische, oft erfolgreiche Initiativen. Als der Präsident und der Premierminister von der Abspaltung Katangas erfuhren, flogen sie in die Provinz, doch der belgische Kommandant Weber erteilte ihnen keine Landeerlaubnis für den Flughafen von Elisabethville. Das schaffte selbstverständlich viel böses Blut: Den Nummern 1 und 2 der demokratisch gewählten Regierung wurde der Zugang zur zweitgrößten Stadt ihres Landes verwehrt! Noch dazu von einem ausländischen Offizier, der einen Tag zuvor in der Stadt eingetroffen war!19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu und Lumumba zogen sofort die Schlussfolgerung, dass Belgien hinter der Sezession Katangas steckte. Begreiflich, aber nicht ganz richtig. Die Kontakte zwischen Belgiern und Katangesen waren schon seit langem ausgezeichnet, aber dass Staatsbeamte in Brüssel die Abspaltung Katangas mit geplant hätten, trifft nicht zu.20 In Wirklichkeit war die belgische Regierung von Tschombés verwegener Aktion unangenehm überrascht. Doch in der abtrünnigen Provinz entwickelte sich augenblicklich großes Einvernehmen zwischen den katangesischen Führern, den belgischen Militärs und der Leitung der Union Minière. Belgische Soldaten entwaffneten Lumumbas Truppen und standen mit an der Wiege einer neuen katangesischen Armee, der sogenannten &#039;&#039;Gendarmerie Katangaise&#039;&#039;. Brüssel erkannte den katangesischen Staat nie offiziell an, doch in der Praxis konnte Tschombé auf sehr viel belgische Unterstützung zählen. Die belgische Nationalbank half sogar dabei, die Zentralbank von Katanga aufzubauen.21 Auch das Königshaus hegte große Sympathien. König Baudouin schätzte Tschombé weitaus mehr als Lumumba. Er schrieb ihm: »Ein Bund von achtzig Jahren wie der, der unsere beiden Völker vereint, erschafft viel zu innige Gefühlsbande, um von der hassenswerten Politik eines einzigen Mannes aufgelöst zu werden.« Das Wort »hassenswert« wurde in der endgültigen Fassung gestrichen. Dass es um Lumumba ging, war auch so mehr als deutlich.22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch sein militärisches Eingreifen wollte Belgien die Ordnung wiederherstellen, bewirkte aber eine totale Eskalation des Konflikts. Die Geschichte des Kongo zwischen 1955 und 1965 ist nichts anderes als eine Folge von Bemühungen verschiedener Regierungen, die Unruhe einzudämmen, Bemühungen, die jedes Mal in noch mehr Unruhe mündeten. Diesmal jedoch gossen die Belgier besonders viel Öl ins Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dem turbulenten Bas-Congo patrouillierten im Juli 1960 vier Harvard-Kampfflugzeuge der belgischen Luftwaffe. Sie nahmen Bodenziele unter Beschuss und griffen mit Raketen an. Nach sechs Tagen war eines abgestürzt und eines abgeschossen worden. Die anderen beiden hatten Einschläge von Geschossen an den Tragflächen und am Rumpf.23 Der schwerverletzte Pilot der abgeschossenen Maschine wurde von kongolesischen Soldaten ermordet und in den Inkisi geworfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar Vize-Distriktverwalter André Ryckmans wurde erschossen, der Sohn des ehemaligen Generalgouverneurs. Er war einer der intelligentesten Köpfe in der ehemaligen Verwaltung gewesen, ein Mann, der sich in den Dörfern sehr wohl gefühlt hatte.24 Wer ihn Kikongo sprechen hörte, hätte geschworen, dass da ein Afrikaner redete. Niemand hatte so viel Verständnis für die kongolesische Perspektive wie er. Der alte Nkasi erinnerte sich an ihn als an einen der wenigen Weißen, die wirklich sympathisch waren. Aber als Ryckmans mit den Meuterern über die Freilassung einiger weißen Geiseln verhandelte, wurde er vor den Augen einer aufgestachelten Menschenmenge ermordet. Wie sehr musste das militärische Vorgehen der Belgier die Atmosphäre vergiftet haben, wenn sogar einer der brillantesten und empathischsten Männer aus der Verwaltung von einer wütenden Volksmenge gelyncht werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Monsieur André, ja, den habe ich noch gekannt«, lächelte der blinde Camille Mananga, mit dem ich mich in Boma unterhielt. »Der war fast ein richtiger Kongolese. Er betrachtete sich selbst auch als Kongolesen. Aber bei der Brücke über den Inkisi haben sie ihn damals ermordet.« Ich fragte ihn, was er noch vom militärischen Eingreifen der Belgier wisse. Er brauchte nicht lange nachzudenken: »Ich war in Boma. Die belgischen Soldaten vom Stützpunkt Kitona waren gekommen, um die Armee zu entwaffnen. Auf dem Flughafen standen überall Panzer. Es war früh am Morgen, und ich ging zur Arbeit. Ich war damals Staatsbeamter im einfachen Dienst. In der Stadt wimmelte es von Soldaten. Ein Belgier sprach mich an. ›Wo willst du hin?‹ ›Ich arbeite in der Provinzverwaltung‹, sagte ich. ›Geh wieder nach Hause‹, sagte er, ›die Stadt ist von den Belgiern besetzt.‹ Aber ich ging weiter, ich war zu neugierig. Zum ersten Mal im Leben sah ich einen Panzer. Ich sah mir alles von Nahem an. Die Belgier sind nicht lange geblieben, aber es war eine Besetzung, nicht mehr und nicht weniger.«25&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kehrte also nicht wieder Friede ein. Im ganzen Land nahm die Gewalt gegen Belgier zu. Beamte und Plantagenbesitzer wurden mit Knüppeln, Peitschen und Hosengürteln geschlagen. Manche wurden gezwungen, Urin zu trinken oder verdorbene Nahrungsmittel zu essen. Katholische Nonnen mussten sich in der Öffentlichkeit ausziehen und wurden festgebunden. Soldaten fragten sie, warum sie nicht der Partei Lumumbas angehörten und ob sie es mit den Patres trieben. Andere schlugen vor, einer weißen Frau eine Granate in die Vagina zu stecken. Erniedrigung war ein Ziel an sich. In der Zeit zwischen dem 5. und dem 14. Juli wurden ungefähr hundert europäische Männer misshandelt, ebenso viele Frauen vergewaltigt und fünf Weiße ermordet.26 Belgien hatte den Kongo in die Unabhängigkeit entlassen, um einen Kolonialkrieg zu vermeiden, bekam ihn nun aber doch. Und das auch noch durch eigene Schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»die regierung der republik kongo ersucht uno organisation dringend um entsendung militärischer unterstützung stop unsere bitte ist gerechtfertigt durch die entsendung belgischer truppen aus dem mutterland in den kongo als verstoß gegen den freundschaftsvertrag unterzeichnet zwischen belgien und republik kongo am 29. juni dieses jahres stop nach den bestimmungen dieses vertrages können belgische truppen nur intervenieren auf ausdrückliches ersuchen der kongolesischen regierung stop dieses ersuchen wurde von der regierung der republik kongo nie formuliert stop betrachten unerbetene belgische aktion als aggressiven akt gegen unser land stop tatsächliche ursache der meisten unruhen sind kolonialistische provokationen stop beschuldigen belgische regierung sezession katangas minutiös vorbereitet zu haben um unser land unter kontrolle zu behalten stop regierung mit rückhalt durch das kongolesische volk weigert sich vor vollendete tatsachen gestellt zu werden die sich aus einer verschwörung von belgischen imperialisten und kleinen gruppen katangesischer führer ergeben stop (. . .) insistieren mit betonung der extremen dringlichkeit auf entsendung von uno truppen in den kongo fullstop«27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterzeichnet von: Joseph Kasavubu und Patrice Lumumba. Mit diesem Telegramm ersuchten der Präsident und der Premierminister des Kongo am 12. Juli, einen Tag nach der Sezession Katangas, die Vereinten Nationen um Unterstützung. Die UNO war zu diesem Zeitpunkt noch eine relativ junge Organisation, die in ihrem fünfzehnjährigen Bestehen nur vier Beobachtungsmissionen vorzuweisen hatte. Ihr Generalsekretär war Dag Hammarskjöld, Sohn eines schwedischen ehemaligen Ministerpräsidenten, ein Mann, der durchdrungen war von protestantischem Pflichtgefühl. Kasavubu und Lumumba richteten ihre ganze Hoffnung auf die UNO. Ihr Land war noch nicht einmal eine Woche lang Mitglied.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hammarskjöld berief noch am selben Abend eine Eilsitzung des UNO-Sicherheitsrats ein. In dem nüchternen Sitzungssaal in New York wurde eine ganze Nacht über die aktuellen Entwicklungen im Kongo diskutiert. Die Sowjetunion befürwortete das Hilfeersuchen von Kasavubu und Lumumba ohne Wenn und Aber. Die anderen Mitglieder stimmten der Notwendigkeit einer Intervention zu, zögerten jedoch, Belgien auf die Finger zu klopfen. Der Generalsekretär war der Ansicht, dass eine internationale Truppe in erster Linie den Frieden überwachen und weniger die Befehle der kongolesischen Regierung ausführen müsse. Ebenso wenig äußerte er sich zur belgischen Invasion im Kongo. Polen und die UdSSR waren der Ansicht, dass die Belgier, als Aggressoren, unverzüglich abziehen müssten. Gegen vier Uhr morgens wurde die UNO-Resolution 143 verabschiedet. Der Sicherheitsrat rief »die Regierung Belgiens [dazu auf], ihre Truppen vom Territorium der Republik Kongo zurückzuziehen«, und beschloss, Blauhelme zu entsenden.28 Die Operation wurde unter dem Namen ONUC (&#039;&#039;Opération des Nations Unies au Kongo&#039;&#039;) bekannt; es war die bis dahin größte UNO-Mission der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba war mit der UNO-Resolution nicht glücklich. Belgien wurde nirgendwo im Text verurteilt, und die Sezession Katangas wurde mit keiner Silbe erwähnt. Er hatte eine viel souveränere Haltung des Sicherheitsrates erwartet. Er hatte gehofft, dass die UNO-Blauhelme die Sache seiner schlecht funktionierenden Armee übernehmen, die belgischen Soldaten vertreiben und Katanga wieder dem Kongo angliedern würden. Das gestattete die Resolution nicht. Es war so, als riefe jemand bei schweren Krawallen die Polizei an, aber es käme höchstens die Feuerwehr. Nützlich, jedoch nicht ausreichend. Und deshalb bat er, zusammen mit Kasavubu, das Land um Unterstützung, das im Sicherheitsrat das größte Verständnis für sein Anliegen gezeigt hatte: die Sowjetunion. Am 14. Juli brach der Kongo die diplomatischen Beziehungen zu Belgien ab und nahm Kontakt mit Moskau auf: »könnten dazu veranlasst werden intervention der sowjetunion zu erbitten falls westliches lager akt der aggression gegen souveränität republik kongo nicht beendet stop nationales kongolesisches hoheitsgebiet momentan von belgischen truppen besetzt und leben von präsident der republik und premierminister in gefahr fullstop«.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses Schrittes kann nicht genug betont werden. Mit einem Schlag eröffnete das Telegramm eine neue Front im Kalten Krieg: Afrika. Bis dahin waren die Spannungen zwischen Ost und West hauptsächlich in Osteuropa und Asien (Korea, Vietnam) zum Ausdruck gekommen. Nun stand Afrika plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Kaum war das Telegramm nach Russland abgeschickt worden, da war es schon an den CIA durchgesickert. Der Inhalt sorgte in Washington für große Nervosität: Ersuchte der Kongo jetzt tatsächlich den Erzfeind um Unterstützung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1960 erwarben siebzehn afrikanische Länder die Unabhängigkeit. Die Folge war ein neuer &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;. Anders als im neunzehnten Jahrhundert waren es diesmal nicht westeuropäische Mächte, die sich überseeische Kolonien aneignen wollten, sondern die Sieger des Zweiten Weltkrieges, die ihren Einflussbereich über den ganzen Globus ausdehnen wollten. Wirtschaftsinteressen spielten noch immer eine wichtige Rolle, aber ideologische, geopolitische und militärische Faktoren waren viel entscheidender. Der Kongo war der erste afrikanische Staat, der in das Tauziehen der beiden neuen Weltmächte verwickelt wurde. Es ging dabei nicht nur um ein großes und strategisch günstig gelegenes Land, von dessen Territorium aus ganz Zentralafrika kontrolliert werden konnte, sondern auch darum, dass der Kongo über entscheidende Rohstoffe für die Waffenproduktion verfügte. Die Amerikaner wussten nur allzu gut, dass sie den Zweiten Weltkrieg mit dem Uran aus dem Kongo gewonnen hatten, und dass es für Kobalt, ein Element, das zur Herstellung von Raketen und anderen Waffen benutzt wird, nur zwei wichtige Lagerstätten auf der Welt gab: den Kongo und die UdSSR selbst.30 Den Kongo den Sowjets zu überlassen, hätte für die USA militärisch eine ernsthafte Schwächung bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War Kasavubu und Lumumba die Tragweite ihres Telegramms bewusst? Höchstwahrscheinlich nicht. Unerfahren wie sie waren, versuchten sie lediglich, ausländische Unterstützung für die Lösung eines nationalen Entkolonisierungskonflikts zu bekommen; doch sie öffneten damit die Büchse der Pandora eines globalen Konfliktes. Sehr viel Tinte ist geflossen über Lumumbas vermeintlichen Kommunismus. Die Kontakte mit der UdSSR dienen dann meist als Beweismaterial für sein bolschewistisches Naturell. Aber das ist falsch. Was die Wirtschaft betraf, stand Lumumba dem Liberalismus näher als dem Kommunismus. Von einer Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrie war bei ihm keine Rede; er hoffte eher auf Privatinvestitionen aus dem Ausland. Außerdem war Lumumba ein Nationalist und kein Internationalist, wie es sich für einen Kommunisten gehört hätte. Sein Bezugssystem war durch und durch kongolesisch, ungeachtet allen Panafrikanismus. Auch die Vorstellung einer proletarischen Revolution passte nicht in sein Weltbild. Als &#039;&#039;évolué&#039;&#039; gehörte er zur frühen kongolesischen Bourgeoisie; er hatte kein Interesse daran, seine eigene gesellschaftliche Gruppe zu stürzen. Zudem suchte er ebenfalls Unterstützung von amerikanischer Seite, um das Problem seines Landes zu lösen. Schließlich wird oft vergessen, dass er sein Bittgesuch an Chruschtschow zusammen mit Kasavubu schrieb, und der war alles andere als ein Kommunist. Sogar Chruschtschow war sich darüber im Klaren: »Ich könnte sagen, dass Herr Lumumba ebenso sehr ein Kommunist ist, wie ich ein Katholik bin. Aber wenn sich die Worte und Taten Lumumbas mit kommunistischen Vorstellungen überschneiden, dann kann mir das nur angenehm sein.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bittgesuch an Moskau war weder durch Lumumbas Sprunghaftigkeit motiviert noch durch seine labile Persönlichkeit, sein grundsätzliches Misstrauen, sein unangemessenes Verhalten oder welchen Charakterzug auch immer man ihm nachsagte. Lumumba galt tatsächlich als reizbar und launenhaft, aber wer heute die Telegramme an die Vereinten Nationen und die Sowjetunion liest, nimmt ein ganz anderes psychologisches Register wahr: Panik. Panik gekoppelt mit bodenlosem Zorn, großer Angst, die Kontrolle zu verlieren, und Furcht, ermordet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kasavubu und Lumumba keine bedeutende politische Funktion ausgeübt hatten, bevor sie die Führung ihres Landes übernahmen. Kasavubu war Bürgermeister eines Stadtteils von Léopoldville gewesen, Lumumbas erstes politisches Amt war das des Premierministers. Nach zwei Wochen Unabhängigkeit verloren sie die Kontrolle über die Geschehnisse. Es war so, als hätten sie gerade den Führerschein für ein Auto gemacht und stellten plötzlich fest, dass sie am Steuer eines Düsenjägers saßen, der abzustürzen drohte. Konfrontiert mit einer unerbetenen militärischen Intervention Belgiens taten sie das, was ihnen in diesem bedrohlichen Moment als richtig erschien: schnellstmöglich das Land um Hilfe zu bitten, das sich dazu bereit zeigte. Und die UdSSR war mehr als bereit. Einen Tag später teilte Chruschtschow in einem sehr energisch formulierten Brief mit, dass die Sowjetunion, falls die »imperialistische Aggression« Belgiens und seiner Bündnispartner anhalte, »nicht zögern wird, entschlossene Maßnahmen zu treffen, um die Aggression zu beenden«. Sein Land bringe großes Verständnis auf für »den heldenhaften Kampf des kongolesischen Volkes für die Unabhängigkeit und Integrität der Republik Kongo«. Und er fügte hinzu: »Die Forderung der Sowjetunion lautet schlicht und einfach: Hände weg von der Republik Kongo!« Dabei vergaß er der Einfachheit halber, dass die sowjetische Armee vier Jahre zuvor mit ihren Panzern den Volksaufstand in Ungarn niedergewalzt hatte.32&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dag Hammarskjöld erkannte, dass ein weltweiter Konflikt drohte, und schaffte es, innerhalb von 48 Stunden Blauhelme in den Kongo zu entsenden: Am 15. Juli landeten die ersten marokkanischen und ghanaischen Kontingente, gefolgt von anderen afrikanischen Truppen aus Tunesien, Marokko, Äthiopien und Mali. Unterdessen schickte die UdSSR zehn Iljuschin-Flugzeuge in den Kongo mit Lastwagen, Lebensmitteln und Waffen. Die USA erwogen, die NATO einzuschalten, aber das hätte ein zweites Korea entfesseln können, oder sogar einen neuen Weltkrieg. Washington machte seinen Einfluss deshalb vorzugsweise über zwei diskretere Kanäle geltend: die UNO und den CIA, den Weg der diplomatischen Lobby in New York und der geheimen Beeinflussung in Léopoldville. Larry Devlin, Chef des amerikanischen Geheimdienstes im Kongo, verfügte über ein enormes Budget, um die kongolesische Politik in die Richtung eines für die USA vorteilhaften Kurses zu lenken. Kasavubu und vor allem Mobutu sollten seine Günstlinge werden.33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Vorstellung von diesen turbulenten Tagen bekam ich bei den Gesprächen mit Jamais Kolonga. Es war nur eine Anekdote, aber sie war sehr vielsagend. Ende Juli wollte Lumumba nach Amerika, um selbst mit den USA und der UNO zu verhandeln. Das übliche Verfahren, mit dem so ein offizieller Staatsbesuch sorgfältig zwischen den Spitzenbeamten des einen und den Diplomaten des anderen Landes vorbereitet wird, wurde außer Acht gelassen. Einer von Lumumbas Mitarbeitern begab sich zur amerikanischen Botschaft in Léopoldville und verlangte auf der Stelle vierundzwanzig Visa für den Premier und dessen Gefolge. Das kam bei mehreren Stellen nicht gut an. Es gab kein Programm, kein Protokoll, keine Terminabsprachen.34 »Ich habe sie zum Flughafen Ndjili begleitet«, erzählte Jamais Kolonga. Seit dem 30. Juni arbeitete er in der Pressestelle des Premierministers. Er lernte dort auch Mobutu kennen, Lumumbas Sekretär. »Eine Musikkapelle spielte, die Tür schloss sich, die Treppe wurde weggerollt. Aber im Flugzeug fragte sich Lumumba, wo sein Presseattaché war. Die Tür ging wieder auf, und Lumumba zeigte auf unsere Gruppe. Auf wen zeigte er? Auf mich? Auf den Mann neben mir? Jeder von uns fragte sich, ob er gemeint war. &#039;&#039;›C&#039;est vous!‹,&#039;&#039; sagte er und deutete in meine Richtung. Ich ging zum Flugzeug. Ich musste mit. Ich hatte nur einen Parker-Kugelschreiber bei mir und ein Heft. Keine Kleidungsstücke, außer dem grünen Anzug, den ich anhatte! Ohne Pass, ohne Visum, ohne Gepäck ging ich an Bord. Aber als ich zurückkam, hatte ich zwei volle Koffer und eine Umhängetasche. Und ich hatte Dag Hammarskjöld bei seiner Arbeit für die Vereinten Nationen gesehen.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Nonchalance war bezeichnend für das Improvisationshafte der jungen kongolesischen Regierungsmannschaft. Nicht zuletzt deshalb machte Lumumba auf seiner Reise keinen guten Eindruck. Da keine Begegnung vereinbart worden war, weigerte sich Präsident Eisenhower, ihm eine Audienz zu gewähren. Bei der UNO war man darüber konsterniert, in welcher Art Lumumba »unmögliche Forderungen stellte und sofortige Resultate verlangte«.36 Douglas Dillon, der stellvertretende Außenminister der USA, beschwerte sich über seine »irrationale, fast ›psychotische‹ Persönlichkeit«: »Er sah einem nie in die Augen, er schaute in die Luft. Und dann folgte ein gewaltiger Redeschwall (. . .) Seine Worte standen nie im Zusammenhang mit dem, was wir besprechen wollten. Man bekam das Gefühl, dass er als Person von einem Eifer besessen war, den ich nur als messianisch beschreiben kann. Er war einfach nicht rational. (. . .) Der Eindruck, den er hinterließ, war sehr negativ, er war ein Mensch, mit dem man überhaupt nicht zusammenarbeiten konnte.« Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an.37&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem Monat sah es im Kongo so aus: Die Armee war völlig desolat, die Verwaltung war enthauptet, die Wirtschaft war aus dem Takt, Katanga war abgespalten, Belgien war eingerückt, und der Weltfrieden war bedroht. Und das, weil am Anfang ein paar Soldaten in der Hauptstadt mehr Sold und einen höheren Rang in der Armee gefordert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Lumumba viele Brücken hinter sich abgebrochen. Nach der Rede vor Baudouin und der Entlassung von General Janssens war er für Belgien erledigt. Nach dem Telegramm an Chruschtschow und seiner Reise nach Amerika war er für die USA erledigt. Auch die UNO verlor allmählich die Geduld, und im eigenen Land hatte ihn sein eigenmächtiges Verhalten von Kasavubu entfremdet. Westliche Diplomaten, Berater und Sicherheitsleute trieben einen Keil zwischen die beiden. Einer nach dem anderen stellte sich auf die Seite von Ka­savubu und legte ihm nahe, Lumumba fallenzulassen. Im August 1960 war Lumumba ein einsamer Mann, der nur noch auf die Unterstützung der Sowjets zählen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Groll war zudem nicht kleiner geworden. Zweimal hatte der UNO-Sicherheitsrat Belgien aufgefordert, seine Truppen zurückzuziehen (am 22. Juni sollte das »schnell« geschehen, am 8. August sogar »unverzüglich«), aber Belgien wollte nicht weichen, solange die Blauhelme die Sicherheit nicht gewährleisten konnten.38 Erst gegen Ende August, reichlich spät, hatten alle zehntausend belgischen Soldaten den Kongo verlassen. In Lumumbas Augen war die UNO im besten Fall zahnlos und im schlimmsten Fall prowestlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. August rief der Süden von Kasai die Unabhängigkeit aus. Das hatte noch gefehlt. Die Diamantenprovinz war nach Katanga die wichtigste Bergbauregion des Kongo. Albert Kalonji ließ sich dort zum König krönen. Er war ein ehemaliger Mitstreiter Lumumbas; bereits vor den Wahlen hatte er sich mit ihm überworfen und deshalb kein Ministeramt in der nationalen Regierung erhalten. Seine Sezession hatte jedoch auch ethnische Hintergründe. Kalonji trat für die Baluba ein, die Bewohner Kasais, von denen viele in den Minen von Katanga arbeiteten und dort als Migranten und Glückssucher verhasst waren. In Kasai selbst standen die Baluba im Konflikt mit den Lulua; es kam des Öfteren zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Durch die Proklamation eines eigenen Staates hoffte Kalonji ein Heimatland für die Baluba zu schaffen. Tschombé unterstützte das Unternehmen. Er und Kalonji entschlossen sich sogar zu einer Konföderation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammen mit Katanga nahm der abgespaltene Süden von Kasai ein Viertel des gesamten Territoriums ein, und zwar das reichste Viertel des Kongo. Für einen Verfechter der Einheit des Landes wie Lumumba war das nicht hinnehmbar. Überdies zog nun auch Bolikango in Erwägung, die Provinz Équateur abzutrennen. Das war kein Zufall: Tschombé, Kalonji und Bolikango hatten sich nach der Regierungsbildung als die Betrogenen empfunden, da sie keinen Ministerposten erhalten hatten. Lumumba wollte eingreifen, konnte aber nicht auf die Blauhelme zählen, denn die hatten auch nichts gegen die Unabhängigkeit Katangas unternommen. Als Verteidigungsminister entsandte er nun selbst die neue kongolesische Armee in die aufständische Diamantenprovinz. Aber die Regierungsarmee verfügte kaum über finanzielle Mittel und wurde von Offizieren angeführt, die zwei Monate zuvor ohne Vorbereitung ernannt worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren verheerend. Ende August war Kasai der Schauplatz sinnloser Konfrontationen; statt Siege gab es nur Gemetzel, die mehrere tausend Bürger das Leben kosteten. Bei einem Angriff auf eine katholische Missionsstation, in der einfache Baluba Schutz gesucht hatten, wurden mehr als fünfzig Menschen abgeschlachtet, darunter auch Frauen und Kinder. Die Soldaten der Regierungsarmee waren mit Maschinengewehren, aber auch mit Macheten bewaffnet. UNO-Generalsekretär Dag Hammarskjöld äußerte seinen Abscheu und sprach von einem Völkermord gegen die Baluba. Er bezeichnete es als »eine der flagrantesten Verletzungen der elementarsten Menschenrechte, die Merkmale eines Genozidverbrechens haben«.39 Lumumba hatte es sich nun auch mit der UNO völlig verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kasavubu hatte sich in der ganzen Zeit einigermaßen zurückgehalten. Aber am 5. September 1960 ergriff er die Gelegenheit und führte aus, was ihm viele westliche Berater nahegelegt hatten: Er setzte Lumumba ab. Artikel 22 der &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039;, der vorläufigen Verfassung des neuen Kongo, gab ihm die Befugnis: »Das Staatsoberhaupt ernennt und entlässt den Ministerpräsidenten und die Minister.«40&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Hörer des nationalen Radiosenders muss es einer der seltsamsten Abende in der Geschichte des staatlichen Rundfunks gewesen sein. Kurz nach zwanzig Uhr wurde die Sendung – ein englischer Sprachkurs – unterbrochen, und Präsident Kasavubu teilte mit seiner dünnen, hohen Stimme mit, dass er soeben den Ministerpräsidenten des Amtes enthoben habe. Überall in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, in den ärmlichen Stadtvierteln, in den Dörfern im Landesinneren erfuhren einfache Kongolesen, dass Lumumba nicht mehr ihr Ministerpräsident sei und dass er bis auf weiteres durch einen gewissen Joseph Ileo ersetzt werde, einen gemäßigten Mann, der 1956 noch das &#039;&#039;Manifeste de la Conscience africaine&#039;&#039; verfasst hatte. Keine Stunde später bekamen die Hörer zu ihrer großen Verwunderung im Stakkato-Französisch von Ministerpräsident Lumumba mitgeteilt, er seinerseits habe Präsident Kasavubu abgesetzt! Gegen so viel Verwirrung kam keine englische Grammatik an. Als habe der Kongo nicht genug mit einer militärischen, administrativen, ökonomischen, ethnischen und globalen Krise, musste er nun auch noch mit einer Verfassungskrise fertig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba berief sich auf Artikel 51 der vorläufigen Verfassung, der besagte, dass »nur den Kammern eine authentische Auslegung der Gesetze« zustehe.41 Das war ein geschickter Schachzug; am 13. September sprach das Parlament Lumumba erneut sein Vertrauen aus und weigerte sich, Ileo als neuen Ministerpräsidenten anzuerkennen. Für Präsident Kasavubu war die Blamage so groß, dass er tags darauf das Parlament für einen Monat beurlaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun war der Trümmerhaufen komplett. Im Kongo wurde nicht regiert, sondern gestritten. Das Staatsinteresse war dem Machtkampf untergeordnet. In diesem Chaos trat Oberst Mobutu vor, der Stabschef der Armee, um den Querelen ein Ende zu machen. Noch am selben Tag, dem 14. September 1960, unternahm er seinen ersten Staatsstreich, mit Zustimmung und Unterstützung des CIA. Er sagte der Presse, dass die Armee bis zum Jahresende die Macht übernehme. Lumumba und Kasavubu würden »neutralisiert«. Aber während Kasavubu schließlich als eine Art zeremonieller Präsident im Amt verbleiben durfte, wurde Lumumba in seiner Residenz in der Hauptstadt unter Hausarrest gestellt. Die Freundschaft zwischen Mobutu und Lumumba war für immer vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierungsgeschäfte vertraute Mobutu einem Team junger Akademiker an. Sie sollten die mangelnde Sachkenntnis in Lumumbas Regierungsmannschaft vergessen machen. Mario Cardoso, der Mann, der am Runden Tisch zur Ökonomie teilgenommen hatte und bei den kongolesischen Studenten in Belgien beliebt war, erzählte darüber Folgendes: »Oberst Mobutu bat die Studenten und die Akademiker, aus der Diaspora zurückzukehren und ihre Bildung in den Dienst des Landes zu stellen. Wir sollten keinen Ministertitel bekommen, sondern den eines Generalkommissars. Wir sollten unpolitische Verwaltungsfachleute werden, wir vertraten keine Partei, keinen Stamm, keine Region, kein Dorf. Wir besaßen ein Diplom, das genügte.« Cardoso selbst war in diesem Kollegium von Generalkommissaren für den Bildungssektor zuständig. Justin Bomboko, verantwortlich für das Ressort Äußeres, war der Vorsitzende und fungierte de facto als Ministerpräsident. Dieses Arrangement dauerte nur einige Monate. »Wir waren eine Übergangsregierung. Mobutu wollte nur die Ordnung wiederherstellen, denn das Gezänk zwischen Kasavubu und Lumumba hörte einfach nicht auf.«42&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dieser Regierung von Akademikern war längst nicht jeder einverstanden. Lumumba bestand darauf, dass er der einzige demokratisch gewählte Ministerpräsident des Kongo sei. Die belgische Regierung hingegen war über seine Absetzung erfreut und unterhielt herzliche Kontakte mit den jungen Kommissaren, von denen viele in Brüssel oder Lüttich studiert hatten. Eine Rückkehr Lumumbas auf die politische Bühne sollte um jeden Preis verhindert werden, notfalls mit Gewalt. Zwei belgische Militärs, die unter Deckung des Ministers für afrikanische Angelegenheiten, d&#039;Aspremont Lynden, operierten, trafen Vorbereitungen, um Lumumba zu entführen oder zu ermorden.43 Außerdem wies der amerikanische Präsident Eisenhower höchstpersönlich den CIA an, Lumumba physisch zu liquidieren. In klassischem James-Bond-Stil sollte der Ministerpräsident des Kongo mit Hilfe einer Tube hypertoxischer Zahnpasta vergiftet werden.44 Und auch im Kongo gab es viele Menschen, die ihn als Staatsoberhaupt ablehnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lumumba, der sich der Gefahr von Anschlägen bewusst war, bat die UNO um Schutz. Daraufhin kampierte ein Kontingent ghanaischer Blauhelme in seinem Garten, um etwaige Belagerer fernzuhalten. Das war auch notwendig, denn am 10. Oktober schickte Mobutu zweihundert Soldaten zur Residenz, um Lumumba festnehmen zu lassen. Die Blauhelme ließen sie jedoch nicht durch. Es herrschte eine Pattsituation, die wochenlang andauerte. Lumumbas Haus war doppelt umzingelt: Blauhelme, die ihn beschützten, solange er sich im Haus aufhielt, Kongolesen, die bereit waren, ihn zu verhaften, sobald er herauskam. Seine Telefonleitung hatte man gekappt. Lumumba war in diesem Moment zum Schweigen verurteilt. Deshalb übernahm Vizepremier Antoine Gizenga die Rolle des Repräsentanten der Regierung Lumumba. Gizenga kam aus dem Kwilu und wird dort bis zum heutigen Tag von älteren Menschen wie Longin Ngwadi, dem »Säbeldieb« aus Kikwit, verehrt. Je mehr Eigendynamik Mobutus Putsch entwickelte, desto klarer erkannte Gizenga, dass für ihn und andere Lumumba-Getreue in Léopoldville kein Platz mehr war. Also zog er Anfang November mit dem, was von der ersten Regierung übrig geblieben war, nach Stanleyville, der Wiege von Lumumbas Bewegung, um das Land von dort aus zu regieren und zurückzuerobern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Situation wurde immer unübersichtlicher. Der neue Staat war nun vier Monate alt und hatte inzwischen vier Regierungen zur gleichen Zeit, jede mit einer eigenen Armee und ausländischen Bündnispartnern. In Léopoldville genossen Kasavubu und vor allem Mobutu die bedingungslose Unterstützung der Amerikaner. Dank der Mittel, die ihm die USA großzügig zur Verfügung stellten, konnte Mobutu die nationale Armee reorganisieren. Um ihn bildete sich die Binza-Gruppe, benannt nach dem Residenzviertel der Hauptstadt, wo sich die Mitglieder trafen. Es war ein inoffizieller Zirkel mit sehr viel Macht, generös unterstützt vom CIA. In Stanleyville hielt Gizenga das lumumbistische Gedankengut lebendig. Er hatte einen Teil der Armee hinter sich. Seine Regierung bekam Hilfe von der Sowjetunion, die jedoch nicht so systematisch und substanziell war wie die amerikanische Unterstützung der Hauptstadt.45 In Elisabethville stand Tschombé an der Spitze eines Landes, das seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Belgien war sehr freigebig mit logistischer und militärischer Hilfe. In den Rängen der »Katanga-Gendarmen« war eine große Anzahl belgischer Offiziere. Die Union Minière finanzierte die Sezession mit hohen Summen. In Bakwanga stand Kalonji an der Spitze von Kasai, nun ein unabhängiger Baluba-Staat, in dem belgische Diamantenunternehmen aktiv waren. Hier stellte Forminière die nötigen Mittel bereit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé und Kalonji waren nur regionale Machthaber, Kasavubu und Gizenga aber pochten beide auf die Legitimität der Staatsregierung. Wer hatte recht? Beide bemühten sich um internationale Anerkennung; und dieser Kampf wurde vor der UNO-Vollversammlung in New York ausgetragen. Der Kongo trat dort mit zwei Lagern an: Kasavubu/Mobutu versus Lumumba/Gizenga. Thomas Kanza, der 26-jährige Psychologe, vertrat die Regierung Lumumba bei der UNO, aber Präsident Kasavubu reiste selbst nach New York, um die Welt davon zu überzeugen, dass er und niemand anders die legitime Regierung der Republik verkörperte. Er brachte vor, dass die Absetzung Lumumbas von der Verfassung gedeckt sei; die US-Amerikaner, die Belgier und viele hochrangige UNO-Vertreter hatten damit wenig Schwierigkeiten. Am 22. November erfolgte der Urteilsspruch: Dreiundfünfzig Länder erkannten Kasavubu an, vierundzwanzig stimmten dagegen, neunzehn enthielten sich der Stimme.46 Mario Cardoso, der damals für Mobutu arbeitete, erlebte es als Triumph: »Wir haben damals den Sitz in der UNO gewonnen. Kasavubu stand an der Spitze unserer Delegation, und Lumumba verlor international.«47 Diese internationale Marginalisierung bedeutete für Lumumba das Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stand noch immer in seinem Haus in der Hauptstadt unter Hausarrest. Als ihn die Nachricht von der Abstimmung in New York erreichte, wusste er, dass seine Tage in Léopoldville gezählt waren. Würden die Blauhelme im Garten ihn überhaupt noch beschützen, nachden die UNO-Delegierten nun gegen ihn gestimmt hatten? Er hielt es für das Klügste, sich zu seinen Mitstreitern in Stanleyville zu begeben. Es war Nacht, es war November, es war mitten in der Regenzeit. Ein außerordentlich schweres Tropengewitter am 27. November veranlasste die kongolesischen Soldaten, sich ins Trockene zu flüchten. Ihre Aufmerksamkeit ließ nach. Versteckt auf dem Boden eines Chevrolet ließ sich Lumumba im strömenden Regen aus der Residenz fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zustand der kongolesischen Straßen war zu diesem Zeitpunkt noch ausgezeichnet. Wenn sein Chauffeur zwei Tage und zwei Nächte zügig durchgefahren wäre, hätten sie Stanleyville erreichen können. Doch in der Nacht seiner Befreiung blieb Lumumba in der Hauptstadt, um Ansprachen an die Bevölkerung zu halten. Auch unterwegs hielt er in den Dörfern an und ließ sich den herzlichen Empfang der Dorfbewohner gefallen.48 Aber es war Regenzeit. In der Hauptstadt erfuhr Mobutu von Lumumbas Flucht und wollte um jeden Preis verhindern, dass Lumumba zu Gizenga gelangte. Denn das hätte Lumumbas politische Rückkehr bedeutet, und das wollten weder seine belgischen Berater noch der CIA. Die UNO weigerte sich, an der Suche nach dem Flüchtigen teilzunehmen, aber eine europäische Luftfahrtgesellschaft stellte eine Maschine mit einem Piloten zur Verfügung, der Erfahrung mit Aufklärungsflügen in geringer Höhe besaß. Schon bald war der Konvoi aus drei PKW und einem LKW entdeckt. Am 1. Dezember hielten Mobutus Soldaten Lumumba und seine Begleiter an, als sie in der Nähe von Mweka den Sankuru-Fluss überqueren wollten. Lumumba wurde nach Camp Hardy bei Thysville geflogen, zu der Kaserne, in der wenige Monate zuvor die Armee gemeutert hatte. Von diesem Augenblick an stand Lumumba nicht mehr unter dem Schutz der UNO, sondern war ein Gefangener der Regierung in Léopoldville. Als er ankam, ohne Brille und gefesselt, stopfte ihm jemand ein zusammengeknülltes Stück Papier in den Mund: den Text seiner berühmten Rede.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sollten Kasavubu und Mobutu mit ihm anfangen? Ihn für immer in Gewahrsam nehmen, als eine Art Simon Kimbangu der Ersten Republik? Und sollte man ihn dann nicht besser nach Katanga bringen? Oder nach Kasai? Feindliche Provinzen, gewiss, aber gerade deshalb. Dort würde er keine Anhänger haben. Denn da, wo er jetzt war, regte sich erneut Unmut. In Thysville kam es am 12. Januar wieder zu einer Meuterei. Das war beunruhigend. Die belgische Regierung, in der Person von Minister d&#039;Aspremont, billigte den Plan, Lumumba nach Katanga zu schaffen, ungeachtet der etwaigen Folgen, wenn er nur weit genug von der Hauptstadt entfernt war, irgendwo, wo meuternde Soldaten ihn nicht befreien konnten. Durch die Unterstützung dieses Plans konnte Belgien überdies das Verhältnis zu Kasavubu verbessern, denn das Land wollte die diplomatischen Beziehungen mit Léopoldville wieder aufnehmen, um nicht den Eindruck zu erwecken, nur an Katanga interessiert zu sein. Minister d&#039;Aspremont legte sich hektisch ins Zeug, und Tschombé akzeptierte schließlich widerwillig die Überstellung Lumumbas und zweier weiterer politischer Gefangener.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 17. Januar 1961 landete um 16.50 Uhr in Elisabethville die DC-4, die Lumumba und seine beiden Getreuen, Mpolo und Okito, beförderte. Während des Fluges waren sie geschlagen und misshandelt worden. Eine Hundertschaft bewaffneter Soldaten, die unter dem Befehl des belgischen Hauptmanns Gat standen, erwartete sie. Ein Konvoi brachte sie sofort zum »Brouwez-Haus«, eine abgelegene, leerstehende Villa, Eigentum eines Belgiers, wenige Kilometer vom Flughafen entfernt. Die Bewachung innerhalb und außerhalb des Hauses übernahm die Militärpolizei unter dem Kommando zweier belgischer Offiziere. Im Brouwez-Haus bekamen sie Besuch von mindestens drei katangesischen Ministern – Munongo, Kibwe und Kitenge, zuständig für Inneres, Finanzen und Infrastruktur –, die sie ebenfalls misshandelten. Tschombé war nicht darunter. Der saß im Kino und schaute sich einen Film mit dem in diesem Zusammenhang unwahrscheinlich zynischen Titel &#039;&#039;Liberté&#039;&#039; an, von der Organisation &#039;&#039;Réarmement moral&#039;&#039;, Moralische Aufrüstung. Danach tagte er mit seinen Ministern. Europäer waren bei der Sitzung nicht zugegen, die von 18.30 bis 20.00 Uhr dauerte, aber alle praktischen Maßnahmen für den Rest des Abends waren anscheinend schon im Voraus getroffen worden. Der Beschluss, Lumumba nach Katanga zu bringen, war ein gemeinsamer Plan der Machthaber in Léopoldville, ihrer belgischen Berater und der Regierung in Brüssel gewesen; doch der Beschluss, Lumumba zu ermorden, wurde von den Politikern in Katanga gefasst. Vor allem Minister Godefroid Munongo spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er war der Enkel von Msiri, dem afro-arabischen Sklavenhändler, der im neunzehnten Jahrhundert das Lunda-Reich an sich gerissen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Sitzung begab sich eine Abordnung von Ministern erneut zum Brouwez-Haus. Die Gefangenen wurden auf die Ladefläche eines Autos verfrachtet. Zusammen mit anderen Wagen und zwei Armeejeeps fuhr das Auto los. Inzwischen war es Nacht. Der Konvoi fuhr Richtung Nordwesten über die ebene Straße durch die Savanne in Richtung Jadotville. Im Licht der Scheinwerfer links und rechts Gras, Gestrüpp, die Silhouette eines Termitenhügels. Nach einer Dreiviertelstunde bog der Konvoi von der Hauptstraße ab und hielt wenig später an einer abgelegenen Stelle. Die Gefangenen mussten aussteigen. In der baumbestandenen Savanne am Straßenrand sahen sie eine flache Grube, frisch ausgehoben. Schwarze Polizisten und Gendarmen in Uniform standen daneben, aber auch ein paar Herren in Anzügen: Präsident Tschombé, die Minister Munongo, Kibwe und noch einige ihrer Kollegen. Auch vier Belgier nahmen an der Exekution teil: Frans Verscheure, Polizeidirektor und Berater der katangesischen Polizei, Julien Gat, Hauptmann der Katanga-Gendarmen, François Son, einer seiner Polizisten, und Leutnant Gabriël Michels. Die drei Gefangenen wurden nacheinander zum Rand der Grube geführt. Sie waren insgesamt keine fünf Stunden in Katanga gewesen. Sie waren verprügelt und misshandelt worden. Kaum vier Meter weiter stand das Exekutionskommando: vier katangesische Freiwillige mit Maschinengewehren. Dreimal krachte in der Nacht eine ohrenbetäubende Salve. Lumumba war als Letzter an der Reihe. Um 21.43 Uhr taumelte der Körper des ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten des Kongo rückwärts in die Grube.49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ermordung Lumumbas wurde eine Zeitlang geheim gehalten. Um alle Spuren zu beseitigen, grub Gerard Soete, der belgische Vize-Generalinspekteur der katangesischen Polizei, kurz danach die sterblichen Überreste der drei Opfer wieder aus. Dem Vernehmen nach ragte noch eine Hand, möglicherweise die von Lumumba, aus der Erde.50 Soete zerstückelte die Leichname mit einer Säge und löste sie in einem Fass mit Schwefelsäure auf. Aus Lumumbas Oberkiefer zog er zwei mit Gold überkronte Zähne. Von seiner Hand schnitt er drei Finger ab.51 In seinem Haus bei Brügge bewahrte er jahrelang eine Dose auf, die er manchmal Besuchern zeigte. Sie enthielt die Zähne und eine Kugel.52 Viele Jahre später warf er sie in die Nordsee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Welt von der Ermordung Lumumbas erfuhr, herrschte tiefe Bestürzung. Von Oslo bis Tel Aviv und von Wien bis Neu-Delhi gingen Menschen auf die Straße. In Belgrad, Warschau und Kairo wurden die belgischen Botschaften gestürmt. Während in Moskau eine Universität nach ihm benannt wurde, kam im Westen der »Lumumba« in Mode, ein beliebter Cocktail aus Brandy und Kakao. Gizengas Lumumba-gesinnte Regierung wurde kurzfristig von der UdSSR, Polen, der DDR, Jugoslawien, China, Ghana und Guinea anerkannt. Lumumba wurde binnen kürzester Zeit zu einem Märtyrer der Entkolonialisierung, einem Helden für alle Unterdrückten der Erde, einem Heiligen des gottlosen Kommunismus. Diesen Status verdankte er mehr seinem grausamen Tod als seinen politischen Erfolgen. Er war alles in allem keine zweieinhalb Monate an der Macht gewesen, vom 30. Juni bis zum 14. September 1960. Die Liste seiner Leistungen las sich wie eine Anhäufung von Schnitzern und Fehleinschätzungen. Seine überstürzte Afrikanisierung der Armee war sympathisch, aber führte zu einem Desaster, seine Bitte um militärische Hilfe bei der UNO und der Sowjetunion war begreiflich, aber völlig unbesonnen, sein militärisches Vorgehen in Kasai kostete mehrere tausend seiner Landsleute das Leben. Schon zu seinen Lebzeiten fanden Youlou und Senghor, die ersten Präsidenten von Kongo-Brazzaville und Senegal, seine Handlungsweise sehr problematisch.53 Dem stand gegenüber, dass er kaum auf seine Aufgabe vorbereitet war, dass er mit einem kopflosen zivilen Exodus und einer militärischen Invasion der Belgier konfrontiert war und erleben musste, wie die UNO zögerte, die belgische Aggression energisch zu verurteilen. Doch mit seiner unglücklichen Art, auf tatsächliches Unrecht zu reagieren, machte sich Lumumba systematisch mehr Feinde als Freunde. Die Tragik seiner kurzen politischen Laufbahn bestand darin, dass sein größter Trumpf in der Zeit vor der Unabhängigkeit – sein unwahrscheinliches Talent, die Massen mitzureißen – sich in seinen größten Nachteil verwandelte, als von ihm als Ministerpräsident erwartet wurde, etwas abgeklärter aufzutreten. Der Magnet, der zuerst anzog, stieß nun ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortung für Lumumbas Ende liegt bei mehreren Akteuren. Knapp zwei Wochen nach der Unabhängigkeit hatte Brüssel bereits signalisiert, dass es einen anderen Premierminister wollte. Auch bei der UNO und den USA war er nach einem Monat in Ungnade gefallen. Anfangs ging es um eine rein politische Eliminierung, aber amerikanische und belgische Politiker dachten allmählich über seine physische Beseitigung nach. Im Herbst 1960 steckte der CIA hinter Mobutus Putsch und wurde vom Weißen Haus mit der Liquidierung Lumumbas beauftragt. Auch der belgische Afrikaminister deckte &#039;&#039;covert actions&#039;&#039; mit dem Ziel, Lumumba auszuschalten. Alle diese Versuche scheiterten. Aber als Lumumba im Januar 1961 von Thysville nach Katanga gebracht wurde, war das mehr als eine Aktion der Politiker in Léopoldville und Elisabethville: Die logistische und operationelle Vorbereitung war durch belgische Berater in Léopoldville (die unter anderem bei einem Treffen bei Sabena den Plan für den Transfer der Gefangenen festgelegt hatten) erfolgt und aktiv von bestimmten Regierungsinstanzen in Brüssel unterstützt worden, vor allem vom Ministerium für afrikanische Angelegenheiten. Dem Ministerium waren die möglichen fatalen Folgen für Lumumba nicht unbekannt, doch es traf keine Vorsorge, sie zu verhindern. Das Gleiche gilt für den CIA: Der Ortschef in Léopoldville erhob keinen Einspruch, als er erfuhr, dass Lumumba nach Katanga gebracht werden solle, obwohl ihm bewusst war, dass das dramatisch enden konnte. Die eigentliche Exekution war das Werk katangesischer Politiker. Die Rolle ihrer belgischen Berater ist verschwommen: Bekannt ist, dass sie am Abend des 17. Januar zumindest darüber informiert waren, dass das Flugzeug mit Lumumba in Elisabethville gelandet war. Ernst zu nehmende Versuche, einen Mord zu verhindern, unternahmen sie jedenfalls nicht, obwohl sie wussten, dass sie den Lauf der Ereignisse entscheidend hätten beeinflussen können. Einige belgische Militärs, die die katangesischen Ordnungsdienste befehligten, nahmen an den Handlungen teil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Akt des unabhängigen Kongo war vorbei. Er war gekennzeichnet durch einen totalen Horror Vacui, einen unablässigen Strom von Ereignissen und Verwicklungen. Und er endete mit ein paar Zähnen eines leidenschaftlich engagierten Afrikaners, die in Zeitlupentempo auf den sandigen Boden eines grauen europäischen Meers herabsanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 2008 traf ich mich in einem wunderschönen Garten in Lubumbashi mit Frau Anne Mutosh Amuteb. Mit ihren einundneunzig Jahren war sie die älteste Kongolesin, die ich bei meinen Nachforschungen interviewen durfte. Noch immer war sie eine imposante Erscheinung. Anne Mutosh war eine Prinzessin; ihr Großvater war Mwata Yamvo gewesen, der traditionelle König des Lunda-Reichs. Sie gehörte zum Clan von Moïse Tschombé. In der afrikanischen Bedeutung des Wortes war sie seine »Tante«. Mit ihr zu reden bedeutete, mit der Geschichte Katangas zu reden. Sie erzählte, dass ihre Eltern um 1900 bereits lesen konnten, sie hatten es von amerikanischen Methodisten gelernt. Sie selber war Hebamme geworden, hatte dann aber mehr Ambitionen als Geschäftsfrau entwickelt. Ich fragte sie, was die beste Zeit ihres Lebens gewesen sei. Darüber brauchte sie nicht nachzudenken. »&#039;&#039;L&#039;époque belge&#039;&#039; und die katangesische Sezession«, sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. »In der Zeit der Belgier war alles gut organisiert. Es gab keine Korruption, der Handel lief korrekt ab. Ich habe Stoffe aus den Niederlanden importiert, aber auch Weizenmehl und Getreide. Einmal habe ich fünfzig Säcke auf einmal bestellt. Das ging damals ohne weiteres. Während der Sezession hatte ich auch noch keine Probleme. Erst als Mobutu kam, wurde alles so schwierig.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts ihrer Ahnentafel war es nicht verwunderlich, dass sie die Unabhängigkeit Katangas begrüßt hatte. Die Lunda trauerten um ihr verlorenes Königreich und träumten schon lange von regionaler Autonomie. Im Kongo zurückgebliebene Europäer unterstützten sie darin. Viele alteingesessene Kolonialisten begeisterten sich für die Sezession. Diese Haltung hing mit dem Wunsch zusammen, im gesamten Süden Afrikas die Macht der Weißen aufrechtzuerhalten. Die Unterschiede zwischen der Apartheid in Südafrika, Rhodesien, Südwestafrika (dem späteren Namibia) und den portugiesischen Kolonien Angola und Mosambik waren groß, aber während der übrige Kontinent unabhängig wurde, klammerten sich im Süden weiße, rechtsgerichtete Regierungen an die Macht. Katanga passte in diese Reihe.55&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abspaltung Katangas bildet den zweiten Akt des Schauspiels der Ersten Republik. Proklamiert am 11. Juli 1960, wurde sie am 14. Januar 1963 beendet. Nach der Ermordung Lumumbas am 17. Januar 1961 erhielt sie ein völlig neues Gesicht. Nachdem Tschombé am Rand von Lumumbas Grab gestanden hatte, wurde er der dominante Akteur. Von den vier Thronanwärtern der Unabhängigkeit waren nun noch drei übrig. Kasavubu und Mobutu hatten ebenso viel Blut an den Händen wie Tschombé, doch Lumumbas Tod ließ sie nicht näher zusammenrücken. Künftig würde sich der Kampf zwischen den dreien abspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Tschombé ein so zentraler Akteur wurde, darf verwundern, denn nach Lumumbas Ermordung war sein Katanga-Staat international geächtet. Der kommunistische Block äußerte seinen Abscheu, die UNO beschloss, härter aufzutreten. Kein einziger Staat hat Katanga jemals anerkannt, nicht einmal Belgien oder Amerika. Trotzdem verdankte Tschombé es Belgiern, dass er sich so lange halten konnte. Die Union Minière finanzierte den neuen Staat, indem sie ihre Steuern nicht mehr nach Léopoldville, sondern an die lokale Regierung überwies. Belgier prägten die militärische, administrative und ökonomische Infrastruktur. Hinter jedem katangesischen Minister stand ein belgischer Berater. Professoren aus Lüttich und Gent formulierten die Verfassung Katangas. Schlüsselinstitutionen wie die katangesische Gendarmerie, die Staatssicherheit und die Zentralbank wurden von Belgiern geleitet.56 In den Hotellobbys in Elisabethville sah man sehr oft weiße Männer, die ein Abzeichen mit der Flagge Katangas im Knopfloch trugen.57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem konnte sich Tschombé mit Hilfe einer kleinen Armee weißer Söldner behaupten. Diese »Freiwilligen« – es waren nie mehr als fünfhundert – kamen aus Südafrika, Rhodesien und Großbritannien, aber es waren auch Franzosen darunter, die in Indochina und Algerien gekämpft hatten, Männer aus der Fremdenlegion. Verkommene Typen, raue Burschen, Ultrarechte, Machos, Rambos, Kerle, die soffen, bis sie ihren Namen nicht mehr wussten, geschweige denn den der Hure, mit der sie im Bett gelandet waren. Sie kamen wegen des Geldes, des Abenteuers und verschwommener Ideale von »weißer Überlegenheit«. Belgische Offiziere waren aktiv an ihrer Rekrutierung, ihrer Ausbildung und ihren Einsätzen beteiligt.58 Sie bildeten den furchterregendsten Teil der katangesischen Streitkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Gegner waren die UNO-Blauhelme, die nationale Regierungsarmee und die Baluba aus dem Norden der Provinz. Das klingt beeindruckender, als es war. Die UNO zögerte, ihr robusteres Mandat in die Praxis umzusetzen. Die ANC war noch immer keine schlagkräftige Armee. Und die Baluba führten Krieg mit Giftpfeilen und Macheten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genau ein Jahr nach dem Mord an Lumumba landete ein 22-jähriger Flame zum ersten Mal in Elisabethville. Er war bis dahin noch nie außerhalb Europas gewesen. Aufgewachsen in einem Bauerndorf in Westflandern, hatte er gerade in Gent sein Ingenieurstudium mit dem Schwerpunkt Elektrotechnik (Bereich Schwachstrom) abgeschlossen. Die Firma &#039;&#039;Nouvelle Compagnie du Chemin de Fer du Bas-Congo au Katanga&#039;&#039;, abgekürzt BCK, hatte ihn angeworben. Bei der Eisenbahn zu arbeiten, war eigentlich nicht sein Jungentraum gewesen. Er hatte sich bei der Fluggesellschaft Sabena beworben und bei der Union Minière, den Paradepferden der belgischen Wirtschaft. Er wollte Pilot werden, hatte jedoch seine Augen in einem intensiven Studium so sehr angestrengt, dass er davon kurzsichtig geworden war. Sein Name: Dirk Van Reybrouck. Zehn Jahre später sollte er mein Vater werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, in dem sein Flugzeug landete, hieß Katanga, nicht Kongo. Der übrige Kongo war für ihn Ausland. Von Léopoldville hatte er nur das Sabena-&#039;&#039;Guesthouse&#039;&#039; gesehen, in dem er bei einer Zwischenlandung übernachten musste. Das Katanga, in das er kam, besaß eine eigene Flagge, eine eigene Währung, eigene Briefmarken. Sein Kraftfahrzeugbrief ließ keinen Zweifel daran. Ich habe ihn vor mir liegen. Die giftgrüne Karte war noch zweisprachig, Französisch und Niederländisch. »Kongo Belge / Belgisch-Kongo« steht ganz oben. Jemand hat es mit Kugelschreiber durchgestrichen und einen stattlichen Stempel draufgedrückt: &#039;&#039;État du Katanga&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einsatzort meines Vaters war Jadotville, das heutige Likasi. Er war für die Elektroloks, Oberleitungen und Unterwerke an einer Strecke von sechshundert Kilometern bis zur angolanischen Grenze zuständig. Diese Ost-West-Verbindung, die Benguela-Bahnlinie, war eine Lebensader des unabhängigen Katanga.59 Erze und Rohstoffe konnten nicht mehr nach Norden gebracht und über Léopoldville und Matadi verschifft werden, denn das war feindliches Territorium. Also wurde alles per Bahn zur Küste Angolas transportiert. Die einspurige Bahnlinie, auf der in Angola noch Dampflokomotiven fuhren, war für Katangas Export und Import lebensnotwendig. Mein Vater war oft »auf Strecke«, wie das hieß. Mit einer »Draisine«, einem kleinen Schienenfahrzeug mit Dieselmotor, das als rollende Werkstatt fungierte, fuhr er für zwei, drei Wochen durchs Landesinnere, um Transformatoren zu kontrollieren und Schaltsysteme auszutauschen. BCK war ein hierarchisches Unternehmen, aber in diesen Jahren übertrugen die alten Hasen jungen Mitarbeitern viel Verantwortung. »Sie hatten ihre Familien schon nach Belgien zurückgeschickt«, erzählte Walter Lumbeeck, ein ehemaliger Kollege meines Vaters, »sie wollten einfach ihre Restzeit absitzen und ließen andere die Arbeit machen. Ihr Vater war schüchtern. Seine Aufgabe war schwer für einen so jungen Mann, und sein Französisch war am Anfang nicht besonders. Aber nach einiger Zeit klappte die Verständigung mit den Schwarzen gut.«60 Er nahm auch Unterricht in Swahili. Jahre später hieß bei uns zu Hause der Hund &#039;&#039;Mbwa&#039;&#039; (Swahili für »Hund«), und Zucker und Tabak waren noch immer &#039;&#039;sukari&#039;&#039; und &#039;&#039;tumbaku&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die strategische Bedeutung der Benguela-Linie war den kriegführenden Parteien bekannt. Mein Vater, der leider kein besonders guter Erzähler war, hat mir zu Lebzeiten mehrmals geschildert, wie er nachts angerufen wurde, »weil irgendwo eine Brücke gesprengt worden war«. Dann machte er sich mit seiner Draisine auf, im zerbrechlichen Licht der Morgendämmerung, wenn die Welt langsam Farbe annahm. Seine afrikanischen Untergebenen fuhren das Wägelchen über die Gleise, während er versuchte, noch ein wenig Schlaf zu finden. Am Ort des Anschlages mussten sie über dem Fluss die Oberleitung reparieren und die Gleise wieder instand setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In Katanga hatten wir noch das Sagen«, meinte Walter Lumbeeck, »dieser Gedanke spielte eine große Rolle. Hier konnten wir die Sache hinbiegen. Soll der Rest doch sehen, wo er bleibt, Hauptsache, hier läuft es gut, so dachte man. Der Kupferpreis war hoch, die Union Minière arbeitete noch auf vollen Touren.« Der Kongo war zwar unabhängig, aber in Katanga dauerte der Kolonialismus faktisch an. Die belgischen Angestellten hatten Whiskey und Obst aus Südafrika, aus Belgien wurden sogar frische Muscheln eingeflogen. Junge Belgier führten dort ein unbeschwertes Leben, weit weg von Eltern, Dorf und Kirche. Es war die Zeit der &#039;&#039;barbecues und parties&#039;&#039;, herrlich neue Wörter für Feste, auf denen es keinen gab, der nicht rauchte: stilvolle junge Frauen mit hochgestecktem Haar, Männer mit weißen Hemden und schmalen Krawatten. Es war die Zeit von Adamo, Juliette Gréco und Françoise Hardy. Sonntags ging man in den cercle, einen Sport- und Freizeitclub. Man lag am Swimmingpool in der Sonne und trank Martini bianco, während im Hintergrund die Tennisbälle ploppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 2007 ging ich über das Gelände des Cercle de Panda; mein Vater war Mitglied in diesem Club gewesen. Der Pool war trocken, die Geräte auf dem Kinderspielplatz waren verrostet. Die Sprungbretter waren wie Gedankenstriche ohne Text.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Vater fuhr einen Ford Consul décapotable«, erzählten mir Frans und Marja Vleeschouwers, ein Ehepaar, mit dem er sich im cercle angefreundet hatte, »der Wagen verbrauchte mehr Öl als Benzin. Dirk musste immer literweise Öl mitnehmen.«61 Sie unternahmen Ausflüge zu den Mwadingusha-Wasserfällen. Sie besuchten den Missionsposten Kapolowe und tranken Bier bei den flämischen Patres. Oder sie gingen angeln im Urwald, an Orten, wo alte Einheimische noch mit Geld von Belgisch-Kongo bezahlten. Freundschaften erhielten dort einen höheren Stellenwert als Familienbande. Als Frans und Marja eine kleine Tochter bekamen, baten sie meinen Vater, Pate zu werden: ein Ehrenamt, das in Flandern Verwandten vorbehalten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war eine geschlossene Welt. »Jeder durfte Mitglied des cercle werden«, erinnerten sich Frans und Marja, »aber die Mitgliedschaft war so teuer, dass es sich kein einziger Schwarzer leisten konnte. Weiße eigentlich auch nicht, aber der Mitgliedsbeitrag wurde von der Union Minière automatisch auf unser Bankkonto in Belgien zurücküberwiesen. Unglaublich, was?« Es gab noch mehr, was nachdenklich stimmte. »Wir ließen unsere kleine Tochter mit schwarzen Kindern spielen. ›Solltet ihr euch nicht vor Krankheiten in Acht nehmen?‹, fragten uns dann manche Leute. Wirkliche Apartheid war das nicht, aber z. B. beim Metzger wurde ein Schwarzer von einem Schwarzen bedient und ein Weißer von einem Weißen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Walter und Alice Lumbeeck, die anderen Freunde meines Vaters, konnten das nur bestätigen. Auf den Fotos von ihren Partys sah man nie einen Afrikaner, nicht mal auf denen vom Nikolausfest. »Kontakt mit Schwarzen wurde damals vermieden. Wenn man einen Schwarzen zu einer Party mitbrachte, verlor man seine Freunde. Weiße Männer mit einer schwarzen Frau, auf die wurde wirklich herabgesehen. Das war etwas für die ältere Generation. Bei BCK oder der Union Minière gab es noch ein paar ältere Angestellte mit einer schwarzen Frau, aber nicht mehr bei uns. Das war einfach nicht standesgemäß, es hatte keinen Stil. Man muss das vergleichen mit einem Direktor, der heute zu den Huren gehen würde. Weiße Männer hatten jetzt viel eher Affären mit den Frauen ihrer Kollegen. Ihr Vater war damals Junggeselle, er suchte gern die Gesellschaft von Leuten, die Niederländisch sprachen. Wenn er mit einer Schwarzen zu einem Fest erschienen wäre, hätte ihn niemand mehr eingeladen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga war ein Anachronismus. Nach dem Tod Lumumbas entschloss sich die UNO, mit Tschombé und seiner neokolonialen Sezession kurzen Prozess zu machen. In der ersten Jahreshälfte 1961 wurde der diplomatische Weg beschritten. Es fanden Konferenzen statt in Tananarive (heute Antananarivo), Madagaskar, Coquilhatville (heute Mbandaka) und Léopoldville. Die UNO strebte einen föderalen oder konföderalen Kongo an, ein wiedervereintes Land mit weitreichenden Kompetenzen für die einzelnen Provinzen. Auch Belgien verfolgte diese Option, doch die belgischen Berater der katangesischen Minister boykottierten systematisch alle Kompromissbemühungen. Diese ablehnende Haltung führte zu großem Unmut. Im August 1961 scheiterte die Sache endgültig. Die UNO vermittelte bei einer allerletzten Konferenz, die an der Universität Lovanium in der Hauptstadt abgehalten wurde. Der Kongo sollte einen neuen Premierminister bekommen. Nicht Ileo, Kasavubus Wunschkandidaten, nicht Mobutu, der sich selbst vorschlug, nicht Bomboko, der die Regierung der Akademiker geleitet hatte, sondern Cyrille Adoula, einen gemäßigten und kompetenten Gewerkschafter, der für alle Parteien akzeptabel war. Außerdem sollte das Land reformiert werden: weniger Zentralisierung von der Hauptstadt aus, mehr Macht für die Regionen. Ein Konsens schien in greifbarer Nähe, im letzten Moment aber zog Tschombé sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann eben mit Gewalt, beschloss die UNO. Im August, September und Dezember 1961 starteten die Blauhelme schwere Offensiven, um Katanga zurückzuerobern, die Armee der Provinz aus dem Weg zu räumen und die ausländischen Söldner zu vertreiben. Es gelang ihnen nicht. Die Söldner zogen sich nach Rhodesien zurück und setzten den Kampf von dort aus fort. Das Vorgehen der UNO verursachte viel Leid unter Zivilisten. Krankenwagen wurden unter Beschuss genommen, Spitäler bombardiert, unschuldige Zivilisten getötet. Mehr als dreißig Europäer wurden umgebracht. Außerdem sorgte der Einsatz der UNO für eine traurige Novität: das erste große Flüchtlingslager in der kongolesischen Geschichte. Mehr als dreißigtausend Baluba ergriffen aus Angst vor Tschombés Vergeltungsmaßnahmen die Flucht. Sie waren keine Befürworter der Sezession und fühlten sich nicht mehr sicher. Am Stadtrand von Elisabethville hausten sie in kleinen Hütten aus Pappkarton, Laubblättern und Stoff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Anne Mutosh hatte keine guten Erinnerungen an das Vorgehen der UNO. »Die marokkanischen Blauhelme haben damals an Straßensperren sehr viele Frauen vergewaltigt, sogar Schwangere. Ich war damals Vorsitzende der &#039;&#039;Union des Femmes Katangaises&#039;&#039; und habe in dieser Funktion noch Briefe an Dag Hammarskjöld und Präsident Kennedy geschickt. Hammarskjöld habe ich selber noch getroffen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem UNO-Generalsekretär war alles daran gelegen, dem neokolonialen Staat Katanga ein Ende zu bereiten. Er vermittelte intensiv zwischen Léopoldville und Elisabethville. Am 18. September 1961 flog er zum nordrhodesischen Flughafen Ndola für eine Besprechung mit Tschombé. Doch kurz vor der Landung stürzte seine Maschine unter nie geklärten Umständen ab. Keiner der Insassen überlebte. »Bete, dass deine Einsamkeit der Stachel werde, etwas zu finden, wofür du leben kannst, und groß genug, um dafür zu sterben«, hatte er einmal geschrieben.62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Konflikt schien kein Ende zu nehmen. Der Kongo glich einer zerbrochenen Vase, deren Scherben sich nicht mehr zusammenfügen ließen. Trotzdem gelang es um diese Zeit (Dezember 1961 – Januar 1962) Mobutus Regierungsarmee, die Abspaltung Kasais zu beenden und die Regierung Gizenga im Osten zu stürzen. Zwei der vier Regierungen waren damit aufgelöst. Katanga würde noch ein Jahr länger durchhalten. Der neue UNO-Generalsekretär, der Burmese U Thant, bemühte sich das ganze Jahr 1962 um eine Verhandlungslösung, bis die UNO Ende Dezember entschied, dass es nun reichte. Kennedy gewährte einer finalen UNO-Offensive, der sogenannten Operation Grand Slam, beträchtliche amerikanische Unterstützung. Nach zwei Wochen war Katanga wieder angegliedert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war der 3. Januar 1963, und mein Vater stand am Fenster im ersten Stock seines Hauses in Jadotville. BCK hatte ihm eine der Junggesellenunterkünfte gegeben. Keine Villa mit Garten, sondern ein geräumiges Haus mit einer Garage im Erdgeschoss und einem modernistischen Treppenhaus. Es lag etwas außerhalb der Stadt, an der Hauptstraße nach Elisabethville. Er wusste, dass die Hauptstadt inzwischen in die Hände der Blauhelme gefallen war. »Befreit«, wie die einen meinten, »besetzt« nach Ansicht der anderen. Die internationale Streitmacht rückte nun Richtung Norden vor nach Jadotville, der zweitgrößten Stadt Katangas. Sie fuhren über die Straße, auf der Patrice Lumumba zwei Jahre zuvor seine letzte Autofahrt unternehmen musste. Am Lukutwe- und am Lufira-Fluss stießen sie auf Widerstand, aber am 3. Januar um die Mittagszeit nahmen sie Jadotville mühelos ein. Die katangesische Gendarmerie war bereits vorher geflohen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater blickte aus dem Fenster. Er sah einen weißen VW-Käfer, der die Stadt verließ. Die Straße nach Elisabethville war nach dem Durchzug der Truppen anscheinend wieder offen. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang. Plötzlich hörte er eine Schusssalve. Auf der Höhe seines Hauses hielt der VW an. Er sah drei Insassen, einen Mann am Steuer und zwei Frauen. Drei Belgier, und ein Hund. Mein Vater hatte sie schon öfter gesehen. Der Fahrer stieg aus. Albert Verbrugghe arbeitete in einer Zementfabrik. Er nahm die Hände hoch, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Blut rann aus einer Wunde unter seinem Auge. Er schrie, jammerte, stolperte. Die beiden Frauen – seine Frau Madeleine und ihre Freundin Aline – blieben sitzen. Auf ihren geblümten Kleidern breiteten sich große, rote Flecken aus. Erst als ihre Körper aus dem Käfer gezogen wurden und reglos im Gras am Straßenrand lagen, begriff Verbrugghe, was geschehen war. Die indischen Blauhelme hatten sie vermutlich für weiße Söldner gehalten.63 Auch der Hund war tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ist noch eine ganze Woche dort liegen geblieben«, erzählte mir mein Vater irgendwann in den frühen achtziger Jahren. Ich saß mit ihm im Wartezimmer des Zahnarztes. Auf dem Tisch lag eine abgegriffene Ausgabe von &#039;&#039;Paris Match&#039;&#039;. Auf der Titelseite war ein Schwarzweißfoto der Szene mit dem Volkswagen. Ich war zehn oder elf und sah die Todesangst im Blick des Mannes. Mein Vater sah sich das Bild minutenlang an und sagte dann: »Der Fotograf muss ungefähr auf meiner Höhe gestanden haben. Das ist direkt vor meiner Haustür passiert.« Später erfuhr ich, dass ein amerikanischer Kameramann die Fotos gemacht hatte und dass sie durch die ganze Welt gegangen waren. Das &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039; druckte sie im Januar 1963 ab, heute sind sie auch im Internet zu finden.64 Mein Vater war Augenzeuge einer Szene, die das berühmteste Fotos der katangesischen Sezession festgehalten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag im Juli 2007 stand ich dort, wo mein Vater damals gestanden hatte. Ich blickte durch sein Fenster auf den Ort des Geschehens. Die Straße war staubig, am Straßenrand hing ein großes Werbeplakat von CelTel. Jemand schob ein Fahrrad, das mit Holzkohle schwer beladen war. Die Wohnung meines Vaters existierte noch immer. Sie wurde nun von einem jungen, freundlichen Justizbeamten und seiner Familie bewohnt; er hatte eine bildhübsche Frau und zwei reizende Kinder. Sonntags war er Pfarrer der &#039;&#039;Armée de l&#039;Éternel&#039;&#039;, einer der vielen Pfingstgemeinden des Kongo. Die fensterlose Garage, in der mein Vater fünf Jahre lang seinen Ford Consul geparkt hatte, war nun ein improvisiertes Gebetshaus. Ich nahm am Gottesdienst teil. Dreißig Gläubige saßen dicht gedrängt auf wackligen Holzbänken. Das Licht fiel durch das halb offenstehende Garagentor. Im Halbdunkel sah ich die leuchtenden Farben der Betenden. Vor meinem inneren Auge hatte ich Schwarzweißbilder. 1963 und 2007 gingen ineinander über. Ein Jahr zuvor war mein Vater gestorben. Die Menschen sangen wunderbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Hund am Straßenrand verweste, wurde Katanga entsetzt. Eineinhalb Wochen später, am 14. Januar 1963, verkündete Tschombé das Ende der Sezession. Seine Katanga-Gendarmen und weißen Söldner flohen über die Grenze nach Angola. Tschombé setzte sich nach Francos Spanien ab. Die Stimmung unter den Belgiern war sehr antiamerikanisch: Kennedy wurde für die UNO-Schlussoffensive verantwortlich gemacht. »Jetzt ist alles vorbei«, dachte Walter Lumbeeck, der Kollege meines Vaters, damals: »Alles wurde wieder kongolesisch. Das führte zu großer Entmutigung. Viele gingen fort.«65 Die ANC rückte ein, junge Soldaten, die kein Swahili sprachen, nur Lingala, und sich mit der typischen Arroganz von Siegern aufspielten. Die Verwaltung kam in die Hände von Leuten aus Léopoldville. »Unser Boy war in der Zeit der Sezession noch rentenversichert«, sagten Frans und Marja Vleeschouwers, »aber unter der neuen Regierung fiel das alles weg. Die Leute kochten wieder auf &#039;&#039;makala&#039;&#039;, Holzkohle. Es gab nichts mehr zu kaufen, außer Milch und Fleisch.«66&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater musste sich seine Zigaretten und seine Rasierseife bei äthiopischen Blauhelmen besorgen. Die UNO blieb noch eineinhalb Jahre, um den Frieden in Katanga zu überwachen. Als ich mich Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal nass rasierte, kramte mein Vater eine große, altmodische Tube Palmolive hervor. Er hatte sich schon lange auf einen Elektrorasierer umgestellt. Als Absolvent eines Studiums der Elektrotechnik konnte er dem Charme von Schaum und Rasierpinsel nichts abgewinnen. »Sei sparsam damit«, sagte er dennoch, »ich hab sie vor mehr als zwanzig Jahren von den UNO-Soldaten gekauft.« Ich besitze die Tube noch. Ein halbes Jahrhundert ist die Seife jetzt alt, aber sie schäumt immer noch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sezession Katangas war vorbei, aber die weiße Enklave blieb bestehen. In Jadotville gab es »Oberbayern-Feste«, auf denen man in Lederhosen herumlief und Bierkrüge stemmte. Mitten in der Savanne . . . Alice Lumbeeck erinnerte sich daran, dass am 22. November 1963 bei den belgischen Nachbarn gejuchzt und getanzt wurde. Was war nun wieder los? Sie hatten einmal einen katangesischen Politiker als Nachbarn gehabt. Es war ziemlich lebhaft zugegangen. Die Bierkästen hatten sich bis zum Dach gestapelt. Im Garten wurden Ratten gegrillt. Sie hatten auch einen weißen Söldner als Nachbarn gehabt, einen der sogenannten &#039;&#039;affreux&#039;&#039;, der Schrecklichen. Aber nun johlten belgische Nachbarn, normale Zivilisten. »Ich fragte sie, warum. ›Kennedy ist ermordet worden! Kennedy ist ermordet worden!‹, haben sie gejubelt.«67&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun waren sie noch zu zweit, Kasavubu und Mobutu. Zu Anfang des dritten und letzten Aktes der Ersten Republik war es Kasavubu, der triumphierte: Lumumba war tot, Tschombé verbannt, und Mobutu hatte sich bei der Befreiung Katangas nicht besonders hervorgetan. Es war das Werk der Blauhelme gewesen. Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit konnte Kasavubu über das gesamte Territorium des Kongo herrschen. Das Land war wiedervereinigt, und er unternahm Rundreisen. Die Beziehungen zu Belgien wurden wieder aufgenommen und die zu den USA bekräftigt. Als Zeichen der Wertschätzung sandte Washington gratis eine Lieferung angereichertes Uran nach Léopoldville, wo es im Kernreaktor der Universität Lovanium zu Forschungszwecken dienen sollte.68 Die Stabilität jener Jahre verdankte Kasavubu auch seinem Premierminister Cyrille Adoula, der drei Jahre an der Macht blieb. Das war mit Abstand die längste Amtszeit der Ersten Republik, wo es beim Amt des Premierministers sonst eher um Monate als um Jahre ging. Adoula war ein hart arbeitender, intelligenter, aber introvertierter Bürokrat, der aufgrund seiner Unentschlossenheit nie eine Bedrohung für Kasavubu bildete.69&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieses dritten Akts gelang es Kasavubu, seine Position erheblich zu festigen. Nachdem es nun so aussah, als sei wieder Ruhe eingekehrt, trat er für eine neue Verfassung ein, die die vorläufige &#039;&#039;Loi fondamentale&#039;&#039; ersetzen sollte. Im Laufe des Jahres 1964 erarbeitete eine Kommission die zukünftigen Spielregeln des Landes. Das Resultat war die Verfassung von Luluabourg, ein Text, über den per Referendum abgestimmt wurde. Kasavubu erzielte damit gleich zwei Erfolge. Die neue Verfassung gestaltete den Kongo zu einem dezentralisierten Staat um, und davon hatte Kasavubu schon seit einem Jahrzehnt geträumt. Die Provinzen erhielten mehr Macht, wurden aber bedeutend kleiner. Bereits 1962 waren die sechs riesigen Provinzen aus der Kolonialzeit in einundzwanzig &#039;&#039;provincettes&#039;&#039; aufgeteilt worden, Miniprovinzen, die eher den ethnischen Realitäten und den historischen Territorien entsprachen.70 Außerdem verlieh die neue Verfassung dem Staatsoberhaupt wesentlich mehr Macht. Der Präsident hatte künftig größere Befugnisse als der Ministerpräsident und dessen Regierung. Auch das Parlament hatte nun weniger zu sagen. Wenn es ein Gesetz verabschiedete, das dem Präsidenten nicht passte, durfte er eine erneute Abstimmung verlangen, denn jeder kann sich ja mal irren. Und damit der Fehler nicht ein zweites Mal passierte, bedurfte es einer Zweidrittelmehrheit, um den Alternativvorschlag des Präsidenten abzulehnen . . . In Notfällen durfte das Staatsoberhaupt selbst zum Gesetzgeber werden. Reibereien mit einem widerspenstigen Ministerpräsidenten gehörten nun der Vergangenheit an. »Er darf auch aus eigener Initiative den Ministerpräsidenten oder eines oder mehrere Mitglieder der Zentralregierung des Amtes entheben, insbesondere, wenn er sich in einem ernsthaften Konflikt mit ihnen befindet«, stand in Artikel 62.71 Kasavubu war auf Rosen gebettet: Das Land bestand aus kleinen Einheiten, Katanga war zu drei harmlosen Miniprovinzen zerbröckelt, und er hielt die Zügel fester denn je in der Hand. Teile und herrsche, heißt so etwas. Ihm konnte nichts mehr passieren. Glaubte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 19. November 1963 wurden zwei sowjetische Diplomaten ver­haftet, die aus Brazzaville zurückkehrten. Man hatte bei ihnen äußerst belastende Dokumente gefunden. Die Diplomaten hatten in der Hauptstadt jenseits des Flusses Kontakt gehabt mit Christophe Gbenye, dem ehemaligen Innenminister zur Zeit Lumumbas. Brazzaville war ein Zufluchtsort für Lumumbisten der ersten Stunde geworden. Nicht zu weit entfernt von Léopoldville, aber doch sicher vor einem Zugriff Kasavubus. Die Dokumente sprachen von der Gründung einer revolutionären Bewegung&#039;&#039;,&#039;&#039; dem &#039;&#039;Comité National de Libération&#039;&#039;, mit Gbenye an der Spitze. Es waren bereits Delegationen nach Moskau und Peking gereist. In den Dokumenten erbat das Komitee die Unterstützung der UdSSR, um junge Männer militärisch auszubilden. Es bat um Funkanlagen, handliche Kassettenrekorder, Mini-Fotoapparate und Fotokopierer »oder andere, ähnliche zur Spionage geeignete Geräte«. Fast wie in &#039;&#039;Mission Impossible&#039;&#039;. Man forderte außerdem: »20 Miniatur-Pistolen (mit Schalldämpfer) in der Form eines Feuerzeuges oder Kugelschreibers« und einige »Koffer mit doppeltem Boden«. Kasavubu hatte sich zu früh in einer sicheren Position geglaubt.72&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste Ausbruch von Unmut fand im Kwilu statt. Der Anstifter war Pierre Mulele, ehemaliger Minister für Bildung und Schöne Künste in der Regierung Lumumba, Handlanger von Gizenga. Mulele hatte mit den Verschwörern in Brazzaville nichts zu tun, verfolgte aber die gleichen Ziele. Nach dem Debakel der ersten Regierung war er ins Ausland geflohen und in China gelandet. Dort lernte er die Ideologie und die Praxis von Maos Bauernaufstand kennen und eignete sich Guerrillatechniken an. Mit dieser Ausbildung kehrte er heimlich in seine Geburtsregion zurück. Gizenga gehörte zu den Pende, jenem Stamm, der 1931 gegen die Kolonialregierung gekämpft hatte; Mulele gehörte dem benachbarten Mbunda-Stamm an. Er versuchte, unter den Bauern den Widerstand erneut anzufachen. Der Feind war diesmal nicht der weiße Kolonisator, sondern die erste Generation kongolesischer Politiker, die Lumumba ermordet hatten. Waren sie nicht mehr mit Machtspielen beschäftigt als mit dem Wohl des Landes? War nicht ihr Lebensstil von Müßiggang geprägt und ihre Selbstbereicherung schamlos? Waren sie keine verwerflichen Bourgeois? Statt dem Volk zu dienen, argumentierte er, missbrauchten sie die Macht, um nach Herzenslust in die Staatskasse greifen zu können. Ihre prowestliche Haltung habe ihre Raffsucht nur noch gesteigert. Die Bauern hörten Mulele zu und nickten grollend. Von der Unabhängigkeit hatten sie tatsächlich noch nicht viel gespürt, da hatte er recht. Ihr Leben war nur mühsamer geworden. Wurde es nicht Zeit für »eine zweite Unabhängigkeit«, fragten sie sich. Das war ein authentischer, volkstümlicher Begriff. Eine neue &#039;&#039;dipenda&#039;&#039;, diesmal die richtige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele begann mit seiner Bauernrevolte, dem ersten großen Aufstand auf dem Land in Afrika seit der Unabhängigkeit. Er bekundete einen außergewöhnlichen Idealismus und große Selbstlosigkeit. Er wurde eine Art kongolesischer Che Guevara, ein Linksintellektueller, der Anschluss bei den einfachen Leuten suchte. In Dörfern und Hütten lehrte er das revolutionäre Gedankengut. Unermüdlich betonte er die Bedeutung von Disziplin während der Revolte. Seine Vorschriften basierten stark auf den Schriften Maos.73 Die revolutionären Kämpfer sollten jeden Menschen respektieren, auch die Kriegsgefangenen. Stehlen war verboten, sogar beten.74 Was zerstört wurde, musste ersetzt werden. »Respektieren Sie die Frauen und vergnügen Sie sich nicht mit ihnen, so wie Sie möchten.« Nein, die Revolution sollte auch Töchter haben. In Muleles &#039;&#039;maquis&#039;&#039; wurden auch Frauen ausgebildet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mulele verfügte allerdings kaum über Waffen. Da er nicht von ausländischen Mächten abhängig sein wollte, musste sich der Aufstand aus eigenen Mitteln finanzieren. Also zog man mit ein paar alten Schusswaffen, mit Messern und mit aus Fahrradspeichen fabrizierten Giftpfeilen in den Kampf. Schulen wurden in Brand gesteckt, Missionsstationen zerstört, Brücken sabotiert. Es gab mehrere hundert Tote. Gemetzel fanden statt, trotz der Regeln. Dennoch war die Revolution nicht erfolgreich. Muleles chinesische Doktrin fand nicht überall Anklang. Sie war wohl zu säkular. Warum durften die Kämpfer nicht beten? Die einfachen Bauern im Kwilu wussten nicht, was Opium war und hatten kein Ohr für Geschichten über falsches Bewusstsein. Ihr Weltbild war nach wie vor in hohem Maße religiös und tribal geprägt. Deshalb wurde Muleles Machtbasis nie größer als das Stammesgebiet der Pende und der Mbunda. Die Städte entzogen sich seiner Kontrolle. Die mulelistische Revolte fand nur von Januar bis Mai 1964 statt, hatte aber große symbolische Bedeutung. Kasavubus Position war zum ersten Mal seit Tschombé offen bedroht, und Lumumbas Gedankengut erwies sich als quicklebendig. Wenn Lumumba ein Märtyrer war, dann war Mulele sein neuer Prophet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit konnte man in den breiten Alleen von Stanleyville zwischen den modernistischen Meisterwerken der Architektur unter einer sengenden Sonne eine steinalte Frau sehen. Sie war 80, vielleicht sogar 90. Mama Lungeni war die Witwe von Disasi Makulo, dem Mann, den Stanley als Kind freigekauft hatte. Ihr illustrer Mann war 1941 gestorben, sie hatte ihn schon mehr als zwei Jahrzehnte überlebt. 1962 war sie zur Hochzeit einer Enkelin nach Stanleyville gekommen, und ihre angegriffene Gesundheit hatte die Rückkehr in ihr Heimatdorf im Regenwald verhindert.75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als junges Mädchen war sie das Opfer tribaler Gewalt geworden, und jetzt, alt und mit steifen Gliedern, musste sie erleben, dass der Krieg zurückkehrte. Sie wusste natürlich nicht, dass die revolutionären Kampfgenossen in Brazzaville beschlossen hatten, in Aktion zu treten, aber sie würde es bald merken. Gbenyes Comité National de Libération plante eine Invasion in den Osten des Landes. In Burundi, das wie Ruanda seit 1962 unabhängig war, wurden die angehenden Rebellen von chinesischen Guerilla-Spezialisten trainiert. Auch die Sowjetunion war bereit zu helfen. Im Süd-Kivu wurde die Rebellion von einem Mann namens Gaston Soumialot angeführt, in Nord-Katanga hieß der Anführer Laurent-Désiré Kabila. Ihre Kämpfer waren sehr junge Männer, Jugendliche von sechzehn, siebzehn Jahren, manchmal noch jüngere Teenager und auch Kinder. Sie waren empfänglicher für Magie als für jede maoistische und marxistisch-leninistische Rhetorik. Sie nannten sich Simbas, Löwen, und glaubten fest an die Wirkung martialischer Rituale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dienst von Kabilas und Soumialots Befreiungsarmee stand eine mächtige &#039;&#039;féticheuse&#039;&#039;, Mama Onema, eine Frau in den Sechzigern. Jeder junge Krieger wurde von ihr initiiert. Mit einer Rasierklinge zog sie drei kleine Striche zwischen seinen Augen. Aus einer Streichholzschachtel nahm sie ein schwarzes Pulver – gemahlene Knochen und Haut von Löwen und Gorillas, gemischt mit zerquetschten schwarzen Ameisen und pulverisiertem Hanf – und rieb es in die Schnittwunden. Sie überreichte ihm ein &#039;&#039;grigri&#039;&#039;, ein Amulett, das er am Handgelenk oder um den Hals trug und das ihm Kraft verleihen sollte. Immer, wenn er in den Kampf zog, besprenkelte sie seinen Brustkorb und seine Waffen mit Wasser, das ihn unverwundbar machen sollte. Die Kämpfer mussten eine ganze Reihe von Verhaltensregeln einhalten. Einem Nicht-Simba durften sie niemals die Hand geben, sie durften sich nicht waschen, sich nicht die Haare kämmen oder die Nägel schneiden, sonst verloren sie ihre Unverwundbarkeit. Viele dieser Regeln waren weniger bizarr, als es zunächst scheinen mag. Die meisten Simbas hatten keine Uniformen und kaum Schusswaffen. Sie zogen mit nacktem Oberkörper in den Kampf, behängt mit Zweigen und Tierfellen, und sie hatten nur Speere, Macheten und Knüppel. So ausgerüstet, mussten sie es mit Mobutus Regierungsarmee aufnehmen, die noch immer ein chaotischer Haufen war, allerdings ein chaotischer Haufen mit halbautomatischen Maschinengewehren. Die magischen Regeln zwangen die Simbas zu einer Form von militärischer Disziplin. Sex war verboten, weil die Kämpfer sonst Frauen vergewaltigen würden. In Panik geraten war verboten, weil sie sonst die Flucht ergriffen. Nach hinten zu blicken war verboten, sich zu verstecken war verboten. Die Simba-Krieger mussten auf den Feind losstürmen, unter lautem Gebrüll: &#039;&#039;»Simba, Simba! Mulele mai! Mulele mai! Lumumba mai! Lumumba oyé!«&#039;&#039; (Löwe, Löwe, Wasser von Mulele, Wasser von Lumumba, hoch lebe Lumumba!). Wenn sie das schrien, würden sich die gegnerischen Kugeln in Wasser verwandeln, sobald sie auf ihre Brust trafen. Wer dennoch getroffen wurde, hatte offensichtlich eine der Verhaltensregeln nicht beherzigt.76 Irrwitzig? Ja, aber nicht irrwitziger als bestimmte Angriffe im Ersten Weltkrieg, bei denen Soldaten ins Sperrfeuer getrieben wurden. Und das Bizarre war: Nicht nur die Simbas glaubten an ihre magischen Kräfte, sondern auch die Soldaten der Regierungsarmee. Mobutus Soldaten hatten panische Angst vor diesen unter Drogen gesetzten, hysterischen Berserkern, die mit lautem Geschrei und weit aufgerissenen Augen auf sie zu rannten. Im Mai 1964 nahmen die Simbas Uvira und Albertville ein, zwei wichtige Städte am Westufer des Tanganjikasees. Für Kasavubu und Mobutu war es eine schmachvolle Niederlage. Die Regierungssoldaten banden Zweige um ihre Gewehrläufe und hofften, es würde als Gegenzauber wirken, viel häufiger jedoch ergriffen sie die Flucht. Brüllend und kreischend eroberten die Aufständischen den Osten des Kongo. Die Rebellen konfiszierten Autos und plünderten Läden. Sie sammelten Schusswaffen ein, die die Regierungssoldaten in Panik zurückgelassen hatten. Soumialot zog mit seinen Leuten von Uvira nach Stanleyville, ein monatelanger Fußmarsch durch den Urwald. In allen Dörfern und kleinen Städten, durch die sie kamen, schlossen sich ihnen Jugendliche an, denen die Unabhängigkeit verhasst war. Wegen der Schlamperei der Regierung konnten viele tausend Jugendliche im Osten nicht mehr weiterlernen.77 Ihre Lehrer wurden nicht oder kaum bezahlt. Im ganzen Land traten Lehrer in den Streik.78 Der weiterführende Unterricht, die Möglichkeit schlechthin, in der Gesellschaft aufzusteigen, war nur noch ein Schatten dessen, was er einmal gewesen war. Die Schüler waren ohne Lehrer. Das Wort &#039;&#039;révolution&#039;&#039; enthielt für sie mehr Versprechen als das Wort &#039;&#039;indépendance&#039;&#039;. Sie waren zu jung, um schon eine Frau, ein Haus oder ein kleines Feld zu haben, aber noch nicht alt genug, um alle ihre Träume aufzugeben. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie waren &#039;&#039;rebels with a cause&#039;&#039;, junge Löwen, die größten Verlierer der Unabhängigkeit. Und sie wurden zu schrecklichen Mordmaschinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni erlebte mit, wie die Rebellen in die Stadt kamen. Anfang August 1964 fiel ihnen Stanleyville in die Hände. Das Bollwerk von Lumumba und Gizenga gehörte wieder ihnen. Sie gingen auf die Suche nach Nutznießern der Unabhängigkeit. &#039;&#039;Évolués&#039;&#039;, Intellektuelle und Reiche mussten dran glauben. Beim Denkmal für Lumumba wurden rund 2500 »Reaktionäre« ermordet. Die Simbas schnitten ihnen das Herz heraus und aßen es; so verhinderten sie, dass die Toten zurückkehren konnten. Auch andernorts legten sie eine außerordentliche Grausamkeit an den Tag. »Butter! Butter!«, riefen sie in Tshumbe, als eine Machete den Schädel eines Feindes spaltete und das Gehirn herauslief.79 Babys und Kinder wurden ihren Eltern entrissen und in die sengende Sonne gelegt, bis sie Tage später starben.80 In Kasongo schnitten sie einigen älteren Leuten den Bauch auf und zwangen die Umstehenden, die Gedärme zu essen.81 Außerdem waren sie ausgesprochen antiamerikanisch, antibelgisch und antikatholisch. Der amerikanische Konsul von Stanleyville musste auf der amerikanischen Flagge herumtrampeln und ein Stück davon essen.82 Wer auch nur einen Gegenstand mit der Aufschrift »Made in USA« besaß, war in Lebensgefahr. Es wurde zu einem Spiel, belgischen Missionaren den Bart anzuzünden und das Feuer dann mit Schlägen zu löschen. Viele Simbas beriefen sich auf den geheimen Kitawala-Kult, der im Osten des Kongo schon immer stark gewesen war.83 Ihr Hass gegen Weiße war groß. Mehrere Missionsschwestern wurden vergewaltigt und ermordet, einige Missionare gefoltert und getötet.84&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni befürchtete, nie mehr zu dem evangelischen Missionsposten Yalemba, wo Disasi begraben lag, zurückkehren zu können. Sie wollte dort sterben und neben ihm ruhen. Doch am 5. September 1964 riefen die Rebellenführer einen neuen Staat aus. Das Rebellengebiet hieß künftig &#039;&#039;République Populaire du Kongo&#039;&#039;, nach dem Vorbild der Volksrepublik China. Die verschiedenen Milizen wurden zur &#039;&#039;Armée Populaire de la Libération&#039;&#039;, der Volksbefreiungsarmee, verschmolzen. Christophe Gbenye, der Mann aus Brazzaville, wurde Präsident; Gaston Soumialot wurde Verteidigungsminister; das Oberkommando über die Streitkräfte wurde General Nicholas Olenga übertragen. Ein Drittel des Kongo gehörte ihnen. Mama Lungeni konnte nicht weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Kasavubu war es ein totaler Affront. Mobutu gab eine klägliche Figur ab mit seinen Truppen, die immer wieder ihr Heil in der Flucht suchten. Er bemühte sich, die Armee zu modernisieren, und erhielt sogar Unterstützung von kubanischen Kampfpiloten, Männer, die dem Regime Castros entflohen und fest entschlossen waren, anderswo auf der Welt den Vormarsch linker Revolutionäre zu verhindern. Aber auch das nützte nichts. Würde der Kongo nun doch dem Kommunismus anheimfallen? Das war nach wie vor nicht im Sinne der Amerikaner. Was, wenn Katanga zurückerobert würde? Was, wenn Tschombé aus Spanien zurückkäme und sich den Rebellen anschlösse? Er verfügte über genügend Mittel und Leute. Dann wären zwei Drittel des Kongo in revolutionären Händen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun vollzog sich eine jener völlig unerwarteten Wendungen, die für die politische Geschichte des Kongo typisch sind: Tschombé kehrte tatsächlich zurück und . . . schlug sich auf die Seite von Léopoldville, die Seite, gegen die er zweieinhalb Jahre lang gekämpft hatte! Es war eine Wendung um 180 Grad, aber sie war, lässt man den Faktor Integrität außer Acht, nicht unlogisch. Mobutu und seine Kumpel von der Binza-Gruppe (insbesondere Außenminister Justin Bomboko, Victor Nendaka, der Chef des kongolesischen Sicherheitsdienstes, und Albert Ndele, Gouverneur der Nationalbank) waren sich darüber im Klaren, dass Tschombé noch immer seine Katanga-Gendarmen und Söldner mobilisieren konnte.85 Er brauchte sie nur über die angolanische Grenze zu holen. Wenn sie sich auf die Seite der Rebellen stellten, war Léopoldville verloren. Und so entschieden sie, dass es besser war, einen unangenehmen Zeitgenossen im Haus zu haben, der Steine nach draußen schmiss, als umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé wiederum hatte schon immer eine Machtbasis in der Hauptstadt angestrebt. Das Angebot Mobutus und der Seinen war eine vortreffliche Chance, das Exil in Madrid zu beenden und seiner politischen Laufbahn ein neues Kapitel hinzuzufügen. Kriecherisch schrieb er Kasavubu: »In dieser schwierigen Zeit, die bevorsteht, und aus der das Land stärker hervorgehen muss, um die gewaltigen Aufgaben in Angriff zu nehmen, die vor ihm liegen, erneuere ich mein Angebot, Ihnen meine uneingeschränkte Mitarbeit im Dienste des Vaterlandes zu gewähren.«86&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum ersten Mal seit der Unabhängigkeit bildeten die drei Feinde Lumumbas eine Troika: Kasavubu als Präsident, Mobutu als Oberbefehlshaber der Armee und, nach einigen Verhandlungen, Tschombé als Ministerpräsident. Im Juli 1964 löste er Adoula ab und versprach dem Volk »einen neuen Kongo in drei Monaten«. Im großen Fußballstadion von Léopoldville jubelten ihm dreißig- bis vierzigtausend Menschen zu. In Stanleyville, kurz vor der Einnahme durch die Rebellen, legte er sogar einen Kranz nieder am Denkmal für Lumumba, für dessen Ermordung er mitverantwortlich war.87&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé verfügte über zwei Trümpfe: seine Söldner von damals und die US-Armee. Unter den Söldnern befanden sich Oberst Mike Hoare, ein Südafrikaner irischer Abstammung, »Mad Mike« genannt; Oberst Bob Denard, ein Franzose und zweifellos der berüchtigtste Söldner des zwanzigsten Jahrhunderts; und Jean Schramme, genannt »Black Jack«. Letzterer war kein klassischer Söldner, sondern ein Belgier, der Plantagen in Katanga besaß und beschlossen hatte, sich an der »Rettung« des Kongo zu beteiligen. In schmuddeligen Kneipen in Brüssel, Paris und Marseille wurden neue Kämpfer rekrutiert. Sie unterzeichneten Verträge, in denen stand, wie viel Schmerzensgeld sie erhalten würden für den Verlust eines Zehs (30.000 Belgische Franc), eines großen Zehs (50.000 Belgische Franc) oder des rechten Arms (350.000 Belgische Franc). Und auch, was ihre Witwe bekommen würde (1 Million Belgische Franc).88&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Amerikaner stellten Léopoldville eine Luftflotte zur Verfügung: dreizehn T-28 Kampfflugzeuge, fünf B-26-Bomber, drei C-46-Transportmaschinen und zwei kleine zweimotorige Passagierflugzeuge. Alles Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg, aber gut genug, um in den Kampf zu ziehen gegen Halbwüchsige mit nacktem Oberkörper, die sich für unverwundbar hielten.89 Während die Söldner zusammen mit Katanga-Gendarmen, kongolesischen Regierungssoldaten und belgischen Offizieren eine Bodenoffensive starteten, beschossen die Amerikaner die Simbas aus der Luft. Eine Stellung nach der anderen fiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Simbas reagierten mit blindwütigem Zorn. Fassungslos, dass sie doch fallen konnten, erklärten sie ihre Verluste damit, dass die saisonbedingten Regenfälle die magischen Kräfte abwuschen.90 Wie Besessene suchten sie bei den zurückgebliebenen Weißen nach Sendeanlagen, denn sie verdächtigten sie, den Feind zu informieren. Wer ein Transistorradio besaß oder auch nur einen Kugelschreiber, war verdächtig. Sie holten Hunderte Europäer aus dem Gebiet, das noch unter Kontrolle der Rebellen war, und brachten sie als Geiseln in das Hotel Victoria Palace in Stanleyville. Sie drohten damit, alle Geiseln umzubringen. Das war das Startsignal für eine groß angelegte Militäraktion der Belgier und Amerikaner. Sie bestand aus einer Bodenoffensive (Operation Ommegang) und einer Luftoffensive (Operation Dragon Rouge). Am 24. November 1964 landeten 343 belgische Fallschirmjäger in Stanleyville und besetzten den Flughafen. Unterdessen rückten die Bodentruppen in die Stadt ein. Zweitausend Europäer wurden befreit und mit vierzehn C-130-Maschinen evakuiert; etwa hundert kamen bei der Aktion ums Leben. In den Tagen darauf töteten die Simbas als Vergeltung neunzig Nonnen und Patres im Landesinneren.91 Der Blutzoll auf kongolesischer Seite wurde nie ermittelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mama Lungeni entging um Haaresbreite dem Tod. Am Tag der Befreiung Stanleyvilles hörte sie um halb sechs das Dröhnen der Flugzeuge. Sie schloss sich mit ihren Angehörigen im Haus ein. »Kurz darauf flog eine der Maschinen über unser Viertel Tshopo«, erinnerte sich ihr Sohn. »Direkt über uns feuerte sie eine Rakete ab, die ungefähr zehn Meter von unserem Haus entfernt einschlug. Ein Teil des Geschosses verschwand im Boden, die Bruchstücke flogen bis an die Haustür und zertrümmerten alle Fensterscheiben.« Mama Lungeni saß in diesem Moment im Wohnzimmer gegenüber der Haustür. Sie fiel in Ohnmacht. »Alle, die Kinder und die Enkelkinder, riefen: Mama ist tot! Oma ist tot! Wir trugen sie auf den Innenhof, wo sie wenig später wieder zu atmen begann und die Augen öffnete.«92&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Einnahme Stanleyvilles zerstreuten sich die Rebellen über das Landesinnere. Zwei Töchter von Mama Lungeni, die am Fluss wohnten, holten ihre Mutter mit einem Einbaum ab. Aber die Missionsstation Yalemba war noch lange nicht sicher. In großer Angst vor den amerikanischen Bombern verließen die Menschen ihre Dörfer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute flohen in den Regenwald oder auf die Inseln. Mama Lungeni und ihre Kinder gehörten zu den Flüchtlingen im Wald. Die Lebensbedingungen waren erbärmlich. Immer wieder mussten sie sich einen neuen Ort suchen und sich provisorische Hütten als Schutz gegen das schlechte Wetter bauen. Mama Lungeni war erschöpft und konnte nicht mehr laufen. Bei jedem Ortswechsel musste sie getragen werden, abwechselnd auf dem Rücken ihrer Tochter Bulia und ihrer Enkelinnen Mise und Ndanali. Die Kleinen, Naomi, Toiteli, Maukano, Moali und ihr Cousin Asalo Kengo folgten ihnen und trugen das Gepäck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil es ihr so schlecht ging und weil es so unsicher war, beschloss sie, den Wald zu verlassen und Schutz zu suchen auf der Insel Enoli, mitten im Fluss, wo Onkel Anganga und seine Familie wohnten.93&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau beendete ihr Leben so, wie es begonnen hatte: in Not und Elend eines Krieges. Eines Tages ging sie nach dem Abendgebet schlafen. Ein schwerer Regenschauer prasselte nieder. Um drei Uhr morgens zündete ihre älteste Tochter, die neben ihr schlief, eine Lampe an. Mama Lungeni war gestorben. Es war der 1. Mai 1965. Mit einem Einbaum brachten sie den Leichnam nach Bandio, zu dem Ort, an dem Disasi 1883 entführt worden war. Die Trommel verbreitete die Nachricht von ihrem Tod. Die Menschen kamen aus dem Äquatorialwald, um dem Begräbnis beizuwohnen. Sie wurde neben ihrem Mann bestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der Bürgerkrieg dauerte an. Léopoldville gewann stetig Terrain. Doch als die Rebellen schon sehr geschwächt waren, bekamen sie im Osten Unterstützung von unerwarteter Seite. Die schlecht organisierte Revolution hatte nie eine ernsthafte Diplomatie entwickelt, die Unterstützung sympathisierender Länder wie Ägypten, Algerien, China und der UdSSR war die ganze Zeit kaum der Rede wert. Doch plötzlich ging im April 1965 am Ufer des Tanganjikasees niemand Geringeres als Che Guevara an Land! Er war aus Kuba hergeflogen und ließ mehr als hundert gut ausgebildete kubanische Soldaten in den Kongo kommen, alle von afrikanischer Abstammung, damit ihre Anwesenheit nicht auffiel, späte Nachfahren von Sklaven aus Zentralafrika. Nun sollten sie den Kongo an der Seite von Kabila und seinen Simbas zurückerobern. Aber el Che musste bald erkennen, dass das revolutionäre Feuer bei Kabilas Männern nicht besonders hoch loderte. In ihren geheimen Lagern im Buschwald ertönte laute Tanzmusik, und auch Frauen und Kinder hielten sich dort auf. Die kongolesischen Genossen, die keinerlei militärische Ausbildung hatten, lungerten meist nur herum. Von Schützengräben wollten sie nichts wissen, das sei etwas für Tote. Schießtraining interessierte sie nicht, sie konnten das rechte Auge nicht zukneifen. Sie feuerten lieber einfach drauflos.94 Einer der Kubaner sagte einmal im Scherz, im Kongo seien sämtliche Bedingungen erfüllt, die man für die Revolution nicht brauche, wie Che Guevara sarkastisch in sein Tagebuch notierte.95 Die wenigen Male, als sie an die Front gingen, hatten die Kubaner »mit ansehen [. . .] müssen, wie sich die Truppen gleich zu Beginn der Kampfhandlungen auflösten, wie die teuren Waffen einfach weggeworfen wurden, um schneller fliehen zu können«.96 Kabila selbst hielt sich ständig in Tansania auf und ließ sich nach zwei Monaten kurz sehen, um aufs Neue zu verschwinden. Che räumte ein, dass Kabila die einzige Persönlichkeit mit Führungsqualitäten sei, aber von einem wahren revolutionären Anführer hatte er doch andere Vorstellungen. »Er benötigt dazu außerdem revolutionäre Integrität, eine Ideologie, die der Aktion zugrunde liegt, und Opferbereitschaft, die seine Handlungen begleitet. Bisher hat Kabila noch nicht den Beweis erbracht, dass er irgendetwas davon besitzt. Er ist jung, und möglicherweise ändert er sich ja noch; aber ich bin bereit, auf einem Blatt Papier, das erst in vielen Jahren das Licht der Öffentlichkeit erblicken soll, meine tiefen Zweifel daran festzuhalten, dass er in dem Umfeld, in dem er sich bewegt, seine Defizite ausgleichen kann.«97 Kabila würde mehr als drei Jahrzehnte im Buschwald herumlungern. 1997 stürzte er Mobutu, el Che war damals längst ermordet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach sieben Monaten verließen Che Guevara und seine Kämpfer den Kongo. Die Rebellion war erfolglos. Mit Bitterkeit notierte er: »Während jener letzten Stunden im Kongo hatte ich mich so alleine gefühlt wie nie, weder in Kuba noch an irgendeinem anderen Ort meiner Wanderungen durch die Welt.«98&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschombé triumphierte. Die Rebellion war zurückgedrängt worden dank »seiner« Söldner und »seiner« Gendarmen. Neben dem militärischen Triumph verbuchte er auch einen äußerst wichtigen diplomatischen Sieg. In Brüssel hatte er Verhandlungen über das viel diskutierte »koloniale Portfolio« aufgenommen. Damit waren die großen Aktienpakete gemeint, die Belgien kurz vor der Unabhängigkeit an sich gerissen hatte. Die Diskussion über die Rückgabe der Wertpapiere wurde unter dem Namen &#039;&#039;»&#039;&#039;c&#039;&#039;ontentieux belgo-congolais«&#039;&#039; bekannt. Tschombé konnte die belgischen Unterhändler davon überzeugen, dass die Aktien im Grunde dem kongolesischen Staat zustünden, und bekam das Huhn mit den goldenen Eiern wieder in den eigenen Stall. Als er in den Kongo zurückkam, schwenkte er überall eine lederne Aktentasche.99 Das Portfolio! Das Volk lachte und strahlte. Der Krieg war vorbei, das Geld kam zurück. »Jetzt werden wir wieder &#039;&#039;makayabu&#039;&#039; essen!«, sangen sie, köstlichen Stockfisch, der unerschwinglich geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik war es für den durchschnittlichen Kongolesen erheblich bergab gegangen. Die Inflation war turmhoch: 1960 kostete ein Kilo Reis nur neun Franc, 1965 neunzig Franc.100 Die Kaufkraft war mächtig geschrumpft.101 Die Arbeitslosigkeit war hoch. Wer noch einen Arbeitsplatz hatte, musste mit immer weniger Lohn immer mehr Münder stopfen.102 Viele Menschen hungerten.103 Krankheiten, die unter Kontrolle gewesen waren, wie die Schlafkrankheit, TBC und Flussblindheit, forderten erneut zahlreiche Opfer.104&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1965 war Tschombé der mit Abstand populärste Politiker des Kongo. Zum ersten Mal seit der Entkolonialisierung fanden wieder Parlamentswahlen statt. Tschombé gewann haushoch. Mit seinem Zweckbündnis von Parteien errang er 122 der 167 Sitze. Kasavubu erkannte, dass Tschombé eine Gefahr für seine Präsidentschaft bedeuten konnte. In seinen Händen waren nun die Befugnisse des Premierministers, des Außenministers, des Außenhandelsministers und die Ressorts Arbeit, Infrastruktur und Öffentlichkeit.105 Am 13. Oktober machte Kasavubu das, was er im September 1960 mit Lumumba gemacht hatte: Er setzte den Premierminister ab und berief einen Lakaien auf den Posten (Evariste Kimba), einen Mann, zu dem das Parlament kein Vertrauen hatte. Die neue Verfassung erlaubte diesen Schachzug, doch jetzt schien alles von vorn zu beginnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem unserer Gespräche holte Jamais Kolonga ein merkwürdiges, stark zerknittertes Foto hervor. Eine kleine Gruppe junger Männer stand mit strahlenden Gesichtern um einen Tisch. In der Mitte erkannte ich sofort den jungen Mobutu. Schon damals sah er aus wie ein afrikanisches &#039;&#039;remake&#039;&#039; von König Baudouin. »Das war am fünfunddreißigsten Geburtstag von Mobutu. Die Feier war im Restaurant des Zoos, dem besten Restaurant der Stadt.« Es war der 14. Oktober 1965, einen Tag nach der Absetzung Tschombés. »Hier links steht Isaac Musekiwa, Trompeter bei OK Jazz, daneben Paul Mwanga, Sänger bei OK Jazz, dann ich, Jamais Kolonga, neben Mobutu! Rechts stehen die Männer von African Jazz. Erst der Sänger Mujos und dann der große Kabasele selbst. Das hier ist Roger Izeidi, von OK Jazz. Und ganz rechts, das ist niemand Geringeres als Franco!« Die Elite der kongolesischen Musik versammelte sich an diesem Abend um den höchsten Befehlshaber der Armee; es war so, als wären die Beatles und die Stones zusammen mit dem Oberbefehlshaber der britischen Streitkräfte auf einem Foto zu sehen. Jean Lema alias Jamais Kolonga schwelgte noch einmal in Erinnerungen. »Weißt du, was Mobutu mir an dem Abend verraten hat? Ich hatte 1960 drei Monate mit ihm im Dienst von Lumumba zusammengearbeitet. ›Jean‹, sagte er, ›in einem Monat bin ich Präsident der Republik.‹«106&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kam es auch. Am 24. November 1965, dieses Datum weiß jeder Kongolese auswendig, rief Mobutu um neun Uhr abends alle hohen Kommandanten der Streitkräfte in seiner Residenz in der Hauptstadt zusammen. Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten, Zeitungen und Zeitschriften. Den ganzen Tag hatte er an Sitzungen teilgenommen, und sein Entschluss stand fest: Er würde Staatsoberhaupt werden. Die Erste Republik war auf eine totale Katastrophe hinausgelaufen. Er musste Ordnung schaffen. Wenn Kasavubu die Machenschaften von vor fünf Jahren wiederholte, dann würde er, Mobutu, seinen Staatsstreich wiederholen, und diesmal nicht für die Dauer von fünf Monaten, sondern für fünf Jahre. Einem Mitarbeiter diktierte er eine Presseerklärung, ein Leutnant musste den Text für die Übertragung im Rundfunk einsprechen, ein Major sabotierte unterdessen Kasavubus Telefonleitung. Alle versicherten ihm seine Unterstützung. Das Bier floss in Strömen. Madame Mobutu bewirtete die Anwesenden mit Fisch und Kochbananen. Sie war allerdings sehr besorgt: »Hört doch auf mit dem Unsinn. Wenn sie euch fassen, werdet ihr alle ermordet«, flüsterte sie ihrem Schwager zu. Aber um halb drei Uhr morgens schenkte sie jedem ein Glas Champagner ein. Drei Stunden später sendete der Rundfunk die Nachricht vom Staatsstreich.107 Den ganzen Tag war dann nur noch Marschmusik zu hören. Die Erste Republik war vorbei. Kein Schuss war gefallen. Der Kampf um den Thron war entschieden. Jeder der vier Protagonisten hatte seine &#039;&#039;finest hour&#039;&#039; versprochen, aber es war Mobutu, der den Ruhm einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9304</id>
		<title>Bibliothek:Kongo. Eine Geschichte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Kongo._Eine_Geschichte&amp;diff=9304"/>
		<updated>2026-04-30T10:33:44Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}  == Vorwort == Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern ein…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Kongo|author=David Van Reybrouck|publisher=Suhrkamp Verlag|published_date=03. Mai 2010}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Es ist noch immer das Meer, natürlich, aber etwas ist nun anders, es hat mit der Farbe zu tun. Die breiten, flachen Wellen schaukeln noch genauso freundlich, noch immer ist da nur der Ozean, doch das Blau wird zunehmend schmutzig von Gelb. Und das ergibt kein Grün, wie man es noch von der Farbenlehre her weiß, sondern eine Trübung. Das leuchtende Azur ist verschwunden. Die türkisfarbene Kräuselung unter der Mittagssonne ist weg. Das unergründliche Kobalt, aus dem die Sonne aufstieg, das Ultramarin der Dämmerung, das Bleigrau der Nacht: vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier an ist alles Brühe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelbliche, ockerfarbene, rostbraune Brühe. Die Küste ist noch Hunderte Seemeilen entfernt, aber man weiß: Hier beginnt das Land. Der Kongofluss mündet mit solcher Wucht in den Atlantik, dass sich das Meerwasser über viele hundert Kilometer verfärbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer früher zum ersten Mal mit dem Postschiff in den Kongo reiste, glaubte sich beim Anblick des verfärbten Wassers fast am Ziel. Aber die Besatzung und alte Hasen der Kolonie klärten ihn dann darüber auf, dass es von hier aus noch zwei Tagesreisen waren, und der Neuankömmling erlebte an diesen beiden Tagen, wie das Wasser immer brauner wurde, immer schmutziger. Wenn er am Heck an der Reling stand, sah er den zunehmenden Kontrast zum blauen Meerwasser, das die Schiffsschraube aus tieferen Schichten immer noch hochwirbelte. Nach einiger Zeit schwammen dicke Grasbüschel vorbei, Soden, kleine Inseln, die der Fluss ausgespuckt hatte und die nun verloren auf dem Ozean dümpelten. Durch das Bullauge der Kajüte entdeckte er unheimliche Gebilde im Wasser, »Holzbrocken und entwurzelte Bäume, vor langer Zeit aus dunklen Urwäldern losgerissen, denn die schwarzen Stämme waren unbelaubt, und die kahlen Stümpfe dicker Äste ragten manchmal kurz an die Oberfläche und tauchten dann wieder unter.«1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Satellitenbildern ist es deutlich zu sehen: ein bräunlicher Fleck, der sich während des Höhepunkts der Regenzeit bis zu achthundert Kilometer westwärts erstreckt. Als habe das Festland hier ein Leck. Ozeanographen sprechen vom »Kongo-Fächer«. Als ich zum ersten Mal Luftaufnahmen davon sah, musste ich an jemanden denken, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hat und die Hände ins Wasser hält – aber dann für immer und ewig. Das Wasser des Kongo, des zweitlängsten Flusses in Afrika, schießt förmlich in den Ozean. Wegen des felsigen Grundes blieb die Mündung relativ schmal.2 Anders als beim Nil bildete sich kein friedliches Delta; wie durch ein Schlüsselloch wird die enorme Wassermasse hinausgepresst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ockerton kommt von dem Schlamm, den der Fluss auf seiner 4700 Kilometer langen Reise gesammelt hat: von der hochgelegenen Quelle im äußersten Süden des Landes durch die ausgedörrte Savanne und die zugewucherten Sümpfe von Katanga, durch den unermesslichen Äquatorialwald, der praktisch die ganze Nordhälfte des Landes einnimmt, bis zu den bizarren Landschaften von Bas-Congo und den gespenstischen Mangroven an der Mündung. Aber die Farbe stammt auch von den Hunderten Nebenflüssen und Seitenarmen, die sich durch das Kongobecken ziehen, ein Gebiet von etwa 3,7 Millionen Quadratkilometern, mehr als ein Zehntel von ganz Afrika, das sich größtenteils mit dem Territorium der gleichnamigen Republik deckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und all diese Erdpartikel, all die weggespülten Teilchen Ton und Lehm und Sand, schwimmen mit, stromabwärts, zu breiterem Gewässer. Manchmal schweben sie auf der Stelle oder gleiten nur unmerklich weiter, dann wieder trudeln sie in wildem Wirbel, der das Tageslicht mit Dunkelheit und Schaum vermischt. Manchmal bleiben sie hängen. An einem Felsen. An einem Ufer. An einem verrosteten Schiffswrack, das, von einer stetig wachsenden Sandbank umgeben, stumm zu den Wolken brüllt. Manchmal begegnen sie nichts, überhaupt nichts, außer Wasser, immer wieder anderem Wasser, erst süß, dann brackig, zum Schluss salzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So also beginnt ein Land: weit vor der Küste, vermischt mit sehr viel Meerwasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wo beginnt die Geschichte? Auch viel eher, als man erwarten würde. Als ich vor sechs Jahren mit dem Gedanken spielte, zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit ein Buch über die turbulente Geschichte des Kongo zu schreiben und dabei nicht nur die postkoloniale Zeit, sondern auch die Kolonialzeit und einen Teil der vorkolonialen Ära zu berücksichtigen, war mir bewusst, dass mein Unterfangen nur dann sinnvoll sein konnte, wenn auch möglichst viele kongolesische Stimmen zu Wort kämen. Um dem Eurozentrismus, der mir zweifellos im Wege stehen würde, zumindest etwas entgegenzusetzen, war es mir wichtig, systematisch auf die Suche zu gehen nach der lokalen Perspektive, oder besser gesagt: nach den vielfältigen lokalen Perspektiven, denn selbstverständlich existiert nicht nur eine kongolesische Version der Geschichte, ebenso wenig wie es nur eine belgische, europäische oder einfach »weiße« Version gibt. Kongolesische Stimmen also, so viele wie möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur: Wie lässt sich das bewerkstelligen in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung im letzten Jahrzehnt weniger als fünfundvierzig Jahre betrug? Das Land wurde fünfzig, aber die Bewohner erreichten dieses Alter nicht mehr. Natürlich gab es Stimmen, die aus mehr oder weniger vergessenen kolonialen Quellen hochsprudelten. Missionare und Ethnologen hatten wunderbare Geschichten und Gesänge aufgezeichnet. Es gab zahlreiche von Kongolesen selbst verfasste Texte – ich sollte zu meiner Verwunderung sogar ein persönliches Dokument aus dem späten neunzehnten Jahrhundert finden. Aber ich war auch auf der Suche nach lebendigen Zeugen, nach Menschen, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen und mir zudem von den alltäglichen Dingen berichten wollten. Ich war auf der Suche nach dem, was nur selten Eingang in Texte findet, da die Geschichte so viel mehr ist als das, was aufgeschrieben wird. Das gilt immer und überall, mit Sicherheit aber dort, wo nur eine kleine Oberschicht Zugang zum geschriebenen Wort hat. Weil ich als Archäologe ausgebildet bin, achte ich sehr genau auf nicht-textuelle Informationen, die oft ein umfassenderes, konkreteres Bild vermitteln. Ich wollte Menschen interviewen können, nicht unbedingt wichtige &#039;&#039;decision-maker&#039;&#039;, sondern ganz normale Individuen, deren Lebenslauf von der großen Geschichte geprägt ist. Ich wollte Menschen fragen können, was sie in dieser oder jener Zeit aßen. Ich war neugierig, welche Kleidung sie getragen hatten, wie es in ihrer Kindheit bei ihnen zu Hause ausgesehen hatte, ob sie zur Kirche gegangen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist es immer riskant, von dem, was Menschen heute erzählen, auf die Vergangenheit zu schließen: Nichts ist so gegenwärtig wie die Erinnerung. Doch während Auffassungen sehr flexibel sein können – Informanten lobten manchmal die Kolonialisierung: weil es damals so gut war? oder weil es ihnen jetzt so schlecht ging? oder weil ich Belgier bin? –, sind die Erinnerungen an banale Gegenstände oder Handlungen oft beharrlicher. Man besaß ein Fahrrad, oder man besaß keins im Jahr 1950. Man sprach Kikongo mit seiner Mutter, als man ein Kind war, oder man sprach kein Kikongo mit ihr. Man spielte Fußball in der Missionsstation, oder man spielte nicht Fußball. Nicht alle Gedächtnisinhalte verblassen mit gleicher Geschwindigkeit. Das Alltägliche in einem Menschenleben behält seine Farbe länger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte also gewöhnliche Kongolesen interviewen über das gewöhnliche Leben, auch wenn ich das Wort »gewöhnlich« nicht mag, denn oft waren die Geschichten, die ich zu hören bekam, wirklich außergewöhnlich. Die Zeit ist eine Maschine, die Leben zermahlt, das habe ich beim Schreiben dieses Buchs gelernt, aber hin und wieder gibt es auch Menschen, die die Zeit zermahlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nochmals: Wie ließ sich das bewerkstelligen? Ich hatte gehofft, hier und da mit jemandem sprechen zu können, der noch klare Erinnerungen an die letzten Jahre der Kolonialzeit hatte. Für die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg war ich wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass kaum noch Zeugen leben würden und ich schon sehr froh sein könnte, wenn ein älterer Informant noch etwas über seine Eltern oder Großeltern in der Zwischenkriegszeit zu erzählen wusste. Für die Zeiträume davor würde ich mich auf die zittrige Kompassnadel der schriftlichen Quellen verlassen müssen. Es dauerte eine Weile, bis mir dann bewusst wurde, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im heutigen Kongo nicht so niedrig ist, weil es so wenig alte Menschen gibt, sondern weil so viele Kinder sterben. Es ist die schreckliche Kindersterblichkeit, die den Durchschnittswert senkt. Auf meinen zehn Reisen im Kongo begegnete ich Menschen von siebzig, achtzig, sogar neunzig Jahren. Einmal erzählte mir ein alter, blinder Mann von fast neunzig viel über das Leben, das sein Vater geführt hatte: indirekt konnte ich so hinabsteigen bis in die 1890er Jahre, eine schwindelerregende Tiefe. Aber das war noch nichts gegen das, was ich von Nkasi erfuhr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Flugzeug aus gesehen ähnelt Kinshasa einer Termitenkönigin, aufgebläht bis zur Unförmigkeit und zitternd vor Emsigkeit, immer beschäftigt, immer weiter anschwellend. In der flirrenden Hitze erstreckt sich die Stadt am linken Flussufer. Gegenüber liegt ihre Zwillingsschwester Brazzaville, kleiner, frischer, glänzender. Die Bürotürme dort haben verspiegelte Fensterscheiben. Es ist der einzige Ort auf der Welt, wo zwei Hauptstädte einander ansehen können; in Brazzaville sieht Kinshasa freilich sein eigenes armseliges Bildnis widergespiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbpalette von Kinshasa ist abwechslungsreich, aber es sind nicht die hellen Pigmente anderer sonnenüberfluteter Städte. Nie sieht man die satten Farben von Casablanca, nie das warme Kolorit von Havanna, nie die tiefroten Töne von Varanasi. In Kinshasa verblasst jeder Farbtupfer so schnell, dass sich die Menschen anscheinend keine Mühe mehr geben: fahle Farben sind zur ästhetischen Norm geworden. Pastell dominiert, das Kolorit, auf das schon die Missionare so versessen waren. Vom kleinsten Kiosk, der Seife oder Handyguthaben verkauft, bis hin zum voluminösen Gebäude einer neuen Kirche der Pfingstbewegung, immer sind die Mauern fahlgelb, fahlgrün oder fahlblau angestrichen. Es wirkt so, als würden auch tagsüber Neonlampen brennen. Die Kästen Coca-Cola, die auf dem Innenhof der Bralima-Brauerei zu riesigen, wie Festungen wirkenden Blöcken gestapelt sind, sind nicht scharlach-, sondern mattrot. Die Hemden der Verkehrspolizisten sind nicht knallgelb, sondern urinfarben. Und auch im grellsten Sonnenlicht wehen die Farben der Nationalflagge eher stumpf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Kinshasa ist keine farbenfrohe Stadt. Die Erde hier ist nicht rot, wie anderswo in Afrika, sondern schwarz. Hinter der dünnen Schicht Pastellfarbe scheinen immer graue Mauern durch. Wenn Maurer am Boulevard Lumumba ihre Steine zum Trocknen in die Sonne legen, sieht man einen Farbfächer von Grautönen: nasse, dunkelgraue Steine neben mausgrauen, die schon lederhart sind, daneben aschgraue Exemplare. Die einzige Farbe, die wirklich hervorsticht, ist das Weiß des getrockneten Maniok. Dieses Knollengewächs, auch Kassave genannt, dient in großen Teilen Zentralafrikas als Grundnahrungsmittel. Das Maniokmehl in Plastikbehältern, das Frauen, auf dem Boden hockend, verkaufen, leuchtet so grell, dass sie die Augen zukneifen müssen. Neben ihnen liegen Berge von Maniokwurzeln, stattliche, gleißend weiße Strünke, die wie zersägte Stoßzähne aussehen. Wenn man die wüsten Haufen aus der Luft sieht, scheint es, als blecke der Boden die Zähne, wütend und ängstlich wie ein Pavian. Eine Grimasse. Das schiefe Gebiss einer grauen Stadt. Aber strahlend weiß, immerhin. Makellos weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, man könnte über die Stadt dahingleiten wie ein Ibis. Ein Schachbrett aus rostigen Wellblechdächern würde man sehen, Grundstücke mit dunkelgrünem Laub. Und auch die Grisaille der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, der einfachen Wohnviertel von Kinshasa, die scheinbar nie enden. Wir würden über Quartieren mit bleiernen Namen wie Makala, Bumbu und Ngiri-Ngiri kreisen und hinabschweben nach Kasa-Vubu, einem der ältesten Viertel für »inlanders« (Eingeborene), wie die Kongolesen in der Kolonialzeit hießen. Die Avenue Lubumbashi würden wir sehen, eine schnurgerade Achse, in die zahlreiche kleine Straßen und Gassen münden, die jedoch nie asphaltiert wurde. Es ist Regenzeit, manche Pfützen sind groß wie Schwimmbecken. Selbst der geschickteste Taxifahrer bleibt hier stecken. Der pechschwarze Schlamm spritzt dann unter den quietschenden Reifen hoch und beschmutzt den klapprigen, aber frisch gewaschenen Nissan oder Mazda.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir würden den fluchenden Taxifahrer zurücklassen und weiterschweben zur Avenue Faradje. Auf dem Innenhof von Nummer 66, hinter der mit Glasscherben gespickten Betonmauer und dem schwarzen Metalltor, schimmert etwas Weißes. Wir zoomen heran. Es ist weder Maniok noch Elfenbein. Es ist Plastik. Hartes, weißes, durch Spritzguss geformtes Plastik. Ein Töpfchen. Ein Kind sitzt darauf, ein niedliches Mädchen von einem Jahr. Ihre Haare: eine Plantage junger Palmen, dicht am Kopf zusammengehalten von gelben und roten Gummibändern. Das gelbe Blümchenkleid ist über den Po drapiert. Um ihre Knöchel hängt kein Höschen: das besitzt sie nicht. Aber sie tut das, was alle Einjährigen in der ganzen Welt tun, die nicht begreifen, was so ein Töpfchen eigentlich soll: zornig und herzzerreißend weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie dort sitzen am Donnerstag, dem 6. November 2008. Sie hieß Keitsha. Für sie war es ein traumatischer Nachmittag. Nicht nur, dass ihr der Genuss der spontanen Erleichterung versagt wurde, sie musste außerdem noch das Unheimlichste erblicken, was sie in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte: einen Weißen, etwas, was sie nur von ihrer verschlissenen und verstümmelten Barbie-Puppe kannte, jetzt groß und lebendig und mit zwei Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keitsha blieb den ganzen Nachmittag auf der Hut. Während ihre Angehörigen mit dem seltsamen Besucher plauderten und sogar Bananen und Erdnüsse mit ihm teilten, blieb sie in sicherem Abstand und sah minutenlang unverwandt zu, wie auch &#039;&#039;seine&#039;&#039; Hand in die knisternde Tüte mit den Nüssen griff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glück war ich nicht zu ihr gekommen, sondern zu ihrem Urahnen, Nkasi. Ich ließ den Innenhof mit dem weinenden Mädchen hinter mir und schob das dünne Tuch beiseite. Während meine Augen versuchten, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, hörte ich, wie das Dach vor Hitze knarrte. Wellblech natürlich. Und fahlblaue Wände, wie überall. »Christ est dieu« stand daran mit Tafelkreide. Daneben hatte jemand mit Holzkohle eine kleine Liste Handynummern gekritzelt. Das Haus als Adressbuch, denn Papier ist schon seit Jahren unbezahlbar in Kinshasa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi saß auf der Bettkante und hatte den Kopf gesenkt. Mit seinen alten Fingern versuchte er sein offenstehendes Hemd zuzuknöpfen. Er war gerade erst aufgewacht. Ich trat näher und grüßte ihn. Er blickte auf. Seine Brille wurde durch ein Gummiband gehalten. Hinter den dicken, stark verkratzten Gläsern sah ich kleine, wässrige Augen. Er ließ das Hemd los und ergriff mit beiden Händen meine Hand. In seinen Fingern spürte ich noch auffallend viel Kraft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Mundele«&#039;&#039;, murmelte er, »&#039;&#039;mundele&#039;&#039;!« Es klang bewegt, als hätten wir uns nach vielen Jahren wieder getroffen. »Weißer.« Seine Stimme war wie ein träges, rostiges Zahnrad, das sich langsam in Bewegung setzte. Ein Belgier in seinem Haus . . . nach all den Jahren . . . Dass er das noch erleben durfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi«, sagte ich zum Halbdunkel, »es ist mir eine große Ehre, Sie kennenzulernen.« Er hielt noch immer meine Hand fest, aber gab mir durch Gesten zu verstehen, dass ich mich setzen solle. Ich fand einen Gartenstuhl aus Kunststoff. »Wie geht es Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach«, ächzte er, »meine &#039;&#039;demi-vieillesse&#039;&#039; macht mir zu schaffen.« Die Brillengläser waren so verschrammt, dass ich seine Augen nicht erkennen konnte. Neben dem Bett stand ein Schälchen mit Auswurf. Auf der schmuddeligen Matratze lag eine Klistierspritze. Das Gummi der Birne sah bröselig aus. Hier und da lag ein Stückchen Folie von einem Medikament. Nun musste er über seinen eigenen Witz lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie alt war das dann wohl, dieses halbe Alter? Jedenfalls sah er aus wie der älteste Kongolese, dem ich jemals begegnet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er brauchte nicht lange nachzudenken. »&#039;&#039;Je suis né en mille-huit cent quatre-vingt-deux.&#039;&#039;«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Daten sind ein relativer Begriff im Kongo. Ich habe schon erlebt, dass mir ein Informant auf die Frage, wann sich eine Begebenheit ereignet habe, zur Antwort gab: »Vor langer Zeit, ja, vor wirklich langer Zeit, bestimmt sechs Jahre, oder nein, Moment mal, sagen wir: anderthalb Jahre.« Mein Wunsch, eine kongolesische Perspektive zu beleuchten, wird niemals ganz in Erfüllung gehen: Ich lege zu viel Wert auf Daten. Und manche Informanten legen mehr Wert auf eine Antwort als auf eine richtige Antwort. Andererseits fiel mir jedoch oft auf, wie präzise viele meiner Gesprächspartner sich Fakten aus ihrem Leben ins Gedächtnis rufen konnten. Neben dem Jahr wussten sie sehr oft noch den Monat und den Tag. »Ich bin am 12. April 1963 nach Kinshasa gezogen.« Oder: »Am 24. März 1943 fuhr das Schiff ab.« Jedenfalls habe ich daraus gelernt, mit Daten sehr vorsichtig umzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1882? Tja, dann reden wir also über die Zeit von Stanley, von der Gründung des Kongo-Freistaates, von der ersten Missionierung. Das ist noch vor der Berliner Kongo-Konferenz, der berühmten Versammlung 1884/85, als die europäischen Mächte über die Zukunft Afrikas entschieden. Saß ich tatsächlich einem Mann gegenüber, der sich nicht nur an den Kolonialismus erinnerte, sondern sogar noch aus der vorkolonialen Zeit stammte? Einem Mann mit demselben Geburtsjahr wie James Joyce, Igor Strawinsky und Virginia Woolf? Das war unglaublich! Dann müsste dieser Mann 126 Jahre alt sein! Dann müsste er nicht nur der älteste Mann der Welt sein, sondern auch einer der Menschen mit der längsten Lebenszeit überhaupt. Und das im Kongo. Es wäre die dreifache durchschnittliche Lebenserwartung des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also tat ich, was ich sonst auch tue, checken und gegenchecken. Und in seinem Fall bedeutete das: mit unendlich viel Geduld, nach und nach, Begebenheiten aus der Vergangenheit zutage fördern. Manchmal ging das flott, manchmal gar nicht. Nie zuvor hatte ich so mit der fernen Geschichte gesprochen, nie zuvor hatte ein Gespräch etwas so Zerbrechliches. Oft verstand ich ihn nicht. Oft begann er einen Satz und hörte mittendrin auf, mit dem erstaunten Blick von jemandem, der etwas aus dem Schrank holen will, aber plötzlich nicht mehr weiß, was er sucht. Es war ein Kampf gegen das Vergessen, aber Nkasi vergaß nicht nur die Vergangenheit, er vergaß auch, dass er vergesslich war. Die Gedächtnislücken, die sich auftaten, schlossen sich sofort wieder. Er war sich keines Verlustes bewusst. Ich hingegen versuchte mit einer Konservendose einen vollgelaufenen Ozeandampfer leerzuschöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich aber gelangte ich zu dem Fazit, dass sein Geburtsjahr tatsächlich stimmen könnte. Er sprach über Ereignisse aus den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die er nur aus eigener Erfahrung kennen konnte. Nkasi hatte nicht studiert, aber er kannte historische Fakten, von denen andere betagte Kongolesen aus seiner Gegend nicht das Geringste wussten. Er stammte aus Bas-Congo, dem Gebiet zwischen Kinshasa und dem Atlantik, wo die Präsenz der westlichen Welt zuerst spürbar war. Wenn der Kongo auf der Landkarte einem auf der Seite liegenden Ballon ähnlich sieht, dann ist Bas-Congo die Tülle, durch die alles hindurchgeht. Deshalb konnte ich seine Erinnerungen anhand gut dokumentierter Ereignisse überprüfen. Er sprach mit großer Präzision über die ersten Missionare, britische Protestanten, die sich in seiner Provinz niedergelassen hatten. Sie hatten tatsächlich um 1880 mit dem Bekehren angefangen. Er nannte Namen von Missionaren, die, wie ich herausfand, in den Jahren um 1890 in der Gegend angekommen waren und ab 1900 in einer benachbarten Missionsstation lebten. Er erzählte von Simon Kimbangu, einem Mann aus einem Nachbardorf, von dem wir wissen, dass er 1889 geboren wurde und in den zwanziger Jahren eine eigene Kirche gegründet hatte. Und er erzählte vor allem, wie er als Kind den Bau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Kinshasa miterlebt hatte. Der war zwischen 1890 und 1898 erfolgt. Die Arbeiten in seiner Gegend begannen 1895. »Ich war damals zwölf, fünfzehn Jahre alt«, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Papa Nkasi . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oui?« Wenn ich ihn ansprach, blickte er immer etwas zerstreut auf, als habe er seinen Besucher vergessen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, mich von seinem hohen Alter zu überzeugen. Er erzählte, was er noch wusste, und schien sich über meine Verwunderung zu wundern. Er war offenkundig von seinem Alter weniger beeindruckt als ich, während ich dasaß und meine Notizen machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie Ihr Geburtsjahr kennen? Es gab doch noch keine Verwaltung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga hat es mir erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Joseph Zinga. Der jüngste Bruder meines Vaters.« Und dann folgte die Geschichte von dem Onkel, der mit einem englischsprachigen Missionar zur Missionsstation Palabala mitgegangen war und Katechet wurde und so die christliche Zeitrechnung kennenlernte. »Er hat mir erzählt, dass ich aus dem Jahr 1882 bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber haben Sie dann Stanley noch gekannt?« Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann in meinem Leben jemandem diese Frage ernsthaft stellen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Stanlei&#039;&#039;?«, fragte er. Er sprach den Namen französisch aus. »Nein, den habe ich nie gesehen, aber ich habe von ihm gehört. Er kam erst nach Lukunga und dann nach Kintambo.« Die Reihenfolge stimmte jedenfalls mit der Reise überein, die Stanley von 1879 bis 1884 unternommen hatte. »Lutunu habe ich aber noch gekannt, einen seiner Boys. Er kam aus Gombe-Matadi, nicht weit weg von uns. Er trug nie Hosen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Lutunu sagte mir etwas. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass er einer der ersten Kongolesen war, der Boy wurde bei den Weißen. Später wurde er von der Kolonialmacht zum Verwalter eines Landstriches ernannt. Aber er lebte bis in die fünfziger Jahre: Nkasi hätte ihn also auch viel später kennenlernen können. Bei Simon Kimbangu hingegen war das ausgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kimbangu kannte ich schon in den 1800er Jahren«, erklärte er nachdrücklich. Es war das einzige Mal, dass er, abgesehen von seinem Geburtsjahr, auf das neunzehnte Jahrhundert zu sprechen kam. Ihre Dörfer waren nicht weit voneinander entfernt. Und er fuhr fort: »Wir waren ungefähr im gleichen Alter. Simon Kimbangu war größer als ich, wenn es um le p&#039;&#039;ouvoir de Dieu ging&#039;&#039;, aber ich war größer an Jahren.« Auch bei späteren Besuchen bestätigte er mir jedesmal, dass er einige Jahre älter war als Kimbangu, der Mann mit dem Geburtsjahr 1889.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Wochen nach meinem ersten Besuch ging ich noch mehrmals zu Nkasi. In meiner Unterkunft in Kinshasa las ich meine Notizen noch einmal, fügte die Puzzleteile zusammen und suchte nach den Lücken in seiner Geschichte. Jeder Besuch dauerte höchstens ein paar Stunden. Nkasi gab mir zu verstehen, wenn er müde wurde oder wenn ihn sein Gedächtnis im Stich ließ. Die Gespräche fanden jedes Mal in seinem Schlafzimmer statt. Manchmal saß er auf dem Rand seines Betts, manchmal auf dem einzigen anderen Möbelstück im Zimmer: einem abgewetzten Autositz, der auf dem Boden stand. Einmal rasierte er sich während unserer Unterhaltung. Ohne Spiegel, ohne Rasierschaum, ohne Wasser, mit einer Wegwerfklinge, die er nie wegwarf. Er betastete sein Kinn, zog wilde Grimassen und schabte mit dem Rasiermesser zaghaft über seine verwitterte Haut. Zwischendurch klopfte er es mehrmals am Bettrand aus, und die weißen Stoppeln rieselten auf den dunklen Fußboden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Zimmerecke lag ein Haufen Plunder: der Rest seiner Besitztümer. Eine defekte Singer-Nähmaschine, ein Stapel Lumpen, eine große Dose Milchpulver der Marke Milgro, eine Sporttasche und ein Bündel aus Leinenstoff, das mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Es schien etwas Rundes zu enthalten. »Was ist eigentlich in dem Paket da?«, fragte ich ihn einmal. &#039;&#039;»Ah, ça!«&#039;&#039; Er griff zu dem Bündel, wickelte den Stoff langsam ab, und ein prächtiger Tropenhelm kam zum Vorschein. Ein schwarzer. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab. Ohne, dass ich ihn darum gebeten hatte, setzte er ihn auf und lachte übers ganze Gesicht. »Ah, Monsieur David, mein ganzes Leben habe ich in den Händen der Weißen gelebt. Aber in zwei oder drei Tagen werde ich sterben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte sich nur sehr mühsam fortbewegen. Als Spazierstock benutzte er den Stiel eines alten Regenschirms, lieber aber verließ er sich auf die Hilfe einiger Töchter. Nkasi hatte fünf Frauen gehabt. Oder sechs. Oder sieben. Darüber herrscht keine Einigkeit. Er selbst weiß es auch nicht mehr. Im Innenhof saßen immer ein paar Angehörige. Auch über den Umfang seiner Nachkommenschaft schwankten die Schätzungen. Vierunddreißig Kinder war die am häufigsten genannte Zahl. Jedenfalls viermal Zwillinge, darüber schienen sich alle einig zu sein. Enkelkinder? Bestimmt mehr als siebzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lernte auch seine beiden jüngeren Brüder kennen, Augustin und Marcel, neunzig und hundert Jahre alt. Marcel lebte nicht in Kinshasa, sondern in Nkamba. Ich sprach mit dem Sohn von Augustin, einem gewandten, klugen, mittelalten Mann. Dachte ich. Bis er sagte, er sei ja auch schon sechzig. Ich konnte es kaum glauben: Ich hätte ihn wirklich auf nicht mal fünfundvierzig geschätzt. Was für eine außergewöhnlich zähe Familie, wurde mir bewusst, was für eine außergewöhnliche Laune der Natur. Drei steinalte Brüder, alle drei noch am Leben. Und es hatte auch noch zwei Schwestern gegeben, aber die waren kürzlich verstorben. Sie waren auch um die 90 geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lebten zu vierzehnt in drei kleinen, aneinander angrenzenden Zimmern, aber jeden Tag herrschte ein Kommen und Gehen von Verwandten. Nkasi teilte sich das Zimmer mit Nickel und Platini, beide um die zwanzig. Einer von ihnen trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck &#039;&#039;Miami Champs&#039;&#039;. Nkasi bekam als Ältester jede Nacht das Bett, das war selbstverständlich, die jungen Leute schliefen auf dem Boden, auf Matten aus geflochtenen Bananenblättern. Tagsüber legten sie sich manchmal auf die dünne Matratze ihres Großvaters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasi ernährte sich von Maniok, Reis, Bohnen und manchmal etwas Brot. Für Fleisch war kein Geld da. Nach einem langen Gespräch vermutete er, dass ich Hunger hätte, und schob mir mit seinem Schirmstock ein Büschel kleiner Bananen und eine Tüte mit Erdnüssen zu. »Ich seh schon. Der Kopf ist zu, aber der Bauch ist offen. Nimm ruhig, iss.« Ablehnen war zwecklos. Bei jedem Besuch brachte ich etwas mit und kaufte Limonade. Die Familie betrieb, wie zahllose Familien in der &#039;&#039;cité&#039;&#039;, einen bescheidenen Handel mit Getränken der Bralima-Brauerei; selber hatten sie aber nicht das Geld, um sich Cola oder Fanta zu kaufen. Einmal sah ich, wie Nkasi von seinem Autositz aus ein bisschen Coca-Cola in einen Plastikbecher umfüllte. Beklemmend langsam reichte er Keitsha den Becher. Es war ein ergreifender Anblick: Der Mann, der offensichtlich vor der Berliner Kongo-Konferenz geboren war (und vor der Erfindung von Coca-Cola), gab seiner Enkelin, die nach den Präsidentschaftswahlen von 2006 zur Welt gekommen war, etwas zu trinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine erste Begegnung mit Nkasi hatte am 6. November 2008 stattgefunden. Die Weltgeschichte hatte gerade einen historischen Tag erlebt. Irgendwann drehte Nkasi die Gesprächssituation um. Dürfe er mich auch einmal etwas fragen? Es sollte nicht immer um die Vergangenheit gehen. Ihm war ein Gerücht zu Ohren gekommen, und er konnte es einfach nicht glauben. »Stimmt es, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten gewählt haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nkasis Leben fällt mit der Geschichte des Kongo zusammen. 1885 fiel das Territorium in die Hände des belgischen Königs Leopold II. Er nannte es État Indépendant du Congo, Unabhängiger Kongo-Staat, im Deutschen meist als »Freistaat Kongo« bezeichnet. 1908 musste der König nach heftiger Kritik aus dem In- und Ausland das Gebiet dem belgischen Staat übereignen. Bis 1960 hieß es Belgisch-Kongo, dann wurde es ein unabhängiges Land, die Republik Kongo. 1965 putschte sich Mobutu an die Macht und regierte das Land zweiunddreißig Jahre lang. 1971 bekam es einen neuen Namen: Zaire. 1997, als Laurent-Désiré Kabila Mobutu vom Thron stieß, erhielt das Land den Namen Demokratische Republik Kongo. Mit der »Demokratie« sollte es jedoch noch eine Weile dauern; erst 2006 fanden die ersten freien Wahlen nach mehr als vierzig Jahren statt. Joseph Kabila, Sohn von Laurent-Désiré, wurde zum Präsidenten gewählt. Nkasi hat, ohne groß umzuziehen, in fünf verschiedenen Ländern gelebt, oder jedenfalls in einem Land mit fünf verschiedenen Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Land, das sich Leopold II. ausgedacht hatte, entsprach zwar nicht im Geringsten einer existierenden politischen Realität, es wies jedoch einen bemerkenswerten geographischen Zusammenhang auf: Es überschnitt sich weitgehend mit dem Becken des Kongoflusses. Jeder noch so kleine Fluss, jeder Wasserlauf, den man im Kongo sieht (abgesehen von zwei winzigen Strichen), mündet nach einiger Zeit in diesen einen, mächtigen Strom und trägt theoretisch zu dem braunen Fleck im Ozean bei. Das ist ein rein kartographisches Faktum; auf dem realen Boden wurde dieses hydrographische System nicht als Einheit empfunden. Doch der Kongo, ein Land von 2,3 Millionen Quadratkilometern, so groß wie Westeuropa oder zwei Drittel von Indien, das einzige Land Afrikas mit zwei Zeitzonen, war seither immer das Land dieses einen Flusses. Trotz aller Namensänderungen wurde es auch immer nach der Mutter aller Wasserläufe benannt (Kongo, Zaire). Im Französischen sprechen die Kongolesen heute für gewöhnlich von &#039;&#039;le fleuve&#039;&#039;, dem Fluss, so wie die Bewohner der Niederlande &#039;&#039;de zee&#039;&#039; sagen, wenn sie die Nordsee meinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo ist kein geradliniger Fluss; sein Lauf beschreibt einen Dreiviertelkreis gegen den Uhrzeigersinn, so als würde man den Stundenzeiger fünfundvierzig Minuten zurückdrehen. Diese große Biegung hat mit dem gleichmäßigen und relativ flachen Relief des zentralafrikanischen Inlandes zu tun. Der Kongo verläuft eigentlich in einer einzigen großen Schleife in einem sanft abfallenden Gebiet, das überwiegend nur einige hundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Auf seiner mehrere tausend Kilometer langen Reise hat der Fluss ein Gefälle von kaum fünfzehnhundert Metern, weniger also als ein kräftiger Gebirgsbach. Nur der äußerste Süden des Landes, wo der Fluss entspringt, erhebt sich auf fünfzehnhundert Meter. Gebiete über zweitausend Meter Höhe findet man nur ganz im Osten. Der höchste Punkt liegt direkt an der Grenze zu Uganda: die Stanley-Berge, 5109 Meter, ein Bergmassiv mit dem dritthöchsten Berg Afrikas; die Gipfel sind permanent mit Schnee und (ständig schrumpfenden) Gletschern bedeckt. Die Berge im Osten entstanden zusammen mit einer langgestreckten Seenkette (den vier sogenannten Großen Seen, deren größter der Tanganjikasee ist) durch beträchtliche tektonische Aktivität, wie auch die dort noch immer aktiven Vulkane beweisen. Dieser zerknautschte Ostrand des Kongo gehört zur Riftzone des Ostafrikanischen Grabens. Das Klima kann in diesem bergigen Gebiet kühl sein: In einer Stadt wie Butembo zum Beispiel, nahe an der Grenze zu Uganda, herrscht eine durchschnittliche Jahrestemperatur von nur 17 Grad Celsius, während Matadi, unweit des Atlantiks, eine Durchschnittstemperatur von gut 27 Grad aufweist. Woanders bewirkt die Lage am Äquator ein tropisches Klima mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, auch wenn die regionalen Unterschiede beträchtlich sind. Im Äquatorialwald schwankt die Mittagstemperatur zwischen 30 und 35 Grad, im äußersten Süden des Landes kann in der Trockenzeit hin und wieder Raureif beobachtet werden. Auch die Dauer der Trockenzeit und ihr Beginn sind unterschiedlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Drittel des Landes sind mit dichtem Äquatorialwald bewachsen; mit 1,45 Millionen Quadratmetern besitzt der Kongo nach dem Amazonasgebiet den zweitgrößten tropischen Regenwald der Welt. Aus dem Flugzeug sieht es aus wie ein gigantischer Brokkoli, der gar kein Ende nehmen will, ein Gebiet dreimal so groß wie Spanien. Im Norden und im Süden geht dieser Wald (»&#039;&#039;la forêt«&#039;&#039;, sagen die Kongolesen) allmählich in Savanne über. Kein endloses &#039;&#039;National Geographic&#039;&#039;-Meer von gelben, wogenden Gräsern, sondern eine Waldsavanne, die zur Strauchsavanne wird, je weiter man sich vom Äquator entfernt. Die Biodiversität des Landes ist spektakulär, jedoch zunehmend bedroht. Drei der wichtigsten zoologischen Entdeckungen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen im Kongo: der Kongopfau, das Okapi und der Bonobo. Dass im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch ein Menschenaffe entdeckt werden konnte, war bereits ein Wunder. Der Kongo ist das einzige Land der Welt, in dem drei der vier Menschenaffen heimisch sind (nur der Orang-Utan fehlt): Aber auch der Schimpanse und vor allem der Berggorilla sind ernsthaft bedrohte Tierarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnologen im zwanzigsten Jahrhundert differenzierten zwischen rund vierhundert ethnischen Gruppen im Inland, jede für sich eine Gesellschaft mit eigenen Bräuchen, eigenen Formen des Zusammenlebens, eigenen Kunsttraditionen und häufig auch einer eigenen Sprache oder einem eigenen Dialekt. Diese Gruppen werden in der Regel mit einer Pluralform bezeichnet, erkennbar an dem Präfix &#039;&#039;ba-&#039;&#039; oder &#039;&#039;wa-&#039;&#039;. Die Bakongo (mitunter auch baKongo geschrieben) gehören zum Volk der Kongo, die Baluba (oder baLuba) zum Volk der Luba, die Watutsi (oder waTutsi, im Deutschen früher Watussi) zum Volk der Tutsi. In den folgenden Kapiteln werde ich die heute allgemein üblichen Bezeichnungen benutzen. Ich werde also gleichzeitig von den Bakongo und den Tutsi sprechen, nicht gerade konsequent, aber praktisch. Den Singular (Mukongo oder muKongo) habe ich möglichst vermieden. Die Sprachen dieser Gruppen beginnen meist mit den Vorsilben &#039;&#039;ki-&#039;&#039; oder &#039;&#039;tschi-&#039;&#039;: das Kikongo, das Tschiluba, das Kiswahili, das Kinyarwanda. Auch hier halte ich mich an die gebräuchliche Bezeichnung. Deshalb also: Swahili und nicht Kiswahili, Kinyarwanda und nicht »Ruandisch«. Das Lingala bildet die Ausnahme von der Regel, aber auch im Lingala beginnen Sprachen mit &#039;&#039;ki-&#039;&#039;. Einmal hörte ich, wie jemand vom »&#039;&#039;kiChinois«&#039;&#039; sprach. Und das Kiflama ist die Sprache der Baflama, der Flamen (abgeleitet von &#039;&#039;les flamands&#039;&#039;): also Niederländisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der außerordentliche anthropologische Reichtum des Kongo darf nicht die Sicht auf die große linguistische und kulturelle Homogenität verstellen. Fast alle Sprachen sind Bantu-Sprachen und weisen ähnliche Strukturmerkmale auf. (&#039;&#039;Bantu&#039;&#039; ist die Mehrzahl von &#039;&#039;muntu&#039;&#039; und bedeutet »die Menschen«.) Das heißt nicht, dass Nkasi ohne weiteres jemand auf der anderen Seite des Landes verstehen wird; vielmehr ähnelt seine Sprache der des anderen so, wie sich indoeuropäische Sprachen untereinander ähneln. Nur ganz im Norden des Kongo werden grundlegend andere Sprachen gesprochen, die zur Gruppe der nilo­saharanischen Sprachen gehören. Überall sonst kamen durch die Verbreitung der Landwirtschaft von Nordwesten her Bantu-Sprachen in Schwang. Sogar die Pygmäen, die ursprünglichen Jäger und Sammler des Regenwaldes, übernahmen die Bantu-Sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ethnisches Bewusstsein ist im Kongo ein relativer Begriff. Fast alle Kongolesen können ziemlich genau sagen, zu welcher ethnischen Gruppe sie und ihre Eltern gehören, doch inwieweit sie sich mit dieser Gruppe identifizieren, hängt sehr stark vom Alter, Wohnort, Bildungsniveau und, was vor allem entscheidend ist, von den Lebensumständen ab. Gruppen, die bedroht sind, schließen sich enger zusammen. Zu verschiedenen Zeitpunkten im Leben kann die Gruppe mehr oder weniger wichtig sein. Wenn die turbulente Geschichte des Kongo eines deutlich macht, dann die Dehnbarkeit dessen, was früher »Stammesbewusstsein« hieß: Es ist eine fließende Kategorie. Auf diesen Punkt werde ich noch öfter zurückkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl sich die Namen der Provinzen und deren Zahl oft geändert haben, gibt es doch einige regionale Bezeichnungen, die die Bewohner konstant verwenden, um das riesige Gebiet zu unterteilen. Bas-Congo ist, wie schon erwähnt, die Tülle des Ballons. Matadi, die Hauptstadt dieser Provinz, ist ein Seehafen hundert Kilometer landeinwärts, wo Containerschiffe, lavierend gegen die starke Strömung des Kongo, anlegen können. Weiter stromaufwärts wird der Fluss durch Stromschnellen unpassierbar. Kinshasa, eine Stadt mit schätzungsweise acht Millionen Einwohnern, die sich &#039;&#039;Kinois&#039;&#039; nennen, liegt genau an der Stelle, wo sich der Ballon verbreitert. Ab hier ist der Fluss wieder befahrbar, bis tief ins Landesinnere. Östlich von Kinshasa liegt Bandundu, ein Gebiet zwischen Wald und Savanne mit unter anderem Kikwit und dem historisch wichtigen Kwilu-Distrikt. Daran angrenzend, im Herzen des Landes, liegt Kasai, das Diamantengebiet. Die wichtigste Stadt dort ist Mbuji-Mayi; durch das Diamantenfieber wuchs sie in den letzten Jahren zur drittgrößten, vielleicht sogar zur zweitgrößten Stadt des Landes. Noch weiter östlich gelangt man in das Gebiet, das früher Kivu hieß, jetzt aber untergliedert ist in drei Provinzen: Nord-Kivu, Süd-Kivu und Maniema. Die beiden Kivu-Provinzen bilden die etwas eingefallene Oberseite des Ballons im Osten, mit Goma und Bukavu als wichtigste Zentren, direkt an der Grenze zu Ruanda. Es handelt sich um ein dicht bevölkertes, agrarisches Gebiet. Dank der erhöhten Lage kommt die Schlafkrankheit hier nicht vor, und Viehzucht ist möglich; Boden und Klima eignen sich zudem für den Anbau hochwertiger Produkte (Kaffee, Tee, Chinin).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nördlich der Achse Bandundu-Kasai-Kivu erstreckt sich der größte Teil des Regenwaldes, der administrativ zu zwei Riesenprovinzen gehört, die schon seit langem aufgeteilt werden sollen, Équateur und Orientale, mit den Hauptstädten Mbandaka und Kisangani. Beide Orte liegen am Fluss und können mit dem Schiff von Kinshasa aus erreicht werden. Vor allem Kisangani hatte in der gesamten Geschichte des Kongo eine Schlüsselrolle inne. Südlich dieser zentralen Ost-West-Achse liegt eine andere Riesenprovinz, Katanga, mit der Hauptstadt Lubumbashi. In diesem Bergbaugebiet schlägt das wirtschaftliche Herz des Kongo. Katanga hat eine Ausstülpung zum Südosten, als hätte ein Clown noch schnell einen Knoten an den Ballon gemacht, der der Kongo ist: das Resultat eines Grenzkonflikts mit Großbritannien Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Während Katanga sehr reich ist an Kupfer und Kobalt und Kasai von seinen Diamantvorkommen abhängig ist, enthält der Boden im Kivu Zinn und Coltan und in der Provinz Orientale auch Gold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier wichtigsten Städte des Landes sind also Kinshasa, Lubumbashi, Kisangani und, seit kurzem, Mbuji-Mayi. Zurzeit sind sie weder durch Eisenbahnlinien noch durch befestigte Straßen miteinander verbunden. Der Kongo besitzt zu Beginn des dritten Millenniums nicht einmal tausend Kilometer asphaltierte Straßen (und die vorhandenen führen vor allem ins Ausland: von Kinshasa zum Hafen von Matadi, von Lubumbashi zur Grenze mit Sambia, um die Einfuhr von Waren und die Ausfuhr von Erzen zu ermöglichen). Es fahren so gut wie keine Züge mehr. Die Schiffe von Kinshasa nach Kisangani sind wochenlang unterwegs. Wer von einer Stadt in die andere will, nimmt das Flugzeug. Oder er hat sehr viel Zeit. Eine Faustregel besagt, dass eine Stunde Reisen in der Kolonialzeit einem ganzen Reisetag heute entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinshasa ist und bleibt der Nabel des Landes, der Knoten des Ballons. Mehr als 13 Prozent der neunundsechzig Millionen Kongolesen leben in einer der vierundzwanzig Gemeinden der Hauptstadt, aber der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt noch immer auf dem Land. Vor allem Bas-Congo, Kasai und das Gebiet an den Großen Seen sind dicht besiedelt. Französisch ist die Sprache der Verwaltung und der Hochschulen, aber Lingala ist die Sprache der Armee und der allgegenwärtigen Popmusik. Vier einheimische Sprachen sind offiziell als Landessprachen anerkannt: Kikongo, Tschiluba, Lingala und Swahili. Während die ersten beiden echte ethnische Sprachen sind (Kikongo wird von den Bakongo in Bas-Congo und Bandundu gesprochen, Tschiluba von den Baluba in Kasai), sind die anderen beiden Handelssprachen mit viel größerer Verbreitung. Swahili entstand an der Ostküste Afrikas und wird nicht nur im äußersten Osten des Kongo, in Tansania und in Kenia gesprochen, Lingala entstand in der Provinz Équateur und wanderte den Kongofluss hinab bis nach Kinshasa. Heute ist es im Kongo die Sprache, deren Verbreitung am schnellsten zunimmt. Sie wird auch im benachbarten Kongo-Brazzaville (auch: Republik Kongo) gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da wir gerade bei den Nachbarländern sind: Der Kongo hat gleich neun davon. Im Uhrzeigersinn sind das, angefangen beim Atlantik: Kongo-Brazzaville, Zentralafrikanische Republik, Sudan, Uganda, Ruanda, Burundi, Tansania, Sambia und Angola. Im Weltmaßstab wird das Land darin nur von Brasilien, Russland und China übertroffen, Länder, die mit zehn bis vierzehn Nachbarländern aufwarten können. So etwas erfordert eine komplizierte Diplomatie; das war und ist auch im Kongo nicht anders, sowohl während der Kolonialzeit als auch später. Grenzstreitigkeiten und territoriale Konflikte sind schon seit eineinhalb Jahrhunderten eine Konstante, so wie manche Bereiche der Grenze zwischen Russland und China schon lange Zeit umstrittenes Gebiet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo beginnt die Geschichte? Weit auf dem Meer, weit vor der Küste, und auch lange, bevor Nkasi geboren wurde. Es herrscht eine bedauerliche Tendenz, die Geschichte des Kongo mit der Ankunft Stanleys in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts beginnen zu lassen, als ob die Bewohner Zentralafrikas traurig in einem ewigen, unveränderlichen Heute umherirrten und auf die Durchreise eines Weißen warten mussten, um von den Fesseln ihrer vorhistorischen Lethargie befreit zu werden. Zentralafrika geriet zwar zwischen 1870 und 1885 in eine wichtige Beschleunigungsphase, doch das besagt keineswegs, dass sich seine Bewohner davor in einem erstarrten Naturzustand befanden, als eine Art lebende Fossilien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralfrika war ein Gebiet ohne Schrift, aber gleichwohl nicht ohne Geschichte. Hunderte, ja Tausende Jahre menschlicher Geschichte gingen der Ankunft der Europäer voraus. Wenn es bereits ein Herz der Finsternis gab, dann fand es sich eher in der Unwissenheit, mit der weiße Entdeckungsreisende das Gebiet betrachteten, als im Gebiet selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte diese ferne Vorgeschichte anhand von fünf virtuellen Dias illustrieren, fünf Momentaufnahmen. Und ich möchte mir vorstellen, wie das Leben von, sagen wir, einem zwölfjährigen Jungen zu jedem dieser fünf Zeitpunkte aussah. Das erste Bild entstand vor etwa neunzigtausend Jahren. Das Datum ist einigermaßen willkürlich gewählt, aber es ist nun mal die einzige zuverlässige Datierung, die wir von den ältesten archäologischen Überbleibseln im Kongo haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bizarr eigentlich, die Geschichte des Kongo von einem Europäer abhängig zu machen. Geht es noch eurozentrischer? Es war in Afrika, als sich die Entwicklungslinie des Menschen vor fünf bis sieben Millionen Jahren von der des Menschenaffen trennte. Es war in Afrika, als der Mensch vor vier Millionen Jahren begann, aufrecht zu gehen. Es war in Afrika, als vor fast zwei Millionen Jahren die ersten durchdachten steinernen Werkzeuge zurechtgehauen wurden. Und es war in Afrika, als vor hunderttausend Jahren das komplexe prähistorische Verhalten unserer Gattung entstand, ein Verhalten, das durch Tauschbeziehungen über große Entfernungen gekennzeichnet ist, durch hoch entwickelte Werkzeuge aus Stein und Knochen, die Benutzung von Ocker zum Färben, durch frühe Zählsysteme und andere Formen von Symbolik. Der Kongo lag etwas zu weit westlich, um an dieser Evolution von Anfang an teilzuhaben, aber vielerorts wurden sehr primitive und zweifellos sehr alte Werkzeuge vorgefunden, die meisten davon leider schlecht zu datieren. Von hier stammen auch einige der beeindruckendsten Faustkeile aus der gesamten Vorgeschichte, sorgfältig bearbeitet und bis zu vierzig Zentimeter lang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor neunzigtausend Jahren also. Wir stellen uns das Ufer eines der vier Großen Seen im Osten vor, des Sees, der heute Eduardsee heißt. Unser Zwölfjähriger hätte dort sitzen können, an der Stelle, wo der Semliki dem See entfließt. Vielleicht gehörte er zu der kleinen Gruppe prähistorischer Menschen, deren Überreste in den 1990er Jahren akribisch ausgegraben wurden. Einmal im Jahr kam eine Gruppe von Jägern und Sammlern an diesen Ort, zur Laichzeit der Welse. Dieser schmackhafte, sich träge fortbewegende Fisch mit den gruseligen Bartfäden kann bis zu siebzig Zentimeter lang werden und es auf ein Gewicht von mehr als zehn Kilo bringen. Für gewöhnlich lebt er jedoch am Grund des Sees, für den Menschen unerreichbar. Nur zu Beginn der Regenzeit begibt er sich zum Laichen in seichte Uferzonen. Er besitzt dafür sogar ein spezielles Atmungsorgan. Praktisch, aber auch gefährlich: Schon vor neunzigtausend Jahren schnitzten Menschen an diesem See Harpunen aus Knochen, die ältesten bekannten Harpunen der Welt – anderswo begann man damit erst vor zwanzigtausend Jahren. Aus einer Rippe oder einem Knochen wurde eine Speerspitze mit tödlichen Einkerbungen und Widerhaken verfertigt. Man kann sich gut vorstellen, dass ein zwölfjähriger Junge so einen stattlichen Fisch oder einen von den vielen kleineren Arten aufzuspießen lernte. Vorstellbar ist auch, dass er Lungenfische ausgrub, aalartige Tiere, die sich zu Beginn der Trockenzeit im Schlamm eingraben, um dort die acht Sommermonate zu überstehen. Die Umwelt war um einiges trockener als heute, wie wir aus paläontologischen Forschungen wissen. Es lebten dort Elefanten, Zebras und Warzenschweine, typische Tierarten einer offenen Landschaft. Aber wegen der Nähe zum Wasser gab es auch Nilpferde, Krokodile, Sumpfantilopen und Fischotter. Der Wind wehte über den See, die Sträucher raschelten, ein Fisch schlug wild und machtlos mit der Schwanzflosse gegen die nassen Felsen und wand sich vor Schmerz. Und die Stimme eines Jungen war zu hören, der sich auf seine Harpune stützte: aufgeregt, entschlossen und jubelnd. Eine Momentaufnahme, nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Dia: Es ist zweitausendfünfhundert Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung. Unser zwölfjähriger Junge war damals ein Pygmäe im dichten Regenwald. Von Landwirtschaft war noch lange nicht die Rede, aber von den Früchten der wilden Ölpalme wird er sicherlich gekostet haben. Unter überhängenden Felsen im Ituri-Wald wurden Hinterlassenschaften früher Bewohner gefunden. Zwischen grob behauenen Steinwerkzeugen lagen dort Kerne von prähistorischen Palmfrüchten. Lebten die Waldbewohner dort? Oder hielten sie sich nur sporadisch dort auf? Das ist nicht bekannt. Die Werkzeuge waren jedenfalls aus Quarz und Flusssteinen aus der Umgebung gefertigt. Der zwölfjährige Junge gehörte vielleicht zu einer kleinen, sehr mobilen Gruppe von Jägern und Sammlern, die sich in ihrer Umwelt hervorragend ausgekannt haben müssen. Sie jagten Affen, Antilopen und Stachelschweine, sie pflückten Nüsse und Früchte, gruben Knollengewächse aus und wussten, welche Pflanzen heilkräftig oder halluzinogen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch war auch dies keine geschlossene Welt. Auch damals gab es schon Kontakte zur Außenwelt. Feuerstein und Obsidian wurden über große Entfernungen getauscht, manchmal bis zu dreihundert Kilometern. Vielleicht war unser Zwölfjähriger ja jener erste Kongolese, über den wir eine schriftliche Quelle besitzen. Vielleicht wurde er versklavt und aus dem Wald entführt, durch Savanne und Wüste verschleppt, monatelang unterwegs zu einem Fluss, den er hinabfahren musste und der ihm endlos vorkam: der Nil. Sein Begleiter war unglaublich begeistert über den Fang: ein Pygmäe, das Seltenste und Kostbarste, was es gab. Sein göttlicher Meister im Norden, der Pharao, hatte ihm einen außergewöhnlichen Brief gesandt, den er später in Stein würde hauen lassen: »Eile und bringe mit dir diesen Zwerg, den du lebend, gesund und heil aus dem Land der Geister geholt hast, für die Tänze Gottes und für die Belustigung und zur Unterhaltung des Königs von Ober- und Unterägypten, Neferkare. [. . .] Stelle gute Leute an, die bei ihm sein sollen [. . .], um zu verhüten, dass er ins Wasser fällt.«3 Die Hieroglyphen wurden in die Wand des Felsengrabes des Expeditionsleiters bei Assuan gemeißelt, zweitausendfünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das Land der Geister: Hier taucht der Kongo zum ersten Mal in einem Text auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nächstes Lichtbild, das dritte. Wir befinden uns etwa im Jahr fünfhundert unserer Zeitrechnung. In Europa ist gerade das Weströmische Reich zusammengebrochen. Ein Zwölfjähriger im Kongo führte damals ein völlig anderes Leben als sein Vorgänger. Mit dem Nomadenleben war es vorbei, fortan war er mehr oder weniger sesshaft: Er zog nicht ein paar Mal im Jahr um, sondern nur ein paar Mal im ganzen Leben. Rund zweitausend Jahre vor unserer Zeitrechnung wurde in dem Gebiet, das heute Kamerun heißt, zum ersten Mal Landwirtschaft betrieben. Durch diese neue Nahrungsquelle stiegen die Bevölkerungszahlen. Und da es sich um extensive Landwirtschaft handelte, mussten jedes Jahr neue Äcker kultiviert werden. Langsam, aber stetig breitete sich ein agrarischer Lebensstil in Afrika aus. Es war der Beginn der Bantu-Wanderung. Man darf sich das nicht als einen großen Treck von Bauern vorstellen, die eines schönen Tages ihre Siebensachen packten, um tausend Kilometer weiter zu sagen: »Wir sind da!« Es handelte sich um eine langsame, aber stetige Verschiebung in Richtung Süden (im Norden lag die Sahara). Im Lauf von drei Jahrtausenden eroberte die Landwirtschaft das ganze zentrale und südliche Afrika. Die Hunderte von Sprachen in diesem riesigen Gebiet sind, wie bereits erwähnt, bis zum heutigen Tag miteinander verwandt. Im Kongo schreckten die Bantu sprechenden Bauern auch nicht vor dem Wald zurück. Über Flüsse und auf Elefantenpfaden drangen sie immer weiter vor und kamen dabei mit einheimischen Waldbewohnern in Kontakt, den Pygmäen. Um das Jahr 1000 war die gesamte Region besiedelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Neuerung um das Jahr 500 war die Kochbanane, ein Gewächs mit unklarer Herkunft, aber wunderbarem Geschmack. Unser Zwölfjähriger hatte Glück: In den Jahrhunderten davor war vor allem Yamswurzel angebaut worden, ein nahrhaftes Knollengewächs, reich an Stärke, aber mit eher fadem Geschmack. Für seine Mutter, die das Feld bearbeitete, hatte die Kochbanane große Vorzüge: Anders als Yams zog sie keine Malariamücken an. Der Ertrag war zehnmal höher, der Arbeitsaufwand geringer und der Boden weniger schnell ausgelaugt. Sein Vater wird auch damals schon auf Palmen geklettert sein, um Palmöl zu ernten. Vielleicht hielten sie ein paar Hühner und Ziegen, vielleicht hatten sie einen Hund. Außerdem wurde noch immer viel gepflückt, gefischt und gejagt. Der Sohn wird Termiten, Raupen, Larven, Schnecken, Pilze und wilden Honig gesammelt haben. Mit seinem Vater und anderen Männern aus dem Dorf jagte er Antilopen und Pinselohrschweine. Zum Fischen legte er Reusen aus oder dämmte kleine Flüsse ein. Seine Ernährung war, kurz gesagt, äußerst abwechslungsreich. Aus der Landwirtschaft stammten nur 40 Prozent seiner Nahrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater unseres Jungen aus dem Jahr 500 besaß höchstwahrscheinlich ein paar Werkzeuge aus Eisen. Auch das war damals ein Novum: Die früheste Metallurgie in dem Gebiet war in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung entstanden. Davor benutzte man nur Steinwerkzeuge. Seine Mutter hantierte zweifellos mit Töpfen aus gebranntem Ton. Steinzeug gab es schon seit Jahrhunderten. Keramik und Metall waren Luxusgüter, die seine Eltern durch Tausch erhielten, so wie auch kostbare Tierfelle und seltene Färbemittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie lebte in einem bescheidenen Dorf mit einigen anderen Familien, aber zwischen den Dörfern untereinander gab es Formen der Zusammenarbeit. Durch die sich immer weiter ausdehnende Landwirtschaft erstreckten sich auch die Familienbande über ein größeres Gebiet. Vielleicht stand damals schon in jedem Dorf eine sogenannte »Schlitztrommel«, ein ausgehöhlter Baumstamm, mit dem man zwei Töne erzeugen konnte, einen hohen und einen tiefen; so wurden Nachrichten über weite Entfernungen übermittelt. Nicht vage Notsignale, sondern sehr genaue Nachrichten, ganze Sätze, Neuigkeiten und Geschichten. Wenn jemand gestorben war, trommelte man Namen, Beinamen und Beileidsbezeugung in den weiten Umkreis. War eine Hütte abgebrannt, ein Jagdtier erlegt worden oder ein Verwandter zu Besuch, trommelten die Dorfbewohner es einander weiter. Morgens früh oder abends spät, wenn die Luft kühl war, war das Getrommel bis zu zehn Kilometer weit zu hören. Ferne Dörfer gaben es dann an noch fernere Dörfer weiter. Die Völker Zentralafrikas entwickelten keine Schrift, aber ihre &#039;&#039;langage tambouriné&#039;&#039; war sehr ausgeklügelt. Informationen wurden nicht für die Zukunft gespeichert, sondern sofort in der ganzen Gegend verbreitet und mit der Gemeinschaft geteilt. Entdeckungsreisende im neunzehnten Jahrhundert wunderten sich, dass die Bewohner der Dörfer, bei denen sie anlegten, längst über ihr Kommen Bescheid wussten. Als ihnen klar wurde, dass eine getrommelte Nachricht innerhalb von vierundzwanzig Stunden gut und gern sechshundert Kilometer überwinden konnte, sprachen sie lachend vom &#039;&#039;télégraphe de brousse&#039;&#039; (Buschfunk). Sie wussten nicht, dass diese Form der Kommunikation mindestens eineinhalb Jahrtausend älter war als die Erfindung des Morsealphabets.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das nächste Dia, mehr als tausend Jahre später. Sagen wir: 1560. Italien im Bann der Renaissance. Brueghel malt seine Meisterwerke. Die erste Tulpe in den Niederlanden. Wie lebte ein Zwölfjähriger im Kongo? Wenn er im Wald geboren war, wohnte er zweifellos in einem größeren Dorf als ehedem, einem Dorf mit einem Dutzend Häusern und etwa hundert Bewohnern. Geleitet wurde es von einem Dorfvorsteher, dessen Macht auf Namen, Ruf, Ehre, Reichtum und Charisma beruhte. Nur er durfte sich mit dem Fell und den Zähnen eines Leoparden schmücken. Er musste regieren wie ein Vater, der seine eigenen Interessen nie über die der Gemeinschaft stellt. Mehrere Dörfer bildeten zusammen eine Art Kreis. Das half, Konflikte um Ackerland zu vermeiden und sich gegen Eindringlinge zu wehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre unser Junge in der Savanne zur Welt gekommen, hätte er gemerkt, dass dieses System dort noch einen Schritt weiter entwickelt war. Mehrere Kreise bildeten zusammen eine Provinz, in manchen Fällen sogar ein Königreich. Es war in der Savanne südlich vom Äquatorialwald, dass seit dem vierzehnten Jahrhundert richtige Staaten wie die der Kongo, der Lunda, der Luba und der Kuba entstanden. Die größeren Landwirtschaftserträge ließen eine solche Erweiterung zu. Manche dieser Staaten waren so groß wie Irland. An der Spitze dieser feudalen, hierarchisch gegliederten Gesellschaften stand ein König, ein mächtiger Herrscher, Vater seines Volkes, Beschützer und Wohltäter seiner Untertanen. Er sorgte für die Gemeinschaft, holte sich Rat bei den Alten und schlichtete bei Konflikten. Die Folge dieser politischen Konstruktion kann man sich denken: Ziemlich viel hing von der Persönlichkeit des Königs ab. Die Untertanen konnten es gut oder schlecht getroffen haben. Wenn Macht derart personalisiert ist, nimmt Geschichte manisch-depressive Züge an. Das galt zweifellos für die Königreiche der Savanne. Zeiten der Blüte wechselten schnell ab mit Zeiten des Verfalls. Die Frage der Thronfolge führte fast immer zu einem Bürgerkrieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Falls unser imaginärer Junge am Unterlauf des Flusses aufwuchs, war er Untertan des Königreichs Kongo, des bekanntesten dieser feudalen Fürstentümer. Die Hauptstadt Mbanza Kongo ist heute eine Stadt in Angola, etwas südlich von Matadi. 1482 hatten Untertanen des Kongo-Reichs an der Küste etwas sehr Seltsames erblickt: große Hütten, die aus dem Meer aufzutauchen schienen, Hütten mit flatternden Tüchern. Als die Segelschiffe vor Anker gingen, sahen die Leute am Ufer, dass weiße Menschen darauf waren. Das mussten Urahnen sein, die am Meeresgrund lebten, eine Art Wassergeister. Sie trugen Kleider, viel mehr als die Menschen des Kongo-Reichs, und gefertigt waren die Kleider offenbar aus den Häuten unbekannter Seewesen. Sehr sonderbar war das alles. Dass sie unerschöpfliche Mengen an Stoffen bei sich hatten, legte die Vermutung nahe, dass sie dort unten im Meer vor allem mit Weben beschäftigt waren.4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es waren Portugiesen, die neben Leinenstoffen auch Hostien mitbrachten. Der König der Bakongo, Nzinga Kuwu, gestattete ihnen, dass sie in seinem Reich vier Missionare zurückließen, und schickte dafür vier Abgesandte mit ihren Schiffen mit. Als diese nach einigen Jahren mit wundersamen Geschichten aus dem fernen Portugal zurückkehrten, brannte der König vor Verlangen, das Geheimnis der Europäer kennenzulernen; er ließ sich 1491 taufen und nahm den Namen Don João an. Einige Jahre später kehrte er freilich enttäuscht zur Vielweiberei und Wahrsagerei zurück. Sein Sohn, Prinz Nzinga Mbemba, wurde jedoch ein tief christlicher Mann und herrschte unter seinem Taufnahmen Afonso I. vier Jahrzehnte lang über das Kongo-Reich (1506-1543). Es war eine Zeit des großen Wohlstandes und der Stabilisierung. Der Handel mit den Portugiesen bildete die Basis seiner Macht. Und als die Portugiesen Sklaven verlangten, beschaffte er sie durch Überfälle in benachbarten Gebieten. Das geschah schon von jeher, Sklaverei war ein einheimisches Phänomen, wer Macht besaß, besaß Menschen, aber seine bereitwillige Kooperation kam dem Einvernehmen mit den Portugiesen so zugute, dass Afonso einen seiner Söhne nach Europa schicken durfte, damit er zum Priester ausgebildet wurde. Der betreffende Sohn, er hieß Henrique und war elf Jahre alt, lernte in Lissabon Portugiesisch und Latein und reiste später nach Rom, wo er zum Bischof geweiht wurde – der erste schwarze Bischof in der Geschichte –, bevor er nach Hause zurückkehrte. Er hatte jedoch eine schwächliche Konstitution und starb wenige Jahre später.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Christianisierung des Kongo-Reichs wurde nun von portugiesischen Jesuiten und später auch italienischen Kapuzinern weiter betrieben. Es war völlig anders als bei der Missionierung im neunzehnten Jahrhundert: Hier richtete sich die Kirche ausdrücklich an die Oberschicht der Gesellschaft. Die Kirche stand für Macht und Reichtum, und davon fühlte sich die Spitze des Kongo-Reichs durchaus angesprochen. Die Wohlhabenden ließen sich taufen und nahmen portugiesische Adelstitel an. Manche lernten sogar lesen und schreiben, obwohl ein Blatt Papier damals noch ein Huhn und ein Messbuch einen Sklaven kostete.5 Aber es wurden Kirchen gebaut und Fetische verbrannt. Wo es Hexerei gab, sollte das Christentum triumphieren. In der Hauptstadt Mbanza Kongo entstand eine Kathedrale, und auch draußen im Land ließen Provinzgouverneure kleine Kirchen errichten. Auch die breiteren Bevölkerungsschichten waren nicht uninteressiert an der neuen Religion. Während die christlichen Priester hofften, den wahren Glauben zu bringen, sah das Volk in ihnen den besten Schutz gegen Hexerei. Viele Menschen ließen sich nicht deshalb taufen, weil sie die Hexerei hinter sich gelassen hatten, sondern ganz im Gegenteil gerade weil sie so fest daran glaubten! Das Kruzifix war so beliebt, weil es als mächtigster aller Fetische galt, wenn es darum ging, böse Geister zu vertreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1560 erlebte das Kongo-Reich, siebzehn Jahre nach dem Tod Afonsos, eine schwere Krise. Sehr wahrscheinlich trug unser zwölfjähriger Junge um den Hals ein Kruzifix, einen Rosenkranz oder eine Medaille, vielleicht auch ein Amulett, das seine Mutter gemacht hatte. Das Christentum vertrieb nicht einen älteren Glauben, sondern verschmolz damit. Jahrzehnte später, 1704, als die Kathedrale von Mbanza Kongo schon wieder eine Ruine war, würde eine einheimische, schwarze Mystikerin darin leben und behaupten, dass Christus und die Madonna zum Kongo-Stamm gehörten.6 Als Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Missionare am Unterlauf des Kongo durch das Land reisten, begegneten sie noch immer Menschen mit Namen wie Ndodioko (von Don Diogo), Ndoluvualu (von Don Alvaro) und Ndonzwau (von Don João). Sie erlebten auch Rituale bei drei Jahrhunderte alten Kruzifixen, inzwischen mit Muscheln und Steinen umkleidet, von denen jeder steif und fest behauptete, sie seien etwas Einheimisches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1560 bekam unser Junge nicht nur ein Amulett, sondern er nahm auch andere Essgewohnheiten an. Der atlantische Handel brachte neue Gewächse in seine Gegend.7 Von dem Zeitpunkt an, als die Portugiesen 1575 eine eigene Kolonie an der Küste bei Luanda gründeten, ging das schnell. So wie die Kartoffel ihren Siegeszug in Europa begann, so eroberten Mais und Maniok in kürzester Zeit Zentralafrika. Mais wuchs von Peru bis Mexiko, Maniok kam aus Brasilien. 1560 wird unser zwölfjähriger Junge hauptsächlich Brei aus Sorghum gegessen haben, einer einheimischen Hirseart. Ab 1580 beginnt er Maniok und Mais zu essen. Sorghum konnte man nur einmal im Jahr ernten, Mais hingegen zweimal und Maniok das ganze Jahr hindurch. Während Mais in der trockeneren Savanne gut gedieh, begann die Verbreitung von Maniok im feuchteren Wald. Maniok war nahrhafter und leichter anzubauen als Kochbanane und Yams. Die Wurzelknollen faulen selten. Es genügte, jedes Jahr ein neues Feld zu roden und abzubrennen. Der Brandrodungsfeldbau entstand in dieser Zeit.8 In der Essschale des Jungen landeten, wenn er Glück hatte, auch Süßkartoffeln, Erdnüsse und Bohnen – noch heute unverzichtbare Bestandteile der kongolesischen Küche. Innerhalb weniger Jahrzehnte erfuhren die Ernährungsgewohnheiten in Zentralafrika einen radikalen Wandel – aufgrund der Globalisierung durch die Portugiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kongo brauchte also nicht auf Stanley zu warten, um in die Geschichte einzutreten. Das Gebiet war nicht unberührt, und die Zeit hatte dort nicht stillgestanden. Ab 1500 nahm es am Welthandel teil. Und auch wenn die meisten Bewohner des Waldes sich nie einer fernen Außenwelt bewusst waren, aßen sie doch täglich Pflanzen, die von einem anderen Kontinent stammten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftes Dia. Letzte Momentaufnahme: Wir sind im Jahr 1780 angelangt. Wenn unser Junge damals lebte, war es nicht unwahrscheinlich, dass er zur Ware wurde für europäische Sklavenhändler und auf den Zuckerrohrplantagen von Brasilien, den karibischen Inseln oder im Süden der späteren Vereinigten Staaten landete. Der atlantische Sklavenhandel dauerte etwa von 1500 bis 1850. Die gesamte Westküste Afrikas war davon betroffen, aber das Gebiet um die Mündung des Kongoflusses am stärksten. Aus einem Küstenstreifen von vierhundert Kilometern wurden schätzungsweise vier Millionen Menschen in die Sklaverei verschleppt, ungefähr ein Drittel der Gesamtzahl des atlantischen Sklavenhandels. Einer von vier Sklaven in den Baumwoll- und Tabakplantagen im amerikanischen Süden kam aus Äquatorialafrika.9 Portugiesen, Briten, Franzosen und Niederländer waren die bedeutendsten Händler, was jedoch nicht hieß, dass sie selbst bis tief ins afrikanische Hinterland vorstießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab 1780 wurde aufgrund einer größeren Nachfrage nach Sklaven in den Vereinigten Staaten der Handel stark ausgeweitet. Vor der Loango-Küste nördlich des Kongoflusses wurden von 1700 an jährlich zwischen vier- und sechstausend Sklaven verschifft; von 1780 an waren es fünfzehntausend im Jahr.10 Diese Zunahme machte sich bis tief in den Äquatorialwald bemerkbar. Falls unser Junge bei einem Überraschungsangriff entführt oder von seinen Eltern in Zeiten von Hungersnot verkauft worden war, wäre er bei einem bedeutenden Händler auf dem Fluss gelandet. Er hätte sich dann in eine der riesigen Pirogen setzen müssen, die an die zwanzig Meter lang waren und vierzig bis siebzig Passagiere transportieren konnten. Vielleicht wäre er angekettet worden. Der Einbaum hätte außer Dutzenden von Sklaven auch Elfenbein transportiert, das andere Luxusprodukt aus dem Regenwald. Wenn ein Pygmäe einen Elefanten getötet hatte, machte er sich ja nicht selbst zur Küste auf, um die Stoßzähne einem Briten oder Holländer zu verkaufen. Das Geschäft wurde über Zwischenhändler abgewickelt. Auch in umgekehrter Richtung: Ein kleines Fass mit Schießpulver konnte gut und gern fünf Jahre unterwegs sein, bis es von der Atlantikküste in ein Dorf im Hinterland gelangt war.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann konnte die Reise stromabwärts beginnen, monatelang über den breiten, braunen Fluss durch den Urwald, bis zu dem Ort, wo der Strom nicht mehr passierbar ist. Dort war der große und sehr wichtige Markt von Kinshasa entstanden. Von nah und fern kamen die Leute hier zusammen. Das Meckern von Ziegen war zu hören, auf Stellagen hingen getrocknete Fische, Maniokbrot stapelte sich neben Stoffen aus Europa. Sogar Salz konnte man kaufen! Es wurde gerufen, geboten, gelacht und gestritten. Von einer Stadt war noch nicht die Rede, von emsiger Geschäftigkeit umso mehr. Hier hätte der Händler aus dem Landesinneren Sklaven und Elfenbein an einen Karawanenführer verkauft, der damit zur Küste gezogen wäre, dreihundert Kilometer weiter. Erst dort hätte unser Zwölfjähriger zum ersten Mal einen Weißen gesehen. Tagelang wäre dann über seinen Preis verhandelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die Überfahrt in die Neue Welt verlief, wissen wir nicht. Aber ein seltenes Zeugnis eines westafrikanischen Sklaven, der 1840 nach Brasilien verschifft wurde, vermittelt einen Eindruck:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wurden nackt ins Unterdeck geworfen, Männer auf der einen, Frauen auf der anderen Seite zusammengepfercht; das Unterdeck war so niedrig, dass wir nicht aufrecht stehen konnten, sondern gezwungen waren, zu hocken oder auf dem Boden zu sitzen; Tag und Nacht waren für uns eins, Schlafen war wegen der Enge nicht möglich, und wir verzweifelten vor Leid und Müdigkeit. (. . .) Das einzige Essen, das wir auf der Reise bekamen, war eingeweichtes und gekochtes Getreide (. . .) Wir litten sehr unter Wassermangel. Ein halber Liter pro Tag wurde uns zugestanden, mehr nicht; und sehr viele Sklaven starben während der Überfahrt. (. . .) Wenn einer von uns rebellierte, schnitt man ihm mit einem Messer ins Fleisch und rieb Pfeffer und Essig in die Wunde.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Sklavenhandel hatte enorme Auswirkungen in Zentralafrika. Ganze Regionen wurden zersetzt, Leben zerstört, Horizonte verrückt. Aber er brachte auch einen sehr intensiven regionalen Handel entlang des Flusses in Gang. Wenn man ohnehin den Kongofluss mit Sklaven und Stoßzähnen hinabfahren musste, konnte man die Piroge auch noch mit weniger luxuriösen Waren beladen und diese unterwegs verkaufen. Also nahm man Fische, Maniok, Zuckerrohr, Palmöl, Palmwein, Zuckerrohrwein, Bier, Tabak, Raphiabast, Korbwaren, Töpferware und Eisen mit. Tagtäglich sollen über den Kongo bis zu vierzig Tonnen Maniok transportiert worden sein, über Entfernungen bis zu zweihundertfünfzig Kilometer.13 Meist handelte es sich um Maniokbrot, &#039;&#039;chikwangue&#039;&#039;: kunstvoll in ein Bananenblatt gehüllter, gekochter Maniokbrei. Ein nahrhafter Bissen, der bleischwer im Magen liegt, aber lange haltbar und leicht zu transportieren ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bedeutung dieses regionalen Handels kann kaum überschätzt werden. In einer Welt von Fischern, Bauern und noch immer Jägern kam ein neuer Berufsstand auf: Händler. Menschen, die von jeher ihre Netze auswarfen, entdeckten, dass sie mehr verdienen konnten, wenn sie den Fluss befuhren. Fischer wurden zu Verkäufern und Fischerdörfer zu Marktplätzen. Schon immer war in kleinem Rahmen Handel getrieben worden, nun aber wurde Handel treiben ein Beruf an sich. Und er war sehr einträglich. Manche erwarben Pirogen, Frauen, Sklaven, Musketen und damit Macht. Wer Schießpulver besaß, hatte etwas zu sagen. Und so geriet die traditionelle Macht von Stammeshäuptlingen ins Wanken. Jahrhundertealte Gesellschaftsformen wurden ausgehöhlt. Anarchie drohte. Soziale Zusammenhänge, die auf Dorf und Familie basierten, wurden durch neue ökonomische Allianzen zwischen Händlern verdrängt. Selbst das einst so mächtige Kongo-Reich zerfiel vollkommen.14 Ein gigantisches politisches Vakuum entstand. Der Welthandel florierte, doch bis tief ins afrikanische Inland hinein bewirkte er totales Chaos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunzigtausend Jahre menschlicher Geschichte, neunzigtausend Jahre sozialen Lebens . . . Was für eine Dynamik! Kein zeitloser Naturzustand mit lauter Edlen Wilden oder blutrünstigen Barbaren. Es war, was es war: Geschichte, Bewegung, Versuche, Not einzudämmen, was manchmal neue Not mit sich brachte, denn der Traum und der Schatten sind enge Freunde. Von Stillstand konnte nie die Rede sein, die großen Veränderungen folgten zudem immer schneller aufeinander. Je rascher die Geschichte fortschritt, umso weiter wurde der Horizont. Jäger und Sammler lebten vielleicht in Gruppen von fünfzig Personen, die frühesten bäuerlichen Gesellschaften aber umfassten fünfhundert Individuen. Als sich diese Gemeinschaften zu strukturierten Staaten entwickelten, wurde das Individuum in Kontexte von tausenden oder sogar zehntausenden Menschen aufgenommen. Das Königreich Kongo hatte auf seinem Höhepunkt wohl an die fünfhunderttausend Untertanen. Aber der Sklavenhandel führte zur Auflösung dieser größeren sozialen Verbände. Und im Regenwald, weitab vom Fluss, lebten die Menschen noch immer in kleinen, geschlossenen Gemeinschaften. Auch im Jahr 1870.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich im März 2010 letzte Hand an das Manuskript dieses Buchs legte, buchte ich einen Flug nach Kinshasa. Ich wollte Nkasi wieder besuchen, diesmal mit einem Kameramann. Ich nahm mir vor, ihm ein schönes Seidenhemd mitzubringen, denn Armut bekämpft man nicht nur mit Milchpulver. In dem langen Zeitraum, in dem ich das Buch niederschrieb, hatte ich regelmäßig seinen Neffen angerufen und mich nach Nkasis Befinden erkundigt. »&#039;&#039;Il se porte toujours bien!&#039;&#039;«, tönte es jedesmal vergnügt an der anderen Seite der Leitung, »es geht ihm gut«. Eine knappe Woche vor dem Abgabetermin, fünf Tage vor meinem Abflug, rief ich wieder an. Und ich erfuhr, dass er gerade gestorben war. Seine Familie brachte den Leichnam von Kinshasa nach Ntimansi, um ihn in dem Dorf in Bas-Congo, wo er vor einer Ewigkeit geboren war, zu bestatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich blickte aus dem Fenster. Brüssel erlebte die letzten Tage eines Winters, der einfach nicht weichen wollte. Und während ich dort so stand, musste ich immer wieder an die kleinen Bananen denken, die er mir bei unserem ersten Treffen zugeschoben hatte. »Nimm ruhig, iss.« Eine so warmherzige Geste, in einem Land, das so viel öfter in den Nachrichten auftaucht wegen seiner Korruption als wegen seiner Großzügigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich musste an jenen Nachmittag im Dezember 2008 zurückdenken. Nach einer langen Unterhaltung wollte sich Nkasi kurz ausruhen, und ich kam mit Marcel ins Gespräch, einem seiner Großneffen. Wir saßen im Innenhof. Meterweise hing Wäsche zum Trocknen auf der Leine, und ein paar Frauen sortierten getrocknete Bohnen. Marcel trug eine umgedrehte Basecap und lehnte sich auf dem Gartenstuhl aus Plastik zurück. Er erzählte mir von seinem Leben. Obwohl er ein guter Schüler gewesen sei, müsse er sich mit dem &#039;&#039;marché ambulant&#039;&#039; über Wasser halten, also als fliegender Händler arbeiten. Er war einer von den Abertausenden junger Leute, die den ganzen Tag durch die Stadt laufen und ein paar Waren zum Kauf anbieten – eine Hose, zwei Paar Chucks, vier Gürtel, eine Landkarte. Manchmal verkaufte er nur zwei Paar Chucks an einem Tag, ein Umsatz von nicht mal vier Dollar. Marcel seufzte. »Ich möchte einfach nur, dass meine drei Kinder studieren können«, sagte er. »Das hätte ich selbst so gern gemacht, vor allem Literatur.« Und wie um das zu beweisen, rezitierte er mit seiner tiefen Stimme »Le souffle des ancêtres«, das lange Gedicht des Senegalesen Birago Diop. Ganze Passagen konnte er auswendig.&amp;lt;blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Erlausche nur geschwind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wesen in den Dingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Feuer singen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hör sie im Wasser mahnen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und lausche in den Wind:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Seufzer im Gebüsch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist der Hauch der Ahnen.&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die gestorben sind, sind niemals fort,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind im Schatten der sich erhellt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und im Schatten der tiefer ins Dunkel fällt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Baum der dröhnt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sind in dem Baum der stöhnt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in dem Wasser, das sich ergießt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie im Wasser das schlafend die Augen schließt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in der Hütte, sie sind im Boot:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Toten sind nicht tot.15&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der Winter auf den Dächern in Brüssel. Die Nachricht, die ich soeben erhielt. Seine Stimme mit den Worten »Nimm ruhig, iss nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 1 Neue Geister ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zentralafrika weckt das Interesse von Ost und West ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1870-1885 ====&lt;br /&gt;
Niemand weiß genau, wann Disasi Makulo zur Welt kam. Auch er nicht. »Ich bin in einer Zeit geboren, als der Weiße noch nicht in unserer Gegend aufgetaucht war«, erzählte er viele Jahre später seinen Kindern. »Damals wussten wir nicht, dass es auf der Welt Menschen mit einer anderen Hautfarbe gibt.«1 Es muss irgendwann in den Jahren 1870-1872 gewesen sein. Disasi Makulo starb 1941. Kurz zuvor hatte er einem seiner Söhne seine Lebensgeschichte diktiert. Erst in den achtziger Jahren erschien sie im Druck, sogar zwei Mal, in Kinshasa und in Kisangani, aber Zaire, wie der Kongo damals hieß, war so gut wie bankrott. Es blieb bei einfachen Editionen mit begrenzter Auflage und geringer Verbreitung. Und das ist schade, denn Disasi Makulos Lebensgeschichte ist sehr abenteuerlich. Es gibt keinen besseren Führer, um das letzte Viertel des neunzehnten Jahrhunderts in Zentral­afrika zu begreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo er geboren wurde, wusste Disasi umso besser: in dem Dorf Bandio. Er war der Sohn von Asalo und Boheheli und gehörte zum Turumbu-Stamm. Bandio liegt unweit von Basoko, in der heutigen Provinz Orientale. Also mitten im Äquatorialwald. Wer mit dem Schiff von Kinshasa nach Kisangani fährt, eine mehrwöchige Reise den Kongo flussaufwärts, der passiert einige Tage vor der Ankunft Basoko, ein bedeutendes Dorf. Es liegt backbord, am nördlichen Ufer, bei der Mündung des Aruwimi, eines der mächtigeren Nebenflüsse des Kongo. Bandio liegt östlich von Basoko, ein Stück vom Fluss entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Eltern waren keine Fischer, sondern lebten im Regenwald. Seine Mutter baute Maniok an. Mit Hacke oder Grabstock wühlte sie in der Erde und stemmte die dicken Wurzelknollen heraus. Sie legte sie zum Trocknen in die Sonne und vermahlte sie nach einigen Tagen zu Mehl. Sein Vater verkaufte Palmöl. Mit seiner Machete kletterte er auf die Palmen und hackte die Büschel mit den fetthaltigen Früchten ab. Er presste die Palmfrüchte, bis der wunderbare Saft herauslief, leuchtend orange, eine Art flüssiges Kupfer, das seit Menschengedenken den Reichtum dieser Gegend ausmachte. Mit diesem Palmöl konnte er mit den Fischern am Fluss Tauschhandel treiben. Schon seit Jahrhunderten gab es Handelsbeziehungen zwischen Flussanrainern und Urwaldbewohnern. Die einen hatten Fisch im Überfluss, die anderen Palmöl, Maniok oder Kochbananen. Das sorgte für eine ausgewogene Ernährung. Der proteinreiche Fisch wurde in den Regenwald mitgenommen, die stärkehaltigen Gewächse und das Pflanzenfett ergänzten den Speiseplan am Flussufer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bandio war eine relativ geschlossene Welt. Der Aktionsradius eines Menschenlebens beschränkte sich auf ein paar Dutzend Kilometer. Um an einer Hochzeitsfeier teilzunehmen oder eine Erbschaftssache zu regeln, begaben sich die Menschen mitunter in ein anderes Dorf, aber die meisten Bewohner verließen ihre Gegend selten oder nie. Sie starben dort, wo sie geboren waren. Als Disasi Makulo zur Welt kam, wusste in Bandio keiner etwas von der weiten Welt außerhalb des Dorfs. Dass tausend Kilometer westlich, am Atlantischen Ozean, noch immer Portugiesen lebten, war ihnen völlig unbekannt. Sie wussten nicht einmal, dass es das gab, einen Ozean. Angola, die Kolonie der Portugiesen, hatte viel von seinem Glanz verloren, wie Portugal selbst übrigens, doch Portugiesisch war noch immer die wichtigste Handelssprache an der Küste südlich der Kongomündung, auch für Afrikaner. Dass an der Mündung und am Unterlauf des Flusses die Briten seit dem achtzehnten Jahrhundert die Geschäfte der Portugiesen übernommen hatten, wussten sie ebenso wenig. Dass sich dort auch Niederländer und Franzosen niedergelassen hatten: Sie konnten es nicht einmal ahnen, denn keiner dieser Europäer begab sich jemals ins Landesinnere. Sie blieben an der Küste oder im unmittelbaren Hinterland und warteten, bis die Karawanen, von afrikanischen Händlern geführt, aus dem Landesinneren kamen und ihre Waren anboten: vor allem Elfenbein, aber auch Palmöl, Erdnüsse, Kaffee, Baobabrinde und Farbstoffe wie Orseille und Kopal. Aber auch noch Sklaven. Dieser Handel war inzwischen zwar überall im Westen verboten, doch heimlich ging er noch lange Zeit weiter. Die Weißen bezahlten mit kostbaren Stoffen, Kupferstäben, Schießpulver, Musketen, roten und blauen Perlen oder seltenen Muscheln. Letzteres war keine Bauernfängerei. Es ging, wie bei offiziellen Münzen, um Gegenstände von hohem Wert, die sich transportieren und zählen ließen und nicht gefälscht werden konnten. Aber Bandio lag zu weit ab, um viel davon mitzubekommen. Wenn überhaupt einmal so eine weiße, glänzende Muschel oder eine Perlenschnur in dieser Gegend auftauchte, wusste niemand genau, wo diese Dinge herkamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Dorfgenossen des gerade geborenen Disasi schon nichts von den Europäern an der Westküste wussten, so ahnten sie womöglich noch weniger von den großen Umbrüchen, die sich mehr als tausend Kilometer östlich und nördlich vollzogen. Ab 1850 weckte der Regenwald von Zentralafrika auch das Interesse von Händlern auf der Insel Sansibar sowie an der Ostküste Afrikas (im heutigen Tansania), ja sogar noch im zweitausend Kilometer weiter gelegenen Ägypten. Ihr Interesse galt einem natürlichen Rohstoff, der schon seit Jahrhunderten auf der ganzen Welt als ein Luxusprodukt benutzt wurde, etwa für die Fertigung von Schreibtafeln in China, für asiatische Figuren und für mittelalterliche Reliquienschreine. Dieses Material war Elfenbein. Im Landesinneren Afrikas war Elfenbein von hoher Qualität in großen Mengen vorhanden. Die Stoßzähne des afrikanischen Elefanten, die ein Gewicht von mehr als siebzig Kilo erreichen können, lieferten die größten und reinsten Stücke Elfenbein der Welt. Anders als bei dem damals schon seltenen asiatischen Elefanten haben in Afrika auch die Elefantenkühe Stoßzähne. Diese scheinbar unerschöpfliche Vorratskammer wurde um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts immer tiefer erkundet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Nordosten des späteren Kongo, wo der Regenwald in Savanne übergeht, waren Händler tätig, die aus dem Niltal stammten: Sudanesen, Nubier und sogar ägyptische Kopten. Sie hatten Abnehmer bis nach Kairo. Die Händler reisten über Darfur oder Khartum in Richtung Süden. Sklaven und Elfenbein bildeten die wichtigsten Exportgüter, Überfälle und Jagden die wichtigste Form der Beschaffung. Ab 1856 geriet der gesamte Handel allmählich in die Hände eines einzigen Mannes: Al-Zubayr, ein mächtiger Händler, dessen Imperium sich 1880 vom Nordkongo bis nach Darfur erstreckte. Offiziell war seine Handelszone eine Provinz von Ägypten, in der Praxis bildete sie ein Reich für sich. Der arabische Einfluss verbreitete sich bis in den Süden des Sudans.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Illustration&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber vor allem Sansibar, eine unscheinbare Insel im Indischen Ozean vor der Küste des heutigen Tansania, spielte eine entscheidende Rolle. Als der Sultan von Oman sich 1832 dort niederließ, um die Handelsströme auf dem Indischen Ozean zu kontrollieren, hatte das weitreichende Folgen für die ostafrikanischen Gebiete. Sansibar, das selbst nur Kokosnüsse und Gewürznelken hervorbrachte, wurde weltweite Drehscheibe für den Handel mit Elfenbein und mit Sklaven. Die Insel exportierte auf die arabische Halbinsel, in den Mittleren Osten, auf den indischen Subkontinent und nach China.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dorfbewohner von Bandio merkten 1870 noch nichts davon, doch da die Händler aus Sansibar über ausgezeichnete Feuerwaffen verfügten, drangen sie immer weiter ins Landesinnere vor, weiter, als die Europäer im Westen jemals vorgedrungen waren. Manche von ihnen waren ethnische Araber, andere hatten auch afrikanische Vorfahren. Häufig handelte es sich um Afrikaner, die sich zum Islam bekannten. Man spricht dann von afro-arabischen oder swahili-arabischen Händlern; im neunzehnten Jahrhundert hießen sie &#039;&#039;les arabisés&#039;&#039;. Das Swahili, eine Bantu-Sprache mit vielen arabischen Lehnwörtern, verbreitete sich von hier aus über ganz Ostafrika. Von Sansibar und dem Küstenort Bagamoyo aus zogen ab 1850 imposante Karawanen westwärts, bis sie achthundert Kilometer weiter die Ufer des Tanganjikasees erreichten. Der kleine Ort Ujiji, wo Stanley 1871 Livingstone »finden« würde, wurde ein wichtiger Handelsposten. Jenseits des Sees zog man noch weiter ins Landesinnere, in das Gebiet, das heute Kongo heißt. Und wie beim Reich von Al-Zubayr sah man auch hier, wie die wirtschaftlichen Einflussbereiche zu politischen Einheiten wurden. Im Südosten von Katanga übernahm Msiri, ein Händler, der von der Ostküste Afrikas stammte, ein bestehendes Königreich: das alte, aber inzwischen morsche Reich der Lunda. Von 1856 bis 1891 herrschte er als Souverän über die kupferreiche Region und kontrollierte die Handelsrouten in Richtung Osten. Zu dem anfangs rein wirtschaftlichen Interesse trat also der politische Machtanspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas weiter nördlich agierte der berüchtigte Elfenbein- und Sklavenhändler Tippu Tip. Als Spross einer afro-arabischen Familie aus Sansibar unterstand er direkt dem Sultan, war aber schon bald der mächtigste Mann im ganzen Ostkongo. Seine Herrschaft erstreckte sich auf das Gebiet zwischen den Großen Seen im Osten und dem oberen Flusslauf des Kongo (dort auch Lualaba genannt) dreihundert Kilometer weiter westlich. Tippu Tips Macht basierte nicht nur auf seinem außergewöhnlichen Geschäftssinn, sondern auch auf Gewalt. Anfangs erwarb er seine Luxusgüter – Sklaven und Elfenbein – auf freundschaftliche Weise: Wie andere Sansibari schloss er Bündnisse mit örtlichen Herrschern, um Tauschhandel zu treiben. Einige dieser Herrscher wurden Vasallen der afro-arabischen Händler. Ab 1870 änderte sich das jedoch. Je mehr Tonnen Elfenbein ostwärts strömten, desto mächtiger und reicher wurden Sklavenjäger wie Tippu Tip. Schließlich erwies es sich als sehr viel lukrativer, ganze Dörfer zu plündern, als Stoßzähne und Heranwachsende in kleiner Zahl zu erwerben. Warum sollte man tagelang mit einem Dorfoberhaupt plaudern und immer wieder den lauwarmen Palmwein ablehnen, den man wegen seines Glaubens ohnehin nicht trinken durfte, wenn man das Dorf auch einfach niederbrennen konnte? Das brachte einem neben Elfenbein auch noch zusätzliche Sklaven ein, die das Elfenbein tragen konnten. &#039;&#039;Raiding&#039;&#039; wurde wichtiger als &#039;&#039;trading&#039;&#039;, Raub statt Kauf, Feuerwaffen gaben den Ausschlag. Der Name Tippu Tip ließ ein Gebiet erschauern, das halb so groß wie Europa war. Es war nicht mal sein richtiger Name (er hieß Hamed ben Mohammed el-Murjebi), sondern wahrscheinlich eine Onomatopöie, die Nachahmung des Gewehrknalls.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Leute in Bandio, dem Dorf von Disasi Makulo, hatten noch nie von ihm gehört. Die Bühne war noch leer, die Welt noch dunkelgrün. Links und rechts in den Kulissen standen ausländische Händler – europäische Christen und afro-arabische Muslime – bereit, um ins Herz Zentralafrikas vorzustoßen. Das war nur möglich, weil die Machtstrukturen im Inland erodiert waren, unter anderem durch den europäischen Sklavenhandel in den vorhergehenden Jahrhunderten. Von den einst so mächtigen einheimischen Königreichen war nicht mehr viel übrig, und im Urwald war die soziale Organisation immer schon weniger komplex gewesen als in der Savanne. Das politische Vakuum im Inland bot so dem Ausland neue wirtschaftliche Chancen. So lautete jedenfalls die harmlose Formulierung. In Wirklichkeit kündigte sich eine Epoche von politischer Anarchie, Raubgier und Gewalt an. Aber noch war es nicht so weit. Der kleine Disasi, den sich seine Mutter auf den Rücken gebunden hatte, schlief, die Wange an ihr Schulterblatt geschmiegt. Der Wind raschelte in den Bäumen. Nach einem Gewitter tropfte es noch stundenlang aus dem Dickicht des Regenwaldes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eines Tages kamen ein paar Leute vom Fluss zu meinen Eltern auf Besuch.« So beginnt die älteste Erinnerung von Disasi Makulo. Er muss damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein. Die Bewohner des Flussufers hatten etwas sehr Sonderbares erlebt. »Sie erzählten, dass sie etwas Unglaubliches auf dem Strom erblickt hätten, vielleicht einen Geist. ›Wir haben ein großes, rätselhaftes Boot gesehen‹, sagten sie, ›es fuhr von allein. In diesem Boot sitzt ein Mann, ganz weiß, wie ein Albino, und ganz in Kleider gehüllt, man sieht nur seinen Kopf und seine Arme. Er hatte ein paar Schwarze bei sich.‹«2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben Fisch und Palmöl tauschten Flussanrainer und Urwaldbewohner auch Informationen aus. Die Leute vom Fluss brachten zwar des Öfteren seltsame Neuigkeiten mit – was erfuhren sie nicht alles von weiter entfernt lebenden Fischern und Händlern! –, aber dieser Bericht hörte sich nun doch sehr sonderbar an. Außerdem wussten sie es nicht nur vom Hörensagen. Der vollständig bekleidete Albino, den sie gesehen hatten, war kein Geringerer als Henry Morton Stanley. Die Schwarzen waren seine Träger und Helfer aus Sansibar. Das große, rätselhafte Boot war die Lady Alice, sein acht Meter langes Schiff aus Stahl. Nachdem Stanley 1871 den verschollen geglaubten Arzt, Missionar und Entdeckungsreisenden Livingstone am Ostufer des Tanganjikasees wiedergefunden hatte, war er im Auftrag seiner Zeitungen, des &#039;&#039;New York Herald&#039;&#039; und des &#039;&#039;Daily Telegraph&#039;&#039;, von 1874 bis 1877 mit dem Projekt beschäftigt, das die Mutter aller Entdeckungsreisen werden sollte: die Durchquerung Zentralafrikas von Ost nach West, eine schwindelerregende Expedition durch Fiebersümpfe, Territorien feindseliger Stämme und Gebiete mit unerbittlichen Stromschnellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Mitte des Jahrhunderts war in Europa das Entdeckungsfieber ausgebrochen. Zeitungen und geographische Gesellschaften forderten Abenteurer heraus, Bergmassive zu erkunden, Wasserläufe zu beschreiben und Urwälder kartographisch zu erfassen. Es herrschte eine Art mythischer Faszination für »die Quellen« großer Flüsse, insbesondere des Nils. Der Brite David Livingstone hatte 1871, kurz vor seiner Begegnung mit Stanley, den Lualaba entdeckt, einen breiten, jedoch noch unpassierbaren Fluss im östlichen Kongo, der in Richtung Norden strömte und vielleicht ja der Oberlauf des Nils sein konnte. 1875 stand sein Landsmann Lovett Cameron an den Ufern desselben Flusses, doch er überlegte sich, dass er nach Westen abbiegen könne und eigentlich der Kongo sei, dessen Mündung in den Atlantik mehrere tausend Kilometer weiter bekannt war. Aber keinem von beiden gelang es, dem Flusslauf zu folgen. Das schaffte erst Stanley.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1874 war er in Sansibar mit seiner Karawane aufgebrochen. Zur Sicherheit hatte er sein eigenes Schiff dabei. Die Lady Alice konnte zerlegt werden wie ein Spielzeug aus dem Stabilbaukasten. So konnten seine Träger das Schiff transportieren. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein – eine lange Karawane, die durch die glutheiße Savanne Ostafrikas zog, Hunderte Kilometer von einem schiffbaren Wasserlauf entfernt, an deren Ende vierundzwanzig Träger die mannshohen, glänzenden Teile eines unwirklich anmutenden, stählernen Schiffsrumpfes schleppten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley erforschte den Victoriasee und den Tanganjikasee sehr intensiv. Als er danach westwärts zog und 1876 im Gebiet des gefürchteten, aber nach näherem Kennenlernen auch zuvorkommenden Tippu Tip anlangte, schloss er mit ihm eine Übereinkunft. Gegen eine ansehnliche Vergütung würden Tippu Tip und seine Leute ihn eine weite Strecke nordwärts am Lualaba entlang begleiten. Heute würde man so etwas als Win-win-Situation bezeichnen: Stanley wurde von Tippu Tip beschützt, und Tippu Tip konnte gemeinsam mit Stanley in neue Regionen vordringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es funktionierte, auch wenn die Anwesenheit des berüchtigsten Sklavenjägers in Stanleys Gefolge bei der Bevölkerung viel böses Blut erzeugte. Dass es so etwas wie Entdeckungsreisende gab, war unbekannt, man hielt Stanley für einen weiteren Händler. Mehr als einmal regnete es Speere und Giftpfeile, mehr als einmal gab es Tote. Obwohl Stanley die Zahlen in seinen Schriften oft übertrieb (was seinem Ruf nicht zugute kam), deutet die Häufigkeit von Zusammenstößen auf die völlige Zerrüttung des Gebiets durch den arabischen Sklavenhandel hin. Nach etlichen Katarakten wurde der Fluss passierbar und bog in westliche Richtung ab. Stanley nannte die Stelle Stanley Falls (das spätere Stanleyville, das noch spätere Kisangani). Er verabschiedete sich von Tippu Tip und fuhr, begleitet von ein paar traditionellen Einbäumen, allein weiter in das Gebiet, das vor ihm noch kein Europäer oder afro-arabischer Händler betreten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Februar 1877, um zwei Uhr nachmittags, erreichte er die Gegend, in der die Freunde von Disasi Makulos Eltern lebten. Die Flussanrainer waren über Trommelnachrichten bereits über seine Ankunft informiert und hatten sich gründlich vorbereitet.3 Eine Kriegsflotte von vierundfünfzig langen Einbäumen mit jeweils hundert Mann an Bord steuerte auf Stanleys Flottille zu. Er notierte: »In diesen Ländern der Wilden erweckte unser bloßes Erscheinen die wüthendsten Leidenschaften des Hasses und der Mordgier, geradeso wie in seichten Gewässern ein tiefgehendes Schiff den auf dem Grunde lagernden Schlamm aufwirbelt.« Es war tatsächlich eine der imposantesten kriegerischen Konfrontationen seiner Expedition. Hunderte muskulöse Arme paddelten simultan. Die Einbäume steuerten in einer Schaumkrone auf die Lady Alice zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Vorsteven standen Krieger mit bunten Federn auf dem Kopf und zückten ihre Speere. Hinten im Boot saßen die Dorfältesten. Trommeln und Hörner machten einen ohrenbetäubenden Lärm. »Es ist eine mörderische Welt«, schrieb Stanley, »und wir fühlen zum ersten Male, dass wir solch schmutziges, gefräßiges Gesindel hassen, das sie bewohnt.«4 Als die ersten Speere niederregneten, folgte sogleich das Krachen von Musketen. Stanley schoss sich den Weg zum Ufer frei. An Land fand er Berge von Stoßzähnen, und in den Dörfern sah er auf Pfähle gespießte menschliche Schädel. Um fünf Uhr nachmittags war er schon wieder unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ein einmaliges Ereignis gewesen zu sein, eine schreckliche Erscheinung, eine unerklärliche Epiphanie. Im Dorf kehrte wieder Ruhe ein, jedenfalls glaubten das die Bewohner. Aber diese Durchfahrt sollte ihr Leben ändern und das von Disasi Makulo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später erkundigte sich Stanley wieder einmal bei einem Einheimischen am Ufer nach dem Namen des Flusses. Zum ersten Mal bekam er zu hören: »&#039;&#039;Ikuti ya Congo«&#039;&#039; (»Das ist der Kongo«).5 Eine einfache Antwort, die ihn froh machte: Nun konnte er sich sicher sein, dass er nicht bei den Pyramiden von Gizeh ankommen würde, sondern am Atlantischen Ozean. Nach und nach sah er auch die ersten portugiesischen Musketen. Die Angriffe der Flussanrainer nahmen ab, aber Hunger, Hitze, Krankheiten, Fieber und Stromschnellen forderten noch ihren Tribut auf dieser historischen Durchquerung Zentralafrikas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 9. August 1877, gut ein halbes Jahr nach der Durchreise durch die Heimat Disasis, sank im äußersten Westen jenes unermesslichen Gebietes, nah beim Atlantischen Ozean, wenige Kilometer vom verschlafenen Handelsposten Boma, ein erschöpfter und ausgemergelter Weißer nieder. Niemand wusste, dass dieses Häufchen Hunger und Elend soeben als erster Europäer den gesamten Kongofluss hinabgefahren war. Von den drei Weißen, die mit ihm zusammen aufgebrochen waren, hatte keiner die Expedition überlebt. Nur zweiundneunzig der zweihundertvierundzwanzig Expeditionsteilnehmer erreichten die Westküste Afrikas. Aber es war eine heroische Expedition mit gravierenden Folgen: Innerhalb von drei Jahren, von 1874 bis 1877, hatte Stanley zwei riesige Seen, den Victoriasee und den Tanganjikasee, befahren und kartographisch erfasst, er hatte die komplexen hydrologischen Verhältnisse des Nils und des Kongo geklärt und die Wasserscheide zwischen den beiden größten Flüssen Afrikas bestimmt, er hatte den Verlauf des Kongo genau aufgezeichnet und sich einen Weg durch Äquatorialafrika gebahnt.6 Die Welt würde nie mehr dieselbe sein. Heute wird der Name Stanley schneller mit jenem einen, etwas täppischen Satz assoziiert – »&#039;&#039;Doctor Livingstone, I presume?«&#039;&#039; –, mit dem er den viktorianischen Sinn für Dekorum auch in den Tropen zu wahren trachtete, als mit seiner viel beeindruckenderen Leistung, die das Leben mehrerer hunderttausend Menschen in Zentralafrika für immer verändern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bewohner in Disasi Makulos Heimat glaubten, sie hätten ein Phantom gesehen. Sie konnten nicht wissen, dass es viele tausend Kilometer weiter nördlich einen kalten und regnerischen Kontinent gab, auf dem ein Jahrhundert zuvor so etwas Banales wie siedendes Wasser die Geschichte geändert hatte. Sie wussten nichts von einer industriellen Revolution, durch die sich das Gesicht Europas gewandelt hatte. Kohlenbergwerke, Fabrikschlote, Dampfeisenbahnen, Vorstädte, Glühbirnen und Sozialisten waren ihnen völlig unbekannt. Es regnete Erfindungen und Entdeckungen in Europa, aber bis nach Zentralafrika sickerte es nicht durch. Es hätte einen langen Nachmittag gedauert, ihnen zu erklären, was eine Eisenbahn war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen dort konnten nicht ahnen, dass die von der Dampfkraft angekurbelte Industrialisierung nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändern würde. Mehr Industrie bedeutete eine Steigerung der Produktion, mehr Waren und somit mehr Konkurrenz um Absatzmärkte und Rohstoffe. Der Radius, in dem eine europäische Fabrik kaufte und verkaufte, wurde stetig größer. Regional wurde national, national wurde global. Der Welthandel wuchs wie nie zuvor. Um 1885 wurden auf den Überseerouten Dampfer wichtiger als Segelschiffe. Eine reiche Familie aus Liverpool trank Tee aus Ceylon. In Worcester wurde in industriellem Maßstab eine Sauce mit Ingredienzen aus Indien hergestellt. Niederländische Schiffe transportierten Druckerpressen nach Java. Und in Südafrika züchtete man eigens Strauße, weil Damen in Paris, London und New York unbedingt mit großen, wippenden Federn auf dem Kopf umherstolzieren wollten. Die Welt wurde immer kleiner, die Zeit verstrich immer schneller. Und der nervöse Herzschlag dieses neuen Zeitalters klopfte überall in den Büros, Bahnämtern und Zollstationen und im hektischen Rattern der Telegraphen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung leistete dem Expansionismus der europäischen Staaten zweifelsohne Vorschub. In fernen Gebieten fand man billige Rohstoffe und, mit ein wenig Glück, sogar neue Abnehmer. Aber das führte noch nicht sofort zur Kolonisation. Wer seine Gewinne maximieren will, gründet keine teuren Kolonien. Wer auf den Freihandel schwört (und das tat jeder Industrielle in jener Zeit), strebt nicht so etwas Protektionistisches wie ein eigenes Gebiet in Übersee an. Industrialisierung allein kann den Kolonialismus nicht erklären. Unter rein kommerziellen Gesichtspunkten war eine Kolonie nicht einmal notwendig. Man hätte in Zentralafrika durchaus noch eine Weile damit weitermachen können, Stoßzähne gegen Baumwollballen zu tauschen. Nein, es bedurfte noch einer weiteren Komponente, um das Kolonialfieber auflodern zu lassen, und das war der Nationalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Rivalität zwischen den europäischen Nationalstaaten, die sich seit 1850 auch darin äußerte, dass sie sich in aller Eile auf den Rest der Welt stürzten. Vaterlandsliebe führte zu Machthunger und der wiederum zu territorialer Gefräßigkeit. Italien und Deutschland, gerade erst zu Nationalstaaten geworden, hielten überseeische Besitzungen für einen angemessen Ausdruck ihres neu erworbenen Status. Das 1870 von Preußen schmählich besiegte Frankreich versuchte den Fleck auf dem Wappenschild durch koloniale Abenteuer in der Fremde zu tilgen, vor allem in Asien und Westafrika. England bezog viel Stolz aus seiner Marine, die seit Dezennien unbesiegt über Weltmeere herrschte, und aus seinem &#039;&#039;Empire&#039;&#039;, das sich über den gesamten Globus erstreckte, von der Karibik bis nach Neuseeland. Das stolze Russland des Zaren strebte ebenfalls nach Expansion und richtete seine Begehrlichkeiten auf den Balkan, Persien, Afghanistan, die Mandschurei und Korea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Asien war dieser verbissene Wettkampf eher zu erkennen als in Afrika. Europäer kannten das Gebiet bereits viel länger und wussten, dass es lukrative Handelsmöglichkeiten gab (was Afrika betraf, waren sie sich da noch nicht so sicher). Zu dem Zeitpunkt, als Disasi zum ersten Mal einen Weißen sah in der Person von Stanley, kontrollierten die Briten bereits den gesamten indischen Subkontinent, mit Ausläufern nach Belutschistan im Westen und Burma im Osten. Südöstlich davon eigneten sich die Franzosen um diese Zeit Indochina an, das heutige Laos, Vietnam und Kambodscha. Die Niederländer herrschten noch immer über die riesige Inselgruppe, die später Indonesien heißen würde, und das bereits seit mehr als zwei Jahrhunderten. Die Philippinen befanden sich in spanischer Hand, aber würden bald amerikanischer Besitz werden: Die Vereinigten Staaten, ein noch nicht lange miteinander verschmolzenes Konglomerat ehemaliger Kolonien Frankreichs und Großbritanniens, wurden damit selbst zu einer Kolonialmacht. China und Japan wehrten sich vehement gegen den Druck westlicher Kolonisatoren, mussten jedoch mit großem Widerwillen Verträge über Handelszölle, Konzessionen, Einflussbereiche und Protektorate abschließen. Die Globalisierung, die im sechzehnten Jahrhundert in Gang gekommen war, geriet von 1850 an in eine entscheidende Beschleunigungsphase. Und es war dieser Mix aus Industrialisierung und Nationalismus, der zum typischen Kolonialismus des neunzehnten Jahrhunderts führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das galt zweifellos auch für Zentralafrika. Anfangs war das europäische Interesse hauptsächlich kommerzieller Art. Bis 1880 fühlte man sich kaum dazu berufen, wirtschaftliche in politische Aktivitäten umzuwandeln. Eine Kolonialisierung wurde nicht ernsthaft angestrebt. Ohne die zunehmenden nationalen Rivalitäten in Europa wären große Teile Zentralafrikas höchstwahrscheinlich in die politische Einflusssphäre von Ägypten und Sansibar gefallen.7 Dieser Prozess war bereits im Gange. Im Osten herrschten Tippu Tip und Msiri über Reiche, die vom Sultan von Sansibar abhängig waren. Weiter nördlich hatte Al-Zubayr die Macht über ein großes Gebiet, das offiziell eine Provinz des Khediven von Ägypten war. Es stand, kurz gesagt, nicht gerade in den Sternen geschrieben, dass ein Land wie der Kongo entstehen würde. Es hätte auch ganz anders kommen können. Das riesige Gebiet war nicht dazu prädestiniert, ein einziges Land zu werden. Es stand nicht von vornherein fest, dass Disasi jemals ein Landsmann von Nkasi werden würde, dem uralten Mann, den ich in Kinshasa kennengelernt hatte. Der Altersunterschied zwischen den beiden betrug vielleicht nicht einmal zehn Jahre, aber als sie Kinder waren, lebte der eine im Äquatorialwald und der andere am unteren Kongo, ihre Lebenswelten waren also etwa zwölfhundert Kilometer voneinander entfernt. Sie sprachen verschiedene Sprachen, sie hatten andere Bräuche und wussten so gut wie nichts von der Kultur des anderen. Dass sie dennoch Landsleute wurden, war weder ihr Verdienst noch das Werk ihrer Eltern – es war das Ergebnis von Neid und Missgunst in jenem überdrehten nördlichen Kontinent, den sie nicht kannten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, die Zeitgenossen dieser beiden Kinder konnten nicht wissen, dass in Europa des Öfteren Missgunst herrschte. Und dass aus genau diesem Grund die wichtigsten Mächte 1830 der Gründung eines neuen, winzigen Staates zugestimmt hatten. Belgien, so hieß dieser Ministaat, hatte sich nach einer fünfzehn Jahre währenden &#039;&#039;mariage de raison&#039;&#039; vom Vereinigten Königreich der Niederlande losgerissen und konnte noch immer als Puffer zwischen dem ehrgeizigen Preußen, dem mächtigen Frankreich und dem stolzen Großbritannien dienen. Es konnte die Antagonismen dieser Länder vielleicht ein wenig im Zaum halten. So hatte man 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, auch gedacht. Dieses Gebiet hatte über Jahrhunderte europäischen Armeen als Schlachtfeld gedient, nun sollte es als neutrale Zone zum Frieden beitragen. 1830 erklärte es seine Unabhängigkeit. Ein großer Schritt für die Belgier, ein unbedeutender für die Menschheit. In Zentralafrika machte sich niemand darüber Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte überhaupt jemals davon gehört. Niemand konnte ahnen, dass der erste König dieses Ländchens einen Sohn bekommen und dass der einen ziemlich großen Ehrgeiz an den Tag legen würde. Der Vater, ein melancholischer Prinz, der schon früh Witwer geworden war, hatte die Königswürde mit Freuden angenommen. Aber sein ungestümer Sohn, der spätere Leopold II., war offenbar nicht zufrieden mit dem kleinen Territorium, über das er herrschen durfte. Er wollte nicht nur Niederländisch-Limburg zurück. »&#039;&#039;Il faut à la Belgique une colonie&#039;&#039;« (»Belgien braucht unbedingt eine Kolonie«), ließ er, im Alter von vierundzwanzig, in ein Stück Marmor eingravieren, das er dem Finanzminister als Briefbeschwerer schenkte. Wo genau diese Kolonie sein würde, das war nicht einmal so wichtig. Noch vor seiner Inthronisierung warf er ein Auge auf u. a. Konstantinopel, Borneo, Sumatra, Formosa (Taiwan), Tonkin (Vietnam), Teile von China und Japan, die Philippinen, einige Inseln im Pazifischen Ozean, oder zur Not hätten es auch ein paar Inseln im Mittelmeer (Rhodos, Zypern) getan. Von 1875 an geriet er in den Bann von Zentralafrika. Er verschlang die Berichte der Entdeckungsreisenden, leckte sich die Lippen bei der Aussicht auf ein ruhmreiches Abenteuer und schwelgte in Tagträumen über ein heroisches Unternehmen. Dahinter stand nicht nur persönlicher Geltungsdrang oder Größenwahn, wie oft behauptet wurde. Nein, er war fest davon überzeugt, dass die Umsetzung seiner Ambitionen, wo immer auf der Welt, der jungen belgischen Nation zum Vorteil gereichen würde, sowohl finanziell wie moralisch. Wie immer man dazu stehen mag, er handelte nicht nur im eigenen Interesse, sondern auch für Volk und Vaterland. Ganz im Geist seiner Zeit versöhnte der junge König heißblütigen Patriotismus mühelos mit merkantilistischem Kalkül.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1876 rief dieser ungestüme junge König fünfunddreißig Entdeckungsreisende, Geographen und Geschäftsleute aus ganz Europa zusammen, um die Sachlage im Hinblick auf Zentralafrika zu erfassen. Offiziell ging es ihm darum, den afro-arabischen Sklavenhandel zu stoppen und die Wissenschaft zu fördern; seine Vertrauten aber wussten, dass er selbst ein großes Stück von »&#039;&#039;ce magnifique gâteau africain«&#039;&#039;, dem »wundervollen afrikanischen Kuchen«, abhaben wollte.8 Seine Empörung über den Sklavenhandel war im Übrigen selektiv: nie äußerte er sich darüber, dass auch Angehörige des westlichen Kulturkreises noch vor nicht allzu langer Zeit in großem Maßstab mit Menschen gehandelt hatten und hier und da sogar noch in seiner Zeit damit weitermachten. Es wurde eine weltberühmte Zusammenkunft. Abenteurer aus ganz Europa, die sonst in durchgeschwitzten Hemden in den Tropen umherstreiften, durften vier Tage lang im Königspalast logieren. Sie dinierten mit dem Fürsten und seiner Gemahlin und fuhren in eleganten Kutschen durch die Straßen von Brüssel. Einer von ihnen war Lovett Cameron, der Mann, der Zentralafrika durch die Savanne südlich des Äquatorialwaldes von Ost nach West durchquert hatte; Georg Schweinfurth war dabei, der wichtige Entdeckungen in den Savannen nördlich des Urwaldes gemacht hatte; und Samuel Baker, der sich dem Gebiet vom Oberlauf des Nils aus genähert hatte. In den vorangegangenen Jahrzehnten waren ungeheure Fortschritte bei der Erforschung Afrikas erzielt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis etwa 1800 war der am nächsten gelegene Erdteil zugleich der Kontinent, über den die Europäer am wenigsten wussten. Seit dem sechzehnten Jahrhundert waren portugiesische, niederländische und britische Handelsschiffe auf dem Weg zu den Ländern Asiens mehr oder weniger mit den Küsten Afrikas vertraut geworden, das Inland aber blieb noch für Jahrhunderte Terra incognita. Weiter als bis zu ein paar kleinen europäischen Faktoreien an der Westküste gelangte man nicht. Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bildete Afrika einen der beiden weißen Flecken auf der Weltkarte; der andere war die Antarktis. Das Amazonasgebiet war damals schon größtenteils kartographisch erfasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Dreivierteljahrhundert später wussten europäische Kartographen jedoch ziemlich genau, wo die Oasen, Karawanenrouten und Wadis der Sahara lagen. Präzise lokalisierten sie die Vulkane, Berge und Flüsse in der Savanne des südlichen Afrika. Die Entwürfe auf ihrem Zeichentisch füllten sich rasch mit exotischen Ortsnamen und Bezeichnungen von Völkern. Aber auf der Karte, über die sich die Teilnehmer des Kongresses in Brüssel 1876 beugten, war in der Mitte noch ein großer weißer Fleck. Eine namenlose Fläche ohne Worte und ohne Farbe, gähnende Leere, die gut ein Achtel des Kontinents einnahm. Man sah höchstens einmal eine kurvige, zaghaft gezeichnete Punktlinie. Dieser Fleck, das war der Äquatorialwald. Die falsch gezeichnete, gepunktete Linie war der Kongofluss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während man in Brüssel beratschlagte und auf Kosten des Königs ins Theater ging, war Stanley dabei, Zentralafrika zu durchqueren. Am 14. September 1876, dem Tag, an dem Leopold das Schlusswort der Konferenz sprach, verließ Stanley die Westküste des Tanganjikasees, um zum Oberlauf des Kongo vorzustoßen. Wenn es einen Tag gibt, an dem das politische Schicksal dieser Region zwar nicht besiegelt, jedoch weitgehend bestimmt wurde, dann war es dieser. Das wird in diesem Moment die letzte von Stanleys Sorgen gewesen sein (er fürchtete eher den Regenwald, die Eingeborenen und die Sklavenjäger), doch im Lauf dieser Etappe würde er den mysteriösen Fluss finden, der ihn durch den als undurchdringlich geltenden Äquatorialwald Zentralafrikas leiten sollte. In Brüssel wurde an jenem Tag beschlossen, eine internationale Vereinigung zu gründen, die &#039;&#039;Association Internationale Africaine (&#039;&#039;AIA); ihr Ziel sollte es sein, das Territorium wissenschaftlich zu erschließen und zu diesem Zweck Stützpunkte zu gründen. Die Gesellschaft hatte nationale Komitees, doch an der Spitze stand Leopold.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nachricht von Stanleys Durchquerung des dunklen Kontinents schlug in Europa ein wie eine Bombe. König Leopold war sich sofort darüber im Klaren, dass Stanley der Mann war, der seine kolonialen Ambitionen wahrmachen konnte. Unverzüglich schickte er im Januar 1878 zwei Gesandte nach Marseille, die ihn dort erwarten und zum Königsschloss in Laeken beordern sollten. Als Brite versuchte Stanley zunächst, England für sein Abenteuer zu gewinnen, aber als er in London abblitzte, akzeptierte er Leopolds Einladung. Ausführlich besprachen sie die Pläne. Der König ging so in seinem Unternehmen auf, dass sich die Königin fragte, was aus ihm werden solle, »falls er sich durch dieses närrische Hirngespinst ruiniert«. Der Erste Sekretär der AIA beklagte sich bei der Königin: »Madame, der Sache muss Einhalt geboten werden – ich kann nichts mehr tun, ich bekomme nur noch Streit mit Seiner Majestät, aber er arbeitet hinter meinem Rücken mit Schurken zusammen. Es macht mich wahnsinnig! Und der König ruiniert sich, er ruiniert sich vollkommen.«9 Es nutzte alles nichts. Der König setzte seinen Willen durch: 1879 brach Stanley erneut nach Zentralafrika auf, diesmal auf Leopolds Kosten, für einen Zeitraum von fünf Jahren. Nun würde der Forschungsreisende die umgekehrte Richtung einschlagen, von West nach Ost, stromaufwärts. Das war nicht der einzige Unterschied. Stanleys Reise von 1879 bis 1884 war grundlegend anders als die Expedition von 1874 bis 1877. Das erste Mal reiste er auf Rechnung einer Zeitung, nun auf Rechnung von Leopolds internationaler Gesellschaft. Damals musste er sich bemühen, so schnell wie möglich auf die andere Seite Afrikas zu gelangen, diesmal musste er unterwegs Niederlassungen gründen – eine zeitraubende Aktivität. Er musste mit lokalen Herrschern verhandeln und die Stationen obendrein mit Personal besetzen. Vorher war er Abenteurer und Journalist gewesen, nun war er Diplomat und Beamter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulo, inzwischen zehn, zwölf Jahre alt, hörte immer öfter von einem neuen Stamm erzählen, den »Batambatamba«. Ältere Kinder und Erwachsene sprachen voller Angst und Abscheu davon. Batambatamba war keine ethnische Bezeichnung, sondern eine Lautnachahmung, mit der die afro-arabischen Händler bezeichnet wurden. Sie waren nun in seiner Gegend angelangt, dem westlichsten Punkt, den sie je erreichten. In seinem Dorf wurde erzählt: »Wir haben Leute gesehen, die hin und her rennen; sie tragen eine Art hohlen Stock, und wenn sie darauf schlagen, hört man ein Geräusch, PAM PAM, und dann kommen daraus Körner, die die Menschen verwunden und töten. Schrecklich!«10&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dennoch schien das alles weit weg zu sein und genauso absonderlich wie die Geschichte von dem Albino in seinem Schiff ohne Ruderer. Seine Eltern erlaubten Disasi Makulo eines Tages, mit seinem Onkel und seiner Tante einen Ausflug zu machen.11 Es war das Jahr 1883, aber die Jahre hatten immer noch keine Zahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An jenem Tag war es sehr warm. Als wir zwischen Makoto und Bandio zu einem kleinen Fluss kamen, der Lohulu heißt, beschlossen mein Onkel und ich, uns zu waschen. Meine Tante Inangbelema wartete ein Stück weiter auf uns. Während wir schwammen und fröhlich mit Wasser spritzten, hörten uns die Batambatamba und umzingelten uns. Meine Tante sang Schlaflieder für ihr Baby, weil es weinte. Keiner von uns dachte an eine mögliche Gefahr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich hörten wir einen Schrei. »Hilfe! Hilfe! Bruder Akambu, die Krieger überfallen mich . . .«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verließen Hals über Kopf den Fluss und sahen, dass meine Tante schon in den Händen der Feinde war. Einer der Räuber riss ihr das Baby aus den Händen und legte es auf die roten Ameisen. Vor Schreck konnte niemand von uns zu ihm. Onkel Akambu und mein kleiner Vetter flohen und versteckten sich im Gebüsch. Ich hielt mich in einigem Abstand, um zu sehen, was sie mit meiner Tante vorhatten. Leider bemerkte mich einer der Männer. Er rannte auf mich zu und hielt mich fest. Auch Onkel Akambu und meinen Vetter haben sie sich geschnappt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu jenem schrecklichen Tag hatte sich Disasis Leben in seinem Dorf und in ein paar Nachbarsiedlungen abgespielt. Nun wurde er brutal aus der vertrauten Umgebung gerissen. Stanleys Durchreise, insbesondere sein Deal mit Tippu Tip, hatte den Äquatorialwald für afro-arabische Sklavenjäger geöffnet. Das führte zu einer Woge der Gewalt. Die Batambatamba plünderten Dörfer und steckten sie in Brand, sie mordeten und machten Gefangene. Die Einheimischen wiederum überfielen nachts mit angemalten Gesichtern ihre Lager und schlachteten die Eindringlinge unter lautem Gebrüll mit ihren Speeren ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrscheinlich waren Disasis Verfolger selbst Sklaven und plünderten im Auftrag ihres Herrn. Diesen Herrn sollte Disasi bald kennenlernen, einen Mann, der in einem makellos weißen Gewand durch den Urwald zog: Tippu Tip! Vermutlich sah er auch Salum ben Mohammed, dessen Cousin und engsten Mitarbeiter.12 Im Dorf Yamokanda versammelte man die frisch erbeuteten Sklaven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier konnte man Gefangene zurückkaufen. Viele Gefangene wurden freigelassen, weil ihre Eltern Elfenbein brachten. Mein Vater brachte auch ein paar Stoßzähne, aber Tippu Tip sagte ihm, es seien nicht genug für vier Personen. Er ließ meinen Onkel Akambu, meine Tante Inangbelema und meinen Vetter gehen. Über mich sagte er zu ihnen: »Geht nach Hause und holt noch zwei Stoßzähne.« Ich blieb zurück, inmitten von anderen Gefangenen, die auch nicht zurückgekauft worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sklavenjäger wartete jedoch nicht, sondern brach noch am selben Tag auf. Die Erwachsenen wurden gefesselt, die Kinder nicht. Am Ufer des Aruwimi lagen große Pirogen bereit. »Das Einzige, was man auf dieser schauerlichen Reise hören konnte, war Weinen und Schluchzen.« Disasi wusste, dass er seine Heimat verließ und nicht mehr zurückgekauft werden konnte. Später erfuhr er, dass sein Vater mit dem verlangten Elfenbein zum Sammelplatz zurückgekehrt war, aber da war die Karawane bereits unterwegs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reise Richtung Osten war traumatisch. »Für uns war diese Bootsfahrt zum Oberlauf nur eine Reise in den Tod, obwohl sie uns sagten, dass sie uns beschützen und uns so machen wollten, wie sie waren.« Letzteres war kein Zynismus. Die Sklaven der afro-arabischen Händler landeten nicht auf großen Baumwoll- oder Zuckerrohrplantagen wie in Amerika. Manche von ihnen würden Gewürznelken ernten in Sansibar, die meisten jedoch dienten als Haussklaven bei reichen Muslimen, unter anderem in Indien. Viele von ihnen wurden Muslime und stiegen in der Gesellschaft auf. Die ersten Bekehrungsversuche erfolgten schon auf der Reise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages passierte etwas Merkwürdiges. Während unser &#039;&#039;mwalimu&#039;&#039; [Lehrer] uns den Koran lesen lehrte, sahen wir flussabwärts eine Art sehr große Pirogen in unsere Richtung fahren. Es waren drei Stück. Alle, die Leute, die am Fluss wohnten, und wir, erschraken, denn wir glaubten, dass es neue Angreifer waren, die auch den Fluss hinauffuhren, um zu morden und zu rauben. Die Anwohner flohen mit ihren Einbäumen, um sich auf den kleinen Flussinseln zu verstecken, andere verschwanden gleich im Wald. Wir blieben sitzen, den Blick auf die fremden Pirogen gerichtet. Bald legten sie an. Wir sahen Weiße und Schwarze aussteigen: Es war Stanley mit ein paar Weißen, der unterwegs war, um eine Station in Kisangani (Stanleyville) zu gründen. Stanley war kein Unbekannter für die Flussanwohner. Die Lokele nannten ihn »Bosongo«, was Albino bedeutet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanley war tatsächlich mit drei Dampfbarkassen unterwegs. Er führte König Leopolds Auftrag aus, hier und da Niederlassungen zu gründen und mit lokalen Stammesführern zu verhandeln. Auf dieser Reise erkannte er, dass seine Durchquerung des Landes nicht nur das Landesinnere für den Handel und die Zivilisation des Westens erschlossen hatte, sondern auch für die Sklavenjäger aus dem Osten, die immer weiter flussabwärts fuhren. Und er erkannte noch etwas anderes: dass die arabischen Händler ihm durchaus zuvorkommen und in kürzester Zeit zum Unterlauf gelangen könnten. Bisher waren sie gerade bis Stanley Falls (Kisangani) vorgedrungen, bald aber könnten sie in Stanley Pool (Kinshasa) sein. In diesem Fall könnte Leopold seine Pläne sicherlich vergessen. Auf dieser Reise wurde ihm außerdem klar, dass sie ihm überlegen waren: Sie besaßen Dutzende Pirogen und ein paar tausend Leute. Er dagegen hatte drei kleine Schiffe und ein paar Dutzend Gehilfen.13&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Disasis Heimatgegend erblickte Stanley an den Ufern nur niedergebrannte Dörfer und verkohlte Pfähle, »die Pfeiler der einst volkreichen Ansiedelungen, verbrannte Bananenhaine und gefällt am Boden liegende Palmen, alles kündete den unbarmherzigen Ruin an«. Ein Stück weiter sah er Sklavenlager am Fluss. Ende November 1883 gelangte er zu dem Lager, in dem sich Disasi befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste allgemeine Eindruck, welchen ich von dem Lager erhielt, war, dass dasselbe bei weitem zu stark bevölkert sei, um behaglich zu sein. Da waren Reihen auf Reihen dunkler nackter Formen, unter denen hier und dort die weiße Kleidung ihrer Räuber sich hervorhob; lange Linien oder Gruppen stehender, liegender oder apathisch umhergehender nackter Gestalten; nackte Körper in den mannigfachsten Positionen unter den Schuppen, unzählige nackte Beine der umherliegenden Schläfer, zahllose nackte Kinder, darunter viele ganz kleine, Knaben und Mädchen jeden Alters, hier und dort eine Schar vollständig nackter alter Weiber, welche keuchend unter der Last schwerer Körbe mit Brennholz, Cassaveknollen oder Bananen von zwei oder drei mit Musketen bewaffneten Männern durch die Menge getrieben werden.14&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst gründete er noch den Handelsposten Stanley Falls, aber am 10. Dezember 1883 kehrte er zum Sklavenlager zurück. Der kleine Disasi wurde Zeuge einer seltsamen Szene. »Tippu Tip ging Stanley entgegen. Nach einem langen Gespräch in einer unverständlichen Sprache rief Tippu Tip unseren Aufseher. Der sammelte uns ein und brachte uns zu den beiden Männern.« Disasi verstand nicht, worum es ging. Nach dem Gespräch holten Stanleys Männer zwei Ballen Stoff und ein paar Säcke Salz aus dem Laderaum des Schiffs. Der Koran-Lehrer sagte Disasi mit Bedauern in der Stimme, der weiße Mann wolle ihn und seine Kameraden kaufen. Stanley nahm achtzehn Kinder mit.15 Militärisch war er zu schwach, um etwas gegen die Batambatamba auszurichten. Das Einzige, was er tun konnte, war, sich einiger Kinder anzunehmen. Also kaufte er sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Disasi begann ein neuer Lebensabschnitt. An Bord herrschte Freude. »Wir rufen, wir lachen, wir erzählen uns Geschichten. Keiner hat ein Seil um den Hals, und wir werden nicht bestialisch behandelt wie vorher bei den Arabern.« Aber es wäre allzu einfach, wenn man behaupten würde, Stanley habe sie aus der Sklaverei befreit. Von jeher wurde Sklaverei in Zentralafrika nicht in erster Linie als Freiheitsberaubung begriffen, sondern als Entwurzelung aus dem sozialen Milieu.16 Schrecklich war es auf jeden Fall, jedoch aus anderen Gründen, als in der Regel angenommen wird. In einer Gesellschaft, die in so hohem Maße durch Gemeinschaftssinn gekennzeichnet war, bedeutete die »Autonomie des Individuums« nicht Freiheit, wie sie in Europa seit der Renaissance proklamiert wird, sondern Einsamkeit und Zerrüttung. Du bist der, den andere kennen; und wenn dich keiner kennt, bist du nichts. Sklaverei, das war nicht geknechtet sein, sondern entwurzelt sein, heimatlos. Disasi war aus seinem Umfeld gerissen worden, und sein Umfeld fehlte ihm nach wie vor. Er schätzte Stanley deshalb weniger als seinen Befreier denn als einen neuen und besseren Herrn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie zeigte sich das deutlicher als am nächsten Tag, als sie wieder durch seine Heimatgegend fuhren. Disasi glaubte, Stanley würde ihn zu seinen Eltern zurückbringen, doch zu seinem Erstaunen verlangsamten die Schiffe nicht ihre Fahrt. »Da wohnen wir! Da wohnen wir!«, rief er. »Bring mich zu meinem Vater zurück!« Aber Stanley sagte, so erinnerte sich Disasi ein Leben später:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Kinder, habt keine Angst. Ich habe euch nicht gekauft, weil ich euch etwas Böses will, sondern damit ihr das wahre Glück und Wohlstand kennenlernt. Ihr habt alle gesehen, wie die Araber eure Eltern und sogar kleine Kinder behandeln. Ich kann euch nicht nach Hause zurückkehren lassen, weil ich nicht will, dass ihr so wie sie werdet, grausame Wilde, die den lieben Gott nicht kennen. Trauert nicht um den Verlust eurer Eltern. Ich werde andere Eltern für euch finden, die euch gut behandeln und euch viele gute Dinge lehren werden; später werdet ihr so sein wie wir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Worten schnitt Stanley einen Ballen Stoff in Streifen und gab jedem Kind einen Lendenschurz, damit sie sich anständig kleideten. »Über dieses Geschenk freuten wir uns«, erzählte Disasi, »und seine Güte ließ uns schon seine väterliche Liebe spüren.«17&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi Makulos Leben nahm durch die Begegnung mit Stanley eine dramatische Wende. Für viele seiner Zeitgenossen blieb jedoch alles beim Alten. Männer legten wie von jeher neue Felder durch Brandrodung an, Frauen pflanzten Mais und Maniok, Fischer flickten ihre Netze, die Alten saßen schwatzend im Schatten, und Kinder fingen Heuschrecken. Es schien sich nichts verändert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur der äußere Schein. Denn wer diese sonderbaren Europäer mit eigenen Augen gesehen hatte, war oft tief beeindruckt. Ziemlich abgerissen aussehende Männer waren es, die ein paar Hühner kaufen wollten und einen Nachmittag mit dem Dorfoberhaupt plauderten, aber sie taten alles, um der lokalen Bevölkerung zu imponieren. Kleine Spiegel, Lupen, Sextanten, Kompasse, Uhren und Theodolite wurden bewusst hervorgeholt, um Eindruck zu machen. Das stieß nicht immer auf Begeisterung. In manchen Dörfern glaubte man, dass der natürliche Tod einiger Bewohner mit den seltsamen Thermometern und Barometern zusammenhing, die ihnen die Weißen vorführten.18 Ehrfurcht wechselte sich ab mit Argwohn. Zu Gewalt in großem Stil kam es erst später, als die lokale Bevölkerung mit militärischen Mitteln der europäischen Herrschaft unterworfen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr oft zweifelte die Bevölkerung daran, ob die Weißen wohl normale Sterbliche seien. Weil sie Schuhe trugen, sah es so aus, als hätten sie keine Zehen. Und da in weiten Teilen des subsaharischen Afrika Weiß die Farbe des Todes war (die Farbe der menschlichen Knochen, der Termiten, der Stoßzähne), mussten sie wohl aus dem Land der Toten kommen. Man sah in ihnen bleiche Geister mit magischen Kräften über Leben und Tod, Menschen, die Sonnenschirme aufspannten und ein Tier auf hundert Meter Entfernung tot umfallen lassen konnten. Stanley wurde von den Bangala &#039;&#039;Midjidji&#039;&#039; genannt, Geist, und die Bakongo bezeichneten ihn als &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039;, Steinbrecher, weil er mit Dynamit Felsen sprengen konnte. Der Begriff &#039;&#039;Bula matari&#039;&#039; sollte später sogar die Bezeichung für die Kolonialherrschaft werden. Auch in Disasi Makulos Dorf sprach man über Stanley wie über ein Phantom. E. J. Glave, ein Gehilfe Stanleys, hieß zuerst &#039;&#039;Barimu&#039;&#039;, Gespenst, und später &#039;&#039;Makula&#039;&#039;, Pfeile. Herbert Ward, ein anderer Mitarbeiter, bekam von den Bangala den Beinamen &#039;&#039;Nkumbe&#039;&#039;, schwarzer Falke, weil er so ein guter Jäger war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war auch sehr sonderbar, wie Weiße sich fortbewegten. Mit einem Dampfschiff! Die Bangala, die im Landesinneren am Fluss lebten, glaubten, dass diese Reisenden über das Wasser herrschten und dass ihre Schiffe von riesigen Fischen oder Nilpferden gezogen würden. Wenn sie, nachdem sie verhandelt hatten, sahen, wie ein Weißer ins Schiffsinnere hinabstieg, um Perlen, Stoffe oder Kupferstäbe zu holen, glaubten sie, unten im Schiff sei eine Tür, durch die er auf den Grund des Flusses gehen konnte, um dort die Zahlungsmittel aufzulesen.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Kielwasser der Entdeckungsreisen kam eine erste Evangelisierungswelle in Gang. Sie war das Werk britischer und skandinavischer Protestanten und hatte an der Westküste begonnen, unmittelbar nach Stanleys Durchquerung des Kontinents. Die &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; begann 1878 von der Kongomündung aus mit ihrer Missionstätigkeit, die &#039;&#039;Baptist Missionary Society&#039;&#039; brach 1879 von der portugiesischen Kolonie im Süden aus auf, der &#039;&#039;Svenska Missions Förbundet&#039;&#039; startete 1881, und die amerikanischen Baptisten und Methodisten folgten 1884 und 1886. Von katholischer Seite waren ab 1880 zwei französische Kongregationen aktiv: die Missionare des Heiligen Geistes (Spiritaner) im Westen und die Weißen Väter im Osten. Ihr Einsatz war alles andere als unverbindlich. Wer damals nach Zentralafrika ging, wusste, dass das den Tod bedeuten konnte. Schlafkrankheit und Malaria forderten einen hohen Tribut. Der britische Baptist Thomas Comber verlor seine Frau bereits wenige Wochen nach der Ankunft in Zentralafrika. Er selbst erlag später ebenfalls einer Tropenkrankheit, wie seine beiden Brüder, seine Schwester und seine Schwägerin: sechs Mitglieder einer einzigen Familie. Ein Drittel aller baptistischen Missionare, die zwischen 1879 und 1900 ausgesandt wurden, starben in den Tropen.20 Finanzielle Vorteile oder weltliche Macht war dort nicht zu erlangen. Die ersten Missionare waren tatsächlich tiefgläubige Menschen, die es als ihre Pflicht ansahen, andere an der Wahrheit teilhaben zu lassen, von der sie so erfüllt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es darauf ankam, die Einheimischen zu beeindrucken, hatten auch die frühesten Missionare ihre Trickkiste. Und die brauchten sie, sogar in Landstrichen, die bereits länger Kontakt mit Weißen hatten. Der Elfenbeinhandel hatte nicht nur Wohlstand gebracht. Als 1878 die allerersten weißen Missionare, die britischen Baptisten George Grenfell und Thomas Comber, von der portugiesischen Kolonie aus nach Norden zogen, stießen sie etwa in der Mitte zwischen Mbanza Kongo in Angola und dem Kongofluss auf das Städtchen Makuta. Der Ortsvorsteher traute ihnen nicht: »So, sie kaufen kein Elfenbein! Was wollen sie denn dann? Uns etwas über Gott beibringen! Übers Sterben bestimmt, ja! Davon haben wir jetzt mehr als genug; das Sterben nimmt kein Ende in meiner Stadt. Sie sind hier nicht erwünscht. Wenn wir die Weißen in unser Land lassen, wird das bald unser Ende bedeuten. Es ist schon schlimm genug, dass sie an der Küste sind. Die Elfenbeinhändler nehmen viel zu viele Geister mit in den Stoßzähnen und verkaufen sie; wir sterben zu schnell. Die Weißen hätten besser nicht kommen sollen, um mich zu verhexen.«21&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl einer der beiden Missionare in Makuta von einem Schuss getroffen wurde, gelang es den protestantischen Evangelisten andernorts, die lokale Bevölkerung für sich zu gewinnen. Nicht zuletzt dank der Wunder der Technik. Dem Häuptling der Bakongo führten britische Baptisten ein paar kleine Automaten vor. Neben einer Maus zum Aufziehen einen &#039;&#039;dancing nigger&#039;&#039;, wie sie es nannten, eine mechanische Puppe, die Geige spielte und hüpfte.22 Ein großer Spaß, der ihnen zugleich Hochachtung sicherte. Auch Spieluhren waren äußerst beeindruckend. Am spektakulärsten aber waren die Lichtbilder mit biblischen Szenen, die einige Missionare abends mit einer Laterna magica in die Dunkelheit projizierten. Für die einheimische Bevölkerung muss so etwas völlig irreal gewesen sein.23&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schwindelerregend, dass ich mich mit Nkasi in seiner brütend heißen Wohnung in Kinshasa über diese frühesten Pioniere unterhalten konnte. Das Gespräch verlief in Bruchstücken, es waren nur Erinnerungsfetzen, die ich zu hören bekam – aber die Tatsache, dass er mehr als ein Jahrhundert später noch Erinnerungen an die Ankunft der weißen Missionare hatte, zeigt, wie außergewöhnlich dieses Ereignis gewesen war. Wenn es um die britischen Baptisten ging, sprach er sehr präzise von »englischen Protestanten, die von Mbanza Kongo in Angola in den Kongo gekommen waren«. Er erwähnte die Missionsstationen von Palabala und Lukunga, beide von der &#039;&#039;Livingstone Inland Mission&#039;&#039; gegründet und 1884 von der &#039;&#039;American Baptist Missionary Union&#039;&#039; übernommen&#039;&#039;.&#039;&#039; Er erinnerte sich an »Mister Ben«, wie ich den Namen phonetisch in mein Heft notierte. Später entdeckte ich, dass es sich um Alexander L. Bain handeln musste, den amerikanischen Baptisten, der ab 1893 in der Gegend besonders aktiv war.24 Am häufigsten aber sprach er von »Mister Wells« oder »Welsh«, &#039;&#039;mister&#039;&#039;, nicht &#039;&#039;monsieur&#039;&#039;, denn Französisch wurde damals noch nicht gesprochen im Kongo. »Ich sah ihn in der protestantischen Mission von Lukunga. Er war ein englischer Missionar, der uns Unterricht gab. Er wohnte mit seiner Frau in Palabala bei Matadi.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe mich lange gefragt, wer dieser Mann war. Ging es um den Amerikaner Welch, einen Anhänger des tatkräftigen amerikanischen Methodistenbischofs William Taylor, der 1886 drei Missionsstationen in der Gegend gegründet hatte (allerdings nicht in Palabala und Lukunga)?25 Oder war »Mister Welsh« der Spitzname von William Hughes, einem britischen Baptisten, doch vor allem walisischen Nationalisten, der von 1882 bis 1885 in derselben Gegend die Missionsstation Bayneston leitete?26 Schließlich stieß ich auf Ernest T. Welles, einen amerikanischen Baptisten, der 1896 in den Kongo gereist war und schon 1898 Bibeltexte ins Kikongo übersetzte. Der musste es sein. Er war ein direkter Kollege von Mister Bain und eine Zeitlang in der Missionsstation Lukunga tätig gewesen. In seinen Briefen nach Hause berichtete er von einheimischen Assistenten, die ihm beim Drucken der Bibelübersetzungen zur Hand gingen.27 Das war interessant. Nkasi hatte mir ja erzählt, dass der jüngste Bruder seines Vaters für diesen Missionar gearbeitet hatte. Auf den jungen Nkasi machten diese ersten Sendboten jedenfalls einen unauslöschlichen Eindruck. Vor allem ihre Einfachheit und Freundlichkeit war ihm im Gedächtnis geblieben. »Mister Welles«, sinnierte er bei einem unserer Gespräche, »der ging immer zu Fuß, und er war ausgesprochen nett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1884. Stanley befand sich schon seit Wochen auf der Rückreise. Die achtzehn Kinder, die er bei sich hatte, verteilte er auf die Stationen, die er auf der Hinreise gegründet hatte, wie Wangata und Lukolela. Disasi Makulo und ein Kamerad blieben als Letzte zurück und fragten sich, was aus ihnen werden solle. Schließlich kamen sie am &#039;&#039;pool&#039;&#039; an, jener Stelle, wo der Fluss breiter wurde und Stanley die Niederlassung Kinshasa gegründet hatte. Die Leitung hatte er seinem treuen Freund Anthony Swinburne überlassen, einem jungen Mann von 26, der ihn schon seit zehn Jahren auf seinen Reisen begleitete. Disasi und seinen Freund vertraute er nun Swinburne an. Der Abschied von Stanley fiel Disasi schwer: »Vom ersten Tag unserer Befreiung an bis zum Moment des Abschieds war er zu uns wie ein gütiger Vater gewesen.« Heute wird Stanley oft als Erzrassist hingestellt, ein Ruf, den er seinem hyperbolischen Schreibstil und seiner Beziehung zu Leopold II. zu verdanken hat. In Wirklichkeit war seine Haltung viel ambivalenter.28 Er hatte eine hohe Meinung von vielen Afrikanern, pflegte mit manchen tiefe und aufrichtige Freundschaften und war bei vielen außerordentlich beliebt. Natürlich war seine Kombination von Kidnapping und Shopping höchst eigenartig, aber das Wohl der freigekauften Kinder schien ihm sehr am Herzen zu liegen. Disasi erzählte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mister Swinburne empfing uns mit offenen Armen. Was Stanley uns prophezeit hatte, erwies sich als wahr. Hier fanden wir eine Situation, die sich in nichts von dem unterschied, was ein guter Vater und eine gute Mutter ihren Kindern bieten. Wir wurden gut ernährt und gut gekleidet. In seiner Freizeit brachte er uns das Lesen und Schreiben bei.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Swinburne überhaupt noch freie Zeit hatte, ist eigentlich ein Wunder. In nur wenigen Jahren hatte er Kinshasa zur besten aller Stationen am Kongofluss ausgebaut. Der Posten lag nah am Ufer, zwischen Baobabs. Swinburne ließ Bananen, Kochbananen, Ananas und Guaven anbauen, aber auch Reis und europäische Gemüsesorten. Er hielt Kühe, Schafe, Ziegen und Geflügel. Die Luft war gesund. Der Ort war als »the Paradise of the Pool« bekannt.30 Sein Haus war aus Lehm, das Dach bestand aus Gras, es gab drei Schlafzimmer. Rund ums Haus lief eine Veranda, auf der man aß und las. Hinter Swinburnes Haus standen die Hütten seiner Sansibaris. Eine solche »Station« war oft nicht mehr als ein einfaches, von einem Weißen bewohntes Haus. Sie war dazu gedacht, Reisenden zu helfen, die Wissenschaft zu fördern, Kultur zu verbreiten und wenn irgend möglich Sklaverei auszurotten. In der Praxis handelte es sich um eine Art Minikolonien, die versuchten, eine gewisse Macht über ihre Umgebung auszuüben. Kleine Europa-Inseln. Die Sansibaris bildeten die kleine Armee eines solchen Postens. Von einer völligen Okkupation des Landesinneren war man noch weit entfernt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter Swinburnes Station erstreckte sich eine weite Ebene, am Horizont von Hügeln begrenzt. Heute liegt hier eine der größten Städte Afrikas, im neunzehnten Jahrhundert war es ein sumpfiges Niemandsland voller Büffel, Antilopen, Enten, Rebhühner und Wachteln. In den trockenen Bereichen bauten Dorfbewohner Maniok, Erdnüsse und Süßkartoffeln an. Einige Kilometer weiter lagen ihre Dörfer. Swinburne hatte ein sehr gutes Verhältnis zur lokalen Bevölkerung. Aufgrund seiner Geduld und seines Taktgefühls war er nicht nur respektiert, sondern auch beliebt. Er sprach ihre Sprache und wurde »Vater vom Fluss« genannt. Dennoch griff er ein, wenn er es für notwendig hielt. So versuchte er zu verhindern, dass beim Tod eines Dorfoberhaupts Sklaven und Frauen ermordet und mit begraben wurden, und stieß damit bei den Dorfbewohnern auf Unverständnis: Wie konnte ein Dorfvorsteher, der dieser Bezeichnung würdig war, ganz allein im Totenreich ankommen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sie eine Station gründen durften, schlossen Stanley und seine Leute Verträge mit den lokalen Würdenträgern. So machten es europäische Händler an der Kongomündung schon seit Jahrhunderten. Gegen regelmäßige Zahlungen durften sie sich an einem Ort niederlassen. Sie mieteten ein Stück Grund und Boden. Auch Swinburne hatte mehrere solcher Verträge unterzeichnet. Einer Übereinkunft gingen oft tagelange Palaver voraus. Ab 1882 war Leopold jedoch der Ansicht, dass alles schneller gehen müsse. Seine internationale philanthropische Gesellschaft war inzwischen zu einem privaten Handelsunternehmen mit internationalem Kapital geworden: dem &#039;&#039;Comité d&#039;Études du Haut-Congo&#039;&#039; (CEHC)&#039;&#039;.&#039;&#039; Dessen Vertreter sollten versuchen, weiter reichende Zugeständnisse zu erlangen, in viel kürzerer Zeit und am besten unwiderruflich. Statt lange zu verhandeln, um ein kleines Grundstück mieten zu dürfen, sollten sie künftig im Eiltempo ganze Gebiete kaufen. Und auch das reichte noch nicht: Leopold wollte nicht nur Grundbesitz erwerben, sondern sich obendrein sämtliche Rechte an den Ländereien sichern. Seine kommerzielle Initiative wurde zu einem eindeutig politischen Projekt: Leopold träumte von einer Konföderation einheimischer Herrscher, die von ihm abhängig waren. In einem Brief an einen Untergebenen ließ er daran keinen Zweifel: »Die Lektüre der Verträge, die Stanley mit den Häuptlingen geschlossen hat, gefällt mir nicht. Man muss zumindest einen Passus hinzufügen, dass sie ihre souveränen Rechte über die Territorien abtreten (. . .) Diese Arbeit ist wichtig und dringend. Die Verträge müssen möglichst kurz sein und uns in einem oder zwei Paragraphen alles zuerkennen.«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stanleys Mitarbeiter verlegten sich nun auf echte &#039;&#039;treaty making campaigns.&#039;&#039; Sie zogen von Dorfvorsteher zu Dorfvorsteher, bewaffnet mit Leopolds neuen Marschbefehlen und kurz und bündig formulierten Verträgen. Manche gingen besonders zielstrebig zu Werke. In den ersten sechs Wochen des Jahres 1884 schloss Francis Vetch, ein britischer Major, gleich einunddreißig Verträge ab. Belgische Staats­agenten wie van Kerckhoven und Delcommune unterschrieben sogar jeder neun Stück an einem einzigen Tag. In weniger als vier Jahren wurden rund vierhundert Verträge geschlossen. Sie waren ausnahmslos auf Französisch oder Englisch abgefasst, also in Sprachen, die die Häuptlinge nicht verstanden. In einer oralen Tradition, in der man wichtige Übereinkünfte mit Blutsbrüderschaften besiegelte, begriffen die Oberhäupter oft nicht, welche Bedeutung das Kreuz hatte, das sie unter ein Blatt mit fremden Zeichen setzten. Und auch wenn sie die Texte hätten lesen können, wären sie mit Begriffen aus dem europäischen Eigentums- und Staatsrecht wie »Souveränität«, »Exklusivität« und »Perpetuität« nicht vertraut gewesen. Wahrscheinlich glaubten sie, Freundschaftsbande zu bekräftigen. Doch diese Verträge legten fest, dass sie als lokale Oberhäupter den gesamten Landbesitz und alle damit verbundenen Wege-, Fischerei-, Zoll- und Handelsrechte abtraten. Als Gegenleistung für das Kreuzchen erhielten sie von ihren neuen weißen Freunden Stoffballen, Kisten mit Gin, Militärmäntel, Mützen, Messer, eine Livree oder eine Korallenkette. Künftig würde die Fahne von Leopolds Gesellschaft in ihrem Dorf wehen: ein gelber Stern vor blauem Hintergrund. Blau stand für das Dunkel, in dem sie umherirrten, Gelb für das Licht der Zivilisation, das ihnen nun leuchtete. Es sind noch immer die dominanten Farben der heutigen Nationalflagge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Grund, warum Leopold II. nun den raschen Erwerb dieser Territorien anstrebte, war aufs Neue die Rivalität zwischen den Ländern Europas. Er befürchtete, andere könnten ihm zuvorkommen. In einigen Fällen war das auch schon passiert. Im Süden beanspruchten die Portugiesen noch immer ihre alte Kolonie. Und im Norden hatte Savorgnan de Brazza ab 1880 damit begonnen, ähnliche Verträge mit den lokalen Machthabern abzuschließen. Brazza, ein italienischer Offizier im Dienst der französischen Armee, war offiziell damit beauftragt, zwei Forschungsstützpunkte am rechten Kongoufer zu errichten. Frankreich war an der Association Internationale Africaine beteiligt, der Gesellschaft, deren Präsident König Leopold war, und die beiden Stützpunkte waren der französische Beitrag zu Leopolds Initiative. Brazza war jedoch auch ein feuriger französischer Patriot, der, obwohl ihn keine Obrigkeit dazu aufgefordert hatte, dabei war, eine Kolonie für sein geliebtes Frankreich zu gründen: die spätere Republik Kongo-Brazzaville.32 In Europa merkte man um 1882 mit Bestürzung, dass jemand auf eigene Faust große Teile Zentralafrikas erwarb. Leopold musste also handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Italiener kaufte eigenhändig Gebiete Afrikas für Frankreich, ein Brite, Stanley, kaufte andere Gebiete für den belgischen König: Offiziell hieß es Diplomatie, aber es war ein Gold Rush. Im Mai 1884 überquerte Brazza mit vier Pirogen den Kongo, um Kinshasa doch noch für seine Sache zu gewinnen. Dort aber stieß er auf Swinburne, Stanleys Mitarbeiter, bei dem Disasi inzwischen seit vier Monaten lebte. Brazza wollte dem Dorfoberhaupt ein höheres Angebot unterbreiten und erreichen, dass der andere Vertrag annulliert wurde. Aber das gab Trouble. Nach einer hitzigen Diskussion mit Swinburne und einem Handgemenge mit den beiden Söhnen des Dorfvorstehers zog Brazza schließlich unverrichteter Dinge ab. Für Leopolds Vorhaben wäre der Verlust von Kinshasa verheerend gewesen. Es war nicht nur die beste, sondern auch die wichtigste seiner Stationen, ein Schnittpunkt von Handelswegen, ein Ort, wo Schiffe anlegten und von dem aus Karawanen aufbrachen, ein Ort, wo das Landesinnere mit der Küste kommunizierte. Die Tragweite des Vorfalles mit Brazza war Disasi sicherlich nicht bewusst, für die Nachwelt aber war er von entscheidender Bedeutung: Das Gebiet nördlich und westlich des Flusses würde eine französische Kolonie werden, Französisch-Kongo genannt, das Gebiet südlich davon würde in Leopolds Händen bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Episode offenbarte freilich eine bedeutende Schwäche. Militärisch konnte sich Stanley gegen jemanden wie Brazza theoretisch ohne weiteres behaupten – er besaß Soldaten und Krupp-Kanonen, während Brazza fast ganz allein umherreiste –, aber solange Stanleys Niederlassungen von den europäischen Staaten nicht anerkannt wurden, durfte er keinen Kanonenschuss abfeuern.33 Darüber war sich auch Leopold im Klaren. Und so startete er 1884 eine diplomatische Initiative, die in der Geschichte der belgischen Monarchie beispiellos war: Er bemühte sich um die internationale Anerkennung seiner Privatinitiative in Zentralafrika. Ein genialer Schachzug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zentralafrika weckte zu dieser Zeit bei vielen Staaten Begehrlichkeiten. Portugal und Großbritannien zankten sich ständig wegen der Frage, wer wo an der Küste präsent sein durfte. Im Osten drangen die swahili-arabischen Händler weiter vor. Das gerade erst geeinte Deutschland fieberte nach Kolonialbesitz in Afrika (und sollte schließlich das spätere Kamerun, Namibia und Tansania erwerben). Leopolds größter Rivale war jedoch Frankreich, das war unübersehbar. Gegen alle Erwartungen hatte das Land den Wahnsinn besessen, Brazzas persönliche Annexionen anzunehmen, obgleich es bis dahin keinerlei Ambitionen in diese Richtung gezeigt hatte. Leopold hätte Frankreich zornig den Rücken zukehren können, Brazza hatte seine Befugnisse weit überschritten, doch der König blieb ruhig und entschloss sich, den Stier bei den Hörnern zu packen. Sein Vorschlag lautete: Würde Frankreich ihn in dem Gebiet, das Stanley gerade erschlossen hatte, gewähren lassen, wenn es, sollte die Unternehmung scheitern, als Erster die Chance bekäme, das Gebiet zu übernehmen? Dazu konnten die Franzosen nicht nein sagen. Die Möglichkeit, dass Leopold mit seinen Plänen tatsächlich scheiterte, lag ziemlich nahe. Es war so, als habe ein junger Mann ein verlassenes Schloss entdeckt und wolle es gern eigenhändig umbauen. Zu den Nachbarn würde er sagen: Wenn mir die Sache finanziell über den Kopf wächst, habt ihr automatisch das Vorkaufsrecht! Das hörten die Nachbarn gern. Es war ein brillanter &#039;&#039;coup de poker&#039;&#039;, der auch andernorts in Europa Folgen hatte. Nach dieser Übereinkunft backte Portugal kleinere Brötchen, denn Leopold entgegenzutreten hätte bedeutet, dass es in Afrika plötzlich das mächtige Frankreich als Nachbar hätte bekommen können. Und die Briten waren sehr angetan von den Freihandelsgarantien, die Leopold generös gewährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Rivalität zwischen europäischen Staaten in Sachen Afrika erforderte neue Spielregeln. Deshalb berief Bismarck, führender Politiker des jüngsten, jedoch mächtigsten Staates in Kontinentaleuropa, die damaligen Großmächte in Berlin zusammen. Vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 tagte die sogenannte Berliner Konferenz. Allgemein herrscht die Ansicht, dass dort und damals die Aufteilung Afrikas vereinbart wurde und Leopold der Kongo in den Schoß fiel. Doch das war keineswegs so. Die Konferenz war nicht der Ort, wo vornehme Herren in geselliger Runde den Kuchen Afrika mit Zirkel und Lineal untereinander aufteilten. Nein, die Konferenz bezweckte genau das Gegenteil: Afrika sollte für Freihandel und Zivilisation geöffnet werden. Dazu bedurfte es neuer internationaler Vereinbarungen. Der langwierige Konflikt zwischen Portugal und Großbritannien über die Kongomündung hatte das zur Genüge gezeigt. Zwei wichtige Prinzipien wurden festgelegt: Erstens, wenn ein Land ein Territorium beanspruchte, musste es sich um eine »effektive Besitzergreifung« handeln (entdecken und dann brachliegen lassen, wie Portugal es schon seit Jahrhunderten machte, zählte nicht mehr); zweitens, jedes neu erworbene Gebiet musste für den internationalen Freihandel offen bleiben (kein Land durfte Handelsbarrieren einführen und Transit-, Einfuhr- oder Ausfuhrzölle verlangen). In der Praxis bedeutete das, dass Kolonisieren eine kostspielige Sache wurde, wie Leopold noch merken sollte. Eine »effektive Besitzergreifung« erforderte umfangreiche Investitionen, doch Händlern aus anderen Ländern musste gratis ungehindert Zugang gewährt werden. Von einer endgültigen Aufteilung des Kontinents war jedoch noch nicht die Rede, auch wenn das Kriterium der tatsächlichen Besitzergreifung den &#039;&#039;scramble for Africa&#039;&#039;, den »Wettlauf um Afrika«, beschleunigte. Die Konferenz tagte zehnmal während eines Zeitraums von gut drei Monaten, Leopold selbst reiste nie nach Berlin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich wurde in den Wandelgängen und Hinterzimmern der Reichskanzlei, wo die Konferenz stattfand, durchaus das eine oder andere geregelt. In den Plenarsitzungen herrschte die multilaterale Diplomatie, doch in den Kaffeepausen pflegte man die bilaterale Diplomatie. Noch vor Beginn der Konferenz hatten die USA Leopolds Anprüche in Zentralafrika anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie akzeptierten seine Verfügungsgewalt über die neu erworbenen Territorien. Das hört sich beeindruckender an, als es in Wirklichkeit war. Amerika war damals noch nicht das internationale Schwergewicht, das es im zwanzigsten Jahrhundert werden sollte, und seine Interessen in Afrika waren gleich null. Viel wichtiger war die Anerkennung durch Deutschland. Bismarck hielt Leopolds Plan für ein Hirngespinst. Der belgische König beanspruchte ein Gebiet so groß wie Westeuropa, besaß jedoch kaum eine Handvoll Stützpunkte am Fluss. Eine Perlenschnur mit nur wenigen Perlen und sehr viel Schnur, ganz zu schweigen von den weitläufigen unerforschten Gebieten links und rechts davon. War das tatsächlich eine »effektive Besitzergreifung«? Na ja, als König eines kleinen Landes war Leopold ungefährlich. Er war zudem nicht unvermögend und packte die Sache mit leidenschaftlicher Begeisterung an. Und er garantierte den Freihandel (was das betraf, konnte man sich bei den Franzosen und Portugiesen nie sicher sein) und würde für den Schutz deutscher Kaufleute in dem Gebiet sorgen. Abgesehen davon, so dachte Bismarck, war das Gebiet vielleicht ein idealer Puffer zwischen portugiesischen, französischen und britischen Territorialansprüchen. Also eine Art Belgien von 1830 im Großformat. Es würde vielleicht etwas Ruhe in die Sache bringen. Er unterschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen auf der Konferenz vertretenen Staaten blieb mehr oder weniger nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Gastlandes zu folgen. Das geschah nicht als formeller Akt während einer Plenarsitzung, sondern im Verlauf der Konferenz. Bis auf das Osmanische Reich stimmten alle vierzehn anwesenden Staaten zu, sogar Großbritannien, das Deutschland nicht vor den Kopf stoßen wollte, da es eine wichtige Einigung über den Niger anstrebte. Mehr oder weniger aus Versehen erklärte es sich später sogar mit den weiträumigen Grenzen einverstanden, von denen Leopold geträumt hatte. Leopolds neueste Gesellschaft, die &#039;&#039;Association Internationale du Congo&#039;&#039; (AIC), wurde damit international als souveräner Machthaber über ein riesiges Gebiet in Zentralafrika anerkannt. Während die AIA strikt wissenschaftlich-philanthropisch ausgerichtet gewesen war und das CEHC kommerziell, war die Ausrichtung der AIC eindeutig politisch. Sie besaß ein kleines, aber entscheidendes Stück Atlantikküste (die Mündung des Kongoflusses), einen schmalen, ins Landesinnere führenden Streifen, im Norden und Süden von französischen und portugiesischen Kolonien begrenzt, und dazu ein Gebiet, das sich trichterförmig verbreiterte, tausend Kilometer in Richtung Nord und Süd, um erst tausendfünfhundert Kilometer weiter östlich beim Gebiet der Großen Seen zu enden. Ein riesiges Territorium, das in keinem Verhältnis zu Leopolds tatsächlicher Präsenz dort stand. Der große belgische Historiker Jean Stengers äußerte: »Mit etwas Phantasie könnte man die Gründung des Kongo-Staates mit der Geschichte eines Menschen oder einer Vereinigung vergleichen, die in Europa ein paar Stützpunkte am Rhein gründet, von Rotterdam bis Basel, und dann die Oberhoheit über ganz Westeuropa zugesprochen bekommt.«34&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bismarck auf der Abschlusssitzung der Berliner Konferenz Leopolds Werk »mit Zufriedenheit« begrüßte und die besten Wünsche aussprach »für seine gedeihliche Entwicklung und für die Verwirklichung der edlen Bestrebungen seines ›illustren Gründers‹«, sprangen alle Teilnehmer im Saal auf, um den belgischen König zu bejubeln. Mit diesem Applaus wurde die Entstehung des Kongo-Freistaates gefeiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz nachdem Leopold die Verfügungsgewalt über den Kongo erlangt hatte, bekam er in seinem Palast Besuch von einem britischen Missionar, der neun schwarze Kinder mitgebracht hatte, Jungen und Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren, Altersgenossen von Disasi. Sie stammten alle aus seinem neuen Territorium und waren europäisch gekleidet: feste Schuhe, rote Handschuhe und ein Barett – ihre Nacktheit musste verhüllt werden. Sie durften allerdings tanzen und singen, wie sie es taten, wenn sie auf einem Boot unterwegs waren. Der König saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf seinem Thron und sah ihnen zu. Nach der Vorführung schenkte er jedem Kind ein Goldstück und bezahlte ihnen die Rückreise nach London.35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen saß, ohne von alldem zu wissen, Disasi Makulo in Kinshasa auf Swinburnes Veranda und übte sich im Schreiben. Es war angenehm kühl. Vom Wasser her wehte eine leichte Brise. Er sah Dampfer und Kanus über den Pool gleiten. Am anderen Ufer lag die Niederlassung Brazzaville, inzwischen Teil einer anderen Kolonie, die ab 1891 Französisch-Kongo heißen würde. Wie hatte sich sein Leben in den anderthalb Jahren verändert! Erst Kind, dann Sklave, jetzt Boy. Niemand hatte die große Geschichte so am eigenen Leib erfahren wie er. Er wurde von der Weltpolitik mitgerissen wie ein junger Baum von einem mächtigen Fluss. Und das war noch längst nicht alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== 2 Dieser ganze verfluchte Dreck ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Der Kongo unter Leopold II. ===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1885-1908 ====&lt;br /&gt;
Am 1. Juni 1885 wachte König Leopold II. in seinem Palast in Laeken als ein anderer Mensch auf: Von diesem Tag an war er nicht nur König von Belgien, sondern auch Souverän eines neuen Staates, des Kongo-Freistaates. Dieser Staat sollte genau dreiundzwanzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage existieren: Am 15. November 1908 wurde er in eine Kolonie Belgiens umgewandelt. Der Kongo begann also nicht als Kolonie, sondern als ein Staat, freilich als einer der sonderbarsten Staaten, den es jemals auf subsaharischem Boden gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bemerkenswert war schon, dass das Staatsoberhaupt mehr als sechstausend Kilometer weiter nördlich lebte, eine vierwöchige Seereise von seinem Reich entfernt, die er zudem nie unternahm. Leopold II. würde von seiner Amtseinsetzung 1885 bis zu seinem Tod 1909 nie einen Fuß in seinen Kongo setzen. Angesichts der in jener Zeit mit einer solchen Reise verbundenen Gesundheitsrisiken ist das nicht einmal verwunderlich. Auch die Staatsoberhäupter anderer europäischer Kolonialmächte begaben sich nie in ihre neu erworbenen Gebiete in Zentralafrika. Sonderbarer war, dass der belgische König, anders als seine Amtskollegen, absoluter Alleinherrscher über sein Territorium in Übersee war. Bismarck, Queen Victoria und Jules Grévy, Präsident der Dritten Republik in Frankreich, herrschten 1885 ebenfalls über ausgedehnte Teile Afrikas, zählten sie jedoch nicht zu ihrem persönlichen Besitz. Die Verwaltung ihrer Kolonien war eine Staatsangelegenheit, die vom Parlament und der Regierung wahrgenommen wurde, und nicht ihre Privatsache. Belgiens König aber herrschte in eigenem Namen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Offiziell hatte das Königreich Belgien zu jenem Zeitpukt noch nichts mit dem Kongo zu tun; es besaß nur zufällig dasselbe Staatsoberhaupt wie die fernen tropischen Gefilde. In Belgien war Leopold ein konstitutioneller Monarch mit begrenzten Kompetenzen, im Kongo ein absolutistischer Fürst. Aufgrund dieser extrem personalisierten Regierungsform glich er mehr einem Herrscher des Kongo-Königreichs im fünfzehnten Jahrhundert als einem modernen europäischen Monarchen. Und er verhielt sich zudem auch so, als würde er sein Reich tatsächlich &#039;&#039;besitzen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass Leopold so viel Macht an sich reißen konnte, war nicht von Anfang an absehbar, sondern eher ein schleichender Prozess. Die europäischen Großmächte hatten nicht ihn, sondern seine Association Internationale du Congo als souveräne Instanz über das Kongobecken anerkannt. Doch niemand schien zu protestieren, als er diese Scheinkonstruktion nach der Berliner Konferenz gar nicht mehr beachtete und ostentativ als Herrscher des Kongo-Freistaates auftrat. Man sah in ihm den großen Philanthropen mit vielen Idealen und noch mehr Finanzmitteln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Land selbst sah die Sache jedoch ganz anders aus. Leopolds Ideale erwiesen sich als ziemlich pekuniär, seine Finanzmittel oft als sehr prekär. Der Kongo-Freistaat bestand anfangs nur auf dem Papier. Noch Ende des neunzehnten Jahrhunderts verfügte Leopold über höchstens fünfzig Stationen, von denen jede über ein Gebiet etwa von der Größe der Niederlande herrschte. Jedenfalls theoretisch. In der Praxis entgingen große Teile des Territoriums einer effektiven Kontrolle. Katanga befand sich noch immer größtenteils in den Händen von Msiri, im Osten hatte noch immer Tippu Tip das Sagen, und mehrere einheimische Herrscher gaben sich nicht geschlagen. Die Zahl der Repräsentanten des Staates blieb sogar bis zum Ende des Freistaates gering. 1906 gab es nur fünfzehnhundert europäische Staatsbeamte bei insgesamt dreitausend Weißen (die anderen waren Missionare und Händler).1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bezeichnend für die hier skizzierten Umstände war, dass niemand so genau wusste, wo die Grenzen von Leopolds Reich verliefen. Nicht mal Leopold selbst. Zu diesem Punkt änderte er mehrmals seine Meinung. Vor der Berliner Konferenz war das begreiflich: Noch war nichts festgelegt. Einen ersten Umriss des künftigen Territoriums hatte er am 7. August 1884 zusammen mit Stanley in der königlichen Villa in Oostende entworfen. Stanley faltete die sehr provisorische Karte auseinander, die er nach seiner Afrika-Durchquerung gezeichnet hatte, ein größtenteils weißes Blatt, auf dem nur der Kongofluss mit seinen Hunderten Uferdörfchen detailliert wiedergegeben war. Auf ebendiesem Blatt brachte der König zusammen mit Stanley ein paar flüchtige Bleistiftstriche an. Noch willkürlicher ging es kaum. Es gab keine natürliche Einheit, keine historische Notwendigkeit, kein metaphysisches Schicksal, das die Bewohner dieses Gebietes dazu prädestinierte, Landsleute zu werden. Es gab nur zwei weiße Männer, einen mit Schnäuzer, einen mit Rauschebart, die an einem Sommertag irgendwo an der Nordseeküste mit Rotstift auf einem großen Bogen Papier ein paar Linien miteinander verbanden. Und doch war es diese Karte, die Bismarck ein paar Wochen später akzeptierte und die als Grundlage für die internationale Anerkennung dienen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 24. Dezember 1884 zückte der König erneut seinen Stift. Er war im Begriff, das Gebiet nördlich der Kongomündung an die Franzosen zu verlieren, ein Gebiet, in das er sehr viele Hoffnungen gesetzt hatte und auf das er nur schweren Herzens verzichtete. Zum Ausgleich tröstete er sich dann eben an diesem Heiligen Abend mit der Annexion eines anderen Gebietes: Katanga. Annektieren bedeutet hier buchstäblich: auf eine Landkarte schauen und so denken wie der mythische erste Grundeigentümer bei Jean-Jacques Rousseau: »&#039;&#039;Ceci est à moi&#039;&#039;.« Ein Militäreinsatz war nicht notwendig, es war ein Hasardspiel, kein Blitzkrieg. Also Katanga noch dazu. Leopold hatte jedoch nicht viel Freude daran. Katanga bestand aus Savanne, dort war weniger Elfenbein zu holen als im Regenwald. Erst Jahrzehnte später sollte sich herausstellen, dass der Boden voll war mit Erzen und Mineralien. Mit ein paar hingekritzelten Strichen eignete er es sich an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frankreich und Großbritannien akzeptierten im Lauf des Jahres 1885 die neuen Grenzen. Das bedeutete aber keineswegs, dass sie künftig unverrückbar waren. In den folgenden zwei Jahrzehnten kam es noch zu zahlreichen Grenzkonflikten: mit Frankreich über Ubangi, mit Großbritannien über Katanga und mit Portugal über Lunda, das Gebiet, das an Angola grenzte. Und als ob das alles noch nicht reichte, versuchte Leopold in den ersten Jahren des Freistaates noch zum Oberlauf des Sambesi, zum Malawisee, zum Victoriasee und zum Oberlauf des Nils vorzustoßen, kurzum in das gesamte Gebiet, das im Osten und Süden an seinen Besitz grenzte. Sein Landhunger war unersättlich. Warum diese Eile? Sein afrikanischer Staat war noch äußerst schwach. Sollte er nicht besser erst die Verhältnisse in seinen bisherigen Errungenschaften in Ordnung bringen, ehe er an eine Erweiterung dachte? Seine finanziellen Möglichkeiten waren zwar groß, aber doch nicht unerschöpflich? Das war alles richtig, doch Leopold war klar, dass bald nichts mehr zu erwerben sein würde in Zentral­afrika. Eine nachvollziehbare Überlegung. So mühelos, wie er vor 1885 Hunderttausende Quadratkilometer angesammelt hatte, so mühsam war es danach. Bis 1900 hoffte er noch auf eine weitere Expansion, konnte jedoch keinen seiner Pläne verwirklichen. Sein Interesse richtete sich vor allem auf den Nil, und er versuchte, den Sudan an sich zu reißen, wo er offenbar eine Art moderner Pharao werden wollte. Aber auch Uganda und Eritrea reizten ihn. Und außerhalb Afrikas lag er weiterhin auf der Lauer, um sich die Philippinen oder Teile Chinas anzueignen . . .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die endgültigen Grenzen des Kongo sollten erst 1910 festgelegt werden. Doch was heißt schon endgültig? 1918 änderte sich die Landkarte erneut, als Belgien Ruanda und Burundi als Mandatsgebiete hinzubekam. Bereits während des Ersten Weltkrieges hatte man an der Ostgrenze herumgebosselt. 1927 kam noch ein Stück von Katanga hinzu. Und noch 2007 gab es Diskussionen über die genaue Grenze zwischen dem Kongo und Angola.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute ist der Kongo-Freistaat weniger wegen seiner vagen Grenzen als vielmehr wegen seiner rücksichtslosen Verwaltung bekannt. Zu Recht. Diese Epoche gilt – zusammen mit den turbulenten Jahren vor und nach dem Unabhängigkeitsjahr 1960 und dem Jahrzehnt 1996 bis 2006 – als die blutigste Zeit in der gesamten Geschichte des Landes. Das gilt jedoch nicht für die ersten fünf Jahre. Von 1885 bis 1890 verlief alles noch relativ ruhig. Europäer beschäftigten sich noch immer hauptsächlich mit dem Elfenbeinhandel entlang der Posten, die Stanley seit 1879 gegründet hatte. Staatliche Verwaltungsstrukturen gab es kaum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das soll jedoch nicht heißen, dass Frieden und Eintracht herrschten. In manchen Gebieten kam es zu starken Protesten der Einheimischen gegen die neue Obrigkeit, doch diese Proteste unterschieden sich im Wesentlichen nicht von früheren Widerstandsformen. Man griff Expeditionen an, weigerte sich, die Fahne der neuen Herrscher zu hissen, und belagerte staatliche Posten. Nicht zufällig kam das oft in Gebieten an der Peripherie vor, wie im Kwango im Südwesten des Kongo, in Teilen Katangas im Süden und im Uélé-Gebiet im Nord­osten, denn dort war die traditionelle Macht von den turbulenten Ereignissen entlang des Flusslaufs weniger geschwächt worden, sodass noch relativ stabile Reiche existierten. Unter Zwang wurden sie, wie es dann hieß, »pazifiziert«.2&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. investierte privat eine große Summe in den Ausbau seines Staates, vor allem in neue Niederlassungen. So vergrößerte er seinen Einfluss auf das Territorium. Allerdings handelte es sich um eine sehr zurückhaltende Form der Verwaltung. Er errichtete keinen bürokratischen Staatsapparat, sondern schuf die Mindestvoraussetzungen für einen florierenden Freihandel. Die Kosten sollten so niedrig, die Profite so hoch wie möglich sein. Sein Imperialismus war stark ökonomisch motiviert. Die erhofften Erträge wollte er nicht dazu einsetzen, den Freistaat zu entwickeln, sondern nach Brüssel schleusen. Oft wurde das als Habgier gesehen, nicht ganz zu Unrecht. Dennoch ist das nur die halbe Geschichte. Leopold benutzte seinen einen Staat, den Kongo, um seinem anderen, Belgien, neuen Elan zu verschaffen. Er träumte von einer prosperierenden Wirtschaft, sozialer Stabilität, politischer Größe und Nationalstolz. In Belgien, wohlgemerkt – das Hemd war ihm näher als der Rock. Sein Unternehmen auf maßlose Selbstbereicherung zu reduzieren, wird den nationalen und sozialen Motiven seines Imperialismus nicht gerecht. Belgien war ein noch junger und labiler Staat, mit Niederländisch-Limburg und Luxemburg hatte es große Teile seines Territoriums verloren, Katholiken und Liberale waren sich inzwischen spinnefeind, das Proletariat begann sich zu regen: ein explosiver Cocktail. Das Land war vergleichbar mit einem »Dampfkessel ohne Ventil«, so sah es Leopold.3 Und der Kongo wurde zu diesem Ventil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Ort im Kongo, an dem der neue Staat am stärksten nach außen sichtbar wurde, war zweifellos das Städtchen Boma. 1886 wurde es die erste richtige Hauptstadt. Heute scheint dort die Zeit stehengeblieben zu sein. Es gibt nur wenige Orte in Afrika, die noch immer so deutlich die Spuren der Kolonialisierung im neunzehnten Jahrhundert tragen. Die Hauptstadtfunktion verlor Boma 1926 an Léopoldville, das spätere Kinshasa, als Hafenstadt wurde es auf die Dauer von Matadi überflügelt. Ein Spaziergang durch Boma ist ein Spaziergang durch die Zeit. Nah am Wasser reckt ein riesiger Baobab schon seit Jahrhunderten seine knorrigen Äste in die Luft. Ein paar Schritte weiter steht das alte Postamt aus dem Jahr 1887, wie nahezu alle Kolonialhäuser aus jener Zeit zum Schutz vor Fäulnis und Insektenfraß auf gusseisernen Stelzen errichtet. Ein Stück weiter, auf einem kleinen Hügel, prangt »die Kathedrale«, ein pompöser Name für eine kleine, bescheidene Kapelle ganz aus Eisen. Wände, Türen und Fenster bestanden aus losen Platten, die 1889 aus Belgien geschickt und vor Ort montiert worden waren, eine Art Ikea-Möbel &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039;. Am imposantesten ist jedoch der Amtssitz des Generalgouverneurs von 1908. Auch der stand auf gusseisernen Stelzen und war aus vorgefertigten Metallplatten errichtet, doch er war umgeben von einem prachtvollen Holzbau mit einer geräumigen Veranda, hohen Räumen, Stuckdecken und besonders kunstvoll geschliffenem Glas. Von hier aus wurde der Freistaat verwaltet: Der Generalgouverneur gab Instruktionen an seine Provinzgouverneure weiter, die übermittelten sie ihren Distriktskommissaren im Landesinneren, von dort aus gelangten sie zum &#039;&#039;chef de secteur&#039;&#039; und&#039;&#039;,&#039;&#039; noch eine Hierarchiestufe tiefer, zum &#039;&#039;chef de poste&#039;&#039;. In Boma wurden Briefmarken gestempelt, Statistiken erstellt und Soldaten ausgebildet. Hier tagte das Gericht, hier entstand eine Verwaltungsbehörde. Die Stadt fungierte als Scharnier zwischen dem Kongo und der Außenwelt. Und so war es auch dieser Ort, wo einige Jahrzehnte später die Einheimischen, die bereits Dampfschiffe, Druckerpressen und Blaskapellen gewohnt waren, das Bizarrste sahen, was ihnen jemals begegnet war: ein Auto. Ein britischer Industrieller hatte einen Mercedes mit acht Zylindern und Speichenrädern antransportieren lassen, ein paar Jahre später gefolgt von einem LaSalle aus den USA. »Für seine Frau«, sagen die Einwohner des Ortes heute; die Wracks der Oldtimer, der ersten beiden Automobile im Kongo, rosten noch immer unter einem Schutzdach am Stadtrand vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nicht nur die Einwohner von Boma kamen mit dem europäischen Lebensstil in Kontakt. An verschiedenen Orten des Landes verdingten sich junge Kongolesen als Boy. Damit drangen sie buchstäblich ins Haus, in die Küche und ins Schlafzimmer des Weißen vor. Sie sahen, dass er nicht auf einer Matte schlief, sondern auf einer Matratze. Sie sammelten seine Bettlaken und seine Schmutzwäsche ein. Sie schrubbten Schweißflecke aus Hemden und Urinflecke aus Unterwäsche. An der Wand sahen sie Fotos hängen und erzählten ihren Freunden davon: »Als ich im Haus des Weißen war, habe ich Leute gesehen, die hingen an den Wänden, in aufrechter Haltung, aber sie konnten nicht sprechen, sie blieben stumm. In Wirklichkeit waren es Tote. Die Weißen hatten sie gefangen.«4 Es war ein schwieriges Kennenlernen. Boys fragten sich, warum ihr Chef jeden Tag Pillen schluckte und warum er nicht mit den Händen aß, warum er so wütend wurde über einen Fleck auf seinem Glas und warum er den Kopf eines Fisches immer auf dem Teller liegen ließ (war das etwa nicht das Leckerste? Herrlich, zu spüren, wie die Knöchelchen zwischen den Zähnen knackten und wie die Augen im Mund platzten). Sie sahen ihn abends beim Schein einer Lampe schreiben, eine Pfeife rauchen oder eine Brille aufsetzen. Sonderbar war es, alles sehr sonderbar. Der Boy lernte auf westliche Art kochen, er deckte den Tisch, erledigte den Abwasch und machte die Betten. Er achtete darauf, dass er beim Bügeln – noch so etwas Seltsames! – die Sachen nicht versengte. Wenn der Chef irgendwohin musste, durfte er oft mit und kam so an Orte, die er sonst nie gesehen hätte. Ein guter Boy bekam oft Anerkennung, manchmal eine Tracht Prügel, aber selten die Möglichkeit der Selbstbestimmung. Leopold hatte geschworen, den swahili-arabischen Sklavenhandel zu beenden, doch im Grunde gab es kaum einen Unterschied zwischen dem Leben eines zentralafrikanischen Haussklaven auf der arabischen Halbinsel und dem Leben eines Boys bei einem europäischen Beamten oder Händler im Kongo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war das Leben, das Disasi Makulo führte, seit Stanley ihn Anthony Swinburne anvertraut hatte. Er hätte es schlechter treffen können, denn Swinburne war geduldig und freundlich und der Posten Kinshasa komfortabel und lebhaft. Keiner der beiden konnte jedoch ahnen, dass sich ihr Leben abrupt ändern sollte. Denn Leopold II. hatte einen Entschluss gefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Belgien war zwar nicht direkt an der Organisation des Freistaates beteiligt, aber der König sandte immer mehr Untertanen in den Kongo. Belgische Offiziere leiteten Expeditionen, belgische Diplomaten vertraten den Freistaat in einem Konsulat auf Sansibar, und die Stationen entlang des Flusses unterstanden fortan belgischen Staatsbürgern. Die Briten, die Stanley angestellt hatte, verschwanden nach und nach. Das Englische als Verwaltungssprache wich dem Französischen, auch wenn Ortsnamen wie Beach, Pool und Falls bestehen blieben. Und auch Wörter wie »steamer« und »boy« hatten sich, unter anderem durch die Tätigkeit der britischen und amerikanischen Missionare, eingebürgert. Auf Lingala, der Sprache, die entlang des Flusses gesprochen wurde, hieß ein Buch inzwischen &#039;&#039;buku&#039;&#039; und bedeutete das Verb &#039;&#039;beta&#039;&#039; »schlagen«, eine Verballhornung von &#039;&#039;to beat&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Berliner Konferenz war Leopold II. immer weniger auf die Briten angewiesen. Außerdem hatte er den Franzosen versprechen müssen, Stanley, in ihren Augen der leibhaftige Satan, der »ihrem« Brazza entgegengearbeitet hatte, nie einen hohen Posten im Freistaat zu übertragen.5 1886 ernannte Leopold Camille Jansen zum ersten belgischen Generalgouverneur des Freistaates. Die Association Internationale du Congo wurde trotz ihres ambitiösen und gewichtigen Namens allmählich zu einem Einmannbetrieb mit belgischem Personal. Unter den dreitausend Weißen, die sich 1908 im Kongo aufhielten, waren gut siebzehnhundert Belgier.6 Man wusste, dass man dort ums Leben kommen konnte, aber man hoffte, vor allem zu Ehre, Ruhm und Geld zu gelangen. Diese frühe Begeisterung in manchen Kreisen Belgiens ist kaum bekannt. Dass in seiner europäischen Heimat keine imperiale Begeisterung aufkam, lag also nicht daran, dass der König allein am Ruder seiner Unternehmung in Übersee stand. Die breite Masse der Belgier konnte er nicht mitreißen, aber in den Städten lief sich durchaus schon eine Elite von Offizieren, Diplomaten, Juristen und Journalisten warm. Und in den kleinen Provinzstädten träumten junge Männer aus der unteren Mittelschicht von einem heroischeren und ruhmreicheren Leben als Soldat, Kolonialbeamter oder Missionar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemanden wie Anthony Swinburne traf diese »Verbelgischung« besonders hart: Der Mann, der verhindert hatte, dass Kinshasa in französische Hände fiel und der deshalb insgeheim auf eine Ernennung zum Provinzgouverneur hoffte, musste seinen Hut nehmen.7 Für seine beiden Boys hingegen war die Entlassung ein Glücksfall. Im April 1886 endete das Dienstverhältnis ihres Chefs. Swinburne ging wieder nach England und nahm sie mit. Und so landete Disasi Makulo, der als Sklave von Tippu Tip dazu bestimmt gewesen war, nach Sansibar und von dort aus auf die arabische Halbinsel oder nach Indien verschifft zu werden, plötzlich in Europa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war schrecklich, zum ersten Mal das große Schiff und das Meer zu sehen. Nachdem wir aus dem Hafen ausgelaufen und in See gestochen waren, fühlten wir uns krank und mussten uns übergeben. Trotz aller Fürsorge, die uns zuteil wurde, fühlten wir uns auf der ganzen Überfahrt kaum besser. Nach vielen Tagen kamen wir in England an. Europa zu sehen kam uns wie ein Traum vor, wir konnten gar nicht glauben, dass das Wirklichkeit war! Die sehr hohen Gebäude, die gut gepflasterten Straßen, die Ordnung und Sauberkeit, die überall herrschten, die Häuser, die von innen gut ausgestattet waren. In dem Haus, in dem wir wohnten, gab es eine Art Schrank, in dem Lebensmittel lange aufbewahrt wurden, ohne zu verderben. Das Leben der Weißen war ganz anders als unseres. Jeden Tag waren wir fröhlich, das Einzige, was wir schwer ertrugen, war die Kälte. Aber man gab uns warme und schwere Kleider.8&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi gehörte damit zu der Handvoll Kongolesen, die es vor 1900 nach Europa verschlug. Insgesamt waren das höchstens einige hundert Menschen. Missionare nahmen manchmal ein paar Kinder mit. Sie dienten auch als Anschauungsmaterial bei ihren Vorträgen und förderten die Spendenbereitschaft. Um Arbeitsliebe und Strebsamkeit zu wecken, schleppte man sie auch auf Schiffswerften, in Kohlengruben und Glashütten. Eine winzige Zahl studierte am Congo Institute in Wales. Dort hatte der britische Baptist William Hughes eine Ausbildungsstätte für junge Kongolesen gegründet, die sich zum Pfarrer berufen fühlten: Zwölf von ihnen gingen zwischen 1889 und 1908 nach Colwyn Bay.9 Rund sechzig Jungen und Mädchen reisten in den 1890er Jahren in das ostflämische Dorf Gijzegem, wo sie die Schule von Abbé Van Impe besuchen durften. Die Knaben lebten im Internat, die Mädchen wurden auf Klöster in Flandern verteilt. Die Kinder trugen weiß-blaue Matrosenanzüge und -kleider.10 Andere Kongolesen landeten in ethnographischen Ausstellungen, und vor allem Pygmäen waren eine beliebte Zirkus- oder Jahrmarktsattraktion. Auf der Weltausstellung von Antwerpen 1885 konnte man ein »Negerdorf« mit zwölf Kongolesen besichtigen. 1894 waren es bereits 144. Aber die größte Gruppe, insgesamt 267, ging 1897 nach Tervuren als exotischer Publikums­magnet während der Kolonialausstellung. Sie bauten Hütten am Seeufer im Park und spielten den ganzen Tag lang sich selbst, vor den Augen von Hunderttausenden Belgiern, die einmal einen Schwarzen sehen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer mit den Wundern der westlichen Welt waren sie ständig mit dem rauen Wetter des gemäßigten europäischen Klimas konfrontiert. Sieben der Delegationsmitglieder in Tervuren starben während des verregneten Sommers an Grippe. Lutunu, ein ehemaliger Sklave, der wie Disasi Boy bei einem weißen Staatsagenten geworden war, übersiedelte im Winter 1884/85 mit dem britischen Baptisten Thomas Comber und noch einigen Kindern nach Großbritannien. Mehrere von ihnen bekamen Ohren- und Halsschmerzen, aber sie weigerten sich, westliche Medikamente einzunehmen, weil sie glaubten, dass man davon erblindete (was für das Chinin auch zutraf, mit dem sie Weiße in den Tropen Malaria hatten bekämpfen sehen). Obwohl sie keinen würdigen &#039;&#039;féticheur&#039;&#039; bei sich hatten und in ganz Liverpool kein Palmöl fanden, das zum rituellen Gebrauch geeignet war, heilten sie einander auf traditionelle Weise.11&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1895 reiste ein gewisser Buntungu mit John Weeks, einem anderen Baptisten, nach Großbritannien. Buntungu hatte eine Missionsschule am Fluss im Äquatorialwald besucht und konnte lesen und schreiben. Auch er kam mit einem Haufen phantastischer Geschichten über Dampfschiffe, Seekrankheit, Salzwasser und das Meer &#039;&#039;tout court&#039;&#039; nach Hause. Er schrieb sie im Boloki, seiner Muttersprache, auf. Es ist der einzige bekannte Text eines Kongolesen aus dem neunzehnten Jahrhundert.12&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ich sah so viele Dinge: Schafe, Ziegen, Kühe und was nicht alles. Es gibt alles Mögliche in ihrem Land. Wenn du mir nicht glaubst, sieh dir nur ihre Städte an, dann siehst du, wie sie sind. Und ihre Dörfer sind so reinlich. Eines Tages gingen wir zu einer Gewehr-Show, mit Schüssen in die Luft, die nach allen Seiten spritzten. (. . .) Und als die Kälte kam, sah ich Dinge wie Flocken, wie die Flocken am Molondo-Baum. Und ich fragte: »Was ist das?« Die Leute antworteten: »Das ist Schnee.« Unter unseren Füßen waren Hagelkörner, aber Hagelkörner sind hart und dies war weich. Das war auch das Ende des Jahreskreises. Sechs Monate lang ist es immer kalt, und die anderen sechs Monate scheint die Sonne. (. . .) Ihr Land ist also ganz anders als unseres. Ich sah keine einzige Schlange. Die Kleintiere, die sie halten und die wir auch in unserem Land haben, leben nicht auf dem Grundstück der Menschen, allerdings haben sie auch Kakerlaken, Ratten und Katzen. Aber für alle Tiere haben sie Gehege gebaut. Wenn man in so ein Gehege geht, sieht man verschiedene Tiere, und die Leute haben dort sogar Häuser für die Tiere gebaut. Nur das Pferd läuft frei herum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Buntungu blieb anderthalb Jahre in Großbritannien. Neben Bauernhöfen, Schneeflocken und Feuerwerk sah er auch London und »die vielen Dinge, die die Menschen dort hergestellt haben«. Mehr berichtete er darüber nicht. Die Heimkehr in sein Dorf beschrieb er hingegen sehr bewegend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ging zum Haus des Pfarrers und führte Selbstgespräche. Ich schaute mich um und sah meine Mutter, und ich sagte: »Das ist wirklich meine Mutter.« Ich ging zu ihr hin und rief ihren Namen, und sie sagte: »Wo ist Buntungu?« Und ich antwortete: »Ich bin&#039;s.« Und sie sagte: »Du bist also zurückgekehrt.« Ich sagte: »Ja.« Wir gingen durchs Dorf, und viele kamen, um mich zu begrüßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer im legendären Europa gewesen war, musste seine Geschichte immer wieder erzählen. Alte Menschen und Kinder hingen an seinen Lippen, die Verwandten fragten ihn aus. Die Zahl der Europa­reisenden war winzig, aber ganze Dörfer hörten zu, wenn jemand wie Buntungu von seiner ersten Fahrt mit der Eisenbahn berichtete: »Der Zug fuhr so schnell wie eine Fliege, unglaublich!« Die Daheimgebliebenen bestaunten die seltsamsten Gegenstände. Die Rückkehrer aus Tervuren hatten neben Anzügen und Hemden auch Melonen, Anstecknadeln, Spazierstöcke, Pfeifen, Uhren, Armbänder und Halsketten mitgebracht, außerdem Hämmer, Sägen, Hobel, Äxte, Angelhaken, Kaffeetassen, Trichter und Lupen als Brenngläser, um Feuer zu entfachen. Viele von ihnen hatten sich im Dorf Tervuren auch einen Hund zugelegt. Der junge Lutunu war nach seiner Englandreise sogar in New York gewesen, wo er bei der Schwester eines Missionars untergekommen war. Zum Abschied machte sie ihm ein sehr ausgefallenes Geschenk: ein Fahrrad! Lutunu nahm es mit in den Kongo und wurde damit der erste Radfahrer in Zentralafrika.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war praktisch, seine Boys auch in Europa um sich zu haben, meinten viele Weiße. Man erregte Aufsehen damit, und für die jungen Afrikaner war es interessant. Aber man musste auch auf der Hut sein: Ehe man sich&#039;s versah, lernte so ein junger Mann auf der Reise zu viel. Der britische Baptist George Grenfell reiste mit einem Jungen und einem Mädchen, beide neun, nach England, warnte seine Gastgeber jedoch: »Wenn wir sie mit Aufmerksamkeit überhäufen, wird es schwierig sein, sie wieder an den alten Status zu gewöhnen, wenn wir zurück sind.«13 Der belgische Sozialist Edmond Picard höhnte über Kolonialisten, die im Heimatland mit ihrem angeblichen Musterdiener angaben: »In der Regel dauert es nicht lange, bis dieses fabelhafte Wesen seinen unvorsichtigen Brotherrn, der es in allzu engen Kontakt mit unserer verfeinerten Kultur und unseren Zimmermädchen gebracht hat, zur Verzweiflung treibt.«14 Die Zahl der Kongolesen, die nach Europa reisen konnten, blieb immer begrenzt. Das Reisen machte einen Menschen nicht unbedingt zügelloser, offenkundig aber weniger gefügig. Das sollte sich auch später zeigen. Die kongolesischen Soldaten, die 1945 aus dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrten, sahen die Kolonialherrschaft zunehmend kritischer. Die Intellektuellen und Journalisten, die 1958 von der Weltausstellung in Brüssel zurückkehrten, begannen von der Unabhängigkeit zu träumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Disasi Makulo kehrte zurück. Nachdem Swinburne nicht mehr für den Freistaat arbeitete, war er fest entschlossen, als Händler im Kongo sein Glück zu machen. Zusammen mit Edward Glave, einem anderen Briten, den Leopold vor die Tür gesetzt hatte, kaufte er Elfenbein auf. Schon in Kinshasa boten ihm Einheimische Stoßzähne an. Irgendwann hatte er um die sechzig Stück um sein Haus herum gelagert, jeder zwischen zehn und fünfzig Kilo schwer. Doch sobald Swinburne über ein eigenes kleines Dampfschiff verfügte, fuhr er flussaufwärts, wo er das Elfenbein für weniger als ein Drittel des Preises erwerben konnte.15 Er war nicht der Einzige. Der Flusshandel, der fast vier Jahrhunderte lang in den Händen lokaler Schiffseigner gewesen war, wurde nun vollständig von Europäern übernommen. Leopolds internationaler Freihandel zerstörte die alten Handelsnetze binnen kürzester Zeit. Europäische Faktoreien mit Lagerräumen wurden errichtet. In Matadi legten Ozeandampfer an, die das Elfenbein mit Kränen an Bord hievten. In Antwerpen waren Speicherhäuser mit Stoßzähnen gefüllt. 1897 wurden 245 Tonnen Elfenbein nach Europa exportiert, fast die Hälfte der weltweiten Handelsmenge jenes Jahres. Antwerpen überflügelte schon bald Liverpool und London als Drehscheibe des internationalen Elfenbeinhandels.16 In ganz Europa bekamen Klaviere und Orgeln Tasten aus kongolesischem Elfenbein, in verräucherten Salons spielte man Billard mit Kugeln aus Elfenbein oder Domino mit Steinen, deren Rohstoff aus dem Äquatorialwald stammte, auf Kaminsimsen in Bürgerhäusern standen Figuren aus Elfenbein aus dem Kongo, sonntags flanierte man mit Spazierstöcken und Regenschirmen, deren Griffe einst Stoßzähne gewesen waren. Dem lokalen Handel machte der globale Freihandel indes den Garaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren vor allem Kinder und Jugendliche, die den europäischen Lebensstil aus eigener Erfahrung kennenlernten. Jungen kamen als Boys damit in Berührung, Mädchen als »&#039;&#039;ménagères«&#039;&#039;. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; war, trotz der Bezeichnung, weniger für klassische Haushaltstätigkeiten als vielmehr für den Hormonhaushalt zuständig. Da europäische Frauen einerseits für das Leben in den Tropen als ungeeignet angesehen wurden, man andererseits jedoch fand, dass eine allzu lange sexuelle Enthaltsamkeit die Arbeitslust und Lebenskraft des weißen Mannes beeinträchtigte, herrschte große Toleranz gegenüber Formen des Konkubinats mit einer Afrikanerin. Im Jahr 1900 lebten im gesamten Kongo nur zweiundachtzig weiße Frauen, darunter zweiundsechzig Nonnen; die Zahl der weißen Männer betrug mehr als elfhundert.17 Sehr viele von ihnen bauten deshalb lange und enge Beziehungen zu einer oder mehreren Afrikanerinnen auf. Manche bezeichneten ihre &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; in der Öffentlichkeit als »meine Frau«, andere entfalteten einen ausgesprochen freizügigen Lebensstil. Oft wurden sehr junge Mädchen von zwölf, dreizehn Jahren bevorzugt, oft verschwamm die Grenze zwischen Zuneigung und Prostitution, oft ging pure Lust mit Fürsorglichkeit einher. Aber immer waren es asymmetrische Beziehungen. Die &#039;&#039;ménagère&#039;&#039; schlief vielleicht unter demselben Moskitonetz wie der weiße Mann, oft aber lag sie, ob freiwillig oder nicht, auf einer Matte auf dem Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Missionaren war das alles natürlich ein Dorn im Auge. Doch im Kongo wurde die Kirche von Europäern ohnehin weitaus seltener besucht als im Heimatland: die winzige Kathedrale von Boma bot am Sonntagmorgen genug Platz. Nur bei Beerdigungen legte man noch Wert auf religiöse Zeremonien. Disasi Makulo sah es mit eigenen Augen. 1889, noch keine drei Jahre nach seiner Europareise, erkrankte sein Chef Swinburne an »gastrischem Fieber«. An seinen Beinen zeigten sich grässliche Geschwüre. Sein Zustand verschlechterte sich zusehends. Disasi und ein Freund fertigten einen Tragsessel mit einer Hängematte an und wollten ihn nach Boma bringen. Unterwegs machten sie Halt an der Missionsstation von Gombe, wo der britische Baptist George Grenfell den Kranken zwei Wochen lang pflegte. Als es Swinburne nicht besser ging, setzten sie ihren langen Marsch fort. An der holländischen Faktorei in Ndunga, wo Anton Greshoff arbeitete, der Onkel des niederländischen Autors Jan Greshoff, starb Swinburne. Er war erst dreißig. »Die Weißen, die wir an diesem Handelsposten getroffen hatten, beeilten sich, um die Beerdigung vorzubereiten. Alle Weißen in guten Anzügen und eine Menge Schwarze wohnten der Beerdigung bei«, erzählte er. Und er fügte hinzu: »An jenem Tag war die Welt für uns der bitterste Ort überhaupt, und unsere Gedanken erstarrten, da wir nicht wussten, ob wir in unserem Leben noch irgendeinen Rückhalt bekommen würden.«18&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Bestattung beschloss Greshoff, die beiden Jungen zur Missionsstation von George Grenfell zurückzubringen. Grenfell war schon zu Lebzeiten eine Legende. Seinen Ruf verdankte er einer bemerkenswerten Kombination von Bekehrungseifer und Entdeckungslust. Er kam 1879 als einer der ersten Missionare in den Kongo, wo er 1906 starb. In der ganzen Zeit war er offenbar immun gegen jede Tropenkrankheit. Mit seinem kleinen Dampfer »Peace« fuhr er ab 1884 zahlreiche Nebenflüsse des Kongo hinauf, die noch kein Weißer erkundet hatte. Innerhalb von zwei Jahren legte er zwanzigtausend Kilometer auf dem Kongo, dem Ubangi, dem Kasai, dem Kwango und anderen Nebenflüssen zurück. Er zeichnete Karten und gründete Stationen. Nach Stanley und Livingstone gilt er als die eigentliche Nummer drei der &#039;&#039;Congo explorers&#039;&#039;. Disasi Makulo, versklavt für Tippu Tip, den Händlern abgekauft von Stanley und Boy von Swinburne, wurde nun, mit etwa achtzehn, zusammen mit seinem Freund Diener beim berühmtesten aller Kongo-Missionare im neunzehnten Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grenfell empfing uns, als würde er uns schon sehr lange kennen. Er nahm uns mit auf seinem Schiff und, schau, da waren wir aufs Neue auf dem Fluss. Wir unternahmen viele Reisen auf dem Fluss und den Nebenflüssen. Am Anfang verstanden wir nicht, wozu das häufige und ständige Herumfahren gut sein sollte. Erst später erklärte er uns, dass es dazu diente, den Fluss zu erkunden und die jeweilige Umgebung zu erforschen, damit dort Missionsstationen gegründet werden konnten.19&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Missionare machten unverdrossen weiter. Während viele der europäischen Staatsdiener die Zügel schleifen ließen, gingen sie gegen das vor, was sie als verderbliche einheimische Bräuche ansahen, wie Menschenopfer, Giftproben zur Ermittlung von Schuldigen, Sklaverei und Polygamie. Aber das war natürlich subjektiv. Die meisten Einheimischen warteten nicht gerade ungeduldig darauf, sich zum Christentum bekehren zu lassen. Disasi Makulo wusste davon einiges zu berichten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir uns mit dem Schiff Bolobo näherten, kamen zahlreiche Dorfbewohner zum Ufer gelaufen. Sie schrien und schwenkten Messer, Speere und Waffen, weil sie glaubten, wir wollten Krieg führen. Um ihnen zu zeigen, dass wir nicht gekommen waren, um mit ihnen zu kämpfen, nahm Mrs. Bentley [die Ehefrau eines anderen Missionars] ihr Baby, hielt es hoch und zeigte es den Leuten. Die sahen zum ersten Mal eine weiße Frau und ein weißes Baby.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus lauter Neugier legten sie die Waffen nieder und kamen johlend näher, um diese Wesen zu bewundern. Das Schiff konnte unbehelligt anlegen.20&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bolobo wurde eine der wichtigsten Missionsstationen. In Ermangelung weißer Babys bedienten sich die Protestanten auch afrikanischer Kinder. Grenfell nahm auf seinen Reisen stets einige »seiner« Kinder mit. Sie hackten Holz für das Dampfschiff, standen am Steuerruder und fungierten als Dolmetscher. Als freigekaufte Sklaven sprachen sie oft noch die Sprache ihrer Heimatgegend, wo die Christianisierung gerade erst beginnen sollte. In Yakusu ging es mit der Missionierung zum Beispiel bedeutend flotter dank eines bekehrten einheimischen Mädchens. Die Dorfbewohner erkannten ihre Stammestätowierungen und wussten so, dass sie eine von ihnen war.21 Die Missionierung war also nicht nur eine Angelegenheit Weiß versus Schwarz; auch Schwarze beteiligten sich an der Evangelisation und hatten einen wichtigen Anteil an dem religiösen Wandel, der sich vollzog. Disasi Makulo wurde ebenfalls so ein Vermittler. Er ließ sich 1894 taufen und half bei der Christianisierung, und das recht erfolgreich. Grenfell schrieb in einem seiner Briefe: »&#039;&#039;Disasi&#039;&#039; (. . .) &#039;&#039;worked well and created quite a favourable impression among the natives.&#039;&#039;«22&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Reisen mit Grenfell kam Disasi zum ersten Mal in seinen Heimatort zurück. Das Wiedersehen mit seinen Eltern war ergreifend. Die Trommel verbreitete die Nachricht von der Rückkehr des verlorenen Sohnes. Verwandte ließen sofort ein paar Ziegen und Hunde schlachten und schlugen &#039;&#039;beiläufig&#039;&#039; vor, auch zwei Sklaven zu opfern. »Als ich das hörte, war ich zutiefst empört, dass in meinem Stamm noch solche barbarischen Bräuche der Sklaverei und des Kannibalismus fortbestanden.« Disasi protestierte heftig und band die Sklaven eigenhändig los, zur Bestürzung seiner früheren Dorfgenossen: »Viele von ihnen wunderten sich darüber, dass ich Mitleid mit den Sklaven hatte. Andere hielten mir vor, dass ich sie daran gehindert hatte, das köstliche Menschenfleisch zu essen. Die Tänze dauerten zwei Tage an, ohne Pause.«23 Disasi Makulo war zu einem Mann zwischen zwei Kulturen geworden, loyal gegenüber seinem Stamm und loyal gegenüber seinem neuen Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nicht der Einzige, der sich in einem neuen Wertesystem wiederfand. Die ersten Bewohner der Missionsstationen waren oft Kinder, die Behördenvertreter des Freistaates aus Konfliktgebieten mitgenommen hatten. Nicht alle waren in den Händen von Sklavenhändlern gewesen; manche waren Opfer von Stammesfehden. Lungeni Dorcas, ein Mädchen aus Kasai, wurde von Kämpfern des benachbarten Basonge-Stammes gefangen genommen. Sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Mutter und ihre Brüder brutal verprügelt wurden und ihr jüngster Bruder, noch ein Baby, auf den Boden geschmettert wurde, bis er tot war. Sie ist eine der wenigen Frauenstimmen, die wir aus jener Zeit kennen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach ein paar Tagen hörten wir, dass ein Weißer kommen würde, um gegen unsere Feinde zu kämpfen und uns zu befreien. Als die Eindringlinge das hörten, begannen sie ihre Gefangenen zu verkaufen. Dann kam der Weiße an, er war ein Vertreter des Staates und hatte viele Soldaten bei sich. Er ließ das Dorfoberhaupt zu sich kommen und sagte ihm, dass er alle Gefangenen befreien wolle, auch die seiner Untertanen. Er ließ einen Koffer mit allerlei Arten Perlen, Halsbändern, &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; [kupfernen Zahlstäbchen] und Stoffen öffnen. Wir waren sehr beeindruckt durch die Schönheit dieser Sachen und wurden dem Europäer vorgestellt. Nachdem er uns befreit hatte, nahm er uns mit nach Lusambo. An jenem Tag kam ein Schiff in Lusambo an, das von einem Weißen gesteuert wurde. Der Staatsbeamte übergab uns an ihn, und er nahm uns mit nach Kintambo in eine protestantische Missionsstation. Dort trafen wir viele Jungen und Mädchen aus verschiedenen Stämmen, die auch so wie wir gekauft worden waren.24&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Zeugnis ist von kaum zu überschätzender Bedeutung, da man hier genau erkennen kann, wie Missionsposten mit Hilfe des Staates zu ihren ersten Gläubigen kamen und wie dadurch zum ersten Mal interethnische Gemeinschaften entstanden. Junge Menschen, die weder die Sprache noch die Kultur der jeweils anderen kannten, lebten nun auf einmal intensiv zusammen. Die Missionare gingen sogar noch einen Schritt weiter und stifteten, wenn die Kinder älter waren, multikulturelle Ehen. Nochmals Lungeni Dorcas: »Um uns allerlei Probleme in der Zukunft zu ersparen, wollten die Missionare, dass wir nur junge Christen heirateten, die auch von ihnen erzogen worden waren.« Und in ihrem Fall bedeutete das eine Ehe mit einem alten Bekannten: »Darum arrangierten sie, dass ich Disasi heiratete. Was dann auch geschah.«25 Eine Generation vorher wäre es undenkbar gewesen, dass sie einen Mann heiraten würde, der aus einem achthundert Kilometer von ihrem Dorf entfernten Ort stammte; nun bekam sie sechs Kinder von ihm: drei Jungen und drei Mädchen. Die Mission relativierte den Stammesverband, löste Menschen aus ihren dörflichen Strukturen und propagierte die Kernfamilie (Eltern mit ihren Kindern) als Alternative.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch als junger Ehemann war Disasi noch zutiefst unglücklich über &#039;&#039;la terrible barbarie&#039;&#039; in seinem Dorf.26 Deshalb schlug er Grenfell vor, selbst einen Missionsposten aufzubauen. 1902 gründete er die Mission von Yalemba, einen der ersten schwarzen Missionsposten im Kongo. Grenfell besuchte ihn dort hin und wieder. Nach all seinen Irrfahrten war Disasi wieder zu Hause:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel meiner Rückkehr war es, den Meinen zu helfen, sie zu beschützen und ihnen das Licht der Zivilisation zu bringen. (. . .) Ich hatte beschlossen, dass sich alle Bewohner meines Dorfs bei meiner Mission ansiedeln sollten. Ich begann mit meiner Familie: mein Vater, meine Mutter, meine Schwestern, meine Brüder, meine Cousins und Cousinen. Die anderen Dorfbewohner wollten ihr Dorf zuerst nicht verlassen. Erst später, nach großen Anstrengungen, konnte ich sie dazu überreden, sich bei mir anzusiedeln.27&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwarze Katecheten wurden zum Brückenkopf zwischen zwei Welten. Etwas Ähnliches hatte mir der alte Nkasi bei unseren Gesprächen erzählt. Der jüngste Bruder seines Vaters, Joseph Zinga, war ja mit dem protestantischen Missionar Mister Welles nach Palabala gegangen, um Katechet zu werden. So hatte er sich europäisches Gedankengut und Wissen angeeignet und er lernte die christliche Zeitrechnung kennen. »Von ihm weiß ich, dass ich 1882 geboren bin«, hatte Nkasi gesagt.28&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen waren auch die Katholiken in die Gänge gekommen. Nach frühen Ansätzen durch die Spiritaner und die Weißen Väter wurde die katholische Missionsarbeit nach der Berliner Konferenz in kurzer Zeit sehr viel intensiver. Nachdem sich Leopold II. nun von seiner internationalen Gesellschaft getrennt hatte, bevorzugte er belgische Missionare, und die waren ausnahmslos katholisch. 1886 erklärte Papst Leo XIII., der sich mit Leopold hervorragend verstand, dass der Kongo-Freistaat von Belgiern christianisiert werden solle. Die Weißen Väter, ursprünglich eine Kongregation aus Französisch-Algerien, entsandten fortan nur noch Belgier. Aus zahlreichen belgischen Dörfern und Städten brachen junge Scheutisten und Jesuiten auf, gefolgt von Trappisten, Franziskanerinnen, Herz-Jesu-Missionaren und Schwestern vom Kostbaren Blut. Sie teilten das Landesinnere des Kongo sorgsam untereinander auf. Protestantische Missionare aus Großbritannien, Amerika und Schweden blieben aktiv, büßten jedoch an Einfluss ein: Sie mussten sich dem neuen Staat unterordnen und lernen, mit den Schikanen der katholischen Missionare zu leben, die ihnen Gläubige abtrünnig machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sich Protestanten auf der Basis ihrer Lehre der individuellen Gotteserkenntnis bemühten, einzelne Menschen zu überzeugen, richteten sich die Katholiken von Anfang an auf Gruppen. Für sie stand das kollektive Glaubenserlebnis im Vordergrund. Aber wie konnte man sich gleich ganzen Gruppen nähern? Auch hier waren Kinder die Lösung. Wie bei den Protestanten waren ihre ersten Anhänger häufig freigekaufte Kindersklaven, die ihnen der Staat anvertraut hatte. In der Missionsstation von Kimwenza zum Beispiel begannen die Jesuiten 1893 mit siebzehn befreiten Schwarzen, zwölf Arbeitern vom Stamm der Bangala, zwei Zimmerleuten, die von der Küste stammten, zwei Soldaten mit ihren Frauen und fünfundachtzig Kindern, die der Staat bei den arabisierten Sklavenhändlern »konfisziert« hatte. Gemeinsam bildeten diese Menschen &#039;&#039;une colonie scolaire&#039;&#039;. Im April 1895, zwei Jahre später, waren dort schon vierhundert Jungen und siebzig Mädchen und sogar vierzig Kleinkinder von zwei bis drei Jahren. 1899 gab es eine Kirche mit fünfzehnhundert Sitzplätzen, drei Bleiglasfenstern und zwei bronzenen Glocken, eine zweihundert und die andere sechshundert Kilo schwer. Sie waren in Belgien gegossen worden. Ihr Läuten war schon in einer Entfernung von zweieinhalb Stunden Fußweg vom Missionsposten zu hören.29&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterstützung durch die Regierung war also eine wesentliche Grundlage. Doch die Verflechtung von Kirche und Staat ging noch viel weiter. Bei der Gründung von Kimwenza rief ein Regierungsvertreter des Freistaates die Dorfvorsteher zusammen und legte ihnen ans Herz, dass die Missionare den besonderen Schutz des Staates genössen und dass niemand zögern solle, ihnen Hühner, Maniok und andere Lebensmittel zu verkaufen.30 Der Staat übernahm sogar die Kosten für den Betrieb der kleinen Schule, verlangte dafür jedoch, dass vier von fünf Schülern nach Abschluss ihrer Ausbildung in die Force Publique, die Armee des Freistaates, eintraten! So viel war deutlich: Die Jesuiten kämpften für Jesus, aber auch für Leopold. Das erklärt, warum die Schule wie eine belgische Kadettenanstalt geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schwarzen Kinder müssen salutieren und sogar marschieren. (. . .) Der Tagesablauf ist entsprechend. Um halb sechs aufstehen bei Trompetenschall, hastig waschen, dann Gebet: Pater, Ave, Credo auf Fiote [Kikongo]. Nach dem Beten Frühstück. Alle versammeln sich auf dem Platz vor dem Haus, der als Refektorium dient. Man bezieht Aufstellung. Der Sergeant schreit: »Habt acht!« Sofort ist es mäuschenstill. »Kolonne rechts!« Die kleine Reihe setzt sich in Bewegung und stellt sich kerzengerade und schweigend an den Tischen auf. »Setzen!«, und alle setzen sich. Dann folgt der voller Ungeduld erwartete Befehl: »Essen!«31&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einiger Zeit zeigten sich auch die Grenzen einer solchen &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039;: Es kamen keine Sklavenkinder mehr, und die benachbarten »Heiden« ließen sich, trotz allen Glockenläutens, nicht bekehren, wenn die meisten der ehemaligen Schüler in die Kaserne verschwanden. Deshalb führten die Jesuiten das System der &#039;&#039;fermes-chapelles&#039;&#039; oder Kapellenhöfe ein. In der Nähe eines existierenden Dorfes gründeten sie eine neue Niederlassung, in der Kinder aus der Umgebung in relativer Isolation beten, lesen und gärtnern lernten. Diese relative Isolation war ein wichtiges Prinzip: Man wollte die Kinder lange genug von ihrer gewohnten Kultur fernhalten, damit sie nicht ins »Heidentum« zurückfielen. »Die Schwarzen zivilisieren und sie zugleich in ihrem eigenen Milieu zu lassen ist so, wie einen Ertrunkenen zu reanimieren und seinen Kopf dabei unter Wasser zu halten«, lautete der feinsinnige Kommentar.32 Zugleich aber musste ihr neuer Status von wohlgenährten und gut gekleideten Katechismusschülern unübersehbar sein für die anderen, quasi nackten Dorfbewohner: Das erregte ja den Neid. Die Mission sollte als Mittel verstanden werden, zu materiellem Wohlstand zu gelangen. Für jedes Kind, das der Dorfvorsteher zum Kapellenhof gehen ließ, erhielt er ein Geschenk. Es war also nicht befremdlich, dass einer von ihnen einmal sagte: »Weißer, erweise meinem Dorf die Ehre, baue hier dein Haus, lehre uns wie die Weißen leben. Wir werden dir unsere Kinder geben, und du wirst aus ihnen &#039;&#039;mindele ndombe&#039;&#039; machen, schwarze Weiße.«33&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Missionsstationen wurden große Bauernhöfe und Schaufenster eines anderen Lebens. Die Zahl der Dörfer wuchs rasant an. Allein die Jesuiten bekehrten zwischen 1893 und 1918 rund zwölftausend Menschen. 1896 hielten sie auf ihrer Station Kisantu fünfzehn Kühe, 1918 mehr als fünfzehnhundert. Es gab dort eine Schreinerei, ein kleines Krankenhaus und sogar eine Druckerpresse.34 Nach Beendigung der Schulzeit blieben manche Ehemalige auf der Missionsstation und heirateten dort. Sie arbeiteten als Bauer, Zimmermann oder Drucker und gründeten Familien. Wie bei den Protestanten entstanden so Dörfer, die nicht unter der Autorität eines einheimischen Dorfvorstehers standen. Das Dorf mit seinen zahllosen Kontakten und vielerlei Formen von Solidarität war der monogamen Familie untergeordnet. Andere religiöse Orden übernahmen das Modell des Kapellenhofs, doch das System stieß auch auf heftige Kritik. Um ihre Taufbücher zu füllen, zögerten die Missionare nicht lange, Kinder als »Waisen« zu betrachten, auch wenn es nach afrikanischen Traditionen noch genug Verwandte gab, die sie aufziehen konnten. Als die Schlafkrankheit ausbrach, wurden Kinder massenweise aus ihren Dörfern weggeholt. »Das Resultat war verheerend«, erkannte ein Zeitgenosse, »und das hat uns bei den Eingeborenen verhasst gemacht.«35&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zugewandtheit der Missionare hatte auch ihre dunklen Seiten. Auch wenn sie der Bevölkerung mit freundlichem Lächeln gegenübertraten, so hatten sie doch manchmal hinterlistige Methoden. Der Brügger Missionar Gustaaf Van Acker erklärte, wie er als einer der Weißen Väter mit den »Zaubermitteln« des einheimischen Glaubens umging (»Knochen, Haare, Tierkötel, Zähne, hundert eklige Sachen und noch mehr«), die er unterwegs in den kleinen Hütten vorfand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Leute nicht vor den Kopf zu stoßen und unsere Forschungen nicht in Gefahr zu bringen, wollen wir diesem ganzen verfluchten Dreck keinen Schaden zufügen; wir mussten unseren Hass verbergen, und es kam nur hin und wieder vor, wenn wir allein waren, dass wir heimlich mit einem heftigen und wütenden Schlag das ganze Zeug zu Bruch gehen ließen. Könnten wir doch bald offener zu Werke gehen und in ganz Urua, in allen Dörfern und an allen Straßen, all diese Teufelssymbole und all den anderen Satanskram durch das selig machende Kreuz ersetzen. Ach! Wie viel Arbeit für so wenige Verkünder!36&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manche Missionare haben auf diese Weise Tausende von Fetischen zerstört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Boma hatte ich das Privileg, mit einigen sehr alten Bewohnern zu sprechen. Victor Masunda war 87 und blind, aber an die Geschichten seines Vaters erinnerte er sich noch verblüffend gut.37 »Der erste Missionar, den mein Vater sah«, sagte er, als wir zusammen in seinem dämmerigen Wohnzimmer eine Fanta tranken, »war &#039;&#039;père&#039;&#039; Natalis De Cleene, ein hünenhafter Mann aus Gent, ein Scheutist. Er hatte die &#039;&#039;colonie scolaire&#039;&#039; von Boma gegründet; sie ersetzte die Missionsstation der Spiritaner. Leopold bat den Papst, belgische Missionare zu entsenden, und so kamen die Scheutisten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er kannte De Cleenes Geschichte. Und auch der Name stimmte genau – ich fand ihn später in den Registern der Scheutisten wieder. De Cleene war ein berühmter Missionar gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vier, fünf Jahre später verließ dieser Pater die Stadt zu Pferde und gründete im Urwald von Mayombe die Missionsstation von Kango. Meine Eltern lebten im Urwald. Papa war 15. Im Dezember 1901 wurde er getauft. Er gehörte zum zweiten Jahrgang. Seine Nummer war 36B. Meine Mutter wurde 1903 getauft. Drei Jahre später haben sie geheiratet. Sie verließen ihr Dorf und zogen in die Arbeitersiedlung der Mission.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fragte Masunda, warum sie das getan hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schallendem Gelächter, das noch immer Scham verbergen sollte, sagte er: »Im Urwald gab es keine Stühle wie in der Mission, die Leute saßen noch auf Baumstämmen! Sie aßen nur Bananen, Yamswurzeln und Bohnen. Aber einer der Priester gab meinem Vater ein Gewehr! Er durfte Antilopen, Wildschweine und Biber jagen!« Mehr als ein Jahrhundert später pries er noch immer die Vorteile der Missionsstation: »Im Urwald trugen sie alte, verschlissene Sachen, aber in der Mission bekam mein Vater eine kurze Hose und meine Mutter einen kleinen &#039;&#039;boubou&#039;&#039;. Mein Vater lernte sogar ein bisschen schreiben. Die Kinder dort kamen von überall her. Neben seinem eigenen Kiyombe lernte er so Lingala, Swahili und Tschiluba.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag unterhielt ich mich im Schatten eines jungen Mangobaums mit Camille Mananga, 73 Jahre alt. Auch er war blind, auch er kam aus der Region Mayombe. Er erzählte mir nicht von seinem Vater, sondern von seinem Großvater. »Er wollte sich nicht taufen lassen. Er kletterte in seine Palme und machte Palmwein. Vier Frauen hatte er, und viele Kinder. Der Missionar meinte, er dürfe nur eine Frau behalten, aber er fühlte sich für alle vier verantwortlich. Er hat sich mit ihnen auch nie gestritten.«38 Erwachsene zu missionieren, war offenkundig eine mühsamere Angelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Protestantische Missionare hatten weniger enge Beziehungen zum Staat als die katholischen Sendboten, aber auch sie agierten nicht völlig eigenständig. Als der Freistaat 1890 Grenfells kleinen Dampfer für den Krieg gegen die afro-arabischen Händler im Osten requirierte, protestierte er heftig. Auf gar keinen Fall sollte seine Peace – allein schon der Name – in einem Krieg eingesetzt werden! Doch ein Jahr später nahm er nur allzu gern einen Auftrag an, mit dem ihn König Leopold persönlich betraute: Direkt vor Ort sollte die Grenze zwischen dem Freistaat und der portugiesischen Kolonie Angola festgelegt werden. Dieses Gebiet wurde von mehreren Ländern beansprucht, und zudem wütete dort einer der heftigsten Aufstände gegen die neue Regierung. Er, Grenfell, ein britischer Gottesmann, wurde also von vierhundert Soldaten der Force Publique eskortiert, um das Gebiet kartographisch zu erfassen und zu befrieden. Er besaß eine Vollmacht, Verträge abzuschließen und den Grenzverlauf zu bestimmen. Disasi Makulo begleitete ihn auf dieser strapaziösen Tour über Land in feindlichem Gebiet; es war »die mühsamste und gefährlichste aller Reisen, die wir je unternommen haben«. Auch er sah die sehr offenkundige Verquickung zwischen Mission und Staat: »Die Regierung stellte uns militärische Ausrüstung und Träger zur Verfügung.« Disasi Makulo trug die Pluderhose und den Fes der Uniform der Force Publique.39&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine weitere Art, wie junge Kongolesen mit dem Freistaat in Kontakt kamen, war die Armee. 1885 wurde die Force Publique ins Leben gerufen, eine Kolonialarmee, die von weißen Offizieren befehligt wurde. Die meisten Offiziere waren Belgier, aber es waren auch etliche Italiener, Schweizer und Schweden unter ihnen. Bei der Infanterie waren die ersten und am meisten geschätzten Soldaten ausnahmslos Sansibaris, Männer, die die Entdeckungsreisenden auf ihren Expeditionen begleitet hatten, und gleich danach Söldner aus Nigeria und Liberia. Diese Westafrikaner standen im Ruf, zuverlässige und mutige Soldaten zu sein. Ende 1885 traten die ersten Kongolesen in den Armeedienst ein. Sie waren zu zehnt. Man hatte sie im Regenwald bei den Bangala rekrutiert und nach Boma mitgenommen. Die Bangala waren für ihren Kampfgeist bekannt; man würde noch sehr viele von ihnen rekrutieren. Dadurch erfuhr ihre Sprache, das Lingala, große Ausbreitung und wurde zur wichtigsten Sprache im Westen des Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptstadt des Freistaates war Boma auch die erste Garnisonsstadt des Landes. Dort lernten junge Menschen, die nie eine Uhr gekannt hatten, einen streng auf die Minute geregelten Tagesablauf. Man stand um halb sechs auf und ging abends um neun schlafen. Trompetensignale unterteilten den Tag in Zeiten des Drills, des Appells, der Parade und der Essenspause. Militärische Zucht musste und sollte ihnen eingehämmert werden. Sie lernten schießen, das Gewehr putzen, marschieren und sogar Marschmusik spielen. Doch die stramme Disziplin vermochte ein gerüttelt Maß an Dilettantismus kaum zu kaschieren. Die Kavallerie besaß keine Pferde, sondern Esel – siebzehn, um genau zu sein. Die Artillerie hatte ein paar Krupp-Kanonen, aber kein bewegliches Ziel zum Üben. Man ließ die Soldaten einfach auf Antilopenherden zielen und feuern . . .40 Trotzdem sollte die Force Publique noch ein sehr wichtiger Faktor werden. In den ersten Jahren steckte König Leopold die Hälfte seines Budgets in diese Armee. Für viele junge Männer wurde der Militärdienst die unmittelbarste und eindringlichste Bekanntschaft mit dem Staat. Im Jahr 1889 gab es fünfzehnhundert Rekruten, 1904 waren es schon siebzehntausend. Kurz bevor er aufgehoben wurde, verfügte der Freistaat über mehr als fünfundzwanzigtausend Albini-Brändlin-Gewehre mit Bajonett, vier Millionen Schuss Munition, hundertfünfzig Kanonen und neunzehn Maxim-Maschinengewehre.41 Damit war die Force Publique die stärkste Armee in Zentralafrika. Anders als in Belgien durften junge Männer ihre Frau mitnehmen, wenn sie sich zum Militärdienst verpflichteten. Die Frau erhielt sogar ein kleines Entgelt, und es gab eine Kinderzulage. Auf diese Weise förderte die Armee, wie die Missionsstationen, die Monogamie und die Kleinfamilie.42 Es entstanden richtige »Clans« von Berufssoldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Kinshasa lernte ich 2008 Eugène Yoka kennen, schon seit Jahrzehnten Oberst der Luftwaffe, in der Zeit, als die Nationalarmee noch Flugzeuge besaß. Unter Mobutu hatte er dem auserwählten Kreis von Piloten angehört, die während der großen Militärparaden mit französischen Mirage-Maschinen über die Hauptstadt hinwegflogen. Schon sein Vater, erzählte er mir, sei Berufssoldat gewesen und habe den Ersten Weltkrieg miterlebt. Und sein Großvater war einer der allerersten Rekruten der Force Publique. Auch er kam aus der Provinz Équateur und gehörte zum Stamm der Bangala. Einer von Oberst Yokas zwei Söhnen war in die Armee eingetreten und inzwischen zum Rang eines Majors aufgestiegen.43 Vier Generationen überzeugte Soldaten, mehr als ein Jahrhundert lang im Dienst des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten fünf Jahre des Kongo-Freistaates waren, wie gesagt, weitaus die erträglichsten. Die Bürokratie war nur rudimentär entwickelt, von Terror im großen Stil war noch keine Rede. Aber eine wachsende Gruppe von Einheimischen, hauptsächlich Kinder und Jugendliche, kam mit dem europäischen Lebensstil direkt in Berührung. Als Boy, &#039;&#039;ménagère&#039;&#039;, Christ oder Rekrut gelangten sie in Häuser, wie sie sie nie zuvor gesehen hatten, trugen sie Kleider, die ihnen bis vor kurzem unbekannt gewesen waren, und kosteten sie Essen, das ihnen fremd war. Sie lernten Französisch und eigneten sich neue Denkweisen an. Einige von ihnen hatten sogar mit eigenen Augen gesehen, wie es in Europa zuging. Sie verbreiteten den neuen Lebensstil, oder ihre Interpretation davon. Junge Katecheten versuchten, ihre Verwandten und die Dorfbewohner davon zu überzeugen, dass sie ein heidnisches Leben führten. Junge Soldaten prahlten in ihrem Dorf mit ihrer Uniform und ihrem Sold. Ihre Frauen zogen mit in die Kaserne, ihre Kinder wuchsen dort auf. Es entwickelte sich ein Leben außerhalb des Dorfs, wie bei den Kapellenhöfen. Man lebte dort nicht mehr unter der Kontrolle eines einheimischen Herrschers, sondern unter einem straffen europäischen Regiment. Der Freistaat änderte viele Leben grundlegend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach 1890 sah es viel düsterer aus. Kontakt mit dem Freistaat bedeutete künftig nicht mehr nur die Bekanntschaft mit einer anderen Lebensweise, sondern eine Konfrontation mit Gewalt, Grausamkeit und Tod. Und das noch dazu in einem exponentiell größeren Maßstab. Erreichte der Freistaat anfangs einige Tausende oder Zehntausende Bewohner des Landes, erfuhren nun Millionen Menschen die brutale Präsenz des Staates. Um diesen radikalen Umschlag zu verstehen, müssen wir uns aufs Neue mit dem &#039;&#039;mastermind&#039;&#039; des Freistaates befassen, dem Planer, Vollstrecker, Nutznießer und für das gesamte Unternehmen letztlich Verantwortlichen: Leopold II.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der belgische König hatte sich 1885 die Verfügungsgewalt über den Kongo gesichert, indem er drei Versprechen abgab. Auf der Berliner Konferenz hatte er versprochen, den freien Handel zu gewährleisten und, zweitens, den Sklavenhandel zu bekämpfen. Und dem belgischen Staat hatte er versprochen, nie Geld für sein persönliches Projekt zu verlangen. Bis 1890 hielt er sich strikt an diese Abmachungen: Der Freihandel florierte, die belgische Staatskasse blieb unbehelligt, der Kampf gegen den Sklavenhandel war zwar noch nicht gewonnen, aber die Missionsstationen erhielten wenigstens regelmäßig »befreite« Kinder zum Geschenk. Es waren buchstäblich teure Versprechen. Damit der Freihandel überhaupt stattfinden konnte, musste Leopold auf eigene Kosten die notwendige Infrastruktur und Verwaltung schaffen. Eine teure Angelegenheit, von der hauptsächlich andere profitierten. Leopold nahm die Sache in Angriff, weil er hoffte, auch für sich große Gewinne zu erzielen, erlebte jedoch eine herbe Enttäuschung. Von 1876 bis 1885 hatte er bereits zehn Millionen Belgische Franc investiert, doch die Erträge im Jahr 1886 beliefen sich auf nicht einmal 75.000 Franc.44 Um 1890 hatte er bereits neunzehn Millionen Franc in den Kongo gesteckt. Das große, von seinem Vater ererbte Vermögen hatte sich damit in Luft aufgelöst. Der König war so gut wie bankrott.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu diesem Zeitpunkt entschloss er sich, zwei seiner Versprechen zu brechen: Er flehte Belgien um Geld an, und er behinderte den Freihandel erheblich. Doch obwohl eine Elite von Bankiers und Industriellen zunehmend eine »Kongophilie« an den Tag legte, war das belgische Parlament ganz und gar nicht auf ein koloniales Abenteuer erpicht. Andererseits konnte es auch nicht einfach zusehen, wie das Staatsoberhaupt bankrott ging. Also wurde, wenn auch widerwillig, ein Darlehen vereinbart: Der König erhielt fünfundzwanzig Millionen Goldfranc, als Rekapitalisierung, die später noch einmal um sieben Millionen Goldfranc aufgestockt wurden.45 Außerdem investierte das Land hohe Summen in den Bau einer Bahnlinie. Zugleich wurde vereinbart, dass der Kongo im Falle einer anhaltenden Wirtschaftsmisere von Belgien übernommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel gravierender für die Situation vor Ort war Leopolds rücksichtslose Serie von Erlassen, sämtliche Flächen im Kongo, die nicht landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, als Eigentum des Freistaates zu betrachten, einschließlich aller dort eventuell vorhandenen Rohstoffe. Damit machte er den europäischen Elfenbeinhändlern einen dicken Strich durch die Rechnung, und für die lokale Bevölkerung war es eine Katastrophe. Auf einen Schlag verstaatlichte der König etwa 99 Prozent des gesamten Territoriums. Ein Pygmäe, der einen Elefanten schoss und die Stoßzähne verkaufte, bestritt damit nun nicht mehr auf legale Weise seinen Lebensunterhalt, sondern beraubte den Staat. Ein britischer Händler, der die Stoßzähne kaufte, trieb keinen Handel, sondern betätigte sich als Hehler. Auf dem Papier bestand der Freihandel zwar noch weiter – anders ging es nicht –, in der Praxis aber kam er völlig zum Erliegen: Es gab einfach nichts mehr, das sich käuflich erwerben ließ, denn der Staat behielt alles für sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt eines Buchhalters aus war Leopolds &#039;&#039;coup de théâtre&#039;&#039; zweifellos schlau und gerissen, in ethnologischer Sicht ging er völlig an der Realität vorbei. Der Einfachheit halber schien der belgische König davon auszugehen, dass die Dorfbewohner nur das Stück Land benötigten, auf dem ihre Hütten standen und ihre kleinen Felder lagen. In Wirklichkeit jedoch nutzten die lokalen Gemeinschaften Gebiete, die um ein Vielfaches größer waren. Die extensive Landwirtschaft zwang sie, alljährlich neue Felder im Regenwald oder in der Savanne anzulegen. Zudem kam es nicht selten vor, dass sich ganze Dörfer woanders ansiedelten. Und da die Menschen nie allein von der Landwirtschaft lebten, nutzten sie sehr weiträumige Jagdgebiete und Fischgründe. Leopolds Erlasse raubten den Menschen konkret das, was ihnen lieb und teuer war: ihren Grund und Boden. Er hatte keinerlei Vorstellung von den überaus komplexen lokalen Rechten der Bodennutzung, geschweige denn von den einheimischen Auffassungen über kollektiven Grundbesitz. Er verpflanzte schlichtweg das westeuropäische Konzept des Privateigentums in die Tropen und legte damit den Keim für einen großen Unmut gegenüber dem Freistaat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie stand es um sein drittes Versprechen, die Bekämpfung des Sklavenhandels? Das war die einzige Zusage, an die er sich hielt und um die er sich sogar vehement kümmerte, verschaffte ihm dieser Kampf doch einen idealen Deckmantel für seine expansionistischen Ambitionen. Von November 1889 bis Juli 1890 fand in Brüssel eine große Antisklaverei-Konferenz statt. Danach intensivierte der König seine Anstrengungen noch. &#039;&#039;Grosso modo&#039;&#039; konzentrierten sich die militärischen Operationen auf drei große Zonen: Von Süden nach Norden waren das Katanga, Ost-Kongo und Südsudan. Diese Regionen entsprachen den historischen Einflussbereichen der drei wichtigsten afro-arabischen Sklavenhändler Msiri, Tippu Tip und Al-Zubayr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Katanga, also das Reich von Msiri, wurde zwischen 1890 und 1892 annektiert. Leopold beeilte sich, da er wusste, dass Cecil Rhodes von Südafrika aus ebenfalls im Begriff war, dorthin vorzustoßen. Cecil Rhodes, ein britischer Imperialist, der es in puncto Megalomanie mit dem belgischen König aufnehmen konnte, wollte den britischen Kolonialbesitz in Afrika from Cape to Cairo ausweiten. Doch Katanga fiel an Leopold, und jetzt nicht mehr nur auf der Karte, die er am Heiligabend 1884 studiert hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die Sklavenjäger im Ost-Kongo erwies sich als mühsamer; sie waren nicht nur gut bewaffnet und vermögend, sondern hatten auch viel Erfahrung mit der Kriegsführung in dem Gebiet. 1886 hatten sie den staatlichen Handelsposten Stanley Falls angegriffen. Um die Gemüter zu beschwichtigen, ernannte Stanley, mit Leopolds Einverständnis, Tippu Tip zum Gouverneur der Provinz an den Stanleyfällen; er war ja ohnehin der mächtigste Mann im weiten Umkreis. Tippu Tip geriet dadurch in einen Loyalitätskonflikt. In einem Brief an König Leopold schrieb er: »Niemand von den Belgiern im Kongo ist mir gewogen, und ich stelle fest, dass sie mir nur Übles wünschen. Langsam finde ich es bedauerlich, dass ich in den Dienst des Königreichs Belgien getreten bin. Ich merke, dass ich unerwünscht bin. Und jetzt habe ich auch noch Zerwürfnisse mit allen Arabern. Sie sind erbost, weil ich Belgien mehr Elfenbein liefere als ihnen.«46 Die wirtschaftlichen Interessen von Europäern und Sansibaris prallten so aufeinander, dass es einfach zu einer Konfrontation kommen musste – zumal das Angebot an Elfenbein beständig abnahm. Von 1891 bis 1894 unternahm die Force Publique die sogenannten »arabischen Feldzüge«. Unter dem Befehl von Leutnant Dhanis kam es 1892 zur Zerstörung von Nyangwe und Kasongo, den beiden wichtigsten Handelszentren der Swahili sprechenden Muslime im Ost-Kongo. Damit war die Macht der afro-arabischen Händler aus Sansibar endgültig gebrochen. In ökonomischer und militärischer Hinsicht waren sie zwar stärker, politisch aber war ihr Reich zu sehr zersplittert. Tippu Tip hatte zu jener Zeit den Kongo bereits verlassen, um seinen Lebensabend auf Sansibar zu verbringen. Trotzdem blieb der Islam in der Provinz Maniema und in Kisangani bis zum heutigen Tag als Minderheitenreligion gegenwärtig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Norden kam es zu den hartnäckigsten Kämpfen. Jahrelang hielt Leopold an seinem Traum von der Annexion des südlichen Sudans fest. Seit seiner Hochzeitsreise nach Kairo 1855 war bei ihm die Ägyptomanie entfesselt, der Nil ließ ihn nicht mehr los. Wenn er den Südsudan an sich risse, wäre er auch imstande, sich den Oberlauf dieses mythischen Flusses anzueignen. Überdies galt das Gebiet als reich an Elfenbein. Bereits 1886 hatte Leopold Stanley entsandt, um Emin Pascha, einem deutschen Arzt aus Schlesien namens Eduard Karl Oskar Theodor Schnitzer, der sich als Gouverneur der ägyptischen Provinz Äquatoria am Obernil mit exotischen Titeln schmückte, während des Mahdi-Aufstandes beizustehen. In Wirklichkeit war es ein erster Versuch, den Südsudan dem Kongo anzugliedern. Leopold bot Stanley 1890 die sagenhafte Summe von 2,5 Millionen Goldfranc, um die Sache zu erledigen und sogar Khartum zu erobern, aber dazu hatte der Entdeckungsreisende keine Lust mehr.47 Deshalb finanzierte der König ein paar eigene Feldzüge, angeführt von belgischen Offizieren; keiner von ihnen überlebte. 1894 überließen ihm die Briten ein kleines Stück im Süden des Sudans als Leihgabe, aber das stellte ihn nur halb zufrieden. Noch einmal rekrutierte er ein Expeditionskorps. 1896 wollte die Force Publique mit der größten Armee, die Zentralafrika jemals gesehen hatte, vom Nordosten des Kongo aus zum Nil vorstoßen. Doch so weit sollte sie nie gelangen. Scharenweise verweigerten die Soldaten den Gehorsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie war das möglich? 1891 hatte der Freistaat ein System der zwangsweisen Einberufung für die Force Publique eingeführt, denn mit den wenigen Anwärtern, die sich freiwillig meldeten, ließ sich keine schlagkräftige Armee aufbauen. Deshalb mussten Dorfvorsteher, genau wie die Missionsstationen, eine bestimmte Anzahl junger Männer der Armee überlassen. Vorgesehen war ein Soldat pro fünfundzwanzig Hütten. Die Militärzeit dauerte sieben Jahre. Für Dorfvorsteher war das die ideale Gelegenheit, Unruhestifter, Querulanten und Gefangene loszuwerden. Die Force Publique konnte also wachsen dank des Zustroms an störrischen Elementen, die alles andere als motiviert waren. Das zeigte sich auch während dieses Feldzuges in den Sudan. So ein Feldzug war kein strammer Marsch bis aufs Schlachtfeld. Hunderte Frauen, Kinder und alte Leute zogen zusammen mit den Soldaten durch den Urwald, uniformierte Männer mit Albini-Brändlin-Gewehren kämpften Seite an Seite mit traditionellen Kriegern, die brüllend ihre Speere schwangen. Hier war keine reguläre nationale Armee unterwegs, sondern ein chaotischer Haufen, der mehr an eine wüste Brigade aus Soldaten und Söldnern im achtzehnten Jahrhundert erinnerte als an ein geordnetes napoleonisches Karree. Und das Chaos herrschte nicht nur im Erscheinungsbild der Truppe, sondern ging bis in den Kern des Militärapparats. Proviant für so viele Menschen konnte man unmöglich mitschleppen, also war die Verpflegung eine Frage der Improvisation. Manchmal kaufte man bei der lokalen Bevölkerung Nahrungsmittel, öfter wurde man abgewiesen. Also nahm man sich, was man brauchte. Plündernd bahnte man sich einen Weg in den verheißungsvollen Sudan. Zwischen der Force Publique und den Batambatamba, von denen Disasi gesprochen hatte, den afro-arabischen Banden von Sklavenräubern von ehedem, bestand wenig Unterschied, auch wenn man es in Brüssel gern anders darstellte. Das musste einfach zu Unmut führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon 1895 hatte in Kasai ein Aufstand in der Kaserne stattgefunden, es hatte Todesopfer gegeben, auch auf europäischer Seite; mehrere hundert Rebellen entzogen sich der Gewalt des Staates. Doch was die Truppen auf dem Weg in den Sudan entfesselten, war beispiellos. Zehn belgische Offiziere wurden ermordet. Mehr als sechstausend Soldaten und Angehörige von Hilfstruppen wandten sich gegen ihre Befehlshaber. Aus der Meuterei, angeführt von Batetela, wurde eine Rebellion, die vier Jahre dauerte. Es war der erste große, gewaltsame Protest gegen die Anwesenheit der Weißen. Militärhistoriker haben oft auf die schlechte Truppenmoral, nicht zuletzt aufgrund der miserablen Bedingungen, hingewiesen: Die Soldaten waren krank und unterernährt, sie starben scharenweise, viele von ihnen waren kaum ausgebildet, die Neuzugänge waren Männer, die noch auf der Seite der afro-arabischen Sklavenjäger gekämpft hatten und nun keine Lust verspürten, für die andere Seite in die Schlacht zu ziehen. Aber auch die maßlose Strenge der Offiziere, zusammen mit ihrer absoluten Inkompetenz auf dem Gebiet der Logistik und Strategie nährte einen tiefen Hass. Und dieser Hass richtete sich nicht nur gegen die Offiziere, nicht einmal gegen die Belgier, sondern gegen die Weißen insgesamt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein französischer Pater durchlebte eine bange Nacht, als ihn die Aufständischen gefangen nahmen. Er bekam mit, was gegen ihn vorgebracht wurde: »Alle Weißen haben sich gegen die Schwarzen verschworen. Alle Weißen müssen getötet und vertrieben werden.« Doch er konnte seine Gegner umstimmen. Auch für die Geschichtsschreibung war dieser Ausgang ein Glück. In einem Brief an seinen Bischof berichtete er, was ihm widerfahren war. Deshalb kennen wir die Gründe der Rebellion ziemlich genau. Einer der Anführer erzählte ihm: »Schon drei Jahre lang fraß ich den Groll gegen die Belgier in mich hinein, vor allem gegen Fimbo Nyingi, und nun war die Gelegenheit zur Rache gekommen.« Fimbo Nyingi war der Beiname von Baron Dhanis, dem Kommandanten des Expeditionskorps, der auch schon im Ost-Kongo die Truppen befehligt hatte. Sein Beiname bedeutete »Viele Peitschenhiebe«. Der Pater hatte ein offenes Ohr für die Beschwerden der Rebellen: »Sie wurden sogar freundlich und boten mir Kaffee an – der übrigens sehr gut schmeckte. Was sie mir über die Belgier berichteten, war tatsächlich schockierend: Manchmal mussten sie monatelang hart arbeiten ohne jede Entlohnung, außer hin und wieder einer Tracht Prügel mit der kiboko. Für den geringsten Verstoß wurde jemand gehängt oder standrechtlich erschossen. Sie berichteten mir von mindestens vierzig Hauptleuten, die wegen einer Lappalie umgebracht worden waren, und die Zahl der Toten unter dem einfachen Fußvolk ließ sich gar nicht beziffern . . .« Belgische Offiziere, erzählten sie ihm, ließen einheimische Herrscher lebendig begraben. Sie beschimpften ihre Soldaten als Tiere und brachten sie um, »als ob es Ziegen seien«.48&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie gedacht, dass ich aus dieser fernen, düsteren Zeit noch Echos auffangen würde im Kongo des beginnenden dritten Millenniums. Doch eines Tages saß ich im Stadtviertel Bandalungwa in Kinshasa Martin Kabuya gegenüber. Er war 92, ehemaliger Soldat der Force Publique, Veteran des Zweiten Weltkriegs. Er lebte in der Hauptstadt, doch seine Familie kam aus Aba, einem kleinen Dorf im äußersten Nordosten des Kongo, an der Grenze zum Sudan. Sein Großvater war dort Dorfvorsteher gewesen, zur Zeit der Feldzüge der Force Publique in den Südsudan. »Sein Name war Lukudu, und er war sehr bösartig. Darum haben sie ihn lebendig begraben, den Kopf gerade so über der Erde«, wusste er noch. Das war offenbar eine gängige Praxis. Um den Widerstand störrischer Dorfvorsteher zu brechen, grub man sie ein, vorzugsweise in der prallen Sonne und in der Nähe eines Ameisenhaufens. Manche wurden gezwungen, stundenlang direkt in die Sonne zu blicken. Auch ihre Familien wurden zerstört: Unter dem Vorwand, sie würden »befreit«, nahm man ihnen die Kinder weg. »Alle seine Kinder haben die Maristenpatres in das Internat von Buta [sechshundert Kilometer westlich] mitgenommen. Auch meinen Vater. Dort wurde er katholisch. Er heiratete in der Missionsstation und bekam drei Kinder. Ich bin das jüngste.«49&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im Osten König Leopolds Truppen den Sklavenhandel bekämpften, aber dabei neue Formen der Unterdrückung praktizierten, ging es im Westen nicht viel besser zu. Regelrechte Kriege fanden dort nicht statt, wohl aber tägliche Formen von Gewalt und Terror. In Bas-Congo wurde von 1890 bis 1898 die Bahnlinie zwischen Matadi und Stanley Pool angelegt. Man hoffte, so das unpassierbare Stück des Kongoflusses zu umgehen. Schon Stanley hatte geäußert, der Kongo sei keinen Penny wert ohne diese Bahnlinie. Das System der Träger war einfach zu teuer und zu langsam, vor allem, da der Staat nun der wichtigste Exporteur wurde. Eine Karawane benötigte für diesen Abschnitt achtzehn Tage, eine Dampfeisenbahn, auch wenn sie oft anhalten müsste, um Wasser und Brennholz aufzunehmen, nur zwei.50 Mit großer Mühe konnte Leopold das Geld für dieses Unternehmen auftreiben (es kam von Privatinvestoren und vor allem vom belgischen Staat); mit noch größerer Mühe gingen die Arbeiten vonstatten. In den ersten beiden Jahren wurden nur acht Kilometer der gesamten Strecke von fast vierhundert Kilometern realisiert: Schlängelnd mussten sich die Schienen einen Weg durch das unwirtliche, bergige Gebiet östlich von Matadi bahnen. Nach drei Jahren war man noch nicht weiter als Kilometerstein 37. Die Arbeitsbedingungen waren außerordentlich schwer. Malaria, Dysenterie, Beriberi und die Pocken dezimierten die Zahl der Arbeiter. Schon in den ersten achtzehn Monaten starben neunhundert afrikanische Arbeiter und zweiundvierzig Weiße; weitere dreihundert Weiße mussten nach Europa zurückgeschickt werden. In den gesamten neun Jahren kamen rund zweitausend Beteiligte ums Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Organisationsstruktur erinnerte ein wenig an die der Armee: an der Spitze eine belgische Elite, in diesem Fall von Ingenieuren, Bergbauspezialisten und Geologen, die von Oberst Albert Thys geleitet wurde, einem Militär und &#039;&#039;captain of industry&#039;&#039;. Unter ihnen standen die Arbeiter, die aus Sansibar und Westafrika stammten und deren Zahl zwischen zweitausend und achttausend schwankte. Außerdem gab es ein paar Dutzend italienischer Bergleute. Doch als immer weniger Afrikaner in der Hölle des Kongo arbeiten wollten, rekrutierte man Leute auf den Antillen und ließ Hunderte Chinesen aus Macao per Schiff kommen – fast alle von ihnen starben an Tropenkrankheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kongolesen selbst waren, wie in der Armee, anfangs kaum anzutreffen. Die Begründung lautete, dass sie vorerst noch als Träger unentbehrlich seien. Erst als man 1895 bei Tumba fast die Hälfte der Trasse fertiggestellt hatte, warb man Arbeiter aus der lokalen Bevölkerung an. Das geschah in der Gegend von Etienne Nkasi, dem uralten Mann, dem ich in Kinshasa begegnet war. »Ich war damals so 12, 15 Jahre alt«, erzählte er mir bei einem unserer Gespräche, »ich war noch ein Kind, ich konnte noch nicht arbeiten, aber ich ging mit meinem Vater mit. Er hat für die Eisenbahn gearbeitet. Kinshasa und Mbanza-Ngungu gab es noch nicht.« Tatsächlich, fiel mir ein, Kinshasa war noch keine Stadt, höchstens ein Konglomerat mehrerer Siedlungen; Mbanza-Ngungu, das ehemalige Thysville, musste noch gegründet werden. Das Städtchen verdankt seine Existenz allein der Bahnlinie. Am höchsten Punkt der Strecke, genau in der Mitte zwischen Matadi und Kinshasa, lag ein angenehm kühler und fruchtbarer Hügel. Hier erbaute man zwischen 1895 und 1898 die kleine Stadt, die nach dem Chefingenieur benannt wurde. Die Reisenden übernachteten dort während der zweitägigen Fahrt. Es war ein bunter, blühender Ort, wo viele europäische Pflanzen gezüchtet wurden. Heute stehen dort verrostete Züge auf verrosteten Gleisen neben verfallenen Kolonialvillen im &#039;&#039;Art-nouveau-&#039;&#039;Stil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich war dort, als Thysville gebaut wurde«, entfuhr es Nkasi, und er überraschte mich zum wiederholten Mal mit seinen unglaublich weit zurückliegenden Erinnerungen. »Mein Vater hat Albert Thys noch gekannt. Er war der Chef eines kleinen Trupps, mein Vater. Zu vier Schwarzen zogen sie den Weißen über die Schienen voran. Der Weiße hatte so einen weißen Helm auf. Ich habe das gesehen.« Er lächelte, als merke er erst jetzt, wie lange das schon her war. »Papa hat in Tumba, Mbanza-Ngungu, Kinshasa und Kintambo gearbeitet. Ich bin ihm überallhin gefolgt.« Das waren tatsächlich die Stationen der restlichen Strecke. 1898 war die Bahnlinie fertig. Bei der festlichen Eröffnung tuckerte die Bahn mit weißen Passagieren, die Herren im Galaanzug, die Damen mit Dekolleté, von Matadi nach Kinshasa, eine neunzehnstündige Fahrt. Unterwegs wurde Feuerwerk gezündet, und hier und da standen uniformierte Schwarze und salutierten. An manchen Stationen wurden die Reisenden mit Liedern empfangen, gesungen vom Chor der nächstgelegenen Mission; ein klappriges Harmonium begleitete den Gesang.51 Die berühmte Eisenbahn war eigentlich nur ein Schmalspurzug, eine Art Tram mit offenen Waggons, aber die Eröffnung der Linie bedeutete dennoch einen Meilenstein für die Ausbeutung des Kongo. Für Nkasi aber bedeutete dieser Tag die Heimkehr. Er war drei Jahre lang fern von zu Hause gewesen. »Als die Arbeiten fertig waren, ging Papa zurück ins Dorf, zurück zu meiner Mutter. Um wieder Kinder zu machen. Ich war noch immer der Einzige. Nach mir waren zwei gestorben. Als er von der Eisenbahn zurückgekommen war, machte er noch fünf.« Ich fragte ihn nach den Zügen von damals. Auch das wusste er noch. »Der Motor, das war Holz«, erklärte er mir. »Und wenn sie fuhren . . .« Er setzte sich kurz aufrechter aufs Bett, ballte die alten Fäuste und machte mit seinen dünnen Armen langsam kleine Kreise neben seinem Körper. »Das ging: tuuut . . . taka, taka, taka.« Dann fiel er in ein lautloses Lachen.52&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Eisenbahnlinie zu arbeiten, war nicht das Schlechteste, vor allem nicht ab 1895. Denn zu dem Zeitpunkt, als einheimische Arbeitskräfte eingesetzt wurden, wurde ein Prämiensystem eingeführt. Der weiße Bauleiter vereinbarte mit dem schwarzen &#039;&#039;headman&#039;&#039; einen Termin für die Fertigstellung eines bestimmten Abschnitts. Wurde der Termin eingehalten, erhielt dessen Team einen zuvor ausgehandelten Bonus. Eigentlich eine frühe Unternehmenskultur der Anreizsysteme. Zum Tagelohn von fünfzig Centime und seiner Ration Reis, Kekse und Trockenfisch konnte sich ein Arbeiter so noch eine kleine Zulage verdienen; das Geld konnte er nur in den staatlichen Läden ausgeben, denn im Rest des Landes existierte noch keine Geldwirtschaft. Louis Goffin, der Ingenieur, der sich das Prämiensystem ausgedacht hatte, sprach von »&#039;&#039;une coopération du travail des noirs et du capital européen«&#039;&#039;. Er hielt es für ideal, um den Kongolesen zu Arbeitseifer, Kaufkraft und Stolz zu verhelfen. Man wollte »beim Eingeborenen neue Bedürfnisse wecken, die in Arbeitsliebe, einer schnellen Entwicklung des Handels und damit auch der Kultur resultieren« würden.53 Nachdem die Bahnlinie fertiggestellt war, behielten einige Kongolesen ihre Anstellung; sie arbeiteten in der Reparaturwerkstatt, an der Drehbank, auf einer Station oder sogar als Lokomotivführer. Sie hatten ein festes Arbeitsverhältnis und waren damit die Ersten, die in eine Geldwirtschaft aufgenommen wurden. Nkasi sprach bei jedem meiner Besuche voller Bewunderung von einem Mann namens Lema, einem Cousin seines Vaters. Lema war &#039;&#039;boy-bateau&#039;&#039; auf den Schiffen nach Antwerpen gewesen und hatte dann nach 1900 bei der Eisenbahn gearbeitet. »Er wurde Bahnhofsvorsteher in Lukala.« »Wo heute die Zementfabrik ist?« »Ja, dort. Bahnhofsvorsteher! Er kannte sich mit den Weißen aus.«54&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anderswo im Freistaat war noch keine Rede von Monetisierung. Nach wie vor war Tauschhandel die Norm. Steuern einzutreiben war also nicht möglich. Der Freistaat benötigte Finanzmittel und hielt es für opportun, seine Untertanen an den Kosten für den Ausbau ihres Landes zu beteiligen, konnte jedoch kein Geld verlangen von Menschen, die nie welches besessen hatten. Und die Perlen, Kupferstäbe und Baumwollballen von einst wollte man auch nicht zurück. Also sollte in Naturalien gezahlt werden: mit Waren oder mit Arbeitskraft. So war es früher schließlich auch gewesen, wenn ein Jäger dem Dorfvorsteher einen Stoßzahn oder einen Teil der Jagdbeute schenkte. Aber anders als früher, wo sie im Rahmen eines stabilen Systems erfolgt war, sollte diese Praxis nun zur völligen Zerrüttung des Kongo führen. Die Entscheidung, nicht auch im Inland Geld einzuführen, hatte schwerwiegende Folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leopold II. hatte dem Freihandel einen grandiosen Streich gespielt. Er war Eigentümer von nahezu dem gesamten Grund und Boden im Kongo geworden, aber da er nicht alles selber nutzen konnte, überließ er weite Gebiete kommerziellen Firmen auf Konzessionsbasis. Die Konzessionen waren ausgesprochen umfangreich: Anversoise, ein neu gegründetes Unternehmen, durfte nördlich des Kongoflusses 160.000 Quadratkilometer ausbeuten, ein Gebiet, das mehr als doppelt so groß war wie Irland. Südlich des Flusses bekam die ABIR (&#039;&#039;Anglo-Belgian Indian Rubber Company&#039;&#039;) eine Konzession für eine vergleichbare Fläche. Sich selbst spendierte der König einen sehr großen Brocken Urwald: die Krondomäne, ein Gebiet von 250.000 Quadratkilometern, fast zehnmal so groß wie Belgien, größtenteils südlich des Äquators. Kasai blieb ein Reservat, wo der Freihandel noch eine Weile auf kleiner Flamme existieren durfte, um nicht alle vor den Kopf zu stoßen (letzten Endes wurde er doch vom König monopolisiert). Die &#039;&#039;Compagnie du Katanga&#039;&#039; und die &#039;&#039;Compagnie des Grands Lacs&#039;&#039; erhielten ebenfalls riesige Territorien; wie schon ihre Namen besagen, wurden sie eigens zu diesem Zweck gegründet. Die wichtigste wirtschaftliche Nutzung des kongolesischen Binnenlandes war also das Werk des Königs und einiger privilegierter Konzessionsunternehmen. Das waren freilich keine getrennten Welten, schon allein, da Leopold selbst meist der Hauptaktionär war oder zumindest das Anrecht auf einen wesentlichen Teil des Gewinns hatte. Im Verwaltungsrat der Konzessionsgesellschaften saßen ausnahmslos führende Persönlichkeiten aus der Administration des Freistaates. In Belgien war der Finanzberater des Königs, Browne de Tiège, sowohl Vorsitzender von Anversoise und der &#039;&#039;Société Générale Africaine&#039;&#039; wie auch Direktor von ABIR, der &#039;&#039;Société Internationale Forestière et Minière&#039;&#039;, der &#039;&#039;Société Belge de Crédit Maritime&#039;&#039; in Antwerpen und noch einiger anderer Gesellschaften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das große kommerzielle Interesse am Kongo richtete sich nicht mehr nur auf Elfenbein. 1888 hatte ein schottischer Tierarzt, John Boyd Dunlop, eine Erfindung ausgetüftelt, die nicht nur den Komfort für Tausende Reisende in Europa und Amerika erheblich verbessern, sondern auch das Leben von Millionen Kongolesen prägen oder sogar beenden sollte – der aufblasbare Luftreifen. In einer Zeit, in der Erfindungen wie das Auto und das Fahrrad sich noch immer mit eisenbeschlagenen Holzrädern behelfen mussten, kam der Gummireifen wie gerufen. Die weltweite Nachfrage nach Kautschuk stieg enorm an. Für Leopold bedeutete das eine wundersame Rettung. Elefanten gab es in seinem Freistaat immer weniger, aber Kautschuklianen wuchsen in Hülle und Fülle. Das Timing hätte gar nicht besser sein können. Der Kongo balancierte am Rand des Bankrotts. Belgien richtete sich darauf ein, das Land – wenn auch widerwillig – zu übernehmen. Völlig unerwartet war das nun nicht mehr nötig. 1891 warf der Kongo nur etwa hundert Tonnen Kautschuk ab, 1896 aber waren es plötzlich dreizehnhundert Tonnen und 1901 sechstausend Tonnen.55 Von einem dahinsiechenden Projekt in Zentralafrika war der Freistaat binnen kurzer Zeit zu einem ökonomischen Wunder geworden. Leopold scheffelte die Millionen und erhielt, nach sehr langem Warten und tollkühnen Spekulationen, endlich sein &#039;&#039;return on investment&#039;&#039;. Endlich konnte er zeigen, wofür eine Kolonie gut war: wirtschaftliche Explosion, imperialer Ruhm und Nationalstolz. Mit den Einnahmen aus dem Kongo ließ er Belgien aufwendig verschönern. In Brüssel entstanden das Jubelparkmuseum und ein neuer Königspalast, in Tervuren ein riesiges, von Versailles inspiriertes Kolonialmuseum mit Park, in Oostende erschienen die Venezianischen Galerien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kehrseite der Medaille war nur im Kongo zu sehen. Dort gab es, abgesehen von den Dosen &#039;&#039;foie gras&#039;&#039; und den Champagnerflaschen, die die Staatsbeamten aus Belgien zugeschickt bekamen, nur wenig Glanz und Prunk. Leopold dachte gar nicht daran, die Erträge seines Kautschukimperiums im Kongo selbst zu investieren. Zudem wurde der Kautschuk auf äußerst problematische Weise gewonnen. Von Plantagen war noch nicht die Rede, es ging ausschließlich um wilden Kautschuk. Die Ernte war jedoch eine langwierige und unangenehme Arbeit, für die viele Hände benötigt wurden. Die ideale Steuer war also gefunden: Kautschuk. Die Einheimischen mussten in den Urwald ziehen, um Kautschuklianen anzuritzen, den Saft aufzufangen und provisorisch zu klebrigen Brocken zu verarbeiten. Früher hatte man Steuern in Form von Maniokbroten oder Elfenbein erhoben oder Menschen als Träger beansprucht. Nun musste die lokale Bevölkerung zu festgesetzten Zeiten Körbe mit Kautschuk abliefern. Die verlangte Quote variierte von Region zu Region, das Prinzip aber war überall das gleiche. In der Krondomäne legte der Provinzverwalter die verlangte Menge fest, anschließend sorgten die Soldaten der Force Publique für das Eintreiben dieser Kautschuksteuer. In den Gebieten, in denen die Konzessionsunternehmen aktiv waren, übernahmen bewaffnete Bewacher, die sogenannten &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, diese Funktion. In beiden Fällen wurden Afrikaner eingesetzt, die nur eine geringe militärische Ausbildung und wenig Disziplin hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass diese Praxis zwangsläufig zu Missständen führen würde, war vorhersehbar. Die Männer, die den Kautschuk eintreiben mussten, wurden nach der Menge bezahlt, die sie einkassierten. &#039;&#039;No rubber, no pay.&#039;&#039; Sie taten also, was sie nur konnten, um die Ausbeute zu maximieren. In der Praxis bedeutete das: Schreckensherrschaft. Da sie bewaffnet waren, konnten sie die lokale Bevölkerung gnadenlos terrorisieren. In den Landstrichen der Konzessionsunternehmen herrschten schlimme Verhältnisse, aber in den Gebieten des Freistaates war es kaum besser. Disasi Makulo erlebte das selbst in der Missionsstation Yalemba, die er gegründet hatte. Das Unheil ging nicht nur von den heidnischen Dorfbewohnern in der Umgebung aus, musste er feststellen, sondern auch von den Kongolesen aus anderen Gegenden, die im Dienst des Freistaates standen. Häufig nutzten sie es aus, dass ihre Befehlshaber weit weg waren. Sie misshandelten, folterten und mordeten sogar manchmal. (. . .) Auf dem Posten von Bandu war ein Mann, der den Beinamen Alio (Adler) trug, wegen seiner Grausamkeit. Er war Oberaufseher für die Lieferung von Kautschuk. Dieser Mann war furchtbar grausam. Er tötete sehr viele Menschen! Eines Tages überquerte er mit seinem Gefolge den Fluss, um zu den Turumbu zu gehen, einem Stamm, der am rechten Flussufer lebt. Wie gewöhnlich verlangte er in jedem Dorf Ziegen, Hühner, Elfenbein usw. usw. Dieses Mal machte er den Leuten sehr große Probleme. Ein Mann wurde sogar getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich hörte, dass er auf dem Weg zu meinem Dorf Bandio war, (. . .) nahm ich ein paar Jungen von der Mission mit, und wir gingen zu ihm. Als wir dort ankamen, war er gerade dabei, zu schlagen, zu foltern und zu plündern! Ohne einen Augenblick zu zögern, ging ich auf ihn zu und sagte: »Sie sind einzig und allein im Dienst des Staates, um für die Ablieferung von Kautschuk zu sorgen, und nicht, um zu misshandeln, zu rauben und zu morden. Geben Sie sofort alles zurück, was Sie beschlagnahmt haben, sonst melde ich das alles den Behörden in Basoko.«56&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disasi erlebte auch noch mit, dass der Bewacher des Kautschuklagers in seinem Dorf ein Mädchen erschoss. Seine Erfahrungen sind typisch für jeden, der mit der Kautschukpolitik in Berührung kam. Männer wurden in den Wald geschickt, um Kautschuk zu ernten, Frauen wurden als Geiseln genommen, bis genug Kautschuk herangeschafft worden war. Ein Menschenleben war nicht viel wert, wie wir aus mehreren erschütternden Berichten von Zeugen wissen. »Zwei &#039;&#039;sentries&#039;&#039;, Bokombula und Bokusula, verhafteten meinen Großvater Iselunyako, weil sein Kautschukkorb nicht voll war. Sie steckten ihn in eine Grube und trampelten auf ihm herum. Daran ist er gestorben. Als wir ihn dem Weißen zeigten, sagte der: ›Richtig so. Er war mit dem Kautschuk fertig, also auch mit dem Leben.‹«57&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eluo, ein Mann aus Esanga, erzählte: »Wir mussten fünfzig Körbe Kautschuk bringen. Eines Tages, es war unter der Verwaltung des Weißen Intamba (Herr Dîneur), hatten wir nur neunundvierzig, und uns wurde der Krieg erklärt. Der &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Lomboto kam mit ein paar anderen Männern in unser Dorf. Als er unterwegs an einem Sumpf vorbeikam, sah er meine Schwester, die dort angelte. Ohne Grund tötete Lomboto sie mit einem Schuss aus seinem Gewehr.«58&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sexuelle Gewalt kam auch damals schon vor. Eine verheiratete Frau erzählte: »Um mich zu bestrafen, zogen mir die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; Nkusu Lomboto und Itokwa den &#039;&#039;pagne&#039;&#039; aus und stopften Lehm in mein Geschlecht, das tat sehr weh.«59 Grausamkeit hatte eine Funktion. »Dorfvorsteher Isekifusa wurde getötet, während er in seiner Hütte war. Gleichzeitig wurden zwei seiner Frauen getötet. Ein Kind wurde in zwei Teile gespalten. Einer Frau wurden die Gedärme herausgenommen. (. . .) Die Leute aus Buringa, die mit den &#039;&#039;sentries&#039;&#039; mitgekommen waren, aßen den Leichnam. Danach töteten sie zehn Männer, die in den Wald geflohen waren. Als sie wieder weggingen aus Bolima, ließen sie einen Teil des Körpers von Lombutu zurück, in kleine Stücke geschnitten und mit Banane und Maniok vermengt, deutlich sichtbar, um den Bewohnern einen Schreck einzujagen. Die Gedärme des Kindes hatten sie rund um die Hütten des Dorfs aufgehängt und seine Körperteile auf Stöcke gespießt.«60&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hätte man auch hier ein Prämiensystem wie beim Bau der Eisenbahnlinie in Bas-Congo eingeführt, wäre eine völlig andere Dynamik entstanden. Die Menschen wären für ihre Anstrengungen belohnt worden und motiviert gewesen, auch weiterhin Kautschuk zu sammeln. Die Kongolesen verlangten zwar eine Entlohnung, doch die Verwaltung ging nicht darauf ein: »Wenn wir &#039;&#039;mitakos&#039;&#039; verlangen, schlagen sie uns mit der &#039;&#039;chicotte«&#039;&#039;, sagte jemand.61 Der Staat wollte den Kautschuk umsonst haben. Eine Entlohnung hielt er nicht für nötig, da es sich ja um Steuern handelte; im Grunde lief es jedoch auf eine Plünderung hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schmutzarbeit der Steuereintreibung wurde Untergebenen mit Gewehren überlassen. Damit ihre weißen Vorgesetzten sicher sein konnten, dass sie ihre Waffen nicht zur Jagd auf Wild missbrauchten, mussten sie nachweisen können, wofür sie ihre Kugeln verwendet hatten. So bürgerte es sich an verschiedenen Orten ein, Opfern die rechte Hand abzutrennen und als Beweismaterial für die abgefeuerte Munition mitzunehmen. Damit sie nicht verwesten – denn der Steuereintreiber sah seinen Chef nur alle paar Wochen –, wurden die Hände über einem Holzfeuer geräuchert, wie man das heute noch immer mit Esswaren macht. Bei den abschließenden Besprechungen musste er die Gliedmaßen als &#039;&#039;pièces justificatives&#039;&#039; vorzeigen, also als eine Art »Quittungen« für entstandene Kosten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Europa erhob sich ab 1900 lautstark Protest gegen den belgischen König, der Hände abhacken ließ. Einige Fotos von Kongolesen mit einem Armstumpf gingen um die ganze Welt. So entstand der weit verbreitete Irrtum, im Kongo würden in großem Maßstab Lebenden die Hände abgehackt. Das kam zwar vor, aber weniger systematisch, als zumeist angenommen wird. Die größte Schande von Leopolds Kautschukpolitik war jedoch nicht, dass Toten die Hände abgehackt wurden, sondern dass so leichtfertig gemordet wurde. Die Verstümmelung der Leichen war dabei zweitrangig. Allerdings waren die Gräuel in einigen Fällen wirklich grenzenlos. »Als ich noch ein Kind war«, erzählte Matuli, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das die Missionsschule von Ikoko besuchte, »schossen die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; wegen des Kautschuks auf die Menschen in meinem Dorf. Sie ermordeten meinen Vater so: Sie banden ihn an einen Baum und erschossen ihn, und als die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; ihn losbanden, gaben sie ihn ihren Boys, die ihn gegessen haben. Meine Mutter und ich wurden gefangen genommen. Die &#039;&#039;sentries&#039;&#039; hackten meiner Mutter beide Hände ab, als sie noch lebte. Zwei Tage später schlugen sie ihr den Kopf ab. Ein Weißer war nicht dabei.«62&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem sie Gliedmaßen bei Lebenden abhackten, sparten die Bewacher nicht nur Munition, sondern konnten Frauen zudem die breiten Kupferreifen wegnehmen, die sich um das Handgelenk oder den Knöchel schlossen. Die Geschichte von Boali ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: »An einem Tag, als mein Mann im Urwald war und Kautschuk abzapfte, kam &#039;&#039;sentry&#039;&#039; Ikelonda in meine Hütte und wollte, dass ich mich ihm hingab. Ich weigerte mich. Wütend feuerte er sein Gewehr auf mich ab; Sie sehen noch immer die Wunde. Ich stürzte, und Ikelonda dachte, ich sei tot. Um an den Kupferreifen zu kommen, den ich um meinen Knöchel trug, hackte er mir den rechten Fuß ab.«63 Wenn Boali noch ein Lebenszeichen von sich gegeben hätte, hätte er sie sofort umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es handelte sich nicht allein um Gewalt von Afrikanern gegen Afrikaner. Das Blut floss nicht nur an der Basis der Machtpyramide. Viele belgische Amtsträger machten sich schuldig. Auch wenn körperliche Gewalt damals eher toleriert wurde als heute – in belgischen Kneipen wurde allwöchentlich gerauft, Schlägereien gehörten zur Jugendkultur, in der Schule waren Körperstrafen üblich –, ließen sich manche zu sehr schwer wiegenden Vergehen hinreißen. Die Auspeitschung mit der &#039;&#039;chicotte&#039;&#039;, einer Peitsche aus ungegerbter Nilpferdhaut, war eine offizielle Strafmaßnahme. Der Beamte bestimmte die Zahl der Schläge, sein schwarzer Adjutant verabreichte sie beim Morgen- oder Abendappell, während die Fahne des Freistaates wehte. Die Peitsche musste flach sein, die Zahl der Schläge durfte nicht mehr als fünfzig betragen (zu verabreichen in zwei Serien von fünfundzwanzig), nur das Gesäß und der untere Bereich des Rückens durften getroffen werden, und wenn der Bestrafte blutete, musste sofort gestoppt werden. Aber manche Weiße nahmen es nicht so genau: Sie bevorzugten eine nicht vorschriftsmäßige Peitsche, die gedreht und scharfkantig war und deshalb viel schmerzhafter. Sie ließen auch den Bauch, die Lenden und die Geschlechtsteile traktieren. Manchmal ordneten sie Strafen bis zu vierhundert Schlägen an und kümmerten sich nicht um etwaige Blutungen oder Zusammenbrüche. Auch Schwangere, die offiziell nicht gezüchtigt werden durften, wurden nicht verschont.64&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mokolo, eine verheiratete Frau, bezeugte: »Mein Mann hieß Wisu und brachte alle vierzehn Tage zusammen mit Ebobondo und Ebote den Kautschuk von unserem Dorf zur Faktorei von Boyeka. Wir lieferten zwanzig Körbe ab, aber nun verlangten die Weißen fünfundzwanzig. Unsere Leute lehnten das ab und sagten, dass sie das zu so wenig Personen nicht schaffen könnten. Aber als sie beim nächsten Mal wieder nur zwanzig brachten, waren die Weißen wütend. Einer von ihnen, Nkoi [Beiname von Ablay], warf meinen Mann zu Boden und hielt ihn am Kopf fest. Der andere, Ekotolongo [Beiname von Félicien Molle], schlug ihn mit &#039;&#039;nkekele&#039;&#039;s [Rohrstöcken], von denen er sogar drei zerbrach. Halbtot wurde Wisu von Ebobondo und Ebote weggetragen zu einem Einbaum, mit dem sie nach Bokotola fuhren. Noch ehe sie das Ufer erreichten, ist er gestorben. Ich habe Wisus Leiche gesehen, und Sie sehen noch die Spuren meiner Tränen.«65&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Verwaltungsbeamten waren pure Rassisten und Sadisten. Es gab Folter, Machtmissbrauch und Massaker. Eine Gestalt wie René De Permentier, ein Officier der Force Publique, ergötzte sich an vollkommen unmotivierten Gemetzeln. Er ließ den Busch um sein Haus abholzen, damit er von seiner Veranda aus auf Vorbeigehende schießen konnte. Hausangestellte, die auch nur einen kleinen Fehler machten, wurden ohne Pardon umgebracht. Exekutionen waren an der Tagesordnung.66 Léon Fiévez, Distriktskommissar in der Provinz Équateur und Bauernsohn aus Wallonien, unternahm blutige Strafexpeditionen. Bereits nach vier Dienstmonaten hatte er 572 Menschen ermordet.67 Während einer dieser Aktionen ließ er innerhalb weniger Tage 162 Dörfer plündern und niederbrennen, Felder verwüsten und 1346 Menschen umbringen. Dieser Mann presste den Eingeborenen den höchsten Kautschukertrag des gesamten Freistaates ab.68&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der überwiegende Teil der Belgier, die im Kongo ihr Glück versuchten, kam aus dem Kleinbürgertum der Provinzstädte. Viele von ihnen hatten in der Armee gedient. Nun wollten sie ein Abenteuer erleben und Ruhm und Vermögen erwerben. Im Kongo landeten sie oft mutterseelenallein auf einem abgelegenen Posten in einem mörderischen Klima. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren unerbittlich, und sie litten häufig unter Fieberanfällen. Dass Malaria durch Mücken übertragen wurde, war damals noch nicht bekannt. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens konnte nachts ohne Grund aufwachen, schweißgebadet, fiebernd, fröstelnd und mit dem Gedanken an all die anderen Weißen, die elend krepiert waren. Fremde Geräusche aus dem Urwald drangen an sein Ohr, er erinnerte sich an Fetzen bissiger Gespräche mit einem Dorfvorsteher am Tag, dachte zurück an verstohlene Blicke der Menschen, die Kautschuk sammeln mussten, an das feindselige Zischeln in ihrer unverständlichen Sprache. In seinen Fieberphantasien zwischen Wachen und Schlafen sah er wieder die blitzenden Augen, aus denen Argwohn sprach, die breiten, glänzenden Rücken, die mit Tätowierungen bedeckt waren, und die zarten Brüste eines jungen Mädchens, das ihn angelächelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
George Grenfell, der britische Baptist, der sich Disasi Makulos erbarmt hatte, sah das alles mit scharfem Blick. Lange Zeit war er ein glühender Anhänger König Leopolds gewesen, er hatte sogar den Vorsitz von dessen Kommission für das einheimische Volkswohl übernommen, im Grunde ein Scheinmanöver, um die Gemüter zu beschwichtigen. Aber Grenfells Unmut wuchs zusehends: »Angesichts der Zahl der einsamen Posten, besetzt von weißen alleinstehenden Männern mit nur einer Handvoll einheimischer Soldaten inmitten von halb unterworfenen und oft grausamen und abergläubischen Völkern wäre es nicht verwunderlich, wenn noch mehr Wahnsinn ans Tageslicht kommen würde. Aber es ist das System, das verurteilt werden muss, mehr als das arme Individuum, das, überwältigt von seiner durch Fieber verstärkten Angst, die Selbstkontrolle verliert und zu Formen der Einschüchterung greift, um seine Autorität zu wahren.«69 Die Verwaltung des Freistaates pochte auf ihre Korrektheit, Staatsbeamte gaben sich unerschütterlich, der Schein von Kontrolle wurde gewahrt. Aber dahinter verbarg sich ein Chaos von Gefühlen wie Angst, Depression, Melancholie, Lethargie, Verzweiflung bis hin zu völligem Wahnsinn. Und manch einer rastete aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Freistaat missbilligte Fehlverhalten in der Theorie, in der Praxis konnte er jedoch niemanden kontrollieren. Es kam kaum zu Verurteilungen. Boma war schneller über das informiert, was in Brüssel geschah, als über das, was sich im Regenwald abspielte. Auch König Leopold zeigte sich entrüstet, als die ersten Gerüchte über Missstände durchsickerten. Er sagte: »Diese Gräuel müssen aufhören, oder ich ziehe mich aus dem Kongo zurück. Ich lasse mich nicht mit Blut und Dreck besudeln. Diese schändlichen Verhaltensweisen müssen ein Ende haben.«70 Das hinderte ihn jedoch nicht daran, notorische Schufte wie Fiévez wiederzuernennen, obgleich der König über die lange Liste von dessen Schandtaten genau informiert war. Weder er noch seine Berater oder die höchsten Beamten in Boma wollten sich eingestehen, dass die Gräuel dem im Kongo praktizierten System inhärent waren. Und dennoch: Da Gewinnmaximierung das A und O des gesamten Unternehmens war, standen die Beteiligten auf allen Stufen der Hierarchie unter dem Druck, mehr Steuern zu erheben, mehr Kautschuk zu fordern, die wirtschaftliche Ausbeutung zu intensivieren. Das System des Freistaates lässt sich als Pyramide darstellen: an der Spitze Leopold II., darunter der Generalgouverneur in Boma, unter diesem die verschiedenen Ebenen der Verwaltung, dann die schwarzen Soldaten der Force Publique und auf dem untersten Level die Kongolesen in ihren Dörfern. Die physische Gewalt beschränkte sich vielleicht auf die unteren Bereiche (durch raubgierige Soldaten und durchdrehende Beamte im Inland, durch brutale Aufseher und völlig kranke Charaktere im Urwald), die strukturelle Gewalt aber zog sich durch bis ganz nach oben in den Königspalast von Laeken. Offiziell durfte ein Eingeborener höchstens vierzig Stunden im Monat für den Staat arbeiten, doch je knapper der Kautschuk wurde, desto tiefer musste man in den Urwald vordringen, um die gewünschte Menge zu ernten. Für andere Tätigkeiten blieb keine Zeit mehr. Die Menschen wurden zu Leibeigenen des Staates. Leopold II. hatte der afro-arabischen Sklaverei den Kampf angesagt, zumindest vorgeblich, doch stattdessen führte er ein noch schrecklicheres System ein. Während ein Besitzer noch für seinen Sklaven sorgte (er hatte schließlich viel für ihn bezahlt), war das Wohlergehen des Individuums in Leopolds Kautschukpolitik völlig nebensächlich. Auch wenn sich schlecht zwischen Pest und Cholera wählen lässt, so scheint – aus einiger Distanz betrachtet – das Leben eines kongolesischen Haussklaven in Saudi-Arabien oder Indien doch erträglicher als das eines Kautschuksammlers im Regenwald.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Folgen waren gravierend. Die Felder lagen brach. Die Landwirtschaft fiel auf äußerst basale Gewächse zurück. Der einheimische Handel kam zum Erliegen. Handwerkliche Berufe, die seit Jahrhunderten verfeinert worden waren, wie Eisenschmieden und Holzbearbeitung, gingen verloren. Die Bevölkerung war antriebslos, geschwächt und unterernährt und dadurch sehr krankheitsanfällig. Um die Jahrhundertwende brach die Schlafkrankheit aus. Die von der Tsetsefliege übertragene Krankheit existierte bereits lange in dem Gebiet, doch die Zahl der Todesopfer war noch nie so hoch wie jetzt. Sie nahm wahrhaft pandemische Ausmaße an. 1904 schrieb George Grenfell: »In vielen Distrikten ist die gegenwärtige Sterberate nicht weniger als bestürzend. Nachdem ich an den tausend Meilen des Flusses (zweitausend Ufermeilen) zwischen Léopoldville und Stanleyville die Häuser gezählt und eine grobe Schätzung vorgenommen habe, bezweifle ich stark, ob noch hunderttausend Menschen in den Städtchen und Dörfern am Fluss leben.«71 Und das war einst das am dichtesten besiedelte Gebiet im Landesinneren. In manchen Dörfern verschwanden 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung. Lukolela, einer der ältesten Posten am Flussufer, hatte 1891 rund sechstausend Einwohner; 1903 waren es weniger als vierhundert.72 Es lässt sich unmöglich sagen, wie viele Menschen direkt oder indirekt als Folge von Leopolds Kautschukpolitik gestorben sind. Es gibt einfach keine zuverlässigen Zahlen. Zudem hatte der Bevölkerungsschwund noch einen anderen wichtigen Grund: Sehr viele Menschen gingen einfach fort, weg vom Fluss, weg von den Ufern. Sie siedelten sich tief im Urwald an oder überschritten die Grenze, um außer Reichweite des Staates zu sein. Auch sie wurden unsichtbar. Einer der seltenen Zeugen dieses ersten großen Flüchtlingsstroms in historischen Zeiten wurde 1903 interviewt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie lange ist es her, dass ihr eure Häuser verlassen habt? Dass die großen Probleme anfingen, von denen ihr berichtet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Drei Jahre ist es her. Es ist jetzt das vierte Jahr, seit wir geflohen sind und nun in diesem Gebiet leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Wie viele Tage läuft man bis zu eurem Land?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– Sechs Tage kräftig marschieren. Wir sind geflohen, weil wir es nicht mehr ertragen konnten, was sie uns angetan haben. Unsere Dorfvorsteher haben sie aufgeknüpft, unsere Leute wurden ermordet und ausgehungert. Und wir haben uns totgearbeitet, um Kautschuk zu finden.73&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre absurd, in diesem Zusammenhang von einem »Genozid« oder »Holocaust« zu sprechen; ein Völkermord setzt die bewusste, geplante Vernichtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe voraus, und das war hier weder das Ziel noch das Ergebnis. Und der Begriff Holocaust ist der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus vorbehalten. Aber es war doch eine &#039;&#039;Hekatombe&#039;&#039;, ein Blutbad von unglaublichem Ausmaß, das nicht beabsichtigt war, aber doch viel schneller als »Kollatoralschaden« einer perfiden, raubgierigen Exploitationspolitik hätte erkannt werden können, als ein Opfer auf dem Altar der krankhaften Profitgier. Als die Schlafkrankheit mit voller Heftigkeit wütete, bat Leopold II. die Liverpool School of Tropical Medicine um Hilfe, damals das berühmteste Institut für Tropenmedizin. Das hätte er nie getan, wenn Völkermord in seiner Absicht gelegen hätte. Es bedeutete freilich nicht, dass er sich sofort zu seiner Schuld bekannte. Ein mea culpa hat er eigentlich nie über die Lippen gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswirkungen der blutigen Kautschukpolitik (deshalb hieß der Kautschuk auch »red rubber« – »roter Kautschuk«) waren nicht überall gleich. Gebiete im westlichen Teil des kongolesischen Regenwaldes, in den Provinzen Équateur, Bandundu und Kasai, traf es am härtesten. Dort war die wirtschaftliche Ausbeutung wegen der großen Flüsse am einfachsten. Als ich den alten Nkasi, der aus Bas-Congo kam, einmal nach der Zeit der Kautschukgewinnung fragte, musste er mir die Antwort schuldig bleiben: »Das war nicht bei uns«, sagte er, »sondern in Mayombe.« Das war gut möglich. Mayombe war ein kleines Stück Äquatorialwald nördlich von Boma, unweit des Atlantik, in der Nähe der portugiesischen Enklave Cabinda. Es war einer der wenigen Orte in Bas-Congo, wo Kautschuk gewonnen wurde. Nkasi wusste es nur vom Hörensagen. »Die Portugiesen haben dort Hände abgehackt«, fuhr er fort, aber ob das wirklich stimmte, wusste er nicht. Als ich ihn dann fragte, ob er die Schlafkrankheit miterlebt habe, nickte er, in diesem Punkt war sich sehr viel sicherer. »Ja, das habe ich gesehen. Viele junge Leute starben daran. Eine schlimme Krankheit.« Er wiederholte den letzten Satz zweimal in seinem einfachen Französisch. &#039;&#039;»C&#039;est mauvaise maladie.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit 1900 kamen immer deutlichere Hinweise auf die Gräuel des Freistaates, doch sie stießen zunächst auf Unglauben. Protestantische Missionare bekundeten ausdrücklich ihren Abscheu, doch in Belgien glaubte man, sie seien nur verärgert, weil so viele katholische Missionare ins Land strömten und sie ihre Machtposition verloren. In Antwerpen dämmerte es Edward Morel, einem Angestellten einer britischen Reederei, dass im Kongo etwas grundlegend im Argen lag: Ihm fiel auf, dass Schiffe leer (oder höchstens mit Waffen und Munition an Bord) ausliefen und vollbeladen mit Kautschuk zurückkehrten. Deutete das nicht eher auf Raubgier hin als auf bilateralen Handel? Doch sein Protest wurde abgetan als typisches Genörgel britischer Händler aus Liverpool, die noch immer wegen der Abschaffung des Freihandels grollten. Außerdem: Wollten die Briten dem kleinen Belgien etwa Vorschriften machen? Waren diese imperialistischen Bullenbeißer nicht selbst die größten Verbrecher, die gerade in Südafrika die wehrlosen Buren in die Pfanne gehauen hatten? Auch in Belgien hatte man mit Bestürzung auf den Burenkrieg reagiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tenor änderte sich ein wenig, nachdem Roger Casement, der britische Konsul in Boma, 1904 einen differenzierten, aber vernichtenden Bericht verfasst hatte. Casement war ein sehr respektierter Diplomat. Hier sprach nicht irgendein unbekannter kleiner britischer Hafenangestellter, sondern ein offizieller Gesandter Großbritanniens, ein Mann mit großer moralischer Autorität, der schon seit langem mit dem kongolesischen Binnenland vertraut war. Seine Vorwürfe ließen sich nicht mehr ignorieren; sie führten zu massiver Empörung im britischen Unterhaus. Schriftsteller wie Arthur Conan Doyle, Joseph Conrad und Mark Twain bekundeten laut ihr Missfallen. Ein Jahr nach Erscheinen des Berichts sah sich König Leopold veranlasst, eine unabhängige, internationale Untersuchungskommission in den Kongo zu entsenden. Drei hohe Beamte, ein Belgier, ein Schweizer und ein Italiener, durften den Freistaat monatelang bereisen und die Menschen dort befragen. Er war sich sicher, dass ihn die Kommission entlasten würde. Aber es kam anders. Die Untersuchungskommission ging als eine Art Wahrheitskommission &#039;&#039;avant la lettre&#039;&#039; zu Werk&#039;&#039;.&#039;&#039; Sie hörte Hunderte Zeugen an, sammelte alle Beschwerden und verfasste einen sachlichen Bericht, in dem die Politik des Freistaates eingehend analysiert wurde. Es war ein nüchterner, aber schockierender Text, in dem konstatiert wurde, dass »die Inhaftierung und Geiselnahme von Frauen, die Heranziehung von Häuptlingen zu Sklavenarbeit, die Demütigungen, die sie erleiden müssen, die Schläge mit der Chicotte, die den Erntearbeitern verabreicht werden, das brutale Auftreten von Schwarzen, die zur Bewachung der Gefangenen eingesetzt sind«, überall an der Tagesordnung waren.74 Der Brüsseler Jurist und Universitätsprofessor Félicien Cattier zog aus dem Bericht ein vernichtendes Fazit: »Die klarste und unwiderlegbarste Wahrheit, die dieses Werk beweist, ist, dass der Kongo-Staat kein kolonisierender Staat ist, ja dass er kaum ein Staat ist, sondern ein finanzielles Unternehmen. (. . .) Die Kolonie wurde nicht im Interesse der Eingeborenen verwaltet, nicht einmal im wirtschaftlichen Interesse Belgiens: Dem königlichen Souverän ein Maximum an Mitteln zu verschaffen, das war die Triebfeder.«75&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der internationale Druck auf König Leopold II. nahm stark zu. Es musste etwas geschehen, und die einzige Möglichkeit war, dass Leopold auf sein Gebiet in Übersee verzichtete und der Staat Belgien den Kongo übernahm. Im Dezember 1906 wurde der Knoten zerschlagen, doch Leopold grübelte noch fast zwei Jahre über die Modalitäten des Transfers. Er fragte sich, ob er nicht doch ein kleines Stück des Kongo für sich behalten dürfe, die Krondomäne zum Beispiel. Es war unübersehbar, dass er sein Lebensprojekt nur widerwillig aus den Händen gab. Kurz vor der Übernahme ließ er sogar die Archive des Freistaates verbrennen. Aber am 15. November 1908 war es dann so weit: Am »Fest der Dynastie«, einem nationalen Feiertag, ließ die Dynastie den Freistaat Kongo los. Der Begriff »Freistaat« war inzwischen mehr oder weniger überholt für ein Gebiet ohne freien Handel, freie Arbeit und freie Bürger. Stattdessen hatte sich ein Regime etabliert, das auf Monopolwirtschaft, Zwangsarbeit und Abhängigkeit basierte. Künftig würde das Gebiet »Belgisch-Kongo« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit des Freistaates kam die lokale Bevölkerung zum ersten Mal mit verschiedenen Facetten der europäischen Präsenz in Kontakt. 1908 besuchten rund sechzehntausend Kinder Missionsschulen, schätzungsweise dreißigtausend Menschen waren alphabetisiert, sechsundsechzigtausend Männer waren in der Armee gewesen und etwa zweihunderttausend Kongolesen hatten sich taufen lassen.76 Hunderttausende waren, direkt oder indirekt, von der Kautschukpolitik betroffen gewesen. Millionen waren durch die Schlafkrankheit und andere ansteckende Krankheiten umgekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Disasi Makulo hatte auch das aus nächster Nähe erlebt. Er war am Elfenbeinhandel beteiligt gewesen, als der noch frei war, er war Boy eines berühmten britischen Missionars gewesen, er hatte zahlreiche Erkundungsfahrten auf dessen Dampfschiff miterlebt, er hatte die Verflechtung von Mission und Staat buchstäblich am eigenen Leib erfahren, als er auf einer Expedition mit Grenfell eine Uniform der Force Publique tragen musste, er hatte sich taufen lassen, ein Mädchen aus einem völlig anderen Landstrich geheiratet, sich zur Einehe und Kleinfamilie bekannt, das traditionelle Dorfleben kritisiert und war schließlich Katechet geworden, um seine Heimatregion christianisieren zu können. Und genau da hatte er die Brutalität der Kautschukpolitik mit eigenen Augen gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf seiner Missionsstation erlebte er weiteren Kummer. Mitte 1906 kam sein großer Lehrmeister George Grenfell zu Besuch. Er sah aus wie ein Achtzigjähriger, obwohl er noch keine 57 war. Seine Tropenjahre waren lang und heftig gewesen. Er war am Ende seiner Kräfte. Grenfell bat Disasi und seine Gläubigen, einen Lobgesang in ihrer Sprache zu singen, dem Bobangi. Dann äußerte er den nachdrücklichen Wunsch, in Yalemba begraben zu werden, jener Missionsstation, die Disasi gegründet hatte. Für Disasi war er der Mensch, »der unser Vater war bis an seinen Tod«.77&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen frühen Jahren ist heute in Kinshasa nicht mehr sonderlich viel zu sehen, aber auf meiner ersten Reise in den Kongo 2003 hatte ich Zutritt zum alten Stadtbus-Depot im Viertel Limete. Stadtbusse fuhren schon lange nicht mehr in der Hauptstadt, die paar kaputten Exemplare, die dort noch standen, waren zu Unterkünften für mehrere Familien geworden. An den Scheibenwischern hing Wäsche zum Trocknen. Die Bewohner schliefen auf den alten Bänken, die Arme um die Aluminiumstangen gelegt. Irgendwo im Schatten einer Radkappe oder einer Motorhaube meckerte eine unsichtbare Ziege. Es war ein verlassenes Industriegebiet, das von der Natur wieder vereinnahmt wurde. Ich schlenderte umher und entdeckte im Gras ein höchst merkwürdiges postmodernes Kunstwerk. Eine seltsamere Installation mit historischen Reminiszenzen hatte ich noch nie gesehen. In einem verrosteten stählernen Boot lag eine bronzene Männerfigur, mindestens vier Meter hoch, auf dem Bauch. Ich erkannte die Statue sofort: Es war das triumphale Denkmal Stanleys, das jahrzehntelang von der Ngaliema-Höhe unerschrocken über den Fluss geschaut hatte. Entworfen und gegossen in Molenbeek bei Brüssel, war es in der Kolonialzeit in die Kolonie verschifft, aber nach der Unabhängigkeit vom Sockel gestürzt worden. Und hier lag er nun, unser Stanley. Die weit ausholende Geste, mit der er einst den Kongo umfassen wollte, hatte kein Ziel mehr. Die Finger stützten sich auf den verrosteten Dampfkessel des kleinen Schiffes. Macht war zu einem Krampf geworden, Mut etwas Lächerliches. Am Bug entdeckte ich drei Buchstaben: AIA, die Abkürzung von Association Internationale Africaine. Dies war eines der drei Schiffe, mit denen Stanley zwischen 1879 und 1884 den Kongostrom befahren hatte, um Posten zu gründen. Disasi Makulo hatte er an Bord eines dieser Schiffe genommen, nachdem er ihn einem Sklavenhändler abgekauft hatte. Nun lag Stanley zu Boden gestoßen in seinem eigenen Schiff. Die Flotte, mit der er den Kongo unter eine neue Herrschaft gebracht hatte, war zu seinem Mausoleum geworden. Keine Ahnung, welcher Beamte sich eine so geniale &#039;&#039;bricolage&#039;&#039; ausgedacht hatte; wahrscheinlich hatte ein Abschleppdienst diesen Schrotthaufen der Geschichte an Ort und Stelle improvisiert, doch selten sah ich eine ironischere Abrechnung mit dem Kolonialismus als in diesem pathetischen Standbild Stanleys, das in seiner eigenen alten Flottille auf dem Bauch lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am nächsten Tag fand ich an der anderen Seite der Stadt, in dem ruhigen, grünen Stadtteil Ngombe, die alte Missionsstation der Baptisten. Sie lag am Ufer des Flusses in dem heute repräsentativsten Viertel von Kinshasa. Ihr erstes Gebäude stand dort noch immer, eine einfache Konstruktion auf gusseisernen Stelzen, wie in Boma. Jede der Stelzen stand sogar in einer Art Vase, die mit Petroleum gefüllt wurde, um Termiten zu entmutigen. Ich vermute, es ist das älteste Haus in Kinshasa. Ich ging ein paar Schritte weiter, um mir den Fluss einmal aus der Nähe anzuschauen. Kinshasa liegt an einem der größten Flüsse der Welt, aber wegen der ganzen Ummauerungen und Absperrungen (es ist und bleibt eine Landesgrenze) gibt es nur wenig Stellen, von wo aus man das Wasser wirklich sieht. Auf der Uferböschung lag im hohen Gras etwas, das wie ein riesiges Insekt aussah, oder wie der Brustkorb eines bronzenen Riesen. Es war die Kühlung eines Motors von enormer Größe. Dutzende parallel angeordneter Messingröhren liefen an einer wuchtigen stählernen Stange zusammen und umschlossen sie. Ein Katechet der Baptisten erklärte mir, es sei der Motor der Peace, des kleinen Dampfers, mit dem Grenfell seine Entdeckungsreisen unternommen hatte. Als das Schiff völlig marode war, habe man dieses Prunkstück der industriellen Archäologie an Land gehievt. Es schien zu schön, um wahr zu sein. Nicht nur Disasi Makulos spektakuläre Lebensgeschichte kennen wir bis ins Detail, auch die beiden Schiffe, mit denen er über den Kongo fuhr, liegen heute noch immer im hohen, schweigenden Gras von Kinshasa und rosten vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Kongo]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Geschichte]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Das_Gl%C3%BCck_der_Familie_Rougon&amp;diff=9303</id>
		<title>Bibliothek:Das Glück der Familie Rougon</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Das_Gl%C3%BCck_der_Familie_Rougon&amp;diff=9303"/>
		<updated>2026-04-30T08:04:32Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Das Glück der Familie Rougon|author=Emile Zola|written in=1893|publisher=Verlag Martin Maschler|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/emile-zola/books/das-glueck-der-familie-rougon/}}  Die Rougon-Macquart. Band I  Berlin. Ungekürzte Ausgabe. Übersetzt von Armin Schwarz. Buchdruckerei Otto Regel G. m. b. H., Leipzig.  == Vorwort des Übersetzers. == Indem wir daran gehen, dem deutschen Leser eine  &amp;#039;&amp;#039;unverkürzte und g…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Das Glück der Familie Rougon|author=Emile Zola|written in=1893|publisher=Verlag Martin Maschler|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/emile-zola/books/das-glueck-der-familie-rougon/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rougon-Macquart. Band I&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin. Ungekürzte Ausgabe. Übersetzt von Armin Schwarz. Buchdruckerei Otto Regel G. m. b. H., Leipzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort des Übersetzers. ==&lt;br /&gt;
Indem wir daran gehen, dem deutschen Leser eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;unverkürzte und getreue&#039;&#039; Übersetzung von Emile Zolas Roman-Serie »Die Rougon-Macquart« vorzulegen – wie sie noch nicht besteht können wir es nicht als unsere Aufgabe betrachten, auf eine kritische Würdigung Zolas, auf eine Erörterung seiner Stellung und Bedeutung in der modernen Literatur einzugehen. Seit zwei Jahrzehnten währt der Streit der Kritik um Zola; seit zwei Jahrzehnten ist er der Gegenstand maßloser Verketzerung von der einen und ebenso maßloser Verhimmelung von der anderen Seite. Es ergeht ihm wie allen Neuerern. Wer seine Richtung als die einzig&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;wahre&#039;&#039; anerkennt, folgt ihm mit Begeisterung wie dem Apostel einer neuen Weltanschauung. Die anderen nennen seine Art, die Dinge zu sehen und vor uns hinzustellen, eine Verirrung und wenden sich unwillig von ihm ab. Die Zeit wird lehren, daß Zola alle denkenden Geister beschäftigt, den Büchermarkt beherrscht, der gelesenste Schriftsteller unserer Zeit ist. Seine Bücher haben eine noch nie dagewesene Verbreitung erreicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welcher Zweck dem Dichter bei der Schaffung des großartigen Kunstwerkes »Die Rougon-Macquart« vorschwebte, sagt er selbst ganz klar in seiner Vorrede, die wir diesem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorworte folgen lassen. Im Jahre 1871 begonnen, ist die Romanfolge heute, da wir diese Zeilen schreiben, abgeschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den vorliegenden ersten Teil bezeichnet Zola selbst mit dem wissenschaftlichen Titel der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ursprung&#039;&#039;. In der Tat sehen wir hier den Ursprung der Familie Rougon-Macquart, die in der südfranzösischen Stadt Plassans seßhaft, ihre Nachkommen allmählich nach der Hauptstadt und nach den übrigen Teilen des Landes entsendet. Die verschiedenen Mitglieder dieser Familie sind es, denen wir in den einzelnen Teilen der Romanfolge begegnen; ihre Schicksale beschäftigen den Dichter; er stellt sie – die Männer und die Frauen – in die mannigfachsten Verhältnisse und Umgebungen hinein, um zu zeigen, wie das Gesetz der Vererbung ein unzerreißbares Band um sie schlingt. Zudem zieht Zola fast in jedem dieser Bände von einem bestimmten Zweige menschlichen Schaffens den Vorhang hinweg und zeigt uns mit unerreichter Meisterschaft der Schilderung den Menschen, wie er den Boden bestellt, wie er die im Schöße der Erde geborgenen Schätze zutage fördert, wie er eine Millionenstadt ernährt, wie er Eisenbahnen lenkt, wie er auf dem Geldmarkte Milliarden anhäuft und wieder in den Abgrund wirft usw.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem vorliegenden ersten Bande, »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das Glück der Familie Rougon&#039;&#039;« betitelt, lernen wir zunächst Adelaide kennen, ein halb wahnsinniges, wilder Sinnenlust ergebenes Weib, das von einem im Wahnsinn verstorbenen Vater, dem Krautgärtner Fouque abstammte. Adelaide war mit einem Gärtner namens Rougon verheiratet, der nach kurzer Ehe starb. Von diesem hatte sie einen Sohn, Pierre Rougon. Später lebte sie mit einem Wilddiebe namens Macquart in wilder Ehe. Von diesem hatte sie einen Sohn, Anton, und eine Tochter, Ursula, die sich mit dem Hutmacher&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mouret verheiratete. Von diesen Menschen stammen alle handelnden Personen ab, denen wir in den späteren Teilen der Romanfolge Rougon-Macquart begegnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der vorliegende erste Teil ist eigentlich nur eine Geschichte des Napoleonischen Staatsstreiches und des rasch niedergeworfenen Bauernaufstandes in Südfrankreich. Damit verwebt der Dichter die reizende Liebesidylle zweier Kinder, die in dem Rummel mit untergehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wohl sieht der Leser schon hier den Großmeister der Schilderung, doch fehlt es noch an jenen kraßrealistischen Bildern, die später dem Dichter so viele Gegnerschaften zugezogen haben&#039;&#039; und – gestehen wir es nur – sehr zur großen Verbreitung seiner Bücher beigetragen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem zweiten Teile: »La curée« (die Treibjagd) sehen wir Zola schon in voller Tätigkeit bei der Lösung seines Problems. Der große Dezember-Wilddieb hatte das edle Wild – Frankreich – erlegt. Tausende von gierigen Jagdhunden forderten ihren Anteil an der Beute. Die Treibjagd beginnt. Zola wählt drei Gestalten, um die Gesellschaft des zweiten Kaiserreiches nach dem Staatsstreiche zu schildern: den schamlosen Spekulanten (Aristides Rougon-Saccard), den verlebten Junker (des Vorigen Sohn Maxim) und die gefallene Frau aus den besseren Ständen (Renée Béraud du Chatel). Die Sittenlosigkeit dieser Frau spottet jeder Beschreibung. Ihr Stiefsohn Maxim, der entnervte Bummler, wird ihr Liebhaber. Dieser widerliche Ehebruch führt zu keiner düsteren Lösung. Der Vater zwingt den Sohn, eine Ehe mit einer reichen Schwindsüchtigen zu schließen. Renée findet in der Jagd nach Genüssen einen frühen Tod.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gegensatze zu dem ersten Teil, der das Bürgertum schildert, und dem zweiten Teil, in dem die reichere Streberklasse des zweiten Kaiserreiches erscheint, versetzt uns der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dritte Teil, »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der Bauch von Paris&#039;&#039;«, unter die Volksgestalten der Markthallen. Ein vor Hunger sich krümmender Unglücklicher inmitten der ungeheueren Mengen von Nahrungsmitteln: das ist der Ausgangspunkt des Buches, in dem das Drama selbst nur wenig von der Stelle rückt. In seinem Mittelpunkte sehen wir unter anderen Personen auch die »schöne Lisa« sich bewegen, eine Tochter Anton Macquarts, die den dicken Fleischer Quenu geheiratet hat und in angestammter Habgier zusammen mit dem Gatten rastlos nach Reichtum strebt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Eroberung von Plassans&#039;&#039;« heißt der vierte Teil der Romanfolge. Der Eroberer ist der Klerikalismus. Der Dichter zeigt uns, wie ein schlauer Geistlicher, der sich in die Familie Franz Mourets (eines Sohnes der Ursula Macquart und des Hutmachers Mouret) einzuschleichen weiß, allmählich die Frau des Hauses vollständig in seine Gewalt bekommt und durch diese Frau seinen verderblichen Einfluß zugunsten des herrschenden Bonapartismus weiter und weiter ausbreitet. Der Familie Mouret selbst wird die Bekanntschaft des Geistlichen (Abbé Faujas) geradezu verhängnisvoll. Die Kinder verlassen das Haus; die Eintracht zwischen Mann und Frau ist geschwunden. Die Frau verfällt der Frömmelei, vernachlässigt ihr Haus, entbrennt in sträflicher Leidenschaft zum Abbé. Der Gatte wird wahnsinnig und zündet sein Haus an, wobei er, der Abbé und dessen Mutter umkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Sohn dieses unglücklichen Ehepaares, der Abbé&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Serge Mouret&#039;&#039;, ist der Held des fünften Teiles, der den Titel führt: »Die Sünde des Abbé Mouret«. Diese Sünde des jugendlichen, frommen, keuschen Abbé ist seine Liebe zu Albine, einem unschuldigen jungen Mädchen, das er im Paradou, einem Landgute in der Nähe seiner Pfarre findet. Jeder Leser, der Serge Mouret und Albine auf ihren Streifzügen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
durch den verwilderten Park des Paradou folgt, wird gestehen, daß die ganze moderne Literatur unseres Jahrhunderts kaum etwas Schöneres aufzuweisen hat. Diese Liebschaft ist ein herrliches Gedicht in Prosa, eine entzückende Schilderung des Daseins des ersten Menschenpaares in einem irdischen Paradiese. Nichts fehlt zur Vervollständigung des Gemäldes, selbst nicht der strafende Engel, Bruder Archangias, der den Abbé aus dem Paradiese vertreibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zeitbild wäre unvollständig, wenn wir nicht eine Schilderung des Lebens und Treibens am kaiserlichen Hofe und der politischen Welt jener Zeit bekämen. Diese Schilderung bietet uns Zola im sechsten Bande, der den Titel führt: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Seine Exzellenz Eugen Rougon&#039;&#039;«. Der Dichter führt uns an den Hof zu Compiègne. Wir sind Zeugen der großartigen Feste, die Ihre Majestäten ihren Gästen geben. Wir sehen die Hofschranzen, Beamten, Diplomaten, Günstlinge und Spione von der Sonne der kaiserlichen Huld bestrahlt. Der Dichter enthüllt vor uns das verwickelte Getriebe der politischen und der Finanzwelt. Im Mittelpunkte von allem steht der allmächtige Minister und Staatsmann Eugen Rougon, der in sehr durchsichtiger Weise die glänzende Laufbahn des bonapartistischen Ministers&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Rouher&#039;&#039; darstellt. Eugen Rougon ist einer der Söhne Peter Rougons. Als beschäftigungsloser Advokat ist er nach Paris gezogen; der Staatsstreich hat ihn in die Höhe gebracht. Er ist der Glanz und der Wohltäter seiner Familie geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem siebenten Teile der Serie Rougon-Macquart, »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der Totschläger&#039;&#039;« betitelt, beginnt eigentlich erst der Ruhm und der Erfolg Zolas. Kein zweites Buch hat eine so tiefgehende Bewegung im Publikum hervorgerufen, wie dieses. Zola war nahe daran, auf offener Straße gesteinigt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu werden. Kein Wunder. Er hatte den Finger an eine offene, eiternde Wunde des Volkscharakters gelegt und das schmerzte. »Der Totschläger« – das ist der Schnaps. Zola wollte ein Buch über das Volk der Arbeiterviertel schreiben und zeigen, wie der Mißbrauch des Alkohols zum sittlichen und wirtschaftlichen Untergang der Familien führen müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hauptperson des Buches ist&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Gervaise&#039;&#039;, eine Tochter Anton Macquarts. Sie bleibt während der ganzen Erzählung im Vordergrunde und erregt zuerst das Interesse, später das tiefe Mitleid des Lesers. Als ein Kind des Volkes erbt sie die üblen Neigungen ihrer Eltern, überwindet sie aber anfangs, als sie zu Paris, von ihrem Liebhaber Lantier (dem sie zwei Kinder gegeben hat) verlassen, durch ihre Arbeit und durch ihren häuslichen Sinn eine Art Wohlstand zu schaffen beginnt. Sie ist eine Ehe mit dem Spengler Coupeau eingegangen. In den ersten Jahren dieser Ehe geht alles gut. Da zieht das Unglück in diese Familie ein. Coupeau fällt während der Arbeit von einem Hausdache. Während der langwierigen Krankheit und notgedrungenen Untätigkeit verliert der charakterschwache Coupeau die Arbeitslust. Er ergibt sich der Trägheit und dem Trunke, und seine Familie verfällt dem Untergange. Gervaise selbst sinkt zur Säuferin und Metze herab ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem achten Bande: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ein Blättchen Liebe&#039;&#039;« erhalten wir die Geschichte der Helene Mouret, einer Tochter Ursula Macquarts. Die Ursula war mit dem Hutmacher Mouret verheiratet. Früh verwitwet zieht Helene mit ihrem Töchterchen Jeanne nach Paris. Das Kind ist kränklich und steht in Behandlung des verheirateten Arztes Deberle, der in zärtliche Beziehungen zur Mutter des Kindes tritt. Diese Liebe ist es, die uns der Dichter schildert. Jeanne stirbt an der Schwindsucht, und Helene reicht Herrn Rambaud, einem Manne ihres Bekanntenkreises, die Hand zum&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zweiten Ehebunde. Der Rahmen dieser Herzensgeschichte ist Paris, und man darf kühn behaupten, daß solch meisterhafte Schilderungen der Seinestadt, wie sie dieses Buch enthält, kaum wieder anzutreffen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Nana&#039;&#039;«, dem neunten Bande, ist Zola wieder in seinem Elemente. Nana, die Tochter von Gervaise und Coupeau, konnte nichts anderes als eine Dirne sein. Aber sie ist eine moderne Dirne, eine Theaterpflanze. Dieses Geschöpf unserer fortgeschrittenen Bildung, diese die höheren Gesellschaftsklassen zerstörende Kraft vor uns hinzustellen; ein Blatt der ewig menschlichen Geschichte der Dirne zu schreiben; uns das Geschlecht des Weibes gleichsam im Tempel der Wollust zu zeigen und ringsumher auf den Knien ein Volk von ruinierten, entnervten, verblödeten Männern: dies war der Stoff, den Zola sich erwählt. Er hat seine Aufgabe glänzend, mit beispiellosem Erfolge gelöst. »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Nana&#039;&#039;« erschien in einer Auflage von 55,000 Exemplaren auf dem Büchermarkte. Jetzt ist das Buch in alle Kultursprachen übersetzt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im zehnten Bande: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der häusliche Herd&#039;&#039;« betitelt, schildert Zola das heuchlerische, verlogene, zum Schein sittsam tuende, dabei durch und durch verderbte und lasterhafte Bürgertum. Wir werden in ein großes Pariser Haus eingeführt, wo äußerlich alles so ordentlich, so streng, so fein säuberlich zugeht. Schon die hohen Türen auf den Fluren flößen Achtung ein; hinter diesen Türen aber, fast in jeder Wohnung, hausen Laster und Verworfenheit. Im Mittelpunkte der Geschehnisse steht Octave Mouret, ein Sohn Franz Mourets. Der junge Mann ist aus Plassans nach Paris gekommen, um da sein Glück zu machen, was ihm bei seiner angeborenen Zähigkeit und Geschicklichkeit auch gelingt, wie wir im folgenden elften Bande sehen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Zum Paradies der Damen&#039;&#039;« betitelt sich dieser Band. Es ist zugleich der Titel eines großartigen Modewarenhauses, dessen Getriebe der Dichter uns mit bewunderungswürdiger Meisterschaft vor Augen führt. Der Leiter dieses großen Unternehmens ist Octave Mouret, dem seine tausendfachen Geschäfte noch zu allerlei Liebeshändeln Zeit lassen, und der schließlich durch die standhafte Tugend Denisens, eines armen Mädchens, dem er in seinem Geschäftshause eine Anstellung gegeben, besiegt wird, so daß er Denise zu seiner Frau macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Lebensfreude&#039;&#039;« heißt der zwölfte Band. Der Titel ist ein grausamer und doch so treffender Spott auf einen armen Gichtbrüchigen, der seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt, von Zeit zu Zeit Anfällen ausgesetzt ist, die ihn vor Schmerz rasend machen, und der dennoch bei der Nachricht, daß die griesgrämige, alte Hausmagd sich erhängt habe, entrüstet ausruft: »Nein! so dumm, sich das Leben zu nehmen!« Im übrigen begegnen wir in diesem Buche&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Pauline Quenu&#039;&#039;, der früh verwaisten Tochter des reichen Pariser Fleischers Quenu, dessen Bekanntschaft wir im dritten Teile der Romanfolge gemacht haben, und seiner Ehefrau Lisa Macquart. Das Gesetz der Vererbung, das der Dichter aufgestellt hat, scheint bei Pauline eine Ausnahme gemacht zu haben. (Die Ausnahme bestätigt ja die Regel.) Pauline ist, einen Hang zum Jähzorn abgerechnet, ein gut und edel veranlagtes Geschöpf. Sie kommt zu ihrem Oheim Chanteau, der zu ihrem Vormund eingesetzt war, ins Haus. Chanteau, früher Kaufmann, mußte wegen eines Gichtleidens sich zurückziehen und lebt mit Frau und Sohn in einem kleinen Fischerdorfe am Meere. In dieses Haus tritt Pauline ein und bringt ein ansehnliches Vermögen in Wertpapieren mit. Pauline wächst mit Lazare, dem jungen Chanteau heran, und wir sind Zeugen der reizendsten Liebesidylle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Paul und Virginie im modernsten Gewande. Leider wendet sich die Idylle zum Drama. Es kommt die verhängnisvolle Dritte in Gestalt Louisens, der Tochter eines befreundeten Kaufmanns, die alljährlich die Ferien in diesem Hause zubringt. Zwischen Lazare, der sich inzwischen medizinischen Studien zugewendet hat, und Louisen entwickelt sich die Jugendfreundschaft zur Liebe, und die arme Pauline opfert sich, begräbt ihre Liebe, nachdem sie auch ihr Vermögen Stück für Stück hergegeben, um das sinkende Haus zu stützen ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Germinal&#039;&#039;«, dem dreizehnten Bande, führt uns der Dichter in die dunklen Schächte eines Bergwerkes und in das Arbeiterleben ein. Es ist die Geschichte eines Ausstandes der Bergarbeiter, geführt von dem unruhigen, in die sozialistische Arbeiterbewegung verschlagenen Etienne Lantier, einem Sohne der Gervaise Macquart. Im ganzen ein großartiges und ergreifendes Bild modernen Arbeiterelends.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das Werk&#039;&#039;« (d. h. das Kunstwerk) hat der Dichter den vierzehnten Teil seiner Romanfolge betitelt. Dieser Band ist der Kunst gewidmet. Der Künstler ist Claude Lantier, Maler, der Sohn der Gervaise Macquart und ihres ersten Gatten Jean Lantier. Die schweren inneren Kämpfe, mit denen der Künstler sich bis zur Erkenntnis der naturalistischen Kunstrichtung durchringt, sie geben gleichsam ein Bild des Entwicklungsprozesses, den Zola selbst durchgemacht hatte. Aber hier endet der Vergleich. Der Maler Claude ist seiner großen Aufgabe nicht gewachsen und endet durch Selbstmord.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der fünfzehnte Band der Reihe heißt »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mutter Erde&#039;&#039;«. Der Dichter entrollt darin ein großartiges Bild von dem Leben des französischen Bauers; von seinem nimmer rastenden aussichtslosen Kampfe um Scholle und Geld. Dem Stoffe und den handelnden Personen angemessen führt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zola hier eine Sprache, die an Rauheit und Ungebundenheit nichts zu wünschen übrig läßt. Man wird nicht ohne tiefstes Interesse dieses Buch lesen können. Ist auch der Bauer in den Hauptzügen seines Charakters in allen Ländern gleich, so findet man hier dennoch eine Studie, die völkisch und kulturell von hohem Werte ist. Die Familie Rougon-Macquart ist hier durch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Jean&#039;&#039;, den Sohn Anton Macquarts vertreten, der nach abgeleistetem Heeresdienste nach der Beauce-Gegend ausgewandert ist, wo er sein Schreinerhandwerk beiseite legt und Landmann wird, aber vergebens Fuß zu fassen sucht ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der Traum&#039;&#039;« betitelt sich der sechzehnte Band. Dieser Teil der Reihe bildet wieder eine Ruhestation. Der Dichter führt uns nach einer kleinen bischöflichen Stadt in die stille, glückliche Häuslichkeit des kinderlosen Ehepaares Hubert. Das Haus der Huberts stößt an den Dom, denn ihr ganzes Dasein ist mit der Kirche verwachsen. Die Huberts sind Kunststicker; sie verfertigen die kostbaren Meßgewänder, und dieses seltene Kunstgewerbe ist eine hundertjährige Überlieferung der Familie. Die Huberts nehmen eines Tages ein armes verlaufenes Kind in ihr Haus. Die kleine, achtjährige Angelika ist ihren Pflegeeltern – einem dem Trunk ergebenen Ehepaar – entlaufen, weil es die jämmerliche Behandlung nicht länger ertragen konnte. Die Huberts beschließen, das Mädchen an Kindesstatt anzunehmen. Die Nachforschungen, die sie aus diesem Anlasse anstellen, ergeben, daß Angelika die uneheliche Tochter Sidonie Rougons, einer Tochter Peter Rougons aus Plassans ist. Sidonie war mit ihrem Gatten aus Plassans nach Paris gekommen; hier hatten die Eheleute einen kleinen Ölhandel betrieben. Der Mann starb bald, und Frau Sidonie gab fünfzehn Monate später einer Tochter das Leben, deren Vater unbekannt war. Dieses Kind war Angelika. Man sagte ihr,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihre Mutter sei tot; sie war es auch in moralischem Sinne, denn sie hatte sich in Paris unnennbaren Gewerben hingegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angelika wuchs in dem Hause der Huberts zu einer sehr geschickten Kunststickerin und zu einem züchtigen, frommen, nur etwas träumerisch veranlagten Mädchen heran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der frommen, kirchlichen Atmosphäre, in der sie lebte, neigte sie zu überirdischen Träumereien. Die schönen, frommen Legenden, die sie zu lesen und zu hören bekam, erzeugten in dem Mädchen allmählich eine Seelenstimmung, in der es erklärte, »nur einen Prinzen heiraten zu wollen, den schönsten, reichsten und edelsten der Welt«. Dies ist der Traum. Der Prinz erscheint in Gestalt eines Kunstdilettanten, der in der benachbarten Domkirche Glasmalerei treibt. Zwischen Felix – so heißt der junge Mann – und Angelika entspinnt sich die reizendste Liebesidylle. Doch endlich kommt das Erwachen. Felix entpuppt sich als der Sohn des mächtigen und strengen Bischofs, der einst Kapitän gewesen und aus Gram über den frühen Tod seiner jungen Frau Geistlicher geworden war. Der hochmütige Bischof ruft den Liebenden sein »Niemals!« zu. Angelika, ohnehin stets von zarter Gesundheit, wird schwer krank. Der Jammer der Kinder erweicht das Herz des Bischofs; die Trauung findet statt. Angelika, nur mehr ein Schatten, schwankt am Arme des Geliebten zum Traualtar und haucht beim Austritt aus der Kirche auf der obersten Stufe angesichts der jubelnden Menge in einem Kusse, den sie dem geliebten Gatten auf die Lippen drückt, ihre keusche Seele aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Die Bestie im Menschen&#039;&#039;« heißt der siebzehnte Band. Ein schaurig-ergreifendes Bild von menschlicher Krankheit und Verirrung. »Die Bestie im Menschen« ist&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
natürlich der böse, verbrecherische Trieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Jakob Lantier&#039;&#039;, Lokomotivführer in den Diensten der Westbahn, ist der entsetzlichen Krankheit, der Lustmordsucht, unterworfen. Ein Sohn der unglücklichen Gervaise Macquart (von ihrem ersten Gatten Lantier), ein Enkel des versoffenen Anton Macquart, ein Urenkel der wahnsinnigen Adelaide, hatte er die ganze Summe von Lastern seines Geschlechtes geerbt. Im Grunde nicht böse geartet, hütet er sich lange vor dem Weibe, denn mit der fleischlichen Lust erwacht zugleich die Mordlust in ihm. Von Zeit zu Zeit ist er furchtbaren Anfällen ausgesetzt. Er hat dann einen Schmerz hinter den Ohren, der ihm das Gehirn zu durchbohren scheint; eine jähe Schwermut kommt über ihn, die ihn zwingt, wie ein Tier in einem einsamen Winkel niederzukauern. Keiner seiner Brüder, weder Claude, noch der nach ihm geborne Etienne, litt unter der Jugend seiner Mutter (Gervaise war kaum fünfzehn Jahre alt, als sie ihn gebar) und seines knabenhaften Vaters, des schönen Lantier, dessen schlechtes Herz Gervaise soviele Tränen kosten sollte. In gewissen Stunden fühlte er den erblichen Riß. Er war dann nicht mehr Herr über sich, sondern gehorchte nur seinen Muskeln wie eine wütende Bestie. Dabei trank er nicht; denn er hatte bemerkt, daß ein Tropfen Alkohol ihn verrückt mache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er kam schließlich zu der Überzeugung, daß er die Schuld der anderen bezahlen müsse, die Schuld der Väter und Großväter, der Geschlechter von Trunkenbolden, die sein Blut verdorben hatten&#039;&#039;. Er fühlte in sich eine schrittweise Vergiftung, eine Wildheit, die ihn dem lauernden Wolf, der auch Frauen zerreißt, gleich machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch sein Kampf gegen das lauernde Ungeheuer nützt ihm nichts. Er liebt Severine, die Gattin eines Eisenbahnbeamten, ein verworfenes, lasterhaftes Weib, das schließlich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
unter Jakobs Messer verblutet ... Der Rahmen dieses furchtbaren Dramas ist das Leben und Treiben auf einer großen Eisenbahnlinie (Paris–Havre), das der Dichter mit seiner unerreichten Meisterschaft uns schildert...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der achtzehnte Teil führt den Titel: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das Geld&#039;&#039;.« Alles Schöne und Heilsame, was mit Hilfe des Geldes hienieden gestiftet werden kann, alles Unheil und alle Schmach, die das Geld unter den Menschen täglich erzeugt, sind mit unerreichter Meisterschaft in dem großartigen Gemälde dargestellt, in welchem Zola uns die Bedeutung des Geldes im modernen Wirtschaftsleben zeigt. Der traurige Held, der im Mittelpunkte der Begebenheiten steht und eine führende Rolle spielt, ist uns nicht unbekannt: es ist&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aristides Saccard&#039;&#039;, der Bauspekulant, den wir in dem Buche »Die Treibjagd« als den Gatten Renées kennen gelernt haben. Dank seiner Energie, Findigkeit und Zähigkeit, die sich mit einer vollkommenen Gewissenlosigkeit paarten, ist es diesem Manne, nachdem seine waghalsigen Spekulationen ihn ruiniert hatten, noch einmal gelungen, sich zu erheben und für kurze Zeit zu einer gebieterischen Macht in der Finanzwelt emporzuschwingen. In dieser kurzen Glanzperiode führte das Leben ihm eine starke, kluge und edle Frau –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Karoline Hamelin&#039;&#039; – in den Weg, die ihr Los an das seinige knüpfend, in unsägliches Leid geriet, aber schließlich vermöge ihrer Seelenstärke ungebrochen und unbefleckt aus den schweren Prüfungen hervorging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der Zusammenbruch&#039;&#039;« heißt der neunzehnte Band. Nämlich der Zusammenbruch des zweiten Kaiserreiches im Verlaufe des gewaltigen Ringens zweier großer Kulturvölker, der Deutschen und Franzosen. Den Krieg von 1870–71 schildert Zola in diesem Bande. Seine großartigen Schilderungen gipfeln in den Vorgängen bei Sedan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sedan! Ein Name, der für Deutschland einen nationalen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Festtag bedeutet und die Erinnerungen an ewig denkwürdige Ruhmestaten wachruft. Und für Frankreich? Ein Ort der Schmach und des Jammers, die Stätte, wo das auf Gewalt und Verderbtheit aufgebaute zweite Kaiserreich zusammenbrach. Rings um Sedan fand jenes beispiellose Kesseltreiben statt, das eine geschlagene, in wilder Flucht aufgelöste Armee in den Straßen einer nicht großen Stadt zusammenpferchte und den Kaiser nötigte, zu kapitulieren und sich gefangen zu geben. Sedan bildet demnach eine entscheidende Etappe im deutschfranzösischen Krieg 1870–71 und ist zugleich der Schauplatz von zarten Begebenheiten, die uns in diesem Bande näher interessieren. Wir machen Bekanntschaft mit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Gilberte Delaherche&#039;&#039;, einer schönen, jungen Frau, die nicht schlecht war, nur leichtfertig und zu jener Gattung von Frauen gehörte, die sich nicht damit abfinden können, mit ihrem Liebreiz nur einen zu beglücken, und wäre dieser eine auch ihr Gatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der zwanzigste, letzte Teil der Reihe führt den Titel: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Doktor Pascal&#039;&#039;«. Mit Doktor Pascal, dem dritten Sohne des Peter Rougon, hatten wir bisher nur flüchtige Begegnungen. Wir sahen ihn im ersten Bande an der Seite der sterbenden Miette und im fünften Bande als Hausarzt im Paradou, wo er seinen Neffen, den Abbé Mouret einführte. Der Schlußband ist völlig seinem Leben und Wirken gewidmet. Dieses Buch geleitet uns nach Plassans zurück, dem Stammsitze und Ursprungsorte der Rougon-Macquart. Doktor Pascal hat sich dort als Arzt niedergelassen. Er ist ein Gelehrter, Philosoph und Menschenfreund, der sich für seine Krankenbesuche bei den Armen in der Weise bezahlt macht, daß er unbemerkt ein Zwanzigfrankenstück auf dem Tische zurückläßt. Nachdem er soviel Kapital erworben, daß er von den Zinsen leben kann, gibt er die ärztliche Praxis auf, bleibt nur noch der Arzt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Armen und zieht sich in die »Souleiade«, sein vor der Stadt gelegenes Landhaus, zurück. Dort lebt er fortan seinen wissenschaftlichen Forschungen und besonders den Untersuchungen über den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Atavismus&#039;&#039;, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Vererbung&#039;&#039;. Das Buch ist in dieser Hinsicht gewissermaßen als eine Bilanz der ganzen Romanfolge zu betrachten, als eine Rechtfertigung der physiologischen Lehre, auf der das zwanzigbändige Werk sich aufbaut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Doktor Pascal tritt hier für Emile Zola ein&#039;&#039;. Er tritt mit einem wissenschaftlichen und statistischen Material auf, das er ein Menschenalter hindurch gesammelt hat, indem er in riesigen Aktenbündeln gleichsam die Lebensgeschichte jedes einzelnen Mitgliedes seiner Familie zusammengetragen hat, der Familie, die er auch in einem sorgfältig angelegten Stammbaum in allen ihren Verastungen und Verzweigungen auslegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doktor Pascal hat&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Clotilde&#039;&#039;, die Tochter seines Bruders Aristides aus dessen erster Ehe, in sein Haus genommen. Sie ist an der Seite des Oheims in voller Ungebundenheit herangewachsen, ist eine Gehilfin bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten, durfte lesen und erfahren, was sie wollte, so daß ihr nichts fremd blieb von dem Mann und von dem Weibe. Sie hat einen runden, festen Kopf, wie ihr Oheim oft sagte, einen klaren Geist und ein kindliches, unverdorbenes Herz. Sie ist frei geblieben von dem traurigen Erbteil der Familie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obgleich in einer Atmosphäre freier Forschung herangewachsen, war Clotilde keineswegs eine Freidenkerin wie ihr Oheim. Einen festen Halt für ihr inneres Leben suchend, war sie naturgemäß unter den Einfluß ihrer Großmutter Felicitas Rougon und einer alten Magd des Hauses, Martine, geraten, die eine fromme, christliche Gottesgläubigkeit in ihr nährten. Ein großer, künstlerischer Zug liegt in der Art und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weise, wie der Dichter hier den Gegensatz und die Kämpfe zwischen dem freidenkerischen Gelehrten und dem frommen, von den wissenschaftlichen Forschungen unbefriedigten Kinde entwickelt. Der Arzt, der Junggeselle ist und stets ein solides Leben geführt hat, hängt mit Leib und Seele an dem Mädchen; abgesehen von seinem sinnlichen Verlangen, liebt er sie noch mit einer unendlichen Zärtlichkeit, entzückt von ihrer sittlichen und geistigen Persönlichkeit, von der Geradheit ihres Empfindens und von ihrem munteren, tapferen und entschlossenen Geiste. Clotilde wieder blickte mit grenzenloser Bewunderung zu dem »Meister« empor; von der Bewunderung des Weibes zur Liebe ist aber nur ein Schritt. Dieses Verhältnis nimmt eine bestimmte Gestalt in dem Augenblicke an, da die Werbung des Doktor&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ramond&#039;&#039;, eines in Plassans ansässigen jungen Arztes, um die Hand Clotildens zur Entscheidung drängt. Doktor Pascal will schweren Herzens seine Neigung opfern und befürwortet die Werbung; Clotilde jedoch, die in Pascals Seele schaut, weist den Freier ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nimm mich doch, da ich mich dir gebe! ruft sie dem angebeteten Meister zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so fanden sich Oheim und Nichte wie Mann und Weib ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Budapest&#039;&#039;, Ende 1893.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Armin Schwarz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort des Autors. ==&lt;br /&gt;
Ich will darstellen, wie eine Familie, eine kleine Gruppe von Wesen in einer Gesellschaft sich verhält, indem sie sich entwickelt und zehn, zwanzig Menschen das Leben gibt, die auf den ersten Blick sehr verschieden scheinen, die uns aber eine genaue Prüfung innig miteinander verbunden zeigt. Die Vererbung hat ihre Gesetze wie die Schwere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zwiefache Frage der Naturanlage und der Umgebung lösend, werde ich bemüht sein, jenen Faden zu finden und ihm zu folgen, der folgerichtig von einem Menschen zum anderen führt. Wenn ich einmal alle Fäden festhalte, wenn ich eine ganze Gruppe in Händen habe, werde ich sie am Werke zeigen, mittätig, als handelnde Personen eines geschichtlichen Zeitraumes; ich werde diese Gruppe vorführen, wie sie tätig ist in dem Ganzen ihres Strebens; ich werde zugleich die Summe an Willenskraft in jedem einzelnen Mitgliede der Gruppe und das allgemeine Vorwärtsdringen ihrer Gesamtheit darlegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rougon-Macquart, die Gruppe, die Familie, die ich zum Gegenstande meines Studiums machen will, hat als kennzeichnendes Merkmal jenes Überströmen der Begierden, jenes wilde Stürmen in unserer Zeit, das sich auf die Genüsse wirft. In körperlicher Hinsicht verkörpern sie die langsame Erbschaft der Nerven- und Blutkrankheiten, die infolge einer ersten organischen Erkrankung in einem Geschlechte sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
offenbaren und je nach der verschiedenen Umgebung bei jedem Einzelwesen dieses Geschlechtes die Gefühle, die Begierden, alle menschlichen Leidenschaften – natürliche, wie triebartige – bestimmen, deren Äußerungen die herkömmlichen Namen der Tugenden und Laster tragen. In geschichtlicher Hinsicht gehen sie aus dem Volke hervor, strahlen in die ganze zeitgenössische Gesellschaft aus, schwingen sich zu allen Stellungen empor, immer vermöge jenes wesentlich modernen Antriebes, den die niederen Klassen auf ihrem Zuge durch den gesellschaftlichen Körper empfangen; so geben sie die Geschichte des zweiten Kaiserreiches auf Grund ihrer besonderen Dramen, angefangen bei der Mausefalle des Staatsstreiches bis zum Verrat bei Sedan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit drei Jahren sammelte ich die Belege zu diesem großen Werke, und der vorliegende Band war schon geschrieben, als der Sturz der Bonaparte, dessen ich aus künstlerischem Gesichtspunkte bedurfte und den ich wie ein Verhängnis immer am Ende des Dramas fand, ohne ihn so nahe zu wähnen, mir den schrecklichen, aber notwendigen Abschluß meines Werkes an die Hand gab. Es ist nunmehr fertig, es bewegt sich in einem geschlossenen Kreise; es wird zum Bilde einer vergangenen Herrschaft, einer seltsamen Zeit der Schmach und des Wahnsinns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Werk, das mehrere Abschnitte bilden wird, ist demnach – wie ich mir es denke – die natürliche und soziale Geschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Und der erste Abschnitt: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das Glück der Familie Rougon&#039;&#039;« müßte wissenschaftlich »der Ursprung« heißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Paris, 1. Juli 1871.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emile Zola&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Erstes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
Wenn man Plassans durch das Römertor verläßt, das auf der Südseite der Stadt liegt, findet man rechts von der Straße nach Nizza hinter den ersten Häusern der Vorstadt ein wüstes Stück Land, das in der Gegend unter dem Namen »der Saint-Mittre-Grund« bekannt ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Saint-Mittre-Grund ist ein längliches Viereck in ziemlicher Ausdehnung, das sich in gleicher Höhe mit dem Fußsteig der Straße hinzieht, von der er nur durch einen Streifen dürren Rasens getrennt ist. Auf einer Seite des Grundstückes, rechts, zieht sich ein Sackgäßchen hin mit einer Reihe von Hütten. Links und im Hintergrunde ist das Gebiet durch zwei von Moos zerfressene Mauern abgeschlossen, über die hinweg man die Maulbeerbäume des&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Jas-Meiffren&#039;&#039; erblickt, eines größeren Besitztumes, zu dem der Eingang weiter unten in der Vorstadt zu finden ist. So von drei Seiten eingeschlossen, ist der »Saint-Mittre-Grund« eigentlich ein großer Platz, der nirgends hinführt und daher nur von Spaziergängern aufgesucht wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einst war hier ein Kirchhof, der unter dem Schutze des Saint-Mittre stand, eines provençalischen Heiligen, der in dieser Gegend sehr verehrt wurde. Die älteren Leute erinnerten sich im Jahre 1851 noch, die Mauern dieses&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kirchhofes, der Jahre hindurch geschlossen geblieben, gesehen zu haben. Der Boden, den man seit mehr denn einem Jahrhundert mit Leichen vollstopfte, atmete den Tod aus, und man war genötigt, am anderen Ende der Stadt einen neuen Gottesacker zu eröffnen. Nachdem er aufgelassen worden, schwand der ehemalige Friedhof mit jedem jungen Jahre mehr und bedeckte sich mit einem üppigen Pflanzenwuchs. Dieser fette Boden, in den die Totengräber keinen Spatenstich mehr tun konnten, ohne Menschenknochen aufzuwerfen, war von einer ungeheuren Fruchtbarkeit. Nach den Mairegen und den sonnigen Tagen des Juni sah man von der Straße aus die Spitzen der Gräser über die Mauern hinausragen; im Innern war ein Meer von tiefem, sattem Grün, da und dort blühten breite Blumen von seltsamem Farbenglanze. Im Schatten der eng zusammenstehenden Stengel roch man das feuchte Erdreich, das von gärenden Säften strotzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Merkwürdigkeit dieses Grundstückes waren zu jener Zeit die Birnbäume mit den verkrümmten Zweigen und unförmigen Knoten, nach deren riesigen Früchten keine Hausfrau von Plassans Verlangen trug. Man sprach in der Stadt von diesen Birnen nur mit Ekel; aber die Vorstadtjungen waren nicht so heikel; sie erklommen des Abends scharenweise die Mauern, um die Birnen zu stehlen, noch ehe sie völlig reif waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das blühende, reich sprießende Leben der Gräser und Bäume hatte bald den Tod des ehemaligen Kirchhofes von Saint-Mittre bewältigt. Der menschliche Moder wurde gierig von den Blumen und Früchten aufgesogen, und kam man an diesem Orte vorbei, so spürte man nur mehr den scharfen Duft der wilden Nelken. Wenige Sommer hatten dies zustandegebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um jene Zeit kam die Stadt auf den Gedanken, von diesem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bisher brach gelegenen Gemeindebesitz Nutzen zu ziehen. Man riß die längs der Straße und des Sackgäßchens stehenden Mauern nieder und beseitigte Gräser und Birnbäume; dann verlegte man den Kirchhof. Der Boden ward bis zu einer Tiefe von mehreren Metern aufgegraben, und man warf in einem Winkel die Gebeine zuhauf, die sich in der Erde vorfanden. Die Jungen, die über den Verlust der Birnbäume untröstlich waren, spielten fast einen Monat Ball mit den Schädeln; es fanden sich Leute, die sich den schlechten Spaß machten, nächtlicherweile Schenkel- und Schienbeine an die Türglocken der Stadt zu hängen. Dieses Ärgernis, das in Plassans heute noch unvergessen ist, hörte nicht eher auf, als bis man sich entschloß, die Gebeine in einer Grube auf dem neuen Kirchhofe zu verscharren. Allein, in der Provinz werden die Arbeiten mit bedächtiger Langsamkeit ausgeführt, und die Bewohner des Ortes sahen eine Woche hindurch von Zeit zu Zeit einen einzigen Leichenkarren mit menschlichen Resten dahinziehen, als ob er Kalk führte. Das Schlimmste dabei war, daß dieser Karren Plassans in seiner ganzen Länge passieren mußte und daß er, auf dem schlechten Pflaster forthumpelnd, bei jedem Stoße Knochenstücke und Häuflein fetter Erde als Spur zurückließ. Keinerlei kirchliche Zeremonie, nur eine langsame, rohe Abfuhr. Niemals fand in einer Stadt ein so widerliches Schauspiel statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehrere Jahre hindurch blieb der ehemalige Kirchhof von Saint-Mittre ein Gegenstand des Schreckens. Am Rande einer großen Straße für alle Welt offen daliegend, blieb der Ort öde und verlassen, abermals eine Beute wilden Wachstumes. Die Stadt, die ohne Zweifel das Grundstück veräußern wollte, damit es mit Häusern bebaut werde, fand keinen Käufer; vielleicht war es die Erinnerung an den Knochenhaufen und an den vereinzelt durch die Straßen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ziehenden, an einen hartnäckigen, bösen Traum gemahnenden Leichenkarren, welche die Leute zurückschreckte; vielleicht auch erklärt sich die Tatsache durch die Lässigkeit der Provinz, durch jenes Widerstreben, das sie gegen alles Niederreißen und Wiederaufbauen hat. Die Stadt behielt das Grundstück, und schließlich geriet der Wunsch, es zu verkaufen, ganz in Vergessenheit. Man unterließ sogar, das Gebiet mit einem Pfahlzaun einzufrieden; jedermann konnte ungehindert ein und aus gehen. Nach und nach gewöhnte man sich im Laufe der Jahre an diesen öden Winkel; man ließ sich auf das Gras am Raine nieder; man ging wohl auch quer über das Stück Feld, kurz: der Ort belebte sich immer mehr. Als die Füße der Spaziergänger den Rasenteppich abgenützt hatten und der festgestampfte Boden grau und hart geworden war, glich der ehemalige Kirchhof einem schlecht geebneten öffentlichen Platze. Um jede peinliche Erinnerung völlig zu tilgen, gewöhnten sich die Bewohner, fast ohne es zu merken, allmählich daran, die Benennung des Gebietes zu ändern; man begnügte sich damit, bloß den Namen des Heiligen zu behalten und legte diesen auch dem Gäßchen bei; man sagte: das »Saint-Mittre-Feld« und das »Saint-Mittre-Gäßchen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dies ist schon lange her. Seit mehr denn dreißig Jahren hat das Saint-Mittre-Feld sein eigenartiges Aussehen. Die Stadt, viel zu lässig und sorglos, um das Grundstück auszunützen, hat es gegen ein geringes Entgelt an die Wagner der Vorstadt verpachtet, die daselbst einen Zimmerplatz eingerichtet haben. Heute noch liegen stellenweise Haufen von riesigen Balken, zehn bis fünfzehn Meter lang, herum, gleich umgestürzten hohen Pfeilern. Diese Balkenhaufen, diese parallel hingelegten Maste, die sich fortsetzen von einem Ende des Feldes bis zum anderen, sind die ewige Freude der Jungen. Einzelne Balken sind herabgeglitten, so daß stellenweise&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Boden mit einer Art Parkett, aus runden Stücken bestehend, bedeckt ist, auf dem man nur mit dem Aufgebot halsbrecherischer Balancierkünste dahinschreiten kann. Den ganzen Tag sind Scharen von Kindern da, die sich dieser Leibesübung hingeben. Man sieht sie über die großen Bohlen springen, die schmalen Kanten entlang schreiten, rittlings dahinrutschen, all die verschiedenen Spiele treiben, die gewöhnlich mit einer Keilerei, mit Geheul und Gezeter endigen; oder auch es setzen sich ihrer je ein halbes Dutzend, eng aneinander gedrängt, auf die beiden Enden eines quer über die anderen gelegten Balkens und schaukeln sich stundenlang. Das Saint-Mittre-Feld ist ein Unterhaltungsplatz geworden, auf dem die Vorstadtjungen seit einem Vierteljahrhundert die Hosen zerreißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was diesem verlorenen Winkel vollends einen seltsamen Charakter verliehen hat, ist der alte Brauch der durchziehenden Zigeuner, hier ihre Zelte aufzuschlagen. Sobald eines dieser Häuser auf Rädern, das einen ganzen Stamm enthält, in Plassans eintrifft, läßt es sich im Hintergrunde des Saint-Mittre-Feldes nieder. Der Platz ist denn auch niemals leer; es findet sich stets eine dieser Banden mit ihrem seltsamen Treiben, eine Truppe von braunen Männern und furchtbar dürren Weibern, zwischen denen ganze Scharen schmutziger Rangen sich am Boden wälzen. Dieses Volk lebt ohne Scham im Freien vor aller Welt, kocht seine Suppe, nährt sich von namenlosen Dingen, breitet seine Lumpen aus, schläft, prügelt sich, küßt sich, stinkt von Schmutz und Elend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das öde Leichenfeld, wo einst die Drohnen allein die dickblätterigen Blumen in der stillen, schwülen Sonnenglut umsummten, ist ein geräuschvoller Ort geworden, erfüllt von dem Gezanke der Zigeuner und dem Geschrei der jungen Vorstadt-Taugenichtse. Eine Sägerei, die in einem Winkel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Balken des Zimmerplatzes zerlegt, liefert mit ihrem Kreischen eine beständige dumpfe Begleitung zu den hellen menschlichen Stimmen. Die Sägerei ist ganz einfach; das Stück Holz wird quer auf zwei erhöhte Böcke gelegt, und zwei Brettschneider, der eine oben auf dem Balken sitzend, der andere unten, geblendet durch den herabfallenden Sägestaub erhalten eine starke und breite Säge in fortwährender auf- und absteigender Bewegung. Stundenlang neigen sich diese Männer so hin und her gleich Gliederpuppen mit der Regelmäßigkeit und Starrheit von Maschinen. Das von ihnen zu Brettern gesägte Holz ist im Hintergrunde längs der Mauer zwei bis drei Meter hoch aufgeschichtet und gleichmäßig in Kubikform gelegt. Diese Mühlsteinen ähnlichen Vierecke, die manchmal mehrere Jahre lang hier liegen bleiben, bis sie von Moos und Unkraut überwuchert werden, sind mit ein Reiz des Saint-Mittre-Feldes. Es ziehen sich zwischen ihnen verschwiegene, stille Pfade hin, die zu einem etwas breitern Wege führen, der zwischen den Holzstößen und der Mauer freigelassen blieb. Es ist dies ein verlassener Winkel, ein schmaler grüner Fleck, von welchem aus man nur schmale Streifen des Himmels sieht. Auf diesem Wege, dessen Wände mit Moos überzogen sind und dessen Boden mit einem Wollteppich belegt zu sein scheint, herrscht noch der üppige Pflanzenwuchs und die fröstelnde Stille des ehemaligen Kirchhofes. Man verspürt da den lauen, unbestimmten Hauch der Wollust des Todes, wie er aus den im Sonnenbrande glühenden alten Gräbern aufsteigt. Es gibt in der Umgebung von Plassans keinen Ort, wo man so sehr wie hier durch die Einsamkeit und Stille zur Liebe gestimmt würde. Hier ist es köstlich zu lieben. Als der Kirchhof geräumt ward, mußte man in diesem Winkel die Gebeine aufhäufen; heute noch kommt es vor, daß man, den feuchten Boden mit dem Fuße aufwühlend, Schädelstücke zutage fördert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übrigens denkt niemand mehr an die Toten, die einst unter diesem Rasen geschlummert. Bei Tage spielen die Kinder Verstecken zwischen diesen Holzstößen. Der grüne Weg bleibt unbekannt und unbenutzt. Man sieht nichts als den staubgrauen Zimmerplatz mit den umherliegenden Pfosten. Des Morgens und Nachmittags, wenn die Sonne ihre Glut herniedersendet, wimmelt das Feld von Menschen; und über all dem regen Treiben, über den Straßenjungen, die zwischen den Hölzern spielen, und den Zigeunern, die das Feuer unter ihren Suppenkesseln anfachen, hebt sich das dürre Schattenbild des Sägearbeiters, der hoch auf seinem Balken sitzt, scharf vom Himmel ab, wie er sich auf- und abwärts bewegt mit der Regelmäßigkeit eines Pendels, wie um das fröhliche, neue Leben zu regeln, das hier auf dem ehemaligen Totenacker erstanden. Nur die Alten, die auf den Balken ausruhen und sich in der Abendsonne wärmen, reden noch manchmal untereinander von den Gebeinen, die sie ehemals auf dem sagenhaften Leichenkarren durch die Straßen von Plassans hatten führen sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Nacht hereinbricht, leert sich das Saint-Mittre-Feld und gleicht dann einer tiefen, schwarzen Grube. Im Hintergrunde ist nichts als der matte Schein der Feuerstellen der Zigeuner. Von Zeit zu Zeit sieht man stille Schatten durch die dichte Finsternis huschen. Im Winter hat der Ort ein besonders düsteres Aussehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An einem Sonntag abends, gegen sieben Uhr, verließ ein junger Mensch die Saint-Mittre-Gasse und schlich immer die Mauern entlang bis zu den Balken des Zimmerplatzes. Es war in den ersten Dezembertagen des Jahres 1851, und es herrschte eine trockene Kälte. Das Mondlicht hatte die den Wintermonden eigentümliche Klarheit. Der Zimmerplatz glich diese Nacht nicht einer dunklen Höhle wie in den regnerischen Nächten; durch breite Lichtfelder des weißen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mondes erhellt, lag er, den Beschauer zu sanfter Schwermut stimmend, in winterlicher Stille und Unbeweglichkeit da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mensch blieb, vorsichtig sich umschauend, einige Augenblicke am Rande des Feldes stehen. Unter seiner Jacke hielt er den Kolben einer langen Flinte fest, deren zu Boden gesenkter Lauf im Mondlicht glänzte. Er drückte die Waffe fest an sich und warf einen scharf prüfenden Blick auf die Schattenvierecke, die die Bretterstöße im Hintergrunde des Feldes warfen. Es war wie ein Damebrett aus Licht und Schatten mit scharf geschnittenen Feldern. Mitten im Felde standen auf einem kahlen, grauen Fleck die Böcke der Sägearbeiter eng aneinander gereiht, einer ungeheuerlichen geometrischen Figur gleichend, die jemand mit Tinte auf das Papier wirft. Der übrige Teil des Zimmerplatzes, der aus Balken gebildete Estrich, war ein breites Bett, wo das Mondlicht schlief, kaum getrübt durch die schmalen Schattenstreifen, die die aufgehäuften Pfosten hineinwarfen. Diese im Lichte des Wintermondes in eisiger Stille daliegenden Haufen umgestürzter, unbeweglicher Mäste, die gleichsam erstarrt waren in Kälte und Schlaf, erinnerten an die Toten des ehemaligen Kirchhofes. Der junge Mensch warf auf diesen leeren Raum nur einen flüchtigen Blick; kein Wesen, kein Hauch, keine Gefahr, gesehen oder gehört zu werden. Die dunklen Flecke des Hintergrundes beunruhigten ihn mehr. Doch nach kurzer Betrachtung wagte er sich vor und durchschritt rasch den Zimmerplatz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald er sich in Schatten gehüllt wußte, verlangsamte er seine Schritte. Er befand sich jetzt auf dem grünen Wege längs der Mauer hinter den Bretterstößen. Hier vernahm er nicht mehr das Geräusch seiner Schritte; das gefrorene Gras knisterte kaum unter seinen Füßen. Ein Gefühl der Zufriedenheit schien ihn zu erfüllen. Ihm war, als müsse er diesen Ort lieben, weil er daselbst keine Gefahr zu&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
fürchten, nur Gutes und Liebes zu suchen habe. Er verbarg seine Flinte nicht mehr. Der Weg zog sich gleich einem schattigen Graben dahin. Stellenweise glitt das Mondlicht zwischen zwei Bretterstößen hindurch und warf einen hellen Streifen auf das Gras. Dunkel und Helle lagen gleichmäßig in tiefem, traurigem Schlaf. Nichts war mit der Stille und Ruhe dieses Weges vergleichbar. Der junge Mensch durchschritt ihn in seiner ganzen Länge. An seinem Ende, dort wo die Mauern des Jas-Meiffren einen Winkel bilden, blieb er stehen und horchte, wie um zu hören, ob nicht von dem benachbarten Grundstück her ein Geräusch vernehmbar sei. Als er nichts hörte, bückte er sich, schob ein Brett zur Seite und versteckte seine Flinte unter einem Stoß Holz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Winkel fand sich ein alter Grabstein, der bei der Übersiedlung des alten Kirchhofes hier vergessen worden und quer gelegt eine Art hoher Bank bildete. Der Regen hatte die Ränder des Steines zermürbt, und das Moos fraß sich nach und nach in ihn ein. Beim Mondschein konnte man noch einiges von der Grabschrift auf der dem Erdboden zugeneigten Fläche des Grabsteines lesen. »Hier ruht ... Marie ... gestorben ...«, den Rest hatte die Zeit ausgelöscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der junge Mensch sein Gewehr verborgen hatte, horchte er von neuem, und da er nichts hörte, entschloß er sich, auf den Stein zu steigen. Die Mauer war niedrig; er stemmte die Ellenbogen auf die Mauerkappe. Allein jenseits der Reihe von Maulbeerbäumen, die längs der Mauer stand, sah er nichts als eine mondhelle Ebene; die Felder des Jas-Meiffren dehnten sich im Mondlichte flach und baumlos gleich einem ungeheuren Stück ungebleichter Leinwand aus. In einer Entfernung von etwa hundert Metern bildete das von dem Krautgärtner bewohnte Haus mit den Wirtschaftsgebäuden einen etwas helleren Fleck. Der junge Mensch blickte gespannt nach dieser Seite hin, als eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Turmuhr der Stadt in langsamen, tiefklingenden Schlägen die siebente Abendstunde kündete. Er zählte die Uhrschläge, dann stieg er von dem Steine herab, gleichsam überrascht und ärgerlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er setzte sich auf die Bank wie jemand, der sich gefaßt macht, lange zu warten. Er schien die scharfe Kälte nicht zu spüren. Eine halbe Stunde verharrte er regungslos, die Augen nachdenklich auf eine Schattenmasse geheftet. Er hatte sich in einen dunklen Winkel gesetzt; aber allmählich erreichte ihn der höher steigende Mond, und sein Kopf war hell beleuchtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Bursche mit aufgewecktem Gesichte, dessen feiner Mund und noch zarte Haut die Jugend verrieten. Er war etwa siebzehn Jahre alt und von einer charakteristischen Schönheit. Sein mageres, langes Gesicht war wie von dem Daumenstrich eines mächtigen Bildhauers geformt; die hügelige Stirne, die vorspringenden Bogen der Augenbrauen, die Adlernase, das breite, flache Kinn, die Wangen mit den vorspringenden Backenknochen verliehen dem Kopfe einen eigenartigen Ausdruck von Kraft und Energie. Mit dem Alter mußte dieser Kopf einen ausgesprochen knochigen Charakter, die Magerkeit eines fahrenden Ritters annehmen. Allein in dieser Zeit erwachender Mannbarkeit, an Kinn und Wangen kaum mit einem schwachen Flaum bedeckt, wurde die Rauheit dieses Kopfes durch gewisse einnehmende Weichheiten gemildert, durch gewisse Winkel des Gesichtes, die noch einen unbestimmten, kindlichen Ausdruck haben. Die Augen von zartschwarzer Färbung, noch in die Unschuld der Jugend getaucht, verliehen diesem energischen Gesicht ebenfalls einen Zug von Sanftmut. Nicht alle Frauen würden diesen Knaben geliebt haben; denn er war weit entfernt von dem, was man einen hübschen Jungen nennt; allein das Ganze seiner Züge zeigte eine so feurige, anziehende Lebendigkeit,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eine solche Schönheit der Begeisterung und der Kraft, daß die Dirnen der Gegend, diese heißblütigen Töchter des Südens, wohl von ihm zu träumen begannen, wenn er an schwülen Juliabenden an ihrer Haustüre vorbeikam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Grabstein sitzend, sann er und sann, ohne zu merken, daß er jetzt ganz im Mondlichte saß. Er war von mittlerer, etwas gedrungener Gestalt. Am Ende seiner stark entwickelten Arme saßen Arbeiterhände, die schon durch die Arbeit abgehärtet waren; die kräftigen Füße staken in groben Bundschuhen. Die Gelenke und die Glieder, die schwerfällige Haltung des Körpers kennzeichneten ihn als Sohn des Volkes; allein in der aufrechten Haltung seines Halses und in dem denkenden Ausdruck der Augen lag gleichsam eine stille Auflehnung gegen die Verrohung durch das Tagewerk, das ihn schon zu Boden zu drücken begann. Es mußte eine verständige Natur sein, ertränkt in der Schwerfälligkeit seines Stammes und seines Berufes; einer jener fein gearteten und auserlesenen Geister, die sich im Fleische selbst kundgeben und darunter leiden, daß sie nicht siegreich und strahlend ihre plumpe Hülle verlassen können. Trotz seiner Kraft schien er schüchtern und zaghaft zu sein; er schämte sich gleichsam unbewußt, sich so unvollständig zu fühlen und nicht zu wissen, wie er sich vervollständigen solle. Ein wackeres Kind, dessen Unwissenheit sich in Begeisterung verwandelt hatte; ein Mannesherz, unterstützt durch die Vernunft eines Knaben, der Hingebung fähig wie ein Weib und dabei mutig wie ein Held. An diesem Abend war er mit Beinkleid und Jacke von grünem Wollsammet bekleidet; ein Hut von weichem Filz, der ihm leicht auf dem Hinterkopfe saß, warf einen Schattenstreif auf seine Stirn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die benachbarte Turmuhr die halbe Stunde schlug, fuhr er plötzlich aus seiner Träumerei auf. Er sah sich in voller Beleuchtung und schaute sich besorgt um. Mit einer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hastigen Bewegung zog er sich in das Dunkel des Schattens zurück, aber er konnte den Faden seiner Träumerei nicht wiederfinden. Er fühlte jetzt, daß seine Hände und Füße froren, und die Unruhe bemächtigte sich seiner von neuem. Er klomm wieder hinan, um einen Blick nach den Jas-Meiffren zu werfen, der still und öde dalag. Als er dann nicht mehr wußte, wie er die Zeit totschlagen solle, holte er unter dem Bretterhaufen seine Flinte hervor und begann, mit dem Hahn zu spielen. Es war ein langer und schwerer Karabiner, der einst ohne Zweifel irgendeinem Schmuggler gehört hatte; an dem dicken Kolben und der starken Schwanzschraube des Laufes erkannte man die einstige Steinschloßflinte, die ein Büchsenmacher der Gegend zu einer modernen Schießwaffe umgewandelt hatte. Auf den Pachthöfen findet man noch solche Karabiner über den Kaminen hängen. Der junge Mensch tändelte mit seiner Waffe; er ließ wohl zwanzigmal den Hahn spielen, fuhr mit dem kleinen Finger in den Lauf und prüfte aufmerksam den Kolben. Allmählich flammte seine jugendliche Begeisterung auf, in die sich ein Zug von Kinderei mengte. Er legte den Karabiner an die Wange und zielte ins Leere wie ein Rekrut, der sich einübt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald mußte die achte Stunde schlagen. Der junge Mensch hielt seit einer Minute seine Waffe angelegt, als eine Stimme, leise wie ein Hauch, müde und keuchend, aus dem Jas-Meiffren herüber vernehmbar wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist du da, Silvère? fragte die Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère ließ das Gewehr fallen und war mit einem Satze auf dem Grabstein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, erwiderte er, ebenfalls mit gedämpfter Stimme ... Warte, ich will dir behilflich sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch hatte er den Arm nicht ausgestreckt, als der Kopf eines jungen Mädchens über der Mauer erschien. Mit seltener&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Behendigkeit hatte das Kind den Stamm eines Maulbeerbaumes ergriffen und war emporgeklettert wie ein Kätzchen. An der Sicherheit und Leichtigkeit ihrer Bewegungen konnte man sehen, daß sie mit diesem seltsamen Wege wohl vertraut war. In einem Nu saß sie auf der Mauerkappe. Nun nahm Silvère sie in seine Arme und stellte sie auf die Bank. Allein sie wehrte sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß doch, sagte sie mit munterem Lächeln ... Ich kann allein hinab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie auf dem Steine stand, fragte sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wartest du schon lange? ... Ich bin gelaufen ... bin ganz atemlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère antwortete nichts. Er schien zum Lachen nicht gelaunt und betrachtete das Kind mit bekümmerter Miene. Dann setzte er sich zu ihr und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte dich sehen, Miette, und würde selbst die ganze Nacht auf dich gewartet haben. Morgen mit Tagesanbruch ziehe ich fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette hatte inzwischen die im Grase liegende Waffe bemerkt. Sie ward sogleich sehr ernst und flüsterte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, es ist also entschieden! ... da ist deine Flinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schwiegen eine Weile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ich gehe, sagte Silvère mit schwankender Stimme ... das ist mein Gewehr ... Ich hielt es für besser, es schon heute abend aus dem Hause zu schaffen; morgen würde Tante Dide vielleicht bemerkt haben, daß ich es wegnehme, und es würde sie beunruhigt haben. Ich will es hier verstecken, und ehe wir aufbrechen, will ich mir es holen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da es schien, als könne Miette die Augen nicht mehr wegwenden von der Waffe, die er törichterweise im Grase hatte liegen lassen, erhob er sich und schob die Flinte von neuem unter den Holzstoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben heute morgen erfahren, sagte er und nahm&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
neben ihr wieder Platz, daß die Aufständischen von La Palud und von Saint-Martin de Vaulx im Anzuge seien und die letzte Nacht in Alboise zugebracht haben. Es ist beschlossen worden, daß wir uns ihnen anschließen. Heute nachmittag hat ein Teil der Arbeiter von Plassans die Stadt verlassen, die übrigen werden morgen zu ihren Brüdern stoßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wort »Brüder« sprach er mit einer wahrhaft knabenhaften Begeisterung aus. Immer lebhafter werdend fuhr er mit scharf vibrierender Stimme fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf wird unvermeidlich; aber das Recht ist auf unserer Seite; wir werden siegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette hörte ihm zu und blickte starr vor sich hin. Als er schwieg, sagte sie einfach:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Weile setzte sie hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hattest mich benachrichtigt ... aber ich hoffte dennoch ... Nun ist&#039;s entschieden ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fanden keine anderen Worte. Der verlassene Winkel des Werkplatzes, der grüne Weg an der Mauer versank wieder in trübes Schweigen; nur der helle Mond warf den Schatten der Holzstöße rund umher auf das Gras. Die Gruppe der beiden jungen Leute auf dem Grabstein war im bleichen Mondlicht unbeweglich und stumm geworden. Silvère hatte den Arm um den Leib Miettes gelegt, und diese lehnte sich an die Schulter des Burschen. Sie tauschten keine Küsse aus, nur eine Umarmung, in der die Liebe die zärtliche Unschuld einer geschwisterlichen Zuneigung annahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette war in einen großen braunen Mantel mit Kapuze gehüllt, der bis zu ihren Füßen hinunter fiel und sie ganz bedeckte. Man sah bloß ihren Kopf und ihre Hände. Die Frauen aus dem Volke, Bäuerinnen und Arbeiterinnen, tragen in der Provence heute noch diese breiten Mäntel, deren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mode eine recht alte sein muß. Wie sie gekommen war, hatte Miette die Kapuze zurückgeworfen. Als heißes junges Blut, das im Freien lebte, trug sie niemals eine Haube. Ihr unbedeckter Kopf hob sich kräftig von der mondbeleuchteten Mauer ab. Es war ein Kind, im Begriffe zum Weibe zu reifen. Sie befand sich in jenem unbestimmten, liebenswürdigen Alter, wo das Kind zur Jungfrau wird. In diesem Alter hat jedes Mädchen die Zartheit der sprießenden Knospe, eine Unfertigkeit der Formen, die einen köstlichen Reiz hat; in der unschuldigen Schmächtigkeit der Kindheit äußern sich schon die ersten Anzeichen der vollen, wollüstigen Linien der Erwachsenen; das Weib löst sich los mit der ersten züchtigen Verwirrung, noch zur Hälfte das Aussehen des kleinen Mädchens bewahrend und unwillkürlich in jeden seiner Züge das Zeugnis seines Geschlechtes legend. Für manche Mädchen ist dies eine schlimme Stunde; sie schießen plötzlich in die Höhe, werden häßlich, gelb, gebrechlich wie allzu rasch gediehene Pflanzen. Für Miette und für alle, die blutreich sind und in der freien Luft leben, ist&#039;s eine Stunde alles durchdringender Anmut, wie sie niemals wiederkehrt. Miette war dreizehn Jahre alt. Obgleich sie schon stark war, würde man sie doch nicht für älter gehalten haben, so sehr erhellte sich ihr Antlitz manchmal in einem frohen, kindlich-unschuldigen Lachen. Sie mußte übrigens schon mannbar sein; das Weib entwickelte sich sehr früh in ihr dank dem Klima und dem arbeitsamen Leben, das sie führte. Sie war fast so groß wie Silvère, stark und strotzend von Leben und Gesundheit. Gleich ihrem Freunde war auch sie von nicht gewöhnlicher Schönheit; man konnte sie nicht häßlich finden, aber sie mußte vielen jungen Leuten mindestens seltsam erscheinen. Sie hatte prachtvolles Haar; dicht und gerade in der Stirne wurzelnd, fiel es machtvoll zurück gleich einer aufspringenden Woge, dann floß es über&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scheitel und Nacken herab wie eine tintenschwarze, launische, wellige Flut. Das Haar war so dicht, daß sie es nicht zu bewältigen vermochte und es ihr eine Last war. Sie wickelte es in mehrere Knoten von der Größe einer Faust zusammen, so stark sie nur konnte, damit es so wenig Platz wie möglich einnehme, und steckte es am Hinterkopfe auf. Sie hatte keine Zeit, sich lange mit ihrem Kopfputz zu beschäftigen, aber diese riesige Haarflechte, ohne Spiegel und in aller Hast gewunden, gewann unter ihren Fingern dennoch eine ungewöhnliche Anmut. Wenn man sie mit diesem lebendigen Helm bedeckt sah, mit diesem Haufen krauser Haare, die in reicher Fülle über Schläfen und Nacken hinabflössen gleich einem Tierfell, begriff man, weshalb sie unbedeckten Hauptes ging, unbekümmert um Sturm und Wetter. Unter der dunkeln Linie des Haares hatte die sehr niedrige Stirne die Form und die goldschimmernde Farbe eines Halbmondes; die vorspringenden, großen Augen; die kurze, an den Flügeln breite, am Ende aufgestülpte Nase; die allzu starken und allzu roten Lippen: sie würden häßlich geschienen haben, wenn man sie einzeln betrachtet hätte. Allein wenn man sie in der reizenden Rundung des Antlitzes, in dem regen Spiel des Lebens sah, bildeten diese Einzelheiten des Gesichtes ein Ganzes von seltsamer und ergreifender Schönheit. Wenn Miette lachte, den Kopf rückwärts leicht auf die rechte Schulter neigend, glich sie der antiken Bacchantin mit ihrer von hellem Frohsinn geschwellten Brust, ihren runden, vollen Kinderwangen, ihren breiten, weißen Zähnen, ihren Wülsten krauser Haare, welche die Ausbrüche der Freude auf ihrem Nacken tanzen ließen, gleich einem Kranze von Weinlaub. Um in ihr die Jungfrau, das Mädchen von dreizehn Jahren zu erkennen, mußte man sehen, wie viel Unschuld in diesem hellen, geschmeidigen Lachen des reifen Weibes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
lag, mußte man insbesondere die noch kindliche Zartheit des Kinns und die weiche Reinheit der Schläfen sehen. Das von der Sonne angehauchte Antlitz Miettens nahm an gewissen Tagen den Schein des Bernsteins an. Ein feiner, schwarzer Flaum warf bereits einen leichten Schatten auf ihre Oberlippe. Die harte, unaufhörliche Arbeit begann bereits ihre kurzen, kleinen Hände zu verunstalten, die bei einem müßigen Leben liebliche, fette Hände einer kleinen Bürgerin geworden wären.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette und Silvère blieben lange stumm; sie suchten in ihren unruhigen Gedanken zu lesen und in dem Maße, wie sie sich zusammen in die Angst und in das Unbekannte des kommenden Tages versenkten, ward ihre Umarmung fester und inniger. Das Mädchen konnte indes nicht länger an sich halten; sie drohte zu ersticken und sprach in einem Satze den Gedanken aus, der beide beunruhigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst wiederkehren, nicht wahr? stammelte sie, indem sie sich Silvère an den Hals warf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère fand keine Antwort; die Kehle war ihm wie zugeschnürt, und er fürchtete in Tränen auszubrechen wie sie. Er küßte sie wie ein Bruder, der keinen anderen Trost findet. Sie lösten sich aus der Umarmung und versanken wieder in das frühere Stillschweigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach kurzer Zeit fuhr Miette fröstelnd zusammen. Sie lehnte sich nicht mehr an die Schulter Silvère&#039;s; sie fühlte ihren Körper zu Eis erstarren. Noch am vorhergehenden Abend würde sie nicht so gefroren haben in dieser verlassenen Allee auf diesem Grabstein, wo sie schon seit einigen Jahren, in der Stille des alten Kirchhofes, so glücklich ihrer Liebe lebten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mich friert&#039;s! sagte sie, und schlug die Kapuze ihres Mantels herauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen wir einen Gang machen? fragte der junge&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mensch. Es ist noch nicht neun Uhr; wir können einen Spaziergang auf die Straße machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette dachte, daß sie vielleicht lange Zeit nicht wieder die Freude eines Stelldicheins haben werde, einer jener Abendplaudereien, die sie tagelang ersehnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, gehen wir, sagte sie lebhaft; gehen wir bis zur Mühle. Ich bleibe die ganze Nacht bei dir, wenn du willst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie stiegen von der Bank herab und verbargen sich hinter einem Bretterhaufen. Hier öffnete Miette ihren wattierten, mit rotem Wollstoff gefütterten Mantel und warf einen Flügel dieses breiten und warmen Kleidungsstückes über die Schulter Silvères, ihn so ganz einhüllend und in einem und demselben Kleidungsstücke an sich schließend. Sie legten sich wechselseitig einen Arm um den Leib, um so nur eins auszumachen. Als sie dergestalt zu einem Wesen verschmolzen waren, als sie dermaßen in die Falten des Mantels eingehüllt waren, daß sie jede menschliche Form verloren, setzten sie sich mit kurzen Schritten in Gang, wandten sich nach der Heerstraße und durchschritten furchtlos die mondhellen Räume des Werkplatzes. Miette hatte Silvère eingehüllt und dieser hatte sich dem Beginnen in einer ganz natürlichen Weise gefügt, als ob der Mantel ihnen jeden Abend den nämlichen Dienst geleistet habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße nach Nizza, zu deren beiden Seiten die Vorstadt erbaut war, standen noch im Jahre 1851 hundertjährige Ulmen, alte Riesen, großartige, mächtige Ruinen, welche die weise Stadtverwaltung seither durch kleine Platanen ersetzt hat. Als Silvère und Miette unter den alten Bäumen angelangt waren, deren knotige, unförmlich verschränkte Zweige ihre Schatten auf den vom Monde beleuchteten Fußweg warfen, begegneten sie zwei- oder dreimal dunklen Massen, die sich eng an den Häusern vorwärtsbewegten. Es waren Liebespärchen wie sie, dicht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eingeschlossen in den Zipfel eines Überwurfes, im Dunkel des Schattens ihre stille Liebe spazieren führend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Liebenden in den Städten des Südens haben diese Art spazieren zu gehen. Die Burschen und Mädchen aus dem Volke, die eines Tages Mann und Frau werden sollten, aber gern geneigt sind, sich auch schon vorher zu umarmen und zu küssen, wissen nicht, wohin sie flüchten sollen, um ungestört ein Küßchen auszutauschen, ohne sich allzusehr dem Klatsch auszusetzen. Obgleich die Eltern ihnen volle Freiheit lassen, würden sie doch, wenn sie in der Stadt ein Zimmer mieten wollten, um da allein zu sein, schon am nächsten Tage der Gegenstand des allgemeinen Ärgernisses sein; anderseits haben sie nicht jeden Abend Zeit, die Einsamkeit im Freien zu suchen. Da nehmen sie denn zu einem Auskunftsmittel ihre Zuflucht; sie gehen in die Vorstädte auf die leeren Flecke, in die Alleen der Heerstraße, kurz an alle Orte, wo es wenig Leute und viele Schlupfwinkel gibt. Und da sich alle Leute gegenseitig kennen, tun sie ein übriges an Vorsicht und machen sich unkenntlich, indem sie sich in ihre weiten Mäntel einhüllen, in denen eine ganze Familie Platz fände. Die Eltern dulden diese Spaziergänge im nächtlichen Dunkel; die Sittenstrenge der Gegend scheint darüber nicht entrüstet zu sein. Man weiß, daß die Verliebten in keinem Winkel stehen bleiben, auf den verlassenen Wiesengründen sich nicht niederlassen, und das genügt, um die Besorgnisse der Züchtigen zu beschwichtigen. Während des Spazierganges können sie sich höchstens küssen. Indessen kommt es doch manchmal vor, daß eine Dirne fällt. Dann weiß man, daß das Liebespärchen sich gesetzt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt in Wahrheit nicht Reizenderes als diese Liebes-Spaziergänge. Da äußert sich voll und ganz die einschmeichelnde und erfinderische Einbildungskraft des Südens. Es ist ein wirklicher Mummenschanz, ergiebig an kleinen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freuden, die selbst dem Ärmsten zugänglich sind. Die Geliebte braucht nur den Mantel zu öffnen und bietet dem Liebhaber einen fertigen Zufluchtsort; sie birgt ihn an ihrem Herzen, in der Wärme ihrer Kleidung, wie die kleinen Bürgersfrauen ihre Liebhaber unter ihren Betten oder in den Schreinen verstecken. Die verbotene Frucht hat einen besonders süßen Geschmack. Man genießt sie im Freien inmitten von gleichgültigen Menschen die Heerstraße entlang. Was dabei köstlich ist, was diesen ausgetauschten Küssen eine ganz besondere Wollust verleiht, das ist die Gewißheit, sich straflos vor aller Welt küssen zu können; ganze Abende auf öffentlicher Straße Arm in Arm zubringen zu können, ohne Gefahr erkannt und mit Fingern gezeigt zu werden. So ein Pärchen ist eine dunkle Masse, und eins gleicht dem andern. Für den späten Spaziergänger, der diese Massen undeutlich sich fortbewegen sieht, ist&#039;s nichts weiter als die vorübergehende, die namenlose Liebe; die Liebe, die man errät, aber nicht kennt. Die Verliebten wissen, daß sie wohlgeborgen sind; sie plaudern mit leiser Stimme, sie wissen, daß sie zu Hause sind; zumeist haben sie einander nichts zu sagen; stundenlang wandeln sie selig dahin, Leib an Leib, in denselben Stoffzipfel eingewickelt. Dies ist überaus wonnig und überaus keusch zugleich. Das Klima ist der große Schuldige; das Klima allein hat wohl ursprünglich die Liebenden eingeladen, die Winkel der Vorstädte als Zufluchtsorte aufzusuchen. Wenn man in einer schönen Sommernacht einen Gang durch Plassans macht, wird man hinter jedem Stück Mauer ein Pärchen unter der Kapuze finden. Manche Orte, der Saint-Mittre-Grund zum Beispiel, sind mit diesen dunklen Dominos bevölkert, die langsam, geräuschlos aneinander vorbeihuschen in der milden, lauen Nacht. Man glaubt die Gäste eines geheimnisvollen Balles zu sehen, den die Sterne den Liebespaaren der armen Volksklassen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
geben. Wenn es zu warm ist und die jungen Mädchen ihre Mäntel nicht mehr tragen, schlagen sie einfach den Rock über den Kopf. Im Winter kümmern sich die Liebespärchen wenig um die Kälte. Während Silvère und Miette die Nizzaer Straße dahinschritten, dachten sie gar nicht daran, über die Kälte der Dezembernacht zu klagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden jungen Leute durchschritten die schweigende Vorstadt, ohne ein Wort zu wechseln. In stiller Wonne hatten sie den warmen Reiz ihrer Umarmung wiedergefunden. Ihre Herzen waren betrübt; in dem Glücke, das sie empfanden, indem sie sich aneinanderschmiegten, lag. die schmerzliche Aufregung eines Abschiedes, und es war ihnen, als würden sie niemals die Süßigkeit und die Bitternis dieser Stille erschöpfen, die ihren Gang verlangsamte. Bald wurden die Häuser seltener, sie waren am Ende der Vorstadt angelangt. Hier ist der Eingang zum Jas-Meiffren, zwei starke Pfeiler, durch ein Eisengitter verbunden, durch dessen Stäbe eine lange Allee von Maulbeerbäumen zu sehen ist. Als Silvère und Miette hier vorbeikamen, warfen sie unwillkürlich einen Blick auf diesen Grundbesitz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jenseits des Jas-Meiffren senkt sich die Heerstraße einen sanften Abhang hinab bis zu einer Talsohle, die einem Flüßchen, der Viorne, als Bett dient, die im Sommer ein Bach, im Winter zum reißenden Strom wird. In jener Zeit setzte die Ulmen-Allee hier sich fort und machte aus der Heerstraße eine prächtige Zufahrt, die den mit Getreide und verkümmerten Weingärten bebauten Abhang mit einem breiten Bande von Riesenbäumen durchschnitt. In dieser Dezembernacht, im klaren, kalten Mondlicht, dehnten zu beiden Seiten der Straße die frisch bearbeiteten Felder sich dahin wie weite Lagen grauer Watte, an der alles Geräusch erstirbt. Das ferne, dumpfe Gemurmel des Wassers der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viorne brachte allein ein Leben in die unermeßliche Stille der Landschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die jungen Leute den Abhang hinabzusteigen begannen, kehrten die Gedanken Miettes zu dem Jas-Meiffren zurück, den sie soeben hinter sich gelassen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich konnte heute abend nur schwer abkommen, sagte sie. Mein Oheim wollte mich nicht fortlassen. Er hat sich in einen Keller eingeschlossen; ich glaube, er hat daselbst sein Geld vergraben, denn er schien heute morgens sehr erschrocken über die Ereignisse, die sich vorbereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère schloß sie noch enger an sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fasse Mut! sprach er. Es wird eine Zeit kommen, da wir uns frei den ganzen Tag werden sehen können. Du mußt dich nicht kränken...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, du hast noch Hoffnung! rief sie, den Kopf schüttelnd... Sieh! an manchen Tagen bin ich gar sehr traurig. Nicht die schweren Arbeiten bekümmern mich, im Gegenteil: ich bin oft glücklich über die Härte meines Oheims und die Schwere der Arbeiten, die er mir auferlegt. Er hat recht getan, eine Bäuerin aus mir zu machen; ich wäre sonst vielleicht auf Abwege geraten. Denn, siehst du, Silvère: es gibt Augenblicke, wo ich mich verwünscht glaube... Dann möchte ich am liebsten tot sein... Ich denke an ... Du weißt schon an wen...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesen letzten Worten erstarb die Stimme des Mädchens in einem Schluchzen. Silvère unterbrach sie in einem fast rauhen Tone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweig! sagte er. Du hast mir versprochen, weniger an diese Sache zu denken. Es ist doch nicht dein Verbrechen!... Dann fügte er sanfter hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben einander sehr lieb, nicht wahr? Sind wir erst Mann und Frau, dann sollst du keine bösen Stunden mehr haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß, flüsterte Miette; du bist gut, du reichst mir die Hand. Aber es ist einmal so: ich habe Angst und fühle manchmal einen Aufruhr in mir. Mich dünkt, man habe mir unrecht getan und dann drängt es mich, schlecht zu sein. Dir öffne ich mein Herz. So oft man mir den Namen meines Vaters ins Antlitz schleudert, fährt es mir wie ein Brand über den ganzen Leib. Wenn ich über die Straße gehe und die Jungen mir nachrufen: »He, da geht die Chantegreil!« so bringt mich das außer Rand und Band; ich möchte sie fassen und prügeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einem grollenden Schweigen fuhr sie fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist ein Mann ... trägst ein Gewehr und schießt ... du bist glücklich! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sivère hatte sie ruhig reden lassen. Nach einigen Schritten sagte er mit bekümmerter Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast unrecht, Miette; es ist schlimm von dir, dich dem Zorn zu überlassen. Gegen die Justiz soll man sich nicht auflehnen. Ich ziehe in den Kampf für unser aller Recht; ich habe keine Rache zu befriedigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichviel, fuhr das Mädchen fort; ich möchte ein Mann sein und schießen dürfen. Ich glaube, es würde mir wohltun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An Silvères Schweigen merkte sie, daß sie ihn geärgert habe. Das brachte sie zu sich. Sie stammelte in flehendem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du zürnst mir doch nicht? Dein Fortgehen betrübt mich und bringt mich auf solche Gedanken. Ich weiß wohl, daß du recht hast, daß ich demütig sein muß ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie begann zu weinen. Silvère war gerührt; er faßte ihre Hände und küßte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei ruhig, sprach er in zärtlichem Tone; aus dem Zorn fällst du ins Weinen wie ein Kind. Du mußt Vernunft annehmen. Ich will dich nicht schelten ... Ich möchte dich nur zufriedener sehen, und das hängt hauptsächlich von dir ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Drama, dessen Erinnerung Miette so schmerzlich heraufbeschworen, versetzte das Liebespaar in eine trübe Stimmung, die einige Minuten währte. Gesenkten Hauptes, in ihre Gedanken vertieft gingen sie weiter. Nach einer Weile begann Silvère wieder:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und glaubst du etwa, ich sei glücklicher als du? Was wäre aus mir geworden, wenn meine Großmutter sich meiner nicht angenommen, mich nicht erzogen hätte? Mit Ausnahme meines Oheims Anton, der ein Arbeiter ist wie ich und mich die Republik lieben gelehrt hat, fürchten alle meine Verwandten, sich an mir zu beschmutzen, wenn ich an ihnen vorbeikomme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ward allmählich lebhafter, während er diese Worte sprach; mitten auf der Straße war er stehen geblieben und hatte auch Miette zurückgehalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gott ist mein Zeuge, fuhr er fort, daß ich niemanden beneide und niemanden gering achte. Aber wenn wir siegen, werde ich diesen feinen Herren doch meine Meinung sagen, wer und was sie sind. Onkel Anton weiß davon schöne Dinge zu erzählen. Wenn wir zurückkehren, sollst du sehen ... Wir werden frei und glücklich leben ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette zog ihn sachte weiter. Sie setzten ihren Spaziergang fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du liebst deine Republik sehr, sagte das Kind mit einem Versuch zu scherzen. – Liebst du mich ebenso.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lachte; aber in ihrem Lachen lag ein Zug von Bitterkeit. Vielleicht sagte sie sich, daß Silvère sie leichthin verlasse, um in die weite Welt zu laufen. Der Bursche erwiderte in ernstem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist mein Weib; ich habe dir mein ganzes Herz geschenkt. Ich liebe die Republik, weil ich dich liebe. Wenn wir einmal verheiratet sind, werden wir viel Glück benötigen, und um einen Teil dieses Glückes zu erringen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ziehe ich morgen früh fort. Du wirst mir doch nicht raten wollen, zu Hause zu bleiben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
0 nein! rief das Mädchen lebhaft. Ein Mann muß stark sein. Der Mut ist eine schöne Sache! Du mußt mir verzeihen, daß ich eifersüchtig bin. Ich möchte ebenso stark sein wie du. Du würdest mich dann noch mehr lieben, nicht wahr?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schwieg eine Weile, dann fügte sie lebhaft und mit lieblicher Treuherzigkeit hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, wie gern werde ich dich küssen, wenn du wiederkehrst!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Aufschrei eines liebevollen und mutigen Herzens rührte Silvère tief. Er nahm Miette in seine Arme und drückte ihr mehrere Küsse auf die Wangen. Das Kind lachte und wehrte sich nur schwach. Sie war tief bewegt und ihre Augen standen voll Tränen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landschaft ringsumher lag in tiefem Schlafe, in der unermeßlichen Stille der winterlichen Kälte. Sie waren in der Mitte des Abhanges angekommen. Links stand ein ziemlich hoher Hügel, auf dessen Gipfel im Mondlichte die Ruine einer Windmühle zu sehen war. Der Turm allein war noch übrig geblieben, und auch dieser lag auf einer Seite in Trümmern. Dies war das Ziel, das die jungen Leute ihrem Spaziergang gesetzt hatten. Seitdem sie die Vorstadt hinter sich gelassen, gingen sie geradeaus, ohne einen Blick auf die Felder zu werfen, die sie umgaben. Nachdem Silvère das Mädchen geküßt hatte, blickte er auf und bemerkte die Mühle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schnell wir gegangen sind! rief er. Da ist die Mühle. Es muß bald halb zehn Uhr sein. Wir müssen umkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette machte ein Mäulchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß uns noch ein kleines Stück gehen, bat sie. Nur einige Schritte, bis zum kleinen Übergang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère nahm sie lächelnd um den Leib, und sie setzten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihren Abstieg fort. Sie fürchteten die Blicke der Neugierigen nicht mehr; seit den letzten Häusern der Vorstadt waren sie niemandem mehr begegnet. Nichtsdestoweniger blieben sie in ihren Mantel eingehüllt. Dieses gemeinsame Kleid war wie ein natürliches Nest ihrer Liebe; so viele glückliche Abende hatte es sie geborgen! Wären sie getrennt nebeneinander einhergegangen, sie wären sich in der weiten Landschaft so klein, so vereinsamt vorgekommen; es beruhigte sie, es machte sie in den eigenen Augen größer, daß beide zusammen nur ein Wesen bildeten. Durch die Falten des Mantels hindurch betrachteten sie die Felder, die sich zu beiden Seiten der Straße ausbreiteten, ohne jene erdrückende Wirkung zu fühlen, welche der Anblick der weiten, eintönigen Fläche auf die zarten Empfindungen der Menschen ausübt. Es war ihnen, als hätten sie ihr Haus mitgenommen, und sie genossen den Anblick der Landschaft, wie man ihn durch ein Fenster genießt; sie liebten diese stille Einsamkeit, diese breiten Felder schlummernden Lichtes, dessen Enden und Winkel der Natur, die da verschwommen auftauchten, bedeckt mit dem Laken des Winters und der Nacht, dieses ganze Tal, das sie zwar entzückte, aber doch nicht stark genug war, um sich zwischen ihre aneinander geschmiegten Herzen einzudrängen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hatten übrigens aufgehört, ein zusammenhängendes Gespräch zu führen; sie sprachen nicht mehr von anderen, sie sprachen auch nicht von sich selbst; sie gehörten ganz dem Augenblick, tauschten von Zeit zu Zeit einen Händedruck, stießen bei dem Anblick eines Winkels der Landschaft einen Ruf der Bewunderung aus, sprachen nur wenig, fast ohne zu hören, was sie sagten, gleichsam eingeschlummert in der Wärme ihrer Körper. Silvère vergaß seine Begeisterung für die Republik; Miette dachte nicht mehr daran, daß ihr Geliebter sie binnen einer Stunde für lange&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeit, vielleicht für immer verlassen sollte. So kam es, daß sie wie an gewöhnlichen Tagen, wenn ihre Zusammenkunft von keinem Abschiede bedroht war, sich in das Glück ihrer Liebe versenkten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schritten noch immer weiter. Bald kamen sie zu dem kleinen »Übergang«, von welchem Miette gesprochen hatte. Es war dies ein schmaler Querweg, der sich in die Landschaft hineinzog und zu einem Dörfchen führte, das am Ufer der Viorne erbaut war. Allein sie hielten nicht an, sondern setzten ihren Weg fort und taten, als sähen sie den Pfad nicht, über den hinaus sie nicht hatten gehen wollen. Erst einige Minuten weiter sagte Silvère:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muß schon spät sein; du bist wohl sehr müde?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, ich bin nicht müde! Meilenweit könnte ich so fortgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte sie mit einschmeichelnder Stimme hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn du willst, gehen wir bis zur Klara-Wiese. Dort wollen wir dann aber wirklich kehrtmachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, den der gleichmäßige Gang des Mädchens einlullte und der mit offenen Augen schlummerte, machte weiter keine Einwendung gegen den Vorschlag Miettens. Sie widmeten sich wieder ihrem Glücke und gingen langsamen Schrittes weiter, den Augenblick fürchtend, wo sie den Abhang wieder hinansteigen mußten; so lange sie vor sich hingingen, war es ihnen, als müsse ihre Umarmung ewig währen; die Umkehr war die Trennung, das grausame Lebewohl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allmählich ward der Abhang weniger steil. Im Talgrund ziehen sich Wiesen bis zur Viorne hinab, die am Fuße niedriger Hügel dahinfließt. Das ist die Klara-Wiese, durch lebende Hecken von der Heerstraße getrennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach was! wir gehen bis zur Brücke, sagte Silvère, als er die ersten Grasstreifen sah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette lachte hell auf, nahm den jungen Mann beim Kopf und küßte ihn herzhaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem Platze, wo die Hecke beginnt, hat die Allee ein Ende; sie wird durch zwei alte, riesige Ulmen geschlossen. Die Felder dehnen sich knapp an der Heerstraße dahin, kahl, gleich einem breiten Bande grüner Leinwand, bis zu den Weiden und Birken am Flüßchen. Die Entfernung von den letzten Ulmen bis zur Brücke betrug übrigens kaum mehr als 300 Meter. Die Liebenden brauchten eine gute Viertelstunde, um diesen Raum zurückzulegen. Trotz aller absichtlichen Langsamkeit erreichten sie schließlich doch die Brücke. Hier blieben sie stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor ihnen stieg die Straße gegen Nizza die jenseitige Anhöhe hinan; sie konnten nur ein kurzes Stück sehen; die Straße macht einen halben Kilometer von der Brücke eine plötzliche Biegung und verliert sich dann zwischen den waldbestandenen Hängen. Als sie sich umwandten, sahen sie den anderen Abschnitt der Straße, den sie soeben zurückgelegt hatten und der in gerader Linie von Plassans zur Viorne führt. In dem schönen, hellen Lichte des winterlichen Mondes glich die Straße einem langen Silberbande, an welchem die Ulmen einen dunklen Saum bildeten. Rechts und links bildeten die bebauten Äcker unbestimmte, grüne, weite Flächen, durchschnitten durch dieses Band, durch diese reifweiße Straße, die einen metallischen Schimmer hatte. Ganz hinten, wo die Straße mit dem Gesichtskreise zusammenfließt, glänzten noch, gleich hellen Funken, einige beleuchtete Fenster der Vorstadt. Schritt für Schritt hatten Silvère und Miette fast eine Meile zurückgelegt. Sie warfen einen Blick auf den durchmessenen Weg, in stiller Bewunderung gebannt angesichts dieses unermeßlichen Amphitheaters, das bis zum Himmelsrande hinaufstieg und auf das Streifen bläulichen Lichtes herabflossen, wie auf die Stufen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eines riesigen Wasserfalles. Dieses eigenartige Theater lag da in der Stille und Unbeweglichkeit des Todes. Nichts konnte sich an überwältigender Größe damit vergleichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die jungen Leute hatten sich an das Brückengeländer gelehnt und schauten hinab. Unter ihnen floß die Viorne, durch die letzten Regengüsse angeschwollen, mit dumpfem, ununterbrochenem Geräusch dahin. Flußauf und flußab unterschieden sie in dem Dunkel der Höhlungen die dunklen Linien der Bäume an den beiden Flußufern; da und dort flimmerte ein Mondstrahl; es war wie ein Strich geschmolzenen Zinns, das leuchtete und sich bewegte wie ein Widerschein des Tageslichtes auf den Schuppen eines lebenden Fisches. Diese Lichter glitten mit einem geheimnisvollen Reiz den grau schimmernden Lauf des Flusses entlang, zwischen den unbestimmten Schatten des Laubwerks hindurch. Es war wie ein verzaubertes Tal, ein wunderbarer Zufluchtsort, wo ein ganzes Volk von Schatten und Lichtern ein seltsames Leben führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verliebten kannten dieses Plätzchen am Flusse sehr genau; in den heißen Julinächten waren sie oft hierher gekommen, um Kühlung zu suchen. Stunden und Stunden hatten sie hier zugebracht, unter dem Weidendickicht verborgen, am rechten Ufer der Viorne, an dem Platze, wo die Klara-Wiese ihren Rasenteppich bis knapp ans Ufer ausdehnt. Sie erinnerten sich der kleinsten Erdfalten des Ufers, der Steine, auf welche man hüpfen mußte, um über die Viorne zu setzen, die damals ganz schmal war; sie erinnerten sich gewisser rasenbelegter Vertiefungen, in denen sie ihren Liebestraum geträumt. Darum blickte Miette von der Brücke aus mit einem gewissen Neide nach dem rechten Ufer hinüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es wärmer wäre, seufzte sie, könnten wir hinabsteigen und ein wenig ausruhen, ehe wir zurückkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Augen noch immer auf die Ufer der Viorne geheftet, fuhr sie nach einer Weile fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schau, Silvère, jene schwarze Masse dort unten vor der Schleuse ... Erinnerst du dich? Dort ist das Buschwerk, wo wir uns am letzten Fronleichnamstage niederließen ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, das ist das Gesträuch, erwiderte Silvère leise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier war&#039;s, wo sie zum erstenmal gewagt hatten, sich auf die Wangen zu küssen. Diese Erinnerung, welche das Kind wachgerufen hatte, verursachte beiden ein köstliches Gefühl, eine Erregung, in welcher die Freuden von gestern und die Hoffnungen von morgen zusammenflossen. Wie im Flackerschein eines Blitzes tauchten die schönen Abende vor ihnen auf, die sie zusammen verlebt hatten, besonders jenen am Fronleichnamstage, dessen geringster Einzelheiten sie gedachten, des unermeßlichen lauen Himmels, der von den Weiden am Ufer ausgehenden Kühle, der lieben Worte, die sie sich gesagt. Und während diese Dinge der Vergangenheit mit süßer Lieblichkeit in ihren Herzen wiedererwachten, glaubten sie zugleich in das Unbekannte der Zukunft einzudringen, sich Arm in Arm und ihren Traum verwirklicht zu sehen, Seite an Seite durch das Leben dahinzuschreiten wie vorhin auf der großen Heerstraße, warm eingehüllt in ihren Mantel. Und Aug&#039; im Aug&#039;, sich selig zulächelnd, wie verloren in der Stille der klaren Winternacht, versanken sie von neuem in wonnevolles Entzücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich erhob Silvère das Haupt. Er machte sich aus den Falten des Mantels los und horchte. Miette war überrascht und tat dasselbe, ohne zu begreifen, weshalb er mit einer so hastigen Bewegung sich von ihr getrennt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter den Hügeln, zwischen denen die Straße nach Nizza sich verliert, war seit einigen Minuten ein verworrenes Geräusch zu vernehmen. Es war wie das ferne Gepolter eines Karrenzuges. Die Viorne übertönte mit ihrem dumpfen Gemurmel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das noch unbestimmte Geräusch. Doch allmählich ward der Lärm deutlicher; er glich jetzt dem Getrappel einer marschierenden Truppe. Dann konnte man aus dem fortgesetzten, immer mehr anwachsenden Rollen das Getöse einer Menge heraushören, die rhythmischen und taktmäßigen Windstöße eines Orkans; es war wie die Donnerschläge eines rasch heraufziehenden Gewitters, das die schlummernde Luft durch sein Herannahen aufscheucht. Silvère horchte; er vermochte diese Wetterstimmen nicht zu fassen, welche die Hügel nicht deutlich bis zu ihm gelangen ließen. Plötzlich aber bei einer Krümmung der Straße brach eine dunkle Masse hervor und die Marseillaise, mit der Wut der Rache gesungen, rauschte mit furchtbarer Gewalt in die Lüfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind sie! rief Silvère in einem Ausbruch freudiger Begeisterung. Er begann zu laufen, klomm den Abhang hinan und zog Miette mit sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Links von der Straße befand sich eine mit Eichen bestandene Böschung; hierher flüchtete er mit dem Mädchen, um von der heulenden Menge nicht fortgerissen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie die Böschung erreicht hatten und im Schatten des Gesträuches geborgen waren, betrachtete das Kind, das bleich geworden war, traurig diese Männer, deren ferner Gesang genügt hatte, um Silvère aus ihren Armen zu reißen. Ihr war, als habe diese ganze Rotte sich zwischen ihn und sie gedrängt. Noch wenige Minuten vorher waren sie so glücklich, so eng vereint, so allein, so verloren in dem stillen, heimlichen Mondlichte des Abends. Und jetzt hatte Silvère den Kopf abgewendet und schien nicht zu wissen, daß sie da sei; er hatte nur Blicke für diese Unbekannten, die er seine Brüder nannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit unwiderstehlicher Gewalt stieg die Rotte den Abhang herab. Man konnte sich nichts Furchtbareres und zugleich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Großartigeres denken als den Einbruch dieser etlichen tausend Männer in den stillen, eisigen Frieden der Nacht. Die Straße war zum reißenden Strom geworden und wälzte die lebenden Wogen vor sich her, die sich gar nicht erschöpfen zu wollen schienen; an der Straßenbiegung brachen immer neue dunkle Massen hervor, deren Gesang den Donner dieses menschlichen Unwetters immer stärker und stärker werden ließ. Als die letzten Scharen auftauchten, steigerte sich das Getöse zu betäubender Gewalt. Die Marseillaise erfüllte den Himmel, wie von Riesenmäulern durch ungeheure Trompeten geblasen, die sie mit der herben Schärfe von Blechinstrumenten in alle Ecken und Enden dieses Tales hinausstießen. Und die stille, friedliche Landschaft fuhr urplötzlich aus ihrem Schlafe auf und erbebte wie eine Trommel unter dem Streich der Schlägel; sie widerhallte bis in ihre innersten Tiefen und wiederholte mit dem von allen Seiten kommenden Echo die flammenden Klänge des Nationalgesanges. Und da sang nicht mehr die Rotte allein; von den Enden des Gesichtskreises her, von den fernen Felsen, von den aufgepflügten Äckern, von den Wiesen, Baumgruppen, ja von den geringsten Sträuchern schienen menschliche Stimmen hervorzudringen; das weite Amphitheater, das von dem Flusse bis Plassans emporsteigt; das riesige Auf und Nieder von Hügeln, über die das bläuliche Licht des Mondes sich ergoß, war gleichsam von einer unsichtbaren und unzählbaren Bevölkerung bedeckt, die den Aufständischen zujubelte; und in den Niederungen der Viorne, am Lauf des Wassers, auf dem geheimnisvolle Reflexe, geschmolzenem Zinn gleichend, spielten, war nicht ein dunkler Winkel, wo nicht Menschen verborgen zu sein schienen, die jeden Kehrreim mit wilder Begeisterung aufnahmen. In der Erschütterung der Luft und des Bodens schrie die ganze Landschaft nach Freiheit und Rache. Während des ganzen Abstieges dieses kleinen Heeres&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wälzte sich so das Volksgebrüll in schmetternden Klangwogen dahin, durchbrochen von Zeit zu Zeit durch plötzliche Aufschreie, daß die Steine davon erzitterten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bleich vor Aufregung schaute und horchte Silvère noch immer. Die an der Spitze marschierenden Aufständischen, die diese wimmelnde und heulende Flut hinter sich einherschleppten, die im Dunkel sich verlierend ein ungeheuerliches Aussehen hatte, näherten sich mit raschen Schritten der Brücke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich dachte, ihr würdet nicht durch Plassans ziehen, flüsterte Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es scheint, daß der Feldzugsplan geändert wurde, erwiderte Silvère. Wir sollten in der Tat auf der Touloner Straße nach dem Hauptorte des Departements marschieren und dabei Plassans und Orchères links liegen lassen. Sie müssen heute nachmittag von Alboise aufgebrochen sein und abends Tulettes passiert haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Spitze des Zuges war jetzt bei den jungen Leuten angelangt. In dem kleinen Heere herrschte mehr Ordnung, als man von einer solch undisziplinierten Rotte erwartet haben würde. Die Kontingente jeder Stadt, jeden Dorfes bildeten besondere Abteilungen, die einige Schritte voneinander entfernt einhermarschierten. Diese Abteilungen schienen einzelnen Anführern zu gehorchen. Die Eile, mit der sie jetzt den Abhang hinabstürmten, hatte sie übrigens zu einer festen Masse von unüberwindlicher Stärke vereinigt. Es mochten an 3000 Mann beisammen sein, die ein Windstoß der Raserei in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;einer&#039;&#039; Masse dahinfegte. In dem Schatten, den die hohen Böschungen die Straße entlang warfen, unterschied man nur undeutlich die seltsamen Einzelheiten dieses Bildes. Allein in einer Entfernung von fünf bis sechs Schritten von dem Gebüsch, unter dem Silvère und Miette sich geborgen hatten, fiel die Böschung links flach ab, um für&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
einen Fußpfad längs der Viorne Raum zu schaffen, und der Mond warf, durch diese Vertiefung hereingleitend, einen breiten Lichtstreifen auf die Straße. Als die ersten Aufständischen diese Stelle erreichten, wurden sie plötzlich von einer Helle beleuchtet, deren grelle Weiße die geringsten Kanten der Gesichter und Trachten mit einer seltsamen Deutlichkeit abzeichneten. In dem Maße, wie die Kontingente vorbeizogen, sahen die ihnen gegenüber stehenden jungen Leute sie in immer neuen Abteilungen aus dem Dunkel auftauchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die ersten Männer in die Helle eintraten, schmiegte sich Miette unwillkürlich an Silvère, obgleich sie sich in Sicherheit, selbst vor Blicken geschützt wußte. Sie legte dem jungen Manne den Arm um den Hals und lehnte das Haupt an seine Schulter. Das blasse Gesicht von der Kapuze des Mantels eingerahmt, stand sie da, die Augen starr auf das Lichtviereck gerichtet, das diese seltsamen Gestalten rasch durcheilten, durch die Begeisterung bis zur Verzückung umgewandelt, den Mund weit offen und erfüllt von dem Racheschrei der Marseillaise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, den sie an ihrer Seite beben fühlte, neigte sich jetzt zu ihrem Ohr und nannte ihr die einzelnen Kontingente, wie sie an ihnen vorbeikamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonne marschierte in Reihen zu acht Mann. Voran schritten große Burschen mit breiten Köpfen; sie schienen eine herkulische Kraft und den kindlichen Glauben von Riesen zu haben. Die Republik mußte an diesen Leuten unerschrockene und blind gehorchende Verteidiger haben. Sie trugen große Hacken geschultert, deren frisch geschliffene Schneiden im Mondlichte schimmerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind die Holzschläger aus den Wäldern des Seillegebirges, sprach Silvère. Man hat aus ihnen eine Sappeurabteilung gebildet. Auf einen Wink ihrer Anführer marschieren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
diese Leute bis Paris und schlagen auf ihrem Wege die Tore der Städte ein, wie sie die alten Eichen der Gebirgsforste fällen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Stolz sprach der junge Mensch von den derben Fäusten seiner Brüder. Als er nach den Holzschlägern eine Rotte Arbeiter und sonngebräunter, bärtiger Männer kommen sah, fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind die Leute von La Palud. Es ist das erste Dorf, das sich erhoben hat. Die Männer in der Bluse sind Arbeiter, die die Korkeichen bearbeiten; die anderen, die in den roten Jacken, sind Jäger und Köhler aus den Schluchten des Seillegebirges ... Die Jäger kannten deinen Vater, Miette. Sie haben gute Gewehre, die sie geschickt zu handhaben verstehen. Wenn alle so bewaffnet wären! ... Leider fehlt es an Flinten. Sieh, die Arbeiter haben nur Stöcke! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette schaute und horchte stumm. Als Silvère von ihrem Vater sprach, stieg ihr plötzlich das Blut in die Wangen. Flammenden Gesichtes betrachtete sie die Jäger mit einem Grollen und einer seltsamen Teilnahme in der Miene. Von diesem Augenblicke an schien das fieberhafte Frösteln sie zu beleben, das die Gesänge der Aufständischen verbreiteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kolonne, die jetzt die Marseillaise wieder anstimmte, setzte ihren Abstieg fort, wie gepeitscht durch die scharfen Stöße des Mistral-Windes. Nach den Leuten aus La Palud kam eine andere Rotte von Arbeitern, unter denen man zahlreiche Bürger in Röcken sehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sind die Männer aus Saint-Martin-de-Vaulx, sagte Silvère. Dieses Dorf hat sich fast gleichzeitig mit La Palud erhoben. Die Arbeitgeber haben sich da den Arbeitern angeschlossen. Es sind reiche Leute unter ihnen, die ruhig zu Hause leben könnten und die ihr Leben in der Verteidigung der Freiheit auf das Spiel setzen. Solche Reiche muß man&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
lieben ... Auch da fehlt es an Waffen, man sieht kaum einige Jagdflinten. Siehst du die Männer mit roten Armbinden? Das sind die Anführer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Silvère konnte mit seinen Erklärungen nicht nachkommen. Die Kontingente stiegen rascher den Abhang herab, als er mit seinen Worten ihnen folgen konnte. Er sprach noch von den Leuten aus Saint-Martin-de-Vaulx, als schon zwei Abteilungen das Lichtviereck durchschritten hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du diese gesehen? fragte er. Die Aufständischen von Alboise und von Tulettes sind jetzt vorbeigekommen. Ich habe den Schmied&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Burget&#039;&#039; erkannt. Sie müssen sich heute erst der Truppe angeschlossen haben. Wie sie laufen! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette neigte sich jetzt vor, um den kleinen Rotten, die der junge Mensch ihr zeigte, länger mit den Blicken folgen zu können. Das Frösteln, das sie ergriffen hatte, stieg ihr bis in die Brust und faßte sie an der Kehle. In diesem Augenblicke erschien eine Abteilung, die zahlreicher und besser geschult schien, als die anderen. Die Aufständischen dieser Abteilung trugen fast sämtlich blaue Kittel, die durch rote Gürtel festgehalten wurden; sie sahen fast uniformiert aus. Mitten unter ihnen kam ein Mann zu Pferde, mit einem Säbel bewaffnet. Der größte Teil dieser improvisierten Soldaten hatte Gewehre, Karabiner oder alte Musketen der Nationalgarde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese kenne ich nicht, sagte Silvère. Der Mann zu Pferde muß der Befehlshaber sein, von dem man mir erzählt hat. Er führt die Kontingente aus Faverolles und den benachbarten Dörfern. Die ganze Kolonne sollte so ausgerüstet sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er fand kaum Zeit, Atem zu holen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ah, da sind die Bauern! rief er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter den Leuten aus Faverolles kamen kleine Gruppen von zehn bis zwanzig Mann. Alle trugen die kurze Jacke der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bauern aus dem Süden. Laut singend schwangen sie ihre Sensen und Heugabeln; einige hatten nur breite Schaufeln. Jeder Weiler hatte die streitbaren Mannen entsendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, der die einzelnen Gruppen an ihren Anführern erkannte, zählte sie mit fieberhaft hastiger Stimme her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ist das Kontingent von Chavanoz, sagte er. Acht Mann im ganzen, aber handfeste Leute; mein Onkel Anton kennt sie. Da ist Nazères, da Poujols. Alle sind da, kein einziger ist weggeblieben. Da ist Balqueyras! Schau, der Herr Pfarrer tut mit; man hat mir schon von ihm erzählt; er ist ein guter Republikaner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère berauschte sich allgemach. Jetzt, da die einzelnen Rotten kaum eine Handvoll Leute zählten, mußte er sich sputen, sie aufzuzählen, und diese Eile machte ihn warm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ah, Miette, fuhr er fort, welch schöne Mannschaft! Rozan! Vernoux! Corbière! Und es kommen noch mehr, du sollst sehen. Diese haben nur Sensen, aber sie werden den Feind niedermähen, wie das Gras ihrer Wiesen. Da Saint-Eutrope! Mazet! Gardes! Marsanne! die ganze Nordseite des Seillegebirges. Wir werden siegen! Das ganze Land ist mit uns. Betrachte nur einmal die Arme dieser Männer: hart und schwarz wie Eisen! Es nimmt kein Ende: da ist Pruinas! Roches-Noires! die letzteren sind Schmuggler, sie haben Karabiner. Jetzt wieder Sensen und Heugabeln, neue Bauernabteilungen. Castel-le-vieux! Sainte-Anne! Graille! Estournel! Murdaran!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Stimme drohte ihm schon zu versagen, als er endlich aufhörte, diese Männer aufzuzählen, die ein Wirbelwind zu erfassen und zu entführen schien in dem Maße, wie er sie nannte. Mit erregtem Gesicht, gleichsam größer geworden an Wuchs, zeigte er mit nervöser Gebärde die einzelnen Abteilungen. Und Miette folgte dieser Gebärde. Sie fühlte sich von der in der Niederung sich fortschlängelnden Straße angezogen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wie von den Tiefen eines Abgrundes. Sie mußte sich an den Hals des jungen Menschen klammern, um nicht die Böschung hinabzugleiten. Eine Art Taumel stieg von der durch Lärm, Mut und Glauben berauschten Menge auf. Diese im Mondlicht gesehenen Gestalten, diese Jünglinge, diese reifen Männer, diese Greise, die die verschiedenartigsten Waffen schwangen, mit den verschiedenartigsten Gewändern bekleidet waren, angefangen von dem Bauernkittel bis zu dem städtischen Rock des Bürgers; dieser schier endlose Zug von Köpfen, die die Umstände und die ungewohnte Zeit zu unvergeßlichen Bildern der Tatkraft und der fanatischen Begeisterung gestalteten, nahmen schließlich vor den Augen des jungen Mädchens das Schwindel erregende Ungestüm eines reißenden Stromes an. In manchen Augenblicken schien es ihr, als würden sie nicht mehr gehen, sondern durch die Marseillaise getragen werden, diesen rauhen Gesang mit den fürchterlichen Klängen. Sie konnte die gesungenen Worte nicht unterscheiden; sie hörte nichts als ein fortdauerndes Grollen, das von dumpfen Tönen zu hellen anschwoll, scharf wie Spitzen, die man ihr stoßweise in das Fleisch treiben würde. Dieses Geheul der Empörung, dieser Ruf zu Kampf und Tod mit seinem zornigen Rütteln, seiner glühenden Sehnsucht nach Freiheit, seiner wunderbaren Mischung von Gemetzel und hehrer Begeisterung traf sie unaufhörlich und bei jedem gewaltigen Aufschrei des Rhythmus immer tiefer ins Herz und verursachte ihr die wollüstige Pein einer jungfräulichen Märtyrerin, die unter den Geißelhieben sich lächelnd aufrichtet. Von der rauschenden Flut fortgetragen, wälzte noch immer die Menge sich dahin. Der Zug, der kaum einige Minuten dauerte, schien den jungen Leuten kein Ende nehmen zu wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette war allerdings nur ein Kind. Bei der Annäherung der Bande war sie erblaßt und hatte sie ihr entschwundenes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jugendglück beweint; aber sie war ein mutvolles Kind, eine feurige Natur, die die Begeisterung leicht hinriß. Die Erregung, die sie allmählich erfaßt hatte, schüttelte sie jetzt am ganzen Körper. Sie ward zum Jüngling. Gerne würde sie eine Waffe ergriffen haben und den Aufständischen gefolgt sein. In dem Maße, wie sie die Flinten und Sensen vorbeiziehen sah, wurden ihre weißen Zähne länger und schärfer zwischen ihren roten Lippen gleich den Zähnen eines jungen Wolfes, der Lust hat zu beißen. Und als sie hörte, wie Silvère in immer hastigerem Tone ihr die Dörfer und Weiler aufzählte, schien es ihr, als werde der Schritt der Kolonne bei jedem Worte des jungen Mannes sich noch beschleunigen. Bald war es ein Wirbelwind, eine Menschenwolke, von einem Orkan dahin gefegt. Alles drehte sich um sie. Sie schloß die Augen. Dicke, heiße Tränen flossen über ihr Gesicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Silvère war dem Weinen nahe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sehe die Männer nicht, die heute nachmittag Plassans verlassen haben, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er suchte das Ende der Kolonne zu erkennen, das sich noch im Dunkel verlor. Dann rief er plötzlich siegesfreudig aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ha, da sind sie! ... Sie tragen die Fahne; man hat ihnen die Fahne anvertraut!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte die Böschung hinabspringen, um seine Genossen einzuholen; allein in diesem Augenblicke machten die Aufständischen halt. Kommandoworte flogen die Kolonne entlang. Die Marseillaise erstarb in einem letzten Grollen, und man hörte nichts weiter als das unbestimmte Gemurmel der noch nicht zur Ruhe gekommenen Menge. Silvère horchte und konnte die Befehle verstehen, die von Abteilung zu Abteilung gingen und die Leute von Plassans an die Spitze der Kolonne beriefen. Da jede Abteilung sich am&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rande der Straße aufstellte, um die Fahne vorbeikommen zu lassen, stieg der junge Mann, Miette mit sich ziehend, die Böschung wieder hinan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Komm, sagte er; wir werden früher als sie jenseits der Brücke sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie sich oben zwischen den bebauten Äckern befanden, liefen sie bis zu einer Mühle, deren Schleuse das Flüßchen absperrt. Hier setzten sie über die Viorne auf einem Steg, den die Müller über den Bach gelegt hatten. Dann eilten sie quer durch die Klara-Wiese, immer laufend, immer Hand in Hand, ohne ein Wort zu wechseln. Die Kolonne bildete auf der Straße eine dunkle Linie, der sie die Hecken entlang folgten. In dem Fliedergesträuch gab es mehrere Lücken; durch eine solche Lücke sprangen Silvère und Miette auf die Straße hinab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz des Umweges, den sie gemacht hatten, kamen sie fast gleichzeitig mit den Aufständischen vor Plassans an. Silvère tauschte mit einigen Leuten Händedrücke; man hätte glauben mögen, daß er von dem Anmarsche der Aufständischen erfahren habe und ihnen entgegen gekommen sei. Miette, deren Angesicht durch die Kapuze halb verborgen war, wurde neugierig betrachtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, das ist ja die Chantegreil, sagte ein Mann aus der Vorstadt; die Nichte Rébufats, des Gärtners vom Jas-Meiffren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Woher kommst du denn, Landstreicherin? schrie ein anderer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Taumel hatte Silvère nicht daran gedacht, was für eine Figur seine Geliebte angesichts mancher Späße machen werde. Miette schaute ihn verwirrt an, wie um bei ihm Schutz und Hilfe zu suchen. Allein noch ehe er den Mund hatte auftun können, erhob sich eine neue Stimme in der Gruppe, die roh rief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr Vater ist auf den Galeeren; wir wollen die Tochter eines Diebes und Mörders nicht unter uns haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette war furchtbar bleich geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr lügt, murmelte sie; mein Vater mag getötet haben, aber er hat nicht gestohlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da Silvère, noch bleicher und noch mehr zitternd als sie, die Fäuste ballte, sagte sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß nur; das geht mich an! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann wandte sie sich zu der Gruppe und wiederholte laut:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr lügt, ihr lügt! Niemals hat er jemandem auch nur einen Sou genommen. Ihr wißt es wohl. Warum beschimpft ihr ihn, da er nicht hier sein kann, um sich zur Wehr zu setzen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hatte sich in stolzem Zorne aufgerichtet. Ihre feurige, halbwilde Natur schien die Beschuldigung wegen Mordes ziemlich gleichmütig aufzunehmen; die Beschuldigung wegen Diebstahles aber brachte sie zum äußersten. Man wußte dies, und eben deshalb schleuderte die Menge in ihrer blöden Bosheit dem Kinde immer wieder diese Beschuldigung an den Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann, der ihren Vater einen Dieb genannt, hatte übrigens nur wiederholt, was er seit Jahren erzählen hörte. Die grollende Haltung des Kindes stimmte die Arbeiter zu spöttischer Heiterkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère ballte noch immer die Fäuste und die Sache drohte eine schlimme Wendung zu nehmen, als ein Jäger aus dem Seillegebirge, der einstweilen, bis man weiter marschieren würde, sich auf einen Randstein niedergesetzt hatte, dem Mädchen zu Hilfe kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kleine hat recht, sagte er. Chantegreil war einer der Unseren. Ich habe ihn gekannt. Seine Sache ist nicht völlig aufgeklärt worden. Ich habe seine vor Gericht gemachten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aussagen immer für wahr gehalten. Der Gendarm, den er auf der Jagd mit einem Flintenschuß niedergestreckt hat, hatte ihn selbst schon aufs Korn genommen. Man muß sich doch wehren, nicht? Aber Chantegreil war ein ehrlicher Mann; er hat nicht gestohlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie es in solchen Fällen ist, genügte das Zeugnis des Wilderers, um Miette noch mehr Verteidiger finden zu lassen. Auch andere Arbeiter wollten jetzt Chantegreil gekannt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, es ist wahr, sagten sie. Er war kein Dieb. Es gibt in Plassans Halunken, die man statt seiner auf die Galeeren schicken müßte. Chantegreil war unser Bruder. Laß gut sein, Kind!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch niemals hatte Miette über ihren Vater Gutes reden gehört. Gewöhnlich wurde er vor ihr als Landstreicher, als Missetäter behandelt; jetzt fand sie mutige Herzen, die Worte der Verzeihung für ihn hatten und ihn für einen ehrlichen Mann erklärten. Da zerfloß sie in Tränen, da fand sie die süße Rührung wieder, in die vorhin die Klänge der Marseillaise sie versetzt hatten. Sie sann nach, wie sie sich diesen für die Unglücklichen eintretenden Männern dankbar erweisen könnte. Einen Augenblick dachte sie daran, allen diesen Männern die Hand zu drücken, nach Art der Burschen. Allein ihr Herz fand besseres als dies. Neben ihr stand der Fahnenträger. Sie berührte den Schaft der Fahne und sagte in einem flehenden Tone, in dem ihre ganze Dankbarkeit sich ausdrückte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gebt mir die Fahne, ich werde sie tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeiter begriffen mit ihrem einfachen Sinn das Kindlich-Erhabene dieses Dankes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, riefen sie. Die Chantegreil soll die Fahne tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Holzschläger bemerkte, daß sie bald ermüden, nicht weit kommen werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, ich bin stark! rief sie, indem sie die Ärmel ihrer Jacke zurückstreifte und ihre Arme zeigte, die schon so stark waren wie die eines erwachsenen Weibes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als man ihr die Fahne reichte, sagte sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wartet einen Augenblick!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie zog rasch den Mantel aus, wandte die Innenseite nach außen und warf ihn so wieder um ihre Schultern. Sie erschien jetzt im bleichen Lichte des Mondes eingehüllt in einen weiten Purpurmantel, der ihr bis zu den Füßen herabfiel. Die Kapuze, durch den Rand ihres Haarwulstes festgehalten, saß wie eine Art phrygischer Mütze auf ihrem Haupte. Sie ergriff die Fahne, drückte den Schaft an ihre Brust und stand aufrecht da, umwallt von dem roten Banner, das hinter ihr flatterte. In dem halb gen Himmel gerichteten Haupt eines begeisterten Kindes mit dem krausen Haar, mit den großen, feuchten Augen, mit den in einem Lächeln erschlossenen Lippen sprach sich stolze Energie aus. In diesem Augenblicke verkörperte sie die jungfräuliche Wahrheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufständischen jubelten ihr zu. Diese mit einer lebhaften Einbildungskraft begabten Südländer wurden ergriffen und begeistert durch die plötzliche Erscheinung dieses großen, vom Scheitel bis zur Sohle roten Mädchens, das die Fahne krampfhaft an seine Brust drückte. Einzelne Rufe wurden in der Gruppe laut:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bravo, Chantegreil! Es lebe die Chantegreil! Sie bleibe bei uns! Sie wird uns Glück bringen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch lange hätte man ihr zugejubelt, wenn nicht der Befehl zum Weitermarsch erteilt worden wäre. Und während die Kolonne sich in Bewegung setzte, drückte Miette Silvère, der sich neben sie gestellt hatte, die Hand und flüsterte ihm ins Ohr:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bleibe bei dir, hörst du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt aller Antwort erwiderte Silvère ihren Händedruck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er nahm ihr Anerbieten an. Er war tief bewegt und überließ sich der nämlichen Begeisterung wie seine Gefährten. Miette war ihm so schön, so groß, so heilig erschienen! Während des ganzen Abstieges sah er sie vor sich, strahlend, in purpurner Herrlichkeit. Jetzt verwechselte er sie mit einer anderen angebeteten Geliebten, mit der Republik. Gern wäre er schon in Plassans angekommen, um seine Flinte schultern zu können. Allein die Aufständischen erstiegen nur langsam den Abhang. Es war der Befehl erteilt worden, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Die Kolonne rückte zwischen den Ulmen vor gleich einer Riesenschlange, an der jeder Ring ein eigentümliches Zittern zeigt. Die eisige Dezembernacht war wieder still geworden; die Viorne allein schien etwas lauter zu murmeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald die ersten Häuser der Vorstadt erreicht waren, lief Silvère voraus, um seine Flinte vom Saint-Mittre-Feld zu holen, das noch im stillen Mondlichte dalag. Als er wieder zu den Aufständischen stieß, waren sie eben bei dem Römertor angekommen. Miette neigte sich zu ihm und sagte mit einem kindlichen Lächeln:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir ist, als wäre ich in der Fronleichnamsprozession und als trüge ich die Fahne der heiligen Muttergottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zweites Kapitel. ==&lt;br /&gt;
Plassans ist der Sitz einer Unterpräfektur und zählt beiläufig zehntausend Seelen. Auf der Hochebene erbaut, die die Viorne beherrscht, im Norden an die Hügel von Garrigues, eine der letzten Abzweigungen der Alpen sich lehnend, liegt die Stadt gleichsam in einer Sackgasse. Im Jahre 1851 verkehrte sie mit der Umgegend nur durch zwei&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Straßen: die Nizzaer Straße, die gen Osten absteigt, und die Straße von Lyon, die gen Westen aufsteigt, die eine die andere fortsetzend in zwei fast parallelen Linien. Seither ist eine Eisenbahn gebaut worden, deren Linie die Stadt im Süden berührt, am Fuße des Abhanges, der von den alten Stadtwällen steil zum Flüßchen abfällt. Wenn man heute aus dem Bahnhofe tritt, der am rechten Ufer der Viorne liegt, sieht man aufblickend die ersten Häuser von Plassans, deren Gärten Terrassen bilden. Man muß eine gute Viertelstunde bergauf klettern, bis man diese Häuser erreicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch vor zwanzig Jahren hatte – ohne Zweifel infolge des Mangels an Verkehrswegen – keine zweite Stadt so sehr wie Plassans den frommen und aristokratischen Charakter der alten provençalischen Städte bewahrt. Die Stadt besaß und besitzt heute noch ein ganzes Viertel von Herrenhäusern, die unter Ludwig XIV. und Ludwig XV. erbaut wurden, ein Dutzend Kirchen, ein Jesuiten- und ein Kapuziner-Ordenshaus und eine ansehnliche Anzahl von Klöstern. Die Verschiedenheit der Klassen wurde hier lange Zeit durch die Sonderung der Stadtviertel gekennzeichnet. Plassans zählt deren drei, deren jedes für sich gleichsam einen besonderen, vollständigen Stadtteil bildet, der seine eigene Kirche, seinen eigenen Spazierweg, seine besonderen Sitten und Gebräuche, seinen besonderen Gesichtskreis hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Adelsviertel – auch das St.-Markus-Viertel genannt nach einer der Pfarren, die hier die Seelsorge versehen – ein Klein-Versailles mit engen, grasüberwucherten Gäßchen, deren breite, viereckige Häuser große Gärten verbergen, dehnt sich im Süden, am Rande der Hochebene aus. Manche Herrenhäuser, knapp am Abhange gebaut, haben ein Doppelstockwerk von Terrassen, von denen aus man das ganze Viornetal überschauen kann, – ein herrlicher, in der Gegend vielgerühmter Aussichtspunkt. Das alte Viertel, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Altstadt«, erhebt sich im Nordwesten mit ihren engen, krummen Gäßchen, die von baufälligen Hütten eingesäumt waren. Hier befinden sich: das Bürgermeisteramt, das Zivilgericht, der Markt, die Gendarmerie. Dieser Teil von Plassans – der volkreichste – ist von Arbeitern, Geschäftsleuten, all dem kleinen Volk der Not und Plage bewohnt. Die Neustadt endlich bildet eine Art Längenviereck im Nordosten; die Bürgerklasse, d. h. die Leute, die Heller für Heller ein Vermögen gesammelt haben, und die einen sogenannten freien Beruf ausüben, wohnen hier in säuberlich aneinander gereihten, hellgelb getünchten Häusern. Dieses Stadtviertel mit der Unterpräfektur – einem häßlichen Bau mit Gipsanwurf und Rosettenschmuck – zählte im Jahre 1851 kaum fünf oder sechs Straßen. Es ist der neueste Stadtteil und der einzige, der seit dem Bau der Eisenbahn einige Entwicklungsfähigkeit zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die Stadt Plassans bis auf den heutigen Tag noch in drei unabhängige, bestimmt abgegrenzte Teile sondert, das ist der Umstand, daß die Stadtviertel durch breite Straßen begrenzt sind. Die Promenade Sauvaire und die Romstraße, welch letztere gleichsam eine engere Fortsetzung der ersteren ist, laufen von West nach Ost, vom großen Tor bis zum Römertor und schneiden so die Stadt in zwei Teile, das Adelsviertel von den zwei anderen Stadtvierteln absondernd. Diese wieder sind durch die Banne-Straße voneinander geschieden; diese Straße, die schönste der Gegend, beginnt am Ende der Promenade Sauvaire, steigt gen Norden hinan und läßt die schwarzen Häusermassen des alten Stadtviertels links, die hellgelben Häuser der Neustadt rechts liegen. Hier, ungefähr in der Mitte der Straße, auf einem kleinen, mit zwerghaften Bäumen bepflanzten Platze, erhebt sich die Unterpräfektur, ein Bau, auf den die Bürger von Plassans sehr stolz sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie um sich noch mehr zu vereinsamen und zu verschließen, ist die Stadt mit einem Gürtel alter Wälle umgeben, die heute nur mehr dazu dienen, die Stadt noch schwärzer und noch enger erscheinen zu lassen. Mit Gewehrkolbenschlägen könnte man diese lächerlichen Mauern niederwerfen, die von Unkraut zerfressen, von wilden Nelken gekrönt, kaum höher und dicker sind als die Mauern eines Klosters. Sie sind an mehreren Stellen von Toren durchbrochen; die zwei größten sind das Römertor und das große Tor, das erstere geht auf die Nizzaer Straße, das letztere am andern Ende der Stadt auf die Lyoner Straße aus. Bis zum Jahre 1853 waren diese Maueröffnungen mit zweiflügeligen, oben gewölbten Toren von starkem, eisenbeschlagenem Holze versehen. Im Sommer um elf Uhr, im Winter um zehn Uhr abends wurden diese Tore fest verschlossen. Wenn die Stadt einmal die Riegel vorgeschoben hatte wie ein furchtsames Mädchen, dann überließ sie sich ruhig dem Schlafe. Ein Wächter, der eine im innern Winkel des Tores stehende Hütte bewohnte, öffnete den Stadtbewohnern, die sich draußen verspätet hatten. Aber das ging nicht ohne längere Unterhandlungen. Der Torwart ließ die Leute erst ein, wenn er durch eine im Tor angebrachte Klappe mit seiner Laterne ihnen längere Zeit ins Gesicht geleuchtet hatte. Wer ihm nicht gefiel, konnte draußen schlafen. Der ganze Geist dieser Stadt, zusammengesetzt aus Feigheit, Eigennutz, Festhalten am Althergebrachten, aus Haß gegen alles Fremde und aus einem fanatischen Hang zum einsamen, klösterlichen Leben, drückte sich in diesem sorgfältigen, jeden Abend sich wiederholenden Torschluß aus. Wenn Plassans sich gut verriegelt hatte, sagte es: »Ich bin zu Hause« – mit der Zufriedenheit des frommgläubigen Spießbürgers, der ohne Furcht um seinen Säckel, und sicher, daß er durch keinerlei Geräusch geweckt wird, sein Abendgebet verrichtet und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
froh zu Bett geht. Es gibt, wie mich dünkt, keine zweite Stadt, die so lange eigensinnig an dem Brauche festgehalten hätte, sich einzuschließen wie eine Nonne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bevölkerung von Plassans kann in drei Gruppen eingeteilt werden; so viele Stadtviertel, ebenso viele kleine, abgesonderte Welten. Ausnahmen bilden die Beamten: der Unterpräfekt, der Steuereinnehmer, der Grundbuchführer, der Posthalter, lauter Leute, die aus der Fremde gekommen sind, hier wenig geliebt und sehr beneidet werden und sich daher ihr Leben nach ihrer Behaglichkeit einrichten. Die wirklichen Einwohner von Plassans, die hier geboren und hier zu sterben entschlossen sind, achten zu sehr die überkommenen Gebräuche und die von alters her aufgerichteten Scheidegrenzen, um sich nicht von selbst in einer der gesellschaftlichen Klassen der Stadt einzupferchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Adligen schließen sich vollständig ab. Seit dem Sturze Karls X. gehen sie kaum mehr aus; und wenn sie ausgehen, schleichen sie furchtsam dahin wie in Feindesland und beeilen sich, in ihre großen, stillen Paläste zurückzukehren. Sie gehen zu niemandem und besuchen sich selbst gegenseitig nicht. In ihren Salons erscheinen höchstens einige Geistliche. Im Sommer bewohnen sie die Schlösser, die sie in der Umgegend besitzen; im Winter bleiben sie am warmen Kamin sitzen. Es sind Tote, die sich durch das Leben hindurch langweilen. In ihrem Stadtviertel herrscht denn auch die dumpfe Stille eines Kirchhofes. Türen und Fenster sind sorgfältig verrammelt. Man glaubt eine Reihe von Klöstern vor sich zu haben, die allem Geräusch der Außenwelt verschlossen sind. Von Zeit zu Zeit sieht man einen Abbé vorbeikommen, dessen leiser Auftritt längs der geschlossenen Häuser die Stille noch zu vertiefen scheint und der dann wie ein Schatten unter einer halb geöffneten Haustür verschwindet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bürgerstand, d. h. die Kaufleute, die sich von den Geschäften zurückgezogen haben, die Advokaten, die Notare, alle die kleinen Leute, die wohlhabend und voll Ehrgeiz sind, kurz: die Bevölkerung der Neustadt, ist bemüht, Plassans einiges Leben zu verleihen. Sie werden zu den Abendunterhaltungen des Herrn Unterpräfekten eingeladen, und es ist ihr sehnlichster Wunsch, ähnliche Feste zu geben. Sie streben gern nach Volkstümlichkeit, nennen einen Arbeiter: »mein Lieber«, reden mit den Bauern von der Ernte, lesen die Zeitungen und gehen am Sonntag mit ihren Frauen und Töchtern spazieren. Es sind die fortgeschrittenen Geister des Ortes, die einzigen, die einen Witz über die Stadtmauern wagen; sie haben sogar schon wiederholt von der Stadtvertretung die Entfernung dieser »alten Wälle« gefordert, dieser »Überreste einer anderen Zeit«. Das hindert aber nicht, daß die zweifelsüchtigsten unter ihnen von tiefer Freude erfüllt werden, sooft ein Marquis oder ein Graf sie eines leichten Grußes würdigt. Der Traum eines jeden Bürgers der Neustadt geht dahin, in einen Salon der St. Markus-Vorstadt eingeladen zu werden. Sie wissen wohl, daß dieser Traum sich nicht verwirklichen kann, und darum schreien sie nur um so lauter, daß sie Freidenker sind, und sind bereit, bei dem mindesten Grollen des Volkes sich dem erstbesten Retter in die Arme zu werfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gruppe, die im alten Stadtviertel arbeitet und ihr Leben fristet, ist nicht so genau zu bestimmen. Das gemeine Volk, die Arbeiter sind da in der Mehrheit; aber es gibt da auch Krämer und sogar einige Großkaufleute. In Wahrheit ist Plassans weit entfernt, ein Handelszentrum zu sein; es wird nur so viel gehandelt, wie nötig ist, um sich der Erzeugnisse der Gegend zu entledigen, die in Öl, Wein, Mandeln bestehen. Was das Gewerbe betrifft, so ist es durch einige Gerbereien vertreten, die mit ihrem Mißdufte eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Straße des alten Quartiers verpesten, dann durch einige Filzhutereien und eine Seifensiederei, welch letztere in einen Winkel der Vorstadt verbannt ist. Diese kleinen Handels- und Gewerbsleute besuchen zwar an hohen Festtagen die Bürger der Neustadt, leben aber zumeist unter den Arbeitern der Altstadt. Kaufleute, Krämer und Arbeiter haben gemeinschaftliche Interessen, die sie zu einer Familie vereinigen. Nur am Sonntag waschen sich die Arbeitgeber die Hände und bleiben dann hübsch unter sich. Die Arbeiter, kaum ein Fünftel der gesamten Bevölkerung, verlieren sich übrigens unter den Müßiggängern der Stadt und ihrer Umgebung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solange die schöne Jahreszeit andauert, treffen sich die Bewohner der drei Stadtviertel von Plassans einmal in der Woche. Die ganze Stadt begibt sich am Sonntag nach der Vesper auf die Promenade Sauvaire; selbst die Adeligen wagen sich da einzufinden. Allein in dieser mit zwei Platanenreihen bepflanzten Allee gibt es drei bestimmte Ströme von Spaziergängern. Die Bürger der Neustadt durchschreiten sie nur; sie gehen durch das große Tor hinaus und wenden sich rechts nach der Poststraße, wo sie bis zur sinkenden Nacht auf- und abspazieren. Während dieser Zeit teilen sich der Adel und das Volk in die Promenade Sauvaire. Seit mehr denn hundert Jahren hat der Adel die Südallee gewählt, an der eine Reihe von großen Palästen steht und die zuerst Schatten bekommt; das Volk mußte sich mit der Nordallee begnügen, wo die Kaffeehäuser, die Gastwirtschaften und die Tabakläden stehen. Den ganzen Nachmittag wandeln Volk und Adel auf und nieder, ohne daß es jemals einem einfiele, aus der einen Allee in die andere hinüberzugehen. Eine Entfernung von sechs bis acht Metern bloß trennt sie; aber sie bleiben tausend Meilen weit voneinander, indem sie genau zwei parallel laufenden Linien folgen, als sollten sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in diesem irdischen Jammertal einander gar nie begegnen. Selbst in den aufrührerischen Zeiten ist jede Klasse in ihrer Allee geblieben. Dieser regelmäßige Sonntagsspaziergang und das Schließen der Stadttore am Abend sind zwei Dinge, die derselben Art zu denken entspringen und zur Beurteilung der zehntausend Seelen dieser Stadt genügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser eigenartigen Umgebung lebte bis zum Jahre 1848 eine unbedeutende und wenig geachtete Familie, deren Oberhaupt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Pierre Rougon&#039;&#039;, infolge gewisser Umstände später eine bedeutsame Rolle spielen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pierre Rougon war ein Bauernsohn. Die Sippschaft seiner Mutter – die »Fouque«, wie man sie nannte – besaß zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein ausgedehntes Grundstück in der Vorstadt hinter dem alten Saint-Mittre-Kirchhofe; dieses Grundstück war später mit dem Jas-Meiffren vereinigt worden. Die Fouque waren die reichsten Gemüsegärtner der Gegend; sie lieferten das Gemüse einem ganzen Stadtviertel von Plassans. Einige Jahre vor der Revolution erlosch der Name dieser Familie. Nur eine Tochter war übrig geblieben, Adelaide mit Namen, geboren im Jahre 1768, die mit achtzehn Jahren verwaist war. Dieses Mädchen, dessen Vater im Irrsinn starb, war ein großes, schmächtiges, bleiches Geschöpf mit scheuen Blicken und einem seltsamen Benehmen, das man für wilde Scheu halten konnte, solange sie klein war. Aber als sie größer ward, betrug sie sich noch seltsamer. Sie beging gewisse Handlungen, die die gescheitesten Köpfe der Vorstadt sich nicht recht erklären konnten. So entstand allmählich das Gerücht, daß sie verrückt sei wie ihr Vater. Seit sechs Monaten kaum stand sie allein im Leben als Besitzerin eines Vermögens, das eine sehr begehrenswerte Erbin aus ihr machte, als man erfuhr, daß sie sich mit einem Gärtnergehilfen namens Rougon verheiratet habe, einem ziemlich plumpen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bauer, der aus dem Lande der Niederalpen eingewandert war. Nach dem Tode des letzten Fouque, der ihn auf einen Sommer gedungen hatte, war dieser Rougon im Dienst der Tochter des Verstorbenen geblieben. Aus einem Lohndiener ward er plötzlich der beneidete Gatte. Diese Heirat war die erste Tatsache, die die öffentliche Meinung in Staunen versetzte; niemand konnte begreifen, weshalb Adelaide diesen armen Teufel, diesen ungeleckten, schwerfälligen Bauer, der kaum der Landessprache kundig war, sovielen jungen Burschen vorzog, Söhnen von wohlhabenden Landwirten, die sich lange Zeit um sie beworben hatten. Und da in der Provinz nichts unaufgeklärt bleiben darf, wollte man hinter dieser Geschichte durchaus irgendein Geheimnis wittern; man behauptete sogar, diese Heirat sei zwischen den beiden jungen Leuten eine unabweisliche Notwendigkeit geworden. Allein die Tatsachen widerlegten all diesen Klatsch. Adelaide gebar erst nach einem Jahre einen Sohn. Darüber war nun die Vorstadt empört; sie konnte nicht zugeben, daß sie sich geirrt habe; sie verlegte sich darauf, das angebliche Geheimnis zu ergründen. Darum machten sich alle Klatschbasen auf, um die Rougons auszuspähen. Sie sollten denn auch bald reichlichen Stoff zu schwatzen finden. Eines Tages nach fünfzehnmonatiger Ehe starb Rougon plötzlich. Ein Sonnenstich, den er sich bei der Arbeit auf einem Möhrenfelde holte, hatte seinem Leben ein jähes Ende gemacht. Seither war kaum ein Jahr verflossen, als die junge Witwe ein unerhörtes Ärgernis hervorrief. An gewissen Anzeichen merkte man, daß sie einen Geliebten habe. Sie schien daraus kein Hehl zu machen; mehrere Leute behaupteten gehört zu haben, wie sie den Nachfolger des armen Rougon öffentlich duzte. Kaum ein Jahr Witwe und schon einen Geliebten! Eine solche Mißachtung aller Rücksichten der Schicklichkeit schien ungeheuer, wider alle gesunde Vernunft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was den Skandal noch ärger machte, war die seltsame Wahl, die Adelaide getroffen. In der Saint-Mittre-Sackgasse, in einer Hütte, deren Rückseite sich an das Grundstück der Fouque lehnte, hauste damals ein übel beleumundeter Mensch, den man gemeinhin den »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Lumpen Macquart&#039;&#039;« nannte. Dieser Mensch blieb manchmal wochenlang verschwunden; dann sah man ihn wieder eines Abends plötzlich auftauchen und mit den Händen in den Hosentaschen müßig herumschlendern. Er pfiff sich ein Liedchen und tat, als komme er gerade von einem kleinen Spaziergang heim. Die Weiber, die vor ihren Haustüren saßen, sagten dann wohl: »Da geht der Lump Macquart vorüber! Er wird seine Schmugglerwaren und seine Flinte irgendwo in einer Schlucht des Viornetales versteckt haben.« Soviel war sicher, daß Macquart, ohne Renten zu besitzen, während seines Aufenthaltes in der Stadt aß und trank und nichts arbeitete. Hauptsächlich aber trank er mit wilder Ausdauer. Er saß Abend für Abend allein an einem Tische, im Hintergrunde der Schenkstube, die Augen starr auf sein Glas gerichtet, sah nichts und hörte nichts und vergaß die ganze Welt. Wenn die Kneipe endlich geschlossen ward, ging er seines Weges, festen Schrittes, hoch erhobenen Hauptes, als ob die Trunkenheit ihn aufrichte. »Macquart geht gerade, er ist betrunken« – sagten die Leute, wenn sie ihn so heimkehren sahen. Gewöhnlich, wenn er nicht getrunken hatte, ging er leicht gebeugt, den Blicken der Neugierigen ausweichend, mit einer Art wilder Scheu. Seitdem sein Vater tot war, ein Gerbergehilfe, von dem er eine elende Hütte in der Saint-Mittre-Sackgasse geerbt hatte, kannte man weder Bekannte noch Freunde von ihm. Die Nähe der Grenze und die Nachbarschaft der Wälder des Seillegebirges hatten aus diesem trägen und sonderlich gearteten Menschen einen Schmuggler und Wilddieb gemacht, eines jener Wesen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mit verdächtigem Gesichte, von denen man zu sagen pflegt: »Dem möchte ich nicht zur Nachtzeit in einem Walde begegnen.« Macquart war groß, mit magerem Gesichte, furchtbar behaart, ein Schrecken aller Weiber der Vorstadt; sie beschuldigten ihn, kleine Kinder bei lebendigem Leibe zu fressen. Obgleich er kaum dreißig Jahre alt war, schien er fünfzig zu zählen. Unter dem Gestrüpp seines Bartes und den Strähnen seines Haupthaares, die ihm auf das Gesicht herabfielen, sah man nichts als das Leuchten seiner braunen Augen, den verstohlenen, trüben Blick eines Menschen mit unsteten Trieben, den Wein, Elend und Müßiggang schlecht gemacht haben. Obgleich man ihn keines bestimmten Verbrechens zeihen konnte, geschah doch kein Diebstahl und kein Mord in der Gegend, ohne daß man sogleich Macquart verdächtigt hätte. Und dieses Ungeheuer, diesen Landstreicher, diesen Missetäter hatte Adelaide gewählt! Binnen zwanzig Monaten gebar sie ihm zwei Kinder, einen Knaben und dann ein Mädchen. Von einer Heirat war zwischen ihnen niemals die Rede gewesen. Noch niemals hatte man in der Vorstadt eine solche Frechheit in der Sittenlosigkeit gesehen. Die Verwunderung war so groß; der Gedanke, daß Macquart eine junge und reiche Geliebte finden konnte, hatte dermaßen allen Glauben der Frauen erschüttert, daß sie für Adelaide fast mild gestimmt wurden. »Die Ärmste ist ganz toll geworden!« sagten sie; »wenn eine Familie da wäre, hätte man sie längst ins Narrenhaus gebracht.« Und da die Geschichte dieser seltsamen Liebschaft stets unbekannt blieb, beschuldigte man »diesen Halunken Macquart«, daß er den Schwachsinn der armen Adelaide mißbraucht habe, um ihr Vermögen an sich zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der gesetzliche Sohn, der kleine Peter Rougon, wuchs mit den außerehelichen Kindern seiner Mutter zusammen auf. Diese hießen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Anton&#039;&#039; und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ursula&#039;&#039;. Die Mutter&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
behielt sie – die »Wolfsjungen« wie man sie im Stadtviertel nannte – bei sich, ohne sie besser oder schlechter zu behandeln als ihr eheliches Kind. Sie schien keine klare Vorstellung von der Lage zu haben, die diesen beiden armen Geschöpfen im Leben bereitet war. Sie galten ihr einfach als ihre Kinder geradeso wie ihr Erstgeborener. Oft führte sie Peter an der einen, Anton an der anderen Hand, ohne die sehr verschiedene Art zu bemerken, wie man die beiden Kinder betrachtete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war überhaupt ein sonderbares Haus. Schier zwanzig Jahre lebten daselbst Mutter und Kinder nach ihrem Belieben dahin. Alles gedieh da in voller Ungebundenheit. Als sie Frau geworden, blieb sie das große, seltsame Kind, das mit fünfzehn Jahren noch für eine Wilde gegolten hatte. Nicht als ob sie verrückt gewesen wäre, wie die Leute der Vorstadt behaupteten; aber es gab bei ihr einen Mangel an Gleichgewicht zwischen Blut und Nerven, eine Art Zerrüttung des Gehirns und des Herzens, infolge deren sie ein anderes Leben führte als alle Welt. Sich selbst gegenüber war sie sehr natürlich, sehr folgerichtig; aber diese Folgerichtigkeit war in den Augen der Nachbarn die reine Verrücktheit. Wenn sie mit unbegreiflicher Einfalt sich dem bloßen Ansturm ihres Gefühlslebens überließ, hatte es den Anschein, als wolle sie von sich reden machen und als strebe sie dahin, daß bei ihr alles schlimm und schlimmer werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit ihrer ersten Entbindung war sie Nervenanfällen ausgesetzt, die sie in fürchterliche Zuckungen und Krämpfe versetzten. Diese Anfälle kehrten alle zwei bis drei Monate wieder. Die Ärzte, die zu Rate gezogen wurden, sagten, es lasse sich nichts dawider tun; das Alter werde diese Anfälle mildern. Sie solle halbgares Fleisch essen und Fieberrindenwein trinken. Die häufigen Anfälle zerrütteten ihren Körperbau vollends. Sie lebte Tag für Tag dahin wie ein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kind oder wie ein zahmes Tier, das seinen Trieben folgt. Wenn Macquart auf Schmuggel auszog, brachte sie ihre Tage in müßigem Brüten zu und beschäftigte sich mit ihren Kindern nur insoweit, daß sie sie herzte und mit ihnen spielte. Wenn ihr Liebhaber wiederkam, verschwand sie aus dem Hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinter der Keusche des Macquart lag ein kleiner Hof, den eine Mauer von dem Grundstück der Fouque trennte. Eines Morgens sahen die Bewohner der Vorstadt zu ihrer nicht geringen Überraschung, daß in diese Mauer eine Türe gebrochen war, die am vorhergehenden Abend noch niemand gesehen hatte. Binnen einer Stunde war die ganze Vorstadt in Aufruhr. Das Liebespaar, hieß es, muß die ganze Nacht daran gearbeitet haben, die Bresche in die Mauer zu legen und eine Tür daselbst anzubringen. Jetzt konnten sie einander ganz frei und ungehindert besuchen. Und das Ärgernis begann von neuem. Man war jetzt gegen Adelaide minder nachsichtig; sie war zur Schmach der Vorstadt geworden; diese Türe, dieses ruhige, freche Eingeständnis ihres Zusammenlebens ward ihr heftiger vorgeworfen als ihre zwei Kinder. »Man muß doch wenigstens den Schein zu wahren suchen« – sagten die nachsichtigsten Frauen. Allein Adelaide wußte nicht, was das heißt: »den Schein wahren.« Sie war sehr glücklich und sehr stolz auf ihre Türe. Sie hatte Macquart geholfen, die Steine aus der Mauer reißen; sie hatte sogar Mörtel bereitet, damit die Arbeit schneller getan sei. Sie erschien denn auch am andern Morgen mit einer kindlichen Freude, um ihr Werk am hellen Tage zu besichtigen. Das war schon der Gipfel der Schamlosigkeit, fanden drei Gevatterinnen, die in einiger Entfernung die noch feuchte Maurerarbeit betrachteten. Von diesem Tage ab sagte man, daß Adelaide, die man jetzt selten mehr sah, mit Macquart in seiner Hütte im Saint-Mittre-Gäßchen lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schmuggler kam sehr unregelmäßig und fast immer unerwartet heim. Man wußte nie genau, welches Leben das Paar während der wenigen Tage führte, die Macquart von Zeit zu Zeit in der Stadt zubrachte. Sie schlossen sich dann ein, und das Häuschen schien unbewohnt. Nachdem die Vorstadt ausgesprochen hatte, daß Macquart Adelaide nur verführt habe, um sie ihres Vermögens zu berauben, war man nachgerade erstaunt, diesen Mann dieselbe Lebensweise führen zu sehen wie früher, als ruhelosen, schlecht gekleideten Landstreicher. Vielleicht liebte ihn die Frau desto mehr, je seltener sie ihn zurückkehren sah; vielleicht hatte er in seinem stürmischen Hang nach einem abenteuerlichen Leben ihren Bitten widerstanden. Man ersann tausend Fabeln, ohne sich ein Verhältnis erklären zu können, das gegen alle vernünftige Gepflogenheit geschlossen und fortgesetzt wurde. Das Häuschen im Saint-Mittre-Gäßchen blieb fest verschlossen und bewahrte seine Geheimnisse. Man vermutete bloß, daß Macquart die Adelaide prügeln müsse, obgleich niemals eine Klage herausdrang. Wiederholt erschien sie mit Beulen im Gesichte und zerzaustem Haar. Im übrigen aber sah man ihr kein Leid und keine Traurigkeit an; auch suchte sie die blauen Flecke nicht im mindesten zu verbergen. Sie lächelte und schien zufrieden. Ohne Zweifel ließ sie sich ohne Klage und Widerstand halbtot prügeln. Länger als siebzehn Jahre währte dieses Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Adelaide in ihr Haus zurückkehrte, fand sie alles von unterst zu oberst gekehrt; aber es ließ sie gleichgültig. Ihr mangelte jeder praktische Sinn für das Leben; der genaue Wert der Dinge, die Notwendigkeit der Ordnung war ihr unbekannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ließ ihre Kinder heranwachsen wie die Pflaumenbäume, die an den Heerstraßen wachsen, dem Regen und Sonnenschein gleichmäßig ausgesetzt. Sie trugen ihre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Früchte als Wildling, die weder Säge noch Schere beschnitten. Nie wurde der Natur weniger entgegengearbeitet, nie wuchsen schlimm geartete Kinder freier nach ihren Trieben auf. Sie wälzten sich zwischen den Gemüsebeeten umher, verbrachten ihr Leben im Freien, spielten und balgten sich wie rechte Taugenichtse. Sie stahlen die Vorräte des Hauses, plünderten die wenigen Obstbäume des Gartens und waren – mit einem Worte – die lärmenden, zerstörenden Hausteufel dieser seltsamen Behausung des offenbaren Wahnsinns. Wenn ihre Mutter für ganze Tage verschwand, machten sie einen so heillosen Lärm und kamen auf so teuflische Einfälle, die Nachbarn zu belästigen, daß diese, um sich Ruhe zu schaffen, ihnen oft mit der Peitsche drohen mußten. Adelaide jagte ihnen übrigens keinen sonderlichen Schrecken ein; wenn sie da war, wurden sie den Nachbarn nur deshalb weniger unerträglich, weil sie die Mutter zur Zielscheibe ihrer Bosheiten wählten; sechsmal in der Woche schwänzten sie die Schule und taten alles was sie tun konnten, um sich eine Züchtigung zuzuziehen und dann nach Herzenslust zu plärren. Aber sie prügelte sie nie und erzürnte sich nie; inmitten all dieses Lärmens und Tollens lebte sie still und traumverloren dahin. Mit der Zeit wurde das abscheuliche Gepolter dieser Rangen ihr sogar zu einem Bedürfnis, um die Leere ihres Gehirnes auszufüllen. Wenn sie die Leute sagen hörte: »Ihre Kinder werden sie prügeln und es wird ihr recht geschehen« – lächelte sie sanft. Auf alle solche Bemerkungen schien ihre gleichgültige Haltung zu antworten: »Was liegt daran?« Um ihr Vermögen kümmerte sie sich noch weniger, als um ihre Kinder. Der Fouquesche Garten wäre während der langen Jahre dieses seltsamen Lebens zu einer Wüste geworden, wenn Adelaide nicht das Glück gehabt hätte, die Gemüsezucht einem geschickten Gärtner anzuvertrauen. Dieser Mensch, der den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ertrag des Gartens mit ihr teilen sollte, betrog sie in schändlicher Weise; aber sie merkte es nicht. Die Sache hatte übrigens auch ihre gute Seite; um sie besser übervorteilen zu können, nützte der Gärtner den Grund so viel wie möglich aus, wodurch der Wert des Besitztums erheblich gesteigert wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es, daß er durch einen geheimen Instinkt der wahren Sachlage inne wurde, sei es, daß die Art und Weise wie die Außenwelt ihn behandelte, ihm die Augen öffnete: Peter, der legitime Sohn, beherrschte von früher Jugend an seinen Bruder und seine Schwester. Gab es Streit, so prügelte er den Anton, obgleich er schwächer war als dieser. Ursula, ein armes, bleiches, schwächliches Wesen, ward von beiden mißhandelt. Bis zum Alter von 15-16 Jahren prügelten sich die drei Kinder übrigens ganz brüderlich, ohne sich ihren unbestimmten Haß zu erklären und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, wie sehr sie einander fremd waren. Erst in diesem Alter standen sie einander in bewußter und bestimmter Gegnerschaft gegenüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit sechzehn Jahren war Anton ein langer Bursche, in welchem die Fehler Macquarts und Adelaidens schon – gleichsam verschmolzen – zutage traten. Doch war Macquart der Stärkere in ihm mit seinem Hang zum Herumstreifen, seiner Trunksucht, seiner Roheit und seinem Jähzorn. Allein unter dem nervösen Einflüsse Adelaidens mengten sich diese Laster, die bei dem Vater einen Zug heißblütigen Freimutes hatten, bei dem Sohne mit tückischer Heuchelei und Feigheit. Anton war seiner Mutter Sohn vermöge eines absoluten Mangels an achtbarem Willen, vermöge der Selbstsucht eines wollüstigen Weibes, einer Selbstsucht, die sie jedes Lotterbett annehmen ließ, wenn sie sich nur mit Behagen darin herumwälzen und warm schlafen konnte. Man sagte von ihm: Dieser Räuber hat&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nicht einmal den Mut zum Vagabundentum, wie der Macquart; wenn er jemals mordet, wird er es mit Stecknadeln tun.« Was sein Äußeres betrifft, hatte Anton von seiner Mutter nur die dicken, fleischigen Lippen; die anderen Züge hatte er von dem Schmuggler, aber gemildert, verjüngt, beweglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Ursula waren im Gegenteil die sittlichen und körperlichen Eigenschaften der Mutter vorherrschend; immerhin fand sich auch bei ihr ein Gemengsel von Eigenschaften des Vaters und der Mutter, nur daß die arme Kleine, die als Zweite geboren war zu einer Zeit, als die leidenschaftliche Anhänglichkeit Adelaidens bereits die ruhiger gewordene Liebe Macquarts beherrschte, mit ihrem Geschlechte auch einen tieferen Eindruck des Gefühlslebens der Mutter empfangen zu haben schien. Es war übrigens hier keine Vereinigung zweier Naturen, sondern vielmehr eine Nebeneinanderstellung, eine seltsam oberflächliche Zusammenschweißung. Ursula war phantastischer Natur und zeigte zuweilen die Wildheit, die Schwermut, die Ausgelassenheit einer Zigeunerin; dann wieder – und dies war viel häufiger – lachte sie in nervösen Ausbrüchen, oder sie träumte selbstvergessen hin wie ein im Herzen wie im Kopfe tolles Weib. Ihre Augen, die manchmal den scheuen Blick Adelaidens zeigten, waren durchsichtig wie Kristall wie bei den jungen Kätzchen, die an der Schwindsucht zugrunde gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den beiden Bastardkindern gegenüber schien Peter ein Fremder zu sein. Wer nicht die Wurzeln seines Wesens prüfte, mußte finden, daß er von jenen ganz verschieden war. Noch niemals war ein Kind in dem Maße der wohl abgewogene Durchschnitt der zwei Geschöpfe, die ihn gezeugt hatten. Er hielt die richtige Mitte zwischen dem Bauer Rougon und dem nervösen Weib Adelaide. Seine Mutter hatte, indem sie ihn gebar, ein weniger plumpes Exemplar&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seines Vaters zur Welt gebracht. Die stille, verborgene Arbeit der Charaktere, die mit der Zeit ein Geschlecht verbessert oder zur Entartung treibt, schien mit Peter Rougon die erste Frucht gezeitigt zu haben. Auch er war nur ein Bauer, aber ein Bauer mit einer minder groben Haut und einem minder harten Gesicht, mit einem geschmeidigen, weiter ausgreifenden Verstände. Sein Vater und seine Mutter hatten sich in ihm wechselseitig verbessert. Hatte Adelaidens Natur, die der Aufruhr der Nerven sehr gefällig verfeinerte, die plumpe Schwerfälligkeit Rougons gedämpft und gemildert, so war anderseits die wuchtige Massigkeit des letzteren ein wirksames Hindernis gegen die körperliche Zerrüttung der jungen Frau. Peter kannte weder die Wutausbrüche, noch die krankhaften Träumereien der Wolfsjungen des Macquart. Sehr schlecht erzogen, geräuschvoll wie alle Kinder, die sich selbst überlassen bleiben, besaß er doch einen Bodensatz von Überlegung, der ihn stets abhielt, eine nutzlose Dummheit zu begehen. Sein Laster, sein Müßiggang, seine Genußsucht hatten nicht das instinktive Ungestüm der Laster Antons; er wollte sie vor aller Welt rechtschaffen pflegen und befriedigen. In seiner fetten, mittelgroßen Gestalt, in seinem langen, blassen Gesichte, wo die Züge des Vaters sich durch solche der Mutter verfeinert hatten, las man schon den tückischen Ehrgeiz, das unersättliche Bedürfnis nach Genuß, das kalte Herz und den neidvollen Haß des Bauernsohnes, den das Vermögen und die Nervosität der Mutter zu einem Bürger gemacht hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter im Alter von siebzehn Jahren die unordentliche Lebensführung seiner Mutter und das eigenartige Verhältnis seiner Geschwister erfuhr und zu erfassen vermochte, war er weder betrübt noch entrüstet, aber er begann über die Haltung nachzudenken, welche er zur Wahrung seiner Interessen beobachten mußte. Von den drei Kindern hatte er allein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Schule besucht. Ein Bauer, der die Notwendigkeit des Unterrichtes einsieht, wird gewöhnlich ein schlauer Rechner. Die schmähliche Art und Weise, wie die Kinder in der Schule seinen Bruder Anton behandelten, erweckte den ersten Verdacht in ihm. Später erklärte er sich alle die seltsamen Blicke und Reden. Die wüste Wirtschaft im Hause öffnete ihm vollends die Augen. Von nun ab waren Anton und Ursula für ihn unverschämte Schmarotzer, Mäuler, die an seinem Gute zehrten. Seine Mutter beurteilte er genau so wie die übrige Bevölkerung der Vorstadt, d. h. wie ein Weib, das man einsperren müsse, das ihm schließlich sein Vermögen vergeude, wenn er dem nicht rechtzeitig vorbeuge. Was ihn vollends erbitterte, waren die Diebereien des Gemüsegärtners. Über Nacht wurde aus dem ausgelassenen Rangen ein sparsamer, habsüchtiger Bursche, der sehr schnell heranreifte bei dem Anblick der Luderwirtschaft, die er nicht ohne Abscheu länger mit ansehen konnte. Ihm gehörten die Gemüse, deren Erlös zum größten Teil in die Taschen des Gärtners floß; ihm gehörten der Wein und das Brot, das die Bastarde seiner Mutter tranken und aßen. Das ganze Haus, das ganze Vermögen gehörte ihm. Nach seinem Bauernverstande war er, der rechtmäßige Sohn, der alleinige Erbe. Da sein Hab und Gut vermindert wurde, da alle Welt gierig an seinem künftigen Vermögen zehrte, sann er nach Mitteln, alle diese Leute, Mutter, Geschwister, Dienstgesinde an die Luft zu setzen und unverzüglich sein Erbe anzutreten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es setzte einen erbitterten Kampf. Der junge Mensch begriff, daß er vor allem die Mutter unschädlich machen müsse. Schritt für Schritt, mit hartnäckiger Geduld verfolgte er einen Plan, dessen Einzelheiten er längst festgestellt hatte. Sein Vorgehen bestand darin, sich vor Adelaide als lebendiger Vorwurf aufzupflanzen. Er geriet nicht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in Zorn, machte ihr keine Vorstellungen wegen ihres unordentlichen Lebenswandels; aber er hatte eine Art ersonnen, sie stumm anzuschauen, die der Ärmsten das Blut in den Adern erstarren machte. Wenn sie nach kurzem Verweilen bei Macquart wieder in ihrem Hause erschien, wagte sie nur zitternd zu ihm aufzublicken; sie fühlte seine Blicke kalt und scharf gleich stählernen Spitzen lang und unerbittlich auf sich haften. Die strenge und schweigsame Haltung Peters, dieses Kindes eines von ihr so schnell vergessenen Mannes, verwirrte seltsam ihr armes, krankes Hirn. Sie sagte sich, daß Rougon auferstanden sei, um sie für ihren unsittlichen Lebenswandel zu strafen. Sie bekam jetzt jede Woche einen jener Nervenanfälle, die sie niederwarfen. Man überließ sie ihren Krämpfen; wenn sie das Bewußtsein wiedererlangte, brachte sie ihre Kleider in Ordnung und schleppte sich schwächer als zuvor dahin. Oft brach sie nächtlicherweile in Schluchzen aus, drückte ihren Kopf in ihre Hände und nahm die Züchtigungen Peters als Strafen eines rächenden Gottes hin. Ein anderes Mal wieder verleugnete sie ihn; sie wollte das Blut ihres Herzens nicht wiedererkennen in diesem schwerfälligen Burschen, dessen Ruhe ihr fieberheißes Blut so schmerzlich erstarren machte. Tausendmal lieber wäre es ihr gewesen, Prügel zu bekommen, als in dieser Weise angeschaut zu werden. Diese unversöhnlichen Blicke, die sie überallhin verfolgten, marterten sie schließlich in einer so unerträglichen Weise, daß sie wiederholt den Entschluß faßte, mit ihrem Liebhaber zu brechen; allein sobald Macquart ankam, waren ihre Schwüre vergessen, und sie eilte zu ihm. Wenn sie dann heimkehrte, begann der stumme Kampf noch stummer, noch furchtbarer. Nach Verlauf einiger Monate war sie eine Beute ihres Sohnes. Sie benahm sich in seiner Gegenwart wie ein kleines Mädchen, das nicht sicher ist, ob es sich gut betragen habe,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und die Zuchtrute verdient zu haben fürchtet. Als geschickter Bursche, der er war, hatte Peter sie an Händen und Füßen gefesselt, eine untertänige Magd aus ihr gemacht, ohne auch nur den Mund zu öffnen, ohne sich in schwierige und unangenehme Erklärungen einzulassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der junge Mensch seine Mutter in seiner Gewalt wußte; als er sah, daß er sie wie seine Sklavin behandeln könne, begann er die Schwächen ihres Gehirns und den wahnsinnigen Schrecken, den jeder seiner Blicke ihr einjagte, für seine Interessen auszubeuten. Sobald er Herr im Hause war, war es seine erste Sorge, den Gärtner zu entlassen und durch ein ihm ergebenes Geschöpf zu ersetzen. Er riß die Leitung des Hauses an sich, kaufte, verkaufte, führte die Kasse. Er bemühte sich übrigens nicht im mindesten, seine Mutter von ihrem regellosen Lebenswandel abzubringen oder Anton und Ursula von ihrer Trägheit zu heilen. Er kümmerte sich nicht viel darum, denn er hatte ja die Absicht, sich bei der ersten Gelegenheit all dieser Leute zu entledigen. Er begnügte sich, ihnen das Brot und das Wasser zuzumessen. Als er dann das ganze Vermögen in seinen Händen hatte, harrte er eines Ereignisses, das ihm gestattete, zu seinem Vorteil darüber zu verfügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Umstände sollten seine Pläne in ganz unerwarteter Weise fördern. Als ältester Sohn einer Witwe wurde er vom Militärdienst befreit; dagegen traf zwei Jahre später Anton das Los. Dieser nahm sich die Sache anfänglich nicht gar sehr zu Herzen, denn er dachte, seine Mutter werde einen Ersatzmann für ihn kaufen. Adelaide wollte ihn in der Tat vom Militärdienste retten, allein Peter, der den Säckel verwaltete, wollte hiervon nichts wissen. Der gezwungene Abgang seines Bruders war ein glückliches Ereignis, das seine Pläne vortrefflich förderte. Als seine Mutter ihm von dieser Sache sprach, schaute er sie in einer Weise an, daß sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihre Rede nicht zu vollenden wagte. Sein Blick sagte: »Deinem Bastard zuliebe willst du mich zugrunde richten?« Sie überließ also Anton seinem Schicksale, weil sie vor allem Ruhe und Frieden haben wollte. Peter, der kein Freund gewaltsamer Mittel war und sich freute, seinen Bruder ohne Zank und Hader an die Luft setzen zu können, spielte jetzt den Trostlosen: das Jahr sei schlecht, es fehle an Geld im Hause, man müsse ein Stück Land verkaufen und dies sei der Anfang des Ruins. Dann gab er Anton sein Wort, ihn im nächsten Jahre loszukaufen, wenngleich er entschlossen war, nichts dergleichen zu tun. Anton ließ sich täuschen und rückte, halb und halb befriedigt, zum Militärdienst ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch leichter und unverhoffter entledigte er sich seiner Schwester Ursula. Ein Hutmachergehilfe der Vorstadt namens Mouret verliebte sich in das junge Mädchen, das so weiß und schmächtig war wie ein Fräulein aus dem Sankt-Markus-Viertel, und nahm sie zur Frau. Es war dies von seiner Seite eine Liebesheirat, ein unberechneter, leichtfertiger Schritt. Ursula willigte ein, um aus einem Hause fliehen zu können, wo ihr älterer Bruder ihr das Leben unerträglich machte. Ihre Mutter war völlig in ihrer zügellosen Genußsucht aufgegangen und wandte ihre letzte Widerstandkraft daran, sich selbst zu verteidigen. Alles andere war ihr völlig gleichgültig geworden. Sie war froh über Ursulas Scheiden, weil sie hoffte, daß Peter, der nunmehr keinen Gegenstand der Unzufriedenheit und Verfolgung hatte, sie in Frieden, nach ihrem Willen leben lassen werde. Kaum waren die jungen Leute verheiratet, so sah Mouret ein, daß er Plassans verlassen müsse, wenn er nicht Tag für Tag verdrießliche Dinge über seine Frau und seine Schwiegermutter hören wolle. Er zog mit Ursula nach Marseille, wo er sein Handwerk ausübte. Im übrigen hatte er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
keinen Pfennig Mitgift gefordert. Als Peter, betroffen von eo großer Uneigennützigkeit, einige Erklärungen stammeln wollte, schloß ihm Mouret den Mund: er ziehe es vor, seine Frau durch seiner Hände Arbeit zu ernähren. Der würdige Sohn des Bauern Rougon war darob ganz verblüfft; er witterte hinter diesem Benehmen irgendeine Falle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte nunmehr noch mit Adelaide fertig zu werden. Um keinen Preis der Welt wollte Peter noch länger mit ihr zusammenwohnen. Sie gereichte ihm zur Schande. Am liebsten würde er mit ihr den Anfang gemacht haben. Allein er sah sich zwischen zwei sehr unangenehmen Möglichkeiten. Sie im Hause behalten, sich weiter mit ihrer Schande beladen, sich eine schwere Kugel an die Beine schmieden lassen, die ihn in dem kühnen Flug seines Ehrgeizes hindern werde: das war die eine Möglichkeit. Sie aus dem Hause jagen und mit Fingern auf sich als schlechten Sohn zeigen lassen, was alle seine Berechnungen eines scheinbaren Biedermannes über den Haufen geworfen hätte: das war die andere Möglichkeit. Da er fühlte, daß er alle brauchen werde, wollte er seinen Namen bei ganz Plassans in Gunst setzen. Es gab also nur das eine Mittel: Adelaide zu bewegen, daß sie freiwillig gehe. Peter verabsäumte nichts, um dieses Ziel zu erreichen. Er war der Überzeugung, daß alle seine Roheiten durch das regellose Leben seiner Mutter entschuldigt seien. Er strafte sie, wie man ein Kind straft. Die Rollen waren vertauscht. Das arme Weib beugte sich unter diese stets erhobene Peitsche. Sie war kaum zweiundvierzig Jahre alt und hatte das scheue Stammeln, die verstörten, unterwürfigen Mienen einer kindisch gewordenen Greisin. Ihr Sohn fuhr fort, sie mit seinen strengen Blicken zu martern, in der Hoffnung, daß sie fliehen werde, wenn eines Tages ihr Mut zu Ende war. Die Unglückliche litt furchtbar durch die Schande, durch ihre unterdrückten Begierden, durch die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demütigungen, die sie über sich ergehen ließ; unempfindlich nahm sie die Schläge hin und – kehrte immer zu Macquart zurück, weil sie lieber auf dem Fleck sterben als nachgeben wollte. In manchen Nächten hätte sie zur Viorne laufen und sich ertränken mögen, wenn ihr schwacher Leib eines nervösen Weibes nicht eine entsetzliche Furcht vor dem Tode gehabt hätte. Wiederholt dachte sie daran, zu fliehen und ihren Liebhaber an der Grenze aufzusuchen; sie blieb nur deshalb in diesem Hause, dem verächtlichen Stillschweigen und den geheimen Roheiten ihres Sohnes ausgesetzt, weil sie nicht wußte, wohin sie flüchten solle. Peter sah ein, daß sie ihn längst verlassen haben würde, wenn sie einen Zufluchtsort hätte. Er wartete auf eine Gelegenheit, ihr irgendwo eine kleine Wohnung zu mieten, als ein Zufall, auf den er nicht zu hoffen gewagt hatte, eine plötzliche Verwirklichung seiner Wünsche herbeiführte. Man erfuhr in der Vorstadt, daß Macquart an der Grenze von den Zollwächtern in dem Augenblicke erschossen worden sei, als er eine Ladung Genfer Uhren einschmuggeln wollte. Es hatte seine Richtigkeit mit diesem Gerücht. Selbst der Leichnam des Schmugglers ward nicht nach Plassans gebracht; er ward irgendwo auf einem kleinen Dorfkirchhofe in den Grenzgebirgen eingescharrt. Adelaide ward durch den Schmerz über diesen Verlust um den geringen Rest ihres Verstandes gebracht. Ihr Sohn, der sie neugierig beobachtete, sah sie nicht eine Träne vergießen. Macquart hatte sie zu seiner Erbin gemacht. Sie erbte die Hütte im Saint-Mittre-Sackgäßchen und den Karabiner, den einer der Genossen des Erschossenen ihr ehrlich wiederbrachte. Schon am folgenden Tage zog sie sich in Macquarts Häuschen zurück; sie hängte das Gewehr über dem Kamin an der Wand auf und lebte da still und einsam, abgeschieden von aller Außenwelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich war Peter Rougon alleiniger Herr des Hauses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gemüsegarten der Fouque war tatsächlich, wenn auch nicht rechtlich, in seinem Besitz. Es war ihm nie eingefallen, sich daselbst niederzulassen. Es war für seinen Ehrgeiz ein gar zu enges Gebiet. Die Erde zu bearbeiten, Gemüse zu ziehen schien ihm gemein, seiner Fähigkeiten unwürdig. Es drängte ihn, aus dem Bauernstande herauszutreten. Seine durch den nervösen Charakter der Mutter verfeinerte Natur empfand ein unwiderstehliches Verlangen nach den Freuden des Bürgerstandes. Darum hatte er in allen seinen Plänen den Verkauf des Grundstückes als Lösung in Aussicht genommen. Der Erlös für dieses Grundstück mußte ihm ein hübsches Stück Geld bringen und ihn in den Stand setzen, die Tochter irgendeines Bürgers heimzuführen, der ihn dann zum Genossen seines Geschäftes machen würde. Die Feldzüge des ersten Kaiserreiches lichteten zu jener Zeit sehr stark die Reihen der heiratsfähigen jungen Männer. Die Eltern zeigten sich weniger schwierig in der Wahl ihrer Schwiegersöhne. Peter sagte sich, daß das Geld alles ausgleichen und daß man über den Klatsch der Vorstadt leicht hinweggehen werde. Er wollte sich als Opfer ausgeben, als ein wackeres Herz, das durch die Schmach der Familie leidet, sie beklagt, ohne davon berührt zu werden und ohne sie zu entschuldigen. Seit mehreren Monaten schon hatte er sein Auge auf Felicité Puech, die Tochter eines Ölhändlers geworfen. Das Haus »Puech &amp;amp; Lacamp«, dessen Magazine in einem der dunkelsten Gäßchen der Altstadt lagen, war keineswegs in einem Zustande der Blüte. Es genoß am Platze nur wenig Kredit und man sprach von seinem bevorstehenden Bankerott. Gerade im Hinblick auf diese Gerüchte richtete Peter Rougon seine Hoffnungen nach dieser Seite. Er sah ein, daß ein in guten Verhältnissen befindlicher Kaufmann ihm niemals seine Tochter zur Frau geben werde. Er dachte, in dem Augenblick sein Ziel zu erreichen, wenn der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
alte Puech nimmer weiter könne, und wollte dann durch seine Klugheit und Tatkraft das Haus neu aufrichten. Das war ein geschicktes Mittel, eine Staffel höher zu steigen, sich um Kopfeslänge über seinen Stand aufzuschwingen. Er wollte vor allem diese abscheuliche Vorstadt fliehen, wo man auf seiner Familie herumtrat; er wollte das schändliche Gerede zum Verstummen bringen, indem er selbst den Namen des Fouqueschen Gartens aus der Welt schaffen würde. Darum schienen die übelriechenden Gassen der Altstadt ihm ein Paradies. Hier erst wollte er eine neue Haut annehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald sollte der von ihm so heiß ersehnte Augenblick kommen. Das Haus Puech &amp;amp; Lacamp lag in den letzten Zügen. Der junge Mensch leitete jetzt mit kluger Geschicklichkeit die Unterhandlungen wegen seiner Heirat ein. Er ward nicht gerade wie ein Retter aufgenommen, aber doch wie ein notwendiges und annehmbares Aushilfsmittel. Als die eheliche Verbindung eine beschlossene Sache war, schritt er zum Verkaufe des Gemüsegartens. Der Eigentümer des Jas-Meiffren, der seinen Besitz abrunden wollte, hatte ihm schon wiederholt Anerbietungen gemacht; bloß eine dünne, niedrige Mauer schied die beiden Besitztümer voneinander. Peter rechnete auf den Wunsch seines Nachbars, eines sehr reichen Mannes, der, um seine Laune zu befriedigen, bereit war, bis zu fünfzigtausend Franken zu gehen. Dies hieß den Gemüsegarten mit dem Zweifachen seines Wertes bezahlen. Mit der Schlauheit eines Bauern ließ Peter sich erst bitten; er wolle nicht verkaufen, sagte er; niemals werde seine Mutter einwilligen, ein Besitztum wegzugeben, auf dem die Fouque seit zweihundert Jahren von Geschlecht zu Geschlecht gelebt hatten. Doch während er zu zögern schien, bereitete er den Verkauf vor. Es waren einige Bedenken in ihm wach geworden. Nach seiner rücksichtslosen Logik&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gehörte der Garten ihm, und hatte er das Recht, darüber nach seinem Belieben zu verfügen. Allein auf dem Grunde dieser Sicherheit regte sich die unbestimmte Ahnung, daß er mit dem Gesetze in Widerspruch geraten könne. Er entschloß sich, einen Gerichtsvollzieher der Vorstadt zu Rate zu ziehen. Da erfuhr er schöne Dinge. Der Gerichtsvollzieher meinte, Peter habe in dieser Sache gebundene Hände. Seine Mutter allein dürfe den Garten veräußern. Dies hatte er vermutet; aber was er nicht gewußt hatte und was wie ein Keulenschlag auf ihn wirkte, war die Nachricht, daß auch Anton und Ursula, die Bastarde, die Wolfsjungen, Rechte auf dieses Besitztum hätten. Was? dieses Hurenpack wollte ihn, den legitimen Sohn, berauben? Doch die Ausführungen des Gerichtsvollziehers waren ganz klar. Adelaide habe Rougon allerdings unter der Bedingung der Gütergemeinschaft geheiratet; allein da das ganze Vermögen in unbeweglichem Besitztum bestand, war die Frau nach dem Tode des Gatten im Sinne des Gesetzes wieder seine alleinige Eigentümerin geworden; da anderseits Macquart und Adelaide ihre Kinder anerkannt hatten, waren diese Miterben des Vermögens ihrer Mutter. Als einziger Trost erfuhr Rougon, daß das Gesetz den Anteil der außerehelichen Kinder zugunsten der ehelichen verkürze. Aber dies war ihm kein Trost, denn er wollte alles haben. Nicht zehn Sous würde er mit Anton und Ursula geteilt haben. Diese Bresche des Gesetzes eröffnete ihm neue Gesichtspunkte, die er mit einer eigentümlich nachsinnenden Miene prüfte. Er sah bald ein, daß ein geschickter Mensch das Gesetz stets auf seine Seite bringen müsse. Ohne jemanden zu Rate zu ziehen – selbst den Gerichtsvollzieher nicht, dessen Argwohn er zu erwecken fürchtete – ersann er folgendes. Er wußte, daß er über seine Mutter gebieten könne wie über seine Sache. Eines Morgens führte er sie zu einem Notar und ließ sie eine Verkaufserklärung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
unterzeichnen. Wenn man ihr nur ihre Keusche im Saint-Mittre-Gäßchen ließ, war Adelaide bereit, ganz Plassans zu verkaufen. Peter sicherte ihr übrigens eine Jahresrente von sechshundert Franken zu und schwor ihr hoch und teuer, daß er seine Geschwister nicht verlassen werde. Ein solcher Schwur beruhigte das arme Weib. Sie sagte vor dem Notar alles her, was ihr Sohn ihr eingetrichtert hatte. Am folgenden Tage ließ der junge Mann sie ein Papier unterschreiben, in dem sie den Empfang von fünfzigtausend Franken als Erlös für den Gemüsegarten bestätigte. Dies war sein Hauptstreich. Seiner Mutter, die erstaunt war, ein solches Schriftstück unterzeichnen zu müssen, da sie doch keinen Heller gesehen hatte, sagte er, es sei dies bloß eine Formsache ohne alle Folgen. Indem er das Papier in seine Tasche steckte, dachte er: »Nun mögen die Wolfsjungen mich zur Rechenschaft ziehen; ich werde sagen, die Alte habe alles aufgezehrt. Sie werden es niemals wagen, mir den Prozeß zu machen.« Acht Tage später war die Scheidemauer verschwunden; der Pflug ging über die Gemüsebeete hinweg; der Fouquesche Garten ward zu einer Fabel, wie Rougon es gewünscht hatte. Einige Monate später ließ der Eigentümer des Jas-Meiffren selbst das alte Wohnhaus der Gemüsegärtner niederreißen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter die fünfzigtausend Franken in Händen hatte, heiratete er Felicité Puech. Sie war ein kleines, schwarzes Weib, wie man in der Provence so viele sieht. Sie erinnerte an jene braunen, dürren, zirpenden Grillen, die in ihrem regellosen Flug mit den Köpfen an die Mandelbäume stoßen. Mager, flachbrüstig, mit spitzigen Schultern und dem Gesicht eines Marders mit merkwürdig scharfen, ausgeprägten Zügen schien sie kein bestimmtes Alter zu haben; man hätte sie ebensogut für fünfzehn Jahre wie für dreißig Jahre alt halten können, obgleich sie nur neunzehn Jahre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zählte, um vier weniger als ihr Gatte. Eine katzenhafte Schlauheit lag in ihren schwarzen, schmalen Augen, die wie mit dem Bohrer ausgehöhlt waren. Ihre niedrige, gewölbte Stirne; ihre an der Wurzel leicht eingedrückte Nase, deren Flügel sich stark aushöhlten, fein und empfindlich waren, wie um die Gerüche besser aufzunehmen; die schmale, rote Linie der Lippen; das vorspringende Kinn, das durch seltsame Höhlungen sich an die Wangen anschloß; dieses ganze Gesicht einer schlauen Zwergin war wie die lebendige Maske der Intrige, des ruhelosen und neidvollen Ehrgeizes. Zur Häßlichkeit gesellte sich bei Felicité ein Reiz, der sie fast verführerisch machte. Man sagte von ihr, daß sie nach ihrem Belieben schön oder häßlich war. Dies schien von der Art und Weise abzuhängen, wie sie ihr wahrhaft prachtvolles Haar in Knoten schürzte; noch mehr aber hing es von dem triumphierenden Lächeln ab, das ihre goldbraune Gesichtsfarbe erhellte, wenn sie über jemanden den Sieg davon getragen zu haben glaubte. Gewissermaßen unter einem Unstern geboren und vom Schicksal sich benachteiligt wähnend, fügte sie sich zumeist in den Gedanken, für häßlich zu gelten. Im übrigen gab sie den Kampf nicht auf; sie hatte den Vorsatz gefaßt, eines Tages durch die Schaustellung ihres Reichtums und ihres schamlosen Prunkes die ganze Stadt vor Neid bersten zu machen. Und hätte sie ihr Leben auf einem größeren Schauplatze abspielen können, wo ihr aufgeschlossener Verstand sich frei hätte entfalten können, sie würde sicherlich bald ihren Glückstraum verwirklicht haben. Ihre Verstandeskräfte waren denen der anderen Mädchen ihrer Klasse und ihrer Ausbildung weit überlegen. Die bösen Zungen behaupteten, daß ihre Mutter, die einige Jahre nach ihrer Geburt gestorben war, in der ersten Zeit ihrer Ehe sehr eng befreundet gewesen sei mit dem Marquis von Carnavant, einem jungen Edelmann auf dem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sankt-Markus-Viertel. In Wahrheit hatte Felicité Füße und Hände einer Marquise, die dem Geschlechte von Arbeitern, aus dem sie abstammte, fremd zu sein schienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Altstadt war einen vollen Monat darüber verwundert, daß sie den Peter Rougon heiratete, diesen halben Bauern, diesen Vorstadtmenschen, dessen Familie keineswegs im Geruche der Heiligkeit stand. Sie ließ die Leute reden und nahm mit einem eigentümlichen Lächeln die gezwungenen Glückwünsche ihrer Freundinnen entgegen. Ihre Rechnung war gemacht; sie wählte Rougon als ein Mädchen, das einen Gatten nimmt, wie man einen Mitschuldigen nimmt. Indem ihr Vater den jungen Menschen in seine Familie aufnahm, sah er nichts als die fünfzigtausend Franken, die ihn vor dem Bankerott retteten. Allein Felicité hatte schärfere Augen. Sie schaute in die ferne Zukunft und fühlte das Bedürfnis, einen gesunden, wenn auch ein wenig bäuerischen Mann zu haben, hinter dem sie sich verbergen und dessen Arme und Beine sie nach ihrem Belieben in Bewegung setzen konnte. Sie war von einem sehr gesunden Haß erfüllt gegen die Provinzherrchen, gegen dieses schwindsüchtige Volk von Notarsgehilfen und künftigen Advokaten, die in Erwartung der Praxis ein Jammerleben führten. Da sie keine Mitgift besaß und darauf verzichten mußte, den Sohn eines reichen Kaufmannes zu heiraten, zog sie einen Bauer, aus dem sie ein willfähriges Werkzeug zu machen hoffte, tausendmal irgendeinem dürren Angestellten vor, der sie mit seiner Überlegenheit eines Studierten erdrücken und mit ihr das ganze jämmerliche Leben hindurch eitlen Trugbildern nachjagen würde. Sie dachte, das Weib müsse den Mann formen. Sie fühlte sich stark genug, aus einem Kuhhirten einen Minister zu bilden. Was sie bei Rougon verführte, war die breite Brust und der untersetzte, einer gewissen Eleganz nicht entbehrende Rumpf. Ein so gebauter Bursche mußte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mit Leichtigkeit die Welt von Ränken tragen, die sie ihm aufzubürden gedachte. Wußte sie die Kraft und Gesundheit ihres Gatten zu schätzen, so hatte sie anderseits bald heraus, daß er weit entfernt war, ein Schwachkopf zu sein. Sie erriet, daß in diesem vierschrötigen Körper ein geschmeidiger, schlauer Geist wohne; doch fehlte viel, daß sie ihren Rougon kannte; sie hielt ihn für dümmer, als er war. Einige Tage nach ihrer Vermählung fand sie durch Zufall in einem Schubfache die von Adelaide unterschriebene Empfangsbestätigung über fünfzigtausend Franken. Sie begriff die Sache sogleich und war entsetzt. Sie war eine Natur von durchschnittlicher Ehrlichkeit, und die Mittel dieser Art widerstrebten ihr. Aber in ihren Schrecken mengte sich ein Zug von Bewunderung. Rougon erschien ihr jetzt als ein sehr schlauer Mensch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das junge Ehepaar machte sich wacker daran, Vermögen zu erwerben. Das Haus Puech &amp;amp; Lacamp war weniger erschüttert, als Peter gedacht hatte. Die Schuldensumme war nicht groß, nur fehlte es an Geld. Der Handel wird in der Provinz mit einer solchen Vorsicht geführt, daß ihm nur selten große Katastrophen drohen. Puech &amp;amp; Lacamp aber waren ganz besonders bedächtige Leute; sie zitterten, wenn sie tausend Taler an ein Geschäft wagen sollten, darum konnte denn auch ihre Firma zu keiner Bedeutung gelangen. Die fünfzigtausend Franken, die Peter mitbrachte, genügten, um die Schulden zu bezahlen und dem Geschäfte eine größere Ausdehnung zu geben. Der Beginn war vom Glücke begünstigt. In drei aufeinander folgenden Jahren gab es reichliche Ölernten. In einem kühnen Einfall, der Peter und den alten Puech erschreckte, bewog Felicité die Männer, eine bedeutende Menge Öl zu kaufen und einzulagern. Die nächsten zwei Jahre ergaben eine Mißernte, wie die junge Frau es vorausgesehen hatte. Die Ölpreise gingen in die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Höhe, und sie konnten ihre Vorräte mit erheblichem Nutzen verkaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurze Zeit nach diesem Glückszug traten Puech und Lacamp aus der Gesellschaft aus. Sie waren mit dem bescheidenen Gewinn zufrieden, den sie erzielt hatten und hatten nur mehr den Ehrgeiz, als Rentenbesitzer ihre Tage zu beschließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das junge Ehepaar war jetzt allein Herr im Hause und dachte, künftig das Glück festzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast mein Pech besiegt, sagte Felicité manchmal zu ihrem Gatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine der wenigen Schwächen dieser energischen Natur war die, daß sie sich vom Unglück verfolgt wähnte. Bisher – so behauptete sie – sei ihnen, ihr und ihrem Vater, noch nichts geglückt trotz all ihrer Anstrengungen. Von der südländischen Abergläubigkeit ermuntert rüstete sie sich zum Kampfe gegen das Schicksal, wie man gegen eine Person von Fleisch und Bein kämpft, die uns verderben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tatsachen sollten alsbald ihre Besorgnisse in seltsamer Weise bestätigen. Das Pech kam unerbittlich wieder. Jedes Jahr kam ein neues Unglück, um das Haus Rougon zu erschüttern. Ein Bankerottierer schädigte es um einige tausend Franken; die Wahrscheinlichkeitsberechnungen erwiesen sich infolge unglaublicher Umstände als falsch; die sichersten Berechnungen schlugen jämmerlich fehl. Es war ein Kampf aufs Messer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun siehst du wohl, daß ich unter einem Unstern geboren bin, sagte Felicité bitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sie setzte nur um so energischer den Kampf fort; sie begriff nicht, weshalb sie, die für das erste Wagnis eine so feine Witterung gehabt hatte, ihrem Gatten jetzt nur unglückselige Ratschläge gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter war sehr niedergeschlagen. Da er weniger&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausdauer besaß, würde er ohne die verbissene Hartnäckigkeit seiner Frau schon zwanzigmal das Geschäft aufgelassen haben. Sie wollte durchaus reich werden. Ihr Ehrgeiz konnte nur auf dem Reichtum bauen. Mit einem Vermögen von einigen hunderttausend Franken würden sie die Herren der Stadt werden; sie würde ihren Mann auf eine wichtige Stelle ernennen lassen; mit einem Worte: sie würde regieren. Der Kampf um die Ehrenstellen machte ihr keine Sorge; sie fühlte sich seltsam gerüstet dafür. Dagegen verließ sie ihre Stärke, als es sich darum handelte, die ersten Säcke Taler zu erwerben. Vor der Kunst, die Menschen zu behandeln, schrak sie nicht zurück; dagegen empfand sie eine Art ohnmächtiger Wut angesichts dieser kalten, weißen Münzen, über die ihr Ränkegeist keine Macht hatte, und die so blöd waren, nicht kommen zu wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über dreißig Jahre dauerte der Kampf. Als Puech starb, war dies ein neuer Keulenschlag. Felicité, die vierzigtausend Franken nach ihm zu erben gehofft hatte, erfuhr zu ihrem Entsetzen, daß der alte Egoist sein Vermögen einer Altersversorgung verschrieben hatte. Diese Nachricht warf Felicité auf das Krankenbett. Sie verbitterte immer mehr, ward immer dürrer, immer herber. Wenn man sah, wie sie vom Morgen bis zum Abend die Ölkrüge umkreiste, hätte man glauben mögen, daß sie durch dieses ewige, unruhige, fliegenartige Umherschwärmen ihren Verkauf beschleunigen wolle. Ihr Mann hingegen ward immer schwerfälliger; das Pech machte ihn fett und weich. Diese dreißig Jahre fortwährenden Kampfes warfen sie aber doch nicht vollends auf die Strecke. Bei jeder Jahresrechnung fanden sie, daß sie beiläufig mit heiler Haut davongekommen waren; die Verluste eines Jahres brachten sie im folgenden Jahre wieder herein. Dieses Leben, das man sozusagen von Tag zu Tag fortfristen mußte, trieb Felicité schier zur Verzweiflung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hätte einen vollständigen Bankerott vorgezogen. Vielleicht hätten sie dann ihr Leben von vorne beginnen können, anstatt sich damit abzurackern, den täglichen Bissen Brot zu erwerben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings muß gesagt werden, daß sie gleich in den ersten Jahren ihrer Ehe mehrere Kinder bekamen, die ihnen mit der Zeit eine schwere Bürde wurden. Felicité erwies sich, wie so viele kleine Frauen, von einer Fruchtbarkeit, die man ihrem schwächlichen Körperbau niemals zugemutet haben würde. Im Zeitraume von fünf Jahren, in den Jahren 1811-15, gebar sie drei Söhne; in den darauf folgenden vier Jahren gab sie noch zwei Töchtern das Leben. Im ruhigen Provinzleben gedeihen die Kinder am besten. Die Rougonschen Ehegatten nahmen die zuletzt gekommenen zwei Kinder ziemlich übel auf. Wenn die Mitgift fehlt, sind die Töchter eine arge Verlegenheit. Rougon sagte jedem, der es hören wollte, daß es genug sei und mit Teufelsdingen zugehen müsse, wenn noch ein sechstes komme. In der Tat hörte Felicité auf, Kinder zu gebären; es wäre sonst schwer zu sagen, bis zu welcher Zahl sie gegangen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die junge Frau betrachtete übrigens diese Kinderschar nicht als eine Ursache ihres Ruins. Im Gegenteil; sie richtete auf den Köpfen ihrer Söhne das Gebäude ihres Glückes wieder auf, das zwischen ihren Händen in Trümmern sank. Sie zählten noch nicht zehn Jahre, als sie schon eine fertige Zukunft für sie träumte. Da sie daran zweifelte, jemals aus eigener Kraft ans Ziel zu gelangen, setzte sie ihre Hoffnungen auf ihre Söhne, um so die Hartnäckigkeit des Schicksals zu überwinden. Sie sollten ihr enttäuschungsreiches Streben verwirklichen; sie sollten ihr jene reiche und beneidete Stellung verschaffen, der sie bisher vergebens nachgejagt war. Ohne den durch ihr Handlungshaus geführten Kampf aufzugeben, verfolgte sie von da ab noch eine zweite&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Taktik, um endlich doch zur Befriedigung ihrer herrschsüchtigen Triebe zu gelangen. Es schien ihr unmöglich, daß es unter ihren drei Söhnen nicht einen einzigen Mann von überlegenem Geiste geben solle, der sie alle reich machen werde. Sie fühlte dies, sagte sie. Darum pflegte sie auch die Kinder mit einem Eifer, in dem die Strenge der Mutter mit der Liebe des Wucherers sich mengte. Sie gefiel sich darin, sie sorgfältig zu mästen wie ein Kapital, das später hohe Zinsen tragen solle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß doch! pflegte Peter zu schreien. Alle Kinder sind undankbar. Du verdirbst sie; du richtest uns zugrunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Felicité davon sprach, die Söhne auf die hohe Schule zu schicken, wurde er böse. Das Lateinische sei ein überflüssiger Luxus; es genüge, sie eine kleine Privatschule besuchen zu lassen, die es in der Nachbarschaft gab. Allein die junge Frau ließ nicht locker; ihr Streben ging höher hinaus; sie setzte ihren Stolz darein, sich mit unterrichteten Kindern zu schmücken; sie fühlte überdies, daß ihre Kinder nicht so ungebildet bleiben dürften wie ihr Vater, wenn sie einst große Männer werden sollten. Sie träumte davon, daß alle drei in Paris hohe Stellen einnehmen würden, die sie nicht näher zu bezeichnen wußte. Als Rougon nachgegeben hatte und die drei Jungen das Kollegium besuchten, genoß Felicité die größte Freude, die die Befriedigung ihrer Eitelkeit ihr jemals bereiten konnte. Sie war entzückt, wenn sie hörte, wie sie untereinander von ihren Professoren und Studien sprachen. An dem Tage, an dem der Älteste in ihrer Gegenwart den Jüngsten rosa, die Rose deklinieren ließ, glaubte sie eine himmlische Musik zu hören. Es muß zu ihrem Lobe gesagt werden, daß ihre Freude damals frei war von jeder Berechnung. Rougon selbst überließ sich der Genugtuung des ungebildeten Menschen, der seine Kinder besser unterrichtet sieht, als er selbst es ist. Die Kameradschaft,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die sich ganz natürlich zwischen ihren Söhnen und jenen der vornehmsten Leute der Stadt entwickelte, berauschte die Rougonschen Eheleute vollends. Ihre Söhne duzten den Sohn des Bürgermeisters, des Unterpräfekten und sogar einige junge Edelleute, die das St.-Markus-Viertel in das Kollegium zu Plassans zu schicken sich herabgelassen hatte. Felicité meinte, eine solche Ehre könne nicht zu teuer bezahlt werden. Die Ausbildung der drei Söhne war eine schwere Last für den Haushalt der Familie Rougon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solange die Jungen noch nicht ihre Abgangsprüfung hinter sich hatten, lebten die Eltern, die sie mit schweren Opfern auf der Schule erhielten, in der Hoffnung auf ihre Erfolge. Als sie ihre Zeugnisse hatten, wollte Felicité ihr Werk vollenden: sie bestimmte ihren Gatten, alle drei nach Paris zu senden. Zwei betrieben die Rechtsstudien, der dritte wurde Arzt. Als sie endlich fertige Männer waren, als sie das Haus Rougon vollständig »ausgepumpt« hatten und sie sich genötigt sahen, nach der Provinz zurückzukehren und sich daselbst seßhaft zu machen, begann für die armen Eltern die Enttäuschung. Die Provinz schien ihre Beute wieder an sich reißen zu wollen. Die drei jungen Leute wurden schwerfällig und schläfrig. Die ganze Bitterkeit ihres Unglücks stieg Felicité wieder in die Brust. Ihre Söhne trieben sie in den Bankerott. Sie hatten sie zugrunde gerichtet und trugen ihr nicht die Zinsen des Kapitals, das sie darstellten. Dieser letzte Schicksalsschlag war ihr um so empfindlicher, als er sie gleichzeitig in ihrem weiblichen Ehrgeiz und in ihrer mütterlichen Eitelkeit traf. Rougon wiederholte ihr vom Morgen bis zum Abend: »Ich habe es dir vorausgesagt!« – was sie noch mehr erbitterte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie eines Tages ihrem Ältesten die Summen vorwarf, die seine Ausbildung verschlungen hatte, erwiderte er in bitterem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich werde euch später bezahlen, wenn ich kann. Waret ihr ohne Vermögen, so hättet ihr Arbeiter aus uns machen sollen. Wir sind gesunkene Menschen und leiden dadurch mehr als ihr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité erfaßte den tiefen Sinn dieser Worte. Von diesem Tage ab hörte sie auf, ihre Kinder zu beschuldigen; sie wandte ihren Groll gegen das Schicksal, das nicht müde ward, sie zu verfolgen. Sie begann von neuem ihre Klagen und jammerte über den Mangel an Vermögen, der schuld daran sei, daß sie knapp am Hafen untergehen müsse. Wenn Rougon ihr sagte: »Deine Söhne sind Taugenichtse; sie werden uns bis ans Ende aussaugen« – erwiderte sie herb: »Wollte Gott, daß ich ihnen noch Geld geben könnte; die armen Jungen vegetieren nur, weil sie mittellos sind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Beginn des Jahres 1848, knapp vor der Februarrevolution, befanden sich die drei Söhne Rougon zu Plassans in sehr unsicheren Stellungen. Sie boten damals ein interessantes, sehr verschieden geartetes Bild, obgleich sie parallel aus der nämlichen gesellschaftlichen Schicht hervorgegangen waren. Im ganzen genommen waren sie besser als ihre Eltern. Es hatte den Anschein, daß das Geschlecht der Rougon sich durch die Frauen verfeinern sollte. Adelaide hatte aus Peter einen mittelmäßigen Geist mit niedrigem Streben gemacht; Felicité hatte ihren Söhnen höhere Verstandeskräfte gegeben, die sie zu großen Lastern und zu großen Tugenden befähigten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit war Eugen, der Älteste, nahezu vierzig Jahre alt. Er war ein Mann von mittlerem Wüchse, mit ziemlich kahlem Scheitel und einer Neigung zur Fettleibigkeit. Er hatte das Gesicht seines Vaters, ein langes Gesicht mit breiten Zügen. Man merkte, daß unter der Haut das Fett liege, das die Rundungen verweichlichte und der Haut&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die gelblichweiße Farbe des Wachses verlieh. Allein, wenn man an der massiven, vierschrötigen Gestaltung des Kopfes noch den Bauer erkannte, so verwandelte, verklärte sich das Gesicht nach innen, wenn unter den schweren Lidern der Blick aufleuchtete. Die Schwerfälligkeit des Vaters war bei dem Sohne zum Ernst geworden. Dieser dicke Mensch sah gewöhnlich aus, als ob er in tiefem Schlafe liege; wenn man ihn gewisse breite, müde Bewegungen machen sah, glaubte man einen Riesen vor sich zu haben, der die Glieder reckt, um sich zur Tat zu rüsten. Vermöge einer jener angeblichen Launen der Natur, deren Gesetze die Wissenschaft allmählich zu erkennen beginnt, schien es, als ob bei Eugen Rougon die leibliche Ähnlichkeit mit dem Vater eine vollständige sei, während die Mutter das denkende Element geliefert habe. Eugen bot das seltsame Beispiel dar, daß gewisse Herzens- und Verstandeseigenschaften der Mutter in dem vierschrötigen, schwerfälligen Leibe des Vaters eingeschlossen waren. Er hatte einen hochfliegenden Ehrgeiz, herrschsüchtige Triebe, eine seltsame Mißachtung für die kleinen Mittel und kleinen Erfolge. Er war ein Beweis dafür, daß Plassans sich vielleicht in der Mutmaßung nicht irrte, daß Felicité einige Tropfen adeligen Blutes in den Adern habe. Die Sucht nach Reichtum und Genuß, die sich bei den Rougon außerordentlich entwickelte und gleichsam das charakteristische Merkmal der Familie war, nahm bei ihm die am meisten veredelte Form an; er wollte genießen, aber mit dem Verstande, indem er zugleich seine Herrschergelüste befriedigte. Ein solcher Mann war nicht dazu geschaffen, in der Provinz an sein Ziel zu gelangen. Er fristete da fünfzehn Jahre sein Leben, die Augen stets auf Paris gerichtet und auf die Gelegenheit lauernd. Um nicht das Brot seiner Eltern zu essen, hatte er bei seiner Rückkehr in die Vaterstadt sich in die Liste der Advokaten aufnehmen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
lassen. Von Zeit zu Zeit hatte er eine Sache vor Gericht zu vertreten; er erwarb dabei schlecht und recht seinen Unterhalt und schien im übrigen sich wenig über die rechtschaffene Mittelmäßigkeit zu erheben. In Plassans fand man, daß er eine schleimige Stimme und schwerfällige Gebärden habe. Nur selten gewann er den Prozeß eines Klienten; zumeist trat er aus der Frage heraus, er »schweifte ab«, wie die gescheiten Köpfe der Stadt sich ausdrückten. Besonders bei einer Gelegenheit, da er eine Klage auf eine Entschädigung und Interessen zu vertreten hatte, vergaß er sich und verlor sich in politischen Betrachtungen in dem Maße, daß der Präsident ihm das Wort entziehen mußte. Er setzte sich mit einem eigentümlichen Lächeln nieder. Sein Klient wurde verurteilt, eine beträchtliche Summe zu bezahlen, was aber den Advokaten seine Abschweifungen nicht im mindesten bedauern ließ. Seine Advokatenreden vor Gericht schien er einfach als Übungen zu betrachten, die ihm später zugute kommen sollten. Das war es, was Felicité nicht begriff und was sie verzweifelt machte; sie hätte gewünscht, daß ihr Sohn dem Zivilgericht von Plassans Gesetze diktiere. Schließlich bildete sie sich eine sehr ungünstige Meinung von ihrem ältesten Sohne; dieser schläfrige Bursche werde den Ruhm der Familie nicht begründen, sagte sie. Peter hingegen hatte volles Vertrauen zu ihm; nicht als ob er scharfsichtiger gewesen wäre, als seine Frau, sondern weil er sich an die Oberfläche hielt und er sich selbst schmeichelte, indem er an das Genie eines Sohnes glaubte, der sein lebendiges Ebenbild war. Einen Monat vor den Februarereignissen ward Eugen unruhig; ein merkwürdiges Witterungsvermögen ließ ihn die Krise ahnen. Von da ab brannte ihm das Pflaster von Plassans unter den Füßen. Man sah ihn wie eine verlorene Seele auf den Spazierwegen herumirren. Dann faßte er plötzlich einen Entschluß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und reiste nach Paris ab. Er hatte nicht fünfhundert Franken in der Tasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristides, der jüngste der Söhne Rougon, war sozusagen der gerade Gegensatz Eugens. Er hatte das Gesicht und die Habgier seiner Mutter; er war ein tückischer, zu gemeinen Ränken neigender Charakter, in dem die Triebe des Vaters vorherrschten. Die Natur hat oft Bedürfnisse des Gleichmaßes. Klein von Wuchse, mit einem Affengesicht, das einem seltsam geschnitzten, in einen Bajazzokopf auslaufenden Spazierstockgriffe ähnlich sah, trieb sich Aristides überall suchend, forschend, wühlend herum; er kannte keine Bedenken, denn es drängte ihn, Geld zu erwerben, Wohlstand zu genießen. Er liebte das Geld, wie sein ältester Bruder die Macht liebte. Während Eugen davon träumte, ein Volk unter seine Macht zu beugen, und sich an seiner künftigen Allmacht berauschte, sah Aristides sich als zehnfachen Millionär, in einem fürstlichen Palaste wohnend, gut essend und trinkend, mit allen Sinnen und Organen seines Körpers das Leben genießend. Er wollte vor allem sehr schnell reich werden. Wenn er ein Luftschloß baute, so erhob es sich in seinem Geiste wie durch Zauberspruch; vom Abend bis zum Morgen erwarb er ganze Tonnen Goldes. Dies behagte seiner Trägheit um so mehr, als er sich niemals um die Mittel kümmerte und die raschesten ihm auch die besten dünkten. Das Geschlecht der Rougon, dieser schwerfälligen, habsüchtigen Bauern mit den tierischen Begierden, hatte zu schnell gereift. Alle Bedürfnisse des materiellen Genusses entwickelten sich in Aristides, verdreifacht durch die übereilte Erziehung, noch unersättlicher und gefährlicher, seitdem sie durch die Vernunft geleitet wurden. Trotz ihrer weiblichen Scharfsicht zog Felicité diesen Burschen vor; sie fühlte nicht, daß Eugen weit mehr ihr Sohn war; sie entschuldigte die Trägheit und die dummen Streiche&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihres Jüngsten unter dem Vorwande, daß dieser der große Mann der Familie sein werde und daß ein den übrigen überlegener Mann das Recht habe, ein regelloses Leben zu führen bis zu dem Tage, an dem die Macht seiner Fähigkeiten entdeckt werde. Aristides setzte ihre Nachsicht auf eine harte Probe. In Paris führte er ein müßiges Luderleben; er ward einer jener Studenten, die in den Kneipen des Quartier Latin ihre Vorlesung hören. Er blieb übrigens nur zwei Jahre daselbst. Als sein entsetzter Vater sah, daß er nach zwei Jahren keine einzige Prüfung gemacht hatte, hielt er ihn in Plassans zurück und schlug ihm vor, ihm eine Frau zu suchen, weil er hoffte, daß die Sorgen der Häuslichkeit einen ordentlichen Menschen aus ihm machen würden. Aristides ließ sich verheiraten. Zu jener Zeit sah er noch nicht klar in seinem Streben; das Provinzleben gefiel ihm; er fühlte sich wohl in seiner kleinen Vaterstadt, wo er aß und trank und spazieren ging, wenn er nicht schlief. Felicité redete ihm mit einem solchen Eifer das Wort, daß Peter einwilligte, dem jungen Ehepaar die Wohnung und Verpflegung zu geben unter der Bedingung, daß Aristides sich ernstlich den Geschäften des Hauses widmen werde. Und jetzt begann für den jungen Herrn ein herrliches Faulenzerleben; er brachte seine Tage und den größten Teil seiner Nächte im Klub zu, floh das Büro seines Vaters, wie ein träger Schüler die Schule flieht, und verspielte die wenigen Taler, die seine Mutter im geheimen ihm zusteckte. Man muß in einem kleinen Provinzorte gelebt haben, um das Tierleben recht zu verstehen, das Aristides in dieser Weise vier Jahre lang führte. So gibt es in jeder kleinen Stadt eine Anzahl von Wesen, die auf Kosten ihrer Familie leben, zuweilen tun, als ob sie arbeiten wollten, aber in Wirklichkeit nur ihrer Trägheit frönen. Aristides war das Muster der unverbesserlichen Taugenichtse, die man in wollüstiger Trägheit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sich durch die Öde des Provinzlebens schleppen sieht. Vier Jahre lang tat er nichts als Ecarté spielen. Während er im Kasino lebte, half seine Frau, eine weiche, stille Blondine, durch einen ausgesprochenen Geschmack für schreiende Toiletten und einen ungeheuren Appetit (merkwürdig genug bei einem so schwächlichen Wesen!) den Ruin des Hauses Rougon beschleunigen. Angela – so hieß sie – schwärmte für himmelblaue Bänder und Lendenbraten. Sie war die Tochter eines Kapitäns im Ruhestande, den man den Major Sicardot nannte, eines wackeren Mannes, der ihr zehntausend Franken, seine gesamten Ersparnisse, mit in die Ehe gegeben hatte. Peter hatte, indem er Angela für seinen Sohn erkor, ein sehr gutes Geschäft zu machen geglaubt, so niedrig schlug er Aristides im Werte an. Diese Mitgift von zehntausend Franken, die bei ihm den Ausschlag gegeben, sollte später ein Mühlstein an seinem Halse werden. Sein Sohn war ein schlauer Gauner; er händigte dem Vater die zehntausend Franken ein, indem er sein Geschäftsgenosse ward; er spielte den Uneigennützigen und wollte keinen Sou behalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir brauchen nichts, sagte er. Ihr werdet uns aushalten, mich und meine Frau, und wir werden später einmal abrechnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter war in Geldverlegenheit und nahm den Vorschlag an, allerdings nicht ohne Unruhe wegen der Uneigennützigkeit des Aristides. Dieser sagte sich, daß sein Vater vielleicht lange Zeit keine zehntausend Franken flüssig haben werde, um sie ihm wiederzugeben und daß er und seine Frau auf des Vaters Kosten ein feines Leben führen würden, solange die Geschäftsverbindung nicht gelöst werden könne. Diese paar Bankbilletts waren wunderbar angelegt. Als der Ölhändler begriff, wie man ihn herumgekriegt, war es ihm nicht mehr möglich, sich des Aristides zu entledigen; Angelas Mitgift war in Spekulationen angelegt, die einen schlimmen Ausgang&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nahmen. Er mußte das junge Ehepaar bei sich behalten; darob war er erbittert, denn der starke Appetit seiner Schwiegertochter und die Faulenzerei seines Sohnes nagten ihm am Herzen. Hätte er sie bezahlen können, er hätte dieses »Gewürm, das sein Blut trank« – wie er sich in seiner kräftigen Weise ausdrückte – schon zwanzigmal an die Luft gesetzt. Felicité unterstützte sie im geheimen. Der junge Mensch, der ihre ehrgeizigen Träume durchschaut hatte, setzte ihr jeden Abend wunderbare Pläne, Reichtum zu erwerben, auseinander, Pläne, die er binnen kurzem zu verwirklichen gedachte. Vermöge eines seltenen Zufalles stand sie mit ihrer Schwiegertochter auf gutem Fuße; allerdings muß gesagt werden, daß Angela keinen Willen hatte und daß man über sie verfügen konnte wie über ein Einrichtungsstück. Peter geriet in Zorn, wenn seine Frau ihm von den künftigen Plänen ihres jüngsten Sohnes sprach; er beschuldigte ihn seinerseits, daß er eines Tages den Ruin ihres Hauses herbeiführen werde. Während der vier Jahre, welche das junge Ehepaar in seinem Hause zubrachte, wütete und wetterte er so, seine ohnmächtige Wut in Zänkereien auslassend, ohne Aristides und Angela im geringsten aus ihrer lächelnden Ruhe herauszubringen. Sie hatten sich da niedergelassen, sie blieben auch da wie unbewegliche Massen. Endlich machte Peter ein gutes Geschäft, und er konnte seinem Sohne die zehntausend Franken wiedergeben. Als er mit ihm abrechnen wollte, erhob Aristides so viele Einwendungen und Schwierigkeiten, daß er ihn ziehen lassen mußte, ohne auch nur einen Sou für die Verpflegung und Wohnung zurückzubehalten. Die jungen Eheleute mieteten sich in der Nähe ein, auf einem kleinen Platze der Altstadt, Sankt-Ludwigsplatz genannt. Die zehntausend Franken waren bald aufgezehrt, denn sie mußten sich einrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristides änderte übrigens nichts an seiner Lebensweise, so lange es noch Geld im Hause gab. Als das letzte Hundertfrankenbillett an die Reihe kam, ward er nervös. Man sah ihn mit verdächtiger Miene in der Stadt umherirren. Er nahm seinen Kaffee nicht mehr im Kasino; er schaute mit fieberhafter Ungeduld anderen Spielen zu, ohne selbst eine Karte zu berühren. Das Elend machte ihn noch schlechter, als er war. Lange hielt er ihm stand, indem er sich hartnäckig weigerte, etwas zu arbeiten. Im Jahre 1840 bekam er einen Sohn, der auf den Namen Maxime getauft wurde und den seine Großmutter Felicité glücklicherweise auf die hohe Schule tat, wo sie im geheimen die Pension für ihn bezahlte. So aß doch einer weniger in Aristides&#039; Hause; allein die arme Angela starb schier Hungers und der Mann mußte sich endlich doch um eine Beschäftigung umtun. Es gelang ihm, in der Unterpräfektur unterzukommen. Dort blieb er nahezu zehn Jahre und brachte es nicht weiter, als bis zu achtzehnhundert Franken Jahresgehalt. Seit jener Zeit lebte er von Haß und Galle erfüllt, in der unausgesetzten Gier nach dem Wohlstande, die ihn verzehrte, dahin. Seine untergeordnete Stellung verbitterte ihn; die ärmlichen 150 Franken, die man ihm jeden Monat in die Hand steckte, schienen ihm ein Hohn des Glückes. Noch nie war ein Mann von einem solchen Durste, seine leiblichen Begierden zu befriedigen, verzehrt. Felicité, der er seine Leiden klagte, war es ganz recht, ihn darben zu sehen; sie dachte, daß das Elend ihn vielleicht aus seiner Trägheit herausreißen werde. Die Ohren gespitzt, immer auf dem Anstand schaute er umher wie ein Dieb, der auf einen guten Fang lauert. Zu Beginn des Jahres 1848, als sein Bruder nach Paris ging, dachte er einen Augenblick daran, ihm dahin zu folgen. Allein Eugen war unverheiratet; er, Aristides, konnte sein Weib nicht so weit mitschleppen, ohne eine beträchtliche Summe Geldes in der Tasche zu&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
haben. Er wartete denn, auf eine Katastrophe lauernd und bereit, die erstbeste Beute zu erwürgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der andere Rougonsche Sohn, namens Pascal, der zwischen Eugen und Aristides geboren war, schien gar nicht zu dieser Familie zu gehören. Es war einer jener häufigen Fälle, welche die Gesetze der Vererbung zu verleugnen scheinen. Die Natur bringt oft inmitten eines Geschlechtes ein Wesen hervor, dessen Elemente sie aus ihren eigenen schöpferischen Kräften holt. Bei Pascal erinnerte nichts an die leiblichen oder geistigen Eigenschaften der Rougon. Groß von Gestalt, mit sanftem, ernstem Antlitz, hatte er eine Geradheit des Geistes, eine Liebe zur Arbeit, ein Bedürfnis der Bescheidenheit, die in seltsamem Gegensatz zu dem fieberhaften Ehrgeiz und dem wenig gewissenhaften Treiben seiner Familie standen. Nachdem er in Paris seine medizinischen Studien mit ausgezeichnetem Erfolge beendet hatte, zog er sich aus Neigung nach Plassans zurück trotz der vorteilhaften Anerbietungen seiner Professoren. Er liebte das ruhige Provinzleben; er behauptete, für einen Gelehrten tauge es besser als das Pariser Getöse. Als er sich in Plassans niedergelassen hatte, bemühte er sich keineswegs, den Kreis seiner Praxis auszudehnen. Da er sehr einfach lebte und den Reichtum verachtete, konnte er sich mit den wenigen Kranken begnügen, die der bloße Zufall ihm sandte. Sein ganzer Luxus bestand in einem kleinen, lichten, luftigen Häuschen der Neustadt, wo er in klösterlicher Abgeschiedenheit lebte, mit dem Studium der Naturgeschichte eifrig beschäftigt. Für die Physiologie hatte er eine ganz besondere Vorliebe. Man erfuhr in der Stadt, daß er dem Totengräber oft Leichen abkaufte, weshalb denn auch gewisse zartfühlende Damen und schwachmütige Bürger einen Abscheu vor ihm hatten. Glücklicherweise ging man nicht so weit, ihn für einen Zauberer zu halten; aber seine Praxis&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
verringerte sich jetzt noch mehr; man betrachtete ihn als einen Sonderling, dem die Leute aus der guten Gesellschaft nicht einmal die Spitze ihres kleinen Fingers anvertrauen durften, wenn man sich keine Blöße geben wollte. Eines Tages hörte man die Frau des Bürgermeisters sagen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lieber möchte ich sterben, als mich von diesem Herrn behandeln zu lassen. Er riecht ja nach dem Tode.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit jenem Tage war über Pascal das Urteil gesprochen. Er schien geradezu glücklich über diese dumpfe Furcht, die er einflößte. Je weniger Kranke er hatte, desto mehr konnte er sich mit den ihm so teuren Wissenschaften beschäftigen. Da er für seine ärztlichen Besuche ein sehr mäßiges Entgelt forderte, blieb das Volk ihm treu. Er erwarb gerade so viel, wie er zu seinem Lebensunterhalte brauchte, und er lebte zufrieden tausend Meilen weit von den Leuten der Gegend, inmitten der reinen Freuden seiner Forschungen und Entdeckungen. Von Zeit zu Zeit sandte er eine Arbeit an die Akademie der Wissenschaften nach Paris. In Plassans hatte man keine Ahnung davon, daß dieser Sonderling, dieser Herr, der nach dem Tode roch, in der wissenschaftlichen Welt ein sehr bekannter und sehr geschätzter Mann war. Wenn man ihn am Sonntag zu einem Ausfluge in die Berge von Garrigues aufbrechen sah, mit der Botanisierbüchse um den Hals und dem Steinklopfer in der Hand, zuckte man nur mit den Achseln und verglich ihn mit den übrigen Ärzten der Stadt, die so saubere Halsbinden trugen, mit den Damen so honigsüß redeten und so fein nach Veilchenduft rochen. Auch von seinen Verwandten wurde Pascal nicht besser verstanden. Als Felicité ihn sein Leben in einer so seltsamen und kläglichen Weise einrichten sah, war sie ganz betroffen und machte ihm den Vorwurf, daß er ihre Hoffnungen betrogen habe. Sie, die Aristides&#039; Trägheit duldete, weil sie glaubte, sie werde reiche Erfolge zeitigen, konnte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nicht ohne Zorn die bescheidene Lebensweise Pascals sehen, seine Vorliebe für die Zurückgezogenheit, seine Mißachtung für den Reichtum, seinen festen Entschluß, abseits für sich zu leben. Fürwahr, nicht dieses Kind wird jemals ihre Erwartungen erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Woher stammst du eigentlich? sagte sie ihm manchmal. Du bist gar nicht von unserer Familie. Schau deine Brüder an, wie sie aus der Ausbildung, die wir ihnen geben ließen, Nutzen zu ziehen suchen. Du aber machst nichts als Dummheiten. Du lohnst uns wahrlich schlecht, daß wir uns schier zugrunde gerichtet haben, um dir eine Erziehung zu geben. Nein, du bist keiner der Unseren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal, der lieber lachte als sich ärgerte, erwiderte heiter mit feinem Spott:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beklage dich nicht, Mutter; ich will euch nicht vollends bankerott machen; wenn ihr krank werdet, behandle ich euch alle umsonst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er besuchte seine Familie übrigens nur selten, wobei er nur seiner Neigung folgte, ohne deswegen ein Widerstreben zur Schau zu tragen. Ehe Aristides in die Unterpräfektur eingetreten war, hatte er ihn wiederholt unterstützt. Er war Junggeselle geblieben und hatte keine Ahnung von den ernsten Ereignissen, die sich vorbereiteten. Seit zwei, drei Jahren beschäftigte er sich mit den wichtigen Fragen der Vererbung, indem er die tierischen Gattungen mit dem Menschengeschlechte verglich, und vertiefte sich in die Beobachtung der seltsamen Ergebnisse, zu denen er dabei gelangte. Die Wahrnehmungen, die er an sich selbst und an seiner Familie gemacht, waren gleichsam der Ausgangspunkt seiner Studien. Das Volk begriff in seiner unbewußten Erkenntnis so genau, in welchem Maße er von den Rougon verschieden war, daß man ihn einfach Herrn Pascal nannte, ohne jemals seinen Familiennamen hinzuzufügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Jahre vor der Revolution 1848 gaben Peter und Felicité den Handel auf. Das Alter kam; beide hatten das fünfzigste Jahr überschritten, sie waren des Kampfes müde. Angesichts ihrer geringen Erfolge fürchteten sie vollends auf die Streu zu kommen, wenn sie hartnäckigerweise den Handel fortsetzten. Ihre Söhne hatten ihnen den Gnadenstoß gegeben, indem sie sie um ihre Hoffnungen betrogen. Jetzt, da sie daran zweifelten, jemals durch sie reich zu werden, wollten sie sich wenigstens einen Bissen Brot für ihre alten Tage sichern. Sie hatten mit einem Sparpfennig von höchstens 40 000 Franken sich zurückgezogen. Diese Summe sicherte ihnen eine Rente von 2000 Franken, gerade genug, um ein ärmliches Provinzleben zu fristen. Glücklicherweise waren sie allein, da es ihnen gelungen war, ihre beiden Töchter Martha und Sidonie zu verheiraten, die eine nach Marseille, die andere nach Paris.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Auflassung ihres Geschäftes wären sie gerne nach der Neustadt gezogen, wo die Kaufleute im Ruhestande lebten. Aber sie wagten es nicht; ihre Rente war zu bescheiden, sie fürchteten daselbst eine klägliche Figur zu machen. Um eine Art Mittelweg zu wählen, mieteten sie sich in der Banne-Straße ein, in einer Straße, welche das alte Stadtviertel von der Neustadt scheidet. Da ihre Wohnung in jener Häuserzeile lag, welche die Altstadt abschließt, wohnten sie zwar noch in dem Stadtviertel des gemeinen Volkes; aber sie sahen von ihren Fenstern aus wenige Schritte vor sich die Stadt der reichen Leute; sie befanden sich an der Schwelle des verheißenen Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre im zweiten Stockwerk gelegene Wohnung bestand aus drei großen Zimmern. Sie hatten ein Speisezimmer, einen Salon und ein Schlafzimmer daraus gemacht. Im ersten Stock wohnte der Hauseigentümer, ein Regenschirmhändler, dessen Laden im Erdgeschoß lag. Das schmale und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nicht tiefe Haus hatte bloß zwei Stockwerke. Als Felicité einzog, preßte es ihr das Herz zusammen. Bei anderen Leuten zu wohnen ist in der Provinz ein Geständnis der Armut. Jede wohlhabende Familie in Plassans hat ihr eigenes Haus; die Häuser waren daselbst zu sehr niedrigen Preisen zu kaufen. Peter hielt die Hand fest am Säckel und wollte nichts von Verschönerungen der Wohnung hören; die alten, fadenscheinigen, abgenützten, schlotterbeinigen Möbel mußten weiter dienen, ohne auch nur eine Ausbesserung zu erfahren. Felicité, welche die Gründe dieser Knickerei sehr wohl begriff, gab sich alle erdenkliche Mühe, diesen Trümmern einen neuen Glanz zu verleihen; gewisse allzu schadhafte Möbelstücke leimte und nagelte sie notdürftig zusammen; den abgenützten Samt der Sessel besserte sie aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Eßzimmer, das gleich der Küche nach dem Hofe zu lag, blieb fast leer. Ein Tisch und ein Dutzend Stühle verloren sich fast im Halbdunkel dieses großen Raumes, dessen einziges Fenster eine Aussicht auf die graue Mauer des Nachbarhauses bot. Da außer ihnen beiden niemand das Schlafzimmer betrat, hatte Felicité daselbst die außer Gebrauch gesetzten Möbel untergebracht; nebst dem Bette, einem Spind, einem Schreibpulte und einem Toilettentische sah man daselbst zwei Wiegen übereinander gestellt, einen Speiseschrank ohne Türen, einen leeren Bücherkasten: lauter altehrwürdiges Gerümpel, das die alte Frau hinauszuwerfen sich nicht entschließen konnte. Ihre ganze Sorgfalt aber galt ihrem Salon. Es gelang ihr fast, einen bewohnbaren Ort aus ihm zu machen. Da waren Möbel von blaßgelbem Samt mit eingewebten Seidenblumen. In der Mitte stand ein Tischchen mit Marmorplatte; Konsolen mit Spiegeln darüber standen an beiden Enden des Salons. Sogar ein Teppich war da, der allerdings nur die Mitte des Fußbodens&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bedeckte, und ein Hängeleuchter, umgeben von einer Hülle aus weißer Musseline, die mit Fliegenschmutz wie übersät war. An den Wänden hingen sechs Bilder, die die großen Schlachten Napoleons darstellten. Diese Einrichtung stammte noch aus den ersten Jahren des Kaiserreiches. Felicité setzte bei ihrem Gatten so viel durch, daß zur Verschönerung des Raumes die Wände mit einer orangegelben Papiertapete belegt wurden. So hatte der Salon eine seltsam gelbe Farbe bekommen, die ihm ein trügerisches, blendendes Licht verlieh; die Möbel, die Tapete, die Vorhänge waren gelb; der Teppich, die Marmorplatten auf dem Tisch und den Konsolen spielten ins Gelbliche. Wenn die Vorhänge geschlossen waren, bestand ein ziemlicher Einklang zwischen diesen Farbenschattierungen, und der Salon bot einen fast sauberen Anblick. Allein Felicité hatte einen ganz anderen Luxus geträumt. Mit stummer Verzweiflung sah sie dieses schlecht verhüllte Elend. Gewöhnlich hielt sie sich im Salon, dem besten Zimmer der Wohnung auf. Eine ihrer liebsten und zugleich bittersten Zerstreuungen war es, sich an eines der Fenster dieses Zimmers zu setzen, die auf die Banne-Straße gingen. Von hier sah sie schräg hinüber nach dem Platze der Unterpräfektur. Da war das Paradies ihrer Träume. Dieser kleine, kahle, saubere Platz mit den hell gestrichenen Häusern schien ihr ein Eden. Zehn Jahre ihres Lebens hätte sie dafür hingegeben, eines dieser Häuser ihr Eigen zu nennen. Das Haus an der linken Ecke, wo der Steuereinnehmer wohnte, führte sie ganz besonders in Versuchung. Es gelüstete sie danach mit der Gier eines schwangeren Weibes. Manchmal, wenn die Fenster der Wohnung des Einnehmers offen waren und sie einige Stücke des reichen Mobiliars sah, glaubte sie beim Anblick dieses Luxus, daß der Schlag sie rühren müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit machten die Rougon eine seltsame Krise&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Eitelkeit und der unbefriedigten Begierden durch. Die wenigen guten Regungen, die sie noch gehabt, verdarben jetzt. Sie gaben sich als Opfer des Mißgeschicks, aber ohne sich zu fügen, vielmehr heißhungriger denn je und mehr denn je entschlossen, nicht eher zu sterben, als bis ihre Begierden befriedigt sein würden. Trotz ihres vorgerückten Alters gaben sie keine einzige ihrer Hoffnungen auf; Felicité sagte, sie habe das Vorgefühl, daß sie reich sterben werde. Aber mit jedem Tage lastete ihre Armut schwerer auf ihnen. Wenn sie ihre vergeblichen Anstrengungen überdachten; wenn sie sich ihrer in ewigem Kampfe verlebten dreißig Jahre erinnerten, der Enttäuschungen, die ihre Kinder ihnen bereitet hatten, und wenn sie sehen mußten, wie aus ihren Luftschlössern dieser gelbe Salon geworden war, dessen Vorhänge sie herabziehen mußten, um seine Häßlichkeit zu verbergen: wurden sie von tiefer Wut ergriffen. Um sich zu trösten, entwarfen sie dann ungeheuere Glückspläne und suchten nach unerhörten Möglichkeiten; Felicité träumte, daß sie das große Los mit hunderttausend Franken gewann; Peter bildete sich ein, daß er irgendeine wunderbare Spekulation durchführen werde. Sie lebten in einem einzigen Gedanken: ihr Glück machen, sogleich, in wenigen Stunden; reich werden, genießen, und sei es auch nur ein Jahr lang. Ihr ganzes Wesen strebte rücksichtslos und ohne Unterlaß diesem Ziele zu. Sie zählten noch immer halb und halb auf ihre Söhne, mit der Selbstsucht solcher Eltern, die sich nicht mit dem Gedanken befreunden können, ihre Kinder zur Schule geschickt zu haben, ohne für ihre Person einen Nutzen davon zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité schien gar nicht gealtert; sie war noch immer die kleine, schwarze Frau, die nicht ruhig sitzen konnte und die immer umherhüpfte und summte wie eine Grille. Wer sie von rückwärts gesehen hätte, wie sie auf dem Bürgersteig&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dahin trippelte, würde sie nach ihren mageren Schultern und ihrem schmächtigen Wüchse für ein Mädchen von fünfzehn Jahren gehalten haben. Auch ihr Gesicht hatte sich nicht verändert; es war nur hohler geworden und sah immer mehr und mehr dem Frätzchen eines Hausmarders ähnlich; man hätte ihren Kopf für den eines Kindes gehalten, der zu Pergament eingetrocknet war, ohne seine Züge zu verändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Peter Rougon betrifft, so hatte er Fett angesetzt; er war ein Achtung gebietender Bürger geworden, dem nichts als eine große Rente fehlte, um ein ganz und gar würdiger Herr zu sein. Sein schwammiges, bleiches Gesicht, seine Schwerfälligkeit, seine schläfrige Miene, alles schien Geld zu schwitzen. Eines Tages hörte er einen Bauer, der ihn nicht kannte, ausrufen: »Der Dicke da muß ein rechter Geldprotz sein, der um sein Mittagsmahl gewiß nicht verlegen ist.« Diese Bemerkung traf ihn im Innersten des Herzens; er hielt es für einen grausamen Scherz des Schicksals, ein armer Teufel geblieben zu sein, während er die Fette und die zufriedene Würde eines Millionärs zur Schau trug. Wenn er sich am Sonntag vor seinem handtellergroßen Spiegel rasierte, sagte er sich, daß er mit Frack und weißer Halsbinde bei dem Herrn Unterpräfekten eine viel bessere Figur machen würde als gar mancher von den Würdenträgern der Stadt. Dieser Bauernsohn, den die Sorgen seines Handels gebleicht hatten, der bei seiner sitzenden Lebensweise dick geworden war und seine gehässigen Begierden unter der natürlichen Ruhe seiner Züge verbarg, hatte in der Tat die nichtssagende, feierliche Miene, die tölpelhafte Vierschrötigkeit, die einen Mann in einem vornehmen Salon eine so vorteilhafte Figur machen lassen. Man behauptete, daß seine Frau ihn am Gängelbande führe; darin aber täuschte man sich. Er war von einem tierischen Eigensinn;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
stieß er an einen klar ausgesprochenen, fremden Willen, so konnte er dermaßen in Zorn geraten, daß er bereit war dreinzuhauen. Allein Felicité war zu schlau, als daß sie ihn durch Widerspruch gereizt hätte; die lebhafte Schmetterlingsnatur dieser zwerghaften Frau vermied es, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen; wenn sie von ihrem Manne etwas erlangen oder ihn nach einer Richtung drängen wollte, die sie für die bessere hielt, umschwärmte sie ihn mit ihrem Heuschreckenflug, stach ihn von allen Seiten, kam hundertmal auf ihren Gegenstand zurück, bis er nachgab, ohne es zu merken. Er hatte übrigens das Bewußtsein, daß sie klüger sei als er, und ließ sich geduldig ihre Ratschläge gefallen. Nützlicher als die Schmeißfliege versah übrigens Felicité manchmal alle Arbeit des Hauses, während sie ihrem Manne mit ihren Plänen um die Ohren summte. Die beiden Ehegatten – so selten diese Erscheinung auch sein mag – warfen ihre Mißerfolge niemals einander vor; bloß die Frage der Ausbildung der Kinder entfesselte manchmal ein kleines häusliches Unwetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Revolution vom Jahre 1848 traf denn die Rougon vor der Bresche, erbittert über ihr Mißgeschick und bereit, dem Glücke Gewalt anzutun, wenn sie es irgendwo, an der Krümmung eines Weges treffen würden. Es war eine Familie von Wegelagerern im Hinterhalte, bereit die Ereignisse beim Schopf zu nehmen. Eugen stand in Paris auf der Lauer; Aristides war bereit, Plassans zu erdrosseln; die Eltern, die vielleicht am gierigsten unter allen waren, gedachten auf eigene Faust zu arbeiten und überdies aus der Arbeit ihrer Söhne Nutzen zu ziehen. Bloß Pascal, dieser stille Liebhaber der Wissenschaft, führte das schöne, einsame Leben eines Verliebten in seinem freundlichen Häuschen in der Neustadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Drittes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
In Plassans, dieser verschlossenen Stadt, wo die Sonderung der Klassen im Jahre 1848 noch sehr scharf zum Ausdruck kam, war die Rückwirkung der politischen Ereignisse eine sehr schwache. Noch heutzutage erstickt daselbst die Stimme des Volkes; die Bürgerschaft setzt ihre Bedächtigkeit, der Adel seine stumme Verzweiflung, die Geistlichkeit ihre Schlauheit dafür ein. Mögen Könige sich einen Thron stehlen, oder Republiken gegründet werden: es berührt diese Stadt kaum. Wenn man in Paris sich schlägt, dann schläft man in Plassans. Allein mag die Oberfläche auch ruhig und gleichgültig erscheinen, es gibt doch im Grunde eine verborgene Arbeit, die sehr interessant zu beobachten ist. Wohl sind die Flintenschüsse nur selten in den Straßen, dagegen werden die Salons der Neustadt und des Sankt-Markus-Viertels von unaufhörlichen Ränken verzehrt. Bis zum Jahre 1830 zählte das Volk für nichts. Heute noch handelt man dort so, als ob es nicht da wäre. Alles wird zwischen der Geistlichkeit, dem Adel und der Bürgerschaft abgemacht. Die sehr zahlreichen Priester geben in der Politik der Stadt den Ton an. Es gibt da unterirdische Minen, Schläge im Dunkeln, eine scharfsinnige und vorsichtige Taktik, die kaum alle zehn Jahre einen Schritt vor oder zurück gestattet. Diese geheimen Kämpfe von Männern, die vor allem den Lärm vermeiden wollen, erheischen eine ganz besondere Schlauheit, eine Geschicklichkeit in der Handhabung der kleinen Dinge, eine Geduld von Leuten, die jeder Leidenschaft bar sind. Die provinziale Bedächtigkeit und Langsamkeit, über die man sich in Paris so gerne lustig macht, ist in Wirklichkeit voll Verräterei, geheimer Feindseligkeiten, stiller Siege und Niederlagen. Wenn diese wackeren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Männer ihr Interesse auf dem Spiele wissen, töten sie fein säuberlich in den Zimmern mit Nasenstübern, wie wir in den Straßen der Hauptstadt mit Kanonenschüssen töten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politische Geschichte von Plassans bietet gleich der aller kleinen Städte der Provence eine interessante Eigentümlichkeit. Bis zum Jahre 1830 blieben die Einwohner fromme Katholiken und eifrige Königstreue; das Volk schwur bei Gott und seinem rechtmäßigen König. Hernach fand eine seltsame Wandlung statt; der Glaube schwand, die Arbeiter und Bürger ließen die Sache der Rechtmäßigkeit im Stich und folgten allmählich der großen demokratischen Bewegung unserer Zeit. Als die Revolution im Jahre 1848 ausbrach, wirkten nur die Geistlichkeit und der Adel für den Sieg der Sache Heinrichs V. Lange Zeit hatten sie die Herrschaft der Orléans als einen lächerlichen Versuch betrachtet, der früher oder später zur Wiederkehr der Bourbonen führen mußte. Obgleich ihre Hoffnungen arg erschüttert waren, nahmen sie dennoch den Kampf auf, entrüstet über die Niedertracht ihrer ehemaligen Getreuen und bemüht, sie wieder für sich zu gewinnen. Das Sankt-Markus-Viertel machte sich, unterstützt von allen Pfarren, ans Werk. Nach den Ereignissen in den Februartagen war die Freude der Bürgerschaft und besonders des Volkes groß. Diese Lehrlinge der Republik hatten es eilig, ihr revolutionäres Fieber auf den Markt zu tragen. Allein für die Rentiers der Neustadt hatte diese Begeisterung nur den Glanz und die Dauer eines Strohfeuers. Die kleinen Grundbesitzer, die Kaufleute im Ruhestande, alle jene, die unter der Monarchie gefaulenzt oder ein Vermögen erworben hatten, wurden alsbald von einem panischen Schrecken ergriffen; die Republik mit ihren Erschütterungen ließ sie für ihre Kasse und für ihr liebgewordenes selbstsüchtiges Dasein zittern. Als daher im&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahre 1849 die klerikale Reaktion kam, ging fast die gesamte Bürgerschaft von Plassans zur konservativen Partei über. Sie wurde hier mit offenen Armen aufgenommen. Noch niemals hatte die Neustadt so enge Beziehungen zum Sankt-Markus-Viertel. Manche Edelleute gingen so weit, einfachen Advokaten und ehemaligen Ölhändlern die Hand zu reichen. Diese unerwartete Vertraulichkeit entzückte die Neustadt, die von nun ab die republikanische Regierung wütend bekämpfte. Die Geistlichkeit mußte wahre Wunder an Geschicklichkeit und Geduld aufbieten, um auch ihrerseits eine ähnliche Annäherung herbeizuführen. Im Grunde befand sich der Adel von Plassans gleich einem Sterbenden in einem Zustande unüberwindlicher Starre; er behielt seinen Glauben, aber er war von dem Schlafe der Erde übermannt; er zog es vor, nichts zu tun und alles dem Himmel zu überlassen; gerne würde er durch sein bloßes Stillschweigen Verwahren gegen die Geschehnisse eingelegt haben, weil er vielleicht das unbestimmte Gefühl hatte, daß seine Götter tot seien und daß ihm nichts mehr übrig blieb, als sich zu jenen zu versammeln. Selbst in jener Zeit des Umsturzes, als die Katastrophe vom Jahre 1848 geeignet war, den Adel einen Augenblick an die Wiederkehr der Bourbonen glauben zu lassen, erwies er sich als gleichmütig, schläfrig; er sprach wohl davon, sich in das Getümmel zu stürzen, zog es aber vor, am warmen Kamin zu bleiben. Der Klerus bekämpfte ohne Unterlaß dieses Gefühl der Ohnmacht und Entsagung; die Geistlichkeit betrieb dieses Geschäft mit einer wahren Leidenschaft. Wenn ein Priester verzweifelt, so kämpft er nur um so erbitterter; die ganze Politik der Kirche besteht darin, gerade fortzugehen, allem zu trotzen und jahrhundertelang auf die Verwirklichung ihrer Entwürfe zu warten, wenn es notwendig ist; keine Stunde zu verlieren, in unausgesetzter Arbeit immer vorwärts zu streben. In Plassans&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
war es also die Geistlichkeit, die die Reaktion anführte, der Adel lieh nur den Namen dazu her; die Geistlichkeit barg sich hinter dem Adel und leitete diesen; ja, sie vermochte ihm sogar ein gewisses Scheinleben einzuflößen. Als es ihr gelungen war, das Widerstreben des Adels in dem Maße zu besiegen, daß sie ihn bewog, gemeinsame Sache mit der Bürgerschaft zu machen, glaubte sie des Sieges sicher zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Boden war wunderbar vorbereitet; diese alte königstreue Stadt, diese Bevölkerung von friedfertigen Bürgern und feigen Handelsleuten mußte kraft des Verhängnisses früher oder später zur Partei der Ordnung übergehen. Mit seiner geschickten Taktik beschleunigte der Klerus diese Bekehrung. Nachdem er die Haus- und Grundbesitzer der Neustadt gewonnen hatte, gelang es ihm, die Krämer des alten Stadtviertels zu überzeugen. Von da ab war die Reaktion Herrin der Stadt. In dieser Reaktion waren alle Meinungen vertreten. Noch nie hatte man ein solches Gemenge von unzufriedenen Liberalen, von Legitimisten, Orleanisten, Bonapartisten und Klerikalen gesehen. Aber das hatte einstweilen nichts zu bedeuten; es handelte sich vor allem darum, die Republik tot zu machen, und die Republik lag im Sterben. Ein Bruchteil des Volkes, etwa tausend Arbeiter von zehntausend Seelen der Stadt, grüßten noch den Freiheitsbaum, der in der Mitte des Präfekturplatzes errichtet war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die feinsten Politiker von Plassans, jene, die die reaktionäre Bewegung leiteten, witterten nur sehr spät das Auftauchen des Kaiserreiches. Die Volkstümlichkeit des Prinzen Louis Napoleon schien ihnen ein vorübergehender Taumel der Menge, mit dem man leicht fertig werden könne. Die Person des Prinzen selbst flößte ihnen nur eine mäßige Bewunderung ein. Sie hielten ihn für einen unbedeutenden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hohlen Träumer, der unfähig sei, die Hand auf Frankreich zu legen und im besonderen unfähig, sich in der Macht zu erhalten. Für sie war er nur ein Werkzeug, dessen sie sich zu bedienen gedachten, ein Werkzeug, der Säuberung, das sie von sich werfen würden, sobald die Stunde schlagen würde, da der wahre Prätendent auftreten sollte. Indessen verflossen die Monate, und sie wurden allmählich unruhig. Da erst tauchte die unbestimmte Erkenntnis in ihnen auf, daß sie betrogen wurden. Allein man ließ ihnen nicht die Zeit, irgendeinen Entschluß zu fassen; der Staatsstreich brach über ihren Köpfen los und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als »ja« zu sagen; die große Metze, die Republik, war eben erwürgt worden. Das war immerhin ein Sieg. Die Geistlichkeit und der Adel nahmen die Tatsache mit Ergebung hin und verschoben die Verwirklichung ihrer Hoffnungen auf später; einstweilen rächten sie sich für ihre Enttäuschung, indem sie sich mit den Bonapartisten verbanden, um die letzten Republikaner auszurotten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Ereignisse begründeten das Glück der Rougon. In die verschiedenen Phasen dieser Krise mit verwickelt, wuchsen sie auf den Trümmern der Freiheit in die Höhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Banditen auf dem Anstände bestahlen die Republik. Nachdem man sie erwürgt hatte, halfen sie dieselbe plündern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogleich nach den Februartagen begriff Felicité, die die feinste Witterung in der Familie hatte, daß sie endlich auf der richtigen Spur seien. Sie begann ihren Mann zu umschwärmen und ihn anzuspornen, daß er sich rühre. Die erste Nachricht von der Revolution hatte Peter erschreckt. Als sein Weib ihm begreiflich machte, daß sie bei einem Umsturz wenig zu verlieren und alles zu gewinnen hätten, schloß er sich sehr rasch ihrer Meinung an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nicht genau, was du tun könntest, wiederholte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité, aber mir scheint, daß es etwas zu tun gäbe. Hat uns Herr von Carnavant neulich nicht gesagt, daß er reich würde, wenn Heinrich V. jemals zurückkäme? und daß dieser König alle, die für seine Rückkehr gearbeitet, herrlich belohnen würde? Da müssen wir vielleicht unser Glück suchen. Es wäre endlich an der Zeit, daß wir eine glückliche Hand haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marquis von Carnavant, dieser Edelmann, der nach der Skandalchronik der Stadt zu Felicités Mutter in vertrauten Beziehungen gestanden, kam in der Tat von Zeit zu Zeit zu den Rougonschen Eheleuten zu Besuch. Die bösen Zungen behaupteten, daß Felicité ihm ähnlich sehe. Er war ein kleiner, magerer, rühriger Mann, damals etwa fünfundsiebzig Jahre alt. Mit zunehmendem Alter ward Felicité in ihren Zügen und in ihrem Benehmen dem Marquis immer ähnlicher. Man erzählte sich, daß er die Trümmer seines Vermögens, das sein Vater in den Zeiten der Auswanderung schon stark angegriffen, mit Weibern durchgebracht hatte. Er gestand übrigens ziemlich freimütig seine Armut ein. Von einem seiner Verwandten, dem Grafen von Valqueyras aufgenommen, lebte er als Schmarotzer, an der Tafel des Grafen speisend und einen ziemlich engen Raum unter dem Dache des gräflichen Palastes bewohnend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleine, sagte er oft, die Wange Felicités tätschelnd, wenn Heinrich V. jemals mein Vermögen mir wiedergibt, sollst du meine Erbin sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité war schon fünfzig Jahre alt, als er sie noch immer »Kleine« hieß. Madame Rougon dachte an dieses vertrauliche Tätscheln der Wange und an diese Versprechungen, sie zu seiner Erbin zu machen, wenn sie ihren Gatten dazu drängte, sich in die Politik zu stürzen. Oft genug klagte Herr von Carnavant bitter darüber, daß es ihm unmöglich sei, ihr zu Hilfe zu kommen. Es war kein Zweifel, daß er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
an dem Tage, da er wieder zu Macht käme, sich ihr als Vater zeigen würde. Peter, dem seine Frau in verhüllten Worten die Lage kennzeichnete, erklärte sich bereit, den Weg zu wandeln, den man ihm vorschreiben werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigenartige Stellung des Marquis machte aus ihm in Plassans gleich in den ersten Tagen der Republik einen tätigen Agenten der reaktionären Bewegung. Dieser kleine behende Mann, der durch die Wiederkehr seiner legitimen Könige alles zu gewinnen hatte, beschäftigte sich mit fieberhaftem Eifer mit dem Triumph ihrer Sache. Während der reiche Adel des Sankt-Markus-Viertels in seiner Verzweiflung schlummerte, vielleicht aus Furcht, sich bloßzustellen und von neuem zur Verbannung verurteilt zu werden, sah man den Marquis sich vervielfältigen, Propaganda machen, Anhänger werben. Er ward zu einer Waffe, deren Heft eine unsichtbare Hand hielt. Von jetzt an kam er täglich zu den Rougon. Er brauchte einen Mittelpunkt für seine Operationen. Da sein Verwandter, der Graf von Valqueyras ihm verboten hatte, seine Verbündeten in seinen Palast zu bringen, hatte er Felicités gelben Salon zum Sammelplatz erkoren. Er fand übrigens alsbald an Peter einen sehr wertvollen Gehilfen. Er selbst konnte doch nicht hingehen und kleinen Krämern und Arbeitern der Hauptstadt die Sache der Legitimität predigen. Man würde ihn auch getötet haben. Peter hingegen, der unter diesen Leuten gelebt hatte, ihre Sprache redete, ihre Bedürfnisse kannte, vermochte sie in aller Ruhe zu belehren. In dieser Weise wurde er ein unentbehrlicher Mann. In weniger denn zwei Wochen waren die Rougon königstreuer als der König. Als der Marquis den Eifer Peters sah, barg er sich schlau hinter ihm. Wozu denn auch in den Vordergrund treten, wenn ein Mann mit breiten Schultern da ist, der die Dummheiten einer Partei auf sich nimmt? Er ließ Peter den Herrn spielen, sich aufblähen und großtun&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und begnügte sich seinerseits, ihn zurückzuhalten oder vorwärts zu treiben, je nach den Anforderungen seiner Sache. So wurde der ehemalige Ölhändler alsbald zu einer Person von Bedeutung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie des Abends allein waren, sagte Felicité zu ihrem Manne:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur vorwärts, fürchte nichts; wir sind auf dem richtigen Wege. Wenn das so weiter geht, werden wir reich sein, einen Salon haben wie der Steuereinnehmer und Gesellschaften geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es hatte sich bei den Rougon ein Kern von Konservativen gebildet, die sich jeden Abend im gelben Salon versammelten, um gegen die Republik zu wettern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es waren drei oder vier Kaufleute im Ruhestande, die für ihre Renten zitterten und mit ihren heißesten Wünschen eine kluge und starke Regierung herbeisehnten; ferner ein ehemaliger Mandelhändler, Mitglied des Gemeinderates, namens Isidor Granoux; dieser war gleichsam das Haupt der ganzen Gruppe. Sein Mund, der einem Hasenmaul gleichend, fünf oder sechs Zentimeter von der Nase entfernt geschlitzt war, seine runden Augen, seine zufriedene und zugleich erschrockene Miene machten ihn einer fetten Gans ähnlich. Er sprach wenig, weil er keine Worte fand; er horchte nur dann auf, wenn man die Republikaner beschuldigte, daß sie die Häuser der Reichen plündern wollen und begnügte sich, dann rot zu werden, daß man einen Schlagfluß befürchten mußte und wütende Schmähungen auszustoßen, aus denen man die Worte: »Taugenichtse, Bösewichte, Diebe, Mörder« heraushörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Wahrheit zu reden, waren nicht alle Gäste des gelben Salons so schwerfällig wie diese fette Gans. Ein reicher Grundbesitzer, Herr Roudier, mit fettem, einschmeichelndem Antlitz, hielt daselbst stundenlange Reden mit der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaftlichkeit eines Orleanisten, den der Sturz Louis Philippes aus allen seinen Berechnungen gerissen hat. Es war dies ein ehemaliger Schlafmützenfabrikant aus Paris, der sich nach Plassans zurückgezogen hatte, ein ehemaliger Hoflieferant, der seinen Sohn dem Richterstande zugeführt hatte in der Hoffnung, daß die Orleanisten ihn zu den höchsten Würden emporsteigen lassen würden. Da die Revolution seine Hoffnungen vernichtete, warf er sich mit Leib und Seele der Reaktion in die Arme. Sein Reichtum, seine ehemaligen geschäftlichen Verbindungen mit den Tuilerien, die er als freundschaftliche Beziehungen hinzustellen wußte; das Ansehen, das in der Provinz jedermann genießt, der in Paris Geld erworben hat, das er dann auf dem Lande verzehrt: sie sicherten ihm einen sehr großen Einfluß in der Gegend; viele hörten ihn an, wie ein Orakel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der gewaltigste Kopf im gelben Salon war sicherlich der Major Sicardot, Aristides&#039; Schwiegervater. Gebaut wie ein Herkules, mit rotem Antlitz, auf dem hier und da Büschel grauen Haares saßen, zählte Herr Sicardot zu den ruhmvollsten Haudegen der großen Armee. In den Tagen der Februarrevolution hatte nur der Straßenkampf ihn in Wut versetzt; er konnte nicht müde werden, über diesen Gegenstand zu reden und schrie, daß er sich schämen würde, sich in dieser Weise zu schlagen, und erinnerte sich mit Stolz der Herrschaft des großen Napoleon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sah bei den Rougon auch einen Mann mit feuchten Händen und falschen Blicken, Herrn Vuillet, einen Buchhändler, der alle Betschwestern der Stadt mit Heiligenbildern und Rosenkränzen versah. Bei Vuillet waren klassische Werke und Andachtsbücher zu finden; er war ein frommer, gläubiger Katholik, was ihm die Kundschaft der zahlreichen Klöster und Pfarren sicherte. Vermöge eines genialen Einfalles verband er mit seinem Buchhandel den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verlag eines zweimal in der Woche erscheinenden kleinen Journals, der »Gazette de Plassans«, in dem er sich ausschließlich mit den Interessen des Klerus beschäftigte. Dieses Blatt verschlang ihm Jahr für Jahr eine Summe von beiläufig tausend Franken. Aber es machte ihn zum Vorkämpfer der Kirche und verhalf ihm zum Absätze seiner Bilder und Traktätchen. Dieser Mensch ohne Bildung, der eine sehr zweifelhafte Orthographie schrieb, verfaßte selbst die Artikel seines Blattes mit einer Demut und einer Galligkeit gegen die Gottlosen, die bei ihm das Talent ersetzten. Als der Marquis seinen Feldzug eröffnete, dachte er sogleich an den Vorteil, den er aus diesem platten Küstergesicht, aus dieser plumpen und interessierten Feder ziehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit den Februartagen enthielten die Artikel der Gazette wenig Fehler, weil der Marquis sie überprüfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann sich jetzt vorstellen, welchen eigentümlichen Anblick der gelbe Salon der Rougon jeden Abend darbot. Hier drängten sich alle Meinungen durcheinander und bellten gleichzeitig gegen die Republik. Im Hasse fanden sich alle zusammen. Der Marquis, der bei keiner dieser Versammlungen fehlte, beschwichtigte übrigens durch seine Gegenwart die kleinen Zänkereien, die zwischen dem Major und den übrigen Anhängern sich erhoben. Die Spießbürger waren geschmeichelt durch die Händedrücke, die er bei seiner Ankunft und seinem Abgange ihnen auszuteilen die Gnade hatte. Bloß Roudier, der ehemalige Freidenker aus der St.-Honoré-Straße, erklärte, daß der Marquis, dieser Habenichts, ihm schnuppe sei. Dieser letztere bewahrte sein liebenswürdiges Lächeln eines Edelmannes. Er mengte sich unter diese Spießbürger ohne jene verächtliche Grimasse, die jeder andere Insasse des Sankt-Markus-Viertels unter ähnlichen Umständen gemacht haben würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Schmarotzerleben hatte ihn geschmeidig gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war die Seele der ganzen Gruppe. Er befahl im Namen einer unbekannten Person, die er niemals nennen wollte. »Sie will dies, sie will jenes« sagte er. Diese verborgenen Götter, die hinter Wolken über die Geschicke der Stadt Plassans wachten, ohne sich unmittelbar in die öffentlichen Angelegenheiten einzumengen, mußten gewiß Priester sein, diese großen Politiker der Gegend. Wenn der Marquis dieses geheimnisvolle »Sie« aussprach, das der ganzen Versammlung einen wunderbaren Respekt einflößte, verriet Vuillet durch ein seliges Lächeln, daß er sie vollkommen kenne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die glücklichste Person in der Versammlung war Felicité. Endlich hatte sie Gesellschaft in ihrem Salon. Wohl schämte sie sich ein wenig ihrer alten Möbel mit gelbem Samt, allein sie tröstete sich mit dem Gedanken an das reiche Mobiliar, das sie anschaffen würde, wenn die große Sache gesiegt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rougon trieben es so weit, daß sie schließlich ihre Königstreue ernst nahmen. Wenn Herr Rougon nicht da war, wagte Felicité sogar zu behaupten, daß nur die Julimonarchie daran schuld sei, wenn sie in ihrem Ölhandel keinen Reichtum erworben hatten. In dieser Weise gab sie ihrer Armut einen politischen Anstrich. Sie hatte Schmeicheleien für jedermann, selbst für Granoux, indem sie jeden Abend eine neue höfliche Art erfand, ihn aus dem Schlafe aufzurütteln, wenn die Versammlung zu Ende war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Salon, dieser Sammelplatz von Konservativen, die allen Parteien angehörten und von Tag zu Tag zahlreicher wurden, gewann alsbald großen Einfluß. Vermöge der Verschiedenheit der Mitglieder und hauptsächlich dank dem geheimen Antriebe, den jeder einzelne unter ihnen von dem Klerus erhielt, wurde der Salon jener reaktionäre Brennpunkt, der über ganz Plassans sein Licht ausstrahlen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Taktik des Marquis, der sich im Hintergründe hielt, war die, den Peter Rougon als Oberhaupt der Partei hinzustellen. Die Versammlungen fanden bei Rougon statt. Dies genügte in den wenig scharfsichtigen Augen der Mehrzahl, um diesen an die Spitze der Gruppe zu stellen und die öffentliche Meinung auf ihn zu lenken. Ihm wurde das ganze Werk zugeschrieben; man hielt ihn für die hauptsächliche Triebfeder in dieser Bewegung, die alle, die gestern sich noch für die Republik begeisterten, allmählich der konservativen Partei zuführte. Es gibt gewisse Umstände, aus denen nur die abgewirtschafteten Leute Nutzen ziehen. Sie suchen da ihr Glück aufzubauen, wo besser bestellte und einflußreiche Leute nichts wagen würden. Sicherlich hätte man Roudier, Granoux und die anderen, da sie reiche und angesehene Leute waren, dem Peter Rougon als tätige Oberhäupter der konservativen Partei tausendmal vorziehen müssen. Allein keiner von ihnen würde eingewilligt haben, seinen Salon zu einem politischen Mittelpunkte zu machen, weil ihre politischen Überzeugungen nicht so weit gingen, sich offen bloßzustellen. Alles in allem waren dies nur Schreier, provinzielle Klatschmäuler, die bereit waren, gegen die Republik zu wettern, wenn sich ein Nachbar fand, der für ihr Treiben die Verantwortlichkeit übernahm. Die Rolle war gar zu gewagt und darum fanden sich unter der Bürgerschaft von Plassans nur die Rougon für dieselbe; diese Leute, die ihr großer, unersättlicher Ehrgeiz und ihre Begierden zu den kühnsten Entschlüssen drängten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April des Jahres 1849 verließ Eugen plötzlich Paris und kam nach Plassans, um zwei Wochen bei seinem Vater zuzubringen. Man hat den Zweck dieser Reise niemals erfahren; doch darf man annehmen, daß Eugen gekommen war, um seiner Geburtsstadt den Puls zu fühlen und um zu erfahren, ob er da mit Erfolg als Abgeordnetenkandidat für&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die gesetzgebende Versammlung, die in Bälde an Stelle der Konstituante treten sollte, auftreten könnte. Er war zu schlau, um einen Mißerfolg zu riskieren. Ohne Zweifel schien ihm die öffentliche Meinung wenig günstig, denn er enthielt sich jeden Versuches. Man wußte übrigens in Plassans nicht, was aus ihm geworden war und was er in Paris treibe. Als er in seiner Heimatsstadt eintraf, fand man ihn weniger dick, weniger schläfrig. Man umschwärmte ihn, man suchte ihn zum Sprechen zu bringen. Doch er spielte den Unwissenden und ließ sich nicht ausholen, suchte vielmehr die anderen auszuholen. Schlauere Köpfe würden unter seinem scheinbaren Müßiggange sein lebhaftes Interesse, die politischen Meinungen der Stadt zu erkunden, herausgefunden haben. Er schien den Boden mehr für eine Partei, als für seine eigene Rechnung erforschen zu wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obgleich er auf jede persönliche Hoffnung verzichtet hatte, blieb er bis zum Schlüsse des Monats in Plassans und nahm während dieser Zeit lebhaften Anteil an den Versammlungen im gelben Salon. Sobald der erste Gast erschien, setzte er sich in eine Fensternische, möglichst weit von der Lampe. Da blieb er den ganzen Abend, das Kinn auf die rechte Hand gestützt und hörte aufmerksam zu. Die größten Dummheiten, die da gesprochen wurden, ließen ihn unempfindlich. Er nickte zu allem zustimmend mit dem Kopfe, selbst zu dem erschrockenen Grunzen des Herrn Granoux. Wenn man ihn nach seiner Ansicht fragte, wiederholte er höflich die Meinung der Mehrheit. Nichts vermochte seine Geduld zu erschöpfen, weder der eitle Traum des Marquis, der von den Bourbonen so redete, wie nach den Vorgängen des Jahres 1815, noch die spießbürgerlichen Auslassungen Roudiers, der mit Rührung von den vielen Strümpfen redete, die er ehemals dem Bürgerkönig geliefert hatte. Er schien sich im Gegenteil inmitten dieses Babel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sehr wohl zu befinden. Manchmal, wenn alle diese Tölpel aus Leibeskräften auf die Republik einhieben, sah man seine Augen lachen, während sein Mund die Falte des ernsten Mannes beibehielt. Seine ruhige Art zuzuhören, seine unwandelbare Gefälligkeit hatten ihm alle Teilnahme gewonnen. Man hielt ihn für einen unbedeutenden, gutmütigen Menschen. Wenn es einem oder dem andern der früheren Mandel- und Ölhändler nicht gelingen wollte, inmitten dieses Tumultes auseinanderzusetzen, in welcher Weise er Frankreich retten würde, wenn er der Herr wäre, dann flüchtete er zu Eugen und schrie diesem seine wunderbaren Pläne ins Ohr. Eugen nickte sanft mit dem Kopfe, gleichsam entzückt von den erhabenen Dingen, die er hörte. Vuillet betrachtete ihn argwöhnisch. Dieser Buchhändler, in dem zugleich ein Küster und ein Journalist staken, redete weniger als die anderen, aber er beobachtete mehr. Er hatte bemerkt, daß der Advokat zuweilen im Winkel des Salons mit dem Major Sicardot sprach. Er nahm sich vor, sie zu beobachten, aber er konnte kein Wort von ihrem Gespräch erhaschen. Eugen winkte dem Major zu schweigen, sobald er den Buchhändler sich nähern sah. Seit dieser Zeit sprach Sicardot von den Napoleons nur mit einem geheimnisvollen Lächeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage vor seiner Rückkehr nach Paris traf Eugen auf der Promenade Sauvaire seinen Bruder Aristides, der ihn eine Strecke begleitete mit der Beharrlichkeit eines Menschen, der einen Rat sucht. Aristides befand sich in arger Verlegenheit. Als man die Republik ausgerufen hatte, trug er eine sehr lebhafte Begeisterung für die neue Regierung zur Schau. Sein durch zwei Jahre Pariser Studium geschärfter Verstand sah weiter als die schwerfälligen Köpfe von Plassans, er erkannte die Ohnmacht der Legitimisten und Orleanisten, ohne klar bezeichnen zu können, wer der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dritte Bube sei, der die Republik in die Tasche stecken werde. Auf gut Glück hatte er sich zu den Siegern geschlagen. Er hatte alle Beziehungen mit seinem Vater abgebrochen, nannte ihn öffentlich einen alten Schwachkopf, den der Adel »herumgekriegt« hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch ist meine Mutter eine gescheite Frau, pflegte er hinzuzufügen. Niemals hätte ich geglaubt, daß sie imstande sei, ihren Mann in eine Partei zu drängen, deren Hoffnungen durchaus eitel sind. Sie werden sich vollends zugrunde richten. Die Frauen verstehen eben nichts von Politik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er, Aristides, wolle sich so teuer wie möglich verkaufen. Seine ganze Sorge war jetzt darauf gerichtet, die richtige Witterung zu bekommen, sich stets auf die Seite derer zu stellen, die im Falle ihres Sieges ihn herrlich belohnen könnten. Unglücklicherweise tappte er im Finstern. Er fühlte, daß er in diesem Provinzorte, ohne Führung, ohne Wegweiser verloren sei. Einstweilen, bis der Lauf der Begebenheiten ihm eine bestimmte Bahn vorzeichnen würde, bewahrte er die Haltung eines begeisterten Republikaners, die er gleich am ersten Tage eingenommen hatte. Dank dieser Haltung verblieb er in der Unterpräfektur; man hatte ihm daselbst sogar seine Bezüge vermehrt. Von dem Verlangen angetrieben, eine Rolle zu spielen, bestimmte er einen Buchhändler, einen Konkurrenten Vuillets, ein demokratisches Blatt zu gründen, bei dem er, Aristides, einer der eifrigsten Redakteure wurde. Der »Independant« (Der Unabhängige) führte unter seiner Leitung einen erbarmungslosen Krieg gegen die Reaktionären. Allein die Strömung trieb ihn allmählich weiter, als er gehen wollte; er schrieb manchmal Brandartikel, bei deren Durchlesen ihn selbst eine Gänsehaut überlief. Vielbemerkt wurde in Plassans eine Reihe von Angriffen, die der Sohn gegen die Personen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
richtete, die der Vater allabendlich in dem berühmten gelben Salon empfing. Der Reichtum Roudiers und Granoux&#039; ärgerte Aristides in dem Maße, daß er alle Vorsicht außer acht ließ. Durch seine gierige Eifersucht angetrieben, hatte er sich die Bürgerschaft zum unversöhnlichen Feinde gemacht, als die Ankunft Eugens und die Art und Weise, wie dieser sich in Plassans benahm, ihn stutzig machten. Er maß seinem Bruder eine große Geschicklichkeit bei. Es war seine Meinung, daß dieser dicke, schläfrige Bursche nur mit einem Auge schlafe wie die Katzen, wenn sie vor einem Mäuseloch auf dem Anstande sind. Und nun verbrachte dieser Eugen ganze Abende in dem gelben Salon, mit großer Aufmerksamkeit diesen Tölpeln zuhörend, die er – Aristides – so grausam verhöhnt hatte. Als er durch das Gerede in der Stadt erfuhr, daß sein Bruder mit Granoux und dem Marquis Händedrücke wechsle, fragte er sich besorgt, was er davon halten solle? Sollte er sich so sehr getäuscht haben? Sollten die Legitimisten oder die Orleanisten Aussichten auf Erfolg haben? Dieser Gedanke machte das Blut in seinen Adern stocken; er verlor allen Halt, und wie es oft genug geschieht, fiel er über die Konservativen nur noch wütender her, gleichsam um sich für seine Verblendung zu rächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem Tage vor jenem, an dem er Eugen auf der Promenade Sauvaire anhielt, hatte er in dem »Indépendant« einen furchtbaren Artikel über die Machenschaften des Klerus losgelassen als Antwort auf eine Auslassung von Vuillet, der die Republikaner beschuldigte, daß sie die Kirchen stürmen wollten. Vuillet war dem Aristides, was dem Stier der rote Lappen; es verging keine Woche, ohne daß die beiden Journalisten die gröbsten Beschimpfungen austauschten. In der Provinz, wo man sich noch der Umschreibungen bedient, holt die Polemik ihre Ausdrücke aus der Gosse. Aristides nannte seinen Gegner »Bruder Judas« oder »Knecht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
des heiligen Antonius«; Vuillet seinerseits nannte den Republikaner »ein blutrünstiges Ungeheuer, dessen schändliche Genossin die Guillotine ist«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seinen Bruder auszuholen, begnügte sich Aristides, der seine Unruhe nicht offen zu zeigen wagte, ihn zu fragen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du meinen Artikel von gestern gelesen? Wie denkst du darüber?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist ein Schaf, Bruder, erwiderte Eugen mit den Achseln zuckend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Journalist erbleichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie? rief er; du gibst Vuillet recht? Du glaubst an Vuillets Sieg?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich? Vuillet ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte ohne Zweifel sagen: »Vuillet ist gerade so ein Tölpel wie du selbst.« Allein, als er das verzerrte Gesicht seines Bruders sah, das sich ihm entgegenstreckte, schien er plötzlich von Mißtrauen ergriffen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vuillet hat auch sein Gutes, sagte er ruhig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem er von seinem Bruder geschieden, war Aristides noch unruhiger als vorher. Eugen schien sich über ihn lustig gemacht zu haben, denn Vuillet war sicherlich der schmutzigste Kerl, den man sich vorstellen konnte. Er beschloß vorsichtig zu sein, sich nicht mehr zu binden, um freie Hand zu haben, wenn er eines Tages einer Partei behilflich sein müßte, die Republik zu erwürgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Morgen seiner Abreise führte Eugen eine Stunde bevor er in den Postwagen stieg, seinen Vater in das Schlafzimmer, wo er mit ihm eine lange Unterredung hatte. Felicité, die im Salon zurückgeblieben war, versuchte vergebens zu horchen. Die beiden Männer sprachen leise, als hätten sie gefürchtet, daß auch nur ein einziges ihrer Worte von außen gehört werden könne. Als sie endlich aus dem Zimmer traten, schienen beide sehr erregt zu sein. Nachdem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
er Vater und Mutter umarmt hatte, sagte Eugen, der sonst mit schleppender Stimme redete, lebhaft und bewegt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast mich wohl verstanden, Vater? Da ist unser Glück zu suchen. In diesem Sinne müssen wir mit allen unseren Kräften arbeiten. Vertraue mir.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich werde deine Weisungen getreulich befolgen, erwiderte Rougon. Aber vergiß nicht, was ich als Preis meiner Bemühungen von dir verlangt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir unser Ziel erreichen, werden deine Wünsche erfüllt werden. Das schwöre ich dir. Ich werde dir übrigens schreiben und dich leiten je nach der Richtung, die die Ereignisse nehmen. Nur keine Furcht und keine Begeisterung. Folge blindlings meinen Weisungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was für eine Verschwörung habt ihr miteinander? fragte Felicité neugierig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebe Mutter, erwiderte Eugen lächelnd, du hast an mir zu sehr gezweifelt, als daß ich dir heute meine Hoffnungen anvertrauen könnte, die einstweilen nur auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen beruhen. Du müßtest Glauben und Zutrauen zu mir haben, um mich zu verstehen. Übrigens wird der Vater dir alles sagen, wenn die Stunde schlägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da Felicité beleidigt tat, flüsterte er ihr ins Ohr, indem er sie noch einmal küßte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin dein Sohn, wenngleich du mich verleugnet hast. Zu viel wissen wäre in diesem Augenblicke nicht von Nutzen. Wenn die Krise eintritt, wirst du die Leitung der Sache in die Hand bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit ging er; doch wandte er sich noch auf der Schwelle um und sagte nachdrücklich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem aber mißtraut Aristides! Er ist ein Tollkopf, der alles verderben würde. Ich habe ihn genügend beobachtet, um sicher zu sein, daß er immer wieder auf die Füße fällt. Ihr brauchet kein Mitleid mit ihm zu haben; wenn wir&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
unser Glück machen, wird er sich seinen Teil zu stehlen wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Eugen fort war, versuchte Felicité in das Geheimnis einzudringen, das man ihr vorenthielt. Sie kannte ihren Gatten zu gut, um ihn offen zu befragen; er würde ihr zornig geantwortet haben, daß die Sache sie nichts angehe. Allein trotz der schlauen Taktik, die sie entwickelte, erfuhr sie nichts. In dieser trüben Zeit, wo die größte Verschwiegenheit not tat, hatte Eugen seinen Vertrauensmann gut gewählt. Geschmeichelt von dem Vertrauen seines Sohnes, hatte Peter jene passive Schwerfälligkeit noch übertrieben, die aus ihm eine ernste, undurchdringliche Masse machte. Als Felicité einsah, daß sie von ihm nichts erfahren werde, hörte sie auf, ihn zu umschwärmen. Bloß auf eine Sache war sie ungeheuer neugierig. Die beiden Männer hatten von einem Preise gesprochen, den Peter selbst bestimmen sollte. Was für ein Preis konnte das sein? Da lag das große Interesse für Felicité, die sich aus politischen Fragen nichts machte. Sie wußte, daß ihr Mann sich teuer verkauft haben mußte, und sie brannte vor Begierde, den Handel kennen zu lernen. Als sie eines Abends eben zu Bette gingen und sie ihren Mann in guter Laune sah, lenkte sie das Gespräch auf die Entbehrungen, zu denen ihre Armut sie nötigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist Zeit, daß es ein Ende nehme, sagte sie. Wir geben eine Menge Geld für Beleuchtung und Heizung aus, seitdem die Herren zu uns kommen. Wer wird die Rechnung bezahlen? Vielleicht niemand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter ging richtig in die Falle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur Geduld, sagte er mit einem überlegenen Lächeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte er mit schlauer Miene hinzu, indem er seiner Frau fest in die Augen schaute:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist du zufrieden, die Frau eines Steuereinnehmers zu werden?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicités Antlitz flammte in großer Freude auf. Sie setzte sich im Bett auf und schlug nach Art der Kinder ihre dürren Greisenhände zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist&#039;s wahr? stammelte sie. Hier in Plassans?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter antwortete nicht, sondern nickte nur wiederholt zustimmend mit dem Kopfe. Er freute sich der Verwunderung seiner Ehegattin. Sie erstickte schier vor Aufregung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber, fuhr sie endlich fort, da ist ja eine ungeheure Sicherstellung notwendig. Ich habe mir erzählen lassen, daß unser Nachbar, Herr Peirotte, achtzigtausend Franken dem Staatsschatze hinterlegen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, das geht mich nichts an, sagte der ehemalige Ölhändler. Eugen nimmt alles auf sich. Er wird die Sicherstellungssumme durch einen Pariser Bankier hinterlegen lassen. Du wirst begreifen, daß ich eine Stelle gewählt habe, die viel einbringt. Eugen hat das Gesicht verzogen, als ich ihm meine Bedingung stellte. Er sagte, man müsse reich sein, um solche Stellungen zu bekleiden und daß man diese Beamten gewöhnlich unter einflußreichen Leuten wähle. Aber ich ließ nicht locker, und er hat endlich nachgegeben. Um Einnehmer zu werden, braucht man weder Latein noch Griechisch. Ich werde, wie Herr Peirotte, einen Bevollmächtigten haben, der alle Arbeiten statt meiner besorgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité hörte ihm mit Entzücken zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe wohl erraten, fuhr er fort, was unsern teuren Sohn beunruhigte. Wir sind hier wenig beliebt. Man weiß, daß wir kein Vermögen haben, und wird über uns schmähen. Doch was liegt daran? In kritischen Zeiten kann ja alles geschehen. Eugen wollte mich nach einer anderen Stadt ernennen lassen, allein ich habe abgelehnt, ich will in Plassans bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, wir müssen da bleiben, rief lebhaft die alte Frau. Hier haben wir gelitten, hier müssen wir triumphieren. Ich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
will sie niederschmettern, alle diese schönen Sonntags-Spaziergängerinnen, die so geringschätzig auf meine wollenen Kleider herabschauen. An die Stelle des Einnehmers hatte ich nicht gedacht, ich glaubte, du wollest Bürgermeister werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, Bürgermeister! Die Stelle ist ja eine unentgeltliche. Auch Eugen hat mir vom Bürgermeisteramte gesprochen, aber ich erwiderte ihm: Ich nehme die Stelle an, wenn du mir eine Rente von 15 000 Franken sicherst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Unterredung, in welcher die großen Ziffern wie Raketen umherflogen, entzückte Felicité und sie rückte unruhig hin und her und fuhr vor Aufregung schier aus der Haut. Endlich nahm sie eine unterwürfige Haltung an und sagte im Tone der Sammlung:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß uns rechnen, Peter, wie viel wirst du erwerben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die fixen Bezüge betragen 3000 Franken, erwiderte Peter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dreitausend, zählte Felicité.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommen die Prozente nach den Einnahmen. Sie belaufen sich in Plassans auf ungefähr 12 000 Franken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macht fünfzehntausend, zählte Felicité weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ungefähr fünfzehntausend. So viel erwirbt auch Peirotte. Doch das ist nicht alles. Peirotte betreibt Bankgeschäfte auf eigene Faust. Das ist erlaubt. Vielleicht versuche auch ich mich darin, wenn ich günstige Aussichten habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So setzen wir 20 000 Franken! rief Felicité, durch diese Summe in höchste Bewunderung versetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorschüsse werden wir zurückerstatten müssen, bemerkte Peter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das tut nichts, entgegnete Felicité. Wir werden doch reicher sein als viele dieser Herren. Wird vielleicht der Marquis oder werden die anderen Herren mit uns teilen wollen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, alles bleibt uns!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie das Gespräch fortsetzen wollte, fürchtete Peter, sie wolle ihm sein Geheimnis entlocken. Daher runzelte er die Augenbrauen und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt haben wir genug geplaudert, es ist spät, wir sollen schlafen. Es bringt Unglück, wenn man im voraus rechnet. Ich habe die Stelle noch nicht. Vor allem Verschwiegenheit!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch als die Lampe ausgelöscht war, konnte Felicité keinen Schlaf finden. Mit geschlossenen Augen lag sie wach da und baute die herrlichsten Luftschlösser. Die 20000 Franken jährlicher Einkünfte führten im Dunkel vor ihren Augen einen Hexentanz auf. Sie bewohnte ein schönes Haus in der Neustadt, mit demselben Luxus eingerichtet wie das des Herrn Peirotte, gab Abendgesellschaften und blendete mit ihrem Reichtum die ganze Stadt. Was ihrer Eitelkeit am meisten schmeichelte, war die schöne Stellung, die ihr Gatte einnehmen würde. Er wird dem Granoux, dem Roudier und allen Bürgern ihre Renten auszahlen, die heute zu ihr kommen wie in ein Kaffeehaus, um sich laut auszusprechen und die Neuigkeiten des Tages zu erfahren. Sie hatte sehr wohl die hochmütige Art und Weise bemerkt, wie diese Leute ihren Salon betraten und das hatte sie gegen jene erbittert. Selbst der Marquis mit seiner spöttischen Höflichkeit begann ihr zu mißfallen. Allein zu siegen und alles für sich zu behalten: das war ein Gedanke, den sie mit liebevoller Zärtlichkeit hegte. Wenn diese plumpen Leute einst unter tiefen Bücklingen bei dem Herrn Einnehmer Rougon erscheinen werden, wird sie an der Reihe sein, jene mit ihrem Stolze zu Boden zu drücken. Die ganze Nacht hindurch beschäftigte sie sich mit diesem Gedanken. Als sie am andern Morgen die Vorhänge in die Höhe zog, richtete sich ihr erster Blick unwillkürlich nach der andern Seite der Straße, auf die Fenster des Herrn Peirotte; sie lächelte, wie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sie die breiten Damastvorhänge betrachtete, die hinter den Fensterscheiben hingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem Felicités Hoffnungen ihre Richtung wechselten, wurden sie nur um so gieriger. Wie alle Frauen war sie einiger Heimlichkeit nicht abgeneigt. Der geheime Zweck, den ihr Man verfolgte, interessierte sie weit lebhafter als jemals die legitimistischen Umtriebe des Marquis von Carnavant. Ohne sonderliches Bedauern gab sie die Hoffnungen preis, die sie auf den Erfolg des Marquis gebaut hatte, von dem Augenblick an, wo ihr Mann behauptete, daß er durch andere Mittel denselben reichen Gewinn erzielen werde. Sie war übrigens bewunderungswürdig in ihrer Verschwiegenheit und Vorsicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde wurde sie noch immer von einer beklemmenden Neugierde geplagt; sie beobachtete die geringste Gebärde ihres Mannes und suchte ihn zu begreifen. Wie, wenn Eugen ihn in irgendeinen Hinterhalt locken wollte, aus dem sie nur ärmer denn je sich retten könnten? Indessen gewann sie allmählich Vertrauen. Eugen hatte mit einer solchen Überlegenheit befohlen, daß sie schließlich Zutrauen zu ihm faßte. Die Macht des Unbekannten ließ sich eben auch hier fühlen. Peter erzählte ihr in geheimnisvollem Tone von den hohen Persönlichkeiten, mit denen ihr ältester Sohn in Paris verkehrte. Sie selbst wußte allerdings nicht, was er da tun mochte, während es ihr unmöglich war, vor den Torheiten, welche Aristides in Plassans beging, die Augen zu verschließen. In ihrem eigenen Salon legte man sich gar keinen Zwang an, um den demokratisch gesinnten Journalisten mit äußerster Strenge zu behandeln. Granoux nannte ihn einen Räuber und Roudier sagte jede Woche ein paarmal zu Felicité:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr Sohn schreibt schöne Sachen. Gestern erst hat er unsern Freund Vuillet mit empörender Bosheit angegriffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ganze Salon stimmte in diese Klagen ein. Major Sicardot sprach davon, seinen Schwiegersohn zu ohrfeigen. Peter verleugnete rundweg seinen Sohn. Die arme Mutter senkte ihren Kopf und würgte ihre Tränen hinab. Manchmal drängte es sie, loszubrechen und Herrn Roudier ins Gesicht zu schreien, daß ihr liebes Kind trotz seiner Fehler noch immer mehr tauge, als er und alle anderen zusammen. Allein sie war gebunden; sie wollte die so schwer errungene Stellung nicht wieder aufs Spiel setzen. Als sie sah, wie die ganze Stadt auf Aristides einhieb, dachte sie bekümmert, daß der Unglückliche in sein Verderben renne. Zweimal nahm sie ihn ins Gebet und beschwor ihn, zu ihnen zurückzukehren und die Fehde gegen den gelben Salon aufzugeben. Aristides erwiderte ihr, daß sie von diesen Dingen nichts verstehe und daß sie selbst einen argen Fehler begangen habe, indem sie ihren Gatten in den Dienst des Marquis stellte. Sie mußte ihn aufgeben, nahm sich aber im stillen vor, daß, wenn Eugen ans Ziel gelangen werde, dieser die Beute mit dem armen Jungen teilen müsse, der noch immer ihr Lieblingskind war und blieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sein älterer Sohn wieder abgereist war, fuhr Peter Rougon fort, im Mittelpunkte der Reaktion zu leben. In der öffentlichen Meinung des berühmten gelben Salons schien sich nichts geändert zu haben. Jeden Abend erschienen daselbst dieselben Männer, um dieselbe Propaganda zugunsten einer Monarchie zu machen, und der Herr des Hauses summte ihnen zu und unterstützte sie mit demselben Eifer wie bisher. Am ersten Mai hatte Eugen Plassans verlassen. Einige Tage später befand sich der gelbe Salon im höchsten Entzücken. Man besprach daselbst den Brief des Präsidenten der Republik an den General Oudinot, in dem die Belagerung von Rom beschlossen war. Dieser Brief wurde als ein offenkundiger Sieg betrachtet, den man der entschlossenen Haltung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der reaktionären Partei zu verdanken hatte. Schon seit dem Jahre 1848 stand in den Verhandlungen der Kammer die römische Frage an der Tagesordnung. Einem Bonaparte war es vorbehalten, eine Republik im Entstehen zu erwürgen durch ein Eintreten, dessen das freie Frankreich sich niemals schuldig gemacht hätte. Der Marquis erklärte, es sei unmöglich, für die Sache der Legitimität besser zu arbeiten. Vuillet schrieb einen prachtvollen Artikel; die Begeisterung kannte keine Grenzen mehr, als einen Monat später der Major Sicardot eines Abends im Hause Rougons erschien und der Gesellschaft ankündigte, daß die französische Armee unter den Mauern Roms sich schlage. Während alle Welt in ein Freudengeschrei ausbrach, trat er zu Peter und drückte ihm in vielbedeutsamer Weise die Hand. Als er saß, begann er ein Loblied auf den Präsidenten der Republik zu singen, der, wie er sagte, allein fähig sei, Frankreich vor der Anarchie zu retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er möge es retten so schnell wie möglich, unterbrach ihn der Marquis, und es dann in die Hände seiner rechtmäßigen Herren zurücklegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter schien dieser schönen Antwort lebhaft beizustimmen. Als er in dieser Weise eine Probe seiner glühenden Königstreue geliefert hatte, wagte er zu bemerken, daß der Prinz Louis Bonaparte in dieser Sache seine volle Teilnahme besitze. Es fand zwischen ihm und dem Major ein Austausch von kurzen Bemerkungen statt, welche die vortreffliche Absicht des Präsidenten würdigten und ganz den Anschein hatten, als seien sie im vornhinein einstudiert worden. Zum erstenmal hielt der Bonapartismus ganz offen seinen Einzug in den gelben Salon. Seit den Wahlen vom 10. Dezember wurde übrigens der Prinz daselbst mit einer gewissen Milde beurteilt. Man zog ihn Cavaignac hundertmal vor, und die ganze reaktionäre Gesellschaft hatte für ihn gestimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein man betrachtete ihn doch immer mehr als einen Mitschuldigen, denn als einen Freund, und man mißtraute diesem Mitschuldigen, dem man nachgerade vorwarf, daß er die Kastanien, nachdem er sie aus dem Feuer geholt, für sich behalten wolle. Dank dem römischen Feldzuge hörte man an diesem Abend immerhin beifällig die Lobsprüche, die Peter und der Major dem Präsidenten widmeten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gruppe Granoux und Roudier forderte bereits, daß der Präsident alle diese Bösewichte von Republikanern erschießen lasse. Der Marquis stand an den Kamin gelehnt und betrachtete mit nachdenklicher Miene eine verblaßte Rosette des Teppichs. Als er endlich aufblickte, schwieg Peter plötzlich, der die Wirkung seiner Worte heimlich in dem Antlitz des Marquis lesen zu wollen schien. Herr von Carnavant begnügte sich mit einem Lächeln, indem er mit schlauer Miene Felicité anschaute. Dieses behende Spiel entging den Spießbürgern, die sich hier zusammengefunden hatten. Bloß Vuillet sagte mit herber Betonung:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich würde diesen Bonaparte lieber in London als in Paris sehen. Unsere Angelegenheiten würden dann einen rascheren Fortgang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ehemalige Ölhändler erbleichte, denn er fürchtete, zu weit gegangen zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich klammere mich nicht so stark an meinen Bonaparte, sagte er fest, Sie wissen ja, wohin ich ihn senden würde, wenn ich der Herr wäre. Ich behaupte einfach, daß der Feldzug gegen Rom eine gute Sache sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit neugierigem Erstaunen war Felicité dieser Szene gefolgt. Sie erwähnte ihrem Manne nichts mehr davon, was bewies, daß sie im geheimen darüber nachdachte. Das Lächeln des Marquis, das sie sich nicht genau zu erklären wußte, gab ihr viel zu denken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesem Tage angefangen ließ Rougon von Zeit zu&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeit, wenn sich gerade eine Gelegenheit darbot, ein Wörtchen zugunsten des Präsidenten der Republik einfließen. An solchen Abenden spielte Sicardot die Rolle des gutmütigen Gevatters. Im übrigen aber herrschte die klerikale Gesinnung unbeschränkt im gelben Salon; hauptsächlich aber im nächsten Jahre gewann diese Gruppe der Reaktionären einen entscheidenden Einfluß in der Stadt, und zwar dank der rückläufigen Bewegung, die in Paris sich vollzog. Die Gesamtheit von antiliberalen Maßnahmen, die man »die römische Expedition im Inlande« nannte, sicherte in Plassans endgültig den Sieg der Partei Rougon. Die letzten Bürger, die sich noch für die Republik begeisterten, sahen diese in den letzten Zügen und beeilten sich, ihren Anschluß an die Konservativen zu vollziehen. Die Stunde der Rougon war gekommen. Die Neustadt bereitete ihnen fast eine Ovation an dem Tage, als man den auf dem Präfekturplatze aufgerichteten Freiheitsbaum umsägte. Dieser Baum, eine jener Tannen, die man vom Ufer der Viorne hierher verpflanzt hatte, war allmählich verdorrt zum größten Leidwesen der republikanischen Arbeiter, die jeden Sonntag hier erschienen, um das Fortschreiten des Übels festzustellen, ohne die Ursache dieses langsamen Todes zu begreifen. Ein Hutmachergehilfe behauptete, er habe gesehen, wie ein Weib aus dem Rougonschen Hause gekommen sei und einen Kübel vergiftetes Wasser am Fuße des Baumes ausgeschüttet habe. Seither galt es in der Stadt als eine Tatsache, daß Felicité persönlich jede Nacht gekommen sei, um die Tanne mit Vitriol zu begießen. Als der Baum abgestorben war, erklärte der Gemeinderat, die Würde der Republik erheische seine Entfernung. Da man fürchtete, darob das Mißvergnügen der Arbeiterbevölkerung zu erregen, wählte man hierfür eine späte Nachtstunde. Die konservativ gesinnten Rentenbesitzer der Neustadt hatten von diesem kleinen Feste Wind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bekommen; sie kamen alle auf den Präfekturplatz, um zu sehen, wie der Freiheitsbaum gefällt werde. Die Gesellschaft vom gelben Salon war an den Fenstern erschienen, um der Szene beizuwohnen. Als der Baum dumpf krachte und mit der tragischen Starre eines zu Tode getroffenen Helden im Schatten niederstürzte, glaubte Felicité mit ihrem weißen Taschentuch Triumph winken zu sollen. Das fand Beifall in der Menge und die Zuschauer erwiderten den Gruß, indem sie gleichfalls ihre Taschentücher wehen ließen. Eine Gruppe erschien sogar unter dem Fenster und schrie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir werden sie begraben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Zweifel meinten sie die Republik. Felicité war so aufgeregt, daß sie schier einen Nervenanfall bekam. Es war ein schöner Abend für den gelben Salon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes bewahrte der Marquis noch immer sein geheimnisvolles Lächeln, wenn er Felicité anschaute. Dieser kleine Greis war zu schlau, um nicht zu begreifen, wohin Frankreich steuerte. Er war einer der ersten, die den Anzug des Kaiserreiches witterten. Als später die gesetzgebende Körperschaft in öffentlichem Gezänk ihre Kräfte verzettelte, als selbst die Orleanisten und Legitimisten stillschweigend sich mit dem Gedanken an einen Staatsstreich vertraut machten, sagte sich der Marquis, daß das Spiel entschieden verloren sei. Übrigens war er der einzige, der die Lage klar beurteilte. Vuillet fühlte wohl, daß die Sache Heinrichs V., die er in seiner Zeitung verfocht, allen Halt verlor, aber was lag ihm daran? Es genügte ihm, eine gehorsame Kreatur des Klerus zu sein. Seine ganze Politik ging darauf hinaus, so viel Rosenkränze und Heiligenbilder wie möglich unter die Leute zu bringen. Was Roudier und Granoux betrifft, so lebten sie in Schrecken und Blindheit. Es war nicht sicher, daß sie eine Meinung hatten; sie wollten vor allem in Ruhe essen und schlafen; das war der Punkt, wo ihre politischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bestrebungen eine Grenze fanden. Der Marquis erschien indes regelmäßig im Hause der Rougon, auch dann, als er seine Hoffnungen gescheitert sah. Die Sache machte ihm Spaß. Der Zusammenstoß der Meinungen, dieses Auskramen von spießbürgerlichen Tölpeleien bereiteten ihm allabendlich ein vergnügliches Schauspiel. Ihn überlief eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, den Abend in dem Kämmerlein zuzubringen, das er durch die Gnade des Grafen Valqueyras bewohnte. Mit boshafter Freude bewahrte er für sich die Überzeugung, daß die Stunde der Bourbonen noch nicht geschlagen habe; Er tat, als sehe er nichts, arbeitete nach wie vor am Triumph der Rechtmäßigkeit und stellte sich dem Klerus und dem Adel zur Verfügung. Die neue Taktik Peters hatte er am ersten Tage durchschaut und glaubte, Felicité sei die Mitschuldige ihres Gatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er eines Abends als erster ankam, fand er die alte Frau allein in dem Salon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun, Kleine, fragte er mit seiner lächelnden Vertraulichkeit, gehen eure Angelegenheiten gut? Weshalb, zum Henker, tust du mir gegenüber so geheim?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich tue nicht geheim, erwiderte Felicitè nachdenklich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, ei, sie glaubt einen alten Fuchs meines Schlages täuschen zu können! Betrachte mich doch als einen Freund, mein Kind. Ich bin vielleicht bereit, euch im geheimen zu unterstützen. Sei doch offen gegen mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité hatte einen Lichtblick. Sie selbst hatte nichts zu sagen, aber sie würde vielleicht alles erfahren, wenn sie geschickt zu schweigen verstände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du lächelst? fuhr Herr von Carnavant fort; das ist der Anfang eines Geständnisses. Ich dachte mir wohl, daß du hinter deinem Gatten stündest. Peter ist zu schwerfällig, um den hübschen kleinen Verrat zu ersinnen, den ihr vorbereitet. Fürwahr, ich wünsche von ganzem Herzen, daß die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bonaparte euch das geben, was ich von den Bourbonen für euch gefordert hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser einfache Satz bestätigte die Vermutungen, die die alte Frau seit langer Zeit gehegt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prinz Louis Napoleon hat alle Aussichten, nicht wahr? fragte sie lebhaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirst du mich verraten, wenn ich dir sage, daß ich es glaube? erwiderte der Marquis lächelnd. Ich habe mich schon darein gefunden, Kleine. Ich bin ein alter Mann, tot und begraben. Ich arbeite nur für dich. Da du ohne mich den richtigen Weg gefunden hast, tröste ich mich, wenn ich sehe, daß meine Niederlage deinen Sieg bedeutet. Aber es ist unnötig, daß du künftig die Geheimnisvolle spielst; wenn du in Verlegenheit bist, komm zu mir. Und er fügte mit dem skeptischen Lächeln des herabgekommenen Edelmannes hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich verstehe mich ja auch ein klein wenig auf Verräterei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke erschien das Haupt der ehemaligen Öl- und Mandelhändler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, die lieben Reaktionäre, fuhr Herr von Carnavant mit leiser Stimme fort. Siehst du, Kleine, die Kunst in der Politik besteht darin, scharf zu sehen, wenn die anderen blind sind. Du hast die schönsten Karten zu deinem Spiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch diese Unterredung noch neugieriger gemacht, wollte Felicité am folgenden Tage durchaus Gewißheit haben. Man war damals in den ersten Tagen des Jahres 1851. Seit mehr als achtzehn Monaten empfing Rougon regelmäßig alle vierzehn Tage einen Brief von seinem Sohne Eugen. Er schloß sich dann in seinem Schlafzimmer ein, um diese Briefe zu lesen, die er hernach in einem Schreibpulte verwahrte, dessen Schlüssel er sorgfältig in seiner Westentasche behielt. Wenn seine Frau ihn befragte, begnügte er sich zu antworten: »Eugen schreibt mir, daß er sich wohl&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
befindet«. Schon seit längerer Zeit trachtete Felicité diese Briefe ihres Sohnes in ihre Gewalt zu bekommen. Am folgenden Tage, während Peter noch schlief, erhob sie sich und schlich auf den Fußspitzen zu den Kleidern ihres Gatten, um den Schlüssel des Schreibpultes durch einen andern Schlüssel von gleicher Größe zu ersetzen. Dann, als ihr Gatte ausgegangen war, schloß sie sich ihrerseits ein, leerte das Schubfach aus und las mit fieberhafter Neugierde die Briefe ihres Sohnes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Carnavant hatte sich nicht getäuscht, und sie sah auch ihre eigenen Vermutungen bestätigt. Es waren an vierzig Briefe da, in denen sie die große bonapartistische Bewegung verfolgen konnte, die später mit der Errichtung des Kaiserreiches ihren Abschluß finden sollte. Diese Briefe bildeten eine Art Tagebuch, in dem die Ereignisse in der Reihenfolge dargestellt waren, wie sie auftauchten, und aus ihnen wurden Hoffnungen und Ratschläge abgeleitet. Eugen glaubte an den Erfolg der Bewegung. Er sprach seinem Vater vom Prinzen Louis Bonaparte wie von einem unentbehrlichen Manne des Schicksals, der allein die Lage zu entwirren vermöge. Er hatte an ihn schon geglaubt, noch bevor jener nach Frankreich zurückgekehrt war, als der Bonapartismus noch als leerer Wahn behandelt wurde. Felicité begriff jetzt, daß ihr Sohn seit dem Jahre 1848 ein sehr tätiger Geheimagent sei. Obgleich er sich über seine Stellung in Paris nicht deutlich aussprach, war es klar, daß er für das Kaiserreich arbeitete, und zwar auf Befehl von Persönlichkeiten, die er mit einer gewissen Vertraulichkeit nannte. Jeder seiner Briefe stellte die Fortschritte der bonapartistischen Sache fest und ließ eine nahe Abwickelung voraussehen. Die Briefe endigten gewöhnlich mit einem Fingerzeig, wie Peter sich in Plassans zu verhalten habe. Jetzt erst konnte Felicité sich gewisse Worte und gewisse&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handlungen ihres Mannes erklären, deren Zweck ihr bisher entgangen war. Peter gehorchte seinem Sohne und befolgte blindlings dessen Weisungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die alte Frau die Briefe zu Ende gelesen hatte, war sie überzeugt. Jeder Gedanke Eugens stand jetzt klar vor ihr. In dem Umstürze wollte er sein politisches Glück machen und mit einem Schlage seine Schuld an die Eltern abtragen, indem er ihnen in der Stunde der allgemeinen Treibjagd ein Stück von der Beute zuwerfen würde. Wenn sein Vater ihn nur ein wenig unterstützen, der bonapartistischen Sache nützlich sein wolle, werde es ihm ein leichtes sein, ihn zum Steuereinnehmer ernennen zu lassen. Ihm, der zu den geheimsten Verrichtungen der Bewegung herangezogen ward, werde man nichts versagen können. Seine Briefe waren nichts als Warnungen, um der Familie Rougon Dummheiten zu ersparen. Darum empfand auch Felicité eine lebhafte Dankbarkeit für ihren Sohn; sie las wiederholt gewisse Stellen des Briefes, in denen Eugen in unbestimmten Ausdrücken von der Endkatastrophe sprach. Diese Katastrophe, deren Natur und Tragweite ihr entgingen, wurde für sie eine Art Untergang der Welt. Bei dieser Gelegenheit würde Gott die Auserwählten rechts und die Verdammten links stellen und sie würde sich unter den Auserwählten befinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie in der folgenden Nacht den Schlüssel des Schubfaches wieder in die Westentasche ihres Mannes eingeschmuggelt hatte, nahm sie sich vor, sich desselben Mittels zu bedienen, um alle folgenden Briefe ihres Sohnes zu lesen. Auch war sie entschlossen, die Nichtswissende zu spielen. Diese Taktik war eine ausgezeichnete. Von diesem Tage an war sie ihrem Gatten eine um so wirksamere Stütze, als sie es unwissentlich zu sein schien. Wenn Peter allein zu arbeiten glaubte, war sie es, die am häufigsten das Gespräch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf das gewünschte Gebiet leitete und Anhänger für den entscheidenden Augenblick warb. Sie kränkte sich wegen des Mißtrauens ihres Sohnes und nahm sich vor, nach errungenem Erfolge ihm zu sagen: »Ich wußte alles und anstatt etwas zu verderben, habe ich den Sieg herbeiführen helfen.« Niemals hatte eine Mitschuldige weniger Geräusch gemacht und mehr Arbeit verrichtet. Der Marquis, den sie zu ihrem Vertrauten gemacht hatte, war von Bewunderung erfüllt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sie beunruhigte, war das Schicksal ihres lieben Aristides. Seitdem sie die Hoffnungen ihres Ältesten teilte, verursachten die Wütenden Artikel des »Indépendant« ihr einen noch größeren Schrecken. Gerne würde sie den unglücklichen Republikaner zu den Napoleonischen Ideen bekehrt haben. Allein sie wußte nicht, wie sie es in vorsichtiger Weise anfangen sollte. Sie erinnerte sich, wie eindringlich Eugen ihnen gesagt hatte, dem Aristides zu mißtrauen. Sie legte die Sache dem Marquis vor, der ganz derselben Ansicht war wie sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Kind, sagte er, in der Politik muß man selbstsüchtig sein. Wenn Sie Ihren Sohn bekehren würden und der »Indépendant« anfinge, den Bonapartismus zu verteidigen, so wäre das ein harter Schlag für die Partei. Über den »Indépendant« ist das Urteil gesprochen; sein Titel allein genügt, um die Spießbürger von Plassans gegen ihn aufzubringen. Lassen Sie den lieben Aristides sich herumschlagen, das bildet die jungen Leute. Er scheint mir ganz von dem Holze geschnitzt, um nicht lange die Rolle des Märtyrers zu spielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihrem Feuereifer, den Ihrigen den richtigen Weg zu zeigen – jetzt, da sie die Wahrheit zu kennen glaubte – ging Felicité so weit, daß sie selbst ihren Sohn Pascal belehren wollte. Der Arzt, der sich mit dem Eigensinn des&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gelehrten in seine Forschungen versenkt hatte, kümmerte sich sehr wenig um Politik. Während er ein Experiment machte, konnten Kaiserreiche in Trümmer gehen, ohne daß er auch nur den Kopf umgewandt hätte. Indes hatte er endlich den Bitten seiner Mutter nachgegeben, die ihm mehr als je vorwarf, daß er als Werwolf lebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn du mehr in Gesellschaft kämest, sagte sie ihm, würdest du Patienten aus den vornehmen Kreisen bekommen. Komm doch zu uns, um die Abende in unserem Salon zuzubringen, da wirst du die Bekanntschaft der Herren Roudier, Granoux, Sicardot machen, lauter wohlhabende Leute, die dir einen ärztlichen Besuch mit vier und fünf Franken bezahlen werden. Die armen Leute werden dich nicht reich machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gedanke, ans Ziel zu kommen, ihre ganze Familie reich werden zu sehen, war bei Felicité zu einer Sucht geworden. Um sie nicht zu kränken, kam Pascal einige Abende in den gelben Salon. Er langweilte sich daselbst weniger, als er befürchtet hatte. Das erstemal war er erstaunt über den Grad von Dummheit, zu dem ein sonst gesunder Mensch herabsinken kann. Die ehemaligen Öl- und Mandelhändler, der Marquis und der Major selbst schienen ihm interessante Geschöpfe, die er bisher zu studieren keine Gelegenheit hatte. Er betrachtete mit dem Interesse eines Naturalisten ihre Gesichter, die gleichsam in einer Grimasse gestockt waren und aus denen er ihre Beschäftigungen und ihre Bestrebungen herauslas. Er hörte ihr leeres Geschwätz mit demselben Interesse, als ob er den Sinn des Katzengewinsels und des Hundegebells hätte erforschen wollen. Zu jener Zeit beschäftigte er sich viel mit vergleichender Naturgeschichte, indem er die Wahrnehmungen, die er über die Art der Vererbung bei Tieren machte, auf das menschliche Geschlecht anwandte. Wenn er sich im gelben Salon&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
befand, machte es ihm Spaß zu glauben, daß er in eine Menagerie geraten sei. Er suchte Ähnlichkeiten zwischen jedem dieser spaßigen Kerle und irgendeinem Tiere, das er kannte. Der Marquis erinnerte ihn an eine große, grüne Grille, er hatte ihre Magerkeit, ihren schmalen Kopf. Vuillet machte auf ihn den Eindruck einer grauen Kröte. Freundlicher war sein Urteil über Roudier; dieser schien ihm ein fettes Schaf, der Major eine alte, zahnlose Dogge. Der merkwürdige Granoux war ein Gegenstand seines fortwährenden Staunens. Er verbrachte einen ganzen Abend damit, seinen Gesichtswinkel zu messen. Wenn er ihn irgendeinen unbestimmten Schimpf gegen die Republikaner, diese Bluthunde, ausstoßen hörte, war er immer gefaßt, ihn blöken zu hören wie ein Kalb, und wenn er ihn sich erheben sah, bildete er sich immer ein, Granoux werde sich auf alle vier werfen und dann den Salon verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So rede doch etwas, sagte leise die Mutter. Trachte die Kundschaft dieser Herren zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin kein Tierarzt, erwiderte er ungeduldig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends nahm Felicité ihn beiseite und versuchte ihm ins Gewissen zu reden. Sie war glücklich darüber, ihn jetzt mit einer gewissen Regelmäßigkeit bei ihr erscheinen zu sehen. Sie glaubte ihn für die Gesellschaft gewonnen, während sie keinen Augenblick das seltsame Vergnügen voraussetzen konnte, das er darin fand, die reichen Leute lächerlich zu machen. Sie nährte die geheime Hoffnung, aus ihm den beliebtesten Arzt in Plassans zu machen. Zu diesem Zwecke werde es genügen, daß Männer, wie Granoux und Roudier ihn in ihren Schutz nahmen. Vor allem wollte sie ihm die politischen Ideen der Familie beibringen, weil sie einsah, daß ein Arzt alles zu gewinnen habe, wenn er ein eifriger Parteigänger jener Regierung wurde, die berufen war, die Republik abzulösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Lieber, sagte sie zu ihm, du bist endlich vernünftig geworden und mußt auch an deine Zukunft denken. Man beschuldigt dich, ein Republikaner zu sein, weil du dumm genug bist, allen Bettlern der Stadt unentgeltlich deinen Beistand zu leihen. Sei offen! Welches sind deine wirklichen politischen Ansichten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal betrachtete seine Mutter mit unverhohlenem Erstaunen. Dann sagte er lächelnd:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine wirklichen Ansichten? Ich weiß es wahrhaftig nicht. Du sagst, man beschuldigt mich, ein Republikaner zu sein; mich beleidigt das ganz und gar nicht. Ich bin es auch, wenn man unter diesen Worten einen Menschen versteht, der aller Welt das Beste wünscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wirst du zu nichts kommen, unterbrach ihn Felicité lebhaft. Man wird dich niedertreten. Sieh doch deine Brüder an; sie trachten, den richtigen Weg einzuschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal begriff, daß er sich wegen seiner Eigennützigkeiten als Gelehrter nicht zu verteidigen habe. Seine Mutter beschuldigte ihn einfach, daß er auf die politische Lage nicht spekuliere. Er ließ ein bitteres Lachen vernehmen, und lenkte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Niemals vermochte Felicité ihn zu bewegen, daß er die Aussichten der verschiedenen politischen Parteien erwäge, oder sich derjenigen anschließe, der seiner Ansicht nach der Sieg zufallen mußte. Er fuhr indessen fort, von Zeit zu Zeit im gelben Salon zu erscheinen. Besonders Granoux war es, der ihn interessierte wie ein vorsintflutliches Tier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen nahmen die Ereignisse ihren Fortgang. Das Jahr 1851 war für die Politiker von Plassans ein Jahr der Angst und des Schreckens, was der geheimen Sache der Rougon nur zum Nutzen gereichte. Es kamen die widersprechendsten Nachrichten aus Paris. Bald waren die Republikaner obenauf, bald wieder vernichtete die konservative&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Partei die Republik. Der Widerhall des Haders, der die gesetzgebende Versammlung zerfleischte, drang bis in die Tiefen der Provinz, an einem Tage vergrößert, am andern Tage verringert, fortwährend wechselnd, so daß selbst die Hellsehenden irre wurden. Doch herrschte das allgemeine Gefühl, daß man vor einer Lösung stehe und die Unkenntnis dieser Lösung war es, die dieses Volk von feigen Spießbürgern in zähneklappernder Besorgnis hielt. Alle sehnten ein Ende herbei. Diese Ungewißheit machte sie krank. Sie wären bereit gewesen, sich dem Großtürken in die Arme zu werfen, wenn der Großtürke geruht hätte, Frankreich vor der Anarchie zu retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Lächeln des Marquis ward immer spitziger. Des Abends näherte er sich im gelben Salon, wenn der Schrecken das Gebrumme des Herrn Granoux immer unverständlicher machte, Felicité und flüsterte ihr ins Ohr:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frucht ist reif, Kleine. Aber ihr müßt euch nützlich machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité, die fortfuhr, die Briefe Eugens zu lesen, und daher wußte, daß die entscheidende Krise von einem Tag zum anderen eintreten könne, hatte die Notwendigkeit, sich nützlich zu machen, oft eingesehen und sich gefragt, wie die Rougon sich nützlich machen würden. Schließlich beriet sie sich hierüber mit dem Marquis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles hängt von den Ereignissen ab, erwiderte der kleine Greis. Wenn der Bezirk ruhig bleibt, wenn keine Erhebung die Stadt umstürzt, wird es euch schwer sein, hervorzutreten und der neuen Regierung Dienste zu erweisen. Ich rate euch daher, ruhig zu Hause zu bleiben und die Nachrichten eures Sohnes Eugen abzuwarten. Allein wenn das Volk sich erhebt und unsere braven Spießbürger sich bedroht glauben, wird es für euch eine hübsche Rolle zu spielen geben. Dein Mann ist ein wenig schwerfällig...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, rief Felicité, ich werde ihn schon geschmeidig machen. Glauben Sie, daß der Bezirk sich erheben wird?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich halte es für sicher. Plassans wird vielleicht ruhig bleiben; die Reaktion ist daselbst zu stark. Allein die benachbarten Städte, Dörfer und Weiler werden seit langer Zeit durch geheime Gesellschaften bearbeitet und gehören zur fortgeschrittenen republikanischen Partei. Wenn ein Staatsstreich losbricht, wird man Sturm läuten in der ganzen Gegend, von den Wäldern des Seillegebirges bis zur Hochebene von Sainte-Roure.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité faßte sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie glauben also, fuhr sie fort, daß eine Erhebung notwendig sei, um unser Glück zu sichern?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist meine Ansicht, erwiderte Herr von Carnavant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fügte mit ironischem Lächeln hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Dynastie kann nur nach dem Umsturze des Bestehenden errichtet werden. Das Blut ist ein guter Dünger. Es wird ganz hübsch sein, wenn die Rougon wie gewisse berühmte Familien ihren Ursprung von einem allgemeinen Gemetzel herleiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesen von einem höhnischen Gekicher begleiteten Worten überlief ein Frösteln Felicités Rücken. Allein sie war ein kluges Weib, und der Anblick der schönen Fenstervorhänge des Herrn Peirotte, die sie jeden Morgen mit einer gewissen andächtigen Regelmäßigkeit betrachtete, hielt ihren Mut aufrecht. Wenn sie sich schwach werden fühlte, trat sie ans Fenster und betrachtete das Haus des Steuereinnehmers. Dies waren ihre Tuilerien. Sie war zu den äußersten Handlungen entschlossen, um in der Neustadt ihren Einzug zu halten, in diesem gelobten Lande, an dessen Schwelle sie seit so vielen Jahren von Begierden verzehrt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterredung, die sie mit dem Marquis gehabt, hellte ihr die Lage vollends auf. Einige Tage später las sie einen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Brief Eugens, in dem dieser Helfershelfer des Staatsstreiches gleichfalls auf eine Erhebung zählte, die seiner Ansicht nach seinem Vater zu einer Bedeutung verhelfen würde. Eugen kannte seine Heimat. Alle seine Ratschläge gingen dahin, in den Händen der Reaktionäre des gelben Salons soviel Einfluß wie möglich zu vereinigen, damit die Rougon im kritischen Augenblicke die Herren der Stadt seien. Nach seinen Wünschen mußte der gelbe Salon im November des Jahres 1851 Herr von Plassans sein. Roudier repräsentierte daselbst das reiche Bürgertum. Seine Haltung würde sicherlich diejenige der ganzen Neustadt bestimmen. Noch wertvoller war Granoux: er hatte den Gemeinderat hinter sich, dessen einflußreichstes Mitglied er war, was leicht eine Vorstellung von den übrigen Mitgliedern dieses Gemeinderates zu geben vermag. Durch den Major Sicardot endlich, den der Marquis zum Befehlshaber der Nationalgarde gemacht hatte, verfügte der gelbe Salon über die bewaffnete Macht. Den Rougon, diesen übel beleumdeten armen Schluckern, war es endlich gelungen, die Werkzeuge ihres Glückes um sich zu vereinigen. Jeder sollte, sei es aus Feigheit, sei es aus Dummheit, ihnen gehorchen und blindlings an ihrer Erhebung tätig sein. Sie hatten nichts zu fürchten als andere Einflüsse, die in demselben Sinne handeln würden wie sie selbst und ihnen so einen Teil an dem Verdienste des Sieges entreißen würden. Das war der Gegenstand ihrer großen Angst, denn sie hatten sich allein die Rolle der Retter zugedacht. Sie wußten im voraus, daß der Adel und die Geistlichkeit sie eher unterstützen als behindern würden. Allein in dem Falle, daß der Unterpräfekt, der Bürgermeister und die übrigen Beamten sich vordrängen und die Erhebung im Keime ersticken würden, wären die Rougon in ihren Verdiensten verkleinert, in ihren Zielen behindert; sie würden weder Zeit noch Mittel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
finden, sich nützlich zu machen. Was sie wünschten, war die vollständige Zurückhaltung, ein allgemeiner Schreck der Beamten. Wenn die ordentliche Verwaltung vollständig verschwand und sie dann eines Tages die Herren der Geschicke von Plassans waren, dann war ihr Glück fest begründet. Glücklicherweise für sie gab es in der Stadtverwaltung nicht einen einzigen Mann, der überzeugt oder arm genug gewesen wäre, um das Spiel zu wagen. Der Unterpräfekt war ein Freigeist, den die vollziehende Gewalt in Plassans vergessen hatte, ohne Zweifel, weil die Stadt einen guten Ruf hatte; von ängstlichem Charakter, wie er war, und unfähig, seine Macht zu einer Gewalttat zu gebrauchen, mußte dieser Mann angesichts einer Empörung allen Halt verlieren. Die Rougon, die da wußten, daß er der Sache der Demokratie günstig gesinnt sei und die daher von seiner Seite keinen besonderen Eifer zu besorgen hatten, waren nur neugierig, welche Haltung er annehmen werde. Der Stadtrat machte ihnen keine Sorge mehr. Der Bürgermeister, Herr Garçonnet, war ein Legitimist, den das Sankt-Markus-Viertel im Jahre 1849 durchgesetzt hatte; er verachtete die Republikaner und behandelte sie sehr geringschätzig; allein er war mit gewissen Mitgliedern der Geistlichkeit zu eng verbunden, um einem bonapartistischen Staatsstreiche seine tätige Mithilfe zu leihen. Die anderen Beamten befanden sich in demselben Falle. Der Friedensrichter, der Postdirektor, der Stadtkassierer, der Steuereinnehmer Herr Peirotte, hatten ihre Stellen sämtlich von der klerikalen Reaktion erhalten und konnten daher das Kaiserreich nicht mit großer Begeisterung hinnehmen. Ohne noch genau zu wissen, wie sie sich dieser Leute entledigen würden, um sich allein in den Vordergrund zu stellen, gaben sich die Rougon großen Hoffnungen hin, indem sie niemanden fanden, der ihnen ihre Retterrolle streitig gemacht hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Lösung nahte. Als in den letzten Tagen des Monats November das Gerücht in Umlauf kam, daß ein Staatsstreich vorbereitet werde und daß der Prinz-Präsident sich zum Kaiser ausrufen lassen wolle, rief Granoux:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gut! Wir werden ihn ausrufen, wenn er diese Lumpenkerle von Republikanern über den Haufen schießen läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Ausruf Granoux&#039;, von dem man glaubte, daß er eingeschlafen sei, rief eine große Bewegung hervor. Der Marquis tat, als habe er nichts gehört; die Spießbürger aber stimmten sämtlich dem gewesenen Mandelhändler zu. Roudier, der nicht Anstand nahm, ganz laut seine Zustimmung zu geben, weil er reich war, erklärte sogar – wobei er Herrn von Carnavant von der Seite anblickte – daß die Lage unhaltbar geworden sei und daß Frankreich »durch welche Hand immer« so bald wie möglich wieder »eingerichtet« werden müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marquis schwieg noch immer und sein Schweigen ward als Zustimmung gedeutet. Der Heerbann der Konservativen ließ denn die Sache der Legitimität im Stich und wagte ganz laut, seine guten Wünsche für das Kaiserreich zu äußern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Freunde! sagte der Major Sicardot sich erhebend, ein Napoleon allein vermag heute die bedrohte Sicherheit der Person und des Eigentums zu schützen. Seien Sie ohne Sorge! Ich habe die nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, damit in Plassans Ordnung herrsche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat hatte der Major im Einvernehmen mit Rougon eine beträchtliche Anzahl von Gewehren samt entsprechendem Schießbedarf in einer Art von Stall in der Nähe der Stadtmauern verborgen; gleichzeitig hatte er sich des Beistandes der Nationalgarden versichert, auf die er zählen zu können glaubte. Seine Worte brachten eine sehr günstige Wirkung hervor. Als die friedfertigen Bürger vom gelben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Salon an diesem Abend auseinandergingen, sprachen sie davon, »die Roten« zu massakrieren, wenn sie sich zu rühren wagen sollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 1. Dezember empfing Peter Rougon einen Brief von seinem Sohne Eugen; mit gewohnter Vorsicht begab er sich in sein Schlafzimmer, um den Brief daselbst zu lesen. Felicité bemerkte, daß er sehr aufgeregt war, als er wieder heraustrat. Den ganzen Tag trieb sie sich um den Schreibtisch herum. Als die Nacht hereinbrach, vermochte sie ihre Ungeduld nicht länger zu meistern. Kaum war ihr Gatte eingeschlafen, als sie den Schlüssel aus seiner Westentasche nahm und, alles Geräusch vermeidend, sich des Briefes bemächtigte. In kurzen zehn Zeilen verständigte Eugen seinen Vater, daß man vor dem Ausbruche der Krise stehe, und riet ihm, die Mutter in die Sachlage einzuweihen. Die Stunde sei gekommen, sie von allem zu unterrichten; er könne ihrer Ratschläge bedürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am folgenden Tage erwartete Felicité eine vertrauliche Mitteilung ihres Gatten, die aber nicht kam. Sie wagte es nicht, ihre Neugierde zu gestehen, fuhr fort, die Nichtwissende zu spielen und schalt im stillen auf das dumme Mißtrauen ihres Gatten, der sie ohne Zweifel für geschwätzig und schwach hielt wie die anderen Weiber. Mit jenem ehemännlichen Stolze, der einem Gatten den Glauben einflößt, daß er im Hause der Überlegene sei, hatte Peter allmählich sich an den Gedanken gewöhnt, alles Mißgeschick der Vergangenheit seiner Frau in die Schuhe zu schieben. Seitdem er sich einbildete, daß er allein die Angelegenheiten seines Hauses leite, schien ihm alles nach seinem Wunsche zu gehen. Darum war er entschlossen, des Rates seiner Gattin sich ganz zu entschlagen und trotz der Empfehlungen seines Sohnes ihr nichts zu vertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité war hierüber dermaßen erbittert, daß sie imstande&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gewesen wäre, dem Unternehmen Hindernisse in den Weg zu legen, wenn sie nicht den Sieg ebenso glühend herbeigesehnt hätte wie ihr Gatte. Sie fuhr also fort, für den Erfolg tätig zu sein, suchte aber sich zu rächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, möchte er doch nur ordentlich Angst bekommen und einen bösen Fehler begehen! ... sagte sie sich. Dann möchte ich ihn wohl sehen, wie er demütig um Rat zu mir kommt ... dann würde ich ihm meine Gesetze diktieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sie beunruhigte, war jene Haltung eines allmächtigen Herren, die er notwendigerweise annehmen würde, wenn er ohne ihren Beistand triumphieren würde. Als sie diesen Bauernsohn – lieber als irgendeinen Notarsgehilfen – zum Gatten nahm, gedachte sie, sich seiner wie eines stark gebauten Hampelmannes zu bedienen, dessen Schnüre sie nach Belieben handhaben würde. Und siehe! jetzt, da der entscheidende Tag gekommen, wollte der Hampelmann in seiner blöden Schwerfälligkeit allein gehen. Die ganze Hinterlistigkeit, die ganze fieberhafte Tätigkeit der kleinen Alten lehnte sich dagegen auf. Sie wußte, daß Peter eines gewalttätigen Entschlusses fähig sei, gleich jenem, den er faßte, als er seine Mutter eine Empfangsbestätigung über fünfzigtausend Franken unterschreiben ließ. Das Werkzeug war gut, weil wenig gewissenhaft; aber sie fühlte das Bedürfnis, es zu leiten, besonders unter den gegenwärtigen Umständen, die viel Geschmeidigkeit erforderten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die amtliche Nachricht von dem Staatsstreiche traf in Plassans erst am Nachmittag des 3. Dezember, einem Donnerstag ein. Schlag sieben Uhr war die ganze Gesellschaft des gelben Salons versammelt. Obgleich man die Krise sehnsüchtig herbeigewünscht hatte, malte sich eine unbestimmte Unruhe in den meisten Gesichtern. In endlosem Geschwätz wurden die Ereignisse erörtert. Bleich und erregt wie die anderen glaubte Peter in einem Übermaße von&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorsicht den entscheidenden Akt des Prinzen Louis Napoleon vor den Legitimisten und Orleanisten entschuldigen zu sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man spricht von einer Berufung an das Volk, sagte er; die Nation wird die Freiheit haben, eine ihr beliebige Regierung zu wählen; ... der Präsident ist der Mann dazu, daß er vor dem Gebote seiner rechtmäßigen Herren sich zurückzieht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marquis allein, der seine ganze vornehme Kaltblütigkeit bewahrt hatte, nahm diese Worte mit einem Lächeln auf; die anderen waren von dem Fieber des Augenblicks ergriffen und kümmerten sich nicht darum, was nachher kommen werde. Alle Meinungen gingen in die Brüche. Roudier vergaß der Zuneigung, die er als ehemaliger Krämer für die Orleans hatte, und unterbrach Peter mit plötzlichen Ausrufungen. Alle schrien durcheinander:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht reden jetzt; denken wir nur daran, die Ordnung aufrecht zu erhalten!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die braven Leute hatten eine heillose Furcht vor den Republikanern. Indes war die Stadt durch die Nachricht von den Parisern Ereignissen nur mäßig erregt worden. Es fanden einige Ansammlungen statt vor den Ankündigungen, die am Tore der Unterpräfektur angeschlagen waren; auch wurde erzählt, daß einige hundert Arbeiter ihre Beschäftigung im Stich gelassen hatten, um den Widerstand zu organisieren. Das war alles. Keine ernste Ruhestörung schien zu drohen. Mehr Sorge verursachte die Frage, welche Haltung die benachbarten Städte und Dörfer annehmen würden, doch war noch unbekannt, in welcher Weise diese den Staatsstreich aufgenommen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen neun Uhr traf Granoux atemlos ein; er kam aus einer dringlich einberufenen Sitzung des Stadtrates. Mit einer vor Erregung zitternden Stimme erzählte er, der Bürgermeister,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Garçonnet, habe unter mannigfachen Vorbehalten sich entschlossen gezeigt, mit den energischsten Mitteln die Ordnung aufrecht zu erhalten. Doch die Nachricht, die den gelben Salon am meisten in Aufregung brachte, war, daß der Unterpräfekt abgedankt hatte. Dieser Beamte hatte sich stracks geweigert, die vom Minister des Innern empfangenen Depeschen der Bevölkerung von Plassans mitzuteilen; er habe soeben die Stadt verlassen, versicherte Granoux weiter, und die Depeschen seien nur auf Anordnung des Bürgermeisters angeschlagen worden. Dies sei vielleicht der einzige Unterpräfekt in Frankreich gewesen, der den Mut einer demokratischen Überzeugung hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Waren die Rougon über die feste Haltung des Herrn Garçonnet im geheimen beunruhigt, so konnten sie andererseits nur schwer ihre Freude über die Flucht des Unterpräfekten verhehlen, der ihnen in dieser Weise das Feld geräumt hatte. In dieser denkwürdigen Zusammenkunft wurde beschlossen, daß die Gruppe vom gelben Salon den Staatsstreich annehme und sich offen für die vollzogenen Tatsachen erkläre. Vuillet wurde beauftragt, einen Artikel in diesem Sinne zu schreiben, den die Zeitung am folgenden Tage veröffentlichen solle. Er und der Marquis machten keinerlei Einwendung. Sie hatten ohne Zweifel ihre Weisungen von geheimnisvollen Persönlichkeiten erhalten, auf die sie manchmal eine ehrfurchtsvolle Anspielung machten. Die Geistlichkeit und der Adel waren schon bereit, den Siegern ihren Beistand zu leihen, um die Republik, diese gemeinsame Feindin, zu zertreten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der gelbe Salon an diesem Abend über seine künftige Haltung beriet, litt Aristides eine Höllenangst. Nie hatte ein Spieler, der sein letztes Goldstück auf eine Karte setzte, in solcher Aufregung gelebt. Der Rücktritt seines&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorgesetzten hatte ihm schon im Laufe dieses Tages viel zu denken gegeben. Er hatte ihn mehrere Male wiederholen hören, daß der Staatsstreich mißlingen müsse. Dieser ehrliche, aber geistig beschränkte Beamte glaubte an den schließlichen Sieg des Volkstums, ohne indes den Mut zu besitzen, durch seinen Widerstand diesen Sieg zu fördern. Aristides horchte gewöhnlich an den Türen der Unterpräfektur, um genau unterrichtet zu sein. Er fühlte, daß er im Dunkeln tappe, und klammerte sich an die Nachrichten, die er der Verwaltung stahl. Die Ansicht des Unterpräfekten überraschte ihn, aber er blieb nichtsdestoweniger sehr verwirrt und unentschlossen. Er fragte sich: »Weshalb geht er, wenn er des Unterliegens des Prinz-Präsidenten so sicher ist?« Da er indes einen Entschluß fassen mußte, entschied er sich dafür, seinen Widerstand fortzusetzen. Er schrieb einen sehr heftigen Artikel gegen den Staatsstreich und brachte ihn noch am nämlichen Abend zum »Unabhängigen«, um ihn am folgenden Tage erscheinen zu lassen. Er hatte eben den Abzug dieses Artikels durchgesehen und ging nach seiner Wohnung, als er durch die Banne-Straße kommend unwillkürlich den Kopf erhob und nach den Fenstern der Rougon blickte. Die Fenster waren hell erleuchtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sie da oben wohl zusammenbrauen mögen? fragte sich der Journalist neugierig und besorgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine wahnsinnige Neugierde erfaßte ihn, die Meinung des gelben Salons über die neuesten Ereignisse kennen zu lernen. Er hielt nicht viel von dem Verständnis dieser reaktionären Gruppe; allein er schwankte wieder in seinen Zweifeln; es war eine jener Stunden über ihn gekommen, in denen man bereit ist, sich selbst mit einem vierjährigen Kinde zu beraten. Nachdem er Granoux und alle anderen bekriegt hatte, konnte er nicht daran denken, in diesem Augenblicke bei seinem Vater zu erscheinen. Nichtsdestoweniger&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ging er hinauf und dachte, daß er ein sonderbares Gesicht machen müsse, wenn ihn jemand auf der Treppe überraschen werde. Vor der Türe der Rougon konnte er nur ein unbestimmtes Gewirre von Stimmen vernehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin wahrhaftig ein Kind, sagte er sich; die Furcht raubt mir den Verstand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war im Begriffe wieder hinabzugehen, als er die Stimme seiner Mutter vernahm, die jemanden hinausgeleitete. Er hatte knapp Zeit, sich unter der kleinen Stiege zu verbergen, die nach dem Dachboden des Hauses führte. Die Türe ging auf und es erschien der Marquis, begleitet von Felicité. Herr von Carnavant ging in der Regel früher nach Hause als die kleinen Rentiers der Neustadt, ohne Zweifel, um nicht auf der Straße Händedrücke austeilen zu müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, Kleine! sagte der Marquis auf dem Treppenflur, indem er seine Stimme dämpfte, die Leute sind noch mattherziger, als ich gedacht; bei solchen Menschen wird Frankreich immer dem gehören, der den Mut hat, es sich in die Tasche zu stecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fügte bitter hinzu, als rede er mit sich selbst:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Monarchie ist für die heutigen Zeiten entschieden zu rechtschaffen geworden. Ihre Zeit ist vorüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eugen hatte seinem Vater die Krise angekündigt, sagte Felicité. Der Sieg des Prinzen Louis scheint ihm sicher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, ihr könnt kühn vorwärts schreiten; in zwei oder drei Tagen wird das Land erwürgt sein. Auf Wiedersehen bis morgen, Kleine!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité schloß die Türe. Aristides war in seinem dunkeln Versteck wie geblendet. Wie ein Wahnsinniger stürmte er die Treppe hinab und geraden Weges nach der Druckerei des »Unabhängigen«. Eine Flut von Gedanken wogte in seinem Schädel. Wütend beschuldigte er seine Familie, ihn betrogen zu haben. Wie? Eugen hielt seine Eltern über die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lage auf dem laufenden und seine Mutter hatte ihn niemals die Briefe seines älteren Bruders lesen lassen, dessen Ratschläge er blindlings befolgt haben würde! Zu dieser Stunde erst mußte er zufällig erfahren, daß dieser ältere Bruder den Erfolg des Staatsstreiches als sicher betrachtete. Dies bekräftigte übrigens in ihm nur gewisse Ahnungen, denen er nur wegen dieses schwachköpfigen Unterpräfekten kein Gehör geschenkt hatte. Am meisten war er über seinen Vater erbittert, den er für dumm genug gehalten hatte, um ihn für einen Legitimisten zu halten, während er sich jetzt im geeigneten Augenblicke als Bonapartist entpuppte!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie viele Dummheiten hat man mich begehen lassen! brummte er dahineilend. Ich sitze ordentlich in der Tinte. Ach, welche Lehre! Granoux ist mir überlegen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ein Wirbelwind stürmte er in die Büros des »Unabhängigen« hinein und forderte mit erregter Stimme seinen Artikel zurück. Der Artikel war schon in Spalten geordnet. Er ließ die Form auseinandernehmen und war nicht eher beruhigt, als bis er selbst den Artikel vernichtete, indem er die Lettern durcheinanderwarf wie die Dominosteine. Der Verleger sah diesem Treiben mit verblüffter Miene zu. Im Grunde war es ihm recht, denn der Artikel hatte ihm gefährlich geschienen. Aber er brauchte Stoff, wenn er wollte, daß der »Unabhängige« erscheine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werden Sie mir statt dessen etwas anderes geben? sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewiß, erwiderte Aristides.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er setzte sich an einen Tisch und begann eine begeisterte Lobrede auf den Staatsstreich zu schreiben. Gleich in den ersten Zeilen schwor er, daß Prinz Louis die Republik gerettet habe. Doch kaum hatte er eine Seite geschrieben, als er innehielt und die Fortsetzung zu suchen schien. Sein Mardergesicht drückte lebhafte Unruhe aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich muß nach Hause gehen, sagte er endlich; ich werde Ihnen den Schluß bald schicken; im schlimmsten Falle werden Sie morgen etwas später erscheinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Hause ging er in Gedanken verloren lange hin und her. Die Unentschlossenheit hatte sich seiner wieder bemächtigt. Warum sollte er sich ihnen so rasch anschließen? Eugen war allerdings ein gescheiter Junge, aber es war immerhin möglich, daß seine Mutter die Tragweite eines Satzes in Eugens Briefe überschätzt hatte. In jedem Falle war es besser, zu warten und zu schweigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Stunde später kam Angela in die Druckerei gelaufen; sie schien in großer Aufregung zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Mann hat sich arg verletzt, sagte sie. Als er heimkam, klemmte er sich vier Finger in der Türe ein. Unter den schrecklichsten Schmerzen hat er mir diese kleine Notiz diktiert, die er Sie im Morgenblatte zu veröffentlichen bittet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am folgenden Tage erschien der »Unabhängige« fast ganz mit »vermischten Nachrichten« angefüllt; an der Spitze des Blattes aber war folgende Notiz zu lesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein bedauerlicher Unfall, der unserem ausgezeichneten Mitarbeiter Herrn Aristides Rougon zugestoßen, wird uns durch einige Zeit seiner Artikel berauben. Es wird ihm schwer fallen, unter den augenblicklichen ernsten Verhältnissen Stillschweigen zu beobachten; doch wird sicherlich keiner unserer Leser an seinen patriotischen Wünschen für das Wohlergehen Frankreichs zweifeln.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese vieldeutige Notiz war von Aristides reiflich erwogen worden. Der letzte Satz konnte zugunsten einer jeden Partei ausgelegt werden. In dieser Weise sicherte sich Aristides nach dem Siege einen ungetrübten Wiedereintritt in sein Blatt durch eine Lobrede auf die Sieger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am folgenden Tage zeigte er sich in der ganzen Stadt mit dem Arm in der Binde. Infolge der Notiz eilte seine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mutter erschrocken herbei; doch weigerte er sich, ihr seine Hand zu zeigen und sprach zu ihr mit einer gewissen Bitterkeit, die die alte Frau sogleich aufklärte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird nichts sein, sagte sie, indem sie ihn beruhigt verließ. Du bedarfst nur der Ruhe, fügte sie einigermaßen spöttisch hinzu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der »Unabhängige« hatte es ohne Zweifel diesem vorgeblichen Unfall seines Redakteurs und der Abreise des Unterpräfekten zu danken, daß er nicht behelligt wurde wie die meisten demokratischen Blätter der Provinz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der 4. Dezember verlief in Plassans in verhältnismäßiger Ruhe. Am Abend fand eine Kundgebung des Volkes statt; doch das bloße Erscheinen der Gendarmen genügte, die Ansammlung zu zerstreuen. Eine Gruppe von Arbeitern hatte von Granoux die Mitteilung der aus Paris eingelangten Depeschen gefordert; doch dieser weigerte sich hochmütig. Die Leute zogen ab und riefen: »Es lebe die Republik! Es lebe die Verfassung!« Dann wird wieder alles ruhig. Der gelbe Salon besprach lange diesen harmlosen Spaziergang des Volkes und erklärte sich schließlich mit dem Gange der Dinge hoch befriedigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beunruhigender ließen sich die Tage vom 5. und 6. Dezember an. Man bekam allmählich Nachricht von dem Aufstande der benachbarten kleinen Städte. Der ganze Süden des Bezirks griff zu den Waffen; La Palud und Saint-Martin-de-Vaulx hatten sich zuerst erhoben und die Dörfer Chavanos, Nazères, Poujols, Valqueyras, Vernoux mitgerissen. Der gelbe Salon erschrak ernstlich. Die Leute ängstigte vornehmlich die Tatsache, daß Plassans vereinsamt inmitten dieses Herdes der Empörung lag. Es war vorauszusehen, daß aufrührerische Banden die Gegend durchziehen und allen Verkehr unterbrechen würden. Granoux erzählte mit verstörter Miene, der Herr Bürgermeister sei ohne&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachrichten. Leute wußten zu erzählen, das Blut fließe in den Straßen von Marseille, und eine fürchterliche Revolution sei in Paris ausgebrochen. Der Major Sicardot war entrüstet über die Mattherzigkeit dieser Spießbürger und rief, er sei bereit, an der Spitze seiner Leute zu sterben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 7. Dezember, einem Sonntag, erreichte der Schreck seinen Höhepunkt. Im gelben Salon, wo eine Art reaktionäres Komitee dauernd tagte, versammelte sich von sechs Uhr ab eine Menge schreckensbleicher, angstbebender Menschen, die leise untereinander flüsterten wie in einem Totenzimmer. Man hatte im Laufe des Tages erfahren, daß eine Bande Aufständischer, etwa dreitausend Mann stark, in Alboise, einem drei Stunden entfernten Dorfe, sich angesammelt habe. In Wahrheit wurde nur erzählt, daß diese Bande, Plassans links lassend, nach dem Hauptorte des Bezirks zu marschieren beabsichtige; allein dieser Feldzugsplan konnte ja auch geändert werden und übrigens genügte es diesen feigen Rentenbesitzern, die Aufständischen in einer Entfernung von einigen Kilometern zu wissen, damit sie sich einbildeten, daß rohe Arbeiterfäuste sie schon an der Kehle faßten. Sie hatten schon am Morgen einen Vorgeschmack von der Empörung gehabt; als nämlich die wenigen Republikaner in Plassans sahen, daß sie in der Stadt nichts Ernstliches unternehmen könnten, hatten sie beschlossen, zu ihren Brüdern in La Palud und Saint-Martin-de-Baulx zu stoßen; eine erste Gruppe war gegen elf Uhr, die Marseillaise singend und einige Fensterscheiben einwerfend, durch das römische Tor abgezogen. Herrn Granoux war ebenfalls ein Fenster eingeworfen worden, und er erzählte dieses Ereignis schreckensbleich seinen Gesinnungsgenossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gesellschaft des gelben Salons war in lebhafter Angst. Der Major hatte seinen Diener ausgesendet, um genaue&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erkundigungen über den Marsch der Aufrührer einzuholen; man erwartete die Rückkehr dieses Mannes und erging sich inzwischen in erstaunlichsten Vermutungen. Die Versammlung war vollzählig; Roubier und Granoux saßen schier regungslos in ihren Sesseln und warfen einander Jammerblicke zu, während hinter ihnen die erschrockene Gruppe der Kaufleute im Ruhestande schwere Seufzer ausstieß. Vuillet schien nicht allzusehr erschrocken und dachte über die Maßregeln nach, die er ergreifen werde, um seinen Geschäftsladen und seine Person zu schützen; er erwog, ob er sich in seinem Speicher oder in seinem Keller verbergen solle, und neigte dem Keller zu. Peter und der Major schritten im Salon auf und ab und tauschten von Zeit zu Zeit eine Bemerkung aus. Der ehemalige Ölhändler klammerte sich an seinen Freund Sicardot, um bei diesem Mut zu schöpfen. Er, der seit so langer Zeit die Krise erwartete, suchte sich jetzt eine feste Haltung zu geben, obgleich die Aufregung ihm die Kehle zuschnürte. Was den Marquis betrifft, so war er geschniegelter und heiterer als je und plauderte in einem Winkel mit Felicité, die sehr aufgeräumt schien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich ward geläutet. Die Herren erschraken, als hätten sie einen Flintenschuß gehört. Während Felicité hinausging, um zu öffnen, herrschte Grabesstille in dem Salon; die bleichen, angstvollen Gesichter wandten sich der Tür zu. Der Diener des Majors erschien auf der Schwelle; er war völlig außer Atem und rief seinem Herrn zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Major! In einer Stunde werden die Aufständischen hier sein!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wirkte wie ein Donnerschlag, Alle fuhren schreiend empor und streckten die Hände gen Himmel. Es währte einige Minuten, bis man sich verständlich machen konnte. Man umdrängte den Boten und bestürmte ihn mit Fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tausend Teufel, jammert doch nicht so! schrie der Major. Ruhe, oder ich stehe für nichts!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle sanken auf ihre Sessel zurück und stießen schwere Seufzer aus. Jetzt erst konnte man einige Einzelheiten erfahren. Der Bote war dem Trupp der Aufständischen bei Tulettes begegnet und hatte sich beeilt, zurückzukehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind mindestens dreitausend, meldete er. Sie marschieren in Bataillonen wie die Soldaten. Ich glaube, auch Gefangene bei ihnen gesehen zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gefangen! schrien die entsetzten Spießbürger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Zweifel, sagte der Marquis mit seiner dünnen Stimme; man hat mir erzählt, daß sie die Leute verhaften, die wegen ihrer konservativen Gesinnungen bekannt sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser Nachricht erreichte die Bestürzung des gelben Salons ihren Höhepunkt. Einige Bürger erhoben sich und erreichten verstohlen die Türe; sie dachten wohl, es sei die höchste Zeit, ein sicheres Versteck zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kunde von den Verhaftungen, welche die Aufständischen bewerkstelligten, schien Felicité zu erschrecken. Sie zog den Marquis beiseite und fragte ihn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machen denn diese Leute mit ihren Gefangenen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schleppen sie als Geiseln mit sich, erwiderte Herr von Carnavant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ah! rief die Alte mit eigentümlicher Betonung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie beobachtete mit nachdenklicher Miene die seltsame Schreckensszene in ihrem Salon. Allmählich drückten sich die Spießbürger; bald blieben nur Vuillet und Roudier, denen die Nähe der Gefahr einigen Mut wiedergab. Auch Granoux blieb in seinem Winkel sitzen; seine Beine wollten ihn nicht tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meiner Treu, mir ist&#039;s lieber so, sagte der Major, als er die Flucht der übrigen Anhänger sah. Diese Feiglinge ärgerten mich schon zu sehr. Seit zwei Jahren reden sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
davon, daß sie alle Republikaner der Gegend erschießen lassen wollen und würden heute nicht den Mut haben, eine Rakete um zwei Sous vor ihnen abzubrennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er nahm seinen Hut und wandte sich zur Türe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen Sie, Rougon, die Zeit drängt! sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité schien auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Sie warf sich zwischen die Türe und ihren Gatten, der sich übrigens nicht sonderlich beeilte, dem schrecklichen Major zu folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich will nicht, daß du gehest! schrie sie, eine tiefe Verzweiflung heuchelnd. Ich werde niemals zugeben, daß du mich verläßt. Die Halunken würden dich töten!...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Major blieb verwundert stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verdammt! brummte er; jetzt fangen gar die Weiber an zu winseln... Kommen Sie, Rougon!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein! fuhr die Alte fort, eine immer größere Angst zur Schau tragend; er soll Ihnen nicht folgen: ich werde mich an seinen Rock klammern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr überrascht von dieser Szene, beobachtete der Marquis neugierig Felicité. War das dieselbe Frau, die soeben so heiter geplaudert hatte? Welche Komödie spielte sie? Peter aber tat, als wolle er trotz dem Widerstände seines Weibes mit aller Gewalt gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du sollst nicht gehen! wiederholte die Alte und faßte ihn am Arme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann sagte sie zum Major:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie können Sie an Widerstand denken? Jene sind dreitausend und Sie bringen nicht hundert mutige Männer zusammen! Sie werden sich ganz unnütz abschlachten lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist unsere Pflicht, sagte Sicardot ungeduldig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité brach in Tränen aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie ihn töten, wenn sie ihn zum Gefangenen machen, fuhr sie fort, indem sie ihren Gatten fest anschaute;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mein Gott, was soll denn aus mir werden, allein in dieser verlassenen Stadt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber glauben Sie denn, rief der Major, daß wir weniger eingesperrt werden, wenn wir den Aufständischen gestatten, ruhig in die Stadt einzudringen? Ich schwöre Ihnen, daß nach Verlauf von nur einigen Stunden der Bürgermeister und alle städtischen Beamten im Loch sitzen werden, von Ihrem Gatten und den regelmäßigen Gästen dieses Salons nicht zu reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marquis glaubte ein flüchtiges Lächeln auf den Lippen Felicités zu sehen, während sie mit entsetzter Miene entgegnete:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie glauben?...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Gott, ja, fuhr Sicardot fort; die Republikaner sind nicht so dumm, daß sie ihre Feinde in ihrem Rücken lassen. Morgen sind alle Beamten und gutgesinnten Bürger aus Plassans verschwunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesen Worten, die sie in sehr geschickter Weise herbeigeführt hatte, ließ Felicité den Arm ihres Gatten fahren. Peter machte Miene, wegzugehen. Dank seiner Gattin, deren geschickte Taktik ihm übrigens entging und von deren geheimem Einverständnis er keine Ahnung hatte, war ihm plötzlich ein ganzer Feldzugsplan enthüllt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen die Sache überlegen, ehe wir einen Entschluß fassen, sagte er dem Major. Meine Frau hat vielleicht nicht ganz unrecht, wenn sie uns beschuldigt, daß wir die Interessen unserer Familien außer acht lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, gewiß, Ihre Frau hat nicht unrecht, rief Granoux, der die Schreckensrufe Felicités mit dem Entzücken des Feiglings vernommen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Major stülpte sich den Hut auf den Kopf und sagte entschieden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob recht oder unrecht, was liegt daran? Ich bin Kommandant&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Nationalgarde, ich sollte schon auf dem Bürgermeisteramte sein. Gesteht wenigstens, daß ihr Angst habt und mich verlaßt. Guten Abend denn!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er legte die Hand an die Klinke, als Rougon ihn mit lebhafter Gebärde zurückhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hören Sie mich, Sicardot, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er zog ihn in einen Winkel, weil er sah, daß Vuillet die breiten Ohren spitzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier erklärte er ihm mit leiser Stimme, daß es ein Gebot der Vorsicht sei, hinter den Aufständischen einige energische Männer zurückzulassen, die in der Stadt die Ordnung wiederherstellen könnten. Weil der tollkühne Kommandant dabei beharrte, seinen Posten nicht verlassen zu wollen, machte er sich selbst erbötig, sich an die Spitze der Reservetruppen zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geben Sie mir, sagte er, den Schlüssel der Scheune, wo Sie die Gewehre und den Schießbedarf in Verwahrung haben, und geben Sie fünfzig Leuten von unseren Anhängern den Befehl, sich nicht zu rühren, bis ich sie rufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sicardot willigte schließlich in diese Vorsichtsmaßnahmen ein. Er vertraute dem Rougon den Schlüssel der Scheune an; er sah ein, daß für den Augenblick jeder Widerstand nutzlos sei, aber er wollte dennoch mit seiner Person einstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieser Unterredung flüsterte der Marquis mit schlauer Miene einige Worte in das Ohr Felicités; ohne Zweifel beglückwünschte er sie zu ihrer List. Die Alte konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Als sie sah, wie Sicardot ihrem Gatten zum Abschiede die Hand reichte und sich zum Gehen anschickte, rief sie ihm mit verstörter Miene zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verlassen uns wirklich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals wird ein alter Soldat Napoleons sich durch den Pöbel einschüchtern lassen, erwiderte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war schon auf dem Flur, als Granoux ihm nachschrie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Sie aufs Rathaus gehen, verständigen Sie den Bürgermeister von den Vorgängen. Ich eile nach Hause, um meine Frau zu beruhigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité hatte sich zum Ohr des Marquis geneigt und flüsterte ihm mit geheimer Freude zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meiner Treu, es ist mir lieb, wenn der Major sich fassen läßt. Er ist gar zu tollkühn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile hatte Rougon den Granoux wieder in den Salon zurückgeführt. Roudier, der aus seinem Winkel die ganze Szene still beobachtet und mit energischen Zeichen seine Zustimmung zu den vorgeschlagenen Vorsichtsmaßnahmen ausgedrückt hatte, trat jetzt zu ihnen. Als der Marquis und Vuillet sich ebenfalls erhoben hatten, sprach Peter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wir allein sind unter friedfertigen Leuten, schlage ich Ihnen vor, daß wir uns verbergen, um der sicheren Haft zu entgehen und dann frei zu sein, wenn wir die Stärkeren sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux mußte sich zurückhalten, um ihm nicht um den Hals zu fallen; Roudier und Vuillet atmeten wieder auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich werde Ihrer demnächst wieder bedürfen, meine Herren, fuhr der Ölhändler mit wichtiger Miene fort; uns ist es eben vorbehalten, die Ordnung in Plassans wieder herzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zählen Sie auf uns! rief Vuillet mit einer Begeisterung, die Felicité beunruhigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeit drängte. Die seltsamen Verteidiger von Plassans, die sich verbargen, um ihre Stadt besser verteidigen zu können, beeilten sich, ihre Schlupfwinkel aufzusuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter mit seiner Frau allein geblieben war, empfahl er ihr, nicht den Fehler zu begehen, das Haus zu verrammeln, und wenn man nach ihm fragen sollte, zu antworten, daß er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eine kleine Reise unternommen habe. Als sie die Unwissende spielte und einigen Schrecken heuchelte, erwiderte er ihr auf ihre Frage, was denn vorgehe, in schroffem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das geht dich nichts an, laß mich unsere Angelegenheiten allein führen, es ist besser so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Minuten später eilte er durch die Banne-Straße. Auf der Promenade Sauvaire angekommen, sah er eine Bande bewaffneter Arbeiter aus dem alten Quartier hervorbrechen, welche die Marseillaise sangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Wetter! es war die höchste Zeit, dachte er. Die Stadt erhebt sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er beschleunigte seine Schritte nach dem römischen Tor zu. Hier trat ihm kalter Schweiß auf die Stirne, als er sah, mit welcher Langsamkeit der Torwart ihm öffnete. Kaum auf der Heerstraße angelangt, bemerkte er beim Mondlicht am andern Ende der Vorstadt die Aufständischen heranziehen, deren Gewehre im Mondschein blinkten. Im Laufschritt erreichte er das Sankt-Mittre-Gäßchen, und hier betrat er das Haus seiner Mutter, wo er seit vielen Jahren nicht gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Viertes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
Nach dem Sturze Napoleons war Antoine Macquart nach Plassans zurückgekehrt. Er hatte das unglaubliche Glück gehabt, keinen einzigen der letzten mörderischen Feldzüge des Kaiserreiches mitzumachen. Er hatte sich von Depot zu Depot geschleppt, nichts hatte ihn seinem trägen Soldatenleben entfremdet. Dieses Leben entwickelte vollends seine natürlichen Laster. Seine Trägheit ward zur Methode, seine Trunksucht, die ihm eine zahllose Menge von Abstrafungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eingetragen hatte, wurde von da ab für ihn eine wahre Religion. Aber den schlimmsten Kerl machte aus ihm seine große Mißachtung für die armen Teufel, die durch ihre ehrliche Arbeit ihr Brot verdienten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Geld in meiner Heimat, sagte er oft zu seinen Kameraden; wenn meine Dienstzeit um ist, werde ich zu Hause ein Spießbürgerleben führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zuversicht und seine krasse Unwissenheit hinderten ihn, auch nur den Grad eines Korporals zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem er zum Kriegsdienst eingerückt war, hatte er keinen einzigen Tag in Plassans zugebracht, weil sein Bruder tausend Vorwände zu ersinnen wußte, um ihn von da fernzuhalten. Darum wußte er auch nichts von der pfiffigen Art und Weise, wie Peter sich das Vermögen ihrer Mutter angeeignet hatte. In der tiefen Gleichgültigkeit, in welcher Adelaide lebte, hatte sie ihrem Sohn Antoine kaum dreimal geschrieben und auch dann nur, um ihm einfach mitzuteilen, daß sie sich wohl befinde. Das Stillschweigen, mit dem seine häufigen Geldforderungen aufgenommen wurden, machte ihn nicht argwöhnisch, denn er kannte zur Genüge den Geiz Peters, um sich die Schwierigkeit zu erklären, mit welcher er von Zeit zu Zeit ein elendes Zwanzigfrankenstück zu erpressen vermochte. Dies steigerte übrigens nur noch seinen Groll gegen seinen Bruder, der ihn beim Militär verkommen ließ, obgleich er ihm in aller Form versprochen hatte, ihn loszukaufen. Als er heimkehrte, schwor er unterwegs, nimmer zu gehorchen, wie ein Knabe, sondern keck seinen Anteil zu fordern, um behaglich leben zu können. In dem Stellwagen, der ihn nach Hause brachte, träumte er ein köstliches Leben der Trägheit. Der Einsturz seiner Luftschlösser war schrecklich für ihn. Als er in der Vorstadt ankam und die Gartenwirtschaft der Foucque nicht wiedererkannte, stand er wie vom Donner gerührt da. Er mußte sich nach der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
neuen Wohnung seiner Mutter erkundigen. Hier gab es dann eine schreckliche Szene. Adelaide erzählte ihm ganz ruhig, daß das unbewegliche Gut verkauft worden sei. Darob erboste er sich in dem Maße, daß er die Hand gegen seine Mutter erhob.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die arme Frau versicherte ihm ein um das andere Mal:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dein Bruder hat alles genommen und wird für dich Sorge tragen, das ist ausbedungen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich ging er und eilte zu Peter, den er von seiner Heimkehr verständigt hatte und der sich darauf vorbereitete, ihn in einer Weise zu empfangen, daß er beim ersten groben Worte für immer mit ihm fertig werden solle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hören Sie, sagte ihm der Ölhändler, indem er tat, als wolle er ihn nicht mehr duzen, regen Sie mir nicht die Galle auf, sonst setze ich Sie vor die Türe. Im Grunde kenne ich Sie gar nicht, wir führen nicht den nämlichen Namen. Es ist schon schlimm genug für mich, daß meine Mutter sich schlecht aufgeführt hat; ihre Bastarde brauchen nicht noch hierher zu kommen, um mich zu beschimpfen. Ich hatte gute Absichten mit Ihnen; da Sie aber unverschämt sind, werde ich nichts, gar nichts für Sie tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine glaubte vor Zorn ersticken zu müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mein Geld! schrie er. Willst du es mir zurückgeben, oder muß ich dich vor die Gerichte zerren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter zuckte mit den Achseln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe kein Geld von Ihnen, erwiderte er immer ruhiger. Meine Mutter hat über ihr Vermögen verfügt, wie sie es für gut fand. Es steht mir nicht zu, mich in ihre Angelegenheiten zu mengen. Ich habe freiwillig auf alle Erbschaftshoffnungen verzichtet und habe Ihre schmutzigen Anklagen nicht zu fürchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der andere, durch die Kaltblütigkeit erbittert, unzusammenhängendes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeug stammelte und nicht mehr wußte, was er glauben sollte, hielt er ihm den Empfangschein vor die Nase, den Adelaide unterschrieben hatte. Dieses Schriftstück schmetterte Antoine vollends nieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist gut, sagte er fast ruhig, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Wahrheit wußte er aber nicht, wozu er sich entschließen solle. Seine Ohnmacht, ein Mittel zu finden, wie er sich sogleich in den Besitz seines Anteils setzen und sich rächen sollte, stachelte seine Wut noch mehr an. Er kehrte zu seiner Mutter zurück und unterzog sie einem schmachvollen Verhör. Die unglückliche Frau konnte aber nichts tun, als ihn wieder zu Peter schicken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glaubt ihr, ihr würdet mich mit leeren Reden abfertigen können? schrie er. Ich will es schon herauskriegen, wer von euch beiden das Geld hat. Du hast vielleicht schon alles aufgefressen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem er Anspielungen auf ihre frühere unordentliche Lebensführung machte, fragte er sie, ob sie nicht irgendeinen Schatz habe, dem sie ihre letzten Pfennige zustecke? Er schonte selbst seinen Vater nicht, diesen Trunkenbold Macquart, wie er ihn nannte, der sicherlich bis zu seinem Tode gesoffen und dann seine Kinder im Elend zurückgelassen habe. Das arme Weib hörte mit blöder Miene diese Reden an, und schwere Tränen rannen über ihre Wangen hinab. Sie verteidigte sich in kindischem Schrecken und antwortete auf die Fragen ihres Sohnes wie auf die eines Richters; sie schwor, daß sie sich ordentlich aufführe, und wiederholte immer wieder, daß sie keinen Sou besitze, daß Peter alles genommen habe. Schließlich schenkte ihr Antoine fast Glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist das ein Gauner! brummte er, deswegen also hat er mich nicht losgekauft!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er mußte in der Behausung seiner Mutter übernachten, auf einem Strohsack, den man ihm in einen Winkel geworfen hatte. Er war mit ganz leeren Taschen heimgekehrt; am meisten erbitterte ihn das Gefühl, ohne jede Hilfe und ohne Obdach zu sein, verlassen wie ein Hund auf der Gasse, während sein Bruder – wie er meinte – schöne Geschäfte machte und ein Schlemmerleben führte. Da er kein Geld hatte, um sich Kleider zu kaufen, ging er am nächsten Tage mit seiner Soldatenhose und seinem Käppi aus. Dazu trug er eine alte Jacke von gelbem Samt, die er in einem Schrank gefunden und die einst Macquart gehört hatte. In diesem seltsamen Anzug rannte er durch die Straßen der Stadt, erzählte jedermann sein Schicksal und forderte laut Gerechtigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leute, die er zu Rate zog, empfingen ihn mit einer Geringschätzung, die ihm Tränen der Wut erpreßte. In der Provinz ist man unerbittlich gegen zugrunde gegangene Familien. Die öffentliche Meinung sagte, daß die Rougon-Macquart sich untereinander auffräßen; die Umgebung würde, anstatt sie zu trennen, sie weit eher angeeifert haben, einander zu zerfleischen. Nur Peter begann sich von dem Erbmakel zu reinigen. Man lachte über seinen Gaunerstreich. Einige gingen so weit zu behaupten, daß er recht getan, wenn er sich wirklich des Geldes bemächtigt hätte, und daß dies für die verlumpten Leute in der Stadt eine gute Lehre sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine kehrte entmutigt heim. Ein Advokat hatte ihm voll Widerwillen geraten, die Familie möge ihre schmutzige Wäsche zu Hause besorgen. Der Rechtsanwalt hatte dieses Gutachten abgegeben, nachdem er sich erkundigt hatte, ob Antoine auch die Mittel zur Führung eines Prozesses besitze. Er meinte, die Angelegenheit sei sehr verworren, werde sehr viele Scherereien verursachen, und der Erfolg sei&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schließlich dennoch zweifelhaft, und im übrigen sei dazu Geld, viel Geld notwendig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend dieses Tages war Antoine noch härter gegen seine Mutter; da er nicht wußte, an wem er sich rächen solle, wiederholte er seine gestrigen Anklagen gegen sie. Er hielt die Unglückliche bis Mitternacht fest, daß sie vor Angst am ganzen Leibe zitterte. Da sie ihm erzählt hatte, daß Peter ihr eine Pension zahle, wurde es für ihn zur Gewißheit, daß sein Bruder die fünfzigtausend Franken eingesackt habe. Allein in seiner Erregtheit tat er, als zweifle er noch. Diese Steigerung der Bosheit bot ihm Erleichterung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hörte nicht auf, sie mit argwöhnischer Miene zu befragen, indem er tat, als glaube er noch immer, daß sie sein Vermögen mit Liebhabern vergeudet habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater war wohl nicht der einzige, sagte er endlich roh.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesem letzten Schlage sank sie auf eine alte Kiste hin, wo sie die ganze Nacht schluchzend liegen blieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine begriff alsbald, daß er allein und ohne Hilfsmittel den Kampf mit seinem Bruder nicht aufnehmen könne. Er versuchte anfänglich, Adelaide für seine Sache zu gewinnen. Eine von ihr ausgehende Klage würde sicherlich ernste Folgen für Peter gehabt haben; allein das arme Weib in seiner Schwäche und seinem Stumpfsinn lehnte bei den ersten Worten Antoines energisch die Zumutung ab, ihren ältesten Sohn zu behelligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin eine Unglückliche, stammelte sie, du hast ganz recht, wenn du dich erzürnst. Allein es wäre zu viel für mein Gewissen, wenn ich eines meiner Kinder dem Gefängnisse überliefern müßte. Nein, da ist es mir lieber, daß du mich prügelst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er begriff, daß er ihr höchstens Tränen erpressen könne und begnügte sich daher hinzuzufügen, daß die gerechte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Strafe sie ereilt habe und daß er kein Mitleid mit ihr fühle. Von dem fortwährenden Gezänk ihres Sohnes erschüttert, bekam Adelaide am Abend einen ihrer nervösen Anfälle, der sie steif, mit offenen Augen, wie eine Tote hinstreckte. Der junge Mensch warf sie auf ihr Lager, ohne ihr auch nur durch Lösung des Schnürleibes einige Erleichterung zu verschaffen; dann begann er im Hause zu suchen, ob die Unglückliche nicht irgendwo Ersparnisse verborgen habe. Er fand eine Summe von ungefähr vierzig Franken. Er bemächtigte sich dieses Geldes; während seine Mutter starr und bewußtlos liegen blieb, mietete er sich auf dem nach Marseille verkehrenden Stellwagen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er dachte sich, daß Mouret, jener Hutmacher, der seine Schwester Ursula geheiratet hatte, über den Gaunerstreich Peters entrüstet sein müsse und sicherlich bereit sein werde, die Interessen seiner Gattin zu verteidigen. Allein er fand in Mouret nicht den Mann, auf den er gezählt hatte. Der Hutmacher erklärte rund heraus, er habe sich an den Gedanken gewöhnt, Ursula als eine Waise zu betrachten, und daß er unter keinen Umständen mit seiner Familie zu schaffen haben wolle. Die Verhältnisse des Ehepaares gestalteten sich übrigens erfreulich. Als Antoine sah, daß er sehr kühl empfangen wurde, beeilte er sich, seinen Platz auf dem Stellwagen für die Rückfahrt sicherzustellen. Doch ehe er abfuhr, wollte er sich noch rächen für die stille Verachtung, die er in den Blicken des Hutmachers las. Da er seine Schwester bleich und beklommen gefunden, hatte er die Grausamkeit, ihrem Gatten zu sagen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben Sie acht! Meine Schwester war stets schwach und ich habe sie sehr verändert gefunden; Sie könnten sie leicht verlieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Tränen, die Mouret in die Augen traten, bewiesen ihm, daß er den Finger in eine offene Wunde gelegt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum prahlte auch dieses Arbeitervolk dermaßen mit seinem Wohlstande!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Plassans zurückgekehrt, nahm Antoine, der jetzt die Gewißheit hatte, daß ihm die Hände gebunden seien, eine noch drohendere Haltung an. Einen Monat hindurch sah man ihn ständig in der Stadt. Er lief durch alle Straßen und erzählte seine Geschichte jedem, der sie hören wollte. Wenn er seiner Mutter ein Zwanzig-Sous-Stück abgepreßt hatte, lief er in eine Schenke, um das Geld zu vertrinken und schrie laut, daß sein Bruder ein Halunke sei, der in Bälde von ihm zu hören bekommen solle. Die weinselige Freundschaft, die unter Trunkenbolden herrscht, verschaffte ihm an solchen Orten eine willfährige Zuhörerschaft; der ganze Pöbel der Stadt eignete sich seine Streitsache an und es wurden Schmähungen ohne Ende gegen diesen Lumpen Rougon laut, der einen tapferen Soldaten hungern lasse und solches Gerede endigte gewöhnlich mit einer allgemeinen Verdammung aller Reichen. Um seine Rache zu verschärfen, fuhr Antoine fort, sein Käppi, seine Soldatenhose und dazu die alte, gelbe Jacke zu tragen, obgleich seine Mutter sich anheischig gemacht hatte, ihm anständigere Kleider zu kaufen. Er trug in auffälliger Weise seine Fetzen zur Schau und machte am Sonntag auf der Promenade Sauvaire, wo alle Welt spazieren ging, damit Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine seiner liebsten Freuden war, täglich zehnmal an dem Laden Peters vorüberzugehen. Er vergrößerte mit seinen Fingern die Löcher in seiner Jacke, verlangsamte seine Schritte und blieb manchmal laut plaudernd vor der Türe stehen, um länger in der Straße zu bleiben. An solchen Tagen brachte er irgendeinen Saufbruder mit, um jemanden zu haben, mit dem er sich ausreden konnte; er erzählte ihm dann den Diebstahl der fünfzigtausend Franken und begleitete seine Erzählung mit Beschimpfungen und lauten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drohungen, so daß die ganze Straße ihn hörte und seine Scheltworte an die rechte Adresse bis in das Hinterstübchen des Ladens gelangten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wird endlich noch an unserer Türe betteln, sagte Felicité verzweifelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eitle kleine Frau litt schrecklich unter diesem Ärgernis. Zu jener Zeit geschah es wohl nicht selten, daß sie es bereute, Rougon geheiratet zu haben; die Familie ihres Gatten war gar zu schrecklich. Sie hätte alles in der Welt dafür gegeben, daß Antoine aufhöre, seine Lumpen spazieren zu führen. Allein Peter, den die Aufführung seines Bruders zum Äußersten ergrimmte, litt nicht, daß man auch nur seinen Namen vor ihm ausspreche. Wenn seine Frau ihm zu verstehen gab, daß es vielleicht besser sei, sich seiner zu entledigen, indem man ihm einiges Geld gebe, schrie er wütend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein! Nicht einen Heller! Er mag krepieren!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes gab er schließlich selber zu, daß das Verhalten Antoines unerträglich werde. Eines Tages wollte Felicité der Sache ein Ende machen und rief »den Menschen«, wie sie ihn gewöhnlich mit geringschätziger Miene nannte. Dieser Mensch hatte sie soeben, mitten in der Straße stehend, eine Gaunerin genannt; einer seiner Saufbrüder, noch zerlumpter als er, war in seiner Gesellschaft, und beide waren volltrunken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Komm mal, man ruft uns da hinein, sprach Antoine vergnügt zu seinem Genossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité wich zurück und flüsterte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Ihnen allein wünschen wir zu sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bah, erwiderte der junge Mensch, mein Kamerad ist ein guter Kerl, der darf alles hören, er ist mein Zeuge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeuge ließ sich schwerfällig auf einem Sessel nieder, behielt die Mütze auf und begann umherzublicken mit dem milden Lächeln der Trunkenbolde und der rohen Menschen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die sich ihrer Frechheit bewußt sind. Felicité schämte sich und stellte sich in die Türe des Ladens, damit man nicht von außen sehen könne, welche seltsame Gesellschaft sie empfange. Glücklicherweise kam ihr Gatte ihr zu Hilfe. Ein heftiger Streit entbrannte zwischen ihm und seinem Bruder. Der letztere, dessen weinschwere Zunge sich in Beschimpfungen verwickelte, wiederholte wohl an die zwanzig Male die nämlichen Beschwerden. Schließlich begann er gar zu flennen, und es fehlte nicht viel, daß auch seinen Kameraden die Rührung übermannt hätte. Peter hatte sich in sehr würdiger Weise verteidigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hören Sie mal, sagte er schließlich, Sie sind im Unglück und ich habe Mitleid mit Ihnen. Obgleich Sie mich schwer beschimpft haben, will ich doch nicht vergessen, daß wir dieselbe Mutter haben. Aber wenn ich Ihnen etwas gebe, so sollen Sie wissen, daß ich es aus Mildherzigkeit tue und nicht aus Furcht. Wollen Sie hundert Franken annehmen, um sich aus der Not zu helfen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses plötzliche Anerbieten von hundert Franken blendete den Kameraden Antoines. Er schaute den letzteren mit verklärter Miene an, als wollte er sagen: Ja, wenn der Spießbürger hundert Franken hergeben will, hast du weiter keine Dummheiten zu machen. Allein Antoine gedachte die Nachgiebigkeit seines Bruders besser auszunützen. Er fragte, ob jener sich über ihn lustig machen wolle und forderte seinen Anteil: zehntausend Franken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du tust nicht recht, du tust nicht recht, stammelte sein Genosse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter die Geduld verlor und davon sprach, alle beide auf die Gasse setzen zu wollen, ging Antoine mit seinen Forderungen herab und verlangte mit einem Schlage nur tausend Franken. Über diese Summe stritten sie dann noch eine gute Weile hin und her, bis Felicité sich ins Mittel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
legte, weil allmählich Leute sich vor dem Laden ansammelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hören Sie, sagte sie lebhaft, mein Mann wird Ihnen zweihundert Franken geben, und ich mache mich überdies anheischig, Ihnen einen neuen Anzug zu kaufen und auf ein ganzes Jahr eine Wohnung zu mieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber geriet Rougon in Zorn; doch der Genosse Antoines schrie entzückt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abgemacht, mein Freund nimmt es an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine erklärte in der Tat mit süßsaurer Miene, daß er das Anerbieten annehme. Er mochte wohl fühlen, daß er nicht mehr herauskriege. Es wurde vereinbart, daß man ihm am folgenden Tage das Geld und die Kleider sende und daß er einige Tage später, sobald Felicité für ihn eine geeignete Wohnung gefunden habe, sein eigenes Heim beziehen werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sie sich zurückzogen, benahm sich der Trunkenbold, der Antoine begleitete, ebenso respektvoll, wie er bei seinem Eintritte frech gewesen. Mehr als zehnmal lüftete er die Mütze vor den Herrschaften in untertäniger und linkischer Haltung und stammelte unverständliche Dankesworte, als ob die Geschenke des Rougonschen Ehepaares für ihn bestimmt seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später bezog Antoine eine große Stube im alten Quartier. Da der junge Mensch sich in aller Form verpflichtet hatte, sie künftig in Ruhe zu lassen, war Felicité über ihre Versprechungen hinausgegangen und hatte ein Bett, einen Tisch und mehrere Stühle in seine Stube schaffen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Adelaide sah ohne Kummer ihren Sohn scheiden; durch den kurzen Aufenthalt, den er bei ihr genommen, war sie für länger als drei Monate zu Wasser und Brot verurteilt gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine hatte die zweihundert Franken bald aufgezehrt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und vertrunken. Keinen Augenblick hatte er daran gedacht, sie in irgendeinem kleinen Handel anzulegen, der ihn ernährt hätte. Als er von neuem ohne Pfennig dastand und da er keinerlei Gewerbe hatte, überdies auch jede Arbeit scheute, wollte er noch einmal aus Rougons Börse schöpfen. Allein die Umstände waren nicht mehr die nämlichen; es gelang ihm nicht, das Ehepaar ins Bockshorn zu jagen. Peter benützte sogar diese Gelegenheit, ihn an die Luft zu setzen, und verbot ihm, sich jemals wieder bei ihm sehen zu lassen. Vergebens kramte Antoine seine Beschwerden weiter aus; in der Stadt kannte man jetzt die Großmut Rougons, für deren Verbreitung Felicité gesorgt hatte; darum gab man Antoine unrecht und behandelte ihn als Taugenichts. Allein ihn bedrängte der Hunger. Er drohte Schmuggler zu werden, wie sein Vater gewesen und irgendeinen schlimmen Streich zu begehen, der die ganze Familie entehren würde. Die Rougons zuckten mit den Achseln; sie wußten, daß er zu feig sei, um seine Haut zu wagen. In dumpfer Wut gegen seine Anverwandten und gegen die ganze Gesellschaft entschloß sich Antoine endlich, Arbeit zu suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer Vorstadtschenke hatte er die Bekanntschaft eines Korbflechters gemacht, der zu Hause arbeitete. Diesem bot er seine Hilfe an. In kurzer Zeit hatte er erlernt, Trag- und Handkörbe zu flechten, grobe Arbeiten, die zu wohlfeilen Preisen leicht Absatz fanden. Bald arbeitete er für eigene Rechnung. Diese wenig ermüdende Arbeit gefiel ihm. Er konnte faulenzen, wann es ihm beliebte und das wollte er hauptsächlich. Er arbeitete, wenn er nicht mehr anders konnte, flocht in der Eile ein Dutzend Körbe und brachte sie auf den Markt. Solange das Geld vorhielt, ging er müßig, lungerte er in den Straßen und Wirtshäusern herum; wenn er einen Tag gehungert hatte, griff er wieder zu seinen Weidenruten, nicht ohne über die Reichen zu schimpfen, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ohne Arbeit leben. In dieser Weise betrieben, ist die Korbflechterei ein sehr undankbares Gewerbe; der Ertrag seiner Arbeit würde nicht hingereicht haben, die Kosten seiner Sauferei zu decken; allein er wußte es so einzurichten, daß er sich die Weidenruten sehr billig verschaffte. Da er sie niemals in Plassans kaufte, gab er vor, daß er sich allmonatlich einmal in einer benachbarten Stadt damit versorge, wo sie billiger zu haben seien. Die Wahrheit war, daß er sich in finsteren Nächten in den Weidengebüschen an der Viorne damit versorgte. Einmal ertappte ihn der Feldheger dabei, und damals ward er mit einigen Tagen Gefängnis bestraft. Seit jenem Augenblicke gebärdete er sich in der Stadt als wütender Republikaner. Er behauptete, er habe am Ufer des Flusses ruhig seine Pfeife geraucht, als der Feldheger ihn festnahm. Und er fügte hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie möchten sich meiner entledigen, weil sie meine Gesinnung kennen; aber ich fürchte nicht die schurkigen Reichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein nach zehn Jahren solchen Müßiggangs fand Antonie, daß er zuviel arbeite. Sein ewiger Traum war, wie er gut leben könne, ohne etwas zu tun. Seine Trägheit würde sich mit Brot und Wasser nicht begnügen wie bei gewissen Nichtstuern, die sich mit dem Hungerleiden befreunden, wenn sie nur nicht arbeiten müssen. Er wollte seine Tage müßig verleben und feine Mahlzeiten halten. Einen Augenblick sprach er davon, bei irgendeinem Edelmann im Sankt-Markus-Viertel als Diener einzutreten. Allein ein ihm befreundeter Reitknecht verleidete ihm diese Absicht, indem er ihm von den maßlosen Forderungen seiner Gebieter erzählte. Da er seiner Körbe überdrüssig geworden war und den Tag kommen sah, an dem er genötigt sein würde, die Weidenruten zu kaufen, war Macquart entschlossen, sich als Stellvertreter zu verkaufen und sein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soldatenleben wieder aufzunehmen, das ihm tausendmal lieber war als das Arbeiterleben, als er die Bekanntschaft einer Frauensperson machte und infolge dieser Begegnung seine Pläne änderte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Josefine Gavandau, die man in der Stadt nur mit dem vertraulichen Namen »Fine« nannte, war ein großes, starkes Weib von etwa dreißig Jahren. Ihr breites, männliches Gesicht war am Kinn mit einigen wenigen, aber schrecklich langen Haaren geziert. Man kannte sie als ein Weib, das im Notfalle mit den Fäusten dreinschlug. Ihre breiten Schultern und starken Arme jagten denn auch den Burschen einen heillosen Respekt ein, so daß diese es kaum wagten, sich über ihren Geißbart lustig zu machen. Dabei hatte »Fine« eine dünne Kinderstimme, hell und klar. Ihre Bekannten behaupteten, daß sie trotz ihres fürchterlichen Aussehens sanftmütig sei wie ein Lamm. Da sie bei der Arbeit sehr tüchtig war, hätte sie einiges Geld erübrigen können, wenn sie nicht eine tief wurzelnde Neigung für geistige Getränke gehabt hätte; den Kümmel liebte sie ganz besonders. Am Sonntag pflegte sie sich dermaßen zu betrinken, daß man genötigt war, sie nach ihrer Wohnung zu schaffen. Die ganze Woche arbeitete sie mit tierischer Unverdrossenheit. Sie übte drei oder vier Gewerbe aus, verkaufte in der Halle Obst oder gesottene Kastanien je nach der Jahreszeit, besorgte bei einigen Rentiers die Hauswirtschaft, ging an Festtagen in die Bürgerhäuser, um das Eßgeschirr zu reinigen; in ihrer freien Zeit flocht sie alte Sessel ein. Besonders als Sesselflechterin war sie in der ganzen Stadt bekannt. In Südfrankreich sind Strohsessel allgemein in Gebrauch; und daher ist der Bedarf an solchen sehr groß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Halle machte Antoine Macquart die Bekanntschaft der Fine. Wenn er im Winter seine Körbe dahin zu Markte brachte, wählte er, um nicht zu frieren, seinen Platz neben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dem Ofen, auf dem sie ihre Kastanien briet. Er, den die geringste Arbeit entsetzte, war von Bewunderung erfüllt für ihren Eifer und ihre Arbeitslust. Unter der scheinbaren Rauheit dieses Mannweibes entdeckte er allmählich so manchen Zug von Schüchternheit und Gutmütigkeit. Oft sah er, wie sie ein paar Händevoll Kastanien an die armen Kinder verteilte, die gierig vor ihrem rauchenden Ofen standen. Ein andermal wieder, wenn der Marktinspektor sie herumstieß, weinte sie beinahe und vergaß, daß sie zwei derbe Fäuste habe. Schließlich sagte sich Antoine, dies sei das Weib, dessen er bedürfe. Sie werde für zwei arbeiten und er der Herr im Hause sein. Sie werde sein unermüdliches und gehorsames Lasttier sein. Ihren Geschmack für geistige Getränke fand er sehr natürlich. Nachdem er die Vorteile einer solchen ehelichen Verbindung erwogen hatte, erklärte er seine Absicht. Fine war entzückt. Niemals hatte ein Mann sich an sie herangewagt. Vergebens sagte man ihr, daß Antoine der böseste Halunke sei; sie hatte nicht den Mut, diese Ehe abzuschlagen, nach der ihre robuste Natur sich schon lange sehnte. Am Hochzeitstage bezog er die Wohnung seines Weibes in der Civadière-Straße in der Nähe der Markthalle; sie bestand aus drei Gelassen und war viel bequemer eingerichtet als die seinige. Mit einem Seufzer der Befriedigung streckte sich Antoine auf den zwei weichen Matratzen aus, die sich im Bette befanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten Tagen dieser Ehe ging alles gut. Fine ging wie bisher ihren vielfachen Beschäftigungen nach und Antoine, von einer Art hausväterlicher Eitelkeit erfaßt, die ihn selbst in Staunen versetzte, flocht in einer Woche mehr Körbe, als er früher in einem Monate fertig gebracht hatte. Aber am Sonntag brach der Krieg aus. Es war ein hübsches Stück Geld im Hause, und beide Eheleute taten einen tüchtigen Griff in den Säckel. Des Nachts waren beide&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
volltrunken und prügelten sich, was sie konnten; am folgenden Tage wußten sie nicht mehr, wie der Streit entstanden war. Bis zehn Uhr abends waren sie sehr freundschaftlich miteinander gewesen, dann habe Antoine auf Fine loszuschlagen begonnen, worauf diese ihre sonstige Sanftmut vergaß und seine Maulschellen mit ausgiebigen Püffen vergalt. Am andern Morgen ging sie wieder wacker an die Arbeit, als ob nichts vorgefallen sei. Der Gatte aber hatte einen dumpfen Groll bewahrt, war um zehn Uhr aufgestanden und hatte müßig rauchend den Tag vertrödelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesem Augenblicke an befreundete sich das Macquartsche Ehepaar mit dieser Lebensweise. Es war eine stillschweigend ausgemachte Sache, daß das Weib sich rackere, um den Mann zu erhalten. Fine, die aus Instinkt die Arbeit liebte, fand sich darein. Sie war von einer engelhaften Geduld, solange sie nicht trank, fand es ganz natürlich, daß ihr Mann träge sei, und bemühte sich, ihm selbst die kleinsten Verrichtungen zu ersparen. Ihr kleines Laster, der Kümmel, machte sie nicht boshaft, nur gerecht; wenn an einem Abende, wo sie sich bei ihrer Schnapsflasche vergaß, Antoine Streit mit ihr suchte, setzte sie sich tapfer zur Wehr und warf ihm seinen Müßiggang und seine Undankbarkeit vor. Die Nachbarn waren schon daran gewöhnt, in dem Zimmer der Macquartschen Ehegatten von Zeit zu Zeit den Krieg ausbrechen zu sehen. Sie hieben sehr gewissenhaft aufeinander los; das Weib prügelte nach Art einer Mutter, die ihren Rangen züchtigt. Der Gatte aber, falsch und gehässig wie er war, berechnete seine Hiebe und es geschah öfter, daß er die Unglückliche schier zum Krüppel schlug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst weit kommen, wenn du mir ein Bein oder eine Hand zerschlägst, pflegte sie ihm zu sagen. Wer wird dich dann ernähren, Taugenichts?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesen stürmischen Szenen abgesehen begann Antonie seine neue Lebensweise erträglich zu finden. Er war gut gekleidet, aß, wenn er Hunger hatte und trank, wenn er Durst hatte. Die Korbflechterei hatte er vollständig aufgegeben; manchmal, wenn er sich allzu sehr langweilte, nahm er sich vor, für den nächsten Markt ein Dutzend Körbe zu flechten, oft aber brachte er den ersten nicht fertig. Er bewahrte unter einem Kanapee ein Bündel Weidenruten, das er in zwanzig Jahren nicht aufbrauchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ehepaar Macquart bekam drei Kinder: zwei Töchter und einen Sohn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lisa, die Erstgeborene, im Jahre 1827, ein Jahr nach der Heirat zur Welt gekommen, blieb wenig im Hause. Es war ein starkes, schönes Mädchen, gesund, vollblütig, sehr der Mutter gleichend. Aber sie sollte von dieser die Hingebung des Lasttieres nicht erben. Von ihrem Vater hatte sie einen ausgesprochenen Hang nach Wohlleben geerbt. Noch als Kind war sie bereit, einen ganzen Tag zu arbeiten, um einen Kuchen zu bekommen. Sie war noch nicht sieben Jahre alt, als die benachbarte Postverwalterin sie liebgewann. Diese machte aus Lisa eine kleine Hausmagd, und als sie im Jahre 1839 ihren Gatten verlor und nach Paris übersiedelte, nahm sie das Mädchen mit. Die Eltern hatten sie ihr gleichsam für immer überlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Tochter, Gervaise, die im nächsten Jahre kam, war von Geburt lahm. Im Rausche empfangen, ohne Zweifel in einer jener schmählichen Nächte, wenn die Ehegatten einander halb tot prügelten, hatte sie den rechten Schenkel verrenkt und verkümmert, eine seltsame Vererbung der Brutalitäten, die ihre Mutter in einer Stunde des wütenden Kampfes und der Trunkenheit zu erdulden hatte. Gervaise blieb schwächlich, und Fine, als sie das Kind so bleich und so mager sah, zog es bei Kümmel auf, unter dem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorwande, daß das Kind Kräfte sammeln müsse. Dabei verkümmerte das arme Wesen noch mehr. Es ward ein hoch aufgeschossenes, schmächtiges Mädchen aus ihr, dem alle Kleider zu weit waren. Auf dem ausgetrockneten, schiefen Rumpfe saß ein reizender Puppenkopf, mit einem runden, blassen Gesichtchen von köstlicher Zartheit. Ihre Gebrechlichkeit gereichte ihr fast zum Vorteil; ihre Taille wiegte sich bei jedem Schritt in einer Art abgemessenen Schaukelns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sohn der Macquart, Jean mit Namen, ward drei Jahre später geboren. Es war ein starker Bursche, der in nichts an die Magerkeiten seiner Schwester Gervaise erinnerte. Er ähnelte seiner Mutter wie die ältere Tochter, ohne aber ihre leibliche Ähnlichkeit zu haben. Er war in der Familie der Rougon-Macquart der erste, der ein Gesicht mit regelmäßigen Zügen zur Welt brachte und die behäbige Kälte einer ernsten Natur von beschränkter Vernunft hatte. Dieser Bursche wuchs mit dem festen Willen auf, sich eines Tages eine unabhängige Stellung zu schaffen. Er ging fleißig in die Schule und zerbrach sich da den harten Kopf, um etwas Orthographie und Arithmetik hineinzubringen. Dann ging er in die Lehre und erneuerte hier seine Anstrengungen, die um so mehr am Platze waren, als er einen Tag brauchte, um etwas zu erlernen, was andere in einer Stunde sich aneigneten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solange die Kinder dem Hause zur Last fielen, murrte Antoine darüber. Es waren unnütze Mäuler, die ihm seinen Teil verkürzten. Er hatte gleich seinem Bruder geschworen, nicht mehr Kinder zu haben, die alles aufessen und ihre Eltern zugrunde richten. Man mußte ihn nur wüten hören, seitdem sie ihrer fünf zu Tische gingen und die Hausmutter die besten Bissen Lisa, Jean und Gervaise gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz recht, brummte er; füttere sie nur, bis sie bersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Fine ein Kleidungsstück oder ein Paar Schuhe für&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eines der Kinder anschaffte, konnte er tagelang zürnen. O, wenn er das gewußt hätte! Nie hätte er dieses Pack gehabt, das ihn nötigte, sich mit Tabak um vier Sous täglich zu bescheiden, und die Familie zwang, viermal die Woche Kartoffelmus zu essen, ein Gericht, das er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später, als Jean und Gervaise die ersten Fünffrankenstücke ins Haus brachten, fand er, daß es mit den Kindern auch sein Gutes habe. Lisa war schon aus dem Hause. Er ließ sich von seinen zwei Kindern ernähren, die jetzt ohne jeden Skrupel im Hause bleiben durften, wie er sich früher schon von ihrer Mutter hatte ernähren lassen. Es war dies von seiner Seite eine ausgemachte Spekulation. Kaum acht Jahre alt ging Gervaise schon zu einem benachbarten Kaufmanne Mandelkerne aufschlagen. Sie erwarb täglich zehn Sous, die er mit königlicher Würde einsackte, ohne daß Fine auch nur zu fragen wagte, wohin das Geld geraten sei. Später ging das Mädchen zu einer Wäscherin in die Lehre, und als sie schon eine fertige Arbeiterin war und zwei Franken täglich bekam, verschwanden auch die zwei Franken in den Taschen Antoines. Jean, der das Tischlerhandwerk erlernt hatte, wurde an den Zahltagen gleichfalls ausgeplündert, wenn es Macquart gelang, ihn vor der Türe seiner Werkstätte zu erwischen, bevor der Junge das Geld seiner Mutter übergeben hatte. Wenn das Geld ihm entging, was manchmal geschah, war er furchtbar verdrossen. Eine Woche lang sah er Weib und Kinder mit wütenden Blicken an, suchte Händel mit ihnen, hatte aber doch so viel Scham, die Ursache seines Zornes nicht einzugestehen. Am nächsten Zahlungstage legte er sich dann auf die Lauer, und wenn es ihm gelungen war, den Arbeitslohn der Kinder in seine Taschen zu spielen, war er tagelang nicht mehr sichtbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gervaise, das geprügelte Mädchen, das auf der Straße, unter den Burschen der Nachbarschaft aufwuchs, ward mit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
vierzehn Jahren schwanger. Der Vater des Kindes war noch nicht achtzehn Jahre alt. Es war ein Gerbergehilfe namens Lantier. Macquart geriet in Wut darüber. Als er erfuhr, daß Lantiers Mutter, die eine wackere Frau war, bereit sei, das Kind zu sich zu nehmen, beruhigte er sich wieder. Allein er behielt Gervaise bei sich, die jetzt schon 25 Sous täglich verdiente, und wollte von einer Heirat nichts hören. Vier Jahre später gebar sie einen zweiten Sohn, den die alte Lantier ebenfalls zu sich ins Haus nahm. Diesmal drückte Macquart beide Augen zu; und als Fine schüchtern bemerkte, es sei gut, mit dem Gerber zu reden und das Verhältnis, das schon zu allerlei Gerede Anlaß gebe, in Ordnung zu bringen, erklärte er rundheraus, daß seine Tochter ihn nicht verlassen und daß er sie ihrem Verführer später geben werde, »wenn er ihrer wert sei und die Mittel habe, Mobiliar zu kaufen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Zeit war die schönste Antoine Macquarts. Er kleidete sich wie ein Spießbürger, trug Leibröcke und Beinkleider von feinem Tuch. Sorgfältig rasiert und fast dick geworden, war er nicht mehr der hagere und zerlumpte Vagabund, der sich in den Kneipen herumtrieb. Er besuchte die Kaffeehäuser, las die Zeitungen, ging auf der Promenade Sauvaire spazieren. Er spielte jetzt den Herrn, solange er Geld in der Tasche hatte. In den Tagen der Not blieb er zu Hause; er war dann wütend, daß er in seiner Höhle hocken müsse und nicht fortgehen könne, sein Schälchen Kaffee zu trinken. An solchen Tagen schimpfte er auf das ganze Menschengeschlecht wegen seiner Armut; er machte sich krank vor Zorn und Neid, so daß Fine aus Mitleid ihm oft das letzte Silberstück gab, das sie im Hause hatte, nur damit er seinen Abend im Kaffeehause zubringen könne. Der liebe Mann war von einer rücksichtslosen Selbstsucht. Gervaise brachte bis zu sechzig Franken monatlich nach Hause&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und trug ärmliche Kattunkleidchen, während er sich seidene Westen bei einem der ersten Schneider von Plassans bestellte. Jean, der lange, kräftige Bursche, der drei bis vier Franken täglich verdiente, wurde vielleicht mit noch größerer Schamlosigkeit ausgeplündert. Das Kaffeehaus, wo sein Vater ganze Tage zubrachte, lag just dem Laden seines Dienstgebers gegenüber und während er den Hobel oder die Säge handhabte, konnte er sehen, wie »Herr« Macquart drüben seinen Kaffee zuckerte und eine Partie Piquet mit irgendeinem kleinen Rentier der Stadt spielte. Sein Geld war es, um das der alte Taugenichts spielte. Er selbst ging niemals ins Kaffeehaus; er besaß nicht die fünf Sous, um ein Glas Kümmel zu trinken. Antoine behandelte ihn wie ein Mädchen, ließ ihm keinen Heller in der Tasche und forderte von ihm Rechenschaft über seine Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn der Unglückliche, von Kameraden verleitet, einen Arbeitstag versäumte, um einen Ausflug zum Ufer der Viorne oder in das Garriguesgebirge zu machen, geriet sein Vater in Zorn, erhob die Hand und grollte ihm lange wegen der vier Franken, die er am Ende des halben Monats weniger nach Hause brachte. So erhielt er seinen Sohn in einem Zustande eigennütziger Abhängigkeit und ging hierin manchmal so weit, daß er die Dirnen, um deren Gunst Jean sich bewarb, als die seinigen betrachtete. In das Macquartsche Haus kamen mehrere Freundinnen der Gervaise, Arbeiterinnen im Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren, kecke, übermütige Mädchen, deren Mannbarkeit in herausfordernder Begehrlichkeit sich äußerte und die an manchen Abenden mit ihrem jugendlichen Gelächter und Geplauder die Stube erfüllten. Jedes Vergnügens beraubt, durch den Geldmangel zu Hause festgehalten, betrachtete der arme Jean diese Mädchen mit den gierig funkelnden Augen; allein zur Lebensführung eines Knaben verdammt, war er von einer unüberwindlichen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schüchternheit; er spielte mit den Genossinnen seiner Schwester und wagte kaum, sie mit den Fingerspitzen zu berühren. Macquart zuckte mitleidig mit den Achseln:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist das ein Einfaltspinsel! brummte er mit einer Miene spöttischer Überlegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er selbst küßte die Mädchen auf den Nacken, wenn seine Frau den Rücken kehrte. Mit einer kleinen Wäscherin, die Jean eifriger verfolgte als die anderen, trieb er es noch schlimmer. Er holte sie sich eines Abends fast aus den Armen seines Sohnes. Der alte Halunke gönnte sich noch galante Abenteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt Männer, die von einer Geliebten leben. So lebte Macquart von seiner Frau und seinen Kindern, mit ebensovieler Schmach und Unverschämtheit. Ohne das geringste Bedenken plünderte er das Haus und ging fort, um zu schwelgen, wenn im Hause nichts zu holen war. Und dabei bekundete er noch ein gewisses überlegenes Benehmen; er kam aus dem Kaffeehaus nur heim, um das Elend, das zu Hause seiner harrte, bitter zu verhöhnen. Er fand das Essen abscheulich; er erklärte, Gervaise sei eine dumme Gans und Jean werde niemals ein Mann sein. Im Besitze seiner selbstsüchtigen häuslichen Gewalt rieb er sich zufrieden die Hände, wenn er die besten Bissen verzehrt hatte; dann rauchte er seine Pfeife, mit kurzen Zügen den Rauch hervorstoßend, während die zwei armen Kinder, von der Müdigkeit übermannt, auf dem Tische einschliefen. So flossen in müßiger Zufriedenheit seine Tage dahin. Er fand es ganz natürlich, daß man ihn aushalte, wie eine Dirne, damit er auf den Sitzbänken der Kneipen herumlungern oder auf der Promenade Sauvaire lustwandeln könne. Er ging endlich so weit, seine galanten Streiche in Gegenwart seines Sohnes zu erzählen, der mit den verlangenden Augen eines Hungrigen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihn anschaute. Die Kinder sagten nichts, denn sie waren daran gewöhnt, ihre Mutter als die untertänige Magd ihres Gatten zu sehen. Fine, das Weib mit den derben Fäusten, das ihm über war, wenn beide betrunken waren, zitterte vor ihm, wenn sie bei Sinnen war und ließ ihn als unumschränkten Herrscher im Hause schalten und walten. Er stahl ihr zu nachtschlafender Zeit die paar Groschen, die sie tagsüber auf dem Markte erworben hatte, und sie wagte dagegen nur schüchterne Bemerkungen vorzubringen. Manchmal, wenn er im voraus den Wochenerwerb aufgezehrt hatte, beschuldigte er das unglückliche Weib, das sich mit der Arbeit schier aufrieb, daß sie ein Taugenichts, ein unbeholfenes Geschöpf sei. Sanft wie ein Lamm erwiderte Fine mit einer unterwürfigen Stimme, die, aus diesem großen Körper kommend, einen seltsamen Eindruck machte, daß sie nicht mehr zwanzig Jahre alt und das Geld gar zu schwer zu erwerben sei. Um sich zu trösten, kaufte sie einen Liter Kümmel und trank den Schnaps gläschenweise in Gesellschaft ihrer Tochter, während Antoine ins Kaffeehaus zurückkehrte. Das war ihr Vergnügen. Jean ging zu Bett; die beiden Frauen blieben bei Tische und tranken und spitzten die Ohren, um bei dem geringsten Geräusch Flaschen und Gläser verschwinden zu lassen. Wenn Macquart länger ausblieb, geschah es wohl, daß sie sich allmählich betranken, ohne es zu merken. Mit blödem Lächeln schauten sich dann Mutter und Tochter an; die Zungen wurden schwer und vermochten nur mehr zu lallen. Gervaisens Wangen färbten sich rot; ihr kleines, rotes Puppengesicht zerfloß in einer Miene blöden Behagens; man konnte sich keinen ergreifenderen Anblick denken als dieses schwächliche, bleiche, von Trunkenheit glühende Kind mit dem Säuferlächeln auf den feuchten Lippen. Fine saß schwer und träge auf ihrem Sessel. Zuweilen vergaßen sie aufzupassen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
oder hatten nicht mehr die Kraft, die Flasche und die Gläser wegzuräumen, wenn sie die Schritte Antoines im Treppenhause hörten. An solchen Tagen gab es bei Macquarts Keile. Jean mußte aufstehen, um Vater und Mutter zu trennen und seine Schwester zu Bett zu bringen, die sonst auf den Fliesen des Fußbodens geschlafen hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jede Partei hat auch ihre schlechten und ungebildeten Anhänger. Von Neid und Haß verzehrt, Rache gegen die ganze Gesellschaft brütend, sah Antoine Macquart in der Republik eine neue, glückverheißende Zeit, in der es endlich gestattet sei, seine Taschen aus der Kasse des Nachbars zu füllen, ja selbst diesen zu erwürgen, wenn er darüber im mindesten mißvergnügt wäre. Sein Kaffeehausleben, die Zeitungen, die er las, ohne sie zu verstehen, hatten aus ihm einen schrecklichen Schwätzer gemacht, der in der Politik die seltsamsten Ansichten von der Welt bekundete. Man muß in der Provinz, in einer Kneipe, einen dieser neiderfüllten Gesellen, die das Gelesene halb verdaut haben, reden hören, um sich vorzustellen, bis zu welchem Grade boshafter Torheit Macquart gelangt war. Da er viel sprach, beim Militär gedient hatte und für einen energischen Mann galt, hatte er unter den Einfältigen eine große Zuhörerschaft. Ohne gerade ein Parteiführer zu sein, hatte er doch eine kleine Gruppe von Arbeitern um sich zu scharen gewußt, die seine neidvollen Wutausbrüche für rechtschaffene, überzeugungstreue Entrüstung nahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit dem Monate Februar galt es als eine ausgemachte Sache, daß die Stadt Plassans ihm gehörte; die verschmitzte Art, in der er, wenn er durch die Straßen ging, die kleinen Krämer anblickte, die furchtsam auf der Schwelle ihres Ladens standen, besagte ganz deutlich: Unsere Zeit ist gekommen, meine Lämmlein; wir werden euch famos zum Tanze aufspielen! Er trug eine unglaubliche Frechheit zur&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schau, spielte die Rolle eines Eroberers und Despoten in dem Maße, daß er aufhörte seine Erfrischungen im Kaffeehause zu bezahlen, und der Patron, ein Trottel, der vor dem Augenrollen Antoines erzitterte, wagte niemals, ihm die Rechnung vorzulegen. Er trank zu jener Zeit unzählige »Schwarze«; zuweilen lud er sich Freunde dazu ein, und man hörte ihn stundenlang schreien, daß das Volk Hungers sterbe und daß die Reichen mit den Armen teilen müßten. Er selbst aber gab den Armen niemals einen Heller.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was aus ihm einen wütenden Republikaner machte, war ganz besonders die Hoffnung, sich endlich an den Rougons zu rächen, die sich offen als Anhänger der Reaktion bekannten. Ach, welcher Triumph, wenn er eines Tages Peter und Felicité in seiner Gewalt hat! Obgleich die letzteren ziemlich schlechte Geschäfte machten, waren sie doch Bürgersleute geworden, während er, Macquart, ein Arbeiter geblieben war. Dies erbitterte ihn. Noch verdrießlicher war, daß von ihren Söhnen einer Advokat, der zweite Arzt, der dritte Beamter war, während sein Jean bei einem Tischler und seine Gervaise bei einer Wäscherin arbeitete. Wenn er vollends die Macquart mit den Rougon verglich, empfand er eine tiefe Schmach darob, daß sein Weib in der Markthalle gebratene Kastanien feilbot und des Abends die alten, schmierigen Strohsessel des Stadtviertels einflocht. Und doch war Peter sein Bruder und hatte nicht mehr Recht als er, von seinen Renten fein zu leben. Überdies hatte er ihm das Geld gestohlen, mit dem er heute den Herrn spielte. Wenn er diesen Gegenstand berührte, geriet sein ganzes Wesen in Aufruhr; stundenlang schimpfte er, brachte immer wieder seine bis zum Überdruß gehörten Beschuldigungen vor, ward nie müde zu sagen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn mein Bruder dort wäre, wo er zu sein verdient, dann wäre ich heute ein Rentenbesitzer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man ihn fragte, wo denn sein Bruder sein müßte, schrie er mit furchtbarer Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Galeere!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Haß steigerte sich noch, als die Rougon die Konservativen um sich scharten und einen gewissen Einfluß in Plassans gewannen. In diesem unsinnigen Kaffeehausgeschwätz ward der gelbe Salon eine Räuberhöhle, eine Vereinigung von Missetätern, die allabendlich auf ihre Dolche schworen, das Volk zu erwürgen. Um die Hungrigen gegen Peter aufzuhetzen, ging er so weit, das Gerücht zu verbreiten, daß der alte Ölhändler nicht so arm sei, wie er glauben machen möchte, und daß er aus Geiz und aus Furcht vor Dieben seine Schätze verberge. Seine Taktik ging dahin, die armen Leute durch ungeheuerliche Geschichten aufzustacheln, an die schließlich er selbst glaubte. Seine persönlichen Rachegelüste verbarg er ziemlich schlecht unter einer Hülle des lautersten Patriotismus; aber er vervielfältigte sich dermaßen, er hatte eine so volltönende Stimme, daß niemand gewagt hätte, an seinen Überzeugungen zu zweifeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde hatten alle Mitglieder dieser Familie dieselben brutalen Begierden. Felicité, die begriff, daß die überschwenglichen politischen Meinungen Macquarts nichts weiter seien, als verhaltener Groll und alter Neid, hätte ihn erkaufen mögen, um ihn still zu machen. Unglücklicherweise fehlte es ihr an Geld und sie wagte nicht, ihn für das gefährliche Spiel zu interessieren, das ihr Mann spielte. Bei den Rentiers der Neustadt schadete ihnen Antoine sehr. Daß er ihr Verwandter war, genügte an sich schon. Granoux und Roudier warfen ihnen unter fortwährender Geringschätzung vor, einen solchen Menschen in der Familie zu haben. Und darum fragte sich auch Felicité besorgt, wie sie es anfangen müßten, um sich dieses Makels zu entledigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es schien ihr ungeheuerlich und unanständig, daß Rougon – später– einen Bruder haben sollte, dessen Weib Kastanien feilbot und der selbst in lotterhaftem Müßiggange dahin lebte. Schließlich begann ihr um den Erfolg ihrer geheimen Machenschaften bange zu werden, den Antoine gleichsam zu seinem Vergnügen verscherzte; wenn man ihr die Brandreden hinterbrachte, die dieser Mensch an öffentlichen Orten gegen den gelben Salon führte, erbebte sie bei dem Gedanken, daß er imstande war, ihre Hoffnungen durch das Ärgernis zunichte zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine war sich dessen bewußt, wie sehr sein Betragen den Rougon mißliebig sein mußte und nur um sie zur Verzweiflung zu treiben, bekundete er von Tag zu Tag wildere Gesinnungen. Im Kaffeehause nannte er Peter »mein Bruder« mit einer Stimme, daß alle Gäste sich umwandten; wenn er in der Straße einem der reaktionären Anhänger des gelben Salons begegnete, brummte er halblaute Beschuldigungen vor sich hin, die der würdige Spießbürger, durch so viel Kühnheit verwirrt, des Abends den Rougon wiederholte, die er für diese unangenehme Begegnung gleichsam verantwortlich machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages traf Granoux wütend im gelben Salon ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist wirklich unerträglich! rief er schon auf der Schwelle; man wird auf Schritt und Tritt beschimpft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und zu Peter gewandt, fügte er hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Herr, wenn man einen Bruder hat wie den Ihrigen, dann befreit man die Gesellschaft von ihm. Ich ging ganz friedlich über den Platz vor der Unterpräfektur, als dieser Elende, an mir vorbeigehend, einige Worte brummte, worunter ich ganz deutlich die Beschimpfung »alter Schuft!« vernahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité erbleichte und glaubte Granoux hierfür um Entschuldigung bitten zu müssen; allein der gute Mann wollte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nichts hören und erklärte, er werde nach Hause gehen. Der Marquis beeilte sich, die Sache beizulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr erstaunlich, sagte er, daß dieser Unglücksmensch Sie einen »alten Schuft!« genannt hat. Sind Sie auch sicher, daß dieser Schimpf Ihnen galt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux wurde ganz perplex; er gab zu, daß Antoine vielleicht gesagt hatte: »Du gehst noch immer zu diesem alten Schuft?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Carnavant streichelte sich das Kinn, um das Lächeln zu maskieren, das sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sagte Rougon mit dem ruhigsten, schönsten Gleichmute:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich vermutete sogleich, daß ich dieser alte Schuft sei. Es freut mich, daß das Mißverständnis aufgeklärt wurde, und bitte Sie, meine Herren, gehen Sie diesem Menschen aus dem Wege, den ich hiermit in aller Form verleugne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein Felicité nahm die Dinge nicht so kühl; bei jedem Skandal des Macquart ward sie krank; ganze Nächte hindurch quälte sie sich mit der Frage, was die Herren wohl denken mögen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Monate vor dem Staatsstreiche erhielten die Rougon einen anonymen Brief, drei Seiten voll unflätiger Schmähungen. Unter anderem drohte man ihnen für den Fall, daß ihre Partei triumphieren sollte, in einer Zeitung die skandalöse Geschichte der ehemaligen Liebschaften Adelaides zu erzählen, und den Diebstahl, durch den Peter seiner Mutter fünfzigtausend Franken abgenommen hatte, indem er das durch die Ausschweifungen halb irrsinnig gewordene Weib einen Empfangschein unterzeichnen ließ. Dieser Brief wirkte auf Rougon selbst wie ein Keulenschlag. Felicité konnte sich nicht enthalten, ihrem Manne seine schmutzige und schmähliche Familie vorzuwerfen; denn die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehegatten zweifelten keinen Augenblick daran, daß dieser Brief das Werk Antoines sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen uns dieses Halunken um jeden Preis entledigen, sagte Peter ernst; er ist uns gar zu lästig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes nahm Macquart seine alte Handlungsweise wieder auf und suchte in der eigenen Familie Genossen gegen die Rougon. Anfänglich hatte er auf Aristides gezählt, als er dessen Brandartikel im »Unabhängigen« las. Allein, wenn gleich geblendet durch seinen grimmigen Neid, war der junge Mensch doch nicht so töricht, mit einem Menschen vom Schlage seines Oheims gemeinsame Sache zu machen. Er nahm sich nicht einmal die Mühe, ihn zu schonen, und hielt sich ihn vom Leibe, weshalb Antoine ihn als einen Verdächtigen behandelte. In den Kneipen, wo Macquart das große Wort führte, ging man so weit, zu behaupten, daß der Journalist ein Lockspitzel sei. Von dieser Seite abgewiesen, blieb Macquart nichts anderes übrig, als bei den Kindern seiner Schwester Ursula auf den Busch zu klopfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ursula war im Jahre 1839 gestorben und hatte so die traurige Prophezeiung ihres Bruders zur Wahrheit gemacht. Das Nervenleiden ihrer Mutter war bei ihr zu einer schleichenden Lungenkrankheit geworden, die sie allmählich aufzehrte. Sie ließ drei Kinder zurück: eine Tochter von achtzehn Jahren, namens Helene, die mit einem Beamten verheiratet war, und zwei Söhne, den Ältesten, namens Franz, einen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren, und Silvère, den Jüngsten, ein Bürschchen von kaum sechs Jahren. Für Mouret war der Tod seiner Frau, die er sehr liebte, ein Donnerschlag. Er schleppte sich untätig ein Jahr dahin, vernachlässigte sein Geschäft und zehrte seine Ersparnisse auf. Eines Morgens aber fand man ihn erhenkt in einer Kammer, wo Ursulas Kleider hingen. Sein ältester Sohn, dem er eine gute kaufmännische Erziehung hatte geben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
lassen, trat als Kommis in das Geschäft seines Onkels Rougon ein, wo er Aristides ersetzte, der eben das Haus verlassen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz seines tiefen Hasses für die Macquart nahm Rougon seinen Neffen gut auf, weil er wußte, daß er arbeitsam und nüchtern sei. Er fühlte das Bedürfnis nach einem ergebenen Gehilfen, der ihm beistehe, seine Geschäfte wieder in Schwung zu bringen. Überdies hatte er, weil es den Mouret gut gegangen war, eine hohe Wertschätzung für dieses Ehepaar gefaßt, das Geld zu erwerben verstand, und sich mit seiner Schwester sehr schnell ausgesöhnt. Vielleicht auch wollte er, indem er Franz ins Haus nahm, diesem eine Entschädigung bieten; er hatte die Mutter beraubt, er ersparte sich Gewissensbisse, indem er dem Sohne Arbeit gab. Die Gauner legen sich manchmal die Rechtschaffenheit in dieser Weise zurecht. In Wirklichkeit war es für ihn ein gutes Geschäft. Er fand in seinem Neffen den Gehilfen, den er gesucht hatte. Wenn zu jener Zeit das Haus Rougon nicht reich ward, so war es wahrlich nicht die Schuld dieses stillen und ängstlichen Jünglings, der dazu geschaffen schien, sein Leben hinter dem Ladenpulte eines Gewürzkrämers zu verbringen, zwischen einem Ölfaß und einem Stoß geräucherter Schellfische. Leiblich seiner Mutter gleichend, hatte er von seinem Vater den schlichten, beschränkten Sinn; er liebte unwillkürlich das geregelte Leben, die sichere Berechnung des Kleinhandels. Seinem Entschädigungssystem getreu gab ihm Peter drei Monate nach seinem Entritt ins Geschäft seine jüngere Tochter Martha zur Frau, die er nicht anders loszuwerden wußte. Die beiden jungen Leute hatten einander gleich in den ersten Tagen liebgewonnen. Ein seltsamer Umstand war für ihre Liebe entscheidend: sie sahen einander zum Erstaunen ähnlich; man glaubte Bruder und Schwester zu sehen. Durch Ursula&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hatte Franz das Gesicht der Großmutter. Seltsamer war die Ähnlichkeit bei Martha; auch sie war das vollkommene Ebenbild Adelaidens, obgleich Peter keinen bestimmten Zug von seiner Mutter hatte. Die leibliche Ähnlichkeit hatte hier Peter übersprungen, um bei seiner Tochter nur um so kräftiger zum Vorschein zu kommen. Die Verwandtschaft der jungen Ehegatten prägte sich übrigens nur im Gesichte aus; fand man in Franz den würdigen Sohn des Hutmachers Mouret wieder, einen ordnungsliebenden, etwas schwerfälligen Burschen, so hatte Martha ganz die Scheu und innere Haltlosigkeit ihrer Großmutter, deren genaues und seltsames Ebenbild sie war. Vielleicht war es ihre physische Ähnlichkeit und ihre moralische Verschiedenheit, was sie einander in die Arme trieb. In den Jahren 1840-44 hatten sie drei Kinder. Franz blieb bei seinem Oheim bis zu dem Tage, wo dieser sich zurückzog. Peter wollte ihm sein Geschäft überlassen; allein der junge Mann wußte, was er von den Aussichten des Handels in Plassans zu halten habe; er lehnte das Anerbieten ab und ging mit seinen Ersparnissen nach Marseille, um sich da niederzulassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart mußte bald darauf verzichten, in seinen Kampf gegen die Rougon diesen fleißigen Burschen hineinzuziehen, den er in seinem Müßiggängerunmute einen Geizigen und Duckmäuser nannte. Doch glaubte er den gesuchten Mitschuldigen in dem zweiten Mouret, dem fünfzehnjährigen Knaben Silvère, entdeckt zu haben. Als man den Hutmacher Mouret zwischen den Röcken seiner Frau erhenkt fand, ging der kleine Silvère noch nicht zur Schule. Sein älterer Bruder wußte nichts mit ihm anzufangen und nahm ihn zu seinem Oheim mit. Dieser verzog das Gesicht, als er das Kind ankommen sah; er wollte die Entschädigung keineswegs so weit treiben, einen unnützen Mund zu nähren. Silvère, den auch Felicité als eine Last ansah, wuchs so unter&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jammer und Tränen auf wie ein unglücklicher Verlassener, bis seine Großmutter, gelegentlich eines ihrer seltenen Besuche bei den Rougon, sich des Kindes erbarmte und es mitnahm. Peter war darob entzückt; er ließ das Kind ziehen, ohne daran zu denken, die geringe Summe zu erhöhen, die er der Witwe zahlte und die fürder für zwei ausreichen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Adelaide war damals nahezu fünfundsiebzig Jahre alt. In klösterlicher Einsamkeit alt geworden, war sie längst nicht mehr das magere, feurige Frauenzimmer, das sich einst dem Wilderer Macquart an den Hals geworfen hatte. Sie war steif und starr geworden in ihrer Hütte im Saint-Mittre-Gäßchen, in diesem stillen, düsteren Loche, wo sie völlig einsam lebte, um es kaum einmal im Monat zu verlassen, und wo sie mit Kartoffeln und trockenem Gemüse sich nährte. Wenn man sie vorübergehen sah, glaubte man eine alte Nonne mit ihrer wächsernen Weiße und ihrem gleichmäßigen Gange zu sehen, die in ihrem Klosterleben alles Interesse für die Welt verloren hat. Ihr blasses Antlitz, stets kunstgerecht eingerahmt von einer weißen Haube, war wie das Gesicht einer Sterbenden, eine friedliche, unbestimmte Maske von äußerstem Gleichmute. Die lange Gewohnheit des Stillschweigens hatte sie stumm gemacht; das Dunkel ihrer Behausung, das fortwährende Betrachten der nämlichen Gegenstände hatten ihre Blicke getrübt und ihren Augen die Klarheit einer Quelle verliehen. Es war ein vollständiger Verzicht, ein langsames geistiges und leibliches Absterben, das aus dem haltlosen, liebegierigen Weibe allmählich eine ernste Matrone machte. Wenn diese Augen starr ins Leere schauten, konnte man durch diese hellen, tiefen Löcher die große, innere Leere sehen. Nichts war übrig geblieben von der ehemaligen sinnlichen Glut als eine Verweichlichung des Fleisches, ein greisenhaftes Zittern der Hände. Sie hatte mit der Wildheit einer Wölfin geliebt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und von ihrem armen, abgenützten, in Auflösung begriffenen Wesen, das reif war für die Bahre, strömte der widerliche Geruch dürren Laubes aus. Es war eine seltsame Arbeit der Nerven, der unbändigen Gelüste, die in einer gebieterischen und widerwilligen Keuschheit sich selbst aufzehrten. Ihre Liebesbegierden hatten nach dem Tode Macquarts, dieses für ihr Leben so notwendigen Mannes, in ihr fortgelodert und sie verzehrt wie eine Nonne, die in ihrem Kloster dahinlebt, ohne einen Augenblick daran zu denken, diese Begierden zu befriedigen. Ein Leben der Schmach würde sie vielleicht weniger erschöpft, weniger verblödet haben als dieses Lechzen, das sich schließlich durch die langsame, stete Zerstörung ihres Organismus rächte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Tote, diese blasse Greisin, die keinen Tropfen Blut mehr zu haben schien, hatte zuweilen Nervenanfälle gleich elektrischen Strömen, die sie durchfuhren und ihr auf eine Stunde ein Leben schrecklicher Aufrüttelung brachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie blieb dann starr, mit offenen Augen auf dem Bette liegen; ein Schluchzen und Aufstoßen erfaßte und erschütterte sie; sie hatte die furchtbare Kraft der hysterischen Irren, die man anbinden muß, damit sie sich nicht an der Wand den Kopf einrennen. Dieser Rückfall in die ehemaligen Begierden, diese plötzlichen Anfälle schüttelten ihren armen, siechen Leib zum Erbarmen. Es war, als ob ihre ganze von heißer Leidenschaft durchglühte Jugend durch die Kälte dieser Sechzigjährigen durchbrechen würde. Wenn sie sich dann ganz betäubt von ihrem Lager wieder erhob, schwankte sie und schien so scheu und verstört, daß die Nachbarinnen sagten: Die alte Närrin hat wieder getrunken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das kindliche Lächeln des kleinen Silvère war für sie ein letzter blasser Strahl, der ihre erstarrten Glieder ein wenig erwärmte. Sie hatte das Kind verlangt, weil sie ihrer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einsamkeit überdrüssig war und der Gedanke sie entsetzte, daß sie einsam in einem ihrer Anfälle sterben könne. Dieser Knabe in ihrer Nähe schien ihr ein Schutz gegen den Tod. Ohne aus ihrem Stumpfsinn zu erwachen, ohne in ihren automatischen Bewegungen geschmeidiger zu werden, faßte sie eine unaussprechliche Zuneigung für das Kind. Stumm und steif sah sie stundenlang seinen Spielen zu, mit Entzücken den Lärm hörend, mit dem er die alte Hütte erfüllte, seitdem er auf einem Besenstiel kreuz und quer herumritt, sich an den Türen stoßend, bald weinend, bald lachend. Er führte Adelaide wieder auf die Erde zurück; sie beschäftigte sich mit ihm in drolliger Unbeholfenheit; sie, die in ihrer Jugend vergessen hatte, Mutter zu sein, um nur Geliebte zu sein, fühlte jetzt die himmlischen Freuden einer jungen Mutter, wenn sie ihn wusch, ankleidete, wenn sie über seine schwächliche Gesundheit wachte. Es war ein letztes Wiedererwachen der Liebe, eine letzte, gemilderte Leidenschaft, die der Himmel diesem vom Bedürfnis zur Liebe verheerten Weibe schenkte. Es war das ergreifende Absterben eines Herzens, das in den überschäumendsten Begierden gelebt hatte und in der Liebe zu einem Kinde endete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie war schon zu siech, um die gesprächige Zärtlichkeit der guten, behäbigen Großmütter zu besitzen; sie liebte das verwaiste Kind heimlich mit der Schamhaftigkeit eines jungen Mädchens, ohne Liebkosungen für Silvère zu finden. Zuweilen setzte sie ihn auf ihre Knie und betrachtete ihn lange mit ihren blassen Augen. Wenn der Kleine, erschreckt durch dieses bleiche, stumme Gesicht, zu schluchzen begann, schien sie ganz verwirrt über das, was sie getan hatte und setzte ihn schnell zu Boden, ohne ihn zu küssen. Vielleicht fand sie bei ihm eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Wilderer Macquart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère wuchs in einem ewigen Alleinsein mit Adelaide&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
heran. In kindlicher Verzärtelung nannte er sie Tante Dide und dieser Name blieb der Alten; der Name Tante in dieser Anwendung bedeutet in der Provence eine Schmeichelei. Das Kind empfand für seine Großmutter eine seltsame Zärtlichkeit, gemengt mit einer respektvollen Furcht. Wenn sie, als er noch klein war, einen ihrer Nervenanfälle bekam, lief er weinend davon, entsetzt durch die Verzerrung ihres Gesichtes; wenn der Anfall vorüber war, kam er scheu wieder zurück, jeden Augenblick bereit, wieder zu entfliehen, als ob die Alte imstande gewesen wäre, ihn zu prügeln. Als er zwölf Jahre zählte, blieb er mutig da und wachte, daß sie nicht vom Bette falle und sich beschädige. Stundenlang hielt er sie fest in seinen Armen, um die Zuckungen zu mildern, in denen ihre Glieder sich krümmten. Während der ruhigen Pausen betrachtete er mitleidsvoll ihr verstörtes Gesicht, ihren mageren Körper, an dem die Röcke gleich einem Leichentuche klebten. Diese allmonatlich wiederkehrenden Anfälle, diese leichenstarre Greisin und dieses Kind, das sich über sie neigte, still lauschend, ob das Leben wiederkehrt: sie nahmen im Dunkel dieser Hütte einen seltsamen Charakter düsteren Schreckens und tief bewegter Güte an. Wenn Tante Dide das Bewußtsein wiedererlangte, erhob sie sich mühselig, band ihre Röcke fest und begann wieder durch das Haus zu schwanken, ohne eine Frage an das Kind zu richten. Sie erinnerte sich an nichts, und das Kind vermied in instinktiver Klugheit selbst die geringste Anspielung auf die soeben stattgehabte Szene. Besonders diese immer wiederkehrenden Anfälle ließen in dem Enkelkinde eine tiefe Anhänglichkeit für die Großmutter entstehen. Allein gleichwie sie ihn ohne geschwätzige Zutunlichkeit liebte, empfand er für sie eine geheime, schier verschämte Zärtlichkeit. Obgleich er Dankbarkeit für sie hegte, weil sie ihn aufgenommen und erzogen hatte, fuhr&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
er dennoch fort, in ihr ein ungewöhnliches Wesen zu sehen, eine Beute unbekannter Übel, die man beklagen und ehren mußte. Es war gewiß in Adelaide nicht mehr genug des Menschlichen, sie war zu weiß und zu steif, als daß Silvère es gewagt hätte, sich ihr an den Hals zu hängen. So lebten sie in einer düsteren Stille dahin, in der sie gleichsam das Beben einer ewigen Liebe vernahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ernst und schwermütig stimmende Luft, die er seit seiner Kindheit einatmete, zeitigte in Silvère eine starke Seele, die jede Begeisterung in sich verschloß. Aus ihm ward ein ernster, überlegender Bursche, der mit einer Art Eigensinn den Unterricht besuchte. Er lernte in der Klosterschule nur ein wenig Rechtschreibung und Rechnen. Mit zwölf Jahren mußte er die Schule verlassen, um in die Lehre zu gehen. Die ersten Elemente des Unterrichtes fehlten ihm daher; dies hinderte ihn aber nicht, alle zerrissenen Bücher zu lesen, die ihm in die Hände fielen, und sich so eine eigentümliche Sprache anzugewöhnen. Er kannte Einzelheiten über eine Menge von Dingen, aber unvollständige, schlecht verdaute Einzelheiten, die er in seinem Schädel niemals klar zu verteilen wußte. Als er noch klein war, spielte er oft bei dem Stellmacher, Meister Vian, einem wackern Manne, dessen Werkstätte sich am Eingange des Sackgäßchens befand dem Saint-Mittre-Felde gegenüber, wo der Wagner sein Holz ablagerte. Er erkletterte die Räder der Karren, die man zur Ausbesserung hierher gebracht hatte; er schleppte die schweren Werkzeuge herum, die seine kleinen Hände kaum zu tragen vermochten; zu seinem größten Vergnügen gehörte es, den Arbeitern zu helfen, indem er ein Stück Holz hielt oder ihnen einen Reif herbeischleppte, dessen sie bedurften. Als er größer geworden war, trat er natürlich bei Vian in die Lehre, der eine Zuneigung zu dem Bürschchen gefaßt hatte, das ihn immerwährend&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zwischen den Beinen herumlief, und der ihn von Adelaide zur Lehre verlangte, ohne dafür ein Entgelt anzunehmen. Silvère folgte willig dem Rufe; er sah den Augenblick voraus, wo er der armen Tante Dide wiedererstatten werde, was sie für ihn ausgegeben hatte. Binnen kurzer Zeit ward er ein vorzüglicher Arbeiter. Doch sein Ehrgeiz strebte höher. Als er eines Tages bei einem Wagner in Plassans eine schöne, neue, glänzend lackierte Kalesche sah, sagte er sich, daß er eines Tages ähnliche Kaleschen bauen werde. Diese Kalesche behielt er in der Erinnerung wie einen seltenen, einzigartigen Kunstgegenstand, wie ein Ideal, welches sein Arbeiterehrgeiz erstrebte. Die Karren, an denen er bei Vian arbeitete, an die er sein Herz gehängt hatte, schienen ihm jetzt seiner Gunst unwürdig. Er begann die Zeichenschule zu besuchen, wo er sich einem jungen Menschen anschloß, der der Schule entsprungen war und ihm ein altes Handbuch der Geometrie lieh. Da vertiefte er sich ohne Führer in dieses Studium, zerbrach sich wochenlang den Kopf, um die einfachsten Dinge von der Welt zu begreifen. So ward er einer jener halbgebildeten Arbeiter, die kaum ihren Namen zu unterschreiben wissen und von der Algebra sprechen wie von einer ihnen bekannten Person. Nichts vermag einen Verstand dermaßen aus den Fugen zu bringen als eine so gewaltsame, auf keiner soliden Grundlage ruhende Bildung. In den meisten Fällen geben diese Brosamen des Wissens eine falsche Vorstellung von den hohen Wahrheiten und machen aus den Armen im Geiste unerträgliche Dickschädel. Bei Silvère steigerten diese Trümmer zusammengerafften Wissens nur die edlen Gesinnungen. Er war sich dessen bewußt, welche Gesichtskreise ihm verschlossen waren, machte sich eine ehrfurchtsvolle Vorstellung von den Dingen, an die hinanzureichen ihm versagt war und lebte in einem tiefen und gläubigen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kultus der großen Gedanken und großen Worte, nach denen er strebte, ohne sie jemals zu begreifen. Er war ein begeisterter Unschuldiger, der auf der Schwelle des Tempels blieb, vor den Kerzen kniend, die er aus der Ferne für Sternlein hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Adelaidens Hütte im Saint-Mittre-Gäßchen bestand zunächst aus einer großen Stube, in die man unmittelbar von der Straße gelangte. Dieser mit Quadern gepflasterte Raum diente als Küche und Eßzimmer zugleich und war ausgestattet mit einigen Strohsesseln, einem Tische, dessen Platte quer auf einem Bocke lag, und einem alten, großen Koffer, den Adelaide in ein Sofa umgestaltet hatte, indem sie ein altes Stück Wollstoff darüber breitete. In einem Winkel links vom Ofen war ein Muttergottesbild aus Gips angebracht, umgeben von Kunstblumen, die Schutzpatronin, die bei den sonst nicht übermäßig frommen alten Provençalinen niemals fehlt. Ein Gang führte von diesem Zimmer nach dem kleinen Hofe, der hinter dem Hause lag, und in dem sich ein Brunnen befand. Links von dem Gange lag die Schlafkammer der Tante Dide, ein schmales Gelaß, wo sich nichts als ein eisernes Bett und ein Sessel befand. Rechts in einem noch engeren Räume, wo knapp für ein Gurtbett Platz war, schlief Silvère, der ein ganzes Brettergerüst, das bis an die Decke reichte, ersonnen hatte, um seine teueren Bücher behalten zu dürfen, die er um seine Sparpfennige bei einem benachbarten Trödler erstanden hatte. Nachts, wenn er las, hängte er seine Lampe an einen Nagel, den er zu Häupten seines Bettes eingeschlagen hatte. Ward die Großmutter von einem Anfall ereilt, so war er mit einem Sprung bei ihr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann lebte, wie er als Kind gelebt hatte. Dieser verlorene Winkel umschloß sein ganzes Dasein. Wie einst seinem Vater, war auch ihm das Wirtshausleben und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Müßiggang am Sonntag zuwider. Die geräuschvollen Vergnügen seiner Kameraden verletzten seine sanfteren Neigungen. Er zog es vor, zu lesen oder sich an einer einfachen geometrischen Aufgabe den Kopf zu zerbrechen. Seitdem Tante Dide ihn damit betraute, die kleinen Besorgungen für das Hauswesen zu machen, ging sie nicht mehr aus und war ihrer eigenen Familie fremd geworden. Zuweilen dachte der junge Mensch an die Verlassenheit; er betrachtete die arme Alte, die so nahe bei ihren Kindern wohnte, und welche diese zu vergessen suchten, als ob sie tot sei; dann liebte er sie noch mehr; er liebte sie für sich und für die anderen. Wenn er manchmal das unbestimmte Gefühl hatte, daß Tante Dide alte Sünden büße, dachte er: Ich bin geboren, um ihr zu verzeihen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem so lebhaften, verschlossenen Geiste mußten die republikanischen Gedanken naturgemäß zu heller Begeisterung auflodern. Nachts las Silvère in seiner Höhle immer wieder einen Band Rousseau, den er bei einem benachbarten Trödler unter altem Eisen entdeckt hatte. Dieses Buch hielt ihn oft bis zum Morgen wach. In seinem Traume vom Glücke aller – diesem Traume, der allen Unglücklichen so teuer ist – schlugen die Worte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit mit dem hellen und heiligen Klang der Glocken an sein Ohr, deren Schall die Gläubigen in die Knie sinken läßt. Als er vernahm, daß in Frankreich die Republik ausgerufen sei, glaubte er denn auch, daß nunmehr alle Welt in himmlischer Glückseligkeit leben werde. Seine Halbbildung ließ ihn weiter schauen als die übrigen Arbeiter; bei dem täglichen Brote machte sein Ehrgeiz nicht halt. Doch seine treuherzige Einfalt, seine völlige Unkenntnis der Menschen erhielten ihn in einem unwirklichen Traum, in einem Paradiese, wo die ewige Gerechtigkeit herrschte. Sein Himmelreich war für ihn lange Zeit ein Ort der Freuden, wo er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gerne weilte. Wenn er zu bemerken glaubte, daß nicht alles zum besten bestellt sei in der besten der Republiken, empfand er unsägliches Leid. Er träumte dann einen andern Traum, in dem die Menschen gewaltsam genötigt wurden, glücklich zu sein. Jede Tat, die in seinen Augen die Interessen des Volkes zu verletzen schien, erregte in ihm eine Entrüstung, die nach Rache dürstete. Kindlich sanft im Gemüte, war er doch eines wütenden, politischen Hasses fähig. Er, der nicht eine Fliege getötet hätte, sprach davon, die Waffen zu ergreifen. Die Freiheit war seine Leidenschaft, eine sinnlose, gewalttätige Leidenschaft, in die er alle fieberhafte Glut seines Blutes legte. Geblendet durch seine Begeisterung, zu unwissend und zu unterrichtet zugleich, um duldsam zu sein, wollte er mit den Menschen nicht rechnen; er verlangte eine vollkommene Regierung, die lauter Gerechtigkeit und Freiheit sein solle. Um diese Zeit kam sein Oheim Macquart auf den Gedanken, ihn gegen die Rougon loszulassen. Er sagte sich, daß dieser junge Narr, wenn er gehörig erbittert würde, schreckliche Arbeit tun werde. Und diese Berechnung war nicht so dumm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine trachtete denn, Silvere an sich zu locken, indem er eine maßlose Bewunderung für die Gedanken des jungen Menschen zur Schau trug. Zu Beginn war er nahe daran, sein ganzes Spiel zu verderben; er hatte eine eigene selbstsüchtige Art, den Sieg der Republik als eine glückliche Zeit des Nichtstuns und der ewigen Freßgelage zu betrachten; dies beleidigte aber die rein sittlichen Bestrebungen seines Neffen. Er begriff sogleich, daß er einen falschen Weg eingeschlagen habe, und stürzte sich kopfüber in eine seltsame Begeisterung, in einen endlosen Schwall von hochtönenden, leeren Worten, die Silvère als eine genügende Probe seines Bürgersinnes annahm. Oheim und Neffe fanden sich bald zwei-, dreimal in der Woche zusammen. Während ihrer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
langen Gespräche, in denen das Schicksal des Landes schlankweg entschieden wurde, versuchte Antoine den jungen Menschen zu überzeugen, daß der Salon der Rougon das hauptsächlichste Hindernis sei, das dem Glücke Frankreichs im Wege stehe. Doch er geriet von neuem auf einen Abweg, als er seine Mutter vor Silvère eine alte Gaunerin nannte. Er ging so weit, dem Burschen die ehemalige Ärgernis erregende Aufführung der armen Alten zu erzählen. Rot vor Scham hörte der Junge ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Er hatte ihn nach diesen Dingen nicht gefragt; ein solches Bekenntnis schmerzte ihn und verletzte seine respektvolle Anhänglichkeit an Tante Dide. Seit jenem Tage umgab er seine Großmutter mit noch mehr Sorgfalt; er betrachtete sie oft mit einem gütigen Lächeln und mit Blicken der Verzeihung. Macquart hatte übrigens gemerkt, daß er eine Dummheit begangen und bemühte sich, die Zuneigung des Burschen für seine Großmutter auszunutzen, indem er den Rougons die Vereinsamung und Armut der Alten schuld gab. Wenn man ihn hörte, war er stets der beste der Söhne gewesen, während sein Bruder sich unwürdig betragen habe; dieser habe seine Mutter ausgeplündert und heute, da sie keinen Sou besitze, schäme er sich ihrer. Über diesen Gegenstand fanden endlose Gespräche zwischen ihnen statt. Silvère ward entrüstet gegen seinen Oheim Peter – zur großen Befriedigung seines Oheims Antoine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei jedem Besuche des jungen Mannes wiederholten sich dieselben Szenen. Er kam abends, während die Familie Macquart beim Essen saß. Der Vater würgte brummend irgendein Kartoffelmus hinab; er nahm die Speckstücke für sich und sah es mit mißgünstigen Augen, wenn die Schüssel an Jean und Gervaise kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du siehst, Silvère, sagte er mit einer verhaltenen Wut, die er nur schlecht unter einer Miene spöttischer Gleichgültigkeit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
verbarg, wieder Kartoffeln, nichts als Kartoffeln! Das Fleisch ist für die reichen Leute da. Es ist schwer, sein Auskommen zu finden mit Kindern, die einen so höllischen Appetit haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann schauten Jean und Gervaise bestürzt auf ihren Teller und wagten nicht mehr, sich Brot abzuschneiden. Doch Silvère, der in nebelhaften Träumen lebte, hatte kein Verständnis für die Vorgänge um ihn her. Er sprach mit ruhiger Stimme die wetterschwülen Worte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sollten eben arbeiten, Oheim!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach so! fuhr der im Innersten Getroffene auf, du sagst, ich solle arbeiten? Damit die schurkischen Reichen mich noch weiter auszunützen? Wenn ich mich zu Tode rackere, kann ich vielleicht zwanzig Sous täglich erwerben. Das lohnt doch wohl die Mühe!...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man erwirbt so viel wie man kann, erwiderte der junge Mann. Zwanzig Sous sind zwanzig Sous, auch ein Zuschuß in einem Haushalte... Sie sind übrigens Soldat gewesen, warum suchen Sie nicht irgendeine Anstellung?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da mengte Fine sich in das Gespräch mit einer Unbesonnenheit, die sie bald bereuen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wiederhole ich ihm ja alle Tage, sagte sie. Der Marktaufseher braucht jetzt gerade einen Gehilfen; ich habe ihm meinen Mann vorgeschlagen, und er scheint uns günstig gesinnt zu sein...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart sandte ihr einen niederschmetternden Blick zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweig! rief er ihr mit verhaltenem Zorne zu. Die Weiber wissen nie, was sie reden! Man nimmt mich gewiß nicht, denn man kennt meine Gesinnungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedesmal, wenn man ihm irgendeinen Dienstplatz anbot, geriet er in heftigen Zorn. Doch hörte er nicht auf, Anstellungen zu fordern, und fand man eine solche für ihn,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
so lehnte er sie mit den sonderbarsten Begründungen ab. Wenn man ihm in diesem Punkte schärfer zusetzte, konnte er schrecklich werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Jean nach dem Essen eine Zeitung zur Hand nahm, sagte er ihm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du tätest auch besser, schlafen zu gehen; sonst verschläfst du morgen früh die rechte Stunde und hast einen Tag verloren. Würde man es glauben, daß dieser Nichtsnutz die vergangene Woche acht Franken weniger heimgebracht hat? Doch ich habe seinen Meister gebeten, ihm nicht mehr das Geld zu geben; ich selbst werde es künftig in Empfang nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Jean ging schlafen, um die Scheltreden seines Vaters nicht länger anhören zu müssen. Er hatte wenig Zuneigung für Silvère; die Politik langweilte ihn und er fand, daß bei seinem Vetter »nicht alles richtig sei«. Wenn dann die Frauen allein da geblieben waren und nach Abräumung des Tisches halblaut miteinander plauderten, schrie Macquart:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sieht man die Tagediebe! Gibt es nichts auszubessern im Hause? Wir gehen ja in Lumpen einher... Höre mal, Gervaise, ich habe bei deiner Patronin Nachfrage gehalten und da saubere Dinge erfahren. Du bist eine nichtsnutzige Herumstreicherin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gervaise, schon ein erwachsenes Mädchen von zwanzig Jahren, errötete, wenn sie in solcher Weise vor Silvère ausgescholten wurde. Dieser saß ihr gegenüber und empfand darob gleichfalls ein Mißbehagen. Als er eines Abends, an dem der Oheim abwesend war, spät kam, fand er Mutter und Tochter zu Tode betrunken vor einer leeren Schnapsflasche. Seither konnte er seine Base nicht wiedersehen, ohne sich des schmählichen Anblicks zu erinnern, den dieses Kind bot mit seinem plumpen Gelächter und den breiten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
roten Flecken auf den blassen, mageren Backen. Auch war er durch die häßlichen Geschichten eingeschüchtert, die über Gervaise im Umlauf waren. In köstlicher Keuschheit aufgewachsen, betrachtete er sie zuweilen von der Seite mit dem scheuen Erstaunen eines Schülers, den man mit einer Dirne zusammengeführt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die beiden Frauenzimmer ihr Nähzeug genommen hatten, sich die Augen dabei heraussahen, ihm seine alten Hemden auszubessern, warf Macquart sich bequem in den besten Sessel zurück, den es im Hause gab, schlürfte seinen Kaffee und rauchte dazu seine Pfeife wie einer, der mit Behagen seine Faulenzerei genießt. In solchen Stunden pflegte der alte Halunke die reichen Leute anzuklagen, daß sie sich mit dem Schweiße der Armen mästeten. Er erging sich in großartigen Zornesausbrüchen gegen die Herren in der Neustadt, die im Nichtstun dahin lebten und sich von den armen Leuten ernähren ließen. Die Brocken von kommunistischen Gedanken, die er am Vormittag sich aus den Zeitungen geholt hatte, klangen aus seinem Munde plump und ungeheuerlich. Er sprach von einer nahen Zeit, in der niemand mehr werde arbeiten müssen. Doch bewahrte er den Rougon seinen grausamsten Haß. Er konnte eben die Kartoffeln durchaus nicht verdauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute morgen sah ich die Gaunerin Felicité in der Markthalle ein Huhn kaufen, erzählte er; diese Erbschleicher nähren sich mit Hühnerfleisch!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tante Dide behauptet, erwiderte Silvère, daß mein Oheim Peter gut zu Euch gewesen, als Ihr vom Militärdienst heimkehrtet. Hat er nicht eine beträchtliche Summe ausgegeben, um Euch Kleidung und Wohnung zu verschaffen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine beträchtliche Summe? heulte Macquart erbittert. Deine Großmutter ist verrückt. Diese Räuber haben selbst&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
solche Geschichten in Umlauf gebracht, um mir das Maul zu schließen. Gar nichts habe ich bekommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier beging Fine abermals die Unbesonnenheit sich einzumengen, indem sie ihren Mann daran erinnerte, daß er zweihundert Franken erhalten habe, ferner einen vollständigen Anzug und die Wohnungsmiete für ein Jahr. Antoine schrie ihr zu, sie solle schweigen, und fuhr mit steigendem Zorne fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweihundert Franken! Was ist das? Ich verlange was mir gebührt, das sind zehntausend Franken! Ja, ja; es rede mir nur einer von dem Loch, in das sie mich geworfen haben, wie einen Hund, und von dem alten Überrock, den Peter nicht mehr tragen wollte, weil er schon zu schmierig und löcherig war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er log; allein angesichts seiner Wut wagte niemand ihm zu widersprechen. Dann wandte er sich zu Silvère und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist noch einfältig genug, sie zu verteidigen? Sie haben ja auch deine Muter beraubt, und das arme Weib wäre nicht gestorben, wenn sie die Mittel gehabt hätte, sich besser zu pflegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, Ihr seid nicht gerecht, Oheim, sprach der junge Mann; meine Mutter ist nicht wegen mangelnder Pflege gestorben, und ich weiß auch, daß mein Vater niemals einen Sou von der Familie seines Weibes angenommen haben würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, laß mich zufrieden! Dein Vater hätte das Geld gerade so angenommen wie jeder andere. Wir sind in unwürdiger Weise ausgeplündert worden und müssen unser Gut wiederbekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Macquart begann zum hundertstenmal die Geschichte mit den fünfzigtausend Franken. Sein Neffe, der sie schon auswendig wußte, geschmückt mit allen Abweichungen, hörte ihm ungeduldig zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn du ein Mann wärest, sagte Antoine schließlich, würdest du eines Tages mit mir kommen, und wir würden zusammen bei den Rougon einen hübschen Krawall machen. Wir würden nicht eher wieder fortgehen, als bis man uns Geld gäbe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Silvère wurde ernst und erwiderte mit klarer Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn diese Elenden uns geplündert haben, dann um so schlimmer für sie! Ich mag ihr Geld nicht. Hört, Oheim! es ist nicht unsere Sache, unsere Familie zu züchtigen. Wenn sie schlecht gehandelt haben, werden sie eines Tags schrecklich gestraft werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, welch ein großer Einfaltspinsel! schrie der Oheim. Laß uns nur erst die Stärkeren sein, dann sollst du sehen, wie ich meine Rechnung mit diesen Leuten mache. Der liebe Gott kümmert sich wenig um uns! Es ist eine gar schmutzige Familie, die unsrige! Wenn ich Hungers stürbe, würde keiner dieser Schelme mir auch nur einen Bissen trockenen Brotes zuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Macquart diesen Gegenstand berührte, konnte er nimmer aufhören. Er zeigte die blutenden Schwären seines Neides ganz offen. Er ward wild, wie ein Stier, wenn er daran dachte, daß er allein in der Familie Pech hatte und daß er Kartoffeln aß, während die anderen nach Belieben Fleisch haben konnten. Alle seine Anverwandten, selbst seine Großneffen, gingen bei solchen Gelegenheiten durch seine Hände und gegen jeden wußte er Anschuldigungen und Drohungen vorzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, wiederholte er bitter, sie würden mich verrecken lassen, wie einen Hund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zuweilen bemerkte Gervaise schüchtern und ohne von ihrer Arbeit aufzublicken:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch, Vater, hat Vetter Pascal sich gut zu uns erwiesen, als du im vorigen Jahr krank warst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat dich ärztlich behandelt, ohne einen Sou Entgelt zu fordern, fügte Fine hinzu, indem sie ihrer Tochter zu Hilfe kam; oft genug hat er mir ein Fünffrankenstück in die Hand gedrückt, damit ich dir Kraftbrühen bereiten könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er! Er hätte mich krepieren lassen, wenn ich nicht von so starker Leibesbeschaffenheit wäre! rief Macquart. Schweiget, ihr dummen Weiber! Ihr würdet euch »einfädeln« lassen, wie die kleinen Kinder. Alle möchten mich am liebsten tot sehen. Wenn ich wieder krank würde, sollt ihr mir nicht meinen Neffen holen, denn ich fühlte mich nicht ganz sicher in seinen Händen. Das ist ein Arzt für die Bettler; er hat keinen einzigen »anständigen« Menschen in seiner ganzen Praxis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil er einmal im Schwünge war, ließ er sich immer mehr gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade so wie die Schlange Aristid! fuhr er fort. Der ist ein falscher Bruder, ein Verräter. Oder gehst du etwa seinen Artikeln im »Unabhängigen« auf dem Leim, Silvère? Da wärest du ein nicht gewöhnlicher Schafskopf! Ich habe immer behauptet, daß dieser eingeschmuggelte Republikaner mit seinem würdigen Vater unter einer Decke spielt und daß es bei diesem Spiele um unsere Haut geht. Du wirst schon sehen, wie er den Mantel dreht. Und erst sein Bruder, der berühmte Eugen, dieser dicke Tölpel, mit dem sie so viel Staat machen! Von diesem verbreiten sie gar, er habe eine schöne Stellung in Paris! Ach ja, ich kenne diese schöne Stellung. Als Spitzel ist er angestellt in der Jerusalem-Straße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer hat Euch das gesagt? Ihr wißt nichts davon, unterbrach ihn Silvère, dessen schlichter Sinn endlich durch die erlogenen Beschuldigungen seines Oheims beleidigt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So? Ich weiß nichts davon? Glaubst du? Und ich sage&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dir, er ist ein Spitzel ... Du in deiner Gutmütigkeit würdest dich scheren lassen, wie ein Schaf. Du bist kein Mann. Ich will von deinem Bruder Franz nichts Schlimmes sagen; aber wenn ich an deiner Stelle wäre, würde es mich doch arg verdrießen, so schmutzig behandelt zu werden, wie er dich behandelt. Er erwirbt in Marseille schweres Geld, und es fällt ihm nie ein, dir ein Zwanzigfrankenstück zu senden, damit du dir dann und wann ein kleines Vergnügen gönnen könntest. Wahrhaftig, wenn du eines Tages in Not wärest, würdest du dich an ihn vergeblich um Hilfe wenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich brauche niemanden, entgegnete der junge Mann stolz und gereizt. Meine Arbeit genügt, um mich und Tante Dide zu erhalten. Ihr seid grausam, Ohm!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sage nur die Wahrheit und möchte dir die Augen öffnen. Unsere Familie ist eine schmutzige Familie; das ist traurig, aber es ist so. Selbst der kleine Maxime, der Sohn Aristids, dieser neunjährige Balg, streckt die Zunge gegen mich heraus, wenn er mich sieht. Dieser Knirps wird eines Tages seine Mutter prügeln, und das wird recht sein. Du magst sagen was du willst: diese Leute verdienen ihr Glück nicht. Aber so ist es in allen Familien; die Guten verkümmern, und die Schlechten gedeihen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All die schmutzige Wäsche, die Macquart mit so vielem Behagen vor seinem Neffen wusch, widerte den jungen Menschen in der Seele an. Er hätte lieber seine Träume weitergesponnen. Wenn er sich allzu ungeduldig zeigte, wandte Antoine die großen Mittel an, um ihn gegen seine Anverwandten zu erbittern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verteidige sie nur, sagte er und wurde scheinbar ruhiger. Ich habe mich darauf eingerichtet, nichts mehr mit ihnen zu tun zu haben. Was ich dir darüber sage, geschieht nur aus Liebe zu meiner armen Mutter, die diese ganze Sippe in einer wahrhaft empörenden Weise behandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind Elende! murmelte Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, du weißt nichts davon. Es gibt nichts so Schmachvolles, was die Rougon nicht von der armen Alten sagen. Aristides hat seinem Sohne verboten, sie zu grüßen. Felicité spricht davon, die Alte in ein Narrenhaus stecken zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bleich wie sein Hemd, hörte der junge Mensch diese Reden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug! rief er; ich mag nichts mehr wissen. All dies muß ein Ende nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gut, gut, ich schweige schon, da es dich ärgert, sagte der alte Halunke, einen gemütlicheren Ton anschlagend. Es gibt aber doch Dinge, die du wissen mußt, wenn du nicht eines Tages die Rolle eines Tölpels spielen willst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem er sich so bemühte, Silvère gegen die Rougon aufzuhetzen, war es Macquart ein auserlesener Genuß, dem jungen Menschen Tränen des Schmerzes zu erpressen. Er verabscheute diesen vielleicht noch mehr als die übrigen, weil er ein vorzüglicher Arbeiter war und niemals trank. Darum strengte er seinen boshaftesten Scharfsinn an, um die grausamsten Lügen zu erfinden, die den armen Burschen im Herzen trafen; er ergötzte sich dann an seiner Blässe, an dem Zittern seiner Hände, an seinen trostlosen Blicken mit der Wollust eines bösen Geistes, der seine Schläge berechnet und sein Opfer an der empfindlichsten Stelle getroffen hat. Wenn er Silvère genügend verletzt und verbittert zu haben glaubte, ging er endlich auf die Politik über.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man hat mir versichert, sagte er halblaut, daß die Rougon einen bösen Streich vorbereiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen bösen Streich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja; in einer der nächsten Nächte wird man sich aller guten Bürger der Stadt bemächtigen und sie in den Kerker werfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann zweifelte zunächst. Doch sein Oheim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
lieferte genaue Einzelheiten; er sprach von angefertigten Listen und nannte Personen, die auf den Listen stünden; er gab Andeutungen darüber, in welcher Weise, zu welcher Stunde und unter welchen Umständen die Verschwörung ins Werk gesetzt werden solle. Allmählich ließ Silvère sich durch dieses Altweibermärchen fangen, und bald begann er gegen die Feinde der Republik zu zetern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen sie ohnmächtig machen, wenn sie fortfahren, das Land zu verraten! rief er. Und was wollen sie mit den Bürgern anfangen, die eingekerkert werden sollen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was sie mit ihnen anfangen wollen? erwiderte Macquart mit einem trockenen Lachen. Man wird sie in den Gräben und Gängen der Kerker über den Haufen schießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da der junge Mensch, starr vor Schrecken, ihn anschaute, ohne ein Wort der Erwiderung zu finden, fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie werden nicht die ersten sein, die man dort mordet. Wenn du dich des Abends ein wenig in der Nähe des Justizpalastes herumtreiben willst, wirst du dort Schüsse und Todesgestöhn hören.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Schurken! murmelte Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und jetzt stürzten sich Oheim und Neffe in die hohe Politik. Als Fine und Gervaise sich in ihre Erörterung vertieft sahen, schlichen sie unbemerkt davon und gingen schlafen. Bis Mitternacht blieben die beiden Männer so beisammen und besprachen die Pariser Nachrichten und den bevorstehenden unausbleiblichen Kampf. Macquart ließ sich bitter über die Männer seiner Partei aus; Silvère träumte ganz laut seinen Traum von der vollkommenen Freiheit für sich hin. Es waren seltsame Unterhaltungen, bei denen der Oheim sich unzählige Gläschen einschenkte, während der Neffe sich an seiner Begeisterung berauschte. Indes vermochte Antoine von dem jungen Republikaner niemals einen treulosen Anschlag, einen Feldzugsplan gegen die Rougon&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu erlangen; vergebens drängte er ihn; er hörte aus seinem Munde nur Hinweise auf die ewige Gerechtigkeit, die früher oder später die Bösen strafen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Knabe in seinen edelmütigen Regungen sprach mit fieberhaftem Eifer davon, zu den Waffen zu greifen und die Feinde der Republik zu morden; aber sobald diese Feinde aus dem Reich seiner Träume heraustraten und sich in seinem Oheim Peter oder einem andern seiner Bekanntschaft verkörperten, rechnete er auf den Himmel, daß dieser es ihm ersparen werde, Blut zu vergießen. Man darf annehmen, daß er aufgehört hätte, Macquart zu besuchen, dessen wilde Neidausbrüche ihm ein gewisses Mißbehagen verursachten, wenn er sich nicht der Freude hätte hingeben können, bei ihm ganz frei von seiner lieben Republik zu reden. Immerhin übte sein Oheim einen entscheidenden Einfluß auf sein Geschick; er erregte seine Nerven durch sein ewiges Schimpfen und brachte es schließlich dahin, daß der Knabe heftiges Verlangen trug nach dem Kampfe mit bewaffneter Hand, nach dem gewaltsamen Erringen des allgemeinen Glücks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Silvère sein sechzehntes Lebensjahr erreichte, ließ Macquart ihn unter die »Bergbewohner« aufnehmen, in diesen mächtigen Bund, der über den ganzen Süden verbreitet war. Seit diesem Augenblicke schielte der junge Republikaner nach dem Karabiner des Schmugglers, den Adelaide über den Kamin an die Wand gehängt hatte. Eines Nachts, während seine Großmutter schlief, putzte er die Waffe und setzte sie instand. Dann hängte er sie wieder an den Nagel und wartete. Und er wiegte sich in seinen begeisterten Träumen, ersann in seiner Einbildung riesenhafte Heldengedichte, eine Art ritterlicher Turniere, aus denen die Verteidiger der Freiheit als Sieger hervorgingen, bejubelt von der ganzen Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz der Erfolglosigkeit seiner Anstrengungen verlor&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart den Mut nicht. Er sagte sich, daß er allein es zuwege bringen werde, die Rougon zu erwürgen, wenn er sie jemals in irgendeinem Winkel in seiner Gewalt haben würde. Seine Wut eines neidischen und hungernden Müßiggängers wuchs noch infolge einer Reihe von Unglücksfällen, die ihn nötigten, wieder zur Arbeit zu greifen. In den ersten Tagen des Jahres 1850 starb Fine an den Folgen einer Erkältung, die sie sich holte, als sie eines Abends die Wäsche der Familie in der Viorne wusch und dann in nassem Zustande auf dem Rücken heimtrug. Triefend von Wasser und Schweiß, keuchend unter der schweren Bürde war sie heimgekehrt und hatte das Siechbett nicht mehr verlassen. Dieser Todesfall versetzte Macquart in nicht geringe Bestürzung. Sein sicherstes Einkommen war weg. Als er nach einigen Tagen den Ofen verkaufte, auf dem Fine die Kastanien briet, und das Holzgestell, dessen sie sich bei dem Einflechten der Strohsessel zu bedienen pflegte, klagte er in rohen Worten den lieben Gott an, daß er ihm sein Weib genommen, diese starke Person, deren er sich stets geschämt hatte und deren ganzen Wert er jetzt erkannte. Um so gieriger warf er sich jetzt auf den Erwerb seiner Kinder. Allein Gervaise ward seiner unaufhörlichen Geldforderungen bald überdrüssig und ging einen Monat später ihrer Wege, mit ihren zwei Kindern und mit Lantier, dessen Mutter ebenfalls gestorben war. Das Liebespaar floh nach Paris. Niedergeschmettert von dieser Handlungsweise seiner Tochter geriet Antoine in schreckliche Wut und wünschte ihr, sie möge im Krankenhause enden wie ihresgleichen. Allein diese Lästerungen gestalteten seine Lage nicht besser, die eine entschieden schlimme war. Jean folgte bald dem Beispiele seiner Schwester. Er wartete einen Lohntag ab und wußte es so einzurichten, daß er selbst seinen Lohn in Empfang nahm. Beim Fortgehen sagte er einem seiner Freunde,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der es dann Antoine wiedersagte, er wolle nicht langer seinen Taugenichts von Vater ernähren; wenn dieser ihn durch die Gendarmen zurückführen lassen solle, werde er Säge und Hobel nicht mehr anrühren. Als Antoine ihn am folgenden Tage vergebens suchte und sich ohne einen Sou allein sah in der Behausung, wo er sich zwanzig Jahre lang hatte aushalten lassen, geriet er in eine schreckliche Wut, stieß mit den Füßen nach den Möbeln und lästerte in ungeheuerlicher Weise. Dann sank er hin und stöhnte wie ein zu Tode Getroffener. Die Furcht, sein Brot verdienen zu müssen, machte ihn krank. Als Silvère zu Besuch kam, beklagte er sich weinend über die Undankbarkeit seiner Kinder. War er denn nicht immer ein guter Vater gewesen? Jean und Gervaise seien Ungeheuer, die ihm schlecht all das lohnten, was er für sie getan. Jetzt verließen sie ihn, weil er alt sei und sie ihn nicht mehr ausnützen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Oheim, Sie sind doch noch in dem Alter, um arbeiten zu können, bemerkte Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart hüstelte, krümmte sich und schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, daß er selbst der mindesten Anstrengung nimmer fähig sei. In dem Augenblicke, als sein Neffe sich zum Gehen anschickte, borgte er zehn Franken von ihm. Einen Monat lebte er davon, daß er die alten Kleider seiner Kinder, ein Stück nach dem andern, zum Trödler trug; ebenso verschacherte er nach und nach die kleinen Gegenstände des Hausrates. Bald hatte er nichts, als einen Tisch, einen Sessel, sein Bett und die Kleider, die er am Leibe trug. Schließlich ging er so weit, das aus Nußholz gemachte Bett gegen ein solches von weichem Holze zu vertauschen. Als er mit allen Hilfsquellen zu Ende war, holte er wütend und mit der Miene eines Menschen, der sich zum Selbstmorde entschließt, das Bündel Weidenruten hervor, das seit einem Vierteljahrhundert in einem Winkel vergessen gelegen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er es aufhob, schien er einen Berg von der Stelle zu rücken. Und jetzt begann er wieder, Hand- und Holzkörbe zu flechten, wobei er die Menschheit wegen seiner Verlassenheit anklagte. Zu dieser Zeit hauptsächlich sprach er davon, mit den Reichen teilen zu wollen. Er zeigte sich als ein Schreckensmensch. Mit seinen Brandreden entzündete er die Kneipe fast, wo seine wilden Blicke ihm einen unbeschränkten Kredit verschafften. Übrigens arbeitete er nur dann, wenn es ihm nicht gelingen wollte, bei Silvère oder einem Saufkameraden ein Hundertsoustück zu pumpen. Er war nicht mehr »Herr« Macquart, der täglich rasierte und sauber gekleidete Arbeiter, der sich auf den Spießbürger aufspielte; er war jetzt wieder der schmutzige Geselle von ehemals, der auf seine Lumpen spekulierte. Jetzt, da er sich mit seinen Körben fast auf jedem Wochenmarkte einfand, wagte Felicité nicht mehr, in der Markthalle zu erscheinen. Einmal machte er ihr eine schreckliche Szene. Mit seinem Elend wuchs auch sein Haß gegen die Rougon. Er schwor unter fürchterlichen Drohungen, sich selbst Gerechtigkeit verschaffen zu wollen, da die Reichen sich untereinander verständigten, ihn zur Arbeit zu zwingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter so bewandten Umständen nahm Macquart die Kunde von dem Staatsstreiche mit der geräuschvollen Freude eines Hundes auf, der den Trieb wittert. Da die wenigen anständigen Liberalen in der Stadt sich nicht hatten verständigen können und sich daher abseits hielten, war es nur natürlich, daß Antoine einer der vordersten Agenten der Erhebung wurde. Trotz ihrer abfälligen Meinung von diesem Müßiggänger mußten ihn die Arbeiter bei dieser Gelegenheit für ein Banner ansehen, unter welchem sie sich scharten. Doch als die Stadt in den ersten Tagen ruhig blieb, glaubte Macquart, seine Pläne seien vereitelt worden. Erst bei der Nachricht von der Erhebung der Landbevölkerung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
begann er wieder zu hoffen. Um keinen Preis der Welt würde er Plassans verlassen haben. Darum ersann er einen Vorwand, um den Arbeitern nicht zu folgen, die am Sonntag morgen zu der aufrührerischen Bande von La Palud und von Saint-Martin-de-Vaulx stießen. Am Abende desselben Tages befand er sich mit einigen Getreuen in einer verdächtigen Kneipe der Altstadt, als ein Genosse herbeieilte, um sie zu benachrichtigen, daß die Aufrührer wenige Kilometer von Plassans stünden. Diese Kunde sei soeben durch einen Eilboten gebracht worden, dem es gelungen war, in die Stadt zu kommen, und der beauftragt war, der Bande die Stadttore öffnen zu lassen. Diese Kunde erregte ein Jubelgeheul. Besonders Macquart schien toll vor Begeisterung. Dieses unerwartete Eintreffen der Aufständischen betrachtete er wie eine gnädige Fügung der Vorsehung. Seine Hände zitterten vor Wonne bei dem Gedanken, daß er diese Rougon bald an der Gurgel haben werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes beeilten sich Antoine und seine Genossen, das Kaffeehaus zu verlassen. Alle Republikaner, die die Stadt noch nicht verlassen hatten, fanden sich alsbald auf der Promenade Sauvaire ein. Es war die Rotte, die Rougon gesehen hatte, als er in die Behausung seiner Mutter lief, um sich da zu verbergen. Als die Bande auf der Höhe der Banne-Straße ankam, hieß Macquart, der in der Nachhut geblieben war, vier seiner Genossen zurückbleiben; es waren dies kräftige Burschen mit wenig Grütze, die er mit seinen Kaffeehausreden beherrschte. Er redete ihnen ohne Mühe ein, daß man unverzüglich die Feinde der Republik dingfest machen müsse, wenn man schweren Unglücksfällen vorbeugen wolle. Die Wahrheit war, daß er fürchtete, Peter könnte in den Trubel, den der Einmarsch der Aufständischen in der Stadt verursachen mußte, ihm entrinnen. Die vier Burschen folgten ihm mit musterhafter Fügsamkeit und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
pochten an der Türe der Rougon. Unter diesen kritischen Umständen benahm sich Felicité mit bewundernswürdigem Mute. Sie ging hinab und öffnete die Haustür.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen zu dir hinauf gehen, sagte ihr Macquart barsch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist gut, meine Herren, gehen Sie hinauf, erwiderte sie mit spöttischer Höflichkeit, indem sie tat, als erkenne sie ihren Schwager nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oben in der Wohnung gebot ihr Macquart, ihren Mann zu holen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Mann ist nicht da, sagte sie sehr ruhig; er ist in Geschäften verreist; um sechs Uhr abends ist er mit der Eilpost nach Marseille gefahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine fuhr wütend auf, als er diese mit klarer Stimme abgegebene Erklärung vernahm. Hastigen Schrittes trat er in das Empfangszimmer, von da in das Schlafzimmer, durchwühlte das Bett, schaute unter die Vorhänge und unter die Möbel. Die vier langen Burschen waren ihm bei diesem Tun behilflich. Eine Viertelstunde lang durchstöberten sie die ganze Wohnung. Felicité hatte sich inzwischen ruhig auf dem Sofa im Empfangszimmer niedergelassen und machte sich mit dem Schnüren ihrer Röcke zu schaffen, wie eine Person, die in ihrer Nachtruhe gestört worden ist und noch nicht Zeit gefunden hat, sich in schicklicher Weise anzukleiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist also wahr, der Feigling hat sich geflüchtet? stotterte Macquart, in den Salon zurückkehrend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei fuhr er fort, argwöhnisch um sich zu blicken. Er hatte das Gefühl, daß Peter unmöglich das Spiel im entscheidenden Momente aufgegeben haben konnte. Er näherte sich Felicité und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeige uns den Ort, wo dein Mann versteckt ist und ich verspreche dir, daß ihm kein Leid zugefügt werden soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe euch die Wahrheit gesagt, erwiderte sie ungeduldig. Ich kann euch meinen Mann nicht ausliefern, wenn er nicht da ist. Ihr habt überall gesucht, laßt mich jetzt in Frieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Felicités Kaltblütigkeit zum äußersten getrieben, war Macquart auf dem Sprunge, sie zu mißhandeln, als von der Straße her ein dumpfes Geräusch sich vernehmbar machte. Es war die Rotte der Aufständischen, die in die Banne-Straße einmarschierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Antoine verließ nun das gelbe Zimmer, nicht ohne vorher seine Schwägerin mit der Faust zu bedrohen und der »alten Gaunerin« seine Wiederkehr in Aussicht zu stellen. Am Fuße der Treppe nahm er einen der Männer, die ihn begleitet hatten, einen Erdarbeiter namens Cassoute, beiseite und gebot ihm, sich auf der ersten Treppenstufe niederzulassen und bis auf weitere Weisung sich nicht vom Fleck zu rühren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn der Halunke heimkehrt, wirst du mich davon benachrichtigen, sagte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann ließ sich schwerfällig auf der Treppenstufe nieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Macquart wieder auf der Straße war, sah er Felicité, an eines der Fenster des gelben Zimmers gelehnt, neugierig den Zug der Aufständischen betrachten, als habe es sich um ein Regiment gehandelt, das mit klingendem Spiel durch die Stadt zieht. Dieser letzte Beweis ihrer vollkommenen Ruhe reizte ihn dermaßen, daß er sich versucht fühlte, wieder hinaufzugehen und die alte Frau auf die Straße hinabzuwerfen. Er folgte indes der Bande und brummte mit dumpfer Stimme vor sich hin:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, schau nur zu; wir wollen sehen, ob du morgen noch an deinem Balkon stehst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war nahezu elf Uhr, als die Aufständischen durch das&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
römische Tor die Stadt betraten. Die in Plassans zurückgebliebenen Arbeiter öffneten ihnen dieses Tor angelweit trotz des Jammerns des Torwarts, dem man gewaltsam die Schlüssel entreißen mußte. Dieser auf sein Amt sehr eifersüchtige Mann war völlig vernichtet angesichts dieser großen Menschenmenge. Er, der sonst nur einen Menschen auf einmal einließ, und auch dann erst, nachdem er ihn lange betrachtet hatte, brummte jetzt, er sei entehrt. An der Spitze der Truppe marschierten die Männer von Plassans als Führer der anderen. In der vordersten Reihe ging Miette zur Linken Silvères, stolz das Banner schwingend, seitdem sie merkte, daß hinter den geschlossenen Fenstervorhängen die aus dem Schlafe aufgestörten Spießbürger mit erschrockenen Blicken den Zug betrachteten. Die Aufständischen schritten mit bedächtiger Langsamkeit durch die Rom- und die Banne-Straße; bei jeder Straßenkreuzung fürchteten sie mit Gewehrschüssen empfangen zu werden, obgleich ihnen die ruhige Gemütsart der Bewohner von Plassans wohlbekannt war. Doch die Stadt schien ausgestorben; nur hier und da vernahm man einen halb unterdrückten Ausruf an einem Fenster. In einigen wenigen Häusern wurde der Vorhang aufgezogen, und es ward irgendein alter Rentenbesitzer sichtbar, der im Hemde mit einer Kerze in der Hand sich vorneigte, um besser zu sehen. Wenn der alte Mann aber das große, rote Mädchen sah, das diese Menge schwarzer Teufel hinter sich einherzuschleppen schien, schloß er rasch sein Fenster, entsetzt über diese teuflische Erscheinung. Die Stille der schlafenden Stadt beruhigte die Aufständischen, die sich nun auch in die Gäßchen der Altstadt wagten und so auf dem Marktplatze und dem Rathausplatze ankamen, die eine kurze, breite Straße miteinander verbindet. Diese beiden mit kümmerlich gedeihenden Bäumen bepflanzten Plätze waren vom Mondschein hell erleuchtet. Das eben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
erst instand gesetzte Rathausgebäude bildete am Saume des klaren Nachthimmels einen großen, grellweißen Fleck, von dem der Balkon des ersten Stockwerkes die Verschlingungen seines schmiedeeisernen Geländers in dünnen, schwarzen Linien abhob. Man bemerkte ganz deutlich mehrere Personen auf dem Balkon stehen: den Bürgermeister, den Major Sicardot, drei oder vier Gemeinderäte und andere Beamte. Die Tore des Hauses waren geschlossen. Die dreitausend Republikaner, die die beiden Plätze füllten, blieben stehen, reckten die Hälse und waren bereit, mit dem ersten Ansturm die Tore einzurennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ankunft der Aufständischen zu solcher Stunde traf die Stadtbehörde unvorbereitet. Der Major Sicardot hatte, ehe er sich aufs Rathaus begab, rasch seine Uniform angezogen. Er mußte dann noch zum Bürgermeister laufen, um diesen zu wecken. Als der Wächter am römischen Tor, den die Aufständischen freigelassen hatten, gelaufen kam, um zu melden, daß die Bösewichte in der Stadt seien, hatte der Major mit vieler Mühe kaum zwanzig Mann der Bürgerwehr zusammengebracht. Selbst die Gendarmen, deren Kaserne ganz in der Nähe lag, hatte man noch nicht benachrichtigen können. Man hatte nur rasch die Tore zugeworfen, um zu beratschlagen. Fünf Minuten später verkündete ein dumpfes und anhaltendes Geräusch das Herannahen der Bande.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Haß gegen die Republik hätte Herr Garçonnet sich am liebsten zur Wehre gesetzt. Doch er war ein vorsichtiger Mann, der die Nutzlosigkeit des Kampfes begriff, als er sich von einigen bleichen und schlaftrunkenen Männern umgeben sah. Die Beratung dauerte nicht lange. Herr Sicardot allein zeigte sich widerspenstig; er wollte sich schlagen und behauptete, zwanzig Mann genügten, um diesen dreitausend Halunken die Köpfe zurecht zu setzen. Herr Garçonnet&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zuckte mit den Achseln und erklärte, man könne nichts tun, als sich ehrenhaft unterwerfen. Da das Getöse der Menge immer mehr anwuchs, begab er sich auf den Balkon, wohin alle anwesenden Personen ihm folgten. Allmählich trat Stille ein. In der dunkeln und wimmelnden Menge der Aufständischen unten auf dem Platze glänzten die Gewehrläufe und Sensen im Mondlichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer seid ihr und was wollt ihr? rief der Bürgermeister mit kräftiger Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da trat ein Mann im Überrock, ein kleiner Landwirt aus La Palud, aus der Menge hervor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Öffnet das Tor, antwortete er, die Frage des Herrn Garçonnet unbeachtet lassend, öffnet und vermeidet einen brudermörderischen Kampf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich befehle euch, eures Weges zu ziehen, rief der Bürgermeister. Ich verwahre mich im Namen des Gesetzes!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte erregten ein betäubendes Geschrei in der Menge. Als der Lärm sich ein wenig gelegt hatte, wurden ungestüme Fragen zu dem Balkon hinaufgeschrien. Einige riefen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind ja eben im Namen des Gesetzes gekommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben als erster Beamter der Stadt die Pflicht, dem schmählich verletzten Grundgesetze des Landes, der Verfassung, Achtung zu verschaffen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hoch die Verfassung! Es lebe die Republik!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Herr Garçonnet versuchte, sich Gehör zu verschaffen, und sich weiterhin auf sein Amt berief, unterbrach ihn der Mann aus La Palud, der unter dem Balkon stehen geblieben war, sehr energisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind nur mehr der Beamte eines abgesetzten Beamten; wir sind gekommen, Sie Ihrer Stellung zu entheben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Major Sicardot hatte bisher unter stillen Flüchen an seinem Schnurrbarte gekaut. Der Anblick der Stöcke&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und Sensen machte ihn wütend. Er mußte sich ungeheure Gewalt antun, um nicht dieses Gesindel, das nicht einmal für jeden Mann eine Flinte hatte, nach Gebühr zu behandeln. Doch als er hören mußte, wie ein Mensch im einfachen Überrock davon zu sprechen wagte, einen Bürgermeister, der mit seiner Amtsschärpe umgürtet war, seines Amtes entheben zu wollen, konnte er nicht länger an sich halten und schrie hinab:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Elendes Bettelvolk! Hätte ich nur vier Mann und einen Korporal, ich würde hinabgehen und euch bei den Ohren nehmen, um euch Respekt zu lehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war mehr als genug, um sehr ernste Dinge herbeizuführen. Ein lang anhaltender Schrei ertönte aus der Menge, die sich jetzt auf die Tore des Rathauses stürzte. Herr Garçonnet verließ bestürzt den Balkon und bat den Major, sich vernünftig zu benehmen, wenn er nicht wolle, daß sie alle niedergemetzelt würden. In zwei Minuten hatte die Menge die Tore gesprengt, überflutete den Hof des Rathauses und entwaffnete die Bürgerwehr. Der Bürgermeister und die übrigen anwesenden Beamten wurden in Haft genommen. Sicardot, der sich weigerte, seinen Säbel zu übergeben, mußte durch den Anführer der Abteilung aus Tulettes, einen Mann von großer Kaltblütigkeit, gegen die Wut einiger Aufständischer geschützt werden. Als das Rathaus sich in der Gewalt der Republikaner befand, wurden die Gefangenen in ein kleines Kaffeehaus geführt, das auf dem Marktplatze lag, und hier bewacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufständischen wären an Plassans vorbeigezogen, wenn die Anführer nicht gefunden hätten, daß einige Nahrungsmittel und einige Stunden Ruhe für ihre Leute unbedingt notwendig seien. Anstatt geraden Weges auf den Hauptort des Bezirkes loszugehen, machte die Rotte dank der Unerfahrenheit und unverzeihlichen Schwäche ihres&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anführers eine Schwenkung nach links, einen großen Umweg, der sie ins Verderben führen mußte. Sie richtete ihren Marsch nach der Hochebene von Sainte-Roure, die noch etwa zehn Meilen entfernt war, und die Aussicht auf diesen langen Marsch war es, die die Leute bestimmt hatte, trotz der späten Nachtstunde die Stadt zu betreten. Es mochte halb zwölf Uhr sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Herr Garçonnet erfuhr, daß die Bande Lebensmittel wolle, machte er sich erbötig, solche herbeizuschaffen. Dieser Beamte zeigte unter diesen schwierigen Umständen eine sehr klare Auffassung der Lage. Diese dreitausend Hungrigen mußten gesättigt werden; die Stadt durfte nicht bei ihrem Erwachen sie in den Straßen herumlungern sehen; wenn sie vor Tagesanbruch wieder weiterzogen, hatten sie ganz einfach zu nachtschlafender Zeit die Stadt passiert wie ein böser Traum, wie ein Alpdruck, den die Dämmerung verscheucht. Obgleich Gefangener, begab sich Herr Garçonnet in Begleitung von zwei Wächtern zu den Bäckern der Stadt und ließ alles vorrätige Brot an die Aufständischen verteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein Uhr morgens hockten die dreitausend Mann am Boden ihre Waffen zwischen den Beinen und aßen. Der Marktplatz und der Rathausplatz waren in riesige Speiseräume verwandelt. Trotz der schneidenden Kühle ging ein Zug von Frohsinn durch diese Menge, deren einzelne Gruppen im Mondlichte deutlich sichtbar waren. Die armen Hungrigen verzehrten munter ihren Anteil und hauchten sich auf die erstarrten Finger; auch aus den benachbarten Gassen, wo man unbestimmte dunkle Gestalten auf den weißen Türschwellen der Häuser sitzen sah, drangen plötzliche Heiterkeitsausbrüche hervor, die aus dem Dunkel der Straßen kommend, sich in der großen Menge verloren. An den Fenstern standen neugierige Frauenzimmer in Tücher gehüllt und schauten zu, wie diese schrecklichen Meuterer sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sättigten, diese Bluttrinker, die einer nach dem anderen zum öffentlichen Brunnen gingen, um da ihren Durst zu löschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Aufständischen von dem Rathause Besitz ergriffen, fiel auch die Gendarmerie, in der nahen Cauquoin-Straße gelegen, die auf die Markthalle mündet, in die Gewalt des Volkes. Die Gendarmen wurden im Bett überrumpelt und binnen wenigen Minuten entwaffnet. Das Drängen der Menge hatte Miette und Silvère nach dieser Seite mitgezogen. Das Mädchen, das den Schaft der Fahne noch immer an die Brust drückte, wurde an die Mauer der Kaserne gestellt, während der Bursche, von dem Strom mitgerissen, in das Haus eindrang und seinen Gefährten behilflich war, den Gendarmen ihre Karabiner zu entreißen, deren die Menge sich sogleich bemächtigte. Silvère war wild geworden; betäubt von dem Ansturm der Bande, stürzte er sich auf einen langen Gendarm, namens Rengade, mit dem er einige Sekunden rang. Es gelang ihm, mit einer plötzlichen Bewegung dem andern den Karabiner zu entreißen. Während des Ringens traf das Rohr der Waffe das Gesicht des Gendarmen und stieß ihm das rechte Auge aus. Das Blut floß herab und spritzte auch auf die Hände Silvères, der dadurch sogleich ernüchtert wurde. Er betrachtete seine Hände und ließ den Karabiner fahren; dann lief er, wie kopflos und die Hände schüttelnd aus dem Hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist verwundet? rief Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, erwiderte er mit erstickter Stimme; ich habe soeben einen Gendarm getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist er tot?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß es nicht. Sein Gesicht war voll Blut. Komm rasch!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zog das Mädchen fort. Bei der Markthalle hieß er sie auf einer Steinbank Platz nehmen und ihn da erwarten. Dabei betrachtete er immerfort seine Hände und stotterte. An&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seinen abgerissenen Worten merkte Miette endlich, daß er vor dem Aufbruch noch einmal seine Großmutter umarmen wolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, geh, sagte sie, kümmere dich nicht um mich, wasche deine Hände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er entfernte sich mit raschen Schritten, spreizte die Finger auseinander und dachte nicht daran, sie in die Brunnenbecken zu tauchen, an denen er vorbeikam. Seitdem er auf seiner Haut das warme Blut des Gendarmen Rengade fühlte, hatte er nur den einen Gedanken, zu Tante Dide zu laufen und an der Brunnenrinne in dem kleinen Hofe seine Hände zu waschen. Da bloß glaubte er die Blutflecke wegbringen zu können. Seine ganze ruhige, zarte Kindheit stieg vor ihm auf; er empfand ein unwiderstehliches Bedürfnis, sich hinter die Röcke Großmütterchens zu flüchten, und wäre es auch nur eine Minute lang. Keuchend kam er in dem Hause an. Tante Dide war noch nicht zu Bette, was Silvère an jedem andern Abend überrascht haben würde. Doch er hatte bei seinem Eintritt seinen Oheim Rougon übersehen, der in einem Winkel auf einem alten Koffer saß. Der Bursche wartete die Fragen der armen Alten nicht ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Großmutter, sagte er hastig, Ihr müßt mir vergeben ... ich ziehe mit den anderen fort... Ihr seht, meine Hände sind blutig... Ich glaube, ich habe einen Gendarm getötet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast einen Gendarm getötet? wiederholte Tante Dide verwundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihren müden Augen, die auf seinen blutbefleckten Händen hafteten, ward es plötzlich hell. Sie warf einen Blick auf die Wand oberhalb des Kamins.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast die Flinte genommen? fragte sie. Wo ist die Flinte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, der den Karabiner bei Miette zurückgelassen hatte, schwor ihr, daß die Waffe in Sicherheit sei. Zum&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ersten Male machte Adelaide vor ihrem Enkelkinde eine Anspielung auf den Schmuggler Macquart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst mir das Gewehr wiederbringen, du mußt es mir versprechen, sagte sie seltsam bestimmt... Es ist alles, was mir von ihm geblieben ist... Du hast einen Gendarm getötet; er ist von den Gendarmen getötet worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fuhr fort, Silvère anzustarren mit einer Miene grausamer Genugtuung, und schien nicht daran zu denken, ihn zurückhalten zu wollen. Sie verlangte keinerlei Erklärung von ihm und weinte nicht wie die guten Großmütter, die ihre Enkel gleich auf der Totenbahre liegen zu sehen glauben, wenn sie irgendwo eine Schramme davongetragen haben. Ihr ganzes Wesen drängte nach einem einzigen Gedanken, dem sie schließlich mit heißer Begier Worte lieh.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du den Gendarm mit dem Gewehr getötet? fragte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère hatte schlecht gehört oder schlecht verstanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, erwiderte er, ich will mir die Hände waschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst als er vom Brunnen zurückkehrte, gewahrte er seinen Oheim. Peter hatte erbleichend die Worte des Burschen vernommen. Wahrhaftig, Felicité hatte recht: seine Familie fand eine Freude daran, ihn bloßzustellen. Einer seiner Neffen tötete die Gendarmen. Wenn er den Burschen nicht hindert, zu den Aufrührern zu stoßen, erhält er niemals das Amt eines Generaleinnehmers. Er stellte sich vor die Türe und schien entschlossen, den Jungen nicht fortzulassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hört, sagte er zu Silvère, der sehr überrascht war, ihn hier zu finden, ich bin das Oberhaupt der Familie und verbiete Euch, dieses Haus zu verlassen. Morgen will ich Euch behilflich sein, über die Grenze zu entkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère zuckte mit den Achseln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laßt mich meiner Wege ziehen, sagte er ruhig. Ich bin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
kein Spion und werde Euer Versteck nicht verraten; seid ohne Sorgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Rougon fortfuhr, von der Würde der Familie zu sprechen und von der Macht, die ihm als dem Ältesten zukomme, unterbrach ihn der junge Mann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gehöre ich denn zu Eurer Familie? rief er. Ihr habt mich stets verleugnet. Heute hat Euch die Angst hierher gejagt, weil Ihr fühlt, daß der Tag der Vergeltung gekommen ist. Macht Platz! Ich verberge mich nicht, denn ich habe eine Pflicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon rührte sich nicht. Da legte Tante Dide, die die heftigen Worte Silvères mit einem gewissen Entzücken hörte, ihre dürre Hand auf den Arm ihres Sohnes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tritt beiseite! sprach sie; das Kind muß fort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bursche schob sachte seinen Oheim beiseite und stürzte hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon schloß sorgfältig die Tür und sagte mit zornbebender und drohender Stimme seiner Mutter:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ihm ein Unglück zustößt, ist es Eure Schuld ... ihr seid eine alte Närrin und wißt nicht, was Ihr soeben getan habt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Adelaide schien ihn nicht zu hören; sie warf einen Klotz auf das Feuer, das zu verlöschen drohte und murmelte mit einem unbestimmten Lächeln:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kenne das... Er ist ganze Monate fortgeblieben und dann frisch und munter zurückgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sprach ohne Zweifel von Macquart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen lief Silvère wieder nach der Markthalle. Als er sich dem Orte näherte, wo er Miette zurückgelassen hatte, vernahm er ein lautes Geräusch von Stimmen und sah eine Ansammlung von Leuten, was ihn veranlaßte, seine Schritte zu beschleunigen. Eine peinliche Szene hatte sich soeben abgespielt. Während die Aufständischen ruhig ihr Abendbrot verzehrten, hatte sich viel neugieriges Volk unter sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gemengt. Unter diesen Neugierigen war auch Justin, der Sohn des Krautgärtners Rébufat, ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, ein schwächlicher und mißgünstiger Kerl, der gegen seine Base Miette einen unversöhnlichen Haß nährte. Im Hause warf er ihr das Brot vor, das sie aß und behandelte sie als eine Bettlerin, die man aus Mitleid auf der Straße aufgelesen. Man darf annehmen, daß das Kind sich geweigert hatte, seine Geliebte zu werden. Schwächlich, bleich, mit zu lang gediehenen Gliedern und verschrobenem Gesichte, wie er war, rächte er sich an Miette für die eigene Häßlichkeit und für die Mißachtung, die das schöne, kräftige Mädchen ihm bezeigte. Sein liebster Traum war, sie von seinem Vater auf die Straße gejagt zu sehen. Darum spähte er ihr ohne Unterlaß nach. Seit einiger Zeit hatte er ihre Zusammenkünfte mit Silvère entdeckt und wartete nur auf eine entscheidende Gelegenheit, um seinem Vater alles zu erzählen. Als er an diesem Abend gegen acht Uhr sie aus dem Hause schleichen sah, überkam ihn der Haß, und er konnte nicht länger an sich halten. Seine Erzählung versetzte Rébufat in einen furchtbaren Zorn, und der Gärtner schwor hoch und teuer, daß er die Landstreicherin mit Fußtritten hinausjagen werde, wenn sie es wagen solle, wiederzukommen. Justin ging zu Bette und freute sich im voraus des schönen Auftrittes, den es am folgenden Tage geben werde. Dann erfaßte ihn eine wilde Gier nach einem Vorgeschmack seiner Rache. Er kleidete sich wieder an und verließ das Haus. Er hoffte Miette zu treffen, und war entschlossen, sehr unverschämt gegen sie zu sein. So geschah es, daß er Zeuge des Einzuges der Aufständischen war, denen er bis zum Rathause folgte, in der unbestimmten Ahnung, das Liebespärchen hier zu treffen. In der Tat bemerkte er schließlich seine Base auf der Bank, wo sie Silvère erwartete. Als er sie sah, bekleidet mit ihrem großen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mantel, neben sich die rote Fahne, die sie an einen Pfeiler der Markthalle gelehnt hatte, begann er sie mit plumpen Späßen zu verhöhnen. Betroffen von seinem Anblick, vermochte das Mädchen kein Wort hervorzubringen. Schluchzend ertrug sie seine Beschimpfungen, während sie gebeugten Hauptes, das Antlitz in ihren Händen verborgen, ihren Tränen freien Lauf ließ, nannte Justin sie die Tochter eines Zuchthäuslers und schrie ihr zu, sein Vater werde sie mit einer gehörigen Tracht Prügel empfangen, wenn sie sich jemals erdreisten solle, nach dem Jas-Meiffren zurückzukehren. Eine volle Viertelstunde hielt er die Zitternde und Gequälte so in seiner Gewalt. Die Leute machten einen Kreis um die beiden und lachten blöde über diese peinliche Szene. Endlich traten einige Aufständische dazwischen und drohten dem Burschen, ihn weidlich durchzuwalken, wenn er Miette nicht in Frieden lasse. Justin wich zurück, erklärte aber, daß er sie nicht fürchte. In diesem Augenblick erschien Silvère. Als der junge Rébufat ihn erblickte, machte er einen Sprung, als ob er die Flucht ergreifen wolle. Er fürchtete ihn, weil er wußte, daß jener ihm an Kraft weit überlegen sei. Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, das Mädchen ein letztes Mal vor seinem Geliebten zu beschimpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, ich wußte ja, rief er, daß der Stellmacher nicht weit sein kann! Um diesem Narren zu folgen, hast du uns verlassen, nicht wahr? Die Unglückliche! Sie ist kaum sechzehn Jahre alt! Wann halten wir Kindtaufe?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er Silvère mit geballten Fäusten auf sich zukommen sah, wich er noch weiter zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber, fuhr er mit widrigem Kichern fort, zu uns darfst du nicht kommen, um dein Kindbett zu halten, denn mein Vater würde dich mit einigen Fußtritten entbinden, daß du keiner Hebamme bedürftest, hörst du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nun flüchtete er heulend, mit zerschlagenem Gesichte. Silvère hatte sich mit einem Satze auf ihn gestürzt und ihm einen furchtbaren Faustschlag ins Gesicht versetzt. Er verfolgte ihn nicht weiter. Als er zu Miette zurückkehrte, fand er sie aufrecht mit der flachen Hand sich hastig die Tränen trocknend. Als er sie wie zum Troste sanft anblickte, machte sie eine Bewegung plötzlicher Energie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, sagte sie, ich weine nicht. Es ist mir lieber so. Jetzt habe ich mir keine Vorwürfe darüber zu machen, daß ich fortgegangen bin. Ich bin frei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ergriff die Fahne und führte Silvère in die Mitte der Aufrührer. Es war bald zwei Uhr morgens; die Kälte war so schneidend, daß die Republikaner sich erhoben hatten, ihr Brot stehend aßen und auf dem Platze umhertrippelten, um sich ein wenig zu wärmen. Endlich gaben die Führer das Zeichen zum Aufbruch. Die Abteilung trat wieder in Reih und Glied. Die Gefangenen wurden in die Mitte gebracht; außer Herrn Garçonnet und dem Major Sicardot führten die Aufständischen noch den Steuereinnehmer Peyrotte und mehrere andere Beamten mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke sah man Aristide zwischen den Gruppen herumgehen. Angesichts dieser ungeheuren Erhebung hatte der liebe Junge gedacht, es sei unklug, nicht der Freund der Republikaner zu bleiben; da er aber anderseits sich mit ihnen nicht allzusehr bloßstellen wollte, war er nur zum Abschiede gekommen; dabei trug er den Arm in der Blinde und beklagte sich bitter über die Wunde, die ihn hinderte, eine Waffe zu tragen. In der Menge traf er seinen Bruder Pascal, mit einem Arzneikästchen und einem Instrumentensacke ausgerüstet. Der Arzt teilte ihm mit seiner ruhigen Stimme mit, daß er den Aufständischen folgen wolle. Aristide sagte ihm ganz leise, er sei ein Narr. Schließlich verduftete er, weil er fürchtete, man könne ihm die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obhut über die Stadt anvertrauen, was ihm ein überaus gefährliches Amt dünkte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aufständischen konnten nicht daran denken, Plassans in ihrer Gewalt zu behalten. Die Stadt war zu sehr von einem reaktionären Geiste belebt, als daß sie auch nur hätten versuchen dürfen, eine demokratische Behörde daselbst einzusetzen, wie sie anderwärts getan hatten. Sie wären ganz einfach weitergezogen, wenn nicht Macquart, durch seine Rachegelüste getrieben und ermutigt, sich erbötig gemacht hätte, Plassans in Schach zu halten, wenn man zwanzig entschlossene Männer seinen Befehlen unterstellen wolle. Man gab ihm die zwanzig Männer, an deren Spitze er siegreich in das Bürgermeisteramt einzog. Mittlerweile stieg die Abteilung die Promenade Sauvaire hinab und verließ die Stadt durch das Haupttor, in nächtlicher Stille und Öde die Straßen zurücklassend, die sie wie ein Windstoß durchzogen hatte. In der Ferne dehnten sich im Mondlichte die weißen Straßen. Miette hatte es abgelehnt, sich auf Silvères Arm zu stützen; kühn und fest marschierte sie dahin, mit beiden Händen die rote Fahne haltend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fünftes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
In der Ferne zogen sich die mondscheinhellen Straßen dahin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bande der Aufrührer setzte in der winterlich kahlen Landschaft ihren heldenmütigen Marsch fort. Es war wie ein breiter Strom der Begeisterung. Der heldenhafte Zug, der Miette und Silvère, die großen Kinder, die nach&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebe und Freiheit dürsteten, fortriß, bildete mit seinem hochsinnigen Feuereifer den schroffsten Gegensatz zu den schmachvollen Komödien der Macquart und der Rougon. Von Zeit zu Zeit grollte die laute Stimme des Volkes in das Geschwätz des gelben Salons und das Schimpfen des Onkels Antoine hinein. Die gemeine, schmähliche Posse entwickelte sich zum großen, weltgeschichtlichen Drama.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie Plassans hinter sich hatten, schlugen die Aufständischen die Straße nach Orchères ein. In dieser Stadt mußten sie gegen zehn Uhr morgens eintreffen. Die Straße folgt dem Laufe der Viorne und läuft immer am Fuße der Hügel, welche den Fluß einsäumen. Links breitet die Ebene sich aus, wie ein endloser grüner Teppich, wo da und dort die grauen Flecke der Dörfer zu sehen sind. Rechts streckt die Kette des Garriguesgebirges seine kahlen Spitzen, seine Steinfelder, seine rostfarbigen Blöcke, die von der Sonne gerötet scheinen, in die Höhe. Der Weg, der am Flusse sich zur Heerstraße erweitert, führt zwischen riesigen Felsen hindurch, wo bei jedem Schritte irgendein Winkel des Tales sichtbar wird. Man kann sich nichts Wilderes, Eigentümlicheres, Großartigeres denken, als diese in die Flanken der Hügel gebrochene Straße. Besonders zur Nachtzeit rufen diese Orte ein Gefühl der Ehrfurcht hervor. Beim bleichen Lichte des Mondes schritten die Aufständischen wie durch die Straßen einer zerstörten Stadt dahin, in der zu beiden Seiten die Tempel in Trümmern liegen. Jeder Felsen schien in dieser nächtlichen Beleuchtung eine zerbrochene Säule, ein abgestürztes Oberstück, eine Mauer mit seltsamen Durchgängen. In der Höhe schlief das Garriguesgebirge in bleichem, weißem Lichte, gleich einer zyklopischen Stadt, deren Türme, Obelisken und Häuser mit hohen Terrassen einen Teil des Himmels verdecken. Im Hintergrunde, auf der Seite der Ebene, breitete ein Ozean von verschwimmenden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lichtern sich aus, eine unbestimmte, endlose Ferne, wo Felder leuchtenden Nebels schwebten. Die Aufrührerbande hätte glauben mögen, daß sie einer Riesenstraße folge, einem Rundwege, der am Gestade eines lichtstrahlenden Meeres verläuft und einen unsichtbaren Babelturm umkreist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Viorne ließ in dieser Nacht, am Fuße der Felsen dahineilend, ein rauhes Grollen vernehmen. Durch dieses fortdauernde Tosen des reißenden Flusses hindurch hörten die Aufständischen das schmerzliche Gewimmer der Sturmglocken. Die jenseits des Flusses in der Ebene ausgestreuten Dörfer erhoben sich, läuteten Alarm und zündeten Feuer an. Die marschierende Truppe, der das traurige Gebimmel der Glocken das Geleite gab, sah so bis zum Morgen den Aufruhr sich längs des ganzen Tales fortwälzen, wie eine Pulverwolke. Die Alarmfeuer bildeten blutigrote Punkte im nächtlichen Dunkel; ferne Gesänge tönten in gedämpften Schallwellen herüber; die ganze, unklar verschwimmende Ebene, in das weißliche Dunstlicht des Mondes getaucht, war in einer verworrenen Bewegung, von Zeit zu Zeit von Zornesaufwallungen geschüttelt. Meilenweit blieb dieses Schauspiel sich gleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Männer, die in der Blindheit des Fiebers dahinmarschierten, das die Pariser Ereignisse in den Herzen der Republikaner entfacht hatte, begeisterten sich an dem Anblick dieses großen Stück Landes, welches der Aufruhr durchrüttelte. Berauscht von dem Taumel der allgemeinen Erhebung, von der sie träumten, glaubten sie, daß ganz Frankreich ihnen folge; sie wähnten jenseits der Viorne, in dem endlosen Meer von verschwommenen Lichtern unendliche Reihen von Männern, die gleich ihnen herbeieilten, um die Republik zu schützen. Und ihr bäuerlicher Verstand dachte in der Einfalt und der Einbildungskraft der großen Mengen, daß der Sieg ganz leicht und sicher sei. Sie hätten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
jeden als Verräter niedergeschossen, der es gewagt hätte, ihnen zu dieser Stunde zu sagen, daß sie allein den Mut der Pflicht hätten und daß der übrige Teil des Landes, vom Schrecken niedergehalten, sich ruhig erwürgen lasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schöpften noch fortwährend neuen Mut aus dem Empfang, den die wenigen Flecken, die am Abhange des Garriguesgebirges an der Heerstraße lagen, ihnen bereiteten. Bei der Annäherung der kleinen Kriegerschar erhob sich die Bevölkerung in Massen; die Frauen liefen herbei und wünschten ihnen einen raschen Sieg. Die Männer, kaum bekleidet, stießen zu ihnen, die erstbeste Waffe ergreifend, die ihnen in die Hände fiel. In jedem Dorfe gab es einen neuen begeisterten Willkomm und lange Abschiedsgrüße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Tagesanbruch verschwand der Mond hinter dem Garriguesgebirge; die Aufständischen setzten ihren raschen Marsch durch die finstere Winternacht fort; sie sahen das Tal, die Hänge nicht mehr, sie hörten bloß das Gejammer der Sturmglocken, die gleich unsichtbaren Trommlern sie unaufhörlich mit ihren verzweifelten Rufen anfeuerten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette und Silvère wurden von der Begeisterung der Truppe mitgerissen. Gegen den Morgen überwältigte die Müdigkeit das Mädchen. Sie trippelte jetzt mit kurzen, hastigen Schritten dahin, weil sie die großen Schritte der sie umgebenden Burschen nicht mithalten konnte. Aber sie faßte ihren ganzen Mut zusammen, um keine Klage vernehmen zu lassen; es wäre ihr zu schwer angekommen, einzugestehen, daß sie nicht die Kraft eines Burschen habe. Nach den ersten Meilen, die sie zurückgelegt hatten, reichte Silvère ihr den Arm; als er sah, daß die Fahne allmählich ihren steifen Händen entglitt, wollte er die Fahne ergreifen, um dem Mädchen die Last abzunehmen; darob ward sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
böse und gestattete ihm nur, die Fahne mit einer Hand zu stützen, während sie nach wie vor diese auf der Schulter tragen wollte. So bewahrte sie ihre heldenmütige Haltung mit kindischem Eigensinn und lächelte dem jungen Manne zu, so oft er einen Blick voll zärtlicher Besorgnis auf sie richtete. Allein als der Mond hinter den Wolken verschwand, erlag sie, im Dunkel der Nacht marschierend, der Ermüdung. Silvère fühlte, wie sie an seinem Arme schwerer wurde. Er mußte die Fahne tragen und das Mädchen um den Leib fassen, damit es nicht strauchle. Noch immer kam kein Laut der Klage über ihre Lippen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist wohl sehr müde, arme Miette? fragte ihr Gefährte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ein wenig, erwiderte sie mit beklommener Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen wir eine Weile ausruhen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sagte nichts, aber er merkte doch, daß sie wankte. Da übergab er die Fahne einem der Kameraden und trat aus Reih und Glied, das Kind in seinen Armen tragend. Sie wehrte sich ein wenig; sie schämte sich, noch ein Kind zu sein. Doch er beruhigte sie; er kenne einen Querweg, sagte er, der die Entfernung um die Hälfte abkürze. Sie könnten ein Stündchen ausruhen und würden dennoch mit den anderen zugleich Orchères erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ungefähr sechs Uhr morgens. Ein leichter Nebel stieg von der Viorne auf. Die Nacht schien sich noch zu verdichten. Die beiden erklommen tastend den Abhang des Garriguesberges bis zu einem Felsen, auf dem sie sich niederließen. Rings um sie her war tiefste Finsternis. Sie waren wie verloren auf der Spitze eines Riffs, über der Leere schwebend. Als die Truppe der Aufständischen mit immer mehr ersterbendem Geräusche in der Ferne verschwand, hörten sie in dieser Leere nichts als zwei Glocken, die eine ganz hell, ohne Zweifel, weil sie zu ihren Füßen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ertönte in irgendeinem Dorfe, das an der Heerstraße lag, die andere aus der Ferne, in gedämpftem Schall das klagende Gewimmer der ersten erwidernd. Es war, als wollten die beiden Glocken einander durch das Nichts der Nacht das traurige Ende einer Welt verkünden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom schnellen Gehen erwärmt, fühlten die beiden anfangs keine Kälte. Sie schwiegen und lauschten mit unsagbarer Traurigkeit diesem Sturmläuten, das durch die stille Nacht zitterte. Sie sahen einander nicht. Miette hatte Furcht; sie suchte die Hand Silvères und behielt sie in der ihrigen. Nach dem fieberhaften Taumel, der sie stundenlang ihrer selbst vergessen ließ und ihnen keine Zeit gönnte, über ihre Lage nachzudenken, fand dieser plötzliche Aufenthalt, diese Einsamkeit, in der sie Seite an Seite saßen, die beiden Kinder gebrochen und erstaunt, wie aus einem unruhigen Traume plötzlich erwacht. Es war ihnen, als habe eine Flut sie hierher, an den Wegrand gespült und sich dann wieder verlaufen. Ein unüberwindlicher Rückschlag versetzte sie in einen Zustand unbewußter Erstarrung; sie vergaßen ihre Begeisterung; sie dachten nicht mehr an diese Truppe, zu der sie stoßen sollten; sie gaben sich ganz dem traurigen Reize hin, sich allein zu fühlen Hand in Hand inmitten dieser unheimlichen Finsternis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du grollst mir doch nicht? fragte das Mädchen nach einer Weile. Ich möchte mit dir die ganze Nacht marschieren, aber die Männer liefen zu schnell; mir war der Atem ausgeblieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum sollte ich dir grollen? entgegnete der junge Mensch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nicht. Ich fürchte, daß du mich nicht mehr liebest. Ich hätte lange Schritte machen mögen wie du, immerfort gehen, ohne stillzustehen. Du wirst nun glauben, ich sei nur ein Kind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvere lächelte und Miette ahnte dieses Lächeln, das sie nicht sehen konnte. Sie fuhr mit entschlossener Stimme fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du sollst mich nicht immer wie eine Schwester behandeln; ich will dein Weib sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie selber zog Silvère an ihre Brust.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hielt ihn fest in ihre Arme geschlossen und flüsterte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird uns kalt werden; laß uns so erwärmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stillschweigen trat ein. Bis zu dieser trüben Stunde hatten die beiden sich mit geschwisterlicher Zärtlichkeit geliebt. In ihrer Unschuld galt ihnen noch immer nur für Freundschaft die Macht der Anziehung, die sie dazu trieb, sich unaufhörlich in den Armen zu halten länger und fester, als Brüder und Schwestern es tun. Allein am Grunde ihrer unschuldigen Liebe grollten mit jedem Tage lauter die Stürme des heißen Blutes dieser Kinder. Mit zunehmendem Alter, mit der wachsenden Erkenntnis mußte aus dieser Idylle eine heiße, südlich-stürmische Leidenschaft hervorgehen. Ein Mädchen, das sich an den Hals eines Burschen hängt, ist schon ein Weib, ein unbewußtes Weib, das die erste Liebkosung erwecken kann. Wenn Verliebte sich auf die Wangen küssen, sind sie auf der Suche nach den Lippen. Ein Kuß macht ein Liebespaar aus ihnen. In dieser schwarzen, kalten Winternacht, bei dem schrillen Klagen der Sturmglocken tauschten Miette und Silvère einen jener Küsse, die das Herzblut auf die Lippen heraufholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stumm saßen sie da, eng ineinander verschlungen. Miette hatte gesagt: »So wollen wir uns erwärmen« und nun warteten sie unschuldig, bis sie warm werden würden. Alsbald drang eine Wärme durch ihre Kleider; sie fühlten, wie sie in der Umschlingung heiß wurden, und hörten in dem nämlichen Atemzuge ihre Brust schwellen. Eine Mattigkeit bemächtigte sich ihrer, die sie in einen fieberischen Schlummer versenkte. Jetzt war ihnen warm; Lichter tanzten vor&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihren geschlossenen Augen, ein verworrenes Tosen drang zu ihrem Gehirn empor. Dieser Zustand einer schmerzlichen Lust, der einige Minuten währte, schien ihnen eine Ewigkeit. Wie im Traume fanden sich ihre Lippen. Es war ein langer und gieriger Kuß. Es war ihnen, als hätten sie noch niemals früher sich geküßt. Sie litten dadurch und ließen einander los. Als die Kälte der Nacht ihr Fieber gelöst hatte, verblieben sie in einiger Entfernung voneinander in unsagbarer Verwirrung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Glocken führten ihr trauriges Zwiegespräch fort in dem finsteren Abgrund, der rings um das junge Paar gähnte. Die zitternde und erschrockene Miette wagte nicht, sich Silvère zu nähern. Sie wußte gar nicht mehr, ob er noch da sei; sie hörte ihn keine Bewegung mehr machen. Beide waren des herben Gefühls voll, das ihr Kuß in ihnen erzeugt hatte. Ein Trieb der Mitteilsamkeit drängte Worte auf ihre Lippen; sie hätten sich gegenseitig danken, sich noch einmal küssen mögen, aber sie schämten sich dermaßen ihres sengenden Glückes, daß sie lieber darauf verzichtet hätten, es ein zweites Mal zu genießen, als daß sie davon laut gesprochen hätten. Hätte nicht der lange Marsch ihr Blut in Wallung gebracht, wäre nicht die stockfinstere Nacht ihre Mitschuldige geworden: sie hätten noch lange sich nur auf die Wangen geküßt wie gute Kameraden. Die Scham erfaßte Miette. Nach dem glühenden Kusse Silvères, in dem seligen Dunkel, in dem ihr Herz sich öffnete, erinnerte sie sich der Roheiten Justins. Wenige Stunden früher hatte sie ohne Erröten den Burschen gehört, der sie als Metze behandelte; er hatte sie gefragt, wann Kindtaufe sein werde; er hatte ihr zugerufen, sein Vater werde sie mittelst Fußtritte entbinden, wenn sie es jemals wagen solle, nach dem Jas-Meiffren zurückzukehren; und sie hatte geweint, ohne ihn zu verstehen; sie hatte geweint, weil sie erriet, daß all&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dies schimpflich sein müsse. Jetzt, da sie Weib wurde, sagte sie sich in der letzten Regung ihrer Unschuld, daß der Kuß, dessen Brennen sie noch in sich fühlte, vielleicht genügte, um sie mit jener Schmach zu bedecken, deren ihr Vetter sie beschuldigt hatte. Da ward sie von Schmerz ergriffen und schluchzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist dir? Warum weinst du? fragte Silvère besorgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, laß mich, stammelte sie. Ich weiß es nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie fügte, in Tränen aufgelöst, unwillkürlich hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, ich bin eine Unglückliche! Als ich zehn Jahre zählte, warf man mich mit Steinen; heute behandelt man mich wie das geringste der Geschöpfe. Justin hatte recht, als er mich vor aller Welt mit seiner Verachtung überschüttete. Wir haben soeben Schlimmes getan, Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mensch war betroffen; er schloß sie in seine Arme und suchte sie zu trösten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich liebe dich, flüsterte er. Ich bin dein Bruder. Warum sagst du, daß wir Schlimmes getan haben? Wir haben uns umarmt, weil wir froren. Du weißt wohl, daß wir uns jeden Abend umarmten, wenn wir voneinander schieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
O, nicht so wie jetzt, sprach sie sehr leise. Wir dürfen das nicht mehr tun, hörst du? Das muß verboten sein, denn ich fühle mich so ganz eigentümlich. Die Männer werden mich künftig verlachen, wenn sie mich vorbeikommen sehen. Und ich werde nicht mehr den Mut haben, mich zu verteidigen, denn sie haben recht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann schwieg; er fand kein Wort, um den aufgescheuchten Sinn dieses dreizehnjährigen Kindes zu beschwichtigen, das nach seinem ersten Liebeskusse am ganzen Leibe vor Angst zitterte. Er drückte sie sanft an sich; er ahnte, daß er sie beruhigen werde, wenn er ihr das wärmende Wohlbehagen ihrer Umarmung wiedergeben könne. Allein sie wehrte ab und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn du willst, laß uns fortgehen und diese Gegend verlassen. Ich kann nicht mehr nach Plassans zurückkehren; mein Oheim prügelt mich; alle Leute zeigen mit Fingern auf mich...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann rief sie, wie in plötzlicher Gereiztheit:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich bin verdammt! Du darfst meinethalben Tante Dide nicht verlassen. Du mußt mich irgendwo, auf der Heerstraße stehen lassen...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette, Miette, sage das nicht! flehte Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch, ich will dich freimachen von mir. Sei vernünftig. Man hat mich davongejagt wie einen Tunichtgut. Wenn ich mit dir zurückkehrte, müßtest du dich jeden Tag mit einem andern herumschlagen. Das will ich nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann küßte sie wieder auf den Mund und murmelte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst mein Weib; niemand soll es wagen, dich zu kränken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
O, ich bitte dich, küsse mich nicht so! flehte sie. Es tut mir weh.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach kurzem Stillschweigen fuhr sie fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du weißt wohl, daß ich nicht deine Frau werden kann. Wir sind zu jung. Ich müßte warten und würde vor Scham sterben. Du hast unrecht, böse zu werden: Du mußt mich irgendwo in einem Winkel stehen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt begann auch Silvère zu weinen; die Kräfte hatten ihn verlassen. Das Schluchzen eines Mannes ist von ergreifender Härte. Erschrocken darüber, wie der arme Junge in ihren Armen vom Schluchzen geschüttelt wurde, küßte Miette ihn auf die Wangen, vergessend, daß dabei ihre Lippen schier verbrannten. Es sei ihr Fehler, sagte sie sich. Sie sei ein albernes Ding, daß sie den süßen Schmerz einer Liebkosung nicht ertragen könne. Sie wußte nicht, weshalb sie an traurige Dinge dachte gerade in dem Augenblicke,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
da ihr Geliebter sie in einer Weise küßte, wie er es noch niemals zuvor getan hatte. Und sie preßte ihn an ihre Brust, um ihn für den ihm zugefügten Kummer um Verzeihung zu bitten. Und diese weinenden, voll Angst sich umfangen haltenden Kinder erhöhten noch die Trostlosigkeit dieser finsteren Dezembernacht. Die Glocken in der Ferne ließen noch immer ihr trauriges Geläute vernehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wäre besser zu sterben, flüsterte Silvère mitten in seinem Schluchzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weine nicht, vergib mir, stammelte Miette. Ich werde stark sein und tun, was du verlangst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann trocknete seine Tränen und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast recht; wir können nicht nach Plassans zurückkehren. Aber wir haben jetzt keine Zeit, feige zu sein. Wenn wir als Sieger aus dem Kampfe hervorgehen, hole ich die Tante Dide ab und nehme sie mit uns, weit, weit. Wenn wir aber besiegt werden ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hielt inne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir besiegt werden? ... wiederholte Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann sei uns der Himmel gnädig! fuhr Silvère leise fort. Ich werde dann nicht mehr sein, und du wirst die arme Greisin trösten. Das wird besser sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, du sagtest es soeben: es wäre besser zu sterben, flüsterte das Mädchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser Sehnsucht nach dem Tode umarmten sie sich noch inniger. Miette wollte mit Silvère sterben; dieser hatte nur von sich selbst gesprochen, aber sie fühlte wohl, daß er sie gerne mit ins Grab nehmen wollte. Dort würden sie sich freier lieben dürfen als am hellen Tage. Tante Dide würde ebenfalls sterben und zu ihnen hinabsteigen. Es war wie ein flüchtiges Ahnen, die Sehnsucht nach einer seltsamen Lust, welche der Himmel durch die Klagetöne der Sturmglocken bald zu erfüllen verhieß. Ster–ben! ster–ben! Die Glocken&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wiederholten dieses Wort mit zunehmender Gewalt und die Liebenden waren bereit, diesem Ruf nach dem Schattenreiche zu folgen. Sie hatten gleichsam einen Vorgeschmack der ewigen Ruhe in dieser schlummerartigen Betäubung, in welche die Wärme ihre Glieder und die Glut ihrer Lippen, die sich wiedergefunden hatten, sie von neuem versenkten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette wehrte sich nicht mehr. Jetzt war sie es, die ihren Mund auf den Silvères preßte, die mit stummer Gier jene Freude suchte, deren herben Brand sie anfänglich nicht hatte ertragen können. Der Traum von einem nahen Tode hatte ein Fieber in ihr entzündet; sie fühlte kein Erröten mehr; sie hängte sich an den Geliebten; sie schien, ehe sie ins Grab stieg, diese neuen Wonnen auskosten zu wollen, von denen sie kaum genippt hatte; es verdroß sie, daß nicht augenblicklich dieses unbekannte Etwas, das ihr ganzes Wesen aufrüttelte, sie durchdringen konnte. Außer dem Kusse ahnte sie noch etwas anderes, was sie erschreckte und zugleich anzog in dem Taumel ihrer nunmehr erwachten Sinne. Sie gab sich hin; in der schamlosen Einfalt der Jungfrauen hätte sie Silvère anflehen mögen, den letzten Schleier zu zerreißen. Er aber, schier die Besinnung verlierend infolge ihrer Liebkosung, von einem vollkommenen Glücke erfüllt, ohne Kraft, ohne andere Begierden, schien an größere Wonnen gar nicht zu glauben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Miette keinen Atem mehr hatte und die herbe Freude der ersten Umarmung schwinden fühlte, flüsterte sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich will nicht sterben, ohne daß du mich liebest... ich will, daß du mich noch mehr liebest...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr fehlten die Worte; nicht als ob sie das Bewußtsein der Schande gehabt hätte, sondern weil sie nicht wußte, was sie wünschte. Sie war ganz einfach von einer dumpfen inneren Regung und von einem Bedürfnis nach Unendlichem in ihrer Freude erfüllt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In ihrer Unschuld hätte sie mit dem Fuße stampfen mögen wie ein Kind, dem man ein Spielzeug verweigert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich liebe dich! Ich liebe dich! wiederholte Silvère ermattend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette schüttelte den Kopf; sie schien zu sagen, es sei nicht wahr, und der junge Mensch verheimliche ihr etwas. Ihre kraftvolle und freie Natur hatte den geheimen Trieb der Fruchtbarkeit des Lebens. Darum wies sie den Tod von sich, wenn sie als Unwissende sterben sollte. Diesen Aufruhr ihres Blutes und ihrer Nerven gestand sie treuherzig durch ihre glühenden, umhertastenden Hände, durch ihr Stammeln, durch ihr Flehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann ward sie ruhiger, lehnte das Haupt an die Schulter des jungen Mannes und schwieg. Silvère neigte sich zu ihr und küßte sie lange. Sie genoß seine Küsse langsam, nach ihrem Sinn, ihrer geheimen Lust forschend. Sie hörte sie gleichsam durch ihre Adern rieseln und fragte sie, ob sie die ganze Liebe, die ganze Leidenschaft seien. Eine Mattigkeit bemächtigte sich ihrer; sie entschlief sanft, hörte aber auch im Schlafe nicht auf, die Liebkosungen Silvères zu genießen. Dieser hatte sie in den großen, roten Mantel eingehüllt, von dem er einen Zipfel auch über sich selbst gebreitet hatte. Sie fühlten die Kälte nicht mehr. Als Silvère an dem regelmäßigen Atemholen Miettens merkte, daß sie eingeschlummert sei, war er froh über diesen Schlaf, nach dem sie gestärkt wieder ihren Weg würden fortsetzen können. Er nahm sich vor, sie eine Stunde schlafen zu lassen. Der Himmel war noch immer schwarz; kaum eine weißliche Linie im Osten kündigte das Nahen des Morgens an. Hinter dem Liebespaare mußte ein Fichtenwald sein, dessen vielstimmiges Erwachen bei dem ersten Wehen der Morgenluft der junge Mensch vernahm. In der schneidenden Luft tönte das Klagen der Glocken immer schärfer, und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
diese Töne wiegten Miette in den Schlummer, gleichwie sie vorhin ihr Liebesfieber begleitet hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zu dieser Nacht voll Aufregungen und Verwirrungen hatten die beiden jungen Leute eine jener kindlichen Idyllen durchlebt, die in der Arbeiterklasse entstehen, unter den Enterbten, Geistesarmen, bei denen man noch zuweilen die einfache Liebe der altgriechischen Sagen antrifft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette war kaum neun Jahre alt, als ihr Vater auf die Galeeren geschickt wurde, weil er einen Gendarm erschossen hatte. Der Prozeß Chantegreil war in der ganzen Gegend berühmt geblieben. Der Wilderer hatte den Mord glattweg eingestanden; aber er schwor, daß der Gendarm sein Gewehr auf ihn angelegt hatte. Ich bin ihm nur zuvorgekommen, sagte er; ich habe mich nur verteidigt; es war ein Zweikampf und kein Mord. Und aus dieser Art sich zu verteidigen trat er nicht heraus. Es wollte dem Präsidenten nicht gelingen, ihm begreiflich zu machen, daß ein Gendarm wohl das Recht habe, auf einen Wilderer zu schießen, nicht aber umgekehrt. Dank seiner überzeugten Haltung und seinem unbescholtenen Vorleben entging Chantegreil dem Schafott, doch kam er auf die Galeeren. Dieser Mann weinte wie ein Kind, als man ihm seine Tochter brachte, ehe er nach Toulon abgeführt ward. Die Kleine, die noch in der Wiege gelegen hatte, als sie ihre Mutter verlor, wohnte bei ihrem Großvater in Chavanoz, einem Dorfe in den Tälern des Seillegebirges. Als der Wilderer nicht mehr da war, lebten der Alte und das Kind von Almosen. Die Einwohner von Chavanoz, sämtlich Jäger, unterstützen die armen Geschöpfe, die der Sträfling zurückgelassen hatte. Doch der Alte starb bald vor Kummer. Miette, die allein geblieben war, hätte auf den Straßen betteln müssen, wenn die Nachbarinnen sich nicht erinnert hätten, daß sie in Plassans eine Tante habe. Es fand sich eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mildtätige Seele, die Miette zu dieser Tante brachte, die das Kind ziemlich unwirsch empfing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eulalie Chantegreil, an den Krautgärtner Rébufat verheiratet, war ein langes, eigensinniges Teufelsweib, das im Hause das Regiment führte. In der Vorstadt sagte man, daß sie ihren Mann nasführe. Die Wahrheit war, daß der geizige, überaus arbeitsame und gewinnsüchtige Rébufat eine Art Respekt empfand vor diesem derben Weib, das so rüstig bei der Arbeit, so nüchtern und so sparsam war, wie wenige ihresgleichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dank dem Weibe gedieh das Haus. Der Gärtner murrte, als er, abends heimkehrend, die kleine Miette in seinem Hause traf. Doch sein Weib schloß ihm den Mund, indem sie mit ihrer rauhen Stimme sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kleine ist kräftig, sie wird uns als Magd dienen. Wir geben ihr das Essen und sparen den Lohn bei ihr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Berechnung gefiel dem Rébufat. Er ging so weit, daß er die Arme des Kindes betastete, und erklärte mit Genugtuung, es sei für sein Alter sehr stark. Miette war damals neun Jahre alt. Schon vom nächsten Tage an machte er sie sich dienstbar. Die Arbeit der Bäuerinnen im Süden ist viel leichter als im Norden. Nur selten sieht man dort die Weiber die Erde behauen, Lasten tragen, überhaupt die Verrichtungen der Männer besorgen. Sie binden Garben und pflücken Oliven oder Maulbeerblätter. Ihre schwerste Beschäftigung ist Unkraut jäten. Miette arbeitete munter. Das Leben im Freien war ihre Freude und ihre Gesundheit. Solange ihre Tante lebte, konnte Miette ihres Daseins froh werden. Trotz ihrer rauhen Art liebte die wackere Frau das Mädchen wie ihr eigenes Kind; sie verbot ihr, die schweren Arbeiten zu verrichten, die ihr Mann ihr aufbürden wollte, und sie rief dem letzteren zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist aber ein Pfiffikus! Siehst du nicht ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwachkopf, daß, wenn du sie heute zu sehr ermüdest, sie morgen nichts wird machen können!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Grund war entscheidend. Rébufat senkte den Kopf und trug selber die Last, die er dem Mädchen hatte aufbürden wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem geheimen Schutze ihrer Tante hätte Miette ein glückliches Leben führen können, wären nicht die Neckereien ihres damals sechzehnjährigen Vetters gewesen, der seine in Trägheit verlebten Tage dazu benützte, das Mädchen zu mißachten und zu verfolgen. Die besten Stunden Justins waren die, wenn es ihm durch irgendeine plumpe Lüge gelang, daß sie ausgescholten wurde. Wenn er ihr auf die Füße treten oder sie roh anrennen konnte, mit der Entschuldigung, daß er sie nicht bemerkt habe, lachte er und genoß die tückische Lust der Leute, die sich der Übel der anderen freuen. Miette schaute ihn dann mit ihren großen kindlichen Augen an, mit Blicken voll Zorn und Stolz, die dem blöden Kichern des feigen Wichtes Einhalt geboten. Im Grunde hatte er eine wilde Furcht vor seiner Base.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Mädchen war bald elf Jahre alt, als ihre Tante Eulalie plötzlich starb. Seit jenem Tage änderte sich alles in dem Hause. Rébufat gewöhnte sich allmählich daran, das Mädchen als Ackerknecht zu behandeln. Er bürdete ihr schwere Arbeiten auf, bediente sich ihrer wie eines Lasttieres. Sie beklagte sich nicht, sie glaubte eine Schuld abtragen zu müssen. Wenn sie des Abends müde und erschöpft auf ihr Lager sank, beweinte sie die Tante, dieses schreckliche Weib, dessen geheime Güte sie jetzt erst voll empfand. Übrigens waren ihr selbst die schweren Arbeiten nicht zu lästig; sie liebte die Kraft und war stolz auf ihre starken Arme und Schultern. Was sie kränkte, war die mißtrauische Überwachung ihres Oheim, seine fortwährenden Vorwürfe, sein Auftreten eines zornigen Gebieters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu dieser Zeit war sie im Hause eine Fremde. Und selbst eine Fremde hätte man nicht so schlecht behandeln können wie sie. Ohne Gewissensbisse mißbrauchte Rébufat die arme kleine Verwandte, die er aus wohlberechneter Mildtätigkeit in seinem Hause behielt. Sie vergalt mit ihrer Arbeit zehnfach seine rohe Gastfreundschaft, und es verging kein Tag, an dem er ihr nicht das Brot vorwarf, das sie aß. Justin tat sich besonders darin hervor, sie zu kränken. Seitdem seine Mutter nicht mehr da war, verwendete er seine ganze böse Einbildungskraft darauf, dem nunmehr wehrlosen Kinde den Aufenthalt im Hause zu verleiden. Die tückischeste Marter, die er ersann, war die, wenn er dem Mädchen von dessen Vater sprach. Das arme Mädchen, das außerhalb der Welt gelebt hatte unter dem Schutze ihrer Tante, die verboten hatte, daß man vor ihr die Worte »Sträfling« und »Galeeren« ausspreche, begriff nicht den Sinn dieser Worte. Justin war es, der sie diesen Sinn lehrte, indem er ihr in seiner Weise erzählte, wie der Gendarm getötet und Chantegreil verurteilt wurde. Er hörte nicht auf, abscheuliche Einzelheiten zu erzählen: die Sträflinge schleppten eine eiserne Kugel an den Füßen nach, müßten fünfzehn Stunden arbeiten und gingen sämtlich unter dieser Plage zugrunde. Das Bagno sei ein furchtbarer Ort, den er mit all seinen Schrecknissen ausführlich schilderte. Betroffen, die Augen voll Tränen, hörte Miette ihm zu. Zuweilen ward sie von heftigen Zornesanfällen erfaßt und Justin wich vor ihren geballten Fäusten einen Schritt zurück. Dieses grausame Einweihen in die Sachlage genoß er wie ein Feinschmecker. Wenn sein Vater – was oft wegen des geringsten Versehens geschah – sich gegen das Kind erzürnte, war er gleich mit dabei und war glücklich, sie gefahrlos beschimpfen zu können. Wenn sie sich zu wehren suchte, sagte er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blut verleugnet sich nicht; du wirst im Zuchthaus enden wie dein Vater!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohnmächtig vor Scham und im Innersten getroffen konnte Miette nichts tun als weinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit entwickelte sich Miette schon zum Weibe. Frühzeitig gereift, konnte sie den Quälereien mit außerordentlicher Willenskraft Widerstand leisten. Nur in den seltenen Stunden, wenn ihr angeborener Stolz von den Beschimpfungen des Vetters gedemütigt ward, gab sie sich der Verzweiflung hin. Bald ertrug sie trockenen Auges die unaufhörlichen Beschimpfungen dieses Feiglings, der, während er mit ihr sprach, sie sorgfältig beobachtete aus Furcht, daß sie ihm ins Gesicht fahren könne. Überdies wußte sie ihn zum Schweigen zu bringen, wenn sie ihn fest ansah. Wiederholt fühlte sie sich versucht, aus dem Jas-Meiffren zu fliehen. Aber sie tat es nicht, um ihren Mut dadurch zu bekunden; sie wollte sich nicht eingestehen, daß sie den Verfolgungen erliege, die sie zu erdulden hatte. Alles in allem verdiente sie ja ihr Brot und ließ sich die Gastfreundschaft der Familie Rébufat nicht schenken. Diese Gewißheit genügte ihrem Stolze. So blieb sie denn, um zu kämpfen, machte sich stark und lebte in dem unaufhörlichen Gedanken an den Widerstand. Sie richtete ihr Verhalten danach ein, daß sie still ihre Arbeit verrichtete und für die schlimmen Worte, die sie zu hören bekam, sich durch stumme Verachtung rächte. Sie wußte wohl, daß ihr Oheim zu viel Nutzen von ihr zog, als daß er leichthin den Einflüsterungen Justins Gehör geschenkt hätte, der sie nur immer vor die Türe setzen wollte. Darum legte sie eine Art Trotz darin, nicht freiwillig das Haus zu verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den langen Stunden des Stillschweigens gab sie sich gar seltsamen Träumereien hin. Ihre Tage in dem Gemüsegarten verbringend, von aller Welt getrennt, wuchs sie in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Widerspenstigkeit heran und bildete sich Meinungen, die die braven Leute des Vorortes gar sehr erschreckt haben würden. Vornehmlich beschäftigte sie das Schicksal ihres Vaters. Sie erinnerte sich aller schlimmen Worte Justins und nahm schließlich die Mordbeschuldigung als wahr hin, indem sie sich sagte, ihr Vater habe recht gehandelt, den Gendarm zu töten, der ihn töten wollte. Sie kannte die wahre Begebenheit aus dem Munde eines Erdarbeiters, der im Jas-Meiffren gearbeitet hatte. Seit jenem Augenblicke wandte sie nicht einmal den Kopf mehr um, wenn bei einem ihrer seltenen Ausgänge ein Gassenjunge in der Vorstadt ihr nachschrie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seht da, die Chantegreil!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit zusammengekniffenen Lippen und wütenden Blicken beschleunigte sie dann ihre Schritte. Wenn sie heimgekehrt das Torgitter hinter sich geschlossen hatte, warf sie einen einzigen und langen Blick auf die Bande der Gassenjungen. Sie wäre schlecht geworden, sie wäre zur grausamen Wildheit der Parias herabgesunken, wenn nicht zuweilen ihre ganze Kindheit in ihr Herz wieder eingekehrt wäre. Ihre elf Jahre warfen sie in kindliche Schwächen zurück, die sie trösteten. Dann weinte sie; sie schämte sich ihrer selbst und ihres Vaters. Sie verbarg sich in einem Stalle, wo sie nach Herzenslust weinen konnte, weil sie begriff, daß sie noch mehr gequält würde, wenn man sie weinen sähe. Und wenn sie genug geweint hatte, wusch sie sich in der Küche die Augen aus und nahm wieder ihre ruhige, stille Miene an. Nicht bloß ihr Interesse war es, was sie antrieb, sich zu verbergen; sie trieb den Stolz ihrer frühreifen Kräfte so weit, daß sie nicht mehr ein Kind scheinen wollte. Wenn dies so fortging, drohte mit der Zeit ihr ganzes Wesen zu verbittern. Glücklicherweise ward sie gerettet, weil sie die Zärtlichkeit ihrer liebevollen Natur wiederfand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Hofe des Hauses, das Tante Dide und Silvère bewohnten, stand ein Brunnen, der auch von den Bewohnern des Jas-Meiffren benutzt wurde. Die Mauer teilte ihn. Ehe der Krautgarten der Fouque mit der großen Nachbarbesitzung vereinigt wurde, benützten die Gärtner täglich diesen Brunnen. Seitdem der Grund aber verkauft war, kamen die Leute nur selten mehr hierher, weil sie im Jas-Meiffren große Wasserbassins hatten und weil der Brunnen von den gemeinsamen Wohnungen auch zu weit entfernt lag. Jenseits der Mauer jedoch hörte man jeden Morgen den Brunnenschwengel kreischen; Silvère schöpfte für Tante Dide das im Hauhalte notwendige Wasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages brach der Brunnenschwengel. Der junge Stellmacher zimmerte aus Eichenholz einen neuen und hängte ihn am Abend ein, als er von seinem Tagewerk heimgekehrt war. Zu diesem Behufe mußte er auf die Mauer steigen. Als er die Arbeit getan hatte, blieb er rittlings auf der Mauer sitzen, um auszuruhen, und betrachtete neugierig die weite Ausdehnung des Jas-Meiffren. Endlich blieben seine Blicke auf einer Bäuerin haften, die wenige Schritte von ihm entfernt Unkraut jätete. Man war im Juli und die Luft war schwül, obgleich die Sonne schon zur Rüste ging. Die Bäuerin hatte ihre Jacke abgelegt. Im weißen Mieder, mit einem buntfarbigen Tuche um die Schultern, die Hemdärmel bis zu den Ellenbogen aufgestreift, hockte sie in den Falten ihres Rockes von blauem Wollstoff, der von zwei rückwärts gekreuzten Schulterbändern festgehalten ward. Sie bewegte sich auf den Knien fort und jätete fleißig das Unkraut aus, das sie in einem Korb warf. Der junge Mensch sah nur ihre entblößten, von der Sonne gebräunten Arme, die bald rechts, bald links sich ausstreckten, um einen vergessenen Grashalm zu pflücken. Mit Wohlgefallen folgte er diesen hastigen Handbewegungen der Bäuerin, und es&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bereitete ihm ein Vergnügen, diese Arme so fest und so flink zu sehen. Sie hatte sich leicht aufgerichtet, als sie ihn nicht mehr arbeiten hörte, und hatte gleich wieder das Haupt gesenkt, noch ehe er ihre Züge hatte unterscheiden können. Diese scheue Bewegung fesselte seine Aufmerksamkeit. Er fragte sich, wer dieses Frauenzimmer sein könne und pfiff ein Liedchen vor sich hin, wobei er mit seinem Schnitzmesser den Takt schlug. Da entfiel ihm plötzlich das Schnitzmesser. Das Werkzeug fiel auf der Seite des Jas-Meiffren nieder, auf den Brunnenkranz und von da zu Boden. Silvère neigte sich hinab, um mit den Augen das Messer zu suchen, zögerte aber hinabzusteigen. Doch es schien, als beobachte die junge Bäuerin ihn von der Seite, denn sie erhob sich wortlos, nahm das Schnitzmesser und reichte es Silvère. Dieser konnte jetzt sehen, daß die Bäuerin noch ein Kind war. Er war überrascht und ein wenig eingeschüchtert. Im roten Lichte der Abendsonne erhob sich das Mädchen zu ihm. Die Mauer war an dieser Stelle niedrig, aber noch immer zu hoch für sie. Silvère beugte sich nieder, das Kind stellte sich auf die Fußspitzen. Sie sprachen nichts, sahen einander nur mit verlegenem Lächeln an. Der junge Mensch wünschte im stillen, das Kind möchte länger in dieser Stellung verbleiben. Sie erhob ein schönes Haupt zu ihm mit großen Augen und einem frischen Munde und alles dies setzte ihn in Erstaunen und bewegte ihn ganz seltsam. Noch niemals hatte er ein Mädchen in solcher Nähe gesehen; er wußte nicht, daß ein Mund und zwei Augen so lieblich zum Anschauen sein könnten. Alles schien ihm einen unbekannten Reiz zu haben, das bunte Tuch, das weiße Mieder, der Rock von blauem Wollstoff, von Achselbändern festgehalten, die bei der Bewegung der Schultern sich spannten. Sein Blick glitt den Arm entlang, der ihm das Schnitzmesser reichte. Bis zum Ellenbogen war der Arm wie mit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
goldbrauner Farbe belegt; aber weiter hinauf, im Schatten des aufgestreiften Hemdärmels, bemerkte Silvère eine nackte Rundung, so weiß wie Milch. Er ward verwirrt, neigte sich noch weiter hinab und griff endlich nach dem Schnitzmesser. Jetzt ward auch das Bauernmädchen verlegen. So verblieben sie, immer lächelnd, das Kind unten, das Antlitz aufwärts gekehrt, der junge Mensch halb sitzend, halb auf dem Mauerkamm hegend. Sie wußten nicht, wie sie sich trennen sollten. Sie hatten noch kein Wort gewechselt. Silvère hatte sogar vergessen zu danken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie heißt du? fragte er endlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Marie, erwiderte das Bauernmädchen; aber alle Welt nennt mich Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie erhob sich ein wenig und fragte mit heller Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich heiße Silvère, erwiderte der junge Arbeiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es entstand ein kurzes Stillschweigen, als wollten sie an dem Wohlklang ihrer Namen sich ergötzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin fünfzehn Jahre alt, begann Silvère endlich wieder. Und du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich werde zu Allerheiligen elf Jahre alt, erwiderte Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Arbeiter machte eine Bewegung der Überraschung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, das ist nicht übel! sagte er dann lachend. Ich hatte dich für ein Weib gehalten! Du hast ja dicke Arme!...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun lachte auch sie, indem sie ihre Arme betrachtete. Dann sprachen sie gar nichts mehr. Sie schauten einander noch eine Weile lächelnd an und da Silvère ihr nichts mehr zu sagen zu haben schien, ging Miette einfach weiter und machte sich wieder an das Unkraut jäten, ohne aufzuschauen. Silvère blieb noch einen Augenblick auf der Mauer. Die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonne ging zur Neige, ein breites Feld von schrägen Strahlen ergoß sich über die gelben Beete des Jas-Meiffren; das Gartenland lag in einem feurigen Lichte da; man war versucht zu glauben, daß ein Brand sich am Boden hinwälze. Silvère betrachtete die inmitten dieses lodernden Feldes hockende kleine Bäuerin, deren nackte Arme ihr hurtiges Werk wieder aufgenommen hatten; ihr Rock von blauem Wollstoffe nahm eine weiße Färbung an und Streiflichter glitten über ihre gebräunten Arme hin. Schließlich fühlte Silvère eine Art Scham darüber, daß er noch immer da sitze, und stieg von der Mauer herunter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, der sein Abenteuer nicht vergessen konnte, befragte am Abend die Tante Dide. Vielleicht würde sie Bescheid wissen über diese Miette, die so schwarze Augen und frische Lippen hatte. Allein, Tante Dide hatte, seitdem sie das Häuschen in der Sackgasse bewohnte, keinen Blick mehr jenseits der Mauer des kleinen Hofes geworfen. Diese Mauer war gleichsam ein unübersteiglicher Wall, die ihre Vergangenheit abschloß. Sie wußte nicht, sie wollte nicht wissen, was jetzt jenseits dieser Mauer war, in dem alten Krautgarten der Familie Foucque, wo sie ihre Liebe, ihr Herz und ihren Leib eingegraben hatte. Bei den ersten Fragen Silvères betrachtete sie diesen mit einem fast kindlichen Schrecken. Wollte etwa auch er die Asche ihrer erloschenen Tage aufrühren und ihr Tränen erpressen, wie ihr Sohn Antoine?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß nicht, erwiderte sie hastig, ich gehe nicht mehr aus und sehe niemanden ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère erwartete den folgenden Tag mit einiger Ungeduld. Kaum in der Werkstatt seines Meisters angekommen, lenkte er bei seinen Kameraden des Gespräch auf den Gegenstand, der ihn beschäftigte. Er sagte nichts von seiner kurzen Begegnung mit Miette; er sprach nur in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
unbestimmten Ausdrücken von einem Mädchen, das er aus der Ferne im Jas-Meiffren gesehen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, das ist die Chantegreil! rief einer der Arbeiter aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ohne daß Silvère es nötig gehabt hätte, sie zu befragen, erzählten ihm die Arbeiter die Geschichte des Wildschützen Chantegreil und seiner Tochter Miette mit dem blinden Hasse der großen Menge gegen die Parias der Gesellschaft. Besonders von dem Kinde redeten sie in einer unflätigen Weise; die Schmach der Tochter des Galeerensträflings kam ihnen immer wieder auf die Lippen wie eine Sache, gegen die es nichts zu erwidern gebe und die das liebe, unschuldige Kind für immer mit Schande bedecke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Stellmacher Bian, ein braver und würdiger Mann, hieß sie endlich schweigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Still, ihr bösen Mäuler! rief er, eine Deichsel aus der Hand legend, die er eben besichtigt hatte. Schämt ihr euch nicht, ein Kind so hart zu verlästern? Ich habe die Kleine gesehen, sie hat ein sehr ehrbares Aussehen. Auch hat man mir erzählt, daß sie sehr fleißig sei und die Arbeit einer Dreißigjährigen verrichte. Es gibt hier Nichtstuer, die lange nicht so viel taugen wie sie. Ich wünsche ihr für später einen tüchtigen Ehemann, der all der schlimmen Nachrede ein Ende macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, den die Scherze und plumpen Schmähungen der Arbeiter erstarrt hatten, fühlte, wie ihm bei den letzteren Worten Vians die Tränen in die Augen traten. Übrigens öffnete er den Mund nicht. Er nahm seinen Hammer wieder zur Hand, den er weggelegt hatte, und begann mit aller Kraft auf das Rad loszuhauen, das er bereifte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend aus der Werkstätte heimgekehrt, beeilte er sich, die Mauer zu erklimmen. Er fand Miette bei der gestrigen Arbeit. Er rief sie an und sie kam zu ihm mit ihrem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
verlegenen Lächeln, mit der liebenswürdigen Scheu eines Kindes, das unter Tränen aufgewachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist die Chantegreil, nicht wahr? fragte er sie geradeheraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wich zurück; das Lächeln erstarb auf ihren Lippen; ihre Augen verdunkelten sich und nahmen einen Ausdruck von Trotz und Härte an. Will dieser Bursche sie beschimpfen wie die anderen? Sie wandte den Rücken, ohne zu antworten, als Silvère, betroffen von dem plötzlichen Wechsel in ihrem Antlitze, sich beeilte hinzuzufügen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bleib, ich bitte dich! Ich will dich nicht kränken ... Ich habe dir so vieles zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie kam zögernd zurück. Silvère, dessen Herz voll war und der den Vorsatz gefaßt hatte, es sich zu erleichtern, war jetzt stumm; er wußte nicht, wo er anfangen sollte, und fürchtete, eine neue Ungeschicklichkeit zu begehen. Endlich legte er sein ganzes Herz in einen Satz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Willst du, daß ich dein Freund sei? fragte er mit bewegter Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da Miette ganz überrascht ihre jetzt wieder feuchten und lächelnden Augen zu ihm erhob, fuhr er lebhaft fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß, daß man dir Kränkungen zufügt. Das muß aufhören. Ich werde dich von heute ab verteidigen. Willst du?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kind strahlte vor Freude. Diese Freundschaft, die sich ihr darbot, verscheuchte alle ihre bösen, gehässigen Träume. Sie schüttelte den Kopf und erwiderte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich will nicht, daß du dich für mich prügelst. Du hättest zu viel zu tun. Und dann gibt es Leute, gegen die du mich nicht verteidigen kannst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère wollte ausrufen, daß er sie gegen die ganze Welt verteidigen werde; allein sie schloß ihm mit einer schmeichlerischen Gebärde den Mund und fügte hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es genügt, daß du mein Freund seist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann plauderten sie mit gedämpfter Stimme einige Minuten. Miette erzählte Silvère von ihrem Oheim und von ihrem Vetter. Für nichts in der Welt hätte sie mögen, daß sie ihn da rittlings auf der Mauer sitzen sähen. Justin wäre unerbittlich, wenn er eine Waffe gegen sie hätte. Sie lieh ihrer Angst und Furcht mit einem Schrecken Ausdruck, wie ein Schulmädchen, das eine Freundin getroffen, deren Umgang die Mutter ihr verboten hat. Silvère begriff von alle dem nur so viel, daß es ihm nicht leicht sein werde, Miette zu sehen. Das machte ihn sehr traurig. Indes versprach er ihr, nicht wieder auf die Mauer zu steigen. Sie waren beide damit beschäftigt, ein Mittel ausfindig zu machen, um sich wiederzusehen, als Miette ihn bat, sich zu entfernen. Sie hatte Justin bemerkt, der, quer über den Gartengrund kommend, seine Schritte nach der Brunnenseite lenkte. Silvère beeilte sich, die Mauer zu verlassen. Als er sich in dem kleinen Hofe befand, blieb er am Fuße der Mauer stehen und spitzte die Ohren, innerlich verdrossen über seine Flucht. Nach einigen Minuten wagte er, die Mauer von neuem zu erklimmen und einen Blick nach dem Jas-Meiffren zu werfen. Er sah Justin mit Miette sprechen und zog gleich wieder den Kopf zurück. Am folgenden Tage sah er seine Freundin nicht, selbst aus der Ferne nicht; sie schien in diesem Teile des Jas ihre Arbeit beendet zu haben. So vergingen acht Tage, ohne daß die beiden Gefährten Gelegenheit gefunden hätten, ein Wort auszutauschen. Silvère war trostlos und dachte schon daran, geradeswegs zu den Rébufat zu gehen und nach ihr zu fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der gemeinschaftliche Brunnen war ein großer, mäßig tiefer Brunnen. Zu beiden Seiten der Mauer lagen die Randsteine in breitem Halbkreise vor. Das Wasser stand in einer Tiefe von drei bis vier Metern. Dieses stille Wasser widerspiegelte die beiden Öffnungen des Brunnens, zwei Halbmonde,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die der Schatten der Mauer wie ein schwarzer Strich trennte. Neigte man sich über den Brunnen, so hätte man glauben mögen, in dem unbestimmten Tageslichte zwei Spiegel von seltsamer Klarheit und eigenartigem Glänze zu sehen. An sonnenhellen Tagen, wenn nicht die von den Strängen herabfallenden Tropfen die Oberfläche des Wassers trübten, hoben diese Spiegel des Himmels sich weiß und schimmernd von dem grünen Wasser ab, mit einer Seltsamen Genauigkeit die Blätter der Efeustaude abzeichnend, die oberhalb des Brunnens aus der Mauer hervorgebrochen war. Als eines Morgens Silvère die Tante Dide mit Wasser versorgte und sich ein wenig hinabbückte, um den Strick zu ergreifen, bebte er zusammen und blieb unbeweglich in seiner gebeugten Haltung stehen. Er hatte auf dem Wasserspiegel des Brunnens das Haupt eines Mädchens zu erkennen geglaubt, das ihn lächelnd betrachtete; aber schon hatte er den Brunnenstrang geschüttelt und das hierdurch in Bewegung gebrachte Wasser bot nur mehr einen trüben Spiegel, in dem sich nichts mehr klar abzeichnete. Er wartete, bis das Wasser wieder ruhig würde; regungslos, mit stürmisch pochendem Herzen stand er da. In dem Maße, wie die Ringe des Wassers sich erweiterten und verloren, sah er auch das Bild wieder auf der Fläche erscheinen. Es schwankte lange in der Wellenbewegung des Wassers, die den Zügen des Kindes einen seltsam gespenstischen Reiz verliehen. Endlich zeichnete es sich fest und ruhig ab. Es war das lächelnde Gesicht Miettens mit ihrer Büste, ihrem bunten Tuche, ihrem weißen Mieder, ihren blauen Achselbändern. Jetzt bemerkte Silvère auch sein eigenes Bild in dem anderen Spiegel. Da jetzt beide wußten, daß sie sich sahen, grüßten sie sich mit Kopfnicken. Im ersten Augenblicke dachten sie nicht daran, einander anzusprechen. Doch nach einer Weile sagte das Mädchen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guten Tag, Silvère!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guten Tag, Miette!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der sonderbare Klang ihrer Stimme setzte sie in Erstaunen. Diese Stimmen klangen in dem feuchten Loche seltsam dumpf und weich. Es schien ihnen, als kämen diese Stimmen aus weiter Ferne, mit dem leichten, singenden Tonfall der Stimmen, die man des Abends auf freiem Felde hört. Sie begriffen, daß sie nur ganz leise zu sprechen brauchten, um einander zu hören. Der Brunnen gab den leisesten Hauch wieder. Über den Randstein gebeugt und ihre Bilder im Brunnen betrachtend, begannen sie zu plaudern. Miette erzählte, wieviel Kummer sie seit acht Tagen gehabt habe. Sie arbeite jetzt am andern Ende des Jas und könne nur am frühen Morgen abkommen. Bei diesen Worten machte sie ein verdrossenes Mäulchen, das Silvère genau sehen konnte und mit einem gereizten Kopfschütteln beantwortete. Sie machten sich gegenseitig ihre Bekenntnisse, als ob sie einander gegenüber stünden, mit den Gebärden und Gesichtsausdrücken, die die gesprochenen Worte eben erheischten. Die Mauer, die sie trennte, kümmerte sie wenig, da sie sich jetzt in dieser verschwiegenen Tiefe sehen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wußte, fuhr Miette mit pfiffiger Miene fort, daß du jeden Morgen zur nämlichen Stunde Wasser schöpfest. Ich höre von unserer Wohnung aus die Brunnenstange kreischen. Da ersann ich einen Vor wand: ich behauptete, daß das Wasser dieses Brunnens dem Wachstum der Gemüse zuträglicher sei. Ich dachte mir, ich würde jeden Morgen zur selben Stunde wie du hier Wasser schöpfen und dir so guten Morgen sagen können, ohne einen Verdacht zu erwecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lachte vergnügt, wie um sich für ihre List zu belohnen und fügte hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich konnte nicht denken, daß wir uns im Wasser sehen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat entzückte sie diese unverhoffte Freude. Sie sprachen nur, um die Bewegung ihrer Lippen zu sehen, so sehr ergötzte dieses neue Spiel ihren kindlichen Sinn. So versprachen sie einander in allen Tonarten, daß sie bei diesem Stelldichein am frühen Morgen niemals fehlen würden. Als Miette erklärt hatte, daß sie nunmehr gehen müsse, sagte sie zu Silvère, daß er jetzt seinen Wassereimer in die Höhe ziehen könne. Allein Silvère wagte nicht, den Strick zu berühren; Miette stand noch immer über den Brunnenkranz gebeugt; er sah ihr lächelndes Antlitz und konnte es nicht über sich bringen, dieses Lächeln zu zerstören. Als er den Eimer leise in Bewegung brachte, geriet auch das Wasser in zitternde Bewegung und Miettens Lächeln verblaßte. Von einer seltsamen Angst ergriffen hielt er inne; er bildete sich ein, daß er sie gekränkt habe und daß sie nun weine. Doch das Kind rief ihm zu: »Geh, geh doch!« mit einem Lachen, das der Widerhall noch länger und heller in seine Ohren dringen ließ. Da ließ sie selbst geräuschvoll einen Eimer hinab. Es gab ein wahres Gewitter im Brunnen; alles verschwand unter dem dunklen Wasser. Jetzt erst entschloß sich Silvère, seine beiden Krüge zu füllen, wobei er den Schritten Miettens lauschte, die jenseits der Mauer sich entfernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit jenem Tage unterließen es die beiden Kinder nicht ein einziges Mal, bei dem Stelldichein zu erscheinen. Das stille Wasser, diese weißen Spiegel, wo sie ihr Bild betrachteten, verliehen ihren Zusammenkünften einen unendlichen Reiz, der ihrer tändelnden, kindlichen Einbildungskraft lange Zeit genügte. Sie hatten kein Verlangen, sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen; es schien ihnen viel ergötzlicher, einen Brunnen zum Spiegel zu wählen und ihren Morgengruß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seinem Echo anzuvertrauen. Bald kannten sie den Brunnen wie einen alten Freund. Es war ihnen eine Freude, sich über die schwere, unbewegliche Fläche zu beugen, die flüssigem Silber glich. Im Brunnen unten sahen sie in dem geheimnisvollen Zwielichte grüne Lichter tanzen, die die feuchte Höhle in einen versteckten Winkel in der Tiefe eines Waldes zu verwandeln schienen. So sahen sie sich denn gewissermaßen in einem grünen, moosbelegten Neste inmitten von kühlem Wasser und schattigem Laub. Die ganze Fremdartigkeit dieser tiefen Quelle, dieses hohlen Turmes, über den sie – von einer seltsamen Macht angezogen – sich fröstelnd neigten, mengte in ihre Freude, sich zulächeln zu dürfen, eine uneingestandene und köstliche Angst. Es kam ihnen der tolle Einfall, sich auf die großen Steine zu setzen, die einige Zentimeter über dem Wasserspiegel eine Art Rundbank bildeten; da wollten sie ihre Füße ins Wasser stecken, stundenlang plaudern, ohne daß es jemandem einfiele, sie da zu suchen. Als sie sich fragten, was es da unten wohl geben möge, kehrte ihre unbestimmte Angst wieder und sie dachten, es sei schon genug, daß sie ihr Bild in die Tiefe sandten, in jene grünen Lichter, die die Steine so seltsam streiften, und in jene eigentümlichen Geräusche, die aus den dunkeln Winkeln aufstiegen. Besonders diese aus dem Unsichtbaren kommenden Geräusche beunruhigten sie; oft schien es ihnen, als würden auf ihre Stimmen andere Stimmen antworten; dann schwiegen sie und vernahmen tausend leise Klagen, die sie sich nicht erklären konnten; es war das dumpfe Walten der Feuchtigkeit, Seufzer der Lüfte, Wassertropfen, die auf die Steine glitten und deren Fall den tiefen Klang eines Schluchzens erzeugte. Um sich zu beruhigen, nickten sie einander freundlich mit dem Kopfe zu. Der Reiz, der sie so, auf die Randsteine gelehnt, festhielt, hatte denn auch seinen geheimen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schauder. Nichtsdestoweniger blieb der Brunnen ihr alter Freund. Er war ein so trefflicher Vorwand für ihre Begegnungen! Justin, der jedem Schritte Miettens nachspähte, fand niemals etwas Verdächtiges in der Hast, mit der das Mädchen am Morgen zum Brunnen eilte, um Wasser zu holen. Manchmal sah er aus der Ferne, wie sie sich überneigte und so verharrte, Oh, die Müßiggängerin! brummte er dann; sie vertreibt sich die Zeit damit, Ringe im Wasser zu machen! Wie hätte er vermuten können, daß jenseits der Mauer ein Freund war, der im Wasser das Lächeln des jungen Mädchens betrachtete und ihr sagte: Wenn dieser rohe Esel Justin dich schlecht behandelt, mußt du es nur mir sagen; dann soll er von mir hören!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Länger als einen Monat währte dieses Spiel. Man war im Juli. Schon am Morgen tauchte die Sonne die Landschaft in ein weißes Glühlicht, und es war eine Wonne, sich in diesen feuchten Winkel zu flüchten. Es tat wohl, den eisigen Hauch des Brunnens im Gesichte zu fühlen, sich im Wasser dieser Quelle zu lieben zu einer Stunde, da der Brand des Himmels sich entzündete. Miette kam über die Stoppelfelder atemlos dahergelaufen; im Laufe flatterten die Härchen an ihrer Stirne und ihren Schläfen; sie nahm sich kaum Zeit, ihren Krug niederzustellen, hochgerötet, mit losem Haupthaar, vom Lachen geschüttelt neigte sie sich über. Und Silvère, der fast immer zuerst zur Stelle war, hatte – wenn er sie mit ihrer heiteren und tollen Eile im Wasser erscheinen sah – das lebhafte Gefühl, das er empfunden haben würde, wenn sie sich plötzlich an einer Krümmung des Weges in seine Arme geworfen hätte. Rings um sie her sangen und klangen die Freuden des strahlenden Morgens; eine Flut glühenden Lichtes, vom hellen Summen der Käfer erfüllt, ergoß sich über die alte Mauer, die Pfeiler und die Randsteine. Doch sie sahen nicht mehr den Morgensonnenschein;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sie hörten nicht die tausend Geräusche, die vom Erdboden aufstiegen. Sie waren in der Tiefe ihres grünen Verstecks, unter der Erde, in dem geheimnisvoll schaurigen Loche, wo sie sich dabei vergaßen, in fröstelnder Wonne sich der Kühle und des Zwielichtes zu freuen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette, deren Temperament eine lange Betrachtung nicht ertrug, wurde manchmal mutwillig; sie schüttelte den Strick und ließ Wassertropfen hinabfallen, die auf den klaren Spiegeln Falten hervorriefen und die Bilder entstellten. Silvère bat sie dann, ruhig zu bleiben. Er, dessen Freundschaft mehr innerlich war, kannte kein lebhafteres Vergnügen, als das Antlitz seiner Freundin zu betrachten, das in der ganzen. Reinheit seiner Züge sich widerspiegelte. Aber sie hörte ihn nicht; sie trieb ihre Scherze weiter, sprach mit lauter Stimme, die das Echo im Brunnen mit einem seltsam rauhen Beiklang wiedergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, brummte sie; heute liebe ich dich nicht; heute will ich das Gesicht verziehen; schau, wie häßlich ich bin!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie ergötzte sich an den seltsamen Formen, die ihre übermäßig breiten, auf dem Wasser tanzenden Gesichter annahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Morgens ward sie ernstlich böse. Sie fand Silvère nicht beim Stelldichein und wartete auf ihn fast eine Viertelstunde, während der sie wiederholt vergebens die Brunnenstange kreischen ließ. Schon war sie im Begriff, in verdrossener Stimmung sich zu entfernen, als er endlich ankam. Kaum hatte sie ihn erblickt, als sie in dem Brunnen ein wahres Ungewitter entfesselte; mit zorniger Hand schüttelte sie den Eimer; das schwärzliche Wasser schlug mit dumpfem Klatschen an die Steine. Vergebens erklärte ihr Silvère, daß Tante Dide ihn zurückgehalten habe. Auf alle seine Entschuldigungen erwiderte sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast mich gekränkt; ich will dich nicht sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergebens spähte der arme Junge in das dunkle Loch, wo es jetzt so stürmisch herging und wo an anderen Tagen das helle Gesicht seiner Freundin ihn auf dem Wasserspiegel erwartete. Er mußte gehen, ohne Miette zu sehen. Am folgenden Morgen war er vor der Stunde des Stelldicheins am Platze und schaute trübselig in den Brunnen; es war still, er hörte nichts und sagte sich, daß das schlimme Köpfchen vielleicht nicht erscheinen werde, als das Kind, das jenseits der Mauer auf sein Kommen gelauscht hatte, sich plötzlich überneigte und hell auflachte. Alles war vergessen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gab es zwischen ihnen Ernst und Scherz, wobei der Brunnen Mitschuldiger war. Diese glückselige Höhle mit ihren weißen Spiegeln und ihrem wohlklingenden Echo förderte ganz eigentümlich ihre Zuneigung. Sie verliehen dem Brunnen ein eigenartiges Leben, sie erfüllten ihn dermaßen mit ihrer jungen Liebe, daß noch lange nachher, als sie nicht mehr hierherkamen, um sich auf die Randsteine zu lehnen, Silvere jeden Morgen beim Wasserschöpfen Miettens lachendes Gesicht in dem Zwielichte zu sehen glaubte, in dem die Freuden, die sie hier genossen, noch nachzuzittern schienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser in froher Zärtlichkeit dahingehende Monat rettete Miette aus ihrer stummen Verzweiflung. Sie fühlte die liebevollen Regungen, die glückliche Sorglosigkeit des Kindes wieder erwachen, die die bittere Einsamkeit in ihr unterdrückt hatte. Die Gewißheit, daß sie von jemandem geliebt, daß sie nicht mehr allein in der Welt sei, machten ihr die Verfolgungen Justins und der Gassenjungen der Vorstadt erträglich. Es war jetzt in ihrem Herzen ein Singen, das das Gejohle übertönte. Mit zärtlichem Mitleide gedachte sie ihres Vaters; sie überließ sich nicht mehr so häufig ihren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Träumen von unversöhnlicher Rache. Ihre erwachende Liebe war wie ein kühler Morgen, in dem sich ihre bösen Fieberanfälle milderten. Zugleich hatte sie einen schlauen Einfall, wie ihn nur ein verliebtes Mädchen haben kann. Sie sagte sich, daß sie ihre stumme und trotzige Haltung bewahren müsse, wenn sie wolle, daß Justin keinen Argwohn fasse. Allein, wenn dieser Bursche sie jetzt kränkte, behielt sie trotz aller Anstrengungen den sanften Ausdruck ihrer Augen; sie fand nicht mehr den finstern und harten Blick von ehemals. Er hörte sie auch manchmal am Morgen beim Frühstück ein Liedchen summen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, bist du aber aufgeräumt, Chantegreil! sagte er mißtrauisch und beobachtete sie mit seiner scheelen Miene. Ich wette, du hast irgendeinen schlimmen Streich verübt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie zuckte mit den Schultern, aber schrak innerlich zusammen und entschloß sich dann schnell, die Rolle einer empörten Märtyrerin zu spielen. Obgleich er übrigens die geheimen Freuden seines Opfers witterte, mußte Justin lange forschen, bis er erfuhr, in welcher Weise sie ihm entkommen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère genoß seinerseits ein inniges Glück. Seine täglichen Zusammenkünfte mit Miette genügten, um die leeren Stunden auszufüllen, die er in der Behausung verbrachte. Sein einsames Leben, sein langes, stillschweigendes Alleinsein mit Tante Dide: sie dienten ihm dazu, daß er eine um die andere die Erinnerungen vom Morgen neu durchlebte, sie in allen Einzelheiten nochmals genoß. Er hatten seither eine Fülle von Empfindungen, die ihn noch mehr in dem klösterlichen Leben festhielt, das er sich neben seiner Großmutter eingerichtet hatte. Er liebte die versteckten Winkel, die Einsamkeiten, wo er ungestört mit seinen Gedanken leben konnte. Zu jener Zeit hatte er sich gierig in das Lesen all der zerfetzten Bücher versenkt, die er bei den Vorstadttrödlern&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
fand und die ihn zu einer seltsamen Ansicht über die gesellschaftlichen Einrichtungen führten. Die schlecht verdaute Belehrung, der es an einer festen Grundlage fehlte, weckte in ihm über die Welt und besonders über die Frauen Regungen der Eitelkeit und der glühenden Wollust, die seinen Geist seltsam hätten verwirren müssen, wenn sein Herz ungestillt geblieben wäre. Da kam Miette, und er nahm sie anfänglich als Gespielin, später als die Freude und den Ehrgeiz seines Lebens. Wenn er am Abend in dem Gelaß, wo er schlief, die Lampe am Kopfende seiner Lagerstätte aufgehängt hatte, fand er Miettens Bild wieder auf jeder Seite des verstaubten Buches, das er auf Geratewohl von dem Brette, das über seinem Haupte angebracht war, herabgelangt hatte, und das er mit Inbrunst las. Wenn in seinen Büchern von einem Mädchen, von einem guten und schönen Geschöpfe die Rede war, setzte er sein Lieb an dessen Stelle. Dann brachte er sich selbst auf die Szene. Las er eine romantische Geschichte, so heiratete er zum Schluß Miette, oder starb vereint mit ihr. Las er hingegen ein politisches Spottgedicht oder eine ernste Abhandlung über Sozialökonomie – und er zog diese Bücher den Romanen vor infolge der seltsamen Vorliebe der Halbgebildeten für die schwierige Lektüre – fand er auch die Möglichkeit, sie mit den tödlich langweiligen Dingen, die er selbst kaum verstand, in Verbindung zu bringen. Er glaubte so die Art und Weise zu lernen, wie er gut und liebevoll zu ihr sein müsse, wenn sie einmal Mann und Weib wären. So mengte er sie in seine Träumereien. Durch diese reine Liebe gefeit gegen die unflätigen Darstellungen gewisser Geschichten aus dem vorigen Jahrhundert, die ihm in die Hände kamen, gefiel er sich hauptsächlich darin, sich mit ihr in jene menschenfreundlichen Träume zu versenken, die manche große Geister unserer Tage, für den Wahn des allgemeinen Glückes&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schwärmend, geträumt haben. In seinen Vorstellungen war Miette notwendig zur Abschaffung der allgemeinen Verarmung und zum endgültigen Siege der Revolution. Die Nächte vergingen mit fieberhaftem Lesen, während dessen sein angespannter Geist sich von dem Bande nicht losmachen konnte, den er zwanzigmal weglegte und wieder an sich nahm; es waren Nächte voll wollüstiger Aufregung, die er bis zum dämmernden Morgen genoß wie einen verbotenen Rausch, körperlich eingeschlossen zwischen den Mauern dieses engen Kämmerchens, der Blick getrübt durch die gelbe, schwache Flamme der Lampe, sich freudig dem Unbehagen der Schlaflosigkeit aussetzend, Entwürfe einer neuen Gesellschaftsordnung schmiedend, die unsinnig waren in ihrer Großmut – Entwürfe, in denen das Weib immer mit den Zügen Miettens von allen Nationen auf den Knien angebetet wurde. Durch gewisse ererbte Einflüsse war er vorzugsweise veranlagt zu solchen Schwärmereien, die nervösen Störungen seiner Großmutter wurden bei ihm zu steter Begeisterung für alles Großartige und Unmögliche. Seine einsame Kindheit, seine Halbbildung hatten die Neigungen seiner Natur seltsam entwickelt. Aber er war noch nicht in dem Alter, wo die fixe Idee ihren Nagel in das Gehirn eines Menschen treibt. Wenn er am Morgen seinen Kopf mit einem Kübel Wasser abgekühlt hatte, erinnerte er sich nur mehr verworren der Gespenster seiner schlaflosen Nacht und bewahrte von diesen Träumen nur eine gewisse Scheu voll einfachen Glaubens und unaussprechlicher Liebe. Er ward wieder zum Kinde und lief zum Brunnen mit dem einzigen Verlangen, das Lächeln seines Schatzes wiederzufinden, die Freuden des strahlenden Morgens wieder zu genießen. Und wenn im Laufe des Tages Gedanken an die Zukunft ihn träumerisch machten oder plötzliche Regungen ihm dazu drängten, küßte er die Tante Dide&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
auf beide Wangen, die ihm dann in die Augen blickte mit einer gewissen Unruhe darüber, daß sie diese so hell und so tief sah in einer Freude, die sie zu erkennen glaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes begannen Silvère und Miette es müde zu werden, sich bloß in ihrem Schatten zu sehen. Ihr Spielzeug war abgenützt; sie träumten von lebendigeren Freuden, als der Brunnen ihnen zu bieten vermochte. In diesem Bedürfnis nach Wirklichkeit, das sie ergriff, hätten sie einander von Angesicht zu Angesicht sehen, in den Feldern herumlaufen, von da atemlos heimkehren mögen, einander fest umschlingend, damit sie ihre Freundschaft besser fühlten. Silvère sprach eines Morgens davon, daß er ganz einfach über die Mauer steigen und mit Miette im Jas-Meiffren lustwandeln werde. Allein das Kind bat ihn, diese Torheit nicht zu begehen, die sie dem Hasse Justins ausliefern werde. Er versprach ihr, ein anderes Mittel zu ersinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mauer, in die der Brunnen eingefügt war, machte einige Schritte vom Brunnen entfernt eine plötzliche Biegung; dadurch entstand eine Art Vertiefung, wo die Liebenden vor allen Blicken geschützt gewesen wären, wenn sie sich dahin hätten flüchten können. Es handelte sich nur darum, bis zu dieser Vertiefung zu gelangen. Silvère durfte nicht mehr daran denken, über die Mauer zu steigen, da diese Absicht Miette so sehr erschreckt hatte. Er nährte im stillen einen andern Plan. Das Pförtchen, das Macquart und Adelaide einst zur Nachtzeit durchgebrochen hatten, war in diesem entlegenen Winkel des großen Nachbargrundes vergessen geblieben. Man hatte gar nicht daran gedacht, es zu vermauern; schwarz von der Nässe, grün vom Moose, Schloß und Angeln vom Roste zerfressen, bildete das Türchen gleichsam einen Teil der alten Mauer. Der Schlüssel war ohne Zweifel verloren gegangen. Das Gras und Unkraut, das vor den Brettern des Pförtchens üppig&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wucherte, bewies, daß seit langen Jahren kein Mensch seinen Fuß hierher gesetzt hatte. Diesen in Verlust geratenen Schlüssel hoffte Silvère wiederzufinden. Er wußte, mit welcher Gleichgültigkeit Tante Dide die Überreste der Vergangenheit an ihrem Platze verwittern ließ. Indes durchsuchte er das Haus acht Tage lang ohne Erfolg. Jede Nacht schlich er auf den Fußzehen hinaus, um zu sehen, ob er endlich den richtigen Schlüssel erwischt habe. So versuchte er an die dreißig, die ohne Zweifel von dem früheren Krautgarten der Familie Foucque herstammten, und die er überall zusammengesucht hatte: an den Wänden, auf den Brettern, in den Schubfächern. Schon begann er zu verzweifeln, als er endlich den glückseligen Schlüssel entdeckte. Er war einfach mittelst einer Schnur an den Haustorschlüssel geknüpft, der immer im Schlosse steckte. Hier hing der Schlüssel seit nahezu vierzig Jahren. Jeden Tag hatte Tante Dide ihn mit der Hand berühren müssen, ohne sich jemals zu entschließen, ihn verschwinden zu lassen, obgleich er ihr zu nichts mehr nütze war und nur die schmerzliche Erinnerung an längst erstorbene Freuden in ihr wachrief. Als Silvère sich versichert hatte, daß dieser Schlüssel das Pförtchen öffnete, harrte er des kommenden Tages, indem er an die Freuden der Überraschung dachte, die er Mietten zu bereiten gedachte. Er hatte nämlich seine Nachforschungen vor ihr geheim gehalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er am folgenden Tage das Mädchen seinen Krug niederstellen hörte, öffnete er sachte das Pförtchen, dessen Schwellen er von Unkraut und Erde gereinigt hatte. Als er den Kopf hindurch steckte, sah er Miette, wie sie über den Brunnenkranz geneigt in den Brunnen schaute, ganz in Erwartung versunken. In zwei Schritten erreichte er die Vertiefung, die die Mauer da bildete und rief: Miette! Miette! mit einer leisen Stimme, die das Mädchen erbeben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
machte. Sie blickte in die Höhe, weil sie glaubte, er sitze auf der Mauer. Als sie ihn im Jas-Meiffren sah, wenige Schritte von ihr entfernt, schrie sie erstaunt auf und eilte zu ihm. Sie faßten sich bei den Händen und betrachteten einander, entzückt darüber, daß sie so nahe beisammen waren, und fanden sich im warmen Sonnenlichte noch schöner. Es war am 15. August zu Maria Himmelfahrt; in der Ferne läuteten die Glocken durch jene klare Luft der großen Festtage, durch die ein Zug goldener Heiterkeit zu wehen scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guten Tag, Silvre!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Guten Tag, Miette!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Stimme, mit der sie ihren Morgengruß austauschten, setzte sie in Erstaunen. Sie kannten den Klang ihrer Stimmen nur verschleiert durch das Echo des Brunnens. Sie schien ihnen hell wie der Sang der Lerche. Wie lieblich war es in diesem warmen Versteck, in dieser festtäglichen Luft! Sie hielten sich noch immer bei den Händen, Silvère mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, Miette ein wenig zurückgeneigt. Ihr Lächeln rief gleichsam Helle und eine heitere Stimmung zwischen ihnen hervor. Sie waren im Begriff, sich all die guten Dinge zu sagen, die sie dem dumpfen Widerhall des Brunnens nicht hatten anvertrauen wollen, als Silvère, auf ein leises Geräusch den Kopf wendend erbleichte und die Hände Miettens losließ. Er hatte Tante Dide bemerkt, die hoch aufgerichtet auf der Schwelle des Pförtchens stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Großmutter war zufällig zum Brunnen gekommen. Als sie in der alten, schwarzen Mauer die weiße Öffnung der Türe erblickte, die Silvere weit offen gelassen hatte, fühlte sie sich im innersten Herzen getroffen. Diese weiße Öffnung schien ihr ein Abgrund von Licht, mit roher Hand in ihrer Vergangenheit aufgetan. Sie sah sich wieder in der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Morgenhelle, wie sie herbeilief und über diese Schwelle schritt mit dem ganzen Ungestüm ihrer nervösen Liebesleidenschaft. Und Macquart war zur Stelle und erwartete sie. Sie hängte sich an seinen Hals, blieb an seiner Brust, während die aufgehende Sonne, die mit ihr zugleich bei dem Pförtchen eingedrungen war, das sie zu schließen vergessen hatte, beide in das Licht ihrer schrägen Strahlen tauchte. Es war ein plötzliches Gesicht, das sie grausam aus dem Schlafe ihres Alters aufstörte wie ein letztes Strafgericht, indem es in ihr den brennenden Stachel der Erinnerung weckte. Niemals war ihr der Gedanke gekommen, daß diese Türe sich noch öffnen könne. Macquarts Tod hatte für sie diese Türe für immer vermauert. Wäre der Brunnen samt der ganzen Mauer in die Erde versunken, ihr Erstaunen hätte nicht größer sein können. In ihre Verwunderung mengte sich plötzlich eine gewisse Empörung gegen die heiligtumschänderische Hand, die, nachdem sie diese Schwelle entehrt, diese helle Öffnung wie ein offenes Grab hinter sich gelassen hatte. Wie durch einen Zauber angezogen, kam sie näher. Unbeweglich stand sie im Rahmen der kleinen Pforte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier blickte sie mit schmerzlicher Überraschung um sich. Wohl hatte man ihr gesagt, daß der Garten der Fouque mit dem Jas-Meiffren vereinigt worden sei; aber niemals hätte sie geglaubt, daß ihre Jugend bis zu diesem Grade erstorben sei. Ihr war, als habe ein Sturmwind alles hinweggefegt, was ihrer Erinnerung teuer geblieben war. Das alte Haus, der große Gemüsegarten mit seinen grünen Beeten war verschwunden. Kein Stein, kein Baum von ehemals war mehr da. Und an der Stelle des Fleckens Erde, wo sie herangewachsen war und den sie gestern noch zu sehen glaubte, wenn sie die Augen schloß, dehnte sich jetzt ein Stück kahlen Bodens aus, ein trostloses Stoppelfeld, das einer Wüste&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
glich. Wenn sie jetzt mit geschlossenen Augen die Dinge der Vergangenheit sich in die Erinnerung rufen wollte, würde immer wieder dieses Stoppelfeld ihr erscheinen gleich einem Laken von grober, gelblicher Leinwand, das man über die Erde geworfen, wo ihre Jugend begraben war. Angesichts dieses alltäglichen, gleichgültigen Anblickes glaubte sie, daß ihr Herz ein zweites Mal sterbe. Jetzt war alles aus; man nahm ihr selbst die Träume ihrer Erinnerungen. Sie bereute, dem Zauberbanne dieser hellen Öffnung nachgegeben zu haben, dieser Türe, die sich auf die für immer entschwundenen Tage öffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eben war sie im Begriff, sich zurückzuziehen, die verdammte Türe zu schließen, ohne nach der Hand zu forschen, die sie gewaltsam geöffnet hatte, als sie Miette und Silvère erblickte. Der Anblick der beiden verliebten Kinder, die verwirrt, mit niedergeschlagenen Augen ihres Blickes harrten, hielt sie auf der Schwelle fest, die Beute eines noch lebhafteren Schmerzes. Sie begriff jetzt. Sie sollte sich vollends wiederfinden, sich und Macquart, Arm in Arm in der Helle des jungen Tages. Zum zweiten Male ward das Pförtchen zum Mitschuldigen. Wo die Liebe hindurch geschritten, da schritt sie abermals hindurch. Es war der ewige Wiederbeginn mit seinen gegenwärtigen Freuden und seinen künftigen Tränen. Tante Dide sah nur die Tränen und hatte gleichsam ein plötzliches Vorgefühl, das ihr die beiden Kinder blutend, ins Herz getroffen zeigte. Erschüttert durch die Erinnerung an die Leiden ihres Lebens, die dieser Ort in ihr wachgerufen hatte, beweinte sie ihren teuren Silvère. Sie allein war strafbar; hätte sie einst nicht die Mauer durchbrochen, so wäre Silvère nicht in diesem verlorenen Winkel, vor einem Mädchen kniend und sich an einem Glücke berauschend, das den Tod reizt und neidisch macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem die Alte eine Weile stillschweigend dagestanden, trat sie näher und faßte, ohne ein Wort zu sprechen, den jungen Mann bei der Hand. Vielleicht hätte sie die Kinder hier am Fuße der Mauer plaudern lassen, wenn sie sich nicht mitschuldig an diesen tödlichen Freuden gefühlt hätte. Als sie mit Silvère den Rückweg ins Haus antrat, wandte sie sich um, weil sie den leichten Schritt Miettens hörte, die sich beeilt hatte, ihren Krug zu nehmen und quer über das Stoppelfeld zu fliehen. Sie rannte wie toll, glücklich darüber, so leichten Kaufes davon zu kommen. Tante Dide lächelte unwillkürlich, als sie das Mädchen wie eine flüchtige Ziege über das Feld laufen sah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist noch jung, flüsterte sie; sie hat noch Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wollte ohne Zweifel sagen, daß Miette noch Zeit habe zu leiden und zu weinen. Indem sie wieder auf Silvère blickte, der mit Entzücken dem Laufe des Kindes im hellen Sonnenlichte folgte, fuhr sie einfach fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nimm dich in acht, mein Junge; man stirbt daran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren die einzigen Worte, die sie bei diesem Vorfall sprach, der alle in ihrem Innersten schlummernden Leiden aufwühlte. Das Stillschweigen war ihr zum Gesetz geworden. Als Silvère wieder ins Haus getreten war, verschloß sie das Pförtchen doppelt und warf den Schlüssel in den Brunnen. So war sie dessen sicher, daß die kleine Türe sie nicht wieder zur Mitschuldigen machen werde. Sie kehrte einen Augenblick zu dem Pförtchen zurück und war glücklich, es wieder in seiner früheren Düsterheit und Unbeweglichkeit zu sehen. Das Grab war wieder geschlossen; die helle Öffnung war für immer verstopft durch diese wenigen Bretter, die schwarz waren von der Feuchtigkeit, grün vom Moose, und auf die die Schnecken ihre silbernen Tränen ausgestreut hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend bekam Tante Dide einen jener Nervenanfälle,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die sie noch von Zeit zu Zeit heimsuchten. Während dieser Anfälle sprach sie oft mit lauter Stimme, ohne Zusammenhang, wie unter dem Alpdrücken. Silvère, der von tiefem Mitleid ergriffen für diesen armen, in Krämpfen sich windenden Körper, die Alte auf ihrem Lager festhielt, hörte sie diesen Abend von Zollwächtern, von Schüssen, von Mord reden. Und sie wand und krümmte sich, flehte um Gnade und sprach von Rache. Als die Krise ihrem Ende nahte, hatte sie – wie immer – einen seltsamen Schrecken, ein Frösteln des Entsetzens, daß ihre Zähne klapperten. Sie richtete sich halb auf, blickte mit einer wirren Verwunderung nach allen Winkeln der Stube, dann sank sie unter schweren Seufzern wieder auf ihre Kissen zurück. Ohne Zweifel war sie die Beute von Wahnvorstellungen. Sie zog Silvère an ihre Brust; es schien, als beginne sie ihn zu erkennen, obgleich sie ihn von Zeit zu Zeit mit einer anderen Person verwechselte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sind sie! stammelte sie. Sie werden dich fassen... sie werden dich auch noch töten... Ich will nicht... Schicke sie weg... sage ihnen, daß ich nicht will... daß sie mir wehe tun, wenn sie mich so anstarren ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wandte sich zur Mauer, um die Leute nicht zu sehen, von denen sie sprach. Nach einer Weile fragte sie ihn:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist du da, mein Kind? Du darfst mich nicht verlassen ... Ich glaubte vorhin, ich würde sterben... Wir taten unrecht, als wir die kleine Tür durchbrachen. Seit jenem Tage habe ich gelitten. Ich wußte wohl, daß jene Tür uns noch Unglück bringen werde. Ach, die teueren, unschuldigen Kinder! Man wird auch sie töten... man wird sie niederschießen wie Hunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verfiel wieder in ihren Zustand der Bewußtlosigkeit; sie wußte nicht mehr, daß Silvère noch bei ihr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich richtete sie sich auf und starrte nach dem Fußende ihres Bettes mit einem schrecklichen Ausdrucke der Furcht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum hast du sie nicht weggeschickt? schrie sie, ihr weißes Haupt an der Brust des jungen Mannes verbergend. Sie sind noch immer da. Der mit der Flinte macht mir ein Zeichen, daß er schießen werde ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald darauf verfiel sie in einen tiefen Schlaf, wie er nach diesen Krisen sich immer einstellte. Am folgenden Tage schien sie alles vergessen zu haben. Nie wieder sprach sie mit Silvère von dem Morgen, als sie ihn mit seinem Schatz hinter der Mauer gefunden hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage lang sahen die jungen Leute einander nicht. Als Miette zu dem Brunnen zurückzukehren wagte, faßten sie den Vorsatz, den Streich von vorgestern nicht zu wiederholen. Doch hatte ihre so plötzlich unterbrochene Begegnung in ihnen das lebhafte Verlangen erweckt, sich von neuem in einem glücklichen Versteck allein zu treffen. Der Freuden müde, die der Brunnen ihnen bot, und weil er die Tante Dide nicht dadurch betrüben wollte, daß er Miette jenseits der Mauer wiedersah, bat Silvère das Kind, ihm anderwärts ein Stelldichein zu geben. Sie ließ sich nicht lange bitten; sie nahm diesen Vorschlag mit dem zufriedenen Lachen eines Kindes an, das an nichts Schlimmes denkt; sie lachte über den Gedanken, daß sie den Spion Justin zum besten halten werde. Als die Verliebten einig waren, berieten sie lange über die Wahl eines Zusammenkunftsortes. Silvère schlug unmögliche Verstecke vor; er gedachte ordentliche Reisen zu machen, oder das Mädchen zur Mitternachtsstunde in den Scheunen des Jas-Meiffren zu treffen. Miette, die praktischer war, zuckte mit den Achseln und erklärte, sie werde ihrerseits einen Ort suchen. Am folgenden Morgen blieb sie nur eine Minute am Brunnen, so lange wie sie brauchte, um Silvère ein Lächeln zu&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
senden und ihm zu sagen, er möge um zehn Uhr abends sich im Hintergrunde des Saint-Mittre-Feldes einfinden. Man kann sich wohl denken, daß der junge Mensch pünktlich war. Die Wahl Miettens hatte den ganzen Tag seine Gedanken beschäftigt. Seine Neugierde steigerte sich noch, als er auf dem schmalen Pfade dahinschritt, den die Bretterhaufen im Hintergrunde des Saint-Mittre-Feldes freiließen. Von dieser Seite wird sie kommen, sagte er sich, nach der gen Nizza führenden Straße blickend. Dann hörte er hinter der Mauer ein lautes Geräusch von knisternden Zweigen, und er sah über der Mauerkrone ein lachendes, struppiges Haupt erscheinen, das ihm fröhlich zurief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin&#039;s!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war in der Tat Miette, die wie ein Knabe einen der Maulbeerbäume erklettert hatte, die heute noch längs der Mauern des Jas stehen. In zwei Sprüngen erreichten sie den Grabstein, der zur Hälfte in den Winkel der Mauer, am Ende des Weges, eingesenkt war. Mit staunendem Entzücken sah Silvère sie herabsteigen und dachte nicht daran, ihr dabei behilflich zu sein. Er faßte sie an beiden Händen und sagte ihr:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie flink du bist! Du kletterst besser als ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trafen sie sich zum ersten Male in diesem verlorenen Winkel, wo sie so liebliche Stunden verbringen sollten. Seit jenem Abend trafen sie sich hier fast jede Nacht. Der Brunnen diente ihnen nur mehr dazu, sich gegenseitig von den unvorhergesehenen Hindernissen zu verständigen, die sich ihren Begegnungen entgegenstellten, von Veränderungen in der Stunde, von all den kleinen, in ihren Augen großen Zwischenfällen, die keinen Aufschub duldeten; es genügte, daß, wer dem andern eine Mitteilung zu machen hatte, den Brunnenschwengel in Bewegung setzte, dessen Kreischen weithin hörbar war. Doch obwohl sie an gewissen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tagen sich mehrmals riefen, um sich Kleinigkeiten zu sagen, die in ihren Augen eine ungeheure Wichtigkeit hatten, genossen sie ihre wahren Freuden erst am Abend, auf dem verschwiegenen Wege. Miette war von seltener Pünktlichkeit. Glücklicherweise schlief sie oberhalb der Küche in einer Kammer, in der man, ehe sie ins Haus gekommen, die Wintervorräte aufbewahrte, und zu der eine besondere kleine Stiege hinanführte. So konnte sie zu jeder Stunde das Haus verlassen, ohne von Rébufat oder Justin gesehen zu werden. Für den Fall übrigens, daß letzterer sie einmal bei der Rückkehr überraschen sollte, gedachte sie ihm irgendeine Geschichte aufzubinden und ihn dabei mit jener Härte anzuschauen, die ihn jedesmal zum Verstummen brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, welche glücklichen und milden Abende! Man war damals in den ersten Tagen des September, eines in der Provence sonnenhellen Monates. Die Verliebten konnten erst gegen neun Uhr zusammenkommen. Miette kam über ihre Mauer gestiegen. Sie erlangte bald eine solche Geschicklichkeit in der Überwindung dieses Hindernisses, daß sie fast immer schon auf dem alten Grabsteine stand, noch ehe Silvère ihr die Hand gereicht hatte. Dann lachte sie ihrerseits hell auf, blieb einen Augenblick da stehen, atemlos, mit wirrem Haar, ihren Rock mit der flachen Hand glättend, daß er wieder hübsch in Ordnung komme. Ihr Freund nannte sie dann lachend einen »schlimmen Gassenjungen«. Im Grunde liebte er die kecke Munterkeit des Kindes. Er beobachtete ihren Sprung von der Mauer mit dem Wohlgefallen eines älteren Bruders, der den Übungen eines seiner jüngeren Brüder beiwohnt. Es lag so viel Kindlichkeit in ihrer erwachenden Liebe! Wiederholt faßten sie den Vorsatz, eines Tages am Ufer der Viorne Vogelnester auszuheben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du sollst sehen, wie ich auf die Bäume klettere! sagte Miette stolz. Als ich noch in Chavanoz war, erstieg ich die höchsten Nußbäume des Vaters André. Hast du jemals Elstern ausgehoben? Das ist aber schwer!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann folgten Auseinandersetzungen über die Art und Weise, wie Pappeln erklommen werden wollen. Miette sagte ihre Ansicht knapp und klar wie ein Junge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile hatte Silvère sie auf die Erde gesetzt, wobei sein Knie ihr als Schemel diente. Und nun wandelten sie, einander um den Leib fassend, dahin. Und während sie darüber stritten, wie man die Füße setzen und wie man die Hände an den Hüftenansatz legen müsse, schlossen sie sich enger aneinander und fühlten in ihren Umschlingungen ein unbekanntes Glühen, das sie mit einer fremdartigen Wonne erfüllte. Niemals hatte der Brunnen ihnen ein ähnliches Vergnügen verschafft. Sie blieben Kinder, behielten die Spiele und das Geplauder von Gassenjungen und genossen dabei die Freuden von Verliebten, ohne auch nur von Liebe sprechen zu können, bloß dadurch, daß sie sich bei den Fingerspitzen hielten. Von einem instinktiven Bedürfnis ergriffen, suchten sie die Wärme ihrer Hände, ohne zu wissen, wohin ihre Sinne und ihr Herz sie führten. In solcher Stunde glücklicher Kindlichkeit verheimlichten sie einander sogar die seltsame Erregung, die sie bei der geringsten Berührung sich gegenseitig verursachten. Lächelnd, zuweilen erstaunt über das wonnige Gefühl, das sie durchströmte, sobald sie sich berührten, überließen sie sich der Wonne dieser ihnen neuen Empfindungen, während sie fortfuhren, wie zwei Schuljungen von den Elsternestern zu plaudern, die so schwer zu erreichen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wandelten sie auf dem einsamen Pfade dahin, zwischen den Bretterhaufen und der Mauer des Jas-Meiffren. Niemals überschritten sie das Ende dieses schmalen Sackgäßchens,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
machten vielmehr jedesmal kehrt, um denselben Weg zurückzugehen. Sie waren hier daheim. Glücklich darüber, sich so wohl verborgen zu wissen, blieb Miette oft stehen und beglückwünschte sich zu ihrer Entdeckung:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hatte ich nicht eine glückliche Hand! rief sie strahlend. Wir könnten eine Meile weit gehen, ohne ein so gutes Versteck zu finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im dichten Grase erstarb das Geräusch ihrer Schritte. Sie waren in eine Flut von Dunkelheit getaucht, gleichsam zwischen zwei dunkeln Ufern gewiegt und sahen über ihren Köpfen nichts als einen Streifen tiefblauen, mit Sternen übersäten Himmels. In diesen Wogen des Bodens, auf dem sie wandelten, bei dieser Ähnlichkeit des Pfades mit einem Schattenfluß, der unter einem dunkeln und goldschimmernden Himmel sich ergießt, empfanden sie eine unerklärliche Aufregung und senkten die Stimme, obgleich niemand sie hören konnte. Den stillen Fluten der Nacht sich überlassend, mit Körper und Geist dahinschwebend, erzählten sie einander an solchen Abenden die tausend Nichtigkeiten ihres Tages, von Zeit zu Zeit in einem Liebesfrösteln erbebend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andere Male wieder an hellen Abenden, wenn der Mond die Linien der Mauer und der Bretterstöße scharf abzeichnete, bewahrten Miette und Silvère ihre kindliche Sorglosigkeit. Von weißen Streifen erhellt, dehnte der Weg sich hin, völlig klar, ohne alles Unheimliche oder Unbekannte. Die beiden Spielgenossen jagten einander, lachten wie Schuljungen in den Ferien und trieben den Übermut manchmal so weit, daß sie die Bretterstöße erklommen. Silvère mußte Miette schrecken, indem er ihr sagte, Justin sei jenseits der Mauer und spähe ihr nach. Dann schritten sie, noch atemlos, ruhig nebeneinander her und faßten den Vorsatz, eines&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tages auf den Sainte-Claire-Wiesen herumlaufen, um zu sehen, wer den andern schneller abfangen könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre erwachende Liebe wußte sich so den dunkeln Nächten und den hellen Nächten anzubequemen. Ihr Herz war allezeit rege, und ein wenig Schatten genügte, damit ihre Umarmung süßer, ihr Lachen wollüstig-weicher sei. Das liebe Versteck, so heiter im Mondenschein, so seltsam bewegt in dunkeln Nächten, schien ihnen unerschöpflich an Ausbrüchen der Heiterkeit und bebendem Schweigen. So blieben sie da bis Mitternacht, während die Stadt entschlummerte und in der Vorstadt ein Licht nach dem andern erlosch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals wurden sie in ihrer Einsamkeit gestört. Zu dieser späten Stunde spielten die Straßenjungen nicht mehr Versteckens hinter den Bretterstößen. Wenn zuweilen die jungen Leute ein Geräusch hörten, sei es, daß Arbeiter singend vorüberzogen, oder daß von dem benachbarten Fußsteige Stimmen hereindrangen, wagten sie es, einen Blick auf das Saint-Mittre-Feld zu werfen. Leer, nur von wenigen Schatten bevölkert, dehnte der mit Balken bedeckte Grund sich aus. An warmen Abenden sahen sie die unbestimmten Schatten von Liebespaaren, Greise, die am Wegrande auf Brettern sitzend ausruhten. Wenn die Abende kühler wurden, sahen sie auf dem öden, einsamen Grunde nichts als das Feuer, das wandernde Zigeuner angezündet hatten und vor dem große, dunkle Schatten hin und her schwebten. In der Stille der Nacht drangen verschwommene Töne und Worte an ihr Ohr, der »Gutenachtwunsch« eines Bürgers, der seine Haustüre schloß, das Geräusch eines zuschlagenden Fensterladens, der tiefe Schlag der Uhren, alle die ersterbenden Geräusche einer Provinzstadt, die zur Ruhe geht. Und wenn Plassans eingeschlafen war, vernahmen sie noch das Gezanke der Zigeuner, das Prasseln ihres Lagerfeuers,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dazwischen die plötzlich erklingenden Kehllaute der jungen Mädchen, die in einer unbekannten Sprache voll harter Akzente Lieder sangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Liebenden blickten nicht lange hinaus nach dem Saint-Mittre-Feld; sie beeilten sich, in ihr Heim zurückzukehren, und nahmen ihren Spaziergang auf dem stillen, einsamen Wege wieder auf. Sie kümmerten sich wenig um die anderen, um die ganze Stadt. Die wenigen Bretter, die sie von den bösen Leuten trennten, schienen ihnen nachgerade ein unübersteiglicher Wall. Sie waren so einsam und so frei in diesem mitten im Vororte gelegenen Winkel kaum fünfzig Schritte vom römischen Tor, daß sie sich manchmal einbildeten, weit fort zu sein, im Freien, in irgendeiner Senkung des Viornetales. Von allen Geräuschen, die zu ihren Ohren drangen, vernahmen sie eines mit sorgenvoller Empfindung: das der Turmuhren, die in der nächtlichen Stille die Stunden kündeten. Wenn die Stunde schlug, taten sie manchmal als hörten sie nichts; manchmal wieder unterbrachen sie sich plötzlich, wie um zu protestieren. Wenn sie sich auch noch eine Gnadenfrist von zehn Minuten gestatteten, es mußte schließlich doch geschieden sein. Sie hätten bis zum Morgen spielen und plaudern mögen immer mit verschlungenen Armen, um jene seltsame Beklemmung zu fühlen, deren Wonne sie im geheimen mit immer wieder sich erneuernder Überraschung genossen. Endlich entschloß sich dann Miette, ihre Mauer zu erklettern. Damit war es aber noch nicht aus; der Abschied währte wohl noch eine Viertelstunde. Wenn das Kind ein Bein über die Mauer gesetzt hatte, blieb es da, mit den Ellenbogen auf die Kante gestützt, von Ästen des Maulbeerbaumes festgehalten, der ihr als Leiter gedient hatte. Auf dem Grabsteine stehend konnte Silvère sie noch bei den Händen fassen und halblaut mit ihr weiter plaudern. Mehr als zehnmal sagten sie sich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auf Wiedersehen bis morgen!« – und hatten sich immer wieder etwas zu sagen. Manchmal sprach Silvère scheltend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geh, es ist Mitternacht vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Miette wollte in mädchenhaftem Eigensinn, daß er zuerst von dem Steine hinabsteigen solle; sie wollte ihn gehen sehen. Weil der junge Mann nicht nachgab, sagte sie plötzlich ohne Zweifel, um ihn zu strafen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich springe hinab, sollst du sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sprang sie von dem Maulbeerbaum zum großen Schrecken Silvères. Er hörte das dumpfe Geräusch ihres Falles; dann lief sie mit lautem Lachen davon, ohne sein letztes Lebewohl zu erwidern. Er blieb noch einige Augenblicke da, bis er ihren Schatten im nächtigen Dunkel verschwinden sah; dann stieg auch er langsam hinab und trat den Rückweg nach dem Saint-Mittre-Gäßchen an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre hindurch kamen sie jeden Tag hierher. Zur Zeit ihrer ersten Begegnungen erfreuten sie sich daselbst noch einiger schönen, lauen Nächte. Die Verliebten konnten sich im Mai wähnen, im Monate des fröstelnden Sprießens, wo der kräftige Geruch der Erde und des jungen Laubes die milde Luft erfüllt. Dieser Spätlenz war für sie gleichsam eine Gnade des Himmels, der ihnen so gestattete, auf dem Wege frei herumzulaufen und ihre Freundschaft enger zu knüpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann kamen die Regentage und dann die Fröste und Schneefälle. Doch die Unbilden des Winters hielten sie nicht zurück. Miette kam nicht ohne ihren großen braunen Mantel, und die beiden kümmerten sich nicht um die Ungunst des Wetters. War die Nacht trocken und hell, daß ein leiser Wind unter ihren Schritten einen weißen Reif auftrieb und ihre Gesichter wie mit feinen Gerten peitschte, dann hüteten sie sich wohl, sich niederzusetzen. Sie gingen dann mit rascheren Schritten hin und her, eingehüllt in den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mantel, mit blauen Backen und Tränen in den Augen, die die Kälte ihnen erpreßte; und sie lachten und schüttelten sich vor Lust während des schnellen Gehens in eisigkalter Nacht. An einem Abende, da es schneite, vergnügten sie sich damit, eine riesig große Schneekugel zu machen, die sie in eine Ecke wälzten. Hier stand die Kugel einen vollen Monat, worüber sie bei jeder neuen Begegnung erstaunten. Auch der Regen schreckte sie nicht. Sie kamen bei schrecklichen Niederschlägen zusammen, die sie bis auf die Knochen durchnäßten. Silvère eilte zum Stelldichein und sagte sich, Miette werde doch nicht so töricht sein, ebenfalls zu kommen; und wenn sie dennoch kam, fand er kein Scheltwort für sie. Im Grunde erwartete er sie ja doch. Schließlich suchte er ein schützendes Dach gegen die Unbilden des Wetters, weil er begriff, daß sie ausgehen würden, trotzdem sie sich gegenseitig das Versprechen gegeben hatten, keinen Fuß aus dem Hause zu setzen, wenn es regnen würde. Um ein schützendes Dach zu gewinnen, brauchte er bloß in einem Stoß Bretter eine Höhlung zu machen. Er zog einige Holzstücke heraus und tat sie wieder zurück, daß sie beweglich wurden und ohne Mühe entfernt und wieder an ihre Stelle gebracht werden konnten. Seither hatten die Verliebten eine Art niedrigen, geraden Schilderhauses zu ihrer Verfügung, eine viereckige Höhlung, wo sie nur eng zusammengedrängt Platz fanden, auf dem Ende eines Brettes sitzend, das sie im Hintergrunde des Loches gelassen hatten. Wenn es regnete, flüchtete der zuerst Ankommende hierher; und wenn sie dann vereinigt waren, horchten sie mit unsagbarem Vergnügen, wie das Wasser auf dem Bretterhaufen klatschte, und das klang wie ein dumpfer Trommelwirbel. Vor ihnen ringsumher, in der stockfinstern Nacht rauschte ein Wasserstrom, den sie nicht sahen und dessen unablässiges Geräusch dem lauten Getöse einer großen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Menge glich. Und sie waren doch ganz allein, so gut wie am Ende der Welt, umgeben von Wassern. Niemals fühlten sie sich glücklicher, so sehr abgesondert von allen anderen, als inmitten dieser Sintflut, in diesem Bretterhaufen, jeden Augenblick in Gefahr, von den Fluten des Himmels weggeschwemmt zu werden. Ihre eingezogenen Knie erreichten fast die Öffnung, und sie zogen sich so viel wie möglich zurück, was nicht hinderte, daß ein feiner Regenstaub ihnen Hände und Gesicht benetzte. Zu ihren Füßen klatschten in gleichmäßigen Zeitabständen schwere Tropfen von den Brettern hernieder. Und es war ihnen recht warm in dem braunen Mantel; sie hockten so eng beisammen, daß Miette zur Hälfte auf den Knien Silvères saß. Sie plauderten; dann wieder schwiegen sie, von einem Gefühl der Ermattung ergriffen, einschlummernd in der Wärme ihrer Umschlingung und dem eintönigen Rauschen des Regens. So blieben sie stundenlang da mit jener Vorliebe für den Regen, die bewirkt, daß kleine Mädchen bei Regenwetter mit dem offenen Schirm in der Hand ernst und langsam dahinschreiten. Schließlich waren ihnen die Regenabende lieber; nur ihre Trennung war dann schwieriger. Miette mußte unter dem niederprasselnden Regen über ihre Mauer klettern und im Jas-Meiffren bei völliger Dunkelheit durch die Pfützen waten. Sobald sie aus seinen Armen sich losgemacht hatte, verlor Silvère sie aus den Augen im nächtlichen Dunkel und im Getöse des Regens. Er horchte dann aufmerksam, geblendet und betäubt. Doch die Angst, in der die plötzliche Trennung beide zurückließ, war ein Reiz mehr; sie fragten sich dann bis zum Morgen, ob ihnen nichts zugestoßen sei bei diesem bösen Wetter, in das man keinen Hund hinausgejagt haben würde; sie waren vielleicht ausgeglitten oder hatten sich verirrt. Es waren dies Besorgnisse, die beide unwiderstehlich beherrschten und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihr nächstes Zusammentreffen nur um so zärtlicher gestalteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich kamen die schönen Tage wieder. Im April gab es milde Nächte; auf dem Wege sprießte das Gras üppig hervor. In diesem Lebensstrom, der vom Himmel niederfloß und aus dem Erdreiche aufstieg, inmitten des Rausches des jungen Jahres bedauerten die Liebenden manchmal ihre winterliche Einsamkeit, die Regenabende, die kalten Nächte, während der sie so verloren, so fern waren von allem Geräusch der Menschen. Jetzt ward es nicht schnell genug Abend; sie grollten der langen Dämmerung und wenn die Nacht dunkel genug geworden war, um Miette ohne die Gefahr, gesehen zu werden, das Klettern über die Mauer zu gestatten, wenn es ihnen endlich gelungen war, den teuren, einsamen Pfad zu erreichen, fanden sie daselbst nicht mehr jene Einsamkeit, die in ihrer Scheu verliebter Kinder ihnen so wohltat. Das Saint-Mittre-Feld bevölkerte sich; die Jungen der Vorstadt blieben bis elf Uhr abends da und trieben sich unter munteren Spielen auf den Balken umher; es kam auch vor, daß der eine oder andere sich hinter den Bretterstößen verbarg und dann Silvère und Miette mit der Frechheit eines zehnjährigen Taugenichts zulachte. Die Angst, überrascht zu werden, und das Erwachen des Lebens, das mit fortschreitendem Sommer immer reger und lauter wurde, verleideten ihnen ihre Begegnungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überdies ward ihnen der Weg zu enge. Niemals war er in so heißen Strömungen erbebt; niemals hatte dieser Boden, wo die letzten Gebeine des alten Kirchhofes schlummerten, so sinnverwirrende Ausdünstungen entsandt. Und sie waren noch zu sehr Kinder, um den wollüstigen Reiz dieses im Fieber des Frühlings bebenden, stillen Winkels zu genießen. Das Gras reichte ihnen bis zu den Knien; sie bewegten sich nur mehr schwierig an diesem Orte, und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wenn sie junge Triebe zertraten, hauchten gewisse Pflanzen scharfe Düfte aus, die sie betäubten. Von einer seltsamen Ermüdung ergriffen, verwirrt und schwankend, die Beine gleichsam durch die Gräser gebunden, lehnten sie sich dann an die Mauer, die Augen halb geschlossen, keinen Schritt wagend. Es war ihnen, als werde das ganze Schmachten des Himmels in sie eindringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ihr kindliches Ungestüm schlecht zu diesen plötzlichen Anwandlungen von Schwäche paßte, beschuldigten sie schließlich ihren Schlupfwinkel, daß es ihm an frischer Luft fehle und entschlossen sich, mit ihrer jungen Liebe ins Freie hinauszuwandern. So begannen denn neuerlich jeden Abend ihre Ausflüge. Miette kam mit ihrem Mantel; beide hüllten sich in das weite Kleidungsstück, huschten längs der Mauern fort, erreichten die Heerstraße, die weiten, freien Felder, wo die Luft mächtig dahinströmte gleich den Wogen der hohen See. Hier empfanden sie keine Beklemmung mehr; hier fanden sie ihre Kindheit wieder, fühlten sie den Taumel schwinden, die Betäubung, die das üppige Gras des Saint-Mittre-Feldes ihnen verursacht hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre hindurch besuchten sie diesen Winkel der Gegend. Jeder Felsenvorsprung, jede Rasenbank kannte sie bald; da war kein Gesträuch, keine Hecke, kein Dickicht, das ihnen nicht befreundet wurde. Hier machten sie ihre Träume zur Wirklichkeit; hier gab es ein tolles Rennen über die Sainte-Claire-Wiesen, Miette konnte tüchtig laufen und Silvère mußte ordentlich ausgreifen, wenn er sie einholen wollte. Sie suchten auch Elsternester; Miette, die durchaus zeigen wollte, wie sie in Chavonoz auf die Bäume geklettert war, band sich die Röcke mit einem Endchen Bindschnur und erklomm die hohen Pappeln. Silvère stand bebend am Fuße des Baumes, mit ausgebreiteten Armen, wie um sie aufzufangen, wenn sie herabgleiten sollte. Diese&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spiele beschwichtigten ihre Sinne in dem Maße, daß sie eines Abends sich schier prügelten wie zwei Gassenjungen beim Verlassen der Schule. Doch fanden sich in der weiten Landschaft noch Plätze, die sie nicht kannten. Solange sie wanderten, gab es ein geräuschvolles Lachen, ein Treiben und Drängen und Stoßen; sie gingen meilenweit, manchmal bis zur Garrigues-Hügelkette, schlugen die engsten Pfade ein und schritten wohl auch querfeldein. Ihnen gehörte die ganze Gegend; sie lebten da wie in erobertem Lande, freuten sich der Erde und des Himmels. Mit dem weiten Gewissen der Frauen wollte Miette es sich nicht versagen, manchmal eine Weintraube, einen Zweig grüner Mandeln von den Bäumen abzureißen, deren Äste im Vorübergehen sie trafen. Das verstieß gegen die strengen Grundsätze Silvères; doch wagte er nicht, das Mädchen auszuschelten, weil ihr – allerdings seltenes – Schmollen ihn trostlos machte. »Ach die Schlimme!« rief er dann aus, der Lage ein ernstes Gepräge gebend, »sie wäre imstande, einen Dieb aus mir zu machen.« Darauf schob Miette ihm seinen Teil an der gestohlenen Frucht in den Mund. Die Listen, die er anwandte, um sie von diesem instinktiven Bedürfnisse, von fremdem Gute zu naschen, abzuhalten, indem er seinen Arm um ihren Leib legte, die Obstbäume mied, die Weingärten entlang sich von ihr jagen ließ; diese Listen erschöpften bald seine Erfindungsgabe. Dann nötigte er sie, sich niederzusetzen. Jetzt stellten sich bei ihnen die Beklemmungen wieder ein. Besonders die Erdmulden am Ufer der Viorne mit ihrem nächtigen Dunkel erzeugten ein Gefühl des Fiebers in ihnen. Wenn die Ermüdung sie zu dem Ufer des Flusses zurückführte, war es mit ihrer schönen, kindlichen Heiterkeit zu Ende. Unter den Weiden schwebten graue Schatten gleich den Schleiern einer Frau in Trauer. Die Kinder fühlten, wie diese Schatten, gleichsam noch durchduftet und warm&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
von den wollüstigen Schultern der Nacht, sie um die Schläfen liebkosten, wie in eine unbesiegbare Ermattung hüllten. In der Ferne zirpten die Heimchen in den Sainte-Claire-Wiesen, die Viorne zu ihren Füßen Heß ein verliebtes Flüstern vernehmen wie das gedämpte Geräusch kußfeuchter Lippen. Vom schlafenden Himmel schien ein warmer Sternenregen herniederzurieseln. Und bei dem Erbeben dieses Himmels, dieses Flusses, dieses nächtigen Schattens suchten die Kinder, die nebeneinander im hohen Grase lagen, die verzückten Blicke im Dunkel der Nacht verloren, gegenseitig ihre Hände und tauschten einen kurzen Händedruck aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère, der von den Gefahren dieser Verzückungen eine dunkle Ahnung hatte, sprang mit einem Satze wieder auf die Füße und schlug vor, sie möchten nach einer der kleinen Inseln hinüber gehen, die das seichte Wasser in der Mitte des Flusses bloßlegte. Und beide wagten dann nackten Fußes den Gang durchs Wasser. Miette machte sich nichts aus den Kieseln und wollte nicht dulden, daß Silvère sie stütze, und so geschah es einmal, daß sie sich mitten im Flusse niedersetzte. Doch das Wasser reichte ihr da kaum bis zu den Knien und der ganze Schaden bestand darin, daß der Unterrock ein wenig naß wurde. Wenn sie die Insel erreicht hatten, legten sie sich bäuchlings auf eine Sandzunge hin, die Augen auf die Oberfläche des Wassers gerichtet, dessen Silberschuppen fern im Mondlichte schillerten. Miette erklärte dann, daß sie im Schiffe sei und daß die Insel schwimme; sie fühlte es, wie sie fortgetragen werde. Dieser Taumel, verursacht durch das Dahinfließen des Wassers, dem sie folgten, ergötzte sie eine Weile, hielt sie fest am Rande der Insel, wo sie halblaut sangen nach Art der Schiffer, wenn sie ihre Ruder ins Wasser senken. Ein andermal, wenn auf der Insel eine kleine Böschung war, ließen sie sich daselbst nieder wie auf einer Rasenbank und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ließen ihre nackten Beine ins Wasser hängen. Da plauderten sie stundenlang, spritzten mit den Fersen das Wasser in die Höhe, schaukelten ihre Beine im Wasser und vergnügten sich damit, einen kleinen Sturm in dem stillen Flüßchen hervorzurufen, dessen Kälte ihr Fieber dämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Flußbäder zeitigten in Miettens Köpfchen eine Laune, die der schönen Unschuld ihrer Liebe schier ein Ende gemacht hätte. Sie wollte durchaus Vollbäder nehmen. Oberhalb der Brücke, versicherte sie, gebe es eine Vertiefung von kaum vier Fuß, wo man sicher baden könne; es sei da hübsch warm und man könne behaglich bis zu den Schultern im Wasser sitzen; sie möchte schon so lange gern schwimmen können, und Silvère solle es sie lehren. Dieser machte Einwendungen; es sei nicht vorsichtig, des Nachts solches zu tun; man könne sie sehen, und es werde schlimme Folgen für sie haben. Aber er verschwieg den wahren Grund; er war instinktiv beunruhigt bei dem Gedanken an dieses neue Spiel. Er fragte sich, wie sie sich entkleiden würden und wie er es anfangen werde, Miette in seinen nackten Armen über Wasser zu halten. Das Mädchen schien nichts von diesen Schwierigkeiten zu ahnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Abends brachte sie einen Badeanzug mit, den sie sich aus einem alten Kleide zugeschnitten hatte. Silvère mußte zu Tante Dide zurückkehren, um seine Schwimmhose zu holen. Und die Partie gestaltete sich ganz einfach. Miette entfernte sich nicht weit; sie entkleidete sich ganz einfach im Schatten einer Weide, und dieser Schatten war so dicht, daß ihr kindlicher Körper nur einige Sekunden als ein schwacher, weißer Schimmer darin erschien. Silvère mit seiner braunen Haut erschien in der Nacht wie der dunkle Stamm einer jungen Eiche, während die Arme und Beine des jungen Mädchens, nackt und rund, den milchweißen Schäften der Birken am Flußufer glichen. Wie mit dunklen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flecken bekleidet, die das hohe Laub auf sie hernieder senkte, traten dann beide fröhlich ins Wasser, einander zurufend und von der Kälte überrascht leise Angstrufe ausstoßend. Alle Bedenken, die geheime Scheu, die uneingestandene Scham: sie waren vergessen. Sie blieben da eine volle Stunde, herumplätschernd, sich mit Wasser bespritzend; Miette tat beleidigt, um dann in ein Lachen auszubrechen; Silvère gab ihr die erste Schwimmlektion, tauchte ihr von Zeit zu Zeit den Kopf unter, um sie abzuhärten. Solange er sie mit der einen Hand am Gürtel ihres Badeanzuges festhielt, während er mit der anderen ihren Bauch stützte, arbeitete sie wütend mit Armen und Beinen und glaubte zu schwimmen; aber sobald er sie losließ, begann sie schreiend zu strampeln, streckte die Hände aus, peitschte das Wasser und hielt sich fest wo sie konnte, am Leibe des jungen Mannes, oder an einem seiner Handknöchel. Einen Augenblick überließ sie sich ihm, ruhte an seiner Brust, völlig atemlos, wassertriefend, während der nasse Badeanzug die Reize ihrer jungfräulichen Büste abzeichnete. Dann rief sie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch einmal! Du läßt mich absichtlich los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Gefühl der Scham stieg ihnen auf aus diesen Umarmungen Silvères, der sich überneigte, um sie zu stützen, aus diesen Anstrengungen Miette zu retten, die sich erschreckt dem jungen Manne an den Hals hing. Das kalte Bad versetzte sie in eine Kristallreinheit. Es waren zwei nackte, unschuldige, lachende Kinder in warmer Sommernacht unter dem stillen Laub der Bäume. Nach den ersten Bädern machte Silvère sich im stillen Vorwürfe, daß er an Böses denken konnte. Miette kleidete sich so schnell aus und war so frisch in seinen Armen und lachte so hell!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nach Verlauf von zwei Wochen konnte die Kleine schwimmen. Ihre Glieder beherrschend, gewiegt von der Flut, mit der sie jetzt spielte, überließ sie sich der weichen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schmiegsamkeit des Flusses, der Stille des Nachthimmels, der träumerischen Einsamkeit, die auf den Ufern lagerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn beide geräuschlos dahinschwammen, glaubte Miette an den beiden Ufern das Laub sich verdichten, sich über sie neigen, ihr Versteck mit riesigen Vorhängen verhüllen zu sehen. An mondhellen Abenden glitt der Lichtschein zwischen den Baumstämmen hindurch, milde Gestalten in weißer Gewandung schienen die Ufer entlang zu wandeln. Miette hatte keine Furcht. Eine unsagbare Aufregung erfaßte sie, wenn sie den Spielen des Schattens folgte. Während sie mit verlangsamter Bewegung vorwärts schwamm, kräuselte sich das Wasser, das im Mondlichte wie ein klarer Spiegel dalag, bei ihrer Annäherung wie ein silberdurchwirkter Stoff; die Ringe wurden breiter und verloren sich im Dunkel der Ufer, unter den niederhängenden Zweigen der Weiden, woher ein geheimnisvolles Plätschern zu vernehmen war. Bei jedem Ausgreifen fand sie solche flüsternden Tiefen, dunkle Höhlungen, an denen sie rascher vorbeieilte, Sträucher, Baumreihen, deren dunkle Massen die Form wechselten, sich verlängerten, von der Höhe des Ufers ihr zu folgen schienen. Wenn sie auf dem Rücken schwamm, ward sie durch den Blick in die unendlichen Tiefen des Nachthimmels noch mehr ergriffen. Von der Landschaft, die sie nicht sah, hörte sie eine tiefe, lang aushaltende Stimme aufsteigen, gleichsam aus allen Seufzern der Nacht zusammengesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie war nicht von träumerischer Natur und freute sich mit ihrem ganzen Körper, mit allen ihren Sinnen des Himmels, des Flusses, der Schatten, der Lichter. Im besonderen der Fluß, dieses Wasser, dieses bewegliche Feld, trug sie mit unsagbaren Liebkosungen dahin. Wenn sie den Fluß hinaufschwamm, verursachte es ihr ein großes Vergnügen zu fühlen, wie ihr das Wasser schneller über Brust und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beine floß; es war ein anhaltender, sanfter Kitzel, den sie ohne nervöses Lachen ertragen konnte. Sie tauchte dann tiefer ins Wasser, bis dieses ihr an die Lippen reichte, damit es über ihre Schultern hinweg fließe, sie mit einem Zuge vom Kinn bis zu den Füßen in seine flüchtige Liebkosung einhüllte. Sie verfiel dann in eine Schlaffheit, in der sie unbeweglich auf der Oberfläche des Wassers liegen blieb, während es in kleinen Wellen weich zwischen dem Anzug und ihrer Haut durchfloß, wobei der Stoff sich blähte; dann wälzte sie sich in dem stillen Wasser wie eine Katze auf einem Teppich; und sie schwamm aus dem schimmernden Wasser, wo der Mond badete, in das dunkle, vom Laube in Schatten gehüllte Wasser, mit einem Frösteln, als habe sie eine sonnige Ebene verlassen und die Kühle der Zweige auf ihren Nacken fallen fühlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt trat sie schon beiseite, um sich zu entkleiden; sie verbarg sich. Einmal im Wasser verhielt sie sich schweigsam; sie wollte nicht mehr dulden, daß Silvère sie berühre; sie schlüpfte sachte an seine Seite und schwamm mit dem leisen Geräusch eines Vogels, der durch ein Dickicht fliegt; oder auch sie umkreiste ihn, von einer unbestimmten Furcht ergriffen, die sie sich nicht erklären konnte. Er selbst entfernte sich, wenn er an eines ihrer Glieder streifte. In dem Flusse fanden sie jetzt nur mehr einen ermattenden Taumel, ein wollüstiges Einlullen, das sie in eine seltsame Verwirrung versetzte. Besonders wenn sie aus dem Bade stiegen, hatten sie ein Gefühl der Schläfrigkeit, der Blendung. Sie waren gleichsam erschöpft. Miette brauchte eine volle Stunde, um sich anzukleiden. Zuerst warf sie nur ihr Hemd über und einen Rock; dann blieb sie da, im Grase ausgestreckt, über Müdigkeit klagend und Silvère rufend, der einige Schritte weiterhin stand, mit leerem Schädel und mit einer seltsamen, aufregenden Mattigkeit in den Gliedern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Heimwege war dann ihre Umarmung feuriger, sie fühlten durch ihre Gewandung deutlicher ihren infolge des Bades geschmeidiger gewordenen Körper; sie blieben stehen von Zeit zu Zeit und stießen schwere Seufzer aus. Der riesige Haarknäuel Miettens, ihr Nacken, ihre Schultern hatten einen Geruch der Frische, einen Duft der Reinheit, der den jungen Mann vollends betäubte. Zum Glück erklärte das Mädchen eines Abends, daß es keine Bäder mehr nehmen werde, daß das kalte Wasser ihr das Blut zu Kopfe treibe. Ohne Zweifel gab sie diesen Grund in aller Wahrheit und Unschuld an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nahmen ihre langen Gespräche wieder auf. Von der Gefahr, die ihrer unschuldigen Liebe gedroht, war im Geiste Silvères nichts als eine große Bewunderung für die körperliche Kraft Miettens zurückgeblieben. In zwei Wochen hatte sie schwimmen gelernt und oft, wenn sie um die Wette schwammen, hatte er sie den Fluß mit ebenso kräftigen Armen teilen sehen, wie er selbst. Er, der die Kraft und die körperlichen Übungen liebte, war gerührt, wenn er sie so stark und so geschickt sah. In seinem Herzen erstand eine seltsame Achtung für ihre starken Arme. Eines Abends, nach einem der ersten Bäder, bei denen sie noch so lustig waren, hatten sie sich um den Leib gefaßt und auf einem schmalen Sandstreifen minutenlang gerungen, ohne daß es Silvère gelungen wäre, Miette zu Boden zu werfen; schließlich verlor er selbst das Gleichgewicht, fiel um und das Mädchen blieb aufrecht. Ihr Freund behandelte sie fortab wie einen Jungen und eben die langen Märsche, das tolle Jagen durch die Wiesen, das Nesterausheben auf den hohen Bäumen, ihre Kämpfe, ihre ungestümen Spiele beschützten sie so lange und hinderten sie, ihre junge Liebe zu beflecken. Nebst der Bewunderung für die Kraft und Behendigkeit seiner Freundin mischte in die Liebe des jungen Burschen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sich auch noch sein Erbarmen für die Unglücklichen. Er, der keinen Verlassenen, keinen Armen, kein barfüßiges Kind im Straßenstaub sehen konnte, ohne daß das Erbarmen ihm den Atem raubte, er liebte Miette, weil niemand sie liebte, weil sie das harte Dasein eines Paria führte. Wenn ei sie lachen hörte, war er tief bewegt von dieser Freude, die er ihr verschaffte. Und dann war das Mädchen eine Wilde wie er selbst ein Wilder; sie fanden sich auch in dem gemeinsamen Hasse gegen die Klatschbasen der Vorstadt. Der Traum, den er tagsüber träumte, während er bei seinem Meister mit kräftigen Hammerschlägen die Räder bereifte – dieser Traum war voll edelmütiger Torheiten. Er dachte an Miette als Erlöser. Alles, was er gelesen hatte, stieg ihm dann zu Kopfe; er wollte eines Tages seine Freundin zu seiner Frau machen, um sie in den Augen der Welt zu erheben; er legte sich den heiligen Beruf bei, die Tochter des Sträflings zu retten, der Welt und dem Heil wiederzugeben. Er hatte den Kopf dermaßen voll mit gewissen Reden, daß er sich nicht damit begnügte, sich diese Dinge einfach vorzunehmen; er verlor sich in einem gewissen sozialen Mystizismus; er ersann eine wahre Verherrlichung, mit der das Kind der Welt wiedergegeben werden sollte; er sah im Geiste Miette auf einem am Ende der Promenade Sauvaire errichteten Throne sitzen; und die ganze Stadt verneigte sich vor ihr, bat sie um Verzeihung und sang Loblieder auf sie. Glücklicherweise vergaß er alle diese schönen Dinge wieder, sobald Miette von ihrer Mauer herabsprang und ihm auf der Heerstraße sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß uns laufen, willst du? Ich wette, daß du mich nicht fängst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wenn der Jüngling am hellen Tage von der Verherrlichung seiner Freundin träumte, so hatte er anderseits ein so tiefes Bedürfnis nach Gerechtigkeit, daß er dem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinde oft Tränen erpreßte, wenn er ihr von ihrem Vater sprach. Trotz der tiefen Zärtlichkeit, die die Freundschaft Silvères in ihr Herz gepflanzt, erwachten in ihr doch von Zeit zu Zeit plötzlich die alten bösen Triebe; ihre ganze heftige Natur lehnte sich auf, sie kniff die Lippen zusammen, und es erschien der harte Blick in ihren Augen wieder. Sie behauptete dann, ihr Vater habe recht getan, den Gendarm zu töten; die Erde gehöre aller Welt und man habe das Recht zu schießen, wo und wann man wolle. Silvère erklärte ihr mit ernster Stimme das Gesetz, so wie er es verstand, und mit Auslegungen, die in ihrer Seltsamkeit bei allen Richtern von Plassans ein sehr bedenkliches Kopfschütteln hervorgebracht hätten. Diese Gespräche fanden zumeist in irgendeinem verlornen Winkel der Sainte-Claire-Wiese statt. Der dunkelgrüne Rasen dehnte sich dahin, soweit das Auge reichte und kein einziger Baum war da, der einen Fleck auf dieser endlosen Fläche gebildet hätte; und der Himmel schien unermeßlich, mit seinen Sternen die nackte Rundung des Gesichtskreises füllend. Die Kinder wurden gleichsam gewiegt in diesem Meer von Grün. Miette kämpfte lange gegen Silvères Ansichten; sie fragte diesen, ob es besser gewesen wäre, wenn ihr Vater sich hätte von dem Gendarmen umbringen lassen und Silvère schwieg einen Augenblick; dann erklärte er, daß es in einem solchen Falle besser sei, das Opfer zu sein als der Mörder, und daß es immer ein großes Unglück sei, wenn man seinen Nebenmenschen töte und sei es auch im Stande berechtigter Notwehr. Ihm war das Gesetz eine heilige Sache; die Richter hatten recht, als sie Chantegreil auf die Galeeren schickten. Darob ergrimmte das Mädchen; sie hätte ihren Freund prügeln mögen und rief ihm zu, er habe ein ebenso böses Herz wie die anderen. Als er fortfuhr, seine Gedanken über die Gerechtigkeit standhaft zu verteidigen, brach sie schließlich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in Tränen aus und stammelte, daß er ohne Zweifel sieh ihrer schäme, da er sie immer wieder an das Verbrechen ihres Vaters erinnere. So endigten diese Erörterungen in einem Strom von Tränen, in gemeinsamer Aufregung. Doch wenn das Kind auch weinte, wenn sie auch anerkannte, daß sie vielleicht unrecht habe, bewahrte sie im Innern doch ihre Wildheit, ihre leichte Erregbarkeit. Einmal erzählte sie laut lachend, wie ein Gendarm in ihrer Gegenwart vom Pferde gefallen sei und ein Bein gebrochen habe. Übrigens lebte Miette nur mehr für Silvère. Wenn dieser sie über ihren Oheim und ihren Vetter befragte, antwortete sie, »daß sie nichts wisse«; und wenn er in sie drang aus Besorgnis, daß man sie im Jas-Meiffren vielleicht zu sehr quäle, sagte sie, daß sie viel arbeite und sich nichts geändert habe. Doch glaubte sie, daß Justin schließlich dennoch erfahren habe, weshalb sie jeden Morgen so lustig sei und was den Ausdruck ihrer Augen so sehr gemildert habe. Doch sie fügte hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was tut&#039;s? Wenn er uns jemals stören wollte, werden wir ihm einen Empfang bereiten, daß ihm die Lust vergehen soll, sich wieder in unsere Angelegenheiten einzumengen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes wurden sie durch die langen Märsche im Freien oft ermüdet. Sie kehrten dann immer wieder nach dem Saint-Mittre-Felde zurück, in dem engen Weg, aus dem sie durch die geräuschvollen Sommerabende, durch die allzu starken Gerüche der Gräser, durch die heißen, sinnverwirrenden Ausströmungen verjagt worden waren. Aber an manchen Abenden war der Aufenthalt auf dem Wege lieblicher; es strich ein erfrischender Wind hindurch; sie konnten da bleiben, ohne einen Taumel zu empfinden. Sie genossen dann eine köstliche Erholung. Auf dem Grabstein sitzend, die Ohren geschlossen für das Getümmel der Kinder und der Zigeuner, fühlten sie sich da wieder heimisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère hatte wiederholt Knochenreste, Bruchstücke von Schädeln gesammelt, und sie gefielen sich jetzt darin, von dem alten Kirchhofe zu sprechen. Mit ihrer regen Einbildungskraft sagten sie sich im stillen, daß ihre Liebe wie eine kräftige, fette Pflanze in diesem vom Tode befruchteten Boden gediehen sei. Sie war aufgeschossen wie diese wilden Gräser; sie war aufgeblüht wie die Klatschrosen, die der leiseste Wind auf ihren Stengeln bewegt und die offenen, blutenden Herzen glichen. Und sie erklärten sich die lauen Ausströmungen, die über ihre Stirnen hinwegzogen, das Geflüster, das sie im Schatten hörten, das anhaltende Frösteln, in welchem der Weg erbebte. Es waren die Toten, die ihnen ihre zerstobenen Leidenschaften ins Gesicht hauchten, ihnen ihre Brautnacht erzählten und sich im Grabe umwandten, gepackt von einer wilden Begierde zu lieben, die Liebe von neuem zu beginnen. Diese Gebeine – das fühlten sie wohl – waren voll Zärtlichkeit für sie; die geborstenen Schädel erhitzten sich von neuem an den Flammen ihrer Jugend; die kleinsten Bruchstücke umgaben sie mit einem entzückten Geflüster, einer ruhelosen Sorgfalt, einer angstvollen Eifersucht. Wenn sie sich entfernten, schien der alte Kirchhof zu weinen. Diese Gräber, die in den heißen Nächten ihnen die Füße banden, daß sie nur wankend gehen konnten: es waren lange, schmale Finger, die aus dem Erdreich nach ihnen langten, um sie festzuhalten, um sie einander in die Arme zu werfen. Dieser scharfe, durchdringende Geruch, den die zertretenen und gebrochenen Stengel aushauchten: es war der befruchtende Geruch, der mächtige Saft des Lebens, den allmählich die Gräber ausschwitzen und in den Verliebten, die auf den einsamen Pfaden wandeln, betäubende Begierden wachrufen. Die Toten, die alten Toten, heischten die bräutliche Vereinigung von Miette und Silvère.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals wurden die Kinder von Furcht ergriffen. Es rührte sie die Zärtlichkeit, die sie in der Luft schweben fühlten; sie gewannen die unsichtbaren Wesen lieb, deren Berührung sie gleich einem leichten Flügelschlag oft zu fühlen glaubten. Sie wurden nur manchmal von einer milden Traurigkeit ergriffen und begriffen nicht, was die Toten von ihnen wollten. Sie fuhren fort, ihrer unschuldsvollen Liebe zu leben, inmitten dieses Überquellens der Säfte, in diesem Winkel eines aufgelassenen Kirchhofes, wo das von Leichen gesättigte Erdreich Leben ausschwitzte, und der gebieterisch ihre Verbindung heischte. Die summenden Stimmen, die in ihren Ohren klangen, die plötzlichen Anflüge von Hitze, die über ihr Antlitz huschten: sie kündeten ihnen nichts Bestimmtes. Es gab Tage, an denen der Schrei der Toten so laut wurde, daß Miette, die fiebernd, erschöpft auf dem Grabstein lehnte, mit ihren in Tränen schwimmenden Augen Silvère anblickte wie um ihn zu fragen: »Was wollen sie denn? Warum blasen sie Flammen in meine Adern?« Und Silvère, der selbst gebrochen, außer sich war, wagte nicht zu antworten, wagte nicht die flammenden Worte zu wiederholen, die er in der Luft zu vernehmen glaubte, die unsinnigen Ratschläge, die die hohen Gräser, die Flüsterstimmen des ganzen Weges, diese schlecht geschlossenen Gräber ihm gaben, die sich gleichsam als Lagerstätte anboten für die junge Liebe dieser Kinder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft befragten sie sich über die Gebeine, die sie entdeckten. Miette mit ihrem weiblichen Instinkte sprach gern von traurigen Gegenständen. Bei jedem neuen Funde gab es ein Raten ohne Ende. War es ein kleiner Knochen, dann sprach Miette von einem jungen Mädchen, das brustkrank gewesen, oder am Vorabende seiner Hochzeit von einem Fieber hinweggerafft worden; war es ein großer Knochen, dann träumte sie von einem hochgewachsenen Greise, einem Soldaten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
einem Richter, irgendeinem furchtbaren Manne. Besonders der Grabstein beschäftigte sie lange. An einem schönen, mondhellen Abende entdeckte Miette auf einer der Flächen halb verwitterte Schriftzeichen. Silvere mußte mit seinem Messer das Moos wegkratzen. Und nun lasen sie die verstümmelte Inschrift: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Hier liegt ... Marie ... gestorben ...&#039;&#039;« Miette war ganz betroffen, als sie ihren Namen auf dem Grabsteine fand. Silvère schalt sie eine alberne Grete, aber sie vermochte ihre Tränen nicht zurückzuhalten. Sie sagte, sie habe es wie einen Stoß in die Brust empfunden, daß sie bald sterben werde und daß der Grabstein für sie sei. Jetzt fühlte der Bursche sein Blut erstarren; aber es gelang ihm dennoch, dem Kinde so weit Vernunft einzureden, daß es sich schämte. Was? Sie, die so mutig war, konnte solche Kindereien träumen? Und schließlich lachten sie. Dann redeten sie nicht mehr von diesem Gegenstande. Aber in den Stunden der Schwermut, wenn unter dem umwölkten Himmel der Weg traurig dalag, konnte Miette nicht umhin, diese Tote zu nennen, diese unbekannte Marie, deren Grab so lange ihre Zusammenkünfte begünstigt hatte. Vielleicht lagen noch die Gebeine des armen Mädchens da. Eines Abends hatte sie die seltsame Laune, zu verlangen, daß Silvère den Grabstein umwende, damit sie sehen können, was darunter sei. Er weigerte sich, als sei es eine Heiligtumsschändung, was sie verlange, und diese Weigerung nährte nur die Träume Miettens über dieses teure Gespenst, das ihren Namen trug. Sie behauptete durchaus, daß jene in ihrem Alter, mit dreizehn Jahren, mitten in ihrer Liebe, gestorben sei. Sie bedauerte selbst den Grabstein, diesen Stein, auf den sie so hurtig herabstieg, auf dem sie so oft gesessen, diesen Stein, den der Tod eiskalt gemacht, und den sie mit ihrer Liebe wieder erwärmt hatten. Sie fügte hinzu;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst sehen, das wird uns Unglück bringen. Wenn du stürbest, möchte ich, daß ich hier stürbe und man diesen Stein über mich wälze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère war beklommen bei solchen Reden und schalt sie aus, weil sie an so traurige Dinge dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So liebten sie sich fast zwei Jahre lang auf dem engen Wege und in der weiten Landschaft. Ihre Liebe überdauerte die eisig kalten Niederschläge des Dezember und die glühenden Aufregungen des Juli, ohne zur Schmach der gemeinen Liebschaften herabzusinken; sie bewahrte den köstlichen Reiz einer griechischen Schäferidylle, ihre flammende Reinheit, alle die kindlichen Wahnvorstellungen des Fleisches, das begehrt und unwissend ist. Selbst die alten Toten flüsterten ihnen vergeblich zu. So nahmen sie aus dem alten Friedhofe nichts mit als eine rührende Schwermut, das unbestimmte Vorgefühl eines kurzen Lebens; eine geheime Stimme sagte ihnen, daß sie von hinnen scheiden würden mit ihrer jungfräulichen Liebe vor ihrer bräutlichen Vereinigung an dem Tage, an dem sie sich einander würden geben wollen. Ohne Zweifel hatten sie hier, auf diesem Grabstein inmitten der Gebeine, die in den fetten Gräsern umherlagen, jene Liebe zum Tode eingesogen, jenes gierige Verlangen, zusammen in der Erde zu liegen, das sich auf ihre stammelnden Lippen drängte am Rande der Straße nach Orcheres, in dieser Dezembernacht, während die zwei Kirchturmglocken sich ihr klagendes Gewimmer zusandten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miette schlief ruhig, das Haupt an die Brust Silvères gelehnt, während dieser der fernen Zusammenkünfte gedachte, der schönen Jahre beständigen Zaubers. Bei Tagesanbruch erwachte das Kind. Vor ihnen dehnte das helle Tal unter dem winterlichen Himmel sich dahin. Die Sonne war noch hinter den Bergen. Eine kristallreine Helle, durchsichtig und eisig wie Quellwasser, floß von dem bleichen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gesichtskreise hernieder. In der Ferne verlor sich die Viorne, einem Bande von weißem Satin gleichend, zwischen den roten und gelben Feldern. Es war eine schier grenzenlose Weite; graue Meere von Olivenpflanzungen, Weingärten, die breiten, gestreiften Stoffen glichen, eine ganze Landschaft, noch vergrößert durch die Klarheit der Luft und die winterliche Ruhe. Der Wind, der in kurzen Stößen dahinfegte, hatte die Gesichter der Kinder schier zu Eis erstarren lassen. Sie erhoben sich jetzt munter, des hellen Morgens sich freuend. Da mit der Nacht auch ihre Traurigkeit und ihr Schrecken geschwunden waren, betrachteten sie entzückten Auges den ungeheuren Kreis der Ebene und lauschten dem Gebimmel der beiden Glocken, das ihnen jetzt das fröhliche Frühläuten eines Festtages schien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, wie gut habe ich geschlafen! rief Miette. Ich habe geträumt, daß du mich küßtest. Hast du mich geküßt, sprich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kann schon sein, erwiderte Silvère lachend. Mir war auch nicht warm; denn es ist eine wahre Hundekälte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir ist nur in den Füßen kalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun denn, laß uns laufen... Wir haben reichlich zwei Meilen zu gehen. Dabei wird dir warm werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie stiegen den Abhang hinab und erreichten laufend die Straße. Als sie unten waren, erhoben sie den Kopf, wie um dem Felsen Lebewohl zu sagen, wo sie unter Tränen glühende Küsse gewechselt hatten. Aber sie sprachen nicht von dieser flammenden Liebkosung, die in ihrer Liebe ein neues, unbestimmtes Bedürfnis entstehen ließ, von welchem sie sich keine Rechenschaft geben konnten. Sie faßten einander nicht mehr am Arme, unter dem Vorwande, daß sie so schneller gehen könnten. Sie marschierten munter fort, ein wenig verlegen, ohne zu wissen warum, wenn sie sich von Zeit zu Zeit anblickten. Inzwischen war der Tag immer heller rings um sie her. Der junge Bursche, der im Auftrage&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seines Meisters häufig den Weg nach Orchères zu machen hatte, kannte die besten und kürzesten Seitenpfade. So legten sie mehr als zwei Meilen zurück, auf Hohlwegen, vorbei an Hecken und endlosen Mauern. Miette beschuldigte Silvère, sie irregeführt zu haben. Oft sahen sie viertelstundenlang nichts von der Landschaft; sie bemerkten nur über die Mauern und Hecken hinausragende Mandelbaumreihen, deren dürren Äste sich von dem bleichen Morgenhimmel abhoben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich standen sie vor Orchères. Lautes Freudengeschrei, das Getöse der Menge drang durch die klare Morgenluft zu ihnen. Die Bande der Aufrührer war eben in die Stadt eingezogen. Miette und Silvère betraten sie mit den letzten Nachzüglern. Niemals hatten sie eine solche Begeisterung gesehen. In den Straßen sah es aus wie an Prozessionstagen, wenn zu Ehren des unter dem Baldachin vorüberziehenden Allerheiligsten alle Fenster sich mit kostbaren Stoffen schmücken. Man feierte die Aufrührer als Befreier. Die Männer umarmten sie, die Frauen trugen Mundvorräte herbei. Auf den Türschwellen standen Greise, die vor Rührung weinten. Die südliche Lebhaftigkeit äußerte sich in geräuschvoller Weise, singend, tanzend, gestikulierend. Als Miette vorüberkam, ward sie in einem riesigen Reigen mitgerissen, der auf dem Hauptplatze tanzte. Silvère folgte ihr. Die Mutlosigkeit, die Todesgedanken waren jetzt weit von ihm. Er wollte sich schlagen, wenigstens sein Leben teuer verkaufen. Von neuem betäubte ihn der Gedanke an den Kampf. Er träumte vom Siege, von einem glücklichen Leben mit Miette im großen Frieden der allgemeinen Republik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser brüderliche Empfang seitens der Bewohner von Orcheres war die letzte Freude der Aufständischen. Sie verbrachten den Tag in strahlender Zuversicht und in grenzenloser Hoffnung. Die Gefangenen, der Major Sicardot, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herren Garçonnet, Peirotte und die anderen, die man in einem Zimmer des Rathauses eingesperrt hatte, dessen Fenster auf den Hauptplatz gingen, sahen mit Überraschung und Schrecken diese ausgelassenen Tänze und diese Stürme von Begeisterung, die an ihnen vorüberzogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch ein Lumpenpack! brummte der Major, der sich an das Gesims eines Fensters lehnte, wie an die samtbekleidete Brüstung einer Theaterloge. Hätte ich doch nur zwei Batterien zu befehligen; wie wollte ich dieses ganze Gesindel hinwegfegen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er Miette bemerkte, fügte er, zu Herrn Garçonnet gewendet, hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schauen Sie nur jenes große, rote Mädchen, Herr Bürgermeister! Es ist fürwahr eine Schmach, daß sie sogar ihre Dirnen mitführen. Wenn das noch lange währt, werden wir schöne Dinge zu sehen bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Garçonnet nickte mit dem Kopfe und sprach von den »entfesselten Leidenschaften« und von den »schlimmsten Tagen unserer Geschichte«. Herr Peirotte war bleich wie sein Hemd und schwieg. Nur einmal tat er den Mund auf, um zu Herrn Sicardot, der wieder mit lauter Stimme schimpfte, zu sagen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leiser, leiser, mein Herr! Sie werden es so arg treiben, daß wir alle niedergemetzelt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Wahrheit behandelten die Aufständischen ihre Gefangenen mit größter Milde. Sie ließen ihnen sogar am Abend eine vortreffliche Mahlzeit vorsetzen. Aber für Feiglinge vom Schlage des Herrn Einnehmers waren solche Aufmerksamkeiten nur um so schrecklicher; die Aufständischen – so behauptete er – behandelten ihre Gefangenen nur deshalb so gut, damit sie desto fetter und zarter seien an dem Tage, wo sie diese fressen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der Abend dämmerte, sah sich Silvère seinem Vetter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dem Doktor Pascal gegenüber. Der Gelehrte war der Bande zu Fuße gefolgt, mit den Arbeitern plaudernd, die ihn verehrten. Anfänglich hatte er sich bemüht, sie von dem Kampfe abzubringen; dann, gleichsam durch ihre Reden gewonnen, hatte er ihnen mit einem gleichmütig wohlwollenden Lächeln gesagt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr habt vielleicht recht; schlaget euch nur; ich bin ja da, um euch die Arme und Beine wieder zusammenzuflicken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte am Morgen ganz ruhig begonnen, längs des Weges Steine und Pflanzen zu sammeln. Er war trostlos, weil er seinen Geologenhammer und seine Botanisierbüchse nicht mitgenommen hatte. Um diese Zeit waren seine Taschen zum Reißen voll von Steinen und aus seiner Ledermappe, die er unter dem Arme trug, hingen ganze Büschel langer Gräser heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schau, bist du&#039;s, mein Junge? rief er, als er Silvère gewahrte. Ich glaubte hier der einzige von der Familie zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach die letzteren Worte mit leisem Spott über das Benehmen seines Vaters und des Onkels Antoine. Silvère war glücklich, seinen Vetter zu treffen. Der Doktor war der einzige Rougon, der ihm die Hand drückte, wenn er ihn auf der Straße traf, und ihm eine aufrichtige Freundschaft bewies. Als Silvère ihn noch mit dem Straßenstaube bedeckt sah, bekundete er eine lebhafte Freude, weil er ihn für die republikanische Sache gewonnen glaubte. Er sprach zu ihm von den Rechten des Volkes, von dessen heiliger Sache, von dem sicheren Sieg mit jugendlicher Begeisterung. Pascal hörte ihn lächelnd an; neugierig beobachtete er seine Gebärden, das lebendige Spiel seiner Züge, als habe er diese Begeisterung zerlegen können, um zu sehen, was auf dem Grunde dieses edelmütigen Eifers sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie du sprudelst, wie du dich ereiferst! Man sieht, du bist der Enkel deiner Großmutter!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit leiser Stimme setzte er hinzu im Tone eines Chemikers, der sich Notizen macht:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hysterie oder Begeisterung; schmähliche Narrheit oder erhabene Narrheit. Immer diese teuflischen Nerven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann schloß er gleichsam seinen Gedankengang und sagte laut:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Familie ist vollständig: sie wird auch ihren Helden haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère hatte nichts gehört. Er fuhr fort, von seiner teuren Republik zu sprechen. Einige Schritte weiter war Miette stehen geblieben; sie trug noch immer ihren roten Mantel und verließ Silvère nicht mehr. Arm in Arm hatten sie den ganzen Tag die Stadt durchstreift. Dieses große, rote Mädchen zog schließlich das Interesse Pascals auf sich; er unterbrach plötzlich den Redefluß seines Vetters und fragte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer ist dieses Kind, das bei dir ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist mein Weib, erwiderte Silvère ernst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Doktor machte große Augen. Er verstand nicht, was jener gesagt hatte. Da er den Frauen gegenüber sehr schüchtern war, zog er vor Miette tief den Hut und ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nacht gestaltete sich unruhig. Ein Unglückswind jagte über die Aufständischen hinweg. Die Begeisterung und die Zuversicht von gestern schienen mit dem Dunkel der Nacht zerstoben. Am Morgen sah man düstere Mienen, traurige Blicke wurden ausgetauscht, lange Pausen der Mutlosigkeit traten ein. Schreckliche Gerüchte waren in Umlauf. Die schlimmen Nachrichten, welche die Anführer seit gestern geheimzuhalten vermochten, hatten sich verbreitet, ohne daß jemand gesprochen hätte, zugeflüstert durch jenen unsichtbaren Mund, der mit einem Atemzug den Schrecken unter die Menge wirft. Es wurden Stimmen laut, die behaupteten, Paris sei bezwungen, die Provinz habe sich auf Gnade und Ungnade unterworfen; diese Stimmen fügten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hinzu, daß zahlreiche Truppen, die unter den Befehlen der Obersten Masson und Blériot von Marseille aufgebrochen waren, heranrückten, um die Aufständischen zu vernichten. Das war ein Zusammenbruch, ein Erwachen voll Zorn und Verzweiflung. Diese Männer, gestern noch in einem patriotischem Fieber glühend, erbebten jetzt in der großen Kälte, welche die schmachvolle Unterwerfung des Lanües verbreitete. So besaßen denn sie allein den Heldenmut der Pflicht. Sie waren jetzt verloren inmitten des Entsetzens aller, in der Totenstille ringsumher; sie wurden zu Aufrührern und sollten gleich wilden Tieren mit Kolbenstößen verjagt werden. Sie hatten von einem großen Kriege geträumt, von der Erhebung eines ganzen Volkes, von einem siegreichen Eroberungszuge des Rechtes. Jetzt, inmitten einer solchen Verlassenheit, einer solchen Auflösung beweinte dieses Häuflein Menschen seinen erstorbenen Glauben, seinen zerflatterten Traum von Gerechtigkeit. Es waren Leute in der Truppe, die unter Verwünschungen gegen das feige Frankreich ihre Waffen wegwarfen und am Rande der Straße sich hinsetzten mit der Erklärung, daß sie da die Kugeln des Feindes abwarten wollten, um zu zeigen, wie Republikaner sterben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obgleich diese Männer nur zwischen Verbannung und Tod die Wahl hatten, fanden sich nur wenige Fahnenflüchtige unter ihnen. Eine bewunderungswürdige Eintracht verband diese Horden. Der Ingrimm kehrte sich gegen die Anführer. Diese waren in der Tat unfähig. Unverbesserliche Fehler waren begangen worden; und die verlassenen, disziplinlosen Aufständischen, kaum durch einige Schildwachen geschützt, unter den Befehlen einiger unentschlossener Männer stehend, sahen sich jetzt den erstbesten Truppen, die sich zeigen würden, ausgeliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verweilten noch zwei Tage in Orchères, am Dienstag&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und Mittwoch, verloren so zwei Tage und erschwerten noch ihre Lage. Der General, der Mann mit dem Säbel, den Silvère seiner Freundin Miette auf der Straße nach Plassans gezeigt hatte, zögerte, gebeugt unter der Wucht der auf ihm lastenden furchtbaren Verantwortung. Am Donnerstag fand er, daß die Stellung in Orchères gefahrvoll sei. Gegen ein Uhr gab er den Befehl zum Aufbruch und führte seine kleine Schar auf die Höhen von Sainte-Roure. Es war dies übrigens eine uneinnehmbare Stellung für jemanden, der sie zu verteidigen wußte. Die Häuser von Sainte-Roure sind am Abhang eines Hügels erbaut; hinter der Stadt ist der Gesichtskreis von ungeheuren Felsblöcken abgeschlossen. Diese Art Hochburg ist nur von der Ebene von Nores aus zu ersteigen, die sich am Fuße des Plateaus ausbreitet. Ein Vorplatz, wo man einen mit herrlichen Ulmen bepflanzten Spazierweg angelegt hatte, beherrscht die Ebene. Auf diesem Vorplatz lagerten die Aufständischen. Die Geiseln sperrte man in dem Gasthofe »Zum weißen Maultier« ein, der mitten auf dem Vorplatz lag. Die Nacht war finster und beklemmend. Man sprach von Verrat. Der Mann mit dem Säbel, der die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen verabsäumt hatte, hielt am frühen Morgen eine Schau über seine Truppen. Die einzelnen Abteilungen waren in langer Reihe aufgestellt mit dem Rücken gegen die Ebene in dem seltsamen Gemisch ihrer Trachten, braune Jacken, dunkle Röcke, blaue Blusen, durch rote Gürtel festgehalten; die bunt zusammengewürfelten Waffen, frisch geschliffene Sensen, breite Schaufeln, alte Jagdflinten, leuchteten in der winterlichen Sonne, als in dem Augenblicke, da der zeitweilige General seine kleine Armee abritt, ein Mann, den man in einem nahen Olivenfelde als Schildwache vergessen hatte, lebhaft gestikulierend herbeieilte, mit dem immerfort wiederholten Rufe:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Soldaten! Die Soldaten!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es entstand eine ungeheure Bewegung. Man glaubte anfangs an einen blinden Lärm. Alle Disziplin vergessend stürzten die Aufständischen vorwärts, bis zum Ende des Vorplatzes, um die Soldaten zu sehen. Die Reihen lösten sich. Und als die dunkle Linie der Truppe erschien, in gerader Haltung mit der schimmernden, breiten Linie der Bajonette hinter der Reihe grauer Olivenbäume hervorbrechend, trat eine Bewegung nach rückwärts ein, eine Verwirrung, die ein Erbeben des Schreckens durch die ganze Menge von einem Ende der Anhöhe bis zum andern jagte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatten die Abteilungen von La Palud und Saint-Martin-de-Vaux inmitten des Spazierweges sich wieder in Reih und Glied geordnet und standen in trotziger Entschlossenheit da. Ein Köhler, ein Riese, der alle seine Genossen überragte, schrie, seine rote Halsbinde schwingend: Zu uns her, ihr Leute von Chavanoz, Graille, Poujols, Saint-Eutrope! Hierher Tulettes und Plassans!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab nun ein tolles Laufen auf dem Vorplatz. Der Mann mit dem Säbel, umgeben von den Leuten aus Faverolles, entfernte sich mit den Abteilungen von Vernoux, Corbière, Marsanne, Pruinas, um den Feind zu umgehen und in der Flanke zu fassen. Andere wieder, die Leute von Valqueyras, Nazère, Castel-le-Vieux, Roches-Noires, Murdaran, stürmten links davon, um sich als Schwarmlinie in der Ebene von Nores aufzulösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Wandelbahn auf dem Vorplatze sich leerte, vereinigten sich alle die Flecken und Dörfer, die der Köhler zu Hilfe gerufen hatte, und diese Leute bildeten eine dunkle, unregelmäßige Masse, gegen alle Regeln der Kriegskunst gruppiert, aber hierhergewälzt wie ein Block, um den Weg zu versperren oder zu sterben. Plassans stand in der Mitte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dieses heldenmütigen Bataillons. Unter den grauen Blusen und Jacken inmitten der bläulich schimmernden Waffen nahm sich der Mantel Miettens, die mit beiden Händen die Fahne hielt, wie ein breiter, roter Fleck aus, wie der Fleck einer frischen, blutenden Wunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich war tiefe Stille eingetreten. An einem der Fenster der Herberge »Zum weißen Maultier« erschien das bleiche Haupt des Herrn Peirotte. Er sprach und gestikulierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziehen Sie sich zurück und schließen Sie die Fensterläden! riefen die Aufständischen wütend. Sie laufen Gefahr, erschossen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fensterläden wurden in aller Hast geschlossen, und man vernahm nichts mehr, als den gleichmäßigen Marsch der herannahenden Soldaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine lange, bange Minute verfloß. Die Truppe war jetzt einen Augenblick verschwunden; eine Erdfalte verbarg sie und bald bemerkten die Aufständischen von der Ebene her im Lichte der aufgehenden Sonne die Spitzen der Bajonette, die sich immer mehr näherten, immer größer werdend sich heranwälzten, gleich einem Weizenfelde mit stählernen Ährenspitzen. In diesem Augenblicke glaubte Silvère in dem Fieber, das ihn schüttelte, das Bild des Gendarmen vorbeischweben zu sehen, dessen Blut seine Hände gerötet hatte. Er hatte von seinen Kameraden erfahren, daß Rengade nicht gestorben war, daß er ihm nur ein Auge ausgestoßen hatte; und er sah ihn jetzt deutlich mit der leeren, blutigen, schrecklichen Augenhöhle. Der quälende Gedanke an diesen Menschen, den er seit seinem Aufbruch von Plassans nicht gesehen, war ihm unerträglich. Er fürchtete, daß er Angst haben könne und drückte heftig seine Waffe an sich, die Augen von einem Nebel verschleiert, vor Begierde brennend, seine Waffe abzuschießen und so das Bild&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
des Einäugigen zu verscheuchen. Die Bajonette kamen langsam immer näher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Köpfe der Soldaten am Rande des Vorplatzes auftauchten, wandte sich Silvère mit einer instinktiven Bewegung zu Miette. Größer geworden, mit rosig glühendem Antlitze stand sie neben ihm, in die Falten der roten Fahne gehüllt. Sie stellte sich auf die Fußspitzen, um die herannahende Truppe besser zu sehen. Ihre Nasenflügel zitterten in nervöser Erwartung; ihre weißen Wolfszähnchen schimmerten zwischen den roten Lippen. Silvère lächelte ihr zu. Noch hatte er den Kopf nicht von ihr gewandt, als Gewehrfeuer knatterte. Die Soldaten, von denen man erst die Schultern sah, hatten die erste Salve abgegeben. Es schien Silvère, als sei ein heftiger Windstoß über seinen Kopf hinweggefahren, während eine Menge welker Blätter, durch die Kugeln getroffen, von den Ulmen niederfielen. Ein dumpfes Geräusch, wie wenn ein schwerer Ast zu Boden fällt, ließ ihn zur Seite blicken. Er sah den großen Köhler, den Mann, der alle übrigen überragte, am Boden liegen. Er hatte ein kleines schwarzes Loch in der Mitte der Stirne. Nun schoß Silvère seinen Karabiner ab, ohne zu spielen, lud und schoß von neuem. All das sah er wie ein Rasender, wie ein wildes Tier, das an nichts denkt, das nur töten will. Er sah die Soldaten nicht mehr; unter den Ulmen schwebte Pulverdampf gleich Fetzen grauer Musseline. Es regnete noch immer dürres Laub auf die Häupter der Aufständischen; die Soldaten schossen zu hoch. Inmitten des Geknatters vernahm der junge Mensch zuweilen einen Seufzer, ein dumpfes Röcheln; dann entstand in der kleinen Schar ein Drängen, wie um dem Unglücklichen Platz zu machen, der fiel und sich an die Schultern seiner Nachbarn klammerte. Das Feuer währte schon zehn Minuten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da schrie zwischen zwei Salven plötzlich ein Mann:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rette sich wer kann! Ein fürchterlicher Ausdruck des Schreckens lag in diesem Rufe. Es wurden wilde Scheltworte laut; einzelne Stimmen brummten: O, die Feiglinge! Unheilvolle Gerüchte gingen durch die Reihen; der General sei geflohen, die Kavallerie säble die in der Ebene zerstreuten Plänkler nieder. Und das Gewehrgeknatter hörte nicht mehr auf; es folgte Salve auf Salve, mit plötzlich aufblitzenden Flammen den Pulverdampf rötend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine rauhe Stimme verkündete wiederholt, man müsse hier auf dem Fleck sterben. Aber die andere, die von der Furcht gepreßte Stimme, schrie lauter: Rette sich wer kann! Einzelne Männer entflohen, indem sie ihre Waffen von sich schleuderten und über die Toten hinwegsprangen. Die anderen rückten zusammen. Es waren noch zehn Aufständische da; zwei flüchteten alsbald und von den übrigen lagen bei der nächsten Salve drei getroffen am Boden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die beiden Kinder waren unwillkürlich da geblieben, ohne die Vorgänge zu begreifen. In dem Maße, als die Schar kleiner ward, hielt Miette ihre Fahne immer höher; mit geschlossenen Fäusten hielt sie sie wie eine große Kerze aufrecht vor sich. Die Fahne war schon von Kugeln durchlöchert. Als Silvère keine Munition mehr in der Tasche hatte, hörte er auf zu schießen und betrachtete mit blöder Miene sein Gewehr. In diesem Augenblick zog ein Schatten an seinem Antlitze vorüber, wie wenn ein Riesenvogel mit einem Flügelschlag seine Stirne gestreift hätte. Als er die Augen aufhob, sah er die Fahne den beiden Händen Miettes entsinken. Beide Hände auf die Brust gepreßt, mit zurückgesunkenem Haupte und einem furchtbaren Ausdrucke des Schmerzes drehte das Mädchen sich langsam herum. Ohne einen Schrei auszustoßen sank sie auf die rote Fahne nieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf! Erhebe dich! Komm schnell! rief Silvére ihr die Hand reichend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte nunmehr den Kopf verloren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein Miette blieb mit weit geöffneten Augen auf dem Boden liegen, ohne ein Wort hervorzubringen. Er begriff und warf sich vor ihr auf die Knie nieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist verwundet? Sprich! Wo bist du verwundet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie antwortete nicht; von einem kurzen Frösteln geschüttelt, sah sie ihn mit ihren großen Augen an. Er zog ihre Hände von der Brust und fragte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist&#039;s hier?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann zerriß er ihr Leibchen und legte ihre Brust bloß. Er suchte, sah aber nichts. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Endlich entdeckte er unter der linken Brust ein kleines rotes Loch; ein einziger Blutstropfen hing an der Wunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird nichts sein, stammelte er. Ich will Pascal aufsuchen; er wird dich gesund machen. Wenn du nur aufstehen könntest... Kannst du dich nicht erheben?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Soldaten schossen nicht mehr. Sie stürzten nach links davon, um sich auf die Abteilungen zu werfen, die der Mann mit dem Säbel weggeführt hatte. Auf dem leeren Vorplatz war niemand mehr da außer Silvère, der bei Miette am Boden kniete. Mit einer Hartnäckigkeit der Verzweiflung hatte er sie in seine Arme genommen. Er wollte sie aufrichten; allein das Kind ward von dem Schmerze dermaßen geschüttelt, daß er sie wieder auf den Boden legen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sprich zu mir, flehte er. Warum sagst du mir nichts?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie konnte nicht sprechen. Langsam bewegte sie die Hände, um anzudeuten, daß es nicht ihre Schuld sei. Unter der Gewalt des Todes verdünnten sich bereits ihre zusammengekniffenen Lippen. Mit aufgelöstem Haar, das Haupt in die roten Falten der Fahne gehüllt, lag sie da, und es lebten nur mehr die Augen an ihr, diese schwarzen Augen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die in dem weißen Gesichte leuchteten. Silvère schluchzte. Die Blicke dieser großen, schmerzerfüllten Augen taten ihm weh. Er las darin ein grenzenloses Bedauern um das Leben. Miette sagte ihm mit diesen Blicken, daß sie allein von hinnen scheiden müsse vor ihrer Vereinigung, noch ehe sie sein Weib geworden; sie sagte ihm weiter, daß er es so gewollt und daß er sie hätte lieben sollen, wie alle Burschen die Mädchen lieben. In ihrem Todeskampfe, in diesem schweren Ringen ihrer starken Natur mit dem Tode, beweinte sie ihre Jungfernschaft. Silvère lag über sie gebeugt und begriff das bittere Schluchzen dieses glühenden Fleisches. Er hörte aus der Ferne die drängenden Bitten der alten Gebeine; er erinnerte sich der Liebkosungen, die in der verflossenen Nacht, am Rande der Straße, ihre Lippen versengt hatten; sie hatte sich an seinen Hals gehängt und die ganze Liebe gefordert und er hatte es nicht begriffen und ließ sie als Kind von hinnen ziehen, verzweifelt darüber, die Wonnen des Lebens nicht genossen zu haben. In seiner Trostlosigkeit, daß sie nichts als das Andenken an einen Schulknaben, an einen Spielgenossen von ihm mitnehmen sollte, küßte er ihre jungfräuliche Brust, diese reine und keusche Brust, die er enthüllt hatte. Dieser bebende Leib, diese bewunderungswürdige Reife des Mädchens war ihm unbekannt geblieben. Die Zähren benetzten ihm die Lippen. Er preßte den blutenden Mund auf die Haut des Kindes. Diese Küsse des Liebhabers ließen eine letzte Freude in den Augen Miettens aufleuchten. Sie liebten sich, und ihre Idylle fand im Tode ihre Lösung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch er konnte nicht glauben, daß sie sterben solle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, du wirst sehen, es ist nichts, sagte er. Sprich nicht, wenn du leidest. Wart&#039;, ich will dir den Kopf stützen, dann werde ich dich erwärmen, deine Hände sind eiskalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Olivenfeldern links begann das Schießen wieder. Aus der Ebene von Nores war das dumpfe Geräusch der galoppierenden Reiterei zu vernehmen. Von Zeit zu Zeit hörte man ein Schreckensgeheul, wie von Menschen, die erwürgt werden. Dichte Rauchwolken zogen daher, unter den Ulmen des Vorplatzes hin. Allein Silvère sah und hörte nichts mehr. Pascal, der nach der Ebene hinabeilte, bemerkte ihn, wie er am Boden lag, und näherte sich, weil er ihn verwundet glaubte. Als der junge Mensch ihn erkannt hatte, klammerte er sich an ihn und zeigte ihm Miette.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehen Sie, sprach er; sie ist verwundet, da, unterhalb der Brust. Ach, wie gütig sind Sie, daß Sie gekommen sind! Sie werden sie retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke ging ein leichtes Zucken durch den Leib der Sterbenden. Ein schmerzlicher Schatten flog über ihr Antlitz und zwischen ihren Lippen, die sich jetzt öffneten, stieß sie einen leichten Hauch hervor. Ihre Augen blieben weit offen auf dem jungen Manne haften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal, der sich herabgebeugt hatte, richtete sie auf und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tot! Silvère wankte bei diesem Worte. Er hatte sich auf den Knien aufgerichtet und sank jetzt zurück, wie umgeworfen durch den schwachen Hauch Miettens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tot! Tot! wiederholte er. Das ist nicht wahr; sie schaut mich doch an. Sehen Sie nicht, daß sie mich anschaut?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er faßte den Arzt bei seinem Rocke, beschwor ihn, sich nicht zu entfernen, beteuerte ihm, daß er sich täusche, daß sie nicht tot sei und daß er sie retten werde, wenn er nur wolle. Pascal wehrte sanft ab und sagte in teilnahmvollem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kann nichts mehr tun; andere heischen meine Hilfe. Laß ab, mein armes Kind; sie ist tot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ließ ihn ziehen und sank zu Boden. Tot! Tot! Abermals dieses Wort, das wie der Schall einer Totenglocke in seinem leeren Schädel widerhallte. Als er allein war, schleppte er sich zur Leiche hin. Miette schaute ihn noch immer an. Da warf er sich auf sie und wälzte sein Haupt auf ihrem entblößten Busen und badete ihren Leib in seinen Tränen. Er verfiel schier in Wahnsinn, drückte wütend seine Lippen auf die beginnende Rundung ihres Busens und hauchte in einem Kusse sein Fieber, sein Leben ein, wie um sie wieder zu erwecken. Aber das Kind wurde unter seinen Küssen immer kälter. Er fühlte, wie dieser Körper schlaff und leblos in seinen Armen lag. Ihn erfaßte ein Grausen; mit verstörtem Antlitz, kraftlos herabhängenden Armen hockte er da und wiederholte immerfort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist tot, aber sie schaut mich an; sie schließt nicht die Augen, sie sieht mich immer an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gedanke erfüllte ihn mit unsagbarer Freude. Er rührte sich nicht mehr. Er tauschte mit Miette einen langen Blick, um noch einmal in ihren Augen, die der Tod noch vertiefte, das letzte Bedauern des Kindes zu lesen, das seine Jungfernschaft beweint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hieb die Reiterei in der Ebene noch immer auf die Flüchtlinge ein; der Galopp der Pferde, das Geschrei der Sterbenden entfernte sich immer mehr und drang schwächer herüber gleich den Klängen einer Musik, die in der klaren Luft lange zu hören ist. Silvère wußte nicht mehr, daß man sich da unten schlage. Er sah seinen Vetter nicht, der den Hügel heraufkam und abermals über den Vorplatz ging. Im Vorbeigehen hob Pascal den Karabiner Macquarts auf, den Silvère weggeworfen hatte; er kannte die Waffe, weil er sie bei Tante Dide über dem Kamin hatte hängen sehen; er wollte sie vor den Händen der Sieger bergen. Kaum hatte er die Herberge »Zum weißen Maultier&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
« betreten, wohin man eine große Anzahl von Verwundeten geschafft hatte, als ein Schwärm Aufständischer, von den Gendarmen gleich einem Rudel wilder Tiere gehetzt, den Vorplatz überflutete. Der Mann mit dem Säbel hatte Reißaus genommen; auf die letzten Abteilungen der Landleute wurde Jagd gemacht. Es gab ein entsetzliches Gemetzel. Es war vergebens, daß der Oberst Masson, sowie Blériot, von Mitleid ergriffen, den Rückzug anordneten. Die Soldaten fuhren fort wütend in den Knäuel zu schießen, die Fliehenden mit ihren Bajonetten an die Mauern zu spießen. Als sie keine Feinde mehr vor sich hatten, durchlöcherten sie mit ihren Kugeln die Mauer der Herberge »Zum weißen Maultier«. Die Fensterläden gingen in Trümmer; ein halb offen gebliebenes Fenster wurde mit lautem Klirren heruntergerissen. Im Innern riefen jammernde Stimmen: »Die Gefangenen! Die Gefangenen!« Allein die Soldaten hörten nichts; sie fuhren fort zu schießen. Einen Augenblick sah man den Major Sicardot verzweifelt auf der Schwelle erscheinen und unter lebhaften Armbewegungen sprechen. Neben ihm zeigte der Steuereinnehmer, Herr Peirotte, seinen schmächtigen Leib, sein erschrockenes Gesicht. Es ertönte noch eine Entladung und Herr Peirotte stürzte nieder, das Antlitz dem Boden zugekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère und Miette betrachteten einander noch immer. Der junge Mann hatte in seiner Stellung – über die Tote gebeugt – verharrt, inmitten des Schießens und des Stöhnens der Sterbenden, ohne auch nur den Kopf zu wenden. Er merkte nur, daß Männer in der Nähe seien und von einem Gefühl der Scham ergriffen, breitete er die rote Fahne über Miette, um ihre nackte Brust zu verdecken. Dann fuhren sie fort, einander anzusehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Kampf war jetzt zu Ende. Die Ermordung des Steuereinnehmers hatte die Soldaten befriedigt. Einzelne&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
suchten noch alle Winkel des Vorplatzes ab, damit ihnen kein einziger Aufständischer entgehe. Ein Gendarm, der Silvère unter den Ulmen bemerkte, lief herbei, und als er sah, daß er es mit einem Kinde zu tun habe, fragte er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was machst du da, Junge?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère gab keine Antwort; die Augen auf Miettens offen starre Augen gerichtet, hockte er da.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ha, der Bandit! Seine Hände sind von Pulver geschwärzt! rief der Mann, der sich herabgeneigt hatte. Auf, auf, Hundsfott! Deine Rechnung ist fertig!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Silvère, auf dessen Lippen ein Lächeln schwebte, sich noch immer nicht rührte, bemerkte der Mann, daß die Leiche auf der Fahne die eines Weibes sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hübsche Dirne, fürwahr! rief er. Es ist schade um sie. Es war wohl deine Metze, Lumpenkerl?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er fuhr mit einem rohen Gelächter fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf! Vorwärts! Sie ist tot, du wirst doch nicht bei ihr schlafen wollen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zerrte Silvère empor, brachte ihn auf die Beine und führte ihn hinweg, wie man einen Hund an einer Pfote nachschleppt. Silvère ließ sich wortlos wegführen, gefügig wie ein Kind. Er wandte sich um und betrachtete Miette. Er war trostlos, sie so allein, unter den Bäumen zurücklassen zu müssen. Aus der Ferne sah er sie ein letztes Mal. Keusch und starr blieb sie da liegen, in die rote Fahne gehüllt, das Haupt leicht vorgeneigt. Und die weit offenen Augen starrten ins Leere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sechstes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
Gegen fünf Uhr morgens wagte Rougon endlich das Haus seiner Mutter zu verlassen. Die Alte war auf einem Sessel eingeschlafen. Vorsichtig wagte er sich bis zum Ende des Saint-Mittre-Gäßchens. Kein Laut, kein Schatten. Er drang bis zum römischen Tore vor. Hinter den weit offenen Torflügeln lag die schlafende Stadt im Dunkel da. Plassans schlief fest, ohne zu ahnen, welche Unvorsichtigkeit es beging, indem es die Stadttore offen ließ. Man hätte glauben mögen, eine tote Stadt vor sich zu haben. Rougon faßte allmählich Mut und betrat die Nizzaer Straße. Schon aus der Ferne spähte er nach jeder Gassenecke und er zitterte bei jeder Türhöhlung, weil er glaubte, daß eine Bande Aufständischer hervorbrechen und ihm an den Hals springen könne. Indes erreichte er unbehelligt die Promenade Sauvaire. Entschieden waren die Aufständischen im Dunkel zerstoben wie ein böser Traum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da hielt Peter einen Augenblick auf dem verlassenen Bürgersteige still. Er stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung und des Triumphes aus. Diese Halunken von Republikanern überließen ihm Plassans. Zu dieser Stunde gehörte die Stadt ihm; sie schlief in ihrer Einfalt; dunkel und friedlich, stumm und vertrauensvoll lag sie da; er brauchte nur die Hand nach ihr auszustrecken. Dieser kurze Halt, dieser Blick eines überlegenen Mannes, auf den Schlaf einer ganzen Unterpräfektur geworfen, verursachte ihm eine unsagbare Wonne. Er stand da mit gekreuzten Armen, in der Einsamkeit der Nacht, die Pose eines Anführers am Vorabend einer siegreichen Schlacht annehmend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Ferne vernahm er nichts als das Plätschern der Springbrunnen auf dem Platze, die ihr Wasser in dünnen Fäden in das Becken fallen ließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann stieg ein Gefühl der Angst in ihm auf. Wenn man unglücklicherweise das Kaiserreich ohne ihn errichtet hätte! Wenn die Sicardot, die Garconnet, die Peirotte, anstatt verhaftet und von der Bande der Aufständischen fortgeführt zu werden, die letzteren in die Kerker der Stadt geworfen hätten! Der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirne; er setzte seinen Weg fort in der Hoffnung, daß Felicité ihm genaue Nachrichten geben werde. Er ging jetzt rascher immer die Häuser der Banne-Straße entlang, als ein seltsames Schauspiel, das er den Kopf erhebend erblickte, ihn plötzlich fesselte. Ein Fenster des gelben Salons war hell beleuchtet, und eine schwarze Gestalt, die er als seine Frau erkannte, beugte sich hinaus und fuchtelte verzweifelt mit den Armen. Er war erschreckt und begriff nichts von der Sache; da fiel ein harter Gegenstand zu seinen Füßen nieder. Felicité warf ihm den Schlüssel des Schuppens hinab, wo er die Gewehre versteckt hatte. Der Schlüssel bedeutete klar, daß er die Waffen holen solle. Er machte denn auch sogleich kehrt, obgleich er nicht begreifen konnte, weshalb seine Frau ihn verhindert hatte, hinaufzugehen. Er bildete sich furchtbare Dinge ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geradenwegs ging er zu Roudier, den er auf und marschbereit fand, aber in völliger Unkenntnis der Geschehnisse der Nacht. Roudier wohnte am Ende der Neustadt mitten in einer Einöde, wohin das Geräusch der durchziehenden Aufständischen nicht gedrungen war. Peter machte ihm den Vorschlag, Granoux aufzusuchen, dessen Haus an der Ecke des Recolletsplatzes lag und vor dessen Hause die Aufständischen hatten vorbeikommen müssen. Die Magd des Gemeinderates unterhandelte lange, ehe sie die beiden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
einließ, und sie hörten, wie der arme Mann mit zitternder Stimme vom ersten Stock herabrief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Öffnen Sie nicht, Katharina! Die Straßen sind noch voll von Räubern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war in seinem Schlafzimmer ohne Licht. Als er seine zwei Freunde erblickte, fühlte er sich erleichtert; aber er wollte nicht, daß die Magd eine Lampe bringe, weil er fürchtete, die Helle könne ihm eine Kugel zuziehen. Er schien zu glauben, die Stadt sei noch voll von Aufständischen. In einem Sessel am Fenster zurückgelehnt, in Unterhosen und den Kopf in ein Seidentuch gehüllt, saß er da und ächzte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, meine Freunde, wenn ihr wüßtet! Ich versuchte zu schlafen, aber sie machten einen Lärm! Da warf ich mich in einen Lehnsessel. Ich habe alles gesehen, alles. Greuliche Fratzen! Eine Bande von entsprungenen Zuchthäuslern! Sie kamen noch einmal vorbei und schleppten den tapfern Major Sicardot, den würdigen Herrn Garçonnet, den Postdirektor und noch andere Herren mit und stießen ein wahres Kannibalengeheul aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon war innerlich hoch erfreut. Er ließ sich von Granoux noch einmal erzählen, daß dieser den Bürgermeister und die anderen wirklich in der Mitte des Gesindels gesehen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich Ihnen sage! ächzte der gute Alte; ich stand hinter dem Fenstervorhang und sah alles. Auch Herrn Peirotte haben sie verhaftet. Ich hörte ihn sagen: Tun Sie mir nichts zuleide, meine Herren! Sie haben ihn sicherlich zu Tode gefoltert. 0, es ist eine Schmach!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roudier beschwichtigte Granoux, indem er ihm versicherte, die Stadt sei frei. Der würdige Mann nahm denn auch sogleich eine kriegerische Haltung an, als Peter ihm sagte, er wolle ihn holen kommen, damit sie Plassans retteten. Die drei Retter berieten sich. Sie beschlossen, daß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
jeder von ihnen seine Freunde wecken und nach dem Schuppen, dem geheimen Arsenal der Reaktion, bestellen werde. Rougon dachte immer an die heftigen Armbewegungen Felicitès und witterte irgendwo Gefahr. Granoux, sicherlich der dümmste von den dreien, war der erste, der fand, daß Republikaner in der Stadt geblieben sein müßten. Das war ein Lichtblick; in einem untrüglichen Vorgefühl sagte sich Rougon:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da muß Macquart die Hand im Spiele haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Verlauf einer Stunde fanden sie sich im Schuppen wieder, der im Hintergrunde eines abseits gelegenen Stadtviertels lag. Vorsichtig waren sie von Tür zu Tür geschlichen, hatten die Hausglocken und Türhämmer leise gehandhabt und so viel Männer wie möglich zusammengerufen. Aber sie hatten ihrer kaum vierzig gewonnen, die nach und nach kamen, im Schatten dahinhuschend, ohne Krawatte, mit ihren bleichen und verschlafenen Spießbürgergesichtern. Der Schuppen, den man von einem Faßbinder gemietet hatte, war voll bodenloser Fässer und alter eiserner Reifen. In der Mitte lagen die Gewehre in drei langen Kisten. Eine Kellerlaterne beleuchtete diese seltsame Szene mit ihrem Flackerscheine. Als Rougon die Deckel von den drei Kisten abhob, bot sich ein Schauspiel von düsterer Drolligkeit. Über den Gewehren, deren Läufe bläulich und gleichsam phosphoreszierend schimmerten, reckten sich die Hälse und neigten sich die Köpfe mit einer Art geheimer Furcht, während das flackernde Licht der Laterne die Schatten ungeheurer Nasen und riesiger Büschel starren Haares auf die Wände zeichnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes begann die reaktionäre Schar ihre Mannen abzuzählen; angesichts der geringen Anzahl zögerte sie. Es waren ihrer neununddreißig; das hieß in den sicheren Tod gehen. Ein Familienvater sprach von seinen Kindern; andere&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wandten sich zur Türe, ohne auch nur einen Vorwand anzuführen. Mittlerweile kamen noch zwei Verschworene; diese wohnten auf dem Rathausplatze und wußten, daß in dem Rathause kaum zwanzig Republikaner zurückgeblieben seien. Man beriet von neuem. Einundvierzig gegen zwanzig schien eine mögliche Ziffer. Unter einem leichten Frösteln wurden die Waffen verteilt. Rougon nahm sie aus den Kisten und beim Empfang seines Gewehres, dessen Lauf ia dieser Dezembernacht eisig kalt war, fühlte jeder eine große Kälte bis in sein Innerstes ihn durchdringen. Die Schatten an den Wänden nahmen die seltsamen Gestalten von linkischen Rekruten an, die alle zehn Finger ausspreizen. Pierre schloß die Kisten mit Bedauern wieder zu; es blieben hundertneunundzwanzig Gewehre zurück, die er gar so gerne verteilt hätte. Dann ging er an das Verteilen des Schießbedarfes. Im Hintergrunde des Schuppens standen zwei bis an den Rand gefüllte Fässer voll Patronen; das war genug, um Plassans gegen eine Armee zu verteidigen. Da dieser Winkel nicht beleuchtet war und einer der Herren sich mit der Laterne näherte, erboste sich ein anderer Verschworener – ein dicker Fleischermeister mit riesigen Fäusten – und meinte, es sei sehr unvorsichtig, dermaßen mit dem Lichte nahe zu kommen. Die anderen stimmten ihm lebhaft zu. Die Patronen wurden dann in voller Finsternis verteilt. Sie füllten sich damit die Taschen zum Platzen. Als sie fertig waren und ihre Waffen mit unendlicher Vorsicht geladen hatten, standen sie einen Augenblick unschlüssig da, sahen sich gegenseitig argwöhnisch an und tauschten Blicke aus, in denen feige Grausamkeit sich mit Dummheit mengte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Straßen schlichen sie längs der Häuser hin, stumm, in einer langen Reihe, wie die Wilden, die in den Krieg ziehen. Rougon hatte sich die Ehre ausgebeten, an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spitze zu marschieren; die Stunde war gekommen, wo er seine Person einsetzen mußte, wenn er einen Erfolg seiner Pläne sehen wollte. Trotz der herrschenden Kälte stand ihm der Schweiß auf der Stirne; aber er bewahrte eine sehr kriegerische Haltung. Unmittelbar hinter ihm kamen Roudier und Granoux. Zweimal hielt die Kolonne plötzlich inne; sie hatte das Geräusch eines Treffens aus der Ferne zu vernehmen geglaubt; es waren aber nur die Messingteller der Barbiere, die im Morgenwinde tanzten. Nach jedem Halt nahmen die Retter von Plassans ihren vorsichtigen Marsch durch die Finsternis wieder auf, immer ihre Haltung wilder Helden beibehaltend. So langten sie auf dem Rathausplatze an. Hier stellten sie sich um Rougon und hielten wieder einmal großen Kriegsrat. Ihnen gegenüber, an der schwarzen Stirnwand des Rathauses war ein einziges Fenster erhellt. Es war nahezu sieben Uhr; der Tag mußte bald anbrechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Besprechung von zehn Minuten wurde beschlossen, bis zum Tore vorzudringen, um zu sehen, was dieses Dunkel, dieses beunruhigende Schweigen zu bedeuten habe. Das Tor war nur angelehnt. Einer der Verschworenen steckte den Kopf hindurch und zog ihn gleich wieder zurück, indem er meldete, daß unter der Torwölbung ein Mann sei, der mit der Flinte zwischen den Beinen an die Wand gelehnt sitze und schlafe. Als Rougon sah, daß es hier etwas zu erforschen gebe, trat er zuerst ein, bemächtigte sich des Mannes und hielt ihn fest, während Roudier ihn knebelte. Dieser erste Erfolg – in aller Stille errungen – ermutigte seltsam die kleine Truppe, die von einer mörderischen Schießerei geträumt hatte. Rougon mußte gebieterisch abwinken, damit die Freude seiner Soldaten sich nicht gar zu geräuschvoll offenbare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Fußspitzen schleichend, drangen sie weiter vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sahen in der links gelegenen Polizeiwachtstube etwa fünfzehn Männer, die auf einem Feldbette lagen und bei dem verlöschenden Lichte einer an der Wand hängenden Laterne schnarchten. Rougon, der entschieden ein großer General wurde, ließ die Hälfte seiner Leute vor dem Polizeiposten zurück mit der Weisung, die Schläfer nicht zu wecken, aber in Schach zu halten und gefangen zu nehmen, wenn sie sich rühren sollten. Was ihn beunruhigte, war das erleuchtete Fenster, das sie vom Rathausplatze gesehen hatte; er witterte noch immer, daß Macquart mit bei der Geschichte sei, und da er begriff, daß man sich vor allem derer bemächtigen müsse, die oben wachten, zog er es vor, sie zu überrumpeln, ehe das Geräusch des Kampfes zu ihnen drang und sie sich verbarrikadierten. Er stieg sachte die Treppe hinan, gefolgt von den zwanzig Helden, über die er noch verfügte. Roudier befehligte die im Hofe zurückgebliebene Abteilung. In der Tat machte sich Macquart oben, im Arbeitszimmer des Bürgermeisters breit, in dessen Sessel sitzend, die Ellbogen auf dessen Schreibpult gestemmt. Nach dem Abzug der Aufständischen hatte er mit der Vertrauensseligkeit eines Einfaltspinsels, völlig in seiner fixen Idee und in seinem Liebestraum sich wiegend, sich gesagt, daß er der Herr von Plassans sei und daß er daselbst als Sieger auftreten wolle. In seinen Augen war diese Bande von dreitausend Mann, die soeben durch die Stadt gezogen war, eine unbesiegbare Armee, die genügen würde, diese Spießbürger untertänig und seinen Befehlen gefügig zu machen. Die Aufständischen hatten die Gendarmen in ihrer Kaserne eingesperrt; die Nationalgarde war in voller Auflösung, das adelige Viertel mußte vor Angst zittern, die Rentiers der Neustadt hatten gewiß in ihrem ganzen Leben kein Gewehr berührt. Es fehlte übrigens an Waffen, wie es an Soldaten fehlte. Er gebrauchte nicht einmal die Vorsicht, die Tore&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schließen zu lassen und während seine Leute das Zutrauen so weit trieben, daß sie sich schlafen legten, erwartete er selbst ruhig den Anbruch des Tages, der – wie er glaubte – alle Republikaner der Gegend sich um ihn scharen sehen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon dachte er an große, revolutionäre Maßregeln: es sollte eine Gemeindevertretung gewählt werden, deren Oberhaupt er sein würde; die schlechten Patrioten und besonders die Leute, die ihm mißfielen, sollten eingekerkert werden. Der Gedanke, das die Rougons besiegt seien, der gelbe Salon verödet sei, die ganze Gesellschaft Gnade von ihm erflehen werde, erfüllte ihn mit süßer Freude. Inzwischen wollte er einen Aufruf an die Bewohner von Plassans richten. Ihrer vier machten sich daran, das Schriftstück abzufassen. Als sie damit fertig waren, nahm Macquart in dem Sessel des Bürgermeisters eine würdige Haltung an und ließ sich das Plakat vorlesen, ehe er es in die Buchdruckerei des »Unabhängigen« schicke, auf deren Bürgersinn er rechnete. Einer der Verfasser des Plakats begann mit Begeisterung zu lesen: Bewohner von Plassans! die Stunde der Unabhängigkeit hat geschlagen. Die Herrschaft der Gerechtigkeit ist gekommen ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ward draußen ein Geräusch vernehmbar und die Türe ging langsam auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist du es, Cassoute? fragte Macquart und unterbrach das Lesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keine Antwort. Die Türe wurde noch weiter geöffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So komm doch herein! rief Macquart Ist mein Bruder, der Räuber, zu Hause?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wurden plötzlich beide Flügel der Türe heftig aufgestoßen und eine Schar bewaffneter Männer, in ihrer Mitte Rougon, zornesrot mit aus den Höhlen tretenden Augen, drang in das Zimmer, und diese Männer schwangen ihre Flinten wie Stöcke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ha, die Hundsfötter haben Waffen! heulte Macquart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte ein paar Pistolen ergreifen, die auf dem Schreibpulte lagen; allein schon hatten fünf Männer ihn an der Gurgel gefaßt, daß er sich nicht rühren konnte. Die vier Verfasser des Aufrufes wehrten sich einen Augenblick. Es begann ein Drängen, Stoßen, Stampfen; einzelne fielen mit dumpfem Geräusch zu Boden. Die Kämpfenden waren seltsam behindert durch ihre Flinten, die ihnen zu nichts nütze waren und die sie dennoch nicht lassen wollten. Im Drange des Gefechtes ging die Flinte Rougons, die ein Aufständischer ihm entreißen wollte, von selbst los mit einem schrecklichen Knall, das Zimmer mit Rauch füllend. Die Kugel zerschmetterte einen Spiegel, der vom Kamin bis an die Decke reichte und für einen der schönsten Spiegel der Stadt galt. Dieser Schuß, den sich niemand erklären konnte, verblüffte alle und machte dem Kampfe ein Ende.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Herren sich verschnauften, hörte man im Hofe drei Schüsse. Granoux eilte zu einem der Fenster des Zimmers. Die Gesichter wurden länger, und alle harrten ängstlich, was da kommen werde, wenig entzückt von der Aussicht, den Kampf mit den Polizeileuten aufnehmen zu müssen, die sie in ihrem Siegesrausche vergessen hatten. Doch Roudier rief ihnen hinauf, daß alles gut gehe. Tatsache war, daß der Schuß aus der Flinte Rougons die Schläfer geweckt hatte; sie hatten sich ergeben, da sie sahen, daß jeder Widerstand unmöglich sei. Nur hatten in der blinden Hast und weil sie die Sache los haben wollten, drei Leute Roudiers ihre Flinten in die Luft abgeschossen, gleichsam als Antwort auf den Schuß von oben, wenngleich sie nicht recht wußten, was sie taten. Es gibt eben Augenblicke, wo die Flinten in den Händen der Feiglinge von selbst losgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile ließ Rougon mittels der Schnüre der grünen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorhänge des Zimmers Macquart fesseln. Dieser hätte weinen mögen vor Wut, tat aber sehr keck und zuversichtlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur zu, schon recht! sagte er. Heute abend oder morgen, wenn die anderen wiederkommen, werden wir unsere Rechnung begleichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dieser Anspielung auf die Bande der Aufständischen überlief die Sieger eine Gänsehaut. Im besonderen fühlte Rougon, daß sich ihm die Kehle zusammenschnürte. Sein Bruder, der wütend darüber war, wie ein Kind überrumpelt zu werden von diesen schreckensbleichen Spießbürgern, die er, der ehemalige Soldat, als verächtliche Hasenfüße behandelte – sein Bruder also betrachtete ihn mit von Trotz und Haß leuchtenden Augen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, ich weiß schöne Geschichten, fuhr er fort, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Schickt mich nur auf die Anklagebank; da will ich den Richtern lustige Dinge erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon wurde bleich. Er hatte eine höllische Angst, daß Macquart reden und ihn um die Achtung der Herren bringen könne, die ihm soeben Plassans hatten retten helfen. Diese hatten sich übrigens, völlig verblüfft von der dramatischen Begegnung der beiden Brüder, in einen Winkel des Kabinetts zurückgezogen, als sie sahen, daß eine stürmische Auseinandersetzung stattfinden werde. Rougon faßte einen heldenmütigen Entschluß. Er näherte sich der Gruppe und sagte in einem ruhigen Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir werden den Mann hier behalten. Wenn er über seine Lage nachgedacht hat, kann er uns nützliche Aufschlüsse geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte er in einem noch würdigeren Tone hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich werde meine Pflicht erfüllen, meine Herren. Ich habe geschworen, die Stadt vor Mord und Brand zu retten, und ich werde sie retten, selbst wenn ich der Henker meines nächsten Anverwandten werden müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man glaubte einen alten Römer zu hören, der seine Familie auf dem Altar des Vaterlandes opfert. Granoux war sehr gerührt und drückte ihm die Hand mit einer trübseligen Miene, die besagen wollte: »Ich begreife Sie; Sie sind erhaben.« Er erwies ihm dann den Dienst, alle wegzuführen, unter dem Vorwande, daß er die vier Gefangenen, die man hier überwältigt, in den Hof führen müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter mit seinem Bruder allein war, fühlte er seinen ganzen Mut wiederkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr habt mich nicht erwartet, wie? sagte er. Ich verstehe Euch jetzt. Ihr scheint in meiner Wohnung eine Falle gestellt zu haben. Unglücklicher! Ihr seht jetzt, wohin Euere Laster und Euere Streiche Euch führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart zuckte mit den Achseln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laßt mich in Ruhe. Ihr seid ein alter Schuft, erwiderte er. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon, der noch keinen bestimmten Plan mit ihm hatte, stieß ihn in ein Ankleidezimmer, in dem Herr Garçonnet manchmal ausruhte. Dieses Kabinett, das von obenher das Licht empfing, hatte keinen andern Ausgang, als die Türe, die nach dem Arbeitszimmer des Bürgermeisters führte. Es war mit einigen Lehnsesseln, einem Diwan und einem Waschtische von Marmor möbliert. Peter verschloß die Türe sorgfältig, nachdem er die Fessel seines Bruders gelockert hatte. Er hörte diesen letzteren sich auf den Diwan werfen und mit einer fürchterlichen Stimme das »Ca ira!« anheben, mit dem er sich gleichsam in den Schlaf lullen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er endlich allein war, ließ sich Rougon in den Sessel des Bürgermeisters nieder. Er stieß einen Seufzer aus und trocknete sich die Stirne. Wie schwer war es doch, Reichtum und Ehren zu erwerben! Endlich war er am Ziel: endlich saß er im weichen Lehnsessel; endlich konnte er mit einer unbewußten Handbewegung das Schreibpult von&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Acajouholz streicheln, das er weich und zart fand, wie die Haut einer schönen Frau. Er richtete sich noch stolzer auf und nahm jene würdige Haltung an, die Macquart einen Augenblick früher bei der Lesung der Proklamation angenommen hatte. Die Stille im Zimmer schien ihm einen feierlichen Ernst anzunehmen, der seine Seele mit göttlicher Wonne erfüllte. Selbst der Geruch des Staubes und der alten Papiere, die in den Winkeln herumlagen, stieg ihm wie Weihrauch in die weit offenen Nüstern. Dieses Zimmer mit den verblaßten Tapeten, das nach den kleinlichen, erbärmlichen Geschäften und Sorgen einer Stadt dritten Ranges roch, war für ihn ein Tempel, dessen Gott er wurde. Ihm war, als sei er in ein Heiligtum getreten. Er, der im Grunde die Priester nicht liebte, erinnerte sich der tiefen Rührung, die ihn ergriff, als er bei seiner ersten Kommunion den Leib des Heilands zu genießen glaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber in seiner Wonne störte ihn ein nervöses Zucken, so oft er die Stimme Macquarts hörte. In heftigen Ausbrüchen drangen die Worte: Aristokrat, Laterne, Hängen durch die Türe und durchschnitten in unliebsamer Weise seinen Siegestraum. Immer dieser Mensch! Und sein Traum, der ihm Plassans zu seinen Füßen zeigte, schloß mit dem plötzlichen Bilde des Gerichtshofes, der Richter, der Geschworenen und des Publikums, die den schmachvollen Enthüllungen Macquarts lauschen, der Geschichte von den fünfzigtausend Franken und den anderen Geschichten; oder: während er in dem weichen Lehnsessel des Bürgermeisters ruhte, sah er sich plötzlich an einer Laterne der Banne-Straße hängen. Wer wird ihn von diesem Elenden befreien? Endlich schlief Antoine ein. Peter hatte zehn Minuten ungetrübten Entzückens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roudier und Granoux kamen und rüttelten ihn aus seinem süßen Brüten auf. Sie kamen aus dem Gefängnisse,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wohin sie die Aufständischen geführt hatten. Der Tag brach an, die Stadt mußte bald erwachen, es galt einen Entschluß zu fassen. Roudier erklärte, es wäre vor allem gut, einen Aufruf an die Bevölkerung zu richten. Peter las eben das Schriftstück, das die Aufständischen auf einem Tische zurückgelassen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das paßt uns ja vollkommen! rief er. Wir haben nur einige Worte zu ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat genügte eine Viertelstunde, nach deren Verlauf Granoux mit bewegter Stimme lesen konnte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewohner von Plassans! Die Stunde des Widerstandes hat geschlagen! Die Herrschaft der Ordnung ist wiedergekehrt ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde beschlossen, den Aufruf in der Buchdruckerei der Zeitung drucken und dann an allen Straßenecken der Stadt anschlagen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und jetzt hören Sie mich an! sagte Rougon. Wir verfügen uns zu mir. Inzwischen versammelt Herr Granoux die Mitglieder des Gemeinderates, die nicht verhaftet wurden, hier und teilt ihnen die schrecklichen Ereignisse dieser Nacht mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte er majestätisch hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin völlig bereit, die Verantwortlichkeit für meine Handlungen zu übernehmen. Wenn das, was ich schon getan habe, als ein genügendes Unterpfand meiner Liebe zur Ordnung erachtet wird, dann bin ich bereit, mich an die Spitze einer Gemeindevertretung zu stellen, bis die gesetzmäßigen Behörden wieder ins Amt gesetzt sind. Um aber nicht ehrgeizigen Strebens geziehen zu werden, kehre ich nach dem Rathause nur zurück, wenn meine Mitbürger mich dahin berufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux und Roudier beteuerten, Plassans werde sich nicht undankbar erweisen. Denn schließlich habe ihr Freund&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Stadt gerettet. Und sie erinnerten ihn an alles, was er für die Sache der Ordnung getan hatte: an den gelben Salon, der allen Freunden der herrschenden Gewalt stets offen stand; an die Verkündung der guten Sache in den drei Quartieren; an das Bereithalten von Waffen, das sein Gedanke gewesen; und besonders an diese merkwürdige Nacht, an diese Nacht der Vorsicht und des Heldenmutes, in der er sich für immerwährende Zeiten mit Ruhm bedeckt hatte. Granoux fügte hinzu, er sei im vorhinein der Bewunderung und des Dankes der Herren Gemeinderäte sicher. Er schloß mit den Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rühren Sie sich nicht aus dem Hause; ich komme und führe Sie im Triumphe zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roudier sagte seinerseits, er begreife vollkommen den Takt und die Bescheidenheit ihres Freundes und stimme ihm zu. Niemand denke daran, ihn ehrgeizigen Strebens zu zeihen; man begreife vielmehr das Zartgefühl, mit dem er nichts sein wolle, ohne die Zustimmung seiner Mitbürger. Das sei sehr würdig, sehr edel, ganz und gar erhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesem Platzregen von Lobsprüchen neigte Rougon demütig das Haupt. Nein, nein, Sie gehen zu weit, sagte er mit dem Behagen eines Menschen, der wollüstig gekitzelt wird. Jeder Satz des ehemaligen Schlafmützenfabrikanten und des Mandelhändlers im Ruhestande, die rechts und links neben ihm saßen, wehte ihm sanft über das Antlitz; zurückgelehnt in dem Lehnsessel des Bürgermeisters, durchdrungen von dem Geruch der Stadtverwaltung, der dieses Zimmer erfüllte, grüßte er rechts und links mit der Haltung eines Thronbewerbers, der sich anschickt, durch einen Staatsstreich sich der Herrschaft zu bemächtigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie sich genug beräuchert hatten, gingen sie hinab. Granoux machte sich auf, um den Gemeinderat zusammenzurufen. Roudier sagte Rougon, er möge vorausgehen; er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
werde ihm in seine Wohnung folgen, doch wolle er vorher die nötigen Weisungen zur Bewachung des Rathauses geben. Es wurde immer heller. Peter erreichte die Banne-Straße, wobei er in den noch leeren Straßen militärisch stramm auftrat. Trotz der empfindlichen Kälte hielt er den Hut in der Hand; die Regungen des Stolzes drängten ihm alles Blut ins Gesicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Fuße der Treppe traf er Cassoute. Der Erdarbeiter hatte sich nicht von der Stelle gerührt, da er niemanden hatte zurückkommen sehen. Er saß da auf der untersten Stufe, den dicken Kopf in den Händen haltend und starr vor sich hinschauend, mit dem stieren Blick und der stummen Beharrlichkeit eines treuen Hundes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben mich erwartet, nicht wahr? fragte ihn Peter, der alles begriff, als er ihn sah. Gut, sagen Sie Herrn Macquart, daß ich zurückgekehrt bin. Fragen Sie auf dem Rathause nach ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cassoute erhob sich und ging mit einem linkischen Gruße. Wie ein Lamm zur Schlachtbank, ging er seiner Verhaftung entgegen zum großen Vergnügen Peters, der still für sich hin lachte, während er die Treppe hinaufging, überrascht von sich selbst und sich im stillen sagend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Mut; habe ich auch Geist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicitè war nicht zu Bett gegangen. Er fand sie in ihrem Sonntagsstaate, mit ihrer Haube mit zitronengelben Bändern wie eine Frau, die Gesellschaft erwartet. Sie war vergebens am Fenster geblieben; sie hatte nichts gehört und starb vor Neugierde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun? rief sie, ihrem Gatten entgegenstürzend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keuchend betrat Peter den gelben Salon, wohin sie ihm folgte, indem sie sorgfältig die Türen schloß. Er sank in einen Lehnsessel und stieß aus beklommener Brust die Worte hervor:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sache ist fertig; wir werden Steuereinnehmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie flog ihm an den Hals und küßte ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist&#039;s wahr? schrie sie. Aber ich habe nichts gehört. Oh, mein liebes Männchen; erzähle mir doch, erzähle mir alles!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schien jetzt ganz verjüngt, fünfzehn Jahre alt zu sein; sie schmeichelte wie ein Kätzchen und flog hin und her wie eine Grille, die von Licht und Wärme trunken geworden. In dem überquellenden Jubel über seinen Sieg schüttete nun Peter sein Herz aus. Nicht die geringste Einzelheit überging er. Er erklärte ihr sogar seine Entwürfe für die Zukunft und vergaß hierbei, daß nach seinem Ausspruche die Frauen zu nichts gut seien und daß die seinige nichts wissen durfte, wenn er der Herr bleiben wollte. Felicité stand vorgebeugt da und sog seine Worte ein. Gewisse Teile seiner Erzählung ließ sie ihn wiederholen, indem sie sagte, sie habe nicht recht gehört; in der Tat verursachte die Freude einen solchen Rumor in ihrem Kopfe, daß sie von Zeit zu Zeit fast taub wurde und ihr Verständnis in einem Meer von Wonne unterging. Als Peter die Vorgänge auf dem Rathause erzählte, brach sie in ein solches Gelächter aus, daß sie dreimal aus dem Sessel aufstand, die Möbel hin und her schob, weil sie nicht auf einem Platze still halten konnte. Nach vierzig Jahren vergeblicher Bemühungen ließ das Glück sich endlich an der Kehle fassen. Sie verlor darüber dermaßen die Vernunft, daß sie alle Vorsicht außer acht ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir hast du all dies zu verdanken! rief sie triumphierend aus. Hätte ich dich gewähren lassen, du hättest dich in alberner Weise von den Aufständischen abfangen lassen. Einfaltspinsel! Die Garconnet, die Sicardot und die anderen mußte man diesen wilden Tieren zur Beute hinwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit zeigte sie ihre wackelnden Greisenzähne und fügte in übermütiger Laune hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, es lebe die Republik, sie hat uns den Platz gesäubert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Peter warf mürrisch ein:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, du glaubst immer alles vorausgesehen zu haben. Ich selbst kam auf den Einfall, mich zu verbergen. Was verstehen denn die Frauen von Politik? Geh, geh, arme Alte! Wenn du unser Schifflein zu führen hättest, wären wir bald gescheitert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité verzog den Mund. Sie war zu weit gegangen; sie hatte ihre Rolle einer stummen Fee vergessen. Doch es überkam sie jetzt einer jener Wutanfälle, die sie hatte, wenn ihr Mann sie mit seiner Überlegenheit erdrücken wollte. Sie nahm sich wieder vor, zu gegebener Zeit eine feine Rache zu nehmen, die ihr den guten Mann mit gebundenen Händen und Füßen ausliefern sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, ich vergaß, fuhr Rougon fort; Herr Peirotte ist mit beim Tanze; Granoux hat ihn gesehen, wie er zwischen den Händen der Aufständischen sich wand und krümmte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité erbebte. Sie stand eben am Fenster und blickte nach jenen des Einnehmers hinüber. Sie hatte eben das Bedürfnis empfunden, diese Fenster wiederzusehen, denn der Gedanke an den Triumph vermengte sich in ihr mit der Gier nach jener schönen Wohnung, deren Möbel sie seit so langer Zeit sozusagen mit den Blicken abnützte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wandte sich um und sagte mit seltsamer Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr Peirotte ist verhaftet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lächelte wohlgefällig: dann färbte eine lebhafte Röte ihre Wangen. Sie hatte in ihrem Innern den plötzlichen Wunsch gefaßt: »Oh, möchten doch die Aufständischen ihn ermorden!« Peter las ohne Zweifel diesen Gedanken in ihren Augen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn eine Kugel von ungefähr ihn träfe, würde es unsere Sache tüchtig fördern, brummte er. Man wäre nicht genötigt, ihn abzusetzen und wir wären an nichts schuld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Felicité, die nervöser war, schauerte zusammen, als habe sie soeben einen Menschen zu Tode verurteilt. Wenn Herr Peirotte getötet werde, sehe sie ihn des Nachts wieder, er werde kommen und sie an den Beinen zerren. Sie warf jetzt nur mehr Seitenblicke zu den Fenstern hinüber, Blicke voll wollüstiger Angst. Seither gab es in ihrer Wonne einen Zug sträflichen Schreckens, der diese Wonne noch verschärfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter, der sein Herz ausgeschüttet hatte, sah jetzt übrigens auch die häßliche Seite der Frage. Er sprach von Macquart. Wie sollte man sich dieses Schnapphahns entledigen? Doch Felicité, von dem Fieber des Erfolges wieder ergriffen, rief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann nicht alles auf einmal tun. Wir werden ihn schon knebeln, schon ein Mittel ausfindig machen ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sprechend ging sie hin und her, ordnete die Sessel, stäubte die Lehnen ab. Plötzlich blieb sie mitten im Zimmer stehen, ließ ihren Blick lange auf den verschossenen Möbeln ruhen und rief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Gott! wie häßlich ist es hier! Und es kommen doch so viele Leute zu uns!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bah! Wir werden alles vertauschen, sagte Peter mit großartigem Gleichmute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er, der noch gestern eine fast feierliche Achtung für diese Sessel und für dieses Sofa hatte, wäre jetzt bereit gewesen, darauf herumzuspringen. Felicité, die die nämliche Mißachtung für diese Möbel empfand, ging so weit, einen Lehnsessel umzustoßen, dem ein Rädchen fehlte und der deshalb nicht schnell genug rollen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke trat Roudier ein. Es schien der alten Frau, daß er viel höflicher als sonst sei. Die Anreden »Mein Herr« und »Madame« flössen in lieblichem Wohllaut dahin. Die Freunde des Hauses kamen übrigens jetzt nach&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Reihe an; der Salon füllte sich. Noch niemand kannte die Vorgänge der Nacht in ihren Einzelheiten, und alle eilten herbei mit neugierig glotzenden Augen, mit einem Lächeln auf den Lippen, durch die Gerüchte getrieben, die in der Stadt die Runde machten. Diese Herren, die gestern abend bei der Nachricht von dem Herannahen der Aufständischen so rasch den gelben Salon verlassen hatten, kamen jetzt summend, neugierig und lästig wieder wie ein Mückenschwarm, den ein Windstoß zerstreut hat. Manche hatten sich nicht einmal Zeit genommen, die Hosenträger anzulegen. Ihre Ungeduld war groß, aber es war ersichtlich, daß Rougon noch jemanden erwartete, ehe er sprechen wollte. Jede Minute wandte er den besorgten Blick nach der Türe. Während einer vollen Stunde fand ein beredter Austausch von Händedrücken statt, unbestimmte Glückwünsche, ein bewunderndes Geflüster, eine verhaltene Freude ohne bestimmten Grund, die nur eines Wortes harrte, um sich zur Begeisterung zu steigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich erschien Granoux. Er blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen, die Rechte in den zugeknöpften Überrock steckend; sein plumpes, fahles Antlitz, das frohlockte, versuchte vergeblich, seine große Erregtheit unter einer Miene hoher Würde zu verbergen. Bei seinem Erscheinen trat Stille ein; man hatte das Gefühl, daß etwas Außerordentliches sich vorbereite. Inmitten einer lebenden Hecke schritt Granoux geradeaus auf Rougon zu und reichte ihm die Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Freund! sagte er, ich überbringe Ihnen die Huldigungen des Gemeinderates. Er beruft Sie an seine Spitze, bis unser Bürgermeister uns wiedergegeben ist. Sie haben Plassans gerettet. In der abscheulichen Zeit, in der wir jetzt leben, brauchen wir Männer, die Ihre Klugheit mit Ihrem Mute verbinden. Kommen Sie! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux, der da eine kleine Rede hersagte, die er sich vom Rathause bis zur Banne-Straße mühsam vorbereitet hatte, fühlte jetzt, daß sein Gedächtnis ihn im Stich lasse. Doch Rougon, von der Bewegung überwältigt, unterbrach ihn, drückte ihm beide Hände und sprach:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dank, mein lieber Granoux, vielen Dank!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr wußte er nicht zu sagen. Jetzt setzte ein betäubender Ausbruch von Stimmen ein. Jeder stürzte herbei, streckte ihm die Hand entgegen, überhäufte ihn mit Lobsprüchen und befragte ihn sehr eifrig. Doch er benahm sich sehr würdig, wie ein Beamter und erbat sich einige Minuten, um sich mit den Herren Granoux und Roudier zu besprechen. Die Geschäfte vor allem. Die Stadt befand sich in einer so kritischen Lage! Die drei zogen sich in einen Winkel des Zimmers zurück und teilten mit leiser Stimme die Macht unter sich auf, während die Freunde des Hauses, einige Schritte weiter entfernt stehend und die Verschwiegenen heuchelnd, ihnen heimlich Blicke zuwarfen, in denen Bewunderung und Neugierde sich mengten. Rougon sollte den Titel eines Obmannes des Gemeindeausschusses annehmen; Granoux sollte Sekretär werden; Roudier sollte die neu organisierte Nationalgarde befehligen. Die Herren schworen sich gegenseitige Unterstützung und unverbrüchliche Treue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité, die sich ihnen genähert hatte, fragte plötzlich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was ist&#039;s mit Vuillet?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sahen einander an. Niemand hatte Vuillet bemerkt. Rougon verzog unruhig das Gesicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man hat ihn vielleicht mit den übrigen weggeführt ... sagte er, um sich selbst zu beruhigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Felicité schüttelte den Kopf. Vuillet sei nicht der Mann, der sich abfangen lasse. Wenn man ihn nicht sehe und nicht höre, tue er sicherlich etwas Schlechtes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Türe ging auf und Vuillet trat ein. Er grüßte untertänig, mit dem ihm eigentümlichen Blinzeln und seinem spitzigen Mesnerlächeln. Dann trat er näher und streckte seine feuchte Hand Rougon und den zwei anderen hin. Vuillet hatte ganz allein seine kleinen Geschäfte besorgt. »Er hatte sich selbst sein Stück Kuchen abgeschnitten« – würde Felicité gesagt haben. Hinter der Luke seines Kellers hatte er gesehen, wie die Aufständischen den Postdirektor festnahmen, dessen Büros an seinen Bücherladen stießen. Darum hatte er schon am Morgen, zur selben Stunde, als Rougon sich in dem Sessel des Bürgermeisters niederließ, ganz ruhig das Amtszimmer des Postdirektors bezogen. Er kannte die Beamten; er empfing sie bei ihrem Eintreffen, indem er ihnen sagte, daß er ihren Vorstand bis zu dessen Rückkehr ersetze und daß sie sich um nichts zu bekümmern hätten. Dann war er mit schlecht verhohlener Neugierde über die Frühpost hergefallen; er schnupperte nach Briefen und schien im besonderen einen Brief zu suchen. Ohne Zweifel war die neue Lage einem seiner geheimen Pläne günstig, und er ging in seiner Freude so weit, einem seiner Beamten ein Exemplar der »Humoristischen Werke« Pirons zu geben. Vuillet hatte eine reichlich ausgestattete und gut gewählte Sammlung gemeiner Bücher, die er in einem großen Schranke verbarg unter einer Lage von Heiligenbildern und Rosenkränzen; er überschwemmte die Stadt mit unanständigen Photographien und Bildern, ohne daß dies im mindesten dem Absätze der Gebetbücher geschadet hätte. Indes bekam er im Laufe des Vormittags dennoch Angst über die voreilige Art, wie er von dem Posthofe Besitz ergriffen hatte und dachte daran, diesen Gewaltakt hinterher die Gutheißung zu verschaffen. Darum eilte er zu Rougon, der ganz entschieden eine mächtige Persönlichkeit wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo steckten Sie denn? fragte Felicité mißtrauisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da erzählte er seine Geschichte, die er natürlich verschönerte. Nach seiner Darstellung hatte er den Posthof vor der Plünderung gerettet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abgemacht, bleiben Sie daselbst, sagte Peter nach kurzem Nachdenken. Machen Sie sich nützlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser letztere Satz verriet die große Furcht der Rougon; sie fürchteten, daß andere sich allzu nützlich machen, die Stadt mehr retten könnten als sie selbst. Allein Peter hatte keine Gefahr darin erblickt, Vuillet zeitweilig im Amte des Postdirektor zu belassen; es war dies sogar ein Mittel, sich seiner zu entledigen. Felicité war durch diese Wendung sehr unangenehm berührt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Besprechung zu Ende war, mengten die Herren sich wieder unter die Gruppen, die den Salon füllten. Endlich mußten sie die allgemeine Neugierde befriedigen. Sie mußten die Ereignisse des Vormittags haarklein erzählen. Rougon war großartig. Die Geschichte, die er seiner Frau erzählt hatte, vergrößerte, verschönerte, dramatisierte er. Als er die Verteilung der Gewehre und Patronen schilderte, lauschten alle atemlos. Der Marsch durch die öden Straßen, die Einnahme des Rathauses überwältigten diese Spießbürger. Bei jeder neuen Einzelheit wurde er unterbrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ihr wäret nur euer einundvierzig? Das ist wunderbar!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, da dank&#039; ich schön! Es muß höllisch finster gewesen sein!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich muß sagen, ich hätte es nie gewagt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Sie haben ihn so mir nichts dir nichts an der Gurgel gefaßt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was haben die Aufständischen dazu gesagt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese kurzen Bemerkungen eiferten Rougon nur noch mehr an. Er antwortete jedem und begleitete seine Darstellung mit einem leibhaften Gebärdenspiel. In der Bewunderung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seiner eigenen Taten fand dieser Mann die Geschmeidigkeit eines Schülers wieder; er wiederholte sich, kam auf einzelnes zurück inmitten der sich kreuzenden Ausrufe, der da und dort sich entwickelnden Erörterungen der Einzelheiten; wie von einem epischen Luftzug getragen, ereiferte er sich immer mehr und ward sichtlich größer. Überdies standen Granoux und Roudier an seiner Seite und raunten ihm allerlei, kaum wahrnehmbare Einzelheiten zu, die er übergangen hatte. Auch sie brannten vor Begierde, ein Wörtchen anzubringen, eine Episode zu erzählen und manchmal fingen sie ihm das Wort ab; oder es sprachen auch alle drei zugleich. Doch als Rougon, um die homerische Episode von dem zerbrochenen Spiegel gleichsam als Abschluß, als Sträußchen vorbringend, erzählen wollte, was unten im Hofe, bei der Entwaffnung des Wachtpostens vorgegangen war, beschuldigte ihn Roudier, daß er der Erzählung schade, indem er die Reihenfolge der Dinge verwechsele. Und sie stritten eine Weile ziemlich lebhaft. Als Roudier sah, daß die Gelegenheit ihm günstig sei, rief er entschlossen aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sei, wie es sei; ich weiß es doch besser, sintemalen Sie nicht dabei waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun erklärte er lang und breit, wie die Aufständischen erwacht waren und wie man sie aufs Korn genommen hatte, um sie unschädlich zu machen. Er fügte hinzu, daß glücklicherweise kein Blut geflossen sei. Diese letztere Versicherung war eine Enttäuschung für die Zuhörer, die auf einen Toten gerechnet hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ich glaube, Sie haben geschossen unterbrach ihn Felicité, als sie sah, daß das Drama sehr ärmlich verlaufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, drei Schüsse, sagte der ehemalige Hutmacher. Der Wurstmacher Dubruel, Herr Liévin und Herr Massicot haben mit sträflicher Eile ihre Waffen entladen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als darob ein Gemurmel entstand, fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, sträflich, ich halte das Wort aufrecht. Es gibt der Greuel genug im Kriege, ohne daß man unnützes Blut vergießt. Ich hätte euch an meiner Stelle sehen mögen ... Die Herren schwuren mir übrigens, daß es nicht ihre Schuld sei; sie könnten sich nicht erklären, wie ihre Flinten losgegangen seien. Dennoch verirrte sich eine Kugel, die von der Mauer abprallte und einem Aufständischen einen blauen Fleck auf der Wange schlug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser blaue Fleck, diese unverhoffte Verwundung befriedigte die Zuhörer. Auf welcher Wange hatte er den blauen Fleck? Und wie ist es möglich, daß eine Kugel, und wäre es auch nur eine verirrte Kugel, jemanden an der Wange treffen kann, ohne sie zu durchlöchern? Diese Fragen boten Anlaß zu langen Erörterungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir oben, fuhr Rougon mit lauter Stimme fort, ehe die Erregung Zeit gefunden hatte, sich zu legen, wir oben hatten indessen viel zu tun. Es war ein harter Kampf ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er schilderte die Festnahme seines Bruders und der vier anderen Aufständischen sehr weitläufig, ohne Macquart beim Namen zu nennen. Er nannte ihn nur »der Anführer«. Die Worte: »das Arbeitszimmer des Herrn Bürgermeisters« – »der Sessel des Herrn Bürgermeisters« – »das Schreibpult des Herrn Bürgermeisters« kehrten jeden Augenblick wieder und verliehen dieser Schreckensszene in den Augen der Anwesenden eine wunderbare Größe. Es war nicht ein Kampf bei dem Hauswart, sondern bei dem ersten Beamten der Stadt. Roudier war zunichte gemacht. Endlich kam Rougon bei jener Episode an, die er seit dem Beginn vorbereitete und die ihn als Helden hinstellen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da stürzte ein Aufständischer sich auf mich, erzählte er. Ich schiebe den Lehnsessel des Herrn Bürgermeisters zur Seite und fasse den Mann an der Gurgel. Ich hielt ihn fest,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
glauben Sie mir&#039;s. Allein, mein Gewehr behinderte mich. Ich wollte es nicht fallen lassen; man trennt sich niemals von seiner Waffe. Ich hielt es so, unter dem linken Arm. Plötzlich ging der Schuß los ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle hingen an Rougons Munde. Granoux, der vor Begierde brannte, auch seinerseits wieder zu reden und mit gespitztem Munde dastand, rief plötzlich aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein ... nicht so war&#039;s! Sie haben es nicht sehen können, mein Freund. Sie haben sich geschlagen wie ein Löwe. Aber ich, der ich half, einen der Gefangenen zu fesseln, ich habe alles gesehen ... Der Mann hat Sie töten wollen; er ist&#039;s, der das Gewehr abgeschossen hat; ich habe sehr genau seine schwarzen Finger gesehen, als er sie unter Ihren Arm steckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie glauben? fragte Rougon erbleichend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wußte nicht, daß er in so großer Gefahr geschwebt und die Erzählung des ehemaligen Mandelhändlers ließ das Blut in seinen Adern erstarren. Granoux log sonst nicht; aber an einem Schlachttage ist es wohl erlaubt, die Dinge in einem dramatischen Lichte zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich Ihnen sage! ... Der Mensch hat Sie töten wollen, wiederholte er mit Überzeugung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum also hörte ich die Kugel an meinem Ohre vorüber pfeifen, flüsterte Rougon mit ersterbender Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es entstand eine heftige Aufregung im Salon; alle waren von Achtung für diesen Helden erfüllt. Er hatte eine Kugel an seinem Ohre vorüber pfeifen hören. Fürwahr, keiner der hier versammelten Spießbürger hatte ein gleiches von sich sagen können. Felicité glaubte sich ihrem Gatten in die Arme werfen zu müssen, um die Rührung der Versammlung auf den höchsten Gipfel zu treiben. Doch Rougon machte sich hastig los und schloß seine Erzählung mit dem folgenden heroischen Satze, der in Plassans berühmt geblieben ist:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schuß geht los, ich höre die Kugel an meinem Ohre vorüber pfeifen und paff! die Kugel zerschmettert den Spiegel des Herrn Bürgermeisters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verblüffung war allgemein. Ein so schöner Spiegel! Unglaublich fürwahr! Der dem Spiegel widerfahrene Unfall hielt in der Teilnahme dieser Herren dem Heldenmute Rougons die Wage. Dieser Spiegel ward eine Person und man sprach von demselben eine Viertelstunde lang mit Worten des Mitleids, als ob diese Person im Herzen getroffen wäre. Es war das Sträußchen, wie Peter es vorbereitet hatte, die Entwickelung dieser wunderbaren Odyssee. Ein lautes Stimmengewirre erfüllte den gelben Salon. Man wiederholte unter sich die Geschichte, die man soeben gehört hatte, und von Zeit zu Zeit trat ein Herr aus der Gruppe, um von einem der drei Helden die genaue Darstellung irgendeiner bestrittenen Tatsache zu erfragen. Und die Helden stellten die Tatsache mit einer peinlichen Genauigkeit fest; sie fühlten, daß sie für die Geschichte sprachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indessen sagten Rougon und seine beiden Beistände, daß sie auf dem Rathause erwartet würden. Achtungsvolle Stille trat ein; man grüßte sich gegenseitig mit ernstem Lächeln. Granoux platzte schier im Bewußtsein seiner Wichtigkeit; er allein hatte gesehen, wie der Aufständische den Hahn losdrückte und der Spiegel in Trümmer ging. Das machte ihn groß; er blies sich auf, daß er schier aus der Haut fuhr. Als er den Salon verließ, nahm er den Arm Roudiers mit der Miene eines von den Mühen gebrochenen großen Anführers und murmelte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit sechsunddreißig Stunden bin ich auf den Beinen und Gott weiß, wann es mir vergönnt ist, das Bett aufzusuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Rougon ging, nahm er Vuillet beiseite und sagte ihm, die Partei der Ordnung zähle mehr als je auf ihn und die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zeitung. Er müsse einen schönen Artikel bringen, um die Bevölkerung zu beruhigen und die Bande von Bösewichten, die Plassans durchzogen hatte, nach Gebühr zu geißeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seien Sie beruhigt, erwiderte Vuillet. Die Zeitung sollte erst morgen erscheinen, aber ich will sie schon heute ausgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie fort waren, blieben die Gäste des gelben Salons noch einen Augenblick da geschwätzig wie die Basen, die ein entflohener Zeisig auf den Fußsteig versammelt. Für diese vormaligen Kaufleute, für diese Ölhändler, für diese Hutfabrikanten waren die neuen Ereignisse ein wahres Zauberdrama. Niemals hatte ein solcher Stoß sie aufgerüttelt. Sie konnten sich vor Staunen darüber nicht fassen, daß solche Helden wie Rougon, Granoux und Roudier unter ihnen erstanden. Als ihnen der Salon zu eng wurde und sie es überdrüssig wurden, sich immer wieder die nämliche Geschichte zu erzählen, empfanden sie ein lebhaftes Verlangen, die große Neuigkeit überallhin zu verbreiten. Sie verschwanden einer nach dem andern, jeder von dem Ehrgeiz getrieben, der erste zu sein, der alles weiß und alles erzählt; und Felicité, die allein geblieben war, sah, zum Fenster hinausgeneigt, wie sie sich in der Banne-Straße zerstreuten, die Arme bewegend wie große, dürre Vögel ihre Schwingen und nach allen vier Enden der Stadt die Aufregung verbreitend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war zehn Uhr. Das aus dem Schlafe erwachte Plassans lief in den Straßen umher, verblüfft durch die umlaufenden Gerüchte. Wer die aufständische Rotte gesehen oder gehört hatte, erzählte märchenhafte Geschichten, die einander widersprachen, und erging sich in ungeheuerlichen Vermutungen. Aber die größte Anzahl Leute wußte nicht einmal, um was es sich handelte; sie wohnten in den äußeren Teilen der Stadt und hörten offenen Mundes wie ein&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ammenmärchen, diese Geschichte von mehreren tausend Banditen, die die Straßen überfluteten und vor Tagesanbruch wieder verschwunden waren, wie ein Heer von Gespenstern. Die schlimmsten Zweifler sagten: »Geht, geht!« Und doch waren einige Einzelheiten ganz genau. Schließlich war Plassans überzeugt, daß, während es schlief, ein furchtbares Unglück über sein Haupt hinweggezogen sei, ohne es zu berühren. Diese schlecht erklärte Katastrophe verlieh den nächtlichen Schatten, den Widersprüchen der verschiedenen Nachrichten einen unbestimmten Charakter, einen unergründlichen Schrecken, der die Tapfersten erzittern ließ. Wer hat den Blitzschlag abgewendet? Es grenzte ans Wunderbare. Man sprach von unbekannten Rettern, von einer kleiner Schar von Männern, die der Hydra den Kopf abgeschlagen, aber ohne Einzelheiten vorzubringen wie von einer kaum glaublichen Sache, als die Gäste des kleinen Salons sich durch die Straßen zerstreuten, die Nachrichten verbreitend, vor jeder Türe die nämliche Geschichte erzählend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war wie ein Lauffeuer. Binnen wenigen Minuten hatte die Nachricht den Weg von einem Ende der Stadt bis zum andern zurückgelegt. Der Name Rougon flog von Mund zu Mund, mit Ausrufen der Überraschung in der Neustadt, mit Lobeserhebungen im alten Stadtviertel. Der Gedanke, daß sie ohne Unterpräfekten, ohne Bürgermeister, ohne Postdirektor, ohne Einnehmer, ohne jede Behörde seien, rief zuerst Bestürzung unter den Einwohnern der Stadt hervor. Sie waren betroffen, wie sie ohne jegliches Regiment ihren Schlaf beenden und wie gewöhnlich aufstehen konnten. Als die erste Bewunderung vorüber war, stürzten sie sich hingebungsvoll ihren Befreiern in die Arme. Die wenigen Republikaner zuckten mit den Achseln; doch die Krämer, die kleinen Rentenbesitzer, die konservativen Elemente jeder Gattung segneten diese bescheidenen Helden, deren Taten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
das Dunkel der Nacht bedeckt hatte. Als man erfuhr, daß Rougon seinen eigenen Bruder verhaftet habe, kannte die Bewunderung keine Grenzen mehr. Man sprach von Brutus; diese Schwatzhaftigkeit, die er gefürchtet hatte, wandte sich zu seinem Ruhme. In dieser Stunde des noch nicht völlig zerstreuten Schreckens war die Dankbarkeit eine einhellige. Man ließ sich Rougon als Retter gefallen, ohne ihm näher ins Gesicht zu leuchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bedenken Sie nur, sagten die Mattherzigen, sie waren ihrer im ganzen einundvierzig!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Ziffer 41 brachte die ganze Stadt in Aufregung. So entstand zu Plassans die Legende von den einundvierzig Bürgern, die dreitausend Aufständische ins Gras hatten beißen lassen. Nur einige Neidharte der Altstadt, Advokaten ohne Prozesse, ehemalige Soldaten, die sich schämten, diese Nacht geschlafen zu haben, erhoben leise Zweifel. Alles in allem waren die Aufständischen vielleicht von selbst abgezogen. Es gab keinerlei Beweise eines Kampfes, weder Leichen, noch Blutlachen. Die Herren hatten wahrhaftig eine leichte Aufgabe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Spiegel, der Spiegel! wiederholten die Fanatiker. Sie können doch nicht leugnen, daß der Spiegel des Herrn Bürgermeisters zertrümmert ist. Schauen Sie nur nach!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in der Tat drängte bis zum Abend eine Menge Leute unter tausend Vorwänden in das Arbeitszimmer, dessen Türe Rougon übrigens weit offen gelassen hatte; sie stellten sich vor den Spiegel hin, in den die Kugel ein rundes Loch geschlagen, von dem breite Brüche ausliefen; dann murmelten alle dieselben Worte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Wetter! Die Kugel war aber stark!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie gingen überzeugt ihrer Wege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité stand an ihrem Fenster und sog mit Wonne diese Nachrichten, die Lobsprüche und Danksagungen ein, die in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Stadt emporstiegen. Ganz Plassans beschäftigte sich zu dieser Stunde mit ihrem Gatten; sie fühlte ordentlich, wie die Stadtteile zu ihren Füßen erbebten und alle Hoffnung auf einen nahen Sieg in ihn setzten. Ha, wie wird sie diese Stadt zertreten, die sie so spät sich unterwarf. Aller ihrer Kränkungen war sie jetzt eingedenk; ihre früheren Leiden schärften nur ihr Verlangen nach unmittelbaren Freuden und Genüssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verließ das Fenster und schritt langsam im Salon umher. Hier hatten vorhin alle Hände sich ihnen entgegen gestreckt. Sie hatten gesiegt, die Bürgerschaft lag zu ihren Füßen. Der gelbe Salon schien ihr geweiht. Die lahmen Möbel, der verschossene Samt, der vom Fliegenschmutz ganz schwarze Armleuchter, alle diese Trümmer waren jetzt in ihren Augen die ruhmvollen Bruchstücke, die auf einem Schlachtfelde ausgestreut liegen. Die Ebene von Austerlitz hätte ihr kaum eine so tiefe Ehrfurcht einflößen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wieder an das Fenster trat, bemerkte sie Aristide, der, die Nase witternd in die Höhe richtend, auf dem Platze der Unterpräfektur herumschlenderte. Sie winkte ihm heraufzukommen. Er schien nur auf diesen Ruf gewartet zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Komm doch herein, sagte ihm seine Mutter, als sie ihn auf dem Flur stehen sah. Dein Vater ist nicht zu Hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristide machte eine verlegene Miene wie ein verlorener Sohn. Seit bald vier Jahren hatte er den gelben Salon nicht mehr betreten. Er trug den Arm noch in der Binde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schmerzt dich deine Hand noch immer? fragte seine Mutter spöttisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er errötete und antwortete verlegen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, es geht besser; sie ist fast geheilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann blieb er verlegen stehen, drehte sich hin und her und fand nichts zu sagen. Seine Mutter kam ihm zu Hilfe,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast gehört, wie tapfer dein Vater sich benommen hat? fragte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er erwiderte, daß in der ganzen Stadt davon gesprochen werde. Inzwischen hatte er auch seine Keckheit wiedererlangt. Um seiner Mutter ihre Spötterei zu vergelten, fügte er hinzu, indem er ihr fest in die Augen blickte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin gekommen, zu sehen, ob Papa nicht verwundet ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stelle dich doch nicht so dumm! rief Felicité mit ihrer gewohnten Heftigkeit. Ich an deiner Stelle würde entschlossen handeln. Du hast einen Mißgriff begangen, gestehe es nur, indem du dich mit diesen lumpigen Republikanern einließest. Heute wäre es dir ganz recht, sie im Stiche zu lassen und mit uns zu gehen, weil wir die Stärkeren sind. Unser Haus steht dir offen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Aristide widersprach. Die Republik sei eine große Idee, meinte er. Auch könne es geschehen, daß die Aufständischen den Sieg davon tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß mich doch zufrieden! fuhr die alte Frau gereizt fort. Du fürchtest, dein Vater könne dich schlecht empfangen. Ich nehme die Sache auf mich ... Höre mich an: du begibst dich zu deinem Blatte und fertigst zwischen heute und morgen eine dem Staatsstreiche sehr günstige Nummer an; morgen abend, wenn die Nummer erschienen ist, kommst du hierher und wirst mit offenen Armen empfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da der junge Mann noch immer in seinem Stillschweigen verharrte, fuhr sie mit gedämpfter Stimme und immer lebhafter fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hörst du mich? Es handelt sich um unser Glück und um dein Glück. Fange deine Torheiten nicht wieder an. Du bist schon ohnehin genug kompromittiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mann machte eine Gebärde, wie etwa Cäsar sie gemacht hat, als er den Rubicon überschritt. In dieser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weise vermied er, sich durch Worte irgendwie zu binden. In dem Augenblicke, als er sich entfernen wollte, wies seine Mutter auf seine Schärpe und meinte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem mußt du diesen Fetzen wegwerfen; das Ding ist lächerlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristide ließ sie gewähren. Als die Schleife los war, faltete er sie sauber zusammen, küßte seine Mutter und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Wiedersehen bis morgen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen ergriff Rougon öffentlich Besitz vom Bürgermeisteramte. Es waren im ganzen acht Gemeinderäte da; die übrigen waren in der Gewalt der Aufständischen, ebenso wie der Bürgermeister und seine beiden Gehilfen. Diesen acht Herren – Helden vom Schlage Granoux – trat der Angstschweiß auf die Stirne, als der letztere ihnen die kritische Lage der Stadt erläuterte. Um zu begreifen, mit welchem Schrecken diese biederen Bürger sich Rougon in die Arme warfen, muß man wissen, aus welchen Elementen die Gemeindevertretung gewisser kleiner Provinzstädte sich zusammensetzte. In Plassans hatte der Bürgermeister es mit unglaublichen Dummköpfen zu tun, mit bloßen Werkzeugen einer völlig passiven Fügsamkeit. Als Herr Garçonnet nicht mehr da war, mußte die Gemeindemaschine aus den Fugen gehen und dem erstbesten gehören, der es verstand, sich des Räderwerks zu bemächtigen. Da der Unterpräfekt derzeit die Gegend verlassen hatte, war Rougon natürlich vermöge der Umstände der alleinige und unumschränkte Gebieter der Stadt. Eine seltsame Krise, die die Macht, in die Hände eines abgetanen Menschen legte, dem noch einen Tag vorher keiner der Bürger auch nur hundert Centimes geliehen hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peters erste Verfügung war, daß er die einstweilige Kommission für dauernd erklärte. Dann beschäftigte er sich mit der Neubildung der Nationalgarde, und es gelang ihm,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dreihundert Mann auf die Beine zu bringen. Die in der Scheune zurückgebliebenen hundertundneun Gewehre wurden verteilt, wodurch es die Reaktion auf hundertundfünfzig Bewaffnete brachte; die anderen hundertundfünfzig Nationalgarden waren gutgesinnte Bürger und Soldaten, die Sicardot zu Gebote standen. Als der Kommandant Roudier auf dem Rathausplatze diese kleine Armee aufmarschieren ließ, sah er zu seinem Verdrusse, daß die Gemüsehändler höhnisch lächelten. Nicht alle hatten eine Uniform. Einige sahen recht drollig aus mit ihrem schwarzen Hute, ihrem Überrock und ihrer Flinte. Aber im Grunde war die Absicht gut. Auf dem Bürgermeisteramte ließ man einen Wachtposten zurück; der Rest der kleinen Armee wurde in Abteilungen aufgelöst, die nach den verschiedenen Stadttoren gesendet wurden. Roudier behielt sich den Befehl über den Posten am großen Tore vor; dieser Punkt war am meisten gefährdet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon selbst, der sich in diesem Augenblicke sehr stark fühlte, begab sich nach der Canquoin-Straße, um die Gendarmen zu bitten, daß sie zu Hause blieben und sich in nichts einmengten. Er ließ übrigens die Tür der Gendarmerie öffnen, deren Schlüssel die Aufständischen mitgenommen hatten. Aber er wollte ganz allein triumphieren; die Gendarmen sollten ihm nicht einen Teil seines Ruhmes entreißen. Sollte er ihrer durchaus bedürfen, werde er sie schon rufen; und er erklärte ihnen, daß ihre Anwesenheit die Arbeiter vielleicht reizen und so die Lage nur noch verschlimmern würde. Der Abteilungskommandant beglückwünschte ihn zu seiner klugen Vorsicht. Als Rougon hörte, daß in der Kaserne ein Verwundeter liege, wollte er sich beliebt machen und verlangte, den Mann zu sehen. Er fand Rengade mit einer Binde um die Augen, unter welcher der dichte Schnurrbart hervorragte. Er ermutigte durch eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schöne Rede über die Pflichterfüllung den Einäugigen, der fluchend und schnaubend dalag, erbittert ob seiner Verwundung, die ihn zwingen werde, aus dem Dienste zu treten. Rougon versprach, ihm einen Arzt zu senden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich danke Ihnen, mein Herr, erwiderte Rengade; aber mehr Erleichterung denn alle Arzeneien würde mir schaffen, wenn ich dem Elenden, der mir das Auge ausgestoßen, den Hals umdrehen könnte. Ich werde ihn erkennen; es ist ein kleiner magerer Mensch, bleich und noch ganz jung ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter erinnerte sich des Blutes, welches die Hände Silvères bedeckte. Er wich unwillkürlich zurück, als habe er gefürchtet, daß Rengade ihn an der Gurgel fassen und ausrufen könne: Dein Neffe ist&#039;s, der mir das Auge ausgestoßen; du wirst es statt seiner entgelten! Während er im stillen seiner unwürdigen Familie fluchte, erklärte er feierlich, daß der Schuldige, wenn er ergriffen werde, mit der vollen Strenge der Gesetze bestraft werden solle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, unnötig, erwiderte der Einäugige; ich werde ihm schon den Hals umdrehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon beeilte sich, nach dem Bürgermeisteramte zurückzukehren. Der Nachmittag wurde dazu benutzt, verschiedene Vorkehrungen zu treffen. Die gegen ein Uhr angeheftete Kundmachung brachte einen sehr guten Eindruck hervor. Sie schloß mit einer Berufung an die Besonnenheit der Bürger und gab die bündige Versicherung, daß die Ordnung nicht gestört werden solle. Bis zum Abend boten die Straßen in der Tat das Bild allgemeiner Beruhigung und vollständigen Vertrauens. Die Gruppen auf den Bürgersteigen sagten, nachdem sie die Proklamation gelesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist zu Ende; wir sehen bald die zur Verfolgung der Aufständischen ausgesendeten Truppen erscheinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Glaube an das nahe Eintreffen der Soldaten war so groß, daß die Müßiggänger von der Promenade Sauvaire sich auf die Nizzaer Straße begaben, um der Musik entgegenzugehen. Mit einbrechender Nacht kamen sie enttäuscht zurück; sie hatten nichts gesehen. Da bemächtigte sich eine dumpfe Unruhe der Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einstweilige Vertretung auf dem Bürgermeisteramte hatte so viele leere Worte gemacht, daß ihre Mitglieder, hungrig und erschreckt durch ihr eigenes Geschwätz, sich abermals von Furcht ergriffen fühlten; Rougon entließ sie zum Essen und berief sie für neun Uhr abends wieder ein. Er selbst schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, als Macquart erwachte und heftig an die Türe seines Gefängnisses zu pochen begann. Er erklärte, daß er Hunger habe; dann fragte er nach der Zeit, und als sein Bruder ihm sagte, daß es fünf Uhr sei, brummte er mit teuflischer Bosheit, ein lebhaftes Erstaunen heuchelnd, daß die Aufständischen ihm versprochen hätten, früher zurückzukehren und daß sie sehr lange säumten, ihn zu befreien. Rougon ließ ihm zu essen reichen und ging dann hinunter, gereizt durch die Beharrlichkeit, mit welcher Macquart von der Rückkehr der aufständischen Horde sprach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Straße fühlte er ein Unbehagen. Die Stadt schien ihm verändert; sie nahm ein seltsames Aussehen an; Schatten huschten rasch die Bürgersteige entlang; es ward leer und still, und mit der Nacht schien eine graue, schleichende, beharrliche Furcht – gleich einem Sprühregen – sich auf die Mauern der Häuser niederzusenken. Die geschwätzige Vertrauensseligkeit des Tages endete fatalerweise in dieser unerklärlichen Panik, in diesem Entsetzen der hereinbrechenden Nacht. Die Bewohner waren müde, gesättigt von ihrem Triumphe in einem Maße, daß ihnen nur noch Kraft genug blieb, von der furchtbaren Vergeltung der Aufständischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu träumen. Rougon fröstelte inmitten dieser Strömung des Entsetzens; er beschleunigte seine Schritte, es schnürte ihm die Kehle zusammen. Bei einem Kaffeehause auf dem Recolletsplatze vorbeikommend, wo die Lampen angezündet wurden und die kleinen Rentiers der Neustadt zusammenkamen, hörte er einen Teil eines sehr erschreckenden Gespräches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie wissen wohl schon die neueste Nachricht, Herr Picou? sprach eine breite Stimme; das erwartete Regiment ist nicht eingetroffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man erwartet kein Regiment, Herr Toucher, antwortete eine dünne Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch, doch; haben Sie denn den Aufruf nicht gelesen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Maueranschläge versprechen allerdings, daß die Ordnung, wenn nötig, durch die Macht aufrecht erhalten wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sehen wohl: durch die Macht; darunter versteht sich die bewaffnete Macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was spricht man?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Gott, man hat Furcht, daß diese Verspätung der Soldaten nicht natürlich sein soll; sie sind vielleicht von den Aufständischen in die Pfanne gehauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur ein Schrei des Entsetzens wurde laut in dem Kaffeehause. Rougon hatte Lust, einzutreten und diesen Spießbürgern zu sagen, daß der Aufruf niemals das Eintreffen eines Regiments angekündigt habe, daß man den Worten keine solche Gewalt antun, noch auch solches Geschwätz verbreiten dürfe. Allein in der Verwirrung, die sich seiner bemächtigte, war er selbst nicht sicher, ob er nicht auf eine Truppensendung gerechnet habe, und er fand es schließlich in der Tat erstaunlich, daß kein einziger Soldat erschienen war. In sehr unruhiger Stimmung ging er heim. Felicité, die sehr aufgeräumt und guten Mutes war, erboste&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sich, als sie ihn wegen solcher Kindereien ganz verstört sah. Beim Nachtisch sprach sie ihm Mut zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tölpel! sagte sie, wenn der Präfekt uns vergißt, um so besser. Wir werden auch allein die Stadt retten. Ich möchte, daß die Aufständischen zurückkommen; wir empfangen sie mit Flintenschüssen und bedecken uns mit Ruhm... Du läßt die Stadttore schließen und gehst nicht zu Bett; du machst dir die ganze Nacht viel Bewegung; das wird dir später zum Verdienst angerechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter kehrte ziemlich ermutigt nach dem Bürgermeisteramte zurück. Er brauchte Mut, um stark zu bleiben inmitten des Jammers seiner Genossen. Die Mitglieder der einstweiligen Vertretung brachten in ihren Kleidern die Angst mit, wie man bei einem Gewitter den Regengeruch mit sich trägt. Alle behaupteten, auf die Sendung eines Regiments gerechnet zu haben, und riefen, man dürfe die wackeren Bürger nicht dermaßen der Wut der Demagogie ausliefern. Um Ruhe zu haben, versprach ihnen Peter fast das Regiment für den nächsten Tag. Dann erklärte er in feierlichem Tone, daß er die Stadttore schließen lassen werde. Dies brachte allen Erleichterung. Nationalgarden mußten sich sogleich zu allen Toren begeben, um sie doppelt und dreifach schließen zu lassen. Als die Nationalgarden zurückgekehrt waren, gestanden mehrere Mitglieder der einstweiligen Vertretung, daß sie jetzt wirklich ruhiger seien; und als Peter ihnen sagte, die kritische Lage der Stadt bürde ihnen die Pflicht auf, auf ihrem Posten zu verbleiben, trafen einige ihre Vorkehrungen, um die Nacht in einem Lehnsessel zuzubringen. Granoux setzte eine Mütze von schwarzer Seide auf, die er aus Vorsicht von Hause mitgebracht hatte. Gegen elf Uhr schlief die Hälfte der Herren rings um das Schreibpult des Herrn Garçonnet. Die sich wach erhielten, lauschten den gleichmäßigen Schritten der im Hofe Wache haltenden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nationalgarden und träumten dabei, daß sie Helden seien und Auszeichnungen erhielten. Eine Lampe, die auf dem Schreibpulte stand, beleuchtete diese seltsame bewaffnete Nachtwache. Rougon, der zu schlummern schien, erhob sich plötzlich und sandte nach Vuillet. Er hatte sich erinnert, daß er die Zeitung nicht erhalten habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Buchhändler erschien in sehr mürrischer Laune. Rougon nahm ihn beiseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist&#039;s mit dem Artikel, den Sie mir versprochen haben? fragte er. Ich habe das Blatt nicht gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb stören Sie mich? erwiderte Vuillet zornig. Die Zeitung ist nicht erschienen; ich habe keine Lust, mich morgen, wenn die Aufständischen zurückkommen, abschlachten zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon versuchte zu lächeln und sagte: Man schlachtet, Gott sei Dank, niemanden ab. Eben deshalb, weil falsche und beunruhigende Gerüchte im Umlauf sind, würde der fragliche Artikel der guten Sache einen großen Dienst erwiesen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Möglich, sagte Vuillet; aber die beste Sache ist in diesem Augenblicke, seinen Kopf auf den Schultern zu behalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit schneidiger Bosheit fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaubte, sie hätten alle Aufständischen getötet; aber Sie haben zu viele übriggelassen, als daß ich meine Haut wagen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Rougon wieder allein geblieben, war er erstaunt über die Auflehnung dieses sonst so platten und unterwürfigen Mannes. Die Haltung Vuillets schien ihm verdächtig; aber er hatte keine Zeit, eine Erklärung zu suchen. Kaum hatte er sich in seinem Lehnsessel wieder ausgestreckt, als Roudier eintrat, wobei ein großer Säbel, mit welchem er sich umgürtet hatte, geräuschvoll an seine Schenkel schlug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schläfer fuhren entsetzt auf; Granoux glaubte, man rufe zu den Waffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie, was gibt&#039;s? fragte er, indem er hastig das schwarze Käppchen in die Tasche steckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Herren, sagte Roudier atemlos, alle rednerischen Formen außer acht lassend, ich glaube, daß eine Bande Aufrührer sich der Stadt nähert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte wurden mit schreckensvollem Stillschweigen aufgenommen. Rougon allein fand die Kraft, zu fragen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben Sie sie gesehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, erwiderte der ehemalige Schlafmützenfabrikant, aber wir hören seltsame Gerüchte aus der Gegend. Einer meiner Leute hat mir versichert, daß er am Abhänge des Garriguesgebirges Lauffeuer gesehen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Herren einander bleich und stumm ansahen, fügte er hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich kehre auf meinen Posten zurück, denn ich fürchte einen Angriff. Seid eurerseits auf der Hut!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon wollte ihm nacheilen, um noch mehr von ihm zu erfahren, allein jener war schon fern. Der einstweiligen Vertretung war nunmehr die Schlaflust völlig vergangen. Seltsame Gerüchte! Lauffeuer! Ein Angriff! Und all das mitten in der Nacht! Auf der Hut sein, das war leicht zu sagen; aber was sollte man anfangen. Granoux war nahe daran, dasselbe Verfahren zu empfehlen, das gestern so wohl gelungen war: sich zu verbergen, und abzuwarten, bis die Aufständischen die Stadt durchzogen hatten und hernach in den verlassenen Straßen zu triumphieren. Glücklicherweise erinnerte sich Peter der Ratschläge seiner Frau und sagte, Roudier könne sich geirrt haben, und es sei das beste zu sehen, was es gebe. Einige Vertreter verzogen das Gesicht bei diesem Vorschlage; aber als vereinbart war, daß eine bewaffnete Schar den Vertretern das Geleit geben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
solle, gingen alle sehr mutig hinunter. Sie ließen bloß einige Mann im Hofe zurück und umgaben sich mit etwa dreißig Mann Nationalgarde; so wagten sie sich durch die schlafende Stadt. Das Mondlicht floß über die Hausdächer und warf ihre Schatten auf die Straßen. Vergebens gingen sie die Stadtwälle entlang von Tor zu Tor; sie sahen nichts und hörten nichts hinter ihrer Stadtmauer, die sie von der Welt abschloß. Die Nationalgarden der verschiedenen Posten sagten ihnen zwar, daß aus der Landschaft seltsame Winde über die geschlossenen Tore hinweg herüberwehen; aber wie sie die Ohren auch spitzen mochten, sie hörten nichts als ein fernes Geräusch, in dem Granoux das Plätschern der Viorne zu erkennen vorgab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes blieben sie unruhig; sie schickten sich an, nach dem Bürgermeisteramte zurückzukehren – beklommenen Herzens, wenngleich sie zum Schein mit den Achseln zuckten und Roudier als Hasenfuß und Gespensterseher bezeichneten – als Rougon, der bemüht war, seine Freunde vollständig zu beruhigen, auf den Einfall kam, ihnen den Anblick der Ebene, auf eine Entfernung von mehreren Meilen zu zeigen. Er führte die kleine Gruppe nach dem Sankt Markusviertel und pochte an das Tor des Palastes des Grafen Valqueyras.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Graf war bei den ersten Unruhen nach seinem Schlosse Corbière abgereist. Im Palaste war nur der Marquis von Carnavant anwesend. Seit dem gestrigen Tage hatte er sich vorsichtigerweise verborgen gehalten, nicht aus Furcht, sondern weil es ihm widerstrebte, in der entscheidenden Stunde in die Machenschaften der Rougon verwickelt zu erscheinen. Im Grunde verzehrte ihn die Neugierde; er hatte sich einschließen müssen, um nicht hinzulaufen und sich das seltsame Schauspiel der Ränke des gelben Salons zu gönnen. Als ein Kammerdiener ihm mitten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in der Nacht meldete, daß unten Herren seien, die ihn zu sprechen wünschten, ließ er alle Vorsicht fahren, erhob sich und eilte hinab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein teurer Marquis, sagte Peter, ihm die Mitglieder der Stadtvertretung vorstellend, wir kommen, Sie um einen Dienst zu bitten. Könnten Sie uns in den Garten des Hauses führen lassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewiß, erwiderte der Marquis erstaunt; ich selbst will Sie dahin führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterwegs ließ er sich die Sache erzählen. Der Garten endete in einer Terrasse, welche die Ebene beherrschte; an dieser Stelle war ein breites Stück der Ringmauer eingestürzt, so daß man einen unbegrenzten Ausblick hatte. Rougon hatte begriffen, daß dies ein vorzüglicher Beobachtungsposten sei. Die Nationalgarden waren vor dem Haustore zurückgeblieben. Die Mitglieder der Stadtvertretung hatten, während sie ihre Gedanken austauschten, sich an die Brüstung der Terrasse gelehnt. Das seltsame Schauspiel, das sich da vor ihnen entrollte, machte sie sprachlos. In der Ferne, im Tale der Viorne, in dem ungeheuren Kessel, der gegen Westen zwischen der Garrigueshügelkette und den Bergen der Seille lag, ergoß sich der Mondschein wie ein breiter Strom breiten Lichtes. Die Baumgruppen und die dunkeln Felsen bildeten stellenweise Inseln, Landzungen in diesem Lichtmeere. Je nach den Krümmungen der Viorne sah man einzelne Stücke des Flusses, die mit dem blanken Widerschein der Harnische in dem silberhellen Lichtstaube auftauchten, der vom Himmel niederfloß. Es war ein Ozean, eine Welt, durch die Nacht, die Kälte, die schleichende Furcht ins Unendliche ausgedehnt. Anfänglich sahen und hörten die Herren nichts. Es erschien am Firmament ein Zittern von Licht und von fernen Stimmen, das sie betäubte und blendete. Granoux, ein wenig poetischer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natur, murmelte, von dem stillen Frieden dieser Winternacht ergriffen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch schöne Nacht, meine Herren!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz entschieden: Roudier hat geträumt! rief Rougon geringschätzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Marquis spitzte seine feinen Ohren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei! Ich höre Sturm läuten, sagte er mit seiner klaren Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle beugten sich über die Brüstung und lauschten mit angehaltenem Atem. Leicht, mit der Reinheit des Kristalls stiegen die fernen Schläge einer Glocke aus der Ebene auf. Die Herren konnten es nicht leugnen: es war Sturmgeläute. Rougon behauptete, er erkenne den Klang der Glocke von Béage, einem Dorfe in einer Entfernung von einer Meile bei Plassans. Er sagte dies, um seine Gefährten zu beruhigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Horch! Horch! unterbrach ihn der Marquis; jetzt ist&#039;s die Glocke von Saint-Maur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zeigte nach einem anderen Punkte des Horizontes. In der Tat wimmerte jetzt eine zweite Glocke in die helle Nacht hinaus. Dann wurden es bald zehn Glocken, zwanzig Glocken, deren verzweifeltes Gebimmel an ihre Ohren schlug, die sich mit dem weithin ziehenden Beben des Schattens vertraut gemacht hatten. Düstere Rufe stiegen von allen Seiten auf, geschwächt wie das Stöhnen von Sterbenden. Bald schluchzte die ganze Ebene. Die Herren scherzten nicht mehr über Roudier. Der Marquis, der seine boshafte Freude daran fand, sie zu erschrecken, wollte ihnen die Ursache dieses Geläutes erklären:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sind die Nachbardörfer, sagte er, die sich vereinigen, um bei Tagesanbruch Plassans anzugreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux riß die Augen auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habt Ihr dort unten nichts bemerkt? fragte er plötzlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemand hatte hingeschaut; die Herren hatten die Augen geschlossen, um besser hören zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dort, dort! rief er nach einer Weile wieder; jenseits der Viorne, neben jener schwarzen Masse!...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ich sehe, erwiderte Rougon verzweifelt, ein Feuer wird angezündet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast unmittelbar darauf ward ein zweites Feuer dem ersten gegenüber angezündet; dann ein drittes und ein viertes. Rote Flecken tauchten in der ganzen Länge des Tales auf, in fast gleichen Zwischenräumen, den Laternen einer riesigen Straße gleichend. Im Mondlichte, das ihren Schein milderte, breiteten sie sich wie Blutlachen aus. Diese düstere Beleuchtung vollendete die Bestürzung der Gemeindevertretung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Gott, die Räuber geben einander Zeichen, brummte der Marquis mit seinem schneidendsten Hohnlächeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er zählte wohlgefällig die Feuer, um zu erfahren – wie er sagte – mit wie viel Leuten ungefähr »die wackere Nationalgarde von Plassans es zu tun bekommen werde«. Rougon wollte Zweifel erheben und sagte, daß die Dörfer zu den Waffen griffen, um zu den Aufständischen zu stoßen, und nicht um die Stadt anzugreifen. Allein die Herren zeigten durch ihr bestürztes Stillschweigen, daß ihre Meinung feststehe und daß sie jeden Trost zurückwiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt höre ich die Marseillaise, sagte Granoux mit erlöschender Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war richtig. Der Gesang kam von einer Rotte, die den Fluß entlang marschierte und in diesem Augenblicke unterhalb der Stadt über die Brücke ging. Der Schrei: »Aux armes, citoyens! Formez vos bataillons!« drang mit schneidiger Klarheit herüber. Es war eine schreckliche Nacht. Die Herren verbrachten sie an der Brüstung der Terrasse&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gelehnt, schier erstarrt durch die bitterböse Kälte, unfähig, sich dem Anblick dieser Ebene zu entziehen, die das Sturmgeläute und die Marseillaise erzittern machten, und die vom lodernden Schein der Signalfeuer erhellt war. Sie konnten sich nicht sattsehen an diesem Meer von Licht, in dem da und dort blutigrote Flammen aufloderten; sie ließen den unbestimmten Lärm in ihren Ohren gellen, daß ihre Sinne sich verwirrten und sie schauerliche Dinge sahen und hörten. Um nichts in der Welt würden sie den Platz verlassen haben; den Rücken wendend, würden sie sich von einer Armee verfolgt geglaubt haben. Wie gewisse Feiglinge wollten sie die Gefahr sehen, um im richtigen Augenblicke die Flucht ergreifen zu können. Als gegen Tagesanbruch der Mond untergegangen war und sie nichts mehr vor sich sahen, als einen schwarzen Abgrund, wurden sie denn auch von furchtbarer Angst ergriffen. Sie sahen sich von unsichtbaren Feinden umgeben, die im Schatten dahinschlichen, bereit, ihnen an die Kehle zu springen. Bei dem geringsten Geräusche wähnten sie, es seien Männer am Fuße der Terrasse, die sich beratschlagten, ehe sie heraufklettern. Aber es war nichts, nichts als die tiefe Finsternis, in welche sie die verzweifelten Blicke bohrten. Wie um sie zu trösten, sagte ihnen der Marquis mit spöttischer Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ängstigen Sie sich nicht; die Meuterer werden den Tagesanbruch erwarten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon war in übler Stimmung; er fühlte, wie die Furcht sich seiner wieder bemächtigte. Granoux&#039; Haare bleichten vollends. Endlich brach der Tag mit verzweifelter Langsamkeit an. Es war wieder ein böser Augenblick. Die Herren waren darauf gefaßt, beim ersten Morgenstrahl eine in Schlachtordnung aufgestellte Armee vor der Stadt zu erblicken. Gerade an diesem Tage wollte der Morgen nicht kommen und zögerte eine Ewigkeit am Saume des Horizontes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit ausgestrecktem Halse und gespannten Blickes beobachteten sie die verschwommene Helle; und sie glaubten im Schatten ungeheuerliche Gestalten zu erblicken, die Ebene verwandelte sich in einen See von Blut, die Felsen in Leichname, die an der Oberfläche schwammen, die Baumgruppen in Bataillone, die noch drohend aufrecht standen. Dann, als die wachsende Helle endlich diese Gespenster verscheucht hatte, brach der Tag an, so bleich und trübselig, daß der Marquis selbst sein Herz beklommen fühlte. Man sah keine Aufständischen, die Straßen waren frei; aber das völlig graue Tal bot den trostlos öden Anblick eines Hohlweges. Die Feuer waren erloschen, die Glocken klangen noch immer. Gegen acht Uhr bemerkte Rougon eine einzige Bande von mehreren Männern, die sich längs der Viorne entfernten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herren war halb tot vor Kälte und Mattigkeit. Da sie keine unmittelbare Gefahr sahen, beschlossen sie, sich einige Stunden Ruhe zu gönnen. Ein Nationalgardist wurde auf der Terrasse als Schildwache zurückgelassen mit der Weisung, sogleich Roudier zu verständigen, wenn er in der Ferne irgendeine Bande wahrnehme. Von den Aufregungen dieser Nacht gebrochen, begaben sich Granoux und Rougon, einander unterstützend, nach ihren Behausungen, die nebeneinander lagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité brachte ihren Mann mit großer Sorgfalt zu Bette; sie nannte ihn ihr »armes Kätzchen« und wiederholte ihm, er solle sich doch nicht so schwere Sorgen machen; es werde sicherlich alles gut ablaufen. Allein, Peter schüttelte den Kopf; er hege ernste Befürchtungen, versicherte er. Sie ließ ihn bis elf Uhr schlafen. Nachdem er gegessen hatte, schob sie ihn sachte hinaus und gab ihm zu verstehen, er müsse bis ans Ende gehen. Auf dem Bürgermeisteramte traf Rougon nur vier Mitglieder von der Stadtvertretung an; die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
anderen ließen sich entschuldigen, sie seien ernstlich krank. Seit dem Morgen fuhr ein noch heftigerer Zug des Schreckens über die Stadt dahin. Die Herren hatten die Erzählung von der denkwürdigen Nacht, die sie auf der Terrasse des Hotel Valqueyras verbacht, nicht bei sich behalten können. Ihre Mägde hatten sich beeilt, diese Nachricht, mit allerlei dramatischen Einzelheiten aufgeputzt, in der Stadt zu verbreiten. Jetzt war es schon eine der Weltgeschichte angehörende Tatsache, daß man von den Höhen von Plassans in der Ebene den Tanz von Kannibalen, die ihre Gefangenen verzehrten, gesehen habe und den Reigen von Hexen, die ihre Kessel umkreisten, in denen Säuglinge sotten, endlose Reihen von Banditen, deren Waffen im Mondlichte glänzten. Und man sprach von den Glocken, die von selbst in die trübe Luft hinaus Sturm läuteten und man behauptete, die Aufständischen hätten die Wälder ringsumher in Brand gesetzt und die ganze Landschaft stehe in Flammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war just Dienstag, der Markttag zu Plassans. Roudier hatte geglaubt, die Stadttore weit öffnen lassen zu sollen, um die wenigen Bäuerinnen einzulassen, welche Gemüse, Butter und Eier brachten. Die Gemeindevertretung, die nunmehr bloß fünf Mitglieder zählte – den Präsidenten mit inbegriffen – erklärte dies für eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit. Obgleich die auf der Terrasse des Hotel Valqueyras zurückgelassene Schildwache nichts gesehen, solle die Stadt dennoch geschlossen bleiben. Da beschloß Rougon, der öffentliche Ausrufer solle, von einem Trommler begleitet, in den Straßen verkünden, daß die Stadt im Belagerungszustande sei; wer sie verlasse, könne nicht zurückkehren. Die Tore wurden am hellen Mittag von Amts wegen geschlossen. Diese zur Beruhigung der Bevölkerung getroffene Maßregel steigerte den Schreck bis zum Gipfelpunkte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man konnte sich nichts Seltsameres denken, als diese Stadt, die mitten im neunzehnten Jahrhundert sich am hellen Mittag verrammelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Plassans den abgenutzten Gürtel seiner Wälle geschlossen und sich verriegelt hatte wie eine belagerte Festung bei der Annäherung eines Sturmes, strich eine tödliche Angst über die düsteren Häuser hinweg. Vom Mittelpunkte der Stadt glaubte man jede Stunde Gewehrgeknatter in den Vorstädten losbrechen zu hören. Man wußte nichts mehr; man war wie in einem Keller, wie in einem vermauerten Loche, in der beklommenen Erwartung, durch eine gnädige Fügung erlöst zu werden. Aufständische Scharen, die das Land durchzogen, hatten seit zwei Tagen jeden Verkehr unterbrochen. In der Sackgasse eingepfercht, wo sie erbaut worden, war die Stadt Plassans von dem übrigen Frankreich getrennt. Sie hatte das Gefühl, sich mitten in einem aufrührerischen Lande zu befinden; rings um sie her tönten die Sturmglocken, grollte die Marseillaise mit dem Tosen eines Stromes, der seine Ufer überschwemmt hat. Die verlassene und zitternde Stadt war wie eine den Siegern preisgegebene Beute und die Spaziergänger von der Promenade gingen vom Schrecken zur Hoffnung über, je nachdem sie vor dem großen Tore die Blusen von Aufständischen oder die Uniformen von Soldaten zu bemerken glaubten. Noch nie hatte eine Unterpräfektursstadt inmitten des Gepolters ihrer sinkenden Mauern eine schmerzlichere Todesangst zu überstehen gehabt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen zwei Uhr verbreitete sich das Gerücht, daß der Staatsstreich mißglückt sei. Der Prinzpräsident sitze im Turm von Vincennes gefangen, Paris befinde sich in der Gewalt der fortgeschrittensten Demagogie, Marseille, Toulon, Draguignan, der ganze Süden gehöre der siegreichen Aufstandsarmee. Die Aufständischen sollten abends&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eintreffen und ganz Plassans über die Klinge springen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da begab sich eine Abordnung der Bürger nach dem Rathause, um der Stadtvertretung wegen der Schließung der Tore Vorstellungen zu machen; diese Maßregel, hieß es, könne nur dazu führen, die Aufständischen noch mehr gegen die Stadt zu erbittern. Rougon, der den Kopf verlor, verteidigte seine Weisung mit der äußersten Energie; diese sorgfältige Abschließung der Stadt schien ihm einer der scharfsinnigsten Akte seiner Verwaltung zu sein; er fand zu ihrer Rechtfertigung Worte der innigsten Überzeugung. Allein man brachte ihn in Verwirrung mit der Frage, wo die Soldaten seien, das Regiment, das er versprochen. Da log er; er habe nichts versprochen, sagte er rundheraus. Das Ausbleiben dieses fabelhaften Regiments, das die Einwohner dermaßen herbeisehnten, daß sie von seiner Annäherung träumten, war die große Ursache der Angst. Die gut unterrichteten Leute nannten genau den Ort, wo die Soldaten niedergemetzelt worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um vier Uhr begab sich Rougon, gefolgt von Granoux, nach dem Hotel Valqueyras. Kleine Banden, die in Orchères zu den Aufständischen stießen, durchzogen in der Ferne noch immer das Viornetal. Den ganzen Tag waren Straßenjungen auf den Mauern herumgeklettert und Spießbürger herbeigekommen, um bei den Schießscharten hinauszuspähen. Diese freiwilligen Schildwachen nährten das Entsetzen der Stadt, indem sie ganz laut die Banden zählten, welche für ebenso viele starke Bataillone gehalten wurden. Dieses feige Volk glaubte von der Höhe der Stadtmauern den Vorbereitungen zu irgendeinem allgemeinen Gemetzel beizuwohnen. Des Abends strich, wie am vorhergehenden Tage, die Furcht noch kälter über die Stadt hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Bürgermeisteramte zurückkehrend begriffen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon und der von ihm unzertrennliche Granoux, daß die Lage unhaltbar war. Während ihrer Abwesenheit war abermals ein Mitglied der Vertretung verschwunden. Sie waren nur mehr ihrer vier. Sie fanden sich lächerlich, wie sie so mit bleichen Gesichtern sich stundenlang gegenseitig betrachteten, ohne ein Wort zu sagen. Dann kam eine grause Furcht über sie, daß sie noch eine zweite Nacht auf der Terrasse des Hotel Valqueyras zubringen müßten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon erklärte ernst, daß, nachdem die Lage unverändert, kein Grund vorhanden sei, dauernd auf dem Posten zu bleiben. Wenn ein großes Ereignis eintreten solle, werde man sie benachrichtigen. Durch einen Beschluß, der gebührendermaßen von der Kommission gefaßt wurde, übertrug er die Sorgen der Verwaltung auf Roudier. Der arme Roudier, der sich erinnerte, unter Louis Philipp Nationalgardist zu Paris gewesen zu sein, hielt mit Überzeugung am großen Tore die Nachtwache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter kehrte kleinlaut heim, im Schatten der Häuser dahinschleichend. Er fühlte um sich her die Stadt ihm feindselig werden. Er hörte seinen Namen durch die Gruppen gehen, begleitet von Worten des Grolls und der Verachtung. Wankend und mit dem Angstschweiß auf der Stirne stieg er die Treppe seiner Wohnung empor. Felicité empfing ihn still, mit verstörter Miene. Auch ihr begann der Mut zu sinken. Ihr ganzer Traum zerflatterte. Sie saßen im gelben Salon einander gegenüber. Der Tag ging zur Neige, ein trüber Wintertag, der graue Farben auf das orangegelbe Papier der mit großen Zweigen gezierten Wandtapeten warf; nie war ihnen dieses Gemach verfallender, scheußlicher, beschämender vorgekommen. Sie waren jetzt allein und hatten nicht wie gestern eine Schar von Höflingen um sich, die sie beglückwünschten. Ein Tag hatte genügt, um sie zu besiegen, in dem Augenblicke, da sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schon Triumph schrien. Wenn am folgenden Tage die Lage sich nicht änderte, war das Spiel verloren. Felicité, die gestern beim Anblicke der Trümmer des gelben Salons an die Ebenen von Austerlitz dachte, erinnerte sich jetzt, als sie ihn so trübselig und verlassen sah, der verdammten Gefilde von Waterloo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ihr Gatte gar nichts sagte, begab sie sich ans Fenster, an jenes Fenster, wo sie mit Wonne den Weihrauch einer ganzen Unterpräfektur eingeatmet hatte. Sie bemerkte zahlreiche Gruppen unten auf dem Marktplatze. Sie schloß die Vorhänge, als sie sah, daß Köpfe sich nach ihrem Hause wandten, weil sie fürchtete, daß sie verhöhnt werden könne. Sie ahnte, daß man von ihnen spreche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stimmen stiegen in der Dämmerung empor. Ein Advokat schrie im Tone eines triumphierenden Anklägers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte es ja gesagt; die Aufständischen sind allein fort und wenn sie wiederkommen wollen, holen sie nicht erst die Erlaubnis der Einundvierzig ein. Die Einundvierzig, Narrenspossen! Ich glaube, es waren ihrer wenigstens zweihundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, sagte ein dicker Kaufmann, der mit Öl und hoher Politik Handel trieb, es waren ihrer vielleicht nicht zehn. Denn schließlich haben sie sich doch nicht geschlagen; man würde am Morgen doch Blut gesehen haben. Ich, der ich hier zu euch spreche, bin auf das Rathaus gegangen, um nachzusehen; der Hof war rein wie meine Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Arbeiter, der sich schüchtern in die Gruppe geschlichen hatte, fügte hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gehörte nicht viel dazu, vom Rathause Besitz zu ergreifen; das Tor war nicht einmal geschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte wurden mit einem Gelächter aufgenommen, und als der Arbeiter sich ermutigt sah, fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kennt ja die Rougon; es sind Taugenichtse!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Schimpf traf Felicité im Herzen. Der Undank dieses Volkes kränkte sie, denn schließlich hatte sie selbst an die Sendung der Rougon zu glauben begonnen. Sie rief ihren Gatten herbei, denn sie wollte, daß er die Unbeständigkeit der Menge kennenlerne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war gerade so wie mit ihrem Spiegel, fuhr der Advokat fort. Was haben sie nicht für einen Lärm mit dem unglückseligen, zerbrochenen Spiegel geschlagen! Ihr müßt wissen: dieser Rougon ist sehr wohl fähig, einen Flintenschuß nach dem Spiegel abzufeuern, um an eine Schlacht glauben zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter unterdrückte einen Schmerzensschrei. Man glaubte selbst an seinen Spiegel nicht mehr. Bald geht man so weit zu behaupten, daß er keine Kugel an seinem Ohre hat vorübersausen hören! Die Legende der Rougon wird verblassen, nichts wird von ihrem Ruhme übrig bleiben. Allein er war noch nicht am Ende seiner Leiden. Die Volksgruppen waren jetzt ebenso glühend in ihrer Verbitterung wie gestern in ihrer Begeisterung. Ein ehemaliger Hutmacher, ein Greis von siebenzig Jahren, dessen Fabrik einst in der Vorstadt gewesen, forschte in der Vergangenheit der Rougon. Er sprach ganz unbestimmt, mit den Vorbehalten eines schwindenden Gedächtnisses, von dem Krautgarten der Fouque, von Adelaide, von ihren Liebschaften mit einem Schmuggler. Er sagte genug, um dem Geschwätz neue Nahrung zu bieten. Die Sprecher näherten sich jetzt und die Worte: Hundsfötter, Diebe, schamlose Ränkeschmiede drangen deutlich bis zu den Fenstervorhängen empor, hinter denen Peter und Felicité standen und vor Furcht und Zorn schwitzten. Man ging so weit, Macquart zu beklagen. Das war der letzte Schlag. Gestern war Rougon ein Brutus, eine Heldenseele, die ihre Gefühle dem Vaterlande opferte; heute war Rougon nur mehr ein von niedrigem Ehrgeiz erfüllter&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mensch, der seinen armen Bruder mit Füßen trat und sich seiner als Staffel bediente, um zum Glück emporzusteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hörst du? Hörst du? sagte Peter mit erstickter Stimme. Die Bösewichte töten uns! Niemals werden wir uns davon erholen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité trommelte mit gekrümmten Fingern wütend auf den Fensterläden herum und erwiderte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß sie reden! Sind wir erst die Stärkeren, dann sollen sie sehen, aus welchem Holze ich geschnitzt bin. Ich weiß, woher der Wind weht. Die Neustadt ist uns übel gesinnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie vermutete richtig. Die plötzliche Unbeliebtheit der Rougon war das Werk einer Gruppe von Advokaten, die sehr ärgerlich waren über die Bedeutung, die ein ehemaliger, ganz ungebildeter Ölhändler, der nahe am Bankerott gewesen, erlangt hatte. Das Sankt Markusviertel war seit zwei Tagen wie ausgestorben. Das alte Viertel und die Neustadt blieben allein da. Die letztere hatte die allgemeine Panik dazu benutzt, um den gelben Salon in den Augen der Kaufleute und Handwerker zugrunde zu richten. Roudier und Granoux waren ausgezeichnete Männer, ehrenhafte Bürger, die von diesen Rougon, diesen Ränkeschmieden, getäuscht wurden. Aber man wird ihnen die Augen öffnen. An Stelle dieses dickwanstigen Bettlers, der keinen Heller besaß, hätte Isidor Granoux den Sitz des Bürgermeisters einnehmen müssen. Dies nahmen die Neider zum Ausgangspunkte, um Rougon alle Handlungen seiner Verwaltung vorzuwerfen, die ja erst seit gestern datierte. Er habe den früheren Gemeinderat nicht behalten wollen; er habe einen schweren Fehler begangen, als er die Tore schließen ließ; seine Schuld sei es, daß fünf Stadträte sich auf der Terrasse des Hotel Valqueyras einen bösen Schnupfen geholt hätten. Es wollte kein Ende nehmen. Auch die Republikaner erhoben die Häupter. Man sprach von der Möglichkeit eines&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Handstreiches der Vorstadtarbeiter gegen das Bürgermeisteramt. Die Reaktion lag in den letzten Zügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Peter so seine Hoffnungen schwinden sah, dachte er an die wenigen Stützen, auf die er bei Gelegenheit noch zählen zu können glaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sollte nicht Aristide heute abend kommen, um seinen Frieden mit uns zu machen? fragte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, erwiderte Felicité. Er hatte mir einen schönen Artikel versprochen. Der »Unabhängige« ist nicht erschienen...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch ihr Gatte unterbrach sie mit den Worten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, kommt er nicht gerade dort aus der Unterpräfektur heraus?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau warf nur einen Blick auf die Straße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hat seine Binde wiedergenommen! rief sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat verbarg Aristide seine Hand wieder in seinem Seidentuche. Mit dem Kaiserreiche ging es schief, ohne daß die Republik triumphierte; und er hatte es für gut erachtet, seine Rolle als Verstümmelter wieder aufzunehmen. Er huschte über den Platz, ohne aufzublicken. Als er ohne Zweifel die gefährlichen und kompromittierenden Worte hörte, die in den Gruppen gesprochen wurden, beeilte er sich, an der Ecke der Banne-Straße zu verschwinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laß, er wird nicht heraufkommen, sagte Felicité bitter... Wir sind zugrunde gerichtet... Selbst unsere Kinder verlassen uns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie schloß hastig das Fenster, um nichts mehr zu sehen und zu hören. Dann zündete sie die Lampen an, und sie aßen, aber entmutigt und ohne Hunger; es wollte nicht recht schmecken, und sie ließen die Hälfte auf dem Teller stehen. Es blieben ihnen nur wenige Stunden übrig, um einen Entschluß zu fassen. Es galt, am nächsten Morgen Plassans zu ihren Füßen und um Verzeihung flehend zu sehen, wenn sie nicht auf ihren Glückstraum verzichten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wollten. Der vollständige Mangel an bestimmten Nachrichten war die einzige Ursache ihrer Angst und Unentschlossenheit. Felicité mit ihrem Scharfsinn sah dies bald ein. Hätten sie das Ergebnis des Staatsstreiches wissen können, sie hätten ihren Mut eingesetzt und trotz alledem ihre Retterrolle weitergespielt; oder sie hätten sich beeilt, nach Möglichkeit ihren unglücklichen Feldzug in Vergessenheit zu bringen. Aber sie wußten nichts Genaues: sie verloren den Kopf und der Angstschweiß trat ihnen auf die Stirne, wenn sie daran dachten, daß bei ihrer völligen Unkenntnis der Ereignisse ihr Glück auf dem Spiele stehe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dieser vertrackte Eugen schreibt mir auch nicht! rief Rougon in einer verzweifelten Aufwallung, ohne zu bedenken, daß er das Geheimnis seines Briefwechsels preisgab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Felicité tat, als habe sie nichts gehört. Der Ausruf ihres Gatten hatte sie im Innersten getroffen. In der Tat: warum schrieb Eugen seinem Vater nicht? Nachdem er ihn über die Erfolge der bonapartistischen Sache so getreulich auf dem laufenden gehalten, hätte er sich jetzt beeilen müssen, ihn von dem Triumph oder der Niederlage des Prinzen Louis zu benachrichtigen. Die einfachste Vorsicht mußte ihm raten, dem Vater diese Nachricht mitzuteilen. Wenn er schwieg, so bedeutete dies, daß die siegreiche Republik ihn zu dem Thronprätendenten in die Gefängnisse von Vincennes sandte. Felicité fühlte ihr Blut erstarren; das Stillschweigen ihres Sohnes tötete ihre letzte Hoffnungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke brachte man die Zeitung; das Blatt war noch ganz feucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie? rief Peter sehr überrascht; Vuillet hat sein Blatt erscheinen lassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zerriß die Adreßschleife, las den Leitartikel und beendete ihn, bleich wie sein Hemd und kraftlos in seinem Sessel zurücksinkend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da, lies, hauchte er, das Blatte Felicité überreichend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein prächtiger Artikel von unerhörter Heftigkeit gegen die Aufständischen; niemals war so viel Galle, so viel Lüge, so viel heuchlerischer Unflat aus einer Feder geflossen. Vuillet begann mit einer Schilderung des Eindringens der Bande in die Stadt Plassans. Die Schilderung war meisterhaft. Man sah darin, wie »diese Banditen, diese Galgengesichter, dieser Abschaum der Galeeren die Stadt überschwemmten, berauscht von Schnaps, Ausschweifungen und Plünderung«; dann zeigte er sie, wie sie »ihre Gemeinheit in den Straßen zur Schau trugen, die Bevölkerung durch ihr wildes Geheul in Schrecken versetzten, nur auf Mord und Notzucht ausgingen«. Dann folgte das schauerliche Drama der Szene im Rathause und der Verhaftung der Behörden. »Sie packten die ehrwürdigsten Männer an der Gurgel und der Bürgermeister, der tapfere Kommandant der Nationalgarde, der Postdirektor, dieser so wohlwollende Beamte: sie wurden wie der Heiland von diesen Elenden mit Dornen gekrönt angespien.« Der Absatz, der Miette und ihren roten Mantel behandelte, war in eine ganz lyrische Stimmung getaucht. Vuillet hatte zehn, zwanzig blutrünstige Dirnen gesehen. »Wer hat nicht unter diesen Ungeheuern infame, rot gekleidete Geschöpfe bemerkt, die sich sicherlich im Blute der Märtyrer gewälzt haben, die von den Räubern und Mördern unterwegs hingeschlachtet worden sind? Sie schwangen Fahnen, sie überließen sich auf offener Straße den scheußlichen Liebkosungen der ganzen Horde.« Und Vuillet fügte mit religiösem Eifer hinzu: »Die Republik findet stets nur bei Mord und Prostitution ihr Gedeihen.« Das war nur der erste Teil des Artikels. Am Schlusse dieser Schilderung fragte der Buchhändler in einem heftigen Aufrufe, ob das Land noch länger »die Schmach dieser wilden Tiere, die weder Leben noch Eigentum schonten«, dulden wolle. Er&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wandte sich an alle guten Bürger und meinte, eine fernere Duldsamkeit wäre gleichbedeutend mit einer Ermutigung, und die Aufständischen würden dann »die Tochter aus den Armen der Mutter, die Gattin aus den Armen des Gatten reißen«. Zum Schlusse, nach einer frommen Redensart, in der er erklärte, daß Gott die Ausrottung der Bösen wolle, stieß er in die Posaune: »Man sagt, daß diese Elenden abermals vor unseren Toren erscheinen werden; wohlan, jeder von uns ergreife ein Gewehr, und man töte sie wie die Hunde. Mich wird man in der vordersten Reihe sehen und ich werde mich glücklich preisen, die Erde von diesem Gewürm zu befreien.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Artikel, in dem die Schwerfälligkeit des Provinzjournalismus unflätige Umschreibungen aneinander reihte, hatte Rougon in die größte Bestürzung versetzt. Als Felicité die Zeitung auf den Tisch hinlegte, murmelte er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, der Unglückliche! Er gibt uns den Gnadenstoß; man wird glauben, ich hätte diese Diatribe ihm eingegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber, sagte seine Frau nachdenklich, hast du mir nicht heute morgen angekündigt, daß er sich weigere, die Republikaner anzugreifen? Die Nachrichten sollten ihn erschreckt haben und du behauptest, daß er bleich wäre, wie ein Toter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, ja; ich begreife auch nichts von der Sache. Da ich in ihn drang, ging er so weit, mir Vorwürfe zu machen, weil ich nicht alle Aufständischen getötet hatte. Gestern hätte er seinen Artikel schreiben müssen; heute wird er damit ein Gemetzel über uns bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité verlor sich völlig in ihrem Erstaunen. Was hat denn diesen Vuillet angefochten? Dieser verdorbene Mesner mit einer Flinte in der Hand und auf den Stadtmauern nach den Aufständischen schießend: das war die drolligste Sache, die man sich vorstellen konnte. Dahinter mußte etwas stecken, das ihr entging. Vuillet verriet da einen frischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mut und eine Keckheit der Schmähungen, die bewiesen, daß die Aufständischen doch nicht hart vor den Toren der Stadt stehen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist ein böser Mensch, ich habe es immer gesagt, fuhr Rougon fort, nachdem er den Artikel noch einmal gelesen. Er hat vielleicht nur uns einen Streich versetzen wollen. Ich war vielleicht zu gut, daß ich ihm die Postverwaltung überließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war ein Lichtblick. Felicité erhob sich hastig wie von einem plötzlichen Gedanken erhellt; sie setzte eine Haube auf und legte einen Schal um ihre Schultern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wohin gehst du? fragte ihr Gatte erstaunt. Neun Uhr ist vorüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst dich schlafen legen, erwiderte sie einigermaßen rauh. Du bist leidend und mußt ausruhen. Schlafe, bis ich zurückkomme; wenn es nötig ist, werde ich dich wecken und dann wollen wir weiter sprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verließ mit eiligen Schritten das Haus und begab sich nach dem Postamte. Hier betrat sie plötzlich das Zimmer, wo Vuillet noch arbeitete. Als er ihrer ansichtig ward, machte er eine verdrießliche Gebärde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals war Vuillet glücklicher gewesen als in diesen Tagen. Seitdem er mit seinen dünnen Fingern in den Postpaketen wühlen konnte, genoß er die tiefe Wollust des neugierigen Priesters, der sich anschickt, die Geständnisse der Büßerinnen zu hören. Alle listigen Indiskretionen, alle unbestimmten Geschwätze der Sakristeien umsummten seine Ohren. Er näherte seine lange, bleiche Nase den Briefen, betrachtete mit seinen schielenden Augen begierig die Adresse und prüfte die Umschläge, wie die kleinen Abbés in den Seelen der Jungfrauen forschen. Es waren unendliche Freuden und prickelnde Versuchungen. Die tausende Geheimnisse von Plassans waren da; er betastete die Ehre der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frauen, das Vermögen der Männer; er brauchte nur die Siegel zu erbrechen, um ebensoviel davon zu erfahren, wie der Großvikar der Kathedralkirche, der Beichtvater der vornehmen Leute der Stadt. Vuillet gehörte zu jenen furchtbaren, kalten, mörderisch schneidigen Fraubasen, die alles wissen, sich alles sagen lassen und die Gerüchte nur wiedererzählen, um die Leute damit zu töten. Darum hatte er gar oft davon geträumt, den Arm bis zur Schulter in den Briefkasten zu stecken. Für ihn war das Arbeitszimmer des Postverwalters seit dem gestrigen Tage ein großer Beichtstuhl, erfüllt von Schatten und religiösem Geheimnis, wo er schwelgte, indem er die verschleierten Geflüster, die bebenden Geständnisse einsog, die den Briefschaften entströmten. Der Buchhändler betrieb übrigens dieses Geschäft mit vollendeter Schamlosigkeit. Die Krise, die das Land durchmachte, sicherte ihm Straflosigkeit. Wenn einzelne Briefe zu spät kamen, andere in Verlust gerieten, so war es die Schuld dieser republikanischen Räuber, die den Verkehr unsicher machten. Das Schließen der Stadttore hatte ihn einen Augenblick geärgert; allein er hatte sich mit Roudier dahin verständigt, daß die Post eingelassen und mit Umgehung des Bürgermeisteramtes direkt zu ihm gebracht wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Wahrheit hatte er nur einige Briefe entsiegelt, und zwar die guten, d. h. die, welche seine Küsterwitterung ihm als solche bezeichnete, deren Inhalt vor allen anderen Leuten zu erfahren von Nutzen sein könne. Er hatte sich dann damit begnügt, bis zu späterer Verteilung die Briefe in einem Schubfache zurückzubehalten, welche die Leute beunruhigen und ihm das Verdienst rauben könnten, Mut zu haben, während die ganze Stadt zitterte. Dieser fromme Herr hatte mit dem Eintritt in die Postverwaltung die Lage in seltsamer Weise erfaßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Madame Rougon eintrat, traf er eben seine Auswahl&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
in einem großen Haufen von Briefen und Zeitungen, ohne Zweifel unter dem Vorwande, sie ordnen und einteilen zu wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er erhob sich mit seinem untertänigen Lächeln und schob einen Sessel näher; seine geröteten Augenlider zuckten in beängstigender Weise. Allein Felicité setzte sich nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich will den Brief haben! sprach sie in schroffem Tone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vuillet riß die Augen auf und spielte den Unschuldigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welchen Brief, liebe Frau? fragte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Brief, den Sie heute morgen für meinen Mann erhalten haben ... Rasch, rasch, Herr Vuillet, ich habe Eile.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und da er stammelte, daß er nichts wisse, nichts gesehen habe und daß die ganze Sache sehr verwunderlich sei, fuhr Felicité mit leiser Drohung in der Stimme fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Brief aus Paris, von meinem Sohne Eugen; Sie wissen wohl, was ich sagen will, nicht wahr? Ich werde selbst suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie machte Miene, die verschiedenen Bündel zu ergreifen, die auf dem Pulte lagen. Da beeilte er sich und sagte, er wolle nachsehen; der Dienst sei jetzt notgedrungen so schlecht versehen und es sei immerhin möglich, daß ein Brief da sei. In diesem Falle werde man ihn schon finden. Er selbst schwor, keinen Brief gesehen zu haben. Indem er so sprach, machte er die Runde im Arbeitszimmer und durchstöberte alle Papiere. Dann öffnete er alle Schubfächer und Kasten. Felicité wartete ruhig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meiner Treu, Sie haben recht, da ist ein Brief für Sie, rief er endlich, indem er einige Papiere aus einem Kasten hervorzog. Diese vertrackten Beamten benutzen die Lage, um alles verkehrt zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité nahm den Brief und prüfte aufmerksam das Siegel, völlig unbekümmert darum, daß dieser Vorgang für Vuillet verletzend sein müsse. Sie sah deutlich, daß der Umschlag&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
geöffnet war; der Buchhändler, in diesem Geschäfte noch ungeschickt, hatte ein dunkleres Wachs genommen, um den Brief wieder zu versiegeln. Sie schnitt den Umschlag an der Seite auf, um das Siegel unberührt zu lassen, das bei Gelegenheit als Beweismittel dienen konnte. Eugen kündete in wenigen Worten den vollständigen Erfolg des Staatsstreiches an; er stimmte einen Siegesgesang an, Paris war bezwungen, die Provinz rührte sich nicht, und er riet seinen Eltern eine feste Haltung angesichts der teilweisen Erhebung im Süden an. Zum Schlusse sagte er ihnen, ihr Glück sei begründet, wenn sie nicht wankten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Rougon schob den Brief in ihre Tasche und setzte sich langsam, wobei sie Vuillet ins Gesicht schaute. Dieser hatte, als sei er sehr beschäftigt, sich fieberhaft wieder an das Aussuchen gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hören Sie mich an, Herr Vuillet, sagte sie ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als jener die Ohren spitzte, fuhr sie fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen offen miteinander reden. Sie tun unrecht, daß Sie Verrat treiben; es könnte Ihnen ein Unglück zustoßen. Wenn Sie, anstatt Briefe zu erbrechen ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da fuhr er auf und tat beleidigt; doch sie fuhr in ruhigem Tone fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß; ich kenne Ihre Schule, Sie werden niemals gestehen. Nur keine überflüssigen Worte ... Welches Interesse können Sie daran haben, dem Staatsstreiche zu dienen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da er noch immer von seiner vollkommenen Ehrenhaftigkeit sprach, verlor sie schließlich die Geduld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Halten Sie mich denn für albern? rief sie. Ich habe Ihren Artikel gelesen ... Sie täten besser, sich mit uns zu verständigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne etwas zu gestehen, sagte er jetzt rundheraus, daß er die Kundschaft des Kollegiums haben wolle. Ehemals hatte er der Anstalt klassische Bücher geliefert. Aber man&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hatte in Erfahrung gebracht, daß er im geheimen den Schülern Schmutzliteratur in solcher Menge verkaufte, daß die Pulte mit gemeinen Büchern und Bildern vollgestopft waren. Bei dieser Gelegenheit war er nahe daran, vor der Zuchtpolizei zu erscheinen. Seither war es der ewige Gegenstand seiner neidischen Träume, das Wohlwollen der Verwaltung des Kollegiums zu erlangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité schien erstaunt über die Bescheidenheit seines Ehrgeizes; ja, sie gab es ihm sogar zu verstehen. Briefe erbrechen, das Bagno riskieren, um einige Wörterbücher verkaufen zu dürfen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, sagte er mit herber Stimme, es handelt sich um einen gesicherten Absatz von vier- bis fünftausend Franken jährlich. Ich träume nichts Unmögliches wie gewisse Leute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie tat, als überhöre sie das Wort. Von den erbrochenen Briefen war nicht mehr die Rede. Sie schlossen ein Bündnis, kraft dessen Vuillet sich verpflichtete, keine Nachricht in Umlauf zu bringen und sich nicht in den Vordergrund zu drängen unter der Bedingung, daß die Rougon ihm die Kundschaft des Kollegiums verschaffen würden. Als sie ihn verließ, riet ihm Felicité, sich nicht weiter zu kompromittieren. Es genüge, daß er die Briefe behalte und erst am zweitnächsten Tage austeilen lasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch ein Gauner! murmelte sie auf der Straße, ohne zu bedenken, daß sie selbst soeben den Postbeutel in Beschlag genommen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit langsamen Schritten und nachdenklich kehrte sie heim. Sie machte sogar einen Umweg, ging über die Promenade Sauvaire, wie um länger und bequemer nachdenken zu können. Unter den Bäumen der Wandelbahn begegnete sie dem Herrn von Carnavant, der die Nacht dazu benutzte, in der Stadt herumzuspüren, ohne sich zu kompromittieren. Die Geistlichkeit von Plassans, der jede Tätigkeit&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
widerstrebte, beobachtete seit der Kunde vom Staatsstreiche die vollkommenste Neutralität. Für sie war das Kaiserreich eine vollendete Tatsache, und sie harrte nur der Stunde, um in einer neuen Richtung ihre hundertjährigen Ränke wiederaufzunehmen. Der Marquis, fortan ein überflüssiger Agent, war nur mehr von einer Neugierde geplagt: zu erfahren, wie der Trubel enden und wie die Rougon ihre Rolle zu Ende führen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist du es Kleine? sprach er, als er Felicité erkannte. Ich wollte dich besuchen. Deine Angelegenheiten verwirren sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, alles geht gut, erwiderte sie nachdenklich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um so besser. Du wirst mir die Sache erzählen. Ach, ich muß es dir beichten: ich habe die vorige Nacht deinem Gatten und seinen Genossen eine wahnsinnige Furcht eingejagt. Wenn du gesehen hättest, wie drollig sie waren auf der Terrasse, während ich sie in jedem Baumdickicht des Tales eine Bande Aufständische sehen ließ! ... Du vergibst es mir, nicht wahr?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich danke Ihnen, erwiderte Felicité lebhaft. Sie hätten sie vor Angst sterben lassen sollen. Mein Mann ist ein plumper Schlaumeier. Kommen Sie doch nächstens an einem Vormittag, wenn ich allein bin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie eilte davon und ging mit raschen Schritten dahin, als habe die Begegnung mit dem Marquis sie zu einer Entscheidung gedrängt. Ihre ganze kleine Person drückte einen unerbittlich festen Willen aus. Endlich wird sie sich rächen wegen Peters Geheimtuerei, endlich wird sie ihn unterkriegen und für immer ihre Herrschaft im Hause sichern. Es war dies eine notwendige kleine Szene, eine Komödie, deren tiefen Spott sie im voraus genoß und deren Plan sie mit dem Scharfsinn einer verletzten Frau zeitigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fand Peter zu Bette, in tiefem Schlafe; sie brachte einen Augenblick eine Kerze herbei und betrachtete&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mitleidig sein schwerfälliges Gesicht, über das von Zeit zu Zeit ein leichtes Zittern flog: dann setzte sie sich an das Kopfende des Bettes, legte die Haube ab, löste ihr Haar und begann mit verzweifelter Miene bitterlich zu schluchzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist&#039;s? Warum weinst du? fragte Peter, der plötzlich erwachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie antwortete nicht und weinte nur noch heftiger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So antworte doch um Gottes willen! fuhr ihr Mann fort, den diese stumme Verzweiflung entsetzte. Wo warst du? Hast du die Aufständischen gesehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie verneinte stumm; dann flüsterte sie mit erstickter Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme aus dem Hotel Valqueyras; ich wollte Herrn von Carnavant zu Rate ziehen. Ach, mein armer Mann, alles ist verloren!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter setzte sich ganz blaß im Bette auf. Sein Stierhals, den sein offenes Hemd sehen ließ, sein schlaffes Fleisch war von der Angst aufgedunsen. Bleich und jämmerlich hockte er da in dem zerwühlten Bette wie eine chinesische Götzenfigur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Marquis glaubt, Prinz Louis Napoleon sei unterlegen, fuhr Felicité fort. Wir sind zugrunde gerichtet, wir bekommen niemals einen Sou!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da geriet Peter in Zorn, wie es bei Feiglingen zuweilen vorkommt. Es sei die Schuld des Marquis, die Schuld seines Weibes, die Schuld seiner ganzen Familie. Habe er an Politik gedacht, als Herr von Carnavant und Felicité ihn in diese Dinge hineindrängten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wasche mir die Hände, rief er. Ihr beide habt die Dummheit gemacht. Ist es nicht vernünftiger, in aller Ruhe seine kleine Rente zu verzehren? Du hast immer herrschen wollen. Nun siehst du, wohin es uns geführt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verlor den Kopf; er vergaß, daß er sich ebenso&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
habgierig gezeigt hatte wie sein Weib. Er empfand nur das unbändige Verlangen, sich selbst zu erleichtern, indem er die anderen wegen seiner Niederlage beschuldigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konnten wir denn mit Kindern wie den unserigen überhaupt Erfolge haben? Eugen läßt uns im entscheidenden Augenblick im Stich; Aristide hat uns in den Schmutz gezogen und selbst der alte Einfaltspinsel Pascal kompromittiert uns, indem er als großer Menschenfreund hinter den Aufständischen einherzieht ... Und wenn man bedenkt, daß wir uns zugrunde gerichtet haben, um sie ihre Studien machen zu lassen! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seiner Erbitterung gebrauchte er Worte, wie er sie früher nie gesprochen. Als Felicité ihn Atem schöpfen sah, bemerkte sie sanft:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du vergißt Macquart.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach ja, den vergaß ich, fuhr er noch heftiger fort. Auch einer, an den ich nur denken muß, um außer mir zu geraten! ... Doch das ist nicht alles. Der kleine Silvère ... Du weißt ja ... Ich sah ihn neulich abends bei meiner Mutter mit blutbedeckten Händen... Er hat einem Gendarm ein Auge ausgeschlagen. Ich habe es dir noch nicht erzählt, um dich nicht zu erschrecken. Ich sehe schon den Tag, an dem einer meiner Neffen vor dem Strafgerichte stehen wird ... Macquart ist uns dermaßen im Wege, daß ich neulich, als ich meine Flinte hatte, Lust verspürte, ihm den Schädel zu zerschmettern ... Jawohl, das habe ich tun wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité ließ diese Redeflut vorübergehen. Sie hatte die Vorwürfe ihres Gatten mit engelgleicher Geduld aufgenommen, das Haupt gesenkt wie eine Sünderin, was ihr ermöglichte, im stillen zu jubilieren. Durch ihre Haltung trieb sie Peter zum äußersten. Als dem armen Manne die Stimme versagte, seufzte sie schwer und heuchelte tiefe Reue. Dann wiederholte sie mit trostloser Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Gott! Was werden wir anfangen? ... was werden wir anfangen? ... Die Schulden erdrücken uns ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist deine Schuld! schrie Peter mit dem letzten Aufgebote seiner Kräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat hatten die Rougon auf allen Seiten Schulden. Die Hoffnung auf den nahen Erfolg hatte sie alle Vorsicht vergessen lassen. Seit Beginn des Jahres 1851 waren sie so weit gegangen, den Gästen des gelben Salons allabendlich Fruchtsaft, Punsch und kleinen Kuchen vorzusetzen, förmliche Mahlzeiten, bei denen man auf den baldigen Untergang der Republik anstieß. Überdies hatte Peter den vierten Teil seines Vermögens der Reaktion zur Verfügung gestellt um zum Ankauf von Gewehren und Schießbedarf beizutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Rechnung des Pastetenbäckers beträgt mindestens tausend Franken, fuhr Felicité in ihrem süßlichen Tone fort; der Likörhändler hat vielleicht das Doppelte zu fordern. Dann kommt der Metzger, der Bäcker, der Obsthändler ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter glaubte vergehen zu müssen; da versetzte Felicité ihm den letzten Streich, indem sie hinzufügte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich spreche gar nicht von jenen zehntausend Franken, die du für die Waffen hingegeben hast.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich? ... ich? ... stammelte er. Man hat mich betrogen, man hat mich bestohlen. Der Tölpel Sicardot hat mich in die Patsche gebracht, indem er mir schwor, daß die Napoleons Sieger bleiben werden. Ich glaubte nur einen Vorschuß zu geben ... Doch der alte Esel muß mir mein Geld zurückgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, man gibt dir gar nichts zurück, sprach seine Frau, mit den Achseln zuckend. Wir werden das Kriegsgeschick zu tragen haben. Wenn wir alles bezahlt haben, bleibt uns nicht so viel übrig, daß wir Brot essen können. Ach, es ist ein sauberer Feldzug! Wir müssen künftig in einer Hütte des alten Stadtviertels hausen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser letztere Satz klang unheilvoll; er war das Totengeläute ihres Daseins. Peter sah schon die erbärmliche Hütte im alten Stadtviertel, von der seine Frau sprach. Dort also sollte er auf einem ärmlichen Strohsack enden, nachdem er sein Leben lang nach reichlichen und leichten Genüssen gestrebt! Er sollte vergebens seine Mutter bestohlen, sich in die schmutzigsten Ränke eingemengt, jahrelang gelogen haben! Das Kaiserreich sollte seine Schulden nicht bezahlen, dieses Kaiserreich, das allein ihn von dem Ruin retten konnte. Er sprang aus dem Bette, im Hemde wie er war, und schrie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich werde ein Gewehr ergreifen; es ist mir lieber, daß die Aufständischen mich töten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das kannst du morgen oder übermorgen tun, entgegnete Felicité mit großer Ruhe; denn die Aufständischen sind nicht fern. Es ist ein Mittel wie ein anderes, um ein Ende zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter war erstarrt. Ihm war, als gieße man plötzlich einen großen Kübel kalten Wassers ihm über die Schultern. Langsam ging er wieder zu Bette und als er sich in den warmen Bettüchern befand, begann er zu weinen. Dieser dicke, schwerfällige Mensch brach leicht in Tränen aus, in sanfte, unversiegbare Tränen, die ohne Anstrengung aus seinen Augen flossen. Es vollzog sich in ihm eine verhängnisvolle Reaktion. Sein Groll stürzte ihn in eine Entmutigung, in ein kindisches Wehklagen. Felicité, dieser Krise gewärtig, frohlockte innerlich, als sie ihn so weich, so hohl, so platt sah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie bewahrte ihre stumme Haltung, ihre verzweiflungsvolle Ergebung. Diese Ergebenheit, der Anblick dieses in seinem stummen Schmerze versunkenen Weibes trieb den in Tränen aufgelösten Peter zum äußersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber so sprich doch! flehte er; laß uns zusammen einen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausweg suchen. Gibt es denn wirklich keinen Rettungsanker?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein es gibt keinen, du weißt es wohl, entgegnete sie; du selbst hast ja die Lage soeben geschildert. Wir haben von niemandem Hilfe zu erwarten. Unsere Kinder selbst haben uns betrogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun, was dann? ... Wollen wir noch diese Nacht Plassans verlassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fliehen? Aber mein armer Freund! Morgen wären wir in aller Leute Munde ... Hast du schon vergessen, daß du die Stadttore schließen ließest?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter wand und krümmte sich und spannte seine Einbildungskraft ganz außerordentlich an; dann murmelte er, wie besiegt, in flehendem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bitte dich, finde einen Gedanken; du hast noch nichts gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité erhob das Haupt und tat sehr überrascht; dann erwiderte sie mit einer Gebärde vollständigen Unvermögens:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin in diesen Dingen eine Törin; ich verstehe nichts von Politik. Du hast es mir oft genug gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ihr Mann verlegen und gesenkten Blickes schwieg, fuhr sie langsam, jeden Ton des Vorwurfs vermeidend, fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast mich in deinen Geschäften nicht auf dem laufenden erhalten; ich weiß nichts, ich kann dir nicht einmal einen Rat geben. Du hast übrigens recht gehandelt; die Frauen sind zuweilen geschwätzig, und es ist weit besser, wenn die Männer allein das Steuer handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sagte dies mit einem so feinen Spott, daß ihr Mann den Stachel nicht herausfühlte. Er empfand nur schwere Gewissensbisse. Und jetzt beichtete er plötzlich. Er sprach von Eugens Briefen, erläuterte ihr seine Pläne und sein Verhalten mit der Redseligkeit eines Menschen, der sich vor seinem Beichtiger befindet und nach einem Retter fleht. Jeden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Augenblick unterbrach er sich, um sie zu fragen: »Was würdest du an meiner Stelle getan haben?« oder er rief aus: »Nicht wahr, ich hatte recht? Ich konnte nicht anders handeln.« Felicité blieb unempfindlich und ließ sich nicht einmal zu einem Kopfnicken herbei. Sie hörte mit der strengen Schroffheit eines Richters zu. Im Grunde fühlte sie sich überglücklich; endlich hatte sie ihn in ihrer Gewalt, diesen plumpen Schlaumeier; sie spielte mit ihm wie eine Katze mit einer papiernen Kugel und er streckte ihr die Hände hin, damit sie ihm Fesseln anlege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch warte, sagte er, lebhaft aus dem Bette springend, ich will dich die Briefe Eugens lesen lassen. Du wirst dann die Lage besser beurteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergebens versuchte sie, an einem Zipfel seines Hemdes ihn festzuhalten. Er breitete die Briefe auf dem Nachtkästchen aus, legte sich wieder ins Bett, las ganze Seiten und nötigte sie gleichfalls, mehrere zu lesen. Sie hielt ein Lächeln zurück und fühlte allgemach Mitleid mit dem armen Manne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun, sagte er ängstlich, nachdem er zu Ende gelesen, jetzt weißt du alles; siehst du jetzt keine Möglichkeit, uns vor dem Ruin zu retten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie antwortete noch immer nicht. Sie schien tief nachzudenken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist eine kluge Frau, fuhr er fort, um ihr zu schmeicheln; ich tat unrecht, die Sache vor dir geheim zu halten, ich erkenne es jetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reden wir nicht davon, erwiderte sie ... Wenn du viel Mut hättest ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da er sie mit gieriger Miene anblickte, unterbrach sie sich und sagte mit einem Lächeln:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber du versprichst mir, kein Mißtrauen mehr gegen mich zu haben. Du sagst mir alles und tust nichts, ohne mich zu fragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schwur und unterwarf sich den härtesten Bedingungen. Jetzt ging auch Felicité zu Bette; ihr war kalt, darum streckte sie sich an seiner Seite aus; mit leiser Stimme, als hätte man sie hören können, erläuterte sie ihm ausführlich ihren Feldzugsplan. Sie meinte, der Schrecken müsse heftiger durch die Stadt fahren und Peter müsse unter den bestürzten Bewohnern die Haltung eines Helden bewahren. Eine Ahnung sagte ihr, daß die Aufständischen noch fern seien. Übrigens werde früher oder später die Ordnungspartei den Sieg davon tragen und dann werden die Rougon belohnt. Nach der Rolle der Retter sei die Rolle der Märtyrer nicht zu verachten. Sie betrieb ihre Sache so geschickt, sie sprach mit so viel Überzeugung, daß ihr Gatte, anfänglich überrascht von der Einfachheit ihres Planes, der darin bestand, seinen Mut einzusetzen, schließlich ein wunderbares Geschick darin erblickte und versprach, sich dem Plane zu unterwerfen und allen möglichen Mut zu zeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und vergiß nicht, daß ich dich rette, flüsterte die Alte mit ihrer Schmeichelstimme. Du erweist dich dankbar?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie küßten sich und sagten einander »Gute Nacht!« Neue Hoffnung blühte den beiden Alten, die von der Habgier verzehrt wurden. Doch keiner von beiden konnte einschlafen. Peter blickte starr nach dem Lichtkreise, den die Nachtlampe auf die Decke warf und hing seinen Gedanken nach. Endlich wandte er sich um und teilte mit leiser Stimme seiner Frau einen Gedanken mit, der ihm durch den Kopf gegangen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, nein, murmelte Felicité mit einem Frösteln. Das wäre zu grausam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du willst ja, daß die Bewohner der Stadt erschreckt werden! ... Wenn das, was ich dir sage, geschehe, würde man mich ernst nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte er, gleichsam zur Vervollständigung seines Planes, hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man könnte Macquart dazu benützen ... Das wäre ein Mittel, sich seiner zu entledigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité wurde von diesem Gedanken gebannt. Sie sann nach, zögerte und sagte endlich mit stockender Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast vielleicht recht. Wir wollen sehen... Schließlich wäre es dumm von uns, Gewissensbisse zu haben; es handelt sich für uns um Leben und Tod ... Laß mich nur machen; ich werde morgen Macquart aufsuchen und will sehen, ob man sich mit ihm verständigen kann. Du würdest mit ihm in Streit geraten und alles verderben. Gute Nacht! Schlafe wohl, mein armer, guter Mann! Sei ruhig, unsere Not soll ein Ende haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie küßten sich noch einmal und schliefen dann ein. Der Lichtkreis an der Decke glich einem entsetzten Auge, das lange Zeit den Schlaf dieses bleichen, spießbürgerlichen Ehepaares beobachtet, das in seinem Bette über Verbrechen nachsann und in seinen Träumen einen Blutregen niedergehen sah, dessen Tropfen sich am Boden in Goldstücke verwandelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am anderen Morgen, vor Tagesanbruch, begab sich Felicité nach dem Bürgermeisteramte, ausgerüstet mit den Weisungen Peters, um zu Macquart zu gelangen. Sie brachte in einem Tafeltuche die Nationalgardistenuniform ihres Gatten mit. Übrigens sah sie nur einige Leute, die auf ihren Posten schliefen. Der Pförtner, der den Auftrag hatte, den Gefangenen die Nahrung zu bringen, ging hinauf, um ihr das zu einer Zelle umgewandelte Ankleidezimmer zu öffnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart war dort seit zwei Tagen und zwei Nächten eingeschlossen. Er hatte Muße gehabt, seinen Gedanken nachzuhängen. Nachdem er sich ausgeschlafen, galten die ersten Stunden dem Zorne, der ohnmächtigen Wut. Bei&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dem Gedanken, daß sein Bruder sich in dem Nebenraume befinde, überkam ihn eine Anwandlung, die Türe einzurennen. Er nahm sich vor, ihn mit eigenen Händen zu erwürgen, wenn die Aufständischen kommen würden, ihn zu befreien. Doch als es am Abend zu dunkeln begann, ward er ruhiger und hörte auf, mit wütenden Schritten das Zimmer zu messen. Er sog einen milden Geruch von Behagen ein, der seine Nerven besänftigte. Herr Garçonnet, der sehr reich war und auf sein Äußeres viele Sorgfalt verwendete, hatte diesen Raum in einer sehr eleganten Weise einrichten lassen. Das Sofa war weich und warm; wohlriechende Parfüms, Salben und Seifen zierten die Marmorplatte des Waschtisches, und das matte Tageslicht fiel mit wollüstiger Weiche von der Decke herab gleich dem Schein einer Ampel in einem Schlafzimmer. In dieser scharf duftenden, faden und dumpfen Luft, wie sie in den Ankleidezimmern zu finden ist, schlief Macquart ein, indem er sich dachte, daß diese verrückten Reichen »denn doch ein feines Leben führen«. Er hatte sich mit einer Bettdecke zugedeckt, die man ihm gegeben hatte. Bis zum Morgen wälzte er sich auf dem Sofa herum, Kopf, Rücken und Arme auf die Polster stützend. Als er die Augen öffnete, fiel ein dünner Sonnenstrahl durch den Spalt der Fensterläden herein. Er verließ das behagliche warme Sofa nicht und gab sich seinen Gedanken hin, während er das Zimmer musterte. Er sagte sich, daß er niemals einen so herrlichen Ort besitzen werde, um sich zu waschen. Der Waschtisch interessierte ihn ganz besonders; es sei leicht, sich sauber zu halten, meinte er, wenn man so viel Töpfchen und Fläschchen zur Verfügung habe. Dies führte ihn zu bitteren Gedanken über sein verfehltes Leben. Er dachte sich, daß er vielleicht einen falschen Weg eingeschlagen; bei dem Umgang mit dem Bettelvolke sei nichts zu gewinnen; er habe nicht bösartig sein und sich mit den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon verständigen sollen. Dann wies er diesen Gedanken wieder von sich. Die Rougon seien Bösewichte, die ihn bestohlen hatten. Allein, in der behaglichen Wärme des Sofas ward er doch wieder sanfter, und abermals hatte er eine Regung von Reue. Schließlich sei er von den Aufständischen doch verlassen; sie ließen sich schlagen, die erbärmlichen Tröpfe. Er kam zu dem Schlusse, daß die Republik nichts als Betrug sei. Diese Rougon haben Glück. Und er erinnerte sich seiner nutzlosen Bosheiten, seines verbissenen Kampfes; niemand in der Familie habe ihn unterstützt, weder Aristide, noch Silvères Bruder, noch Silvère selbst, der ein Narr war, daß er sich für die Republikaner begeisterte; er werde niemals zu etwas kommen. Seine Frau war jetzt tot, seine Kinder hatten ihn verlassen, einsam wird er sterben, in einem Winkel ohne Sou wie ein Hund. Entschieden hätte er sich der Reaktion verkaufen sollen. Unter solchen Gedanken schielte er nach dem Waschtische, von starker Begierde erfaßt, sich die Hände mit einem gewissen Seifenpulver zu waschen, das in einer Büchse von Kristall enthalten war. Wie alle Taugenichtse, die sich von Frau und Kinder aushalten lassen, hatte Macquart gewisse Haarkünstlergelüste. Obgleich er geflickte Hosen trug, liebte er es, sich mit duftigen Ölen zu salben. Ganze Stunden brachte er bei seinem Barbier zu, bei dem von Politik gesprochen wurde und der zwischen einer Kannegießerei und der anderen ihm den Kopf zurecht machte. Die Versuchung wurde zu stark; Macquart begab sich zu dem Waschtische. Er wusch sich Hände und Gesicht; er kämmte und parfümierte sich, machte vollständige Toilette. Er benützte alle Fläschchen, alle Seifen, alle Pulver. Sein größter Genuß aber war, sich mit den Tüchern des Bürgermeisters abzutrocknen; sie waren geschmeidig und dicht. Er bettete sein feuchtes Gesicht hinein und sog da alle Düfte des Reichtums ein. Als er gewaschen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und gesalbt war, als er duftete vom Kopfe bis zu den Füßen, streckte er sich wieder auf dem Sofa aus, verjüngt und zur Versöhnlichkeit neigend. Seitdem er die Nase in die Flaschen des Herrn Garconnet gesteckt, fühlte er noch mehr Verachtung gegen die Republik. Er kam auf den Gedanken, daß es vielleicht noch Zeit sei, mit seinem Bruder Frieden zu machen. Er erwog, welchen Preis er für einen Verrat fordern könne. Die Erbitterung gegen die Rougon nagte ihm noch immer am Herzen; aber er war in einer jener Stimmungen, wo man, in stiller Einsamkeit auf dem Rücken liegend, geneigt ist, sich harte Wahrheiten zu sagen, und wo man sich Vorwürfe darüber macht, daß man nicht – selbst mit Aufopferung seiner teuersten Vergeltungsgelüste – sich ein warmes Nest gebaut habe, um sich, feig an Leib und Seele, behaglich darin auszustrecken. Gegen Abend entschloß sich Antoine, am nächsten Tage seinen Bruder rufen zu lassen. Als er aber am folgenden Tage Felicité eintreten sah, begriff er, daß man seiner bedürfe, und war auf seiner Hut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterhandlung währte lange und ward von beiden Seiten mit vieler Schlauheit und zahllosen Kniffen geführt. Zuerst tauschten sie unbestimmte Klagen aus. Felicité war überrascht, Antoine fast höflich zu finden nach der rohen Szene, die er ihr am Sonntag abend gemacht hatte, und darum sprach sie in einem Tone sanften Vorwurfes zu ihm. Sie beklagte die Gehässigkeiten, die die Familien entzweiten. Aber er habe seinen Bruder verleumdet und verfolgt mit einer Verbissenheit, die Rougon außer sich gebracht habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, mein Bruder hat sich gegen mich niemals als Bruder betragen, erwiderte Macquart mit verhaltener Heftigkeit. Ist er mir zu Hilfe gekommen? Seinethalben hätte ich in meiner Höhle zugrunde gehen können. Als er sich besser benahm, zurzeit, da er mir zweihundert Franken gab, konnte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mir niemand vorwerfen, daß ich ihm Übles nachgesagt hätte. Ich wiederholte überall, er habe ein gutes Herz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies bedeutete klar:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ihr fortgefahren wäret, mich mit Geld zu versorgen, wäre ich euch ergeben gewesen und würde euch geholfen haben, anstatt euch zu bekämpfen. Es ist eure Schuld. Ihr hättet mich erkaufen sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité begriff dies so gut, daß sie erwiderte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß, Sie haben uns der Hartherzigkeit angeklagt, weil man glaubt, wir seien wohlhabend. Aber man irrt, lieber Bruder: wir sind arme Leute; wir haben niemals so an Ihnen handeln können, wie unser Herz es gewünscht hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es sein müßte, unter ernsten Umständen könnten wir ein Opfer bringen; aber wahrhaftig, wir sind so arm, so arm! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart spitzte die Ohren. Ich halte sie fest – dachte er. Er tat, als habe er das verhüllte Anerbieten seiner Schwägerin überhört und verbreitete sich in klagendem Tone über sein Elend, erzählte von dem Tode seiner Frau, von der Flucht seiner Kinder. Felicité ihrerseits sprach von der Krise, die das Land durchmache. Sie behauptete, die Republik habe sie vollends zugrunde gerichtet. Allmählich kam sie so weit, eine Zeit zu verwünschen, die den Bruder zwinge den Bruder gefangen zu halten. Das Herz werde ihnen bluten, wenn die Justiz ihre Beute nicht herausgeben wolle! Und sie ließ das Wort »Galeeren« fallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laßt es nur darauf ankommen, sagte Macquart ruhig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch sie entgegnete energisch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit meinem Blute möchte ich lieber die Ehre der Familie erkaufen. Ich spreche mit Ihnen nur, um Ihnen zu zeigen, daß wir Sie nicht verlassen werden ... Ich komme, um Ihnen die Mittel zur Flucht zu bieten, mein lieber Antoine.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie schauten einander eine Sekunde in die Augen, um sich gegenseitig mit den Blicken zu prüfen, ehe sie den Kampf aufnahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Bedingung? fragte er endlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne jede Bedingung, erwiderte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie setzte sich zu ihm auf das Sofa und fuhr mit entschlossener Stimme fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, wenn Sie vor Überschreiten der Grenze noch einen Tausendfrankenschein erwerben wollen, kann ich Ihnen auch dazu verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neues Stillschweigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es ein sauberes Geschäft ist, murmelte Antoine nachdenklich, warum nicht? ... Aber in eure Machenschaften mag ich mich nicht einmengen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da gibt es keinerlei Machenschaften, fuhr Felicité fort, indem sie die Skrupel des alten Gauners belächelte. Nichts ist einfacher: Sie verlassen sogleich dieses Zimmer, verstecken sich bei ihrer Mutter, versammeln heute abend Ihre Anhänger und nehmen das Rathaus wieder ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart konnte seine große Überraschung nicht unterdrücken. Er begriff die Sache nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich dachte, ihr wäret die Sieger, bemerkte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe keine Zeit, Ihnen jetzt alles zu erzählen, erwiderte die Alte ungeduldig. Nehmen Sie an, oder nehmen Sie nicht an?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich nehme nicht an ... Ich will mir die Sache überlegen. Es wäre doch sehr dumm von mir, für tausend Franken vielleicht ein Vermögen auf das Spiel zu setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité erhob sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Sie wollen, mein Lieber, sprach sie kühl. Sie übersehen wirklich nicht das Gefährliche Ihrer Lage. Sie sind zu mir gekommen und haben mich eine alte Gaunerin genannt; jetzt, da ich so gutmütig bin, Ihnen die Hand zu reichen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
um Ihnen aus der Grube zu helfen, in die Sie törichterweise gestürzt sind, machen Sie Umstände und wollen nicht gerettet werden. Gut, bleiben Sie da und warten Sie, bis die Behörden zurückkehren. Ich wasche meine Hände.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie stand schon an der Türe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber geben Sie mir doch einige Aufklärungen, bat er. Ich kann doch in Unkenntnis der Dinge keinen Handel mit Ihnen abschließen. Ich weiß nicht, was seit zwei Tagen geschehen ist. Kann ich wissen, ob Sie mich nicht betrügen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind ein Einfaltspinsel, sagte Felicité, die dieser Herzensschrei Antoines bewog, von der Schwelle zurückzukommen. Sie taten sehr unrecht, sich nicht blindlings auf unsere Seite zu stellen. Tausend Franken sind eine schöne Summe und man wagt sie nur für eine gewonnene Sache. Ich rate Ihnen, sie anzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zögerte noch immer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir erscheinen, um von dem Rathause Besitz zu ergreifen, wird man uns ruhig einziehen lassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das weiß ich nicht, erwiderte sie mit einem Lächeln. Es wird vielleicht Flintenschüsse geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er blickte sie fest an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, sagen Sie doch, Mütterchen, fuhr er mit rauher Stimme fort, haben Sie etwa die Absicht, mir eine Kugel in den Kopf senden zu lassen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité errötete. Sie dachte in der Tat eben daran, daß eine Kugel, die beim Angriff auf das Rathaus sie von Antoine befreien würde, ihnen einen großen Dienst erweisen würde. Die tausend Franken wären gewonnen. Doch tat sie sehr gekränkt und erwiderte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welcher Einfall! ... Wahrhaftig, es ist unmenschlich, solche Gedanken zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte sie ruhiger hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen Sie an? ... Sie haben begriffen, nicht wahr?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart hatte vollkommen begriffen. Was man ihm vorschlug, war ein Hinterhalt. Er begriff die Beweggründe nicht, noch die Folgen, und dies bestimmte ihn zu feilschen. Nachdem er von der Republik wie von einer Geliebten gesprochen, die er zu seinem Leidwesen nicht mehr lieben könne, rückte er mit den Gefahren heraus, die er lief, und forderte schließlich zweitausend Franken. Allein Felicité blieb fest, und sie unterhandelten so lange, bis sie ihm versprochen hatte, daß er bei seiner Rückkehr nach Frankreich eine Stelle erhalten solle, die ihm nichts zu arbeiten gebe und ein schönes Einkommen sichere. Dann erst wurde der Handel abgeschlossen. Sie ließ ihn die mitgebrachte Nationalgardistenuniform anlegen. Er solle sich bei Tante Dide ruhig im Versteck halten und gegen Mitternacht alle Republikaner, die er finden werde, nach dem Marktplatze führen und ihnen versichern, daß das Rathaus verlassen sei und daß es genüge, die Türe zu öffnen, um sich seiner zu bemächtigen. Antoine verlangte Vorschuß und erhielt zweihundert Franken; die übrigen achthundert Franken verpflichtete sie sich am nächsten Tage zu bezahlen. Die Rougon setzten ihr letztes verfügbares Geld ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Felicité wieder hinabgegangen war, verweilte sie einen Augenblick auf dem Marktplatze, um Macquart weggehen zu sehen. Er kam, sich schneuzend, ruhig an dem Posten vorüber. Vor seinem Abgang hatte er in dem Arbeitszimmer des Oberbürgermeisters die Oberlichtscheibe zertrümmert, um glauben zu machen, daß er da hinausgeflüchtet sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist abgemacht, sagte Felicité ihrem Gatten, als sie heimgekehrt war. Um Mitternacht wird es geschehen ... Aber mich kümmert es nicht weiter; ich möchte sie alle erschossen sehen. Sie sind gestern in der Straße unbarmherzig genug mit uns umgesprungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du warst zu gutmütig, daß du noch zögertest; jedermann an unserer Stelle würde so handeln, erwiderte Peter, der sich eben rasierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Morgen – es war an einem Mittwoch – machte er ganz besonders sorgfältig Toilette. Seine Frau kämmte ihn und ordnete ihm die Halsbinde. Sie drehte ihn hin und her wie ein Kind, das sich zur Schulprüfung schmückt. Als er fertig war, betrachtete sie ihn und erklärte, daß er sehr gut aussehe und er eine sehr gute Figur machen werde inmitten der ernsten Ereignisse, die sich vorbereiteten. Sein breites, fahles Antlitz hatte in der Tat einen Ausdruck großer Würde und heldenhafter Entschlossenheit. Sie gab ihm das Geleite bis zum ersten Stockwerke und erteilte ihm dabei ihre letzten Ratschläge; er solle seine mutige Haltung bewahren, wie groß auch der Schrecken sein werde; die Stadttore müßten fester denn je geschlossen, die Bewohner innerhalb ihrer Wälle der Todesangst überlassen werden, und es wäre ausgezeichnet, wenn er als einziger dastände, der bereit ist, für die Sache der Ordnung zu sterben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch ein Tag! Die Rougon erzählen heute noch davon, wie von einer ruhmvollen Entscheidungsschlacht. Peter begab sich geradeswegs nach dem Rathause, unbekümmert um die Blicke und Worte, die er unterwegs auffing. Er richtete sich da häuslich ein wie einer, der entschlossen ist, nicht mehr vom Platze zu weichen. Er sandte bloß ein kurzes Schreiben an Roudier, um diesen zu benachrichtigen, daß er wieder an die Spitze der Macht trete. Da er wußte, daß diese wenigen Zeilen in die Öffentlichkeit gelangen würden, schrieb er: Wachen Sie an den Stadttoren; ich will im Innern der Stadt wachen, um Leben und Eigentum zu schützen. In dem Augenblicke, da die bösen Leidenschaften erwachen und überhand zu nehmen drohen, müssen die guten Bürger sie unterdrücken und selbst ihr Leben daran&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
wagen. Der Stil und die orthographischen Fehler verliehen diesem mit antiker Kürze abgefaßten Schreiben einen heldenmütigen Schwung. Kein einziges Mitglied der einstweiligen Kommission erschien. Die zwei letzten Getreuen und Granoux selbst blieben vorsichtigerweise zu Hause. Von dieser Kommission, deren Mitglieder sich in dem Maße verflüchtigten, in welchem der allgemeine Schrecken zunahm, blieb Rougon allein auf seinem Posten, auf seinem Präsidentenstuhl. Er ließ sich nicht herbei, eine Einberufung zu versenden. Er allein genügte. Er bot ein erhabenes Schauspiel, das ein Lokalblatt später mit den Worten kennzeichnete: Der Mut reichte der Pflicht die Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den ganzen Vormittag sah man Peter unablässig im Bürgermeisteramte kommen und gehen. Er war ganz allein in diesem großen, leeren Gebäude, dessen Säle von dem Geräusche seiner Schritte lange widerhallten. Übrigens waren alle Türen offen. Inmitten dieser Öde wandelte er wie ein von seinem Rate im Stiche gelassener Präsident einher mit einer von seinem Berufe dermaßen durchdrungenen Miene, daß der Pförtner, als er ihm einige Male auf den Gängen begegnete, ihn überrascht und respektvoll grüßte. Man konnte ihn hinter jedem Fenster sehen und trotz der großen Kälte erschien er wiederholt auf dem Balkon, mit Schriftenbündeln in der Hand wie ein vielbeschäftigter Mann, der wichtige Botschaften erwartet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Mittag durcheilte er die Stadt; er besichtigte die Posten, sprach von der Möglichkeit eines Angriffes, gab zu verstehen, daß die Aufständischen nicht fern seien; doch zähle er auf die Tapferkeit der Nationalgardisten, fügte er hinzu; wenn nötig, müßten sie für die gute Sache sterben bis zum letzten Mann. Als er von diesem Rundgang zurückkehrte, langsam, ernst, mit der Haltung eines Helden, der die Angelegenheiten seines Vaterlandes in Ordnung gebracht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hat und nunmehr dem Tode entgegensieht, konnte er auf seinem Wege eine wahrhafte Erstarrung sehen. Die Spaziergänger von der Promenade Sauvaire, die unverbesserlichen kleinen Rentiers, die keine Katastrophe hätte hindern können, zu gewohnter Stunde auf den Straßen Maulaffen feil zu haben, sahen mit verblüffter Miene ihn vorüberziehen, als kennten sie ihn nicht und als könnten sie nicht glauben, daß einer der Ihrigen, ein ehemaliger Ölhändler, den Mut habe, einer ganzen Armee Trotz zu bieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Stadt war die Angst auf ihrem Höhepunkte. Von einem Augenblick zum andern erwartete man die Bande der Aufständischen. Die Nachricht von der Flucht Macquarts wurde in einer schrecklichen Weise ausgelegt. Man behauptete, daß er durch seine Freunde, die »Roten«, befreit worden sei und daß er in irgendeinem Winkel die Nacht abwarte, um sich auf die Bewohner zu stürzen und die Stadt an allen vier Enden anzuzünden. Das eingeschlossene Plassans, das völlig den Kopf verloren und innerhalb seiner Mauern verging, wußte nicht mehr, was es erfinden solle, um Furcht zu haben. Angesichts der mutigen Haltung Rougons wurden die Republikaner von einem vorübergehenden Mißtrauen ergriffen. Die Neustadt, die Advokaten und Kaufleute im Ruhestande, die noch gestern gegen den gelben Salon losgegangen waren, waren dermaßen überrascht, daß sie es nicht wagten, einen Mann von solchem Mute offen zu bekämpfen. Sie begnügten sich zu sagen, daß es Wahnwitz sei, den siegreichen Aufständischen in dieser Weise Trotz zu bieten und dieser nutzlose Heldenmut das größte Unglück über Plassans bringen werde. Gegen drei Uhr entsandten sie eine Abordnung. Peter, der vor Begierde brannte, seinen Mitbürgern seinen Mut zu bekunden, hatte nicht gewagt, auf eine so schöne Gelegenheit zu hoffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er fand erhabene Worte. In dem Arbeitszimmer des&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bürgermeisters empfing der Präsident der einstweiligen Kommission die Abordnung der Neustadt. Die Herren huldigten seinem Patriotismus, baten ihn jedoch, an einen Widerstand nicht zu denken. Er aber sprach mit erhobener Stimme von der Pflicht, vom Vaterlande, von der Ordnung, der Freiheit und anderen erhabenen Dingen. Übrigens zwinge er niemanden, seinem Beispiele zu folgen; er tue ganz einfach, was sein Gewissen, sein Herz ihm gebiete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sehen, meine Herren, ich bin allein, schloß er seine Rede. Ich will die ganze Verantwortlichkeit tragen, damit kein anderer außer mir kompromittiert sei. Wenn ein Opfer nötig sei, biete ich mich freiwillig an; ich wünsche, mit meinem Leben das meiner Mitbürger erkaufen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Notar, der stärkste Kopf in der Gruppe, bemerkte, daß er dem sicheren Tode entgegengehe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß es und bin bereit, erwiderte er in ernstem Tone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herren schauten einander an. Dieses »Ich bin bereit« erfüllte sie mit Bewunderung. Fürwahr, dieser Mann war tapfer. Der Notar beschwor ihn, die Gendarmen an seine Seite zu nehmen; allein er erwiderte, das Blut dieser Soldaten sei kostbar, und er werde es nur im Falle der äußersten Not vergießen lassen. Langsam und in sehr bewegter Stimmung zog die Abordnung sich zurück. Eine Stunde später sah ganz Plassans in Rougon einen Helden; die Feigsten nannten ihn einen »alten Narren«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Abend sah Peter zu seinem nicht geringen Erstaunen Granoux herbeieilen. Der ehemalige Mandelhändler warf sich in seine Arme, nannte ihn »großer Mann!« und sagte, er wolle »mit ihm sterben«. Die Worte »Ich bin bereit«, welche seine Magd von der Obsthändlerin mit heimbrachte, hatten diese große Begeisterung in ihm hervorgerufen. Dieser scheue, plumpe Mensch hatte solche kindliche&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anwandlungen. Peter behielt ihn bei sich und dachte, die Sache habe weiter nichts zu bedeuten. Er war sogar gerührt von der Ergebenheit des armen Mannes und nahm sich vor, ihn öffentlich durch den Präfekten beloben zu lassen, worüber die anderen Spießbürger, die ihn so schmählich verlassen, vor Ärger bersten würden. Und jetzt erwarteten beide in dem verlassenen Rathause die Nacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur nämlichen Stunde ging Aristide zu Hause mit sehr unruhiger Miene hin und her. Vuillets Artikel hatte ihn überrascht. Die Haltung seines Vaters verblüffte ihn. Er hatte ihn an einem Fenster in schwarzem Rock und mit weißer Halsbinde gesehen, so ruhig bei der Annäherung der Gefahr, daß alle seine Gedanken in seinem armen Kopfe sich verwirrten. Die Aufständischen würden siegreich zurückkehren, dies war die Meinung der ganzen Stadt. Allein es tauchten Zweifel in ihm auf und er witterte irgendeinen schlimmen Streich. Da er nicht mehr wagte, sich bei seinen Eltern zu zeigen, hatte er seine Frau hingesandt. Als Angela zurückkehrte, sagte sie mit ihrer schleppenden Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deine Mutter erwartet dich; sie ist keineswegs erzürnt, aber es scheint, daß sie sich über dich lustig macht. Sie sagte mir wiederholt, du könntest deine Schärpe wieder in die Tasche stecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristide war arg verlegen. Übrigens eilte er nach dem Hause seiner Eltern, zu jeder Unterwerfung bereit. Seine Mutter begnügte sich, ihn mit einem verächtlichen Lachen zu empfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, mein armer Junge, sprach sie, als sie ihn sah, du bist wahrhaftig nicht sehr klug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man denn wissen, was geschieht ... in diesem Neste Plassans? rief er verdrossen. Ich werde ganz dumm, auf Ehre! Man hat keine Nachricht, und alle Welt zittert&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
vor Angst. Das kommt davon, wenn man innerhalb seiner Wälle eingeschlossen ist. Ach! hätte ich doch mit Eugen nach Paris gehen können! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er seine Mutter noch immer lachen sah, fügte er bitter hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du warst nicht gut zu mir, Mutter. Ich weiß so manche Dinge ... Mein Bruder hat euch von allen Vorgängen auf dem laufenden erhalten und niemals hast du mir einen Fingerzeig gegeben, der mir von Nutzen hätte sein können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du weißt das? rief Felicité ernst und mißtrauisch. Dann bist du freilich weniger dumm, als ich gedacht. Entsiegelst du vielleicht Briefe wie ein Herr, den ich kenne?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, aber ich horche an den Türen, erwiderte Aristide keck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Offenheit gefiel der alten Frau. Sie lächelte wieder und fragte in sanfterem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie kommt es dann, daß du dich nicht schon früher uns angeschlossen hast?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil ich wenig Vertrauen zu euch hatte, erwiderte der junge Mann verlegen. Ihr empfinget solche Dummköpfe wie meinen Schwiegervater, Granoux und andere ... Auch wollte ich mich nicht zu weit vorwagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er zögerte. Dann fuhr er mit unruhiger Stimme fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seid ihr heute wenigstens des Erfolges des Staatsstreiches sicher?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin seiner Sache sicher, erwiderte Felicité, durch die Zweifel ihres Sohnes verletzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du ließest mir doch sagen, ich möge die Schärpe ablegen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, weil die Herren sich über dich lustig machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aristide blieb nachdenklich stehen und schien die Zeichnung der Tapete sehr aufmerksam zu betrachten. Seine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mutter ward, als sie ihn in dieser unschlüssigen Haltung sah, von einer plötzlichen Unruhe ergriffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme doch zu meiner ersten Meinung zurück, sprach sie. Du bist nicht recht gescheit. Und da sollte man dich die Briefe Eugens lesen lassen. Unglücklicher! Mit deinem ewigen Schwanken würdest du alles verdorben haben. Du zauderst jetzt noch immer ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zaudere? unterbrach er seine Mutter mit einem kühlen, klaren Blick. Da kennst du mich schlecht. Ich würde die Stadt anzünden, wenn ich Lust hätte, mir die Füße zu wärmen. Aber begreife doch, daß ich keinen falschen Weg einschlagen will! Ich bin es müde, mein schweres Brot zu essen und will dem Glück ein Schnippchen schlagen. Ich werde nur sicher gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Worte hatte er mit einer solchen Erbitterung gesprochen, daß seine Mutter in diesem Heißhunger nach dem Erfolge die Stimme ihres Blutes erkannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dein Vater ist ein Mann von Mut, murmelte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ich habe es gesehen, entgegnete er höhnisch. Er macht eine gute Figur und erinnert an Leonidas in den Thermopylen. Hast du ihm diese Maske zurecht gemacht, Mutter?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fügte er heiter und mit einer entschlossenen Gebärde hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um so schlimmer! Ich bin Bonapartist ... Papa wird sich gewiß nicht dem Tode aussetzen, wenn die Sache nicht sehr einträglich ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast recht, sagte seine Mutter. Ich darf nicht reden, aber morgen wirst du mehr sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er drang nicht in sie, aber schwur, daß sie bald stolz auf ihn sein solle; dann ging er. Felicité blickte ihm vom Fenster aus nach; die alte Vorliebe für ihn erwachte wieder, und sie sagte sich, daß er einen verteufelten Verstand&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
habe und sie nicht den Mut finden werde, ihn den unrichtigen Weg einschlagen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum dritten Male senkte sich die Nacht über Plassans herab, eine Nacht voll Angst und Schrecken. Die Stadt lag in den letzten Zügen. Die Bürger eilten nach Hause und verrammelten ihre Häuser mit einem lauten Geräusch von Riegeln und Eisenstangen. Die allgemeine Meinung war die, daß Plassans am nächsten Tage nicht mehr bestehen, daß die Stadt entweder in der Erde versunken oder in Dunst aufgegangen sein werde. Als Rougon zum Essen heimkehrte, fand er die Straße verödet. Diese Einsamkeit stimmte ihn traurig. Es überkam ihn denn auch bei Tische eine Anwandlung von Schwäche und er fragte seine Frau, ob es nötig sei, den durch Macquart vorbereiteten Aufstand vor sich gehen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kläfft nicht mehr gegen uns, sagte er. Wenn du gesehen hättest, mit welcher Ehrfurcht die Herren von der Neustadt mich begrüßt haben ... Es scheint mir nunmehr unnötig, Leute zu töten. Wie denkst du? Wir werden unser Schäfchen auch so ins trockene bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, was bist du für ein Schwächling! rief Felicité wütend. Du hattest den Einfall, und jetzt weichst du selbst zurück. Ich sage dir, daß du ohne mich nie etwas ausführen wirst! ... Geh deines Weges! Würden etwa die Republikaner deiner schonen, wenn sie dich in ihrer Gewalt hätten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Rathause ging Rougon daran, den Hinterhalt vorzubereiten. Granoux war ihm dabei sehr nützlich. Er sandte durch ihn seine Weisungen an die verschiedenen Posten, welche die Wälle bewachten. Die Nationalgardisten sollten sich in kleinen Gruppen und verstohlen nach dem Rathause begeben. Roudier, dieser nach der Provinz verschlagene Pariser Spießbürger, der die ganze Sache hätte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
verderben können, indem er Menschlichkeit predigte, wurde gar nicht benachrichtigt. Gegen elf Uhr war der Hof des Rathauses voll Nationalgardisten. Rougon jagte ihnen Entsetzen ein; er erzählte ihnen, daß die in Plassans gebliebenen Republikaner einen verzweifelten Handstreich versuchen würden; er schätzte sich glücklich, durch seine Geheimpolizei rechtzeitig Wind bekommen zu haben. Nachdem er ein bluttriefendes Bild von dem Gemetzel geliefert hatte, dessen Opfer die Stadt werde, wenn die Elenden sich der Gewalt bemächtigen würden, gab er den Befehl, kein Wort mehr zu sprechen und alle Lichter auszulöschen. Er selbst ergriff eine Flinte. Seit dem Morgen ging er wie in einem Traume umher; er erkannte sich selbst nicht mehr; er fühlte Felicité hinter sich, in deren Hände die Krise der Nacht ihn geschleudert hatte und würde sich haben hängen lassen mit den Worten: Tut nichts; meine Frau wird schon kommen, mich loszumachen. Um das Getöse zu verstärken und den Schrecken über der schlafenden Nacht zu verlängern, bat er Granoux, sich nach der Kathedrale zu begeben und bei den ersten Flintenschüssen Sturm läuten zu lassen. Der Name des Marquis sollte ihm die Türe des Mesners öffnen. Im Schatten und in der Stille des Hofes harrten die geängstigten Nationalgardisten, die Augen auf das Tor gerichtet und von Ungeduld gefoltert, ihre Gewehre abzuschießen, wie auf der Lauer nach Wölfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Macquart den Tag bei Tante Dide zugebracht. Er hatte sich auf dem alten Koffer ausgestreckt und bedauerte, daß er nicht mehr auf dem weichen Sofa des Herrn Garçonnet liegen könne. Wiederholt überkam ihn ein wahnsinniges Verlangen, in ein benachbartes Kaffeehaus zu gehen und dort seine zweihundert Franken anzuzapfen. Dieses Geld, das er in eine Westentasche gesteckt hatte, brannte ihm die Seite; er benützte seine Muße&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dazu, es im Geiste auszugeben. Seine Mutter, die seit einigen Tagen ihre Kinder schreckensbleich in ihr Haus kommen sah, ohne deshalb aus ihrem Stillschweigen herauszutreten und die Unbeweglichkeit ihres Gesichtes zu verlieren, ging vor ihm hin und her mit ihren steilen, unbewußten Bewegungen und schien seine Anwesenheit nicht zu bemerken. Sie wußte nichts von dem Schreck, der die ganze verschlossene Stadt im Banne hielt; sie war tausend Meilen weit von Plassans, jenem steten Gedanken nachhängend, der ihre Augen weit offen, ihre Sinne leer erhielt. Und doch brachte in jener Stunde eine Unruhe, eine menschliche Sorge einen Augenblick ihre Wimpern zum Zucken. Antoine, der dem Verlangen, einen guten Bissen zu essen, nicht widerstehen konnte, sandte sie aus, um von einem Gastwirte der Vorstadt ein gebratenes Huhn zu holen. Als er bei Tische sitzend sich damit gütlich tat, sagte er zu der Alten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du ißt nicht oft Huhn, wie? Das ist für solche, die da arbeiten und ihr Geschäft verstehen. Du aber hast nur immer alles vergeudet ... Ich wette, daß du deine Ersparnisse diesem frommen Rührmichnichtan Silvère gibst. Der Duckmäuser hat eine Geliebte. Hast du irgendwo etwas Geld verborgen, so wird er eines Tages sicher den Schatz heben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er trieb seinen Spott mit ihr; eine wilde Freude durchloderte ihn. Das Geld, das er in der Tasche hatte; der Verrat, den er vorbereitete, die Gewißheit, sich teuer verkauft zu haben: sie erfüllten ihn mit der Zufriedenheit der Bösewichte, die im Schlechten ihre natürliche Heiterkeit und ihre Spottsucht wiederfinden. Aber Tante Dide hörte aus all dem nur den Namen Silvère heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du ihn gesehen? fragte sie, endlich die Lippen öffnend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wen? Silvère? entgegnete Antoine. Er spazierte unter den Aufständischen umher mit einem großen, roten Mädchen am Arm. Wenn er eine blaue Bohne erwischt, wird ihm ganz recht geschehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte blickte ihn starr an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum? fragte sie in ernstem Tone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, weil er ein Tölpel ist, erwiderte Antoine verlegen. Hat man je gehört, daß man für solche Sachen seine Haut riskiert? Ich habe meine Sache in Ordnung gebracht; ich bin kein Kind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Tante Dide hörte ihn nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte schon die Hände voll Blut, murmelte sie. Man wird mir ihn töten wie man den andern getötet hat. Seine Oheime werden die Gendarmen nach ihm aussenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was plappert Ihr da? sagte ihr Sohn, den Rest des Huhns verzehrend. Ich verlange, daß man es mir ins Gesicht sagt, wenn man etwas wider mich hat. Wenn ich manchmal mit dem Kleinen von der Republik sprach, so geschah es nur, um ihn auf vernünftigere Gedanken zu bringen. Er war rein närrisch. Ich liebe die Freiheit, aber ich will nicht, daß sie in Zügellosigkeit ausartet. Und Rougon hat meine Achtung; das ist ein Mann von Mut und Klugheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte die Flinte bei sich, nicht wahr? unterbrach ihn Tante Dide, deren trüber Geist dem fernen Silvère auf seinem Wege zu folgen schien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Flinte? Ach ja, Macquarts Flinte, fuhr Antoine fort, nachdem er einen Blick auf den Kaminmantel geworfen, wo sonst die Waffe hing. Ich glaube, sie in seinen Händen gesehen zu haben. Ein nettes Ding, um mit einem Mädchen im Arm in Wald und Feld herumzustreifen. Welch ein Tor!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er glaubte einige plumpe Späße machen zu sollen. Tante Dide ging jetzt wieder im Zimmer ab und zu. Sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sprach kein Wort mehr. Gegen den Abend entfernte sich Antoine, nachdem er eine Bluse angezogen und eine tiefe Mütze, die seine Mutter ihm gekauft, aufgesetzt und über die Augen herabgezogen hatte. Er betrat die Stadt, wie er sie verlassen, indem er den Nationalgardisten, die das römische Tor bewachten, irgendeine Geschichte vormachte. Dann begab er sich nach dem alten Stadtviertel, wo er verstohlen von Tür zu Tür schlich. Alle eifrigen Republikaner, alle Genossen, die den Aufständischen nicht gefolgt waren, fanden sich gegen neun Uhr in einem Winkelkaffeehause ein, wohin Macquart sie bestellt hatte. Als ihrer etwa fünfzig beisammen waren, hielt er ihnen eine Rede, in welcher er von einer persönlichen Rache sprach, die befriedigt, von einem Siege, der errungen, von einem Joche, das abgeschüttelt werden mußte; zum Schlusse machte er sich anheischig, ihnen binnen zehn Minuten das Rathaus in die Hände zu liefern. Er komme soeben von dort, und es sei leer, versicherte er; wenn sie wollten, würde noch diese Nacht die rote Fahne vom Giebel des Rathauses flattern. Die Arbeiter berieten untereinander; zu dieser Stunde liege die Reaktion in den letzten Zügen, die Aufständischen ständen vor den Toren der Stadt; die Ehre gebiete, sich der Gewalt zu bemächtigen, ehe sie zurückkehren; dies werde gestatten, sie als Brüder zu empfangen, mit offenen Toren und geschmückten Straßen und Häusern. Überdies hatte niemand Mißtrauen gegen Macquart; sein Haß gegen die Rougon, die persönliche Rache, von der er sprach, bürgten für seine Aufrichtigkeit. Es wurde vereinbart, daß alle jene, die zu jagen pflegten und eine Flinte besaßen, ihre Waffen holen sollten und daß man sich um Mitternacht auf dem Rathausplatze treffen werde. Es gab allerdings ein kleines Hindernis, das sie stutzig machte: sie hatten keine Kugeln; doch sie beschlossen, ihre Gewehre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
mit Schrot zu laden, was schließlich auch überflüssig sei, da sie doch nicht auf einen Widerstand stoßen würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder einmal sah Plassans bewaffnete Männer in den vom Monde erhellten Straßen die Häuser entlang huschen. Als die Bande vor dem Rathause versammelt war, trat Macquart kühn, aber vorsichtig offenen Auges hervor. Er klopfte an das Tor und als der Pförtner, der von Rougon abgerichtet worden, fragte, was man wolle, stieß der andere solche furchtbare Drohungen aus, daß der Pförtner ganz erschreckt tat und sogleich öffnete. Langsam taten sich die beiden Torflügel auf. Leer und hohl klaffte das weite Torgewölbe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da rief Macquart mit lauter Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommt, ihr Freunde!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war das Signal. Er selbst trat rasch zur Seite und während die Republikaner hereinstürzten, blitzten vom finsteren Hofe her Flammen auf und krachten Schüsse, die unter der Torwölbung dumpf widerhallten. Das Tor spie den Tod. Erbittert durch das lange Warten, nach Erlösung von dem Alp lechzend, der in diesem finsteren Hofe sie bedrückte, hatten die Nationalgardisten in fieberhafter Hast alle zugleich ihre Flinten abgeschossen. Der Blitz war so hell, daß Macquart in dem fahlen Scheine des Schießpulvers deutlich sah, wie Rougon zu zielen suchte. Er glaubte den Lauf seines Gewehres auf sich gerichtet, erinnerte sich des Errötens Felicités und flüchtete, indem er brummte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur keine Dummheiten! Der Schuft wäre imstande mich zu töten; er schuldet mir achthundert Franken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes war in dem nächtlichen Dunkel ein Geheul entstanden. Die überraschten Republikaner schrien Verrat und schossen auch ihrerseits. Ein Nationalgardist fiel unter der Torwölbung; die Republikaner hatten drei Tote. Über die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leichen stolpernd ergriffen sie in tollem Schreck die Flucht und schrien durch die stillen Gassen: »Man tötet unsere Brüder!« – mit einer verzweifelten Stimme, die keinen Widerhall fand. Die Verteidiger der Ordnung hatten Zeit gefunden, ihre Gewehre wieder zu laden, stürmten wütend auf den leeren Platz hinaus und sandten Kugeln nach allen Straßenecken, nach allen Punkten, wo das Dunkel einer Pforte, der Schatten einer Laterne, der Vorsprung eines Ecksteines sie Aufständische vermuten ließ. Das währte etwa zehn Minuten, bis sie ihre Flinten in das Leere abgeschossen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hinterhalt wirkte wie ein Donnerschlag in der schlafenden Stadt. Durch die höllische Schießerei aus dem Schlafe geweckt, hatten die Bewohner der benachbarten Straßen sich zähneklappernd in ihren Betten aufgesetzt. Um keinen Preis der Welt würden sie sich ans Fenster gewagt haben. Inmitten der Flintenschüsse, die durch die Nachtluft krachten, ertönte langsam das Sturmläuten einer Glocke der Kathedrale in einem so unregelmäßigen, seltsamen Rhythmus, daß es klang wie das Hämmern auf einen Amboß, oder wie ein riesiger Kessel, auf den ein zorniges Kind lospaukt. Diese heulende Glocke, welche die Bewohner nicht erkannten, entsetzte sie noch mehr als die Flintenschüsse; manche glaubten eine endlose Reihe von Kanonen über das Straßenpflaster rollen zu hören. Sie legten sich wieder nieder, streckten sich unter ihren Bettdecken aus, als sei es gefährlich gewesen, im Bett aufrecht zu sitzen; bis zum Kinn zugedeckt, den Atem zurückhaltend, machten sie sich ganz klein, während die Zipfel ihrer Kopftücher ihnen auf die Augen herabfielen und ihre Gattinnen an ihrer Seite angstvoll den Kopf in den Kissen vergruben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die auf den Wällen verbliebenen Nationalgardisten hatten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ebenfalls die Schüsse gehört. Sie eilten in regellosen Haufen herbei, in der Meinung, daß die Aufständischen durch irgendeinen unterirdischen Gang in die Stadt eingedrungen seien. Mit dem Getöse ihres wilden Laufes störten sie die nächtliche Stille der Straßen. Roudier kam als einer der ersten an. Allein Rougon sandte sie auf ihre Posten zurück, indem er streng bemerkte, man dürfe nicht in solcher Weise die Tore einer Stadt verlassen. Betroffen von diesem Vorwurfe – denn in ihrem Schrecken hatten sie tatsächlich die Tore ohne Verteidiger gelassen – kehrten sie in vollem Laufe mit noch größerem Getöse auf ihren Posten zurück. Eine Stunde lang mochte Plassans glauben, daß eine Armee in wütendem Kriegsgetümmel durch die Stadt rase. Das Schießen, das Sturmläuten, das Hinundherlaufen der Nationalgardisten, ihre Waffen, die sie schleppten wie die Knüttel, ihre Schreckensrufe im nächtlichen Dunkel: all dies verursachte ein betäubendes Getöse, daß man glauben mochte, in einer überrumpelten und geplünderten Stadt zu sein. Dies gab den unglücklichen Bewohnern, die da wähnten, die Aufständischen seien wieder da, den Gnadenstoß; sie hatten ja gesagt, dies werde die letzte Nacht sein und Plassans werde noch vor Tagesanbruch in der Erde versinken oder in Rauch aufgehen. Wahnsinnig vor Angst harrten sie in ihren Betten der Katastrophe und wähnten Jeden Augenblick, daß ihre Häuser wankten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux bearbeitete noch immer die Sturmglocke. Als in der Stadt wieder Stille eingetreten war, klang dieses Läuten schauerlich. Rougon, der in fieberhafter Aufregung war, geriet durch dieses ferne Gebimmel außer sich. Er eilte zur Kathedrale, deren Türe er offen fand. Der Mesner stand auf der Schwelle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug! Genug! schrie er dem Manne zu. Es klingt, als ob ein Mensch heult; es geht einem an die Nerven.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht meine Schuld, entgegnete der Küster mit verzweifelter Miene. Herr Granoux selbst ist in den Glockenturm hinaufgegangen. Ich hatte auf Befehl des Herrn Pfarrers den Klöppel entfernt, damit nicht Sturm geläutet werden könne, allein Herr Granoux wollte keine Vernunft annehmen und ist dennoch hinaufgestiegen; ich weiß wahrhaftig nicht, womit er den höllischen Lärm macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon eilte die Stiege hinauf, die zu den Glocken führte, und schrie:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug! Genug! Um Gottes willen, hören Sie auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oben angelangt sah er im Lichte eines Mondstrahles, der durch das Zackenwerk eines Fensterbogens hereinfiel, Granoux, wie er ohne Hut, wütend mit einem großen Hammer losschlug. Mit allen Kräften widmete er sich diesem Geschäfte. Er warf sich zurück, nahm einen Anlauf und stürzte sich auf die Bronze, als wollte er sie spalten. Seine ganze dicke Gestalt zog sich zusammen; wenn er sich auf die große, unbewegliche Glocke gestürzt hatte, ließen die Tonschwingungen ihn zurückweichen, und er warf sich mit erneuerter Wut auf die Glocke. Man glaubte einen Schmied zu sehen, der auf ein glühendes Eisen loshämmert, aber einen Schmied im Leibrock, kurz und kahl, in ungeschickter, drohender Haltung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Überraschung stand Rougon einen Augenblick vor diesem verteufelten Spießbürger, der im Mondenschein mit einer Glocke kämpfte. Jetzt verstand er das Kesselgetöse, mit welchem dieser seltsame Glöckner die Stadt erfüllte. Er mußte ihn bei den Rockschößen fassen, und als Granoux ihn erkannte, rief er in triumphierendem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Habt ihr gehört? Anfänglich versuchte ich mit den Fäusten auf die Glocke einzuhauen, aber das tat mir weh. Glücklicherweise fand ich diesen Hammer. Noch einige Schläge, nicht wahr?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Rougon schleppte ihn fort. Granoux strahlte von Stolz. Er trocknete sich den Schweiß von der Stirne und nahm seinem Genossen das Versprechen ab, in der Stadt zu verlautbaren, daß er mit einem bloßen Hammer den Höllenlärm hervorgebracht habe. Welche Bedeutung mußte dieses wütende Geläute ihm künftig verleihen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Tagesanbruch dachte Rougon daran, Felicité zu beruhigen. Auf seinen Befehl hatten die Nationalgardisten sich im Rathause eingeschlossen; er hatte verboten, die Toten vom Straßenpflaster aufzulesen, unter dem Vorwande, daß der Bevölkerung des alten Stadtviertels ein Beispiel geliefert werden müsse. Als er, um nach der Banne-Straße zu eilen, wo er wohnte, über den Rathausplatz schritt, trat er auf die Hand einer Leiche, die zusammengeballt am Rande des Bürgersteiges lag. Er wäre dabei schier hingefallen. Diese weiche Hand, die sein Stiefelabsatz zerquetschte, verursachte ihm ein unerklärliches Gefühl des Ekels und Abscheues. Mit großen Schritten eilte er durch die öden Straßen und er glaubte hinter seinem Rücken eine blutige Faust zu fühlen, die ihn verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vier liegen am Boden, sagte er zu Hause angekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie betrachteten einander, gleichsam erstaunt über ihr Verbrechen. Das Lampenlicht verlieh ihrer Blässe die Farbe des Wachses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du sie liegen lassen? fragte Felicité. Man muß sie da liegen lassen, wo sie gefallen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe sie nicht aufgelesen, sie liegen auf dem Rücken, erwiderte er. Ich bin auf etwas Weiches getreten ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er betrachtete seinen Stiefel. Der Absatz war voll Blut. Während er die Schuhe wechselte, sagte Felicité:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz recht so; nun wird man doch nicht sagen, daß du in die Spiegel schießest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schießerei, welche die Rougon ersonnen hatten, um&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
endgültig als die Retter von Plassans anerkannt zu werden, legte ihnen die entsetzte und dankbare Stadt zu Füßen. Düster und trübselig wie die Wintertage sind, brach der Morgen an. Die Bürger, die nichts mehr hörten und es müde geworden waren, in ihren Betten zu zittern, wagten sich heraus. Es kamen ihrer zehn, fünfzehn zum Vorschein; hernach, als ruchbar wurde, daß die Aufständischen die Flucht ergriffen und in allen Gassen Tote zurückgelassen hatten, erhob sich ganz Plassans und strömte auf dem Marktplatz zusammen. Den ganzen Vormittag machten die Neugierigen die Runde um die vier Toten. Sie waren furchtbar verstümmelt, besonders einer, der drei Kugeln im Kopfe hatte; hob man den Schädel auf, so konnte man das Gehirn bloßliegen sehen. Am furchtbarsten war der Nationalgardist anzuschauen, der unter der Torwölbung gefallen war. Er hatte eine ganze Ladung Schrot ins Gesicht bekommen; dieses Gesicht war voll mit Löchern und triefte von Blut. Die Menge weidete sich lange an diesen Scheußlichkeiten mit der Neugierde der Feiglinge für widrige Schauspiele dieser Art. Man erkannte den Nationalgardisten; es war der Wurstmacher Dubruel, den Roudier am Montag morgen beschuldigt hatte, besonders heftig geschossen zu haben. Von den drei anderen Toten waren zwei Hutmacher, der dritte blieb unbekannt. Vor den roten Pfützen, die das Pflaster beschmutzten, standen Gruppen, gaffend und zitternd, von Zeit zu Zeit argwöhnisch hinter sich blickend, als ob diese summarische Justiz, die im Finstern mit Gewehrschüssen die Ordnung hergestellt hatte, sie beobachtete, ihre Worte und Gebärden erspähte, bereit auch sie niederzustrecken, wenn sie nicht mit Begeisterung die Hand küssen wollten, die sie aus der Gewalt der Volksherrschaft errettet hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schrecken der Nacht steigerte noch den furchtbaren Eindruck, den am Morgen der Anblick der vier Leichen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hervorgebracht hatte. Die wahre Geschichte dieses kleinen Nachtgefechtes wurde nie bekannt. Die Schüsse der Kämpfenden, Granoux&#039; Glockenschläge, der tolle Lauf der Nationalgardisten durch die Straßen: sie hatten die Ohren mit so fürchterlichem Lärm erfüllt, daß die meisten noch immer von einer Riesenschlacht träumten, die einer unermeßlichen Anzahl von Feinden geliefert war. Als die Sieger in unbewußter Prahlerei die Zahl ihrer Gegner vergrößernd, von ungefähr fünfhundert Mann sprachen, ward dies heftig bestritten und es gab Bürger, die da behaupteten, von ihrem Fenster eine Stunde hindurch die Menge der Flüchtigen beobachtet zu haben. Übrigens wollten alle den wilden Lauf der Banditen unter ihren Fenstern gehört haben. Unmöglich hätten fünfhundert Mann eine ganze Stadt so plötzlich aus ihrer Ruhe aufscheuchen können. Es war eine Armee, eine vollständige und große Armee, durch die tapfere Bürgerwehr von Plassans hinweggefegt. Das Wort »hinweggefegt« fand man sehr zutreffend; denn die mit der Verteidigung der Stadtwälle betrauten Posten schworen bei allen großen Göttern, daß kein einziger Mann herein- noch hinausgekommen sei. Dieser Umstand verlieh der Waffentat noch einen Schimmer von Geheimnis; man dachte an gehörnte Teufel, die sich in die Flammen stürzten; kurz, die Geister gerieten vollends auf Abwege. Allerdings schwiegen die Posten von ihrem wütenden Galopp durch die Stadt. Darum hielten sich selbst die vernünftigsten Leute an den Gedanken, daß eine Aufrührerbande bei einer Bresche oder durch irgendein Loch eingedrungen sein müsse. Später munkelte man von Verrat, von einem Hinterhalte; die Leute, die Macquart auf die Schlachtbank geführt, konnten die grause Wahrheit allerdings nicht erfassen; aber es herrschte noch ein solcher Schrecken, der Anblick des Blutes hatte der Reaktion eine solche Anzahl von Feiglingen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zugeführt, daß man diese Gerüchte der Wut der besiegten Republikaner zuschrieb. Von anderer Seite wurde behauptet, daß Macquart der Gefangene Rougons sei, daß dieser ihn in einem feuchten Verlies gefangen halte und daselbst eines langsamen Hungertodes sterben lasse. Diese Schreckensmär bewirkte, daß Rougon mit ehrerbietigsten Bücklingen begrüßt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So kam es, daß dieser plumpe, schlappe, bleiche, dickwanstige Spießbürger in einer Nacht zu einem furchtbaren Herrn wurde, über den niemand zu lachen wagte. Er hatte im Blute gewatet. Die Bevölkerung der Altstadt blieb angesichts der Toten stumm vor Entsetzen. Doch gegen zehn Uhr, als die vornehmeren Leute aus der Neustadt kamen, hörte man auf dem Rathausplatze halblaute Gespräche, unterdrückte Ausrufe. Man sprach von dem anderen Angriff, von jener Einnahme des Rathauses, bei der bloß ein Spiegel zertrümmert worden war; und jetzt scherzte man nicht mehr über Rougon, man nannte seinen Namen mit ehrerbietigem Schreck; er war wirklich ein Held, ein Retter. Die Leichen starrten mit ihren offenen Augen auf die Herren Advokaten und Rentenbesitzer, die zusammenschauerten, indem sie sich sagten, daß der Bürgerkrieg seine traurigen Notwendigkeiten habe. Der Notar, der gestern die Abordnung der Bürger nach dem Rathause geführt hatte, ging von Gruppe zu Gruppe und erzählte von dem »Ich bin bereit« des energischen Mannes, dem man das Heil der Stadt verdankte. Alle hatten sich ergeben. Die sich über die Einundvierzig am grausamsten lustig gemacht, besonders die, die Rougon Ränkestifter und Feiglinge genannt hatten, die nur in die Luft schießen, sprachen zuerst davon, einen Lorbeerkranz »dem großen Manne zu widmen, der Plassans zu ewigem Ruhme gereichen werde«. Denn die Blutlachen trockneten auf dem Straßenpflaster; die Toten kündeten durch ihre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wunden, bis zu welcher Kühnheit die Partei der Unordnung, der Plünderung, des Mordes gediehen war, und welcher starken Hand es bedurfte, um den Aufstand zu unterdrücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux nahm in der Menge Beglückwünschungen und Händedrücke entgegen. Die Geschichte mit dem Hammer war bekannt geworden. Vermöge einer harmlosen Lüge, an die er selbst bald zu glauben begann, gab er vor, daß er zuerst die Aufständischen gesehen und Sturm geläutet habe; sei er nicht gewesen, so wären die Nationalgardisten niedergemetzelt worden. Dies verdoppelte noch seine Wichtigkeit. Sein Auskunftsmittel wurde als wunderbar bezeichnet. Man nannte ihn nur mehr »Herr Isidor; der Herr, der mit dem Hammer Sturm geläutet hat«. Obgleich der Satz etwas lang war, würde Herr Granoux ihn gern als Adelstitel angenommen haben; man konnte fortan das Wort »Hammer« nicht vor ihm aussprechen, ohne daß er an eine zarte Schmeichelei glaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Augenblick, als man die Leichen fortschaffte, kam Aristide hinzu, um zu sehen. Er betrachtete die Leichen von allen Seiten, forschte und schnupperte herum, befragte alle Gesichter. Seine Miene war ruhig, seine Augen hell. Mit seiner gestern noch verbundenen, jetzt freien Hand hob er die Bluse eines der Toten in die Höhe, um die Wunde besser betrachten zu können. Diese Prüfung schien ihn zu überzeugen, ihm jeden Zweifel zu benehmen. Er kniff die Lippen zusammen und stand eine Weile wortlos da: dann ging er, um die Ausgabe des »Unabhängigen« zu beschleunigen, in dem er einen großen Artikel veröffentlichte. Während er die Häuser entlang dahinschritt, erinnerte er sich des Wortes seiner Mutter: »Morgen sollst du sehen.« Was er gesehen, war sehr stark; es schreckte ihn sogar ein wenig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes begann Rougon sich in seinem Siege unbehaglich zu fühlen. Im Kabinett des Herrn Garçonnet allein, das dumpfe Geräusch der Menge hörend, hatte er eine seltsame Empfindung, die ihn abhielt, sich auf dem Balkon zu zeigen. Das Blut, in dem er gewatet, machte ihm die Beine schwer. Er fragte sich, was er bis zum Abend anfangen solle. Sein armer, leerer Kopf, durch die Krise der Nacht völlig verstört, suchte verzweifelt eine Beschäftigung, eine Weisung, die er erteilen, eine Maßregel, die er ergreifen könne und die ihn zerstreuen werde. Aber er wußte nichts mehr. Wohin führte ihn Felicité? War es jetzt aus oder wird er noch mehr Leute töten müssen? Die Furcht erfaßte ihn wieder: schreckliche Zweifel tauchten in ihm auf; schon sah er die Stadtmauern auf allen Seiten von der rächenden Armee der Republikaner beschossen, als ein ungeheurer Schrei: »Die Aufständischen, die Aufständischen!« unter den Fenstern des Rathauses ertönte. Er fuhr auf und hob einen Vorhang in die Höhe. Da konnte er die Menge verzweifelt über den Platz rennen sehen. Bei diesem Donnerschlag sah er sich in weniger denn einer Sekunde ruiniert, geplündert, ermordet; er fluchte seiner Frau, er fluchte der ganzen Stadt. Als er einen Ausweg suchend, mißtrauisch um sich blickte, hörte er das Volk in einen Jubel ausbrechen, daß die Scheiben erzitterten. Er trat wieder ans Fenster; die Frauen ließen ihre Tücher flattern, die Männer sanken einander in die Arme; einige faßten sich bei den Händen und tanzten. Er war ganz blöde, begriff nichts von all dem, sein armer Kopf drehte sich im Kreise, er fühlte sich furchtbar geängstigt in diesem großen, öden, stillen Rathause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Rougon später seiner Frau beichtete, vermochte er niemals zu sagen, wie lange seine Marter gedauert hatte. Er erinnerte sich bloß, daß laute Tritte, die in den weiten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sälen widerhallten, ihn aus seiner Bestürzung geweckt hatten. Er erwartete die mit Sensen und Knütteln bewaffneten Blusenmänner und sah die Gemeindevertretung eintreten, ehrsam, schwarz gekleidet, mit strahlender Miene. Nicht ein Mitglied fehlte. Eine glückliche Nachricht hatte alle die Herren mit einem Male geheilt. Granoux warf sich seinem teuren Präsidenten in die Arme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Soldaten sind da! stammelte er; die Soldaten!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat war ein Regiment eingetroffen, das den Befehlen des Obersten Masson und des Bezirkspräfekten, Herrn von Blériot gehorchte. Die von den Wällen in der fernen Ebene wahrgenommenen Gewehre hatten anfänglich den Glauben erweckt, daß die Aufständischen sich näherten. Die Erregung Rougons war so groß, daß zwei schwere Tränen ihm über die Wangen rannen. Der große Bürger weinte! Die Gemeindevertretung sah mit respektvoller Bewunderung diese Tränen. Doch Granoux warf sich von neuem seinem Freunde an den Hals und rief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie glücklich bin ich! Sie wissen, ich bin ein freier Mann. Nun denn: wir alle hatten Furcht; nicht wahr, meine Herren, wir alle? Sie allein waren groß, mutig, erhaben. Welche Energie mußten Sie besitzen! Ich sagte vorhin zu meiner Frau: Rougon ist ein großer Mann; er verdient eine Auszeichnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt schlugen die Herren vor, dem Präfekten entgegen zu gehen. Betäubt, fassungslos, an einen so plötzlichen Triumph nicht glauben wollend, stammelte Rougon wie ein Kind. Jetzt erst kam er wieder zu Atem. Ruhig, und mit der Würde, welche die feierliche Gelegenheit erheischte, ging er hinab. Doch die Begeisterung, mit der die Gemeindevertretung und deren Obmann auf dem Rathausplatze empfangen wurden, brachte diesen Würdenträger abermals in Verwirrung. Sein Name machte die Runde in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Menge, diesmal von den wärmsten Lobsprüchen begleitet. Er hörte ein ganzes Volk den Wunsch Granoux&#039; wiederholen, ihn wie einen Helden zu feiern, der inmitten des allgemeinen Schreckens allein unerschütterlich aufrecht geblieben. Und bis zum Platze vor der Unterpräfektur, wo die Vertretung dem Präfekten begegnete, genoß er seine Volkstümlichkeit, seinen Ruhm mit der geheimen Wonne eines verliebten Weibes, dessen Begierden endlich befriedigt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Bleriot und der Oberst Masson kamen allein in die Stadt und ließen die Truppe auf der Lyoner Straße kampieren. Über die Richtung des Marsches der Aufständischen getäuscht, hatten sie erheblich Zeit verloren. Übrigens wußten sie jetzt, daß die Aufständischen in Orchères seien, und wollten sich nur eine Stunde in Plassans aufhalten, um die Bevölkerung zu beruhigen und die grausamen Befehle zu veröffentlichen, welche die Beschlagnahme des Vermögens der Aufständischen verfügten und allen jenen, die mit den Waffen in der Hand ergriffen würden, mit der Todesstrafe drohten. Der Oberst Masson lächelte, als der Kommandant der Nationalgarde die rostigen Riegel von dem römischen Tor unter lautem Knarren zurückschieben ließ. Der Posten gab dem Präfekten und dem Obersten als Ehrenwache das Geleite. Unterwegs über die ganze Promenade Sauvaire erzählte Roudier den Herren von der Heldentat Rougons, von den drei Schreckenstagen, die mit dem glanzvollen Siege der letzten Nacht endeten. Als dann die beiden Gruppen einander gegenüberstanden, schritt Herr von Blériot lebhaft auf den Obmann der Gemeindevertretung zu, drückte ihm die Hände, beglückwünschte ihn und bat ihn, noch bis zur Rückkehr der Behörden über die Stadt zu wachen. Rougon grüßte, während der Präfekt an dem Tore der Präfektur, wo er einen Augenblick&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ausruhen wollte, mit lauter Stimme versicherte, er werde es nicht unterlassen, in seinem Berichte der schönen und mutigen Haltung Rougons zu gedenken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen stand trotz der schneidenden Kälte die ganze Bevölkerung an den Fenstern. Felicité, die sich soweit vorneigte, daß sie schier hinausfiel, war bleich vor Freude. Soeben war Aristide mit einer Nummer des »Unabhängigen« angekommen, in der er sich rundheraus für den Staatsstreich erklärte, den er als »die Morgenröte der Freiheit in der Ordnung und der Ordnung in der Freiheit« begrüßte. Auch hatte er eine leise Anspielung auf den gelben Salon gemacht, hatte sein Unrecht bekannt und gesagt: »die Jugend sei dünkelhaft, die großen Bürger aber schweigen, überlegen im stillen, lassen die Beschimpfungen über sich ergehen, um sich am Tage des Kampfes in ihrem Heldenmut aufzurichten.« Er war mit dem letzten Satze ganz besonders zufrieden. Seine Mutter fand den Artikel vorzüglich geschrieben. Sie küßte den lieben Sohn und wies ihm zu ihrer Rechten einen Platz an. Der Marquis von Carnavant, der müde der Einsamkeit und von der Neugierde getrieben ebenfalls zu Besuch gekommen war, lehnte sich zu ihrer Linken an das Fenster.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Herr von Blériot auf dem Marktplatze Peter die Hand reichte, brach Felicité in Tränen aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach schau nur, schau! sagte sie zu Aristide. Er hat ihm die Hand gedrückt. Schau, wieder ergreift er seine Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sie nach den Fenstern ausblickte, wo die Leute Kopf an Kopf standen, fuhr sie fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie müssen sie sich ärgern. Schau nur die Frau des Herrn Peirotte: sie beißt ordentlich in ihr Taschentuch. Und dort die Töchter des Notars, und weiterhin Frau Massicot und die Familie Brunet: welche Gesichter! Wie ihre Nasen lang werden! Ach ja, jetzt ist unsere Zeit gekommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie folgte der Szene am Tore der Unterpräfektur mit Wonne; ein Zucken ging durch ihren unruhigen Heuschreckenleib. Sie deutete die geringsten Gebärden; sie erfand die Worte, die sie nicht hören konnte; sie sagte, daß Peter sehr schicklich grüße. Einen Augenblick war sie verdrossen, als der Präfekt das Wort an den armen Granoux richtete, der nach einem Lobe lechzend ihn umkreiste. Ohne Zweifel kannte Herr von Blériot schon die Geschichte mit dem Hammer; der ehemalige Mandelhändler errötete wie ein Mädchen und schien zu sagen, daß er nur seine Pflicht getan habe. Was sie noch mehr ärgerte, war die übergroße Güte ihres Gatten, der Vuillet den Herren vorstellte; allerdings hatte sich Vuillet herangedrängt, und Rougon war gezwungen, ihn zu nennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch ein Ränkeschmied! brummte Felicité. Überall schleicht er sich ein ... Mein armer Mann muß in arger Verlegenheit sein! ... Jetzt spricht der Oberst mit ihm. Was er ihm wohl sagen mag?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ei, Kleine, erwiderte der Marquis mit feiner Ironie, er macht ihm Komplimente, weil er die Stadttore so fest hatte schließen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater hat die Stadt gerettet, bemerkte Aristide in trockenem Tone. Haben Sie die Leichen gesehen, mein Herr?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Carnavant antwortete nicht. Er trat vom Fenster zurück und setzte sich in einen Lehnstuhl, wobei er mit einer Miene des Verdrusses den Kopf schüttelte. Da der Präfekt inzwischen den Platz verlassen hatte, eilte jetzt auch Peter herbei. Er warf sich seiner Frau an den Hals und stammelte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ach, Beste! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr vermochte er nicht zu sagen. Felicité drängte ihn, daß er auch Aristide umarme; sie erzählte ihm von dem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
herrlichen Artikel des »Unabhängigen«. Peter würde in seiner tiefen Rührung auch den Marquis auf beide Wangen geküßt haben; allein seine Frau nahm ihn beiseite und gab ihm Eugens Brief, den sie wieder in den Umschlag gesteckt hatte. Sie behauptete, man habe den Brief soeben gebracht. Peter reichte ihn ihr, nachdem er ihn gelesen, mit triumphierender Miene und sagte lachend:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist eine Zauberin. Du hast alles erraten. Welche Dummheit hätte ich ohne dich begangen! Künftig wollen wir unsere Angelegenheiten zusammen erledigen. Küsse mich, du bist eine wackere Frau.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schloß sie in seine Arme, während sie mit dem Marquis ein verstohlenes Lächeln tauschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Siebentes Kapitel. ==&lt;br /&gt;
Erst am Sonntag, drei Tage nach dem Gemetzel bei Sainte-Roure, zogen die Truppen wieder durch Plassans. Der Präfekt und der Oberst, die Herr Garçonnet zum Essen geladen hatte, kamen allein in die Stadt. Die Soldaten umgingen die Wälle und lagerten sich in der Vorstadt, auf der Nizzaer Straße. Die Nacht senkte sich herab; am Himmel, der seit dem Morgen bewölkt war, zeigte sich ein seltsamer gelber Widerschein, der ein fahles Licht auf die Stadt warf gleich den kupferschimmernden Lichtern bei Gewitterschwüle. Der Empfang seitens der Bürger war ein zurückhaltender; die noch bluttriefenden Soldaten, die müde und stumm in dem schmutzigen Abenddunkel durch die Stadt zogen, widerten die sauberen Kleinbürger an der Promenade Sauvaire an; die Herren wichen zurück und erzählten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sich halblaut Schauergeschichten von Erschießungen, grausamen Vergeltungen, deren Erinnerung das Land bewahrt hatte. Es begann der Schrecken, den der Staatsstreich verbreitete, eine wahnsinnige, niederschmetternde Furcht, die den Süden des Landes Monate hindurch zittern ließ. In ihrem Entsetzen und ihrem Haß gegen die Aufständischen hatte die Stadt Plassans die Truppen bei ihrem ersten Durchzug mit Begeisterung aufnehmen können; zu dieser Stunde aber, angesichts dieses Unheil kündenden Regiments, das auf einen Wink seines Befehlshabers feuerte, fragten sich die Rentenbesitzer und selbst die Notare der Neustadt beklommen, ob sie nicht irgendein politisches Vergehen auf dem Gewissen hätten, das sie vor die Gewehrläufe bringen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit gestern waren auch die Behörden wieder da; zwei Wagen hatten sie von Sainte-Roure zurückgebracht. Ihre unerwartete Rückkehr war keineswegs ein Triumphzug. Rougon überließ ohne große Betrübnis dem Bürgermeister seinen Lehnsessel wieder. Der Streich war gelungen; er erwartete mit Ungeduld aus Paris den Lohn für seinen Bürgersinn. Am Sonntag erhielt er von seinem Sohn Eugen einen Brief, den er erst für den nächsten Tag erwartet hatte. Felicité war schon am Donnerstag darauf bedacht gewesen, ihrem Sohne die Nummern der »Zeitung« und des »Unabhängigen« einzusenden, die in einer zweiten Ausgabe die nächtliche Schlacht und die Rückkehr des Präfekten erzählten. Eugen antwortete mit der nächsten Post, daß die Ernennung seines Vaters für eine Einnehmerstelle bevorstehe; aber er wolle ihm sogleich eine gute Nachricht übermitteln: er habe für ihn das Band der Ehrenlegion erlangt. Felicité weinte vor Freude. Ihr Mann dekoriert! In ihren stolzesten Träumen war sie nicht so weit gegangen. Blaß vor Freude sagte Rougon, man müsse noch&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
am selben Tage ein großes Essen geben. Er rechnete nicht mehr; er war bereit, um diesen schönen Tag zu feiern, seine letzten Hundertsousstücke zum Fenster hinauszuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Höre, sagte er seiner Frau, du wirst Sicardot einladen; lange genug ärgert er mich schon mit seiner Rosette im Knopfloche. Ferner Granoux und Roudier, denen ich es gern zu verstehen geben möchte, daß ihr Reichtum ihnen niemals zu einer Auszeichnung verhelfen wird. Vuillet ist ein Wucherer; aber der Triumph soll ein vollständiger sein, lade ihn ein, ebenso die ganze Brut ... Den Marquis wirst du persönlich verständigen; wir werden ihn zu deiner Rechten setzen, er wird an unserem Tische eine sehr gute Figur machen. Der Oberst und der Präfekt sind bei Herrn Garçonnet zu Gaste. Er will mir damit zu verstehen geben, daß ich nichts mehr bin. Aber ich mache mir nichts aus seiner Bürgermeisterei; sie bringt ihm nicht einen Sou ein. Er hat mich eingeladen; aber ich werde sagen, daß ich selbst Gäste habe. Sie sollen morgen vor Neid bersten ... Und karge heute nicht, laß alles aus dem Hotel de Provence bringen. Das Essen des Bürgermeisters muß ganz zurücktreten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Felicité machte sich ans Werk. Peter hatte inmitten seines Entzückens doch eine stille Sorge. Der Staatsstreich sollte seine Schulden bezahlen, sein Sohn Aristide bereute seine Fehler; auch wurde er, Peter, endlich Macquart los. All dies war sehr erfreulich; aber er fürchtete irgendeine Torheit von seiten seines Sohnes Pascal. Auch war er um das Schicksal Silvères besorgt; nicht als ob er ihn im geringsten bedauert hätte; er fürchtete bloß, daß die Sache mit dem Gendarm vor das Strafgericht kommen könne. Ach, wenn eine gescheite Kugel ihn von diesem Schlingel befreit hätte! Wie seine Frau schon am Morgen bemerkt hatte, waren die Hindernisse vor ihm gefallen; diese Familie, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ihn entehrte, hatte im letzten Augenblick an seiner Erhebung gearbeitet. Seine Söhne, Eugen und Aristide, die ihn kahl gegessen hatten und deren Schulgeld er so oft beklagt hatte, bezahlten endlich die Zinsen des Kapitals, das er an ihren Unterricht gewendet hatte. Jetzt mußte der Gedanke an diesen erbärmlichen Silvère ihm diese Stunde des Triumphes verbittern!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während Felicité sich um die Zurüstungen zu dem Essen kümmerte, erfuhr Peter die Ankunft der Truppe und entschloß sich, Erkundigungen einzuholen. Sicardot, den er bei seiner Rückkehr befragte, wußte nichts; Pascal schien zur Pflege der Verwundeten zurückgeblieben zu Sein, und was Silvère betrifft, so hatte ihn der Major, der ihn nur oberflächlich kannte, nicht gesehen. Rougon begab sich nach der Vorstadt; er wollte bei dieser Gelegenheit Macquart die achthundert Franken geben, die er mit vieler Mühe soeben zusammengescharrt hatte. Doch als er sich unter der lagernden Menge befand, als er aus der Ferne die Gefangenen sah, die in langen Reihen auf den Balken des Saint-Mittre-Feldes saßen, von den Soldaten mit dem Gewehr im Arm bewacht, fürchtete er sich zu kompromittieren und eilte verstohlen zu seiner Mutter, mit der Absicht, die alte Frau um Nachrichten auszusenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er die Hütte betrat, war es fast vollständige Nacht. Er sah anfänglich nur Macquart, der sich mit Rauchen und Trinken die Zeit vertrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du bist&#039;s? Du kommst gerade recht, sagte Antoine, seinen Bruder wieder duzend. Ich werde hier alt und grau vor Langweile. Hast du das Geld?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Peter antwortete nicht. Er hatte seinen Sohn Pascal wahrgenommen, der über das Bett gebeugt stand. Er befragte ihn lebhaft. Überrascht von dieser Besorgtheit, die er anfänglich der väterlichen Zärtlichkeit zuschrieb,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
erwiderte der Arzt ruhig, die Soldaten hätten ihn ergriffen und würden ihn erschossen haben ohne die Dazwischenkunft eines wackeren Mannes, den er nicht kenne. Durch seinen Doktortitel gerettet, sei er mit der Truppe zurückgekehrt. Dies war für Rougon eine große Erleichterung. Wieder einer, der ihn nicht kompromittieren wird. Er bekundete seine Freude durch wiederholte Händedrücke, als Pascal mit trauriger Stimme schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast keinen Grund, dich zu freuen, ich finde meine arme Großmutter in einem sehr schlimmen Zustande. Ich habe ihr diesen Karabiner wiedergebracht, der ihr so teuer ist; aber ich habe sie regungslos daliegend gefunden. Schau selbst!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peters Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit. Im letzten Scheine des sinkenden Tages sah er Tante Dide tot und starr auf dem Bette liegen. Dieser arme Leib, den seit der Wiege Nervenanfälle unterwühlten, war einer letzten heftigen Krise erlegen. Die Nerven hatten gleichsam das Blut aufgezehrt. Die geheime Arbeit dieses erregten Fleisches, das in später Keuschheit sich selbst verzehrte und erschöpfte, ging zu Ende und machte aus der Unglücklichen einen Leichnam, den nur noch elektrische Zuckungen galvanisierten. Zur Stunde schien ein furchtbarer Schmerz die langsame Auflösung ihres Wesens beschleunigt zu haben. Ihr bleiches Nonnengesicht, dieses Gesicht eines durch das Dunkel und die klösterlichen Entsagungen mürbe gemachten Weibes, färbte sich mit roten Flecken. Mit verzerrtem Gesichte, schrecklich weit offenen Augen, auswärts gekehrten und gekrümmten Händen, lag sie ausgestreckt da in ihren Röcken, die in dürren Linien die Magerkeit ihrer Glieder zeichneten. Die Lippen zusammengekniffen bot sie in dieser dunklen Stube das furchtbare Bild eines stummen Todeskampfes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon machte eine unmutige Gebärde. Dieses ergreifende Schauspiel war ihm sehr unangenehm; er hatte Gäste zum Essen und wäre trostlos gewesen, müßte er traurig sein. Daß seine Mutter doch immer etwas Neues fand, um ihm Verlegenheiten zu bereiten! Sie hätte doch wohl einen andern Tag wählen können. Er nahm denn auch eine ruhige Miene an und sagte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird nichts sein. Ich habe sie hundertmal so gesehen. Man muß ihr Ruhe gönnen, das ist die einzige Arznei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal schüttelte den Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein; diese Krise gleicht nicht den anderen, murmelte er. Ich habe sie oft beobachtet und niemals solche Anzeichen wahrgenommen. Betrachte ihre Augen: sie sind von einer seltsamen Flüssigkeit, von einer sehr beunruhigenden Klarheit. Und die Maske! Welch eine furchtbare Verzerrung aller Muskel!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann beugte er sich noch mehr vor, prüfte die Züge aus unmittelbarer Nähe und fuhr mit leiser Stimme fort, als spreche er mit sich selbst:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Gesichter habe ich nur bei Ermordeten gesehen, die im größten Entsetzen starben ... Sie muß eine furchtbare Aufregung gehabt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wie ist denn der Anfall gekommen? fragte Rougon ungeduldig, weil er nicht mehr wußte, wie er die Stube verlassen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal wußte es nicht. Macquart erzählte, indem er sich ein frisches Gläschen einschenkte, daß er Durst gehabt und die Alte um eine Flasche Kognak gesandt habe. Sie war nur kurze Zeit fort gewesen; als sie heimgekehrt, war sie starr und wortlos zu Boden gesunken; er selbst habe sie zum Bett tragen müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mich wundert, sagte er zum Schlusse, daß sie in ihrem Falle die Flasche nicht zerbrach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Arzt sann nach. Nach kurzem Stillschweigen fuhr er fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Wege hierher vernahm ich zwei Schüsse. Vielleicht haben diese Elenden wieder einige Gefangene erschossen. Wenn sie in jenem Augenblicke durch die Reihen der Soldaten schritt, kann der Anblick des Blutes sie in diese Krise gestürzt haben ... Sie muß fürchterlich gelitten haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glücklicherweise hatte er seinen kleinen Rettungskasten, den er seit dem Aufbruch der Aufständischen stets bei sich trug. Er versuchte, einige Tropfen einer rosafarbenen Flüssigkeit der Alten zwischen den zusammengepreßten Zähnen einzuflößen. Inzwischen fragte Macquart seinen Bruder abermals:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hast du das Geld?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ich habe es mitgebracht, wir wollen ein Ende machen, erwiderte Rougon, froh über diese Abschweifung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Macquart sah, daß er bezahlt werden solle, begann er zu ächzen. Zu spät hatte er die Folgen seines Verrates erfaßt; sonst würde er eine zwei- und dreifach so große Summe gefordert haben. Er beklagte sich. Wahrhaftig, tausend Franken seien nicht genug. Seine Kinder hätten ihn verlassen, er sei allein in der Welt und müsse fort aus Frankreich. Von der Verbannung redend, brach er schier in Tränen aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollt Ihr die achthundert Franken? fragte Rougon, den es drängte, dieses Haus zu verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, wahrhaftig, du mußt das Doppelte geben. Deine Frau hat mich herumgekriegt. Hätte sie mir gerade herausgesagt, was sie von mir erwartete, ich würde mich um so wenig niemals kompromittiert haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon legte die achthundert Franken in Gold auf den Tisch hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich schwöre Euch, daß ich nicht mehr habe, sprach er. Ich werde später an Euch denken. Aber jetzt geht, um Gottes willen! Macht Euch fort noch heute abend! .&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter halblautem Klagen und Schelten trug Macquart den Tisch zum Fenster, um da, bei dem schwindenden Tageslichte die Goldstücke zu zählen. Er ließ die Münzen auf den Tisch fallen; sie kitzelten ihm wonnig die Fingerspitzen und klangen so hell in der dunklen Stube. Er unterbrach sich einen Augenblick, um zu sagen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast mir eine Stelle versprechen lassen, vergiß nicht. Ich will nach Frankreich zurückkehren. Eine Feldhüterstelle in einer schönen Gegend, die ich selbst mir wählen würde, wäre mir gerade recht ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, ja, abgemacht, erwiderte Rougon. Habt Ihr achthundert Franken gezählt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macquart begann von neuem zu zählen. Die letzten Louisdors klangen, als ein grelles Gelächter ihn zwang, den Kopf zu wenden. Tante Dide stand aufrecht vor ihrem Bette, mit offenem Kleide, die weißen Haare lose herabfällend, das bleiche Gesicht rote Flecke zeigend. Pascal hatte vergebens versucht, sie zurückzuhalten. Die Arme ausstreckend, von einem gewaltigen Fieberfrost geschüttelt bewegte sie im Fieberwahn den Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blutgeld! Das Blutgeld! rief sie wiederholt. Ich habe das Gold gehört ... Und sie sind es, die ihn verkauft haben! ... Ha, die Mörder, die Wölfe! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie warf die Haare zurück und strich mit der Hand über die Stirne, wie um darin zu lesen. Dann fuhr sie fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah ihn seit langer Zeit, die Stirne von einer Kugel durchlöchert. In meinem Kopfe gab es immer Leute, die mit Flinten in der Hand ihm auflauerten. Und sie winkten mir, daß sie schießen wollen ... Es ist abscheulich! ... Ich fühle, wie sie mir die Glieder brechen und den Schädel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
aushöhlen. Oh, Gnade, Gnade! Ich bitte euch! Er soll sie nicht mehr sehen, nicht mehr lieben! Ich will ihn einsperren ... ich will ihn verhindern, an ihren Röcken zu hängen ... Gnade, Gnade! ... Schießet nicht! ... Es ist nicht meine Schuld ... wenn ihr wüßtet ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie war fast in die Knie gesunken, weinte und flehte und streckte die zitternden Hände gegen irgendein schauerliches Bild aus, das ihr im Schatten auftauchte. Plötzlich richtete sie sich auf, ihre Augen erweiterten sich noch mehr, ihrer zusammengepreßten Brust entfuhr ein fürchterlicher Schrei, wie wenn ein ihr allein sichtbares Schauspiel sie mit wahnsinniger Furcht erfüllt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oh, der Gendarm! rief sie erstickend, zurückweichend, auf ihr Lager sinkend, wo sie sich in langen, wilden Lachkrämpfen wälzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal folgte der Krise mit aufmerksamen Blicken. Die beiden entsetzten Brüder, die nur unzusammenhängende Sätze erfaßten, hatten sich in einen Winkel der Stube geflüchtet. Als Rougon das Wort Gendarm hörte, glaubte er zu verstehen; seit der Ermordung ihres Liebhabers an der Grenze, nährte Tante Dide einen tiefen Haß gegen die Gendarmen und die Zollwächter, die sie in ihren Rachegedanken miteinander verwechselte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie erzählt uns da die Geschichte des Wilderers, brummte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pascal winkte ihm zu schweigen. Die Sterbende richtete sich mühsam wieder auf. Verstört und blöde schaute sie um sich. Einen Augenblick blieb sie stumm, suchte dann die Gegenstände zu erkennen, als befinde sie sich an einem unbekannten Orte. Dann fragte sie plötzlich in unruhigem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo ist die Flinte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Arzt legte den Karabiner in ihre Hände. Sie stieß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
einen schwachen Freudenschrei aus, betrachtete lange die Waffe und sagte leise, mit der singenden Stimme eines jungen Mädchens:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist sie ... ich erkenne sie ... Sie ist voll mit Blut ... Heute sind es frische Flecke ... Seine blutigen Hände haben an dem Kolben rote Spuren zurückgelassen ... Ach arme, arme Tante Dide! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von neuem begann sie den wirren Kopf hin und her zu wenden und verharrte eine Weile in stillem Brüten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gendarm ist tot, brummte sie dann, und ich habe ihn gesehen, er ist wiedergekommen ... Diese Halunken sterben nie!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von einer unheilkündenden Wut ergriffen, die Waffe schwingend, näherte sie sich ihren beiden Söhnen, die schreckensbleich an der Wand lehnten. Sie schleifte ihre losen Röcke hinter sich einher, ihr verkrümmter Leib richtete sich auf, halbnackt, durch das Alter schauerlich ausgedörrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr habt geschossen! schrie sie. Ich habe das Gold gehört ... Oh, ich Unglückliche habe nur Wölfe zur Welt gebracht. Eine ganze Familie, eine ganze Brut von Wölfen ... Ein armes Kind war da, das haben sie gefressen; jeder hat darauf eingehauen, noch trieft das Blut von ihnen ... Ha, die Verfluchten! Sie haben gestohlen, sie haben getötet und sie leben wie feine Herren. Verflucht! Verflucht! Verflucht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sang und lachte und schrie und wiederholte: Verflucht! in einem seltsamen Tönfall, der dem Prasseln einer Gewehrsalve glich. Mit Tränen in den Augen nahm Pascal sie in seine Arme und brachte sie wieder zu Bette. Sie setzte ihren Gesang fort, den Rhythmus beschleunigend und mit ihren dürren Händen auf der Bettdecke den Takt schlagend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist wahnsinnig, sagte der Arzt; das befürchtete ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlag war zu hart für ein armes Wesen, das wie sie heftigen nervösen Anfällen ausgesetzt war. Sie wird in einem Irrenhause sterben, wie ihr Vater.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber, was hat sie denn sehen können? fragte Rougon, aus dem Winkel hervortretend, in den er sich, geflüchtet hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe eine furchtbare Ahnung, entgegnete Pascal. Ich wollte dir von Silvère sprechen, als du kamst. Er ist gefangen. Man muß bei dem Präfekten einen Schritt für ihn tun, um ihn zu retten. Noch ist es Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ehemalige Ölhändler sah erbleichend seinen Sohn an. Dann erwiderte er rasch:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wache über sie; ich bin heute zu viel beschäftigt. Morgen wollen wir sie nach dem Irrenhause in Tulettes schaffen lassen. Ihr, Macquart, müßt noch heute nacht fort, Ihr schwört es mir. Ich werde Herrn von Blériot aufsuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er stammelte; es drängte ihn hinauszukommen in die nächtliche Kühle. Pascal heftete einen durchdringenden Blick auf die Irre, auf seinen Vater, auf seinen Oheim; der Egoismus des Gelehrten behielt die Oberhand; er studierte diese Mutter und diese Söhne mit der Aufmerksamkeit eines Naturforschers, der die Verwandlungen eines Insektes entdeckt. Er dachte an die Triebe einer Familie, einer Schichte, die verschiedene Zweige ansetzt und deren scharfer Saft die nämlichen Keime forttreibt in die entferntesten, je nach der Umgebung von Schatten und Sonne verschiedenartig gewundenen Äste. Er glaubte einen Augenblick, wie inmitten eines Blitzes die Zukunft der Rougon-Macquart zu sehen, eine Meute von zügellosen Begierden, die in einem Flammenschein von Blut und Gold Befriedigung, finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indes hatte Tante Dide, als sie den Namen Silvère hörte, zu singen aufgehört. Sie lauschte beklommen einen Augenblick, dann begann sie ein schauerliches Geheul auszustoßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Nacht war jetzt völlig hereingebrochen, und die Stube lag finster und unheimlich da. Die Schreie der Wahnsinnigen, die man nicht mehr sah, drangen aus der Finsternis hervor, wie aus einer geschlossenen Grube. Rougon hatte den Kopf verloren und eilte davon, verfolgt von diesem Lachgeheul, das in der Finsternis noch fürchterlicher klang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er aus dem Saint-Mittre-Gäßchen trat, zögernd und sich fragend, ob es nicht gefährlich sei, bei dem Präfekten um Gnade für Silvère zu bitten, sah er Aristide, der um das Saint-Mittre-Feld herumstrich. Als dieser seinen Vater erkannte, lief er herbei und sagte ihm einige Worte ins Ohr. Peter erbleichte; er warf einen erschreckten Blick nach dem Hintergrunde des Feldes, nach jenem Dunkel, das nur durch das Lagerfeuer fahrender Zigeuner erhellt wurde. Dann verschwanden alle beide in der Rom-Straße, beschleunigten ihre Schritte, als ob sie gemordet hätten und stülpten den Rockkragen auf, um nicht gesehen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies erspart mir einen Weg, murmelte Peter. Gehen wir essen. Man erwartet uns.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie ankamen, strahlte der gelbe Salon im Lichterglanze. Felicité hatte sich vervielfacht. Alle Welt war da: Sicardot, Granoux, Roudier, Vuillet, die Ölhändler, die Mandelhändler, kurz, die ganze Gesellschaft. Der Marquis allein war unter dem Vorwande eines Anfalles von Rheumatismus weggeblieben; er verreiste übrigens für eine kurze Zeit. Diese blutbefleckten Spießbürger verletzten sein Zartgefühl, und es schien, daß sein Verwandter, der Graf von Valqueyras, ihn gebeten hatte, sich einige Zeit auf sein Gut Corbière zurückzuziehen, um sich in Vergessenheit zu bringen. Die Absage des Herrn von Carnavant verdroß die Rougon; allein Felicité tröstete sich und gedachte einen um so größeren Prunk zu entfalten; sie entlieh zwei Armleuchter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bestellte zwei Vorspeisen und zwei Mittelgerichte mehr, um so das Gedeck des Marquis zu ersetzen. Um das Mahl feierlicher zu gestalten, wurde die Tafel im Salon gedeckt. Das Hotel de Provence hatte das Silberzeug, das Porzellan, die Trinkgläser geliefert. Um fünf Uhr wurde gedeckt, damit die Gäste gleich bei ihrer Ankunft sich an dem Anblick weiden konnten. An beiden Enden des weißen Tafeltuches standen Sträuße von künstlichen Rosen in Vasen von vergoldetem Porzellan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die gewöhnliche Gesellschaft des gelben Salons versammelt war, vermochte sie ihre Bewunderung für ein solches Schauspiel nicht zu unterdrücken. Die Herren lächelten mit verlegener Miene und warfen einander heimliche Blicke zu, die deutlich besagen wollten: »Diese Rougon sind toll; sie werfen ihr Geld zum Fenster hinaus.« Die Wahrheit war, daß Felicité, als sie ihre Einladungen ausgehen ließ, ihre Zunge nicht hatte beherrschen können. Alle Welt wußte, daß Peter dekoriert worden und daß er ein Amt bekommen solle und dies »verwandelte die Nasen gar seltsam«, wie die alte Frau sich ausdrückte. Dann sagte Roudier: »Dieses schwarze Weib ist denn doch zu hochmütig«. Diese Gesellschaft von Spießbürgern, die über die sterbende Republik hergefallen waren und, einander beobachtend, einander an Fußtritten für die Republik zu überbieten suchten, fand jetzt am Zahltage, es sei nicht recht, daß ihre Wirte allen Ruhm der Schlacht einheimsten. Selbst jene, die aus bloßem Eifer geschrien hatten, ohne von dem erstehenden Kaiserreich etwas zu verlangen, waren arg verdrossen, weil sie sehen mußten, daß dank ihrer Haltung der Ärmste und Schäbigste von allen das rote Bändchen im Knopfloch haben sollte. Wenn noch der ganze gelbe Salon ausgezeichnet worden wäre!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts als ob mir an der Auszeichnung etwas liegt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sagte Roudier zu Granoux, den er in eine Fensternische gezogen hatte. Ich habe sie zur Zeit Louis Philipps zurückgewiesen, als ich Hoflieferant war. Ach, Louis Philipp war ein guter König. Frankreich wird niemals einen gleichen finden!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roudier war jetzt wieder Orleanist. Dann fügte er mit der schlauen Heuchelei des ehemaligen Schlafmützenhändlers von der Saint-Honoré-Straße hinzu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber, mein lieber Herr Granoux, glauben Sie nicht, daß das Ordensbändchen in Ihrem Knopfloche sich gut ausnehmen wird? Schließlich haben Sie die Stadt ebenso gut gerettet wie Rougon. Man hat gestern in einer Gesellschaft sehr vornehmer Personen nicht glauben wollen, daß Sie mit einem bloßen Hammer einen solchen Heidenlärm machen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Granoux stammelte Dankesworte und errötend wie eine Jungfrau bei ihrem ersten Liebesgeständnisse, neigte er sich zum Ohre Roudiers und flüsterte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sagen Sie niemandem etwas davon, aber ich habe Grund anzunehmen, daß Rougon den Orden für mich verlangen wird. Er ist ein guter Junge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ehemalige Schlafmützenhändler ward sehr ernst und bewies fortan große Höflichkeit. Als Vuillet sich zu ihm gesellte, um mit ihm von der wohlverdienten Belohnung zu sprechen, die ihr Freund empfangen hatte, erwiderte er sehr laut, um von Felicité gehört zu werden, die wenige Schritte von ihm saß, daß Männer wie Rougon, »die Ehrenlegion ehrten«. Alle stimmten dem Buchhändler zu; man hatte ihm am Morgen die förmliche Versicherung gegeben, daß er die Kundschaft des Kollegs wiedererhalten werde, Was Sicardot betrifft, so empfand er erst einigen Ärger darüber, daß er künftig nicht mehr der einzige Dekorierte in der Schar sein werde. Er war der Meinung, daß die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soldaten allein auf das Band der Ehrenlegion Anspruch hätten. Die Tapferkeit Peters überraschte ihn. Doch gutmütig wie er im Grunde war, erwärmte er sich schließlich und rief, daß die Napoleons die Männer von Herz und Mut auszuzeichnen wüßten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rougon und Aristide wurden mit Begeisterung empfangen; alle Hände streckten sich ihnen entgegen. Man ging so weit, daß man sie küßte. Angela saß auf dem Sofa, an der Seite ihrer Mutter; sie war glücklich und betrachtete die Tafel mit den gierigen Augen einer starken Esserin, die niemals so viele Schüsseln beisammen gesehen. Aristide näherte sich, und Sicardot beglückwünschte ihn zu dem herrlichen Artikel im »Unabhängigen«. Er schenkte ihm seine Freundschaft wieder. Auf seine väterlichen Fragen erwiderte der junge Mann, es sei sein Wunsch, mit Kind und Kegel nach Paris zu gehen, wo sein Bruder Eugen ihn fördern werde; aber es fehlten ihm dazu fünfhundert Franken. Sicardot versprach ihm dieses Geld; er sah schon im Geiste seine Tochter am Hofe Napoleons III.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte Felicité ihrem Gatten einen Wink gegeben. Peter, von seinen Freunden stark umworben und teilnahmvoll wegen seiner Blässe befragt, konnte nur eine Minute loskommen, gerade so lange, um seiner Frau zuzuflüstern, daß er Pascal gefunden habe und daß Macquart noch diese Nacht die Stadt verlassen werde. Indem er noch mehr die Stimme dämpfte, erzählte er ihr von dem Irrsinn seiner Mutter. Dabei legte er den Finger an die Lippen, als wollte er sagen: Kein Wort davon, sonst könnte unser Festabend verdorben werden. Felicité spitzte die Lippen. Sie tauschten einen Blick, in dem sie den gemeinsamen Gedanken lesen konnten: Jetzt wird die Alte sie nicht mehr genieren; man wird die Hütte des Wilderers niederreißen, wie man die Mauern der Krautgärtnerei der Fouque niedergerissen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
hat, und sie werden künftig die Achtung und die Wertschätzung von Plassans genießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gäste betrachteten inzwischen die Tafel. Felicité lud die Herren ein, Platz zu nehmen. Es war ein Augenblick freudigen Wohlbehagens. Als man sich anschickte, zu den Löffeln zu greifen, erhob sich Sicardot, erbat sich einen Augenblick Geduld und sprach in ernstem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Herren! Ich möchte im Namen der Gesellschaft unserem Wirte sagen, wie glücklich wir sind ob der Belohnungen, welche sein Mut und seine Vaterlandsliebe ihm eingetragen haben. Ich erkenne, daß Rougon eine Eingebung des Himmels hatte, als er in Plassans blieb, während diese Halunken uns auf den Heerstraßen herumschleppten. Darum beglückwünsche ich die Regierung zu ihren Entschließungen ... Lassen Sie mich vollenden ... Sie werden unseren Freunden nachher Ihre guten Wünsche darbringen ... Erfahren Sie, daß unserem Freunde, der zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde, außerdem noch eine Einnehmerstelle verliehen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Ruf der Überraschung erklang. Man war nur auf die Verleihung eines kleinen, unbedeutenden Ämtchens gefaßt. Einige verzerrten das Gesicht zu einem Lächeln; doch der Anblick der Tafel ermutigte alle zu den herzlichsten Glückwünschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sicardot erbat sich jetzt von neuem die Aufmerksamkeit der Gesellschaft. Warten Sie, meine Herren, ich bin noch nicht zu Ende ... Nur ein Wort noch ... Wir dürfen hoffen, unseren Freund unter uns zu behalten, nachdem Herr Peirotte mit dem Tode abgegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Gäste Rufe des Erstaunens und der Überraschung vernehmen ließen, fühlte Felicité einen Stich im Herzen. Siccardot hatte ihr den Tod des Einnehmers bereits mitgeteilt; allein, als dieses plötzlichen und furchtbaren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Todesfalles zu Beginn dieser Festtafel Erwähnung geschah, fühlte sie gleichsam einen kalten Hauch über ihr Gesicht streichen. Sie erinnerte sich ihres Wunsches; sie hatte diesen Mann getötet. Und jetzt hielten die Gäste beim hellen Geräusche des silbernen Eßgerätes ihr Festmahl. In der Provinz ißt man viel und geräuschvoll. Schon bei den Zwischengerichten sprachen alle Herren zugleich; sie traten die Besiegten mit Füßen, warfen sich gegenseitig Schmeicheleien an den Kopf und machten abfällige Bemerkungen über die Abwesenheit des Marquis. Es sei unmöglich, mit den Adeligen zu verkehren. Roudier ließ schließlich durchblicken, der Marquis habe sich entschuldigen lassen, weil er aus Furcht vor den Aufständischen die Gelbsucht bekommen habe. Bei dem zweiten Gange gab es schon eine wahre Treibjagd. Die Ölhändler und die Mandelhändler retteten Frankreich. Man stieß auf den Ruhm der Familie Rougon an. Granoux war schon sehr rot und begann zu stammeln; Vuillet hingegen war sehr blaß, aber völlig berauscht. Sicardot aber schenkte fortwährend ein, während Angela, die schon zu viel gegessen hatte, sich ein Glas Zuckerwasser nach dem andern zubereitete. Die Freude darüber, gerettet zu sein, nicht mehr zittern zu müssen, sich in diesem gelben Salon wiederzufinden, an dieser reichbestellten Tafel, im hellen Lichte der zwei Armleuchter und des Kronleuchters, den man zum ersten Male ohne seine vom Fliegenschmutz übersäte Decke sah, ließ den Frohsinn und die Torheit dieser Herren alle Zügel schießen. Breit und voll klangen ihre Stimmen in der heißen Luft, bei jeder Schüssel neues Lob verkündend, sich in Komplimenten verlierend und so weit gehend – ein ehemaliger Lohgerber hatte das schöne Wort gefunden – daß das Diner mit einem »wahren Festmahl des Lucullus« verglichen wurde. Peter strahlte; sein breites, blasses Gesicht schwitzte&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ordentlich vor Triumph. Felicité, wieder mutiger geworden, sagte, sie wollten einstweilen, bis sie ein kleines Haus in der Neustadt erwerben würden, die Wohnung des armen Herrn Peirotte mieten und entwarf auch schon den Plan, wie sie ihre künftigen Möbel in der Wohnung des verstorbenen Einnehmers verteilen werde. Sie hielt ihren Einzug in ihre Tuilerien. In einem Augenblicke, da das Geräusch der Stimmen betäubend wurde, schien eine plötzliche Erinnerung sie zu packen; sie erhob sich und neigte sich zu Aristide mit der Frage:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist&#039;s mit Silvère?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überrascht von dieser Frage fuhr der junge Mann zusammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist tot, erwiderte er mit leiser Stimme. Ich war anwesend, als der Gendarm ihn mit einem Pistolenschusse niederstreckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt erbebte Felicité. Sie öffnete den Mund, um ihren Sohn zu fragen, warum er diesen Mord nicht verhindert, die Freilassung des Knaben nicht gefordert habe. Aber sie sagte nichts; sie blieb stumm sitzen. Aristide, der ihre Frage an ihren bebenden Lippen abgelesen, murmelte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst begreifen ... ich habe nichts gesagt ... Um so schlimmer für ihn! ... Wir sind ihn los; ich habe recht getan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies rohe Aufrichtigkeit mißfiel Felicité. Aristide hatte jetzt auch seinen Toten, wie sein Vater und wie seine Mutter. Sicherlich würde er nicht mit solcher Offenheit gestanden haben, daß er in der Vorstadt herumgelungert und die Ermordung seines Vetters habe geschehen lassen, wenn nicht die Weine des Hotel de Provence und die Träume, die er auf seine baldige Ankunft in Paris baute, ihn seine gewohnte Verschlagenheit hätten vergessen lassen. Als er den Satz gesprochen hatte, wiegte er sich in seinem Sessel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter, der aus der Ferne die Unterredung seiner Frau und seines Sohnes sah, begriff und wechselte mit ihnen einen Blick des Einverständnisses, in welchem er um Stillschweigen bat. Es war gleichsam ein letzter Hauch des Schreckens unter den Rougon inmitten der geräuschvollen Freude dieser Tafel. Als Felicité an ihren Platz zurückkehrte, sah sie auf der anderen Seite der Straße, hinter einer Fensterscheibe eine Wachskerze brennen; es war die Nachtwache an der Leiche des Herrn Peirotte, die man am Morgen von Sainte-Roure gebracht hatte. Sie setzte sich und hatte das Gefühl, als werde diese Kerze ihr den Rücken brennen. Doch neues Lachen erklang; der Nachtisch erschien und ward mit Ausrufen der Begeisterung begrüßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur nämlichen Stunde zitterte noch die ganze Vorstadt unter dem Eindrucke des blutigen Ereignisses im Saint-Mittre-Felde. Der Rückmarsch der Truppen nach dem Gemetzel in der Ebene von Nores ward durch grausame Akte der Rachevergeltung gekennzeichnet. Männer wurden hinter einer Mauer mit Kolbenschlägen niedergemacht, andere wurden in den Straßengräben von den Gendarmen erschossen. Um überall Schrecken zu verbreiten, streuten die Soldaten Leichen auf der Heerstraße aus. Man hätte ihnen auf den blutigen Spuren folgen können, die sie zurückließen. Es war ein langes Würgen. Bei jeder Rast wurden einige Aufständische ermordet, zwei in Sainte-Roure, drei in Orchères, einer in Béage. Als die Truppe in Plassans auf der Straße nach Nizza lagerte, wurde beschlossen, noch einen Gefangenen, den am meisten schuldigen, zu erschießen. Die Sieger fanden es für gut, dieses neue Opfer hinter sich zurückzulassen, um der Stadt Achtung vor dem neuen Kaiserreich einzuflößen. Aber die Soldaten waren des Mordens schon müde; keiner meldete sich zu dieser traurigen Verrichtung. Die Gefangenen, die man zwei und zwei an&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
den Handgelenken zusammengebunden, auf die Balken des Zimmerplatzes wie auf ein Feldbett geworfen hatte, hörten mit ergebenem Stumpfsinn alles an und harrten ihres Schicksals.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke drängte sich der Gendarm Rengade durch die Menge der Neugierigen. Kaum hatte er erfahren, daß die Truppe mit mehreren hundert Gefangenen zurückkehrte, als er vom Fieberfrost geschüttelt, in der bösen Dezemberkälte sein Leben aufs Spiel setzend, sich erhob. Draußen brach seine Wunde wieder auf; die Binde, die seine leere Augenhöhle verbarg, färbte sich mit Blut, das in dünnen Fäden auch auf seine Wangen und seinen Schnurrbart herunter rann. Greulich in seinem stummen Zorne und mit seinem bleichen Gesichte, das ein blutiges Linnen einhüllte, eilte er herbei, um jedem Gefangenen lange ins Gesicht zu schauen. So schritt er die Balkenhaufen ab, sich bückend, bald da, bald dort erscheinend und durch sein plötzliches Auftauchen selbst die Stumpfsinnigsten in Schrecken versetzend. Plötzlich rief er aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ha, der Bandit! Ich habe ihn!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hatte Silvère bei der Schulter erfaßt. Der Knabe hockte auf einem Balken, mit leblosen Antlitz, mit sanftem, blödem Ausdruck ins Leere, in die fahle Abenddämmerung hinausstarrend. Seit dem Aufbruch von Sainte-Roure hatte er diesen leeren Blick. Auf dem ganzen Wege, während vieler Meilen und als die Soldaten den Marsch durch Kolbenstöße beschleunigten, hatte er sich folgsam wie ein Kind betragen. Mit Staub bedeckt, erschöpft von Durst und Müdigkeit, marschierte er wortlos dahin, wie eines jener gefügigen Tiere, die von der Peitsche der Kuhhirten getrieben, herdenweise dahintrotten. Er dachte an Miette. Er sah sie in die Fahne gehüllt, unter den Bäumen, mit offenen Augen da liegen. Seit drei Tagen sah er nur sie. Und zur&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stunde, in den Schatten des zunehmenden Dunkels sah er nur immer noch sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rengade wandte sich zu dem Offizier, der unter seiner Mannschaft die zum Erschießen notwendigen Leute nicht hatte finden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Halunke hat mir das Auge ausgestoßen, sagte er zu ihm und zeigte auf Silvère. Überlassen Sie mir ihn, und die Sache ist für Sie abgetan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne zu antworten ging der Offizier mit gleichgültiger Miene und mit einer unbestimmten Gebärde weiter. Der Gendarm begriff, daß man ihm den Mann überlasse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf! Erhebe dich! sagte er, ihn schüttelnd.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère hatte, gleich allen anderen Gefangenen, einen Genossen an der Fessel. Er war mit dem Arm an einen Bauer aus Poujols namens Mourgue gebunden, an einen Mann von etwa fünfzig Jahren, den die Sonnenhitze und die harte Feldarbeit vertiert hatten. Sein Rücken war schon gekrümmt, seine Hände steif, sein Gesicht gemein; er blinzelte mit den Augen und schaute blöde drein, mit dem eigensinnigen und argwöhnischen Ausdruck der geprügelten Tiere. Mit einer eisernen Gabel bewaffnet war er aufgebrochen, weil das ganze Dorf ging; aber er hätte nicht zu sagen vermocht, weshalb er sich auf den Heerstraßen herumtrieb. Seitdem man ihn zum Gefangenen gemacht, begriff er die Sache noch weniger; er vermutete, man bringe ihn nach Hause. Das Erstaunen darüber, sich gefesselt zu sehen, der Anblick der vielen Leute, die ihn betrachteten, machten ihn noch dümmer. Da er nur die Bauernsprache redete und verstand, konnte er nicht erraten, was der Gendarm wolle. Mühsam erhob er sein dickes Gesicht zu ihm, weil er meinte, daß man ihn um seinen Namen befragte, sagte er mit seiner rauhen Stimme:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin von Poujols.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Gelächter ging durch die Menge; mehrere Stimmen riefen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macht den Bauer los!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bah, erwiderte Rengade, je mehr man von diesem Gewürm zertritt, desto besser. Da sie beisammen sind, sollen sie auch beisammen abfahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es entstand ein Murren in der Menge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Gendarm mit seinem schrecklichen, blutbefleckten Gesicht wandte sich um und die Neugierigen wichen zurück. Ein säuberlich gekleideter Spießbürger ging weiter, indem er erklärte, er könne nicht zu Mittag essen, wenn er noch länger dableibe. Einige Gassenjungen, die Silvère erkannten, sprachen von dem roten Mädchen. Da kam der Spießbürger noch einmal zurück, um den Liebhaber der Fahnenträgerin besser zu sehen, dieser Kreatur, von welcher in dem Berichte der Zeitung die Rede gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère sah nichts und hörte nicht; Rengade mußte ihn am Kragen fassen. Da erhob er sich und zwang so auch den Bauer Mourgue, sich zu erheben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommt, sagte der Gendarm, wir wollen&#039;s kurz machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt erkannte Silvère den Einäugigen. Er lächelte; er schien zu begreifen. Dann wandte er den Kopf weg. Der Anblick des Einäugigen, seines Schnurrbartes, den das gestockte Blut zu einem unheimlichen, roten Klumpen machte, verursachte ihm tiefes Leid. Er hätte in seinem süßen Dahinbrüten, seinen Gedanken an Miette vergehen wollen. Er vermied es, dem einzigen Auge Rengades zu begegnen, das unter dem bleichen Linnen funkelte. Der junge Mensch wandte sich von selbst nach dem Hintergrunde des Saint-Mittre-Feldes zu dem schmalen Gange zwischen den Bretterhaufen. Mourgue folgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wüst und trostlos dehnte das Feld unter dem bleichen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Himmel sich aus, beleuchtet von einem grellen Widerschein der kupferroten Wolken. Niemals hatte dieses öde Feld, dieser Werkplatz, wo die Balken, wie von der Kälte erstarrt dalagen, einen so trostlosen Anblick langsamen, ergreifenden Dämmerns geboten. Die Gefangenen, die Soldaten, die Menge am Straßensaume: sie verschwanden im Dunkel der Bäume. Das Feld allein, die Eichenbohlen, die Bretterhaufen waren in dem ersterbenden Tageslichte, in verschwommenen Farben sichtbar; das Ganze sah aus wie ein ausgetrocknetes Flußbett. In einem Winkel standen die Sägeböcke beisammen wie Gerüste eines Schafotts. Nichts Lebendes war da als drei Zigeuner, die ihre erschreckten Köpfe aus ihren Karren hervorstreckten: ein Alter, eine Alte und ein großes Mädchen mit krausem Haar, dessen Augen funkelten wie Wolfsaugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe Silvère den schmalen Weg erreichte, blickte er um sich. Er erinnerte sich eines fernen Sonntags, an dem er bei schönem Mondschein den Werkplatz durchschritten hatte. Wie lieblich war es in dem silberhellen Lichte, das die Bohlen entlang herniederfloß! Göttliche Stille senkte sich von dem winterlichen Himmel nieder. In dieser Stille sang die junge Zigeunerin mit dem krausen Haar mit leiser Stimme in einer unbekannten Sprache. Dann erinnerte sich Silvere, daß dieser ferne Sonntag vor acht Tagen gewesen. Acht Tage waren es her, daß er gekommen war, um Mietten Lebewohl zu sagen. Wie lange war das schon! Ihm war, als habe er seit Monaten keinen Fuß auf den Werkplatz gesetzt. Aber als er den schmalen Weg betrat, ward er schwach. Er erkannte den Duft der Gräser wieder, den Schatten der Bretterstöße, die Löcher in der Mauer. Eine Klagestimme schien aus allen diesen Gegenständen aufzusteigen; traurig und leer dehnte der Weg sich dahin; er schien ihm jetzt länger als sonst, er fühlte einen leisen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wind hinstreichen. Der ganze Winkel hatte furchtbar gealtert. Er fand die Mauer vom Moose zerfressen, den Rasenteppich vom Froste verdorrt, die Bretter vom Wasser verfault. Es war ein trostloser Anblick. Die fahle Dämmerung fiel wie ein feiner Morast auf die Erinnerungen an diesen ihm so teuren Ort. Er mußte die Augen schließen, und jetzt sah er den Weg wieder grün und die glücklichen Tage wieder, die er hier verlebt. Es war wieder warm, und er lief mit Miette im Freien herum. Dann kamen die endlosen Dezemberregengüsse; sie kamen aber dennoch hierher, verbargen sich unter den Bretterstößen und hörten aus ihrem Versteck entzückt den Regen rauschen. Wie im flammenden Lichte eines Blitzes zog sein Leben, zogen alle seine Freuden an ihm vorüber. Miette sprang über die Mauer und eilte herbei, von hellem Lachen geschüttelt. Sie war da; er sah im Schatten ihr weißes Antlitz und ihr reiches, schwarzes Haar. Sie erzählte ihm von den Elsternestern, die so schwer auszuheben sind, und zog ihn fort. Er vernahm aus der Ferne das sanfte Murmeln der Viorne, das Zirpen der Heimchen, den Wind, der durch die Pappeln der Klarawiese rauschte. Wie hatten sie sich da getummelt! Er erinnerte sich sehr wohl; sie hatte in vierzehn Tagen schwimmen gelernt; sie war ein wackeres Mädchen und hatte nur einen großen Fehler: sie stahl Obst, wenn sie im Freien herumstrichen. Aber er würde sie davon geheilt haben. Die Erinnerung an ihre ersten Liebkosungen führte ihn wieder auf den schmalen Weg zurück. Sie waren immer wieder zu diesem Versteck zurückgekehrt. Er glaubte den leisen Gesang der Zigeunerin zu hören, das Zuklappen der letzten Fensterläden, die dumpfen Schläge der Turmuhren. Dann kam der Augenblick des Scheidens; Miette stieg wieder auf die Mauer und sandte ihm Kußhändchen zu. Dann sah er sie nicht mehr; eine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schreckliche Angst schnürte ihm die Kehle zu: er wird sie nie, nie wiedersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie du willst, rief jetzt der Einäugige höhnisch; geh, suche dir dein Plätzchen aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère tat noch einige Schritte. Er näherte sich jetzt dem Ende des Weges; er sah nur mehr einen schmalen Streifen des Himmels, an dem das rostfarbige Tageslicht langsam erstarb. Hier waren zwei Jahre seines Lebens verflossen. Das langsame Herankommen des Todes erfüllte ihn mit unaussprechlicher Seligkeit auf diesem Pfade, der so lange Zeit der Schauplatz seines Herzensglücks gewesen. Er verlangsamte seine Schritte und freute sich des Abschiedes von allem, was er liebte, von den Gräsern, von den Hölzern, von den Steinen der alten Mauer, von all den Dingen, denen Miette Leben verliehen hatte. Abermals verirrten sich seine Gedanken. Sie warteten, bis sie das Alter erreichten, um Mann und Frau zu werden. Tante Dide würde bei ihnen geblieben sein. Ach, wären sie doch geflohen, weit, weit, in ein fremdes Dorf, wo die Gassenjungen der armen Chantegreil nicht das Verbrechen ihres Vaters nachgerufen hätten! Welch glücklicher Friede wäre das gewesen! Er würde an einer Heerstraße eine Stellmacherei eröffnet haben. Er war bescheiden in seinem Arbeiterehrgeiz; er wollte keine prunkvollen Kutschen mit breiten gefirnisten Feldern machen, die da glänzten wie ein Spiegel. In seiner dumpfen Verzweiflung konnte er sich nicht erinnern, weshalb sein Glückstraum sich nicht verwirklichen durfte. Warum war er nicht mit Miette und Tante Dide fortgezogen? Und als er sein Erinnerungsvermögen besser anspannte, hörte er das scharfe Prasseln eines Gewehrfeuers und sah eine Fahne sinken: der Schaft war gebrochen, der Stoff fiel herab wie der Flügel eines zu Tode getroffenen Vogels. Mit Miette schlief die Republik,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
eingehüllt in einen Zipfel des roten Banners. Oh, Jammer! Beide waren tot! Sie hatten ein blutendes Loch in der Brust und das verleidete ihm nunmehr das Leben: die Leichen der beiden, die er geliebt! Er besaß nichts mehr, er konnte nun sterben. Das erfüllte seit Sainte-Roure ihn mit einer stumpfen, kindlichen Freude. Man hätte ihn prügeln können; er würde es nicht gefühlt haben. Er befand sich nicht mehr in seinem Körper; er war neben seinen vielgeliebten Toten geblieben unter den Bäumen, im scharfen Pulverrauch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch der Einäugige ward ungeduldig; er stieß Mourgue vorwärts, der sich ziehen ließ, und schalt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So geht doch, ich will nicht hier übernachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Silvère strauchelte. Er schaute zu seinen Füßen. Das Bruchstück eines Schädels bleichte im Grase. Er glaubte den engen Weg sich mit Stimmen füllen zu hören. Die Toten riefen ihn, die alten Toten, deren heißer Atem an den Juliabenden ihn so seltsam verwirrt hatte, ihn und seine Liebste. Er erkannte ihr leises Geflüster. Sie freuten sich und sagten ihm, er möge kommen; sie versprachen, ihm Miette wiederzugeben unter der Erde in einem noch besser verborgenen Winkel, als der am Ende des Weges gewesen. Der Leichenacker, der mit seinen scharfen Düften und seinem üppigen Wachstum dem Herzen der Kinder heiße Begierden zugeflüstert und das weiche Bett seiner wild wuchernden Gräser angeboten hatte, ohne sie einander in die Arme treiben zu können, träumte jetzt davon, Silvères Blut zu trinken. Seit zwei Sommern schon harrte er der jungen Gatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soll&#039;s da sein? fragte der Einäugige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der junge Mensch blickte vor sich hin. Er war am Ende des Weges angekommen. Er bemerkte den Grabstein und fuhr zusammen. Miette hatte recht; dieser Stein war für sie. »Hier ruht ... Marie ... gestorben ...« Sie war in der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tat gestorben; der Stein war über sie gewälzt. Er wankte und mußte sich auf den eisigen Stein stützen. Wie warm war doch der Stein ehemals, als sie an einer Ecke beisammen sitzend, ganze lange Abende da verplauderten. Sie kam von der Mauer herab und hatte ein Stück des Steines damit abgewetzt, daß sie da den Fuß aufsetzte, um herabzusteigen. In diesem Eindruck ihres Fußes war etwas von ihr, von ihrem geschmeidigen Leibe zurückgeblieben. Und er dachte, daß alle diese Dinge vom Schicksal bestimmt seien, daß dieser Stein an diesem Orte liege, damit er hierher sterben komme, nachdem er hier geliebt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Einäugige lud seine Pistolen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sterben, sterben: der Gedanke entzückte Silvère. Hierher also führte man ihn auf der langen, weißen Straße, die von Sainte-Roure bis Plassans herabsteigt. Hätte er dies gewußt, so hätte er sich mehr beeilt. Sterben auf diesem Steine, sterben am Ende dieses schmalen Weges, sterben in dieser Luft, wo er noch den Atem Miettens zu spüren glaubte: niemals würde er einen solchen Trost in seinem Leide erhofft haben. Der Himmel war gütig. Er harrte mit einem Lächeln auf den Lippen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte der Bauer Mourgue die Pistolen gesehen. Bis hierher hatte er in blöder Weise sich schleppen lassen, doch jetzt erfaßte ihn die Furcht und er wiederholte immerfort in jammerndem Tone:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin von Poujols, ich bin von Poujols!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er warf sich zur Erde und wälzte sich flehend zu den Füßen des Gendarmen ohne Zweifel in der Meinung, daß er für einen andern gehalten werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was kümmert es mich, daß du von Poujols bist, brummte der Gendarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da der Erbarmungswürdige, zitternd und weinend vor Entsetzen, nicht begreifend, weshalb er sterben solle, seine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
bebenden Hände vorstreckte, diese armseligen, unförmigen und rauhen Arbeiterhände, wobei er in seiner Bauernsprache sagte, daß er nichts getan habe und daß man ihm vergeben müsse, ward der Einäugige ungeduldig, weil er dem sich heftig Bewegenden die Mündung der Pistole nicht an die Schläfe setzen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirst du schweigen! rief er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahnsinnig vor Angst und nicht sterben wollend begann Mourgue jetzt ein tierisches Geheul auszustoßen, wie ein Schwein, das geschlachtet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schweig, Halunke! wiederholte der Gendarm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er zerschmetterte ihm den Schädel. Der Bauer stürzte als tote Masse hin; sein Leichnam fiel bei einem Bretterhaufen nieder und lag da zusammengesunken. Durch die Gewalt des Sturzes riß die Leine, die ihn an seinen Genossen gefesselt hatte. Silvère sank vor dem Grabstein in die Knie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rengades Verlangen nach Rache steigerte sich nach dem Tode Mourgues. Er spielte mit seiner zweiten Pistole, hob sie langsam, um sich an der Todesangst Silvères zu weiden. Doch dieser sah ihn ruhig an. Der Anblick des Einäugigen, dessen wild funkelndes Auge ihn verbrennen zu wollen schien, verursachte ihm ein Unbehagen. Er wandte den Kopf ab, weil er fürchtete, feige zu sterben, wenn er noch länger diesen vom Fieber geschüttelten Mann sehen würde mit seiner besudelten Binde und seinem blutstarrenden Schnurrbart. Doch als er die Augen erhob, erblickte er den Kopf Justins auf der Mauer, an der Stelle, wo Miette herabzusteigen pflegte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Justin hatte sich am römischen Tore unter der Menge befunden, als der Gendarm die beiden Gefangenen wegführte. Er begann zu laufen, was er konnte und nahm seinen Weg durch den Jas-Meiffren, denn er wollte das Schauspiel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Hinrichtung nicht versäumen. Der Gedanke, daß von allen Taugenichtsen der Vorstadt er allein das Drama bequem, wie von einem Balkon herab mit ansehen könne, trieb ihn zu solcher Eile an, daß er zweimal fiel. Trotz seines tollen Laufes kam er zu dem ersten Pistolenschuß zu spät. Verzweifelt erklomm er den Maulbeerbaum. Als er Silvère noch am Leben sah, lächelte er. Die Soldaten hatten ihm erzählt, daß seine Base getötet worden sei; die Ermordung des Stellmachers machte seine Freude zu einer vollständigen. Er erwartete den Schuß mit jener Wollust, die er empfand, wenn er andere leiden sah, aber noch zehnfach gesteigert durch das Schreckliche der Szene, gemengt mit einer köstlichen Furcht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Silvère den Kopf auf der Mauer erkannte, diesen schändlichen Kerl mit der bleichen, wonnegrinsenden Fratze und dem über die Stirne leicht gesträubten Haar, empfand er eine dumpfe Wut, ein Bedürfnis zu leben. Es war die letzte Aufwallung seines Blutes. Doch es währte nur eine Sekunde; er sank wieder auf die Knie und schaute vor sich hin. In der trübseligen Dämmerung schwebte ein letztes Bild an ihm vorüber: am Ende des Weges, am Eingange des Saint-Mittre-Feldes glaubte er Tante Dide zu sehen, die bleich und starr wie eine Heilige von Stein dastand und aus der Ferne seinen Todeskampf mit ansah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke fühlte er den kalten Lauf der Pistole an seiner Schläfe. Der bleiche Kopf Justins lachte. Silvère schloß die Augen; er hörte, wie die Toten ihn heftig riefen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sah im Finstern nichts als Miette, die in die rote Fahne gehüllt, unter den Bäumen lag, und mit den offenen toten Augen in die Luft starrte. Dann schoß der Einäugige und es war aus; der Schädel des Knaben platzte, wie ein reifer Granatapfel; er fiel mit dem Antlitz auf den Steinblock,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
seine Lippen hefteten sich auf die von Miettens Füßen abgewetzte Stelle, auf jene noch warme Stelle, wo die Liebste seines Herzens gleichsam ein Stück ihres Leibes zurückgelassen hatte. – –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Rougon aber ging es in der schwülen Luft des Salons, bei den noch warmen Resten des Festmahles hoch her. Endlich genossen sie die Freuden der Reichen; nachdem sie dreißig Jahre lang ihre Begierden hatten niederhalten müssen, zeigten sie jetzt eine wilde Gier. Diese hungrigen, abgemagerten Raubtiere, denen erst gestern die Genüsse zugänglich gemacht worden, begrüßten mit lautem Jubel das erstehende Kaiserreich, die Herrschaft der wilden Treibjagd. Wie durch den Staatsstreich der Glücksstern der Bonaparte wieder aufgegangen, begründete er auch das Glück der Rougon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Peter erhob sich, streckte seinen Gästen sein Glas entgegen und rief:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich trinke auf das Heil des Prinzen Ludwig, des Kaisers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herren, die ihren Neid in dem Schaumwein ertränkt hatten, erhoben sich sämtlich und stießen unter betäubendem Jubelgeschrei mit ihren Gläsern an. Es war ein schönes Schauspiel. Die Bürger von Plassans, Roudier, Granoux, Vuillet und die anderen weinten und umarmten sich über dem noch warmen Leichnam der Republik. Sicardot aber hatte einen glänzenden Gedanken. Er nahm aus dem Haar Felicités eine Schleife von rosa Satin, mit welcher die Hausfrau sich für den Festabend geschmückt hatte, schnitt mit einem Dessertmesser ein Stückchen davon ab und steckte es feierlich in das Knopfloch Rougons. Dieser spielte den Bescheidenen, wehrte ab und murmelte mit strahlender Miene:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, ich bitte Sie, das ist zu viel. Man muß warten,. bis der Erlaß erschienen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sacrebleu, rief Sicardot, ob Sie es wohl behalten wollen; ein alter Soldat Napoleons dekoriert Sie!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ganze gelbe Salon klatschte Beifall. Felicité schwamm in Glückseligkeit. Der sonst so schweigsame Granoux bestieg in seiner Begeisterung einen Sessel, winkte heftig mit seiner Serviette und hielt eine Rede, die in dem allgemeinen Getümmel unterging. Der gelbe Salon triumphierte, raste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das Bändchen von rosa Satin im Knopfloche Peters war nicht der einzige rote Fleck in dem Triumphe der Rougon. Unter dem Bette des anstoßenden Zimmers vergessen, lag noch ein Schuh mit blutbeflecktem Absatz. Die Kerze an der Leiche des Herrn Peirotte auf der anderen Seite der Straße schimmerte blutigrot durch das Dunkel der Nacht wie eine offene Wunde. Und in der Ferne, im Hintergrunde des Saint-Mittre-Feldes, auf dem Grabstein, stockte eine große Blutlache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Emile Zola]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Belletristik]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Romane]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Irrungen,_Wirrungen&amp;diff=9302</id>
		<title>Bibliothek:Irrungen, Wirrungen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Irrungen,_Wirrungen&amp;diff=9302"/>
		<updated>2026-04-30T07:57:04Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Irrungen, Wirrungen|author=Theodor Fontane|publisher=Goldmann Verlag|published_date=1999|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/theodor-fontane/books/theodor-fontane-irrungen-wirrungen/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Erstes Kapitel ==&lt;br /&gt;
An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte. Heut&#039; aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb märchenhafte Stille nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem großen, kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, auf einen rußigen alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle quoll, beständig hin und her klapperte. Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien, daß sie nicht hörte, wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat. Erst als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte, wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei: »Na, das is recht, liebe Frau Dörr, daß Sie mal wieder rüberkommen. Und noch dazu vons ›Schloß‹. Denn ein Schloß is es und bleibt es. Hat ja &#039;nen Turm. Un nu setzen Sie sich... Ihren lieben Mann hab&#039; ich eben weggehen sehen. Und muß auch. Is ja heute sein Kegelabend.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste, sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den einer besonderen Beschränktheit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und wiederholte nur: »Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen wollte, liebe Frau Dörr, mit Dörren seinen Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich... Und nu rücken Sie ran hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die Hutsche... Lene, na Sie wissen ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er war woll hier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich war er. Und beide sind nu ein bißchen auf Wilmersdorf zu; den Fußweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie wieder hier sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, da will ich doch lieber gehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O nich doch, liebe Frau Dörr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch bliebe, Sie wissen ja, der is nicht so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiß, weiß. Und wie steht es denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie&#039;s auch nich wahr haben will, und bildet sich was ein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O du meine Güte«, sagte Frau Dörr, während sie, statt der ihr angebotenen Fußbank, einen etwas höheren Schemel heranschob. »O du meine Güte, denn is es schlimm. Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch das Schlimme an. Das is wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja eigentlich ebenso, man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Dörr meinte, weshalb diese fortfuhr: »Und weil ich mir nie was in&#039;n Kopp setzte, darum ging es immer ganz glatt und gut, und ich habe nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es is doch was Anständiges, und man kann sich überall sehen lassen. Und drum bin ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich bloß Standesamt. Bei Standesamt reden sie immer noch.« Die Nimptsch nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr aber wiederholte: »Ja, in die Kirche, in die Matthäikirche un bei Büchseln. Aber was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, ich war ja woll eigentlich größer und anziehlicher als die Lene, un wenn ich auch nicht hübscher war (denn so was kann man nie recht wissen, un die Geschmäcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das mögen manche. Ja, so viel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch immer man ganz einfach un beinah simpel, un was nu er war, mein Graf, mit seine fuffzig aufm Puckel, na, der war auch man ganz simpel und bloß immer kreuzfidel un unanständig. Und da reichen ja keine hundert Mal, daß ich ihm gesagt habe: ›Ne, ne, Graf, &#039;&#039;das&#039;&#039; geht nicht, &#039;&#039;so&#039;&#039; was verbitt&#039; ich mir...‹ Und immer die Alten sind so. Und ich sage bloß, liebe Frau Nimptsch, Sie können sich so was gar nich denken. Gräßlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber propper und fleißig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle. Und sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was da so rumfliegt, heute hier un morgen da, na, das kommt nicht um, das fällt wie die Katz immer wieder auf die vier Beine, aber so&#039;n gutes Kind, das alles ernsthaft nimmt und alles aus Liebe tut, ja, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist schlimm... Oder vielleicht is es auch nich so schlimm; Sie haben sie ja bloß angenommen, un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut, un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten zu wollen. Aber die Dörr war schon aufgestanden und sagte, während sie den Gartensteig hinuntersah: »Gott, da kommen sie. Und bloß in Zivil, un Rock un Hose ganz egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie lacht so vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden... Und nu geht er. Und nu... wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grüßt bloß noch mal, und sie wirft ihm Kußfinger zu... Ja, das glaub&#039; ich; so was lass&#039; ich mir gefallen... Nei, so war meiner nich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrüßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 2 ==&lt;br /&gt;
Andern Vormittags schien die schon ziemlich hochstehende Sonne auf den Hof der Dörrschen Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter denen auch das »Schloß« war, von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte. Ja, dies »Schloß«! In der Dämmerung hätt&#039; es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut&#039; aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man nur zu deutlich, daß der ganze bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte, welchem vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war bloße Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte. Früher, in vor-Dörrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen, vielleicht auch als Kartoffelkeller gedient, seit aber, vor soundsoviel Jahren, die Gärtnerei von ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war, war das eigentliche Wohnhaus an Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten, unter Einfügung der schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt für den damals verwitweten Dörr hergerichtet worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine bald danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte. Sommers war diese beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle kein übler Aufenthalt, um die Winterzeit aber hätte Dörr und Frau, samt einem aus erster Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn, einfach erfrieren müssen, wenn nicht die beiden großen, an der andern Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich, aber auch in der besseren und sogar in der heißen Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor der Sonne Zuflucht suchte, zu großem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab, weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf denen die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen durften, hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die Hütte mit dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den großen, weiter zurückgelegenen Gemüsegarten. In diesem sah es nicht sonderlich ordentlich aus, einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung, außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß er diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Groß freilich war dieser Schaden nie, da seiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles Feinere fehlte. Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber Borré, hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dinge brauche: eine Weiße, einen Gilka und Borré. »Bei Borré«, schloß er dann regelmäßig, »ist noch keiner zu kurz gekommen.« Er war überhaupt ein Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das, was über ihn gesagt wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der die Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau mitgewirkt und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerad umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Überschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht von seiten Dörrs in Person, für den die Natur, soweit Äußerlichkeiten in Betracht kamen, ganz ungewöhnlich wenig getan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn, wär&#039; er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke was Apartes gegeben hätte. Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: »Schrumplich is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumenestrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die »Madams« lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu seinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. »Das bißchen Geschimpfe... Wenn ich&#039;s nur mal mit anhören könnte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sprach er noch vor sich hin, als er, vom Garten her, das Gebell eines kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, &#039;&#039;seines&#039;&#039; Hahns, seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der Tat, daß ein Haufen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen war, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Himmeldonnerwetter«, schrie Dörr in Wut, »das is wieder Bollmann seiner... Wieder durch den Zaun... I, da soll doch...« Und den Geraniumtopf, den er eben musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch wie ein Rasender auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab »Bollmann seiner« bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun weg ins Freie – der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht besser erging es Dörr selber, der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. »Ja, Sultan, diesmal war es nichts.« Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Hütte zu, langsam und verlegen, wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile: »Hol&#039; mich der Deubel, wenn ich mir nich &#039;ne Windbüchse anschaffe, bei Mehles oder sonstwo. Un denn pust&#039; ich das Biest so stille weg, und kräht nich Huhn, nich Hahn danach. Nich mal meiner.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dieser ihm von seiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch vorläufig nichts wissen zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei warf er den Silberhals so stolz, als ob er den Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr aber sagte: »Jott, so&#039;n Hahn. Denkt nu auch wunder, was er is. Un seine Courage is doch auch man soso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit ging er wieder auf seine Blumenestrade zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 3 ==&lt;br /&gt;
Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr, die gerade beim Spargelstechen war, beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine »weißen Köppe« mehr ergeben wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich hertreibend erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumenestrade zu, wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, Suselchen«, empfing er seine beßre Hälfte, »da bist du ja. Hast du woll gesehn? Bollmann seiner war wieder da. Höre, der muß dran glauben, un denn brat&#039; ich ihn aus; ein bißchen Fett wird er ja woll haben, un Sultan kann denn die Grieben kriegen... Und Hundefett, höre, Susel...«, und er wollte sich augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: »Na, nu zeige mal her. Hat&#039;s denn gefleckt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I nu«, sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halbgefüllten Korb hin, dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, ich habe schon. Man bloß hexen kann ich nich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch nich. Aber zum Verhungern is es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I, es denkt nich dran. Laß doch das ewige Gerede, Dörr; sie stecken ja drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine düchtige Husche, so wie die vor Pfingsten, und du sollst mal sehn. Und Regen gibt es. Die Wassertonne riecht schon wieder, un die große Kreuzspinn is in die Ecke gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du nich verlangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr lachte. »Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch. Und du kannst ja denn auch was ablassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, rede doch nicht so«, unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das »Schloß« zu, wo sie sich&#039;s auf dem Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über dem Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinübergrüßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: »Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast recht«, antwortete die Dörr. »Na, da werd&#039; ich man ein bißchen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenster is ja grade die pralle Sonne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schad&#039;t nichts, Lene. Da bring&#039; ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.« Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nah, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit aus ins Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du könntest mir mal &#039;nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel.« Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. »Da, Lene, das gibt &#039;ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit&#039;n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der? Ach, Leneken, was &#039;&#039;der&#039;&#039; sagt, is ganz egal. Der red&#039;t doch. Er will immer, daß ich den Murks mit einbinde, wie wenn&#039;s richtige Stangen wären; aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stückenzeug gradeso gut schmeckt wie&#039;s ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, und ich ärgre mir bloß, daß so&#039;n Mensch, dem es so zuwächst, so&#039;n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Lene, »geizig is er und ein bißchen wunderlich. – Aber eigentlich doch ein guter Mann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm, un dabei richtige Sechsundfünfzig, un vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch, wenn&#039;s ihm gerade paßt. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl&#039; ihm immer von Schlag und Schlag und zeig&#039; ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es nich. Es kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub&#039; es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag&#039; ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er. Aber was reden wir von Schlag und Dörr, un daß er bloß O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie &#039;ne Tanne. Nich wahr, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: »Der Bolzen ist kalt geworden.« Und vom Plättbrett zurücktretend, ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten, klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst, daß Frau Dörr noch immer auf Antwort wartete. Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu: »Kommt er denn heute?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja; Wenigstens hat er es versprochen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu sage mal, Lene«, fuhr Frau Dörr fort, »wie kam es denn eigentlich? Mutter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man immer soso, nich hü un nich hott. Und immer bloß halb un so konfuse. Nu, sage du mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon so warm, als ob Pfingsten wär&#039;, und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte, nahmen wir einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina ist, setzte sich ans Steuer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich. Aber er meinte, daß er&#039;s verstünde, und sagte bloß immer: ›Mächens, ihr müßt stillsitzen; ihr schunkelt so‹, denn er spricht so furchtbar berlinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, daß es mit seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaßen wir&#039;s wieder und ließen uns treiben und neckten uns mit denen, die vorbeikamen und uns mit Wasser bespritzten. Und in dem einen Boote, das mit unsrem dieselbe Richtung hatte, saßen ein paar sehr feine Herren, die beständig grüßten, und in unsrem Übermute grüßten wir wieder, und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat, als ob sie die Herren kenne, was aber gar nicht der Fall war, und wollte sich bloß zeigen, weil sie noch so sehr jung ist. Und während wir noch so lachten und scherzten und mit dem Ruder bloß so spielten, sahen wir mit einem Male, daß von Treptow her das Dampfschiff auf uns zukam, und wie Sie sich denken können, liebe Frau Dörr, waren wir auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst Rudolfen zu, daß er uns heraussteuern solle. Der Junge war aber aus Rand und Band und steuerte bloß so, daß wir uns beständig im Kreise drehten. Und nun schrien wir und wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht in eben diesem Augenblicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt hätte. Mit ein paar Schlägen war es neben uns, und während der eine mit einem Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot ankoppelte, ruderte der andre sich und uns aus dem Strudel heraus, und nur einmal war es noch, als ob die große, vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns umwerfen wolle. Der Kapitän drohte denn auch wirklich mit dem Finger (ich sah es inmitten all meiner Angst), aber auch das ging vorüber, und eine Minute später waren wir bis an Stralau heran, und die beiden Herren, denen wir unsre Rettung verdankten, sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand und waren uns als richtige Kavaliere beim Aussteigen behilflich. Und da standen wir denn nun auf der Landungsbrücke bei Tübbeckes und waren sehr verlegen, und Lina weinte jämmerlich vor sich hin, und bloß Rudolf, der überhaupt ein störrischer und großmäuliger Bengel is und immer gegen&#039;s Militär, bloß Rudolf sah ganz bockig vor sich hin, als ob er sagen wollte: ›Dummes Zeug, ich hätt&#039; euch auch rausgesteuert.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so is er, ein großmäuliger Bengel; ich kenn&#039; ihn. Aber nu die beiden Herren. Das ist doch die Hauptsache...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun die bemühten sich erst noch um uns und blieben dann an dem andren Tisch und sahen immer zu uns rüber. Und als wir so gegen sieben, und es schummerte schon, nach Hause wollten, kam der eine und fragte, ob er und sein Kamerad uns ihre Begleitung anbieten dürften? Und da lacht&#039; ich übermütig und sagte, sie hätten uns ja gerettet, und einem Retter dürfe man nichts abschlagen. Übrigens sollten sie sich&#039;s noch mal überlegen, denn wir wohnten so gut wie am andern Ende der Welt. Und sei eigentlich eine Reise. Worauf er verbindlich antwortete: Desto besser. Und mittlerweile war auch der andre herangekommen... Ach, liebe Frau Dörr, es mag wohl nicht recht gewesen sein, gleich so freiweg zu sprechen, aber der eine gefiel mir, und sich zieren und zimperlich tun, das hab&#039; ich nie gekonnt. Und so gingen wir denn den weiten Weg, erst an der Spree und dann an dem Kanal hin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und Rudolf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehöre, sah aber alles und paßte gut auf. Was auch recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn und noch ein gutes, unschuldiges Kind!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, Frau Dörr. Sie brauchen sie ja bloß anzusehn. So was sieht man gleich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich. Und da haben sie euch denn nach Hause gebracht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nachher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, nachher. Nun Sie wissen ja, wie&#039;s nachher kam. Er kam dann den andern Tag und fragte nach. Und seitdem ist er oft gekommen, und ich freue mich immer, wenn er kommt. Gott, man freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist oft so einsam hier draußen. Und Sie wissen ja, Frau Dörr, Mutter hat nichts dagegen und sagt immer: ›Kind, es schad&#039;t nichts. Eh man sich&#039;s versieht, is man alt.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ja«, sagte die Dörr, »so was hab&#039; ich die Nimptschen auch schon sagen hören. Und hat auch ganz recht. Das heißt, wie man&#039;s nehmen will, und nach&#039;m Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen überhaupt das Beste. Das kannst du mir schon glauben. Aber ich weiß woll, es geht nich immer, und mancher will auch nich. Und wenn einer nich will, na, denn will er nich, un denn muß es auch so gehn und geht auch mehrstens, man bloß, daß man ehrlich is un anständig und Wort hält. Un natürlich, was denn kommt, das muß man aushalten un darf sich nicht wundern. Un wenn man all so was weiß und sich immer wieder zu Gemüte führt, na, denn is es nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man bloß das Einbilden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, liebe Frau Dörr«, lachte Lene, »was Sie nur denken. Einbilden! Ich bilde mir gar nichts ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb&#039; ich ihn. Und das ist mir genug. Und will weiter gar nichts von ihm, nichts, gar nichts, und daß mir mein Herze so schlägt und ich die Stunden zähle, bis er kommt, und nicht abwarten kann, bis er wieder da ist, das macht mich glücklich, das ist mir genug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, schmunzelte die Dörr vor sich hin, »das is das Richtige, so muß es sein. Aber is es denn wahr, Lene, daß er Botho heißt? So kann doch einer eigentlich nich heißen; das is ja gar kein christlicher Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, Frau Dörr.« Und Lene machte Miene, die Tatsache, daß es solchen Namen gäbe, des weiteren zu bestätigen. Aber ehe sie dazu kommen konnte, schlug Sultan an, und im selben Augenblicke hörte man deutlich vom Hausflur her, daß wer eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei Bestellkarten für Dörr und einen Brief für Lene.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, Hahnke«, rief die Dörr dem in großen Schweißperlen vor ihr Stehenden zu, »Sie drippen ja man so. Is es denn so &#039;ne schwebende Hitze? Un erst halb zehn. Na, soviel seh&#039; ich woll, Briefträger is auch kein Vergnügen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas frische Milch zu holen. Aber Hahnke dankte. »Habe keine Zeit, Frau Dörr. Ein andermal.« Und damit ging er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, was schreibt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es ist so lange bis morgen. Ein Glück, daß ich Arbeit habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich werde heut&#039; nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen. – Aber Dörr darf nicht dabei sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I Gott bewahre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und danach trennte man sich, und Lene ging in das Vorderzimmer, um der Alten das von der Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 4 ==&lt;br /&gt;
Und nun war der andre Abend da, zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte. Lene ging im Vorgarten auf und ab, drinnen aber, in der großen Vorderstube, saß wie gewöhnlich Frau Nimptsch am Herd, um den herum sich auch heute wieder die vollzählig erschienene Familie Dörr gruppiert hatte. Frau Dörr strickte mit großen Holznadeln an einer blauen, für ihren Mann bestimmten Wolljacke, die, vorläufig noch ohne rechte Form, nach Art eines großen Vlieses auf ihrem Schoße lag. Neben ihr, die Beine bequem übereinandergeschlagen, rauchte Dörr aus einer Tonpfeife, während der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Großvaterstuhle saß und seinen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte. Jeden Morgen bei Hahnenschrei aus dem Bett, war er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen. Gesprochen wurde wenig, und so hörte man denn nichts als das Klappern der Holznadeln und das Knabbern des Eichhörnchens, das mitunter aus seinem Schilderhäuschen herauskam und sich neugierig umsah. Nur das Herdfeuer und der Widerschein des Abendrots gaben etwas Licht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr saß so, daß sie den Gartensteig hinaufsehen und trotz der Dämmerung erkennen konnte, wer draußen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, da kommt er«, sagte sie. »Nu, Dörr, laß mal deine Pfeife ausgehen. Du bist heute wieder wie&#039;n Schornstein un rauchst un schmookst den ganzen Tag. Un so&#039;n Knallerballer wie deiner, der is nich für jeden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr ließ sich solche Rede wenig anfechten, und ehe seine Frau mehr sagen oder ihre Wahrsprüche wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war sichtlich angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette gewesen war, und sagte, während er Frau Nimptsch die Hand reichte: »Guten Tag, Mutterchen. Hoffentlich gut bei Weg. Ah, und Frau Dörr; und Herr Dörr, mein alter Freund und Gönner. Hören Sie, Dörr, was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens für Sie bestellt und für mich mit. Meine Wiesen zu Hause, die vier Jahre von fünf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln, die können solch Wetter brauchen. Und Lene kann&#039;s auch brauchen, daß sie mehr draußen ist; sie wird mir sonst zu blaß.« Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerückt, weil sie wußte, daß Baron Botho hier am liebsten saß; Frau Dörr aber, in der eine starke Vorstellung davon lebte, daß ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen müsse, war inzwischen aufgestanden und rief, immer das blaue Vlies nachschleppend, ihrem Pflegesohn zu: »Will er woll auf! Ne, ich sage. Wo&#039;s nich drin steckt, da kommt es auch nich.« Der arme Junge fuhr blöd und verschlafen in die Höh&#039; und wollte den Platz räumen, der Baron litt es aber nicht. »Ums Himmels willen, liebe Frau Dörr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz&#039; am liebsten auf einem Schemel wie mein Freund Dörr hier.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene noch immer in Bereitschaft hatte, neben die Alte und sagte, während er sich setzte: »Hier neben Frau Nimptsch; das ist der beste Platz. Ich kenne keinen Herd, auf den ich so gern sähe; immer Feuer, immer Wärme. Ja, Mutterchen, es ist so; hier ist es am besten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, du mein Gott«, sagte die Alte. »Hier am besten! Hier bei &#039;ner alten Wasch- und Plättefrau.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch. Wissen Sie denn, Mutterchen, daß es hier in Berlin einen berühmten Dichter gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es möglich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich ist es möglich. Es ist sogar gewiß. Und wissen Sie, was er zum Schluß gesagt hat? Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben wie die alte Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es möglich?« simperte die Alte noch einmal vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wissen Sie, Mutterchen, um auch das nicht zu vergessen, daß er ganz recht gehabt hat und daß ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor sich hin. Aber sehen Sie sich mal um hier, wie leben Sie? Wie Gott in Frankreich. Erst haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Dörr. Und dann haben Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte noch weiter sprechen, aber im selben Augenblicke kam Lene mit einem Kaffeebrett zurück, auf dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfelwein stand, Apfelwein, für den der Baron, weil er ihm wunderbare Heilkraft zuschrieb, eine sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach Lene, wie du mich verwöhnst. Aber du darfst es mir nicht so feierlich präsentieren, das ist ja, wie wenn ich im Klub wäre. Du mußt es mir aus der Hand bringen, da schmeckt es am besten. Und nun gib mir deine Patsche, daß ich sie streicheln kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen. Und nun setze dich da hin, zwischen Herr und Frau Dörr, dann hab&#039; ich dich gegenüber und kann dich immer ansehn. Ich habe mich den ganzen Tag auf diese Stunde gefreut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es dir aber beweisen, Lene, denn ich habe dir von der großen Herren- und Damenfête, die wir gestern hatten, was mitgebracht. Und wenn man was zum Mitbringen hat, dann freut man sich auch auf die, die&#039;s kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Dörr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr schmunzelte, Frau Dörr aber sagte: »Jott, &#039;&#039;der&#039;&#039;. Der un mitbringen. Dörr is bloß für rapschen und sparen. So sind die Gärtners. Aber neugierig bin ich doch, was der Herr Baron mitgebracht haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, da will ich nicht lange warten lassen, sonst denkt meine liebe Frau Dörr am Ende, daß es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus dem Märchen. Es ist aber bloß &#039;&#039;das&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei gab er Lenen eine Tüte, daraus, wenn nicht alles täuschte, das gefranzte Papier einiger Knallbonbons hervorguckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirklich, es waren Knallbonbons, und die Tüte ging reihum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nun müssen wir auch ziehen, Lene; halt fest und Augen zu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr war entzückt, als es einen Knall gab, und noch mehr, als Lenes Zeigefinger blutete. »Das tut nich weh, Lene, das kenn&#039; ich; das is, wie wenn sich &#039;ne Braut in&#039;n Finger sticht. Ich kannte mal eine, die war so versessen drauf, die stach sich immerzu un lutschte und lutschte, wie wenn es wunder was wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene wurde rot. Aber Frau Dörr sah es nicht und fuhr fort: »Und nu den Vers lesen, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dieser las denn auch:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|»In Liebe selbstvergessen sein&lt;br /&gt;
Freut Gott und die lieben Engelein.«&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
»Jott«, sagte Frau Dörr und faltete die Hände. »Das is ja wie aus&#039;n Gesangbuch. Is es denn immer so fromm?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I bewahre«, sagte Botho. »Nicht immer. Kommen Sie, liebe Frau Dörr, wir wollen auch mal ziehn und sehn, was dabei herauskommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun zog er wieder und las:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|»Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,&lt;br /&gt;
Da stehen Himmel und Hölle offen.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Nun, Frau Dörr, was sagen Sie dazu? Das klingt schon anders; nicht wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na«, sagte Frau Dörr, »anders klingt es. Aber es gefällt mir nicht recht... Wenn ich einen Knallbonbon ziehe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da darf nichts von Hölle vorkommen, da will ich nich hören, daß es so was gibt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich auch nicht«, lachte Lene. »Frau Dörr hat ganz recht; sie hat überhaupt immer recht. Aber das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat man immer gleich was zum Anfangen, ich meine zum Anfangen mit der Unterhaltung, denn anfangen is immer das Schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit so viel fremden Damen (und ihr kennt euch doch nicht alle) sogleich mir nichts, dir nichts ein Gespräch anfangen kann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, meine liebe Lene«, sagte Botho, »das ist nicht so schwer, wie du denkst. Es ist sogar ganz leicht. Und wenn du willst, will ich dir gleich eine Tischunterhaltung vormachen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr und Frau Nimptsch drückten ihre Freude darüber aus, und auch Lene nickte zustimmend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun«, fuhr Baron Botho fort, »denke dir also, du wärst eine kleine Gräfin. Und eben hab&#039; ich dich zu Tische geführt und Platz genommen, und nun sind wir beim ersten Löffel Suppe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Gut. Aber nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nun sag&#039; ich: ›Irr&#039; ich nicht, meine gnädigste Komtesse, so sah ich Sie gestern in der Flora, Sie und Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundern. Das Wetter lockt ja jetzt täglich heraus, und man könnte schon von Reisewetter sprechen. Haben Sie Pläne, Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin?‹ Und nun antwortest du, daß leider noch nichts feststünde, weil der Papa durchaus nach dem Bayerischen wolle, daß aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein Herzenswunsch wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist es auch wirklich«, lachte Lene.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun sieh, das trifft sich gut. Und so fahr&#039; ich denn fort: ›Ja, gnädigste Komtesse, da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die Sächsische Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor, namentlich auch der eigentlichen Schweiz. Man kann nicht immer große Natur schwelgen, nicht immer klettern und außer Atem sein. Aber Sächsische Schweiz! Himmlisch, ideal! Da hab&#039; ich Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bin ich da, da seh&#039; ich Bilder, Theater, Großen Garten, Zwinger, Grünes Gewölbe. Versäumen Sie nicht, sich die Kanne mit den Törichten Jungfrauen zeigen zu lassen, und vor allem den Kirschkern, auf dem das ganze Vaterunser steht. Alles bloß durch die Lupe zu sehen.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und so sprecht ihr!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken, also mit Komtesse Lene, fertig bin, so wend&#039; ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten, also zu Frau Baronin Dörr...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand aufs Knie, daß es einen lauten Puff gab...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Frau Baronin Dörr also. Und spreche nun worüber? Nun, sagen wir über Morcheln.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber mein Gott, Morcheln. Über Morcheln, Herr Baron, das geht doch nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, warum nicht, warum soll es nicht gehen, liebe Frau Dörr? Das ist ein sehr ernstes und lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeutung, als Sie glauben. Ich besuchte mal einen Freund in Polen, Regiments- und Kriegskameraden, der ein großes Schloß bewohnte, rot und mit zwei dicken Türmen, und so furchtbar alt, wie&#039;s eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Und das letzte Zimmer war sein Wohnzimmer; denn er war unverheiratet, weil er ein Weiberfeind war...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist es möglich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und überall waren morsche, durchgetretene Dielen, und immer, wo ein paar Dielen fehlten, da war ein Morchelbeet, und an all den Morchelbeeten ging ich vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist es möglich?« wiederholte die Dörr und setzte hinzu: »Morcheln. Aber man kann doch nicht immer von Morcheln sprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nicht immer. Aber oft oder wenigstens manchmal, und eigentlich ist es ganz gleich, wovon man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind es Champignons, und wenn es nicht das rote polnische Schloß ist, dann ist es Schlößchen Tegel oder Saatwinkel, oder Valentinswerder. Oder Italien oder Paris, oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschüttet werden soll. Es ist alles ganz gleich. über jedes kann man ja was sagen, und ob&#039;s einem gefällt oder nicht. Und ›ja‹ ist geradeso viel wie ›nein‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber«, sagte Lene, »wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, man sieht doch schöne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke, die, wenn man gut aufpaßt, einem eine ganze Geschichte verraten. Und jedenfalls dauert es nicht lange, so daß man immer noch Zeit hat, im Klub alles nachzuholen. Und im Klub ist es wirklich reizend, da hören die Redensarten auf, und die Wirklichkeiten fangen an. Ich habe gestern Pitt seine Graditzer Rappstute abgenommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer ist Pitt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das sind so Namen, die wir nebenher führen, und wir nennen uns so, wenn wir unter uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn er Viktoria meint. Es ist ein wahres Glück, daß es solche Liebes- und Zärtlichkeitsnamen gibt. Aber horch, eben fängt drüben das Konzert an. Können wir nicht die Fenster aufmachen, daß wir&#039;s besser hören? Du wippst ja schon mit der Fußspitze hin und her. Wie wär&#039; es, wenn wir anträten und einen Contre versuchten oder eine Française? Wir sind drei Paare: Vater Dörr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Dörr und ich (ich bitte um die Ehre), und dann kommt Lene mit Hans.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr war sofort einverstanden, Dörr und Frau Nimptsch aber lehnten ab, diese, weil sie zu alt sei, jener, weil er so was Feines nicht kenne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Vater Dörr. Aber dann müssen Sie den Takt schlagen; Lene, gib ihm das Kaffeebrett und einen Löffel. Und nun antreten, meine Damen. Frau Dörr, Ihren Arm. Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, beide Paare stellten sich auf, und Frau Dörr wuchs ordentlich noch an Stattlichkeit, als ihr Partner in einem feierlichen Tanzmeister-Französisch anhob: »En avant deux, pas de basque.« Der sommersprossige, leider noch immer verschlafene Gärtnerjunge sah sich maschinenmäßig und ganz nach Art einer Puppe hin- und hergeschoben, die drei andern aber tanzten wie Leute, die&#039;s verstehen, und entzückten den alten Dörr derart, daß er sich von seinem Schemel erhob und statt mit dem Löffel mit seinem Knöchel an das Kaffeebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam die Lust früherer Tage wieder, und weil sie nichts Besseres tun konnte, wühlte sie mit dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch aufschlug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging es, bis die Musik drüben schwieg; Botho führte Frau Dörr wieder an ihren Platz, und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte Gärtnerjunge nicht wußte, was er mit ihr machen sollte. Das aber paßte Botho gerade, der, als die Musik drüben wieder anhob, mit Lene zu walzen und ihr zuzuflüstern begann, wie reizend sie sei, reizender denn je.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren alle warm geworden, am meisten die gerade jetzt am offenen Fenster stehende Frau Dörr. »Jott, mir schuddert so«, sagte sie mit einem Male, weshalb Botho verbindlich aufsprang, um die Fenster zu schließen. Aber Frau Dörr wollte davon nichts wissen und behauptete, was die feinen Leute wären, die wären alle für frische Luft, und manche wären so fürs Frische, daß ihnen im Winter das Deckbett an den Mund fröre. Denn Atem wäre dasselbe wie Wrasen, grade wie der, der aus der Tülle käm&#039;. Also die Fenster müßten aufbleiben, davon ließe sie nicht. Aber wenn Lenechen so fürs Innerliche was hätte, so was für Herz und Seele...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, liebe Frau Dörr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch die Kirschwasserflasche schon da, mit Gläsern, großen und kleinen, in die sich nun jeder nach Gutdünken hineintat. Und nun ging Lene, den rußigen Herdkessel in der Hand, reihum und goß das kochsprudelnde Wasser ein. »Nicht zu viel, Leneken, nicht zu viel. Immer aufs Ganze. Wasser nimmt die Kraft.« Und im Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden Kirschmandelarom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, das hast du gut gemacht«, sagte Botho, während er aus dem Glase nippte. »Weiß es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Klub erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ›weil&#039;s ihr so geschuddert hat‹, und so bring&#039; ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie lebe hoch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie lebe hoch«, riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug wieder mit seinem Knöchel ans Brett.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte, drang auf Aufbruch: Morgen sei auch noch ein Tag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle, sagte nur: »Laß, Leneken, ich kenn&#039; ihn; er geht nu mal mit die Hühner zu Bett.« – »Nun«, sagte Botho, »wenn es beschlossen ist, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brachen alle auf und ließen nur die alte Frau Nimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 5 ==&lt;br /&gt;
Vor dem »Schloß« mit dem grün und rot gestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehn und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen. Der Abend sei so schön. Vater Dörr brummelte, daß er sein Eigentum in keinem beßren Schutz lassen könne, worauf das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den Garten zuschnitt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei mußten, richtete sich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drinnen im Garten war alles Duft und Frische, denn den ganzen Hauptweg hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, standen Levkoien und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren der Thymianbeete mischte. Nichts regte sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu, wo, zwischen zwei Silberpappeln, eine Bank stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wollen wir uns setzen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Lene, »nicht jetzt« und bog in einen Seitenweg ein, dessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. »Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinetwegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub&#039; ich, glücklich. Er muß tun, was sie will, und ist doch um vieles klüger.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, sagte Lene, »klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das macht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand übervorteilen will. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und weiter nichts?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von seiner Seite. Denn trotz seiner Sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie vernarrt in seine Frau, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Geschmack wäre sie nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Lene, »sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn gar nicht, daß ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so was seht ihr nicht, und ›Figur‹ und ›stattlich‹ ist immer euer drittes Wort, ohne daß sich wer drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So plaudernd und neckend blieb sie stehn und bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog, nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen eines wahren Prachtexemplares zwischen die Lippen und trat vor ihn hin und sah ihn an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und umarmte sie und küßte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meine süße Lene, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan blafft; er will bei dir sein; soll ich ihn losmachen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, wenn er hier ist, hab&#039; ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann gar noch von der stattlichen Frau Dörr, so hab&#039; ich dich so gut wie gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut«, lachte Botho, »Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das Geringste, was an ihre Vergangenheit erinnern könnte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hat sie denn eine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ›ging mit ihm‹, wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst viel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß über Anstoß gegeben haben. Nur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aber es läßt sich nicht anders sagen. Und nun lassen wir die Frau Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine Brust.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So vergingen ihre Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: »Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm&#039; ich mich, es zu sagen. ich hatte sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unsren Küchengarten in Schloß Zehden, der genau so daliegt wie dieser Dörrsche, dieselben Salatbeete mit Kirschbäumen dazwischen, und ich möchte wetten, auch ebenso viele Meisenkästen. Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, daß ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039;s. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben müßte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Furcht? Wie das? Warum, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. »Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hofe wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele. Hab&#039; ich recht? Aber wie&#039;s auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner Mutter. Wie sieht sie aus?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Genauso wie du: groß und schlank und blauäugig und blond.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Arme Lene« (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), »da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039; es nicht. Das ist nicht möglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Getroffen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und daß all ihre Kinder reiche, das heißt sehr reiche Partien machen. Und ich weiß auch, wen sie für dich in Bereitschaft hält.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eine Unglückliche, die du...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du mich verkennst. Glaube mir, daß ich dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schüttelte den Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das seh&#039; ich klar und gewiß. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, ich weiß es. Und weiß auch, daß du deine Lene für was Besondres hältst und jeden Tag denkst: ›Wenn sie doch eine Gräfin wäre.‹ Damit ist es nun aber zu spät, das bring&#039; ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach, und der Stärkre beherrscht sie... Und der Stärkre... Ja, wer ist dieser Stärkre? Nun, entweder ist&#039;s deine Mutter oder das Gerede der Menschen oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles drei... Aber sieh nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wies nach dem Zoologischen hinüber, aus dessen Baum- und Blätterdunkel eben eine Rakete zischend in die Luft fuhr und mit einem Puff in zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es weiter, als ob sie sich jagen und überholen wollten, bis es mit einem Male vorbei war und die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte zu glühen anfingen. Ein paar Vögel in ihren Käfigen kreischten dazwischen, und dann fiel nach einer langen Pause die Musik wieder ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du, Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee drüben auf und ab schreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den Buchsbaumrabatten, und könnte jedem sagen: ›Ja, wundert euch nur, er ist er, und ich bin ich, und er liebt mich, und ich liebe ihn‹ – ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe? Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur euch und euren Klub und euer Leben. Ach, das arme bißchen Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sprich nicht so, Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum nicht? Man muß allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen. Aber es wird kalt, und drüben ist es auch vorbei. Das ist das Schlußstück, das sie jetzt spielen. Komm, wir wollen uns drin an den Herd setzen, das Feuer wird noch nicht aus sein, und die Alte ist längst zu Bett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gingen sie, während sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den Gartensteig wieder hinauf. Im »Schloß« brannte kein Licht mehr, und nur Sultan, den Kopf aus seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rührte sich nicht und hatte bloß mürrische Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 6 ==&lt;br /&gt;
Es war die Woche darnach, und die Kastanien hatten bereits abgeblüht; auch in der Bellevuestraße. Hier hatte Baron Botho von Rienäcker eine zwischen einem Front- und einem Gartenbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer, Eßzimmer, Schlafzimmer, die sich sämtlich durch eine geschmackvolle, seine Mittel ziemlich erheblich übersteigende Einrichtung auszeichneten. In dem Eßzimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Bärenhatz, wertvolle Kopie nach Rubens, während in dem Arbeitszimmer ein Andreas Achenbachscher Seesturm, umgeben von einigen kleineren Bildern desselben Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung zugefallen, und an diesem schönen und wertvollen Besitze hatte er sich zum Kunstkenner und speziell zum Achenbach-Enthusiasten herangebildet. Er scherzte gern darüber und pflegte zu versichern, daß ihm sein Lotterieglück, weil es ihn zu beständig neuen Ankäufen verführt habe, teuer zu stehn gekommen sei, hinzusetzend, daß es vielleicht mit jedem Glücke dasselbe sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Sofa, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war, stand auf einem Malachittischchen das Kaffeegeschirr, während auf dem Sofa selbst allerlei politische Zeitungen umherlagen, unter ihnen auch solche, deren Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verwunderlich war und nur aus dem Baron Bothoschen Lieblingssatze, Schnack gehe vor Politik, erklärt werden konnte. Geschichten, die den Stempel der Erfindung an der Stirn trugen, sogenannte »Perlen«, amüsierten ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der Frühstückszeit allemal offen stand, flog auch heute wieder auf Hand und Schulter seines ihn nur zu sehr verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zu werden, das Blatt jedesmal beiseite tat, um den kleinen Liebling zu streicheln. Unterließ er es aber, so drängte sich das Tierchen an Hals und Bart des Lesenden und piepte so lang und eigensinnig, bis ihm der Wille getan war. »Alle Lieblinge sind gleich«, sagte Baron Rienäcker, »und fordern Gehorsam und Unterwerfung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke ging die Korridorklingel, und der Diener trat ein, um die draußen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Kuvert in Quadrat, war offen und mit einer Dreipfennigmarke frankiert. »Hamburger Lotterielos oder neue Zigarren«, sagte Rienäcker und warf Kuvert und Inhalt, ohne weiter nachzusehen, beiseite. »Aber das hier... Ah, von Lene. Nun, &#039;&#039;den&#039;&#039; verspare ich mir bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht. Ostensches Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, will sagen: schon da. Was wird er nur wollen? Zehn gegen eins, ich soll mit ihm frühstücken oder einen Sattel kaufen oder ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zu Kroll; am wahrscheinlichsten das eine tun und das andere nicht lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er schnitt das Kuvert, auf dem er auch Onkel Ostens Handschrift erkannt hatte, mit einem auf dem Fensterbrett liegenden Messerchen auf und nahm den Brief heraus. Der aber lautete:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Hotel Brandenburg&#039;&#039;, Nummer 15 – Mein lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich hier unter eurer alten Berliner Devise ›Vor Taschendieben wird gewarnt‹ auf dem Ostbahnhofe glücklich eingetroffen und habe mich im Hotel Brandenburg einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur zwei Tage, denn eure Luft drückt mich. Es ist ein stickiges Nest. Alles andre mündlich. Ich erwarte Dich ein Uhr bei Hiller. Dann wollen wir einen Sattel kaufen. Und dann abends zu Renz. Sei pünktlich. Dein alter Onkel Kurt Anton.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker lachte. »Dacht&#039; ich&#039;s doch! Und doch eine Neuerung. Früher war es Borchardt, jetzt Hiller. Ei, ei, Onkelchen, was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen... Und nun meine liebe Lene... Was Onkel Kurt Anton wohl sagen würde, wenn er wüßte, in welcher Begleitung sein Brief und seine Befehle hier eingetroffen sind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während er so sprach, erbrach er Lenes Billet und las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du müßtest den andern Tag wiederkommen, so glücklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich schon und sagt: ›Er kommt nicht wieder.‹ Ach, wie mir das immer einen Stich ins Herz gibt, weil es ja mal so kommen muß und weil ich fühle, daß es jeden Tag kommen kann. Daran wurd&#039; ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab&#039; ich nicht die Wahrheit gesagt, ich &#039;&#039;habe&#039;&#039; Dich gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer Seiten-Alleh, und habe Dich eine Stunde lang auf und ab reiten sehn. Ach, ich freute mich über die Maßen, denn Du warst der stattlichste (beinah so stattlich wie Frau Dörr, die sich Dir emphelen läßt), und ich hatte solchen Stolz Dich zu sehn, daß ich nicht einmal eifersüchtig wurde. Nur einmal kam es. Wer war denn die schöne Blondine mit den zwei Schimmeln, die ganz in einer Blumengirrlande gingen? Und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl. So was Schönes hab&#039; ich all mein Lebtag nicht gesehn. Als Kind hätt&#039; ich gedacht, es müss&#039; eine Prinzessin sein, aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen nicht immer die schönsten sind. Ja, sie war schön und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du gefiehlst ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schönen Blondine saß, &#039;&#039;der&#039;&#039; gefiehlst Du noch besser. Und das ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich Dich, wenn&#039;s durchaus sein muß. Aber einer alten! Und nun gar einer Mama? Nein, nein, &#039;&#039;die&#039;&#039; hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, daß Du mich wieder gut machen und beruhigen mußt. Ich erwarte Dich morgen oder übermorgen. Und wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn es nur eine Minute wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um mich. Du verstheest mich schon. Deine Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deine Lene«, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin, und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm allerwiderstreitendste Gefühle durchs Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt&#039; er sich nicht versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern aus eitel Freude. »Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiß und orthographisch beinah... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl war eigentlich ein gefürchteter Schulrat, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner. Und ›emphelen‹. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen? Großer Gott, wer kann ›empfehlen‹ richtig schreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt&#039;s! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte die Hand über Stirn und Augen: »Arme Lene, was soll werden! Es wär&#039; uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau und Wasserfahrten? Und nun der Onkel! Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich aus sich selbst, aus eigner Initiative. Nun, ich werde ja sehen. Eine diplomatische Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn Eide geschworen hat zu schweigen, es kommt doch heraus. Ich will&#039;s schon erfahren, trotzdem ich in der Kunst der Intrigue gleich nach ihm selber komme.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf, darin, von einem roten Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er nach dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich sein sollte. »So, Johann, das wäre getan... Und nun vergiß nicht, die Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer kommt und nach mir fragt, bis zwölf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brütofen vorfinde. Und laß die Lampe vorn brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die Mücken sind wie toll in diesem Jahr. Verstanden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unter diesem Gespräche, das schon halb im Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten die dreizehnjährige, sich gerad über den Wagen ihres kleinen Bruders beugende Portiertochter von hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmoment ebenso rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick als Antwort darauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun erst trat er durch die Gittertür auf die Straße. Hier sah er, unter der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor und dann wieder nach dem Tiergarten zu, wo sich, wie auf einem Camera-obscura-Glase, die Menschen und Fuhrwerke geräuschlos hin und her bewegten. »Wie schön. Es ist doch wohl eine der besten Welten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 7 ==&lt;br /&gt;
Um zwölf war der Dienst in der Kaserne getan, und Botho von Rienäcker ging die Linden hinunter aufs Tor zu, lediglich in der Absicht, die Stunde bis zum Rendezvous bei Hiller, so gut sich&#039;s tun ließ, auszufüllen. Zwei, drei Bilderläden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke standen ein paar Oswald Achenbachs im Schaufenster, darunter eine palermitanische Straße, schmutzig und sonnig und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits. »Es gibt doch Dinge, worüber man nie ins reine kommt. So mit den Achenbachs. Bis vor kurzem hab&#039; ich auf Andreas geschworen; aber wenn ich so was sehe, wie das hier, so weiß ich nicht, ob ihm der Oswald nicht gleichkommt oder ihn überholt. Jedenfalls ist er bunter und mannigfacher. All dergleichen aber ist mir bloß zu denken erlaubt; vor den Leuten es aussprechen hieße meinen ›Seesturm‹ ohne Not auf den halben Preis herabsetzen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepkeschen Schaufenster und ging dann, über den Pariser Platz hin, auf das Tor und die schräg links führende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wolfschen Löwengruppe haltmachte. Hier sah er nach der Uhr. »Halb eins. Also Zeit.« Und so wandt&#039; er sich wieder, um auf demselben Wege nach den »Linden« hin zurückzukehren. Vor dem Redernschen Palais sah er Leutnant von Wedell von den Gardedragonern auf sich zukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohin, Wedell?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In den Klub. Und Sie?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Hiller.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Etwas früh.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Aber was hilft&#039;s? Ich soll mit einem alten Onkel von mir frühstücken, neumärkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Bentsch, Rentsch, Stentsch liegen – lauter Reimwörter auf Mensch, selbstverständlich ohne weitre Konsequenz oder Verpflichtung. Übrigens hat er, ich meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment gestanden. Freilich lange her, erste vierziger Jahre Baron Osten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Wietzendorfer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eben der.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, den kenn&#039; ich, das heißt dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Meine Großmutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck auf dem Kriegsfuß steht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Klub läuft Ihnen nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei geradso gut wie um eins. Der Alte schwärmt noch immer für Dragonerblau mit Gold und ist Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu freuen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mit Vergnügen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte Baron bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und war augenscheinlich erfreut, als Botho vorstellte: »Leutnant von Wedell.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Herr Neffe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell heißt, ist mir willkommen, und wenn es diesen Rock trägt, doppelt und dreifach. Kommen Sie, meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhl- und Tischdefilee herausziehen und, so gut es geht, nach rückwärtshin konzentrieren. Sonst nicht Preußensache; hier aber ratsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit ging er, um gute Plätze zu finden, vorauf und wählte nach Einblick in verschiedene kleine Cabinets schließlich ein mäßiggroßes, mit einem lederfarbnen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten und dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu das vierte Kuvert entfernt, und während die beiden Offiziere Pallasch und Säbel in die Fensterecke stellten, wandte sich der alte Baron an den Oberkellner, der in einiger Entfernung gefolgt war, und befahl einen Hummer und einen weißen Burgunder. »Aber welchen, Botho?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sagen wir Chablis.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber so, daß die Karaffe beschlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lieber Wedell, hier, Botho, du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrühte Hundstagshitze nicht wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin, das immer schöner wird (so versichern einen wenigstens alle, die nichts Besseres kennen), Ihr schönes Berlin hat alles, aber keine Luft.« Und dabei riß er die großen Fensterflügel auf und setzte sich so, daß er die breite Mittelöffnung gerade vor sich hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. Voll Unruhe nahm der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und schnitt es mit ebenso viel Hast wie Virtuosität in Schrägstücke, bloß um etwas zu tun zu haben. Dann ließ er das Messer wieder fallen und reichte Wedell die Hand. »Ihnen unendlich verbunden, Herr von Wedell, und brillanter Einfall von Botho, Sie dem Klub auf ein paar Stunden abspenstig gemacht zu haben. Ich nehm&#039; es als eine gute Vorbedeutung, gleich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begrüßen zu dürfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun begann er einzuschenken, weil er seiner Unruhe nicht länger Herr bleiben konnte, befahl, eine Cliquot kalt zu stellen, und fuhr dann fort: »Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit denen wir nicht verwandt wären, und wenn&#039;s auch bloß durch einen Scheffel Erbsen wäre; neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell, alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die große Schere. Die Scheren sind immer das Beste... Aber, was ich sagen wollte, alte Liebe rostet nicht, und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu: Gott sei Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war &#039;&#039;das&#039;&#039; ein Mann! Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte, wenn er einen dann ansah, &#039;&#039;den&#039;&#039; hätt&#039; ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten hätte. Richtiger alter Ostpreuße noch von Anno 13 und 14 her. Wir fürchteten ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr von Wedell, wer mein Rittmeister war...?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke kam auch der Champagner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Wedell verbeugte sich, während Botho leichthin sagte: »Gewiß, man kann es sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nicht klug und weise von Botho, wie sich gleich herausstellen sollte, denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot über den ganzen kahlen Kopf weg, und das bißchen krause Haar an seinen Schläfen schien noch krauser werden zu wollen. »Ich verstehe dich nicht, Botho; was soll dies ›Man kann es sagen‹, das heißt so viel wie ›Man kann es auch &#039;&#039;nicht&#039;&#039; sagen‹. Und ich weiß auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, daß ein gewisser Kürassieroffizier aus der Reserve, der im übrigen mit nichts in Reserve gehalten hat, am wenigsten mit revolutionären Maßnahmen, es will andeuten, sag&#039; ich, daß ein gewisser Halberstädter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat allerpersönlichst gestürmt und um Sedan herum den großen Zirkel gezogen habe. Botho, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf ihn zu sprechen war, ich weiß das, und hat eigentlich nichts gelernt als Depeschen schreiben. So viel will ich ihm lassen, &#039;&#039;das&#039;&#039; versteht er, oder mit andern Worten, er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Federfuchser haben Preußen groß gemacht. War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der bei Leuthen ein Federfuchser? War Blücher ein Federfuchser oder York? &#039;&#039;Hier&#039;&#039; sitzt die preußische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber lieber Onkel...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Botho, zu solcher Frage, dazu gehören Jahre; derlei Dinge versteh&#039; ich besser. Wie steht es denn? Er stößt die Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und rund heraus, er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl oder Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag&#039; ich, auf die Festung, Festung ist für anständige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft hier. Verdammtes Nest.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er erhob sich und riß zu dem bereits offenstehenden Mittelflügel auch noch die beiden Nebenflügel auf, so daß von dem Zuge, der ging, die Gardinen und das Tischtuch ins Wehen kamen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit über die Stirn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah«, fuhr er fort, »das Stück Eis hier, das ist das Beste vom ganzen Frühstück... Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab&#039; ich recht oder nicht? Botho, Hand aufs Herz, hab&#039; ich recht? Ist es nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverratsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie... vornehmer als die Bismarcks, und so viele für Thron und Hohenzollerntum gefallen, daß man eine ganze Leibkompanie daraus formieren könnte, Leibkompanie mit Blechmützen, und der Boitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, daß nicht auch &#039;&#039;das&#039;&#039; noch herausgedrückt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen Sie. Glauben Sie mir, daß ich andre Meinungen hören und ertragen kann; ich bin nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Ausgleichs- und Beruhigungsworte: »Gewiß, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, daß der Schwächere darauf verzichten müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch ein Appell. Und um nichts zu verschweigen, ich kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was die Schwäche nicht darf, das darf die Reinheit, die Reinheit der Überzeugung, die Lauterkeit der Gesinnung. &#039;&#039;Die&#039;&#039; hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die Pflicht dazu. Wer aber &#039;&#039;hat&#039;&#039; diese Lauterkeit? Hatte sie... Doch ich schweige, weil ich weder Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen, verletzen möchte. Sie wissen aber, auch ohne daß ich es sage, daß &#039;&#039;er&#039;&#039;, der das Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; hatte. Der bloß Schwächere darf nichts, nur der Reine darf alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur der Reine darf alles«, wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen Gesicht, daß es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen sei. »Der Reine darf alles. Kapitaler Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der letzten Herbst den Kampf mit mir aufgenommen und ein Stück von meinem Acker zurückgefordert hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, bloß um des Prinzips und seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürfe. Schlauer Fuchs. Aber der Reine darf alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du wirst schon nachgeben in der Pfarrackerfrage«, sagte Botho. »Kenn&#039; ich doch Schönemann noch von Sellenthins her.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres als die Schulstunden abkürzen und die Spielstunden in die Länge ziehen. Und konnte Reifen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt, und du würdest den Schönemann, der der gnädigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber muß ich ihm lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am besten deine Käthe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah den Onkel verlegen an, fast als ob er ihn um Diskretion bitten wolle. Der alte Baron aber, überfroh, das heikle Thema so glücklich beim Schopfe gefaßt zu haben, fuhr in überströmender und immer wachsender guter Laune fort: »Ach, laß doch, Botho. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der Geschichte so gut wissen wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche Dinge. Du bist doch so gut wie gebunden. Und weiß es Gott, Junge, wenn ich so die Frölens Revue passieren lasse, &#039;ne Beßre findest du nicht, Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, höre...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wedell, der Bothos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und sagte: »Die Sellenthinschen Damen sind alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norderney, charmant, aber ich würde der zweiten den Vorzug geben...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer, und wir können gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen, wenn Kluckhuhn, der wie alle Alten empfindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarracker ohne weiteres zedieren, wenn ich solche Hochzeit zwischen heut&#039; und einem Jahr erlebe. Sie sind reich, lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich unsern Freund Botho an. Daß er so wohlgenährt aussieht, das verdankt er nicht seiner Sandbüchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee. ›Muränensee‹, das klingt wundervoll, und man könnte beinah sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man kann von Muränen nicht leben. Ich weiß, du hörst nicht gerne davon, aber da wir mal dabei sind, so muß es heraus. Wie liegt es denn? Dein Großvater hat die Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig – ein kapitaler Mann, aber ich habe keinen Menschen je so schlecht L&#039;hombre spielen sehn und so hoch dazu –, dein Vater selig, sag&#039; ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden übriggeblieben ist, ist nicht viel, und die dreißigtausend Taler sind auch längst wieder fort. Wärst du allein, so möcht&#039; es gehn, aber du mußt teilen mit deinem Bruder, und vorläufig hat die Mama, meine Frau Schwester Liebden, das Ganze noch in Händen, eine prächtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite gefallen. Botho, wozu stehst du bei den Kaiserkürassieren, und wozu hast du eine reiche Cousine, die bloß darauf wartet, daß du kommst und in einem regelrechten Antrage das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben, als ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre, wenn ich morgen auf der Rückreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte: ›Liebe Josephine, Botho &#039;&#039;will&#039;&#039;, alles abgemacht‹, höre, Junge, das wäre mal was, das einem alten Onkel, der&#039;s gut mit dir meint, eine Freude machen könnte. Reden Sie zu, Wedell. Es ist Zeit, daß er aus der Garçonschaft herauskommt. Er vertut sonst sein bißchen Vermögen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen Bourgeoise. Hab&#039; ich recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen wir noch anstoßen. Aber nicht mit diesem Rest...« Und er drückte auf die Klingel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein Heidsieck. Beste Marke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 8 ==&lt;br /&gt;
Im Klub befanden sich um eben diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den Gardes du Corps, schlank, groß und glatt, der andere, von den Pasewalkern abkommandiert, etwas kleiner, mit Vollbart und nur vorschriftsmäßig freiem Kinn. Der weiße Damast des Tisches, dran sie gefrühstückt hatten, war zurückgeschlagen, und an der freigewordenen Hälfte saßen beide beim Piquet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sechs Blatt mit &#039;ner Quart.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vierzehn As, drei Könige, drei Damen... Und du machst keinen Stich.« Und er legte das Spiel auf den Tisch und schob im nächsten Augenblicke die Karten zusammen, während der andere mischte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du schon, Ella verheiratet sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum schade?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie kann dann nicht mehr durch den Reifen springen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch mit Ausnahme. Viele Namen aus der Zirkusaristokratie blühen schon in der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermaßen auf Wechselzustände von Schlank und Nichtschlank oder, wenn du willst, auf Neumond und erstes Viertel etc. hinweist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Irrtum. Error in calculo. Du vergißt Adoption. Alle diese Zirkusleute sind heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden. Immer frisches Blut. Heb ab... Übrigens hab&#039; ich noch eine zweite Nachricht. Afzelius kommt in den Generalstab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Welcher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der von den Ulanen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unmöglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Moltke hält große Stücke auf ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit gemacht haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein bißchen findig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Quart. Vierzehn As.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Quint vom König.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während die Stiche gemacht wurden, hörte man in dem Billardzimmer nebenan das Klappen der Bälle und das Fallen der kleinen Boulekegel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hintern Klubzimmern, die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten hinaussahen, versammelt, alle schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist oder Domino vertieft, nicht zum wenigsten die zwei piquetspielenden Herren, die sich eben über Ella und Afzelius unterhalten hatten. Es ging hoch, weshalb beide von ihrem Spiel erst wieder aufsahen, als sie, durch eine offne Rundbogennische, von dem nebenherlaufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings gewahr wurden. Es war Wedell.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten mitbringen, so belegen wir Sie mit dem großen Bann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber doch beinah. Übrigens finden Sie mich persönlich in nachgiebigster Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points verloren, ist Ihre Sache.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei schoben beide die Karten beiseite, und der von dem herzukommenden Wedell als Serge Begrüßte zog seine Remontoiruhr und sagte: »Drei Uhr fünfzehn. Also Kaffee. Irgendein Philosoph, und es muß einer der größten gewesen sein, hat einmal gesagt, das sei das Beste am Kaffee, daß er in jede Situation und Tagesstunde hineinpasse. Wahrhaftig. Wort eines Weisen. Aber wo nehmen wir ihn? Ich denke, wir setzen uns draußen auf die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr man das Wetter brüskiert, desto besser fährt man. Also, Pehlecke, drei Tassen. Ich kann das Umfallen der Boulekegel nicht mehr mit anhören, es macht mich nervös; draußen haben wir freilich auch Lärm, aber doch anders, und hören statt des spitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv oder Ätna zu sitzen. Und warum auch nicht? Alle Genüsse sind schließlich Einbildung, und wer die beste Phantasie hat, hat den größten Genuß. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist eigentlich das einzig Reale.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Serge«, sagte der andere, der beim Piquetspielen als Pitt angeredet worden war, »wenn du mit deinen berühmten großen Sätzen so fortfährst, so bestrafst du Wedell härter, als er verdient. Außerdem hast du Rücksicht auf mich zu nehmen, weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den lawn im Rücken, diesen Efeu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Aufenthalt für Seiner Majestät Garde! Was wohl der alte Fürst Pückler zu diesem Klubgarten gesagt haben würde? Pehlecke... so, hier den Tisch her, jetzt geht&#039;s. Und zum Schluß eine Kuba von Ihrem gelagertsten Lager. Und nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen werden soll, schütteln Sie Ihr Gewand, bis ein neuer Krieg herausfällt oder irgendeine andere große Nachricht. Sie sind ja durch Puttkamers mit unserem lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch&#039; ich nicht erst hinzuzusetzen. Was kocht er wieder?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pitt«, sagte Wedell, »ich beschwöre Sie, nur keine Bismarckfragen. Denn erstlich wissen Sie, daß ich nichts weiß, weil Vettern im siebzehnten Grad nicht gerade zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten gehören, zum zweiten aber komme ich, statt vom Fürsten, recte von einem Bolzenschießen her, das sich mit einigen Treffern und vielen, vielen Nichttreffern gegen niemand anders als gegen Seine Durchlaucht richtete.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wer war dieser kühne Schütze?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alte Baron Osten, Rienäckers Onkel. Charmanter alter Herr und Bon Garçon. Aber freilich auch Pfiffikus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie alle Märker.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bin auch einer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tant mieux. Da wissen Sie&#039;s von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache. Was sagte der Alte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto wichtiger: Rienäcker steht vor einer scharfen Ecke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und vor welcher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er soll heiraten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Rienäcker steht vor einer viel schärferen: Er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die Heiratsecke. Heiraten ist für Rienäcker keine Gefahr, sondern die Rettung. Übrigens hab&#039; ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eine Cousine!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Natürlich. Retterin und Cousine sind heutzutage fast identisch. Und ich wette, daß sie Paula heißt. Alle Cousinen heißen jetzt Paula.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Diese nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sondern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe? Ah, da weiß ich&#039;s. Käthe Sellenthin. Hm, nicht übel, glänzende Partie. Der alte Sellenthin, es ist doch der mit dem Pflaster überm Auge, hat sechs Güter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Käthe noch als Zuschlag. Gratuliere...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie kennen sie?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß. Wundervolle Flachsblondine mit Vergißmeinnichtaugen, aber trotzdem nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei der Zülow in Pension und wurde mit vierzehn schon umcourt und umworben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In der Pension?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht direkt und nicht alltags, aber doch sonntags, wenn sie beim alten Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt herkommen. Käthe, Käthe Sellenthin... sie war damals wie &#039;ne Bachstelze, und wir nannten sie so, und war der reizendste Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh&#039; noch ihren Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Rienäcker nun abspannen. Nun, warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Ende doch schwerer, als mancher denkt«, antwortete Wedell. »Und so gewiß er der Aufbesserung seiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, daß er sich für die blonde Speziallandsmännin ohne weiteres entscheiden wird. Rienäcker ist nämlich seit einiger Zeit in einen andren Farbenton, und zwar ins Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafré neulich sagte, so hat er sich&#039;s ganz ernsthaft überlegt, ob er nicht seine Weißzeugdame zur weißen Dame erheben soll. Schloß Avenel oder Schloß Zehden macht ihm keinen Unterschied, Schloß ist Schloß, und Sie wissen, Rienäcker, der überhaupt in manchem seinen eignen Weg geht, war immer fürs Natürliche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Pitt. »Das war er. Aber Balafré schneidet auf und erfindet sich interessante Geschichten. Sie sind nüchtern, Wedell, und werden doch solch erfundenes Zeug nicht glauben wollen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, erfundenes nicht«, sagte Wedell. »Aber ich glaube, was ich weiß. Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen, und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh, und ein Stückchen Leben bleibt dran hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder heraus, wieder frei. Vive Käthe! Und Rienäcker! Wie sagt das Sprichwort: ›Mit dem Klugen ist Gott.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 9 ==&lt;br /&gt;
Botho schrieb denselben Abend noch an Lene, daß er am andern Tage kommen würde, vielleicht schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde vor Sonnenuntergang da. Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: »Wir könnten vielleicht in den Garten gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte. »Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande wird dir nicht in den Weg treten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Also wohin, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bloß ins Feld, ins Grüne, wo du nichts haben wirst als Gänseblümchen und mich. Und vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben will, uns zu begleiten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob sie will«, sagte Frau Dörr. »Gewiß will sie. Große Ehre. Aber man muß sich doch erst ein bißchen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht nötig, Frau Dörr, wir holen Sie ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde später auf den Garten zuschritt, stand Frau Dörr schon an der Tür, einen Umhang überm Arm und einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Dörrs, der, wie alle Geizhälse, mitunter etwas lächerlich Teures kaufte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch ein verstecktes Seitenpförtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunächst noch und eh er weiter abwärts in das freie Wiesengrün einbog, an dem an seiner Außenseite hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hinlief.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier bleiben wir«, sagte Lene. »Das ist der hübscheste Weg und der einsamste. Da kommt niemand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, es war der einsamste Weg, um vieles stiller und menschenleerer als drei, vier andere, die parallel mit ihm über die Wiese hin auf Wilmersdorf zu führten und zum Teil ein eigentümliches Vorstadtsleben zeigten. An dem einen dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen denen reckartige, wie für Turner bestimmte Gerüste standen und Bothos Neugier weckten, aber eh er noch erkunden konnte, was es denn eigentlich sei, gab ihm das Tun drüben auch schon Antwort auf seine Frage: Decken und Teppiche wurden über die Gerüste hin ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen mit großen Rohrstöcken, so daß der Weg drüben alsbald in einer Staubwolke lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Dörr in ein Gespräch über den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch bloß Staubfänger seien, und wenn einer nicht fest auf der Brust sei, so hätt&#039; er die Schwindsucht weg, er wisse nicht, wie. Mitten im Satz aber brach er ab, weil der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblicke an einer Stelle vorüberführte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen sein mußte, denn allerhand Stuckornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen in großer Zahl umher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein Engelskopf«, sagte Botho. »Sehen Sie, Frau Dörr. Und hier ist sogar ein geflügelter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, sagte Frau Dörr. »Und ein Pausback dazu. Aber is es denn ein Engel? Ich denke, wenn er so klein is und Flügel hat, heißt er Amor.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Amor oder Engel«, sagte Botho, »das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur Lene, die wird es bestätigen. Nicht wahr, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der Pfad nach links hin ab und mündete gleich danach in einen etwas größeren Feldweg ein, dessen Pappelweiden eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen über die Wiese hin ausstreuten, auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sieh, Lene«, sagte Frau Dörr, »weißt du denn, daß sie jetzt Betten damit stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ich weiß, Frau Dörr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was ausfinden und sich zunutze machen. Aber für Sie wär&#039; es nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Lene, für mich wär&#039; es nich. Da hast du recht. Ich bin so mehr fürs Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so wuppt...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O ja«, sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ängstlich zu werden anfing. »Ich fürchte bloß, daß wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Frösche, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, die Poggen«, bestätigte diese. »Nachts ist es mitunter ein Gequake, daß man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumpf is und bloß so tut, als ob es Wiese wäre. Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht und kuckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da könnt&#039; er lange sehn. Und is auch recht gut so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen am Ende doch wohl umkehren«, sagte Lene verlegen, und eigentlich nur, um etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I bewahre«, lachte Frau Dörr. »Nun erst recht nich, Lene; du wirst dich doch nich graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du Guter, bring mir... Oder soll ich lieber singen: Adebar, du Bester?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Dörr brauchte Zeit, um von einem solchen Lieblingsthema wieder loszukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber war doch eine Pause da, während welcher man in langsamem Tempo weiterschritt, bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier plateauartig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle hörten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf zogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun bloß da noch rauf«, sagte Frau Dörr, »und dann setzen wir uns und pflücken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer so viel Spaß, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz fertig is oder die Kette.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohl, wohl«, sagte Lene, der es heute beschieden war, aus kleinen Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. »Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau Dörr; hier geht der Weg.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich, oben angekommen, auf einen hier seit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln zusammengekarrten Unkrauthaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prächtiger Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über einen von Werft und Weiden eingefaßten Graben hin nicht nur die nördliche Häuserreihe von Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie her das Fallen der Kegel und vor allem das Zurückrollen der Kugel auf zwei klapprigen Latten in aller Deutlichkeit hören konnte. Lene vergnügte sich über die Maßen darüber, nahm Bothos Hand und sagte: »Sieh, Botho, ich weiß so gut Bescheid damit (denn als Kind wohnten wir auch neben einer solchen Tabagie), daß ich, wenn ich die Kugel bloß aufsetzen höre, gleich weiß, wieviel sie machen wird.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun«, sagte Botho, »da können wir ja wetten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und um was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das findet sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber ich brauch&#039; es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, so zählt es nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bin es zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun horchten alle drei hinüber, und die mit jedem Moment erregter werdende Frau Dörr verschwor sich hoch und teuer, ihr puppre das Herz, und ihr sei geradeso, wie wenn sie vor einem Theatervorhang sitze. »Lene, Lene, du hast dir zu viel zugetraut, Kind, das is ja gar nich möglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wär&#039; es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem Augenblicke gehört hätte, daß eine Kugel aufgesetzt und nach einmaligem dumpfen Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde. »Sandhase«, rief Lene. Und richtig, so war es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war leicht«, sagte Botho. »Zu leicht. Das hätt&#039; ich auch geraten. Sehen wir also, was kommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne daß Lene gesprochen oder sich auch nur gerührt hätte. Nur Frau Dörrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf. Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste Kugel, und in einem eigentümlichen Mischton von Elastizität und Härte hörte man sie vibrierend über das Brett hintanzen. »Alle neun«, rief Lene. Und im Nu gab es drüben ein Fallen, und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der Bestätigung bedurfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Dörr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Versteht sich«, zwinkerte diese, »alles in einem.« Und dabei band sie den Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene schlug vor, aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, es werde so tröstlich; unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen: sie sei sicher, Botho werde sie nicht fangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ei, da wollen wir doch sehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei dem Lene wirklich nicht gefangen werden konnte, bis sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeäschert war, daß sie sich hinter die stattliche Frau Dörr flüchtete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun hab&#039; ich meinen Baum«, lachte sie, »nun kriegst du mich erst recht nicht.« Und dabei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schoßjacke fest und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, daß sie sich eine Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber war Botho neben ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht.« Aber trotz solcher Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, während sie die Gardeschnarrstimme nachahmte: »Parademarsch... frei weg« und ergötzte sich an den bewundernden und nicht endenwollenden Ausrufen, womit die gute Frau Dörr das Spiel begleitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es zu glauben?« sagte diese. »Nein, es is &#039;&#039;nich&#039;&#039; zu glauben. Un immer so un nie anders. Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu glauben, sag&#039; ich. Un war doch auch einer. Un tat auch immer so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was meint sie nur?« fragte Botho leise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, sie denkt wieder... Aber, du weißt ja... Ich habe dir ja davon erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist es. &#039;&#039;Der&#039;&#039;. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer weiß. Zuletzt ist einer wie der andere.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein.« Und dabei schüttelte sie den Kopf, und in ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und sagte deshalb rasch: »Singen wir, Frau Dörr. Singen wir. Aber was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Morgenrot...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das nicht... ›Morgen in das kühle Grab‹, das ist mir zu traurig. Nein, singen wir ›Übers Jahr, übers Jahr‹, oder noch lieber ›Denkst du daran‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, &#039;&#039;das&#039;&#039; is recht, &#039;&#039;das&#039;&#039; is schön; das is mein Leib- und Magenlied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau Dörr, und man war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen, als es noch immer über das Feld hinklang: »Ich denke dran... ich danke dir mein Leben« und dann von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen stand, im Echo widerhallte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dörr war überglücklich. Aber Lene und Botho waren ernst geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 10 ==&lt;br /&gt;
Es dunkelte schon, als man wieder vor der Wohnung der Frau Nimptsch war, und Botho, der seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurückgewonnen hatte, wollte nur einen Augenblick noch mit hineinsehn und sich gleich danach verabschieden. Als ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und Frau Dörr mit Betonung und Augenspiel an das noch ausstehende Vielliebchen erinnerte, gab er nach und entschloß sich, den Abend über zu bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das is recht«, sagte die Dörr. »Und ich bleibe nun auch. Das heißt, wenn ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann doch nie wissen. Und ich will bloß noch den Hut nach Hause bringen und den Umhang. Und denn komm&#039; ich wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß müssen Sie wiederkommen«, sagte Botho, während er ihr die Hand gab. »So jung kommen wir nicht wieder zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nein«, lachte die Dörr, »so jung kommen wir nich wieder zusammen. Un is auch eigentlich ganz unmöglich, un wenn wir auch morgen schon wieder zusammenkämen. Denn ein Tag is doch immer ein Tag und macht auch schon was aus. Und deshalb is es ganz richtig, daß wir so jung nich wieder zusammenkommen. Und muß sich jeder gefallen lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, und die von niemandem bestrittene Tatsache des täglichen Älterwerdens gefiel ihr so, daß sie dieselbe noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf den Flur, Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte, während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing, ob sie noch böse sei, daß er ihr die Lene wieder für ein paar Stunden entführt habe? Aber es sei so hübsch gewesen, und oben auf dem Pedenhaufen, wo sie sich ausgeruht und geplaudert hätten, hätten sie der Zeit ganz vergessen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, die Glücklichen vergessen die Zeit«, sagte die Alte. »Und die Jugend is glücklich, un is auch gut so und soll so sein. Aber wenn man alt wird, lieber Herr Baron, da werden einen die Stunden lang, un man wünscht sich die Tage fort un das Leben auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das sagen Sie so, Mutterchen. Alt oder jung, eigentlich lebt doch jeder gern. Nicht wahr, Lene, wir leben gern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war eben wieder vom Flur her in die Stube getreten und lief, wie getroffen von dem Wort, auf ihn zu und umhalste und küßte ihn und war überhaupt von einer Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, was hast du nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und wehrte mit rascher Handbewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte: »Frage nicht.« Und nun ging sie, während Botho mit Frau Nimptsch weitersprach, auf das Küchenschapp zu, kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genähten Buche zurück, das ganz das Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben. Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen sich Lene, sei&#039;s aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieferem Interesse, beschäftigte. Sie schlug es jetzt auf und wies auf die letzte Seite, drauf Bothos Blick sofort der dick unterstrichenen Überschrift begegnete: &#039;&#039;»Was zu wissen not tut.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alle Tausend, Lene, das klingt ja wie Traktätchen oder Lustspieltitel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist auch so was. Lies nur weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun las er: »Wer waren die beiden Damen auf dem Korso? Ist es die ältere, oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist Gaston?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho lachte. »Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene, so bleib&#039; ich bis morgen früh.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Glück, daß Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte, sonst hätt&#039; es eine neue Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens, wenn es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurück, und so sagte denn Lene: »Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinetwegen denn von den zwei Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich danach gefragt, als du die Tüte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun denn sage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gern, Lene. Diese Namen sind bloß Necknamen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich weiß. Das sagtest du schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... also Namen, die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben, mit und ohne Beziehung, je nachdem.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was heißt Pitt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pitt war ein englischer Staatsmann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist dein Freund auch einer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um Gottes willen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und Serge?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein russischer Vorname, den ein Heiliger und viele russische Großfürsten führen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die aber nicht Heilige zu sein brauchen, nicht wahr?... Und Gaston?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist ein französischer Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, dessen entsinn&#039; ich mich. Ich habe mal als ein ganz junges Ding, und ich war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehn: ›Der Mann mit der eisernen Maske.‹ Und der mit der Maske, der hieß Gaston. Und ich weinte jämmerlich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und lachst jetzt, wenn ich dir sage: Gaston bin &#039;&#039;ich&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wollte scherz- und ernsthaft das Gegenteil versichern, aber Frau Dörr, die gerade wieder eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich entschuldigte, daß sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei gekommen und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen großen oder einen kleinen?« fragte die Nimptsch, die gern von Begräbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem Dazugehörigen erzählen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu«, sagte die Dörr, »es war ein mittelscher; kleine Leute. Efeu mit Azalie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott«, fuhr die Nimptsch fort, »alles is jetzt für Efeu mit Azalie, bloß ich nich. Efeu is ganz gut, wenn er aufs Grab kommt und alles so grün und dicht einspinnt, daß das Grab seine Ruhe hat und der drunter liegt auch. Aber Efeu in&#039;n Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wir Immortellen, gelbe oder halbgelbe, und wenn es ganz was Feines sein sollte, denn nahmen wir rote oder weiße und machten Kränze draus oder auch bloß einen und hingen ihn ans Kreuz, und da hing er denn den ganzen Winter, und wenn der Frühling kam, da hing er noch. Un manche hingen noch länger. Aber so mit Efeu oder Azalie, das is nichts. Un warum nich? Darum nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mir immer, je länger der Kranz oben hängt, desto länger denkt der Mensch auch an seinen Toten unten. Un mitunter auch &#039;ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Un das is es, warum ich für Immortelle bin, gelbe oder rote oder auch weiße, un kann ja jeder einen andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is denn so für den Schein. Aber der immortellige, das is der richtige.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mutter«, sagte Lene, »du sprichst wieder so viel von Grab und Kranz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Kind, jeder spricht, woran er denkt. Un denkt einer an Hochzeit, denn red&#039;t er von Hochzeit, un denkt einer an Begräbnis, denn red&#039;t er von Grab. Un ich habe nich mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen, was auch ganz recht war. Un ich spreche bloß immer davon, weil ich immer &#039;ne Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Mutter...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch denkt un Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Un du kannst sterben so gut wie ich, jeden Tag, den Gott werden läßt, wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann auch sterben oder wohnt denn, wenn ich sterbe, vielleicht woanders, oder ich wohne woanders un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene, man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz aufs Grab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Doch, doch,&#039;&#039; Mutter Nimptsch«, sagte Botho, »den haben Sie sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wenn ich in Petersburg bin oder in Paris und ich höre, daß meine alte Frau Nimptsch gestorben ist, dann schick&#039; ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin bin oder in der Nähe, dann bring&#039; ich ihn selber.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude. »Na, das is ein Wort, Herr Baron. Un da hab&#039; ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und is mir lieb, daß ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden, die so aussehn wie&#039;n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren und Milch sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämlich sein. Immer ankucken macht hungrig, so viel weiß ich auch noch. Ja, Frau Dörr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her is. Aber die Menschen waren damals so wie heut&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch, die heut&#039; ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile weiter, während Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut, daß sie den Staatshut zu rechter Zeit zu Bette gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Theater, aber nicht für den Wilmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich her habe? Solchen Hut habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehn; er wolle nicht von sich selber reden, aber ein Prinz hätte sich drin vergaffen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gute Frau hörte wohl heraus, daß er sich einen Spaß mache. Trotzdem sagte sie: »Ja, wenn Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein, daß ich mitunter gar nicht weiß, wo er&#039;s her hat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit eins is er wie vertauscht un gar nich mehr derselbe, un ich sage denn immer: Es is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man bloß nich so zeigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So plauderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Botho auf, und Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür. Als sie hier standen, erinnerte die Dörr daran, daß man das Vielliebchen noch immer vergessen habe. Botho schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte nur nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei. »Wir müssen öfter so gehn, Lene, und wenn ich wiederkomme, dann überlegen wir, wohin. Oh, ich werde schon etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so bloß über Feld.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit«, sagte Lene, »oder bitten sie darum. Nicht wahr, Botho?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, Lene. Frau Dörr muß immer dabei sein. Ohne Frau Dörr geht es nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar nich verlangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, liebe Frau Dörr«, lachte Botho. »Sie können &#039;&#039;alles&#039;&#039; verlangen. Eine Frau wie Sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit trennte man sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 11 ==&lt;br /&gt;
Die Landpartie, die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin das Lieblingsgespräch, und immer, wenn Botho kam, überlegte man, &#039;&#039;wohin?&#039;&#039; Alle möglichen Plätze wurden erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrück, aber alle waren immer noch zu besucht, und so kam es, daß Botho schließlich »Hankels Ablage« nannte, von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe, Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes freier Natur, möglichst fern von dem großstädtischen Getreibe, mit dem geliebten Manne zusammen zu sein. Wo, war gleichgiltig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. »Abgemacht.« Und nun fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage hinaus, wo sie Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille zubringen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach besetzt, und so kam es, daß sich Botho und Lene allein befanden. In dem Kupee nebenan wurde lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um herauszuhören, daß es Weiterreisende waren, keine Mitpassagiere für Hankels Ablage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war glücklich, reichte Botho die Hand und sah schweigend in die Wald- und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie: »Was wird aber Frau Dörr sagen, daß wir sie zu Hause gelassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie darf es gar nicht erfahren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mutter wird es ihr ausplaudern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, dann steht es schlimm, und doch ließ sich&#039;s nicht anders tun. Sieh, auf der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallein. Aber wenn wir in Hankels Ablage auch noch so viel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar einen Berliner Kellner. Und solch Kellner, der immer so still vor sich hinlacht oder wenigstens in sich hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Dörr, wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande... Wirklich, niemand außer Botho und Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz hatte. Dies »Etablissement«, wie sich&#039;s auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte, war ursprünglich ein bloßes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus verwandelt hatte, der Blick über den Strom aber hielt für alles, was sonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und ließ das glänzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen. Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz, deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier bleiben wir«, sagte sie. »Sieh doch nur die Kähne, zwei, drei... und dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der uns hierher führte. Sieh doch nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin- und herlaufen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. Oh, mein einziger Botho, wie schön das ist und wie gut ich dir bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho freute sich, Lene so glücklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und beinah Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich wohl zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Weile kam der sein »Etablissement« schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem auch, ob sie zu Nacht bleiben würden, und bat, als diese Frage bejaht worden war, über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen. Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde. Sie sei zwar niedrig, aber sonst groß und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an die Müggelberge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein miteinander, sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen. Auf einem der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her, und zuletzt kam eine schwarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehn, während sich die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sah eifrig dem allen zu. »Sieh nur, Botho, wie der Strom durch die Pfähle schießt.« Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschießende Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen, und erst als Botho taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte, rückte sie klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, daß sie gern Wasser fahren möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk an den zweiten Ostertag. Um ein Haar...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... wär&#039; ich ertrunken. Gewiß. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst. Er hieß Botho... Du wirst doch, denk&#039; ich, den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil ich beinah ertrunken wäre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote zu, deren Segel eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingestecktem Namen, oben an der Mastspitze flatterten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Welches nehmen wir«, sagte Botho, »die ›Forelle‹ oder die ›Hoffnung‹?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hörte wohl heraus, daß dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde, denn so fein sie fühlte, so verleugnete sie doch nie das an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach. Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde. Beide dankten, und in Kürze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und wann einen Schlag mit dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten schon aus, sie nach einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich als Schiffswerft dienende Wiese zu führen, auf der, in einiger Entfernung von ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Kähne kalfatert und geteert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dahin müssen wir«, jubelte Lene, während sie Botho mit sich fortzog. Aber ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern der Zimmermannsaxt auf, und das beginnende Läuten der Glocke verkündete, daß Feierabend sei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad ein, der, schräg über die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zuführte. Die roten Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne, während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken«, sagte Botho, während er Lene bei der Hand nahm. »Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und keine Blume. Nicht eine.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll bist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wenn ich es wäre, so wär&#039; ich es bloß für dich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte: »Sieh nur, hier... und da... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten; man muß nur ein Auge dafür haben.« Und so pflückte sie behend und emsig, zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte gekommen, vor der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (denn der Wald stieg unmittelbar dahinter an), ein umgestülpter Kahn lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der kommt uns zupaß«, sagte Botho, »hier wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein. Und nun laß sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weißt es selber nicht, und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib her. Das ist Ranunkel, und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier, das mit dem gezackten Blatt, das ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen. Nun, meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gib nur wieder her«, lachte Lene. »Du hast kein Auge für diese Dinge, weil du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zusammen. Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen, und noch dazu sehr gute. Was gilt die Wette, daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu solche, denen du selber zustimmst. Und nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht, aber kein Mäuseohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein falsches, sondern ein echtes. Zugestanden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine Blume. Die wirst du doch auch wohl gelten lassen? Da frag&#039; ich gar nicht erst. Und diese große rotbraune, das ist Teufelsabbiß und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier«, und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten, »das sind Immortellen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Immortellen«, sagte Botho. »Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, &#039;&#039;die&#039;&#039; nehmen wir, &#039;&#039;die&#039;&#039; dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur das Sträußchen zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis wir eine Binse finden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weißt du, Lene, du hast so schönes langes Haar; reiß eins aus und flicht den Strauß damit zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte sie bestimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein? Warum nicht? Warum nein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil das Sprüchwort sagt: ›Haar bindet.‹ Und wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den Strauß als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und mir&#039;s abschlagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß. Dann sagte sie: »Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird kühl«, sagte er nach einer Weile. »Der Wirt hatte recht, dir Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, laß uns aufbrechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten sich, über den Fluß zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlage näherkamen. Eine hohe groteske Mütze, so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keiner sprach. Jeder aber hing seinem Glück und der Frage nach, wie lange das Glück noch dauern werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 12 ==&lt;br /&gt;
Es dunkelte schon, als sie landeten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß uns diesen Tisch nehmen«, sagte Botho, während sie wieder unter die Veranda traten: »Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog oder Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehn zu dürfen, wenn er dann komme, sei sie wieder munter. Sie sei nur angegriffen und brauche nichts, und wenn sie nur Ruhe habe, so werd&#039; es vorübergehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen Wirtin, die sofort neugierig fragte, was es denn eigentlich sei, und, einer Antwort unbedürftig, im selben Augenblicke fortfuhr: ja, das sei so bei jungen Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh ihr Ältester geboren wurde (jetzt habe sie schon vier und eigentlich fünf, aber der Mittelste sei zu früh gekommen und gleich tot), da hätte sie&#039;s auch gehabt. Es flög&#039; einen so an und sei dann wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heißt Klostermelisse, da fiele es gleich wieder ab, und man sei mit eins wieder wie&#039;n Fisch im Wasser und ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich. »Ja, ja, gnädge Frau, wenn erst so vier um einen rumstehn, ohne daß ich den kleinen Engel mitrechne...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene bezwang nur mit Müh&#039; ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehört habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde, hatte Botho Platz genommen, aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern an einem urwüchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfählen auf genagelt war und einen freien Blick hatte. Hier wollt&#039; er sein Abendbrot einnehmen. Er bestellte sich denn auch ein Fischgericht, und als der »Schlei mit Dill«, wofür das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron, er gab ihm diesen Titel auf gut Glück hin, beföhle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun ich denke«, sagte Botho, »zu dem delikaten Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder, sagen wir lieber, ein Rüdesheimer, und zum Zeichen, daß er gut ist, müssen Sie sich zu mir setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einer angestaubten Flasche zurück, während die Magd, eine hübsche Wendin in Friesrock und schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Gläser brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun lassen Sie sehn«, sagte Botho. »Die Flasche verspricht alles mögliche Gute. Zu viel Staub und Spinnweb ist allemal verdächtig, aber diese hier... Ah, superbe. Das ist 70er, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstoßen, ja, auf was? Auf das Wohl von Hankels Ablage.« Der Wirt war augenscheinlich entzückt, und Botho, der wohl sah, welchen guten Eindruck er machte, fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten und leutseligen Tone fort: »Ich find&#039; es reizend hier, und nur eins läßt sich gegen Hankels Ablage sagen: der Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, bestätigte der Wirt, »der Name, der läßt viel zu wünschen übrig und ist eigentlich ein Malheur für uns. Und doch hat es seine Richtigkeit damit, Hankels Ablage war nämlich wirklich eine Ablage, und so heißt es denn auch so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber das bringt uns nicht weiter. Warum hieß es Ablage? Was ist Ablage?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land hier herum« – und er wies nach rückwärts – »war nämlich immer ein großes Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl an die dreißig Dörfer dazu, samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreißig Dörfer, die schafften natürlich was und brauchten was, oder was dasselbe sagen will, sie hatten Ausfuhr und Einfuhr, und für beides brauchten sie von Anfang an einen Hafen- oder Stapelplatz und konnte nur noch zweifelhaft sein, welche Stelle man dafür wählen würde. Da wählten sie &#039;&#039;diese&#039;&#039; hier, diese Bucht wurde Hafen, Stapelplatz, ›Ablage‹ für alles, was kam und ging, und weil der Fischer, der damals hier wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hankel hieß, so hatten wir eine &#039;&#039;›Hankels Ablage‹&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade«, sagte Botho, »daß man&#039;s nicht jedem so rund und nett erklären kann«, und der Wirt, der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte, wollte fortfahren. Eh er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüften, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, daß zwei mächtige Vögel, kaum noch erkennbar, im Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Waren das wilde Gänse?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Reiher. Die ganze Forst hier herum ist Reiherforst. Überhaupt ein rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr hier Enten, Schnepfen und Bekassinen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Entzückend«, sagte Botho, in dem sich der Jäger regte. »Wissen Sie, daß ich Sie beneide. Was tut schließlich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, daß man&#039;s auch so gut haben möchte. Nur einsam muß es hier sein, zu einsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt lächelte vor sich hin, und Botho, dem es nicht entging, wurde neugierig und sagte: »Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben Stunde hör&#039; ich nichts als das Wasser, das da unter dem Steg hingluckst, und in diesem Augenblick oben den Reiherschrei. Das nenn&#039; ich einsam, so hübsch es ist. Und dann und wann ziehn ein paar große Spreekähne vorüber, aber alle sind einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und eigentlich ist jeder wie ein Gespensterschiff. Eine wahre Totenstille.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß«, sagte der Wirt. »Aber doch alles nur, solang es dauert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, wiederholte der Gefragte, »solang es dauert. Sie sprechen von Einsamkeit, Herr Baron, und tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es können auch Wochen werden. Aber kaum, daß das Eis bricht und das Frühjahr kommt, so kommt auch schon Besuch, und der Berliner ist da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wann kommt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unglaublich früh. Oculi, da kommen sie. Sehen Sie, Herr Baron, wenn ich, der ich doch ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube bleibe, weil der Ostwind pustet und die Märzensonne sticht, setzt sich der Berliner schon ins Freie, legt seinen Sommerüberzieher über den Stuhl und bestellt eine Weiße. Denn sowie nur die Sonne scheint, spricht der Berliner von schönem Wetter. Ob in jedem Windzug eine Lungenentzündung oder Diphtheritis sitzt, ist ihm egal. Er spielt dann am liebsten mit Reifen, einige sind auch für Boccia, und wenn sie dann abfahren, ganz gedunsen von der Prallsonne, dann tut mir mitunter das Herz weh, denn keiner ist darunter, dem nicht wenigstens am andern Tage die Haut abschülbert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho lachte. »Ja, die Berliner! Wobei mir übrigens einfällt, ihre Spree hier herum muß ja auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler zusammenkommen und ihre Regatten haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß«, sagte der Wirt. »Aber das will nicht viel sagen. Wenn&#039;s viele sind, dann sind es fünfzig oder vielleicht auch mal hundert. Und dann ruht es wieder und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport vorbei. Nein, die Klubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist zum Aushalten. Aber wenn dann im Juni die Dampfschiffe kommen, dann ist es schlimm. Und dann bleibt es so den ganzen Sommer über oder doch eine lange, lange Weile.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039;s«, sagte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... dann trifft jeden Abend ein Telegramm ein. ›Morgen früh neun Uhr Ankunft Spreedampfer Alsen. Tagespartie. 240 Personen.‹ Und dann folgen die Namen derer, die&#039;s arrangiert haben. Einmal geht das. Aber die Länge hat die Qual. Denn wie verläuft eine solche Partie? Bis Dunkelwerden sind sie draußen in Wald und Wiese, dann aber kommt das Abendbrot, und dann tanzen sie bis um elf. Nun werden Sie sagen: ›Das ist nichts Großes‹, und wär&#039; auch nichts Großes, wenn der andre Tag ein Ruhetag wär&#039;. Aber der zweite Tag ist wie der erste, und der dritte ist wie der zweite. Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Personen ab, und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebenso viel Personen wieder da. Und inzwischen muß doch aufgeräumt und alles wieder klar gemacht werden. Und so vergeht die Nacht mit Lüften, Putzen und Scheuern, und wenn die letzte Klinke wieder blank ist, ist auch das nächste Schiff schon wieder heran. Natürlich hat alles auch sein Gutes, und wenn man um Mitternacht Kasse zählt, so weiß man, wofür man sich gequält hat. ›Von nichts kommt nichts‹, sagt das Sprüchwort und hat auch ganz recht, und wenn ich all die Maibowlen auffüllen sollte, die hier schon getrunken sind, so müßt&#039; ich mir ein Heidelberger Faß anschaffen. Es bringt was ein, gewiß, und ist alles schön und gut. Aber dafür, daß man vorwärts kommt, kommt man doch auch rückwärts und bezahlt mit dem Besten, was man hat, mit Leben und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohl, ich sehe schon«, sagte Botho, »kein Glück ist vollkommen. Aber dann kommt der Winter, und dann schlafen Sie wie sieben Dächse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wenn nicht gerade Silvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist. Und die sind öfter, als der Kalender angibt. Da sollten Sie das Leben hier sehen, wenn sie, von zehn Dörfern her, zu Schlitten oder Schlittschuh, in dem großen Saal, den ich angebaut habe, zusammenkommen. Dann sieht man kein großstädtisch Gesicht mehr, und die Berliner lassen einen in Ruh, aber der Großknecht und die Jungemagd, die haben dann ihren Tag. Da sieht man Otterfellmützen und Manchesterjacken mit silbernen Buckelknöpfen, und allerlei Soldaten, die grad auf Urlaub sind, sind mit dabei: Schwedter Dragoner und Fürstenwalder Ulanen oder wohl gar Potsdamer Husaren. Und alles ist eifersüchtig und streitlustig, und man weiß nicht, was ihnen lieber ist, das Tanzen oder das Krakeelen, und bei dem kleinsten Anlaß stehen die Dörfer gegeneinander und liefern sich ihre Bataillen. Und so toben und lärmen sie die ganze Nacht durch, und ganze Pfannkuchenberge verschwinden, und erst bei Morgengrauen geht es über das Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da seh&#039; ich freilich«, lachte Botho, »daß sich von Einsamkeit und Totenstille nicht gut sprechen läßt. Ein Glück nur, daß ich von dem allen nicht gewußt habe, sonst hätt&#039; ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben. Und das wäre mir doch leid gewesen, einen so hübschen Fleck Erde gar nicht gesehen zu haben... Aber Sie sagten vorhin: ›Was ist Leben ohne Schlaf?‹, und ich fühle, daß Sie recht haben. Ich bin müde trotz früher Stunde; das macht, glaub&#039; ich, die Luft und das Wasser. Und dann muß ich doch auch sehn... Ihre liebe Frau hat sich so bemüht... Gute Nacht, Herr Wirt. Ich habe mich verplaudert.« Und damit stand er auf und ging auf das still gewordene Haus zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die Füße schräg auf dem herangerückten Stuhl, hatte sich aufs Bett gelegt und eine Tasse von dem Tee getrunken, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Die Ruhe, die Wärme taten ihr wohl, der Anfall ging vorüber, und sie hätte schon nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche, das Botho mit dem Wirte führte, teilnehmen können. Aber ihr war nicht gesprächig zu Sinn, und so stand sie nur auf, um sich in dem Zimmer umzusehen, für das sie bis dahin kein Auge gehabt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wohl verlohnte sich&#039;s. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man aus alter Zeit her fortbestehen lassen, und die geweißte Decke hing so tief herab, daß man sie mit dem Finger berühren konnte, was aber zu bessern gewesen war, das war auch wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen Scheiben, die man im Erdgeschoß noch sah, war hier oben ein großes, bis fast auf die Diele reichendes Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der Wirt es geschildert, einen prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete. Das große Spiegelfenster war aber nicht alles, was Neuzeit und Komfort hier getan hatten. Auch ein paar gute Bilder, mutmaßlich auf einer Auktion erstanden, hingen an den alten, überall Buckel und Blasen bildenden Lehmwänden umher, und just da, wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder, was dasselbe sagen will, nach dem eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägung traf, standen sich ein paar elegante Toilettentische gegenüber. Alles zeigte, daß man die Fischer- und Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber sie doch zugleich auch in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderklub umgewandelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene fühlte sich angeheimelt von allem, was sie sah, und begann zunächst die rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu betrachten. Es waren Stiche, die sie, dem Gegenstande nach, lebhaft interessierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften auf sich habe. »Washington crossing the Delaware« stand unter dem einen, »The last hour at Trafalgar« unter dem andern. Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde, die sie von Botho trennte. Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug genug, um zu fühlen, was von diesem Spotte zu halten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dicht neben der Eingangstür, über einem Rokokotisch, auf dem rote Gläser und eine Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie: »Si jeunesse savait« – ein Bild, das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben. Dörr liebte dergleichen. Als sie&#039;s hier wieder sah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eignen Gefühls beleidigt, und so ging sie denn, den Eindruck wieder loszuwerden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel, um die Nachtluft einzulassen. Ach, wie sie das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett, das nur zwei Handbreit über der Diele war, schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte, nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete. Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer, und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie schön«, sagte Lene hochaufatmend. »Und ich bin doch glücklich«, setzte sie hinzu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich, schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann, ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschäftigt war, kam Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, noch auf! Ich dachte, daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dazu kommst du zu früh, so spät du kommst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie stand auf und ging ihm entgegen. »Mein einziger Botho. Wie lange du bleibst...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das Fieber? Und der Anfall?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist vorüber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und ebenso lange hab&#039; ich dich erwartet.« Und sie zog ihn mit sich fort an das noch offenstehende Fenster: »Sieh nur. Ein armes Menschenherz, soll ihm keine Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloß, mit einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 13 ==&lt;br /&gt;
Beide waren früh auf, und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgennebel, als sie schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen. Ein leiser Wind ging, eine Frühbrise, die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und schlenderte mit ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. »Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag&#039; ich nur? Ich finde kein anderes Wort, du siehst so glücklich aus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Armes gewahrte Botho, wie das Wort »ich glaube, du bist glücklich, Lene« ihr das innerste Herz getroffen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vorzüglich«, sagte Botho. »Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit zweihundertundvierzig Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken: ›Wer weiß‹, und vielleicht hab&#039; ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh&#039; ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber wo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Herrschaften haben zu befehlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, dann denk&#039; ich unter der Ulme. Die Halle, so schön sie ist, ist doch nur gut, wenn draußen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt ging, das Frühstück anzuordnen, das junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort, bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die roten Dächer eines Nachbardorfes und rechts daneben den spitzen Kirchturm von Königswusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm. Auf diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus zwei Fischersleuten zu, Mann und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild, an dem sie sich erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurück waren, wurde das Frühstück eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt Eiern und Fleisch, und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst du? Himmlisch. Und sieh nur da drüben auf der Werft, da kalfatern sie schon wieder und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeitstaktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassersteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einer hübschen Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer, wenn sie fertig war, ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuerte Stück umspülen. Dann hob sie&#039;s in die Höh&#039;, ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war wie benommen von dem Bild. »Sieh nur«, und sie wies auf die hübsche Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du, Botho, das ist kein Zufall, daß sie da kniet, sie kniet da für mich, und ich fühle deutlich, daß es mir ein Zeichen ist und eine Fügung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen näher wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin, die&#039;s blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen beneidetest, daß sie da kniet und arbeitet wie für drei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um sich umzukleiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wiederkam, fand sie, daß inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war: Ein Segelboot sollte das junge Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend an der wendischen Spree gelegenen Nieder-Löhme, bringen, von welchem Dorf aus sie den Weg bis Königswusterhausen zu Fuß machen, daselbst Park und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege zurückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie. Über den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen hörte, was auf Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu stellen schien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, Segler und Ruderklubleute«, sagte Botho. »Gott sei Dank, daß wir ihnen entgehen, Lene. Laß uns eilen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen. Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und eingefangen. Es waren Kameraden und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge, Balafré. Alle drei mit ihren Damen. »Ah les beaux esprits se rencontrent«, sagte Balafré voll übermütiger Laune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, daß er von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, beobachtet wurde. »Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen unsere Damen vorstellen zu dürfen: Königin Isabeau, Fräulein Johanna, Fräulein Margot.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend, entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter Handbewegung auf Lene: »Mademoiselle Agnes Sorel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle drei Herren verneigten sich artig, ja dem Anscheine nach sogar respektvoll, während die beiden Töchter Thibaut d&#039;Arcs einen überaus kurzen Knicks machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Isabeau eine freundlichere Begrüßung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes Sorel überließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar eine geplante, je mehr dies aber zutreffen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit, daß man, zu früher Stunde schon, mit einem der kleinen Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fuß gemacht, keine zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen und rote Dächer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarrondierte Königin Isabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die Veranda erreicht, wo man an einem der langen Tische Platz nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Allerliebst«, sagte Serge. »Weit, frei und offen und doch so verschwiegen. Und die Wiese drüben wie geschaffen für eine Mondscheinpromenade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, setzte Balafré hinzu, »Mondscheinpromenade. Hübsch, sehr hübsch. Aber wir haben erst zehn Uhr früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Isabeau, »Wasserkorso geht nicht, davon haben wir heute schon über und über gehabt. Erst Dampfschiff, dann Boot und nun wieder Boot, das ist zu viel. Ich bin dagegen. Überhaupt, ich begreife nicht, was dies ewige Pätscheln soll; dann fehlt bloß noch, daß wir angeln oder die Ykleis mit der Hand greifen und uns über die kleinen Biester freuen. Nein, gepätschelt wird heute nicht mehr. Darum muß ich sehr bitten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herren, an die sich diese Worte richteten, amüsierten sich ersichtlich über die Dezidiertheit der Königinmutter und machten sofort andre Vorschläge, deren Schicksal aber dasselbe war. Isabeau verwarf alles und bat, als man schließlich ihr Gebaren halb in Scherz und halb in Ernst zu mißbilligen anfing, einfach um Ruhe. »Meine Herren«, sagte sie, »Geduld. Ich bitte, mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen.« Ironischer Beifall antwortete, denn nur &#039;&#039;sie&#039;&#039; hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekümmert darum fuhr sie fort. »Meine Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heißt Landpartie? Landpartie heißt frühstücken und ein Jeu machen. Hab&#039; ich recht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Isabeau hat immer recht«, lachte Balafré und gab ihr einen Schlag auf die Schulter. »Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah, jeder muß hier gewinnen. Und die Damen promenieren derweilen oder machen vielleicht ein Vormittagsschläfchen. Das soll das Gesundeste sein, und anderthalb Stunden wird ja wohl ausreichen. Und um zwölf Uhr Reunion. Menu nach dem Ermessen unserer Königin. Ja, Königin, das Leben ist doch schön. Zwar aus Don Carlos. Aber muß denn alles aus der ›Jungfrau‹ sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schlug ein, und die zwei jüngeren kicherten, obwohl sie bloß das Stichwort verstanden hatten. Isabeau dagegen, die bei solcher antippenden und beständig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenden Sprache groß geworden war, blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen Damen wandte: »Meine Damen, wenn ich bitten darf: Wir sind jetzt entlassen und haben zwei Stunden für uns. Übrigens nicht das Schlimmste.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus zu, wo die Königin in die Küche trat und unter freundlichem, aber doch überlegenem Gruße nach dem Wirte fragte. Dieser war nicht zugegen, weshalb die junge Frau versprach, ihn aus dem Garten abrufen zu wollen, Isabeau aber litt es nicht, sie werde selber gehn, und ging auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortège (Balafré sprach von Klucke mit Küken), nach dem Garten hinaus, wo sie den Wirt bei der Anlage neuer Spargelbeete traf. Unmittelbar daneben lag ein altmodisches Treibhaus, vorne ganz niedrig, mit großen schrägliegenden Fenstern, auf dessen etwas abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt den Töchtern Thibaut d&#039;Arcs setzte, während Isabeau die Verhandlungen leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was können wir haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alles, was die Herrschaften befehlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alles? Das ist viel, beinah zu viel. Nun, dann bin ich für Aal. Aber nicht so, sondern so.« Und sie wies, während sie das sagte, von ihrem Fingerring auf das breite, dicht anliegende Armband.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tut mir leid, meine Damen«, erwiderte der Wirt. »Aal is nicht. Überhaupt Fisch; damit kann ich nicht dienen, der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei mit Dill, aber der war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben will, muß ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade. Da hätten wir einen mitbringen können. Aber was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen Rehrücken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hm, das läßt sich hören. Und vorher etwas Gemüse. Spargel ist schon eigentlich zu spät, oder doch beinah. Aber Sie haben da, wie ich sehe, noch junge Bohnen. Und hier in dem Mistbeet wird sich ja wohl auch noch etwas finden lassen, ein paar Gurken oder ein paar Rapunzeln. Und dann eine süße Speise. So was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht daran, aber die Herren, die beständig so tun, als machten sie sich nichts daraus, die sind immer fürs Süße. Also drei, vier Gänge, denk&#039; ich. Und dann Butterbrot und Käse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und bis wann befehlen die Herrschaften?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens so bald wie möglich. Nicht wahr? Wir sind hungrig, und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer hat, hat er genug. Also sagen wir um zwölf. Und wenn ich bitten darf, eine Bowle: ein Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, daß sich&#039;s vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, ob Moët oder Mumm. Aber Sie werden schon machen; ich darf sagen, Sie flößen mir ein Vertrauen ein. Apropos, können wir nicht aus Ihrem Garten gleich in den Wald? Ich hasse jeden unnützen Schritt. Und vielleicht finden wir noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die können dann noch an den Rehrücken, Champignons verderben nie was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt bejahte nicht bloß die hinsichtlich des bequemeren Weges gestellte Frage, sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte, von der aus man bis zur Waldlisière nur ein paar Schritte hatte. Bloß eine chaussierte Straße lief dazwischen. Als diese passiert war, war man drüben im Waldesschatten, und Isabeau, die stark unter der immer größer werdenden Hitze litt, pries sich glücklich, den verhältnismäßig weiten Umweg über ein baumloses Stück Grasland vermieden zu haben. Sie machte den eleganten, aber mit einem großen Fettfleck ausstaffierten Sonnenschirm zu, hing ihn an ihren Gürtel und nahm Lenens Arm, während die beiden andern Damen folgten. Isabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich umwendend, zu Margot und Johanna: »Wir müssen aber doch ein Ziel haben. So bloß Wald und wieder Wald is eigentlich schrecklich. Was meinen Sie, Johanna?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johanna war die größere von den beiden d&#039;Arcs, sehr hübsch, etwas blaß und mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Handschuh&#039; saßen wundervoll, und man hätte sie für eine Dame halten können, wenn sie nicht, während Isabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuhknopf, der aufgesprungen war, mit den Zähnen wieder zugeknöpft hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was meinen Sie, Johanna?« wiederholte die Königin ihre Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, dann schlag&#039; ich vor, daß wir nach dem Dorfe zurückgehn, von dem wir gekommen sind. Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch und so melancholisch aus, und war ein so hübscher Weg hierher. Und zurück muß er eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und an der rechten, das heißt also von hier aus an der linken Seite war ein Kirchhof mit lauter Kreuzer drauf. Und ein sehr großes von Marmohr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber was sollen wir damit? Wir haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem Tage wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, daß man sterben muß. Und wenn dann der Flieder so blüht...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht mehr, höchstens noch der Goldregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte, wenn Sie so partout für Kirchhöfe sind, so können Sie sich ja den in der Oranienstraße jeden Tag ansehen. Aber ich weiß schon, mit Ihnen ist nicht zu reden. Zeuthen und Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar nichts. Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte. Die Königin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem Tone fort: »Ach, diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehn; sie hat keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, Sie glauben gar nicht, was jetzt alles so mitläuft; nu ja, sie hat &#039;ne hübsche Figur und hält auf ihre Handschuh. Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, die so sind, die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie sie nachher sehn! Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle kommt und wieder leer is und wieder kommt, dann quietscht und johlt sie. Keine Idee von Anstand. Aber wo soll es auch herkommen? Sie war immer bloß bei kleinen Leuten, draußen auf der Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hinkommt und bloß mal Artillerie vorbeifährt. Und Artillerie... Nu ja... Sie glauben gar nich, wie verschieden das alles ist. Und nun hat sie der Serge da rausgenommen und will was aus ihr machen. Ja, du meine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink; gut Ding will Weile haben. Aber da sind ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett. Kommen Sie, Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Bücken nicht wär&#039;), und wenn wir eine recht große finden, dann wollen wir sie mitnehmen. Die steck&#039; ich ihm dann in den Mund, und dann freut er sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein Mann wie&#039;n Kind und eigentlich der Beste.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die wohl merkte, daß es sich um Balafré handelte, tat ein paar Fragen und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren Namen hätten? Sie habe schon früher danach gefragt, aber nie was gehört, was der Rede wert gewesen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott«, sagte die Königin, »es soll so was sein und soll keiner was merken und is doch alles bloß Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum, und wenn sich einer drum kümmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wen soll es denn schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sah vor sich hin und schwieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch noch sehn, eigentlich is es alles bloß langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und will&#039;s auch nicht abschwören. Aber die Länge hat die Last. So von fuffzehn an und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg&#039; ich) &#039;ne Dest&#039;lation und weiß auch schon, wo, und denn heirat&#039; ich mir einen Wittmann und weiß auch schon, wen. Und er will auch. Denn das muß ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit, und die Kinder or&#039;ntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine, is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sagte kein Wort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit &#039;&#039;hier&#039;&#039; dabei« – und sie wies aufs Herz – »und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, &#039;&#039;denn&#039;&#039; is es schlimm, denn gibt es &#039;nen Kladderadatsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhätten, einen Kranz daraus zu flechten. »Wie gefällt sie dir denn?« sagte Margot. »Ich meine die von Gaston.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gefallen? Gar nich. Das fehlt auch noch, daß solche mitspielen und in Mode kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh&#039; sitzen. Und mit dem Hut is auch nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie muß auch dumm sein, sie spricht ja kein Wort.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Margot, »dumm ist sie nicht; sie hat&#039;s bloß noch nich weg. Und daß sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der. Die denkt, sie is es. Aber es is gar nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch wie Galgenholz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch öfter aus der Patsche geholfen. Du weißt schon, was ich meine.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, warum? Weil sie selber mit drinsaß und weil sie sich ewig ziert und wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken sind immer gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, daß sie &#039;ne lächerliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie &#039;ne Fettente. Und immer bis oben ran zu, bloß weil sie sich sonst vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das lass&#039; ich mir nicht nehmen, ein bißchen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine Türken. Und warum wollte sie nicht mit auf den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I bewahre, sie denkt nich dran, bloß weil sie sich wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiß heute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gingen die Gespräche, bis sich die beiden Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als es aber halb zwölf war, sagte sie: »Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu was andrem übergehen. Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen... Aber Gott sei Dank, alles Entsagen, sagt Balafré, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrücken fängt an, wichtiger zu werden als alles andre. Nicht wahr, Johanna?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden abzulehnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isabeau aber lachte. »Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich, der Zeuthner Kirchhof wäre besser gewesen. Aber man muß nehmen, was man hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus diesem, drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front des Hauses, wo gegessen werden sollte, zurückzukehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vorübergehen an der Gaststube sah Isabeau den mit dem Umstülpen einer Moselweinflasche beschäftigten Wirt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade«, sagte sie, »daß ich grade &#039;&#039;das&#039;&#039; sehen mußte. Das Schicksal hätte mir auch einen besseren Anblick gönnen können. Warum gerade Mosel?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 14 ==&lt;br /&gt;
Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Isabeau gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen, was aber, wenigstens für Botho und Lene, das Schlimmere war, war das, daß diese Heiterkeit auch ausblieb, als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein, in einem nur von ihnen besetzten Kupee, die Rückfahrt angetreten hatten. Eine Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt, auf dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof eingetroffen, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein machen zu lassen, sie seien ermüdet und abgespannt, und das tue nicht gut, Botho aber war von dem, was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht, immer bemüht, ein Gespräch über die Partie, und wie hübsch sie gewesen sei, zustande zu bringen – eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho nur zu sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen. Ja, der Ausflug nach Hankels Ablage, von dem man sich so viel versprochen und der auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war in seinem Ausgange nichts als eine Mischung von Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen, und nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein sein »Gute Nacht, Lene« gesagt hatte, war diese noch einmal auf ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm geküßt: »Ach, Botho, es war heute nicht so, wie&#039;s hätte sein sollen, und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß es, Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nein. Es war niemand schuld, dabei bleibt es, daran ist nichts zu ändern. Aber daß es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du mußt noch einen Augenblick hören. Ach, mein einziger Botho, du willst es mir verbergen, aber es geht zu End&#039;. Und rasch, ich weiß es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du nur sprichst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hab&#039; es freilich nur geträumt«, fuhr Lene fort. »Aber warum hab&#039; ich es geträumt? Weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur, was mir mein Herz eingab. Und was ich dir noch sagen wollte, Botho, und warum ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: Es bleibt doch bei dem, was ich dir gestern abend sagte. Daß ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glück und bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von heut&#039; ab unglücklich werde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, Lene, sprich nicht so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen, und will es nicht wahr haben. Aber ich weiß es: Gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen, und nun war der andre Morgen, und die Sommersonne schien hell in Bothos Zimmer. Beide Fenster standen auf, und in den Kastanien draußen quirilierten die Spatzen. Botho selbst, aus einem Meerschaum rauchend, lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug dann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem großen Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem andern erschien, um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß ich diese Bestie doch los wäre. Quälen, martern möcht&#039; ich sie. Diese Brummer sind allemal Unglücksboten und so hämisch zudringlich, als freuten sie sich über den Ärger, dessen Herold und Verkündiger sie sind.« In diesem Augenblicke schlug er wieder danach. »Wieder fort. Es hilft nichts. Also Resignation. Ergebung ist überhaupt das Beste. Die Türken sind die klügsten Leute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draußen ließ ihn während dieses Selbstgesprächs auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich danach unter leichtem militärischen Gruß und mit einem »Guten Morgen, Herr Baron« erst eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung beiseite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine, dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt hatte. »Dacht&#039; ich&#039;s doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun brach er den Brief auf und las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Schloß Zehden&#039;&#039;. 29. Juni 1875 – Mein lieber Botho. Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich nun erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ›aus alter Freundschaft‹ hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des seligen Herrn Barons schuldig sei. Diese Hinzufügung, so gut sie gemeint sein mag, ist doch doppelt empfindlich für mich; es mischt sich so viel prätentiöse Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt, am wenigsten von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton würde helfen, wie schon bei frührer Gelegenheit, er liebt mich und vor allem &#039;&#039;Dich&#039;&#039;, aber seine Geneigtheit immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen mich Kümmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug, worin er recht haben mag, und &#039;&#039;Du&#039;&#039; bist ihm nicht praktisch und lebensklug genug, worin er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die Ängstlichkeitsprovinz, aber so gentil er ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er sagte mir, als ich letzthin Veranlassung nahm, der uns abermals drohenden Kapitalskündigung zu gedenken: ›Ich stehe gern zu Diensten, Schwester, wie du weißt, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke Zumutungen an &#039;&#039;die&#039;&#039; Seite meines Charakters, die nie meine hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit...‹ Du weißt, Botho, worauf sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute &#039;&#039;Dir&#039;&#039; ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, &#039;&#039;mir&#039;&#039; ans Herz gelegt wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schließen, mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten, und doch fürcht&#039; ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf und ab, während er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und las weiter. »Ja, Botho, Du hast unser aller Zukunft in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag&#039; ich, aber, wie ich freilich hinzufügen muß, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr. Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im Hinblick auf die Sellenthiner Mama, die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor, in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen hat. Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube, daß ein immer kleiner werdender Besitz, nach Art der Sibyllinischen Bücher (wo sie den Vergleich her hat, weiß ich nicht), immer wertvoller würde? Käthe werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton der großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich zurückbleiben werde. Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten, am wenigsten aber mit so viel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn von Rienäcker beliebe, das, was früher darüber von seiten der Familie geplant und gesprochen sei, fallen zu lassen und stattgehabte Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn, so habe sie nichts dagegen. Herr von Rienäcker &#039;&#039;sei&#039;&#039; frei von dem Augenblick an, wo er frei sein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe, von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei es an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wünsche nicht, daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, daß es durchaus nötig ist, Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Was ich wünsche, weißt Du. Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein. Handle, wie Dir eigene Klugheit es eingibt, entscheide Dich so oder so, nur handle überhaupt. Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, so verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und, was noch schlimmer, ja das Schlimmste ist, auch die freundlichen und immer hilfsbereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten Dich, möchten sie Dich auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre der Weg zu Deinem und unser aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, als er gelesen, war in großer Erregung. Es war so, wie der Brief es aussprach, und ein Hinausschieben nicht länger möglich. Es stand nicht gut mit dem Rienäckerschen Vermögen, und Verlegenheiten waren da, die durch eigne Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte. »Wer bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft. Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen. Das ist alles, und so hab&#039; ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter, Oberkellner und Croupier. Höchstens kommt noch der Troupier hinzu, wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will. Und Lene dann mit mir als Tochter des Regiments. Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein Tönnchen auf dem Rücken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin, sich bittre Dinge zu sagen. Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er ausreiten wolle. Und nicht lange, so hielt seine prächtige Fuchsstute draußen, ein Geschenk des Onkels, zugleich der Neid der Kameraden. Er hob sich in den Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu, nach deren Passierung er in einen breiten, über Fenn und Feld in die Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte. Hier ließ er sein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen und nahm sich, während er bis dahin allerhand unklaren Gedanken nachgehangen hatte, mit jedem Augenblicke fester und schärfer ins Verhör. »Was ist es denn, was mich hindert, den Schritt zu tun, den alle Welt erwartet? Will ich Lene heiraten? Nein. Hab&#039; ich&#039;s ihr versprochen? Nein. Erwartet sie&#039;s? Nein. Oder wird uns die Trennung leichter, wenn ich sie hinausschiebe? Nein. Immer nein und wieder nein. Und doch säume und schwanke ich, &#039;&#039;das&#039;&#039; eine zu tun, was durchaus getan werden muß. Und weshalb säume ich? Woher diese Schwankungen und Vertagungen? Törichte Frage. Weil ich sie liebe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanonenschüsse, die vom Tegler Schießplatz herüberklangen, unterbrachen hier sein Selbstgespräch, und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder beruhigt hatte, nahm er den früheren Gedankengang wieder auf und wiederholte: »Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, daß man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir&#039;s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd, und er wurde eines aus einem Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr, der dicht vor ihm auf die Jungfernheide zu jagte. Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide verschwunden war. »Und war es denn«, fuhr er fort, »etwas so Törichtes und Unmögliches, was ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; ich bin durchaus gegen solche Donquichotterien. Alles, was ich wollte, war ein verschwiegenes Glück, ein Glück, für das ich früher oder später, um des ihr ersparten Affronts willen, die stille Gutheißung der Gesellschaft erwartete. So war mein Traum, so gingen meine Hoffnungen und Gedanken. Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein andres eintauschen, das mir keins ist. Ich hab&#039; eine Gleichgiltigkeit gegen den Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgemachte. Chic, Tournure, Savoir-faire – mir alles ebenso häßliche wie fremde Wörter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch im Zügel hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein Stück Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen eingefaßten Grasplatz führte. Hier, im Schatten eines der älteren Bäume, stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heranritt, um zu sehen, was es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: &#039;&#039;»Ludwig v. Hinckeldey,&#039;&#039; gest. 10. März 1856.« Wie das ihn traf! Er wußte, daß das Kreuz hier herum stehe, war aber nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen überlassene Pferd ihn gerade hierher geführt hatte. Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, daß der damals Allmächtige zu Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor allem &#039;&#039;eine&#039;&#039; Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der bürgerlichen, seinem Chef besonders vertrauten Räte übrigens hatte gewarnt und abgemahnt und das Duell überhaupt, und nun gar ein solches und unter solchen Umständen, als einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei &#039;&#039;dieser&#039;&#039; Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet: »Nörner, davon verstehen Sie nichts.« Und eine Stunde später war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer Standesmarotte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als das Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht hatte. »Lehrreich.« Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt dieses Denkmal &#039;&#039;mir&#039;&#039;? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf ein großes Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt, zu, draus, aus zahlreichen Essen, Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen. Es war Mittag, und ein Teil der Arbeiter saß draußen im Schatten, um die Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, standen plaudernd daneben, einige mit einem Säugling auf dem Arm, und lachten sich untereinander an, wenn ein schelmisches oder anzügliches Wort gesprochen wurde. Rienäcker, der sich den Sinn für das Natürliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von dem Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die Gruppe glücklicher Menschen. »Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsre märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen nur: ›Ich muß doch meine Ordnung haben.‹ Und das ist ein schöner Zug im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und mitunter alles. Und nun frag&#039; ich mich, war &#039;&#039;mein&#039;&#039; Leben in der ›Ordnung‹? Nein. Ordnung ist Ehe.« So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er wieder Lene vor sich stehn, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob sie freundlich zustimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, meine liebe Lene, du bist auch für Arbeit und Ordnung und siehst es ein und machst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch... für dich und mich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 15 ==&lt;br /&gt;
Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fühlte, daß er dazu keine Kraft habe, wollt&#039; er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. »Ich kann es nicht, heute nicht.« Und so ließ er den Tag vergehen und wartete bis zum andern Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Liebe Lene! Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell... Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen. Gegen neun bin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehn. Dein B. v. R.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist recht, daß du kommst... Ich freue mich, daß du da bist. Und du mußt dich auch freuen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht, und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte: »Nein, Frau Dörr ist drin...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist uns noch bös?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was sollen wir heut&#039; mit ihr? Komm, es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allein sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hof auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach, als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still, nur vom Felde her hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: »Und das ist nun also das letzte Mal, daß ich deine Hand in meiner halte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du nur immer frägst. Was soll ich dir verzeihn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß ich deinem Herzen wehe tue.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, weh tut es. Das ist wahr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blaß am Himmel heraufziehenden Sterne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woran denkst du, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie schön es wäre, dort oben zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwünschen; von solchem Wunsch ist nur noch ein Schritt...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lächelte. »Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mädchen, das an den Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern tanzte. Weißt du noch, wie du mir davon erzähltest?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, was soll es dann? Du bist doch nicht so, daß du so was sagst, bloß um etwas zu sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, ich hab&#039; es auch ernsthaft gemeint. Und wirklich« – und sie wies hinauf –, »ich wäre gerne da. Da hätt&#039; ich Ruh. Aber ich kann es abwarten... Und nun komm und laß uns ins Feld gehn. Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und find&#039; es kalt hier im Stillsitzen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich sichtbar unter dem sternklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du noch«, sagte Botho, »wie wir mit Frau Dörr hier gingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nickte. »Deshalb hab&#039; ich dir&#039;s vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen: ›Denkst du daran.‹ Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab&#039; ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir dabei leicht zumute wird.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er umarmte sie. »Du bist so gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: »Und daß mir so leicht ums Herz ist, das will ich nicht vorübergehn lassen und will dir alles sagen. Eigentlich ist es das Alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir draußen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns trennten. Ich hab&#039; es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaubst du&#039;s? Und wenn nicht? Was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann lebt man ohne Glück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glück nichts wäre. Aber es ist was, und das quält mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan hätte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Davon sprech&#039; ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluß. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine Schuld war, so war es &#039;&#039;meine&#039;&#039; Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich mich, ich muß es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muß, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens das, was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und laß uns umkehren. Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort, und wir treffen die gute Alte allein. Sie weiß von allem und hat den ganzen Tag über immer nur ein und dasselbe gesagt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß es so gut sei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho und Lene bei ihr eintraten. Alles war still und dämmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten, die sich schräg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief schon lange in seinem Bauer, und man hörte nichts als dann und wann das Zischen des überkochenden Wassers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Guten Abend, Mutterchen«, sagte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von ihrer Fußbank aufstehen, um den großen Lehnstuhl heranzurücken. Aber Botho litt es nicht und sagte: »Nein, Mutterchen, ich setze mich auf meinen alten Platz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder: »Ich komme heut&#039;, um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier so lange gehabt habe. Ja, Mutterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern gewesen und so glücklich. Aber nun muß ich fort, und alles, was ich noch sagen kann, ist bloß das: Es ist doch wohl das Beste so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte schwieg und nickte zustimmend. »Aber ich bin nicht aus der Welt«, fuhr Botho fort, »und ich werde Sie nicht vergessen, Mutterchen. Und nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hiernach stand er schnell auf und schritt auf die Tür zu, während Lene sich an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre. Dann aber sagte sie: »Nun kurz, Botho. Meine Kräfte reichen nicht mehr; es war doch zu viel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein Einziger, und sei so glücklich, wie du&#039;s verdienst, und so glücklich, wie du mich gemacht hast. Dann bist du glücklich. Und von dem andern rede nicht mehr, es ist der Rede nicht wert. So, so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen und schloß dann das Gitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er an der andern Seite der Straße stand, schien er, als er Lenens ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen zu wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die Straße hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpfosten gestützt, ihm mit großem Auge nachsah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nächtlichen Stille verhallt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 16 ==&lt;br /&gt;
Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor stattgefunden, Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende gebracht: »Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker, Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment, Käthe Freifrau von Rienäcker, geb. von Sellenthin.« Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Dörrsche Gärtnerwohnung samt ihren Dependenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin, erwartet haben mochte. Daß es von solcher Seite her kam, war schon aus dem beigefügten »Hochwohlgeboren« zu schließen. Aber gerade dieser Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte, kam Lenen zustatten und verminderte das bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl verursacht hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho und Käthe von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neumärkischen Vetternreise glücklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte, sondern vielmehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau beglückwünschte, die Capricen und üble Laune gar nicht zu kennen schien. Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet, das einem eben umkippenden Wellenkamme glich, und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, daß sie, wiewohl sonst ohne besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genug tun konnte. Botho freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann. Er nahm nämlich wahr, daß sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten, ereignete sich&#039;s, daß ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewißheit gab. Sie hatten ein Kupee für sich, und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal zurückblickten, um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüßen, sagte Botho, während er ihre Hand nahm: »Und nun sage mir, Käthe, was war eigentlich das Hübscheste hier in Dresden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Rate.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist schwer, denn du hast so deinen eignen Geschmack, und mit Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich entzückte: voran die Konditorei am Altmarkt und der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör. Da so zu sitzen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, Käthe, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern müsse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alles, was man sich erobern muß...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihr einen herzlichen Kuß gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich sehe«, lachte sie, »du bist schließlich einverstanden, und zur Belohnung höre nun auch das zweite und dritte. Mein zweites war das Sommertheater draußen, wo wir ›Monsieur Herkules‹ sahn und Knaak den Tannhäusermarsch auf einem klapprigen alten Whisttisch trommelte. So was Komisches hab&#039; ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahrscheinlich auch nicht. Es war wirklich zu komisch... Und das dritte... Nun, das dritte, das war ›Bacchus auf dem Ziegenbock‹ im Grünen Gewölbe und der sich kratzende Hund, von Peter Vischer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich dachte mir so was, und wenn Onkel Osten davon hört, dann wird er dir recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öfter wiederholen: ›Ich sage dir, Botho, die Käthe...‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Soll er&#039;s nicht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O gewiß soll er.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab, das in Bothos Seele, so zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermaßen ängstlich nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte keine Ahnung von dem, was in ihres Gatten Seele vorging, und sagte nur: »Ich bin müde, Botho. Die vielen Bilder. Es kommt doch nach... Aber«, der Zug hielt eben, »was ist denn das für ein Lärm und Getreibe da draußen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich glaube Kötzschenbroda.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kötzschenbroda? Zu komisch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während der Zug weiterdampfte, streckte sie sich aus und schloß anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern hin nach dem geliebten Manne hinüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der damals noch einreihigen Landgrafenstraße hatte Käthes Mama mittlerweile die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Komfort, den es vorfand. In den beiden Frontzimmern, die jedes einen Kamin hatten, war geheizt, aber Tür und Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstluft, und das Feuer brannte nur des Anblicks und des Luftzuges halber. Das Schönste aber war der große Balkon mit seinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in gerader Richtung ins Freie sah, erst über das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe freute sich, unter Händeklatschen, dieser prächtig freien Aussicht, umarmte die Mama, küßte Botho und wies dann plötzlich nach links hin, wo zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde. »Sieh, Botho, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Und das Dorf daneben. Wie heißt es?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich glaube, Wilmersdorf«, stotterte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heißt das: ›Ich glaube‹? Du wirst doch wissen, wie die Dörfer hier herum heißen. Sieh nur, Mama, macht er nicht ein Gesicht, als ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte? Nichts komischer als diese Männer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit verließ man den Balkon wieder, um in dem dahinter gelegenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur die Mama, das junge Paar und Serge, der als einziger Gast geladen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Hause der Frau Nimptsch. Aber Lene wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstraße, was sie vermieden haben würde, wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur eine Ahnung gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es konnt&#039; ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wie im Sommer, und die Sonne schien so warm, daß man den schärferen Luftton kaum empfand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich muß heut&#039; in die Stadt, Mutter«, sagte Lene. »Goldstein hat mir geschrieben. Er will mit mir über ein Muster sprechen, das in die Wäsche der Waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt bin, will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstraße besuchen. Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los. Aber um Mittag bin ich wieder hier. Ich werd&#039; es Frau Dörr sagen, daß sie nach dir sieht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß nur, Lene, laß nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Dörr, sie red&#039;t so viel un immer von ihrem Mann. Und ich habe ja mein Feuer. Und wenn der Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Tüte mitbringst, ich habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon löst so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schön, Mutter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlassen und war erst die Kurfürsten- und dann die lange Potsdamerstraße hinunter gegangen, auf den Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten. Alles verlief nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch rüstete, vergnügte sie so, daß sie stehen blieb und sich das bunte Durcheinander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurd&#039; erst aufgerüttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt war, dann aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf-Apostel-Kirche. »Gerade zwölf«, sagte sie. »Nun ist es Zeit, daß ich mich eile; sie wird immer unruhig, wenn ich später komme, als sie denkt.« Und so ging sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wußte nicht, wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho, der, mit einer jungen, schönen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter heitre Dinge, denn Botho lachte beständig, während er zu ihr niederblickte. Diesem Umstand verdankte sie&#039;s auch, daß sie nicht schon lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich, vom Trottoir her, nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran, vor dem, mutmaßlich als Deckel für eine hier befindliche Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte Eisenplatte lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwarenladens, mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichten und Mixed-Pickles-Flaschen, nichts Besonders, aber Lene starrte drauf hin, als ob sie dergleichen noch nie gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber, und kein Wort entging ihr von dem Gespräche, das zwischen beiden geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe, nicht so laut«, sagte Botho, »die Leute sehen uns schon an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß sie...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie denken am Ende, wir zanken uns...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unter Lachen? Zanken unter Lachen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie lachte wieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte, darauf sie stand. Ein waagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der großen Glasscheibe vor dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, als ob sie, wie zu Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, daß beide weit genug fort waren, wandte sie sich wieder, um ihren Weg fortzusetzen. Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob ihr die Sinne schwänden, und kaum, daß sie die nächste nach dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten, dessen Gittertür offen stand. Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe, wenige Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wieder erwachte, sah sie, daß ein halbwachsenes Mädchen, ein Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand und sie teilnahmvoll anblickte, während, von der Verandabrüstung aus, eine alte Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte zu. Das halbwachsene Mädchen aber sah ihr traurig verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des Lebens gedämmert hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war inzwischen, den Fahrdamm passierend, bis an den Kanal gekommen und ging jetzt unten an der Böschung entlang, wo sie sicher sein durfte, niemandem zu begegnen. Von den Kähnen her blaffte dann und wann ein Spitz, und ein dünner Rauch, weil Mittag war, stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf. Aber sie sah und hörte nichts oder war wenigstens ohne Bewußtsein dessen, was um sie her vorging, und erst als jenseits des Zoologischen die Häuser am Kanal hin aufhörten und die große Schleuse mit ihrem drüber wegschäumenden Wasser sichtbar wurde, blieb sie stehn und rang nach Luft. »Ach, wer weinen könnte.« Und sie drückte die Hand gegen Brust und Herz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber, ohne daß ein Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre. Mit einem Mal aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen war, von ihrem Herdfeuer auf und erschrak, als sie der Veränderung in Lenens Gesicht gewahr wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, Kind, was hast du? Lene, wie siehst du nur aus?« Und so schwer beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fußbank los und suchte nach dem Krug, um die noch immer wie halbtot Dasitzende mit Wasser zu besprengen. Aber der Krug war leer, und so humpelte sie nach dem Flur und vom Flur nach Hof und Garten hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade Goldlack und Jelängerjelieber abschnitt, um Marktsträuße daraus zu binden. Ihr Alter aber stand neben ihr und sagte: »Nimm nich wieder zu viel Strippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rufen der alten Frau von fernher hörte, verfärbte sich und antwortete mit lauter Stimme: »Komme schon, Mutter Nimptsch, komme schon«, und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, daß da was los sein müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig, dacht&#039; ich&#039;s doch... Leneken.« Und dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor leblos Dasitzende, während die Alte langsam nachkam und über den Flur hinschlurrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen sie zu Bett bringen«, rief Frau Dörr, und die Nimptsch wollte selber mit anfassen. Aber so war das »wir« der stattlichen Frau Dörr nicht gemeint gewesen. »Ich mache so was allein, Mutter Nimptsch«, und Lenen in ihre Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So, Mutter Nimptsch. Nu &#039;ne heiße Stürze. Das kenn&#039; ich, das kommt von&#039;s Blut. Erst &#039;ne Stürze un denn &#039;n Ziegelstein an die Fußsohlen; aber grad untern Spann, da sitzt das Leben... Wovon is es denn eigentlich? Is gewiß &#039;ne Altration.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiß nich. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, daß sie&#039;n vielleicht gesehn hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Das is es. Das kenn&#039; ich... Aber nu die Fenster zu un runter mit&#039;s Rollo... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwächt so und is eigentlich bloß für Motten. Nein, liebe Nimptschen, was &#039;ne Natur is un noch dazu solche junge, die muß sich immer selber helfen, un darum bin ich für schwitzen. Aber or&#039;ntlich. Un wovon kommt es? Von die Männer kommt es. Un doch hat man sie nötig un braucht sie... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woll&#039;n wir nich lieber nach&#039;n Doktor schicken?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon dreimal dod und lebendig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 17 ==&lt;br /&gt;
Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, während welcher Zeit sich manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert hatte, nur nicht in dem in der Landgrafenstraße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter, der Frohmut der Flitterwochen war geblieben, und Käthe lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht betrübt hätte: daß das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfunden. Sie lebte so gern und fand an Putz und Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genüge, daß sie vor einer Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak, als sie herbeiwünschte. Der Sinn für Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen, und als die Mama brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte, schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück: »Sorge Dich nicht, Mama. Bothos Bruder hat sich ja nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich überlass&#039; es gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker angelegen sein zu lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah es anders an, aber auch sein Glück wurde durch das, was fehlte, nicht sonderlich getrübt, und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf seiner Dresdener Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern, aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflächlich und »spielrig«, als ob sie der Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Und was das Schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen Vorzug, wußte sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen. »Aber, Käthe, Käthe«, rief Botho dann wohl und ließ in diesem Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen, ihr glückliches Naturell aber wußt&#039; ihn immer wieder zu entwaffnen, ja, so sehr, daß er sich mit dem Anspruch, den er erhob, fast pedantisch vorkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele, schwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn Zufälligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen, kam ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zurückgekehrt, auf dem Balkon saß und seinen Tee nahm. Käthe lag zurückgelehnt in ihrem Stuhl und ließ sich aus der Zeitung einen mit Zahlenangaben reichgespickten Artikel über Pfarr- und Stolgebühren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu, weil alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend »bei Predigers« zubringen und so den Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut&#039;. Endlich brach der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo&#039;s dunkelte, begann drüben im »Zoologischen« das Konzert, und ein entzückender Straußscher Walzer klang herüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Höre nur, Botho«, sagte Käthe, sich aufrichtend, während sie voll Übermut hinzusetzte: »Komm, laß uns tanzen.« Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höh&#039; und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer hinein und in diesem noch ein paarmal herum. Dann gab sie ihm einen Kuß und sagte, während sie sich an ihn schmiegte: »Weißt du, Botho, so wundervoll hab&#039; ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der Zülow mitmachte, ja, daß ich&#039;s nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel Osten nahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama weiß es bis diesen Tag nicht. Aber selbst da war es nicht so schön wie heut&#039;. Und doch ist verbotene Frucht die schönste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen, Botho. Sieh, so ertapp&#039; ich dich mal wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen. »Ich glaube wirklich, Botho, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du darfst mich nicht damit trösten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es nicht so? Nun, ich will nichts gesehen haben, und ich gönn&#039; es ihr und dir. Aber auf alte, ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger als auf neue.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sonderbar«, sagte Botho und versuchte zu lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und doch am Ende nicht so sonderbar, wie&#039;s aussieht«, fuhr Käthe fort. »Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es muß schon schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein, wenn man gar nichts merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man weiß es kaum.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was man nicht weiß...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann einen &#039;&#039;doch&#039;&#039; heiß machen. Aber lassen wir&#039;s und lies mir lieber weiter aus deiner Zeitung vor. Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen, und die gute Frau versteht es nicht. Und der Älteste soll jetzt gerade studieren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Bothos Seele mit den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm auffiel, weil er ja wußte, daß sie halbe Nachbarn waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fiel ihm auf und wär&#039; ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte, daß Frau Nimptsch und Lene gar nicht mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo Lene dem jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war, hatte sie der Alten erklärt, in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geweimert und in einem fort auf den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: »Mutter, du kennst mich doch! Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich&#039;s nicht hätte, so wollt&#039; ich arbeiten, bis es beisammen wär&#039;. Aber hier müssen wir fort. Ich muß jeden Tag da vorbei, das halt&#039; ich nicht aus, Mutter. Ich gönn&#039; ihm sein Glück, ja mehr noch, ich freue mich, daß er&#039;s hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein guter, lieber Mensch und hat mir zuliebe gelebt und kein Hochmut und keine Haberei. Und daß ich&#039;s rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, du sollst glücklich sein, so glücklich, wie du&#039;s verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muß weg hier, denn sowie ich zehn Schritte gehe, denk&#039; ich, er steht vor mir. Und da bin ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Aber deine Herdstelle sollst du haben. Das verspreche ich dir, ich, deine Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesem Gespräche war seitens der Alten aller Widerstand aufgegeben worden, und auch Frau Dörr hatte gesagt: »Versteht sich, ihr müßt ausziehen. Und dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem gönn&#039; ich&#039;s. Immer hat er mir was vorgebrummt, daß ihr zu billig einsäßt und daß nich die Steuer un die Repratur dabei rauskäme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leersteht. Und so wird&#039;s kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster kuckt, un kein Gas nich un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja vierteljährliche Kündigung, und Ostern könnt ihr raus, da helfen ihm keine Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber ich muß auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bist, Kind, und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer kochend Wasser, ja, Lene, was hab&#039; ich denn noch? Doch bloß &#039;&#039;ihn&#039;&#039; un Sultan und den dummen Jungen, der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nich. Un wenn&#039;s denn kalt wird und Schnee fällt, is es mitunter zum Kattolschwerden vor lauter Stillsitzen und Einsamkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene feststand, und als Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgefahren, um aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis an das Luisenufer gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbeln angeschafft, sondern, in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch für einen an den großen Vorderzimmerofen angebauten Kamin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, weil solch Vorbau den Ofen ruiniere. Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe darauf bestanden, was dem Wirt, einem alten braven Tischlermeister, dem so was gefiel, einen großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt drei Treppen hoch saßen und statt auf die phantastischen Türme des Elefantenhauses auf die hübsche Kuppel der Michaelskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war entzückend und so schön und frei, daß er selbst auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptsch einen Einfluß gewann und sie bestimmte, nicht mehr bloß auf der Fußbank am Feuer, sondern, wenn die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu sitzen, wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau Nimptsch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so daß sie, seit dem Wohnungswechsel, weniger an Reißen litt als draußen in dem Dörrschen Gartenhause, das, so poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im übrigen verging keine Woche, wo nicht, trotz des endlos weiten Weges, Frau Dörr vom »Zoologischen« her am Luisenufer erschienen wäre, bloß »um zu sehen, wie&#039;s stehe«. Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlich von ihrem Manne, dabei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die Verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es so, daß sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dörr gerade so war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den, beständig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen, ohne jede Gefahr vor Änderung und Vermögenseinbuße sich unausgesetzt über den alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung machen zu können. Ja, Dörr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen, und Lene, wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonstwo in der Stadt war, lachte jedesmal herzlich mit, und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit dem Umzuge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Instandsetzen hatte sie, wie sich denken läßt, von Anfang an von ihren Betrachtungen abgezogen, und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht von Vorteil gewesen war, war das, daß sie nun keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho zu haben brauchte. Wer kam nach dem Luisenufer? Botho gewiß nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder frisch und munter erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte: Mitten durch ihr Scheitelhaar zog sich eine weiße Strähne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafür oder machte nicht viel davon, die Dörr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weiße Strähne gleich und sagte zu Lene: »Jott, Lene. Un grade links. Aber natürlich... da sitzt es ja... links muß es ja sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war bald nach dem Umzuge, daß dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwähnung, was einfach darin seinen Grund hatte, daß Lene, wenn die Plauderei speziell &#039;&#039;diesem&#039;&#039; Thema sich zuwandte, jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte sich die Dörr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und so schwieg sie denn über Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte. So ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da, der es nicht rätlich erscheinen ließ, auf die alten Geschichten zurückzukommen. Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der, von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Dörr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte, nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr anständigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war, von allerlei städtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte. Traf es sich, daß er mit der Alten allein war, so verdroß ihn auch das nicht, und er spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine Patience legen, trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein Konventikler und hatte, nachdem er erst bei den Mennoniten und dann später bei den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbständige Sekte gestiftet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sich denken läßt, erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr, die denn auch nicht müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen, aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei Besorgungen hatte. »Sagen Sie, liebe Frau Nimptsch, was is er denn eigentlich? Ich habe nachgeschlagen, aber er steht noch nich drin; Dörr hat bloß immer den vorjährigen. Franke heißt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Franke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Großböttchermeister, und hatte bloß ein Auge; das heißt, das andre war auch noch da, man bloß ganz weiß und sah eigentlich aus wie &#039;ne Fischblase. Un wovon war es? Ein Reifen, als er ihn umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge. Davon war es. Ob er von da herstammt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach so. Na denn is es ja ganz natürlich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über diese Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu lassen, und fuhr ihrerseits fort: »Un von Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage. Da ging er hin. Un er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, aber als er sah, daß es nich ging, wurd&#039; er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben. Un weil er so gut predigte, wurd&#039; er angestellt bei... Ja, nun hab&#039; ich es wieder vergessen. Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Herr du meine Güte«, sagte Frau Dörr. »Er wird doch nich... Jott, wie heißen sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs oder sieben und manche noch mehre... Ich weiß nich, was sie mit so viele machen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Thema, wie geschaffen für Frau Dörr. Aber die Nimptsch beruhigte die Freundin und sagte: »Nein, liebe Dörr, es is doch anders. Ich hab&#039; erst auch so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: ›I bewahre, Frau Nimptsch. Ich bin Junggesell. Und wenn ich mich verheirate, da denk&#039; ich mir, eine ist grade genug.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen«, sagte die Dörr. »Und wie kam es denn nachher? Ich meine, drüben in Amerika.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war ihm geholfen. Denn was die Frommen sind, die helfen sich immer untereinander. Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder. Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Köpnicker Straße, wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne und alles, was sie für den Gas brauchen. Und er ist da der Oberste, so wie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat wohl hundert unter sich. Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh. Un hat auch ein gutes Gehalt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu, Lene, die nähm&#039; ihn schon. Und warum auch nich? Aber sie kann ja den Mund nich halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann wird sie ihm alles erzählen, all die alten Geschichten, erst die mit Kuhlwein (un is doch nu schon so lang, als wär&#039;s eigentlich gar nich gewesen), und denn die mit dem Baron. Und Franke, müssen Sie wissen, ist ein feiner un anständiger Mann, un eigentlich schon ein Herr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; wozu denn? Wir wissen ja auch nich alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woll, woll. Aber die Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 18 ==&lt;br /&gt;
Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin waren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und Mutter und Schwiegermutter, die sich mit jedem Tage mehr einredeten, ihre Käthe blasser, mutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben, hatten, wie sich denken läßt, nicht aufgehört, auf einen Spezialarzt zu dringen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen, eine vierwöchentliche Schlangenbader Kur als vorläufig unerläßlich festgesetzt worden war. Schwalbach könne dann folgen. Käthe hatte gelacht und nichts davon wissen wollen, am wenigsten von Schlangenbad, es sei so was Unheimliches in dem Namen und sie fühle schon die Viper an der Brust, aber schließlich hatte sie nachgegeben und in den nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden, die größer war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich in die Stadt, um Einkäufe zu machen, und wurde nicht müde zu versichern, wie sie jetzt erst das so hoch in Gunst und Geltung stehende »shopping« der englischen Damen begreifen lerne: So von Laden zu Laden zu wandern und immer hübsche Sachen und höfliche Menschen zu finden, das sei doch wirklich ein Vergnügen und lehrreich dazu, weil man so vieles sehe, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin nicht einmal den Namen gehört hätte. Botho nahm in der Regel an diesen Gängen und Ausfahrten teil, und ehe die letzte Juniwoche heran war, war die halbe Rienäckersche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt: Ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag, den Botho, nicht ganz mit Unrecht, den Sarg seines Vermögens nannte, leitete den Reigen ein, dann kamen zwei kleinere von Juchtenleder, samt Taschen, Decken und Kissen, und über das Sofa hin ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit einem Staubmantel obenan und einem Paar wundervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich um irgendeine Gletscherpartie gehandelt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den 24. Juni, Johannistag, sollte die Reise beginnen, aber am Tage vorher wollte Käthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln, und so waren denn Wedell und ein junger Osten und selbstverständlich auch Pitt und Serge zu verhältnismäßig früher Stunde geladen worden. Dazu Käthes besonderer Liebling Balafré, der, bei Mars-la-Tour, damals noch als »Halberstädter«, die große Attacke mitgeritten und wegen eines wahren Prachthiebes schräg über Stirn und Backe seinen Beinamen erhalten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe saß zwischen Wedell und Balafré und sah nicht aus, als ob sie Schlangenbads oder irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei, sie hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begnügte sich, wenn der Gefragte zu sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich führte sie das Wort, und keiner nahm Anstoß daran, weil sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte. Balafré fragte, wie sie sich ihr Leben in den Kurtagen denke? Schlangenbad sei nicht bloß wegen seiner Heilwunder, sondern viel, viel mehr noch wegen seiner Langeweile berühmt, und vier Wochen Badelangeweile seien selbst unter den günstigsten Kurverhältnissen etwas viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O lieber Balafré«, sagte Käthe, »Sie dürfen mich nicht ängstigen und würden es auch nicht, wenn Sie wüßten, wieviel Botho für mich getan hat. Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt, und damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze, hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Balafré lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Sie lachen, lieber Freund, und wissen doch erst die kleinere Hälfte, die Haupthälfte (Botho tut nämlich nichts ohne Grund und Ursache) ist seine Motivierung. Es war natürlich bloß Scherz, was ich da vorhin von meiner mit Hilfe der Fischzuchtsbroschüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das Ernste von der Sache lief darauf hinaus, ich &#039;&#039;müsse&#039;&#039; dergleichen, die Broschüre nämlich, endlich lesen, und zwar aus Lokalpatriotismus, denn die Neumark, unsere gemeinsame glückliche Heimat, sei seit Jahr und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte der künstlichen Fischzucht, und wenn ich von diesem nationalökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte, so dürft&#039; ich mich jenseits der Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab und fuhr fort: »Ich weiß, was du sagen willst und daß es wenigstens mit den acht Novellen nur so für alle Fälle sei. Gewiß, gewiß, du bist immer so schrecklich vorsichtig. Aber ich denke, ›alle Fälle‹ sollen gar nicht kommen. Ich hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Grävenitz sei seit acht Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante Blondine, mit der ich bei der alten Zülow in Pension und sogar in derselben Klasse war. Und ich entsinne mich noch, wie wir unsern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten, bis die gute alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen Unsinn. Und Elly Winterfeld, wie mir Ine schreibt, käme wahrscheinlich auch. Und nun sag&#039; ich mir, in Gesellschaft von zwei reizenden jungen Frauen – und ich als dritte, wenn auch mit den beiden andern gar nicht zu vergleichen –, in so guter Gesellschaft, sag&#039; ich, muß man doch am Ende leben können. Nicht wahr, lieber Balafré?« Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, das in allem, nur nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen irgendwen sonst in der Welt, seine Zustimmung ausdrücken sollte, nahm aber nichtsdestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte: »Wenn ich Details hören könnte, meine Gnädigste! Das einzelne, sozusagen die Minute, bestimmt unser Glück und Unglück. Und der Tag hat der Minuten so viele.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, ich denk&#039; es mir so. Jeden Morgen Briefe. Dann Promenadenkonzert und Spaziergang mit den zwei Damen, am liebsten in einer verschwiegenen Allee. Da setzen wir uns dann und lesen uns die Briefe vor, die wir doch hoffentlich erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt, und sagen ›ja, ja‹. Und dann kommt das Bad und nach dem Bade die Toilette, natürlich mit Sorglichkeit und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher sein kann als in Berlin. Eher das Gegenteil. Und dann gehen wir zu Tisch und haben einen alten General zur Rechten und einen reichen Industriellen zur Linken, und für Industrielle hab&#039; ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, deren ich mich nicht schäme. Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder unterseeische Telegraphen gelegt oder einen Tunnel gebohrt oder eine Klettereisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte, sind sie reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien, so daß einem die Schatten und Lichter immer auf der Zeitung umhertanzen. Und dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüberverirrt und reiten neben dem Wagen her, und das muß ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem militärischen Standpunkt aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, daß man die Gardedragoner verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch unbegreiflicher ist es mir, daß man sie drüben läßt. So was Apartes gehört in die Hauptstadt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, den das enorme Sprechtalent seiner Frau zu genieren anfing, suchte durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber seine Gäste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je über die »reizende kleine Frau«, und Balafré, der in Käthebewunderung obenan stand, sagte: »Rienäcker, wenn Sie noch ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will? Was er nur krittelt? Ich weiß es nicht. Und am Ende muß ich gar glauben, daß er sich in seiner Schwerenkavallerie-Ehre gekränkt fühlt und, Pardon wegen der Wortspielerei, lediglich um seines Harnischs willen in Harnisch gerät. Rienäcker, ich beschwöre Sie! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir jede Laune Befehl, und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte, nun, so würd&#039; ich schlankweg Husar, und damit basta. So viel aber weiß ich gewiß und möchte Leben und Ehre darauf verwerten, wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören könnte, so hätten die Gardehusaren drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen morgen schon in Marschquartier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs Brandenburger Tor hier ein. O dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gnädigste? Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt? Vor der Zeit und jedenfalls mir zum Tort.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, daß sie, trotz Ine, die nun freilich rettungslos für ihn verloren sei, alles tun wolle, was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, daß er, als ein unverbesserlicher Junggeselle, nur bloß so rede. Gleich danach aber ließ sie die Neckerei mit Balafré fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am eingehendsten das Thema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie hoffe, wie sie nur wiederholen könne, jeden Tag einen Brief zu empfangen, das sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten, werd&#039; es aber ihrerseits an sich kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen geben. Dieser Vorschlag fand Beifall, sogar bei Rienäcker, und wurde nur schließlich dahin abgeändert, daß sie zwar auf jeder Hauptstation bis Köln hin, über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre Karten aber, so viel oder so wenig ihrer sein möchten, in ein gemeinschaftliches Kuvert stecken solle. Das habe dann den Vorzug, daß sie sich ohne Furcht vor Postexpedienten und Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit aussprechen könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Diner nahm man draußen auf dem Balkon den Kaffee, bei welcher Gelegenheit sich Käthe, nachdem sie sich eine Weile gesträubt, in ihrem Reisekostüm, in Rembrandthut und Staubmantel samt umgehängter Reisetasche, präsentierte. Sie sah reizend aus. Balafré war entzückter denn je und bat sie, nicht allzu sehr überrascht sein zu wollen, wenn sie ihn am andern Morgen, ängstlich in eine Kupee-Ecke gedrückt, als Reisekavalier vorfinden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vorausgesetzt, daß er Urlaub kriegt«, lachte Pitt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oder desertiert«, setzte Serge hinzu, »was den Huldigungsakt freilich erst vollkommen machen würde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging die Plauderei noch eine Weile. Dann verabschiedete man sich bei den liebenswürdigen Wirten und kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, und während Balafré samt Wedell und Osten am Kanal hin weiterschlenderten, gingen Pitt und Serge, die noch zu Kroll wollten, auf den Tiergarten zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Reizendes Geschöpf, diese Käthe«, sagte Serge. »Rienäcker wirkt etwas prosaisch daneben, und mitunter sieht er so sauertöpfisch und neunmalweise drein, als ob er die kleine Frau, die bei Lichte besehn eigentlich klüger ist als er, vor aller Welt entschuldigen müsse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pitt schwieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll?« fuhr Serge fort. »Es hilft doch nichts. Und wenn es hilft, ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pitt sah ihn von der Seite her an. »Ich finde, Serge, du russifizierst dich immer mehr oder, was dasselbe sagen will, wächst dich immer mehr in deinen Namen hinein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist ernst in der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende kleine Frau? Weißt du&#039;s?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»She is rather a little silly. Oder wenn du&#039;s deutsch hören willst: Sie dalbert ein bißchen. Jedenfalls &#039;&#039;ihm&#039;&#039; zu viel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 19 ==&lt;br /&gt;
Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr Kupeefenster, um Schutz gegen die beständig stärker werdende Blendung zu haben, am Luisenufer aber waren an demselben Tage keine Vorhänge herabgelassen, und die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch und füllte die ganze Stube mit Licht. Nur der Hintergrund lag im Schatten, und hier stand ein altmodisches Bett mit hoch aufgetürmten und rot- und weißkarierten Kissen, an die Frau Nimptsch sich lehnte. Sie saß mehr, als sie lag, denn sie hatte Wasser in der Brust und litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte sie den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster, aber doch noch häufiger nach dem Kaminofen, auf dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene saß neben ihr, ihre Hand haltend, und als sie sah, daß der Blick der Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie: »Soll ich ein Feuer machen, Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwärme hast und weil es so heiß ist...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob sie&#039;s wohl gern hätte. So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wieder ans Bett kam, lächelte die Alte zufrieden und sagte: »Ja, Lene, heiß ist es. Aber du weißt ja, ich muß es immer sehn. Und wenn ich es nicht sehe, dann denk&#039; ich, es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr. Und man hat doch so seine Angst hier...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei wies sie nach Brust und Herz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft schon vorübergegangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, und mit siebzig, da kann es jeden Tag kommen. Weißt du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann is mehr Luft hier, und das Feuer brennt besser. Sieh doch bloß, es will nicht mehr recht, es raucht so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das macht die Sonne, die grade drauf steht...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und dann gib mir von den grünen Tropfen, die mir die Dörr gebracht hat. Ein bißchen hilft es doch immer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene tat wie geheißen, und der Kranken, als sie die Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte die Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf, und als ihr Lene noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte, sagte sie: »War Franke schon hier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja; gleich heute früh. Er fragt immer, ehe er in die Fabrik geht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is ein sehr guter Mann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist er.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und mit das Konventikelsche...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... wird es so schlimm nicht sein. Und ich glaube beinah, daß er seine guten Grundsätze da her hat. Glaubst du nicht auch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte lächelte. »Nein, Lene, die kommen vom lieben Gott. Und der eine hat sie, un der andre hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen... Und hat er noch nichts gesagt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, gestern abend.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un was hast du ihm geantwortet?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hab&#039; ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloß für mich, sondern auch für dich sorgen würde...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte nickte zustimmend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und«, fuhr Lene fort, »als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und rief in guter Laune: ›Na, Lene, denn also abgemacht!‹ Ich aber schüttelte den Kopf und sagte, daß das so schnell nicht ginge, denn ich hätt&#039; ihm noch was zu bekennen. Und als er fragte, was, erzählt&#039; ich ihm, ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt: erst... na, du weißt ja, Mutter... und den ersten hätt&#039; ich ganz gern gehabt, und den andern hätt&#039; ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch an ihm. Aber er sei jetzt glücklich verheiratet, und ich hätt&#039; ihn nie wieder gesehen, außer ein einzig Mal, und ich wollt&#039; ihn auch nicht wiedersehn. Ihm aber, der es so gut mit uns meine, hätt&#039; ich das alles sagen müssen, weil ich keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Jott«, weimerte die Alte dazwischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung rübergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur litt er&#039;s nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die Flurtür bringen wollte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht recht erkennen ließ, ob es um des eben Gehörten willen oder aus Atemnot war. Es schien aber fast das letztre, denn mit einem Male sagte sie: »Lene, Kind, ich liege nich hoch genug. Du mußt mir noch das Gesangbuch unterlegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte das Gesangbuch. Als sie&#039;s aber brachte, sagte die Alte: »Nein, nich &#039;&#039;das&#039;&#039;, das ist das neue. Das alte will ich, das dicke mit den zwei Klappen.« Und erst als Lene mit dem dicken Gesangbuche wieder da war, fuhr die Alte fort: »Das hab&#039; ich meiner Mutter selig auch holen müssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch keine fuffzig und saß ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen, und die großen Angstaugen kuckten mich immer so an. Als ich ihr aber das Porstsche, das sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde sie ganz still und ist ruhig eingeschlafen. Und das möcht&#039; ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich... Aber das Sterben... So, so. Ah, das hilft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene weinte still vor sich hin, und weil sie nun wohl sah, daß der guten alten Frau letzte Stunde nahe sei, schickte sie zu Frau Dörr und ließ sagen, es stehe schlecht und ob Frau Dörr nicht kommen wolle. Die ließ denn auch zurücksagen, ja, sie werde kommen, und um die sechste Stunde kam sie wirklich mit Lärm und Trara, weil Leisesein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache war. Sie stappste nur so durch die Stube hin, daß alles schütterte und klirrte, was auf und neben dem Herde lag, und dabei verklagte sie Dörr, der immer grad in der Stadt sei, wenn er mal zu Hause sein solle, und immer zu Hause wär&#039;, wenn sie ihn zum Kuckuck wünsche. Dabei hatte sie der Kranken die Hand gedrückt und Lene gefragt, ob sie denn auch tüchtig von den Tropfen eingegeben habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wieviel denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Fünf... fünf alle zwei Stunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sei zu wenig, hatte die Dörr darauf versichert und unter Auskramung ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugesetzt, sie habe die Tropfen vierzehn Tage lang in der Sonne ziehn lassen, und wenn man sie richtig einnehme, so ginge das Wasser weg wie mit &#039;ner Plumpe. Der alte Selke drüben im Zoologischen sei schon wie &#039;ne Tonne gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang keinen Bettzippel mehr gesehn, immer aufrecht in&#039;n Stuhl un alle Fenster weit aufgerissen, als er aber vier Tage lang die Tropfen genommen, sei&#039;s gewesen, wie wenn man auf eine Schweinsblase drücke: Hast du nich gesehn, alles raus un wieder lapp un schlapp.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine doppelte Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu berechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, einen Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer gegen die Doktors war, hatte diesmal nichts dagegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Geh«, sagte sie, »sie kann&#039;s nicht lange mehr machen. Kuck bloß mal hier« – und sie wies auf die Nasenflügel –, »da sitzt der Dod.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene ging; aber sie konnte den Michaelkirchplatz noch kaum erreicht haben, als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach ihr rief: »Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene is nich da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer is denn da?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lassen, schüttelte sich ein wenig, war aber doch zu gutmütig, um dem Kommando nicht nachzukommen. Und so setzte sie sich denn auf die Fußbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: »Ich will einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zu viel...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un ich will auf&#039;n neuen Jakobikirchhof liegen, hintern Rollkrug un ganz weit weg nach Britz zu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un gespart hab&#039; ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte. Un es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das Kamisol und ein Paar weiße Strümpfe mit N. Und dazwischen liegt es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehn, wie Sie gesagt haben. Und is sonst noch was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben, und ohne Antwort zu geben, faltete sie bloß die Hände, sah mit einem frommen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: »Lieber Gott im Himmel, nimm sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir alten Frau getan hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, die Lene«, sagte Frau Dörr vor sich hin und setzte dann hinzu: »Das wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn&#039; ich, und habe noch keine verkommen sehn, die so war wie die Lene und solch Herz und solche Hand hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So vergingen Minuten, und als Lene zurückkam und vom Flur her an die Korridortür klopfte, saß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank und hielt die Hand ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sie das Klopfen draußen hörte, ließ sie die Hand los und stand auf und öffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war noch außer Atem. »Er ist gleich hier... er wird gleich kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Dörr sagte nur: »Jott, die Doktors« und wies auf die Tote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 20 ==&lt;br /&gt;
Käthes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf, wie versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse rührte noch von Botho her, der jetzt, lächelnd und in guter Laune, den sich etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich, es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das Kuvert gesteckt worden, alle schwer lesbar, so daß Rienäcker auf den Balkon hinaustrat, um das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun laß sehn, Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Brandenburg a. H.&#039;&#039;, 8 Uhr früh. Der Zug, mein lieber Botho, hält hier nur drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen, nötigenfalles schreib&#039; ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht. Ich reise mit einer jungen, sehr reizenden Bankierfrau, Madame Salinger geb. Saling, aus Wien. Als ich mich über die Namensähnlichkeit wunderte, sagte sie: ›Joa, schaun S&#039;, i hoab halt mei Kom&#039;prativ g&#039;heirat&#039;t.‹ Sie spricht in einem fort dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen Tochter (blond; die Mutter brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch über Köln und auch, wie ich, eines dort abzustattenden Besuches halber. Das Kind ist gut geartet, aber nicht gut erzogen, und hat mir bei dem beständigen Umherklettern im Kupee bereits meinen Sonnenschirm zerbrochen, was die Mutter sehr in Verlegenheit brachte. Auf dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d. h. in diesem Augenblicke setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung, wimmelt es von Militär, darunter auch Brandenburger Kürassiere mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe; wahrscheinlich Nikolaus. Es macht sich sehr gut. Auch Füsiliere waren da, Fünfunddreißiger, kleine Leute, die mir doch kleiner vorkamen als nötig, obschon Onkel Osten immer zu sagen pflegte, der beste Füsilier sei &#039;&#039;der&#039;&#039;, der nur mit bewaffnetem Auge gesehen werden könne. Doch ich schließe. Die Kleine (leider) rennt nach wie vor von einem Kupeefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei nascht sie beständig Kuchen, kleine mit Kirschen und Pistazien belegte Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder fing sie damit an. Die Mutter ist doch zu schwach. Ich würde strenger sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho legte die Karte beiseit und überflog, so gut es ging, die zweite. Sie lautete:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Hannover&#039;&#039;, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte mir, Du hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. Goltz hat jetzt die Vermessungen am Harz, d. h. am 1. Juli fängt er an. – Der Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen: lauter erst unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und Bier-Etablissements, von denen eines ganz im gotischen Stile gebaut ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzählte, nennen es die ›Preußische Bierkirche‹, bloß aus welfischem Antagonismus. Wie schmerzlich dergleichen! Die Zeit wird aber auch &#039;&#039;hier&#039;&#039; vieles mildern. Das walte Gott. – Die Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfängt. Wohin soll das führen? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon &#039;&#039;alles&#039;&#039; erzählt. Sie war auch in Würzburg, bei Scanzoni, für den sie schwärmt. Ihr Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im übrigen ist sie, wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il faut. Um Dir bloß eines zu nennen, welch Reisenecessaire! Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr überlegen; man merkt die ältere Kultur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wundervoll«, lachte Botho. »Wenn Käthe kulturhistorische Betrachtungen anstellt, übertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dinge sind drei. Laß sehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei nahm er die dritte Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Köln&#039;&#039;, 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch &#039;&#039;hier&#039;&#039; zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich morgen mittag einzutreffen gedenken. Mir geht es gut. Schroffensteins sehr liebenswürdig; besonders er. Übrigens, um nichts zu vergessen, Frau Salinger wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhofe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermaßen beschwerlich und unschön. Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. ›Was möchtest du noch?‹ fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das Kind antwortete: ›Drops.‹ Und erst von &#039;&#039;dem&#039;&#039; Augenblicke an wurd&#039; es so schlimm... Ach, lieber Botho, jung oder alt, unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebenswürdigen Frau war vielleicht kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören. Und er hat recht. Morgen mehr. Deine Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho schob die drei Karten wieder ins Kuvert und sagte: »Ganz Käthe. Welch Talent für die Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen, daß sie so schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellschaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn sie Pflichten hat. Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, viel weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem Tage an schrieb sie nur alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und der wirklich auch noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Salinger und der reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am Schlusse der dritten Woche hieß es einigermaßen abweichend: »Ich finde jetzt die Kleine reizender als die Mutter. Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus, den ich kaum passend finden kann, um so weniger, als eigentlich keine Herren hier sind. Auch seh&#039; ich jetzt, daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie sind kirschrot. Das Kind aber ist sehr natürlich. Immer wenn sie mich sieht, stürzt sie mit Vehemenz auf mich zu und küßt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der Drops, aber die Mama sei schuld, worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und doch muß andererseits ein geheimnisvoll naschiger Zug in Sarahs Natur liegen, ich möchte beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du daran? Ich glaube daran, mein lieber Botho), denn sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kauft sich in einem fort Oblaten, nicht Berliner, die wie Schaumkringel schmecken, sondern Karlsbader mit eingestreutem Zucker. Aber nichts mehr schriftlich davon. Wenn ich Dich wiedersehe, was sehr bald sein kann – denn ich möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich –, sprechen wir darüber und über vieles andere noch. Ach, wie freu&#039; ich mich, Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu können. Es ist doch am schönsten in Berlin, und wenn dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem Grunewald steht und man so träumt und so müde wird, o wie herrlich ist das! Nicht wahr? Und weißt Du wohl, was Frau Salinger gestern zu mir sagte? Ich sei noch blonder geworden, sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn. Wie immer Deine Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte. »Reizende kleine Frau. Von ihrer Kur schreibt sie nichts; ich wette, sie fährt spazieren und hat noch keine zehn Bäder genommen.« Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretenden Burschen einige Weisungen und ging, durch Tiergarten und Brandenburger Tor, erst die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich&#039;s, nach eingenommenem Imbiß, eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, daß ein Herr... ein Mann (er schwankte in der Titulatur) draußen sei, der den Herrn Baron zu sprechen wünsche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gideon Franke... Er sagte so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Franke? Sonderbar. Nie gehört. Laß ihn eintreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bursche ging wieder, während Botho wiederholte: »Franke... Gideon Franke... Nie gehört. Kenn&#039; ich nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der Tür her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarzbraunen Rock, übermäßig blanke Stiefel und blankes schwarzes Haar, das an beiden Schläfen dicht anlag. Dazu schwarze Handschuh&#039; und hohe Vatermörder von untadliger Weiße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte: »Herr Franke?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder vielleicht hier. Polsterstühle sind immer unbequem.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den Rienäcker hingewiesen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Womit kann ich dienen?« wiederholte Rienäcker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich komme mit einer Frage, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, daß ich sie beantworten kann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker... Ich komme nämlich wegen der Lene Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho fuhr zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und möchte«, fuhr Franke fort, »gleich hinzusetzen dürfen, daß es nichts Genierliches ist, was mich herführt. Alles, was ich zu sagen oder, wenn Sie&#039;s gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause keine Verlegenheiten schaffen. Ich weiß auch von der Abreise der gnädigen Frau, der Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet oder, wenn ich so sagen darf, auf Ihre Strohwitwertage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hörte mit feinem Ohre heraus, daß der, der da sprach, trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut und untadeliger Gesinnung sei. Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, und er hatte Haltung und Ruhe ziemlich wiedergewonnen, als er über den Tisch hin fragte: »Sie sind ein Anverwandter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, daß ich meine alte Freundin bei diesem alten, mir so lieben Namen nenne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke verbeugte sich und erwiderte: »Nein, Herr Baron, kein Verwandter; ich habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine schlechtere: Ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, freilich gleich hinzusetzend, ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr sprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah vor sich hin und hatte Mühe, die Bewegung seines Herzens zu bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: »Sie sind ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glück der Lene will, so viel hör&#039; und seh&#039; ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen habe, darüber ist mir kein Zweifel, und ich schwanke nur noch, &#039;&#039;wie&#039;&#039;. Das Beste wird sein, ich erzähl&#039; Ihnen, wie&#039;s kam und weiterging und dann abschloß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke verbeugte sich abermals, zum Zeichen, daß er auch seinerseits dies für das Beste halte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun denn«, hob Rienäcker an, »es geht jetzt ins dritte Jahr oder ist auch schon ein paar Monate darüber, daß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um die Treptower Liebesinsel herum in die Lage kam, zwei jungen Mädchen einen Dienst zu leisten und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins der beiden Mädchen war die Lene, und an der Art, wie sie dankte, sah ich gleich, daß sie anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch später nicht, was ich gleich hier hervorheben möchte. Denn so heiter und mitunter beinahe ausgelassen sie sein kann, von Natur ist sie nachdenklich, ernst und einfach.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho schob mechanisch das noch auf dem Tische stehende Tablett beiseite, strich die Decke glatt und fuhr dann fort: »Ich bat sie, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen Augenblick überraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald, woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht auf die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So machten wir denn den weiten Weg, und ich begleitete sie nach Haus und war entzückt von allem, was ich da sah, von der alten Frau, von dem Herd, an dem sie saß, von dem Garten, darin das Haus lag, und von der Abgeschiedenheit und Stille. Nach einer Viertelstunde ging ich wieder, und als ich mich draußen am Gartengitter von der Lene verabschiedete, frug ich, ob ich wiederkommen dürfe, welche Frage sie mit einem einfachen ›Ja‹ beantwortete. Nichts von falscher Scham, aber noch weniger von Unweiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührendes in ihrem Wesen und ihrer Stimme.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlicher Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür, als ob es ihm in seinem Zimmer zu heiß werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren Tempo fort: »Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. Das war um Ostern, und wir hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tage. Soll ich davon erzählen? Nein. Und dann kam das Leben mit seinem Ernst und seinen Ansprüchen. Und das war es, was uns trennte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hatte mittlerweile seinen Platz wieder eingenommen, und der all die Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke sagte ruhig vor sich hin: »Ja, so hat sie mir&#039;s auch erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was nicht anders sein kann, Herr Franke. Denn die Lene – und ich freue mich von ganzem Herzen, auch gerade das sagen zu können –, die Lene lügt nicht und bisse sich eher die Zunge ab, als daß sie flunkerte. Sie hat einen doppelten Stolz, und neben dem, von ihrer Hände Arbeit leben zu wollen, hat sie noch den andern, alles gradheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu vergrößern und nichts zu verkleinern. ›Ich brauche es nicht, und ich &#039;&#039;will&#039;&#039; es nicht‹, das hab&#039; ich sie viele Male sagen hören. Ja, sie hat ihren eigenen Willen, vielleicht etwas mehr, als recht ist, und wer sie tadeln will, kann ihr vorwerfen, eigenwillig zu sein. Aber sie will nur, was sie glaubt verantworten zu können und wohl auch wirklich verantworten kann, und solch Wille, mein&#039; ich, ist doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit. Sie nicken, und ich sehe daraus, daß wir einerlei Meinung sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch ein Schlußwort, Herr Franke. Was zurückliegt, liegt zurück. Können Sie darüber nicht hin, so muß ich das respektieren. Aber können Sie&#039;s, so sag&#039; ich Ihnen, Sie kriegen da eine selten gute Frau. Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und ein starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So hab&#039; ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir von ihr, ganz so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, der Mensch soll die Gebote halten, &#039;&#039;alle&#039;&#039; soll er sie halten, aber es ist doch ein Unterschied, je nachdem die Gebote sind, und wer das &#039;&#039;eine&#039;&#039; nicht hält, der kann immer noch was taugen, wer aber das &#039;&#039;andere&#039;&#039; nicht hält, und wenn&#039;s auch im Katechismus dicht daneben stünde, der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht außerhalb der Gnade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah ihn verwundert an und wußte sichtlich nicht, was er aus dieser feierlichen Ansprache machen sollte. Gideon Franke aber, der nun auch seinerseits im Gange war, hatte kein Auge mehr für den Eindruck, den seine ganz auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, und fuhr deshalb in einem immer predigerhafter werdenden Tone fort: »Und wer in seines Fleisches Schwäche gegen das sechste verstößt, dem kann verziehen werden, wenn er in gutem Wandel und in der Reue steht, wer aber gegen das &#039;&#039;siebente&#039;&#039; verstößt, der steckt nicht bloß in des Fleisches Schwäche, der steckt in der Seele Niedrigkeit, und wer lügt und trügt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund aus verdorben und aus der Finsternis geboren und ist keine Rettung mehr und gleicht einem Felde, darinnen die Nesseln so tief liegen, daß das Unkraut immer wieder aufschiebt, so viel gutes Korn auch gesäet werden mag. Und darauf leb&#039; ich und sterb&#039; ich und hab&#039; es durch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf die Proppertät kommt es an, und auf die Honnettität kommt es an und auf die Reellität. Und auch im Ehestande. Denn ehrlich währt am längsten, und Wort und Verlaß muß sein. Aber was gewesen ist, das ist gewesen, das gehört vor Gott. Und denk&#039; ich anders darüber, was ich auch respektiere, geradeso wie der Herr Baron, so muß ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst anfangen. Ich war lange drüben in den States, und wenn auch drüben, geradeso wie hier, nicht alles Gold ist, was glänzt, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist doch wahr, man lernt drüben anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas. Und lernt auch, daß es viele Heilswege gibt und viele Glückswege. Ja, Herr Baron, es gibt viele Wege, die zu Gott führen, und es gibt viele Wege, die zu Glück führen, dessen bin ich in meinem Herzen gleicherweise gewiß. Und der eine Weg ist gut, und der andre Weg ist gut. Aber jeder gute Weg muß ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht. Auf die Wahrheit kommt es an, und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die Ehrlichkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben, und Botho, der ihm artig bis an die Tür hin folgte, gab ihm hier die Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nun, Herr Franke, bitt&#039; ich zum Abschied noch um das eine: Grüßen Sie mir die Frau Dörr, wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert, und vor allem grüßen Sie mir die gute alte Frau Nimptsch. Hat sie denn noch ihre Gicht und ihre ›Wehdage‹, worüber sie sonst beständig klagte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Damit ist es vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie das?« fragte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gerade heut&#039; vor drei Wochen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Begraben?« wiederholte Botho. »Und wo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Draußen hinterm Rollkrug, auf dem neuen Jakobikirchhof... Eine gute alte Frau. Und wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mutter Nimptsch ist tot. Aber Frau Dörr, &#039;&#039;die&#039;&#039; lebt noch« – und er lachte –, »&#039;&#039;die&#039;&#039; lebt noch lange. Und wenn sie kommt, ein weiter Weg ist es, dann werd&#039; ich sie grüßen. Und ich sehe schon, wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baron. Ja, ja, die Frau Dörr...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut, und die Tür fiel ins Schloß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 21 ==&lt;br /&gt;
Rienäcker, als er wieder allein war, war von dieser Begegnung und vor allem von dem, was er zuletzt gehört, wie benommen. Wenn er sich, in der zwischenliegenden Zeit, des kleinen Gärtnerhauses und seiner Insassen erinnert hatte, so hatte sich ihm selbstverständlich alles so vor die Seele gestellt, wie&#039;s einst gewesen war, und nun war alles anders, und er hatte sich in einer ganz neuen Welt zurechtzufinden: In dem Häuschen wohnten Fremde, wenn es überhaupt noch bewohnt war, auf dem Herde brannte kein Feuer mehr, wenigstens nicht tagaus, tagein, und Frau Nimptsch, die das Feuer gehütet hatte, war tot und lag draußen auf dem Jakobikirchhof. Alles das ging in ihm um, und mit einem Male stand auch der Tag wieder vor ihm, an dem er der alten Frau, halb humoristisch, halb feierlich, versprochen hatte, ihr einen Immortellenkranz aufs Grab zu legen. In der Unruhe, darin er sich befand, war es ihm schon eine Freude, daß ihm das Versprechen wieder einfiel, und so beschloß er denn die damalige Zusage sofort wahr zu machen. »Rollkrug und Mittag und pralle Sonne – die reine Reise nach Mittelafrika. Aber die gute Alte soll ihren Kranz haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und gleich danach nahm er Degen und Mütze und machte sich auf den Weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An der Ecke war ein Droschkenstand, freilich nur ein kleiner, und so kam es, daß trotz der Inschrifttafel »Halteplatz für drei Droschken« immer nur der Platz und höchst selten eine Droschke da war. So war es auch heute wieder, was mit Rücksicht auf die Mittagsstunde (wo die Droschken überall, als ob die Erde sie verschlänge, zu verschwinden pflegen) an diesem ohnehin nur auf ein Pflichtteil gesetzten Halteplatz kaum überraschen konnte. Botho ging also weiter, bis ihm, in Nähe der Van-der-Heydt-Brücke, ein ziemlich klappriges Gefährt entgegenkam, hellgrün mit rotem Plüschsitz und einem Schimmel davor. Der Schimmel schlich nur so hin, und Rienäcker konnte sich angesichts der »Tour«, die dem armen Tiere bevorstand, eines wehmütigen Lächelns nicht erwehren. Aber so weit er auch das Auge schicken mochte, nichts Besseres war in Sicht, und so trat er denn an den Kutscher heran und sagte: »Nach dem Rollkrug. Jakobikirchhof.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... aber unterwegs müssen wir halten. Ich will nämlich noch einen Kranz kaufen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho war einigermaßen verwundert über die mit so viel Promptheit wiederkehrende Titulatur und sagte deshalb: »Kennen Sie mich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Baron. Baron Rienäcker, Landgrafenstraße. Dicht bei&#039;n Halteplatz. Hab&#039; Ihnen schon öfter gefahren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei diesem Gespräche war Botho eingestiegen, gewillt, sich&#039;s in der Plüschecke nach Möglichkeit bequem zu machen, er gab es aber bald wieder auf, denn die Ecke war heiß wie ein Ofen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker hatte den hübschen und herzerquickenden Zug aller märkischen Edelleute, mit Personen aus dem Volke gern zu plaudern, lieber als mit »Gebildeten«, und begann denn auch ohne weiteres, während sie im Halbschatten der jungen Kanalbäume dahinfuhren: »Is das eine Hitze! Ihr Schimmel wird sich auch nicht gefreut haben, wenn er ›Rollkrug‹ gehört hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, Rollkrug geht noch; Rollkrug geht noch von wegen der Heide. Wenn er da durchkommt un die Fichten riecht, freut er sich immer. Er is nämlich von&#039;s Land... Oder vielleicht is es auch die Musike. Wenigstens spitzt er immer die Ohren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So, so«, sagte Botho. »Bloß nach tanzen sieht er mir nicht aus... Aber wo werden wir denn den Kranz kaufen? Ich möchte nicht gern ohne Kranz auf den Kirchhof kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O damit is noch Zeit, Herr Baron. Wenn erst die Kirchhofsgegend kommt, von&#039;s Hallsche Tor an un die ganze Pionierstraße runter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ja, Sie haben recht; ich entsinne mich...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un nachher, bis dicht an den Kirchhof ran, hat&#039;s ihrer auch noch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho lächelte. »Sie sind wohl ein Schlesier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, sagte der Kutscher. »Die meisten sind. Aber ich bin schon lange hier und eigentlich ein halber Richtiger-Berliner.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und &#039;s geht Ihnen gut?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, von gut is nu woll keine Rede nich. Es kost&#039;t allens zu viel un soll immer von&#039;s Beste sein. Und der Haber is teuer. Aber das ginge noch, wenn man bloß sonst nichts passierte. Passieren tut aber immer was, heute bricht &#039;ne Achse, un morgen fällt en Pferd. Ich habe noch einen Fuchs zu Hause, der bei den Fürstenwalder Ulanen gestanden hat; propres Pferd, man bloß keine Luft nich un wird es woll nich lange mehr machen. Un mit eins is er weg... Un denn die Fahrpolizei; nie zufrieden, hier nich un da nich. Immer muß man frisch anstreichen. Un der rote Plüsch is auch nich von umsonst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während sie noch so plauderten, waren sie, den Kanal entlang, bis an das Hallesche Tor gekommen; vom Kreuzberg her aber kam gerad ein Infanteriebataillon mit voller Musik, und Botho, der keine Begegnungen wünschte, trieb deshalb etwas zur Eile. So ging es denn rasch an der Belle-Alliance-Brücke vorbei, jenseits derselben aber ließ er halten, weil er gleich an einem der ersten Häuser gelesen hatte: »Kunst- und Handelsgärtnerei.« Drei, vier Stufen führten in einen Laden hinauf, in dessen großem Schaufenster allerlei Kränze lagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker stieg aus und die Stufen hinauf. Die Tür oben aber gab beim Eintreten einen scharfen Klingelton. »Darf ich Sie bitten, mir einen hübschen Kranz zeigen zu wollen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Begräbnis?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schwarzgekleidete Fräulein, das, vielleicht mit Rücksicht auf den Umstand, daß hier meist Grabkränze verkauft wurden, in seiner Gesamthaltung (selbst die Schere fehlte nicht) etwas ridikül Parzenhaftes hatte, kam alsbald mit einem Immergrünkranze zurück, in den weiße Rosen eingeflochten waren. Zugleich entschuldigte sie sich, daß es nur weiße Rosen seien. Weiße Kamelien stünden höher. Botho seinerseits war zufrieden, enthielt sich aller Ausstellungen und fragte nur, ob er zu dem frischen Kranz auch einen Immortellenkranz haben könne?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Fräulein schien über das Altmodische, das sich in dieser Frage kundgab, einigermaßen verwundert, bejahte jedoch und erschien gleich danach mit einem Karton, in dem fünf, sechs Immortellenkränze lagen, gelbe, rote, weiße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu welcher Farbe raten Sie mir?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Fräulein lächelte: »Immortellenkränze sind ganz außer Mode. Höchstens in Winterzeit... Und dann immer nur...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird das Beste sein, ich entscheide mich ohne weiteres für diesen hier.« Und damit schob Botho den ihm zunächst liegenden gelben Kranz über den Arm, ließ den von Immergrün mit den weißen Rosen folgen und stieg rasch wieder in seine Droschke. Beide Kränze waren ziemlich groß und fielen auf dem roten Plüschrücksitz, auf dem sie lagen, hinreichend auf, um in Botho die Frage zu wecken, ob er sie nicht lieber dem Kutscher hinüberreichen solle. Rasch aber entschlug er sich dieser Anwandlung wieder und sagte: »Wenn man der alten Frau Nimptsch einen Kranz bringen will, muß man sich auch zu dem Kranz bekennen. Und wer sich dessen schämt, muß es überhaupt nicht versprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ließ er denn die Kränze liegen, wo sie lagen, und vergaß ihrer beinah ganz, als sie gleich danach in einen Straßenteil einbogen, der ihn durch seine bunte, hier und da groteske Szenerie von seinen bisherigen Betrachtungen abzog. Rechts, auf wohl fünfhundert Schritt Entfernung hin, zog sich ein Plankenzaun, über den hinweg allerlei Buden, Pavillons und Lampenportale ragten, alle mit einer Welt von Inschriften bedeckt. Die meisten derselben waren neueren und neusten Datums, einige dagegen, und gerade die größten und buntesten, griffen weit zurück und hatten sich, wenn auch in einem regenverwaschenen Zustande, vom letzten Jahr her gerettet. Mitten unter diesen Vergnügungslokalen und mit ihnen abwechselnd hatten verschiedene Handwerksmeister ihre Werkstätten aufgerichtet, vorwiegend Bildhauer und Steinmetze, die hier, mit Rücksicht auf die zahlreichen Kirchhöfe, meist nur Kreuze, Säulen und Obelisken ausstellten. All das konnte nicht verfehlen, auf jeden hier des Weges Kommenden einen Eindruck zu machen, und diesem Eindruck unterlag auch Rienäcker, der von seiner Droschke her, unter wachsender Neugier, die nicht endenwollenden und untereinander im tiefsten Gegensatze stehenden Anpreisungen las und die dazu gehörigen Bilder musterte. »Fräulein Rosella das Wundermädchen, lebend zu sehen; Grabkreuze zu billigsten Preisen; amerikanische Schnellphotographie; russisches Ballwerfen, sechs Wurf zehn Pfennig; schwedischer Punsch mit Waffeln; Figaros schönste Gelegenheit oder erster Frisiersalon der Welt; Grabkreuze zu billigsten Preisen; Schweizer Schießhalle:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|›Schieße gut und schieße schnell,&lt;br /&gt;
Schieß und triff wie Wilhelm Tell.‹«&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Und darunter Tell selbst mit Armbrust, Sohn und Apfel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich war man am Ende der langen Bretterwand, und an eben diesem Endpunkte machte der Weg eine scharfe Biegung auf die Hasenheide zu, von deren Schießständen her man in der mittäglichen Stille das Knattern der Gewehre hörte. Sonst blieb alles auch in dieser Fortsetzung der Straße so ziemlich dasselbe: Blondin, nur in Trikot und Medaillen gekleidet, stand balancierend auf dem Seil, überall von Feuerwerk umblitzt, während um und neben ihm allerlei kleinere Plakate sowohl Ballonauffahrten wie Tanzvergnügungen ankündigten. Eins lautete: »Sizilianische Nacht. Um zwei Uhr Wiener Bonbonwalzer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, der diese Stelle wohl seit Jahr und Tag nicht passiert hatte, las alles mit ungeheucheltem Interesse, bis er nach Passierung der »Heide«, deren Schatten ihn ein paar Minuten lang erquickt hatte, jenseits derselben in den Hauptweg einer sehr belebten und in ihrer Verlängerung auf Rixdorf zulaufenden Vorstadt einbog. Wagen, in doppelter und dreifacher Reihe, bewegten sich vor ihm her, bis mit einem Male alles stillstand und der Verkehr stockte. »Warum halten wir?« Aber ehe der Kutscher antworten konnte, hörte Botho schon das Fluchen und Schimpfen aus der Front her und sah, daß alles ineinander gefahren war. Sich vorbeugend und dabei neugierig nach allen Seiten hin ausspähend, würde ihm, bei der ihm eigenen Vorliebe für das Volkstümliche, der ganze Zwischenfall sehr wahrscheinlich mehr Vergnügen als Mißstimmung bereitet haben, wenn ihn nicht ein vor ihm haltender Wagen sowohl durch Ladung wie Inschrift zu trübseliger Betrachtung angeregt hätte. »Glasbruch-Ein- und -Verkauf von Max Zippel in Rixdorf« stand in großen Buchstaben auf einem wandartigen Hinterbrett, und ein ganzer Berg von Scherben türmte sich in dem Wagenkasten auf. »Glück und Glas«... Und mit Widerstreben sah er hin, und dabei war ihm in allen Fingerspitzen, als schnitten ihn die Scherben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber kam die Wagenreihe nicht nur wieder in Fluß, sondern der Schimmel tat auch sein Bestes, Versäumtes einzuholen, und eine kleine Weile, so hielt man vor einem lehnan gebauten, mit hohem Dach und vorspringendem Giebel ausstaffierten Eckhause, dessen Erdgeschoßfenster so niedrig über der Straße lagen, daß sie mit dieser fast dasselbe Niveau hatten. Ein eiserner Arm streckte sich aus dem Giebel vor und trug einen aufrechtstehenden vergoldeten Schlüssel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was ist das?« fragte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Rollkrug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Dann sind wir bald da. Bloß hier noch bergan. Tut mir leid um den Schimmel, aber es hilft nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kutscher gab dem Pferd einen Knips, und gleich darnach fuhren sie die mäßig ansteigende Bergstraße hinauf, an deren einer Seite der &#039;&#039;alte&#039;&#039;, wegen Überfüllung schon wieder halb geschlossene Jakobikirchhof lag, während an der dem Kirchhofszaun gegenüber gelegenen Seite hohe Mietskasernen aufstiegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem letzten Hause standen umherziehende Spielleute, Horn und Harfe, dem Anscheine nach Mann und Frau. Die Frau sang auch, aber der Wind, der hier ziemlich scharf ging, trieb alles hügelan, und erst als Botho zehn Schritt und mehr an dem armen Musikantenpaare vorüber war, war er in der Lage, Text und Melodie zu hören. Es war dasselbe Lied, das sie damals auf dem Wilmersdorfer Spaziergange so heiter und so glücklich gesungen hatten, und er erhob sich und blickte, wie wenn es ihm nachgerufen würde, nach dem Musikantenpaare zurück. Die standen abgekehrt und sahen nichts, ein hübsches Dienstmädchen aber, das an der Giebelseite des Hauses mit Fensterputzen beschäftigt war und den um- und rückschauhaltenden Blick des jungen Offiziers sich zuschreiben mochte, schwenkte lustig von ihrem Fensterbrett her den Lederlappen und fiel übermütig mit ein: »Ich denke dran, ich danke dir mein Leben, doch &#039;&#039;du&#039;&#039; Soldat, Soldat, denkst &#039;&#039;du&#039;&#039; daran?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, die Stirn in die Hand drückend, warf sich in die Droschke zurück und ein Gefühl, unendlich süß und unendlich schmerzlich, ergriff ihn. Aber freilich das Schmerzliche wog vor und fiel erst ab von ihm, als die Stadt hinter ihm lag und fern am Horizont im blauen Mittagsdämmer die Müggelberge sichtbar wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich hielten sie vor dem Neuen Jakobikirchhof.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Soll ich warten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Aber nicht hier. Unten beim Rollkrug. Und wenn Sie die Musikantenleute noch treffen... hier, das ist für die arme Frau.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 22 ==&lt;br /&gt;
Botho hatte sich der Führung eines gleich am Kirchhofseingange beschäftigten Alten anvertraut und das Grab der Frau Nimptsch in guter Pflege gefunden: Efeuranken waren eingesetzt, ein Geraniumtopf stand dazwischen, und an einem Eisenständerchen hing bereits ein Immortellenkranz. »Ah, Lene«, sagte Botho vor sich hin. »Immer dieselbe... Ich komme zu spät.« Und dann wandt&#039; er sich zu dem neben ihm stehenden Alten und sagte: »War wohl bloß &#039;ne kleine Leiche?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, klein war sie man.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Drei oder vier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Justament vier. Und versteht sich, unser alter Supperndent. Er sprach bloß&#039;s Gebet, und die große mittelaltsche Frau, die mit dabei war, so vierzig oder drum rum, die blieb in einem Weinen. Und auch &#039;ne Jungsche war mit dabei. Die kommt jetzt alle Woche mal, und den letzten Sonntag hat sie den Geranium gebracht. Und will auch noch &#039;n Stein haben, wie sie jetzt Mode sind: grünpoliert mit Namen und Datum drauf.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und hiernach zog sich der Alte mit der allen Kirchhofsleuten eigenen Geschäftspolitesse wieder zurück, während Botho seinen Immortellenkranz an den schon vorher von Lene gebrachten anhing, den aus Immergrün und weißen Rosen aber um den Geraniumtopf herumlegte. Dann ging er, nachdem er noch eine Weile das schlichte Grab betrachtet und der guten Frau Nimptsch liebevoll gedacht hatte, wieder auf den Kirchhofsausgang zu. Der Alte, der hier inzwischen seine Spalierarbeit wieder aufgenommen, sah ihm, die Mütze ziehend, nach und beschäftigte sich mit der Frage, was einen so vornehmen Herrn, über dessen Vornehmheit ihm, seinem letzten Händedruck nach, kein Zweifel war, wohl an das Grab der alten Frau geführt haben könne. »Da muß so was sein. Und hat die Droschke nicht warten lassen.« Aber er kam zu keinem Abschluß, und um sich wenigstens auch seinerseits so dankbar wie möglich zu zeigen, nahm er eine der in seiner Nähe stehenden Gießkannen und ging erst auf den kleinen eisernen Brunnen und dann auf das Grab der Frau Nimptsch zu, um den im Sonnenbrand etwas trocken gewordenen Efeu zu bewässern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho war mittlerweile bis an die dicht am Rollkruge haltende Droschke zurückgegangen, stieg hier ein und hielt eine Stunde später wieder in der Landgrafenstraße. Der Kutscher sprang dienstfertig ab und öffnete den Schlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da«, sagte Botho. »Und dies extra. War ja &#039;ne halbe Landpartie...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, man kann&#039;s auch woll vor &#039;ne ganze nehmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich verstehe«, lachte Rienäcker. »Da muß ich wohl noch zulegen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schaden wird&#039;s nich... Danke schön, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nun futtert mir auch den Schimmel besser raus. Is ja ein Jammer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er grüßte und stieg die Treppe hinauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oben in seiner Wohnung war alles still, selbst die Dienstboten fort, weil sie wußten, daß er um diese Zeit immer im Klub war. Wenigstens seit seinen Strohwitwertagen. »Unzuverlässiges Volk«, brummte er vor sich hin und schien ärgerlich. Trotzdem war es ihm lieb, allein zu sein. Er wollte niemand sehn und setzte sich draußen auf den Balkon, um so vor sich hin zu träumen. Aber es war stickig unter der herabgelassenen Marquise, dran zum Überfluß auch noch lange blauweiße Fransen hingen, und so stand er wieder auf, um die große Leinwand in die Höh&#039; zu ziehn. Das half. Die sich nun einstellende frische Luftströmung tat ihm wohl, und aufatmend und bis an die Brüstung vortretend, sah er über Feld und Wald hin bis auf die Charlottenburger Schloßkuppel, deren malachitfarbne Kupferbekleidung im Glanz der Nachmittagssonne schimmerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dahinter liegt Spandau«, sprach er vor sich hin. »Und hinter Spandau zieht sich ein Bahndamm und ein Schienengeleise, das bis an den Rhein läuft. Und auf dem Geleise seh&#039; ich einen Zug, viele Wagen, und in einem der Wagen sitzt Käthe. Wie sie wohl aussehen mag? Oh, gut; gewiß. Und wovon sie wohl sprechen mag? Nun, ich denke mir von allerlei: pikante Badegeschichten und vielleicht auch von Frau Salingers Toiletten, und daß es in Berlin doch eigentlich am besten sei. Und muß ich mich nicht freuen, daß sie wiederkommt? Eine so hübsche Frau, so jung, so glücklich, so heiter. Und ich freue mich auch. Aber &#039;&#039;heute&#039;&#039; darf sie nicht kommen. Um Gottes willen nicht. Und doch ist es ihr zuzutrauen. Sie hat seit drei Tagen nicht geschrieben und steht noch ganz auf dem Standpunkt der Überraschungen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hing dem noch eine Weile nach, dann aber wechselten die Bilder, und längst Zurückliegendes trat statt Käthes wieder vor seine Seele: der Dörrsche Garten, der Gang nach Wilmersdorf, die Partie nach Hankels Ablage. Das war der letzte schöne Tag gewesen, die letzte glückliche Stunde... »Sie sagte damals, daß ein Haar zu fest binde, darum weigerte sie sich und wollt&#039; es nicht. Und ich? Warum bestand ich darauf? Ja, es gibt solche rätselhaften Kräfte, solche Sympathien aus Himmel oder Hölle, und nun bin ich gebunden und kann nicht los. Ach, sie war so lieb und gut an jenem Nachmittag, als wir noch allein waren und an Störung nicht dachten, und ich vergesse das Bild nicht, wie sie da zwischen den Gräsern stand und nach rechts und links hin die Blumen pflückte. Die Blumen – ich habe sie noch. Aber ich will ein Ende damit machen. Was sollen mir diese toten Dinge, die mir nur Unruhe stiften und mir mein bißchen Glück und meinen Ehefrieden kosten, wenn je ein fremdes Auge darauf fällt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er erhob sich von seinem Balkonplatz und ging, durch die ganze Wohnung hin, in sein nach dem Hofe hinaus gelegenes Arbeitszimmer, das des Morgens in heller Sonne, jetzt aber in tiefem Schatten lag. Die Kühle tat ihm wohl, und er trat an einen eleganten, noch aus seiner Junggesellenzeit herstammenden Schreibtisch heran, dessen Ebenholzkästchen mit allerlei kleinen Silbergirlanden ausgelegt waren. In der Mitte dieser Kästchen aber baute sich ein mit einem Giebelfeld ausgestattetes und zur Aufbewahrung von Wertsachen dienendes Säulentempelchen auf, dessen nach hinten zu gelegenes Geheimfach durch eine Feder geschlossen wurde. Botho drückte jetzt auf die Feder und nahm, als das Fach aufsprang, ein kleines Briefbündel heraus, das mit einem roten Faden umwunden war, obenauf aber, und wie nachträglich eingeschoben, lagen die Blumen, von denen er eben gesprochen. Er wog das Päckchen in Händen und sagte, während er den Faden ablöste. »Viel Freud, viel Leid. Irrungen, Wirrungen. Das alte Lied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war allein und an Überraschung nicht zu denken. In seiner Vorstellung aber immer noch nicht sicher genug, stand er auf und schloß die Tür. Und nun erst nahm er den obenauf liegenden Brief und las. Es waren die den Tag vor dem Wilmersdorfer Spaziergange geschriebenen Zeilen, und mit Rührung sah er jetzt im Wiederlesen auf alles das, was er damals mit einem Bleistiftstrichelchen bezeichnet hatte. »Stiehl... Alleh... Wie diese liebenswürdigen ›h&#039;s‹ mich auch heute wieder anblicken, besser als alle Orthographie der Welt. Und wie klar die Handschrift. Und wie gut und schelmisch, was sie da schreibt. Ach, sie hatte die glücklichste Mischung und war vernünftig und leidenschaftlich zugleich. Alles, was sie sagte, hatte Charakter und Tiefe des Gemüts. Arme Bildung, wie weit bleibst du dahinter zurück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er nahm nun auch den zweiten Brief und wollte sich überhaupt vom Schluß her bis an den Anfang der Korrespondenz durchlesen. Aber es tat ihm zu weh. »Wozu? Wozu beleben und auffrischen, was tot ist und tot bleiben muß? Ich muß aufräumen damit und dabei hoffen, daß mit diesen Trägern der Erinnerung auch die Erinnerungen selbst hinschwinden werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, er war es entschlossen, und sich rasch von seinem Schreibtisch erhebend, schob er einen Kaminschirm beiseit und trat an den kleinen Herd, um die Briefe darauf zu verbrennen. Und siehe da, langsam, als ob er sich das Gefühl eines süßen Schmerzes verlängern wolle, ließ er jetzt Blatt auf Blatt auf die Herdstelle fallen und in Feuer aufgehen. Das letzte, was er in Händen hielt, war das Sträußchen, und während er sann und grübelte, kam ihm eine Anwandlung, als ob er jede Blume noch einmal einzeln betrachten und zu diesem Zwecke das Haarfädchen lösen müsse. Plötzlich aber, wie von abergläubischer Furcht erfaßt, warf er die Blumen den Briefen nach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Aufflackern noch, und nun war alles vorbei, verglommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob ich nun frei bin?... Will ich&#039;s denn? Ich will es &#039;&#039;nicht&#039;&#039;. Alles Asche. Und &#039;&#039;doch&#039;&#039; gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 23 ==&lt;br /&gt;
Botho sah in die Asche. »Wie wenig und wie viel.« Und dann schob er den eleganten Kaminschirm wieder vor, in dessen Mitte sich die Nachbildung einer pompejanischen Wandfigur befand. Hundertmal war sein Auge darüber hinweggeglitten, ohne zu beachten, was es eigentlich sei, heute sah er es und sagte: »Minerva mit Schild und Speer. Aber Speer bei Fuß. Vielleicht bedeutet es Ruhe... Wär&#039; es so.« Und dann stand er auf, schloß das um seinen besten Schatz ärmer gewordene Geheimfach und ging wieder nach vorn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterwegs, auf dem ebenso schmalen wie langen Korridore, traf er Köchin und Hausmädchen, die diesen Augenblick erst von einem Tiergartenspaziergange zurückkamen. Als er beide verlegen und ängstlich dastehen sah, überkam ihn ein menschlich Rühren, aber er bezwang sich und rief sich zu, wenn auch freilich mit einem Anfluge von Ironie, daß endlich einmal ein Exempel statuiert werden müsse. So begann er denn, so gut er konnte, die Rolle des donnernden Zeus zu spielen. Wo sie nur gesteckt hätten? Ob das Ordnung und gute Sitte sei? Er habe nicht Lust, der gnädigen Frau, wenn sie zurückkomme (vielleicht heute schon), einen aus Rand und Band gegangenen Hausstand zu überliefern. Und der Bursche? »Nun, ich will nichts wissen, nichts hören, am wenigsten Entschuldigungen.« Und als dies heraus war, ging er weiter und lächelte, zumeist über sich selbst. »Wie leicht ist doch predigen, und wie schwer ist danach handeln und tun. Armer Kanzelheld ich! Bin ich nicht selbst aus Rand und Band? Bin ich nicht selber aus Ordnung und guter Sitte? Daß es war, das möchte gehn, aber daß es noch ist, das ist das Schlimme.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei nahm er wieder seinen Platz auf dem Balkon und klingelte. Jetzt kam auch der Bursche, fast noch ängstlicher und verlegener als die Mädchen, aber es hatte keine Not mehr, das Wetter war vorüber. »Sage der Köchin, daß ich etwas essen will. Nun, warum stehst du noch? Ah, ich sehe schon« – und er lachte –, »nichts im Hause. Trifft sich alles vorzüglich... – Also Tee; bringe mir Tee, &#039;&#039;der&#039;&#039; wird doch wohl da sein. Und laß ein paar Schnitten machen; alle Wetter, ich habe Hunger... Und sind die Abendzeitungen schon da?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht lange, so war der Teetisch draußen auf dem Balkon serviert, und selbst ein Imbiß hatte sich gefunden. Botho saß zurückgelehnt in den Schaukelstuhl und starrte nachdenklich in die kleine blaue Flamme. Dann nahm er zunächst den Moniteur seiner kleinen Frau, das »Fremdenblatt«, und erst in weiterer Folge die »Kreuzzeitung« zur Hand und sah auf die letzte Seite. »Gott, wie wird Käthe sich freuen, diese letzte Seite jeden Tag wieder frisch an der Quelle studieren zu können, will sagen zwölf Stunden früher als in Schlangenbad. Und hat sie nicht recht? ›Unsere heut vollzogene eheliche Verbindung beehren sich anzuzeigen Adalbert von Lichterloh, Regierungsreferendar und Lieutenant der Reserve, Hildegard von Lichterloh, geb. Holtze.‹ Wundervoll. Und wahrhaftig, so zu sehn, wie sich&#039;s weiter lebt und liebt in der Welt, ist eigentlich das Beste. Hochzeit und Kindtaufen! Und ein paar Todesfälle dazwischen. Nun, die braucht man ja nicht zu lesen, Käthe tut es nicht, und ich tu&#039; es auch nicht, und bloß wenn die Vandalen mal einen ihrer ›alten Herrn‹ verloren haben und ich das Korpszeichen inmitten der Trauerannonce sehe, das les&#039; ich, das erheitert mich und ist mir immer, als ob der alte Korpskämpe zu Hofbräu nach Walhalla geladen wäre. Spatenbräu paßt eigentlich noch besser.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er legte das Blatt wieder beiseite weil es klingelte. »Sollte sie wirklich...« Nein, es war nichts, bloß eine vom Wirt heraufgeschickte Suppenliste, drauf erst fünfzig Pfennig gezeichnet standen. Aber den ganzen Abend über blieb er trotzdem in Aufregung, weil ihm beständig die Möglichkeit einer Überraschung vorschwebte, und sooft er eine Droschke mit einem Koffer vorn und einem Damenreisehute dahinter in die Landgrafenstraße einbiegen sah, rief er sich zu: »Das ist sie; sie liebt dergleichen, und ich höre sie schon sagen: ›Ich dacht&#039; es mir so komisch, Botho.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe war nicht gekommen. Statt ihrer kam am anderen Morgen ein Brief, worin sie ihre Rückkehr für den dritten Tag anmeldete. Sie werde wieder mit Frau Salinger reisen, die doch, alles in allem, eine sehr nette Frau sei, mit viel guter Laune, viel Chic und viel Reisekomfort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho legte den Brief aus der Hand und freute sich momentan ganz aufrichtig, seine schöne junge Frau binnen drei Tagen wiederzusehen. »Unser Herz hat Platz für allerlei Widersprüche... Sie dalbert, nun ja, aber eine dalbrige junge Frau ist immer noch besser als keine.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danach rief er die Leute zusammen und ließ sie wissen, daß die gnädige Frau in drei Tagen wieder da sein werde; sie sollten alles instand setzen und die Schlösser putzen. Und kein Fliegenfleck auf dem großen Spiegel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er so Vorkehrungen getroffen, ging er zum Dienst in die Kaserne. »Wenn wer fragt, ich bin von fünf an wieder zu Haus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Programm für die zwischenliegende Zeit ging dahin, daß er bis Mittag auf dem Eskadronhofe bleiben, dann ein paar Stunden reiten und nach dem Ritt im Klub essen wollte. Wenn er niemand anders dort traf, so traf er doch Balafré, was gleichbedeutend war mit Whist en deux und einer Fülle von Hofgeschichten, wahren und unwahren. Denn Balafré, so zuverlässig er war, legte doch grundsätzlich eine Stunde des Tags für Humbug und Aufschneidereien an. Ja, diese Beschäftigung stand ihm, nach Art eines geistigen Sports, unter seinen Vergnügungen obenan.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie das Programm war, so wurd&#039; es auch ausgeführt. Die Hofuhr in der Kaserne schlug eben zwölf, als er sich in den Sattel hob und nach Passierung erst der »Linden« und gleich danach der Luisenstraße schließlich in einen neben dem Kanal hinlaufenden Weg einbog, der weiterhin seine Richtung auf Plötzensee zu nahm. Dabei kam ihm der Tag wieder in Erinnerung, an dem er hier auch herumgeritten war, um sich Mut für den Abschied von Lene zu gewinnen, für den Abschied, der ihm so schwer ward und der doch sein mußte. Das war nun drei Jahre. Was lag alles dazwischen? Viel Freude; gewiß. Aber es war doch keine rechte Freude gewesen. Ein Bonbon, nicht viel mehr. Und wer kann von Süßigkeiten leben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er hing dem noch nach, als er auf einem von der Jungfernheide her nach dem Kanal hinüberführenden Reitwege zwei Kameraden herankommen sah, Ulanen, wie die deutlich erkennbaren Tschapkas schon von fernher verrieten. Aber wer waren sie? Freilich, die Zweifel auch darüber konnten nicht lange währen, und noch ehe man sich von hüben und drüben bis auf hundert Schritte genähert hatte, sah Botho, daß es die Rexins waren, Vettern und beide vom selben Regiment.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, Rienäcker«, sagte der Ältere. »Wohin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So weit der Himmel blau ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist mir zu weit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun dann bis Saatwinkel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das läßt sich hören. Da bin ich mit von der Partie, vorausgesetzt, daß ich nicht störe... Kurt« – und hiermit wandt&#039; er sich an seinen jüngeren Begleiter –, »Pardon! Aber ich habe mit Rienäcker zu sprechen. Und unter Umständen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... Spricht sich&#039;s besser zu zweien. Ganz nach deiner Bequemlichkeit, Bozel«, und dabei grüßte Kurt von Rexin und ritt weiter. Der mit Bozel angeredete Vetter aber warf sein Pferd herum, nahm die linke Seite neben dem ihm in der Rangliste weit vorstehenden Rienäcker und sagte: »Nun denn also Saatwinkel. In die Tegeler Schußlinie werden wir ja wohl nicht einreiten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich werd&#039; es wenigstens zu vermeiden suchen«, entgegnete Rienäcker, »erstens mir selbst und zweitens Ihnen zuliebe. Und drittens und letztens um Henriettens willen. Was würde die schwarze Henriette sagen, wenn ihr ihr Bogislaw totgeschossen würde und noch dazu durch eine befreundete Granate?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das würd&#039; ihr freilich einen Stich ins Herz geben«, erwiderte Rexin, »und ihr und mir einen Strich durch die Rechnung machen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Durch welche Rechnung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist eben der Punkt, Rienäcker, über den ich mit Ihnen sprechen wollte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mit mir? Und von welchem Punkte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie sollten es eigentlich erraten und ist auch nicht schwer. Ich spreche natürlich von einem Verhältnis, &#039;&#039;meinem&#039;&#039; Verhältnis.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Verhältnis!« lachte Botho. »Nun, ich stehe zu Diensten, Rexin. Aber offen gestanden, ich weiß nicht recht, was speziell &#039;&#039;mir&#039;&#039; Ihr Vertrauen einträgt. Ich bin nach keiner Seite hin, am wenigsten aber nach dieser, eine besondere Weisheitsquelle. Da haben wir ganz andere Autoritäten. Eine davon kennen Sie gut. Noch dazu Ihr und Ihres Vetters besonderer Freund.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Balafré?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rexin fühlte was von Nüchternheit und Ablehnung heraus und schwieg einigermaßen verstimmt. Das aber war mehr, als Botho bezweckt hatte, weshalb er sofort wieder einlenkte. »Verhältnisse. Pardon, Rexin, es gibt ihrer so viele.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß. Aber so viel ihrer sind, so verschieden sind sie auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho zuckte mit den Achseln und lächelte. Rexin aber, sichtlich gewillt, sich nicht zum zweiten Male durch Empfindelei stören zu lassen, wiederholte nur in gleichmütigem Tone: »Ja, so viel ihrer, so verschieden auch. Und ich wundre mich, Rienäcker, gerade Sie mit den Achseln zucken zu sehn. Ich dachte mir...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun denn heraus mit der Sprache.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Soll geschehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nach einer Weile fuhr Rexin fort: »Ich habe die hohe Schule durchgemacht, bei den Ulanen und schon vorher (Sie wissen, daß ich erst spät dazu kam) in Bonn und Göttingen, und brauche keine Lehren und Ratschläge, wenn sich&#039;s um das Übliche handelt. Aber wenn ich mich ehrlich befrage, so handelt sich&#039;s in meinem Falle nicht um das Übliche, sondern um einen Ausnahmefall.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaubt jeder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kurz und gut, ich fühle mich engagiert, mehr als das, ich liebe Henrietten, oder um Ihnen so recht meine Stimmung zu zeigen, ich liebe die schwarze Jette. Ja, dieser anzügliche Trivialname mit seinem Anklang an Kantine paßt mir am besten, weil ich alle feierlichen Allüren in dieser Sache vermeiden möchte. Mir ist ernsthaft genug zumut, und weil mir ernsthaft zumut ist, kann ich alles, was wie Feierlichkeit und schöne Redensarten aussieht, nicht brauchen. Das schwächt bloß ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho nickte zustimmend und entschlug sich mehr und mehr jedes Anfluges von Spott und Superiorität, den er bis dahin allerdings gezeigt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jette«, fuhr Rexin fort, »stammt aus keiner Ahnenreihe von Engeln und ist selber keiner. Aber wo findet man dergleichen? In unsrer Sphäre? Lächerlich. Alle diese Unterschiede sind ja gekünstelt, und die gekünsteltsten liegen auf dem Gebiete der Tugend. Natürlich gibt es Tugend und ähnliche schöne Sachen, aber Unschuld und Tugend sind wie Bismarck und Moltke, das heißt rar. Ich habe mich ganz in Anschauungen wie diese hineingelebt, halte sie für richtig und habe vor, danach zu handeln, soweit es geht. Und nun hören Sie, Rienäcker. Ritten wir hier statt an diesem langweiligen Kanal, so langweilig und strippengerade wie die Formen und Formeln unsrer Gesellschaft, ich sage, ritten wir hier statt an diesem elenden Graben am Sacramento hin und hätten wir statt der Tegeler Schießstände die Diggings vor uns, so würd&#039; ich die Jette freiweg heiraten; ich kann ohne sie nicht leben, sie hat es mir angetan, und ihre Natürlichkeit, Schlichtheit und wirkliche Liebe wiegen mir zehn Komtessen auf. Aber es geht nicht. Ich kann es meinen Eltern nicht antun und mag auch nicht mit siebenundzwanzig aus dem Dienst heraus, um in Texas Cowboy zu werden oder Kellner auf einem Mississippidampfer. Also Mittelkurs...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was verstehen Sie darunter?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einigung ohne Sanktion.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Also Ehe ohne Ehe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wenn Sie wollen, ja. Mir liegt nichts am Wort, ebenso wenig wie an Legalisierung, Sakramentierung, oder wie sonst noch diese Dinge heißen mögen; ich bin etwas nihilistisch angeflogen und habe keinen rechten Glauben an pastorale Heiligsprechung. Aber, um&#039;s kurz zu machen, ich bin, weil ich nicht anders kann, für Monogamie, nicht aus Gründen der Moral, sondern aus Gründen meiner mir eingebornen Natur. Mir widerstehen alle Verhältnisse, wo knüpfen und lösen sozusagen in dieselbe Stunde fällt, und wenn ich mich eben einen Nihilisten nannte, so kann ich mich mit noch größerem Recht einen Philister nennen. Ich sehne mich nach einfachen Formen, nach einer stillen, natürlichen Lebensweise, wo Herz zum Herzen spricht und wo man das Beste hat, was man haben kann, Ehrlichkeit, Liebe, Freiheit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freiheit«, wiederholte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Rienäcker. Aber weil ich wohl weiß, daß auch Gefahren dahinter lauern und dies Glück der Freiheit, vielleicht aller Freiheit, ein zweischneidig Schwert ist, das verletzen kann, man weiß nicht wie, so hab&#039; ich Sie fragen wollen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ich will Ihnen antworten«, sagte der mit jedem Augenblick ernster gewordene Rienäcker, dem bei diesen Konfidenzen das eigne Leben, das zurückliegende wie das gegenwärtige, wieder vor die Seele treten mochte. »Ja, Rexin, ich will Ihnen antworten, so gut ich kann, und ich glaube, daß ich es kann. Und so beschwör&#039; ich Sie denn, bleiben Sie davon. Bei dem, was Sie vorhaben, ist immer nur zweierlei möglich, und das eine ist geradeso schlimm wie das andre. Spielen Sie den Treuen und Ausharrenden, oder was dasselbe sagen will, brechen Sie von Grund aus mit Stand und Herkommen und Sitte, so werden Sie, wenn Sie nicht versumpfen, über kurz oder lang sich selbst ein Greuel und eine Last sein, verläuft es aber anders und schließen Sie, wie&#039;s die Regel ist, nach Jahr und Tag Ihren Frieden mit Gesellschaft und Familie, dann ist der Jammer da, dann muß gelöst werden, was durch glückliche Stunden und, ach, was mehr bedeutet, durch unglückliche, durch Not und Ängste, verweht und verwachsen ist. Und das tut weh.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rexin schien antworten zu wollen, aber Botho sah es nicht und fuhr fort: »Lieber Rexin, Sie haben vorhin in einem wahren Musterstücke dezenter Ausdrucksweise von Verhältnissen gesprochen, ›wo knüpfen und lösen in dieselbe Stunde fällt‹, aber diese Verhältnisse, die keine sind, sind nicht die schlimmsten, die schlimmsten sind die, die, um Sie noch mal zu zitieren, den ›Mittelkurs‹ halten. Ich warne Sie, hüten Sie sich vor diesem Mittelkurs, hüten Sie sich vor dem Halben. Was Ihnen Gewinn dünkt, ist Bankrutt, und was Ihnen Hafen scheint, ist Scheiterung. Es führt nie zum Guten, auch wenn äußerlich alles glatt abläuft und keine Verwünschung ausgesprochen und kaum ein stiller Vorwurf erhoben wird. Und es kann auch nicht anders sein. Denn alles hat seine natürliche Konsequenz, dessen müssen wir eingedenk sein. Es kann nichts ungeschehen gemacht werden, und ein Bild, das uns in die Seele gegraben wurde, verblaßt nie ganz wieder, schwindet nie ganz wieder dahin. Erinnerungen bleiben, und Vergleiche kommen. Und so denn noch einmal, Freund, zurück von Ihrem Vorhaben, oder Ihr Leben empfängt eine Trübung, und Sie ringen sich nie mehr zu Klarheit und Helle durch. Vieles ist erlaubt, nur nicht das, was die Seele trifft, nur nicht Herzen hineinziehen, und wenn&#039;s auch bloß das eigne wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 24 ==&lt;br /&gt;
Am dritten Tage traf ein im Abreisemoment aufgegebenes Telegramm ein: »Ich komme heut abend. K.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, sie kam. Botho war am Anhalter Bahnhof und wurde der Frau Salinger vorgestellt, die von Dank für gute Reisekameradschaft nichts hören wollte, vielmehr immer nur wiederholte, wie glücklich &#039;&#039;sie&#039;&#039; gewesen sei, vor allem aber, wie glücklich &#039;&#039;er&#039;&#039; sein müsse, solche reizende junge Frau zu haben. »Schaun S&#039;, Herr Baron, wann i das Glück hätt&#039; und der Herr Gemoahl wär&#039;, i würd&#039; mi kein&#039; drei Tag&#039; von &#039;&#039;solch&#039;&#039; ane Frau trenne.« Woran sie dann Klagen über die gesamte Männerwelt, aber im selben Augenblick auch eine dringende Einladung nach Wien knüpfte. »Wir hoab&#039;n a nett&#039;s Häusl kei Stund von Wian und a paar Reitpferd und a Küch&#039;. In Preußen hoaben s&#039; die Schul&#039;, und in Wian hoaben wir die Küch&#039;. Und i weiß halt nit, was i vorzieh&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich weiß es«, sagte Käthe, »und ich glaube, Botho auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit trennte man sich, und unser junges Paar stieg in einen offenen Wagen, nachdem Ordre gegeben war, das Gepäck nachzuschicken. Käthe warf sich zurück und stemmte den kleinen Fuß gegen den Rücksitz, auf dem ein Riesenbouquet, die letzte Huldigung der von der reizenden Berliner Dame ganz entzückten Schlangenbader Hauswirtin, lag. Käthe selbst nahm Bothos Arm und schmiegte sich an ihn, aber auf wenig Augenblicke nur, dann richtete sie sich wieder auf und sagte, während sie mit dem Sonnenschirm das immer aufs neue herunterfallende Bouquet festhielt: »Es ist doch eigentlich reizend hier, all die Menschen und die vielen Spreekähne, die vor Enge nicht ein noch aus wissen. Und so wenig Staub. Ich find&#039; es doch einen rechten Segen, daß sie jetzt sprengen und alles unter Wasser setzen; freilich lange Kleider darf man dabei nicht tragen. Und sieh nur den Brotwagen da mit dem vorgespannten Hund. Es ist doch zu komisch. Nur der Kanal... Ich weiß nicht, er ist immer noch so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Botho, »er ist immer noch so. Vier Wochen Julihitze, haben ihn nicht verbessern können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fuhren unter den jungen Bäumen hin, Käthe riß ein Lindenblatt ab, nahm&#039;s in die hohle Hand und schlug drauf, daß es knallte. »So machten wir&#039;s immer zu Haus. Und in Schlangenbad, wenn wir nichts Besseres zu tun hatten, haben wir&#039;s auch so gemacht und alle die Spielereien aus der Kinderzeit wieder aufgenommen. Kannst du dir&#039;s denken, ich hänge ganz ernsthaft an solchen Torheiten und bin doch eigentlich eine alte Person und habe abgeschlossen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber Käthe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ja, Matrone, du wirst es sehn... Aber sieh doch nur, Botho, da ist ja noch der Staketenzaun und das alte Weißbierlokal mit dem komischen und etwas unanständigen Namen, über den wir in der Pension immer so schrecklich gelacht haben. Ich dachte, das Lokal wäre längst eingegangen. Aber so was lassen sich die Berliner nicht nehmen, so was hält sich; alles muß nur einen sonderbaren Namen haben, über den sie sich amüsieren können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho schwankte zwischen Glücklichsein und Anflug von Verstimmung. »Ich finde, du bist ganz unverändert, Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß bin ich. Und warum sollt&#039; ich auch verändert sein? Ich bin ja nicht nach Schlangenbad geschickt worden, um mich zu verändern, wenigstens nicht in meinem Charakter und meiner Unterhaltung. Und ob ich mich sonst verändert habe? Nun, cher ami, nous verrons.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Matrone?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hielt ihm den Finger auf den Mund und schlug den Reiseschleier wieder zurück, der ihr halb über das Gesicht gefallen war, gleich danach aber passierten sie den Potsdamer Bahnviadukt, über dessen Eisengebälk eben ein Kurierzug hinbrauste. Das gab ein Zittern und Donnern zugleich, und als sie die Brücke hinter sich hatten, sagte sie: »Mir ist es immer unangenehm, gerade drunter zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber die drüber haben es nicht besser.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vielleicht nicht. Aber es liegt in der Vorstellung. Vorstellungen sind überhaupt so mächtig. Meinst du nicht auch?« Und sie seufzte, wie wenn sich ihr plötzlich etwas Schreckliches und tief in ihr Leben Eingreifendes vor die Seele gestellt hätte. Dann aber fuhr sie fort: »In England, so sagte mir Mr. Armstrong, eine Badebekanntschaft, von der ich dir noch ausführlicher erzählen muß, übrigens mit einer Alvensleben verheiratet, in England, sagte er, würden die Toten fünfzehn Fuß tief begraben. Nun, fünfzehn Fuß tief ist nicht schlimmer als fünf, aber ich fühlte ordentlich, während er mir&#039;s erzählte, wie sich mir der clay, das ist nämlich das richtige englische Wort, zentnerschwer auf die Brust legte. Denn in England haben sie schweren Lehmboden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Armstrong sagtest du... Bei den badischen Dragonern war ein Armstrong.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein Vetter von dem. Sie sind alle Vettern, ganz wie bei uns. Ich freue mich schon, dir ihn in all seinen kleinen Eigenheiten schildern zu können. Ein vollkommener Kavalier mit aufgesetztem Schnurrbart, worin er freilich etwas zu weit ging. Es sah sehr komisch aus, diese gewribbelte Spitze, dran er immer noch weiter wribbelte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zehn Minuten später hielt ihr Wagen vor ihrer Wohnung, und Botho, während er ihr den Arm reichte, führte sie hinauf. Eine Girlande zog sich um die große Korridortür, und eine Tafel mit dem Inschriftsworte Willkommen, in dem leider ein ›l‹ fehlte, hing etwas schief an der Girlande. Käthe sah hinauf und las und lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Willkommen! Aber bloß mit einem ›l‹, will sagen nur halb. Ei, ei. Und ›L‹ ist noch dazu der Liebesbuchstabe. Nun, du sollst auch alles nur halb haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so trat sie durch die Tür in den Korridor ein, wo Köchin und Hausmädchen bereits standen und ihr die Hand küßten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Guten Tag, Berta; guten Tag, Minette. Ja, Kinder, da bin ich wieder. Nun, wie findet ihr mich? Hab&#039; ich mich erholt?« Und eh die Mädchen antworten konnten, worauf auch gar nicht gerechnet war, fuhr sie fort: »Aber &#039;&#039;ihr&#039;&#039; habt euch erholt. Namentlich du, Minette, du bist ja ordentlich stark geworden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minette sah verlegen vor sich hin, weshalb Käthe gutmütig hinzusetzte: »Ich meine, nur hier so um Kinn und Hals.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem kam auch der Bursche. »Nun, Orth, ich war schon in Sorge um Sie. Gott sei Dank, ohne Not; ganz unverfallen, bloß ein bißchen bläßlich. Aber das macht die Hitze. Und immer noch dieselben Sommersprossen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, gnädige Frau, &#039;&#039;die&#039;&#039; sitzen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun das ist recht. Immer echt in der Farbe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchem Gespräche war sie bis in ihr Schlafzimmer gegangen, wohin Botho und Minette ihr folgten, während die beiden andern sich in ihre Küchenregion zurückzogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, Minette, hilf mir. Erst den Mantel. Und nun nimm den Hut. Aber sei vorsichtig, wir wissen uns sonst vor Staub nicht zu retten. Und nun sage Orth, daß er den Tisch deckt vorn auf dem Balkon, ich habe den ganzen Tag keinen Bissen genossen, weil ich wollte, daß es mir recht gut bei euch schmecken solle. Und nun geh, liebe Seele; geh, Minette.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minette beeilte sich und ging, während Käthe vor dem hohen Stehspiegel stehen blieb und sich das in Unordnung geratene Haar arrangierte. Zugleich sah sie im Spiegel auf Botho, der neben ihr stand und die schöne junge Frau musterte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, Botho«, sagte sie schelmisch und kokett und ohne sich nach ihm umzusehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ihre liebenswürdige Koketterie war klug genug berechnet, und er umarmte sie, wobei sie sich seinen Liebkosungen überließ. Und nun umspannte er ihre Taille und hob sie hoch in die Höh&#039;. »Käthe, Puppe, liebe Puppe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Puppe, liebe Puppe, das sollt&#039; ich eigentlich übelnehmen, Botho. Denn mit Puppen spielt man. Aber ich nehm&#039; es nicht übel, im Gegenteil. Puppen werden am meisten geliebt und am besten behandelt. Und darauf kommt es mir an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 25 ==&lt;br /&gt;
Es war ein herrlicher Morgen, der Himmel halb bewölkt, und in dem leisen Westwinde, der ging, saß das junge Paar auf dem Balkon und sah, während Minette den Kaffeetisch abräumte, nach dem Zoologischen und seinen Elefantenhäusern hinüber, deren bunte Kuppeln im Morgendämmer lagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich weiß eigentlich noch nichts«, sagte Botho, »du bist ja gleich eingeschlafen, und der Schlaf ist mir heilig. Aber nun will ich auch alles wissen. Erzähle.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, erzählen; was soll ich erzählen? Ich habe dir ja so viele Briefe geschrieben, und Anna Grävenitz und Frau Salinger mußt du ja so gut kennen wie ich oder eigentlich noch besser, denn ich habe mitunter mehr geschrieben, als ich wußte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohl. Aber ebenso oft hieß es: ›Davon mündlich.‹ Und dieser Moment ist nun da, sonst denk&#039; ich, du willst mir etwas verschweigen. Von deinen Ausflügen weiß ich eigentlich gar nichts, und du warst doch in Wiesbaden. Es heißt zwar, daß es in Wiesbaden nur Obersten und alte Generale gäbe, aber es sind doch auch Engländer da. Und bei Engländern fällt mir wieder dein Schotte ein, von dem du mir erzählen wolltest. Wie hieß er doch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Armstrong; Mr. Armstrong. Ja, das war ein entzückender Mann, und ich begriff seine Frau nicht, eine Alvensleben, wie ich dir, glaub&#039; ich, schon sagte, die beständig in Verlegenheit kam, wenn er sprach. Und er war doch ein vollkommener Gentleman, der sehr auf sich hielt, auch dann noch, wenn er sich gehen ließ und eine gewisse Nonchalance zeigte. Gentlemen bewähren sich in solchen Momenten immer am besten. Meinst du nicht auch? Er trug einen blauen Schlips und einen gelben Sommeranzug und sah aus, als ob er darin eingenäht wäre, weshalb Anna Grävenitz immer sagte: ›Da kommt das Pennal.‹ Und immer ging er mit einem großen aufgespannten Sonnenschirm, was er sich in Indien angewöhnt hatte. Denn er war Offizier in einem schottischen Regiment, das lange in Madras oder Bombay gestanden, oder vielleicht war es auch Delhi. Das ist aber am Ende gleich. Was &#039;&#039;der&#039;&#039; alles erlebt hatte! Seine Konversation war reizend, wenn man auch mitunter nicht wußte, wie man&#039;s nehmen sollte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Also zudringlich? Insolent?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bitte dich, Botho, wie du nur sprichst. Ein Mann wie der; Kavalier comme il faut. Nun, ich will dir ein Beispiel von seiner Art zu sprechen geben. Uns gegenüber saß die alte Generalin von Wedell, und Anna Grävenitz fragte sie (ich glaube, es war gerade der Jahrestag von Königgrätz), ob es wahr sei, daß dreiunddreißig Wedells im Siebenjährigen Kriege gefallen seien, was die alte Generalin bejahte, hinzusetzend, es wären eigentlich noch einige mehr gewesen. Alle, die zunächst saßen, waren über die große Zahl erstaunt, nur Mr. Armstrong nicht, und als ich ihn wegen seiner Gleichgiltigkeit scherzhaft zur Rede stellte, sagte er, daß er sich über so kleine Zahlen nicht aufregen könne. ›Kleine Zahlen‹, unterbrach ich ihn, aber er setzte lachend, und um mich zu widerlegen, hinzu, von den Armstrongs seien einhundertdreiunddreißig in den verschiedenen Kriegsfehden seines Clans umgekommen. Und als die alte Generalin dies anfangs nicht glauben wollte, schließlich aber (als Mr. A. dabei beharrte) neugierig frug, ob denn alle hundertdreiunddreißig auch wirklich ›gefallen‹ seien, sagte er: ›Nein, meine Gnädigste, nicht gerade gefallen, die meisten sind wegen Pferdediebstahl von den Engländern, unseren damaligen Feinden, gehenkt worden.‹ Und als sich alles über dies unstandesgemäße, ja, man kann wohl sagen, etwas genierliche Gehenktwerden entsetzte, schwor er, wir täten unrecht, Anstoß daran zu nehmen, die Zeiten und Anschauungen änderten sich, und was seine doch zunächst beteiligte Familie betreffe, so sähe dieselbe mit Stolz auf diese Heldenvorfahren zurück. Die schottische Kriegsführung habe dreihundert Jahre lang aus Viehraub und Pferdediebstahl bestanden, ländlich sittlich, und er könne nicht finden, daß ein großer Unterschied sei zwischen Länderraub und Viehraub.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Verkappter Welfe«, sagte Botho. »Aber es hat manches für sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß. Und ich stand immer auf seiner Seite, wenn er sich in solchen Sätzen erging. Ach, er war zum Totlachen. Er sagte, man müsse nichts feierlich nehmen, es verlohne sich nicht, und nur das Angeln sei eine ernste Beschäftigung. Er angle mitunter vierzehn Tage lang im Loch Neß oder im Loch Lochy, denke dir, solche komische Namen gibt es in Schottland, und schliefe dann im Boot, und mit Sonnenaufgang stünd&#039; er wieder da, und wenn dann die vierzehn Tage um wären, dann mausre er sich, dann ginge die ganze schülbrige Haut ab, und dann hab&#039; er eine Haut wie ein Baby. Und er täte das alles aus Eitelkeit, denn ein glatter egaler Teint sei doch eigentlich das Beste, was man haben könne. Und dabei sah er mich so an, daß ich nicht gleich eine Antwort finden konnte. Ach, ihr Männer! Aber das ist doch wahr, ich hatte von Anfang an ein rechtes Attachement für ihn und nahm nicht Anstoß an seiner Redeweise, die sich mitunter in langen Ausführungen, aber doch viel, viel lieber noch in einem beständigen Hin und Her erging. Einer seiner Lieblingssätze war: ›Ich kann es nicht leiden, wenn ein einziges Gericht eine Stunde lang auf dem Tische steht; nur nicht immer dasselbe, mir ist es angenehmer, wenn die Gänge rasch wechseln.‹ Und so sprang er immer vom Hundertsten ins Tausendste.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, da müßt ihr euch freilich gefunden haben«, lachte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Haben wir auch. Und wir wollen uns Briefe schreiben, ganz in dem Stil, wie wir miteinander gesprochen; das haben wir beim Abschied gleich ausgemacht. Unsere Herren, auch deine Freunde, sind immer so gründlich. Und du bist der gründlichste, was mich mitunter recht bedrückt und ungeduldig macht. Und du mußt mir versprechen, auch so zu sein wie Mr. Armstrong und ein bißchen mehr einfach und harmlos plaudern zu wollen, und ein bißchen rascher und nicht immer dasselbe Thema.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho versprach Besserung, und als Käthe, die die Superlative liebte, nach Vorführung eines phänomenal reichen Amerikaners, eines absolut kakerlakigen Schweden mit Kaninchenaugen und einer faszinierend schönen Spanierin mit einem Nachmittagsausflug nach Limburg, Oranienstein und Nassau geschlossen und ihrem Gatten abwechselnd die Krypt, die Kadettenanstalt und die Wasserheilanstalt beschrieben hatte, zeigte sie plötzlich auf die Schloßkuppel nach Charlottenburg und sagte: »Weißt du, Botho, da müssen wir heute noch hin oder nach Westend oder nach Halensee. Die Berliner Luft ist doch etwas stickig und hat nichts von dem Atem Gottes, der draußen weht und den die Dichter mit Recht so preisen. Und wenn man aus der Natur kommt, so wie ich, so hat man das, was ich die Reinheit und Unschuld nennen möchte, wieder liebgewonnen. Ach, Botho, welcher Schatz ist doch ein unschuldiges Herz. Ich habe mir fest vorgenommen, mir ein reines Herz zu bewahren. Und du mußt mir darin helfen. Ja, das mußt du, versprich es mir. Nein, nicht so; du mußt mir dreimal einen Kuß auf die Stirn geben, bräutlich, ich will keine Zärtlichkeit, ich will einen Weihekuß... Und wenn wir uns mit einem Lunch begnügen, natürlich ein warmes Gericht, so können wir um drei draußen sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, sie fuhren hinaus, und wiewohl die Charlottenburger Luft noch mehr hinter dem »Atem Gottes« zurückblieb als die Berliner, so war Käthe doch fest entschlossen, im Schloßpark zu bleiben und Halensee fallen zu lassen. Westend sei so langweilig und Halensee sei noch wieder eine halbe Reise, fast wie nach Schlangenbad, im Schloßpark aber könne man das Mausoleum sehen, wo die blaue Beleuchtung einen immer so sonderbar berühre, ja, sie möchte sagen, wie wenn einem ein Stück Himmel in die Seele falle. Das stimme dann andächtig und zu frommer Betrachtung. Und wenn auch das Mausoleum nicht wäre, so wäre doch die Karpfenbrücke da, mit der Klingel dran, und wenn dann ein großer Mooskarpfen käme, so wär&#039; es ihr immer, als käm&#039; ein Krokodil. Und vielleicht wär&#039; auch eine Frau mit Kringeln und Oblaten da, von der man etwas kaufen und dadurch im kleinen ein gutes Werk tun könne, sie sage mit Absicht »ein gutes Werk« und vermeide das Wort christlich, denn Frau Salinger habe auch immer gegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und alles verlief programmäßig, und als die Karpfen gefüttert waren, gingen beide weiter in den Park hinein, bis sie dicht an das Belvedère kamen mit seinen Rokokofiguren und seinen historischen Erinnerungen. Von diesen Erinnerungen wußte Käthe nichts, und Botho nahm deshalb Veranlassung, ihr von den Geistern abgeschiedener Kaiser und Kurfürsten zu erzählen, die der General von Bischofswerder an eben dieser Stelle habe erscheinen lassen, um den König Friedrich Wilhelm II. aus seinen lethargischen Zuständen oder, was dasselbe gewesen, aus den Händen seiner Geliebten zu befreien und ihn auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und hat es geholfen?« fragte Käthe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade. Dergleichen berührt mich immer tief schmerzlich. Und wenn ich mir dann denke, daß der unglückliche Fürst (denn unglücklich &#039;&#039;muß&#039;&#039; er gewesen sein) der Schwiegervater der Königin Luise war, so blutet mir das Herz. Wie muß sie gelitten haben! Ich kann mir immer in unserem Preußen solche Dinge gar nicht recht denken. Und Bischofswerder, sagtest du, hieß der General, der die Geister erscheinen ließ?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Bei Hofe hieß er der Laubfrosch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil er das Wetter machte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, weil er einen grünen Rock trug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das ist zu komisch... Der Laubfrosch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 26 ==&lt;br /&gt;
Bei Sonnenuntergang waren beide wieder daheim, und Käthe, nachdem sie Hut und Mantel an Minette gegeben und den Tee beordert hatte, folgte Botho in sein Zimmer, weil es sie nach dem Bewußtsein und der Genugtuung verlangte, den ersten Tag nach der Reise ganz und gar an seiner Seite zugebracht zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho war es zufrieden, und weil sie fröstelte, schob er ihr ein Kissen unter die Füße, während er sie zugleich mit einem Plaid zudeckte. Bald danach aber wurd&#039; er abgerufen, um Dienstliches, das der Erledigung bedurfte, rasch abzumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Minuten vergingen, und da Kissen und Plaid nicht recht helfen und die gewünschte Wärme nicht geben wollten, so zog Käthe die Klingel und sagte dem eintretenden Diener, daß er ein paar Stücke Holz bringen solle; sie friere so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich erhob sie sich, um den Kaminschirm beiseite zu schieben, und sah, als dies geschehen war, das Häuflein Asche, das noch auf der Eisenplatte lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im selben Momente trat Botho wieder ein und erschrak bei dem Anblick, der sich ihm bot. Aber er beruhigte sich sogleich wieder, als Käthe mit dem Zeigefinger auf die Asche wies und in ihrem scherzhaftesten Tone sagte: »Was bedeutet das, Botho? Sieh, da hab&#039; ich dich mal wieder ertappt. Nun bekenne. Liebesbriefe? Ja oder nein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du wirst doch glauben, was du willst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja oder nein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut denn; ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Das&#039;&#039; war recht. Nun kann ich mich beruhigen. Liebesbriefe, zu komisch. Aber wir wollen sie doch lieber zweimal verbrennen: erst zu Asche und dann zu Rauch. Vielleicht glückt es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie legte die Holzstücke, die der Diener mittlerweile gebracht hatte, geschickt zusammen und versuchte, sie mit ein paar Zündhölzchen anzuzünden. Und es gelang auch. Im Nu brannte das Feuer hell auf, und während sie den Fauteuil an die Flamme schob und die Füße bequem und, um sie zu wärmen, bis an die Eisenstäbe vorstreckte, sagte sie: »Und nun will ich dir auch die Geschichte von der Russin auserzählen, die natürlich gar keine Russin war. Aber eine sehr kluge Person. Sie hatte Mandelaugen, alle diese Personen haben Mandelaugen, und gab vor, daß sie zur Kur in Schlangenbad sei. Nun, das kennt man. Einen Arzt hatte sie nicht, wenigstens keinen ordentlichen, aber jeden Tag war sie drüben in Frankfurt oder in Wiesbaden oder auch in Darmstadt und immer in Begleitung. Und einige sagen sogar, es sei nicht mal derselbe gewesen. Und nun hättest du sehen sollen, welche Toilette und welche Suffisance! Kaum, daß sie grüßte, wenn sie mit ihrer Ehrendame zur Table d&#039;hôte kam. Denn eine Ehrendame hatte sie, das ist immer das erste bei solchen Damen. Und wir nannten sie ›die Pompadour‹, ich meine die Russin, und sie wußt&#039; es auch, daß wir sie so nannten. Und die alte Generalin Wedell, die ganz auf unsrer Seite stand und sich über die zweifelhafte Person ärgerte (denn eine Person war es, darüber war kein Zweifel), die alte Wedell, sag&#039; ich, sagte ganz laut über den Tisch hin: ›Ja, meine Damen, die Mode wechselt in allem, auch in den Taschen und Täschchen, und sogar in den Beuteln und Beutelchen. Als ich noch jung war, gab es noch Pompadours, aber heute gibt es keine Pompadours mehr. Nicht wahr? Es gibt keine Pompadours mehr.‹ Und dabei lachten wir und sahen alle die Pompadour an. Aber die schreckliche Person gewann trotzdem einen Sieg über uns und sagte mit scharfer und lauter Stimme, denn die alte Wedell hörte schlecht: ›Ja, Frau Generalin, es ist so, wie Sie sagen. Nur sonderbar, als die Pompadours abgelöst wurden, kamen die Réticules an die Reihe, die man dann später Ridicules nannte. Und solche Ridicules gibt es noch.‹ Und dabei sah sie die gute alte Wedell an, die, weil sie nicht antworten konnte, vom Tische aufstand und den Saal verließ. Und nun frag&#039; ich dich, was sagst du dazu? Was sagst du zu solcher Impertinenz?... Aber Botho, du sprichst ja nicht, du hörst ja gar nicht...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, doch, Käthe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Wochen später war eine Trauung in der Jakobikirche, deren kreuzgangartiger Vorhof auch heute von einer dichten und neugierigen Menschenmenge, meist Arbeiterfrauen, einige mit ihren Kindern auf dem Arm, besetzt war. Aber auch Schul- und Straßenjugend hatte sich eingefunden. Allerlei Kutschen fuhren vor, und gleich aus einer der ersten stieg ein Paar, das, solang es im Gesichtskreise der Anwesenden verblieb, mit Lachen und Getuschel begleitet wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Die&#039;&#039; Taille«, sagte eine der zunächststehenden Frauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Taille?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na denn Hüfte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schon mehr Walfischrippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Das&#039;&#039; stimmt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und kein Zweifel, daß sich dies Gespräch noch fortgesetzt hätte, wenn nicht in eben diesem Augenblicke die Brautkutsche vorgefahren wäre. Der vom Bock herabspringende Diener eilte, den Kutschenschlag zu öffnen, aber der Bräutigam selbst, ein hagerer Herr mit hohem Hut und spitzen Vatermördern, war ihm bereits zuvorgekommen und reichte seiner Braut die Hand, einem sehr hübschen Mädchen, das übrigens, wie gewöhnlich bei Bräuten, weniger um seines hübschen Aussehens als um seines weißen Atlaskleides willen bewundert wurde. Dann stiegen beide die mit einem etwas abgetretenen Teppich belegte, nur wenig Stufen zählende Steintreppe hinauf, um zunächst in den Kreuzgang und gleich danach in das Kirchenportal einzutreten. Aller Blicke folgten ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un kein Kranz nich?« sagte dieselbe Frau, vor deren kritischem Auge kurz vorher die Taille der Frau Dörr so schlecht bestanden hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kranz?... Kranz?... Wissen Sie denn nich?... Haben Sie denn nichts munkeln hören?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach so. Freilich hab&#039; ich. Aber, liebe Kornatzki, wenn es nach&#039;s Munkeln ginge, gäb&#039; es gar keine Kränze mehr, un Schmidt in der Friedrichsstraße könnte man gleich zumachen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ja«, lachte jetzt die Kornatzki, »das könnt&#039; er. Un am Ende für so &#039;nen Alten! Fuffzig jute hat er doch woll auf&#039;n Puckel un sah eigentlich aus, als ob er seine silberne gleich mitfeiern wollte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woll. So sah er aus. Un haben Sie denn seine Vatermörder gesehn? So was lebt nich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Damit kann er sie gleich dod machen, wenn&#039;s wieder munkelt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das kann er.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so ging es noch eine Weile weiter, während aus der Kirche schon das Präludium der Orgel hörbar wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den anderen Morgen saßen Rienäcker und Käthe beim Frühstück, diesmal in Bothos Arbeitszimmer, dessen beide Fenster, um Luft und Licht einzulassen, weit offenstanden. Rings um den Hof her nistende Schwalben flogen zwitschernd vorüber, und Botho, der ihnen allmorgendlich einige Krumen hinzustreuen pflegte, griff eben wieder zu gleichem Zweck nach dem Frühstückskorb, als ihm das ausgelassene Lachen seiner seit fünf Minuten schon in ihre Lieblingszeitung vertieften jungen Frau Veranlassung gab, den Korb wieder hinzustellen. »Nun, Käthe, was ist? Du scheinst ja was ganz besonders Nettes gefunden zu haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hab&#039; ich auch... Es ist doch zu komisch, was es für Namen gibt! Und immer gerade bei Heirats- und Verlobungsanzeigen. Höre doch nur«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich bin ganz Ohr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»›Ihre heute vollzogene eheliche Verbindung zeigen ergebenst an: &#039;&#039;Gideon Franke&#039;&#039;, Fabrikmeister, &#039;&#039;Magdalene Franke,&#039;&#039; geb. &#039;&#039;Nimptsch&#039;&#039;‹... Nimptsch. Kannst du dir was Komischeres denken? Und dann Gideon!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho nahm das Blatt, aber freilich nur, weil er seine Verlegenheit dahinter verbergen wollte. Dann gab er es ihr zurück und sagte mit so viel Leichtigkeit im Ton, als er aufbringen konnte: »Was hast du nur gegen Gideon, Käthe? Gideon ist besser als Botho.«&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Theodor Fontane]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Romane]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Belletristik]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Irrungen,_Wirrungen&amp;diff=9301</id>
		<title>Bibliothek:Irrungen, Wirrungen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Irrungen,_Wirrungen&amp;diff=9301"/>
		<updated>2026-04-30T07:55:13Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Irrungen, Wirrungen|author=Theodor Fontane|publisher=Goldmann Verlag|published_date=1999|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/theodor-fontane/books/theodor-fontane-irrungen-wirrungen/}}  == Erstes Kapitel == An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, d…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Irrungen, Wirrungen|author=Theodor Fontane|publisher=Goldmann Verlag|published_date=1999|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/theodor-fontane/books/theodor-fontane-irrungen-wirrungen/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Erstes Kapitel ==&lt;br /&gt;
An dem Schnittpunkte von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem »Zoologischen«, befand sich in der Mitte der siebziger Jahre noch eine große, feldeinwärts sich erstreckende Gärtnerei, deren kleines, dreifenstriges, in einem Vorgärtchen um etwa hundert Schritte zurückgelegenes Wohnhaus, trotz aller Kleinheit und Zurückgezogenheit, von der vorübergehenden Straße her sehr wohl erkannt werden konnte. Was aber sonst noch zu dem Gesamtgewese der Gärtnerei gehörte, ja die recht eigentliche Hauptsache derselben ausmachte, war durch eben dies kleine Wohnhaus wie durch eine Kulisse versteckt, und nur ein rot und grün gestrichenes Holztürmchen mit einem halb weggebrochenen Zifferblatt unter der Turmspitze (von Uhr selbst keine Rede) ließ vermuten, daß hinter dieser Kulisse noch etwas anderes verborgen sein müsse, welche Vermutung denn auch in einer von Zeit zu Zeit aufsteigenden, das Türmchen umschwärmenden Taubenschar und mehr noch in einem gelegentlichen Hundegeblaff ihre Bestätigung fand. Wo dieser Hund eigentlich steckte, das entzog sich freilich der Wahrnehmung, trotzdem die hart an der linken Ecke gelegene, von früh bis spät aufstehende Haustür einen Blick auf ein Stückchen Hofraum gestattete. Überhaupt schien sich nichts mit Absicht verbergen zu wollen, und doch mußte jeder, der zu Beginn unserer Erzählung des Weges kam, sich an dem Anblick des dreifenstrigen Häuschens und einiger im Vorgarten stehenden Obstbäume genügen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war die Woche nach Pfingsten, die Zeit der langen Tage, deren blendendes Licht mitunter kein Ende nehmen wollte. Heut&#039; aber stand die Sonne schon hinter dem Wilmersdorfer Kirchturm, und statt der Strahlen, die sie den ganzen Tag über herabgeschickt hatte, lagen bereits abendliche Schatten in dem Vorgarten, dessen halb märchenhafte Stille nur noch von der Stille des von der alten Frau Nimptsch und ihrer Pflegetochter Lene mietweise bewohnten Häuschens übertroffen wurde. Frau Nimptsch selbst aber saß wie gewöhnlich an dem großen, kaum fußhohen Herd ihres die ganze Hausfront einnehmenden Vorderzimmers und sah, hockend und vorgebeugt, auf einen rußigen alten Teekessel, dessen Deckel, trotzdem der Wrasen auch vorn aus der Tülle quoll, beständig hin und her klapperte. Dabei hielt die Alte beide Hände gegen die Glut und war so versunken in ihre Betrachtungen und Träumereien, daß sie nicht hörte, wie die nach dem Flur hinausführende Tür aufging und eine robuste Frauensperson ziemlich geräuschvoll eintrat. Erst als diese letztre sich geräuspert und ihre Freundin und Nachbarin, eben unsre Frau Nimptsch, mit einer gewissen Herzlichkeit bei Namen genannt hatte, wandte sich diese nach rückwärts und sagte nun auch ihrerseits freundlich und mit einem Anfluge von Schelmerei: »Na, das is recht, liebe Frau Dörr, daß Sie mal wieder rüberkommen. Und noch dazu vons ›Schloß‹. Denn ein Schloß is es und bleibt es. Hat ja &#039;nen Turm. Un nu setzen Sie sich... Ihren lieben Mann hab&#039; ich eben weggehen sehen. Und muß auch. Is ja heute sein Kegelabend.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die so freundlich als Frau Dörr Begrüßte war nicht bloß eine robuste, sondern vor allem auch eine sehr stattlich aussehende Frau, die, neben dem Eindruck des Gütigen und Zuverlässigen, zugleich den einer besonderen Beschränktheit machte. Die Nimptsch indessen nahm sichtlich keinen Anstoß daran und wiederholte nur: »Ja, sein Kegelabend. Aber, was ich sagen wollte, liebe Frau Dörr, mit Dörren seinen Hut, das geht nicht mehr. Der is ja schon fuchsblank und eigentlich schimpfierlich. Sie müssen ihn ihm wegnehmen und einen andern hinstellen. Vielleicht merkt er es nich... Und nu rücken Sie ran hier, liebe Frau Dörr, oder lieber da drüben auf die Hutsche... Lene, na Sie wissen ja, is ausgeflogen un hat mich mal wieder in Stich gelassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er war woll hier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich war er. Und beide sind nu ein bißchen auf Wilmersdorf zu; den Fußweg lang, da kommt keiner. Aber jeden Augenblick können sie wieder hier sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, da will ich doch lieber gehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O nich doch, liebe Frau Dörr. Er bleibt ja nich. Und wenn er auch bliebe, Sie wissen ja, der is nicht so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiß, weiß. Und wie steht es denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wie soll es stehn? Ich glaube, sie denkt so was, wenn sie&#039;s auch nich wahr haben will, und bildet sich was ein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O du meine Güte«, sagte Frau Dörr, während sie, statt der ihr angebotenen Fußbank, einen etwas höheren Schemel heranschob. »O du meine Güte, denn is es schlimm. Immer wenn das Einbilden anfängt, fängt auch das Schlimme an. Das is wie Amen in der Kirche. Sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, mit mir war es ja eigentlich ebenso, man bloß nichts von Einbildung. Und bloß darum war es auch wieder ganz anders.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch verstand augenscheinlich nicht recht, was die Dörr meinte, weshalb diese fortfuhr: »Und weil ich mir nie was in&#039;n Kopp setzte, darum ging es immer ganz glatt und gut, und ich habe nu Dörren. Na, viel is es nich, aber es is doch was Anständiges, und man kann sich überall sehen lassen. Und drum bin ich auch in die Kirche mit ihm gefahren und nich bloß Standesamt. Bei Standesamt reden sie immer noch.« Die Nimptsch nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr aber wiederholte: »Ja, in die Kirche, in die Matthäikirche un bei Büchseln. Aber was ich eigentlich sagen wollte, sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, ich war ja woll eigentlich größer und anziehlicher als die Lene, un wenn ich auch nicht hübscher war (denn so was kann man nie recht wissen, un die Geschmäcker sind so verschieden), so war ich doch so mehr im Vollen, un das mögen manche. Ja, so viel is richtig. Aber wenn ich auch sozusagen fester war un mehr im Gewicht fiel un so was hatte, nu ja, ich hatte so was, so war ich doch immer man ganz einfach un beinah simpel, un was nu er war, mein Graf, mit seine fuffzig aufm Puckel, na, der war auch man ganz simpel und bloß immer kreuzfidel un unanständig. Und da reichen ja keine hundert Mal, daß ich ihm gesagt habe: ›Ne, ne, Graf, &#039;&#039;das&#039;&#039; geht nicht, &#039;&#039;so&#039;&#039; was verbitt&#039; ich mir...‹ Und immer die Alten sind so. Und ich sage bloß, liebe Frau Nimptsch, Sie können sich so was gar nich denken. Gräßlich war es. Und wenn ich mir nu der Lene ihren Baron ansehe, denn schämt es mir immer noch, wenn ich denke, wie meiner war. Und nu gar erst die Lene selber. Jott, ein Engel is sie woll grade auch nich, aber propper und fleißig un kann alles und is für Ordnung un fürs Reelle. Und sehen Sie, liebe Frau Nimptsch, das is grade das Traurige. Was da so rumfliegt, heute hier un morgen da, na, das kommt nicht um, das fällt wie die Katz immer wieder auf die vier Beine, aber so&#039;n gutes Kind, das alles ernsthaft nimmt und alles aus Liebe tut, ja, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist schlimm... Oder vielleicht is es auch nich so schlimm; Sie haben sie ja bloß angenommen, un is nich Ihr eigen Fleisch und Blut, un vielleicht is es eine Prinzessin oder so was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch schüttelte bei dieser Vermutung den Kopf und schien antworten zu wollen. Aber die Dörr war schon aufgestanden und sagte, während sie den Gartensteig hinuntersah: »Gott, da kommen sie. Und bloß in Zivil, un Rock un Hose ganz egal. Aber man sieht es doch! Und nu sagt er ihr was ins Ohr, und sie lacht so vor sich hin. Aber ganz rot is sie geworden... Und nu geht er. Und nu... wahrhaftig, ich glaube, er dreht noch mal um. Nei, nei, er grüßt bloß noch mal, und sie wirft ihm Kußfinger zu... Ja, das glaub&#039; ich; so was lass&#039; ich mir gefallen... Nei, so war meiner nich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr sprach noch weiter, bis Lene kam und die beiden Frauen begrüßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 2 ==&lt;br /&gt;
Andern Vormittags schien die schon ziemlich hochstehende Sonne auf den Hof der Dörrschen Gärtnerei und beleuchtete hier eine Welt von Baulichkeiten, unter denen auch das »Schloß« war, von dem Frau Nimptsch am Abend vorher mit einem Anfluge von Spott und Schelmerei gesprochen hatte. Ja, dies »Schloß«! In der Dämmerung hätt&#039; es bei seinen großen Umrissen wirklich für etwas Derartiges gelten können, heut&#039; aber, in unerbittlich heller Beleuchtung daliegend, sah man nur zu deutlich, daß der ganze bis hoch hinauf mit gotischen Fenstern bemalte Bau nichts als ein jämmerlicher Holzkasten war, in dessen beide Giebelwände man ein Stück Fachwerk mit Stroh- und Lehmfüllung eingesetzt hatte, welchem vergleichsweise soliden Einsatze zwei Giebelstuben entsprachen. Alles andere war bloße Steindiele, von der aus ein Gewirr von Leitern zunächst auf einen Boden und von diesem höher hinauf in das als Taubenhaus dienende Türmchen führte. Früher, in vor-Dörrscher Zeit, hatte der ganze riesige Holzkasten als bloße Remise zur Aufbewahrung von Bohnenstangen und Gießkannen, vielleicht auch als Kartoffelkeller gedient, seit aber, vor soundsoviel Jahren, die Gärtnerei von ihrem gegenwärtigen Besitzer gekauft worden war, war das eigentliche Wohnhaus an Frau Nimptsch vermietet und der gotisch bemalte Kasten, unter Einfügung der schon erwähnten zwei Giebelstuben, zum Aufenthalt für den damals verwitweten Dörr hergerichtet worden, eine höchst primitive Herrichtung, an der seine bald danach erfolgende Wiederverheiratung nichts geändert hatte. Sommers war diese beinah fensterlose Remise mit ihren Steinfliesen und ihrer Kühle kein übler Aufenthalt, um die Winterzeit aber hätte Dörr und Frau, samt einem aus erster Ehe stammenden zwanzigjährigen, etwas geistesschwachen Sohn, einfach erfrieren müssen, wenn nicht die beiden großen, an der andern Seite des Hofes gelegenen Treibhäuser gewesen wären. In diesen verbrachten alle drei Dörrs die Zeit von November bis März ausschließlich, aber auch in der besseren und sogar in der heißen Jahreszeit spielte sich das Leben der Familie, wenn man nicht gerade vor der Sonne Zuflucht suchte, zu großem Teile vor und in diesen Treibhäusern ab, weil hier alles am bequemsten lag: hier standen die Treppchen und Estraden, auf denen die jeden Morgen aus den Treibhäusern hervorgeholten Blumen ihre frische Luft schöpfen durften, hier war der Stall mit Kuh und Ziege, hier die Hütte mit dem Ziehhund, und von hier aus erstreckte sich auch das wohl fünfzig Schritte lange Doppelmistbeet, mit einem schmalen Gange dazwischen, bis an den großen, weiter zurückgelegenen Gemüsegarten. In diesem sah es nicht sonderlich ordentlich aus, einmal weil Dörr keinen Sinn für Ordnung, außerdem aber eine so große Hühnerpassion hatte, daß er diesen seinen Lieblingen, ohne Rücksicht auf den Schaden, den sie stifteten, überall umherzupicken gestattete. Groß freilich war dieser Schaden nie, da seiner Gärtnerei, die Spargelanlagen abgerechnet, alles Feinere fehlte. Dörr hielt das Gewöhnlichste zugleich für das Vorteilhafteste, zog deshalb Majoran und andere Wurstkräuter, besonders aber Borré, hinsichtlich dessen er der Ansicht lebte, daß der richtige Berliner überhaupt nur drei Dinge brauche: eine Weiße, einen Gilka und Borré. »Bei Borré«, schloß er dann regelmäßig, »ist noch keiner zu kurz gekommen.« Er war überhaupt ein Original, von ganz selbständigen Anschauungen und einer entschiedenen Gleichgiltigkeit gegen das, was über ihn gesagt wurde. Dem entsprach denn auch seine zweite Heirat, eine Neigungsheirat, bei der die Vorstellung von einer besondren Schönheit seiner Frau mitgewirkt und ihr früheres Verhältnis zu dem Grafen, statt ihr schädlich zu sein, gerad umgekehrt den Ausschlag zum Guten hin gegeben und einfach den Vollbeweis ihrer Unwiderstehlichkeit erbracht hatte. Wenn sich dabei mit gutem Grunde von Überschätzung sprechen ließ, so doch freilich nicht von seiten Dörrs in Person, für den die Natur, soweit Äußerlichkeiten in Betracht kamen, ganz ungewöhnlich wenig getan hatte. Mager, mittelgroß und mit fünf grauen Haarsträhnen über Kopf und Stirn, wär&#039; er eine vollkommene Trivialerscheinung gewesen, wenn ihm nicht eine zwischen Augenwinkel und linker Schläfe sitzende braune Pocke was Apartes gegeben hätte. Weshalb denn auch seine Frau nicht mit Unrecht und in der ihr eigenen ungenierten Weise zu sagen pflegte: »Schrumplich is er man, aber von links her hat er so was Borsdorfriges.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit war er gut getroffen und hätte nach diesem Signalement überall erkannt werden müssen, wenn er nicht tagaus, tagein eine mit einem großen Schirm ausgestattete Leinwandmütze getragen hätte, die, tief ins Gesicht gezogen, sowohl das Alltägliche wie das Besondere seiner Physiognomie verbarg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so, die Mütze samt Schirm ins Gesicht gezogen, stand er auch heute wieder, am Tage nach dem zwischen Frau Dörr und Frau Nimptsch geführten Zwiegespräche, vor einer an das vordere Treibhaus sich anlehnenden Blumenestrade, verschiedene Goldlack- und Geraniumtöpfe beiseite schiebend, die morgen mit auf den Wochenmarkt sollten. Es waren sämtlich solche, die nicht im Topf gezogen, sondern nur eingesetzt waren, und mit einer besonderen Genugtuung und Freude ließ er sie vor sich aufmarschieren, schon im voraus über die »Madams« lachend, die morgen kommen, ihre herkömmlichen fünf Pfennig abhandeln und schließlich doch die Betrogenen sein würden. Es zählte das zu seinen größten Vergnügungen und war eigentlich das Hauptgeistesleben, das er führte. »Das bißchen Geschimpfe... Wenn ich&#039;s nur mal mit anhören könnte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So sprach er noch vor sich hin, als er, vom Garten her, das Gebell eines kleinen Köters und dazwischen das verzweifelte Krähen eines Hahns hörte, ja, wenn nicht alles täuschte, &#039;&#039;seines&#039;&#039; Hahns, seines Lieblings mit dem Silbergefieder. Und sein Auge nach dem Garten hin richtend, sah er in der Tat, daß ein Haufen Hühner auseinandergestoben, der Hahn aber auf einen Birnbaum geflogen war, von dem aus er gegen den unten kläffenden Hund unausgesetzt um Hilfe rief.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Himmeldonnerwetter«, schrie Dörr in Wut, »das is wieder Bollmann seiner... Wieder durch den Zaun... I, da soll doch...« Und den Geraniumtopf, den er eben musterte, rasch aus der Hand setzend, lief er auf die Hundehütte zu, griff nach dem Kettenzwickel und machte den großen Ziehhund los, der nun sofort auch wie ein Rasender auf den Garten zuschoß. Eh dieser jedoch den Birnbaum erreichen konnte, gab »Bollmann seiner« bereits Fersengeld und verschwand unter dem Zaun weg ins Freie – der fuchsgelbe Ziehhund zunächst noch in großen Sätzen nach. Aber das Zaunloch, das für den Affenpinscher grad ausgereicht hatte, verweigerte ihm den Durchgang und zwang ihn, von seiner Verfolgung Abstand zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht besser erging es Dörr selber, der inzwischen mit einer Harke herangekommen war und mit seinem Hunde Blicke wechselte. »Ja, Sultan, diesmal war es nichts.« Und dabei trottete Sultan wieder auf seine Hütte zu, langsam und verlegen, wie wenn er einen kleinen Vorwurf herausgehört hätte. Dörr selbst aber sah dem draußen in einer Ackerfurche hinjagenden Affenpinscher nach und sagte nach einer Weile: »Hol&#039; mich der Deubel, wenn ich mir nich &#039;ne Windbüchse anschaffe, bei Mehles oder sonstwo. Un denn pust&#039; ich das Biest so stille weg, und kräht nich Huhn, nich Hahn danach. Nich mal meiner.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dieser ihm von seiten Dörrs zugemuteten Ruhe schien der letztere jedoch vorläufig nichts wissen zu wollen, machte vielmehr von seiner Stimme nach wie vor den ausgiebigsten Gebrauch. Und dabei warf er den Silberhals so stolz, als ob er den Hühnern zeigen wolle, daß seine Flucht in den Birnbaum hinein ein wohlüberlegter Coup oder eine bloße Laune gewesen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr aber sagte: »Jott, so&#039;n Hahn. Denkt nu auch wunder, was er is. Un seine Courage is doch auch man soso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit ging er wieder auf seine Blumenestrade zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 3 ==&lt;br /&gt;
Der ganze Hergang war auch von Frau Dörr, die gerade beim Spargelstechen war, beobachtet, aber nur wenig beachtet worden, weil sich ähnliches jeden dritten Tag wiederholte. Sie fuhr denn auch in ihrer Arbeit fort und gab das Suchen erst auf, als auch die schärfste Musterung der Beete keine »weißen Köppe« mehr ergeben wollte. Nun erst hing sie den Korb an ihren Arm, legte das Stechmesser hinein und ging langsam und ein paar verirrte Küken vor sich hertreibend erst auf den Mittelweg des Gartens und dann auf den Hof und die Blumenestrade zu, wo Dörr seine Marktarbeit wieder aufgenommen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, Suselchen«, empfing er seine beßre Hälfte, »da bist du ja. Hast du woll gesehn? Bollmann seiner war wieder da. Höre, der muß dran glauben, un denn brat&#039; ich ihn aus; ein bißchen Fett wird er ja woll haben, un Sultan kann denn die Grieben kriegen... Und Hundefett, höre, Susel...«, und er wollte sich augenscheinlich in eine seit einiger Zeit von ihm bevorzugte Gichtbehandlungsmethode vertiefen. In diesem Augenblick aber des Spargelkorbes am Arme seiner Frau gewahr werdend, unterbrach er sich und sagte: »Na, nu zeige mal her. Hat&#039;s denn gefleckt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I nu«, sagte Frau Dörr und hielt ihm den kaum halbgefüllten Korb hin, dessen Inhalt er kopfschüttelnd durch die Finger gleiten ließ. Denn es waren meist dünne Stangen und viel Bruch dazwischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Höre, Susel, es bleibt dabei, du hast keine Spargelaugen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, ich habe schon. Man bloß hexen kann ich nich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, wir wollen nich streiten, Susel; mehr wird es doch nich. Aber zum Verhungern is es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I, es denkt nich dran. Laß doch das ewige Gerede, Dörr; sie stecken ja drin, un ob sie nu heute rauskommen oder morgen, is ja ganz egal. Eine düchtige Husche, so wie die vor Pfingsten, und du sollst mal sehn. Und Regen gibt es. Die Wassertonne riecht schon wieder, un die große Kreuzspinn is in die Ecke gekrochen. Aber du willst jeden Dag alles haben; das kannst du nich verlangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr lachte. »Na, binde man alles gut zusammen. Und den kleinen Murks auch. Und du kannst ja denn auch was ablassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, rede doch nicht so«, unterbrach ihn die sich über seinen Geiz beständig ärgernde Frau, zog ihn aber, was er immer als Zärtlichkeit nahm, auch heute wieder am Ohrzipfel und ging auf das »Schloß« zu, wo sie sich&#039;s auf dem Steinfliesenflur bequem machen und die Spargelbündel binden wollte. Kaum aber, daß sie den hier immer bereitstehenden Schemel bis an die Schwelle vorgerückt hatte, so hörte sie, wie schräg gegenüber in dem von der Frau Nimptsch bewohnten dreifenstrigen Häuschen ein Hinterfenster mit einem kräftigen Ruck aufgestoßen und gleich darauf eingehakt wurde. Zugleich sah sie Lene, die, mit einer weiten, lilagemusterten Jacke über dem Friesrock und einem Häubchen auf dem aschblonden Haar, freundlich zu ihr hinübergrüßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr erwiderte den Gruß mit gleicher Freundlichkeit und sagte dann: »Immer Fenster auf; das ist recht, Lenechen. Und fängt auch schon an, heiß zu werden. Es gibt heute noch was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Und Mutter hat von der Hitze schon ihr Kopfweh, und da will ich doch lieber in der Hinterstube plätten. Is auch hübscher hier; vorne sieht man ja keinen Menschen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hast recht«, antwortete die Dörr. »Na, da werd&#039; ich man ein bißchen ans Fenster rücken. Wenn man so spricht, geht einen alles besser von der Hand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das is lieb und gut von Ihnen, Frau Dörr. Aber hier am Fenster is ja grade die pralle Sonne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schad&#039;t nichts, Lene. Da bring&#039; ich meinen Marchtschirm mit, altes Ding und lauter Flicken. Aber tut immer noch seine Schuldigkeit.« Und ehe fünf Minuten um waren, hatte die gute Frau Dörr ihren Schemel bis an das Fenster geschleppt und saß nun unter ihrer Schirmstellage so behaglich und selbstbewußt, als ob es auf dem Gensdarmenmarkt gewesen wäre. Drinnen aber hatte Lene das Plättbrett auf zwei dicht ans Fenster gerückte Stühle gelegt und stand nun so nah, daß man sich mit Leichtigkeit die Hand reichen konnte. Dabei ging das Plätteisen emsig hin und her. Und auch Frau Dörr war fleißig beim Aussuchen und Zusammenbinden, und wenn sie dann und wann von ihrer Arbeit aus ins Fenster hineinsah, sah sie, wie nach hinten zu der kleine Plättofen glühte, der für neue heiße Bolzen zu sorgen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du könntest mir mal &#039;nen Teller geben, Lene, Teller oder Schüssel.« Und als Lene gleich danach brachte, was Frau Dörr gewünscht hatte, tat diese den Bruchspargel hinein, den sie während des Sortierens in ihrer Schürze behalten hatte. »Da, Lene, das gibt &#039;ne Spargelsuppe. Un is so gut wie das andre. Denn daß es immer die Köppe sein müssen, is ja dummes Zeug. Ebenso wie mit&#039;n Blumenkohl; immer Blume, Blume, die reine Einbildung. Der Strunk is eigentlich das Beste, da sitzt die Kraft drin. Und die Kraft is immer die Hauptsache.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, Sie sind immer so gut, Frau Dörr. Aber was wird nur Ihr Alter sagen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der? Ach, Leneken, was &#039;&#039;der&#039;&#039; sagt, is ganz egal. Der red&#039;t doch. Er will immer, daß ich den Murks mit einbinde, wie wenn&#039;s richtige Stangen wären; aber solche Bedrügerei mag ich nich, auch wenn Bruch- und Stückenzeug gradeso gut schmeckt wie&#039;s ganze. Was einer bezahlt, das muß er haben, und ich ärgre mir bloß, daß so&#039;n Mensch, dem es so zuwächst, so&#039;n alter Geizkragen is. Aber so sind die Gärtners alle, rapschen und rapschen un können nie genug kriegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Lene, »geizig is er und ein bißchen wunderlich. – Aber eigentlich doch ein guter Mann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Leneken, er wäre soweit ganz gut, un auch die Geizerei wäre nich so schlimm un is immer noch besser als die Verbringerei, wenn er man nich so zärtlich wäre. Du glaubst es nich, immer is er da. Un nu sieh ihn dir an. Es is doch eigentlich man ein Jammer mit ihm, un dabei richtige Sechsundfünfzig, un vielleicht is es noch ein Jahr mehr. Denn lügen tut er auch, wenn&#039;s ihm gerade paßt. Un da hilft auch nichts, gar nichts. Ich erzähl&#039; ihm immer von Schlag und Schlag und zeig&#039; ihm welche, die so humpeln und einen schiefen Mund haben, aber er lacht bloß immer und glaubt es nich. Es kommt aber doch so. Ja, Leneken, ich glaub&#039; es ganz gewiß, daß es so kommt. Und vielleicht balde. Na, verschrieben hat er mir alles, un so sag&#039; ich weiter nichts. Wie einer sich legt, so liegt er. Aber was reden wir von Schlag und Dörr, un daß er bloß O-Beine hat. Jott, mein Lenechen, da gibt es ganz andere Leute, die sind so grade gewachsen wie &#039;ne Tanne. Nich wahr, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene wurde hierbei noch röter, als sie schon war, und sagte: »Der Bolzen ist kalt geworden.« Und vom Plättbrett zurücktretend, ging sie bis an den eisernen Ofen und schüttete den Bolzen in die Kohlen zurück, um einen neuen herauszunehmen. Alles war das Werk eines Augenblicks. Und nun ließ sie mit einem geschickten Ruck den neuen glühenden Bolzen vom Feuerhaken in das Plätteisen niedergleiten, klappte das Türchen wieder ein und sah nun erst, daß Frau Dörr noch immer auf Antwort wartete. Sicherheitshalber aber stellte die gute Frau die Frage noch mal und setzte gleich hinzu: »Kommt er denn heute?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja; Wenigstens hat er es versprochen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu sage mal, Lene«, fuhr Frau Dörr fort, »wie kam es denn eigentlich? Mutter Nimptsch sagt nie was, un wenn sie was sagt, denn is es auch man immer soso, nich hü un nich hott. Und immer bloß halb un so konfuse. Nu, sage du mal. Is es denn wahr, daß es in Stralau war?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Frau Dörr, in Stralau war es, den zweiten Ostertag, aber schon so warm, als ob Pfingsten wär&#039;, und weil Lina Gansauge gern Kahn fahren wollte, nahmen wir einen Kahn, und Rudolf, den Sie ja wohl auch kennen und der ein Bruder von Lina ist, setzte sich ans Steuer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Rudolf. Rudolf is ja noch ein Junge.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich. Aber er meinte, daß er&#039;s verstünde, und sagte bloß immer: ›Mächens, ihr müßt stillsitzen; ihr schunkelt so‹, denn er spricht so furchtbar berlinsch. Aber wir dachten gar nicht dran, weil wir gleich sahen, daß es mit seiner ganzen Steuerei nicht weit her sei. Zuletzt aber vergaßen wir&#039;s wieder und ließen uns treiben und neckten uns mit denen, die vorbeikamen und uns mit Wasser bespritzten. Und in dem einen Boote, das mit unsrem dieselbe Richtung hatte, saßen ein paar sehr feine Herren, die beständig grüßten, und in unsrem Übermute grüßten wir wieder, und Lina wehte sogar mit dem Taschentuch und tat, als ob sie die Herren kenne, was aber gar nicht der Fall war, und wollte sich bloß zeigen, weil sie noch so sehr jung ist. Und während wir noch so lachten und scherzten und mit dem Ruder bloß so spielten, sahen wir mit einem Male, daß von Treptow her das Dampfschiff auf uns zukam, und wie Sie sich denken können, liebe Frau Dörr, waren wir auf den Tod erschrocken und riefen in unserer Angst Rudolfen zu, daß er uns heraussteuern solle. Der Junge war aber aus Rand und Band und steuerte bloß so, daß wir uns beständig im Kreise drehten. Und nun schrien wir und wären sicherlich überfahren worden, wenn nicht in eben diesem Augenblicke das andre Boot mit den zwei Herren sich unsrer Not erbarmt hätte. Mit ein paar Schlägen war es neben uns, und während der eine mit einem Bootshaken uns fest und scharf heranzog und an das eigne Boot ankoppelte, ruderte der andre sich und uns aus dem Strudel heraus, und nur einmal war es noch, als ob die große, vom Dampfschiff her auf uns zukommende Welle uns umwerfen wolle. Der Kapitän drohte denn auch wirklich mit dem Finger (ich sah es inmitten all meiner Angst), aber auch das ging vorüber, und eine Minute später waren wir bis an Stralau heran, und die beiden Herren, denen wir unsre Rettung verdankten, sprangen ans Ufer und reichten uns die Hand und waren uns als richtige Kavaliere beim Aussteigen behilflich. Und da standen wir denn nun auf der Landungsbrücke bei Tübbeckes und waren sehr verlegen, und Lina weinte jämmerlich vor sich hin, und bloß Rudolf, der überhaupt ein störrischer und großmäuliger Bengel is und immer gegen&#039;s Militär, bloß Rudolf sah ganz bockig vor sich hin, als ob er sagen wollte: ›Dummes Zeug, ich hätt&#039; euch auch rausgesteuert.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, so is er, ein großmäuliger Bengel; ich kenn&#039; ihn. Aber nu die beiden Herren. Das ist doch die Hauptsache...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun die bemühten sich erst noch um uns und blieben dann an dem andren Tisch und sahen immer zu uns rüber. Und als wir so gegen sieben, und es schummerte schon, nach Hause wollten, kam der eine und fragte, ob er und sein Kamerad uns ihre Begleitung anbieten dürften? Und da lacht&#039; ich übermütig und sagte, sie hätten uns ja gerettet, und einem Retter dürfe man nichts abschlagen. Übrigens sollten sie sich&#039;s noch mal überlegen, denn wir wohnten so gut wie am andern Ende der Welt. Und sei eigentlich eine Reise. Worauf er verbindlich antwortete: Desto besser. Und mittlerweile war auch der andre herangekommen... Ach, liebe Frau Dörr, es mag wohl nicht recht gewesen sein, gleich so freiweg zu sprechen, aber der eine gefiel mir, und sich zieren und zimperlich tun, das hab&#039; ich nie gekonnt. Und so gingen wir denn den weiten Weg, erst an der Spree und dann an dem Kanal hin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und Rudolf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der ging hinterher, als ob er gar nicht zugehöre, sah aber alles und paßte gut auf. Was auch recht war; denn die Lina is ja erst achtzehn und noch ein gutes, unschuldiges Kind!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, Frau Dörr. Sie brauchen sie ja bloß anzusehn. So was sieht man gleich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, mehrstens. Aber mitunter auch nich. Und da haben sie euch denn nach Hause gebracht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nachher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, nachher. Nun Sie wissen ja, wie&#039;s nachher kam. Er kam dann den andern Tag und fragte nach. Und seitdem ist er oft gekommen, und ich freue mich immer, wenn er kommt. Gott, man freut sich doch, wenn man mal was erlebt. Es ist oft so einsam hier draußen. Und Sie wissen ja, Frau Dörr, Mutter hat nichts dagegen und sagt immer: ›Kind, es schad&#039;t nichts. Eh man sich&#039;s versieht, is man alt.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ja«, sagte die Dörr, »so was hab&#039; ich die Nimptschen auch schon sagen hören. Und hat auch ganz recht. Das heißt, wie man&#039;s nehmen will, und nach&#039;m Katechismus is doch eigentlich immer noch besser und sozusagen überhaupt das Beste. Das kannst du mir schon glauben. Aber ich weiß woll, es geht nich immer, und mancher will auch nich. Und wenn einer nich will, na, denn will er nich, un denn muß es auch so gehn und geht auch mehrstens, man bloß, daß man ehrlich is un anständig und Wort hält. Un natürlich, was denn kommt, das muß man aushalten un darf sich nicht wundern. Un wenn man all so was weiß und sich immer wieder zu Gemüte führt, na, denn is es nich so schlimm. Un schlimm is eigentlich man bloß das Einbilden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, liebe Frau Dörr«, lachte Lene, »was Sie nur denken. Einbilden! Ich bilde mir gar nichts ein. Wenn ich einen liebe, dann lieb&#039; ich ihn. Und das ist mir genug. Und will weiter gar nichts von ihm, nichts, gar nichts, und daß mir mein Herze so schlägt und ich die Stunden zähle, bis er kommt, und nicht abwarten kann, bis er wieder da ist, das macht mich glücklich, das ist mir genug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, schmunzelte die Dörr vor sich hin, »das is das Richtige, so muß es sein. Aber is es denn wahr, Lene, daß er Botho heißt? So kann doch einer eigentlich nich heißen; das is ja gar kein christlicher Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, Frau Dörr.« Und Lene machte Miene, die Tatsache, daß es solchen Namen gäbe, des weiteren zu bestätigen. Aber ehe sie dazu kommen konnte, schlug Sultan an, und im selben Augenblicke hörte man deutlich vom Hausflur her, daß wer eingetreten sei. Wirklich erschien auch der Briefträger und brachte zwei Bestellkarten für Dörr und einen Brief für Lene.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, Hahnke«, rief die Dörr dem in großen Schweißperlen vor ihr Stehenden zu, »Sie drippen ja man so. Is es denn so &#039;ne schwebende Hitze? Un erst halb zehn. Na, soviel seh&#039; ich woll, Briefträger is auch kein Vergnügen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und die gute Frau wollte gehn, um ein Glas frische Milch zu holen. Aber Hahnke dankte. »Habe keine Zeit, Frau Dörr. Ein andermal.« Und damit ging er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene hatte mittlerweile den Brief erbrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, was schreibt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er kommt heute nicht, aber morgen. Ach, es ist so lange bis morgen. Ein Glück, daß ich Arbeit habe; je mehr Arbeit, desto besser. Und ich werde heut&#039; nachmittag in Ihren Garten kommen und graben helfen. – Aber Dörr darf nicht dabei sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I Gott bewahre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und danach trennte man sich, und Lene ging in das Vorderzimmer, um der Alten das von der Frau Dörr erhaltene Spargelgericht zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 4 ==&lt;br /&gt;
Und nun war der andre Abend da, zu dem Baron Botho sich angemeldet hatte. Lene ging im Vorgarten auf und ab, drinnen aber, in der großen Vorderstube, saß wie gewöhnlich Frau Nimptsch am Herd, um den herum sich auch heute wieder die vollzählig erschienene Familie Dörr gruppiert hatte. Frau Dörr strickte mit großen Holznadeln an einer blauen, für ihren Mann bestimmten Wolljacke, die, vorläufig noch ohne rechte Form, nach Art eines großen Vlieses auf ihrem Schoße lag. Neben ihr, die Beine bequem übereinandergeschlagen, rauchte Dörr aus einer Tonpfeife, während der Sohn in einem dicht am Fenster stehenden Großvaterstuhle saß und seinen Rotkopf an die Stuhlwange lehnte. Jeden Morgen bei Hahnenschrei aus dem Bett, war er auch heute wieder vor Müdigkeit eingeschlafen. Gesprochen wurde wenig, und so hörte man denn nichts als das Klappern der Holznadeln und das Knabbern des Eichhörnchens, das mitunter aus seinem Schilderhäuschen herauskam und sich neugierig umsah. Nur das Herdfeuer und der Widerschein des Abendrots gaben etwas Licht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr saß so, daß sie den Gartensteig hinaufsehen und trotz der Dämmerung erkennen konnte, wer draußen, am Heckenzaun entlang, des Weges kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, da kommt er«, sagte sie. »Nu, Dörr, laß mal deine Pfeife ausgehen. Du bist heute wieder wie&#039;n Schornstein un rauchst un schmookst den ganzen Tag. Un so&#039;n Knallerballer wie deiner, der is nich für jeden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr ließ sich solche Rede wenig anfechten, und ehe seine Frau mehr sagen oder ihre Wahrsprüche wiederholen konnte, trat der Baron ein. Er war sichtlich angeheitert, kam er doch von einer Maibowle, die Gegenstand einer Klubwette gewesen war, und sagte, während er Frau Nimptsch die Hand reichte: »Guten Tag, Mutterchen. Hoffentlich gut bei Weg. Ah, und Frau Dörr; und Herr Dörr, mein alter Freund und Gönner. Hören Sie, Dörr, was sagen Sie zu dem Wetter? Eigens für Sie bestellt und für mich mit. Meine Wiesen zu Hause, die vier Jahre von fünf immer unter Wasser stehen und nichts bringen als Ranunkeln, die können solch Wetter brauchen. Und Lene kann&#039;s auch brauchen, daß sie mehr draußen ist; sie wird mir sonst zu blaß.« Lene hatte derweilen einen Holzstuhl neben die Alte gerückt, weil sie wußte, daß Baron Botho hier am liebsten saß; Frau Dörr aber, in der eine starke Vorstellung davon lebte, daß ein Baron auf einem Ehrenplatz sitzen müsse, war inzwischen aufgestanden und rief, immer das blaue Vlies nachschleppend, ihrem Pflegesohn zu: »Will er woll auf! Ne, ich sage. Wo&#039;s nich drin steckt, da kommt es auch nich.« Der arme Junge fuhr blöd und verschlafen in die Höh&#039; und wollte den Platz räumen, der Baron litt es aber nicht. »Ums Himmels willen, liebe Frau Dörr, lassen Sie doch den Jungen. Ich sitz&#039; am liebsten auf einem Schemel wie mein Freund Dörr hier.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit schob er den Holzstuhl, den Lene noch immer in Bereitschaft hatte, neben die Alte und sagte, während er sich setzte: »Hier neben Frau Nimptsch; das ist der beste Platz. Ich kenne keinen Herd, auf den ich so gern sähe; immer Feuer, immer Wärme. Ja, Mutterchen, es ist so; hier ist es am besten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, du mein Gott«, sagte die Alte. »Hier am besten! Hier bei &#039;ner alten Wasch- und Plättefrau.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich. Und warum nicht? Jeder Stand hat seine Ehre. Waschfrau auch. Wissen Sie denn, Mutterchen, daß es hier in Berlin einen berühmten Dichter gegeben hat, der ein Gedicht auf seine alte Waschfrau gemacht hat?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es möglich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich ist es möglich. Es ist sogar gewiß. Und wissen Sie, was er zum Schluß gesagt hat? Da hat er gesagt, er möchte so leben und sterben wie die alte Waschfrau. Ja, das hat er gesagt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es möglich?« simperte die Alte noch einmal vor sich hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wissen Sie, Mutterchen, um auch das nicht zu vergessen, daß er ganz recht gehabt hat und daß ich ganz dasselbe sage? Ja, Sie lachen so vor sich hin. Aber sehen Sie sich mal um hier, wie leben Sie? Wie Gott in Frankreich. Erst haben Sie das Haus und diesen Herd und dann den Garten und dann Frau Dörr. Und dann haben Sie die Lene. Nicht wahr? Aber wo steckt sie nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte noch weiter sprechen, aber im selben Augenblicke kam Lene mit einem Kaffeebrett zurück, auf dem eine Karaffe mit Wasser samt Apfelwein stand, Apfelwein, für den der Baron, weil er ihm wunderbare Heilkraft zuschrieb, eine sonst schwer begreifliche Vorliebe hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach Lene, wie du mich verwöhnst. Aber du darfst es mir nicht so feierlich präsentieren, das ist ja, wie wenn ich im Klub wäre. Du mußt es mir aus der Hand bringen, da schmeckt es am besten. Und nun gib mir deine Patsche, daß ich sie streicheln kann. Nein, nein, die Linke, die kommt von Herzen. Und nun setze dich da hin, zwischen Herr und Frau Dörr, dann hab&#039; ich dich gegenüber und kann dich immer ansehn. Ich habe mich den ganzen Tag auf diese Stunde gefreut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du glaubst es wohl nicht? Ich kann es dir aber beweisen, Lene, denn ich habe dir von der großen Herren- und Damenfête, die wir gestern hatten, was mitgebracht. Und wenn man was zum Mitbringen hat, dann freut man sich auch auf die, die&#039;s kriegen sollen. Nicht wahr, lieber Dörr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörr schmunzelte, Frau Dörr aber sagte: »Jott, &#039;&#039;der&#039;&#039;. Der un mitbringen. Dörr is bloß für rapschen und sparen. So sind die Gärtners. Aber neugierig bin ich doch, was der Herr Baron mitgebracht haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, da will ich nicht lange warten lassen, sonst denkt meine liebe Frau Dörr am Ende, daß es ein goldener Pantoffel ist oder sonst was aus dem Märchen. Es ist aber bloß &#039;&#039;das&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei gab er Lenen eine Tüte, daraus, wenn nicht alles täuschte, das gefranzte Papier einiger Knallbonbons hervorguckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirklich, es waren Knallbonbons, und die Tüte ging reihum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber nun müssen wir auch ziehen, Lene; halt fest und Augen zu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr war entzückt, als es einen Knall gab, und noch mehr, als Lenes Zeigefinger blutete. »Das tut nich weh, Lene, das kenn&#039; ich; das is, wie wenn sich &#039;ne Braut in&#039;n Finger sticht. Ich kannte mal eine, die war so versessen drauf, die stach sich immerzu un lutschte und lutschte, wie wenn es wunder was wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene wurde rot. Aber Frau Dörr sah es nicht und fuhr fort: »Und nu den Vers lesen, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dieser las denn auch:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|»In Liebe selbstvergessen sein&lt;br /&gt;
Freut Gott und die lieben Engelein.«&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
»Jott«, sagte Frau Dörr und faltete die Hände. »Das is ja wie aus&#039;n Gesangbuch. Is es denn immer so fromm?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I bewahre«, sagte Botho. »Nicht immer. Kommen Sie, liebe Frau Dörr, wir wollen auch mal ziehn und sehn, was dabei herauskommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun zog er wieder und las:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|»Wo Amors Pfeil recht tief getroffen,&lt;br /&gt;
Da stehen Himmel und Hölle offen.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Nun, Frau Dörr, was sagen Sie dazu? Das klingt schon anders; nicht wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na«, sagte Frau Dörr, »anders klingt es. Aber es gefällt mir nicht recht... Wenn ich einen Knallbonbon ziehe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da darf nichts von Hölle vorkommen, da will ich nich hören, daß es so was gibt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich auch nicht«, lachte Lene. »Frau Dörr hat ganz recht; sie hat überhaupt immer recht. Aber das ist wahr, wenn man solchen Vers liest, da hat man immer gleich was zum Anfangen, ich meine zum Anfangen mit der Unterhaltung, denn anfangen is immer das Schwerste, gerade wie beim Briefschreiben, und ich kann mir eigentlich keine Vorstellung machen, wie man mit so viel fremden Damen (und ihr kennt euch doch nicht alle) sogleich mir nichts, dir nichts ein Gespräch anfangen kann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, meine liebe Lene«, sagte Botho, »das ist nicht so schwer, wie du denkst. Es ist sogar ganz leicht. Und wenn du willst, will ich dir gleich eine Tischunterhaltung vormachen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr und Frau Nimptsch drückten ihre Freude darüber aus, und auch Lene nickte zustimmend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun«, fuhr Baron Botho fort, »denke dir also, du wärst eine kleine Gräfin. Und eben hab&#039; ich dich zu Tische geführt und Platz genommen, und nun sind wir beim ersten Löffel Suppe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Gut. Aber nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nun sag&#039; ich: ›Irr&#039; ich nicht, meine gnädigste Komtesse, so sah ich Sie gestern in der Flora, Sie und Ihre Frau Mama. Nicht zu verwundern. Das Wetter lockt ja jetzt täglich heraus, und man könnte schon von Reisewetter sprechen. Haben Sie Pläne, Sommerpläne, meine gnädigste Gräfin?‹ Und nun antwortest du, daß leider noch nichts feststünde, weil der Papa durchaus nach dem Bayerischen wolle, daß aber die Sächsische Schweiz mit dem Königstein und der Bastei dein Herzenswunsch wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist es auch wirklich«, lachte Lene.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun sieh, das trifft sich gut. Und so fahr&#039; ich denn fort: ›Ja, gnädigste Komtesse, da begegnen sich unsere Geschmacksrichtungen. Ich ziehe die Sächsische Schweiz ebenfalls jedem anderen Teile der Welt vor, namentlich auch der eigentlichen Schweiz. Man kann nicht immer große Natur schwelgen, nicht immer klettern und außer Atem sein. Aber Sächsische Schweiz! Himmlisch, ideal! Da hab&#039; ich Dresden; in einer Viertel- oder halben Stunde bin ich da, da seh&#039; ich Bilder, Theater, Großen Garten, Zwinger, Grünes Gewölbe. Versäumen Sie nicht, sich die Kanne mit den Törichten Jungfrauen zeigen zu lassen, und vor allem den Kirschkern, auf dem das ganze Vaterunser steht. Alles bloß durch die Lupe zu sehen.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und so sprecht ihr!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ganz so, mein Schatz. Und wenn ich mit meiner Nachbarin zur Linken, also mit Komtesse Lene, fertig bin, so wend&#039; ich mich zu meiner Nachbarin zur Rechten, also zu Frau Baronin Dörr...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dörr schlug vor Entzücken mit der Hand aufs Knie, daß es einen lauten Puff gab...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Frau Baronin Dörr also. Und spreche nun worüber? Nun, sagen wir über Morcheln.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber mein Gott, Morcheln. Über Morcheln, Herr Baron, das geht doch nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, warum nicht, warum soll es nicht gehen, liebe Frau Dörr? Das ist ein sehr ernstes und lehrreiches Gespräch und hat für manche mehr Bedeutung, als Sie glauben. Ich besuchte mal einen Freund in Polen, Regiments- und Kriegskameraden, der ein großes Schloß bewohnte, rot und mit zwei dicken Türmen, und so furchtbar alt, wie&#039;s eigentlich gar nicht mehr vorkommt. Und das letzte Zimmer war sein Wohnzimmer; denn er war unverheiratet, weil er ein Weiberfeind war...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist es möglich?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und überall waren morsche, durchgetretene Dielen, und immer, wo ein paar Dielen fehlten, da war ein Morchelbeet, und an all den Morchelbeeten ging ich vorbei, bis ich zuletzt in sein Zimmer kam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist es möglich?« wiederholte die Dörr und setzte hinzu: »Morcheln. Aber man kann doch nicht immer von Morcheln sprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nicht immer. Aber oft oder wenigstens manchmal, und eigentlich ist es ganz gleich, wovon man spricht. Wenn es nicht Morcheln sind, sind es Champignons, und wenn es nicht das rote polnische Schloß ist, dann ist es Schlößchen Tegel oder Saatwinkel, oder Valentinswerder. Oder Italien oder Paris, oder die Stadtbahn, oder ob die Panke zugeschüttet werden soll. Es ist alles ganz gleich. über jedes kann man ja was sagen, und ob&#039;s einem gefällt oder nicht. Und ›ja‹ ist geradeso viel wie ›nein‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber«, sagte Lene, »wenn es alles so redensartlich ist, da wundert es mich, daß ihr solche Gesellschaften mitmacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, man sieht doch schöne Damen und Toiletten und mitunter auch Blicke, die, wenn man gut aufpaßt, einem eine ganze Geschichte verraten. Und jedenfalls dauert es nicht lange, so daß man immer noch Zeit hat, im Klub alles nachzuholen. Und im Klub ist es wirklich reizend, da hören die Redensarten auf, und die Wirklichkeiten fangen an. Ich habe gestern Pitt seine Graditzer Rappstute abgenommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer ist Pitt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das sind so Namen, die wir nebenher führen, und wir nennen uns so, wenn wir unter uns sind. Der Kronprinz sagt auch Vicky, wenn er Viktoria meint. Es ist ein wahres Glück, daß es solche Liebes- und Zärtlichkeitsnamen gibt. Aber horch, eben fängt drüben das Konzert an. Können wir nicht die Fenster aufmachen, daß wir&#039;s besser hören? Du wippst ja schon mit der Fußspitze hin und her. Wie wär&#039; es, wenn wir anträten und einen Contre versuchten oder eine Française? Wir sind drei Paare: Vater Dörr und meine gute Frau Nimptsch und dann Frau Dörr und ich (ich bitte um die Ehre), und dann kommt Lene mit Hans.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr war sofort einverstanden, Dörr und Frau Nimptsch aber lehnten ab, diese, weil sie zu alt sei, jener, weil er so was Feines nicht kenne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Vater Dörr. Aber dann müssen Sie den Takt schlagen; Lene, gib ihm das Kaffeebrett und einen Löffel. Und nun antreten, meine Damen. Frau Dörr, Ihren Arm. Und nun Hans, aufwachen, flink, flink.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, beide Paare stellten sich auf, und Frau Dörr wuchs ordentlich noch an Stattlichkeit, als ihr Partner in einem feierlichen Tanzmeister-Französisch anhob: »En avant deux, pas de basque.« Der sommersprossige, leider noch immer verschlafene Gärtnerjunge sah sich maschinenmäßig und ganz nach Art einer Puppe hin- und hergeschoben, die drei andern aber tanzten wie Leute, die&#039;s verstehen, und entzückten den alten Dörr derart, daß er sich von seinem Schemel erhob und statt mit dem Löffel mit seinem Knöchel an das Kaffeebrett schlug. Auch der alten Frau Nimptsch kam die Lust früherer Tage wieder, und weil sie nichts Besseres tun konnte, wühlte sie mit dem Feuerhaken so lang in der Kohlenglut umher, bis die Flamme hoch aufschlug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging es, bis die Musik drüben schwieg; Botho führte Frau Dörr wieder an ihren Platz, und nur Lene stand noch da, weil der ungeschickte Gärtnerjunge nicht wußte, was er mit ihr machen sollte. Das aber paßte Botho gerade, der, als die Musik drüben wieder anhob, mit Lene zu walzen und ihr zuzuflüstern begann, wie reizend sie sei, reizender denn je.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie waren alle warm geworden, am meisten die gerade jetzt am offenen Fenster stehende Frau Dörr. »Jott, mir schuddert so«, sagte sie mit einem Male, weshalb Botho verbindlich aufsprang, um die Fenster zu schließen. Aber Frau Dörr wollte davon nichts wissen und behauptete, was die feinen Leute wären, die wären alle für frische Luft, und manche wären so fürs Frische, daß ihnen im Winter das Deckbett an den Mund fröre. Denn Atem wäre dasselbe wie Wrasen, grade wie der, der aus der Tülle käm&#039;. Also die Fenster müßten aufbleiben, davon ließe sie nicht. Aber wenn Lenechen so fürs Innerliche was hätte, so was für Herz und Seele...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, liebe Frau Dörr; alles, was Sie wollen. Ich kann einen Tee machen oder einen Punsch, oder noch besser, ich habe ja noch das Kirschwasser, das Sie Mutter Nimptschen und mir letzten Weihnachten zu der großen Mandelstolle geschenkt haben...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ehe sich Frau Dörr zwischen Punsch und Tee entscheiden konnte, war auch die Kirschwasserflasche schon da, mit Gläsern, großen und kleinen, in die sich nun jeder nach Gutdünken hineintat. Und nun ging Lene, den rußigen Herdkessel in der Hand, reihum und goß das kochsprudelnde Wasser ein. »Nicht zu viel, Leneken, nicht zu viel. Immer aufs Ganze. Wasser nimmt die Kraft.« Und im Nu füllte sich der Raum mit dem aufsteigenden Kirschmandelarom.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, das hast du gut gemacht«, sagte Botho, während er aus dem Glase nippte. »Weiß es Gott, ich habe gestern nichts gehabt und heute im Klub erst recht nicht, was mir so geschmeckt hätte. Hoch Lene! Das eigentliche Verdienst in der Sache hat aber doch unsere Freundin, Frau Dörr, ›weil&#039;s ihr so geschuddert hat‹, und so bring&#039; ich denn gleich noch eine zweite Gesundheit aus: Frau Dörr, sie lebe hoch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie lebe hoch«, riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug wieder mit seinem Knöchel ans Brett.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle fanden, daß es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte, drang auf Aufbruch: Morgen sei auch noch ein Tag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho und Lene redeten zu, doch noch zu bleiben. Aber die gute Frau Dörr, die wohl wußte, daß man zuzeiten nachgeben müsse, wenn man die Herrschaft behalten wolle, sagte nur: »Laß, Leneken, ich kenn&#039; ihn; er geht nu mal mit die Hühner zu Bett.« – »Nun«, sagte Botho, »wenn es beschlossen ist, ist es beschlossen. Aber dann begleiten wir die Familie Dörr bis an ihr Haus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brachen alle auf und ließen nur die alte Frau Nimptsch zurück, die den Abgehenden freundlich und kopfnickend nachsah und dann aufstand und sich in den Großvaterstuhl setzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 5 ==&lt;br /&gt;
Vor dem »Schloß« mit dem grün und rot gestrichenen Turme machten Botho und Lene halt und baten Dörr in aller Förmlichkeit um Erlaubnis, noch in den Garten gehn und eine halbe Stunde darin promenieren zu dürfen. Der Abend sei so schön. Vater Dörr brummelte, daß er sein Eigentum in keinem beßren Schutz lassen könne, worauf das junge Paar unter artigen Verbeugungen Abschied nahm und auf den Garten zuschnitt. Alles war schon zur Ruh, und nur Sultan, an dem sie vorbei mußten, richtete sich hoch auf und winselte so lange, bis ihn Lene gestreichelt hatte. Dann erst kroch er wieder in seine Hütte zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drinnen im Garten war alles Duft und Frische, denn den ganzen Hauptweg hinauf, zwischen den Johannis- und Stachelbeersträuchern, standen Levkoien und Reseda, deren feiner Duft sich mit dem kräftigeren der Thymianbeete mischte. Nichts regte sich in den Bäumen, und nur Leuchtkäfer schwirrten durch die Luft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene hatte sich in Bothos Arm gehängt und schritt mit ihm auf das Ende des Gartens zu, wo, zwischen zwei Silberpappeln, eine Bank stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wollen wir uns setzen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Lene, »nicht jetzt« und bog in einen Seitenweg ein, dessen hochstehende Himbeerbüsche fast über den Gartenzaun hinauswuchsen. »Ich gehe so gern an deinem Arm. Erzähle mir etwas. Aber etwas recht Hübsches. Oder frage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Ist es dir recht, wenn ich mit den Dörrs anfange?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinetwegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein sonderbares Paar. Und dabei, glaub&#039; ich, glücklich. Er muß tun, was sie will, und ist doch um vieles klüger.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, sagte Lene, »klüger ist er, aber auch geizig und hartherzig, und das macht ihn gefügig, weil er beständig ein schlechtes Gewissen hat. Sie sieht ihm scharf auf die Finger und leidet es nicht, wenn er jemand übervorteilen will. Und das ist es, wovor er Furcht hat und was ihn nachgiebig macht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und weiter nichts?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vielleicht auch noch Liebe, so sonderbar es klingt. Das heißt Liebe von seiner Seite. Denn trotz seiner Sechsundfünfzig oder mehr ist er noch wie vernarrt in seine Frau, und bloß weil sie groß ist. Beide haben mir die wunderlichsten Geständnisse darüber gemacht. Ich bekenne dir offen, mein Geschmack wäre sie nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da hast du aber unrecht, Lene; sie macht eine Figur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Lene, »sie macht eine Figur, aber sie hat keine. Siehst du denn gar nicht, daß ihr die Hüften eine Handbreit zu hoch sitzen? Aber so was seht ihr nicht, und ›Figur‹ und ›stattlich‹ ist immer euer drittes Wort, ohne daß sich wer drum kümmert, wo denn die Stattlichkeit eigentlich herkommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So plaudernd und neckend blieb sie stehn und bückte sich, um auf einem langen und schmalen Erdbeerbeete, das sich in Front von Zaun und Hecke hinzog, nach einer Früherdbeere zu suchen. Endlich hatte sie, was sie wollte, nahm das Stengelchen eines wahren Prachtexemplares zwischen die Lippen und trat vor ihn hin und sah ihn an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war auch nicht säumig, pflückte die Beere von ihrem Munde fort und umarmte sie und küßte sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meine süße Lene, das hast du recht gemacht. Aber höre nur, wie Sultan blafft; er will bei dir sein; soll ich ihn losmachen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, wenn er hier ist, hab&#039; ich dich nur noch halb. Und sprichst du dann gar noch von der stattlichen Frau Dörr, so hab&#039; ich dich so gut wie gar nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut«, lachte Botho, »Sultan mag bleiben, wo er ist. Ich bin es zufrieden. Aber von Frau Dörr muß ich noch weiter sprechen. Ist sie wirklich so gut?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist sie, trotzdem sie sonderbare Dinge sagt, Dinge, die wie Zweideutigkeiten klingen und es auch sein mögen. Aber sie weiß nichts davon, und in ihrem Tun und Wandel ist nicht das Geringste, was an ihre Vergangenheit erinnern könnte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hat sie denn eine?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Wenigstens stand sie jahrelang in einem Verhältnis und ›ging mit ihm‹, wie sie sich auszudrücken pflegt. Und darüber ist wohl kein Zweifel, daß über dies Verhältnis und natürlich auch über die gute Frau Dörr selbst viel, sehr viel geredet worden ist. Und sie wird auch Anstoß über Anstoß gegeben haben. Nur sie selber hat sich in ihrer Einfalt nie Gedanken darüber gemacht und noch weniger Vorwürfe. Sie spricht davon wie von einem unbequemen Dienst, den sie getreulich und ehrlich erfüllt hat, bloß aus Pflichtgefühl. Du lachst, und es klingt auch sonderbar genug. Aber es läßt sich nicht anders sagen. Und nun lassen wir die Frau Dörr und setzen uns lieber und sehen in die Mondsichel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirklich, der Mond stand drüben über dem Elefantenhause, das in dem niederströmenden Silberlichte noch phantastischer aussah als gewöhnlich. Lene wies darauf hin, zog die Mantelkapuze fester zusammen und barg sich an seine Brust.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So vergingen ihre Minuten, schweigend und glücklich, und erst als sie sich wie von einem Traume, der sich doch nicht festhalten ließ, wieder aufrichtete, sagte sie: »Woran hast du gedacht? Aber du mußt mir die Wahrheit sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woran ich dachte, Lene? Ja, fast schäm&#039; ich mich, es zu sagen. ich hatte sentimentale Gedanken und dachte nach Haus hin an unsren Küchengarten in Schloß Zehden, der genau so daliegt wie dieser Dörrsche, dieselben Salatbeete mit Kirschbäumen dazwischen, und ich möchte wetten, auch ebenso viele Meisenkästen. Und auch die Spargelbeete liefen so hin. Und dazwischen ging ich mit meiner Mutter, und wenn sie guter Laune war, gab sie mir das Messer und erlaubte, daß ich ihr half. Aber weh mir, wenn ich ungeschickt war und die Spargelstange zu lang oder zu kurz abstach. Meine Mutter hatte eine rasche Hand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039;s. Und mir ist immer, als ob ich Furcht vor ihr haben müßte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Furcht? Wie das? Warum, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte herzlich, und doch war eine Spur von Gezwungenheit darin. »Du mußt nicht gleich denken, daß ich vorhabe, mich bei der Gnädigen melden zu lassen, und darfst es nicht anders nehmen, als ob ich gesagt hätte, ich fürchte mich vor der Kaiserin. Würdest du deshalb denken, daß ich zu Hofe wollte? Nein, ängstige dich nicht; ich verklage dich nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das tust du nicht. Dazu bist du viel zu stolz und eigentlich eine kleine Demokratin und ringst dir jedes freundliche Wort nur so von der Seele. Hab&#039; ich recht? Aber wie&#039;s auch sei, mache dir auf gut Glück hin ein Bild von meiner Mutter. Wie sieht sie aus?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Genauso wie du: groß und schlank und blauäugig und blond.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Arme Lene« (und das Lachen war diesmal auf seiner Seite), »da hast du fehlgeschossen. Meine Mutter ist eine kleine Frau mit lebhaften schwarzen Augen und einer großen Nase.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039; es nicht. Das ist nicht möglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist doch so. Du mußt nämlich bedenken, daß ich auch einen Vater habe. Aber das fällt euch nie ein. Ihr denkt immer, ihr seid die Hauptsache. Und nun sage mir noch etwas über den Charakter meiner Mutter. Aber rate besser.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich denke mir sie sehr besorgt um das Glück ihrer Kinder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Getroffen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und daß all ihre Kinder reiche, das heißt sehr reiche Partien machen. Und ich weiß auch, wen sie für dich in Bereitschaft hält.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eine Unglückliche, die du...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du mich verkennst. Glaube mir, daß ich dich habe, diese Stunde habe, das ist mein Glück. Was daraus wird, das kümmert mich nicht. Eines Tages bist du weggeflogen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schüttelte den Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schüttle nicht den Kopf; es ist so, wie ich sage. Du liebst mich und bist mir treu, wenigstens bin ich in meiner Liebe kindisch und eitel genug, es mir einzubilden. Aber wegfliegen wirst du, das seh&#039; ich klar und gewiß. Du wirst es müssen. Es heißt immer, die Liebe mache blind, aber sie macht auch hell und fernsichtig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Lene, du weißt gar nicht, wie lieb ich dich habe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, ich weiß es. Und weiß auch, daß du deine Lene für was Besondres hältst und jeden Tag denkst: ›Wenn sie doch eine Gräfin wäre.‹ Damit ist es nun aber zu spät, das bring&#039; ich nicht mehr zuwege. Du liebst mich und bist schwach. Daran ist nichts zu ändern. Alle schönen Männer sind schwach, und der Stärkre beherrscht sie... Und der Stärkre... Ja, wer ist dieser Stärkre? Nun, entweder ist&#039;s deine Mutter oder das Gerede der Menschen oder die Verhältnisse. Oder vielleicht alles drei... Aber sieh nur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wies nach dem Zoologischen hinüber, aus dessen Baum- und Blätterdunkel eben eine Rakete zischend in die Luft fuhr und mit einem Puff in zahllose Schwärmer zerstob. Eine zweite folgte der ersten, und so ging es weiter, als ob sie sich jagen und überholen wollten, bis es mit einem Male vorbei war und die Gebüsche drüben in einem grünen und roten Lichte zu glühen anfingen. Ein paar Vögel in ihren Käfigen kreischten dazwischen, und dann fiel nach einer langen Pause die Musik wieder ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du, Botho, wenn ich dich nun so nehmen und mit dir die Lästerallee drüben auf und ab schreiten könnte, so sicher wie hier zwischen den Buchsbaumrabatten, und könnte jedem sagen: ›Ja, wundert euch nur, er ist er, und ich bin ich, und er liebt mich, und ich liebe ihn‹ – ja, Botho, was glaubst du wohl, was ich dafür gäbe? Aber rate nicht, du rätst es doch nicht. Ihr kennt ja nur euch und euren Klub und euer Leben. Ach, das arme bißchen Leben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sprich nicht so, Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum nicht? Man muß allem ehrlich ins Gesicht sehn und sich nichts weismachen lassen und vor allem sich selber nichts weismachen. Aber es wird kalt, und drüben ist es auch vorbei. Das ist das Schlußstück, das sie jetzt spielen. Komm, wir wollen uns drin an den Herd setzen, das Feuer wird noch nicht aus sein, und die Alte ist längst zu Bett.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gingen sie, während sie sich leicht an seine Schulter lehnte, den Gartensteig wieder hinauf. Im »Schloß« brannte kein Licht mehr, und nur Sultan, den Kopf aus seiner Hütte vorstreckend, sah ihnen nach. Aber er rührte sich nicht und hatte bloß mürrische Gedanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 6 ==&lt;br /&gt;
Es war die Woche darnach, und die Kastanien hatten bereits abgeblüht; auch in der Bellevuestraße. Hier hatte Baron Botho von Rienäcker eine zwischen einem Front- und einem Gartenbalkon gelegene Parterrewohnung inne: Arbeitszimmer, Eßzimmer, Schlafzimmer, die sich sämtlich durch eine geschmackvolle, seine Mittel ziemlich erheblich übersteigende Einrichtung auszeichneten. In dem Eßzimmer befanden sich zwei Hertelsche Stilleben und dazwischen eine Bärenhatz, wertvolle Kopie nach Rubens, während in dem Arbeitszimmer ein Andreas Achenbachscher Seesturm, umgeben von einigen kleineren Bildern desselben Meisters, paradierte. Der Seesturm war ihm bei Gelegenheit einer Verlosung zugefallen, und an diesem schönen und wertvollen Besitze hatte er sich zum Kunstkenner und speziell zum Achenbach-Enthusiasten herangebildet. Er scherzte gern darüber und pflegte zu versichern, daß ihm sein Lotterieglück, weil es ihn zu beständig neuen Ankäufen verführt habe, teuer zu stehn gekommen sei, hinzusetzend, daß es vielleicht mit jedem Glücke dasselbe sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Sofa, dessen Plüsch mit einem persischen Teppich überdeckt war, stand auf einem Malachittischchen das Kaffeegeschirr, während auf dem Sofa selbst allerlei politische Zeitungen umherlagen, unter ihnen auch solche, deren Vorkommen an dieser Stelle ziemlich verwunderlich war und nur aus dem Baron Bothoschen Lieblingssatze, Schnack gehe vor Politik, erklärt werden konnte. Geschichten, die den Stempel der Erfindung an der Stirn trugen, sogenannte »Perlen«, amüsierten ihn am meisten. Ein Kanarienvogel, dessen Bauer während der Frühstückszeit allemal offen stand, flog auch heute wieder auf Hand und Schulter seines ihn nur zu sehr verwöhnenden Herrn, der, anstatt ungeduldig zu werden, das Blatt jedesmal beiseite tat, um den kleinen Liebling zu streicheln. Unterließ er es aber, so drängte sich das Tierchen an Hals und Bart des Lesenden und piepte so lang und eigensinnig, bis ihm der Wille getan war. »Alle Lieblinge sind gleich«, sagte Baron Rienäcker, »und fordern Gehorsam und Unterwerfung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke ging die Korridorklingel, und der Diener trat ein, um die draußen abgegebenen Briefe zu bringen. Der eine, graues Kuvert in Quadrat, war offen und mit einer Dreipfennigmarke frankiert. »Hamburger Lotterielos oder neue Zigarren«, sagte Rienäcker und warf Kuvert und Inhalt, ohne weiter nachzusehen, beiseite. »Aber das hier... Ah, von Lene. Nun, &#039;&#039;den&#039;&#039; verspare ich mir bis zuletzt, wenn ihm dieser dritte, gesiegelte, nicht den Rang streitig macht. Ostensches Wappen. Also von Onkel Kurt Anton; Poststempel Berlin, will sagen: schon da. Was wird er nur wollen? Zehn gegen eins, ich soll mit ihm frühstücken oder einen Sattel kaufen oder ihn zu Renz begleiten, vielleicht auch zu Kroll; am wahrscheinlichsten das eine tun und das andere nicht lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er schnitt das Kuvert, auf dem er auch Onkel Ostens Handschrift erkannt hatte, mit einem auf dem Fensterbrett liegenden Messerchen auf und nahm den Brief heraus. Der aber lautete:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Hotel Brandenburg&#039;&#039;, Nummer 15 – Mein lieber Botho. Vor einer Stunde bin ich hier unter eurer alten Berliner Devise ›Vor Taschendieben wird gewarnt‹ auf dem Ostbahnhofe glücklich eingetroffen und habe mich im Hotel Brandenburg einquartiert, will sagen an alter Stelle; was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen. Ich bleibe nur zwei Tage, denn eure Luft drückt mich. Es ist ein stickiges Nest. Alles andre mündlich. Ich erwarte Dich ein Uhr bei Hiller. Dann wollen wir einen Sattel kaufen. Und dann abends zu Renz. Sei pünktlich. Dein alter Onkel Kurt Anton.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker lachte. »Dacht&#039; ich&#039;s doch! Und doch eine Neuerung. Früher war es Borchardt, jetzt Hiller. Ei, ei, Onkelchen, was ein richtiger Konservativer ist, ist es auch in kleinen Dingen... Und nun meine liebe Lene... Was Onkel Kurt Anton wohl sagen würde, wenn er wüßte, in welcher Begleitung sein Brief und seine Befehle hier eingetroffen sind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während er so sprach, erbrach er Lenes Billet und las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es sind nun schon volle fünf Tage, daß ich Dich nicht gesehen habe. Soll es eine volle Woche werden? Und ich dachte, Du müßtest den andern Tag wiederkommen, so glücklich war ich den Abend. Und Du warst so lieb und gut. Mutter neckt mich schon und sagt: ›Er kommt nicht wieder.‹ Ach, wie mir das immer einen Stich ins Herz gibt, weil es ja mal so kommen muß und weil ich fühle, daß es jeden Tag kommen kann. Daran wurd&#039; ich gestern wieder erinnert. Denn wenn ich Dir eben schrieb, ich hätte Dich fünf Tage lang nicht gesehen, so hab&#039; ich nicht die Wahrheit gesagt, ich &#039;&#039;habe&#039;&#039; Dich gesehn, gestern, aber heimlich, verstohlen, auf dem Korso. Denke Dir, ich war auch da, natürlich weit zurück in einer Seiten-Alleh, und habe Dich eine Stunde lang auf und ab reiten sehn. Ach, ich freute mich über die Maßen, denn Du warst der stattlichste (beinah so stattlich wie Frau Dörr, die sich Dir emphelen läßt), und ich hatte solchen Stolz Dich zu sehn, daß ich nicht einmal eifersüchtig wurde. Nur einmal kam es. Wer war denn die schöne Blondine mit den zwei Schimmeln, die ganz in einer Blumengirrlande gingen? Und die Blumen so dicht, ganz ohne Blatt und Stiehl. So was Schönes hab&#039; ich all mein Lebtag nicht gesehn. Als Kind hätt&#039; ich gedacht, es müss&#039; eine Prinzessin sein, aber jetzt weiß ich, daß Prinzessinnen nicht immer die schönsten sind. Ja, sie war schön und gefiehl Dir, ich sah es wohl, und Du gefiehlst ihr auch. Aber die Mutter, die neben der schönen Blondine saß, &#039;&#039;der&#039;&#039; gefiehlst Du noch besser. Und das ärgerte mich. Einer ganz jungen gönne ich Dich, wenn&#039;s durchaus sein muß. Aber einer alten! Und nun gar einer Mama? Nein, nein, &#039;&#039;die&#039;&#039; hat ihr Teil. Jedenfalls, mein einziger Botho, siehst Du, daß Du mich wieder gut machen und beruhigen mußt. Ich erwarte Dich morgen oder übermorgen. Und wenn Du nicht Abend kannst, so komme bei Tag, und wenn es nur eine Minute wäre. Ich habe solche Angst um Dich, das heißt eigentlich um mich. Du verstheest mich schon. Deine Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Deine Lene«, sprach er, die Briefunterschrift wiederholend, noch einmal vor sich hin, und eine Unruhe bemächtigte sich seiner, weil ihm allerwiderstreitendste Gefühle durchs Herz gingen: Liebe, Sorge, Furcht. Dann durchlas er den Brief noch einmal. An zwei, drei Stellen konnt&#039; er sich nicht versagen, ein Strichelchen mit dem silbernen Crayon zu machen, aber nicht aus Schulmeisterei, sondern aus eitel Freude. »Wie gut sie schreibt! Kalligraphisch gewiß und orthographisch beinah... Stiehl statt Stiel... Ja, warum nicht? Stiehl war eigentlich ein gefürchteter Schulrat, aber, Gott sei Dank, ich bin keiner. Und ›emphelen‹. Soll ich wegen f und h mit ihr zürnen? Großer Gott, wer kann ›empfehlen‹ richtig schreiben? Die ganz jungen Komtessen nicht immer und die ganz alten nie. Also was schadt&#039;s! Wahrhaftig, der Brief ist wie Lene selber, gut, treu, zuverlässig, und die Fehler machen ihn nur noch reizender.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er lehnte sich in den Stuhl zurück und legte die Hand über Stirn und Augen: »Arme Lene, was soll werden! Es wär&#039; uns beiden besser gewesen, der Ostermontag wäre diesmal ausgefallen. Wozu gibt es auch zwei Feiertage? Wozu Treptow und Stralau und Wasserfahrten? Und nun der Onkel! Entweder kommt er wieder als Abgesandter von meiner Mutter, oder er hat Pläne für mich aus sich selbst, aus eigner Initiative. Nun, ich werde ja sehen. Eine diplomatische Verstellungsschule hat er nicht durchgemacht, und wenn er zehn Eide geschworen hat zu schweigen, es kommt doch heraus. Ich will&#039;s schon erfahren, trotzdem ich in der Kunst der Intrigue gleich nach ihm selber komme.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei zog er ein Fach seines Schreibtisches auf, darin, von einem roten Bändchen umwunden, schon andere Briefe Lenens lagen. Und nun klingelte er nach dem Diener, der ihm beim Ankleiden behilflich sein sollte. »So, Johann, das wäre getan... Und nun vergiß nicht, die Jalousien herunterzulassen. Und wenn wer kommt und nach mir fragt, bis zwölf bin ich in der Kaserne, nach eins bei Hiller und am Abend bei Renz. Und zieh auch die Jalousien zu rechter Zeit wieder auf, daß ich nicht wieder einen Brütofen vorfinde. Und laß die Lampe vorn brennen. Aber nicht in meinem Schlafzimmer; die Mücken sind wie toll in diesem Jahr. Verstanden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Befehl, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und unter diesem Gespräche, das schon halb im Korridor geführt worden war, trat Rienäcker in den Hausflur, ziepte draußen im Vorgarten die dreizehnjährige, sich gerad über den Wagen ihres kleinen Bruders beugende Portiertochter von hinten her am Zopf und empfing einen wütenden, aber im Erkennungsmoment ebenso rasch in Zärtlichkeit übergehenden Blick als Antwort darauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun erst trat er durch die Gittertür auf die Straße. Hier sah er, unter der grünen Kastanienlaube hin, abwechselnd auf das Tor und dann wieder nach dem Tiergarten zu, wo sich, wie auf einem Camera-obscura-Glase, die Menschen und Fuhrwerke geräuschlos hin und her bewegten. »Wie schön. Es ist doch wohl eine der besten Welten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 7 ==&lt;br /&gt;
Um zwölf war der Dienst in der Kaserne getan, und Botho von Rienäcker ging die Linden hinunter aufs Tor zu, lediglich in der Absicht, die Stunde bis zum Rendezvous bei Hiller, so gut sich&#039;s tun ließ, auszufüllen. Zwei, drei Bilderläden waren ihm dabei sehr willkommen. Bei Lepke standen ein paar Oswald Achenbachs im Schaufenster, darunter eine palermitanische Straße, schmutzig und sonnig und von einer geradezu frappierenden Wahrheit des Lebens und Kolorits. »Es gibt doch Dinge, worüber man nie ins reine kommt. So mit den Achenbachs. Bis vor kurzem hab&#039; ich auf Andreas geschworen; aber wenn ich so was sehe, wie das hier, so weiß ich nicht, ob ihm der Oswald nicht gleichkommt oder ihn überholt. Jedenfalls ist er bunter und mannigfacher. All dergleichen aber ist mir bloß zu denken erlaubt; vor den Leuten es aussprechen hieße meinen ›Seesturm‹ ohne Not auf den halben Preis herabsetzen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Betrachtungen stand er eine Zeitlang vor dem Lepkeschen Schaufenster und ging dann, über den Pariser Platz hin, auf das Tor und die schräg links führende Tiergartenallee zu, bis er vor der Wolfschen Löwengruppe haltmachte. Hier sah er nach der Uhr. »Halb eins. Also Zeit.« Und so wandt&#039; er sich wieder, um auf demselben Wege nach den »Linden« hin zurückzukehren. Vor dem Redernschen Palais sah er Leutnant von Wedell von den Gardedragonern auf sich zukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohin, Wedell?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In den Klub. Und Sie?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu Hiller.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Etwas früh.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja. Aber was hilft&#039;s? Ich soll mit einem alten Onkel von mir frühstücken, neumärkisch Blut und just in dem Winkel zu Hause, wo Bentsch, Rentsch, Stentsch liegen – lauter Reimwörter auf Mensch, selbstverständlich ohne weitre Konsequenz oder Verpflichtung. Übrigens hat er, ich meine den Onkel, mal in Ihrem Regiment gestanden. Freilich lange her, erste vierziger Jahre Baron Osten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Wietzendorfer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eben der.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, den kenn&#039; ich, das heißt dem Namen nach. Etwas Verwandtschaft. Meine Großmutter war eine Osten. Ist doch derselbe, der mit Bismarck auf dem Kriegsfuß steht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Derselbe. Wissen Sie was, Wedell, kommen Sie mit. Der Klub läuft Ihnen nicht weg und Pitt und Serge auch nicht; Sie finden sie um drei geradso gut wie um eins. Der Alte schwärmt noch immer für Dragonerblau mit Gold und ist Neumärker genug, um sich über jeden Wedell zu freuen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Rienäcker. Aber auf Ihre Verantwortung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mit Vergnügen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchem Gespräche waren sie bei Hiller angelangt, wo der alte Baron bereits an der Glastür stand und ausschaute, denn es war eine Minute nach eins. Er unterließ aber jede Bemerkung und war augenscheinlich erfreut, als Botho vorstellte: »Leutnant von Wedell.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ihr Herr Neffe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nichts von Entschuldigungen, Herr von Wedell, alles, was Wedell heißt, ist mir willkommen, und wenn es diesen Rock trägt, doppelt und dreifach. Kommen Sie, meine Herren, wir wollen uns aus diesem Stuhl- und Tischdefilee herausziehen und, so gut es geht, nach rückwärtshin konzentrieren. Sonst nicht Preußensache; hier aber ratsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit ging er, um gute Plätze zu finden, vorauf und wählte nach Einblick in verschiedene kleine Cabinets schließlich ein mäßiggroßes, mit einem lederfarbnen Stoff austapeziertes Zimmer, das trotz eines breiten und dreigeteilten Fensters wenig Licht hatte, weil es auf einen engen und dunklen Hof sah. Von einem hier zu vier gedeckten Tisch wurde im Nu das vierte Kuvert entfernt, und während die beiden Offiziere Pallasch und Säbel in die Fensterecke stellten, wandte sich der alte Baron an den Oberkellner, der in einiger Entfernung gefolgt war, und befahl einen Hummer und einen weißen Burgunder. »Aber welchen, Botho?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sagen wir Chablis.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Chablis. Und frisches Wasser. Aber nicht aus der Leitung; lieber so, daß die Karaffe beschlägt. Und nun, meine Herren, bitte Platz zu nehmen: lieber Wedell, hier, Botho, du da. Wenn nur diese Glut, diese verfrühte Hundstagshitze nicht wäre. Luft, meine Herren, Luft. Ihr schönes Berlin, das immer schöner wird (so versichern einen wenigstens alle, die nichts Besseres kennen), Ihr schönes Berlin hat alles, aber keine Luft.« Und dabei riß er die großen Fensterflügel auf und setzte sich so, daß er die breite Mittelöffnung gerade vor sich hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hummer war noch nicht gekommen, aber der Chablis stand schon da. Voll Unruhe nahm der alte Osten eins der Brötchen aus dem Korb und schnitt es mit ebenso viel Hast wie Virtuosität in Schrägstücke, bloß um etwas zu tun zu haben. Dann ließ er das Messer wieder fallen und reichte Wedell die Hand. »Ihnen unendlich verbunden, Herr von Wedell, und brillanter Einfall von Botho, Sie dem Klub auf ein paar Stunden abspenstig gemacht zu haben. Ich nehm&#039; es als eine gute Vorbedeutung, gleich bei meinem ersten Ausgang in Berlin einen Wedell begrüßen zu dürfen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun begann er einzuschenken, weil er seiner Unruhe nicht länger Herr bleiben konnte, befahl, eine Cliquot kalt zu stellen, und fuhr dann fort: »Eigentlich, lieber Wedell, sind wir verwandt; es gibt keine Wedells, mit denen wir nicht verwandt wären, und wenn&#039;s auch bloß durch einen Scheffel Erbsen wäre; neumärkisch Blut ist in allen. Und wenn ich nun gar mein altes Dragonerblau wiedersehe, da schlägt mir das Herz bis in den Hals hinein. Ja, Herr von Wedell, alte Liebe rostet nicht. Aber da kommt der Hummer... Bitte, hier die große Schere. Die Scheren sind immer das Beste... Aber, was ich sagen wollte, alte Liebe rostet nicht, und der Schneid auch nicht. Und ich setze hinzu: Gott sei Dank. Damals hatten wir noch den alten Dobeneck. Himmelwetter, war &#039;&#039;das&#039;&#039; ein Mann! Ein Mann wie ein Kind. Aber wenn es mal schlecht ging und nicht klappen wollte, wenn er einen dann ansah, &#039;&#039;den&#039;&#039; hätt&#039; ich sehen wollen, der den Blick ausgehalten hätte. Richtiger alter Ostpreuße noch von Anno 13 und 14 her. Wir fürchteten ihn, aber wir liebten ihn auch. Denn er war wie ein Vater. Und wissen Sie, Herr von Wedell, wer mein Rittmeister war...?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke kam auch der Champagner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mein Rittmeister war Manteuffel, derselbe, dem wir alles verdanken, der uns die Armee gemacht hat und mit der Armee den Sieg.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herr von Wedell verbeugte sich, während Botho leichthin sagte: »Gewiß, man kann es sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nicht klug und weise von Botho, wie sich gleich herausstellen sollte, denn der ohnehin an Kongestionen leidende alte Baron wurde rot über den ganzen kahlen Kopf weg, und das bißchen krause Haar an seinen Schläfen schien noch krauser werden zu wollen. »Ich verstehe dich nicht, Botho; was soll dies ›Man kann es sagen‹, das heißt so viel wie ›Man kann es auch &#039;&#039;nicht&#039;&#039; sagen‹. Und ich weiß auch, worauf das alles hinaus will. Es will andeuten, daß ein gewisser Kürassieroffizier aus der Reserve, der im übrigen mit nichts in Reserve gehalten hat, am wenigsten mit revolutionären Maßnahmen, es will andeuten, sag&#039; ich, daß ein gewisser Halberstädter mit schwefelgelbem Kragen eigentlich auch St. Privat allerpersönlichst gestürmt und um Sedan herum den großen Zirkel gezogen habe. Botho, damit darfst du mir nicht kommen. Er war ein Referendar und hat auf der Potsdamer Regierung gearbeitet, sogar unter dem alten Meding, der nie gut auf ihn zu sprechen war, ich weiß das, und hat eigentlich nichts gelernt als Depeschen schreiben. So viel will ich ihm lassen, &#039;&#039;das&#039;&#039; versteht er, oder mit andern Worten, er ist ein Federfuchser. Aber nicht die Federfuchser haben Preußen groß gemacht. War der bei Fehrbellin ein Federfuchser? War der bei Leuthen ein Federfuchser? War Blücher ein Federfuchser oder York? &#039;&#039;Hier&#039;&#039; sitzt die preußische Feder. Ich kann diesen Kultus nicht leiden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber lieber Onkel...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, aber, ich dulde kein Aber. Glaube mir, Botho, zu solcher Frage, dazu gehören Jahre; derlei Dinge versteh&#039; ich besser. Wie steht es denn? Er stößt die Leiter um, drauf er emporgestiegen, und verbietet sogar die Kreuzzeitung, und rund heraus, er ruiniert uns; er denkt klein von uns, er sagt uns Sottisen, und wenn ihm der Sinn danach steht, verklagt er uns auf Diebstahl oder Unterschlagung und schickt uns auf die Festung. Ach, was sag&#039; ich, auf die Festung, Festung ist für anständige Leute, nein, ins Landarmenhaus schickt er uns, um Wolle zu zupfen... Aber Luft, meine Herren, Luft. Sie haben keine Luft hier. Verdammtes Nest.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er erhob sich und riß zu dem bereits offenstehenden Mittelflügel auch noch die beiden Nebenflügel auf, so daß von dem Zuge, der ging, die Gardinen und das Tischtuch ins Wehen kamen. Dann sich wieder setzend, nahm er ein Stück Eis aus dem Champagnerkühler und fuhr sich damit über die Stirn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah«, fuhr er fort, »das Stück Eis hier, das ist das Beste vom ganzen Frühstück... Und nun sagen Sie, Herr von Wedell, hab&#039; ich recht oder nicht? Botho, Hand aufs Herz, hab&#039; ich recht? Ist es nicht so, daß man sich als ein Märkischer von Adel aus reiner Edelmannsempörung einen Hochverratsprozeß auf den Leib reden möchte? Solchen Mann... aus unsrer besten Familie... vornehmer als die Bismarcks, und so viele für Thron und Hohenzollerntum gefallen, daß man eine ganze Leibkompanie daraus formieren könnte, Leibkompanie mit Blechmützen, und der Boitzenburger kommandiert sie. Ja, meine Herren. Und solcher Familie solchen Affront. Und warum? Unterschlagung, Indiskretion, Bruch von Amtsgeheimnis. Ich bitte Sie, fehlt nur noch Kindsmord und Vergehen gegen die Sittlichkeit, und wahrhaftig, es bleibt verwunderlich genug, daß nicht auch &#039;&#039;das&#039;&#039; noch herausgedrückt worden ist. Aber die Herren schweigen. Ich bitte Sie, sprechen Sie. Glauben Sie mir, daß ich andre Meinungen hören und ertragen kann; ich bin nicht wie er; sprechen Sie, Herr von Wedell, sprechen Sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wedell, in immer wachsender Verlegenheit, suchte nach einem Ausgleichs- und Beruhigungsworte: »Gewiß, Herr Baron, es ist, wie Sie sagen. Aber, Pardon, ich habe damals, als die Sache zum Austrag kam, vielfach aussprechen hören, und die Worte sind mir im Gedächtnis geblieben, daß der Schwächere darauf verzichten müsse, dem Stärkeren die Wege kreuzen zu wollen, das verbiete sich in Leben wie Politik, es sei nun mal so: Macht gehe vor Recht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und kein Widerspruch dagegen, kein Appell?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, Herr Baron. Unter Umständen auch ein Appell. Und um nichts zu verschweigen, ich kenne solche Fälle gerechtfertigter Opposition. Was die Schwäche nicht darf, das darf die Reinheit, die Reinheit der Überzeugung, die Lauterkeit der Gesinnung. &#039;&#039;Die&#039;&#039; hat das Recht der Auflehnung, sie hat sogar die Pflicht dazu. Wer aber &#039;&#039;hat&#039;&#039; diese Lauterkeit? Hatte sie... Doch ich schweige, weil ich weder Sie, Herr Baron, noch die Familie, von der wir sprechen, verletzen möchte. Sie wissen aber, auch ohne daß ich es sage, daß &#039;&#039;er&#039;&#039;, der das Wagnis wagte, diese Lauterkeit der Gesinnung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; hatte. Der bloß Schwächere darf nichts, nur der Reine darf alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur der Reine darf alles«, wiederholte der alte Baron mit einem so schlauen Gesicht, daß es zweifelhaft blieb, ob er mehr von der Wahrheit oder der Anfechtbarkeit dieser These durchdrungen sei. »Der Reine darf alles. Kapitaler Satz, den ich mir mit nach Hause nehme. Der wird meinem Pastor gefallen, der letzten Herbst den Kampf mit mir aufgenommen und ein Stück von meinem Acker zurückgefordert hat. Nicht seinetwegen, i Gott bewahre, bloß um des Prinzips und seines Nachfolgers willen, dem er nichts vergeben dürfe. Schlauer Fuchs. Aber der Reine darf alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du wirst schon nachgeben in der Pfarrackerfrage«, sagte Botho. »Kenn&#039; ich doch Schönemann noch von Sellenthins her.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, da war er noch Hauslehrer und kannte nichts Besseres als die Schulstunden abkürzen und die Spielstunden in die Länge ziehen. Und konnte Reifen spielen wie ein junger Marquis; wahrhaftig, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen. Aber nun ist er sieben Jahre im Amt, und du würdest den Schönemann, der der gnädigen Frau den Hof machte, nicht wiedererkennen. Eins aber muß ich ihm lassen, er hat beide Frölens gut erzogen und am besten deine Käthe...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah den Onkel verlegen an, fast als ob er ihn um Diskretion bitten wolle. Der alte Baron aber, überfroh, das heikle Thema so glücklich beim Schopfe gefaßt zu haben, fuhr in überströmender und immer wachsender guter Laune fort: »Ach, laß doch, Botho. Diskretion. Unsinn. Wedell ist Landsmann und wird von der Geschichte so gut wissen wie jeder andere. Weshalb schweigen über solche Dinge. Du bist doch so gut wie gebunden. Und weiß es Gott, Junge, wenn ich so die Frölens Revue passieren lasse, &#039;ne Beßre findest du nicht, Zähne wie Perlen und lacht immer, daß man die ganze Schnur sieht. Eine Flachsblondine zum Küssen, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre, höre...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wedell, der Bothos Verlegenheit bemerkte, wollte ihm zu Hilfe kommen und sagte: »Die Sellenthinschen Damen sind alle sehr anmutig, Mutter wie Töchter; ich war vorigen Sommer mit ihnen in Norderney, charmant, aber ich würde der zweiten den Vorzug geben...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Desto besser, Wedell. Da kommt ihr euch nicht in die Quer, und wir können gleich eine Doppelhochzeit feiern. Und Schönemann kann trauen, wenn Kluckhuhn, der wie alle Alten empfindlich ist, es zugibt, und ich will ihm nicht nur das Fuhrwerk stellen, ich will ihm auch das Stück Pfarracker ohne weiteres zedieren, wenn ich solche Hochzeit zwischen heut&#039; und einem Jahr erlebe. Sie sind reich, lieber Wedell, und mit Ihnen pressiert es am Ende nicht. Aber sehen Sie sich unsern Freund Botho an. Daß er so wohlgenährt aussieht, das verdankt er nicht seiner Sandbüchse, die, die paar Wiesen abgerechnet, eigentlich nichts als eine Kiefernschonung ist, und noch weniger seinem Muränensee. ›Muränensee‹, das klingt wundervoll, und man könnte beinah sagen poetisch. Aber das ist auch alles. Man kann von Muränen nicht leben. Ich weiß, du hörst nicht gerne davon, aber da wir mal dabei sind, so muß es heraus. Wie liegt es denn? Dein Großvater hat die Heide runterschlagen lassen, und dein Vater selig – ein kapitaler Mann, aber ich habe keinen Menschen je so schlecht L&#039;hombre spielen sehn und so hoch dazu –, dein Vater selig, sag&#039; ich, hat die fünfhundert Morgen Bruchacker an die Jeseritzer Bauern parzelliert, und was von gutem Boden übriggeblieben ist, ist nicht viel, und die dreißigtausend Taler sind auch längst wieder fort. Wärst du allein, so möcht&#039; es gehn, aber du mußt teilen mit deinem Bruder, und vorläufig hat die Mama, meine Frau Schwester Liebden, das Ganze noch in Händen, eine prächtige Frau, klug und gescheit, aber auch nicht auf die sparsame Seite gefallen. Botho, wozu stehst du bei den Kaiserkürassieren, und wozu hast du eine reiche Cousine, die bloß darauf wartet, daß du kommst und in einem regelrechten Antrage das besiegelst und wahr machst, was die Eltern schon verabredet haben, als ihr noch Kinder wart. Wozu noch überlegen? Höre, wenn ich morgen auf der Rückreise bei deiner Mama mit vorfahren und ihr die Nachricht bringen könnte: ›Liebe Josephine, Botho &#039;&#039;will&#039;&#039;, alles abgemacht‹, höre, Junge, das wäre mal was, das einem alten Onkel, der&#039;s gut mit dir meint, eine Freude machen könnte. Reden Sie zu, Wedell. Es ist Zeit, daß er aus der Garçonschaft herauskommt. Er vertut sonst sein bißchen Vermögen oder verplempert sich wohl gar mit einer kleinen Bourgeoise. Hab&#039; ich recht? Natürlich. Abgemacht. Und darauf müssen wir noch anstoßen. Aber nicht mit diesem Rest...« Und er drückte auf die Klingel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ein Heidsieck. Beste Marke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 8 ==&lt;br /&gt;
Im Klub befanden sich um eben diese Zeit zwei junge Kavaliere, der eine, von den Gardes du Corps, schlank, groß und glatt, der andere, von den Pasewalkern abkommandiert, etwas kleiner, mit Vollbart und nur vorschriftsmäßig freiem Kinn. Der weiße Damast des Tisches, dran sie gefrühstückt hatten, war zurückgeschlagen, und an der freigewordenen Hälfte saßen beide beim Piquet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sechs Blatt mit &#039;ner Quart.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vierzehn As, drei Könige, drei Damen... Und du machst keinen Stich.« Und er legte das Spiel auf den Tisch und schob im nächsten Augenblicke die Karten zusammen, während der andere mischte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du schon, Ella verheiratet sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Warum schade?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie kann dann nicht mehr durch den Reifen springen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unsinn. Je mehr sie sich verheiraten, desto schlanker werden sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch mit Ausnahme. Viele Namen aus der Zirkusaristokratie blühen schon in der dritten und vierten Generation, was denn doch einigermaßen auf Wechselzustände von Schlank und Nichtschlank oder, wenn du willst, auf Neumond und erstes Viertel etc. hinweist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Irrtum. Error in calculo. Du vergißt Adoption. Alle diese Zirkusleute sind heimliche Gichtelianer und vererben nach Plan und Abmachung ihr Vermögen, ihr Ansehen und ihren Namen. Es scheinen dieselben und sind doch andere geworden. Immer frisches Blut. Heb ab... Übrigens hab&#039; ich noch eine zweite Nachricht. Afzelius kommt in den Generalstab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Welcher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der von den Ulanen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unmöglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Moltke hält große Stücke auf ihn, und er soll eine vorzügliche Arbeit gemacht haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Imponiert mir nicht. Alles Bibliotheks- und Abschreibesache. Wer nur ein bißchen findig ist, kann Bücher leisten wie Humboldt oder Ranke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Quart. Vierzehn As.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Quint vom König.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während die Stiche gemacht wurden, hörte man in dem Billardzimmer nebenan das Klappen der Bälle und das Fallen der kleinen Boulekegel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur sechs oder acht Herren waren alles in allem in den zwei hintern Klubzimmern, die mit ihrer Schmalseite nach einem sonnigen und ziemlich langweiligen Garten hinaussahen, versammelt, alle schweigsam, alle mehr oder weniger in ihr Whist oder Domino vertieft, nicht zum wenigsten die zwei piquetspielenden Herren, die sich eben über Ella und Afzelius unterhalten hatten. Es ging hoch, weshalb beide von ihrem Spiel erst wieder aufsahen, als sie, durch eine offne Rundbogennische, von dem nebenherlaufenden Zimmer her eines neuen Ankömmlings gewahr wurden. Es war Wedell.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber Wedell, wenn Sie nicht eine Welt von Neuigkeiten mitbringen, so belegen wir Sie mit dem großen Bann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pardon, Serge, es war keine bestimmte Verabredung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber doch beinah. Übrigens finden Sie mich persönlich in nachgiebigster Stimmung. Wie Sie sich mit Pitt auseinandersetzen wollen, der eben 150 Points verloren, ist Ihre Sache.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei schoben beide die Karten beiseite, und der von dem herzukommenden Wedell als Serge Begrüßte zog seine Remontoiruhr und sagte: »Drei Uhr fünfzehn. Also Kaffee. Irgendein Philosoph, und es muß einer der größten gewesen sein, hat einmal gesagt, das sei das Beste am Kaffee, daß er in jede Situation und Tagesstunde hineinpasse. Wahrhaftig. Wort eines Weisen. Aber wo nehmen wir ihn? Ich denke, wir setzen uns draußen auf die Terrasse, mitten in die Sonne. Je mehr man das Wetter brüskiert, desto besser fährt man. Also, Pehlecke, drei Tassen. Ich kann das Umfallen der Boulekegel nicht mehr mit anhören, es macht mich nervös; draußen haben wir freilich auch Lärm, aber doch anders, und hören statt des spitzen Klappertons das Poltern und Donnern unserer unterirdischen Kegelbahn, wobei wir uns einbilden können, am Vesuv oder Ätna zu sitzen. Und warum auch nicht? Alle Genüsse sind schließlich Einbildung, und wer die beste Phantasie hat, hat den größten Genuß. Nur das Unwirkliche macht den Wert und ist eigentlich das einzig Reale.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Serge«, sagte der andere, der beim Piquetspielen als Pitt angeredet worden war, »wenn du mit deinen berühmten großen Sätzen so fortfährst, so bestrafst du Wedell härter, als er verdient. Außerdem hast du Rücksicht auf mich zu nehmen, weil ich verloren habe. So, hier wollen wir bleiben, den lawn im Rücken, diesen Efeu neben uns und eine kahle Wand en vue. Himmlischer Aufenthalt für Seiner Majestät Garde! Was wohl der alte Fürst Pückler zu diesem Klubgarten gesagt haben würde? Pehlecke... so, hier den Tisch her, jetzt geht&#039;s. Und zum Schluß eine Kuba von Ihrem gelagertsten Lager. Und nun, Wedell, wenn Ihnen verziehen werden soll, schütteln Sie Ihr Gewand, bis ein neuer Krieg herausfällt oder irgendeine andere große Nachricht. Sie sind ja durch Puttkamers mit unserem lieben Herrgott verwandt. Mit welchem, brauch&#039; ich nicht erst hinzuzusetzen. Was kocht er wieder?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pitt«, sagte Wedell, »ich beschwöre Sie, nur keine Bismarckfragen. Denn erstlich wissen Sie, daß ich nichts weiß, weil Vettern im siebzehnten Grad nicht gerade zu den Intimen und Vertrauten des Fürsten gehören, zum zweiten aber komme ich, statt vom Fürsten, recte von einem Bolzenschießen her, das sich mit einigen Treffern und vielen, vielen Nichttreffern gegen niemand anders als gegen Seine Durchlaucht richtete.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wer war dieser kühne Schütze?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alte Baron Osten, Rienäckers Onkel. Charmanter alter Herr und Bon Garçon. Aber freilich auch Pfiffikus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie alle Märker.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bin auch einer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tant mieux. Da wissen Sie&#039;s von sich selbst. Aber heraus mit der Sprache. Was sagte der Alte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vielerlei. Das Politische kaum der Rede wert, aber ein anderes desto wichtiger: Rienäcker steht vor einer scharfen Ecke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und vor welcher?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er soll heiraten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das nennen Sie eine scharfe Ecke? Ich bitte Sie, Wedell, Rienäcker steht vor einer viel schärferen: Er hat 9000 jährlich und gibt 12000 aus, und das ist immer die schärfste aller Ecken, jedenfalls schärfer als die Heiratsecke. Heiraten ist für Rienäcker keine Gefahr, sondern die Rettung. Übrigens hab&#039; ich es kommen sehen. Und wer ist es denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Eine Cousine!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Natürlich. Retterin und Cousine sind heutzutage fast identisch. Und ich wette, daß sie Paula heißt. Alle Cousinen heißen jetzt Paula.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Diese nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sondern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe? Ah, da weiß ich&#039;s. Käthe Sellenthin. Hm, nicht übel, glänzende Partie. Der alte Sellenthin, es ist doch der mit dem Pflaster überm Auge, hat sechs Güter, und die Vorwerke mit eingerechnet, sind es sogar dreizehn. Geht zu gleichen Teilen, und das dreizehnte kriegt Käthe noch als Zuschlag. Gratuliere...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie kennen sie?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß. Wundervolle Flachsblondine mit Vergißmeinnichtaugen, aber trotzdem nicht sentimental, weniger Mond als Sonne. Sie war hier bei der Zülow in Pension und wurde mit vierzehn schon umcourt und umworben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In der Pension?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht direkt und nicht alltags, aber doch sonntags, wenn sie beim alten Osten zu Tische war, demselben, von dem Sie jetzt herkommen. Käthe, Käthe Sellenthin... sie war damals wie &#039;ne Bachstelze, und wir nannten sie so, und war der reizendste Backfisch, den Sie sich denken können. Ich seh&#039; noch ihren Haardutt, den wir immer den Wocken nannten. Und den soll Rienäcker nun abspannen. Nun, warum nicht? Es wird ihm so schwer nicht werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Am Ende doch schwerer, als mancher denkt«, antwortete Wedell. »Und so gewiß er der Aufbesserung seiner Finanzen bedarf, so bin ich doch nicht sicher, daß er sich für die blonde Speziallandsmännin ohne weiteres entscheiden wird. Rienäcker ist nämlich seit einiger Zeit in einen andren Farbenton, und zwar ins Aschfarbene, gefallen, und wenn es wahr ist, was mir Balafré neulich sagte, so hat er sich&#039;s ganz ernsthaft überlegt, ob er nicht seine Weißzeugdame zur weißen Dame erheben soll. Schloß Avenel oder Schloß Zehden macht ihm keinen Unterschied, Schloß ist Schloß, und Sie wissen, Rienäcker, der überhaupt in manchem seinen eignen Weg geht, war immer fürs Natürliche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, lachte Pitt. »Das war er. Aber Balafré schneidet auf und erfindet sich interessante Geschichten. Sie sind nüchtern, Wedell, und werden doch solch erfundenes Zeug nicht glauben wollen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, erfundenes nicht«, sagte Wedell. »Aber ich glaube, was ich weiß. Rienäcker, trotz seiner sechs Fuß, oder vielleicht auch gerade deshalb, ist schwach und bestimmbar und von einer seltenen Weichheit und Herzensgüte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist er. Aber die Verhältnisse werden ihn zwingen, und er wird sich lösen und freimachen, schlimmstenfalls wie der Fuchs aus dem Eisen. Es tut weh, und ein Stückchen Leben bleibt dran hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder heraus, wieder frei. Vive Käthe! Und Rienäcker! Wie sagt das Sprichwort: ›Mit dem Klugen ist Gott.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 9 ==&lt;br /&gt;
Botho schrieb denselben Abend noch an Lene, daß er am andern Tage kommen würde, vielleicht schon früher als gewöhnlich. Und er hielt Wort und war eine Stunde vor Sonnenuntergang da. Natürlich fand er auch Frau Dörr. Es war eine prächtige Luft, nicht zu warm, und nachdem man noch eine Weile geplaudert hatte, sagte Botho: »Wir könnten vielleicht in den Garten gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, in den Garten. Oder sonst wohin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene lachte. »Sei nicht wieder in Sorge, Botho. Niemand ist in den Hinterhalt gelegt, und die Dame mit dem Schimmelgespann und der Blumengirlande wird dir nicht in den Weg treten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Also wohin, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bloß ins Feld, ins Grüne, wo du nichts haben wirst als Gänseblümchen und mich. Und vielleicht auch Frau Dörr, wenn sie die Güte haben will, uns zu begleiten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob sie will«, sagte Frau Dörr. »Gewiß will sie. Große Ehre. Aber man muß sich doch erst ein bißchen zurechtmachen. Ich bin gleich wieder da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht nötig, Frau Dörr, wir holen Sie ab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so geschah es, und als das junge Paar eine Viertelstunde später auf den Garten zuschritt, stand Frau Dörr schon an der Tür, einen Umhang überm Arm und einen prachtvollen Hut auf dem Kopf, ein Geschenk Dörrs, der, wie alle Geizhälse, mitunter etwas lächerlich Teures kaufte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sagte der so Herausgeputzten etwas Schmeichelhaftes, und gleich danach gingen alle drei den Gang hinunter und traten durch ein verstecktes Seitenpförtchen auf einen Feldweg hinaus, der hier, wenigstens zunächst noch und eh er weiter abwärts in das freie Wiesengrün einbog, an dem an seiner Außenseite hoch in Nesseln stehenden Gartenzaun hinlief.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier bleiben wir«, sagte Lene. »Das ist der hübscheste Weg und der einsamste. Da kommt niemand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirklich, es war der einsamste Weg, um vieles stiller und menschenleerer als drei, vier andere, die parallel mit ihm über die Wiese hin auf Wilmersdorf zu führten und zum Teil ein eigentümliches Vorstadtsleben zeigten. An dem einen dieser Wege befanden sich allerlei Schuppen, zwischen denen reckartige, wie für Turner bestimmte Gerüste standen und Bothos Neugier weckten, aber eh er noch erkunden konnte, was es denn eigentlich sei, gab ihm das Tun drüben auch schon Antwort auf seine Frage: Decken und Teppiche wurden über die Gerüste hin ausgebreitet, und gleich danach begann ein Klopfen und Schlagen mit großen Rohrstöcken, so daß der Weg drüben alsbald in einer Staubwolke lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wies darauf hin und wollte sich eben mit Frau Dörr in ein Gespräch über den Wert oder Unwert der Teppiche vertiefen, die, bei Lichte besehen, doch bloß Staubfänger seien, und wenn einer nicht fest auf der Brust sei, so hätt&#039; er die Schwindsucht weg, er wisse nicht, wie. Mitten im Satz aber brach er ab, weil der von ihm eingeschlagene Weg in eben diesem Augenblicke an einer Stelle vorüberführte, wo der Schutt einer Bildhauerwerkstatt abgeladen sein mußte, denn allerhand Stuckornamente, namentlich Engelsköpfe, lagen in großer Zahl umher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein Engelskopf«, sagte Botho. »Sehen Sie, Frau Dörr. Und hier ist sogar ein geflügelter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, sagte Frau Dörr. »Und ein Pausback dazu. Aber is es denn ein Engel? Ich denke, wenn er so klein is und Flügel hat, heißt er Amor.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Amor oder Engel«, sagte Botho, »das ist immer dasselbe. Fragen Sie nur Lene, die wird es bestätigen. Nicht wahr, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene tat empfindlich, aber er nahm ihre Hand, und alles war wieder gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unmittelbar hinter dem Schutthaufen bog der Pfad nach links hin ab und mündete gleich danach in einen etwas größeren Feldweg ein, dessen Pappelweiden eben blühten und ihre flockenartigen Kätzchen über die Wiese hin ausstreuten, auf der sie nun wie gezupfte Watte dalagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sieh, Lene«, sagte Frau Dörr, »weißt du denn, daß sie jetzt Betten damit stopfen, ganz wie mit Federn? Und sie nennen es Waldwolle.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, ich weiß, Frau Dörr. Und ich freue mich immer, wenn die Leute so was ausfinden und sich zunutze machen. Aber für Sie wär&#039; es nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Lene, für mich wär&#039; es nich. Da hast du recht. Ich bin so mehr fürs Feste, für Pferdehaar und Sprungfedern, und wenn es denn so wuppt...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O ja«, sagte Lene, der diese Beschreibung etwas ängstlich zu werden anfing. »Ich fürchte bloß, daß wir Regen kriegen. Hören Sie nur die Frösche, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, die Poggen«, bestätigte diese. »Nachts ist es mitunter ein Gequake, daß man nicht schlafen kann. Und woher kommt es? Weil hier alles Sumpf is und bloß so tut, als ob es Wiese wäre. Sieh doch den Tümpel an, wo der Storch steht und kuckt gerade hierher. Na, nach mir sieht er nich. Da könnt&#039; er lange sehn. Und is auch recht gut so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen am Ende doch wohl umkehren«, sagte Lene verlegen, und eigentlich nur, um etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I bewahre«, lachte Frau Dörr. »Nun erst recht nich, Lene; du wirst dich doch nich graulen und noch dazu vor so was. Adebar, du Guter, bring mir... Oder soll ich lieber singen: Adebar, du Bester?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging es noch eine Weile weiter, denn Frau Dörr brauchte Zeit, um von einem solchen Lieblingsthema wieder loszukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber war doch eine Pause da, während welcher man in langsamem Tempo weiterschritt, bis man zuletzt an einen Höhenrücken kam, der sich hier plateauartig von der Spree nach der Havel hinüberzieht. An eben dieser Stelle hörten auch die Wiesen auf, und Korn- und Rapsfelder fingen an, die sich bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf zogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun bloß da noch rauf«, sagte Frau Dörr, »und dann setzen wir uns und pflücken Butterblumen und flechten uns einen Stengelkranz. Jott, das macht immer so viel Spaß, wenn man den einen Stengel in den andern piekt, bis der Kranz fertig is oder die Kette.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohl, wohl«, sagte Lene, der es heute beschieden war, aus kleinen Verlegenheiten gar nicht herauszukommen. »Wohl, wohl. Aber nun kommen Sie, Frau Dörr; hier geht der Weg.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so sprechend, stiegen sie den niedrigen Abhang hinauf und setzten sich, oben angekommen, auf einen hier seit letztem Herbst schon aus Peden und Nesseln zusammengekarrten Unkrauthaufen. Dieser Pedenhaufen war ein prächtiger Ruheplatz, zugleich auch ein Aussichtspunkt, von dem aus man über einen von Werft und Weiden eingefaßten Graben hin nicht nur die nördliche Häuserreihe von Wilmersdorf überblicken, sondern auch von einer benachbarten Kegelbahntabagie her das Fallen der Kegel und vor allem das Zurückrollen der Kugel auf zwei klapprigen Latten in aller Deutlichkeit hören konnte. Lene vergnügte sich über die Maßen darüber, nahm Bothos Hand und sagte: »Sieh, Botho, ich weiß so gut Bescheid damit (denn als Kind wohnten wir auch neben einer solchen Tabagie), daß ich, wenn ich die Kugel bloß aufsetzen höre, gleich weiß, wieviel sie machen wird.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun«, sagte Botho, »da können wir ja wetten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und um was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das findet sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber ich brauch&#039; es nur dreimal zu treffen, und wenn ich schweige, so zählt es nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Bin es zufrieden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun horchten alle drei hinüber, und die mit jedem Moment erregter werdende Frau Dörr verschwor sich hoch und teuer, ihr puppre das Herz, und ihr sei geradeso, wie wenn sie vor einem Theatervorhang sitze. »Lene, Lene, du hast dir zu viel zugetraut, Kind, das is ja gar nich möglich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wär&#039; es wohl noch weitergegangen, wenn man nicht in eben diesem Augenblicke gehört hätte, daß eine Kugel aufgesetzt und nach einmaligem dumpfen Anschlag an die Seitenbande wieder still wurde. »Sandhase«, rief Lene. Und richtig, so war es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war leicht«, sagte Botho. »Zu leicht. Das hätt&#039; ich auch geraten. Sehen wir also, was kommt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und siehe da, zwei weitere Würfe folgten, ohne daß Lene gesprochen oder sich auch nur gerührt hätte. Nur Frau Dörrs Augen traten immer mehr aus dem Kopf. Jetzt aber, und Lene hob sich sofort von ihrem Platz, kam eine kleine, feste Kugel, und in einem eigentümlichen Mischton von Elastizität und Härte hörte man sie vibrierend über das Brett hintanzen. »Alle neun«, rief Lene. Und im Nu gab es drüben ein Fallen, und der Kegeljunge bestätigte nur, was kaum noch der Bestätigung bedurfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du sollst gewonnen haben, Lene. Wir essen heute noch ein Vielliebchen, und dann geht alles in einem. Nicht wahr, Frau Dörr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Versteht sich«, zwinkerte diese, »alles in einem.« Und dabei band sie den Hut ab und beschrieb Kreise damit, wie wenn es ihr Markthut gewesen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene schlug vor, aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, es werde so tröstlich; unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen: sie sei sicher, Botho werde sie nicht fangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ei, da wollen wir doch sehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun begann ein Jagen und Haschen, bei dem Lene wirklich nicht gefangen werden konnte, bis sie zuletzt vor Lachen und Aufregung so abgeäschert war, daß sie sich hinter die stattliche Frau Dörr flüchtete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun hab&#039; ich meinen Baum«, lachte sie, »nun kriegst du mich erst recht nicht.« Und dabei hielt sie sich an Frau Dörrs etwas abstehender Schoßjacke fest und schob die gute Frau so geschickt nach rechts und links, daß sie sich eine Zeitlang mit Hilfe derselben deckte. Plötzlich aber war Botho neben ihr, hielt sie fest und gab ihr einen Kuß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist gegen die Regel; wir haben nichts ausgemacht.« Aber trotz solcher Abweisung hing sie sich doch an seinen Arm und kommandierte, während sie die Gardeschnarrstimme nachahmte: »Parademarsch... frei weg« und ergötzte sich an den bewundernden und nicht endenwollenden Ausrufen, womit die gute Frau Dörr das Spiel begleitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is es zu glauben?« sagte diese. »Nein, es is &#039;&#039;nich&#039;&#039; zu glauben. Un immer so un nie anders. Un wenn ich denn an meinen denke! Nicht zu glauben, sag&#039; ich. Un war doch auch einer. Un tat auch immer so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was meint sie nur?« fragte Botho leise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, sie denkt wieder... Aber, du weißt ja... Ich habe dir ja davon erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist es. &#039;&#039;Der&#039;&#039;. Nun, er wird wohl so schlimm nicht gewesen sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer weiß. Zuletzt ist einer wie der andere.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Meinst du?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein.« Und dabei schüttelte sie den Kopf, und in ihrem Auge lag etwas von Weichheit und Rührung. Aber sie wollte diese Stimmung nicht aufkommen lassen und sagte deshalb rasch: »Singen wir, Frau Dörr. Singen wir. Aber was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Morgenrot...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, das nicht... ›Morgen in das kühle Grab‹, das ist mir zu traurig. Nein, singen wir ›Übers Jahr, übers Jahr‹, oder noch lieber ›Denkst du daran‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, &#039;&#039;das&#039;&#039; is recht, &#039;&#039;das&#039;&#039; is schön; das is mein Leib- und Magenlied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit gut eingeübter Stimme sangen alle drei das Lieblingslied der Frau Dörr, und man war schon bis in die Nähe der Gärtnerei gekommen, als es noch immer über das Feld hinklang: »Ich denke dran... ich danke dir mein Leben« und dann von der andren Wegseite her, wo die lange Reihe der Schuppen und Remisen stand, im Echo widerhallte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dörr war überglücklich. Aber Lene und Botho waren ernst geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 10 ==&lt;br /&gt;
Es dunkelte schon, als man wieder vor der Wohnung der Frau Nimptsch war, und Botho, der seine Heiterkeit und gute Laune rasch zurückgewonnen hatte, wollte nur einen Augenblick noch mit hineinsehn und sich gleich danach verabschieden. Als ihn Lene jedoch an allerlei Versprechungen und Frau Dörr mit Betonung und Augenspiel an das noch ausstehende Vielliebchen erinnerte, gab er nach und entschloß sich, den Abend über zu bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das is recht«, sagte die Dörr. »Und ich bleibe nun auch. Das heißt, wenn ich bleiben darf und bei dem Vielliebchen nicht störe. Denn man kann doch nie wissen. Und ich will bloß noch den Hut nach Hause bringen und den Umhang. Und denn komm&#039; ich wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß müssen Sie wiederkommen«, sagte Botho, während er ihr die Hand gab. »So jung kommen wir nicht wieder zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nein«, lachte die Dörr, »so jung kommen wir nich wieder zusammen. Un is auch eigentlich ganz unmöglich, un wenn wir auch morgen schon wieder zusammenkämen. Denn ein Tag is doch immer ein Tag und macht auch schon was aus. Und deshalb is es ganz richtig, daß wir so jung nich wieder zusammenkommen. Und muß sich jeder gefallen lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser Tonart ging es noch eine Weile weiter, und die von niemandem bestrittene Tatsache des täglichen Älterwerdens gefiel ihr so, daß sie dieselbe noch einige Male wiederholte. Dann erst ging sie. Lene begleitete sie bis auf den Flur, Botho seinerseits aber setzte sich neben Frau Nimptsch und fragte, während er ihr das von der Schulter gefallene Umschlagetuch wieder umhing, ob sie noch böse sei, daß er ihr die Lene wieder für ein paar Stunden entführt habe? Aber es sei so hübsch gewesen, und oben auf dem Pedenhaufen, wo sie sich ausgeruht und geplaudert hätten, hätten sie der Zeit ganz vergessen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, die Glücklichen vergessen die Zeit«, sagte die Alte. »Und die Jugend is glücklich, un is auch gut so und soll so sein. Aber wenn man alt wird, lieber Herr Baron, da werden einen die Stunden lang, un man wünscht sich die Tage fort un das Leben auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das sagen Sie so, Mutterchen. Alt oder jung, eigentlich lebt doch jeder gern. Nicht wahr, Lene, wir leben gern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war eben wieder vom Flur her in die Stube getreten und lief, wie getroffen von dem Wort, auf ihn zu und umhalste und küßte ihn und war überhaupt von einer Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst ganz fremd war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, was hast du nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sie hatte sich schon wieder gesammelt und wehrte mit rascher Handbewegung seine Teilnahme ab, wie wenn sie sagen wollte: »Frage nicht.« Und nun ging sie, während Botho mit Frau Nimptsch weitersprach, auf das Küchenschapp zu, kramte drin umher und kam gleich danach und völlig heitern Gesichts mit einem kleinen, in blaues Zuckerpapier genähten Buche zurück, das ganz das Aussehen hatte wie die, drin Hausfrauen ihre täglichen Ausgaben aufschreiben. Dazu diente das Büchelchen denn auch wirklich und zugleich zu Fragen, mit denen sich Lene, sei&#039;s aus Neugier oder gelegentlich auch aus tieferem Interesse, beschäftigte. Sie schlug es jetzt auf und wies auf die letzte Seite, drauf Bothos Blick sofort der dick unterstrichenen Überschrift begegnete: &#039;&#039;»Was zu wissen not tut.«&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alle Tausend, Lene, das klingt ja wie Traktätchen oder Lustspieltitel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist auch so was. Lies nur weiter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun las er: »Wer waren die beiden Damen auf dem Korso? Ist es die ältere, oder ist es die junge? Wer ist Pitt? Wer ist Serge? Wer ist Gaston?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho lachte. »Wenn ich dir das alles beantworten soll, Lene, so bleib&#039; ich bis morgen früh.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Glück, daß Frau Dörr bei dieser Antwort fehlte, sonst hätt&#039; es eine neue Verlegenheit gegeben. Aber die sonst so flinke Freundin, flink wenigstens, wenn es sich um den Baron handelte, war noch nicht wieder zurück, und so sagte denn Lene: »Gut, so will ich mich handeln lassen. Und meinetwegen denn von den zwei Damen ein andermal! Aber was bedeuten die fremden Namen? Ich habe schon neulich danach gefragt, als du die Tüte brachtest. Aber was du da sagtest, war keine rechte Antwort, nur so halb. Ist es ein Geheimnis?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun denn sage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gern, Lene. Diese Namen sind bloß Necknamen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich weiß. Das sagtest du schon.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... also Namen, die wir uns aus Bequemlichkeit beigelegt haben, mit und ohne Beziehung, je nachdem.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was heißt Pitt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Pitt war ein englischer Staatsmann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist dein Freund auch einer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Um Gottes willen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und Serge?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein russischer Vorname, den ein Heiliger und viele russische Großfürsten führen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die aber nicht Heilige zu sein brauchen, nicht wahr?... Und Gaston?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist ein französischer Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, dessen entsinn&#039; ich mich. Ich habe mal als ein ganz junges Ding, und ich war noch nicht eingesegnet, ein Stück gesehn: ›Der Mann mit der eisernen Maske.‹ Und der mit der Maske, der hieß Gaston. Und ich weinte jämmerlich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und lachst jetzt, wenn ich dir sage: Gaston bin &#039;&#039;ich&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, ich lache nicht. Du hast auch eine Maske.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wollte scherz- und ernsthaft das Gegenteil versichern, aber Frau Dörr, die gerade wieder eintrat, schnitt das Gespräch ab, indem sie sich entschuldigte, daß sie so lange habe warten lassen. Aber eine Bestellung sei gekommen und sie habe rasch noch einen Begräbniskranz flechten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen großen oder einen kleinen?« fragte die Nimptsch, die gern von Begräbnissen sprach und eine Passion hatte, sich von allem Dazugehörigen erzählen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu«, sagte die Dörr, »es war ein mittelscher; kleine Leute. Efeu mit Azalie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott«, fuhr die Nimptsch fort, »alles is jetzt für Efeu mit Azalie, bloß ich nich. Efeu is ganz gut, wenn er aufs Grab kommt und alles so grün und dicht einspinnt, daß das Grab seine Ruhe hat und der drunter liegt auch. Aber Efeu in&#039;n Kranz, das is nich richtig. Zu meiner Zeit, da nahmen wir Immortellen, gelbe oder halbgelbe, und wenn es ganz was Feines sein sollte, denn nahmen wir rote oder weiße und machten Kränze draus oder auch bloß einen und hingen ihn ans Kreuz, und da hing er denn den ganzen Winter, und wenn der Frühling kam, da hing er noch. Un manche hingen noch länger. Aber so mit Efeu oder Azalie, das is nichts. Un warum nich? Darum nicht, weil es nich lange dauert. Un ich denke mir immer, je länger der Kranz oben hängt, desto länger denkt der Mensch auch an seinen Toten unten. Un mitunter auch &#039;ne Witwe, wenn sie nich zu jung is. Un das is es, warum ich für Immortelle bin, gelbe oder rote oder auch weiße, un kann ja jeder einen andern Kranz zuhängen, wenn er will. Das is denn so für den Schein. Aber der immortellige, das is der richtige.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mutter«, sagte Lene, »du sprichst wieder so viel von Grab und Kranz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Kind, jeder spricht, woran er denkt. Un denkt einer an Hochzeit, denn red&#039;t er von Hochzeit, un denkt einer an Begräbnis, denn red&#039;t er von Grab. Un ich habe nich mal angefangen, von Grab un Kranz zu reden, Frau Dörr hat angefangen, was auch ganz recht war. Un ich spreche bloß immer davon, weil ich immer &#039;ne Angst habe un immer denke: ja, wer wird dir mal einen bringen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Mutter...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Lene, du bist gut, du bist ein gutes Kind. Aber der Mensch denkt un Gott lenkt, un heute rot un morgen tot. Un du kannst sterben so gut wie ich, jeden Tag, den Gott werden läßt, wenn ich es auch nich glaube. Un Frau Dörr kann auch sterben oder wohnt denn, wenn ich sterbe, vielleicht woanders, oder ich wohne woanders un bin vielleicht eben erst eingezogen. Ach, meine liebe Lene, man hat nichts sicher, gar nichts, auch nich mal einen Kranz aufs Grab.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Doch, doch,&#039;&#039; Mutter Nimptsch«, sagte Botho, »den haben Sie sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, na, Herr Baron, wenn es man wahr is.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wenn ich in Petersburg bin oder in Paris und ich höre, daß meine alte Frau Nimptsch gestorben ist, dann schick&#039; ich einen Kranz, und wenn ich in Berlin bin oder in der Nähe, dann bring&#039; ich ihn selber.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Alten Gesicht verklärte sich ordentlich vor Freude. »Na, das is ein Wort, Herr Baron. Un da hab&#039; ich doch nu meinen Kranz aufs Grab und is mir lieb, daß ich ihn habe. Denn ich kann die kahlen Gräber nich leiden, die so aussehn wie&#039;n Waisenhauskirchhof oder für die Gefangenen oder noch schlimmer. Aber nu mach einen Tee, Lene, das Wasser kocht un bullert schon, un Erdbeeren und Milch sind auch da. Un auch saure. Jott, den armen Herrn Baron muß ja schon ganz jämlich sein. Immer ankucken macht hungrig, so viel weiß ich auch noch. Ja, Frau Dörr, man hat ja doch auch mal seine Jugend gehabt, un wenn es auch lange her is. Aber die Menschen waren damals so wie heut&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch, die heut&#039; ihren Redetag hatte, philosophierte noch eine Weile weiter, während Lene das Abendbrot auftrug und Botho seine Neckereien mit der guten Frau Dörr fortsetzte. Das sei gut, daß sie den Staatshut zu rechter Zeit zu Bette gebracht habe, der sei für Kroll oder fürs Theater, aber nicht für den Wilmersdorfer Pedenhaufen. Wo sie den Hut denn eigentlich her habe? Solchen Hut habe keine Prinzessin. Und er habe so was Kleidsames überhaupt noch gar nicht gesehn; er wolle nicht von sich selber reden, aber ein Prinz hätte sich drin vergaffen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gute Frau hörte wohl heraus, daß er sich einen Spaß mache. Trotzdem sagte sie: »Ja, wenn Dörr mal anfängt, denn is er so forsch und fein, daß ich mitunter gar nicht weiß, wo er&#039;s her hat. Alltags is nich viel mit ihm, aber mit eins is er wie vertauscht un gar nich mehr derselbe, un ich sage denn immer: Es is am Ende doch was mit ihm, un er kann es man bloß nich so zeigen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So plauderte man beim Tee, bis zehn Uhr heran war. Dann brach Botho auf, und Lene und Frau Dörr begleiteten ihn durch den Vorgarten bis an die Gartentür. Als sie hier standen, erinnerte die Dörr daran, daß man das Vielliebchen noch immer vergessen habe. Botho schien aber die Mahnung überhören zu wollen und betonte nur nochmals, wie hübsch der Nachmittag gewesen sei. »Wir müssen öfter so gehn, Lene, und wenn ich wiederkomme, dann überlegen wir, wohin. Oh, ich werde schon etwas finden, etwas Hübsches und Stilles, und recht weit und nicht so bloß über Feld.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und dann nehmen wir Frau Dörr wieder mit«, sagte Lene, »oder bitten sie darum. Nicht wahr, Botho?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß, Lene. Frau Dörr muß immer dabei sein. Ohne Frau Dörr geht es nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Herr Baron, das kann ich ja gar nich annehmen, das kann ich ja gar nich verlangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch, liebe Frau Dörr«, lachte Botho. »Sie können &#039;&#039;alles&#039;&#039; verlangen. Eine Frau wie Sie.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit trennte man sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 11 ==&lt;br /&gt;
Die Landpartie, die man nach dem Wilmersdorfer Spaziergange verabredet oder wenigstens geplant hatte, war nun auf einige Wochen hin das Lieblingsgespräch, und immer, wenn Botho kam, überlegte man, &#039;&#039;wohin?&#039;&#039; Alle möglichen Plätze wurden erwogen: Erkner und Kranichberge, Schwilow und Baumgartenbrück, aber alle waren immer noch zu besucht, und so kam es, daß Botho schließlich »Hankels Ablage« nannte, von dessen Schönheit und Einsamkeit er wahre Wunderdinge gehört habe, Lene war einverstanden. Ihr lag nur daran, mal hinauszukommen und in Gottes freier Natur, möglichst fern von dem großstädtischen Getreibe, mit dem geliebten Manne zusammen zu sein. Wo, war gleichgiltig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der nächste Freitag wurde zu der Partie bestimmt. »Abgemacht.« Und nun fuhren sie mit dem Görlitzer Nachmittagszuge nach Hankels Ablage hinaus, wo sie Nachtquartier nehmen und den andern Tag in aller Stille zubringen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zug hatte nur wenige Wagen, aber auch diese waren schwach besetzt, und so kam es, daß sich Botho und Lene allein befanden. In dem Kupee nebenan wurde lebhaft gesprochen, zugleich deutlich genug, um herauszuhören, daß es Weiterreisende waren, keine Mitpassagiere für Hankels Ablage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war glücklich, reichte Botho die Hand und sah schweigend in die Wald- und Heidelandschaft hinaus. Endlich sagte sie: »Was wird aber Frau Dörr sagen, daß wir sie zu Hause gelassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie darf es gar nicht erfahren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Mutter wird es ihr ausplaudern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, dann steht es schlimm, und doch ließ sich&#039;s nicht anders tun. Sieh, auf der Wiese neulich, da ging es, da waren wir mutterwindallein. Aber wenn wir in Hankels Ablage auch noch so viel Einsamkeit finden, so finden wir doch immer einen Wirt und eine Wirtin und vielleicht sogar einen Berliner Kellner. Und solch Kellner, der immer so still vor sich hinlacht oder wenigstens in sich hinein, den kann ich nicht aushalten, der verdirbt mir die Freude. Frau Dörr, wenn sie neben deiner Mutter sitzt oder den alten Dörr erzieht, ist unbezahlbar, aber nicht unter Menschen. Unter Menschen ist sie bloß komische Figur und eine Verlegenheit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen fünf hielt der Zug an einem Waldrande... Wirklich, niemand außer Botho und Lene stieg aus, und beide schlenderten jetzt behaglich und unter häufigem Verweilen auf ein Gasthaus zu, das, in etwa zehn Minuten Entfernung von dem kleinen Stationsgebäude, hart an der Spree seinen Platz hatte. Dies »Etablissement«, wie sich&#039;s auf einem schiefstehenden Wegweiser nannte, war ursprünglich ein bloßes Fischerhaus gewesen, das sich erst sehr allmählich und mehr durch An- als Umbau in ein Gasthaus verwandelt hatte, der Blick über den Strom aber hielt für alles, was sonst vielleicht fehlen mochte, schadlos und ließ das glänzende Renommee, dessen sich diese Stelle bei allen Eingeweihten erfreute, keinen Augenblick als übertrieben erscheinen. Auch Lene fühlte sich sofort angeheimelt und nahm in einer verandaartig vorgebauten Holzhalle Platz, deren eine Hälfte von dem Gezweig einer alten, zwischen Haus und Ufer stehenden Ulme verdeckt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier bleiben wir«, sagte sie. »Sieh doch nur die Kähne, zwei, drei... und dort weiter hinauf kommt eine ganze Flotte. Ja, das war ein glücklicher Gedanke, der uns hierher führte. Sieh doch nur, wie sie drüben auf dem Kahne hin- und herlaufen und sich gegen die Ruder stemmen. Und dabei alles so still. Oh, mein einziger Botho, wie schön das ist und wie gut ich dir bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho freute sich, Lene so glücklich zu sehen. Etwas Entschlossenes und beinah Herbes, das sonst in ihrem Charakter lag, war wie von ihr genommen und einer ihr sonst fremden Gefühlsweichheit gewichen, und dieser Wechsel schien ihr selber unendlich wohl zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Weile kam der sein »Etablissement« schon von Vater und Großvater her innehabende Wirt, um nach den Befehlen der Herrschaften zu fragen, vor allem auch, ob sie zu Nacht bleiben würden, und bat, als diese Frage bejaht worden war, über ihr Zimmer Beschluß fassen zu wollen. Es ständen ihnen mehrere zur Verfügung, unter denen die Giebelstube wohl die beste sein würde. Sie sei zwar niedrig, aber sonst groß und geräumig und hätte den Blick über die Spree bis an die Müggelberge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt ging nun, als sein Vorschlag angenommen war, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und Botho und Lene waren nicht nur wieder allein miteinander, sondern genossen auch das Glück dieses Alleinseins in vollen Zügen. Auf einem der herabhängenden Ulmenzweige wiegte sich ein in einem niedrigen Nachbargebüsche nistender Fink, Schwalben fuhren hin und her, und zuletzt kam eine schwarze Henne mit einem langen Gefolge von Entenküken an der Veranda vorüber und stolzierte gravitätisch auf einen weit in den Fluß hineingebauten Wassersteg zu. Mitten auf diesem Steg aber blieb die Henne stehn, während sich die Küken ins Wasser stürzten und fortschwammen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sah eifrig dem allen zu. »Sieh nur, Botho, wie der Strom durch die Pfähle schießt.« Aber eigentlich war es weder der Steg noch die durchschießende Flut, was sie fesselte, sondern die zwei Boote, die vorn angekettet lagen. Sie liebäugelte damit und erging sich in kleinen Fragen und Anspielungen, und erst als Botho taub blieb und durchaus nichts davon verstehen wollte, rückte sie klarer mit der Sprache heraus und sagte rundweg, daß sie gern Wasser fahren möchte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiber sind doch unverbesserlich. Unverbesserlich in ihrem Leichtsinn. Denk an den zweiten Ostertag. Um ein Haar...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... wär&#039; ich ertrunken. Gewiß. Aber das war nur das eine. Nebenher lief die Bekanntschaft mit einem stattlichen Herrn, dessen du dich vielleicht entsinnst. Er hieß Botho... Du wirst doch, denk&#039; ich, den zweiten Ostertag nicht als einen Unglückstag ansehen wollen? Da bin ich artiger und galanter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, nun... Aber kannst du denn auch rudern, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich kann ich. Und kann auch sogar steuern und ein Segel stellen. Weil ich beinah ertrunken wäre, denkst du gering von mir und meiner Kunst. Aber der Junge war schuld, und ertrinken kann am Ende jeder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei ging sie von der Veranda her den Steg entlang auf die zwei Boote zu, deren Segel eingerefft waren, während ihre Wimpel, mit eingestecktem Namen, oben an der Mastspitze flatterten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Welches nehmen wir«, sagte Botho, »die ›Forelle‹ oder die ›Hoffnung‹?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Natürlich die Forelle. Was sollen wir mit der Hoffnung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hörte wohl heraus, daß dies von Lene mit Absicht und um zu sticheln gesagt wurde, denn so fein sie fühlte, so verleugnete sie doch nie das an kleinen Spitzen Gefallen findende Berliner Kind. Er verzieh ihr aber dies Spitzige, schwieg und war ihr beim Einsteigen behilflich. Dann sprang er nach. Als er gleich darauf das Boot losketteln wollte, kam der Wirt und brachte Jackett und Plaid, weil es bei Sonnenuntergang kalt würde. Beide dankten, und in Kürze waren sie mitten auf dem Strom, der hier, durch Inseln und Landzungen eingeengt, keine dreihundert Schritte breit sein mochte. Lene tat nur dann und wann einen Schlag mit dem Ruder, aber auch diese wenigen Schläge reichten schon aus, sie nach einer kleinen Weile bis an eine hoch in Gras stehende, zugleich als Schiffswerft dienende Wiese zu führen, auf der, in einiger Entfernung von ihnen, ein Spreekahn gebaut und alte, leckgewordene Kähne kalfatert und geteert wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dahin müssen wir«, jubelte Lene, während sie Botho mit sich fortzog. Aber ehe beide bis an die Schiffsbaustelle heran waren, hörte das Hämmern der Zimmermannsaxt auf, und das beginnende Läuten der Glocke verkündete, daß Feierabend sei. So bogen sie denn hundert Schritt von der Werft in einen Pfad ein, der, schräg über die Wiese hin, auf einen Kiefernwald zuführte. Die roten Stämme desselben glühten prächtig im Widerschein der schon tief stehenden Sonne, während über den Kronen ein bläulicher Nebel lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich möchte dir einen recht schönen Strauß pflücken«, sagte Botho, während er Lene bei der Hand nahm. »Aber sieh nur, die reine Wiese, nichts als Gras und keine Blume. Nicht eine.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Doch. Die Hülle und Fülle. Du siehst nur keine, weil du zu anspruchsvoll bist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und wenn ich es wäre, so wär&#039; ich es bloß für dich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, keine Ausflüchte. Du wirst sehen, ich finde welche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sich niederbückend, suchte sie nach rechts und links hin und sagte: »Sieh nur, hier... und da... und hier wieder. Es stehen hier mehr als in Dörrs Garten; man muß nur ein Auge dafür haben.« Und so pflückte sie behend und emsig, zugleich allerlei Unkraut und Grashalme mit ausreißend, bis sie, nach ganz kurzer Zeit, eine Menge Brauchbares und Unbrauchbares in Händen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Währenddem waren sie bis an eine seit Jahr und Tag leerstehende Fischerhütte gekommen, vor der, auf einem mit Kienäpfeln überstreuten Sandstreifen (denn der Wald stieg unmittelbar dahinter an), ein umgestülpter Kahn lag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der kommt uns zupaß«, sagte Botho, »hier wollen wir uns setzen. Du mußt ja müde sein. Und nun laß sehen, was du gepflückt hast. Ich glaube, du weißt es selber nicht, und ich werde mich auf den Botaniker hin ausspielen müssen. Gib her. Das ist Ranunkel, und das ist Mäuseohr, und manche nennen es auch falsches Vergißmeinnicht. Hörst du, falsches. Und hier, das mit dem gezackten Blatt, das ist Taraxacum, unsere gute alte Butterblume, woraus die Franzosen Salat machen. Nun, meinetwegen. Aber Salat und Bouquet ist ein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gib nur wieder her«, lachte Lene. »Du hast kein Auge für diese Dinge, weil du keine Liebe dafür hast, und Auge und Liebe gehören immer zusammen. Erst hast du der Wiese die Blumen abgesprochen, und jetzt, wo sie da sind, willst du sie nicht als richtige Blumen gelten lassen. Es sind aber Blumen, und noch dazu sehr gute. Was gilt die Wette, daß ich dir etwas Hübsches zusammenstelle?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun da bin ich doch neugierig, was du wählen wirst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu solche, denen du selber zustimmst. Und nun laß uns anfangen. Hier ist Vergißmeinnicht, aber kein Mäuseohr-Vergißmeinnicht, will sagen kein falsches, sondern ein echtes. Zugestanden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das hier ist Ehrenpreis, eine feine kleine Blume. Die wirst du doch auch wohl gelten lassen? Da frag&#039; ich gar nicht erst. Und diese große rotbraune, das ist Teufelsabbiß und eigens für dich gewachsen. Ja, lache nur. Und das hier«, und sie bückte sich nach ein paar gelben Blumenköpfchen, die gerade vor ihr auf der Sandstelle blühten, »das sind Immortellen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Immortellen«, sagte Botho. »Die sind ja die Passion der alten Frau Nimptsch. Natürlich, &#039;&#039;die&#039;&#039; nehmen wir, &#039;&#039;die&#039;&#039; dürfen nicht fehlen. Und nun binde nur das Sträußchen zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber womit? Wir wollen es lassen, bis wir eine Binse finden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, so lange will ich nicht warten. Und ein Binsenhalm ist mir auch nicht gut genug, ist zu dick und zu grob. Ich will was Feines. Weißt du, Lene, du hast so schönes langes Haar; reiß eins aus und flicht den Strauß damit zusammen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte sie bestimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein? Warum nicht? Warum nein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weil das Sprüchwort sagt: ›Haar bindet.‹ Und wenn ich es um den Strauß binde, so bist du mitgebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, das ist Aberglauben. Das sagt Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, die alte Frau sagt es. Und was die mir von Jugend auf gesagt hat, auch wenn es wie Aberglauben aussah, das war immer richtig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun meinetwegen. Ich streite nicht. Aber ich will kein ander Band um den Strauß als ein Haar von dir. Und du wirst doch nicht so eigensinnig sein und mir&#039;s abschlagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sah ihn an, zog ein Haar aus ihrem Scheitel und wand es um den Strauß. Dann sagte sie: »Du hast es gewollt. Hier, nimm es. Nun bist du gebunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er versuchte zu lachen, aber der Ernst, mit dem sie das Gespräch geführt und die letzten Worte gesprochen hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es wird kühl«, sagte er nach einer Weile. »Der Wirt hatte recht, dir Jackett und Plaid nachzubringen. Komm, laß uns aufbrechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so gingen sie wieder auf die Stelle zu, wo das Boot lag, und eilten sich, über den Fluß zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlage näherkamen. Eine hohe groteske Mütze, so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblicke wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Keiner sprach. Jeder aber hing seinem Glück und der Frage nach, wie lange das Glück noch dauern werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 12 ==&lt;br /&gt;
Es dunkelte schon, als sie landeten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß uns diesen Tisch nehmen«, sagte Botho, während sie wieder unter die Veranda traten: »Hier trifft dich kein Wind, und ich bestelle dir einen Grog oder Glühwein, nicht wahr? Ich sehe ja, du hast es kalt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er schlug ihr noch allerlei andres vor, aber Lene bat, auf ihr Zimmer gehn zu dürfen, wenn er dann komme, sei sie wieder munter. Sie sei nur angegriffen und brauche nichts, und wenn sie nur Ruhe habe, so werd&#039; es vorübergehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit verabschiedete sie sich und stieg in die mittlerweile hergerichtete Giebelstube hinauf, begleitet von der in durchaus irrigen Vermutungen befangenen Wirtin, die sofort neugierig fragte, was es denn eigentlich sei, und, einer Antwort unbedürftig, im selben Augenblicke fortfuhr: ja, das sei so bei jungen Frauen, das wisse sie von sich selber, und eh ihr Ältester geboren wurde (jetzt habe sie schon vier und eigentlich fünf, aber der Mittelste sei zu früh gekommen und gleich tot), da hätte sie&#039;s auch gehabt. Es flög&#039; einen so an und sei dann wie zum Sterben. Aber eine Tasse Melissentee, das heißt Klostermelisse, da fiele es gleich wieder ab, und man sei mit eins wieder wie&#039;n Fisch im Wasser und ordentlich aufgekratzt und fidel und ganz zärtlich. »Ja, ja, gnädge Frau, wenn erst so vier um einen rumstehn, ohne daß ich den kleinen Engel mitrechne...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene bezwang nur mit Müh&#039; ihre Verlegenheit und bat, um wenigstens etwas zu sagen, um etwas Melissentee, Klostermelisse, wovon sie auch schon gehört habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während oben in der Giebelstube dies Gespräch geführt wurde, hatte Botho Platz genommen, aber nicht innerhalb der windgeschützten Veranda, sondern an einem urwüchsigen Brettertisch, der, in Front derselben, auf vier Pfählen auf genagelt war und einen freien Blick hatte. Hier wollt&#039; er sein Abendbrot einnehmen. Er bestellte sich denn auch ein Fischgericht, und als der »Schlei mit Dill«, wofür das Wirtshaus von alter Zeit her ein Renommee hatte, aufgetragen wurde, kam der Wirt, um zu fragen, welchen Wein der Herr Baron, er gab ihm diesen Titel auf gut Glück hin, beföhle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun ich denke«, sagte Botho, »zu dem delikaten Schlei paßt am besten ein Brauneberger oder, sagen wir lieber, ein Rüdesheimer, und zum Zeichen, daß er gut ist, müssen Sie sich zu mir setzen und bei Ihrem eigenen Weine mein Gast sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt verbeugte sich unter Lächeln und kam bald danach mit einer angestaubten Flasche zurück, während die Magd, eine hübsche Wendin in Friesrock und schwarzem Kopftuch, auf einem Tablett die Gläser brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun lassen Sie sehn«, sagte Botho. »Die Flasche verspricht alles mögliche Gute. Zu viel Staub und Spinnweb ist allemal verdächtig, aber diese hier... Ah, superbe. Das ist 70er, nicht wahr? Und nun lassen Sie uns anstoßen, ja, auf was? Auf das Wohl von Hankels Ablage.« Der Wirt war augenscheinlich entzückt, und Botho, der wohl sah, welchen guten Eindruck er machte, fuhr deshalb in dem ihm eigenen leichten und leutseligen Tone fort: »Ich find&#039; es reizend hier, und nur eins läßt sich gegen Hankels Ablage sagen: der Name.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, bestätigte der Wirt, »der Name, der läßt viel zu wünschen übrig und ist eigentlich ein Malheur für uns. Und doch hat es seine Richtigkeit damit, Hankels Ablage war nämlich wirklich eine Ablage, und so heißt es denn auch so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut. Aber das bringt uns nicht weiter. Warum hieß es Ablage? Was ist Ablage?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, wir könnten auch sagen: Aus- und Einladestelle. Das ganze Stück Land hier herum« – und er wies nach rückwärts – »war nämlich immer ein großes Dominium und hieß unter dem Alten Fritzen und auch früher schon unter dem Soldatenkönige die Herrschaft Wusterhausen. Und es gehörten wohl an die dreißig Dörfer dazu, samt Forst und Heide. Nun sehen Sie, die dreißig Dörfer, die schafften natürlich was und brauchten was, oder was dasselbe sagen will, sie hatten Ausfuhr und Einfuhr, und für beides brauchten sie von Anfang an einen Hafen- oder Stapelplatz und konnte nur noch zweifelhaft sein, welche Stelle man dafür wählen würde. Da wählten sie &#039;&#039;diese&#039;&#039; hier, diese Bucht wurde Hafen, Stapelplatz, ›Ablage‹ für alles, was kam und ging, und weil der Fischer, der damals hier wohnte, beiläufig mein Ahnherr, Hankel hieß, so hatten wir eine &#039;&#039;›Hankels Ablage‹&#039;&#039;.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade«, sagte Botho, »daß man&#039;s nicht jedem so rund und nett erklären kann«, und der Wirt, der sich hierdurch ermutigt fühlen mochte, wollte fortfahren. Eh er aber beginnen konnte, hörte man einen Vogelschrei hoch oben in den Lüften, und als Botho neugierig hinaufsah, sah er, daß zwei mächtige Vögel, kaum noch erkennbar, im Halbdunkel über der Wasserfläche hinschwebten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Waren das wilde Gänse?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Reiher. Die ganze Forst hier herum ist Reiherforst. Überhaupt ein rechter Jagdgrund, Schwarzwild und Damwild in Massen, und in dem Schilf und Rohr hier Enten, Schnepfen und Bekassinen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Entzückend«, sagte Botho, in dem sich der Jäger regte. »Wissen Sie, daß ich Sie beneide. Was tut schließlich der Name? Enten, Schnepfen, Bekassinen. Es überkommt einen eine Lust, daß man&#039;s auch so gut haben möchte. Nur einsam muß es hier sein, zu einsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt lächelte vor sich hin, und Botho, dem es nicht entging, wurde neugierig und sagte: »Sie lächeln. Aber ist es nicht so? Seit einer halben Stunde hör&#039; ich nichts als das Wasser, das da unter dem Steg hingluckst, und in diesem Augenblick oben den Reiherschrei. Das nenn&#039; ich einsam, so hübsch es ist. Und dann und wann ziehn ein paar große Spreekähne vorüber, aber alle sind einander gleich oder sehen sich wenigstens ähnlich. Und eigentlich ist jeder wie ein Gespensterschiff. Eine wahre Totenstille.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß«, sagte der Wirt. »Aber doch alles nur, solang es dauert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, wiederholte der Gefragte, »solang es dauert. Sie sprechen von Einsamkeit, Herr Baron, und tagelang ist es auch wirklich einsam hier. Und es können auch Wochen werden. Aber kaum, daß das Eis bricht und das Frühjahr kommt, so kommt auch schon Besuch, und der Berliner ist da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wann kommt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unglaublich früh. Oculi, da kommen sie. Sehen Sie, Herr Baron, wenn ich, der ich doch ausgewettert bin, immer noch drin in der Stube bleibe, weil der Ostwind pustet und die Märzensonne sticht, setzt sich der Berliner schon ins Freie, legt seinen Sommerüberzieher über den Stuhl und bestellt eine Weiße. Denn sowie nur die Sonne scheint, spricht der Berliner von schönem Wetter. Ob in jedem Windzug eine Lungenentzündung oder Diphtheritis sitzt, ist ihm egal. Er spielt dann am liebsten mit Reifen, einige sind auch für Boccia, und wenn sie dann abfahren, ganz gedunsen von der Prallsonne, dann tut mir mitunter das Herz weh, denn keiner ist darunter, dem nicht wenigstens am andern Tage die Haut abschülbert.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho lachte. »Ja, die Berliner! Wobei mir übrigens einfällt, ihre Spree hier herum muß ja auch die Gegend sein, wo die Ruderer und Segler zusammenkommen und ihre Regatten haben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gewiß«, sagte der Wirt. »Aber das will nicht viel sagen. Wenn&#039;s viele sind, dann sind es fünfzig oder vielleicht auch mal hundert. Und dann ruht es wieder und ist auf Wochen und Monate hin mit dem ganzen Wassersport vorbei. Nein, die Klubleute, das ist vergleichsweise bequem, das ist zum Aushalten. Aber wenn dann im Juni die Dampfschiffe kommen, dann ist es schlimm. Und dann bleibt es so den ganzen Sommer über oder doch eine lange, lange Weile.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaub&#039;s«, sagte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... dann trifft jeden Abend ein Telegramm ein. ›Morgen früh neun Uhr Ankunft Spreedampfer Alsen. Tagespartie. 240 Personen.‹ Und dann folgen die Namen derer, die&#039;s arrangiert haben. Einmal geht das. Aber die Länge hat die Qual. Denn wie verläuft eine solche Partie? Bis Dunkelwerden sind sie draußen in Wald und Wiese, dann aber kommt das Abendbrot, und dann tanzen sie bis um elf. Nun werden Sie sagen: ›Das ist nichts Großes‹, und wär&#039; auch nichts Großes, wenn der andre Tag ein Ruhetag wär&#039;. Aber der zweite Tag ist wie der erste, und der dritte ist wie der zweite. Jeden Abend um elf dampft ein Dampfer mit 240 Personen ab, und jeden Morgen um neun ist ein Dampfer mit ebenso viel Personen wieder da. Und inzwischen muß doch aufgeräumt und alles wieder klar gemacht werden. Und so vergeht die Nacht mit Lüften, Putzen und Scheuern, und wenn die letzte Klinke wieder blank ist, ist auch das nächste Schiff schon wieder heran. Natürlich hat alles auch sein Gutes, und wenn man um Mitternacht Kasse zählt, so weiß man, wofür man sich gequält hat. ›Von nichts kommt nichts‹, sagt das Sprüchwort und hat auch ganz recht, und wenn ich all die Maibowlen auffüllen sollte, die hier schon getrunken sind, so müßt&#039; ich mir ein Heidelberger Faß anschaffen. Es bringt was ein, gewiß, und ist alles schön und gut. Aber dafür, daß man vorwärts kommt, kommt man doch auch rückwärts und bezahlt mit dem Besten, was man hat, mit Leben und Gesundheit. Denn was ist Leben ohne Schlaf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wohl, ich sehe schon«, sagte Botho, »kein Glück ist vollkommen. Aber dann kommt der Winter, und dann schlafen Sie wie sieben Dächse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, wenn nicht gerade Silvester oder Dreikönigstag oder Fastnacht ist. Und die sind öfter, als der Kalender angibt. Da sollten Sie das Leben hier sehen, wenn sie, von zehn Dörfern her, zu Schlitten oder Schlittschuh, in dem großen Saal, den ich angebaut habe, zusammenkommen. Dann sieht man kein großstädtisch Gesicht mehr, und die Berliner lassen einen in Ruh, aber der Großknecht und die Jungemagd, die haben dann ihren Tag. Da sieht man Otterfellmützen und Manchesterjacken mit silbernen Buckelknöpfen, und allerlei Soldaten, die grad auf Urlaub sind, sind mit dabei: Schwedter Dragoner und Fürstenwalder Ulanen oder wohl gar Potsdamer Husaren. Und alles ist eifersüchtig und streitlustig, und man weiß nicht, was ihnen lieber ist, das Tanzen oder das Krakeelen, und bei dem kleinsten Anlaß stehen die Dörfer gegeneinander und liefern sich ihre Bataillen. Und so toben und lärmen sie die ganze Nacht durch, und ganze Pfannkuchenberge verschwinden, und erst bei Morgengrauen geht es über das Stromeis oder den Schnee hin wieder nach Hause.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Da seh&#039; ich freilich«, lachte Botho, »daß sich von Einsamkeit und Totenstille nicht gut sprechen läßt. Ein Glück nur, daß ich von dem allen nicht gewußt habe, sonst hätt&#039; ich gar nicht den Mut gehabt und wäre fortgeblieben. Und das wäre mir doch leid gewesen, einen so hübschen Fleck Erde gar nicht gesehen zu haben... Aber Sie sagten vorhin: ›Was ist Leben ohne Schlaf?‹, und ich fühle, daß Sie recht haben. Ich bin müde trotz früher Stunde; das macht, glaub&#039; ich, die Luft und das Wasser. Und dann muß ich doch auch sehn... Ihre liebe Frau hat sich so bemüht... Gute Nacht, Herr Wirt. Ich habe mich verplaudert.« Und damit stand er auf und ging auf das still gewordene Haus zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die Füße schräg auf dem herangerückten Stuhl, hatte sich aufs Bett gelegt und eine Tasse von dem Tee getrunken, den ihr die Wirtin gebracht hatte. Die Ruhe, die Wärme taten ihr wohl, der Anfall ging vorüber, und sie hätte schon nach kurzer Zeit wieder in die Veranda hinuntergehn und an dem Gespräche, das Botho mit dem Wirte führte, teilnehmen können. Aber ihr war nicht gesprächig zu Sinn, und so stand sie nur auf, um sich in dem Zimmer umzusehen, für das sie bis dahin kein Auge gehabt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wohl verlohnte sich&#039;s. Die Balkenlagen und Lehmwände hatte man aus alter Zeit her fortbestehen lassen, und die geweißte Decke hing so tief herab, daß man sie mit dem Finger berühren konnte, was aber zu bessern gewesen war, das war auch wirklich gebessert worden. An Stelle der kleinen Scheiben, die man im Erdgeschoß noch sah, war hier oben ein großes, bis fast auf die Diele reichendes Fenster eingesetzt worden, das ganz so, wie der Wirt es geschildert, einen prächtigen Blick auf die gesamte Wald- und Wasserszenerie gestattete. Das große Spiegelfenster war aber nicht alles, was Neuzeit und Komfort hier getan hatten. Auch ein paar gute Bilder, mutmaßlich auf einer Auktion erstanden, hingen an den alten, überall Buckel und Blasen bildenden Lehmwänden umher, und just da, wo der vorgebaute Fenstergiebel nach hinten oder, was dasselbe sagen will, nach dem eigentlichen Zimmer zu die Dachschrägung traf, standen sich ein paar elegante Toilettentische gegenüber. Alles zeigte, daß man die Fischer- und Schifferherberge mit Geflissentlichkeit beibehalten, aber sie doch zugleich auch in ein gefälliges Gasthaus für die reichen Sportsleute vom Segler- und Ruderklub umgewandelt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene fühlte sich angeheimelt von allem, was sie sah, und begann zunächst die rechts und links in breiter Umrahmung über den Bettständen hängenden Bilder zu betrachten. Es waren Stiche, die sie, dem Gegenstande nach, lebhaft interessierten, und so wollte sie gerne wissen, was es mit den Unterschriften auf sich habe. »Washington crossing the Delaware« stand unter dem einen, »The last hour at Trafalgar« unter dem andern. Aber sie kam über ein bloßes Silbenentziffern nicht hinaus, und das gab ihr, so klein die Sache war, einen Stich ins Herz, weil sie sich der Kluft dabei bewußt wurde, die sie von Botho trennte. Der spöttelte freilich über Wissen und Bildung, aber sie war klug genug, um zu fühlen, was von diesem Spotte zu halten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dicht neben der Eingangstür, über einem Rokokotisch, auf dem rote Gläser und eine Wasserkaraffe standen, hing noch eine buntfarbige, mit einer dreisprachigen Unterschrift versehene Lithographie: »Si jeunesse savait« – ein Bild, das sie sich entsann in der Dörrschen Wohnung gesehen zu haben. Dörr liebte dergleichen. Als sie&#039;s hier wieder sah, fuhr sie verstimmt zusammen. Ihre feine Sinnlichkeit fühlte sich von dem Lüsternen in dem Bilde wie von einer Verzerrung ihres eignen Gefühls beleidigt, und so ging sie denn, den Eindruck wieder loszuwerden, bis an das Giebelfenster und öffnete beide Flügel, um die Nachtluft einzulassen. Ach, wie sie das erquickte! Dabei setzte sie sich auf das Fensterbrett, das nur zwei Handbreit über der Diele war, schlang ihren linken Arm um das Kreuzholz und horchte nach der nicht allzu entfernten Veranda hinüber. Aber sie vernahm nichts. Eine tiefe Stille herrschte, nur in der alten Ulme ging ein Wehen und Rauschen, und alles, was eben noch von Verstimmung in ihrer Seele geruht haben mochte, das schwand jetzt hin, als sie den Blick immer eindringlicher und immer entzückter auf das vor ihr ausgebreitete Bild richtete. Das Wasser flutete leise, der Wald und die Wiese lagen im abendlichen Dämmer, und der Mond, der eben wieder seinen ersten Sichelstreifen zeigte, warf einen Lichtschein über den Strom und ließ das Zittern seiner kleinen Wellen erkennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie schön«, sagte Lene hochaufatmend. »Und ich bin doch glücklich«, setzte sie hinzu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie mochte sich nicht trennen von dem Bilde. Zuletzt aber erhob sie sich, schob einen Stuhl vor den Spiegel und begann, ihr schönes Haar zu lösen und wieder einzuflechten. Als sie noch damit beschäftigt war, kam Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, noch auf! Ich dachte, daß ich dich mit einem Kusse wecken müßte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dazu kommst du zu früh, so spät du kommst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie stand auf und ging ihm entgegen. »Mein einziger Botho. Wie lange du bleibst...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und das Fieber? Und der Anfall?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ist vorüber, und ich bin wieder munter, seit einer halben Stunde schon. Und ebenso lange hab&#039; ich dich erwartet.« Und sie zog ihn mit sich fort an das noch offenstehende Fenster: »Sieh nur. Ein armes Menschenherz, soll ihm keine Sehnsucht kommen bei solchem Anblick?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie schmiegte sich an ihn und blickte, während sie die Augen schloß, mit einem Ausdruck höchsten Glückes zu ihm auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 13 ==&lt;br /&gt;
Beide waren früh auf, und die Sonne kämpfte noch mit dem Morgennebel, als sie schon die Stiege herabkamen, um unten ihr Frühstück zu nehmen. Ein leiser Wind ging, eine Frühbrise, die die Schiffer nicht gern ungenutzt lassen, und so glitt denn auch, als unser junges Paar eben ins Freie trat, eine ganze Flottille von Spreekähnen an ihnen vorüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war noch in ihrem Morgenanzuge. Sie nahm Bothos Arm und schlenderte mit ihm am Ufer entlang an einer Stelle hin, die hoch in Schilf und Binsen stand. Er sah sie zärtlich an. »Lene, du siehst ja aus, wie ich dich noch gar nicht gesehen habe. Ja, wie sag&#039; ich nur? Ich finde kein anderes Wort, du siehst so glücklich aus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so war es. Ja, sie war glücklich, ganz glücklich und sah die Welt in einem rosigen Lichte. Sie hatte den besten, den liebsten Mann am Arm und genoß eine kostbare Stunde. War das nicht genug? Und wenn diese Stunde die letzte war, nun, so war sie die letzte. War es nicht schon ein Vorzug, einen solchen Tag durchleben zu können? Und wenn auch nur einmal, ein einzig Mal.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So schwanden ihr alle Betrachtungen von Leid und Sorge, die sonst wohl, ihr selbst zum Trotz, ihre Seele bedrückten, und alles, was sie fühlte, war Stolz, Freude, Dank. Aber sie sagte nichts, sie war abergläubisch und wollte das Glück nicht bereden, und nur an einem leisen Zittern ihres Armes gewahrte Botho, wie das Wort »ich glaube, du bist glücklich, Lene« ihr das innerste Herz getroffen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt kam und erkundigte sich artig, wenn auch mit einem Anfluge von Verlegenheit, nach ihrer Nachtruhe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vorzüglich«, sagte Botho. »Der Melissentee, den Ihre liebe Frau verordnet, hat wahre Wunder getan, und die Mondsichel, die uns gerade ins Fenster schien, und die Nachtigallen, die leise schlugen, so leise, daß man sie nur eben noch hören konnte, ja wer wollte da nicht schlafen wie im Paradiese? Hoffentlich wird sich kein Spreedampfer mit zweihundertundvierzig Gästen für heute nachmittag angemeldet haben. Das wäre dann freilich die Vertreibung aus dem Paradiese. Sie lächeln und denken: ›Wer weiß‹, und vielleicht hab&#039; ich mit meinen Worten den Teufel schon an die Wand gemalt. Aber noch ist er nicht da, noch seh&#039; ich keinen Schlot und keine Rauchfahne, noch ist die Spree rein, und wenn auch ganz Berlin schon unterwegs wäre, das Frühstück wenigstens können wir noch in Ruhe nehmen. Nicht wahr? Aber wo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Herrschaften haben zu befehlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, dann denk&#039; ich unter der Ulme. Die Halle, so schön sie ist, ist doch nur gut, wenn draußen die Sonne brennt. Und sie brennt noch nicht und hat noch drüben am Walde mit dem Nebel zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt ging, das Frühstück anzuordnen, das junge Paar aber setzte seinen Spaziergang fort, bis nach einer diesseitigen Landzunge hin, von der aus sie die roten Dächer eines Nachbardorfes und rechts daneben den spitzen Kirchturm von Königswusterhausen erkennen konnten. Am Rande der Landzunge lag ein angetriebener Weidenstamm. Auf diesen setzten sie sich und sahen von ihm aus zwei Fischersleuten zu, Mann und Frau, die das umstehende Rohr schnitten und die großen Bündel in ihren Prahm warfen. Es war ein hübsches Bild, an dem sie sich erfreuten, und als sie nach einer Weile wieder zurück waren, wurde das Frühstück eben aufgetragen, mehr ein englisches als ein deutsches: Kaffee und Tee, samt Eiern und Fleisch, und in einem silbernen Ständer sogar Schnittchen von geröstetem Weißbrot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, schau, Lene. Hier müssen wir öfter unser Frühstück nehmen. Was meinst du? Himmlisch. Und sieh nur da drüben auf der Werft, da kalfatern sie schon wieder und geht ordentlich im Takt. Wahrhaftig, solch Arbeitstaktschlag ist doch eigentlich die schönste Musik.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene nickte, war aber nur halb dabei, denn ihr Interesse galt auch heute wieder dem Wassersteg, freilich nicht den angekettelten Booten, die gestern ihre Passion geweckt hatten, wohl aber einer hübschen Magd, die mitten auf dem Brettergange neben ihrem Küchen- und Kupfergeschirr kniete. Mit einer herzlichen Arbeitslust, die sich in jeder Bewegung ihrer Arme ausdrückte, scheuerte sie die Kannen, Kessel und Kasserollen, und immer, wenn sie fertig war, ließ sie das plätschernde Wasser das blankgescheuerte Stück umspülen. Dann hob sie&#039;s in die Höh&#039;, ließ es einen Augenblick in der Sonne blitzen und tat es in einen nebenstehenden Korb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war wie benommen von dem Bild. »Sieh nur«, und sie wies auf die hübsche Person, die sich, so schien es, in ihrer Arbeit gar nicht genugtun konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du, Botho, das ist kein Zufall, daß sie da kniet, sie kniet da für mich, und ich fühle deutlich, daß es mir ein Zeichen ist und eine Fügung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber was ist dir nur, Lene? Du veränderst dich ja, du bist ja mit einem Male ganz blaß geworden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O nichts.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nichts? Und hast doch einen Flimmer im Auge, wie wenn dir das Weinen näher wäre als das Lachen. Du wirst doch schon Kupfergeschirr gesehen haben und auch eine Köchin, die&#039;s blank scheuert. Es ist ja fast, als ob du das Mädchen beneidetest, daß sie da kniet und arbeitet wie für drei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Erscheinen des Wirts unterbrach hier das Gespräch, und Lene gewann ihre ruhige Haltung und bald auch ihren Frohmut wieder. Dann aber ging sie hinauf, um sich umzukleiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wiederkam, fand sie, daß inzwischen ein vom Wirt aufgestelltes Programm von Botho bedingungslos angenommen war: Ein Segelboot sollte das junge Paar nach dem nächsten Dorfe, dem reizend an der wendischen Spree gelegenen Nieder-Löhme, bringen, von welchem Dorf aus sie den Weg bis Königswusterhausen zu Fuß machen, daselbst Park und Schloß besuchen und dann auf demselben Wege zurückkommen wollten. Es war eine Halbtagspartie. Über den Nachmittag ließ sich dann weiter verfügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war es zufrieden, und schon wurden ein paar Decken in das rasch instand gesetzte Boot getragen, als man vom Garten her Stimmen und herzliches Lachen hörte, was auf Besuch zu deuten und eine Störung ihrer Einsamkeit in Aussicht zu stellen schien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, Segler und Ruderklubleute«, sagte Botho. »Gott sei Dank, daß wir ihnen entgehen, Lene. Laß uns eilen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und beide brachen auf, um so rasch wie möglich ins Boot zu kommen. Aber ehe sie noch den Wassersteg erreichen konnten, sahen sie sich bereits umstellt und eingefangen. Es waren Kameraden und noch dazu die intimsten: Pitt, Serge, Balafré. Alle drei mit ihren Damen. »Ah les beaux esprits se rencontrent«, sagte Balafré voll übermütiger Laune, die jedoch rasch einer gesetzteren Haltung wich, als er wahrnahm, daß er von der Hausschwelle her, auf der Wirt und Wirtin standen, beobachtet wurde. »Welche glückliche Begegnung an dieser Stelle. Gestatten Sie mir, Gaston, Ihnen unsere Damen vorstellen zu dürfen: Königin Isabeau, Fräulein Johanna, Fräulein Margot.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah, welche Parole heute galt, und sich rasch hineinfindend, entgegnete er, nunmehr auch seinerseits vorstellend, mit leichter Handbewegung auf Lene: »Mademoiselle Agnes Sorel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle drei Herren verneigten sich artig, ja dem Anscheine nach sogar respektvoll, während die beiden Töchter Thibaut d&#039;Arcs einen überaus kurzen Knicks machten und der um wenigstens fünfzehn Jahre älteren Königin Isabeau eine freundlichere Begrüßung der ihnen unbekannten und sichtlich unbequemen Agnes Sorel überließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ganze war eine Störung, vielleicht sogar eine geplante, je mehr dies aber zutreffen mochte, desto mehr gebot es sich, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und dies gelang Botho vollkommen. Er stellte Fragen über Fragen und erfuhr bei der Gelegenheit, daß man, zu früher Stunde schon, mit einem der kleinen Spreedampfer bis Schmöckwitz und von dort aus mit einem Segelboote bis Zeuthen gefahren sei. Von Zeuthen aus habe man den Weg zu Fuß gemacht, keine zwanzig Minuten; es sei reizend gewesen: alte Bäume, Wiesen und rote Dächer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der gesamte neue Zuzug, besonders aber die wohlarrondierte Königin Isabeau, die sich beinah mehr noch durch Sprechfähigkeit als durch Abrundung auszeichnete, diese Mitteilungen machte, hatte man, zwanglos promenierend, die Veranda erreicht, wo man an einem der langen Tische Platz nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Allerliebst«, sagte Serge. »Weit, frei und offen und doch so verschwiegen. Und die Wiese drüben wie geschaffen für eine Mondscheinpromenade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja«, setzte Balafré hinzu, »Mondscheinpromenade. Hübsch, sehr hübsch. Aber wir haben erst zehn Uhr früh, macht bis zur Mondscheinpromenade runde zwölf Stunden, die doch untergebracht sein wollen. Ich proponiere Wasserkorso.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Isabeau, »Wasserkorso geht nicht, davon haben wir heute schon über und über gehabt. Erst Dampfschiff, dann Boot und nun wieder Boot, das ist zu viel. Ich bin dagegen. Überhaupt, ich begreife nicht, was dies ewige Pätscheln soll; dann fehlt bloß noch, daß wir angeln oder die Ykleis mit der Hand greifen und uns über die kleinen Biester freuen. Nein, gepätschelt wird heute nicht mehr. Darum muß ich sehr bitten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herren, an die sich diese Worte richteten, amüsierten sich ersichtlich über die Dezidiertheit der Königinmutter und machten sofort andre Vorschläge, deren Schicksal aber dasselbe war. Isabeau verwarf alles und bat, als man schließlich ihr Gebaren halb in Scherz und halb in Ernst zu mißbilligen anfing, einfach um Ruhe. »Meine Herren«, sagte sie, »Geduld. Ich bitte, mir wenigstens einen Augenblick das Wort zu gönnen.« Ironischer Beifall antwortete, denn nur &#039;&#039;sie&#039;&#039; hatte bis dahin gesprochen. Aber unbekümmert darum fuhr sie fort. »Meine Herren, ich bitte Sie, lehren Sie mich die Herrens kennen. Was heißt Landpartie? Landpartie heißt frühstücken und ein Jeu machen. Hab&#039; ich recht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Isabeau hat immer recht«, lachte Balafré und gab ihr einen Schlag auf die Schulter. »Wir machen ein Jeu. Der Platz hier ist kapital; ich glaube beinah, jeder muß hier gewinnen. Und die Damen promenieren derweilen oder machen vielleicht ein Vormittagsschläfchen. Das soll das Gesundeste sein, und anderthalb Stunden wird ja wohl ausreichen. Und um zwölf Uhr Reunion. Menu nach dem Ermessen unserer Königin. Ja, Königin, das Leben ist doch schön. Zwar aus Don Carlos. Aber muß denn alles aus der ›Jungfrau‹ sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schlug ein, und die zwei jüngeren kicherten, obwohl sie bloß das Stichwort verstanden hatten. Isabeau dagegen, die bei solcher antippenden und beständig in kleinen Anzüglichkeiten sich ergehenden Sprache groß geworden war, blieb vollkommen würdevoll und sagte, während sie sich zu den drei anderen Damen wandte: »Meine Damen, wenn ich bitten darf: Wir sind jetzt entlassen und haben zwei Stunden für uns. Übrigens nicht das Schlimmste.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit erhoben sie sich und gingen auf das Haus zu, wo die Königin in die Küche trat und unter freundlichem, aber doch überlegenem Gruße nach dem Wirte fragte. Dieser war nicht zugegen, weshalb die junge Frau versprach, ihn aus dem Garten abrufen zu wollen, Isabeau aber litt es nicht, sie werde selber gehn, und ging auch wirklich, immer gefolgt von ihrem Drei-Damen-Cortège (Balafré sprach von Klucke mit Küken), nach dem Garten hinaus, wo sie den Wirt bei der Anlage neuer Spargelbeete traf. Unmittelbar daneben lag ein altmodisches Treibhaus, vorne ganz niedrig, mit großen schrägliegenden Fenstern, auf dessen etwas abgebröckeltes Mauerwerk sich Lene samt den Töchtern Thibaut d&#039;Arcs setzte, während Isabeau die Verhandlungen leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir kommen, Herr Wirt, um wegen des Mittagsbrots mit Ihnen zu sprechen. Was können wir haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alles, was die Herrschaften befehlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Alles? Das ist viel, beinah zu viel. Nun, dann bin ich für Aal. Aber nicht so, sondern so.« Und sie wies, während sie das sagte, von ihrem Fingerring auf das breite, dicht anliegende Armband.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Tut mir leid, meine Damen«, erwiderte der Wirt. »Aal is nicht. Überhaupt Fisch; damit kann ich nicht dienen, der ist Ausnahme. Gestern hatten wir Schlei mit Dill, aber der war aus Berlin. Wenn ich einen Fisch haben will, muß ich ihn vom Köllnischen Fischmarkt holen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade. Da hätten wir einen mitbringen können. Aber was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen Rehrücken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hm, das läßt sich hören. Und vorher etwas Gemüse. Spargel ist schon eigentlich zu spät, oder doch beinah. Aber Sie haben da, wie ich sehe, noch junge Bohnen. Und hier in dem Mistbeet wird sich ja wohl auch noch etwas finden lassen, ein paar Gurken oder ein paar Rapunzeln. Und dann eine süße Speise. So was mit Schlagsahne. Mir persönlich liegt nicht daran, aber die Herren, die beständig so tun, als machten sie sich nichts daraus, die sind immer fürs Süße. Also drei, vier Gänge, denk&#039; ich. Und dann Butterbrot und Käse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und bis wann befehlen die Herrschaften?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, ich denke bald, oder doch wenigstens so bald wie möglich. Nicht wahr? Wir sind hungrig, und wenn der Rehrücken eine halbe Stunde Feuer hat, hat er genug. Also sagen wir um zwölf. Und wenn ich bitten darf, eine Bowle: ein Rheinwein, drei Mosel, drei Champagner. Aber gute Marke. Glauben Sie nicht, daß sich&#039;s vertut. Ich kenne das und schmecke heraus, ob Moët oder Mumm. Aber Sie werden schon machen; ich darf sagen, Sie flößen mir ein Vertrauen ein. Apropos, können wir nicht aus Ihrem Garten gleich in den Wald? Ich hasse jeden unnützen Schritt. Und vielleicht finden wir noch Champignons. Das wäre himmlisch. Die können dann noch an den Rehrücken, Champignons verderben nie was.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wirt bejahte nicht bloß die hinsichtlich des bequemeren Weges gestellte Frage, sondern begleitete die Damen auch persönlich bis an die Gartenpforte, von der aus man bis zur Waldlisière nur ein paar Schritte hatte. Bloß eine chaussierte Straße lief dazwischen. Als diese passiert war, war man drüben im Waldesschatten, und Isabeau, die stark unter der immer größer werdenden Hitze litt, pries sich glücklich, den verhältnismäßig weiten Umweg über ein baumloses Stück Grasland vermieden zu haben. Sie machte den eleganten, aber mit einem großen Fettfleck ausstaffierten Sonnenschirm zu, hing ihn an ihren Gürtel und nahm Lenens Arm, während die beiden andern Damen folgten. Isabeau war augenscheinlich in bester Stimmung und sagte, sich umwendend, zu Margot und Johanna: »Wir müssen aber doch ein Ziel haben. So bloß Wald und wieder Wald is eigentlich schrecklich. Was meinen Sie, Johanna?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johanna war die größere von den beiden d&#039;Arcs, sehr hübsch, etwas blaß und mit raffinierter Einfachheit gekleidet. Serge hielt darauf. Ihre Handschuh&#039; saßen wundervoll, und man hätte sie für eine Dame halten können, wenn sie nicht, während Isabeau mit dem Wirte sprach, den einen Handschuhknopf, der aufgesprungen war, mit den Zähnen wieder zugeknöpft hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was meinen Sie, Johanna?« wiederholte die Königin ihre Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, dann schlag&#039; ich vor, daß wir nach dem Dorfe zurückgehn, von dem wir gekommen sind. Es hieß ja wohl Zeuthen und sah so romantisch und so melancholisch aus, und war ein so hübscher Weg hierher. Und zurück muß er eigentlich ebenso hübsch sein oder vielleicht noch hübscher. Und an der rechten, das heißt also von hier aus an der linken Seite war ein Kirchhof mit lauter Kreuzer drauf. Und ein sehr großes von Marmohr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, liebe Johanna, das ist alles ganz gut, aber was sollen wir damit? Wir haben ja den Weg gesehen. Oder wollen Sie den Kirchhof...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freilich will ich. Ich habe da so meine Gefühle, besonders an solchem Tage wie heute. Und es ist immer gut, sich zu erinnern, daß man sterben muß. Und wenn dann der Flieder so blüht...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, Johanna, der Flieder blüht ja gar nicht mehr, höchstens noch der Goldregen, und der hat eigentlich auch schon Schoten. Du meine Güte, wenn Sie so partout für Kirchhöfe sind, so können Sie sich ja den in der Oranienstraße jeden Tag ansehen. Aber ich weiß schon, mit Ihnen ist nicht zu reden. Zeuthen und Kirchhof, alles Unsinn. Da bleiben wir doch lieber hier und sehen gar nichts. Kommen Sie, Kleine, geben Sie mir Ihren Arm wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kleine, die durchaus nicht klein war, war Lene. Sie gehorchte. Die Königin aber fuhr jetzt, indem sie wieder voraufging, in vertraulichem Tone fort: »Ach, diese Johanna, man kann eigentlich nicht mit ihr umgehn; sie hat keinen guten Ruf und is eine Gans. Ach, Kind, Sie glauben gar nicht, was jetzt alles so mitläuft; nu ja, sie hat &#039;ne hübsche Figur und hält auf ihre Handschuh. Aber sie sollte lieber auf was andres halten. Und sehen Sie, die, die so sind, die reden immer von sterben und Kirchhof. Und nun sollen Sie sie nachher sehn! Solang es so geht, geht es. Aber wenn dann die Bowle kommt und wieder leer is und wieder kommt, dann quietscht und johlt sie. Keine Idee von Anstand. Aber wo soll es auch herkommen? Sie war immer bloß bei kleinen Leuten, draußen auf der Chaussee nach Tegel, wo kein Mensch recht hinkommt und bloß mal Artillerie vorbeifährt. Und Artillerie... Nu ja... Sie glauben gar nich, wie verschieden das alles ist. Und nun hat sie der Serge da rausgenommen und will was aus ihr machen. Ja, du meine Güte, so geht das nicht, oder wenigstens nicht so flink; gut Ding will Weile haben. Aber da sind ja noch Erdbeeren. Ei, das ist nett. Kommen Sie, Kleine, wir wollen welche pflücken (wenn nur das verdammte Bücken nicht wär&#039;), und wenn wir eine recht große finden, dann wollen wir sie mitnehmen. Die steck&#039; ich ihm dann in den Mund, und dann freut er sich. Denn Sie müssen wissen, er ist ein Mann wie&#039;n Kind und eigentlich der Beste.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die wohl merkte, daß es sich um Balafré handelte, tat ein paar Fragen und frug unter anderm auch wieder, warum die Herren eigentlich die sonderbaren Namen hätten? Sie habe schon früher danach gefragt, aber nie was gehört, was der Rede wert gewesen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott«, sagte die Königin, »es soll so was sein und soll keiner was merken und is doch alles bloß Ziererei. Denn erstens kümmert sich keiner drum, und wenn sich einer drum kümmert, is es auch noch so. Und warum auch? Wen soll es denn schaden? Sie haben sich alle nichts vorzuwerfen, und einer ist wie der andre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sah vor sich hin und schwieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und eigentlich, Kind, und Sie werden das auch noch sehn, eigentlich is es alles bloß langweilig. Eine Weile geht es, und ich will nichts dagegen sagen und will&#039;s auch nicht abschwören. Aber die Länge hat die Last. So von fuffzehn an und noch nich mal eingesegnet. Wahrhaftig, je bälder man wieder raus ist, desto besser. Ich kaufe mir denn (denn das Geld krieg&#039; ich) &#039;ne Dest&#039;lation und weiß auch schon, wo, und denn heirat&#039; ich mir einen Wittmann und weiß auch schon, wen. Und er will auch. Denn das muß ich Ihnen sagen, ich bin für Ordnung und Anständigkeit, und die Kinder or&#039;ntlich erziehn, und ob es seine sind oder meine, is janz egal... Und wie is es denn eigentlich mit Ihnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene sagte kein Wort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Kind, Sie verfärben sich ja; Sie sind woll am Ende mit &#039;&#039;hier&#039;&#039; dabei« – und sie wies aufs Herz – »und tun alles aus Liebe? Ja, Kind, &#039;&#039;denn&#039;&#039; is es schlimm, denn gibt es &#039;nen Kladderadatsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Johanna folgte mit Margot. Sie blieben absichtlich etwas zurück und brachen sich Birkenreiser ab, wie wenn sie vorhätten, einen Kranz daraus zu flechten. »Wie gefällt sie dir denn?« sagte Margot. »Ich meine die von Gaston.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gefallen? Gar nich. Das fehlt auch noch, daß solche mitspielen und in Mode kommen! Sieh doch nur, wie ihr die Handschuh&#039; sitzen. Und mit dem Hut is auch nicht viel. Er dürfte sie gar nicht so gehn lassen. Und sie muß auch dumm sein, sie spricht ja kein Wort.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein«, sagte Margot, »dumm ist sie nicht; sie hat&#039;s bloß noch nich weg. Und daß sie sich gleich an die gute Dicke ranmacht, das is doch auch klug genug.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, die gute Dicke. Geh mir mit der. Die denkt, sie is es. Aber es is gar nichts mit ihr. Ich will ihr sonst nichts nachsagen, aber falsch ist sie, falsch wie Galgenholz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Johanna, falsch is sie nu grade nich. Und sie hat dir auch öfter aus der Patsche geholfen. Du weißt schon, was ich meine.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gott, warum? Weil sie selber mit drinsaß und weil sie sich ewig ziert und wichtig tut. Wer so dick ist, ist nie gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Johanna, was du nur redst. Umgekehrt is es, die Dicken sind immer gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na meinetwegen. Aber das kannst du nicht bestreiten, daß sie &#039;ne lächerliche Figur macht. Sieh doch nur, wie sie dahinwatschelt; wie &#039;ne Fettente. Und immer bis oben ran zu, bloß weil sie sich sonst vor anständigen Leuten gar nicht sehen lassen kann. Und, Margot, das lass&#039; ich mir nicht nehmen, ein bißchen schlanke Figur ist doch die Hauptsache. Wir sind doch noch keine Türken. Und warum wollte sie nicht mit auf den Kirchhof? Weil sie sich jrault? I bewahre, sie denkt nich dran, bloß weil sie sich wieder eingeknallt hat und es vor Hitze nicht aushalten kann. Und is eigentlich nich mal so furchtbar heiß heute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gingen die Gespräche, bis sich die beiden Paare schließlich wieder vereinigten und auf einen mit Moos bewachsenen Grabenrand setzten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isabeau sah öfter nach der Uhr; der Zeiger wollte nicht recht vom Fleck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als es aber halb zwölf war, sagte sie: »Nun, meine Damen, ist es Zeit; ich denke, wir haben jetzt gerade genug Natur gehabt und können mit Fug und Recht zu was andrem übergehen. Seit heute früh um sieben eigentlich keinen Bissen. Denn die Grünauer Schinkenstulle kann ich doch nicht rechnen... Aber Gott sei Dank, alles Entsagen, sagt Balafré, hat seinen Lohn in sich, und Hunger ist der beste Koch. Kommen Sie, meine Damen, der Rehrücken fängt an, wichtiger zu werden als alles andre. Nicht wahr, Johanna?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese gefiel sich in einem Achselzucken und suchte die Zumutung, als ob Dinge wie Rehrücken und Bowle je Gewicht für sie haben könnten, entschieden abzulehnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Isabeau aber lachte. »Nun, wir werden ja sehn, Johanna. Freilich, der Zeuthner Kirchhof wäre besser gewesen. Aber man muß nehmen, was man hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brachen allesamt auf, um aus dem Wald in den Garten und aus diesem, drin sich ein paar Zitronenvögel eben haschten, bis in die Front des Hauses, wo gegessen werden sollte, zurückzukehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vorübergehen an der Gaststube sah Isabeau den mit dem Umstülpen einer Moselweinflasche beschäftigten Wirt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schade«, sagte sie, »daß ich grade &#039;&#039;das&#039;&#039; sehen mußte. Das Schicksal hätte mir auch einen besseren Anblick gönnen können. Warum gerade Mosel?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 14 ==&lt;br /&gt;
Eine rechte Heiterkeit hatte nach diesem Spaziergange trotz aller von Isabeau gemachten Anstrengungen nicht mehr aufkommen wollen, was aber, wenigstens für Botho und Lene, das Schlimmere war, war das, daß diese Heiterkeit auch ausblieb, als sich beide von den Kameraden und ihren Damen verabschiedet und ganz allein, in einem nur von ihnen besetzten Kupee, die Rückfahrt angetreten hatten. Eine Stunde später waren sie, ziemlich herabgestimmt, auf dem trübselig erleuchteten Görlitzer Bahnhof eingetroffen, und hier, beim Aussteigen, hatte Lene sofort und mit einer Art Dringlichkeit gebeten, sie den Weg durch die Stadt hin allein machen zu lassen, sie seien ermüdet und abgespannt, und das tue nicht gut, Botho aber war von dem, was er als schuldige Rücksicht und Kavalierspflicht ansah, nicht abzubringen gewesen, und so hatten sie denn in einer klapprigen alten Droschke die lange, lange Fahrt am Kanal hin gemeinschaftlich gemacht, immer bemüht, ein Gespräch über die Partie, und wie hübsch sie gewesen sei, zustande zu bringen – eine schreckliche Zwangsunterhaltung, bei der Botho nur zu sehr gefühlt hatte, wie richtig Lenens Empfindung gewesen war, als sie von dieser Begleitung in beinahe beschwörendem Tone nichts hatte wissen wollen. Ja, der Ausflug nach Hankels Ablage, von dem man sich so viel versprochen und der auch wirklich so schön und glücklich begonnen hatte, war in seinem Ausgange nichts als eine Mischung von Verstimmung, Müdigkeit und Abspannung gewesen, und nur im letzten Augenblick, wo Botho liebevoll freundlich und mit einem gewissen Schuldbewußtsein sein »Gute Nacht, Lene« gesagt hatte, war diese noch einmal auf ihn zugeeilt und hatte, seine Hand ergreifend, ihn mit beinah leidenschaftlichem Ungestüm geküßt: »Ach, Botho, es war heute nicht so, wie&#039;s hätte sein sollen, und doch war niemand schuld... Auch die andern nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß es, Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, nein. Es war niemand schuld, dabei bleibt es, daran ist nichts zu ändern. Aber daß es so ist, das ist eben das Schlimme daran. Wenn wer schuld hat, dann bittet man um Verzeihung, und dann ist es wieder gut. Aber das nutzt uns nichts. Und es ist auch nichts zu verzeihn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du mußt noch einen Augenblick hören. Ach, mein einziger Botho, du willst es mir verbergen, aber es geht zu End&#039;. Und rasch, ich weiß es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du nur sprichst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hab&#039; es freilich nur geträumt«, fuhr Lene fort. »Aber warum hab&#039; ich es geträumt? Weil es mir den ganzen Tag vor der Seele steht. Mein Traum war nur, was mir mein Herz eingab. Und was ich dir noch sagen wollte, Botho, und warum ich dir die paar Schritte nachgelaufen bin: Es bleibt doch bei dem, was ich dir gestern abend sagte. Daß ich diesen Sommer leben konnte, war mir ein Glück und bleibt mir ein Glück, auch wenn ich von heut&#039; ab unglücklich werde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, Lene, sprich nicht so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Du fühlst selbst, daß ich recht habe; dein gutes Herz sträubt sich nur, es zuzugestehen, und will es nicht wahr haben. Aber ich weiß es: Gestern, als wir über die Wiese gingen und plauderten und ich dir den Strauß pflückte, das war unser letztes Glück und unsere letzte schöne Stunde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesem Gespräche hatte der Tag geschlossen, und nun war der andre Morgen, und die Sommersonne schien hell in Bothos Zimmer. Beide Fenster standen auf, und in den Kastanien draußen quirilierten die Spatzen. Botho selbst, aus einem Meerschaum rauchend, lag zurückgelehnt in seinem Schaukelstuhl und schlug dann und wann mit einem neben ihm liegenden Taschentuche nach einem großen Brummer, der, wenn er zu dem einen Fenster hinaus war, sofort wieder an dem andern erschien, um Botho hartnäckig und unerbittlich zu umsummen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß ich diese Bestie doch los wäre. Quälen, martern möcht&#039; ich sie. Diese Brummer sind allemal Unglücksboten und so hämisch zudringlich, als freuten sie sich über den Ärger, dessen Herold und Verkündiger sie sind.« In diesem Augenblicke schlug er wieder danach. »Wieder fort. Es hilft nichts. Also Resignation. Ergebung ist überhaupt das Beste. Die Türken sind die klügsten Leute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zuschlagen der kleinen Gittertür draußen ließ ihn während dieses Selbstgesprächs auf den Vorgarten blicken und dabei des eben eingetretenen Briefträgers gewahr werden, der ihm gleich danach unter leichtem militärischen Gruß und mit einem »Guten Morgen, Herr Baron« erst eine Zeitung und dann einen Brief in das nicht allzu hohe Parterrefenster hineinreichte. Botho warf die Zeitung beiseite, zugleich den Brief betrachtend, auf dem er die kleine, dichtstehende, trotzdem aber sehr deutliche Handschrift seiner Mutter unschwer erkannt hatte. »Dacht&#039; ich&#039;s doch... Ich weiß schon, eh ich gelesen. Arme Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun brach er den Brief auf und las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Schloß Zehden&#039;&#039;. 29. Juni 1875 – Mein lieber Botho. Was ich Dir als Befürchtung in meinem letzten Briefe mitteilte, das hat sich nun erfüllt: Rothmüller in Arnswalde hat sein Kapital zum 1. Oktober gekündigt und nur ›aus alter Freundschaft‹ hinzugefügt, daß er bis Neujahr warten wolle, wenn es mir eine Verlegenheit schaffe. Denn er wisse wohl, was er dem Andenken des seligen Herrn Barons schuldig sei. Diese Hinzufügung, so gut sie gemeint sein mag, ist doch doppelt empfindlich für mich; es mischt sich so viel prätentiöse Rücksichtnahme mit ein, die niemals angenehm berührt, am wenigsten von solcher Seite her. Du begreifst vielleicht die Verstimmung und Sorge, die mir diese Zeilen geschaffen haben. Onkel Kurt Anton würde helfen, wie schon bei frührer Gelegenheit, er liebt mich und vor allem &#039;&#039;Dich&#039;&#039;, aber seine Geneigtheit immer wieder in Anspruch zu nehmen hat doch etwas Bedrückliches und hat es um so mehr, als er unsrer ganzen Familie, speziell aber uns beiden, die Schuld an unsren ewigen Verlegenheiten zuschiebt. Ich bin ihm, trotz meines redlichen mich Kümmerns um die Wirtschaft, nicht wirtschaftlich und anspruchslos genug, worin er recht haben mag, und &#039;&#039;Du&#039;&#039; bist ihm nicht praktisch und lebensklug genug, worin er wohl ebenfalls das Richtige treffen wird. Ja, Botho, so liegt es. Mein Bruder ist ein Mann von einem sehr feinen Rechts- und Billigkeitsgefühl und von einer in Geldangelegenheiten geradezu hervorragenden Gentilezza, was man nur von wenigen unsrer Edelleute sagen kann. Denn unsre gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits- und, wo geholfen werden soll, sogar die Ängstlichkeitsprovinz, aber so gentil er ist, er hat seine Launen und Eigenwilligkeiten, und sich in diesen beharrlich gekreuzt zu sehen hat ihn seit einiger Zeit aufs ernsthafteste verstimmt. Er sagte mir, als ich letzthin Veranlassung nahm, der uns abermals drohenden Kapitalskündigung zu gedenken: ›Ich stehe gern zu Diensten, Schwester, wie du weißt, aber ich bekenne dir offen, immer da helfen zu sollen, wo man sich in jedem Augenblicke selber helfen könnte, wenn man nur etwas einsichtiger und etwas weniger eigensinnig wäre, das erhebt starke Zumutungen an &#039;&#039;die&#039;&#039; Seite meines Charakters, die nie meine hervorragendste war: an meine Nachgiebigkeit...‹ Du weißt, Botho, worauf sich diese seine Worte beziehen, und ich lege sie heute &#039;&#039;Dir&#039;&#039; ans Herz, wie sie damals, von Onkel Kurt Antons Seite, &#039;&#039;mir&#039;&#039; ans Herz gelegt wurden. Es gibt nichts, was Du, Deinen Worten und Briefen nach zu schließen, mehr perhorreszierst als Sentimentalitäten, und doch fürcht&#039; ich, steckst Du selber drin, und zwar tiefer, als Du zugeben willst oder vielleicht weißt. Ich sage nicht mehr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker legte den Brief aus der Hand und schritt im Zimmer auf und ab, während er den Meerschaum halb mechanisch mit einer Zigarette vertauschte. Dann nahm er den Brief wieder und las weiter. »Ja, Botho, Du hast unser aller Zukunft in der Hand und hast zu bestimmen, ob dies Gefühl einer beständigen Abhängigkeit fortdauern oder aufhören soll. Du hast es in der Hand, sag&#039; ich, aber, wie ich freilich hinzufügen muß, nur kurze Zeit noch, jedenfalls nicht auf lange mehr. Auch darüber hat Onkel Kurt Anton mit mir gesprochen, namentlich im Hinblick auf die Sellenthiner Mama, die sich, bei seiner letzten Anwesenheit in Rothenmoor, in dieser sie lebhaft beschäftigenden Sache nicht nur mit großer Entschiedenheit, sondern auch mit einem Anflug von Gereiztheit ausgesprochen hat. Ob das Haus Rienäcker vielleicht glaube, daß ein immer kleiner werdender Besitz, nach Art der Sibyllinischen Bücher (wo sie den Vergleich her hat, weiß ich nicht), immer wertvoller würde? Käthe werde nun zweiundzwanzig, habe den Ton der großen Welt und verfüge mit Hilfe der von ihrer Tante Kielmannsegge herstammenden Erbschaft über ein Vermögen, dessen Zinsbetrag hinter dem Kapitalsbetrag der Rienäckerschen Heide samt Muränensee nicht sehr erheblich zurückbleiben werde. Solche junge Dame lasse man überhaupt nicht warten, am wenigsten aber mit so viel Beharrlichkeit und Seelenruhe. Wenn es Herrn von Rienäcker beliebe, das, was früher darüber von seiten der Familie geplant und gesprochen sei, fallen zu lassen und stattgehabte Verabredungen als bloßes Kinderspiel anzusehn, so habe sie nichts dagegen. Herr von Rienäcker &#039;&#039;sei&#039;&#039; frei von dem Augenblick an, wo er frei sein wolle. Wenn er aber umgekehrt vorhabe, von dieser unbedingten Rückzugsfreiheit nicht Gebrauch machen zu wollen, so sei es an der Zeit, auch das zu zeigen. Sie wünsche nicht, daß ihre Tochter in das Gerede der Leute komme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du wirst dem Tone, der hieraus spricht, unschwer entnehmen, daß es durchaus nötig ist, Entschlüsse zu fassen und zu handeln. Was ich wünsche, weißt Du. Meine Wünsche sollen aber nicht verbindlich für Dich sein. Handle, wie Dir eigene Klugheit es eingibt, entscheide Dich so oder so, nur handle überhaupt. Ein Rückzug ist ehrenvoller als fernere Hinausschiebung. Säumst Du länger, so verlieren wir nicht nur die Braut, sondern das Sellenthiner Haus überhaupt und, was noch schlimmer, ja das Schlimmste ist, auch die freundlichen und immer hilfsbereiten Gesinnungen des Onkels. Meine Gedanken begleiten Dich, möchten sie Dich auch leiten können. Ich wiederhole Dir, es wäre der Weg zu Deinem und unser aller Glück. Womit ich verbleibe Deine Dich liebende Mutter Josephine von R.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, als er gelesen, war in großer Erregung. Es war so, wie der Brief es aussprach, und ein Hinausschieben nicht länger möglich. Es stand nicht gut mit dem Rienäckerschen Vermögen, und Verlegenheiten waren da, die durch eigne Klugheit und Energie zu heben er durchaus nicht die Kraft in sich fühlte. »Wer bin ich? Durchschnittsmensch aus der sogenannten Obersphäre der Gesellschaft. Und was kann ich? Ich kann ein Pferd stallmeistern, einen Kapaun tranchieren und ein Jeu machen. Das ist alles, und so hab&#039; ich denn die Wahl zwischen Kunstreiter, Oberkellner und Croupier. Höchstens kommt noch der Troupier hinzu, wenn ich in eine Fremdenlegion eintreten will. Und Lene dann mit mir als Tochter des Regiments. Ich sehe sie schon in kurzem Rock und Hackenstiefeln und ein Tönnchen auf dem Rücken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Tone sprach er weiter und gefiel sich darin, sich bittre Dinge zu sagen. Endlich aber zog er die Klingel und beorderte sein Pferd, weil er ausreiten wolle. Und nicht lange, so hielt seine prächtige Fuchsstute draußen, ein Geschenk des Onkels, zugleich der Neid der Kameraden. Er hob sich in den Sattel, gab dem Burschen einige Weisungen und ritt auf die Moabiter Brücke zu, nach deren Passierung er in einen breiten, über Fenn und Feld in die Jungfernheide hinüberführenden Weg einlenkte. Hier ließ er sein Pferd aus dem Trab in den Schritt fallen und nahm sich, während er bis dahin allerhand unklaren Gedanken nachgehangen hatte, mit jedem Augenblicke fester und schärfer ins Verhör. »Was ist es denn, was mich hindert, den Schritt zu tun, den alle Welt erwartet? Will ich Lene heiraten? Nein. Hab&#039; ich&#039;s ihr versprochen? Nein. Erwartet sie&#039;s? Nein. Oder wird uns die Trennung leichter, wenn ich sie hinausschiebe? Nein. Immer nein und wieder nein. Und doch säume und schwanke ich, &#039;&#039;das&#039;&#039; eine zu tun, was durchaus getan werden muß. Und weshalb säume ich? Woher diese Schwankungen und Vertagungen? Törichte Frage. Weil ich sie liebe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kanonenschüsse, die vom Tegler Schießplatz herüberklangen, unterbrachen hier sein Selbstgespräch, und erst als er das momentan unruhig gewordene Pferd wieder beruhigt hatte, nahm er den früheren Gedankengang wieder auf und wiederholte: »Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, daß man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir&#039;s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Augenblicke stutzte sein Pferd, und er wurde eines aus einem Wiesenstreifen aufgescheuchten Hasen gewahr, der dicht vor ihm auf die Jungfernheide zu jagte. Neugierig sah er ihm nach und nahm seine Betrachtungen erst wieder auf, als der Flüchtige zwischen den Stämmen der Heide verschwunden war. »Und war es denn«, fuhr er fort, »etwas so Törichtes und Unmögliches, was ich wollte? Nein. Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; ich bin durchaus gegen solche Donquichotterien. Alles, was ich wollte, war ein verschwiegenes Glück, ein Glück, für das ich früher oder später, um des ihr ersparten Affronts willen, die stille Gutheißung der Gesellschaft erwartete. So war mein Traum, so gingen meine Hoffnungen und Gedanken. Und nun soll ich heraus aus diesem Glück und soll ein andres eintauschen, das mir keins ist. Ich hab&#039; eine Gleichgiltigkeit gegen den Salon und einen Widerwillen gegen alles Unwahre, Geschraubte, Zurechtgemachte. Chic, Tournure, Savoir-faire – mir alles ebenso häßliche wie fremde Wörter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier bog das Pferd, das er schon seit einer Viertelstunde kaum noch im Zügel hatte, wie von selbst in einen Seitenweg ein, der zunächst auf ein Stück Ackerland und gleich dahinter auf einen von Unterholz und ein paar Eichen eingefaßten Grasplatz führte. Hier, im Schatten eines der älteren Bäume, stand ein kurzes, gedrungenes Steinkreuz, und als er näher heranritt, um zu sehen, was es mit diesem Kreuz eigentlich sei, las er: &#039;&#039;»Ludwig v. Hinckeldey,&#039;&#039; gest. 10. März 1856.« Wie das ihn traf! Er wußte, daß das Kreuz hier herum stehe, war aber nie bis an diese Stelle gekommen und sah es nun als ein Zeichen an, daß das seinem eigenen Willen überlassene Pferd ihn gerade hierher geführt hatte. Hinckeldey! Das war nun an die zwanzig Jahr, daß der damals Allmächtige zu Tode kam, und alles, was bei der Nachricht davon in seinem Elternhause gesprochen worden war, das stand jetzt wieder lebhaft vor seiner Seele. Vor allem &#039;&#039;eine&#039;&#039; Geschichte kam ihm wieder in Erinnerung. Einer der bürgerlichen, seinem Chef besonders vertrauten Räte übrigens hatte gewarnt und abgemahnt und das Duell überhaupt, und nun gar ein solches und unter solchen Umständen, als einen Unsinn und ein Verbrechen bezeichnet. Aber der sich bei &#039;&#039;dieser&#039;&#039; Gelegenheit plötzlich auf den Edelmann hin ausspielende Vorgesetzte hatte brüsk und hochmütig geantwortet: »Nörner, davon verstehen Sie nichts.« Und eine Stunde später war er in den Tod gegangen. Und warum? Einer Adelsvorstellung, einer Standesmarotte zuliebe, die mächtiger war als alle Vernunft, auch mächtiger als das Gesetz, dessen Hüter und Schützer zu sein er recht eigentlich die Pflicht hatte. »Lehrreich.« Und was habe ich speziell daraus zu lernen? Was predigt dieses Denkmal &#039;&#039;mir&#039;&#039;? Jedenfalls das eine, daß das Herkommen unser Tun bestimmt. Wer ihm gehorcht, kann zugrunde gehn, aber er geht besser zugrunde als der, der ihm widerspricht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während er noch so sann, warf er sein Pferd herum und ritt querfeldein auf ein großes Etablissement, ein Walzwerk oder eine Maschinenwerkstatt, zu, draus, aus zahlreichen Essen, Qualm und Feuersäulen in die Luft stiegen. Es war Mittag, und ein Teil der Arbeiter saß draußen im Schatten, um die Mahlzeit einzunehmen. Die Frauen, die das Essen gebracht hatten, standen plaudernd daneben, einige mit einem Säugling auf dem Arm, und lachten sich untereinander an, wenn ein schelmisches oder anzügliches Wort gesprochen wurde. Rienäcker, der sich den Sinn für das Natürliche mit nur zu gutem Rechte zugeschrieben, war entzückt von dem Bilde, das sich ihm bot, und mit einem Anfluge von Neid sah er auf die Gruppe glücklicher Menschen. »Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsre märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen nur: ›Ich muß doch meine Ordnung haben.‹ Und das ist ein schöner Zug im Leben unsres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und mitunter alles. Und nun frag&#039; ich mich, war &#039;&#039;mein&#039;&#039; Leben in der ›Ordnung‹? Nein. Ordnung ist Ehe.« So sprach er noch eine Weile vor sich hin, und dann sah er wieder Lene vor sich stehn, aber in ihrem Auge lag nichts von Vorwurf und Anklage, sondern es war umgekehrt, als ob sie freundlich zustimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, meine liebe Lene, du bist auch für Arbeit und Ordnung und siehst es ein und machst es mir nicht schwer... aber schwer ist es doch... für dich und mich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er setzte sein Pferd wieder in Trab und hielt sich noch eine Strecke hart an der Spree hin. Dann aber bog er, an den in Mittagsstille daliegenden Zelten vorüber, in einen Reitweg ein, der ihn bis an den Wrangelbrunnen und gleich danach bis vor seine Tür führte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 15 ==&lt;br /&gt;
Botho wollte sofort zu Lene hinaus, und als er fühlte, daß er dazu keine Kraft habe, wollt&#039; er wenigstens schreiben. Aber auch das ging nicht. »Ich kann es nicht, heute nicht.« Und so ließ er den Tag vergehen und wartete bis zum andern Morgen. Da schrieb er denn in aller Kürze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Liebe Lene! Nun kommt es doch so, wie Du mir vorgestern gesagt: Abschied. Und Abschied auf immer. Ich hatte Briefe von Haus, die mich zwingen; es muß sein, und weil es sein muß, so sei es schnell... Ach, ich wollte, diese Tage lägen hinter uns. Ich sage Dir weiter nichts, auch nicht, wie mir ums Herz ist... Es war eine kurze schöne Zeit, und ich werde nichts davon vergessen. Gegen neun bin ich bei Dir, nicht früher, denn es darf nicht lange dauern. Auf Wiedersehen, nur noch einmal auf Wiedersehn. Dein B. v. R.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun kam er. Lene stand am Gitter und empfing ihn wie sonst; nicht der kleinste Zug von Vorwurf oder auch nur von schmerzlicher Entsagung lag in ihrem Gesicht. Sie nahm seinen Arm, und so gingen sie den Vorgartensteig hinauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es ist recht, daß du kommst... Ich freue mich, daß du da bist. Und du mußt dich auch freuen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesen Worten hatten sie das Haus erreicht, und Botho machte Miene, wie gewöhnlich vom Flur her in das große Vorderzimmer einzutreten. Aber Lene zog ihn weiter fort und sagte: »Nein, Frau Dörr ist drin...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und ist uns noch bös?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das nicht. Ich habe sie beruhigt. Aber was sollen wir heut&#039; mit ihr? Komm, es ist ein so schöner Abend, und wir wollen allein sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war einverstanden, und so gingen sie denn den Flur hinunter und über den Hof auf den Garten zu. Sultan regte sich nicht und blinzelte nur beiden nach, als sie den großen Mittelsteig hinauf und dann auf die zwischen den Himbeerbüschen stehende Bank zuschritten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie hier ankamen, setzten sie sich. Es war still, nur vom Felde her hörte man ein Gezirp, und der Mond stand über ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lehnte sich an ihn und sagte ruhig und herzlich: »Und das ist nun also das letzte Mal, daß ich deine Hand in meiner halte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Lene. Kannst du mir verzeihn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie du nur immer frägst. Was soll ich dir verzeihn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß ich deinem Herzen wehe tue.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, weh tut es. Das ist wahr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun schwieg sie wieder und sah hinauf auf die blaß am Himmel heraufziehenden Sterne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woran denkst du, Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie schön es wäre, dort oben zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sprich nicht so. Du darfst dir das Leben nicht wegwünschen; von solchem Wunsch ist nur noch ein Schritt...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lächelte. »Nein, das nicht. Ich bin nicht wie das Mädchen, das an den Ziehbrunnen lief und sich hineinstürzte, weil ihr Liebhaber mit einer andern tanzte. Weißt du noch, wie du mir davon erzähltest?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, was soll es dann? Du bist doch nicht so, daß du so was sagst, bloß um etwas zu sagen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, ich hab&#039; es auch ernsthaft gemeint. Und wirklich« – und sie wies hinauf –, »ich wäre gerne da. Da hätt&#039; ich Ruh. Aber ich kann es abwarten... Und nun komm und laß uns ins Feld gehn. Ich habe kein Tuch mit herausgenommen und find&#039; es kalt hier im Stillsitzen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so gingen sie denn denselben Feldweg hinauf, der sie damals bis an die vorderste Häuserreihe von Wilmersdorf geführt hatte. Der Turm war deutlich sichtbar unter dem sternklaren Himmel, und nur über den Wiesengrund zog ein dünner Nebelschleier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weißt du noch«, sagte Botho, »wie wir mit Frau Dörr hier gingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie nickte. »Deshalb hab&#039; ich dir&#039;s vorgeschlagen, mich fror gar nicht oder doch kaum. Ach, es war ein so schöner Tag damals, und so heiter und glücklich bin ich nie gewesen, nicht vorher und nicht nachher. Noch in diesem Augenblicke lacht mir das Herz, wenn ich daran zurückdenke, wie wir gingen und sangen: ›Denkst du daran.‹ Ja, Erinnerung ist viel, ist alles. Und die hab&#039; ich nun und bleibt mir und kann mir nicht mehr genommen werden. Und ich fühle ordentlich, wie mir dabei leicht zumute wird.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er umarmte sie. »Du bist so gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene aber fuhr in ihrem ruhigen Tone fort: »Und daß mir so leicht ums Herz ist, das will ich nicht vorübergehn lassen und will dir alles sagen. Eigentlich ist es das Alte, was ich dir immer schon gesagt habe, noch vorgestern, als wir draußen auf der halb gescheiterten Partie waren, und dann nachher, als wir uns trennten. Ich hab&#039; es so kommen sehn, von Anfang an, und es geschieht nur, was muß. Wenn man schön geträumt hat, so muß man Gott dafür danken und darf nicht klagen, daß der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergißt sich alles oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Glaubst du&#039;s? Und wenn nicht? Was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Dann lebt man ohne Glück.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Lene, du sagst das so hin, als ob Glück nichts wäre. Aber es ist was, und das quält mich eben, und ist mir doch, als ob ich dir ein Unrecht getan hätte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Davon sprech&#039; ich dich frei. Du hast mir kein Unrecht getan, hast mich nicht auf Irrwege geführt und hast mir nichts versprochen. Alles war mein freier Entschluß. Ich habe dich von Herzen liebgehabt, das war mein Schicksal, und wenn es eine Schuld war, so war es &#039;&#039;meine&#039;&#039; Schuld. Und noch dazu eine Schuld, deren ich mich, ich muß es dir immer wieder sagen, von ganzer Seele freue, denn sie war mein Glück. Wenn ich nun dafür zahlen muß, so zahle ich gern. Du hast nicht gekränkt, nicht verletzt, nicht beleidigt, oder doch höchstens das, was die Menschen Anstand nennen und gute Sitte. Soll ich mich darum grämen? Nein. Es rückt sich alles wieder zurecht, auch das. Und nun komm und laß uns umkehren. Sieh nur, wie die Nebel steigen; ich denke, Frau Dörr ist nun fort, und wir treffen die gute Alte allein. Sie weiß von allem und hat den ganzen Tag über immer nur ein und dasselbe gesagt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Daß es so gut sei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch war wirklich allein, als Botho und Lene bei ihr eintraten. Alles war still und dämmerig, und nur das Herdfeuer warf einen Lichtschein über die breiten Schatten, die sich schräg durch das Zimmer zogen. Der Stieglitz schlief schon lange in seinem Bauer, und man hörte nichts als dann und wann das Zischen des überkochenden Wassers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Guten Abend, Mutterchen«, sagte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte gab den Gruß zurück und wollte von ihrer Fußbank aufstehen, um den großen Lehnstuhl heranzurücken. Aber Botho litt es nicht und sagte: »Nein, Mutterchen, ich setze mich auf meinen alten Platz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei schob er den Schemel ans Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kleine Pause trat ein; alsbald aber begann er wieder: »Ich komme heut&#039;, um Abschied zu nehmen und Ihnen für alles Liebe und Gute zu danken, das ich hier so lange gehabt habe. Ja, Mutterchen, so recht von Herzen. Ich bin hier so gern gewesen und so glücklich. Aber nun muß ich fort, und alles, was ich noch sagen kann, ist bloß das: Es ist doch wohl das Beste so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte schwieg und nickte zustimmend. »Aber ich bin nicht aus der Welt«, fuhr Botho fort, »und ich werde Sie nicht vergessen, Mutterchen. Und nun geben Sie mir die Hand. So. Und nun gute Nacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hiernach stand er schnell auf und schritt auf die Tür zu, während Lene sich an ihn hing. So gingen sie bis an das Gartengitter, ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre. Dann aber sagte sie: »Nun kurz, Botho. Meine Kräfte reichen nicht mehr; es war doch zu viel, diese zwei Tage. Lebe wohl, mein Einziger, und sei so glücklich, wie du&#039;s verdienst, und so glücklich, wie du mich gemacht hast. Dann bist du glücklich. Und von dem andern rede nicht mehr, es ist der Rede nicht wert. So, so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie gab ihm einen Kuß und noch einen und schloß dann das Gitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er an der andern Seite der Straße stand, schien er, als er Lenens ansichtig wurde, noch einmal umkehren und Wort und Kuß mit ihr tauschen zu wollen. Aber sie wehrte heftig mit der Hand. Und so ging er denn weiter die Straße hinab, während sie, den Kopf auf den Arm und den Arm auf den Gitterpfosten gestützt, ihm mit großem Auge nachsah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So stand sie noch lange, bis sein Schritt in der nächtlichen Stille verhallt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 16 ==&lt;br /&gt;
Mitte September hatte die Verheiratung auf dem Sellenthinschen Gute Rothenmoor stattgefunden, Onkel Osten, sonst kein Redner, hatte das Brautpaar in dem zweifellos längsten Toaste seines Lebens leben lassen, und am Tage darauf hatte die Kreuzzeitung unter ihren sonstigen Familienanzeigen auch die folgende gebracht: »Ihre am gestrigen Tage stattgehabte eheliche Verbindung zeigen hierdurch ergebenst an Botho Freiherr von Rienäcker, Premierlieutenant im Kaiser-Kürassier-Regiment, Käthe Freifrau von Rienäcker, geb. von Sellenthin.« Die Kreuzzeitung war begreiflicherweise nicht das Blatt, das in die Dörrsche Gärtnerwohnung samt ihren Dependenzien kam, aber schon am andern Morgen traf ein an Fräulein Magdalene Nimptsch adressierter Brief ein, in dem nichts lag als der Zeitungsausschnitt mit der Vermählungsanzeige. Lene fuhr zusammen, sammelte sich aber rascher, als der Absender, aller Wahrscheinlichkeit nach eine neidische Kollegin, erwartet haben mochte. Daß es von solcher Seite her kam, war schon aus dem beigefügten »Hochwohlgeboren« zu schließen. Aber gerade dieser Extraschabernack, der den schmerzhaften Stich verdoppeln sollte, kam Lenen zustatten und verminderte das bittere Gefühl, das ihr diese Nachricht sonst wohl verursacht hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho und Käthe von Rienäcker waren noch am Hochzeitstage selbst nach Dresden hin aufgebrochen, nachdem beide der Verlockung einer neumärkischen Vetternreise glücklich widerstanden hatten. Und wahrlich, sie hatten nicht Ursache, ihre Wahl zu bereuen, am wenigsten Botho, der sich jeden Tag nicht nur zu dem Dresdener Aufenthalte, sondern vielmehr noch zu dem Besitze seiner jungen Frau beglückwünschte, die Capricen und üble Laune gar nicht zu kennen schien. Wirklich, sie lachte den ganzen Tag über, und so leuchtend und hellblond sie war, so war auch ihr Wesen. An allem ergötzte sie sich, und allem gewann sie die heitre Seite ab. In dem von ihnen bewohnten Hotel war ein Kellner mit einem Toupet, das einem eben umkippenden Wellenkamme glich, und dieser Kellner samt seiner Frisur war ihre tagtägliche Freude, so sehr, daß sie, wiewohl sonst ohne besonderen Esprit, sich in Bildern und Vergleichen gar nicht genug tun konnte. Botho freute sich mit und lachte herzlich, bis sich mit einem Male doch etwas von Bedenken und selbst von Unbehagen in sein Lachen einzumischen begann. Er nahm nämlich wahr, daß sie, was auch geschehen oder ihr zu Gesicht kommen mochte, lediglich am Kleinen und Komischen hing, und als beide nach etwa vierzehntägigem glücklichen Aufenthalt ihre Heimreise nach Berlin antraten, ereignete sich&#039;s, daß ein kurzes, gleich zu Beginn der Fahrt geführtes Gespräch ihm über diese Charakterseite seiner Frau volle Gewißheit gab. Sie hatten ein Kupee für sich, und als sie, von der Elbbrücke her, noch einmal zurückblickten, um nach Altstadt-Dresden und der Kuppel der Frauenkirche hinüberzugrüßen, sagte Botho, während er ihre Hand nahm: »Und nun sage mir, Käthe, was war eigentlich das Hübscheste hier in Dresden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Rate.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist schwer, denn du hast so deinen eignen Geschmack, und mit Kirchengesang und Holbeinscher Madonna darf ich dir gar nicht kommen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein. Da hast du recht. Und ich will meinen gestrengen Herrn auch nicht lange warten und sich quälen lassen. Es war dreierlei, was mich entzückte: voran die Konditorei am Altmarkt und der Scheffelgassen-Ecke mit den wundervollen Pastetchen und dem Likör. Da so zu sitzen...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Aber, Käthe, man konnte ja gar nicht sitzen, man konnte kaum stehn, und war eigentlich, als ob man sich jeden Bissen erobern müsse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das war es eben. Eben deshalb, mein Bester. Alles, was man sich erobern muß...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie wandte sich ab und spielte neckisch die Schmollende, bis er ihr einen herzlichen Kuß gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich sehe«, lachte sie, »du bist schließlich einverstanden, und zur Belohnung höre nun auch das zweite und dritte. Mein zweites war das Sommertheater draußen, wo wir ›Monsieur Herkules‹ sahn und Knaak den Tannhäusermarsch auf einem klapprigen alten Whisttisch trommelte. So was Komisches hab&#039; ich all mein Lebtag nicht gesehn und du wahrscheinlich auch nicht. Es war wirklich zu komisch... Und das dritte... Nun, das dritte, das war ›Bacchus auf dem Ziegenbock‹ im Grünen Gewölbe und der sich kratzende Hund, von Peter Vischer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich dachte mir so was, und wenn Onkel Osten davon hört, dann wird er dir recht geben und dich noch lieber haben als sonst und mir noch öfter wiederholen: ›Ich sage dir, Botho, die Käthe...‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Soll er&#039;s nicht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O gewiß soll er.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit brach auf Minuten hin ihr Gespräch ab, das in Bothos Seele, so zärtlich und liebevoll er zu der jungen Frau hinübersah, doch einigermaßen ängstlich nachklang. Die junge Frau selbst indes hatte keine Ahnung von dem, was in ihres Gatten Seele vorging, und sagte nur: »Ich bin müde, Botho. Die vielen Bilder. Es kommt doch nach... Aber«, der Zug hielt eben, »was ist denn das für ein Lärm und Getreibe da draußen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das ist ein Dresdener Vergnügungsort, ich glaube Kötzschenbroda.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kötzschenbroda? Zu komisch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während der Zug weiterdampfte, streckte sie sich aus und schloß anscheinend die Augen. Aber sie schlief nicht und sah zwischen den Wimpern hin nach dem geliebten Manne hinüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der damals noch einreihigen Landgrafenstraße hatte Käthes Mama mittlerweile die Wohnung eingerichtet, und als zu Beginn des Oktobers das junge Paar in Berlin wieder eintraf, war es entzückt von dem Komfort, den es vorfand. In den beiden Frontzimmern, die jedes einen Kamin hatten, war geheizt, aber Tür und Fenster standen auf, denn es war eine milde Herbstluft, und das Feuer brannte nur des Anblicks und des Luftzuges halber. Das Schönste aber war der große Balkon mit seinem weit herunterfallenden Zeltdach, unter dem hinweg man in gerader Richtung ins Freie sah, erst über das Birkenwäldchen und den Zoologischen Garten fort und dahinter bis an die Nordspitze des Grunewalds.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe freute sich, unter Händeklatschen, dieser prächtig freien Aussicht, umarmte die Mama, küßte Botho und wies dann plötzlich nach links hin, wo zwischen vereinzelten Pappeln und Weiden ein Schindelturm sichtbar wurde. »Sieh, Botho, wie komisch. Er ist ja wie dreimal eingeknickt. Und das Dorf daneben. Wie heißt es?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich glaube, Wilmersdorf«, stotterte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun gut, Wilmersdorf. Aber was heißt das: ›Ich glaube‹? Du wirst doch wissen, wie die Dörfer hier herum heißen. Sieh nur, Mama, macht er nicht ein Gesicht, als ob er uns ein Staatsgeheimnis verraten hätte? Nichts komischer als diese Männer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit verließ man den Balkon wieder, um in dem dahinter gelegenen Zimmer das erste Mittagsmahl en famille einzunehmen: nur die Mama, das junge Paar und Serge, der als einziger Gast geladen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäckers Wohnung lag keine tausend Schritt von dem Hause der Frau Nimptsch. Aber Lene wußte nichts davon und nahm ihren Weg oft durch die Landgrafenstraße, was sie vermieden haben würde, wenn sie von dieser Nachbarschaft auch nur eine Ahnung gehabt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch es konnt&#039; ihr nicht lange ein Geheimnis bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ging schon in die dritte Oktoberwoche, trotzdem war es noch wie im Sommer, und die Sonne schien so warm, daß man den schärferen Luftton kaum empfand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich muß heut&#039; in die Stadt, Mutter«, sagte Lene. »Goldstein hat mir geschrieben. Er will mit mir über ein Muster sprechen, das in die Wäsche der Waldeckschen Prinzessin eingestickt werden soll. Und wenn ich erst in der Stadt bin, will ich auch die Frau Demuth in der Alten Jakobstraße besuchen. Man kommt sonst ganz von aller Menschheit los. Aber um Mittag bin ich wieder hier. Ich werd&#039; es Frau Dörr sagen, daß sie nach dir sieht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß nur, Lene, laß nur. Ich bin am liebsten allein. Und die Dörr, sie red&#039;t so viel un immer von ihrem Mann. Und ich habe ja mein Feuer. Und wenn der Stieglitz piept, das is mir genug. Aber wenn du mir eine Tüte mitbringst, ich habe jetzt immer solch Kratzen, und Malzbonbon löst so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Schön, Mutter.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und damit hatte Lene die kleine stille Wohnung verlassen und war erst die Kurfürsten- und dann die lange Potsdamerstraße hinunter gegangen, auf den Spittelmarkt zu, wo die Gebrüder Goldstein ihr Geschäft hatten. Alles verlief nach Wunsch, und es war nahezu Mittag, als sie, heimkehrend, diesmal anstatt der Kurfürsten- lieber die Lützowstraße passierte. Die Sonne tat ihr wohl, und das Treiben auf dem Magdeburger Platze, wo gerade Wochenmarkt war und alles eben wieder zum Aufbruch rüstete, vergnügte sie so, daß sie stehen blieb und sich das bunte Durcheinander mit ansah. Sie war wie benommen davon und wurd&#039; erst aufgerüttelt, als die Feuerwehr mit ungeheurem Lärm an ihr vorbeirasselte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene horchte, bis das Gebimmel und Geklingel in der Ferne verhallt war, dann aber sah sie links hinunter nach der Turmuhr der Zwölf-Apostel-Kirche. »Gerade zwölf«, sagte sie. »Nun ist es Zeit, daß ich mich eile; sie wird immer unruhig, wenn ich später komme, als sie denkt.« Und so ging sie weiter die Lützowstraße hinunter auf den gleichnamigen Platz zu. Aber mit einem Male hielt sie und wußte nicht, wohin, denn auf ganz kurze Entfernung erkannte sie Botho, der, mit einer jungen, schönen Dame am Arm, grad auf sie zukam. Die junge Dame sprach lebhaft und anscheinend lauter heitre Dinge, denn Botho lachte beständig, während er zu ihr niederblickte. Diesem Umstand verdankte sie&#039;s auch, daß sie nicht schon lange bemerkt worden war, und rasch entschlossen, eine Begegnung mit ihm um jeden Preis zu vermeiden, wandte sie sich, vom Trottoir her, nach rechts hin und trat an das zunächst befindliche große Schaufenster heran, vor dem, mutmaßlich als Deckel für eine hier befindliche Kelleröffnung, eine viereckige geriffelte Eisenplatte lag. Das Schaufenster selbst war das eines gewöhnlichen Materialwarenladens, mit dem üblichen Aufbau von Stearinlichten und Mixed-Pickles-Flaschen, nichts Besonders, aber Lene starrte drauf hin, als ob sie dergleichen noch nie gesehen habe. Und wahrlich, Zeit war es, denn in eben diesem Augenblicke streifte das junge Paar hart an ihr vorüber, und kein Wort entging ihr von dem Gespräche, das zwischen beiden geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Käthe, nicht so laut«, sagte Botho, »die Leute sehen uns schon an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Laß sie...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie denken am Ende, wir zanken uns...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Unter Lachen? Zanken unter Lachen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sie lachte wieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene fühlte das Zittern der dünnen Eisenplatte, darauf sie stand. Ein waagerecht liegender Messingstab zog sich zum Schutze der großen Glasscheibe vor dem Schaufenster hin, und einen Augenblick war es ihr, als ob sie, wie zu Beistand und Hilfe, nach dem Messingstab greifen müsse, sie hielt sich aber aufrecht, und erst als sie sicher sein durfte, daß beide weit genug fort waren, wandte sie sich wieder, um ihren Weg fortzusetzen. Sie tappte sich vorsichtig an den Häusern hin, und eine kurze Strecke ging es. Aber bald war ihr doch, als ob ihr die Sinne schwänden, und kaum, daß sie die nächste nach dem Kanal hin abzweigende Querstraße erreicht hatte, so bog sie hier ein und trat in einen Vorgarten, dessen Gittertür offen stand. Nur mit Mühe noch schleppte sie sich bis an eine kleine zu Veranda und Hochparterre hinaufführende Freitreppe, wenige Stufen, und setzte sich, einer Ohnmacht nah, auf eine derselben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wieder erwachte, sah sie, daß ein halbwachsenes Mädchen, ein Grabscheit in der Hand, mit dem sie kleine Beete gegraben hatte, neben ihr stand und sie teilnahmvoll anblickte, während, von der Verandabrüstung aus, eine alte Kindermuhme sie mit kaum geringerer Neugier musterte. Niemand war augenscheinlich zu Haus als das Kind und die Dienerin, und Lene dankte beiden und erhob sich und schritt wieder auf die Pforte zu. Das halbwachsene Mädchen aber sah ihr traurig verwundert nach, und es war fast, wie wenn in dem Kinderherzen eine erste Vorstellung von dem Leid des Lebens gedämmert hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war inzwischen, den Fahrdamm passierend, bis an den Kanal gekommen und ging jetzt unten an der Böschung entlang, wo sie sicher sein durfte, niemandem zu begegnen. Von den Kähnen her blaffte dann und wann ein Spitz, und ein dünner Rauch, weil Mittag war, stieg aus den kleinen Kajütenschornsteinen auf. Aber sie sah und hörte nichts oder war wenigstens ohne Bewußtsein dessen, was um sie her vorging, und erst als jenseits des Zoologischen die Häuser am Kanal hin aufhörten und die große Schleuse mit ihrem drüber wegschäumenden Wasser sichtbar wurde, blieb sie stehn und rang nach Luft. »Ach, wer weinen könnte.« Und sie drückte die Hand gegen Brust und Herz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Hause traf sie die Mutter an ihrem alten Platz und setzte sich ihr gegenüber, ohne daß ein Wort oder Blick zwischen ihnen gewechselt worden wäre. Mit einem Mal aber sah die Alte, deren Auge bis dahin immer in derselben Richtung gegangen war, von ihrem Herdfeuer auf und erschrak, als sie der Veränderung in Lenens Gesicht gewahr wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene, Kind, was hast du? Lene, wie siehst du nur aus?« Und so schwer beweglich sie sonsten war, heute machte sie sich im Umsehn von ihrer Fußbank los und suchte nach dem Krug, um die noch immer wie halbtot Dasitzende mit Wasser zu besprengen. Aber der Krug war leer, und so humpelte sie nach dem Flur und vom Flur nach Hof und Garten hinaus, um die gute Frau Dörr zu rufen, die gerade Goldlack und Jelängerjelieber abschnitt, um Marktsträuße daraus zu binden. Ihr Alter aber stand neben ihr und sagte: »Nimm nich wieder zu viel Strippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr, als sie das jämmerliche Rufen der alten Frau von fernher hörte, verfärbte sich und antwortete mit lauter Stimme: »Komme schon, Mutter Nimptsch, komme schon«, und alles wegwerfend, was sie von Blumen und Bast in der Hand hatte, lief sie gleich auf das kleine Vorderhaus zu, weil sie sich sagte, daß da was los sein müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig, dacht&#039; ich&#039;s doch... Leneken.« Und dabei rüttelte und schüttelte sie die nach wie vor leblos Dasitzende, während die Alte langsam nachkam und über den Flur hinschlurrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen sie zu Bett bringen«, rief Frau Dörr, und die Nimptsch wollte selber mit anfassen. Aber so war das »wir« der stattlichen Frau Dörr nicht gemeint gewesen. »Ich mache so was allein, Mutter Nimptsch«, und Lenen in ihre Arme nehmend, trug sie sie nebenan in die Kammer und deckte sie hier zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So, Mutter Nimptsch. Nu &#039;ne heiße Stürze. Das kenn&#039; ich, das kommt von&#039;s Blut. Erst &#039;ne Stürze un denn &#039;n Ziegelstein an die Fußsohlen; aber grad untern Spann, da sitzt das Leben... Wovon is es denn eigentlich? Is gewiß &#039;ne Altration.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Weiß nich. Sie hat nichts gesagt. Aber ich denke mir, daß sie&#039;n vielleicht gesehn hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Richtig. Das is es. Das kenn&#039; ich... Aber nu die Fenster zu un runter mit&#039;s Rollo... Manche sind für Kampfer und Hoffmannstropfen, aber Kampfer schwächt so und is eigentlich bloß für Motten. Nein, liebe Nimptschen, was &#039;ne Natur is un noch dazu solche junge, die muß sich immer selber helfen, un darum bin ich für schwitzen. Aber or&#039;ntlich. Un wovon kommt es? Von die Männer kommt es. Un doch hat man sie nötig un braucht sie... Na, sie kriegt ja schon wieder Farbe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woll&#039;n wir nich lieber nach&#039;n Doktor schicken?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»I, Jott bewahre. Die kutschieren jetzt rum, un eh einer kommt, is sie schon dreimal dod und lebendig.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 17 ==&lt;br /&gt;
Drittehalb Jahre waren seit jener Begegnung vergangen, während welcher Zeit sich manches in unserem Bekannten- und Freundeskreise verändert hatte, nur nicht in dem in der Landgrafenstraße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier herrschte dieselbe gute Laune weiter, der Frohmut der Flitterwochen war geblieben, und Käthe lachte nach wie vor. Was andere junge Frauen vielleicht betrübt hätte: daß das Paar einfach ein Paar blieb, wurde von Käthe keinen Augenblick schmerzlich empfunden. Sie lebte so gern und fand an Putz und Plaudern, an Reiten und Fahren ein so volles Genüge, daß sie vor einer Veränderung ihrer Häuslichkeit eher erschrak, als sie herbeiwünschte. Der Sinn für Familie, geschweige die Sehnsucht danach, war ihr noch nicht aufgegangen, und als die Mama brieflich eine Bemerkung über diese Dinge machte, schrieb Käthe ziemlich ketzerisch zurück: »Sorge Dich nicht, Mama. Bothos Bruder hat sich ja nun ebenfalls verlobt, in einem halben Jahr ist Hochzeit, und ich überlass&#039; es gern meiner zukünftigen Schwägerin, sich die Fortdauer des Hauses Rienäcker angelegen sein zu lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah es anders an, aber auch sein Glück wurde durch das, was fehlte, nicht sonderlich getrübt, und wenn ihn trotzdem von Zeit zu Zeit eine Mißstimmung anwandelte, so war es, wie schon damals auf seiner Dresdener Hochzeitsreise, vorwiegend darüber, daß mit Käthe wohl ein leidlich vernünftiges, aber durchaus kein ernstes Wort zu reden war. Sie war unterhaltlich und konnte sich mitunter bis zu glücklichen Einfällen steigern, aber auch das Beste, was sie sagte, war oberflächlich und »spielrig«, als ob sie der Fähigkeit entbehrt hätte, zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Und was das Schlimmste war, sie betrachtete das alles als einen Vorzug, wußte sich was damit und dachte nicht daran, es abzulegen. »Aber, Käthe, Käthe«, rief Botho dann wohl und ließ in diesem Zuruf etwas von Mißbilligung mit durchklingen, ihr glückliches Naturell aber wußt&#039; ihn immer wieder zu entwaffnen, ja, so sehr, daß er sich mit dem Anspruch, den er erhob, fast pedantisch vorkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene mit ihrer Einfachheit, Wahrheit und Unredensartlichkeit stand ihm öfters vor der Seele, schwand aber ebenso rasch wieder hin, und nur wenn Zufälligkeiten einen ganz bestimmten Vorfall in aller Lebendigkeit wieder in ihm wachriefen, kam ihm mit dieser größeren Lebendigkeit des Bildes auch wohl ein stärkeres Gefühl und mitunter selbst eine Verlegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine solche Zufälligkeit ereignete sich gleich im ersten Sommer, als das junge Paar, von einem Diner bei Graf Alten zurückgekehrt, auf dem Balkon saß und seinen Tee nahm. Käthe lag zurückgelehnt in ihrem Stuhl und ließ sich aus der Zeitung einen mit Zahlenangaben reichgespickten Artikel über Pfarr- und Stolgebühren vorlesen. Eigentlich verstand sie wenig davon, um so weniger, als die vielen Zahlen sie störten, aber sie hörte doch ziemlich aufmerksam zu, weil alle märkischen Frölens ihre halbe Jugend »bei Predigers« zubringen und so den Pfarrhausinteressen ihre Teilnahme bewahren. So war es auch heut&#039;. Endlich brach der Abend herein, und im selben Augenblicke, wo&#039;s dunkelte, begann drüben im »Zoologischen« das Konzert, und ein entzückender Straußscher Walzer klang herüber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Höre nur, Botho«, sagte Käthe, sich aufrichtend, während sie voll Übermut hinzusetzte: »Komm, laß uns tanzen.« Und ohne seine Zustimmung abzuwarten, zog sie ihn aus seinem Stuhl in die Höh&#039; und walzte mit ihm in das große Balkonzimmer hinein und in diesem noch ein paarmal herum. Dann gab sie ihm einen Kuß und sagte, während sie sich an ihn schmiegte: »Weißt du, Botho, so wundervoll hab&#039; ich noch nie getanzt, auch nicht auf meinem ersten Ball, den ich noch bei der Zülow mitmachte, ja, daß ich&#039;s nur gestehe, noch eh ich eingesegnet war. Onkel Osten nahm mich auf seine Verantwortung mit, und die Mama weiß es bis diesen Tag nicht. Aber selbst da war es nicht so schön wie heut&#039;. Und doch ist verbotene Frucht die schönste. Nicht wahr? Aber du sagst ja nichts, du bist ja verlegen, Botho. Sieh, so ertapp&#039; ich dich mal wieder.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er wollte, so gut es ging, etwas sagen, aber sie ließ ihn nicht dazu kommen. »Ich glaube wirklich, Botho, meine Schwester Ine hat es dir angetan, und du darfst mich nicht damit trösten wollen, sie sei noch ein halber Backfisch oder nicht weit darüber hinaus. Das sind immer die gefährlichsten. Ist es nicht so? Nun, ich will nichts gesehen haben, und ich gönn&#039; es ihr und dir. Aber auf alte, ganz alte Geschichten bin ich eifersüchtig, viel, viel eifersüchtiger als auf neue.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sonderbar«, sagte Botho und versuchte zu lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und doch am Ende nicht so sonderbar, wie&#039;s aussieht«, fuhr Käthe fort. »Sieh, neue Geschichten hat man doch immer halb unter Augen, und es muß schon schlimm kommen und ein wirklicher Meisterverräter sein, wenn man gar nichts merken und so reinweg betrogen werden soll. Aber alte Geschichten, da hört alle Kontrolle auf, da kann es tausend und drei geben, und man weiß es kaum.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was man nicht weiß...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Kann einen &#039;&#039;doch&#039;&#039; heiß machen. Aber lassen wir&#039;s und lies mir lieber weiter aus deiner Zeitung vor. Ich habe beständig an unsere Kluckhuhns denken müssen, und die gute Frau versteht es nicht. Und der Älteste soll jetzt gerade studieren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Geschichten ereigneten sich häufiger und beschworen in Bothos Seele mit den alten Zeiten auch Lenens Bild herauf, aber sie selbst sah er nicht, was ihm auffiel, weil er ja wußte, daß sie halbe Nachbarn waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fiel ihm auf und wär&#039; ihm doch leicht erklärlich gewesen, wenn er rechtzeitig in Erfahrung gebracht hätte, daß Frau Nimptsch und Lene gar nicht mehr an alter Stelle zu finden seien. Und doch war es so. Von dem Tag an, wo Lene dem jungen Paar in der Lützowstraße begegnet war, hatte sie der Alten erklärt, in der Dörrschen Wohnung nicht mehr bleiben zu können, und als Mutter Nimptsch, die sonst nie widersprach, den Kopf geschüttelt und geweimert und in einem fort auf den Herd hingewiesen hatte, hatte Lene gesagt: »Mutter, du kennst mich doch! Ich werde dir doch deinen Herd und dein Feuer nicht nehmen; du sollst alles wieder haben; ich habe das Geld dazu gespart, und wenn ich&#039;s nicht hätte, so wollt&#039; ich arbeiten, bis es beisammen wär&#039;. Aber hier müssen wir fort. Ich muß jeden Tag da vorbei, das halt&#039; ich nicht aus, Mutter. Ich gönn&#039; ihm sein Glück, ja mehr noch, ich freue mich, daß er&#039;s hat. Gott ist mein Zeuge, denn er war ein guter, lieber Mensch und hat mir zuliebe gelebt und kein Hochmut und keine Haberei. Und daß ich&#039;s rundheraus sage, trotzdem ich die feinen Herren nicht leiden kann, ein richtiger Edelmann, so recht einer, der das Herz auf dem rechten Flecke hat. Ja, mein einziger Botho, du sollst glücklich sein, so glücklich, wie du&#039;s verdienst. Aber ich kann es nicht sehn, Mutter, ich muß weg hier, denn sowie ich zehn Schritte gehe, denk&#039; ich, er steht vor mir. Und da bin ich in einem ewigen Zittern. Nein, nein, das geht nicht. Aber deine Herdstelle sollst du haben. Das verspreche ich dir, ich, deine Lene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesem Gespräche war seitens der Alten aller Widerstand aufgegeben worden, und auch Frau Dörr hatte gesagt: »Versteht sich, ihr müßt ausziehen. Und dem alten Geizkragen, dem Dörr, dem gönn&#039; ich&#039;s. Immer hat er mir was vorgebrummt, daß ihr zu billig einsäßt und daß nich die Steuer un die Repratur dabei rauskäme. Nu mag er sich freuen, wenn ihm alles leersteht. Und so wird&#039;s kommen. Denn wer zieht denn in solchen Puppenkasten, wo jeder Kater ins Fenster kuckt, un kein Gas nich un keine Wasserleitung. I, versteht sich; ihr habt ja vierteljährliche Kündigung, und Ostern könnt ihr raus, da helfen ihm keine Sperenzchen. Und ich freue mich ordentlich; ja, Lene, so schlecht bin ich. Aber ich muß auch gleich für meine Schadenfreude bezahlen. Denn wenn du weg bist, Kind, und die gute Frau Nimptsch mit ihrem Feuer und ihrem Teekessel und immer kochend Wasser, ja, Lene, was hab&#039; ich denn noch? Doch bloß &#039;&#039;ihn&#039;&#039; un Sultan und den dummen Jungen, der immer dummer wird. Un sonst keinen Menschen nich. Un wenn&#039;s denn kalt wird und Schnee fällt, is es mitunter zum Kattolschwerden vor lauter Stillsitzen und Einsamkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren so die ersten Verhandlungen gewesen, als der Umzugsplan in Lene feststand, und als Ostern herankam, war wirklich ein Möbelwagen vorgefahren, um aufzuladen, was an Habseligkeiten da war. Der alte Dörr hatte sich bis zuletzt überraschend gut benommen, und nach erfolgtem feierlichen Abschiede war Frau Nimptsch in eine Droschke gepackt und mit ihrem Eichkätzchen und Stieglitz bis an das Luisenufer gefahren worden, wo Lene, drei Treppen hoch, eine kleine Prachtwohnung gemietet und nicht nur ein paar neue Möbeln angeschafft, sondern, in Erinnerung an ihr Versprechen, vor allem auch für einen an den großen Vorderzimmerofen angebauten Kamin gesorgt hatte. Seitens des Wirts waren anfänglich allerlei Schwierigkeiten gemacht worden, weil solch Vorbau den Ofen ruiniere. Lene hatte jedoch unter Angabe der Gründe darauf bestanden, was dem Wirt, einem alten braven Tischlermeister, dem so was gefiel, einen großen Eindruck gemacht und ihn zum Nachgeben bestimmt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide wohnten nun ziemlich ebenso, wie sie vordem im Dörrschen Gartenhause gewohnt hatten, nur mit dem Unterschiede, daß sie jetzt drei Treppen hoch saßen und statt auf die phantastischen Türme des Elefantenhauses auf die hübsche Kuppel der Michaelskirche sahen. Ja, der Blick, dessen sie sich erfreuten, war entzückend und so schön und frei, daß er selbst auf die Lebensgewohnheiten der alten Nimptsch einen Einfluß gewann und sie bestimmte, nicht mehr bloß auf der Fußbank am Feuer, sondern, wenn die Sonne schien, auch am offenen Fenster zu sitzen, wo Lene für einen Tritt gesorgt hatte. Das alles tat der alten Frau Nimptsch ungemein wohl und half ihr auch gesundheitlich auf, so daß sie, seit dem Wohnungswechsel, weniger an Reißen litt als draußen in dem Dörrschen Gartenhause, das, so poetisch es lag, nicht viel besser als ein Keller gewesen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im übrigen verging keine Woche, wo nicht, trotz des endlos weiten Weges, Frau Dörr vom »Zoologischen« her am Luisenufer erschienen wäre, bloß »um zu sehen, wie&#039;s stehe«. Sie sprach dann, nach Art aller Berliner Ehefrauen, ausschließlich von ihrem Manne, dabei regelmäßig einen Ton anschlagend, als ob die Verheiratung mit ihm eine der schwersten Mesalliancen und eigentlich etwas halb Unerklärliches gewesen wäre. In Wahrheit aber stand es so, daß sie sich nicht nur äußerst behaglich und zufrieden fühlte, sondern sich auch freute, daß Dörr gerade so war, wie er war. Denn sie hatte nur Vorteile davon, einmal den, beständig reicher zu werden, und nebenher den zweiten, ihr ebenso wichtigen, ohne jede Gefahr vor Änderung und Vermögenseinbuße sich unausgesetzt über den alten Geizkragen erheben und ihm Vorhaltungen über seine niedrige Gesinnung machen zu können. Ja, Dörr war das Hauptthema bei diesen Gesprächen, und Lene, wenn sie nicht bei Goldsteins oder sonstwo in der Stadt war, lachte jedesmal herzlich mit, und um so herzlicher, als sie sich, ebenso wie die Nimptsch, seit dem Umzuge sichtlich erholt hatte. Das Einrichten, Anschaffen und Instandsetzen hatte sie, wie sich denken läßt, von Anfang an von ihren Betrachtungen abgezogen, und was noch wichtiger und für ihre Gesundheit und Erholung erst recht von Vorteil gewesen war, war das, daß sie nun keine Furcht mehr vor einer Begegnung mit Botho zu haben brauchte. Wer kam nach dem Luisenufer? Botho gewiß nicht. All das vereinigte sich, sie vergleichsweise wieder frisch und munter erscheinen zu lassen, und nur eines war geblieben, das auch äußerlich an zurückliegende Kämpfe gemahnte: Mitten durch ihr Scheitelhaar zog sich eine weiße Strähne. Mutter Nimptsch hatte kein Auge dafür oder machte nicht viel davon, die Dörr aber, die nach ihrer Art mit der Mode ging und vor allem ungemein stolz auf ihren echten Zopf war, sah die weiße Strähne gleich und sagte zu Lene: »Jott, Lene. Un grade links. Aber natürlich... da sitzt es ja... links muß es ja sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war bald nach dem Umzuge, daß dies Gespräch geführt wurde. Sonst geschah im allgemeinen weder Bothos noch der alten Zeiten Erwähnung, was einfach darin seinen Grund hatte, daß Lene, wenn die Plauderei speziell &#039;&#039;diesem&#039;&#039; Thema sich zuwandte, jedesmal rasch abbrach oder auch wohl aus dem Zimmer ging. Das hatte sich die Dörr, als es Mal auf Mal wiederkehrte, gemerkt, und so schwieg sie denn über Dinge, von denen man ganz ersichtlich weder reden noch hören wollte. So ging es ein Jahr lang, und als das Jahr um war, war noch ein anderer Grund da, der es nicht rätlich erscheinen ließ, auf die alten Geschichten zurückzukommen. Nebenan nämlich war, Wand an Wand mit der Nimptsch, ein Mieter eingezogen, der, von Anfang an auf gute Nachbarschaft haltend, bald noch mehr als ein guter Nachbar zu werden versprach. Er kam jeden Abend und plauderte, so daß es mitunter an die Zeiten erinnerte, wo Dörr auf seinem Schemel gesessen und seine Pfeife geraucht hatte, nur daß der neue Nachbar in vielen Stücken doch anders war: ein ordentlicher und gebildeter Mann, von nicht gerade feinen, aber sehr anständigen Manieren, dabei guter Unterhalter, der, wenn Lene mit zugegen war, von allerlei städtischen Angelegenheiten, von Schulen, Gasanstalten und Kanalisation und mitunter auch von seinen Reisen zu sprechen wußte. Traf es sich, daß er mit der Alten allein war, so verdroß ihn auch das nicht, und er spielte dann Tod und Leben mit ihr oder Dambrett oder half ihr auch wohl eine Patience legen, trotzdem er eigentlich alle Karten verabscheute. Denn er war ein Konventikler und hatte, nachdem er erst bei den Mennoniten und dann später bei den Irvingianern eine Rolle gespielt hatte, neuerdings eine selbständige Sekte gestiftet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sich denken läßt, erregte dies alles die höchste Neugier der Frau Dörr, die denn auch nicht müde wurde, Fragen zu stellen und Anspielungen zu machen, aber immer nur, wenn Lene wirtschaftlich zu tun oder in der Stadt allerlei Besorgungen hatte. »Sagen Sie, liebe Frau Nimptsch, was is er denn eigentlich? Ich habe nachgeschlagen, aber er steht noch nich drin; Dörr hat bloß immer den vorjährigen. Franke heißt er?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Franke.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Franke. Da war mal einer in der Ohmgasse, Großböttchermeister, und hatte bloß ein Auge; das heißt, das andre war auch noch da, man bloß ganz weiß und sah eigentlich aus wie &#039;ne Fischblase. Un wovon war es? Ein Reifen, als er ihn umlegen wollte, war abgesprungen und mit der Spitze grad ins Auge. Davon war es. Ob er von da herstammt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nein, Frau Dörr, er is gar nich von hier. Er is aus Bremen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach so. Na denn is es ja ganz natürlich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch nickte zustimmend, ohne sich über diese Natürlichkeitsversicherung weiter aufklären zu lassen, und fuhr ihrerseits fort: »Un von Bremen bis Amerika dauert bloß vierzehn Tage. Da ging er hin. Un er war so was wie Klempner oder Schlosser oder Maschinenarbeiter, aber als er sah, daß es nich ging, wurd&#039; er Doktor und zog rum mit lauter kleine Flaschen und soll auch gepredigt haben. Un weil er so gut predigte, wurd&#039; er angestellt bei... Ja, nun hab&#039; ich es wieder vergessen. Aber es sollen lauter sehr fromme Leute sein und auch sehr anständige.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Herr du meine Güte«, sagte Frau Dörr. »Er wird doch nich... Jott, wie heißen sie doch, die so viele Frauen haben, immer gleich sechs oder sieben und manche noch mehre... Ich weiß nich, was sie mit so viele machen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Thema, wie geschaffen für Frau Dörr. Aber die Nimptsch beruhigte die Freundin und sagte: »Nein, liebe Dörr, es is doch anders. Ich hab&#039; erst auch so was gedacht, aber da hat er gelacht und gesagt: ›I bewahre, Frau Nimptsch. Ich bin Junggesell. Und wenn ich mich verheirate, da denk&#039; ich mir, eine ist grade genug.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Na, da fällt mir ein Stein vom Herzen«, sagte die Dörr. »Und wie kam es denn nachher? Ich meine, drüben in Amerika.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu, nachher kam es ganz gut und dauerte gar nich lange, so war ihm geholfen. Denn was die Frommen sind, die helfen sich immer untereinander. Und hatte wieder Kundschaft gekriegt und auch sein altes Metier wieder. Und das hat er noch und is in einer großen Fabrik hier in der Köpnicker Straße, wo sie kleine Röhren machen und Brenner und Hähne und alles, was sie für den Gas brauchen. Und er ist da der Oberste, so wie Zimmer- oder Mauerpolier, un hat wohl hundert unter sich. Un is ein sehr reputierlicher Mann mit Zylinder un schwarze Handschuh. Un hat auch ein gutes Gehalt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un Lene?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nu, Lene, die nähm&#039; ihn schon. Und warum auch nich? Aber sie kann ja den Mund nich halten, und wenn er kommt und ihr was sagt, dann wird sie ihm alles erzählen, all die alten Geschichten, erst die mit Kuhlwein (un is doch nu schon so lang, als wär&#039;s eigentlich gar nich gewesen), und denn die mit dem Baron. Und Franke, müssen Sie wissen, ist ein feiner un anständiger Mann, un eigentlich schon ein Herr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir müssen es ihr ausreden. Er braucht ja nich alles zu wissen; wozu denn? Wir wissen ja auch nich alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Woll, woll. Aber die Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 18 ==&lt;br /&gt;
Nun war Juni 78. Frau von Rienäcker und Frau von Sellenthin waren den Mai über auf Besuch bei dem jungen Paare gewesen, und Mutter und Schwiegermutter, die sich mit jedem Tage mehr einredeten, ihre Käthe blasser, mutloser und matter als sonst vorgefunden zu haben, hatten, wie sich denken läßt, nicht aufgehört, auf einen Spezialarzt zu dringen, mit dessen Hilfe, nach beiläufig sehr kostspieligen gynäkologischen Untersuchungen, eine vierwöchentliche Schlangenbader Kur als vorläufig unerläßlich festgesetzt worden war. Schwalbach könne dann folgen. Käthe hatte gelacht und nichts davon wissen wollen, am wenigsten von Schlangenbad, es sei so was Unheimliches in dem Namen und sie fühle schon die Viper an der Brust, aber schließlich hatte sie nachgegeben und in den nun beginnenden Reisevorbereitungen eine Befriedigung gefunden, die größer war als die, die sie sich von der Kur versprach. Sie fuhr täglich in die Stadt, um Einkäufe zu machen, und wurde nicht müde zu versichern, wie sie jetzt erst das so hoch in Gunst und Geltung stehende »shopping« der englischen Damen begreifen lerne: So von Laden zu Laden zu wandern und immer hübsche Sachen und höfliche Menschen zu finden, das sei doch wirklich ein Vergnügen und lehrreich dazu, weil man so vieles sehe, was man gar nicht kenne, ja, wovon man bis dahin nicht einmal den Namen gehört hätte. Botho nahm in der Regel an diesen Gängen und Ausfahrten teil, und ehe die letzte Juniwoche heran war, war die halbe Rienäckersche Wohnung in eine kleine Ausstellung von Reiseeffekten umgewandelt: Ein Riesenkoffer mit Messingbeschlag, den Botho, nicht ganz mit Unrecht, den Sarg seines Vermögens nannte, leitete den Reigen ein, dann kamen zwei kleinere von Juchtenleder, samt Taschen, Decken und Kissen, und über das Sofa hin ausgebreitet lag die Reisegarderobe mit einem Staubmantel obenan und einem Paar wundervoller dicksohliger Schnürstiefel, als ob es sich um irgendeine Gletscherpartie gehandelt hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den 24. Juni, Johannistag, sollte die Reise beginnen, aber am Tage vorher wollte Käthe den cercle intime noch einmal um sich versammeln, und so waren denn Wedell und ein junger Osten und selbstverständlich auch Pitt und Serge zu verhältnismäßig früher Stunde geladen worden. Dazu Käthes besonderer Liebling Balafré, der, bei Mars-la-Tour, damals noch als »Halberstädter«, die große Attacke mitgeritten und wegen eines wahren Prachthiebes schräg über Stirn und Backe seinen Beinamen erhalten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe saß zwischen Wedell und Balafré und sah nicht aus, als ob sie Schlangenbads oder irgendeiner Badekur der Welt besonders bedürftig sei, sie hatte Farbe, lachte, tat hundert Fragen und begnügte sich, wenn der Gefragte zu sprechen anhob, mit einem Minimum von Antwort. Eigentlich führte sie das Wort, und keiner nahm Anstoß daran, weil sie die Kunst des gefälligen Nichtssagens mit einer wahren Meisterschaft übte. Balafré fragte, wie sie sich ihr Leben in den Kurtagen denke? Schlangenbad sei nicht bloß wegen seiner Heilwunder, sondern viel, viel mehr noch wegen seiner Langeweile berühmt, und vier Wochen Badelangeweile seien selbst unter den günstigsten Kurverhältnissen etwas viel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»O lieber Balafré«, sagte Käthe, »Sie dürfen mich nicht ängstigen und würden es auch nicht, wenn Sie wüßten, wieviel Botho für mich getan hat. Er hat mir nämlich acht Bände Novellen als freilich unterste Schicht in den Koffer gelegt, und damit sich meine Phantasie nicht kurwidrig erhitze, hat er gleich noch ein Buch über künstliche Fischzucht mit zugetan.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Balafré lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Sie lachen, lieber Freund, und wissen doch erst die kleinere Hälfte, die Haupthälfte (Botho tut nämlich nichts ohne Grund und Ursache) ist seine Motivierung. Es war natürlich bloß Scherz, was ich da vorhin von meiner mit Hilfe der Fischzuchtsbroschüre nicht zu schädigenden Phantasie sagte, das Ernste von der Sache lief darauf hinaus, ich &#039;&#039;müsse&#039;&#039; dergleichen, die Broschüre nämlich, endlich lesen, und zwar aus Lokalpatriotismus, denn die Neumark, unsere gemeinsame glückliche Heimat, sei seit Jahr und Tag schon die Brut- und Geburtsstätte der künstlichen Fischzucht, und wenn ich von diesem nationalökonomisch so wichtigen neuen Ernährungsfaktor nichts wüßte, so dürft&#039; ich mich jenseits der Oder im Landsberger Kreise gar nicht mehr sehen lassen, am allerwenigsten aber in Berneuchen, bei meinem Vetter Borne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho wollte das Wort nehmen, aber sie schnitt es ihm ab und fuhr fort: »Ich weiß, was du sagen willst und daß es wenigstens mit den acht Novellen nur so für alle Fälle sei. Gewiß, gewiß, du bist immer so schrecklich vorsichtig. Aber ich denke, ›alle Fälle‹ sollen gar nicht kommen. Ich hatte nämlich gestern noch einen Brief von meiner Schwester Ine, die mir schrieb, Anna Grävenitz sei seit acht Tagen auch da. Sie kennen sie ja, Wedell, eine geborene Rohr, charmante Blondine, mit der ich bei der alten Zülow in Pension und sogar in derselben Klasse war. Und ich entsinne mich noch, wie wir unsern vergötterten Felix Bachmann gemeinschaftlich anschwärmten und sogar Verse machten, bis die gute alte Zülow sagte, sie verbäte sich solchen Unsinn. Und Elly Winterfeld, wie mir Ine schreibt, käme wahrscheinlich auch. Und nun sag&#039; ich mir, in Gesellschaft von zwei reizenden jungen Frauen – und ich als dritte, wenn auch mit den beiden andern gar nicht zu vergleichen –, in so guter Gesellschaft, sag&#039; ich, muß man doch am Ende leben können. Nicht wahr, lieber Balafré?« Dieser verneigte sich unter einem grotesken Mienenspiel, das in allem, nur nicht hinsichtlich eines von ihr selbst versicherten Zurückstehens gegen irgendwen sonst in der Welt, seine Zustimmung ausdrücken sollte, nahm aber nichtsdestoweniger sein ursprüngliches Examen wieder auf und sagte: »Wenn ich Details hören könnte, meine Gnädigste! Das einzelne, sozusagen die Minute, bestimmt unser Glück und Unglück. Und der Tag hat der Minuten so viele.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun, ich denk&#039; es mir so. Jeden Morgen Briefe. Dann Promenadenkonzert und Spaziergang mit den zwei Damen, am liebsten in einer verschwiegenen Allee. Da setzen wir uns dann und lesen uns die Briefe vor, die wir doch hoffentlich erhalten werden, und lachen, wenn er zärtlich schreibt, und sagen ›ja, ja‹. Und dann kommt das Bad und nach dem Bade die Toilette, natürlich mit Sorglichkeit und Liebe, was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher sein kann als in Berlin. Eher das Gegenteil. Und dann gehen wir zu Tisch und haben einen alten General zur Rechten und einen reichen Industriellen zur Linken, und für Industrielle hab&#039; ich von Jugend an eine Passion gehabt. Eine Passion, deren ich mich nicht schäme. Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder unterseeische Telegraphen gelegt oder einen Tunnel gebohrt oder eine Klettereisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht verachte, sind sie reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien, so daß einem die Schatten und Lichter immer auf der Zeitung umhertanzen. Und dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüberverirrt und reiten neben dem Wagen her, und das muß ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem militärischen Standpunkt aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, daß man die Gardedragoner verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch unbegreiflicher ist es mir, daß man sie drüben läßt. So was Apartes gehört in die Hauptstadt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho, den das enorme Sprechtalent seiner Frau zu genieren anfing, suchte durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber seine Gäste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je über die »reizende kleine Frau«, und Balafré, der in Käthebewunderung obenan stand, sagte: »Rienäcker, wenn Sie noch ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will? Was er nur krittelt? Ich weiß es nicht. Und am Ende muß ich gar glauben, daß er sich in seiner Schwerenkavallerie-Ehre gekränkt fühlt und, Pardon wegen der Wortspielerei, lediglich um seines Harnischs willen in Harnisch gerät. Rienäcker, ich beschwöre Sie! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir jede Laune Befehl, und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte, nun, so würd&#039; ich schlankweg Husar, und damit basta. So viel aber weiß ich gewiß und möchte Leben und Ehre darauf verwerten, wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören könnte, so hätten die Gardehusaren drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen morgen schon in Marschquartier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs Brandenburger Tor hier ein. O dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gnädigste? Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt? Vor der Zeit und jedenfalls mir zum Tort.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, daß sie, trotz Ine, die nun freilich rettungslos für ihn verloren sei, alles tun wolle, was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, daß er, als ein unverbesserlicher Junggeselle, nur bloß so rede. Gleich danach aber ließ sie die Neckerei mit Balafré fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am eingehendsten das Thema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie hoffe, wie sie nur wiederholen könne, jeden Tag einen Brief zu empfangen, das sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten, werd&#039; es aber ihrerseits an sich kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen geben. Dieser Vorschlag fand Beifall, sogar bei Rienäcker, und wurde nur schließlich dahin abgeändert, daß sie zwar auf jeder Hauptstation bis Köln hin, über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre Karten aber, so viel oder so wenig ihrer sein möchten, in ein gemeinschaftliches Kuvert stecken solle. Das habe dann den Vorzug, daß sie sich ohne Furcht vor Postexpedienten und Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit aussprechen könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Diner nahm man draußen auf dem Balkon den Kaffee, bei welcher Gelegenheit sich Käthe, nachdem sie sich eine Weile gesträubt, in ihrem Reisekostüm, in Rembrandthut und Staubmantel samt umgehängter Reisetasche, präsentierte. Sie sah reizend aus. Balafré war entzückter denn je und bat sie, nicht allzu sehr überrascht sein zu wollen, wenn sie ihn am andern Morgen, ängstlich in eine Kupee-Ecke gedrückt, als Reisekavalier vorfinden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Vorausgesetzt, daß er Urlaub kriegt«, lachte Pitt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oder desertiert«, setzte Serge hinzu, »was den Huldigungsakt freilich erst vollkommen machen würde.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ging die Plauderei noch eine Weile. Dann verabschiedete man sich bei den liebenswürdigen Wirten und kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, und während Balafré samt Wedell und Osten am Kanal hin weiterschlenderten, gingen Pitt und Serge, die noch zu Kroll wollten, auf den Tiergarten zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Reizendes Geschöpf, diese Käthe«, sagte Serge. »Rienäcker wirkt etwas prosaisch daneben, und mitunter sieht er so sauertöpfisch und neunmalweise drein, als ob er die kleine Frau, die bei Lichte besehn eigentlich klüger ist als er, vor aller Welt entschuldigen müsse.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pitt schwieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll?« fuhr Serge fort. »Es hilft doch nichts. Und wenn es hilft, ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pitt sah ihn von der Seite her an. »Ich finde, Serge, du russifizierst dich immer mehr oder, was dasselbe sagen will, wächst dich immer mehr in deinen Namen hinein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist ernst in der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende kleine Frau? Weißt du&#039;s?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»She is rather a little silly. Oder wenn du&#039;s deutsch hören willst: Sie dalbert ein bißchen. Jedenfalls &#039;&#039;ihm&#039;&#039; zu viel.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 19 ==&lt;br /&gt;
Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr Kupeefenster, um Schutz gegen die beständig stärker werdende Blendung zu haben, am Luisenufer aber waren an demselben Tage keine Vorhänge herabgelassen, und die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch und füllte die ganze Stube mit Licht. Nur der Hintergrund lag im Schatten, und hier stand ein altmodisches Bett mit hoch aufgetürmten und rot- und weißkarierten Kissen, an die Frau Nimptsch sich lehnte. Sie saß mehr, als sie lag, denn sie hatte Wasser in der Brust und litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte sie den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster, aber doch noch häufiger nach dem Kaminofen, auf dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene saß neben ihr, ihre Hand haltend, und als sie sah, daß der Blick der Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie: »Soll ich ein Feuer machen, Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwärme hast und weil es so heiß ist...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob sie&#039;s wohl gern hätte. So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie wieder ans Bett kam, lächelte die Alte zufrieden und sagte: »Ja, Lene, heiß ist es. Aber du weißt ja, ich muß es immer sehn. Und wenn ich es nicht sehe, dann denk&#039; ich, es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr. Und man hat doch so seine Angst hier...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei wies sie nach Brust und Herz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft schon vorübergegangen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, und mit siebzig, da kann es jeden Tag kommen. Weißt du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann is mehr Luft hier, und das Feuer brennt besser. Sieh doch bloß, es will nicht mehr recht, es raucht so...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Das macht die Sonne, die grade drauf steht...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und dann gib mir von den grünen Tropfen, die mir die Dörr gebracht hat. Ein bißchen hilft es doch immer.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene tat wie geheißen, und der Kranken, als sie die Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden. Sie stemmte die Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf, und als ihr Lene noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte, sagte sie: »War Franke schon hier?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja; gleich heute früh. Er fragt immer, ehe er in die Fabrik geht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Is ein sehr guter Mann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, das ist er.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und mit das Konventikelsche...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... wird es so schlimm nicht sein. Und ich glaube beinah, daß er seine guten Grundsätze da her hat. Glaubst du nicht auch?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte lächelte. »Nein, Lene, die kommen vom lieben Gott. Und der eine hat sie, un der andre hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen... Und hat er noch nichts gesagt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja, gestern abend.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un was hast du ihm geantwortet?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich hab&#039; ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloß für mich, sondern auch für dich sorgen würde...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte nickte zustimmend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und«, fuhr Lene fort, »als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und rief in guter Laune: ›Na, Lene, denn also abgemacht!‹ Ich aber schüttelte den Kopf und sagte, daß das so schnell nicht ginge, denn ich hätt&#039; ihm noch was zu bekennen. Und als er fragte, was, erzählt&#039; ich ihm, ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt: erst... na, du weißt ja, Mutter... und den ersten hätt&#039; ich ganz gern gehabt, und den andern hätt&#039; ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch an ihm. Aber er sei jetzt glücklich verheiratet, und ich hätt&#039; ihn nie wieder gesehen, außer ein einzig Mal, und ich wollt&#039; ihn auch nicht wiedersehn. Ihm aber, der es so gut mit uns meine, hätt&#039; ich das alles sagen müssen, weil ich keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Jott, Jott«, weimerte die Alte dazwischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung rübergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz deutlich sehen konnte. Nur litt er&#039;s nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an die Flurtür bringen wollte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe, wobei sich freilich nicht recht erkennen ließ, ob es um des eben Gehörten willen oder aus Atemnot war. Es schien aber fast das letztre, denn mit einem Male sagte sie: »Lene, Kind, ich liege nich hoch genug. Du mußt mir noch das Gesangbuch unterlegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene widersprach nicht, ging vielmehr und holte das Gesangbuch. Als sie&#039;s aber brachte, sagte die Alte: »Nein, nich &#039;&#039;das&#039;&#039;, das ist das neue. Das alte will ich, das dicke mit den zwei Klappen.« Und erst als Lene mit dem dicken Gesangbuche wieder da war, fuhr die Alte fort: »Das hab&#039; ich meiner Mutter selig auch holen müssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch keine fuffzig und saß ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen, und die großen Angstaugen kuckten mich immer so an. Als ich ihr aber das Porstsche, das sie bei der Einsegnung gehabt, unterschob, da wurde sie ganz still und ist ruhig eingeschlafen. Und das möcht&#039; ich auch. Ach, Lene. Der Tod ist es nich... Aber das Sterben... So, so. Ah, das hilft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene weinte still vor sich hin, und weil sie nun wohl sah, daß der guten alten Frau letzte Stunde nahe sei, schickte sie zu Frau Dörr und ließ sagen, es stehe schlecht und ob Frau Dörr nicht kommen wolle. Die ließ denn auch zurücksagen, ja, sie werde kommen, und um die sechste Stunde kam sie wirklich mit Lärm und Trara, weil Leisesein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache war. Sie stappste nur so durch die Stube hin, daß alles schütterte und klirrte, was auf und neben dem Herde lag, und dabei verklagte sie Dörr, der immer grad in der Stadt sei, wenn er mal zu Hause sein solle, und immer zu Hause wär&#039;, wenn sie ihn zum Kuckuck wünsche. Dabei hatte sie der Kranken die Hand gedrückt und Lene gefragt, ob sie denn auch tüchtig von den Tropfen eingegeben habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wieviel denn?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Fünf... fünf alle zwei Stunden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das sei zu wenig, hatte die Dörr darauf versichert und unter Auskramung ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugesetzt, sie habe die Tropfen vierzehn Tage lang in der Sonne ziehn lassen, und wenn man sie richtig einnehme, so ginge das Wasser weg wie mit &#039;ner Plumpe. Der alte Selke drüben im Zoologischen sei schon wie &#039;ne Tonne gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang keinen Bettzippel mehr gesehn, immer aufrecht in&#039;n Stuhl un alle Fenster weit aufgerissen, als er aber vier Tage lang die Tropfen genommen, sei&#039;s gewesen, wie wenn man auf eine Schweinsblase drücke: Hast du nich gesehn, alles raus un wieder lapp un schlapp.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine doppelte Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene, die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu berechtigten Angst befallen wurde, nahm ihr Tuch und schickte sich an, einen Arzt zu holen. Und die Dörr, die sonst immer gegen die Doktors war, hatte diesmal nichts dagegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Geh«, sagte sie, »sie kann&#039;s nicht lange mehr machen. Kuck bloß mal hier« – und sie wies auf die Nasenflügel –, »da sitzt der Dod.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene ging; aber sie konnte den Michaelkirchplatz noch kaum erreicht haben, als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach ihr rief: »Lene...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Lene is nich da.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer is denn da?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich, Mutter Nimptsch. Ich, Frau Dörr.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ach, Frau Dörr, das is recht. So, hierher; hier auf die Hutsche.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frau Dörr, gar nicht gewöhnt, sich kommandieren zu lassen, schüttelte sich ein wenig, war aber doch zu gutmütig, um dem Kommando nicht nachzukommen. Und so setzte sie sich denn auf die Fußbank.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und sieh da, im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon: »Ich will einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag. Aber nich zu viel...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un ich will auf&#039;n neuen Jakobikirchhof liegen, hintern Rollkrug un ganz weit weg nach Britz zu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Un gespart hab&#039; ich alles dazu, schon vordem, als ich noch sparen konnte. Un es liegt in der obersten Schublade. Un da liegt auch das Hemd un das Kamisol und ein Paar weiße Strümpfe mit N. Und dazwischen liegt es.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gut, Frau Nimptsch. Es soll alles geschehn, wie Sie gesagt haben. Und is sonst noch was?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben, und ohne Antwort zu geben, faltete sie bloß die Hände, sah mit einem frommen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete: »Lieber Gott im Himmel, nimm sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles, was sie mir alten Frau getan hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ah, die Lene«, sagte Frau Dörr vor sich hin und setzte dann hinzu: »Das wird der liebe Gott auch, Frau Nimptsch, den kenn&#039; ich, und habe noch keine verkommen sehn, die so war wie die Lene und solch Herz und solche Hand hatte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Alte nickte, und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So vergingen Minuten, und als Lene zurückkam und vom Flur her an die Korridortür klopfte, saß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank und hielt die Hand ihrer alten Freundin. Und jetzt erst, wo sie das Klopfen draußen hörte, ließ sie die Hand los und stand auf und öffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lene war noch außer Atem. »Er ist gleich hier... er wird gleich kommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Dörr sagte nur: »Jott, die Doktors« und wies auf die Tote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 20 ==&lt;br /&gt;
Käthes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf, wie versprochen, am andern Morgen in Berlin ein. Die gleich mitgegebene Adresse rührte noch von Botho her, der jetzt, lächelnd und in guter Laune, den sich etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt. Wirklich, es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das Kuvert gesteckt worden, alle schwer lesbar, so daß Rienäcker auf den Balkon hinaustrat, um das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun laß sehn, Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er las:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&#039;&#039;Brandenburg a. H.&#039;&#039;, 8 Uhr früh. Der Zug, mein lieber Botho, hält hier nur drei Minuten, aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen, nötigenfalles schreib&#039; ich unterwegs im Fahren weiter, so gut oder so schlecht es geht. Ich reise mit einer jungen, sehr reizenden Bankierfrau, Madame Salinger geb. Saling, aus Wien. Als ich mich über die Namensähnlichkeit wunderte, sagte sie: ›Joa, schaun S&#039;, i hoab halt mei Kom&#039;prativ g&#039;heirat&#039;t.‹ Sie spricht in einem fort dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen Tochter (blond; die Mutter brünett) ebenfalls nach Schlangenbad. Und auch über Köln und auch, wie ich, eines dort abzustattenden Besuches halber. Das Kind ist gut geartet, aber nicht gut erzogen, und hat mir bei dem beständigen Umherklettern im Kupee bereits meinen Sonnenschirm zerbrochen, was die Mutter sehr in Verlegenheit brachte. Auf dem Bahnhofe, wo wir eben halten, d. h. in diesem Augenblicke setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung, wimmelt es von Militär, darunter auch Brandenburger Kürassiere mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe; wahrscheinlich Nikolaus. Es macht sich sehr gut. Auch Füsiliere waren da, Fünfunddreißiger, kleine Leute, die mir doch kleiner vorkamen als nötig, obschon Onkel Osten immer zu sagen pflegte, der beste Füsilier sei &#039;&#039;der&#039;&#039;, der nur mit bewaffnetem Auge gesehen werden könne. Doch ich schließe. Die Kleine (leider) rennt nach wie vor von einem Kupeefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben. Und dabei nascht sie beständig Kuchen, kleine mit Kirschen und Pistazien belegte Tortenstücke. Schon zwischen Potsdam und Werder fing sie damit an. Die Mutter ist doch zu schwach. Ich würde strenger sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho legte die Karte beiseit und überflog, so gut es ging, die zweite. Sie lautete:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Hannover&#039;&#039;, 12 Uhr 30 Minuten. In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte mir, Du hättest ihm geschrieben, ich käme. Wie gut und lieb wieder von Dir. Du bist doch immer der Beste, der Aufmerksamste. Goltz hat jetzt die Vermessungen am Harz, d. h. am 1. Juli fängt er an. – Der Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde, was ich benutzt habe, mir den unmittelbar am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen: lauter erst unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und Bier-Etablissements, von denen eines ganz im gotischen Stile gebaut ist. Die Hannoveraner, wie mir ein Mitreisender erzählte, nennen es die ›Preußische Bierkirche‹, bloß aus welfischem Antagonismus. Wie schmerzlich dergleichen! Die Zeit wird aber auch &#039;&#039;hier&#039;&#039; vieles mildern. Das walte Gott. – Die Kleine knabbert in einem fort weiter, was mich zu beunruhigen anfängt. Wohin soll das führen? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon &#039;&#039;alles&#039;&#039; erzählt. Sie war auch in Würzburg, bei Scanzoni, für den sie schwärmt. Ihr Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich. Im übrigen ist sie, wie ich nur wiederholen kann, durchaus comme il faut. Um Dir bloß eines zu nennen, welch Reisenecessaire! Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr überlegen; man merkt die ältere Kultur.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wundervoll«, lachte Botho. »Wenn Käthe kulturhistorische Betrachtungen anstellt, übertrifft sie sich selbst. Aber aller guten Dinge sind drei. Laß sehn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dabei nahm er die dritte Karte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;»Köln&#039;&#039;, 8 Uhr abends. Kommandantur. Ich will meine Karten doch lieber noch &#039;&#039;hier&#039;&#039; zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten, wo Frau Salinger und ich morgen mittag einzutreffen gedenken. Mir geht es gut. Schroffensteins sehr liebenswürdig; besonders er. Übrigens, um nichts zu vergessen, Frau Salinger wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhofe abgeholt. Unsere Fahrt, anfangs so reizvoll, gestaltete sich von Hamm aus einigermaßen beschwerlich und unschön. Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter. ›Was möchtest du noch?‹ fragte sie, nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte, worauf das Kind antwortete: ›Drops.‹ Und erst von &#039;&#039;dem&#039;&#039; Augenblicke an wurd&#039; es so schlimm... Ach, lieber Botho, jung oder alt, unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle. Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem unausgesetzt, und die Begegnung mit dieser liebenswürdigen Frau war vielleicht kein Zufall in meinem Leben. Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören. Und er hat recht. Morgen mehr. Deine Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho schob die drei Karten wieder ins Kuvert und sagte: »Ganz Käthe. Welch Talent für die Plauderei! Und ich könnte mich eigentlich freuen, daß sie so schreibt, wie sie schreibt. Aber es fehlt etwas. Es ist alles so angeflogen, so bloßes Gesellschaftsecho. Aber sie wird sich ändern, wenn sie Pflichten hat. Oder doch vielleicht. Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad, in dem viel, viel weniger stand als auf den drei Karten, und von diesem Tage an schrieb sie nur alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und der wirklich auch noch erschienenen Elly Winterfeld, am meisten aber von Madame Salinger und der reizenden kleinen Sarah. Es waren immer dieselben Versicherungen, und nur am Schlusse der dritten Woche hieß es einigermaßen abweichend: »Ich finde jetzt die Kleine reizender als die Mutter. Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus, den ich kaum passend finden kann, um so weniger, als eigentlich keine Herren hier sind. Auch seh&#039; ich jetzt, daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch die Lippen, denn sie sind kirschrot. Das Kind aber ist sehr natürlich. Immer wenn sie mich sieht, stürzt sie mit Vehemenz auf mich zu und küßt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der Drops, aber die Mama sei schuld, worin ich dem Kinde nur zustimmen kann. Und doch muß andererseits ein geheimnisvoll naschiger Zug in Sarahs Natur liegen, ich möchte beinahe sagen, etwas wie Erbsünde (glaubst Du daran? Ich glaube daran, mein lieber Botho), denn sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kauft sich in einem fort Oblaten, nicht Berliner, die wie Schaumkringel schmecken, sondern Karlsbader mit eingestreutem Zucker. Aber nichts mehr schriftlich davon. Wenn ich Dich wiedersehe, was sehr bald sein kann – denn ich möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen, man ist doch so mehr unter sich –, sprechen wir darüber und über vieles andere noch. Ach, wie freu&#039; ich mich, Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu können. Es ist doch am schönsten in Berlin, und wenn dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem Grunewald steht und man so träumt und so müde wird, o wie herrlich ist das! Nicht wahr? Und weißt Du wohl, was Frau Salinger gestern zu mir sagte? Ich sei noch blonder geworden, sagte sie. Nun, Du wirst ja sehn. Wie immer Deine Käthe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte. »Reizende kleine Frau. Von ihrer Kur schreibt sie nichts; ich wette, sie fährt spazieren und hat noch keine zehn Bäder genommen.« Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretenden Burschen einige Weisungen und ging, durch Tiergarten und Brandenburger Tor, erst die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu, wo der Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich&#039;s, nach eingenommenem Imbiß, eben ein wenig bequem machen wollte, meldete der Bursche, daß ein Herr... ein Mann (er schwankte in der Titulatur) draußen sei, der den Herrn Baron zu sprechen wünsche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Gideon Franke... Er sagte so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Franke? Sonderbar. Nie gehört. Laß ihn eintreten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Bursche ging wieder, während Botho wiederholte: »Franke... Gideon Franke... Nie gehört. Kenn&#039; ich nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der Tür her etwas steif. Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarzbraunen Rock, übermäßig blanke Stiefel und blankes schwarzes Haar, das an beiden Schläfen dicht anlag. Dazu schwarze Handschuh&#039; und hohe Vatermörder von untadliger Weiße.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte: »Herr Franke?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Womit kann ich dienen? Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen... Hier... Oder vielleicht hier. Polsterstühle sind immer unbequem.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl, auf den Rienäcker hingewiesen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Womit kann ich dienen?« wiederholte Rienäcker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ich komme mit einer Frage, Herr Baron.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die mir zu beantworten eine Freude sein wird, vorausgesetzt, daß ich sie beantworten kann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Oh, niemand besser als Sie, Herr von Rienäcker... Ich komme nämlich wegen der Lene Nimptsch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho fuhr zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»... und möchte«, fuhr Franke fort, »gleich hinzusetzen dürfen, daß es nichts Genierliches ist, was mich herführt. Alles, was ich zu sagen oder, wenn Sie&#039;s gestatten, Herr Baron, zu fragen habe, wird Ihnen und Ihrem Hause keine Verlegenheiten schaffen. Ich weiß auch von der Abreise der gnädigen Frau, der Frau Baronin, und habe mit allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet oder, wenn ich so sagen darf, auf Ihre Strohwitwertage.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hörte mit feinem Ohre heraus, daß der, der da sprach, trotz seines spießbürgerlichen Aufzuges ein Mann von Freimut und untadeliger Gesinnung sei. Das half ihm rasch aus seiner Verwirrung heraus, und er hatte Haltung und Ruhe ziemlich wiedergewonnen, als er über den Tisch hin fragte: »Sie sind ein Anverwandter Lenens? Verzeihung, Herr Franke, daß ich meine alte Freundin bei diesem alten, mir so lieben Namen nenne.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke verbeugte sich und erwiderte: »Nein, Herr Baron, kein Verwandter; ich habe nicht diese Legitimation. Aber meine Legitimation ist vielleicht keine schlechtere: Ich kenne die Lene seit Jahr und Tag und habe die Absicht, sie zu heiraten. Sie hat auch zugesagt, aber mir bei der Gelegenheit auch von ihrem Vorleben erzählt und dabei mit so großer Liebe von Ihnen gesprochen, daß es mir auf der Stelle feststand, Sie selbst, Herr Baron, offen und unumwunden fragen zu wollen, was es mit der Lene eigentlich sei. Worin Lene selbst, als ich ihr von meiner Absicht erzählte, mich mit sichtlicher Freude bestärkte, freilich gleich hinzusetzend, ich solle es lieber nicht tun, denn Sie würden zu gut von ihr sprechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah vor sich hin und hatte Mühe, die Bewegung seines Herzens zu bezwingen. Endlich aber war er wieder Herr seiner selbst und sagte: »Sie sind ein ordentlicher Mann, Herr Franke, der das Glück der Lene will, so viel hör&#039; und seh&#039; ich, und das gibt Ihnen ein gutes Recht auf Antwort. Was ich Ihnen zu sagen habe, darüber ist mir kein Zweifel, und ich schwanke nur noch, &#039;&#039;wie&#039;&#039;. Das Beste wird sein, ich erzähl&#039; Ihnen, wie&#039;s kam und weiterging und dann abschloß.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke verbeugte sich abermals, zum Zeichen, daß er auch seinerseits dies für das Beste halte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun denn«, hob Rienäcker an, »es geht jetzt ins dritte Jahr oder ist auch schon ein paar Monate darüber, daß ich bei Gelegenheit einer Kahnfahrt um die Treptower Liebesinsel herum in die Lage kam, zwei jungen Mädchen einen Dienst zu leisten und sie vor dem Kentern ihres Bootes zu bewahren. Eins der beiden Mädchen war die Lene, und an der Art, wie sie dankte, sah ich gleich, daß sie anders war als andere. Von Redensarten keine Spur, auch später nicht, was ich gleich hier hervorheben möchte. Denn so heiter und mitunter beinahe ausgelassen sie sein kann, von Natur ist sie nachdenklich, ernst und einfach.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho schob mechanisch das noch auf dem Tische stehende Tablett beiseite, strich die Decke glatt und fuhr dann fort: »Ich bat sie, sie nach Hause begleiten zu dürfen, und sie nahm es ohne weiteres an, was mich damals einen Augenblick überraschte. Denn ich kannte sie noch nicht. Aber ich sah sehr bald, woran es lag; sie hatte sich von Jugend an daran gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht auf die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke nickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So machten wir denn den weiten Weg, und ich begleitete sie nach Haus und war entzückt von allem, was ich da sah, von der alten Frau, von dem Herd, an dem sie saß, von dem Garten, darin das Haus lag, und von der Abgeschiedenheit und Stille. Nach einer Viertelstunde ging ich wieder, und als ich mich draußen am Gartengitter von der Lene verabschiedete, frug ich, ob ich wiederkommen dürfe, welche Frage sie mit einem einfachen ›Ja‹ beantwortete. Nichts von falscher Scham, aber noch weniger von Unweiblichkeit. Umgekehrt, es lag etwas Rührendes in ihrem Wesen und ihrer Stimme.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rienäcker, als das alles wieder vor seine Seele trat, stand in sichtlicher Erregung auf und öffnete beide Flügel der Balkontür, als ob es ihm in seinem Zimmer zu heiß werde. Dann, auf und ab schreitend, fuhr er in einem rascheren Tempo fort: »Ich habe kaum noch etwas hinzuzusetzen. Das war um Ostern, und wir hatten einen Sommer lang allerglücklichste Tage. Soll ich davon erzählen? Nein. Und dann kam das Leben mit seinem Ernst und seinen Ansprüchen. Und das war es, was uns trennte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho hatte mittlerweile seinen Platz wieder eingenommen, und der all die Zeit über mit Glattstreichung seines Hutes beschäftigte Franke sagte ruhig vor sich hin: »Ja, so hat sie mir&#039;s auch erzählt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was nicht anders sein kann, Herr Franke. Denn die Lene – und ich freue mich von ganzem Herzen, auch gerade das sagen zu können –, die Lene lügt nicht und bisse sich eher die Zunge ab, als daß sie flunkerte. Sie hat einen doppelten Stolz, und neben dem, von ihrer Hände Arbeit leben zu wollen, hat sie noch den andern, alles gradheraus zu sagen und keine Flausen zu machen und nichts zu vergrößern und nichts zu verkleinern. ›Ich brauche es nicht, und ich &#039;&#039;will&#039;&#039; es nicht‹, das hab&#039; ich sie viele Male sagen hören. Ja, sie hat ihren eigenen Willen, vielleicht etwas mehr, als recht ist, und wer sie tadeln will, kann ihr vorwerfen, eigenwillig zu sein. Aber sie will nur, was sie glaubt verantworten zu können und wohl auch wirklich verantworten kann, und solch Wille, mein&#039; ich, ist doch mehr Charakter als Selbstgerechtigkeit. Sie nicken, und ich sehe daraus, daß wir einerlei Meinung sind, was mich aufrichtig freut. Und nun noch ein Schlußwort, Herr Franke. Was zurückliegt, liegt zurück. Können Sie darüber nicht hin, so muß ich das respektieren. Aber können Sie&#039;s, so sag&#039; ich Ihnen, Sie kriegen da eine selten gute Frau. Denn sie hat das Herz auf dem rechten Fleck und ein starkes Gefühl für Pflicht und Recht und Ordnung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So hab&#039; ich Lenen auch immer gefunden, und ich verspreche mir von ihr, ganz so wie der Herr Baron sagen, eine selten gute Frau. Ja, der Mensch soll die Gebote halten, &#039;&#039;alle&#039;&#039; soll er sie halten, aber es ist doch ein Unterschied, je nachdem die Gebote sind, und wer das &#039;&#039;eine&#039;&#039; nicht hält, der kann immer noch was taugen, wer aber das &#039;&#039;andere&#039;&#039; nicht hält, und wenn&#039;s auch im Katechismus dicht daneben stünde, der taugt nichts und ist verworfen von Anfang an und steht außerhalb der Gnade.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Botho sah ihn verwundert an und wußte sichtlich nicht, was er aus dieser feierlichen Ansprache machen sollte. Gideon Franke aber, der nun auch seinerseits im Gange war, hatte kein Auge mehr für den Eindruck, den seine ganz auf eigenem Boden gewachsenen Anschauungen hervorbrachten, und fuhr deshalb in einem immer predigerhafter werdenden Tone fort: »Und wer in seines Fleisches Schwäche gegen das sechste verstößt, dem kann verziehen werden, wenn er in gutem Wandel und in der Reue steht, wer aber gegen das &#039;&#039;siebente&#039;&#039; verstößt, der steckt nicht bloß in des Fleisches Schwäche, der steckt in der Seele Niedrigkeit, und wer lügt und trügt oder verleumdet und falsch Zeugnis redet, der ist von Grund aus verdorben und aus der Finsternis geboren und ist keine Rettung mehr und gleicht einem Felde, darinnen die Nesseln so tief liegen, daß das Unkraut immer wieder aufschiebt, so viel gutes Korn auch gesäet werden mag. Und darauf leb&#039; ich und sterb&#039; ich und hab&#039; es durch alle Tage hin erfahren. Ja, Herr Baron, auf die Proppertät kommt es an, und auf die Honnettität kommt es an und auf die Reellität. Und auch im Ehestande. Denn ehrlich währt am längsten, und Wort und Verlaß muß sein. Aber was gewesen ist, das ist gewesen, das gehört vor Gott. Und denk&#039; ich anders darüber, was ich auch respektiere, geradeso wie der Herr Baron, so muß ich davon bleiben und mit meiner Neigung und Liebe gar nicht erst anfangen. Ich war lange drüben in den States, und wenn auch drüben, geradeso wie hier, nicht alles Gold ist, was glänzt, &#039;&#039;das&#039;&#039; ist doch wahr, man lernt drüben anders sehen und nicht immer durchs selbe Glas. Und lernt auch, daß es viele Heilswege gibt und viele Glückswege. Ja, Herr Baron, es gibt viele Wege, die zu Gott führen, und es gibt viele Wege, die zu Glück führen, dessen bin ich in meinem Herzen gleicherweise gewiß. Und der eine Weg ist gut, und der andre Weg ist gut. Aber jeder gute Weg muß ein offner Weg und ein gerader Weg sein und in der Sonne liegen und ohne Morast und ohne Sumpf und ohne Irrlicht. Auf die Wahrheit kommt es an, und auf die Zuverlässigkeit kommt es an und auf die Ehrlichkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franke hatte sich bei diesen Worten erhoben, und Botho, der ihm artig bis an die Tür hin folgte, gab ihm hier die Hand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und nun, Herr Franke, bitt&#039; ich zum Abschied noch um das eine: Grüßen Sie mir die Frau Dörr, wenn Sie sie sehn und der alte Verkehr mit ihr noch andauert, und vor allem grüßen Sie mir die gute alte Frau Nimptsch. Hat sie denn noch ihre Gicht und ihre ›Wehdage‹, worüber sie sonst beständig klagte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Damit ist es vorbei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie das?« fragte Botho.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir haben sie vor drei Wochen schon begraben, Herr Baron. Gerade heut&#039; vor drei Wochen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Begraben?« wiederholte Botho. »Und wo?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Draußen hinterm Rollkrug, auf dem neuen Jakobikirchhof... Eine gute alte Frau. Und wie sie an der Lene hing. Ja, Herr Baron, die Mutter Nimptsch ist tot. Aber Frau Dörr, &#039;&#039;die&#039;&#039; lebt noch« – und er lachte –, »&#039;&#039;die&#039;&#039; lebt noch lange. Und wenn sie kommt, ein weiter Weg ist es, dann werd&#039; ich sie grüßen. Und ich sehe schon, wie sie sich freut. Sie kennen sie ja, Herr Baron. Ja, ja, die Frau Dörr...«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Gideon Franke zog noch einmal seinen Hut, und die Tür fiel ins Schloß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 21 ==&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Theodor Fontane]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Romane]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Belletristik]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Stone_Butch_Blues&amp;diff=9300</id>
		<title>Bibliothek:Stone Butch Blues</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Stone_Butch_Blues&amp;diff=9300"/>
		<updated>2026-04-30T06:27:02Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Stone Butch Blues|author=Leslie Feinberg|publisher=Verlag Krug &amp;amp; Schadenberg|published_date=1993|published_location=USA}}  Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Brusdeylins  == Kapitel 1 == Liebe Theresa,  ich liege auf dem Bett und vermisse Dich. Meine Augen sind ganz geschwollen, heiße Tränen laufen mir übers Gesicht. Draußen wütet ein heftiges Sommergewitter.  Heute abend bin ich durch die Straßen gegangen und h…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Stone Butch Blues|author=Leslie Feinberg|publisher=Verlag Krug &amp;amp; Schadenberg|published_date=1993|published_location=USA}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Brusdeylins&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 1 ==&lt;br /&gt;
Liebe Theresa,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ich liege auf dem Bett und vermisse Dich. Meine Augen sind ganz geschwollen, heiße Tränen laufen mir übers Gesicht. Draußen wütet ein heftiges Sommergewitter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heute abend bin ich durch die Straßen gegangen und habe in den Gesichtern aller Frauen nach Dir gesucht, wie an jedem Abend während meines einsamen Exils. Ich fürchte, ich werde Deine lachenden, verschmitzten Augen niemals wiedersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorhin habe ich in Greenwich Village mit einer Frau einen Kaffee getrunken. Eine Freundin hatte uns zusammengebracht, überzeugt, daß wir eine Menge gemeinsam hätten, weil wir doch beide politisch&amp;quot; wären. Wir saßen also im Cafe; sie redete über die Politik der Demokraten und Seminare und Photographie und Probleme mit ihrer Kooperative und wie sehr sie gegen die Mietpreisbindung sei. Kein Wunder - Papi ist Immobilienmakler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah sie an und dachte bei mir, daß ich in den Augen dieser Frau eine Fremde bin. Sie sieht mich an, aber sie nimmt mich nicht wahr. Dann sagte sie schließlich, daß sie die Gesellschaft dafür verabscheut, was sie „Frauen wie mir&amp;quot; angetan hat – Frauen, die sich selbst so sehr hassen, daß sie meinen, wie Männer aussehen und sich verhalten zu müssen. Ich spürte, wie ich zusammenzuckte und rot wurde, und ich erzählte ihr ganz cool und gelassen, daß es Frauen wie mich schon seit ewigen Zeiten gegeben hätte, bevor es Unterdrückung gab, und daß diese Gesellschaften uns damals akzeptiert hätten, und sie setzte ihr sehr interessiertes Gesicht auf- und außerdem müßte sie jetzt gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir brachen also auf und kamen an eine Straßenecke, wo ein paar Bullen einen Obdachlosen fertigmachten. Ich blieb stehen und fing an zu motzen, und sie gingen mit erhobenen Knüppeln auf mich los, und sie zog mich am Gürtel zurück. Ich sah sie nur an, und plötzlich kamen Dinge in mir hoch, von denen ich glaubte, daß ich sie erfolgreich verdrängt hätte. Ich stand da und dachte an Dich, als sähe ich die Bullen, die mich schlagen wollten, gar nicht; mir war, als fiele ich in eine andere Welt zurück, an einen Ort, den ich wiedersehen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und plötzlich tat mir das Herz so weh, und mir wurde bewußt, wie lange es her war, daß mein Herz auch nur das Geringste gespürt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich muß heute abend zu Dir nach Hause kommen, Theresa. Doch das geht nicht. Deshalb schreibe ich Dir diesen Brief. Jetzt fällt mir dieser Tag wieder ein, vor Jahren, als ich in der Konservenfabrik in Buffalo anfing. Du warst schon ein paar Monate dort, und ich erinnere mich, wie Deine Augen meinen Blick einfingen und mit mir spielten, bevor sie mich wieder freigaben. Ich sollte dem Vorarbeiter folgen, um ein paar Formulare auszufüllen, aber ich war ganz damit beschäftigt, mich zu fragen, welche Farbe Dein Haar unter diesem weißen Papiernetz wohl hatte und wie es aussehen und sich anfühlen würde, wenn es gelöst war. Und Du hast leise gelacht, als der Vorarbeiter sich umdrehte und sagte: ..Kommen Sie jetzt endlich?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir KVs waren höllisch wütend, als wir hörten, daß Du rausgeschmissen worden warst, weil Du Dich gewehrt hattest, als der Boss Deine Brüste begrapschen wollte. Ich hab noch ein paar Tage weiter an der Rampe entladen, aber ich war ziemlich niedergeschlagen. Es war einfach nicht dasselbe ohne Dich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem Abend, als ich in diesen neuen Club auf der West Side ging, konnte ich es kaum glauben. Da standest Du, an die Bar gelehnt, in diesen unbeschreiblich engen Jeans und mit langem gelöstem Haar. Und wieder dieser Blick in Deinen Augen. Du hast mich nicht nur wiedererkannt, Dir hat auch gefallen, was Du sahst. Und diesmal waren wir auf unserem Terrain. Ich war frei, mich so zu bewegen, wie Du es wolltest, und ich war froh, daß ich mich in Schale geworfen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf unserem Terrain... „Tanzt du mit mir?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du hast nicht ja oder nein gesagt, hast mich nur mit den Augen provoziert, meine Krawatte gerichtet, mir den Kragen glattgestrichen und mich an der Hand genommen. Schon bevor Du Dich an mich gepreßt hast, hattest Du mein Herz erobert. Tammy sang gerade „Stand by your man&amp;quot;, und wir änderten im Geiste jedes „he&amp;quot; in ein „she&amp;quot;, damit es paẞte. Nachdem Du Dich so an mich gepreßt hattest, war Dir mehr als nur mein Herz gewiß. Ich verzehrte mich nach Dir, und das gefiel Dir. Mir auch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die älteren Butches warnten mich: Wenn Du Deine Ehe nicht aufs Spiel setzen willst, geh nicht in die Bars. Aber ich war immer monogam gewesen. Außerdem war es unsere Gemeinschaft, die einzige, die wir hatten, also gingen wir jedes Wochenende hin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Bars gab es zwei Arten von Prügeleien. An den meisten Wochenenden brach mindestens eine von ihnen aus, an manchen beide. Es gab die Prügeleien der Butches - geprägt von Suff, Scham und eifersüchtiger Unsicherheit. Manchmal waren die Kämpfe furchtbar und breiteten sich aus wie ein Netz, in dem sich jede in der Bar verfing - wie in der Nacht, in der Heddy ihr Auge verlor, als sie von einem Barhocker getroffen wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war richtig stolz, daß ich in all den Jahren nie eine Butch geschlagen habe. Weißt Du, ich habe sie eben auch geliebt, und ich verstand ihren Schmerz und ihre Scham, weil ich ihnen so ähnlich war. Ich liebte die tiefen Linien, die sich in ihre Gesichter eingegraben hatten, und ihre gebeugten, arbeitsmüden Schultern. Manchmal schaute ich in den Spiegel und fragte mich, wie ich in ihrem Alter wohl aussehen würde. Heute weiß ich es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben mich auch geliebt, auf ihre Art. Sie haben mich beschützt, weil sie wußten, daß ich keine „Samstagabend- Butch&amp;quot; war. Die Wochenend-Butches hatten Angst vor mir, weil ich eine Stone Butch war. Hätten sie bloß gewußt, wie machtlos ich mich in Wirklichkeit fühlte! Aber die älteren Butches kannten den langen Weg, der vor mir lag, und es wäre ihnen am liebsten gewesen, wenn ich ihn nicht hätte gehen müssen, weil er so schmerzvoll war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn ich im Anzug und mit hängenden Schultern in die Bar kam, sagten sie zu mir: „Sei stolz auf dich!&amp;quot;, und dann rückten sie mir den Schlips zurecht, so ähnlich wie Du. Ich war wie sie; sie wußten, daß ich keine Wahl hatte. Deshalb habe ich mich nie mit ihnen geprügelt. In den Bars schlugen wir einander auf die Schulter, und auf der Arbeit gaben wir uns gegenseitig Rückendeckung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab aber auch Zeiten, in denen unsere wirklichen Feinde kamen: Trupps besoffener Matrosen, faschistische Schlägertypen, Psychopathen und die Bullen. Wir kriegten es jedesmal sofort mit, weil immer schnell jemand den Stecker der Jukebox rauszog. Egal, wie oft es schon passiert war, wir stöhnten alle „O nein ...&amp;quot;, wenn die Musik abbrach, und dann war klar, daß es jetzt zur Sache ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Fanatiker kamen, war eine Prügelei angesagt, und wir machten alle mit. Wir kämpften hart - Femmes und Butches, Frauen und Männer gemeinsam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setzte die Musik aus und die Bullen standen in der Tür, stöpselte jemand die Jukebox wieder ein, und wir tauschten Tanzpartnerinnen. Wir in Schlips und Kragen taten uns mit den Drag Queens in ihren Kleidern und hochhackigen Pumps zusammen. Heute können wir uns kaum noch vorstellen, daß es damals illegal war, wenn Frauen mit Frauen oder Männer mit Männern tanzten. Wenn die Musik endete, verbeugten wir Butches uns, unsere Partnerinnen knicksten, und wir kehrten zu unseren Plätzen zurück, zu unseren Liebsten und unseren Drinks, und warteten darauf, daß das Schicksal seinen Lauf nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dabei muß ich wieder an Deine Hand auf meinem Gürtel unter meinem Jackett denken. Da lag sie die ganze Zeit, während die Bullen da waren. „Ganz ruhig, Baby. Bleib bei mir, Schatz, bleib cool“, hast Du mir dann ins Ohr gesungen wie ein Liebeslied für Kriegerinnen, die sich genau überlegen müssen, wann sie in den Kampf ziehen, wenn sie überleben wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weißt Du noch, der Abend, an dem Du zu Hause bei mir geblieben bist, weil ich krank war? Das war der Abend, an dem die Bullen sich die härteste Butch aussuchten, um sie mit ihren Demütigungen zu vernichten, eine Frau, von der alle sagten, daß sie im Regenmantel duschte&amp;quot;. Wir erfuhren, daß sie sie vor allen Leuten in der Bar nackt ausgezogen und sie ausgelacht haben, als sie ihre Blōße bedecken wollte. Sie sei später verrückt geworden, hieß es. Dann hat sie sich aufgehängt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was hätte ich wohl getan, wenn ich in jener Nacht dort gewesen wäre?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich muß an die Razzien in den Bars in Kanada denken. Wenn die Samstagabend-Butches in die Transporter verfrachtet wurden, kicherten sie albern, versuchten, ihr Haar zu richten und Klamotten zu tauschen, damit sie zu den Femmes in den Bau kamen sie sagten, das wäre wie im siebten Himmel&amp;quot;. Laut Gesetz mußten wir mindestens drei Teile Frauenkleidung tragen. Wir haben nie die Kleidung getauscht. Auch die Drag Queens nicht. Genau wie Du wußten wir, was uns bevorstand. Wir brauchten unsere aufgekrempelten Hemdsärmel und unser mit Pomade zurückgekämmtes Haar, um das, was kam, zu überleben. Die Hände hatten sie uns auf den Rücken gefesselt. Du hattest die Handschellen vor dem Körper. Du hast mir die Krawatte gelockert, den Kragen aufgeknöpft und mein Gesicht berührt. Ich sah den Schmerz und die Angst um mich in Deinem Gesicht, und ich flüsterte, es würde alles gut werden. Wir wußten, daß das nicht stimmte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Dir nie erzählt, was sie uns dort angetan haben - Drag Queens und Butches in einer Zelle-, aber Du wußtest es ohnehin. Sie schleiften unsere Brüder einen nach dem anderen aus der Zelle, ohrfeigten und schlugen sie, schlossen die Zellentüren schnell hinter sich zu, für den Fall, daß wir uns nicht mehr beherrschen konnten und versuchen würden, sie aufzuhalten - als ob wir das gekonnt hätten. Sie fesselten einem Bruder die Hände an die Fußgelenke oder ketteten ihn mit dem Gesicht an die Gitterstäbe, und wir mußten es mitansehen. Manchmal fingen wir den Blick des gefolterten Opfers auf und gaben ihm sanft zu verstehen: „Ich bin bei dir, Schätzchen, sieh mich an, ist schon gut, wir bringen dich nach Hause.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir weinten nie vor den Bullen. Wir wußten, daß wir die nächsten sein würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob ich überlebt habe? Hab ich wohl. Aber nur, weil ich wußte, daß ich vielleicht wieder zu Dir nach Hause kommen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Montags ließen sie uns dann wieder raus, eine nach dem anderen. Ohne Anklage zu erheben. Zu spät, um sich auf der Arbeit krank zu melden. Ohne Geld mußten wir trampen, die Grenze zu Fuß überqueren, in verknitterten Klamotten. blutverschmiert, uns nach einer Dusche sehnend, verletzt und verängstigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wußte, Du würdest da sein, wenn ich es nur bis nach Hause schaffte. Du hast mir ein duftendes Schaumbad eingelassen. Mir eine frische weiße Unterhose und ein T-Shirt rausgelegt und mich allein gelassen, damit ich die erste Schicht Scham abwaschen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war jedesmal dasselbe. Ich zog die Unterhose an und konnte mir gerade noch das T-Shirt überstreifen, als Du auch schon einen Grund fandst, ins Badezimmer zu kommen, um etwas zu holen oder wegzuräumen. Mit einem Blick hast Du Dir die Wunden an meinem Körper wie eine Straßenkarte eingeprägt – die Schnitte, die Blutergüsse, die Verbrennungen von Zigaretten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später im Bett hast Du mich gehalten, mich überall gestreichelt, die zartesten Berührungen für die Stellen reserviert, wo ich verletzt war, Du kanntest jeden einzelnen schmerzenden Fleck in- und auswendig. Du hast mich zuerst nur sanft gestreichelt, weil Du wußtest, daß ich noch zu fertig war, um mich sexy zu fühlen. Aber langsam und vorsichtig hast Du mir meinen Stolz wiedergegeben, indem Du mir zeigtest, wie sehr Du mich begehrtest. Du wußtest, daß Du Wochen brauchen würdest, das Eis wieder zum Schmelzen zu bringen, den Stein zu erweichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in letzter Zeit Geschichten von Frauen gelesen, die auf ihre Stone Butches so wütend sind, daß sie sich sogar über die Leidenschaft lustig machen, die sie zeigen, wenn sie endlich vertrauen und sich berühren lassen können. Und ich frage mich, ob es Dir damals weh getan hat, wenn ich mich nicht von Dir berühren lassen konnte? Ich hoffe nicht. Du hast es zumindest nie gezeigt. Ich glaube, Du wußtest, daß nicht Du es warst, vor der ich mich verschloß. Du hast mein Stone-Ich wie eine Wunde behandelt, die geheilt werden mußte. Danke. Das hat nach Dir nie wieder eine getan. Wenn Du heute abend hier wärst... na ja, ein Wunschtraum, oder?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles habe ich Dir nie gesagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich daran, wie ich einmal allein aufgegriffen wurde, auf fremdem Terrain. Du zuckst wahrscheinlich jetzt schon zusammen, aber ich muß Dir das erzählen. Es war der Abend, an dem wir neunzig Meilen gefahren sind, um in einer Bar Freundinnen zu treffen, die sich dann nie haben blicken lassen. Als die Polizei den Club stürmte, waren wir „allein“, und der Bulle mit seinen goldenen Streifen an der Uniform kam direkt auf mich zu und befahl mir aufzustehen. Kein Wunder, ich war an dem Abend die einzige Butch dort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er begrapschte mich überall, lüpfte den Bund meiner Unterhose und forderte seine Männer auf, mir Handschellen anzulegen - ich trug keine drei Teile Damenbekleidung. Ich wollte gleich losschlagen, weil ich wußte, daß diese Chance im nächsten Moment vertan sein würde. Ich wußte aber auch, daß alle in dieser Bar Prügel bekommen würden, wenn ich mich verteidigte, also blieb ich einfach stehen. Sie hatten Dir die Arme auf den Rücken gefesselt. Ein Bulle hatte Dich im Schwitzkasten. Ich weiß noch, wie Du mich angesehen hast. Es tut mir heute noch weh.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie fesselten mir die Arme so fest auf den Rücken, daß ich fast aufgeschrien hätte. Dann zog dieser Bulle ganz langsam seinen Reißverschluß auf, grinste schleimig und befahl mir, mich hinzuknien. Erst dachte ich: Ich kann nicht! Dann sagte ich laut zu mir selbst, zu Dir und zu ihm: „Ich will nicht!“ Ich habe Dir das nie gesagt, aber in diesem Augenblick hat sich etwas in mir verändert. Ich erkannte den Unterschied zwischen dem, was ich nicht tun kann, und dem, was ich nicht tun will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für diese Lehre mußte ich bezahlen. Die Einzelheiten muß ich Dir nicht erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich am nächsten Morgen aus dem Knast kam, warst Du da. Du hast mich auf Kaution rausgeholt. Keine Anzeige, sie haben nur Dein Geld behalten. Du hattest die ganze Nacht auf der Wache gewartet. Nur ich weiß, wie schwer es für Dich gewesen sein muß, ihren anzüglichen Blicken, ihren Provokationen, ihren Drohungen standzuhalten. Ich wußte, daß Du Dich bemüht hast, etwas aus dem Zellentrakt zu hören, und bei jedem Geräusch zusammengezuckt bist. Du hast gebetet, mich nicht schreien hören zu müssen. Ich habe nicht geschrien&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir nach draußen auf den Parkplatz kamen, bist Du stehengeblieben, hast mir leicht die Hände auf die Schultern gelegt und bist meinem Blick ausgewichen. Sanft hast Du die blutigen Stellen auf meinem Hemd berührt und gesagt. Diese Flecken krieg ich nie wieder raus.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wehe, es denkt jemand. Dein Leben sei darauf beschränkt gewesen, Dich um die Sauberkeit meiner Hemdkragen zu sorgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wußte genau, was Du meintest. Es war eine seltsam zarte Art zu sagen - oder nicht zu sagen, was Du fühltest. Ein bißchen wie meine Art, gefühlsmäßig dichtzumachen, wenn ich Angst habe, verletzt bin, mich hilflos fühle und dann komische unwichtige Sachen sage, die völlig zusammenhanglos erscheinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Fahrt nach Hause hatte ich die ganze Zeit den Kopf in Deinem Schoß, und Du hast mein Gesicht gestreichelt. Du hast mir ein Bad eingelassen. Frische Unterwäsche rausgelegt. Mich ins Bett gebracht. Mich vorsichtig gestreichelt und sanft gehalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Später in der Nacht bin ich noch mal aufgewacht und stellte fest, daß ich allein im Bett war. Du hast mit einem Glas am Küchentisch gesessen, den Kopf in die Hände gestützt. Du hast geweint. Ich hab Dich in die Arme genommen und festgehalten, und Du hast Dich gewehrt und mich mit den Fäusten bearbeitet, weil an den eigentlichen Feind nicht ranzukommen war. Dann fielen Dir meine Prellungen ein, und Du hast noch heftiger geweint. Es ist meine Schuld- ich konnte sie nicht davon abhalten!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte immer vor, es Dir zu sagen: In diesem Augenblick wußte ich, daß Du wirklich verstanden hast, wie sich mein Leben anfühlte. Das Ersticken an der Wut, das Gefühl der Machtlosigkeit, die Unfähigkeit, mich oder die, die mir am wichtigsten waren, zu beschützen, und doch immer wieder zurückzuschlagen, nicht aufgeben zu wollen. Damals wußte ich nicht, wie ich Dir das sagen sollte. Ich sagte nur: Es wird schon werden, es wird alles gut.&amp;quot; Und dann lächelten wir ironisch, und ich brachte Dich zurück in unser Bett und liebte Dich so gut ich in meinem Zustand konnte. In jener Nacht hast Du wohlweislich nicht versucht, mich zu berühren. Du bist mir nur mit den Fingern durchs Haar gefahren und hast geweint und geweint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wann haben sich unsere Wege getrennt, süße Kriegerin? Wir dachten, wir hätten den Befreiungskrieg gewonnen, als wir uns das Wort gay zu eigen gemacht hatten. Doch dann kamen plötzlich die Studierten aus ihren Löchern hervor und erklärten uns die neuen Spielregeln. (Wer hat sie eigentlich dazu ermächtigt?)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie warfen uns raus, sorgten dafür, daß wir uns für unser Aussehen schämten. Sie sagten, wir wären Chauvinistenschweine, der Feind. Es waren Frauen, denen sie auf diese Weise das Herz brachen. Es war nicht schwer, uns wegzuschicken, wir gingen widerstandslos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals fing ich an, als Mann aufzutreten. Seltsam, vom eigenen Geschlecht ausgeschlossen zu sein und in einem Exil zu wohnen, das niemals meine Heimat sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du warst auch verbannt, in ein anderes Land, mit Deinem Geschlecht, und doch zwangsweise von den Frauen getrennt, die Du so liebtest, wie Du Dich selbst zu lieben versuchtest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit mehr als zwanzig Jahren lebe ich jetzt in diesem einsamen Land und frage mich, was wohl aus Dir geworden ist. Hast Du Dich samstags abends verschämt abgeschminkt? Bist Du in Wut entbrannt, wenn eine Frau zu Dir sagte: „Wenn ich einen Mann wollte, wäre ich mit einem richtigen Mann zusammen.&amp;quot;?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gehst Du jetzt anschaffen? Arbeitest Du als Kellnerin, oder lernst Du Word Perfect 5.1?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bist Du in einer Lesbenbar und hältst verstohlen Ausschau nach einer Butch? Reden die Frauen da auch über die Politik der Demokraten und über Seminare und Kooperativen? Bist Du mit Frauen zusammen, die nur einmal im Monat bluten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder lebst Du in einer anderen Stadt, bist verheiratet und liegst neben einem arbeitslosen Fabrikarbeiter, der mir viel ähnlicher ist als sie, und lauschst auf das gleichmäßige Atmen Deiner schlafenden Kinder? Pflegst Du seine seelischen Wunden, so wie Du meine zu heilen versucht hast?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denkst Du manchmal an mich, in der Kühle der Nacht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich schreibe schon seit Stunden an diesem Brief. Meine Rippen tun mir ganz schön weh von einer Schlägerei, die ich kürzlich hatte. Du weißt schon.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hätte nie so lange überleben können, wenn ich Deine Liebe nicht gekannt hätte. Und doch vermisse ich Dich immer noch schmerzlich. Und brauche Dich so sehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur Du könntest dieses Eis zum Schmelzen bringen. Kommst Du je zurück?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Gewitter ist jetzt vorbei. Ein rosafarbenes Leuchten breitet sich am Horizont aus. Ich denke an die Nächte, in denen ich Dich tief und langsam gefickt habe, bis der Himmel genau diese Farbe hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich muß aufhören, an Dich zu denken, der Schmerz verschlingt mich. Ich muß die Erinnerung an Dich weglegen wie ein wertvolles altes Foto. Es gibt noch so vieles, was ich Dir sagen, mit Dir teilen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da ich Dir den Brief nicht mit der Post schicken kann, schicke ich ihn an einen Ort, wo sie Erinnerungen von Frauen bewahren. Vielleicht wirst Du eines Tages, auf dem Weg durch diese große Stadt, dort einkehren und ihn lesen. Vielleicht auch nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gute Nacht, meine Liebste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kapitel 2 ==&lt;br /&gt;
Ich wollte nicht anders sein. Ich sehnte mich danach, so zu sein, wie die Erwachsenen mich haben wollten, damit sie mich liebten. Ich befolgte ihre Regeln und gab mir alle Mühe, ihnen zu gefallen. Aber etwas an mir brachte sie dazu, die Augenbrauen hochzuziehen und die Stirn zu runzeln. Niemand hat sich je dazu herabgelassen, dem, was mit mir los war, einen Namen zu geben. Deshalb hatte ich auch solche Angst, daß es etwas wirklich Schlimmes war. Erst später erkannte ich die Melodie an dem ständigen Refrain „Ist das ein Junge oder ein Mädchen?&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war nur eine von vielen schlechten Karten im Leben meiner Eltern. Sie waren ohnehin verbittert und enttäuscht. Mein Vater war mit dem festen Vorsatz aufgewachsen, nicht wie sein Vater in einer Fabrik hängenzubleiben; meine Mutter hatte nicht vor, in die Ehefalle zu gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als sie sich kennenlernten, träumten sie von einem gemeinsamen spannenden Abenteuer. Als sie aus ihrem Traum erwachten, arbeitete mein Vater in einer Fabrik und meine Mutter war Hausfrau geworden. Als sie entdeckte, daß sie mit mir schwanger war, sagte meine Mutter zu meinem Vater, sie wolle sich nicht von einem Kind einengen lassen. Mein Vater bestand darauf, daß sie glücklich sein würde, wenn das Baby erst da sei. Dafür würde die Natur schon sorgen. Meine Mutter bekam mich, um ihm das Gegenteil zu beweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Eltern waren wütend, weil das Leben sie betrogen hatte. Sie waren erbost, weil die Ehe ihnen die letzte Gelegenheit zur Flucht genommen hatte. Dann kam ich auf die Welt, und ich war nicht wie die anderen. Jetzt waren sie wütend auf mich. Ich kriegte es jedesmal zu hören, wenn sie die Geschichte meiner Geburt erzählten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Regen und Wind peitschten die Wüste, als meine Mutter in den Wehen lag. Deshalb brachte sie mich zu Hause zur Welt. Der Sturm war zu heftig, um sich rauszutrauen. Mein Vater war auf der Arbeit, und wir hatten kein Telefon. Meine Mutter erzählte, als sie feststellte, daß ich gleich kommen würde, habe sie vor Angst so laut geweint, daß die alte Dineh-Indianerin aus der Wohnung gegenüber besorgt an die Tür klopfte, die Dringlichkeit der Situation sofort erfaßte und noch drei Frauen zu Hilfe holte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dineh-Frauen sangen, als ich geboren wurde. Das hat mir meine Mutter erzählt. Sie wuschen mich, wedelten Rauch über meinen winzigen Körper und boten mich meiner Mutter dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Legt das Baby da drüben hin“, sagte sie zu ihnen und zeigte auf ein Körbchen neben der Spüle. Legt das Baby da drüben hin. Bei diesen Worten wurde den Indianerinnen ganz kalt. Das merkte meine Mutter wohl. Die Geschichte wurde im Laufe meiner Kindheit immer wieder erzählt, als könnte ihre ironisch-humorvolle Wiederholung den Frost auftauen, der den Worten anhing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein paar Tage nach meiner Geburt klopfte die Alte wieder an unsere Tür, diesmal weil meine Schreie sie aufgeschreckt hatten. Sie fand mich ungewaschen in meinem Körbchen. Meine Mutter gestand, daß sie Angst hatte, mich zu berühren, außer um mir eine Windel anzulegen oder mir das Fläschchen zu geben. Am nächsten Tag schickte die Großmutter ihre Tochter herüber, die anbot, mich tagsüber zu sich zu nehmen, während ihre Kinder in der Schule waren - falls meiner Mutter das recht sei. Es war ihr recht und auch wieder nicht. Meine Mutter war erleichtert, da bin ich mir sicher, doch gleichzeitig fühlte sie sich verurteilt. Aber sie ließ sich darauf ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wuchs ich in zwei Welten auf, tauchte in die Musik zweier Sprachen ein. Die eine Welt bestand aus Cornflakes und Milton Berle. Die andere aus frittiertem Maisbrot und Salbei. Die eine war kalt, aber meine Welt, die andere war warm, aber nicht meine Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich vier Jahre alt war, setzten meine Eltern meinem zweiten Leben ein Ende. Eines Abends kamen sie, um mich abzuholen. Ein paar Frauen hatten ein großes Festessen gekocht und alle Kinder zusammengetrommelt. Sie fragten meine Eltern, ob ich nicht bleiben könnte. Mein Vater erschrak, als er eine der Frauen etwas in einer Sprache zu mir&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sagen hörte, die er nicht verstand, und ich mit Worten antwortete, die er noch nie gehört hatte. Später sagte er, daß er nicht danebenstehen und zusehen könnte, wie sein eigen Fleisch und Blut von Indianerinnen vereinnahmt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe über diesen Abend nur Bruchstücke erfahren, weiß also nicht, was sonst noch geschah. Ich wünschte, ich wüßte es. Aber eines habe ich wieder und wieder zu hören gekriegt. Eine Frau sagte zu meinen Eltern, daß ich einen schweren Weg vor mir hätte. Die genaue Wortwahl schwankte beim Wiedererzählen. Manchmal spielte meine Mutter Wahrsagerin, schloß die Augen, legte die Fingerspitzen an die Schläfen und sagte: Ich sehe für dieses Kind ein schweres Leben voraus.“ Dann wieder bellte mein Vater wie der Zauberer von Oz: Dieses Kind hat einen harten Weg vor sich!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedenfalls zerrten meine Eltern mich da raus. Aber bevor sie gingen, gab die Großmutter meiner Mutter einen Ring und sagte ihr, er würde mich beschützen helfen. Der Ring machte meinen Eltern angst, aber sie dachten sich, daß der Türkis und das Silber ja etwas wert sein müßten, also nahmen sie ihn an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Abend tobte wieder ein schrecklicher Wüstensturm, dessen Wucht meine Eltern verängstigte. Der Donner krachte, und die Blitze erhellten alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jess Goldberg?&amp;quot; fragte die Lehrerin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier&amp;quot;, antwortete ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Lehrerin kniff die Augen zusammen. Was ist denn das für ein Name? Ist das die Kurzform von Jessica?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Ma&#039;am.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Jess“, wiederholte sie. Das ist kein Mädchenname.“ Ich ließ den Kopf hängen. Um mich herum hielten die Kinder sich die Hand vor den Mund, um ihr Kichern zu ersticken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miss Sanders starrte sie wütend an, bis sie ruhig waren. Ist das ein jüdischer Name?&amp;quot; fragte sie. Ich nickte und hoffte, daß sie mit mir fertig war. War sie nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kinder, Jess ist jüdischen Glaubens. Jess, erzähl der Klasse, wo du herkommst.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wand mich auf meinem Stuhl. Aus der Wüste.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was? Sprich lauter, Jess.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme aus der Wüste.&amp;quot; Ich sah, wie die Kinder sich anstießen und die Augen verdrehten. „Aus welcher Wüste? In welchem Bundesstaat?&amp;quot; Sie schob sich die Brille auf der Nase hoch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erstarrte vor Angst. Das wußte ich nicht. Aus der Wüste.“ Ich zuckte die Achseln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Miss Sanders wurde sichtlich ungeduldig. Warum hat deine Familie beschlossen, nach Buffalo zu ziehen?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sollte ich das wissen? Dachte sie vielleicht, Eltern erzählten sechsjährigen Kindern warum sie große Entscheidungen trafen, die ihr Leben veränderten? „Wir sind gefahren“, sagte ich. Miss Sanders schüttelte den Kopf. Ihr erster Eindruck von mir war kein guter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sirenen heulten. Wie jeden Mittwochmorgen gab es Probealarm. Uns wurde eingeschärft, die Bombe wie einen Fremden zu behandeln: bloß keinen Blickkontakt. Wenn ihr die Bombe nicht sehen könnt, kann sie euch auch nicht sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fiel keine Bombe - es war nur eine Übung für den Ernstfall. Aber die Sirene hatte mich gerettet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fand es schade, daß wir aus der Wärme der Wüste in diese kalte, kalte Stadt gezogen waren. Nichts hätte mich darauf vorbereiten können, an einem Wintermorgen in einer ungeheizten Wohnung aufzustehen. Auch die Angewohnheit, unsere Kleidung im Backofen aufzuwärmen, bevor wir sie anzogen, half nicht viel. Schließlich mußten wir trotzdem erst mal den Schlafanzug ausziehen. Die Kälte draußen war so stechend, daß der Wind mir in die Nase biß und ins Gehirn schnitt. Die Tränen gefroren mir in den Augen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Schwester Rachel war noch ein Kleinkind. Ich kann mich nur an einen mit Schals umwickelten dicken Schneeanzug mit Fäustlingen und Mütze erinnern. Kein Kind, nur Kleidungsstücke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbst im tiefsten Winter, wenn ich dick eingemummelt war und nur ein paar Quadratzentimeter meines Gesichts zwischen der Kapuze meines Schneeanzugs und meinem Schal herausschauten, hielten mich die Erwachsenen an und fragten: Bist du ein Junge oder ein Mädchen?&amp;quot; Ich senkte verschämt den Blick und zweifelte die Berechtigung dieser Frage niemals an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Sommer gab es in der Siedlung nicht viel zu tun, aber dafür hatten wir viel Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Siedlung bestand aus den Gebäuden einer ehemaligen Kaserne, die jetzt die Arbeiter der beim Militär unter Vertrag stehenden Luftfahrtindustrie und ihre Familien beherbergten. Alle unsere Väter arbeiteten in derselben Fabrik; alle unsere Mütter blieben zu Hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Old Man Martin war Rentner. Er saß in einem Liegestuhl auf seiner Veranda und verfolgte die McCarthy-Prozesse im Radio. Es war so laut gestellt, daß wir es im ganzen Viertel hören konnten. „Mußt aufpassen&amp;quot;, sagte er zu mir, wenn ich an seinem Haus vorbeikam, „die Kommunisten können überall sein. Überall.“ Ich nickte feierlich und ging spielen. Aber Old Man Martin und ich hatten etwas gemeinsam. Das Radio war auch mein bester Freund. Die Jack Benny Show und Fibber McGee and Molly brachten mich zum Lachen, auch wenn ich gar nicht wußte, was da so lustig war. Bei The Shadow und The Whistler lief es mir eiskalt den Rücken runter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielleicht gab es in Arbeiterfamilien außerhalb unserer Siedlung schon Fernseher, aber bei uns nicht. Die Straßen der Siedlung waren nicht mal geteert - es gab nur Kieswege und riesige Lincoln-Stämme, die die Parkplätze abgrenzten. Zu uns drangen nur sehr wenige Neuerungen vor. Die Karren des Eismanns und des Scherenschleifers wurden von Ponys gezogen. Samstags kamen sie mit den Ponys ohne die Karren und verkauften einen Ritt für einen Penny. Einen Penny kostete auch ein Brocken Eis vom Eismann - mit dem Eispickel abgeschlagen. Das Eis war hart und glitschig und funkelte wie ein kalter Diamant.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Fernsehgerät, das in der Siedlung auftauchte, stand im Wohnzimmer der McKensies. Wir Kinder in der Nachbarschaft flehten unsere Eltern an, daß sie uns Captain Midnight auf dem neuen Fernseher der McKensies sehen ließen. Aber die meisten von uns durften das Haus nicht betreten. Es war zwar schon 1955, aber es gab immer noch ein paar unsichtbare Kriegszonen in der Nachbarschaft, denn es hatte einen langen und erbitterten Streik gegeben, der 1949, im Jahr meiner Geburt, beigelegt wurde. „Mac&amp;quot; McKensie war ein Streikbrecher gewesen. Das Wort allein war für mich Grund genug, einen großen Bogen um ihr Haus zu machen. Spuren des Wortes waren noch immer auf der Vorderseite ihrer Kohlenkiste zu sehen, obwohl es in einem etwas anderen Grün überstrichen worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahre später stritten sich die Väter immer noch über den Streik, am Küchentisch und am Gartengrill. Ich bekam dabei so blutrünstige Beschreibungen von Streikkämpfen mit, daß ich dachte, der Zweite Weltkrieg wäre in der Fabrik ausgetragen worden. Nachts, wenn wir meinen Vater zu seiner Schicht führen, hockte ich auf dem Rücksitz des Autos und spähte hinaus, an den Fabriktoren vorbei über das mittlerweile so ruhige Schlachtfeld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir hatten auch Banden in der Siedlung, und die Kinder, deren Eltern Streikbrecher gewesen waren, bildeten eine kleine, aber gefürchtete Truppe. He, Schwuli! Bist du &#039;n Junge oder &#039;n Mädchen?&amp;quot; In der kleinen Welt der Siedlung gab es keine Möglichkeit, ihnen auszuweichen. Ihre Hänseleien verfolgten mich noch, wenn ich schon längst an ihnen vorbei war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Welt sprang hart mit mir um, und so wurde ich zur Einzelgängerin - oder wurde dazu gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hauptstraße machte einen Schnitt zwischen unserer Siedlung und einem riesigen Feld. Es war mir verboten, diese Straße zu überqueren. Viel Verkehr gab es nicht. Ich hätte schon ziemlich lange mitten auf der Fahrbahn stehen müssen, um überfahren zu werden. Aber ich durfte diese Straße nicht überqueren. Ich tat es trotzdem, und niemand schien es zu merken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich schlug mich durch das lange braune Gras, das die Straße begrenzte, und war in meiner eigenen Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Weg zum Teich hielt ich an, um die Hunde in den Außenzwingern an der Rückseite des Tierheims zu besuchen. Sie bellten und stellten sich auf die Hinterbeine, wenn ich an den Zaun kam. „Pst!&amp;quot; warnte ich sie, denn der Zutritt war verboten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Spaniel drückte seine Nase durch den Maschendrahtzaun. Ich kraulte ihm den Kopf. Ich sah mich nach dem Terrier um, den ich so liebte. Er war nur einmal an den Zaun gekommen, um mich zu begrüßen, und hatte vorsichtig geschnuppert. Normalerweise lag er mit dem Kopf auf den Pfoten da, so sehr ich ihn auch lockte, und sah mich mit kummervollen Augen an. Ich hätte ihn so gern mit nach Hause genommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
..Bist du ein Junge oder ein Mädchen?&amp;quot; fragte ich den Spaniel. „Wuff, wuff!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Mann vom Tierschutzverein sah ich erst, als es schon zu spät war. He, Kleiner. Was machst &#039;n da?&amp;quot; Erwischt. „Nichts&amp;quot;, sagte ich. „Ich hab nichts Schlimmes getan. Nur mit den Hunden geredet.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er lächelte ein wenig...Steck nicht die Finger durch den Zaun, Kleiner. Manche beißen auch.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich fühlte, wie meine Ohren zu glühen anfingen. Ich nickte. „Ich suche den Kleinen mit den schwarzen Ohren. Ist er zu einer netten Familie gekommen?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Mann runzelte die Stirn. „Ja“, sagte er leise. Er ist jetzt richtig glücklich.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich rannte zum Teich hinüber, um mit einem Glas Kaulquappen zu fangen. Ich stützte mich auf die Ellbogen und besah mir die kleinen Frösche, die auf die sonnendurchglühten Steine kletterten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
...Krah, krah!&amp;quot; Eine riesige schwarze Krähe kreiste in der Luft über mir und landete auf einem Felsen in der Nähe. Wir betrachteten einander schweigend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
..Krähe, bist du &#039;n Junge oder &#039;n Mädchen?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Krah, krah!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich lachte und rollte mich auf den Rücken. Der Himmel war kreideblau. Ich tat so, als läge ich auf den weißen Wattewolken. Die Erde an meinem Rücken war feucht. Die Sonne brannte heiß, die Brise kühlte mich. Ich war glücklich. Die Natur hielt mich ganz fest und hatte anscheinend nichts an mir auszusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Rückweg traf ich auf die Bande der Streikbrecherjungen. Sie hatten einen unverschlossenen Lastwagen gefunden, der an einer Steigung geparkt war. Ein älterer Junge hatte die Handbremse gelöst und zwang zwei kleinere Jungen von meiner Seite der Siedlung, vor dem rollenden Laster herzulaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Jessy, Jessy!&amp;quot; riefen sie herausfordernd und stürmten auf mich zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
..Brian sagt, du wärst &#039;n Mädchen, aber ich denke, du bist bloß &#039;ne Memme&amp;quot;, sagte einer. Ich schwieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Was bist du denn nun?&amp;quot; hänselte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich schlug die Arme wie Flügel. „Krah, krah!&amp;quot; machte ich und lachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der Jungs schlug mir das Glas mit den Kaulquappen aus der Hand, und es zersprang auf dem Kies. Ich trat und biß sie, aber sie hielten mich fest und banden mir die Hände mit einem Stück Wäscheleine auf den Rücken. ..Wollen mal sehn, wie du pinkelst“, sagte einer, stieß mich zu Boden, und zwei andere rissen mir die Hose und die Unterhose runter. Ich war starr vor Schreck. Ich konnte nichts gegen sie ausrichten. Ich schämte mich so, halbnackt vor ihnen zu hocken, daß mich alle Kraft verließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie stießen und schleiften mich zum Haus der alten Mrs. Jefferson und sperrten mich in die Kohlenkiste. Es war dunkel da drin. Die Kohle war hart und hatte messerscharfe Kanten. Stilliegen tat weh, aber je mehr ich mich bewegte, um so schlimmer wurden die Schnitte. Ich hatte Angst, da nie wieder rauszukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es dauerte Stunden, bis ich Mrs. Jefferson in der Küche hörte. Ich weiß nicht, was sie dachte, als sie das Gepolter in ihrer Kohlenkiste bemerkte. Doch als sie dann die kleine Klappe aufmachte und ich mühsam rauskroch, sah sie aus, als wollte sie vor Angst tot umfallen. Da stand ich in ihrer Küche, ruß- und blutverschmiert, gefesselt und halbnackt. Sie fluchte halblaut vor sich hin, während sie mich losband und mich in ein Handtuch gewickelt nach Hause schickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Eltern waren stinksauer, als sie mich sahen. Ich habe nie verstanden wieso. Mein Vater ohrfeigte mich immer wieder, bis meine Mutter ihm in den Arm fiel und ihm etwas zuflüsterte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Woche später fiel mir einer aus der Streikbrecherbande in die Hände. Er hatte den Fehler begangen, allein in der Nähe unseres Hauses herumzulaufen. Ich zeigte ihm meinen Bizeps und forderte ihn auf, mal zu fühlen. Dann boxte ich ihn ins Gesicht. Er rannte heulend weg. Zum ersten Mal seit Tagen fühlte ich mich richtig gut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Mutter rief mich zum Abendessen rein. „Wer war denn der Junge, mit dem du da gespielt hast?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zuckte die Achseln&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Hast du ihm deine Muskeln gezeigt?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erstarrte und fragte mich, wieviel sie wohl gesehen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie lächelte. Manchmal ist es besser, die Jungen in dem Glauben zu lassen, daß sie stärker sind“, sagte sie zu mir. Ich dachte nur, sie mußte einfach verrückt sein, wenn sie das wirklich glaubte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Telefon klingelte. „Ich geh schon ran“, rief mein Vater. Es war die Mutter des Jungen, dem ich die Nase blutig gehauen hatte, das merkte ich an den wütenden Blicken, die mein Vater mir zuwarf, während er zuhörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hab mich so geschämt“, erzählte meine Mutter meinem Vater auf der Rückfahrt von der Synagoge. Er starrte mich wütend im Rückspiegel an. Ich konnte nur seine dicken schwarzen Augenbrauen sehen. Man hatte meiner Mutter mitgeteilt, daß ich nicht mehr in die Synagoge gehen könnte, wenn ich kein Kleid trüge. Dagegen hatte ich mich bislang mit Händen und Füßen gewehrt. Ich trug immer meinen Cowboy-Anzug - ohne die Pistolen. Es war schon schwer genug für uns, die einzige jüdische Familie in der Siedlung zu sein, ohne auch noch in der Synagoge Ärger zu kriegen. Mein Vater betete unten. Meine Mutter, meine Schwester und ich mußten von der Empore aus zusehen, wie im Kino. Es kam mir nicht so vor, als gäbe es viele Juden auf der Welt. Einige kannte ich aus dem Radio, aber in der Schule gab es keine, außer mir. Juden durften nicht auf den Schulhof. Das hatten mir die älteren Kinder gesagt, und sie setzten es auch durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir kamen nach Hause. Meine Mutter schüttelte den Kopf. Warum kann sie bloß nicht wie Rachel sein?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rachel warf mir einen verlegenen Blick zu. Ich zuckte die Achseln. Rachel träumte von einem Samtrock mit aufgesticktem Pudel und von straßbesetzten Lackschuhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater parkte den Wagen vor dem Haus. Du gehst sofort auf dein Zimmer, junges Fräulein! Und daß du mir da bleibst!&amp;quot; Ich hatte mich schlecht benommen. Ich würde bestraft werden. Ich hatte Kopfschmerzen vor Angst. Ich wünschte mir so sehr, brav sein zu können. Ich erstickte fast an meiner Scham.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kurz vor Sonnenuntergang. Ich hörte, wie meine Eltern Rachel zum Anzünden der Sabbatkerzen ins Schlafzimmer riefen. Ich wußte, sie hatten die Jalousien runtergelassen. Vor einem Monat hatten wir draußen vor den Wohnzimmerfenstern Rufe und Gelächter gehört, als meine Mutter gerade die Kerzen anzündete. Wir rannten zum Fenster und spähten hinaus ins Zwielicht. Zwei Teenager zogen sich die Hosen runter und zeigten uns ihre nackten Hinterteile. Dreckige Juden!&amp;quot; riefen sie. Mein Vater jagte sie nicht weg, er zog die Vorhänge zu. Danach beteten wir bei herabgelassenen Jalousien im Schlafzimmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In meiner Familie wußten alle, was Scham war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald darauf verschwand mein Cowboy-Anzug aus dem Korb mit der schmutzigen Wäsche. Dafür kaufte mir mein Vater ein Annie-Oakley-Kostüm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein!&amp;quot; schrie ich. Ich will nicht! Ich will das nicht anziehn! Ich komme mir doof darin vor!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater packte mich am Arm Junges Fräulein, ich habe für dieses Annie-Oakley-Kostüm vier Dollar neunzig ausgegeben, und du ziehst es gefälligst an!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich versuchte seine Hand abzuschütteln, aber er umklammerte meinen Oberarm wie ein Schraubstock. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich will eine Davy-Crockett-Mütze!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein Vater packte noch härter zu. Ich habe nein gesagt.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber warum denn nicht?“ heulte ich. Alle haben eine, nur ich nicht. Warum nicht?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Antwort war mir unerklärlich. „Weil du ein Mädchen bist.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
...Ich hab die Nase voll davon, ständig gefragt zu werden, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist&amp;quot;, beschwerte sich meine Mutter bei meinem Vater. Die Leute fragen mich dauernd danach.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war zehn Jahre alt. Ich war kein kleines Kind mehr und hatte so gar nichts Niedliches an mir, hinter dem ich mich hätte verstecken können. Die Welt verlor die Geduld mit mir, und ich bekam es mit der Angst zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich noch ganz klein war, wollte ich alles dransetzen, meinen Makel zu beseitigen, was es auch sein mochte. Jetzt wollte ich mich nicht mehr ändern; ich wollte nur noch, daß die Leute aufhörten, immer nur wütend auf mich zu sein. Einmal nahmen meine Eltern meine Schwester und mich zum Einkaufen mit in die Stadt. Als wir die Allen Street hinunterführen, sah ich einen Erwachsenen, dessen Geschlecht ich nicht rauskriegen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mami, ist das ein Mannweib?&amp;quot; fragte ich laut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Eltern warfen sich amüsierte Blicke zu und brachen in Gelächter aus. Mein Vater starrte mich im Rückspiegel an... Wo hast du denn das Wort gehört?“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich zuckte die Achseln, unsicher, ob ich das Wort wirklich schon mal gehört hatte, bevor es mir rausgerutscht war. Was ist ein Mannweib?&amp;quot; wollte meine Schwester wissen. Ich war auch gespannt auf die Antwort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Jemand, der verrückt ist“, lachte mein Vater. „Wie &#039;n Beatnik.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rachel und ich nickten, ohne etwas zu verstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Plötzlich überkam mich eine Welle böser Vorahnungen. Mir wurde ganz schlecht. Aber was es auch war, das die Angst ausgelöst hatte, es war zu furchterregend, um darüber nachzudenken. Das Gefühl verebbte so schnell wie es gekommen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sachte schob ich die Tür zum Schlafzimmer meiner Eltern auf und sah mich um. Ich wußte, daß sie beide auf der Arbeit waren, aber es war verboten, ihr Schlafzimmer zu betreten. Also blickte ich mich zur Sicherheit erst mal verstohlen um. Dann ging ich geradewegs zum Schrank meines Vaters. Da hing sein blauer Anzug. Das hieß, daß er heute den grauen anhatte. Ein blauer und ein grauer Anzug - mehr braucht ein Mann nicht, sagte mein Vater immer. Seine Krawatten hingen ordentlich an der Innenseite der Tür.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war noch aufregender, seine Kommodenschublade aufzuziehen. Seine weißen Hemden waren bretthart gestärkt und zusammengefaltet. Jedes war in Papier eingewickelt und wie ein Geschenk mit einem Band versehen. In dem Augenblick, in dem ich das Band löste, wußte ich, daß ich Ärger kriegen würde. Ich hatte kein Versteck für den Abfall, das meine Mutter nicht sofort finden würde. Und mir war klar, daß mein Vater wahrscheinlich genau wußte, wie viele Hemden er besaß. Auch wenn sie alle weiß waren, konnte er wahrscheinlich genau sagen, welches fehlte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es war zu spät. Ich zog mich bis auf Baumwollunterhöschen und T-Shirt aus und schlüpfte in sein Hemd. Es war dermaßen gestärkt, daß ich den Kragen kaum zugeknöpft bekam. Ich zog mir eine Krawatte vom Halter. Jahrelang hatte ich zugesehen, wie mein Vater seinen Schlips in einer komplizierten Bewegungsabfolge geschickt wand und band, aber ich kam nicht auf des Rätsels Lösung. Ich band ihn unbeholfen zu einem Knoten. Ich kletterte auf einen Schemel, um den Anzug vom Bügel zu nehmen. Ich war überrascht, wie schwer er war. Er fiel zu Boden. Ich zog die Anzugjacke über und betrachtete mich im Spiegel. Ein Laut entwich meiner Kehle, eine Art Japsen. Mir gefiel das elfjährige Mädchen, die mir da entgegensah &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlte noch etwas: der Ring. Ich öffnete das Schmuckkästchen meiner Mutter. Da lag er. Das Silber und der Türkis bildeten eine tanzende Figur. Ich konnte nicht erkennen, ob diese Figur eine Frau oder ein Mann war. Der Ring paẞte nicht mehr auf drei Finger; jetzt paßten gerade zwei hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich starrte in den großen Spiegel über der Kommode meiner Mutter und versuchte weit in die Zukunft zu sehen, in eine Zeit, wenn diese Kleidung mir passen würde, um einen Blick von der Frau zu erhaschen, die ich einmal sein würde. Ich sah nicht aus wie die Mädchen und Frauen im Versandhauskatalog, der mit den wechselnden Jahreszeiten ins Haus kam. Ich war immer die erste, die ihn durchblätterte, Seite für Seite. Die Mädchen und Frauen sahen alle ziemlich gleich aus, aber die Jungen und Männer auch. Ich konnte mich in den Mädchen nicht wiedererkennen. Und ich hatte noch nie eine erwachsene Frau gesehen, die so aussah, wie ich mir mich als Erwachsene vorstellte. Es gab im Fernsehen keine Frauen, die aussahen wie die kleine Frau in diesem Spiegel. Auch auf der Straße nicht. Das wußte ich. Ich hielt ständig die Augen offen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Moment lang sah ich im Spiegel, wie die Frau, die ich einmal sein würde, zurückstarrte. Sie sah verängstigt und traurig aus. Ich fragte mich, ob ich wohl den Mut haben würde, erwachsen und so wie sie zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hörte nicht, wie die Schlafzimmertür aufging. Als ich meine Eltern bemerkte, war es schon zu spät. Sie dachten beide, sie müßten meine Schwester vom Zahnarzt abholen. Deshalb kamen sie beide unerwartet früh nach Hause. Ihre Mienen erstarrten. Ich hatte solche Angst, daß mein Gesicht ganz taub wurde. Sturmwolken sammelten sich am Horizont.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Eltern redeten nicht darüber, daß sie mich in der Kleidung meines Vaters in ihrem Schlafzimmer erwischt hatten. Ich betete, noch einmal davonzukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber kurz darauf packten mich meine Eltern unerwartet ins Auto. Sie sagten, sie brächten mich zu einer Blutprobe ins Krankenhaus. Wir führen im Fahrstuhl in das Stockwerk, wo der Test stattfinden sollte. Die Türen öffneten sich. Zwei riesige Männer in weißen Uniformen zogen mich aus dem Fahrstuhl. Meine Eltern blieben zurück. Die Männer drehten sich um und verschlossen das Gitter. Ich streckte die Hände nach meinen Eltern aus, aber sie sahen mich nicht einmal an als sich die Fahrstuhltür schloß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schreck saß wie ein Elefant auf meiner Brust. Ich konnte kaum atmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Schwester erklärte mir die Regeln: Ich mußte morgens aufstehen und den ganzen Tag draußen auf der Station bleiben. Ich mußte ein Kleid tragen, beim Sitzen die Beine übereinanderschlagen, höflich sein und lächeln, wenn man zu mir sprach. Ich nickte, als würde ich das verstehen. Ich stand immer noch unter Schock.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich war das einzige Kind auf der Station. Sie steckten mich zu zwei Frauen in ein Zimmer. Die eine Frau war sehr alt und den ganzen Tag am Bett festgebunden. Sie klagte und rief nach Leuten, die gar nicht da waren. Die andere Frau war jünger. „Ich heiße Paula&amp;quot;, sagte sie und streckte die Hand aus. „Nett, dich kennenzulernen.&amp;quot; Ihre Handgelenke waren verbunden. Sie erklärte mir, daß ihre Eltern ihr verboten hatten, sich mit ihrem Freund zu treffen, weil er ein Neger war. Sie hatte sich vor Kummer die Pulsadern aufgeschnitten, und deshalb hatten sie sie eingeliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Rest des Tages spielten wir zusammen Tischtennis. Paula brachte mir den Text von „Are you lonesome tonight?&amp;quot; bei. Sie lachte und klatschte, als ich meine Stimme tief klingen ließ wie die von Elvis. „Du mußt Rechauds und Mokassins machen&amp;quot;, riet Paula mir. „Und zwar &#039;ne Menge. Je mehr, je besser. Das finden sie gut.&amp;quot; Ich wußte nicht, was ein Rechaud war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dieser Nacht konnte ich nicht einschlafen. Ich hörte flüsternde und lachende Männerstimmen in meinem Zimmer. Ein Reißverschluß wurde aufgezogen. Uringeruch stieg mir in die Nase. Noch mehr Lachen, und dann entfernten sich die Schritte. Mein Bettzeug war durchnäßt. Ich hatte Angst, daß man mir die Schuld geben und mich bestrafen würde. Wer hatte das getan, und warum? Ich mußte Paula fragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Licht jenseits der vergitterten Fenster war noch grau, als die Schwestern und Pfleger in unser Zimmer kamen. ..Aufstehen, aufstehen!&amp;quot; riefen sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die alte Frau fing mit ihrem Gerufe an. Paula wehrte sich gegen die Pfleger, biß sie in die Hände. Sie fluchten, schnallten sie fest und rollten sie aus dem Zimmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Schwester kam an mein Bett. Ich konnte immer noch den schwachen Uringeruch auf meinem Bettzeug wahrnehmen, obwohl es schon wieder trocken war. Würde sie mich wegbringen, wenn sie es auch roch? Sie blätterte in ihren Unterlagen. „Goldberg, Jess.&amp;quot; Es machte mir angst, sie meinen Namen aussprechen zu hören. Für die hier habe ich keine Unterschrift&amp;quot;, sagte sie zu den Pflegern. Sie gingen alle aus dem Zimmer. „Goldberg, Jess&amp;quot;, rief die alte Frau immer wieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Mittagessen schlüpfte ich zurück in unser Zimmer, um mein Jo-Jo zu holen. Paula saß auf ihrem Bett und starrte ihre Pantoffeln an. Sie blickte auf und legte den Kopf schief. Sie streckte die Hand aus. Ich heiße Paula&amp;quot;, sagte sie..,Nett, dich kennenzulernen.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Schwester kam herein. „Du da“, sagte sie und zeigte auf mich. Ich folgte ihr zum Schwesternzimmer. Sie hielt mir zwei Pappbecher hin. In dem einen rollten Tabletten in den schönsten Farben herum, in dem anderen war Wasser. Ich starrte die beiden Becher an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nimm sie!&amp;quot; befahl die Schwester. Mach&#039;s mir nicht so schwer.&amp;quot; Ich ahnte schon, daß ich vielleicht nie hier rauskommen würde, wenn ich es dem Klinikpersonal schwermachte, also nahm ich die Tabletten. Schon bald, nachdem ich sie geschluckt hatte, wurde der Fußboden schief, und ich hatte das Gefühl, als ginge ich durch Klebstoff. Ich stellte täglich mehr Rechauds und Mokassins her. Und ich begann mich mit einer Frau verbunden zu fühlen, die mit Geistern sprach, die ich nicht sehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Patientenbücherei entdeckte ich eine Lyrikanthologie - sie veränderte mein Leben. Ich las die Gedichte wieder und wieder, bis ich allmählich begriff, was sie bedeuteten. Nicht nur, daß die Worte wie Noten waren, die meine Augen singen konnten - es war auch die Entdeckung, daß Frauen und Männer, die schon lange tot waren, mir Botschaften über ihre Gefühle hinterlassen hatten, Emotionen, die ich mit meinen eigenen vergleichen konnte. Endlich hatte ich andere gefunden, die genauso einsam waren wie ich. Dieses Wissen tröstete mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drei Wochen, nachdem ich eingeliefert worden war, brachte mich eine Schwester in ein Büro. Ein Mann mit Bart saß hinter einem großen Schreibtisch und rauchte Pfeife. Er sagte mir, er sei mein Arzt. Er sagte, daß ich Fortschritte zu machen schiene, daß es schwer sei, jung zu sein, und daß ich gerade eine schwierige Phase durchmachte. „Weißt du, warum du hier bist?&amp;quot; fragte er mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte in den drei Wochen eine Menge gelernt. Mir war klar geworden, daß die Welt viel mehr konnte, als nur über mich zu richten - sie hatte enorme Macht über mich. Es war mir gleichgültig geworden, daß meine Eltern mich nicht liebten. Ich hatte diese Tatsache in den drei Wochen, die ich in diesem Krankenhaus allein überlebt hatte, akzeptiert. Es machte mir nichts mehr aus. Ich haßte sie. Und ich traute ihnen nicht. Ich traute niemandem. Ich hatte nur noch meine Flucht im Kopf. Ich wollte hier rauskommen und von zu Hause weglaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erzählte dem Arzt, daß ich vor den männlichen Patienten auf der Station Angst hätte. Ich sagte, ich wüßte, daß meine Eltern enttäuscht von mir wären, ich in Zukunft jedoch alles tun würde, damit sie stolz auf mich sein könnten. Ich sagte ihm, daß ich nicht wüßte, was ich falsch machte, aber wenn ich nur nach Hause könnte, würde ich tun, was er mir sagte. Ich meinte es nicht, aber ich sagte es. Er nickte, aber er schien sich mehr dafür zu interessieren, daß seine Pfeife nicht ausging, als für mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Tage später erschienen meine Eltern auf der Station und holten mich nach Hause. Wir redeten nicht über das, was geschehen war. Meine Gedanken kreisten um meine Flucht; ich wartete nur auf den richtigen Moment. Doch zunächst mußte ich mich bereit erklären, einmal in der Woche zur Therapie zu gehen. Ich hoffte, daß die Therapie nicht lange dauern würde, aber sie dauerte mehrere Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich weiß noch genau, an welchem Tag es war, als der Seelenklempner die Bombe platzen ließ: Meine Eltern und er waren übereingekommen, daß ein Benimmkurs mir helfen würde. Das Datum ist in meinem Kopf eingebrannt. Der 23. November 1963. Wie betäubt verließ ich sein Büro. Diese Erniedrigung schien mehr, als ich ertragen konnte. Wenn ich eine schmerzlose Methode gewußt hätte, hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich nach Hause kam, hatten meine Eltern den Fernseher laut gestellt, und eine Nachrichtensprecherin berichtete, daß der Präsident in Dallas erschossen worden war. Es war das erste Mal, daß ich meinen Vater weinen sah. Die ganze Welt war aus den Fugen geraten. Ich schloß meine Zimmertür hinter mir und flüchtete mich in den Schlaf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte nicht geglaubt, daß ich es überleben würde, in dem Benimmkurs meine beschämende Andersartigkeit in aller Öffentlichkeit vorzuführen. Aber irgendwie bin ich durchgekommen. Jedesmal, wenn ich mich vor der ganzen Klasse auf dem Laufsteg drehen mußte, wieder und wieder, war mein Gesicht knallrot vor Demütigung und Wut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Benimmkurs brachte mir ein für allemal bei, daß ich nicht hübsch und feminin war und niemals anmutig sein würde. Der Wahlspruch der Schule lautete: Jedes Mädchen, das zu uns kommt, verläßt uns als Dame. Ich war die Ausnahme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade als ich dachte, schlimmer könnte es nicht mehr kommen, stellte ich fest, daß mir Brüste wuchsen. Die Menstruation machte mir nichts aus. Wenn die Blutung nicht gerade unvermutet einsetzte, war es eine private Angelegenheit zwischen mir und meinem Körper. Aber Brüste! Jungs lehnten sich aus Autofenstern und schrien mir unanständige Sprüche nach. Mr. Singer vom Drugstore starrte auf meine Brüste, während er meine Süßigkeiten eintippte. Ich trat aus der Volleyball- und der Leichtathletikmannschaft aus, weil mir die Brüste beim Springen oder Laufen weh taten. Mir gefiel mein Körper so, wie er vor der Pubertät gewesen war. Irgendwie hatte ich gedacht, er würde sich nie ändern, jedenfalls nicht so!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich kam ich an einen Punkt, wo ich fand, daß all die Leute, die mich abartig fanden, recht hatten Schuldgefühle brannten wie Säure in meiner Kehle. Sie ließen nur nach, wenn ich in das Land-das-mich-so-nimmt-wie- ich-bin zurückkehrte. So kam es, daß ich mich wieder an die Wüste erinnerte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Nachts besuchte mich im Traum eine Dineh-Frau. Sie war früher jede Nacht zu mir gekommen, aber seit ich in der Psychiatrie gewesen war nicht mehr. Sie nahm mich auf den Schoß und forderte mich auf meine Vorfahren zu suchen und stolz auf mich zu sein. Und an den Ring zu denken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich aufwachte, war es draußen noch dunkel. Ich kauerte mich ans Fußende des Bettes und lauschte auf den stürmischen Regen. Blitze erhellten den Nachthimmel. Ich wartete, bis meine Eltern zur Arbeit gegangen waren, dann schlich ich in ihr Schlafzimmer und holte den Ring. In der Schule versteckte ich mich in einer Klokabine, betrachtete den Ring und fragte mich, was er wohl zu bewirken vermochte. Wann würde seine Macht beschützen? Wahrscheinlich war es wie beim Captain Midnight Decoder Ring - du mußtest selbst rauskriegen, wie er funktionierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wir an jenem Tag beim Abendbrot saßen, lachte meine Mutter über mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Du hast letzte Nacht im Schlaf geredet wie ein Marsmensch.**&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich knallte meine Gabel auf den Tisch. Es ist keine Marssprache!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Junges Fräulein!“ schnauzte mein Vater mich an. Geh auf dein Zimmer!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich in der Schule den Gang hinunterging, quiekten ein paar Mädchen, als ich an ihnen vorbeikam: „Ist das &#039;n Tier, &#039;n Mineral oder &#039;ne Pflanze?&amp;quot; Ich paßte in keine ihrer Schubladen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich hatte ein neues Geheimnis, und es war so schrecklich, daß ich es nie jemandem würde erzählen können. Ich entdeckte es eines Tages im Colvin-Kino. Es war an einem Samstag. Ich blieb nach der Nachmittagsvorstellung lange Zeit auf der Toilette. Ich mochte noch nicht nach Hause gehen. Als ich schließlich rauskam, lief gerade der Erwachsenenfilm. Ich schlich mich hinein und sah zu. Ich schmolz dahin, als Sophia Loren sich an ihren Helden preßte. Ihre Hand umfaßte seinen Nacken, als sie sich küßten; ihre langen roten Fingernägel strichen über seine Haut. Ein genüßlicher Schauer überkam mich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von da an versteckte ich mich jeden Samstag nach der Nachmittagsvorstellung auf dem Klo, damit ich anschließend die Erwachsenenfilme sehen konnte. Ein neuer Hunger nagte an mir. Er machte mir angst, aber ich hütete mich, mich irgend jemandem anzuvertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich ertrank in meiner Einsamkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages gab unsere Englischlehrerin, Mrs. Noble, uns eine Hausaufgabe: Bringt acht bis zehn Zeilen von eurem Lieblingsgedicht mit und lest sie der Klasse vor. Einige maulten und stöhnten, sie hätten kein Lieblingsgedicht, und das sei ja „ö-de&amp;quot;. Doch ich geriet in Panik. Wenn ich ein Gedicht las, das mir gefiel, würde ich mich verwundbar machen und mich der Klasse ausliefern. Andererseits, Gedichtzeilen vorzulesen, die mir nichts bedeuteten, schien mir wie Selbstverrat&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich am nächsten Tag an der Reihe war, nahm ich mein Mathebuch mit nach vorn. Zu Beginn des Halbjahres hatte ich aus einer braunen Obsttüte einen Schutzumschlag für das Buch gemacht und ein Gedicht von Poe auf die Innenklappe geschrieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich räusperte mich und sah Mrs. Noble an. Sie lächelte und nickte mir zu. Ich las die ersten Zeilen vor:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders seit meiner Kindheit Jahren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bin ich, als andre sind und waren,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um andres, als andre thaten, mich müht&#039; ich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von andern Leidenschaften glüht ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht floß mein Gram aus denselben Quellen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieselbe Freude ließ nicht zu schnellen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Empfindungen das Herz mir schwellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein war ich in Freude wie in Pein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was ich liebte, das liebt&#039; ich allein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich versuchte, die Worte in einem tonlosen Singsang zu lesen, damit meine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht merkten, wie viel mir dieses Gedicht bedeutete, aber ihre Augen waren ohnehin stumpf vor Langeweile. Ich senkte den Blick und kehrte an meinen Platz zurück. Mrs. Noble drückte mir den Arm, als ich an ihr vorbeiging, und als ich aufblickte, sah ich Tränen in ihren Augen. Sie sah mich auf eine Weise an, daß ich beinahe auch geweint hätte. Es war, als sähe sie mich wirklich, und in ihrem Blick lag keine Kritik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Welt war in Aufruhr, aber meinem Leben war nichts davon anzumerken. Ich erfuhr von der Bürgerrechtsbewegung nur aus den Heften der Zeitschrift Life, die wir abonniert hatten. Ich war jede Woche die erste in der Familie, die die neue Ausgabe las.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Bild, das sich meinem Gedächtnis eingeprägt hat, ist das Foto von zwei Trinkwasserquellen mit den Aufschriften Farbige und Weiße&amp;quot;. Auf anderen Fotos sah ich, wie mutige Menschen - dunkelhäutige wie hellhäutige - versuchten, das zu ändern. Ich las ihre Transparente. Ich sah, wie sie in Restaurants blutig geschlagen wurden und in Birmingham stahlbewehrten Streitkräften gegenüberstanden. Ich sah, wie Wasserwerfer und Polizeihunde ihnen die Kleider vom Leib rissen. Ich fragte mich, ob ich jemals so mutig sein könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich sah ein Foto aus Washington, D.C., auf dem sich mehr Leute, als ich mir jemals hätte vorstellen können, an einem Ort versammelt hatten. Martin Luther King erzählte ihnen von seinem Traum. Ich wünschte mir, dazugehören zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich beobachtete die Mienen meiner Eltern, als sie unbewegt dieselben Zeitschriften lasen wie ich. Sie sagten nie ein Wort dazu. Die Welt stand Kopf, und sie blätterten die Seiten in aller Ruhe durch wie einen Versandhauskatalog.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Ich würde gern an einem Freedom Ride durch die Südstaaten teilnehmen“, sagte ich eines Tages beim Abendessen. Ich sah, wie meine Eltern sich eine Reihe komplizierter Blicke zuwarfen. Schweigend aßen sie weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann legte mein Vater seine Gabel auf den Tisch. „Damit haben wir nichts zu tun“, sagte er und schloß damit das Thema ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meine Mutter blickte von ihm zu mir und wieder zurück. Ich merkte, daß sie den bevorstehenden Ausbruch um jeden Preis verhindern wollte. Sie lächelte. „Wißt ihr, was ich mich frage?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wandten uns ihr zu...Ihr kennt doch das Lied von Peter, Paul, and Mary - The answer, my friend, is blowing in the wind&amp;quot;?&amp;quot; Ich nickte gespannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
..Ich verstehe nicht, was man davon hat, in den Wind zu blasen.“ Meine Eltern brachen in schallendes Gelächter aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit fünfzehn nahm ich neben der Schule einen Job an. Ich mußte den Therapeuten davon überzeugen, daß das gut für mich war, damit meine Eltern ihre Einwilligung gaben. Ich überzeugte ihn. Damit änderte sich alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich arbeitete als Handsetzerin in einer Druckerei. Ich hatte Barbara, einer meiner wenigen Freundinnen in meiner Klasse, gesagt, daß ich sterben würde, wenn ich keine Arbeit fände, und ihre große Schwester beschaffte mir diesen Job, indem sie log und schwor, ich sei sechzehn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Arbeit kümmerte sich kein Mensch darum, ob ich Jeans und T-Shirts trug. Sie zahlten bar am Ende jeder Woche, und meine Kolleginnen und Kollegen waren nett zu mir. Sie merkten sehr wohl, daß ich anders war, schienen sich jedoch nicht soviel daraus zu machen wie meine Mitschülerinnen und Mitschüler. Sie fragten mich nach der Schule und erzählten mir, wie es war, als sie selbst noch zur Schule gingen. Als Jugendliche denkst du nie daran, daß Erwachsene auch mal jung gewesen sind, wenn sie dich nicht daran erinnern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Tages fragte ein Drucker aus einer anderen Abteilung Eddie, meinen Vorarbeiter: „Wer ist denn diese Butch?“ Eddie lachte nur, und sie gingen weg und redeten weiter. Die beiden Frauen, die rechts und links von mir arbeiteten, warfen mir einen Blick zu, um zu sehen, ob ich verletzt war. Ich war eher verwirrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem Abend setzte sich meine Freundin Gloria in der Pause zum Essen neben mich. Aus heiterem Himmel erzählte sie mir von ihrem Bruder - daß er schwul sei und Frauenkleider trage, sie ihn aber trotzdem liebe und sich darüber ärgere, wie die Leute ihn behandelten, denn schließlich könne er ja nichts dafür, daß er so sei. Einmal sei sie sogar mit ihm in eine Bar gegangen, wo er seine Freunde traf. Lauter Mannweiber hätten sie da angemacht. Sie schauderte, als sie das sagte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
.. Wo war das denn?&amp;quot; fragte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Was?&amp;quot; Sie sah aus, als täte es ihr leid, davon angefangen zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
..Wo ist denn diese Bar, wo solche Leute sind?&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gloria seufzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Bitte.&amp;quot; Meine Stimme zitterte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sah sich um, bevor sie antwortete. In Niagara Falls&amp;quot;, flüsterte sie. „Warum willst du das wissen?&amp;quot; Ich zuckte die Achseln.,,Wie heißt sie?&amp;quot; Ich versuchte, ganz beiläufig zu klingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gloria seufzte tief. „Tifka&#039;s.&amp;quot;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Leslie Feinberg]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Romane]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Belletristik]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_grundlegenden_Fragen_im_heutigen_China&amp;diff=9299</id>
		<title>Bibliothek:Die grundlegenden Fragen im heutigen China</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_grundlegenden_Fragen_im_heutigen_China&amp;diff=9299"/>
		<updated>2026-04-29T06:41:53Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die grundlegenden Fragen im heutigen China|author=Deng Xiaoping|written in=1988|publisher=Verlag für fremdsprachige Literatur|published_location=Beijing|isbn=7-119-00383-6}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übersetzt von der deutschen Abteilung des Verlags für fremdsprachige Literatur&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Druck und Verlag in der [[Volksrepublik China]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir arbeiten gegenwärtig an den vier Modernisierungen, die ausschließlich sozialistischen Charakter tragen. Alle unsere politischen Maßnahmen wie die Öffnung, die Belebung der Wirtschaft und die Reform haben die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft zum Ziel. Während wir die Entwicklung der Einzelwirtschaft, ja sogar der Joint Ventures mit dem Ausland und der von ausländischen Unternehmern mit Eigenkapital gegründeten Betriebe gestatten, bleibt das sozialistische Gemeineigentum der Hauptsektor. Das Ziel des Sozialismus ist der gemeinsame Wohlstand des ganzen Volkes, keineswegs aber eine Polarisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belebung unserer inländischen Wirtschaft und die Öffnung nach außen ist keine kurzfristige, sondern eine langzeitige Politik, die für mindestens 50 oder 70 Jahre unverändert bleiben wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir führen eine Politik von „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durch. Genauer gesagt meinen wir, daß innerhalb der Volksrepublik China die eine Milliarde zählende Bevölkerung auf dem Festland den Sozialismus praktiziert, während Hongkong und Taiwan den Kapitalismus praktizieren dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– [[Deng Xiaoping]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorbemerkung ==&lt;br /&gt;
In seiner Eröffnungsrede auf dem XII. Parteitag der [[Kommunistische Partei Chinas|Kommunistischen Partei Chinas]] faßte Genosse Deng Xiaoping die langjährigen historischen Erfahrungen Chinas zusammen und erläuterte einen wichtigen Gedanken: Wir müssen die allgemeingültige Wahrheit des [[Marxismus]] mit den konkreten Verhältnissen Chinas verbinden, unseren eigenen Weg gehen und einen Sozialismus chinesischer Prägung aufbauen. Dieser Gedanke ist heute der allgemeine Leitgedanke beim Aufbau der Modernisierung Chinas geworden. Nach dem XII. Parteitag hat Deng Xiaoping diesen Gedanken weiterentwickelt und in vieler Hinsicht die grundlegenden Fragen im heutigen China erläutert, die Politik, Wirtschaft, [[Ideologie]], [[Wissenschaft]] und Technik, Kultur und Bildung sowie Außenpolitik berühren. Im vorliegenden Buch haben wir mehrere diesbezügliche Gespräche und Reden, die alle vom Verfasser autorisiert wurden, zusammengestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forschungsabteilung für Parteischrifttum beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juni 1987&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eröffnungsrede auf dem XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas ==&lt;br /&gt;
(1. September 1982)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genossen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hiermit erkläre ich den XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas für eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Tagesordnung unseres Parteitags stehen hauptsächlich drei Punkte: 1. Prüfung des Berichts des XI. Zentralkomitees und Festlegung des Programms der Partei für die Schaffung einer neuen Lage in allen Bereichen der sozialistischen Modernisierung; 2. Prüfung und Verabschiedung des neuen Statuts der Kommunistischen Partei Chinas; 3. Wahl eines neuen Zentralkomitees, einer Beraterkommission beim Zentralkomitee und einer Disziplinkontrollkommission beim Zentralkomitee gemäß den Bestimmungen des neuen Parteistatuts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Erfüllung der Aufgaben dieses Parteitags wird unsere Partei noch klarere ideologische Leitlinien für die sozialistische Modernisierung erhalten, wird der Parteiaufbau den Bedürfnissen der neuen historischen Periode noch besser entsprechen und werden in den höchsten Führungsorganen der Partei die Zusammenarbeit zwischen alten und neuen Kadern und die Ablösug der alten durch die neuen Kader herbeigeführt werden, wodurch diese Organe zu einer dynamischeren kämpferischen Führung werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Rückblick auf die Geschichte der Partei wird zeigen, daß dieser Parteitag eine höchst wichtige Konferenz seit dem VII. Parteitag sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der VII. Parteitag, der im Jahre 1945 unter dem Vorsitz des Genossen [[Mao Zedong]] stattfand, war der wichtigste Parteitag in der Periode der demokratischen Revolution seit der Gründung unserer Partei. Auf dem VII. Parteitag faßten wir die historischen Erfahrungen der windungsreichen Entwicklung der demokratischen Revolution Chinas aus den zwei vorangegangenen Jahrzehnten zusammen, formulierten ein korrektes Programm und korrekte Taktiken und überwanden die falschen Ideen innerhalb der Partei, so daß auf der Grundlage des [[Marxismus–Leninismus|Marxismus-Leninismus]] und der [[Mao-Zedong-Gedanke|Mao-Zedong-Ideen]] die Einheit in den Auffassungen in der ganzen Partei erreicht wurde und die Partei dann vereinigt war wie nie zuvor. Der VII. Parteitag legte das Fundament für den landesweiten Sieg der neudemokratischen Revolution.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem VIII. Parteitag von 1956 wurde die Situation nach der wesentlichen Vollendung der sozialistischen Umgestaltung des Privateigentums an den [[Produktionsmittel|Produktionsmitteln]] analysiert und die Aufgabe für einen umfassenden Aufbau des [[Sozialismus]] gestellt. Die Linie des VIII. Parteitags war korrekt. Aber da die Partei zu jener Zeit ideologisch nicht ausreichend auf einen allseitigen Aufbau des Sozialismus vorbereitet war, konnten die auf dem VIII. Parteitag aufgestellte Linie und viele korrekte Meinungen in der [[Praxis]] nicht beharrlich verfolgt werden. Nach dem VIII. Parteitag erzielten wir beim sozialistischen Aufbau viele Erfolge, erlitten wir zugleich doch auch schwere Rückschläge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der jetzige Parteitag findet in einer Situation statt, die von der zur Zeit des VIII. Parteitags sehr verschieden ist. Wie die windungsreiche Entwicklung der demokratischen Revolution in den zwei Jahrzehnten vor dem VII. Parteitag die ganze Partei zur Beherrschung der Gesetzmäßigkeiten jener Revolution in unserem Land erzog, bedeutet die wechselreiche Entwicklung unserer sozialistischen Revolution und unseres sozialistischen Aufbaus in den über zwei Jahrzehnten nach dem VIII. Parteitag für die ganze Partei eine tiefgehende Lehre. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees (abgehalten im Dezember 1978) hat unsere Partei in ihrer Arbeit auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiet sowie auf anderen Gebieten die richtige Politik wiedereingeführt und aufgrund des Studiums der neuen Situation und der neuen Erfahrungen eine ganze Reihe neuer und korrekter politischer Richtlinien ausgearbeitet. Im Vergleich zur Zeit des VIII. Parteitags hat unsere Partei ein noch tiefgehenderes Verständnis der Gesetzmäßigkeiten des sozialistischen Aufbaus Chinas erlangt, noch reichere Erfahrungen erworben und das Bewußtsein und die Entschlossenheit für die Durchführung unserer korrekten Richtlinien beträchtlich gestärkt. Wir haben allen Grund zu glauben, daß das korrekte Programm, das der jetzige Parteitag ausarbeiten wird, zur Schaffung einer allseitigen neuen Lage in der sozialistischen Modernisierung führen und dazu beitragen wird, unsere Partei, unsere sozialistische Sache, unser Land und all unsere [[Nation|Nationalitäten]] zur Prosperität zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei unserem Modernisierungsprogramm müssen wir von den Realitäten Chinas ausgehen. Sowohl in der Revolution als auch beim Aufbau müssen wir von anderen Ländern lernen und ihre Erfahrungen als Beispiel heranziehen. Aber eine mechanische Übernahme und Anwendung der Erfahrungen und Modelle anderer Länder würde niemals zum Erfolg führen. In dieser Hinsicht verfügen wir über nicht wenige Lehren. Die allgemeingültige Wahrheit des Marxismus mit der konkreten Praxis Chinas zu verbinden, einen eigenen Weg zu gehen und einen Sozialismus chinesischer Prägung aufzubauen-dies ist die grundlegende Schlußfolgerung, die wir aus den Erfahrungen aus der langen Geschichte gezogen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chinas Angelegenheiten müssen entsprechend den Verhältnissen Chinas und durch die eigenen Anstrengungen des chinesischen Volkes erledigt werden. Unabhängigkeit und Selbständigkeit und das Vertrauen auf die eigene Kraft waren, sind und bleiben immer unser grundlegender Standpunkt. Das chinesische Volk schätzt die Freundschaft und Zusammenarbeit mit anderen Ländern und Völkern, umso mehr schätzt es sein Recht der Unabhängigkeit und Selbständigkeit, das es durch langanhaltenden harten Kampf erlangt hat. Kein Land soll erwarten, China könnte sein Vasall werden oder würde bittere Früchte schlucken, die sich gegen Chinas Interessen richten. Wir führen entschlossen und unbeirrt die Politik der Öffnung nach außen durch und erweitern aktiv die Verbindungen mit dem Ausland auf der Grundlage der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Nutzens. Gleichzeitig bleiben wir nüchtern, widersetzen uns entschlossen der Korruption durch dekadente Ideologien von außen und erlauben auf keinen Fall, daß bürgerliche Lebensweise in unserem Land um sich greift. Wir, das chinesische Volk, haben unsere nationale Würde und unseren eigenen Stolz. Wir betrachten die Liebe zu unserem Vaterland und unseren vollen Einsatz für den Aufbau des sozialistischen Vaterlandes als höchst ehrenvoll und halten eine Schädigung der Interessen, der Würde und Ehre unseres sozialistischen Vaterlandes für die größte Schande.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 80er Jahre werden ein wichtiges Jahrzehnt in der historischen Entwicklung unserer Partei und unseres Landes sein. Die Beschleunigung der sozialistischen Modernisierung, das Streben nach der Wiedervereinigung des Vaterlandes, unter Einschluß [[Taiwan|Taiwans]], und der Kampf gegen den Hegemonismus und für die Erhaltung des Weltfriedens dies sind die drei großen Aufgaben unseres Volkes in den 80er Jahren. Der Wirtschaftsaufbau steht im Mittelpunkt der drei Aufgaben und ist die Grundlage für die Lösung der auswärtigen und inländischen Probleme Chinas. Während einer längeren Periode, mindestens in den nächsten zwei Jahrzehnten bis Ende dieses Jahrhunderts, müssen wir folgende vier Arbeitsaufgaben fest anpacken: die Umstrukturierung der Administration und der Wirtschaft und die Schaffung eines Kaderkontingents, das revolutionär, jung, besser ausgebildet und fachlich spezialisiert ist; der Aufbau einer sozialistischen geistigen Zivilisation; die Bekämpfung der Kriminalität, die in der Wirtschaft und anderen Bereichen den Sozialismus untergräbt; und die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei und die Ausrichtung der Parteiorganisationen auf der Grundlage eines gewissenhaften Studiums des neuen Parteistatuts. All dies sind die wichtigsten Garantien dafür, daß wir unentwegt den sozialistischen Weg gehen und mit konzentrierter Kraft den Aufbau der Modernisierung durchführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Partei ist nun eine große Partei, die über 39 Millionen Mitglieder verfügt und die Führung über die Staatsmacht innehat. Trotzdem werden die Mitglieder der Kommunistischen Partei immer eine Minderheit der Bevölkerung sein. Keine der von unserer Partei gestellten wichtigen Aufgaben kann ohne die harte Arbeit der Volksmassen erfüllt werden. Hiermit möchte ich im Namen der Partei den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen, die für die sozialistische Modernisierung fleißig arbeiten, und der [[Chinesische Volksbefreiungsarmee|Chinesischen Volksbefreiungsarmee]] der ehernen Großen Mauer-, die die Sicherheit und den sozialistischen Aufbau unseres Vaterlandes schützt, größte Hochachtung aussprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der demokratischen Revolution kämpften die verschiedenen demokratischen Parteien unseres Landes zusammen mit unserer Partei, und in der Periode des Sozialismus sind sie gemeinsam mit unserer Partei vorwärtsgeschritten und haben einer Reihe von Prüfungen mit standgehalten. Beim künftigen Aufbau wird unsere Partei weiterhin mit allen patriotischen demokratischen Parteien und patriotischen Demokraten auf lange Zeit hinaus zusammenarbeiten. Hiermit möchte ich im Namen der Partei allen demokratischen Parteien und parteilosen Freunden herzlichen Dank ausdrücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sache unserer Partei hat bei den fortschrittlichen Persönlichkeiten und uns freundschaftlich gesinnten Ländern der Welt Unterstützung und Hilfe gefunden. Dafür möchte ich hier im Namen unserer Partei ihnen allen herzlich danken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen unsere Arbeit gewissenhaft und gut leisten, die Einheit mit den Volksmassen aller Nationalitäten unseres Landes und die Einheit mit allen Völkern der Welt stärken und hart kämpfen für den Aufbau Chinas zu einem modernen sozialistischen Staat mit hochentwickelter Zivilisation und Demokratie, gegen den Hegemonismus, für die Erhaltung des Weltfriedens und für den Fortschritt der Menschheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wichtige Aufbauprojekte durchführen und Wissenschaftler und Techniker sinnvoll einsetzen ==&lt;br /&gt;
(14. Oktober 1982)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gespräch mit einem verantwortlichen Genossen der Staatlichen Planungskommission.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben uns bis Ende des Jahrhunderts das Ziel gesetzt, den jährlichen industriellen und landwirtschaftlichen Bruttoproduktionswert innerhalb von zwanzig Jahren zu vervierfachen&#039;, wobei eine ständige Verbesserung der wirtschaftlichen Effizienz vorausgesetzt wird. Kann das Ziel erreicht werden? Der XII. Parteitag sagt, es kann erreicht werden. Auch ich bin davon überzeugt. Doch ob es tatsächlich erreicht werden kann, hängt vom Erfolg unserer Arbeit in den kommenden Jahren ab. Auf jeden Fall müssen optimale Vorbereitungen für die nächsten drei Jahre getroffen werden. Neben den bereits geplanten Aufbauprojekten haben Sie zur Beschleunigung der für die Aufbauprojekte notwendigen Vorbereitungen eine Anzahl von wichtigen Erkundungs- und Entwurfsprojekten vorgeschlagen. Diese Vorbereitungen müssen gewissenhaft getroffen werden. Offensichtlich ist dazu die Realisierung der Energie- und anderer Schlüsselprojekte erforderlich. Wir müssen uns auf diese Projekte konzentrieren, ungeachtet aller Schwierigkeiten. Wenn es an Geld und Materialien fehlt, müssen wir lokale Projekte, vor allem solche der allgemeinen Verarbeitungsindustrie, einschränken. Denn gleichgültig, wie viele dieser kleinen Projekte wir aufgebaut haben, sie bringen uns nur wenig voran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese wichtigen Erkundungs- und Entwurfsprojekte betreffen alle Bereiche und Berufe, und die entsprechenden Abteilungen müssen sie gewissenhaft anpacken und so schnell wie möglich diesbezügliche Vorarbeiten wie wissenschaftliche und technische Forschung, Ermittlung von technischen und wirtschaftlichen Werten sowie Erkundung und Entwurf durchführen. Es muß ein Zeitplan für Erkundung und Entwurf erstellt werden, und es muß Menschen geben, die für sämtliche Vorbereitungen und die Überwachung der Vorhaben verantwortlich sind. Anderenfalls können wir mit den Projekten nicht beginnen, selbst wenn das Geld vorhanden ist. Diese Vorarbeiten müssen geleistet werden, bevor wir ausländische Investitionen einsetzen und ausländische Experten einladen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitabschnitt von zwanzig Jahren wird in zwei Jahrzehnte unterteilt: Das erste Jahrzehnt trifft Vorbereitungen für das zweite. Für Vorbereitungen braucht man Zeit, und wir laufen mit der Zeit um die Wette. Das müssen wir ernst nehmen. Wir müssen Prioritäten unter den verschiedenen Projekten setzen. Wir sollten unsere Fonds auf diejenigen Projekte konzentrieren, die früher in Angriff genommen werden können. Falls manche ein Jahr früher begonnen werden können, werden wir ein Jahr früher daraus Nutzen ziehen. Wir dürfen die Dinge nicht bis ins nächste Jahrhundert hinschleppen. Selbstverständlich können mehrere sehr große Projekte nicht gleichzeitig durchgeführt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorarbeiten schließen die Entwicklung der [[Landwirtschaft]] ein. Das landwirtschaftliche Wachstum hängt erstens von der Politik und zweitens von der Wissenschaft ab. Die Entwicklung und Wirkung von Wissenschaft und Technik kennt keine Grenzen. Saatgut, Düngemittel und Diversifizierung bergen ein großes Potential. Unter gleichbleibenden Bedingungen wird verbessertes Saatgut zu einer bemerkenswerten Steigerung der Produktion führen. Richtige Anwendung von Düngemitteln ist äußerst effektiv. Für die Süßwasserfischzucht bestehen günstige Aussichten. Einige Provinzen verfügen über eine große Anzahl von Teichen und Seen. Die Bauern können durch die Zucht von Süßwasserfischen schnell reich werden und die Nachfrage danach in den Städten decken. Auch die Futtermittelindustrie muß entwickelt werden. Neben Anwendung und Entwicklung der betreffenden Wissenschaft und Technik ist eine Menge organisatorischer Arbeit erforderlich, um das Saatgut zu verbessern und die Futtermittelindustrie voranzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorarbeiten für die zahlreichen wichtigen Aufbauprojekte erfordern die Mobilisierung einer großen Zahl von Wissenschaftlern und Technikern. Auch die Lösung von Kernproblemen in Wissenschaft und Technik erfordert viel organisatorische Arbeit. Wir haben begabte Menschen, das Problem besteht jedoch darin, wie man sie vernünftig organisiert und einsetzt, ihren Enthusiasmus erhöht und ihre Fähigkeiten zur Geltung bringt. Auf der einen Seite besteht ein großer Bedarf an Wissenschaftlern und Technikern. Auf der anderen Seite herrscht große Verschwendung, weil ihre Entwicklung aufgrund schlechter Organisation verhindert wird oder weil sie ihr Wissen überhaupt nicht oder nicht optimal anwenden können. Wir sollten die Organisierung und Verwaltung der Wissenschaftler und Techniker ernsthaft überdenken, weil die gegenwärtige Verwaltungsmethode nicht funktioniert. Es ist ein großes Problem, wie man ihre Fähigkeiten nutzt und zwar sinnvoll nutzt. Die wirtschaftlich entwickelten Länder messen dieser Frage große Bedeutung zu. Wissenschaftler und Techniker werden in Landesverteidigungs- und Zivilabteilungen, in Forschungsinstitutionen und höheren Lehranstalten eingesetzt. Die Verwaltung muß vereinheitlicht werden, um die Barrieren zwischen den Abteilungen und zwischen den Regionen zu durchbrechen und die vorhandenen Talente zu nutzen. Dies kann nicht geschehen, wenn wir keine maßgebliche Organisation haben. Diese Organisation sollte zuständig sein für die Wissenschaftler und Techniker sowohl in Zivileinheiten als auch in der Landesverteidigung. Genosse [[Nie Rongzhen]] war in der Vergangenheit dafür verantwortlich, und alles war in bester Ordnung. Das Personal konnte dem Bedarf entsprechend versetzt und in großer Zahl für Schlüsselprojekte eingesetzt werden. Um die jährliche Bruttoproduktion der Industrie und Landwirtschaft innerhalb von zwanzig Jahren vervierfachen und die Politik gegenüber den Intellektuellen durchführen zu können, muß einer besseren Verwaltung der Wissenschaftler und Techniker oberste Priorität eingeräumt werden. Das ist das drängendste Problem, und man sollte die größten Anstrengungen unternehmen, um es zu lösen -und zwar so schnell wie möglich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich ist da auch noch die Frage der Politik. Es muß Menschen geben, die für Planung, Entwurf und Überprüfung aller wichtigen Aufbauprojekte die Verantwortung tragen. Jedes Projekt muß von einigen wirklich kompetenten Personen übernommen werden, die als Rückgrat dienen und das übrige Personal einstellen. Sie wissen, wo die richtigen Leute zu finden sind, und können ihren Einsatz schnell organisieren. Wenn die Organisation der Planungskommission überlassen wird, geht es nur langsam voran. Manche Projekte können den Universitäten und Hochschulen anvertraut werden, und falls notwendig, werden einige Wissenschaftler und Techniker dorthin versetzt, um an der Arbeit mitzuwirken. In der Praxis werden kompetente Leute zum Vorschein kommen. Sie sollten ohne Zögern befördert und in wichtige Positionen gesetzt werden. Sie werden nur dann ihre Fähigkeiten entwickeln, wenn man ihnen freie Hand läßt und sie mutig einsetzt. Nur mit einer immer größer werdenden Anzahl von fähigen Leuten besteht Hoffnung für unsere Sache. Wirklich fähige Leute sollten ausnahmsweise in Rang und Lohn befördert werden. Andererseits sollte man Leuten, die über Jahre hinweg außerstande sind, irgendeine nützliche Leistung vorzuweisen, eine andere Arbeit mit weniger Gehalt zuweisen. Für wirklich begabte oder kompetente Leute (und das sind gewiß nicht alle Intellektuellen) sollten die materiellen Leistungen angehoben werden. Ihrerseits sollten sie gewissenhaft und nach besten Kräften arbeiten und nicht viel Aufhebens von ihrem Gehalt machen. Was die Führung betrifft, so soll sie sehr umsichtig sein und das Gehalt derjenigen Leute erhöhen, die es verdienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewerbung um eine Arbeit ist eine gute Methode. Wir müssen Normen und Methoden für die Auswahl und Begutachtung der Wissenschaftler und Techniker ausarbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unsere Arbeit auf allen Gebieten sollte zum Aufbau des Sozialismus Chinesischer Prägung beitragen ==&lt;br /&gt;
(12. Januar 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit führenden Genossen der Staatlichen Planungskommission, der Staatlichen Wirtschaftskommission und Landwirtschaftsabteilungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der jüngsten Statistik stieg der industrielle und landwirtschaftliche Bruttoproduktionswert von 1982 um rund acht Prozent, vier Prozent mehr als geplant. Das wirft folgende Fragen auf: Was geschieht, wenn eine weit höhere Wachstumsrate als die im Jahresplan vorgesehene erzielt worden ist? Worauf ist eine derart hohe Wachstumsrate zurückzuführen? Welche Waren haben hauptsächlich die geplanten Produktionskennziffern überstiegen? Wird es zu einem zu großen Warenbestand kommen? Wird dies staatliche Investitionen bei Schlüsselprojekten beeinflussen? Wir müssen diese Fragen unverzüglich untersuchen und genau analysieren. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir unseren 6. Fünfjahrplan ändern sollten. Langfristige Pläne sollten flexibler, Jahrespläne hingegen spezifischer sein, selbstverständlich mit einem gewissen Maß an Flexibilität. Unsere Erfahrung zeigt, daß wir uns selbst übervorteilt haben, wenn unsere Planziffern zu hoch angesetzt waren. Das war eine bittere Lehie für uns. Wir sind uns dieser Fehler bewußt und werden in Zukunft auf der Hut davor sein. Doch heute sehen wir uns dem Gegenteil gegenübergestellt. Was für Probleme bringt es, wenn eine überhöhte Wachstumsrate erzielt wird – überhöht, weil die Planziffern zu niedrig angesetzt waren? 1982 war das zum ersten Mal der Fall. Wir müssen diesen Sachverhalt analysieren, um den Grund herauszufinden. Wir sollten die Jahrespläne unverzüglich ausarbeiten und dürfen diese Arbeit nicht vernachlässigen. Wir sollten Wert darauf legen, die wirtschaftliche Effizienz zu steigern, anstatt einzig und allein nach der prozentualen Steigerung der Produktionsmenge und des Produktionswerts zu streben. Kurz gesagt, die Prinzipien für die Ausarbeitung der Pläne sind: Sie sollten spezifisch und flexibel sein und erst durch Anstrengungen erfüllt werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte einen umfassenden Plan für die landwirtschaftliche Produktion geben. Um den landwirtschaftlichen Ausstoß zu vervierfachen, sollten wir in erster Linie die Getreideproduktion erhöhen. Doch wir können unser Ziel nicht erreichen, wenn wir uns einzig und allein auf die Getreideproduktion konzentrieren. Wir müssen einen genauen Plan aufstellen, wieviel Getreide im Jahr 2000 minimal produziert und im Hinblick auf den Pro-Kopf-Verbrauch erreicht werden soll. Wir müssen auf jeden Fall genügend Getreide produzieren, um die Norm für das Jahr 2000 zu erreichen. Das ist ein Ziel von strategischer Bedeutung. In China verbraucht jede Person in der Regel 200 bis 250 kg Getreide pro Jahr. Das restliche Getreide wird als Saatgut, Viehfutter und für industrielle Zwecke genutzt. Es ist nicht einfach, genügend Getreide zu produzieren; es erfordert allenthalben große Anstrengungen. Der Gesamtplan sollte spezifische Maßnahmen enthalten, mittels derer dieses Ziel erreicht werden kann. Zum Beispiel sollte er jeweils Angaben dazu enthalten, um wieviel die Getreide-Produktion steigt, und zwar durch mehr Düngemittel, durch verbessertes Saatgut, durch bessere Verwaltung, durch Intensivierung des landwirtschaftlichen Investbaus und andere Maßnahmen. Die Verwendung von größeren Mengen an Düngemitteln garantiert die Steigerung der Produktion. Doch die Qualität der Düngemittel muß gewährleistet sein. Die intensive Produktion von Volldüngern sollte ein Schwerpunkt unserer Landwirtschaftspolitik sein. Wenn wir uns für diesen Kurs entscheiden, müssen wir in Betriebe für Volldünger investieren. Die Auswahl guten Saatguts ist ebenfalls ein sicheres Mittel zur Steigerung der Produktion. Nehmen wir Reis als Beispiel: Durch Kreuzungen entstandene gute Sorten können die Reisproduktion steigern. Spezialisierte Saatgutgesellschaften sollten errichtet werden. Sie müssen Land erhalten, wo sie Experimente durchführen und Forschung betreiben können. Es sollte gesetzlich festgelegt sein, nur gute Saat auszusäen und das Saatgut regelmäßig zu erneuern. In den armen landwirtschaftlichen Gebieten sollte der Staat Darlehen in Form von gutem Saatgut und Dünger gewähren. Der landwirtschaftliche Investbau muß in den Plan aufgenommen werden. Ein Zeitplan ist erforderlich, und für all diese Unternehmungen müssen Investitionen gewährleistet werden. Wir sollten nie vergessen, daß die Landwirtschaft die Grundlage unserer Wirtschaft ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vervierfachung der landwirtschaftlichen Produktion hängt hauptsächlich von der Diversifizierung ab. Es gibt zwei direkte Maßnahmen: die eine ist die Entwicklung der Vieh- und Geflügelzucht und die andere die Entwicklung der Forstwirtschaft einschließlich des Obstbaus. Wir sollten die Zucht von Rindern, Schafen, Hühnern und Fisch in Vororten der großen und mittelgroßen Städte stark erweitern. Der Staat kann Unterstützung in Form von guten Zuchtrassen und Futter gewähren. Das ganze Land sollte der Futterverarbeitung große Bedeutung beimessen. Mehrere hundert moderne Futterfabriken sollten gebaut werden. Die Futterproduktion sollte als ein Zweig der Industrie behandelt werden und zwar als ein sehr wichtiger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft verfügt über ein großes Potential, das seiner Erschließung harrt, aber wir haben noch nicht einmal damit angefangen, allgemeine Zielsetzungen zu umreißen. Die Agrarwissenschaftler haben viele gute Vorschläge gemacht. Wir müssen die Forschung und die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte fördern. Wir müssen wissenschaftliche Methoden anwenden bei der Anhebung des Pro-Hektar-Ertrags, bei der Entwicklung der Diversifizierung, bei der Verbesserung der Bodenbearbeitung und der Anbaumethoden, bei der Lösung der Energiefrage in den ländlichen Gebieten, beim Schutz der ökologischen Umwelt usw. Wir müssen unsere Kraft auf die Schlüsselprojekte in der Agrarwissenschaft konzentrieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte erlaubt sein, daß einige Leute in den ländlichen Gebieten und in den Städten schneller als die anderen reich werden. Es ist gerecht, daß man durch harte Arbeit wohlhabend wird, und es ist gut, daß einige Leute und einige Gebiete als erste zu Wohlstand gelangen. Das ist eine neue Methode, die jedermann unterstützt. Diese neue Methode ist besser als die alte. In der Landwirtschaft unterstütze ich das vertragsgebundene System der Verantwortung für ein großes Stück Land. Auch in dieser Hinsicht läßt der gegenwärtige Stand vieles zu wünschen übrig. Kurz gesagt, wir sollten die Förderung des Sozialismus chinesischer Prägung, die Prosperität des Landes und das Gedeihen und das Glück des Volkes als ein Kriterium dafür betrachten, ob wir auf allen Gebieten unserer Arbeit richtig gehandelt haben oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Intellektuelle Potenzen erschließen ==&lt;br /&gt;
(2. März 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teil eines Gesprächs mit führenden Genossen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin kürzlich von [[Jiangsu]] nach [[Zhejiang]] und von dort nach [[Shanghai]] gereist. Dabei stellte ich fest, daß die Lage dort sehr gut ist. Die Leute waren bester Laune. Zahlreiche neue Häuser wurden gebaut, auf den Märkten gab es eine Fülle von Konsumgütern, und die Kader waren voller Zuversicht. Offensichtlich bestehen gute Aussichten für unsere vier Modernisierungen. Um das jährliche Bruttosozialprodukt bis Ende dieses Jahrhunderts zu vervierfachen, sollten detailliertere Pläne aufgestellt werden. Alle Provinzen und regierungsunmittelbaren Städte sollten einen spezifischen Plan haben, so daß sie genau wissen, was sie tun sollen. Wir müssen den Provinzen und regierungsunmittelbaren Städten bei der Lösung ihrer dringendsten Probleme helfen und somit die Bedingungen schaffen, daß sie ihre Pläne auf einer realistischen Grundlage erfüllen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der industrielle und landwirtschaftliche Bruttoproduktionswert in der Provinz Jiangsu beträgt bereits jährlich über 73 Milliarden Yuan, was ein Jahreseinkommen von 1200 Yuan pro Person oder fast das Doppelte des Pro-Kopf-Einkommens von 1976 bedeutet. Ich habe die Genossen in Jiangsu gefragt, wie sie das erreicht haben. Sie sagten, daß sie zwei entscheidende Maßnahmen getroffen hätten: Zum einen haben sie sich auf technische Fachkräfte aus Shanghai gestützt. Viele von ihnen waren bereits im Ruhestand und wurden dann in Jiangsu eingestellt. Sie sind hoch qualifiziert und die Ausgaben für sie sind nicht groß. Sie sind bereit, für einige Zuschüsse und ausreichenden Wohnraum zu arbeiten. Diese Leute haben eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Produktion gespielt. Viele Städte in Jiangsu sind Shanghai technologisch nicht mehr unterlegen. Die Genossen in Jiangsu haben seit vielen Jahren Fachwissen und der Rolle der Intellektuellen großen Wert beigemessen und die intellektuellen Kräfte gut genutzt. Zum anderen wurde das kollektive Eigentum gefördert, das heißt, die Errichtung kleiner und mittelgroßer Betriebe wurde unterstützt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse [[Zhao Ziyang]]&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zhao Ziyang, 1919 in Huaxian, Provinz Henan, geboren, ist Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und Ministerpräsident des Staatsrates der Volksrepublik China. Im Januar 1987 wurde er zum Amtierenden Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei gewählt.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat vorgeschlagen, Zonen wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu errichten, und jeder ist froh darüber. Das ist der richtige Weg. Meiner Ansicht nach sollten die wirtschaftlichen Zonen nicht auf Shanghai und die Provinz [[Shanxi]] beschränkt werden. Auch sollten wir nicht immer im Versuchsstadium steckenbleiben. Es würde zu langsam vorwärtsgehen, wenn wir ständig Versuche zu spezifischen Problemen anstellen und also einige Jahre benotigen würden, um nur einige wenige Fragen zu lösen. Wahrend des Befreiungskriegs (1946-1949) trat Genosse [[Mao Zedong]] dafür ein, daß die Zweite Feldarmee und die Dritte Feldarmee sich zusammenschließen und gemeinsam kämpfen sollten. Er sagte, daß sich die Kräfte durch die Vereinigung der beiden Feldarmeen nicht nur verdoppeln, sondern vervielfachen würden. Das gleiche gilt für die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es stimmt, daß viele Aspekte der wirtschaftlichen Zusammenarbeit noch nicht geklärt sind, doch nun ist es an der Zeit, damit anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr wichtig, die intellektuellen Potenzen zu erschließen. Ich beziehe dabei die Schulung der Arbeiter und Angestellten mit ein, der mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht werden sollte. Das Hochschulwesen sollte entwickelt werden. In der nahen Zukunft sollte die Anzahl der Universitäten und Hochschulen um 50 Prozent, wenn nicht um 100 Prozent, erweitert werden. Das steht in unserer Kraft. Die Verdoppelung der Studentenzahl in den Schwerpunktuniversitäten und -hochschulen ist kein großes Problem. An Dozenten besteht kein Mangel. Das Hauptproblem ist die Unterbringung. Ich glaube, daß wir es uns leisten können, etwas mehr Geld für den Bau von Hochschulgebäuden und Studentenwohnheimen auszugeben. Dazu müssen wir eine Kostenkalkulation aufstellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir einerseits generell zu wenig Intellektuelle haben, ist es andererseits in einigen Orten für die jungen und mittelaltrigen Intellektuellen schwer, eine nützliche Rolle zu spielen. Wir müssen die Politik gegenüber den Intellektuellen energisch durchführen, wozu auch die Verbesserung ihres Lebensniveaus gehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Aufbau der materiellen und geistigen Zivilisation des Sozialismus ==&lt;br /&gt;
(29. April 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit der Delegation des Zentralkomitees der [[Kommunistische Partei Indiens (Marxistisch)|Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch)]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem [[Sozialismus|sozialistischen]] Land muß sich eine wirklich [[Marxismus|marxistische]] [[Kommunistische Partei|Partei]] nach dem Machtantritt dafür einsetzen, die Produktivkräfte zu entwickeln und auf dieser Grundlage das Lebensniveau des Volks schrittweise zu erhöhen. Das ist der Aufbau der materiellen Zivilisation. In der Vergangenheit haben wir lange Zeit die Entwicklung der [[Produktivkräfte]] ignoriert, und deshalb müssen wir jetzt dem Aufbau der materiellen Zivilisation besondere Aufmerksamkeit widmen. Gleichzeitig bauen wir eine geistige Zivilisation des Sozialismus auf, was im wesentlichen bedeutet, daß unser Volk kommunistische Ideale und moralische Integrität-besitzen und gebildet und diszipliniert sein soll. Internationalismus und [[Patriotismus]] gehören gleichfalls dazu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Weg ist richtig und die Politik wird sich nicht ändern ==&lt;br /&gt;
(18. Juni 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit ausländischen Experten, die 1983 am Symposium über die Politik in [[Wissenschaft]] und Technik in [[Beijing]] teilgenommen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Modernisierung, die wir erstreben, ist eine Modernisierung chinesischen Typs. Der [[Sozialismus]], den wir aufbauen, ist ein [[Sozialismus chinesischer Prägung]]. Das heißt vor allem, daß wir gemäß unseren eigenen konkreten Verhältnissen und Voraussetzungen handeln und uns hauptsächlich auf unsere eigene Kraft stützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun sind wir auf dem richtigen Weg, unser Volk ist froh und wir sind voller Zuversicht. Unsere Politik wird sich nicht ändern. Wenn sie sich ändert, dann nur zum Besseren. Die Politik der Öffnung nach außen wird nur dazu führen, daß [[Volksrepublik China|China]] sich immer weiter nach außen öffnet. Der Weg wird nicht immer enger, sondern immer breiter werden. Wir haben viel gelitten, weil wir einen engen Weg eingeschlagen haben. Wenn wir zurückkehren, wohin würde uns das führen? Es wäre eine Rückkehr zu Rückständigkeit und [[Armut]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird sich an der Politik nichts ändern, daß die Praktik „Alle essen aus einem großen Topf&amp;quot; abgeschafft wird. Die [[Industrie]] hat wie die [[Landwirtschaft]] ihre eigenen Besonderheiten. Die Erfahrungen des einen Gebiets kann man nicht auf das andere Gebiet übertragen. Aber das Verantwortungssystem ist unser grundlegendes Prinzip, das ist gewiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Konzept zur friedlichen Wiedervereinigung des chinesischen Festlands und Taiwans ==&lt;br /&gt;
(26. Juni 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit Professor Yang Liyu von der Seton Hall University, South Orange, [[New Jersey]], [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kernpunkt ist die Wiedervereinigung des [[Volksrepublik China|Vaterlands]]. Die friedliche Wiedervereinigung ist zur gemeinsamen Vokabel der [[Kuomintang]] und der Kommunistischen Partei geworden. Das bedeutet jedoch nicht, daß eine der beiden Seiten die andere verschlingt. Wir hoffen, daß beide Parteien für die nationale Wiedervereinigung zusammenarbeiten und ihren jeweiligen Beitrag für die chinesische [[Nation]] leisten werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind mit der „völligen Autonomie&amp;quot; für [[Taiwan]] nicht einverstanden. Der Autonomie müssen Grenzen gesetzt werden, und wo es Grenzen gibt, kann nichts „völlig&amp;quot; sein. „Völlige Autonomie&amp;quot; bedeutet zwei China&amp;quot;, nicht eins. Es können unterschiedliche Systeme existieren, doch nur die Volksrepublik China kann China international vertreten. Wir erkennen an, daß die lokale Regierung Taiwans ihre eigenen politischen Richtlinien für innere Angelegenheiten festlegt. Obwohl Taiwan als ein administratives Sondergebiet eine lokale Regierung besitzt, unterscheidet es sich von den lokalen Regierungen der anderen Provinzen und regierungsunmittelbaren Städte sowie von denen der anderen autonomen Gebiete. Es genießt manche Machtbefugnisse, die andere Provinzen, regierungsunmittelbare Städte und autonome Gebiete nicht besitzen, wobei vorausgesetzt wird, daß die gemeinsamen Interessen des Staates nicht verletzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Wiedervereinigung mit dem Vaterland wird das administrative Sondergebiet Taiwan seine Unabhängigkeit bewahren und ein anderes Gesellschaftssystem als auf dem Festland praktizieren können. Es wird eine unabhängige Jurisdiktion genießen, und es wird nicht notwendig sein, letztgültige Urteile aus [[Beijing]] einzuholen. Mehr noch, Taiwan kann seine eigene Armee behalten, vorausgesetzt, daß sie keine Bedrohung für das Festland darstellt. Das Festland wird weder Truppen noch Verwaltungspersonal in Taiwan stationieren. Partei-, Regierungs- und Militärsysteme Taiwans werden von den taiwanischen Behörden selbst regiert. In der Zentralregierung werden eine Anzahl von Posten für Taiwan vorbehalten sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die friedliche Wiedervereinigung bedeutet nicht, daß das Festland Taiwan verschlingen wird. Selbstverständlich bedeutet es auch nicht, daß Taiwan das Festland verschlingt. Es ist unrealistisch, ,,China unter den Drei Volksprinzipien&amp;quot; wiederzuvereinigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muß einen geeigneten Weg geben, die Wiedervereinigung in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grund schlagen wir vor, die Gespräche nicht zwischen Zentralund Lokalregierung, sondern zwischen den beiden Parteien auf gleichberechtigter Ebene zu führen, um eine dritte Zusammenarbeit zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei zu erreichen. Sobald eine Vereinbarung zwischen den beiden Seiten zustande kommt, kann sie offiziell proklamiert werden. Doch unter keinen Umständen werden wir einem anderen Land erlauben, sich einzumischen. Die Einmischung des Auslands würde bedeuten, daß China noch nicht unabhängig wäre, und zu endlosen Schwierigkeiten führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir hoffen, daß die taiwanischen Behörden die von Ye Jianying im September 1981 vorgeschlagenen neun Prinzipien&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Am 30. September 1981 gewährte Ye Jianying, Vorsitzender des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses, einem Xinhua-Korrespondeten ein Interview, in dem er die Prinzipien für die Rückkehr Taiwans zum Vaterland und die friedliche Wiedervereinigung erläuterte. Sie enthalten folgende neun Punkte: (1) Um der unglücklichen Spaltung der chinesischen Nation möglichst schnell ein Ende zu setzen, schlagen wir vor, daß die Kommunistische Partei Chinas und die Kuomintang auf der Grundlage der Gleichberechtigung Gespräche miteinander führen, um ihre dritte Zusammenarbeit in die Wege zu leiten und so gemeinsam zum großen Werk der Wiedervereinigung des Vaterlandes beizutragen. Beide Seiten können einen Meinungsaustausch zuerst über Kontaktpersonen aufnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(2) Der sehnlichste Wunsch aller Nationalitäten auf beiden Seiten der Taiwan- Straße ist es, voneinander zu hören, Familien zusammenzuführen, den Handel zu entwickeln und sich gegenseitig besser kennenzulernen. Dazu schlagen wir vor, daß beide Seiten Maßnahmen zur Förderung der Postverbindungen, des Handels, des Luft- und Schiffsverkehrs, der Verwandtenbesuche und des Tourismus sowie des akademischen, kulturellen und sportlichen Austauschs ergreifen und entsprechende Vereinbarungen treffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(3) Nach der Wiedervereinigung des Vaterlandes kann Taiwan als ein Sonder- verwaltungsgebiet ein hohes Maß an Autonomie genießen und seine Streitkräfte beibehalten. Die Zentralregierung wird sich nicht in die regionalen Angelegenheiten Taiwans einmischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(4) Das bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Taiwans, seine Lebensweise und seine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen mit dem Ausland bleiben unverändert. Die Eigentumsrechte an Privatbesitz, Hausern, Grund und Boden sowie Betrieben, das legitime Erbrecht sowie die ausländischen Kapitalanlagen bleiben unangetastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(5) Vertreter der Taiwaner Behörden und aller Bevölkerungskreise können führende Funktionen in den nationalen politischen Organen bekleiden und sich an der Verwaltung des Staates beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(6) Die Zentralregierung wird der Taiwaner Regionalregierung entsprechend der Lage bei finanziellen Schwierigkeiten helfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(7) Die Angehörigen aller Nationalitäten und aller Bevölkerungskreise Taiwans können, wenn sie es wünschen, ins Vaterland kommen und sich hier niederlassen. Es wird gewährleistet, daß sie keiner Diskriminierung ausgesetzt werden und daß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
es ihnen freisteht, ein- oder auszureisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(8) Wir begrüßen es, wenn die Industriellen und Geschäftsleute aus Taiwan auf dem Festland des Vaterlandes in den verschiedenen Wirtschaftszweigen Investi- tionen tätigen und Unternehmen gründen. Ihre legitimen Rechte und Interessen wie auch ihre Gewinne werden garantiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(9) Die Wiedervereinigung des Vaterlandes ist eine Aufgabe aller Chinesen. Wir begrüßen es aufrichtig, wenn Angehörige aller Nationalitäten, aller Bevölke- rungskreise und aller Massenorganisationen auf Taiwan uns, auf welcher Art und Weise und über welche Kanäle auch immer, Vorschläge unterbreiten und sich mit uns über die Staatsangelegenheiten beraten.&amp;lt;/ref&amp;gt; und die Eröffnungsrede Deng Yingchaos&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In ihrer Eröffnungsrede auf der 1. Tagung des VI. Landeskomitees der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes am 4. Juni 1983 hieß es u. a.: „Die Verwirklichung der friedlichen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes ist der gemeinsame Wunsch aller Nationalitäten Chinas und eine ruhmreiche Aufgabe, die die Geschichte unserer Generation anvertraut... Wir respektieren die Geschichte und die Realität. Wir haben volles Verständnis für den Wunsch der verschiedenen Nationalitäten Taiwans und für die Lage der Taiwaner Behörden. Wir denken nicht nur an die Gegenwart, sondern auch an die Zukunft. Nach der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes werden die Kommunistische Partei Chinas und die Kuomintang langfristig zusammenarbeiten, auf die Dauer koexistieren und sich gegenseitig kontrollieren. Taiwan wird als ein Sonderverwaltungsgebiet ein vom Festland unterschiedliches System praktizieren, Taiwan und das Festland werden sich gegenseitig ergänzen und einander helfen. Nur eine Wiedervereinigung, die auf dem Boden der Realität steht, kann unserem Staat Stärke und unserer Nation Wohlstand bringen. Für die Wiedervereinigung einzutreten bedeutet Patriotismus. Unter der Voraussetzung der Wiedervereinigung lassen sich alle anderen Probleme diskutieren, für die wir schließlich eine vernünftige Lösung finden werden. Von ganzem Herzen erwarten wir von unseren Landsleuten auf Taiwan, unseren Landsleuten in Hongkong und Macao und den Auslandschinesen in Übersee, gemeinsam mit allen Nationalitäten auf dem Festland, weiter Vorschläge für die friedliche Wiedervereinigung unseres Vaterlandes zu machen und sich mit uns über die Staatsangelegenheiten zu beraten. Die Taiwan-Frage ist die innere Angelegenheit Chinas, die keine ausländische Einmischung zuläßt.&amp;quot;&amp;lt;/ref&amp;gt; auf der 1. Plenartagung der VI. Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes im Juni 1983 wohl überlegen und das bisherige Mißverstehen beseitigen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben im März dieses Jahres in San Francisco ein Forum über die Aussichten einer Wiedervereinigung Chinas abgehalten. Das war eine sehr gute Sache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir werden die unvollendete Aufgabe, die unsere Vorgänger uns hinterlassen haben, vollenden. [[Tschiang Kai-schek]], [[Chiang Ching-kuo|sein Sohn]] und alle, die sich um die Wiedervereinigung Chinas bemühen, werden sich einer besseren Darstellung in der Geschichtsschreibung erfreuen, wenn sie ihren Teil zur Bewältigung dieser Aufgabe beitragen. Natürlich dauert es seine Zeit, die friedliche Wiedervereinigung zu verwirklichen. Aber es ist nicht wahr, wenn man behauptet, daß wir es nicht eilig hätten. Bejahrte Menschen wie wir möchten die Wiedervereinigung so bald wie möglich erleben. Wir sollten mehr Kontakt pflegen, um ein besseres Verständnis füreinander zu haben. Wir sind jederzeit bereit, Leute nach Taiwan zu schicken, die sich nur umsehen und keine offiziellen Gespräche führen. Es ist uns auch willkommen, wenn Taiwan Leute hierher schickt. Sicherheit der Personen und Diskretion wird gewährleistet. Wir halten unser Wor und praktizieren keine Finten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben wirkliche Stabilität und Einheit erreicht. Unsere Prinzipien für die friedliche Wiedervereinigung des Vaterlandes wurden nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei ausgearbeitet, und die damit zusammenhängenden politischen Richtlinien sind schrittweise vervollständigt worden. Wir werden an ihnen festhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beziehungen zwischen China und den [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]] haben sich in der letzten Zeit ein wenig verbessert. Dennoch haben die Leute, die in den USA an der Macht sind, niemals ihre Politik der „zwei China&amp;quot; oder der „anderthalb China&amp;quot; aufgegeben. Die USA prahlen mit ihrem politischen System, aber die Bekundungen der Staatsmänner klingen bei einer Präsidentschaftswahl ganz anders als nach dem Amtsantritt, anders vor einer mittelfristigen Wahl und wieder anders, wenn sich die nächste Präsidentschaftswahl nähert. Nichtsdestoweniger behaupten die USA, daß es unserer Politik an Stabilität fehlt. Im Vergleich zu ihrer Politik ist unsere Politik allerdings sehr stabil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die intellektuellen Potenzen anderer Länder nutzen ==&lt;br /&gt;
(8. Juli 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit einigen führenden Genossen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten von den intellektuellen Potenzen anderer Länder Gebrauch machen, indem wir Ausländer dazu einladen, am Aufbau der Schlüsselprojekte und anderer Projekte auf verschiedenen Gebieten teilzunehmen und im Bildungswesen und bei technischen Neuerungen behilflich zu sein. Wir haben dieser Sache nicht genügend Wichtigkeit beigemessen und nicht die notwendige Entschlossenheit aufgebracht. Wir sollten uns nicht scheuen, Geld für die Anstellung von Ausländern auszugeben. Es ist gleichgültig, ob sie für eine lange oder eine kurze Zeit hier bleiben oder nur wegen eines einzigen Projekts herkommen. Wir wollen sie auffordern, zu kommen und uns bei der Lösung einiger Fragen zu helfen. Beim Aufbau der Modernisierung mangelt es uns sowohl an Erfahrungen als auch an technischen Kenntnissen, und deshalb sollten wir sie einladen, uns zu helfen. Wenn sie hier sind, sollten wir ihre Fähigkeiten zu voller Geltung bringen. In der Vergangenheit haben wir für die Ausländer zuviel Bankette gegeben und zuwenig daran gedacht, sie um Rat und Hilfe zu bitten, während sie in der Tat recht gewillt waren, uns bei der Arbeit behilflich zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Widmung für die Jingshan-Schule ==&lt;br /&gt;
(1. Oktober 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bildungswesen sollte auf die Bedürfnisse der Modernisierung, auf Weltoffenheit und auf die Zukunft ausgerichcet sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die dringenden Aufgaben der Partei an der organisatorischen und ideologischen Front ==&lt;br /&gt;
(12. Oktober 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rede auf der 2. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Hauptthema dieser Plenartagung ist die Ausrichtung der Partei. Der diesbezügliche Beschluß des Zentralkomitees der Partei wurde nach den Diskussionen angenommen. Das ist ein gutes Dokument, mit dem ich vorbehaltlos einverstanden bin. Nach dem Plenum muß die Frage der Führungsrolle der Partei an der ideologischen Front diskutiert werden. Ich möchte einige Bemerkungen über folgende zwei Fragen machen: nämlich, die Ausrichtung der Partei darf nicht oberflächlich durchgeführt und es darf keine geistige Verschmutzung an der ideologischen Front betrieben werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Zur ersten Frage: Die Ausrichtung der Partei darf nicht oberflächlich durchgeführt werden. ====&lt;br /&gt;
Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir die marxistische ideologische, politische und organisatorische Linie erneut bestätigt, von den konkreten Verhältnissen ausgehend, eine richtige Politik für verschiedene Bereiche ausgearbeitet und merkliche Leistungen vollbracht. An verschiedenen Fronten zeichnet sich allmählich eine neue Situation ab. Die Volksmassen unterstützen die Linie unserer Partei und deren Führung. Hervorgetreten aus schweren Kampferfahrungen, hat sich unsere Partei im  großen historischen Umbruch im wesentlichen als eine erprobte kampffähige Partei erwiesen, die in der Lage ist, Probleme zu lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der gegenwärtige Zustand unserer Partei ist bei weitem nicht zufriedenstellend. In der Partei existieren nicht wenige gewichtige Probleme, zu deren Klärung und Lösung wir noch nicht gekommen sind. Sie umfassen sowohl negative Folgen des zehnjährigen inneren Chaos, als auch einige unter den neuen historischen Bedingungen entstandene negative Erscheinungen. Der Beschluß über die Ausrichtung der Partei erwähnt unter anderen die „drei Kategorien von Menschen&amp;quot;; Wirtschaftsschwerverbrecher und andere Straftäter; Menschen, die ihre Macht für eigene Interessen mißbrauchen und somit die Beziehungen zwischen der Partei und den Volksmassen belasten; und Menschen, die sich lange Zeit politisch vom Zentralkomitee der Partei distanzieren oder sich nur scheinbar mit ihm in Übereinstimmung befinden, obgleich sie in Wirklichkeit eigene Wege gehen. All dies sind gefährliche Faktoren, die die Partei korrumpieren; es sind schwerwiegende Zeichen für Unklarheit in der Partei hinsichtlich der Ideologie, des Arbeitsstils und der Organisation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders gefährlich sind die „drei Kategorien von Menschen&amp;quot;. Derartige Fälle sind zum Teil ermittelt und behandelt worden, manche der Betroffenen haben sich ideologisch und praktisch gebessert. Aber eine recht große Zahl solcher Personen, die sich an alte Standpunkte klammern, hält sich noch in der Partei verborgen. Sie sind am gefährlichsten, weil sie: 1. auf ihrem Sektierertum bestehen und mit demagogischen und umstürzlerischen politischen Forderungen auftreten; 2. sich raffinierter politischer Kniffe bedienen und, wenn die Zeit gegen sie arbeitet, sich tarnen, um Vertrauen zu gewinnen, aber, sobald die Zeit für sie arbeitet, Feuer entzünden und neue Unruhen schüren; 3. in vielen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Orten des ganzen Landes versteckt und Verstreut leben und ihre geheimen, aus Gruppierungen erwachsenen Verbindungen noch nicht abgerissen sind; 4. relativ jung sind und über ein höheres Bildungsniveau verfügen. Manche von ihnen haben längst ihren Wiederaufstieg in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren angekündigt. Mit einem Wort, sie stellen eine ambitionierte politische Macht dar und dürfen deshalb nicht gering eingeschätzt werden. Bleibt dieses Problem bei der Ausrichtung der Partei ungelöst, werden solche Leute zur Quelle von Verhängnissen werden und in unserer Reihe wie eine Zeitbombe wirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blieben die Probleme der anderen genannten Personengruppen ebenso ungelöst, würden auch sie zu einer erheblichen Gefahrenquelle des Unheils.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir Altkommunisten sind darüber sehr bekümmert, und die Parteimitglieder und Volksmassen sind ebenfalls besorgt und unzufrieden. Der vom XII. Parteitag angenommene Beschluß über die umfangreiche Ausrichtung der Partei fand daher uneingeschränkte Unterstützung in der ganzen Partei und bei den Volksmassen aller Nationalitäten. Sie setzen große Erwartung auf die Ausrichtung der Partei. Dies verpflichtet unsere Partei dazu, mit einer resoluten, ernsthaften und gewissenhaften Haltung an die Ausrichtung der Partei heranzugehen und die bestehenden schwerwiegenden Probleme gut zu lösen. Eine oberflächliche Durchführung der Ausrichtung der Partei ist auf alle Fälle zu vermeiden, ansonsten würden wir die Genossen der ganzen Partei und das ganze Volk enttäuschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir große Anstrengungen unternommen, um die während der „[[Kulturrevolution]]“ und die in den politischen Bewegungen sowie der ideologischen Auseinandersetzung davor aufgetretenen „linken“ Fehler zu korrigieren. Das war vollkommen richtig. Derartige linke&amp;quot; Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Nicht wenige Genossen aber haben nur einseitige historische Lehren daraus gezogen; sie meinen nun, ideologische Auseinandersetzungen und ernsthafte Behandlung der Probleme seien gleichermaßen „links&amp;quot;-lastig. Demzufolge sprechen sie sich nur für den Kampf gegen die ,,linken&amp;quot; Abweichungen aus und erwähnen mit keinem Wort den Kampf gegen die rechten Tendenzen. So verfallen sie ins andere Extrem in die Schlaffheit. In den ideologischen Auseinandersetzungen mit falschen Tendenzen und bei der Maßregelungen schlechter Elemente grassierten in der Partei tatsächlich der Hang zu übermäßiger Großmut, Unschlüssigkeit, Tatenlosigkeit gegenüber heiklen Fällen und Bagatellisierung; die Folgen davon äußern sich in der Schwächung der Parteidisziplin und sogar in einer In-Schutznahme übler Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor kurzem wurde in landesweitem Maßstab eine konzentrierte Aktion gegen Schwerverbrecher eingeleitet. Wahrend dieser im gesetzlichen Rahmen durchgeführten Aktion, die lebhaften Zuspruch bei den Volksmassen fand, wurden die ermittelten Täter schnell und hart bestraft. Die Volksmassen sind allerdings dahingehend besorgt, daß eine zu nachsichtige Behandlung die Täter in Zukunft wieder auf freien Fuß setzen könnte, womit die Täter ermuntert würden, sich dann zu rächen. Die Volksmassen meinen auch, man hätte schon früher unnachgiebig gegen Schwerverbrecher vorgehen sollen. Sie kritisierten unser Zögern. Diese Reaktion und Kritik verdienen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Bereits vor zwei Jahren haben wir auf die Schlaffheit der Führung verschiedener Ebene hingewiesen und hielten die Tatsache, daß man sich nur mühsam zur Bestrafung der Schwerverbrecher durchringen konnte, für einen Ausdruck der Führungsschwäche. Wir müssen daraus Lehren ziehen und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Führungsschwäche mit Entschiedenheit überwinden. Während der Ausrichtung der Partei müssen die obenerwähnten „drei Kategorien von Menschen&amp;quot; und andere Personen, die schwere Fehler mit verhängnisvollen Folgen begangen haben, organisatorisch ernsthaft gemaßregelt werden; z. B. mit dem Ausschluß aus der Partei, mit Amtsenthebung oder anderen Strafemaßnahmen. Straftäter müssen gerichtlich belangt werden. Menschen mit leichten Vergehen muß man ernsthaft kritisieren. Sie sind aufzufordern, gewissenhaft, also nicht oberflächlich, Selbstkritik zu üben und zu versprechen, ihre Fehler zu korrigieren. Das wird eines der wichtigen Kennzeichen dafür sein, daß die Ausrichtung der Partei nicht oberflächlich durchgeführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene Parteimitglieder, die während der Ausrichtung organisatorisch zu maßregeln sind, stellen innerhalb der Partei nur eine verschwindend kleine Minderheit dar. Für die große Mehrheit der Mitglieder kommt es darauf an, durch ideologische Erziehung ihren Parteigeist zu stärken. Es ist dafür zu sorgen, daß die ganze Partei ideologisch, politisch und hinsichtlich der geistigen Verfassung bemerkenswerte Fortschritte macht, daß das Bewußtsein der Parteimitglieder, dem Volk zu dienen und nicht eigenen Interessen nachzustreben, zusehends wächst und daß sich die Beziehungen zwischen der Partei und den Volksmassen sichtbar verbessern. Durch die Ausrichtung der Partei muß erreicht werden, daß in der Partei häufiger Kritik und Selbstkritik geübt werden. Jedes Parteimitglied, welche hohe Funktion es auch ausübt, muß bereit sein, Kritik anzunehmen und Selbstkritik zu üben. Durch die Ausrichtung ist der organisatorische Aufbau der Partei zu intensivieren und eine grundlegende Verbesserung des Arbeitsstils der Partei anzustreben. Jedes Parteimitglied, jeder Parteikader, jede Parteiorganisation muß im Licht des Parteistatuts sich selbst unter die Lupe nehmen, den konkreten Umständen entsprechend Pläne über die Erreichung der im Parteistatut festgelegten Anforderungen ausarbeiten und deren Erfüllung sicherstellen. Die führenden Kader auf allen Ebenen, insbesondere die hochrangigen Kader, müssen noch strikter das Parteistatut und die „Bestimmungen über das politische Leben in der Partei&amp;quot; einhalten und mit gutem Beispiel vorangehen. Dies wäre ein weiteres wichtiges Zeichen dafür, daß die Ausrichtung der Partei ihre vorgesehenen Aufgaben erfüllt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einem Wort: wir müssen die Ausrichtung der Partei gut durchführen und unsere Partei zu einer kampffähigen marxistischen Partei ausbauen, damit sie zu einem stabilen Kern wird, der das ganze Volk beim Aufbau der sozialistischen materiellen und geistigen Zivilisation führt. Wenn die ganze Partei von dieser Entschlossenheit durchdrungen ist, kann sich unser Vorhaben durchsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Die zweite Frage: An der ideologischen Front darf man keine geistige Verschmutzung betreiben. ====&lt;br /&gt;
Der ideologische Bereich umfaßt sehr viele Gebiete. Hier komme ich vor allem auf die Teilbereiche Theorie sowie Kunst und Literatur zu sprechen. Auf beiden Sektoren wurden in den letzten Jahren große Erfolge erzielt. Die Theoretiker haben durch ihre Forschungen, Grundlegungen und mit ihrer aufklärerischen Tätigkeit einen positiven Beitrag zu unseren Diskussionen geleistet, besonders hinsichtlich der Frage, daß die Praxis das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit ist, hinsichtlich der wissenschaftlichen Zusammenfassung der historischen Erfahrungen der Partei, insbesondere nach der Gründung der Volksrepublik China, hinsichtlich der These über den Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung&amp;quot; sowie hinsichtlich der Reform der politischen und wirtschaftlichen Strukturen, des Aufbaus der sozialistischen geistigen Zivilisation und der Intensivierung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der ideologischen Erziehung im Sinne des Kommunismus und Patriotismus. Auf dem Gebiet der theoretischen Forschung und Lehre haben viele Genossen fleißig gearbeitet und viel Nützliches geleistet. Kunst und Literatur blühen auf wie nie zuvor. In Umfang und Tiefe der Widerspiegelung des realen Lebens und in der künstlerischen Darstellungskraft sind bemerkenswerte Fortschritte festzustellen. Eine große Anzahl hervorragender Romane, Reportagen, Filme, Fernsehspiele, Theater- und Opernwerke, Gedichte, Kompositionen, Gemälde, Ballette und Palladen wurde geschaffen.. Diese Leistungen sind wesentlich und müssen voll anerkannt werden. Das steht außer Zweifel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber in den Bereichen Theorie sowie Kunst und Literatur gibt es noch sehr viele Probleme und herrschen Verwirrungen ernsthaften Ausmaßes, die sich besonders in den Erscheinungen der geistigen Verschmutzung äußern. Heute möchte ich schwerpunktmäßig auf diese Probleme eingehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kämpfer an ideologischen Fronten sind Ingenieure der menschlichen Seelen. In der gegenwärtigen Zeit des Umbruchs fällt ihnen beim Aufbau der sozialistischen geistigen Zivilisation wie überhaupt beim Aufbau des Sozialismus eine besonders große Verantwortung hinsichtlich der ideologischen Erziehung zu. Die negativen Folgen des zehnjährigen Chaos, die von der Geschichte hinterlassenen Schwierigkeiten und die komplizierten Probleme, die unter den neuen historischen Bedingungen auftauchen, beschäftigen die Menschen und rufen in ihnen zum Teil unklare und falsche Ansichten hervor. Als Ingenieure der menschlichen Seelen müssen sie das Banner des [[Marxismus]] und des Sozialismus hochhalten, mit ihren Artikeln, Werken, Vorlesungen, Reden und Darbietungen das Volk erziehen und es anleiten, richtig an die Geschichte heranzugehen, die reale Welt zu erkennen, fest an den Sozialismus und an die Führung durch die Partei zu glauben; sie müssen die Volksmassen anfeuern, sich in den Dienst des Fortschritts zu stellen und Menschen zu werden, die Ideale, Moral und Bildung sowie hohe Disziplin besitzen und für das herrliche Werk die sozialistische Modernisierung tapfer streiten. Um diese Zielstellung haben sich die meisten Kunstschaffenden gemüht, wenn auch in unterschiedlich hohem Grad. Aber manche stellen sich den Erfordernissen der Zeit und des Volkes direkt entgegen, indem sie mit ihren ungesunden Gedanken, Werken und Darbietungen die Seelen der Menschen verseuchen. Dekadente Ideologien der Bourgeoisie und anderer Ausbeuterklassen zu verbreiten, Mißtrauen gegen den Sozialismus, den Kommunismus und gegen die Führung durch die Partei zu säen ist das Wesen der geistigen Verschmutzung. Im vorletzten Jahr hat das Zentralkomitee der Partei eine Aussprache über die Probleme im ideologischen Bereich abgehalten, auf der der Hang zur bürgerlichen Liberalisierung und die Führungsschwächen kritisiert wurden. Die Aussprache hat einiges bewirkt, konnte jedoch die Probleme nicht gänzlich lösen. Die Schlaffheit der Führung bleibt bestehen; der Trend zur bürgerlichen Liberalisierung wurde zwar zurückgedrängt, jedoch nicht überwunden, in manchen Fällen ist sogar eine Weiterentwicklung zu beobachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine beträchtliche Zahl von Theoretikern zeigt sich desinteressiert gegenüber den wichtigen theoretischen Fragen, die uns durch die Praxis des Aufbaus der sozialistischen Modernisierung gestellt sind. Sie sind nicht willens, solche aktuellen Probleme zu erforschen; sie suchert sich vielmehr von der Realität zu distanzieren, um Fehler zu vermeiden, oder erklären diese Probleme für akademisch bedeutungslos. Innerhalb der Forschung zu aktuellen Fragen existieren tatsächlich Abweichungen von der marxistischen Orientierung. Manche Genossen schwärmen für Diskussionen über den Wert des [[Mensch|Menschen]], den [[Humanismus]] und über die sogenannte Entfremdung. Ihr Interesse gilt nicht der Kritik am [[Kapitalismus]], sondern am Sozialismus. Den Humanismus als eine theoretische und ethische Frage kann man natürlich studieren und diskutieren, ja man muß es tun. Aber es gibt verschiedene Arten von Humanismus. Wir müssen vom marxistischen Standpunkt aus den Humanismus analysieren, den sozialistischen Humanismus (während der Jahre der Revolution bezeichneten wir ihn als den revolutionären Humanismus) propagieren und praktizieren, hingegen den bürgerlichen Humanismus kritisieren. Die Bourgeoisie pflegt damit zu prahlen, wie „menschlich&amp;quot; sie sei. Sie versucht, den Sozialismus als inhuman zu attackieren. Daß manche Genossen in unserer Partei auch für den abstrakten Humanismus und den Wert des Menschen schlechthin plädieren, daran habe ich nicht gedacht. Diese Genossen verstehen nicht, daß man weder in der kapitalistischen Gesellschaft von einem Wert des Menschen und von Humanismus schlechthin sprechen kann noch in der sozialistischen Gesellschaft. In unserer Gesellschaft gibt es noch üble Elemente, Abschaum der alten und neuen Gesellschaft; es gibt auch antisozialistische Elemente, ausländische und [[Taiwan|taiwanische]] Spione. Ebensowenig können die Probleme des niedrigen materiellen und kulturellen Niveaus unseres Volkes durch Diskussionen über den Wert des Menschen und über den Humanismus gelöst werden. Hier kommt es einzig und allein auf den intensiven Aufbau der sozialistischen materiellen und geistigen Zivilisation an. Wenn man, losgelöst von den konkreten Verhältnissen und Aufgaben, über den Menschen&amp;quot; redet, so spricht man nicht vom Menschen in der realen Gesellschaft, sondern von einem abstrakten Wesen. Das ist keine marxistische Haltung; damit wird man die Jugendlichen nur irreführen. Was den Begriff der Entfremdung betrifft, so hat ihn [[Karl Marx|Marx]]  nach der Entdeckung des [[Mehrwert|Mehrwertsgesetzes]] gebraucht, um die Lohnarbeit der Arbeiter in der kapitalistischen Gesellschaft zu charakterisieren. Marx wollte damit zum Ausdruck bringen, daß die Lohnarbeit den Arbeitern als fremde, sie beherrschende Macht gegenübertritt. Mit anderen Worten: die Lohnarbeit bereichert nur die Kapitalisten, bringt aber die Werktätigen selbst in Armut. Und jetzt spricht man, über den Kapitalismus hinaus und nicht einmal gegen die Relikte der Entfremdung im Kapitalismus und deren Folgen gerichtet, von der Entfremdung im Sozialismus, und zwar von der ökonomischen, politischen und ideologischen Entfremdung. Man meint damit, daß der Sozialismus in seiner eigenen Entwicklung durch seine Mechanismen ständig ihm selbst fremd gegenüberstehende Macht erzeugt. Und man erklärt auf Grund dieser Auffassung, die Reform diene dazu, diese Entfremdung zu überwinden. Eine solche Argumentation kann den Menschen nicht helfen, die in der sozialistischen Gesellschaft auftauchenden Probleme richtig zu erfassen und zu lösen; sie ist auch nicht dienlich dazu, die ständige Reform zugunsten des technischen und gesellschaftlichen Fortschritts in der sozialistischen Gesellschaft richtig zu begreifen und durchzuführen. In Wirklichkeit verleiten diejenigen, die so argumentieren, die Menschen dazu, den Sozialismus zu kritisieren, ihm gegenüber skeptisch zu reagieren, ihn schließlich völlig zu negieren und die Zuversicht bezüglich der Zukunft des Sozialismus und des Kommunismus zu verlieren. Letztendlich führt das dazu, daß der Sozialismus ebenso hoffnungslos erscheint wie der Kapitalismus. Wenn dies stimmte, was hätte es noch für einen Sinn, für den Sozialismus zu arbeiten? Der Marxismus und die Theorie über den Sozialismus wollen sich weiterentwickeln, inmitten der gesellschaftlichen Praxis der Menschheit und des Voranschreitens der Wissenschaft. Die genannten Auffassungen stellen keine Entwicklung dar, sondern einen Rückschritt, einen Schritt zurück zum vormarxistischen Zustand. Die Diskussion um den Humanismus und die Entfremdung sind zwei zur Zeit hervorstechende Probleme. Es gibt daneben noch andere Probleme, z. B. die Propagierung einer abstrakten Demokratie, was bis zu Plädoyers für die Freiheit, konterrevolutionäre Äußerungen zu veröffentlichen, führt. Solche Äußerungen stellen die Demokratie in Widerspruch zur Führung durch die Partei und tragen in der Frage der Parteilichkeit und der Volkstümlichkeit antimarxistische Ansichten vor. Manche Genossen verhalten sich bis heute skeptisch gegenüber den von der Partei formulierten vier Grundprinzipien. Eine kleine Zahl von Genossen meinte eine Zeitlang sogar, die Fragen, ob unsere Gesellschaft eine sozialistische sei, ob der Sozialismus verwirklicht werden solle oder könne, bis hin zur Frage, ob unsere Partei eine proletarische Partei sei, müßten zur Zeit noch offenbleiben. Andere Genossen sind der Auffassung, daß, da wir uns in der Periode des Sozialismus befänden, es unvermeidlich und richtig sei, „bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot;. Viele dieser falschen Auffassungen wurden in der Presse veröffentlicht, manche bis heute nicht korrigiert. Man kann daraus ermessen, welche ideologische Verwirrung unter manchen Genossen im theoretischen Bereich herrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Literatur und Kunst geschaffenen Werke, die das neue Leben beim Aufbau des Sozialismus widerspiegeln, sind zahlreicher. Das ist begrüßenswert. Sieht man allerdings von Reportagen ab, so vermißt man jedoch Werke mit großer Ausstrahlungskraft, die den revolutionären Geist des Volkes und der Jugendlichen beflügeln, sie zum Aufbau und zum Kampf auf den verschiedensten Posten anfeuern. Einige Autoren zeigen sich gegenüber der vom Zentralkomitee der Partei aufgestellten Losung „Literatur und Kunst dienen dem Volk und dem Sozialismus“ und an der sozialistischen Orientierung von Literatur und Kunst desinteressiert. Ihnen liegt nichts daran, die revolutionäre Geschichte unserer Partei und unseres Volkes und ihre heldenhaften Verdienste und Leistungen im Kampf für die sozialistische Modernisierung darzustellen und würdigen; den anstehenden Problemen im Sozialismus gegenüber zeigen sie sich selten bemüht, vom revolutionären, engagierten Standpunkt der Partei aus das Bewußtsein der Volksmassen zu erhöhen, ihren Enthusiasmus zu wecken und ihre Zuversicht zu festigen. Im Gegenteil, sie sind versessen darauf, düsteren, pessimistischen, sogar freierfundenen Kitsch zu schreiben, der die Geschichte der Revolution und die Realität entstellt. Manche Leute plädieren in großem Stil für den „Modernismus&amp;quot; des Westens und behaupten unverblümt, das höchste Ziel in Literatur und Kunst sei die „Selbstdarstellung&amp;quot;. In vielen Fällen verbreiten sie Vorstellungen von der abstrakten Wesenheit des Menschen und des Humanismus und meinen, die Entfremdung des Menschen unter den Bedingungen des Sozialismus sei das eigentliche Künstlerische Schaffensmotiv. Es gibt auch Werke rein pornographischer Natur. Der Einfluß dieser zahlenmäßig nicht umfangreichen Literatur auf einen Teil der Jugendlichen darf dennoch nicht außer acht gelassen werden. Viele Literatur- und Kunstschaffende vernachlässigen das Studium des Marxismus; sie gehen nicht unter die Massen, die ein neues Leben aufbauen; manche Parteimitglieder beteiligen sich nicht aktiv am Parteileben. Dies sind wesentliche Ursachen für die erwähnten negativen Erscheinungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die üble Tendenz „,bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot; greift auch in den Künstlerkreisen um sich. Schauspieler aus Künstlergruppen von der örtlichen bis zur zentralen Ebene gastierten vielerorts. Um Geld zu machen, boten nicht wenige Leute vulgär-obszöne Inhalte und Formen dar. Bedauerlicherweise waren auch einige namhafte Künstler und Kunstschaffende der Volksbefreiungsarmee in derartige Geschäfte verwickelt. Es ist nur natürlich, daß die Volksmassen sich über Menschen empören, die, um den vulgären Geschmack eines Teils des Publikums zu befriedigen, nicht davor zurückschrecken, die ruhmreiche Bezeichnung eines „Sozialistischen Literatur- und Kunstschaffenden&amp;quot; zu schänden. Die üble Tendenz zur Kommerzialisierung künstlerischer Produkte, die sich vornehmlich in dem Bestreben,,,bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot;, äußert, ist auch in anderen Bereichen der geistigen Tätigkeit zu beobachten. Einige Personen in den Künstlerkreisen, im Verlagswesen, in der Archäologie sind zu profitgierigen Geschäftemachern geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Haltung sollen wir gegenüber der zeitgenössischen Kultur der westlichen Bourgeoisie einnehmen? Die Richtlinie, sich wirtschaftlich der Außenwelt zu öffnen, ist richtig und muß langfristig verfolgt werden. Auch der kulturelle Austausch mit dem Ausland muß langfristig entwickelt werden. Wirtschaftlich hat unsere Richtlinie zwei Aspekte: einerseits Öffnung, andererseits Verwahrung gegen blinde, planlose und wahllose Einfuhr, wobei entschiedene Abwehr und Kampf gegen kapitalistische korrupte Beeinflussung unbedingt erforderlich sind. Warum sollten wir ausgerechnet im Kulturaustausch schädlichen Elementen der kapitalistischen Kultur freien Lauf lassen? Wir wollen von den entwickelten kapitalistischen Ländern fortgeschrittene Wissenschaft, Technologie, Erfahrungen im Management und alle anderen uns nützlichen Kenntnisse lernen. Abkapslung und Selbstzufriedenheit wären töricht. Die ideologischen Inhalte und die Darstellungsweise der Dinge im kulturellen Bereich muß man mit Hilfe des Marxismus analysieren, begutachten und kritisieren. Vorrang müssen wir bei der Publizierung natürlich jenen bedeutenden und seriösen Werken einräumen, die von aufrechten, fortschrittlichen Gelehrten, Schriftstellern und. Künstlern und deren gibt es gegenwärtig im Westen nicht wenige geschaffen wurden. Es finden sich jedoch Genossen, die blindlings alle westlichen Strömungen in Philosophie, Ökonomie, Politik, Soziologie oder Literatur und Kunst ohne differenzierte Analyse unterschiedlos und kritiklos anbeten. Die Verwirrung ist in diesem Bereich derart ins Kraut geschossen, daß Bücher, Filme, Musikwerke, Tänze, Kassetten und Videobänder, die selbst die westlichen Länder für vulgär, minderwertig oder schädlich halten, in den letzten Jahren in beträchtlicher Menge importiert wurden. Wir können nicht länger zulassen, daß man mit der dekadenten Kultur der westlichen Bourgeoisie unsere Jugendlichen geistig verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muß darauf hingewiesen werden, daß sich die Mehrheit der Theoretiker wie der Literatur- und Kunstschaffenden korrekt oder relativ korrekt verhält und, daß nur eine kleine Minderheit an der geistigen Verschmutzung mitwirkt. Das Problem liegt darin, daß wirkungsvolle Kritik an solchen falschen Äußerungen und Taten dieses kleinen Personenkreises und die erforderlichen Abwehrmaßnahmen fehlen. Die geistige Verschmutzung kann verhängnisvolle Folgen über unser Land und Volk bringen. Sie vermengt Recht mit Unrecht, schürt im Volk eine Stimmung der Passivität, der Trägheit und der Uneinigkeit, vergiftet die Seelen und den Willen der Menschen, fördert das Ausufern des Egoismus aller Schattierungen und schürt das Mißtrauen unter einem Teil der Bevölkerung gegenüber dem Sozialismus und der Führung durch die Partei, ja führt zu deren totaler Negierung. Den Kern der vier Grundprinzipien stellen die sozialistische Ordnung und die Führung durch die Partei dar. Sie bilden die Grundlage unserer Staatspolitik und des vereinten Kampfes des ganzen Volkes. Für negative Erscheinungen, Auswüchse, Kriminalität, dem Sozialismus feindlich gesonnene Aktivitäten, die in unserer Gesellschaft existieren, gibt es viele Ursachen; man kann sie nicht alle ausschließlich auf ideologische Verwirrung zurückführen, dennoch dürfen wir deren negative Folgen nicht unterschätzen. Betrachten wir die Praxis nicht als das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit? Manche Genossen wären gut beraten, zu überdenken, welche Einflüsse ihre falschen Äußerungen, schädlichen Werke, dekadenten Darbietungen im Volk und auf die Jugendlichen ausgeübt haben und welche Konsequenzen daraus erwachsen sind. Selbst aufrichtige, uns freundschaftlich gesinnte Persönlichkeiten im Ausland sind darüber besorgt. Natürlich gibt es dort Menschen, die jenen Akivitäten Beifall zollen. Auf dem Festland, auf Taiwan, in Hongkong und im Ausland finden wir solche Menschen. Die Genossen wären gut beraten, darüber nachzudenken, wer von welchem Standpunkt aus wem Beifall bekundet und mit welcher Absicht. Auch hier gilt es, an der Praxis zu messen. Man sollte nicht meinen, ein Quentchen geistige Verschmutzung mache nichts aus, und es sei kein Anlaß gegeben, überängstlich zu reagieren. Es mag sein, daß sich manche der genannten Erscheinungen in kurzer Zeit als harmlos herausstellen; aber wenn wir, statt rechtzeitig darauf aufzupassen und durchgreifende Maßnahmen zu ihrer Verhinderung zu ergreifen, diesen Erscheinungen freien Lauf lassen, so daß sie noch mehr Menschen in die Irre leiten, wären die Folgen verhängnisvoll. Langfristig gesehen geht es darum, was für eine Generation unser Erbe antreten wird, und diese Frage berührt das Schicksal und die Zukunft unserer Partei und unseres Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Führungsrolle der Partei an der ideologischen Front muß tatkräftig gestärkt werden. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei, insbesondere seit dem XII. Parteitag, ist die Leitlinie für die ideologische Front richtig und klar formuliert, das Problem liegt in der mangelhaften Durchsetzung der Linie. Die Hauptverantwortlichen der Parteikomitees von der zentralen bis zur örtlichen Ebene müssen der Lage, den Problemen und der Arbeit auf theoretischem Gebiet und in Literatur und Kunst sowie im ideologischen Bereich überhaupt große Aufmerksamkeit schenken. In erster Linie muß man den Ernst der bestehenden Probleme in voller Dimension erkennen und die Dringlichkeit, die Führungsschwäche und Schlaffheit im ideologischen Bereich zu überwinden, einsehen. Manche Genossen kümmern sich überhaupt nicht um die Frage der geistigen Verschmutzung und nehmen ihr gegenüber eine liberalistische Haltung ein, sie meinen sogar, ein lebhafter Kulturbetrieb sei ein Ausdruck für die Durchführung der Richtlinie der zwei Hundert&amp;quot;. Einige Genossen erkennen durchaus die Fehler anderer, sie wollen sie aber nicht kritisieren oder wagen dies nicht, um die Eintracht nicht zu stören. Das darf nicht länger so bleiben. So entschieden und gewissenhaft man gegen falsche Tendenzen, üble Elemente und Taten im Prozeß der Ausrichtung der Partei vorgehen muß, so entschieden muß man sich gegen die ernsten Probleme der ideologischen Verwirrung und der geistigen Verschmutzung wenden; man sollte nicht locker lassen, bis alle Probleme gelöst sind. Kritik und Selbstkritik bleiben die Hauptmethode für die Lösung von Problemen der ideologischen Verwirrung. Wir müssen zugeben, daß marxistische Kritik an manchen falschen Tendenzen im theoretischen Bereich und auf dem Gebiet der Literatur und Kunst geübt wurde. Das Problem liegt darin, daß diese Kritik keine bemerkenswerte Wirkung gezeigt hat. Zum einen reichten die Qualität und die Gedankentiefe der Kritik nicht aus, zum anderen war der Widerstand dagegen groß. Unsere Kritik, so zurückhaltend sie auch war, wurde als „Umzingelung&amp;quot; oder „Knüppel&amp;quot; bezeichnet. Tatsächlich allerdings wurden eher die Kritiker umzingelt, während den Kritisierten Sympathie entgegengebracht und Schutz gewährt wurden. Dieser anormale Zustand muß geändert werden, damit die marxistische, sozialistische und kommunistische Propaganda, insbesondere die richtige Auffassung über die theoretischen und prinzipiellen Fragen, in der Gedankenwelt dominieren können. Es gibt zur Zeit falsche Auffassungen, die sich als marxistisch bezeichnen, unter denen manche den Marxismus geradezu herausfordern. Die Marxisten müssen hier Farbe bekennen. Die Kommunisten, die im ideologischen Bereich tätig sind, insbesondere jene in führenden Funktionen und die einflußreichen Kommunisten, müssen sich an die vorderste Front stellen. Wenn man selber Fehler gemacht hat, gilt es, gewissenhaft Selbstkritik zu üben und diese Fehler wirklich zu korrigieren. Wer sich weigert, seine Fehler zu korrigieren, ist nicht qualifiziert, ideologische Arbeit anzuleiten. Die Kommunisten müssen den Parteigeist stärken und das Parteistatut sowie die Parteidisziplin einhalten. Spezialisten, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, solange sie Kommunisten sind, dürfen keine Sonderstellung für sich beanspruchen und meinen, sie seien. politisch klüger als die Partei, so daß sie tun und lassen dürften, was ihnen beliebt. Die Lösung derartiger Probleme ist die wichtigste Anforderung, die bei der Ausrichtung der Partei vor den Parteiorganisationen und Parteimitgliedern im ideologischen Bereich steht. Solange unsere Partei ihre marxistische Führung verstärkt, ihre Erschaffung und Trägheit sowie ihre liberalistische Haltung entschieden überwindet und gewissenhaft einen aktiven ideologischen Kampf entfaltet, können die obigen Probleme ohne allzu große Schwierigkeiten gelöst werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich würden sich manche die Frage stellen, ob die Linie der Partei geändert worden sei, ob die Richtlinie „Laßt hundert Blumen blühen, laßt hundert Schulen miteinander wetteifern nicht länger befolgt werde. Nein, die Linie der Partei hat sich nicht geändert, und die Richtlinie der „zwei Hundert&amp;quot; gilt nach wie vor. Die Kritik mit der Richtlinie der ,,zwei Hundert&amp;quot; in Gegensatz zu bringen, ist ein schwerwiegendes Mißverständnis, ja eine Entstellung. Diese Richtlinie ist darauf angelegt, der sozialistischen Kultur zum Blühen zu verhelfen. Genosse Mao Zedong sagte einmal: „Die Wahrheit erwächst aus dem Kampf gegen den Irrtum. Eben auf diese Weise entwickelt sich der Marxismus.&amp;quot; Manche Leute verstehen die Richtlinie der zwei Hundert&amp;quot; als Freibrief für uneingeschränkte Meinungsäußerung und Diskussion; sie interpretieren die Richtlinie sogar dahingehend, daß nur irrige Äußerungen, aber kein marxistischer Widerspruch dagegen zugelassen werden dürften. Was heißt hier denn hundert Schulen miteinander wetteifern zu lassen? Die marxistische Richtlinie des Proletariats wurde auf diese Weise zu einer liberalistischen Richtlinie der Bourgeoisie verfälscht. Der von Genossen [[Mao Zedong]] verfaßte Artikel „[[Bibliothek:Gegen den Liberalismus|Gegen den Liberalismus]]&amp;quot; ist ein von marxistischem Geist geprägter guter Artikel. Ich schlage den Genossen in leitenden Funktionen und besonders jenen Genossen, die im ideologischen Bereich tätig sind, vor, den Artikel gewissenhaft zu studieren und im Sinne dieses Artikels zu handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir den aktiven ideologischen Kampf betonen, müssen wir jedoch nach wie vor darauf achten, nicht in ,,linke&amp;quot; Fehler zu verfallen. Stark vereinfachte, einseitige ruppige und überzogene Kritik, grausamer Kampf und unbarmherziges Zuschlagen, Methoden, wie sie in der Vergangenheit angewendet wurden, dürfen nicht wiederholt werden. Diskussionsbeiträge und Artikel müssen überzeugend, sachlich und wissenschaftlich fundiert sein. Wer sich an einer Diskussion beteiligt oder Kritik übt, muß zuvor den Gegenstand der Diskussion und seiner Kritik genau studieren. Es ist auf jeden Fall zu vermeiden, Details zu verallgemeinern und alles für kritikwürdig zu halten sowie unter Hervorkehrung der eigenen Machtposition oder mit Scheinargumenten Andersdenkende unter Druck zu setzen. Wir müssen jenen Genossen, die Fehler begangen haben, wohlwollend helfen, ihnen Zeit zum Nachdenken einräumen und ihnen gestatten, gerechtfertigte, die Thesen und den Sachverhalt klärende Antworten zu geben. Es ist zu begrüßen, und sie sind zu ermutigen, wenn sie aufrichtig Selbstkritik üben. Es reicht aus, wenn sie solche Selbstkritik geübt haben. Man sollte nicht auf ihren Fehlern herumreiten. Sowohl Kritik als auch Selbstkritik müssen vom marxistischen Standpunkt aus geübt werden, nicht aber von „linken&amp;quot; Positionen. Falsche „linke&amp;quot; Ansichten im theoretischen und ideologischen Bereich müssen weiter kritisiert und korrigiert werden. Es muß eindeutig darauf hingewiesen werden, daß zur Zeit vor allem die rechten, zu Trägheit und Schlaffheit verführenden Tendenzen im ideologischen Bereich zu korrigieren sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, die Stärkung der Führungsrolle der Partei im ideologischen Bereich, die Überwindung der Führungsschwäche und Schlaffheit ist zu einer dringenden Aufgabe der ganzen Partei geworden. Auf allen Gebieten, sowohl in Theorie, Literatur und Kunst, in Bildungswesen, Presse, Verlagswesen, Rundfunk und Fernsehen als auch in der Massenkultur und in der ideologischen und politischen Arbeit unter den Massen, existieren ähnliche oder andersartige Probleme, die einer Lösung harren. Die Arbeit im ideologischen Bereich generell muß verstärkt werden. Wir wollen allen Ernstes die Lösung dieses Problems auf die Tagesordnung der gesamten Partei, aller Parteikomitees von der zentralen bis zur örtlichen Ebene setzen. Nach der Verlagerung des Schwerpunkts der Arbeit der Partei auf den Wirtschaftsaufbau muß sich die ganze Partei mit dem Problem beschäftigen, wie die ideologische Arbeit unter den neuen Bedingungen verstärkt und die Tendenz, sich in Wirtschaftsangelegenheiten zu verlieren und die ideologische Arbeit zu vernachlässigen, verhindert werden kann. Die Parteikomitees aller Ebenen, allen voran ihre Hauptverantwortlichen, müssen voller Aufmerksamkeit die Lage und die Probleme auf dem ideologischen Sektor verfolgen, sie eingehend studieren und wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit in diesem Bereich ergreifen. Ich schlage vor, daß das Politbüro oder das Sekretariat des Zentralkomitees der Partei eine Diskussion über die Arbeit der Partei im ideologischen Bereich durchführt, sich systematisch mit der Richtlinie, den Aufgaben, den Maßnahmen und Schritten in diesem Bereich befaßt. Ich glaube, wenn die ganze Partei von der zentralen bis zur örtlichen Ebene Gewicht auf diese Arbeit legt und sie unbeirrt anpackt, können wir, begünstigt durch die Ausrichtung der Partei, hier einen Umschwung bewirken. Die sozialistische Ideologie und Kultur wird eine neue Blüte erleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein neuer Ansatz zur Stabilisierung der Weltlage ==&lt;br /&gt;
(22. Februar 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit einer Delegation des Zentrums für strategische und internationale Forschung der Georgetown-University, [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt in der Welt viele Streitigkeiten, und wir müssen Lösungswege finden. Jahrelang habe ich überlegt, wie diese Streitigkeiten auf friedlichem Wege, nicht durch Krieg, beizulegen sind. Der Plan, den wir für die Wiedervereinigung des Festlands mit [[Taiwan]] vorgeschlagen haben, ist gerecht und vernünftig. Nach der Wiedervereinigung kann Taiwan weiterhin den [[Kapitalismus]] praktizieren, während das Festland den [[Sozialismus]] beibehält, aber in einem vereinheitlichten [[Volksrepublik China|China]]. Ein China, zwei Systeme. Das gleiche gilt für die [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]]-Frage - ein China, zwei Systeme. Doch Hongkong unterscheidet sich von Taiwan darin, daß es ein freier Hafen ist. Ich glaube, daß das eine praktikable Lösung für viele Streitigkeiten in der Welt ist. Wenn sich beide Seiten in einer Sackgasse festgerannt haben, wird es früher oder später zum Konflikt, möglicherweise sogar zum bewaffneten Konflikt kommen. Wenn ein Krieg verhütet werden soll, besteht die einzige Möglichkeit in dem, was ich oben dargelegt habe. Das ist annehmbar für das Volk, kann die Lage stabilisieren, und zwar langfristig, und schadet keiner der beiden Seiten. Da Sie sich mit internationalen Fragen beschäftigen, hoffe ich, daß Sie ein besseres Verständnis für unseren Vorschlag zur Lösung der Hongkong- und der Taiwan-Frage haben und darüber eine Studie anstellen werden. Auf jeden Fall müssen wir einen Ausweg aus dieser Sackgasse finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe ebenfalls über die Möglichkeit nachgedacht, einige territoriale Streitigkeiten beizulegen, indem die betreffenden Länder die strittigen Gebiete gemeinsam entwickeln, bevor sie die Frage der Souveränität diskutieren. Für derlei Probleme müssen neue Lösungsansätze entsprechend den Tatsachen gesucht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich spreche einfach die Gedanken aus, die mir im Kopf herumgehen. Ist es möglich, neue Lösungswege für viele Fragen zu finden, die durch alte Methoden nicht gelöst werden können? Neue Probleme sollten mit neuen Mitteln gelöst werden. Manche meiner Bemerkungen mögen unzutreffend oder etwas unüberlegt sein. Aber wir müssen unsere Köpfe anstrengen, um Möglichkeiten zur Stabilisierung der Weltlage zu finden. Ich habe viele Male erklärt, daß wir Chinesen nicht weniger als die Völker in anderen Ländern an Frieden und internationaler Stabilität interessiert sind. China braucht mindestens zwanzig friedliche Jahre, um die inlandische Entwicklung intensiv voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über die Wirtschaftssonderzonen und die Öffnung von mehr Städten gegenüber dem Ausland ==&lt;br /&gt;
(24. Februar 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch [[Deng Xiaoping|Deng Xiaopings]] mit einigen führenden Genossen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas nach der Rückkehr nach [[Beijing]] von seiner Reise in die Provinzen [[Guangdong]] und [[Fujian]] sowie einige andere Gebiete. Während seiner Inspektionsreise schrieb er einige Widmungen für Orte, die er besuchte. Die Widmung für [[Shenzhen]] lautet: „Die Entwicklung und Erfahrung der Wirtschaftssonderzone Shenzhen bestätigt, daß unsere Politik der Errichtung von Wirtschaftssonderzonen richtig ist.&amp;quot; In [[Zhuhai]] schrieb er: „Die Wirtschaftssonderzone Zhuhai ist ein Erfolg.&amp;quot; Die Widmung für [[Xiamen]] lautet: „Die Wirtschaftssonderzonen so verwalten, daß noch bessere Resultate noch schneller erzielt werden.&amp;quot; Im Stahl- und Eisenkombinat [[Baoshan]] schrieb er: „Neue Technologien und Techaiken beherrschen, besser lernen und mehr Neuerungen hervorbringen.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während meines jüngsten Besuchs der drei Wirtschaftssonderzonen in den Provinzen Guangdong und Fujian sowie des Stahl- und Eisenkombinats Baoshan in [[Shanghai]] habe ich zahlreiche Eindrücke gewonnen. Ich habe euch heute hierher eingeladen, um die Öffnungspolitik bezüglich der Wirtschaftssonderzonen zu diskutieren und darüber zu sprechen, wie die weitere Öffnung vor sich gehen soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Errichtung der Wirtschaftssonderzonen und der Durchführung einer Politik der Öffnung müssen wir uns darüber im klaren sein, daß unser Leitgedanke die Öffnung und nicht das Abschließen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei meinem Besuch der Wirtschaftssonderzone Shenzhen war ich beeindruckt von der dort herrschenden Prosperität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Tempo des Aufbaus in Shenzhen ist recht hoch. Noch schneller geht es in [[Shekou]] voran, weil der dortigen Regierung die Entscheidungsbefugnis bei Ausgaben bis zu fünf Millionen US-Dollar eingeräumt worden ist. Ihre Parole heißt: „Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben.&amp;quot; In Shenzhen braucht man nicht viel Zeit für den Bau eines Hochhauses, innerhalb von ein paar Tagen bauen die [[Proletariat|Arbeiter]] ein Stockwerk. Die dortigen Bauarbeiter kommen aus dem Landesinneren. Ihre hohe Leistungsfähigkeit ist auf das vertragsgebundene Verantwortungssystem, nach dem sie entsprechend ihrer Leistung bezahlt werden, und auf ein gerechtes System von Belohnung und Bestrafung zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Wirtschaftssonderzone ist ein Vehikel, um Technik, Verwaltung und Fachwissen einzuführen. Sie ist zugleich ein Fenster für unsere Außenpolitik. Über die Wirtschaftssonderzonen können wir ausländische Technologien einführen, Kenntnisse sammeln und Management erlernen. Management stellt ebenfalls eine Art von Fachwissen dar. Wahrscheinlich werden nicht alle Projekte, in die wir investieren, auf der Stelle Gewinn abwerfen, doch auf lange Sicht werden wir daraus Nutzen ziehen. Es gibt zumindest zwei Dinge, die wir in Shenzhen jetzt tun können: das eine ist der Bau eines [[Atomkraft|Atomkraftwerks]], das andere die Errichtung einer Hochschule mit Geldern von Auslandschinesen. Diese werden für die Verwaltung der Hochschule verantwortlich sein, ausgezeichnete ausländische Professoren als Lehrkräfte einladen und Lehrmittel aus dem Ausland kaufen. So können sie eine große Anzahl von kompetenten Fachkräften für uns ausbilden. Wenn wir diese Wirtschaftssonderzone erfolgreich verwalten, wird die Off-shore-Bohrung einen Boom erleben. Die Wirtschaftssonderzone wird die Basis unserer Öffnungspolitik werden, und wir werden nicht nur wirtschaftlich und bei der Ausbildung unserer Fachkräfte Nutzen aus ihr ziehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sondern unseren Einfluß im Ausland vergrößern. Berichten zufolge ist die öffentliche Ordnung in Shenzhen besser als früher, und viele Leute, die nach Hongkong gegangen sind, kehren jetzt zurück. Ein Grund dafür ist, daß es mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt, die Einkommen gestiegen sind und der Lebensstandard höher geworden ist dies alles beweist, daß die geistige Zivilisation von der materiellen Zivilisation abhängt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschaftssonderzone Xiamen ist zu klein, sie sollte die ganze Xiamen-Insel umfassen. Wenn das der Fall sein wird, können wir Investitionen sowohl von Auslandschinesen als auch von vielen Ausländern absorbieren. Das wird dann die umliegenden Regionen dazu anregen, als Zuliefergebiete für Xiamen zu arbeiten, wodurch die Wirtschaft der ganzen Provinz Fujian belebt werden wird. Die Wirtschaftssonderzone Xiamen erhält nicht die Bezeichnung freier Hafen, obwohl dort einige politische Richtlinien, die für einen freien Hafen gelten, praktiziert werden können. Dafür gibt es auf internationaler Ebene Präzedenzfälle. Wenn freier Kapitalfluß gesichert ist, werden ausländische Geschäftsleute und Auslandschinesen hier investieren. Das kann nicht fehlschlagen, sondern wird im Gegenteil sehr großen Nutzen bringen. Neben den vorhandenen Wirtschaftssonderzonen könnten wir in Betracht ziehen, mehr Hafenstädte wie [[Dalian]] und [[Qingdao]] zu öffnen. Wir werden sie nicht als Wirtschaftssonderzonen bezeichnen, können dort aber ähnliche politische Richtlinien durchführen. Das wird weit mehr Gewinne als Verluste einbringen. Wir sollten auch die Insel [[Hainan]] entwickeln. Die Entwicklung der dortigen Wirtschaft wäre eine große Leistung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo sollen wir bei der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft anfangen? Ein [[Japan|japanischer]] Freund hat zwei Vorschläge gemacht: Wir sollten erstens beim Transportund Kommunikationswesen beginnen, da das der Ausgangspunkt für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Zweitens sollten wir steigende Einkommen und hohen Konsum fördern. Da unsere Situation sich von der anderer Länder unterscheidet, sind wir gegenwärtig nicht in der Lage, den zweiten Vorschlag in unsere politische [[Praxis]] aufzunehmen. Doch wenn sich die Wirtschaftssonderzonen entlang der Küste erfolgreich entwickeln, werden wir imstande sein, das Einkommen der Bevölkerung zu erhöhen, wodurch der Konsum entsprechend steigen wird. Dies stimmt mit den Entwicklungsgesetzen überein. Das ist eine sehr entscheidende Politik, die sich jeder durch den Kopf gehen lassen sollte. Da die Bedingungen noch nicht für das ganze Land vorhanden sind, können wir einige Gebiete als erste reich werden lassen. Egalitarismus ist fehl am Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Weltfrieden wahren und die inländische Entwicklung gewährleisten ==&lt;br /&gt;
(29. Mai 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit dem [[Föderative Republik Brasilien|brasilianischen]] Präsidenten [[Joao Baptista de Oliveira Figueiredo]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Außenpolitik [[Volksrepublik China|Chinas]], die in den 80er Jahren durchgeführt und auch in den 90er Jahren und bis zum 21. Jahrhundert weiter verfolgt wird, kann in zwei Sätzen zusammengefaßt werden: Erstens, wir bekämpfen den Hegemonismus, um den Weltfrieden zu wahren. Zweitens, China wird stets zur [[Dritte Welt|Dritten Welt]] gehören, was ein Eckpfeiler unserer Außenpolitik ist. Wir sagen, daß wir stets zur Dritten Welt gehören, weil China als ein armes Land selbstverständlich der Dritten Welt zugehört und mit allen Ländern der Dritten Welt das gleiche Schicksal teilt. Selbst wenn China reich und stark wird, wird es immer noch zur Dritten Welt gehören, weil China niemals nach Hegemonie streben oder andere schikanieren, sondern immer auf der Seite der Dritten Welt stehen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Wust von gegenwärtigen Problemen auf der Welt stechen zwei besonders hervor. Das eine ist das Problem des Friedens. Heutzutage existieren [[Atomwaffe|nukleare Waffen]]; wenn ein Krieg ausbricht, können sie der Menschheit ungeheuren Schaden zufügen. Will man den Frieden erringen, muß man gegen Hegemonismus und Machtpolitik kämpfen. Das andere ist das Nord-Süd-Problem. Dieses Problem ist gegenwärtig sehr drängend. Die entwickelten Länder werden immer reicher, während die Entwicklungsländer immer ärmer und ärmer werden. Wenn das Nord-Süd-Problem nicht gelöst werden kann, wird das die Wiederherstellung und Entwicklung der Weltwirtschaft behindern. Die Lösung dieses Problems liegt freilich im Nord-Süd-Dialog. Wir unterstützen den Dialog. Doch der Dialog allein reicht nicht aus; die Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Dritten Welt, oder mit anderen Worten, die Süd-Süd-Zusammenarbeit sollte verstärkt werden. Wenn die Länder der Dritten Welt sich untereinander austauschen, voneinander lernen und zusammenarbeiten, können viele Probleme gelöst werden und sich gute Perspektiven eröffnen. Die entwickelten Länder sollten sich im klaren darüber sein, daß ohne wirtschaftliches Wachstum der Länder der Dritten Welt eine größere Entwicklung ihrer Wirtschaft unmöglich ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chinas Außenpolitik ist unabhängig und wirklich blockfrei. China schließt sich mit keinem Staat zusammen, sondern verfolgt eine völlig unabhängige Politik. Es wird weder die [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]]-Karte noch die [[Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (1922–1991)|sowjetische]] Karte spielen und auch keinem Land erlauben, die chinesiche Karte zu spielen. Chinas Außenpolitik zielt auf den Weltfrieden ab. Mit diesem Ziel vor Augen, widmen wir uns von ganzem Herzen dem Modernisierungsprogramm, um unser Land zu entwickeln und einen Sozialismus chinesischer Prägung aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China ist noch arm, und das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des Bruttosozialprodukts beträgt nur 300 US-Dollar. Doch wir haben uns das hohe Ziel gesetzt, es bis Ende des Jahrhunderts auf 800 US-Dollar zu steigern. 800 US-Dollar sind für die entwickelten Länder nicht nennenswert, doch für China ist das wahrhaft ein ehrgeiziges Ziel. Es bedeutet, daß das Bruttosozialprodukt Ende des Jahrhunderts 1000 Milliarden US-Dollar erreicht. Dann wird China imstande sein, größere Beiträge für die Menschheit zu leisten. Da China ein [[Sozialismus|sozialistisches]] Land ist, werden 1000 Milliarden US-Dollar ein höheres Lebensniveau für seine Bevölkerung bedeuten. Noch wichtiger ist, daß dies uns auf dieser Grundlage erlauben wird, uns in weiteren 30 bis 50 Jahren dem Niveau der entwickelten Länder anzunähern. Kurz, wir widmen uns nun mit Leib und Seele der Modernisierung unseres Landes und hoffen deshalb aufrichtig, daß kein Krieg ausbrechen und der Frieden von langer Dauer sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Land, zwei Systeme ==&lt;br /&gt;
(22. und 23. Juni 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Drei Volksprinzipien ([[Nationalismus]], [[Demokratie]] und Volkswohl) wurde von [[Sun Yat-sen|Dr. Sun Yat-sen]] während der [[Chinesische bürgerlich-demokratische Revolution|chinesischen bürgerlichdemokratischen Revolution]] aufgestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte von zwei Gesprächen mit Mitgliedern einer Industrie- und Handelsdelegation aus [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]] bzw. mit [[Sze-yuen Chung]] und anderen prominenten Persönlichkeiten aus Hongkong.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Volksrepublik China|chinesische]] Regierung hält fest an ihrem Standpunkt, ihren Prinzipien und ihrer Politik zur Lösung der Hongkong-Frage. Wir haben mehrmals erklärt, daß das gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaftliche System Hongkongs unverändert bleibt, seine Rechtsordnung im wesentlichen nicht geändert wird und die Lebensweise und sein Status als Freihafen und als internationales Handels- und Finanzzentrum beibehalten werden, wenn unsere Regierung die Ausübung ihrer Souveränität über Hongkong im Jahr 1997 wiederhergestellt hat. Hongkong kann seine wirtschaftlichen Beziehungen mit anderen Ländern und Gebieten weiterhin aufrechterhalten und entwickeln. Wir haben wiederholt erklärt, daß [[Beijing]] außer der Stationierung von Truppen keine Kader für die Regierung des Sondergebiets Hongkong entsenden wird. Auch diese Politik wird sich nicht ändern. Wir werden dort Truppen stationieren, um die Sicherheit unseres Landes zu gewährleisten, und nicht, um uns in die inneren Angelegenheiten Hongkongs einzumischen. Unsere Politik gegenüber Hongkong wird für fünfzig Jahre unverändert bleiben. Wir stehen zu unseren Worten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir führen eine Politik von „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durch. Genauer gesagt meinen wir, daß innerhalb der Volksrepublik China die eine Milliarde zählende Bevölkerung auf dem Festland den Sozialismus praktiziert, während Hongkong und Taiwan den Kapitalismus praktizieren dürfen. In den letzten Jahren haben wir große Anstrengungen unternommen, um „linke&amp;quot; Fehler zu überwinden und in Übereinstimmung mit den Prinzipien, von der Realität auszugehen und die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, politische Richtlinien in Bezug auf unsere Arbeit auf verschiedenen Gebieten auszuarbeiten. Nach fünfeinhalb Jahren zeigen sich nun die ersten Resultate. Vor diesem Hintergrund haben wir zur Lösung der Hongkongund der Taiwan-Frage die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; vorgeschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben diese Politik mehrfach diskutiert. Der Nationale Volkskongreß hat sie bereits angenommen. Einige Leute befürchten, daß diese Politik sich ändern wird. Ich sage, sie wird es nicht. Der Kernpunkt der Frage liegt darin, ob diese Politik richtig ist. Wenn sie richtig ist, kann sie sich nicht ändern; ist sie falsch, wird sie sich ändern. Wer kann die gegenwärtig in China verfolgte Politik der Öffnung nach außen und der Belebung der chinesischen Wirtschaft ändern? Der Lebensstandard von 80 Prozent aller Chinesen würde sinken, wenn diese Politik geändert würde, und wir würden die Unterstützung von 80 Prozent der Bevölkerung verlieren. Der entscheidende Faktor ist deshalb, ob die Politik richtig ist oder nicht. Wenn wir auf dem richtigen Weg sind und die Zustimmung der Bevölkerung haben, wird sich die Politik nicht ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Politik gegenüber Hongkong wird für eine lange Zeit unverändert bleiben, und dies wird den [[Sozialismus]] auf dem Festland nicht beeinträchtigen. Das dominierende System in China muß der Sozialismus sein. Eine Milliarde Bevölkerung auf dem Festland praktiziert den Sozialismus, dennoch wird dem kapitalistischen System gestattet, in gewissen Gebieten wie Hongkong und [[Taiwan]] zu existieren. Die ﻿Öffnung einer Anzahl von Städten auf dem Festland nach außen und das Hereinlassen des [[Kapitalismus]] bis zu einem gewissen Grad stellen eine Ergänzung für die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft dar und werden für das Wachstum der sozialistischen [[Produktivkräfte]] von Nutzen sein. Wenn beispielsweise ausländisches [[Kapital]] in [[Shanghai]] investiert wird, so bedeutet es nicht, daß die ganze Stadt den Kapitalismus praktiziert. Dasselbe gilt für Shenzhen, eine Wirtschaftssonderzone Chinas, wo der Sozialismus weiterhin vorherrscht. In China ist der Sozialismus das dominierende System.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; wurde in Übereinstimmung mit der Realität Chinas formuliert und hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. China muß nicht nur die Hongkong-Frage, sondern auch die Taiwan-Frage lösen. Worin liegt die Lösung der Taiwan-Frage? Soll der Sozialismus Taiwan verschlingen, oder sollen die von Taiwan propagierten Drei Volksprinzipien das Festland verschlingen? Weder das eine noch das andere. Wenn das Problem nicht friedlich gelöst werden kann, so muß es mit Gewalt gelöst werden. Dies ist für jede Seite nachteilig. Die Wiedervereinigung des Vaterlandes ist die Sehnsucht der ganzen Nation. Wenn sie in hundert Jahren nicht verwirklicht wird, muß sie in tausend Jahren verwirklicht werden. Ich sehe die Lösung dieser Frage nur darin, zwei Systeme in einem Land zu praktizieren. Die ganze Welt steht vor der Wahl, eine Reihe von Problemen friedlich oder nicht-friedlich zu lösen. Auf jeden Fall müssen sie gelöst werden. Neue Probleme müssen durch neue Mittel gelöst werden. Die erfolgreiche Lösung der Hongkong-Frage kann als Anregung für die Lösung internationaler Probleme dienen. Werfen wir einen Blick auf die Weltgeschichte: Gibt es irgendeine Regierung, die jemals eine so großzügige Politik wie die chinesische ausgearbeitet hätte? Gibt es irgendwelche Aufzeichnungen in der Geschichte des Kapitalismus, daß irgendein westliches Land etwas ähnliches getan hätte? Wenn wir zur Lösung der Hongkong-Frage die Politik „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; verfolgen, so folgen wir nicht einem plötzlichen Impuls, oder benutzen Tricks, sondern gehen von der Realität aus und berücksichtigen voll und ganz die Vergangenheit und die gegenwärtigen Verhältnisse Hongkongs. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten auf die Fähigkeiten der Bevölkerung Hongkongs vertrauen, die Angelegenheiten Hongkongs gut zu verwalten. Mißtrauen gegenüber den Fähigkeiten des chinesischen Volkes, Hongkongs Angelegenheiten zufriedenstellend zu regeln, ist eine Mentalität, die von den alten Kolonialisten stammt. Seit dem Opiumkrieg&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Opiumkrieg von 1840 bis 1842 war ein Aggressionskrieg, den das kapitalistische England China aufzwang. Seit Ende des 18. Jahrhunderts schmuggelte England Opium in großen Mengen in China ein, das das chinesische Volk vergiftete und ein Abströmen großer Mengen Silbergeldes verursachte. 1838 ernannte die Qing-Regierung Lin Zexu zum Sonderbeauftragten in Guangzhou, um den Opiumhandel zu unterbinden. Im Juni 1839 befahl Lin, 1,15 Millionen kg beschlagnahmtes Opium der britischen und amerikanischen Kaufleute in aller Öffentlichkeit zu vernichten. 1840 entfesselte England unter dem Vorwand des Handelsschutzes den Aggressionskrieg gegen China. Die Qing-Regierung zeigte sich kompromißbereit. Nur ein Teil der Streitkräfte und die Volksmassen leisteten Widerstand. Die britischen Truppen griffen Küstengebiete Guangdongs, Fujians und Zhejiangs an, eroberten Wusong, fuhren in den Changjiang ein und stießen bis nach Nanjing vor. Im August 1842 zwang England der Qing-Regierung den demütigenden Nanjing-Vertrag auf, infolge dessen sank China allmählich zu einem halbkolonialen und halbfeudalen Land herab.&amp;lt;/ref&amp;gt; wurde das chinesische Volk über hundert Jahre lang von Ausländern mißachtet und schikaniert. Seit Gründung der Volksrepublik hat sich das Image Chinas verändert. Das heutige Chinabild ist weder durch die [[Qing-Dynastie (1636–1912)|Qing-Regierung]]&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gemeint ist die letzte feudale Dynastie Chinas unter dem Staatsnamen Qing, die von 1644 bis 1911 regierte.&amp;lt;/ref&amp;gt; noch durch die nördlichen Militärmachthaber&#039;, noch durch [[Tschiang Kai-schek]] und seinen Sohn entstanden. Es ist die Volksrepublik China, die China ein neues Image gegeben hat. Alle Chinesen haben zumindest ein Gefühl des Stolzes auf die chinesische Nation, gleichgültig welche Kleidung sie tragen oder was für einen politischen Standpunkt sie einnehmen. Die Chinesen in Hongkong teilen diesen nationalen Stolz. Sie sind in der Lage, Hongkong gut zu verwalten, und sollten darauf vertrauen. Die Prosperität Hongkongs ist hauptsächlich den Einwohnern selbst zu verdanken, von denen die meisten Chinesen sind. Chinesen sind nicht weniger intelligent als Ausländer und sind nicht geistig minderbemittelt. Es ist nicht ﻿wahr, daß nur Ausländer Probleme erfolgreich bewältigen können. Wir müssen die Zuversicht haben, daß wir Chinesen es ebensogut können. Die Auffassung, daß die Bevölkerung Hongkongs kein Selbstvertrauen hat, stimmt nicht mit der wirklichen Meinung der Einwohner Hongkongs überein. Der Inhalt der chinesisch-[[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Verhandlungen ist noch nicht veröffentlicht, daher sind die Einwohner Hongkongs über die Politik der Zentralregierung noch nicht im Bilde. Sobald sie diese Politik gut kennen, werden sie volles Vertrauen darauf setzen. Unsere Politik zur Lösung der Hongkong-Frage ist vom Ministerpräsident Zhao Ziyang in seinem Bericht über die Regierungsarbeit auf der 2. Plenartagung des VI. Nationalen Volkskongresses bekanntgegeben und vom Kongreß angenommen worden. Das ist eine ernste Angelegenheit. Wenn sich heute immer noch einige Leute bei den Fragen von Vertrauen oder Glaubwürdigkeit der Volksrepublik China und der chinesischen Regierung aufhalten, wird nichts anderes zuwege gebracht werden. Wir sind davon überzeugt, daß die Bevölkerung Hongkongs imstande ist, die Angelegenheiten Hongkongs erfolgreich zu regeln, und müssen der ausländischen Herrschaft ein Ende setzen. Andernfalls würden die Menschen in Hongkong damit nicht einverstanden sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Bezug auf die Verwaltung Hongkongs durch die Einwohner Hongkongs müssen einige Anforderungen und Kriterien aufgestellt werden. Darin muß festgelegt werden, daß Patrioten die wichtigsten Verwaltungsposten der zukünftigen Regierung Hongkongs besetzen. Natürlich werden auch andere Leute in die Regierung aufgenommen und sogar Ausländer als Berater eingeladen werden. Wer ist ein Patriot? Die Kriterien für einen Patrioten bestehen darin, die chinesische Nation zu respektieren, die Wiedererlangung der Souveränität des Vaterlandes über Hongkong mit ganzem Herzen zu&lt;br /&gt;
unterstützen und nicht der Prosperität und Stabilität Hongkongs zu schaden. Alle, die diesen Anforderungen entsprechen, sind Patrioten, ungeachtet dessen, ob sie an den Kapitalismus oder Feudalismus oder sogar an das Sklavenhaltertum glauben. Wir fordern nicht von ihnen, daß sie dem chinesischen sozialistischen System zustimmen, wohl aber, daß sie das Vaterland und Hongkong lieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis 1997 sind es noch 13 Jahre. Wir sollten jetzt beginnen, auf einen allmählichen und reibungslosen Übergang hinzuarbeiten. In dieser Übergangsperiode müssen wir erstens starke Schwankungen oder Rückschläge vermeiden und Hongkongs Prosperität und Stabilität aufrechterhalten. Zweitens müssen wir Voraussetzungen schaffen für eine reibungslose Übernahme der Regierung durch die Einwohner Hongkongs. Ich hoffe, daß die Menschen aus allen Bevölkerungskreisen in Hongkong zu diesem Ziel ernsthafte Anstrengungen unternehmen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einen Sozialismus Chinesischer Prägung aufbauen ==&lt;br /&gt;
(30. Juni 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit der [[Japan|japanischen]] Delegation der 2. Sitzung des Rats chinesisch-japanischer Persönlichkeiten, die nicht Regierungsmitglieder sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der Niederschlagung der „[[Viererbande]]&amp;quot; und der Einberufung der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir die richtigen ideologischen, politischen und organisatorischen Linien sowie eine Reihe von Prinzipien und politischen Richtlinien ausgearbeitet. Was ist die ideologische Linie? Sie bedeutet das Festhalten am [[Marxismus]] und am marxistischen [[Dialektischer Materialismus|dialektischen]] und [[Historischer Materialismus|historischen Materialismus]], oder mit anderen Worten, das Festhalten an der Suche der Wahrheit in den Tatsachen, für die Genosse [[Mao Zedong]] eintrat. Es ist sehr wichtig für [[Volksrepublik China|China]], am Marxismus festzuhalten, und es ist ebenso wichtig, am [[Sozialismus]] festzuhalten. Seit dem [[Opiumkrieg]] war China mehr als ein Jahrhundert Aggression und Demütigung ausgesetzt. Die chinesische Revolution war deshalb siegreich, weil das chinesische Volk den Marxismus angenommen und daran festgehalten hat, den Weg von der [[Neue Demokratie|Neuen Demokratie]] zum Sozialismus einzuschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man könnte fragen: Falls China statt des sozialistischen den [[Kapitalismus|kapitalistischen]] Weg beschritten hätte, hätte sich das chinesische Volk befreien oder hätte China sich schließlich erheben können? Die [[Kuomintang]] ist diesen Weg über 20 Jahre gegangen und hat bewiesen, daß er nicht erfolgreich war. Die chinesischen Kommunisten hingegen, die am Marxismus festhielten und den Marxismus in Übereinstimmung mit den [[Mao-Zedong-Gedanke|Mao-Zedong-Ideen]] mit den konkreten Bedingungen in China verbanden, sind ihren eigenen Weg gegangen und haben die chinesische Revolution zum Sieg gebracht, indem sie die Städte von den Dörfern her einkreisten. Wenn wir nun umgekehrt keine Marxisten wären oder den Marxismus nicht mit den chinesischen Verhältnissen verbunden hätten und nicht unserem eigenen Weg gefolgt wären, dann wäre China zersplittert geblieben, hätte weder Unabhängigkeit noch Einheit erlangt. Freiheraus gesagt, China muß am Marxismus festhalten. Hätten wir kein volles Vertrauen auf den Marxismus gehabt, hätte die chinesische Revolution niemals siegen können. Dieses Vertrauen ist eine treibende Kraft. Falls wir nach Gründung der Volksrepublik den kapitalistischen anstatt den sozialistischen Weg eingeschlagen hätten, hätten wir diesem Chaos, das von Inflation, unstabilen Preisen, Armut und Rückständigkeit bestimmt war, nicht ein Ende setzen können. Wir sind von sehr rückständigen Verhältnissen ausgegangen. Es gab im Grunde genommen keine Industrie, die wir vom alten China hätten übernehmen können, und wir hatten nicht genug Getreide zum Essen. Manche Leute fragen, warum wir uns für den Sozialismus entschieden haben. Wir antworten, weil der Kapitalismus in China fehl am Platze war. Wir müssen die Probleme der Ernährung, der Arbeitsbeschaffung für die Bevölkerung und der Wiedervereinigung Chinas lösen. Das ist der Grund, warum wir immer wieder bekräftigen, am Marxismus und am sozialistischen Weg festzuhalten. Doch mit Marxismus meinen wir den Marxismus, der auf die chinesischen Verhältnisse abgestimmt ist, und mit Sozialismus meinen wir den Sozialismus, der den chinesischen Verhältnissen entspricht und chinesisch geprägt ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was heißt Sozialismus und was heißt Marxismus? Darüber waren wir uns früher nicht ganz im klaren. Der Marxismus mißt der Entwicklung der Produktivkräfte äußerst großes Gewicht bei. Wir treten für den Kommunismus ein. Aber was bedeutet Kommunismus? Er bedeutet das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen&amp;quot;, was hochentwickelte [[Produktivkräfte]] und einen überaus großen materiellen Reichtum erfordert. Infolgedessen ist die grundlegende Aufgabe für die sozialistische Periode die Entwicklung der Produktivkräfte. Die Überlegenheit des sozialistischen Systems zeigt sich dadurch, daß seine Produktivkräfte sich schneller und stärker als die des kapitalistischen Systems entwickeln. Was unsere Unzulänglichkeiten seit Gründung der Volksrepublik betrifft, so war eine davon die Vernachlässigung der Entwicklung der Produktivkräfte. Sozialismus bedeutet Beseitigung der Armut. Armut ist nicht Sozialismus, noch weniger [[Kommunismus]]. Die Überlegenheit des sozialistischen Systems besteht vor allem in seinem Vermögen, die Produktivkräfte schrittweise zu entwickeln und das materielle und kulturelle Lebensniveau der Bevölkerung allmählich zu verbessern. Wir stehen nun vor dem Problem, wie wir heute, da China noch rückständig ist, die Produktivkräfte entwickeln und das Lebensniveau des Volks verbessern. Das führt uns zurück zu der Frage, ob wir weiter am sozialistischen Weg festhalten oder den kapitalistischen Weg einschlagen sollen. Der kapitalistische Weg kann weniger als ein Prozent der chinesischen Bevölkerung Wohlstand bringen; über 90 Prozent der Bevölkerung kann er nie zum Wohlstand verhelfen. Aus diesem Grund müssen wir am Sozialismus festhalten. Das sozialistische Verteilungsprinzip ,,Jeder nach seiner Leistung&amp;quot; wird keine übermäßige Kluft zwischen den Besitzenden schaffen. Folglich wird es keine Polarisierung geben, auch wenn unsere Produktivkräfte sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren entwickelt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Minimalziel unserer vier Modernisierungen besteht darin, Ende des Jahrhunderts ein vergleichsweise wohlhabendes Lebensniveau zu erreichen. Ich habe das zum ersten Mal gegenüber dem früheren japanischen Ministerpräsidenten [[Masayoshi Ohira]] während seines Besuchs hier im Dezember 1979 erwähnt. Mit einem relativ wohlhabenden Leben meinen wir, daß das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des Bruttosozialprodukts am Ende des Jahrhunderts 800 US-Dollar erreichen wird. Für Sie ist das ein niedriges Niveau, für uns ist es jedoch ein ehrgeiziges Ziel. China hat heutzutage eine Bevölkerung von einer Milliarde, Ende des Jahrhunderts werden es 1,2 Milliarden sein. Wenn wir das Bruttosozialprodukt, das zu dieser Zeit 1000 Milliarden erreicht haben wird, nach dem kapitalistischen Prinzip verteilten, wäre das nur ein geringer Betrag, der uns nicht dabei helfen könnte, Armut und Rückständigkeit zu überwinden. Nur weniger als ein Prozent der Bevölkerung würden ein besseres Leben führen, während über 90 Prozent arm blieben. Doch das sozialistische Verteilungsprinzip ermöglicht es allen Menschen, besser zu leben. Aus diesem Grund wollen wir am Sozialismus festhalten. Ohne Sozialismus kann das Lebensniveau der chinesischen Bevölkerung nicht verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nur darüber zu reden ist nicht genug. Die heutige Welt ist eine offene Welt. Die Rückständigkeit Chinas in der Vergangenheit war auf die Politik der verschlossenen Tür zurückzuführen. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurden wir von anderen blockiert, und so blieb das Land bis zu einem gewissen Grad abgeriegelt, wodurch Schwierigkeiten für uns entstanden. Einige „linke&amp;quot; politische Richtlinien und insbesondere die „[[Kulturrevolution]]&amp;quot; haben Unheil verursacht. Kurz gesagt, die Erfahrungen der vergangenen über 30 Jahre beweisen, daß eine Politik der verschlossenen Tür den Aufbau verhindert und keine Entwicklung ermöglicht. Deswegen gelten folgende Prinzipien als die ideologische Leitlinie, die auf der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei formuliert wurde: an der Verbindung des Marxismus mit den chinesischen Verhältnissen, der Suche der Wahrheit in den Tatsachen, der Verbindung der Theorie mit der Praxis und dem Ausgehen von der Wirklichkeit festhalten. Das heißt mit anderen Worten, an den grundlegenden Ideen des Genossen Mao Zedong festzuhalten. Unsere politische Linie konzentriert sich auf die vier Modernisierungen und orientiert sich dementsprechend auf die Entwicklung der Produktivkräfte. Außer einem Weltkrieg wird uns nichts von diesem elementaren Punkt abbringen. Selbst wenn ein Weltkrieg ausbricht, werden wir uns nach dem Krieg dem Aufbau widmen. Eine Politik der verschlossenen Tür ist dem Aufbau nicht förderlich. Es gibt zwei Arten der Abriegelung: die eine ist gegen andere Länder gerichtet, die andere gegen China selbst, indem sich ein Gebiet oder eine Abteilung gegenüber anderen abriegelt. Wir schlagen vor, die Entwicklung ein wenig schneller voranzutreiben, nur ein wenig schneller, nicht zu schnell, denn das wäre unrealistisch. Um dies zu erreichen, müssen wir die inländische Wirtschaft wiederbeleben und eine Politik der Öffnung nach außen verfolgen. Zuerst müssen wir die Probleme der ländlichen Gebiete, in denen 80 Prozent der Bevölkerung leben, beilegen. Chinas Stabilität hängt von der Stabilität der ländlichen Gebiete mit diesen 80 Prozent abdas ist die chinesische Realität, von der wir ausgehen sollten. Wie erfolgreich unsere Arbeit in den Städten auch sein mag, sie ist ohne stabile Grundlage in den ländlichen Gebieten nutzlos. Darum müssen wir als erstes die Probleme der ländlichen Gebiete lösen, indem wir in diesen Gebieten die Wirtschaft wiederbeleben und eine Öffnungspolitik verfolgen, um auf diese Weise die Initiative von 80 Prozent der Bevölkerung zur vollen Entfaltung zu bringen. Ende 1978 haben wir diese Politik festgelegt, die nun nach einigen Jahren die erwünschten Erfolge zeigt.&lt;br /&gt;
Auf der kürzlich einberufenen 2. Tagung des VI. Nationalen Volkskongresses wurde beschlossen, den Schwerpunkt der Reform von den ländlichen Gebieten auf die Städte zu verlegen. Die städtische Reform umfaßt nicht nur Industrie und Handel, sondern auch Wissenschaft, Bildung und alle anderen Bereiche. Kurz, wir werden die Reform im Inland fortsetzen. Was unsere Beziehungen mit ausländischen Staaten anbelangt, so werden wir die Politik einer weiteren Öffnung gegenüber der Außenwelt verfolgen. Wir haben 14. große und mittelgroße Küstenstädte geöffnet. Wir heißen ausländische Investitionen und fortgeschrittene Techniken willkommen. Management ist ebenfalls ein Bestandteil der Technologie. Wird dies unseren Sozialismus schwächen? Gewiß nicht, denn die sozialistische Wirtschaft bildet unsere Hauptstütze. Unsere sozialistische Wirtschaft hat eine so starke Grundlage, daß sie Dutzende von Milliarden ausländischer Fonds absorbieren kann, ohne die sozialistische Grundlage zu erschüttern. Außerdem halten wir am sozialistischen Verteilungsprinzip fest und dulden keine Polarisierung. Auf diese Weise werden die ausländischen Investitionen ohne Zweifel eine wichtige Ergänzung beim Aufbau des Sozialismus in unserem Land darstellen, und so wie die Sache heute steht, ist diese Ergänzung unentbehrlich. Natürlich wird dies einige Probleme mit sich bringen, doch die negativen Aspekte haben weit weniger Bedeutung als die positiven Ergebnisse, die durch ausländische Investitionen bei der Beschleunigung unserer Entwicklung erzielt werden können. Es ist ein kleines Risiko, kein großes.&lt;br /&gt;
Wenn man über unsere Pläne spricht das sind sie. Wir werden Erfahrungen sammeln und neue Lösungsmöglichkeiten ausprobieren, wenn neue Probleme auftauchen. Zusammenfassend gesagt, sind wir überzeugt, daß dieser Weg zum Aufbau eines Sozialismus chinesischer Prägung richtig und praktikabel ist. Wir sind diesen Weg fünfeinhalb Jahre gegangen und haben befriedigende Ergebnisse erzielt. Wir wollen das Bruttosozialprodukt Chinas bis zum Ende des Jahrhunderts vervierfachen. Das Entwicklungstempo hat unser gesetztes Ziel bislang übertroffen. Ich kann also unseren Freunden mitteilen, daß wir nun noch zuversichtlicher sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist durchführbar ==&lt;br /&gt;
(31. Juli 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit dem [[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Außenminister [[Sir Geoffrey Howe]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist nicht erst heute entstanden. Es war bereits während der vergangenen Jahre, insbesondere seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees unserer Partei im Dezember 1978 im Entstehen. Diese Konzeption wurde zum ersten Mal im Hinblick auf die Lösung der [[Taiwan]]&amp;lt;nowiki/&amp;gt;und der [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]]-Frage aufgebracht. Es gibt zwei Lösungsmöglichkeiten: nicht friedlich und friedlich. Erstere, also die Beilegung der Fragen durch Waffengewalt, ist durchweg schlecht. Wie kann man diese Probleme friedlich lösen? Das verlangt, daß man die Geschichte Hongkongs und Taiwans und deren reale Verhältnisse voll berücksichtigt. Die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei hat die vom Vorsitzenden [[Mao Zedong|Mao]] befürwortete Linie, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, wiederhergestellt und betont, in allem, was wir tun, von der Realität auszugehen. Die Tatsachen und die Realität respektieren heißt, die historischen Tatsachen Hongkongs und Taiwans zu respektieren. Wenn wir befürworten, daß das kapitalistische System in Hongkong beibehalten wird, so heißt es, die Konzeption,,Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; dort anzuwenden. Dasselbe gilt auch für Taiwan. Unser [[Sozialismus|sozialistisches]] System wird sich nicht ändern, niemals. Aber die Stabilität und Prosperität in Hongkong und﻿ Taiwan werden nicht aufrechterhalten werden können und eine friedliche Lösung der Frage wird nicht möglich sein, wenn die Beibehaltung des kapitalistischen Systems dort nicht sichergestellt wird. Deswegen schlagen wir in der Hongkong-Frage vorerst vor, daß das gegenwärtige kapitalistische System und die Lebensweise für 50 Jahre ab 1997 unverändert bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die chinesische und die britische Regierung sind bei den Verhandlungen über die Hongkong-Frage zu einer grundsätzlichen Übereinstimmung gekommen. Ich bin überzeugt, daß die Konzeption ,,Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durchführbar ist. Diese Lösung wird auf internationaler Ebene eine positive Reaktion hervorrufen und für andere Länder ein Exempel statuieren, wie von der Geschichte hinterlassene Probleme beigelegt werden können. Bei der Ausarbeitung der Konzeption Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; haben wir auch überlegt, welche Methoden zur Lösung internationaler Streitigkeiten in Frage kommen könnten. Es gibt auf der heutigen Welt sehr viele vertrackte Streitigkeiten, die nur sehr schwer entwirrt werden können. Ich halte es aber für möglich, einige internationale Streitpunkte auf diesem Wege zu lösen. Wir haben uns bemüht, zur Lösung der Probleme einen für alle Seiten akzeptablen Weg zu finden. In der Vergangenheit sind viele Streitigkeiten ausgebrochen und haben zu bewaffneten Konflikten geführt. Wenn man angemessene und vernünftige Mittel anwendet, können die Krisenherde beseitigt und die Weltlage stabilisiert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rede zum 35. Nationalfeiertag der Volksrepublik China ==&lt;br /&gt;
(1. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genossen Kommandeure und Kämpfer der Chinesischen Volksbefreiungsarmee!&lt;br /&gt;
Alle Landsleute, Genossen und Freunde!&lt;br /&gt;
Anlaßlich der ruhmreichen Gelegenheit des 35. Jahrestages der Gründung der großen Volksrepublik China möchte ich hiermit den Genossen, Landsleuten und Freunden, die für die sozialistische Modernisierung und für die große Sache der Wiedervereinigung des Vaterlandes arbeiten und zum Schutz der Sicherheit unseres Landes kämpfen, aufs herzlichste gratulieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor 35 Jahren rief an dieser Stelle der Vorsitzende [[Mao Zedong]], der große Führer der Volksmassen aller Nationalitäten unseres Landes, feierlich die Gründung der Volksrepublik China aus. Er verkündete, daß das chinesische Volk sich erhoben hat. In den vergangenen 35 Jahren haben wir nicht nur eine finstere Epoche unserer Geschichte ein für allemal beendet und eine sozialistische Gesellschaft in China errichtet, sondern wir haben auch dem Verlauf der Menschheitsgeschichte eine neue Wendung gegeben. Insbesondere nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas hat das ganze Land ein vollig neues Aussehen gewonnen, nachdem die verwerflichen Maßnahmen der konterrevolutionären „[[Viererbande]]&amp;quot; gründlich korrigiert, die Denkweise des Genossen Mao Zedong Wahrheitssuche in den Tatsachen wieder aufgenommen﻿ und entwickelt sowie zahlreiche wichtige, der neuen Situation entsprechende Richtlinien befolgt worden sind. Durch die Verwirklichung von Stabilität, Einheit, Demokratie und Rechtsordnung im ganzen Land haben wir der sozialistischen Modernisierung oberste Priorität in unserer Arbeit eingeräumt. Unsere Wirtschaft hat sich so schwungvoll entwickelt wie nie zuvor, unsere Errungenschaften auf allen anderen Gebieten haben allgemeine Anerkennung gefunden. Heute ist unser Volk mit Freude und Stolz erfüllt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der XII. Parteitag hat als Ziel die Vervierfachung des Jahresbruttoproduktionswertes 1980 unserer Industrie und Landwirtschaft bis zum Jahr 2000 gesetzt. Die Entwicklungen in den letzten Jahren zeigen uns, daß dieses hochgesteckte Ziel erreicht werden kann. Unsere gegenwärtige Hauptaufgabe besteht darin, alles im bestehenden Wirtschaftssystem, was unseren Fortschritt behindert, systematisch zu reformieren. Gleichzeitig werden wir eine planmäßige technische Umgestaltung bestehender Betriebe im ganzen Land durchführen und unsere wissenschaftliche und technologische Forschung, die Bildung auf allen Ebenen und die Ausbildung aller Arbeiter, Angestellten und Kader verstärken. Die ganze Partei und die ganze Gesellschaft müssen Fachwissen wirklich achten und die Rolle der Intellektuellen zur vollen Geltung bringen. Auf diese Weise werden wir imstande sein, unser Modernisierungsprogramm allmählich zu verwirklichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chinas Außenpolitik ist allseits bekannt und wird unverändert bleiben. Wir treten entschieden für die Erhaltung des Weltfriedens ein, für die Entspannung der internationalen Lage und für die Abrüstung, vor allem die Abrüstung der nuklearen und anderen Waffenpotentiale der Supermächte, und wenden uns gegen jegliche Aggression und Hegemonie. China wird immer für die Außenwelt offen bleiben und ist bereit, auf der Grundlage der Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz diplomatische Beziehungen und wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen mit allen Ländern aufzunehmen und zu entwickeln. Wir setzen uns ein für die Beilegung internationaler Streitigkeiten durch Verhandlungen, so wie wir mit Großbritannien die Hongkong-Frage durch Verhandlungen gelöst haben. Angesichts der sich ernsthaft verschlechternden internationalen Lage müssen wir unsere Landesverteidigung stärken. Alle Kommandeure und Kämpfer der Volksbefreiungsarmee müssen jederzeit wachsam sein, ständig ihre militärische und politische Qualität verbessern und danach streben, Kenntnisse und Fähigkeiten für eine. moderne Kriegführung zu erlangen.&lt;br /&gt;
Wir sind für die friedliche Wiedervereinigung mit Taiwan, das Teil unseres heiligen Territoriums ist. Unsere diesbezügliche Politik ist ebenfalls allseits bekannt und wird unverändert bleiben. Sie hat begonnen, sich tief in den Herzen aller Chinesen, den Nachkommen des Gelben Kaisers, zu verwurzeln. Es ist eine unabänderliche historische Strömung, daß die friedliche Wiedervereinigung unseres Vaterlandes früher oder später Wirklichkeit werden wird. Wir hoffen, daß die Volksmassen aller Nationalitäten unseres Landes, einschließlich aller Landsleute in Hongkong, Macao, Taiwan und aller Auslandschinesen, gemeinsam auf ihre baldige Realisierung hinwirken.&lt;br /&gt;
Es lebe die große Volksrepublik China!&lt;br /&gt;
Es lebe die große Kommunistische Partei Chinas!&lt;br /&gt;
Es lebe die große Chinesische Volksbefreiungsarmee!&lt;br /&gt;
Es lebe die große Einheit aller Nationalitäten Chinas!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Prosperität und Stabilität in Hongkong aufrechterhalten ==&lt;br /&gt;
(3. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teil eines Gesprächs mit Landsleuten aus [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]] und [[Sonderverwaltungsregion Macau|Macao]], die an den Feierlichkeiten des Nationalfeiertages in [[Beijing]] teilnahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie sind in einer so großen Anzahl zur Teilnahme an den Feierlichkeiten unseres Nationalfeiertages gekommen und ich bin davon überzeugt, daß Hongkong eine lichte Zukunft besitzt. Unter denjenigen, die diesmal zu den Feierlichkeiten gekommen sind, befinden sich Persönlichkeiten aus verschiedenen Berufsgruppen und Bevölkerungskreisen und auch Menschen mit unterschiedlichen politischen Auffassungen. Dies zeigt, daß Sie alle die Wiederherstellung der Rechte Chinas auf Ausübung der Souveränität über Hongkong und das erreichte Abkommen zwischen der chinesischen und der britischen Regierung unterstützen. Das bedeutet, daß wir eine gemeinsame wichtige Voraussetzung und ein gemeinsames Ziel haben, nämlich die Aufrechterhaltung der Prosperität und Stabilität in Hongkong für die nächsten 13 Jahre und auch danach, kurz gesagt also, die Liebe zu unserem Vaterland und die Liebe zu Hongkong. Ich freue mich sehr, heute so viele Gäste hier zu haben. Durch unsere gemeinsamen Bemühungen, so bin ich sicher, kann dieses Ziel verwirklicht werden. Nach 1997 werden diejenigen von Ihnen, die jetzt 60 oder 70 Jahre alt sind, nicht mehr so gut bei Kräften sein wie heute. Viele junge Leute sind heute hier zugegen. Sie sind uns gegenüber im Vorteil. Was mich persönlich betrifft, so möchte ich bis 1997 leben, um mit eigenen Augen zu sehen, daß China wieder die Souveränität über Hongkong ausübt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Leute befürchten, daß sich Chinas Politik möglicherweise ändern wird, wenn wir nicht mehr da sind. Ich bin Ihnen für Ihr Vertrauen zu älteren Menschen wie mir sehr dankbar. Heute möchte ich Ihnen versichern, daß sich Chinas Politik nicht ändern wird und daß niemand sie ändern kann. Denn sie ist korrekt, hat sich bewährt und findet beim Volk Unterstützung. Da sie vom Volk unterstützt wird, wird jeder, der sie zu ändern versucht, auf den Widerstand des Volkes stoßen, wer immer es auch sein würde. Überdies halten sich unsere Zentralregierung und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas an ihre Zusagen gegenüber der internationalen Öffentlichkeit-das war selbst in den chaotischen Jahren der Fall. Versprechen zu halten ist eine Tradition unserer Nation, keine Erfindung unserer Generation. Dies ist eine wesentliche Qualität unseres großartigen alten Landes. Unser Land ist ein großes und stattliches Land. Und ein großes Land sollte seine Würde wahren und seine Prinzipien einhalten. In dem Abkommen haben wir erklärt, daß 50 Jahre lang keine Änderungen vorgenommen werden, und wir stehen zu unserem Wort. Es wird in meiner Generation keine Änderungen geben, und auch in der nächsten Generation nicht. Und ich glaube nicht, daß die Politiker 50 Jahre nach 1997, wenn sich das Festland entwickelt hat, in solchen Angelegenheiten engstirnig verfahren werden. Also seien Sie unbesorgt, es wird keine Änderungen geben. Und wenn, dann nur zum Besseren, was sich noch günstiger für die Prosperität und die Entwicklung Hongkongs, keinesfalls nachteilig für die Interessen der dortigen Bevölkerung auswirken wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die Gemeinsame Erklärung Chinas und Großbritanniens betrifft, so sind wir überzeugt, daß nicht nur wir selbst, ﻿sondern auch die Briten sie einhalten werden, und wir sind noch mehr davon überzeugt, daß die überwiegende Mehrheit unserer Landsleute in Hongkong dasselbe tun wird.&lt;br /&gt;
Nach 1997 dürfen die taiwanischen Institutionen in Hongkong weiterhin bestehen bleiben. Sie dürfen dort ihre „Drei Volksprinzipien&amp;quot; propagieren und die Kommunistische Partei beschimpfendavor haben wir keine Angst, weil die Kommunistische Partei nicht durch Kritik gestürzt werden kann. Aber ich hoffe, daß sie darauf achten werden, keine Unruhen in Hongkong herbeizuführen, keine zwei China“ zu praktizieren. Diese Forderung nach „zwei China&amp;quot; ist heutzutage nicht mehr lediglich eine Angelegenheit zwischen dem Festland und Taiwan, sondern eine Frage von internationaler Bedeutung. Wir glauben, daß die Vertreter Taiwans in Hongkong als Chinesen auf der Seite unserer Nation stehen und die allgemeinen Interessen und die Würde unserer Nation wahren werden. Ihnen wird es gestattet sein, in Übereinstimmung mit den obengenannten Forderungen ihre Aktivitäten durchzuführen und ihre Propaganda zu betreiben. Das wird bei der besonderen Situation Hongkongs zulässig sein.&lt;br /&gt;
Ich hoffe, daß unsere Landsleute aus Hongkong und Macao viele Orte des Festlands besuchen und mehr von unserem Land sehen werden, um die Veränderungen wahrnehmen zu können. Uns vereint die Parole „Es lebe die große Einheit der chinesischen Nation!&amp;quot;, nicht wahr? Alle Leute sollten sich zusammenschließen, ungeachtet ihrer politischen Auffassung, einschließlich jener, die die Kommunistische Partei beschimpfen. Ich hoffe, daß unsere Landsleute in Hongkong sich fest zusammenschließen und ihre gemeinsamen Anstrengungen darauf ausrichten werden, die Prosperität und Stabilität Hongkongs aufrechtzuerhalten und einen Beitrag für die reibungslose Übergabe der politischen Macht im Jahre 1997 zu leisten.&lt;br /&gt;
„Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist international ein neues Konzept. Wir haben diese Politik nicht nur im Hinblick auf die Hongkong-Frage aufgestellt, sondern auch weil die allgemeine Richtlinie unserer Außenpolitik darin besteht, den Weltfrieden zu wahren. In der heutigen Welt müssen neue Ansätze zur Lösung internationaler Konflikte gefunden werden. Selbstverständlich hängt der Erfolg der Konzeption ,,Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; von den Anstrengungen unserer Landsleute in Hongkong ab, und ich bin überzeugt, daß die Zeit dem Konzept Erfolg bringen und uns Recht geben wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das großartige Ziel der vier Modernisierungen und unsere grundlegende Politik ==&lt;br /&gt;
(6. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Gespräch mit den chinesischen und ausländischen Delegierten anlaßlich eines Symposiums über die wirtschaftliche Zusammenarbeit Chinas mit dem Ausland.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Gebiet der Ökonomie bin ich ein Laie. Ich habe zwar einige Bemerkungen dazu gemacht, aber stets aus politischer Sicht. Ich habe beispielsweise für China die Wirtschaftspolitik der Öffnung nach außen vorgeschlagen. Aber im Detail und bei den konkreten Fragen der Durchführung kenne ich mich nicht gut genug aus. Also kann ich auch heute nur aus politischer Perspektive Stellung zu dieser Frage nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben uns ein politisches Ziel gesetzt: die Produktion bis Ende dieses Jahrhunderts zu vervierfachen, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen des Bruttosozialprodukts auf 800 USDollar zu erhöhen und den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern. Diese Idee habe ich in einem Gespräch mit einem japanischen Freund, dem damaligen Ministerpräsidenten [[Japan|Japans]] [[Masayoshi Ohira]], vorgebracht. Während seines Besuches in [[Beijing]] im Jahre 1979 fragte er mich nach dem Ziel unserer vier Modernisierungen. Ich antwortete, daß es wahrscheinlich die Vervierfachung der Produktion bis Ende dieses Jahrhunderts wäre. Im Jahre 1979 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt in China etwa 250 US-Dollar, und eine Vervierfachung bedeutet also 1000 USDollar pro Kopf. Später habe ich die Tatsache in Rechnung gestellt, daß unsere Bevölkerung dann nicht mehr eine Milliarde, sondern, grob geschätzt, 1,2 Milliarden betragen wird, wodurch das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen nur etwas mehr als 800 US-Dollar ausmachen wird. Daraus folgt, daß das chinesische Volk ein komfortableres Leben führen wird. Diese Zielsetzung mag für die entwickelten Länder nicht viel bedeuten, für China jedoch ist es ein sehr ehrgeiziges, großartiges Ziel. Wenn wir es erreichen, wird das Brottosozialprodukt Chinas 1000 Milliarden US-Dollar betragen. Noch wichtiger ist jedoch, daß diese Summe eine solide Basis für unsere Bemühungen schafft, innerhalb der nächsten 30 bis 50 Jahre dem Niveau der entwickelten Länder näherzukommen. Das ist keine leichte Aufgabe. Prahlerei und Phrasendrescherei werden nichts zuwege bringen. Die Verwirklichung dieser Zielsetzung erfordert eine Reihe korrekter Prinzipien und politischer Richtlinien hinsichtlich der inund ausländischen Angelegenheiten. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir eine Politik der Belebung der Wirtschaft im Innern und der Öffnung nach außen festgelegt. Ohne diese Politik kann unser Ziel unmöglich erreicht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Belebung der inländischen Wirtschaft haben wir bei den ländlichen Gebieten angesetzt. Dort leben 80 Prozent der chinesischen Bevölkerung. Die soziale Stabilität Chinas und seine wirtschaftliche Entwicklung hängen vor allem von der Entwicklung der ländlichen Gebiete und von der Verbesserung des Lebensstandards der Bauern ab. Die Vervierfachung unserer Produktion ist in erster Linie davon abhängig, ob dies Vorhaben bei diesen 80 Prozent unserer Bevölkerung erreicht werden kann. Es scheint, daß unsere neuen politischen Richtlinien für die ländlichen Gebiete erfolgreich sind und ﻿schnelle und bemerkenswerte Ergebnisse erzielt werden. Früher war das Leben auf dem Land ziemlich hart. Jetzt kann man sagen, daß die überwiegende Mehrheit der Menschen dort genug zu essen hat und besser gekleidet ist, und ihre Wohnverhältnisse haben sich erheblich verbessert. Die Erfolge unserer Politik für die ländlichen Gebiete erhöhen unsere Zuversicht und ermutigen uns, uns einzusetzen für die Verwirklichung unseres Zieles der Vervierfachung des Bruttosozialprodukts.&lt;br /&gt;
Die in diesen Jahren auf dem Land durchgeführten Reformen sind von revolutionärer Bedeutung. Mittlerweile haben wir Experimente für die städtischen Reformen eingeleitet. Natürlich können wir die für die Dörfer geeigneten Praktiken nicht mechanisch auf die Städte anwenden, weil die Situation in den Städten viel komplizierter als auf dem Land ist und die Arbeit dort Industrie, Handel und Dienstleistungssektor sowie Wissenschaft, Bildung, Kultur und andere Bereiche umfaßt. Die städtischen Reformen und die Umstrukturierung der gesamten Wirtschaft bilden das Hauptthema der bevorstehenden 3. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei. Damit wird die allseitige Reform in China angekündigt werden. Die ländlichen Reformen haben drei Jahre in Anspruch genommen und zeigen bereits Wirkung. Für die städtischen Reformen brauchen wir voraussichtlich ebenfalls drei bis fünf Jahre, um merkliche Änderungen, zu erzielen. Unsere Erfahrungen bei den ländlichen Reformen bringen uns zu der Überzeugung, daß die städtische Reform gelingen wird. Gleichzeitig ist uns bewußt, daß aufgrund der Kompliziertheit der städtischen Reform möglicherweise Fehler gemacht werden mögen, aber sie werden keine Auswirkungen auf die Gesamtsituation haben. Wir werden jeden unserer Schritte kontrollieren, und falls sich irgendwo Fehler zeigen, werden wir sie korrigieren und dann fortfahren. Kurz gesagt, wir müssen uns an unsere Devise halten, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen. Wir sind überzeugt, daß unsere städtische Reform von Erfolg gekrönt sein wird und daß die bevorstehende 3. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei als ein Ereignis von großer Bedeutung in die chinesische Geschichte eingehen wird.&lt;br /&gt;
Gleichzeitig mit der Festlegung der Richtlinie, die Wirtschaft im Innern zu beleben, haben wir eine Politik der Öffnung nach außen formuliert. Durch Auswertung der Erfahrungen in unserer Geschichte haben wir festgestellt, daß einer der wichtigsten Gründe für Chinas langjährige Stagnation und Rückständigkeit seine Politik der Abgeschlossenheit von der Außenwelt war. Unsere Erfahrungen zeigen, daß der Aufbau Chinas nicht bei geschlossenen Türen vonstatten gehen und das Land sich nicht in Isolation von der übrigen Welt entwickeln kann. Selbstverständlich kann sich ein so großes Land wie China bei seiner eigenen Entwicklung nicht in erster Linie auf andere stützen; es muß sich hauptsächlich auf seine eigene Kraft stützen, und dies nennen wir Selbstvertrauen. Trotzdem sollten wir parallel zum Festhalten an unserem Selbstvertrauen unser Land zur Außenwelt hin offnen, um Kapital und Technologien aus dem Ausland zwecks Unterstützung unserer Entwicklung aufzunehmen. Diese Art von Unterstützung ist nicht einseitig. Während China Kapital und Technologien von anderen, insbesondere von entwickelten Ländern erhält, wird es umgekehrt einen größeren Beitrag zur Weltwirtschaft leisten. Die Entwicklung des chinesischen Außenhandels in den vergangenen Jahren hat dies bewiesen. Daher sind wir der Meinung, daß beide Seiten Unterstützung erhalten und Beiträge liefern.&lt;br /&gt;
Die Belebung unserer inländischen Wirtschaft und die Öffnung nach außen ist keine kurzfristige, sondern eine langzeitige Politik, die für mindestens 50 oder 70 Jahre ﻿unverändert bleiben wird. Warum? Weil die Vervierfachung des Bruttosozialprodukts, unser erster Schritt, 20 Jahre in Anspruch nehmen und der darauffolgende zweite Schritt, die Annäherung an das Niveau der entwickelten Länder, weitere 30 bis 50 Jahre, sagen wir 50 Jahre, beanspruchen wird. Beide Schritte zusammen dauern also 50 bis 70 Jahre. Dann werden die Chancen für Änderungen der Politik noch geringer sein. Wenn überhaupt irgendwelche Änderungen vorgenommen werden, dann nur zur weiteren Öffnung. Etwas anderes würde unsere Bevölkerung nicht zulassen.&lt;br /&gt;
Wir hoffen, daß die Unternehmer und Wirtschaftsexperten des Auslands tiefergehende Erkenntnis darüber gewinnen, daß die Entwicklungshilfe für China von Vorteil für die ganze Welt sein wird. Das chinesische Außenhandelsvolumen hat bislang noch einen sehr geringen Anteil am gesamten Handelsvolumen der Welt. Wenn wir die Vervierfachung unseres Bruttosozialprodukts realisieren können, wird sich unser Außenhandelsvolumen erheblich steigern. Die Wirtschaftsbeziehungen Chinas zu anderen Ländern werden dann einen großen Aufschwung nehmen, und Chinas Markt wird sich erweitern. Aus der Perspektive der Weltpolitik und der Weltwirtschaft gesehen wird sich die Entwicklung Chinas daher günstig auf den Weltfrieden und die Weltwirtschaft auswirken. Die westlichen Staatsmänner sollten einsehen, daß es für ihre Länder schwierig sein wird, die eigenen Probleme der Marktbeziehungen und der wirtschaftlichen Entwicklung zu lösen, wenn sie den Entwicklungsländern nicht helfen. Die Politik der wirtschaftlichen Öffnung ist nicht nur eine Frage, mit der ausschließlich die Entwicklungsländer konfrontiert sind, sondern auch, so fürchte ich, die entwickelten Länder. Drei Viertel der Weltbevölkerung leben in Entwicklungsländern, einem Gebiet also, das nicht zu den wichtigsten Märkten zählt. Die Erweiterung des Welt-&lt;br /&gt;
marktes ist begrenzt, wenn man sich nur auf die entwickelten Länder beschränkt.&lt;br /&gt;
Wir hoffen, daß die Persönlichkeiten aus den Industrieund Handelskreisen der Erde ihre Zusammenarbeit mit China aus einer weltweiten Perspektive erwägen werden. Die Zusammenarbeit ging in den vergangenen Jahren gut vonstatten. Wir müssen diese Zusammenarbeit weiter ausbauen. Dafür wird China Voraussetzungen schaffen, und die Wirtschaftskreise der entwickelten Länder sollten das ebenfalls tun. Zunächst einmal sollten sie ihre Bedenken wegen möglicher Risiken ablegen; es besteht keine Veranlassung zur Sorge, daß sich unsere Politik ändern könnte. Sie sollten mutiger sein und ihre Schritte zur Zusammenarbeit mit uns beschleunigen. Die Zeit wird beweisen, daß diejenigen, die uns geholfen haben, nicht weniger Nutzen daraus ziehen als wir. Ihre Hilfe wird von noch größerer politischer und strategischer Bedeutung sein.&lt;br /&gt;
Im Interesse der extensiven Kontakte kann die Chinesische Internationale Treuhandund Investmentsgesellschaft als ein Fenster zur Außenwelt dienen.&lt;br /&gt;
Glauben Sie mir, daß das chinesische Volk bei der Regelung von spezifischen Angelegenheiten nicht kleinlich ist. Einige unserer Rechtsverordnungen sind mangels an Erfahrung noch nicht vollkommen, werden aber mit der Zeit vervollständigt werden. Im Verlauf von Diskussionen haben einige Freunde die Besorgnis geäußert, daß die Risiken zu groß wären. Sollte das tatsächlich einmal der Fall sein, so werden wir die Lasten gemeinsam tragen. Andere haben die Frage nach der Dauer der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen gestellt. Der Zeitraum kann angemessen verlängert werden, wenn die von Ihnen gelieferten Technologien und Techniken wirklich fortgeschrittenem Standard entsprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rede auf der 3. Plenartagung der Beraterkommission beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas ==&lt;br /&gt;
(22. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Rede wurde für diesen Band leicht gekürzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meiner Meinung nach ist das jetzige Zentralkomitee unserer Partei ein erfahrenes, das alle Art von Problemen angemessen behandelt hat. Die ausländische Presse betont meine Rolle darin. Ich spiele wohl eine gewisse Rolle, aber die meiste Arbeit haben andere Genossen verrichtet. Ich habe einige Ratschläge gegeben, aber es sind die für die laufende Arbeit zuständigen Genossen, die die schwierigsten Aufgaben bewältigen und sich mit den einzelnen Problemen eingehend befassen. Nehmen wir zum Beispiel den auf der 3. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas angenommenen „Beschluß über die Reform der Wirtschaftsstruktur&amp;quot;, auf den es in den vergangenen zwei Tagen eine starke Reaktion gegeben hat. Jedermann meint, daß es ein Dokument von historischer Bedeutung ist. Es ist ein gutes Dokument, aber ich habe kein einziges Wort davon geschrieben oder revidiert. So ist der Sachverhalt. Übertreibt meine Rolle nicht! Dies würde nur Zweifel aufkommen lassen und zu der Annahme führen, daß sich unsere Politik ändern wird, wenn Deng einmal nicht mehr da ist. Darüber bestehen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sorgen in der Weltöffentlichkeit. Andere Leute meinen, daß sich die Politik nicht ändern wird, solange Hu Yaobang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hu Yaobang, 1915 in Liuyang, Provinz Hunan, geboren, ist Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas. Damals war er Generalsekretär der Partei.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Zhao Ziyang am Leben sind. Das klingt schon besser. Aber Genosse Yaobang ist 69 Jahre alt, Genosse Ziyang 65, beide werden bald 70 sein. Wir sollten der ganzen Welt klarmachen, daß niemand diese von uns ausgearbeiteten Prinzipien, politischen Richtlinien und Strategien ändern kann. Warum? Weil die Erfahrungen ihre Korrektheit bestätigt haben. Wenn sie geändert würden, würden das Land und die Bevölkerung darunter leiden. Deshalb wäre das Volk niemals mit einer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Änderung der gegenwärtigen Politik einverstanden. Wir sind der Ansicht, daß sich unsere gegenwärtige Politik bewährt, weil unser Land dadurch Aufschwung nimmt, der Lebensstandard der Bevölkerung und das internationale Prestige Chinas wachsen. Das sind die entscheidenden Tatsachen. Unsere Politik hat sich vor allem auf dem Land bewährt und wird sich dort nicht ändern. Wenn sie sich änderte, würden die 800 Millionen Bauern dagegen auftreten, weil das den Rückgang ihres Lebensstandards zur Folge hätte. Es gibt immer noch einige Zigmillionen Bauern auf dem Land, die noch nicht genug zu essen und anzuziehen haben, auch wenn es ihnen bereits viel besser als früher geht. Das Zentralkomitee hat einen Plan aufgestellt, um die Entwicklung dieser armen Gebiete zu fördern. Die Lage in den meisten Landesteilen hat sich jetzt schon verbessert, und der Staat kann daher mehr Ressourcen für die Unterstützung der restlichen Gebiete bereitstellen. Dieses Problem zu lösen ist nicht allzu schwer, weil nicht nur der Staat, sondern auch jene wohlhabender gewordenen Regionen diesen armen Gebieten unter die Arme greifen können. Wir erkennen daher aus unseren eigenen Erfahrungen, daß unsere Generation einschließlich der Genossen Yaobang und Ziyang diese Politik nicht ändern wird. Um so weniger werden die dritte, die vierte oder die ﻿fünfte Staffel unserer Kader sie ändern, weil niemand sie ändern kann. Wenn ich in letzter Zeit mit ausländischen Gästen sprach, gab ich ihnen stets die Zusicherung, daß sich unsere Politik nicht ändern wird und daß sie auf die Kontinuität unserer gegenwärtigen Politik zählen können. Sie sind aber immer noch nicht überzeugt. Dies ist ein äußerst großes Problem, dessen ich mir bewußt bin. Deshalb habe ich ein leichteres Arbeitsprogramm übernommen, was folgende Vorteile aufweist: Erstens kann ich ein längeres Leben genießen; zweitens können die anderen mehr und besser als ich arbeiten, weil sie energisch sind, das muß man zugeben. Ich hoffe, die Arbeit allmählich gänzlich an sie zu übergeben und trotzdem in gutem gesundheitlichem Zustand zu bleiben. Dann werde ich meine Aufgabe erfüllt haben. Aber jetzt habe ich noch einige Arbeiten zu leisten. Im letzten Jahr habe ich mich nur einer Angelegenheit gewidmet, nämlich der Bekämpfung der kriminellen Straffälligen. In diesem Jahr habe ich an zwei Vorhaben gearbeitet: Eines war die Öffnung von weiteren 14 Städten; das andere war die Lösung der Hongkong-Frage nach dem Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot;. Alles andere wurde von anderen geleistet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; geht von der chinesischen Realität aus. China sieht sich vor die HongkongFrage und die Taiwan-Frage gestellt. Es gibt nur zwei Losungsmöglichkeiten dafür: Durch Verhandlungen oder mit Waffengewalt. Die Lösung der Probleme durch friedliche Verhandlungen erfordert, daß die Bedingungen für alle Seiten akzeptabel sind. Die Lösung der Hongkong-Frage beispielsweise sollte für China, Großbritannien und die Bevölkerung von Hongkong annehmbar sein. Was ist in diesem Fall akzeptabel? Eine sozialistische Umgestaltung Hongkongs wäre nicht für alle Seiten annehmbar. Bei meinen Gesprächen mit ausländischen Gästen habe ich vorgebracht, daß neue Wege zur Lösung von internationalen Konflikten den neuen Situationen und neuen Problemen Rechnung tragen müssen. Die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist auf der Basis der chinesischen Realität entwickelt worden, kann aber auch auf internationale Probleme übertragen werden. Viele internationale Konflikte können sich zu Kriegsherden entwickeln, wenn sie nicht richtig gehandhabt werden. Ich habe meine Gesprächspartner gefragt, ob die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; in manchen Fällen anwendbar und die politik der gemeinsamen Entwicklung&amp;quot; in anderen Gebieten der Erde praktikabel sei. Auf diese Weise würden wir uns nicht nur auf das Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; beschränken. Wir hätten auch die Möglichkeit der gemeinsamen Entwicklung&amp;quot;. Wir Chinesen treten für den Frieden ein und hoffen, daß Konflikte auf friedlichem Wege beigelegt werden. Welche Möglichkeiten bestehen für eine friedliche Lösung von Konflikten? „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; und die gemeinsame Entwicklung&amp;quot;. Alle, die ich befragte, sind der Ansicht, daß dies eine neue und sehr interessante Idee ist.&lt;br /&gt;
Die Lösung der Hongkong-Frage war nicht auf besondere Fähigkeiten unserer Verhandlungsführer zurückzuführen, sondern hauptsächlich auf die Tatsache, daß China sich rapide entwickelt hat. In den vergangenen Jahren hat China großen Aufschwung genommen und sich zu einem starken Land entwickelt, das vertrauenswürdig ist. Wir meinen ernst, was wir gesagt haben, und stehen zu unserem Wort. Nach der Zerschlagung der Viererbande&amp;quot; und insbesondere seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wirklich erfreuliche Veränderungen in China stattgefunden. Sein Image hat sich geändert. In den vergangenen fünf Jahren hat unser Land gewaltige Veränderungen erfahren. Unser Volk und auch Völker anderer Länder haben das erkannt. Wir﻿ können stolz darauf sein. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Stolz und Überheblichkeit. Wir dürfen nicht überheblich sein und prahlen, weil wir wirtschaftlich noch immer rückständig sind. Aber die jüngsten Entwicklungen, wie beispielsweise die Lösung der Hongkong-Frage, machen deutlich, daß China eine vielversprechende Nation ist. Wir haben die Hongkong-Frage dadurch gelöst, daß wir eine korrekte grundlegende Politik oder Strategie von „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; entwickelt haben. Es war auch das Resultat der gemeinsamen Bemühungen der chinesischen und der britischen Regierung.&lt;br /&gt;
Die Lösung der Hongkong-Frage hat direkte Einwirkungen auf die Taiwan-Frage. Die Taiwan-Behörden sollten die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; akzeptieren können. Ist der Vorschlag von Jiang Jingguo zur Wiedervereinigung Chinas unter den „,Drei Volksprinzipien&amp;quot; realistisch? Seine „Drei Volksprinzipien&amp;quot; wurden in China 22 Jahre lang praktiziert von 1927 bis 1949. Und was ist dabei herausgekommen? Wann ist denn das chinesische Volk aufgestanden? Das war 1949. Der Sozialismus und die Kommunistische Partei haben dem chinesischen Volk dazu verholfen. Ist „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; nicht eine bessere Lösung, als daß der eine den anderen verschlingt? Kürzlich fragte mich ein Ausländer, ob wir gegenüber Taiwan eine ähnliche Politik wie gegenüber Hongkong verfolgen würden. Ich sagte, daß wir Taiwan gegenüber noch flexibler vorgehen würden. Flexibler heißt, daß zusätzlich zu den für Hongkong geltenden Regelungen den Taiwan-Behörden zugebilligt würde, ihre eigenen Streitkräfte beizubehalten. Vor ein paar Tagen habe ich mit einem anderen ausländischen Gast über die Taiwan-Frage diskutiert. Ich sagte, daß wir uns bemühen würden, die TaiwanFrage auf friedlichem Wege zu lösen, anderenfalls schließen wir nicht aus, Taiwan und das Festland mit nichtfriedlichen Mitteln wiederzuvereinigen.&lt;br /&gt;
Zurück zur wirtschaftlichen Entwicklung im Inland. Ich sagte bereits, daß das gegenwärtige Zentralkomitee planmäßige gute Arbeit leistet. Die Gesamtlage ist ausgezeichnet. Enthält der „Beschluß über die Reform der Wirtschaftsstruktur&amp;quot; nicht die Feststellung, daß die politische Stabilität und Einheit in China noch weiter zunimmt? So ist es tatsächlich. Wie oft hat unsere Partei seit ihrer Gründung eine so gute politische Situation wie jetzt erlebt? In einem Gespräch mit ausländischen Besuchern war ich mutig genug zu behaupten, daß wir die Vervierfachung unseres Bruttosozialprodukts bis zum Jahr 2000 verwirklichen werden. Bisher haben wir uns nicht getraut, das mit solcher Gewißheit zu behaupten. Statt dessen haben wir nur erklärt, daß ein Zuwachs um das Vierfache mit äußersten Anstrengungen erreichbar wäre. Vier Jahre später haben wir festgestellt, daß die wichtigsten Planziffern des 6. Fünfjahrplanes (1981-1985) zwei Jahre vorfristig erfüllt wurden. Der Plan für dieses Jahr wird ebenfalls übererfüllt werden. Bislang hatten wir behauptet, daß eine Vervierfachung des Bruttosozialprodukts realisiert würde, wenn die durchschnittliche Wachstumsrate in den ersten zehn Jahren 6,5 Prozent und in 20 Jahren 7,2 Prozent erreichen könnte. Nun scheint es, daß die durchschnittliche Wachstumsrate in den ersten zehn Jahren 7,2 Prozent übersteigen wird, weil die Zuwachsrate in den vergangenen drei Jahren nahezu acht Prozent betragen hat.&lt;br /&gt;
Die Vervierfachung des Bruttosozialprodukts ist von größter Bedeutung. Das jährliche Bruttosozialprodukt zu Ende dieses Jahrhunderts wird demzufolge 1000 Milliarden US-Dollar betragen. Zu diesem Zeitpunkt wird China, was das Bruttosozialprodukt betrifft, in der vordersten Reihe stehen, allerdings nicht nach dem Pro-Kopf-Einkommen gerechnet. In bezug auf den Lebensstandard der Bevölkerung ﻿wird diese 1000 Milliarden US-Dollar ein verhältnismäßig wohlhabendes Leben bedeuten. Was die Stärke des Landes betrifft, wird China mächtiger sein. Denn wenn wir ein Prozent dieses Bruttosozialprodukts für die Landesverteidigung bereitstellen, sind das zehn Milliarden US-Dollar, bei fünf Prozent dann 50 Milliarden US-Dollar. Mit zehn Milliarden US-Dollar könnten wir allerhand anfangen, und es wäre ganz leicht, unsere militärischen Ausrüstungen einigermaßen zu verbessern. Wenn wir ein Prozent des Bruttosozialprodukts für Wissenschaft und Bildung bereitstellen, können wir viele Universitäten einrichten, und wir haben dann auch mehr Gelder zur Beseitigung des Analphabetentums zur Verfügung. Die Investitionen in die intellektuellen Reserven müssen auf jeden Fall ein Prozent übersteigen. Gegenwärtig ist unser Land noch ziemlich arm, und es bereitet uns größte Schwierigkeiten, auch nur geringe Summen zusätzlich für Bildung und Forschung bereitzustellen. Bis Ende dieses Jahrhunderts wird unsere Bevölkerung relativ wohlhabend sein, sie wird in viel besseren Verhältnissen leben als jetzt. Im vergangenen Jahr habe ich Suzhou besucht. Der industrielle und landwirtschaftliche Bruttoproduktionswert im Gebiet Suzhou betrug annähernd 800 US-Dollar pro Kopf. Nach dem Bruttosozialprodukt gerechnet würde das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen dort etwa 400 US-Dollar betragen. Ich habe mich über den Lebensstandard in Suzhou informiert. Erstens wollen die Einwohner von Suzhou nicht nach Shanghai oder Beijing gehen. Wahrscheinlich sind die Menschen in den meisten Teilen der Provinz Jiangsu mit dem dortigen Leben zufrieden und wollen ihren Wohnort nicht gern verlassen. Zweitens übersteigt die durchschnittliche Wohnfläche 20 Quadratmeter pro Kopf. Drittens hat jeder zumindest eine Grundschulausbildung erhalten, weil mehr Geldmittel für die Schulen aufgebracht wurden. Viertens bestehen dort keine Schwierigkeiten mehr mit Nahrung und Kleidung, jede Familie besitzt im allgemeinen einen Fernsehapparat, weitere Haushaltsgeräte und vieles andere. Fünftens hat sich das geistige Antlitz der Menschen bemerklich verändert, ordnungsoder gesetzwidrige Handlungen und Kriminalität haben wesentlich abgenommen. Es gibt noch andere Fortschritte, an die ich mich jetzt aber nicht mehr genau erinnern kann. Aber allein das, was ich eben aufgezählt habe, ist doch schon großartig genug! Heute müssen wir freilich weitere Anstrengungen zur Bekämpfung der Kriminalität unternehmen. Bis zum Jahr 2000 wird sich das geistige Antlitz der Menschen stark verändert haben. Die materiellen Verhältnisse bilden die Grundlage. Mit der Verbesserung der materiellen Verhältnisse und der Erhöhung des kulturellen Niveaus wird sich das geistige Antlitz der Menschen verändern. Es ist notwendig, kriminelle Strafhandlungen zu bekämpfen, und wir werden nicht davon ablassen. Aber dies allein genügt nicht, die grundlegende Lösung dieses Problems liegt in der Vervierfachung des Bruttosozialprodukts. Selbstverständlich werden wir auch dann immer noch Erziehungsarbeit leisten müssen; darauf werden wir niemals verzichten können. Das ist die Basis für alle anderen Arbeiten. Wir können mit voller Zuversicht sagen, daß wir das Bruttosozialprodukt vervierfachen werden. Wie wird die politische Situation aussehen, wenn dieses Ziel einmal erreicht ist? Ich denke, es wird eine wahre Stabilität und Einheit geben. Jetzt wird die Situation zunehmend stabiler. Zu jener Zeit wird China wahrhaftig stark sein und einen bedeutend größeren Einfluß in der Welt ausüben. Wir müssen in diesen zwei Jahrzehnten hart arbeiten. Bis zum Jahr 2000 sind es noch 16 Jahre. Laẞt uns mit vollem Einsatz auf dieses Ziel hinarbeiten!&lt;br /&gt;
Die Vervierfachung des Bruttosozialprodukts ist auch in﻿ anderer Hinsicht von größter Bedeutung. Damit wird ein neuer Ausgangspunkt für die folgenden 30 bis 50 Jahre geschaffen, in denen wir uns dem Niveau der wirtschaftlich entwickelten Länder annähern werden. Dies bezieht sich nicht auf die politischen Systeme, sondern auf die Produktion und den Lebensstandard. Die Realisierung dieses Ziels ist möglich, es ist in Sichtweite und es ist etwas Greifbares. Kürzlich fragten mich mehrere Ausländer in Interviews, was wir uns dabei gedacht hätten, wenn wir sagen, daß sich für 50 Jahre in Hongkong nichts ändern würde. Sehr wohl, antwortete ich. Wenn wir unser Ziel erreichen, das Bruttosozialprodukt bis Ende des Jahrhunderts zu vervierfachen, könnten wir uns ein weiteres Ziel setzen, nämlich die Annaherung an das Niveau der wirtschaftlich entwickelten Länder innerhalb der folgenden 30 bis 50 Jahre. Warum beziehen wir die 50 Jahre nach 1997 in unsere Gedanken mit ein? Warum sagen wir, daß die Öffnung Chinas nach außen und die Aufnahme ausländischen Kapitals eine langfristige Politik sind und daß alles, was Hongkong betrifft, mindestens für 60 bis 70 Jahre unverändert bleiben wird? Weil wir unser Bruttosozialprodukt vervierfachen wollen und weil wir, sobald dies realisiert ist, ein neues Ziel verfolgen werden, was ohne Öffnung nach außen unmöglich erreicht werden kann. Das wird schon daraus verständlich, wenn man lediglich einen Aspekt in Betracht zieht. Zur Zeit beträgt unser Außenhandelsvolumen über 40 Milliarden US-Dollar. Können wir das Bruttosozialprodukt auf einer so dürftigen Basis vervierfachen, wenn wir eine Politik der geschlossenen Tür verfolgen? Allein schon dieser Aspekt erklärt unser Vorgehen. So einfach ist das. Natürlich gibt es noch viele andere Aspekte. Was werden wir mit unseren Produkten tun, wenn unser Bruttosozialprodukt 1000 Milliarden US-Dollar erreicht? Werden wir alle auf dem Inlandsmarkt verkaufen? Sollen wir alle benötigten Güter selbst herstellen? Sollten wir nicht einen Teil Produkte importieren und einen Teil unserer Produktion exportieren? Wenn wir uns nicht nach außen öffnen, wird es schwer sein, das Bruttosozialprodukt zu vervierfachen, und noch schwerer, im Anschluß daran weitere Fortschritte zu erreichen. Die Ausländer befürchten, daß wir unsere Politik der Öffnung nach außen eventuell ändern könnten. Ich behaupte, daran wird sich nichts ändern. Ich habe ihnen erläutert, daß unser erstes Ziel den Zeitraum von jetzt bis zum Ende dieses Jahrhunderts umfaßt und daß wir dann ein zweites Ziel vor Augen haben, das 30 bis 50 Jahre, sagen wir also 50 Jahre, beansprucht, während dessen die Öffnungspolitik nicht aufgegeben werden wird. Abkapselung würde jedes Land in seiner Entwicklung behindern. Wir haben darunter gelitten, ebenso unsere Vorfahren. Zeichen einer Öffnungspolitik war jedoch, daß Zheng He&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zheng He (1371-1435) war der bedeutendste Seefahrer Chinas während der Ming-Dynastie. In 28 Jahren seit 1405 nahm er mehrmals Kurs auf den „Westlichen Ozean&amp;quot; (das Seegebiet zwischen Kalimantan und Afrika). Er besuchte über 30 Länder und stieß bis zur Ostküste Afrikas und zur Mündung des Roten Meers vor. Er förderte dadurch den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen China und den asiatischen und afrikanischen Ländern.&amp;lt;/ref&amp;gt; unter dem Ming-Kaiser Chengzu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ming Chengzu (1360-1424), namens Zhu Di, Kaiser der Ming-Dynastie, regierte von 1402 bis 1424.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu Expeditionsreisen in die südlichen Meere entsandt wurde. Nach dem Tode des Kaisers Chengzu verfiel die Ming-Dynastie allmählich, und China wurde zur Zielscheibe ausländischer Aggression. Während der Regierungsperioden von Kangxi und Qianlong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kangxi, Kaiser der Qing-Dynastie (1662-1722), Qianlong, Kaiser der Qing-Dynastie (1736-1795).&amp;lt;/ref&amp;gt; in der Qing-Dynastie konnte von einer Öffnungspolitik überhaupt nicht die Rede sein. Über 300 Jahre lang verharrte China in Isolation, von Mitte der Ming-Dynastie (1368-1644) bis zum Opiumkrieg (1840). Von der Regierungszeit Kangxis an gerechnet waren es also etwa 200 Jahre. Armut und Ignoranz waren das Resultat. Nach Gründung der Volksrepublik haben wir unser Land während des ersten Planjahrfünfts nach außen geöffnet, aber nur gegenüber der Sowjetunion und Osteuropa. Später haben wir unsere Tore und Türen geschlossen, woraufhin die wirtschaftliche Entwicklung stagnierte. Natürlich gab es dafür noch andere Gründe, zum Beispiel unsere eigenen Fehler. Wir müssen unser Land der Welt zugänglich machen. Das ﻿bringt uns keinen Schaden. Unsere Genossen haben die Sorge, daß das negative Erscheinungen mit sich bringen, vor allem jedoch, daß unser Land kapitalistisch würde. Ich vermute, daß einige unserer älteren Genossen solche Befürchtungen hegen. Sie haben ihr ganzes Leben dem Sozialismus und Kommunismus gewidmet, und dann taucht plötzlich das Phänomen des Kapitalismus auf, was sie in Angst und Schrecken versetzt und was sie nicht dulden zu können meinen. Aber derartiges wird nicht passieren. Natürlich bringt die Öffnung einige negative Erscheinungen mit sich, deren wir uns bewußt sein müssen, die aber nicht schwer zu überwinden sind. Wenn wir uns noch einmal von der Welt abriegeln, unsere Tore und Türen erneut verschließen, wird es für uns absolut unmöglich sein, innerhalb von 50 Jahren an das Niveau der wirtschaftlich entwickelten Länder heranzukommen. Wenn unser Bruttosozialprodukt pro Kopf einige tausend US-Dollar erreicht, wird damit keine neue Bourgeoisie entstehen, weil solche grundlegenden Dinge wie Produktionsmittel Staatsoder Gemeineigentum bleiben. Was ist schlecht daran, wenn das Land reich und stark wird und sich der materielle und kulturelle Lebensstandard des Volkes immer weiter erhöht? Wie weit wir unser Land in den nächsten 16 Jahren bis zu Ende dieses Jahrhunderts auch öffnen werden, die Wirtschaft des gemeineigenen Sektors wird weiterhin dominieren. Selbst in einem mit Ausländern betriebenen Gemeinschaftsunternehmen ist eine Hälfte sozialistisches Eigentum. Mehr als die Hälfte der in diesen Gemeinschaftsunternehmen erwirtschafteten Gewinne wird an uns fallen. Keine Angst also, es sind der Staat und das Volk, die am meisten davon profitieren, nicht die Kapitalisten. Negative Einflüsse lassen sich nicht vermeiden, aber wir werden damit fertig werden. Dieser Beschluß“ ist ein gutes Dokument, weil es den Sozialismus mit Begriffen und An-&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sätzen erläutert, die die Begründer des MarxismusLeninismus niemals benutzt haben. Es gibt einige neue Theorien. Meiner Ansicht nach hat das Dokument die Dinge geklärt. Früher konnten wir ein solches Dokument nicht entwerfen. Ohne die Erfahrungen der vergangenen Jahre wäre es nicht möglich gewesen, ein solches Dokument zu verfassen. Selbst wenn es abgefaßt worden wäre, wäre es wohl kaum angenommen worden. Anhand unserer eigenen Erfahrungen haben wir die unter neuen Verhältnissen aufgetauchten Fragen beantwortet. Haben wir nicht die Notwendigkeit unterstrichen, an den vier Grundprinzipien festzuhalten? Wir halten wirklich am Sozialismus fest. Würde es sonst nicht bedeuten, sozialistisches Unkraut den kapitalistischen Samlingen vorzuziehen&amp;quot;, wie es die „Viererbande&amp;quot; gepredigt hat? Unsere alten Genossen müssen ihr Denken befreien. Ich bin der Meinung, daß dieses Dokument gut ist, weil alle Genossen des Zentralkomitees der Partei, der Beraterkommission beim Zentralkomitee und der Disziplinkontrollkommission beim Zentralkomitee mit diesem Dokument übereinstimmen und die Notwendigkeit und die Wichtigkeit für den Erlaß solch eines programmatischen Dokuments zum jetzigen Zeitpunkt erkennen. Es ist ein ausgezeichnetes Dokument.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der „Beschluß“ enthält zehn Punkte, die alle sehr bedeutend sind, aber am wichtigsten ist der neunte. Er läßt sich zusammenfassen mit der Parole „Achtet Wissen und achtet Fachkräfte. Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, fähige Leute zu entdecken und einzusetzen. Um es konkreter zu sagen: einige Genossen, die jetzt in den Fünfzigern stehen, sind ziemlich kompetent. Aber in zehn Jahren werden sie die Sechzig überschreiten. Wir sollten nicht zögern, junge und mittelaltrige Kader einzusetzen und zu befördern, insbesondere die Dreißigund Vierzigjährigen, wie es Genosse Chen Yun vorgeschlagen hat. Das ist ein guter Vorschlag. Wenn ﻿man Leute dieser Altersgruppen befördert, hat das den Vorteil, daß sie länger arbeiten können. Es mag ihnen noch an Erfahrung mangeln, aber die werden sie in wenigen Jahren gewinnen. Sie mögen jetzt noch nicht genügend qualifiziert sein, aber auch das werden sie in ein paar Jahren wettmachen. Ihr Denken ist flexibler. Im nächsten Jahr wird die Ausrichtung der Parteiorganisationen in den Arbeitseinheiten und Betrieben an der Basis eingeleitet werden. Das ist eine äußerst wichtige Arbeit, und ihr Erfolg wird davon abhängen, ob eine Anzahl fähiger junger Menschen ausfindig gemacht werden kann. Ende dieses Jahrhunderts werden nämlich diejenigen, die jetzt in ihren Dreißigern und Vierzigern stehen, erst vierzig bzw. fünfzig Jahre alt sein. Wenn auf die zweite wirtschaftliche Zielsetzung hingearbeitet wird, werden einige von ihnen auch bereits ein fortgeschrittenes Alter erreicht haben. Wir alten Genossen in der Beraterkommission müssen uns mehr um dieses Problem kümmern. In dieser Beziehung muß eine größere Aufgeschlossenheit herrschen, ohne die nichts zuwege gebracht werden kann. Wir müssen die älteren Genossen von der Notwendigkeit überzeugen, ihre leitenden Posten freizumachen. Andernfalls wird es keinen Platz für junge Kader geben. Unsere gesamte Situation ist durch Stabilität und Einheit gekennzeichnet, aber wenn es irgendwo einen Haken gibt, dann eben in diesem Punkt. Bislang haben wir noch keine zufriedenstellende Lösung dafür gefunden. Wenn in anderen Angelegenheiten dieses oder jenes Problem auftaucht, ist das nicht weiter schlimm. Wenn wir aber in dieser Frage keine Lösung finden, wird das ernstliche Konsequenzen haben und ein großer Fehler sein. Es ist nicht leicht, mittelaltrige und ältere Genossen aufzufordern, ihre Posten freizumachen. Aber wir müssen diesen Weg unbedingt gehen. Vor zwei Jahren habe ich gesagt, daß ich hoffe, als erster in den Ruhestand zu treten. Und ich habe gesagt, daß die&lt;br /&gt;
Beraterkommission eine Übergangsregelung ist und letzten Endes durch eine Ruhestandsregelung abgelöst werden muß. Wir haben nur eine begrenzte Anzahl von Funktionen; außerdem planen wir eine Vereinfachung unserer Verwaltung. Wie können die jungen Kader befördert werden, wenn die alten ihre Posten nicht freimachen? Und wenn das nicht geschieht, wie kann unsere Sache gedeihen? In dieser Hinsicht sollten wir auch von den entwickelten Ländern lernen. Auch einige Länder der Dritten Welt haben diese Frage recht gut geregelt. Kürzlich habe ich gehört, daß die meisten Minister in etlichen Ländern Mitte Dreißig sind. Es gibt auch einige ältere, aber es sind vergleichsweise wenige. Ministerpräsidenten sind wahrscheinlich älter, aber im allgemeinen auch unter sechzig. Wir waren auch jung an Jahren, als wir in die Stadt einzogen. Zur Zeit der Befreiung unseres Landes war ich 45, und viele Genossen waren sogar noch jünger. Als ich Ende 1927 zum erstenmal als Generalsekretär des Zentralkomitees der Partei fungierte, war ich erst 23. Das war eine ziemlich hochrangige Position. Ich hatte zwar keine große Ahnung, fand mich aber dennoch gut zurecht. Kurzum, die Auswahl und Beförderung junger Kader ist eine wichtige Verpflichtung unserer Beraterkommission.﻿&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für die Revolution und den Wirtschaftsaufbau sollten wir unseren eigenen Weg gehen ==&lt;br /&gt;
(26. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit dem Präsidenten der [[Republik Malediven]] [[Maumoon Abdul Gayoom]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China ist ein großes wie auch ein kleines Land. Groß hinsichtlich seiner Bevölkerung und seines Territoriums; klein, weil China ein relativ armes Entwicklungsland mit einem Bruttosozialprodukt von nur 300 US-Dollar pro Kopf der Bevölkerung ist. Daher ist China tatsächlich ein großes und ein kleines Land zugleich. China ist eines der Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Sein Votum gehört eindeutig der Dritten Welt, den unterentwickelten Ländern. Wir haben wiederholt erklärt, daß China zur Dritten Welt gehört. China wird immer der Dritten Welt angehören, auch dann, wenn es entwickelt ist. China wird nie und nimmer eine Supermacht werden.&lt;br /&gt;
Das Entwicklungsniveau der chinesischen Wirtschaft ist bislang immer noch verhältnismäßig niedrig, was seinem Status als ein Land mit einer so großen Bevölkerung und einem so weiten Territorium nicht entspricht. Die Errungenschaften, die wir in den 35 Jahren seit Gründung der Volksrepublik erzielt haben, sind großartig. Aber unser Fortschritt ist durch einige Rückschläge verzögert worden, besonders durch die „Kulturrevolution&amp;quot;. Ohne diese Rückschläge würden die Dinge in China anders aussehen. In den vergangenen mehr als fünf Jahren haben wir mit den linken&amp;quot; politischen Richtlinien gebrochen. Jetzt setzen wir uns mit Leib und Seele für unseren Wirtschaftsaufbau ein. In diesen fünf Jahren haben wir Erfolge erzielt, die unsere Erwartungen übertroffen haben. Es scheint, daß wir unser Ziel, den industriellen und landwirtschaftlichen Jahresproduktionswert Chinas bis Ende dieses Jahrhunderts zu vervierfachen und das Bruttosozialprodukt auf 800 US-Dollar pro Kopf zu steigern, verwirklichen können. Wir brauchen eine friedliche internationale Umgebung, um unsere Entwicklung und die Verwirklichung unseres großartigen Zieles zu gewährleisten. Wir lieben den Frieden.&lt;br /&gt;
Vor kurzem hat die 3. Plenartagung des XII. Zentralkomitees unserer Partei den Beschluß über die Reform der Wirtschaftsstruktur&amp;quot; angenommen. Der Schwerpunkt der Reform der Wirtschaftsstruktur liegt jetzt auf den Städten. Die Reform in den Städten ist viel komplizierter als auf dem Land. Während der Reform mögen einige kleine Probleme dieser oder jener Art auftauchen, aber das macht nichts. Dieser von unserer Plenartagung angenommene Beschluß wird sich in drei bis fünf Jahren bewähren. Unsere wirtschaftliche Entwicklung wird beschleunigt, wenn die im Beschluß festgelegten Prinzipien konsequent befolgt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrung-wenn man davon sprechen kann, die wir bei unseren Errungenschaften gewonnen haben, besteht darin, daß wir in diesen Jahren das von Genossen Mao Zedong befürwortete Prinzip, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, erneut bekräftigt haben. Die chinesische Revolution verdankt ihre Erfolge dem Genossen Mao Zedong, der einen chinesischen Weg durch die Verbindung des Marxismus-Leninismus mit der Realität Chinas aufgezeigt hat. Für unser jetziges Entwicklungsprogramm sollten wir das gleiche tun. Die Erfolge bei der ländlichen Reform in den ﻿vergangenen fünf Jahren sind eben darauf zurückzuführen, daß wir diesem Prinzip entsprechend unseren eigenen Weg gegangen sind. Der kürzlich angenommene Beschluß über unsere Reformen mit Schwerpunkt auf den Städten ist ein weiteres Beispiel dafür, daß wir unseren eigenen Weg gehen, indem wir die grundlegenden Prinzipien des MarxismusLeninismus mit den chinesischen Verhältnissen verbinden. Das ist die Erfahrung, die wir aus unseren Rückschlägen gewonnen haben. Wir werden möglicherweise auch in der Zukunft Fehler machen. Wir sollten aber erstens große Fehler vermeiden und zweitens Mißlichkeiten richtigstellen, sobald sie entdeckt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Prinzipien der friedlichen Koexistenz sind voller Vitalität ==&lt;br /&gt;
(31. Oktober 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit dem [[Republik der Union Myanmar|burmesischen]] Präsidenten [[U San Yu]].&lt;br /&gt;
Die Öffnung Chinas nach außen bedeutet nicht nur Öffnung gegenüber den entwickelten Ländern wie den Vereinigten Staaten, Japan und denen in Westeuropa. Das ist nur ein Aspekt unserer Politik. Ein anderer ist die Sud-SadZusammenarbeit. Ein weiterer Aspekt ist unsere Öffnung gegenüber der Sowjetunion und den osteuropäischen Landern. Insgesamt enthält die Öffnung also drei wichtige Aspekte. In der Welt gibt es zahlreiche arme Länder. Jedes hat seine eigenen Besonderheiten und den Wunsch und die Möglichkeit, sich durch Zusammenarbeit zu entwickeln. Die Entwicklung einer Süd-Süd-Zusammenarbeit sieht vielversprechend aus. Da kann viel getan werden.&lt;br /&gt;
In der heutigen Welt existieren zwei besonders hervorstechende Probleme: die Friedensfrage und das Nord-SüdProblem. Es gibt noch viele andere Probleme, aber keines ist in globaler, strategischer und allgemeiner Hinsicht dermaßen bedeutend. Auf der heutigen Erde ist der Norden entwickelt und reich, der Süden hingegen unterentwickelt und arm. Und relativ gesehen werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Der Süden will seine Armut und Rückständigkeit überwinden, und der Norden braucht die Entwicklung des Südens. Wo soll der Norden denn einen Markt﻿ für seine Produkte finden, wenn der Süden unterentwickelt bleibt? Das größte Problem für die entwickelten kapitalistischen Länder ist das Tempo der Entwicklung und die weitere Perspektive. Insofern hat die Sud-SüdZusammenarbeit noch andere Bedeutung: sie kann die NordSud-Zusammenarbeit fördern.&lt;br /&gt;
Die Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz stellen die beste Regelung für die zwischenstaatlichen Beziehungen dar. Andere Möglichkeiten wie „die sozialistische Gemeinschaft“, „Block-Politik“ und „Einflußsphäre&amp;quot; beschwören Konflikte herauf und verschärfen damit internationale Spannungen. Ein Rückblick auf die Geschichte der internationalen Beziehungen zeigt, daß die Fünf Prinzipien der friedlichen Koexistenz die größte Vitalität besitzen.&lt;br /&gt;
Gehen wir mit unseren Gedanken einen Schritt weiter, so kommen wir zu dem Schluß, daß diese Prinzipien ebenso hilfreich für die Lösung landesinterner Probleme sind. Die von den chinesischen Verhältnissen ausgehende Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; zur Wiedervereinigung Chinas ist wohl eine Anwendungsform der friedlichen Koexistenz. Um die Hongkong-Frage zu lösen, lassen wir zu, daß Hongkong sein kapitalistisches System für 50 Jahre unverändert beibehalten kann. Das gleiche Prinzip gilt auch für die TaiwanFrage. Taiwan darf zudem seine eigenen Truppen behalten, weil die Situation eine andere als in Hongkong ist. Die Taiwan-Behörden wollten China mittels der „Drei Volksprinzipien&amp;quot; wiedervereinigen, was deutlich macht, daß es ihnen mindestens an Sinn für Realität mangelt. Ist eine Wiedervereinigung dadurch möglich, daß sich das Festland mit seiner Bevölkerung von einer Milliarde Menschen unter das gegenwärtige System in Taiwan, wo ein Dutzend Millionen Menschen leben, unterordnet? Immer wieder haben wir den Behörden in Taiwan geraten, diesen Gedanken aufzugeben und nach einer anderen Möglichkeit zu suchen, bei der keine Seite die andere verschlingt. Die Milliarde Menschen auf dem Festland wird fortfahren, den Sozialismus aufzubauen, während Taiwan seinen Kapitalismus praktizieren mag. Beijing wird niemanden nach Taiwan entsenden. Bedeutet das nicht friedliche Koexistenz? Daher sind die Prinzipien der friedlichen Koexistenz eine gute Methode nicht nur für die Regelung von internationalen Beziehungen, sondern auch von innenpolitischen Problemen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Prinzipien der friedlichen Koexistenz können angewendet werden, um die brisanten Fragen in internationalen Konflikten zu beseitigen. Die Taiwan-Frage beispielsweise ist das hauptsächliche Hindernis für bessere Beziehungen zwischen China und den Vereinigten Staaten, und es ist nicht auszuschließen, daß daraus eine Krise zwischen den beiden Ländern erwächst. Wenn die Konzeption Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; angewendet wird, ist damit nicht nur die Frage der Wiedervereinigung Chinas gelöst, sondern bleiben auch die Interessen der Vereinigten Staaten gewahrt. Es gibt in den Vereinigten Staaten derzeit eine kleine Gruppe von Menschen, die als Erben des „Dullesismus“ Taiwan als „Flugzeugträger&amp;quot; oder als Objekt der Einflußsphäre der USA betrachten. Wenn die Taiwan-Frage auf dem Weg der friedlichen Koexistenz geregelt wird, wird dieser Streitpunkt beseitigt und dementsprechend die Illusionen dieser Leute zunichte gemacht werden. Das wäre ein guter Beitrag zur Erhaltung des Friedens und der Stabilität im pazifischen Raum sowie in der übrigen Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Armee sollte sich den allgemeinen Interessen des Landesaufbaus unterordnen ==&lt;br /&gt;
(1. November 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einer Rede auf einem von der Militärkommission beim Zentralkomitee der [[Kommunistische Partei Chinas|Kommunistischen Partei Chinas]] abgehaltenen Forum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte auf die Frage der Berücksichtigung der allgemeinen Interessen eingehen, womit der Aufbau des Landes gemeint ist. Unser Land sprüht zur Zeit vor Vitalität, es blüht und gedeiht. Auch Ausländer teilen diese Meinung. Solch eine Situation besteht erst seit den letzten fünf Jahren, und insbesondere seit den vergangenen drei Jahren, in denen sich unsere ländliche Politik bewährt hat. Das stärkt unsere Zuversicht. Woran liegt es, daß wir jetzt die städtischen Reformen in Angriff nehmen, oder wie man so sagt, den „Hinterteil des Tigers&amp;quot; berühren können? Man muß zugeben, daß die Reformen nicht ohne gewisse Risiken sind. So kam es kürzlich in Beijing zu einem Ansturm auf Konsumgüter. Das beschränkte sich nicht nur auf Beijing, sondern geschah gleichfalls in vielen anderen Städten. Damit haben wir gerechnet. Warum haben wir keine Angst davor? Weil wir recht große Vorräte an Konsumgütern besitzen. Die Massen waren beruhigt, als sie das festgestellt haben. Das von unserem XII. Parteitag gesetzte Ziel ist, unser Bruttosozialprodukt bis Ende dieses Jahrhunderts zu vervierfachen. Ich kann jetzt mit Sicherheit sagen, daß wir dieses Ziel verwirklichen werden. Die im 6. Fünfjahrplan festgelegten Planziffern für die wichtigsten Produkte sind bereits in den ersten drei Jahren erfüllt worden, so daß die gesamte Produktion in diesem und im nächsten Jahr Überschuß aufweist. Wir hatten für die ersten zehn Jahre (1980-1990) eine durchschnittliche Jahreswachstumsrate von 6,5 Prozent und für den Zeitraum von 20 Jahren 7,2 Prozent geplant. Jetzt kann ich den Ausländern ohne zu zögern versichern, daß wir dieses Ziel verwirklichen können. Wir haben stets gesagt, daß wir zu diesem Zweck die größten Anstrengungen unternehmen müssen, und das trifft auch immer noch zu. Aber jetzt sind wir in der Lage zu behaupten, daß uns dies gelingen wird. Auf der Plenartagung der Beraterkommission beim Zentralkomitee habe ich. geäußert, daß die Erreichung dieses Ziels von größter Bedeutung sei. Auch wenn unser Bruttosozialprodukt pro Kopf nicht sehr groß und der Lebensstandard nur mäßig hoch sein wird, wird unser Land jedoch hinsichtlich der Stärke des Staates machtvoller. So ist dies von doppelter Bedeutung. 1000 Milliarden US-Dollar! Das ist die Stärke unseres Landes. Die bei den ländlichen Reformen gewonnenen Erfahrungen haben uns dazu ermutigt, die städtischen Reformen in Angriff zu nehmen, eine allseitige Reform also. Natürlich wird es drei bis fünf Jahre, meiner Meinung nach drei Jahre dauern, bevor wir feststellen können, ob die Reform gelingen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Aspekt dabei ist die Öffnung nach außen, der andere die Belebung unserer inländischen Wirtschaft. Reform bedeutet auch Belebung der Wirtschaft. Das wiederum erfordert die Öffnung nach innen, ein Aspekt unserer Öffnungspolitik. Wir öffnen unser Land sowohl gegenüber anderen Ländern als auch nach innen. Einige unserer Menschen haben keine klare Vorstellung von der Öffnungspolitik und verstehen darunter nur eine Öffnung nach dem Westen. Tatsächlich betrifft die Öffnung jedoch drei große Regionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In meinem gestrigen Gespräch mit dem burmesischen Präsidenten U San Yu habe ich das ausgeführt. Zum einen richtet sich die Öffnung auf die entwickelten Länder im Westen, die unsere wichtigsten Quellen für ausländische Fonds und Technologien usw. darstellen. Zur zweiten Region gehören die Sowjetunion und die osteuropäischen Länder. Auch wenn die zwischenstaatlichen Beziehungen nicht normal sind, ist doch der Austausch möglich, wie beispielsweise bei Geschäftsabschlüssen, technischer Zusammenarbeit, sogar bei Joint Ventures, technischer Umgestaltung und Erneuerungen in bezug auf die 156 Projekte. In dieser Hinsicht können sie uns behilflich sein. Die dritte Region sind die Entwicklungsländer der Dritten Welt. Jedes dieser Länder hat seine eigenen Besonderheiten und Vorteile und birgt ungeheures Potential in sich. Unsere Öffnung nach außen umfaßt also diese drei Regionen, und nicht nur eine einzige. Die Belebung unserer inländischen Wirtschaft und die Reform unserer Wirtschaftsstruktur werden schneller als erwartet voranschreiten, das heißt, wir sehen einer leuchtenden Zukunft entgegen. Im Verlauf dieses Prozesses werden möglicherweise einige Probleme auftreten, aber das ist unerheblich. Wir haben nichts zu fürchten, denn wir werden Schritt für Schritt vorangehen, dabei unsere Erfahrungen auswerten und auftretende Mißstände unverzüglich korrigieren. Es wird jedoch keine grundlegenden Änderungen geben, unsere wichtigsten Prinzipien werden unverändert bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wesentlich ist jetzt, daß Partei, Regierung, Armee und Volk des ganzen Landes mit Leib und Seele für die allgemeinen Interessen des Landesaufbaus arbeiten und denen bei allen ihren Tätigkeiten Rechnung tragen. Dabei hat unsere Armee eine bestimmte Verpflichtung. Sie darf den allgemeinen Interessen nicht schaden, sondern muß ihre Arbeit auf sie ausrichten und ihnen unterordnen. Alle Abteilungen unserer Armee sind mit dem Aufbau des Landes verknüpft und müssen Möglichkeiten und Wege finden, wie sie den Aufbau unterstützen und aktiv daran teilnehmen können. Luftwaffe, Marine und die Staatliche Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie der Landesverteidigung sollten einige ihrer Mittel zur Unterstützung der volkswirtschaftlichen Entwicklung bereitstellen. Die Luftwaffe beispielsweise kann einige Flughäfen gänzlich oder teilweise für die zivile Luftfahrt zur Verfügung stellen, um dem Staat bei der Entwicklung der Zivilluftfahrt zu helfen. Die Marine kann das gleiche mit ihren Häfen tun, um die Umschlagkapazität der Häfen des Landes vergrößern zu helfen. Unsere Verteidigungsindustrie ist gut ausgerüstet und verfügt über ein riesiges Kontingent von technischen Fachkräften, die für das gesamte Unterfangen des Landesaufbaus voll eingesetzt werden sollten, um die zivile Produktion in großem Maße zu fördern. All dies kann nur von Nutzen sein. Kurzum, jedermann sollte von den allgemeinen Interessen ausgehen, sie stets vor Augen haben und mit allen möglichen Mitteln zur Entwicklung der Wirtschaft unseres Landes beitragen. Mit einer entwickelten Wirtschaft wird alles leichter gehen. Sobald die Gesamtsituation gebessert und unsere Landesverteidigung erheblich gestärkt ist, wird es nicht allzu schwer sein für uns, einige Atombomben, Raketen und moderne Ausrüstungen mehr zu produzieren ob für die Luftwaffe, die Marine oder das Heer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Punkt ist die Ausbildung von Fachkräften für militärische wie für zivile Berufe, was ebenfalls Berücksichtigung der allgemeinen Interessen bedeutet. In dieser Hinsicht hat unsere Armee gute Arbeit geleistet und Erfolge erzielt. Das ist erfreulich. Unsere Armee bildet solche Leute im Hinblick auf die Gesamtinteressen des Landesaufbaus aus, und die lokalen Behörden werden solche Arbeitskräfte﻿ herzlich willkommen heißen. Solch eine Ausbildung wird es leichter machen, demobilisierte Kader und Soldaten für zivile Posten einzusetzen. Genosse Yu Qiuli&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yu Qiuli, 1914 in Ji&#039;an, Provinz Jiangxi, geboren, ist Mitglied des Politburos des Zentralkomitees der Partei und Leiter der Politischen Hauptabteilung der Volksbefreiungsarmee.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte mir, daß für Armeeangehörige, die in der Schweinezucht ausgebildet worden sind, in jedem Falle Verwendung besteht. Und Fahrer sind sehr gefragt. Unsere Armee hat eine große Anzahl von technischen Fachkräften ausgebildet, und wenn einige von ihnen in verschiedene zivile Branchen und Berufsgruppen versetzt werden, würde dies eine große Unterstützung für die örtlichen Organe bedeuten. Deshalb sollten wir die Ausbildung von Leuten für militärische wie auch zivile Berufe intensivieren.&lt;br /&gt;
Ich hoffe, daß die hier anwesenden Genossen Kader aller Ebenen dazu erziehen werden, sich um die Gesamtinteressen des Staates zu kümmern, das heißt, unser Land in den kommenden 20 Jahren oder, genauer gesagt, 16 Jahren bis zum Jahr 2000 zum Gedeihen zu bringen. Unsere Armee sollte sich in allem, was sie tut, den allgemeinen Interessen des Landesaufbaus unterordnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme“ wurde entsprechend den realen Verhältnissen Chinas aufgestellt ==&lt;br /&gt;
(19. Dezember 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit der [[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Premierministerin [[Margaret Thatcher]].&lt;br /&gt;
Staatsmänner unserer beiden Länder haben mit der Vereinbarung über die Hongkong-Frage einen höchst bedeutsamen und nützlichen Beitrag für ihr eigenes Land und Volk geleistet. Die Hongkong-Frage hat eine Geschichte von etwa 150 Jahren. Wäre die Frage nicht beigelegt, läge über der Beziehung zwischen unseren beiden Ländern und Völkern stets ein Schatten. Nun wurde dieser Schatten beseitigt, und die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern liegen im hellen Licht.&lt;br /&gt;
Wenn die Konzeption „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; international von Bedeutung ist, so verdanken wir dies der Anwendung des marxistischen dialektischen und historischen Materialismus. Mit den Worten des Vorsitzenden Mao Zedong ausgedrückt, heißt dies, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen. Diese Konzeption wurde entsprechend den konkreten Verhältnissen Chinas aufgestellt. Vor China steht die reale Frage, in welcher Form die Hongkong-Frage und die Taiwan-Frage gelöst werden können. Für die Lösung dieser beiden Fragen gibt es nur zwei Möglichkeiten: die eine ist die﻿ Lösung mit friedlichen Mitteln, die andere ist die nichtfriedliche Lösung. Bei der friedlichen Lösung der HongkongFrage muß man sowohl die realen Verhältnisse in Hongkong als auch die realen Verhältnisse Chinas und Großbritanniens berücksichtigen. Das heißt, daß unser Vorschlag zur Lösung dieser Frage von drei Seiten akzeptiert werden muß, nämlich vom chinesischen Volk, vom britischen Volk und von der Bevölkerung Hongkongs. Wenn die Wiedervereinigung mit Hongkong auf sozialistischer Grundlage erfolgte, würden dies sowohl die Bevölkerung in Hongkong als auch das britische Volk nicht akzeptieren. Die widerwillige Billigung einer solchen Lösung würde eine chaotische Lage herbeiführen. Selbst wenn keine bewaffneten Konflikte entstünden, würde Hongkong in Depression geraten. Ein Hongkong mit vielen Folgekrankheiten wäre kein Hongkong, wie wir es erwarten. Was die Lösung der Hongkong-Frage anbelangt, so ist die Konzeption ein Land, zwei Systeme&amp;quot; die einzige Formel, die alle drei Seiten akzeptieren können. Diese Konzeption ermöglicht es Hongkong, den Kapitalismus weiterhin zu praktizieren sowie seinen Status als Freihafen und als Finanzzentrum beizubehalten. Außer dieser Konzeption gibt es keine andere angemessene Lösung. Die Konzeption „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ging zuerst nicht von der HongkongFrage, sondern von der Taiwan-Frage aus. Die am Vorabend des Nationalfeiertags 1981 vom damaligen Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses Ye Jianying abgegebenen Neun-Punkte-Erklärung wurde zwar nicht im Konzept „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; zusammengefaßt, sie enthielt jedoch diesen Gedanken. Als wir vor zwei Jahren an die Lösung der Hongkong-Frage herangingen, stellten wir das Konzept „ein Land, zwei Systeme“ auf.&lt;br /&gt;
Als wir mit diesem Konzept auftraten, empfand man dies als etwas Neues, vorher noch nicht Dagewesenes. Es gab Menschen, die daran zweifelten, ob dieses Konzept überhaupt durchführbar sei. Wir müssen mit Tatsachen antworten. Heute sehen wir, daß es realisierbar ist und daß zumindest die Chinesen an seine Durchführbarkeit glauben. Die Verhandlungen in den letzten zwei Jahren haben dies bestätigt. Dieses Konzept hat bei der Lösung der Hongkong-Frage die wichtigste Rolle gespielt, um nicht zu sagen, die entscheidende. Es ist ein Konzept, das alle drei Seiten akzeptieren. Nach 13 Jahren und erst recht nach 50 Jahren wird sich noch deutlicher bestätigen, daß das Konzept „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durchführbar ist. Einige Menschen sind dahingehend besorgt, ob China nach der Unterzeichnung der Vereinbarung kontinuierlich auf ihrer Durchführung bestehen werde. Wir wollen nicht nur Eurer Exzellenz und allen anwesenden britischen Freunden, sondern auch den Völkern der ganzen Erde erklären: China steht zu seinen Worten und ist überzeugt, daß sich sein Konzept „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durchsetzen wird.&lt;br /&gt;
Ein japanischer Freund hat mich gefragt, warum wir eine Zeitspanne von „,50 Jahren&amp;quot; angegeben haben, das heißt, warum nach 1997 das vorhandene kapitalistische System in Hongkong für weitere 50 Jahre unverändert existieren solle, und welche Gründe und Überlegungen wir dabei anstellten. Ich erklärte ihm, diese Vorstellung gehe von der Realität Chinas aus. China hat sich das großartige Ziel gesetzt, seinen industriellen und landwirtschaftlichen Bruttoproduktionswert in den kommenden zwei Jahrzehnten, nämlich bis Ende dieses Jahrhunderts, zu vervierfachen und einen bescheidenen Wohlstand zu erlangen. Aber selbst wenn China sein Ziel erreicht hat, zählt es noch nicht zu den wohlhabenden beziehungsweise entwickelten Ländern. Daher kann dies Vorhaben nur als erste Etappe auf dem Weg zu unserem ehrgeizigen Ziel gelten. Wenn sich China wirklich so entwickelt﻿ und sich den entwickelten Ländern annähert, um nicht zu sagen, sie überholt, benötigt es dazu mindestens weitere 30 bis 50 Jahre. Wenn wir sagen, daß China innerhalb dieses Jahrhunderts international eine Öffnungspolitik verfolgen muß, so kann es nach weiteren 50 Jahren, wenn China dem Stand der entwickelten Länder nähergekommen ist, von dieser Politik auch nicht abrücken. Eine Abkehr von dieser Politik ist nicht möglich. Die Aufrechterhaltung der Prosperität und Stabilität in Hongkong entspricht den ureigenen Interessen Chinas. Als wir einen Zeitraum von 50 Jahren festsetzten, so geschah dies nicht unüberlegt und impulsiv, sondern unter Berücksichtigung der Realität und der Entwicklung Chinas. Ebenfalls erforderlich ist ein stabiles Taiwan bis Ende dieses Jahrhunderts und weiter in den ersten 50 Jahren des nächsten Jahrhunderts. Taiwan ist ein Bestandteil Chinas. Unter der Voraussetzung eines einheitlichen Staates können in China „zwei Systeme&amp;quot; existieren. Das sind unsere Vorstellungen bei der Ausarbeitung unserer Staatspolitik. Wer diesen Punkt versteht und unsere Grundauffassung begreift, und weiß, auf welcher Grundlage wir diese Losung aufstellen und diese Politik ausarbeiten, hat die Zuversicht, daß wir unsere Politik nicht ändern werden. Ich habe meinen japanischen Freunden gesagt, daß, wenn sich die Öffnungspolitik in den ersten 50 Jahren des nächsten Jahrhunderts nicht verändert, sie sich in den letzten 50 Jahren des nächsten Jahrhunderts um so weniger ändern wird, denn bis dahin werden sich unsere Wirtschaftsverbindungen mit dem Ausland noch enger gestalten, die gegenseitige Abhängigkeit wird noch mehr zunehmen, und die Verbindungen lassen sich voneinander um so weniger trennen.&lt;br /&gt;
Ich möchte Frau Premierministerin darum bitten, den Persönlichkeiten in aller Welt und in Hongkong zu sagen, daß das Konzept „ein Land, zwei Systeme&amp;quot; außer dem Kapitalismus auch den Sozialismus umfaßt, der das Kernstück Chinas bildet und auf dem Festland mit einer Milliarde Menschen unbeirrbar praktiziert wird. Im Hauptteil Chinas lebt eine Milliarde Menschen, auf Taiwan sind es gegen 20 Millionen und in Hongkong 5,5 Millionen. Es ist eine Frage des Verhältnisses zwischen einer Milliarde Menschen und 20 Millionen beziehungsweise 5,5 Millionen. Der Hauptteil des Landes ist sehr groß, und der Sozialismus ist der Sozialismus in einem Gebiet mit einer Milliarde Menschen. Unter dieser Voraussetzung ist es zulässig, in der an dieses Gebiet angrenzenden Region auf einem kleinen Territorium und in kleinem Umfang den Kapitalismus zu praktizieren. Ohne diese Voraussetzung würde der Kapitalismus den Sozialismus „schlucken&amp;quot;. Wir sind überzeugt, daß die Existenz des Kapitalismus in kleinem Umfang der Entwicklung des Sozialismus eher nützen wird. Unter der Voraussetzung, daß die sozialistische Wirtschaft die dominierende Wirtschaftsform bleibt, haben wir der Außenwelt nahezu 20 Städte geöffnet. Wir befürchten nicht, daß die Öffnung das Wesen der sozialistischen Wirtschaft ändern könnte. Im Gegenteil, die Öffnung nach außen wird für die Stärkung und Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft von Vorteil sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Frieden und die Entwicklung die zwei grundlegenden Probleme in der gegenwärtigen Welt ==&lt;br /&gt;
(4. März 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit einer Delegation der [[Japan|japanischen]] Handels- und Industriekammer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über Chinas Entwicklung herrschen international vielleicht noch kontroverse Meinungen. Sie analysieren von verschiedenen Gesichtspunkten her die Frage, ob Chinas Entwicklung für sie vorteilhaft oder nachteilig ist. Diese Frage geht mir auch oft durch den Kopf. Nun möchte ich von zwei Gesichtspunkten vom politischen und vom wirtschaftlichen aus an diese Frage herangehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom politischen Gesichtspunkt her gesehen, kann ich definitiv feststellen, daß China eine Kraft für die Erhaltung des Friedens und der Stabilität in der Welt ist, keine zerstörende Kraft. Je stärker sich China entwickelt, desto sicherer wird der Weltfrieden. In der Vergangenheit vertraten manche Leute in der Welt die Meinung, China sei „,kriegslüstern&amp;quot;. Das China, das ich meine, ist die Volksrepublik China. Nicht nur ich, auch andere chinesische Staatsmänner, einschließlich des verstorbenen Vorsitzenden [[Mao Zedong]] und des Ministerpräsidenten [[Zhou Enlai]], haben mehrmals erklärt, daß sich China sehr nach dem Frieden sehnt. Noch unter Führung Mao Zedongs und Zhou Enlais hat China den Kampf gegen den Hegemonismus der Supermächte betont und ihn für den Kriegsherd gehalten. Wir meinen hiermit nicht kleine Regionalkonflikte, sondern Weltkrieg. Einen Weltkrieg zu führen ist außer den beiden Supermächten niemand in der Lage; China nicht, Japan nicht, auch Europa nicht. In diesem Sinne bedeutet der Kampf gegen den Hegemonismus der Supermächte die Wahrung des Weltfriedens. Seit der Zerschlagung der „Viererbande&amp;quot; ist unsere Staatspolitik ebenfalls darauf ausgerichtet, den Hegemonismus zu bekämpfen und den Weltfrieden zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Insgesamt gesehen entwickeln sich die Kräfte für den Weltfrieden, dennoch bleibt die Kriegsgefahr bestehen. Bei den Verhandlungen über nukleare Abrüstung und Reduzierung der Weltraumwaffen zeichnen sich keine merklichen Fortschritte ab. Das ist der Grund, warum wir seit vielen Jahren die Kriegsgefahr betonen. Jetzt haben sich unsere Ansichten etwas geändert. Wir meinen, daß sich trotz der Weiterexistenz der Kriegsgefahr die Kräfte, die den Krieg unterbinden können, erfreulich entwickelt haben. Das japanische Volk will keinen Krieg, die europäischen Völker wollen auch keinen Krieg. Ein Krieg wird den Ländern der Dritten Welt, einschließlich China, deren Anliegen die eigene Entwicklung ist, keinerlei Nutzen bringen. Die Kraft der Dritten Welt, insbesondere die Chinas des bevölkerungsreichsten Landes der Dritten Welt, ist ein wichtiger Faktor für die Entwicklung der Friedenskräfte auf der Erde. Daher dient die Entwicklung Chinas, politisch gesehen, dem Frieden und der Stabilität in der Welt und im asiatischen und pazifischen Raum. Die Weltöffentlichkeit redet jetzt von einem Dreieck in der Weltpolitik. Offen gesagt, ist das dritte Eck China noch sehr schwach. Wir sind eine Großmacht, die zugleich eine nur kleine Macht ist. Mit groß meine ich ausgedehnte Bodenfläche, oder genauer, ausgedehnte Gebirgsfläche und große Bevölkerungszahl. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche Chinas ist nicht sehr groß. Andererseits ist China in Wirklichkeit eine nur kleine Macht, ein noch nicht entwickeltes Land, ein Entwicklungsland. Wenn wir sagen, daß China eine Friedenskraft, eine Kraft zur Unterbindung des Krieges darstellt, so ist diese Kraft noch schwach. Sobald China entwickelt ist, wird diese Friedenskraft zur Unterbindung des Krieges bedeutend anwachsen. Ich kann kühn ankündigen, daß China sein Ziel -die Vervierfachung des Bruttoproduktionswertes von Industrie und Landwirtschaft-bis Ende dieses Jahrhunderts erreichen wird. Das ist der bescheidene Wohlstand, den ich bei meinem Gespräch mit Herrn Masayoshi Ohira erwähnt habe. Dann wird China sicherlich eine gewichtigere Rolle für die Erhaltung des Friedens und der Stabilität in der Welt spielen.&lt;br /&gt;
Vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, gibt es in der heutigen Welt zwei wirklich große Probleme, die von global strategischer Bedeutung sind: das Friedensproblem und das Wirtschaftsproblem. Das Friedensproblem ist ein Ost-West-Problem, das Wirtschaftsproblem ein NordSüd-Problem. Diese beiden Probleme lassen sich in vier Wörter: Ost, West, Nord und Süd, zusammenfassen. Das NordSüd-Problem ist die Kardinalfrage. Europäische und amerikanische Länder sowie Japan sind entwickelte Länder. Mit welchen Problemen sehen sie sich konfrontiert, wenn sie sich weiter entwickeln wollen? Ihr Kapital sucht nach Investitionsplätzen, ihr Handel nach Auswegen, ihre Produkte suchen nach Absatzmärkten. Ohne Lösung dieser Fragen sind ihrer Weiterentwicklung Grenzen gesetzt. Ich habe mit vielen japanischen Freunden darüber gesprochen, auch mit europäischen und amerikanischen Freunden. Diese Probleme beschäftigen auch sie fortwährend. Zur Zeit leben in der Welt über vier Milliarden Menschen, etwa drei Viertel davon in der Dritten Welt. Nur ein Viertel, insgesamt 1,1 bis 1,2 Milliarden, leben in entwickelten Ländern: in der Sowjetunion, in Osteuropa (nicht sehr entwickelt), in Westeuropa und Nordamerika, in Japan, Australien und in Neuseeland. Man kann sich kaum vorstellen, daß sich diese 1,1 bis 1,2 Milliarden Menschen auf der Grundlage der fortbestehenden Armut der mehr als drei Milliarden Menschen weiter entwickeln können. Allerdings beginnt sich die Situation in einer Anzahl der Länder der Dritten Welt zu verbessern, wobei man noch nicht davon sprechen kann, daß sie zu entwickelten Ländern geworden sind. Der größte Teil der Länder der Dritten Welt befindet sich aber weiterhin in bitterer Armut. Ohne die Lösung ihrer Wirtschaftsprobleme ist die Entwicklung der Dritten Welt wie auch der weitere Aufschwung der entwickelten Länder mit großen Schwierigkeiten verbunden. Das Außenhandelsvolumen des großen Dritte-Welt-Landes China betrug im Vorjahr nur knapp 50 Milliarden US-Dollar. Wenn China dies Volumen verdoppelt, also auf 100 Milliarden US-Dollar bringt, bedeutet das nicht eine Erweiterung des Weltmarktes? Und wenn China diesen Betrag vervierfacht, also auf 200 Milliarden US-Dollar erhöht, bedeutet dies nicht einen noch größeren Ausbau seines internationalen Austauschs? Der Handel ist immer eine gegenseitige Angelegenheit. Bei der Vervierfachung seines Außenhandelsvolumens wird Chinas Aufnahmevermögen für Kapital und Waren bedeutend zunehmen. Einige entwickelte Länder sind darüber besorgt, daß China, wenn es entwickelt ist und mehr Güter exportiert, den Warenexport der entwickelten Länder beeinträchtigen könnte. Dies ist tatsächlich eine Frage der Konkurrenz. Aber: was haben die entwickelten Länder mit ihrem technischen Vorsprung und vielen, vielen hochwertigen Gütern zu befürchten! Kurz gesagt, wenn sich der Süden nicht angemessen entwickelt, sind dem Kapitalund Warenexport des Nordens enge Grenzen gesetzt. Wenn die Armut des Südens fortdauert, ist damit zu rechnen, daß der Norden keinen Ausweg aus seinen Wirtschaftsproblemen finden kann.&lt;br /&gt;
Alles in allem meine ich, daß es eine Entscheidung mit strategischem Weitblick ist, wenn die japanischen Unternehmerkreise der Entwicklung der wirtschaftlichtechnologischen Zusammenarbeit zwischen China und Japan gegenüber eine positive Haltung einnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Einheit stützt sich auf die Ideale und auf die Disziplin ==&lt;br /&gt;
(7. März 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Frei gehaltene Ansprache auf der Nationalen Arbeitskonferenz über Wissenschaft und Technik, nachdem [[Deng Xiaoping]] die Rede „Die Reform des Systems im Bereich Wissenschaft und Technologie dient der Befreiung der Produktivkrafte&amp;quot; gehalten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gegenwärtige Lage im Land ist ausgezeichnet. Ich möchte aber darauf aufmerksam machen, daß wir beim Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung unbedingt an der Entwicklung der materiellen sowie geistigen Zivilisation und an den „Fünf Geboten, Vier Tugenden und Drei Lieben“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fünf Gebote: Anstand, Höflichkeit, Hygiene, Zucht und Ordnung, gute Moral; Vier Tugenden: korrekte Geisteshaltung, höfliche Sprache, gesittetes Verhalten, schöne Umwelt; Drei Lieben: Liebe zum Vaterland, Liebe zum Sozialismus und Liebe zur Kommunistischen Partei Chinas.&amp;lt;/ref&amp;gt; festhalten und dem ganzen Volk Ideale, Moral, Bildung und Disziplin anerziehen müssen. Unter den letzten vier Punkten sind Ideale und Disziplin besonders wichtig. Wir müssen unser Volk, in erster Linie unsere Jugendlichen, ständig dazu erziehen, Ideale zu besitzen. Warum konnten wir uns früher unter ungewöhnlich komplizierten Verhältnissen durchkämpfen, unzählige Schwierigkeiten und Gefahren überwinden und die Revolution zum Sieg führen? Weil wir Ideale, eine marxistische Ausrichtung und eine kommunistische Überzeugung hatten. Wir arbeiten am Sozialismus, das endgültige Ziel ist die Verwirklichung des Kommunismus. Ich hoffe, daß dies bei der Propagandaarbeit niemals außer acht gelassen wird. Wir arbeiten gegenwärtig an den vier Modernisierungen, die ausschließlich sozialistischen Charakter tragen. Alle unsere politischen Maßnahmen wie die Öffnung, die Belebung der Wirtschaft und die Reform haben die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft zum Ziel. Wahrend wir die Entwicklung der Einzelwirtschaft, ja sogar der Joint Ventures mit dem Ausland und der von ausländischen Unternehmern mit Eigenkapital gegründeten Betriebe gestatten, bleibt das sozialistische Gemeineigentum der Hauptsektor. Das Ziel des Sozialismus ist der gemeinsame Wohlstand des ganzen Volkes, keineswegs aber eine Polarisierung. Wenn unsere Politik eine Polarisierung herbeiführte, wären wir gescheitert. Falls eine neue Bourgeoisie entstünde, würde das bedeuten, daß wir tatsächlich auf einen Irrweg geraten wären. Wenn wir dafür eintreten, daß einige Gebiete als erste wohlhabend werden, so wollen wir damit erreichen, daß die zuerst reich gewordenen Gebiete den zurückgebliebenen Regionen helfen, sich noch besser zu entwickeln, und nicht etwa eine Polarisierung innerhalb des Landes. Das gleiche gilt für unsere Befürwortung, daß ein Teil der Bevölkerung zuerst wohlhabend werden soll, um danach dem noch nicht zu Wohlstand gelangten Teil der Bevölkerung dabei zu helfen, ebenfalls wohlhabend zu werden. Wir müssen jene Kreise, die zuerst wohlhabend geworden sind, insofern einschränken, daß wir von ihnen Einkommenssteuern erheben, um nur ein Beispiel zu nennen. Wir treten auch dafür ein, daß diese Menschen freiwillig gewisse Mittel für das Bildungswesen oder für den Straßenbau zur Verfügung stellen; aber solche Erwartungen dürfen keinesfalls in eine Art Zwangsabgabe umgewandelt werden. Es ist zur Zeit auch nicht angebracht, ihre Beispiele übermäßig zu verbreiten. Dennoch ist es zu befürworten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz: erstens das Gemeineigentum als Hauptsektor, zweitens der gemeinsame Wohlstand das sind zwei sozialistische Grundprinzipien, an denen wir festhalten müssen. Wir haben unermüdlich diese sozialistischen Prinzipien durchzusetzen und zu verwirklichen. Auf lange Sicht werden wir zum Kommunismus übergehen. Gegenwärtig sind einige Leute besorgt, daß China kapitalistisch entarten könnte. Diese Sorge ist nicht völlig unbegründet. Wir können diese Sorge allerdings nicht durch leere Worte beheben, sondern nur durch Tatsachen, und denjenigen, die da hoffen, daß China kapitalistisch werde, eine Abfuhr erteilen. Unsere Presse, unser Fernsehen und unsere ganze Propagandaarbeit müssen dieser Frage Aufmerksamkeit schenken. Menschen wie wir besitzen kommunistische Ideale und Überzeugungen. Insbesondere gilt es, den uns folgenden ein, zwei Generationen ein erhabenes kommunistisches Ideal anzuerziehen. Wir dürfen keinesfalls zulassen, daß unsere Kinder und Jugendlichen in dekadentes kapitalistisches Gedankengut verfallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ideale können erst durch Disziplin realisiert werden. Aus Disziplin und Freiheit bildet sich die Einheit der Gegensätze, sie sind untrennbar und abhängig voneinander. Wie kann ein großes Land wie unseres geeint und gut organisiert sein? Es kommt zum einen auf die Ideale und zum anderen auf Disziplin an. Sich zu organisieren, bedeutet schon Macht. Ohne Ideale und Disziplin wäre unser Land wie der Sandhaufen, der das alte China einmal war. Wie hätte sonst unsere Revolution siegen können? Wie hätte unser Aufbau erfolgreich durchgeführt werden können? Heute gibt es Erscheinungen, die Ideale vermissen lassen. Zum Beispiel, daß sich alles nach Geld richtet. Diese Erscheinungen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Bei der Kritik an solchen Erscheinungen ist natürlich höchste Treffsicherheit geboten, und überzogene Kritik ist zu vermeiden. Aber es gibt tatsächlich solche Erscheinungen. Manche Institutionen haben diverse Gesellschaften gegründet, um mit staatlichen Geldern Geschäfte zu machen. Auch andere able Tendenzen sind zu beobachten. Mit alledem ist die Bevölkerung äußerst unzufrieden. Wir müssen die betreffenden Personen, in erster Linie die Mitglieder der Kommunistischen Partei, ermahnen, daß sie derartige Handlungen unterlassen. Richten wir zur Zeit nicht die Partei aus? Wir müssen zuallererst versuchen, solche üblen Tendenzen auszumerzen.&lt;br /&gt;
Auch bei der gegenwärtigen Wirtschaftsreform gibt es manche Auswüchse. Du hast die Politik, ich habe Gegenmaßnahmen.&amp;quot; Ja, Gegenmaßnahmen gibt es in Halle und Fülle. Die Parteimitglieder müssen sich strikt an die Parteidisziplin halten. Jeder, ob Parteimitglied oder nicht, muß die Gesetze des Staates einhalten. Für die Parteimitglieder schreibt auch die Parteidisziplin dies vor. Das höchste Kriterium für die Einhaltung der Disziplin besteht darin, ob man wirklich die Politik der Partei und die Politik des Staates wahrt und entschieden durchführt. Deshalb müssen wir die Ideale und die Disziplin jederzeit fest im Blick behalten. Wir müssen alles tun, um das Volk, auch unsere Kinder, davon zu überzeugen, daß wir am Sozialismus und Kommunismus festhalten und daß unsere Politik in allen Bereichen der Förderung des Sozialismus und schließlich der Verwirklichung des Kommunismus dient.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== POLITISCH DIE DEMOKRATIE ENTWICKELN, WIRTSCHAFTLICH DIE REFORM DURCHFÜHREN ==&lt;br /&gt;
(15. April 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptteil eines Gesprächs mit dem Vizepräsidenten [[Ali Hassan Mwinyi]] der [[Tansania|Vereinigten Republik Tansania]].&lt;br /&gt;
Als Sie 1973 [[Volksrepublik China|China]] besuchten, war Chinas Gesellschaft labil, obwohl sich die „[[Kulturrevolution]]&amp;quot; bereits in der ausklingenden Phase befand. Es war alles in allem eine Zeit des linken Extremismus; die Folge war eine schleppende sozial-ökonomische Entwicklung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich möchte kurz auf die Geschichte des Neuen China eingehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Gründung der Volksrepublik haben wir auf dem Land die Bodenreform&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im Juni 1950 erließ die Volksregierung „das Gesetz der Volksrepublik China über die Bodenreform&amp;quot;. Im Herbst und Winter des gleichen Jahres wurde die Bodenreform in den neubefreiten Gebieten durchgeführt. Im Winter 1952 war die Bodenreform, abgesehen von der Provinz Taiwan und einigen von nationalen Minderheiten bewohnten Gebieten, im wesentlichen abgeschlossen. 300 Millionen landlose oder -arme Bauern erhielten rund 700 Millionen Mu Land und andere Produktionsmittel.&amp;lt;/ref&amp;gt; und die Bildung der landwirtschaftlichen Genossenschaften&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach der Gründung der VR China rief die Kommunistische Partei die Bauern auf, sich zu organisieren und den Weg der gegenseitigen Hilfe zu beschreiten, nachdem die Bodenreform abgeschlossen war. Über die provisorischen Gruppen und ständigen Gruppen der gegenseitigen Bauernhilfe entstanden die landwirtschaftlichen Genossenschaften niedrigen Typs, in denen die Böden kollektiv bestellt und die Gewinne nach dem Verhältnis der eingebrachten Ackerfläche und der Arbeitskräfte verteilt wurden. Sie entwickelten sich weiter zu landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften höheren Typs, in denen die Böden Kollektiveigentum wurden und das Verteilungsprinzip „jedem nach seiner Leistung&amp;quot; praktiziert wurde. Bis Ende 1956 traten 96,3 Prozent der Bauernhaushalte der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft bei; damit wurde die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft im wesentlichen abgeschlossen.&amp;lt;/ref&amp;gt; und in den Städten die sozialistische Umgestaltung der kapitalistischen Industrie und des kapitalistischen Handels&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die sozialistische Umgestaltung der kapitalistischen Industrie und des kapitalistischen Handels erfolgte in der Zeit zwischen 1949 und 1956. Die Kommunistische Partei Chinas verfolgte, ausgehend von den Besonderheiten der nationalen Bourgeoisie Chinas, in Übereinstimmung mit der marxistisch-leninistischen Theorie, nach der das Proletariat unter bestimmten Bedingungen der Bourgeoisie gegenüber eine Politik des Loskaufs durchführen kann, eine Politik der Nutzung, Einschränkung und Umgestaltung. Durch Maßnahmen wie Verarbeitungsaufträge, planmäßige Bestellung, Aufkauf- und Absatzverträge sowie Kommissonsgeschäfte, gemischt staatlich-private Bewirtschaftung einzelner Unternehmen oder einzelner Branchen vollzog sich der Übergang von der niedrigen zur höheren Form des Staatskapitalismus. Im Jahre 1956 wurden die kapitalistische Industrie und das kapitalistische Handel im wesentlichen ins sozialistische Gemeineigentum umgewandelt.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit gutem Erfolg durchgeführt. Nach 1957 kam das „linke&amp;quot; Gedankengut auf, das allmählich das Feld beherrschte. Während des „Großen Sprungs nach vorn&amp;quot;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Große Sprung nach vorn&amp;quot; war eine 1958 leichtfertig entfachtete Massen- bewegung. Auf der erweiterten Sitzung des Politburos des Zentralkomitees der Partei im August dieses Jahres in Beidaihe wurde vorgeschlagen, die Stahlproduktion gegenüber 1957 auf 10,70 Millionen t zu verdoppeln; ferner wurde beschlossen, auf dem Land die Volkskommunen zu bilden. Nach der Sitzung kam es im ganzen Land zu einer Bewegung des Großen Sprungs nach vorn&amp;quot;, in deren Mittelpunkt die Stahlverhüttung durch das ganze Volk und die Bildung der Volkskommunen standen. Die „links&amp;quot;abweichlerischen Fehler, gekennzeichnet durch zu hohe Produktionsziffern, blindes Herumkommandieren, Prahlsucht und „,kommunistischen Wind&amp;quot; (beliebige, unentgeltliche Inanspruchnahme von Sachwerten anderer) griffen um sich. Die Ordnung des Wirtschaftsaufbaus wurde gestört, und gewaltige Verschwendung von Arbeitskräften und Ressourcen und ernste Disproportionen in der Volkswirtschaft wurden verursacht. Die Bevölkerung litt sehr unter diesen Bedingungen. Erst im Winter 1960 wurde der „Große Sprung nach vorn&amp;quot; beendet.&amp;lt;/ref&amp;gt; im Jahre 1958 wurden überall auf dem Land überstürzt die Volkskommunen gebildet, deren Kennzeichen „Größe und hohe Gemeinschaftlichkeit“ einseitig betont wurden. Die Praxis „,alle essen aus dem selben Topf&amp;quot; wurde befürwortet, was verheerende Folgen mit sich brachte. Von der „Kulturrevolution&amp;quot; erübrigt es sich zu sprechen. Nach der Zerschlagung der Viererbande&amp;quot; im Jahr 1976 verirrten wir uns bis 1978 weiter in Fehlern, die im wesentlichen linker&amp;quot; Natur waren. In den 20 Jahren von 1958 bis 1978 ging es den Bauern und Arbeitern wegen der minimalen Einkommenssteigerung schlecht und entwickelten sich die Produktivkräfte nur geringfügig. Das Bruttosozialprodukt pro Kopf betrug 1978 nicht einmal 250 US-Dollar. Ende 1978 fand die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees unserer Partei statt, auf der wir nüchtern die Realität Chinas analysierten und die Erfahrungen zusammenfaßten. Wir haben die großen Leistungen, die wir nach der Gründung der Volksrepublik bis 1978 vollbrachten, bestätigt und zugleich eingesehen, daß nicht alles, was wir unternommen haben, erfolgreich war. Unsere sozialistische Gesellschaftsordnung ist gut, an ihr müssen wir festhalten. Die Verwirklichung des Sozialismus und des Kommunismus ist unser höchstes Ziel und Ideal, für das wir Marxisten in der vergangenen Revolution kämpften. Jetzt, wo wir die Wirtschaftsreform durchführen, müssen wir weiter am sozialistischen Weg und am großen kommunistischen Ideal festhalten. Dies muß unsere junge Generation richtig begreifen lernen. Aber die Fragen: Was ist der Sozialismus, wo liegen seine Besonderheiten und anderes mehr, müssen von uns beantwortet werden.&lt;br /&gt;
Genosse Mao Zedong war unser großer Führer, dessen Führung der Sieg der chinesischen Revolution zu verdanken ist; er wies aber auch eine große Schwäche auf: die Vernachlässigung der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Das heißt nicht, daß er nicht daran dachte, die Produktivkräfte zu entwickeln, aber die Methoden, die er dafür anwandte, waren nicht immer richtig. Bei der Bildung der Volkskommunen handelte er beispielsweise nicht nach den Gesetzmäßigkeiten der sozial-ökonomischen Entwicklung. Wie zahlreich unsere Erfahrungen auch sind, die wichtigste ist die: Man muß sich Klarheit darüber verschaffen, was der Sozialismus ist und wie er aufgebaut werden kann.&lt;br /&gt;
Eine Grunderkenntnis des Marxismus beruht auf der Einschätzung der Rolle der Entwicklung der Produktivkräfte. Das Ziel des Marxismus ist die Verwirklichung des Kommunismus, dessen Grundlage auf der hohen Entwicklung der Produktivkräfte beruht. Was für eine Gesellschaftsordnung ist der Kommunismus? Der Kommunismus führt einen Gesellschaftszustand mit enormem materiellen Reichtum herbei, in dem das Verteilungsprinzip „jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen&amp;quot; verwirklicht wird. Die Verteilung „jedem nach seinen Bedürfnissen“ kann sich nur dann durchsetzen, wenn die Produktivkräfte, wenn Wissenschaft und Technologie hoch entwickelt sind. Entsprechend der marxistischen Auffassung stellt der Sozialismus die erste Phase des Kommunismus dar und umfaßt eine sehr lange historische Periode. Die allerersten Aufgaben des Sozialismus sind die Entwicklung der Produktivkräfte und die schrittweise Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensstandards des Volkes. Die Erfahrungen in den zwanzig Jahren von 1958 bis 1978 lehren uns, daß Armut mit dem Sozialismus unvereinbar ist und daß der Sozialismus die Armut beseitigen will. Wenn wir die Produktivkräfte nicht entwickeln und den Lebensstandard des Volkes nicht erhöhen, können wir auch nicht davon sprechen, daß wir den Sozialismus aufbauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Grundlage der Zusammenfassung der Erfahrungen hat die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees unserer Partei eine Reihe von neuen politischen Richtlinien ausgearbeitet. Bezüglich der Innenpolitik gelten im wesentlichen folgende zwei Punkte: politisch die Demokratie entwickeln und wirtschaftlich die Reform durchführen. Dementsprechend werden Reformen auch in anderen sozialen Bereichen durchgeführt. Unsere Außenpolitik ist darauf ausgerichtet, den Hegemonismus zu bekämpfen und den Weltfrieden zu wahren. Wir betrachten die Erringung des Friedens als die vorrangige Aufgabe unserer Außenpolitik. Die Erringung des Friedens entspricht dem Ruf der Völker der Welt und sie ist zugleich ein Bedürfnis für unseren Aufbau. Ohne eine friedliche Umwelt kann unser Aufbau nicht gelingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir uns eingehend mit der Frage, wie der Sozialismus in China aufgebaut werden kann, beschäftigt. Es geht nicht anders: man muß die Produktivkräfte entwickeln und Schritt für Schritt die Wirtschaft Chinas voranbringen. Als ersten Schritt müssen wir bis Ende dieses Jahrhunderts einen bescheidenen Wohlstand erreichen. Wir haben dafür zwei Jahrzehnte Zeit vom Ende 1979, dem Jahr, in dem dieses Ziel abgesteckt wurde, bis zum Ausgang dieses Jahrhunderts. Wir dürfen keinen realitätsfremden, überhöhten Anspruch erheben: unsere konkrete Vorstellung ist die Vervierfachung des Bruttosozialprodukts, das heißt, das Bruttosozialprodukt pro Kopf soll von 250 US-Dollar auf 800 bis 1000 US-Dollar vergrößert werden, wobei das Bevölkerungswachstum während dieses Zeitraums einbezogen ist. Wenn wir diesen Stand, der zwar viel niedriger als der der entwickelten Länder ist, erreicht haben, wird es uns bedeutend besser gehen. Daher sprechen wir von einem bescheidenen Wohlstand. Das Bruttosozialprodukt Chinas wird dann 1000 Milliarden US-Dollar betragen, was die Macht des Landes aufzeigt. Die bevölkerungsreiche chinesische Nation wird, nachdem sie die Armut abgeschüttelt hat, einen höheren Beitrag zur Entwicklung der Menschheit leisten können. Wenn wir ein Bruttosozialprodukt in Höhe von 1000 Milliarden US-Dollar erreicht haben, können wir durch Anstrengungen in weiteren 30 bis 50 Jahren, genauer in 50 Jahren, unser zweites Ziel erreichen uns dem Stand der entwickelten Länder anzunähern. Dieses Ziel haben wir uns gesteckt. Wo sollen wir ansetzen? Hier gilt es, die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung zu respektieren. Wir haben die Politik der zweifachen Öffnung festgelegt: der Öffnung nach außen und nach innen. Die Öffnung nach außen ist von grundlegender Bedeutung. In Isolation und Abkapselung kann sich kein Land entwickeln. Unser Ziel des ersten und zweiten Schritts ist ohne Öffnung nach außen, ohne internationale Kontakte, ohne Einfuhr der fortgeschrittensten Erfahrungen und Ergebnisse in Wissenschaft und Technologie und der Geldmitteln der entwickelten Länder nicht zu erreichen. Hinter verschlossener Tür gibt es keinen Fortschritt. Dies meinen wir, wenn wir von Öffnung nach außen reden. Die Öffnung nach innen zielt auf die Notwendigkeit von Reformen, allseitigen Reformen, die nicht nur die Wirtschaft betreffen, sondern auch das Bildungswesen sowie andere Zweige und Branchen. Die Reform ist von der Landwirtschaft ausgegangen. Die Inhalte der Reform auf dem Lande lassen sich in der Einführung des Verantwortlichkeitssystems zusammenfassen, das von der Praxis „alle essen aus dem selben Topf&amp;quot; abgeht und die Initiativen der Bauern aktiviert. Warum wurde die Reform zuerst auf dem Land durchgeführt? Weil 80 Prozent der Chinesen dort leben. Wenn die Lebensprobleme von 80 Prozent der Bevölkerung nicht gelöst sind, gibt es keine gesellschaftliche Stabilität. Die Entwicklung und die Tätigkeiten in Industrie, Handel und anderen Wirtschaftszweigen können nicht auf der Armut von 80 Prozent der Bevölkerung basieren. Durch dreijährige Praxis hat sich die Reform auf dem Lande als erfolgreich erwiesen. Es hat sich zweifelsfrei gezeigt, daß diese Politik eine gute Politik ist. Die ländlichen Gebiete bieten jetzt ein völlig neues Bild. 90 Prozent der Landbevölkerung geht es besser als früher; noch sind 10 Prozent bedürftig, aber dieses Problem läßt sich unschwer lösen. Sie haben soeben von den vielen neuen Hochhäusern in Beijing gesprochen. Dies ist nicht die Hauptveränderung in China, die größten Veränderungen zeichnen sich auf dem Lande ab; dort geht es 90 Prozent der Bevölkerung besser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerüstet durch die Reformerfolge auf dem Lande, wenden wir uns nun der Reform in den Städten zu. Die Reform in den Städten ist komplizierter und risikobehafteter, zumal wir nur auf wenige Erfahrungen zurückgreifen können und unser Kommunikationswesen noch unterentwickelt ist. Die durch die frühere Autarkie verursachte Uninformiertheit ist eine große Schwäche der chinesischen Gesellschaft. Jeder Schritt und jede Maßnahme der Reform in den Städten betrifft Tausende und aber Tausende von Familien. In Anlehnung an die positiven Erfahrungen bei der Reform auf dem Lande und im klaren Bewußtsein der Risiken können wir grobe Fehler vermeiden. Kleinere und mittlere Fehler sind kaum zu umgehen. Ministerpräsident Zhao Ziyang hat Ihnen berichtet, daß es wegen übermäßiger Emission von Banknoten zu Beginn der Reform zu Preisschwankungen gekommen ist. Auch künftig können diese oder jene Probleme aufgrund des Mangels an Erfahrungen auftreten. Wir haben das Prinzip festgelegt: große Courage, sichere Schritte. Unter großer Courage&amp;quot; verstehen wir die unbeirrbare Fortführung der Reform, und unter sicheren Schritten&amp;quot; die rechtzeitige Korrektur von Fehlern, sobald sie aufgedeckt sind. Die Idee der Reform stammt nicht von Einzelpersonen, sie entspringt dem Verlangen des Volkes. Trotz mancher Probleme sind wir uns unserer Sache sicher. Haben die Erfolge der Reform auf dem Lande drei Jahre auf sich warten lassen, so können wir in drei bis fünf Jahren den Ausgang der Reform in den Städten beurteilen. Wir glauben, daß sie uns gelingen wird. Wir kommen unbeirrbar voran, wenn wir uns, statt auf Gott, auf unsere eigene Kraft, auf die Auswertung unserer Erfahrungen verlassen. Kurz, das, was wir jetzt unternehmen, ist ein Werk, das in der vieltausendjährigen Geschichte Chinas einmalig ist. Unsere Reform beeinflußt nicht nur China, sie wird auch nachhaltige Auswirkungen auf die Welt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe soeben über unsere jüngste Geschichte gesprochen und darüber, was wir in den letzten Jahren unternommen haben.&lt;br /&gt;
Wie wird der Sozialismus aufgebaut? Sie sprechen davon, aus den chinesischen Erfahrungen zu lernen. China hat beim Aufbau des Sozialismus einen recht kurvenreichen Weg zurückgelegt. Die Geschichte der vergangenen zwei Jahrzehnte lehrt uns das wichtigste Prinzip: Beim Aufbau des Sozialismus muß man sich vom marxistischen dialektischen und historischen Materialismus leiten lassen, das heißt mit den Worten, die Genosse Mao Zedong geprägt hat: vom Prinzip, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen und bei allem von der Realität auszugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die wirtschaftlichen Verbindungen mit Europa verstärken ==&lt;br /&gt;
(18. April 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit dem ehemaligen [[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Premierminister [[Edward Heath]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Entwicklung der Wirtschaft wird Chinas Außenhandel auch ausgebaut werden. [[Europa]] soll einen angemessenen Anteil an unserem Außenhandel haben. Im Außenhandel müssen zwei Fragen beachtet werden: Erstens der Technologietransfer. Europa zeigt sich in dieser Hinsicht relativ aufgeschlossen, wie gesagt relativ. Zweitens müssen die beiden Seiten sich darum bemühen, neue Handelsmöglichkeiten zu erschließen. Handel ist immer gegenseitig. China kauft europäische Produkte, Europa chinesische. Um ausländische Produkte kaufen zu können, muß China zahlungsfähig sein. Wenn sich unsere Wirtschaft mit technologischer Hilfe aus Europa schneller entwickelt, wird sich auch der Außenhandel entwickeln. Zur Zeit beträgt Chinas jährliches Außenhandelsvolumen 50 Milliarden US-Dollar, bei einer Verdoppelung läge es bei 100 Milliarden US-Dollar. Wenn sich das Außenhandelsvolumen bis Ende dieses Jahrhunderts vervierfachen sollte, wird es 200 Milliarden USDollar betragen. Für ein entwickeltes Land ist dieses Volumen nicht übermäßig hoch, für uns bedeutet es eine stattliche Zunahme. Der Anteil Europas an unserem Außenhandel ist zur Zeit nicht groß. Wir wären glücklich darüber, wenn es zu einem angemessenen Anteil käme. Seit drei Jahren machen wir uns Gedanken darüber, wie die wirtschaftlichen Verbindungen mit Europa verstärkt werden können. Wir betrachten dies als einen Gesichtspunkt unserer Politik. Ich hoffe, daß europäische Unternehmerkreise für den Zutritt chinesischer Produkte zu europäischen Märkten günstige Voraussetzungen schaffen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die bürgerliche Liberalisierung betreiben heißt den kapitalistischen Weg einschlagen ==&lt;br /&gt;
(Mai und Juni 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus den Gesprächen mit Professor [[Chen Guying]] am 20. Mai 1985 und mit den Präsidiumsmitgliedern des Symposiums „Festland und Taiwan&amp;quot; am 6. Juni 1985.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== I ===&lt;br /&gt;
Wir auf dem Festland halten am Sozialismus fest und kehren dem kapitalistischen Irrweg den Rücken. Die Besonderheit des Sozialismus ist die Schaffung von Reichtum, der erstens dem Staat gehört, zweitens dem Volk. Die Herausbildung einer neuen Bourgeoisie ist deswegen nicht möglich. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird das Bruttosozialprodukt pro Kopf 800 US-Dollar erreichen. Der Staat zweigt einen Teil davon ab, der letzten Endes zum Wohl des Volkes verwendet wird für Bildungswesen, Wissenschaft, auch, soweit notwendig, für Landesverteidigung; der Löwenanteil wird für die Verbesserung des Lebens und für die Anhebung des kulturellen Niveaus des Volkes eingesetzt. Der gemeinsame Wohlstand, nicht die Polarisierung, ist der Punkt, in dem sich der Sozialismus vom Kapitalismus unterscheidet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der Zerschlagung der „Viererbande&amp;quot; kommt eine ideologische Strömung, die bürgerliche Liberalisierung, auf, die sich in Anbetung von „Demokratie“ und „Freiheit“ der kapitalistischen Länder des Westens und in einer Negierung des Sozialismus äußert. Das geht nicht an. China will die Modernisierung verwirklichen, darf aber keinesfalls solche Liberalisierung betreiben und den kapitalistischen Weg des Westens einschlagen. Diejenigen, die sich der bürgerlichen Liberalisierung verschreiben und gegen Strafgesetze verstoßen, müssen streng gemaßregelt werden. Es geht nicht anders, denn was sie praktizieren, läuft auf nichts anders als auf „freie Meinungsäußerung, freie Aussprache, große Debatten und das Anschlagen von Wandzeitungen“ und auf illegale Publikationen hinaus, in Wirklichkeit also auf eine Art Unruhestiftung, was ein Nachspiel der „Kulturrevolution&amp;quot; darstellt. Es ist dafür zu sorgen, daß diesem Auswuchs Einhalt geboten wird. China will am Sozialismus festhalten, die sozialistische Wirtschaft entwickeln, die vier Modernisierungen Wirklichkeit werden lassen. Ohne Ideale läßt sich dies Ziel nicht erreichen, ebensowenig ohne Disziplin. Bleibt eine stabile Umwelt aus und ist die politische Lage turbulent und unsicher, so kann man sich unmöglich dem sozialistischen Aufbau widmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei beschloß, die Politik der Öffnung nach außen durchzuführen, und forderte gleichzeitig, die Tendenzen zur Liberalisierung zu bremsen. Dies sind zwei Fragen, die miteinander verbunden sind. Werden jene Tendenzen nicht gestoppt, so wird sich die Öffnungspolitik nicht durchsetzen können. Liberalistische Auffassungen existieren zur Zeit nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch innerhalb unserer Partei. Wollen wir die vier Modernisierungen verwirklichen, wollen wir die Öffnungspolitik nach außen verfolgen, dürfen wir keine bürgerliche Liberalisierung betreiben. Ein Überhandnehmen der liberalistischen Strömung würde unsere Sache durcheinanderbringen. Kurz, wir verfolgen dabei das Ziel, eine stabile politische Umwelt zu schaffen. Bleibt politische Stabilität aus, hat es keinen Sinn, über alles andere zu reden. Den Staat ordentlich zu regieren ist das Grundprinzip, dem sich viele kleinere Prinzipien unterzuordnen haben. Manche dieser kleineren Prinzipien mögen berechtigt sein, aber ohne jenes Grundprinzip geht es nicht.&lt;br /&gt;
Der Nationale Volkskongreß der Volksrepublik China faßte 1980 eigens den Beschluß, die Vier Großen“ „freie Meinungsäußerung, freie Aussprache, große Debatten und das Anschlagen von Wandzeitungen&amp;quot; abzuschaffen. Die Anbeter der westlichen „Demokratie&amp;quot; sind auf diese „Vier Großen&amp;quot; geradezu versessen. Die zehn Jahre währende „Kulturrevolution&amp;quot; hat China eine schmerzliche Lehre erteilt, und China kann sich derartiges nicht länger leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== II ===&lt;br /&gt;
Wir haben aufgrund geltender Gesetze einige Leute gemaßregelt, deren Probleme im Grunde die Praktizierung der bürgerlichen Liberalisierung in Zusammenhang mit der Verletzung des Strafgesetzes sind. In unserem Land kommt das Betreiben der bürgerlichen Liberalisierung dem Beschreiten des kapitalistischen Weges gleich. Auf solche Weise kann China nicht einig bleiben; ich meine nicht die Einigung mit Taiwan, sondern die Einheit innerhalb des Festlands. Das Umsichgreifen der bürgerlichen Liberalisierung muß Verwirrung in unseren Reihen stiften. In einer unsicheren Gesellschaft aber kann Aufbauarbeit nicht erfolgreich sein. Für uns ist dies eine prinzipielle Frage von zentraler Bedeutung.&lt;br /&gt;
Sie sind anderer Meinung über die Maßregelung dieser Leute. Sie stellen einseitig vom Standpunkt der Menschenrechte aus an uns die Frage. Was sind Menschenrechte?&lt;br /&gt;
Menschenrechte für wieviele Menschen? Gelten die Menschenrechte für die Mehrheit oder für die Minderheit, oder sind es Menschenrechte des ganzen Volkes? Die Menschenrechte, von denen die westliche Welt redet, und die Menschenrechte, von denen wir sprechen, sind zweierlei. Darüber gehen die Auffassungen auseinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Konkrete Taten für die Sicherung des Weltfriedens ==&lt;br /&gt;
(4. Juni 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einer Ansprache auf einer erweiterten Sitzung der Militärkommission beim Zentralkomitee der Partei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gefahr eines Weltkrieges bleibt bestehen. Infolge des Wettrüstens der beiden Supermächte werden die Kriegsfaktoren noch wachsen. Aber die Völker wollen Frieden und bekämpfen den Krieg, daher werden die Friedenskräfte auf der Erde schneller wachsen als die Kräfte des Krieges. Die chinesische Regierung hält stets das Banner des Kampfes gegen den Hegemonismus und für die Sicherung des Weltfriedens hoch, verfolgt eine unabhängige und selbständige Außenpolitik und steht fest auf der Seite der Friedenskräfte. Die Kräfte der Welt für die Erhaltung des Friedens entwickeln sich weiter. Es ist möglich, daß es für eine recht lange Periode zu keinem Weltkrieg großen Umfangs kommt und daß die Wahrung des Friedens vielversprechende Aussichten eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China konzentriert sich auf seinen Wirtschaftsaufbau, um unser Land zu einem starken, modernen sozialistischen Staat werden zu lassen. Wir benötigen eine friedliche internationale Umwelt und sind hart darum bemüht, diese friedliche Umwelt mit zu schaffen und zu erhalten. Der Wirtschaftsaufbau ist unser Hauptanliegen, dem sich alle anderen Arbeiten unterzuordnen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung unseres Landes hat beschlossen, die Chinesische Volksbefreiungsarmee um eine Million Mann zu reduzieren. Dies ist ein Ausdruck der Kraft und der Zuversicht der Regierung und des Volkes Chinas. Dieser Beschluß macht die Bereitschaft der Volksrepublik China und ihres Milliarden-Volkes deutlich, durch konkrete Leistungen zur Sicherung des Weltfriedens beizutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Hinwendung der Wirtschaft in den Wirtschaftssonderzonen von Innen nach Außen ==&lt;br /&gt;
(1. August 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit der 13. Delegation der [[Kōmeitō|Komei-Partei]] [[Japan|Japans]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Wirtschaftssonderzonen haben erst damit begonnen, ihre für den Binnenmarkt bestimmte Wirtschaft nach außen zu orientieren, deshalb gibt es noch nicht viele hochwertige exportorientierte Produkte. Solange Shenzhen diese Hinwendung nicht vollzieht, hat die Wirtschaftssonderzone ihre Bewährungsprobe nicht bestanden und kann nicht unter Beweis stellen, daß sie sich sehr gesund entwickelt. Allerdings habe ich gehört, daß inzwischen in dieser Hinsicht einige Fortschritte erzielt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor kurzem habe ich einem ausländischen Gast erklärt, daß es sich in Shenzhen um ein Experiment handelt. Man wurde daraufhin skeptisch und fragte sich, ob China seine Politik wieder ändern würde, ob ich mich von meinen früheren Bewertungen distanziert habe und ob die Entscheidung über die Errichtung von Wirtschaftssonderzonen zurückgenommen würde? Daher möchte ich hier zwei Feststellungen bekräftigen: Die erste Feststellung ist, daß die Politik über die Errichtung von Wirtschaftssonderzonen richtig ist; die zweite Feststellung ist, daß sich die Wirtschaftssonderzone Shenzhen noch im Stadium des Experiments befindet. Diese beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Unsere Öffnungspolitik als Ganzes ist ebenfalls ein Experiment, im weltpolitischen Maßstab ist es sogar ein großes Experiment. Kurz, um, China steht entschlossen zu seiner Öffnungspolitik nach außen, auch wenn bei diesem Prozeß Umund Vorsicht geboten ist. Wir haben einige Erfolge erzielt, müssen aber dennoch bescheiden bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Reform ist der unumgängliche Weg zur Entwicklung der Produktivkräfte in China ==&lt;br /&gt;
(28. August 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit [[Robert Mugabe]], Premierminister von [[Simbabwe|Zimbabwe]] und Vorsitzender der [[Zimbabwe African National Union – Patriotic Front|Afrikanischen Nationalunion (Patriotische Front)]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Periode seit der Gründung der Volksrepublik China bis zum Ableben des Vorsitzenden Mao Zedong haben wir sehr viel Arbeit geleistet. Dies gilt besonders für die Zeit des Übergangs von der neudemokratischen Revolution zur sozialistischen Revolution. Wir haben die Bodenreform und die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft, des Handwerks und der kapitalistischen Industrie sowie des kapitalistischen Handels durchgeführt und waren darin sehr erfolgreich. Von 1957 an stellten sich Probleme ein, Probleme ,,linker&amp;quot; Natur. Unser Kampf gegen die bürgerliche Rechte?! war notwendig, aber teilweise überzogen. Die Entwicklung des ,,linken&amp;quot; Gedankenguts führte im Jahr 1958 zum „Großen Sprung nach vorn&amp;quot;. Hierbei handelte es sich um einen größeren Fehler. Trotz mangelnder Voraussetzungen gingen wir in großem Stil an die Entwicklung der Eisenund Stahlindustrie; dies und eine ganze Reihe „linker&amp;quot; Unternehmungen haben uns schwer geschadet. In den Jahren 1959 bis 1961, einem Zeitraum wirtschaftlicher Schwierigkeiten, gingen die industrielle und landwirtschaftliche Produktion zurück, das Warenangebot auf den Märkten war äußerst knapp, die Einwohner hatten kaum satt zu essen, und ihr Enthusiasmus für den Aufbau war gelähmt. Damals genossen unsere Partei und der Vorsitzende Mao Zedong hohes Ansehen. Wir erläuterten unserem Volk offen unsere Schwierigkeiten, ließen die Losung Großer Sprung nach vorn&amp;quot; fallen und leiteten sachgerechte, Maßnahmen und vernünftige Methoden ein. Wir erholten uns in drei Jahren von der angespannten Lage. Leider konnten die linken&amp;quot; Leitgedanken dadurch nicht ausgemerzt werden. Nach der Erholung im Jahr 1962 ging es mit China 1963 und 1964 bergauf. Leider gewann das „linke“ Gedankengut wieder die Oberhand. Im Jahre 1965 wurde die These aufgestellt, daß es in der Partei Machthaber, die den kapitalistischen Weg beschritten, gäbe. Die darauf folgende „Kulturrevolution&amp;quot; verfiel in linken&amp;quot; Extremismus. Die „Kulturrevolution&amp;quot; begann eigentlich bereits 1965; 1966 wurde sie offiziell verkündet. Während der zehnjährigen „Kulturrevolution&amp;quot; (1966-1976) wurden die tragenden Kräfte der Partei fast ausnahmslos beiseite gedrängt. Die erfahrenen Kader waren die Objekte dieser Revolution&amp;quot;. Wir nannten diese ideologische Strömung die ultralinke ideologische Strömung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kurskorrektur nach der Zerschlagung der „Viererbande&amp;quot; war darauf ausgerichtet, von dieser ultralinken ideologischen Strömung wegzukommen. Gleichzeitig bestanden wir darauf, am Marxismus-Leninismus und an den MaoZedong-Ideen weiterhin festzuhalten. Bei unserer Begegnung im Jahre 1981 haben wir über das „vierfache Festhalten&amp;quot; gesprochen. Mit „,vierfachen Festhalten&amp;quot; meinen wir das Festhalten am sozialistischen Weg, an der demokratischen Diktatur des Volkes, an der Führung durch die Kommunistische Partei und am Marxismus-Leninismus sowie an den MaoZedong-Ideen. Dies sind vier Grundprinzipien. Wichen wir von diesen vier Grundprinzipien ab, würde sich die Korrektur der ultralinken Fehler in eine „Korrektur&amp;quot; des Marxismus-Leninismus und eine „Korrektur&amp;quot; des Sozialismus verkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die Erfahrungen beim Aufbau des Sozialismus in den vergangenen Jahrzehnten ausgewertet. Was ist der Sozialismus? Darüber besitzen wir kein ganz klares Bild. Worin liegt der Kern des Marxismus? Eine andere Bezeichnung dafür ist die Zielvorstellung des Kommunismus, für den wir jahrzehntelang gekämpft haben. Für den Kommunismus zu arbeiten ist unsere Überzeugung und unser Ideal zugleich. In unserer schwierigsten Zeit gab uns das kommunistische Ideal geistigen Halt. Zahlreiche Menschen haben für dieses Ideal ihr Leben hingeopfert. Was ist Kommunismus? Kommunismus ist eine Gesellschaftsordnung, in der es keine Ausbeutung des Menschen durch den Menschen gibt, in der alle Quellen des gesellschaftlichen Reichtums voller fließen und das Verteilungsprinzip „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen&amp;quot; verwirklicht werden. Ohne großen Überschuß an materiellem Reichtum ist es ausgeschlossen, die Forderung „jedem nach seinen Bedürfnissen&amp;quot; zu erfüllen. Die Verwirklichung des Kommunismus setzt die Erfüllung der für die Phase des Sozialismus gestellten Aufgaben voraus. Der Sozialismus stellt viele Aufgaben, unter denen die grundlegende die Entwicklung der Produktivkräfte und die Schaffung der materiellen Voraussetzungen für den Kommunismus ist. Der Sozialismus zeigt, durch die Entwicklung der Produktivkräfte seine Überlegenheit gegenüber dem Kapitalismus, bis hin zur endgültigen Verwirklichung des Kommunismus. Während einer langen Periode haben wir die Entwicklung der sozialistischen Produktivkräfte vernachlässigt. Seit 1957 entwickelten sich unsere Produktivkräfte im Schneckentempo. 1957 betrug das jährliche Nettoeinkommen der Bauern im Durchschnitt nur etwas mehr als 70 Yuan, ihr Leben war von bitterer Armut geprägt. Die Summe entsprach in etwa dem Monatslohn eines Fabrikarbeiters in der Stadt. Bis 1966, dem Jahr der „Kulturrevolution&amp;quot;, war das Einkommen der Bauern nicht wesentlich gestiegen. Abgesehen von einigen Regionen, in denen die Bauern relativ wohlhabend waren, konnten die Bauern in den meisten Gebieten Chinas ihre Grundbedürfnisse nur auf einem recht niedrigen Niveau befriedigen. Im Vergleich zum alten China war dies zweifellos ein Fortschritt. Aber gemessen am Sozialismus war dies bei weitem nicht hinreichend. In den Jahren der „Kulturrevolution&amp;quot; verschlimmerte sich die Situation noch.&lt;br /&gt;
Unsere Kurskorrektur zielte darauf ab, auf der Grundlage des Festhaltens an den vier Grundprinzipien die Produktivkräfte zu entwickeln. Um die Produktivkräfte zu entwickeln, muß die bestehende Wirtschaftsstruktur unseres Landes reformiert und eine Politik der Öffnung nach außen durchgeführt werden. Ebenfalls zur Entwicklung der sozialistischen Produktivkräfte absorbieren wir Geldmittel und Technologien aus den kapitalistischen Ländern. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir Schritt für Schritt Reformen durchgeführt, die zunächst vom Land ausgingen. Die Reform auf dem Lande hat bereits Früchte getragen und die ländlichen Gebiete zusehends verändert. In Anlehnung an die Erfahrungen der dortigen Reform haben wir uns der Wirtschaftsreform in den Städten zugewandt. Die Wirtschaftsreform in den Städten ist eine umfassende Reform; seit ihrem Beginn in der zweiten Hälfte des Vorjahrs ist fast ein Jahr vergangen. Diese Reform ist viel komplizierter als die auf dem Lande, und es ist kaum zu vermeiden, Fehler zu begehen und Risiken auf sich zu nehmen; dessen sind wir uns voll bewußt. Zur Entwicklung der Produktivkräfte ist dieser Weg aber unumgänglich. Wir sind voller Zuversicht. Aber um beurteilen zu können, ob wir die Wirtschaftsreform in den Städten richtig durchgeführt haben oder nicht, dazu brauchen wir noch drei bis fünf Jahre Zeit.&lt;br /&gt;
Die sozialistische Orientierung bei der Reform stets vor Augen zu haben ist eine sehr wichtige Sache. Wir wollen unsere Industrie, Landwirtschaft, Landesverteidigung und Wissenschaft sowie Technologie modernisieren. Vor den „vier Modernisierungen&amp;quot; steht das Wort „sozialistisch&amp;quot;, also „Sozialistische vier Modernisierungen&amp;quot;. Die Belebung der inländischen Wirtschaft und die Öffnung nach außen, von denen wir jetzt sprechen, setzen das Festhalten am Sozialismus voraus. Der Sozialismus an sich hat zwei äußerst wichtige Aspekte: Erstens das Festhalten an einer Wirtschaft, deren Grundpfeiler das gesellschaftliche Eigentum ist. Das gesellschaftliche Eigentum besteht aus dem volkseigenen und dem kollektiven Sektor. In China macht das gesellschaftliche Eigentum über 90 Prozent der Gesamtwirtschaft aus. Gleichzeitig entwickeln wir geringfügig auch den privaten Sektor, absorbieren ausländisches Kapital und Technologien und begrüßen sogar, daß ausländische Unternehmer in China Fabriken gründen. Das alles stellt eine Ergänzung für die sozialistische Wirtschaft dar. Es wird nicht und kann auch nicht die auf dem gesellschaftlichen Eigentum beruhende sozialistische Wirtschaft untergraben. In den Joint Ventures, an denen ausländische Unternehmer und China je zur Hälfte mit Kapital beteiligt sind, besteht unser Anteil aus sozialistischem gesellschaftlichem Eigentum, das heißt, wir haben dabei zumindest zur Hälfte die sozialistische Wirtschaft mit entwickelt. Wird ein solches Unternehmen errichtet, gehört die Hälfte der Gewinne dem Sozialismus, zudem kann der Staat von den Unternehmen Steuern erheben. Was aber noch wichtiger ist: wir können von diesen Joint Ventures manche gute Erfahrungen im Bereich des Managements sowie fortgeschrittene Technologien zugunsten der Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft erlernen. Wir begrüßen auch, daß Unternehmen mit ausschließlich ausländischem Kapital gegründet werden, von denen wir Steuern beziehen sowie Technologien und Erfahrungen in der Verwaltung erlernen; dies kann dem sozialistischen Eigentum nicht schaden. Zur Zeit sind die Auslandsinvestitionen in China noch begrenzt. Wir meinen eher, daß diese Investitionen unzureichend sind, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Zweitens darf es nicht zu einer Polarisierung zwischen Armen und Reichen kommen. Kame es zu einer solchen Entwicklung, wäre unsere Reform gescheitert. Bei der Ausarbeitung und Durchführung unserer Politik haben wir diesem Punkt große Beachtung geschenkt. Wird eine neue Bourgeoisie entstehen? Einzelne Bourgeois mögen auf den Plan treten, aber eine neue Bourgeoisie als Klasse wird nicht entstehen. Wenn wir bei der Reform einerseits daran festhalten, daß das sozialistische gesellschaftliche Eigentum den Grundpfeiler der Wirtschaft bildet, und andererseits dafür sorgen, daß es nicht zur Polarisierung kommt, dann sind schlimme Folgen nicht zu befürchten. In den vergangenen vier Jahren haben wir uns an diesem Konzept orientiert. Mit einem Wort: wir haben am Sozialismus festgehalten.&lt;br /&gt;
Ich möchte noch bemerken, daß die Rolle der Staatsmacht nicht außer acht gelassen werden darf, wenn wir von einer Öffnung nach außen sprechen. Unsere sozialistische Staatsgewalt ist mächtig. Sobald es zu Abweichungen vom Sozialismus kommt, wird die Staatsmacht intervenieren, um die Dinge richtigzustellen. Die Öffnungspolitik ist zweifellos mit gewissen Risiken verbunden. Mit der Öffnung wird dekadentes Gedankengut des Kapitalismus mit ins Land geschleust. Aber unsere sozialistische Politik und unsere Staatsmacht besitzen durchaus die Kraft, solche Erscheinungen zu überwinden. Davon haben wir nichts zu befürchten. Meine Genossen haben eine Broschüre „Der Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung&amp;quot; herausgegeben, in der meine Reden, u. a. die Eröffnungsrede auf dem XII. Parteitag, zusammengestellt wurden. Ich weiß nicht, ob Sie diese Broschüre gelesen haben?&lt;br /&gt;
Der Sieg der chinesischen Revolution ist auf die Anwendung der allgemeingültigen Prinzipien des MarxismusLeninismus auf die konkrete Praxis Chinas zurückzuführen. Beim Aufbau des Sozialismus haben wir sowohl positive als auch negative Erfahrungen gemacht, beides ist von Nutzen. Ganz besonders muß man sich vor unseren „linken&amp;quot; Fehlern in acht nehmen. Über die Schäden, die diese Fehler angerichtet haben, hat die Geschichte ihr Urteil gefällt. Wir führen die Revolution durch, und wir Revolutionäre verfallen leicht in Übereifer. Wir wollen baldmöglichst den Kommunismus verwirklichen. Diese gute Absicht raubt uns die Fähigkeit, uns nüchtern mit den subjektiven und objektiven Bedingungen auseinanderzusetzen, so daß wir den objektiven Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Welt zuwiderhandeln. China hat in der Vergangenheit Fehler des Übereifers begangen. Wir hoffen, daß Sie Lehren aus den negativen Erfahrungen Chinas ziehen werden. Von ausländischen Erfahrungen kann man lernen, aber es ist absolut unzulässig, diese kritiklos nachzuahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rede auf der nationalen Delegiertenkonferenz der Kommunistischen Partei Chinas ==&lt;br /&gt;
(23. September 1985)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genossen!&lt;br /&gt;
Diese Nationale Delegiertenkonferenz verlief sehr gut und hat die vorgesehenen Aufgaben zufriedenstellend erfüllt. Hier möchte ich meine Meinung zu vier Punkten äußern.&lt;br /&gt;
1. Zur gegenwärtigen Lage und zur Reform: Alle haben gesehen, daß die knapp siebenjährige Periode seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei eine der besten und entscheidenden Etappen seit der Gründung des Neuen China ist. Das war nicht leicht zu erreichen. Zweierlei haben wir geleistet: Erstens die Ersetzung des Chaos durch Ordnung, zweitens die allseitige Reform.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor Jahren haben wir einen großen Schaden erlitten: Nach der wesentlichen Vollendung der sozialistischen Umgestaltung wurde der „Klassenkampf“ immer als „Hauptkettenglied&amp;quot; betrachtet und die Entwicklung der Produktivkräfte vernachlässigt. Die „Kulturrevolution&amp;quot; hat dies bis ins Extrem praktiziert. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees hat die Partei den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die sozialistische Modernisierung verlagert und auf der Basis der vier Grundprinzipien alle Kräfte auf die Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft konzentriert. Dies war die Grundvoraussetzung für die Neuordnung der chaotischen Verhältnisse. Wenn die „linken&amp;quot; Fehler nicht gründlich korrigiert und der Schwerpunkt unserer Arbeit nicht entschieden verlegt worden wären, hätten wir heute auch nicht die gegenwärtige günstige Lage. Ebenso könnte die Situation von Stabilität und Einheit nicht bewahrt werden, wenn nicht gewissenhaft an den vier Grundprinzipien festgehalten werden würde. Im Gegenteil, die Berichtigung „,linker&amp;quot; Fehler würde sich in die „Berichtigung&amp;quot; des Sozialismus und Marxismus-Leninismus verkehren, so daß wir heute nicht die gegenwärtig günstige Lage hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bereits die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees stellt die Forderung nach der Reform auf. Die Reform nahm ihren Anfang auf dem Lande und wurde eine Zeitlang heftig diskutiert. In drei Jahren wurden viele neue Probleme, die in der Praxis auftauchten, gelöst und Erfolge erzielt. Damit konnte das Verständnis für die Reform verhältnismäßig vereinheitlicht werden. Natürlich gibt es noch weitere neue Probleme, die der Lösung harren. Nach der 3. Plenartagung des XII. Zentralkomitees wurde der Schwerpunkt der Reform auf die Städte verlagert. Aufgrund der jahrelangen Vorbesprechungen und der erfolgreichen Reform auf dem Lande konnte die allseitige Reform der Wirtschaftsstruktur Schritt für Schritt durchgeführt werden. Die Reform hat die Entwicklung der Produktivkräfte gefördert und eine Reihe tiefgehender Veränderungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben, in der Arbeitsweise und in der geistigen Haltung mit sich gebracht. Die Reform ist eine Selbstvervollkommnung des sozialistischen Systems und hat in bestimmtem Umfang eine gewisse revolutionäre Umwählzung herbeigeführt. Das ist eine große Sache, die zeigt, daß wir bereits einen Weg für den Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung gefunden haben.&lt;br /&gt;
Im Verlauf der Reform hielten wir konsequent an zwei grundlegenden Prinzipien fest: Das eine ist die Vorherrschaft der sozialistischen staatseigenen Wirtschaft, das andere der allgemeine Wohlstand. Sowohl die planmäßige Nutzung ausländischen Kapitals als auch die Entwicklung der Privatwirtschaft in beschränktem Umfang sind den allgemeinen Bedürfnissen der Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft untergeordnet. Einen Teil der Regionen und Menschen zu ermutigen, als erste zu Wohlstand zu gelangen, zielt ebenfalls darauf ab, immer mehr Menschen zu aktivieren, persönlichen Wohlstand zu erreichen, um schließlich den allgemeinen Wohlstand zu erlangen. Insgesamt hat sich, abgesehen von einigen Ausnahmen, der Lebensstandard der Bevölkerung des ganzen Landes in unterschiedlichem Grad verbessert. Natürlich ist es unvermeidlich, daß der Verlauf der Reform auch gleichzeitig manche negative Erscheinungen mit sich bringt. Wenn wir auf sie achten und entschiedene Maßnahmen dagegen treffen, wird es nicht schwierig sein, die Probleme zu lösen.&lt;br /&gt;
Wir haben in der allseitigen Reform unserer Wirtschaftsstruktur bisher nur den ersten Schritt getan. Die Hauptrichtung und die Prinzipien sind vorhanden, die konkreten Methoden und Regelungen müssen noch durch die Praxis allmählich erarbeitet werden. Wir müssen die gegenwärtige günstige Gelegenheit ergreifen, unbeirrbar und wagemutig neue Möglichkeiten erkunden und gleichzeitig darauf achten, Probleme rechtzeitig zu entdecken und zu lösen, um die Reform in nicht allzu ferner Zukunft vollständig durchzuführen. Ich bin überzeugt, daß alles, was dem Grundinteresse der überwiegenden Mehrheit der Menschen entspricht und von den breiten Massen unterstützt wird, Erfolg haben wird, auch wenn es auf dem Weg vorwärts noch viele Schwierigkeiten gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. Zum 7. Fünfjahrplan: Diese Konferenz hat die Vorschläge für die Erstellung des 7. Fünfjahrplans angenommen. Mit ihren korrekten Prinzipien, ihren politischen Maßnahmen und realistischen Zielen sind sie ein nützliches Dokument.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Mitglieder des Ständigen Ausschusses des Politbüros haben einstimmig dem Vorschlag zugestimmt, die jährliche Wachstumsrate für den Bruttoproduktionswert der Industrie und Landwirtschaft während der Periode des 7. Fünfjahrplans auf etwa sieben Prozent festzulegen; dieser Prozentsatz könnte bei der Durchsetzung des Plans noch überboten werden. Ein Wachstumstempo von sieben Prozent ist nicht niedrig. Ein zu hohes Tempo würde viele Probleme mit sich bringen und einen negativen Einfluß auf die Reform und die allgemeinen Verhaltensweisen in der Gesellschaft ausüben. Es ist besser, ein bißchen umsichtiger voranzuschreiten. Der Umfang der Investitionen in Anlagevermögen muß unbedingt unter Kontrolle gebracht werden, und der Umfang des Investbaus darf nicht zu sehr erweitert werden. Vor allem müssen die Fragen der Verwaltung und der Qualität gut gelöst und großer Wert auf die Erhöhung der wirtschaftlichen Effizienz und der gesamtgesellschaftlichen Effizienz gelegt werden. Erst dann kann ein solches Tempo durchgehalten werden.&lt;br /&gt;
Die fünf Jahre, für die der 7. Fünfjahrplan gilt, sind äußerst wichtig. Wenn am Ende dieser fünf Jahre die Aufgaben der Reform im wesentlichen erfüllt sind und die Wirtschaft sich stetig, stabil und koordiniert entwickelt, können wir sicher sein, die von dem XII. Parteitag aufgestellten Ziele bis Ende dieses Jahrhunderts zu erreichen.&lt;br /&gt;
Heute sagt man, daß sich China sichtlich verändert hat. Ich habe einigen ausländischen Gästen gesagt, das sei nur eine kleine Veränderung. Die Vervierfachung des Bruttoproduktionswerts der Industrie und Landwirtschaft und das Erreichen eines bescheidenen Wohlstands können als eine Veränderung mittlerer Größe bezeichnet werden. Eine große Veränderung wäre, wenn es uns bis Mitte des nächsten Jahrhunderts gelingt, uns dem Niveau der entwickelten Länder der Welt anzunähern. Bis dahin werden Gewicht und Rolle des sozialistischen China ganz andere sein. Dann können wir noch größere Beiträge für die Menschheit leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3. Zum Aufbau der geistigen Zivilisation: Die Frage des Aufbaus der sozialistischen geistigen Zivilisation ist schon seit langem aufgeworfen worden. Die zentralen Abteilungen, die Lokalbehörden und die Armee haben in dieser Hinsicht umfangreiche Arbeit geleistet, besonders aus der Bevölkerung sind viele Schrittmacher hervorgetreten, die einen guten Einfluß ausüben. Im Landesmaßstab gesehen, lassen die Erfolge jedoch zu wünschen übrig. Die Hauptursache dafür liegt darin, daß die Partei die Sache nicht ernst genug genommen hat. Wir kämpfen für den Sozialismus nicht nur deshalb, weil der Sozialismus über die Voraussetzungen verfügt, die Produktivkräfte schneller als im Kapitalismus zu entwickeln, sondern auch, weil nur der Sozialismus in der Lage ist, verschiedene durch den Kapitalismus und andere Ausbeutungssysteme notwendig hervorgebrachte Erscheinungen wie Habgier, Korruption und Ungerechtigkeit zu beseitigen. In den letzten Jahren hat sich zwar die Produktion gesteigert, aber die kapitalistischen und feudalistischen üblen Einflüsse sind noch nicht auf ein Minimum reduziert worden, und sogar Übeltaten, die nach der Befreiung längst beseitigt waren, tauchen wieder auf. Wenn wir nicht mit größter Entschiedenheit daran gehen, diesen Zustand schnellstens zu ändern, wie kann sich dann die Überlegenheit des Sozialismus allseitig entfalten, und wie können wir dann wirkungsvoll unser Volk und unsere Nachkommen erziehen? Die Vernachlässigung des Aufbaus der geistigen Zivilisation wird sich zersetzend auf den Aufbau der materiellen Zivilisation auswirken, und dieser wird auf einen Umweg geraten. Allein auf die materiellen Bedingungen gestützt, können wir in der Revolution und beim Aufbau nicht siegen. Wie schwach unsere Partei in der Vergangenheit auch war, und auf was für Schwierigkeiten sie auch stieß, sie besaß dennoch eine starke Kampfkraft, weil wir vom Marxismus und vom Kommunismus überzeugt waren. Gemeinsame Ideale waren die Grundlage für unsere eiserne Disziplin. Darin äußert sich unsere wirkliche Überlegenheit. So war es in der Vergangenheit, so ist es in der Gegenwart, und so wird es auch in Zukunft bleiben. Bei manchen Genossen hat sich diese Wahrheit verwischt. Das hindert sie daran, dem Aufbau der geistigen Zivilisation genügend Wert beizumessen.&lt;br /&gt;
Bei dem gegenwärtigen Aufbau der geistigen Zivilisation liegt der Schwerpunkt auf einer gründlichen Verbesserung des Arbeitsstils der Partei und der allgemeinen Verhaltensweisen in der Gesellschaft.&lt;br /&gt;
Die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei ist der Schlüssel für die Verbesserung der allgemeinen Verhaltensweisen in der Gesellschaft. Im Sinne des von der 2. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei gefaßten Beschlusses muß durch die Ausrichtung der Partei erreicht werden, daß die Ideologie vereinheitlicht, der Arbeitsstil verbessert, die Disziplin gestrafft und die Parteiorganisation konsolidiert wird. Keiner der vier Punkte darf fehlen. Im Parteistatut gibt es dafür detaillierte Bestimmungen. Jede Parteiorganisation soll jedes Parteimitglied auffordern, seine eigenen Handlungen anhand dieser Bestimmungen zu überprüfen, Selbstkritik und gegenseitige Kritik zu üben und, wenn erforderlich, disziplinarische Maßnahmen ergreifen. Wenn jedes Parteimitglied mit gutem Beispiel vorangeht, lassen sich die Dinge leicht regeln.&lt;br /&gt;
Die Verbesserung der allgemeinen Verhaltensweisen in der Gesellschaft beginnt mit der Erziehung, die sich mit der Praxis verbinden muß. Wichtige ideologische Probleme, die bei einigen Funktionären und in einem Teil der Bevölkerung auftreten und die gesellschaftliche Moral negativ beeinflussen, müssen nach eingehenden Untersuchungen durch umsichtige, geduldige und überzeugende Aufklärungsarbeit von dafür geeigneten Personen gelöst werden. Vereinfachende, einseitige und willkürliche Erklärungen nützen nichts. Praktische Probleme im Leben, Alltägliches und die Politik, die die Bevölkerung beschäftigen, müssen von den führenden Genossen aller Ebenen sachlich erläutert werden, und die Bevölkerung muß über die objektive Lage und über die Anstrengungen, die Partei und Regierung unternommen haben, informiert werden. Es ist die Pflicht der Leitungen, die von der Bevölkerung aufgedeckten Mißstände rechtzeitig abzustellen. Nur wenn die Bevölkerung an den Taten erkennt, daß die Partei und der Sozialismus gut sind, können sich die Erziehung hinsichtlich der Ideale und der Diszipliniertheit und die Erziehung im Sinne der kommunistischen Ideologie und des Patriotismus wirkungsvoll entfalten.&lt;br /&gt;
Hierfür müssen sowohl die ideologisch-politische Arbeit als auch der dafür zuständige Kaderstab verstärkt werden, sie dürfen keinesfalls geschwächt werden. Auch die Verhütung und Bekämpfung von Schwerverbrechen müssen weiterhin unnachgiebig betrieben werden. Erscheinungen der Korruption, die die allgemeinen Verhaltensweisen in der Gesellschaft ernsthaft gefährden, müssen mit Entschiedenheit unterbunden und beseitigt werden. Die Handlungen aller Betriebe, Institutionen und Wirtschaftsorgane sowie die Tatigkeit der Verwaltungen und der Gerichte müssen in erster Linie vertrauenswürdig sein. Es ist streng verboten, der Bevölkerung zu schaden oder sie zu erpressen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abteilungen für ideologische und kulturelle Arbeit und die Einrichtungen im Bildungs- und Gesundheitswesen müssen als einzige Richtschnur für alle ihre Handlungen die gesellschaftlichen Auswirkungen beachten. Die ihnen angeschlossenen Unternehmen müssen ebenfalls die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Handlungen zur obersten Richtschnur machen. Die Ideologieund Kulturbereiche müssen mehr und gute geistige Produkte schaffen, und die Produktion, der Import und die Verbreitung von schädlichen Werken müssen verhindert werden. Die Propagierung der bürgerlichen Liberalisierung kommt einer Propagierung des kapitalistischen Wegs gleich, was wir entschieden bekämpfen müssen. Wir halten zweifellos nach wie vor an der Richtlinie von „zwei Hundert&amp;quot; fest, ebenso an den in der Verfassung und in den Gesetzen garantierten Freiheiten und an dem Prinzip, falsche Tendenzen in der Ideologie hauptsächlich durch Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit zu überwinden. Von jeglicher Kampagne und „Kritik-Kampagne“ ist abzusehen. Es ist notwendig, gegenüber den Parteimitgliedern, die sich weigern, ihre Fehler zu korrigieren, die Parteidisziplin anzuwenden, wobei eine Wiederholung von links“ abweichlerischen Fehlern wie Simplifizierung und übertriebene Konfrontation auf alle Fälle verhindert werden müssen.&lt;br /&gt;
Wenn wir in den obengenannten Punkten gute Arbeit leisten, kann ein grundlegender Wandel zum Besseren in den allgemeinen Verhaltensweisen der Gesellschaft gewährleistet werden.&lt;br /&gt;
4. Zur Ablösung alter Kader durch jüngere und zum Studium der Theorie: In den letzten Jahren verlief die Zusammenarbeit zwischen den alten Kadern und den jungen und die Ablösung alter Funktionäre durch junge verhältnismäßig reibungslos. Eine Anzahl von hervorragenden Kräften im besten Alter, die politische Integrität und fachliche Fähigkeiten besitzen, ist in leitende Funktionen in den Führungsgremien der Partei, der Regierung und der Armee von lokaler bis hin zu zentraler Ebene eingesetzt worden. Die jetzigen Umbesetzungen des Zentralkomitees der Partei, der Beraterkommission und der Disziplinkontrollkommission beim Zentralkomitee wurden gut durchgeführt, insbesondere hat die Verjüngung der Mitglieder im Zentralkomitee einen großen Schritt nach vorn getan. Bei der Abschaffung des Systems, leitende Funktionen auf Lebenszeit zu besetzen, und bei der Reform des Kadersystems gingen viele alte Genossen mit gutem Beispiel voran, was in die Geschichte der Partei als eine Tat eingehen wird, die große Anerkennung verdient.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die jetzt nachgewählten Mitglieder des Zentralkomitees und die Minister und Provinzparteisekretäre, die vor kurzem ihr Amt angetreten haben, sind relativ jung, im allgemeinen etwa 50 Jahre alt, manche von ihnen sind erst Anfang vierzig. Bei der Gründung unserer Volksrepublik waren viele unserer Minister und Provinzparteisekretäre im gleichen Alter. Bei der Amtsübernahme durch Funktionäre in jungen und mittleren Jahren ist es am wichtigsten, darauf zu achten, daß der heroische Geist der alten Genossen, die sich immer an der Richtung des revolutionären Kampfes orientiert haben, fortwährt. Ich hoffe, daß die gute Tradition und der gute Arbeitsstil der Partei sich durch ihre Bemühungen weiter entwickeln werden. Ich habe einmal gesagt, daß sie sich nicht nur auf ihre Jugend und ihre fachlichen Kenntnisse stützen dürfen, sondern auch einen guten Arbeitsstil besitzen müssen, um Probleme lösen zu können. Sie müssen von ganzem Herzen dem Volk dienen, unter die Massen gehen und deren Meinungen anhören. Sie müssen Wahrheiten mutig aussprechen und Lügen bekämpfen, dürfen nicht nach falschem Ruhm streben, sondern müssen mehr auf Taten achten. Sie müssen ihre Privatinteressen von den Gemeininteressen trennen und dürfen nicht mit Prinzipien schachern, um die Gunst anderer zu erlangen: Sie dürfen Menschen, nur aufgrund ihrer politischen Integrität und fachlichen Fähigkeit einsetzen und keine Vetternwirtschaft betreiben.&lt;br /&gt;
Wir sagen oft, die Ablösung alter Funktionäre durch junge zielt darauf ab, die Kontinuität der Politik unserer Partei organisatorisch zu garantieren. Was aber ist die Kontinuität der Politik unserer Partei? Hier ist natürlich die Innenund Außenpolitik gemeint, also Unabhängigkeit und Selbständigkeit, Wahrung von Demokratie und Rechtsordnung, Öffnung nach außen und Belebung der Wirtschaft im Inland. Alle diese politischen Richtlinien werden wir nicht ändern. Sie beruhen auf den vier Grundprinzipien, die wir ebenfalls nicht ändern und unbeirrbar durchführen werden. Unsere Gesellschaft würde sonst in ein Chaos geraten, und es könnte keine Rede mehr sein von Stabilität und Einheit, und der Aufbau, die Reform und die Stärkung Chinas würden zu einer Phrase verkommen.&lt;br /&gt;
Ferner möchte ich eine neue Anforderung nicht nur an die jungen Funktionäre, sondern auch an die alten richten. Dies ist das Studium der marxistischen Theorie. Manche Genossen werden vielleicht fragen: Was wir jetzt, wo wir uns im Aufbau befinden, am meisten brauchen, sind doch Fachwissen und Verwaltungskenntnisse. Was für einen praktischen Sinn kann das Studium der marxistischen Theorie für uns heute haben? Genossen, dies ist ein Mißverständnis. Die marxistische Theorie war zu keiner Zeit ein Dogma, sondern immer eine Anleitung zum Handeln. Sie verlangt von uns, entsprechend ihren Grundprinzipien und -methoden und unter Berücksichtigung der sich stets verändernden Realität, nach der Lösung neuer Probleme zu suchen, wobei sie selber weiter entwickelt wird. Haben die Oktoberrevolution in Rußland und die chinesische Revolution nicht auf diese Weise gesiegt? Wir bauen heute den Sozialismus chinesischer Prägung auf. Die Zeit und die Aufgaben sind andere. Es gibt tatsächlich zahlreiche neue Kenntnisse, die wir uns aneignen müssen. Diese Situation stellt uns vor die Aufgabe, uns, angesichts der neuen Realität, intensiv mit der theoretischen Grundlage des Marxismus vertraut zu machen. Nur auf diese Weise können wir unsere Fähigkeiten erhöhen, unter Anwendung der Grundprinzipien und -methoden die Lösung der neuen, wichtigen Probleme in den Bereichen der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zu finden. So werden wir sowohl unsere Sache als auch die Theorie des Marxismus voranbringen und zugleich verhindern, daß manche Genossen, vor allem junge und mittelaltrige Genossen, die jetzt Leitungsfunktionen übernommen haben, in den zunehmend komplizierteren Kämpfen die Orientierung verlieren. Daher hoffe ich, daß das Zentralkomitee der Partei einen realistischen Beschluß fassen wird, der alle Parteikader und vor allem die führenden Funktionäre aller Ebenen verpflichtet, sich trotz ihrer großen Arbeitsbelastung noch Zeit für das Studium zu nehmen, um sich mit der theoretischen Grundlage des Marxismus vertraut zu machen und dadurch bei ihrer Arbeit ihre Prinzipienfestigkeit, Systematik, Voraussicht und Kreativität zu erhöhen. Nur so kann unsere Partei am sozialistischen Weg festhalten und den Sozialismus chinesischer Prägung aufbauen und entwickeln, bis unser endgültiges Ziel die Verwirklichung des Kommunismus-erreicht ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rede auf der Sitzung des ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Partei ==&lt;br /&gt;
(17. Januar 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem XII. Parteitag im September 1982 haben wir darüber gesprochen, den Aufbau der sozialistischen geistigen Zivilisation zu intensivieren und in fünf Jahren eine grundlegende Wende zur Verbesserung des Arbeitsstils in der Partei und der allgemeinen gesellschaftlichen Verhaltensweisen herbeizuführen. Seitdem sind drei Jahre und vier Monate vergangen. Uns bleiben also noch ein Jahr und acht Monate; die Zeit ist äußerst knapp. Wir müssen erhebliche Anstrengungen unternehmen und diese Aufgabe ohne Zeitverlust unnachgiebig anpacken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau der geistigen Zivilisation und bei der Verbesserung des Arbeitsstils der Partei und der gesellschaftlichen Verhaltensweisen ist von den konkreten Ereignissen auszugehen. Wirtschaftsdelikte, skandalöse, die Würde des Landes und des Menschen verletzende Vorfälle, die Vertreter unseres Landes im Ausland begangen haben, Agentenaffären -alle diese Falle müssen ohne Zeitverlust behandelt werden. Die hochrangigen Kader und ihre Kinder handeln meistenteils korrekt. Aber es gibt tatsächlich einzelne Fälle, in denen Kinder von Kadern Wirtschaftsinformationen verraten und sich in nachrichtendienstliche Netze verwickelt haben. Sie verkaufen Informationen und Dokumente. Gerade gegen solche Delikte, die von hochrangigen Kadern oder deren. Kindern und von bekannten Persönlichkeiten begangen wurden, müssen als exemplarische Beispiele zügig verhandelt werden. Da die Verbrechen dieser Leute unermeßlichen Schaden anrichten, wird schnelle Ermittlungsarbeit in diesen Fallen auch große Wirkung erzielen. Dadurch zeigen wir unsere Entschlossenheit, über alle Hindernisse hinweg den Aufbau der geistigen Zivilisation fest in die Hand zu nehmen. Es macht nicht allzu viel aus, wenn uns manche kleineren Delikte entgehen, was durchaus nicht heißen soll, daß wir in ihrer Verfolgung nachlassen dürfen. Ich meine, es berechtigt zu Hoffnungen, wenn wir ohne Zeitverlust energisch an diesem Problem arbeiten, andernfalls wird die Lage hoffnungslos. Gegenüber Gesetzesverstößen oder Verbrechen, deren sich ihre Angehörigen oder Kinder schuldig gemacht haben, müssen die hochrangigen Kader eine entschiedene, eindeutige und unmißverständliche Haltung beziehen und die Ermittlungen durch die zuständigen Abteilungen entschieden unterstützen. Wer auch immer in derartige Fälle verwickelt ist, muß entsprechend der Parteidisziplin und dem Staatsgesetz belangt werden. Die Delikte müssen ohne Zeitverlust bearbeitet werden, hierin darf man nicht nachgiebig werden. Der Fall Yang Xiaomins in der Provinz Qinghai hat sich über Jahre hingeschleppt. Mehrere Sekretäre des Provinzparteikomitees haben den Fall nicht gelöst. Inzwischen ist das Problem gelöst worden. Das ist gut so. Nur unmißverständliche Ermittlung und Behandlung solcher Fälle können sich alarmierend auswirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Todesstrafe kann nicht abgeschafft werden. Manche Verbrecher müssen zum Tode verurteilt werden. Neulich habe ich in Informationsmaterialien gelesen, daß es sehr viele Rückfalltäter gibt. Wenn sie nach einigen Jahren Zwangsarbeit freigelassen werden, begehen sie weitere Kriminalitäten, und zwar noch raffinierter als zuvor, und verstehen es noch geschickter, mit den Sicherheits- und Justizorganen umzugehen. Warum sollten wir einige dieser Rückfalltäter nicht nach gesetzlichen Bestimmungen zum Tode verurteilen? Es gibt Menschen, die Handel mit Frauen und Kindern betreiben, sich professionell unter dem Deckmantel des Aberglaubens oder der Religion reaktionär betätigen und sich trotz der Umerziehung nicht besserungswillig zeigen. Warum sollten wir diese Leute nicht nach den gesetzlichen Bestimmungen hart bestrafen? Natürlich muß man höchst umsichtig vorgehen, wenn es sich um ein Todesurteil handelt, aber wir werden nicht umhinkönnen, einige Todesurteile zu verhängen. (Genosse Chen Yun: Durch Todesstrafen einiger weniger kann eine große Anzahl von Kadern gerettet werden.) Die Vorfälle aus der politischen und ideologischen Sphäre, soweit sie nicht gegen gesetzliche Bestimmungen des Strafrechts verstoßen haben, werden strafrechtlich nicht belangt; hier besteht also nicht die Problematik des Todesurteils. Bei schweren Wirtschaftsverbrechen und Straftaten müssen manche Täter nach den gesetzlichen Bestimmungen hingerichtet werden. Zur Zeit zeigt man sich im allgemeinen zu nachgiebig. Auch die Todesstrafe ist ein unentbehrliches Erziehungsmittel. (Genosse Chen Yun: Zur Abschreckung.) Jetzt werden nur solche Verbrecher hingerichtet, die des Mordes schuldig sind. Was ist mit den anderen Kapitalverbrechern? In Guangdong wüten zur Zeit Prostitutionsverbrechen. Warum sollte man die krassesten Fälle nicht ebenso hart behandeln? Zuhälterinnen, die mehrmals rückfällig sind, müssen ausnahmslos entsprechend dem Gesetze unnachsichtig verurteilt werden. Warum kann man Mitarbeiter des Staatsapparats, die dem Land Verluste in Millionenhöhe, ja Verluste von vielen Millionen Yuan zugefügt haben, nicht nach den Bestimmungen des Strafgesetzes zum Tode verurteilen? 1952 wurden Liu Qingshan und Zhang Zishan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liu Qingshan war Sekretär des Parteikomitees des Bezirkes Tianjin und stellvertretender Sekretär des Parteikomitees der Stadt Shijiazhuang. Korrumpiert durch die bürgerliche Ideologie war er in massive Unterschlagungsfälle verwickelt und wurde 1952 zum Tode verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhang Zishan war Sekretär des Parteikomitees des Bezirkes Tianjin. Korrumpiert durch die bürgerliche Ideologie war er an Unterschlagungsfällen großen Umfangs beteiligt und wurde 1952 zum Tode verurteilt.&amp;lt;/ref&amp;gt; hingerichtet. Diese Hinrichtungen haben seinerzeit große Wirkung geübt. Heute können zwei Todesurteile allein nicht mehr diese Wirkung herbeiführen. Um unserer Entschlossenheit Nachdruck zu verleihen, sind mehrere Todesurteile erforderlich.&lt;br /&gt;
Es ist gut, daß das Sekretariat der Partei die Angelegenheiten hinsichtlich der Verbesserung der Verhaltensweisen in die Hand nimmt. Ich schlage vor, zwei Jahre energisch daran zu arbeiten. Erfolge werden sich bestimmt zeigen. Nur wenn man diese Angelegenheit fest im Griff hat, können die Reform und der Aufbau wirklich gefördert werden. Selbst bei derart intensivem Einsatz brauchen wir zumindest noch zehn Jahre, bis wir den besten Zustand des Arbeitsstils der Partei und der gesellschaftlichen Verhaltensweisen, wie er in den 50er Jahren geherrscht hat, wiederherstellen können. Die derzeitige Linie und die Politik der Partei sind richtig. Die Politik der Reform und der Öffnung nach außen muß eingehalten werden. Aber in der Verwaltungsarbeit und anderen Bereichen existieren noch erhebliche Lücken. Die Verhaltensweisen mancher Parteikader und die gesellschaftlichen Verhaltensweisen sind in der Tat jämmerlich. Bei unseren Bemuhungen um die Verbesserung der Verhaltensweisen müssen manche Genossen aus der Partei ausgeschlossen werden, eine Reinigung in unseren Reihen tut not. Wir müssen uns zumindest noch weitere zehn Jahre hart um all dies bemühen, mit einem Wort: „die Erziehung des Menschen ist ein Zehn-Jahre-Werk&amp;quot;. Die zehnjährige „Kulturrevolution&amp;quot; hat unsere junge Generation arg mitgenommen. Die jüngsten Studentenunruhen sind zum Teil auf diese negative Beeinflussung zurückzuführen. Die Bemühungen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Moral sind bereits vor zwei Jahren angelaufen. In Wirklichkeit jedoch war man vielerorts unschlüssig.&lt;br /&gt;
Die Ermittlungen gegen Delikte, deren Tatbestände längst geklärt waren, versandeten seit Jahren im Hin und Her der Untersuchungen und im Hin und Her der Genehmigungen. Bei der Behandlung mancher Fälle muß man, wenn der Tatbestand im wesentlichen aufgeklärt ist, ohne Zögern Entscheidungen treffen. Auch dies gehört zu entschlußkraftiger Arbeitsweise.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die jüngste Kundgebung von Kadern aus zentralen Abteilungen sollten wir als Ausgangspunkt betrachten, um diese Aufgabe jetzt energisch anzupacken. Es ist kaum zehn Tage her, die Reaktion ist allseits sehr positiv. Die auf der Kundgebung von einigen Genossen gehaltenen Reden können als ein Dokument des Zentralkomitees der Partei ausgegeben werden, als „ZK-Dokument Nr. 1 1986&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir halten unserer früher geäußerten Überzeugung die Treue: Für die vier Modernisierungen ist zweiseitige Arbeit erforderlich, nur eine Seite anzupacken, reicht nicht aus. Mit den „zwei Seiten&amp;quot; meine ich die Beschleunigung des Aufbaus und die Stärkung der Rechtsordnung. Die Partei verfügt über die Parteidisziplin, der Staat über die staatlichen Gesetze. Warum bezeichnen wir die demokratische Diktatur des Volkes als eines der vier einzuhaltenden Grundprinzipien? Weil man allein durch die Demokratie im Volk ohne die Diktatur gegen Saboteure weder die politische Lage der Stabilität und Einheit gewährleisten noch die Modernisierung zum Erfolg bringen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von diesem Jahr ab müssen wir reichlich zwei Jahre lang energisch an diesem Problem arbeiten. Im Wirtschaftsaufbau sind wir recht erfolgreich, die Lage ist erfreulich. Das ist ein Erfolg unseres Landes. Aber was hat der erfolgreiche Wirtschaftsaufbau noch für einen Sinn, wenn die gesellschaftlichen Sitten verderben? Wenn die Sitten aus den Fugen geraten, kann auch die Wirtschaft aus dem Gleis laufen; unsere Welt wird dann eine Welt sein, in der Unterschlagung, Diebstahl und Bestechung um sich greifen. Daher ist es zwingend notwendig, an den vier Grundprinzipien festzuhalten und die Diktatur auszuüben. Diese Diktatur bietet die Garantie für die erfolgreiche Durchführung der sozialistischen Modernisierung und sorgt dafür, daß allen Menschen und Vorfällen, die den Aufbau untergraben, strikte Grenzen gesteckt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin dafür, daß das Sekretariat sich weiter darum kümmert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bemerkungen anlässlich eines Informationsgesprächs über die Wirtschaftslage ==&lt;br /&gt;
(10. Juni 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerungen bei der Entgegennahme der Berichte der führenden Genossen des Zentralkomitees über die Wirtschaftslage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gegenwärtige Wirtschaftslage ist im allgemeinen nicht schlecht. Wie sehen die Perspektiven aus? Welche Probleme werden sich einstellen? Welche Hindernisse? Ich denke, es gibt zwei bis drei Fragen, die unsere wirtschaftliche Entwicklung beeinflussen können:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die erste Frage betrifft die Landwirtschaft, vor allem das Getreideproblem. Falls es in der Landwirtschaft zu einem Rückschlag kommt, kann sie sich in drei bis fünf Jahren nicht erholen. Chinas Bevölkerungszahl wird für das Jahr 2000 auf 1,2 Milliarden geschätzt. Rechnet man mit einem Pro-Kopf-Verbrauch je Einwohner von 400 kg Getreide, so muß China im Jahr 2000 480 Milliarden kg produzieren. Das heißt, von jetzt ab müssen wir jedes Jahr über eine halbe Million kg Getreide mehr produzieren. Aber die Getreideproduktion entwickelt sich nur sehr langsam; mancherorts kommt es inzwischen vor, daß aus Getreidemangel keine Schweine gehalten werden können. Ein Experte sagte voraus, daß in der chinesischen Landwirtschaft auf Grund zu geringer Investitionen für den landwirtschaftlichen Investbau und des niedrigen Produktionsniveaus eine Phase unbeständiger Entwicklung eintreten wird. Dies muß unsere Aufmerksamkeit verdienen. Bei unserer makrowirtschaftlichen Steuerung sollten wir der Landwirtschaft einen gebührenden Stellenwert einräumen und stets des allgemeinen Ziels -bis zum Ende dieses Jahrhunderts einen Getreideertrag von 480 Milliarden kg zu erreichen eingedenk sein. Es muß verhindert werden, daß wir in einigen Jahren erneut Getreide in großen Mengen importieren müssen. Träte eine solche Situation ein, würde sie das Entwicklungstempo unserer Wirtschaft beeinträchtigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Frage betrifft die Devisenlage. Werden die Devisenknappheit und das Außenhandelsdefizit uns zurückwerfen? Das Außenhandelsdefizit muß von Jahr zu Jahr verringert werden, ansonsten wird es unseren Aufbau behindern, und von einer langfristigen, anhaltenden und stabilen Entwicklung kann nicht die Rede sein. Neulich haben mir Japaner erzählt, daß viele Produkte Chinas exportiert werden und Zugang zu den japanischen Märkten finden könnten, allerdings seien unsere Informationen über die Weltmärkte unzureichend. Wir können die Obstund Gemüsemärkte in Hongkong weiter erschließen. Wir können exportorientierte Produktionsbasen für frische Nahrungsgüter schaffen. Gemüse sowie frische und lebende Produkte sind auf dem Devisenmarkt zwar nicht sehr einträglich, summiert wirken jedoch auch sie sich beträchtlich aus. Man sollte auch ermitteln, was wir auf den Märkten Südostasiens absetzen können. Die Frage der Erweiterung des Kohleexports muß auch Gegenstand unserer Untersuchung sein. Die Aufmerksamkeit hat ebenfalls der Frage der Qualitätserhöhung der Produkte zu gelten. Hinsichtlich der Frage der Qualität habe ich im letzten Jahr gesagt: die Menge allein genügt nicht, es kommt vor allem auf die Qualität an. Für den Absatz unserer Produkte liegt das Kernproblem in der Qualitätserhöhung. Minderwertige Erzeugnisse sind nicht konkurrenzfähig. In der Vergangenheit richteten wir nach sowjetischem Muster bei der Ausarbeitung der Pläne unser Augenmerk nur auf den Produktionswert und vernachlässigten über der Menge die Qualität der Produkte. In Wirklichkeit aber ist die Qualität der Produkte der ausschlaggebende Faktor. Mit einem Wort, bei der jährlichen Reduzierung des Außenhandelsdefizits handelt es sich um eine strategische Frage. Ansonsten wird eines Tages unsere Wirtschaft zusammenschrupfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;&#039;Die dritte Frage betrifft die Reform der politischen Struktur.&#039;&#039;&#039; Inzwischen ist allen deutlich geworden, daß wir ohne Reform der politischen Struktur mit der Entwicklung der Lage nicht Schritt halten können. Die Reform muß die Reform der politischen Struktur mit einbeziehen und zwar als ein Meilenstein der Reform überhaupt. Wir müssen unsere Apparate straffen, die Machtbefugnisse wahrhaftig nach unten weitergeben, die sozialistische Demokratie ausweiten und die Leistungsbereitschaft der Volksmassen und der Basiseinheiten voll mobilisieren. Die Zahl der Apparate hat eher zuals abgenommen. Du delegierst an einer Stelle die Machtbefugnisse nach unten, er nimmt sie an anderer Stelle wieder nach oben zurück. Viele Gesellschaften genau genommen: staatlich betriebene Gesellschaften sind neu gegründet worden. Da es soviele Institutionen und Menschen gibt und man nach irgendeiner Beschäftigung sucht, nimmt man die Zügel fest in die Hand und läßt den unteren Einheiten keinen Spielraum. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir sorgfältig abwägen, wo wir ansetzen müssen und womit die Reform beginnen soll. Bereits 1980 wurde die Frage der Reform der politischen Struktur aufgeworfen, allerdings ohne konkret behandelt zu werden. Jetzt muß sie auf die Tagesordnung gesetzt werden. Andernfalls werden aufgeblähte Apparate, Überbesetzung, Bürokratismus, Schlendrian, Vertrauensbruch, Rücknahme der nach unten delegierten Machtbefugnisse der Wirtschaftsstrukturreform im Wege stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meiner Ansicht nach ist die Reform im wesentlichen zügig vorangegangen. Durch die Reform sind die Voraussetzungen für eine langfristige, anhaltende und stabile Entwicklung zu schaffen. Zur Zeit kommen wir unter schweren Belastungen voran. Allein die Preiszuschüsse in Höhe von Dutzenden Milliarden Yuan bedeuten eine schwere Last, die Jahr für Jahr immer bedrohlicher wird. Man muß versuchen, dieses Problem planmäßig und Schritt für Schritt zu lösen. Ohne Weitergabe von Machtbefugnissen nach unten haben die Unternehmen zuwenig Entscheidungsbefugnisse und somit auch zu wenige Pflichten. Die Verantwortung für gute oder schlechte Wirtschaftsführung tragen die übergeordneten Stellen. Wenn die übergeordneten Stellen das „Mädchen für alles&amp;quot; bleiben, wie kann dann die Arbeit gut geleistet und wie können die Initiativen allseits aktiviert werden? Kurz, die Reform muß weitergeführt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Reform der politischen Struktur und die Stärkung des Rechtsbewusstseins ==&lt;br /&gt;
(28. Juni 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aussprache auf einer Sitzung des Ständigen Ausschusses des Politburos des Zentralkomitees der [[Kommunistische Partei Chinas|Kommunistischen Partei Chinas]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Genossen stellen sich die Frage, wie man die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei von der Berichtigung ungesunder Tendenzen unterscheiden könne. In Wirklichkeit geht es in der Hauptsache nicht um die Unterscheidung dieser beiden Sachverhalte, sondern vielmehr um die Beziehungen zwischen Partei und Regierung. Es ist nicht angebracht, daß die Partei Angelegenheiten, die in den Bereich des Rechtswesens fallen, in ihre Hand nimmt. Wenn sich die Partei zuviel einmischt, wird dies die Bildung des Rechtsbewußtseins im Volk behindern. Aufgabe der Partei ist es, sich um die Fragen der Parteidisziplin zu kümmern, und die Angelegenheiten im Bereich des Rechtswesens müssen dem Staat und der Regierung überlassen bleiben. Hierbei handelt es sich hauptsächlich um das Problem der Beziehung zwischen Partei und Regierung, also um die Frage der politischen Struktur. Diese Frage müssen wir noch mehr in Erwägung ziehen. Ich nehme an, wir können bis zum XIII. Parteitag im kommenden Jahr erste Klarheit über diese Beziehung gewinnen. Ist diese Frage geklärt, löst sich die Frage der Abgrenzung zwischen der Verbesserung des Arbeitsstils der Partei und der Berichtigung ungesunder Tendenzen von selbst. Der gegenwärtige Schwerpunkt unserer Arbeit liegt auf der Verbesserung des Arbeitstils der Partei; von der Gesamtsituation aus gesehen handelt es sich um die Stärkung der Rechtsordnung. Unser Land verfügt über nur geringe Tradition bei der Durchführung und Einhaltung von Gesetzen. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei arbeiten wir intensiv am Aufbau der Rechtsordnung, ohne die wir nicht vorankommen können. Das Rechtsbewußtsein hängt mit der kulturellen Bildung zusammen. Daß so viele junge Menschen straffällig wurden, hängt eng mit ihrer zu geringen kulurellen Bildung zusammen. Beim Aufbau der Rechtsordnung ist deshalb Erziehung eine wichtige Aufgabe; in ihrem Mittelpunkt hat die Erziehung der Menschen zu stehen. Die Erziehung im Sinne der Rechtsordnung muß bei den Kindern anfangen. Unsere Grundschulen und Mittelschulen müssen diese Erziehung leisten. Es gibt heute junge Menschen, die ohne ein schlechtes Gewissen zu haben kriminelle Taten begehen; die Heranwachsenden, die straffällig werden, wissen überhaupt nicht, was Gesetz und Ordnung ist. Kurz, es wirkt sich hinderlich auf die Herausbildung des Rechtsbewußtseins im Volk aus, wenn die Partei für die Angelegenheiten, die in den Bereich des Rechtswesens fallen, zuständig ist, wenn Strafsachen in den Bereich der Verbesserung des Arbeitsstils der Partei, das heißt in das Ressort der Disziplinkontrollkommission beim Zentralkomitee einbezogen werden. Die Bekämpfung der Kriminalität fallen in den Bereich der Gesetze und die Berichtigung ungesunder Tendenzen gehört zu gesellschaftlichen Problemen, die jeweils durch die Stärkung der Rechtsordnung und die gesellschaftliche Erziehung überwunden werden müssen. Wir müssen, wenn wir bessere Arbeit leisten wollen, die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet zusammenfassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiteres Problem sehe ich in der Führung der Regierung durch die Partei. Auch hier müssen wir unsere Erfahrungen auswerten. Die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei hat die Frage der Aufgabenteilung zwischen der Partei und der Regierung angeschnitten. Es ist klar, daß wir an der Führung durch die Partei festhalten. Die Frage, die sich erhebt, besteht darin, ob die Partei es gut genug versteht, zu führen. Die Partei muß es verstehen, ihre Führung sachgerecht wahrzunehmen, sie darf sich nicht allzuviel einmischen, und zwar angefangen beim Zentralkomitee. Solch eine Handlungsweise wird die Führungsrolle der Partei nicht schwächen. Im Gegenteil aber, wenn die Partei sich zu sehr einmischt und dies zudem nicht gut leistet, droht die Gefahr, daß die Führungsrolle der Partei geschwächt wird; dies ist sehr wahrscheinlich. Kürzlich habe ich mit einigen Genossen über die Wirtschaftsarbeit gesprochen. Auch bei dieser Gelegenheit habe ich die Genossen auf die Reform der politischen Struktur aufmerksam gemacht, wobei ich ebenfalls die obige Frage angeschnitten habe. Natürlich nicht nur diese Frage; denn zum Komplex der Reform der politischen Struktur gehören auch die aufgeblähten Apparate, die personelle Überbesetzung, der Schlendrian usw. Da so viele Menschen vorhanden sind, sucht man irgendwelche Arbeit für sie. Viele Einheiten gründen deshalb Gesellschaften, und durch diese neue Form des Apparats werden den unteren Ebenen die erteilten Befugnisse wieder abgenommen. Wir befürworten die Delegierung der Befugnisse nach unten, jene nehmen sie zurück. Einige Genossen sollen geäußert haben, das verhältnismäßig niedrige Entwicklungstempo der Wirtschaft in der ersten Hälfte des Jahres 1986 sei zum Teil auf subjektive Faktoren zurückzuführen, wie z. B. die Zurücknahme von Machtbefugnissen. Unsere Richtlinie bleibt die weitere Delegierung der Machtbefugnisse nach unten; in zahlreichen Bereichen hingegen werden möglichst viele Machtbefugnisse zurückgenommen. Die Folge davon ist, daß den Basiseinheiten keine Entscheidungsmacht überlassen wird und die Leistungsbereitschaft der Betriebe ausbleibt. Das ist mit ein Grund dafür, warum sich die Entwicklung verlangsamte. Ich denke, alle Genossen, insbesondere die Genossen im Sekretariat des Zentralkomitees, müssen sich mit den Problemen der Reform der politischen Struktur beschäftigen. Wir können dieses Problem erst in Angriff nehmen, wenn wir eine gesicherte Konzeption ausgearbeitet haben; bis dahin müssen wir abwarten. Es scheint geraten, ein Jahr lang Untersuchungen und Studien anzustellen, die Probleme zu ordnen und erst danach mit der Reform der politischen Struktur zu beginnen. Ob es uns gelingt, alle Reformmaßnahmen erfolgreich durchzusetzen, hängt letzten Endes von der Reform der politischen Struktur ab. Denn schließlich werden die Arbeiten von Menschen ausgeführt. Wenn einer sich für die Delegierung der Machtbefugnisse einsetzt, der andere ihr aber entgegenwirkt, was soll man dann tun? Es gibt auch Probleme auf anderen Ebenen. Die Reform der politischen Struktur und die Reform der Wirtschaftsstruktur sind voneinander abhängig und müssen aufeinander abgestimmt sein. Ohne Reform der politischen Struktur wird sich die Reform der Wirtschaftsstruktur nicht durchsetzen können, weil ihr vor allem der menschliche Faktor im Weg stehen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bemühungen um die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei in den vergangenen sechs Monaten haben einige Erfolge erbracht. Aber ich warne vor einer Überschätzung solcher Erfolge, denn wir haben erst damit begonnen. Wir haben erklärt, diese Arbeit in den nächsten beiden Jahren energisch anzupacken. Natürlich müssen wir auch nach diesen beiden Jahren weiter daran arbeiten. Dafür braucht man nicht unbedingt eine Sonderabteilung einzurichten, aber wir müssen diese Arbeit weiterführen und dies während des ganzen Prozesses der Reform. Die Öffnung nach außen und die Belebung der Wirtschaft werden notwendigerweise Auswüchse mit sich bringen, und ohne den Kampf dagegen werden die Öffnung nach außen und die Belebung der Wirtschaft auf einen Irrweg geraten. Daher handelt es sich hierbei um eine langfristige Aufgabe. Solange wir die Politik der Öffnung nach außen und der wirtschaftlichen Belebung durchführen, solange müssen wir uns um die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei bemühen, falsche Tendenzen korrigieren und die Kriminalität bekämpfen. Nur auf diese Weise werden wir die Politik der Öffnung nach außen und der wirtschaftlichen Belebung richtig durchführen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ohne die Reform der politischen Struktur wird die Entwicklung der Produktivkräfte behindert ==&lt;br /&gt;
(3. September 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit [[Takeiri Yoshikatsu]], dem Vorsitzenden des Zentralen Exekutivkomitees der [[Kōmeitō|Komei-Partei]] [[Japan|Japans]].&lt;br /&gt;
Die gegenwärtige Wirtschaftsstrukturreform entwickelt sich im großen und ganzen gesund. Aber bei diesem Prozeß treten auch unvermeidlich Hindernisse auf. In der Partei und im Staat gibt es Reformgegner, allerdings sind es nicht viele, die im eigentlichen Sinne des Wortes „Reformgegner&amp;quot; sind. Wichtig ist, daß die bestehende politische Struktur den Erfordernissen der Wirtschaftsstrukturreform nicht Rechnung tragen kann. Daher können die Reformerfolge in der Wirtschaft nicht gesichert und die Reform kann nicht vorangetrieben werden, solange die Reform der politischen Struktur ausbleibt.&lt;br /&gt;
Als wir an die Reform herangingen, hatten wir auch die Reform der politischen Struktur im Auge. Jeder Fortschritt in der Reform der Wirtschaftsstruktur macht uns die Notwendigkeit der Reform der politischen Struktur deutlicher. Ohne die Reform der politischen Struktur wird die Entwicklung der Produktivkräfte und die erfolgreiche Durchführung der vier Modernisierungen behindert. Über die Inhalte der Reform der politischen Struktur wird noch diskutiert, weil die Materie sehr kompliziert ist. Jede Reform betrifft einen großen Kreis von Menschen und Angelegenheiten und berührt die Interessen vieler Menschen; sie wird daher auf zahlreiche Hindernisse stoßen. Deshalb ist größte Umsicht geboten. Wir müssen zunächst den Rahmen der Reform der politischen Struktur abstecken und uns Klarheit darüber verschaffen, wo der Ausgangspunkt liegt. Wir müssen vielleicht anfangs von nur einem oder zwei Ansatzpunkten ausgehen. Es ist nicht geraten, gleichzeitig an allen Fronten zu beginnen, denn damit würden die Dinge leicht durcheinander geraten. Die Materie ist zu schwerwiegend und zu kompliziert, und wir haben noch keine klare Konzeption dahingehend erarbeitet, wo wir anfangen sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz zusammengefaßt: unsere politische Struktur muß darauf ausgerichtet sein, den Bürokratismus zu überwinden, das Volk und die Basiseinheiten zu aktivieren. Ziel dieser Reform ist es, das Verhältnis zwischen dem Regieren durch Gesetze und dem Regieren durch Menschen, die Beziehungen zwischen Partei und Regierung sachentsprechend zu regeln. An der Führung durch die Partei ist nicht zu rütteln, aber die Frage, wie die Partei führt, muß auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die Partei muß es richtig verstehen zu führen. Die Funktionen der Partei und der Regierung müssen voneinander abgegrenzt werden. In den letzten Jahren haben einige Betriebe versuchsweise das Verantwortlichkeitssystem für Fabrikdirektoren eingeführt und alle haben damit gute Erfolge erzielt. Bei der Delegierung der Machtbefugnisse haben wir bedeutende Arbeit geleistet, konnten damit jedoch das Problem nicht völlig lösen. Wir haben die Machtbefugnisse nach unten weitergegeben, andere aber haben sie durch die Gründung von neuen Apparaten wieder zurückgenommen, so daß den Basiseinheiten wenig Spielraum bleibt. Ein weiteres Problem in diesem Zusammenhang ist die Straffung der Institutionen. Die Führungsapparate aller Ebenen sind im allgemeinen zu aufgebläht, und der Personalstab ist übermäßig hoch. Viele Menschen suchen eine Beschäftigung irgendwelcher Art. Die Hauptprobleme, die sich daraus ergeben, sind schleppende Sachbearbeitung, schwerfälliger Entscheidungsprozeß, unschlüssige Problemlösung und Hemmung der Initiativen von unten. Nicht gut gelöst sind auch die Probleme der Ausbildung und des Einsatzes von Fachkräften sowie die Probleme der Entwicklung der sozialistischen Demokratie. Wir müssen die Demokratie entfalten, um die Basiseinheiten und das Volk zu aktivieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 6. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei in diesem Jahr wird aus Zeitgründen noch keinen Beschluß über die Frage der Reform der politischen Struktur fassen können, jedoch gewisse Aspekte der Reform berühren. Wir werden beraten, wo wir ansetzen müssen. Es ist nicht leicht, in einem Land wie unserem, das so groß und dessen Verhältnisse so kompliziert sind, die Reform durchzuführen. Bei der Entscheidung über die Politik ist die größte Umsicht geboten, ein Entschluß sollte erst gefaßt werden, wenn eine gute Aussicht auf Erfolg besteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für die Reform der politischen Struktur braucht man einen Entwurf ==&lt;br /&gt;
(13. September 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Äußerungen bei der Entgegennahme eines Informationsberichts der Leitungsgruppe für Finanzarbeit beim Zentralkomitee der [[Kommunistische Partei Chinas|Kommunistischen Partei Chinas]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne die Reform der politischen Struktur kann sich die Reform der Wirtschaftsstruktur schwer durchsetzen. Die Funktionen der Partei und der Regierung müssen voneinander abgegrenzt werden, dies steht im Zusammenhang mit der Reform der politischen Struktur. Wie sollen die Parteikomitees ihre Führungsrolle wahrnehmen? Sie sollten nur die wichtigen Angelegenheiten regeln und sich nicht um den Kleinkram kümmern. Die Überschichtung der Ämter ist das größte Hindernis für die Reform. Die Parteikomitees sollten keine Abteilungen für wirtschaftliche Verwaltung einsetzen, dies ist die Aufgabe der Regierung. Zur Zeit ist dieses Problem noch nicht gelöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Inhalte der Reform der politischen Struktur muß man diskutieren. Ich denke, die Reform der politischen Struktur muß darauf angelegt sein, die Initiativen der Massen zu mobilisieren, die Arbeitsleistungen zu erhöhen und den Bürokratismus zu überwinden. Die Reform muß zuerst beinhalten, daß die Funktionen der Partei von denen der Regierung getrennt werden und die Frage gelöst wird, wie die Partei führen soll und wie sie in die Lage versetzt wird, die Führung gut zu handhaben. Dies sind die Schlüssel für die Reform. Der zweite Punkt ist die Weitergabe der Machtbefugnisse an die unteren Ebenen sowie die Regelung der Beziehungen zwischen den zentralen und örtlichen Ebenen; darüber hinaus betrifft die Weitergabe der Machtbefugnisse auch die örtlichen Regierungen. Der dritte Punkt betrifft die Straffung der Institutionen; dies steht mit der Weitergabe der Machtbefugnisse nach unten im Zusammenhang. Ein weiterer Punkt ist die Steigerung der Arbeitsleistungen. Ein Arbeitsstab muß gebildet werden, der Orientierungspunkte für die Reform der politischen Struktur ausarbeitet. Der Reform muß ein Anfangstermin gesetzt werden, sie darf sich nicht unendlich verschieben. Der Parteitag im kommenden Jahr muß über einen entsprechenden Entwurf verfügen. Ich denke, man sollte die Trennung der Funktionen von Partei und Regierung an die erste Stelle setzen. Bei der Reform dürfen wir uns nicht die westlichen Modelle kritiklos zum Vorbild nehmen und keine allgemeine Liberalisierung betreiben. Unser bisheriges Führungssystem besitzt auch seine Vorteile, zum Beispiel die schnelle Entscheidung von Problemen. Wenn das System der gegenseitigen Gebundenheit überbetont wird, kann auch das Probleme mit sich bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rede auf der 6. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei ==&lt;br /&gt;
(28. September 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diskussionsbeitrag [[Deng Xiaoping|Deng Xiaopings]], als die 6. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei über den „Beschluß des ZK der [[KP Chinas]] über die Leitprinzipien für den Aufbau der sozialistischen geistigen Zivilisation&amp;quot; (Entwurf) diskutierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe am häufigsten über den Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung gesprochen, und ich habe am konsequentesten darauf bestanden. Warum? Erstens, weil zur Zeit unter den Volksmassen, vor allem unter den Jugendlichen, eine ideologische Strömung, nämlich die ideologische Tendenz zur Liberalisierung, zu beobachten ist. Zweitens gibt es öffentliche Meinungsträger, die dafür die Trommel rühren, wie die Medien in Hongkong und auf Taiwan. Solche Meinungen sind sämtlich gegen unsere vier Grundprinzipien gerichtet und treten dafür ein, daß wir das kapitalistische System komplett übernehmen sollten; sie tun so, als ob darin erst die richtige Art und Weise echter Modernisierung läge. Worin besteht der Kern dieser Liberalisierung? Im Grunde will diese Liberalisierung die bestehende Politik Chinas auf den kapitalistischen Weg verleiten. Es ist die Absicht der Vertreter dieser ideologischen Strömung, uns kapitalistisch zu orientieren. Daher habe ich bei mehreren Gelegenheiten erläutert, daß unsere vier Modernisierungen „sozialistische Modernisierungen&amp;quot; heißen. Die Verwertung nützlicher Dinge aus der kapitalistischen Gesellschaft bei der Befolgung der Öffnungspolitik dienen uns lediglich als Ergänzung bei der Entwicklung der sozialistischen Produktivkräfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erinnert euch an die Zeit nach der Zerschlagung der „Viererbande&amp;quot;, als 1980 der Nationale Volkskongreß eine Gesetzesvorlage annahm, die festlegte, den Artikel über ,,freie Meinungsäußerung, freie Aussprache, große Debatten und das Anschlagen von Wandzeitungen&amp;quot; aus der Verfassung zu streichen. Warum? Weil es schon damals eine ideologische Tendenz zur Liberalisierung gab. Der Hang zur Liberalisierung wird unsere politische Lage der Einheit und Stabilität gefährden. Ohne die politische Lage der Einheit und Stabilität können wir nicht dem Aufbau nachgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Liberalisierung ist an sich bürgerlich, es gibt keine proletarische, sozialistische Liberalisierung. Sie ist Ausdruck des Widerstands gegen unsere bestehende Politik, unser bestehendes System, oder anders ausgedrückt, sie läuft letztlich auf Opposition und Revision unseres Kurses hinaus. Tatsache ist, daß diese Strömung zur Liberalisierung uns auf den kapitalistischen Weg verleiten will; daher prägen wir die Formulierung vom „,Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung&amp;quot;. Es ist belanglos, wo die Formulierung bereits verwendet wurde. Die aktuelle Politik verlangt von uns, diese Formulierung in den Beschluß aufzunehmen. Ich bin dafür.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es scheint, daß wir nicht nur diesmal über die Bekämpfung der Liberalisierung sprechen müssen, sondern auch noch in 10 und 20 Jahren. Diese Strömung-wenn wir ihr nicht standhalten können wird im Zusammenwirken mit anderem Kehricht, der mit der Öffnung nach außen ins Land geschleust wird, unseren sozialistischen vier Modernisierungen einen Schlag versetzen, den wir nicht außer acht lassen dürfen. Lest aufmerksam die Argumentationen aus Hongkong, nehmt die Argumente ausländischer bürgerlicher Gelehrte zur Kenntnis. Die meisten von ihnen fordern von uns, der Liberalisierung grünes Licht zu geben, und behaupteten, bei uns wären die Menschenrechte nicht gewährleistet. Sie bekämpfen den Grund, auf dem wir stehen. Sie erwarten unsere Wandlung. Wir aber müssen von unserer eigenen Realität aus die Fragen stellen und lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Reform der politischen Struktur entsprechend den Verhältnissen des eigenen Landes durchführen ==&lt;br /&gt;
(29. September 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit [[Wojciech Jaruzelski]], Erster Sekretär des Zentralkomitees der [[Polnische Vereinigte Arbeiterpartei|Vereinigten Arbeiterpartei Polens]] und Vorsitzender des Ministerrates der [[Volksrepublik Polen (1947–1989)|Volksrepublik Polen]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere beiden Länder führen Reformen durch. Wir haben eine Reform der politischen Struktur vor, die sich in vieler Hinsicht von der Euren unterscheidet, ein guter Beleg dafür, daß Ihr von Euren Verhältnissen ausgehend Entscheidungen trefft und wir dies entsprechend unseren Verhältnissen tun. Die Verhältnisse in unseren beiden Ländern sind verschieden, so auch die konkreten Verfahren trotz gleicher Zielsetzung, die im wesentlichen folgende drei Punkte beinhaltet: 1. Die Festigung der sozialistischen Gesellschaftsordnung; 2. die Entwicklung der sozialistischen Produktivkrafte; 3. die Entfaltung der sozialistischen Demokratie, die Mobilisierung der Initiativen der Volksmassen, in deren Mittelpunkt die Entwicklung der Produktivkräfte steht. Mit der Entwicklung der Produktivkräfte kann der Lebensstandard der Bevölkerung verbessert und der sozialistische Staat gestärkt, die sozialistische Gesellschaftsordnung gefestigt und gekräftigt werden. Deshalb verstehen wir Eure Politik und Eure Maßnahmen. Unsere Reformen sind große Experimente. Man kann unmöglich alles auf einmal erledigen, und manchmal wird man sogar Fehler machen; das ist nicht so schlimm. Die Fehler können rechtzeitig korrigiert werden, wenn wir den Mut haben, forschend voranzuschreiten und dabei sorgfältig und umsichtig zu handeln. Kleine Fehler sind kaum zu vermeiden, man sollte aber sein Bestes tun, um große Fehler zu verhindern. Bei einen solchen Vorgehen ist nichts Schlimmes zu befürchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die politische Struktur in unseren beiden Ländern wurde nach dem sowjetischen Modell errichtet. Es scheint, daß dies Modell auch in der Sowjetunion nicht ganz gelungen ist. Selbst wenn es in der Sowjetunion vollkommen gelungen wäre würde es den chinesischen Verhältnissen entsprechen, würde es den polnischen Verhältnissen entsprechen? Die Verhältnisse der Länder unterscheiden sich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== EINIGE VORSTELLUNGEN ÜBER DIE REFORM DER POLITISCHEN STRUKTUR ==&lt;br /&gt;
(9. November 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit dem [[Japan|japanischen]] Ministerpräsidenten [[Yasuhiro Nakasone]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Fragen der Reform der politischen Struktur haben wir noch keine klare Konzeption. Ich denke, sie sollte auf drei Ziele ausgerichtet sein:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das erste Ziel ist die Erhaltung der ungeminderten Lebenskraft der Partei und des Staates. Diese Lebenskraft hängt mit der Verjüngung der Führung zusammen. Schon vor einigen Jahren haben wir gefordert, daß der Kaderstab revolutionär, jung, gebildet und spezialisiert sein muß. In den letzten Jahren haben wir in dieser Hinsicht einiges geleistet, was aber nur den Anfang darstellen kann. Das erste Ziel der Reform der politischen Struktur läßt sich nicht in drei oder fünf Jahren verwirklichen; wenn wir es in 15 Jahren erreichen können, so wäre dies schon ein guter Erfolg. Der XIII. Parteitag im kommenden Jahr wird einen Schritt vorwärts tun, kann aber nicht die ganze Aufgabe erfüllen. Unser Plan ist, auf dem XIV. Parteitag einen weiteren Schritt in diese Richtung zu gehen und auf dem XV. Parteitag diese Aufgabe abschließend zu erfüllen. Dies ist ein Vorhaben, das unsere Generation nicht mehr zu Ende führen kann. Aber es ist sehr wichtig, ein Ziel abzustecken. Es wäre schön, daß eines Tages China über ein großes Kontingent von ausgezeichneten dreißigbis vierzigjährigen Politikern, Wirtschaftsexperten, Verwaltungsfachkräften, Wissenschaftlern, Literaten und Experten für alle anderen Gebiete verfügte. Maßnahmen zur Förderung junger Menschen, einschließlich Maßnahmen im Bildungswesen müssen ausgearbeitet werden. Streng genommen, haben wir in dieser Richtung bislang nur den ersten Schritt getan. Es sind noch sehr viele Probleme zu überdenken und viele Maßnahmen zu ergreifen; wir müssen handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das zweite Ziel ist die Überwindung des Bürokratismus und die Erhöhung der Arbeitsleistung. Die niedrige Arbeitseffektivität steht mit unseren aufgeblähten Apparaten, der personellen Überbesetzung und dem schlampigen Arbeitsstil in Zusammenhang. Die wichtigste Ursache dafür ist jedoch darin zu suchen, daß die Funktionen der Partei von denen der Regierung nicht getrennt sind, daß in vielen Angelegenheiten die Partei statt der Regierung handelt, daß es vielfach Ressortsüberschneidungen zwischen der Partei und der Regierung gibt. Das Festhalten an der Führung durch die Partei ist eine chinesische Besonderheit, auf die wir nicht verzichten dürfen. Aber die Partei muß es verstehen, die Führung sachgerecht wahrzunehmen. Diese Frage haben wir schon vor einigen Jahren zur Sprache gebracht, über ihre Lösung haben wir aber bis jetzt noch keine klare Vorstellung. Die vier Modernisierungen können ohne hohe Effizienz nicht verwirklicht werden. Die heutige Welt entwickelt sich stürmisch, die Menschheit macht tagtäglich riesige Fortschritte. Dies gilt besonders für den Bereich von Wissenschaft und Technologie. Ein Jahr Rückstand kann man nur schwer aufholen. Wir müssen die Frage der Arbeitseffektivität gut lösen. Zur Steigerung der Arbeitsleistungen gehören neben der Trennung der Funktionen von Partei und Regierung auch noch andere Fragen, die gelöst werden müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das dritte Ziel ist die Entfaltung der Initiative der Basiseinheiten, der Arbeiter, der Bauern und der Intellektuellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige der positiven Erfahrungen, die wir bei unserer Reform gemacht haben, beruhen auf der Aktivierung der Bauern und der Weitergabe der Machtbefugnisse nach unten. Die Reform auf dem Lande ist eine Form der Delegierung der Machtbefugnisse. Die Betriebe und Bergwerke müssen ebenfalls ihre Machtbefugnisse an die Basiseinheiten weitergeben, um die Arbeiter und Intellektuellen zu aktivieren, indem sie es ihnen ermöglichen, sich an der Verwaltung zu beteiligen. Wir nennen das Demokratisierung der Verwaltung. Alle Bereiche müssen dieses Problem lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die vier Modernisierungen können nur erfolgreich sein, wenn die Führungsschicht voller Vitalität ist, der Bürokratismus überwunden, die Arbeitseffektivität erhöht und die Initiativen der Basiseinheiten und des Volkes freigesetzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob diese drei Punkte die Ziele der Reform der politischen Struktur umfassen, ob nur zwei dieser Punkte oder ob ein vierter und ein fünfter Punkt hinzukommen müssen, darüber diskutieren wir noch. Unser XIII. Parteitag wird noch keine umfassende Richtlinie für die Reform aufstellen können, dazu ist die Zeit zu knapp; bis dahin steht uns nicht einmal mehr ein Jahr zur Verfügung. Es ist anzunehmen, daß der XIII. Parteitag einige dieser Punkte unterbreiten wird, zu denen 1988 und 1989 weitere Punkte hinzukommen. Ich habe jetzt nur über die Notwendigkeit und die Dringlichkeit der Reform der politischen Struktur gesprochen. Wir können hierfür noch nicht auf ausgereifte Erfahrungen zurückgreifen, wir müssen forschend vorangehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eindeutige Position im Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung beziehen ==&lt;br /&gt;
(30. Demzember 1986)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit einigen führenden Funktionären des Zentralkomitees der [[KP Chinas|Partei]] über die Studentenunruhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Studenten stiften Unruhen, ernste Folgen sind daraus nicht zu befürchten. Aber vom Wesen der Frage aus betrachtet, ist dies doch ein sehr schwerwiegender Vorgang. Gegen diejenigen, die das Tiananmen-Tor bestürmen, müssen strenge Maßnahmen eingeleitet werden. Da die Stadt Beijing Bestimmungen über Demonstrationen und Aufmärsche erlassen hat, müssen diese auch entschieden durchgesetzt werden, denn sie haben Gesetzeskraft. In dieser Frage dürfen wir keinen Kompromiß eingehen. Den bisherigen Studentenunruhen gegenüber haben wir hauptsächlich zu Methoden der ,,Ableitung&amp;quot; gegriffen, dies war notwendig. Aber wenn Studenten die gesellschaftliche Ordnung stören, gegen gesetzliche Bestimmungen des Strafrechts verstoßen, müssen sie entschieden gemaßregelt werden. Die „Ableitung“ umfaßt auch gerichtliche Schritte. Zu Unruhen kommt es dort, wo die Führung unschlüssig ist und keine eindeutige Position gegen derartige Umtriebe bezieht. Diese Probleme bestehen nicht nur an einem oder an zwei Orten und nicht erst seit einem oder seit zwei Jahren, sondern sie sind Ergebnisse der Tatsache, daß in den vergangenen Jahren nicht mit klarem Standpunkt und entschiedener Haltung gegen die ideologische Strömung der bürgerlichen Liberalisierung vorgegangen wurde. Wir müssen uns ganz eindeutig zu den vier Grundprinzipien bekennen, ansonsten überlassen wir der bürgerlichen Liberalisierung das Feld. Hier liegt die Kernfrage. Die gegenwärtigen Vorfälle rütteln uns wach; so gesehen ist das nicht einmal schlecht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Äußerungen Fang Lizhis&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fang Lizhi, 1936 in Hangzhou, Provinz Zhejiang, geboren, war stellvertretender Direktor der Chinesischen Universität für Wissenschaft und Technologien. Er wurde am 17. Januar 1987 aus der Partei ausgeschlossen, weil er durch die Propagierung der bürgerlichen Liberalisierung seine Qualifikation als Parteimitglied verlor. Zur Zeit arbeitet er im Beijinger Planetarium als Forschungsmitglied.&amp;lt;/ref&amp;gt; gelesen. Diese Äußerungen enthalten nichts, was einen Kommunisten kennzeichnet. Was hat es für einen Sinn, wenn Leute dieses Schlages weiter in der Partei bleiben? Es geht hier nicht darum, sie zum Austritt aus der Partei zu bewegen, sondern nur darum, sie aus der Partei auszuschließen. Es gibt Menschen, die, ohne ihre Auffassungen aufzugeben, sich dennoch von den jüngsten Unruhen distanzieren; das ist gut so. Man kann seine Ansicht beibehalten, solange man sich von parteifeindlichen und antisozialistischen Handlungen distanziert. Wang Ruowang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wang Ruowang, 1917 in Wujin, Provinz Jiangsu, geboren, ist Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes der Stadt Shanghai und des Chinesischen Schriftstellerverbandes. Er wurde am 13. Januar 1987 aus der Partei ausgeschlossen, da er sich propagandistisch für die bürgerliche Liberalisierung einsetzte, die vier Grundprinzipien bekämpfte und dadurch die Voraussetzungen für die Parteimitgliedschaft einbußte.&amp;lt;/ref&amp;gt; in Shanghai benimmt sich dunkelhaft. Schon vor längerer Zeit sprach man von seinem Ausschluß aus der Partei. Warum geschieht das bis heute nicht? Unter den Einwohnern Shanghais kursierte das Geracht, daß es im Zentralkomitee der Partei Personenschutz und zwei Meinungen über das Festhalten an den vier Grundprinzipien sowie über den Kampf gegen die Liberalisierung gibt. Nach dem Ausbruch der Unruhen wollten die Shanghaier erst einmal abwarten. Man muß feststellen, daß die ideologisch-theoretische Front von den zentralen bis hin zu den örtlichen Ebenen kraftlos ist, so daß sie das Feld verloren und der bürgerlichen Liberalisierung freien Lauf gelassen haben. Daher finden gutmeinende Menschen keine Unterstützung und schlechte Elemente werden tollwütig. Die gutwilligen bringen nicht den Mut auf, ihre Meinung offen auszusprechen, und erwecken den Eindruck, im Unrecht zu sein. Nein, sie sind nicht im Unrecht. Wir müssen uns für die vier Grundprinzipien, für die demokratische Diktatur des Volkes einsetzen. Ohne die demokratische Diktatur des Volkes ist es ausgeschlossen, eine politische Lage der Einheit und Stabilität zu wahren. Wir dürfen es nicht zulassen, daß Leute, die die Wahrheit auf den Kopf stellen, aus schwarz weiß machen und Gerüchte in die Welt setzen, ungehindert agieren und die Volksmassen aufwiegeln. Haben wir vor etlichen Jahren nicht einige Personen, die Liberalisierung betrieben und gegen gesetzliche Bestimmungen des Strafrechts verstießen, gesetzmäßig bestraft? Ist China deswegen in Verruf gekommen? Das Image Chinas hat nicht darunter gelitten. Stattdessen wächst unser Ansehen von Tag zu Tag. Wir setzen uns für Demokratie ein, dürfen jedoch weder die bürgerliche Demokratie kopieren noch so etwas wie eine der Dreiteilung der Gewalt zulassen. Ich habe wiederholt die Machthaber in den USA mit dem Hinweis kritisiert, sie hätten in Wirklichkeit drei Regierungen. Natürlich sind dies die Machtmittel der amerikanischen Bourgeoisie, die sie gegen andere Länder einsetzt, selbst wenn sie im Innern Streitigkeiten und Schwierigkeiten verursachen. Wir können zu dieser Methode nicht greifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir verfolgen die Öffnungspolitik nach außen; wir lernen von den Technologien der Ausländer und nutzen deren Kapital, aber wir sind uns bewußt, daß dies nur als eine Ergänzung für den sozialistischen Aufbau zu betrachten ist. Wir dürfen den sozialistischen Weg nicht verlassen. Wir müssen unsere gesellschaftlichen Produktivkräfte und den volkseigenen Sektor entwickeln und das Einkommen des ganzen Volkes erhöhen. Wir erlauben einigen Gebieten und Einzelpersonen, zuerst wohlhabend zu werden mit dem Ziel des gemeinsamen Wohlstands; aber gerade deshalb müssen wir jede Polarisierung vermeiden. Das ist der Sozialismus. Wir treten für den gemeinsamen Wohlstand ein, lassen aber auch Unterschiede zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne die Führung durch die Kommunistische Partei Chinas, ohne den Sozialismus hat China keine Zukunft. Dieser Tatsache hat sich bestätigt, sie wird sich weiter bestätigen. Wenn wir ein Bruttosozialprodukt von 4000 US-Dollar pro Kopf erreichen, und zwar unter gemeinsamem Wohlstand, dann werden wir die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus überzeugender demonstrieren, den Drei Viertel der Weltbevölkerung die Kampforientierung deutlicher zeigen und die Richtigkeit des Marxismus noch eindrucksvoller unter Beweis stellen können. Von daher haben wir allen Grund, am sozialistischen Weg, an den vier Grundprinzipien festzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne diktatorische Mittel geht das nicht. Von diesen wollen wir nicht nur reden, sondern sie, wenn nötig, auch anwenden. Bei der Anwendung dieser Mittel muß man, versteht sich, größte Umsicht walten lassen. Mit dem Mittel der Inhaftierung muß man höchst sparsam umgehen. Aber wenn Menschen auftreten, die blutige Zwischenfälle zu provozieren beabsichtigen, was bleibt anderes übrig? Unsere Vorgehensweise zielt darauf ab, zuerst ihre Intrigen zu entlarven und nach besten Kräften Blutvergießen zu vermeiden, wobei wir sogar in Kauf nehmen, daß unsere eigenen Leute von anderen geschlagen werden. Aber die Anführer, die zudem gegen gesetzliche Bestimmungen des Strafrechts verstoßen haben, müssen gerichtlich belangt werden. Ohne diesen Entschluß können wir die jüngsten Unruhen nicht in den Griff bekommen. Weichen wir, ohne Maßnahmen eingeleitet zu haben, zurück, wird die zukünftige Entwicklung uns noch schlimmer zu schaffen machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Studentenunruhen hat sich die Haltung der Demokratischen Parteien bewährt; dies betrifft auch einige bekannte Demokraten wie Zhou Gucheng,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;25 Zhou Gucheng, 1898 in Yiyang, Provinz Hunan, geboren, ist Professor an der Fudan-Universität. Er ist Vorsitzender des Zentralkomitees der Demokratischen Partei der Bauern und Arbeiter Chinas und stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses der VR China.&amp;lt;/ref&amp;gt; Fei Xiaotong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fei Xiaotong, 1910 in Wujiang, Provinz Jiangsu, geboren, ist Professor an der Beijing-Universität und am Zentralen Institut für die Nationalen Minderheiten. Er ist Vorsitzender der Demokratischen Liga Chinas und stellvertretender Vorsitzender des Landeskomitees der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Qian Weichang.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Qian Weichang, 1912 in Wuxi, Provinz Jiangsu, geboren, ist Rektor der Technischen Universität Shanghai. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Demokratischen Liga Chinas und stellvertretender Vorsitzender des Landeskomitees der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes.&amp;lt;/ref&amp;gt; Paradoxerweise haben sich manche unserer Parteimitglieder unkorrekt benommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diejenigen, die sich unverkennbar dem Sozialismus, der Kommunistischen Partei widersetzen, werden diesmal zur Verantwortung gezogen werden. Dies könnte Wellen schlagen, aber auch davor brauchen wir keine Angst zu haben. Die Fälle Fang Lizhi, Liu Bingyan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liu Binyan, 1925 in Changchun, Provinz Jilin, geboren, arbeitet als Korrespondent der „Renmin Ribao&amp;quot;, er ist stellvertretender Vorsitzender des Chinesischen Schriftstellerverbandes. Durch die Propagierung der bürgerlichen Liberalisierung und die Bekämpfung der vier Grundprinzipien bußte er die Qualifikation für die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Chinas ein und wurde am 23.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Januar 1987 aus der Partei ausgeschlossen.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Wang Ruowang müssen streng behandelt werden. Sie haben ihre Dreistigkeit ins Extrem getrieben und wollen die Kommunistische Partei ummodeln. Wo nehmen sie noch die Qualifikation her, Kommunisten zu sein?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der 6. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei wollte ich eigentlich keine Rede halten. Später zwangen mich die Umstände, einige Bemerkungen darüber zu machen, daß der Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung mit Notwendigkeit in das Dokument aufgenommen werden müsse. Mir scheint, daß diese Worte nicht viel bewirkt haben. Ich habe gehört, daß sie nicht weitergegeben worden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis heute habe ich meine Auffassung über den Kampf gegen die geistige Verseuchung nicht aufgegeben. Ich bin dafür, daß meine auf der 2. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Partei gehaltene Rede in die Sammlung meiner Schriften aufgenommen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung wird zumindest noch zwei Jahrzehnte dauern. Die Demokratie kann sich nur Schritt für Schritt entwickeln. Wir dürfen die westlichen Modelle nicht kritiklos übernehmen. Täten wir dies, entstünde großes Chaos. Der Aufbau des Sozialismus muß unter Führung und geordnet erfolgen, wozu Stabilität und Einheit unbedingte Voraussetzung sind. Dies ist der Grund, weshalb ich nachdrücklich auf die Notwendigkeit des Ideals und der Disziplin hingewiesen habe. Lassen wir der bürgerlichen Liberalisierung freien Lauf, wird China erneut in Chaos gestürzt werden. Die bürgerliche Liberalisierung ist darauf gerichtet, sich der Führung durch die Partei zu entziehen. Dadurch würde unserem eine Milliarde Menschen zählenden Volk die Kraft, die es zusammenhält, fehlen, so daß es seine Kampfkraft einbüßt. Wie kann eine Partei, die sich nicht mit einer Massenorganisation vergleichen kann, noch das Volk beim Aufbau führen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf gegen die bürgerlichen Rechte im Jahr 1957&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im April 1957 beschloß das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas, in der ganzen Partei eine Ausrichtungsbewegung gegen Bürokratismus, Sektierertum und Subjektivismus durchzuführen. Eine Handvoll bürgerlicher Rechtskräfte mißbrauchte dies zum Angriff auf die Kommunistische Partei und das neugeborene sozialistische System mit dem Ziel, die Führung durch die Kom- munistische Partei in Frage zu stellen. Im Juni ordnete das Zentralkomitee der Partei an, diese Angriffe zurückzuschlagen. Dies war in der damaligen Situation notwendig. Die Ausmaße des Kampfes gegen die Rechten wurden jedoch überzogen. 1978 beschloß das Zentralkomitee der Partei, alle Falle zu überprüfen und die falschlicherweise als „bürgerlichen Rechtselemente&amp;quot; verfolgten Personen zu rehabi- litieren.&amp;lt;/ref&amp;gt; war in manchen Fällen überzogen, und die Betroffenen müssen rehabilitiert werden. Aber die Bewegung als Ganzes haben wir nicht verneint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch der Kampf gegen die bürgerliche Liberalisierung ist unerläßlich. Wir brauchen keine Angst davor zu haben, daß Ausländer uns nachsagen, wir untergrüben damit unseren guten Ruf. Nur solange China seinen eigenen Weg geht und den Sozialismus chinesischer Prägung errichtet, gibt es Hoffnung für China. Wir müssen den Ausländern zeigen, daß die politische Lage in China stabil ist. Wenn in China alles durcheinandergeht und es einem Haufen lockeren Sandes gleicht, wo ist dann noch Hoffnung für das Land zu finden? In der Vergangenheit gelang es den Imperialisten uns zu tyrannisieren, weil wir ein Haufen leichten Sandes waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Behandlung der Studentenunruhen ist eine wichtige Angelegenheit. Die Führung muß einen klaren Standpunkt beziehen, nur so können sich die Massen Klarheit darüber verschaffen. Die drei Artikel in der „Renmin Ribao&amp;quot; (Volkszeitung) waren recht gut geschrieben, ebenfalls der Leitartikel in der Beijing Ribao&amp;quot; unter der Überschrift „Dazibaos stehen nicht unter dem Schutz des Gesetzes&amp;quot;. Auch die Rede Li Ruihuans&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Li Ruihuan, 1934 in Baodi bei Tianjin geboren, ist stellvertretender Sekretar des Parteikomitees der Stadt Tianjin und Oberbürgermeister der Stadt Tianjin.&amp;lt;/ref&amp;gt; war richtig. Nur wenn die Führung klare Stellung bezieht und die aktiven Kräfte unterstützt, können sich die zwischen den Meinungen schwankenden Menschen auf unsere Seite schlagen. Wenn die Führung einen festen Standpunkt wahrt, kann es nicht mehr zu Unruhen kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Störungen ausschalten und unbeirrbar die Politik der Reform und der Öffnung nach Außen fortführen ==&lt;br /&gt;
(13. Januar 1987)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit [[Noborn Takeshita]], Generalsekretär der [[Liberaldemokratische Partei (Japan)|Liberaldemokratischen Partei Japans]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor kurzem hat es Studentenunruhen gegeben. Dem Wesen nach unterscheiden sie sich von den Straßendemonstrationen der Studenten am 18. September des vorletzten Jahres. Wir sind dabei, dieses Problem beizulegen. Nicht den Unruhen der Studenten, die höchstens zwei Prozent der Studenten des ganzen Landes umfassen, gilt unsere besondere Aufmerksamkeit. Nein, darin liegt nicht das Problem. Daß einige Studenten auf die Straßen gehen, das kann unsere Gesamtsituation nicht beeinträchtigen. Die Frage liegt viel mehr darin, daß auf ideologischem Gebiet einige Verwirrungen aufgetreten sind und daß die Studenten mangelhaft angeleitet wurden. Dies ist ein großer Fehler. Wir müssen die Situation der kraftlosen, schlaffen Anleitung der jungen Leute umkehren, sie anhand unserer Geschichte erziehen und gleichzeitig jene böswilligen Leute entlarven, deren Losungen unverkennbar gegen die Führung durch die Kommunistische Partei und gegen den sozialistischen Weg gerichtet waren. Manche Menschen versuchen, mit demagogischen Reden andere aufzuwiegeln. Sie bekämpfen einerseits die Führung durch die Kommunistische Partei und das sozialistische System, andererseits machen sie stark Reklame für die totale Verwestlichung und wollen das kapitalistische System komplett nach China importieren. Diese Aufwiegler sind zumeist bekannte Persönlichkeiten, denen wir entgegentreten müssen. Ausgerechnet sie sind in der Kommunistischen Partei zu finden. Die Kommunistische Partei muß eine Disziplinarordnung haben. Jede Partei auf der Welt, welche auch immer, hat ihre eigene Disziplinarordnung. Jetzt müssen wir uns mit genau diesen Problemen beschäftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Studentenunruhen werden keine großen Auswirkungen hervorrufen, sie können uns nicht zugrunde richten, zumal sie nur ein bis zwei Prozent der Studentenschaft des ganzen Landes umfassen. Kurz, ich möchte meinen Freunden sagen, daß wir angemessen derartige Vorfälle behandeln werden. Selbst wenn sich die Ereignisse ausweiten, würde dies die Grundlagen unseres Systems und unsere festgelegte Politik nicht beeinträchtigen. Unsere politische Lage der Stabilität und Einheit wird sich noch mehr festigen, wenn wir mit diesen Problemen fertig geworden sind. Wir werden die durch uns festgelegte Politik, einschließlich der Richtlinien für die Öffnung, für die Reform und den Aufbau, noch zügiger, sicherer und konsequenter fortführen. Wir werden durch die Behandlung dieser Ereignisse natürlich dazu gebracht, Erfahrungen zusammenzufassen und Schritt für Schritt Mißstände wie den Bürokratismus in unserer Arbeit zu überwinden. Letztendlich wird sich Negatives in Positives wandeln, und die Führung und das Volk werden noch besonnener handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reform und die vier Modernisierungen sind keineswegs einfach. Wir haben uns niemals in Selbstzufriedenheit gewiegt und nahmen zu keiner Zeit an, daß alles wie am Schnürchen ablaufen würde. Es ist mit Störungen aus verschiedenen Richtungen zu rechnen, Störungen von „linker“ wie auch von rechter Seite. Haben wir früher größere Aufmerksamkeit den Störungen von links&amp;quot; gewidmet und denen von rechts nicht genügend Beachtung geschenkt, so machen uns die jüngsten Studentenunruhen auf die Störungen von dieser Seite aufmerksam. Insofern sind sie letzten Endes eine nützliche Sache. Ich glaube, daß die Dinge, die wir in Zukunft unternehmen werden, die Richtigkeit unserer bestehenden Linie, unserer Orientierung und unserer Politik noch überzeugender unter Beweis stellen werden. Solange der Entwicklungstrend der letzten acht Jahre anhält, die Störungen der verschiedensten Seiten ausgeschaltet werden, sich die Wirtschaftsentwicklung und der Vormarsch fortsetzen und sich der Lebensstandard unseres Volks weiter erhöht, solange werden sich die Probleme von selbst lösen. Mit einem Wort: wir müssen Störungen ausschalten. Ohne eine politische Lage der Stabilität und der Einheit ist der Aufbau unmöglich, noch weniger möglich ist die Durchführung der Öffnungspolitik nach außen. Wie schwierig die Öffnung auch ist, viel komplizierter ist die Reform. Ohne eine Lage der politischen Stabilität und der Einheit können wir es zu nichts bringen. Noch ein Punkt: Wir müssen geordnet die Reform durchführen. Geordnet bedeutet, sowohl kühn als auch umsichtig vorzugehen, rechtzeitig alle Erfahrungen auszuwerten und mit sicheren Schritten vorwärtszuschreiten. Ohne Ordnung werden wir unsere Kraft in der Auseinandersetzung mit Störungen aufreiben und die Reform nicht mehr zum Erfolg führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen den Studenten klarmachen, wo die Gefahr liegt. Dabei genügt es nicht, daß wir ihnen lediglich begûtigend auf die Schultern klopfen. Wir müssen ihnen klarmachen, wo das Recht und das Unrecht liegt, und ihnen die gesamtgesellschaftliche Dimension der Dinge erläutern. Recht und Unrecht betreffen die Grundinteressen unseres Landes und die Dimension das grundlegende Ziel – die Verwirklichung des Sozialismus in China, das heißt also die Frage, ob wir die für das Ende dieses Jahrhunderts und die für das nächste Jahrhundert abgesteckten Ziele erreichen können. Die Liebe zur Jugend findet in aufrichtiger Anleitung ihren Ausdruck. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei im Jahr 1978 treten wir gegen den Anarchismus und den extremen Egoismus auf. Und jetzt gibt es Menschen, die unsere Gesellschaft in einen Zustand der Gesetzlosigkeit stürzen wollen. Wie können wir das zulassen? Selbst die kapitalistische Gesellschaft läßt keinen Zustand der Gesetzlosigkeit zu, geschweige denn wir, die wir am sozialistischen System festhalten und den Sozialismus chinesischer Prägung aufbauen wollen! Sie alle hier zeigen großes Interesse an diesem Problem. Ich möchte meinen Freunden sagen, daß die Studentenunruhen keine ernsten Probleme mit sich bringen und unsere bestehende Politik, die Richtlinie der Reform und der Öffnung nach außen nicht in Mitleidenschaft ziehen werden. Dieser Vorfall macht uns und alle unsere Freunde darauf aufmerksam, daß man bei der Betrachtung der Chinafrage ihre Kompliziertheit unbedingt erkennen muß. Es ist kein Wunder, daß sich in China, einem Land mit einer Milliardenbevölkerung, die sich aus Dutzenden von Nationalitäten zusammensetzt, das in den vergangenen drei Jahrzehnten seit der Gründung der Volksrepublik manche Aufund Abschwünge durchgemacht hat, derartige Vorfälle ereigneten. Wir sind bemüht, eine Dramatisierung der Ereignisse abzuwenden, aber selbst wenn sich die Ereignisse auf das Zehnfache vergrößerten, würden sie die Grundlage unseres Systems und unsere Politik nicht beeinträchtigen, weil unsere derzeitige Politik richtig ist und das Volk daraus Nutzen zieht. Während der „Kulturrevolution“ wurde die große Demokratie&amp;quot; praktiziert. Man glaubte damals, Aufwiegelung der Massen sei Demokratie, wodurch Probleme gelöst werden könnten. Was in Wirklichkeit daraus erwuchs, war der innere Konflikt. Wir verstehen nur zu gut diese historische Lehre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Erziehung im Sinne der vier Grundprinzipien verstärken, die Politik der Reform und der Öffnung nach Außen unbeirrt forführen ==&lt;br /&gt;
(20. Januar 1987)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit dem Ministerpräsidenten von [[Simbabwe|Zimbabwe]], [[Robert Mugabe]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der jüngsten Zeit hat es bei uns einige Vorfälle gegeben. Erstens die Studentenunruhen und zweitens den Wechsel des Generalsekretärs der Partei. Warum stiften Studenten Unruhen? Im Kern spiegelt diese Angelegenheit die Schwäche unserer Führung wider. Wir reden vom „Festhalten&amp;quot; an den vier Grundprinzipien, nämlich vom Festhalten am sozialistischen Weg, an der demokratischen Diktatur des Volkes, an der Führung durch die Kommunistische Partei und am Marxismus-Leninismus und den Mao-Zedong-Ideen. Es ist erforderlich, unser Volk ständig im Sinne dieser vier Grundprinzipien zu erziehen. Seit Jahren existiert eine ideologische Strömung der bürgerlichen Liberalisierung, gegen die wir nicht kraftvoll genug vorgegangen sind. Obwohl ich mehrmals mit Nachdruck auf dieses Problem aufmerksam gemacht habe, zeigt sich die Führung unserer Partei in der praktischen Arbeit nicht energisch genug. Dies ist ein großer Fehler des Genossen Hu Yaobang. Daher hat das Zentralkomitee der Partei seinem Rücktrittsgesuch von der Funktion des Generalsekretärs der Partei stattgegeben und Genossen Zhao Ziyang zum amtierenden Generalsekretär der Partei empfohlen. Diese beiden Ereignisse sind miteinander verbunden; es sind keine belanglosen Angelegenheiten. Unsere Partei besitzt voll die Fähigkeit, diese Dinge zu bereinigen. Unsere Behandlung der Frage hinsichtlich des Genossen Hu Yaobang war sachgerecht und vernünftig, man kann sagen, die Behandlung war recht mild, und das Problem wurde reibungslos gelöst. Die Beilegung beider Ereignisse wird die Linie, die Richtlinien und die Politik unserer Partei nicht beeintächtigen, ebensowenig die Öffnungspolitik nach außen und innen, die Reform der Wirtschaftsstruktur und die Reform der politischen Struktur. Im Gegenteil: unsere Partei und unser Volk werden dadurch noch besonnener werden und noch fester von der Richtigkeit unseres Weges überzeugt sein. Trotz dieser beiden Zwischenfälle laufen die Dinge wie zuvor, es wird keine Änderung geben. Das möchte ich den Genossen versichern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den vergangenen acht Jahren sind die von der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei festgelegte Linie, die Richtlinien und die Politik erfolgreich durchgesetzt worden, unser Staat hat sich unverkennbar entwickelt und das Leben der Einwohner hat sich zusehends verbessert. Auch die Studentenunruhen können nicht über diese Tatsache hinwegtäuschen. Dennoch sind unsere Kräfte begrenzt. Bis Ende dieses Jahrhunderts befinden wir uns weiter in einer Phase, in der wir versuchen, unsere Armut abzuschütteln. 1980 betrug das Bruttosozialprodukt pro Kopf in China nur 250 US-Dollar, gegenwärtig liegt es erst bei 400 US-Dollar. Damit stehen wir hinter hundert Ländern zurück. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werden wir einen bescheidenen Wohlstand erreichen ein Bruttosozialprodukt von 800 bis 1000 US-Dollar pro Einwohner. Bis dahin werden wir eine bescheidene, wenn auch etwas günstigere Grundlage für unser zweites Ziel geschaffen haben. In den folgenden 30 bis 50 Jahren kann unser Volk einen mittleren Lebensstandard erreichen. Wie die Dinge liegen, kann das erste Ziel erfüllt werden; es besteht daher durchaus die Chance, daß auch das zweite Ziel erreicht werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfolge in den vergangenen acht Jahren sind hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß wir bei der Festlegung unserer Politik von den realen Verhältnissen und von unseren eigenen Anstrengungen ausgegangen sind. Die von uns aufgestellten Ziele sind realistisch. Die Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung bedarf eines langen Prozesses voll harten Kampfes. Seit der Gründung der Volksrepublik haben wir wiederholt Fehler begangen, sie alle aus Überstürztheit sowie überhöhter und realitätsfremder Zielsetzung erwuchsen. Eile mit Weile. Der Aufbau des Sozialismus ist keine leichte Sache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Will ein Staat seine wahre politische Unabhängigkeit erringen, muß er vor allem seine Armut abschütteln. Um aber die Armut abschütteln zu können, muß er seine Wirtschaftspolitik und seine Außenpolitik auf den Boden der eigenen Realität stellen. Er darf sich selbst keine Hindernisse in den Weg legen und sich nicht von der Außenwelt abkapseln. Nach den chinesischen Erfahrungen ist eine Isolation von der Außenwelt für die eigene Entwicklung ungünstig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China muß, um sich zu entwickeln, an der Politik der Öffnung nach außen und an der Reform im Innern festhalten. Die Reform umfaßt die Reform der politischen Struktur des Überbaus. Chinas Politik der Öffnung nach außen ist richtig und hat dem Land große Vorteile gebracht. Wenn man von Mängeln spricht, so liegen sie allenfalls darin, daß sich China nicht weit genug geöffnet hat. Wir werden unsere Öffnung fortsetzen, und zwar in größerem Stil. Weil wir überaus große Aufnahmefähigkeit besitzen und unsere Politik richtig ist, kann die Öffnung die Grundlage unserer sozialistischen Gesellschaftsordnung nicht gefährden. Wir erziehen unser Volk im Sinne des Festhaltens an den vier Grundprinzipien; darin liegt eine grundlegende Garantie für den Erfolg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Festhalten am Sozialismus verlangt die Befreiung von der Armut ==&lt;br /&gt;
(26. April 1987)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;nowiki&amp;gt;*&amp;lt;/nowiki&amp;gt;Auszug aus einem Gespräch mit [[Lubomir Strougal]], Ministerpräsident der [[Tschechoslowakische Sozialistische Republik|CSSR]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beziehungen zwischen unseren beiden Parteien und Ländern waren, so kann man sagen, eine lange Zeit unterbrochen. In bezug auf die Beziehungen zu den osteuropäischen Ländern und Parteien tragen wir eine große Verantwortung. Während eines langen Zeitraums haben wir die besondere Situation, in der sich die osteuropäischen Länder und Parteien befanden, nicht richtig verstanden. Nach der Zerschlagung der „Viererbande“ begannen wir, ihre Lage zu begreifen; wir brachten auch Verständnis für den Zwischenfall in Polen und für Eure Lage auf. Wir sind dafür, die Vergangenheit für immer zu begraben. In den letzten Jahren sind die dunklen Wolken über uns verflogen, unsere Beziehungen haben sich nicht schlecht entwickelt. Der Besucheraustausch hat sich vermehrt. Durch Euren Besuch, den bevorstehenden Besuch des Genossen Zhao Ziyang in Eurem Land und den geplanten Besuch des Genossen Gustav Husak&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gustav Husak, 1913 geboren, ist Generalsekretär des Zentraikomitees der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei und Präsident der CSSR.&amp;lt;/ref&amp;gt; in China werden sich unsere Beziehungen auf einer neuen Ebene entwickeln. Die Vergangenheit ist vorüber; wir wollen der Zukunft entgegengehen und zwar beständig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr seid uns in der Entwicklung von Wissenschaft und Technologie und in der Industrie um viele Jahre voraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China ist rückständig, aber nicht in jeder Hinsicht. Wir können zusammenarbeiten und uns gegenseitig ergänzen. Ihr habt viele Dinge, von denen wir lernen können. In den 50er Jahren habt Ihr uns sehr geholfen. In den 50er Jahren haben wir eine Grundlage für die industrielle Entwicklung geschaffen, dazu habt Ihr Euren Teil beigetragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr habt gut gearbeitet. Es ist nicht leicht gewesen, den jetzigen Stand zu erreichen. Ihr habt besser gearbeitet als wir. Was uns betrifft, so zählen nur die letzten acht Jahre, in denen wir besser gearbeitet haben. Wir haben in der Vergangenheit viel zuviel versäumt. Besonders während der zehnjährigen „Kulturrevolution&amp;quot; bereiteten wir uns selbst Schwierigkeiten, brachten Verhängnisse über uns. Aber wir können aus Fehlern nützliche Lehren ziehen. Die von der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei 1978 festgelegte Politik und die Richtlinien, die wir zur Zeit befolgen, sind Ergebnisse unserer Auswertung der „Kulturrevolution&amp;quot;. Die wichtigste Erfahrung dabei ist, sich klar zu machen, was Sozialismus und Kommunismus bedeuten und wie der Sozialismus aufgebaut werden kann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir scheint, daß uns der gleiche Gedanke beschäftigt hat. Hinsichtlich aktueller Probleme haben wir ähnliche Kurse und Richtlinien, einschließlich mancher Methoden, ausgearbeitet. Der Aufbau des Sozialismus ist unsere gemeinsame Orientierung. Aber wie dieser Aufbau vor sich gehen soll, das muß man ausgehend von den konkreten Verhältnissen jedes Landes entscheiden. Ich glaube, Ihr könnt verstehen, warum wir unseren Aufbau als „Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung&amp;quot; formuliert haben. Auch der Sozialismus in der Tschechoslowakei muß den tschechoslowakischen Verhältnissen entsprechen. Man darf keine ausländischen Modelle kopieren. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten ausländische Modelle nachgeahmt, mit schlechten Ergebnissen. Ihr unterscheidet Euch von Ungarn, auch von Bulgarien. Ich denke, Ihr unterscheidet Euch auch von der DDR, deren Entwicklungsniveau dem Euren annähernd gleich ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben in der Vergangenheit starr an überlieferten Formen festgehalten und viele Jahre hindurch den Aufbau hinter verschlossenen Türen betrieben; die Resultate waren äußerst mager. Natürlich haben auch wir uns allmählich entwickelt, aber insgesamt gesehen, traten wir lange Zeit auf der Stelle. Einiges haben wir geleistet, z. B. die erfolgreiche Entwicklung von Atombomben, H-Bomben und Interkontinentalraketen, aber das Volk lebte doch in Armut. Während der „Kulturrevolution&amp;quot; stellte die „Viererbande&amp;quot; die alberne Losung auf: „lieber armer Sozialismus und Kommunismus als wohlhabender Kapitalismus“. Kein wohlhabender Kapitalismus, richtig, aber darf man denn von einem armen Sozialismus und Kommunismus sprechen? Die Folge war, daß China stagnierte. Diese Umstände zwangen dazu, uns die Probleme erneut durch den Kopf gehen zu lassen. Unsere erste Überlegung war: wir müssen am Sozialismus festhalten, und am Sozialismus festzuhalten bedeutet, in erster Linie Armut und Rückständigkeit abzuschütteln, tatkräftig die Produktivkräfte zu entwickeln und die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus deutlich zu demonstrieren. Um dies zu erreichen, mußten wir den Schwerpunkt unserer Arbeit auf die vier sozialistischen Modernisierungen verlagern und uns diese zum Kampfziel für die kommenden Jahrzehnte setzen. Aus früheren Lehren heraus wissen wir, daß wir die Abkapselung durchbrechen und die Initiativen des Volkes aktivieren müssen. Ausgehend von dieser Überlegung haben wir die Politik der Öffnung und der Reform ausgearbeitet. Die Öffnung hat zwei Aspekte: die Öffnung nach innen und nach außen. Ohne die erstere kann die Leistungsbereitschaft des Volkes nicht freigesetzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Ihr haben wir die ländlichen Gebiete zum Ausgangspunkt genommen. Die Öffnung der ländlichen Gebiete trug schnell Früchte. In einigen Orten verbesserte sich die Lage schon innerhalb eines Jahres von Grund auf, in anderen innerhalb von zwei Jahren. Gestützt auf die Erfahrungen auf dem Lande haben wir uns auf die Städte umorientiert. Die Reform in den Städten geht bald ins vierte Jahr. Es gibt noch allerhand Arbeit zu leisten. Auch die Öffnung nach außen erzielte rasch Erfolge. China unterscheidet sich von Eurem Land. Seine Wissenschaft und seine Technologien liegen mehrere Jahre hinter den Euren zurück. China hat größere Schwierigkeiten als Euer Land. China besitzt viel zuviele Menschen, zur Zeit hat es schon 1,05 Milliarden Einwohner. Es ist nicht leicht, das Einkommen einer so großen Bevölkerung zu erhöhen, ebenso schwierig ist es, in kurzer Zeit Armut und Rückständigkeit abzuschütteln. Bei allem muß man von der realen Situation ausgehen, darf die Ziele nicht realitätsfremd abstecken und für ihre Erreichung zu kurze Fristen ansetzen. Du hast soeben gesagt, wenn man an der Realität vorbeigeht und die Politik und die Entwicklungspläne auf Grund von Phantasien erstellt, wird das Schiff sinken. Unsere jüngste Erfahrung war, daß die überschnelle Entwicklung zwischen dem 4. Quartal 1984 und Ende 1985 manche Probleme mit sich brachte. Daher müssen wir die Entwicklung regulieren und auch einschränken. Es ist eine nützliche Sache, daß wir dabei Erfahrungen gesammelt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Insgesamt gesehen, sind unsere Ziele nicht zu hoch gesteckt. In 20 Jahren, beginnend von 1981 bis zum Ende dieses Jahrhunderts, ist eine Vervierfachung des Produktionswerts anzustreben und ein bescheidener Wohlstand zu erzielen. Das heißt mit anderen Worten, es gilt das Bruttosozialprodukt pro Kopf auf 800 bis 1000 US-Dollar zu steigern und darauf aufbauend in weiteren 50 Jahren das Bruttosozialprodukt pro Kopf auf 4000 US-Dollar zu erhöhen. Was bedeutet das? In der ersten Hälfte des nächsten Jahrhunderts können wir das Niveau eines Landes mit mittelhohem Entwicklungsstand erreichen. Die Erfüllung dieser Zielsetzung bedeutet: erstens, daß mit gewaltigen Schwierigkeiten zu rechnen ist, die durchaus nicht leicht zu überwinden sind; zweitens, daß China damit einen zählbaren Beitrag für die Entwicklung der Menschheit geleistet haben wird; drittens, daß die Überlegenheit des Sozialismus eindrucksvoller wird demonstriert werden können. Wir praktizieren das sozialistische Verteilungsprinzip. Ein Pro-Kopf-Einkommen von 4000 US-Dollar bei uns bedeutet nicht dasselbe, was 4000 US-Dollar pro Kopf in den kapitalistischen Ländern bedeuten. Bis dahin wird Chinas Bevölkerung 1,5 Milliarden betragen. 4000 US-Dollar Bruttosozialprodukt pro Einwohner bedeutet ein Bruttosozialprodukt des Staates in Höhe von 6000 Milliarden USDollar; damit wäre China in die vorderste Reihe der Welt aufgerückt. Dieses Ergebnis weist nicht nur der Dritten Welt, in der drei Viertel der Weltbevölkerung leben, einen Weg; was noch wichtiger ist: es zeigt der Menschheit, daß der Sozialismus der unumgängliche Weg ist und daß der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb verlangt der Aufbau des Sozialismus unbedingt die Entwicklung der Produktivkräfte. Armut hat nichts gemein mit Sozialismus. Wir wollen natürlich am Sozialismus festhalten. Wir wollen aber einen Sozialismus aufbauen, der dem Kapitalismus überlegen ist, in erster Linie einen Sozialismus, der frei von Armut ist. Zur Zeit betreiben wir zwar den Sozialismus, streng genommen, aber ist es kein qualifizierter Sozialismus. Erst ab Mitte des nächsten Jahrhunderts, wenn wir das Niveau eines Landes mit mittelhohem Entwicklungsstand erreicht haben, können wir mit vollem Recht behaupten, daß wir den Sozialismus aufbauen und daß der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist. Jetzt gehen wir in dieser Richtung voran. Beim Aufbau des Sozialismus, bei der Durchführung der vier Modernisierungen gibt es Störungen von „links“. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei sind wir schwerpunktmäßig gegen „linke“ Störungen vorgegangen, weil unsere früheren Fehler,,linker&amp;quot; Natur waren. Es gibt auch Störungen von rechts. Ihr habt diese Erfahrung gemacht, wir auch. Die Störungen von rechts zielen auf totale Verwestlichung, auf die Abkehr vom Sozialismus und die Hinführung Chinas auf den Weg des Kapitalismus. Wir haben dieses kürzlich aufgetauchte Problem, einschließlich personeller Veränderungen, gelöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz: die Probleme, die uns beschäftigen, und der Weg, den wir beschreiten, sind fast identisch. Wir befinden uns seit acht Jahren auf diesem Weg. Wie die Dinge liegen, können wir das für Ende dieses Jahrhunderts gesteckte Ziel erfüllen. Die Aufgaben für die nächsten fünf Jahrzehnte werden noch schwieriger sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Historische Erfahrungen beherzigen und falsche Tendenzen vermeiden ==&lt;br /&gt;
(30. April 1987)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit [[Alfonso Guerra]], Vizegeneralsekretār der sozialistischen Arbeiterpartei und Stellvertretender Premierminister [[Königreich Spanien|Spaniens]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Situation ist im allgemeinen gut. Nach der Zerschlagung der Viererbande&amp;quot; haben wir, beginnend mit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees unserer Partei, eine Reihe von neuen politischen Richtlinien ausgearbeitet, die sich durch die Praxis als richtig erwiesen haben. Dies ist nur ein Anfang. Die neun Jahre zwischen der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei Ende 1978 und der Gegenwart galten als erster Schritt. Sie waren mit der Zielstellung verbunden, in den 80er Jahren das Bruttosozialprodukt pro Einwohner zu verdoppeln. Ausgehend vom Jahr 1980, in dem wir ein Bruttosozialprodukt von 250 US-Dollar pro Kopf aufwiesen, sollte durch Verdoppelung das durchschnittliche Bruttosozialprodukt auf 500 US-Dollar pro Einwohner erhöht werden. Im zweiten Schritt, dessen Erreichung wir für Ende dieses Jahrhunderts ansetzten, soll sich das Bruttosozialprodukt noch einmal verdoppeln und 1000 US-Dollar pro Kopf erreichen. Die Verwirklichung dieser Zielsetzung bedeutet unseren Eintritt in eine Gesellschaft bescheidenen Wohlstands und die Umwandlung des armen China in ein Land mit angemessenem Lebensniveau. Bis dahin wird das Bruttosozialprodukt des Staates die Grenze von 1000 Milliarden US-Dollar überschreiten. Auf jeden einzelnen Menschen verteilt, liegt dieser Wert noch sehr niedrig, aber die Stärke unseres Staates wird bedeutend wachsen. Noch wichtiger ist der dritte Schritt unserer Zielsetzung. Mit dem dritten Schritt, der in den ersten 30 bis 50 Jahren des nächsten Jahrhunderts erfolgen wird, verfolgen wir das Ziel, das Bruttosozialprodukt noch einmal zu vervierfachen, das heißt, das durchschnittliche Bruttosozialprodukt pro Einwohner auf 4000 US-Dollar zu erhöhen. Dies entspricht annähernd Eurem jetzigen Entwicklungsstand. China wird dann ein Land mittelhohen Entwicklungsniveaus sein. Das ist unser ehrgeiziges Vorhaben. Das Ziel ist nicht all zu hoch gesteckt, aber es ist alles andere als leicht zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jetzt können wir ankündigen, daß das Ziel des ersten Schritts vorfristig in diesem oder im kommenden Jahr erfüllt werden kann, was durchaus nicht heißen soll, daß das Ziel des zweiten Schritts spielend leicht zu verwirklichen sein wird. Wie die Dinge liegen, ist davon auszugehen, daß auch die Zielstellung für den zweiten Schritt verwirklicht werden kann. Der dritte Schritt wird wesentlich schwieriger als die ersten beiden. China baut den Sozialismus auf; man muß durch die Praxis den Beweis erbringen, daß der Sozialismus eine überlegene Gesellschaftsformation ist. Die letzten neun Jahre zeugten von der Richtigkeit unseres Weges. Um jedoch hieb- und stichfest beweisen zu können, daß der Sozialismus dem Kapitalismus tatsächlich überlegen ist, ist der dritte Schritt maßgeblich. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es noch verfrüht, damit zu prahlen. Wir bedürfen noch weiterer 50 bis 60 Jahre harter Anstrengungen. Bis dahin leben Menschen wie ich nicht mehr. Ich glaube, unsere Kinder werden diese Aufgabe erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der Gründung der Volksrepublik China hat sich Chinas Antlitz wirklich gewandelt. Die chinesische Nation durchlebte seit dem Opiumkrieg ein Jahrhundert tiefster Erniedrigung, andere Nationen sahen auf die Chinesen herab. Unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas hat das chinesische Volk in 28-jährigem harten Kampf die imperialistischen Aggressionen besiegt und die Herrschaft der Tschiang-Dynastie gestürzt. 1949 stand das chinesische Volk aus der Erniedrigung auf. In den 38 Jahren zwischen 1949 und heute haben wir tatsächlich etliche Fehler gemacht. Den Sozialismus aufzubauen, diese Orientierung ist vollkommen korrekt. Was aber heißt Sozialismus und wie kann er aufgebaut werden? In diesen Fragen kommen wir nur tastend und forschend voran. Die erste Aufgabe des Sozialismus ist die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte. Die landesweite Machtergreifung im Jahre 1949 befreite die Produktivkräfte; die Bodenreform setzte die Produktivkräfte der Bauern, die 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, frei. Wie jedoch die befreiten Produktivkräfte entwickelt werden sollten, diese Aufgabe wurde nicht richtig erfüllt. Der Hauptfehler war die Überstürztheit, die „,linke&amp;quot; Orientierung der Politik. Die Folge war, daß die Potenzen der Produktivkräfte, statt sie erfolgreich zu entwickeln, eher gehemmt wurden. 1957 begannen wir, linke&amp;quot; Fehler zu machen. „Linke“ politische Fehler führten 1958 zum Großen Sprung nach vorn&amp;quot; auf dem Wirtschaftssektor. Die Produktion wurde erheblich gestört und der Bevölkerung ging es sehr schlecht. Die Jahre 1959, 1960 und 1961 waren Jahre größter Schwierigkeiten, die Menschen konnten sich nicht einmal sattessen, von allem anderen ganz zu schweigen. 1962 ging es bergauf, der frühere Produktionsstand wurde wiederhergestellt. In den Köpfen der Menschen aber blieben die Probleme weiterhin ungelöst. 1966 begann die 10-jährige „Kulturrevolution&amp;quot;, die zu einem Verhängnis wurde. Damals wurden viele ältere Kader, mich inbegriffen, hart verfolgt. Ich war hinter Liu Shaoqi&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liu Shaoqi (1898-1969) stammte aus Ningxiang, Provinz Hunan. Er war stellvertretender Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und Staatspräsident der Volksrepublik China. Nach Beginn der „Kulturrevolution&amp;quot; wurde er fälschlicherweise kritisiert. Die politische und physische Verfolgung durch die konterrevolutionären Cliquen um Lin Biao und Jiang Qing führten 1969 zu seinem Tod. 1980 wurde er durch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas rehabilitiert.&amp;lt;/ref&amp;gt; der „den kapitalistischen Weg gehende Machthaber Nr. 2&amp;quot;. Liu Shaoqi war „Oberkommandierender&amp;quot; und ich sein Stellvertreter. In diesen 10 Jahren passierten die merkwürdigsten Dinge. Den Menschen wurden zugeredet, sich mit Armut und Rückständigkeit zu begnügen. „Lieber ein armer Sozialismus und Kommunismus als ein wohlhabender Kapitalismus&amp;quot; war die Parole. Alles das ist dummes Geschwätz der „Viererbande&amp;quot;. Wo gäbe es denn den armen Sozialismus, den armen Kommunismus? Das Ideal des Marxismus ist die Verwirklichung des Kommunismus. Der Kommunismus, wie ihn Marx verstand, ist eine Gesellschaftsordnung, in der das Verteilungsprinzip herrscht jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen&amp;quot;. Was heißt: „jedem nach seinen Bedürfnissen&amp;quot;? Wie kann das Prinzip verwirklicht werden, wenn die Produktivkräfte nicht hoch entwickelt sind und kein großer Überschuß an materiellen Produkten besteht? Der Kommunismus, den der Marxismus meint, ist eine Gesellschaft mit hohem Überschuß an materiellen Produkten. Die erste Phase des Koinmunismus ist der Sozialismus. Der Sozialismus ist eine sehr lange historische Periode, in der die Produktivkräfte entwickelt werden müssen. Nur auf Grund der stetigen Entwicklung der Produktivkräfte können wir schließlich zum Kommunismus gelangen. Die Irrlehre der Viererbande&amp;quot; führte dazu, daß China arm blieb und stagnierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Zerschlagung der Viererbande&amp;quot; wurden die ,,linken&amp;quot; Fehler nicht sofort und umfassend korrigiert. 1977 und 1978 trat China auf der Stelle. Die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei Ende 1978 faßte mit großem Ernst und sehr gewissenhaft die Erfahrungen der vergangenen drei Jahrzehnte seit der Gründung der Volksrepublik China zusammen. Davon ausgehend legten wir eine Reihe politischer Richtlinien fest, deren Hauptpunkte die Reform und die Öffnung darstellen. Die Öffnung hat zwei Aspekte: die Öffnung nach außen und die Öffnung nach innen. Wir formulierten damals unsere grundlegende Linie: den Schwerpunkt unserer Arbeit auf den Aufbau verlagern, jegliche Störung ausschalten, mit ungeteilter Aufmerksamkeit und konsequent dem Werk der sozialistischen Modernisierung nachgehen. Die Durchsetzung der vier Modernisierungen und die reibungslose Durchführung der Reform und der Öffnung verlangen eine politische Situation der Stabilität und Einheit im Inland und eine internationale Umwelt des Friedens. Davon ausgehend, haben wir unsere Außenpolitik festgelegt, die in den Worten „Bekämpfung des Hegemonismus und Sicherung des Weltfriedens&amp;quot; zusammengefaßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrungen in den vergangenen acht bis neun Jahren haben den Beweis erbracht, daß unser Vorhaben gelungen ist. Die Situation ist im allgemeinen gut, was durchaus nicht heißen soll, es gäbe keine Störungen. Es ist nicht leicht, das in den Jahrzehnten herausgebildete „linke“ Gedankengut zu überwinden. Unser Kampf ist vorwiegend gegen „linke&amp;quot; Abweichungen gerichtet. „Linke&amp;quot; Abweichungen sind zu einer Macht der Gewohnheit geworden. Im heutigen China gibt es nicht viele Reformgegner. Bei der Ausarbeitung und Durchführung konkreter politischer Richtlinien ist man mehr oder weniger dazu geneigt, dem Vergangenen nachzuhängen, da spielen die gewohnten Haltungen eine Rolle, sie kommen auf. Gleichzeitig gibt es auch Störungen von rechts, die sich in der Befürwortung totaler Verwestlichung und der Hinführung Chinas zum Kapitalismus unter der Flagge der Unterstützung von Öffnung und Reform äußern. Diese rechtsabweichlerischen Tendenzen treten nicht wirklich für die Politik der Reform und der Öffnung ein, ihre wirkliche Absicht ist, den Charakter unserer Gesellschaft zu ändern. Sollte China total verwestlicht und bei uns der Kapitalismus betrieben werden, könnten sich die vier Modernisierungen bestimmt nicht durchsetzen. China hat vor, die Frage der Armut einer Milliarde Menschen, die Frage der Entwicklung einer Milliarde Menschen zu lösen. Sollte der Kapitalismus praktiziert werden, mögen einige Prozent der Bevölkerung zu Wohlstand gelangen, über 90 Prozent der Menschen aber wären auf Dauer in Armut belassen, und die überwiegende Mehrheit der Chinesen würde sich zur Revolution erheben. Die chinesische Modernisierung kann sich nur auf den Sozialismus stützen, keineswegs auf den Kapitalismus. In der Vergangenheit hat es Menschen gegeben, die den Kapitalismus in China praktizieren wollten. Sie scheiterten alle. Zugegeben, wir haben beim Aufbau des Sozialismus auch Fehler gemacht, insgesamt gesehen jedoch haben wir Chinas Antlitz verändert. Wir haben gegen linke&amp;quot; wie rechte Störungen zu kämpfen, die größere Gefahr geht jedoch von „linken&amp;quot; Ansichten aus. Der Mensch kann innerlich nur schwer von den gewohnten Dingen abgehen. Die jungen Leute aber müssen gegenüber rechten Abweichungen wachsam sein, zumal sie nicht genau wissen, was Kapitalismus und was Sozialismus ist. Wir müssen sie daher erziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir an den vier Modernisierungen arbeiten, die Reform und die Öffnung durchführen, werden wir noch manches Risiko eingehen und auf Schwierigkeiten stoßen; wir selbst werden Fehler begehen. China ist ein großes Land, und wir tun, was niemand vor uns probierte. Da China seine eigenen Besonderheiten besitzt, bleibt uns nichts anderes übrig, als nach den chinesischen Verhältnissen vorzugehen. Wir können von den Erfahrungen anderer Länder lernen, dürfen sie aber nicht unkritisch kopieren. Die Reform ist etwas völlig Neues, Fehler sind kaum zu vermeiden. Wir dürfen jedoch davor nicht zurückschrecken und aus Angst vor dem Verschlucken mit dem Essen aufhören und auf halbem Weg stehenbleiben. Courage muß sein. Ohne Courage können wir die vier Modernisierungen nicht verwirklichen. Bei der Behandlung konkreter Fälle müssen wir umsichtig sein und rechtzeitig unsere Erfahrungen zusammenfassen. Kleine Fehler sind kaum zu vermeiden, große Fehler müssen verhindert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Schritte der Reform müssen beschleunigt werden ==&lt;br /&gt;
(12. Juni 1987)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teil eines Gesprächs mit [[Stefan Korosec]], Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees des [[Bund der Kommunisten Jugoslawiens|Bundes der Kommunisten Jugoslawiens]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen unseren beiden Parteien gestalten sich die Beziehungen zwischen uns sehr eng. Genosse [[Tito]]&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Josip Broz Tito (1892-1980) war Vorsitzender des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens und Staatspräsident der Sozialistischen Förderativen Republik Jugoslawien. Vom 30. August bis 8. September 1977 besuchte er China.&amp;lt;/ref&amp;gt; schlug ein neues Blatt in der Geschichte unserer zwischenparteilichen Beziehungen auf. Er war es, der zuerst China besuchte. Damals war Genosse Hua Guofeng Vorsitzender unserer Partei. Ich traf als alter Kämpfer ebenfalls mit Genossen Tito zusammen. Wir hatten eine sehr gute Unterhaltung und verständigten uns miteinander darüber, die Vergangenheit ruhen zu lassen und unseren Blick nach vorn zu richten. Auch hinsichtlich der Beziehungen zu anderen Parteien und Staaten Osteuropas nehmen wir jetzt diese Haltung ein. Wir betrachten das Heute als Ausgangspunkt, um unsere Beziehungen der Freundschaft und Zusammenarbeit gut zu entwickeln. Es lohnt sich jedoch, Erfahrungen aus der Vergangenheit auszuwerten. Meiner Meinung nach besteht der wichtigste Punkt darin, daß alle Parteien, ob groß, mittelgroß oder klein, gegenseitig die Entscheidungen und Erfahrungen der anderen respektieren und davon abgehen sollten, sich schulmeisterlich über die Angelegenheiten anderer Parteien und Länder zu äußern. Das gilt für eine regierende ebenso wie für eine nichtregierende Partei. Als wir beispielsweise mit Vertretern der Kommunistischen Partei Frankreichs und der Kommunistischen Partei Italiens Gespräche führten, haben wir uns dafür ausgesprochen, daß wir ihre Erfahrungen und ihre Entscheidungen respektieren sollten. Wenn sie Fehler gemacht haben, soll man es ihnen überlassen, ihre Fehler selbst zu korrigieren. Gleicherweise soll man uns gegenüber diese Haltung einnehmen, soll uns erlauben, Fehler zu machen, die wir selbst korrigieren werden. Denn jeder Staat und jede Partei haben ihre eigenen Erfahrungen, ihre Verhältnisse sind höchst unterschiedlich. Wir haben die ,,Vaterpartei&amp;quot; bekämpft und zu Recht. Wir halten auch nichts von einem „Zentrum&amp;quot;. Aber wir haben auch manche Fehler begangen, indem wir uns schulmeisterlich äußerten. Dies lehrt uns, daß zwischen den Parteien neuartige Beziehungen hergestellt werden müssen. Daher haben wir die genannten Prinzipien für die Regelung zwischenparteilicher Beziehungen vorgeschlagen. Ich glaube, daß diese Vorgehensweise die Freundschaft und die Zusammenarbeit zwischen uns auf eine solidere und dauerhaftere Grundlage stellen wird. Eben auf dieser Grundlage werden wir die Beziehungen zwischen unseren beiden Parteien und Staaten kontinuierlich weiterentwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In China wird die Reform durchgeführt. Ich bin für die Reform; ohne Reform gibt es keinen Ausweg für uns. Die Art und Weise, wie wir sie in den vergangenen Jahrzehnten erprobt haben, hat sich als wenig erfolgreich erwiesen. Früher haben wir ausländische Modelle nach China hereingeholt, die Folgen äußerten sich in der Behinderung der Entwicklung der Produktivkräfte, in ideologischer Verknocherung und in einer Knebelung der Initiativen des Volkes und der Basiseinheiten. Darüber hinaus haben wir auch andere Fehler begangen, wie den „Großen Sprung nach vorn&amp;quot; und die „Kulturrevolution&amp;quot;. Sie entstammten nicht ausländischen Modellen. Man kann sagen, daß seit 1957 unser Hauptfehler „linker&amp;quot; Natur war, und während der „[[Kulturrevolution]]&amp;quot; verfiel China sogar in ultralinke Fehler. In den 20 Jahren zwischen 1958 und 1978 stagnierte die chinesische Gesellschaft, die Wirtschaft des Staates und das Leben der Bevölkerung verbesserten sich nicht nennenswert. Hätte man ohne Reform vorankommen können? Auf der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei im Jahre 1978 legten wir unsere grundlegende politische Linie fest, die darin bestand, die vier Modernisierungen und die energische Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zur alles übergreifenden Hauptaufgabe zu machen. Davon ausgehend, haben wir eine Reihe neuer politischer Richtlinien und eine Politik ausgearbeitet, deren Kernpunkte die Reform und die Öffnung darstellen. Die Reform ist eine umfassende Reform; sie reicht von der Reform der Wirtschaftsstruktur über die Reform der politischen Struktur bis hin zu entsprechenden Reformen auf anderen Gebieten. Öffnung bedeutet, sich sowohl nach außen, das heißt sich allen Ländern, allen Staatentypen der Erde zu öffnen, als auch nach innen, was die Belebung der inländischen Wirtschaft beinhaltet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Reform und die Öffnung gingen zunächst von der Wirtschaft aus, und zwar zuerst vom Land. Warum zuerst vom Land? Weil 80 Prozent der Bevölkerung Chinas auf dem Lande leben. Ohne eine stabile Lage auf dem Lande gibt es keine stabile politische Gesamtlage. Solange sich die Bauern nicht allmählich von der Armut befreit haben, bleibt die Tatsache bestehen, daß die überwiegende Mehrheit unseres Landes die Armut nicht abgeschüttelt hat. Daher beschlossen wir nach der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees unserer Partei, auf dem Lande mit der Reform zu beginnen. Wir gewährten den Bauern und den Basiseinheiten Selbstentscheidungsbefugnisse. Auf diese Weise wurden die Bauern und die Basiseinheiten schnell motiviert. Durch die diversifizierte Bewirtschaftung in der Landwirtschaft stieg nicht nur die Getreideproduktion beträchtlich, auch die Produktion von Industriepflanzen verzeichnete einen raschen Anstieg. Daß sich die Erfolge der Reform auf dem Lande so schnell einstellten, übertraf unsere Erwartungen. Offen gesagt, lebte die Mehrheit der Bauern vor der Reform in bitterer Armut. Sie hatten große Schwierigkeiten, das tägliche Auskommen zu sichern. Seit der Reform ist der Enthusiasmus der Bauern erheblich gewachsen. Entsprechend der Bodenbeschaffenheit bestimmen die Bauern selbst ihre Anbaupläne: Sie bauen Getreidekulturen an, wo günstige Voraussetzungen dafür gegeben sind, und Industriepflanzen, wo die Bodenverhältnisse dies erlauben. Mit den Selbstentscheidungsbefugnissen in der Hand bot sich auf dem Lande schnell ein neues Bild. An vielen Orten stellten sich schon nach einem Jahr Erfolge ein, die Einkommen der Bauern erhöhten sich beträchtlich sie verdoppelten oder vervierfachten sich. Natürlich traten nicht alle Menschen für die Reform ein. Zwei Provinzen, meine Heimatprovinz Sichuan unter Leitung des Genossen Zhao Ziyang und die Provinz Anhui unter Leitung des Genossen Wan Li zur Zeit unser amtierender Ministerpräsident machten den Anfang. Aufgrund der Erfahrungen in diesen beiden Provinzen haben wir die politischen Richtlinien für die Reform formuliert. Nach der Bekanntmachung dieser Richtlinien zeigten sich manche Provinzen noch unschlüssig und mißtrauisch und verhielten sich abwartend, manche zögerten ein Jahr, andere sogar zwei Jahre. Die Haltung des Zentralkomitees der Partei damals war, auf sie zu warten und sie durch Tatsachen zu überzeugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Insgesamt gesehen, entwickelte sich die Reform auf dem Lande schnell. Die Bauern wurden aktiviert. Das wichtigste Ergebnis, das wir überhaupt nicht vorausahnten, war die Entwicklung der dorf- und gemeindeeigenen Betriebe. Unerwartet bildeten sich eine diversifizierte Bewirtschaftung, die Warenwirtschaft und verschiedene kleine Betriebe heraus, die wie eine neue Kraft spontan in Erscheinung traten. Dies ist nicht ein Verdienst des Zentralkomitees der Partei. Die Wachstumsrate der dorf- und gemeindeeigenen Betriebe lag mehrere Jahre lang kontinuierlich bei über 20 Prozent; dieser Trend hält bis heute an. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres ist sogar ein Zuwachs in den dorf- und gemeindeeigenen Betrieben von mehr als 20 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahrs zu verzeichnen. Diese Betriebe beschäftigen sich hauptsächlich mit Industrieproduktion, aber auch mit anderen Gewerben. Ihre Entwicklung schuf Arbeitsplätze für 50 Prozent der überschüssigen Arbeitskräfte auf dem Land. Statt in die Städte abzuwandern, konnten die überschüssigen Arbeitskräfte auf dem Land bleiben; eine große Anzahl von Kleinstädten neuen Typs bildete sich inzwischen heraus. Wenn in dieser Frage das Zentralkomitee der Partei dennoch etwas geleistet hat, so dies, daß sich die von ihm festgelegte Politik der Belebung der Wirtschaft als richtig erwies. Derartige gute Resultate dieser Politik sind uns Beweis genug, daß wir eine sehr richtige Entscheidung getroffen haben. Diese Resultate habe ich nicht vorausgeahnt und viele andere Genossen auch nicht. Sie kamen sozusagen urplötzlich. Kurz, die Reform auf dem Lande hat sehr schnell große Erfolge erzielt, was aber durchaus nicht heißen soll, daß alle Probleme auf dem Lande gelöst worden wären.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Erfolg der Reform auf dem Lande bestärkt unsere Zuversicht. Wir haben die dort gewonnenen Erfahrungen auf die Reform der Wirtschaftsstruktur in den Städten angewandt. Obwohl letztere viel komplizierter ist, hat auch sie bereits bemerkenswerte Ergebnisse erbracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Öffnung nach außen hat unsere Erwartungen erfüllt. Wir haben dafür verschiedene Maßnahmen eingeleitet, einschließlich der Errichtung von Wirtschaftssonderzonen und der Öffnung von 14 Küstenstädten. Gebiete, in denen die Öffnungspolitik durchgeführt wurde, haben alle unverkennbare Ergebnisse erzielt. Unsere erste Wirtschaftssonderzone ist Shenzhen. Die Idee der Gründung einer Sonderzone kam aus der Provinz Guangdong. Ich stehe hinter der Idee. Ich sagte damals, diese Zone sollte Wirtschaftssonderzone heißen; ich hielt es nicht für richtig, eine „politische Sonderzone&amp;quot; zu installieren. Wir beschlossen damals, vorerst vier Wirtschaftssonderzonen einzurichten, das heißt neben Shenzhen noch drei weitere: Zhuhai, Shantou und Xiamen in der Provinz Fujian; die drei erstgenannten liegen in der Provinz Guangdong. Ich habe einmal Shenzhen besucht. Dort bot sich wirklich ein aufblühendes Bild. Damals bat man mich, eine Widmung zu schreiben. Ich schrieb: „Die Entwicklung und die Erfahrungen in Shenzhen haben den Beweis erbracht, daß unsere Politik der Errichtung von Wirtschaftssonderzonen richtig ist.&amp;quot; Damals gab es innerhalb der Partei noch Genossen, die eine skeptische Haltung einnahmen. Unter den öffentlichen Meinungsträgern Hongkongs, unabhängig davon, ob sie gegen oder für uns sind, fanden sich Menschen, die skeptisch waren; sie konnten einfach nicht glauben, daß es uns gelingen würde. Die Wirtschaftssonderzone Shenzhen hat in ihrem achtjährigen Bestehen große Erfolge erzielt. Natürlich ist es unmöglich, einer so völlig neuen Sache zu untersagen, Fehler zu machen. Gewiß, Shenzhen sind manche Fehler unterlaufen, aber sie sind geringfügig. Man hat dort die eigenen Erfahrungen selbst ausgewertet und die Wirtschaft auf Export umorientiert, das heißt, Shenzhen sollte sich in eine Industriebasis, deren Ziel der Zugang zu den Weltmärkten ist, umwandeln. Entsprechend dieser Zielstellung hat Shenzhen im Verlauf von zwei bis drei Jahren sein Profil geändert. Die Genossen dort berichteten mir, Shenzhen könne über 50 Prozent seiner Industrieerzeugnisse exportieren und eine ausgeglichene Devisenbilanz erzielen. Jetzt kann ich kühn feststellen, daß unser Beschluß über die Errichtung der Wirtschaftssonderzonen nicht nur richtig, sondern auch erfolgreich ist. Alle Zweifel können ausgeräumt werden. Vor kurzem informierten mich Genossen, daß sich die Wirtschaftssonderzone Xiamen noch idealer entwickelt als Shenzhen. Als ich 1984 das Gebiet der jetzigen Sonderzone Xiamen besuchte, gab es dort außer einem Flughafen nur ödes Land. Inzwischen bietet sich dort ein völlig neues Bild. Wir sind dabei, eine noch größere Sonderzone die Wirtschaftssonderzone Hainandao-einzurichten. Die Insel Hainan ist etwa so groß wie die Insel Taiwan. Sie verfügt über viele Ressourcen, u. a. Eisenerz und Erdöl, Kautschuk und andere tropische und subtropische Nutzpflanzen. Diese Insel verspricht zukunftsträchtige Entwicklungsmöglichkeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Praxis der letzten Jahre bestätigt, daß wir mit der Reform und der Öffnung auf dem richtigen Weg sind. Obwohl auf jedem Gebiet noch etliche Probleme existieren, ist es nicht schwer, sie allmählich zu lösen. Daher können wir unmöglich auf die Politik der Reform und der Öffnung verzichten, nicht einmal deren Durchführung verlangsamen. Beschleunigung oder Verlangsamung das ist eines unserer gegenwärtigen Diskussionsthemen, weil die Reform und die Öffnung Risiken in sich bergen. Wir legen Wert auf Sicherheit und Angemessenheit. Es wäre schlimm, wenn Sicherheit und Angemessenheit zu Stagnation führten. Unser Zentralkomitee stellt zur Zeit dahingehend Überlegungen an, ob die Reform und die Öffnung auf der Grundlage der Zusammenfassung der bisherigen Erfahrungen beschleunigt werden können. Soweit über die Wirtschaftsstrukturreform.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben eine neue Frage aufgeworfen: die politische Strukturreform soll auf die Tagesordnung gesetzt werden. Sie wird eines der Hauptthemen auf dem für Oktober dieses Jahres geplanten XIII. Parteitag sein. Die Materie ist höchst kompliziert. Jede Maßnahme der politischen Strukturreform betrifft Tausende und aber Tausende Menschen, vor allem die Kader, und nicht nur Kaderveteranen wie uns. Im allgemeinen versteht man unter politischer Strukturreform Demokratisierung, deren Gehalt jedoch noch nicht ganz klar abgesteckt ist. Die Demokratie in der kapitalistischen Gesellschaft ist durch die bürgerliche Demokratie gekennzeichnet, die in Wirklichkeit eine Demokratie des Monopolkapitals darstellt; sie äußert sich in nichts anderem als den Wahlkämpfen des Mehrparteiensystems und in der Dreiteilung der Gewalten. Können wir uns die Dreiteilung der Gewalten leisten? Unser System drückt sich im Volkskongreß aus, das heißt, es ist ein volksdemokratisches System unter der Führung der Kommunistischen Partei Chinas. Der größte Vorteil eines sozialistischen Landes ist darin zu suchen: Sobald der Entschluß über ein Vorhaben gefaßt und ein entsprechender Beschluß herbeigeführt ist, wird er umgehend in die Tat umgesetzt, ohne von anderen Stellen behindert zu werden. Unser Beschluß über die Reform der Wirtschaftsstruktur z. B. konnte im ganzen Land umgehend durchgeführt werden; das gleiche galt für den Beschluß über die Errichtung der Wirtschaftssonderzonen. Bei alldem gab es kein großes Hin- und Hergerede, keine gegenseitigen Gebundenheiten, keine ergebnislosen Diskussionen und keine Entscheidungen, die nicht durchgeführt wurden. In diesem Bereich arbeiten wir sehr effizient. Wir dürfen nicht nach dem Modell der westlichen sogenannten Demokratie vorgehen und die Dreiteilung der Gewalten einführen, sondern müssen die sozialistische Demokratie durchsetzen und die Überlegenheit des Sozialismus gewährleisten. Mit der Effizienz, von der ich eben gesprochen habe, meine ich nicht die Effizienz in Wirtschafts- und administrativer Verwaltung, sondern die Gesamteffizienz. In dieser Hinsicht haben wir Oberhand, die wir beibehalten müssen. Was die Wirtschaftsverwaltung und die administrative Verwaltung betrifft, so arbeiten die kapitalistischen Länder in vieler Hinsicht besser als wir. Bei uns begegnet man tatsächlich auf Schritt und Tritt den Erscheinungen des Bürokratismus. Was die Personalstruktur betrifft, so ist dies ein allen sozialistischen Ländern möglicherweise gemeinsames Problem eine Frage der Überalterung und Verknöcherung der Kader, was sich in erster Linie auf den ideologischen, aber natürlich auch organisatorischen Bereich auswirkt. Daher ist es nicht angebracht, für unsere Reform westliche Modelle zu übernehmen, das heißt das kapitalistische System zu importieren. Wir müssen, gestützt auf die Praxis der sozialistischen Länder und ausgehend von den eigenen Verhältnissen, die Inhalte und Schritte unserer Reform festlegen. Die Reform eines jeden sozialistischen Landes gestaltet sich anders, und die Reform des einen osteuropäischen Staates unterscheidet sich von der eines anderen. Da Geschichte, Erfahrungen und Verhältnisse eines jeden Landes unterschiedlich sind, müssen sich auch die Reformen unterscheiden. China hat z. B. andere Überlegungen angestellt als ihr. Das gemeinsame Anliegen dabei ist, die eigene Stärke zu behaupten und die Schwächen und Mißstände der kapitalistischen Gesellschaft zu vermeiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Ziel verfolgen wir mit unserer Reform? Das Gesamtziel besteht darin, das sozialistische System sowie die Führung durch die Partei zu festigen und unter der Führung der Partei und unter Wahrung des sozialistischen Systems die Produktivkräfte zu entwickeln. Für China muß die Reform auch dazu dienen, die Durchsetzung der Linie, der Richtlinien und der Politik, die seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei festgelegt sind, zu erleichtern. Ich denke, in dieser Hinsicht sind drei Punkte zu beachten: Erstens: die Stärkung der Dynamik der Parteiorgane, der administrativen Organe sowie des ganzen Staatsapparats, das heißt, man muß mit neuen, nicht länger erstarrten Gedanken an die neuen Dinge herangehen. Zweitens: Die tatsächliche Erhöhung der Effizienz. Drittens: Die optimale Aktivierung des Volkes, aller Gewerbszweige und Branchen und der Basiseinheiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Stärkung der Dynamik geht es zur Zeit hauptsächlich um die Frage der Verjüngung der Führungskader. Das Problem der Überalterung und Erstarrung des Kaderkontingents stellt sich in China schärfer als bei euch. Beispielsweise ist das Durchschnittsalter der Mitglieder des Zentralkomitees unserer Partei, glaube ich, höher als das Durchschnittsalter der Mitglieder des Zentralkomitees einer jeden kommunistischen Partei der Welt; auch das Durchschnittsalter der Mitglieder des Politburos, seines Ständigen Ausschusses und des Sekretariats der Partei ist recht hoch. Zur Zeit der Gründung der Volksrepublik China gab es ein solches Problem nicht; damals war die Führungsschicht relativ jung. Die Überalterung in den Führungsgremien begann mit dem XI. Parteitag unserer Partei. Dafür gab es objektive Gründe: Eine große Zahl älterer Kader, die während der „Kulturrevolution&amp;quot; gestürzt worden waren, wurde rehabilitiert und nahm die Führungstätigkeit wieder auf, ihr Alter war deswegen überdurchschnittlich hoch. Ich z. B. war beim VIII. Parteitag 52 Jahre alt. 1976, als die „Kulturrevolution&amp;quot; beendet wurde, war ich bereits 72 Jahre alt. Beim XI. Parteitag 1977 war ich 73, und wenn der bevorstehende XIII. Parteitag stattfindet, werde ich 83 Jahre alt sein. Manche Genossen sind jünger als ich, aber sie sind nur einige Jahre jünger, und sie sind inzwischen auch gealtert. Die Überalterung in den Führungsgremien aller Ebenen, aller Gewerbe und Branchen ist ein spezielles Problem Chinas. Im allgemeinen wirkt sich bei alten Menschen die Macht der Gewohnheiten stärker aus. Ihnen ist eines gemeinsam, bei der Erwägung von Problemen von ihren Erfahrungen auszugehen. Die heutige Welt entwickelt sich stürmisch, ganz besonders in den Bereichen Wissenschaft und Technologien. Im Chinesischen gibt es dafür den bildhaften Ausdruck „Neues jeden Tag und anderes jeden Monat&amp;quot;; dies entspricht den Tatsachen. Mit dieser heutigen Zeit Schritt zu halten ist das Ziel unserer Reform. Die Richtlinie der Verjüngung des Kaderkontingents muß entschieden durchgeführt werden, aber mit sicheren Schritten und ohne Überstürztheit. Bei der Beförderung der Kader gilt natürlich nicht nur die Bedingung „jung“ allein; sie müssen moralisch hochstehend, fachlich qualifiziert sein, außerdem müssen erfahrene und gut informierte Genossen zur Leitung herangezogen werden, damit sich die Struktur einer Stufenleiter herausbildet. Der Lösung dieses Problems stehen noch viele Hindernisse im Weg, die ausgeräumt werden müssen und nur durch mühevolle Arbeit überwunden werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erhöhung der Arbeitsleistung und die Überwindung des Bürokratismus beinhalten die Straffung der Apparate und viele andere damit verbundene Aspekte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Aktivierung der Initiativen nimmt die Delegierung der Machtbefugnisse nach unten zum Hauptinhalt. Die Erfolge der Reform auf dem Lande sind gerade auf die Gewährung von mehr Selbstentscheidungsbefugnissen an die Bauern und auf deren dadurch erfolgte Motivierung zurückzuführen. Wir haben diese Erfahrung auf andere Gewerbszweige und Branchen angewandt, um die Initiativen allseits zu mobilisieren. Die Motivierung des Enthusiasmus ist die größte Demokratie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der politischen Strukturreform haben wir die obengenannten drei Ziele vor Augen. Die Demokratie ist ein wichtiges Mittel für unsere Reform. Wie kann die Demokratie entwickelt werden? Das ist eine für uns neue Frage. Wenn z. B. von direkten Wahlen die Rede ist, so werden sie zur Zeit nur in den Basiseinheiten auf der Kreis- und Stadtbezirksebene durchgeführt. Auf der Provinz-, Stadt- und Zentralebene finden indirekte Wahlen statt. In einem so großen Land wie China, in dem so viele Menschen aus zahlreichen Nationalitäten leben und dessen verschiedene Regionen ungleichmäßig entwickelt sind, sind die Bedingungen für direkte Wahlen auf den höheren Ebenen noch nicht gegeben, vor allem fehlt es an ausreichender kultureller Qualifikation. Wir praktizieren nach wie vor das System der Volkskongresse, in dem der demokratische Zentralismus angewandt wird. Das Zwei-Kammern-System und das Mehrparteiensystem des Westens können bei uns nicht akzeptiert werden. Wir haben auch demokratische Parteien, die allerdings die Führung durch die Kommunistische Partei annehmen. Wir führen ein Mehrparteien-Konsultationssystem durch. In dieser Hinsicht vertreten selbst viele öffentliche Meinungsträger des Westens die Auffassung: In einem so großen Land wie China können sich ohne eine zentrale Führung viele Dinge nicht durchsetzen; in erster Linie kann das Problem des Sich-Satt-Essens nicht gelöst werden. Unsere Reform darf nicht vom sozialistischen Weg abweichen und sich der Führung durch die Kommunistische Partei entziehen. Diese beiden Punkte hängen untrennbar miteinander zusammen, sie bilden ein Ganzes. Ohne die Führung durch die Kommunistische Partei gäbe es keinen sozialistischen Weg. Wir können uns die „große Demokratie&amp;quot;, wie sie während der „Kulturrevolution&amp;quot; herrschte, nicht mehr leisten. Sie bedeutete faktisch [[Anarchismus]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einem Wort: die Richtlinie, die Politik und die Schritte für die Wirtschaftsstrukturreform sind formuliert, jetzt kommt es auf deren beschleunigte Durchführung an. Wir diskutieren zur Zeit über die Situation bezüglich der politischen Strukturreform und deren Zielsetzung. Bis zum XIII. Parteitag müssen wir die Ansatzpunkte dafür ausgearbeitet haben, und auf dem Parteitag werden wir mit der Reform beginnen. Die Wirtschaftsstrukturreform auf dem Lande trug innerhalb von drei Jahren Früchte. Wir brauchen wenigstens drei bis fünf Jahre, bis die Wirtschaftsstrukturreform in den Städten jene merklichen Ergebnisse erzielt, die wir erwarten. Die politische Strukturreform ist noch komplizierter. Unserer Vorstellung nach kann sie in manchem Bereich in drei bis fünf Jahren Wirkung zeigen, in manchem Bereich aber erst in etwa 10 Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Deng Xiaoping]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über China]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Der_Bauernkrieg_-_Antifeudale_Revolution_in_Deutschland&amp;diff=9298</id>
		<title>Bibliothek:Der Bauernkrieg - Antifeudale Revolution in Deutschland</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Der_Bauernkrieg_-_Antifeudale_Revolution_in_Deutschland&amp;diff=9298"/>
		<updated>2026-04-28T18:26:09Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Der Bauernkrieg|image=Der Bauernkrieg Fabian Lehr.jpeg|author=Fabian Lehr|written in=2017|publisher=Manifest Verlag|published_date=12. Oktober 2017|isbn=978-3-96156-026-4}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Impressum ==&lt;br /&gt;
[[Manifest Verlag]] (Dröge, Kiesel, SAV e.V. GbR) Littenstr, 106/107, 10179 [[Berlin]] Telefon: (030) 24 72 38 02&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Email: info@manifest-verlag.de&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Internet: www.manifest-verlag.de&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Rechte vorbehalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Satz und Umschlaggestaltung: René Arnsburg, Sebastian Rave&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort ==&lt;br /&gt;
Das frühe 16. Jahrhundert ist eine dramatische Zeit in [[Heiliges Römisches Reich (962–1806)|Deutschland]]. Die alte [[Feudalismus|Feudalordnung]] wird morsch und langsam vom modernen Zentralstaat ersetzt. Das [[Bourgeoisie|Bürgertum]] steigt auf und Ansätze [[Kapitalismus|kapitalistischen]] Wirtschaftens breiten sich aus. In diese Zeit fällt die [[Reformation]], die die alte Macht der [[Kirche]] bröckeln lässt. Aber nicht nur der gegen den sich entwickelnden modernen Staat rebellierende [[Adel]] gerät in Bewegung, sondern auch [[Intelligenzija|Intellektuelle]], die [[Humanismus]] und Reformation befördern sowie die [[Bauerntum|bäuerlichen]] Volksmassen. In verschiedenen Teilen [[Europa|Europas]] brechen heftige Bauernaufstände aus. Deren Höhepunkt bildet der [[Deutscher Bauernkrieg|deutsche Bauernkrieg]] von 1525. Hier tritt die eindrucksvolle Gestalt [[Thomas Müntzer|Thomas Müntzers]], eine Art Anti-[[Martin Luther|Luther]], auf die Bühne. Er hat [[Befreiungstheologie|religiös-kommunistische]] Vorstellungen. Gerade im „Lutherjahr“ 2017, in der uns der Mönch Martin Luther als Vorkämpfer der modernen deutschen Kultur präsentiert wird, ist eine historische Einordnung notwendig. Denn nach seiner anfänglichen Rebellion gegen die Ehrwürdigen der alten Kirche, entwickelte sich Luther zum Scharfmacher gegen die Bauernbewegung. Er machte mit seinen vormaligen Erzfeinden, den [[Katholizismus|katholischen]] Fürsten, gemeinsame Sache und unterstützte die Niederschlagung der Bauern. Dem entgegen stellten die Bauern zum Teil erstaunlich weitgehende soziale Forderungen auf und mussten sich mit zahlreichen wirklichen und vermeintlichen BündnispartnerInnen anderer [[Klasse|Klassen]] auseinandersetzen. Diese ereignisreiche, faszinierende Epoche wird in diesem Buch nachgezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorbemerkung des Autors ==&lt;br /&gt;
Fast 500 Jahre ist der große [[Deutscher Bauernkrieg|Bauernkrieg]] nun her. Eine ferne Erinnerung aus einer längst vergangenen Welt, nur noch einigen historisch besonders Interessierten geläufig. Warum soll man sich auch noch mit etwas beschäftigen, das scheinbar gar nichts mehr mit unserem alltäglichen Leben zu tun hat, mit der politischen Wirklichkeit, mit der wir uns heute herumzuschlagen haben? Der erste Grund klingt vielleicht etwas pathetisch: Die Helden von 1525 haben es verdient, in der Erinnerung weiterzuleben und späte Gerechtigkeit zu erfahren. Geschichte wird im Allgemeinen von den Siegern geschrieben, und das sind häufiger die Unterdrücker als die Unterdrückten. Ihre Geschichte ist eine Verleumdung der von Ihnen Geknechteten, ein Spucken auf die Gräber derer, die sie im Leben ausgepresst und erniedrigt haben - umso mehr, wenn die Unterdrückten ihr Schicksal nicht in blinder Ergebung hingenommen, sondern dagegen rebelliert haben und sich dafür in den Chroniken als tollwütige Hunde verewigt finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mögen die revolutionären BäuerInnen von 1525 in den Schulgeschichtsbüchern - so sie denn überhaupt behandelt werden - auch nicht mehr pauschal als die Mordbrennerbanden geschildert werden, als die sie die nach ihrer Niederwerfung geschriebenen Berichte von [[Adel|Adligen]] und [[Klerus|Geistlichen]] karikieren, so hat sich doch eine subtilere Beleidigung an die Adresse der bäuerlichen Massen der Zeit erhalten: Indem man den Bauernkrieg gar nicht oder nur ganz oberflächlich und die zahllosen kleineren, weniger heftigen [[Klassenkampf|Klassenkämpfe]] am Ausgang des [[Mittelalter|Mittelalters]] sowieso nicht behandelt oder sie verniedlicht, wird suggeriert, dass es sich bei diesen BäuerInnen um eine dumme, apathische Masse gehandelt habe, ohne kritische Denkfähigkeit, ohne politisches Bewusstsein, ohne Gefühl für die eigene Würde und deren Missachtung und die zwischen Arbeit, Essen, Schlafen und Kirchgang gedankenlos dahinvegetiert habe wie eine Viehherde. Tatsächlich aber sehen wir in diesem dramatischen Frühjahr und Sommer 1525 unter diesen angeblich so stumpfen bäuerlichen Massen einen Ausbruch von Leidenschaft, visionärem Denken und Tapferkeit, einen hunderttausendstimmigen Schrei nach Wahrung ihrer Menschenwürde mehr noch als nach Brot, wie wir ihn so heftig und so flächendeckend in Deutschland seitdem nie wieder gesehen haben, in ganz [[Europa]] kaum vor der [[Französische Revolution|Französischen Revolution]]. Sie haben alles gewagt und nichts als den Tod auf dem Schlachtfeld, am Galgen oder auf dem Richtblock gefunden - ihre Henker sollen wenigstens nicht noch den Triumph haben, auch die Erinnerung an die vertilgt zu haben, deren Körper sie vertilgten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens kann die Betrachtung ihres Kampfes für uns inspirierend und immer noch lehrreich sein. Sicher, alte Klassen sind unter- und neue aufgegangen in diesen fünfhundert Jahren, und die Klassenkämpfe, in denen wir Stellung werden nehmen müssen, sind andere als die der Bauern von [[Weinsberger Bluttat|Weinsberg]] und [[Schlacht bei Frankenhausen|Frankenhausen]]. Aber wir können am Beispiel des Bauernkrieges musterhaft lernen, wie eine wirkliche, das ganze Land erfassende und umwälzende [[Revolution]] sich entwickelt, wie sie innerhalb von Wochen die politische Reifung der Menschen mehr voranpeitscht als in ruhigen Zeiten in Jahrzehnten, wie in dem Augenblick, in dem die Revolution nicht mehr voranschreitet, sofort die Konterrevolution einsetzt, wie eine noch politisch unerfahrene unterdrückte Klasse viel eher durch ihre übertriebene Gutgläubigkeit als durch übertriebene Grausamkeit gegenüber den Herrschenden alles riskiert. Denn so fremd die Welt des frühen 16. Jahrhunderts uns auch geworden ist, blitzt hier überall die Moderne auf, treten erstmals politische Programme und politische Utopien auf die Bühne der Geschichte, die bis in die Gegenwart wirksam sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich ist die ganze deutsche Geschichte der Neuzeit, damit auch ein guter Teil der ganzen europäischen Geschichte, nicht verständlich ohne nachzuvollziehen, wie hier der politische und soziale Fortschritt in Blut ertränkt wurde, sodass die progressiven Kräfte ermattet zusammensanken, bis sie ein Jahrhundert später der [[Dreißigjähriger Krieg|dreißigjährige Krieg]] - der bei anderem Ausgang des Bauernkrieges kaum hätte entstehen können - endgültig niederwarf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Prolog: Das heilige Pfeiferhänslein ==&lt;br /&gt;
In den 1470er Jahren lebte auf dem Gebiet des Fürstbischofs von [[Würzburg]] ein junger Schafhirte namens [[Pfeiferhänslein|Hans Böheim]]. Er verdiente sich ein kleines Zubrot, indem er abends in den Dörfern, durch die er durchzog, in den Schenken, auf Dorffesten und Hochzeiten Flöte spielte und selbstgedichtete Lieder sang. Die Leute der Gegend mochten das &amp;quot;Pfeiferhänslein&amp;quot; gern, und oft kam eines der Dorfmädchen nachts mit auf seine Weide. Im Jahr 1476 plagte ihn deswegen das schlechte Gewissen und er pilgerte zum Marienbild von [[Niklashausen]], um an diesem in [[Franken]] berühmten Wallfahrtsort seine Sünden zu beichten. In der Nacht darauf hatte er eine religiöse Vision, in der er die [[Jungfrau Maria]] gesehen haben will und das ganze auf ihn eindringende Leid aller [[Mensch|Menschen]] der Welt. Die Jungfrau, so sagte er, habe ihm befohlen, sein oberflächliches Leben aufzugeben und nur noch dafür zu leben, den Menschen Gerechtigkeit und ein besseres Leben zu schaffen. So verbrannte er seine geliebten Musikinstrumente, die bunten Federn und kleinen Schmuckstücke, die er mit sich trug und begann, den Leuten in den Dörfern Reden darüber zu halten, dass alles ganz anders werden, die Welt völlig umgestaltet werden müsse. Die Gabe, Menschen für sich einzunehmen, hatte er immer besessen, aber nun, da er predigte statt Flöte blies, kamen nicht mehr einige Dutzend, sondern hunderte, bald tausende Menschen, die zig Kilometer weit hinauswanderten, um ihn zu hören. Aber obwohl er sich auch auf die heilige Jungfrau berief, bekamen sie bei ihm ganz andere Dinge zu hören als beim Pfarrer: Alle Menschen seien Brüder und Schwestern, alle gleich und frei, die einander helfen und miteinander teilen sollen. Die [[Adel|Herren]] haben zu ihrem Reichtum selbst nichts getan, sondern verprassen nur das, was andere für sie erarbeiten - darum soll es keine Herren mehr geben, sondern jeder mit seinen eigenen Händen erarbeiten. Die Schätze der Bischöfe und Klöster sollen ihnen genommen werden, um damit die Armen und Kranken zu versorgen. Die Wälder, Wiesen und Flüsse und alles, was in ihnen sei, gehöre allen Menschen gleichermaßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das waren unerhörte Forderungen, und sie trafen den Nerv der Bauern, Handwerker und entlassenen Soldaten, die es hörten, zuhause in ihren Gemeinden weitererzählten und darüber diskutierten. Bald drang sein Ruf über das Taubertal hinaus, und aus - für die Begriffe und die Transportbedingungen der Zeit - weit entfernten Regionen strömten Neugierige zu ihm, aus [[Thüringen]], [[Sachsen]], [[Freistaat Bayern|Bayern]], [[Baden-Württemberg|Württemberg]] und [[Hessen]]. Viele blieben ganz beim Pfeiferhänslein und zogen mit ihm durchs Land. Der bunte Haufen umfasste hunderte, bald tausende Menschen, die alles verkauften, was sie nicht dringend brauchten und gleichmäßig unter sich teilten, einander nur mit &amp;quot;Bruder&amp;quot; und &amp;quot;Schwester&amp;quot; anredeten und nachts auf freiem Feld unter dem Sternenhimmel schliefen. Der [[Fürstbischof]] von [[Würzburg]], der gerade inthronisierte [[Rudolf von Scherenberg]], der in diesem schönen, fruchtbaren Ländchen nicht nur als geistlicher Oberhirte, sondern auch als weltlicher Fürst herrschte, schenkte dem anfangs keine große Beachtung. Bald aber nahm die Bewegung einen scharf antiklerikalen Ton, der ihn aufhorchen ließ. In einem Fürstbistum wie Würzburg, wo die Geistlichen gleichzeitig weltliche Herren waren, zeigte sich die Degeneriertheit der hohen Ränge der Kirche besonders scharf. Der Bischof selbst und die ihm unterstehenden Stiftsherren und Äbte pressten die ihnen unterstehenden Bauern mit immer neuen Steuern, Sonderabgaben und Zöllen so erbarmungslos aus, dass selbst in einer so fruchtbaren Gegend oft Hunger herrschte, dazu mussten die Bauern noch an mehreren Tagen pro Woche unbezahlt auf den Feldern der Geistlichen schuften und auch sonst jeden Dienst für sie verrichten. Wer die Rechtmäßigkeit einer neuen Abgabe bestritt, landete schnell als Aufrührer im Kerker. Von dem Geld, das die hohen Geistlichen, die durchweg Söhne namhafter Adelsfamilien waren, aus den Bauern herausgeschunden hatten, führten sie ein verschwenderisches und ausschweifendes Leben, als seien sie kleine Könige und nicht eigentlich durch Gelübde zu Armut und Keuschheit verpflichtet, trugen sündhaft teure, herrlich mit Goldfäden bestickte Brokatgewänder, aßen vielgängige Delikatessenmenüs aus Gold- und Silbergeschirr, betranken sich an teuren Weinen, gaben Kunstwerke in Auftrag und hielten sich oft einen Harem von Prostituierten. Das Pfeiferhänslein, das den zu ihm Kommenden geduldig zuhörte, bekam immer neue erschütternde Geschichten davon zu hören, wie die Pfaffen die armen Leute beraubten, betrogen und demütigten. Seine Reden gegen die Priester und Mönche wurden immer schärfer, er forderte, dass sie ein Dach über dem Kopf, Essen und warme Kleider bekommen sollten, aber nicht mehr, und dass sie dafür arbeiten sollten wie jeder andere - am Ende sollten alle Menschen von allem gleich viel haben. Seine Anhänger verehrten ihn jetzt wie einen heiligen Propheten, und sie sangen gemeinsam den Choral:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen es Gott im Himmel klagen, Kyrie eleison,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
dass wir die Pfaffen nicht tot solln schlagen, kyrie eleison!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu konnte der Fürstbischof nicht mehr untätig zuschauen. Er schickte Spitzel unter die Anhänger des &amp;quot;Heiligen Jünglings&amp;quot;, wie er jetzt genannt wurde, und erfuhr, dass er alle Männer im Juli 1476 dazu aufrief, sich bewaffnet bei ihm zu versammeln und ihre Frauen und Kinder nach hause zu schicken, um zu hören, was die heilige Jungfrau ihnen zu tun befehle. Das wollte der Bischof lieber nicht abwarten. Stattdessen schickte er in der Nacht zum 12. Juli einen Trupp bewaffneter Reiter in das Lager des Pfeiferhänsleins, ließ ihn festnehmen und in die auf einem Berg über Würzburg thronende bischöfliche Festung Marienberg in den Kerker werfen. Ein großer Teil der Anhänger des heiligen Jünglings zerstreute sich am nächsten Tag niedergeschlagen in ihre Dörfer, aber 16 000 zogen mit Sensen, Äxten, Keulen und Messern in der Hand Richtung Würzburg, um ihren Propheten notfalls mit Gewalt zu befreien. Am Fuß der Festung angekommen, ritt der bischöfliche Marschall Georg von Gebsattel zu ihnen herab, um mit ihnen zu reden, stellte sich dabei aber so ungeschickt an, dass die Bauern wütend wurden und Steine nach ihm warfen. Gebsattel flüchtete zurück in die Festung, und der Bischof ließ über die Köpfe der Bauern hinweg einige Kanonenkugeln abfeuern. Dann schickte er einen weiteren Ritter hinunter, den diplomatischer auftretenden Conrad von Hutten. Er redete den Bauern begütigend zu, versicherte, dass die Sache Hans Böheims gewissenhaft geprüft werde und ihm nichts geschehe, wenn er sich nichts habe zuschulden kommen lassen. Die Bauern sollten doch lieber friedlich nach Hause gehen, dann werde ihr Aufruhr vergeben und vergessen sein. Schließlich sei doch auch gerade Heuernte und würden sie auf ihren Höfen gebraucht. Das überzeugte sie, und sie erklärten sich schließlich bereit, umzukehren und nach Hause zu gehen. Aber das alles war nur eine Finte des Bischofs, und sobald der riesige Bauernhaufen sich in lauter isolierte kleine Grüppchen aufgelöst hatte, ließ er seine Panzerreiter ausschwärmen, die die einzelnen Häufchen rasch einholten, hunderte totschlugen, hunderte weitere mit Stricken gefesselt auf die Festung abführten. Es sollte ein Exempel statuiert werden, was mit Bauern passierte, die sich anmaßten, ihre von Gott gegebene Obrigkeit infrage zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem heiligen Pfeiferhänslein war kein so schneller Tod vergönnt. Eine Woche nach seiner Festnahme zerrte man ihn bei Sonnenaufgang aus dem Kerker, brachte ihn auf eine Wiese außerhalb der Festung und richtete ihm einen Scheiterhaufen auf, in dessen Flammen er langsam erstickte, hoch oben auf dem Berg, damit man den Rauch weithin im Maintal sehen könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Ordnung war fürs erste wiederhergestellt im Würzburger Land, aber unter der Oberfläche gärte es weiter, und bald zeigte sich, dass das traurige Schicksal des Pfeiferhänsleins nur ein erstes Wetterleuchten neuer Ausbrüche noch ganz anderer Dimensionen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einleitung: Deutschland am Ende des Mittelalters ==&lt;br /&gt;
Eine solche soziale Protestbewegung, die zehntausende auf die Beine brachte, kam nicht aus heiterem Himmel. Im Laufe des Spätmittelalters hatten sich die sozialen Konflikte in Deutschland so zugespitzt, dass viele Zeitgenossen spürten, es müsse irgendeine Explosion, irgendeine große Umwälzung kommen, was sich anfangs in religiösen und esoterischen Formen ausdrückte, in apokalyptischen Visionen und dunklen Prophezeiungen darüber, dass das unterste zuoberst gekehrt und bald alles anders würde. Wie war dieses Land, wie waren die sozialen und politischen Verhältnisse in ihm beschaffen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Staat Deutschland im modernen Sinne des Wortes gab es nicht. Das heutige Deutschland bildete den Kern des &amp;quot;Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation&amp;quot;, das nach heutigen Grenzen neben Deutschland noch die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Ostfrankreich und die Provence, die Schweiz, Norditalien, Slowenien, Österreich, Tschechien und den Westen Polens umfasste. Viele dieser Gebiete gehörten um 1500 aber nur noch formell zum Reich und waren in Wirklichkeit völlig unabhängig von ihm. So war die Macht der deutschen Kaiser über Italien schon im 13. Jahrhundert erloschen, und im 14. Jahrhundert entstand die Schweiz als Staatenbund einiger Stadtstaaten, die mit der Reichspolitik gar nichts mehr zu schaffen hatten und sich im 15. Jahrhundert beträchtlich ausdehnten. Auch die Zugehörigkeit der Provence zum Reich war rein formell, auch wenn noch 1365 Kaiser Karl IV. in Arles gekrönt wurde. 1481 schied die Provence dann auch offiziell aus dem Reich aus und kam an Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch in seinen deutschsprachigen Kerngebieten war dieses Gebilde weit von einem modernen Nationalstaat entfernt. An seiner Spitze stand ein Kaiser, dessen Amt nicht vererbt wurde, sondern den nach den Bestimmungen der Goldenen Bulle von 1356 die sieben Kurfürsten wählten: Der Erzbischof von Trier, der Erzbischof von Köln, der König von Böhmen, der Pfalzgraf bei Rhein, der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg und der Erzbischof von Mainz. Theoretisch konnten diese Kurfürsten jeden Adligen zum Kaiser wählen, tatsächlich aber wurde seit 1438 bis zum Ende des Reiches fast immer der Kandidat der Adelsdynastie Habsburg gewählt, die das größte Territorium aller deutschen Fürstenhäuser besaßen. Im Gegensatz zu späteren Zeiten, wo das Reich de facto eine habsburgische Erbmonarchie und die Wahl eine reine Zeremonie geworden war, war dieses Vorrecht der Habsburger an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert aber noch nicht selbstverständlich - noch Karl V., der mächtigste aller Habsburgerkaiser, musste 1519 ungeheure Bestechungsgelder an die Kurfürsten zahlen, um gewählt zu werden. Die eigentliche Machtbasis Karls, der gleichzeitig König von Spanien war, lag aber außerhalb des Reiches, in Spanien, dem von Spanien annektierten Königreich Neapel und den riesigen spanischen Eroberungen in Mittel- und Südamerika. Die älteren Besitzungen der Habsburger in Deutschland, die den Großteil des heutigen Österreich sowie ein paar verstreute Gebietsfetzen in Südwestdeutschland umfassten, wirkten dagegen wie ein provinzielles Anhängsel, das Karl, der kaum Deutsch sprach und nur selten im Reich war, von seinem Bruder Ferdinand verwalten ließ. Trotz des hochtrabenden Titels waren die Machtbefugnisse der römisch-deutschen Kaiser im Reich sehr begrenzt. Unumschränkter Herr war er nur in seiner Hausmacht, d.h. den Territorien seiner Familiendynastie - der Rest des Reiches bestand aus hunderten mittleren, kleinen und sehr kleinen Territorien, den sogenannten Reichsständen, die auf ihrem Gebiet weitgehend tun und lassen konnten, was sie wollten und zwischen denen der Kaiser eher als eine Art Moderator denn als Herrscher auftrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Reich bot einen gewissen gemeinsamen Rechtsrahmen, es gab einen gemeinsamen obersten Gerichtshof des Reiches und ein paar weitere Reichsbehörden, aber ein Beschluss des Reichskammergerichtes war gegen einen Fürsten nur durchsetzbar, wenn der Kaiser mit den Mitteln seiner Hausmacht oder ein anderer mächtiger Reichsfürst bereit waren, ihn durchzusetzen. So etwas wie eine gemeinsame Polizei oder eine gemeinsame Armee gab es nämlich nicht, allenfalls konnte bei einem Angriff von außen ein zeitlich begrenztes Reichsaufgebot aufgestellt werden, das aber meistens militärisch bedeutungslos blieb - Krieg, ob untereinander oder gegen auswärtige Staaten, führten die einzelnen Fürsten mit ihren eigenen Armeen und nicht das Reich insgesamt. Die Reichsstände trafen sich regelmäßig auf den Reichstagen, um unter Vorsitz des Kaisers über die Politik im Reich zu diskutieren, aber dabei handelte es sich eher um eine Fürstenkonferenz als um eine Regierung. Ein bisschen Ähnlichkeit hatte dieses ganze Gebilde mit der heutigen EU, auch wenn von wirtschaftlicher Einigung im spätmittelalterlichen Deutschland keine Spur war: In jedem Fürstentum galten andere Maß- und Gewichtseinheiten, wurden andere Münzen geprägt, und Zölle musste man nicht nur bei der Reise von einem Fürstentum in ein anderes, sondern oft auch mehrmals innerhalb eines einzigen Fürstentums zahlen. Anders als bspw. in Frankreich, England oder Spanien, wo der König im Laufe des Mittelalters gegenüber den regionalen Fürsten immer mächtiger geworden war und es um 1500 schon eine Art zentral verwalteten modernen Staat gab, war die Macht der deutschen Kaiser gegenüber den Fürsten immer schwächer geworden, um am Ende des Mittelalters waren die deutschen Fürstentümer fast schon unabhängige Staaten, die dem Kaiser nur noch auf dem Papier unterstanden. Es würde hier zu weit führen, lange zu erörtern, warum die Entwicklung in Deutschland einen entgegengesetzten Verlauf wie in Westeuropa genommen hat, aber bedeutend waren dafür bspw.: Die Überdehnung des Reiches durch den immer wiederholten Versuch, Italien in der Gewalt der Kaiser zu halten. Die kaiserlose Zeit des 13. Jahrhunderts, als das Reich erst mit Friedrich II. einen Kaiser hatte, der nie in Deutschland anwesend war und stattdessen in Sizilien einen kleinen Musterstaat aufbaute und dann jahrzehntelang gar keinen anerkannten Kaiser mehr, sodass die Adligen ihre Macht massiv ausbauen konnten. Das Wahlkaisertum, das den kontinuierlichen Aufbau einer Zentralmacht schwieriger machte als bspw. in Frankreich, wo die Dynastie der Kapetinger über viele Generationen hinweg eine immer größere Hausmacht anhäufen konnten, die mit dem Zentralstaat identisch war und diesem langsam das Übergewicht über alle Regionalfürsten gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der deutsche Kaisertitel dann für die Habsburger praktisch erblich wurde, war die Macht der deutschen Territorialfürsten schon so befestigt, dass sie das Reich trotz ihrer starken Hausmacht nicht wesentlich zentralisieren konnten - allerdings haben die Habsburger in den nächsten anderthalb Jahrhunderten noch zwei große, erfolglose Versuche unternommen, Deutschland doch noch in einen von Wien aus verwalteten modernen Zentralstaat zu verwandeln, erst im Schmalkaldischen Krieg und dann noch einmal im Dreißigjährigen Krieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hunderten Reichsstände, aus denen sich dieses Heilige Römische Reich deutscher Nation nun zusammensetzte, lassen sich im Wesentlichen in drei Gruppen unterteilen. Erstens gab es von Adligen beherrschte Fürstentümer, vom großen und relativ mächtigen Herzogtum bis hin zur winzigen Grafschaft, die kaum aus mehr als ein paar Burgen und Dörfern bestand. Innerhalb dieser Fürstentümer gab es noch einmal eine Menge kleinerer Adliger, die Ritter, die ihrem Fürsten lehenspflichtig waren, d.h. sie hatten zwar ein kleines eigenes Gebiet, dessen Bauern ihre Leibeigenen oder Zinspflichtigen waren, aber sie mussten einen Teil ihrer Einnahmen an den Fürsten abtreten, ihm im Kriegsfall als berittene Soldaten dienen und sich seiner Gesetzgebung fügen. Im Laufe des Spätmittelalters waren die Ritter gegenüber ihren Fürsten in eine immer schwächere Position geraten und kaum noch mehr als ihre lokalen Statthalter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens gab es geistliche Fürstentümer, in denen der Bischof oder der Abt eines reichen Klosters gleichzeitig weltlicher Herrscher war. Wie oben erwähnt, waren drei dieser Fürstbischöfe sogar Kurfürsten, die den Kaiser wählen konnten. Diese geistlichen Fürsten stammten durchweg aus bedeutenden Adelsfamilien und lebten eher wie Herzöge denn als Priester. Mit Theologie hatten die meisten von ihnen herzlich wenig zu tun, stattdessen traten sie als Kriegsherren auf, hatten einen eindrucksvollen Hofstaat und führten ein verschwenderisches Leben. Ja, in der Regel waren die geistlichen Fürsten reicher und glanzvoller als die weltlichen, denn als geistliche Herren konnten sie den Bauern nicht nur die normalen Steuern und Abgaben abpressen, sondern dazu noch den Kirchenzehnten. Auch konnten, da sie keine ehelichen, erbberechtigten Kinder haben konnten (Uneheliche dafür umso mehr), ihre Länder nicht zersplittern wie bei den weltlichen Fürsten, die ihr Land oft unter mehreren Söhnen aufteilten. Schließlich konnten sie durch Sündenablässe und Ähnliches noch mehr Geld herbeischaffen. Auch den geistlichen Fürsten unterstanden lehenspflichtige kleinere Adlige.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens gab es die freien Reichsstädte, praktisch Stadtrepubliken, die nur dem Kaiser unterstanden, das heißt unabhängig waren. Die Bürger hatten sich diese Freiheit gegen Adlige und Bischöfe oft in jahrhundertelangen harten Klassenkämpfen erringen müssen, und folglich gab es die meisten freien Reichsstädte dort, wo sich das spätmittelalterliche Bürgertum am stärksten entwickelt hatte, nämlich in Süddeutschland, besonders im heutigen Baden-Württemberg und Bayern. Diese Stadtrepubliken waren keine Demokratien, sondern wurden beherrscht von einem Rat, der sich nur aus den allerreichsten Bürgerfamilien der Stadt zusammensetzte, während die Handwerksgesellen, die kleinen Kaufleute, die städtischen Armen und die Bauern der Umgebung in der Regel kein politisches Mitspracherecht hatten. In vielen freien Reichsstädten gab es einen inneren Rat, der aus den elitärsten Patrizierfamilien gebildet wurde, und einen äußeren Rat, der vor allem aus den auch schon wohlhabenden Handwerksmeistern und Ähnlichem bestand. Das Territorium der freien Reichsstädte umfasste nicht nur das Stadtgebiet selbst, sondern auch Wälder, Äcker, Weideland und eine Reihe Dörfer außerhalb der Stadtmauern, wobei die dortigen Bauern für den Rat genauso als Leibeigene oder Zinspflichtige schuften mussten wie anderswo für einen Fürsten. Die freien Reichsstädte waren die Zentren des aufblühenden Handelskapitalismus, des Finanzwesens, des Handwerks und, dank des in ihnen herrschenden freieren geistigen Klimas, von Kunst und Kultur. Dementsprechend waren fast alle der größten Städte des Reiches freie Reichsstädte, während sich die fürstlichen Landstädte nur kümmerlich entwickelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bevölkerung Deutschlands hatte sich im Laufe des 15. Jahrhunderts erst langsam von der furchtbaren Pestepidemie von 1347-49 (Wobei ein Drittel der Bevölkerung Europas gestorben war) erholt und betrug um 1500 etwa 12 Millionen. Italien hatte damals rund 10 Millionen Einwohner, Frankreich etwa 16 Millionen und England lediglich 4 Millionen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur eine kleine Minderheit lebte in Städten, und nach modernen Maßstäben waren diese Städte allesamt sehr klein, oft eher ummauerte Dörfer. Anders als im zentralisierten Frankreich und England, wo es eine das ganze Land beherrschende große Metropole gab - Paris hatte damals immerhin schon 200 000 Einwohner, London 125 000 - hatte sich im zersplitterten Deutschen Reich keine Hauptstadt oder dominante Metropole gebildet. Wien, die Hauptstadt der habsburgischen Ländereien im Reich, war ein Nest von kaum 10 000 Einwohnern. Die größten Städte waren Köln, Prag und Nürnberg mit jeweils etwa 40 000 Einwohnern, ein, zwei Dutzend weitere Städte erreichten 10 000 - 30 000 Einwohner und waren damit regionale Zentren. Aber man darf sich das Leben in diesen Städten nicht wie in einem heutigen Provinzstädtchen gleicher Einwohnerzahl vorstellen. Eine 30- oder 40 000-Einwohnerstadt ist heute nichts Besonderes, damals hingegen war sie der Mittelpunkt einer ganzen Region: Die Bauern des Umlandes strömten dorthin, um ihre Abgaben zu leisten oder Obst und Gemüse zu verkaufen. Die Adligen der Region kamen hin, um dort ihr Geld zu verprassen. Studenten aus ganz Europa kamen in die überall entstehenden neuen Universitäten. Handwerker und Künstler eröffneten dort ihre Werkstätten. Kaufleute aus dem ganzen Reich stellten ihre Waren aus. Entwurzelte aus den Dörfern - Bettler, Straßenmusikanten, Tagelöhner, Prostituierte - gingen in die Städte, um ein paar Krümel vom wachsenden Wohlstand des städtischen Bürgertums aufzufangen. Dazu waren die Städte äußerst dicht bebaut, die Straßen entsprechend voller Leben. Die größeren der freien Reichsstädte Süd- und Mitteldeutschlands hatten eine durchaus großstädtische Atmosphäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Städten hatte sich im Verlauf des Mittelalters eine neue Klasse gebildet, die immer mächtiger wurde und sich inzwischen oft gegen Adel und Klerus durchsetzen konnte: Das Bürgertum und mit ihm die kapitalistische Wirtschaft. Industriekapitalismus gab es noch nicht, sondern erst Handels- und Finanzkapitalismus sowie in bescheidenem Umfang Anfänge von Manufaktur- und Verlagswesen. Vorherrschend waren kapitalistische Wirtschaftsformen und moderne Geldwirtschaft nur in den verstreuten städtischen Inseln, während die BäuerInnen auf dem Land einen großen Teil ihrer Erzeugnisse ohne Gegenleistung an Adel und Klerus abgeben und den Großteil des Restes für ihre eigene Ernährung und als Saatgut verwenden mussten. Verkaufen konnten sie nur kleine Ernteüberschüsse, hatten somit nur wenig Geld, kauften oder verkauften wenig und hatten nur geringen Anteil an den sich bildenden kapitalistischen Wirtschaftsformen. ProletarierInnen im modernen Sinne, also lohnabhängig Beschäftigte, die nichts außer ihrer Arbeitskraft verkaufen konnten und gar keine eigenen Produktionsmittel besaßen, gab es im spätmittelalterlichen Deutschland durchaus schon, aber sie waren noch eine sehr kleine Gruppe in einigen städtischen Erwerbszweigen, vor allem aber im Bergbau, der damals in Deutschland höher entwickelt war als irgendwo auf der Welt. In den Bergwerken Mitteldeutschlands sehen wir schon um 1500 kapitalistische Unternehmer, die Arbeiter beschäftigen, die ausschließlich als Lohnarbeiter lebten und sich nicht nur ein Zubrot verdienten wie viele Bauern, die ein paar Monate pro Jahr als Hilfsarbeiter in die Stadt gingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb des Bürgertums gab es große soziale und ökonomische Unterschiede. Da gab es zum einen die schwerreichen Patrizierfamilien, die großen Bankiers und Großkaufleute, die, wie die Fugger und Welser in Augsburg und Nürnberg, riesige Vermögen anhäuften und in den Reichsstädten wie urbane Fürsten auftraten. Die Fugger hatten 1519 Karl V. die von ihm zur Kaiserwahl benötigten enormen Bestechungsgelder geliehen und sich damit quasi einen eigenen Kaiser gekauft, der ihnen in politischen Angelegenheiten immer wohlwollend beistand. In Augsburg nahmen sie eine ähnliche Stellung ein wie zur gleichen Zeit die Medici in der Stadtrepublik Florenz: Offiziell nur eine Bürgerfamilie unter anderen, bestimmten sie tatsächlich das ganze Geschehen in der Republik. Sie trieben, um die Sympathien der städtischen Armen zu gewinnen, etwas paternalistische Sozialpolitik und gründeten mit der Augsburger Fuggerei die erste Sozialwohnsiedlung Deutschlands, in der Arme für einen symbolisch geringen Mietpreis eine Wohnung bekamen. Wie die Medici gaben sie große Summen als Mäzene für die Förderung von Kunst und Kultur aus und statteten Augsburg mit prachtvollen Renaissancebauten, Brunnen und Statuen aus. Und wie die Medici versuchten sie, ihre inoffizielle Herrscherstellung in eine offizielle umzuwandeln und erbliche Herzöge zu werden, was ihnen im Gegensatz zu ersteren aber nicht gelang. Die mit den Fuggern konkurrierenden, in Augsburg und Nürnberg ansässigen Welser besaßen im 16. Jahrhundert Venezuela als Privatkolonie ihrer Familie und verdienten enorme Summen mit dem Verkauf von Sklaven, Gold, Edelhölzern und Gewürzen aus ihrer Kolonie sowie mit ihren Zuckerplantagen in der Karibik und auf Madeira. Neben diesen international agierenden, millionenschweren Großbürgern erschienen die Adligen wie bemitleidenswerte provinzielle arme Schlucker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den größeren Teilen des städtischen Bürgertums machten Handwerksmeister aus - Waffenschmiede und Kanonengießer, Gold- und Silberschmiede, Graveure, Uhrmacher, Schneider, Bildhauer, Maler usw. (Skulptur und Malerei galten damals als Handwerk). Sie waren in Zünften organisiert, die nur eine streng begrenzte Zahl zur Ausübung eines Handwerks auf dem Gebiet einer Reichsstadt zuließen, sie damit vor Konkurrenz schützten, die Preise hoch hielten und garantierten, dass jemand, der es mal zum Handwerksmeister gebracht hatte, sein ganzes Leben lang ein wohlhabender Mann in gesicherter sozialer Stellung blieb. Mit dem Wachstum der Städte und dem rasch zunehmenden Reichtum der Stadtbevölkerung waren die Handwerke und Kunsthandwerke immer vielfältiger und raffinierter geworden, und wer das Geld dazu hatte, konnte sich in den Städten mit immer schöneren und kunstvolleren Luxusartikeln eindecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich gab es die aufkommenden modernen freien Berufe - Ärzte, Anwälte, Professoren, Verleger und Buchhändler, in Ansätzen auch schon so etwas wie moderne Intellektuelle (In Ulrich von Hutten werden wir noch einem prominenten Beispiel begegnen). Und dann war da noch das zahlreiche städtische Kleinbürgertum, bspw. Handwerksgesellen, Kneipen- und Herbergswirte oder Bordellbetreiber (Die Prostitution war im späten Mittelalter enorm verbreitet, da es für viele Mädchen aus verarmten Bauernfamilien keine andere Einkommensmöglichkeit gab, als in die Städte zu gehen und sich dort zu prostituieren). Trotz aller Unterschiede und trotz aller oft heftigen Konflikte zwischen Patriziern einerseits, Mittel- und Kleinbürgern andererseits besaß dieses Bürgertum ein gemeinsames Standesbewusstsein, das sich im Konflikt mit Adel und Klerus entwickelte, die gierig auf die blühenden freien Reichsstädte schielten und sie sich mit ihren sprudelnden Einnahmequellen untertänig machen wollten (Wo das gelang, sägten sie sich den Ast, auf dem sie saßen, allerdings schnell selbst ab, denn unter der fürstlichen Willkürwirtschaft verödeten die Handelsstädte rasch).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch das Geld dieses wachsenden Bürgertums, das sich als kulturell führende Klasse in Szene setzte, während bisher fast nur die Kirche Aufträge an Künstler vergeben hatte, gediehen Kunst und Kultur im Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts überreichlich, die Spätgotik erlebte eine herrliche Spätblüte. Die Zentren dieser kulturellen Blüte waren vor allem Schwaben und Franken. Kaum ein größeres Dorf dieser Gegenden, in dem man nicht noch heute eine der wundervollen spätgotischen Kirchen des 15. und 16. Jahrhunderts sieht, mit ihren reich geschmückten Portalen und filigranen Türmen, den komplexen Netz- und Sterngewölben im Inneren, mit schönen Wandmalereien, bunten Glasfenstern, kunstvollen Heiligenfiguren und an den Wänden den Grabdenkmälern der Bürger und Ritter der Gegend. In den reichen Handelsstädten baute das wohlhabende Bürgertum auf eigene Kosten neue Großkirchen auf dem letzten Stand von Technik und Kunst, um demonstrativ zu zeigen, wer hier den Ton angab. Einige davon, wie das im späten 14. Jahrhundert begonnene Ulmer Münster, stellten in ihren Dimensionen die Kathedralen der Bischöfe in den Schatten. Während die Früh- und Hochgotik erst mit hundertjähriger Verspätung aus Frankreich nach Deutschland gekommen und nur zögerlich angenommen wurde, entwickelten sich in der Spätgotik jetzt spezifische deutsche Regionalstile, und die süddeutschen Hallenkirchen des 14. und 15. Jahrhunderts gehören zum Schönsten, was die gotische Kunst überhaupt geschaffen hat. Auch Malerei und Bildhauerei nehmen jetzt einen ungeheuren Aufschwung, und die städtischen Ateliers produzieren Gemälde und Skulpturen in einer bisher ungekannten Menge - bis heute sind die Regionalmuseen Süd- und Mitteldeutschlands, Österreichs und der Schweiz voll von den Heiligenfiguren und Tafelgemälden der Zeit von etwa 1420-1530, und obwohl sie von teils Dutzenden Gesellen in einer Werkstatt unter Anleitung des Meisters hergestellte Massenprodukte wurden, war ihr künstlerisches Niveau durchweg sehr hoch. Würzburg, Nürnberg, Augsburg und Ulm waren die wichtigsten Zentren dieser Kunst. Mit Bildhauern wie Tilman Riemenschneider in Würzburg und Malern wie Albrecht Dürer in Nürnberg treten in Süddeutschland Künstler auf, die sich vor der gleichzeitigen Renaissancekunst in Nord- und Mittelitalien nicht verstecken müssen. Auch Luxuskleidung, Goldschmiedearbeiten, Möbel, Teppiche und teures Geschirr erreichen ein immer höheres Niveau, und die noch zahlreich in den Museen ausgestellten goldenen und silbernen Prunkbecher, Pokale, Prunkuhren usw. aus den Werkstätten von Nürnberg, Augsburg und Ulm sind wahre Kunstwerke.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Literatur werden erstmals deutschsprachige Texte in großer Zahl vertrieben, Gedichte, Schwänke und volkstümliche Versromane, aber auch schöne Liedersammlungen mit Text und Melodie in Notenschrift. Der 1452 von Johannes Gutenberg in Mainz erfundene Buchdruck mit beweglichen Lettern breitete sich rasch aus, und im 16. Jahrhundert wurden in Deutschland schon etwa 100 000 Titel aufgelegt, die meisten davon in Deutsch und nicht mehr auf Latein. Abgesehen von Norditalien gab es nirgends mehr Verlage, Druckereien und Buchhandlungen als in Deutschland. Es war jetzt möglich, Flugschriften zu aktuellen politischen Themen und sogar schon eine Art regelmäßiger Zeitungen herauszugeben, die eine den ganzen deutschen Sprachraum umfassende öffentliche Meinung schufen und zu einer enormen Politisierung der Bevölkerung führten, was für die Reformation und den Bauernkrieg entscheidend sein sollte. In jedem Dorf gab es jemanden, der lesen konnte und den anderen die neuen Flugschriften und Broschüren vorlas, und noch im abgelegensten Dorf diskutierten die BäuerInnen jetzt über Politik und Religion.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben diesem Aufschwung des Bürgertums befanden sich die meisten Adligen und Geistlichen auf einem absteigenden Ast. Zwar konnten sich einige Dutzend bedeutendere Regionalfürsten auf Kosten der kaiserlichen Macht konsolidieren und auf ihrem Territorium einen zentralisierten Staat mit zunehmend modernen Zügen aufbauen, aber das implizierte die fortschreitende Entmachtung der ihnen als Vasallen unterstehenden Ritter und kleinen Grafen. Die Fürsten versuchten, die kleinen reichsunmittelbaren Ritter- und Grafschaften, d.h. die eigene Reichsstände waren, zu schlucken, und die schon als Vasallen auf ihrem Gebiet Befindlichen zu ihren lokalen Beamten zu degradieren. Viele Ritter und kleine Grafen hassten die großen Fürsten, die ihre alte Freiheit beschnitten und sie ins Korsett der strengen Ordnung des modernen Staates hineinzwangen. Ein prominentes Beispiel für diesen Typus von Ritter, der von der guten alten Zeit träumt, als sie noch rauhe, keinem als dem Kaiser Verantwortliche Herren waren, die sich nach Herzenslust befehden durften, war Götz von Berlichingen, der im Bauernkrieg noch eine Rolle spielen wird und uns eine farbige Autobiographie hinterlassen hat. Aber es brauchte gar nicht erst die Fürsten, um diese kleinen Adligen herunterzubringen, im Spätmittelalter ging es mit ihnen ökonomisch steil bergab. Das hatte verschiedene Gründe. Zum einen erforderte der technische Fortschritt im Kriegswesen enorme Extraausgaben. Im Zeitalter von Büchsen und Kanonen mussten die Ritter die Befestigungen ihrer Burgen extrem verstärken, wenn sie noch irgendeinen militärischen Wert haben sollten. Auch ihre Panzerung musste drastisch verstärkt werden, um noch etwas Schutz vor Kugeln zu bieten: Während die Ritter im Hochmittelalter kaum mehr als einen Helm, ein leichtes Kettenhemd und ein Lederwams zu ihrem Schutz trugen, so mussten die Ritter des 15. und 16. Jahrhunderts ihren ganzen Körper und oft den ihrer Pferde mit massiven Stahlplatten ummanteln, die sie so unbeweglich machten, dass sie beim Sturz von ihrem Pferd hilflos waren wie auf dem Rücken liegende Käfer - die so martialisch aussehenden Ganzkörperpanzer dieser Zeit sind heute noch Blickfang auf den der Öffentlichkeit geöffneten Schlössern und in den Museen, aber sie zeigen den Untergang des Rittertums an und nicht seine Blüte. Das alles kostete sehr, sehr viel Geld, bei Einnahmen, die nicht wesentlich stiegen. Die neue militärische Situation bedeutete auch einen rapiden Prestigeverlust der Ritter: Während die adligen Reiter früher sich als Elite fühlten, die Könige des Schlachtfeldes waren, so konnte sie jetzt jeder Fußknappe aus dem Bauernaufgebot mit einer Büchse oder Armbrust und ohne besondere militärische Ausbildung leicht niederschießen (Weswegen die Armbrust auch als &amp;quot;unritterliche&amp;quot; Waffe verpönt war). Die aus den Rittern gebildete schwere Reiterei entschied um 1500 immer noch die meisten Schlachten, aber ihre Bedeutung sank, und es kam vor, dass reine Infanterieheere wie die der schweizerischen Eidgenossen berittene Adelsheere vernichtend schlugen die Ritter verloren somit ihren eigentlichen, militärischen Existenzgrund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu alledem kam das vor ihnen Augen stehende Beispiel der im Luxus schwelgenden städtischen Großbürger, die ausgedehnten neuen Luxusindustrien. Was irgendsoein städtischer Bankier oder Kaufmann in seinem Stadtpalais sich leisten konnte, das musste der standesbewusste Ritter, der verächtlich auf den städtischen Krämer herabblickte, erst recht haben. Nur: Der städtische Krämer konnte sich das leisten, der auf seiner Burg sitzende Ritter meistens nicht. Und so verschuldete er sich über beide Ohren bei den städtischen Bankhäusern, um sich auch Seidengewänder, Gold- und Silbergeschirr, Elfenbeinstatuetten, silberne Uhren und individuelle Prunkwaffen mit Golddekor zu kaufen, all diese verlockenden schönen Dinge, die es im Früh- und Hochmittelalter noch kaum gegeben hatte. Um ihre finanzielle Situation noch irgendwie in den Griff zu bekommen, mussten die Ritter immer neue Steuern und Sonderabgaben erfinden, die ihre BäuerInnen ihnen zahlen sollten, oft warfen sie sie auch unter irgendeinem Vorwand in den Kerker und zwangen dann seine Familie, ihn gegen ein schweres Lösegeld freizukaufen. Den Handel hemmten sie durch immer neue Zölle für durch ihr Gebiet ziehende Kaufleute, um auch da noch ein paar Gulden mehr herauszupressen. Viele Ritter wurden als Raubritter auch einfach ganz ordinäre Straßenräuber, die davon lebten, mit der Waffe in der Hand Reisende auf den Landstraßen auszuplündern und die von ihren Burgen aus ganze Regionen tyrannisierten. Auch das Fehdewesen, also der kleine Privatkrieg gegen andere Ritter oder gegen Reichsstädte, nahm ihm 15. Jahrhundert massiv zu. Unter irgendeinem albernen Vorwand wurde ein Rechtsstreit mit einer der wohlhabenden Städte der Gegend konstruiert, und der Ritter zog dann mit einer Schar angeworbener Söldner durch ihr Gebiet, um sich &amp;quot;sein Recht zu verschaffen&amp;quot;, indem er ihre Händler und Bauern ausraubte. Die Ritter wurden oft eine richtige Landplage, und unter den städtischen Patriziern war die Ehrfurcht vor dem Adel so geschwunden, dass sie sie als Gesindel betrachteten und sie gerne als gewöhnliche Verbrecher festgenommen und aufgehängt hätten. Dazu trug auch die notorische Unfähigkeit der kleinen Adligen bei, mit Geld umzugehen, was sie zu schlechten, unzuverlässigen Schuldnern machten: Das geliehene Geld investierten sie nicht, sondern verprassten es meistens für Luxusausgaben, und wenn das Geld wieder ausging, bettelten sie um neuen Kredit, zogen auf Raubzug oder quetschten ihre Bauern noch ein bisschen mehr aus. Schließlich sank die Stellung der Ritter auch dadurch, dass ihre Fürsten sie nun kaum noch als Berater und Hofbeamte an sich heranzogen das erledigten jetzt bürgerliche Fachleute, die an einer der neuen Universitäten studiert hatten, wozu sich kaum ein Ritter hergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mochte er noch so stolz auftreten, es zeichnete sich ab, dass die Gesellschaft, wenn sie sich weiterentwickeln wollte, dieses Geschwür, zu dem der kleine Adel geworden war, loswerden musste. Die Landesfürsten erließen schon strenge Fehdeverbote, um dem ritterlichen Unwesen Schranken zu setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen litten die BäuerInnen, die ja die überwältigende Bevölkerungsmehrheit bildeten, sowohl an den aufsteigenden wie den absteigenden Kräften der Gesellschaft. Obwohl durch modernere Pflüge und rationellere Feldbewirtschaftung die landwirtschaftliche Produktivität im Spätmittelalter erheblich gestiegen war, ging es den meisten BäuerInnen immer schlechter, denn von allen Seiten wurden sie immer intensiver geschröpft und ausgenommen. Zunächst mussten sie Reichssteuern an die kaiserliche Gewalt zahlen. Dann mussten sie den Kirchenzehnten an die Geistlichen leisten und ihnen unentgeltlich einen erheblichen Teil ihrer Ernte abgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann kamen die Steuern an den Landesfürsten, der für den Aufbau des modernen Staates mit einer wachsenden Bürokratie sowie für einen repräsentativen Hofstaat immer mehr Geld brauchte. Schließlich die Auspressung durch ihren lokalen Herrn, deren Geldnöte oben geschildert sind. Überall in Deutschland nahm die Steuer- und Abgabenlast der BäuerInnen im 15. und frühen 16. Jahrhundert dramatisch zu, sodass sie oft in den fruchtbarsten Landstrichen Hunger litten und gerade genug zum Überleben hatten, in schlechten Jahren vom Hungertod bedroht waren. Noch dazu mussten sie ja nicht nur Steuern und Abgaben leisten, mussten sie es nicht nur hinnehmen, dass ihr Herr sich beim Tod eines Familienvaters ungeniert als Haupt- oder Alleinerbe einsetzte und der Familie den Besitz des Verstorbenen wegnahm, mussten sie nicht nur immer neue Sondergelder zahlen - Sondersteuern für die Hochzeit, für die Thronbesteigung eines neuen Fürsten und für hundert andere Gelegenheiten. Nicht nur mussten sie es dulden, dass ihre Herren sie mit gefälschten Gewichten betrogen und noch mehr abnahmen, als sie ihnen durch die horrenden Abgabenlasten ohnehin schon schuldeten. Nein, sie mussten auch mehrere Tage pro Wochen umsonst auf den Feldern ihrer Herrn schuften, während ihre eigene Ernte vielleicht gerade auf arbeitende Hände wartete. Und nicht nur das: So weit hatten die Adligen und Geistlichen (Die ja, wie schon geschildert, oft selbst Feudalherren waren) es getrieben, dass die BäuerInnen ihnen jeden denkbaren Knechtsdienst leisten mussten, ohne Lohn natürlich: Holz hacken, Reparaturen durchführen, Scheunen bauen, Wege graben, in den herrschaftlichen Gebäuden putzen. Mehr noch als die materielle Bedrängnis nagte an den BäuerInnen oft der Verlust ihrer Würde, wenn sie wie willenloses Vieh behandelt wurden. In einer kleinen Grafschaft bestand der Funke, der das Fass ihrer Empörung zur Explosion brachte, darin, dass eine verzogene Prinzessin in harter Arbeit ergraute Bauern dazu zwang, an ihren seltenen freien Tagen in den Wald zu ziehen, um dort auf dem Boden kriechend Schneckenhäuser für sie zu sammeln, aus denen sie Schmuck basteln wollte. Hier war die unsichtbare Linie überschritten, bei der die Bauern sich sagten: Das lassen wir uns nicht mehr gefallen. Unter den reichen Bürgern und Adligen wuchs die Verachtung für die Bauern in dem Maße, wie sie sie mehr und mehr ausnahmen. Es erschienen jetzt Spottgedichte- und karikaturen auf die Bauern, in denen sie als rohes, tierhaft triebgesteuertes Gesindel ausgelacht wurden, und tatsächlich sprachen die Adligen der Zeit über ihre Bauern durchweg wie über Nutzvieh eher wie über Menschen. Wenn im Bauernkrieg der rohe Klassenhass der Bauern mit solcher Macht wie eine Naturgewalt ausbrach, so bekamen die Adligen und Geistlichen nur die Quittung für ihr Verhalten gegenüber den Bauern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch ihr rechtlicher Status verschlimmerte sich zunehmend. Hatte es im Hochmittelalter noch sehr viele freie Bauern gegeben, die eigenständige Grundbesitzer waren, die keine Frondienste leisten und allenfalls ein paar geringe Steuern zahlen mussten, so wurden im Spätmittelalter immer mehr Bauern Leibeigene oder hörige Zinspflichtige, die sich von Leibeigenen nicht sehr unterschieden. Die Fürsten, Bischöfe und Äbte erfanden immer neue Frondienste und fälschten, oft sehr plump, immer neue Urkunden, die angeblich aus alter Vergangenheit stammen und ganz neue Dienste und Abgaben unter dem Hinweis verlangten, dass das nur das althergebrachte Recht sei, das ihre Vorväter treu beachtet hätten. Die Bauern erinnerten sich wohl, dass ihre Väter und Großväter noch viel weniger Dienste, noch viel weniger Abgaben hatten leisten müssen als sie, aber gegen so ein Stück Papier, das die Gesetzlichkeit des Ganzen verbürgte, waren sie machtlos. Sie konnten es nicht lesen, und wenn doch, waren sie, die nie eine Schule besucht oder Geschichte gelernt hatten, unfähig, noch so grobschlächtige Fälschungen zu erkennen. Ihren Fürsten gerichtlich zu verklagen war für die Hörigen in der Regel unmöglich, und wenn es doch einmal dazu kam, entschieden die Gerichte zuverlässig nahezu immer zugunsten der Reichen und Mächtigen, zumal die Bauern sich keine Anwälte leisten konnten, während die Fürsten und Bischöfe sich von ihren im römischen Recht geschulten Hofjuristen für jede noch so dreiste Betrügerei ein eindrucksvolles juristisches Gutachten in ihrem Sinne zusammenschreiben ließen. So verloren immer mehr Bauern ihre früheren Freiheiten, und in den lateinischen Urkunden der Zeit nennen die Chronisten aus den Klöstern die ihnen unterstehenden Leibeigenen oft ganz treffend einfach &amp;quot;servus = Sklave&amp;quot;. Die Bauern fühlten den Betrug, konnten sich aber nicht gegen ihn wehren, und so war bei Ausbruch der Bauernaufstände ihre erste Forderung immer die Wiederherstellung des alten Rechts vor den adligen und geistlichen Übergriffen der letzten 50-100 Jahre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die geistlichen Herren trieben es eher noch schlimmer als die weltlichen, hier war der Betrug noch dreister und mit widerwärtigen pastoralen Moralsentenzen übertüncht. Wie die Ritter, so verloren auch die Mönche und mittleren Geistlichen mehr und mehr ihre soziale Funktion, seitdem das städtische Bürgertum sie kulturell und intellektuell weit überflügelt hatte und die Klöster ihre Funktion als einzige Stätten höherer Bildung verloren. Stattdessen wurden die Klöster jetzt von Nichtstuern aus besseren Familien bewohnte Anstalten zur Ausquetschung der arbeitenden Bevölkerung der Region, die keinen nachvollziehbaren Sinn mehr hatten außer Geld, Geld und noch mehr Geld für das Wohlleben der Mönche und Prälaten herbeizuschaffen, die in offener Verhöhnung ihres Armuts- und Keuschheitsgelübdes zechten und prassten wie nur irgendein weltlicher Fürst. Der bäuerliche Hass auf die Mönche und Bischöfe war in der Regel noch viel stärker als gegen den Adel, und in der ganzen populären Literatur des späten Mittelalters erscheinen Pfaffen fast ausnahmslos nur als gehässige Karikaturen, als Fresser, Säufer, Lügner, Betrüger und Vergewaltiger, vor denen man Frau und Kinder in Sicherheit bringen muss. Die den einfachen Leuten gepredigte Theologie war dabei recht schlicht: Seid eurem Herrn immer gehorsam und gebt vor allem fleißig das Geld heraus, das er von euch wünscht, wenn ihr euer Seelenheil retten und in den Himmel kommen wollt. Was man nicht durch Abgaben aus ihnen herauspressen konnte, versuchte man durch Schüren von dumpfem Aberglauben zu gewinnen. Das Ablassunwesen kommt damals auf, als man gegen schweres Geld von umherziehenden, schillernde Werbereden haltenden Verkäufern Papierstücke kaufen konnte, die einem Verwandten Linderung seiner Qualen im Fegefeuer bringen sollten. Das damit eingenommene Geld - sehr viel Geld - ging teils nach Rom, damit der Papst davon seine Privatkriege mit den italienischen Fürsten führen und sich einen neuen, herrlichen Dom bauen konnte, teils an die lokalen deutschen Bischöfe und Äbte, die sich davon Brokatgewänder, exotische Gewürze, Goldgeschirr und Mätressen leisteten. Auch der Verkauf gefälschter Reliquien und massenproduzierter wundertätiger Heiligenbilder war sehr beliebt und besserte die Kasse auf. Der Abscheu über diese Praktiken der Kirche war so allgemein, dass er auch das Bürgertum erfasste und den Wunsch nährte, die deutsche Kirche von Rom zu trennen und grundlegend zu reformieren. Sehr verschieden von den hohen Prälaten waren die einfachen Dorfpfarrer, die meistens sehr arm waren, das alltägliche Leben und die Not der einfachen Leute kannten und mit ihnen Sympathie hatten. Sehr viele von ihnen schlossen sich den Sozialprotesten der Zeit an, und wir werden noch sehen, wie viele Anführer und Ideologen des Bauernkrieges aus der niederen Geistlichkeit kamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So geduldig die BäuerInnen auch lange gewesen waren, ihre Leidensfähigkeit erreichte an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert Grenzen. Überall gärte es, wuchs die Unzufriedenheit und der Widerstandsgeist, der nur auf eine günstige Gelegenheit zum offenen Ausbruch wartete. An solchen Gelegenheiten sollte es nicht mangeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Gewitter rollt heran: Der Bundschuh und der arme Konrad ==&lt;br /&gt;
Zu den üblichen Finanztricks der Fürsten zur Aufbesserung ihrer Kasse gehörte die massenhafte Prägung minderwertiger Münzen mit verringertem Edelmetallgehalt, die sie als vollwertig unter ihren Untertanen in Umlauf brachten, um somit ihre Schulden wegzuinflationieren. Diese Praktiken führten zu regelmäßigen starken Teuerungen, die die Bauern hart trafen, denn sie hatten ja kein regelmäßiges Geldeinkommen, das an die Inflation hätte angepasst werden können, sondern mussten von den kleinen Ersparnissen zehren, die sie durch den Verkauf ihrer Ernteüberschüsse im Vorjahr erzielt hatten und die nun rapide an Wert verloren (Sofern sie überhaupt ein bisschen Geld zurücklegen konnten und die Abgaben an Adel und Klerus nicht gleich alles auffraßen). Anfang der 1490er Jahre wütete in Mitteleuropa eine besonders schlimme Teuerungswelle, die nicht nur einen heftigen Bauernaufstand in den Niederlanden auslöste, der vom Herzog von Sachsen militärisch niedergeschlagen wurde, sondern gaben auch den Anstoß für den ersten Aufstandsversuch des berühmten Bundschuh.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Bundschuh&amp;quot; die Bewegung hatte ihren Namen von den hohen Riemenschuhen, die die Bauern trugen, in Abgrenzung von den Lederstiefeln der Ritter. Wenn die Bewegung um das Pfeiferhänslein oder der holländische Bauernaufstand Massenmobilisierungen ohne klares politisches Bewusstsein, ohne militärischen und organisatorischen Plan waren, so der Bundschuh das genaue Gegenteil: Eine hochorganisierte, disziplinierte Verschwörergruppe mit präzisen militärischen Planungen und ausformulierten politischen Forderungen, aber ohne hinter ihm stehende Massen. Der Bundschuh trat erstmals 1493 im Umland der kleinen elsässischen Stadt Schlettstadt auf. Die meisten der Verschwörer waren Bauern, aber es schlossen sich ihnen auch städtische Arme an, und sogar einige Stadtbürger und niedrige Adlige sympathisierten mit ihnen. Die Forderungen, die sie proklamieren wollten, waren noch relativ gemäßigt und sollten das bestehende feudale Gesellschaftssystem nicht umstürzen, sondern nur seine schlimmsten Auswüchse beseitigen: Schuldenerlass, Abschaffung einer Reihe besonders willkürlicher neuerer Feudalabgaben, Abschaffung der zuverlässig immer gegen die Armen entscheidenden geistlichen- und Reichsgerichte und stattdessen demokratisch gewählte Gerichte für jede Gemeinde, Beschränkung der Geistlichen auf ein Amt mit bescheidenem Einkommen (Es kam oft vor, dass höhere Geistliche zig verschiedene Ämter auf sich vereinigten und deren addierte Einkommen einstrichen, ohne ihre Amtspflichten tatsächlich zu beachten), Bewilligung neuer Steuern und Abgaben durch die Gemeinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Plan für die Entfachung des Aufstandes, in dem diese Forderungen durchgesetzt werden sollten, war akribisch ausgearbeitet und sollte mit einem Angriff auf Schlettstadt beginnen, von WO aus die Bewegung sich ins Land ausbreiten sollte. Aber trotz harter Strafandrohungen gegen Verräter sickerten Nachrichten von den Vorbereitungen an die Behörden durch, die sofort reagierten: Dutzende Verschworene wurden verhaftet, einige hingerichtet, vielen als abschreckendes Mahnzeichen einige Finger abgehackt. Noch Jahre später kam es vor, dass Reisende sich in den Schenken über Männer mit fehlenden Fingern wunderten und die Ortsansässigen ihnen leise zuflüsterten: &amp;quot;Das ist noch vom Bundschuh.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Bundschuh, von dessen Führern viele ins Ausland fliehen konnten, ließ sich von diesem Rückschlag nicht entmutigen und trat wenige Jahre später wieder auf den Plan. Das Haupt der Bewegung war Joß Fritz aus dem Bistum Speyer, ein leibeigener Bauer des Bischofs, der aber lesen und schreiben gelernt und sich mit den umlaufenden politischen und religiösen Reformideen beschäftigt hatte. Als Söldner war er der drückenden Enge des bäuerlichen Lebens entkommen, hatte einiges von der Welt gesehen und einen weiteren Horizont entwickelt, als es für einen Bauern der Zeit üblich war. Als er 1501 aus dem Militärdienst ausschied und in seine Heimat zurückkehrte, fand er das Bistum Speyer in einem bedrückenden Zustand wieder: Eine Seuche (Die häufigen verheerenden Infektionskrankheiten, die zahllosen durch Unterernährung und schlimme hygienische Lebensbedingungen geschwächten Bauern den Tod brachten, wurden pauschal als &amp;quot;Pest&amp;quot; bezeichnet) und eine die Ernte verderbende Dürre hatten das Land ins Elend gestürzt, und der Bischof ließ trotzdem die erdrückenden Steuern und Abgaben erbarmungslos eintreiben. Wer nichts mehr zahlen konnte, wurde in den Kerker gesteckt oder seiner verbliebenden Habe beraubt. Unter diesen Bedingungen nahmen die Ideen von Joß Fritz revolutionären Charakter an, und der Plan, den er den Bauern in den Dörfern entwarf, ging viel weiter als die Forderungen der ersten Bundschuhverschwörung. Sein Programm war im Wesentlichen das der bürgerlichen Revolution, wie sie viel später in England und Frankreich vollzogen wurde: Die Leibeigenschaft und Hörigkeit der Bauern sollte vollständig abgeschafft werden, alle Privilegien des Adels verschwinden. Die Kleinstaaterei, in der hunderte Winkelfürsten ihre Untertanen schikanierten, sollte verschwinden und Deutschland eine geeinte konstitutionelle Monarchie werden, mit einem Kaiser an der Spitze, dessen Machtbefugnisse von einer demokratisch gewählten Volksversammlung begrenzt wurden. Die von den Bauern bearbeiteten Äcker sollten in ihren Besitz übergehen und jeder frei über seine Arbeitskraft und sein Eigentum verfügen dürfen. Wälder, Wiesen und Gewässer sollten wieder Gemeineigentum aller werden. Die Geistlichen sollten wieder zu einfachen Priestern werden, die jede politische Macht verlieren und nur ein für ihren Lebensunterhalt ausreichendes Gehalt bekommen sollten. Die fürstlichen Söldnerheere sollten aufgelöst und durch ein Volksheer des Reiches ersetzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während viele unzufriedene Bauern sich noch Illusionen darüber hingaben, dass man Adel und Klerus durch gutes Zureden und auf gesetzlich-reformerischem Wege zur Aufgabe ihrer Privilegien bringen könne, war Fritz politisch fortgeschrittener und erkannte, dass es zur Realisierung dieser Forderungen keinen anderen Weg als den der bewaffneten Revolution gab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau seiner Geheimorganisation wurde Fritz von vielen Veteranen des ersten Bundschuh unterstützt, und bald gab es in der ganzen Region lokale, miteinander koordinierte Verschwörerzirkel, die offensichtlich in verschiedene Konspirationsgrade unterteilt waren: Einen inneren Kern der ganz eingeweihten Führer des Aufstandes und einen größeren Kreis von HelferInnen und SympathisantInnen, wobei Fritz besonders die aus der in starre Kasten getrennten Gesellschaft Ausgestoßene als Agenten nutzte das städtische Lumpenproletariat, besonders aber die damals sehr zahlreichen Bettler, die teils zunftähnlich organisiert waren und von regionalen &amp;quot;Bettlerkönigen&amp;quot; geleitet wurden. Mit diesen schloss Fritz Bündnisse, versprach ihnen bei Gelingen des Aufstandes hohe Geldbelohnungen und brachte sie dafür dazu, Nachrichten zwischen den verschiedenen Gruppen zu übermitteln und sich als Kundschafter im Land umzusehen. Im Frühjahr 1502 gehörten dem Geheimbund bereits nicht nur 7000 Männer an, sondern auch 400 Frauen, deren doppelt unterdrückten Status Fritz erkannt hatte und der sich darum bemühte, sie zu politisieren. Auch 500 entlassene Söldner mit militärischer Erfahrung gehörten dem Bund an, und sogar einige unter der wachsenden Macht der Fürsten leidende Ritter wollten sich ihm anschließen, wobei Fritz jeden abwies, der noch selbst Leibeigene hielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein militärischer Plan war gut durchdacht: Erst sollten die Verschworenen die bischöfliche Festung Bruchsal im Handstreich einnehmen, die dortigen Stadtsoldaten zum Anschluss bewegen und sich mit den in der Stadt lagernden Waffen ausrüsten. Dann sollten sie den Rhein überqueren,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Hauptstadt Speyer erobern und von da aus das ganze Bistum unter ihre Kontrolle bringen, den Aufstand unter Mitwirkung der Schlettstädter Veteranen des ersten Bundschuh ins Elsass und die Markgrafschaft Baden tragen und, wenn sie sich dort einmal konsolidiert hätten, mit vereinten Kräften ganz Deutschland zur Revolution aufstacheln. Der Eröffnungsschlag gegen Bruchsal sollte am 22. April 1502 erfolgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wieder scheiterte das Unternehmen kurz vor dem angesetzten Termin durch Verrat. Zwei Verschworene gingen nach Speyer, deckten dem Bischof die ganze Verschwörung auf und nannten die Namen der wichtigsten Führer. Der Bischof, unterstützt vom alarmierten Markgrafen von Baden, nahm sofort eine Reihe Hauptleute fest und entlockte ihnen unter der Folter die Namen zahlreicher weiterer Verschwörer. Hunderte wurden festgenommen, zehn enthauptet, einige weitere gevierteilt und ihre Leichen zur Abschreckung an den Landstraßen aufgehängt. Jeder, der in die Verschwörung involviert war, verlor seinen gesamten Besitz an den Bischof, der Geld für seine luxuriöse Hofhaltung brauchte. Wieder, wie schon 1493 in Schlettstadt, wurde den Verschwörern, die man nicht hinrichtete, der Finger abgehackt, mit dem sie auf den Bund geschworen hatte, um diese aufrührerischen Elemente leicht kenntlich zu machen. Der Verräter, der den Bischof gewarnt hatte, bekam zur Belohnung ein reichliches Geldgeschenk und einen Ehrenposten als Gerichtsbeisitzer in Speyer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joß Fritz gelang es, rechtzeitig aus dem Bistum zu fliehen und ins Breisgau zu gelangen, wo er unter falscher Identität lebte und sogar von Balthasar von Blumeneck, einem kleinen Adligen in der Nähe von Freiburg, als Feldhüter angestellt wurde. Aber Fritz blieb auch hier nicht lange ruhig. Er nahm heimlich Verbindung mit anderen Unzufriedenen der Gegend auf und baute zusammen mit seiner Frau Else einen neuen Geheimbund auf - 1513 rumorte es wieder in Süddeutschland. Sein Programm der Abschaffung von Adel und Klerus und der Begründung eines politisch geeinten Staates freier und gleicher BürgerInnen blieb in seinen wesentlichen Zügen dasselbe, wurde aber um etliche sozialpolitische Forderungen ergänzt. So sollte es eine generelle Entschuldung aller Bauern geben, der maximale Zinssatz sollte auf 5% begrenzt werden (Wucherzinsen von 20-30% waren damals nicht unüblich), und die beschlagnahmten Güter der Geistlichen sollten zur Versorgung der Armen dienen. Die Verschwörer trafen sich nachts auf der Hartmatte, einer abgelegenen Waldlichtung, besprachen dort ihre Pläne und wählten die militärischen Führer für den Aufstand. Diesmal sollte es mit der Einnahme des wohlhabenden, für damalige Verhältnisse recht großen Freiburg losgehen und von dort Schwaben, Baden, das Elsass und das Bistum Speyer in Aufruhr versetzt werden. Jetzt brauchten sie nur noch eine Feldfahne, und Fritz wandte sich an einen Freiburger Maler, der allerdings entsetzt ablehnte, als Fritz ihm eröffnete, dass er die Flagge mit einem Bundschuh bemalen lassen wolle der Begriff &amp;quot;Bundschuh&amp;quot; war schon zum Synonym für gewaltsamen Aufruhr geworden, und an manchen Orten lief es den Adligen und Geistlichen kalt den Rücken hinunter, wenn sie ihre Bauern nach irgendeiner neuen Schikane vom Bundschuh murmeln hörten. Fritz ging in die freie Reichsstadt Heilbronn, wo ihn niemand kannte, und beauftragte dort einen anderen Maler. Auch der war skeptisch, als er einen Bundschuh malen sollte, aber Fritz, der einiges schauspielerisches Talent besaß, imitierte Schweizer Dialekt und meinte, er sei der Sohn eines schweizerischen Gastwirtes, der von Schuhmachern abstamme und deswegen einen Bundschuh im&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Familienwappen führe. Der Maler glaubte ihm die Geschichte, und mit der neuen Bundschuhfahne kehrte er ins Breisgau zurück - doch als er dort ankam, war auch der dritte Bundschuh bereits verraten. Zwei Verschworene hatten einen Bauern zum Eintritt in die Verschwörung zu überreden versucht und ihn, als er davon nichts wissen wollte, so sehr bedrängt, dass er zum örtlichen Pfarrer lief und ihm die Geschichte erzählte. Der Pfarrer gab die Information sofort an die Behörden weiter, die bald die ganze Verschwörung aufdeckten. 200 bewaffnete Reiter schwärmten aus Freiburg aus, nahmen die Hauptleute fest, wieder gab es Enthauptungen und Vierteilungen, wieder wurden dutzende Schwurfinger abgehackt, zig andere enteignet und des Landes verwiesen. Und wieder gelang es Joß Fritz, der zu einem in Flugblättern und Liedern gefeierten Volkshelden unter den Armen wurde, unterzutauchen und seinen Verfolgern zu entkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es verging lediglich ein Jahr, bevor wieder große Unruhen ausbrachen, diesmal im Herzogtum Württemberg. An der Spitze Württembergs, einem der größeren Fürstentümer Süddeutschlands, stand der damals 27- jährige Herzog Ulrich, der schon als Kind zum Herzog geworden war. Unter zerrütteten Familienverhältnissen ohne jede regelmäßige Bildung und Erziehung aufgewachsen wurde Ulrich, der jede willkürliche kindliche Laune tyrannisch ausleben konnte, ein brutaler, unberechenbarer Choleriker, der sich um Regierungsgeschäfte kaum kümmerte und sich zu einem maßlosen Prasser und Alkoholiker entwickelte. Als Jugendlicher hatten die Vorzüge des Herzogseins für ihn vor allem darin bestanden, sich jederzeit mit jeder Delikatesse vollstopfen zu können, die er bei seinen Höflingen bestellte, und war stark fettleibig geworden. Eines Tages aber bemerkte er, als er beim Kloster Maulbronn ein Bad nahm, die hämischen Blicke seiner Begleiter, und er beschloss abzunehmen, was er dann auch erfolgreich tat, vor allem durch tägliche stundenlange Reit- und Jagdausflüge, bei denen er mit seinem Gefolge bedenkenlos die Felder niederritt, von deren Ernte die Bauern leben mussten. Das Jagdfieber packte ihn so, dass er gewaltige Reh- und Wildschweinbestände heranfüttern ließ, die die Äcker und Gärten der Bauern wegfraßen, wogegen diese nichts unternehmen durften: Wer das Wild, das seine Ernte fraß, schoss oder auch nur von seinem Feld verscheuchte, musste mit harter Bestrafung rechnen. Als er 1511 die mit dem Kaiser verwandte bayerische Prinzessin Sabina heiratete, ließ er in seiner Stuttgarter Residenz eine exorbitante Prunkhochzeit mit 7000 adligen Gästen veranstalten, für deren Versorgung ein komplettes Jahreseinkommen des Herzogtums verschleudert wurde. Aus Repräsentationsgründen zahlte er ungeheure Summen an Adlige aus berühmten Fürstenfamilien, als Dienstleute an seinen Hof zu kommen, und für seinen hemmungslosen Lebensstil gingen weitere riesige Beträge drauf. Um die zerrütteten Staatsfinanzen einigermaßen zu konsolidieren, dachte er sich immer neue Sondersteuern und Abgaben für seine Untertanen aus, die in einem so fruchtbaren Land bald zu den ärmsten und gedrücktesten Deutschlands gehörten. Der Hass auf den Herzog wurde allgemein, und sogar der Kaiser rügte ihn öffentlich, als ihm zu Ohren kam, dass Ulrich seine Frau im Suff regelmäßig wild prügelte, sie zu absonderlichen Sexualpraktiken zwang und misshandelte und demütigte, wenn sie sich weigerte dass ein Provinzfürst so mit einer Kaisernichte umsprang, ging doch etwas zu weit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war Ulrichs Versuch, mit gefälschten Gewichten die indirekten Steuern hochzutreiben, nachdem die direkten Steuern schon so hoch waren, dass kaum noch eine Steigerung möglich war. Die neuen Gewichte, mit denen Lebensmittel abgewogen werden musste, trugen die alten Pfundbezeichnungen, wogen aber nur noch zwei Drittel davon. Wer also den vollen Preis für ein Pfund Getreide oder Fleisch zahlte, bekam nur zwei Drittel davon, der Rest der Summe waren indirekte Steuern, die in die Kasse des Herzogs flossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Widerstand begann in humoristischer Form. Im Remstal zogen die Bauern in die städtischen Verwaltungsgebäude, nahmen dort die neuen Gewichte an sich und brachten sie ans Ufer des Flusses, wo sie vor der versammelten Dorfgemeinde ein Gottesgericht über die Gewichte abhalten wollten. Bei den Hexenprozessen des späten Mittelalters warf man der Hexerei verdächtigte Frauen oft ins Wasser, um zu prüfen, ob sie wirklich Hexen seien: Ertranken sie, waren sie unschuldig. Blieben sie oben schwimmen, mussten sie Hexen sein. Das machten sie jetzt mit den Gewichten: Wenn der Herzog im Recht sei, dann sollen die Gewichte oben schwimmen. Haben aber die Bauern recht, so sollen sie untergehen. Natürlich versanken die metallenen Gewichte immer im Wasser, unter großem Gelächter der ZuschauerInnen. Dieses Schauspiel wiederholten sie in der ganzen Gegend, und aus den spontanen Unmutsdemonstrationen, die es auslöste, kristallisierten sich schließlich politische Widerstandspläne heraus. Sie beschlossen, dass die Bauern sich bewaffnen, das städtische Bürgertum auf ihre Seite ziehen und die Willkür des Herzogs bändigen mussten. Zuerst zogen sie, mittlerweile dreitausend Mann stark, nach Schorndorf und forderten die Stadt auf, auf ihre Seite zu treten. Der herzogliche Statthalter kam zu ihnen heraus, redete ihnen gut zu, bewirtete sie mit Brot und Wein und erklärte, dass der Herzog gerade zu Besuch beim Landgrafen von Hessen sei, sich aber sicher ihre Beschwerden anhören werde, wenn er wieder zurück sei. Sie sollten in zwei Wochen wiederkommen, dann könne man alles mit dem Herzog besprechen und sicher zu einer vernünftigen Lösung kommen. Die Bauern erklärten sich dazu bereit und gingen vorerst wieder friedlich nach hause.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ulrich wurde von seinen Räten sofort nach Württemberg zurückgerufen. Am liebsten hätte er den Aufruhr militärisch niedergeschlagen, aber kein Bankier war bereit, dem halbbankrotten Herzog Geld für einen solchen Feldzug zu leihen. Also musste Ulrich vorerst nachgeben, erklärte die neuen indirekten Steuern für aufgehoben und versprach, einen Landtag einzuberufen, auf dem die Bauern ihre Beschwerden vorbringen könnten. Die Bauern waren zufrieden und bereiteten sich auf den Landtag vor. Zu ihrer Bewegung, die man den &amp;quot;armen Konrad&amp;quot; nannte (Was sprichwörtlich war für den armen Mann), bekannten sich neben Bauern auch zahlreiche städtische Bürger, die das wirtschaftlich verantwortungslose Willkürregiment des Herzogs als Hindernis für die freie Entfaltung von Handel und Finanz betrachteten. Aus ganz Württemberg strömten Bauern in die Kanzlei des Armen Konrad im Haus des Schorndorfer Messerschmieds Kaspar Pregizer, wo juristisch gebildete Bürger ihre Beschwerden aufnahmen und in schriftliche Form brachten. Die Bürgerlichen im Armen Konrad, wie der Jurist Ulrich Entenmair, drangen vor allem auf eine verantwortlichere Wirtschaftspolitik des Herzogs und größere Autonomie für die Städte, während die bäuerliche Fraktion, deren prominentester Sprecher ein Würtinger Bauer namens Singerhans war, nicht nur die den Bauern akut auf den Nägeln brennenden Themen pochte - Schluss mit dem herzoglichen Jagd- und Wildhegeunwesen, das die Felder zerstörte, Rückführung der Wälder, Wiesen und Gewässer in Gemeineigentum sondern auch politische Ideen des Bundschuh wiederaufgriff: Ende des Feudalsystems mit seinen unzähligen adligen Herren und Schaffung eines geeinten Staates unter kaiserlicher Regierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da brachte ein Überfall auf den Singerhans durch den herzoglichen Forstmeister die Situation zur Eskalation, insbesondere, als das Gerücht aufkam, dass der Herzog an den Grenzen fremde Truppen zusammenziehe, um die Bauern mit Gewalt niederzuwerfen. Die Bauern bewaffneten sich und sammelten sich in bald tausende Mann starken Heerhaufen. Viele Städte öffneten ihnen die Tore und nahmen auf ihren Mauern bäuerliche Garnisonen auf, in anderen Städten putschte das Bürgertum selbst gegen die herzogliche Gewalt. Und unter der niederen Geistlichkeit machte sich eine Art Befreiungstheologie breit, die erklärte, dass die Willkür und die Räubereien der Adligen und hohen Geistlichen gegen die Gebote Christi seien und die Bauern sich mit Gewalt zur Wehr setzen sollten, um das göttliche Recht wiederherzustellen. Eine besonders entschlossene revolutionäre Zelle bildete sich in Markgröningen unter dem Pfarrer Dr. Reinhard Gaislin, dessen aufstachelnde Predigten schon den späteren Predigten Thomas Müntzers ähnelten. Bald trugen die Bauern einen auf eine Stange gespießten Bundschuh als Feldzeichen. Manche Städte stellten Truppen aus ihren Bürgern auf, andere wollten nur friedliche Verhandlungen mit dem Herzog.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So war die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt, als der vom Herzog einberufene Landtag in Stuttgart begann und die Delegierten ihre Forderungen unterbreiteten: Entmachtung der verhassten bisherigen Räte des Herzogs. Kontrolle seiner Macht durch ein aus niederem Adel, städtischem Bürgertum und den Dorfgemeinden zusammengesetztes Gremium, in dem Ritter und Bürger allerdings die Stimmenmehrheit haben&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sollten. Aufstellung eines festen Jahresbudgets für die Privatausgaben des Herzogs und Besteuerung seines persönlichen Grundbesitzes. Aufhebung der Steuerfreiheit für Kirchenbesitz und Verstaatlichung dessen, was über das zur Versorgung der Geistlichkeit notwendige Maß hinausging. Einberufung eines Untersuchungsausschusses über die bisherige Misswirtschaft der herzöglichen Regierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Forderungen verschlugem dem Herzog die Sprache, und draußen vor der Stadt sammelten sich Heerhaufen bewaffneter Bauern, um den Forderungen ihrer Delegierten Nachdruck zu verleihen. Ulrich floh aus dem unruhigen Stuttgart ins erzkonservative Landstädtchen Tübingen, wohin er den Landtag bestellte, um ohne Aufruhr durch bewaffnete Bauern- und Plebejermassen weitertagen zu können. Die überwiegend aus dem städtischen Bürgertum stammenden Delegierten gaben einen ersten Beweis ihres Mangels an Rückgrat und politischer Reife, folgten der Aufforderung und ließen sich vom Herzog so weit herunterverhandeln, dass sie schließlich einwilligten, gegen ein paar unbedeutende Konzessionen, deren Einhaltung sich nicht kontrollieren ließ, die Bezahlung seiner immensen Schulden zu übernehmen. Die Zeche dafür würden die Bauern zahlen müssen. Die meisten Bauernhaufen fanden sich mit dem Tübinger Vertrag resigniert ab und gingen nach Hause - nicht aber die Remstaler Bauern, von denen der Aufruhr ausgegangen war. Ulrich forderte sie auf, sich unbewaffnet vor der Stadt Schorndorf zu versammeln, wo er mit ihnen sprechen wolle. Sie erschienen, aber nicht unbewaffnet, sondern mit Spießen, Keulen und Schwertern in der Hand, siebentausend Mann stark. Der Herzog, der damit nicht gerechnet hatte, führte nur ein kleines Gefolge von achtzig Panzerreitern mit sich. Dass er seinen Marschall Konrad von Thumb mitbrachte, den sie für die Misswirtschaft in erster Linie verantwortlich machten, machte die Bauern besonders wütend. Sie weigerten sich, den Tübinger Vertrag anzuerkennen, und der Herzog, in den viele noch Illusionen gesetzt hatten, er meine es eigentlich gut mit ihnen und werde nur von schlechten Ratgebern verdorben, fuhr sie in herrischem, verachtungsvollem Ton an, gefälligst zu gehorchen. Sein Marschall rief den Bauern zu, jeder, der sich zu seinem rechtmäßigen Herrn bekenne, solle zu ihm treten. Nicht ein einziger der siebentausend trat hervor. Stattdessen riefen sie dem Herzog Beschimpfungen zu und hielten ihm vor, wie er sie jahrelang betrogen und ausgeraubt habe. Als Ulrichs Gefolge Anstalten machte, die Bauern anzugreifen, zielte einer von ihnen mit seiner Hakenbüchse auf den Herzog, und die Umstehenden riefen ihm zu: &amp;quot;Schieß doch auf ihn! Schieß doch auf den Lumpen!&amp;quot; Aber Ulrich, der den Ernst der Lage begriff, hatte sich mit seinen Reitern zur Flucht gewandt und war entkommen. Die Stadt Schorndorf, wohin er fliehen wollte, war zu den Bauern übergetreten und hielt dem Herzog die Tore verschlossen, sodass er auf sein Stuttgarter Schloss umkehren musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder scharten sich um die Remstaler zigtausende bewaffnete Bauern aus ganz Württemberg, und ein Versuch, Stuttgart zu erobern, scheiterte nur knapp. Schließlich legte sich die erste Wut wieder, und Ulrich konnte sie zu einem Vertrag bewegen, nach dem sie vorerst wieder nach Hause gehen sollten, während er versprach, einen neuen Landtag einzuberufen, in dem noch einmal all ihre Klagen diskutiert werden sollten. Aber daran dachte der Herzog gar nicht, denn mittlerweile waren große Truppenverbände der benachbarten Fürsten gekommen, die fürchteten, dass der Württemberger Aufruhr sich aufs ganze Land ausdehnen könnte und ihn deswegen im Keim ersticken wollten. Erneut bildeten sich bewaffnete Bauernhaufen, die sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
aber nicht zu einem einzigen großen Heer vereinigten, und die Übermacht der fremden Truppen zwang einen der isolierten Haufen nach dem anderen zur Kapitulation. 1600 am Aufruhr Beteiligte wurden in den Kerker gesteckt und gefoltert, in jedem besonders beteiligten Ort fanden öffentliche Hinrichtungen von dutzenden Rebellen statt. Die Ruhe in Württemberg war unter Strömen von Blut wiederhergestellt, und im Land kursierte der Vers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin jung und nicht alt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
gerade, hübsch und wohlgestalt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
groß genug und kein Zwerg,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Herzog und Henker von Württemberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur rechtzeitigen Aufspürung künftiger Unruhen richtete Ulrich im Land den ersten modernen Geheimdienst Deutschlands ein, der überallhin seine Spitzel aussandte, um jede öffentliche Unmutsregung sofort zu denunzieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und der schwäbische Bund, der lockere Zusammenschluss der süddeutschen Fürstentümer und freien Reichsstädte, schwor, mit vereinten Kräften jeden Bauernaufstand niederzuschlagen, der sich in einem der Mitgliedsstaaten regen sollte. Bald sollte das bitter nötig werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bauernkriege außerhalb Deutschlands, die Reformation und die Rebellion der Ritter ==&lt;br /&gt;
Kurz nach Niederschlagung des armen Konrad in Württemberg vollzogen zwei Bewegungen am Rande des Reiches bzw. außerhalb seiner Grenzen den Schritt zum offenen militärischen Aufstand der Bauern, der in Württemberg noch nicht ganz erreicht wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch 1514 wurde Ungarn von einer gewaltigen revolutionären Bewegung erschüttert. In dem vom sich rapide ausdehnenden Osmanischen Reich bedrohten Land war in diesem Jahr vom Papst ein neuer Kreuzzug gegen die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Türken ausgerufen worden - eine Idee, die der ungarische König Vladislav II. gerne aufgriff, erstens, weil sein schwaches Reich sich tatsächlich in äußerster Bedrohung durch die osmanische Expansion befand, zweitens, weil das ein probates Mittel war, die im Land gärenden sozialen Unruhen umzuleiten. Ähnlich wie in Deutschland waren auch in Ungarn die Befugnisse der königlichen Zentralgewalt schwach und lag die reale Macht im Land bei den Regionalfürsten und ihren adligen Vasallen - dieselbe Vielzahl an adligen und geistlichen Herren, von denen jeder seinen Anteil aus den Bauern herauspressen wollte, führte zur selben Verschlechterung ihrer ökonomischen und sozialen Lage: Wie in Deutschland wurden auch in Ungarn die meisten Bauern zu Leibeigenen herabgedrückt, die aufs Blut ausgebeutet wurden, nur dass ihre Lage infolge der unfruchtbareren Böden und des niedrigeren landwirtschaftlichen Entwicklungsstandes in Ungarn eher noch schlimmer war als die der deutschen Leibeigenen. Wer aber an einem Kreuzzug teilnahm, wurde dadurch zum freien Mann und hatte noch dazu die Aussicht, durch Kriegsbeute zu ein bisschen Wohlstand zu gelangen, das er als Bauer niemals hätte erreichen können. So strömten 100 000 leibeigene Bauern auf eigene Faust zu den Sammelstellen des Kreuzzugsheeres. Zu dessen Oberbefehlshaber ernannte Kardinal Tamas Bakocz den erst für seine militärischen Leistungen in den bisherigen Abwehrkriegen gegen die Osmanen geadelten György Dozsa.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der Versuch, die sozialen Spannungen durch einen Krieg nach außen zu richten, schlug ins Gegenteil um. Die Adligen, die durchaus nicht von solchem Kreuzzugseifer gepackt waren, dass sie ihre Leibeigenen herzugeben bereit waren, die ihnen ihren Reichtum erarbeiteten, hielten Bauern, die ins Kreuzzugsheer gehen wollten, zurück und führten sie gewaltsam wieder auf ihren Hof, weigerten sich, das Heer mit Lebensmitteln zu unterstützen und straften jeden Bauern hart, der verdächtig war, sich zum Kreuzzug davonstehlen zu wollen. Das Kreuzzugsheer, das ja fast nur aus Bauern bestand, solidarisierte sich mit seinen Klassengenossen, drehte um und zog jetzt nicht gegen die Osmanen - sondern gegen den ungarischen Adel. György Dozsa wurde der militärische Führer, der Pfarrer Lörincz Meszaros der wichtigste Ideologe der Revolution, die die Forderungen aufgriff, die zuvor in den deutschen Bauernaufständen formuliert worden waren: Abschaffung aller Privilegien des Adels und aller Feudallasten, Reduktion der Stellung der Geistlichen auf die bescheidener Priester ohne weltliche Macht, Entmachtung der Regionalfürsten und Schaffung eines geeinten Staates. Dieses Bauernheer, das nun gegen den ungarischen Adel marschierte, war etwas anderes als die spontan gebildeten Bauernhaufen in Deutschland, es waren richtige Soldaten, die ironischerweise von der herrschenden Obrigkeit selbst für einen Krieg gedrillt und militärisch bewaffnet worden war, nur dass diese Kriegsmaschinerie sich jetzt in ein Instrument der sozialen Revolution verwandelte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das bäuerliche Revolutionsheer stürmte und verbrannte eine Adelsburg nach der anderen, richtete die gefangengenommenen Adligen hin und kam schließlich vor Pest an (Pest und Buda sind heute zu Budapest vereint), das sie aber nicht eroberten. Stattdessen teilte Dozsa sein Heer: Eine Heeresabteilung sollte auf dem Rakosfeld bleiben, um Pest zu beobachten, der Rest wurde aufgeteilt, um die Revolution in allen Provinzen auszubreiten. Dozsa selbst zog mit einer Abteilung nach Szegedin, um diese wichtige Stadt zu belagern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte sich der Adel aber vom ersten Schock erholt und wichtige Erfolge erzielt: Der Fürst von Siebenbürgen, Johann Zapolya, nahm sich der Sache seiner adligen Klassengenossen an und zog ihnen mit einem starken Heer zur Hilfe, und bei Pest besiegten sie das dort lagernde Bauernkorps, nachdem dessen bürgerliche Teile nach einigem Schwanken zur Adelspartei übergelaufen waren (Wie in Deutschland schlossen sich den aufständischen Bauern zuerst Teile des städtischen Bürgertums an, und wie dort verrieten sie sie wieder, sobald die Revolution sich radikalisierte). Eine grausame Repression mit zahllosen Hinrichtungen unter den Bauern folgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dozsa hatte inzwischen die Belagerung von Szegedin aufgegeben, stattdessen ein Adelsheer unter Batori Istvan besiegt und die Festung Csanad erobert, wo er den Bischof und den königlichen Schatzmeister Teleki hinrichten ließ. Von diesem Erfolg beflügelt, gingen die Bauern in ihrem Programm noch weiter, proklamierten die ungarische Republik (Der König hatte sich von Beginn des Aufstandes an entschieden auf die Seite des Adels gestellt und verhinderte damit alle Illusionen darüber, es mit den Bauern eigentlich gut zu meinen und nur schlecht beraten zu werden, wie die im deutschen Bauernkrieg häufig vorkommen sollten) und zogen gegen die befestigte Stadt Temesvar, wohin sich Batori Istvan mit dem Rest seines Adelsheeres zurückgezogen hatte. Während der Belagerung der Festung aber wurden die restlichen Bauernverbände in Oberungarn besiegt und marschierte Zapolya mit der siebenbürgischen Armee gegen Dozsa. Am 15. Juli 1514 fand vor Temesvar die Entscheidungsschlacht statt, in der das Bauernheer sich erbittert mit großer Tapferkeit verteidigte und dem Adelsheer schwere Verluste zufügte, letztlich aber doch von der Übermacht besiegt wurde. Dozsa wurde gefangengenommen und auf bestialische Weise hingerichtet: Die Adligen bauten einen eisernen Thron, den sie glühend erhitzten, auf den man ihn festschnallte und unter entsetzlichen Qualen sterben ließ. Um ihn als &amp;quot;Bauernkönig&amp;quot; zu verhöhnen, wurde ihm dazu noch eine ebenfalls glühende Eisenkrone auf den Kopf gedrückt. Einige seiner Hauptleute führte man zu Dozsa und forderte sie auf, sein langsam verbrennendes Fleisch zu essen, wenn sie ihr Leben retten wollten. Einige weigerten sich und wurden dafür sofort enthauptet, die anderen knieten neben Dozsa nieder, rissen mit den Zähnen Stücke seines Fleisches heraus und schluckten sie unter, während Dozsa noch lebte und alles mit ansah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit endete der ungarische Bauernkrieg nach rund 60 000 Toten, und Zapolya versprachen die dankbaren Adligen, ihn für seine Heldentaten bei der nächsten ungarischen Königswahl zu unterstützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später, im Sommer 1515, brach der Aufstand wieder aus, diesmal ein gutes Stück näher an Deutschland, nämlich im Herzogtum Krain (Ungefähr das heutige Slowenien), dem südöstlichsten Fürstentum des Reiches. Das Herzogtum Krain gehörte seit 1335 zum Besitz der Habsburger, was sicher ein Stück dazu beitrug, dass der Aufstand in Krain gleich mit größerer Wucht ausbrach als zuvor die deutschen Bauernaufstände - denn während die Untertanen der deutschen Regionalfürsten sich noch einbilden konnten, dass es ja noch einen fernen, gütigen Kaiser gebe, mit dessen Hilfe man vielleicht auf friedlichem Wege eine Besserung der Zustände erreichen könne, so lebten die Krainer Bauern unter der direkten Herrschaft der kaiserlichen Familie und wurden von ihr ganz unmittelbar unterdrückt und ausgebeutet. Irgendwelche Hoffnungen auf eine Reichsreform unter Mithilfe des Kaisers sind hier nie aufgekommen. Dazu kam, dass die soziale Unterdrückung der Bauern hier auch noch die Dimension nationaler Unterdrückung aufwies, denn während die BäuerInnen fast alle slawische Dialekte sprechende SlowenInnen waren, handelte es sich bei den sie ausbeutenden Rittern, hohen Geistlichen und kaiserlichen Beamten durchweg um Deutsche. Ebenso war die Minderheit des wohlhabenden städtischen Bürgertums überwiegend deutschsprachig, und anders als in Süddeutschland und Ungarn kam es hier zu keinerlei Solidarisierung zwischen aufständischen Bauern und Bürgertum. Lediglich rund um die kleine Stadt Gottschee (Heute Kocevje) gab es eine größere Population deutschsprachiger Bauern, die hier im 14. Jahrhundert angesiedelt worden waren, um das Land durch ihre landwirtschaftlichen und handwerklichen Kenntnisse zu entwickeln. Diese Gottscheer Bauern lasen die deutschsprachigen Flugblätter aus Süddeutschland, kannten die Geschichte des Bundschuh und des armen Konrad und wurden von ihnen inspiriert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
﻿Von diesen Gottscheer Bauern ging die Bewegung dann auch aus. Sie versammelten sich, um Delegierte zu wählen, die dem kaiserlichen Landvogt ihre Beschwerden über die immer weiter wachsende Ausbeutung durch die Adligen vortragen und ihn davon überzeugen sollten, dass ihre Situation unerträglich geworden war und etwas getan werden müsse. Diese Delegierten kamen unbewaffnet beim Landvogt Georg von Thurn an, sprachen ruhig und sachlich über ihre bedrückte Lage und teilten ihm die Änderungswünsche der Bauern mit. Während sie noch ihren Vortrag hielten, gab der Landvogt seinen Wachleuten einen Wink, sie alle festzunehmen, führte sie in den Schlosshof, ließ drei von ihnen den Kopf abschlagen und die anderen davonjagen, um allen davon zu erzählen, was mit Bauern passierte, die frech gegen ihre rechtmäßige Obrigkeit würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirkung dieses Terroraktes war nicht ganz die vom Landvogt beabsichtigte: Die Empörung setzte das ganze Herzogtum Krain in Brand, und die deutschsprachigen Gottscheer Bauern vereinigten sich mit den slowenischen Bauern, die wohl die deutschen Reichen und Adeligen hassten, nicht aber ihre ebenso armen deutschsprachigen Klassengenossen. Rasch standen 90 000 Bauern in Waffen. Als erstes stürmten sie das Schloss des Landvogtes und schlugen als Vergeltung für den Mord an den Delegierten den Landvogt tot sowie seinen Stellvertreter Gregor Stersen sowie die gesamte Garnison des Schlosses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Krain stellten die Bauern keine Forderungen an den Adel, formulierten kein politisches Programm, stattdessen führten sie einen kompromisslosen Vernichtungskrieg gegen die Adligen. Die Schlösser Neudeck, Zobelsberg, Rudolfseck, Sauenstein, Maichau, Bulliggratz und viele weitere wurden erobert, ausgeplündert, dann in Brand gesetzt und schließlich noch die ausgebrannten Trümmer abgerissen - alle Spuren der adeligen Herrschaft sollten verschwinden. Das große Adelsgeschlecht von Mündorf wurde komplett ausgerottet, in allen eroberten Schlössern die männlichen Adligen und ihre Gefolgsleute hingerichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald griff der Aufstand auch auf Kärnten und die Steiermark über, wo die Bauern allerdings kein vereintes Heer bildeten, sondern isolierte Grüppchen, die von einer kleinen Adelsstreitmacht von nur fünfhundert Mann wieder zur Räson gebracht wurden - nach Krain traute sich dieses Adelsheer allerdings nicht herein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaiser Maximilian, dessen Familie ja sowohl Krain als auch die Steiermark gehörten, empfing eine Delegation der Gottscheer Bauern und machte ein paar vage Versprechungen, für eine Beseitigung der schlimmsten Missstände zu sorgen, woraufhin sich ein Teil der aufständischen Bauern zerstreute. Darauf hatte Maximilian gehofft, und nun ernannte er den steirischen Landeshauptmann Sigismund von Dietrichstein zum Oberbefehlshaber eines neu aufzustellenden Heeres zur Niederwerfung des Aufstandes, für dessen Anwerbung der Kaiser reichlich Geld zur Verfügung stellte. Dietrichstein stellte eine Armee von 2500 Söldern zu Fuß, 850 Panzerreitern und etwas Artillerie auf und zog mit dieser den rebellischen Bauern zahlenmäßig weit unterlegenen, an Ausrüstung und militärischer Schulung aber haushoch überlegenen Truppe von Graz aus ins Herzogtum Krain.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dietrichstein besiegte ohne Mühe ein paar zerstreute kleine Bauernabteilungen, eher er bei der Stadt Rann (Heute Brezice) auf die Hauptmacht der Bauern stieß, die den Ort belagert hatten. Zur Rettung der Stadt kam er allerdings zu spät: Die Bauern hatten Stadt und Schloss Rann bereits erobert, den kaiserlichen Schlosshauptmann Kiß Marco und seine Soldaten mit Hacken und Rechen zerstückelt und die Stadt in Brand gesetzt. In die sich zum Plündern und ﻿Feiern zerstreute Masse der Bauern ohne jede militärische Ordnung stieß nun genau in diesem Moment überraschend das Heer Dietrichsteins und richtete, ohne auf ernsthaften Widerstand zu stoßen, ein Massaker unter den Bauern an. Viele wurden erschlagen, viele flohen panisch und versteckten sich in den Wäldern und Bergen. Hunderte Bauern wurden als Gefangene nach Graz abgeführt, wo man 161 von ihnen öffentlich enthauptete. Der Bauernaufstand in Krain war grausam beendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Deutschland selbst blieb es noch neun Jahre ruhig, bis dort der größte und dramatischste aller Bauernkriege des 16. Jahrhunderts ausbrechen sollte, aber es war eine gespannte Ruhe, eine gewittrige Schwüle, aus der 1517 und 1522 zwei grelle Blitze aufzuckten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste dieser Blitze war 1517 der berühmte Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche von Wittenberg, mit dem die Reformation begann. Luthers&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vater hatte es vom Bauern zum Bergwerksbesitzer gebracht, war also einer der aufkommenden modernen kapitalistischen Unternehmer, die Lohnarbeiter für sich arbeiten ließen. Diese Herkunft aus dem aufstrebenden städtischen Bürgertum hat ihn tief geprägt, und es war kein Zufall, dass er eine Theologie formulierte, die am ehesten die Interessen dieses Bürgertums vertrat und von diesem auch als ihren Interessen gemäße Religion verstanden und aufgegriffen wurde. Sein Jurastudium an der Erfurter Universität brach Luther nach einem religiösen Erweckungserlebnis sehr zum Unmut seines Vaters ab und wurde Mönch im Erfurter Augustinerkloster. Auf einer Dienstreise, die er für den Orden nach Rom unternahm, entwickelte sich seine tiefe Empörung gegen den verschwenderischen Luxus des Papsthofes und damit seine Opposition gegen die Kirche in ihrer bestehenden Form. Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, ﻿eine detaillierte Darstellung der Vorgeschichte und der theologischen Auseinandersetzungen der Reformation zu geben, deshalb seien hier nur einige grobe Züge skizziert, die für die bald darauffolgende Explosion der sozialen Konflikte wichtig wurden. Luthers Kritik an der katholischen Kirche war an sich sehr zahm, unvergleichlich milder als die radikale Befreiungstheologie, die Hus in Böhmen, Wyclif in England oder auch schon Prediger wie Gaislin während des armen Konrad in Deutschland gepredigt hatten. In seinen berühmten 95 Thesen werden die katholische Kirche und ihre Macht nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern nur einige ihrer krassesten Auswüchse kritisiert. Sogar der abscheuliche Ablasshandel wird nicht generell verworfen, sondern nur dessen exzessive Form, wie sie beispielhaft bei Johann Tetzel auftrat, dem damals durchs Land ziehenden Ablasshändler, der den Bauern seine Ablassbriefe in reißerischen Marketingshows andrehte und die Einnahmen an den Erzbischof von Mainz ablieferte, der davon zum Teil seine luxuriöse Hofhaltung finanzierte, einen weiteren Teil zur Finanzierung des neuen Petersdoms an den Papst nach Rom weiterschickte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst die unerwartet heftige Reaktion der Geistlichkeit auf Luthers Provokation trieb ihn in eine wachsende Radikalität hinein, in der er sich schließlich sogar dazu verstieg, die gewaltsame Vernichtung des Klerus zu fordern und schließlich den gänzlichen Bruch mit der katholischen Kirche zu vollziehen und ein neues reformiertes Christentum aufzubauen. Die BäuerInnen, die den Klerus als ihren schlimmsten Ausbeuter hassten, begegneten Luther zunächst mit größten Sympathien, aber diese Sympathie beruhte von Anfang an auf einem Missverständnis: Luther hatte niemals gegen die Kirche als die Bauern auspressenden Feudalherrn gekämpft, sondern zum einen gegen einen theologischen Feind, vor allem aber als gegen ein Hindernis der Entwicklung des Bürgertums - mit den adligen Unterdrückern der Bauern hatte Luther nie ein Problem. Die Verachtung gegen den Klerus war unter den städtischen Bürgern allgemein: Diese nutzlose Klasse aus zigtausenden prassenden und schlemmenden Nichtstuern, die nur die Produktion anderer aussaugten, aber selbst nichts mehr zur ökonomischen Entwicklung beitrugen, mussten der aufkommenden bürgerlich-kapitalistischen Wirtschaftsethik ein Dorn im Auge sein. Die riesigen geistlichen Güter sollten dem Bürgertum zugute kommen, die Mönche auf die Straße geworfen werden, um zum Arbeiten gezwungen zu sein. Im Laufe der Reformation schlossen sich auch viele Fürsten der Bewegung an, die sich davon zweierlei versprachen: Erstens durch Beschlagnahme der enormen geistlichen Ländereien, Gebäude und Geldvermögen in ihrem Gebiet ihre Macht zu vergrößern, zweitens neben&lt;br /&gt;
dem weltlichen auch der geistliche Herr ihrer Untertanen zu werden, indem sie evangelische Landeskirchen mit ihnen an der Spitze gründeten und die bisher von Rom aus kommandierten Priester zu ihren Beamten machten, die der Bevölkerung die Religion des bedingungslosen Gehorsams gegen die Staatsmacht predigten. Das Luthertum war eine perfekt zum sich herausbildenden absolutistischen Fürstentum passende Religion, so wie der von Calvin begründete radikalere Calvinismus die Vorherrschaft in vom Handelskapital beherrschten Gegenden wie der Schweiz und den Niederlanden die Oberhand gewann.&lt;br /&gt;
In kurzer Zeit spaltete sich, von Luthers Beispiel beflügelt, ein erheblicher Teil der Priester von der katholischen Kirche ab und wurde reformiert, wobei es innerhalb des reformierten Lagers gewaltige theologische und politische Unterschiede gab, die die verschiedenen Klassen spiegelten, deren Interessen sie vertraten. Luther ﻿und die ihm Nahestehenden wie Melanchthon (Eigentlich Schwarzerd mit Nachnamen, aber unter den humanistisch gebildeten Intellektuellen der Zeit war es eine verbreitete Schrulle, seinen Nachnamen ins Griechische zu übersetzen) wollten nur die katholische Kirche beseitigt, an den sozialen und ökonomischen Verhältnissen der Zeit aber nichts Nennenswertes verändert wissen. Ein junger Adliger, der mit der Reformation sympathisierte, schrieb Luther einmal einen Brief, in dem er darüber berichtete, dass es ihn mit Sorge um sein Seelenheil erfülle, als Lehensherr von seinen Bauern Abgaben und Frondienste zu verlangen und bat Luther um seine Meinung, wie er darüber denke. Der antwortete ihm, er solle nur unbesorgt sein: Den gemeinen Pöbel müssen man tüchtig schinden und niederhalten, damit er gar nicht erst dazu komme, über seine Lage nachzudenken und Dummheiten zu machen. Andere wie Andreas Karlstadt hatten vage sozialreformerische Ideen, forderten die ihnen anhängenden Theologiestudenten auf, die akademische Eitelkeit aufzugeben und ein Handwerk zu lernen oder Ackerbau zu treiben, lehnten aber den politischen oder gar militärischen Kampf für ihre egalitär angehauchten Utopien ab und hofften auf eine moralische Wandlung der Menschen. Und schließlich gab es eine quasi befreiungstheologische revolutionäre Linke unter den reformierten Pfarrern, unter denen bald Thomas Müntzer, die größte Gestalt des ganzen Bauernkrieges, als der feurigste und radikalste Kopf hervorragen sollte. Diese revolutionären Geistlichen wollten nicht Fürsten, Professoren und großbürgerliche Stadträte in gelehrten Disputen überzeugen, sondern sprachen in einfacher, leidenschaftlicher Sprache zu den Bauern und städtischen Armen, denen sie in mitreißenden Ansprachen verkündeten, dass die Adligen, Geistlichen und reichen Bürger die von Christus aufgestellten Gebote der ﻿Brüderlichkeit und Gerechtigkeit mit Füßen treten und man diese Tyrannen und Ausbeuter alle mit Gewalt zum Teufel jagen müsse, um eine egalitäre Gesellschaft gleicher und freier Menschen aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Samen dafür hatte Luther ungewollt selbst säen helfen. Seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche machte die Evangelien auf einmal allen verständlich, während deren Lektüre bisher das Privileg der Geistlichen und einiger Gelehrter war. Sie entdeckten, dass das Christentum, das man ihnen bisher gepredigt hatte, eine Entstellung der Bibel im Interesse der Reichen und Mächtigen war, dass man sie mit dem angeblichen Wort Gottes über Jahrhunderte hinweg belogen hatten. Ein Bauer, der durch reformierte Priester den wahren Inhalt der Evangelien gehört hatte, rief wutentbrannt aus: &amp;quot;Was haben die Pfaffen uns die ganze Zeit beschissen und betrogen! Die Buben müsste man alle totschlagen.&amp;quot; Sie entdeckten nun, dass man der Bibel mühelos mindestens genauso viele Zitate zur Begründung einer egalitären Gesellschaft entnehmen kann wie zur Begründung der adligen Tyrannei, und das taten sie dann und griffen Adel und Klerus mit dem Evangelium an. Zweitens hatte Luther, besonders in seiner berühmten Schrift &amp;quot;Von der Freiheit eines Christenmenschen&amp;quot; vehement die geistige und religiöse Freiheit verteidigt - davon, diese Freiheit aufs Soziale und Politische auszudehnen hatte er dagegen nichts wissen wollen. Die Bauern dagegen und die mit ihnen sympathisierenden revolutionären Prediger - mittlerweile zogen viele Bauern selbst als radikale Volksprediger durchs Land - gingen von der Freiheit in Glaubensfragen ganz selbstverständlich zur Freiheit in politischen und sozialen Fragen weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter der Oberfläche brodelte ab 1517 die Radikalisierung der Bauern und städtischen Armen durch fortschrittliche Prediger, aber es sollte noch 7-8 Jahre ﻿dauern, ehe es zur Explosion an. Vorerst richtete sich die Aufmerksamkeit 1522 auf ein anderes Krisensymptom der maroden Reichsordnung: Die Rebellion der Ritter unter Franz von Sickingen. Wie in der Einleitung geschildert, gehörten die Ritter zu den Verlierern der politischen und ökonomischen Entwicklung. Verarmend und zunehmend vom Bürgertum einerseits, den ihre Macht ausbauenden Regionalfürsten andererseits an die Wand gedrängt, degenerierten sie mehr und mehr entweder zu ordinären Räubern oder zu bloßen privilegierten Lokalbeamten der größeren Fürsten. Viele Ritter sehnten sich nach der &amp;quot;guten alten Zeit&amp;quot;, als sie noch freie Herren waren, und den Grund für die Zersplittertheit und außenpolitische Schwäche des Reiches sahen sie in ihrem Niedergang. Die ritterliche Oppositionsbewegung gegen die Fürsten fand ein militärisches Haupt in Franz von Sickingen und ein ideologisches in Ulrich von Hutten, der zu den ersten Deutsch schreibenden politischen Publizisten im modernen Sinne gehörte. Ihr Programm bestand in der Entmachtung der regionalen Fürsten und der Aufrichtung einer Art Ritterrepublik unter kaiserlicher Oberhoheit. Aber diese &amp;quot;Adelsdemokratie&amp;quot;, die in Polen tatsächlich realisiert wurde und den kompletten inneren und äußeren Zerfall des Landes bewirkte, wäre gegenüber den bestehenden Verhältnissen ein massiver Rückschritt und kein Fortschritt gewesen, hätte verhindert, dass wenigstens in regionalem Maßstab handlungsfähige moderne Staaten entstanden und den Partikularismus des Reiches verschärft. Sickingens Revolte der Ritter war ein tief reaktionäres Unternehmen - und so völlig anachronistisch, dass er bei niemandem Unterstützung fand. Der Klerus blieb gleichgültig. Die Bauern standen ihm ablehnend gegenüber, denn von Abschaffung der Feudallasten und der Leibeigenschaft stand nichts in Sickingens und Huttens Programm. Das ﻿städtische Bürgertum war offen feindlich, denn nichts widersprach den Interessen des aufsteigenden Handelskapitals stärker als die weitere politische und ökonomische Aufsplitterung des Landes. So blieb der Aufstand ein isoliertes letztes Aufbäumen einer untergehenden Klasse, und selbst die meisten Ritter fanden sich lieber damit ab, Höflinge ihres Fürsten zu werden statt sich an einem solchen Wahnsinnsunternehmen zu beteiligen. Auch der Versuch, den prominenten Luther als populären Propagandisten zu gewinnen, scheiterte. Sickingens Rebellion begann militärisch planlos und brach sehr schnell zusammen. Nach einem erfolglosen Angriff auf das Fürstbistum Trier, bei dem er nirgends revolutionäre Sympathien auslöste wie erhofft, musste sich Sickingen in seine Festung bei Landstuhl in der Pfalz zurückziehen, wo er von einer überwältigend übermächtigen Armee der verbündeten Fürsten der Region belagert wurde. Sickingen wurde von einer Kanonenkugel getroffen und schwer verletzt, kurz darauf ergab sich die Festung und Sickingen starb an seiner Verwundung. Ein Jahr später starb auch sein Propagandist Ulrich von Hutten im schweizerischen Exil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Scheitern des reaktionären Ritteraufstandes war die Bühne nun frei für den Entscheidungskampf um den sozialen Fortschritt, um das Ende des Feudalwesens: Zwei Jahre später brach der große deutsche Bauernkrieg aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Krieg beginnt ==&lt;br /&gt;
Der Bauernkrieg brach in Süddeutschland aus und sollte seinen Schwerpunkt auch durchweg in Franken und besonders in Schwaben haben. Hier, wo der Bundschuh und der arme Konrad ihre Spuren hinterlassen hatten, brachen zwischen 1518 und 1524 fast jedes Jahr kleinere Bauernrevolten aus, die aber immer isoliert blieben und leicht zersprengt werden konnten. Im Spätsommer 1524 aber breite sich ein Bauernaufstand in der Grafschaft Stühlingen im Schwarzwald rasant aus, und nach einem halben Jahr standen zwei Drittel Mitteleuropas in Brand. Die Erhebung begann ähnlich wie viele regionale Erhebungen zuvor: Die Bauern in Stühlingen verweigerten die weitere Leistung ihrer Feudaldienste- und abgaben, sammelten sich in bewaffneten Haufen und stellten die schon vom Bundschuh bekannten Forderungen Abschaffung der Feudallasten und Adelsprivilegien, Beschneidung der Macht des Klerus, ein geeinter Staat unter dem Kaiser ohne regionale und lokale adlige Herren. Der Glaube daran, dass der ferne, sagenhaft verklärte Kaiser, der ja außerhalb seiner Hausmacht kaum als wirklicher Herrscher auftrat, auf der Seite der Armen und Unterdrückten stünde und nur von den Fürsten daran gehindert werde, für ihre Interessen zu sorgen, war zu Beginn der Bewegung stark, und erst im Laufe des Aufstandes begriffen immer mehr von ihnen, dass der Kaiser ebenso ihr Feind ist wie die kleineren Adligen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war kein Zufall, dass der Ausbruch ausgerechnet hier begann. Die Schweiz war nicht weit, dieser aus dem Reich de facto ausgeschiedene Bundesstaat, der durch einen Bauernaufstand gegen die adligen Herren begonnen hatte und in dem zwar das Bürgertum das Heft übernommen und eine neue Aristokratie begründet hatte, in dem die Bauern aber trotzdem noch viel größere Freiheiten genossen als im Reich. Dieses Vorbild wirkte stark nach Süddeutschland hinein, nicht zuletzt durch die zahlreichen Agitatoren vergangener Aufstände, die in der Schweiz Asyl gefunden hatten und bei Beginn des Bauernkrieges nach Deutschland zurückkehrten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Funke, der den Aufruhr in Stühlingen zur Explosion brachte, war an sich unbedeutend, aber von starkem Symbolgehalt: Die Gräfin zwang ihre bis aufs Blut ausgebeuteten Bauern, an ihren seltenen freien Tagen in den Wald zu gehen und auf dem Boden kriechend Schneckenhäuser für sie zu sammeln, die sie zum Basteln benutzen wollte. Die Bauern weigerten sich und entgegneten: Gar nichts tun wir mehr für euch. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An die Spitze der Bewegung stellten sich der Bauer Hans Müller aus Bulgenbach und der revolutionäre reformierte Prediger Balthasar Hubmaier, ein Freund Thomas Müntzers - eine im ganzen Bauernkrieg häufige Konstellation. Es wurde schon geschildert, dass die einfachen Dorfpfarrer, die selbst arme Leute waren, von den Bauern kaum jemals mit dem Hass bedacht wurden, die sie Bischöfen und Mönchen entgegenbrachten, und viele von ihnen radikalisierten sich und wurden Wortführer der rebellierenden Bauern, die sie lehrten, ihre Forderungen durch Bibelzitate als göttliches Recht zu verkünden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müller und Hubmaier hatten sich zusammengefunden, als Müller am 24. August 1524 an der Spitze von 1200 bewaffneten Bauern ins nahe Städtchen Waldshut einzog, wo Hubmaier als Prediger wirkte. Waldshut gehörte zu den verstreuten habsburgischen Besitzungen in Südwestdeutschland, wo die reformierten Geistlichen hart verfolgt wurden. Die Waldshuter Bürger waren erbittert über diese Unterdrückung ihres geschätzten Geistlichen und solidarisierten sich sofort mit den heranziehenden Bauern. Die Bauern und die reformierten Bürger gründeten die evangelische Brüderschaft mit dem oben skizzierten revolutionären antifeudalen Programm. Mehrere hundert Freiwillige aus der Schweiz zogen ihnen mit Geld und Waffen zu, und rasch erfasste der so erfolgreich begonnene Aufruhr die ganze Region. Noch ein weiterer Umstand hatte an der Explosion mitgewirkt: Thomas Müntzer und sein Mitstreiter Heinrich Pfeifer - ihre Geschichte wird noch ausführlich geschildert werden - waren aus Thüringen zu einer Agitationsreise ins gärende Süddeutschland gekommen, und wo sie ihre mitreißenden Reden hielten, schlug die latente Unzufriedenheit der Bauern in kämpferischen Widerstandsgeist um.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den süddeutschen Adel trafen die sich so rasant ausbreitenden Bauernunruhen zu einem besonders ungünstigen Moment, denn die meisten ihrer Truppen standen in Italien, wo der Kaiser mit dem französischen König um die Vorherrschaft über das Land kämpfte. Der primäre Feind, mit dem die Bauern es zu tun hatten, war der schwäbische Bund, der Zusammenschluss der meisten süddeutschen Fürstentümer und freien Reichsstädte, dessen Sinn militärischer Koordination der einzelnen Mitgliedsstaaten beim Ausbruch von Bauerununruhen bestand. Der schwäbische Bund hatte unter seinem militärischen Oberkommandierenden, Truchsess Georg von Waldburg, gerade keine bedeutenden Streitkräfte unter Waffen und traute sich nicht zu, die immer weiter anschwellende Zahl bewaffneter rebellischer Bauern anzugreifen, ehe er nicht weitere Rüstungen durchgeführt hätte. Also griff er zum Trick, den die Herren in früheren Aufständen schon angewandt hatten und im großen Bauernkrieg mit besonderer Perfidie handhaben sollten: Die naiven, politisch noch unreifen Bauern durch ein paar begütigende Worte und scheinbare Zugeständnisse zum Niederlegen der Waffen bewegen und dann mit voller Wucht über sie herfallen und sie hart züchtigen, sobald man genug Truppen gesammelt hätte. Dazu kam, dass der Schweizer Kanton Schaffhausen drohte, auf Seite der Bauern in den Krieg einzutreten, wenn der schwäbische Bund den Klettgau und Hegau verwüsten sollte, wo er eigene Besitzungen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also beschlossen die Adligen, den Bauern anzubieten, einen unabhängigen Vermittlungsausschuss einzuberufen, der ihre Beschwerden prüfen sollte, wenn sie dafür die Waffen niederlegten und nach hause gingen - sie willigten ein und formulierten für das Landgericht Stockach, wo die Sache verhandelt werden sollte, 16 recht gemäßigte Artikel, in denen nur die Beseitigung der ärgsten Bedrückungen und Ungerechtigkeiten verlangt wurde, aber kein grundlegender Umsturz des feudalen Systems. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Adligen hatten eine Atempause gewonnen, waren aber so unklug, die Bauern zu provozieren, indem sie verlangten, bis zum Entscheid des Landgerichtes sollten alle Feudalabgaben- und dienste unvermindert weitergeleistet werden. Die Bauern lehnten das empört ab, erhoben sich wieder und mit ihnen diesmal der Großteil der Bauernschaft in ganz Württemberg und Breisgau. Die Vermittlung durch das Stockacher Landgericht war eine einzige Farce: Die &amp;quot;Vermittler&amp;quot;, fast alle selbst Adlige, kamen mehr oder weniger zum Schluss, dass die Adligen in allen Punkten Recht hatten und die Bauern verbrecherische Aufrührer seien. Unterdessen hatten die Rüstungen des Adels Fortschritte gemacht: Erzherzog Ferdinand, der Bruder Kaiser Karls V. und Verwalter der deutschen Besitzungen der Habsburger, nahm beim Bankhaus Welser einen enormen Kredit auf, um eine Armee aufzustellen, und der schwäbische Bund trieb seine Mitglieder an, in drei Rüstungsphasen ein großes Bundesheer zu rekrutieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch der Schwarzwälder Bauernhaufen unter Hans Müller bekam Unterstützung von unerwarteter Seite, nämlich von Herzog Ulrich von Württemberg, der bereits als Henker des armen Konrad auf der Bühne erschienen ist. Kurz nach Niederwerfung der Bauernunruhen hatte Ulrich durch die willkürliche Hinrichtung von Beratern und Überfälle gegen freie Reichsstädte die Reichsacht auf sich gezogen und war von einem vereinten Fürstenheer aus dem Land verjagt worden, woraufhin Württemberg für einige Jahre unter habsburgische Verwaltung kam. Ulrich hatte sich in die ihm verbliebene kleine Grafschaft Mömpelgard im Elsass zurückgezogen und abenteuerliche, aber erfolglose Intrigen zur Wiedergewinnung seines Herzogtums gesponnen. Als nun die Bauern sich erhoben, sah er das als günstige Gelegenheit, sich mit ihnen zu verbünden und als Gegenleistung für das Zugeständnis künftiger Erleichterungen ihrer Lage an ihrer Spitze in Württemberg einzumarschieren. Finanziell unterstützt wurde Ulrich dabei vom französischen König, der dem Haus Habsburg, mit dem er in Italien kämpfte, gerne eins auswischen wollte. Aber Ulrichs Zug nach Württemberg scheiterte kläglich: Die Bauern, die sich seines Verhaltens im armen Konrad noch gut erinnerten, leisteten ihm keine aktive Hilfe, sein Angriff auf Stuttgart scheiterte, und schließlich stellte auch der französische König seine Finanzhilfen ein. Nach wenigen Wochen war der Spuk im Februar 1525 zu Ende (Viel später sollte es ihm übrigens doch noch gelingen, wieder nach Württemberg zurückzukehren, wo er bis zu seinem Tod 1550 als Herzog regierte und zwar die Reformation einführte, seine Untertanen aber weiter plagte und ausbeutete wie eh und je).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schnell bildeten sich weitere große Bauernhaufen: Rund um Ulm, einer wichtigen Handelsstadt und Hauptsitz des schwäbischen Bundes, der unter roter Fahne marschierende Baltringer Haufen. Rund um den Bodensee der Seehaufen. Im Allgäu der Unterallgäuer Haufen. An den Ufern der Donau im schwäbisch-bayerischen Grenzgebiet schließlich der Leipheimer Haufen, der ebenfalls von einem Bauern und einem Pfarrer geführt wurde, Ulrich Schön und Jakob Wehe. Anfang März standen 40 000 Bauern unter Waffen. Truchsess Georg von Waldburg hatte dem nicht viel entgegenzusetzen, und hätten die Bauernhaufen vereint zugeschlagen, wäre der schwäbische Bund verloren gewesen. Aber es zeigte sich schon das Übel, an dem der Bauernkrieg schließlich scheitern sollte das provinziell begrenzte Denken der einzelnen Heerführer, die nicht über den Horizont ihrer Region hinauskamen, während der Adel mit ausgeprägtem Klassenbewusstsein landesweit kooperierte. Mit ihren lokalen Adligen wurde die Übermacht der Bauernhaufen überall leicht fertig, aber sobald sie ihre Gegend von Adel und Klerus befreit hatten, begnügten sie sich mit defensiv-abwartender Haltung und dachten nicht daran, sich zu einer großen Armee zu vereinen, um dem schwäbischen Bund den Garaus zu machen. So konnten die Adligen unbehelligt rüsten und einen Haufen nach dem anderen angreifen, nachdem sie die anderen durch Verträge und Versprechungen eine Weile beruhigt hatten. Schon während der Invasion Ulrichs von Württemberg hätten sie sich gar nicht mit dem Herzog verbünden müssen, um seinen Angriff zu nutzen, den schwäbischen Bund an einer anderen Front zu attackieren. Stattdessen sahen sie passiv zu, wie der Truchsess erst Ulrich besiegte und sich dann gegen die Bauern wandte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch aber stand alles unter dem Bann der sich rasant ausbreitenden Bewegung, die bald in ganz Süd- und Mitteldeutschland die berühmten Zwölf Artikel als Grundlage ihrer Forderungen proklamierte: Die Geistlichen sollen in den Gemeinden gewählt und bei Fehlverhalten abgesetzt werden, ihr Gehalt auf das zum Lebensunterhalt notwendige begrenzt und der Rest der bisherigen Abgaben an den Klerus für öffentliche Zwecke verwendet werden, Abschaffung der Leibeigenschaft und der drückendsten Feudalabgaben, Reduktion der Steuern, Rückgabe der von den Herren konfiszierten Wälder, Weiden und Gewässer in Gemeinbesitz. Radikale war der &amp;quot;Artikelbrief&amp;quot; der revolutionären, müntzerischen Fraktion, als dessen Autor manchmal auch Müntzer selbst genannt wird. Darin wird die vollständige Beseitigung des Adels gefordert, die Vernichtung aller Klöster und Schlösser und die Ächtung aller Bauern, die sich dem Bündnis nicht anschließen. Obwohl in den meisten Gegenden die Bauern sich weiterhin auf die etwas gemäßigteren zwölf Artikel beriefen, verhielten sie sich, von der revolutionären Praxis radikalisiert, bald nach den Bestimmungen des Artikelbriefes. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der schwäbische Bund wieder einmal eine von ihm beschworene Waffenruhe gebrochen hatte, gaben die Bauern ihre bisherige diplomatische Haltung endgültig auf und proklamierten den erbarmungslosen Krieg gegen Adel und Klerus. In den letzten März- und den ersten Apriltagen brach überall in Süddeutschland der Krieg aus, nun auch im Odenwald, in Franken und in weiten Teilen Bayerns. Die Gleichzeitigkeit des Ausbruchs zeigt, dass die Bauern sich über weite Distanzen miteinander abgesprochen haben mussten und dass offenkundig eine große, rege Untergrundorganisation existierte, die die Revolution nach Art des Bundschuh vorbereitete, nur dass der Funke diesmal zündete. Der Himmel über Deutschland färbte sich rot von den Flammen von weit über 1000 brennenden Schlössern und Klöstern, und die Schlossherren hatten die Wahl, auf die zwölf Artikel zu schwören und die Bauern zu unterstützen, in die nächste befestigte Stadt zu fliehen oder totgeschlagen zu werden. Fast überall wurden die Klöster mit noch größerer Wut geplündert und zerstört als die Adelssitze, und aus den geistlichen Reichtümern wurde der Krieg finanziert. Unter hunderten anderen Schlössern eroberten die Bauern auch die Festung Hohenstaufen, aus der die Kaiserdynastie der Staufer hervorgegangen war, und nachdem sie die mächtige Festung eingenommen und die Besatzung getötet hatten, leuchtete die in Flammen lodernde, auf einem hohen Berggipfel gelegene Kaiserburg in der Nacht weit ins Land hinein als drohende Fackel auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besondere Radikalität entwickelte der aus der Vereinigung der Odenwälder und Neckartaler Bauern gebildete helle Haufen, deren Führer der gegen seine Klasse rebellierende Adlige Wendel Hipler, der Wirt Georg Metzler sowie Jakob Rohrbach aus Böckingen bei Heilbronn waren, ebenfalls ein Wirt und von allen &amp;quot;Jäcklein&amp;quot; genannt, der von der &amp;quot;Schwarzen Hofmännin&amp;quot; begleitet und beraten wurde, deren Mann von einem lokaligen Adligen eingekerkert worden war und die mit ihrem fanatischen Hass auf Adel, Klerus und reiches Bürgertum die Entschlossenheit des hellen Haufens anstachelte. Unterstützung bekamen sie vom schwarzen Haufen Florian Geyers, ebenfalls eines zu ihnen übergelaufenen Ritters, der eine Eliteeinheit des Bauernkrieges bildete, die überwiegend aus kampferfahrenen Truppen bestand und die höchste Schlagkraft aller Bauernverbände aufwies. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen diesen Bauernhaufen, der Klöster und Schlösser plündernd und niederbrennend durch Württemberg zog, eröffnete nun der württembergische Vogt Ludwig von Helfenstein den Kampf. Er tötete alle aufständischen Bauern, die ihm in die Hände fielen, kündigte grausame Vergeltung für alle an der Rebellion Beteiligten an und legte sich mit seinen Truppen in die befestigte Stadt Weinsberg, um von dort die weiteren Schritte zu planen. Dort griff ihn nun der helle Haufen an, erbittert über die Nachricht, dass der Leipheimer Haufen vom Truchsess besiegt und ihr revolutionärer Prediger Wehe hingerichtet worden war. In völliger Verkennung seiner Lage drohte Helfenstein den Bauern der Umgebung an, ihre Dörfer niederzubrennen und sie entsetzlich zu strafen, wenn sie nicht friedlich nach hause gingen, erreichte damit aber nur, dass sie sich in ihrer Empörung durchweg dem heranziehenden hellen Haufen anschlossen. Helfenstein, der sich mit seiner Frau, einer unehelichen Tochter Kaiser Maximilians I., in der Burg verschanzt hatte, verachtete die Bauern viel zu sehr, als dass er ihnen die Erstürmung einer starken Festung zugetraut hätte. Als Unterhändler des Haufens ans Stadttor kamen und die Aufforderung aussprachen, sich zu ergeben, wenn sie ihr Leben behalten wollten, ließ er das Feuer auf sie eröffnen, wobei einer der Unterhändler schwer verletzt wurde. Mit Bauerngesindel hatte ein Adliger nicht anders zu diskutieren als durch Kugeln. Obwohl sie von den Mauern aus unter heftigen Beschuss genommen wurden, stürmten die Bauern unter Jäcklein Rohrbach tapfer und diszipliniert gegen die Stadtmauern an, während der schwarze Haufen Florian Geyers von der anderen Seite das Schloss angriff. Geyers hervorragende Truppe hatte das Schloss bald erobert, die Besatzung umgebracht und die Fahne der Bauern auf den Türmen gehisst. Als die Verteidiger der Stadt, die noch gegen den Ansturm Jäcklein Rohrbachs kämpften, das sahen, gerieten ihre Reihen in Verwirrung, die Stadttore wurden von den Bauern eingerammt, und zu tausenden ergossen sie sich in die Stadt, schlugen nieder, was noch Widerstand leistete, woraufhin die Verteidiger bald kapitulieren mussten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Bürgern der Stadt, so verkündeten sie, solle nichts geschehen, wenn sie friedlich in ihre Häuser gingen, die Ritter aber müssten alle sterben. Die Bitte, wenigstens ihren Kommandanten, den Grafen von Helfenstein am Leben zu lassen, wurde abgelehnt. Der Graf, den das Grausen packte, flüchtete mit einigen Rittern zur Kirche, wo einige Adlige sich im Kirchenschiff und den Grüften versteckten, andere verbargen sich in einem Geheimgang des Kirchturms. Die in der Kirche und in den Grüften wurden von den Bauern ohne weitere Formalitäten zusammengetrieben und erschlagen, da entdeckten sie unter Siegesgebrüll auch den Geheimgang im Turm, in den sich Helfenstein und seine letzten Ritter geflüchtet hatten. Während die Bauern sich die schmale Wendeltreppe hochkämpften, schrie Graf Helfenstein von der Turmspitze aus in Todesangst nach unten, dass er 30 000 Gulden zahle, wenn man ihn am Leben lasse, eine ungeheure Summe. Zur Antwort riefen die Bauern herauf: &amp;quot;Und wenn du uns auch eine Tonne Gold geben wolltest, der Graf und alle Ritter müssen sterben!&amp;quot;. Jetzt waren sie bis zum Grafen vorgedrungen, warfen einige Ritter gleich vom Turm aus hinab in den Tod und führten Helfenstein und den Rest nach unten ab, wobei sie auf dem Weg von den umstehenden Bauern bespuckt, beschimpft und geschlagen wurden. Die Bauern verkündeten, dass jeder Bürger drakonisch bestraft würde, der einen Ritter bei sich verstecke, und sogleich lieferten die verschreckten Bürger noch eine Reihe Adliger ab, die mit den schon Gefangenen zusammengeführt wurden. Nachdem die Häuser der Geistlichen, des Bürgermeister und der Beamten geplündert und verwüstet waren, führten die Bauern ihre Gefangenen auf eine Wiese vor der Stadt, wo ihre Hinrichtung vollzogen werden sollte. Als Hinrichtungsart wählten sie nicht die Enthauptung, die als soldatischer Tod galt, sondern den Spießrutenlauf, der zur Hinrichtung besonders ehrloser Krimineller angewandt wurde: Der Veurteilte musste solange durch eine Gasse aus auf ihn einstechenden Spießträgern laufen, bis er tot zusammensank. Da kam die Frau des Grafen weinend heran und bat knieend um das Leben ihres Mannes. So hatten sich die Umstände gewandelt: Die Kaisetochter lag nun auf Knieen vor dem Böckinger Kneipenwirt und flehte ihn um Gnade an. Aber niemanden rührte ihre Klage, niemand hatte Mitleid mit dem hundertfachen Bauernmörder Helfenstein, der angekündigt hatte, sie alle nach ihrer Niederwerfung zu foltern und umzubringen und der in diesem Moment für sie die ganze verhasste Adelspest verkörperte. Helfenstein selbst bot noch einmal eine riesige Summe für sein Leben, und wieder lehnte man ab und trieb ihn schließlich in die Spieße, wo er unter dem Todestanz, den sein ehemaliger Hofmusiker Melchior Nonnenmacher für ihn spielte, schnell tot zusammenfiel, so wütend wurden ihm die Stiche und Hiebe ausgeteilt. Auch alle anderen gefangenen Adligen wurden auf diese Weise hingerichtet. Die &amp;quot;schwarze Hofmännin&amp;quot;, Rohrbachs Begleiterin, schnitt der Leiche des Grafen den Bauch auf, schmierte sich mit seinem herauslaufenden Körperfett die Schuhe ein und rief ihm Verwünschungen ins Grab nach. Jäcklein Rohrbach legte sich den Koller des Grafen um, trat damit zur Gräfin und fragte: &amp;quot;Frau, wie gefall ich euch jetzt?&amp;quot; Dann wurde die Kaisertochter nackt ausgezogen, auf einen Mistwagen gepackt und unter Spott und Hohn aus der Stadt herausgeschickt. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Blutgericht von Weinsberg war eine Lektion für den Adel, die saß: Sofort unterwarfen sich die Adligen der Region, schworen auf die zwölf Artikel und sandten den Bauern Waffen und Lebensmittel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unmittelbar nach dem Weinsberger Blutgericht spaltete sich der helle Haufen, der mit Unterstützung des Schwarzen Haufens Florian Geyers bisher das militärisch stärkste Kontingent der Bauern gewesen war. Ursache dafür war der politisch ambivalente Charakter des ganzen Aufstandes, dessen innere Konflikte sich hier beispielhaft entfalteten, sobald die unmittelbare Bedrohung durch die Truppen des Adels in der Region ausgeschaltet war. Die große Masse der Aufständischen waren leibeigene Bauern oder solche, deren Lebensbedingungen von Leibeigenschaft nicht weit entfernt waren. Aber ihnen hatten sich auch eine Menge städtischer Bürger sowie sogar einige gegen ihre Klasse rebellierende Ritter angeschlossen (Wie eben Florian Geyer, der den Krieg allerdings in einer sehr viel ehrenhafteren Form durchmachte als die meisten seiner schwankenden Klassengenossen im Heer der Bauern), und durch ihre höhere Bildung und Redegewandtheit hatten sie es überproportional oft geschafft, an die Spitze der Bewegung zu gelangen. In vielen süd- und mitteldeutschen Städten hatte der Aufstand der Bauern die städtischen KleinbürgerInnen und Armen zur Revolte gegen die von den großbürgerlichen Patriziern beherrschten Stadträte ermuntert, und vielerorts wurden die alten aristokratischen Räte durch weitaus demokratischere kleinbürgerliche und (lumpen)proletarische ersetzt. Diese neuen, progressiveren Stadtregierungen solidarisierten sich zwar mit den rebellierenden Bauern und unterstützten sie oft mit Geld, Waffen und Lebensmitteln, schlossen sich aber kaum jemals ganz der Radikalität ihrer Forderungen an, beruhte doch der Wohlstand der freien Reichsstädte erheblich auf der Ausbeutung der bäuerlichen Bevölkerung der Umgebung durch die Stadt. Auch beurteilten viele von ihnen die Siegesaussichten der Bauern skeptisch und wollten sie sich durch ihre offene Unterstützung nicht völlig kompromittieren, aus Angst, dann beim erwarteten konterrevolutionären Terror der siegreichen Fürsten ebenfalls dranzukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses unsichere Schwanken zwischen revolutionärem Aufbruch in den Städten und Unsicherheit im Umgang mit den Bauernheeren kann man beispielhaft in Rothenburg, Nördlingen und Heilbronn studieren. In der bedeutenden freien Reichsstadt Heilbronn war nach Beginn des Bauernkrieges eine Stadtrevolte ausgebrochen, die von den Bäckergesellen ausging und die Entmachtung der patrizischen Räte verlangte. Der Prediger Johann Lachmann konnte einen Kompromiss aushandeln, der den fortschrittlichen Kräften Aufwind gab, ohne sie wirklich an die Macht zu bringen. Der patrizische Rat, bedrängt gleichzeitig durch den hellen Haufen, der vor den Stadttoren umherzog und schon das Karmeliterkloster niedergebrannt hatte sowie das aufständische Kleinbürgertum im Inneren, ging einen schmalen Grat des vorsichtigen Taktierens gegenüber den Bauern und erklärte sich schließlich bereit, ihnen freiwillig die Tore zu öffnen - ein zweites Weinsberg in größerem Maßstab wollte man nicht werden. Tatsächlich verhielten sich die Bauern diszipliniert und beschränkten sich darauf, die Gebäude des besonders verhassten Deutschen Ordens zu verwüsten sowie den Geistlichen Geldforderungen abzuverlangen. Heilbronn war damit die größte und wichtigste Stadt, die den aufständischen Bauern direkt zur Verfügung stand, und doch war der alte Rat immer noch im Amt und versuchte, Distanz zu wahren. Als die Bauern die Stadt schließlich zwangen, ein Kontingent Hilfstruppen aufzustellen, kam der Rat dieser Forderung zwar schließlich nach, bat aber, sie nicht unter Heilbronner Stadtflagge marschieren zu lassen, aus Angst, dass die Fürsten die Stadt später strafen würden, wenn sie offiziell Truppen beigesteuert hätte. Aber die Bauern beharrten darauf, dass die Heilbronner unter der offiziellen Stadtflagge mit ihnen marschieren müssten. Übrigens waren die Sorgen der Heilbronner Bürger nicht ganz unberechtigt: Nach der Niederlage der Bauern ließen die Truppen des schwäbischen Bundes tatsächlich mehrere Dutzend Heilbronner Bürger hinrichten, verbannen oder zu Geldstrafen verurteilen. Sogar der sehr gemäßigter Prediger Lachmann, dessen Vermittlung den alten Rat davor bewahrt hatte, von der städtischen Revolte weggefegt zu werden, wurde vor Gericht gestellt, aber nicht verurteilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im hellen Haufen hatten sich nun nach Weinsberg die gemäßigten Kräfte gegen die von Jäcklein Rohrbach und Florian Geyer repräsentierten Radikalen durchgesetzt. Während Geyer und Rohrbach das ganze feudale Gesellschaftssystem zerstören und einen kompromisslosen Vernichtungskrieg gegen Adel und Geistlichkeit führen wollten, glaubten die von Wendel Hipler (Einem ehemaligen Berater der Grafen von Hohenlohe, der nach einem Zerwürfnis mit seinem Herrn zu den Bauern übergegangen war) repräsentierten Gemäßigten, dass man eher versuchen sollte, Ritter, kleine Fürsten und städtische Patrizier für ihre Sache zu gewinnen, um auf einer breiteren Basis weniger kühne Reformen umzusetzen. Geyers schwarzer Haufen verließ daraufhin den hellen Haufen, mit dessen Zielen er sich nicht mehr identifizieren konnte, ebenso Jäcklein Rohrbach, der sich mit rund 200 anderen Radikalen dem württembergischen Haufen unter Matern Feuerbacher anschloss. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Mehrheit der Bauern war den Gemäßigten unter Hipler treu geblieben und erklärte sich einverstanden, den Ritter Götz von Berlichingen zu ihrem militärischen Anführer zu nehmen, der übrigens vergeblich versucht hatte, ins konterrevolutionäre Heer des Truchsess Georg von Waldburg aufgenommen zu werden, sich gegen die Übernahme des Kommandos bei den Bauern anfangs heftig sträubte und später die erste günstige Gelegenheit nutzte, sie zu verraten. Wendel Hipler, der ein zögerlicher, unentschlossener Mensch und gewiss vom Temperament her kein Revolutionär, aber ein kluger Kopf mit einigem politischen Sachverstand war, erkannte, dass die Schwäche der Bauern in ihrer provinziellen Beschränktheit bestand und berief nach Heilbronn Delegierte aller aufständischen Bauernhaufen Deutschlands ein, um der Bewegung eine gemeinsame politische Führung und ein gemeinsames politisches Programm zu geben. Auf diesem Konvent setzten sich die gemäßigten bürgerlichen Elemente durch und verabschiedeten im Mai folgende vierzehn Grundsätze für eine gesamtdeutsche Verfassung:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
# Alle Geistlichen Deutschlands werden reformiert, enteignet und nur noch mit einem zum Lebensunterhalt ausreichenden Gehalt besoldet. &lt;br /&gt;
# Alle Fürsten werden reformiert und angehalten, allen Klassen gleiches und schnelles Recht zu verschaffen sowie für die Armen zu sorgen. &lt;br /&gt;
# Alle Städte werden reformiert. Sie dürfen ihren Bauern keine neuen Abgaben auferlegen und alle bisherigen Abgaben müssen gegen eine Abschlagszahlung ablösbar sein statt lebenslang geleistet werden zu müssen wie bisher. &lt;br /&gt;
# Kein in römischem Recht geschulter Jurist darf bei Gericht zugelassen werden (Der Rückgriff auf das römische Recht des spätantiken Kaiserreiches war von den Fürsten des beginnenden Absolutismus benutzt worden, um das vorherrschende alte germanische Recht auszuhebeln, das den Bauern viel größere Freiheiten zugestand. Daher waren das römische Recht und die in ihm geschulten Juristen bei den Bauern äußerst verhasst) &lt;br /&gt;
# Kein Geistlicher darf ein weltliches Amt bekleiden oder als Berater von Fürsten und Reichsstädten fungieren.&lt;br /&gt;
# Es ist ein gesamtdeutscher oberster Gerichtshof einzurichten sowie 64 Freigerichte, 16 Landgerichte und 4 Hofgerichte in ganz Deutschland mit Beisitzern aus allen Klassen.&lt;br /&gt;
# Alle Zölle innerhalb Deutschlands werden aufgehoben, ausgenommen diejenigen, die zur Instandhaltung von Brücken und Straßen unbedingt notwendig sind.&lt;br /&gt;
# Die Benutzung aller Straßen ist frei (Bisher mussten Kaufleute für die Benutzung der Landstraßen Wegegeld zahlen).&lt;br /&gt;
# Keine direkten Steuern außer alle zehn Jahre eine Steuer für die kaiserliche Zentralgewalt.&lt;br /&gt;
# Eine einheitliche Währung für ganz Deutschland.&lt;br /&gt;
# Gleiche Maße und Gewichte für ganz Deutschland.&lt;br /&gt;
# Staatliche Beschränkung der zulässigen Zinssätze der Bankiers.&lt;br /&gt;
# Alle Adligen, die Vasallen eines Geistlichen sind, werden von ihrer Lehenspflicht entbunden.&lt;br /&gt;
# Aufhebung aller Bündnisse der regionalen Fürsten untereinander, stattdessen einheitliche kaiserliche Polizei im ganzen Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht, dass das revolutionäre Feuer der Bauern aus diesem Verfassungsentwurf verschwunden ist. Von der Beseitigung von Adel und Klerus und der Aufrichtung einer klassenlosen Republik, wie sie Müntzer in Thüringen predigte, ist hier keine Rede mehr. Stattdessen werden die Bedürfnisse des aufstrebenden Bürgertums in den Vordergrund gestellt, das eine konstitutionelle einheitliche Monarchie wünscht, in der ein großer Binnenmarkt, Vereinheitlichung von Währung und Maßeinheiten sowie allgemeine Rechtssicherheit herrschen, um die Ausbreitung von Handel und Gewerbe sicherzustellen. Für die Bauern bleibt kaum mehr übrig als die Beseitigung einiger besonders schlimmer Missstände, ein paar vage Versprechungen, für ihr Wohl zu sorgen sowie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
allenfalls noch die Perspektive, sie aus Leibeigenen in kleine kapitalistische Warenproduzenten zu verwandeln: Der Gedanke, die Dorfgemeinschaft aufzulösen und die Frondienste nicht einfach abzuschaffen, sondern sich die Bauern gegen große Geldbeträge freikaufen zu lassen, nimmt genau die Form vorweg, wie sich in Frankreich die Girondisten die Bauernbefreiung um 1790 vorstellten und wie sie in Preußen und Russland im 19. Jahrhundert verwirklicht wurde. Für die Entwicklung des Kapitalismus war das eine hervorragende Lösung: Die Adligen wurden mit dem Verzicht auf die ökonomisch überholte Leibeigenschaft durch einen saftigen Batzen Bargeld ausgesöhnt und hatten damit zugleich genug Startkapital, um von Feudalherrschaft nahtlos zu kapitalistischem Unternehmertum übergehen zu können. Die Bauern wiederum wurden gespalten in die Minderheit derjenigen, die sich freikaufen und zu kapitalistischen Kleinunternehmern machen konnten und die Mehrheit derjenigen, die durch den Wegfall der Dorfgemeinschaft verelendeten und als Lohnarbeiter in die neuen kapitalistischen Betriebe strömen mussten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Heilbronner Programm war somit zwar offener Verrat an den revolutionären, egalitären Hoffnungen der Bauern, gleichzeitig aber eine geniale, um Jahrhunderte über ihre Zeit voraus greifende Vorwegnahme des modernen bürgerlich-kapitalistischen Nationalstaates. Die 1525 in Heilbronn formulierten Forderungen wurden erstmals erst in den 1790er Jahren in Frankreich realisiert und im Rest Europas erst im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts umgesetzt. Es ist frappierend, dass in der Revolution von 1848 im Paulskirchenparlament oft Forderungen diskutiert werden, die einfach wie eine Wiederholung der Forderungen ihrer drei Jahrhunderte zurückliegenden Vorläufer in Heilbronn wirken. Hätte sich eine solche Verfassung 1525 in ganz Deutschland durchgesetzt, wäre man nahtlos von der feudalen in die kapitalistische Ausbeutung übergegangen, und doch wäre Deutschland gerade dadurch das politisch fortgeschrittenste Land der damaligen Welt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber dazu sollte es nicht kommen. Einerseits, weil das Bürgertum in seiner ökonomischen wie intellektuellen Entwicklung zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch nicht annähernd weit genug war, ein solches Programm adaptieren und gegen den beginnenden fürstlichen Absolutismus durchfechten zu können. Andererseits, weil die Konterrevolution in Form des schwäbischen Bundes mittlerweile militärisch das Heft übernommen hatte und an eine wie auch immer geartete Reichsreform nicht mehr zu denken war. Als das Heilbronner Programm verabschiedet wurde, erlitten die süddeutschen Bauern gerade ihre entscheidenden Niederlagen, und kurz darauf mussten die Heilbronner Delegierten selbst eilig die Flucht ergreifen, wenn sie dem einsetzenden erbarmungslosen weißen Terror entkommen wollten. Daher nach dem Vorgriff auf die Heilbronner Beratungen noch einmal eine kurze Rekapitulation der militärischen Lage. In den ersten beiden Aprilwochen hatten sich in ganz Süddeutschland zehntausende bewaffnete Bauern in regionalen Haufen organisiert, deren wichtigste der Baltringer Haufen, der Allgäuer Haufen, der Seehaufen, der Württemberger Haufen und der Odenwälder helle Haufen waren. Die Konterrevolution organisierte sich dagegen in Form des schwäbischen Bundes, des militärischen Bündnisses der süddeutschen Fürsten und Reichsstädte, deren Oberbefehlshaber, Truchsess Georg von Waldburg, mit den Finanzmitteln des Bundes sowie durch üppige Unterstützungen der Großbankhäuser Fugger und Welser eine starke Söldnerarmee angeworben hatte. Den durch das Land ziehenden, hunderte Schlösser und Klöster niederbrennenden und Adlige tötenden Bauernhaufen hatte der schwäbische Bund in der Rekrutierungsphase seiner Armee noch nicht viel entgegenzusetzen, sodass er ihre politische Naivität nutzte, mehrere Haufen durch Verhandlungen und leere Versprechungen zu neutralisieren. Erst als er ein starkes Heer zusammenhatte, gab er das diplomatische Gerede auf und ging in die Offensive. Zuerst ging es gegen den Baltringer Haufen, den der Truchsess am 14. April in der Schlacht von Wurzen vernichtend schlug. Nach dem Sieg wurden mehrere hundert gefangene Bauern vom Adelsheer ermordet, und die übertriebenen Gerüchte von angeblich 7000 ermordeten Bauern erbitterten den weiter nördlich stehenden hellen Haufen unter Jäcklein Rohrbach so sehr, dass er beschloss, Vergeltung am Adel zu üben und das oben beschriebene Weinsberger Blutgericht abhielt. Auch der Leipheimer Haufen wurde vom Heer des schwäbischen Bundes mühelos geschlagen und seine Anführer hingerichtet, darunter auch der revolutionäre Pfarrer Jakob Wehe, ihr wichtigster Ideologe, der noch auf dem Gang zur Hinrichtung fest beteuerte, nicht Aufruhr, sondern nichts anderes als die göttliche Gerechtigkeit gepredigt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Weinsberg, als der ganze Adel der Region sich in panischem Schrecken unterwarf, hatten sich die gemäßigten Kräfte im hellen Haufen durchgesetzt und den Ritter Götz von Berlichingen als Hauptmann angenommen, was zur Abspaltung der radikalen Revolutionsfraktion um Jäcklein Rohrbach und Florian Geyer führte. Sie gaben ihren bisherigen Vernichtungskrieg gegen den Adel auf und verzichteten auf das Niederbrennen der Schlösser, wenn deren Herren auf die zwölf Artikel der Bauern zu schwören bereit waren und versprachen, ihre Privilegien aufzugeben. Natürlich leisteten alle Adligen diesen Schwur, wenn vor ihrer Burg tausende bewaffneter Bauern auftauchten, und natürlich verrieten sie die Bauern später sofort wieder, sobald die Truppen des schwäbischen Bundes da waren. Der helle Haufen, der sich jetzt vor allem mit der Plünderung von Klöstern beschäftigte, durchlief nach Aufgabe des revolutionären Programms eine zunehmende Demoralisierung, die sich besonders krass in einer fatalen militärischen Entscheidung zeigte: Wendel Hipler schlug vor, erstens in großer Zahl kriegserfahrene Söldner anzuwerben (Genug Geld dafür hatte man nach den umfassenden Plünderungen ja, und wenn sie ordentlich bezahlt wurden, würden die meisten der aus Bauernfamilien stammenden Landsknechte lieber für die Bauern als für die Fürsten gekämpft haben, was sich auch darin zeigt, dass die Landsknechte in Fürstendienst immer wieder Befehle verweigerten, oft desertierten und nur gegen enorme Sondergelder bereit waren, gegen die Bauern zu kämpfen) und zweitens die bäuerlichen Truppen nicht dauernd auswechseln wie bisher, sondern ein diszipliniertes Heer mit festem Personalbestand aufbauen, das durch zunehmende Kriegserfahrung und ständige Übungen immer schlagkräftiger würde. Aber beide Vorschläge wurden abgelehnt, denn viele Bauern sahen den Krieg inzwischen nur noch als Beutezug, bei dem sie beim Plündern die Konkurrenz der überlegenen Landsknechte fürchteten und die, sobald ihre Taschen voll waren, die Freiheit haben wollten, jederzeit wieder nach Hause gehen zu können. Eine dem schwäbischen Bund militärische gewachsene Armee konnte somit natürlich nicht gebildet werden. Hans Berlin, ein Heilbronner Ratsherr, der sich dem hellen Haufen halb gezwungen angeschlossen hatte, versuchte zu dieser Zeit, ihrem politischen Programm noch den letzten Hauch revolutionärer Kraft zu nehmen, indem er eine &amp;quot;Erläuterung&amp;quot; zu den bereits relativ gemäßigten zwölf Artikeln der Bauern verfasste, in der alles gestrichen wurde, was nach ernsthaftem Umsturz der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse aussah. Das ging dann doch zu weit - die Bauern empörten sich heftig gegen dieses Manöver, und Berlins Erläuterung wurde begraben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der helle Haufen zog nun nach Würzburg, wo eine der entscheidenden Schlachten des Bauernkrieges stattfinden sollte. In Würzburg war das Bürgertum die treibende Kraft des Aufstandes. Der Fürstbischof, einer der mächtigsten geistlichen Fürsten Deutschlands, hatte nach und nach die Autonomierechte des städtischen Bürgertums ausgeschaltet und ein despotisches Regime errichtet, das den Widerstand der Bürger provozierte, die die fürstliche Willkürherrschaft abschütteln und freie Reichsstadt werden wollten. Als in der Stadt ein Aufruhr ausbrach und die Häuser der Geistlichen geplündert wurden, zog der Bischof Truppen zusammen, um seine Hauptstadt militärisch zu züchtigen. Aber die Bürger hatten schon Türme und Tore besetzt und eigene Milizen aufgestellt, sodass der Bischof sich nach vergeblichen diplomatischen Täuschungsmanövern gezwungen sah, nach Heidelberg zu fliehen und dort darauf zu warten, dass der schwäbische Bund in seinem Fürstentum die Ordnung wiederherstellte. Ermuntert davon, erhoben sich auch in Franken die Bauern, plünderten und verbrannten auch hier die Klöster und Schlösser und verbündeten sich mit dem aufständischen Würzburger Bürgertum. Unterstützung fanden sie auch von einigen kleineren adligen Vasallen des Bischofs, die darauf spekulierten, ihrer Lehenspflicht entbunden und unabhängige Kleinfürsten zu werden, wenn das Fürstbistum zusammenbrach. Der Bischof war zwar geflohen, aber er hatte eine große Garnison auf seinem Regierungssitz auf dem Frauenberg zurückgelassen, der gewaltigen Burg, die auf einem Berg über Würzburg thront und wo ein halbes Jahrhundert zuvor das Pfeiferhänslein verbrannt worden war. Es war eine der stärksten Festungen Deutschlands, und mit Lebensmittelvorräten für mehrere Monate konnte sich die Garnison auch gegen eine große zahlenmäßige Übermacht der Bauern verteidigen. Aber dieses Bastille des geistlichen Fürstentums hatte so großen Symbolcharakter, dass bald alle bedeutenden Bauernverbände der Region auf Würzburg zogen, und bald trafen Florian Geyer mit seinem schwarzen Haufen, der neugebildete fränkische Tauberhaufen und schließlich der helle Haufen, nun unter Götz von Berlichingen, in Würzburg ein. Unterstützt von den Würzburger Bürgern (Darunter auch Tilman Riemenschneider, der bedeutendste deutsche Bildhauer seiner Zeit, der sich rückhaltlos mit den aufständischen Bauern solidarisierte und der dafür später eingekerkert und gefoltert wurde und bis zu seinem Tod nie wieder einen bedeutenden Auftrag erhielt), die die Festung von der Stadt aus unter Artilleriebeschuss nahmen, setzten die Bauern zu mehreren mit großer Tapferkeit und Disziplin geführten Sturmangriffen an, die aber unter hohen Verlusten an den hervorragenden Befestigungsanlagen scheiterten. Das wochenlange untätige Herumsitzen am Fuße der Festung entmutigte die Bauern zunehmend, und tausende liefen auseinander. Um den gänzlichen Zerfall der Truppe abzuwenden, beschloss Wendel Hipler, nur 4000 Mann zur Aufrechterhaltung der Belagerung in Würzburg zu lassen und mit dem größeren Teil der Kräfte ins Neckartal zu ziehen, um dort den Aufstand neu anzufachen. Zudem sollten alle Bauernhauptleute, die bisher nur ein Viertel der kriegsfähigen Männer ihrer Gemeinden bewaffnet hatten, jetzt eine totale Mobilmachung gegen den drohend heranziehenden Truchsess durchführen und jeden männlichen Bauern einziehen, der kampffähig war. Aber der Verräter Götz von Berlichingen sabotierte die Versuche, ein geeintes schlagkräftiges Heer zu bilden, und stattdessen zersplitterten sich die bäuerlichen Kräfte immer mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Währenddessen hatten die Truppen des schwäbischen Bundes auch den Württemberger Haufen besiegt, dem sich Jäcklein Rohrbach nach seiner Abspaltung vom hellen Haufen angeschlossen hatte. Die Entscheidungsschlacht fand am 12. Mai vor Böblingen statt, dessen relativ progressiver Stadtrat sich den Bauern angeschlossen und auf die zwölf Artikel geschworen hatte. Das Bauernheer war mit 15 000 Mann dem Heer des Truchsess zahlenmäßig leicht überlegen, aber dieser war mit seiner starken Artillerie und rund 3500 schweren Panzerreitern dennoch militärisch klar überlegen. Trotzdem sah er sich gezwungen, sie mit List zu überwältigen und überfiel die Bauern in einem Überraschungsangriff während eines von ihm selbst vorgeschlagenen und von den Bauern angenommenen Waffenstillstandes. Die überraschten Bauern reagierten schnell, nahmen eine strategisch gut gewählte Schlachtformation ein und leisteten den. Bundestruppen stundenlangen erbitterten Widerstand, bei dem mehrere tausend Soldaten des Adelsheeres den Tod fanden - mit dem Massaker von Wurzach, bei dem die Bauern fast widerstandslos niedergemetzelt worden waren, war der verzweifelte Kampf von Böblingen nicht vergleichbar. Der Widerstand der Bauern war so erfolgreich, dass der Truchsess sich nur durch einen weiteren Verrat zu helfen wusste: Er schickte Unterhändler in die Stadt Böblingen im Rücken des Bauernheeres und konnte sie dazu überreden, Büchsenschützen des Bundes aufzunehmen, die sich auf den Stadtmauern postierten und das Bauernheer nun von hinten unter schweres Feuer nahmen, während gleichzeitig die Artillerie des Bundes sich an einer günstigeren Stellung postiert hatte und die Bauern unter vernichtenden Beschuss nahm. Von zwei Seiten unter Feuer genommen, geriet die Schlachtformation der Bauern in Unordnung, und ein Angriff der schweren Kavallerie des Truchsessen brachte sie endgültig zum Zusammenbruch. Aus der Schlacht wurde ein Gemetzel. Die adligen Reiter, von denen viele Verwandte in Weinsberg verloren hatten und die von leidenschaftlichem Hass auf die Bauern durchdrungen waren, massakrierten eine nicht genau zu ermittelnde Zahl fliehender und um Gnade flehender Bauern, die in die hunderte bis tausende gehen dürfte. Insgesamt wird die Zahl der Toten in der Schlacht von Böblingen mit bis zu knapp 10 000 angegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schrecklich war die Rache, die der Truchsess und seine Armee für Weinsberg nahmen. Jäcklein Rohrbach wurde gefangengenommen und ebenso wie Melchior Nonnenmacher, der ehemalige Hofmusikant des Grafen von Helfenstein, der ihm bei seiner Hinrichtung den Todestanz aufgespielt hatte, auf eine besonders bestialische Weise hingerichtet: Sie wurden auf einer Wiese am Neckarufer in eisernen Ketten an einem Baum festgebunden, aber so, dass sie einen Bewegungsradius von ein paar Metern hatten und sich um den Baum herumbewegen konnten. Dann schichtete man um sie herum Holz auf und zündete es an, aber in einer solchen Entfernung, dass sie nicht gleich getötet, sondern durch die Hitzeentwicklung langsam und qualvoll gebraten wurden, während sie schreiend und wimmernd um den Baum tanzten und sprangen. Der Truchsess und seine Ritter hatten es sich auf der Wiese bequem gemacht und vergnügten sich bei Bier und Wein an diesem erhebenden Schauspiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann zogen die Truppen des Bundes nach Weinsberg, das - obwohl seine Bürger GEGEN die Bauern gekämpft hatten - als Ort der tiefsten Erniedrigung des Adels niedergebrannt und dessen ganze Bevölkerung vertrieben wurde. Ebenso hielten sie es in der ganzen Umgebung, wo sie Dörfer verbrannten, die besonders in den Aufstand involviert gewesen waren, oft die ganze Bevölkerung abschlachteten und hunderte versprengte Bauern folterten und ermordeten. Der beginnende weiße Terror des Truchsessen zog eine Schneise der Verwüstung durch diese schöne und fruchtbare Gegend, deren Landstraßen bald gesäumt waren von an den Ästen baumelnden aufgehängten Bauern. Das Bürgertum der Reichsstädte in der Region, das auf die zwölf Artikel geschworen und die Bauern unterstützt hatte, beeilte sich jetzt, dem Truchsessen demütige Unterwerfungsbotschaften zu schicken, in denen sie beteuerten, nur mit Gewalt zu scheinbarer Unterstützung der kriminellen Aufrührer gezwungen worden zu sein, besonders Heilbronn, das die dort tagenden Bauerndelegierten des Verfassungskonventes sofort auseinanderjagte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Moment, gegen Ende Mai 1525, traf endlich der von Würzburg abgezogene helle Haufen ein, die einzige bedeutende militärische Kraft, die dem Truchsessen hier noch Widerstand leistete. Aber als die Bauern erfuhren, dass inzwischen viele ihrer Heimatdörfer dem Truchsessen wieder die Treue geschworen, andere zerstört und ihre Familien ermordet worden waren, suchten tausende verzweifelt und hoffnungslos das Weite. Die geplante Vereinigung mit dem 5000 Mann starken fränkischen. Haufen schlug fehl, wahrscheinlich durch den Verrat Götz von Berlichingens, der sich nur noch möglichst schnell aus dem sinkenden Schiff retten wollte und durch unsinnige Zickzackmärsche die Vereinigung beider Haufen verzögerte, bis es zu spät war. Nur noch die 2000 entschlossensten und opfermutigsten Bauern trafen am 2. Juni bei Krautheim auf die Hauptstreitmacht des Truchsessen mit 8000 Mann, 32 Kanonen und mehreren tausend schweren Panzerreitern. Die Niederlage war unter diesen Umständen unvermeidlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie erbittert sie sich aber gewehrt hatten, zeigen die Opferzahlen: Von den 300 Königshofenern bspw. fielen 285 in der Schlacht, und von den 15 Überlebenden wurden unmittelbar danach noch vier enthauptet. Wieder folgten zahllose wilde Hinrichtungen, wieder wurden die Dörfer am Weg geplündert und verbrannt, wieder wurde von den Truppen des Bundes gefoltert, vergewaltigt und massakriert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenige Tage zuvor hatte der Markgraf Kasimir von Ansbach, der bisher den Bauern vorgespielt hatte, auf ihrer Seite zu stehen, nach der Nachricht von der Böblinger Schlacht die Maske fallen lassen und ließ die Bauern niedermetzeln, die auf seinem Gebiet geistliche Güter plünderten und verwüsteten, wozu er sie selbst angestiftet hatte in der Hoffnung, ihren Hass ganz auf den Klerus konzentrieren und selbst ungeschoren davonkommen zu können. Allerdings erhoben sich jetzt noch viel mehr Bauern, besiegten seine Truppen am 29. Mai bei Windsheim und machten sich an die Verfolgung des Markgrafen selbst, als sie Hilferufe des bedrängten Odenwälder Haufens erreichten und sie ihren Haufen spalteten. Eine Abteilung wurde vom Truchsessen in einen Hinterhalt gelockt und vernichtet, der andere Teil zog schließlich nach Würzburg, um an der Belagerung des Frauenbergs teilzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Florian Geyers schwarzer Haufen, eine kleine, aber die militärisch disziplinierteste Truppe der Bauern, wollte ihnen zu Hilfe eilen, kam aber zu spät an, als ihre erste Abteilung schon vernichtet war. Das Fürstenheer des Pfalzgrafen Ludwig ging nun zum Sturm auf den isolierten schwarzen Haufen über, der hoffnungslos unterlegen war, aber sich trotzdem in der Gewissheit, dass kaum jemand von ihnen überleben würde, in Schlachtformation aufstellte und ihm eines der erbittertsten Gefechte des Krieges lieferte. Erst baute die schwarze Schar auf offenem Feld eine Wagenburg auf, wo sie sich verteidigte, bis es gar nicht mehr ging und die Übermacht sie erdrückte. Die auf 600 Mann zusammengeschmolzene Schar warf sich dann ins befestigte Dorf Ingolstadt (Nicht zu verwechseln mit der Großstadt Ingolstadt). 200 Mann verschanzten sich auf dem Kirchhof und dem Turm der Kirche, von wo sie die Bundestruppen unter Beschuss nahmen und ihnen schwere Verluste zufügten, bis diese Brandsätze warfen und die Kirche in Flammen setzten - aber sogar aus den Flammen heraus schossen sie noch weiter auf die Angreifer, bis sie schließlich alle erstickt waren. Kein einziger dieser 200 überlebte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die anderen 400 hatten die Mauern der Ingolstädter Burg besetzt, wo sie den Angriff der rund 10.000 Mann Bundestruppen erwarteten. Ihr erster Sturm wurde zurückgeschlagen, wobei über 100 Soldaten des Fürstenheeres getötet wurden, darunter etliche Adlige. Die Artillerie des Bundes schoss nun die Mauern in Stücke, und das Bundesheer stürmte zum zweiten mal die verwüsteten Befestigungen. Aber die Überlebenden der schwarzen Schar, denen inzwischen die Munition für ihre Büchsen ausging, schlug auch diesen zweiten Sturm mit Schwertern und Spießen zurück. Wieder setzte die Artillerie ein und traf nun viele der im Burghof Stehenden, ehe der dritte Sturm einsetzte, und erst dieser brach endlich den Widerstand. 50 aus der schwarzen Schar allerdings hatten sich in den Schlosskeller zurückgezogen und stachen und schossen noch von unten heraus auf die Bundestruppen, die schließlich brennende Strohbündel und Pulverladungen in den Keller warfen, sodass bis auf drei Mann alle in der Explosion getötet wurden. Florian Geyer gelang mit knapp 200 Überlebenden die Flucht, und die ganze Nacht hindurch führten sie Guerilla-Attacken auf isolierte Teile des Bundesheeres durch. Wie Florian Geyer starb, ist nicht ganz klar: In manchen Quellen heißt es, er sei am 9. Juni von den Bundestruppen aufgespürt worden und im Kampf gegen sie gefallen, in anderen, er habe sich zum Bruder seiner Verlobten geflohen, einem Ritter, der Geyer ermordete, um sich damit beim schwäbischen Bund in ein günstiges Licht zu rücken, nachdem er verdächtigt worden war, mit den Bauern zu sympathisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der gaildorf-hallische Haufen, immerhin 7000 Mann stark, löste sich unter dem niederschmetternden Eindruck so vieler Niederlagen kampflos auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das einzige große Widerstandsnest der Bauern in Franken war nun Würzburg, wo noch immer 5000 Bewaffnete den Frauenberg belagerten. Aber das Würzburger Bürgertum verriet sie, unterwarf sich dem Truchsessen und versprach, die Anführer auszuliefern und wieder treu zu seinem Bischof zu stehen. Am 8. Juni marschierten die Truppen des Truchsessen widerstandslos in Würzburg ein und veranstalteten als erstes eine öffentliche Massenhinrichtung, bei der 81 Bauern enthauptet wurden. Ein junger Bauer, den man unter das Schwert des Scharfrichters führte, rief unmittelbar vor seinem Tod noch aus: &amp;quot;Jetzt soll ich schon sterben und habe mich in meinem Leben noch kaum zweimal an Brot satt gegessen.&amp;quot; Anderen wurden die Finger abgehackt, andere aus dem Land verjagt. Auch Markgraf Kasimir fühlte jetzt den Moment gekommen, Strafgericht unter seinen Bauern zu halten, ließ zahllose hinrichten, noch viel mehr verstümmeln. Da viele der aufständischen Bauern ihn zu Beginn des Aufstandes mit dem Wort verjagt hatten, sie wollten ihn nie wieder sehen, ließ er ihnen die Augen ausstechen und bemerkte zynisch, dass ihr Wunsch nun erfüllt sei und sie ihn nie wieder sehen würde. Noch Jahre nach dem Krieg waren die Landstraßen der Gegend voller blinder Bettler mit leeren Augenhöhlen, die um ein Almosen baten und den Markgrafen verfluchten. Auch Wendel Hipler wurde gefangengenommen und vom pfälzischen Kurfürsten in Heidelberg eingekerkert, wo er 1526 noch vor Eröffnung seines Prozesses an den elenden Haftbedingungen starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die siegreichen Fürsten zogen jetzt mordend und plündernd mit ihren Truppen durch das besiegte Land, brannten zahlreiche Dörfer nieder, zerstörten die Felder der Bauern, trieben ihr Vieh auseinander, hängten hunderte auf. Allein der aus dem Heidelberger Exil zurückgekehrte Bischof ließ in seinem Blutrausch als gütiger christlicher Seelenhirte 270 Bauern hinrichten und hunderte verstümmeln, auspeitschen oder halbtot prügeln. Wenige Tage später wurden auch in der Pfalz die aufständischen Bauern in der Schlacht von Pfeddersheim vom pfälzischen Kurfürsten Ludwig V. sowie vom Erzbischof von Trier besiegt, wobei 8000 Bauern abgeschlachtet wurden und der Erzbischof eigenhändig verwundete und um Gnade bittende Bauern mit dem Schwert erschlug und die Soldaten anheizte, nur kein Pardon zu geben und auf die am Boden Liegenden tüchtig dreinzuschlagen. Überall in Süddeutschland vollzog sich in den Städten und Dörfern die Rache der Adligen im Kleinen, wurden in jedem Ort die Rädelsführer umgebracht, weiteren die Finger abgehackt, andere ins Exil getrieben oder enteignet. In den süddeutschen Zentren des Bauernkrieges war der Aufstand damit in Blut ertränkt und die alte &amp;quot;Ordnung&amp;quot; wiederhergestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Schwäche der Bauernheere bestand, wie bereits erwähnt, in ihrer regionalen Zersplitterung, während der Adel über Landesgrenzen hinweg vereint rüstete und kämpfte und somit jedem einzelnen Haufen gewachsen war, wo er gegen eine vereinte Bauernarmee chancenlos gewesen wäre. Dieser Charakter des Krieges macht es notwendig, den süddeutschen Hauptkriegsschauplatz getrennt von den isolierten Nebenkriegsschauplätzen außerhalb des schwäbisch-fränkischen Kerngebietes zu behandeln. Ein solcher Nebenkriegsschauplatz war bspw. das Allgäu, wo es dem Schwäbischen Bund und seinem Truchsessen Georg von Waldburg gelang, einen der militärisch stärksten Bauernhaufen mit vielen kampferfahrenen Landsknechten in ihren Reihen durch Verhandlungen zu paralysieren, indem er ihnen immer wieder vage Versprechungen machte, wenn sie sich ruhig hielten. Als die Hauptkräfte der Bauern in Schwaben und Franken besiegt waren, konnte der Schwäbische Bund das Allgäu leicht befrieden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer Brennpunkt waren das Elsass und Lothringen. Im Elsass, das ja bereits ein Zentrum der Bundschuhverschwörungen vor Beginn des Bauernkrieges gewesen war, hatten die damals noch durchweg deutschsprachigen Bauern sich gleich nach Eintreffen der ersten Flugblätter und Manifeste aus Süddeutschland erhoben und es in ihrem Krieg gegen Adel und Klerus um ein Haar geschafft, die große, bedeutende freie Reichsstadt Straßburg für sich zu gewinnen. Bald hatte der Aufstand auch auf die französischsprachigen BäuerInnen Lothringens übergegriffen, woraufhin Herzog Anton von Lothringen ein überwältigend starkes Heer zusammenzog, dessen Kavallerie aus der Blüte des französischen Rittertums bestand, das eine solche Bewegung im Keim ersticken wollte, bevor sie auf ganz Frankreich übergriff, wo sich die ökonomische und rechtliche Situation der BäuerInnen seit dem 15. Jahrhundert ebenfalls deutlich verschlechtert hatte, wenn auch nicht so dramatisch wie in Deutschland. Die Adelsarmee des Herzogs schlug die verstreuten, schlecht organisierten lothringischen und elsässischen Bauernhaufen mühelos, und die Besiegten erklärten sich gegen Antons Zusage, sie danach ohne Strafe nach Hause gehen zu lassen, bereit, ins elsässische Städtchen Zabern (Heute Saverne) zu kommen und dort ihre Waffen abzuliefern. Aber sobald sie entwaffnet waren, stürzten sich die Ritter auf die nun wehrlosen Bauern und richteten eines der schrecklichsten Massaker des ganzen Krieges an, in dem 18 000 Bauern niedergemetzelt wurden. Es dauerte lange, die zum Massengrab gewordene kleine Stadt von Blut und Leichen zu reinigen. Herzog Anton, der offenbar auf den Geschmack gekommen war, bot daraufhin dem Schwäbischen Bund an, mit seinem französischen Ritterheer den Rhein zu überqueren und in Süddeutschland aus dem Weg zu räumen, was es noch an bäuerlichem Widerstand geben mochte. Das Angebot wurde dankend abgelehnt - selbst die auch nicht gerade zimperlichen süddeutschen Fürsten, die ihre eigenen Bauern gerade blutig unterworfen hatten, wollten ihre Länder nicht so einem Inferno aussetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein dritter Nebenkriegsschauplatz schließlich Thüringen - der dortige Bauernkrieg war zwar militärisch zweitrangig, aber von politisch umso größerer Bedeutung, stand doch an seiner Spitze die wahrscheinlich bedeutendste, revolutionärste Persönlichkeit des ganzen Krieges: Thomas Müntzer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1489 wurde Müntzer in Stolberg im Harz geboren, und wenige Jahre später soll der Legende nach, die darin eine frühe Wurzel seines Tyrannenhasses sehen will, sein Vater vom Grafen von Stolberg willkürlich hingerichtet worden sein. Aber in Müntzers erhaltenen Schriften gibt es keinen Hinweis auf ein so prägendes Erlebnis, von dem er wohl erzählt haben würde. Sein Theologiestudium absolvierte er wahrscheinlich in Wittenberg und Leipzig und nahm daraufhin eine Stelle als Lateinlehrer in der Schule von Aschersleben und danach in Halle an, das damals zum Herrschaftsbereich des Magdeburger Erzbischofs Ernst II. gehörte (Der Erzbischof von Magdeburg war einer der reichsten und mächtigsten geistlichen Fürsten Deutschlands). Schon damals gründete Müntzer einen Geheimbund, der das Ziel hatte, den Bischof zu stürzen und die Geistlichkeit im Land zu reformieren, aber bald wirkungslos einging. 1515 wurde er Propst in einem Nonnenkloster und ignorierte schon damals die erstarrten Formen der katholischen Messe und ebenso viele Kernsätze der katholischen Theologie. In den Jahren darauf wurde er Lehrer im Braunschweiger Martinigymnasium und Beichtvater in einem anderen Nonnenkloster, eher er 1520 eine Stelle als Prediger an der Zwickauer Marienkirche bekam. Hier zeigte er sich bald als einer der radikalsten unter den überall in Deutschland aufkommenden reformierten Predigern, donnerte von der Kanzel aus gegen Gier, Verlogenheit und Faulheit des Klerus und forderte die völlige Vernichtung der Kirche als Institution sowie einen grundlegenden politischen Umschwung, in dem die Adelsvorrechte beseitigt und die Interessen der Armen verwirklicht werden sollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs war Müntzer noch ein großer Bewunderer Martin Luthers, dem er zutraute, die religiöse und politische Revolution einzuleiten, von der er träumte. Schnell aber wurde ihm klar, dass es mit Luthers revolutionärer Energie nicht weit her war und er von einer grundlegenden Überwindung der Kirche nichts wissen wollte und von einer politisch-sozialen Revolution erst recht nicht. Darüber hinaus wuchsen in Müntzer, der sich in dieser Zeit wieder in tiefgehende theologische Studien stürzte, die Zweifel daran, ob man nicht nur die Kirche als Institution, sondern die christliche Religion insgesamt hinter sich lassen müsse, zumindest in dieser Form. Müntzers skeptische Überlegungen näherten sich stark dem Atheismus an: Woher können wir denn eigentlich wissen, dass Christus und die Apostel in göttlicher Mission handelten? Nur, weil sie das in den Evangelien von sich selbst behaupten? Oder aufgrund von Wundern, deren Existenz auch nur von ihnen selbst behauptet wird? Wie kann man die Bibel überhaupt als ein göttliches Buch betrachten, wenn diese angebliche göttliche Herkunft nur auf den puren Behauptungen ihrer eigenen Helden beruht? Die Muslime hätten schließlich auch ein heiliges Buch, von dessen göttlichem Ursprung sie genauso überzeugt seien wie die ChristInnen von dem der Bibel - woher können wir wissen, dass der Koran falsch, die Bibel aber wahr sei?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müntzer kam zum Schluss, dass man die Bibel nicht als Offenbarung Gottes betrachten könne, sondern mit Hilfe unserer eigenen Vernunft das aus ihr entnehmen müsse, was als moralische Maxime wertvoll sein könne. Der &amp;quot;heilige Geist&amp;quot; - das sei nichts Metaphysisches, sondern der menschliche Verstand, und das Paradies, das er verwirklichen müsse, kein jenseitiges, von dem wir nichts wissen, sondern ein irdisches, nämlich eine gerechte und soziale Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, unter denen es keine Rangunterschiede, keine Herrschenden und keine Beherrschten gibt und in der alles allen gemeinsam gehört. Trotzdem spricht Müntzer später als Revolutionsführer immer wieder davon, das &amp;quot;wahre Christentum&amp;quot; erkämpfen zu wollen, davon, die &amp;quot;Gottlosen&amp;quot; zu bestrafen, und seine Schriften und Briefe sind übersät mit Bibelzitaten. Müntzer wusste, dass die BäuerInnen, die ihr ganzes Leben von den Priestern indoktriniert worden waren, überwiegend tief religiös waren sie verabscheuten den hohen Klerus, der durch ihre gnadenlose Ausbeutung ein üppiges Luxusleben führte und sein Armuts- und Keuschheitsgebot verhöhnte, aber waren von der Existenz des christlichen Gottes fest überzeugt sowie davon, dass das echte Christentum im Sinne Jesu etwas ganz anderes und Besseres sei als dessen Schändung durch Bischöfe und Prälaten. Als die Bauern zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu politischem Bewusstsein erwachten, formulierten sie ihre Klagen und Wünsche, ihre Hoffnungen und Ängste intuitiv in der religiösen Sprache, an die sie gewöhnt waren, und sobald sie die ins Deutsche übersetzte, von reformierten Predigern verbreitete Bibel kennenlernten, untermauerten sie ihre politischen und sozialen Forderungen mit Bibelstellen. Müntzer griff diese revolutionäre Verwendung der Bibel auf, ohne sich für metaphysische Spitzfindigkeiten zu interessieren. Als er später, als er und der konservative Luther sich schon entzweit hatten, von Luther zu einer theologischen Disputation an der Universität aufgefordert wurde, zeigte das nur, wie wenig Luther ihn verstand: Vor Universitätsprofessoren, Fürsten und reichen Bürgern zu beweisen, dass seine Bibelinterpretation die subtilere und raffiniertere sei, interessierte Müntzer überhaupt nicht - ihn interessierte, ob seine Lehre die revolutionäre Energie der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
BäuerInnen und der städtischen Armen anfachte. Die Adligen und Reichen waren für ihn &amp;quot;feindliche Mächte, welche dem Gottesreich auf Erden, dem ewigen Evangelium, dem Heile entgegen seien, es hemmen, die Menschheit ihrem Eigennutze, ihren Wollüsten, ihren Launen opfern, sie auf jede Art missbrauchen und in der Entwicklung ihrer Kräfte, im Genuss ihres menschlichen Daseins hindern.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Müntzer nun 1520 als Prediger nach Zwickau kam und die Armen die Kirche bei seinen Predigten bis zum Bersten füllten (Müntzer gehörte zu den ersten reformierten Predigern, die den Gottesdienst vollständig auf Deutsch abhielten und jeden Rest der lateinischen katholischen Liturgie beseitigten), fand er einen ersten Verbündeten in der in Mitteldeutschland aktiven Sekte der Wiedertäufer, die in Zwickau eine bedeutende Gemeinde besaßen. Ihren Namen hatten sie davon, dass sie die Taufe von Säuglingen ablehnten und meinten, dass nur ein Erwachsener im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte freiwillig entschließen könne, Christ zu werden, weshalb ihre Mitglieder ein zweites mal als Erwachsene getauft wurden. Sie lehnten jede institutionalisierte Geistlichkeit ab und glaubten, dass jeder Mensch gleichermaßen eine individuelle Beziehung zu Gott herstellen und von ihm predigen könne, glaubten, göttliche Visionen zu haben und steigerten sich oft in eine ekstatische Trance hinein, in der sie in Zungen sprachen. Obwohl sie die bestehende Kirche als korrupt und verdorben entschieden ablehnten, waren sie ansonsten friedliche, harmlose Leute. Müntzer konnte mit ihrer exzentrischen Religiosität an sich wenig anfangen, aber er erkannte den darin liegenden Kern: Es war eine Kirche einfacher, armer Leute, die die degenerierte Amtskirche und die ganze von ihr repräsentierte Gesellschaftsordnung ablehnten und ein wahrhaftigeres Christentum wie auch eine gerechtere und egalitärere Gesellschaft wollten. Alle Mitglieder ihrer Sekte stammten aus den unteren Schichten: Kleine Handwerker, Gelegenheitsarbeiter sowie die ArbeiterInnen aus den Bergwerken der Region. Diese Bergarbeiter, deren Lebensbedingungen schon durchaus denen moderner ProletarierInnen entsprachen, bildeten später den fanatischsten Kern von Müntzers AnhängerInnen. Müntzer solidarisierte sich in seinen Predigten mit diesen vom städtischen Bürgertum ausgelachten und drangsalierten religiösen Schwärmern und lobte ihren Wortführer Niklas Storch, einen Tuchmacher. Als sie, davon ermutigt, darangingen, in der Stadt eine Reformation nach ihren Vorstellungen einzuleiten, schritt der großbürgerliche Stadtrat gegen sie ein und erlegte ihnen Predigt- und Versammlungsverbot auf. Als sie sich daran nicht hielten, sondern im Gegenteil auf ihren Zusammenkünften immer schärfere, Müntzer entlehnte politische und soziale Forderungen stellten, ließ der Rat eine Reihe von ihnen inhaftieren, und die meisten anderen verließen die Stadt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Thomas Müntzer verließ Ende 1521 Zwickau, wo er nicht mehr ungehindert sprechen konnte. In einem Flugblatt der aufgeschreckten Bürger gegen Müntzer hieß es von ihm: Er sei &amp;quot;ein blutdürstiger Mann, dessen Herz nach Blutvergießen stehe. Man solle aufsehen, was der gelbe Bösewicht mit seinem Schwärmgeist für ein Spiel anrichten wolle.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ging zuerst in die böhmische Hauptstadt Prag, damals die größte Stadt Deutschlands. Dabei leitete ihn nicht zuletzt die Sympathie für die Hussitenbewegung, die sich im 15. Jahrhundert unter den böhmischen BäuerInnen ausgebreitet hatte, nachdem ihr radikaler Vordenker Jan Hus unter der Versicherung freien Geleits 1415 auf das Konzil von Konstanz gelockt und, dort angekommen, gleich verhaftet und verbrannt worden war. Der hussitische Bauernaufstand war eine sowohl religiöse und soziale Bewegung gegen den Klerus, seine Lehre und seine weltliche Stellung als auch ein Aufstand gegen ihre nationale Unterdrückung gewesen, denn die fast durchweg Tschechisch sprechende Landbevölkerung wurde ausgebeutet und gedrückt von einem aus Deutschen bestehenden Adel sowie dem deutschen Bürgertum in den größeren Städten. Die reiche, bürgerliche Metropole Prag war eine deutschsprachige Insel innerhalb einer tschechischsprachigen bäuerlichen Region. Dementsprechend stieß eine von Müntzer, der kein Tschechisch sprach, auf Deutsch verfasste Flugschrift, in der er die Erben der Hussiten grüßte und zum Kampf gegen Priester und Tyrannen aufrief, auf wenig Resonanz. Ihre einzige Folge war, dass der Prager Stadtrat Müntzer erst unter Beobachtung stellte und dann des Landes verwies.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müntzers Wanderung führte ihn weiter nach Allstedt, das im Gebiet der sächsischen Kurfürsten lag und wo er Ende 1522 Prediger wurde und wieder Massen von ArbeiterInnen und leibeigenen BäuerInnen der ganzen Region in seine immer revolutionärer werdenden Predigten zog. Dort konnten sie Dinge hören wie: &amp;quot;Sagt doch der Herr, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Was sollt ihr aber mit demselben machen? Nichts anderes denn die Bösen, die das Evangelium verhindern, wegtun und absondern, wollt ihr anders Diener Gottes sein. Christus hat mit großem Ernst befohlen: Nehmt meine Feinde und erwürget sie vor meinen Augen! Warum? Ei darum, dass sie Christo sein Regiment verdorben haben. Die, welche Gottes Offenbarung zuwider sind, soll man wegtun, ohne alle Gnade, wie Hiskias, Josias, Daniel und Elias die Baalspfaffen verstöret haben[...]Man muss das Unkraut ausraufen aus dem Weingarten Gottes in der Zeit der Ernte. Gott hat gesagt: Ihr sollt euch nicht erbarmen über die Abgöttischen, zerbrecht ihre Altäre, zerschmeißt ihre Bilder und verbrennet sie, auf dass ich nicht mit euch zürne.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gebote des Evangeliums - das bedeutete für Müntzer die Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft gleicher und freier, miteinander solidarischer Brüder und Schwestern, und die Feinde dieses Evangeliums die alten Geistlichen, die Adligen und Reichen. Nicht der Buchstabe der Bibel sei ernstzunehmen, sondern der von Christus verkündete Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Was Müntzer vortrug, war keine Theologie, sondern die politische Revolution in religiöser Sprache. Um diese Botschaft zu verbreiten, gründete er in Allstedt eine Geheimgesellschaft, die Abgesandte nach ganz Deutschland ausschwärmen ließ, um die Samen für den großen Aufstand zu säen, dazu ließ er revolutionäre Traktate drucken und überall verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald erregte eine seiner feurigen Predigten gegen die Götzendienerei der verkommenen alten Kirche seine ZuhörerInnen so sehr, dass sie danach zur außerhalb der Stadt gelegenen Marienkapelle von Mellenbach zogen, sie in Brand setzten und die Heiligenfiguren in Stücke schlugen. Dieser Aufruhr schlug so hohe Wellen, dass die beiden sächsischen Fürsten Friedrich und Johann selbst nach Allstedt kamen und Müntzer ins Schloss riefen, damit er ihnen dort seine Lehre auseinandersetze. Dort bekamen sie eine Predigt zu hören, wie sie vielleicht noch nie einem Fürsten gehalten worden war. Müntzer erklärte, dass die Fürsten nur dann ein Recht zu leben hätten, wenn sie ihre Macht dazu nutzten, die göttliche Gerechtigkeit herzustellen und die Tyrannen und Schinder der Armen zu strafen. Wenn sie das nicht täten, sei es gut und richtig, wenn die Menschen ihre Fürsten töten und selbst für Gerechtigkeit sorgen. Die großen Herren seien die Wurzel aller Räuberei und aller Verbrechen, sie bestehlen in großem Umfang die Masse der Arbeitenden und würden diese grausam bestrafen, wenn sie sich ihrerseits auch nur am geringsten Eigentum vergriffen, und die verlogenen Pfaffen würden all das segnen und rechtfertigen. Er schloss seine Predigt mit den Worten: &amp;quot;Die Herren machen das selber, dass ihnen der arme Mann feind wird. Die Ursache des Aufruhrs wollen sie nicht wegtun, wie kann es in die Länge gut werden? Ach, liebe Herren, wie hübsch wird der Herr unter die alten Töpfe schmeißen mit einer eisernen Stange! So ich das sage, werde ich aufrührerisch sein. Wohl hin!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von dieser Predigt benommenen Fürsten ließen Müntzer nicht gleich bestrafen, verwiesen aber seinen Verleger des Landes, nachdem er seine Predigt als Flugschrift gedruckt hatte und verboten Müntzer selbst, irgendetwas zu veröffentlichen, ehe es die Zensur der sächsischen Regierung passiert habe. Daran dachte er aber gar nicht, sondern ließ seine nächste aufrührerische Schrift außerhalb des Landes in der freien Reichsstadt Mühlhausen publizieren und verkündete darin: &amp;quot;Die ganze Welt muss einen großen Stoß aushalten; es wird ein solch Spiel angehen, dass die Gottlosen vom Stuhl gestürzt, die Niedrigen aber erhöhet werden.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An diesem Punkt kam es schließlich zur offenen Konfrontation zwischen Luther und Müntzer. Müntzer warf Luther vollkommen richtig vor, dass er die Kirche dem verkommenen Papsttum nur entrissen habe, um sie den Fürsten in die Hände zu geben und aus den Priestern ideologische Instrumente der Unterdrückung der Armen durch die Adligen zu machen - eine korrekte Prognose der Entwicklung, die der Klerus in den lutherischen Staaten nahm, wo die Priester zu besoldeten Staatsbeamten wurden, die die Lehre von Gehorsam und Maulhalten gegenüber der Obrigkeit von jeder Kanzel herab verkündeten. Luthers Kritik richte sich nur gegen die Tyrannei der Geistlichen, während er mit der mindestens genauso schlimmen Tyrannei der Adligen und Fürsten kein Problem habe - auch das eine völlig zutreffende Kritik. Müntzer meinte: &amp;quot;Wenn die Lutherischen nichts anderes ausrichten wollten, als dass sie Mönche und Pfaffen ärgerten, so hätten sie es besser gleich gelassen.&amp;quot; In beißendem Spott schrieb Müntzer über den &amp;quot;neuen Papst zu Wittenberg&amp;quot;, der die Fürsten seine früheren radikalen Eskapaden vergessen lassen wolle, indem er ihnen fette Kirchengüter verschaffe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luther war nicht nur über die persönlichen Angriffe Müntzers erbittert, sondern fürchtete auch, dass das Aufkommen einer politisch revolutionären Reformation ihn selbst diskreditieren könnte, nachdem es ihm einmal gelungen war, seine gemäßigte, &amp;quot;unpolitische&amp;quot; Reformation dem adligen und großbürgerlichen Establishment schmackhaft zu machen. Also beeilte er sich, einen offenen &amp;quot;Brief an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrührerischen Geist&amp;quot; zu veröffentlichen, in dem er Müntzer beschimpfte und versicherte, dass die wahre Reformation an den bestehenden Herrschafts- und Besitzverhältnissen nichts auszusetzen habe und man diese wahre und gute Reformation nicht mit fanatischen Verwirrten wie den Müntzerschen Aufrührern verwechseln dürfe, und überhaupt seien Ruhe, Ordnung und Gehorsam schöne und heilige Dinge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun machte auch die sächsische Regierung Ernst und traf Vorbereitungen, Müntzer des Landes zu verweisen oder sogar verhaften zu lassen, aber Müntzer kam ihnen zuvor, indem er Allstedt von sich aus verließ und in die freie Reichsstadt Mühlhausen ging, wo ihn Luther bereits denunziert hatte: In einem Brief an den Stadtrat von Mühlhausen warnte er vor dem gefährlichen Aufrührer, führte seine bisherigen Schandtaten auf und empfahl, ihn gleich wieder auszuweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mühlhausen in Thüringen ist heute eine unbedeutende Kleinstadt, aber im 15. und 16. Jahrhundert war die freie Reichsstadt neben Erfurt die größte und reichste Stadt Mitteldeutschlands und ein überregional bedeutendes Handels- und Gewerbezentrum, dessen Herrschaft zwanzig Dörfer der Umgebung unterstanden. Die große Zahl prachtvoller spätgotischer Kirchen in der Stadt zeugt noch heute von dieser Blütezeit Mühlhausens im Spätmittelalter. Als Müntzer nach Mühlhausen kam, brodelte es bereits in der Stadt. Ein Mühlhauser Bürger namens Heinrich Pfeiffer, ein früherer Mönch, war nach Luthers Vorbild aus dem Kloster ausgetreten und trat als reformierter Prediger auf, zunächst im Eichsfeld. Aber dieses Gebiet unterstand der Herrschaft des Erzbischofs von Mainz, der auf seinem Territorium alle reformatorischen Bestrebungen hart unterdrückte, sodass Pfeiffer in seine Vaterstadt zurückkehrte, wo er scharfe antiklerikale Predigten hielt, die vor allem bei den städtischen Armen Anklang fanden. Der großbürgerliche Stadtrat forderte den Unruhestifter aufs Rathaus - er kam der Aufforderung nach, aber zusammen mit einer solchen Masse drohender AnhängerInnen, dass der Rat nichts gegen ihn zu beschließen wagte und Pfeiffer weiter ungehindert sprechen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie in den meisten freien Reichsstädten wurde auch Mühlhausen von einem elitären Stadtrat beherrscht, der sich ausschließlich aus den reichsten Patrizierfamilien zusammensetzte und ihre Mitglieder nur aus ihren eigenen Reihen erneuerte, vor allem Großhändler und Bankiers. Unter den rund 12 000 Einwohnern der Stadt besaßen im Grunde nur die 96 patrizischen Großbürger irgendwelche politischen Rechte, die restliche Bevölkerung war ihrer Willkür unterworfen. Als sich die Reformation regte, fürchteten diese Patrizier nicht ohne Grund, dass ein religiöser Umsturz revolutionäre Energien entfesseln könnte, die auch zur politischen Revolte führen, und so kämpften sie gegen die Reform in Mühlhausen an. Pfeiffer wagten sie zwar nicht auszuweisen oder festzunehmen, aber sie verbannten ihn aus seiner bisherigen Wirkungsstätte, der innerstädtischen Marienkirche, in die Vorstadtkirche St. Nikolai. Das war ein fataler Fehler: Während in der Innenstadt vor allem gemäßigtes Bürgertum lebte, strömten in der Vorstadt nun die dort lebenden ArbeiterInnen und Armen in seine Predigten, die gleich viel leidenschaftlicher Feuer fingen. Pfeiffer, der nicht die Konsequenz Müntzers besaß, entwarf eine Reform des Stadtrates, wonach die Oligarchie der Großbürger ausgeweitet werden sollte auf das mittlere Bürgertum, dessen Interessen von einem Achterausschuss im Stadtrat vertreten werden sollten aber um auch nur dieser sehr gemäßigten Forderung Nachdruck zu verleihen, brauchte er die Mobilisierung der armen Schichten aus den Vorstädten, die für ihn auf die Straße gingen. Dieses mal setzte der alte patrizische Rat sich noch durch: Pfeiffer wurde aus der Stadt ausgewiesen. Aber schon Ende 1523 konnte er wieder zurückkehren und fand Unterstützung durch eine Reihe radikaler Prediger wie Johann Laue, der einen Bildersturm in den Mühlhauser Kirchen inszenierte, bei dem die Heiligenfiguren zerschlagen und die Altarbilder verbrannt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pfeiffer wurde in dieser Atmosphäre kühner und stellte nun weitergehende politische Forderungen: Der Klerus solle weitgehend enteignet und besteuert werden wie alle anderen, Adlige sollen ihre Vorrechte verlieren, alle in den letzten 200 Jahren eingeführten Feudalleistungen abgeschafft werden. Gewässer, Weiden und Wälder sollen Gemeineigentum werden, niemand mehr für etwas anderes außer einem Kriminalverbrechen vor Gericht gestellt werden können und auch in diesem Fall nur milde, humane Strafen verhängt werden. Der Stadtrat schließlich solle nach allgemeinem Wahlrecht gewählt werden und jederzeit absetzbar sein, außerdem solle ein Gemeindeausschuss die Arbeit des Rates ständig überwachen. Dieses allgemein- demokratische Programm war zunächst vom Proletariat der Vorstädte bis zum gehobenen Bürgertum der Innenstadt für alle akzeptabel, und so konnte ein breites Bündnis die winzige patrizische Herrenschicht im August 1524 zur Annahme ihrer Forderungen zwingen. Um diese Zeit kam Thomas Müntzer in Mühlhausen an, zunächst begrüßt von Pfeiffer, der hoffte, dass der berühmte, leidenschaftliche Volksagitator seine Anhängerschaft mehren und seine Stellung festigen würde. Aber Müntzer ging über das kleinbürgerliche Programm Pfeiffers weit hinaus und predigte die radikale soziale Revolution der Bauern und städtischen Armen. Unter den leibeigenen Bauern außerhalb Mühlhausens, die der Stadt gehörten sowie in den armen Vorstädten rumorte es bald so bedrohlich, dass die bürgerliche Reformfraktion und die bäuerlich-proletarische Revolutionsfraktion sich trennten und Müntzer aus Mühlhausen wieder ausgewiesen wurde und bald nach ihm auch der gemäßigte Pfeiffer, der sich durch seine Sympathien für Müntzer verdächtig gemacht hatte. Müntzer trat nun seine bereits erwähnte Agitationsreise durch Süddeutschland an, die wohl nicht wenig zum koordinierten Ausbruch des offenen Krieges in Schwaben und Franken im Frühjahr 1525 beitrug und wo er eventuell den &amp;quot;Artikelbrief&amp;quot; zu den zwölf Geboten der Bauernheere verfasste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Dezember 1524 kehrte der von Müntzer radikalisierte Pfeiffer nach Mühlhausen zurück und wenig später, als es in ganz Deutschland schon summte und gärte und eine bevorstehende große Explosion sich abzeichnete, kam auch Müntzer selbst zurück. Um Pfeiffer sammelte sich vor allem das Kleinbürgertum, so die vom Kürschner Rothe geführten Handwerker, um Müntzer die Bauern der Umgebung und die Arbeiter der Vorstädte, wobei sich um ihn herum eine so entschlossene Garde revolutionärer BäuerInnen und städtischer Armer sammelte, dass er unter ihrem Schutz das Redeverbot des Stadtrates ignorieren und weitere Brandreden halten konnte. Der beunruhigte Stadtrat ließen nun die Stadttore sperren und die Mauern militärisch bewachen, um zu verhindern, dass weitere unzufriedene BäuerInnen in die Stadt strömten. Aber es war zu spät: Die revolutionäre Partei war innerhalb der Stadt so stark geworden, dass sie ungehindert Kirchen plündern konnten, nachts durch die Straßen zogen und den Patriziern vor den Fenstern ihrer Palais ihren baldigen Tod ankündigten. Einige Patrizierfamilien packten in Panik ihre Koffer und flohen aus der Stadt, die anderen mussten sich, um ihr Leben zu retten, unterwerfen und ihr Amt niederlegen. Ein neuer, überwiegend kleinbürgerlicher Rat wurde gewählt und die Reformation in Mühlhausen eingeführt. Müntzer bekleidete offiziell kein politisches Amt, aber er bekam das Recht, jede Ratssitzung zu besuchen und übte durch seine enorme moralische Autorität darauf hin, die Bewegung voranzutreiben. Zwei Wochen nach dem Sieg der Mühlhauser Stadtrevolte brach in Süddeutschland der große Bauernkrieg aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die praktischen Maßnahmen, die Müntzer gegenüber dem progressiven neuen Stadtrat Mühlhausens im Frühjahr 1525 durchsetzen konnte, waren eher symbolischer Art als dass sie eine wirkliche soziale Revolution bedeutet hätten: Die Reichen wurden hoch besteuert und auf ihre Kosten erhielten die Obdachlosen der Stadt eine Wohnung, die Armen kostenlose Lebensmittel und Kleidung. Die Klöster wurden aufgelöst und aller geistlicher Besitz eingezogen und zur Finanzierung von Sozialleistungen verwendet. Demonstrativ wurden die prunkvollen liturgischen Gewänder der hohen Priester zu schönen bunten Kleidern umgearbeitet, die man kostenlos an Mädchen aus armen Familien verteilte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles waren gute Maßnahmen, die ihrer Zeit weit vorausgriffen, aber doch viel weniger als das, was Müntzer sich in seinen Visionen einer völlig umgewandelten Gesellschaft, in der die göttliche Gerechtigkeit herrsche, vorgestellt hatte. Zwischen ihm mit seinen Ideen von der klassenlosen gesamtdeutschen Republik und der von Pfeiffer repräsentierten kleinbürgerlichen Fraktion taten sich bald Differenzen auf. Während Pfeiffer in lokalpatriotischer Borniertheit sich wenig um das kümmerte, was außerhalb Mühlhausens geschah und damit zufrieden war, die politischen Verhältnisse in seiner Heimatstadt etwas demokratisiert zu haben, begriff Müntzer intuitiv, dass eine Revolution selbst bescheidene bisherige Errungenschaften nur verteidigen kann, wenn sie sowohl qualitativ als auch räumlich voranschreitet. Er sah, dass die alten Kräfte wieder die Oberhand gewinnen würden, wenn man bei &amp;quot;maßvollen&amp;quot; Reformen stehenbliebe, und dass die Revolution nur als gesamtdeutsche Revolution siegen konnte, aber unterliegen musste, wenn ihre besten Kräfte in anderen Regionen von der Reaktion geschlagen wurden - und dass die siegreiche Konterrevolution zwischen gemäßigteren und radikaleren Revolutionären keinen Unterschied machen würde, sobald sie erst einmal wieder fest im Sattel saß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber während schon die bloß bürgerlich- demokratische Revolution, wie sie auf dem Heilbronner Verfassungskonvent diskutiert wurde, den Verhältnissen im Deutschland des 16. Jahrhunderts weit vorausgriff, waren die kommunistischen Ideen Müntzers erst recht völlig utopisch: Weder bestanden die ökonomischen Voraussetzungen für eine sozialistische Wirtschaft, noch gab es eine Klasse, die psychologisch reif für ihn gewesen wäre. Friedrich Engels schrieb über diese Situation, in der Müntzer sich befand:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Es ist das Schlimmste, was dem Führer einer extremen Partei widerfahren kann, wenn er gezwungen wird, in einer Epoche die Regierung zu übernehmen, wo die Bewegung noch nicht reif ist für die Herrschaft der Klasse, die er vertritt, und für die Durchführung der Maßregeln, die die Herrschaft dieser Klasse erfordert. Was er tun kann, hängt nicht von seinem Willen ab, sondern von der Höhe, auf die der Gegensatz der verschiedenen Klassen getrieben ist, und von dem Entwicklungsgrad der materiellen Existenzbedingungen, der Produktions- und Verkehrsverhältnisse, auf dem der jedesmalige Entwicklungsgrad der Klassengegensätze beruht[...] Er findet sich so notwendigerweise in einem unlösbaren Dilemma: Was er tun kann, widerspricht seinem ganzen bisherigen Auftreten, seinen Prinzipien und den unmittelbaren Interessen seiner Partei, und was er tun soll, ist nicht durchzuführen. Er ist, mit einem Wort, gezwungen, nicht seine Partei, seine Klasse, sondern die Klasse zu vertreten, für deren Herrschaft die Bewegung gerade reif ist[...] Müntzer selbst scheint die weite Kluft zwischen seinen Theorien und der unmittelbar vorliegenden Wirklichkeit gefühlt zu haben, eine Kluft, die ihm um so weniger verborgen bleiben konnte, je verzerrter seine genialen Anschauungen sich in den rohen Köpfen der Masse seiner Anhänger widerspiegeln mussten.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Ungeduld darüber, dass die Bewegung nicht so schnell voranschritt, nicht so tief ging und sich nicht so weit ausbreitete, wie er es gehofft hatte, steigerte sich Müntzer, der mit seinen Mitstreitern in einer Art revolutionärer Kommune im enteigneten Johanniterkloster in einer spartanischen kleinen Kammer lebte, in einen immer glühenderen Fanatismus, warf in immer schnellerem Takt leidenschaftliche revolutionäre Broschüren und Flugblätter ins Land hinaus, um die sich nun auch in Hessen, Thüringen und Sachsen regenden BäuerInnen zu Energie und Härte anzuspornen. Die Feindschaft zwischen Luther und Müntzer steigerte sich in dieser Zeit in tiefen beiderseitigen Hass.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luther, der inzwischen eine wohlhabende, von Fürsten und Patriziern hofierte Autoritätsperson von imposanter Leibesfülle geworden war und fand, dass nach Überführung des Kirchenbesitzes von Rom in die Hände der Landesfürsten eigentlich alles zum Besten bestellt sei in der Welt, hatte bei Ausbruch der Aufstände in Süddeutschland zunächst eine laue, unentschlossene Mittelposition eingenommen und bemerkt, dass die Adligen zwar schon etwas hart gegenüber ihren Leibeigenen gewesen und nicht ganz unschuldig an den Revolten seien, andererseits aber gewaltsamer Aufruhr gegen die rechtmäßige Obrigkeit niemals zu entschuldigen sei und die Bauern ihre Klagen auf friedlichem, gerichtlichem Wege vorbringen sollten, d.h. sich weiterhin betrügen lassen sollten wie hundertmal zuvor. Als der Kampf der Bauern gegen Adel und Klerus sich aber radikalisierte und Berichte vom Weinsberger Blutgericht zu ihm kamen, wanderte Luther innerhalb weniger Wochen auf die extreme Rechte und wurde der wildeste Ideologie der Konterrevolution überhaupt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müntzer beschimpfte er nun als den &amp;quot;Erzteufel von Mühlhausen&amp;quot;, und in seiner Schrift &amp;quot;Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern&amp;quot; rief er den Adel auf, die aufständischen Bauern ohne Gnade abzuschlachten. Selbst der Kampf gegen die katholische Kirche müsse zurückgestellt werden, neben der Notwendigkeit der Niederschlagung der sozialen Revolution wurde der Konflikt zwischen katholischem und reformiertem Establishment für Luther zu einer vernachlässigbaren Familienstreitigkeit. Luther stachelte die Fürsten und Ritter an, mit den Bauern folgendermaßen zu verfahren:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund totschlagen muss! Darum, liebe Herren, steche, schlage, würge sie, wer da kann&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Würde man beim Niedermetzeln der Revolutionäre selbst den Tod finden, sei das auch nicht schlimm, käme man für diese glorreiche Heldentat doch stracks in den Himmel:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;bleibst du darüber tot, wohl dir, seligeren Tod kannst du nimmermehr überkommen.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Charakter der Bauern skizzierte Luther folgendermaßen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Der weise Mann sagt: Cibus, onus et virga asino - in einen Bauern gehört Haberstroh, sie hören nicht das Wort und sind unsinnig, so müssen sie die virgam, die Büchse hören, und geschieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, dass sie gehorchen; wo nicht, so gilt&#039;s hier nicht viel Erbarmens. Lasset nur die Büchsen unter sie sausen, sie machen&#039;s sonst tausendmal ärger.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogar die katholischen Fürsten in Süddeutschland johlten Luther jetzt als ihrem Mann zu, der in kernigen Worten aussprach, was doch mal gesagt werden musste über ihre ruhmreiche Ermordung zehntausender Aufständischer in Schwaben und Franken, ihre heldenhafte Verwüstung hunderter Dörfer und die glorreichen Massenhinrichtungen in jeder zurückeroberten Stadt. Anders reagierten die Bauern auf seinen endgültigen Wechsel zur extremsten Konterrevolution. Als er ihnen in Orlamünde eine Ansprache über die Segnungen von Ruhe, Ordnung und Gehorsam halten wollte, wurde er von der Dorfbevölkerung so empfangen, wie er es verdiente: Mit Buhrufen und Steinwürfen, sodass er eilig die Flucht antreten musste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während Luther von den Fürsten beklatscht und von den Bauern mit Steinen beworfen wurde, sammelten sich unter der Flagge Müntzers die entschlossensten BäuerInnen in Hessen und Thüringen, wo nun auch zu Dutzenden die Schlösser und Klöster in Flammen aufgingen und bald zehntausende Bauern unter Waffen standen, während eine städtische Revolte in Erfurt, der neben Mühlhausen wichtigsten Stadt Mitteldeutschlands, daran scheiterte, dass ein sehr angesehener, gemäßigter Prediger die Aufständischen zur Niederlegung der Waffen überreden konnte. Müntzer war dabei allgemein als Führer der Bewegung in Mitteldeutschland anerkannt und konnte ein Heer von rund 8000 Bauern unter seinem Kommando sammeln, mit dem er ins Land hinauszog, um die Revolution überall auszubreiten. Als er zur Unterstützung der aufständischen Kräfte in Frankenhausen aus Mühlhausen auszog, hinderte der kleinbürgerlich dominierte neue Mühlhauser Stadtrat ihn daran zwar nicht, leistete ihm aber auch keine aktive Unterstützung: Sie wollten die Reformen in Mühlhausen selbst verteidigen, aber keine waghalsigen revolutionären Abenteuer unternehmen. Immerhin konnte Müntzer allerdings in der Stadt neue Geschütze gießen lassen und einige Freiwillig rekrutieren. In einem weiteren Aufruf stachelte er die Bauern zur Entschlossenheit auf und dazu, mit den Adligen keine Kompromisse abzuschließen, sondern ihnen einen Vernichtungskrieg zu bereiten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Das ganze Deutsch- Französisch- und Welschland ist erregt. Der Meister will ein Spiel machen, die Bösewichter müssen dran. Zu Fulda haben sie in der Osterwoche vier Stiftskirchen verwüstet. Die Bauern im Klettgau, im Hegau und Schwarzwald sind auf, dreißigtausend Mann stark, und wird der Haufe je länger je größer. Allein das ist meine Sorge, dass die närrischen Menschen sich verwilligen in einen falschen Vertrag, darum, dass sie den Schaden noch nicht erkennen. Wo eurer nur drei sind, die in Gott gelassen, allein seinen Namen und seine Ehre suchen, werdet ihr Hunderttausende nicht fürchten. Nur dran, dran, dran! Es ist Zeit. Die Bösewichter sind verzagt wie die Hunde. Reget an in Dörfern und Städten und sonderlich die Berggesellen mit andern guten Burschen.[...] Dran, dran dran! weil das Feuer heiß ist. Lasset euer Schwert nicht kalt werden von Blut.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber während Müntzer nach Frankenhausen zog, hatte der Adel der Region schon mobilisiert: Von Western her marschierte die Armee des Landgrafen von Hessen gegen ihn auf, von Osten kam die Armee der Kurfürsten von Sachsen, und Graf Ernst von Mansfeld wütete mit seiner Streitmacht ohnehin schon gegen seine rebellischen Untertanen, zu deren Hilfe Müntzer aufbrach. Ihm muss klar gewesen sein, dass seine Lage militärisch aussichtslos war: Jede einzelne dieser drei Armeen war seinem schlecht bewaffneten, kaum ausgebildeten, desorganisierten Bauernhaufen dramatisch überlegen, und gegen das Bündnis der bald vereinigten Armeen konnte es keine Hoffnung geben. Müntzer besaß kaum Artillerie, gar keine Kavallerie, und anders als in den süddeutschen Bauernheeren gab es bei ihm nahezu keine kriegserfahrenen Leute. Rastlos schrieb er an die Städte der Umgebung, ihm Truppen, Waffen und Geschütze zu liefern, so an das mächtige Erfurt, wo ein gemäßigt bürgerlicher Rat herrschte, aber vergeblich: Die städtischen Bürger, die den Adel schon als Sieger sahen, wollten sich nicht in letzter Minute durch Unterstützung Müntzers kompromittieren. Aber Müntzer unterwarf sich nicht reumütig dem Adel, sondern schickte an die vereinten Fürsten im Gegenteil Briefe voller wilder Beschimpfungen, in denen er ihnen ankündigte, sie bald für ihre Tyrannei zu strafen so bspw. an den Grafen von Mansfeld:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;quot;Die gestrackt Kraft, feste Furcht Gottes und der beständige Grund seines gerechten Willens sei mit dir, Bruder Ernst. Ich, Thomas Müntzer, etwan Pfarrherr zu Allstedt, vermahne dich zum überflüssigen Anregen, daß du um des lebendigen Gottes Namen willen deines tyrannischen Wütens wollest müßig sein und nicht länger den Grimm Gottes über dich erbittern. Du hast die Christen angefangen zu martern.[...]. Du hast die Christen unterstanden zu vertilgen. Sag an, du elender, dürftiger Madensack, wer hat dich zu einem Fürsten des Volks gemacht, welchs Gott mit seinem teuren Blut erworben hat? [...] Und sollst dich auch entschuldigen deiner offenbarlichen Tyrannei, auch ansagen, wer dich doch also torstlich gemacht, daß du allen Christen zu Nachteil unterm christlichen Namen willst ein solcher heidenischer Böswicht sein. Würdest du außen bleiben und dich aufgelegter Sache nicht entledigen, so will ich&#039;s ausschreien vor aller Welt, daß alle Brüder ihr Blut getrost sollen wagen wie etwan wider den Türken. Da sollst du verfolgt und ausgerottet werden, denn es wird ein jeder viel emsiger sein, die da an dir Ablaß verdienen, dann vorzeiten der Papst gegeben. Wir wissen nichts anders an dir zu bekommen. Es will keine Scham in dich. Gott hat dich verstockt wie den Pharaonem, auch wie die Könige, welche Gott wollt vertilgen (Josua 5. und am 11.). Sei es Gott immer geklaget, daß die Welt deine grobe, büffelwütige Tyrannei nicht eher erkannt, wie hast du doch solchen merklichen unerstattlichen Schaden getan, wie mag man sich anderst denn Gott selbern über dich erbarmen? Kurzum, du bist durch Gottes kräftige Gewalt der Verderbung überantwortet. Wirst du dich nicht demütigen vor den Kleinen, so wird dir ein ewige Schande für der ganzen Christenheit auf den Hals fallen und wirst des Teufels Marterer werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß du auch wissest, daß wir&#039;s gestrackten Befehl haben, sage ich: Der ewige lebendige Gott hat&#039;s geheißen, dich von dem Stuhl mit Gewalt, uns gegeben zu stoßen; dann du bist der Christenheit nichts nutze. Du bist ein schädlicher Staupbesem der Freunde Gottes. Gott hat von dir und von deinesgleichen gesaget Hesekiel am 34. und am 39., Danielis 7., Michaä 3. Abdias der Prophet saget, dein Nest muß zerrissen und zerschmettert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen dein Antwort noch heute haben oder dich im Namen Gottes der Scharen heimsuchen, da wiß dich nach zu richten. Wir werden unverzüglich tun, was uns Gott befohlen hat. Tu auch du dein Bestes. Ich fahr daher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegeben zu Frankenhausen freitags nach Jubilate, anno domini 1525 Thomas Müntzer mit dem Schwert Gedeonis&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Stimmung im Bauernheer war gedrückt, als die überwältigend starke Armee des Adels sie erreichte und sich am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen zur Schlacht aufstellte. Es machten sich defätistische Stimmen breit, die dafür plädierten, kampflos aufzugeben und die einigen Widerhall fanden. Aber Müntzer konnte die Disziplin einigermaßen wiederherstellen, indem er die beiden Wortführer der Kapitulationsbefürworter, einen ehemaligen Ritter und einen Pfarrer, enthaupten ließ. Dann hielt er eine letzte Ansprache, in der er noch einmal betonte, dass sie einen gerechten und notwendigen Kampf gegen die Tyrannen führten, die &amp;quot;in lasterhafter Pracht der Armen Schweiß und Blut verzehren&amp;quot; und die nach Gottes Willen ausgerottet werden müssten. Er schloss seine Rede mit dem Appell: &amp;quot;Lasset euch nicht erschrecken das schwache Fleisch und greift die Feinde kühnlich an. Ihr dürft das Geschütz nicht fürchten&amp;quot; - und in diesem Moment tauchte am Himmel ein Regenbogen auf, was er als gutes Zeichen deutete, führten doch auch die aufständischen Bauern eine Fahne in den Farben des Regenbogens: &amp;quot;Ihr sehet, dass Gott auf unserer Seite ist, denn er gibt uns jetzt ein Zeichen am Himmel. Sehet den Regenbogen da droben; er bedeutet, dass Gott uns, die wir den Regenbogen im Banner führen, helfen will, und droht den mörderischen Fürsten Gericht und Strafe. Er will nicht, dass ihr Frieden mit den Gottlosen machen sollt. Fechtet unerschrocken und tröstet euch göttlicher Hilfe!&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum hatte Müntzer geendet, als auch schon die ersten Kanonenkugeln des Adelsheeres Tod und Verwüstung in die Bauernhaufen schossen und die Panzerreiter des Adelsheeres zum Angriff vorstürmten. Müntzer war ein fanatischer Revolutionsführer, aber kein Feldherr. Er besaß keinerlei militärische Erfahrung und wusste nicht, wie man ein Heer positioniert und eine Schlacht führt. Die vom Sturmangriff des Adelsheeres überwältigten Bauern stoben bald in wilder Flucht auseinander und leisteten kaum irgendwo organisierten Widerstand. Bald waren alle Geschütze Müntzers erobert, das Bauernheer zerschlagen und lagen sechstausend Bauern tot auf dem Schlachtfeld, während das Adelsheer kaum Verluste erlitt. Sie stürmten nun auch die Stadt Frankenhausen selbst, wo sie alles plünderten und verwüsteten, was nicht niet- und nagelfest war und ein Blutbad unter der Bevölkerung anrichteten. 300 gefangene Bauern wurden ohne Prozess vor dem Rathaus enthauptet, ebenso viele städtische Würdenträger, die mit dem Aufstand sympathisiert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müntzer, der in der Schlacht verwundet worden war, gelang es, sich auf den Dachboden eines Hauses zu flüchten, wo er von einem Ritter des Adelsheeres namens Otto von Ebbe nicht gleich erkannt, dann aber durch in seinen Sachen gefundene Briefe überführt wurde. Man brachte ihn ins Lager der Fürsten, wo man ihn mit der Frage empfing, warum er das arme Volk zu einem solchen Abenteuer verführt und in ein solches Blutbad gestürzt habe. Er antwortete unerschrocken, dass es richtig und notwendig gewesen sei, die Fürsten zu strafen und er die Bauern nicht verführt, sondern sie selbst diese Notwendigkeit erkannt und sich erhoben hätten. Der nicht sonderlich intelligente, 21-jährige hessische Landgraf Philipp brachte ihm gegenüber Luthers Argumente vor, wonach Ordnung und Gehorsam heilige, gottgewollte Dinge seien. Als es Müntzer offensichtlich zu dumm war, auf solche Kindereien zu antworten, brüstete Philipp sich damit, den wortgewaltigen Revolutionsführer niederdisputiert zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unterdessen verübten die siegreichen Fürsten in der ganzen Region dieselben Vergeltungsmassaker, Plünderungen und Brandschatzungen wie ihre süddeutschen Kollegen vom Schwäbischen Bund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Müntzer wurde dann zur Folter abgeführt, wo die Fürsten sich als Zuschauer an seinen Leiden weideten und ihn verhöhnten, als er vor Schmerzen aufschrie: &amp;quot;Ja, Thomas, tut dir dieses wehe, so bedenk auch, dass es den armen Leuten nicht wohlgetan hat, die heute deinetwegen niedergemacht worden sind.&amp;quot; Unter dem Grafen von Mansfeld, dem man Müntzer übergeben hatte, wurde er noch mehrere Tage lang weitergequält, machte aber auch unter der grausamsten Folter keine Geständnisse, die andere belastet hätten. In seinem Abschiedsbrief distanzierte er sich nicht von seinem Wirken und bat lediglich darum, seine Frau nicht für ihn büßen zu lassen und ihr das Häuschen zu lassen, in dem sie lebte. Am 27. Mai wurde er schließlich zur Enthauptung aus dem Kerker geholt und riet den Fürsten noch, eifrig in der Bibel zu lesen, denn dort &amp;quot;werden sie Beispiele genug finden, was Tyrannen für ein Ende nehmen, und darin mögen sie sich wohl spiegeln.&amp;quot; Im Moment darauf fiel sein Kopf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pfeiffer und die anderen Führer der Mühlhauser Revolte wurden am selben Tag hingerichtet, Mühlhausen selbst musste schwere Strafzahlungen leisten, verlor seine Freiheit und wurde dem Kommando der siegreichen Fürsten unterstellt, womit seine Blütezeit endete. Der Bauernkrieg in Thüringen war vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Finale in Österreich ==&lt;br /&gt;
Im Fürstbistum Salzburg war es schon seit Langem unruhig. Die Situation war ähnlich wie in Würzburg: Der Fürstbischof versuchte, sein Territorium in einen einheitlich verwalteten absolutistischen Staat umzuwandeln, während das Bürgertum der Hauptstadt seine bisherigen Freiheiten und Privilegien bewahren wollte. Schon 1510 hatte der Salzburger Stadtrat den Plan gefasst, die Herrschaft des Bischofs ganz abzuschütteln und aus Salzburg eine freie Reichsstadt zu machen. Erzbischof Leonhard hatte davon allerdings Wind bekommen, lud den Bürgermeister und zwanzig bürgerliche Honoratioren zu einem Festessen ins Schloss ein und ließ sie sofort nach ihrer Ankunft verhaften. Eigentlich hatte er alle hinrichten lassen wollen, aber als seine Räte ihn warnten, er würde damit einen Aufstand auslösen, veurteilte er sie nur zu einer hohen Geldstrafe. Für einige kam das zu spät: In ihren leichten Festkleidern in einer eisigen Winternacht in offenem Wagen in den Kerker gebracht, holten sie sich eine Lungenentzündung und starben. Zur Strafe für die Umsturzpläne des Bürgertums entzog der Bischof der Stadt ihre wichtigsten Privilegien, so wurde der Bürgermeister fortan nicht mehr gewählt, sondern vom Bischof ernannt, und der Stadtrat durfte sich nur noch mit seiner Billigung versammeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1519 bestieg Matthäus Lang den Salzburger Bischofsthron, unter dem bald wieder Unruhen ausbrachen. Lang, der einen exorbitant ausschweifenden Lebensstil pflegte, stürzte das Land in astronomische Schulden und musste, um seine Gläubiger einigermaßen zufriedenzustellen, erdrückende neue Steuern einführen und insbesondere die ihm unterstehenden BäuerInnen bis aufs Letzte auspressen. 1522 kam es zum Konflikt mit dem Bürgertum der Hauptstadt, das nicht nur seine alten Freiheiten zurückgewinnen und sich gegen neue Steuern wehren, sondern auch die Reformation in Salzburg durchsetzen wollte. Die BäuerInnen und BergarbeiterInnen der Gegend verbündeten sich mit der Stadt, und 1524 kam es zur offenen Konfrontation, die damit endete, dass der Bischof seine eigene Hauptstadt mit Artillerie bombardieren und von einem Söldnerheer zurückerobern ließ. Der Stadt wurden nun noch die letzten politischen Rechte entzogen und die reformierten Prediger im Land erbarmungslos verfolgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lange hielt diese Ruhe aber nicht: Als im Frühjahr 1525 der Bauernkrieg in Süddeutschland begann, erhoben sich auch in Salzburg die Bauern und Bergarbeiter, zogen bewaffnet nach Salzburg, befreiten die Stadt vom Bischof und belagerten ihn selbst, der sich auf seine über der Stadt thronende Festung Hohensalzburg geflüchtet hatte. Auch in der Steiermark, in Kärnten und Oberösterreich erhoben sich tausende bewaffnete Bauern, auch hier brannten bald Schlösser und Klöster, wenn die Bewegung auch keinen so heftigen Verlauf nahm wie in Schwaben und Franken. Der österreichische Erzherzog, der Bruder Kaiser Karls V., der für diesen die Besitzungen der Habsburger im deutschen Reich verwaltete, griff zum altbewährten Trick, den auch schon der Schwäbische Bund erfolgreich angewandt hatte: Er lenkte scheinbar ein, versprach, eine Versammlung einzuberufen, in der die Anliegen der BäuerInnen vernünftig diskutiert werden sollten und wo er alle Missstände beheben wolle. Die naiven BäuerInnen glaubten ihm und legten die Waffen vorerst nieder - eine Atempause, die der Erzherzog sofort nutzte, um tschechische, kroatische und ungarische Söldner anzuwerben, mit ihnen in Österreich einzufallen, die Dörfer der Aufständischen niederzubrennen und die Anführer hinzurichten. Es gibt grauenvolle Berichte von den Massakern der erzherzöglichen Truppen: Aufgegriffene Bauern wurden gevierteilt, lebendig auf Lanzen aufgespießt, BäuerInnen wurden vergewaltigt, ehe man ihnen die Brüste abschnitt und sie verbluten ließ. Kommandiert wurden sie von Siegmund von Dietrichstein, der sich schon bei der Niederschlagung des slowenischen Bauernaufstandes 1515 durch exzessive Grausamkeit ausgezeichnet hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dietrichsteins Versuch, die österreichischen BäuerInnen durch einen solchen Schock zum Gehorsam zu zwingen, schlug allerdings ins Gegenteil um: Als sich die Berichte über den Wortbruch und die Verbrechen der Habsburger verbreiteten, erhoben sie sich mit doppelter Erbitterung erneut. Dietrichstein hatte sein Lager in der kleinen Stadt Schladming bezogen, wo er seine Truppen ausruhen ließ, ehe er von seiner ruhmreichen Mordexpedition zurückkehren wollte. Aber inzwischen hatten sich die Bergarbeiter der Region mit den aufständischen Bauern Salzburgs und der Steiermark zu einer vereinten Armee zusammengeschlossen und überfielen die Armee Dietrichsteins in der Nacht vom 2. auf den 3. Juli, als diese sich gerade einem Saufgelage hingab und keinerlei Verteidigungsmaßnahmen getroffen hatte. Eigentlich hatten die Bauern nur einen kurzen Guerrilla- Angriff durchführen wollen, als sie aber sahen, wie völlig überrumpelt das Ritterheer war, stürmten sie das Lager mit ihrer ganzen Macht und errangen den größten Sieg, der den Aufständischen im ganzen Bauernkrieg gelang: 3000 Soldaten des Adelsheeres wurden getötet (Darunter ein großer Teil des kärntischen und steirischen Adels), der Rest floh in wilder Panik. Dietrichstein selbst und seine adligen Offiziere wurden gefangengenommen. Besonders erbittert waren die Bauern darüber, dass der Erzherzog sie von fremden Söldnern überfallen ließ, und so wurden 40 tschechische und kroatische Ritter sofort enthauptet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als man darüber beriet, was mit Siegmund von Dietrichstein selbst passieren sollte, trat ein Bergarbeiter vor und sagte: &amp;quot;Dieser gegenwärtige Dietrichstein, das schielende Hurenkind, hat im vorigen Bauernbund uns Brüder am meisten verfolgt, vertreiben, spießen und mit Rossen zerreißen lassen; ist auch an des Wölfel von der Heft Tod, dass er gespießt wurde, Ursache gewesen. So hat er auch jetzt unsere Brüder und Hauptleute zu Irming spießen lassen und war der Meinung, uns alle auch zu spießen; er hat dazu Wagen voll Spieße mitgebracht; seine Ratzen [Ritter] unsere Schwestern, unsere Frauen zerhauen, zerstückeln lassen. Wir müssen bedenken, wo er so, als wir ihn haben, uns in seiner Gewalt hätte, wie er mit uns umgehen würde[...] So habe ich meine Klage genugsam bewiesen und spreche zu Recht, dass er auch gespießt werde; und welcher dieser Meinung ist, reck eine Hand auf!&amp;quot; Und 4000 Hände erhoben sich. Es kam zu einem Streit zwischen der Masse der Aufständischen, die Dietrichstein hinrichten wollten, und ihren Hauptleuten, die ihn als Pfand benutzen wollten, dem Erzherzog günstige Friedensbedingungen abzupressen. Die Hauptleute setzten sich schließlich durch, Dietrichstein blieb am Leben und wurde bald freigelassen. Und tatsächlich wirkte das Blutgericht von Schladming ähnlich prompt wie das von Weinsberg: Sofort erklärte sich der Erzherzog bereit, alle Reformforderungen der Aufständischen zu erfüllen, woraufhin sie sich zerstreuten. Aber wie immer in einer solchen Situation brach der Adel seine Eide, sobald die Bauern die Waffen niedergelegt hatten, und mit frisch angeworbenen Söldnern stellte der Erzherzog die alte Ordnung wieder her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen Salzburg, wo Erzbischof Lang noch immer auf seiner Festung von den Aufständischen belagert wurde, marschierte nun ein 10 000 Mann starkes Heer des Herzogs von Bayern heran, der sich mit dem Bischof verbündet hatte, um ein Übergreifen der Bewegung auf Bayern zu verhindern. Beim Heranrücken dieses überwältigenden Truppenaufgebots erklärten sich die Aufständischen bereit, die Waffen niederzulegen und einen Vertrag mit dem Erzbischof abzuschließen, in dem einige sehr gemäßigte Forderungen pro forma anerkannt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Spätsommer 1525 waren die Bauernaufstände überall niedergeschlagen: In Schwaben, im Allgäu, im Schwarzwald, im Elsass, in Franken, in Salzburg, in Österreich, in der Pfalz, in Thüringen, in Sachsen und Hessen. Friedhofsruhe lag über dem ganzen Reich. Aber in Österreich, dessen Bauern gerade erst so blutig unterworfen worden waren, provozierten die Adligen noch einmal ein heftiges Wiederaufflackern des Krieges. Erzherzog Ferdinand beauftragte seinen Feldherrn Niklas Salm, mit einer Söldnerarmee in der Steiermark einzufallen und an den nun Wehrlosen Rache für das Blutgericht von Schladming zu nehmen. Im Herbst 1525 wurde die Stadt Schladming überfallen und in Brand gesteckt, die fliehenden Einwohner in die Flammen zurückgejagt oder erschlagen. Rund um die Stadt wurden willkürlich hunderte BäuerInnen aufgegriffen und an den Bäumen am Straßenrand aufgehängt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders heftig flackerte daraufhin die bäuerliche Revolution in Tirol wieder auf. In Tirol, das im späten 14. Jahrhundert unter habsburgische Herrschaft geraten war, unterschied sich die soziale Situation der BäuerInnen erheblich von der in den schwäbischen und fränkischen Aufstandszentren. Während dort fast alle BäuerInnen zu Leibeigenen oder Zinspflichtigen mit einem ähnlichen Status geworden waren, gab es im wesentlich niedriger entwickelten Tirol noch sehr viele freie Bauern, wie sie im Hochmittelalter in ganz Deutschland der Normalfall gewesen waren. In der Einleitung ist erläutert worden, wie die beginnenden frühkapitalistischen Verhältnisse aus den Feudalherren Warenproduzenten machten, die aus ihren Bauern möglichst viele Geldabgaben und einen möglichst großen Anteil der Ernte abpressen wollten, die man nun über weite Strecken auf den städtischen Märkten verkaufen konnte. Dementsprechend wurde die Situation der BäuerInnen umso schneller umso schlimmer, je weiter die frühkapitalistischen Verhältnisse entwickelt waren. In Schwaben und Franken, den damals fortgeschrittensten Regionen des Reiches, erging es den Bauern am Schlimmsten. Im Spätmittelalter, mit dem kräftigen Anstieg der modernen Geldwirtschaft, der Warenproduktion und dem Aufkommen ausgedehnter Luxusindustrien, zogen die Feudalherren die Lebensmittel der Bauern primär nicht mehr zum Eigenkonsum ein, sondern zum Verkauf auf den städtischen Märkten, sie wurden also auf ihren Gütern zu Warenproduzenten, die möglichst viel Profit erwirtschaften wollten und aus ihren Bauern immer mehr herauspressten (Was ja vor Aufkommen der modernen Geldwirtschaft und des ausgedehnten Handels eher sinnlos gewesen wäre, da man mit riesigen Getreidemengen, die man nicht konsumieren konnte, auch nicht viel anfangen konnte).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der wenig entwickelten, abgelegenen Gebirgsgegend Tirol hingegen, wo es kaum richtige Städte und kaum ein entwickeltes Bürgertum gab, hatten sich hochmittelalterliche Verhältnisse bis ins 16. Jahrhundert konserviert und waren Leibeigene noch selten. Aber die habsburgischen Landesherren, die in ihren Territorien langsam einen modernen Zentralstaat zu etablieren begannen, zogen die Steuerlasten immer weiter hoch, und auch die lokalen Adligen und Klöster fingen an, ihre BäuerInnen durch fingierte Dokumente und manipulierte Prozesse zu Leibeigenen oder Zinspflichtigen zu degradieren. Während sich also in Südwestdeutschland leibeigene Bauern gegen ihre schon unerträgliche Situation erhoben, so kämpften in Tirol freie Bauern dagegen an, auf dasselbe Niveau heruntergedrückt zu werden. An die Spitze ihrer Bewegung stellte sich der von Thomas Müntzers Ideen beeinflusste Michael Geismaier, neben Florian Geyer das größte militärische Talent der Aufständischen im ganzen Krieg. Im Sommer 1525 hatte er noch einen gemäßigten Ton angeschlagen und dem Erzherzog vorgeschlagen, mit Billigung der Aufständischen die geistlichen Güter einzuziehen und den Klerus abzuschaffen und im Gegenzug dafür Tirol eine Verfassung und eine gewählte Volksvertretung zu geben. Anfang 1526 veröffentlichte er ein weitaus schärferes Programm, das nicht nur antiklerikale Maßnahmen forderte, sondern auch viele Feudalleistungen beseitigen und ein staatliches Sozialsystem verlangte. Aber Geismaier blieb politisch provinzieller und rückständiger als Müntzer: Während Müntzer eine gesamtdeutsche klassenlose Republik schaffen wollte, interessierte sich Geismaier nicht für das, was außerhalb Tirols geschah, wollte er den Adel erhalten und nahm seine Bewegung teils sogar entschieden reaktionären Charakter an, wenn er bspw. proklamierte, die Städte beseitigen zu wollen, damit es nur noch von Ackerbau lebende Dörfer gebe wie im Frühmittelalter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Geismaier hätte sich politisch durchaus noch weiterentwickeln können, denn im Laufe des Aufstandes, als Tirol das letzte bäuerliche Widerstandsnest war, strömten Vordenker und Hauptleute der geschlagenen Bauernhaufen aus ganz Deutschland, die den konterrevolutionären Terror irgendwie überlebt hatten, nach Tirol, in der Hoffnung, dass die Revolution in ganz Deutschland vielleicht noch einmal neu angefacht werden könnte, wenn sie hier einen entscheidenden Sieg errang. Finanzielle Unterstützung soll Geismaier auch von Frankreich und der Republik Venedig bekommen haben, die jede Gelegenheit nutzten, das bedrohlich stark werdende Haus Habsburg zu schwächen und eine seiner Provinzen zu destabilisieren. In den schwer zugänglichen Bergen führte Geismaier mit seinen Leuten einen glänzend organisierten Guerillakrieg und fügte den Adelstruppen schwere Verluste zu, indem er sie überfallartig in engen Schluchten angriff, wo die Überlegenheit der Ritter durch Artillerie und Kavallerie nicht zum Zug kommen konnte. Mehrere Rittertrupps wurden komplett aufgerieben, tausende fielen, und viele Adlige wurden nach der Gefangennahme enthauptet. Aber mittlerweile hatten sich Erzherzog Ferdinand, der bayerische Herzog und der Schwäbische Bund mit ihren vereinten Truppen gemeinsam auf diesen letzten Aufstandsherd geworfen, und gegen diese erdrückende Übermacht konnte Geismaiers Truppe sich auf die Dauer mit noch so großer Tapferkeit nicht verteidigen. Als der Großteil der Bauern entmutigt nach Hause ging, entschloss sich Geismaier, sich mit dem verbliebenen Kern seiner zusammengeschmolzenen Truppe in einem abenteuerlichen Marsch in die Republik Venedig durchzuschlagen, wo er als Held empfangen und auf Staatskosten in einem Palast in Padua einquartiert wurde und Pläne schmiedete, wie er, vielleicht mit venezianischer Hilfe, den Aufstand wieder nach Österreich tragen könne. Aber als Venedig 1529 mit den Habsburgern Frieden schloss, zerschlugen sich all diese Ideen, und um ganz sicherzugehen, dass diese potentielle Gefahr ausgeschaltet war, ließen die Habsburger ihn 1532 auf venezianischem Territorium von zwei Auftragsmördern umbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der letzte Funke des großen Bauernkrieges war erloschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bilanz des Krieges ==&lt;br /&gt;
Als sich über Deutschland Kirchhofsruhe senkte, waren über 100 000 BäuerInnen tot, gestorben auf den Schlachtfeldern, unter dem Richtschwert des Henkers oder als Vergeltungsmaßnahme an irgendeiner Landstraße aufgehängt. Hunderte Dörfer waren dem Erdboden gleichgemacht worden, Felder niedergebrannt, alte, bedeutende Städte hatten ihre Freiheiten verloren und waren zu fürstlichen Landstädten degradiert. Nicht nur die egalitären, protokommunistischen Visionen der BäuerInnen und frühen ArbeiterInnen, am Leuchtendsten verkörpert in der Gestalt Thomas Müntzers, waren gescheitert, auch die Emanzipation des städtischen Bürgertums im Streben nach einem bürgerlich dominierten modernen Nationalstaat, wie er auf dem Heilbronner Verfassungskonvent entworfen wurde, hatte einen vernichtenden Schlag bekommen. Die Gelegenheit, die in ganz Deutschland tief erschütterte katholische Kirche in einem Rutsch zu beseitigen, wurde vertan, die Fürsten konnten den erschütterten Katholizismus mit Feuer und Schwert wieder installieren, und das Reich spaltete sich in eine katholische und eine protestantische Hälfte, die sich lauernd gegenüberlagen und sich bald in furchtbaren Kriegen zerfleischen sollten. Die ökonomische Lage der BäuerInnen konnte sich nicht mehr viel verschlechtern, denn sie waren 1525 schon so tief niedergedrückt, dass ihre Feudalherren sie kaum noch stärker belasten konnten, ohne sie ganz zugrundezurichten und sich damit ihrer eigenen Einnahmequellen zu berauben. Der alte Morast ging weiter wie zuvor, die Bauern resignierten und das Bürgertum duckte sich unter die Fürsten, entsetzt vom üblen Ausgang, das sein Abenteuer genommen hatte. Die Geschichte Deutschlands zwischen dem Bauernkrieg und dem Dreißigjährigen Krieg ist eine Geschichte des Verfalls, der Verarmung, der Provinzialisierung, des Einschlafens der modernen bürgerlichen Entwicklung, die in Westeuropa bald zur Hochblüte gelangen sollte. Der Versuch, die Kleinstaaterei auf revolutionärem Weg von unten zu überwinden, war gescheitert, nun sollten die Habsburger bald versuchen, sie auf autoritärem Weg von oben zu beseitigen vom Bauernkrieg führt eine direkte Linie erst zum Schmalkaldischen, dann zum Dreißigjährigen Krieg, der den endgültigen Kollaps Deutschlands und sein faktisches Ausscheiden aus der Weltgeschichte für rund zwei Jahrhundert bedeuten sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Revolution war gescheitert, weil es keine Klasse gab, die fähig gewesen wäre, die historische Aufgabe der Überwindung des Feudalismus konsequent zu bewältigen. Die BäuerInnen waren tapfer und voller revolutionärer Energie, aber durch ihre ganzen Lebensverhältnisse war ihr politischer Horizont beschränkt, sie konnten kaum über ihre engere Region hinausdenken oder sich ein positives Programm für die Zukunft geben. Hatten sie sich in einer Region vom Adel befreit, waren sie zufrieden und warteten ab, bis der über Ländergrenzen hinweg vereint handelnde Adel die anderen Aufstandsherde erstickte und dann zu ihnen zurückkam, um sie ihrerseits niederzuwerfen. Dazu waren sie, gerade erst zu politischem Bewusstsein erwacht, in politischen Dingen noch so naiv und gutgläubig, dass es dem gerisseneren Adel mühelos gelang, sie zu betrügen, durch falsche Versprechungen ruhigzuhalten und sich dann auf sie zu stürzen, wenn seine Position sich verbessert hatte. Die ideologische Führung der Bewegung musste also auf das städtische Bürgertum übergehen, das sich zwar an den Kämpfen selbst nur sehr zaghaft beteiligte, aber ein starkes Eigeninteresse hatte, sich ökonomisch und politisch von Adel und Klerus zu emanzipieren. Doch dieses Bürgertum war abgesehen von einigen süddeutschen Zentren noch schwach, der überregionale Handel noch so wenig entwickelt, dass nur eine Minderheit dieser frühen Bourgeoisie ein überregionales Klassenbewusstsein entwickelte und sich entschieden mit den Bauern verbündete. Wir haben gesehen, wie zögerlich und schwankend das städtische Bürgertum fast immer blieb, wie schnell es zu den Fürsten überlief, sobald sich deren Sieg abzeichnete und wie selten die freien Reichsstädte sich in Kämpfe einmischten, die sich nicht in ihrer unmittelbaren Umgebung abspielten. Das frühe Proletariat schließlich, wie wir es in den Bergwerksarbeitern finden, die den fanatischsten Kern von Müntzers Garde bildeten und die später in Österreich am Energischsten kämpften, waren noch eine winzige Gruppe, und von einem entwickelten proletarischen Klassenbewusstsein konnte gar keine Rede sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So zuckten die Flammen des Aufstandes überall heftig auf und erloschen bald wieder in ihrer Isolierung. Die elementare Gewalt der Revolution zeigt, wie dringend die Probleme waren, die die verrottete gesellschaftliche Ordnung aufwarf - und ihr furchtbares Scheitern, dass es noch keine Kraft gab, die sie lösen konnte. Deutschland fand auch in den kommenden Jahrzehnten keine Lösung, sondern versank immer tiefer im Morast, bis die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges das Land endgültig ins Koma versetzte - das Wort aus dem kommunistischen Manifest, wonach ein Klassenkampf, in dem sich keine der beteiligten Klassen voll durchsetzen kann, schließlich mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen endet, erwies sich als allzu wahr. Aber die Impulse, die der Bauernkrieg gegeben hatte, blieben spürbar, und seine um Jahrhunderte vorausgreifenden Ideen lebendig, um immer wieder hervorzubrechen. Der auf dem Heilbronner Verfassungskonvent formulierte Gedanke des zentralistischen bürgerlichen Nationalstaates setzte sich in den kommenden Jahrhunderten in ganz Europa, dann praktisch in der ganzen Welt durch. Und die urwüchsigen kommunistischen Ideen, zu deren Wortführer sich Thomas Müntzer machte, weisen heute noch den fortschrittlichen Kräften den Weg in die Zukunft, nur dass sie heute keine Utopie mehr sind, sondern ein verwirklichbares Programm, für das man kämpfen kann und muss, wenn der Verteidigungskampf des anachronistisch gewordenen globalen Kapitalismus nicht ebenfalls zu einem neuen jahrzehnte- und jahrhundertelangen Siechtum, zu einem globalen Dreißigjährigen Krieg - und dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen enden soll.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Fabian Lehr]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über den Deutschen Bauernkrieg]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:95_Thesen_des_Theologen_Dr._Martin_Luther&amp;diff=9297</id>
		<title>Bibliothek:95 Thesen des Theologen Dr. Martin Luther</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:95_Thesen_des_Theologen_Dr._Martin_Luther&amp;diff=9297"/>
		<updated>2026-04-28T18:03:21Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Message box/Archiv}}{{Library infobox work|title=95 Thesen des Theologen Dr. Martin Luther|author=Martin Luther|written in=1517}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Liebe und rechtem Fleiß, die Wahrheit an den Tag zu bringen, wird unter dem Vorsitz des Ehrwürdigen Vaters [[Martin Luther]], der freien Künste und heiligen Theologie Magister und derselbigen ordentlichen Lehrers, zu Wittenberg über folgende Sätze disputiert werden. Darum bittet er, daß diejenigen, so gegenwärtig sich mit uns davon nicht unterreden können, solches abwesend durch Schrift tun mögen. Im Namen unseres Herrn [[Jesus Christus|Jesu Christi]]. Amen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 1. ====&lt;br /&gt;
Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße etc., will er, daß das ganze Leben seiner Gläubigen auf [[Erde|Erden]] eine (stete) Buße sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 2. ====&lt;br /&gt;
Und kann noch mag das Wort Buße nicht vom Sakrament der Buße, das ist, von der Beichte und Genugtuung, so durch der Priester Amt geübet wird, verstanden werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 3. ====&lt;br /&gt;
Jedoch will er nicht allein verstanden haben die innerliche Buße; ja die innerliche Buße ist nichtig und keine Buße, wo sie nicht äußerlich allerlei Tötung des Fleisches wirket.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 4. ====&lt;br /&gt;
Währet derhalben Reue und Leid, das ist wahre Buße, so lange einer Mißfallen an sich selber hat, nämlich bis zum Eintritt aus diesem in das ewige Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 5. ====&lt;br /&gt;
Der [[Papst]] will noch kann nicht irgend andere Strafe erlassen außer der, welche er nach seinem Gefallen oder laut der Canones, das ist der päpstlichen Satzungen, auferlegt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 6. ====&lt;br /&gt;
Der Papst kann keine Schuld vergeben als allein sofern, daß er erkläre und bestätige, was von Gott vergeben sei, oder aber, daß er es tue in den Fällen, die er sich vorbehalten hat, und wenn dies verachtet würde, so bliebe die Schuld ganz und gar unaufgehoben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 7. ====&lt;br /&gt;
Gott vergibt keinem die Schuld, den er nicht zugleich durchaus wohl gedemütigt dem Priester, seinem Statthalter, unterwerfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 8. ====&lt;br /&gt;
Canones poenitentiales, das ist, die Satzungen, wie man beichten und büßen soll, sind allein den Lebendigen aufgelegt und sollen laut derselben Satzungen den jetzt Sterbenden nicht aufgelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 9. ====&lt;br /&gt;
Daher tut uns der heilige Geist wohl am Papst, daß der Papst allewege in seinen Dekreten ausnimmt den Artikel des Todes und die äußerste Not.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 10. ====&lt;br /&gt;
Die Priester handeln unverständig und übel, die den sterbenden Menschen Poenitentias canonica, das ist auferlegte Buße ins Fegefeuer, daselbst denselben genug zu tun, sparen und behalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 11. ====&lt;br /&gt;
Dieses Unkraut, daß man die Buße oder Genugtuung, so durch die Canones oder Satzungen auferlegt ist, in des Fegefeuers Buße oder Pein sollte verwandeln, ist gesäet worden, da die Bischöfe geschlafen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 12. ====&lt;br /&gt;
Vor Zeiten wurden Canonicae poenae, das ist auferlegte Buße oder Genugtuung für begangene Sünden nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, dabei zu prüfen, ob Reue und Leid rechtschaffen wäre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 13. ====&lt;br /&gt;
Die Sterbenden tun durch ihren Tod oder Absterben für alles genug und sind dem Rechte der Canones oder Satzungen abgestorben und also billig von Auflegung derselben entbunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 14. ====&lt;br /&gt;
Unvollkommene Frömmigkeit oder Liebe des Sterbenden bringt notwendig große Furcht mit sich; ja diese ist um so größer, je geringer jene ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 15. ====&lt;br /&gt;
Diese Furcht und Schrecken, daß ich anderer Dinge schweige, genügt an sich selber, daß sie des Fegefeuers Pein anrichte, dieweil sie der Angst der Verzweiflung ganz nahe ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 16. ====&lt;br /&gt;
Hölle, Fegefeuer und Himmel scheinen also von einander verschieden zu sein wie die rechte Verzweiflung, unvollkommene Verzweiflung und Sicherheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 17. ====&lt;br /&gt;
Es scheint, als müsse im Fegefeuer, gleichwie die Angst an den Seelen abnimmt, also auch die Liebe an ihnen zunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 18. ====&lt;br /&gt;
Es scheint unerwiesen zu sein, weder durch Gründe noch durch die Schrift, daß sie außer dem Stande des Verdienstes oder des Zunehmens an der Liebe seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 19. ====&lt;br /&gt;
Es scheint auch dies unerwiesen zu sein, daß sie ihrer Seligkeit gewiß und unbekümmert seien, ob wir schon des ganz gewiß sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 20. ====&lt;br /&gt;
Derhalben versteht der Papst unter der vollkommenen Vergebung aller Strafen nicht, daß insgeheim alle Strafe vergeben werden, sondern nur die, so er selbst aufgelegt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 21. ====&lt;br /&gt;
Daher irren die Ablaßprediger, die da sagen, daß durch des Papstes Ablaß der Mensch von aller Strafe los und selig werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 22. ====&lt;br /&gt;
Ja, der Papst erläßt den Seelen im Fegefeuer keine Strafe, die sie hätten in diesem Leben laut der Canones büßen und bezahlen müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 23. ====&lt;br /&gt;
Wenn einem irgend eine Vergebung aller Strafe gegeben werden kann, so ist&#039;s gewiß, daß sie allein den Vollkommensten, das ist gar wenigen, gegeben werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 24. ====&lt;br /&gt;
Darum muß der größte Teil unter den Leuten betrogen werden durch die prächtige Verheißung von der bezahlten Strafe, wobei gar kein Unterschied gemacht wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 25. ====&lt;br /&gt;
Gleiche Gewalt, wie der Papst hat über das Fegefeuer insgemein, haben auch ein jeder Bischof und Seelsorger in seinem Bistum und seiner Pfarrei insbesondere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 26. ====&lt;br /&gt;
Der Papst tut sehr wohl daran, daß er nicht aus Gewalt des Schlüssels (den er nicht hat), sondern durch Hilfe und fürbittweise den Seelen Vergebung schenkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 27. ====&lt;br /&gt;
Die predigen Menschentand, die da vorgeben, sobald der Groschen im Kasten klinge, führe die Seele von Stund an aus dem Fegefeuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 28. ====&lt;br /&gt;
Das ist gewiß, sobald der Groschen im Kasten klingt, daß Gewinn und Geiz kommen, zunehmen und größer werden; die Hilfe aber und Fürbitte der Kirche steht allein in Gottes Willen und Wohlgefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 29. ====&lt;br /&gt;
Wer weiß auch, ob alle Seelen im Fegefeuer also wollen erlöst sein, wie es mit St. Severin und Paschalis soll zugegangen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 30. ====&lt;br /&gt;
Niemand ist des gewiß, daß er wahre Reue genug habe; viel weniger kann er gewiß sein, ob er vollkommene Vergebung der Sünden bekommen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 31. ====&lt;br /&gt;
Wie selten einer ist, der wahrhaftige Reue und Leid habe, so selten ist auch der, der wahrhaftig Ablaß löst, das ist, es ist gar selten einer zu finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 32. ====&lt;br /&gt;
Die werden samt ihren Meistern in die ewige Verdammnis fahren, die da vermeinen, durch Ablaßbriefe ihrer Seligkeit gewiß zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 33. ====&lt;br /&gt;
Vor denen soll man sich sehr wohl hüten und vorsehen, die da sagen, des Papstes Ablaß sei die höchste und werteste Gottesgnade und Geschenk, dadurch der Mensch mit Gott versöhnt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 34. ====&lt;br /&gt;
Denn die Ablaßgnade bezieht sich allein auf die Strafe der Genugtuung, welche von Menschen geordnet worden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 35. ====&lt;br /&gt;
Die lehren unchristlich, welche vorgeben, daß die, so da Seelen aus dem Fegefeuer oder Beichtbriefe lösen wollen, keiner Reue noch Leides bedürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 36. ====&lt;br /&gt;
Ein jeder Christ, der wahre Reue und Leid hat über seine Sünden, der hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbrief gehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 37. ====&lt;br /&gt;
Ein jeder wahrhaftige Christ, er sei lebendig oder schon gestorben, ist teilhaftig aller Güter Christi und der Kirche, aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablaßbriefe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 38. ====&lt;br /&gt;
Doch ist des Papstes Vergebung und Austeilung mit nichten zu verachten; denn wie ich gesagt habe, ist seine Erklärung eine Erklärung göttlicher Vergebung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 39. ====&lt;br /&gt;
Es ist über die Maßen schwer, auch für die allgelehrtesten [[Theologie|Theologen]], zugleich den großen Reichtum des Ablasses und dagegen die wahre Reue und Leid vor dem Volke zu rühmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 40. ====&lt;br /&gt;
Wahre Reue und Zerknirschung sucht und liebt die Strafe, aber die Mildigkeit des Ablasses entbindet der Strafe und macht, daß man sie haßt, wenigstens bei Gelegenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 41. ====&lt;br /&gt;
Vorsichtiglich soll man von dem päpstlichen Ablaß predigen, damit der gemeine Mann nicht fälschlich dafür halte, daß er den anderen Werken der Liebe vorgezogen oder besser geachtet werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 42. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, es sei mit nichten des Papstes Meinung, daß Ablaßlösen einem Werke der Barmherzigkeit irgendwie zu vergleichen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 43. ====&lt;br /&gt;
Man soll die [[Christentum|Christen]] lehren, daß, wer den Armen gibt oder leiht dem Dürftigen, besser tue, als wenn er Ablaß löst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 44. ====&lt;br /&gt;
Denn durch das Werk der Liebe wächst die Liebe und der [[Mensch]] wird besser; durch den Ablaß aber wird er nicht besser, sondern nur sicherer und freier von Strafe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 45. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß der, so seinen Nächsten darben sieht und dessen ungeachtet Ablaß löst, der löst nicht des Papstes Ablaß, sondern ladet auf sich Gottes Ungnade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 46. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß sie, wo sie nicht übrig reich sind, schuldig sind, was zur Notdurft gehört, für ihr Haus zu behalten und mit nichten für Ablaß zu verschwenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 47. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß das Ablaßlösen ein frei Ding sei und nicht geboten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 48. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß der Papst, wie er eines andächtigen Gebetes für sich mehr bedarf, also desselben mehr begehre denn des Geldes, wenn er Ablaß austeilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 49. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß des Papstes Ablaß gut sei, sofern man sein Vertrauen nicht darauf setzt, dagegen aber nicht Schädlicheres, als wenn man dadurch Gottesfurcht verliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 50. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß der Papst, wenn er wüßte der Ablaßprediger Schinderei, wollte er lieber, daß St. Peters Münster zu Pulver verbrannt würde, denn daß es mit Haut, Fleisch und Bein seiner Schafe erbaut werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 51. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen lehren, daß der Papst, wie er schuld ist, also auch willig wäre, von seinem eigenen Gold - und sollte gleich St. Peters Münster dazu verkauft werden - den Leuten auszuteilen, denen zumeist etliche Ablaßprediger das Geld abdringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 52. ====&lt;br /&gt;
Durch Ablaßbriefe vertrauen selig zu werden ist ein nichtig und erlogen Ding, wenn gleich der Commissarius oder der Ablaßvogt, ja der Papst selbst seine Seele wollte zu Pfande setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 53. ====&lt;br /&gt;
Das sind Feinde Christi und des Papstes, die von wegen der Ablaßpredigt das Wort Gottes in andern Kirchen zu predigen ganz und gar Schweigen verbieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 54. ====&lt;br /&gt;
Es geschieht dem Worte Gottes unrecht, wenn man in Predigt eben so viel oder mehr Zeit aufwendet, den Ablaß zu verkündigen, als auf das Wort des Evangeliums.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 55. ====&lt;br /&gt;
Des Papstes Meinung kann nicht anders sein, als, wenn man den Ablaß (was das Geringste ist) mit Einer Glocke, Einer Prozession und Ceremonien begeht so müsse man dagegen das Evangelium (was das Höchste ist) mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Ceremonien feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 56. ====&lt;br /&gt;
Die Schätze der Kirche, davon der Papst den Ablaß austeilt, sind weder genugsam genannt noch bekannt bei der Gemeinde Christi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 57. ====&lt;br /&gt;
Denn daß es nicht leibliche, zeitliche Güter sind, ist daher offenbar, weil viele Prediger diese nicht so leichtlich hingeben, sondern vielmehr aufsammeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 58. ====&lt;br /&gt;
Es sind auch nicht die Verdienste Christi und der Heiligen; denn diese wirken allezeit, ohne des Papstes Zutun, Gnade des innerlichen Menschen und Kreuz, Tod und Hölle des äußerlichen Menschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 59. ====&lt;br /&gt;
St. Laurenzius hat die Armen der Gemeinde genannt die Schätze der Gemeinde oder Kirche, aber er hat das Wörtlein genommen, wie es zu seiner Zeit gebräuchlich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 60. ====&lt;br /&gt;
Wir sagen aus gutem Grunde, ohne Vorwitz, daß dieser Schatz seien die Schlüssel der Kirche, durch das Verdienst Christi der Kirche geschenkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 61. ====&lt;br /&gt;
Denn es ist klar, daß zur Vergebung der Strafe und vorbehaltener Fälle allein des Papstes Gewalt genug sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 62. ====&lt;br /&gt;
Der rechte wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste [[Evangelismus|Evangelium]] der Herrlichkeit und Gnade Gottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 63. ====&lt;br /&gt;
Dieser Schatz ist aber billig der allerverhaßteste; denn er macht, daß die Ersten die Letzten werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 64. ====&lt;br /&gt;
Aber der Ablaßschatz ist billig der allerangenehmste, denn er macht aus den Letzten die Ersten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 65. ====&lt;br /&gt;
Derhalben sind die Schätze des Evangelii Netze, mit denen man vor Zeiten die Leute des Mammons fischte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 66. ====&lt;br /&gt;
Die Schätze des Ablasses aber sind Netze, womit man in jetziger Zeit den Mammon der Leute fischet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 67. ====&lt;br /&gt;
Der Ablaß, den die Prediger für die größte Gnade ausrufen, ist freilich für große Gnade zu halten, insofern er großen Gewinn trägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 68. ====&lt;br /&gt;
Und doch ist solcher Ablaß wahrhaftig die allergeringste Gnade, wenn man ihn mit der Gnade Gottes und des Kreuzes Gottseligkeit vergleicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 69. ====&lt;br /&gt;
Es sind die Bischöfe und Seelsorger schuldig, die Commissarien des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 70. ====&lt;br /&gt;
Aber vielmehr sind die schuldig, mit Augen und Ohren aufzumerken, daß diese Commissarien nicht statt päpstlichen Befehls ihre eigenen Träume predigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 71. ====&lt;br /&gt;
Wer wider die Wahrheit des apostolischen Ablasses redet, der sei Anathema und vermaledeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 72. ====&lt;br /&gt;
Wer aber wider des Ablaßpredigers mutwillige und freche Worte Sorge trägt und sich bekümmert, der sei gebenedeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 73. ====&lt;br /&gt;
Wie der Papst diejenigen billig mit Ungnade und Bann schlägt, die zu Nachteil des Ablaßgeschäfts irgendwie betrüglich handeln;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 74. ====&lt;br /&gt;
So viel mehr trachtet er, diejenigen mit Ungnade und Bann zu schlagen, die unter dem Vorwand des Ablasses zum Nachteil der heiligen Liebe und Wahrheit handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 75. ====&lt;br /&gt;
Des Papstes Ablaß so hoch halten, daß er einen Menschen absolvieren oder von Sünden los machen könnte, wenn er gleich (unmöglicher Weise zu reden) die Mutter Gottes geschwächt hätte, ist rasend und unsinnig sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 76. ====&lt;br /&gt;
Dagegen sagen wir, daß des Papstes Ablaß nicht die allergeringste tägliche Sünde hinwegnehmen könnte, so viel die Schuld derselben belangt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 77. ====&lt;br /&gt;
Daß man sagt, St. Peter, wenn er jetzt Papst wäre, vermöchte nicht größeren Ablaß zu geben, ist eine Lästerung wider St. Petrum und den Papst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 78. ====&lt;br /&gt;
Dawider sagen wir, daß auch dieser und ein jeder Papst größeren Ablaß hat, nämlich das Evangelium, Kräfte, Gaben, gesund zu machen u.s.w. 1. Korinther 12,6,9.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 79. ====&lt;br /&gt;
Sagen, das Kreuz, mit des Papstes Wappen herrlich aufgerichtet, vermöge so viel als das Kreuz Christi, ist eine Gotteslästerung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 80. ====&lt;br /&gt;
Die Bischöfe, Seelsorger und Theologen, die da leiden, daß man solche Reden vors Volk bringen darf, werden dafür einst Rechenschaft geben müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 81. ====&lt;br /&gt;
Solche freche und unverschämte Predigt und Ruhm vom Ablaß macht, daß es selbst den Gelehrten schwer wird, des Papstes Ehre und Würde gegen die Verleumdung oder doch vor den scharfen listigen Fragen des gemeinen Mannes zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 82. ====&lt;br /&gt;
Als zum Beispiel: Warum entledigt der Papst nicht alle Seelen zugleich aus dem Fegefeuer um der allerheiligsten Liebe willen und von wegen der höchsten Not der Seelen, welches doch die allerwichtigste Ursache ist, während er unzählig viel Seelen erlöst um des elenden Geldes willen für St. Petrus Münster, welches doch die geringfügigste Ursache ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 83. ====&lt;br /&gt;
Item: Warum bleiben die Begängnis- und Jahrzeit der Verstorbenen stehn, und warum gibt er nicht wieder oder vergönnt zurückzunehmen die Pfründen, die den Toten zu gut gestiftet sind, da es nunmehr doch unrecht ist, für die schon Erlösten zu beten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 84. ====&lt;br /&gt;
Item: Was ist das für eine neue Heiligkeit Gottes und des Papstes, daß sie den Gottlosen und dem Feind um des Geldes willen vergönnen, eine fromme und gottgetreue Seele zu erlösen, und wollen doch nicht vielmehr um der großen Not derselben gottesfürchtigen und geliebten Seele willen sie aus Liebe umsonst erlösen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 85. ====&lt;br /&gt;
Item: Warum werden die Satzungen von der Buße, die nun längst in ihnen selbst mit der Tat und durch ihren Nicht-Gebrauch abgetan und tot sind, noch mit Geld gelöst durch Vergönnung des Ablasses, als wären sie noch in Kraft und lebendig?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 86. ====&lt;br /&gt;
Item: Warum baut jetzt der Papst nicht lieber St. Peters Münster von seinem eigenen Gelde als vor der armen Christen Gelde, weil doch sein Vermögen sich höher erstreckt, als des reichsten Crassus Güter?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 87. ====&lt;br /&gt;
Item: Was erläßt oder teilt der Papst durch seinen Ablaß diesem mit, welche durch vollkommene Reue schon zu einer vollständigen Vergebung und Ablaß berechtigt sind?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 88. ====&lt;br /&gt;
Item: Was könnte der Kirche Besseres widerfahren, als wenn der Papst, wie er&#039;s jetzt nur einmal tut, also hundertmal im Tage jedem Gläubigen diese Vergebung und Ablaß schenkte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 89. ====&lt;br /&gt;
Wenn der Papst der Seelen Seligkeit mehr durch Ablaß denn durchs Geld sucht, warum hebt er denn vormals gegebene Ablaßbriefe auf und erklärt sie außer Kraft, so sie doch gleich kräftig sind?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 90. ====&lt;br /&gt;
Diese sehr spitzigen Fragen der Laien bloß mit Gewalt dämpfen und nicht durch angezeigten Grund und Ursach auflösen wollen, heißt die Kirche und den Papst den Feinden zum Spott und die Christen unselig machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 91. ====&lt;br /&gt;
Darum, wenn der Ablaß nach des Papstes Sinn und Meinung gepredigt würde, wären diese Einreden leichtlich zu verantworten, ja sie wären nie vorgefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 92. ====&lt;br /&gt;
Mögen daher alle Propheten hinfahren, die da sagen zu der Gemeinde Christi: Friede, Friede! und ist doch kein Friede (Hes. 13,10,16.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 93. ====&lt;br /&gt;
Aber wohl alle den Propheten, die da sagen zu der Gemeinde Christi: Kreuz, Kreuz! und ist doch kein Kreuz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 94. ====&lt;br /&gt;
Man soll die Christen ermahnen, daß sie Christo, ihrem Haupte, durch Kreuz, Tor und Hölle nachzufolgen sich befleißigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== 95. ====&lt;br /&gt;
Und also mehr durch viel Trübsal als durch falschen Frieden ins Himmelreich einzugehen sich getrösten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;&#039;Allerheiligen Abend 1517&#039;&#039;&#039;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Martin Luther]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Religion (Bibliothekswerke)]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:2._Brief_an_Stalin&amp;diff=9296</id>
		<title>Bibliothek:2. Brief an Stalin</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:2._Brief_an_Stalin&amp;diff=9296"/>
		<updated>2026-04-28T17:52:57Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=2. Brief an Stalin|image=|author=Ernst Thälmann|written in=01. März 1939|publisher=|published_date=|published_location=|source=Marxistische Bibliothek [https://web.archive.org/web/20070715194450/www.marxistische-bibliothek.de/anstalin.html]}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Ernst Thälmann]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur streng persönlich übermitteln!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Information nur an die engeren Polbüromitglieder!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An den Genossen [[Josef Stalin|Stalin]]!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teurer Genosse!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem finsteren Kerker der faschistischen Hölle in [[Deutsches Reich (1933–1945)|Deutschland]] sende ich Euch zu Eurer großen Tagung des 18. Parteitages der [[KPdSU|K.P.d.S.U.]] die revolutionären und zugleich herzlichsten Grüße. Inmitten einer dramatisch zugespitzten Weltlage und im leuchtenden Zeichen des gigantischen Aufbaus in der sozialistischen Nation findet Eure bedeutende Tagung statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Leninsche Avantgarde, unter der festen Führung des genialen Schöpfers der grandiosen Fünfjahrespläne, dem teuren Genossen Stalin, tritt abermals vor dem russischen Volk und dem mit ihm sympathiesierenden Werktätigen der ganzen Welt, mit dem Ziele, ihre Beschlüße, die dem Wohle, dem Gedeihen und Aufblühen der gesamten sozialistischen Nation gelten, zur Entscheidung zu stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den heroischen Opfern der siegreichen [[Oktoberrevolution|russischen Revolution]] wird erneut eine große Ehrung zuteil und ihr ruhmreiches Vermächtnis, eingemeißelt im Stein der revolutionären Geschichte Rußlands, wird abermals durch die vielseitigen Beschlüße Eurer großen Tagung geheiligt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr unvergeßliches, aber heiliges Blut, geopfert für die gewaltige Weltanschauung und den Sieg des [[Bolschewiki|Bolschewismus]] und die von schöpferischem Leben, tiefem Ernst und meisterhafter Kraft durchfurchte [[Kommunistische Partei|leninistische Partei]] schufen das granitene Fundament und die siegreiche Gewähr für den Bestand und darüber hinaus für den unaufhaltsamen Aufstieg der stolzen, sozialistischen Nation. Der Zeitabstand vom Beginn der Oktoberrevolution bis zur heutigen Tagung ist nur kurz. Aber Gigantisches, fast Unvorstellbares, ja, die größten Wunder des 20. Jahrhunderts wurden durch die sozialistische Tat geschaffen. Über das Gekläffe und das Verzweiflungsgeschrei der vereinigen Opposition aller Schattierungen hinweg, stand [[Wladimir Lenin|Lenins]] Partei, allen Gefahren trotzend, von seinem einstmaligen besten Schüler, dem Genossen Stalin, entschlossen und meisterhaft geführt, wie ein starker Fels in der Brandung aller sturmbewegten und stürmischen Perioden dieser großen Zeit. Durch die bolschewistische Wachsamkeit, Geschlossenheil und die leninistische Einheit der Partei und durch die gewaltigen Tatsachen der sozialistischen Erfolge wurde der buntscheckige Oppositionsblock zerschlagen, zerrieben und schließlich völlig zermalmt. Während eine Zeitlang die bekannten konterrevolutionären Oppositionsführer die Großmut und die menschliche Geduld des Genossen Stalin auszunutzen versuchten, führte Stalin mit seiner ihm treu und fest ergebenen bolschewistischen Partei den entscheidenden Schlag gegen die gesamte Opposition siegreich zu Ende, mit dem Ziel, ihre landesverräterischen Führer endgültig zu vernichten. Die gerechte Strafe hat sie getroffen, sie wurden für immer aus der sozialistischen Gemeinschaft ausgestoßen. Die ganze Partei und der Parteitag und mit ihnen die Kommunistische Internationale werden diese kühne und entschlossene sozialistische Tat ihres Genossen Stalin begeisternd und dankend begrüßen und in jeder Weise zu würdigen wissen. Zugleich wird der Parteitag eine letzte, unerbittliche Warnung an die Angehörigen der Oppositionsreste richten, worin angekündigt wird, daß alle bei weiterer Fortsetzung ihrer konterrevolutionären Handlungen den Todesstoß zu erwarten haben. Auf das Geheul und Geschrei der [[Faschismus|faschistischen]] Lügenmeute in der ganzen Welt über fortlaufende Krisen und zunehmende Zerrissenheit innerhalb der [[Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (1922–1991)|Sowjet-Union]] wird Euer Parteitag schon durch sein einhelliges Ergebnis wie durch seine einstimmigen Beschlüße an die Weltöffentlichkeit die richtige Antwort zu geben wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Referate und sonstigen Tagesordnungspunkte, die auf Eurer Tagung zur Behandlung und zur Diskussion stehen, lassen schon erkennen, das Großes und fast Unbeschreibliches geplant ist, für die Aufgabenstellung in der sozialistischen Perspektive der vorwärtsstürmenden Entwicklung Eures großen Riesenreiches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eure Aufgabenstellung, die der Parteitag überprüft und dann beschließen wird, ist vielseitig, aber auch schwer. Ohne Rückblick auf die Vergangenheit, ist der Ausblick der Aufgabenstellung in der Gegenwart und Zukunft nicht möglich. Wachstumsschwierigkeiten und sonstige Spannungen in der sozialistischen Wirtschaft und Industrie waren und sind auch weiterhin unvermeidlich; selbstkritische Mängel und sonstige festgestellte Fehlentwicklungen in der Industrie und Landwirtschaft, ja, selbst ernsthafte Mängel und gemachte Fehler im Parteileben werden auf dem Parteitag ohne Scheu vor der Öffentlichkeit offen und selbstbewußt ausgetragen. Nicht nur der Führer, der auserwählte Referent, spricht zum Parteitag und zum russischen Volke, und alle anderen hören zu und müssen schweigen, nein, alle können zur Befruchtung der Problem- und Aufgabenstellung ihre Meinung zum Ausdruck bringen und damit an der Erziehung des Partei- und Volkslebens unmittelbar und lebendig teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zentrale Parole Euren Parteitages wird lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Kräfte der Nation gilt es zu mobilisieren und einzusetzen für den sozialistischen Weiteraufbau und Ausbau der Industrie und Landwirtschaft, für die unbedingte Sicherheit und restlose Verteidigung Eures sozialistischen Vaterlandes, für den weiteren Ausbau der kulturellen und sozialen Errungenschaften und nicht zuletzt für die solidarische Unterstützung aller Kämpfenden in der Welt gegen die Front des Faschismus. Der Parteitag wird sprechen. Die Einheit und Geschlossenheit der Partei und ihre unverbrüchliche Verbundenheit mit dem ganzen russischen Volke wird seine höchste Krönung finden. Eure Parteitagsbeschlüße werden den Siegeswillen Eures geistig gewachsenen und reifenden Volkes neue Stärkung und neues Vertrauen geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter Führung der bolschewistischen Partei, mit dem ersten Steuermann, dem Genossen Stalin, an der Spitze, vorwärts im leninistischen Kurs auf den weiteren siegreichen sozialistischen Aufbau Eures großen sozialistischen Vaterlandes!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit bolschewistischem Gruß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Euer Freund und Mitkämpfer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse [[Ernst Thälmann]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Zhejiang,_China:_Eine_neue_Vision_f%C3%BCr_die_Entwicklung&amp;diff=9295</id>
		<title>Bibliothek:Zhejiang, China: Eine neue Vision für die Entwicklung</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Zhejiang,_China:_Eine_neue_Vision_f%C3%BCr_die_Entwicklung&amp;diff=9295"/>
		<updated>2026-04-28T17:45:23Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Zhejiang, China: Eine neue Vision für die Entwicklung|author=Xi Jinping|written in=25. Februar 2003 bis 25. März 2007|publisher=Volksverlag Zhejiang GmbH|published_date=2019|published_location=Hangzhou}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Xi Jinping]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über China]]&lt;br /&gt;
== Vorbemerkung des Herausgebers ==&lt;br /&gt;
Seit dem 18. Parteitag im November 2012 hat das Zentralkomitee der [[Kommunistische Partei Chinas|KP Chinas]] mit [[Xi Jinping]] an der Spitze alle Parteimitglieder und alle Volksgruppen des Landes zusammengehalten und dabei geführt, die Sache von [[Kommunistische Partei|Partei]] und [[Staat]] voranzutreiben, sodass historische Erfolge errungen und historische Veränderungen herbeigeführt werden konnten. Damit ist der [[Sozialismus chinesischer Prägung]] in eine neue Entwicklungsphase eingetreten. Der 19. Parteitag hat im Oktober 2017 Xi Jinpings Ideen über den [[Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter]] zum Leitgedanken der KP Chinas erhoben und sie ins Parteistatut aufgenommen. Mit dem von der 1. Tagung des 13. Nationalen Volkskongresses beschlossenen Verfassungszusatz finden diese Ideen nun auch Ausdruck in der Verfassung der [[Volksrepublik China]]. Damit wurde ein weiteres Mal eine zeitgemäße Aktualisierung der Leitgedanken von Partei und Staat vollzogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Xi Jinping ist der Hauptbegründer der Ideen über den Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter. Bereits als er das Amt des Provinzparteisekretärs von [[Zhejiang]] innehatte, stellte er im Hinblick auf Reform und Innovation, die koordinierte und grüne Entwicklung, die Öffnung nach außen und gemeinsame Teilhabe, die Rechtsstaatlichkeit, Kultur, Sicherheit sowie die Parteiführung eine Reihe vorausschauender Überlegungen und Untersuchungen an. Auf dieser Grundlage fasste er wichtige Beschlüsse wie die „[[Acht-acht-Strategie]]“ und nahm erfolgreich theoretische und [[Praxis|praxisbezogene]] Innovationen vor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das vorliegende Buch ist eine Sammlung von 232 Beiträgen, die Xi Jinping zwischen Februar 2003 und März 2007 für die Kolumne „Neue Gedanken am Zhijiang“ der [[Zhejiang Daily]] verfasste. Mit diesen schlichten, prägnanten und inhaltsstarken Aufsätzen brachte Xi Jinping seine theoretischen Reflexionen, die er auf Basis der Verbindung von staatlichen Beschlüssen und Plänen mit den lokalen Gegebenheiten Zhejiangs angestellt hatte, sowie seine klaren und korrekten Ansichten über die wissenschaftliche Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft Zhejiangs zu Papier. Die Beiträge bilden großartige Beispiele dafür, wie sich Probleme unter Anwendung [[Marxismus|marxistischer]] Standpunkte, Auffassungen und Methoden betrachten, untersuchen und lösen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die chinesische Ausgabe des Buchs erfreut sich seit ihrer erstmaligen Veröffentlichung im August 2007 — eine Neuauflage erschien im November 2013 — großer Beliebtheit. Um auch dem ausländischen Publikum tiefe Einblicke in Xi Jinings Überlegungen und Untersuchungen in Theorie und Praxis während seiner Amtszeit in Zhejiang sowie ferner in das moderne China und in die Kommunistische Partei Chinas zu ermöglichen, gibt der Verlag für fremdsprachige Literatur in Zusammenarbeit mit dem Volksverlag Zhejiang diesen Sammelband nun auch in mehreren Fremdsprachen heraus. Zum besseren Verständnis wurden zudem einige Anmerkungen hinzugefügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Untersuchungen eingehend, solide, gründlich, exakt und effektiv durchführen ==&lt;br /&gt;
25. Februar 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Feldforschungen sind mittlerweile in der ganzen [[Zhejiang|Provinz]]&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gemeint ist hier die Provinz Zhejiang, welche ihren Namen vom Fluss Qiantangjiang erhielt, der früher Zhejiang hieß. Zhejiang liegt an der südöstlichen Küste Chinas und im Süden des Jangtse-Deltas. Die Provinzhauptstadt Hangzhou bildet das Zentrum für Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Bildung Zhejiangs. Von November 2002 bis März 2007 fungierte Xi Jinping als Parteisekretär der Provinz.&amp;lt;/ref&amp;gt; sehr populär. Die führenden [[Kader]] aller Ebenen sollten bei dieser Arbeit weiterhin Realismus und Pragmatismus an den Tag legen und sich stets darum bemühen, die Untersuchungen eingehend, solide, gründlich, exakt und effektiv zu gestalten. Für eingehende Untersuchungen ist es notwendig, dem Volk und der gesellschaftlichen Basis nahezustehen, sich leicht mit [[Proletariat|Arbeitern]], [[Bauerntum|Bauern]], [[Intelligenzija|Intellektuellen]] und Menschen anderer Herkunft anzufreunden und die Probleme in den ländlichen Gebieten, Fabriken und Bergwerken anzugehen, sich der Sorgen der einfachen Leute anzunehmen sowie Schwierigkeiten in vielen anderen Aspekten der Gesellschaft zu lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solide Untersuchungen erfordern einen pragmatischen Arbeitsstil. Das heißt einerseits, dass man nur mit einer kleinen Delegation anreisen und sich vereinfacht empfangen lassen sollte. Andererseits sollte man aufrichtig mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen, um von ihren Gedanken und den realen Verhältnissen zu erfahren und so in der Lage zu sein, ihre tatsächlichen Probleme zu lösen und ihnen reale Vorteile zu verschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei gründlichen Untersuchungen ist es unerlässlich, allen Seiten Gehör zu schenken, Problemen auf den Grund zu gehen und sich einen klaren Überblick über die Sachlage zu verschaffen. Exakte Untersuchungen setzen nicht nur umfassende, eingehende und genaue Kenntnisse von den örtlichen Gegebenheiten voraus. Viel mehr noch ist entscheidend, sich geschickt mit Widersprüchen auseinanderzusetzen und Probleme ans Tageslicht zu bringen, um durch die Erscheinungen zum Wesen der Dinge vorzudringen und über die entsprechenden Gesetzmäßigkeiten im Bilde zu sein. Effektive Untersuchungen bedeuten, praktikable Lösungsansätze vorzubringen und ausführbare Richtlinien und Maßnahmen auszuarbeiten, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kader nicht im „Gewächshaus“ heranzüchten ==&lt;br /&gt;
16. Juni 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig ist mancherorts zu beobachten, dass die Parteiorganisation Kadern, die als Anwärter auf einen wichtigen Posten gelten, den roten Teppich auf dem Karriereweg ausrollt oder ihnen den Weg ebnet, anstatt sie durch harte Arbeit und große Herausforderungen zu stählen. Und wird ein solcher [[Kader]] tatsächlich einmal auf einem Posten voller schwieriger Aufgaben eingesetzt, hält er dies für ein Zeichen des Misstrauens der Parteiorganisation gegenüber seiner Person. Dies fußt auf einer falschen Auffassung darüber, was die Heranbildung guter Kader betrifft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso wie nur der beste Stahl zur Messerschneide geschmiedet wird und sich siegreiche Rennpferde zuvor in einer Vielzahl von Bewährungsproben behaupten mussten, dürfen auch wir unsere Nachwuchskader nicht im „Gewächshaus“ heranzüchten. Wer große Verantwortung übernehmen will, muss zuerst ins kalte Wasser geworfen werden, um neue Fähigkeiten zu erwerben. Wie könnte ohne vorheriges Gewitter ein Regenbogen erstrahlen? Erfolgspferde gehen aus heftigen Wettbewerben hervor. Und genauso sollten auch Nachwuchskader an schwierigen Aufgaben und in komplexen Situationen wachsen und in diesem Prozess ihre Fähigkeiten beweisen. Es ist besser, ihnen eine schwere Verantwortung aufzubürden, als ihnen einfach den roten Teppich auszurollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Kader muss sich dem Vertrauen des Volkes würdig erweisen ==&lt;br /&gt;
18. Juni 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige [[Kader]] beklagen sich bis heute, obwohl sie ihr Amt bereits niedergelegt haben und längst eigenen Geschäften nachgehen, dass ihnen die Parteiorganisation nicht die gebührende „große Plattform“ geboten habe. Wie groß muss so eine Plattform eigentlich sein? Objektiv betrachtet kann niemand reklamieren, man habe ihn nicht gebührend eingesetzt und seine Talente nicht in vollem Maße gefördert, wenn er doch z. B. einen Führungsposten auf Kreisebene innehat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einfache Bürger sollten einen guten Charakter besitzen und Beamte ihre politische Integrität bewahren. Als Kader darf man nicht immer nur an die eigene Karriere denken. „Sag mal nicht, dass der [[Kunming-See]] zu flach ist”,&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Antwort an Herrn Lin Yazi&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Gedichte von Mao Zedong&#039;&#039;. Central Party Literature Press, Beijing 2003. S. 68.&amp;lt;/ref&amp;gt; pflegen wir in [[Volksrepublik China|China]] zu sagen. Will heißen: Ein Kader, egal welches Amt er bekleidet, wird Großes vollbringen, solange sein Herz dem Volk gehört. [[Jiao Yulu]],&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:1&amp;quot;&amp;gt;Jiao Yulu (1922-1964) war zwischen Dezember 1962 und Mai 1964 Kreisparteisekretär von Lankao, Provinz Henan. Er widmete sich bis zu seinem letzten Atemzug mit ganzem Herzen seiner Arbeit, und unter seiner Leitung erhielt der arme Kreis Lankao ein völlig neues Antlitz.&amp;lt;/ref&amp;gt; ein musterhafter Kreisparteisekretär, war kein hochrangiger Beamter und besaß dennoch bei den Menschen großes Ansehen. Unsere Kader sollten nicht auf Rang und Namen aus sein, sondern vielmehr danach streben, das Vertrauen des Volkes nicht zu enttäuschen. Die Menschen und die Parteiorganisationen werden ihre Fähigkeiten letztlich zur Kenntnis nehmen. Eine Ahle wird früher oder später herausragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Kader müssen sich mit dem Fragenkomplex, wofür sie in die [[KP Chinas]] eingetreten sind, was als Beamte von ihnen erwartet wird und was sie hinterlassen möchten, auseinandersetzen und zu den richtigen Antworten gelangen sowie sich die „zwei Verpflichtungen“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die von Mao Zedong auf dem 2. Plenum des 7. ZK der KP Chinas im März 1949 in Xibaipo, Provinz Hebei, formulierten „zwei Verpflichtungen“ besagen: „Man muss dafür Sorge tragen, dass sich die Genossen den durch Bescheidenheit und Umsicht gekennzeichneten, von Überheblichkeit und Unbesonnenheit freien Stil weiterhin bewahren, dass sie den Stil des harten Kampfes weiterhin beibehalten.“&amp;lt;/ref&amp;gt; fest einprägen, sodass sie ihre Macht stets im Interesse des Volkes ausüben, im Herzen allzeit bei den Menschen sind und sich fortwährend für ihr Wohl einsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten helfen ==&lt;br /&gt;
08. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts des derzeitigen Entwicklungsniveaus der Wirtschaft [[Zhejiang|Zhejiangs]] und in Übereinstimmung mit den Anforderungen des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand sollten wir nun die Überwindung der realen Schwierigkeiten der Menschen, insbesondere die Hilfe für diejenigen Stadt- und Landbewohner, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken, in den Vordergrund unserer Arbeit stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Diener des Volkes ist es unsere erste Pflicht, die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes auszuüben und dem Volk mit Leib und Seele zu dienen. In diesem Sinne müssen wir die Armenhilfe als unsere Pflicht und Schuldigkeit ansehen. Und um diese Arbeit gut zu verrichten, kommt es vor allem darauf an, dass die Führungskader aller Ebenen im Herzen bei den Menschen sind. Manche Kreise erhalten jedes Jahr von der Provinzregierung Transferleistungen in zweistelliger Millionenhöhe, kommen aber dennoch nicht für die einigen hunderttausend Yuan zur Sicherung des Existenzminimums der Menschen auf. Läge ihnen das Wohl des Volkes wirklich am Herzen, könnten und müssten sie das Geld dafür besitzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den vielfältigen realen Leidensdruck aller Menschen, insbesondere der finanziellen Benachteiligten, zu lindern, gilt es nicht nur, die Systeme zur allgemeinen sozialen Sicherung ständig zu vervollkommnen, sondern auch langfristig wirksame Mechanismen einzurichten, die speziell auf Menschen in finanzieller Notlage ausgerichtet sind. Alle Regionen sollten ihre Finanzmittel bevorzugt für folgende Zwecke, die die Interessen der Menschen unmittelbar betreffen, aufwenden: Gehälter für Dorflehrer, Zuschüsse zur Sicherung des Existenzminimums der Stadt- und Landbewohner, genossenschaftliche Versicherungen für die Landbevölkerung gegen schwere Erkrankungen, Unterhalt für Heimbewohner, deren Versorgung unter die „[[Fünf Grundsicherungen]]“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:2&amp;quot;&amp;gt;In den 1950er Jahren begann China das System der „Fünf Grundsicherungen“ für Landbewohner einzuführen, um Senioren, Behinderten und Minderjährigen auf dem Land, die arbeitsunfähig sind, keinen sicheren Lebensunterhalt bestreiten können oder keine gesetzlichen Ernährer haben, eine Grundversorgung mit Nahrung, Kleidung, Wohnraum, ärztlichen Dienstleistungen, Bestattung bzw. einer Schulbildung zu garantieren. Im Januar 1994 wurden die Vorschriften über die „Fünf Grundsicherungen“ für Landbewohner vom Staatsrat verabschiedet und im Januar 2006 revidiert.&amp;lt;/ref&amp;gt; fällt, sowie die Beihilfen für den Schulbesuch von Kindern aus finanzschwachen Familien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Lebensweg mit eigenen Füßen bahnen ==&lt;br /&gt;
11. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieder ist die Zeit der Bekanntgabe der [[Gaokao]]-Ergebnisse&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Chinas nationale Hochschulaufnahmeprüfung.&amp;lt;/ref&amp;gt; gekommen. Natürlich ist es eine erfreuliche Sache, den Sprung an eine Universität zu schaffen. Doch auch wer diese Hürde nicht nimmt, sollte sich nicht grämen und erst recht nicht verzweifeln. Seinen Lebensweg sollte man sich mit eigenen Füßen bahnen. Ob ein [[Mensch]] nützlich ist, hängt nicht in erster Linie davon ab, ob er einen Hochschulabschluss hat, entscheidend ist das tatsächliche Können. Die Gesellschaft selbst ist wie ein großer Campus, auf dem es immer etwas zu lernen gibt, wenn man nur will. Solange man nur lernbegierig und fleißig bleibt, wird man zu einem fähigen Menschen heranreifen, auch wenn man keine Hochschule besucht hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In letzter Zeit sind in [[Zhejiang|unserer Provinz]] immer wieder Schüler auf nicht natürlichem Wege aus dem Leben geschieden. Das sollte uns zu denken geben. Die Gründe für diese Vorkommnisse sind vielfältig. Manche sind darauf zurückzuführen, dass die Schulen lediglich Wert auf die Vermittlung von Wissen gelegt haben und dabei die rechtliche und moralische Erziehung sowie die psychologische und humanistische Betreuung zu kurz gekommen sind, sodass einige Schüler psychisch flatterhaft und fragil wurden. In anderen Fällen haben Eltern die Erziehung ihrer Kinder völlig vernachlässigt oder zu hohe Erwartungen an ihren Nachwuchs gestellt und ihn damit übermäßigem Druck ausgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten als Reaktion gezielte Gegenmaßnahmen ergreifen, die sowohl bei der Gesellschaft und den Schulen als auch bei den Eltern ansetzen, um die Kinder aus den Fesseln der Schulnoten zu befreien. Wir müssen sie davon überzeugen, dass das Leben unzählige Möglichkeiten bietet und man es in allen Berufen zu meisterhaftem Können bringen kann. Solange man zielstrebig und engagiert seinen Traum verfolgt, wird man schließlich zum Ziel gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Drei Stufen des theoretischen Studiums ==&lt;br /&gt;
13. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der renommierte Gelehrte [[Wang Guowei]]&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wang Guowei (1877-1927) war ein Historiker, Linguist und Literat, der am Ende der Qing-Dynastie und Anfang der Republik China lebte.&amp;lt;/ref&amp;gt; beschrieb einst mit folgenden poetischen Versen die drei Stufen der akademischen Forschung: „Letzte Nacht wehte der Westwind grüne Blätter von den Bäumen; allein und einsam bestieg ich einen Turm, nur um bis in den Horizont zu blicken“,&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem &#039;&#039;Ci&#039;&#039;-Gedicht von Yan Shu (991-1055), Literat und Politiker der Nördlichen Song-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; „Obwohl mir die Kleider immer weiter werden, fühle ich doch keinerlei Reue; ich bin voller Freude, auch wenn mein Verlangen nach ihr mich völlig ausgemergelt hat&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem &#039;&#039;Ci&#039;&#039;-Gedicht von Liu Yong (?-1053), Dichter der Nördlichen Song-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; und „Wieder und wieder habe ich in der Menschenmenge gesucht, bis ich sie, als ich mich zufällig umsah, schließlich in einer düsteren Ecke stehend fand“.&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem &#039;&#039;Ci&#039;&#039;-Gedicht von Xin Qiji (1140-1207), Dichter und General der Südlichen Song-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Führende [[Kader]] sollten sich auch während des theoretischen Studiums darum bemühen, die in den Versen beschriebenen drei Stufen zu erreichen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstens sollten sie sich das große Ziel setzen, beim Lernen „bis in den Horizont zu blicken“. Dazu müssen sie Verlassenheit und Einsamkeit standhalten und sich ohne Ablenkung voll dem Studium widmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens sollten sie sich eingehend mit den Theorien der Partei befassen und dabei Fleiß, Strebsamkeit und Beharrlichkeit an den Tag legen. Selbst wenn der volle Einsatz im Studium ihre Kleider immer weiter werden lässt und ihr Gesicht zunehmend ausmergelt, sollten sie keine Spur von Reue zeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens sind eigenständiges Denken und die Kombination von Theorie und Praxis von großer Bedeutung. Die führenden Kader sollten bei ihren theoretischen Studien und der späteren Anwendung des gelernten Wissens neue Einsichten gewinnen und sowohl im Lernprozess als auch in der [[Praxis]] stets nach der Wahrheit suchen, um letztlich zum wahren Sinn zu gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst wenn Führungskader aller Ebenen die oben genannten Anforderungen erfüllen, werden sie in der Lage sein, mit gutem Beispiel dabei voranzugehen, sich fleißig, intensiv und konsequent mit den Theorien der Partei zu beschäftigen, sich Gedanken über diese zu machen, ihr Denken stets an die Zeit anzupassen, das Gelernte auch tatsächlich anzuwenden und so die gewünschte Wirkung zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fünf erhabene Gefühle hegen ==&lt;br /&gt;
17. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Hu Jintao&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hu Jintao (geb. 1942), ehemals Generalsekretär des Zentralkomitees der KP Chinas, Staatspräsident der Volksrepublik China, Vorsitzender der Militärkommission beim ZK der KP Chinas und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission der Volksrepublik China. Er ist der Hauptbegründer der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat alle Parteikader wiederholt dazu aufgefordert, ihre Macht stets im Interesse des Volkes auszuüben, im Herzen allzeit bei den Menschen zu sein und sich fortwährend für ihr Wohl einzusetzen. Die zweite Anforderung stellt dabei die Grundlage dar. Wird man dieser nicht gerecht, wird die Macht nicht zugunsten des Volkes ausgeübt, geschweige denn, dass man ihm Nutzen bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit wir die Menschen stets fest im Herzen tragen, sollten wir uns an besonders vorbildlichen Parteimitgliedern ein Beispiel nehmen, eine enge Verbundenheit mit dem Volk pflegen bzw. diese stärken und außerdem fünf erhabene Gefühle hegen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstens sollten wir von der moralischen Größe des Genossen Deng Xiaoping&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Deng Xiaoping (1904-1997), Marxist, proletarischer Revolutionär, Politiker, Kenner in den Bereichen des Militärwesens und der Diplomatie, eine hervorragende Führungspersönlichkeit der KP Chinas, der Chinesischen Volksbefreiungsarmee und der Volksrepublik China sowie der Chefarchitekt der Reform und Öffnung sowie der Modernisierung Chinas. Er war der Hauptbegründer der Deng-Xiaoping-Theorie.&amp;lt;/ref&amp;gt; lernen. Er schrieb einst: „Ich bin ein Sohn des chinesischen Volkes. Ich empfinde tiefste Liebe für Vaterland und Volk.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus dem am 14. Februar 1981 verfassten Vorwort für die englische Ausgabe der &#039;&#039;Gesammelten Schriften des stellvertretenden Staatspräsidenten Deng Xiaoping&#039;&#039;, herausgegeben von Pergamon Press. In: &#039;&#039;Jahressammlung der Gedanken von Deng Xiaoping&#039;&#039; (1975-1997). Central Party Literature Press, Beijing 2011. S. 349.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens sollten wir uns Lei Fengs&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lei Feng (1940-1962) war ein Soldat der Chinesischen Volksbefreiungsarmee und ein Vorbild dafür, dem Volk mit ganzer Seele zu dienen. Er starb in Erfüllung seiner Amtspflichten. 1963 gab Mao Zedong die Parole „Von Genosse Lei Feng lernen“ aus, und der 5. März wurde zum nationalen Gedenktag erklärt, um von Lei Feng zu lernen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Anschauung von Glück zu eigen machen. Während seines kurzen Lebens von gerade einmal 22 Jahren hat Lei Feng eine eigene Definition des Glücks geprägt: „Was bedeutet letztlich Glück? Ich halte es für das größte Glück, dem Volk zu dienen.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens sollten wir von Genosse Kong Fansen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:3&amp;quot;&amp;gt;Kong Fansen (1944-1994) arbeitete zehn Jahre in Tibet, u. a. als Parteisekretär des Regierungsbezirks Ngari, und ist mit seinem großen beruflichen Engagement zu einem leuchtenden Beispiel für alle Kader geworden.&amp;lt;/ref&amp;gt; lernen, der ebenfalls eine große Liebe zum Volk hegte. Ein bekannter Ausspruch von ihm lautet: „Wer das Volk liebt, erreicht die höchste Stufe der Liebe.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viertens sollten wir dem Vorbild Zheng Peimins&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:4&amp;quot;&amp;gt;Zheng Peimin (1943-2002) war u. a. stellvertretender Parteisekretär und stellvertretender Vorsitzender des Ständigen Ausschusses des Volkskongresses der Provinz Hunan und ein vorbildlicher Führungskader.&amp;lt;/ref&amp;gt; nacheifern und unser Verantwortungsgefühl schärfen. Zheng folgte stets der Maxime: „Ein Beamter muss zuerst ein anständiger Mensch sein; und unter allen Umständen steht das Volk an erster Stelle.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fünftens sollten wir das Ehrgefühl Qian Xuesens&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Qian Xuesen (1911-2009) studierte ab 1935 in den USA und kehrte 1955 nach China zurück. Er hat sich direkt an der Organisation und Leitung von Schlüsselprojekten zur Erforschung, Konstruktion und Erprobung von Trägerraketen, Lenkraketen und Satelliten beteiligt und herausragende Verdienste um die Entwicklung der chinesischen Raumfahrt erworben.&amp;lt;/ref&amp;gt; übernehmen. Für ihn war öffentliches Lob die höchste Auszeichnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst wenn man sich die oben genannten fünf erhabenen Gefühle zu eigen gemacht hat, wird man die Menschen jederzeit im Herzen tragen, ihr Wohlergehen stets an erste Stelle setzen, sich in der Arbeit auf sie stützen und konsequent ihre Interessen vertreten. Und nur so wird man in der Lage sein, richtige Antworten auf den zentralen Fragenkomplex „Wem sollen wir vertrauen?“, „Auf wen sollen wir uns verlassen?“ und „Für wen setzen wir uns ein?“ zu geben und die Macht im Namen des Volkes innezuhaben und auszuüben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Prinzipienfestigkeit bei wichtigen, Großmütigkeit bei nebensächlichen Dingen ==&lt;br /&gt;
18. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sagen oft, Einigkeit macht stark, fördert den Zusammenhalt und die Kampfkraft und bringt gute Kader hervor. All diese Worte unterstreichen die Wichtigkeit der Eintracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und tatsächlich ist Einigkeit von größter Bedeutung für den Aufbau unserer Führungsgremien. Wer sie betont, beweist starkes politisches Bewusstsein und dass er stets das Ganze im Auge hat. Wer einem Führungsgremium vorsteht, trägt die Hauptverantwortung dafür, den Zusammenhalt seines Teams zu fördern. Als Vorsitzender eines Führungsgremiums muss man immer mit gutem Beispiel vorangehen und strenge Anforderungen stellen; man muss Geschick dafür beweisen, der Arbeit die richtige Richtung zu geben, sich mit zentralen Angelegenheiten auseinanderzusetzen und die Gesamtlage gut im Griff zu haben; nicht zuletzt muss man sich gut darauf verstehen, alle Kollegen um sich zu scharen, auch mit denjenigen, die unterschiedlicher Meinung sind, zusammenzuarbeiten, den Arbeitseifer, die Eigeninitiative und die Kreativität aller Mitglieder des Führungsgremiums zu entfalten und in demokratischer Weise konstruktive Vorschläge von allen Seiten einzuholen, um eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungsfindung zu gewährleisten und Willkür, Schwäche und Laxheit sowie Eigenbrötelei zu verhüten bzw. zu überwinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle führenden Kader müssen eine richtige Einstellung zu sich selbst, zu ihren Kollegen und zu ihrer Organisation haben und Großmut an den Tag legen. Sie sollten sich selbst streng disziplinieren und anderen mit Toleranz begegnen. Bei wichtigen Dingen dürfen sie niemals ihre Prinzipien über Bord werfen, über Nebensächlichkeiten allerdings sollten sie großmütig hinwegsehen. Sie sollten ihre Kollegen durch Zusammenarbeit besser kennenlernen und durch gegenseitige Unterstützung den Zusammenhalt des Führungsgremiums stärken, um Synergien zu erzeugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auch Kulturprodukte sollten sich rechnen ==&lt;br /&gt;
20. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kulturschaffende sollten sich nicht über alles erhaben fühlen und dürfen kommerziellen Erfolg nicht grundsätzlich verschmähen. Sie müssen davon Abstand nehmen, Meisterwerke nur zu erschaffen, um dafür Preise abzusahnen und sie dann beiseitezulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Bedingungen der sozialistischen Marktwirtschaft sind die Schaffung und Verbreitung von Kulturprodukten im Großen und Ganzen auf den Markt angewiesen. Kulturelle Werke können erst dann ihre aufklärende und erzieherische Funktion in höchstem Maße entfalten, wenn sie von den Menschen bewusst konsumiert werden. Auch unser Ziel, die Menschen mit hervorragenden Werken zu inspirieren, ist nur unter dieser Voraussetzung zu erreichen. Darin liegt letztlich auch der Sinn, die Kulturindustrie mit Tatkraft zu fördern. Marktgängige Kulturprodukte fallen natürlich nicht zwangsläufig unter die Kategorie der fortschrittlichen Kultur, doch bei solchen, die nicht marktfähig sind, ist die Wahrscheinlichkeit dafür noch geringer. Wie können Werke eine aufklärende und erzieherische Wirkung entfalten, wenn sie überhaupt kein Publikum finden? Wodurch begründet man ihre Fortschrittlichkeit?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortschrittliche Kulturprodukte sollten sowohl einen Avantgarde- als auch einen Massencharakter aufweisen. Bei ihrer Planung und Herstellung sollte man sich weder gänzlich dem Gewinnstreben oder dem Massengeschmack unterwerfen, noch darf man das Zielpublikum und den Markt völlig außer Acht lassen. In diesem Sinne stehen die geistigen Werte und die wirtschaftlichen Eigenschaften kultureller Erzeugnisse in keinerlei Widerspruch, genauso wenig wie Forderungen, den Markt zu erobern und klare Wertvorstellungen zu vertreten, einander zuwiderlaufen. Auch der gesellschaftliche und der wirtschaftliche Nutzen geraten nicht zwangsläufig in Konflikt, und die Schaffung fortschrittlicher Kulturprodukte steht grundsätzlich in Einklang mit der Durchsetzung der kulturellen Interessen des Volkes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten die Vorzüge der sozialistischen Marktwirtschaft in vollem Maße zur Geltung bringen und realitäts-, lebens- und volksnahe sowie auf die Modernisierung, die Welt und die Zukunft ausgerichtete Kulturprodukte, die sich am Markt behaupten können und den Geschmack des Publikums treffen, erschaffen, um die Stellung des Sozialismus als Wertmaßstab zu festigen und zu erweitern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wir plädieren nicht für Kader ohne jede Gegenstimme ==&lt;br /&gt;
21. Juli 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zurzeit ist die Reform des Kadersystems allerorts in vollem Gange und die Wettbewerbsorientierung und Transparenz bei Auswahl und Einsatz von Kadern werden weiter gefördert. Dies ist sehr löblich. Dennoch gilt es, zwei Schlüsselfragen nicht aus den Augen zu verlieren:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen sollten wir die Beziehung zwischen Moral und Kompetenz richtig behandeln. Kompetenz liegt der Moral zugrunde und lässt sich von ihr leiten. In der Praxis wird die Moral allerdings oft außer Acht gelassen. Wir sollten von daher in Hinsicht auf das Verhältnis zwischen Moral und Kompetenz die Erstere in den Vordergrund stellen. Zugleich sind beide nichts Abstraktes. Es gilt, sie gemäß den Gegebenheiten der jeweiligen Arbeitsgebiete und Sektoren zu konkretisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum anderen sollten wir korrekt mit demokratischen Bewertungen umgehen. Es ist selbstverständlich wichtig, Wert auf die allgemeine Anerkennung zu legen. Spricht sich die Mehrheit der Menschen gegen einen Kader aus, gibt es an ihm meistens tatsächlich etwas auszusetzen. Doch man darf einen Kader auch nicht ausschließlich an seinen Abstimmungsergebnissen messen. Wer mutig Verantwortung auf sich nimmt und reale Probleme angeht, büßt in der Regel einen Teil seiner Stimmen ein. Wir dürfen die Abstimmungsergebnisse deshalb nicht zum Maßstab aller Dinge machen oder für Kader ohne jede Gegenstimme plädieren. Sonst droht eine Situation einzutreten, in der die Kader aus Furcht vor Stimmenverlust zu allem Ja und Amen sagen und es nicht wagen, Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ein solches Klima verleitet regelrecht dazu, sich als Kader bei den Wählern einzuschmeicheln bzw. diese zu bestechen, um ihre Stimmen zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Parteikomitees richtige Personalentscheidungen treffen wollen, müssen sie sich eine genaue Übersicht über die Haupteigenschaften und die wichtigen Arbeitsleistungen der Kandidaten verschaffen und ihrer moralischen Beschaffenheit große Aufmerksamkeit schenken, sodass diejenigen Kader, die moralisch und fachlich einwandfrei sind und sich mit vollem Einsatz ihrer Arbeit widmen, ohne nach Bekanntheit zu streben, rechtzeitig ausfindig gemacht werden können und gebührende Anerkennung finden und diejenigen Kader, die unbeirrt dem Grundsatz folgen, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, und welche verantwortungsbewusst und pragmatisch vorgehen, befördert und in Schlüsselpositionen eingesetzt werden. Erst dann wird sich unser Prüfungs- und Bewertungssystem für Kader tatsächlich verbessern und seine Ergebnisse werden zuverlässiger und wissenschaftlicher sein, sodass Verzerrungen in der Prüfung und Bewertung von Kadern und Irrtümer beim Personaleinsatz effektiv verhindert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Keine „Inzucht“ bei der Rekrutierung von Fachkräften ==&lt;br /&gt;
02. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Peking-Universität nimmt derzeit eine Reform ihres Personalsystems vor. Dabei wird ein Berufungssystem für Professoren etabliert und eigene Absolventen werden in der Regel nicht mehr ohne Weiteres übernommen. Die Städte Guangzhou, Shenzhen und Foshan haben sich derweil vor Kurzem zusammengetan, um Talente aus dem ganzen Land anzuwerben. All dies zielt darauf ab, zu verhindern, dass es bei der Rekrutierung von Fachkräften zu „Inzucht‘“ kommt, und die Zirkulation von Talenten zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch unsere Provinz hat in den letzten Jahren eine Reihe von Maßnahmen eingeführt, um Barrieren aus dem Weg zu räumen und die Zuwanderung von Fachkräften von außerhalb zu erleichtern. Auf diese Weise konnten wir in verschiedenen Bereichen über 60.000 Fachkräfte aus allen Landesteilen rekrutieren. Trotzdem sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass sowohl die Quantität als auch die Struktur des Fachkräftepools in unserer Provinz noch einiges zu wünschen übrig lassen. Hinsichtlich der Anzahl der Personen mit Hochschulabschluss pro 10.000 Einwohner rangiert Zhejiang landesweit nur auf dem 17. Platz. Zudem gibt es ein hohes Defizit an hoch qualifizierten und jungen Fachkräften sowie Experten für Hoch- und Zukunftstechnologie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Fachkräfte stellen eine primäre Ressource dar.“&amp;lt;ref&amp;gt;Jiang Zemin: &#039;&#039;Fachkräfte stellen eine primäre Ressource dar&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Jiang Zemin, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 3. People’s Publishing House, Beijing 2006. S. 319.&amp;lt;/ref&amp;gt; Aus diesem Grund müssen wir sie zu schätzen wissen, sie mit allen Mitteln anwerben und gebührend einsetzen. Bei der Rekrutierung von Fachkräften sollten wir deshalb neue Ideen entwickeln, unser Blickfeld erweitern und einschneidende Maßnahmen ergreifen. Dazu sollten wir uns international ausrichten und die besten Köpfe aus dem ganzen Land bzw. aus aller Welt anziehen. Gleichzeitig gilt es, entsprechende institutionelle Innovationen vorzunehmen und verschiedene Mittel einzusetzen, um chinesische und ausländische Talente nach Zhejiang zu holen und in den Dienst unserer Provinz zu stellen. Nicht zuletzt sollten wir den nötigen Nährboden dafür schaffen, dass sich Talente in ihrer Individualität und Innovationskraft voll entfalten können, sowie für ein Klima des Vertrauens, des Verständnisses und der Toleranz gegenüber Misserfolgen sorgen, sodass Zhejiang ein Paradies für Innovationen und Startups wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bei der Dürrebekämpfung die Menschen im Auge behalten ==&lt;br /&gt;
07. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die entsetzliche Dürre dieses Sommers stellt die Parteikomitees und Regierungen aller Ebenen auf eine harte Bewährungsprobe und wird letztlich zeigen, ob sie die wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens sind ein wichtiger Bestandteil des Theoriesystems des Sozialismus chinesischer Prägung und einer der Leitgedanken der KP Chinas. Demnach muss die KP Chinas stets die Erfordernisse der Entwicklung fortschrittlicher Produktivkräfte, die Richtung des Vorwärtsschreitens einer fortschrittlichen Kultur und die grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit des chinesischen Volkes vertreten.&amp;lt;/ref&amp;gt; wirklich in die Tat umgesetzt haben. Um den Kampf gegen die diesjährige Dürre zu gewinnen, müssen wir vor allem die Menschen im Auge behalten, insbesondere die Bauern und Landwirte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im chinesischen Volksmund heißt es: „Überschwemmungen kommen häufig in einer Linie vor, während die Dürre oft eine große Fläche betrifft.“ Zurzeit verschärft sich die Dürre in unserer Provinz weiter und die Zahl der Betroffenen nimmt mit jedem Tag zu. Trotzdem verzögern manche Behörden noch immer wegen Nichtigkeiten die dringend nötige Übergabe von Finanzmitteln und Hilfsgütern an die Basis. Offensichtlich sind sie in Gedanken nicht bei ihrem Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Falle von Hitze und Dürre bleiben die Städte, besonders die Provinzhauptstadt, meist von Problemen bei der Strom- und Wasserversorgung verschont. Die Bauern hingegen, allen voran die Menschen in den Gebirgsregionen, leiden sehr darunter. Angesichts der aktuellen Dürreperiode müssen die zuständigen Behörden gedanklich stets bei den Menschen sein, alle Hebel in Bewegung setzen und die nötigen Hilfsgüter und -gelder so schnell wie möglich an die vorderste Front des Kampfes gegen die Dürre schicken, damit sie zweckgebunden eingesetzt werden. Die verantwortlichen Kader sollten ihre Büros verlassen und sich in die ländlichen Gebiete, auf die Felder und in die Fabriken begeben, um den Menschen vor Ort bei der Dürrebekämpfung mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Zudem sollten sie sich der Betroffenen annehmen und Maßnahmen rechtzeitig in die Wege leiten, um die Folgeprobleme der Katastrophe zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eigeninitiative ist der Schlüssel für erfolgreichen Umweltschutz ==&lt;br /&gt;
08. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei allen anderen Erkenntnisprozessen hat sich auch unser Verständnis in Sachen des Umweltschutzes und ökologischen Aufbaus ständig vertieft. Beide sind von spontanen zu bewussten Handlungen übergegangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Früher pflegte man zu sagen: „Berge aus Gold und Silber haben stets Vorrang vor klaren Flüssen und grünen Bergen.“ Sprich: Die Wirtschaftsleistung und die aktuelle Entwicklung standen lange an erster Stelle und Umwelt- und Zukunftsfragen wurden völlig außer Acht gelassen. Ohne es zu merken, verbrauchte man das Erbe der Vorfahren und beraubte die Nachkommen jeder Chance. Diese Einsicht war die erste Stufe unseres Verständnisses. In der zweiten Stufe waren wir uns zwar der Wichtigkeit der Umwelt bewusst, doch man richtete das Augenmerk nur auf die unmittelbare Umgebung und dachte nicht an andere Menschen. Eigene Probleme wurden auf Nachbarn abgewälzt und eigene wirtschaftliche Interessen auf Kosten der Umwelt der anderen durchgesetzt. Die Einsicht, dass Umweltprobleme keine Grenzen kennen und dass die Menschheit nur eine Mutter Erde hat, die unsere gemeinsame Heimat darstellt, und der Umweltschutz als Folge dessen in der gemeinsamen Verantwortung aller Menschen liegt, formte letztlich die dritte Stufe des Verständnisses. Seither setzt sich die Menschheit bewusst für den ökologischen Aufbau ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas bewusst zu tun, ist positiver als es nur aus einem spontanen Impuls heraus zu tun. In einer Gesellschaft sind sowohl Beschränkungen von außen als auch innere Einsicht erforderlich, um gewisse Ziele zu erreichen und bestimmte Regeln durchzusetzen. In diesem Sinne setzt der Aufbau einer Öko-Provinz bzw. eines grünen Zhejiang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Aufbau eines grünen Zhejiang war ein strategisches Ziel, das vom 11. Provinzparteitag im Juni 2002 formuliert wurde. Auf dem 4. Plenum des 11. Provinzparteikomitees im Juli 2003 wurde es als wichtiger Aspekt in die Acht-acht-Strategie aufgenommen.&amp;lt;/ref&amp;gt; die allgemeine Anerkennung und die bewusste Teilnahme aller voraus. Damit dies gelingt, sollten alle Regionen und zuständigen Behörden ihre entsprechende Öffentlichkeits- und Erziehungsarbeit intensivieren und das Umweltbewusstsein der Bevölkerung schärfen, sodass sich der Übergang von einem spontanen zu einem bewussten Umweltschutz schneller vollzieht und die Menschen aus eigenem Antrieb Verantwortung übernehmen und Schulter an Schulter auf dem Weg der nachhaltigen Entwicklung vorwärtsschreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Privates Kapital birgt riesiges Potenzial ==&lt;br /&gt;
11. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinsichtlich des Infrastrukturausbaus sollten wir eine erweiterte Perspektive haben. In erster Linie sollten wir das Beste aus dem in unserer Provinz reichlich vorhandenen privaten Kapital machen und Gelder von allen Seiten aufbringen, sodass unsere Infrastrukturinvestitionen verschiedene Eigentumsformen aufweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Projekt der Brücke über die Hangzhou-Bucht in Ningbo, das eine Gesamtinvestition in Höhe von 11,8 Milliarden Yuan vorsieht und gerade in Gang gesetzt wurde, ist ein gutes Beispiel hierfür. 50,26 Prozent des Anfangskapitals dieses Projekts, das sich auf 3,5 Milliarden Yuan beläuft, sind privates Kapital. Dies zeigt, dass wir ein enormes Potenzial an privatem Kapital besitzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit einigen Jahren praktiziert der Staat eine aktive Fiskalpolitik und kurbelt die Wirtschaft durch die Aufstockung öffentlicher Investitionen an. Dies hat bereits eine positive Wirkung erzielt. Doch langfristig gesehen reichen staatliche Investitionen allein nicht aus. Für ein fortlaufendes rasantes Wirtschaftswachstum muss man mehrere Eisen im Feuer haben. Als eine wichtige Maßnahme gilt es, private Investoren zu motivieren, den Umfang ihrer Investitionen zu vergrößern und somit die innere Dynamik des Wachstums zu stärken. Dies ist eine zentrale Frage von richtungsweisender und fundamentaler Bedeutung. Dementsprechend müssen wir noch mehr Bereiche für private Investoren öffnen. Solange es die Umstände erlauben, soll es ihnen gestattet werden, sich an profitablen Infrastrukturprojekten zu beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Es ist besser, zwei Eisen im Feuer zu haben ==&lt;br /&gt;
12. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die Einführung von ausländischem Kapital anbelangt, so haben wir im Vergleich zur Vergangenheit beträchtliche Fortschritte erzielt. Doch gegenüber Guangdong, Jiangsu und Shanghai haben wir in dieser Hinsicht noch immer einigen Nachholbedarf. Bei der Einführung von ausländischem Kapital geht es nicht nur um Geld, sondern vielmehr um den Einsatz von Technologien, Fachkräften und Managementmodellen. Dies hat auch Einfluss auf die Anpassung und Niveauhebung unserer Industriestruktur, die Erweiterung unserer Öffnung nach außen und unseren Anschluss an die internationale Entwicklung. Hier müssen wir radikal umdenken, effektive Maßnahmen ergreifen und die Nutzung von ausländischem Kapital tatkräftig fördern, um die Öffnung nach außen auf ein höheres Niveau zu heben. Sonst laufen wir Gefahr, durch eine einseitige Entwicklung unsere ursprüngliche Überlegenheit einzubüßen und der Konkurrenz hinterherzuhinken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit beiden Beinen zu laufen, ist sowieso besser als auf einem Bein zu hüpfen. Aus diesem Grund haben wir die Devise ausgegeben, von Norden her an Shanghai anzukoppeln und von Osten her Kapital aus Taiwan einzuführen. Ziel ist es, auf Shanghai als eine wichtige Plattform für die Öffnung nach außen gestützt von den Industrienationen ausgelagerte Betriebe zu übernehmen, ausländische Unternehmen und Investitionen anzuziehen, unseren Außenhandel zu erweitern und somit das Niveau unserer Öffnung nach außen ständig zu erhöhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gute Vorhaben auch gut umsetzen ==&lt;br /&gt;
23. August 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derzeit setzen sich alle Regionen unserer Provinz mit viel Elan für eine beschleunigte Entwicklung ein. Mit dem städtischen Aufbau, der Errichtung von Industrieparks und Entwicklungszonen, dem Ausbau der Infrastruktur und wichtigen Industrieprojekten geht es in hohem Tempo voran. Im Zuge dessen sollten wir jedoch stets denjenigen Problemen besondere Aufmerksamkeit schenken, die die vitalen Interessen der Bevölkerung betreffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Projekte erfordern nicht nur riesige Investitionen, sondern beziehen sich auch auf viele Seiten. Teils müssen für ihre Verwirklichung viele Menschen umgesiedelt werden. Für alle Fragen, die die Interessen der Menschen unmittelbar betreffen, müssen wir eine geeignete Lösung finden, sodass gute Vorhaben auch in guter Weise umgesetzt werden. Dabei sollten wir dem Volk Vertrauen schenken, die betreffenden Menschen über unsere Vorhaben gut aufklären und uns bei deren Ausführung auf sie stützen. Wir sollten die Überlegenheit der Parteiorganisationen in der politischen Aufklärung, der Organisation und der Arbeit mit den Menschen in vollem Maße entfalten und die Öffentlichkeits- und Erziehungsarbeit intensivieren, indem wir mit Anteilnahme mit den Menschen kommunizieren, ihnen unsere Vorhaben ausführlich erläutern und sie tief gehend von diesen überzeugen, sodass sie die Beziehungen zwischen Gegenwarts- und Zukunftsinteressen, zwischen Teil- und Gesamtinteressen sowie zwischen individuellen und kollektiven Interessen vernünftig behandeln, volles Verständnis für unsere Projekte entwickeln und diese letztlich aktiv unterstützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kühne Konstruktionen mit größter Sorgfalt prüfen ==&lt;br /&gt;
10. September 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bevor wir eine Reform umfassend einführen, setzen wir normalerweise Pilotversuche an, um Erfahrungen für die weitere Durchführung der Reformvorhaben zu sammeln. Da wir Dinge realisieren, für die meist kein Präzedenzfall vorliegt, gilt es, Pioniergeist an den Tag zu legen, das Denken zu befreien sowie kühne Maßnahmen zu ergreifen und mutige Versuche zu unternehmen, solange diese der Reform dienlich sind. Dabei dürfen getrost alte Rahmen gesprengt und institutionelle Hemmnisse, die unsere Entwicklung behindern, abgeschüttelt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Pilotversuche erfolgreich auszuführen, sollten wir unsere kühnen Konstruktionen in der Praxis mit Sorgfalt auf ihre Tauglichkeit überprüfen, wobei wir wirksame Taktiken und Methoden anwenden müssen, sodass unsere Bemühungen folgerichtig von Erfolg gekrönt sein werden. Es gilt, zuerst Pilotprojekte in ausgewählten Orten vorzunehmen und dann die Reformmaßnahmen in einem größeren Gebiet einzuführen, wobei wir mit leichten Aufgaben und kleinen Veränderungen beginnen und nach und nach harte Nüsse und einschneidende Maßnahmen in Angriff nehmen sollten. Auch müssen die konkreten Gegebenheiten der einzelnen Orte in Betracht gezogen werden, anstatt alles über einen Kamm zu scheren oder zum Gleichschritt aufzufordern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Pilotversuchen sollten Erfolge belohnt, Misserfolge toleriert und Fehler berichtigt werden, um den Reformenthusiasmus der Kader und der einfachen Leute zu bewahren. Bei der umfassenden Durchführung der Reform sollten wir an erfolgreiche Erfahrungen aus der Vergangenheit anknüpfen, um Rückschläge zu vermeiden, Irrtümer zu reduzieren und die Risiken und Kosten der Reform bestmöglich zu minimieren. Zugleich ist es nötig, die Intensität der Reform an die Akzeptanz des Volkes anzupassen, die politisch-theoretische Erziehung zu verstärken und die flankierenden Maßnahmen zu vervollständigen. Alles in allem müssen wir sowohl entschieden als auch solide vorgehen und sowohl der Gesamtsache als auch den Bedürfnissen verschiedener Seiten Rechnung tragen, um sicherzustellen, dass die Reform reibungslos verläuft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein vertrauenswürdiges Zhejiang aufbauen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Aufbau eines vertrauenswürdigen Zhejiang war ein Beschluss des Parteikomitees und der Regierung der Provinz im Jahr 2002. Ziel war es, durch die gegenseitige Förderung der drei Hauptakteure Regierung, Unternehmen und Einzelpersonen sowie die gegenseitige Ergänzung des Aufbaus des Rechts-, Moral- und Kontrollsystems die „Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit“ zu gemeinsamen Wertvorstellungen und Verhaltensnormen der Zhejianger zu machen.&amp;lt;/ref&amp;gt; ==&lt;br /&gt;
15. September 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Ein Mensch ohne Glauben: ich weiß nicht, was mit einem solchen zu machen ist.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Gespräche des Konfuzius&#039;&#039;, in der Übersetzung von Richard Wilhelm.&amp;lt;/ref&amp;gt; Wenn ein Unternehmen nicht kreditwürdig auftritt, kann von einer langfristigen Entwicklung keine Rede sein. Wenn es in einer Gesellschaft an gegenseitigem Vertrauen mangelt, fühlen sich alle Gesellschaftsmitglieder unsicher. Hat eine Regierung das Vertrauen des Volkes verspielt, besitzt sie keine Autorität mehr. Genosse Zhu Rongji&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zhu Rongji (geb. 1928), ehemals Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des ZK der KP Chinas und Ministerpräsident der Volksrepublik China.&amp;lt;/ref&amp;gt; ermahnte bei der Besichtigung des Nationalen Instituts für Rechnungswesen einst eindringlich: „Keine Bilanzmanipulationen!“ Diese Mahnung war nicht nur an Buchhalter, sondern auch an Regierungsbehörden und Beamte gerichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen die Förderung der Vertrauenswürdigkeit großschreiben, damit diese zum Aushängeschild unserer Provinz wird. Dazu müssen wir erstens die Vertrauenswürdigkeit der Regierung und der Unternehmen steigern und diese Wertvorstellung in allen Bereichen der Gesellschaft durchsetzen. Zweitens müssen wir das kreditbezogene Regelwerk weiterhin vervollständigen, die entsprechende Kontrolle verschärfen, eine förderliche Kultur entwickeln und ein günstiges Klima dafür schaffen. Drittens ist ein Sozialkreditsystem einzurichten, das Bonitätsinformationen, Bonitätsratings sowie einen diesbezüglichen Belohnungs- und Strafmechanismus umfasst und sich vor allem an Unternehmen richtet. Viertens muss die Regierung dabei mit gutem Beispiel vorangehen und sich um ein vertrauenswürdiges Image bemühen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das kulturelle Erbe des Westsees noch besser schützen ==&lt;br /&gt;
29. September 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Westsee in Hangzhou gilt als Zeuge längst vergangener Zeiten und Träger eines profunden kulturellen Erbes. Somit nimmt die Kultur des Westsees eine unersetzbare Stellung in der Kultur der Stadt Hangzhou ein. In der Umgebung des Westsees finden sich bis heute unvergängliche Spuren der Königreiche Wu (?-473 v. Chr.) und Yue (?-306 v. Chr.), der Südlichen Song-Dynastie (1127-1279) sowie der Ming- und der Qing-Dynastie (1368-1911). Diese Spuren spiegeln sich in den zauberhaften Anekdoten und virtuosen Meisterwerken unzähliger Literaten sowie in zahlreichen Hymnen und Überlieferungen über Chinas Nationalhelden. Auch finden sie Ausdruck in der Vielzahl von Gärten, Pavillons, Tempeln und Pagoden, die den Westsee säumen und den Fleiß und die Weisheit der alten Hangzhouer verkörpern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Geschichte und Kultur jeden kleinsten Winkel rund um den berühmten Westsee durchdringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist unsere Aufgabe, dieses historische und kulturelle Erbe gut zu schützen, es vernünftig zu nutzen, weiterzugeben und zu entwickeln. Hangzhou hat beim Umbau der Sehenswürdigkeiten entlang dem südlichen Seeufer im vergangenen Jahr sowie beim Aufbau des neuen Landschaftsgebiets entlang dem westlichen Seeufer und des Landschaftsgebiets rund um den Yanggong-Deich in diesem Jahr eine Reihe historischer und kultureller Stätten wieder ans Licht gebracht, womit das Landschaftsgebiet rund um den Westsee schon wieder an kultureller Bedeutung gewonnen hat. An dieser Entwicklungsrichtung müssen wir auch später festhalten. In einigen anderen Regionen jedoch sind Kulturgüter und Denkmäler dem Umbau alter Siedlungen zum Opfer gefallen, was tief bedauerlich ist. Als Provinzhauptstadt ist Hangzhou dazu verpflichtet, beim Denkmalschutz, der Kulturpflege und der Popularisierung von Geschichte und Kultur mit gutem Beispiel voranzugehen und ständig Fortschritte zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Globale Sicht und strategische Denkweise sind unentbehrlich ==&lt;br /&gt;
06. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorsitzende eines Führungsgremiums in der Partei bzw. der Verwaltung als dessen Oberhaupt ist der erste Verantwortliche, wenn es um die Umsetzung der wichtigen Richtlinien und politischen Maßnahmen des Zentralkomitees der KP Chinas bzw. der Zentralregierung sowie der wichtigen Beschlüsse des Provinzparteikomitees bzw. der Provinzregierung geht. Seine Grundpflicht liegt darin, der Entwicklung die Richtung aufzuweisen, wichtige Angelegenheiten in Angriff zu nehmen und der Gesamtlage Rechnung zu tragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Partei- und Regierungschefs aller Ebenen müssen sich darauf verstehen, gegebene Umstände unter strategischen und politischen Gesichtspunkten zu begreifen und zu beurteilen und auch Probleme auf diese Weise zu betrachten und zu behandeln. Sie müssen außerdem dazu fähig sein, von den komplizierten äußeren Merkmalen zum Wesen der Dinge vorzudringen und die Entwicklungsgesetze dahinter zu erkennen. Derweil sollten sie sich bemühen, ihre Fähigkeiten, die Gesamtlage gut im Griff zu haben, stetig zu steigern, die Entwicklung einzelner Regionen bzw. Behörden stets mit Blick auf die Gesamtentwicklung zu planen und große Vorhaben immer unter Berücksichtigung der Gesamtsituation durchzuführen. Genauso wie „Konfuzius auf der Spitze des Dongshan alles im Staate Lu und von der hohen Warte des Taishan aus alles unter dem Himmel überblicken konnte“,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Mengzi&#039;&#039;. Dongshan und Taishan sind Berge in der heutigen Provinz Shandong.&amp;lt;/ref&amp;gt; müssen sie Probleme vor dem Hintergrund der Gesamtlage betrachten und angehen, die Interessen der Allgemeinheit an erste Stelle setzen sowie sich aus globaler Sicht ein Bild von den politischen Verhältnissen, der wirtschaftlichen Konjunktur und der kulturellen Entwicklung machen. Sie sollten die heutige Zeit und das gegenwärtige China aus strategischer Warte unter die Lupe nehmen, sich Gedanken über die Entwicklung Zhejiangs machen sowie die Arbeit in ihrer Zuständigkeit auf die Gegebenheiten der Welt und des gesamten Landes sowie auf die Gesamtentwicklung der Partei, des Staates und unserer Provinz ausrichten, damit sie immer besser in der Lage sind, ihre Führungsarbeit prinzipienfest und systematisch sowie mit Weitblick und Kreativität zu verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Karte der Einigkeit ausspielen ==&lt;br /&gt;
11. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer sich der Bedeutung von Einigkeit bewusst ist, besitzt echte Weisheit; wer in der Lage ist, Menschen in seiner Umgebung gut zu einigen, der demonstriert unbestrittene Kompetenz. Einigkeit fördert den Zusammenhalt und die Kampfkraft einer Gemeinschaft und bringt neue Produktivkräfte und gute Kader hervor. In dieser Hinsicht sollten die Vorsitzenden der Führungsgremien als Vorbild vorangehen. Alleinherrscher, die anderen kein Gehör schenken, oder Supermänner, die alle Arbeit an sich reißen, werden auf lange Sicht nicht zum Erfolg gelangen. Einigkeit macht stark und vier Augen sehen allemal besser als zwei. Nur mit Unterstützung aller Mitarbeiter kann ein Leiter seine Arbeit gut verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Führungsgremium zusammenzuarbeiten, ist eine glückliche Fügung, die aber gleichzeitig auch große Verantwortung birgt. Als Vorsitzende der Führungsgremien sollten wir stets die Anweisung von Genosse Mao Zedong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mao Zedong (1893-1976), Marxist, proletarischer Revolutionär, Stratege, Theoretiker, einer der wichtigsten Gründer der KP Chinas, der Chinesischen Volksbefreiungsarmee und der Volksrepublik China und Führer aller chinesischen Volksgruppen. Er war der Hauptbegründer der Mao-Zedong-Ideen.&amp;lt;/ref&amp;gt; fest im Kopf behalten, dass „gegenseitiges Verständnis, gegenseitige Unterstützung und Freundschaft zwischen dem Sekretär und den Komiteemitgliedern [...] wichtiger als alles andere sind“,&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Arbeitsmethoden der Parteikomitees&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke&#039;&#039;, deutsche Ausgabe, Band IV. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1969. S. 401.&amp;lt;/ref&amp;gt; und eine richtige Einstellung zu uns selbst, zu unseren Kollegen und zu unserer Organisation haben. Um das Verständnis und Vertrauen der anderen zu gewinnen, müssen wir ehrlich sein, und wir sollten im Zuge der Zusammenarbeit die Chance nutzen, unsere Kollegen besser kennenzulernen und den Zusammenhalt zwischen allen zu fördern. Zudem gilt es, starken Parteigeist, gutes Verhalten und eine charmante Persönlichkeit an den Tag zu legen sowie vernünftige Regeln gelten zu lassen, um ein leistungsstarkes Team zu formen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine geöffnete Hand hat fünf Finger, ballt man diese zusammen, entsteht eine Faust. Ein Führungsgremium lässt sich gut mit einer solchen Hand vergleichen. Wenn alle Mitglieder fest zusammenhalten, bilden sie eine geballte Faust. Der Vorsitzende ist lediglich einer der fünf Finger, allenfalls der Daumen. Mag er auch noch so stark sein, allein macht er noch keine Faust, wenn die übrigen vier Finger nicht mitspielen. Deshalb ist es die Pflicht jedes Vorsitzenden, die Aktivität all seiner Teammitglieder zur Entfaltung zu bringen, damit jeder seine Kompetenz ausübt, für seine Verantwortung geradesteht und seine Fähigkeiten unter Beweis stellt. So wird das Führungsgremium die Karte der Einigkeit ausspielen können und als „geballte Faust“ mit vereinten Kräften zu Werke gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vielstimmigkeit und Einklang ==&lt;br /&gt;
13. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Prinzip der kollektiven Leitung formt einen konkreten Ausdruck des demokratischen Zentralismus im Führungssystem der KP Chinas und stellt zudem einen Schlüsselaspekt in dessen Umsetzung dar. Aufgrund unterschiedlicher Gesichtspunkte und persönlicher Erfahrungen sowie von Unterschieden in Wissensstruktur, Erkenntnisfähigkeit und -stand kommt es bei Diskussionen und Entscheidungsfindungen ganz selbstverständlich manchmal zu Meinungsverschiedenheiten. Sie bilden letztlich gerade die Grundlage der kollektiven Leitung und einer wissenschaftlichen Entscheidungsfindung, Einstimmigkeit oder gar Schweigen mögen sich zwar den Anschein des absoluten Zentralismus und der höchsten Autorität geben, sind jedoch keinesfalls lohnenswert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Führungskunst leitender Kader besteht darin, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und kritischen Stimmen zu üben und die innerparteiliche Demokratie in vollem Maße zu entfalten, um sicherzustellen, dass sich der Entscheidungsprozess in demokratischer und wissenschaftlicher Weise vollzieht und das Parteikomitee im Denken und Handeln einheitlich ausgerichtet ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist wie bei einem Orchester, das stets einen Dirigenten benötigt. Sonst könnten die Musiker nicht gut zusammenspielen und brächten statt Musik nur Lärm hervor. Das Können des Dirigenten zeigt sich darin, dass er sein Orchester geschickt und präzise zu führen weiß, sodass die Klänge der Blas-, Saiten- und Tasteninstrumente zu einer schönen Sinfonie verschmelzen. Auch Vorsitzende von Führungsgremien sollten sich diese Fertigkeit, verschiedene Stimmen miteinander in Einklang zu bringen und daraus eine schöne Melodie zu erzeugen, aneignen, um die kollektiven Beschlüsse mit den gegebenen Verhältnissen sowie den Interessen des Volkes möglichst gut in Übereinstimmung zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Duett gut singen ==&lt;br /&gt;
17. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei den Partei- und Regierungschefs aller Ebenen handelt es sich in gewissem Sinne nicht um einfache natürliche Personen, sondern vielmehr um Verkörperungen des Parteikomitees&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Regierungschef ist normalerweise auch Mitglied des Parteikomitees der gleichen Ebene.&amp;lt;/ref&amp;gt; bzw. der Regierung. Dementsprechend bestehen zwischen ihnen nicht nur normale individuelle Beziehungen, sondern vielmehr eine Beziehung zwischen Partei und Regierung. Wie sie miteinander auskommen, beeinflusst maßgeblich die Synergien des Parteikomitees, die sozioökonomische Entwicklung der jeweiligen Region und die grundlegenden Interessen der örtlichen Bevölkerung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freunde kann man selbst bestimmen, doch Parteisekretäre und Bürgermeister bzw. Kreisvorsteher werden von der zuständigen Personalorganisation ernannt. Beide sollten sich aber als Arbeitspartner gut verstehen und gut zusammenarbeiten, statt miteinander zu ringen, oder, was noch schlimmer wäre, das Gegenüber zu verleumden bzw. seine Schwächen hervorzuheben, um selbst durch eigene Vorzüge hervorzustechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Parteisekretär sollte man die Gesamtlage im Griff haben, doch sich nicht alle Arbeit aufhalsen. Man sollte das Klavierspiel&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:5&amp;quot;&amp;gt;Eine Metapher aus dem Artikel &#039;&#039;Arbeitsmethoden der Parteikomitees&#039;&#039; von Mao Zedong. Darin heißt es: „Beim Klavierspielen müssen sich alle zehn Finger bewegen; es geht nicht, dass sich dabei einige bewegen und andere nicht. Wenn jedoch alle zehn Finger gleichzeitig auf die Tasten drücken, kommt auch keine Melodie heraus. Um gute Musik hervorzubringen, muss die Bewegung der zehn Finger rhythmisch und koordiniert sein.“&amp;lt;/ref&amp;gt; erlernen, sich über die Arbeitsschwerpunkte im Klaren sein und diese gut angehen, anstatt alle Arbeit eigenhändig anzupacken, diktatorisch vorzugehen oder sich in konkrete Verwaltungsangelegenheiten einzumischen, sodass das Parteikomitee seine Rolle als Führungskern gut wahrnehmen kann und alle Behörden ihre jeweiligen Funktionen gut ausüben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Bürgermeister oder Kreisvorsteher sollte man seinen Verpflichtungen nachkommen, darf jedoch seine Kompetenzen nicht überschreiten; man sollte im Parteikomitee aktiv mitwirken, sich bewusst dessen Führung fügen, die Autorität des Parteisekretärs wahren und sich energisch für den Aufbau der Parteiführungsgruppe in der Regierung einsetzen; nicht zuletzt sollte man sich bereit zeigen, die Regierungsarbeit in Übereinstimmung mit den Beschlüssen des Parteikomitees und den Ansichten des Parteisekretärs auszuführen und bei wichtigen Fragen rechtzeitig Anweisungen des Parteikomitees einzuholen und diesem Bericht zu erstatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Partei- und Regierungschefs aller Ebenen müssen sich gegenseitig ergänzen und unterstützen, anstatt einander ein Bein zu stellen. Was du nicht beachtest, dem trage ich Rechnung; was du nicht gut genug erledigt hast, bessere ich nach. Alle Beteiligten sollten stets in einem Boot sitzen und am selben Strang ziehen, um in ein harmonisches Duett einzustimmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mehrere Augenpaare wählen die besten Kader aus ==&lt;br /&gt;
21. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auswahl und der Einsatz von Personal sind wichtige Aufgaben der leitenden Kader und stellen eine Prüfung für alle Parteikomitees und besonders für ihre Sekretäre dar. Sie zeigen, ob diese das Prinzip des demokratischen Zentralismus tatsächlich praktizieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Personalauswahl sollten Führungskader sich den Sand aus den Augen reiben, Kader strikt an ihrer Arbeitsleistung messen und sie einer intensiven Beobachtung und strengen Prüfung unterziehen, um ausführlichste Informationen aus erster Hand zu erhalten. Besonders gilt es, die Nähe anständiger Menschen zu suchen und zu Gaunern und Halunken auf Distanz zu gehen. Auch sollten sie an den entsprechenden Prinzipien und strengen Maßstäben festhalten sowie alle Personalentscheidungen unabhängig von persönlichen Gefühlen und eigener Zu- und Abneigung treffen und dabei auch von Vetternwirtschaft Abstand nehmen. Alles in allem gilt es, die richtige Personalrichtlinie zu verfolgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichzeitig muss man dafür sorgen, dass alle Augen des Führungskollektivs wachsam sind. Ein Paar Augen kann aufgrund seiner natürlichen Beschränkungen, was Blickwinkel und Schärfentiefe angeht, nur ein begrenztes Gebiet erfassen, was unvermeidlich zu Fehlurteilen führt. Mehrere Augen hingegen können einen Kader und seine Arbeit aus mehreren Perspektiven beleuchten und so zu einem möglichst unverzerrten Bild gelangen. Es ist daher die Pflicht und Schuldigkeit jedes Parteisekretärs, die anderen Mitglieder des Parteikomitees dazu anzuleiten und zu motivieren, verschiedene Ansichten vorzubringen, und die Beobachtungsergebnisse aller Augen in die Waagschale zu werfen, um schließlich einstimmige und zugleich richtige Personalentscheidungen zu treffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mit hervorragenden Leistungen einen guten Ruf gewinnen ==&lt;br /&gt;
24. November 2003&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen die führenden Kader bei den Menschen einen guten Ruf haben und einen guten Eindruck hinterlassen, müssen sie sich ihrer Arbeit mit Sorgfalt und Engagement widmen und dem Volk den meisten Nutzen bringen, anstatt sich in Selbstdarstellung zu üben, Effekthascherei zu betreiben oder zu Tricks zu greifen, um wertlosen Beifall zu ernten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Führende Kader müssen einen großen Unternehmungsgeist und ein starkes Verantwortungsgefühl an den Tag legen. Dass Partei und Volk uns auf einen leitenden Posten berufen haben, ist ein großer Vertrauensvorschuss, der die Verantwortung mit sich bringt und uns auch die Chance gibt, die Sorgen und Nöte der Partei zu teilen sowie Staat und Volk gut zu dienen. „Nach dem Rücktritt wird das wahre Urteil über einen Beamten gefällt, sein echtes Image spiegelt sich im Mund der einfachen Leute.“ Wir müssen in unserer Amtszeit unsere Dienstpflicht wahrnehmen, einen Beitrag zur Entwicklung der von uns verwalteten Regionen zu leisten, und jederzeit an das Volk statt an uns selbst denken. Wir sind sowohl den übergeordneten Organen als auch dem Volk Rechenschaft schuldig und müssen der Sache von Partei und Volk treu bleiben, indem wir unseren dienstlichen Verpflichtungen gewissenhaft nachkommen, uns ganz für die Arbeit aufopfern und Großes leisten. Einerseits gilt es, noch mehr große und gute Vorhaben auszuführen, die schnelle Wirkung zeigen, andererseits sind wir, mit Blick auf die Zukunft und grundsätzliche Anliegen, aber auch dazu verpflichtet, vorbereitende Maßnahmen zu treffen, die die Grundlagen für die weitere Entwicklung legen und unseren Nachfolgern zugutekommen, um mit unzweifelhaften Leistungen das Vertrauen und die Unterstützung des Volkes zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wer das Volk nicht im Herzen trägt, ist kein echter Beamter ==&lt;br /&gt;
05. Januar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Die Interessen des Volkes sind niemals Nebensache.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot;&amp;gt;Hu Jintao: &#039;&#039;Die Interessen des Volkes sind niemals Nebensache&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Hu Jintao, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 2. People’s Publishing House, Beijing 2016. S. 58.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die kleinen Anliegen des einzelnen Bürgers sind „Zellen“, die zusammengenommen die große Sache des Staates bzw. des Kollektivs formen. Nur aus gesunden Einzelzellen erwächst letztlich ein vitaler Organismus in seiner Gesamtheit. Für einfache Leute sind alle kleinen Angelegenheiten, die mit ihnen direkt zu tun haben, von großer Bedeutung, ja manchmal sogar dringend oder heikel. Werden diese Dinge nicht rechtzeitig und effektiv behandelt, droht das ihnen aufs Gemüt zu schlagen und sich negativ auf ihr Leben und Arbeiten auszuwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolgreichen Beamten, egal aus welcher Zeit sie stammen, ist eines gemein: Sie fühlen sich dazu verpflichtet, sich der Sorgen und des Kummers der einfachen Menschen anzunehmen. „Ich sorge mich, bevor alle unter dem Himmel besorgt sind; und ich empfinde Glück, wenn alle glücklich sind“, so wird Fan Zhongyan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fan Zhongyan (989-1052) war ein Politiker und Literat der Nördlichen Song-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; zitiert. Und von Zheng Bangiao&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:6&amp;quot;&amp;gt;Zheng Bangiao (1693-1765) war ein Kalligraf, Maler und Schriftsteller der Qing-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; stammt die Verszeile: „Wir mögen zwar nur kleine Präfektur- und Kreisbeamte sein, doch kümmern wir uns um jeden Zweig und jedes Blatt.“ Du Fu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Du Fu (712-770) war ein Dichter der Tang-Zeit.&amp;lt;/ref&amp;gt; fragte in einem Gedicht: „Wie können Millionen große Häuser gebaut werden, damit die armen Gelehrten des Landes wieder lachen können?“ und Yu Qian&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yu Qian (1398-1457) war ein Politiker und Militärstratege der Ming-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; schrieb einst: „Man sollte keine Mühe scheuen, um Kohle aus tiefen Bergen und Wäldern zu gewinnen, damit kein einziger Mensch unter Hunger oder Kälte leiden muss.“ All diese Zitate unterstreichen anschaulich, dass ein Beamter, dem die Menschen nicht am Herzen liegen, den Anforderungen seines Postens nicht gerecht wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Kader der Partei und Diener des Volkes sind wir dem Wohlergehen der Menschen verpflichtet. Wir müssen ihre realen Probleme immer aufrichtig nach dem Ausspruch „Alles Große auf Erden beginnt stets als Kleines&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Dao De Jing&#039;&#039;, in der Übersetzung von Richard Wilhelm.&amp;lt;/ref&amp;gt; lösen, ihnen echten Nutzen bringen und sie von ihren Schwierigkeiten befreien. Wir müssen alle Arbeiten, die die Interessen des Volkes unmittelbar betreffen, mit Feingefühl und Sorgfalt anpacken und uns darum bemühen, dass es an jeder Angelegenheit nichts auszusetzen gibt, um so das volle Vertrauen des Volkes zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über die Führungskunst ==&lt;br /&gt;
13. Januar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiser Leiter wird stets großen Wert auf die Führungskunst legen. Er weiß, worin der Kernpunkt eines Problems und der Schlüssel zu dessen Lösung liegt, beherrscht die betreffenden Gesetzmäßigkeiten und hat den Arbeitsrhythmus im Griff, sodass ihm alles, was er anfasst, leicht von der Hand geht. In der Praxis lassen sich alle Kader in drei Kategorien einordnen: Die Kader des ersten Typs haben einen scharfen Blick und können aus kleinen Details auf das große Ganze schließen. Sie sind auf alle Eventualitäten vorbereitet und verstehen sich darauf, „Vorsorge gegen potenzielle Probleme zu treffen und Unruhen durch Präventionsmaßnahmen aus dem Weg zu gehen“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Dao De Jing&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; oder diese schon im Keim zu ersticken. Sie führen ihre Arbeit immer ordentlich und mit Takt aus und sind in der Lage, alle Seiten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. „Er plaudert und lacht, unterdessen werden die feindlichen Boote zu Asche“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem Gedicht von Su Shi (1037-1101), Dichter und Politiker der Nördlichen Song-Dynastie. Dieser Vers beschreibt eine berühmte Operation in der Zeit der Drei Reiche (220-280) und wird heute als Metapher dafür verwendet, eine Aufgabe im Handumdrehen zu erledigen.&amp;lt;/ref&amp;gt; — dies bringt die höchste Stufe der Führungskunst auf den Punkt. Der zweite Typ arbeitet Tag und Nacht mit Eifer und Fleiß und macht jeden Tag Überstunden. Solchen Kadern fehlen zwar oft ausreichend Weitblick und Feingefühl, doch wenn Probleme auftreten, greifen sie in der Regel rechtzeitig ein und finden stets eine geeignete Lösung. Zwar tut sich dieser Typus mit heiklen Aufgaben nicht leicht und macht stattdessen den Eindruck, Kleinigkeiten überzubewerten, doch er gleicht diese Ungeschicktheit durch großen Fleiß aus und Kader dieses Typs lassen sich von daher mit Recht als pflichttreu bezeichnen. Zum dritten Typ gehören Kader, die in allem instinktlos und langsam sind und Probleme nie frühzeitig erkennen. Führt man ihnen Probleme vor Augen, gehen sie entweder ratlos oder gleichgültig vor. Wir als leitende Kader müssen uns sowohl der Theorie als auch der Praxis widmen, um so unsere Führungskompetenzen ständig zu verbessern. Unser Ziel darf kein geringeres sein, als die höchste Stufe der Führungskunst zu erklimmen und dem dritten Fall nach allen Kräften entgegenzuwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die eigene Amtszeit zu schätzen wissen ==&lt;br /&gt;
15. Januar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Berufsleben führender Kader kennt zeitliche Grenzen und ihre Amtszeit an einem bestimmten Ort ist eher kurz. Von daher gilt es für uns, das Motto „Nutze den Tag“ zu verinnerlichen, unsere begrenzte Amtszeit wertzuschätzen und sie gut auszunutzen, um die realen Probleme der Menschen zu lösen und ihnen mehr Nutzen zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nach dem Rücktritt wird das wahre Urteil über einen Beamten gefällt, sein echtes Image spiegelt sich im Mund der einfachen Leute“, so sagt man ganz richtig, Als leitender Kader sollte jeder von uns sich oft Gedanken darüber machen, wofür er in die KP Chinas eingetreten ist, was er als Beamter tun sollte und was er hinterlassen kann. Wir sollten unseren Beruf so heilig schätzen wie den Taishan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:7&amp;quot;&amp;gt;Der Taishan ist einer der fünf heiligen Berge des Daoismus in China und gilt auch als Sinnbild für respektable Menschen und wertvolle Dinge.&amp;lt;/ref&amp;gt; und unseren Posten als Chance dafür begreifen, einen Beitrag für die Sache der Partei zu leisten und dem Volk gut zu dienen. Wir müssen unsere Amtszeit sinnvoll nutzen, unseren dienstlichen Verpflichtungen nachkommen und Leistungen erbringen, um somit an unserer jeweiligen Wirkungsstätte in der begrenzten Amtszeit reale Verbesserungen zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Praktische Hinweise für wahrheitsgetreue und bodenständige Beamte ==&lt;br /&gt;
03. Februar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Erläuterungen von Genosse Hu Jintao über einen wahrheitsgetreuen und sachbezogenen Arbeitsstil in seiner Rede auf der 3. Plenarsitzung der Kontrollkommission beim 16. ZK der KP Chinas richtig verstehen zu können, müssen wir erstens den tiefen Sinn beider Adjektive wahrhaft begreifen. Sprich: Worin liegt die Wahrheit und was ist es letztlich, das wir ständig verfolgen sollten? Die Antwort lautet: Die Wahrheit lässt sich in den gegebenen Verhältnissen finden und unsere Sache liegt darin, die Regierungsgeschäfte im Interesse des Volkes zu führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens müssen wir den richtigen Weg dazu finden. Sprich: Wie kann man die Wahrheit finden und stets sachbezogene Maßnahmen entwickeln? Die Antwort lautet: Man soll sich durch intensives Studium mit profunden theoretischen Kenntnissen wappnen und sich durch eingehende Feldstudien Klarheit über die realen Verhältnisse verschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens müssen wir die grundlegenden Anforderungen für einen wahrheitsgetreuen und sachbezogenen Arbeitsstil fest im Gedächtnis behalten. Dies betrifft die Frage, wie man diesen Arbeitsstil in die Tat umsetzt. Wir müssen nämlich einschneidende Maßnahmen einleiten und ihre Umsetzung mit Tatkraft fördern, um echte Fortschritte bei der Beschleunigung der Entwicklung Zhejiangs zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viertens muss das endgültige Ziel unserer wahrheitsgetreuen und pragmatischen Arbeit erreicht werden. Dabei geht es um die Frage, für wen wir letztlich arbeiten. Und hier lautet das Credo, dass wir uns stets aufrichtig um das Wohlergehen der Menschen kümmern und ihnen mit zielgerichteten Maßnahmen Vorteile verschaffen müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles in allem gilt es, mit aller Kraft den Geist des Realismus und Pragmatismus zu fördern und den wahrheitsgetreuen und sachbezogenen Arbeitsstil zu verbreiten, um unsere Arbeit in allen Bereichen erfolgreich zu verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das BIP als wichtiger, doch nicht einziger Indikator ==&lt;br /&gt;
08. Februar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten vernünftige Indikatoren für die Bewertung der Arbeitsleistungen von Kadern formulieren sowie eine richtige Personaltichtlinie und ein rationales Personalsystem etablieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausgehend von den örtlichen Gegebenheiten müssen in verschiedenen Regionen unterschiedliche Maßstäbe und Schwerpunkte für die Bewertung der Arbeitsleistungen von Kadern gelten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist dabei ein wichtiger, doch nicht der einzige Indikator. Ein rasantes BIP-Wachstum gilt als Spiegel hervorragender Leistungen, doch die Erfolge beim Umweltschutz und ökologischen Aufbau ebenfalls; Fortschritte in der sozioökonomischen Entwicklung sind zu rühmen, doch ist es auch nötig, soziale Stabilität anzustreben; Maßnahmen mit sofortiger Wirkung sind begrüßenswert, doch auch vorbereitende Maßnahmen werden gerne gesehen; und sowohl die Lösung von Wirtschaftsproblemen als auch die Bewältigung von Schwierigkeiten im Leben der Menschen verdienen unsere Anerkennung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurzum: Wir müssen von der Warte des Grundsatzes, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, unsere Kader aufgrund ihrer Arbeitsleistungen bewerten und darauf bestehen, sowohl ein Auge auf die Entwicklung als auch auf das Wohlergehen der Menschen zu haben, sowohl den übergeordneten Organen als auch den einfachen Leuten verantwortlich zu sein und sowohl der gegenwärtigen Entwicklung als auch der Zukunft Rechnung zu tragen. Dementsprechend gilt es, vernünftige Indikatoren einzuführen, unsere Bewertungsverfahren wissenschaftlich zu gestalten und das entsprechende System sowie die konkreten Methoden ständig zu vervollkommnen. All dies zielt darauf ab, dass alle Kader gemäß den inneren Gesetzen handeln, den gegebenen Verhältnissen große Aufmerksamkeit schenken, die Menschen zu einer aufrichtigen Beteiligung motivieren und nach echten Erfolgen streben, anstatt bloß auf großen Ruhm aus zu sein, sich eitler Arbeit hinzugeben, unrealistische Vorgaben aufzustellen, populistische Parolen zu rufen oder Prestigeprojekte durchzuführen und ihre Arbeitsleistungen zu manipulieren. Wir müssen stattdessen alle Vorhaben gewissenhaft ausführen, damit unsere Arbeit die gewünschte Wirkung erzielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auch in guten Zeiten realitätsnah und sachbezogen bleiben ==&lt;br /&gt;
23. Februar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Realitätsnähe und Sachbezogenheit bilden den wissenschaftlichen Geist, der den dialektischen und den historischen Materialismus durchzieht. Sie stellen den Kerninhalt der politisch-theoretischen Linie unserer Partei dar und gehören zu den guten Traditionen der Partei und der unentbehrlichen politischen Moral der Kommunisten. Werden die Anforderungen der Realitätsnähe und Sachbezogenheit getreu befolgt, weisen die Parteiorganisationen und die Parteikader große Vitalität auf und die Sache von Partei und Volk kommt gut voran. Andernfalls wird unsere Partei schlaff und zermürbt und unsere Sache Rückschlägen ausgesetzt sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen uns über die große Bedeutung des Geistes von Realitätsnähe und Sachbezogenheit im Klaren sein und auch vor dem Hintergrund, dass uns die internationale Lage im Großen und Ganzen zugutekommt, stets wachsam bleiben und potenzielle Schwierigkeiten und Herausforderungen, die uns auf unserem Weg Richtung Zukunft begegnen könnten, zur Kenntnis nehmen. Einerseits können wir mit Sicherheit sagen, dass die Mehrheit der Parteikader mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und sich tatkräftig für ihre Arbeit einsetzt, andererseits müssen wir uns dessen bewusst sein, dass die zehn anstehenden Probleme, die Genosse Hu Jintao in einer wichtigen Rede&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gemeint ist die Rede von Hu Jintao auf der 3. Plenarsitzung der Kontrollkommission beim 16. ZK der KP Chinas am 12. Januar 2004. Die zehn Probleme, die bei manchen Parteikadern auftreten, sind folgende: (1) Ohne Unternehmungsgeist leben sie in den Tag hinein. (2) Sie pflegen keinen soliden Arbeitsstil. (3) Sie sind auf schnelle Erfolge und kurzfristige Interessen versessen. (4) Sie gehen nach ihrem eigenen Willen vor. (5) Sie jagen nach Ruhm und eigenen Vorteilen. (6) Sie buckeln nach oben und treten nach unten. (7) Sie kümmern sich nur um ihr eigenes Wohl. (8) Sie führen ein luxuriöses und verschwenderisches Leben. (9) Sie missbrauchen ihre Macht für private Zwecke. (10) Sie lösen sich vom Volk los.&amp;lt;/ref&amp;gt; treffend beim Namen genannt hat, auch mehr oder weniger in unserer Provinz zu beobachten sind. Je günstiger die Gesamtlage ist und je eifriger das Volk nach schnellerer Entwicklung strebt, desto mehr müssen wir auf Realitätsnähe und Sachbezogenheit bestehen, einen klaren Kopf behalten und einen soliden Arbeitsstil pflegen, um echte Fortschritte in der Reform und Öffnung sowie in der Modernisierung unserer Provinz zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Formalismus in der Umsetzung macht alle Anstrengungen zunichte ==&lt;br /&gt;
26. Februar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Jahr wird ein Jahr der Tat sein. All unsere Arbeit wird darauf abzielen, die „acht Vorzüge“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die „acht Vorzüge“ beziehen sich auf die fortschrittlichen Systeme und Institutionen der Provinz Zhejiang, ihren günstigen Standort, die ausgereiften Industriecluster, die vergleichsweise ausgewogene Entwicklung von Stadt und Land, die guten Ökologischen Bedingungen, die reichen natürlichen Ressourcen, die günstigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung sowie die soziokulturellen Vorteile der Provinz. Angesichts der „acht Vorzüge“ hat Zhejiang auf dem 4. erweiterten Plenum des 11. Provinzparteikomitees im Juli 2003 „acht Maßnahmen“ entwickelt. Darunter fallen, die gemeinsame Entwicklung verschiedener Eigentumsformen mit Tatkraft zu fördern, wobei das Gemeineigentum stets eine dominierende Stellung ein- nimmt, und die sozialistische Marktwirtschaft ständig zu vervollkommnen; sich an Shanghai anzuschließen, aktiv am Austausch und der Kooperation innerhalb des Jangtse-Deltas teilzunehmen und die Öffnung nach innen und nach außen auf eine höhere Stufe zu bringen; die Errichtung von Basen für fortschrittliche Fertigungsindustrie zu beschleunigen und den Weg der Industrialisierung neuen Typs zu beschreiten; die sozioökonomische Entwicklung von Stadt und Land einheitlich zu planen und die Integration von Stadt und Land voranzutreiben; eine Öko-Provinz bzw. ein grünes Zhejiang aufzubauen; die maritime Wirtschaft energisch zu entwickeln, die unterentwickelten Gebiete zu einer sprunghaften Entwicklung zu führen und daraus zwei neue Wachstumsmotoren für die Wirtschaft der Provinz zu schaffen; den Infrastrukturausbau, die Rechtsstaatlichkeit, den kreditbezogenen Aufbau und die Effizienzerhöhung der Verwaltungsorgane aktiv zu fördern; und die Strategien, Zhejiang durch Wissenschaft und Bildung zu beleben und es durch Fachkräfte stark zu machen, engagiert in die Tat umzusetzen und den Aufbau einer Kulturprovinz beschleunigt voranzubringen. &amp;quot;Acht-acht-Strategie&amp;quot; ist ein Sammelbegriff für die „acht Vorzüge“ und die „acht Maßnahmen“.&amp;lt;/ref&amp;gt; unserer Provinz in vollem Maße zu entfalten, die „acht Maßnahmen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; intensiv durchzuführen sowie die umfassende, koordinierte und nachhaltige Entwicklung Zhejiangs tatkräftig zu fördern. Wir müssen der Umsetzung einen wichtigen Platz einräumen und dürfen in dieser Hinsicht niemals nachlassen. Die Praxis hat uns gelehrt, dass Laxheit und Formalismus in der Umsetzung all unsere Maßnahmen im Sande verlaufen lassen. Wenn die Maßnahmen dagegen wirksam in die Tat umgesetzt werden, kommt unsere Sache in Schwung. Sonst werden wir, egal wie großartig unsere Vorhaben auch sein mögen, letztlich nur Luftschlösser bauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Arbeitsstil, die Führungskompetenz und das Leistungsniveau der leitenden Kader lassen sich daran messen, ob sie sich gut darauf verstehen, die Umsetzung beschlossener Maßnahmen konsequent und effektiv zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Zhejiang anbelangt, so werden wir uns dieses Jahr vor allem auf die Umsetzung der wichtigen Beschlüsse und Pläne in Bezug auf die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; konzentrieren. Diese Strategie bringt die wissenschaftliche Anschauung der umfassenden, koordinierten und nachhaltigen Entwicklung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung ist ein wichtiger Bestandteil des Theoriesystems des Sozialismus chinesischer Prägung und einer der Leitgedanken der KP Chinas. Demnach hat die Entwicklung vorrangige Bedeutung; der Kerngedanke liegt darin, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen; die grundsätzlichen Forderungen bilden Allseitigkeit, Koordination und Nachhaltigkeit; und als grundlegende Methode ist einheitliche Planung unter Berücksichtigung aller Faktoren vorgesehen.&amp;lt;/ref&amp;gt; zum Ausdruck und findet in unserer Provinz einstimmige Anerkennung. Ihre Ausführung entspricht den Anforderungen an die beschleunigte sozioökonomische Entwicklung unserer Provinz und dem gemeinsamen Wunsch unserer Bevölkerung und stellt unsere strategische Aufgabe für dieses Jahr und die nahe Zukunft dar. Es gilt von daher für jeden von uns, vom Spitzenpolitiker bis zum Kader auf Basisebene, die „Acht-acht-Strategie“ großzuschreiben und deren Durchführung ganz oben auf die Tagesordnung zu setzen, wobei den Gegebenheiten vor Ort Rechnung getragen und großes Gewicht auf die konkrete Ausführung der Arbeit gelegt werden muss. Der Gesamtplan und die einzelnen Aufgaben im Rahmen dieser Strategie sind Zug um Zug auszuführen, um Jahr für Jahr neue Erfolge zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was dem Volk zugutekommt, muss mit allen Mitteln umgesetzt werden ==&lt;br /&gt;
27. Februar 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, stellt eine wesentliche Forderung der wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens dar. Ob die Kader diese wichtigen Ideen richtig verstanden haben und sie mit Herz und Seele praktizieren, lässt sich daran messen, ob sie dieser Forderung gerecht geworden sind. Die öffentlichen Interessen zu vertreten und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes auszuüben, mündet schließlich in einen realitätsnahen und sachbezogenen Arbeitsstil und eine straffe Umsetzung aller beschlossenen Maßnahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen diese wesentliche Forderung sowohl als Ausgangspunkt als auch als das endgültige Ziel all unserer Arbeit betrachten und sie bei der Entwicklung und Durchführung aller Richtlinien und politischen Maßnahmen befolgen. Die führenden Kader aller Ebenen müssen ihr Denken und Handeln nach dieser Forderung ausrichten und sie erfüllen, indem sie sich der Arbeit und des Lebens der einfachen Leute annehmen. Zu jeder Zeit und unter allen Umständen müssen wir die grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung an erste Stelle setzen und unsere Verrichtungen und Leistungen bewusst danach beurteilen, ob sie mit diesen in Übereinstimmung stehen. Alles, was dem Volk Nutzen verspricht, gilt es mit allen Mitteln durchzusetzen; alles, was den Interessen der Menschen entgegensteht, müssen wir mit Entschlossenheit aufgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ziel aller Anstrengungen ist das Wohl des Volkes ==&lt;br /&gt;
03. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob es einem leitenden Kader gelingt, realitätsnah und bodenständig zu bleiben und durch aufrichtiges Bemühen stets die realen Probleme der einfachen Leute zu lösen, ihnen ständig Vorteile zu bringen und sie aus vollem Herzen von ihren Sorgen und Nöten zu befreien, hängt davon ab, ob er sich von einer richtigen und wissenschaftlichen Anschauung in Bezug auf Arbeitsleistung und Entwicklung leiten lässt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als leitender Kader, der sich für die sozioökonomische Entwicklung und das Wohlergehen des Volkes unter seiner Verwaltung einsetzt, muss man durch die eigene Arbeit Tatsachen schaffen und solche stets anstreben. Zu erstrebenswerten Arbeitsleistungen der Kommunisten gehören alle Verrichtungen, die Anerkennung bei den Menschen finden, ihnen Trost spenden und Mut machen sowie ihre Unzufriedenheit und Sorge zerstreuen, die die Probleme, die dem Volk am meisten am Herzen liegen und keinen Aufschub vertragen, bewältigen und die dem umfassenden Aufbau einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand und der allseitigen Entfaltung des Menschen dienlich sind. Der grundlegende Weg, gute Arbeitsleistungen zustande zu bringen, liegt darin, die kurzfristigen Interessen des Volkes mit den langfristigen zu verbinden, Gesetzmäßigkeiten zu respektieren und zu befolgen sowie alle Arbeit mit beiden Beinen fest auf der Erde stehend zu verrichten. Das endgültige Ziel ist es, dem Volk reale Vorteile zu bringen. Wer nur darauf aus ist, durch glänzende Arbeitserfolge Ruhm zu ernten und auf der Karriereleiter voranzukommen, dem kommen ein realitätsnaher und sachbezogener Arbeitsstil, Verantwortlichkeit für das Volk und die Konzentration auf die Umsetzung beschlossener Maßnahmen gar nicht erst in den Sinn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich steht unsere Einstellung zu Arbeitsleistungen in engem Zusammenhang mit unserer Entwicklungsanschauung. Ein wissenschaftliches Entwicklungskonzept führt zu einer richtigen Auffassung von Arbeitsleistungen, und durch Letztere zeigt sich Erstere in der Praxis. Wir müssen stets den Menschen in den Mittelpunkt stellen, uns eine wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung und eine richtige Einstellung zu Arbeitsleistungen sowie zum Volk zu eigen machen und der wesentlichen Forderung, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, getreu nachkommen, indem wir uns der Menschen aufrichtig annehmen und ihnen mit zielgerichteten Maßnahmen Nutzen bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Beharrlichkeit ist der Schlüssel zum Erfolg ==&lt;br /&gt;
08. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; formt eine gelungene Kombination aus Tradition und Innovation. Genauso wie ein Baby erst nach einer neunmonatigen Schwangerschaft zur Welt gebracht wird, sind Zhejiangs heutige Errungenschaften auch nichts, was über Nacht erreicht wurde, sondern vielmehr ein Ergebnis der langjährigen Anstrengungen der ehemaligen Parteikomitees und Regierungen sowie der Kader und einfachen Leute unserer Provinz. Wir sollten unseren Vorgängern dafür dankbar sein, den Staffelstab von ihnen übernehmen und weiter mit der Zeit gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wichtiges Prinzip der richtigen Anschauung von Arbeitsleistungen lautet, die bewährten Maßnahmen und Beschlüsse konsequent durchzuführen und auf Grundlage der Arbeit unserer Vorgänger Verbesserungen an diesen vorzunehmen, anstatt sie nach einem Führungswechsel einfach abzuschaffen. Dieses Prinzip ist Teil unserer politischen Moral sowie ein Ausdruck der richtigen Einstellung zu Arbeitsleistungen und entspricht auch den grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, Selbstverständlich wandeln sich Umstände im Zuge der Zeit. Nicht von ungefähr kommt Konfuzius’ Ausspruch: „So fließt alles dahin, wie dieser Fluss.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Alle Dinge sind im unaufhaltsamen Wandel begriffen. Wir sollten von daher auf alle Veränderungen gefasst sein, unsere Verrichtungen an die Zeit und die gegebenen Verhältnisse anpassen und ständig Pionierarbeit leisten und Innovationen einführen. Innovation ist die Seele der wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens. Ohne sie kann von Entwicklung und Fortschritt keine Rede sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die strategisch günstige Phase dringend wahrnehmen ==&lt;br /&gt;
18. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine strategisch günstige Phase ist ein Zeitabschnitt in der Geschichte, der aufgrund des Zusammenwirkens verschiedener Faktoren im In- und Ausland für die sozioökonomische Entwicklung besonders förderlich ist. Ob die sich in einer solchen Periode bietenden Chancen allerdings zu echten Erfolgen führen, dabei kommt es vor allem auf die Aktivität der Menschen und insbesondere auf strategische Entscheidungen auf der Makroebene an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ersten zwanzig Jahre des neuen Jahrhunderts sind eine Zeit, in der die sozioökonomische Entwicklung in unserem Land einen Gang zulegen und die sozialistische Marktwirtschaft weiter reifen wird. Solange wir die Chancen dieser strategisch günstigen Periode fest anpacken und gut ausnutzen, werden wir in der immer heftigeren Konkurrenz hinsichtlich der umfassenden Landesstärke das Heft in der Hand haben und das Wiederaufleben der chinesischen Nation realisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bedeutende, strategisch günstige Perioden wie diese bieten sich selten und sie gehen schnell vorbei. Wer glaubt, es blieben noch fünfzehn Jahre, auch wenn man die ersten fünf bereits vergeudet hat, der irrt. Vielmehr wird man, wenn man sich nicht an den Zeitplan hält und die ersten fünf Jahre verschläft, auch die guten Chancen und günstigen Bedingungen in den darauffolgenden fünfzehn Jahren vorbeiziehen lassen. Wir müssen uns von daher auf den Handlungsdruck der ersten zwanzig Jahre des neuen Jahrhunderts gut einstellen. Nur wenn es uns gelingt, frühzeitig anzusetzen, unsere Arbeit tüchtig anzupacken, solide Maßnahmen zu treffen und die Periode gut wahrzunehmen, werden wir die günstigen Gelegenheiten schon im Ansatz ergreifen und die Oberhand gewinnen, die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; zu noch größeren Erfolgen führen sowie unser Ziel, den umfassenden Aufbau einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand in Zhejiang zu beschleunigen und die Modernisierung frühzeitig abzuschließen, erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== BIP-Wachstum ja, aber in grüner Weise ==&lt;br /&gt;
19. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entwicklung ist die primäre Aufgabe unserer Partei bei der Regierungsführung, wenn sie unser Land zum Wiederaufschwung bringen will. Gegenwärtig sind wir bereits in eine neue Entwicklungsphase eingetreten, in der wir nicht mehr nur danach streben, den Grundbedarf der Bevölkerung zu decken, sondern vielmehr danach, beschleunigt eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand umfassend aufzubauen und die Modernisierung unseres Landes frühzeitig zu vollenden. Dabei dürfen wir allerdings nicht ausschließlich die Entwicklungsgeschwindigkeit anvisieren, sondern müssen uns um ein Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz bemühen. Auch dürfen wir nicht blindlings die Umwelt für die Entwicklung opfern und so unseren Nachkommen schwere Lasten aufbürden. Stattdessen müssen wir zugunsten einer harmonischen Entwicklung von Mensch und Natur unsere Arbeit in den Bereichen Bevölkerung, Ressourcen und Umwelt gewissenhaft verrichten. Wir sollten also nicht nur dafür sorgen, dass das Bruttoinlandsprodukt wächst, sondern dass dies in grüner Weise erfolgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Würden wir in Zhejiang, einer relativ kleinen und doch dicht besiedelten Provinz, den konventionellen Entwicklungsweg beschreiten, würde dies unsere Umwelt schwer belasten. Auch für die Wirtschaftsentwicklung und das Leben der Bevölkerung hätte dies negative Folgen, und das kann nicht unser Wunsch sein. Es ist deshalb nötig, dass wir uns die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung zu eigen machen, sowohl der gegenwärtigen als auch der zukünftigen Entwicklung Rechnung tragen und uns engagiert für unseren großen Auftrag, nämlich die Verwirklichung einer umfassenden, koordinierten und nachhaltigen Entwicklung, einsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Details und Kleinigkeiten sind ein Spiegel ==&lt;br /&gt;
20. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An kleinen Details erkennt man Geist und Moral. Kleinigkeiten bilden einen Spiegel, der die moralische Beschaffenheit und das Verhalten eines Menschen wiedergibt. Und in Details und Kleinigkeiten erkennt man auch den Parteigeist sowie die Richtschnur des Handelns und die Persönlichkeit eines Parteimitgliedes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Ein Ameisennest kann zum Bruch eines Dammes führen, und eine kleine spitze Nadel reicht aus, um Luft abzulassen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Fan Ye: &#039;&#039;Chronik der späteren Han-Dynastie&#039;&#039;. Fan Ye (398-445) war ein Historiker, der zu Zeiten der Südlichen und Nördlichen Dynastien lebte.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Kleine Croton-Samen lösen schwere Durchfälle aus; und auch in flachen Weingläsern ertränkt man sich.“ Diese Sprichwörter bergen die Erkenntnis, dass quantitative Veränderungen in qualitative umschlagen können, was sich u. a. in zahlreichen Korruptionsfällen bewahrheitet hat. Der Untergang der meisten korrupten Beamten findet seine Wurzel in kleinen Vergehen. Beim Weintrinken und Anstoßen haben sie ihre Wachsamkeit vergessen, wegen geringfügiger Vorteile ihre Prinzipien aufgegeben und für Vergnügungen ihre Ehre außer Acht gelassen. Hierfür gibt es nicht wenige Beispiele. Ein wertvoller Rat für jeden leitenden Kader ist deshalb, sich auch vor scheinbaren Belanglosigkeiten in Acht zu nehmen und auch die kleinsten Verhaltensregeln einzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir alle müssen uns in Selbstdisziplin üben, auch in Kleinigkeiten Anstand besitzen und uns in allen Details stetig vervollkommnen. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, den Blick für Recht und Unrecht durch Lernen zu verschärfen, unsere Gesinnung durch Selbstreflexion zu kultivieren, mit anständigem Betragen einen guten Ruf zu erwerben und Korruption durch Rechtschaffenheit zu bekämpfen, und uns so verhalten, wie es sich für ein vollwertiges Mitglied der KP Chinas gebührt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Privatwirtschaft entwickelt sich gut in Zhejiang, Vor diesem Hintergrund sollten die leitenden Kader aller Ebenen einerseits die Entwicklung der Privatwirtschaft unterstützen, Privatunternehmern nahestehen, ihnen gute Chancen für ihre Geschäfte bieten sowie sie von ihren Sorgen und Nöten befreien. Andererseits gilt es für sie, im Umgang mit Privatunternehmern den gebührenden Abstand zu wahren und eine klare Grenze zwischen privaten und dienstlichen Angelegenheiten zu ziehen. Klientelismus ist hier fehl am Platz. Diesbezüglich darf man sich nicht vom rechten Weg abbringen lassen, wofür es zahlreiche warnende Beispiele gibt. Die führenden Kader aller Ebenen müssen Selbstkultivierung großschreiben und auch Kleinigkeiten mit Vorsicht und Anstand behandeln, um zu vermeiden, dass aus kleinen Fehlern große Versäumnisse werden. Sie müssen stets integer bleiben und sich bewusst der öffentlichen Moral, der Parteidisziplin und dem Staatsrecht fügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gerade in guten Zeiten Überheblichkeit und Unbesonnenheit vermeiden ==&lt;br /&gt;
22. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Hu Jintao hat uns ermahnt: „Je günstiger die Gesamtlage ist und je eifriger das Volk nach schnellerer Entwicklung strebt, desto mehr müssen wir auf Realitätsnähe und Sachbezogenheit bestehen, einen klaren Kopf behalten und einen soliden Arbeitsstil pflegen.“ Über diese Worte müssen wir uns Gedanken machen, um tiefe Einsicht in sie zu gewinnen und sie richtig in die Tat umzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Eine aufgeblasene Armee ist zum Scheitern verurteilt.“&amp;lt;ref&amp;gt;Ban Gu:&#039;&#039;Chronik der Han-Dynastie, auch bekannt als Chronik der Westlichen Han-Dynastie&#039;&#039;. Ban Gu (32-92) war ein Historiker der Östlichen Han-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Überheblichkeit und Unbesonnenheit sind seit jeher der Feind guter Arbeit. Besonders wenn alles glatt geht, keimen sehr leicht Stolz und Selbstgefälligkeit auf, welche schnell zu Fehlern führen. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass die Prosperität des heutigen Zhejiang das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen aller Menschen unter Führung seiner ehemaligen Parteikomitees und Regierungen ist. Und diese wurden wiederum von den Zentralkomitees der KP Chinas angeleitet. Im Zuge der fortschreitenden Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft unseres Landes haben andere Landesteile zahlreiche Erfolgserfahrungen hervorgebracht, die wir uns zu eigen machen sollten. Zugleich haben sie unsere bewährten Methoden übernommen und sind uns heute in vielen Aspekten sogar überlegen. Als Reaktion hierauf müssen wir unser Vorsorgebewusstsein verstärken, von Überheblichkeit und Unbesonnenheit Abstand nehmen und mit äußerster Vorsicht agieren. Wir dürfen kein bisschen nachlässig werden und keine Sekunde verlieren. Wir müssen unser Bestes geben, unsere Strecke im historischen Staffellauf erfolgreich zurückzulegen, und mit Pioniergeist, unermüdlichem Eifer und großer Tatkraft immer neue Leistungen vollbringen, um das Vertrauen von Partei und Volk nicht zu enttäuschen und den ehrenvollen Auftrag, den sie uns übertragen haben, gut zu erledigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Probleme in der Entwicklung durch Reformen lösen ==&lt;br /&gt;
25. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Mensch muss eine gewisse Moral haben.“&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Harter Kampf ist unser politischer Charakter&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Zedong, Gesammelte Werke&#039;&#039;, Band 7. People’s Publishing House, Beijing 1999. S. 162.&amp;lt;/ref&amp;gt; Eine positive geistige Verfassung kann die Intelligenz und das Potenzial eines Menschen in großem Maße erwecken und riesige Kraft freisetzen, womit sich alle Schwierigkeiten bewältigen und große Erfolge erzielen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig befindet sich Chinas Reform in einer entscheidenden Phase, in der es harte Nüsse zu knacken gilt. Unsere Entwicklung ist erneut in eine Schlüsselperiode eingetreten und was die Stabilität angeht, kommen ebenfalls neue Merkmale zum Vorschein. Angesichts des zunehmenden Defizits an Land und Strom und vieler anderer Schwierigkeiten im Verlauf der fortschreitenden Reform und Entwicklung müssen wir unser Verantwortungsbewusstsein, die Sache von Partei und Volk mit größter Gewissenhaftigkeit anzupacken, verstärken, die Anweisungen des Zentralkomitees der Partei mit den lokalen Gegebenheiten unserer Provinz geschickt kombinieren, unser Denken an die Realitäten und die Zeit anpassen und unsere Arbeit mit Innovationsgeist verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den mehr als zwanzig Jahren seit Beginn der Reform und Öffnung hat Zhejiang einen Weg der Reform und Innovation beschritten, wobei wir verschiedene Schwierigkeiten und vielfältige Probleme in der Entwicklung durch Reformen bewältigt haben. Schwierigkeiten machen Druck und bringen Herausforderungen mit sich, zugleich bergen sie aber stets auch Chancen. Wer Schwierigkeiten aus dem Weg räumt, packt gleichzeitig auch günstige Gelegenheiten beim Schopfe und holt einen Vorsprung heraus. Die führenden Kader aller Ebenen sollten allen Schwierigkeiten fest ins Auge sehen und sie mit allen Mitteln überwinden, Druck in Impulse umwandeln und aus einer ungünstigen Situation stets das Beste machen. Sie müssen den Mut haben, große Verantwortung auf sich zu nehmen, und dürfen weder perfektionistisch sein noch aus Furcht vor Risiken in Untätigkeit verharren. Stattdessen müssen sie wie ein Gärtner, der seine Blumen vor Schädlingen schützt und sie behutsam umsorgt, den Kadern und den einfachen Leuten Dampf machen, ihre Aktivität und Kreativität in der Praxis bewahren, sie fördern und entfalten sowie für ein angenehmes Entwicklungsklima sorgen, sodass die Entwicklung Zhejiangs weiter an Fahrt gewinnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sein Wissen stets auf dem neuesten Stand halten ==&lt;br /&gt;
29. März 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die heutige Zeit, in der Wissenschaft und Technik eine stürmische Entwicklung erleben und mannigfaltige neue Kenntnisse wie Pilze aus dem Boden schießen, zwingt alle Kader, vor allem solche, die eine leitende Position innehaben, sich verstärkt dem Lernen zu widmen, ihre Qualifikation zu erhöhen und ihr Wissen stets auf dem neuesten Stand zu halten. Auf dem 16. Parteitag der KP Chinas im November 2002 wurde die Forderung vorgebracht, ein System der lebensbegleitenden Bildung einzurichten, um eine Gesellschaft des lebenslangen Lernens aller aufzubauen und die allseitige Entfaltung des Menschen zu fördern. Dies ist eine strategische Aufgabe von großer Bedeutung für die nachhaltige Entwicklung und das Wiederaufleben der chinesischen Nation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit ihrer Gründung macht unsere Partei die ständige Weiter- und Fortbildung für alle Parteikader zur Pflicht. Schon Genosse Mao Zedong rief dazu auf, „unser Studium umzugestalten“.&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Unser Studium umgestalten&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke&#039;&#039;, deutsche Ausgabe, Band III. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1969. S. 15-24.&amp;lt;/ref&amp;gt; Genosse Deng Xiaoping erklärte: „Lernen legt die Grundlage für das Vorwärtskommen.“&amp;lt;ref&amp;gt;In: &#039;&#039;Manuskripte der Revolutionäre der älteren Generation&#039;&#039;. People’s Publishing House, Beijing 1991. S. 291.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Angesichts der ständig auftretenden Probleme muß sowohl unsere Partei — müssen wir Kommunisten — als auch das ganze chinesische Volk unablässig lernen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Deng Xiaoping: &#039;&#039;Die gegenwärtige Lage und unsere Aufgaben&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Deng Xiaoping, Ausgewählte Schriften&#039;&#039; (1975-1982), deutsche Ausgabe. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1985. S. 291.&amp;lt;/ref&amp;gt; Nach dem Eintritt in eine neue Periode betonte auch Genosse Jiang Zemin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jiang Zemin (geb. 1926), ehemals Generalsekretär des Zentralkomitees der KP Chinas, Staatspräsident der Volksrepublik China, Vorsitzender der Militärkommission beim ZK der KP Chinas und Vorsitzender der Zentralen Militärkommission der Volksrepublik China. Er ist der Hauptbegründer der wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens.&amp;lt;/ref&amp;gt; wiederholt die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Lernens. Das Führungskollektiv unter Generalsekretär Hu Jintao hat nun durch tatsächliches Handeln der ganzen Partei ein gutes Beispiel darin gegeben, das Lernen zu verstärken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der Tatsache, dass unser Wissen sowie unsere Fähigkeiten und Qualifikationen den Anforderungen der Zeit noch immer nicht genügen, müssen wir unser Bewusstsein für die Notwendigkeit lebenslangen Lernens stärken, aus eigenem Antrieb eine „Revolution des Lernens“ einleiten und die äußeren Anforderungen in Eigeninitiative verwandeln, sodass Lernen ein Hobby, eine Gewohnheit, ein geistiges Bedürfnis und fester Bestandteil unseres Lebens wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ohne Druck wird man nichts zustande bringen ==&lt;br /&gt;
06. April 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt führende Kader, die bloße Redner sind. Sie stampfen Entscheidungen aus dem Boden und geben ehrenwörtliche Zusagen, doch in der Praxis arbeiten sie kaum solide und sind lediglich darauf bedacht, sich in Szene zu setzen, anstatt aufrichtige Arbeit zu leisten. Sie unterliegen dem Irrglauben, allein durch die Erwähnung auf einer Sitzung seien die Dinge schon erledigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im chinesischen Volksmund heißt es: „Ohne Druck wird man nichts zustande bringen, genauso wie kein Erdöl aus dem Bohrloch gepresst wird, wenn kein Druck darauf ausgeübt wird.“ Lockerheit in der Arbeit bringt Probleme mit sich, häufig auftretende Arbeitsunfälle sind schlagkräftige Beispiele hierfür. Regeln und Vorschriften haben wir schon viele, das Problem ist nur, dass diese nicht oder nicht strikt genug befolgt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt auch führende Kader, die ihre Untergebenen nur loben, aber nie kritisieren, weil sie niemanden vor den Kopf stoßen wollen. Für die Arbeit ist dies allerdings nachteilig. Stattdessen sollten gute Leistungen zwar gerühmt, aber auch Fehler und Mängel offen angesprochen werden. In Bewertungen sollen nicht nur ausgezeichnete Kader ausgewählt werden. Wer in der Arbeit durchs Raster fällt oder eine bestimmte Aufgabe nicht zufriedenstellend erfüllt hat, muss schonungslos in die Kategorie „mangelhaft“ eingeordnet werden. Dabei gilt es, klar Position zu beziehen, sodass den Guten eine gebührende Belohnung zuteilwird und die Schlechten eine Strafe auferlegt bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen setzen sich alle Partei- und Regierungsorgane unserer Provinz für die Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit ein. Der Schlüssel liegt darin, unsere Arbeitsweise zu verbessern und unseren Arbeitsstil anzupassen. Es reicht nicht aus, schlicht gute Wünsche zu hegen, sondern es gilt, diese durch konkretes Handeln in die Tat umzusetzen. Statt allgemeinen Appellen gilt es, sich über die Realitäten zu informieren und gezielte Maßnahmen zu treffen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Des Weiteren muss man alle Arbeit mit Ausdauer von Anfang bis Ende ausführen, anstatt sie mit Eifer zu beginnen, nur um sie dann letztlich im Sande verlaufen zu lassen oder hastig zu Ende zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen uns stets auf unsere Arbeitsschwerpunkte konzentrieren, Teilziele und -aufgaben festlegen, Arbeitsmaßnahmen in die Tat umsetzen und unsere Arbeitseffizienz erhöhen, um unsere Arbeit in allen Bereichen auf eine höhere Stufe zu heben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Fragen der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner im größeren Zusammenhang behandeln ==&lt;br /&gt;
09. April 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fragen der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner beziehen sich nicht nur auf die Interessen der Bauern, sondern haben auch Einfluss auf die Gesamtentwicklung unseres Landes, daher besitzen sie den höchsten Stellenwert unter aller Arbeit der Partei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der letzten Zeit haben die Parteikomitees und Regierungen auf allen Ebenen unserer Provinz dieser Arbeit große Aufmerksamkeit geschenkt und dabei beachtliche Erfolge erzielt. Zugleich müssen wir uns aber auch der großen Herausforderungen, die sich in diesem Bereich noch immer stellen, voll bewusst sein. Erstens stehen die rückständige landwirtschaftliche Produktions- und Bewirtschaftungsweise sowie die rückständige Zirkulationsweise von Agrarprodukten der Erhöhung des Nutzens der Agrarwirtschaft und der Entwicklung einer modernen Landwirtschaft im Wege. Zweitens sind die schwachen Antriebskräfte und Übertragungseffekte der Städte sowie eine unrationale Investitionsstruktur nachteilig für die Verbesserung des Antlitzes der ländlichen Gebiete und den Aufbau moderner Dörfer. Drittens behindern die dualen Systeme für Stadt und Land in den Bereichen Beschäftigung, soziale Sicherung, Haushaltsregistrierung und Bildung die Zuwanderung vom Land in die Städte und die Steigerung der Einkommen der Landbewohner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig befindet sich unsere Provinz in einer entscheidenden Phase zur Lösung der Fragen, die mit den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner in Beziehung stehen. Wenn wir diese Fragen jedoch isoliert untersuchen, werden wir keine gründlichen Lösungen für die betreffenden Probleme finden. Nur wenn wir sie im größeren Zusammenhang betrachten und im Kontext der integrierten Entwicklung von Stadt und Land behandeln, werden wir die institutionellen Hindernisse für die Erhöhung des Nutzens der Agrarwirtschaft, die Steigerung der Einkommen der Landbewohner und die allgemeine Entwicklung der ländlichen Gebiete überwinden, und dadurch die heiklen Probleme in den genannten drei Bereichen mit der Wurzel ausrotten, die Produktivkräfte auf dem Land voll freisetzen und weiterentwickeln sowie die Modernisierung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete beschleunigen können. Das heißt, der Schlüssel zur Lösung aller Probleme, die die Landwirtschaft, die ländlichen Gebiete und die Landbewohner betreffen, liegt in einer integrierten Entwicklung von Stadt und Land.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wirtschaftsentwicklung und ökologischen Aufbau gleichermaßen zum Erfolg führen ==&lt;br /&gt;
12. April 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als eine systematische Theorie bildet die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung eine Leitlinie, die wir in der Gegenwart strikt befolgen müssen, um eine koordinierte Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Gelingt es uns nicht, uns diese zu eigen zu machen und sie in die Tat umzusetzen, ist es unmöglich, den richtigen Entwicklungsweg für die Zukunft einzuschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung besagt ausdrücklich, dass das Wachstum der Wirtschaft nicht mit ihrer Entwicklung gleichzusetzen ist, dass sich Fortschritt im Wirtschaftsbereich nicht lediglich auf eine Steigerung des Wachstumstempos bezieht und dass eine entwickelte Wirtschaft nicht eine umfassende Entwicklung bedeutet, geschweige denn, dass diese auf Kosten der Umwelt realisiert werden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon Konfuzius sagte: „Wer nicht das Ferne bedenkt, dem ist Betrübnis nahe.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Eine unausgewogene und einseitige Entwicklung wird sich schließlich von verschiedenen Seiten, z. B. seitens der Natur, rächen. Das endgültige Ziel von Entwicklung muss im Fortschritt aller Gesellschaftsbereiche und der ständigen Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung liegen. Wir setzen uns deshalb für den Aufbau einer Öko-Provinz, eine wichtige Maßnahme zur Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung, ein, mit dem Ziel, die Harmonie zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen und sowohl die Wirtschaftsentwicklung als auch den ökologischen Aufbau auf die Erfolgsspur zu lenken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Entwicklung von Stadt und Land mit Blick auf die Gesamtlage integrieren ==&lt;br /&gt;
19. April 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung hat einen reichen theoretischen Gehalt und betrifft Wirtschaft, Politik, Kultur, die Gesellschaft und viele andere Bereiche. Sie fordert im Wesentlichen eine einheitliche Planung unter Berücksichtigung aller Faktoren, ganz konkret gesprochen sieht sie eine „einheitliche Planung in fünf Aspekten“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gemeint ist, die Entwicklung von Stadt und Land, verschiedener Landesteile, von Wirtschaft und Gesellschaft, die harmonische Entwicklung von Mensch und Natur sowie die nationale Entwicklung und die Öffnung nach außen einheitlich zu planen.&amp;lt;/ref&amp;gt; vor. Die Entwicklung von Stadt und Land zu integrieren, steht dabei an erster Stelle und stellt einen wichtigen Inhalt und Ausdruck der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren hat unsere Provinz wirtschaftlich eine rasante Entwicklung erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt verbuchte ein jährliches Wachstum von über 13 Prozent, das Antlitz der Städte und Landstriche hat sich tief greifend verändert und das Leben der Stadt- und Landbewohner wurde erheblich verbessert. Doch wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass trotz der stürmischen Entwicklung in den Städten und der schnellen Erhöhung der Einkommen der Stadt- und Landbevölkerung noch immer ein starkes Gefälle zwischen Stadt und Land besteht. Die ländlichen Gebiete bleiben im sozialen Bereich wie z. B. bei Bildung, Kultur, Gesundheitswesen und Sport sowie in Sachen Infrastruktur weit hinter den Städten zurück, und die Schere zwischen Stadt- und Landbewohnern hinsichtlich der Einkünfte, des Lebensstandards und der Lebensqualität geht immer weiter auseinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wachsende Kluft zwischen Stadt und Land zu überwinden, die dualen Systeme und Strukturen, die Stadt und Land voneinander trennen, abzuschaffen sowie die Entwicklung von Stadt und Land zu integrieren, sie wissenschaftlich zu planen und gut zu koordinieren, sodass sich Stadt und Land gegenseitig unterstützen und ergänzen — das sind die nur logischen Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung und konkrete Schritte, die wir unternehmen sollten, um das Konzept, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, und die Ideen der umfassenden, koordinierten und nachhaltigen Entwicklung in die Praxis umzusetzen sowie die allseitige Entwicklung der Wirtschaft, der Gesellschaft und der Menschen zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für eine neue Auffassung von Stabilität ==&lt;br /&gt;
20. April 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig sind die durch Widersprüche im Volk ausgelösten Proteste zu einem hervorstechenden Problem geworden, das die Stabilität unserer Gesellschaft stark beeinträchtigt. Vor diesem Hintergrund sollten wir erstens unter Zugrundelegung der Auffassung universeller Zusammenhänge die Stabilitätsfrage anpacken, einen richtigen Blick für neue Probleme und Elemente, die die soziale Stabilität gefährden, entwickeln sowie eine umfassende Analyse verschiedener politischer, wirtschaftlicher und kultureller Faktoren, die sich eng miteinander verflochten haben, vornehmen, um die Arbeitsschwerpunkte sowie konkrete Arbeitsschritte festzulegen, den richtigen Zeitpunkt für deren Ausführung zu wählen und die Intensität ständig anzupassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens sollten wir uns von unserer Entwicklungsphilosophie leiten lassen und uns stets darum bemühen, im Prozess der ständigen sozioökonomischen Entwicklung neue Bedrohungen für die Stabilität, die im Zuge dieser Entwicklung auftreten, zu überwinden, effektive Mittel und Wege zum Schutz der gesellschaftlichen Stabilität zu finden sowie neue Arbeitsmechanismen dazu einzurichten bzw. die vorhandenen zu vervollkommnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens müssen wir dialektisch denken und Widersprüche unterschiedlicher Natur im Einzelnen analysieren und behandeln. Wir müssen in der Lage sein, Widersprüche schnell zu erkennen, diesen ins Auge zu sehen, sie sorgfältig zu analysieren und gut aufzulösen, um ihren Einfluss auf die Stabilität der Gesellschaft auf ein Minimum zu reduzieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht zuletzt sollten wir eine Arbeitsstruktur etablieren bzw. bestehende Mechanismen vervollständigen, in deren Rahmen die Parteikomitees und Regierungen die führende und koordinierende Rolle spielen, die einzelnen Behörden für ihre jeweilige Verantwortung geradestehen und alle Seiten die Stabilität mit vereinten Kräften sichern. Die Führungsgremien von Partei und Regierung, die zuständigen Behörden und die gesellschaftlichen Organisationen müssen ihren Pflichten zur Sicherung der Stabilität gewissenhaft nachkommen, die Bekämpfungs- und Strafmaßnahmen ständig verschärfen, ihre Regulierungsfunktionen voll entfalten und alle Verwaltungsbefugnisse gesetzmäßig ausüben, um alle Arbeit in dieser Hinsicht solide voranzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wer den Wettbewerb nicht scheut, wird mit guten Chancen belohnt ==&lt;br /&gt;
01. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der marktwirtschaftliche Wettbewerb ist ein dynamischer Prozess. Wer als Vorreiter auch nur die geringste Spur von Schlaffheit oder Nachlässigkeit zeigt, dessen Vorsprung wird schrumpfen und dessen komparative Vorteile werden dahinschwinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Vertiefung der marktwirtschaftlichen Reformen und der Erweiterung der Öffnung nach außen nach dem WTO-Beitritt unseres Landes haben sich viele andere Landesteile, vor allem diejenigen in der Umgebung Zhejiangs, engagiert dafür eingesetzt, mit allen Mitteln ausländische Investitionen anzuwerben und ihren Anteil auf dem internationalen Markt mit Tatkraft auszubauen, was ihren Exporten ein schnelles Wachstum beschert hat. Ob unsere Provinz ihre vorhandenen komparativen Vorteile im Prozess der Öffnung nach außen auch weiterhin voll entfalten können wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob wir uns auf den Wettbewerb einstellen und ob wir dafür intensiv und wirksam arbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer den Wettbewerb nicht scheut, wird stets mit guten Chancen belohnt. Angesichts der heftigen Konkurrenz auf dem Markt dürfen wir weder nachlässig noch selbstgefällig werden. Stattdessen gilt es, sich stets in Bescheidenheit zu üben und sich den Wettbewerbsgedanken, dass Stillstand und Langsamkeit Rückschritt bedeuten, zu eigen zu machen. Wir müssen uns Klarheit über die gegebenen Verhältnisse verschaffen, uns auf die Tendenz der Erweiterung der Öffnung nach außen einstellen, mit Rücksicht auf die Gesamtlage und strategischem Denken den richtigen Blick für den Trend der Zeit haben und alles daran setzen, unter Berücksichtigung der in- und ausländischen Verhältnisse nicht nur die richtige Entwicklungsrichtung einzuschlagen und im Zuge der gegenseitigen Umwandlung von nationalen und internationalen Bedingungen die Entwicklungschancen gut zu nutzen, sondern auch durch die Ausnutzung der Komplementarität in- und ausländischer Ressourcen der weiteren Entwicklung den Boden zu bereiten sowie im Zusammenwirken nationaler und internationaler Faktoren die Gesamtentwicklung gut im Griff zu haben. Ferner müssen wir mit verstärkter Initiative und Kreativität sowie noch größerem Engagement die Öffnung nach außen fördern, um in der Entwicklung das Heft fest in der Hand zu behalten und in der Öffnung nach außen weitere Vorteile zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das ökologische Bewusstsein muss in der ganzen Gesellschaft Wurzeln schlagen ==&lt;br /&gt;
08. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Aufbau einer Öko-Provinz energisch zu fördern, stellt einen Wandel unseres wirtschaftlichen Wachstumsmodells, ja vielmehr noch ein radikales Umdenken dar. In diesem Sinne gilt es als wichtige Voraussetzungen für den reibungslosen Aufbau einer Öko-Provinz, das ökologische Bewusstsein zu stärken und dafür zu sorgen, dass sich die Wertvorstellung, die Harmonie zwischen Mensch und Natur hoch zu schätzen, in der ganzen Gesellschaft durchsetzt. Ökologisches Bewusstsein ist im Wesentlichen eine Handlungsrichtschnur und auch eine Wertvorstellung. Ob diese in allen Bereichen der Produktion und des Lebens befolgt werden, ist ein Gradmesser dafür, in wie weit das ökologische Bewusstsein in der Öffentlichkeit erfolgreich verankert wurde. Man sieht z. B., ob die Industrien einen ausführlichen Plan für den Umweltschutz entwickelt und in die Tat umgesetzt haben, ob der Einfluss von Baukonstruktionen und -materialien auf die Umwelt beim Städtebau in Betracht gezogen wird, ob die betreffenden Umweltstandards sowie die Sicherheits- und Qualitätsnormen in der Produktion strikt eingehalten werden und ob die Menschen im Alltagsleben bewusst auf Hygiene und Umweltschutz achten und Respekt vor jeder Form des Lebens zeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Legen wir diese Anforderungen als Maßstab an, müssen wir uns eingestehen, dass unser Verhalten noch vieles zu wünschen übrig lässt. In der Realität kommt es immer wieder zu Umweltverstößen, darunter rechtswidrige Schadstoffemissionen, illegale Bauten, Waldzerstörung, Raubbau an Naturressourcen, Überfischung und rücksichtslose Jagd auf Wildtiere. Dies ist letztlich darauf zurückzuführen, dass das ökologische Bewusstsein noch nicht tief genug in den Köpfen der Menschen verwurzelt ist. Es gilt deshalb, die Verbreitung dieses Bewusstseins weiterhin zu fördern, sodass es ein gemeinsamer Wert der Bevölkerung wird. Dieses Ziel werden wir nur mit unermüdlichem Einsatz und großer Ausdauer erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Aufbau einer Öko-Provinz als Daueraufgabe von strategischer Bedeutung ==&lt;br /&gt;
11. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren haben wir uns energisch für den Aufbau einer Öko-Provinz eingesetzt und dabei beträchtliche Erfolge erzielt. Doch wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es sich bei diesem Vorhaben um eine strategische Aufgabe handelt, die nicht in wenigen Jahren abgearbeitet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau einer Öko-Provinz ist mit der Behandlung einer sozial-ökologischen Erkrankung, ja eines Syndroms, zu vergleichen. Die Ursachen dieser Krankheit sind eher kompliziert und liegen u. a. in einer unvernünftigen Wirtschaftsstruktur, einer konventionellen Produktionsweise und schlechten Lebensgewohnheiten begründet. Auch die Krankheitssymptome sind mannigfaltig, darunter „Wunden“ aus Umweltverschmutzungen, „Nervenschäden“ aufgrund der Zerstörung von Ökosystemen und „Ermüdung“ wegen des Raubbaus an Naturressourcen. Es handelt sich also um eine komplizierte Krankheit, die nicht in wenigen Tagen oder einfach mit ein paar Arzneimitteln zu heilen ist. Im Gegenteil: Es bedarf eines ganzen Pakets an therapeutischen Maßnahmen, umfassender Behandlung, langfristigen Einsatzes und hingebungsvoller Pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Zu wissen, wie man etwas macht, ist nicht schwer, es zu tun dagegen sehr.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus dem &#039;&#039;Buch der Urkunden&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Aufbau einer Öko-Provinz verlangt im Wesentlichen einen Wandel des Entwicklungsmodells und betrifft alle Aspekte der sozioökonomischen Entwicklung. Wir müssen mit allen möglichen Hemmnissen und Widersprüchen rechnen, uns der Langwierigkeit und Schwierigkeit dieser Arbeit vollends bewusst sein und uns auf einen zähen Kampf gefasst machen. Erst dann werden wir keine Schwierigkeiten scheuen, keinem Widerspruch ausweichen und uns mit Herz und Hand für den Aufbau einer Öko-Provinz einsetzen, um eine nachhaltige Entwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft herbeizuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Leitende Kader müssen ihre „Beamtenkappe“ abnehmen und sich dem Volk widmen ==&lt;br /&gt;
12. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir als führende Kader, egal welcher Ebene, sind Diener des Volkes. Die Menschen haben uns ermächtigt und ihnen sind wir verantwortlich. Daher müssen wir unsere „Beamtenkappe“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im alten China trugen Beamte traditionell eine schwarze Gazekappe. Seit dem 14. Jahrhundert steht diese Kappe für Beamtenposten.&amp;lt;/ref&amp;gt; abnehmen und unsere Funktion im Interesse des Volkes ausüben, anstatt diese hochzuhalten und unsere Amtsgewalt für eigene Vorteile zu nutzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leitende Kader, die ihre „Beamtenkappe“ beiseitegelegt haben und ihre Funktion im Interesse des Volkes ausüben, räumen der Sache von Partei und Volk höchste Priorität ein, sehen in ihrem Amt einen ehrenvollen Auftrag und eine große Verantwortung vonseiten der Partei und des Volkes, widmen sich ihrer Arbeit mit Vorsicht und Hingabe und ihnen liegen stets die Sicherheit und der Wohlstand der Bevölkerung am Herzen. Sie sind jederzeit bereit, die mit ihrem Amt verbundene Macht, Wohlfahrt und Ehre für die Sache der Partei und das Wohl des Volkes zu opfern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diejenigen, die ihre „Beamtenkappe“ hochhalten und ihre Amtsgewalt für eigene Zwecke nutzen, stellen dagegen sich selbst in den Vordergrund und ordnen Macht, Ehre und Nutzen den Erwartungen und dem Auftrag von Partei und Volk über. Gewöhnlich verrichten sie ihre Arbeit nur halbherzig, und bei schweren Unfällen, die die Interessen sowie die Lebens- und Eigentumssicherheit der Bevölkerung gefährden, sorgen sie in erster Linie nicht für das Wohl der Menschen, sondern heben objektive Gründe hervor und versuchen mit allen Mitteln, sich reinzuwaschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben heute bessere Arbeitsbedingungen, größere Machtbefugnisse und eine bessere Entlohnung als all unsere Vorgänger. Doch Macht ist keine Ehre, sondern eine schwerwiegende Verantwortung. Sie verpflichtet die leitenden Kader aller Ebenen, ihren Amtspflichten getreu nachzukommen und einer großen Verantwortung ins Auge zu sehen. Besonders angesichts von Zwischenfällen müssen wir großen Mut an den Tag legen, mit uns selbst kritisch ins Gericht zu gehen und die Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen stets im Hinterkopf behalten, dass Partei und Volk uns in eine leitende Stellung eingesetzt haben, damit wir dem Volk dienen, anstatt es zu beherrschen, und dass das Menschenleben von größtem Wert ist, die Interessen des Volkes über allem stehen und unsere Verantwortung schwerer als der Taishan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; wiegt. Wie bedeutsam die „Beamtenkappe“ auch sein mag, so fällt sie doch im Vergleich zur Lebens- und Eigentumssicherheit der Bevölkerung und der Wichtigkeit ihrer vitalen Interessen nicht ins Gewicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auch gesellschaftliche Harmonie und Stabilität fallen in unseren Verantwortungsbereich ==&lt;br /&gt;
17. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Parteikomitee unserer Provinz hat wiederholt betont, dass Wohlstand und Stabilität fundamentale Interessen des Volkes bilden und die Schaffung von Wohlstand und die Wahrung der Sicherheit in den politischen Verantwortungsbereich leitender Kader fallen. Dass die Gesellschaft harmonisch und stabil bleibt, zählt ebenso zu den Arbeitsleistungen der Beamten wie Fortschritte in der Wirtschaftsentwicklung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Praxis hat uns gelehrt, dass eine harmonische und stabile Gesellschaft eine Vorbedingung dafür bildet, dass in unserem Land für immer und ewig Ruhe und Frieden herrschen und sich die Bevölkerung eines friedlichen Alltags- und Berufslebens erfreuen kann. Die Menschen hoffen auf ein glückliches Leben, doch dies setzt vor allem gesellschaftliche Harmonie und Stabilität voraus. Um die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; umfassend durchzuführen, müssen wir die Reform vertiefen und die Entwicklung forcieren. Doch beides erfordert eine harmonische und stabile Gesellschaft. Ohne ein solches günstiges Klima kann von einer Vertiefung der Reform und weiterer Entwicklung keine Rede sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein sicheres Zhejiang aufzubauen,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Aufbau eines sicheren Zhejiang ist eine wichtige strategische Entscheidung, die auf dem 6. Plenum des 11. Provinzparteikomitees im Mai 2004 getroffen wurde. Die Hauptziele sind eine stärker entwickelte Wirtschaft, eine stabilere Politik, eine blühendere Kultur, eine harmonischere Gesellschaft und ein sichereres und besseres Leben der Bevölkerung.&amp;lt;/ref&amp;gt; stellt einerseits eine Weiterentwicklung der „Acht-acht-Strategie“ dar und ist gleichzeitig eine wichtige Teilaufgabe und ein konkreter Schritt dieser Strategie. Andererseits bietet ein sicheres Zhejiang eine Garantie für die intensive Durchführung dieser Strategie. Wenn wir nicht für eine harmonische Gesellschaft sorgen, wird es uns nicht gelingen, eine Gesellschaft mit allgemeinem bescheidenen Wohlstand höheren Niveaus aufzubauen, geschweige denn die Modernisierung unserer Provinz erfolgreich zu vollenden. Die leitenden Kader müssen sich von daher von der richtigen Auffassung bezüglich ihrer Arbeitsleistungen leiten lassen, sich für Entwicklung und Stabilität gleichermaßen energisch einsetzen und sie sollten die Fertigkeit, mit zehn Fingern Klavier zu spielen,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; beherrschen. Sie müssen dem Aufbau einer sicheren und friedlichen Gesellschaft und der Förderung von Harmonie und Stabilität großen Stellenwert beimessen, die damit in Zusammenhang stehenden Aufgaben beherzt anpacken und eine koordinierte Entwicklung der materiellen, politischen und geistigen Zivilisation herbeiführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kein Mittelmaß um der Sicherheit willen ==&lt;br /&gt;
19. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen einen guten Blick für die Beziehung zwischen Reform, Entwicklung und Stabilität haben. Einerseits müssen wir an der Leitlinie, dass Stabilität über allem steht, festhalten, andererseits gilt es, unsere primäre Aufgabe in der Entwicklung zu sehen und den Kurs der Reform und Öffnung konsequent weiterzuverfolgen. Reform ist der Motor, Entwicklung das Ziel und Stabilität die Voraussetzung, dies liegt klar auf der Hand. Dementsprechend hat das Parteikomitee unserer Provinz unter Berücksichtigung wirtschaftlicher, politischer und kultureller Aspekte eine Strategie zum Aufbau eines im erweiterten Sinne sicheren Zhejiang erlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch Entwicklung bleibt ein eisernes Prinzip. Während wir einen Fokus auf die Sicherheit legen, dürfen wir Reform und Entwicklung keinesfalls außer Acht lassen. Noch dürfen wir aufgrund von einigen Problemen, die sich uns im Prozess der Reform und Entwicklung stellen und die Sicherheit und Stabilität gefährden, untätig bleiben oder auf Reform und Entwicklung verzichten, sodass man zwar keine Verdienste vorzuweisen hat, aber auch nicht Gefahr läuft, wegen Fehlern sein Amt zu verlieren. Eine Philosophie des Mittelmaßes trägt weder dazu bei, die Sicherheit der Menschen zu schützen, noch kann sie eine glatte Beamtenlaufbahn gewährleisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen sowohl den Eifer der Kader für Reform und Entwicklung entschieden bewahren, als auch diejenigen, deren Fahrlässigkeit oder Untätigkeit schwerwiegende Folgen nach sich ziehen, schonungslos zur Verantwortung ziehen. Unser Ziel muss es letztlich sein, eine sichere und stabile Gesellschaft anzustreben, die durch eine harmonische und solide Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Kultur und Sozialem gekennzeichnet ist, statt eine mittelmäßige Beamtenlaufbahn anzuvisieren, während der man nichts zustande bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für eine Face-to-Face-Kommunikation mit dem Volk ==&lt;br /&gt;
24. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere leitenden Kader müssen die Vorhut bilden, die dringende, heikle, gefährliche und schwere Aufgaben zuerst in Angriff nimmt. Auch im Umgang mit Beschwerden der Bevölkerung, die derzeit reichlich vorgetragen werden, müssen sie an vorderster Front stehen und die Beschwerdeführenden persönlich empfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztes Jahr hat unsere Provinz ein neues System eingeführt, welches vorsieht, dass leitende Kader direkt an die Basis gehen und das persönliche Gespräch mit den einfachen Leuten suchen. Dies ist ein effektiver Schritt, um die Kommunikation mit dem Volk zu verbessern. Auf diese Weise konnte bereits für eine Reihe von Problemen, die Zielscheibe vehementer Kritik der Bevölkerung waren, eine Lösung gefunden werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die leitenden Kader den Weg nach unten an die Basis auf sich nehmen, statt dass die normalen Bürger selbst bei den höheren Stellen vorsprechen, ist keinesfalls der einzige Weg, mit Beschwerden aus den Reihen der Bevölkerung umzugehen, und er bedeutet auch nicht, dass die leitenden Kader damit ihre Zuständigkeiten überschreiten würden oder die Funktion der Basisorgane an sich reißen wollten. Vielmehr spiegelt dieses Vorgehen ein Umdenken, es bildet eine innovative Arbeitsmethode, einen effektiven Arbeitsmechanismus und einen wichtigen Kanal, die Demokratie zu fördern, sich von den Verhältnissen an der Basis ein Bild zu machen und direkten Kontakt zu den Menschen herzustellen. Dies wird dazu beitragen, Hindernisse im Austausch zwischen Kadern und Volk abzubauen, persönlich Aufsicht über den Umgang mit Beschwerden der Bevölkerung auf Basisebene zu führen und somit die zuständigen Mitarbeiter zu größerem Engagement anzuspornen, allgegenwärtige Probleme ausfindig zu machen sowie tiefere Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten dieser Arbeit zu gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Face-to-Face-Kommunikation mit dem Volk entspricht der wesentlichen Forderung, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, sowie der guten Tradition und den guten Gepflogenheiten unserer Partei, dem Volk nahezustehen. Darüber hinaus bildet die Strategie auch einen konkreten Schritt zur Umsetzung der Forderung, dass die leitenden Kader ihre Macht stets im Interesse des Volkes ausüben, die Menschen allzeit fest im Herzen tragen und sich fortwährend für ihr Wohl einsetzen sollen. Deshalb muss sie konsequent weitergeführt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Leitende Kader sollten die Kontrolle durch die öffentliche Meinung begrüßen ==&lt;br /&gt;
26. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist das Volk, das uns ermächtigt hat. Und als Diener des Volkes müssen wir uns deshalb als leitende Kader bereitwillig unter dessen Kontrolle stellen. Auf dem 16. Parteitag der KP Chinas im November 2002 wurde gefordert, die parteiinterne, die juristische und die Kontrolle durch das Volk miteinander zu kombinieren sowie die Kontrollfunktion der öffentlichen Meinung voll zu entfalten. Dementsprechend müssen die leitenden Kader aller Ebenen die Kontrolle durch die öffentliche Meinung begrüßen, sich dieser freiwillig unterziehen und die über sie entdeckten Mängel und Fehler beheben bzw. korrigieren, um ihre Arbeit besser zu verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Medienschaffenden müssen sich unterdessen an die Spielregeln der Berichterstattung halten und wahrheitsgetreue und unparteiische Reportagen bringen, damit ihre Arbeit die gesellschaftliche Moral stärkt und unsere Sache unterstützt, anstatt ihr Steine in den Weg zu legen. Vor allem muss darauf Acht gegeben werden, Falschmeldungen und Medienrummel über sogenannte Brennpunkte, die ähnliche Zwischenfälle hervorrufen könnten, zu vermeiden. Des Weiteren müssen wir die Berichterstattungs- und Aufklärungsarbeit ständig verbessern und die Kontrollfunktion der öffentlichen Meinung besser zur Entfaltung bringen. Dafür müssen die Medienschaffenden einerseits ein Auge auf unsere zentrale Aufgabe haben und sich auf Reportagen über wichtige Themen konzentrieren. Andererseits müssen sie ihre Fähigkeiten zur Berichterstattung über unerwartete schwerwiegende Vorkommnisse verbessern und die entsprechenden Mechanismen für ein schnelles und koordiniertes Reagieren vervollständigen. Nicht zuletzt muss das System der Veröffentlichung von Nachrichten gewissenhaft praktiziert und insgesamt weiter vervollkommnet werden, um bei der Verbreitung von Nachrichten und Informationen das Heft stets in der Hand zu behalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles in allem müssen die Medien einen Beitrag dazu leisten, den Zusammenhalt zu fördern, die Stabilität zu schützen und die Moral des Volkes zu stärken, der Stimme der Partei rechtzeitig und unmissverständlich Gehör verschaffen sowie aktiv auf Fragen von öffentlichem Interesse eingehen und Zweifel effektiv zerstreuen, um ein der Harmonie und Stabilität förderliches Klima zu schaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Enthusiasmus für Festivitäten bremsen ==&lt;br /&gt;
28. Mai 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren waren alle Regionen unserer Provinz darauf aus, Festveranstaltungen verschiedener Arten abzuhalten. Allgemein gesehen kommen solche Veranstaltungen sicherlich der Wirtschaftsentwicklung zugute, doch im Fall von Übermaß und Blindheit wird gerade das Gegenteil erreicht. Was unsere Provinz anbelangt, so sollten wir unseren Enthusiasmus für Festivals bremsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Veranstaltungen eröffneten in der Vergangenheit z. B. mit einer festlichen Show und Empfänge und Verabschiedungen von Ehrengästen aus aller Welt zogen sich durch ihren gesamten Verlauf. Dabei wurde enormer Aufwand betrieben, der jedoch weder guten wirtschaftlichen noch eindeutigen gesellschaftlichen Nutzen gebracht hat. Die Bevölkerung steht solchen Veranstaltungen kritisch gegenüber. Darüber hinaus bergen sie einige Gefahren für die öffentliche Sicherheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb müssen alle Regionen unserer Provinz solche Festivitäten in Schranken halten, entsprechende Anträge strengeren Genehmigungsverfahren unterziehen und den Sicherheitsschutz erhöhen. In Übereinstimmung mit dem Prinzip, dass der Veranstalter die Hauptverantwortung trägt und die genehmigende Stelle die Aufsicht führt, müssen alle Veranstaltungen unter verstärkter Leitung der zuständigen Behörden straff organisiert werden. Die Verpflichtungen in Sachen Sicherheit sind strikt einzuhalten und die Sicherheitsmaßnahmen entschieden in die Tat umzusetzen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Gibt es Sicherheitsbedenken, muss der Veranstaltung Einhalt geboten werden. Kommt es zu Unfällen, ist den verantwortlichen leitenden Kadern eine strenge Strafe aufzuerlegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Qualität und das Niveau der Berichterstattung erhöhen ==&lt;br /&gt;
11. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Massenmedien müssen daran festhalten, der zentralen Aufgabe und der Gesamtlage zu dienen, realitäts-, lebens- und volksnahe Reportagen zu bringen und dem Publikum die richtigen Werte zu vermitteln, um ihre Funktion, für die Partei zu sprechen und Einfluss auf die öffentliche Meinung auszuüben, voll zu entfalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gute Berichterstattung muss großgeschrieben und mit gezielten Maßnahmen tüchtig vorangetrieben werden: Erstens müssen die Rundfunk- und Fernsehsender die Laufzeit der Nachrichtensendungen garantieren, um sicherzustellen, dass die aktuellen Nachrichten rechtzeitig ausgestrahlt werden und dass diejenigen, die diese Ausstrahlung verpasst haben, sich zu einem späteren Zeitpunkt davon in Kenntnis setzen können. Zweitens müssen alle Medien die Reformmaßnahmen für die Berichterstattung ernstlich durchführen, vor allem Reportagen über die Sonnenseite der Gesellschaft bringen, der Stimme der Partei rechtzeitig Gehör verschaffen und mehr darüber berichten, wie unsere Partei den Menschen nahesteht und sich ihrer Sorgen und Nöte annimmt. Des Weiteren sollten die Medien verstärkt auf populäre Verbreitungsformen zurückgreifen und ihre Berichterstattung lebendig und ansprechend gestalten, um die Qualität und das Niveau des Berichtens und der Aufklärungsarbeit zu verbessern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Schwierigkeiten als Chancen begreifen ==&lt;br /&gt;
14. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist zu beobachten, dass sich ein Teil der leitenden Kader vor Schwierigkeiten scheut. Sie empfinden großen Druck, da mit der forcierten Globalsteuerung das Angebot von Produktionsfaktoren schrumpft und insbesondere auch deshalb, weil für sie ein strengeres Rechenschaftssystem gilt. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Wichtigkeit, wie man die leitenden Kader dazu anleiten kann, einen richtigen Blick für die gegebenen Verhältnisse zu erlangen, ihr Denken auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sich anzuspornen und Schwierigkeiten mutig ins Auge zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach mehr als zwanzig Jahren seit Beginn der Reform und Öffnung ist Zhejiang wieder in eine entscheidende Phase der sozioökonomischen Entwicklung eingetreten. Während wir die nachhaltige, rasante, koordinierte und gesunde Entwicklung der Wirtschaft forcieren, stoßen wir auch auf einige Schwierigkeiten. Dazu kann man grundsätzlich zweierlei Haltung einnehmen: Die einen sehen darin statt Chancen lediglich Herausforderungen. Sie lassen sich von Hindernissen abschrecken und von weiterem Fortschritt abhalten. Die anderen dagegen sehen darin sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Sie lassen sich mutig auf Herausforderungen ein, münzen Druck in Antriebskraft um, knacken erfolgreich harte Nüsse und legen sich ins Zeug, um sich vorzukämpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader aller Ebenen dürfen weder vor Schwierigkeiten zurückweichen und untätig bleiben noch das Schicksal anklagen. Stattdessen sollten sie sich Schwierigkeiten voller Zuversicht stellen und mit allen Mitteln versuchen, sie zu überwinden. Wir sollten Schwierigkeiten als Prüfungen und Herausforderungen als Chancen ansehen und sie aus eigenem Antrieb in Angriff nehmen, anstatt ihnen freien Lauf zu lassen. Schwierigkeiten bilden eine Schwelle oder eine Wasserscheide. Übersteigt man sie, wird man Neuland betreten und auf eine neue Stufe emporsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Derzeit befinden wir uns in einer Periode, in der Herausforderungen und Chancen nebeneinanderstehen, die Chancen jedoch stets die Oberhand behalten. Wir müssen die Maßnahmen der Zentralregierung zur Globalsteuerung mit Entschlossenheit in die Tat umsetzen und die Gelegenheiten, die die verstärkte Globalsteuerung bietet, beim Schopfe packen, um die Wirtschaftsstruktur unserer Provinz anzupassen, unsere Reformen zu vertiefen und unser Wachstumsmodell zu transformieren. Wir müssen uns auf die eigene Entwicklung konzentrieren, den wissenschaftlich-technischen Fortschritt mit Tatkraft fördern, größeren Wert auf Fachkräfte legen, die Strategie des „Nach-außen-Gehens“ konsequent durchführen, unseren Entwicklungsspielraum vergrößern, alle förderlichen Faktoren ausnutzen und die Richtlinien der Zentralregierung unbeirrt befolgen, um eine umfassende, koordinierte und nachhaltige Entwicklung in Zhejiang herbeizuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die leitenden Kader müssen eine gute geistige Verfassung zeigen ==&lt;br /&gt;
16. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine gute geistige Verfassung ist eine wichtige Vorbedingung für ausgezeichnete Arbeit. Wenn alles glatt läuft, ist es für leitende Kader nicht schwer, eine hohe Moral zu bewahren. Doch auch angesichts zahlreicher Widersprüche und Probleme und konfrontiert mit Hindernissen und Rückschlägen unermüdlichen Eifer und große Tatkraft an den Tag zu legen, ist alles andere als einfach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig kämpfen alle Regionen in der Wirtschaftsentwicklung mit Engpässen in unterschiedlichem Ausmaß, etwa bei der ausreichenden Versorgung mit Produktionsfaktoren wie Boden, Kapital und Strom. Ein Teil der Kader ist deswegen tief beunruhigt, was für die Entwicklung und die Sache von Partei und Volk nachteilig ist. Widersprüche und Schwierigkeiten kommen zu jeder Zeit und in jedem Bereich vor. Ob es einem leitenden Kader gelingt, diese zu meistern, daran lassen sich letztlich seine Befähigung und Qualifikation ablesen. Helden werden immer in stürmischen Zeiten geboren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten deshalb Widersprüchen und Schwierigkeiten optimistisch gegenüberstehen und ihnen unerschrocken ins Auge blicken, sie aus strategischer Warte nicht überbewerten und doch taktisch ernst nehmen, um sie mit allen Mitteln zu überwinden. Dies wird das Können und die Kompetenz der leitenden Kader unter Beweis stellen. Worin sonst sollte der Wert von uns führenden Kadern der KP Chinas liegen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Heutzutage ist es kaum mehr möglich, eine mittelmäßige Beamtenlaufbahn reibungslos zu durchlaufen. Als leitender Kader hat man die Pflichten zu erfüllen, die realen Probleme des Volkes zu lösen und in seiner Arbeit mit Widersprüchen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Wer zwar kein Geld unterschlägt und sich nicht bestechen lässt, doch sich von Herausforderungen entmutigen lässt und so nichts zustande bringt, ist noch weit davon entfernt, ein vollwertiger leitender Kader zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Volk hat oft die Lösung parat ==&lt;br /&gt;
21. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sollte man vor Schwierigkeiten ratlos und erschrocken zurückweichen oder sein Bestes geben, um Hemmnisse aus dem Weg zu räumen und sich vorzukämpfen? Unsere leitenden Kader müssen sich selbstverständlich für Letzteres entscheiden. Das heißt, sie müssen alle möglichen Methoden anwenden und gezielte Maßnahmen ergreifen, um Schwierigkeiten tatkräftig zu überwinden. Aber woher kommen eigentlich gute Ansätze? Die Antwort ist: aus den Reihen des Volkes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bevölkerung kann aus einer vielfältigen und lebensnahen Praxiserfahrung schöpfen und sie verfügt über große Weisheit und Kraft. Wir müssen deshalb die Massenlinie der Partei strikt befolgen, uns wertvolle Anregungen aus der Bevölkerung holen und diese wiederum den Menschen zugutekommen lassen. Unter allen Umständen müssen wir dem Volk Vertrauen schenken, uns auf es stützen und stets in seinem Interesse handeln. Im Umgang mit Widersprüchen und Schwierigkeiten müssen wir an die Basis gehen, das Gespräch mit den einfachen Leuten suchen und Ratschläge von ihnen einholen sowie eingehende Untersuchungen vornehmen, um effektive Lösungen zu finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und die Strategie zum Aufbau eines sicheren Zhejiang sind Beschlüsse des Parteikomitees unserer Provinz, die auf Grundlage tief gehender Untersuchungen gefasst wurden. Wenn es uns gelingt, durch eine Reihe von Untersuchungen über die Gegebenheiten genau im Bilde zu sein, sind wir in der Lage, Lösungen für die vorhandenen Probleme und Schwierigkeiten zu finden, die richtigen Entscheidungen zu treffen und die Arbeitsausführung zu fördern. Ferner ermöglichen es uns Untersuchungen vor Ort, dem Volk näherzukommen, auf dringende Anliegen der Menschen zu reagieren, ihnen reale Vorteile zu bringen und wichtige Maßnahmen, die die Grundlagen für weitere Entwicklung legen und sich langfristig auswirken, zu ergreifen, um somit die Reform und Öffnung sowie die Modernisierung Schritt für Schritt voranzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mit zehn Fingern Klavier spielen&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; ==&lt;br /&gt;
23. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der materialistischen Dialektik stehen alle Dinge miteinander in Beziehung und sind untrennbar verbunden. Wenn wir die Probleme im Prozess der Reform und Entwicklung sowie der Modernisierung isoliert, einseitig oder in engerem Zusammenhang betrachten, werden wir Grundsatzfehler machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Forderungen des Zentralkomitees der KP Chinas, die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung stets im Gedächtnis zu behalten und sie gut in die Tat umzusetzen und die Globalsteuerung zu forcieren, sowie die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und die Strategie zum Aufbau eines sicheren Zhejiang des Parteikomitees unserer Provinz zielen alle auf eine schnellere und bessere Entwicklung der Reform und Öffnung und der Modernisierung ab. Doch einige Kader haben einen engen Horizont und weisen in der Arbeit keinerlei Feingefühl auf. Sie sind nicht in der Lage, den Geist der oberen Ebene umfassend zu verstehen und schenken manchen Aspekten große Aufmerksamkeit, während sie andere völlig vernachlässigen. Sie sind beispielsweise der Meinung, dass wir in der Entwicklung einen Gang zurückschalten sollten, da nun die Globalsteuerung und der Aufbau eines sicheren Zhejiang in den Vordergrund treten. Dies ist allerdings eine einseitige bzw. falsche Ansicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader müssen sich eine ganzheitliche und dialektische Denkweise zu eigen machen, sowohl die Gegensätzlichkeit als auch den Zusammenhang zwischen allen Dingen zur Kenntnis nehmen und zugunsten einer Gesamtplanung alle Seiten in Betracht ziehen. In der Arbeitspraxis müssen wir die Fertigkeit beherrschen, mit zehn Fingern Klavier zu spielen. Die Hervorhebung von Entwicklung bedeutet nicht, dass wir Stabilität für weniger wichtig halten; und auch wenn wir Stabilität und Sicherheit betonen, dürfen wir die Entwicklung nicht außer Acht lassen. Was wir letztlich anstreben, ist eine umfassende, koordinierte und nachhaltige Entwicklung, und wir verstärken die Globalsteuerung gerade mit dem Ziel, eine bessere, schnellere und gesündere Entwicklung zu realisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Elan der Basiskader anregen und bewahren ==&lt;br /&gt;
25. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kader der Basisebene arbeiten an der vordersten Front und bilden die fundamentalen Kräfte für das Praktizieren des Kurses, der Leitlinien und der Politik der KP Chinas. Sie sehen sich in der täglichen Arbeit einer Unmenge von schwierigen Aufgaben und verwickelten Problemen gegenüber. Da der sozioökologischen Entwicklung inzwischen einige Hindernisse im Wege stehen und die Arbeit an der Basis schwieriger geworden und mit immer stärkerem Druck verbunden ist, ist es ein wichtiger Aspekt für den verstärkten Aufbau unserer Kadermannschaft auf der Basisebene, die Aktivität der einzelnen Kader gut zu bewahren, effektiv anzuregen und voll zu entfalten. Dies ist auch für die erfolgreiche Durchführung der „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und den Aufbau eines sicheren Zhejiang erforderlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Parteikomitees, Regierungen und führenden Kader aller Ebenen sollten sich eingehend über die Gedanken und Anliegen der Basiskader informieren, mehr Verständnis für ihre Arbeit zeigen und ihnen dabei Halt bieten sowie sich verstärkt ihres Lebens annehmen und, wenn nötig, Beistand leisten. Besonders wenn Kader in der Arbeit auf Schwierigkeiten und Probleme stoßen, sollten die Vorgesetzten sie ermutigen, ihnen wertvolle Ratschläge geben und gemeinsam mit ihnen Problemen auf den Grund gehen, um wirksame Lösungen zu finden, anstatt ihnen nur Tadel zu erteilen. Die leitenden Kader sollten stets ein Auge auf die Praxis an der Basis haben, typische Fälle genau unter die Lupe nehmen, Gesetzmäßigkeiten aufdecken und diese auf andere Fälle übertragen, um die bewährten Methoden und Praxiserfahrungen der Basisebene zusammenzufassen, sie fortzuentwickeln und ihnen breite Anwendung zu verschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Moral hat immer Vorrang vor Fähigkeiten ==&lt;br /&gt;
19. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Volksmund heißt es: „Ist ein Kind verzogen, suche die Schuld beim Vater.“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus dem &#039;&#039;Drei-Zeichen-Klassiker&#039;&#039;. Der &#039;&#039;Drei-Zeichen-Klassiker&#039;&#039; ist ein Lehrgedicht für Schulkinder aus dem antiken China.&amp;lt;/ref&amp;gt; Vater und Mutter sind die ersten Lehrer eines Kindes und sie erteilen ihm den ersten Moralunterricht. Eltern hegen stets große Erwartungen an ihre Kinder. Daran ist grundsätzlich auch nichts auszusetzen. Doch Kindern muss zuerst einmal das nötige moralische Rüstzeug mit an die Hand gegeben werden, bevor sie zu qualifizierten Fachkräften heranwachsen können, da unanständige Menschen keine Zukunft haben. Ohne moralische und geistige Größe kann man kaum etwas Großes leisten, mag man auch über noch so umfangreiches Wissen oder noch so hohe Fachkompetenz verfügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen die Eltern deshalb dazu anhalten, von der Auffassung, dass Wissen Vorrang vor Moral hat, Abstand zu nehmen, sowohl den schulischen Leistungen als auch der Charakterbildung ihrer Kinder Aufmerksamkeit zu schenken und für eine ganzheitliche Entfaltung ihres Nachwuchses zu sorgen. Kinder sehen in den Worten und Taten ihrer Eltern ein Vorbild. Daher müssen die Eltern sich ständig veredeln und eine gute und warme Atmosphäre in der Familie schaffen, damit ihre Kinder gesund heranwachsen und ihre Talente voll entwickeln können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zuständigen Behörden aller Ebenen und die Schulen sollten die Verantwortung auf sich nehmen, Eltern in der Familienerziehung zu unterweisen und ihnen über Elternschulen, Erziehungsberatungen und Familienbesuche eine richtige Auffassung von Erfolg sowie wissenschaftliche Erziehungsmethoden vermitteln, sodass sie in die Lage versetzt werden, gut mit ihren Kindern zu kommunizieren, ihre Persönlichkeit zu respektieren und sie durch bestimmte Methoden erfolgreich zu motivieren. Unsere besondere Aufmerksamkeit sollte dabei minderjährigen Kindern aus alleinerziehenden und finanzschwachen Familien sowie Kindern von Wanderarbeitern gelten. Ihnen sollten wir einen diskriminierungsfreien Zugang zur Schulbildung ermöglichen, warmherzige Betreuung bieten und den nötigen Beistand leisten, damit in Zukunft alle Kinder einen bestmöglichen Beitrag für die Gesellschaft leisten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Werteerziehung Minderjähriger forcieren und verbessern ==&lt;br /&gt;
21. Juni 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob Minderjährige gesund aufwachsen können, betrifft das Glück hunderter Millionen Familien und die grundlegenden Interessen des gesamten chinesischen Volkes. Dass ihre Kinder zu fähigen Menschen heranwachsen, ist wohl der größte Herzenswunsch der meisten Eltern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile sind wir in der Werteerziehung unseres Nachwuchses mit einigen neuen Gegebenheiten und Problemen konfrontiert: Die Schattenseiten der Marktwirtschaft, dekadente und rückschrittliche Werte sowie irreführende Informationen, die sich per Internet, Handy und über andere neue Medien verbreiten, wirken sich nachteilig auf das Heranwachsen unserer Jugend aus. Unanständigkeiten in Partei, Regierung und Gesellschaft sowie Straftaten wie die Herstellung und der Verkauf von gefälschten und minderwertigen Waren, Diebstähle und Betrügereien, die Verbreitung von Aberglauben sowie Prostitution, Glücksspiel und Drogenkonsum beeinträchtigen unmittelbar die körperliche und psychische Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen. Einige Unsittlichkeiten in unserer Gesellschaft könnten junge Menschen sogar dazu verleiten, selbst kriminell zu werden. Dies erregt große Besorgnis bei den Eltern, und der öffentliche Ruf danach, mit aller Schärfe gegen derartige Phänomene vorzugehen, ist laut.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Sinne gehören die Verstärkung und Verbesserung der Werteerziehung Heranwachsender zu den konkreten Schritten, die wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens zu praktizieren und der wesentlichen Forderung, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, nachzukommen. Wir müssen dieses Projekt, das dazu beiträgt, die Menschen von Sorgen und Nöten zu befreien, und ihnen zugutekommt, mit vollem Einsatz durchführen, um greifbare Erfolge zu erzielen und die grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit des Volkes durchzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Beim Aufbau der geistigen Zivilisation sollen vor allem die Kinder im Fokus stehen ==&lt;br /&gt;
23. Juli 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zivilisatorischen Fortschritte einer Nation sind Ergebnisse des Tradierens und Weiterentwickelns ihrer Kultur von Generation zu Generation. Die Gesinnung und die moralische Beschaffenheit unserer Heranwachsenden bestimmen unmittelbar das zukünftige geistige Antlitz unseres Landes und unserer Nation. Die Kinder- und Jugendarbeit ist von daher eine zukunftsorientierte Sache und eine grundlegende Arbeit, die ausschlaggebend ist für die ständige Erhöhung der allgemeinen Moral der chinesischen Nation. Erst wenn die Werteerziehung unserer Kinder großgeschrieben wird, hat die sozialistische geistige Zivilisation ein solides Fundament.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die moralische Erziehung der Minderjährigen zu forcieren und sie zu verbessern, ist keine kurzfristige Maßnahme, sondern eine langwierige strategische Aufgabe unseres Landes. Wir müssen dieser Arbeit höchste Priorität einräumen und sie mit Tatkraft in Angriff nehmen, indem wir die Liebe zum Vaterland in den Herzen unserer Kinder verankern und dafür Sorge tragen, dass sie hehre Ideale verfolgen, sich anständig verhalten und gute moralische Qualitäten entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Phänomen, das wir nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten, ist der zu beobachtende Werteverlust in Kinderliedern. Viele von ihnen sind eher für Erwachsene geeignet. Manche sind minderwertige Variationen alter Gedichte oder Kinderreime. Die Kleinen sind noch nicht fähig, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden oder Versuchungen zu widerstehen. Doch ob Kinderlieder inhaltlich gut sind, ist für die geistige und psychische Entwicklung unseres Nachwuchses von großem Belang und hat weitreichenden Einfluss auf sein gesundes Heranwachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den 1960er Jahren sangen Kinder Lieder wie Lei Feng, unser großes Vorbild oder Fröhlich rudern wir und lernten dadurch gute Gepflogenheiten aus der Revolutionszeit und Opfergeist kennen. In den 1970er Jahren waren Lieder wie Mein Gesang und dein Lächeln und Meeresschneckenhörnchen bei den Kindern populär, die die Arbeit besingen und Zuversicht auf ein glückliches Leben vermitteln. Kinder, die in den 1980er Jahren zur Welt kamen, wuchsen mit Melodien wie Rate mal, hinter wen ich mein Handtuch fallen lasse oder Kleine Kinder, Kleine Sorgen auf, welche die Arglosigkeit und Lebhaftigkeit der Kleinen deutlich zum Ausdruck bringen. Die Gedanken der heutigen Kinder sind viel komplizierter, als wir es uns vorstellen. Angesichts der Tatsache, dass die vorhandene Kinderliteratur und -musik den Bedürfnissen unseres Nachwuchses kaum gerecht werden, müssen wir die Werteerziehung weiter forcieren und für ein reichhaltiges geistig-kulturelles Angebot für Minderjährige sorgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anfällige Sektoren verstärkt vor Korruption schützen ==&lt;br /&gt;
26. Juli 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren haben sich insbesondere in den für die Wirtschaft zuständigen Behörden die Korruptionsfälle gehäuft. Wir müssen diese Fälle genau unter die Lupe nehmen, um ihre Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, und die Korruptionsbekämpfung in besonders anfälligen Sektoren, in Kernabteilungen und auf Schlüsselpositionen forcieren. Dafür müssen wir das entsprechende Regelwerk vervollkommnen und unsere Kontrolle verschärfen, um im Kampf gegen die Korruption und für integre Amtsführung noch erfolgreicher zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Deng Xiaoping wies einst darauf hin: „Korrekte Systeme können es schlechten Leuten unmöglich machen, ihr Unwesen zu treiben, schwache Systeme dagegen behindern gute Leute, nach ihren Fähigkeiten Nützliches zu leisten, oder können diese in manchen Fällen gar in eine falsche Richtung treiben.“&amp;lt;ref&amp;gt;Deng Xiaoping: &#039;&#039;Über die Reform des Führungssystems der Partei und des Staates&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Deng Xiaoping, Ausgewählte Schriften&#039;&#039; (1975-1982), deutsche Ausgabe. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1985. S. 361.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und auch unsere Erfahrungen im Parteiaufbau haben bewiesen, dass strenge Regeln und Vorschriften für eine schärfere interne Kontrolle und eine verstärkte Disziplinierung der Partei unentbehrlich sind. Da sie maßgebend und stabil sind und langfristig gelten, bieten sie eine wichtige Garantie dafür, dass die interne Kontrolle und das Disziplinieren der Partei konsequent, intensiv und geregelt gefördert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen die &#039;&#039;Vorläufigen Vorschriften der KP Chinas über die interne Kontrolle&#039;&#039; und die &#039;&#039;Vorschriften der KP Chinas über disziplinarische Strafen&#039;&#039; entschieden befolgen, so schnell wie möglich flankierende Bestimmungen in Übereinstimmung mit den Gegebenheiten unserer Provinz erarbeiten und wenn nötig unsere derzeit gültigen Vorschriften verschärfen, sie revidieren bzw. abschaffen. Vor allem müssen wir diejenigen Sektoren, in denen es häufig zu Korruption kommt, und zentrale Abteilungen ins Visier nehmen, Schlüsselpositionen stark besetzen und spezielle Maßnahmen treffen. Zudem müssen wir die Präventionsmaßnahmen und entsprechenden Richtlinien tatkräftig umsetzen, um die Antikorruptionslinie vorzurücken, und die Regeln und Vorschriften für die parteiinterne Kontrolle und die disziplinarischen Strafen vernünftiger, vollständiger und effektiver gestalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gleichen Wert auf Vorbeugung und Bestrafung legen ==&lt;br /&gt;
27. Juli 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen unsere Aufsicht verschärfen, die Erziehung im Sinne der Parteidisziplin verstärken und dafür sorgen, dass Zuwiderhandlungen unter den Kadern früh entdeckt und die Betreffenden rechtzeitig darauf hingewiesen, davon abgehalten und wieder in die richtige Bahn gelenkt werden. Die Antikorruptionslinie vorzurücken und gezielte Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen, um Korruptionsfälle zu verhindern, ist eigentlich die größte Fürsorge und der beste Schutz für unsere Kader.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Partei zielt mit den &#039;&#039;Vorläufigen Vorschriften der KP Chinas über die interne Kontrolle&#039;&#039; und den &#039;&#039;Vorschriften der KP Chinas über disziplinarische Strafen&#039;&#039; darauf ab, dass die leitenden Kader keine oder zumindest weniger Fehler machen, indem man die Antikorruptionslinie vorrückt, Vorsorgemaßnahmen trifft, die Erziehung im Sinne der Parteidisziplin forciert und die vorbeugende Kontrolle verschärft. Das erste Papier hat sowohl die unabdingbaren Kontrollrechte der Parteikader als auch ihre Pflichten als Gegenstand der internen Kontrolle klar und deutlich festgelegt und ist dabei dienlich, die Parteimitglieder dazu anzuhalten bzw. ihr Bewusstsein dafür zu stärken, aktiv Kontrolle auszuüben und sich der Parteidisziplin zu fügen. Das zweite Dokument hat die praktischen Erfahrungen unserer Partei in ihrer langjährigen Praxis zusammengefasst und sieht unter Zugrundelegung der Prinzipien, „frühere Fehler zu ahnden, um künftige zu vermeiden; und die Krankheit zu behandeln, um den Patienten zu retten“ sowie Erziehung und Rettung großzuschreiben, eine Kombination von Maßregelung und Erziehung und von Strenge und Nachsicht bei der Behandlung derjenigen Parteiorganisationen und -mitglieder vor, die die Parteidisziplin verletzt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Korruptionsbekämpfung müssen wir an dem Grundgedanken festhalten, sowohl die Symptome als auch die Ursachen mit umfassenden Maßnahmen zu behandeln und Bestrafung und Vorbeugung zu kombinieren, wobei der Schwerpunkt auf der Vorbeugung liegt. Darüber hinaus müssen wir für ein vollständiges System zur Ahndung und Verhütung von Korruption Sorge tragen, das auf die sozialistische Marktwirtschaft zugeschnitten ist und die Faktoren Erziehung, Regeln und Kontrolle gleichermaßen beachtet, und die warnende Wirkung der Strafmaßnahmen zur vollen Entfaltung bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gezielte Maßnahmen zur Korruptionsprävention ergreifen ==&lt;br /&gt;
02. August 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hauptfunktion von Kontrolle und Disziplin liegt darin, durch eine Beschränkung der Macht und die Ahndung von Machtmissbrauch eine geregelte Machtausübung sicherzustellen. Disziplinkontrolle ist im Grunde ein Prozess der Verhaltensregulierung und der Berichtigung von Fehlern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;Vorläufigen Vorschriften der KP Chinas über die interne Kontrolle&#039;&#039; betonen penible Aufsicht vor der Entstehung oder beim Ausbrechen erster Anzeichen einer Zuwiderhandlung und zielen darauf ab, durch die Bekräftigung des Richtigen und Warnung im Voraus das Verhalten der leitenden Kader in der Amtsführung einzuschränken und zu regeln und diese mittels strenger Normen von Korruption abzuhalten. Die &#039;&#039;Vorschriften der KP Chinas über disziplinarische Strafen&#039;&#039; schreiben konkrete Strafmaßnahmen für Fehlverhalten vor und setzen die leitenden Kader über die schweren Folgen von Rechts- und Disziplinverstößen in Kenntnis. Sie dienen damit als eindringliche Warnung und Abschreckung vor Korruption. Es gilt, das Studium der beiden Vorschriften und die entsprechende Erziehung zu forcieren, um die leitenden Parteikader dazu anzuhalten, sich moralisch zu veredeln, aktiv Kontrolle auszuüben und sich der Parteidisziplin zu fügen. Ziel ist es, ihre Abwehrkräfte zu stärken, sodass sie um Korruption bewusst einen Bogen machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusammenfassend gesprochen müssen wir also konkrete und gezielte Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung und zur Förderung der Integrität treffen, strengere Regeln und Vorschriften einführen, die Strafmaßnahmen verschärfen und umfassende Erziehungskampagnen entfalten, damit korruptes Handeln ohne Wenn und Aber verboten ist, nicht gewagt wird bzw. es den Menschen gar nicht erst in den Sinn kommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Regeln und Vorschriften sind keine Vogelscheuchen ==&lt;br /&gt;
06. August 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erarbeitete Regeln und Vorschriften müssen rechtzeitig in Kraft gesetzt und strikt praktiziert werden. Sie dürfen keine bloßen Lippenbekenntnisse sein, die man sich an die Wand hängt oder zu Papier bringt, die also lediglich als Vogelscheuchen fungieren, ohne dass sie im Handeln und in der Arbeitspraxis tatsächlich befolgt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich diese Regeln und Vorschriften nun nur schwer durchsetzen lassen, ist vornehmlich darauf zurückzuführen, dass einige Kader andere nicht vor den Kopf stoßen wollen und nach absoluter Harmonie trachten. Sie opfern Prinzipien und Parteigeist für persönliche Beziehungen und machen Kritik zu einer Art Belohnung im neuen Gewand. Kritik und Selbstkritik aktiv zu üben, ist aber unentbehrlich für unsere Sache, stellt letztlich eine Fürsorge für unsere Kader dar und ist fester Bestandteil des politischen Lebens unserer Partei. Ziel solcher Kritik ist es, dass die Betreffenden ihre Schwächen und Fehler korrigieren und andere eine Lehre daraus ziehen. Wie sollen wir in unserer Sache vorankommen, wenn wir keine Kritik vertragen und keine anderen Stimmen zulassen? Egal ob man andere nicht kränken will oder keine Kritik über sich ergehen lassen möchte, hinter beidem stecken im Grunde genommen egoistische Motive. Dies ist ein Missstand, der im Prozess des Aufbaus leistungsfähiger Partei- und Regierungsorgane mit Tatkraft zu beseitigen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen uns Mühe dabei geben, Regeln und Vorschriften wirklich zu praktizieren, aktiv Kritik und Selbstkritik üben, regelmäßige Kontrollen durchführen und Zuwiderhandlungen streng ahnden. Auch die Massenmedien müssen hierbei ihre Kontrollfunktion voll entfalten und Missstände und Fehlverhalten schonungslos aufdecken, sodass Betreffende öffentlich getadelt werden und eine gerechte Strafe erhalten. Dies alles zielt darauf ab, dass Dekrete tatsächlich umgesetzt und Verbote streng eingehalten werden, dass alle Zuwiderhandlungen geahndet werden und dass alle Kader ihr Handeln und Verhalten bewusst an den geltenden Regeln und Vorschriften ausrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Entwicklungsraum Zhejiangs vergrößern ==&lt;br /&gt;
10. August 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig befindet sich unsere Provinz in einer entscheidenden Phase der Erweiterung der Öffnung nach außen. Zhejiang hat eine vergleichsweise kleine Fläche und verfügt nur über knappe Naturressourcen. Wollen wir das Problem der unzureichenden Ressourcen bewältigen und in einer neuen Runde des Wettbewerbs das Heft auch weiterhin fest in der Hand behalten, dürfen wir unser Blickfeld nicht auf die 101.800 Quadratkilometer, die unsere Provinz misst, begrenzen, sondern müssen unseren Blick über die Grenzen Zhejiangs hinaus richten. Während wir Produktionsfaktoren von außen einführen, müssen wir uns auch in andere Landesteile und ins Ausland begeben und von den Ressourcen und Märkten vor Ort Gebrauch machen, um eine größere Entwicklung zu ermöglichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sogenannte „Süßkartoffel-Theorie“ veranschaulicht die Idee, Zhejiang über seine Grenzen hinaus zu entwickeln, sehr lebendig: Die Ranken der Süßkartoffel recken sich in alle Himmelsrichtungen, um mehr Sonne, Regen und Nährstoffe aufzunehmen. Doch die Knollen bleiben stets im Wurzelbereich und schwellen mit der Ausdehnung der Ranken an. Dass unsere Unternehmen nach außen gehen, sich an Shanghai anschließen, sich aktiv an der Erschließung der westlichen Gebiete und der Umgestaltung der alten Industriebasen u. a. in Nordostchina beteiligen, im internationalen Wettbewerb mitspielen sowie in anderen Landesteilen und im Ausland Getreide-, Energie-, Rohstoff- sowie Produktions- und Verarbeitungsbasen errichten, bedeutet auf keinen Fall eine Kapitalflucht oder umfangreiche Standortwechsel, sondern eine Ressourcenallokation in größerem Umfang und eine Erweiterung des Entwicklungsraums unserer Provinz. Dies steht in Übereinstimmung mit der Forderung, Zhejiang außerhalb der Provinzgrenzen und mit Blick auf das ganze Land zu entwickeln. Wir müssen ein richtiges Verständnis für die obigen Phänomene entwickeln, sie energisch fördern und voller Zuversicht auf Erfolge hoffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sowohl wirtschaftliche als auch soziokulturelle Indikatoren im Blick haben ==&lt;br /&gt;
26. August 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung bezüglich der Arbeitsleistungen von Beamten und die Anschauung von Entwicklung sind eng miteinander verbunden. Was unsere Kader unter Arbeitsleistungen verstehen, bestimmt, wie sie die Entwicklung betrachten und umgekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit einiger Zeit vertritt ein Teil der Kader irrige Ansichten über die Entwicklung, Sie interpretieren den Ausspruch „Entwicklung ist ein eisernes Prinzip“&amp;lt;ref&amp;gt;Deng Xiaoping: &#039;&#039;Die Kernpunkte aus den Reden in Wuchang, Shenzhen, Zhuhai, Shanghai und anderen Städten&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Deng Xiaoping, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 3. People’s Publishing House, Beijing 1993. S. 377.&amp;lt;/ref&amp;gt; einseitig und verstehen unter Entwicklung nichts mehr als Wirtschaftswachstum, setzen dieses weiterhin mit einem wachsenden Bruttoinlandsprodukt gleich und sehen in Letzterem ein Allheilmittel. Das hat dazu geführt, dass in einigen Regionen die Arbeitsleistungen der leitenden Kader ausschließlich anhand von Wirtschaftsdaten und -indizes beurteilt wurden, sodass diese sich auf Prestigeprojekte konzentrierten. Dies hat die Entwicklung vor Ort großen Lasten und versteckten Gefahren ausgesetzt und zahlreiche soziale Widersprüche und Probleme hervorgerufen. Daran ist zu sehen, dass Blindheit in der Anschauung von Entwicklung unausweichlich zu irrigen Ansichten über erfolgreiches Arbeiten führt und eine unvernünftige Auffassung von Arbeitserfolgen zwangsläufig Abweichungen von einer wissenschaftlich fundierten Entwicklung zur Folge hat. Solche Missstände, egal ob es um die Entwicklungsanschauung oder die Auffassung von Arbeitsleistungen geht, werden die Partei in ihrer Regierungskompetenz beeinträchtigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zukunft sollten wir uns in der Bewertung von Kadern von den Prinzipien der öffentlichen Anerkennung und der tatsächlichen Leistungen leiten lassen und diese als wichtige Maßstäbe anlegen. Zudem müssen wir die Bewertungsinhalte bereichern und die Arbeit der leitenden Kader danach beurteilen, ob sie einen richtigen Entwicklungskurs eingeschlagen und zutreffende Strategien entwickelt und ob sie die Beziehungen zwischen Quantität und Qualität sowie zwischen Geschwindigkeit und Effizienz vernünftig behandelt haben. Dabei müssen sowohl wirtschaftliche als auch soziokulturelle und Umweltindikatoren in die Bewertung einfließen, damit nicht nur das Wachstumstempo allein, sondern auch die Beschäftigungslage, Bildungsausgaben und die Umweltqualität ins Gewicht fallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Tourismuswirtschaft durch eine Kombination aus Innovation und Weiterführung entwickeln ==&lt;br /&gt;
30. September 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Tourismuswirtschaft beschleunigt zu entwickeln und Zhejiang zu einer starken Tourismusprovinz aufzubauen, müssen wir die Innovation mit der Weiterführung des traditionellen Erbes kombinieren, auf Grundlage der Bewahrung des Alten Innovationen vornehmen und dadurch eine Weiterentwicklung erreichen. Wir müssen stets für Neuerungen, Veränderungen und hochwertige touristische Angebote sorgen und alles daran setzen, die vorzüglichen Elemente der chinesischen Kultur und unseren Nationalgeist tatkräftig zu verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dafür muss man erstens den Mut fassen, Attraktionen „aus dem Nichts“ hervorzubringen. Das heißt, wir sollten von unseren bereits vorhandenen Ressourcen vollen Gebrauch machen und Touristen mit kühnen touristischen Angeboten anlocken. Doch darunter ist nicht zu verstehen, dass man einige kitschige Tempel baut oder ein paar stilllose Buddhastatuen aufstellt, geschweige denn, Abfälle der feudalen Kultur zu erneuern oder abergläubische Veranstaltungen abzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens muss man sich auf das „Pfropfen und Okulieren‘ wie bei der Veredelung von Pflanzen verstehen. Übertragen auf die Tourismusentwicklung heißt das, dass wir uns die praktischen Erfahrungen und die bewährten Methoden anderer Landesteile und Länder im modernen Tourismus zunutze machen und die Früchte anderer Kulturen übernehmen sollten. Doch dies bedeutet nicht, touristische Attraktionen anderer blind zu kopieren, unüberlegt Freizeitzentren aus dem Boden zu stampfen oder gar dekadente Werte des Kapitalismus unter die Leute zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens muss man sich stets darum bemühen, Neues aus Altem zu schaffen. Das heißt, wir sollten die hervorragenden Elemente der traditionellen chinesischen Kultur weitergeben und diesen gegenwärtigen Zeitgeist einhauchen. Auf keinen Fall aber dürfen wir dabei alte Bauten unbedacht abreißen, beliebig einige Straßenzüge bzw. Gebäude im traditionellen Stil errichten oder gar echte antike Kulturgüter durch Nachbildungen ersetzen und so wertvolle Kulturdenkmäler zerstören. Stattdessen gilt es, die traditionelle und die moderne Kultur gleichermaßen in die Entwicklung der Tourismuswirtschaft zu integrieren, damit die Tourismusbranche zum einen zum Schaufenster der glänzenden traditionellen Kultur Chinas und der beachtlichen Leistungen der Modernisierung unseres Landes wird, und zum anderen als wichtiger Bereich fungiert, in dem den Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse und fortschrittliche Werte nähergebracht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Hochwertige touristische Angebote schaffen ==&lt;br /&gt;
08. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der fortschreitenden Wirtschaftsentwicklung und der Verbesserung des Lebensstandards der Bevölkerung werden die klassischen Sightseeing-Touren den Bedürfnissen moderner Touristen nicht mehr gerecht. Die Menschen verlangen nach neuen, kuriosen, lehrreichen und unterhaltsamen Dingen. Dies zwingt uns dazu, mehr und bessere touristische Produkte zu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dementsprechend gilt es, die außergewöhnlichen Natur- und Kulturressourcen unserer Provinz gut auszunutzen, Motive wie Dichtkunst und Malerei sowie malerische Berg- und Flusslandschaften hervorzuheben und mit Feingefühl für noch mehr hochwertige touristische Angebote zu sorgen, die die Kultur und den Volksgeist Zhejiangs widerspiegeln, um Kultur-, Vergnügungs-, Geschäfts-, Öko- und Seereisen zu fünf Aushängeschildern des Tourismus unserer Provinz zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit dies gelingt, sollten wir erstens unsere Bemühungen forcieren, dass Natur- und Kulturstätten sowie Geoparks in Zhejiang in die Liste des UNESCO-Welterbes bzw. der UNESCO Global Geoparks aufgenommen werden, um diese zu touristischen Attraktionen von Weltrang zu entwickeln. Zweitens sollten wir eine Reihe von großflächigen reizvollen und charakteristischen Landschaftsgebieten und Sehenswürdigkeiten mit weltweitem Bekanntheitsgrad aufbauen und nach wie vor wichtige Messen und Festivals veranstalten, um Zhejiang im In- und Ausland einen Namen zu machen. Drittens sollten wir spezielle Themenreisen für die Bereiche Industrie, Landwirtschaft, Handel, Vergnügung sowie auf den Spuren prominenter Persönlichkeiten und der chinesischen Revolution konzipieren, um Touristen neue Optionen zu bieten. Viertens gilt es, feine und tragbare Souvenirs mit Zusatznutzen und regionalen Eigenheiten auf den Markt zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles in allem müssen wir ein vielfältiges touristisches Angebot, das sich durch Originalität, Anziehungskraft und hohe Qualität auszeichnet, ausarbeiten, sodass unsere Provinz auf dem Tourismusmarkt ständig an Bekanntheit und Attraktivität gewinnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auch die „abgasfreie Industrie“ fordert eine nachhaltige Entwicklung ==&lt;br /&gt;
09. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tourismus wird oft als „abgasfreie Industrie“ bezeichnet, da er vergleichsweise umweltverträglich ist. Doch dies bedeutet nicht, dass es zwischen Tourismusentwicklung und Umweltschutz keinen Widerspruch gibt. In den letzten Jahren ist es an einigen Orten unserer Provinz zu Naturzerstörung und Umweltverschmutzung durch ungeregelte touristische Erschließung und blinden Entwicklungseifer gekommen. Naturressourcen, landschaftliche Schönheiten und Kulturstätten lassen sich nicht wiederherstellen, sobald sie einmal verloren sind. Und die Zerstörung der Natur zieht auch zwangsläufig die Lebensumwelt der Menschen in Mitleidenschaft. Werden Naturlandschaften beschädigt, büßen sie an Reiz ein; werden Kulturstätten ruiniert, droht ihr geistig-kultureller Wert verloren zu gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die natürlichen und kulturellen Ressourcen bilden die Grundlagen des Tourismus. Kommen sie zu Schaden, wird der Tourismuswirtschaft der Boden unter den Füßen weggezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang kann auf eine lange Geschichte und eine alte Kultur zurückblicken und verfügt über reichliche Natur- und Kulturressourcen. Die schönen Berg- und Flusslandschaften unserer Provinz sowie ihre profunde Kultur bieten beste Voraussetzungen für die Entwicklung einer florierenden Tourismusbranche. Im Entwicklungsprozess dieser Branche müssen wir darauf bestehen, Erschließung und Schutz gleichermaßen Priorität einzuräumen. Eine gute touristische Erschließung ist notwendig für einen entwickelten Tourismus, während ein guter Schutz der vorhandenen Natur- und Kulturlandschaften eine wichtige Vorbedingung für touristische Erschließung bildet. Nur wenn wir die verfügbaren Ressourcen wissenschaftlich und rationell nutzen, wird sich die Tourismusentwicklung beschleunigen; und nur durch aktiven und effektiven Natur- und Denkmalschutz wird diese Entwicklung gesund vonstattengehen. Es gilt also, uns in Übereinstimmung mit den Prinzipien sicheren Schutzes, vernünftiger Erschließung und nachhaltiger Nutzung die reichlich vorhandenen Natur- und Kulturressourcen unserer Provinz zunutze zu machen bzw. sie in ihrem ursprünglichen Zustand zu bewahren und einen Weg der Ressourceneinsparung, des ökologischen Gleichgewichts und der intensiven Entwicklung zu beschreiten, um den Tourismus unserer Provinz in nachhaltiger Weise zu entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Face-to-Face-Kommunikation leitender Kader mit Beschwerdeführern ist eine nützliche Innovation ==&lt;br /&gt;
11. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die leitenden Kader an die Basis gehen, um persönliche Gespräche mit den normalen Bürgern zu führen, ist eine Praxis, der wesentlichen Forderung, dass die KP Chinas keine anderen als die Öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt, nachzukommen und die von den einfachen Leuten persönlich oder brieflich vorgebrachten Probleme, die ihre vitalen Interessen betreffen, gewissenhaft zu lösen. Dieses Vorgehen bildet auch einen konkreten Schritt im Rahmen der einheitlichen Planung des Zentralkomitees der KP Chinas, hervorstechenden Problemen und Protesten konzentriert zu begegnen, und eine einschneidende Maßnahme, um Widersprüche verschiedener Art mit der Wurzel auszurotten und die soziale Harmonie und Stabilität zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Praxis seit Einführung dieser Maßnahme in unserer Provinz vor einem Jahr hat bewiesen, dass sie es nicht nur den leitenden Kadern erleichtert, die Basisarbeit zu kontrollieren und anzuleiten, sondern auch deren erfolgreicher Ausführung förderlich ist; sie trägt nicht nur dazu bei, die Menschen tatsächlich von ihren Schwierigkeiten zu befreien und hervorstechende Probleme rechtzeitig in Angriff zu nehmen, sondern sorgt auch dafür, dass sich die Richtschnur, die Amtsmacht zugunsten des Volkes auszuüben, bei den Kadern etabliert und Partei und Kader dem Volk näherkommen; nicht zuletzt stellt die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht eine gute Chance dar, die Bevölkerung über den Kurs, die Leitlinien und die Politik der Partei aufzuklären und die leitenden Kader dazu zu befähigen, die Gesamtlage gut im Griff zu behalten und die Reform und Entwicklung voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Wort ist dies eine Innovation, die viele Vorteile bietet. Wir sollten deshalb weitere Untersuchungen vornehmen und diese Praxis ständig fördern, damit diese Maßnahme, die für den Schutz der vitalen Interessen des Volkes sowie für die Harmonie und Stabilität unserer Gesellschaft von großem Belang ist, tatkräftig, sorgfältig und wirksam umgesetzt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Basiskader sind der erste Wachposten für Bürgerbeschwerden ==&lt;br /&gt;
13. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass sich leitende Kader aktiv zu ihren Leuten begeben, statt die normalen Bürger ihre Sorgen und Nöte selbst an die höhere Stelle herantragen zu lassen, gehört zu den guten Traditionen und bewährten Arbeitsmethoden unserer Partei und ist eine Verpflichtung für alle leitenden Kader, da sie, egal in welchem Rang, Diener des Volkes sind. Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, den Menschen verantwortlich zu sein und sie von ihren Schwierigkeiten zu befreien. Angesichts der Tatsache, dass einige Bürger Beanstandungen vortragen, müssen wir uns bereitfinden, ihre Probleme mit allen Mitteln zu beseitigen, um unser feierliches Versprechen einzulösen, unsere Amtsgewalt stets im Interesse des Volkes auszuüben, die Menschen allzeit fest im Herzen zu tragen und sich fortwährend für ihr Wohl einzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Behandlung von Bürgerbeschwerden müssen eine feste Rangordnung und ein striktes Verantwortungssystem gelten. Die Basisebene ist sowohl die Quelle der Beanstandungen als auch das wichtigste Kettenglied zur Lösung der betreffenden Probleme. Die Organe auf Basisebene sehen sich einer Vielfalt von Angelegenheiten gegenüber, und ihre Kader sind dank ihrer langjährigen Arbeit an der vordersten Front erfahren darin, die Schwierigkeiten der Menschen zu lösen. Was die Behandlung von Bürgerbeschwerden anbelangt, so müssen die Basiskader den ersten Wachposten zu deren Beilegung bilden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch heute zeigt sich das Problem, dass ein Teil der Basiskader, sei es aufgrund einer ungeeigneten Denkweise, wegen eines oberflächlichen Verständnisses der Anweisungen übergeordneter Behörden, infolge der Unfähigkeit oder durch Unredlichkeit, nicht in der Lage ist, rechtzeitig und effektiv auf persönlich oder brieflich vorgetragene Beschwerden einzugehen. Dieser Umstand fordert die Kader der Führungsorgane auf allen Ebenen dringend dazu auf, mit Anteilnahme an die Basis zu gehen, um den Kadern dort die Richtlinien nochmals zu erläutern, ihnen die nötigen Arbeitsmethoden zu vermitteln und an konkreten Beispielen zu demonstrieren sowie Kontrolle auszuüben. Sie sollten auf diese Weise die Basisarbeit fördern, die Basiskader zur Wahrnehmung ihrer Verantwortung anhalten und sie beim Umgang mit hervorstechenden Problemen unter der Bevölkerung anleiten, damit diese Probleme schon an der Basis bzw. im Ansatz beigelegt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wirksamkeit muss an erster Stelle stehen ==&lt;br /&gt;
15. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Behandlung von Bürgerbeschwerden betrifft unmittelbar die grundlegenden Interessen des Volkes. Dabei müssen wir realitätsnah und bodenständig arbeiten und entschieden von Oberflächlichkeit und Nachlässigkeit Abstand nehmen. Die Kontrollergebnisse der zuständigen Provinzbehörden haben gezeigt, dass noch immer einige Beschwerdefälle unabgeschlossen und die betreffenden Menschen mit der Bearbeitung nicht sonderlich zufrieden sind. Ein wichtiger Grund hierfür liegt darin, dass die verantwortlichen Behörden teils nicht mit vollem Einsatz auf ihre Arbeit eingehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Durchführung der Maßnahme, dass leitende Kader an die Basis gehen und Bürgerbeschwerden persönlich behandeln, zu verbessern, müssen wir großen Wert auf die Wirkung unseres Engagements legen und uns anstrengen, gute Problemlösungen zu erreichen und die Qualität der Kommunikation zu erhöhen. Die leitenden Kader müssen die konkreten Aufgaben, die es im Rahmen der von ihnen behandelten Beschwerdefälle zu erledigen gilt, an einzelne zuständige Behörden übertragen und für eine bessere Koordination zwischen ihnen sorgen, um diejenigen Fälle, für deren Erledigung sie geradestehen, erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Probleme, die von zahlreichen Bürgern gleichermaßen vorgetragen werden, müssen von den betreffenden Behörden rechtzeitig untersucht werden. Hier müssen sich die Zuständigen ausführlich beraten und konstruktive Ansätze, die die Probleme von ihrer Wurzel her angehen, erarbeiten, um praktische Lösungen zu finden und Widersprüche effektiv zu beseitigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wie mit Bürgerbeschwerden umzugehen ist ==&lt;br /&gt;
18. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader sollen nicht nur zu bestimmten Zeiten an die Basis gehen, sondern müssen jederzeit bereit sein, normale Bürger zu empfangen, und sich regelmäßig mit ausgewählten Beschwerdeführern treffen. Dabei können sie das Thema der Gespräche offen lassen oder sich mit einem speziellen Thema beschäftigen, sich mit bestimmten Personen besprechen oder gezielte Untersuchungen vornehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben konventionellen Mitteln wie vorheriger Terminvereinbarung oder offenen Sprechstunden können die leitenden Kader auch im Rahmen der Beilegung von Problemen, die provinzweit auftreten, betreffende Bürger zu Gesprächen einladen bzw. persönlich Felduntersuchungen durchführen und dann gezielte Gegenmaßnahmen ergreifen oder auf Grundlage ausführlicher Analysen und Beratungen geltende Richtlinien, die sich als lückenhaft erwiesen haben, revidieren bzw. anpassen, um Probleme, die von vielen Menschen gleichermaßen bemängelt werden, effektiv beizulegen und organisierte Proteste zu vermeiden. Auch haben sie die Möglichkeit, bei der Behandlung von Beschwerdefällen, die regionen- bzw. behördenübergreifend sind und von daher nicht von einzelnen Regionen bzw. Behörden behoben werden können, eine koordinierende Rolle zu spielen. Des Weiteren können sie einzelne Regionen separat unterweisen, indem sie den Gegebenheiten vor Ort entsprechend eine oder zwei meistdiskutierte oder äußerst heikle Fragen auswählen und persönliche Gespräche mit den Betreffenden führen. Doch man muss sich gemäß den lokalen Verhältnissen unter all diesen Methoden für eine geeignete entscheiden, damit die Kommunikation eine bessere Wirkung erzielt und die Probleme des Volkes in zufriedenstellender Weise gelöst werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Je höher die Position, desto wichtiger werden Integrität und Selbstdisziplin ==&lt;br /&gt;
21. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die leitenden Kader aller Ebenen redlich und unbestechlich bleiben, stellt die primäre Aufgabe für die Verbesserung des Parteiverhaltens und den Aufbau einer integren Regierung und auch einen wichtigen Aspekt zur Steigerung der Regierungsfähigkeit unserer Partei dar. Alle Führungsorgane und führenden Kader der Partei, egal welchen Rang sie einnehmen, haben Macht. Daher gehört die Frage, wie man die Führungsgremien und die Kadermannschaften aller Ebenen dazu anleitet, diese vom Volk erteilte Macht in dessen Interesse auszuüben, seit jeher zu den wichtigsten Themen in Sachen Regierungsführung, an denen unsere Partei nicht vorbeigehen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle leitenden Kader müssen sich die Welt- und Lebensanschauung sowie die Wertvorstellungen des Marxismus und eine richtige Auffassung von Macht, Stellung und Interessen zu eigen machen, sich bewusst in Selbstdisziplin üben, im Rahmen der Regeln und Vorschriften des Zentralkomitees und des Parteikomitees unserer Provinz über integre Amtsführung und gute Parteidisziplin agieren und ihre Amtsgewalt mit Regelmäßigkeit ausüben, sodass sie den Anforderungen der Redlichkeit und Unbestechlichkeit, der Hingabe an die Arbeit und an das Volk sowie der Selbstkontrolle und der konsequenten Verfolgung der öffentlichen Interessen gerecht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Parteiorganisationen aller Ebenen müssen die Aufsicht über die Machtausübung sowie die Beschränkung der Macht mit Tatkraft verschärfen und die leitenden Kader fest im Griff haben. Besonders an Vorgesetzte verschiedener Führungsgremien muss man hohe Anforderungen stellen, ihr Verhalten streng regeln und sie einer scharfen Kontrolle unterziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt jedoch einige Kader, die trotz höherer Position und größerer Machtfülle die Zügel der Selbstkontrolle gelockert haben. Geraten Kader derart außer Rand und Band und gelingt es ihren Organisationen nicht, sie rechtzeitig in ihre Schranken zu weisen und Aufsicht über sie zu führen, kommt es leicht zu Verfehlungen, ja teils sogar zu schweren Straftaten. Vor diesem Hintergrund gilt es für Führungsorgane und führende Kader, besonders solche in Schlüsselpositionen, umso mehr, größten Wert auf eine integre Amtsführung und hohe Selbstdisziplin zu legen und sich unter noch strengere Kontrolle zu stellen, um durch ihr eigenes Verhalten Maßstäbe zu setzen und anderen ein Vorbild zu geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Reichtum durch Arbeit erwerben und Wissen in Macht umwandeln ==&lt;br /&gt;
26. Oktober 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Steigerung ihrer Regierungsfähigkeit muss sich unsere Partei u. a. dafür einsetzen, ihre Klassenbasis ständig zu konsolidieren, ihre Massenbasis stets zu verbreitern und ihren Einfluss auf die Öffentlichkeit kontinuierlich zu erhöhen. Alle Parteikomitees und Regierungen unserer Provinz müssen sich auf die Verbesserung der Regierungsfähigkeit unserer Partei und die Konsolidierung ihres Status als Regierungspartei konzentrieren, die Leitlinie, sich ohne Wenn und Aber auf die Arbeiterklasse zu stützen, konsequent befolgen, die Menschen dazu motivieren, sich fest um die KP Chinas zusammenzuschließen, die Kreativität der Erwerbstätigen aller Branchen fördern und Sorge dafür tragen, dass Innovationsgeist Respekt erwiesen, Innovationsaktivitäten Unterstützung gewährt, Innovationskraft zur Entfaltung gebracht und Innovationen gebührende Anerkennung gezollt wird, solange sie zum sozialen Fortschritt beitragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gewerkschaften sind Massenorganisationen der Arbeiterklasse unter Führung der KP Chinas und dienen als Brücke und Band zwischen Partei und Erwerbstätigen. Die Parteikomitees und Regierungen aller Ebenen müssen der Arbeit der Gewerkschaften große Aufmerksamkeit schenken, den Boden dafür vorbereiten und durch Gewerkschaften auf verschiedenen Ebenen die Erwerbstätigen gut organisieren, um die von der Partei und der Regierung anvertrauten Aufgaben erfolgreich zu erledigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Arbeiter und alle anderen Erwerbstätigen unserer Provinz sollten sich ihres ehrenvollen Auftrags voll bewusst sein, ihr Denken an den Beschlüssen und Anweisungen des Zentralkomitees und des Provinzparteikomitees ausrichten, sich auf die eigene Arbeit konzentrieren, Vorbildern folgen bzw. versuchen, zu diesen aufzuschließen, und mit unermüdlichem Einsatz hervorragende Leistungen anstreben. Sie müssen ihre Funktion als Säulen der Modernisierung in vollem Maße entfalten, durch Arbeit Wohlstand schaffen und ihr Wissen in Macht umwandeln, um stets neue Erfolge im Prozess des Umgangs mit den Beziehungen zwischen Reform, Entwicklung und Stabilität, der Koordinierung der Entwicklung der sozialistischen materiellen, politischen und geistigen Zivilisation sowie der Förderung der Reform und Öffnung und der Modernisierung Zhejiangs zu erringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Neue Erkenntnisse sind von langfristigem Wert ==&lt;br /&gt;
10. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein chinesisches Sprichwort besagt: „Wer sein Beil schärft, vergeudet nicht die Zeit zum Brennholzsammeln.“ Da das Handeln vom Denken geleitet wird, sind neue Einsichten von weiterreichender Bedeutung als bloße Entwicklungserfolge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit einiger Zeit setzen wir uns dafür ein, unser Denken auf die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung auszurichten. Dies ist ein dynamischer Prozess, der uns einen immer tieferen Einblick in die Ideenwelt ermöglicht, und es gilt, diesen Prozess in unsere Alltagsarbeit zu integrieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Kader stehen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung und der Politik der Globalsteuerung des Zentralkomitees der Partei positiv gegenüber. Doch wenn sie an konkrete Probleme herangehen, neigen sie dazu, beides voneinander zu trennen und es sogar für gegensätzlich zu halten. Tatsächlich aber ist Globalsteuerung ein konkreter Schritt zur Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung, Dass man durch Globalsteuerung der übermäßigen Inanspruchnahme von Grundstücken Einhalt gebietet, Investitionen, die die Nachfrage bei Weitem übersteigen, abbaut und minderwertige gleichartige Projekte abschafft, entspricht genau den Anforderungen einer wissenschaftlichen Entwicklungsanschauung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich muss man einen Anpassungsprozess durchlaufen und auch große Anstrengungen unternehmen, um ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Darüber herrscht Einigkeit unter allen leitenden Partei- und Regierungskadern unserer Provinz. Wir müssen uns weiterhin Mühe geben, das Denken der Kader und Bürger auf Basisebene in Einklang zu bringen, sodass alle in unserer Provinz, von den Spitzenpolitikern bis hin zu den einfachen Leuten, in Gedanken und Taten immer größere Entschlossenheit, Initiative und Kreativität an den Tag legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bewusstsein und Kompetenz der Kader für Regierungsführung sind von größter Wichtigkeit ==&lt;br /&gt;
15. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parteikader spielen die Hauptrolle zur Verbesserung der Regierungsfähigkeit unserer Partei. Es ist deshalb von größter Wichtigkeit, dass alle Parteikader die nötige Bereitschaft und Kompetenz mitbringen, ihr Amt gut auszuüben, und auch dass sie über die hierfür erforderlichen Qualifikationen und Verhaltensweisen verfügen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Parteikader aller Ebenen müssen ihre Parteilichkeit sowie ihr Bewusstsein dafür, die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes auszuüben, fortwährend stärken. In welchem Sektor, welcher Abteilung oder an welchem Ort sie auch tätig sein mögen, müssen sie sich stets darüber im Klaren sein, dass sie in erster Linie ein Mitglied der KP Chinas sind, ihre primäre Aufgabe darin besteht, der Partei zu dienen, und ihr vorrangiges Ziel darin liegt, dem Volk Nutzen zu bringen. Sie müssen Partei und Volk nach wie vor an erste Stelle setzen und ihre Fähigkeiten und Qualifikationen stetig steigern, damit ihr Wirken dem Volk zugutekommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader aller Ebenen müssen sich ernstlich darüber Gedanken machen, wie sie einen Beitrag zur Verbesserung der Regierungsfähigkeit unserer Partei leisten können. Sie müssen ein stärkeres Vorsorgebewusstsein entwickeln, ihre Regierungskompetenz in der Führungspraxis steigern und sich einen guten Arbeitsstil zu eigen machen. Sie sollten dem Beispiel von Jiao Yulu,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; Kong Fansen&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und Zheng Peimin&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; folgen, welche mit ihrer Hingabe an die Arbeit allen leitenden Kadern ein Vorbild gegeben haben, und sich darum bemühen, ein öffentlicher Diener, der dem Volk nahesteht und es aufrichtig liebt, ein treu ergebenes und anständiges Parteimitglied sowie ein zuverlässiger, kompetenter, hoch qualifizierter und konsequenter Führungskader zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Tiefes Verständnis statt mechanischen Nachahmens ==&lt;br /&gt;
22. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anweisungen des Zentralkomitees entschlossen, gewissenhaft und ohne Umschweife auszuführen, gehört zu den Anforderungen der Organisationsprinzipien und der politischen Disziplin unserer Partei. In dieser Hinsicht müssen wir der Gesamtentwicklung unseres Landes stets den Vorrang geben. Auf keinen Fall dürfen wir den Anordnungen des Zentralkomitees statt Taten nur leere Worte folgen lassen, geschweige denn einen anderen Weg einschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sich die Verhältnisse in verschiedenen Regionen stark voneinander unterscheiden, müssen wir die Politik des Zentralkomitees der Partei gut an die lokalen Gegebenheiten anpassen und ein tiefes Verständnis für ihren Sinngehalt entwickeln, anstatt sie bloß mechanisch nachzuahmen. Wir dürfen weder die Anweisungen von oben noch Bücherwissen als der Weisheit letzten Schluss begreifen, sondern müssen uns ausschließlich an den gegebenen Verhältnissen orientieren und die Politik des Zentralkomitees weiterentwickeln, sie detaillieren und konkretisieren. Erst dann können wir sagen, dass wir ein Herz und eine Seele mit dem Zentralkomitee der Partei bilden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für uns in Zhejiang gilt es dementsprechend, die Politik des Zentralkomitees der Partei mit den Gegebenheiten unserer Provinz zu kombinieren und unsere Arbeit mit Innovationsgeist zu verrichten. Dazu müssen wir die Dekrete von oben richtig und gründlich zur Kenntnis nehmen, uns von den konkreten Verhältnissen in unserer Provinz, von denen an der Basis und denen außerhalb Zhejiangs ein umfassendes Bild machen und letztlich unter Berücksichtigung all dieser Faktoren bahnbrechende Innovationen einführen, um wirksame Ansätze, Beschlüsse und Pläne auszuarbeiten, die sowohl in Übereinstimmung mit dem Geist des Zentralkomitees der Partei stehen als auch den Gegebenheiten in unserer Provinz gerecht werden. Nur auf diesem Weg können wir unter Zugrundelegung der Leitlinien, mit der Zeit zu gehen sowie realitätsnah und bodenständig zu arbeiten, mit einer umfassenden, koordinierten und nachhaltigen sozioökonomischen Entwicklung und größeren Erfolgen in Reform, Entwicklung und im Schutz der Stabilität rechnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auf dem Boden der Gegenwart gen Zukunft blicken ==&lt;br /&gt;
24. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung stellt eine Erweiterung der marxistischen Entwicklungstheotie dar. Sie spiegelt in konzentrierter Weise die dialektische Methode der Gesamtplanung unter Berücksichtigung aller Faktoren und gilt als Richtschnur für die Entwicklung aller Sektoren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für all unsere Arbeit ist es wichtig, dass wir einen Überblick über die Gesamtlage haben, alle betreffenden Faktoren in Betracht ziehen sowie Gegenwart und Zukunft miteinander koordinieren. Seit jeher betont unsere Partei die Wichtigkeit, die Wirkung unserer Arbeit abzuwägen und eine langfristige Entwicklung anzustreben. Doch dabei dürfen wir nicht nur nach Erfolgen jagen, die uns momentanen Nutzen bringen. Sinnvoller sind Erfolge, die auch für die Zukunft vorteilhaft sind. Es gilt, alle Maßnahmen, die eine schnelle und nachhaltige Wirkung versprechen, mutig zu ergreifen; doch gleichzeitig sollten wir auch solche Arbeiten, die zwar kurzfristig keine Wirkung zeigen, jedoch Grundlagen für die zukünftige Entwicklung legen, mit vollem Einsatz anpacken. Auf keinen Fall dürfen wir unsere Nachfolger mit Schulden belasten, die sich aus übermäßigen Ausgaben für groß angelegte Projekte, die man um schneller Arbeitserfolge willen und ungeachtet der lokalen finanziellen Kapazitäten in Angriff genommen hat, ergeben, oder nicht korrigierbare Fehler begehen bzw. unersetzliche Verluste verursachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bereitschaft zur Grundlagenarbeit zeigen ==&lt;br /&gt;
26. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für leitende Kader gilt es, alle Aufgaben in ihrer Zuständigkeit unter Zugrundelegung der richtigen Auffassung von Arbeitsleistungen beherzt anzupacken. Sie sollten sich zudem bereitwillig der Grundlagenarbeit widmen, auch wenn diese manchmal keinen unmittelbaren Erfolg versprechen mag. Nicht umsonst pflegen wir in China zu sagen: „Es muss nicht ich sein, der am Ende die Lorbeeren erntet.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat des berühmten chinesischen Philosophen, Philologen und Politiker Hu Shi (1891-1962).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgaben abzulehnen, die man nicht selbst initiiert hat, und nur das zu tun, was als eigene Arbeitsleistung angerechnet wird, entspricht nicht den Wertvorstellungen leitender Kader der KP Chinas. Ist eine Sache für die Gesamtentwicklung und die Gesamtinteressen von Partei und Volk von Bedeutung, dürfen wir nicht kleinlich abwägen, ob wir selbst Nutzen oder Schaden daraus ziehen. Die Errichtung des Honggi-Kanals, die groß angelegte Aufforstung Nordwest-, Nord- und Nordostchinas und andere Großprojekte wurden allesamt von mehreren Generationen gemeinsam geschultert. Hätte man stattdessen zum eigenen Vorteil alte Dekrete stets durch neue ersetzt, hätten diese Projekte nie erfolgreich zu Ende gebracht werden können. Nur wenn der Staffelstab eines Vorhabens von einem Führungskader an den nächsten weitergereicht wird, kann letztlich Großartiges geleistet werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gute Leistungen sind Früchte sorgfältiger Arbeitsausführung ==&lt;br /&gt;
29. November 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine richtige Strategie ist durch die Anwendung richtiger Taktiken in die Tat umzusetzen, und gute Leistungen und Erfolge sind das Ergebnis sorgfältiger Ausführung, Wir dürfen bei jeder Aufgabe weder den Fehler machen, die Flinte schon nach den ersten Versuchen ins Korn zu werfen noch anfangs großen Arbeitseifer an den Tag zu legen, doch am Ende zu schludern. Stattdessen müssen wir unsere Arbeit mit Tatkraft und Hingabe verrichten und unser Bestes geben, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Anstrengungen, die keinen Erfolg versprechen, sollten wir uns aber sparen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Umsetzung von Beschlüssen übergeordneter Organe oder eigener Vorhaben müssen wir sowohl Wert auf gute Planung als auch auf gute Umsetzung legen und dabei für gezielte Maßnahmen bzw. eine reale Wirkung sorgen. In dieser Hinsicht müssen wir in Übereinstimmung mit dem Hauptwiderspruch der sozio-ökonomischen Entwicklung und der hauptsächlichen Seite dieses Widerspruchs zwischen wichtigen und nebensächlichen, dringen- den und weniger dringenden Aufgaben unterscheiden, den Arbeitsschwerpunkt hervorheben, das wichtigste Kettenglied anpacken und die Hauptstoßrichtung festlegen. Auch müssen wir realitätsnah und pragmatisch vorgehen, unsere gegenwärtige Arbeit auf das langfristige Ziel ausrichten, eine Sache nach der anderen erledigen und Jahr für Jahr hervorragende Arbeitsleistungen anstreben, um kleine Erfolge zu akkumulieren und schließlich Großes zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mit jedem Stück Boden sparsam haushalten ==&lt;br /&gt;
03. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Flächenknappheit ist ein unüberwindbarer Engpass in unserer Provinz. Egal welche Art von Bodenpolitik wir auch einschlagen, muss hier klipp und klar festgehalten werden, dass Landnutzung nach Belieben längst der Vergangenheit angehört. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass die schwierigen Zeiten früher oder später schon vorbeigehen werden, sondern müssen uns darauf gefasst machen, dauerhaft mit einem knappen Budget für Boden zu haushalten. Denn die Tatsache, dass Zhejiang nur über eine begrenzte Fläche verfügt, ist nicht von der Hand zu weisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fehler in der Arbeit sind zwar verzeihlich, aber nur solche, die sich wiedergutmachen lassen. Eine Fehlentscheidung in Sachen Landnutzung kann hingegen zu unersetzlichem Schaden führen. Hierüber müssen sich alle Kader im Klaren sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat wird ein strenges, wissenschaftliches und effektives Bodenmanagementsystem einführen, das den Gegebenheiten in unserem Land entspricht. In Zukunft werden zum einen einige Verbote in der Landnutzung aufgehoben, zum anderen wird die Inanspruchnahme von Böden unter strengere Kontrolle gestellt. Dementsprechend müssen wir die verfügbaren Grundstücke gut ausnutzen, den Einsatz neuer Grundstücke auf das Nötigste beschränken, Ersteres durch Letzteres fördern und für eine intensive Landnutzung sorgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Basiskader fallen ins Gewicht ==&lt;br /&gt;
06. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kader der Basisebene stehen in engster Beziehung zum Volk. Sie sind es, über welche sich die Menschen einen ersten Eindruck von unserer Partei bilden. Dies verdeutlicht ihre Stellung im Herzen der Bevölkerung und die Wichtigkeit, eine gute Kadermannschaft an der Basis aufzubauen, um den Parteiaufbau insgesamt zu verbessern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Parteikomitees und Regierungen auf allen Ebenen sollten den Aufbau der Basiskadermannschaften als Ansatzpunkt für die Steigerung der Regierungsfähigkeit unserer Partei anpacken, den Kadern auf Basisebene gebührende Aufmerksamkeit schenken, sich aufrichtig um sie kümmern und sie zu schätzen wissen. Die übergeordneten Organe sollten volles Verständnis für die Schwierigkeiten, die den Kadern bei ihrer Arbeit an der Basis begegnen, zeigen und ihnen warmherzig unter die Arme greifen. Besonders müssen sie den Mut haben, für die Fehler der Basiskader geradezustehen. Wir sollten ein scharfes Auge für vorbildliche Kader und beispielhafte Taten an der Basis entwickeln und beides bekannt machen. Zugleich müssen wir großes Augenmerk auf die Probleme der Basiskader legen, sie verstärkt schulen und anleiten und unter strengere Kontrolle stellen. Unter keinen Umständen dürfen wir Verletzungen der Interessen des Volkes dulden, noch Störenfriede, die dem Image der Beamtenschaft auf Basisebene insgesamt schaden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Drei Beziehungen gut behandeln ==&lt;br /&gt;
08. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um unsere Arbeit erfolgreich zu verrichten, gilt es, drei Beziehungen gut zu behandeln: Erstens müssen wir unsere Arbeit sowohl sorgfältig planen als auch gewissenhaft ausführen, damit unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt sind. Zweitens müssen wir die begonnene Arbeit nicht nur fortsetzen, sondern auch forcieren, um noch größere Leistungen zu erzielen. Drittens müssen wir bei unserer Arbeitsplanung sowohl an die gegenwärtige als auch an die zukünftige Entwicklung denken, um beide miteinander zu koordinieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus zeitlicher Perspektive betrachtet, geht es bei der ersten Beziehung um das Verhältnis zwischen gestern und heute — was wir gestern geplant haben, müssen wir heute in die Tat umsetzen. Die zweite Beziehung betrifft das Gestern, das Heute und das Morgen — was wir gestern in Angriff genommen haben, müssen wir heute weiterführen und auf eine höhere Stufe bringen, um morgen zu größeren Erfolgen zu gelangen. Die dritte Beziehung tangiert das Heute und das Morgen — egal was wir heute tun, wir müssen stets das Morgen im Auge behalten, denn die Entwicklung von morgen basiert auf unseren heutigen Anstrengungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag einfach sein, diese drei Beziehungen zu erklären, doch ein geschickter Umgang damit ist alles andere als eine leichte Aufgabe. Gelingt es uns aber, diese Beziehungen gut in den Griff zu bekommen, werden wir ein tieferes Verständnis der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung erlangen, diese verinnerlichen und sie gut umsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die „kurzen Dauben“ unserer Provinz verlängern ==&lt;br /&gt;
10. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die enorme Kluft zwischen verschiedenen Regionen stellt ein hervorstechendes Problem in unserer Provinz dar, das unserem Vorhaben im Wege steht, beschleunigt eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand umfassend aufzubauen und die Modernisierung früher als geplant abzuschließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch ohne Wohlstand und Modernisierung in den unterentwickelten Regionen kann von einem umfassenden bescheidenen Wohlstand und der Verwirklichung der Modernisierung in der ganzen Provinz keine Rede sein. Hier dürfen wir uns nichts vormachen. Das Minimumgesetz besagt, dass eine Tonne mit unterschiedlich langen Dauben sich nur bis zur Höhe der kürzesten Daube füllen lässt. Das heißt, ob unsere Provinz das Ziel des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand und der frühzeitigen Vollendung der Modernisierung erreichen kann, hängt in großem Maße davon ab, ob wir unsere regionale Kluft verkleinern können. Dies erfordert sowohl eine beschleunigte Entwicklung der entwickelten Gebiete als auch einen sprunghaften Fortschritt der unterentwickelten Gebiete. Die Ersteren müssen den Letzteren mit ihren Stärken unter die Arme greifen, während es für die Letzteren gilt, ihr Denken anzupassen, neue Systeme einzuführen, ihre Umwelt zu verbessern und sich konsequent anzustrengen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Projekt der Kooperation zwischen Küsten- und Berggebieten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses Kooperationsprojekt wurde von dem Parteikomitee und der Regierung der Provinz Zhejiang im Jahr 2002 beschlossen, um den unterentwickelten Regionen bei einer beschleunigten Entwicklung zu helfen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den entwickelten Küstengebieten und den unterentwickelten Berggebieten in Südwest-Zhejiang umfassend zu fördern. Die Hauptziele bestehen darin, eine Reihe von Kooperationsunternehmen in den Bergregionen zu errichten, die Industriestruktur in beiden Gebieten zu optimieren und zu modernisieren sowie für eine angemessene Bevölkerungsfluktuation von den unterentwickelten in die entwickelten Regionen zu sorgen.&amp;lt;/ref&amp;gt; zielt darauf ab, durch eine allseitige Zusammenarbeit der entwickelten und unterentwickelten Regionen und durch gezielte und einschneidende Maßnahmen die „kurzen Dauben“ unserer Provinz zu verlängern und die Erfolge der sozioökonomischen Entwicklung der gesamten Bevölkerung zuteilwerden zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Entwicklungsanschauung bestimmt den Entwicklungsweg ==&lt;br /&gt;
16. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anschauung von Entwicklung bestimmt den Entwicklungsweg. Bei der Durchführung des Projektes der Kooperation zwischen Küsten- und Berggebieten kommt es vor allem darauf an, dass sich die unterentwickelten Regionen für einen Entwicklungsweg entscheiden, der einer integrierten regionalen Entwicklung dienlich ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die entwickelten Regionen unserer Provinz beschreiten seit Langem einen konventionellen Weg der Industrialisierung und ihr wirtschaftliches Entwicklungsmodell ist durch hohen Ressourcenverbrauch gekennzeichnet. Der größte Nachteil dieses Entwicklungsmodells besteht in der Gefahr, dass Naturressourcen in Grund und Boden gewirtschaftet werden und die Umwelt dadurch schwer belastet wird. Wegen der Ressourcenknappheit und zunehmender Umweltbelastung darf dieses Modell nicht mehr fortbestehen. Vor diesem Hintergrund darf es bei der Durchführung des Projektes der Kooperation zwischen Küsten- und Berggebieten nicht unser Ziel sein, die unterentwickelten Regionen lediglich dazu zu bringen, den alten Industrialisierungsweg zu kopieren. Stattdessen müssen wir in Übereinstimmung mit der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung den Schwerpunkt unserer Zusammenarbeit auf die Optimierung der Industriestruktur und die Transformation des wirtschaftlichen Wachstumsmodells, auf institutionelle, technische und Managementinnovationen, auf eine bessere Qualifizierung der Arbeitskräfte, eine rationelle Ressourcennutzung und die Verbesserung der Umweltqualität legen. Durch gezielte Kooperations- und Hilfsprojekte in den Bereichen Technologie, Management und Kapital müssen wir dazu beitragen, dass die unterentwickelten Regionen mit möglichst niedrigem Ressourcenverbrauch und geringen Umweltschäden die größtmögliche sozioökonomische Entwicklung vollziehen, dass sie ihre Ressourcen und ihre Umwelt mit minimalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten schützen und einen Entwicklungsweg einschlagen, der technologieorientiert, ressourcensparend und umweltschonend ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Wirtschaftsstruktur unserer Provinz ständig verbessern ==&lt;br /&gt;
24. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wichtiger Aspekt zur Integration der Entwicklung verschiedener Regionen ist die Optimierung der regionalen Wirtschaftsstruktur. Seit einigen Jahren setzen sich das Parteikomitee und die Regierung unserer Provinz für die Verbesserung der Wirtschaftsstruktur Zhejiangs ein und haben eine Strategie für die regionale Entwicklung entworfen. Demnach sollen wir die Agglomerations- und Übertragungseffekte der Zentralstädte Hangzhou, Ningbo und Wenzhou stärken, die Akkumulation von Produktionsfaktoren im Wirtschaftsgürtel rund um die Hangzhou-Bucht und in der Küstenwirtschaftszone Wenzhou-Taizhou beschleunigen, die Standortverteilung der Produktivkräfte im Ballungsraum Jinhua-Quzhou-Lishui optimieren und die Erschließung der Berggebiete und des Meeres forcieren. Es wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass sich die südwestlichen Regionen auf ökologische Landwirtschaft, Ökoindustrie und Ökotourismus spezialisieren und Inselstädte wie Zhoushan ihren Schwerpunkt auf die maritime Wirtschaft legen sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Durchführung des Projektes der Kooperation zwischen Küsten- und Berggebieten müssen wir die Gesamtwirtschaftsplanung unserer Provinz in Betracht ziehen, uns der oben erwähnten regionalen Entwicklungsstrategie unterordnen und dementsprechend entscheiden, was wir als Erstes anpacken und was wir aufgeben bzw. erst einmal beiseitelegen sollten. Zum einen gilt es, den jeweiligen Gegebenheiten der unterentwickelten Regionen und ihren Entwicklungsbedürfnissen entsprechend die vier Grundrechenarten anzuwenden: Addition — die Wirtschaftsentwicklung beschleunigen und das Wirtschaftsvolumen vergrößern; Subtraktion — Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung und Schadstoffemissionen reduzieren; Multiplikation — den technischen Fortschritt vorantreiben und die Qualifikation der Arbeitskräfte steigern; Division — die Ansiedlung der Landbewohner in den Städten und die Bevölkerungsmigration fördern. Zum anderen gilt es, Kooperationsprojekte einheitlich zu planen, dabei den Ökobranchen und dem modernen Dienstleistungssektor, der Stadtentwicklung und dem Infrastrukturausbau, gesellschaftlichen Bereichen wie Wissenschaft und Technik, Bildung, Kultur und Gesundheitswesen und der geregelten Ausführung von Arbeitskräften den Vorrang zu geben und die Verlagerung von Industrieunternehmen mit hohem Ressourcenverbrauch und hohen Emissionen in unterentwickelte Gebiete zu beschränken, um die Wirtschaftsstruktur unserer Provinz ständig zu verbessern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Materielle und geistige Zivilisation koordiniert entwickeln ==&lt;br /&gt;
27. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir uns die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung zu eigen machen und sie erfolgreich in die Tat umsetzen wollen, müssen wir für eine koordinierte Entwicklung der materiellen und der geistigen Zivilisation sorgen. Fortschritte im Materiellen stellen auch höhere Anforderungen an die Entwicklung des Geistigen, während die Entwicklung des Letzteren dem Aufbau des Ersteren neue Impulse verleiht. Angesichts der Entwicklung einer diversifizierten Wirtschaft gestaltet sich insbesondere auch das Kulturleben vielfältiger. Nur wenn wir uns engagiert für den Aufbau der geistigen Zivilisation einsetzen, wird es uns gelingen, die vielfältigen geistigen und kulturellen Bedürfnisse des Volkes zu befriedigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des Weiteren müssen wir das endgültige Ziel des Aufbaus der materiellen und der geistigen Zivilisation klar erkennen. Das Bruttoinlandsprodukt, die Staatseinnahmen und die Einkommen der Bevölkerung sind zwar wichtige Entwicklungsindikatoren, stellen aber nicht unser eigentliches Ziel dar. Letztendlich streben wir nach einer allseitigen Entwicklung des Menschen. Und diese erfordert eine ständige Verbesserung des materiellen Lebens, eine Bereicherung des geistigen Lebens, eine Erhöhung der Lebensqualität, eine Steigerung des Moralbewusstseins und eine Erweiterung des Wissensstandes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Auch abstrakte Arbeit erfordert konkreten Einsatz ==&lt;br /&gt;
30. Dezember 2004&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abstraktheit und Konkretheit sind relative Begriffe. Was die Entwicklung der materiellen und der geistigen Zivilisation betrifft, so ist die Erstere eher konkret und die Letztere abstrakt. In Bezug auf die Entfaltung des Menschen ist der Wissensstand vergleichsweise konkret und die Moralität abstrakt. Es ist relativ leicht, eine konkrete Arbeit in Angriff zu nehmen, doch mit abstrakten Aufgaben tun wir uns oft schwer. Daher ziehen manche Kader es vor, konkrete Arbeiten anzupacken statt abstrakter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztlich lassen sich abstrakte und konkrete Arbeit mit Gehirn und Herz des Menschen vergleichen. Welches Organ ist wichtiger, welches unwichtig? Welches unabdingbar, welches verzichtbar? Hirn und Herz sind gleichermaßen wichtig und unentbehrlich, auf keines von beiden können wir verzichten. In der Arbeit gilt es also, Abstraktes mit Konkretem zu verbinden. Insbesondere abstrakte Aufgaben erfordern konkreten Einsatz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Entwicklung der geistigen Zivilisation, vor allem bei der Werteerziehung, müssen wir wahrnehmbare und wirksame Mittel und Wege finden, damit die Inhalte auf ansprechende Weise vermittelt werden und nicht nur zu den Ohren der Menschen hineingehen, sondern sich auch in ihre Herzen stehlen können. Die moralischen Grundsätze müssen gründlich erläutert werden. Doch man wird einen Wert nicht verinnerlichen, wenn einem dieser nur gepredigt, nicht aber in geeigneter Form beigebracht wird. Vor diesem Hintergrund gilt es, mit Innovationsgeist noch mehr realitäts-, volks- und lebensnahe Wege zu bahnen, damit alle Aktivitäten im Rahmen des Aufbaus der geistigen Zivilisation eine starke Anziehungskraft ausstrahlen und so die erhoffte Wirkung erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entscheidend ist, dass man sich Mühe gibt ==&lt;br /&gt;
04. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der Tatsache, dass sich im Wandel der Gesellschaft einige heikle Probleme und krasse Widersprüche auftun, hat unsere Provinz eine Aktion eingeleitet mit dem Ziel, die Werteerziehung und den Aufbau von Kulturstellungen zu verstärken und den Kulturmarkt sowie die öffentliche Moral zu regulieren. Hier wurden bereits bedeutende Etappenerfolge erzielt. Die Praxis hat bewiesen, dass die Menschen an der Basis diese Aktion begrüßen und dass sie eine effektive Maßnahme zur Förderung der Entwicklung der geistigen Zivilisation in Stadt und Land darstellt. Sie hat uns auch gelehrt, dass die Ergebnisse unserer Arbeit ganz andere sind, wenn wir uns aufrichtig Mühe geben, statt unsere Aufgaben nur halbherzig anzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei einer Bergfahrt wird die Entwicklung aller Dinge Rückschritte machen, wenn man sie nicht stetig vorantreibt. Jede Arbeit beinhaltet sowohl Chancen als auch Herausforderungen. Verpassen wir die Chancen, die sich uns bieten, oder nehmen sie nicht gut wahr, werden wir uns nur Herausforderungen gegenübersehen. Lassen wir eine Stellung außer Acht, werden feindlich gesinnte Kräfte, irrige Geistesströmungen und negative Dinge unsere Nachlässigkeit ausnutzen und diese Stellung besetzen. Dies hat sich in unserer Praxis beim Aufbau von Kulturstellungen ganz eindeutig gezeigt. Wenn wir nur versuchen, Schlechtes auszutreiben, wird uns immer etwas durch die Lappen gehen. Wenn sich dagegen Gutes durchsetzt, wird das Schlechte automatisch den Boden unter den Füßen verlieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Druck ist auch Antrieb ==&lt;br /&gt;
05. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Durchführung unserer Aktion zur Stärkung der Werteerziehung und des Aufbaus von Kulturstellungen sowie zur Regulierung des Kulturmarkts und der öffentlichen Moral ist für einige Orte ein Prozess, in dem Druck in Antrieb umgewandelt werden kann. Unter Druck kann man das Beste aus einer ungünstigen Situation machen, ganz ohne Druck hingegen führen selbst gute Bedingungen nicht unbedingt zu zufriedenstellenden Ergebnissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht umsonst heißt es: „Stellen sich auch hunderttausend Schwierigkeiten, mit vollem Einsatz kann man jede Aufgabe meistern.“ Diese Aussage lässt sich durchaus verallgemeinern. In Übereinstimmung mit den Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung und vor dem Hintergrund der Globalsteuerung stehen wir in mancher Hinsicht unter hohem Druck. Wenn wir angesichts dessen selbstzufrieden und überempfindlich sind, kein bisschen Druck verkraften und uns weigern, neue Wege zu bahnen, während doch die alten nicht mehr gangbar sind, kann von weiterer Entwicklung keine Rede sein, und wir werden in eine ausweglose Lage schlittern. Doch wenn wir aus Druck Kraft schöpfen, uns neue Entwicklungsideen zu eigen machen, unser Wachstumsmodell transformieren und die Befugnisse der Regierung anpassen, dann können wir einen neuen Entwicklungsweg ebnen und haben allen Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die Kader an der Basis sollten ihren hohen Arbeitsdruck dialektisch betrachten. Wer angesichts von Druck nur über das Schicksal jammert und alle Hoffnung aufgibt, wird letztlich keinen Erfolg haben. Wer sich hingegen trotz des Drucks ins Zeug legt und gute Leistungen vollbringt, wird die Anerkennung der Partei und die Unterstützung des Volkes gewinnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eine Provinz mit vielen bekannten Marken aufbauen ==&lt;br /&gt;
07. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolgreiche Handelsmarken sind ein Gradmesser für die Technik, das Management, die Kultur und sogar die Gesamtstärke eines Unternehmens. In gewissem Maße stehen sie für Profit, Konkurrenzfähigkeit und Zusatznutzen. Bereits im Jahr 1992 hat Genosse Deng Xiaoping auf die Wichtigkeit der Markenstrategie hingewiesen. Er sagte: „Wir müssen eigene Spitzenerzeugnisse herstellen und eigene Weltmarken etablieren, sonst wird uns von anderen übel mitgespielt werden.“&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dengs Rede während der Inspektion der Biochemisch-Pharmazeutischen Fabrik von Zhuhai am 24. Januar 1992. In: &#039;&#039;Jahressammlung der Gedanken von Deng Xaoping&#039;&#039; (1975-1997). Central Party Literature Press, Beijing 2011. S. 708.&amp;lt;/ref&amp;gt; Markenentwicklung steht folgerichtig auch ganz oben auf der Agenda zur Markterschließung vieler weltweit bekannter Unternehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren haben wir hinsichtlich der Markenentwicklung beachtliche Erfolge erzielt. Gegenwärtig besitzt unsere Provinz 45 landesweit bekannte Marken und 83 Markenprodukte und belegt hierbei somit in ganz China den ersten bzw. zweiten Platz. Wir müssen unbeirrt an diesem Weg der Markenentwicklung festhalten und unsere Unternehmen dazu anleiten, sich der Wichtigkeit von Handelsmarken voll bewusst zu werden und eigene Marken zu etablieren, bestehende aufzuwerten, sie gut zu führen und auf neue Produkte zu übertragen. Wir müssen uns darum bemühen, unsere Betriebe von Herstellern markenloser Produkte und Erstausrüstern in Markenhersteller umzuwandeln. Es gilt außerdem, die Bekanntheit vorhandener Marken zu erhöhen, noch mehr landesweit bekannte Marken und Markenprodukte hervorzubringen und einige Weltmarken zu entwickeln, um Zhejiang zu einer Provinz zu machen, die reich an bekannten Handelsmarken ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Großen Wert auf die Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner legen ==&lt;br /&gt;
10. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundlegende Zielsetzung unserer Partei ist es, die öffentlichen Interessen zu verfolgen und die Staatsgewalt im Interesse des Volkes auszuüben. Da die Bauern die überwiegende Mehrheit der chinesischen Bevölkerung ausmachen, das Arbeiter-Bauern-Bündnis die politische Grundlage für die Regierungsführung durch die KP Chinas bildet und die Landwirtschaft ein Wirtschaftssektor von strategischer Bedeutung ist, der zur Sicherung der Stabilität des Landes und zur Stärkung des Vertrauens des Volkes beiträgt, wirken sich die Fragen, die die Landwirtschaft, die ländlichen Gebiete und die Landbewohner betreffen, entscheidend auf die Sache von Partei und Staat aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig beträgt das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt unseres Landes über 1.000 US-Dollar und das unserer Provinz etwa 3.000 US-Dollar. Industrialisierung und Urbanisierung beschleunigen sich weiter. Wir befinden uns damit einerseits in einer strategisch günstigen Phase zur gründlichen Lösung der Probleme des ländlichen Raums. Andererseits handelt es sich auch um eine kritische Zeit, in der die Interessen der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner vernachlässigt werden könnten und infolgedessen eine Reihe von Widersprüchen aufzutreten droht. Es ist von daher von größter Wichtigkeit, die Fragen in den genannten drei Bereichen großzuschreiben und effektive Lösungen für die damit verbundenen Probleme zu finden. Angesichts der momentanen Entwicklungsphase und der Gegebenheiten in unserem Land hat das Zentralkomitee der Partei die Feststellung der „zwei allgemeinen Tendenzen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im September 2004 erklärte Hu Jintao auf dem 4. Plenum des 16. ZK der KP Chinas: „Was den Entwicklungsprozess der Industrieländer betrifft, so herrschte in der Anfangsphase der Industrialisierung die allgemeine Tendenz, dass die Landwirtschaft die Industrie unterstützte und für sie Produktionsfaktoren akkumulierte. Nachdem die Industrialisierung in ein fortgeschrittenes Stadium eingetreten war, förderte umgekehrt die Industrie die Landwirtschaft und die Städte standen den ländlichen Gebieten bei, um eine koordinierte Entwicklung von Industrie und Landwirtschaft sowie von Stadt und Land zu realisieren, was ebenfalls eine allgemeine Tendenz darstellte.“&amp;lt;/ref&amp;gt; getroffen und uns wiederholt ermahnt, in der neuen Entwicklungsphase den ländlichen Fragen höchste Priorität einzuräumen und uns im Rahmen der Steigerung der Regierungsfähigkeit unserer Partei besser in die Lage zu versetzen, die entsprechenden Probleme zu bewältigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir betonen, unsere Macht im Interesse des Volkes auszuüben und großen Wert auf die Fragen in den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner zu legen, so müssen wir erstens darauf beharren, dass diese Fragen von grundlegender Bedeutung für die weitere Entwicklung Chinas sind, und die Lösung der damit zusammenhängenden Probleme als primäre Aufgabe unter allen Arbeiten unserer Partei ansehen. Unter keinen Umständen dürfen wir von diesem Grundsatz abweichen. Zweitens müssen wir unter der Zielsetzung der guten Regierungsführung und der Wiederbelebung des Landes die Funktion der Landbewohner als Hauptakteure in der Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete sowie die führende Rolle der Parteikomitees und Regierungen verschiedener Ebenen voll entfalten und uns ständig dazu befähigen, die Probleme bezüglich der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner gut zu meistern. Drittens müssen die führenden Partei- und Regierungskader persönlich auf diese Probleme eingehen und sie bei der Beschlussfassung, der strategischen Planung, der Entwicklung von Finanz- und Arbeitsplänen sowie bei der Bewertung von Arbeitsleistungen an allererste Stelle setzen, um große Synergien und ein gutes Klima dafür zu schaffen, dass die ganze Gesellschaft die Landwirtschaft nach vollen Kräften unterstützt, sich um die Landbewohner kümmert und einen Beitrag zur Entwicklung der ländlichen Gebiete leistet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bei der Behandlung ländlicher Fragen den Menschen in den Mittelpunkt stellen ==&lt;br /&gt;
11. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kern der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung liegt darin, unter Zugrundelegung des Prinzips, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, und der Idee der einheitlichen Planung unter Berücksichtigung aller Faktoren und in Übereinstimmung mit der Forderung der „einheitlichen Planung in fünf Aspekten“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; die Beziehung zwischen der Beschleunigung der Entwicklung und der Verbesserung des Lebens der Bevölkerung richtig zu behandeln und eine umfassende, koordinierte und nachhaltige Entwicklung der Wirtschaft und Gesellschaft sicherzustellen. Erst wenn wir unser Denken und Handeln einheitlich auf die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung ausrichten und diese in allen Aspekten der sozioökonomischen Entwicklung sowie in der Praxis der Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner umsetzen, sind wir in der Lage, die Probleme in diesen Bereichen gründlich zu lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen den Sinn der Forderung, beim Umgang mit ländlichen Fragen den Menschen stets in den Mittelpunkt zu stellen, richtig verstehen, durch Globalsteuerung die Stellung der Landwirtschaft als Fundament der Gesamtwirtschaft tatkräftig stärken, mit allen Mitteln ihre Leistung steigern und Sorge für die Erhöhung der Rentabilität der Landwirtschaft, die Steigerung der Einkommen der Bauern und die Entwicklung des ländlichen Raums tragen. Ziel ist es, dass die Landwirtschaft den Bauern Wohlstand bringt, die Bauern nicht nur die Hauptrolle in der Modernisierung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete spielen, sondern auch aktiv an der Industrialisierung und der Urbanisierung teilnehmen und davon gebührend profitieren und die ländlichen Gebiete zu Wohnorten neuen Typs reifen, in denen die Bauern glücklich leben und arbeiten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Behandlung ländlicher Fragen den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, bedeutet erstens, dass wir die entsprechende Arbeit geleitet von der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung ausführen und dabei die Arbeitslinie unserer Partei, dass man sich unter allen Umständen ans Volk anlehnt und immer in dessen Interesse agiert, verfolgen. Zweitens müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der Kern zur Lösung aller Herausforderungen in Chinas ländlichen Regionen in der Frage liegt, wie wir mit unseren Bauern umgehen, wobei es hier wiederum im Wesentlichen darum geht, die Interessen der Bauern zu fördern und ihre legalen Rechte und Interessen zu schützen. Nicht zuletzt müssen wir die Veredelung der Bauern und die Realisierung ihrer allseitigen Entfaltung als Ausgangspunkt und endgültiges Ziel unserer Arbeit auf dem Land betrachten, die materiellen Interessen und die demokratischen Rechte der Landbewohner durchsetzen, schützen und weiterentwickeln sowie ihre Fähigkeit zur eigenständigen Entwicklung stetig erhöhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Integration von Stadt und Land zur Förderung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner ==&lt;br /&gt;
12. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft und der sekundäre und tertiäre Wirtschaftssektor hängen stark voneinander ab, ebenso wie die Städte und der ländliche Raum. Im Prozess der Modernisierung müssen die Beziehungen zwischen Industrie und Landwirtschaft sowie zwischen Stadt und Land, die für die Gesamtentwicklung jedes Landes von Belang sind, angemessen behandelt werden. In der Realität allerdings kommt es hier oft zu Abweichungen. Diese Beziehungen gut zu regeln und eine koordinierte Entwicklung des primären, sekundären und tertiären Wirtschaftssektors sowie gemeinsamen Fortschritt von Stadt und Land herbeizuführen, stellt eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau einer modernen harmonischen Gesellschaft dar und zählt zu den wichtigsten und anspruchsvollsten Aufgaben im Prozess der Modernisierung. Dies entscheidet letztlich auch darüber, ob wir in der Lage sein werden, Erfolge bei der Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Industrialisierung, die Urbanisierung und die Marktorientierung geben starke Impulse für die Entwicklung und die Modernisierung des ländlichen Raums, während die ständige Erhöhung der Produktivität und der Leistung der Landwirtschaft eine Vorbedingung dafür bildet, die Industrialisierung und die Urbanisierung auf eine höhere Stufe zu heben. Nur wenn die Landbewohner und ländlichen Arbeitskräfte kontinuierlich und ordnungsgemäß in die Städte umsiedeln bzw. in den sekundären oder tertiären Wirtschaftssektor wechseln können, kann eine ununterbrochene, antriebsstarke und schwungvolle Entwicklung der Industrie und der Städte tatsächlich sichergestellt werden. Um den Forderungen der „zwei allgemeinen Tendenzen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; gerecht zu werden, müssen wir die Beziehung zwischen der Industrialisierung, Urbanisierung und Marktorientierung einerseits und der Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner andererseits gut handhaben sowie Maßnahmen dafür ergreifen, durch die Förderung der ersten drei Bereiche die Entwicklung der letzteren drei Aspekte voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben stets die Wichtigkeit betont, im Rahmen der integrierten Entwicklung von Stadt und Land die Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner energisch zu fördern. Dazu müssen wir uns zuerst die neue Idee zu eigen machen, unter Berücksichtigung der sozioökonomischen Gesamtentwicklung und durch eine einheitliche Planung der städtischen und ländlichen Entwicklung die entsprechenden Probleme zu lösen, und die Richtlinie, dass die Industrie die Landwirtschaft unterstützt und die Städte den ländlichen Gebieten unter die Arme greifen, befolgen. Zweitens müssen wir die Entwicklung der Landwirtschaft in die der allgemeinen Volkswirtschaft, die Prosperität und den Fortschritt der ländlichen Gebiete in die Gesamtentwicklung der Gesellschaft und die Erhöhung der Einkommen der Landbewohner in die Verteilung des Nationaleinkommens integrieren. Drittens müssen wir Stadt und Land als Ganzes begreifen, ihre Entwicklung einheitlich planen und koordinieren, ihre Funktion als Impulsgeber füreinander voll entfalten sowie Systeme und Mechanismen errichten, die zur Förderung der Entwicklung der ländlichen Gebiete und der Landwirtschaft durch die Städte bzw. die Industrie sowie zur Interaktion und einer koordinierten Entwicklung von Stadt und Land beitragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den ländlichen Raum durch Reform und Öffnung fördern ==&lt;br /&gt;
13. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Reform und Öffnung sind ein Weg zur Erstarkung unseres Landes, sie stellen den wesentlichen Antrieb für die sozialistische Modernisierung dar und geben zudem der sozioökonomischen Entwicklung im ländlichen Raum unerschöpfliche Impulse. Die Reformen auf dem Land, die mit der Einführung des vertragsgebundenen Verantwortlichkeitssystems auf Basis der Haushalte anfingen, haben nicht nur einen großen Beitrag zur Befreiung und Entwicklung der Produktivkräfte und zur Aktivierung der Bauern geleistet, sondern auch den ersten Anstoß zur Reform der Gesamtwirtschaft gegeben. Angesichts der fortschreitenden Entwicklung der Marktwirtschaft hinken die makroökonomischen Reformen unseres Landes bisher den mikroökonomischen aber noch immer hinterher, und das Problem, dass die Reformen in den Städten nicht gut an die auf dem Land angepasst sind, spitzt sich allmählich zu. Die Struktur, dass Stadt und Land getrennt verwaltet werden, und das entsprechende Dualsystem behindern stark die Integration beider Regionen und stehen der Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner zunehmend im Wege. Die Reform ist also erneut in eine Phase eingetreten, in der wir harte Nüsse knacken müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mittlerweile haben die Industrialisierung und die Urbanisierung in unserer Provinz einen Gang zugelegt. Und auch die Umsetzung der Maßnahme, die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete durch die Unterstützung der Industrie und der Städte zu fördern, ist in eine neue Phase übergegangen. In diesem Stadium ist es nun eine dringliche Aufgabe, durch die Vertiefung der entsprechenden Reformen die Hindernisse, die sich aus dem bestehenden Dualsystem für Stadt und Land ergeben haben, aus dem Weg zu räumen und soziale Konflikte in geeigneter Weise beizulegen. Wir haben noch eine Menge schwieriger Aufgaben zu erledigen, um die Barrieren zwischen Stadt und Land zu durchbrechen, die Widersprüche zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung zu lösen, den Landbewohnern gebührende Bürgerrechte, komplette Eigentumsrechte und gleiche Entwicklungschancen zu gewähren sowie einen Weg für die Reduzierung der Kluft zwischen Stadt und Land zu bahnen. Damit all dies gelingt, müssen wir für neue Ansätze sorgen, die Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner bewusst durch die Reform und Öffnung fördern, den Initiativgeist des Volkes respektieren und unsere Arbeit daran messen, ob sich die Landwirtschaft gut entwickelt, ob die Landbewohner zufrieden sind und ob die Schere zwischen Stadt und Land verkleinert werden konnte. Ziel muss es sein, durch die Reform und Öffnung die Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner voranzutreiben und die Integration von Stadt und Land auf ein neues Niveau zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir geistig mit der Zeit Schritt halten und die Reform und Öffnung mit starkem politischen Verantwortungsbewusstsein forcieren, um die Entwicklung des ländlichen Raums in Schwung zu bringen und dieser stets neue Impulse zu geben. Darüber hinaus müssen wir uns dafür einsetzen, die Reformen zur Förderung der Integration von Stadt und Land voranzutreiben, um alle institutionellen Mängel, die die Entwicklung der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner beeinträchtigen, zu beheben und Systeme und Mechanismen zur Überwindung des Dualismus von Stadt und Land zu etablieren. Nicht zuletzt müssen wir die ländliche Entwicklung durch die Erweiterung der Öffnung nach außen fördern und die Strategien des „Nach-außen-Gehens“ und des „Nach-Zhejiang-Einführens“ tatkräftig durchführen, um der Landwirtschaft, den ländlichen Gebieten und den Landbewohnern ständig neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== In Bezug auf ländliche Fragen wahrhaftige und zweckmäßige Arbeit verrichten ==&lt;br /&gt;
14. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahrhaftigkeit und Zweckmäßigkeit bilden den wissenschaftlichen Geist und den Arbeitsstil, welchen die Marxisten konsequent an den Tag legen müssen. Dies erfordert im Allgemeinen, dass wir nach den Gesetzen der sozialistischen Modernisierung forschen und die grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit des Volkes verfolgen. Um unsere Arbeit in den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner in der neuen Phase in die richtige Bahn zu lenken, müssen wir den Geist der Wahrhaftigkeit und Zweckmäßigkeit beibehalten und verbreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist wichtig, mit Wahrhaftigkeit zu arbeiten, weil es sich bei dem Arbeitskomplex ländlicher Fragen um ein kompliziertes und heikles Thema handelt, dem ständig neue Inhalte hinzugefügt werden und das unter dem Einfluss verschiedenster Faktoren steht. Dazu zählen sowohl alte Probleme, die auf die Zeit der Planwirtschaft zurückgehen, als auch neue Probleme, die im Prozess des Übergangs zur Marktwirtschaft, der Industrialisierung und der Urbanisierung aufgetreten sind; sowohl eigene Probleme der Landwirtschaft, der ländlichen Gebiete und der Landbewohner, als auch Probleme, die im bestehenden Dualsystem für Stadt und Land begründet sind. Vor diesem Hintergrund gilt es, diese Arbeit mit Blick auf die Geschichte und die Gesamtentwicklung Chinas sowie durch die Kombination von Theorie und Praxis in Angriff zu nehmen und die entsprechenden Gesetzmäßigkeiten zur Kenntnis zu nehmen, damit unser Handeln von Zeitgeist und Kreativität geprägt ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen zudem die Zweckmäßigkeit großschreiben, weil die ländlichen Fragen die breite Masse der Bauern und ihre grundlegenden Interessen unmittelbar betreffen. Nur wenn wir gezielte Maßnahmen ergreifen, können wir den hunderten Millionen Landbewohnern reale Vorteile bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner wahrhaftig und zweckmäßig auszuführen, müssen wir einerseits die Linie, das Denken zu befreien, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen und mit der Zeit zu gehen, einhalten, uns mit den Gesetzmäßigkeiten dieser Arbeit in der neuen Zeit und der neuen Entwicklungsphase vertraut machen und aktiv neue Ansätze zur Lösung betreffender Probleme finden. Andererseits müssen wir darauf bestehen, die Wahrheit zu sagen, wirksame Maßnahmen zu ergreifen und die tatsächlichen Probleme zu lösen, und alle Richtlinien und Maßnahmen zur Förderung der Arbeit in den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner effektiv in die Tat umsetzen. Nicht zuletzt müssen wir uns eine richtige Auffassung von Arbeitsleistung zu eigen machen, unseren Arbeitsstil anpassen, die Interessen der Bauern mit Herz und Hand verfolgen und uns in die Lage versetzen, die Bauern gut darin zu führen, gemeinsam ein schönes Leben zu schaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorbereitende und reale Arbeitsleistungen ==&lt;br /&gt;
17. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft ist ein benachteiligter Wirtschaftssektor, und die Arbeit bezüglich der ländlichen Gebiete ist von grundlegender Bedeutung, Die Eigenschaften und die Gesetze der Arbeit in den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner bestimmen, dass es dabei eher um langfristigen Einsatz geht, der Grundlagen für die Zukunft legt, keinesfalls aber schnelle Erfolge mit sich bringt. Hier begegnen wir den Fragen, wie man als leiten- der Kader vorbereitende und reale Arbeitsleistungen bewerten und wie man tatsächliche Arbeitserfolge hervorbringen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Vorbereitend“ und „real“ sind Gegensätze, die eine widerstreitende Einheit formen. Vorbereitende Arbeitsleistungen bilden die Basis für reale Arbeitsleistungen, während die Letzteren die logische Folge der Ersteren sind. Die Tätigkeit der amtierenden leitenden Kader stützt sich auf die Arbeit ihrer Vorgänger. Wenn niemand bereit ist, die Rolle des Pflastersteins zu übernehmen und sich bescheiden für die Arbeit aufzuopfern, kann von realen Arbeitserfolgen keine Rede sein, weil die Voraussetzungen fehlen. Selbst wenn davon dann die Rede ist, handelt es sich letztendlich doch allenfalls um Prestigeprojekte, mit denen sich die Verantwortlichen bloß einen Namen machen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Hongqi-Kanal im Kreis Linxian in der Provinz Henan z. B. ist das Ergebnis der harten Arbeit mehrerer Generationen von Kadern und einfachen Leuten vor Ort. Gu Wenchang (1915-1981), ehemaliger Parteisekretär des Kreises Dongshan, Provinz Fujian, genießt bis heute bei Kadern wie einfachen Menschen hohes Ansehen, weil er in seiner Amtszeit nie mit dem Ziel, seinen Ruf zu polieren, nach großartigen Erfolgen strebte, sondern sich stets zurückgezogen seiner Arbeit widmete. Unter seiner Leitung wurde dort innerhalb von weniger als zwanzig Jahren ein Schutzwald an der Küste angelegt, der auch den nachfolgenden Generationen zugutekommt. Diese Leistung ragt als ein Monument ewig im Herzen des Volkes empor. Derartige Arbeitserfolge sind am erstrebenswertesten. Nicht umsonst heißt es: „Ob Goldcup oder Silbercup, kein Preis ist so wertvoll wie das Lob des Volkes.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir in Bezug auf unsere Arbeit im ländlichen Raum Erfolg haben wollen, müssen wir uns von einer richtigen Auffassung von Arbeitsleistungen leiten lassen und hart arbeiten, um die realen Probleme zu bewältigen. Anstatt schnelle Erfolge und kurzfristige Interessen anzustreben, sollten wir uns eher um Arbeitsleistungen mit langfristigem Potenzial bemühen, die auch unseren Nachkommen von Nutzen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Tatkräftig eine effiziente Öko-Landwirtschaft entwickeln ==&lt;br /&gt;
17. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entwicklung der modernen Landwirtschaft zu beschleunigen, das landwirtschaftliche Wachstumsmodell zu transformieren und die Gesamtleistung der Landwirtschaft aufzubessern, sind derzeit wichtige und dringende Aufgaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der Ressourcenknappheit und der bestmöglichen Entfaltung der komparativen Vorteile im Landwirtschafsbereich-unserer Provinz ausgehend, müssen wir uns zur Steigerung der Gesamtleistung der Agrarwirtschaft und zur Entwicklung der modernen Landwirtschaft vor allem darum bemühen, den strategischen landwirtschaftlichen Strukturwandel zu forcieren und mit Tatkraft eine effiziente Öko-Landwirtschaft zu entwickeln. Damit dies gelingt, sollten wir uns am nachhaltigen Konsum orientieren, uns von den Ideen der Industrialisierung der Agrarwirtschaft und der Ökologisierung der Wirtschaft leiten lassen sowie die Stärkung der Konkurrenzfähigkeit und der Kompetenz zur nachhaltigen Entwicklung der Agrarwirtschaft in den Mittelpunkt stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine effiziente Öko-Landwirtschaft stellt eine Weiterentwicklung der rentablen Landwirtschaft dar. Sie gilt als wichtiger Weg, die Einkommen der Bauern zu erhöhen, und als notwendige Voraussetzung dafür, unsere komparativen Vorteile in vollem Maße zu entfalten und die Modernisierung der Landwirtschaft in unserer Provinz zu beschleunigen. Effiziente Öko-Landwirtschaft bildet eine Form der modernen Landwirtschaft, die intensives Bewirtschaften mit umweltschonender Produktion verbindet. Sie ist auf nachhaltigen Konsum ausgelegt, zielt in erster Linie auf eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und der Kompetenz zur nachhaltigen Entwicklung der Agrarwirtschaft ab und ist sowohl durch großen Input und Output und hohen Nutzen als auch durch Nachhaltigkeit gekennzeichnet. Sie unterscheidet sich zum einen von der industriellen Landwirtschaft, die großen Input und Output sowie hohe Produktivität aufweist, und zum anderen von Formen der ökologischen Landwirtschaft, die um des ökologischen Gleichgewichts willen auf großen Input und Output verzichten. Stattdessen entspricht die effiziente Öko-Landwirtschaft, die wir verfolgen, der Faktorausstattung Zhejiangs und der Entwicklungstendenz der modernen Landwirtschaft. Unter „effizient‘“ ist zu verstehen, dass die Bauern mit der Entwicklung der Landwirtschaft zu Wohlstand gelangen können. Und mit „Ökologisch“ ist gemeint, dass die Landwirtschaft nicht nur grüne und sichere Produkte erzeugt, sondern sich auch nachhaltig entwickeln kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== In der Arbeit Gewicht auf die Basisebene legen ==&lt;br /&gt;
27. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basisebene fungiert als Brücke zwischen dem Volk und den übergeordneten Organen. Hier bündeln sich verschiedene Widersprüche und hier liegt der Schwerpunkt zur Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen. Die Arbeit an der Basis ist von Natur aus äußerst schwierig und erfordert deshalb die Unterstützung und Hilfe von oben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu müssen erstens die Posten an der Basis stark besetzt und die Kader auf der Basisebene gut qualifiziert und unterwiesen werden, damit sie ihre Arbeit noch besser verrichten können. In dieser Hinsicht sollen die Parteikomitees und Regierungen verschiedener Ebenen konkrete Maßnahmen ausarbeiten. Ein Teil dieser Maßnahmen ist unverzüglich durchzuführen, während für die übrigen ein Zeitplan erarbeitet werden muss. Dabei müssen wir als Erstes größeren Wert auf die Aus- und Fortbildung der Basiskader legen und ihren Reifungsprozess fördern. Die Ausbildungs- und Talentförderungsprogramme sollen Basiskader bevorzugen, und Arbeitserfahrungen an der vordersten Front sollen bei der Beförderung von Kadern in die Waagschale fallen. Des Weiteren muss die Kommunikation zwischen den übergeordneten Organen und den Basiskadern verstärkt werden, damit beide Seiten die Sorgen und Nöte des Gegenübers nachempfinden und einander Verständnis und Beistand entgegenbringen können. Nicht zuletzt gilt es, institutionelle Reformen einzuleiten und unter Berücksichtigung der Gegebenheiten vor Ort die Gemeinden zu vergrößern und zu stärken. Dies wird nicht nur dazu beitragen, institutionelle Probleme auf der Basisebene auszuräumen, sondern ist auch der Urbanisierung förderlich. Es ist ähnlich wie bei einem Organismus, der letztlich besser funktioniert, wenn er einen großen Umfang hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens müssen die übergeordneten Organe der Basisebene mehr Aufmerksamkeit schenken und einen Teil ihrer Kräfte für die Arbeit an der Basis einsetzen. Natürlich bedeutet dies nicht, dass sie ihre Befugnisse überschreiten dürfen und den Basisorganen ihre Verpflichtungen abnehmen sollen. Selbstverständlich müssen die Basiskader alle Aufgaben, die in ihrer Verantwortung liegen, selbst erledigen. Die übergeordneten Organe sind aber dazu verpflichtet, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ihnen die nötigen Befugnisse zu erteilen. Das heißt, sie sollen den Basisorganen einerseits den Befehl zur Flussüberquerung geben und sie andererseits dabei anleiten und unterstützen, sich eine Brücke zu bauen bzw. ihnen Boote zur Verfügung stellen. Auch sollen die übergeordneten Organe beim Einsatz von Arbeitskräften, Materialien und Finanzmitteln die Basisebene in angemessenem Maße begünstigen, um die notwendigen Bedingungen für die Arbeitsausführung an der Basis zu schaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Schwerpunkt der Regierungsführung liegt auf der Basisebene ==&lt;br /&gt;
31. Januar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verglichen mit anderen Parteien weltweit legt die Kommunistische Partei Chinas größten Wert auf die Basisebene. Als Mao Zedong 1927 den Herbsternte-Aufstand&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Herbsternte-Aufstand bezeichnet eine Reihe bewaffneter Erhebungen unter Führung der KP Chinas in den Provinzen Hunan, Hubei, Jiangxi und Guangdong nach dem Bruch der ersten Einheitsfront zwischen der Guomindang und der KP Chinas im Jahr 1927. Die berühmtesten davon fanden unter Führung von Mao Zedong im September 1927 in den Grenzregionen zwischen Hunan und Jiangsi statt. Im Oktober setzte sich Mao mit seinen verbliebenen Truppen in das Jinggang-Gebirge ab und errichtete dort den ersten ländlichen revolutionären Stützpunkt der KP Chinas.&amp;lt;/ref&amp;gt; führte, nahm er in Sanwan in der Provinz Jiangxi eine Reorganisation der Truppen vor und ließ erstmals in der Geschichte unserer Partei jede Kompanie mit einer Parteizelle ausstatten. Damit wurde nicht nur das Prinzip der Führung der Armee durch die Partei, sondern auch das Organisationssystem zum Aufbau von Parteiorganisationen auf der Basisebene festgelegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basisebene ist mit dem Unterbau eines Gebäudes zu vergleichen. Die Parteiorganisationen an der Basis bilden das Fundament für alle Tätigkeiten und die Kampfkraft unserer Partei. Die zahlreichen Basisorganisationen bieten unserer Partei sicheren Halt, sodass sie solidarisch und einheitlich auftreten kann. Dank ihnen kann die Partei im Volk tiefe Wurzeln schlagen und ihre Führungsfunktion reibungslos ausüben. Die Basisorganisationen fungieren nicht nur als Brücke und Band zwischen Partei und Volk, sondern bilden auch den politischen Kern aller gesellschaftlichen Organisationen an der Basis einschließlich der Dorfbewohnerkomitees.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kader auf Basisebene formen das Fundament des Kaderkontingents von Partei und Staat und spielen eine entscheidende Rolle bei der Arbeitsausführung an der Basis. Letztlich sind sie es, die die Menschen zusammenhalten und dabei führen, die Richtlinien, Maßnahmen und Arbeitspläne von Partei und Staat sowie die vom Parteikomitee unserer Provinz vorgebrachte „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und die Strategie zum Aufbau eines sicheren Zhejiang durchzuführen und die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen des Volkes zu realisieren. Die Basiskader stehen in engster Beziehung zum Volk, und an ihnen gewinnen die Menschen ihren ersten Eindruck von unserer Partei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Basisebene ist auch elementar für die Verbesserung der Regierungsfähigkeit unserer Partei. Ohne solides Fundament droht ihre Stellung als Regierungspartei erschüttert zu werden. Der Schlüssel zur guten Regierungsführung liegt darin, die Kompetenz aller Kader, vor allem solcher an der Basis, zu steigern, da ihre Kapazitäten für die Steigerung der Regierungsfähigkeit unserer Partei von grundlegender Bedeutung sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sorge für die Basiskader tragen ==&lt;br /&gt;
02. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschaftsentwicklung und die Systemreformen lassen noch immer viel zu wünschen übrig und unsere Gesellschaft befindet sich in einem tief greifenden Wandel. Dies sorgt dafür, dass es im Aufbau der Organe und Kaderkontingente auf der Basisebene zahlreiche Widersprüche, Schwierigkeiten und Probleme gibt. Darüber müssen wir uns im Klaren sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Umstände verlangen einerseits von den Basiskadern, dass sie sich der Situation stellen und weder Selbstzufriedenheit noch Überempfindlichkeit an den Tag legen. Sie müssen dem Druck ins Auge sehen und zu der Erkenntnis gelangen, dass Druck in Antrieb umgewandelt werden kann. Wer sich angesichts von Druck nicht anders zu helfen weiß, als über das Schicksal zu jammern und alle Hoffnung aufzugeben, wird letztlich keinen Erfolg haben. Wer sich hingegen trotz des Druckes ins Zeug legt und gute Leistungen vollbringt, wird die Anerkennung der Partei und die Unterstützung des Volkes ernten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andererseits müssen die Parteikomitees und Regierungen aller Ebenen Sorge für die Kader an der Basis tragen, ihnen wertvolle Hinweise geben und den nötigen Beistand leisten. Die Ersteren müssen volles Verständnis für die Schwierigkeiten der Letzteren in der Arbeit und im Leben zeigen und ihnen warmherzig und tatkräftig unter die Arme greifen. Besonders müssen die Ersteren den Mut haben, für die Fehler der Letzteren geradezustehen, und sich um ihre körperliche und psychische Gesundheit kümmern. Dabei ist es nicht entscheidend, den Organen auf Basisebene möglichst viele Geldmittel und Personen zuzuweisen. Vielmehr kommt es darauf an, dass die Basiskader in den übergeordneten Organen immer eine Stütze finden, wenn sie versuchen, Widersprüche aufzulösen und Probleme beizulegen, und dass beide Seiten Schulter an Schulter durch dick und dünn gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch die Basiskader dürfen in der Arbeitsausführung auch nicht völlig auf Unterstützung von oben angewiesen sein. Sie sollen sich der Dringlichkeit der Steigerung ihrer eigenen Kompetenz bewusst werden, ihr Sendungs- und Verantwortungsbewusstsein verstärken und in Übereinstimmung mit den Forderungen von Generalsekretär Hu Jintao, das Studium zu intensivieren, die Fähigkeiten zu erhöhen, den Arbeitsstil zu verbessern, das Amt integer zu führen und Selbstdisziplin zu üben, ihre Befugnisse, Verhaltensweisen und Arbeitsmethoden anpassen, damit das Volk in ihnen vertraute Freunde und zuverlässige Leiter findet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Selbstkontrolle mit geistiger Waffe ==&lt;br /&gt;
04. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kritik und Selbstkritik sind eine scharfe Waffe für den geistigen Kampf innerhalb der Partei wie auch ein wirksames Instrument der Selbstkontrolle für führende Kader. Kritik innerhalb der Partei ist nur zu bestimmten Zeiten zu üben. Doch Selbstkritik ist immer und überall anzuwenden und gilt als die schärfste geistige Waffe unserer Partei. „Ich prüfe täglich dreifach mein Selbst&amp;quot;,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; so hieß es im alten China. Oft wurde betont, dass sich leitende Kader Selbstachtung, Selbstreflexion, Selbstermahnung und Selbstmotivation zum Prinzip machen sollten. Diese sind auch die Anforderungen an wirksame Selbstkritik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders die leitenden Kader der Provinzebene, die seit vielen Jahren unter der Erziehung der Partei stehen, müssen die Initiative besitzen, ihren Parteigeist fortwährend zu stärken. Sie sollten sich selbst oft ermahnen, ihr Betragen ständig reflektieren, strenge Anforderungen an sich stellen und sich bewusst der Kontrolle der Parteiorganisation und der einfachen Leute unterziehen, um eigene Mängel und Schwachstellen so früh wie möglich zu erkennen. Sie müssen stets im Hinterkopf behalten, dass ihr Image mit dem von Partei und Regierung gleichgesetzt ist, sie als Schaufenster gelten, über das sich das Volk ein Bild über unsere Partei macht, und sie mit ihrem Handeln und Verhalten anderen Parteimitgliedern und Kadern als Vorbild dienen, woraufhin sie sich selbst sowie ihre Familienangehörigen und engen Mitarbeiter streng kontrollieren müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Persönliche Ausstrahlung als Spiegel der Selbstkontrolle ==&lt;br /&gt;
07. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die große Ausstrahlung eines leitenden Kaders spiegelt seine Moral, Persönlichkeit und Kompetenz wider und gründet auf den Tugenden der Gerechtigkeit und Selbstlosigkeit, der Vorbildlichkeit und der Übereinstimmung von Wort und Tat, welche für alle Parteikader notwendig sind. Die Kader und die einfachen Leute haben einen scharfen Blick. Sie schenken nicht nur dem, was wir sagen, sondern vor allem unseren Taten große Aufmerksamkeit. Nicht umsonst heißt es: „Wer selbst recht ist, braucht nicht zu befehlen: und es geht. Wer selbst nicht recht ist, der mag befehlen: doch wird nicht gehorcht.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Einige leitende Kader erfreuen sich bei anderen Kadern sowie den normalen Bürgern hohen Ansehens und großer Einflusskraft, weil sie u. a. immer mit gutem Beispiel vorangehen und große Ausstrahlung haben. Wie kann ein führender Kader in Wort und Tat Einfluss und Reiz auf seine Leute ausüben, wenn „er hoch oben auf dem Podium redet, während die Zuhörer unten kritische Bemerkungen über ihn machen“?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders wir als leitende Kader auf Provinzebene, die stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, müssen unseren Worten Taten folgen lassen und unsere Ausstrahlungskraft voll zur Entfaltung bringen, um positiven Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschen zu nehmen. Wir müssen an die vorderste Front gehen, um noch bessere Führungsarbeit zu leisten, Finanzmittel und Materialien vorschriftsmäßig einsetzen, beim Machtgebrauch und Personaleinsatz prinzipienfest sein, unparteiisch und fair auf Probleme eingehen und die Menschen mit Herz und Hand von ihren Sorgen und Nöten befreien. Darüber hinaus müssen wir einen sachlichen und bodenständigen Arbeitsstil pflegen, darauf verzichten, uns im Leben mit Vorrechten auszustatten, mit innerer Größe unser Team für eine gute Zusammenarbeit zusammenschweißen und unser Bestes geben, um als leitender Kader aufzutreten, der hohe Kompetenz an den Tag legt, das Vertrauen der Partei besitzt, die Achtung der Untergebenen genießt und beim Volk große Unterstützung findet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Leitende Kader müssen als Wächter ihres Verwaltungsgebiets fungieren ==&lt;br /&gt;
16. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was ist eigentlich die Aufgabe für uns als leitende Kader? Um es anschaulich zu erklären: Die Partei hat uns auf eine leitende Position gesetzt und uns damit die Wache übergeben. Das heißt, wir tragen die Verantwortung, das Land unter unserer Verwaltung gut zu bewachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liu Bang (256 oder 247-195 v. Chr.), der erste Kaiser der Han-Dynastie, sang einmal: „Ein stürmischer Wind erhebt sich und dunkle Wolken ziehen auf. Jetzt, wo sich das ganze Land meiner Herrschaft unterwirft, kehre ich in meine Heimat zurück. Doch woher bekomme ich all die Kämpfer, um mein Herrschaftsgebiet zu schützen?“ Damit ist gemeint, dass ein Staat eine Gruppe von Menschen benötigt, die den Wachdienst übernehmen und das Territorium beschützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhu Di (1360-1424), der dritte Kaiser der Ming-Dynastie, verlegte einst aus verschiedenen Gründen seinen Hof nach Beijing und begründete dies jedoch damit, dass sich der Kaiser nicht im Landesinneren ausruhen dürfe, sondern die Tür des Landes persönlich bewachen müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Qing-Dynastie (1644-1911) waren die Beamten, die mit dem Schutz des Dammes am Qiantangjiang betraut waren, mit Präfekten gleichzusetzen und hochgeehrt, aber nur unter der Voraussetzung, dass der Damm sicher blieb. Im Fall eines Dammbruchs sprang der Schuldige schon in den Fluss, ehe der Kaiser eine Strafe aussprach.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon die Beamten in der feudalen Gesellschaft waren sich also ihrer großen Verantwortung bewusst, und wir als leitende Kader der KP Chinas müssen uns heute unsere dienstlichen Verpflichtungen noch stärker ins Bewusstsein prägen. Mit starkem Verantwortungsbewusstsein müssen wir die Sicherheit unseres Verwaltungsgebiets schützen, die Wirtschaft dort in Schwung bringen und den Einwohnern Wohlstand verschaffen. Erst dann haben wir unsere Pflicht als Wächter erfüllt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wer Entwicklung will, muss neue Wege einschlagen ==&lt;br /&gt;
18. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung gilt als Richtschnur für die Entwicklung. Damit ist jedoch keineswegs ein Verzicht auf Entwicklung gemeint. Wichtige Feststellungen unserer Partei seit Beginn der Reform und Öffnung wie „Entwicklung ist ein eisernes Prinzip“ und „Entwicklung stellt die primäre Aufgabe unserer Partei bei der Regierungsführung und der Wiederbelebung unseres Landes dar“ sind alle Teil des Sinngehalts der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese zielt also vor allem auf Entwicklung ab, jedoch nicht auf konventionellem Wege. Erstens darf man den Menschen, den wesentlichen Faktor in der Entwicklung, nicht außer Acht lassen, sondern muss nach dem endgültigen Ziel einer umfassenden Entwicklung streben, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Zweitens soll ein Gleichgewicht zwischen Stadt und Land sowie zwischen verschiedenen Regionen hergestellt werden. Drittens dürfen wir nicht wegen der Entwicklung von heute unsere Nachkommen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten berauben. Ein extensives Wachstum nach dem Motto „das gute Leben in vollen Zügen genießen“ würde die Ressourcen und die Umwelt völlig überfordern. Es gilt von daher, eine nachhaltige Entwicklung anzustreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ausgesprochen, scheinen diese Ansichten einfach und verständlich. Doch wenn wir sie nicht bewusst an den Tag bringen, laufen wir Gefahr, sie in der Praxis zu vernachlässigen. Und das würde unvermeidlich zu zahlreichen Problemen führen. Für sich aufstauende Probleme, die sich ohne einschneidende Maßnahmen nur schwer wieder aus der Welt schaffen lassen, ist eine wirksame Globalsteuerung erforderlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Globalsteuerung ist eine Normalität in der Marktwirtschaft. Unsere Politik, einige Bereiche zu unterstützen und andere zu drosseln, die seit dem letzten Jahr praktiziert wird, sowie die aktive Fiskalpolitik der vergangenen Jahre, mit der wir die Investitionen und den Konsum ankurbeln wollen, fallen beide unter die Globalsteuerung, Auch in der Zukunft werden wir nicht auf solche Steuerungsinstrumente verzichten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mit kleinen Erfolgen zum großen Durchbruch ==&lt;br /&gt;
21. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung ist eine wichtige innovative Lehre, die die Praxis der Entwicklung lenkt. Die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und die Strategie zum Aufbau eines sicheren Zhejiang zielen im Wesentlichen auf eine umfassende, koordinierte und nachhaltige Entwicklung ab. Es handelt sich dabei um zwei bedeutende strategische Beschlüsse unserer Provinz, die auf der Grundlage unserer bereits erbrachten Leistungen und unter der Zielsetzung, unsere vorhandenen Vorzüge gut zu entfalten sowie unsere potenziellen Vorteile zu Tage zu fördern, gefasst wurden. Wenn wir in Zhejiang die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung praktizieren, müssen wir die genannten beiden Strategien mit Tatkraft durchführen und intensive und solide Maßnahmen hierfür treffen. Es gilt, jedes Jahr einige Schwerpunkte in Angriff zu nehmen und einige Aufgaben zu bewältigen, um die Durchführung beider Strategien Zug um Zug voranzutreiben, Jahr für Jahr kleine Fortschritte zu machen und so schließlich zum großen Durchbruch zu gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach mehr als einjähriger Praxis haben wir bereits erste Erfolge erzielt. Im Jahr 2004 hat unsere Provinz ihre Unterversorgung mit Strom überwunden sowie eine Dürre und einen Taifun durchgestanden. Unser Bruttoinlandsprodukt überstieg erstmals eine Billion Yuan, was einen großen Meilenstein in der Entwicklung Zhejiangs darstellt. Diese Erfolge zeigen, dass wir eine wichtige Schwelle auf dem Weg zur Modernisierung überschritten haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Gesellschaft ressourcensparend gestalten ==&lt;br /&gt;
23. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine ressourcenschonende Gesellschaft aufzubauen, ist eine Art gesellschaftlicher Revolution, die auf Harmonie zwischen Mensch und Natur abzielt. Die Sehnsucht des Menschen nach Entwicklung einerseits und das begrenzte Ressourcenangebot unseres Planeten auf der anderen Seite stehen in einem ewigen Widerspruch. Der folgende Ausspruch aus dem alten China bringt dies in gewissem Sinne zum Ausdruck: „Die Erzeugnisse des Himmels brauchen ihre Zeit und die Vorkommen der Erde sind erschöpflich. Nur die Begierden des Menschen kennen keine Grenzen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Bai Juyi: &#039;&#039;Regierungsmaßnahmen&#039;&#039;. Bai Juyi (772-846) war ein Dichter und Politiker der Tang-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Produktivkräfte noch rückständig waren und die Menschen ein primitives Leben führten, blieben die Ökosysteme nahezu intakt und die menschliche Gesellschaft konnte tausende Jahre währen. Heute, gerade einmal 300 Jahre nach Beginn der Industrialisierung, stellen die neu entwickelten Produktivkräfte, auf denen die Modernisierung einiger westlicher Industrieländer fußt, bereits eine massive Bedrohung für die Existenz der Menschheit sowie anderer Lebewesen auf unserem Planeten dar. Die westliche industrielle Zivilisation gründet sich auf den Wohlstand einer Minderheit und die Armut der Mehrheit der Bevölkerung. Lebte der größte Teil der Menschen in gleicher Weise wie die kleine Anzahl der Reichen, wäre die menschliche Zivilisation dem Untergang geweiht. In der Tat ist die Modernisierung westlichen Stils, welche als gemeinsames Ziel aller Länder der Welt gilt, nicht mehr praktikabel, sondern wird für die Menschheit zur Falle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gilt von daher, geleitet von der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung einen neuen Weg der Modernisierung zu bahnen, der eine nachhaltige Entwicklung ermöglicht. Für unsere Provinz, die zwar nur über ungenügende Ressourcen, jedoch über ein relativ großes Wirtschaftsvolumen verfügt, ist es noch dringender, die Gesellschaft ressourcensparend zu gestalten. Und darin liegt auch der eigentliche Grund, weshalb wir den Aufbau einer Öko-Provinz anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sicherheit und Harmonie als unabdingbare Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung ==&lt;br /&gt;
25. Februar 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sicherheit aller und die soziale Harmonie sind sowohl unabdingbare Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung als auch wichtige Zielsetzungen im Rahmen des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand. Geht man auf den kulturellen Hintergrund ein, so schätzen die Chinesen seit jeher Harmonie und Stabilität und streben nach einer sicheren und harmonischen Gesellschaft, in der alle Regierungsgeschäfte ordnungsmäßig erledigt werden und alle Menschen in ihrem Leben und Arbeiten Erfüllung finden. Diese Werte sind zu zentralen Elementen der chinesischen Kultur gereift. Im alten China hieß es z. B.: „Harmonie ist wertvoll.“,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Gespräche des Konfuzius&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; „Edle Menschen kommen trotz Meinungsverschiedenheiten glänzend miteinander aus.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt; und „Seelengröße setzt Toleranz voraus.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus dem &#039;&#039;Buch der Urkunden&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Praxis in den letzten Jahren hat uns gelehrt, dass Stabilität höchste Priorität hat. Wenn in einer Gesellschaft dauernde Unruhe herrscht, verlaufen alle Bemühungen im Sande und Reform und Entwicklung rücken in weite Ferne, ja, selbst bereits Erreichtes droht wieder zunichte gemacht zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrungen vieler anderer Länder haben gezeigt, dass sowohl eine goldene Zeit für eine beschleunigte Entwicklung vorliegt als auch eine kritische Phase voller Widersprüche entsteht, wenn das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt zwischen 1.000 und 3.000 US-Dollar beträgt. Und in unserer gegenwärtigen Entwicklungsphase gibt es tatsächlich einige Probleme, die die Harmonie stören. Als Reaktion darauf hat das Parteikomitee unserer Provinz nach gründlichen Untersuchungen den wichtigen Beschluss gefasst, ein sicheres Zhejiang aufzubauen und die Harmonie und Stabilität der Gesellschaft zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einem sicheren Zhejiang meinen wir nicht nur die öffentliche Sicherheit oder die Arbeitssicherheit, sondern eine Sicherheit im erweiterten Sinne, die die Bereiche Wirtschaft, Politik, Kultur und Soziales einschließt. Dies entspricht der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung, den wesentlichen Anforderungen zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft und den dringenden Anliegen unserer Bevölkerung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dienstleistungen zum Hauptmotor der Wirtschaft entwickeln ==&lt;br /&gt;
10. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entwicklung des Dienstleistungssektors zu beschleunigen, entspricht den Gesetzen der Wirtschaftsentwicklung und ist für die Transformation des Wachstumsmodells erforderlich. Wir müssen im Einklang mit den ökonomischen Gesetzen die Dienstleistungsbranche zum Hauptmotor unserer Wirtschaft entwickeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren hat der Dienstleistungssektor in unserer Provinz eine dynamische Entwicklung erlebt. Doch allgemein gesehen bleibt er noch immer hinter dem Entwicklungsniveau der Gesamtwirtschaft zurück: Sein Anteil an der Wertschöpfung ist noch immer relativ niedrig und auch seine Struktur lässt noch zu wünschen übrig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Entwicklung des tertiären Sektors voranzutreiben, ist es erstens erforderlich, Dienstleistungen durch die Anwendung moderner Informationstechnologien und Geschäftsmodelle umzugestalten und so ihre Modernisierung zu forcieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens gilt es, ihre Entwicklung mit dem Aufbau von Basen für fortschrittliche Fertigungsindustrie zu kombinieren und moderne Dienstleistungsbranchen wie Logistik, Finanzen, Vermittlungsdienste, Softwareindustrie und Informationsdienste, welche eng mit der Produktion verbunden sind, tatkräftig zu entwickeln, damit sie dem Aufbau von Basen für fortschrittliche Fertigungsindustrie besser dienen. Entwickelte Dienstleistungen gelten als Booster dafür, die Fertigungsindustrie auf ein höheres Niveau zu heben, und erstklassige Fertigungsindustrie stützt sich auf hochkarätige Dienstleistungen. Wenn das Transportwesen, die Logistik und der Handel erst einmal ein hohes Entwicklungsniveau erreicht haben, wird dies dem Kauf und Verkauf von Produktionsfaktoren und Gütern in großem Stil zugutekommen und eine integrative Entwicklung von Industrie und Handel ermöglichen. Ein reifer Kapitalmarkt und ein qualitätsvoller Finanzservice begünstigen die Interaktion zwischen Industrie-, Handels- und Finanzkapital in der Produktionsindustrie. Zudem trägt die Entwicklung der Schulbildung, der wissenschaftlichen Forschung sowie der Aus- und Weiterbildung dazu bei, dass der Fertigungsindustrie hoch qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen und die technische Innovation forciert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens muss man die Entwicklung des Dienstleistungssektors mit einer Verbesserung der Fachmärkte verbinden und Innovationen in ihren Betriebsformen fördern. Hier gilt es, dem E-Commerce und dem Onlinegeschäft größere Aufmerksamkeit zu schenken, moderne Geschäftsmodelle in den Warenmärkten und den Fachhandelsvierteln einzuführen und diese in ihren Servicefunktionen zu verbessern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viertens muss die Entwicklung der Dienstleistungsbranche mit der Integration von Stadt und Land verknüpft und dafür Sorge getragen werden, dass die Dienstleistungen in den Städten auch den Landbewohnern zugänglich gemacht und ländliche Dienstleistungsangebote stärker miteinander vernetzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht zuletzt muss es gelingen, durch die Entwicklung des Dienstleistungssektors den Konsum anzukurbeln, wobei großes Gewicht auf Handel, Tourismus, Kultur- und Sportindustrie, Gesundheitspflege sowie Geschäfts- und Wohnimmobilien gelegt werden sollte, damit die Dienstleistungen die Lebensqualität und das Lebensniveau der Menschen erhöhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unternehmen und Kapital aus dem Ausland in Zhejiang nur selektiv zulassen ==&lt;br /&gt;
16. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen unsere Arbeit zur Anziehung ausländischer Unternehmen und ausländischen Kapitals nach Zhejiang verbessern. Dabei sollten wir uns nach wie vor auf solche privaten und ausländischen Firmen stützen, die sich bereits bei uns etabliert haben, und unser Augenmerk weiterhin auf Taiwan richten. Zugleich sollten wir den Schwerpunkt auf Großunternehmen, vor allem solche auf der Liste Fortune Global 500, und auf hochtechnologische Industrieprojekte legen sowie die Öffnung der Dienstleistungsbereiche Bank- und Versicherungswesen, Tourismus, Bildung und Gesundheitswesen aktiv und sicheren Schritts vorantreiben. Das heißt, wir müssen Unternehmen und Kapital aus dem Ausland selektiv in Zhejiang zulassen und die Qualität und das Niveau der Nutzung ausländischen Kapitals steigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir von ausländischen Investitionen Gebrauch machen, sollten wir auch die Strategie des „Ins-Ausland-Gehens“ energisch verfolgen und auf verschiedenem Wege im Ausland investieren. Dabei sollten wir uns in erster Linie an der Erschließung von Rohstoffvorkommen sowie an grenzüberschreitenden Fusionen und Übernahmen beteiligen. Darüber hinaus gilt es, Forschungs- und Entwicklungszentren, Vertriebsnetze sowie Produktions- und Rohstoffbasen im Ausland zu errichten, um das Niveau der Auslandstätigkeiten unserer Unternehmen zu heben. Zhejiang ist nicht reich an Naturressourcen. Daher haben wir die langfristige strategische Entscheidung getroffen, Märkte und Ressourcen im In- und Ausland zu nutzen und Energie- und Rohstoffbasen im Ausland zu errichten, was zudem den Anforderungen zur nationalen strategischen Sicherheit entspricht. Wir haben bei der Einführung von Bodenschätzen bereits einen guten Anfang gemacht. Nun gilt es, weitere Pläne auszuarbeiten, um in dieser Hinsicht das Zepter selbst in die Hand zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eine angemessene Entwicklung der Leicht- und Schwerindustrie fördern ==&lt;br /&gt;
18. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass die Leichtindustrie den Hauptteil des sekundären Wirtschaftssektors Zhejiangs bildet, ist eine Stärke unserer Provinz, die weiterhin aufrechterhalten werden muss. Angesichts unserer Wirtschaftsstruktur und der Tragfähigkeit unserer Umwelt ist es kaum möglich, dass die Schwerindustrie die Oberhand gewinnt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da unsere Provinz über mehrere Seehäfen verfügt, bietet es sich an, verstärkt eine chemische Industrie, die auf Weiterverarbeitung spezialisiert ist und sich auf maritime Häfen als wichtigen Infrastrukturträger stützt, zu entwickeln. Je nach ihren Stärken und Schwächen sollten sich verschiedene Regionen in der Entwicklung ihrer Fertigungsindustrie jeweils für eine Schwerpunktsetzung in der Leicht- oder Schwerindustrie entscheiden. Vor allem müssen wir alles daran setzen, die Struktur unserer Fertigungsindustrie weiter zu optimieren, an mehr Produktionsstufen teilzunehmen und unsere Betriebe größer, stärker und konkurrenzfähiger zu machen. Ferner gilt es, die Pläne für die Entwicklung des Wirtschaftsgürtels rund um die Hangzhou-Bucht, der Küstenwirtschaftszone Wenzhou-Taizhou und des Ballungsraums Jinhua-Quzhou-Lishui gewissenhaft umzusetzen, eine Reihe von Großprojekten einzuleiten und Schwerpunktunternehmen und -produkte zu entwickeln, um in wichtigen Bereichen und Schlüsselkettengliedern neue Durchbrüche zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die verarbeitende und die Fertigungsindustrie haben großes Gewicht in unserer Provinz. Daher ist es eine schwere Aufgabe für uns, traditionelle Betriebe umzugestalten und zu modernisieren. Um sie zu meistern, müssen wir den Schwerpunkt auf die wissenschaftlich-technische Innovation und die Markenstrategie legen, um so die verarbeitende und die Fertigungsindustrie auf ein höheres Niveau zu bringen, die Qualität der betreffenden Unternehmen zu verbessern, den Mehrwert der Produkte zu steigern und die Wettbewerbsvorteile unserer Industriebranchen mit ihren jeweiligen regionalen Besonderheiten zu stärken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fertigungsindustrie gilt als wichtiger Bereich der wissenschaftlich-technischen Innovation sowie ein Medium dafür, Forschungsergebnisse in Produktivkräfte umzuwandeln. Nur wenn es uns gelingt, unsere wissenschaftlich-technischen Innovationen ständig zu forcieren und die neuesten Technologien schnellstmöglich in der Fertigungsindustrie anzuwenden und über sie unsere Produkte weiterzuentwickeln, können wir die Kernfunktion wissenschaftlich-technischer Innovation in höherem Maße entfalten und die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Fertigungsindustrie erfolgreich steigern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zhejiang über die Provinzgrenzen hinaus entwickeln ==&lt;br /&gt;
21. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang über seine Grenzen hinaus zu entwickeln, ist sowohl eine unabdingbare Forderung, die sich aus der Wirtschaftsentwicklung unserer Provinz ergibt, als auch eine bewusste strategische Entscheidung, um von der bestehenden hohen Ausgangsbasis ausgehend eine größere Entwicklung zu erreichen. Nach den Erfahrungen anderer Länder legen überregionale Investitionen in der Regel dann einen Gang zu, wenn das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt gegen 2500 US-Dollar tendiert. Dies entspricht der Tatsache, dass seit einigen Jahren immer mehr Unternehmen und Einzelpersonen unserer Provinz in anderen Landesteilen Investitionen tätigen bzw. Firmen gründen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts des gegenwärtigen Entwicklungsstands unserer Provinz müssen wir einige arbeits- bzw. ressourcenintensive Branchen und Betriebe dazu motivieren und dabei unterstützen, ihren Standort planmäßig zu verlagern, um Platz für weitere Entwicklung zu schaffen, wenn wir der Knappheit an Produktionsfaktoren entgegenwirken und unsere Industrie auf ein höheres Niveau heben wollen. Auch unsere Unternehmen können davon profitieren, indem sie sich im Zuge der überregionalen Integration von Produktionsfaktoren neue Wettbewerbsvorteile sichern und weiter expandieren. In den letzten Jahren hat eine große Anzahl von Zhejianger Unternehmen ihre Fühler in andere Landesteile ausgestreckt, um dort zu investieren, Ressourcen zu erschließen oder Finanzgeschäfte zu tätigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ende 2003 haben sich ca. vier Millionen Erwerbstätige und Geschäftsleute sowie rund 90.000 Unternehmen aus Zhejiang in anderen Provinzen, autonomen Gebieten und regierungsunmittelbaren Städten Chinas etabliert. Die Gesamtinvestitionen dieser Unternehmen betrugen 532 Milliarden Yuan, 80 Milliarden davon stammten aus Zhejiang, Ihre betrieblichen Gesamterträge beliefen sich auf mehr als eine Billionen Yuan. Die Mehrheit ihrer Investitionen, nämlich über 75 Prozent, entfiel auf den tertiären Wirtschaftssektor. Bei 50 bis 70 Prozent des investierten Kapitals handelte es sich um Vermögen, das Zhejianger Geschäftsleute über die Jahre akkumulieren konnten, 15 bis 25 Prozent waren Gelder aus Zhejiang, 10 bis 15 Prozent wurden auf dem Finanzmarkt vor Ort beschafft und 5 bis 10 Prozent waren Direktinvestitionen von Einheimischen. Die Geschäfte dieser Unternehmen sind eng mit der Wirtschaft Zhejiangs verwoben. Über 70 Prozent ihrer Waren kommen aus Zhejiang, was etwa 30 Prozent der Gesamtproduktion der betreffenden Betriebe in Zhejiang entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten mit strategischem Denken, einem breiten Horizont und einer pragmatischen Einstellung die Zhejianger zu Investitionen und Firmengründungen andernorts motivieren. Zugleich sollten wir für ein ideales Entwicklungsklima hier vor Ort sorgen, um Unternehmen aus anderen Landesteilen und Ländern zu uns zu locken sowie Zhejianger Firmen anzuspornen, wieder in ihre Heimatprovinz zu investieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Wichtigkeit des Imports erkennen ==&lt;br /&gt;
23. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Einfluss des Keynesianismus halten wir seit Langem Investitionen, Konsum und Export für eine Troika, die das Wirtschaftswachstum fördert, während der Import als Leckage der Volkswirtschaft betrachtet wird. Doch die Praxis hat bewiesen, dass der Import letztlich unerlässlich ist für die Erweiterung des Angebots an Produktionsfaktoren, die Förderung des technischen Fortschritts und die Verbesserung des Lebens der Bevölkerung. Seit vielen Jahren übersteigen in unserer Provinz die Ausfuhren bei Weitem die Einfuhren, und wir verbuchen regelmäßig einen deutlichen Handelsüberschuss. Damit hat Zhejiang einerseits einen großen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung des ganzen Landes geleistet, andererseits bedeutet dies aber, dass es uns nicht gelungen ist, ausländische Ressourcen und Produktionsfaktoren ausreichend zu nutzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts dieser Tatsache sollten wir in Zukunft die Funktion des Imports in vollem Maße entfalten, um der Ressourcenknappheit in unserer Provinz entgegenzuwirken, den technischen Fortschritt voranzutreiben und die Industrie zu modernisieren. Wir müssen von unseren großen Devisenreserven Gebrauch machen und die günstige Gelegenheit wahrnehmen, dass unser Land im nächsten Jahr seine Importzölle massiv senken wird, um die Einfuhr von Energien, Rohstoffen und wichtigen Anlagen, die wir dringend benötigen, mit Tatkraft zu forcieren. Damit dies gelingt, müssen die zuständigen Behörden den Import einiger Schwerpunktwaren besser organisieren und verstärkt koordinieren und neue Methoden wie Einkaufsgemeinschaften einführen, um unsere Importkosten wirksam zu reduzieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unser Spitzenreiterbewusstsein stärken ==&lt;br /&gt;
23. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Avantgarde-Charakter der KP Chinas zu fördern, müssen wir das Bewusstsein für unsere Rolle als Spitzenreiter stärken. Der Avantgarde-Charakter unserer Partei spiegelt sich konzentriert darin wider, dass sie stets der Zeit und den einfachen Leuten voraus ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der Forderung von Generalsekretär Hu Jintao, dass Zhejiang in der Entwicklung eine Vorreiterrolle spielen soll, gerecht zu werden, müssen wir strebsam arbeiten sowie Unternehmungs- und Pioniergeist an den Tag legen, eine immer höhere Ausgangsbasis schaffen und uns um eine noch schnellere und bessere Entwicklung bemühen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens müssen wir Spitzenleistungen anstreben. Zhejiang soll dabei nicht nur hinsichtlich wichtiger Kennwerte der sozioökonomischen Entwicklung seine landesweit führende Position beibehalten, sondern wir müssen auch in der Lage sein, Pionierarbeit zu leisten, um durch erfolgreiche Pilotversuche den anderen Landesteilen nützliche Erfahrungen anzubieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber hinaus müssen wir unseren Blick auf die Welt richten und uns in allen Bereichen auf das internationale Spitzenniveau und die internationalen Standards einstellen, um weitere Fortschritte zu erzielen und uns konkurrenzfähiger zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Erziehung zum Avantgarde-Charakter zielt auf die ganzheitliche Stärkung aller Parteimitglieder ==&lt;br /&gt;
25. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der neuen Runde der Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Mitglieder der KP Chinas&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese Erziehungskampagne, die über 70 Millionen Parteimitglieder und mehr als 3,5 Millionen Parteiorganisationen auf der Basisebene erfasste, wurde von Januar 2005 bis Juni 2006 durchgeführt und hatte zum Hauptinhalt, die wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens in die Tat umzusetzen.&amp;lt;/ref&amp;gt; müssen wir zweierlei Tendenzen mit Tatkraft vermeiden bzw. überwinden. Die eine ist die Ansicht, dass diese Erziehungskampagne wirkungslos verpuffen wird. Hier wird oft argumentiert, dass es in unserer Partei trotz vielen Erziehungskampagnen der vergangenen Jahre noch immer einige Probleme gibt und unsere Bemühungen deshalb auch diesmal vergeblich bleiben werden. Die andere ist die überhöhte Hoffnung auf schnellen Erfolg. Manche erwarten nämlich fälschlicherweise, durch die jüngste Sonderkampagne alle vorhandenen Probleme auf Anhieb lösen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Avantgarde-Charakter der KP Chinas zu bewahren, gilt es, die alltägliche Erziehung mit gezielten Sonderkampagnen zu kombinieren. Dies ist mit der Gesundheitspflege zu vergleichen. Um gesund zu bleiben, müssen wir uns einerseits regelmäßig untersuchen lassen, damit Krankheiten früh erkannt werden können. Andererseits müssen wir uns im Krankheitsfall einer gezielten Behandlung unterziehen. Da wir nicht in einem Vakuum leben, sind wir unweigerlich verschiedenen Viren ausgesetzt. Das macht es nötig, sich regelmäßig ärztlich untersuchen zu lassen, damit Krankheiten so früh wie möglich diagnostiziert und geheilt werden. Gegen schwere Erkrankungen müssen starke Medikamente eingesetzt und spezielle therapeutische Maßnahmen ergriffen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Avantgarde-Charakter unserer Partei zu erhalten, müssen wir mit der Zeit Schritt halten und durch ständiges Lernen neue Erkenntnisse erlangen, weil jede Zeit ihre ganz eigenen Anforderungen an den Avantgarde-Charakter stellt und dessen Förderung sowohl eine dringende als auch eine Daueraufgabe ist, die nie ein Ende nimmt. Eine einmal fortschrittliche Partei wird nicht immer fortschrittlich bleiben. Sowohl die regelmäßige Erziehung als auch die Sonderkampagnen unserer Partei zielen letztlich darauf ab, uns dauerhaft zu stählen, Probleme in uns zu lösen sowie „Viren“ in unserem Denken und Mängel in unserer Arbeit effektiv zu beseitigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer die Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Parteimitglieder für nutzlos hält, legt ein untätiges, passives Verhalten an den Tag und verzichtet auf bewusste Untersuchungen und gezielte Behandlungen. Wer dagegen schnelle Erfolge erwartet, verfällt dem Irrglauben, Probleme ließen sich ein für alle Mal überwinden, und träumt davon, durch eine einmalige Therapie oder mit einer starken Arznei alle Krankheiten auf einen Schlag zu heilen und die Krankheitsherde mit der Wurzel auszurotten. Beide Einstellungen helfen letztlich nichts, weil sie der materialistischen Dialektik entgegenstehen und die Erziehungskampagne zu einer reinen Formsache abwerten. Die richtige Einstellung ist dagegen, sich aktiv an dieser Sonderkampagne zu beteiligen und in sich zu gehen, indem man das eigene Denken hinterfragt, nach eigenen Unzulänglichkeiten sucht und sich über die Gründe dafür Gedanken macht. Vor allem müssen wir Anstrengungen unternehmen, uns abzuhärten und eigene Probleme zu überwinden, damit das Volk die positiven Veränderungen in der Partei wirklich wahrnimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Mission der wissenschaftlichen Entwicklung beherzigen ==&lt;br /&gt;
30. März 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der Forderung von Generalsekretär Hu Jintao, dass Zhejiang im Prozess des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand und der Beschleunigung der sozialistischen Modernisierung weiterhin eine Vorreiterrolle spielen soll, gerecht zu werden, müssen wir zuerst ein Vorbild darin werden, uns die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung zu eigen zu machen und diese zu praktizieren, indem wir uns in der Praxis stets auf sie einstellen, die Globalsteuerung weiter forcieren und verbessern und die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; unserer Provinz intensiv durchführen. Wir müssen die Dringlichkeit erkennen, die Entwicklung Zhejiangs unter Zugrundelegung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung voranzutreiben, und das entsprechende Verantwortungs- und Missionsbewusstsein fortwährend stärken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seinem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt nähert sich Zhejiang bereits dem Standard einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand. Doch für den umfassenden Aufbau einer solchen Gesellschaft reicht es bei Weitem nicht, nur in einigen wichtigen Kennwerten die Anforderungen zu erfüllen. Vielmehr müssen wir für eine stärker entwickelte Wirtschaft, eine vollständigere Demokratie, eine fortschrittlichere Wissenschaft und Bildung, eine blühendere Kultur sowie eine harmonischere Gesellschaft und ein wohlhabenderes Leben der Bevölkerung sorgen. Wir müssen unsere Arbeit in diesen sechs Bereichen weiter vorantreiben und uns darum bemühen, den anderen Landesteilen diesbezüglich stets einen Schritt voraus zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee des Aufbaus einer harmonischen Gesellschaft übernehmen ==&lt;br /&gt;
04. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Idee, eine harmonische sozialistische Gesellschaft aufzubauen, ist ein wichtiges Ergebnis der theoretischen Innovation des Zentralkomitees der KP Chinas im Rahmen der Bemühungen, eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand umfassend aufzubauen und neue Durchbrüche bei der Entwicklung des Sozialismus chinesischer Prägung zu erreichen. Im gesamten Prozess des Aufbaus der sozialistischen Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft müssen wir stets an der Zielsetzung des Aufbaus einer harmonischen Gesellschaft festhalten, die „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Fairness und Gerechtigkeit, Vertrauenswürdigkeit und Freundlichkeit, Vitalität und friedliche Ordnung sowie die Harmonie zwischen Mensch und Natur“&amp;lt;ref&amp;gt;Hu Jintao: &#039;&#039;Schaffung einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Hu Jintao, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 2. People’s Publishing House, Beijing 2016. S. 285.&amp;lt;/ref&amp;gt; erfordert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit dies gelingt, müssen wir uns erstens gleichermaßen darum bemühen, die Kreativität in der gesamten Gesellschaft anzuregen und die Interessen aller Seiten durchzusetzen. Wir sollten hierbei nach einem Gleichgewicht zwischen Gerechtigkeit und Effizienz streben, indem wir die Rolle des Marktes für eine bessere Ressourcenallokation und höhere Effizienz sowie die Rolle der Regierung für Interessenausgleich und Gerechtigkeit vollends entfalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens müssen wir die Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit der Stärkung der Werteerziehung kombinieren, mit gezielten Maßnahmen die sozialistische Demokratie entwickeln und die Bürger dazu anleiten, sich vernünftig, rechtmäßig und in geregelten Bahnen an der Politik zu beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens müssen wir die Verwaltung durch die Regierung verstärken und zugleich die Selbstverwaltung durch die Bürger fördern, damit eine Struktur der gesellschaftlichen Governance Gestalt annimmt, in der die Parteikomitees die führende Rolle spielen, die Regierungen die Hauptverantwortung tragen, alle Seiten der Gesellschaft koordiniert zusammenarbeiten und einzelne Bürger daran mitwirken. Zudem gilt es, diese Struktur stetig zu verbessern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Geist der Realitätsnähe und Zweckmäßigkeit verbreiten ==&lt;br /&gt;
06. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirklichkeitstreue und Zielorientierung im Handeln sind wichtige Aspekte zur Förderung des Avantgarde-Charakters der KP Chinas und sie formen eine Garantie für die Umsetzung aller Maßnahmen und das Vorantreiben aller Sektoren. Generalsekretär Hu Jintao hat uns wiederholt ermahnt, die „zwei Verpflichtungen“ im Hinterkopf zu behalten und mit Tatkraft für den Geist der Realitätsnähe und Bodenständigkeit und einen entsprechenden Arbeitsstil einzutreten. Dementsprechend gilt es, die Gelegenheit der Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Mitglieder der KP Chinas zu nutzen, alles daran zu setzen, das Verhalten der Parteimitglieder zu verbessern, und dafür Sorge zu tragen, dass die Kader sich stets an den gegebenen Verhältnissen orientieren und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausüben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Parteikomitee unserer Provinz hat immer wieder gefordert, durch intensives Studium den wahren Sinngehalt der Theorien der Partei zu begreifen, mittels eingehender Untersuchungen die Realitäten genau zu erkennen, die Arbeit mit Tatkraft auszuführen, bei der Beschleunigung der Entwicklung Zhejiangs nach greifbaren Erfolgen zu streben, sich das Leben des Volkes ans Herz zu legen und ihm mit wirksamen Maßnahmen möglichst großen Nutzen zu bringen. All diese Anforderungen entsprechen den Prinzipien der Realitätsnähe und Zweckmäßigkeit und sind unabdingbar zur Stärkung des Avantgarde-Charakters unserer Partei. Trotz hervorragender Leistungen müssen wir bescheiden und besonnen bleiben, Sorge für wissenschaftlich fundierte und demokratische Entscheidungen sowie die tatkräftige Umsetzung aller Maßnahmen tragen, konkrete Probleme gezielt in Angriff nehmen und praktische Lösungen anbieten, anstatt uns an unserem Ruhm zu berauschen und in Eitelkeit zu verfallen. Nur so wird die Erziehungskampagne die gewünschte Wirkung erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Bei der Entwicklung neuer Ansätze auf Eigeninitiative statt Zwang setzen ==&lt;br /&gt;
15. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In &#039;&#039;Die Kunst des Krieges&#039;&#039; von Sun Wu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Sun Wu (Lebensdaten unbekannt) war ein Militärstratege in der Frühlings- und Herbstperiode (770-476 v. Chr).&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es: „Eine verzweifelte Armee wird irgendwie einen Ausweg finden.“ Dieser Ausspruch mag vielleicht etwas zu kategorisch sein, doch wir müssen zugeben, dass Not unter Umständen tatsächlich erfinderisch macht. Zhejiang z. B. verfügt nur über eine vergleichsweise kleine Fläche bei einer doch relativ großen Bevölkerungszahl und ist nicht reich an natürlichen Ressourcen. Vor diesem Hintergrund sahen sich zahlreiche Geschäftsleute und Unternehmen unserer Provinz gezwungen, in anderen Landesteilen nach neuen Möglichkeiten zu suchen und sich so einen Weg aus dem Nichts zu bahnen. Im Verlauf der Reform und Öffnung in den vergangenen über zwanzig Jahren hat sich Zhejiang unter Druck zu einer starken und vitalen Wirtschaftskraft entwickelt und eine Reihe von Talenten mit großem Unternehmergeist hervorgebracht, die heute die wertvollsten Ressourcen für unsere weitere Entwicklung darstellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig setzen uns die staatliche Globalsteuerung und die Ressourcenknappheit im wirtschaftlichen Bereich erneut unter Druck. Zugleich bieten sie uns aber auch eine gute Gelegenheit, unsere Wirtschaftsstruktur anzupassen und unser Wachstumsmodell zu transformieren. Einige Regionen unserer Provinz sind mit dem Mut, sich komplett zu erneuern, aktiv auf neue Entwicklungsansätze eingegangen, anstatt sich bloß passiv auf die neue Situation einzustellen. Die einen haben alte Betriebe in andere Landesteile verlagert, um Platz für neue Firmen zu schaffen, die das Potenzial haben, unsere Wirtschaft auf ein höheres Niveau zu bringen. Andere machen sich Ressourcen außerhalb Zhejiangs zunutze oder intensivieren die Nutzung bestehender Ressourcen. Wieder andere haben sich zur Energieeinsparung und zum Schutz der Umwelt für eine Kreislaufwirtschaft entschieden. Sie haben die Qualen des Zwangs durchlitten und erfreuen sich nun der herrlichen Aussicht, wie ein Phönix aus der Asche emporzusteigen und neue Durchbrüche in der Entwicklung zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies hat uns gezeigt, dass wir angesichts der Tatsache, dass die gegebenen Verhältnisse uns vor große Herausforderungen stellen, letztlich keine andere Wahl haben, als Druck in Triebkraft umzuwandeln, uns tiefe Einblicke in die Situation zu verschaffen, unverzüglich umzudenken und schnellstmöglich gegenzusteuern. Nur so lässt sich die Zwangslage erfolgreich überwinden und das Zepter erneut in die eigene Hand nehmen. Nur so können wir einen Mechanismus für nachhaltige Entwicklung errichten und den Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung gerecht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kritik und Selbstkritik dürfen nicht zu Formalismen verkommen ==&lt;br /&gt;
25. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kritik und Selbstkritik sind eine gute Tradition wie auch eine wichtige Arbeitsmethode unserer Partei. Doch heute herrscht teils die Meinung vor, Kritik sei eine schlimme Sache, mit der man seine Mitmenschen vor den Kopf stoße. Das führt dazu, dass man weder wagt, Kritik zu äußern, noch die Kritik der anderen verträgt. Statt Kritik und Selbstkritik werden deshalb eher Lob und Eigenlob formuliert. Dies ist eine falsche Praxis und sie droht die Integrität unserer Partei zu beeinträchtigen. Mittlerweile ist die Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Mitglieder der KP Chinas in die Phase der Analyse und Bewertung eingetreten. Eine wichtige Teilaufgabe in dieser Phase ist es, Kritik und Selbstkritik aufrichtig statt nur halbherzig zu üben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt auf dieser Welt keine einwandfreien Dinge wie auch keinen vollkommenen Menschen. Das Problem liegt darin, dass viele nicht in der Lage sind, sich gründlich kennenzulernen, geschweige denn Probleme in sich ausfindig zu machen. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass uns andere auf unsere Unzulänglichkeiten und Missgriffe in der Ausführung unserer Arbeit hinweisen, eine hervorragende Sache, die es uns ermöglicht, so früh wie möglich davon Kenntnis zu nehmen und Verbesserungen vorzunehmen. Dies ist sowohl unserer Arbeit und unserer Sache als auch dem Heranwachsen und der Entwicklung des Individuums zuträglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten auch um der Solidarität willen Kritik aneinander üben. Hat man hier Bedenken, zeigt dies letztlich nur, dass sich der Zusammenhalt im Kollektiv bereits gelockert hat. Eine Gruppe, in der es keine kritischen Stimmen gibt, weist keine Geschlossenheit, sondern nur Laxheit und Gleichgültigkeit auf. Gegenseitige Kritik unter den Kollegen spiegelt letztlich Vertrauen ineinander sowie Verständnis, Unterstützung und Fürsorge füreinander. Opfert man dagegen Wahrheit und Prinzipien für individuelle Interessen, sieht über die Schwächen und Irrtümer der anderen hinweg und lässt diesen freien Lauf, akkumulieren sich kleine Fehler immer mehr und haben schließlich verheerende Folgen. Als Mitglieder der KP Chinas sollten wir unsere Mitmenschen offen auf ihre Fehler hinweisen und umgekehrt die Kritik anderer großzügig und dankend aufnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich ist hier mit Kritik nicht gemeint, Menschen an den Pranger zu stellen. Stattdessen gilt es, die Gelegenheit der Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Mitglieder der KP Chinas wahrzunehmen, in persönlichen Gesprächen und Beurteilungen offen Kritik und Selbstkritik zu üben und ein Klima zu schaffen, in dem es jeder wagt, Kritik zu äußern und jeder auf die Kritik der anderen gefasst ist, damit sich Kritik und Selbstkritik als gute Gepflogenheit und langfristig wirksamer Mechanismus etablieren. Dabei müssen die leitenden Parteikader mit gutem Beispiel vorangehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Jedes Parteimitglied ist eine Fahne unter dem Volk ==&lt;br /&gt;
27. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Parteimitglied muss der Partei treu ergeben sein und ist seiner Organisation, der Gesellschaft und dem Volk gegenüber verantwortlich. Als Mitglied der KP Chinas muss man sich in erster Linie mit der Partei identifizieren, ihr dienen und die Interessen des Volkes verfolgen, egal wo man arbeitet und welche Position man innehat. Bei jeder Arbeit gilt es, die Partei, ihre Sache und die Interessen des Volkes, welche die Partei ja vertritt, in Betracht zu ziehen und sich bewusst zu sein, dass man im Namen der Partei handelt und man alle Arbeitsleistungen letztlich der Leitung und Unterstützung der eigenen Parteiorganisation zu verdanken hat. Man muss sich auch darüber im Klaren sein, dass die Worte und Taten eines Parteimitgliedes mit dem Image der gesamten Partei gleichzusetzen sind. Besonders die einfachen Leute an der Basis gewinnen hauptsächlich durch einzelne Parteimitglieder in ihrer unmittelbaren Umgebung einen Einblick von unserer Partei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedes Parteimitglied ist demnach wie eine Fahne unter dem Volk und das musterhafte Verhalten der Millionen Parteimitglieder begründet Glanz und Gloria unserer Partei. Li Dazhao,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Li Dazhao (1889-1927) war ein Vorreiter in der Verbreitung des Marxismus in China und Mitgründer der KP Chinas.&amp;lt;/ref&amp;gt; Fang Zhimin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fang Zhimin (1899-1935) war ein proletarischer Revolutionär und Militärstratege.&amp;lt;/ref&amp;gt; und andere Vorreiter und Märtyrer der chinesischen Revolution sowie die zahlreichen heldenhaften und vorbildlichen Persönlichkeiten im Prozess des sozialistischen Aufbaus und der Reformen sind zweifellos Fahnen im Herzen der Parteimitglieder und der einfachen Leute. Wir müssen uns auf diese Vorbilder besinnen und durch unser Handeln als Parteimitglieder das positive Image der KP Chinas pflegen, indem wir im Alltag musterhaft auftreten, im entscheidenden Moment in die vorderste Linie vorstoßen und in Krisenzeiten bereit sind, eigene Opfer zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Alle Menschen und Berufe sind gleichwertig ==&lt;br /&gt;
29. April 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Menschen und Berufe sind gleichwertig und sollten nicht hierarchisiert werden. In einer Gesellschaft ist jede Profession unentbehrlich. Egal, ob man körperliche oder geistige, einfache oder komplexe Arbeit leistet, jede Tätigkeit ist ehrenhaft und respektabel, solange sie dem Volk und der Gesellschaft von Nutzen ist. Die Wanderarbeiter vom Land z. B. zählen zu den Säulen unserer Wirtschaftsentwicklung und im Aufbau einer harmonischen Gesellschaft und sie verdienen von daher unsere Beachtung und Wertschätzung. Auch unter ihnen finden sich hervorragende Erwerbstätige, die der Öffentlichkeit ein Vorbild geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Vergangenheit haben wir in verschiedenen Zeiten musterhafte Persönlichkeiten unterschiedlichen Typs aus verschiedenen Branchen vorgestellt, leider befanden sich unter ihnen keine ländlichen Wanderarbeiter, die doch eine große Bevölkerungsgruppe darstellen. Li Xuesheng&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Li Xuesheng (1969-2005) ließ sein eigenes Leben, um zwei Kinder vor einem heranfahrenden Zug zu retten. Er wurde postum in die KP Chinas aufgenommen und mit dem Titel „Revolutionärer Märtyrer“ ausgezeichnet.&amp;lt;/ref&amp;gt; bildet ein hervorragendes Beispiel für die Güte der ländlichen Wanderarbeiter der Gegenwart. Seine Heldentat spiegelt die Tugenden der chinesischen Bauern und die hohe Gesinnung der Wanderarbeiter vom Land eindrucksvoll wider. Diese Wanderarbeiter sind bäuerlicher Herkunft und haben sich in die Klasse der Arbeiter eingeordnet. Als wichtiger Bestandteil der Arbeiterschaft der chinesischen Moderne leisten auch sie einen großen Beitrag zur sozioökonomischen Entwicklung unseres Landes. Doch es gibt Leute, die Wanderarbeiter aus ländlichen Gebieten diskriminieren oder gar aufs Korn nehmen. Und einige Unternehmen und Behörden verletzen willkürlich ihre Interessen. Dies ist absolut falsch und widerspricht den Forderungen des Aufbaus einer harmonischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Provinz ist eine geöffnete Region mit einer entwickelten Wirtschaft, in der eine beträchtliche Anzahl von ländlichen Wanderarbeitern tätig ist. Vor diesem Hintergrund sollten wir uns darüber Gedanken machen, welche Maßnahmen es für diese Wanderarbeiter zu treffen gilt und wie wir uns ihren Interessen noch besser annehmen und sie besser verwalten können, um entschieden zu vermeiden, dass sie sowohl Schweiß als auch Tränen vergießen. Wir sollten einerseits gute Kontrollmechanismen für diese Bevölkerungsgruppe entwickeln und ihr andererseits die notwendigen öffentlichen Dienstleistungen zur Verfügung stellen, sowohl auf ihre Ausbildung als auch auf den Schutz ihrer Rechte achten. Wir sollten neue Wege und Methoden zur Verwaltung von Bevölkerungsteilen ohne ständigen Wohnsitz in unserer Provinz erforschen, um das Outsourcing entsprechender Dienstleistungen zu fördern, die Marktkräfte ins Spiel zu bringen, den Einsatz von Informationstechnologien einzuführen und die Kontrollmaßnahmen menschengerecht zu gestalten. Insbesondere sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Arbeit und das Leben der Wanderarbeiter vom Land richten, ihre legalen Rechte und Interessen tatkräftig schützen und im Umgang mit ihnen Menschlichkeit an den Tag legen. Zugleich gilt es aber auch, ihre Qualifizierung, Erziehung und Verwaltung zu forcieren, damit sie einen konstruktiven Beitrag zur Entwicklung unserer Provinz leisten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Nähe zum Volk suchen ==&lt;br /&gt;
09. Mai 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die KP Chinas vertritt unbeirrt die grundlegenden Interessen der überwiegenden Mehrheit des chinesischen Volkes, hält stets an dem Grundsatz der Regierungsführung, dass die Partei keine anderen als die öffentlichen Interessen verfolgt und ihre Macht ausschließlich im Interesse des Volkes ausübt, sowie an der grundlegenden Zielsetzung, dem Volk mit Leib und Seele zu dienen, fest und pflegt zu ihm enge Beziehungen. Entfremdet sich ein Parteimitglied von den Menschen, entfernt es sich letztlich auch von der Partei; und wer das Volk nicht ins Herz schließt, der wird unseren Standards für Parteimitglieder nicht gerecht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Die Interessen des Volkes sind niemals Nebensache.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt; Für einfache Leute sind scheinbare Kleinigkeiten wie Brennholz, Reis, Speiseöl oder Salz von großer Bedeutung. Sie mögen sich vielleicht nicht um das Bruttoinlandsprodukt scheren, aber machen sich sehr wohl Gedanken über Fragen wie Nahrungsmittel, Kleidung, Wohn- und Verkehrsbedingungen, Beschäftigung, die Ausbildung ihrer Kinder, medizinische Dienste und ihre Altersversorgung, Angesichts dessen müssen wir entschieden umdenken, uns auf die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung besinnen und deren Leitidee, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, konsequent befolgen. In diesem Prozess müssen die Parteimitglieder den Menschen zur Seite stehen und sie erziehen und sich darum bemühen, vorbildliche Diener und liebevolle Freunde des Volkes zu werden, die Vertrauen und Respekt genießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklung der Kreislaufwirtschaft durch gezielte Maßnahmen ==&lt;br /&gt;
11. Mai 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kreislaufwirtschaft zu entwickeln, ist ein wichtiger Weg der Industrialisierung neuen Typs und eine unabdingbare Forderung zur Transformation des Wachstumsmodells. Unsere Provinz ist relativ arm an Naturressourcen, hat aber bei der Entwicklung eine große Ressourcennachfrage; unsere Umweltvoraussetzungen sind nicht sehr tragfähig, doch unser riesiges Wirtschaftsvolumen bringt eine Unmenge von Abfällen hervor; und unsere Wirtschaftsstruktur ist eher auf niedrigem Niveau angesiedelt, während die Menschen immer höhere Anforderungen an ihre Lebensqualität stellen. Diese Widersprüche zwingen uns dazu, Pionierarbeit in der Entwicklung der Kreislaufwirtschaft zu leisten und gezielte und effektive Maßnahmen für eine effiziente Nutzung und wirksames Recycling von Ressourcen zu ergreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstens müssen wir die Aufklärungsarbeit forcieren, damit sich die Idee der Kreislaufwirtschaft in unserer Gesellschaft durchsetzt und man nicht mehr ausschließlich eine Erhöhung des Bruttoinlandsprodukts anstrebt. Zweitens müssen wir die Menschen durch entsprechende Richtlinien verstärkt zur Kreislaufwirtschaft anhalten. Es gilt, Ökonomische Instrumente wie Steuern, Finanzen, Preise und Fiskalpolitik auszunutzen und ein Bewertungssystem für die Arbeitsleistungen leitender Kader, das der Entwicklung der Kreislaufwirtschaft förderlich ist, sowie ein entsprechendes Motivations- und Beschränkungssystem einzuführen. Drittens müssen wir das betreffende Rechtssystem vervollständigen und Gesetze und Vorschriften, die der Wiederverwendung von Ressourcen und der Einsparung von Energie, Wasser, Boden und Rohstoffen dienen, erlassen, um die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft gesetzlich zu regeln. Viertens müssen wir uns intensiv damit beschäftigen, wie die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft technisch zu unterstützen und zu garantieren ist, indem wir Technologien für eine saubere Produktion sowie umweltverträgliche und ressourcensparende Technologien entwickeln und einen Informationsservice, technische Dienstleistungen und Ausbildungsangebote in dieser Hinsicht zur Verfügung stellen. Fünftens müssen wir Pilot- und Vorzeigeprojekte durchführen und die Kreislaufwirtschaft auf verschiedenen Ebenen ordnungsgemäß vorantreiben. Wir müssen uns in Übereinstimmung mit den Grundprinzipien Reduktion, Wiederverwertung und Recycling engagiert für eine saubere Produktion und nachhaltigen Konsum einsetzen, Sorge für eine ökologische Produktionskette tragen, wobei die betreffenden Unternehmen ein Kreislaufsystem herausbilden und in symbiotischer Beziehung stehen sollten, und durch Modellprojekte die Menschen dazu anregen, sich aktiv am Aufbau einer recyclinggerechten Gesellschaft zu beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Aufbau einer umweltfreundlichen Gesellschaft ==&lt;br /&gt;
16. Mai 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit Einführung der Reform- und Öffnungspolitik ist die Wirtschaft unserer Provinz jährlich im Durchschnitt um 13 Prozent gewachsen, was jedoch auch massive Umweltschäden nach sich gezogen hat. Umweltverschmutzung ist längst kein regionales bzw. vorübergehendes Problem mehr. Die Städte, die von Flüssen durchströmt werden, müssen wegen schwerer Wasserverschmutzung ihr Trinkwasser von andernorts herbeischaffen; die stark belasteten Küstengewässer werden häufig von Algenplagen heimgesucht. Dies ist, als würde man mit Fremdkapital Geschäfte machen. Man mag zwar Geld erwirtschaften, überzieht jedoch zugleich das Umweltkonto und wird dafür letztlich hohe Zinsen zahlen müssen. Schulden müssen irgendwann beglichen werden, daran gibt es nichts zu rütteln. Und was wir der Umwelt heute antun, werden wir früher oder später wiedergutmachen müssen. Am besten erledigen wir dieses Problem schnell, dann haben wir wieder freie Hand. Sonst schämen wir uns vor unseren Nachkommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum müssen wir uns um eine ressourcenschonende und umweltfreundliche Gesellschaft bemühen? Weil die Umwelt, solange man sie pfleglich behandelt, dem Menschen wohlgesonnen gegenübersteht. Belastet man sie jedoch, wird sie eines Tages völlig aus den Fugen geraten und sich gnadenlos an den Menschen rächen. Dies ist ein Naturgesetz, das sich nicht dem Willen des Menschen beugt. Deshalb gilt es, Umweltbelastungen um jeden Preis zu bekämpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 811-Kampagne zur Verbesserung der Umwelt,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Parteikomitee und die Regierung der Provinz Zhejiang haben im Zeitraum von 2004 bis 2007 eine Kampagne gegen die Umweltverschmutzung durchgeführt, die vor allem auf acht Flusssysteme und elf Gebiete, die in Hinsicht auf Umweltschutz schwerpunktmäßig kontrolliert werden sollen, zielt. Durch die Verbesserungsmaßnahmen für wichtige Gewässer, Regionen, Branchen und Be- triebe konnten die Schadstoffemissionen unter Kontrolle gebracht werden. Die Infrastruktur für den Umweltschutz wurde ausgebaut und die zuständigen Verwaltungsbehörden haben ihre Kontrollmaßnahmen sowie die Überwachung der Umwelt forciert.&amp;lt;/ref&amp;gt; die zurzeit in vollem Gange ist, stellt eine wichtige Maßnahme zum Aufbau einer Öko-Provinz sowie eine gezielte, dringliche und bedeutsame Aufgabe für uns dar. Es handelt sich dabei um einen langwierigen Kampf gegen die Umweltverschmutzung, bei dem es viele harte Nüsse zu knacken gilt. Doch wir müssen aus diesem Kampf unbedingt siegreich hervorgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Druck in Triebkraft umwandeln ==&lt;br /&gt;
30. Mai 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der Schwierigkeiten und Probleme in der gegenwärtigen Entwicklung sehen sich die Kader aller Ebenen unterschiedlich starkem Druck ausgesetzt. Zu den auslösenden Faktoren gehören z. B. die Dringlichkeit umzudenken, die Durchführung des Verantwortungssystems für leitende Kader, die heikle Arbeit an der Basis, Kontrollen und Ermahnungen durch übergeordnete Stellen und unter Umständen auch Missverständnisse und Vorwürfe von allen Seiten. Doch solchen Druck zu verspüren, spiegelt in gewissem Sinne die Strebsamkeit und das Verantwortungsbewusstsein unserer Kader.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Druck wird kein Erdöl aus dem Bohrloch gepresst, und ohne eine gewisse Belastung wird man nichts zustande bringen. Wer in der Lage ist, Druck in Triebkraft umzumünzen, wird die Arbeit vorwärtsbringen und ihre Qualität verbessern. Doch wird die Belastung zu groß und unerträglich, führt das zu Zermürbung, und die positive Wirkung eines gewissen Druckes droht ins Gegenteil umzuschlagen. Von daher ist es eine wichtige Aufgabe für leitende Kader, als „Druckregler“ zu fungieren. Sie sollten also einerseits zur rechten Zeit Druck auf ihre Untergebenen ausüben und ihnen andererseits dabei helfen, Stress abzubauen, um die Arbeitsbelastung stets in Grenzen zu halten. Dies zielt darauf ab, die Kader auf allen Ebenen in Schwung zu bringen und ihren Arbeitseifer aufrechtzuerhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kampfmoral muss stets gestärkt und darf niemals geschwächt werden. Genauso muss der Tatendrang aller Kader, besonders derjenigen der Basisebene, welcher Impulse für die Entwicklung liefert, unter allen Umständen geschätzt und bewahrt werden. Dies gehört zu den Verpflichtungen leitender Kader. Wir müssen vor allem die Basiskader zu schätzen wissen, uns aufrichtig um sie kümmern und sie in Schutz nehmen, indem wir ihnen mehr Anreize bieten, mehr nützliche Ratschläge erteilen und mehr praktische Arbeitsmethoden mit an die Hand geben. Das heißt, wenn wir ihnen den Befehl zur Flussüberquerung geben, sollten wir sie auch dabei anleiten und unterstützen, sich eine Brücke zu bauen, oder ihnen Boote zur Verfügung stellen. Wenn wir in unserer Provinz alle an einem Strang ziehen, werden wir hervorragende Arbeit in allen Bereichen leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über den Avantgarde-Charakter der Parteimitglieder ==&lt;br /&gt;
01. Juni 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Avantgarde-Charakter der Mitglieder der KP Chinas versteht man, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und ständig Fortschritte anstreben. Der Schlüssel zur Bewahrung des Avantgarde-Charakters liegt darin, sich ins Zeug zu legen und als Vorreiter zu fungieren. Dies bedeutet, dass man entweder an der Spitze marschiert, auf den vorderen Plätzen der Rangliste steht, immer vor dem Zeitplan agiert oder Pionierarbeit leistet. All dies ist ein dynamischer Prozess. Das Gegenteil einer Vorreiterrolle ist es, als Nachzügler aufzutreten. Wenn der eine vorgeht, bleibt der andere zurück. Von daher gilt es, stets vorwärts zu drängen, um immer ein paar Schritte voraus zu sein. Wer sein Tempo nicht steigert oder gar einen Gang zurückschaltet, droht in Rückstand zu geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Avantgarde-Charakter der Parteimitglieder ist weder angeboren, noch wird er sich ewig erhalten. Wer beim Beitritt in die Partei fortschrittlich eingestellt war, wird diese Einstellung nicht unbedingt für immer beibehalten. Wer einst als Schrittmacher fungierte, spielt nicht automatisch auch heute noch eine Vorreiterrolle. Wer gegenwärtig führend ist, wird wohlmöglich später einmal seine Spitzenposition einbüßen. Spitzenreiter haben gewiss keinen ebenen Weg vor sich und müssen daher Unternehmungsgeist, Willensstärke und ausgezeichnete Fähigkeiten an den Tag legen, um Schwierigkeiten zu überwinden und bahnbrechende Arbeit zu leisten. Diejenigen, die ein müßiges Leben führen und ihr Herz an nichts hängen, die ihre Arbeit nur routinemäßig ausführen und ihren Tag mit einer Tasse Tee und einer Zeitung verbringen, oder die keine Versuche und Experimente wagen und stattdessen starr am Bewährten festhalten, haben alle nicht das Zeug zum Vorreiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seine Spitzenposition zu halten, muss man beim Lernen, den Untersuchungen, der Forschung und der Arbeitsausführung anderen zuvorkommen und in der Praxis neue Kenntnisse gewinnen, neue Erfahrungen sammeln und neue Fähigkeiten erwerben. Man muss sein Ziel stets im Auge behalten, mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen und von seinen persönlichen Verhältnissen ausgehen. Doch man darf sich nie mit dem Status quo zufriedengeben, sondern sollte stets aufwärts streben und über sich hinauswachsen. Auch muss man Kritik und Lob gelassen gegenüberstehen, allzeit besonnen und vorsichtig bleiben und alle Vorhaben mit Tüchtigkeit ausführen, um sie so zum Erfolg zu führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Avantgarde-Charakter der KP Chinas erfordert, dass jedes einzelne Parteimitglied Eifer und Unternehmungsgeist an den Tag legt, aus eigener Initiative und ohne Verzug die erforderlichen Anstrengungen unternimmt und den Mut fasst, der Zeit voraus zu sein. Erst dann können wir unsere Vorreiterfunktion überzeugend und ehrenvoll erfüllen und die Anerkennung und Unterstützung des Volkes ernten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Furchtlos voranschreiten ==&lt;br /&gt;
20. Juni 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Erfolg der Zhejianger Geschäftsleute ist der besonderen Kultur unserer Provinz, dem Mut ihrer Menschen, über den Rahmen der Planwirtschaft hinauszudenken, aber auch den Engpässen der hiesigen Ressourcen- und Umweltbedingungen zu verdanken. In diesem Sinne sind die Geschäftsleute Symbole der Kreativität, des Innovationsgeistes und der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung Zhejiangs. Dass sich die Provinz mit kleiner Fläche und knappen Ressourcen zu einem der Wirtschaftsmotoren Chinas entwickelt hat, ist zum einen auf die Eloquenz, die Klugheit und den Fleiß ihrer Menschen, vor allem ihrer Geschäftsleute, die sich in aller Welt etabliert haben, zurückzuführen. Zum anderen haben auch die Parteikomitees und Regierungen aus verschiedenen Zeiten ihren Beitrag dazu geleistet, indem sie dem Initiativgeist der Menschen Respekt erwiesen, ihnen tatkräftige Unterstützung gewährt und sie am langen Zügel geführt haben. Die Geschäftsleute unserer Provinz stammen größtenteils aus einfachen Verhältnissen. Jeder von ihnen hat auf dem Weg zum Erfolg unzählige Schwierigkeiten und Hindernisse überwunden und schmerzliche Erfahrungen in der Existenzgründung gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der neuen Entwicklungsphase des laufenden Jahrhunderts, in der unsere Wirtschaft sich weiterentwickelt und ein immer größeres Volumen erreicht, sehen wir uns zahlreichen neuen Problemen gegenüber, darunter sowohl „angeborene Fehler“ als auch „Wachstumsschmerzen“. Unsere ursprünglichen Vorzüge schwächen sich ab und zugleich treten neue Widersprüche auf. Gegenwärtig geht Zhejiang in eine entscheidende Entwicklungsphase über, in der es gilt, die Wirtschaftsstruktur zu verbessern und die Industrie zu modernisieren, die Expansion von Unternehmen zu fördern und das Angebot an Produktionsfaktoren zu sichern, den Umweltschutz zu verstärken sowie neue Märkte zu erschließen und das wirtschaftliche Wachstumsmodell gründlich transformieren. Angesichts der Impulse aus der Modernisierung der Industrie, des Expansionswunsches von Unternehmen sowie des Drucks, der durch die Knappheit von Produktionsfaktoren und Ressourcen sowie aus der Umweltverschmutzung entsteht, müssen wir neue Ansätze und Standorte für unsere Entwicklung suchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgrund der Faktorausstattung unserer Provinz und inspiriert von den Erfahrungen unserer Geschäftsleute in aller Welt sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass wir einerseits von den Gegebenheiten Zhejiangs ausgehen und andererseits unser Augenmerk auf die übrige Welt richten müssen, um einen neuen Anfang zu nehmen und eine schnellere und bessere Entwicklung unserer Provinz zu ermöglichen. Zugleich müssen wir die Strategien des „Nach-außen-Gehens“ und des „Nach-Zhejiang-Einführens“ koordiniert durchführen. Das heißt, wir sollten einheimischen Geschäftsleuten den Weg nach außen ebnen und sie dabei gut anleiten und zugleich Plattformen errichten und den Boden für Investitionen und Startups vorbereiten, damit erfolgreiche Geschäftsleute Zhejianger Herkunft in ihre Heimat zurückkehren und ihren Beitrag zu deren Entwicklung leisten können, sodass unsere Provinz bei ihrer Entwicklung ein höheres Niveau, eine schnellere Geschwindigkeit und eine bessere Qualität in Aussicht hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem Weg nach vorne wird nie alles glatt gehen. Doch wir Zhejianger, einschließlich unserer Geschäftsleute, scheuen keine Mühen und haben uns noch nie von Schwierigkeiten abschrecken lassen. Aus diesem Charakter schöpfen wir unerschöpfliche Kraft, um konsequent voranzukommen und stets in die Rolle des Vorreiters zu schlüpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Kommunikation mit dem Volk verbessern ==&lt;br /&gt;
29. Juni 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen stellen die Basis der Existenz und Entwicklung der KP Chinas sowie die Quelle ihrer Kraft und Weisheit dar. Eine grundlegende Erfahrung unserer Partei ist es, dass man unter keinen Umständen die Verbindung zum Volk verlieren darf. Ein Großteil der Probleme der Basisebene rührt daher, dass man entweder die Arbeit mit den Menschen nicht ernst nimmt, sie nur fahrlässig verrichtet, ihr nicht gewachsen ist oder sie völlig außer Acht lässt. Einige wenige Kader sind außerstande, mit dem Volk zu kommunizieren, und bleiben vor der Öffentlichkeit stumm. Letztlich sind die Worte eines Kaders aber ein wichtiger Spiegel seiner Gefühle, Gedanken, Kenntnisse und Kompetenzen. Mangelnde Kommunikationsfähigkeiten sind von daher ein Phänomen, das im Grunde die Entfremdung zwischen Kadern und einfachen Leuten zeigt. Diese Entfremdung ist darauf zurückzuführen, dass manche Kader ihre Nase hoch tragen und dem Volk gleichgültig gegenüberstehen, dass es manchen wegen Unfähigkeit in der Arbeit am nötigen Selbstvertrauen mangelt und dass wieder andere aufgrund ihrer fehlenden moralischen Integrität ein schlechtes Image haben und deshalb kein gutes Ansehen genießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlüssel zu einer guten Arbeit mit den Menschen liegt in einem guten Einfühlungsvermögen. So werden die Menschen einem ihr Herz ausschütten. Die Parteikader wiegen im Herzen des Volkes eben genauso viel, wie das Gewicht des Volkes in ihrem Herzen ausmacht. Das heißt, nur wenn man die Arbeit mit den Menschen mit Feingefühl und Umsicht leistet, kann man die Anerkennung und das Vertrauen des Volkes gewinnen. Erst auf dieser Grundlage ist es bei Problemen und Streitigkeiten leicht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, und sind eine effektive Kommunikation und erfolgreiche Schlichtung möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Effizienz und Gerechtigkeit gleichermaßen anstreben ==&lt;br /&gt;
01. Juli 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer harmonischen Gesellschaft soll sowohl die allgemeine Kreativität freigesetzt als auch die soziale Gerechtigkeit gewahrt werden. Um der letzten Forderung gerecht zu werden, muss in erster Linie eine Balance zwischen Gerechtigkeit und Effizienz gefunden werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen dient hier die Leitlinie, dass Effizienz Vorrang hat, während auch auf Gerechtigkeit Acht gegeben werden soll, als langfristige Richtschnur. Gerechtigkeit beruht auf Effizienz, während die Sicherstellung von Effizienz wiederum Gerechtigkeit voraussetzt. Die vorhandenen Probleme in dieser Hinsicht sind dabei keineswegs dieser Leitlinie geschuldet, sondern darauf zurückzuführen, dass die Effizienz noch zu wünschen übrig lässt und Gerechtigkeit nicht gut gewährleistet wird. Im Anfangsstadium des Sozialismus kann nur relative Gerechtigkeit hergestellt werden. Vor diesem Hintergrund dürfen wir also keinesfalls ohne Rücksicht auf das Niveau der Produktivkräfte leere Versprechungen geben und den Menschen übertriebene Hoffnungen machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum zweiten verfolgt man mit Effizienz und Gerechtigkeit zwei Ziele, die auf unterschiedlichem Wege erreicht werden. Bei der Primärverteilung soll Gewicht auf Effizienz gelegt werden, wobei die „unsichtbare Hand“, sprich der Markt, die Hauptrolle spielen sollte. Bei der Sekundärverteilung hingegen soll der Gerechtigkeit Nachdruck verliehen werden, wobei die „sichtbare Hand“, sprich die Regierung, ihre Funktion gut ausüben muss. Zum dritten müssen wir den Anteil der Bevölkerung mit mittlerem Einkommen vergrößern, um die Frage der Gerechtigkeit von Grund auf zu lösen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Einkommenspyramide mit einer geringen Anzahl von Wohlhabenden und einer großen Zahl von Kleinverdienern zu einer olivenförmigen Struktur verwandelt, in der die Menschen mit mittlerem Einkommen den Hauptteil und die Wohlhabenden und Kleinverdiener eine Minderheit ausmachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang ist eine Region voller Vitalität und zahlreiche Existenzgründer versuchen hier ihr Glück. Dies stellt eine günstige Voraussetzung für den Aufbau einer Gesellschaftsstruktur dar, in der sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Mittelschicht zuordnen lässt. Die Regierung sollte noch mehr dirigierende Maßnahmen ergreifen, damit Existenzgründer ihr Potenzial ausschöpfen und einen gebührenden Platz finden können. Dies ist auch eine unabdingbare Forderung des Aufbaus einer harmonischen Gesellschaft. In der Praxis müssen wir unter der Zielsetzung des Aufbaus eines Systems zur Sicherung der sozialen Gerechtigkeit, das neben gleichen Rechten für alle auch Chancen-, Regel- und Verteilungsgerechtigkeit zum Inhalt hat, konsequent eine aktive Beschäftigungspolitik praktizieren, das soziale Sicherungssystem beschleunigt verbessern, die Einkommensverteilung rationell regulieren und die hervorstechenden Probleme, die die vitalen Interessen des Volkes betreffen, tüchtig anpacken, um die soziale Gerechtigkeit ständig zu wahren und durchzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Kultur ist unsere Seele ==&lt;br /&gt;
12. August 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kraft der Kultur oder die sogenannte kulturelle Soft Power, die einen wichtigen Bestandteil der umfassenden Landesstärke darstellt, wirkt sich unterschwellig stets auch auf die Bereiche Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aus und fungiert als „Katalysator“ der Wirtschaftsentwicklung, „Positionslicht“ der politischen Zivilisation und „Klebstoff“ einer harmonischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Philosoph verglich die Politik einmal mit dem Skelett, die Wirtschaft mit Blut und Fleisch und die Kultur mit der Seele. Diese Metapher erklärt sehr anschaulich die Funktion von Kultur in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Kultur wird im Kern von wirtschaftlichen Aspekten bestimmt und die wirtschaftliche Stärke legt die materielle Basis für die Ausübung der Funktion von Kultur. Doch keine Volkswirtschaft kann sich ohne kulturelle Unterstützung entwickeln. Kultur gibt der Wirtschaftsentwicklung damit einen tieferen Sinn, der die wirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen vom Trieb der Tiere zur Lebenserhaltung fundamental unterscheidet. Sie ermöglicht eine äußerst hohe organisatorische Effizienz in der Wirtschaftsentwicklung und fördert die Kommunikation zwischen den einzelnen Akteuren einer Gesellschaft sowie ihren Zusammenhalt. Ferner ist sie in der Lage, die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu stärken. Verbindet sich eine fortschrittliche Kultur mit den Menschen, dem aktivsten Element der Produktivkraft, wird sich die Qualifikation der Arbeitskräfte erheblich erhöhen, die Breite und Tiefe der Arbeitsgegenstände werden ungeheuer zunehmen, die Fähigkeiten des Menschen zur Umgestaltung der Natur und zur Gewinnung von Wohlstand werden sich kräftig steigern und die dadurch erworbenen Reichtümer ein exponentielles Wachstum verzeichnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kultur wirkt richtungsweisend und leitend auf die politischen Systeme und Strukturen. Menschen, die in derselben kulturellen Umwelt leben, gleichen sich einander an. Darin liegt die enorme Kraft, der Gesellschaften und Nationen ihr Fortbestehen verdanken. Will man die verschiedenen Konflikte zwischen Mensch und Natur, zwischen den Menschen untereinander sowie zwischen Mensch und Gesellschaft beilegen, so muss man sich auf die erbauliche, erzieherische und motivierende Funktion der Kultur stützen sowie die assoziative, ölende und integrative Wirkung der fortschrittlichen Kultur zur Entfaltung bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kultur fördert Harmonie ==&lt;br /&gt;
16. August 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau einer harmonischen Gesellschaft müssen wir von der Idee, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ausgehen und Acht auf die innere Harmonie der Menschen, die Harmonie zwischen den Menschen untereinander, zwischen Mensch und Gesellschaft sowie zwischen Mensch und Natur geben. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass Wirtschaftsentwicklung letztlich auf gesellschaftlichen Fortschritt abzielt, dass die gesellschaftliche Entwicklung in die Entfaltung des Menschen mündet und dass die geistig-kulturelle Entwicklung im Zentrum der menschlichen Entwicklung steht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kultur wird vom Menschen geschaffen und hat die Funktion, den Menschen zu erziehen und zu erbauen. Es ist der Geist, nicht der Körper, der einen Menschen ausmacht. Der Mensch ist nicht mechanisch und einseitig, sondern aktiv und hat zahlreiche Facetten. Wir dürfen uns nicht nur um die materiellen Bedingungen und Wirtschaftsindikatoren kümmern, sondern müssen auch Glücksgefühle erzeugen. Wir sollten uns einerseits darum bemühen, das ökologische Gleichgewicht zu sichern, andererseits aber auch für das seelische Gleichgewicht sorgen. Wir sollten sowohl großen Wert auf Effizienz und Gerechtigkeit legen als auch nach harmonischen zwischenmenschlichen Beziehungen und einer erfüllten Geisteswelt streben, um unserem Leben einen Sinn zu geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Vorfahren haben eine großartige Kultur erschaffen. Zur Essenz dieser Kultur gehören Schlüsselbegriffe wie Harmonie, Frieden und Milde sowie Vereinigung, Integration und Gemeinsamkeit. Frieden und Milde wertzuschätzen, einfühlsam und aufgeschlossen zu sein, mit Seelengröße mit allen auszukommen und trotz Meinungsverschiedenheiten in Eintracht zu leben, all diese Werte, die die Tugend der Toleranz zum Ausdruck bringen, sind integraler Bestandteil der traditionellen chinesischen Kultur. Seit jeher strebt die chinesische Nation nach Harmonie in Natur und Gesellschaft sowie der Harmonie zwischen Individuum und Kollektiv. Dies ist unser Ideal und darauf beruht auch die Kraft, die uns zusammenhält und zu kreativen Leistungen anregt. Es lässt sich also sagen, dass Kultur Harmonie fördert und dass der kulturelle Aufbau eine Garantie und eine notwendige Voraussetzung für die Schaffung einer harmonischen Gesellschaft ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Schreibstil spiegelt den Arbeitsstil wider ==&lt;br /&gt;
19. August 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schreibstil spiegelt in gewissem Maße den Arbeitsstil wider. Daher müssen wir bei der Verbesserung des Arbeitsstils auch ein Auge auf unseren Schreibstil haben. Zurzeit lässt sich bedauerlicher Weise beobachten, dass manche Kader ausschweifende Artikel und Reden bevorzugen, denen es jedoch an inhaltlicher Substanz mangelt. Ganz wie Vorsitzender Mao Zedong einst tadelte, sind solche Zeilen „wie die Fußbinden einer Schlampe, lang und übelriechend“.&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Gegen den Parteischematismus&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke&#039;&#039;, deutsche Ausgabe, Band III. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1969. S. 59.&amp;lt;/ref&amp;gt; Dabei ist es ganz einfach, solche langen und übel riechenden Fußbinden in den Mülleimer zu befördern. Der Schlüssel liegt im bekannten Spruchpaar von Zheng Bangiao&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt;: „Streiche überflüssige Worte aus, um den Aufsatz so schlicht wie die Bäume im tiefen Herbst zu machen; äußere neue Inhalte und eigene Gedanken, um einen Artikel voller Originalität zu verfassen, frisch wie die Blüten am Frühlingsanfang.“ Sprich: Man sollte beim Schreiben direkt auf den Punkt kommen und ohne alle Umschweife ein Ende finden; und man sollte sich auf die Kunst verstehen, Fragen in möglichst kurzen Texten klar, eingehend und gründlich zu erläutern sowie reiche und tiefe Gedanken auszudrücken. Besonders sollten wir gegen die sogenannten achtgliedrigen Aufsätze&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der achtgliedrige Aufsatz, eine stark ritualisierte und reglementierte Essayform, war in der Ming- und der Qing-Dynastie (1368-1911) einer der grundlegenden Bestandteile der Beamtenprüfung, Jeder der acht Abschnitte hatte eine festgelegte Funktion, etwa Einleitung, Diskussionseröffnung, Abstraktion etc., und es gab spezielle Regeln für jeden Teil, etwa die Anzahl der Sätze, Stil, Reimgesetze, Symmetrieregeln u. ä.&amp;lt;/ref&amp;gt; auftreten, die nur aus leeren Phrasen bestehen und nichtssagend sind. Rhetorische Blüten, besonders am Anfang und Ende eines Textes, gehaltlose Argumentationsketten, die sinnlose Aneinanderreihung von Argumenten, eine Kompilation aus Gerede und Phrasen sowie übermäßig verkürzte bzw. in die Länge gezogene Artikel, die einen Anspruch der Allumfassendheit erheben, sind gleichermaßen zu vermeiden und zu überwinden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dass wir kurze Aufsätze und Reden empfehlen, bedeutet natürlich nicht, dass lange Artikel grundsätzlich schlecht sind. Für wichtige und tiefschürfende Fragen darf man nicht an den notwendigen Worten sparen. Prinzipiell gilt, dass die Textlänge je nach Bedarf variieren sollte, prägnante Ausdrucksweisen zu befürworten sind und wortreichem Stil entschieden Einhalt. zu gebieten ist. „Stockenten mögen zwar kurze Läufe haben, diese zu verlängern, würde ihnen jedoch große Sorge bereiten. Kraniche sind zwar langbeinig, doch sie vergössen bittere Tränen, hakte man ihnen ein Stück ihrer Beine ab.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Zhuangzi&#039;&#039;. Zhuangzi (ca. 369-286 v. Chr.) war ein Philosoph in der Zeit der Streitenden Reiche.&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Weisheit gilt auch für das Schreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ideale, Verantwortung und Selbstwert müssen sich in der Praxis bewähren ==&lt;br /&gt;
Wollen wir als Mitglieder der KP Chinas unseren Avantgarde-Charakter aufrechterhalten, müssen wir an unseren Idealen festhalten, unser Verantwortungsbewusstsein stärken und unseren eigenen Wert realisieren. Ideale, Verantwortung und Selbstwertgefühl haben nicht nur mit unserer Gesinnung, sondern noch mehr mit der Praxis zu tun. Sie sind auf keinen Fall nur Gesprächsstoff, stattdessen entspringen sie der Praxis, finden Ausdruck im Handeln und werden durch Taten verwirklicht, erfüllt bzw. unter Beweis gestellt. Auch in der Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Parteimitglieder, die uns die Wichtigkeit unserer Ideale, Verpflichtungen und unserer Wertigkeit vor Augen führt, müssen wir deshalb großen Wert auf die Praxis legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was unsere Ideale anbelangt, so sollten wir uns als Mitglieder der KP Chinas sowohl die Verwirklichung des Kommunismus zum Ziel setzen als auch bereit sein, uns für die große Sache der Partei in der Gegenwart aufzuopfern. Wir dürfen auch angesichts komplizierter Herausforderungen unsere Richtung nicht verlieren und keine Um- oder Irrwege gehen, sondern müssen den Kurs, die Leitlinien und die Politik der Partei unbeirrt befolgen. Auch müssen wir in der Arbeitspraxis für die Umsetzung der „Acht-acht-Strategie“,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; den Aufbau eines sicheren Zhejiang und die Verbesserung unserer Regierungsfähigkeiten große Leistungen anstreben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mehr Verantwortungsbewusstsein bedeutet, dass wir die Pflichten der Parteimitglieder mit unseren dienstlichen Verpflichtungen kombinieren und diesen dadurch nachkommen, dass wir beruflich hervorragende Arbeit leisten. Wir müssen dabei die historische Mission der Partei und unsere Aufgabe, die Reform, Entwicklung und Stabilität Zhejiangs zu fördern, stets im Hinterkopf behalten, uns wahrhaft der Arbeit widmen und dabei gute Leistungen erbringen, um unseren ehrenvollen Auftrag zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wert der Parteimitglieder liegt darin, mit gutem Beispiel voranzugehen und die einfachen Leute dazu anzuhalten, sich selbst tatkräftig für die Reform, Entwicklung und Stabilität einzusetzen. Dieser Wert wird in der Praxis dadurch unter Beweis gestellt, dass wir die Interessen des Volkes gut wahrnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Klare Flüsse und grüne Berge sind so wertvoll wie Berge aus Gold und Silber ==&lt;br /&gt;
24. August 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir streben nach Harmonie zwischen Mensch und Natur sowie zwischen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Oder einfach gesprochen: Wir wollen sowohl klare Flüsse und grüne Berge als auch Berge aus Gold und Silber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
70 Prozent der Fläche Zhejiangs sind Gebirgslandschaft, 10 Prozent von Wasser bedeckt und die übrigen 20 Prozent bestehen aus Feldern. „Klare Flüsse winden sich in die Ferne, und grüne Berge stehen Angesicht zu Angesicht.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem Gedicht von Zhang Yue (667-731), Politiker und Literat der Tang-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Verse formen eine realitätsgetreue Beschreibung der Landschaft in vielen Orten unserer Provinz. Man kann sagen, dass Zhejiang mit guten natürlichen Bedingungen gesegnet ist. Gelingt es uns, diese günstigen Bedingungen der Entwicklung einer ökologischen Landwirtschaft, einer nachhaltigen Industrie und des Ökotourismus zugutekommen zu lassen, werden uns diese klaren Flüsse und grünen Berge beträchtlichen Wohlstand bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch während sich mit einer guten Umwelt Berge von Geld verdienen lassen, lässt sich doch mit keinem Geld der Welt eine intakte Umwelt erkaufen. Umwelt und Wirtschaftsnutzen können sowohl im Widerspruch stehen als auch miteinander in Übereinstimmung gebracht werden. Wenn wir uns in einem Dilemma befinden, müssen wir Opportunitätskosten Rechnung tragen und die richtige Wahl treffen. Das heißt, wir müssen unter Zugrundelegung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung und unter der Zielsetzung des Aufbaus einer ressourcenschonenden und umweltfreundlichen Gesellschaft, in der die Menschen im Einklang mit der Natur leben, das Gute annehmen und das Schlechte ablehnen sowie das Wichtigste anpacken und Nebensächliches aufgeben bzw. beiseiteschieben. Dabei gilt es, die richtige Richtung einzuschlagen und günstige Bedingungen zu schaffen, damit unsere klaren Flüsse und grünen Berge Quellen unerschöpflichen Reichtums werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Richtige Entscheidungen setzen gründliche Untersuchungen voraus ==&lt;br /&gt;
26. August 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Chen Yun&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Chen Yun (1905-1995), Marxist, proletarischer Revolutionär und Politiker sowie eine der wichtigen Führungspersönlichkeiten der KP Chinas und der Volksrepublik China.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat einmal gesagt: „Um eine Richtlinie festzulegen, sollten die führenden Organe mehr als 90 Prozent ihrer Zeit auf Untersuchungen verwenden. Für die Beratung und die Beschlussfassung reichen die übrigen knapp zehn Prozent vollkommen aus.“&amp;lt;ref&amp;gt;Chen Yun: &#039;&#039;Wie gewinnen wir genauere Erkenntnisse?&#039;&#039; In: &#039;&#039;Chen Yun, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 3. People’s Publishing House, Beijing 1995. S. 189.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Die Einseitigkeit unserer Richtlinien ist darauf zurückzuführen, dass wir immer schon übereilt Entscheidungen treffen, bevor wir uns mit den gegebenen Verhältnissen auseinandergesetzt haben.“&amp;lt;ref&amp;gt;Chen Yun: &#039;&#039;Für eine bessere Arbeit im Handel&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Chen Yun, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 3. People’s Publishing House, Beijing 1995. S. 34.&amp;lt;/ref&amp;gt; Dass einige unserer Beschlüsse nicht zweckmäßig und praktikabel sind, geht letzten Endes darauf zurück, dass unsere Untersuchungen noch zu wünschen übrig lassen. „Ohne ein klares Bild über die Gegebenheiten zeigt man bereits unbeirrbare Entschlossenheit; ohne einen Einblick in die konkrete Situation sprudelt man schon vor Ideen“, so heißt es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtige Entscheidungen sind keineswegs möglich, wenn man, egal ob als Einzelperson oder Gruppe, ohne ausreichende Nachforschungen nur im Büro angestrengt nachdenkt, stattdessen entstehen sie erst in der Praxis der Bevölkerung bei Reform und Entwicklung. Leitende Kader müssen von daher, bevor sie über wichtige Angelegenheiten entscheiden, den festen Willen mitbringen, sich an die Basis zu begeben und Schüler des Volkes zu werden. Sie müssen ihr Büro verlassen und in die Werkstätten, Häfen und auf die Äcker gehen, um durch Feldforschungen und Gespräche mit denjenigen, die ein Bild von den Realitäten haben, sowie durch „Meinungsaustausch, Vergleiche und wiederholte Überlegungen“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat von Chen Yun.&amp;lt;/ref&amp;gt; zuverlässige und nützliche Untersuchungsergebnisse zu erhalten und daraus richtige Schlussfolgerungen zu ziehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Untersuchungen lassen sich mit der neunmonatigen Schwangerschaft vergleichen, während die Beschlussfassung der Entbindung entspricht. Der Untersuchungsprozess ist schon der Prozess der wissenschaftlichen Entscheidungsfindung und darf deshalb keinesfalls ausgespart noch fahrlässig vorgenommen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Geist des Kampfes gegen die Taifune fortsetzen ==&lt;br /&gt;
15. September 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit Sommerbeginn wurde unsere Provinz von mehreren starken Taifunen heimgesucht. Im Prozess der Katastrophenbewältigung sind wir immer wieder zu der Erkenntnis gelangt, dass wir nicht nur einen Kampf gegen eine unaufhaltsame Naturkatastrophe, sondern vielmehr einen Kampf für die Verbreitung des Geistes von Zhejiang&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das 4. Plenum des 10. Provinzparteikomitees hat im Juli 2000 den Begriff des Geistes von Zhejiang geprägt, der Strebsamkeit, Unbeirrbarkeit, Innovationsbereitschaft und Pragmatismus zum Inhalt hat.&amp;lt;/ref&amp;gt; führen. Unsere Parteikader und einfachen Leute haben beim Ringen mit den Folgen der verheerenden Stürme und Fluten, die eine große Gefahr für das Leben der Menschen vor Ort dargestellt haben, Schulter an Schulter den Geist des Kampfes gegen die Taifune entwickelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Geist umfasst die Einstellung, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und das Volk an erste Stelle zu setzen, was der grundlegenden Zielsetzung der KP China&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die grundlegende Zielsetzung der KP Chinas liegt darin, dem Volk mit Leib und Seele zu dienen.&amp;lt;/ref&amp;gt; entspricht, die wissenschaftliche Haltung der Gesetzmäßigkeit, Realitätsnähe und Bodenständigkeit, den Gedanken der Solidarität und Zusammenarbeit, die Überzeugung zur Selbsthilfe und -rettung, die Tugenden der Selbstlosigkeit und Opferbereitschaft, die guten Eigenschaften der Unbeugsamkeit, Unbeirrbarkeit und Ausdauer, vorbildliche Verhaltensweisen wie Diszipliniertheit, Folgsamkeit und Einsatzbereitschaft sowie den Heldenmut, in vorderster Linie zu kämpfen, schwere Aufgaben auf sich zu nehmen und in Krisensituationen zum Wohle aller in die Bresche zu springen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All diese Einstellungen spiegeln wahrhaft den Avantgarde-Charakter der Mitglieder der KP Chinas wider, bereichern den Geist Zhejiangs und verleihen ihm neue Aktualität. Sie stellen den Schlüssel zu unserem glorreichen Erfolg bei der Bewältigung der Taifune dar und geben uns starke Impulse, auch in allen anderen Bereichen hervorragende Arbeit zu leisten. Wir müssen den Geist des Kampfes gegen die Taifune tatkräftig verbreiten, um eine allgemeine motivierende Wirkung zu erzeugen, damit die Kader und die einfachen Leute in den betroffenen Gebieten die Katastrophe aktiv und energisch bekämpfen, Parteimitglieder konsequent eine Vorreiterrolle spielen und das Volk weiterhin dazu beiträgt, dass Zhejiang in der Entwicklung durchschlagende Erfolge erzielt und immer an der Spitze bleibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das System zur Mobilisierung der Menschen verbessern ==&lt;br /&gt;
19. September 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts mehrerer aufeinanderfolgender, verheerender Taifune haben wir unter Zugrundelegung der Einstellung, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und das Volk an erste Stelle zu setzen, was der grundlegenden Zielsetzung der KP Chinas&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; entspricht, Sorge dafür getragen, Todesfälle zu vermeiden und die Zahl der Verletzten auf ein Minimum zu reduzieren. Die leitenden Kader auf allen Ebenen waren einsatzbereit und führten ihr Kommando an der vordersten Front. Die Parteimitglieder und die Kader der Basisebene nahmen schwierige Aufgaben mutig auf sich und setzten sich für die Mobilisierung der Bevölkerung ein. Dank ihrer Anstrengungen wurden Millionen von Menschen erfolgreich evakuiert und die Sicherheit ihres Lebens gewährleistet. Dies hat die Vorzüge des Sozialismus unter Beweis gestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Prozess sind die Führungs- und Basiskader eng zusammengerückt und zwischen Parteikadern und normalen Bürgern herrschte ein fester Zusammenhalt. Einheimischen wie zugewanderten Bevölkerungsteilen wurde gleichermaßen Aufmerksamkeit geschenkt, Parteikomitees, Regierungen und die Armee kämpften Schulter an Schulter und die Mobilisierung der Menschen und die Bereitstellung der nötigen Materialien gingen Hand in Hand. Damit hat ein System der Mobilisierung Gestalt angenommen, mit dessen Hilfe Katastrophen auch in Zukunft effektiv verhindert, ihre Folgen bestmöglich gemindert und die betroffenen Menschen gut geschützt werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob wir die Menschen effektiv mobilisieren können, stellt einen Prüfstein für unsere Regierungsfähigkeit dar. Das Mobilisierungssystem, das beim Kampf gegen die Taifune ins Leben gerufen, zur Reife gebracht und auch danach kontinuierlich verbessert wurde, spielt nicht nur eine entscheidende Rolle bei der Katastrophenvorsorge und Gefahrenabwehr, sondern ist auch von wichtiger, allgemeiner Bedeutung, weil es ebenfalls für die Kriegsvorbereitung und das Krisenmanagement, z. B. bei der Bekämpfung schwerer Unfälle am Arbeitsplatz sowie von Epidemien und Zwischenfällen nützlich ist. Wir sollten auf Grundlage der positiven und negativen Erfahrungen im In- und Ausland in dieser Hinsicht Gesetzmäßigkeiten erkennen und unsere Notfallpläne verbessern, gestützt auf die Basisebene die einfachen Leute in Schwung bringen und uns verstärkt des Routinearrangements und der Übungen im Alltag annehmen, um unser Mobilisierungssystem stetig zu vervollkommnen und uns besser in die Lage zu versetzen, die öffentliche Sicherheit zu schützen und Zwischenfälle in den Griff zu bekommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für einen wissenschaftlichen Rechtsschutz ==&lt;br /&gt;
26. September 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die legitimen Rechte und Interessen des Volkes zu schützen, ist eine Grundfunktion der Gewerkschaften, des Kommunistischen Jugendverbandes, der Frauenverbände und anderer Massenorganisationen. Die zahlreichen Interessenkonflikte und Streitigkeiten im Prozess der Reform und Entwicklung haben die Massenorganisationen inzwischen vor neue Herausforderungen gestellt. Der Rechtsschutz erfordert genauso wie die Entwicklung wissenschaftliche Methoden. Ein wissenschaftlicher Rechtsschutz ist sowohl ein Ausdruck als auch eine Anforderung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung in diesem Bereich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlüssel zum wissenschaftlichen Rechtsschutz liegt darin, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, alle Angelegenheiten im Rahmen der Gesetze zu regeln und unter Berücksichtigung der Gesamtlage verschiedene Seiten auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Zum einen müssen wir bei allem, was wir tun, davon ausgehen und darauf abzielen, die grundlegenden Interessen des Volkes durchzusetzen, sie zu schützen und weiterzuentwickeln, und bei der Ausführung aller Arbeit die legalen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Rechte und Interessen der Bürger berücksichtigen. Zum zweiten müssen wir uns auf die rechtsstaatlichen Prinzipien, die Regierungs- und die Exekutivgewalt gesetzesgemäß auszuüben sowie alle Angelegenheiten rechtskonform zu behandeln, einstellen, den Rechtsschutz gesetzlich regeln und die entsprechenden Gesetze und Verordnungen strikt befolgen. Zugleich sollten wir die Menschen dazu erziehen bzw. anleiten, rechtmäßig, vernünftig und geordnet Ansprüche zu erheben und ihre Rechte und Interessen gesetzeskonform zu schützen. Zum dritten gilt es, unter der Zielsetzung des Aufbaus einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft den Rechtsschutz in die gesellschaftliche Entwicklung und Governance zu integrieren und für einen Arbeitsrahmen zu sorgen, in dem die Parteikomitees die führende Rolle spielen, die Regierungen die Hauptverantwortung tragen, alle Seiten der Gesellschaft koordiniert zusammenarbeiten und einzelne Bürger daran mitwirken. Besonders sollten wir die verbindende Funktion der Gewerkschaften, des Kommunistischen Jugendverbandes, der Frauenverbände und anderer Massenorganisationen gut zur Entfaltung bringen, über die Grenzen verschiedener Instanzen hinaus die betreffenden Ressourcen für den Rechtsschutz bündeln und das dazugehörige Verwaltungsnetz vervollständigen, um unsere Fähigkeiten im Bereich der gesellschaftlichen Governance und der sozialen Dienstleistungen ständig zu verfeinern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das wirtschaftliche Wachstumsmodell transformieren ==&lt;br /&gt;
23. November 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bereits im 9. Fünfjahresplan für die volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung (1995-2000) wurde die Transformation des bestehenden wirtschaftlichen Wachstumsmodells gefordert. Die Praxis der vergangenen Jahre hat bewiesen, dass diese Transformation den Schlüssel zur Lösung einer Reihe schwieriger Fragen der Wirtschaftsentwicklung unseres Landes darstellt und zugleich ein komplexes Systemprojekt und eine langwierige strategische Aufgabe ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen wir unser Ziel, die Art des Wachstums zu transformieren, erreichen, müssen wir vor allem die Beziehung zwischen Art und Geschwindigkeit des Wachstums dialektisch betrachten und regeln. Langfristig gesehen stehen ein stabiles und relativ schnelles Wirtschaftswachstum und der Wandel des Wachstumsmodells im Grunde genommen in hohem Einklang miteinander. Durch stabiles und schnelles Wachstum lassen sich zunehmend materielle und technische Ressourcen anhäufen, wodurch sich Widersprüche und Probleme in der sozioökonomischen Entwicklung abmildern, sodass in der Gesellschaft ein angenehmes Klima herrscht. Damit werden gleichzeitig günstige Bedingungen und Spielräume für den Wandel des Wachstumsmodells geschaffen. Ein neues Wachstumsmodell, sprich auf eine ressourceneffiziente, umweltverträgliche, sichere und nachhaltige Entwicklung zu setzen, verspricht den Ressourcenverbrauch und die Schadstoffemissionen in Relation zur Produktionsmenge erheblich zu reduzieren sowie die Qualität und Effizienz des Wirtschaftswachstums zu verbessern, sodass sich die Wirtschaft in geregelten Bahnen entwickeln und langfristig ein stabiles und relativ schnelles Wachstum beibehalten kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich müssen wir uns dessen bewusst, dass ein Wandel des Wachstumsmodells einen Übergang von quantitativen zu qualitativen Veränderungen darstellt, der von einigen „Wachstumsschmerzen“ begleitet wird und bei dem das Wachstumstempo in gewissem Maße gedrückt werden könnte. In diesem Prozess wird die Konjunktur in zweierlei Hinsicht provisorisch gedämpft: Einerseits werden die Gewinne der Betriebe wegen steigender Ausgaben für den Umweltschutz, höherer Arbeitskosten und aufgestockter Investitionen in Forschung und Entwicklung auf kurze Sicht stark schrumpfen. Manche Betriebe werden sogar nicht in der Lage sein, diese Kosten zu decken, und in eine Krise geraten. Andererseits wird das Angebot an Grundstücken streng kontrolliert, Betrieben mit hohem Energieverbrauch werden enge Grenzen gesetzt und die Entwicklung derjenigen Betriebe, die die Umwelt schwer belasten, wird verboten. Dies wird das Investitionsvolumen in einigen Regionen begrenzen und als Folge für eine gewisse Zeit auch das Wirtschaftswachstum hemmen. Wir müssen uns darauf gefasst machen und mit Feingefühl für Intensität und Balance geeignete Richtlinien und Maßnahmen ausarbeiten, um starken Konjunkturschwankungen aus dem Weg zu gehen. Noch mehr aber sollten wir die Transformation unserer Wachstumsart unbeirrt vorantreiben und Low-End- durch High-End-Industriezweige ersetzen, damit unsere Wirtschaft wie ein Phönix aus der Asche emporsteigen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über die Entwicklung der Privatwirtschaft ==&lt;br /&gt;
25. November 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen die Privatunternehmen wieder die Oberhand gewinnen und neue Durchbrüche erzielen, müssen sie geleitet von der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung einen neuen Entwicklungsweg bahnen, indem sie sich auf eigenständige Innovationen stützen, eigene Marken aufbauen, eine durch Strebsamkeit gekennzeichnete Firmenkultur entwickeln und sich unentbehrlich machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wandel des Wachstumsmodells gilt als wichtiger Ansatzpunkt für die wissenschaftliche Entwicklung. Unternehmen, die einen breiten Horizont und Weitblick haben, können mit herrlichen Aussichten rechnen. Die Privatunternehmen sollten sich ein Herz fassen, über sich hinauszuwachsen und beim Wandel ihrer Wachstumsart als Vorreiter aufzutreten. In Zukunft sollten sie ihre Entwicklung vielmehr durch institutionelle, wissenschaftlich-technische und Managementinnovationen fördern, anstatt auf ihre angeborenen strukturellen Vorteile angewiesen zu sein. Zudem sollten sie das extensive Wirtschaften aufgeben und stattdessen größeren Wert auf die Qualität ihrer Entwicklung und den Schutz der Umwelt legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigenständige Innovationsfähigkeit zu steigern, ist für den Wandel des Wachstumsmodells von zentraler Bedeutung. Angesichts des besseren Schutzes des geistigen Eigentums, der zunehmenden Handelshemmnisse und Arbeitskonflikte sowie der herrschenden Ressourcenknappheit müssen die Privatunternehmen ihren Schwächen ins Auge sehen, aus eigener Initiative und auf eigene Faust Innovationen vornehmen und bereitwillig die Investitionen in diesem Bereich aufstocken, um ihre Fähigkeit, originäre Innovationsleistungen, Neuerungen durch Integration verschiedener Faktoren und Weiterentwicklungen des eingeführten Know-hows zu erbringen, beträchtlich zu stärken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolgreiche Handelsmarken gelten als wichtiger Gradmesser der eigenständigen Innovationskraft. Eigene Marken zu kreieren, zu besitzen und zu nutzen, ist in allen Ländern der Welt zu einem Schlüsselfaktor dafür geworden, sich im globalen Wettbewerb einen Vorsprung zu sichern und die umfassende Landesstärke zu steigern. Privatunternehmen, die aktivsten, innovativsten und konkurrenzfähigsten Akteure der Wirtschaft Zhejiangs, sollten auf Grundlage institutioneller und technischer Innovationen sowie von Innovationen in Management und Firmenkultur beim Markenaufbau die Hauptrolle spielen und eine Selbsterneuerung realisieren, indem sie sich ständig übertreffen und vervollkommnen. Darüber hinaus sollten alle Seiten sich gemeinsam dafür anstrengen, Markenprodukte hervorzubringen, Markenunternehmen zu gründen, eine auf eigene Marken gestützte Wirtschaft zu entwickeln und eine Provinz mit vielen bekannten Marken aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eine auf die ganzheitliche Entfaltung der Schüler abzielende Erziehung legt die Grundlagen für den Aufbau eines innovativen Staates ==&lt;br /&gt;
07. Dezember 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die auf die ganzheitliche Entfaltung der Schüler abzielende Erziehung umfassend durchzusetzen, stellt nicht nur eine effektive Garantie für die allseitige Entwicklung des Menschen, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau eines innovativen Staates dar. Bei der Bildung der Grund- und Mittelschüler sollte man nicht nur der Vermittlung von Wissen Nachdruck verleihen, sondern noch mehr Gewicht auf die Entwicklung des humanistischen Geistes legen. Erst wenn beide Aspekte miteinander kombiniert werden, ist man in der Lage, wissenschaftlich zu denken, das Gelernte gekonnt anzuwenden und die Welt richtig kennenzulernen und aktiv umzugestalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das 5. Plenum des 16. ZK der KP Chinas im Oktober 2005 hat nachdrücklich auf die Wichtigkeit eigenständiger Innovationen hingewiesen, den Aufbau eines innovativen Staates als strategische Aufgabe definiert und zugleich eindringlich dazu aufgerufen, in der Gesellschaft den Boden für die Förderung einer Erziehung vorzubereiten, welche auf die ganzheitliche Entfaltung der Schüler abzielt. Denn eigenständige Innovationen stützen sich genau auf eine derartige Form der Erziehung. Wenn die Grund- und Mittelschulen der Forderung, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, gerecht werden wollen, müssen sie sich verstärkt der ganzheitlichen Entfaltung der Schüler annehmen. Das heißt, sie sollten sich nicht nur um die Moral der Schüler, ihren Geist, ihre körperliche Entwicklung und ihren Sinn für Ästhetik, sondern auch um ihre Charakterbildung und Persönlichkeitsentwicklung kümmern, und sowohl ihre Intelligenz als auch ihre Fähigkeit zur Innovation und zum Handeln fördern. Sie sind dafür verantwortlich, den Schülern einerseits Wissen und Fertigkeiten zu vermitteln und sie andererseits zum selbstständigen Lernen zu befähigen sowie ihnen sowohl Fachkenntnisse als auch das richtige Betragen beizubringen. Das endgültige Ziel liegt darin, dass die Schüler sich mentaler und körperlicher Gesundheit erfreuen, Charakterstärke entwickeln und sich allseitig und ganzheitlich entfalten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die koordinierte regionale Entwicklung von zwei Seiten anpacken ==&lt;br /&gt;
09. Dezember 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wohlstandsgefälle zwischen verschiedenen Regionen zu verringern und eine koordinierte regionale Entwicklung zu realisieren, gehört zu den wichtigsten Aufgaben unserer Provinz im Zeitraum des 11. Fünfjahresplans (2006-2010). Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen wir unter Zugrundelegung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung sowohl den entwickelten als auch den unterentwickelten Gebieten besondere Aufmerksamkeit schenken und ihre Entwicklung integrieren, um den Ersteren eine schnellere und den Letzteren eine sprunghafte Entwicklung zu ermöglichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit sprunghafter Entwicklung ist hier nicht eine schnellere Geschwindigkeit oder ein größeres Wirtschaftsvolumen gemeint. Hierunter ist vielmehr zu verstehen, eine oder mehrere Phasen im Rahmen des alten Entwicklungsmodells zu überspringen. Was die unterentwickelten Gebiete unserer Provinz anbelangt, so verfügen sie weder über die notwendigen Ressourcen und Bedingungen, um den alten Weg der Industrialisierung zu gehen, noch erlaubt ihre Umwelt ein extensives Wirtschaften. Vor diesem Hintergrund müssen sie sich darum bemühen, einige Phasen der Industrialisierung alten Typs zu umgehen und von der hohen Ausgangsbasis einer ressourceneffizienten, umweltverträglichen und sicheren Produktion ausgehend neue Chancen zu erschließen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die entwickelten Gebiete haben mit ihrem hohen Wirtschaftsvolumen einen großen Anteil an der Wirtschaftsleistung unserer Provinz und tragen am meisten zu unserer umfassenden Stärke und Konkurrenzfähigkeit bei. Sie sollten sich zum Ziel setzen, sowohl die Qualität als auch das Tempo der Entwicklung zu steigern. Damit werden sie besser in der Lage sein, in der Wirtschaftsentwicklung unserer Provinz die Rolle des Schrittmachers zu spielen, den unterentwickelten Gebieten zur sprunghaften Entwicklung zu verhelfen und dadurch im Dienst einer koordinierten regionalen Entwicklung zu stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Beziehung zwischen Investitionen und Konsum regeln ==&lt;br /&gt;
12. Dezember 2005&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Investitionen und Konsum aufeinander abzustimmen und ein Gleichgewicht zwischen ihnen herzustellen, damit beide eine aktive Rolle bei der Förderung der Wirtschaft spielen, ist eine unabdingbare Forderung der Leitlinie, die Binnennachfrage anzukurbeln, sowie auch ein großes Problem, das ein Land oder eine Region in der fortgeschrittenen Phase der Industrialisierung zu lösen hat. Nach Karl Marx bestimmt der private Konsum das Investitionsvolumen, und das Investitionsvolumen wiederum den Umfang der Produktion; daraus ergibt sich, dass die Konsumtion das „treibende Motiv“ des Wirtschaftswachstums bildet. Wenn wir unter Zugrundelegung dieser Auffassung die Entwicklung in Zhejiang betrachten, so werden wir zu dem Schluss kommen, dass wir das starke Wirtschaftswachstum, die Modernisierung der Industrie und die Verbesserung der Infrastruktur in der Anfangszeit der Industrialisierung den hohen Investitionen zu verdanken haben. Doch wenn der Anteil der Investitionen am Bruttoinlandsprodukt dauerhaft zu hoch liegt, während die Konsumausgaben stets einen relativ geringen Anteil ausmachen, und beide nicht im Verhältnis zueinander stehen, wird die Konjunktur übermäßig auf Investitionen angewiesen sein, und es wird zu einer Reihe von Problemen ın den Makrobereichen wie Produktion, Verteilung und Konsum kommen. Hinsichtlich des Einkommensniveaus der Einwohner, der Konsumstruktur und des Nachfragepotenzials befindet sich unsere Provinz inzwischen in einer Übergangszeit, in der neben Investitionen auch die Konsumtion zur Förderung des Wachstums ins Spiel kommt. Nach Erfahrungen der entwickelten Länder gewinnt die Gesamtwirtschaft eine ungeheure Dynamik und erlebt einen anhaltenden Boom, wenn man die Situation, dass die Einwohner einer Region ihr Geld hauptsächlich für Wohnungen und Verkehrsmöglichkeiten ausgeben, gut zu nutzen weiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich ist es ein langsamer Prozess, den privaten Konsum zu steigern, während man bei der Ankurbelung der Investitionsnachfrage eher schnelle Erfolge erzielen kann. Mittlerweile zeigt unsere Globalsteuerung in der Regelung des Verhältnisses zwischen Investitionen und Konsum aber bereits Wirkung. Die Tendenz geht dahin, dass das Volumen der Investitionen sinkt, während ihre Struktur sich verbessert und der Konsum in Schwung kommt. Wir sollten unsere Politik diesbezüglich weiterhin anpassen, gezielte Maßnahmen treffen und besonders die Transferleistungen aufstocken, um die Einkommensunterschiede in der Bevölkerung, zwischen Stadt und Land sowie zwischen verschiedenen Regionen auszugleichen. Zur Stimulierung der Konsumnachfrage sollten wir schwerpunktmäßig den privaten Konsum, besonders den Konsum der Bauern, beleben und Sorge dafür tragen, die Kaufkraft in den ländlichen und unterentwickelten Gebieten sowie der Kleinverdiener zu stärken. Auch gilt es, das soziale Sicherungssystem weiter zu vervollständigen und dadurch die Menschen zu ermutigen, ihre Rücklagen für die Zukunft zu reduzieren und ihre aktuellen Konsumausgaben zu erhöhen. Ferner sollten wir durch intensive Reformen die Störfaktoren, die die Menschen vom Konsum abhalten, beseitigen, guten Verbraucherservice anbieten, mehr Konsumkredite gewähren und die Vervollständigung des Sozialkreditsystems beschleunigen, sodass die Konsumenten kauffreudig sind und bedenkenlos und risikofrei ihr Geld ausgeben können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sowohl exemplarische als auch umfassende Untersuchungen durchführen ==&lt;br /&gt;
09. Januar 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Untersuchungen sind ein wissenschaftliches Instrument, mit dem man sich Klarheit über die gegebenen Verhältnisse verschaffen kann und das in der Praxis breite Anwendung findet, wie auch eine Kunst, die große Fertigkeiten erfordert. Da sich die gesellschaftliche Arbeitsteilung vielfältiger gestaltet und sich die Interessen immer stärker differenzieren, weist unsere heutige Gesellschaft in allen Aspekten deutliche Unterschiede auf. Vor diesem Hintergrund haben die Parteikomitees und Regierungen aller Ebenen bei der Beschlussfassung einen erheblich wachsenden Bedarf an entsprechenden Informationen. Dies fordert uns dazu auf, uns möglichst ausführlich zu informieren, aus Einzelfällen allgemeine Gesetzmäßigkeiten abzuleiten und stets das große Ganze im Auge zu behalten, um schließlich richtige Entscheidungen zu treffen. Damit dies gelingt, sollten wir uns altbewährte Methoden wie Feldforschungen und „Sektion eines Sperlings“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine Metapher für exemplarische Untersuchungen.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu eigen machen und diese weitergeben. Zugleich müssen wir unsere Untersuchungsmethoden ständig verbessern. Einerseits sollten wir uns mit Einzelfällen beschäftigen, also exemplarische Untersuchungen gewissenhaft anstellen, andererseits müssen wir Acht auf die Breite der Untersuchungsgegenstände geben, um zu vermeiden, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, also Einzelfälle verabsolutieren. Genosse Mao Zedong legte großen Wert auf solche exemplarischen Untersuchungen und verstand sich auch gut darauf. Doch er war sich auch deren Begrenztheit wohl bewusst und warnte uns davor, „dogmatisch auf Empirismus zu beharren“.&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Über die Untersuchungen auf dem Land&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Zedong, Gesammelte Werke&#039;&#039;, Band 2. People’s Publishing House, Beijing 1993. S. 382.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da leitende Kader nur begrenzte Zeit und Energie zur Verfügung haben, sind sie kaum in der Lage, die Begrenztheit ihrer Untersuchungen zu vermeiden und die Umfassendheit und Repräsentativität der Untersuchungsgegenstände zu garantieren, selbst wenn sie sich ganz dieser Arbeit widmen würden. Um dieses Problem zu lösen, müssen wir zum einen die Besonderheiten und die Regeln der Untersuchungen beachten und uns wissenschaftliche Methoden aneignen, um die Effizienz und die Leistung der Untersuchungen zu steigern und in kürzester Zeit möglichst viele nützliche Informationen zu sammeln. Zum anderen sollten wir regionale Regierungen und Behörden, vor allem solche, die für umfassende Untersuchungen zuständig sind, sowie Forschungseinrichtungen aus verschiedenen Bereichen mit ins Boot holen, moderne Informationstechnologien anwenden und Auskünfte auf allen Ebenen, über alle Aspekte und durch alle Kanäle einholen, um sowohl die Einzelheiten als auch das Ganze, sowohl die Vorhaben von oben als auch die Gegebenheiten an der Basis und sowohl interne als auch äußere Vorschläge in Betracht zu ziehen, damit unsere Entscheidungen wohlbegründet sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für gemeinsame Prosperität von Stadt und Land ==&lt;br /&gt;
23. Januar 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genauso wie die Landwirtschaft mit dem sekundären und tertiären Wirtschaftssektor eng verbunden ist, hängen auch städtische und ländliche Gebiete stark voneinander ab. Die Ausgestaltung der Beziehungen zwischen Industrie und Landwirtschaft sowie zwischen Stadt und Land bleibt nach wie vor ein Problem von allgemeiner Bedeutung, das es im Prozess der Modernisierung gut zu lösen gilt. Doch in der Realität kommt es oft zu Abweichungen. Zum Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs müssen wir im Einklang mit der von Generalsekretär Hu Jintao formulierten Feststellung über die „zwei allgemeinen Tendenzen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; einerseits die Industrialisierung, Urbanisierung und Marktorientierung geregelt vorantreiben und andererseits die Entwicklung von Stadt und Land integrieren, um die Entwicklung der Landwirtschaft, des ländlichen Raumes und der Landbewohner voranzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren hat Zhejiang die Strategie der integrierten Entwicklung von Stadt und Land mit Tatkraft umgesetzt. Wir haben den Aufbau von Basen für fortschrittliche Fertigungsindustrie und die Urbanisierung beschleunigt und durch die Entwicklung von Zentralstädten und -gemeinden sowie von Clustern die Agglomeration von Betrieben und Menschen gefördert. Dadurch konnten mittlerweile drei Viertel der ländlichen Arbeitskräfte in den sekundären und tertiären Wirtschaftssektor überwechseln, und sie sind zu Säulen der Industrialisierung und Urbanisierung in unserer Provinz geworden. Zudem haben wir durch die Industrialisierung neuen Typs der Modernisierung der Agrarwirtschaft neue Impulse verliehen, indem wir die Agrarwirtschaft mit modernen Geschäftsideen und Anlagen angereichert, die Entwicklung der im Bereich der Verarbeitung und der Zirkulation von Agrarprodukten führenden Betriebe gefördert sowie Industrie- und Handelsunternehmen, besonders solche im privaten Besitz, zu landwirtschaftlichen Investitionen angespornt haben, sodass eine Reihe von Agrarbetrieben zu Branchenflaggschiffen herangereift ist. Nicht zuletzt haben wir durch die aktive Anpassung der Verteilungsstruktur des Nationaleinkommens den ländlichen Gebieten mehr Finanzmittel zugewiesen sowie ihren Anschluss an die städtische Infrastruktur und ihren Zugang zu Öffentlichen Dienstleistungen beschleunigt verbessert. Damit hat ein Mechanismus der Interaktion und gegenseitigen Unterstützung von Stadt und Land Gestalt angenommen, was zur Integration beider Regionen beträchtlich beigetragen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Praxis hat bewiesen, dass der einzige Schlüssel zur gründlichen Lösung der Probleme im ländlichen Raum und der beste Weg, der zur gemeinsamen Entwicklung und Prosperität von Stadt und Land führt, darin liegen, dass die Industrialisierung, Urbanisierung und Marktorientierung einerseits und die Modernisierung der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete andererseits einander fördern und gemeinsam vorankommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wissenschaftlich-technische Innovationen als Schlüssel zum Aufbau einer ressourcensparenden Gesellschaft ==&lt;br /&gt;
25. Januar 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Innovationen und Neuerungen in Wissenschaft und Technik Produktionskosten zu sparen und den Ressourcenverbrauch zu senken, gehört zu den guten Gepflogenheiten und Traditionen unseres Landes, die auf die Anfangszeit des sozialistischen Aufbaus zurückgehen. Unter den Bedingungen der sozialistischen Marktwirtschaft und vor dem Hintergrund, dass Hochtechnologien wie die Informationstechnik, neue Energien, neue Materialien und Bioengineering im Trend liegen, sollten wir beim Aufbau einer ressourcensparenden Gesellschaft die Gelegenheit des Aufbaus eines innovativen Staates wahrnehmen und durch wissenschaftlich-technische Innovationen unseren Ressourcenverbrauch in Produktion, Konsum und Distribution reduzieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die moderne Gesellschaft hat die „Ära der Makroindustrie“,&amp;lt;ref&amp;gt;Michael G. Zey: &#039;&#039;Seizing the Future: The Dawn of the Macroindustrial Era&#039;&#039;. Michael G. Zey ist ein US-amerikanischer Zukunftsforscher und Soziologe.&amp;lt;/ref&amp;gt; in der unzählige Schornsteine in den Himmel ragten, bereits hinter sich gelassen und befindet sich nun im Informationszeitalter. Die Einsparung von Ressourcen, insbesondere nicht erneuerbarer Ressourcen, ist das hervorstechendste Merkmal und das größte Ziel in der Entwicklung der modernen Wissenschaft und Technik. Zum Aufbau einer ressourcenschonenden Gesellschaft müssen wir Sorge für ein vollständiges System der technischen Forschung und Entwicklung tragen, das von der Regierung gefördert wird und in dessen Rahmen Unternehmen eine dominierende Rolle spielen und Industrie, Hochschulen und Forschungsinstitute zusammenarbeiten, und die Entwicklung der Schlüsseltechnologien für Ressourceneinsparung und -recycling forcieren, um technische Schwierigkeiten in diesem Bereich zu überwinden und ein zuverlässiges technisches Unterstützungssystem zu etablieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die technische Erneuerung hinsichtlich der Ressourceneinsparung anbelangt, so sollten wir einerseits unser Augenmerk auf die in China vorhandenen Techniken richten und deren Anwendung mit Tatkraft verbreiten, damit sie ihre Wirkung voll entfalten können. Andererseits sollten wir auch Technologien aus anderen Ländern einführen und diese bewusst miteinander kombinieren und weiterentwickeln. Dabei streben wir nicht danach, sie in Besitz zu nehmen, sondern danach, von ihnen guten Gebrauch zu machen. Zugleich sollten wir die Schlüsselrolle der Fachkräfte in technischen Innovationen völlig entfalten und Forschungsergebnisse schneller in Produktivkraft umwandeln, damit wissenschaftlich-technischer Fortschritt und qualifizierte Arbeitskräfte in Zukunft zu Motoren unserer Wirtschaftsentwicklung werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Durch die Anpassung der Wirtschaftsstruktur eine ressourcenschonende Gesellschaft aufbauen ==&lt;br /&gt;
07. Februar 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Führt man sich vor Augen, dass die Industrie Zhejiangs zu Beginn der Reform und Öffnung hauptsächlich aus Werkstätten auf Basis der Haushalte sowie Kleinbetrieben, die Konsumgüter herstellten, bestand, erscheinen ihre heutige Größe und Entwicklungsstufe umso bemerkenswerter. Doch „angeborene Fehler“ unserer Industrie wie ihre relativ rückständige Struktur und extensive Bewirtschaftungsweise führen unvermeidlich zu „Wachstumsschmerzen“. Angesichts der Expansion des Wirtschaftsvolumens seit einigen Jahren stößt unsere Entwicklung an die Belastungsgrenzen der verfügbaren Ressourcen, der Umwelt und des internen und äußeren Marktes. Dies zwingt uns dazu, unter Zugrundelegung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung unsere Wirtschaftsstruktur strategisch anzupassen und unser Wachstumsmodell gründlich zu transformieren. Dies ist eine recht komplexe Arbeit, die im Wesentlichen zwei Teilaufgaben umfasst, die sich als Vogelmetaphern beschreiben lassen: nämlich wie ein Phönix aus der Asche emporzusteigen und den Vogelkäfig neu zu besetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der ersten Metapher ist gemeint, dass wir uns ein Herz fassen müssen, um auf extensives Wachstum zu verzichten, unsere eigenständige Innovationsfähigkeit mit Tatkraft zu steigern und uns mit Spitzentechnologien und führenden Marken auszurüsten. Dabei kommt es darauf an, die Industrialisierung durch die Informatisierung zu beflügeln, Basen für fortschrittliche Fertigungsindustrie zu errichten und moderne Dienstleistungen zu entwickeln. Statt uns auf die Verarbeitung und Fertigung im Auftrag von Markenherstellern zu spezialisieren, sollten wir uns auf schöpferische Arbeit konzentrieren und eigene Marken kreieren, damit die Industrie und die Betriebe Zhejiangs wie ein Phönix aus der Asche emporsteigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Metapher bezieht sich darauf, unsere Provinz über ihre Grenzen hinaus zu entwickeln. Wir sollten also mutig nach außen gehen und aktiv an Kooperations- und Austauschprogrammen im Rahmen der integrierten Entwicklung verschiedener Regionen teilnehmen, um Platz für die High-End-Industrie zu schaffen. Darüber hinaus gilt es, aussichtsreiche Unternehmen anderer Landesteile und Länder nach Zhejiang zu locken, um die Anpassung unserer Industriestruktur zu forcieren, Schwachstellen in der Wertschöpfungskette auszubessern und Anschluss an den internationalen Markt zu finden. Das heißt, wir sollen hochwertige Vogelarten, die weniger essen, mehr Eier legen und höher fliegen, zum einen selbst züchten und zum anderen von außen einführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen wir unsere Wirtschaft auf ein höheres Niveau bringen, bleibt uns keine andere Wahl, als die oben erwähnten Strategien durchzuführen. Ihre tatkräftige Umsetzung spiegelt unsere ständigen Bemühungen um Selbstverbesserung und bildet einen deutlichen Ausdruck des Geistes von Zhejiang&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; in der neuen Entwicklungsphase.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über die „zwei Berge“ im Umweltschutz ==&lt;br /&gt;
23. März 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir trachten stets nach Harmonie zwischen Mensch und Natur sowie zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Um es anschaulich zu machen: Wir wollen sowohl Berge aus Gold und Silber als auch klare Flüsse und grüne Berge. Die beiden stehen in gewissem Maße im Widerspruch, lassen sich jedoch in Einklang bringen. In der Praxis hat unser Umgang mit ihrer Beziehung drei Phasen durchlaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der ersten Phase neigten wir dazu, klare Flüsse und grüne Berge für Berge aus Gold und Silber zu opfern. Wir verlangten der Natur zu viel ab, während wir uns gar keine oder nur wenige Gedanken über ihre Tragfähigkeit machten. In der zweiten Phase lag uns genauso viel an klaren Flüssen und grünen Bergen wie an wirtschaftlichem Fortkommen. Inzwischen sind die Widersprüche zwischen der Wirtschaftsentwicklung einerseits und Ressourcenknappheit und Umweltverschlechterung andererseits deutlich zutage getreten, und wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass die Umwelt das Fundament für die Existenz und Entwicklung des Menschen bildet und eine intakte Umwelt eine unabdingbare Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung ist. Heute, in der dritten Phase, sind wir uns bewusst, dass klare Flüsse und grüne Berge kontinuierlich Gold und Silber erbringen können, sie selbst einen Reichtum darstellen und man daraus eine Goldgrube machen kann. Es ist uns mittlerweile gelungen, uns die günstigen Umweltbedingungen Zhejiangs bei der Wirtschaftsentwicklung zunutze zu machen und die Entwicklung der Wirtschaft und der Umwelt harmonisch miteinander zu verbinden. Dies ist eine höhere Stufe des Umgangs mit der Beziehung zwischen Wirtschaft und Umwelt und entspricht den Forderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung sowie den Ideen zur Etablierung einer Kreislaufwirtschaft und zum Aufbau einer ressourcenschonenden und umweltfreundlichen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese drei Phasen spiegeln den Wandel der Art des Wirtschaftswachstums, die Evolution unserer Entwicklungsauffassung und unsere Bemühungen um ein zunehmend harmonisches Nebeneinander von Mensch und Natur. Übertragen wir die Theorie der „zwei Berge“ auf die integrierte Entwicklung von Stadt und Land und die koordinierte Entwicklung verschiedener Regionen, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass Industrialisierung auf keinen Fall mit der Gründung von Industriebetrieben allerorts gleichzusetzen ist. Es gilt vielmehr abzuwägen, ob die gegebenen Verhältnisse vor Ort sich eher für Industrie- oder für Landwirtschaftsentwicklung eignen und ob sie eine Erschließung erlauben oder Schutz verlangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die richtige Einstellung zu den „zwei Bergen“ muss sich als Grundsatz unserer Entwicklung und Teil des ökologischen Bewusstseins durchsetzen und in eine koordinierte Entwicklung von Stadt und Land sowie von verschiedenen Regionen münden. Dementsprechend sollten die Entwicklungsrichtung, die Standortverteilung der Produktivkräfte, die Bewertungsnormen für die Arbeitsleistungen der Beamten und die Fiskalpolitik je nach Ort variieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zur Gleichstellung von Stadt- und Landbewohnern ==&lt;br /&gt;
27. März 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Fragen bezüglich der Landwirtschaft, des ländlichen Raums und der Landbewohner beziehen sich im Wesentlichen auf den letzten Aspekt. Aufgrund des Dualismus von Stadt und Land unterscheidet man in China zwischen Bürgern städtischer und bäuerlicher Herkunft. Es ist eine objektive Tatsache, dass es zwischen Stadt und Land noch immer Unterschiede gibt. Doch mit dem Dualsystem für Stadt und Land entstanden zwischen ihrer Bevölkerung vom Menschen geschaffene Disparitäten. Dieses System ist ein Produkt unserer Geschichte und war zugeschnitten auf die damalige Zeit. Es abzuschaffen, ist gar keine leichte Aufgabe, und sie lässt sich nicht auf Anhieb bewältigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur gründlichen Lösung dieser Frage ist es unrealistisch, alle Bauern in die Stadt umzusiedeln, damit sie alle Städter werden. Stattdessen müssen wir nach der Feststellung von Generalsekretär Hu Jintao über die „zwei allgemeinen Tendenzen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; sowohl die Industrialisierung und Urbanisierung vorantreiben und den Anteil der ländlichen Bevölkerung senken als auch die Stadt- und Landentwicklung integrieren. Wir sollten durch den Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs dafür sorgen, dass die öffentlichen Ressourcen, die früher vor allem den Städten zur Verfügung gestellt wurden, vermehrt den ländlichen Gebieten zugewiesen werden; dass die konventionelle Landwirtschaft durch eine effiziente Öko-Landwirtschaft ersetzt wird, die stets konkurrenzfähig ist und den Bauern kontinuierlich wirtschaftliche Vorteile bringt; dass die alten Dörfer zu ländlichen Wohnvierteln neuer Art umgebaut werden, in denen die Bauern ein modernes, zivilisiertes Leben führen können; und nicht zuletzt dass die Bauern dazu qualifiziert werden, den neuesten Anforderungen der Arbeitsteilung in der Produktion gerecht zu werden. Darüber hinaus sollten wir durch die Integration der wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung auf dem Land die Produktion in Schwung bringen, den Menschen ein wohlhabendes Leben ermöglichen, gute Sitten und demokratische Prinzipien walten lassen und die Dörfer sauber und ordentlich gestalten, sodass die Landbewohner an unseren Entwicklungserfolgen teilhaben und sich in die moderne Welt integrieren können. Mit diesen umfassenden Entwicklungs- und Reformmaßnahmen verfolgen wir das Ziel, das soziale Gefälle zwischen der Land- und der Stadtbevölkerung Schritt für Schritt zu überwinden, sodass ihre Unterschiede sich auf die zwischen verschiedenen Berufsgruppen reduzieren. Und wir werden alles daran setzen, dieses Ziel auch wirklich zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich werden Stadt und Land, egal auf welcher Entwicklungsstufe, nie völlig gleich sein. In mancher Hinsicht, z. B. in Sachen Verkehrsanbindung und Informationszugang, sind die Städte den ländlichen Gebieten naturgemäß überlegen, während die Landbewohner bessere Umweltbedingungen genießen als die Städter. Trotzdem zielen wir letztlich darauf ab, dass sich trotz Unterschieden die Schere zwischen Stadt und Land allmählich schließt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs hat höchste Priorität ==&lt;br /&gt;
12. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Probleme in den Bereichen Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner in den Griff zu bekommen, ist die primäre Arbeitsaufgabe der KP Chinas, die in Theorie und Praxis in den Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs mündet. Wir müssen uns eingehend mit dieser Feststellung beschäftigen, um ihren wahren Sinn zu begreifen, und unser Denken und Handeln sowie unsere Maßnahmen darauf ausrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkret gesagt müssen wir bei der Ausarbeitung unserer Entwicklungsstrategien und Arbeitspläne dem Aufbau von Dörfern neuen Typs mehr Nachdruck verleihen. Im Zuge der Vertiefung der Reformen muss es ein wichtiger Schwerpunkt sein, Systeme und Mechanismen, die dem Aufbau neuartiger Dörfer dienen, einzurichten. Die Regierung soll ihre Gelder in erster Linie in den Aufbau solcher Dörfer investieren und Produktionsfaktoren wie Arbeit, Wissen, Technologie, Managementmethoden und Kapital bevorzugt in diesen Bereich lenken. Bei der organisatorischen Leitung muss unsere vorrangige Aufgabe darin liegen, die Führung des Aufbaus von Dörfern neuen Typs durch die Partei zu verstärken und zu verbessern. Und die Arbeit der Kader muss hauptsächlich an den Erfolgen beim Aufbau solcher Dörfer gemessen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die ländlichen Regionen durch Entwicklung stark machen ==&lt;br /&gt;
14. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft, die ländlichen Gebiete und die Landbewohner bilden ein Ganzes. Um die Fragen, die sie betreffen, zu lösen, kommt es darauf an, dass wir die Landwirtschaft zur Grundlage machen, von den Gegebenheiten in den ländlichen Gebieten — dem Hauptschauplatz unseres Landes — ausgehen, die Landbewohner in den Mittelpunkt stellen und die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Regionen tatkräftig vorantreiben. Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung räumt der Entwicklung höchste Priorität ein. Beim Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs, eine wichtige Maßnahme zur Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung, müssen wir uns ebenfalls auf die Entwicklung konzentrieren und sie mit allen Mitteln fördern, um greifbare Ergebnisse zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist allgemein bekannt, dass der Anteil der Landwirtschaft an der Volkswirtschaft im Zuge der Industrialisierung, Marktorientierung und Urbanisierung abnehmen wird. Dies entspricht den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaftsentwicklung, Doch wir dürfen daraus nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass die Landwirtschaft mit der Entwicklung der Industrie und der Dienstleistungsbranche immer mehr schrumpfen wird. Obwohl die Wertschöpfung des primären Sektors einen zunehmend kleineren Anteil am Bruttoinlandsprodukt ausmachen wird, bleiben seine Stellung und Funktion in der Gesamtwirtschaft doch unverändert. Hingegen wird er sich schneller und besser entwickeln, die entsprechenden Produktivkräfte werden weiterhin befreit und die Bauern können ihre Interessen besser durchsetzen. Dies gilt sowohl für die wirtschaftliche als auch für die gesellschaftliche Entwicklung, und darüber müssen wir uns im Klaren sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft dient dazu, die Stabilität des Landes zu sichern und das Vertrauen des Volkes zu stärken, und sie wird stets die Basis unserer Volkswirtschaft bilden. Der Getreideanbau darf unter keinen Umständen außer Acht gelassen werden, da von ihm nach wie vor unsere Nahrungsmittelversorgung abhängt. Einkünfte aus der landwirtschaftlichen Produktion sind ein integraler Bestandteil der Einkommen der Bauern, und wir müssen dafür sorgen, dass die Landbewohner durch Ackerbau und Viehzucht mehr Geld verdienen können. Unter der Zielsetzung des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand müssen wir uns Klarheit über die inneren Gesetzmäßigkeiten der sozioökonomischen Entwicklung und die unabdingbaren Anforderungen der agrarwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung verschaffen, uns im Rahmen des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs vor allem dafür einsetzen, den ländlichen Raum durch Entwicklung zu stärken, und die Entwicklung der Landwirtschaft mit modernen Entwicklungsideen lenken. Wir sollten die Chancen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der industriellen Umstrukturierung und der beschleunigten Verlagerung von Produktionsfaktoren wahrnehmen, einen effektiven Mechanismus zur Förderung der Verwendung moderner Produktionsfaktoren und -verfahren in der Landwirtschaft etablieren, das landwirtschaftliche Wachstumsmodell mit Tatkraft verändern und die Integration der Landwirtschaft in die Industrie und die Dienstleistungsbranche vorantreiben, um die Industrialisierung, Internationalisierung und Modernisierung des primären Sektors insgesamt auf ein höheres Niveau zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für eine schöne Umwelt auf dem Land ==&lt;br /&gt;
19. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der traditionellen Agrargesellschaft waren die ländlichen Gebiete der Lebensraum für den größten Teil der Menschen. Die idyllische Landschaft auf dem Land ist von alters her ein beliebtes literarisches Motiv. Das spiegelt etwa der folgende Vers: „Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet der Mensch auf dieser Erde.“&amp;lt;ref&amp;gt;Friedrich Hölderlin: &#039;&#039;In liebliche Bläue&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Doch nach dem Eintritt in die Industriegesellschaft war die Umwelt in den ländlichen Regionen eine Zeit lang. Beschädigungen ausgesetzt und die ländliche Entwicklung wurde vernachlässigt. Dies hat die sozioökonomische Entwicklung beeinträchtigt und die Menschen haben dafür einen hohen Preis gezahlt. Nicht wenige Länder sahen sich im Prozess ihrer Modernisierung diesem Problem gegenüber. Seine erfolgreiche Lösung gilt deshalb als ein Gradmesser dafür, ob ein Land seine Modernisierung tatsächlich realisiert hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Partei hat im Rahmen ihres Beschlusses, sozialistische Dörfer neuen Typs aufzubauen, auch vorgeschrieben, das Antlitz des ländlichen Raums aufzuwerten, was eine historische Aufgabe darstellt. Als konkrete Schritte müssen wir in Übereinstimmung mit dem Prinzip, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, sowie mit den betreffenden Gesetzmäßigkeiten und dem Willen der Landbewohner die Arbeit in Sachen Umweltsanierung, Infrastrukturausbau, sparsamer Ressourceneinsatz, Verbesserung öffentlicher Dienstleistungen, Bildung der Bauern sowie Erleichterung ihrer Produktions- und Lebensbedingungen forcieren, um die Modernisierung der Dörfer zu beschleunigen. Dabei liegt uns einerseits viel daran, den Aufbau von Wohnvierteln neuen Typs mit der Urbanisierung zu kombinieren, andererseits müssen wir davon Abstand nehmen, Modelle städtischer Wohnviertel einfach zu kopieren, unrealistische, groß angelegte Bauprojekte oder bloße Prestigeprojekte, die das Volk schwer belasten und Geld vergeuden, durchzuführen oder nach großem Umfang bzw. einer absoluten Verwestlichung zu streben, was zum Untergang der traditionellen Kultur auf dem Land führen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Bereich hat unsere Provinz in den letzten Jahren durch eine Reihe von Projekten, darunter „Aufbau von tausend Vorzeigedörfern und Umgestaltung von zehntausend Dörfern“, solide Grundlagen gelegt und reichliche Erfahrungen gesammelt. In Zukunft werden wir uns verstärkt der Infrastruktur, Umwelt, Kultur, Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohlfahrt und Verwaltung in den ländlichen Gebieten annehmen und Sorge für ländliche Wohnviertel neuen Typs tragen, die rational bebaut sowie sauber und ordentlich sind, in denen die Menschen im Einklang mit der Natur leben und ihnen lückenlose öffentliche Dienstleistungen und ein reichhaltiges Kulturangebot zur Verfügung stehen und die demokratisch verwaltet werden und angenehme Lebensbedingungen bieten, um einen schöneren Lebensraum für die Landbewohner zu schaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unterstützung der ländlichen Entwicklung durch Industrie und Städte ==&lt;br /&gt;
21. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner angeht, müssen wir uns auf die „zwei allgemeinen Tendenzen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; einstellen und für einen Arbeitsmechanismus sorgen, in dem die Landwirtschaft durch die Industrie beflügelt und die ländliche Entwicklung durch die Städte unterstützt wird. Der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs unterscheidet sich von früheren Entwicklungsstrategien vor allem dadurch, dass die Fragen der Landwirtschaft und der ländlichen Gebiete nicht mehr isoliert betrachtet werden. Stattdessen werden Industrie und Städte mit ins Spiel gebracht, damit diese ihren Teil dazu beitragen, den ländlichen Raum von der Armut zu befreien, die Entwicklung der Landwirtschaft zu forcieren und den Landbewohnern Vorteile zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir betonen stets, dass die Agrarwirtschaft Stabilität garantiert und die Industrie Wohlstand schafft. Es besteht kein Zweifel daran, dass die moderne Industrie und der moderne Dienstleistungssektor eine viel höhere Produktivität als die Landwirtschaft aufweisen und den Großteil des gesellschaftlichen Reichtums erzeugt haben. Doch dies setzt eine konsolidierte Landwirtschaft und die Stabilität der ländlichen Gebiete voraus. Nur wenn beide Aspekte ständige Fortschritte machen, können wir auch mit einer nachhaltigen Entwicklung der Industrie und des Dienstleistungssektors rechnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs landesweit vorankommt, hat sich der Leitgedanke, die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums durch die Industrie bzw. die Städte zu unterstützen, mehr und mehr durchgesetzt. Diesbezüglich sind die Parteikomitees und Regierungen verschiedener Ebenen sowie auch die Kader und einfachen Leute zu einem Konsens gelangt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Praxis müssen wir uns einerseits über die Art und Weise dieser Unterstützung Gedanken machen, gezielte Hilfsmaßnahmen für einzelne Regionen und Personengruppen ergreifen und nach höherer Effektivität streben. Andererseits müssen wir auch die Interaktion zwischen der Landwirtschaft und der Industrie bzw. dem Dienstleistungssektor fördern. Denn dieser Leitgedanke kommt nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch dem sekundären sowie dem tertiären Sektor zugute. Wir sollten die Unterstützung der ländlichen Entwicklung durch Industrie und Städte deshalb nicht als reine Almosen verstehen, sondern sie als ein Win-win-Projekt für alle Beteiligten fördern. Solange die Wirtschaft auf dem Land kontinuierlich wächst und die Einkommen der Bauern stetig steigen, brauchen wir uns um weitere Entwicklungschancen keine Sorgen zu machen. In diesem Sinne dient der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs nicht nur der landwirtschaftlichen und ländlichen Entwicklung und dem Wohlergehen der Bauern, sondern ist vielmehr eine strategische Planung, die für die langfristige Stabilität des gesamten Landes und das nationale Wiederaufleben von Belang ist. Es handelt sich um einen klugen Schachzug, der es vermag, die Binnennachfrage und den Konsum anzukurbeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht zuletzt sollten wir uns über die Unterstützungsschwerpunkte im Klaren sein und das Sozialwesen und die Dörfer in unterentwickelten Regionen ins Zentrum unserer Anstrengungen rücken. Unser Ziel ist es, dass durch die Durchbrüche in Schwerpunktbereichen und eine allgemeine Entwicklung letztlich alle Dörfer und Landbewohner Zhejiangs von den Leistungen des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs profitieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den ländlichen Raum durch Reformen in Schwung bringen ==&lt;br /&gt;
24. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang ist ein landesweiter Vorreiter in Sachen Reformen und hat insbesondere im ländlichen Raum den Reformhebel angesetzt. Beim Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs müssen wir uns dessen bewusst sein, dass Reformen Impulse für alle Arbeitsbereiche und Lösungen für verschiedenste Probleme liefern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren hat unsere Provinz als Erste im Land eine ländliche Steuer- und Gebührenreform eingeleitet und die Landwirtschaftssteuer abgeschafft. Dies ist eine wichtige Maßnahme, welche die Bauern von erheblichen finanziellen Lasten befreit hat, sowie eine große Anpassung der Umverteilungsstruktur des Nationaleinkommens und ein bedeutsamer Schritt, womit eine neue Runde der ländlichen Reformen auf den Weg gebracht wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs erfordert umfassende Reformen auf dem Land. Dies ist ein Systemprojekt, das die Gemeindeverwaltung, das Finanzsystem auf Kreis- und Gemeindeebene, die Haushaltsregistrierung, die Beschäftigung, das System der Landüberschreibung, die ländlichen Finanzen, das Bildungswesen und die Gesundheitsversorgung betrifft und auf einen Interessenausgleich zwischen Industrie und Landwirtschaft sowie zwischen Stadt und Land abzielt. Man kann mit Recht sagen, dass die umfassenden Reformen auf dem Land weit über die Landwirtschaft und die ländlichen Gebiete hinausgehen. Im Vergleich zu früheren Reformen beziehen sie sich auf breitere Inhalte und Bereiche, was ihre Umsetzung wesentlich komplizierter macht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Förderung der umfassenden Reformen auf dem Land müssen wir uns auf die neue Situation der integrierten Entwicklung von Stadt und Land einstellen und für Systeme und Mechanismen sorgen, die dazu dienen, die Landwirtschaft durch die Industrie zu beflügeln und die ländliche Entwicklung durch die Städte zu unterstützen. Wir sollten uns dafür einsetzen, den ländlichen Raum in Schwung zu bringen, die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Rechte und Interessen der Landbevölkerung zu schützen und ihre Aktivität in vollem Maße zu entfalten. Ferner gilt es, mit Blick auf die Zusammenhänge zwischen den Reformen auf dem Land und in anderen Bereichen sowie die Übereinstimmung zwischen den einzelnen Reformaufgaben alle Reformen auf dem Land gemeinsam voranzutreiben, um dem Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs ständig neue Dynamik zu verleihen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ländlicher Aufschwung durch Bildung ==&lt;br /&gt;
26. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Menschen stellen beim Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs nicht nur den aktivsten Faktor, sondern auch den wichtigsten Inhalt und die wesentlichste Voraussetzung dar. Bei dieser komplexen Aufgabe müssen wir sowohl die „Hardware“ als auch die „Software“ ins Visier nehmen. Sprich: Wir müssen nicht nur Dörfer neuen Typs, sondern auch Bauern neuen Typs hervorbringen und uns neben der Wirtschaft auch Politik, Kultur und Sozialem annehmen. Im Zentrum dieser Arbeit steht der Mensch, und all unsere Bemühungen zielen schließlich auch auf das Wohlergehen der Menschen ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der US-amerikanische Agrarökonom Theodore Schultz (1902-1998) hat einmal die Feststellung getroffen, dass die Modernisierung ein Prozess sei, in dem die Menschen ihren wirtschaftlichen Wert ständig erhöhen. Genauer gesagt: Die Menschen werten sich auf, indem sie im Prozess der Modernisierung größere wirtschaftliche Leistungen erbringen. Übertragen wir diese Feststellung auf den Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs, so rechnen wir mit einem Vorgang, in dem die Bauern ihren Wert und ihre Fähigkeiten ständig steigern. Würden wir dagegen das Gesicht der Dörfer verändern, ohne zugleich das intellektuelle Niveau der Bauern zu heben, bliebe der Aufbau neuartiger Dörfer trotzdem auf einer niedrigen Stufe. Gelingt es uns dagegen, bei der Entwicklung der ländlichen Gebiete sowie der Landwirtschaft auch die Bevölkerung mit moderner Kultur und fortschrittlichen Gedanken zu wappnen und sie in Bauern neuen Typs zu verwandeln, die stets neue Ideen, Gedanken, Kenntnisse, Gesinnungen, Fertigkeiten, Qualitäten und Fähigkeiten erlangen, so wird der Aufbau von Dörfern neuen Typs noch weiterreichende Bedeutung erlangen, stetig an Dynamik gewinnen und letztlich von echtem Erfolg gekrönt sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dementsprechend müssen wir großen Wert auf die Bildung der Bauern legen, um den ländlichen Regionen so zum Aufschwung zu verhelfen. Damit dies gelingt, sollten wir die Erziehung im Sinne der sozialistischen Auffassung von Ehre und Schande, die die „Acht ehrenhaften und acht schändlichen Verhaltensweisen“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; name=&amp;quot;:11&amp;quot;&amp;gt;Hu Jintao stellte am 4. März 2006 beim Treffen mit den Mitgliedern des 10. Nationalkomitees der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes, die der Chinesischen Demokratischen Liga und der Chinesischen Gesellschaft für die Förderung der Demokratie angehören, die „Acht ehrenhaften und acht schändlichen Verhaltensweisen“, die die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande ausmachen, vor. Sie besagen im Einzelnen: Es ist ehrenhaft, das Vaterland zu lieben, dem Volk zu dienen, die Wissenschaft hoch zu schätzen, fleißig zu arbeiten, füreinander einzutreten und sich gegenseitig beizustehen, aufrichtig und vertrauenswürdig aufzutreten, auf Disziplin und Gesetz zu achten sowie ein bescheidenes Leben zu führen, während man sich dafür schämen sollte, dem Vaterland Schaden zuzufügen, sich vom Volk zu entfremden, ignorant zu sein, auf der faulen Haut zu liegen, andere zu übervorteilen, Prinzipien für Profit zu opfern, gegen die Disziplin und das Gesetz zu verstoßen und in Saus und Braus zu leben.&amp;lt;/ref&amp;gt; zum Hauptinhalt hat, aktiv fördern und für einen langfristig gültigen Ausbildungsmechanismus zur Steigerung der Qualifikationen der Bauern sorgen, sodass sich die zahlenmäßige Überlegenheit der Landbevölkerung in einen Vorteil im Humankapital verwandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Rechtsstaatlichkeit in den ländlichen Gebieten fördern ==&lt;br /&gt;
28. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Stabilität der ländlichen Gebiete stellt eine Voraussetzung für den Frieden im gesamten Land dar. Fei Xiaotong (1910-2005), ein berühmter chinesischer Soziologe, schrieb in seinem Buch Das ländliche China, dass es vor allem die Ethik sei, die die Ordnung in den ländlichen Regionen Chinas garantiere. Die sittlichen Normen und Maximen haben tausende Jahre auf dem Land geherrscht und üben noch immer großen Einfluss auf das Denken und Handeln der Bauern aus. Heute erleben Chinas Dörfer umwälzende Veränderungen und die Bauern haben große Fortschritte in Bezug auf Produktions- und Lebensweise sowie in ihrem Denken gemacht. Vor dem Hintergrund des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs kommt es bei den Bemühungen um langfristige Harmonie, Stabilität und Frieden in den ländlichen Gebieten darauf an, die Werteerziehung, vor allem im Sinne der sozialistischen Auffassung von Ehre und Schande, die die „Acht ehrenhaften und acht schändlichen Verhaltensweisen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; zum Hauptinhalt hat, weiterhin zu forcieren und die Bauern mit der fortschrittlichen sozialistischen Kultur zu erbauen und zu motivieren. Zugleich sind auch Moral und Gesetz mit ins Spiel zu bringen, um eine Herrschaft des Rechts herbeizuführen, die den Anforderungen der sozioökonomischen Entwicklung auf dem Land gerecht wird. In den letzten zwei Jahren hat unsere Provinz im Rahmen des Aufbaus eines sicheren Zhejiang die Basisarbeit im ländlichen Raum mit Nachdruck vorangetrieben und die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit auf dem Land tatkräftig gefördert. Im weiteren Verlauf des Aufbaus neuartiger Dörfer gilt es nun, in Verbindung mit dem Aufbau eines sicheren Zhejiang und dem Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das 10. Plenum des 11. Provinzparteikomitees hat im April 2006 im Rahmen der Durchführung der „Acht-acht-Strategie“ und der Entwicklung der politischen Demokratie die Strategie des Aufbaus eines rechtsstaatlichen Zhejiang aufgestellt. Damit zielt man darauf ab, das rechtsstaatliche Niveau in den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur und Soziales ständig zu heben, eine rechtsstaatliche Gesellschaft, in der die sozialistische Demokratie sich verbessert, das sozialistische Rechtssystem sich vervollständigt und die Konzeption der Rechtsstaatlichkeit sich durchgesetzt haben wird und die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte und Interessen des Volkes hoch geschätzt und effektiv geschützt werden, aufzubauen und bei der Förderung der Rechtsstaatlichkeit einen Vorsprung vor anderen Landesteilen zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; einen vitalen Mechanismus zur Selbstverwaltung durch die Dorfbewohner unter Führung der KP Chinas einzurichten und das System zur Popularisierung der Rechtskenntnisse zu vervollständigen. Auch müssen wir das Bewusstsein der Landbewohner, im Rahmen des Gesetzes zu handeln, stärken, ihre Rechtskenntnisse erweitern und das rechtsstaatliche Niveau der sozialen Governance auf dem Land heben. All dies hat zum Ziel, eine rechtsstaatliche Garantie für die Erfüllung aller Aufgaben des Aufbaus von Dörfern neuen Typs zu bieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für eine starke Dorfführung ==&lt;br /&gt;
30. April 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Parteiorganisationen auf Dorfebene bilden das Fundament für alle Arbeiten der Partei auf dem Land. Im Verlauf des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs kommt es darauf an, die Führungsgremien der Dorfparteizellen stark zu besetzen, indem wir politisch zuverlässige, moralisch einwandfreie, gerechte und innovationsfreudige Kader, die in der Lage sind, den Bauern zu Wohlstand zu verhelfen, einsetzen. Außerdem gilt es, eine Menge hervorragender Kader für den Einsatz an der Basis der ländlichen Gebiete heranzubilden. Dies stellt sowohl die Voraussetzung für die Bildung leistungsfähigerer Parteiorganisationen, die ihre Rolle als Basteien gut zu spielen vermögen, als auch den Schlüssel zum Fortschritt beim Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine starke Führung muss großes Verantwortungsbewusstsein haben. Wir müssen uns deshalb für die Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Parteimitglieder, die nun in den ländlichen Regionen vonstattengeht, ins Zeug legen, damit sich die Basiskader ihrer Verantwortung gegenüber der jeweils höheren Instanz sowie dem Volk voll bewusst werden. Eine starke Führung muss auch eine gute geistige Verfassung an den Tag legen. Deshalb sollten wir energisch für den Geist, mit der Zeit Schritt zu halten, plädieren, Eigeninitiative und Kreativität unter den Basiskadern voll entfalten und sie dazu anhalten, die Nähe zum Volk zu suchen und sich bereitwillig für die Arbeit aufzuopfern. Nicht zuletzt muss eine starke Führung Führungskompetenz mitbringen. Die führenden Kader sind dazu verpflichtet, in der Praxis des Aufbaus neuartiger Dörfer ihre Fähigkeiten, die Wirtschaft anzukurbeln und den Bauern zu Wohlstand zu verhelfen, ständig zu steigern. Sie müssen von den Gegebenheiten der einzelnen Dörfer ausgehen, ihre jeweiligen Vorzüge gut zur Geltung bringen und kühne Versuche unternehmen, um die Entwicklung vor Ort zu beschleunigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wirtschaft, Politik, Kultur und Soziales integriert entwickeln ==&lt;br /&gt;
08. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang und die wichtigen Beschlüsse des Parteikomitees unserer Provinz nach dem 16. Parteitag der KP Chinas im November 2002, nämlich die Durchführung der „Acht-acht-Strategie“ ccl , der umfassende Aufbau eines sicheren Zhejiang, die Beschleunigung des Aufbaus einer Kulturprovinz sowie die Verbesserung der Regierungsfähigkeit und die Stärkung des Avantgarde-Charakters der Partei, bilden die Gesamtplanung für eine integrierte Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Kultur und Sozialem in unserer Provinz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darunter gilt die Durchführung der „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; als Ansatzpunkt für die Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung. Der umfassende Aufbau eines sicheren Zhejiang ist das wichtigste Vehikel dafür, eine harmonische Gesellschaft zustande zu bringen. Den Aufbau einer Kulturprovinz zu beschleunigen, stellt eine wichtige Maßnahme zur Entwicklung der fortschrittlichen sozialistischen Kultur dar. Den Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang mit Tatkraft zu fördern, gehört zu den effektiven Wegen, um die sozialistische politische Demokratie weiterzuentwickeln. Die Regierungsfähigkeit der Partei zu verbessern und ihren Avantgarde-Charakter zu stärken, bietet die nötige Garantie für Obenerwähntes. All diese Strategien stehen miteinander in Einklang und fügen sich organisch ineinander, sie unterstützen sich gegenseitig und dürfen nicht isoliert gehandhabt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Gesamtplanung für eine integrierte Entwicklung von Wirtschaft, Politik, Kultur und Sozialem spiegelt die Übereinstimmung zwischen Geschichte und Logik wider und entspricht den Grundprinzipien der marxistischen Erkenntnistheorie sowie den Entwicklungsgesetzen der Dinge. Darüber hinaus verkörpert sie die Interaktion der genannten vier Bereiche. Diese unterscheiden sich zwar in ihrem Wesen und Inhalt, doch sie stehen stets in enger Wechselbeziehung zueinander, hängen voneinander ab und wirken aufeinander ein. Nicht zuletzt ist die beschriebene Gesamtplanung eine Kombination der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung mit der Auffassung universeller Zusammenhänge. In deren Rahmen haben wir mittels dialektischer Denkweise, mit Blick auf die Gesamtentwicklung und unter Anwendung der Methode der einheitlichen Planung Fahrpläne für die Aufgaben in allen Bereichen entwickelt. Diese werden nun in der Praxis des Aufbaus des Sozialismus chinesischer Prägung in Zhejiang miteinander integriert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Rechtsstaatlichkeit als Erfordernis der neuen Situation ==&lt;br /&gt;
10. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig steht unsere Provinz am Beginn der Umsetzung des 11. Fünfjahresplans (2006-2010). Der umfassende Aufbau einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand ist in eine kritische Phase eingetreten, in der man harte Nüsse knacken muss, und auch die sozialistische Modernisierung befindet sich in einem entscheidenden Stadium. In diesem Zeitraum wird die Wirtschaft einen merklichen Aufschwung und ihr Wachstumsmodell einen Wandel erfahren; die Knackpunkte der einzelnen Reformen werden in Angriff genommen und die Öffnung nach außen wird auf eine höhere Stufe gebracht; die Gesellschaftsstruktur wird umgebaut und verschiedene soziale Konflikte werden zutage treten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entwicklung der fortschrittlichen sozialistischen Produktivkräfte und die ständige Verbesserung der Marktwirtschaft erfordern eine erneute Anpassung der Produktionsverhältnisse und des staatlichen Überbaus. Da die sozialistische politische Demokratie stets vorwärtsschreitet und sich immer mehr Bürger politisch engagieren wollen, ist es notwendig, die Rechtsstaatlichkeit gut in die Tat umzusetzen. Mit der Vertiefung der Reformen und der stetigen Abstimmung verschiedener Interessen sollen die Interessen aller Seiten im gesetzlichen und institutionellen Rahmen gleichermaßen berücksichtigt werden. Die tief greifende Veränderung der Struktur und der Organisationsform der Gesellschaft verlangt einen richtigen Umgang mit den Widersprüchen im Volk und eine gesetzeskonforme und verstärkte Entwicklung und Governance. Angesichts der Tatsache, dass die Menschen nun eher eigenständig denken, zahlreichen Optionen gegenüberstehen, in ihren Ansichten wechselhaft sind und Differenzen miteinander haben, müssen wir dafür sorgen, die dominierende Stellung des Marxismus im ideologischen Bereich zu verstärken und die sozialistische Rechtsstaatlichkeit sowie die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande durchzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies alles stellt neue Anforderungen an die Regierungskompetenz unserer Partei, vor allem an die Fähigkeiten zur wissenschaftlichen, demokratischen und rechtmäßigen Regierungsführung. Im Hinblick auf die neue Situation und die neuen Herausforderungen müssen wir uns im Rahmen des Aufbaus eines sozialistischen Rechtsstaates energisch für den Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang einsetzen und dafür sorgen, dass alle wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und sozialen Angelegenheiten gesetzlich geregelt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Marktwirtschaft muss auf Rechtsstaatlichkeit aufbauen ==&lt;br /&gt;
12. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hohe Effizienz der Marktwirtschaft ist dem Wertgesetz, dem Gesetz der Konkurrenz und dem von Angebot und Nachfrage zu verdanken. Doch die Geltung dieser Gesetze und der Grundprinzipien der Marktwirtschaft wie fairer Wettbewerb, gleichwertiger Austausch von Waren und Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit erfordert gesetzliche Gewährleistung. Wäre die Stellung der Wirtschaftsteilnehmer als juristische Person nicht im Gesetz verankert, könnten sich die Unternehmen nicht auf eigene Verantwortung am Wettbewerb beteiligen. Wäre der Markt nicht gesetzlich geordnet, würde es zu Marktfehlverhalten, falschen Marktinformationen und unlauterem Wettbewerb kommen. Gäbe es keine Gesetze zur Verhinderung und Bestrafung von Zuwiderhandlungen auf dem Markt, würde anständigen Wirtschaftsteilnehmern kein Schutz ihrer Interessen gewährt und Gesetzesbrechern keine gerechte Strafe auferlegt. Unter diesen Umständen könnte von Marktwirtschaft keine Rede sein. In diesem Sinne muss die Marktwirtschaft auf Rechtsstaatlichkeit aufbauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein wichtiger Beweggrund der Förderung der Rechtsstaatlichkeit besteht darin, die Anforderungen zur Entwicklung fortschrittlicher sozialistischer Produktivkräfte widerzuspiegeln und ihnen gerecht zu werden, der sozialistischen Marktwirtschaft konsequent zu dienen und an ihren Werten Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Effizienz festzuhalten. Will unsere Provinz bei der Vervollkommnung der sozialistischen Marktwirtschaft mit gutem Beispiel vorangehen, müssen wir in der Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit zum Vorreiter werden. Ferner gilt es, die Wirtschaft vorzüglich mithilfe des Gesetzes zu dirigieren und Aufsicht zu führen, den Schutz des geistigen Eigentums zu forcieren, unsere eigenständige Innovationsfähigkeit zu steigern, gegen unlauteren Wettbewerb vorzugehen und Ordnung auf den Markt zu bringen, um eine gesunde Entwicklung der sozialistischen Marktwirtschaft sicherzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eine harmonische Gesellschaft fußt auf Rechtsstaatlichkeit ==&lt;br /&gt;
15. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer harmonischen Gesellschaft herrscht gute Ordnung, Das Gesellschaftsleben muss in geregelten Bahnen verlaufen, Unordnung ist hier fehl am Platz. Dass die Menschen an die Gesetze glauben und sie befolgen, ist entscheidend dafür, gesellschaftliche Harmonie herzustellen. Nur wenn alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens gesetzlich geregelt sind, lassen sich eine ausgeglichene Entwicklung von Wirtschaft, Politik und Kultur sowie Fortschritt in allen Lebensbereichen sicherstellen, und nur so wird in der Gesellschaft Harmonie walten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die sechs Merkmale einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft stehen alle mit dem Gesetz in Zusammenhang. Unter „Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ versteht man die Übereinstimmung zwischen der öffentlichen Gewalt und den Bürgerrechten. „Fairness und Gerechtigkeit&amp;quot; beziehen sich auf den Einklang zwischen gesellschaftlichen Regeln und individuellen Fähigkeiten. Mit „Vertrauenswürdigkeit und Freundlichkeit“ sind harmonische zwischenmenschliche Beziehungen gemeint. „Voller Vitalität“ bedeutet, dass die Aktivität und die Kreativität aller Mitglieder der Gesellschaft der sozioökonomischen Entwicklung förderlich sind. „Frieden und Ordnung“ heißen, dass die Umgangsformen der Bürger zur Ordnung der Gesellschaft beitragen. Die „Harmonie zwischen Mensch und Natur“ zielt auf eine positive Wechselwirkung zwischen Produktion, Leben und Natur ab. Egal ob es um die Beziehungen zwischen Mensch und Gesellschaft, zwischen den Menschen untereinander, zwischen Mensch und Natur oder zwischen der öffentlichen Gewalt und den Rechten von Einzelpersonen geht, stets spielt das Gesetz eine bestimmte Rolle. In diesem Sinne kann man sagen, dass eine harmonische Gesellschaft auf Rechtsstaatlichkeit fußen muss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich bietet die Rechtsstaatlichkeit eine wichtige Garantie für eine harmonische Gesellschaft. Das Recht trägt durch die Abstimmung verschiedener Interessen dazu bei, die soziale Fairness und Gerechtigkeit zu wahren und zu realisieren, bereitet den Boden für gegenseitiges Vertrauen und Freundschaft zwischen den Menschen und für eine Gesellschaft voller Vitalität, leistet Gewähr für die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung und Stabilität und legt die institutionellen Grundlagen für ein harmonisches Nebeneiander von Mensch und Natur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Rechtsstaatlichkeit muss festen Fuß fassen ==&lt;br /&gt;
17. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Popularisierung der Rechtskenntnisse zu forcieren und die Rechtsstaatlichkeit in der Gesellschaft durchzusetzen, ist für den Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang von allgemeiner, richtungsweisender, grundlegender und entscheidender Bedeutung, Der Geist der Rechtsstaatlichkeit ist die Seele eines Rechtsstaates. Behalten Menschen die Rechtsstaatlichkeit nicht’ stets im Hinterkopf und zählt sie nicht zu den Sitten und Gebräuchen der Gesellschaft, kann von einem Rechtsstaat keine Rede sein. Nicht umsonst hieß es im alten China: „In allen Staaten gibt es Gesetze, doch kein Gesetz vermag es, die Handhabung des Rechts zu garantieren.“&amp;lt;ref&amp;gt;Shang Yang u. a.: &#039;&#039;Buch des Herrn Shang&#039;&#039;. Shang Yang (ca. 390-338 v. Chr.) war ein Politiker, Denker und Hauptvertreter des Legalismus in der mittleren Periode der Streitenden Reiche.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade der Geist der Rechtsstaatlichkeit ist also das Gesetz, das die Durchsetzung des Rechts sicherstellt. Die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit spiegelt sich letztlich nicht darin wider, dass die normalen Bürger mit allen Gesetzestexten vertraut sind. Stattdessen müssen wir dafür sorgen, dass sich die Menschen im Denken und Handeln bewusst an den einschlägigen Gesetzen orientieren. Das heißt, sie müssen dazu angeleitet werden, Vernunft walten zu lassen, sich anständig und gesetzestreu zu verhalten, die Autorität der Gesetze zu respektieren, den Standpunkt zu verinnerlichen, dass Rechte und Pflichten einander die Waage halten müssen, sowie ihre Rechte und Interessen im Rahmen der Gesetze zu schützen und Streitigkeiten auf gleiche Weise beizulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) sind „einzelne Verordnungen doch nur die Kuppel des Gewölbes, zu dem die sich langsamer entwickelnden Sitten den unverrückbaren Schlussstein bilden“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot;&amp;gt;Jean-Jacques Rousseau:&#039;&#039;Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des politischen Rechtes&#039;&#039;. Die Übersetzung stammt von Hermann Denhardt.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die wichtigsten Gesetze seien diese Sitten, „die nicht in Erz und Marmor, sondern in die Herzen der Staatsbürger eingegraben werden“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Recht und Moral gleichermaßen ins Spiel bringen ==&lt;br /&gt;
19. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Moral ist der Grundstein für die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit. Nur Gesetze, die auf Moral aufbauen, können in der Bevölkerung treue Unterstützung finden. Erst dann kann man von einem guten Recht sprechen, das die Garantie für eine gute Herrschaft bildet. Recht und Moral gewährleisten seit jeher die öffentliche Ordnung und die guten Sitten sowie die gesellschaftliche Harmonie und Stabilität. Die Herrschaft des Rechts und die Herrschaft der Moral sind mit den beiden Rädern eines Fahrrads oder den beiden Flügeln eines Vogels vergleichbar. Die Erstere stützt sich auf die Zwangsgewalt und die Autorität des Staatsapparats, die Letztere auf den Glauben der Menschen und die öffentliche Meinung, Die eine lässt sich nicht durch die andere ersetzen, stattdessen ergänzen sie sich zum gegenseitigen Vorteil. Beide zielen darauf ab, die gesellschaftlichen Beziehungen zu regeln, die soziale Stabilität zu sichern und das Gesellschaftsleben in die richtige Bahn zu lenken. In gewissem Sinne ist das Recht ein Zwangsinstrument und die Moral ein erbauliches Mittel, mit dem die öffentliche Ordnung aufrechterhalten wird. Erst wenn Recht und Moral gleichermaßen ins Spiel gebracht werden, lassen sich gesellschaftliche Harmonie und eine gesunde und koordinierte Entwicklung der Gesellschaft sicherstellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang müssen wir uns darüber bewusst sein, dass die Herrschaft des Rechts und die Herrschaft der Moral einander ergänzen, sie das gleiche Ziel verfolgen und miteinander vereinbar sind. Dementsprechend müssen wir uns zum einen für die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit und zum anderen für die Werteerziehung einsetzen. Wir müssen sowohl die Zwangskraft der Gesetze als auch die erbauliche Funktion der Moral zur Geltung bringen, rigide gesetzliche Vorschriften wie auch sanfte sittliche Normen in Kraft setzen und dafür sorgen, dass sich die Menschen sowohl die Rechtsstaatlichkeit als auch die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande zu eigen machen. Es ist notwendig, die Popularisierung der sozialistischen Auffassung von Ehre und Schande in den Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang zu integrieren und die Parteikader und die einfachen Leute dazu zu erziehen und anzuleiten, Ehre und Schande klar zu unterscheiden, für ehrenhaftes Verhalten einzutreten und schändliche Taten entschieden abzulehnen, damit sich die ganze Gesellschaft Recht und Moral fügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Führung der KP Chinas als wesentliche Garantie für die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit ==&lt;br /&gt;
22. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Umsetzung der Rechtsstaatlichkeit entspricht den Forderungen der wissenschaftlichen, demokratischen und rechtmäßigen Regierungsführung,. Sie zielt nicht darauf ab, die Führung der KP Chinas zu schwächen, sondern sorgt dafür, unser Verständnis von der Partei, der Regierungsführung und der Regierungsgewalt zu vertiefen, den Status der KP Chinas als Regierungspartei gesetzlich und institutionell zu garantieren, durch die Verbesserung der Führungskompetenz der Partei ihre Führungsrolle zu konsolidieren und zu stärken und unter Anwendung besserer Methoden die Regierungsfähigkeit der Partei zu steigern und ihren Avantgarde-Charakter zu bewahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau eines rechtsstaatlichen Zhejiang sind wir dazu verpflichtet, unbeirrt an der Führung der KP Chinas festzuhalten und unter ihrer Leitung die sozialistische Demokratie zu entwickeln sowie die sozialistische Rechtsstaatlichkeit zu fördern. Wir müssen die Regierungsgewalt im Rahmen der Gesetze ausüben, um die Volkssouveränität und die Herrschaft des Rechts zu sichern, den Status der KP Chinas als Regierungspartei zu festigen und den Aufbau der sozialistischen politischen Zivilisation voranzutreiben. Ferner müssen wir dabei die Führung der Partei in politischer, theoretischer und organisatorischer Hinsicht ständig forcieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wie verhält man sich bei einem Führungswechsel ==&lt;br /&gt;
24. Mai 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im laufenden und im kommenden Jahr stehen Führungswechsel auf allen Ebenen unserer Provinz an, wobei der Parteigeist leitender Kader und ihre Einstellung zur Parteiorganisation auf die Probe gestellt werden. In diesem Prozess müssen alle leitenden Kader Parteigeist und Verantwortungsbewusstsein beweisen sowie Anstand und Disziplin an den Tag legen, damit ihre Aufmerksamkeit nicht durch den Führungswechsel abgelenkt, die Ordnung in den Organen nicht gestört und die Arbeit nicht unterbrochen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Parteigeist kann man unter Beweis stellen, indem man Beförderung, Zurückstufung oder Versetzung gelassen gegenübersteht. Ein Parteikader, egal welche Stellung er innehat und welche Arbeit er verrichtet, steht vor allem im Dienst der Regierungsführung und des Volkes. Er muss opferbereit und großzügig auftreten, die Gesamtentwicklung an erste Stelle setzen, die richtige Einstellung zu Ruhm, Reichtum, Amtsgewalt und der Position der eignen Person sowie zum Auf und Ab in der Berufslaufbahn vertreten und den Beschlüssen der Parteiorganisation ohne Wenn und Aber folgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Stärkung des Verantwortungsbewusstseins werden die leitenden Kader dazu aufgefordert, ihren Amtspflichten getreu nachzukommen. Sie müssen verantwortungsvoll mit der Sache von Partei und Volk umgehen, indem sie sich auf diejenigen Angelegenheiten, die in ihre Zuständigkeit fallen, konzentrieren und ihr Bestes geben, um alle Arbeitsaufgaben exzellent zu erledigen. Unter anständigem Verhalten ist zu verstehen, dass die leitenden Kader Abstand von Philistertum halten und die richtige Ansicht über ihre Parteiorganisation und ihre Mitarbeiter sowie die richtige Einstellung zu sich selbst und den Abstimmungsergebnissen haben. Das heißt, sie sollen sich stets an die Organisationsprinzipien der Partei halten, fähige Kader respektieren und empfehlen, sich aufrichtig und großmütig verhalten und dürfen nicht um der Stimmen willen ihre Grundsätze aufgeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Disziplin zu achten, bedeutet, dass die leitenden Kader verschiedenen Verführungen widerstehen und strenge Selbstdisziplin üben müssen. Sie sollten sich intensiv mit dem Parteistatut beschäftigen und die vorgeschriebenen Regeln befolgen, ihr Handeln bewusst auf die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande ausrichten, die die „Acht ehrenhaften und acht schändlichen Verhaltensweisen“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; zum Hauptinhalt hat, und die Vorschriften zum Führungswechsel strikt einhalten. Sie dürfen weder andere um eine Fürsprache bitten noch fahrlässig für andere ein gutes Wort einlegen. Auch dürfen sie für die Wahl weder ihre Beziehungen spielen lassen noch Gerüchte verbreiten. Damit sorgen wir dafür, dass beim Führungswechsel Gerechtigkeit waltet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Geschäftskultur Zhejiangs ==&lt;br /&gt;
16. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den Zhejianger Geschäftsleuten zählen Existenzgründer und Unternehmer, die in der stürmischen Entwicklung der Marktwirtschaft hervorgetreten und herangereift sind. Wir verdanken ihnen nicht nur einen unermesslichen Reichtum, sondern auch eine besondere Geschäftskultur. Diese Kultur ist aus den reichen kulturellen Traditionen und der kreativen Praxis der Geschäftsleute unserer Provinz hervorgegangen und hat ihnen wiederum Impulse für weitere Pionierarbeit gegeben. Und auch für ihre neuen Durchbrüche müssen sie Kraft aus dieser Kultur schöpfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der fortschreitenden Entwicklung und Expansion der Privatwirtschaft in unserer Provinz wird die Zhejianger Geschäftskultur einen noch größeren Einfluss auf Unternehmertum und Gesellschaft ausüben. In der neuen Entwicklungsphase gilt es für uns deshalb, diese Kultur eingehend zu studieren, ihre Essenz zusammenzufassen und sie weiterzuentwickeln. Besonders sind die Werte der Realitätsnähe, Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Harmonie, Offenheit und Strebsamkeit energisch weiterzugeben. Indem wir unsere Geschäftsleute in ihrem Denken und Handeln ausrichten und sie dazu anhalten, die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung zu praktizieren, beim Aufbau einer harmonischen Gesellschaft mitzuwirken und eine Vorreiterrolle bei Reformen und Innovationen zu spielen, sorgen wir für eine Geschäftskultur, die den Anforderungen einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft und einer fortschrittlichen sozialistischen Kultur gerecht wird, der sozialistischen Auffassung von Ehre und Schande und dem Geist, mit der Zeit Schritt zu halten, entspricht sowie im Dienst der Entwicklung der fortschrittlichen Produktivkräfte steht und der Privatwirtschaft zu neuem Aufschwung verhilft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einheimische und zugewanderte Unternehmen integriert entwickeln ==&lt;br /&gt;
19. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit Beginn der Reform und Öffnung geht Zhejiang den Weg der endogenen Entwicklung, wobei wir uns lange vor allem auf einheimische Unternehmen verlassen haben. Dabei steht die endogene Entwicklung keineswegs im Widerspruch zur Öffnung nach außen. In den letzten Jahren haben wir wiederholt die Notwendigkeit betont, Kapital und Unternehmen von außen in Zhejiang selektiv anstatt blind zuzulassen. Ziel ist es, die Entwicklung einheimischer und zugewanderter Unternehmen zu integrieren, sodass sie sich gegenseitig ergänzen und unterstützen. Konkret gesagt geht es dabei um die Integration der Zhejianger Wirtschaft in die Weltwirtschaft, die Kooperation unserer Privatunternehmen mit zugewanderten Firmen und eine harmonische Koexistenz verschiedener Kulturen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Makroebene sorgen wir für die Integration der einheimischen Betriebe in die Wirtschaft außerhalb Zhejiangs, vor allem in die globale Wirtschaft. Die Einführung fremden Kapitals soll als Schlüssel dienen, um Zugriff zu fortschrittlichen Technologien, Managementmethoden, Systemen und Gedanken und auch Fachkräften von außerhalb Zhejiangs zu erlangen. Auch soll sie dazu beitragen, uns Zugang zum internationalen Markt mit höherem Niveau und größeren Spielräumen zu verschaffen und dadurch das Entwicklungsniveau der Unternehmen und der Gesamtwirtschaft unserer Provinz zu heben. Es ist unbestritten, dass die langfristige Dynamik und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft einer Region stets ihrer Interaktion mit anderen Regionen und Ländern sowie ihrer Integration in die Weltwirtschaft zu verdanken sind. Wir sind letztlich auf fremde Hilfe angewiesen, um unsere Wirtschaft und unsere Produkte auf eine höhere Stufe zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Mikroebene sollten wir die Kooperation unserer Privatunternehmen mit zugewanderten Firmen fördern. Damit ist gemeint, dass die Privatwirtschaft eine wichtige Rolle bei der Einführung von fremdem Kapital spielen und sich die Vorzüge der zugewanderten Unternehmen zu eigen machen sollte. Die Privatunternehmen unserer Provinz sollten einerseits ihre Stärken zur Entfaltung bringen und andererseits in den Bereichen Management, Technologie und Markt sowie in Bezug auf Unternehmensregeln und -kultur Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit neu angesiedelten Firmen ausloten, um ihre Schwächen in dieser Hinsicht durch die Stärken ihrer Partner auszugleichen. Insbesondere für traditionelle Betriebe, die als Säulen der Wirtschaft Zhejiangs fungieren, ist es erforderlich, Kooperationen mit den weltweit führenden Unternehmen einzugehen. Zugleich müssen wir mit fremder Hilfe eigenständige Innovationen vornehmen und unsere diesbezüglichen Fähigkeiten erheblich steigern, indem wir Know-how von außen einführen, es internalisieren und zur Anwendung bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf lange Sicht bemühen wir uns um eine harmonische Koexistenz verschiedener Kulturen. Wollen wir immer neue Fortschritte machen, so müssen wir fremden Kulturen und Gedanken und insbesondere Fachkräften von außen Respekt zollen und Sorge für eine Gesellschaft tragen, in der alle im Rahmen der Gesetze und Regeln agieren, Startups gute Bedingungen vorfinden und in der ein Klima des Pluralismus und der Aufgeschlossenheit herrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorbilder zu schätzen wissen ==&lt;br /&gt;
20. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vorbilder haben massiven Einfluss auf Durchschnittsmenschen. Vorbildliche Menschen zu präsentieren und dadurch andere zur Nachahmung anzuspornen, gehört schon immer zu den wichtigen Arbeitsmethoden unserer Partei. Die ausgewählten Vorbilder zeigen, was nacheifernswert ist, und sie bestimmen, was erreicht werden soll. Dies hat. die Praxis bewiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An wem sollten wir uns also in der neuen Entwicklungsphase ein Beispiel nehmen? Manche schlagen Menschen vor, die sich selbst aus der Armut befreit und anderen zu Wohlstand verholfen haben; andere empfehlen Personen, die Pionierarbeit in ihrer Branche geleistet haben; und wieder andere sprechen sich für Kader aus, die in Bezug auf die Führungsarbeit in der Entwicklung sowie die Aufklärungsarbeit über Politik und Richtlinien der Partei Hervorragendes geleistet haben und dem Volk besonders nahestehen. Gewiss gilt es, für die soeben angeführten Vorbilder zu werben, damit andere sie sich zum Beispiel nehmen. Doch es ist sinnvoller, mustergültige Persönlichkeiten, die einen bestimmten Geist verkörpern, vorzustellen, damit dieser Geist weitergegeben und von immer mehr Menschen übernommen wird. Für Parteikader gilt es, die wichtigen Ideen des Dreifachen Vertretens mit Tatkraft zu praktizieren und dem Volk mit ganzer Seele zu dienen. Sie sind dazu verpflichtet, sich konsequent an den Grundsatz, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und im Namen des Volkes regiert, zu halten, ihre Macht im Interesse des Volkes auszuüben, im Herzen allezeit bei den Menschen zu sein und sich fortwährend für ihr Wohl einzusetzen. Ferner sollen sie stets mit der Zeit gehen sowie Avantgarde-Charakter und Volksverbundenheit zeigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zheng Jiuwan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zheng Jiuwan (geb. 1951) bekleidete seit 1986 mehrmals das Amt des Parteiskretärs des Dorfes Houjiujiang im Kreis Yongjia in der Provinz Zhejiang und wurde wegen seiner hervorragenden Arbeit vom Parteikomitee der Provinz Zhejiang mit dem Titel „Guter Parteisekretär im Dienst des Volkes“ ausgezeichnet. Er erwarb auch den Titel „Vorzeigemitglied der KP Chinas“.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist ein gutes Beispiel in der gegenwärtigen Periode dafür, den Avantgarde-Charakter der Mitglieder der KP Chinas unter Beweis zu stellen. Obwohl er keine außergewöhnlichen Leistungen vollbracht haben mag, erkennt man in seinen Taten doch Seelengröße und hohe Tugenden. Seine große Leistung besteht in seiner Hingabe an die Arbeit der vergangenen zwanzig Jahre. Seine Taten verbreiteten sich unter den Menschen von Mund zu Mund und fanden bei ihnen große Anerkennung. Zheng Jiuwan ist ein liebens-, ehren- und nachahmenswerter Parteikader.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zhejiang gibt es zudem zahlreiche Menschen, die durch anständige Arbeit zu Wohlstand gelangt sind und auch nicht wenige, die sich, nachdem sie selbst durch Fleiß reich geworden sind, für die Entwicklung ihrer Heimat und unserer Gesellschaft eingesetzt und darum bemüht haben, auch ihren Mitmenschen zu Wohlstand zu verhelfen. Über diese Menschen sollte viel berichtet werden. Zugleich gibt es in Zhejiang auch unterentwickelte Regionen, und wir sollten unser Augenmerk in Zukunft verstärkt auf Musterkader wie Zheng Jiuwan richten, die sich trotz schwieriger Bedingungen konsequent in den Dienst von Partei und Volk gestellt haben. Damit zielen wir darauf ab, durch Vorbilder erzieherisch und anspornend auf die Menschen einzuwirken, damit alle ihnen nacheifern, sie zu übertreffen suchen, selbst ein Beispiel geben und damit den Avantgarde-Charakter der Mitglieder der KP Chinas in allen Branchen und in der Ausführung aller Arbeiten erkennen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der wahre Geist zeigt sich in schwierigen Zeiten ==&lt;br /&gt;
21. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Mao Zedong sagte einst: „Was ist Arbeit? Arbeit bedeutet Kampf. An diesen Orten gibt es Schwierigkeiten und Probleme, zu deren Überwindung bzw. Lösung wir benötigt werden. Wir gehen dorthin zur Arbeit und zum Kampf, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Nur der ist ein guter Genosse, der umso williger an einen Ort geht, je größer dort die Schwierigkeiten sind.“&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Über die Verhandlungen in Tschungking&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke&#039;&#039;, deutsche Ausgabe, Band IV. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1968. S. 57-58.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zheng Jiuwan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; ist solch ein Kader. Seine Geschichte lehrt uns: Besonders in relativ armen Gebieten, unter schwierigen Umständen und in einer Zeit, in der Konflikte und Probleme hervorstechen, sind Führungskader und Parteimitglieder dazu verpflichtet, bei der Arbeit keine Mühe zu scheuen, immer in der vordersten Linie zu stehen, mit den Menschen Schulter an Schulter durch dick und dünn zu gehen und mit ihnen stets eine enge Verbindung zu pflegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Volksmund heißt es: „Es ist leichter, einander in schwierigen Zeiten beizustehen, als in guten Zeiten zusammenzuhalten.“ Da sich die wirtschaftliche Lage an vielen Orten mittlerweile merklich verbessert hat, sind einige Kader wählerisch geworden. Sie verlangen luxuriös eingerichtete Büros, Markenautos und Extravaganzen im Essen und Wohnen und bevorzugen erträgliche Posten, die nicht viel Einsatz erfordern. Obwohl sie Großes in ihrer Arbeit geleistet haben, verloren sie letztlich das Vertrauen des Volkes. Dies lehrt uns, dass wir eine Person dialektisch, dynamisch und umfassend beobachten müssen, bevor wir uns ein endgültiges Bild über sie machen. Um zu erkennen, wes Geistes Kind sie ist, soll man sowohl ihre Verfassung in guten Zeiten als auch ihren Willen in schlechten Zeiten unter die Lupe nehmen. Man darf ihre Fähigkeiten nicht nur danach beurteilen, wie sie sich verhält, wenn alles reibungslos verläuft, sondern auch danach, wie sie gegen Schwierigkeiten vorgeht. Und bei der Bewertung eines leitenden Kaders sind sowohl seine Arbeitsleistungen als auch seine Arbeitsmoral in Betracht zu ziehen. Dabei soll unser Augenmerk nicht nur darauf gerichtet werden, was er seinem Nachfolger hinterlassen hat, sondern auch auf die Ausgangsbasis seiner Arbeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Rahmen der Sache von Partei und Staat werden wir auf unterschiedlichen Stellen eingesetzt, und wir arbeiten unter verschiedenen Bedingungen und tragen unterschiedliche Verantwortung. Doch eins haben wir gemeinsam — wir sind dazu verpflichtet, uns für die Partei, den Staat und das Volk aufzuopfern. Dementsprechend sollen wir im „Geist der Schraube“&amp;lt;ref&amp;gt;Egal welchen Posten man hat, muss man seine Arbeit ernst nehmen, seine Sachkenntnisse ständig vertiefen und sich um hervorragende Leistungen bemühen.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit beiden Beinen auf der Erde stehen, bei der Arbeit stets unser Bestes geben und durch unsere Hingabe an die Arbeit anderen ein Beispiel geben und unserem Leben Sinn verleihen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wer selbst das Volk im Herzen trägt, gewinnt auch das Herz der Menschen ==&lt;br /&gt;
24. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Einwohner eines abgelegenen Dorfes haben innerhalb eines einzigen Tages über 60.000 Yuan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelt sich um ein kleines Dorf mit etwa 60 Haushalten, deren jährliches Pro-Kopf-Einkommen damals weniger als 2.500 Yuan betrug.&amp;lt;/ref&amp;gt; aufgebracht, um die Operation ihres lebensbedrohlich erkrankten Parteisekretärs Zheng Jiuwan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; zu finanzieren. Alle sagten: „Ich gebe gerne all mein Geld, um ihn zu retten, selbst wenn ich später betteln gehen muss.“ Als diese Geschichte bekannt wurde, stellten sich viele Kader die Frage: Wenn ich im Krankenbett läge, würden die Menschen dann für mich das Gleiche tun? Die einfachen Leute haben letztlich ihre eigenen Kriterien, nach denen sie die Beschaffenheit eines Kaders einstufen. Die Reaktion der Dorfbewohner spiegelt den großen Einsatz Zheng Jiuwans für sein Dorf. Seine Geschichte ist ein überzeugendes Argument dafür, dass die Kader im Herzen des Volkes genauso viel wiegen, wie das Gewicht des Volkes in ihrem Herzen ausmacht. Und darin liegt auch der Grund, warum wir Zheng Jiuwan als Musterkader würdigen und dafür werben, ihm nachzueifern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Verfolgt ein Herrscher stets die Interessen des Volkes, wird er alle Menschen um sich scharen.“ Bei der Geschichte Zheng Jiuwans geht es letztlich um nichts Geringeres als die grundlegende Zielsetzung der KP Chinas, nämlich dem Volk mit Leib und Seele zu dienen, um den Avantgarde-Charakter der Parteimitglieder und um die Frage, wie man die Zustimmung des Volkes gewinnen kann. Das Beispiel Zheng Jiuwans demonstriert, dass die einfachen Leute einen Parteikader im Herzen tragen, ihm Vertrauen schenken und Unterstützung gewähren werden, solange er immer an sie denkt und sich aufrichtig darum bemüht, ihnen Nutzen zu bringen, ihre realen Probleme zu lösen und sie von ihren Sorgen und Nöten zu befreien. Das Gleiche gilt auch für politische Parteien: Eine Partei wird erst dann an den Menschen eine treue Stütze haben und ihren Status behaupten können, wenn sie stets nach dem Volkswillen handelt, die Sympathie der Menschen genießt und ihnen Vorteile verschafft. Die Parteikader und das Volk stehen in einer Diener-Herr-Beziehung zueinander. Entfremdeten wir uns vom Volk, verlören wir unseren Rückhalt und brächten nichts zustande. Verletzten wir die Interessen des Volkes, triebe man uns von der Bühne der Geschichte. Wir als Kader der KP Chinas müssen also unsere Macht im Interesse des Volkes ausüben, die Menschen allzeit fest im Herzen tragen und uns fortwährend für ihr Wohl einsetzen, um eine gute Regierungsführung zu realisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wie sich einem Vorbild folgen lässt ==&lt;br /&gt;
26. Juni 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konfuzius sagte: „Unter drei Weggefährten findet sich sicher ein Lehrer.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt; Kenntnisse zu erwerben, ist eine Wissenschaft für sich, während es eine Tugend ist, sich an anderen ein Beispiel zu nehmen. Zum Lernen von anderen vertreten die Menschen unterschiedliche Ansichten. Tolerante Zeitgenossen neigen dazu, die Vorzüge der anderen zu entdecken, während spitzfindige Menschen den Hang haben, die Mängel anderer hervorzuheben. Bescheidene Menschen veredeln sich, indem sie dem Vorbild der anderen folgen, während sich arrogante Menschen beim Anblick der Schwächen anderer überlegen wähnen. Optimisten regt das gute Beispiel anderer zur Selbstverbesserung an, Pessimisten dagegen schämen sich für ihre Unzulänglichkeiten und geben sich selbst auf. Was und wie viel man von anderen lernt, hängt von der Einstellung und dem Blickwinkel der einzelnen Personen ab, egal ob man sich normale Menschen aus dem eigenen Umfeld oder gewürdigte Persönlichkeiten zum Vorbild nimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Leute sind der Meinung, dass Menschen mit Vorbildfunktion einem weder fachliche Kenntnisse beibringen noch zu Geld oder Karriere verhelfen können. Daher sei es nicht notwendig, ihnen nachzueifern. Diese Aussage ist nur scheinbar richtig, in Wirklichkeit entbehrt sie jeder Grundlage. Von vorbildlichen Menschen kann man eine Menge lernen. Die wichtigsten Dinge darunter sind ihre fortschrittliche Gesinnung, ihre guten Eigenschaften und ihre Arbeitsmethoden. Jiao Yulu&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; z. B. hat uns den Geist der leitenden Kader in der Anfangszeit der Volksrepublik China nähergebracht, nämlich sich ganz und gar der Arbeit zu widmen, sich in den Dienst des Volkes zu stellen, nicht vor schwierigen Bedingungen zurückzuschrecken und bei der Arbeit keine Mühe zu scheuen. Wir nehmen uns an Niu Yuru&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Niu Yuru (1952-2004) war Mitglied des Ständigen Ausschusses des Parteikomitees des Autonomen Gebiets Innere Mongolei und Parteisekretär Hohhots, der Hauptstadt der Inneren Mongolei. Er gehört zu den Musterkadern der KP Chinas in der neuen Entwicklungsphase.&amp;lt;/ref&amp;gt; ein Beispiel, weil er unbestechlich war, seinen Amtspflichten getreu nachkam und immer gerecht und selbstlos handelte. Dies alles macht einen Musterkader der KP Chinas aus. Wir sollten uns an Zheng Jiuwans&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; Einstellung zum Volk ein Vorbild nehmen. Es gilt demnach, die Menschen jederzeit im Herzen zu tragen, sie unter allen Umständen in den Vordergrund zu rücken, sich in der Arbeit auf sie zu stützen und stets ihre Interessen zu vertreten. Und von den Entwicklungserfahrungen aus Yiwu können wir lernen, dass man von den gegebenen Verhältnissen ausgehen und innovativ arbeiten muss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Man lernt, um seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu erweitern, wie man ein Messer schleift, um es zu schärfen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Liu Xiang: &#039;&#039;Garten der Abhandlungen&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Wir müssen uns an Vorbildern orientieren und uns durch kleine Verbesserungen Zug um Zug veredeln, damit wir uns ihnen im Handeln und Verhalten annähern, sie übertreffen und mit unserem beispielhaften Benehmen neue Maßstäbe setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dörfer neuen Typs nach der Idee der wissenschaftlichen Entwicklung aufbauen ==&lt;br /&gt;
06. September 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs ist eine lebendige Praxis zur Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung auf dem Land. In Übereinstimmung mit dieser Entwicklungsanschauung müssen wir den Menschen stets in den Mittelpunkt stellen, eine wissenschaftliche Entwicklung anstreben und uns mit dem brennenden Wunsch der Bauern nach besseren Produktions-, Lebens- und Umweltbedingungen identifizieren. Die Landbewohner sollen beim Aufbau neuartiger Dörfer als Hauptakteure auftreten, während die Partei und die Regierung eine führende Rolle spielen, indem sie Pläne entwickeln, gezielte Investitionen vornehmen, Richtlinien erlassen und Reformen einleiten. Es kommt darauf an, wissenschaftliche Entscheidungen und Maßnahmen zu treffen und diese unter Anwendung wissenschaftlicher Methoden zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Projekt „Aufbau von tausend Vorzeigedörfern und Umgestaltung von zehntausend Dörfern“ ist ein wichtiger Bestandteil der Strategie zum Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs. Bei der Durchführung dieses Projekts gilt es, die städtische und die ländliche Entwicklung sowie die wirtschaftliche und die gesellschaftliche Entwicklung zu integrieren. Mit der Umgestaltung von Dörfern und dem Aufbau von Vorzeigedörfern als Ansatzpunkt müssen wir sowohl für eine bessere Dorfumgebung als auch für eine entwickelte Wirtschaft auf dem Land sorgen und die Bebauungspläne der einzelnen Dörfer an die Gesamtkonzepte für den Ausbau der Infrastruktur, die Entwicklung des Sozialwesens und die Vervollständigung der öffentlichen Dienstleistungen in den ländlichen Regionen angleichen. Zugleich gilt es, dieses Projekt durch die Werteerziehung der Bauern sowie die Förderung der politischen Demokratie und des Aufbaus der Parteiorganisationen auf dem Land zu beflügeln. Nur so können die geistige Substanz und der wissenschaftliche Sinn des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs vollständig zum Ausdruck gebracht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Beim Aufbau von Dörfern neuen Typs die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigen ==&lt;br /&gt;
08. September 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs kommt es darauf an, in Übereinstimmung mit den lokalen Gegebenheiten Maßnahmen zu treffen und Empfehlungen zu entwickeln, die stimulierende und beispielgebende Funktion von Musterbeispielen zu entfalten sowie Beschlüsse demokratisch zu fassen und ordnungsgemäß auszuführen. Das Projekt „Aufbau von tausend Vorzeigedörfern und Umgestaltung von zehntausend Dörfern“ ist unter den gegebenen Umständen unserer Provinz eine nur konsequente Entscheidung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang hat eine gute Ausgangsbasis, was die Arbeit in Bezug auf Landwirtschaft, ländliche Gebiete und Landbewohner betrifft. Von daher müssen wir beim Aufbau von Dörfern neuen Typs höhere Anforderungen an uns stellen und landesweit eine führende Rolle spielen. Kurzfristig sollen die diesbezüglichen Maßnahmen dazu dienen, den Aufbau einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand in Zhejiang vorzeitig abzuschließen, und langfristig gesehen sollen sie mit der Modernisierung unserer Provinz Schritt halten. Ziel ist nicht nur, die Wirtschaft auf dem Land auf ein höheres Niveau zu bringen, sondern auch die Lebensbedingungen der Landbewohner zu verbessern. Im nationalen Vergleich soll Zhejiang seine Vorzüge und seinen Vorsprung in der Entwicklung unterstreichen. Und auch einzelne Regionen unserer Provinz sollen dabei ihre jeweiligen Besonderheiten und ihren Entwicklungsstand hervorheben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dörfer in Zhejiang sind finanziell in der Lage, sich ein Image aufzubauen, das ihrem tatsächlichen Entwicklungsniveau entspricht, und müssen dies auch tun. Dies ist Teil des Aufbaus von Dörfern neuen Typs, ein Erfordernis der gegenwärtigen Entwicklungsphase und stimmt mit dem Wunsch der Bauern nach einer besseren Lebensqualität überein. In diesem Sinne stellt das Projekt „Aufbau von tausend Vorzeigedörfern und Umgestaltung von zehntausend Dörfern“ die vorrangige Aufgabe unserer Provinz im Rahmen des Aufbaus sozialistischer Dörfer neuen Typs dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Örtliche Besonderheiten schon in der Planungsphase berücksichtigen ==&lt;br /&gt;
11. September 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wissenschaftliche Bebauungspläne legen die Grundlagen für den Aufbau sozialistischer Dörfer neuen Typs und bestimmen die Entwicklungsrichtung und den Standard neuer ländlicher Wohnviertel. Bei der Umgestaltung der Dörfer müssen sowohl die Baukosten als auch die Qualität der Bebauungspläne bedacht werden. Mit den Plänen sollen qualifizierte Anstalten betraut werden. Wir dürfen keine minderwertigen Entwürfe dulden und erst recht keine Improvisation oder Leichtfertigkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Planung des Aufbaus neuartiger Dörfer kommt es darauf an, unter Zugrundelegung der integrierten Entwicklung von Stadt und Land die Urbanisierung neuen Typs und den Aufbau von Dörfern neuen Typs einheitlich zu fördern sowie die Pläne für die städtebauliche Entwicklung und die Umgestaltung der Dörfer miteinander zu koordinieren. Insbesondere gilt es, die geografischen und kulturellen Merkmale der ländlichen Wohnviertel hervorzuheben, um charakteristische, geschmackvolle Dörfer mit eigenem Charme zu errichten. Auf der Makroebene müssen wir auf Unterschiede zwischen entwickelten und unterentwickelten Regionen, zwischen Berg-, Flach- und Hügelland bzw. Küsten und Inselgebieten sowie zwischen städtischen Vororten und landwirtschaftlich geprägten Regionen achten. Auf der Mikroebene sollten wir dafür sorgen, dass alle Dörfer ein eigenes Gepräge aufweisen, anstatt in blinden Wettbewerb zu treten oder fremde Modelle unreflektiert zu kopieren. Wir dürfen weder übertriebenen Wert auf die Größe der Dörfer legen noch nach Extravaganz streben, auch dürfen wir nicht alles über einen Kamm scheren, damit unsere Provinz in Zukunft immer mehr wohlhabende und schöne Dörfer voller Vitalität und Charme hat. Ferner müssen unsere Pläne dem Status Zhejiangs als Spitzenreiter beim Aufbau von Dörfern neuen Typs und dem Image der Provinz als eine Region, wo Milch und Honig fließen und wunderschöne Wasser- und Berglandschaften zu bewundern sind, entsprechen und dem Maßstab für neue ländliche Wohnviertel, der vorsieht, dass sich traditionelle Sitten und Gebräuche organisch mit moderner Kultur verbinden, gerecht werden. Alle Dörfer müssen also einen eigenen Weg beschreiten, um ihr Antlitz zu polieren und ihren Wohlstand zu heben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Harte Bedingungen schaffen fähige Kader ==&lt;br /&gt;
13. September 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mengzi&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mengzi (ca. 372-289 v. Chr.) war ein Denker, Politiker und Pädagoge in der Zeit der Streitenden Reiche.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte einmal: „Wem Gott ein großes Amt anvertrauen will, dem schafft er sicher erst Bitternis in Herz und Willen, er schafft Mühsal seinen Nerven und Knochen, er lässt durch Hunger seinen Leib leiden und bringt sein Leben in äußerste Not. Er verwirrt und stört ihm seine Werke. So erregt er seinen Geist und macht duldsam sein Wesen und legt ihm zu, was ihm an Fähigkeit gebricht.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Mengzi&#039;&#039;, in der Übersetzung von Richard Wilhelm.&amp;lt;/ref&amp;gt; Han Fei&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Han Fei (ca. 280-233 v. Chr.) war ein Hauptvertreter des Legalismus in der Zeit der Streitenden Reiche.&amp;lt;/ref&amp;gt; schrieb: „Auch der Kanzler muss von ganz unten in einer Präfektur anfangen, und auch ein Ehrfurcht gebietender General ist einmal ein einfacher Soldat gewesen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Han Feizi&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; In Geschichte wie Gegenwart haben sich namhafte Militärs und Politiker größtenteils unter schwierigen Umständen gestählt. Harte Bedingungen stellen die Beharrlichkeit der Kader auf die Probe und stärken ihren Willen. Unterentwickelte Regionen, Ressorts mit komplexen Aufgaben sowie Gebiete, die mit vielen Herausforderungen und Schwierigkeiten aufwarten, bringen oft fähige Kader hervor und sollen auch mit tüchtigen besetzt werden. Kader, die in diesen Orten bzw. Bereichen mit ihren Mitarbeitern und den einfachen Leuten durch dick und dünn gegangen sind, durch harte Arbeit große Leistungen erbracht und die Aufträge der Parteiorganisation zufriedenstellend ausgeführt haben, verdienen unsere Anerkennung. Und in diesem Prozess werden auch ihr politisch-theoretisches Niveau und ihre Fähigkeiten ständig gesteigert. Diejenigen dagegen, die auf Bequemlichkeit aus sind und nicht in diesen Orten bzw. Bereichen arbeiten wollen, oder die Übernahme eines Amtes dort an bestimmte Forderungen und Bedingungen knüpfen, launisch reagieren und ihrer Arbeit nicht die gebührende Aufmerksamkeit widmen, werden den Erwartungen von Partei und Volk nicht gerecht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Widerspruch zwischen Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz lösen ==&lt;br /&gt;
15. September 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz sind im Rahmen des traditionellen Entwicklungsmodells Gegensätze, die einander bedingen und eine widerstreitende Einheit bilden. Die Umwelt-Kuznets-Kurve, eine Hypothese aus der Umweltökonomik, besagt, dass Umweltbelastungen in einer sich entwickelnden Volkswirtschaft zunächst mit der Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens bis zum Gipfel (Wendepunkt) zunehmen und dann mit weiterer Einkommenserhöhung wieder eine abnehmende Tendenz zeigen, sodass sich die Umwelt verbessern und wieder erholen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Überlegenheit der unterentwickelten Regionen unserer Provinz liegt in ihren „klaren Flüssen und grünen Bergen“, ihre Unterlegenheit besteht dagegen im Mangel an „Gold- und Silberbergen“. Für sie ist es deshalb von besonderer Bedeutung, sich bewusst mit der Umwelt-Kuznets-Kurve auseinanderzusetzen und den Eintritt der sogenannten Wende zu beschleunigen. Doch man muss insbesondere vermeiden, infolge des Missverständnisses, dass sich die Umweltqualität nach besagter Wende automatisch mit dem Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens und des Wohlstands verbessern wird, der Umweltverschmutzung und der ökologischen Zerstörung untätig gegenüberzustehen. Dieses Missverständnis wird nur dazu führen, dass wir dem schlechten Vorbild einiger entwickelter Regionen folgen, indem wir entweder die Umwelt um des wirtschaftlichen Nutzens willen zunächst zerstören, um erst später Gegenmaßnahmen zu treffen, oder alte Schadstoffe in der Natur zu entsorgen versuchen und die Natur zugleich mit neuen belasten. Schließlich werden wir weder unsere „klaren Flüsse und grünen Berge“ bewahren noch zu „Gold- und Silberbergen“ gelangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die unterentwickelten Regionen haben keine andere Wahl, als sich auf die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung auszurichten, die Politik, dass Umweltschutz Vorrang hat, gut umzusetzen und einen technologieorientierten, ressourcenschonenden und umweltfreundlichen Entwicklungsweg zu beschreiten. Erst dann werden sie in der Lage sein, ihre natürliche Umwelt dem Wirtschaftswachstum zugutekommen zu lassen, anstatt sie für dieses zu opfern. Nur so können sie einen Ausweg aus dem Dilemma, dass Wirtschaftsentwicklung und Umweltschutz nicht kompatibel sind, finden und beide auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Sie werden es dann tatsächlich schaffen, den wirtschaftlichen und den ökologischen Aufbau gemeinsam zu fördern, ihre Konkurrenzfähigkeit in Wirtschafts- und Umweltbelangen gleichzeitig zu steigern sowie die Entwicklung der materiellen und der ökologischen Zivilisation parallel voranzutreiben, sodass sie zu neuen Wachstumsmotoren für unsere Wirtschaft werden und zugleich einen Beitrag zum ökologischen Aufbau Zhejiangs leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gesellschaftliche Entwicklung als Schlüssel zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft ==&lt;br /&gt;
09. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Rahmen der Gesamtplanung für den Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung in vier Schlüsselbereichen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die vier Bereiche umfassen die Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft. Auf dem 18. Parteitag der KP Chinas im November 2012 wurde der Aufbau einer ökologischen Zivilisation in die Gesamtplanung für die Sache des Sozialismus chinesischer Prägung aufgenommen, sodass wir heute von der Gesamtplanung der Entwicklung in fünf Schlüsselbereichen sprechen.&amp;lt;/ref&amp;gt; fällt die Gestaltung einer harmonischen Gesellschaft in den Bereich der gesellschaftlichen Entwicklung. Was die Beziehungen zwischen diesen vier Schlüsselbereichen anbelangt, so gelten einerseits die Entwicklung und der Fortschritt der Gesellschaft als endgültiges Ziel der Wirtschaftsentwicklung, wobei die allseitige Entwicklung des Menschen im Mittelpunkt steht. Andererseits ist die gesellschaftliche Entwicklung im Prozess des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand ein endogener Faktor und integraler Bestandteil der Wirtschaftsentwicklung. Erfahrungen der entwickelten Länder haben gezeigt, dass mit fortschreitender wirtschaftlicher Entwicklung die Vermehrung des Wohlstands zunehmend vom Fortschritt in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Technik, Kultur, Gesundheit, Sport und Umweltschutz abhängt und in eine Anhäufung sozialen Kapitals, darunter geistiges Eigentum, Marken und Wertvorstellungen, und schließlich in die Entwicklung des Menschen mündet. Deswegen muss der gesellschaftlichen Entwicklung in der Phase des umfassenden Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand und auch weit über diese Zeit hinaus mehr Nachdruck verliehen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was die strategische Planung des Parteikomitees unserer Provinz betrifft, so beinhaltet auch die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; viele die gesellschaftliche Entwicklung betreffende Inhalte. Und bei den Strategien zum Aufbau eines sicheren Zhejiang, einer Kulturprovinz und eines rechtsstaatlichen Zhejiang geht es ebenfalls ausnahmslos um gesellschaftliche Fragen. Bei der Vertiefung des Aufbaus eines sicheren Zhejiang und der Förderung des Aufbaus einer harmonischen Gesellschaft müssen wir mit Blick auf eine allseitige Entwicklung der Gesellschaft und des Menschen die gesellschaftliche Entwicklung und Governance forcieren, das Sozialwesen mit Tatkraft entwickeln und den Fortschritt in allen Gesellschaftsbereichen fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Widersprüche an der Basis mithilfe der Basisdemokratie überwinden ==&lt;br /&gt;
11. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Mao Zedong hat in seiner Schrift Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk die Feststellung getroffen, dass Widersprüche im Volk auf demokratischem Wege zu lösen sind. Diese Feststellung gilt bis heute als wichtiger Hinweis, wenn wir uns mit der Beziehung zwischen der Demokratie auf Basisebene und der gesellschaftlichen Harmonie beschäftigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soziale Konflikte rühren von der Basis der Gesellschaft her, und dort findet man auch guten Boden für ihre Lösung. Die sozialen Konflikte von heute, obwohl sie kompliziert und mannigfaltig vorkommen, sind ihrem Wesen nach größtenteils Widersprüche im Volk. Im Umgang mit ihnen müssen wir uns unbeirrbar an den Grundsatz halten, Konflikte an der Basis mithilfe der Basisdemokratie beizulegen. Es lässt sich von daher sagen, dass die Förderung der Basisdemokratie eine Garantie für die politische Stabilität und die gesellschaftliche Harmonie im Land bietet. Je vollständiger die Basisdemokratie ist, desto weniger Widersprüche wird es in der Gesellschaft geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollen die Parteiorganisationen und die Kader der Basisebene einen größeren Beitrag zum Aufbau einer harmonischen sozialistischen Gesellschaft leisten, so müssen sie besser in der Lage sein, Konflikte auf demokratischem Wege zu lösen, indem sie sich bewusst an demokratischen Prinzipien orientieren, ihren Führungsstil ständig dementsprechend anpassen und innovative Arbeitsmethoden anwenden. Sie sollten politische, wirtschaftliche, administrative und rechtliche Mittel sowie demokratische Konsultationen in die Waagschale werfen und dafür sorgen, dass Widersprüche schon auf der Basisebene bzw. im Ansatz aufgelöst werden und sich nicht weiter ausweiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sicherheit hat oberste Priorität in der wissenschaftlichen Entwicklung ==&lt;br /&gt;
13. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Idee der sicheren Entwicklung ist bereits in die Gesamtplanung zur Förderung der sozialistischen Modernisierung aufgenommen worden. Genosse Hu Jintao betonte mit Nachdruck: „Wir dürfen weder die geistige Zivilisation noch die Umwelt für unsere Entwicklung opfern, geschweige denn das Leben der Menschen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Hu Jintao: &#039;&#039;Den Menschen in den Mittelpunkt stellen und für eine sichere Entwicklung sorgen&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Hu Jintao, Ausgewählte Schriften&#039;&#039;, Band 2. People’s Publishing House, Beijing 2016. S. 432,&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Aussage führt uns zu der Erkenntnis, dass im Rahmen einer wissenschaftlichen Entwicklung die Sicherheit an erster Stelle stehen muss, dass man in Übereinstimmung mit dem Grundsatz, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, dem Menschenleben höchste Priorität einräumen soll und dass eine sichere Entwicklung nichts anderes bedeutet, als das Menschenleben zu respektieren und zu schützen. Eine Entwicklung auf Kosten des Lebens und der Gesundheit der Menschen gilt als ungesund, unmoralisch und unharmonisch und ist keine Entwicklung im wahren Sinne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Zhejiang gibt es viele kleine und mittelständische Betriebe, die sich über die ganze Provinz verstreuen, weshalb wir hinsichtlich der sicheren Entwicklung unter großem Druck stehen. Es liegt uns deshalb viel daran, die Umsetzung der Idee der sicheren Entwicklung zu einer strategischen Aufgabe im Rahmen der sozioökonomischen Entwicklung zu erheben. Sicherheit stellt die Basis, die Voraussetzung und die Garantie für unsere Entwicklung dar. Alle Sektoren, Branchen und Betriebe müssen den Sicherheitsschutz ständig verbessern, die Zahl der Arbeitsunfälle kontinuierlich reduzieren und das Leben und die Gesundheit der Erwerbstätigen effektiv schützen, um solide Grundlagen für ihre Entwicklung zu schaffen, den Standard des Arbeitsschutzes dem Niveau der sozioökonomischen Entwicklung anzupassen und auf Basis der Sicherheit eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Wir sollten durch gemeinsame Bemühungen aller Seiten dafür sorgen, dass Beschäftigte in Sicherheit arbeiten, Konsumenten sichere Dienstleistungen genießen und die Menschen ein Gefühl der Sicherheit haben, sodass in unserer Gesellschaft wirklich eine wissenschaftliche, harmonische und sichere Entwicklung herbeigeführt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Führungswechsel stellen leitende Kader auf die Probe ==&lt;br /&gt;
20. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig werden bei uns von unten nach oben neue Parteikomitees auf allen Ebenen gewählt. Das führt bestimmt zu Amtsänderungen vieler leitender Kader. Dabei werden nicht nur ihr Parteigeist und Verantwortungsbewusstsein auf die Probe gestellt, sondern auch die Wirkung der Erziehungskampagne zur Wahrung des Avantgarde-Charakters der Parteimitglieder. Woran erkennt man den Avantgarde-Charakter der Parteimitglieder? Und wie können leitende Kader ihren Parteigeist unter Beweis stellen? Beim Führungswechsel spiegelt sich dies in konzentrierter Weise darin wider, dass die leitenden Kader eine richtige Einstellung zum Auf und Ab in ihrer Beamtenlaufbahn an den Tag legen, der Änderung ihrer Ämter gelassen gegenüberstehen und von Unmut, Schlaffheit und Nachlässigkeit Abstand nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beförderte Kader sollen eine gute geistige Verfassung sowie Pionier- und Unternehmungsgeist zeigen und auf höheren Posten neue Leistungen vollbringen, um den Erwartungen von Partei und Volk gerecht zu werden. Wer zurückgestuft wurde, sollte sich bei guter Laune halten, sich der Gesamtlage fügen und darauf vorbereiten, jüngeren Kollegen den Staffelstab, der Sache der Partei zu dienen, zu übergeben, sowie ihren Dienstpflichten gewissenhaft nachkommen. Im Amt verbliebene Kader sollen ihren Arbeitseifer bewahren, sich durch erbrachte Leistungen zu neuen Taten beflügeln lassen, ihre Mängel beheben, ihr Denken stets an die Zeit anpassen und sich ganz ihrer Arbeit widmen, um in der kommenden Amtszeit neue Durchbrüche zu erreichen. Wer versetzt wurde, muss sich die Ansicht, dass man dem Volk allerorts und in jeder Position dienen kann, zu eigen machen und das neue Amt mit Eifer ausüben, um sich durch hervorragende Arbeitserfolge an der neuen Stelle hervorzutun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Mut und Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme zeigen ==&lt;br /&gt;
24. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gilt als unsere konsequente Position und Maßnahme, leitende Kader, die beherzt Verantwortung auf sich nehmen und sich zugleich darauf verstehen, ihren dienstlichen Verpflichtungen getreu nachzukommen, zu unterstützen, sie zu schützen und auf Schlüsselposten einzusetzen; wer dagegen weder den Mut noch den Willen hat, Verantwortung zu tragen, und sogar seine Amtspflichten vernachlässigt, wird Kritik, Erziehung und Strafe ausgesetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für leitende Kader ist es ein Muss, mutig Verantwortung zu übernehmen. Im alten China hieß es: „Einem verantwortungslosen Beamten ist lebenslange Schande sicher.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus einem Gedicht von Yuan Haowen (1190-1257), Literat und Historiker der Jin-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Ein Beamter ist dazu verpflichtet, sein Amt gewissenhaft auszuüben und die Angelegenheiten seiner Zuständigkeit mit Eifer anzupacken.“ Da die leitenden Kader mit großer Verantwortung betraut sind, müssen sie bereit sein, zur Erfüllung ihrer Dienstpflichten schwere Aufgaben in Angriff zu nehmen. Dies erfordert, dass sie wagemutig, verantwortungsvoll und eifrig agieren und sich für Verantwortungslosigkeit und Untätigkeit zur Vermeidung von Fehlern schämen. Sie müssen von der negativen Einstellung Abstand nehmen, nur sichere Entscheidungen zu treffen und vor jedem Schritt stets akribisch alle Vor- und Nachteile abzuwägen bzw. große Bedenken zu tragen, und sie dürfen sich nicht davor scheuen, Risiken auf sich zu nehmen, für ihre Taten geradezustehen, andere vor den Kopf zu stoßen oder sich Vorwürfen auszusetzen. Ein vollwertiger leitender Kader pflegt Problemen, Schwierigkeiten und Risiken ins Auge zu sehen, wagt es, sich schwierigen Aufgaben und schwerer Verantwortung zu stellen, und versteht sich darauf, aus seinen Fehlern eine Lehre zu ziehen und diese zu berichtigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kühnheit und Entschlossenheit, Verantwortung zu übernehmen, sind an sich zwar schon lobenswert, doch letztlich kommt es darauf an, seiner Verantwortung auch gerecht zu werden. Hierzu sind wissenschaftliche Denk- und Arbeitsweisen erforderlich. Ein verantwortungsvoller leitender Kader hat das Zeug, seinen Posten zuverlässig auszufüllen, überschreitet aber keinesfalls seine Kompetenzen und nimmt Abstand von Blindheit und Leichtfertigkeit. Im Umgang mit Widersprüchen und Problemen geht er stets strategisch vor, zeigt sowohl Mut als auch Takt, sorgt für gerechte und vorteilhafte Lösungen und weiß diese in Schranken zu halten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der höheren Instanz und dem Volk gleichermaßen verantwortlich sein ==&lt;br /&gt;
26. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Verantwortlichkeiten der leitenden Kader gegenüber ihrer übergeordneten Instanz sowie gegenüber dem Volk sind miteinander vereinbar und untrennbar. Wer der Partei verantwortungsvoll dient, erfüllt auch seine Verpflichtungen gegenüber dem Volk und umgekehrt. Beide Verantwortungen erfordern, die Sache von Partei und Volk ernst zu nehmen, und entsprechen in ihrem Wesen der Forderung, dass die KP Chinas keine anderen als die öffentlichen Interessen vertritt und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes ausübt. Wer sich bei der Arbeit stets darum bemüht, sowohl die höhere Instanz als auch die einfachen Leute zufriedenzustellen, ist in der Lage, seinen Amtspflichten getreu nachzukommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um diesen beiden Verantwortungen gerecht zu werden, müssen sich die leitenden Kader erstens darauf einstellen, Theorie und Praxis zu verbinden, sowohl den Sinn der Anweisungen der übergeordneten Instanz zu begreifen als sich auch über die Gegebenheiten an der Basis ins Bild zu setzen sowie die Beziehungen zwischen der Makro- und der Mikroebene und zwischen Allgemeinem und Speziellem vernünftig zu behandeln. Wenn man im Umgang mit Verordnungen von oben und den Anliegen der Basis sowie der einfachen Leute Dogmatismus walten lässt, kann von verantwortungsvollem Arbeiten keine Rede sein. Wer so arbeitet, füllt seinen Posten nur halbherzig aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum zweiten sollten wir das Ziel verfolgen, unsere Macht im Interesse des Volkes auszuüben, die Menschen allzeit fest im Herzen zu tragen und uns fortwährend für ihr Wohl einzusetzen. Bei all unserer Arbeit müssen wir davon ausgehen, die vitalen Interessen der überwiegenden Mehrheit des Volkes wahrzunehmen und zu schützen, und uns bewusst sein, dass wir unsere Macht dem Volk verdanken, dass all unsere Bemühungen dem Volk zugutekommen müssen und dass unser endgültiges Ziel darin liegt, unsere Verpflichtungen gegenüber dem Volk zu erfüllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum dritten müssen wir Entscheidungen und Anweisungen von oben entschieden ausführen, indem wir die Absichten der oberen Instanz richtig verstehen, Untersuchungen vor Ort durchführen und mit Innovationsgeist wie auch in Übereinstimmung mit den örtlichen Gegebenheiten agieren. Die leitenden Kader müssen einerseits ihr Bestes geben, ihre Amtspflichten vollständig zu erfüllen, und dürfen ihre Probleme und ihre Verantwortlichkeiten nicht einfach auf höher angesiedelte Behörden abwälzen. Andererseits müssen sie ein Auge auf die Arbeit ihrer Untergebenen haben und sie mit Rat und Tat unterstützen. Sie sollen die Richtlinien und Verfügungen von oben weder dogmatisch befolgen bzw. den Geist von Sitzungen und Dokumenten der übergeordneten Instanzen lediglich durch Sitzungen und Dokumente durchsetzen, noch dürfen sie sich unter dem Vorwand, die kurzfristigen Interessen eines Ortes und seiner Menschen wahrzunehmen, ihrer Verantwortung entziehen bzw. versuchen, diese anderen in die Schuhe zu schieben, protektionistische Maßnahmen ergreifen oder richtige Richtlinien und Dekrete von oben boykottieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die kulturell geprägte Wirtschaft ist ein Glanzpunkt Zhejiangs ==&lt;br /&gt;
30. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Begriff der kulturell geprägten Wirtschaft meinen wir die Ökonomisierung der Kultur und die Ausstattung der Wirtschaft mit kulturellen Inhalten. Im Grunde genommen bezieht er sich auf die Interaktion und die integrierte Entwicklung von Kultur und Wirtschaft, welche auch in Zhejiang ein auffälliges Merkmal der Reform und Entwicklung darstellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zhejianger haben von alters her ein feines Gefühl dafür, die Wirtschaftsfaktoren und Geschäftschancen, die sich in ihren kulturellen Traditionen verbergen, auszuschöpfen und verstehen sich zudem darauf, wirtschaftlichen Aktivitäten kulturelle Bedeutung zu verleihen bzw. die Wirtschaftsentwicklung durch die Kraft der Kultur zu beflügeln. Auch in der Gegenwart haben die Zhejianger ein Händchen dafür, das Image lokaler Produkte durch Kulturelemente aufzubessern und dadurch ihren Wert zu steigern, und sie streben bei kulturellen Veranstaltungen und Festivals sowohl nach wirtschaftlichem als auch nach gesellschaftlichem Nutzen. Die Zhejianger machen sich zudem das Kulturerbe für den Imageaufbau und die Entwicklung der Städte zunutze und legen großen Wert darauf, Städte mit typisch südchinesischem Flair sowie kulturell bedeutende Städte zu schützen und weiterzuentwickeln. Außerdem sind sie sehr erfolgreich darin, mithilfe volkstümlicher Traditionen die lokale Wirtschaft zu entwickeln und zu stärken. Die Ursprünge der Bekleidungsindustrie von Ningbo beispielsweise liegen in der Kunstfertigkeit der Schneider aus Fenghua.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Fenghua ist ein Bezirk der Stadt Ningbo. Die Schneider aus Fenghua machten sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen Namen durch ihre hervorragenden Fertigkeiten, Kleider westlichen Stils zu nähen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Stadt Wenzhou war schon im Altertum für ihr reiches Warenangebot und ihre geschäftstüchtigen Einwohner bekannt. Heute ist sie eine Produktionsbasis für Lederschuhe, Niederspannungsprodukte, Feuerzeuge und Brillen. Und die Stadt Yiwu, die sich in den 1960er und 1970er Jahren durch ihre zahlreichen fliegenden Händler, die oft mit einer Klapper um Kundschaft warben, einen Namen gemacht hat, ist mittlerweile zum weltgrößten Markt für Kleinwaren avanciert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Wesen der kulturell geprägten Wirtschaft liegt in der Integration von Kultur und Wirtschaft, wobei der Mensch die entscheidende Rolle spielt. Deshalb müssen wir bei der Förderung dieser Wirtschaft den Menschen stets in den Mittelpunkt stellen und uns bemühen, den Anforderungen der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung gerecht zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zhejianger beflügeln allerorts die Wirtschaft ==&lt;br /&gt;
01. November 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Beginn der Reform und Öffnung haben sich Menschen aus Zhejiang in alle Landesteile aufgemacht, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Die Zhejianger sind davon überzeugt, dass sich überall Geschäftschancen bieten und dass der Markt keine Grenzen kennt. Deshalb sind heute Geschäftsleute aus Zhejiang in allen Ecken und Winkeln Chinas tätig. Dieses Phänomen wird als „Wirtschaft der Zhejianger“ bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inhaltlich unterscheidet sich diese Wirtschaft stark von der Wirtschaft Zhejiangs. Um es verständlicher zu machen: Die Wirtschaft Zhejiangs bezieht sich auf die von Einheimischen und Zugereisten innerhalb der Grenzen unserer Provinz erwirtschaftete Wirtschaftsleistung, während man unter der „Wirtschaft der Zhejianger“ die von Zhejiangern innerhalb wie auch außerhalb unserer Provinz erbrachte Wirtschaftsleistung versteht. Die Erstere fällt in die Kategorie der regionalen Wirtschaft, wobei die geografischen Grenzen ausschlaggebend sind, und wird am Bruttoinlandsprodukt unserer Provinz bemessen; die Letztere richtet sich nach den Menschen, ist daher eher kulturell geprägt und schlägt sich statistisch im Bruttonationalprodukt nieder. Die Koexistenz beider Begriffe zeigt, dass unser wirtschaftliches Entwicklungsmodell nicht nur den Wohlstand in Zhejiang gehoben hat, sondern auch einen Beitrag zur Entwicklung der chinesischen, ja sogar der Weltwirtschaft leistet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was macht die „Wirtschaft der Zhejianger“ so erfolgreich? Eines ihrer Geheimnisse liegt darin, dass die Geschäftsleute aus Zhejiang nicht nur den Mut haben, an fremden Orten eine Existenz zu gründen, sondern auch Vertrauenswürdigkeit und Kooperationsbereitschaft beweisen. Sie haben sich zu einflussreichen Zünften zusammengeschlossen, um für ihre „kleinen Produkte“ größere Marktanteile zu gewinnen. Dass sie sowohl gute Einzelkämpfer als auch vertrauenswürdige Kooperationspartner sind, gehört zu den großen Vorzügen der Zhejianger wie auch zu den wichtigsten Voraussetzungen für die Entstehung und das ständige Wachstum der „Wirtschaft der Zhejianger“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zhejiang ist mittlerweile in eine entscheidende Entwicklungsphase eingetreten, in der nicht nur „angeborene Fehler“ zutage getreten sind, sondern es auch „Wachstumsschmerzen“ zu begegnen gilt. Es ist eine dringliche Aufgabe für uns, neue Auswege und Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen. Die Erfahrungen der „Wirtschaft der Zhejianger“ lehren uns, dass wir uns zur Sicherung einer schnelleren und besseren Entwicklung in der neuen Phase sowohl auf die heimische Wirtschaft konzentrieren als auch unser Augenmerk auf die Welt außerhalb der Provinzgrenzen richten müssen, damit Zhejiang mit seiner guten Ausgangsbasis die bisherige Entwicklung fortsetzen und auch in Zukunft mit einer nachhaltigen Entwicklung rechnen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fragen sind Mottos der Zeit ==&lt;br /&gt;
24. November 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Karl Marx hat einmal darauf hingewiesen: „Die Fragen sind die offenen, rücksichtslosen, über alle einzelnen Individualitäten-übergreifenden Stimmen einer Zeit, es sind ihre Mottos, es sind die höchst praktischen Ausrufe über ihren eignen Seelenzustand.“&amp;lt;ref&amp;gt;Karl Marx: &#039;&#039;Die Zentralisationsfrage in bezug auf sich selbst und in bezug auf das Beiblait der „Rheinischen Zeitung“ zu Nr. 137&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Karl Marx, Friedrich Engels, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil&#039;&#039;. Dietz Verlag, Berlin 1968. 5. 379.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es ist allgemein bekannt, dass jede Zeit ihre Probleme hat. Wenn man diese Probleme wissenschaftlich studiert, einen richtigen Blick für sie entwickelt und zuverlässige Lösungen findet, wird man in der Lage sein, die gesellschaftliche Entwicklung ständig vorwärtszubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft ist ein Prozess, in dem Lösungen für Probleme der gegenwärtigen Zeit gefunden werden müssen. Die besonderen Merkmale unseres Landes in dieser Zeit bestimmen, dass wir im Verlauf dieses Prozesses vielen sozialen Problemen, die in anderen Zeiten und Ländern nie dagewesen sein mögen, gegenüberstehen werden. Die größten Fragen in der Gegenwart treten vor allem in den Bereichen Beschäftigung, soziale Sicherung, koordinierte Entwicklung, Einkommensverteilung, Arbeitssicherheit und öffentliche Sicherheit auf, die die vitalen Interessen des Volkes direkt betreffen. Diese Fragen sind die „Mottos“ und „Ausrufe“ unserer Zeit und ihre Bewältigung stellt die Voraussetzung für die Schaffung einer harmonischen Gesellschaft dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt uns viel daran, diese Fragen unter Berücksichtigung der Entwicklungsphase und der Gesamtsituation zu betrachten und zu erforschen und besonders die Probleme und Widersprüche, die dem Aufbau einer harmonischen Gesellschaft im Wege stehen, unter die Lupe zu nehmen, um ihre Ursachen zu ermitteln, Lösungsansätze zu entwickeln und sie in wissenschaftlicher Weise zu überwinden. Nur wenn man in Übereinstimmung mit den Gegebenheiten der Zeit gegen die zeitbedingten Probleme vorgeht, kann man einen Beitrag zum gesellschaftlichen Fort- schritt leisten. Erst wenn man den Stimmen der Zeit mit Anteilnahme Gehör schenkt, kann man die soziale Harmonie fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Störfaktoren für die soziale Stabilität dürfen nicht chronisch werden ==&lt;br /&gt;
27. Oktober 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft erfordert, dass sich die Parteikomitees und Regierungen auf allen Ebenen noch stärker für die Sicherung der sozialen Stabilität einsetzen und dabei höheren Standards genügen. Eine stabile Gesellschaft bildet die Voraussetzung und Grundlage für gesellschaftliche Harmonie. Nur unter der Voraussetzung der Stabilität kann man sich darauf konzentrieren, Probleme in der sozioökonomischen Entwicklung zu beseitigen, die der gesellschaftlichen Harmonie hinderlich sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allgemein gesehen walten mittlerweile in Zhejiang Stabilität und Harmonie. Doch es gibt auch noch eine Menge instabile, unbestimmte und unsichere Faktoren sowie Widersprüche und Probleme, die sich negativ auf die soziale Stabilität und Harmonie auswirken. Eine harmonische Gesellschaft ist keinesfalls konfliktfrei, und gesellschaftlicher Fortschritt ist immer auch ein Ergebnis erfolgreicher Konfliktlösung, Die Aufrechterhaltung der sozialen Stabilität und der Aufbau einer harmonischen Gesellschaft sind ein Prozess, in dem es ständig gilt, die Instabilitäts-, Unbestimmtheits- und Unsicherheitsfaktoren zu beseitigen sowie Elemente, die die Harmonie stören, auf ein Minimum zu senken und solche, die der Harmonie förderlich sind, zu maximieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Führungsgremien und leitenden Kader aller Ebenen müssen die Frage der sozialen Stabilität bewusst im Kontext der Gesamtentwicklung betrachten, ein scharfes Auge für diejenigen Faktoren haben, die die soziale Stabilität stören, bereitwillig Vorsorge dagegen treffen und detaillierte Notfallpläne erstellen, um Probleme früh zu erkennen, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen und schließlich Lösungen auszuarbeiten. Es kommt darauf an, sozialen Problemen stets Aufmerksamkeit zu schenken, häufig Untersuchungen zur Früherkennung versteckter Gefahren durchzuführen und ständige Kontrolle in dieser Hinsicht auszuüben. Wir müssen die sozialen Zustände regelmäßig genauso analysieren, wie wir uns mit der Wirtschaftslage beschäftigen, und ausführliche Vorsorgemaßnahmen einleiten, um zu verhindern, dass Störfaktoren für die gesellschaftliche Stabilität chronisch werden und immer wieder wirken, sodass sich kleine Probleme zu großen auswachsen, einzelne Vorfälle zu Turbulenzen eskalieren und sich regional begrenzte Probleme zu allgemeinen ausweiten. Zudem soll man soziale Probleme schon im Ansatz angehen, durch eingehende Analysen ihre Ursachen ermitteln und dann gezielte Gegenmaßnahmen treffen. Anstatt nur die Symptome zu lindern, müssen wir den Finger direkt auf den wunden Punkt legen und das Übel an der Wurzel packen. Dann werden wir in der Lage sein, die Stabilität der Gesellschaft effektiv zu gewährleisten, soziale Probleme von Grund auf zu lösen und dadurch unsere Verantwortlichkeit und Kompetenz zu beweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über den korrekten Umgang mit Widersprüchen unter den Menschen in der neuen Situation ==&lt;br /&gt;
29. November 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor fünfzig Jahren verfasste Vorsitzender Mao seinen berühmten Aufsatz Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk. Darin fasste er die demokratischen Lösungsmethoden in der Formel „Einigkeit — Kritik — Einigkeit“ zusammen: „Konkret gesprochen sollen wir mit dem Wunsch nach Einigkeit Widersprüche durch Kritik und Kampf beseitigen, um so wieder Einigkeit herzustellen. ... Mit anderen Worten: Wir müssen frühere Fehler ahnden, um künftige zu vermeiden, und die Krankheit behandeln, um den Patienten zu retten.“ Auch ein halbes Jahrhundert später finden wir in diesem Aufsatz noch immer wertvolle Hinweise für den richtigen Umgang mit Konflikten in der Bevölkerung und die Sicherung der sozialen Stabilität.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Widersprüche im Volk stellen derzeit die größten Störfaktoren für die Stabilität unserer Gesellschaft dar. Da sich die sozialen Zustände im Laufe der Zeit völlig gewandelt haben, sind die Konflikte in der Bevölkerung heute ganz andere als noch vor fünfzig Jahren. Gegenwärtig treten soziale Probleme hauptsächlich in den Bereichen Beschäftigung, soziale Sicherung und Einkommensverteilung sowie infolge von Landüberschreibung und Umsiedlungen auf. Unser Land befindet sich gerade in einer Phase, in der sich die Wirtschaft rasant entwickelt und viele Widersprüche zutage treten. Daraus ergibt sich, dass Konflikte in der Bevölkerung in verschiedenen Formen vorkommen und zudem mehr Menschen und Bereiche betreffen als früher. Da sie auch zunehmend miteinander verflochten sind, gestalten sie sich immer komplizierter und sind schwieriger zu lösen. Die Parteikomitees, Regierungen und leitenden Kader verschiedener Ebenen müssen sich deshalb durch Lernen auf die neue Sachlage einstellen, tiefe Einblicke in die Besonderheiten und Gesetzmäßigkeiten der Widersprüche im Volk in der neuen Situation gewinnen, nach richtigen und effektiven Lösungsmethoden suchen und ihre Fähigkeiten in dieser Hinsicht ständig steigern, um zu vermeiden, durch Fehlentscheidungen und -griffe Unmut bei den Menschen auszulösen. Es ist wichtig, im Rahmen der Gesetze angemessen gegen Proteste vorzugehen, damit sich regional begrenzte Probleme nicht zu allgemeinen ausweiten und nicht-antagonistische Konflikte nicht zu antagonistischen eskalieren. Ferner kommt es darauf an, Widersprüche im Volk von der Wurzel her anzugehen und sie dadurch zu verringern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlüssel zur guten Regierungsführung liegt darin, sich mit dem Volk zu identifizieren. Im Umgang mit Konflikten in der Bevölkerung müssen alle leitenden Kader den Standpunkt vertreten, dass die Interessen des Volkes niemals Nebensache sind, und ihren Arbeitsstil mit Tatkraft anpassen, indem sie sich stets in die Lage der einfachen Leute versetzen, engagierter auf ihre Probleme und Zweifel eingehen und volksnahe Maßnahmen treffen. Um die Arbeit mit den Menschen nach bestem Wissen und Gewissen verrichten zu können, müssen wir uns der Kraft und Weisheit des Volkes bewusst sein und sich darum bemühen, die einfachen Leute von ihren Sorgen und Nöten zu befreien, ihre Lebenshaltung zu sichern und ihre Interessen zu schützen. Zudem sollten wir dafür sorgen, dass die normalen Bürger ihre Anliegen ungehindert vorbringen können, und sie dazu anleiten, ihre Forderungen gesetzeskonform und in vernünftiger Weise zum Ausdruck zu bringen, um eine harmonische Beziehung zwischen Partei und Volk sowie zwischen Kadern und einfachen Leuten herzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Harmonie und Stabilität von der Basisebene her gewährleisten ==&lt;br /&gt;
01. Dezember 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man bewertet den Gesundheitszustand eines Menschen u. a. durch die Untersuchung seiner Zellen, entsprechend lässt sich an den Zuständen an der Basis ablesen, ob Harmonie und Stabilität in einer Gesellschaft walten. Da heute immer mehr Leute in ein flexibles Arbeitsverhältnis getreten sind,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Früher in der Planwirtschaft stand man in China in einem lebenslang festen Arbeitsverhältnis. Der Arbeitgeber übernahm eine Reihe von Wohlfahrtsfunktionen, wie z. B. Alters- und medizinische Versorgung, sowie politische und soziale Kon- trolle. Seit Einführung der Marktwirtschaft gestalten sich die Arbeitsverhältnisse zunehmend flexibler. Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben beide mehr Wahlfreiheiten, und verschiedene Versicherungen werden abgeschlossen.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat sich die traditionelle Kontrolle der gesellschaftlichen Organisationen, Einrichtungen und Unternehmen über die Bevölkerung, die Arbeitsstätten und Branchen in gewissem Maße abgeschwächt. Der Basisebene kommt deshalb ein größerer Stellenwert zu. Sie ist zur Front zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Harmonie und Stabilität geworden. An der Basis der Gesellschaft wird eine Unmenge von Informationen ausgetauscht; außerdem kollidieren hier mehrere geistige Strömungen miteinander und es häufen sich verschiedene Widersprüche an; ja sogar Auseinandersetzungen und Konflikte schwelen hier, um dann zum Ausbruch zu kommen. Es lässt sich also sagen, dass an der Basis der Gesellschaft sowohl der Herd von Interessenkonflikten und sozialen Problemen als auch guter Boden zu deren Lösung zu finden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schwerpunkt zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft liegt an der Basis, denn hier liegen die Zellen der Gesellschaft und das Fundament der sozialen Harmonie. Es ist deshalb notwendig, an der Basis einen Mechanismus zum Einholen und zur Analyse der öffentlichen Meinung einzurichten und diesen zu verbessern sowie das System zur Früherkennung, Untersuchung und Schlichtung von Streitigkeiten zu vervollkommnen, indem man rechtliche, politische, wirtschaftliche und administrative Mittel sowie Methoden wie Erziehung, Beratung und Schlichtung umfassend anwendet, um die Basisebene zur ersten Verteidigungslinie zur Sicherung der sozialen Stabilität aufzubauen, die dann ständig befestigt werden soll. So lässt sich eine solide Grundlage für eine harmonische Gesellschaft legen, und man wird in der Lage sein, durch die Verbesserung der öffentlichen Dienstleistungen und der Governance an der Basis verschiedene Interessen abzustimmen, Unmut zu zerstreuen, soziale Konflikte beizulegen und Bedrohungen für die gesellschaftliche Stabilität schon auf der Basisebene bzw. im Ansatz zu beseitigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Leitende Kader müssen Macher sein ==&lt;br /&gt;
04. Dezember 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Vorgesetzte dürfen Unwahrheiten keinen Glauben schenken, keine unzuverlässigen Methoden übernehmen, nicht auf einen klangvollen Namen aus sein und keine sinnlosen Maßnahmen treffen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Xun Yue: &#039;&#039;Aus der Geschichte lernen&#039;&#039;. Xun Yue (148-209) war ein Historiker und Denker der Östlichen Han-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Man könnte diese Forderungen auch als den Grundsatz der Realitätsnähe und Bodenständigkeit bezeichnen. Ein Macher hört und sagt gerne die Wahrheit, ist stets bereit, Verantwortung zu übernehmen, und immer in der Lage, Pläne erfolgreich umzusetzen. Unsere leitenden Kader müssen diesem Vorbild nacheifern und zu echten Machern werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie müssen also die ihnen übertragenen Aufgaben stets mit Herz und Hand ausführen. Dies erfordert erstens, dass man sich der Wichtigkeit des Handelns wohl bewusst ist. Wir müssen verstehen, dass große Vorhaben lediglich Luftschlösser sind, wenn sie nicht durchgeführt werden, und deshalb bei der Dienstausübung konsequent der tatsächlichen Umsetzung von Plänen und Maßnahmen große Aufmerksamkeit schenken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens ist Kreativität gefragt, Doktrinarismus und Blindheit sind bei der Arbeitsausführung hingegen fehl am Platz. Es empfiehlt sich, die Absichten der übergeordneten Instanzen und die Sachlage vor Ort auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, sowohl der höheren Instanz als auch dem Volk verantwortungsvoll zu dienen und die eigene Arbeit mit Innovationsgeist zu verrichten, um so neue Ansätze zu bieten, einen eigenen Arbeitsstil zu entwickeln und beträchtliche Leistungen zu vollbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens gilt es, Ausdauer zu zeigen. Das heißt, wir müssen mit Beharrlichkeit für die Umsetzung von Plänen und Maßnahmen sorgen, Aufsicht über die Ausführung jeder erlassenen Anordnung führen und eine Aufgabe nach der anderen erledigen, um Jahr für Jahr Erfolge und Fortschritte zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zuletzt fällt Zweckmäßigkeit ins Gewicht. Es heißt: „Pfingstrosen sind zwar wunderschön, doch nähren sie nur das Auge. Die Blüten der Dattelpalmen mögen zwar klein sein, doch bringen sie reiche Früchte.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Weise Sprüche aus früheren Zeiten&#039;&#039;, einem Kinderbuch mit Lebensweisheiten vermutlich aus den Zeiten der Ming-Dynastie (1368-1644).&amp;lt;/ref&amp;gt; Die höchste Tugend eines Beamten ist sein Unternehmungsgeist. Nur wer mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und solide Arbeit leistet, ist in der Lage, wertvolle Beiträge für die Sache von Partei und Volk und Leistungen, die die Zeit überdauern, zu erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Beschlüsse und Pläne richtig umsetzen ==&lt;br /&gt;
06. Dezember 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Umsetzung von Plänen und Maßnahmen zu fördern, ist ein wichtiger Aspekt der Führungsarbeit und gehört zu den dienstlichen Verpflichtungen jedes leitenden Kaders. Nachdem ein Beschluss gefasst oder ein Plan erarbeitet wurde, gilt es für Kader, besonders die der Basisebene, als die wichtigste Aufgabe, sie mit Tatkraft auszuführen. Doch in der Praxis kommt es oft vor, dass die Ausführung von Beschlüssen und Plänen stark zu wünschen übrig lässt und die erhoffte Wirkung ausbleibt. Der Grund liegt im Wesentlichen darin, dass uns ein bodenständiger Arbeitsstil und die Tüchtigkeit für solides Arbeiten fehlen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Umsetzung von Beschlüssen und Plänen ist mit dem Versenken eines Nagels zu vergleichen: Geht der Schlag daneben, steht der Nagel nicht gerade in der Wand; doch auch wenn der Hammer den Nagel genau auf den Kopf trifft, wird er sich mit nur einem oder zwei Schlägen nicht fest einschlagen lassen; auch mit drei oder vier Schlägen wird er nach einiger Zeit locker werden; erst mit sieben oder acht Schlägen findet er in der Wand guten Halt. Das heißt, bei der Ausführung von Beschlüssen und Plänen kommt es in erster Linie darauf an, dass man auf den Kernpunkt eingeht und auf dieser Grundlage dann auch die Nebensächlichkeiten in Angriff nimmt. Wir müssen also die Kernaufgabe, die für die erfolgreiche Umsetzung von Beschlüssen und Plänen von Belang ist, stets im Auge behalten, unsere Bemühungen darauf konzentrieren und uns Mühe geben, die Knackpunkte in den Griff zu bekommen und so auch die nebensächlichen Aufgaben zu erledigen, um die gesamte Umsetzungsarbeit voranzutreiben. Spontanität, Oberflächlichkeit und Unbeständigkeit sind hier fehl am Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außerdem ist es wichtig, alle Arbeiten mit Beharrlichkeit von A bis Z auszuführen. Wir müssen Beschlüsse und Pläne mit Umsicht, Planmäßigkeit und Ausdauer Zug um Zug in die Tat umsetzen, anstatt uns damit zufriedenzugeben, für unsere Vorhaben Sitzungen einzuberufen sowie schriftliche oder mündliche Dekrete zu erlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hinzu kommt die Notwendigkeit, den gegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen und entsprechende Umsetzungsmaßnahmen zu ergreifen. Für das Einschlagen eines Nagels reicht es nicht, einfach mit großem Kraftaufwand drauflos zu hämmern, ohne die Beschaffenheit des Untergrunds zu berücksichtigen. Wenn der Putz schon von der Wand bröckelt oder es Risse gibt, muss dies erst ausgebessert werden, damit die Wand unsere Nägel richtig halten kann. Genauso gilt es, Beschlüsse und Pläne im Einklang mit den örtlichen Gegebenheiten umzusetzen, anstatt Anweisungen von oben doktrinär zu befolgen oder Praktiken anderer blind zu kopieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen also bei der Arbeitsausführung Konsequenz und Zielstrebigkeit an den Tag legen, um durch solide Arbeit greifbare Erfolge zu erzielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sich die richtigen Arbeitsmethoden aneignen ==&lt;br /&gt;
08. Dezember 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Ein Arbeiter, der seine Arbeit recht machen will, muss erst seine Werkzeuge schleifen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Die richtige Vorgehensweise bietet die Garantie für zuverlässige Arbeit, und praktische Arbeitsmethoden dienen dazu, mit geringerem Arbeitsaufwand bessere Resultate zu erzielen. In der Praxis allerdings mangelt es manchen Kadern an jeglichem Wissen über richtige Arbeitsmethoden. Sie neigen entweder dazu, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, und sind nicht fähig, eine Aufgabe in größeren Zusammenhängen zu betrachten, oder sie treten als reine Theoretiker auf, die hohe Erwartungen schüren und diesen letztlich nicht gerecht werden. Mit konkreten Problemen konfrontiert wissen sie nicht, wo sie den Hebel ansetzten sollen. Beide Typen sind nicht in der Lage, ihre Arbeit tüchtig anzupacken und sie zum Erfolg zu führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beim Aufbau einer harmonischen Gesellschaft sind die richtigen Arbeitsmethoden ausschlaggebend für unsere Kader. Wir müssen einerseits das große Ganze im Auge behalten, indem wir die Arbeit der einzelnen Regionen bzw. Instanzen auf das Ziel der Schaffung einer harmonischen Gesellschaft ausrichten und vorausschauende Ansätze vorbringen. Andererseits müssen wir auch auf Einzelheiten eingehen und vom sprichwörtlichen Koch im Altertum lernen, der sich meisterhaft darauf verstand, Rinder zu zergliedern”.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. &#039;&#039;Zhuangzi&#039;&#039;. Weil der Koch mit allen Details des Körpers von Rindern bestens vertraut war, konnte er ein Rind in kürzester Zeit zergliedern.&amp;lt;/ref&amp;gt; Es kommt darauf an, aus Einzelphänomenen Gesetzmäßigkeiten abzuleiten, geeignete Ansatzpunkte zu finden, um Schlüsselkettenglieder in den Griff zu bekommen, sowie konkrete Maßnahmen zu treffen und diese in die Tat umzusetzen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Auf diese Weise wird es uns gelingen, uns von ungeeigneten Arbeitsmethoden fernzuhalten und unsere Arbeit geschickt und ordnungsmäßig voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gute Beamte müssen lernen und nachdenken ==&lt;br /&gt;
11. Dezember 2006&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lernen und Denken sind unerlässlich für jeden Beamten. Hierzu finden sich schon im alten China zahlreiche Sinnsprüche. In den &#039;&#039;Gesprächen des Konfuzius&#039;&#039; z. B. heißt es: „Der Beamte, der Zeit übrig hat, möge lernen. Der Lernende, der Zeit übrig hat, möge ein Amt antreten.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Einfache Leute achten oft nur auf die zweite Hälfte des Satzes und schöpfen daraus die treibende Kraft, sich durch engagiertes Studium glänzende Aussichten zu eröffnen. Doch Beamte sollten der ersten Hälfte Nachdruck verleihen und sich motivieren, fleißig zu lernen und geistig rege zu bleiben, stets zuverlässig zu arbeiten und gute Leistungen zu vollbringen sowie ihre Kenntnisse und Fähigkeiten ständig zu erweitern, um dem Volk besser zu dienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den &#039;&#039;Gesprächen des Konfuzius&#039;&#039; ist außerdem zu lesen: „Lernen ohne zu denken ist nichtig; denken ohne zu lernen ist ermüdend.“ In unserer Umgebung gibt es durchaus Kader, die weder Leidenschaft fürs Lernen noch Lust zu denken an den Tag legen und sowohl ihre Selbstverbesserung als auch ihre Arbeit vernachlässigen. Andere lernen nur flüchtig, ohne sich intensiv mit dem Gelernten auseinanderzusetzen oder es zu reflektieren. Sie eilen von einer Sitzung, einer Veranstaltung und einer Gesellschaft zur nächsten, sind auf beachtliche Arbeitsleistungen, Prestige und Karriere aus und behaupten stets, sie seien zu beschäftigt, um zu lernen oder sich Gedanken zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die heutige Welt ist im Wandel begriffen. Wer sich keine Zeit zum Lernen und Nachdenken nimmt, wird nicht imstande sein, mit der Zeit Schritt zu halten und sich an ihre raschen Veränderungen anzupassen. Deshalb müssen leitende Kader für gutes Zeitmanagement sorgen und ihre Arbeitseffizienz erhöhen, um mehr Zeit am Schreibtisch zu verbringen, anstatt jeden Tag ins Glas zu schauen. Dann vermögen sie es, der Forderung, „breite Kenntnisse zu erwerben und fest auf das Ziel zuzusteuern, ernstlich zu hinterfragen und im Detail zu reflektieren“,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt; gerecht zu werden. Das heißt, sie sollen sich durch Lernen ein hohes Ideal setzen und durch reifliche Überlegung wissenschaftliche Arbeitspläne erarbeiten. In &#039;&#039;Zuo Oinmings Kommentar zu den „Frühlings- und Herbstannalen“&#039;&#039; heißt es: „Ein Amt auszuüben ist wie einen Acker zu bestellen. Man muss Tag und Nacht Überlegungen darüber anstellen.“ Hinzu kommt der Sinnspruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Nur solche Beamte, die Lern- und Denkfähigkeit besitzen und diese auf Zack bringen, werden ihren Posten mit Hingabe und Sorgfalt ausfüllen. Und nur diejenigen, die ihre Mitmenschen wie sich selbst lieben und mit ganzer Seele für sie sorgen, werden hervorragende Leistungen erbringen, die den Anforderungen von Zeit und Gesellschaft sowie den Erwartungen des Volkes gerecht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Volk muss Nutznießer unserer Arbeit sein ==&lt;br /&gt;
05. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Menschen stets in den Mittelpunkt zu stellen, das Leben der Bevölkerung an erste Stelle zu setzen und konkrete Verbesserungsmaßnahmen zu treffen, die Probleme, die die einfachen Leute am meisten beschäftigen, sie am unmittelbarsten betreffen und ihnen von größter Aktualität sind, zu lösen sowie ihre elementarsten und dringlichsten Bedürfnisse zu befriedigen, ist eine wichtige Grundlagenarbeit zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft. Die leitenden Kader sollen sich darauf einstellen, „sich mit Sorgfalt über die Verhältnisse an der Basis zu informieren, mit Anteilnahme den Stimmen des Volkes Gehör zu schenken, mit Tatkraft seinen Wohlstand zu heben und mit Hingabe seine Sicherheit zu schützen“.&amp;lt;ref&amp;gt;Hu Jintao: &#039;&#039;Rede auf der Zentralen Konferenz für Wirtschaftsarbeit&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Sparsamkeit durchsetzen und Verschwendungen bekämpfen — eine Sammlung von wichtigen Auszügen&#039;&#039;. Central Party Literature Press, Beijing 2013. S. 48.&amp;lt;/ref&amp;gt; Sie müssen ihre Einsichten in dieser Hinsicht vertiefen und mehr Arbeitsmethoden parat haben, um dem Volk nach bestem Wissen und Gewissen zu dienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat gibt es Kader, die zwar großen Eifer zeigen, etwas für das Volk zu tun, ihre Arbeit aber nicht darauf ausrichten, was die einfachen Leute am meisten benötigen und begrüßen und was ihnen am meisten nützt. Selbstverständlich spiegeln sich hier Probleme in der Handhabung der Beziehung zwischen kurzfristigen und langfristigen Interessen sowie zwischen Teil- und Gesamtinteressen. Doch auch eine Abweichung von dem Grundsatz, den Menschen stets in den Mittelpunkt zu stellen, sowie von der richtigen Auffassung von Arbeitsleistungen der Beamten ist hier Kern des Problems.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader müssen mit all ihren Bemühungen darauf abzielen, dem Volk zu dienen. Den Dauermechanismus zur Lösung der realen Probleme der Menschen zu verbessern und ihn umzusetzen, dient genau diesem Ziel. Da wir im Dienste des Volkes stehen, müssen wir uns in erster Linie dem Ruf der Menschen fügen, uns über ihre Bedürfnisse und Anliegen in Kenntnis setzen und ihre Ratschläge einholen, damit wir ein klares Bild von der Sachlage an der Basis und der Meinung der Bevölkerung haben, demokratische Entscheidungen treffen und wissenschaftliche Pläne entwickeln können. Wir müssen alle Projekte, die das Leben der Menschen betreffen, mit Herz und Hand durchführen und dabei die einfachen Leute motivieren, mitzureden und mitzuwirken, damit sie von unserer Arbeit profitieren und mit unserem Engagement zufrieden sind und ihre Interessen durchgesetzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Handeln ist der Schlüssel zur Lösung der realen Probleme der Menschen ==&lt;br /&gt;
06. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dem Volk gut zu dienen, muss man sowohl den entsprechenden Willen als auch die erforderlichen Fähigkeiten besitzen und außerdem für die gewünschte Wirkung sorgen. Dafür ist entscheidend, gute Voraussetzungen zu schaffen. Erstens müssen die leitenden Kader ihre Führungsfunktion gut ausüben. Dazu ist es notwendig, diesbezügliche Arbeitsmechanismen einzurichten und diese stetig zu verbessern, damit die Arbeit, die darauf abzielt, die realen Probleme der Menschen zu lösen und ihnen greifbare Vorteile zu bringen, als Daueraufgabe verankert ist und das ständig wachsende Bedürfnis der einfachen Leute nach Sachwerten und kulturellen Erzeugnissen befriedigt werden kann. Zweitens müssen die entsprechenden Investitionen aufgestockt werden. Die Regierungen müssen ihre Verwaltung serviceorientierter gestalten, ihrer Funktion, öffentliche Dienstleistungen anzubieten, besser nachkommen, das System der öffentlichen Finanzen vervollkommnen, ihre Ausgabenstruktur optimieren und die öffentlichen Mittel und Transferleistungen erhöhen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zudem müssen wir für ein günstiges gesellschaftliches Klima sorgen und alle Seiten zum Mitwirken motivieren. Zum einen gilt es, die einfachen Leute mit ins Boot zu holen und ihre Aktivität und Kreativität anzuregen, damit sie sich tatsächlich an Entscheidungen beteiligen, die größten Nutznießer unserer Arbeit werden und eventuell auch als Hauptakteure und -investoren fungieren. Zum zweiten müssen wir erkennen, dass die Regierung in einer Marktwirtschaft auch einen Teil ihrer Befugnisse übertragen kann. Dementsprechend müssen wir im Rahmen der Beschäftigungsförderung, des Umgangs mit der Bevölkerungsalterung sowie der Anpassung der Wirtschaftsstruktur und der Transformation des Wachstumsmodells tatkräftig solche Dienstleistungen entwickeln, die den Alltagsbedürfnissen des Volkes gerecht werden, und die betreffenden Einrichtungen und Unternehmen unterstützen, um so immer mehr Menschen einen Zugang zu hochwertigen Dienstleistungen zu ermöglichen. Wenn wir gesellschaftliche Organisationen dazu veranlassen und tatkräftig dabei unterstützen, die Sorgen und Nöte der Menschen zu mindern, werden auch sie letztlich dazu beitragen, die Parteikomitees und Regierungen zu entlasten. Zum dritten liegt uns viel daran, privates Kapitel in gemeinnützige Projekte und Projekte zur Verbesserung des Lebens der Menschen zu lenken, um eine günstige Situation zu schaffen, in der alle daran mitwirken und alle davon profitieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die realen Probleme des Volkes durch aufrichtiges Bemühen lösen ==&lt;br /&gt;
07. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Grundsätze, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und die Regierungsgewalt im Interesse des Volkes auszuüben, schlagen sich in der Erledigung jeder einzelnen Angelegenheit nieder, darunter sowohl große Aufgaben, die der sozioökonomischen Gesamtentwicklung und der ganzen Gesellschaft zugutekommen, als auch kleine Arbeiten, die das Leben der einfachen Leute beeinflussen. Die Interessen des Volkes sind niemals Nebensache. Und auch bei der Ausführung kleiner Arbeiten, die dem Volk unmittelbaren Nutzen bringen, müssen wir genau wie bei der Erledigung großer Aufgaben realitätsnah und bodenständig vorgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dem Volk gut zu dienen, ist es entscheidend, den einfachen Leuten durch gute Verhaltensweisen Nutzen zu bringen und ihre realen Probleme durch sinnvolle Projekte zu lösen. Es ist von größter Bedeutung, Angelegenheiten, die direkt auf das Leben der Menschen einwirken, tüchtig anzupacken. Insbesondere müssen wir für Bedürftige sorgen und uns engagiert dafür einsetzen, diese von ihren Sorgen und Nöten zu befreien. Zudem sollten wir mehr Projekte durchführen, die direkt zum Wohl der einfachen Leute beitragen und sie so mit großer Zufriedenheit erfüllen und ihre Anerkennung ernten, und Probleme, die das Alltagsleben der Bevölkerung betreffen, mit Tatkraft bewältigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Lösung der echten Probleme der Menschen erfordert aufrichtige Anstrengung, Es liegt uns viel daran, unsere Arbeitsmethoden zu verbessern, unseren Arbeitsstil anzupassen, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen und unsere Arbeit Zug um Zug voranzutreiben. Wir müssen unser Bestes geben, dürfen dabei aber unsere Kräfte nicht überschätzen. Auf keinen Fall dürfen wir nur Parolen rufen oder unsere Arbeit nur pro forma verrichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztlich müssen unsere Bemühungen von greifbaren Erfolgen gekrönt sein. Und der größte Erfolg liegt darin, dass unsere Arbeit den Menschen reale Vorteile verschafft, ihr Glücksgefühl stärkt, großen gesellschaftlichen Nutzen erzielt und den humanistischen Geist zur Entfaltung bringt. In dieser Hinsicht haben die einfachen Leute das Sagen, daher müssen wir bei der Bewertung unserer Arbeitsleistungen ihnen das Wort geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Wenn ein Fürst teilnimmt an den Freuden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Freuden. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Leiden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Leiden.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt; Wenn wir uns für die Menschen ins Zeug legen und sie zufriedenstellen können, werden sie mehr Glück empfinden. Wenn sie mit den Parteikomitees und Regierungen ein Herz und eine Seele sind, wird eine solidere Grundlage für den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft geschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unser Verständnis und unsere Praxis auf ein höheres Niveau bringen ==&lt;br /&gt;
08. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung ist eine neue Errungenschaft der Sinisierung des Marxismus und markiert einen historischen Fortschritt in der Erforschung der Gesetzmäßigkeiten der Regierungsführung durch die KP Chinas, des Aufbaus des Sozialismus chinesischer Prägung und der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Die Umsetzung dieser Entwicklungsanschauung ist ein sukzessiver Prozess, in dem wir in der Praxis unser Verständnis darüber ständig vertiefen und dann auf dieser Grundlage die Praxis vorantreiben. Die Ausführung der Politik der Zentralregierung zur Globalsteuerung, die einen wichtigen Schritt unserer Provinz zur Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung darstellt, ist solch ein Prozess. Dabei gilt es, Folgendes zu beachten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen kommt es darauf an, unser Augenmerk auf die gegenwärtige Entwicklung zu richten und dabei insbesondere schwierige Fragen in Angriff zu nehmen. Einerseits müssen wir die Dekrete und Verbote von oben strikt befolgen, andererseits müssen wir mit gezielten Maßnahmen Druck auf die Marktakteure ausüben und die Überwindung einer Reihe kardinaler Widersprüche und Probleme im Wirtschaftsleben veranlassen. Dazu gehören vor allem extensive Bewirtschaftung, ein „angeborener Fehler“ der Wirtschaft Zhejiangs, und die Knappheit an Produktionsfaktoren, eine unserer „Wachstumsschmerzen“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum zweiten geht es darum, mit Blick auf die Zukunft die „Acht-acht-Strategie“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; engagiert durchzuführen sowie die Anpassung der Wirtschaftsstruktur und die Transformation des Wachstumsmodells zu beschleunigen, um neue Plattformen für die wissenschaftliche Entwicklung einzurichten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum dritten müssen wir den Kern der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung treffen, indem wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Es liegt uns viel daran, unser Denken auf den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft auszurichten, die einfachen Leute in Schwung zu bringen und bei allen Arbeiten zur Förderung der sozioökonomischen Entwicklung die Entfaltung des Menschen im Auge zu behalten, um dem ursprünglichen Sinn der Entwicklung, nämlich dass Wirtschaftsentwicklung letztlich auf gesellschaftlichen Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung wiederum auf die Entfaltung des Menschen abzielt, wieder Bedeutung zu verleihen. Dieser Prozess des Umdenkens spiegelt die Vereinbarkeit von Wirtschaftswachstum, gesellschaftlichem Fortschritt und der allseitigen Entwicklung des Menschen wider und entspricht der Forderung nach einer guten und schnellen sozioökonomischen Entwicklung, die zum Kerninhalt der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung gehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir den oben erwähnten Forderungen gerecht werden, können wir unser Verständnis und unsere Praxis in Bezug auf diese Entwicklungsanschauung auf eine höhere Stufe bringen und der sozioökonomischen Entwicklung zum Durchbruch verhelfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über eine gute und schnelle Entwicklung ==&lt;br /&gt;
10. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Formulierung „eine schnelle und gute Entwicklung“ durch „eine gute und schnelle Entwicklung“ zu ersetzen, entspricht der Forderung, die wissenschaftliche Entwicklung durch wissenschaftliche Ideen zu beflügeln. Bei einer wissenschaftlichen Entwicklung kommt es einerseits natürlich auf Wissenschaftlichkeit, andererseits aber auch auf die Entwicklung selbst an. Um beiden Forderungen gerecht zu werden, müssen wir mit allen Mitteln für eine sowohl gute als auch schnelle Entwicklung sorgen. In dieser Formulierung steht „gut“ bewusst vor „schnell“, denn die Qualität ist von erstrangiger Bedeutung und federführend, während die Geschwindigkeit, die an zweiter Stelle folgt, eine sekundäre und damit untergeordnete Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen also größeres Gewicht auf die Entwicklungsqualität legen und uns für die Optimierung der Wirtschaftsstruktur, die Steigerung der wirtschaftlichen Effizienz, die Energieeinsparung sowie die Reduzierung von Ressourcenverbrauch und Emissionen einsetzen. Natürlich dürfen wir dabei die Schnelligkeit nicht völlig außer Acht lassen und müssen uns unter der Voraussetzung einer guten Entwicklung um ein stabiles und relativ schnelles Wachstum bemühen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einer guten Entwicklung geht es um die Entwicklungsqualität und -effizienz. Diese Forderung mündet bei der Ausarbeitung unserer Arbeitsziele vor allem in restriktive Normen zur Energieeinsparung und zur Senkung von Ressourcenverbrauch und Emissionen. Eine schnelle Entwicklung betont das Wachstumstempo und findet hauptsächlich in prognostischen Normen wie dem Bruttoinlandsprodukt Ausdruck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den gegenwärtigen Bedingungen mag uns eine gute Entwicklung schwieriger erscheinen als eine schnelle. Dies fordert uns dazu auf, bei der Erstellung und Durchführung von Arbeitsplänen die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung weiterhin umzusetzen. Anstatt uns allein an der Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts zu ergötzen, müssen wir restriktiven Normen zur Energie-, Ressourcen- und Emissionseinsparung größere Aufmerksamkeit schenken, dem Strukturwandel, dem sparsamen Umgang mit Ressourcen sowie dem Umweltschutz mehr Nachdruck verleihen, uns verstärkt um eine koordinierte, ausgewogene und nachhaltige Entwicklung bemühen und unser Bestes dafür geben, eine sowohl gute als auch schnelle Entwicklung zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Sparsamkeit trägt zum Wohlstand bei ==&lt;br /&gt;
12. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Chinesen plädieren seit alters für eine sparsame Haushaltsführung sowie auch für Sparsamkeit in allen anderen Angelegenheiten. Im alten China hieß es: „Wenn man die Landwirtschaft konsolidiert und die Ausgaben kürzt, ist auch der Himmel nicht in der Lage, das Land in Armut zu stürzen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Xunzi&#039;&#039;. Xunzi (ca. 313-238 v. Chr.) war ein Denker und Pädagoge in der Zeit der Streitenden Reiche.&amp;lt;/ref&amp;gt; Im übertragenen Sinne heißt das: Wenn man alle Chancen nutzt, Geld zu verdienen, und zugleich sparsam wirtschaftet, wird das Leben immer besser werden. Unsere Finanzkraft ist heute dank der fortwährenden Wirtschaftsentwicklung stark gestiegen. Auch die Unternehmensgewinne und die Einkommen der Menschen sind erheblich angewachsen. Diese Erfolge sind anregend wie auch berauschend und sie könnten uns sogar dazu verleiten, die Anforderungen in mancher Hinsicht zu lockern. Es ist von daher notwendig, die Verschwendungsalarmglocke zu läuten und erneut der Sparsamkeit Nachdruck zu verleihen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz unserer beachtlichen Fortschritte bei der Stärkung der wirtschaftlichen Grundlagen müssen wir uns bewusst sein, dass nicht nur die Reichtümer, die wir durch Arbeit erworben haben, sondern auch die Schätze, die uns Mutter Natur gegönnt hat und die sonst in keiner Weise zu erlangen sind, ein Fundament unserer Entwicklung bilden. Gegenwärtig stößt die Wirtschaftsentwicklung an die Belastungsgrenzen von Ressourcen und Umwelt, und wir sehen uns mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, eine ressourcenschonende und umweltfreundliche Gesellschaft aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt uns viel daran, unsere guten Traditionen, nämlich unter harten Bedingungen mit vollem Einsatz zu arbeiten und sparsam zu leben, weiterzuführen, mit der Kraft des Volkes, den Geldern, den natürlichen Ressourcen und der Umwelt behutsam umzugehen sowie unsere Ausgaben mit Tatkraft zu reduzieren. Wir müssen uns die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande zu eigen machen, entschieden gegen Verschwendung, Extravaganz und Hedonismus vorgehen und engagiert für Sparsamkeit eintreten, damit der Grundsatz der Sparsamkeit sich überall durchsetzt, tief im Herzen der Menschen verankert ist, von ihnen bereitwillig in die Tat umgesetzt wird und wirklich zu einer sozialen Norm wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Unternehmen zu größerem sozialen Engagement veranlassen ==&lt;br /&gt;
15. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Isst man die Frucht, denkt man an den Baum, der sie trug; trinkt man Wasser, denkt man an seine Quelle.“&amp;lt;ref&amp;gt;Yu Xin: &#039;&#039;Gedichte im Ton von Zhi&#039;&#039;. Yu Xin (513-581) war ein Schriftsteller, der zu Zeiten der Südlichen und Nördlichen Dynastien lebte.&amp;lt;/ref&amp;gt; In der modernen Zeit sind Unternehmen Zellen der Gesellschaft, und die Gesellschaft ist der Mutterleib, in dem diese Zellen heranreifen. Daher müssen die Unternehmen, während sie Sorge für ihre eigene Entwicklung tragen, auch ihren „Bürgerpflichten“ nachkommen, der Gesellschaft dankbar gegenüberstehen und Gegenleistungen erbringen. Dies ist sowohl eine soziale Verantwortung, der sie sich nicht entziehen dürfen, als auch ein wichtiger Bestandteil beim Aufbau einer harmonischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Fakten sprechen dafür, dass nur Reichtum, der guten Zwecken dient, letztlich sinnvoll ist und dass nur Unternehmen, die sich sozial engagieren, große Konkurrenzfähigkeit und Vitalität besitzen. Solche, die den wirtschaftlichen Nutzen über den gesellschaftlichen stellen oder sogar die Arbeitssicherheit für Profite opfern, können nicht mit einer nachhaltigen Entwicklung rechnen. Zum Glück ist heute, wo wir uns für die Umsetzung der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung und den Aufbau einer harmonischen Gesellschaft einsetzen, die Stärkung der sozialen Verantwortung von Unternehmen zu einem Konsens der Wirtschaft wie auch der gesamten Gesellschaft gereift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Unternehmen zu mehr sozialem Engagement zu motivieren, müssen alle Seiten zusammenwirken. Die Regierung muss den Beschränkungsmechanismus für Unternehmen auf Zack bringen, die diesbezüglichen Gesetze und Verordnungen vervollständigen, das Bonitätssystem vervollkommnen, ihre Kontrollpflichten gut erfüllen, die Lenkungsfunktion der Steuern voll entfalten und für einen Preisbildungsmechanismus sorgen, der die Knappheit an Ressourcen und die Umweltkosten realitätsgetreu widerspiegelt, um die Unternehmen zur Übernahme ihrer sozialen Verantwortung anzuhalten. Alle Seiten der Gesellschaft sollten ein Auge auf das soziale Engagement der Unternehmen haben, damit diese stets unter der umfassenden Kontrolle der öffentlichen Meinung stehen. Die Unternehmen ihrerseits müssen sich selbst disziplinieren und ehrlich verhalten, wissenschaftliche Ideen über die Betriebsführung übernehmen, ihre internen und externen Beziehungen klären und ihr Bestes geben, als verantwortungsvolle „Bürger“ aufzutreten, damit ihre Entwicklung und Erstarkung in harmonischer und gesunder Weise erfolgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die eigene Moral durch Wohltaten erhöhen ==&lt;br /&gt;
17. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Höchste Güte ist wie das Wasser.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt; Und: „So macht der Edle seinen Charakter weiträumig, gediegen und tragfähig, so daß er Menschen und Dinge zu tragen und ertragen vermag.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus dem &#039;&#039;Buch der Wandlungen&#039;&#039;, in der Übersetzung von Richard Wilhelm.&amp;lt;/ref&amp;gt; Auch Mengzi sagte: „Mitgefühl ist der Anfang von Wohlwollen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt; In der traditionellen chinesischen Kultur werden Güte, Harmonie, Nächstenliebe und Gerechtigkeit also hochgeschätzt, und Wohltätigkeit gilt als hohe Tugend. Ji Xianlin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ji Xianlin (1911-2009) war ein renommierter Sprachwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer Chinas.&amp;lt;/ref&amp;gt; bemerkte einmal: „Wohltätigkeit ist eine Anhäufung guter Taten.“ Sich auf Nächstenliebe einzustellen, an Wohltaten teilzunehmen und Wohltätigkeit zu fördern, sind Bemühungen um höhere Moralität, die jeder unternehmen kann. Ob Individuum oder Organisation, ob arm oder reich, wenn man mit Herz und Hand für die Wohltätigkeit eintritt und sich aktiv daran beteiligt, egal unter welchen Bedingungen und inwieweit man sich dafür engagiert, hat man einen Anfang darin getan, Wohltaten anzusammeln. Dies sorgt nicht nur dafür, dass Einzelpersonen und Organisationen ihr soziales Verantwortungsbewusstsein erhöhen und ihr öffentliches Image verbessern, sondern fördert auch soziale Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Harmonie und stärkt den sozialen Zusammenhalt sowie die Solidarität. Ferner trägt dies dazu bei, dass sich die sozialistische Auffassung von Ehre und Schande in der ganzen Gesellschaft fest etabliert und die Bürger mehr Moralität und Anstand an den Tag legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Freude treten derzeit zahlreiche Unternehmer und Wohlhabende als Philanthropen auf bzw. engagieren sich für die Wohltätigkeit. Diese Leute, die früher als andere zu Reichtum gelangten, sind wichtige Teilnehmer an der Sache des Sozialismus chinesischer Prägung und gelten als Säulen der Wohltätigkeit in Zhejiang. Unsere Unternehmer, besonders die Privatunternehmer, müssen sich um das allgemeine Wohlergehen kümmern, bewusster und mutiger ihre soziale Verantwortung und ihre sozialen Pflichten übernehmen und aktiv an gemeinnützigen Aktivitäten teilnehmen, um durch ihre tätige Nächstenliebe ihren Wert zu steigern und mit ihren Wohltaten einen Beitrag zum Aufbau einer harmonischen Gesellschaft zu leisten. Auch verschiedene gesellschaftliche Organisationen und Persönlichkeiten aller Gesellschaftskreise sollten sich für karikative Zwecke einsetzen. Wenn alle mit Herz und Hand für Wohltätigkeit eintreten, können wir mit einer zivilisierteren und harmonischeren Gesellschaft rechnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Gute Zusammenarbeit setzt Harmonie voraus ==&lt;br /&gt;
19. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein leistungsfähiges Führungsgremium muss fest zusammenhalten und gut kooperieren. Seine Mitglieder müssen bei wichtigen Fragen Prinzipientreue zeigen und bei Nebensächlichkeiten großzügig sein. Wenn Probleme auftreten, sollen sie häufig Meinungen austauschen, einander ihr Herz ausschütten und Nachsicht miteinander haben. Sie sollen nicht nur großen Wert auf Solidarität legen, sondern auch ein richtiges Verständnis davon haben. Denn Solidarität bedeutet keinesfalls die Aufgabe von Prinzipien, sie erfordert Ehrlichkeit und den Mut, vorbehaltlos Kritik und Selbstkritik zu üben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Führungsgremium ist mit der Crew eines Bootes zu vergleichen und die Zusammenarbeit zwischen seinen Mitgliedern ist wie die eines Ruderteams. Wenn alle das gleiche Ziel verfolgen und mit vereinten Kräften paddeln, wird sich das Boot schnell in die eingeschlagene Richtung bewegen. Wenn aber jeder seine eigene Meinung hat und in eine unterschiedliche Richtung rudert, wird sich das Boot im Kreis drehen und kaum vorwärtskommen. Doch es kann sogar noch schlimmer kommen: Wenn man einander im Wege steht, wird das Boot kentern. Im Volksmund heißt es: „Hunderte Jahre der Askese bescheren zwei Menschen das Glück, im selben Kahn zu fahren.“ Es ist eine glückliche Fügung, in einem Führungsgremium zusammenzuarbeiten. Alle Mitglieder müssen diese Chance wertschätzen und an einem Strang ziehen, um gemeinsam große Leistungen zu erbringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vorsitzende des Führungsgremiums ist sozusagen der Kapitän, der dazu verpflichtet ist, das Steuer zu führen und seine Mannschaft zusammenzuschweißen, damit das Boot auf dem richtigen Kurs vorwärtskommt. Die übrigen Mitglieder müssen ihre eigenen Kompetenzen wahrnehmen und sich miteinander abstimmen. Wenn im Führungsgremium Einigkeit und Harmonie herrschen, so werden sich Synergien bilden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wir brauchen sowohl Demokratie als auch Zentralismus ==&lt;br /&gt;
22. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse Mao Zedong sagte einmal: „Das Volk kann weder ohne Freiheit noch ohne Disziplin bzw. weder ohne Demokratie noch ohne Zentralismus auskommen. Die Kombination von Demokratie und Zentralismus sowie von Freiheit und Disziplin macht unseren demokratischen Zentralismus aus. Im Rahmen dieses Systems genießen die Menschen vollumfängliche Demokratie und Freiheit, müssen sich aber gleichzeitig der Disziplin des Sozialismus fügen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Zedong, Gesammelte Werke, Band 7&#039;&#039;. People’s Publishing House, Beijing 1999. S. 209.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der demokratische Zentralismus ist das grundlegende Organisations- und Führungssystem der KP Chinas und gilt als Grundprinzip für das innerparteiliche politische Leben. Die Führungsgremien aller Ebenen müssen dieses System strikt einhalten sowie Systeme und Mechanismen einrichten, die die Solidarität und Harmonie in den einzelnen Parteiorganisationen gewährleisten, um den Zusammenhalt und die Einigkeit der Partei zu fördern und um zu erreichen, dass die Demokratie und Harmonie in der Partei die Volksdemokratie und die gesellschaftliche Harmonie beflügeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen ist der Demokratie Nachdruck zu verleihen. Es geht vor allem darum, die demokratischen Rechte der Parteimitglieder mit Tatkraft zu schützen, die innerparteiliche Demokratie durch weitere Maßnahmen zu stärken und für eine wirksame demokratische Kontrolle zu sorgen. Zum anderen muss auf der Basis der Demokratie auch der Zentralismus walten. Dabei kommt es darauf an, das Prinzip, dass die Partei die Gesamtlage im Griff haben und alle Seiten miteinander koordinieren soll, zu befolgen, das Führungs- und das Arbeitssystem der Partei weiterhin zu verbessern, strenge Regeln für das innerparteiliche politische Leben einzuführen und die Parteidisziplin zu straffen, um sicherzustellen, dass die Führungsgremien ihre Funktionen hoch effizient ausüben und zugleich unter effektiver Kontrolle stehen, dass sie ein Herz und eine Seele sind, sich mit vereinten Kräften und kollektiver Weisheit für unsere Sache, Entwicklung und Harmonie einsetzen und ihrer Rolle als Führungskern gut gerecht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Für eine integre Amtsführung ==&lt;br /&gt;
24. Januar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für leitende Kader sind nicht nur Wunsch, Wille und Mut notwendig, um ihre Arbeit gut auszuführen und hervorragende Leistungen zu vollbringen. Sie müssen auch die nötigen Fähigkeiten und Kompetenzen mitbringen und außerdem für Erfolge sorgen. In erster Linie müssen sie stets mit Schwung an ihre Arbeit gehen und sich dieser aus eigenem Antrieb widmen, anstatt von höheren Instanzen oder dem Volk dazu gedrängt zu werden. Dann können sie mit großem Elan und vollem Bewusstsein wirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Verbesserung der Marktwirtschaft wurden auch die Regierungsfunktionen entsprechend angepasst. Doch das bedeutet nicht, dass die Parteikomitees und Regierungen weniger Verantwortung für Verwaltung und Dienstleistungen zu tragen haben, im Gegenteil, sie müssen hier sogar eine noch größere Rolle spielen. In einer Region wie Zhejiang, die ein Vorreiter der Marktwirtschaftsentwicklung ist, zeigt sich dies besonders deutlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor diesem Hintergrund sollen die leitenden Kader einerseits mit starkem Verantwortungsbewusstsein ihren Posten gewissenhaft versehen und andererseits mit Wachsamkeit und Selbstdisziplin für ihre Integrität sorgen. Wenn sie sinnvollen Gebrauch von ihrer Macht machen, können sie Großes leisten und dem Volk Vorteile bringen. Durch Machtmissbrauch werden sie hingegen auf Abwege geraten und eventuell wie der Frosch im kochenden Wasser enden.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wird ein Frosch in heißes Wasser geworfen, springt er sofort wieder heraus. Wird das Wasser, in dem er schwimmt, dagegen langsam erhitzt, bleibt er und geht schließlich ein. (ProleWiki Anmerkung: Frösche merken sehr wohl, wenn ihnen das Wasser zu heiß wird, und springen heraus. Der Mythos des kochenden Frosches ist jedoch so verbreitet, dass er wie hier als Metapher funktionieren kann.)&amp;lt;/ref&amp;gt; Dafür gibt es nicht wenige Beispiele. Daher müssen wir jederzeit einen klaren Kopf behalten, immer vorsichtig mit unseren Worten und Taten sein, uns stets zur Selbstreflexion, Selbstermahnung und Selbstmotivation bereit zeigen, ständig auf unser Ansehen bedacht sein, uns ordentlich benehmen und solide Arbeit leisten, um den Forderungen der Volksverbundenheit, Bodenständigkeit und Integrität gerecht zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader sind einerseits zur integren Amtsführung und Selbstdisziplin verpflichtet und müssen sich bewusst unter die Kontrolle der Parteiorganisation und der Kader und einfachen Leute stellen. Andererseits müssen sie auch bei der Verbesserung des Parteiverhaltens und dem Aufbau einer integren Regierung federführend sein, Sorge für ein Sanktions- und Präventionssystem gegen Korruption tragen, in dessen Rahmen Erziehung, Regelwerk und Kontrolle eine Troika bilden, und ein gutes Arbeitsklima schaffen, um die Bekämpfung der Korruption und die Förderung der Integrität tatkräftig voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Beamte sind Diener des Volkes ==&lt;br /&gt;
05. Februar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bereits Anfang der 1980er Jahre hat Genosse Deng Xiaoping auf die verhängnisvollen Folgen von Privilegien hingewiesen: „Gegenwärtig gibt es immer noch manche Kader, die sich nicht als Diener, sondern als Herren des Volkes sehen. Sie nutzen ihre Positionen, um persönliche Vorteile und Privilegien zu erringen. Dies hat starke Unzufriedenheit in der Bevölkerung hervorgerufen und schadet der Autorität der Partei. Wenn dies nicht entschieden korrigiert wird, werden die Reihen unserer Kader unweigerlich degenerieren.&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Deng Xiaoping: &#039;&#039;Über die Reform des Führungssystems der Partei und des Staates&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Deng Xiaoping, Ausgewählte Schriften (1975-1982), deutsche Ausgabe&#039;&#039;. Verlag für fremd- sprachige Literatur, Beijing 1985. S. 359-360.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die leitenden Parteikader sind Diener des Volkes, und das Volk ist ihr Herr. Unter keinen Umständen ist dieses Verhältnis umzukehren. Wenn ein leitender Kader die einfachen Leute nicht als seine Herren betrachtet und sich nicht in ihren Dienst stellt, ist er seines Postens nicht würdig. Ob wir als Parteikader unsere Rolle als Diener des Volkes und die grundlegende Zielsetzung unserer Partei, dem Volk mit Leib und Seele zu dienen, stets im Auge behalten, ob wir unser Herz an die einfachen Leute hängen und uns für sie ins Zeug legen und ob wir unsere Verpflichtungen gegenüber dem Volk gewissenhaft erfüllen, bleibt nach wie vor ein wichtiger Aspekt zur Verbesserung des Parteiverhaltens und ist auch ein Prüfstein für die Bewertung des Verhaltens unserer leitenden Kader.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Volksmund heißt es: „Ein Beamter, der nicht für die einfachen Leute eintritt, sollte sein Amt lieber niederlegen, um seinen Lebensunterhalt als Süßkartoffelhändler zu verdienen.“ Und in alten Schriften liest man: „Der Berufene hat kein Herz für sich. Er macht der Leute Herz zu seinem Herzen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt; Oder: „Es gibt keine größere Tugend, als die Menschen zu lieben, und keine schlimmere Tat, als dem Volk Schaden zuzufügen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Übertragung eines Zitates aus &#039;&#039;Geschichten von Yanzi&#039;&#039;. Yanzi (?-500 v. Chr.), auch bekannt als Yan Ying, war ein Minister des Staates Qi während der Frühlings- und Herbstperiode.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die leitenden Kader aller Ebenen müssen bei allem von den Interessen des Volkes ausgehen und in der Lebens- und Amtsführung stets auf dessen Standpunkt stehen, um den Forderungen, die Macht im Interesse der Menschen auszuüben, im Herzen allezeit bei ihnen zu sein und sich fortwährend für ihr Wohl einzusetzen, gerecht zu werden. Wir müssen Abstand von der Einstellung, dass Beamte Vorrang vor den einfachen Leuten haben, und von der herrischen Verhaltensweise feudaler Bürokraten nehmen, die grundlegende Zielsetzung und die Massenlinie der Partei konsequent verfolgen und eine enge Verbindung zum Volk pflegen, indem wir unsere Intelligenz den Menschen zugutekommen lassen, uns auf sie stützen und ihnen unser Herz schenken. In der Arbeit müssen wir den Problemen, die das Leben der einfachen Leute betreffen, höchste Priorität einräumen und unser Bestes geben, entsprechende Lösungsansätze und -methoden zu entwickeln und schließlich die Interessen des Volkes durchzusetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein integrer Beamter muss zuerst ein anständiger Mensch sein ==&lt;br /&gt;
07. Februar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Volksmund heißt es: „Ein integrer Beamter muss zuerst ein anständiger Mensch sein, und ein anständiger Mensch muss sich ständig sittlich vervollkommnen. Die Moral ist für Beamte von grundlegender Bedeutung, und sie müssen sich zu Moralität erziehen.“ In alten Schriften ist zu lesen: „Die Moral ist die höchste aller guten Eigenschaften.“&amp;lt;ref&amp;gt;Liu Yiging: &#039;&#039;Ein neuer Bericht über die Geschichten der Welt&#039;&#039;. Liu Yiging (403-444) war ein Literat, der zu Zeiten der Südlichen und Nördlichen Dynastien lebte.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Man muss sich bilden und disziplinieren, um ein Land zu regieren.“ All diese Zitate handeln von der Wichtigkeit guter Tugenden. Von alters her werden Beamte ermahnt: „Es soll einen nicht bekümmern, dass man kein Amt innehat, sondern, dass man moralisch nicht einwandfrei ist.“&amp;lt;ref&amp;gt;Luo Yin: &#039;&#039;Dialektische Prinzipien der Staatsführung&#039;&#039;. Luo Yin (833-910) war ein Literat der Tang-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und: „Edle Menschen machen sich keine Sorgen darum, dass sie keine hohe Position bekleiden, sondern darum, dass sie nicht von hoher Sittlichkeit sind.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zhang Heng: &#039;&#039;Antworten auf die Verleumdungen gegen mich&#039;&#039;. Zhang Heng (78-139) war ein Wissenschaftler und Literat der Östlichen Han-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Verlauf der langen Geschichten sind der Zusammenbruch von Imperien, der Untergang von Dynastien und der Machtverlust von Regierungsparteien ausnahmslos darauf zurückzuführen, dass die Machthaber die Moral vernachlässigten und sittenlos wurden, sodass Korruption um sich griff und das Volk enttäuscht wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leitende Kader sind auch ganz normale Menschen und Bürger. Sie sind dazu verpflichtet, sich ordentlich zu betragen, ein gutes Herz zu haben, ihre Worte und Taten mit Bedacht zu wählen, ihre Persönlichkeit wertzuschätzen und von Unsittlichkeiten Abstand zu halten, also als tugendhafte Menschen aufzutreten. Doch sie sind auch mehr als das normale Volk, und ihr Verhalten ist von exemplarischer Bedeutung für die ganze Gesellschaft. Darüber muss sich jeder von uns im Klaren sein. Wir müssen uns auf die edlen Menschen einstellen, die „sich oft prüfen, als wären sie tadelnswert“,&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Gengcangzi&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; uns mit politischen Tugenden wappnen, die verhängnisvollen Folgen der Habgier im Hinterkopf behalten und uns bewusst disziplinieren. In der Praxis müssen wir die Ziele, ein redlicher Mensch und ein integrer Beamter zu werden, miteinander kombinieren, unser Verhalten durch Lernen verbessern und unseren Worten Taten folgen lassen, um den Forderungen der Volksverbundenheit, Bodenständigkeit und Integrität gerecht zu werden. Wir müssen das Streben nach Moralität als einen Prozess betrachten, in dem wir unsere Persönlichkeit veredeln und solide Grundlagen für die Beamtenlaufbahn legen. Auch müssen wir in der Verbesserung der Amtsführung einen Vorgang sehen, in dem wir unsere politische Integrität auf eine höhere Stufe bringen und die grundlegende Zielsetzung der Partei, dem Volk mit Leib und Seele zu dienen, umsetzen, und uns darum bemühen, wie schon Vorsitzender Mao an die Parteimitglieder appellierte, „ein edler Mensch mit klarem Charakter und hohen moralischen Qualitäten und ein von niedrigen Interessen freier Mensch, der dem Volk nützlich ist“,&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Dem Gedenken Bethunes&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, deutsche Ausgabe, Band II&#039;&#039;. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1968. S. 392-393.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Macht ist heilig ==&lt;br /&gt;
09. Februar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Philosophie im alten China galt die Staatsmacht als ein heiliges Werkzeug des Himmels, dessen die gewöhnlichen Menschen sich nicht bedienen dürfen. Die leitenden Parteikader müssen ihre Macht zu schätzen wissen, sie fest im Griff haben und behutsam Gebrauch von ihr machen. Wenn wir unsere Amtsgewalt ordnungsgemäß ausüben, indem wir sie dem Gemeinwohl und dem Volk zugutekommen lassen, wird das Volk Freude empfinden, uns wird Ehre zuteilwerden und unsere Sache wird einen Aufschwung nehmen. Wenn wir aber unsere Macht in ungeeigneter Weise ausüben oder sogar missbrauchen, indem wir sie für persönliche Interessen und private Zwecke benutzen, wird Unmut im Volk aufkeimen, wir werden in Verruf geraten und unsere Sache wird Schaden nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerechtigkeit bei der Machtausübung und Unbestechlichkeit bei der Amtsführung sind zwei notwendige Forderungen an leitende Kader. Bereits in den 1960er Jahren ermahnte Deng Xiaoping die ganze Partei mit Nachdruck: „Jetzt, da wir an der Macht sind, müssen wir vorsichtig mit ihr umgehen. Wir dürfen es nicht für selbstverständlich halten, dass Machthaber sich unter allen Umständen durchsetzen und willkürlich verfahren können. Sonst wird es schlimm ausgehen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Deng Xiaoping: &#039;&#039;Rede auf einer erweiterten Arbeitskonferenz des ZK der KP Chinas&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Deng Xiaoping, Ausgewählte Schriften, Band 1&#039;&#039;. People’s Publishing House, Beijing 1994. S. 303-304.&amp;lt;/ref&amp;gt; Machtmissbrauch ist letztlich auch der Grund, warum einige Führungskader in den letzten Jahren auf Abwege geraten sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle leitenden Kader müssen bei der Machtausübung Achtsamkeit walten lassen, „als stünden sie an einem tiefen Abgrund und schritten sie auf dünnem Eis“,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot;&amp;gt;Zitat aus dem &#039;&#039;Buch der Lieder&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; und sich darauf verstehen, ihre Amtsgewalt wirksam zu gebrauchen. Sie sollen nicht nur sich selbst in Schranken halten, sondern es auch vermeiden, dass die Menschen in ihrer nächsten Umgebung ihre Macht und ihren Einfluss ausnutzen und sich Vorteile verschaffen. Wir müssen uns bewusst werden, dass Macht zu haben bedeutet, öffentlicher Diener zu sein, und oft darüber reflektieren, wer uns diese Macht gewährt hat und wer davon Nutzen tragen soll, damit wir unsere Macht bewusst für gemeinnützige anstatt für eigennützige Zwecke einsetzen. Ferner müssen wir die Vorschriften über die Machtausübung beachten und den demokratischen Zentralismus strikt befolgen, indem wir die demokratischen Prinzipien bei Diskussionen geltend machen, Beschlüsse verfahrensmäßig fassen und diese ordnungsgemäß ausführen. Nicht zuletzt müssen wir im Hinterkopf behalten, dass Macht stets mit Verantwortung verbunden ist und ihr Einsatz kontrolliert werden muss, und dafür sorgen, dass die Machtausübung nicht von der richtigen Richtung abweicht und ihre Heiligkeit bewahrt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Lebensstil der leitenden Kader ist keine Nebensächlichkeit ==&lt;br /&gt;
12. Februar 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von der oberen Schicht geformten Trends werden an der Basis der Gesellschaft verbreitet. Der Lebensstil und die Vorlieben von leitenden Kadern betreffen nicht nur die Moral und den Ruf der eigenen Person, sondern auch das Öffentliche Ansehen und das Image der gesamten Partei. Sie haben auch entscheidenden Einfluss auf gesellschaftliche Trends und die Vorlieben der Bevölkerung in der Lebensführung. Nicht umsonst heißt es: Wie der Herr, so’s Gescherr. Zahlreiche Anekdoten sprechen dafür und die folgenden zwei wirken noch heute als Warnung. Die eine stammt aus der &#039;&#039;Sammlung von Anekdoten ans der Song-Dynastie&#039;&#039;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Herausgegeben von Ding Chuanjing (1870-1930), einem Buchsammler und Gelehrten.&amp;lt;/ref&amp;gt;: Qian Chu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Qian Chu (929-988) war der letzte Herrscher von Wuyue (907-978), einem der zehn Reiche, die zwischen 902 und 979 in Südchina herrschten, und ergab sich schließlich der Nördlichen Song-Dynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; beschenkte den Song-Kaiser Zhao Kuangyin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zhao Kuangyin (927-976) war der Begründer der Nördlichen Song-Dynastie und regierte von 960 bis 976.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit einem kostbaren Gürtel. Der Kaiser erwiderte: „Auch ich habe drei Gürtel, die sich jedoch von diesem stark unterscheiden.“ Qian Chu bat darum, diese in Augenschein nehmen zu dürfen. Lächelnd sagte der Kaiser: „Einer davon ist der Bianhe-Fluss, ein anderer der Huimin-Fluss und der letzte der Wuzhang-Fluss.“ Qian Chu schämte sich sehr und bewunderte den Kaiser. Die andere Anekdote findet sich in den &#039;&#039;Niederschriften in den Pausen am Feld&#039;&#039;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ein Werk von Tao Zongyi (1316-?), einem Literaten und Historiker, der Ende der Yuan- und Anfang der Ming-Dynastie lebte.&amp;lt;/ref&amp;gt;: Der letzte Herrscher des Südlichen Tang-Reiches&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Südliche Tang-Reich gehört auch zu den zehn Reichen und währte von 937 bis 975. Sein letzter Herrscher war Li Yu (937-978), der im Jahr 961 den Thron bestieg. Er war zugleich ein berühmter Dichter.&amp;lt;/ref&amp;gt; hatte eine Nebenfrau namens Yaoniang, die eine grazile Figur hatte und eine begnadete Tänzerin war. Der König ließ ihre Füße mit Seidenbinden umwickeln, sodass sie tanzte wie in den Wolken und gen Himmel aufzuwirbeln schien. Dies wurde dann eifrig nachgemacht. Seitdem empfand man gebundene Frauenfüße als schön und schämte sich für diejenigen, die ihre Füße frei ließen. Diese Geschichten, die jeweils ein positives und ein negatives Beispiel geben, lehren uns, dass die alltäglichen Neigungen der Führungskader auf keinen Fall belanglos sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der moralische Verfall eines leitenden Kaders nimmt seinen Anfang oft in unanständigem Verhalten und Geschmacklosigkeiten im Privatleben, also in ungesunden Genüssen und Vergnügungen, die als völlig unwichtige Dinge erscheinen mögen. Wenn ein Führungskader Schwächen im Lebensstil und Makel in der Moral zeigt, wird es für ihn kaum möglich sein, ein rechtschaffener und unbestechlicher Beamter zu werden oder einen positiven Einfluss auf die öffentliche Moral zu nehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der komplizierten Verhältnisse in der gegenwärtigen Gesellschaft müssen die leitenden Kader aller Ebenen noch größeres Gewicht auf ihre eigene Werteerziehung legen, sich zu einer gesunden Lebensweise ermahnen, ihre Hobbys und Freundeskreise mit Vorsicht wählen, ein ausgeprägtes Rechtsgefühl haben, sich in Schranken halten, ihre Moral und ihr Betragen ständig vervollkommnen sowie sich jederzeit und in allen Aspekten prüfen, um ihre politische Integrität als Kommunisten zu wahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Ruf des Volkes ist das wichtigste Signal für die Verbesserung des Parteiverhaltens ==&lt;br /&gt;
19. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bereits zur Zeit der Bodenrevolution (1927-1937)&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Bodenrevolution wurde auch als der zweite Bürgerkrieg bezeichnet. In diesem Zeitraum führte die KP Chinas die Rote Armee und das chinesische Volk dabei, gegen die reaktionäre Herrschaft der Guomindang unter Chiang Kai- shek zu kämpfen, das feudale Bodensystem abzuschaffen sowie demokratische Arbeiter- und Bauernregierungen zu gründen. Unterdessen nahm die Führungsmannschaft der KP Chinas der ersten Generation um Mao Zedong Gestalt an, eine Volksarmee neuen Typs wurde ins Leben gerufen und ein neuer Weg der chinesischen Revolution gebahnt. Damit wurden die Grundlagen für den Widerstandskrieg des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression und für die weitere Entwicklung der chinesischen Revolution geschaffen.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat Vorsitzender Mao mit Nachdruck darauf hingewiesen: „Wir müssen den Fragen des Alltagslebens der Volksmassen eindringlich unsere Aufmerksamkeit widmen, angefangen von den Fragen des Grund und Bodens und der Arbeit bis zu den Fragen der Versorgung mit Brennholz, Reis, Speiseöl und Salz. ... Alle diese Fragen des täglichen Lebens der Volksmassen müssen auf unsere Tagesordnung gesetzt werden. ... Wir müssen mit den Massen verbunden sein, ihre Aktivität entfalten, uns um ihr Wohl und Wehe sorgen, ehrlich und aufrichtig in ihrem Interesse arbeiten und die Fragen ihrer Produktion und ihres Alltagslebens wie die der Versorgung mit Salz, Reis, Wohnung und Kleidung sowie die Frage der Sorge um Mutter und Kind — kurzum, alle erdenklichen Fragen der Volksmassen lösen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Mao Zedong: &#039;&#039;Kümmern wir uns um das Alltagsleben der Volksmassen, achten wir auf die Arbeitsmethoden!&#039;&#039; In: &#039;&#039;Mao Tse-tung, Ausgewählte Werke, deutsche Ausgabe, Band I&#039;&#039;. Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1968. S. 171-172.&amp;lt;/ref&amp;gt; Dies beweist, dass es schon immer eine gute Tradition unserer Partei war, Probleme der Arbeit und des Lebens des Volkes tüchtig anzupacken. Sie soll auch heute ein geeigneter Ansatzpunkt für die Verbesserung unseres Verhaltens und ein wichtiges Kriterium für die Bewertung der dabei erzielten Ergebnisse sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenwärtig vollziehen sich in ganz Zhejiang Kampagnen im Rahmen des „Jahres zur Verbesserung des Parteiverhaltens“, die ständig forciert werden. Alle Regionen und Behörden sollen in Übereinstimmung mit den Gegebenheiten vor Ort ihren jeweiligen Schwerpunkt festlegen, größte Aufmerksamkeit darauf richten und zugleich die richtigen Ansatzpunkte wählen. Dabei kommt es darauf an, sich über die Anliegen und die Meinung des Volkes ins Bild zu setzen, den Stimmen der einfachen Leute Gehör zu schenken, sich ihre Sorgen und Nöte ans Herz zu legen und bei der Verbesserung des Parteiverhaltens ihrem Ruf und ihren Bedürfnissen Priorität einzuräumen. Wir müssen das Leben des Volkes an erste Stelle setzen und uns darauf konzentrieren, die unter der Bevölkerung meistdiskutierten Probleme zu bewältigen und mit Schwierigkeiten verbundene Angelegenheiten zu erledigen, sofern sie dies verlangt, damit sie von unseren besseren Verhaltensweisen profitiert und damit zufrieden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die leitenden Kader spielen eine primäre Rolle in der Verbesserung des Parteiverhaltens ==&lt;br /&gt;
21. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Führungswechsel in den Gemeinden, Kreisen und Städten unserer Provinz kommen bald zu Ende. Die Parteimitglieder und einfachen Leute richten nun ihr Augenmerk darauf, welches Verhalten und Image die neu gewählten Führungsgremien und ihre Mitglieder an den Tag legen und welche Ziele sie sich setzen werden. Die neuen Führungsgremien und -kader müssen ihrerseits auf diese Fragen eingehen und Antworten geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um die Verhaltensverbesserung der Führungsgremien und der leitenden Kader zu forcieren und die Führungskader dazu zu veranlassen, mit gutem Beispiel voranzugehen, hat das Parteikomitee unserer Provinz eine praxisorientierte Kampagne für ein neues Image und weitere Arbeitsleistungen auf Stadt- und Kreisebene eingeleitet unter dem Motto, durch solide Arbeit auf Basis des Zusammenhalts und der Einigkeit unseren Vorsprung in der wissenschaftlichen Entwicklung zu halten. Dies ist eine wichtige Aktion im Rahmen des „Jahres zur Verbesserung des Parteiverhaltens“ und ein notwendiger Schritt zur Verstärkung der politisch-theoretischen Ausbildung, Und dabei werden klare Anforderungen an die leitenden Kader gestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Hauptakteure bei der Verbesserung des Parteiverhaltens müssen die Führungskader aktiv an den diesbezüglichen Kampagnen teilnehmen, ihren Verpflichtungen treu nachkommen und sich zu größerem Engagement motivieren. Einerseits sollen sie bereitwillig Reklame für diese Kampagnen machen, andere zur Beteiligung daran veranlassen, ihre Organisation und Durchführung übernehmen und ihren Verlauf überwachen. Andererseits sind sie dazu verpflichtet, durch vorbildliche Verhaltensweisen einen Beitrag für die Schaffung eines guten Arbeitsklimas zu leisten mit dem Ziel, ihre Arbeit zu verbessern, ihren Arbeitsstil anzupassen, ihr Image zu polieren und für einen festeren Zusammenhalt, größere Leistungsfähigkeit und mehr öffentlichen Einfluss zu sorgen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die leitenden Kader müssen sowohl sich selbst als auch ihre Mitarbeiter streng disziplinieren. Was sie von anderen verlangen, dem müssen auch sie selbst gerecht werden; was sie anderen verbieten, davon müssen auch sie Abstand nehmen. Es geht nicht an, dass sie Anforderungen aufstellen, ohne diese persönlich zu befolgen. Alle Führungskader sollen ihren Worten Taten folgen lassen, sowohl die Arbeit ihrer Instanz als auch die der untergeordneten Instanzen in den Griff bekommen und den Letzteren mit Rat und Tat beistehen. Sie müssen mit ihrem eigenen Verhalten Maßstäbe setzen und ein Beispiel geben, um ihre Führungsrolle bei der Verbesserung des Parteiverhaltens effektiv wahrzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Neu gewählte Kader müssen in Vergangenheit und Zukunft blicken ==&lt;br /&gt;
23. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neu gewählten Führungsgremien auf allen Ebenen tragen die Verantwortung dafür, die wissenschaftliche Anschauung von Entwicklung in die Tat umzusetzen und den 11. Fünfjahresplan (2006-2010) auszuführen. Dies ist eine schwere Aufgabe, die von den leitenden Kadern Elan, Tatkraft sowie Pionier- und Innovationsgeist verlangt. Die Modernisierung ist mit einem Staffelmarathon zu vergleichen. Der Staffelstab wird von einer Führungsmannschaft an die nächste übergeben, die das Volk beim Laufen leitet, und jede hat nur eine kleine Strecke des Marathonlaufs zu durchlaufen. Daher müssen die neu gewählten Führungskader beim Amtsantritt einen klaren Kopf bewahren, im Bewusstsein eines Staffelläufers handeln, sowohl für eine reibungslose Übernahme als auch für eine glatte Übergabe des Staffelstabs sorgen sowie die Kader und einfachen Leute unter ihrer Führung zusammenschweißen und dazu anhalten, mit Höchstgeschwindigkeit auf der Laufbahn der wissenschaftlichen Entwicklung zu sprinten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum einen müssen die neu ernannten leitenden Kader einen Blick für die Arbeit ihrer Vorgänger haben. Man darf nicht einfach einen neuen Weg einschlagen, nur um sich von seinem Vorgänger zu unterscheiden oder um sein Image aufzubauen. Wir müssen die unvollendeten Arbeiten unserer Vorgänger, sofern sie den Forderungen der Sache der Partei, den Interessen des Volkes und der Sachlage entsprechen, konsequent weiterführen, wobei wir die betreffenden Gesetzmäßigkeiten befolgen und den Willen der einfachen Leute respektieren müssen. Wir sollen Verbesserungen vornehmen und neue Impulse geben, dürfen aber keinesfalls alle bisherigen Pläne um unseres eigenen Ansehens willen über den Haufen werfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andererseits müssen die leitenden Kader Rücksicht auf ihre Nachfolger nehmen und darauf bedacht sein, einen langfristigen Ansatz zu verfolgen und die Gesamtsituation zu berücksichtigen. Sie sollen sich im Einklang mit der wissenschaftlichen Anschauung von Entwicklung für eine gute und schnelle Entwicklung ihres Ressorts bzw. ihrer Region einsetzen, die nötigen Vorbereitungsarbeiten für ihre Nachfolger erledigen und den Nachkommen mehr Reichtümer hinterlassen, um während ihrer Amtszeit einen Beitrag zur zukünftigen Entwicklung ihres Ressorts bzw. ihrer Region zu leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wie sieht ein vollwertiger Beamter aus ==&lt;br /&gt;
24. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einfachen Leute bewerten einen Kader vor allem danach, ob er wie ein vollwertiger Beamter „aussieht“ und ob er herrisch „auftritt“. Es gibt tatsächlich eine kleine Zahl von leitenden Kadern, die ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit haben, weil sie ihren Posten nur unbefriedigend versehen, sich aber stets gebieterisch aufspielen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Aussehen“ und „Auftreten“ scheinen einander auf den ersten Blick ähnlich, doch tatsächlich unterscheiden sie sich stark voneinander, was ihre Bedeutung angeht. Mit dem „Aussehen“ eines vollwertigen Beamten meine ich das gute Image eines leitenden Kaders und seine Anerkennung im Volk. Es bezieht sich hier also nicht auf die äußere Erscheinung, sondern auf die Moral, die Kompetenz und die Leistungen. Ein herrisches „Auftreten“ dagegen bedeutet ein schlechtes Image, das beim Volk Unmut erregt. Im Auge der einfachen Leute sehen vollwertige Beamten so aus: Sie sind politisch zuverlässig und fachlich kompetent, pflegen einwandfreie Verhaltensweisen und verstehen sich darauf, der wissenschaftlichen Entwicklung den Boden zu bereiten. Diese Qualitäten zeigen sich bei einer großen Menge hervorragender Kader wie Niu Yuru,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; Zheng Peimin&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; und Zheng Jiuwan.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt; Doch einige Kader orientieren sich an feudalen Bürokraten und legen eine herrische Verhaltensweise an den Tag, sobald sie in eine leitende Position aufgestiegen sind. Sie gehen tyrannisch vor, brausen schnell auf, werden immer anspruchsvoller im Leben und distanzieren sich allmählich von ihren Untergebenen und dem Volk. Wir müssen stets im Hinterkopf behalten, dass man vorwärtskommen wird, wie ein Fisch, der im Wasser schwimmt, wenn man dem Volk nahesteht, während man den Boden unter den Füßen verlieren wird, wie ein Baum, dessen Wurzeln aus der Erde gerissen werden, wenn man sich vom Volk abwendet. Vieles spricht dafür, dass Kader, die sich so verhalten, wie es sich für einen Beamten gebührt, stets enge Beziehungen zu den einfachen Leuten haben werden. Ihnen geht die Arbeit außerdem leicht von der Hand. Diejenigen aber, die sich gebieterisch verhalten, entfremden sich vom Volk und begegnen bei der Arbeit vielen Hindernissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle leitenden Kader sind dazu verpflichtet, die von Generalsekretär Hu Jintao vorgeschlagenen „acht Handlungsnormen“&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die „acht Handlungsnormen“ lauten wie folgt: Die leitenden Kader müssen fleißig und lerneifrig sein und das Gelernte in der Praxis anzuwenden wissen; sie müssen ihr Herz an die einfachen Leute hängen und sich für sie ins Zeug legen; sie müssen solide Arbeit leisten und greifbare Resultate erbringen; sie müssen unter schwierigen Bedingungen hart arbeiten und sparsam leben; sie müssen stets der Gesamtentwicklung Rechnung tragen und Dekrete und Verbote strikt befolgen; sie müssen in ihrem Team Demokratie und Solidarität walten lassen; sie müssen ihre Machtbefugnisse regelgemäß ausüben und ihr Amt integer führen; und sie müssen sich im Privatleben anständig verhalten und gesunde Interessen und Vorlieben haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; musterhaft zu befolgen und tatkräftig zu fördern, ihren Arbeitsstil aufrichtig anzupassen, für eine engere Bindung zwischen Partei und Volk sowie zwischen Kadern und einfachen Leuten zu sorgen, mit vollem Einsatz die Menschen von ihren Sorgen und Nöten zu befreien und ihnen reale Vorteile zu verschaffen. Sie müssen also von herrischen Verhaltensweisen Abstand nehmen, um dem Volk wahrhaftig näherzukommen, und mit vortrefflichem Arbeitsverhalten ein gutes Beispiel geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Pragmatisches Arbeiten mit politisch-theoretischer Vorbereitung kombinieren ==&lt;br /&gt;
24. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir treten für einen pragmatischen Arbeitsstil ein, weil dieser dazu beiträgt, Bürokratismus zu überwinden und engere Beziehungen zwischen den Kadern und den einfachen Leuten herzustellen. Doch wenn wir stets mit gesenktem Kopf die Kutsche ziehen, ohne auf den Kurs zu achten, legen uns die Routinearbeiten Fesseln an. Einige leitende Kader überarbeiten sich und sind trotzdem nicht in der Lage, ihre Arbeit zum Durchbruch zu führen. Ein wichtiger Grund dafür liegt darin, dass sie nicht wissen, wie man die Arbeitspraxis mit der politisch-theoretischen Vorbereitung kombiniert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit praktischem Arbeitsstil ist gemeint, dass man bei der Arbeit immer von der Sachlage ausgehen, stets die Wahrheit sagen, konkrete Probleme in Angriff nehmen und durch effektive Maßnahmen für greifbare Resultate sorgen sollte. Die politisch-theoretische Vorbereitung bezieht sich darauf, dass man sich, bevor man eine Arbeit angeht, zuerst mit den betreffenden Theorien, Gedanken, politischen Prinzipien und Richtlinien auseinandersetzen, Überlegungen anstellen und sich darüber austauschen sollte, um das Denken einheitlich auszurichten, einen Konsens zu erzielen, das Selbstvertrauen zu stärken und die Moral zu erhöhen. Wenn wir die Arbeitsausführung mit dem Kampf an der Front vergleichen, dann entspricht die politisch-theoretische Vorbereitung der Ausarbeitung des Schlachtplans. Diese zwei Schritte ergänzen einander, bilden eine widerstreitende Einheit und sind Bestandteil aller Führungsaktivitäten. Der erste Schritt ist der Zweck und das endgültige Ziel des zweiten. Die politisch-theoretische Vorbereitung zielt also auf befriedigende Arbeitsergebnisse. Sie stellt die Voraussetzung und Grundlage für die Arbeitsausführung dar. Ohne diesen Schritt kann man seine Arbeit nicht zielgerichtet verrichten. Karl Marx merkte einmal an, dass sich der Mensch vor allem dadurch von der Biene unterscheide, dass „er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut“.&amp;lt;ref&amp;gt;Karl Marx: &#039;&#039;Das Kapital&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, deutsche Ausgabe, Band 1&#039;&#039;. Dietz Verlag, Berlin 1968. S. 193.&amp;lt;/ref&amp;gt; Dieser Entwurfsprozess ist eine Art geistige Vorbereitung. Daher ist die politisch-theoretische Vorbereitung als eine Methodik gleichbedeutend damit, Konkretes zu leisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles in allem müssen die leitenden Kader sowohl großen Wert auf die Arbeitsausführung legen als sich auch darauf verstehen, die nötigen politisch-theoretischen Grundlagen zu schaffen. Nur wenn wir beides effektiv verbinden, vor Beginn einer Arbeit die entsprechenden politisch-theoretischen Vorbereitungen treffen und uns bei der Arbeitsausführung daran orientieren können, wird es uns gelingen, alle Aufgaben gut zu meistern, sodass wir das Vertrauen der Partei und die Erwartungen des Volkes nicht enttäuschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wir brauchen keine Doktrinäre ==&lt;br /&gt;
25. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Ausspruch von Friedrich Engels lautet: „Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot;&amp;gt;Wladimir Lenin: &#039;&#039;Über einige Besonderheiten der historischen Entwicklung des Marxismus&#039;&#039;. In: &#039;&#039;Wladimir Lenin, Werke, deutsche Ausgabe, Band 17&#039;&#039;. Dietz Verlag, Berlin 1978. 3,2&amp;lt;/ref&amp;gt; Lenin bezeichnete diese Aussage als „klassischen Satz“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot; /&amp;gt; Im Grunde genommen geht es dabei um eine Kombination von Theorie und Praxis. Doch im realen Leben gibt es immer noch Doktrinäre, die hartnäckig den Dogmatismus vertreten. Ein Teil der Parteimitglieder, darunter auch eine kleine Zahl von leitenden Kadern, ist zwar gebildet und widmet sich auch gerne der Lektüre, doch sie wissen nicht wirklich etwas mit diesem Buchwissen anzufangen. Entweder denken sie, das Buchwissen sei der Weisheit letzter Schluss, und bestehen starr auf den Theorien und Meinungen darin. Oder sie verfügen nur über Kathederweisheiten, die bei der Problemlösung gar nicht behilflich sind. Der Doktrinarismus unter den leitenden Kadern schadet nicht nur ihnen selbst, sondern auch den anderen Menschen sowie ihrer Arbeit und droht, langfristige und verheerende Folgen zu haben. Gehen wir den Ursachen dieses Phänomens auf den Grund, stellen wir fest, dass ein großes Problem im Lernstil liegt, nämlich in einer tiefen Kluft zwischen Theorie und Praxis. Man darf also weder die Lektüre vernachlässigen noch doktrinär am Buchwissen festhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lernen ist keinesfalls eine leichte Aufgabe. Wir müssen einerseits noch intensiver auf den Marxismus eingehen, und zwar mit konkreten Fragen im Kopf und mit dem Ziel, nützliche Hinweise für deren Lösung zu erhalten, und uns dazu befähigen, unter Anwendung marxistischer Standpunkte, Ansichten und Methoden bestehende Probleme zu untersuchen und zu bewältigen. Andererseits müssen wir aber auch dem realen Leben und der Sachlage Rechnung tragen und neue Gegebenheiten und Fragen unter die Lupe nehmen, um Lösungen dafür zu finden. Es liegt uns viel daran, Wissen und Handeln miteinander zu vereinbaren, die Theorie mit der Praxis zu kombinieren, reale Probleme anzupacken und uns mit Hingabe der Arbeit zu widmen, anstatt bloß große Reden zu schwingen, ohne unseren Worten Taten folgen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Selbstdisziplin auch in Abwesenheit anderer ==&lt;br /&gt;
25. März 2007&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im alten China hieß es: „Nichts ist so manifest wie das Verborgene, und nichts evidenter als das Geringfügige. Deshalb verhält sich ein edler Mensch vorsichtig, auch wenn er allein ist.“&amp;lt;ref&amp;gt;Zitat aus &#039;&#039;Maß und Mitte&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Parteikader sind dazu verpflichtet, auch wenn sie allein sind, Selbstdisziplin zu üben. Da sie, besonders solche in leitenden Positionen, normalerweise über bestimmte Machtbefugnisse verfügen, müssen sie sich nicht nur bereitwillig unter die Kontrolle der Partei stellen und sich Regeln und Vorschriften unterwerfen, sondern sich auch aus eigenem Antrieb streng disziplinieren, sodass sie die gleiche Verhaltensweise an den Tag legen, egal ob sie im Rampenlicht oder hinter den Kulissen stehen und egal ob andere dabei sind oder nicht. Im Privatleben, in Abwesenheit anderer und im Umgang mit Kleinigkeiten sollten sie besondere Vorsicht walten lassen, ‚‚als stünden sie am tiefen Abgrund und schritten sie auf dünnem Eis“,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt; um sicherzustellen, dass sie nicht auf die schiefe Bahn geraten oder aus dem Rahmen fallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liu Shaogi&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liu Shaogi (1898-1969), Marxist, proletarischer Revolutionär, Politiker und Theoretiker sowie eine der führenden Persönlichkeiten der KP Chinas und der Volksrepublik China.&amp;lt;/ref&amp;gt; hielt viel davon, Selbstdisziplin auch in Abwesenheit anderer zu üben, und sah darin ein effektives Mittel sowie die höchste Stufe zur Stärkung des Parteigeistes. Er erläuterte dies in seinem Werk &#039;&#039;Über die Selbstbildung der Parteimitglieder&#039;&#039;. „Auch wenn er alleine arbeitet und außerhalb jeglicher Kontrolle steht, sodass er die Gelegenheit hat, böse Absichten auszuführen, kann er sich zügeln und von allem Übel Abstand nehmen.“ Alle Parteikader sollten ihr Bestes geben, dieser Forderung gerecht zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt es erstens darauf an, unerschütterlich auf den kommunistischen Idealen und Überzeugungen zu beharren, eine klare politische Richtung einzuschlagen, unzweifelhafte politische Prinzipien zu befolgen und die politische Laufbahn zu schätzen zu wissen, um die nötige Selbstbeherrschung zu erlangen. Zweitens müssen wir jederzeit über uns selbst reflektieren, genauso wie unsere Vorfahren sagten: „Ich prüfe täglich dreifach mein Selbst.“ Wir müssen Acht auf unsere Worte und Taten geben und uns durch Selbstreflexion, Selbstermahnung und Selbstmotivation geistig-sittlich veredeln, um Abstand von Unanständigkeit und Korruption zu nehmen. Nicht zuletzt sollen Offenheit und Transparenz bei der Erledigung aller Angelegenheiten im Spiel sein. Auch Parteikader sind letztlich normale Menschen, die Schwächen haben und ab und zu Fehler begehen. Doch Transparenz ist das beste Mittel gegen Korruption. Solange wir in der Amtsführung auf demokratische Prinzipien, Verfahren und Disziplin achten und dunkle Machenschaften ablehnen, werden wir uns nicht verführen lassen und die Korruptionsprävention wird nicht als leere Parole gelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literaturverweise==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot; /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Sozialistisch_oder_kommunistisch%3F&amp;diff=9294</id>
		<title>Bibliothek:Sozialistisch oder kommunistisch?</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Sozialistisch_oder_kommunistisch%3F&amp;diff=9294"/>
		<updated>2026-04-28T13:14:13Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Sozialistisch oder kommunistisch?|author=Antonio Gramsci|written in=13. Mai 1921|source=[https://www.marxists.org/deutsch/archiv/gramsci/1921/05/sozkomm.htm Marxist Internet Archive]}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Antonio Gramsci]]&lt;br /&gt;
==Text==&lt;br /&gt;
Das ist die Grundfrage, vor der am Sonntag alle [[Proletariat|Arbeiter]] beim Gang zu den Wahlurnen unschlüssig stehen werden.&amp;lt;ref group=&amp;quot;lower-alpha&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
1. Der Ministerpräsident Giolitti hatte am 07.04.1921 die Kammer aufgelöst und die Wahlen für den 15.05.1921 ausgeschrieben, wobei er die Absicht verfolgte, den Einfluß der Sozialist*innen zurückzudrängen und die zu Beginn des Jahres erst gegründete KPI daran zu hindern, sich auf die Gewinnung einer stärkeren Position im Parlament vorzubereiten. Außerdem hoffte Giolitti, die Faschist*innen in eine konservative Mehrheit einzuordnen. Die ISP verlor zwar 34 Parlamentssitze, doch behielt sie immerhin noch 122 Mandate. Die KPI erhielt nur 15 Mandate.&amp;lt;/ref&amp;gt; Was bedeutet es für einen Arbeiter, für einen [[Bauerntum|Bauern]], für einen Angestellten, für einen Proletarier oder für einen Werktätigen gleich welchen Bereichs, diese neue Handlung zu vollziehen, seine Stimme der [[Kommunistische Partei|Kommunistischen Partei]] zu geben? Aber ist das denn eigentlich eine neue Handlung? Inwiefern und weshalb handelt das Proletariat anders – indem es der Kommunistischen Partei seine Stimme gibt – als bei den Wahlen, wo es seine Stimme den Klassenparteien gab, die nicht diesen Namen trugen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß sagen, daß das Klassenbewußtsein, seit es sich bei den großen werktätigen Massen herauszubilden begann, von Anfang an den Wunsch nach einer vollständigen Befreiung von den Banden der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sklaverei zum Inhalt gehabt hat, die in der [[Kapitalismus|kapitalistischen]] Gesellschaft alle, die von ihrer Arbeit leben, gefesselt halten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch wenn die Proletarier einen Streik zur Verkürzung der Arbeitszeit, zur Verbesserung des Lohnes und der Arbeitsbedingungen durchführen, müssen sie in ihrem Innern spüren, daß jeder Kampf von einem Endziel, einem letzten Zweck, überstrahlt ist; dieser kann niemals durch irgendwelche Teilkämpfe erreicht werden, obgleich diese geführt werden und geführt werden müssen, weil sie das eigentliche Leben der Klasse als eines Organismus des Kampfes und der moralischen und materiellen Bildung ausmachen. Doch die Aufgabe der Klasse erschöpft sich nicht in diesen Kämpfen, und sie beanspruchen auch nicht die gesamte Aktivität ihrer Mitglieder. Die Bedeutung des Einverständnisses mit der Kommunistischen Partei und der ihr gegebenen Stimme muß man darin suchen, daß man gerade über diese Endziele des Klassenkampfes nachdenkt. Die Kommunistische Partei fordert von den Arbeitern und Bauern, fordert von allen Proletariern, bei der Stimmabgabe über die höchste Bestimmung ihrer Klasse nachzudenken, bevor sie den Stimmzettel in die Urne legen, darüber nachzudenken, was ihrer Meinung nach im gegenwärtigen Moment ihnen und ihren Genossen bevorsteht, was also ihrer Meinung nach ihre konkrete Aufgabe ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie das glauben, brauchen sie nicht wählen zu gehen, oder sie gehen nur hin, um Leute ins Parlament zu schicken, die mit der Regierung verhandeln, wenn nicht mehr mit den Industriellen verhandelt werden kann, Leute, die sich ihrer parlamentarischen Autorität bedienen, um die Gewerkschaftsverträge mit einer Garantieunterschrift von den Regierenden des bürgerlichen Staates versehen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glauben die Proletarier, daß es ihnen im gegenwärtigen Moment möglich sei, auf dem in den ersten Jahrzehnten des Klassenkampfes beschrittenen Weg vorwärts zu gehen und langsam, Schritt für Schritt, Kräfte zu sammeln, um Einrichtungen zur Verteidigung des Proletariats zu schaffen und Organe zur Ausbildung der Fähigkeiten der Werktätigen auf dem, Gebiet der Verwaltung und der Technik zu entwickeln wie Genossenschaften, Banken, Arbeitsvermittlungsbüros usw.? Wenn sie glauben, daß das ausreiche, mögen sie Abgeordnete ins Parlament schicken, nur damit sie diese Einrichtungen verteidigen und ihnen im Rahmen des bürgerlichen Staates eine Existenzmöglichkeit verschaffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glauben die Proletarier, daß eine immer größere Anzahl von Posten für sie in den Organen des bürgerlichen Staates eine wirkliche Stärkung der Kräfte und der Fähigkeiten der werktätigen Klasse darstellt, eine reale und konkrete Machtergreifung ihrerseits? Glauben sie, daß der Sieg der Proletarier als Ergebnis einer von den Proletariern errungenen Mehrheit an Plätzen im bürgerlichen Parlament oder als Ergebnis der Eroberung der größtmöglichen Zahl von Lokalverwaltungen aufgefaßt werden kann?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie das glauben, mögen sie Abgeordnete ins Parlament schicken, um dann durch die Erhöhung ihrer Anzahl die Revolution und die Befreiung zu erwirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glauben die Proletarier, daß die Einrichtungen der bürgerlichen Klasse auch der proletarischen Klasse als Regierungsorgane dienen können, daß sie dazu dienen können, den Werktätigen Freiheit und Gerechtigkeit zu bringen, während sie bis heute nur dazu gedient haben, ihnen Sklaverei und Qual zu bringen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn sie das glauben, mögen sie die Sozialisten auffordern, offen zu sprechen, ihre Gedanken zu enthüllen und zu sagen, daß sie ins Parlament einziehen, um die Zusammenarbeit mit den Bourgeois und der „proletarischen“ Regierung im bürgerlichen Staat vorzubereiten; dann mögen sie die Sozialisten ausdrücklich auffordern, mit den Bürgerlichen zusammenzuarbeiten, und so mögen sie für die Sozialistische Partei stimmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Proletarier mögen daran denken, welche Situation im gegenwärtigen Moment herrscht. Sie mögen daran denken, daß der Krieg die größte Krise seit Menschengedenken hervorgerufen hat, eine Krise, die keine Regierungs- oder Staatskrise ist, sondern die eines Regimes und einer Welt, des Regimes und der Welt des Unternehmertums.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mögen die Proletarier das beachten, was sich schon seit Beginn dieser Krise zeigte und mit ihrer Verschärfung immer deutlicher wird, daß nämlich die in den Jahren des Friedens und der Ruhe verfolgte Taktik im gegenwärtigen Moment zu nichts mehr nütze ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles, was einmal als ein Schritt vorwärts erschienen war, jede Aktion, die einst dazu diente, ein wenig Freiheit zu garantieren und den Werktätigen ein wenig Gerechtigkeit zu verschaffen, dient heute nur dazu, die Krise zu verschärfen, die Feinde noch grausamer zu machen, heftigere Gegenreaktionen hervorzurufen und das Leben härter und den Kampf schärfer zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jede Lohnerhöhung führt zu einer zehnfachen Erhöhung der Lebenskosten, jeder Versuch, ein wenig Freiheit zu erobern, ruft den bestialischen Zorn und grausame Vergeltungsmaßnahmen der Unternehmer hervor. Die Erhöhung der Anzahl der Abgeordneten, das Anwachsen der Macht der Organisationen und die Eroberung von zweitausend Gemeinden haben die Bourgeois dazu veranlaßt, sich zu bewaffnen, die Arbeiter und Bauern mit Waffengewalt zu verfolgen, ihre Häuser anzuzünden, ihre Einrichtungen zu zerstören und ganze Regionen wieder einem Regime zu unterstellen, das schlimmer als die Sklaverei ist; denn es gibt dort kein Gesetz und kein Recht mehr außer dem des Faustrechts und des Prügelstockes und des auf das Gesicht der Werktätigen und auf die Brust ihrer Frauen und Kinder gerichteten Revolvers.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was soll das bedeuten? Was will die Bourgeoisie mit diesen Gewaltakten erreichen? Sie will den Proletariern beweisen, daß diese sich, solange die Bourgeoisie die Macht ausübt, keine Illusionen machen dürfen, daß man schrittweise Gerechtigkeit und Freiheit erringen könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist notwendig, daß die Werktätigen die Macht übernehmen, aber sie werden das niemals erreichen können, solange sie sich einbilden, sie durch die Organe des bürgerlichen Staates erobern und ausüben zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Defensivkampf der Gewerkschaften, die Schaffung von sozialistischen Organen und die Durchführung sozialistischer Experimente im bürgerlichen Regime, die Eroberung neuer Posten in den Organen, mit denen das Bürgertum die Gesellschaft regiert, alles das reicht heute nicht mehr aus, es nützt nicht mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man braucht etwas anderes, wenn man nicht überrumpelt werden und alles verlieren will. Es ist notwendig, daß die Arbeiter, Bauern, alle Werktätigen zu Herrschern der ganzen Gesellschaft werden, daß sie die Macht haben und sie durch neue Einrichtungen ausüben, die der Gesellschaft eine neue Form und eine eiserne Ordnungs- und Arbeitsdisziplin für alle geben. Es ist notwendig, daß jeder andere Kampf dem Kampf für die Eroberung der Macht und für die Schaffung des neuen Staates, des Staates der Arbeiter und Bauern untergeordnet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist die von den russischen Werktätigen verfolgte Taktik, die es ihnen heute gestattet, mit Gewißheit in die Zukunft zu schauen, während die Werktätigen in allen anderen Ländern das mit Besorgnis, mit Angst und Beklemmung tun. Das ist die Taktik, die die Kommunistische Partei den Arbeitern und Bauern Italiens vorschlägt, das Programm, auf das sie sich stützen sollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommunist sein und für die Kommunistische Partei stimmen bedeutet das Bekenntnis, von der Richtigkeit dieses Programms überzeugt zu sein, sich bereit zu erklären, für seine Verwirklichung zu kämpfen, Männer in das Parlament zu schicken, die sich nichts anderes vornehmen, als diese Grundsätze zu bestätigen und dem Organ Kraft zu verleihen, das den besten Teil der Arbeiterklasse führt, um eben diese Grundsätze in der ganzen Welt zu verwirklichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;lower-alpha&amp;quot; /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Von_der_Autorit%C3%A4t&amp;diff=9293</id>
		<title>Bibliothek:Von der Autorität</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Von_der_Autorit%C3%A4t&amp;diff=9293"/>
		<updated>2026-04-28T13:01:34Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Von der Autorität|image=|author=Friedrich Engels|written in=1872|publisher=|published_date=|published_location=|source=RedSails.org[https://redsails.org/de/on-authority/]}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Friedrich Engels]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige [[Sozialismus|Sozialisten]] haben in letzter Zeit einen regelrechten Kreuzzug gegen das eröffnet, was sie das Autoritätsprinzip nennen. Sie brauchen nur zu sagen, dieser oder jener Akt sei autoritär, um ihn zu verurteilen. Mit diesem summarischen Verfahren wird derart Missbrauch getrieben, dass es nötig ist, die Angelegenheit ein wenig aus der Nähe zu betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorität will in dem Sinn des Wortes, um den es sich hier handelt, soviel besagen wie: Überordnung eines fremden Willens über den unseren; Autorität setzt auf der anderen Seite Unterordnung voraus. Da nun diese zwei Worte einen üblen Klang haben und das Verhältnis, das sie zum Ausdruck bringen, für den untergeordneten Teil unangenehm ist, handelt es sich um die Frage, ob es nicht ein Mittel gibt, anders auszukommen; ob wir nicht — unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen — einen anderen sozialen Zustand ins Leben rufen können, in dem diese Autorität keinen Sinn mehr hat und folglich verschwinden muss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir die ökonomischen — [[Industrie|industriellen]] und [[Landwirtschaft|landwirtschaftlichen]] — Verhältnisse untersuchen, die die Grundlage der gegenwärtigen [[Diktatur der Bourgeoisie|bürgerlichen Gesellschaft]] bilden, so finden wir, dass sie die Tendenz haben, die isolierte Tätigkeit mehr und mehr durch die kombinierte Tätigkeit der Individuen zu ersetzen. An die Stelle der kleinen Werkstätten isolierter Produzenten ist die moderne Industrie getreten, mit großen Fabriken und Werkstätten, in denen Hunderte von [[Proletariat|Arbeitern]] komplizierte, mit Dampf angetriebene Maschinen überwachen; die Fuhrwerke und Karren der großen Landstraßen sind abgelöst worden durch die Züge der Eisenbahn, wie die kleinen Ruderboote und Segelfeluken durch die Dampfboote. Maschinen und Dampf bringen selbst die Landwirtschaft nach und nach unter ihre Herrschaft, indem sie langsam aber sicher an die Stelle [[Petite Bourgeoisie|kleiner Eigentümer]] große [[Bourgeoisie|Kapitalisten]] setzen, die mit Hilfe von Lohnarbeitern große Landflächen bebauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall tritt die kombinierte Tätigkeit, die Komplizierung voneinander abhängender Prozesse, an die Stelle der unabhängigen Tätigkeit der Individuen. Wer aber kombinierte Tätigkeit sagt, sagt Organisation; ist nun Organisation ohne Autorität möglich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir einmal an, eine soziale [[Revolution]] habe die Kapitalisten entthront, deren Autorität heutzutage die Produktion und die Zirkulation der Reichtümer lenkt. Nehmen wir, um uns ganz auf den Standpunkt der Antiautoritarier zu stellen, weiter an, der Grund und Boden und die Arbeitsinstrumente seien zum kollektiven Eigentum der Arbeiter geworden, die sich ihrer bedienen. Wird die Autorität dann verschwunden sein oder wird sie nur die Form gewechselt haben? Sehen wir zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir als Beispiel eine Baumwollspinnerei. Die [[Baumwolle]] muss mindestens sechs aufeinanderfolgende Operationen durchlaufen, bevor sie die Gestalt des Fadens annimmt, Operationen, die — zum größten Teil — in verschiedenen Sälen vor sich gehen. Außerdem braucht man, um die Maschinen in Gang zu halten, einen Ingenieur, der die Dampfmaschine überwacht, Mechaniker für die laufenden Reparaturen und viele ungelernte Arbeiter, die die Produkte von einem Saal in den anderen zu schaffen haben etc. Alle diese Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder, sind gezwungen, ihre Arbeit zu einer Stunde zu beginnen und zu beenden, die von der Autorität des Dampfs festgesetzt ist, der sich keinen Deut um die individuelle Autonomie kümmert. Es ist also zuerst einmal nötig, dass die Arbeiter sich über die Arbeitsstunden einigen; sind diese Stunden einmal festgelegt, so ist jedermann ohne jede Ausnahme ihnen unterworfen. Weiterhin treten in jedem Saal und in jedem Augenblick Detailfragen über die [[Produktionsweise]], die Verteilung des Materials etc. auf, Fragen, die sofort gelöst werden müssen, wenn nicht die gesamte Produktion im selben Augenblick zum Stehen kommen soll; ob sie nun auf Entscheid eines an die Spitze jedes Arbeitszweigs gestellten Delegierten gelöst werden oder, wenn dies möglich ist, durch Majoritätsbeschluss, stets wird sich doch der Wille eines jeden unterordnen müssen; das bedeutet, dass die Fragen autoritär gelöst sein werden. Der mechanische Automat einer großen Fabrik ist um vieles tyrannischer, als es jemals die kleinen Kapitalisten gewesen sind, die Arbeiter beschäftigen. Wenigstens was die Arbeitsstunden betrifft, kann man über die Tore dieser Fabriken schreiben: Lasst alle Autonomie fahren, die Ihr eintretet!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig ist. Die Autorität in der Großindustrie abschaffen wollen, bedeutet die Industrie selber abschaffen wollen; die Dampfspinnerei vernichten, um zum Spinnrad zurückzukehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir als anderes Beispiel eine Eisenbahn. Auch hier ist die Kooperation einer Unmenge von Individuen absolut notwendig: eine Kooperation, die zu ganz bestimmten Stunden stattfinden muss, damit es zu keinem Unglück kommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch hier ist die erste Bedingung des Betriebs ein dominierender Wille, der jede untergeordnete Frage beiseite schiebt, mag dieser Wille nun durch einen einzelnen Delegierten repräsentiert sein oder durch ein Komitee, dem die Ausführung der Beschlüsse einer Mehrheit von Interessenten übertragen ist. In dem einen wie in dem anderen Fall haben wir es mit einer ganz ausgesprochenen Autorität zu tun. Mehr noch: Was geschähe mit dem ersten abgehenden Zuge, wenn die Autorität der Bahnangestellten über die Herren Reisenden abgeschafft wäre?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Notwendigkeit einer Autorität, und zwar einer gebieterischen Autorität, tritt am anschaulichsten bei einem Schiff auf hoher See zutage. Hier hängt, im Augenblick der Gefahr, das Leben aller davon ab, dass alle sofort und absolut dem Willen eines einzelnen gehorchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedesmal, wenn ich dergleichen Argumente den wildesten Antiautoritariern unterbreitete, wussten sie mir nichts zu antworten als: »Ah! Das ist wahr, aber hier handelt es sich nicht um eine Autorität, die wir den Delegierten verleihen, sondern um einen Auftrag!« Diese Herren glauben die Sache verändert zu haben, wenn sie deren Namen verändern. So machen sich diese tiefen Denker über die Welt lustig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben also gesehen, dass einerseits eine gewisse, ganz gleich auf welche Art übertragene Autorität und andererseits eine gewisse Unterordnung Dinge sind, die sich uns aufzwingen unabhängig von aller sozialen Organisation, zusammen mit den materiellen Bedingungen, unter denen wir produzieren und die Produkte zirkulieren lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andererseits haben wir gesehen, dass die materiellen Produktions- und Zirkulationsbedingungen durch die Großindustrie und die Großlandwirtschaft unweigerlich erweitert werden und die Tendenz haben, das Feld dieser Autorität mehr und mehr auszudehnen. Es ist folglich absurd, vom Prinzip der Autorität als von einem absolut schlechten und vom Prinzip der Autonomie als einem absolut guten Prinzip zu reden. Autorität und Autonomie sind relative Dinge, deren Anwendungsbereiche in den verschiedenen Phasen der sozialen Entwicklung variieren. Wenn die Autonomisten sich damit begnügten, zu sagen, dass die soziale Organisation der Zukunft die Autorität einzig und allein auf jene Grenzen beschränken wird, in denen die Produktionsbedingungen sie unvermeidlich machen, so könnte man sich verständigen; sie sind indessen blind für alle Tatsachen, die die Sache notwendig machen, und stürzen sich auf das Wort.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum begnügen sich die Antiautoritarier nicht damit, gegen die politische Autorität, den [[Staat]], zu wettern? Alle Sozialisten sind einer Meinung darüber, dass der politische Staat und mit ihm die politische Autorität im Gefolge der nächsten sozialen Revolution verschwinden werden, und das bedeutet, dass die öffentlichen Funktionen ihren politischen Charakter verlieren und sich in einfache administrative Funktionen verwandeln werden, die die wahren sozialen Interessen hüten. Aber die Antiautoritarier fordern, dass der autoritäre politische Staat auf einen Schlag abgeschafft werde, bevor noch die sozialen Bedingungen vernichtet sind, die ihn haben entstehen lassen. Sie fordern, dass der erste Akt der sozialen Revolution die Abschaffung der Autorität sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haben diese Herren nie eine Revolution gesehen? Eine Revolution ist gewiss das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muss, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen. Hätte die [[Pariser Kommune]] nur einen einzigen Tag Bestand gehabt, wenn sie sich gegenüber den Bourgeois nicht dieser Autorität des bewaffneten Volks bedient hätte? Kann man sie nicht, im Gegenteil, dafür tadeln, dass sie sich ihrer nicht umfassend genug bedient hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also von zwei Dingen eins: Entweder wissen die Antiautoritarier nicht, was sie sagen, und in diesem Fall säen sie nur Konfusion; oder sie wissen es, und in diesem Fall üben sie Verrat an der Bewegung des Proletariats. In dem einen wie in dem anderen Fall dienen sie der [[Reaktion]].&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Wie_entstand_die_Maifeier%3F&amp;diff=9292</id>
		<title>Bibliothek:Wie entstand die Maifeier?</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Wie_entstand_die_Maifeier%3F&amp;diff=9292"/>
		<updated>2026-04-28T12:54:27Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Wie entstand die Maifeier?|author=Rosa Luxemburg|written in=Februar 1894|original language=|publisher=Sprawa Robotnicza (Arbeitersache)|published_date=Februar 1894|published_location=Paris}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der befreiende Gedanke, einen [[Proletariat|proletarischen]] Feiertag als Mittel zum Erlangen des achtstündigen Arbeitstages einzuführen, entstand zum erstenmal in [[Australien]]. Die dortigen Arbeiter beschlossen schon im Jahre 1856, einen Tag völliger Arbeitsruhe zu veranstalten, verbunden mit Versammlungen und Vergnügungen, als Manifestation zugunsten des achtstündigen Arbeitstages. Für den Tag dieser Feier wurde der 21. April bestimmt. Anfangs dachten die australischen Arbeiter nur an eine einmalige Manifestation im Jahre 1856. Schon diese erste Feier übte jedoch einen so starken Eindruck auf die proletarischen Massen Australiens aus, wirkte so aufmunternd und agitatorisch, daß man beschloß, alljährlich diese Feier zu wiederholen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat, was könnte der Arbeitermasse größeren Mut und Glauben an die eigenen Kräfte verleihen, als eine Massenniederlegung der Arbeit aus eigenem Willen. Was könnte den ewigen Sklaven der Fabrik und der Werkstätte besseren Mut verleihen, als die Musterung ihrer eigenen Truppen? So wurde auch der Gedanke der proletarischen Feier sehr schnell angenommen und begann sich aus Australien über andere Länder auszubreiten, bis er die ganze proletarische Welt eroberte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als erste folgten dem Beispiele der australischen Arbeiter die Amerikaner. Sie setzten im Jahre 1886 als Tag der allgemeinen Arbeitsruhe den 1. Mai fest. An diesem Tage verließen 200.000 von ihnen die Arbeit und forderten den achtstündigen Arbeitstag. Späterhin verhinderten die Regierungsverfolgungen die Arbeiter mehrere Jahre hindurch, diese Manifestation zu wiederholen. Im Jahre 1888 erneuerten sie jedoch ihren Beschluß und bestimmten für die nächste Feier den 1. Mai des Jahres 1890.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Inzwischen hatte sich die Arbeiterbewegung in Europa mächtig entwickelt und belebt. Ihren gewaltigen Ausdruck fand diese Bewegung durch den internationalen Arbeiterkongreß im Jahre 1889. Auf diesem Kongreß, der 400 Delegierte versammelte, wurde beschlossen, in erster Linie den achtstündigen Arbeitstag zu fordern. Worauf der Delegierte der [[Französische Republik|französischen]] [[Gewerkschaft|Gewerkschaften]], der Arbeiter Lavigne aus [[Bordeaux]], den Antrag stellte, man möge in allen Ländern diese Forderung durch einen allgemeinen Arbeiterfeiertag zum Ausdruck bringen. Da der Delegierte der [[Vereinigte Staaten von Amerika|amerikanischen]] Arbeiter die Aufmerksamkeit auf den gleichen Beschluß seiner Genossen in bezug auf den 1. Mai 1890 richtete, so setzte der Kongreß das Datum für den allgemeinen proletarischen Feiertag auf denselben Tag fest.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeiter dachten eigentlich auch in diesem Falle, wie vor dreißig Jahren in Australien, lediglich an eine einmalige Manifestation. Der Kongreß beschloß, daß die Arbeiter aller Länder mit der Forderung des achtstündigen Arbeitstages am 1. Mai 1890 gemeinsam demonstrieren. Von einer Wiederholung der Feier in den darauffolgenden Jahren war nicht die Rede. Niemand konnte natürlich voraussehen, wie glänzend die Ausführung dieses Gedankens gelingen werde und wie schnell sich dieser unter der Arbeiterklasse einbürgern werde. Es genügte jedoch, einmal die Maifeier im Jahre 1890 zu begehen, damit jeder sofort begriff und fühlte, die Maifeier müsse eine alljährliche und ständige Einrichtung sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der 1. Mai verkündet die Losung des achtstündigen Arbeitstages. Aber auch nach der Erlangung dieses Zieles wird die Maifeier nicht aufgegeben. Solange der Kampf der Arbeiter gegen die [[Bourgeoisie]] und die [[Staat|Regierung]] währen wird, solange noch nicht alle Forderungen erfüllt sein werden, wird die Maifeier der alljährliche Ausdruck dieser Forderungen sein. Wenn aber bessere Zeiten dämmern werden und die Arbeiterklasse ihre Erlösung in der gesamten Welt erlangt haben wird, auch dann wird wahrscheinlich, zum Gedenken an die ausgefochtenen Kämpfe und an die erlittenen Leiden, die Menschheit den 1. Mai festlich begehen.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Rosa Luxemburg]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Der_Weg,_der_mich_zum_Leninismus_f%C3%BChrte&amp;diff=9291</id>
		<title>Bibliothek:Der Weg, der mich zum Leninismus führte</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Der_Weg,_der_mich_zum_Leninismus_f%C3%BChrte&amp;diff=9291"/>
		<updated>2026-04-28T12:51:22Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Der Weg, der mich zum Leninismus führte|image=|author=Ho Chi Minh|written in=April 1960|publisher=|published_date=|published_location=|source=RedSails.org[https://redsails.org/de/the-path-which-led-me-to-leninism/]}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Ho Chi Minh]]&lt;br /&gt;
==Vorwort==&lt;br /&gt;
Aus dem Englischen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Text wurde zuerst im sowjetischen &#039;&#039;Probleme des Ostens&#039;&#039; zum 90sten Geburtstag [[Lenin|Wladimir Lenins]] veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Text==&lt;br /&gt;
Nach dem [[Erster Weltkrieg|ersten Weltkrieg]] lebte ich in [[Paris]], wo ich eine Zeitlang für ein Fotogeschäft und später als Maler »chinesischer Antiquitäten« (die von einem Franzosen hergestellt wurden) arbeitete. Damals verteilte ich oft Flugschriften, um die Untaten des [[Kolonialismus]] aufzudecken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich unterstützte also die [[Oktoberrevolution]] einfach durch eine Art spontane Sympathie. Ich verstand noch nicht ihre ganze historische Reichweite. Ich liebte und achtete Lenin einfach deshalb, weil er ein großer Patriot war und seine Landsleute befreit hatte, von seinen Werken aber hatte ich bis dahin noch keines gelesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gehörte der Französischen Sozialistischen Partei an, weil diese »Herren und Damen« (so nannte ich damals die Genossen der Partei) Sympathie für den Kampf der unterdrückten Völker gezeigt hatten. Ich verstand noch nicht, was eine [[Kommunistische Partei|Partei]], eine [[Gewerkschaft]] ist und was [[Sozialismus]] oder [[Kommunismus]] bedeuten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damals diskutierte man in den Sektionen der Sozialistischen Partei heftig darüber, ob man in der [[Zweite Internationale|II. Internationale]] bleiben, eine »zweieinhalbe« Internationale schaffen oder sich der [[Dritte Internationale|III. Internationale]] Lenins anschließen sollte. Ich nahm regelmäßig zwei- oder dreimal in der Woche an diesen Versammlungen teil. Ich hörte aufmerksam allen Diskussionsbeiträgen zu. Anfangs verstand ich sie nicht ganz. Warum mit solcher Heftigkeit diskutieren? Mit der II. oder der »zweieinhalben« oder der III. Internationale konnte man gut die [[Revolution]] durchführen, warum sich da in der Diskussion so ereifern? Blieb noch die [[Erste Internationale|I. Internationale]]. Was war mit ihr geschehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Frage, die mich brennend interessierte — und die man gerade im Verlauf der Versammlungen nicht diskutierte — war: Welche Internationale unterstützt den Kampf der unterdrückten Völker?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich stellte diese Frage, die für mich die wichtigste war, auf einer Versammlung. Einige Genossen antworteten: Das ist die III. Internationale und nicht die II. Und ein Genosse gab mir Lenins »Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage« zu lesen, die in der Zeitung L’Humanité veröffentlicht waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Thesen gab es schwer zu verstehende politische Begriffe. Trotzdem, indem ich sie wieder und wieder las, gelang es mir, das Wesentliche davon zu erfassen. Lenins Thesen erweckten bei mir ein Hochgefühl, eine große Begeisterung, einen starken Glauben und halfen mir, die Probleme klarzusehen. Meine Freude war so groß, daß mir darüber die Tränen kamen. Allein in meinem Zimmer, rief ich aus, als stände ich vor einer großen Menge: »Liebe unterdrückte und unglückliche Landsleute! Hier ist das, was wir brauchen, hier ist der Weg zu unserer Befreiung!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem habe ich zu Lenin und zur III. Internationale volles Vertrauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Früher hörte ich nur zu: Jeder schien mir recht zu haben, ich brachte es nicht fertig, dem einen oder anderen recht oder unrecht zu geben. Aber seit der Lektüre von Lenins Thesen wagte ich mich auch in die Diskussion. Ich ergriff leidenschaftlich das Wort. Trotz meiner ungenügenden Kenntnis des [[Französische Republik|Französischen]], die mich daran hinderte, meine Ideen vollständig auszudrücken, widersetzte ich mich mit Nachdruck all denen, die sich Lenin und der III. Internationale entgegenstellten. Mein einziges Argument lautete: »Genossen, wenn ihr den Kolonialismus nicht verurteilt, wenn ihr die unterdrückten Völker nicht unterstützt, was für eine Revolution ist das dann, die ihr angeblich durchführen wollt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich gab mich nicht damit zufrieden, an den Versammlungen meiner Sektion teilzunehmen, ich ging noch in andere Sektionen, um »meine« Meinungen zu vertreten. Ich muß hinzufügen, daß die Genossen [[Marcel Cachin]], [[Vaillant-Couturier]], [[Monmousseau]] und viele andere mir großzügig geholfen haben, vieles zu verstehen. Schließlich stimmte ich auf dem Kongreß von [[Tours]] mit allen diesen Genossen für den Beitritt zur III. Internationale.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Beginn war es der [[Patriotismus]] und nicht der Kommunismus, der mich dazu gebracht hatte, an Lenin und an die III. Internationale zu glauben. Nach und nach, schrittweise, im Verlauf des Kampfes und indem ich das theoretische Studium des [[Marxismus–Leninismus|Marxismus-Leninismus]] mit der praktischen Arbeit verband, war ich schließlich zu der Erkenntnis gelangt daß nur der Sozialismus und der Kommunismus die Unterdrückten und die [[Proletariat|Werktätigen]] der ganzen Welt befreien können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In [[Sozialistische Republik Vietnam|Vietnam]] und [[Volksrepublik China|China]] gibt es eine Legende vom »Zaubersack« : Wenn man vor großen Schwierigkeiten steht, braucht man nur den Sack zu öffnen und hat gleich die Lösung. Für die Revolutionäre und das vietnamesische Volk ist der Leninismus nicht nur ein Zaubersack oder ein Kompaß sondern eine echte Sonne, die den Weg zum endgültigen Sieg, zum Sozialismus und Kommunismus erleuchtet.&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Rede_bei_der_ersten_Internationalen_Konferenz_Sozialistischer_Frauen&amp;diff=9290</id>
		<title>Bibliothek:Rede bei der ersten Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Rede_bei_der_ersten_Internationalen_Konferenz_Sozialistischer_Frauen&amp;diff=9290"/>
		<updated>2026-04-28T12:32:23Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Rede bei der ersten Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen|author=Alexandra Kollontai|publisher=|published_date=1907|published_location=[[Stuttgart]]|edition_date=2004|type=Rede|isbn=|source=[https://www.marxists.org/deutsch/archiv/kollontai/1907/08/rede.html Marxist Internet Archive]}}&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Alexandra Kollontai]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über Feminismus]]&lt;br /&gt;
Die ganze Welt weiß, was die russische [[Proletariat|Arbeiterin]] für die Befreiung Rußlands von [[Russisches Kaiserreich|zarischer]] Gewalt getan hat; und es wird deshalb vielleicht nicht verstanden, daß sie ihren proletarischen Schwestern nicht einmal eine eigene Vertreterin gesandt hat. Aber wir hatten eben bis jetzt in Rußland keine besondere Arbeiterinnen- oder Frauenbewegung. Die klassenbewußte Arbeiterin hat Reihe an Reihe im Befreiungskampfe an der Seite des Mannes gestanden. Die russische Sozialdemokratie hat auch stets das Interesse der Arbeiterin vertreten, und in großer Zahl haben sich die russischen aufgeklärten Frauen der sozialdemokratischen Partei und den [[Gewerkschaft|Gewerkschaften]] angeschlossen, von allen den Gewerkschaften, die sehr rasch gewachsen sind. Jetzt allerdings haben auch wir in Rußland eine schwere Zeit zu überstehen. Der proletarischen Frauenbewegung ist in der [[Liberaler Feminismus|bürgerlichen Frauenbewegung]] ein neuer Feind erstanden, von dem vor drei Jahren noch keine Spur vorhanden war. Jetzt ist sie wie ein Pilz nach dem Regen aufgeschossen. Es gibt [[Konstitutionell-Demokratische Partei|kadettisch]]-radikale Frauen, die politisch ganz entschieden, in der sozialen Gesetzgebung aber rückständig sind. Es gibt auch fortschrittliche Frauen, und schließlich auch einen Verband echt russischer Frauen (Pfui! Rufe), die gierig sind, das Blut unserer opferwilligsten revolutionären Kämpfer zu trinken. Eine schöne Organisation für das schöne [[Geschlecht]]! Mit allen diesen bürgerlichen Frauen müssen wir jetzt die Klinge kreuzen, und so führen wir weiter den blutigen Kampf gegen den [[Absolutismus]], Männer und Frauen gemeinsam. Wir werden ihn niederzwingen, und dieser Sieg wird ein Sieg für die ganze Welt sein.&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_grundlegenden_Fragen_im_heutigen_China&amp;diff=9287</id>
		<title>Bibliothek:Die grundlegenden Fragen im heutigen China</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_grundlegenden_Fragen_im_heutigen_China&amp;diff=9287"/>
		<updated>2026-04-28T12:24:17Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Die grundlegenden Fragen im heutigen China|author=Deng Xiaoping|written in=1988|publisher=Verlag für fremdsprachige Literatur|published_location=Beijing|isbn=7-119-00383-6}}  Übersetzt von der deutschen Abteilung des Verlags für fremdsprachige Literatur  Druck und Verlag in der Volksrepublik China  Wir arbeiten gegenwärtig an den vier Modernisierungen, die ausschließlich sozialistischen Charakter tragen. Alle unsere p…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die grundlegenden Fragen im heutigen China|author=Deng Xiaoping|written in=1988|publisher=Verlag für fremdsprachige Literatur|published_location=Beijing|isbn=7-119-00383-6}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übersetzt von der deutschen Abteilung des Verlags für fremdsprachige Literatur&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Druck und Verlag in der [[Volksrepublik China]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir arbeiten gegenwärtig an den vier Modernisierungen, die ausschließlich sozialistischen Charakter tragen. Alle unsere politischen Maßnahmen wie die Öffnung, die Belebung der Wirtschaft und die Reform haben die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft zum Ziel. Während wir die Entwicklung der Einzelwirtschaft, ja sogar der Joint Ventures mit dem Ausland und der von ausländischen Unternehmern mit Eigenkapital gegründeten Betriebe gestatten, bleibt das sozialistische Gemeineigentum der Hauptsektor. Das Ziel des Sozialismus ist der gemeinsame Wohlstand des ganzen Volkes, keineswegs aber eine Polarisierung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Belebung unserer inländischen Wirtschaft und die Öffnung nach außen ist keine kurzfristige, sondern eine langzeitige Politik, die für mindestens 50 oder 70 Jahre unverändert bleiben wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir führen eine Politik von „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durch. Genauer gesagt meinen wir, daß innerhalb der Volksrepublik China die eine Milliarde zählende Bevölkerung auf dem Festland den Sozialismus praktiziert, während Hongkong und Taiwan den Kapitalismus praktizieren dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– [[Deng Xiaoping]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorbemerkung ==&lt;br /&gt;
In seiner Eröffnungsrede auf dem XII. Parteitag der [[Kommunistische Partei Chinas|Kommunistischen Partei Chinas]] faßte Genosse Deng Xiao- ping die langjährigen historischen Erfahrungen Chinas zu- sammen und erläuterte einen wichtigen Gedanken: Wir müs- sen die allgemeingültige Wahrheit des [[Marxismus]] mit den konkreten Verhältnissen Chinas verbinden, unseren eigenen Weg gehen und einen Sozialismus chinesischer Prägung auf- bauen. Dieser Gedanke ist heute der allgemeine Leitgedanke beim Aufbau der Modernisierung Chinas geworden. Nach dem XII. Parteitag hat Deng Xiaoping diesen Gedanken weiterentwickelt und in vieler Hinsicht die grundlegenden Fragen im heutigen China erläutert, die Politik, Wirtschaft, [[Ideologie]], [[Wissenschaft]] und Technik, Kultur und Bildung sowie Außenpolitik berühren. Im vorliegenden Buch haben wir mehrere diesbezügliche Gespräche und Reden, die alle vom Verfasser autorisiert wurden, zusammengestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Forschungsabteilung für Par- teischrifttum beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juni 1987&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Eröffnungsrede auf dem XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas ==&lt;br /&gt;
(1. September 1982)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genossen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hiermit erkläre ich den XII. Parteitag der Kommuni- stischen Partei Chinas für eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Tagesordnung unseres Parteitags stehen haupt- sächlich drei Punkte: 1. Prüfung des Berichts des XI. Zen- tralkomitees und Festlegung des Programms der Partei für die Schaffung einer neuen Lage in allen Bereichen der sozia- listischen Modernisierung; 2. Prüfung und Verabschiedung des neuen Statuts der Kommunistischen Partei Chinas; 3. Wahl eines neuen Zentralkomitees, einer Beraterkommission beim Zentralkomitee und einer Disziplinkontrollkommission beim Zentralkomitee gemäß den Bestimmungen des neuen Parteistatuts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Erfüllung der Aufgaben dieses Parteitags wird unsere Partei noch klarere ideologische Leitlinien für die sozialistische Modernisierung erhalten, wird der Parteiauf- bau den Bedürfnissen der neuen historischen Periode noch besser entsprechen und werden in den höchsten Führungsor- ganen der Partei die Zusammenarbeit zwischen alten und neuen Kadern und die Ablösug der alten durch die neuen Kader herbeigeführt werden, wodurch diese Organe zu einer dynamischeren kämpferischen Führung werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Rückblick auf die Geschichte der Partei wird zeigen, daß dieser Parteitag eine höchst wichtige Konferenz seit dem VII. Parteitag sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der VII. Parteitag, der im Jahre 1945 unter dem Vorsitz des Genossen [[Mao Zedong]] stattfand, war der wichtigste Parteitag in der Periode der demokratischen Revolution seit der Gründung unserer Partei. Auf dem VII. Parteitag faßten wir die historischen Erfahrungen der windungsreichen Ent- wicklung der demokratischen Revolution Chinas aus den zwei vorangegangenen Jahrzehnten zusammen, formulierten ein korrektes Programm und korrekte Taktiken und über- wanden die falschen Ideen innerhalb der Partei, so daß auf der Grundlage des [[Marxismus–Leninismus|Marxismus-Leninismus]] und der [[Mao-Zedong-Gedanke|Mao-Zedong-Ideen]] die Einheit in den Auffassungen in der ganzen Partei erreicht wurde und die Partei dann vereinigt war wie nie zuvor. Der VII. Parteitag legte das Fundament für den landesweiten Sieg der neudemokratischen Revolution.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf dem VIII. Parteitag von 1956 wurde die Situation nach der wesentlichen Vollendung der sozialistischen Umge- staltung des Privateigentums an den [[Produktionsmittel|Produktionsmitteln]] ana- lysiert und die Aufgabe für einen umfassenden Aufbau des [[Sozialismus]] gestellt. Die Linie des VIII. Parteitags war kor- rekt. Aber da die Partei zu jener Zeit ideologisch nicht ausreichend auf einen allseitigen Aufbau des Sozialismus vorbereitet war, konnten die auf dem VIII. Parteitag aufge- stellte Linie und viele korrekte Meinungen in der [[Praxis]] nicht beharrlich verfolgt werden. Nach dem VIII. Parteitag erziel- ten wir beim sozialistischen Aufbau viele Erfolge, erlitten wir zugleich doch auch schwere Rückschläge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der jetzige Parteitag findet in einer Situation statt, die von der zur Zeit des VIII. Parteitags sehr verschieden ist. Wie die windungsreiche Entwicklung der demokratischen Revolu- tion in den zwei Jahrzehnten vor dem VII. Parteitag die ganze Partei zur Beherrschung der Gesetzmäßigkeiten jener Revolution in unserem Land erzog, bedeutet die wechsel- reiche Entwicklung unserer sozialistischen Revolution und unseres sozialistischen Aufbaus in den über zwei Jahrzehnten nach dem VIII. Parteitag für die ganze Partei eine tiefge- hende Lehre. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomi- tees (abgehalten im Dezember 1978) hat unsere Partei in ihrer Arbeit auf wirtschaftlichem, politischem und kulturel- lem Gebiet sowie auf anderen Gebieten die richtige Politik wiedereingeführt und aufgrund des Studiums der neuen Si- tuation und der neuen Erfahrungen eine ganze Reihe neuer und korrekter politischer Richtlinien ausgearbeitet. Im Ver- gleich zur Zeit des VIII. Parteitags hat unsere Partei ein noch tiefgehenderes Verständnis der Gesetzmäßigkeiten des sozia- listischen Aufbaus Chinas erlangt, noch reichere Erfahrun- gen erworben und das Bewußtsein und die Entschlossen- heit für die Durchführung unserer korrekten Richtlinien beträchtlich gestärkt. Wir haben allen Grund zu glauben, daß das korrekte Programm, das der jetzige Parteitag ausarbeiten wird, zur Schaffung einer allseitigen neuen Lage in der sozialistischen Modernisierung führen und dazu beitragen wird, unsere Partei, unsere sozialistische Sache, unser Land und all unsere [[Nation|Nationalitäten]] zur Prosperität zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei unserem Modernisierungsprogramm müssen wir von den Realitäten Chinas ausgehen. Sowohl in der Revolution als auch beim Aufbau müssen wir von anderen Ländern lernen und ihre Erfahrungen als Beispiel heranziehen. Aber eine mechanische Übernahme und Anwendung der Erfah- rungen und Modelle anderer Länder würde niemals zum Erfolg führen. In dieser Hinsicht verfügen wir über nicht wenige Lehren. Die allgemeingültige Wahrheit des Marxis- mus mit der konkreten Praxis Chinas zu verbinden, einen eigenen Weg zu gehen und einen Sozialismus chinesischer Prägung aufzubauen-dies ist die grundlegende Schlußfolge- rung, die wir aus den Erfahrungen aus der langen Geschichte gezogen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chinas Angelegenheiten müssen entsprechend den Ver- hältnissen Chinas und durch die eigenen Anstrengungen des chinesischen Volkes erledigt werden. Unabhängigkeit und Selbständigkeit und das Vertrauen auf die eigene Kraft wa- ren, sind und bleiben immer unser grundlegender Stand- punkt. Das chinesische Volk schätzt die Freundschaft und Zusammenarbeit mit anderen Ländern und Völkern, umso mehr schätzt es sein Recht der Unabhängigkeit und Selbstän- digkeit, das es durch langanhaltenden harten Kampf erlangt hat. Kein Land soll erwarten, China könnte sein Vasall werden oder würde bittere Früchte schlucken, die sich gegen Chinas Interessen richten. Wir führen entschlossen und un- beirrt die Politik der Öffnung nach außen durch und er- weitern aktiv die Verbindungen mit dem Ausland auf der Grundlage der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Nutzens. Gleichzeitig bleiben wir nüchtern, widersetzen uns entschlossen der Korruption durch dekadente Ideologien von außen und erlauben auf keinen Fall, daß bürgerliche Lebens- weise in unserem Land um sich greift. Wir, das chinesische Volk, haben unsere nationale Würde und unseren eigenen Stolz. Wir betrachten die Liebe zu unserem Vaterland und unseren vollen Einsatz für den Aufbau des sozialistischen Vaterlandes als höchst ehrenvoll und halten eine Schädigung der Interessen, der Würde und Ehre unseres sozialistischen Vaterlandes für die größte Schande.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 80er Jahre werden ein wichtiges Jahrzehnt in der historischen Entwicklung unserer Partei und unseres Landes sein. Die Beschleunigung der sozialistischen Modernisierung, das Streben nach der Wiedervereinigung des Vaterlandes, unter Einschluß [[Taiwan|Taiwans]], und der Kampf gegen den Hege- monismus und für die Erhaltung des Weltfriedens - dies sind die drei großen Aufgaben unseres Volkes in den 80er Jahren. Der Wirtschaftsaufbau steht im Mittelpunkt der drei Aufga- ben und ist die Grundlage für die Lösung der auswärtigen und inländischen Probleme Chinas. Während einer längeren Periode, mindestens in den nächsten zwei Jahrzehnten bis Ende dieses Jahrhunderts, müssen wir folgende vier Arbeits- aufgaben fest anpacken: die Umstrukturierung der Admini- stration und der Wirtschaft und die Schaffung eines Kader- kontingents, das revolutionär, jung, besser ausgebildet und fachlich spezialisiert ist; der Aufbau einer sozialistischen geistigen Zivilisation; die Bekämpfung der Kriminalität, die in der Wirtschaft und anderen Bereichen den Sozialismus untergräbt; und die Verbesserung des Arbeitsstils der Partei und die Ausrichtung der Parteiorganisationen auf der Grund- lage eines gewissenhaften Studiums des neuen Parteistatuts. All dies sind die wichtigsten Garantien dafür, daß wir unent- wegt den sozialistischen Weg gehen und mit konzentrierter Kraft den Aufbau der Modernisierung durchführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Partei ist nun eine große Partei, die über 39 Millionen Mitglieder verfügt und die Führung über die Staatsmacht innehat. Trotzdem werden die Mitglieder der Kommunistischen Partei immer eine Minderheit der Bevöl- kerung sein. Keine der von unserer Partei gestellten wichti- gen Aufgaben kann ohne die harte Arbeit der Volksmassen erfüllt werden. Hiermit möchte ich im Namen der Partei den Arbeitern, Bauern und Intellektuellen, die für die soziali- stische Modernisierung fleißig arbeiten, und der [[Chinesische Volksbefreiungsarmee|Chinesischen Volksbefreiungsarmee]] - der ehernen Großen Mauer-, die die Sicherheit und den sozialistischen Aufbau unseres Vaterlandes schützt, größte Hochachtung aussprechen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der demokratischen Revolution kämpften die verschiedenen demokratischen Parteien unseres Landes zu- sammen mit unserer Partei, und in der Periode des Sozialis- mus sind sie gemeinsam mit unserer Partei vorwärtsgeschrit- ten und haben einer Reihe von Prüfungen mit standgehalten. Beim künftigen Aufbau wird unsere Partei weiterhin mit allen patriotischen demokratischen Parteien und patrioti- schen Demokraten auf lange Zeit hinaus zusammenarbeiten. Hiermit möchte ich im Namen der Partei allen demokrati- schen Parteien und parteilosen Freunden herzlichen Dank ausdrücken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sache unserer Partei hat bei den fortschrittlichen Persönlichkeiten und uns freundschaftlich gesinnten Län- dern der Welt Unterstützung und Hilfe gefunden. Dafür möchte ich hier im Namen unserer Partei ihnen allen herz- lich danken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir müssen unsere Arbeit gewissenhaft und gut leisten, die Einheit mit den Volksmassen aller Nationalitäten unseres Landes und die Einheit mit allen Völkern der Welt stärken und hart kämpfen für den Aufbau Chinas zu einem moder- nen sozialistischen Staat mit hochentwickelter Zivilisation und Demokratie, gegen den Hegemonismus, für die Erhal- tung des Weltfriedens und für den Fortschritt der Menschheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wichtige Aufbauprojekte durchführen und Wissenschaftler und Techniker sinnvoll einsetzen ==&lt;br /&gt;
(14. Oktober 1982)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gespräch mit einem verantwortlichen Genossen der Staatlichen Pla- nungskommission.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben uns bis Ende des Jahrhunderts das Ziel ge- setzt, den jährlichen industriellen und landwirtschaftlichen Bruttoproduktionswert innerhalb von zwanzig Jahren zu vervierfachen&#039;, wobei eine ständige Verbesserung der wirt- schaftlichen Effizienz vorausgesetzt wird. Kann das Ziel erreicht werden? Der XII. Parteitag sagt, es kann erreicht werden. Auch ich bin davon überzeugt. Doch ob es tatsäch- lich erreicht werden kann, hängt vom Erfolg unserer Arbeit in den kommenden Jahren ab. Auf jeden Fall müssen opti- male Vorbereitungen für die nächsten drei Jahre getroffen werden. Neben den bereits geplanten Aufbauprojekten haben Sie zur Beschleunigung der für die Aufbauprojekte not- wendigen Vorbereitungen eine Anzahl von wichtigen Erkundungs- und Entwurfsprojekten vorgeschlagen. Diese Vorbereitungen müssen gewissenhaft getroffen werden. Of- fensichtlich ist dazu die Realisierung der Energie- und ande- rer Schlüsselprojekte erforderlich. Wir müssen uns auf diese Projekte konzentrieren, ungeachtet aller Schwierigkeiten. Wenn es an Geld und Materialien fehlt, müssen wir lokale Projekte, vor allem solche der allgemeinen Verarbeitungsin- dustrie, einschränken. Denn gleichgültig, wie viele dieser kleinen Projekte wir aufgebaut haben, sie bringen uns nur wenig voran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese wichtigen Erkundungs- und Entwurfsprojekte be- treffen alle Bereiche und Berufe, und die entsprechen- den Abteilungen müssen sie gewissenhaft anpacken und so schnell wie möglich diesbezügliche Vorarbeiten wie wis- senschaftliche und technische Forschung, Ermittlung von technischen und wirtschaftlichen Werten sowie Erkundung und Entwurf durchführen. Es muß ein Zeitplan für Erkun- dung und Entwurf erstellt werden, und es muß Menschen geben, die für sämtliche Vorbereitungen und die Über- wachung der Vorhaben verantwortlich sind. Anderenfalls können wir mit den Projekten nicht beginnen, selbst wenn das Geld vorhanden ist. Diese Vorarbeiten müssen geleistet werden, bevor wir ausländische Investitionen einsetzen und ausländische Experten einladen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeitabschnitt von zwanzig Jahren wird in zwei Jahr- zehnte unterteilt: Das erste Jahrzehnt trifft Vorbereitungen für das zweite. Für Vorbereitungen braucht man Zeit, und wir laufen mit der Zeit um die Wette. Das müssen wir ernst nehmen. Wir müssen Prioritäten unter den verschiedenen Projekten setzen. Wir sollten unsere Fonds auf diejenigen Projekte konzentrieren, die früher in Angriff genommen werden können. Falls manche ein Jahr früher begonnen werden können, werden wir ein Jahr früher daraus Nutzen ziehen. Wir dürfen die Dinge nicht bis ins nächste Jahrhun- dert hinschleppen. Selbstverständlich können mehrere sehr große Projekte nicht gleichzeitig durchgeführt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorarbeiten schließen die Entwicklung der [[Landwirtschaft]] ein. Das landwirtschaftliche Wachstum hängt erstens von der Politik und zweitens von der Wissenschaft ab. Die Entwicklung und Wirkung von Wissenschaft und Technik kennt keine Grenzen. Saatgut, Düngemittel und Diversifizie- rung bergen ein großes Potential. Unter gleichbleibenden Bedingungen wird verbessertes Saatgut zu einer bemerkens- werten Steigerung der Produktion führen. Richtige Anwen- dung von Düngemitteln ist äußerst effektiv. Für die Süß- wasserfischzucht bestehen günstige Aussichten. Einige Provinzen verfügen über eine große Anzahl von Teichen und Seen. Die Bauern können durch die Zucht von Süßwasser- fischen schnell reich werden und die Nachfrage danach in den Städten decken. Auch die Futtermittelindustrie muß entwickelt werden. Neben Anwendung und Entwicklung der betreffenden Wissenschaft und Technik ist eine Menge or- ganisatorischer Arbeit erforderlich, um das Saatgut zu ver- bessern und die Futtermittelindustrie voranzubringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vorarbeiten für die zahlreichen wichtigen Aufbau- projekte erfordern die Mobilisierung einer großen Zahl von Wissenschaftlern und Technikern. Auch die Lösung von Kernproblemen in Wissenschaft und Technik erfordert viel organisatorische Arbeit. Wir haben begabte Menschen, das Problem besteht jedoch darin, wie man sie vernünftig orga- nisiert und einsetzt, ihren Enthusiasmus erhöht und ihre Fähigkeiten zur Geltung bringt. Auf der einen Seite besteht ein großer Bedarf an Wissenschaftlern und Technikern. Auf der anderen Seite herrscht große Verschwendung, weil ihre Entwicklung aufgrund schlechter Organisation verhindert wird oder weil sie ihr Wissen überhaupt nicht oder nicht optimal anwenden können. Wir sollten die Organisierung und Verwaltung der Wissenschaftler und Techniker ernst- haft überdenken, weil die gegenwärtige Verwaltungsme- thode nicht funktioniert. Es ist ein großes Problem, wie man ihre Fähigkeiten nutzt und zwar sinnvoll nutzt. Die wirt- schaftlich entwickelten Länder messen dieser Frage große Bedeutung zu. Wissenschaftler und Techniker werden in Landesverteidigungs- und Zivilabteilungen, in Forschungsin- stitutionen und höheren Lehranstalten eingesetzt. Die Ver- waltung muß vereinheitlicht werden, um die Barrieren zwischen den Abteilungen und zwischen den Regionen zu durchbrechen und die vorhandenen Talente zu nutzen. Dies kann nicht geschehen, wenn wir keine maßgebliche Organi- sation haben. Diese Organisation sollte zuständig sein für die Wissenschaftler und Techniker sowohl in Zivileinheiten als auch in der Landesverteidigung. Genosse [[Nie Rongzhen]] war in der Vergangenheit dafür verantwortlich, und alles war in bester Ordnung. Das Personal konnte dem Bedarf entspre- chend versetzt und in großer Zahl für Schlüsselprojekte eingesetzt werden. Um die jährliche Bruttoproduktion der Industrie und Landwirtschaft innerhalb von zwanzig Jahren vervierfachen und die Politik gegenüber den Intellektuellen durchführen zu können, muß einer besseren Verwaltung der Wissenschaftler und Techniker oberste Priorität eingeräumt werden. Das ist das drängendste Problem, und man sollte die größten Anstrengungen unternehmen, um es zu lösen -- und zwar so schnell wie möglich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich ist da auch noch die Frage der Politik. Es muß Menschen geben, die für Planung, Entwurf und Überprüfung aller wichtigen Aufbauprojekte die Verantwortung tragen. Jedes Projekt muß von einigen wirklich kompetenten Perso- nen übernommen werden, die als Rückgrat dienen und das übrige Personal einstellen. Sie wissen, wo die richtigen Leute zu finden sind, und können ihren Einsatz schnell organisie- ren. Wenn die Organisation der Planungskommission über- lassen wird, geht es nur langsam voran. Manche Projekte können den Universitäten und Hochschulen anvertraut wer- den, und falls notwendig, werden einige Wissenschaftler und Techniker dorthin versetzt, um an der Arbeit mitzuwirken. In der Praxis werden kompetente Leute zum Vorschein kom- men. Sie sollten ohne Zögern befördert und in wichtige Positionen gesetzt werden. Sie werden nur dann ihre Fähig- keiten entwickeln, wenn man ihnen freie Hand läßt und sie mutig einsetzt. Nur mit einer immer größer werdenden An- zahl von fähigen Leuten besteht Hoffnung für unsere Sache. Wirklich fähige Leute sollten ausnahmsweise in Rang und Lohn befördert werden. Andererseits sollte man Leuten, die über Jahre hinweg außerstande sind, irgendeine nützliche Leistung vorzuweisen, eine andere Arbeit mit weniger Gehalt zuweisen. Für wirklich begabte oder kompetente Leute (und das sind gewiß nicht alle Intellektuellen) sollten die materiel- len Leistungen angehoben werden. Ihrerseits sollten sie ge- wissenhaft und nach besten Kräften arbeiten und nicht viel Aufhebens von ihrem Gehalt machen. Was die Führung betrifft, so soll sie sehr umsichtig sein und das Gehalt der- jenigen Leute erhöhen, die es verdienen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewerbung um eine Arbeit ist eine gute Methode. Wir müssen Normen und Methoden für die Auswahl und Begut- achtung der Wissenschaftler und Techniker ausarbeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Unsere Arbeit auf allen Gebieten sollte zum Aufbau des Sozialismus Chinesischer Prägung beitragen ==&lt;br /&gt;
(12. Januar 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit führenden Genossen der Staatlichen Planungskommission, der Staatlichen Wirtschaftskommission und Landwirtschaftsabteilungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der jüngsten Statistik stieg der industrielle und landwirtschaftliche Bruttoproduktionswert von 1982 um rund acht Prozent, vier Prozent mehr als geplant. Das wirft folgende Fragen auf: Was geschieht, wenn eine weit höhere Wachstumsrate als die im Jahresplan vorgesehene erzielt worden ist? Worauf ist eine derart hohe Wachstumsrate zurückzuführen? Welche Waren haben hauptsächlich die geplanten Produktionskennziffern überstiegen? Wird es zu einem zu großen Warenbestand kommen? Wird dies staat- liche Investitionen bei Schlüsselprojekten beeinflussen? Wir müssen diese Fragen unverzüglich untersuchen und genau analysieren. Das bedeutet jedoch nicht, daß wir unseren 6. Fünfjahrplan ändern sollten. Langfristige Pläne sollten flexibler, Jahrespläne hingegen spezifischer sein, selbstver- ständlich mit einem gewissen Maß an Flexibilität. Unsere Erfahrung zeigt, daß wir uns selbst übervorteilt haben, wenn unsere Planziffern zu hoch angesetzt waren. Das war eine bittere Lehie für uns. Wir sind uns dieser Fehler bewußt und werden in Zukunft auf der Hut davor sein. Doch heute sehen wir uns dem Gegenteil gegenübergestellt. Was für Probleme bringt es, wenn eine überhöhte Wachstumsrate erzielt wird – überhöht, weil die Planziffern zu niedrig angesetzt waren? 1982 war das zum ersten Mal der Fall. Wir müssen diesen Sachverhalt analysieren, um den Grund herauszufinden. Wir sollten die Jahrespläne unverzüglich ausarbeiten und dürfen diese Arbeit nicht vernachlässigen. Wir sollten Wert darauf legen, die wirtschaftliche Effizienz zu steigern, anstatt einzig und allein nach der prozentualen Steigerung der Produk- tionsmenge und des Produktionswerts zu streben. Kurz ge- sagt, die Prinzipien für die Ausarbeitung der Pläne sind: Sie sollten spezifisch und flexibel sein und erst durch Anstren- gungen erfüllt werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte einen umfassenden Plan für die landwirtschaft- liche Produktion geben. Um den landwirtschaftlichen Aus- stoß zu vervierfachen, sollten wir in erster Linie die Getrei- deproduktion erhöhen. Doch wir können unser Ziel nicht erreichen, wenn wir uns einzig und allein auf die Getreide- produktion konzentrieren. Wir müssen einen genauen Plan aufstellen, wieviel Getreide im Jahr 2000 minimal produziert und im Hinblick auf den Pro-Kopf-Verbrauch erreicht wer- den soll. Wir müssen auf jeden Fall genügend Getreide produzieren, um die Norm für das Jahr 2000 zu erreichen. Das ist ein Ziel von strategischer Bedeutung. In China ver- braucht jede Person in der Regel 200 bis 250 kg Getreide pro Jahr. Das restliche Getreide wird als Saatgut, Viehfutter und für industrielle Zwecke genutzt. Es ist nicht einfach, genü- gend Getreide zu produzieren; es erfordert allenthalben große Anstrengungen. Der Gesamtplan sollte spezifische Maßnahmen enthalten, mittels derer dieses Ziel erreicht wer- den kann. Zum Beispiel sollte er jeweils Angaben dazu ent- halten, um wieviel die Getreide-Produktion steigt, und zwar durch mehr Düngemittel, durch verbessertes Saatgut, durch bessere Verwaltung, durch Intensivierung des landwirtschaft- lichen Investbaus und andere Maßnahmen. Die Verwendung von größeren Mengen an Düngemitteln garantiert die Stei- gerung der Produktion. Doch die Qualität der Düngemittel muß gewährleistet sein. Die intensive Produktion von Voll- düngern sollte ein Schwerpunkt unserer Landwirtschaftspo- litik sein. Wenn wir uns für diesen Kurs entscheiden, müssen wir in Betriebe für Volldünger investieren. Die Auswahl guten Saatguts ist ebenfalls ein sicheres Mittel zur Steigerung der Produktion. Nehmen wir Reis als Beispiel: Durch Kreu- zungen entstandene gute Sorten können die Reisproduktion steigern. Spezialisierte Saatgutgesellschaften sollten errichtet werden. Sie müssen Land erhalten, wo sie Experimente durchführen und Forschung betreiben können. Es sollte ge- setzlich festgelegt sein, nur gute Saat auszusäen und das Saatgut regelmäßig zu erneuern. In den armen landwirt- schaftlichen Gebieten sollte der Staat Darlehen in Form von gutem Saatgut und Dünger gewähren. Der landwirtschaft- liche Investbau muß in den Plan aufgenommen werden. Ein Zeitplan ist erforderlich, und für all diese Unternehmungen müssen Investitionen gewährleistet werden. Wir sollten nie vergessen, daß die Landwirtschaft die Grundlage unserer Wirtschaft ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vervierfachung der landwirtschaftlichen Produktion hängt hauptsächlich von der Diversifizierung ab. Es gibt zwei direkte Maßnahmen: die eine ist die Entwicklung der Vieh- und Geflügelzucht und die andere die Entwicklung der Forst- wirtschaft einschließlich des Obstbaus. Wir sollten die Zucht von Rindern, Schafen, Hühnern und Fisch in Vororten der großen und mittelgroßen Städte stark erweitern. Der Staat kann Unterstützung in Form von guten Zuchtrassen und Futter gewähren. Das ganze Land sollte der Futterverar- beitung große Bedeutung beimessen. Mehrere hundert mo- derne Futterfabriken sollten gebaut werden. Die Futterpro- duktion sollte als ein Zweig der Industrie behandelt werden und zwar als ein sehr wichtiger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Landwirtschaft verfügt über ein großes Potential, das seiner Erschließung harrt, aber wir haben noch nicht einmal damit angefangen, allgemeine Zielsetzungen zu umreißen. Die Agrarwissenschaftler haben viele gute Vorschläge ge- macht. Wir müssen die Forschung und die Ausbildung qua- lifizierter Fachkräfte fördern. Wir müssen wissenschaftliche Methoden anwenden bei der Anhebung des Pro-Hektar- Ertrags, bei der Entwicklung der Diversifizierung, bei der Verbesserung der Bodenbearbeitung und der Anbaumetho- den, bei der Lösung der Energiefrage in den ländlichen Gebieten, beim Schutz der ökologischen Umwelt usw. Wir müssen unsere Kraft auf die Schlüsselprojekte in der Agrarwissenschaft konzentrieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sollte erlaubt sein, daß einige Leute in den ländlichen Gebieten und in den Städten schneller als die anderen reich werden. Es ist gerecht, daß man durch harte Arbeit wohlha- bend wird, und es ist gut, daß einige Leute und einige Gebiete als erste zu Wohlstand gelangen. Das ist eine neue Methode, die jedermann unterstützt. Diese neue Methode ist besser als die alte. In der Landwirtschaft unterstütze ich das vertrags- gebundene System der Verantwortung für ein großes Stück Land. Auch in dieser Hinsicht läßt der gegenwärtige Stand vieles zu wünschen übrig. Kurz gesagt, wir sollten die För- derung des Sozialismus chinesischer Prägung, die Prosperität des Landes und das Gedeihen und das Glück des Volkes als ein Kriterium dafür betrachten, ob wir auf allen Gebieten unserer Arbeit richtig gehandelt haben oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Intellektuelle Potenzen erschließen ==&lt;br /&gt;
(2. März 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Teil eines Gesprächs mit führenden Genossen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin kürzlich von [[Jiangsu]] nach [[Zhejiang]] und von dort nach [[Shanghai]] gereist. Dabei stellte ich fest, daß die Lage dort sehr gut ist. Die Leute waren bester Laune. Zahlreiche neue Häuser wurden gebaut, auf den Märkten gab es eine Fülle von Konsumgütern, und die Kader waren voller Zuver- sicht. Offensichtlich bestehen gute Aussichten für unsere vier Modernisierungen. Um das jährliche Bruttosozialprodukt bis Ende dieses Jahrhunderts zu vervierfachen, sollten detail- liertere Pläne aufgestellt werden. Alle Provinzen und regie- rungsunmittelbaren Städte sollten einen spezifischen Plan haben, so daß sie genau wissen, was sie tun sollen. Wir müssen den Provinzen und regierungsunmittelbaren Städten bei der Lösung ihrer dringendsten Probleme helfen und somit die Bedingungen schaffen, daß sie ihre Pläne auf einer reali- stischen Grundlage erfüllen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der industrielle und landwirtschaftliche Bruttoproduk- tionswert in der Provinz Jiangsu beträgt bereits jährlich über 73 Milliarden Yuan, was ein Jahreseinkommen von 1200 Yuan pro Person oder fast das Doppelte des Pro-Kopf- Einkommens von 1976 bedeutet. Ich habe die Genossen in Jiangsu gefragt, wie sie das erreicht haben. Sie sagten, daß sie zwei entscheidende Maßnahmen getroffen hätten: Zum einen haben sie sich auf technische Fachkräfte aus Shanghai ge- stützt. Viele von ihnen waren bereits im Ruhestand und wurden dann in Jiangsu eingestellt. Sie sind hoch qualifiziert und die Ausgaben für sie sind nicht groß. Sie sind bereit, für einige Zuschüsse und ausreichenden Wohnraum zu arbeiten. Diese Leute haben eine wichtige Rolle bei der Steigerung der Produktion gespielt. Viele Städte in Jiangsu sind Shanghai technologisch nicht mehr unterlegen. Die Genossen in Jiang- su haben seit vielen Jahren Fachwissen und der Rolle der Intellektuellen großen Wert beigemessen und die intellektuel- len Kräfte gut genutzt. Zum anderen wurde das kollektive Eigentum gefördert, das heißt, die Errichtung kleiner und mittelgroßer Betriebe wurde unterstützt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genosse [[Zhao Ziyang]] hat vorgeschlagen, Zonen wirt- schaftlicher Zusammenarbeit zu errichten, und jeder ist froh darüber. Das ist der richtige Weg. Meiner Ansicht nach sollten die wirtschaftlichen Zonen nicht auf Shanghai und die Provinz [[Shanxi]] beschränkt werden. Auch sollten wir nicht immer im Versuchsstadium steckenbleiben. Es würde zu langsam vorwärtsgehen, wenn wir ständig Versuche zu spe- zifischen Problemen anstellen und also einige Jahre beno- tigen würden, um nur einige wenige Fragen zu lösen. Wah- rend des Befreiungskriegs (1946-1949) trat Genosse [[Mao Zedong]] dafür ein, daß die Zweite Feldarmee und die Dritte Feldarmee sich zusammenschließen und gemeinsam kämpfen sollten. Er sagte, daß sich die Kräfte durch die Vereinigung der beiden Feldarmeen nicht nur verdoppeln, sondern ver- vielfachen würden. Das gleiche gilt für die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Es stimmt, daß viele Aspekte der wirt- schaftlichen Zusammenarbeit noch nicht geklärt sind, doch nun ist es an der Zeit, damit anzufangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr wichtig, die intellektuellen Potenzen zu er- schließen. Ich beziehe dabei die Schulung der Arbeiter und Angestellten mit ein, der mehr Aufmerksamkeit entgegenge- bracht werden sollte. Das Hochschulwesen sollte entwickelt werden. In der nahen Zukunft sollte die Anzahl der Univer- sitäten und Hochschulen um 50 Prozent, wenn nicht um 100 Prozent, erweitert werden. Das steht in unserer Kraft. Die Verdoppelung der Studentenzahl in den Schwerpunktuniver- sitäten und -hochschulen ist kein großes Problem. An Dozen- ten besteht kein Mangel. Das Hauptproblem ist die Unter- bringung. Ich glaube, daß wir es uns leisten können, etwas mehr Geld für den Bau von Hochschulgebäuden und Studen- tenwohnheimen auszugeben. Dazu müssen wir eine Kosten- kalkulation aufstellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir einerseits generell zu wenig Intellektuelle haben, ist es andererseits in einigen Orten für die jungen und mittelaltrigen Intellektuellen schwer, eine nützliche Rolle zu spielen. Wir müssen die Politik gegenüber den Intellektuellen energisch durchführen, wozu auch die Verbesserung ihres Lebensniveaus gehört.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Aufbau der materiellen und geistigen Zivilisation des Sozialismus ==&lt;br /&gt;
(29. April 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit der Delegation des Zentralkomitees der [[Kommunistische Partei Indiens (Marxistisch)|Kommunistischen Partei Indiens (Marxistisch)]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem [[Sozialismus|sozialistischen]] Land muß sich eine wirklich [[Marxismus|marxistische]] [[Kommunistische Partei|Partei]] nach dem Machtantritt dafür einsetzen, die Produktivkräfte zu entwickeln und auf dieser Grundlage das Lebensniveau des Volks schrittweise zu erhöhen. Das ist der Aufbau der materiellen Zivilisation. In der Vergangen- heit haben wir lange Zeit die Entwicklung der [[Produktivkräfte]] ignoriert, und deshalb müssen wir jetzt dem Aufbau der materiellen Zivilisation besondere Aufmerksamkeit wid- men. Gleichzeitig bauen wir eine geistige Zivilisation des Sozialismus auf, was im wesentlichen bedeutet, daß unser Volk kommunistische Ideale und moralische Integrität-be- sitzen und gebildet und diszipliniert sein soll. Internationa- lismus und [[Patriotismus]] gehören gleichfalls dazu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Der Weg ist richtig und die Politik wird sich nicht ändern ==&lt;br /&gt;
(18. Juni 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit ausländischen Experten, die 1983 am Symposium über die Politik in [[Wissenschaft]] und Technik in [[Beijing]] teilge- nommen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Modernisierung, die wir erstreben, ist eine Moderni- sierung chinesischen Typs. Der [[Sozialismus]], den wir auf- bauen, ist ein [[Sozialismus chinesischer Prägung]]. Das heißt vor allem, daß wir gemäß unseren eigenen konkreten Verhält- nissen und Voraussetzungen handeln und uns hauptsächlich auf unsere eigene Kraft stützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun sind wir auf dem richtigen Weg, unser Volk ist froh und wir sind voller Zuversicht. Unsere Politik wird sich nicht ändern. Wenn sie sich ändert, dann nur zum Besseren. Die Politik der Öffnung nach außen wird nur dazu führen, daß [[Volksrepublik China|China]] sich immer weiter nach außen öffnet. Der Weg wird nicht immer enger, sondern immer breiter werden. Wir haben viel gelitten, weil wir einen engen Weg eingeschlagen haben. Wenn wir zurückkehren, wohin würde uns das führen? Es wäre eine Rückkehr zu Rückständigkeit und [[Armut]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wird sich an der Politik nichts ändern, daß die Praktik „Alle essen aus einem großen Topf&amp;quot; abgeschafft wird. Die [[Industrie]] hat wie die [[Landwirtschaft]] ihre eigenen Besonder- heiten. Die Erfahrungen des einen Gebiets kann man nicht auf das andere Gebiet übertragen. Aber das Verantwortungs- system ist unser grundlegendes Prinzip, das ist gewiß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Konzept zur friedlichen Wiedervereinigung des chinesischen Festlands und Taiwans ==&lt;br /&gt;
(26. Juni 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte eines Gesprächs mit Professor Yang Liyu von der Seton Hall University, South Orange, [[New Jersey]], [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kernpunkt ist die Wiedervereinigung des [[Volksrepublik China|Vaterlands]]. Die friedliche Wiedervereinigung ist zur gemeinsamen Voka- bel der [[Kuomintang]] und der Kommunistischen Partei gewor- den. Das bedeutet jedoch nicht, daß eine der beiden Seiten die andere verschlingt. Wir hoffen, daß beide Parteien für die nationale Wiedervereinigung zusammenarbeiten und ihren jeweiligen Beitrag für die chinesische [[Nation]] leisten werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sind mit der „völligen Autonomie&amp;quot; für [[Taiwan]] nicht einverstanden. Der Autonomie müssen Grenzen gesetzt wer- den, und wo es Grenzen gibt, kann nichts „völlig&amp;quot; sein. „Völlige Autonomie&amp;quot; bedeutet zwei China&amp;quot;, nicht eins. Es können unterschiedliche Systeme existieren, doch nur die Volksrepublik China kann China international vertreten. Wir erkennen an, daß die lokale Regierung Taiwans ihre eigenen politischen Richtlinien für innere Angelegenheiten festlegt. Obwohl Taiwan als ein administratives Sondergebiet eine lokale Regierung besitzt, unterscheidet es sich von den loka- len Regierungen der anderen Provinzen und regierungsun- mittelbaren Städte sowie von denen der anderen autonomen Gebiete. Es genießt manche Machtbefugnisse, die andere Provinzen, regierungsunmittelbare Städte und autonome Ge- biete nicht besitzen, wobei vorausgesetzt wird, daß die ge- meinsamen Interessen des Staates nicht verletzt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Wiedervereinigung mit dem Vaterland wird das administrative Sondergebiet Taiwan seine Unabhängigkeit bewahren und ein anderes Gesellschaftssystem als auf dem Festland praktizieren können. Es wird eine unabhängige Jurisdiktion genießen, und es wird nicht notwendig sein, letztgültige Urteile aus [[Beijing]] einzuholen. Mehr noch, Tai- wan kann seine eigene Armee behalten, vorausgesetzt, daß sie keine Bedrohung für das Festland darstellt. Das Festland wird weder Truppen noch Verwaltungspersonal in Taiwan stationieren. Partei-, Regierungs- und Militärsysteme Tai- wans werden von den taiwanischen Behörden selbst regiert. In der Zentralregierung werden eine Anzahl von Posten für Taiwan vorbehalten sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die friedliche Wiedervereinigung bedeutet nicht, daß das Festland Taiwan verschlingen wird. Selbstverständlich bedeu- tet es auch nicht, daß Taiwan das Festland verschlingt. Es ist unrealistisch,,,China unter den Drei Volksprinzipien&amp;quot; wie- derzuvereinigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muß einen geeigneten Weg geben, die Wiedervereini- gung in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grund schlagen wir vor, die Gespräche nicht zwischen Zentral- und Lokalre- gierung, sondern zwischen den beiden Parteien auf gleich- berechtigter Ebene zu führen, um eine dritte Zusammenar- beit zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei zu erreichen. Sobald eine Vereinbarung zwischen den beiden Seiten zustande kommt, kann sie offiziell proklamiert werden. Doch unter keinen Umständen werden wir einem anderen Land erlauben, sich einzumischen. Die Einmischung des Auslands würde bedeuten, daß China noch nicht unab- hängig wäre, und zu endlosen Schwierigkeiten führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir hoffen, daß die taiwanischen Behörden die von Ye Jianying im September 1981 vorgeschlagenen neun Prinzipien und die Eröffnungsrede Deng Yingchaos3 auf der 1. Plenartagung der VI. Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes im Juni 1983 wohl überlegen und das bisherige Mißverstehen beseitigen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie haben im März dieses Jahres in San Francisco ein Forum über die Aussichten einer Wiedervereinigung Chinas abgehalten. Das war eine sehr gute Sache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir werden die unvollendete Aufgabe, die unsere Vor- gänger uns hinterlassen haben, vollenden. [[Tschiang Kai-schek]], [[Chiang Ching-kuo|sein Sohn]] und alle, die sich um die Wiedervereinigung Chinas bemühen, werden sich einer besseren Darstellung in der Geschichtsschreibung erfreuen, wenn sie ihren Teil zur Bewältigung dieser Aufgabe beitragen. Natürlich dauert es seine Zeit, die friedliche Wiedervereinigung zu verwirkli- chen. Aber es ist nicht wahr, wenn man behauptet, daß wir es nicht eilig hätten. Bejahrte Menschen wie wir möchten die Wiedervereinigung so bald wie möglich erleben. Wir sollten mehr Kontakt pflegen, um ein besseres Verständnis fürein- ander zu haben. Wir sind jederzeit bereit, Leute nach Taiwan zu schicken, die sich nur umsehen und keine offiziellen Gespräche führen. Es ist uns auch willkommen, wenn Tai- wan Leute hierher schickt. Sicherheit der Personen und Diskretion wird gewährleistet. Wir halten unser Wor und praktizieren keine Finten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben wirkliche Stabilität und Einheit erreicht. Un- sere Prinzipien für die friedliche Wiedervereinigung des Va- terlandes wurden nach der 3. Plenartagung des XI. Zen- tralkomitees der Partei ausgearbeitet, und die damit zu- sammenhängenden politischen Richtlinien sind schrittweise vervollständigt worden. Wir werden an ihnen festhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beziehungen zwischen China und den [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]] haben sich in der letzten Zeit ein wenig verbessert. Dennoch haben die Leute, die in den USA an der Macht sind, niemals ihre Politik der „zwei China&amp;quot; oder der „anderthalb China&amp;quot; aufge- geben. Die USA prahlen mit ihrem politischen System, aber die Bekundungen der Staatsmänner klingen bei einer Präsi- dentschaftswahl ganz anders als nach dem Amtsantritt, an- ders vor einer mittelfristigen Wahl und wieder anders, wenn sich die nächste Präsidentschaftswahl nähert. Nichtsdestowe- niger behaupten die USA, daß es unserer Politik an Stabilität fehlt. Im Vergleich zu ihrer Politik ist unsere Politik aller- dings sehr stabil.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die intellektuellen Potenzen anderer Länder nutzen ==&lt;br /&gt;
(8. Juli 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszug aus einem Gespräch mit einigen führenden Genossen des Zen- tralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten von den intellektuellen Potenzen anderer Länder Gebrauch machen, indem wir Ausländer dazu einla- den, am Aufbau der Schlüsselprojekte und anderer Projekte auf verschiedenen Gebieten teilzunehmen und im Bildungs- wesen und bei technischen Neuerungen behilflich zu sein. Wir haben dieser Sache nicht genügend Wichtigkeit beige- messen und nicht die notwendige Entschlossenheit aufge- bracht. Wir sollten uns nicht scheuen, Geld für die Anstel- lung von Ausländern auszugeben. Es ist gleichgültig, ob sie für eine lange oder eine kurze Zeit hier bleiben oder nur wegen eines einzigen Projekts herkommen. Wir wollen sie auffordern, zu kommen und uns bei der Lösung einiger Fragen zu helfen. Beim Aufbau der Modernisierung man- gelt es uns sowohl an Erfahrungen als auch an technischen Kenntnissen, und deshalb sollten wir sie einladen, uns zu helfen. Wenn sie hier sind, sollten wir ihre Fähigkeiten zu voller Geltung bringen. In der Vergangenheit haben wir für die Ausländer zuviel Bankette gegeben und zuwenig daran gedacht, sie um Rat und Hilfe zu bitten, während sie in der Tat recht gewillt waren, uns bei der Arbeit behilflich zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Widmung für die Jingshan-Schule ==&lt;br /&gt;
(1. Oktober 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Bildungswesen sollte auf die Bedürfnisse der Moder- nisierung, auf Weltoffenheit und auf die Zukunft ausgerich- cet sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die dringenden Aufgaben der Partei an der organisatorischen und ideologischen Front ==&lt;br /&gt;
(12. Oktober 1983)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rede auf der 2. Plenartagung des XII. Zentralkomitees der Kommuni- stischen Partei Chinas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Hauptthema dieser Plenartagung ist die Ausrichtung der Partei. Der diesbezügliche Beschluß des Zentralkomitees der Partei wurde nach den Diskussionen angenommen. Das ist ein gutes Dokument, mit dem ich vorbehaltlos einverstan- den bin. Nach dem Plenum muß die Frage der Führungsrolle der Partei an der ideologischen Front diskutiert werden. Ich möchte einige Bemerkungen über folgende zwei Fragen machen: nämlich, die Ausrichtung der Partei darf nicht oberflächlich durchgeführt und es darf keine geistige Ver- schmutzung an der ideologischen Front betrieben werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Zur ersten Frage: Die Ausrichtung der Partei darf nicht oberflächlich durchgeführt werden. ====&lt;br /&gt;
Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir die marxistische ideologische, politische und organisatorische Linie erneut bestätigt, von den konkreten Verhältnissen ausgehend, eine richtige Politik für verschie- dene Bereiche ausgearbeitet und merkliche Leistungen voll- bracht. An verschiedenen Fronten zeichnet sich allmählich eine neue Situation ab. Die Volksmassen unterstützen die Linie unserer Partei und deren Führung. Hervorgetreten aus schweren Kampferfahrungen, hat sich unsere Partei im  großen historischen Umbruch im wesentlichen als eine er- probte kampffähige Partei erwiesen, die in der Lage ist, Probleme zu lösen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber der gegenwärtige Zustand unserer Partei ist bei weitem nicht zufriedenstellend. In der Partei existieren nicht wenige gewichtige Probleme, zu deren Klärung und Lösung wir noch nicht gekommen sind. Sie umfassen sowohl negative Folgen des zehnjährigen inneren Chaos, als auch einige unter den neuen historischen Bedingungen entstandene negative Erscheinungen. Der Beschluß über die Ausrichtung der Partei erwähnt unter anderen die „drei Kategorien von Menschen&amp;quot;; Wirtschaftsschwerverbrecher und andere Straf- täter; Menschen, die ihre Macht für eigene Interessen miß- brauchen und somit die Beziehungen zwischen der Partei und den Volksmassen belasten; und Menschen, die sich lange Zeit politisch vom Zentralkomitee der Partei distanzieren oder sich nur scheinbar mit ihm in Übereinstimmung befinden, obgleich sie in Wirklichkeit eigene Wege gehen. All dies sind gefährliche Faktoren, die die Partei korrumpieren; es sind schwerwiegende Zeichen für Unklarheit in der Partei hin- sichtlich der Ideologie, des Arbeitsstils und der Organisation.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Besonders gefährlich sind die „drei Kategorien von Menschen&amp;quot;. Derartige Fälle sind zum Teil ermittelt und behandelt worden, manche der Betroffenen haben sich ideo- logisch und praktisch gebessert. Aber eine recht große Zahl solcher Personen, die sich an alte Standpunkte klammern, hält sich noch in der Partei verborgen. Sie sind am gefähr- lichsten, weil sie: 1. auf ihrem Sektierertum bestehen und mit demagogischen und umstürzlerischen politischen Forderun- gen auftreten; 2. sich raffinierter politischer Kniffe bedienen und, wenn die Zeit gegen sie arbeitet, sich tarnen, um Ver- trauen zu gewinnen, aber, sobald die Zeit für sie arbeitet, Feuer entzünden und neue Unruhen schüren; 3. in vielen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Orten des ganzen Landes versteckt und Verstreut leben und ihre geheimen, aus Gruppierungen erwachsenen Verbindun- gen noch nicht abgerissen sind; 4. relativ jung sind und über ein höheres Bildungsniveau verfügen. Manche von ihnen haben längst ihren Wiederaufstieg in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren angekündigt. Mit einem Wort, sie stellen eine ambitionierte politische Macht dar und dürfen deshalb nicht gering eingeschätzt werden. Bleibt dieses Problem bei der Ausrichtung der Partei ungelöst, werden solche Leute zur Quelle von Verhängnissen werden und in unserer Reihe wie eine Zeitbombe wirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Blieben die Probleme der anderen genannten Personen- gruppen ebenso ungelöst, würden auch sie zu einer erhebli- chen Gefahrenquelle des Unheils.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir Altkommunisten sind darüber sehr bekümmert, und die Parteimitglieder und Volksmassen sind ebenfalls besorgt und unzufrieden. Der vom XII. Parteitag angenommene Be- schluß über die umfangreiche Ausrichtung der Partei fand daher uneingeschränkte Unterstützung in der ganzen Partei und bei den Volksmassen aller Nationalitäten. Sie setzen große Erwartung auf die Ausrichtung der Partei. Dies ver- pflichtet unsere Partei dazu, mit einer resoluten, ernsthaften und gewissenhaften Haltung an die Ausrichtung der Partei heranzugehen und die bestehenden schwerwiegenden Pro- bleme gut zu lösen. Eine oberflächliche Durchführung der Ausrichtung der Partei ist auf alle Fälle zu vermeiden, an- sonsten würden wir die Genossen der ganzen Partei und das ganze Volk enttäuschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir große Anstrengungen unternommen, um die während der „[[Kulturrevolution]]“ und die in den politischen Bewegungen sowie der ideologischen Auseinandersetzung da- vor aufgetretenen „linken“ Fehler zu korrigieren. Das war vollkommen richtig. Derartige linke&amp;quot; Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Nicht wenige Genossen aber haben nur einseitige historische Lehren daraus gezogen; sie meinen nun, ideologische Auseinandersetzungen und ernsthafte Behand- lung der Probleme seien gleichermaßen „links&amp;quot;-lastig. Demzufolge sprechen sie sich nur für den Kampf gegen die ,,linken&amp;quot; Abweichungen aus und erwähnen mit keinem Wort den Kampf gegen die rechten Tendenzen. So verfallen sie ins andere Extrem in die Schlaffheit. In den ideologischen Auseinandersetzungen mit falschen Tendenzen und bei der Maßregelungen schlechter Elemente grassierten in der Partei tatsächlich der Hang zu übermäßiger Großmut, Unschlüssig- keit, Tatenlosigkeit gegenüber heiklen Fällen und Bagatelli- sierung; die Folgen davon äußern sich in der Schwächung der Parteidisziplin und sogar in einer In-Schutznahme übler Ele- mente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor kurzem wurde in landesweitem Maßstab eine kon- zentrierte Aktion gegen Schwerverbrecher eingeleitet. Wah- rend dieser im gesetzlichen Rahmen durchgeführten Aktion, die lebhaften Zuspruch bei den Volksmassen fand, wurden die ermittelten Täter schnell und hart bestraft. Die Volksmas- sen sind allerdings dahingehend besorgt, daß eine zu nach- sichtige Behandlung die Täter in Zukunft wieder auf freien Fuß setzen könnte, womit die Täter ermuntert würden, sich dann zu rächen. Die Volksmassen meinen auch, man hätte schon früher unnachgiebig gegen Schwerverbrecher vorge- hen sollen. Sie kritisierten unser Zögern. Diese Reaktion und Kritik verdienen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Bereits vor zwei Jahren haben wir auf die Schlaffheit der Führung verschiedener Ebene hingewiesen und hielten die Tatsache, daß man sich nur mühsam zur Bestrafung der Schwer- verbrecher durchringen konnte, für einen Ausdruck der Führungsschwäche. Wir müssen daraus Lehren ziehen und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Führungsschwäche mit Entschiedenheit überwinden. Während der Ausrichtung der Partei müssen die obener- wähnten „drei Kategorien von Menschen&amp;quot; und andere Perso- nen, die schwere Fehler mit verhängnisvollen Folgen began- gen haben, organisatorisch ernsthaft gemaßregelt werden; z. B. mit dem Ausschluß aus der Partei, mit Amtsenthe- bung oder anderen Strafemaßnahmen. Straftäter müssen gerichtlich belangt werden. Menschen mit leichten Vergehen muß man ernsthaft kritisieren. Sie sind aufzufordern, gewis- senhaft, also nicht oberflächlich, Selbstkritik zu üben und zu versprechen, ihre Fehler zu korrigieren. Das wird eines der wichtigen Kennzeichen dafür sein, daß die Ausrichtung der Partei nicht oberflächlich durchgeführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene Parteimitglieder, die während der Ausrichtung or- ganisatorisch zu maßregeln sind, stellen innerhalb der Partei nur eine verschwindend kleine Minderheit dar. Für die große Mehrheit der Mitglieder kommt es darauf an, durch ideolo- gische Erziehung ihren Parteigeist zu stärken. Es ist dafür zu sorgen, daß die ganze Partei ideologisch, politisch und hin- sichtlich der geistigen Verfassung bemerkenswerte Fort- schritte macht, daß das Bewußtsein der Parteimitglieder, dem Volk zu dienen und nicht eigenen Interessen nachzustreben, zusehends wächst und daß sich die Beziehungen zwischen der Partei und den Volksmassen sichtbar verbessern. Durch die Ausrichtung der Partei muß erreicht werden, daß in der Partei häufiger Kritik und Selbstkritik geübt werden. Jedes Parteimitglied, welche hohe Funktion es auch ausübt, muß bereit sein, Kritik anzunehmen und Selbstkritik zu üben. Durch die Ausrichtung ist der organisatorische Aufbau der Partei zu intensivieren und eine grundlegende Verbesserung des Arbeitsstils der Partei anzustreben. Jedes Parteimitglied, jeder Parteikader, jede Parteiorganisation muß im Licht des Parteistatuts sich selbst unter die Lupe nehmen, den konkre- ten Umständen entsprechend Pläne über die Erreichung der im Parteistatut festgelegten Anforderungen ausarbeiten und deren Erfüllung sicherstellen. Die führenden Kader auf allen Ebenen, insbesondere die hochrangigen Kader, müssen noch strikter das Parteistatut und die „Bestimmungen über das politische Leben in der Partei&amp;quot; einhalten und mit gutem Beispiel vorangehen. Dies wäre ein weiteres wichtiges Zei- chen dafür, daß die Ausrichtung der Partei ihre vorgesehenen Aufgaben erfüllt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einem Wort: wir müssen die Ausrichtung der Partei gut durchführen und unsere Partei zu einer kampffähigen marxistischen Partei ausbauen, damit sie zu einem stabilen Kern wird, der das ganze Volk beim Aufbau der sozialisti- schen materiellen und geistigen Zivilisation führt. Wenn die ganze Partei von dieser Entschlossenheit durchdrungen ist, kann sich unser Vorhaben durchsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Die zweite Frage: An der ideologischen Front darf man keine geistige Verschmutzung betreiben. ====&lt;br /&gt;
Der ideologische Bereich umfaßt sehr viele Gebiete. Hier komme ich vor allem auf die Teilbereiche Theorie sowie Kunst und Literatur zu sprechen. Auf beiden Sektoren wur- den in den letzten Jahren große Erfolge erzielt. Die Theore- tiker haben durch ihre Forschungen, Grundlegungen und mit ihrer aufklärerischen Tätigkeit einen positiven Beitrag zu unseren Diskussionen geleistet, besonders hinsichtlich der Frage, daß die Praxis das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit ist, hinsichtlich der wissenschaftlichen Zusam- menfassung der historischen Erfahrungen der Partei, insbe- sondere nach der Gründung der Volksrepublik China, hin- sichtlich der These über den Aufbau des Sozialismus chinesischer Prägung&amp;quot; sowie hinsichtlich der Reform der politischen und wirtschaftlichen Strukturen, des Aufbaus der sozialistischen geistigen Zivilisation und der Intensivierung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der ideologischen Erziehung im Sinne des Kommunismus und Patriotismus. Auf dem Gebiet der theoretischen For- schung und Lehre haben viele Genossen fleißig gearbeitet und viel Nützliches geleistet. Kunst und Literatur blühen auf wie nie zuvor. In Umfang und Tiefe der Widerspiegelung des realen Lebens und in der künstlerischen Darstellungskraft sind bemerkenswerte Fortschritte festzustellen. Eine große Anzah! hervorragender Romane, Reportagen, Filme, Fern- sehspiele, Theater- und Opernwerke, Gedichte, Komposi- tionen, Gemälde, Ballette und Palladen wurde geschaffen.. Diese Leistungen sind wesentlich und müssen voll anerkannt werden. Das steht außer Zweifel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber in den Bereichen Theorie sowie Kunst und Literatur gibt es noch sehr viele Probleme und herrschen Verwirrun- gen ernsthaften Ausmaßes, die sich besonders in den Erschei- nungen der geistigen Verschmutzung äußern. Heute möchte ich schwerpunktmäßig auf diese Probleme eingehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kämpfer an ideologischen Fronten sind Ingenieure der menschlichen Seelen. In der gegenwärtigen Zeit des Um- bruchs fällt ihnen beim Aufbau der sozialistischen geistigen Zivilisation wie überhaupt beim Aufbau des Sozialismus eine besonders große Verantwortung hinsichtlich der ideologi- schen Erziehung zu. Die negativen Folgen des zehnjährigen Chaos, die von der Geschichte hinterlassenen Schwierigkei- ten und die komplizierten Probleme, die unter den neuen historischen Bedingungen auftauchen, beschäftigen die Menschen und rufen in ihnen zum Teil unklare und falsche Ansichten hervor. Als Ingenieure der menschlichen Seelen müssen sie das Banner des [[Marxismus]] und des Sozialismus hochhalten, mit ihren Artikeln, Werken, Vorlesungen, Reden und Darbietungen das Volk erziehen und es anleiten, richtig an die Geschichte heranzugehen, die reale Welt zu erkennen, fest an den Sozialismus und an die Führung durch die Partei zu glauben; sie müssen die Volksmassen anfeuern, sich in den Dienst des Fortschritts zu stellen und Menschen zu werden, die Ideale, Moral und Bildung sowie hohe Diszip- lin besitzen und für das herrliche Werk - die sozialistische Modernisierung - tapfer streiten. Um diese Zielstellung ha- ben sich die meisten Kunstschaffenden gemüht, wenn auch in unterschiedlich hohem Grad. Aber manche stellen sich den Erfordernissen der Zeit und des Volkes direkt entgegen, indem sie mit ihren ungesunden Gedanken, Werken und Darbietungen die Seelen der Menschen verseuchen. Deka- dente Ideologien der Bourgeoisie und anderer Ausbeuterklas- sen zu verbreiten, Mißtrauen gegen den Sozialismus, den Kommunismus und gegen die Führung durch die Partei zu säen ist das Wesen der geistigen Verschmutzung. Im vorletz- ten Jahr hat das Zentralkomitee der Partei eine Aussprache über die Probleme im ideologischen Bereich abgehalten, auf der der Hang zur bürgerlichen Liberalisierung und die Führungsschwächen kritisiert wurden. Die Aussprache hat einiges bewirkt, konnte jedoch die Probleme nicht gänz- lich lösen. Die Schlaffheit der Führung bleibt bestehen; der Trend zur bürgerlichen Liberalisierung wurde zwar zu- rückgedrängt, jedoch nicht überwunden, in manchen Fällen ist sogar eine Weiterentwicklung zu beobachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine beträchtliche Zahl von Theoretikern zeigt sich des- interessiert gegenüber den wichtigen theoretischen Fragen, die uns durch die Praxis des Aufbaus der sozialistischen Modernisierung gestellt sind. Sie sind nicht willens, solche aktuellen Probleme zu erforschen; sie suchert sich vielmehr von der Realität zu distanzieren, um Fehler zu vermeiden, oder erklären diese Probleme für akademisch bedeutungslos. Innerhalb der Forschung zu aktuellen Fragen existieren tat- sächlich Abweichungen von der marxistischen Orientierung. Manche Genossen schwärmen für Diskussionen über den Wert des [[Mensch|Menschen]], den [[Humanismus]] und über die soge- nannte Entfremdung. Ihr Interesse gilt nicht der Kritik am [[Kapitalismus]], sondern am Sozialismus. Den Humanismus als eine theoretische und ethische Frage kann man natürlich studieren und diskutieren, ja man muß es tun. Aber es gibt verschiedene Arten von Humanismus. Wir müssen vom marxistischen Standpunkt aus den Humanismus analysieren, den sozialistischen Humanismus (während der Jahre der Revolution bezeichneten wir ihn als den revolutionären Humanismus) propagieren und praktizieren, hingegen den bür- gerlichen Humanismus kritisieren. Die Bourgeoisie pflegt damit zu prahlen, wie „menschlich&amp;quot; sie sei. Sie versucht, den Sozialismus als inhuman zu attackieren. Daß manche Genos- sen in unserer Partei auch für den abstrakten Humanismus und den Wert des Menschen schlechthin plädieren, daran habe ich nicht gedacht. Diese Genossen verstehen nicht, daß man weder in der kapitalistischen Gesellschaft von einem Wert des Menschen und von Humanismus schlechthin sprechen kann noch in der sozialistischen Gesellschaft. In unserer Gesellschaft gibt es noch üble Elemente, Abschaum der alten und neuen Gesellschaft; es gibt auch antisozialisti- sche Elemente, ausländische und [[Taiwan|taiwanische]] Spione. Eben- sowenig können die Probleme des niedrigen materiellen und kulturellen Niveaus unseres Volkes durch Diskussionen über den Wert des Menschen und über den Humanismus gelöst werden. Hier kommt es einzig und allein auf den intensiven Aufbau der sozialistischen materiellen und geistigen Zivilisa- tion an. Wenn man, losgelöst von den konkreten Verhältnis- sen und Aufgaben, über den Menschen&amp;quot; redet, so spricht man nicht vom Menschen in der realen Gesellschaft, sondern von einem abstrakten Wesen. Das ist keine marxistische Haltung; damit wird man die Jugendlichen nur irreführen. Was den Begriff der Entfremdung betrifft, so hat ihn [[Karl Marx|Marx]]  nach der Entdeckung des [[Mehrwert|Mehrwertsgesetzes]] gebraucht, um die Lohnarbeit der Arbeiter in der kapitalistischen Gesell- schaft zu charakterisieren. Marx wollte damit zum Ausdruck bringen, daß die Lohnarbeit den Arbeitern als fremde, sie beherrschende Macht gegenübertritt. Mit anderen Worten: die Lohnarbeit bereichert nur die Kapitalisten, bringt aber die Werktätigen selbst in Armut. Und jetzt spricht man, über den Kapitalismus hinaus und nicht einmal gegen die Relikte der Entfremdung im Kapitalismus und deren Folgen gerich- tet, von der Entfremdung im Sozialismus, und zwar von der ökonomischen, politischen und ideologischen Entfremdung. Man meint damit, daß der Sozialismus in seiner eigenen Entwicklung durch seine Mechanismen ständig ihm selbst fremd gegenüberstehende Macht erzeugt. Und man erklärt auf Grund dieser Auffassung, die Reform diene dazu, diese Entfremdung zu überwinden. Eine solche Argumentation kann den Menschen nicht helfen, die in der sozialistischen Gesellschaft auftauchenden Probleme richtig zu erfassen und zu lösen; sie ist auch nicht dienlich dazu, die ständige Re- form zugunsten des technischen und gesellschaftlichen Fort- schritts in der sozialistischen Gesellschaft richtig zu begrei- fen und durchzuführen. In Wirklichkeit verleiten diejenigen, die so argumentieren, die Menschen dazu, den Sozialismus zu kritisieren, ihm gegenüber skeptisch zu reagieren, ihn schließlich völlig zu negieren und die Zuversicht bezüglich der Zukunft des Sozialismus und des Kommunismus zu verlieren. Letztendlich führt das dazu, daß der Sozialismus ebenso hoffnungslos erscheint wie der Kapitalismus. Wenn dies stimmte, was hätte es noch für einen Sinn, für den Sozialismus zu arbeiten? Der Marxismus und die Theorie über den Sozialismus wollen sich weiterentwickeln, inmitten der gesellschaftlichen Praxis der Menschheit und des Voran- schreitens der Wissenschaft. Die genannten Auffassungen stellen keine Entwicklung dar, sondern einen Rückschritt, einen Schritt zurück zum vormarxistischen Zustand. Die Diskussion um den Humanismus und die Entfremdung sind zwei zur Zeit hervorstechende Probleme. Es gibt daneben noch andere Probleme, z. B. die Propagierung einer abstrak- ten Demokratie, was bis zu Plädoyers für die Freiheit, konterrevolutionäre Äußerungen zu veröffentlichen, führt. Solche Äußerungen stellen die Demokratie in Widerspruch zur Führung durch die Partei und tragen in der Frage der Parteilichkeit und der Volkstümlichkeit antimarxistische An- sichten vor. Manche Genossen verhalten sich bis heute skep- tisch gegenüber den von der Partei formulierten vier Grund- prinzipien. Eine kleine Zahl von Genossen meinte eine Zeitlang sogar, die Fragen, ob unsere Gesellschaft eine so- zialistische sei, ob der Sozialismus verwirklicht werden solle oder könne, bis hin zur Frage, ob unsere Partei eine prole- tarische Partei sei, müßten zur Zeit noch offenbleiben. An- dere Genossen sind der Auffassung, daß, da wir uns in der Periode des Sozialismus befänden, es unvermeidlich und richtig sei, „bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot;. Viele dieser falschen Auffassungen wurden in der Presse veröffentlicht, manche bis heute nicht korrigiert. Man kann daraus ermessen, welche ideologische Verwirrung unter manchen Genossen im theoretischen Bereich herrscht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Literatur und Kunst geschaffenen Werke, die das neue Leben beim Aufbau des Sozialismus widerspiegeln, sind zahlreicher. Das ist begrüßenswert. Sieht man allerdings von Reportagen ab, so vermißt man jedoch Werke mit großer Ausstrahlungs- kraft, die den revolutionären Geist des Volkes und der Ju- gendlichen beflügeln, sie zum Aufbau und zum Kampf auf den verschiedensten Posten anfeuern. Einige Autoren zeigen sich gegenüber der vom Zentralkomitee der Partei aufgestell- ten Losung „Literatur und Kunst dienen dem Volk und dem Sozialismus“ und an der sozialistischen Orientierung von Literatur und Kunst desinteressiert. Ihnen liegt nichts da- ran, die revolutionäre Geschichte unserer Partei und un- seres Volkes und ihre heldenhaften Verdienste und Lei- stungen im Kampf für die sozialistische Modernisierung darzustellen und würdigen; den anstehenden Problemen im Sozialismus gegenüber zeigen sie sich selten bemüht, vom revolutionären, engagierten Standpunkt der Partei aus das Bewußtsein der Volksmassen zu erhöhen, ihren Enthusias- mus zu wecken und ihre Zuversicht zu festigen. Im Gegen- teil, sie sind versessen darauf, düsteren, pessimistischen, so- gar freierfundenen Kitsch zu schreiben, der die Geschichte der Revolution und die Realität entstellt. Manche Leute plädieren in großem Stil für den „Modernismus&amp;quot; des Westens und behaupten unverblümt, das höchste Ziel in Literatur und Kunst sei die „Selbstdarstellung&amp;quot;. In vielen Fällen verbreiten sie Vorstellungen von der abstrakten Wesenheit des Men- schen und des Humanismus und meinen, die Entfremdung des Menschen unter den Bedingungen des Sozialismus sei das eigentliche Künstlerische Schaffensmotiv. Es gibt auch Werke rein pornographischer Natur. Der Einfluß dieser zahlen- mäßig nicht umfangreichen Literatur auf einen Teil der Jugendlichen darf dennoch nicht außer acht gelassen werden. Viele Literatur- und Kunstschaffende vernachlässigen das Studium des Marxismus; sie gehen nicht unter die Massen, die ein neues Leben aufbauen; manche Parteimitglieder be- teiligen sich nicht aktiv am Parteileben. Dies sind wesentliche Ursachen für die erwähnten negativen Erscheinungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die üble Tendenz „,bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot; greift auch in den Künstlerkreisen um sich. Schauspieler aus Künstlergruppen von der örtlichen bis zur zentralen Ebene gastierten vielerorts. Um Geld zu machen, boten nicht wenige Leute vulgär-obszöne Inhalte und Formen dar. Bedauerlicherweise waren auch einige namhafte Künst- ler und Kunstschaffende der Volksbefreiungsarmee in derar- tige Geschäfte verwickelt. Es ist nur natürlich, daß die Volks- massen sich über Menschen empören, die, um den vulgären Geschmack eines Teils des Publikums zu befriedigen, nicht davor zurückschrecken, die ruhmreiche Bezeichnung eines „Sozialistischen Literatur- und Kunstschaffenden&amp;quot; zu schän- den. Die üble Tendenz zur Kommerzialisierung künstleri- scher Produkte, die sich vornehmlich in dem Bestreben,,,bei allem das Augenmerk nur auf das Geld zu richten&amp;quot;, äußert, ist auch in anderen Bereichen der geistigen Tätigkeit zu beobachten. Einige Personen in den Künstlerkreisen, im Ver- lagswesen, in der Archäologie sind zu profitgierigen Geschäf- temachern geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welche Haltung sollen wir gegenüber der zeitgenössi- schen Kultur der westlichen Bourgeoisie einnehmen? Die Richtlinie, sich wirtschaftlich der Außenwelt zu öffnen, ist richtig und muß langfristig verfolgt werden. Auch der kultu- relle Austausch mit dem Ausland muß langfristig entwickelt werden. Wirtschaftlich hat unsere Richtlinie zwei Aspekte: einerseits Öffnung, andererseits Verwahrung gegen blinde, planlose und wahllose Einfuhr, wobei entschiedene Abwehr und Kampf gegen kapitalistische korrupte Beeinflussung un- bedingt erforderlich sind. Warum sollten wir ausgerechnet im Kulturaustausch schädlichen Elementen der kapitalistischen Kultur freien Lauf lassen? Wir wollen von den entwickel- ten kapitalistischen Ländern fortgeschrittene Wissenschaft, Technologie, Erfahrungen im Management und alle anderen uns nützlichen Kenntnisse lernen. Abkapslung und Selbst- zufriedenheit wären töricht. Die ideologischen Inhalte und die Darstellungsweise der Dinge im kulturellen Bereich muß man mit Hilfe des Marxismus analysieren, begutachten und kritisieren. Vorrang müssen wir bei der Publizierung natür- lich jenen bedeutenden und seriösen Werken einräumen, die von aufrechten, fortschrittlichen Gelehrten, Schriftstellern und. Künstlern und deren gibt es gegenwärtig im Westen nicht wenige geschaffen wurden. Es finden sich jedoch Genossen, die blindlings alle westlichen Strömungen in Phi- losophie, Ökonomie, Politik, Soziologie oder Literatur und Kunst ohne differenzierte Analyse unterschiedlos und kritik- los anbeten. Die Verwirrung ist in diesem Bereich derart ins Kraut geschossen, daß Bücher, Filme, Musikwerke, Tänze, Kassetten und Videobänder, die selbst die westlichen Länder für vulgär, minderwertig oder schädlich halten, in den letzten Jahren in beträchtlicher Menge importiert wurden. Wir kön- nen nicht länger zulassen, daß man mit der dekadenten Kultur der westlichen Bourgeoisie unsere Jugendlichen gei- stig verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es muß darauf hingewiesen werden, daß sich die Mehrheit der Theoretiker wie der Literatur- und Kunstschaf- fenden korrekt oder relativ korrekt verhält und, daß nur eine kleine Minderheit an der geistigen Verschmutzung mitwirkt. Das Problem liegt darin, daß wirkungsvolle Kritik an solchen falschen Äußerungen und Taten dieses kleinen Personen- kreises und die erforderlichen Abwehrmaßnahmen fehlen. Die geistige Verschmutzung kann verhängnisvolle Folgen über unser Land und Volk bringen. Sie vermengt Recht mit Unrecht, schürt im Volk eine Stimmung der Passivität, der Trägheit und der Uneinigkeit, vergiftet die Seelen und den Willen der Menschen, fördert das Ausufern des Egoismus aller Schattierungen und schürt das Mißtrauen unter einem Teil der Bevölkerung gegenüber dem Sozialismus und der Führung durch die Partei, ja führt zu deren totaler Negie- rung. Den Kern der vier Grundprinzipien stellen die sozia- listische Ordnung und die Führung durch die Partei dar. Sie bilden die Grundlage unserer Staatspolitik und des vereinten Kampfes des ganzen Volkes. Für negative Erscheinungen, Auswüchse, Kriminalität, dem Sozialismus feindlich gesonne- ne Aktivitäten, die in unserer Gesellschaft existieren, gibt es viele Ursachen; man kann sie nicht alle ausschließlich auf ideologische Verwirrung zurückführen, dennoch dürfen wir deren negative Folgen nicht unterschätzen. Betrachten wir die Praxis nicht als das einzige Kriterium zur Überprüfung der Wahrheit? Manche Genossen wären gut beraten, zu überdenken, welche Einflüsse ihre falschen Äußerungen, schädlichen Werke, dekadenten Darbietungen im Volk und auf die Jugendlichen ausgeübt haben und welche Konsequen- zen daraus erwachsen sind. Selbst aufrichtige, uns freund- schaftlich gesinnte Persönlichkeiten im Ausland sind darüber besorgt. Natürlich gibt es dort Menschen, die jenen Akivita- ten Beifall zollen. Auf dem Festland, auf Taiwan, in Hong- kong und im Ausland finden wir solche Menschen. Die Genossen wären gut beraten, darüber nachzudenken, wer von welchem Standpunkt aus wem Beifall bekundet und mit welcher Absicht. Auch hier gilt es, an der Praxis zu messen. Man sollte nicht meinen, ein Quentchen geistige Verschmut- zung mache nichts aus, und es sei kein Anlaß gegeben, überängstlich zu reagieren. Es mag sein, daß sich manche der genannten Erscheinungen in kurzer Zeit als harmlos heraus- stellen; aber wenn wir, statt rechtzeitig darauf aufzupassen und durchgreifende Maßnahmen zu ihrer Verhinderung zu ergreifen, diesen Erscheinungen freien Lauf lassen, so daß sie noch mehr Menschen in die Irre leiten, wären die Folgen verhängnisvoll. Langfristig gesehen geht es darum, was für eine Generation unser Erbe antreten wird, und diese Frage berührt das Schicksal und die Zukunft unserer Partei und unseres Landes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Führungsrolle der Partei an der ideologischen Front muß tatkräftig gestärkt werden. Seit der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei, insbesondere seit dem XII. Parteitag, ist die Leitlinie für die ideologische Front richtig und klar formuliert, das Problem liegt in der mangelhaften Durchsetzung der Linie. Die Hauptverantwortlichen der Par- teikomitees von der zentralen bis zur örtlichen Ebene müssen der Lage, den Problemen und der Arbeit auf theoretischem Gebiet und in Literatur und Kunst sowie im ideologischen Bereich überhaupt große Aufmerksamkeit schenken. In er- ster Linie muß man den Ernst der bestehenden Probleme in voller Dimension erkennen und die Dringlichkeit, die Führungsschwäche und Schlaffheit im ideologischen Bereich zu überwinden, einsehen. Manche Genossen kümmern sich überhaupt nicht um die Frage der geistigen Verschmutzung und nehmen ihr gegenüber eine liberalistische Haltung ein, sie meinen sogar, ein lebhafter Kulturbetrieb sei ein Aus- druck für die Durchführung der Richtlinie der zwei Hun- dert&amp;quot;. Einige Genossen erkennen durchaus die Fehler ande- rer, sie wollen sie aber nicht kritisieren oder wagen dies nicht, um die Eintracht nicht zu stören. Das darf nicht länger so bleiben. So entschieden und gewissenhaft man gegen falsche Tendenzen, üble Elemente und Taten im Prozeß der Ausrich- tung der Partei vorgehen muß, so entschieden muß man sich gegen die ernsten Probleme der ideologischen Verwirrung und der geistigen Verschmutzung wenden; man sollte nicht locker lassen, bis alle Probleme gelöst sind. Kritik und Selbst- kritik bleiben die Hauptmethode für die Lösung von Proble- men der ideologischen Verwirrung. Wir müssen zugeben, daß marxistische Kritik an manchen falschen Tendenzen im theo- retischen Bereich und auf dem Gebiet der Literatur und Kunst geübt wurde. Das Problem liegt darin, daß diese Kritik keine bemerkenswerte Wirkung gezeigt hat. Zum einen reich- ten die Qualität und die Gedankentiefe der Kritik nicht aus, zum anderen war der Widerstand dagegen groß. Unsere Kritik, so zurückhaltend sie auch war, wurde als „Umzinge- lung&amp;quot; oder „Knüppel&amp;quot; bezeichnet. Tatsächlich allerdings wur- den eher die Kritiker umzingelt, während den Kritisierten Sympathie entgegengebracht und Schutz gewährt wurden. Dieser anormale Zustand muß geändert werden, damit die marxistische, sozialistische und kommunistische Propaganda, insbesondere die richtige Auffassung über die theoretischen und prinzipiellen Fragen, in der Gedankenwelt dominieren können. Es gibt zur Zeit falsche Auffassungen, die sich als marxistisch bezeichnen, unter denen manche den Marxismus geradezu herausfordern. Die Marxisten müssen hier Farbe bekennen. Die Kommunisten, die im ideologischen Bereich tätig sind, insbesondere jene in führenden Funktionen und die einflußreichen Kommunisten, müssen sich an die vor- derste Front stellen. Wenn man selber Fehler gemacht hat, gilt es, gewissenhaft Selbstkritik zu üben und diese Fehler wirklich zu korrigieren. Wer sich weigert, seine Fehler zu korrigieren, ist nicht qualifiziert, ideologische Arbeit anzu- leiten. Die Kommunisten müssen den Parteigeist stärken und das Parteistatut sowie die Parteidisziplin einhalten. Speziali- sten, Gelehrte, Schriftsteller, Künstler, solange sie Kommu- nisten sind, dürfen keine Sonderstellung für sich beanspru- chen und meinen, sie seien. politisch klüger als die Partei, so daß sie tun und lassen dürften, was ihnen beliebt. Die Lösung derartiger Probleme ist die wichtigste Anforderung, die bei der Ausrichtung der Partei vor den Parteiorganisationen und Parteimitgliedern im ideologischen Bereich steht. Solange unsere Partei ihre marxistische Führung verstärkt, ihre Er- schaffung und Trägheit sowie ihre liberalistische Haltung entschieden überwindet und gewissenhaft einen aktiven ideo- logischen Kampf entfaltet, können die obigen Probleme ohne allzu große Schwierigkeiten gelöst werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich würden sich manche die Frage stellen, ob die Linie der Partei geändert worden sei, ob die Richtlinie „Laßt hundert Blumen blühen, laßt hundert Schulen miteinander wetteifern nicht länger befolgt werde. Nein, die Linie der Partei hat sich nicht geändert, und die Richtlinie der „zwei Hundert&amp;quot; gilt nach wie vor. Die Kritik mit der Richtlinie der ,,zwei Hundert&amp;quot; in Gegensatz zu bringen, ist ein schwerwie- gendes Mißverständnis, ja eine Entstellung. Diese Richtlinie ist darauf angelegt, der sozialistischen Kultur zum Blühen zu verhelfen. Genosse Mao Zedong sagte einmal: „Die Wahrheit erwächst aus dem Kampf gegen den Irrtum. Eben auf diese Weise entwickelt sich der Marxismus.&amp;quot; Manche Leute verste- hen die Richtlinie der zwei Hundert&amp;quot; als Freibrief für unein- geschränkte Meinungsäußerung und Diskussion; sie inter- pretieren die Richtlinie sogar dahingehend, daß nur irrige Äußerungen, aber kein marxistischer Widerspruch dagegen zugelassen werden dürften. Was heißt hier denn hundert Schulen miteinander wetteifern zu lassen? Die marxistische Richtlinie des Proletariats wurde auf diese Weise zu einer liberalistischen Richtlinie der Bourgeoisie verfälscht. Der von Genossen [[Mao Zedong]] verfaßte Artikel „[[Bibliothek:Gegen den Liberalismus|Gegen den Liberalismus]]&amp;quot; ist ein von marxistischem Geist geprägter guter Ar- tikel. Ich schlage den Genossen in leitenden Funktionen und besonders jenen Genossen, die im ideologischen Bereich tätig sind, vor, den Artikel gewissenhaft zu studieren und im Sinne dieses Artikels zu handeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während wir den aktiven ideologischen Kampf betonen, müssen wir jedoch nach wie vor darauf achten, nicht in ,,linke&amp;quot; Fehler zu verfallen. Stark vereinfachte, einseitige ruppige und überzogene Kritik, grausamer Kampf und un- barmherziges Zuschlagen, Methoden, wie sie in der Vergan- genheit angewendet wurden, dürfen nicht wiederholt werden. Diskussionsbeiträge und Artikel müssen überzeugend, sach- lich und wissenschaftlich fundiert sein. Wer sich an einer Diskussion beteiligt oder Kritik übt, muß zuvor den Gegen- stand der Diskussion und seiner Kritik genau studieren. Es ist auf jeden Fall zu vermeiden, Details zu verallgemeinern und alles für kritikwürdig zu halten sowie unter Hervorkeh- rung der eigenen Machtposition oder mit Scheinargumenten Andersdenkende unter Druck zu setzen. Wir müssen jenen Genossen, die Fehler begangen haben, wohlwollend helfen, ihnen Zeit zum Nachdenken einräumen und ihnen gestatten, gerechtfertigte, die Thesen und den Sachverhalt klärende Antworten zu geben. Es ist zu begrüßen, und sie sind zu ermutigen, wenn sie aufrichtig Selbstkritik üben. Es reicht aus, wenn sie solche Selbstkritik geübt haben. Man sollte nicht auf ihren Fehlern herumreiten. Sowohl Kritik als auch Selbstkritik müssen vom marxistischen Standpunkt aus geübt werden, nicht aber von „,linken&amp;quot; Positionen. Falsche „,linke&amp;quot; Ansichten im theoretischen und ideologischen Bereich müs- sen weiter kritisiert und korrigiert werden. Es muß eindeutig darauf hingewiesen werden, daß zur Zeit vor allem die rechten, zu Trägheit und Schlaffheit verführenden Tenden- zen im ideologischen Bereich zu korrigieren sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, die Stärkung der Führungsrolle der Partei im ideo- logischen Bereich, die Überwindung der Führungsschwäche und Schlaffheit ist zu einer dringenden Aufgabe der ganzen Partei geworden. Auf allen Gebieten, sowohl in Theorie, Literatur und Kunst, in Bildungswesen, Presse, Verlagswe- sen, Rundfunk und Fernsehen als auch in der Massenkultur und in der ideologischen und politischen Arbeit unter den Massen, existieren ähnliche oder andersartige Probleme, die einer Lösung harren. Die Arbeit im ideologischen Bereich generell muß verstärkt werden. Wir wollen allen Ernstes die Lösung dieses Problems auf die Tagesordnung der gesamten Partei, aller Parteikomitees von der zentralen bis zur örtli- chen Ebene setzen. Nach der Verlagerung des Schwerpunkts der Arbeit der Partei auf den Wirtschaftsaufbau muß sich die ganze Partei mit dem Problem beschäftigen, wie die ideolo- gische Arbeit unter den neuen Bedingungen verstärkt und die Tendenz, sich in Wirtschaftsangelegenheiten zu verlieren und die ideologische Arbeit zu vernachlässigen, verhindert wer- den kann. Die Parteikomitees aller Ebenen, allen voran ihre Hauptverantwortlichen, müssen voller Aufmerksamkeit die Lage und die Probleme auf dem ideologischen Sektor verfol- gen, sie eingehend studieren und wirksame Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit in diesem Bereich ergreifen. Ich schlage vor, daß das Politburo oder das Sekretariat des Zen- tralkomitees der Partei eine Diskussion über die Arbeit der Partei im ideologischen Bereich durchführt, sich systema- tisch mit der Richtlinie, den Aufgaben, den Maßnahmen und Schritten in diesem Bereich befaßt. Ich glaube, wenn die ganze Partei von der zentralen bis zur örtlichen Ebene Ge- wicht auf diese Arbeit legt und sie unbeirrt anpackt, können wir, begünstigt durch die Ausrichtung der Partei, hier einen Umschwung bewirken. Die sozialistische Ideologie und Kul- tur wird eine neue Blüte erleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein neuer Ansatz zur Stabilisierung der Weltlage ==&lt;br /&gt;
(22. Februar 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit einer Delegation des Zentrums für strategische und internationale Forschung der Georgetown-University, [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt in der Welt viele Streitigkeiten, und wir müssen Lösungswege finden. Jahrelang habe ich überlegt, wie diese Streitigkeiten auf friedlichem Wege, nicht durch Krieg, bei- zulegen sind. Der Plan, den wir für die Wiedervereinigung des Festlands mit [[Taiwan]] vorgeschlagen haben, ist gerecht und vernünftig. Nach der Wiedervereinigung kann Taiwan weiterhin den [[Kapitalismus]] praktizieren, während das Fest- land den [[Sozialismus]] beibehält, aber in einem vereinheitlich- ten [[Volksrepublik China|China]]. Ein China, zwei Systeme. Das gleiche gilt für die [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]]-Frage- ein China, zwei Systeme. Doch Hongkong unterscheidet sich von Taiwan darin, daß es ein freier Hafen ist. Ich glaube, daß das eine praktikable Lösung für viele Streitigkeiten in der Welt ist. Wenn sich beide Seiten in einer Sackgasse festgerannt haben, wird es früher oder später zum Konflikt, möglicherweise sogar zum bewaffneten Konflikt kommen. Wenn ein Krieg verhütet werden soll, besteht die einzige Möglichkeit in dem, was ich oben dargelegt habe. Das ist annehmbar für das Volk, kann die Lage stabilisieren, und zwar langfristig, und schadet keiner der beiden Seiten. Da Sie sich mit internationalen Fragen beschäftigen, hoffe ich, daß Sie ein besseres Verständnis für unseren Vorschlag zur Lö- sung der Hongkong- und der Taiwan-Frage haben und daru- ber eine Studie anstellen werden. Auf jeden Fall müssen wir einen Ausweg aus dieser Sackgasse finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe ebenfalls über die Möglichkeit nachgedacht, einige territoriale Streitigkeiten beizulegen, indem die betref- fenden Länder die strittigen Gebiete gemeinsam entwickeln, bevor sie die Frage der Souveränität diskutieren. Für derlei Probleme müssen neue Lösungsansätze entsprechend den Tatsachen gesucht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich spreche einfach die Gedanken aus, die mir im Kopf herumgehen. Ist es möglich, neue Lösungswege für viele Fragen zu finden, die durch alte Methoden nicht gelöst werden können? Neue Probleme sollten mit neuen Mitteln gelöst werden. Manche meiner Bemerkungen mögen unzu- treffend oder etwas unüberlegt sein. Aber wir müssen unsere Köpfe anstrengen, um Möglichkeiten zur Stabilisierung der Weltlage zu finden. Ich habe viele Male erklärt, daß wir Chinesen nicht weniger als die Völker in anderen Ländern an Frieden und internationaler Stabilität interessiert sind. China braucht mindestens zwanzig friedliche Jahre, um die inlan- dische Entwicklung intensiv voranzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Über die Wirtschaftssonderzonen und die Öffnung von mehr Städten gegenüber dem Ausland ==&lt;br /&gt;
(24. Februar 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch [[Deng Xiaoping|Deng Xiaopings]] mit einigen führenden Genossen des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas nach der Rückkehr nach [[Beijing]] von seiner Reise in die Provinzen [[Guangdong]] und [[Fujian]] sowie einige andere Gebiete. Während seiner Inspektionsreise schrieb er einige Widmungen für Orte, die er besuchte. Die Widmung für [[Shenzhen]] lautet: „Die Entwicklung und Erfahrung der Wirtschaftssonderzone Shenzhen bestätigt, daß unsere Politik der Errichtung von Wirtschaftssonderzonen rich- tig ist.&amp;quot; In [[Zhuhai]] schrieb er: „Die Wirtschaftssonderzone Zhuhai ist ein Erfolg.&amp;quot; Die Widmung für [[Xiamen]] lautet: „Die Wirtschaftssonderzonen so verwalten, daß noch bessere Resultate noch schneller erzielt werden.&amp;quot; Im Stahl- und Eisenkombinat [[Baoshan]] schrieb er: „Neue Technologien und Tech- aiken beherrschen, besser lernen und mehr Neuerungen hervorbringen.&amp;quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während meines jüngsten Besuchs der drei Wirtschafts- sonderzonen in den Provinzen Guangdong und Fujian sowie des Stahl- und Eisenkombinats Baoshan in [[Shanghai]] habe ich zahlreiche Eindrücke gewonnen. Ich habe euch heute hier- her eingeladen, um die Öffnungspolitik bezüglich der Wirt- schaftssonderzonen zu diskutieren und darüber zu sprechen, wie die weitere Öffnung vor sich gehen soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Errichtung der Wirtschaftssonderzonen und der Durchführung einer Politik der Öffnung müssen wir uns darüber im klaren sein, daß unser Leitgedanke die Öffnung und nicht das Abschließen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei meinem Besuch der Wirtschaftssonderzone Shenzhen war ich beeindruckt von der dort herrschenden Prosperitat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Tempo des Aufbaus in Shenzhen ist recht hoch. Noch schneller geht es in [[Shekou]] voran, weil der dortigen Regie- rung die Entscheidungsbefugnis bei Ausgaben bis zu fünf Millionen US-Dollar eingeräumt worden ist. Ihre Parole heißt: „Zeit ist Geld, Effizienz ist Leben.&amp;quot; In Shenzhen braucht man nicht viel Zeit für den Bau eines Hochhauses, innerhalb von ein paar Tagen bauen die [[Proletariat|Arbeiter]] ein Stock- werk. Die dortigen Bauarbeiter kommen aus dem Landesin- neren. Ihre hohe Leistungsfähigkeit ist auf das vertragsge- bundene Verantwortungssystem, nach dem sie entsprechend ihrer Leistung bezahlt werden, und auf ein gerechtes System von Belohnung und Bestrafung zurückzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Wirtschaftssonderzone ist ein Vehikel, um Technik, Verwaltung und Fachwissen einzuführen. Sie ist zugleich ein Fenster für unsere Außenpolitik. Über die Wirtschaftsson- derzonen können wir ausländische Technologien einführen, Kenntnisse sammeln und Management erlernen. Manage- ment stellt ebenfalls eine Art von Fachwissen dar. Wahr- scheinlich werden nicht alle Projekte, in die wir investieren, auf der Stelle Gewinn abwerfen, doch auf lange Sicht werden wir daraus Nutzen ziehen. Es gibt zumindest zwei Dinge, die wir in Shenzhen jetzt tun können: das eine ist der Bau eines [[Atomkraft|Atomkraftwerks]], das andere die Errichtung einer Hochschule mit Geldern von Auslandschinesen. Diese werden für die Verwaltung der Hochschule verantwortlich sein, ausgezeich- nete ausländische Professoren als Lehrkräfte einladen und Lehrmittel aus dem Ausland kaufen. So können sie eine große Anzahl von kompetenten Fachkräften für uns ausbil- den. Wenn wir diese Wirtschaftssonderzone erfolgreich ver- walten, wird die Off-shore-Bohrung einen Boom erleben. Die Wirtschaftssonderzone wird die Basis unserer Öffnungspoli- tik werden, und wir werden nicht nur wirtschaftlich und bei der Ausbildung unserer Fachkräfte Nutzen aus ihr ziehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sondern unseren Einfluß im Ausland vergrößern. Berichten zufolge ist die öffentliche Ordnung in Shenzhen besser als früher, und viele Leute, die nach Hongkong gegangen sind, kehren jetzt zurück. Ein Grund dafür ist, daß es mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt, die Einkommen gestiegen sind und der Lebensstandard höher geworden ist dies alles be- weist, daß die geistige Zivilisation von der materiellen Zivi- lisation abhängt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Wirtschaftssonderzone Xiamen ist zu klein, sie sollte die ganze Xiamen-Insel umfassen. Wenn das der Fall sein wird, können wir Investitionen sowohl von Auslandschinesen als auch von vielen Ausländern absorbieren. Das wird dann die umliegenden Regionen dazu anregen, als Zuliefergebiete für Xiamen zu arbeiten, wodurch die Wirtschaft der ganzen Provinz Fujian belebt werden wird. Die Wirtschaftssonder- zone Xiamen erhält nicht die Bezeichnung freier Hafen, obwohl dort einige politische Richtlinien, die für einen freien Hafen gelten, praktiziert werden können. Dafür gibt es auf internationaler Ebene Präzedenzfälle. Wenn freier Kapital- fluß gesichert ist, werden ausländische Geschäftsleute und Auslandschinesen hier investieren. Das kann nicht fehlschla- gen, sondern wird im Gegenteil sehr großen Nutzen bringen. Neben den vorhandenen Wirtschaftssonderzonen könn- ten wir in Betracht ziehen, mehr Hafenstädte wie [[Dalian]] und [[Qingdao]] zu öffnen. Wir werden sie nicht als Wirtschaftsson- derzonen bezeichnen, können dort aber ähnliche politische Richtlinien durchführen. Das wird weit mehr Gewinne als Verluste einbringen. Wir sollten auch die Insel [[Hainan]] ent- wickeln. Die Entwicklung der dortigen Wirtschaft wäre eine große Leistung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo sollen wir bei der Entwicklung der chinesischen Wirtschaft anfangen? Ein [[Japan|japanischer]] Freund hat zwei Vorschläge gemacht: Wir sollten erstens beim Transport- und Kommunikationswesen beginnen, da das der Ausgangs- punkt für die wirtschaftliche Entwicklung ist. Zweitens soll- ten wir steigende Einkommen und hohen Konsum fördern. Da unsere Situation sich von der anderer Länder unterschei- det, sind wir gegenwärtig nicht in der Lage, den zweiten Vorschlag in unsere politische [[Praxis]] aufzunehmen. Doch wenn sich die Wirtschaftssonderzonen entlang der Küste erfolgreich entwickeln, werden wir imstande sein, das Ein- kommen der Bevölkerung zu erhöhen, wodurch der Konsum entsprechend steigen wird. Dies stimmt mit den Entwick- lungsgesetzen überein. Das ist eine sehr entscheidende Poli- tik, die sich jeder durch den Kopf gehen lassen sollte. Da die Bedingungen noch nicht für das ganze Land vorhanden sind, können wir einige Gebiete als erste reich werden lassen. Egalitarismus ist fehl am Platz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Den Weltfrieden wahren und die inländische Entwicklung gewährleisten ==&lt;br /&gt;
(29. Mai 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit dem [[Föderative Republik Brasilien|brasilianischen]] Präsidenten [[Joao Baptista de Oliveira Figueiredo]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Außenpolitik [[Volksrepublik China|Chinas]], die in den 80er Jahren durch- geführt und auch in den 90er Jahren und bis zum 21. Jahr- hundert weiter verfolgt wird, kann in zwei Sätzen zusammen- gefaßt werden: Erstens, wir bekämpfen den Hegemonismus, um den Weltfrieden zu wahren. Zweitens, China wird stets zur [[Dritte Welt|Dritten Welt]] gehören, was ein Eckpfeiler unserer Außen- politik ist. Wir sagen, daß wir stets zur Dritten Welt gehören, weil China als ein armes Land selbstverständlich der Dritten Welt zugehört und mit allen Ländern der Dritten Welt das gleiche Schicksal teilt. Selbst wenn China reich und stark wird, wird es immer noch zur Dritten Welt gehören, weil China niemals nach Hegemonie streben oder andere schika- nieren, sondern immer auf der Seite der Dritten Welt stehen wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Wust von gegenwärtigen Problemen auf der Welt stechen zwei besonders hervor. Das eine ist das Problem des Friedens. Heutzutage existieren [[Atomwaffe|nukleare Waffen]]; wenn ein Krieg ausbricht, können sie der Menschheit ungeheuren Schaden zufügen. Will man den Frieden erringen, muß man gegen Hegemonismus und Machtpolitik kämpfen. Das an- dere ist das Nord-Süd-Problem. Dieses Problem ist gegenwär- tig sehr drängend. Die entwickelten Länder werden immer reicher, während die Entwicklungsländer immer ärmer und ärmer werden. Wenn das Nord-Süd-Problem nicht gelöst werden kann, wird das die Wiederherstellung und Entwick- lung der Weltwirtschaft behindern. Die Lösung dieses Pro- blems liegt freilich im Nord-Süd-Dialog. Wir unterstützen den Dialog. Doch der Dialog allein reicht nicht aus; die Zusammenarbeit zwischen den Ländern der Dritten Welt, oder mit anderen Worten, die Süd-Süd-Zusammenarbeit sollte verstärkt werden. Wenn die Länder der Dritten Welt sich untereinander austauschen, voneinander lernen und zu- sammenarbeiten, können viele Probleme gelöst werden und sich gute Perspektiven eröffnen. Die entwickelten Länder sollten sich im klaren darüber sein, daß ohne wirtschaftliches Wachstum der Länder der Dritten Welt eine größere Ent- wicklung ihrer Wirtschaft unmöglich ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Chinas Außenpolitik ist unabhängig und wirklich block- frei. China schließt sich mit keinem Staat zusammen, son- dern verfolgt eine völlig unabhängige Politik. Es wird weder die [[Vereinigte Staaten von Amerika|USA]]-Karte noch die [[Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (1922–1991)|sowjetische]] Karte spielen und auch keinem Land erlauben, die chinesiche Karte zu spielen. Chi- nas Außenpolitik zielt auf den Weltfrieden ab. Mit diesem Ziel vor Augen, widmen wir uns von ganzem Herzen dem Modernisierungsprogramm, um unser Land zu entwickeln und einen Sozialismus chinesischer Prägung aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
China ist noch arm, und das durchschnittliche Pro-Kopf- Einkommen des Bruttosozialprodukts beträgt nur 300 US-Dollar. Doch wir haben uns das hohe Ziel gesetzt, es bis Ende des Jahrhunderts auf 800 US-Dollar zu steigern. 800 US-Dollar sind für die entwickelten Länder nicht nennenswert, doch für China ist das wahrhaft ein ehrgeiziges Ziel. Es bedeutet, daß das Bruttosozialprodukt Ende des Jahrhun- derts 1000 Milliarden US-Dollar erreicht. Dann wird China imstande sein, größere Beiträge für die Menschheit zu leisten. Da China ein [[Sozialismus|sozialistisches]] Land ist, werden 1000 Milliarden US-Dollar ein höheres Lebensniveau für seine Bevölkerung bedeuten. Noch wichtiger ist, daß dies uns auf dieser Grund- lage erlauben wird, uns in weiteren 30 bis 50 Jahren dem Niveau der entwickelten Länder anzunähern. Kurz, wir wid- men uns nun mit Leib und Seele der Modernisierung unseres Landes und hoffen deshalb aufrichtig, daß kein Krieg aus- brechen und der Frieden von langer Dauer sein wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Ein Land, zwei Systeme ==&lt;br /&gt;
(22. und 23. Juni 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Drei Volksprinzipien ([[Nationalismus]], [[Demokratie]] und Volkswohl) wurde von [[Sun Yat-sen|Dr. Sun Yat-sen]] während der [[Chinesische bürgerlich-demokratische Revolution|chinesischen bürgerlich- demokratischen Revolution]] aufgestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hauptpunkte von zwei Gesprächen mit Mitgliedern einer Industrie- und Handelsdelegation aus [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]] bzw. mit [[Sze-yuen Chung]] und anderen prominenten Persönlichkeiten aus Hongkong.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Volksrepublik China|chinesische]] Regierung hält fest an ihrem Standpunkt, ihren Prinzipien und ihrer Politik zur Lösung der Hongkong-Frage. Wir haben mehrmals erklärt, daß das gegenwärtige gesellschaftliche und wirtschaftliche System Hongkongs un- verändert bleibt, seine Rechtsordnung im wesentlichen nicht geändert wird und die Lebensweise und sein Status als Frei- hafen und als internationales Handels- und Finanzzentrum beibehalten werden, wenn unsere Regierung die Ausübung ihrer Souveränität über Hongkong im Jahr 1997 wiederher- gestellt hat. Hongkong kann seine wirtschaftlichen Beziehun- gen mit anderen Ländern und Gebieten weiterhin aufrechter- halten und entwickeln. Wir haben wiederholt erklärt, daß [[Beijing]] außer der Stationierung von Truppen keine Kader für die Regierung des Sondergebiets Hongkong entsenden wird. Auch diese Politik wird sich nicht ändern. Wir werden dort Truppen stationieren, um die Sicherheit unseres Landes zu gewährleisten, und nicht, um uns in die inneren Angelegen- heiten Hongkongs einzumischen. Unsere Politik gegenüber Hongkong wird für fünfzig Jahre unverändert bleiben. Wir stehen zu unseren Worten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir führen eine Politik von „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; durch. Genauer gesagt meinen wir, daß innerhalb der Volks- republik China die eine Milliarde zählende Bevölkerung auf dem Festland den Sozialismus praktiziert, während Hong- kong und Taiwan den Kapitalismus praktizieren dürfen. In den letzten Jahren haben wir große Anstrengungen unter- nommen, um „linke&amp;quot; Fehler zu überwinden und in Überein- stimmung mit den Prinzipien, von der Realität auszugehen und die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, politische Richtlinien in Bezug auf unsere Arbeit auf verschiedenen Gebieten auszuarbeiten. Nach fünfeinhalb Jahren zeigen sich nun die ersten Resultate. Vor diesem Hintergrund haben wir zur Lösung der Hongkong- und der Taiwan-Frage die Kon- zeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; vorgeschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben diese Politik mehrfach diskutiert. Der Natio- nale Volkskongreß hat sie bereits angenommen. Einige Leute befürchten, daß diese Politik sich ändern wird. Ich sage, sie wird es nicht. Der Kernpunkt der Frage liegt darin, ob diese Politik richtig ist. Wenn sie richtig ist, kann sie sich nicht ändern; ist sie falsch, wird sie sich ändern. Wer kann die gegenwärtig in China verfolgte Politik der Öffnung nach außen und der Belebung der chinesischen Wirtschaft ändern? Der Lebensstandard von 80 Prozent aller Chinesen würde sinken, wenn diese Politik geändert würde, und wir würden die Unterstützung von 80 Prozent der Bevölkerung verlieren. Der entscheidende Faktor ist deshalb, ob die Politik richtig ist oder nicht. Wenn wir auf dem richtigen Weg sind und die Zustimmung der Bevölkerung haben, wird sich die Politik nicht ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Politik gegenüber Hongkong wird für eine lange Zeit unverändert bleiben, und dies wird den [[Sozialismus]] auf dem Festland nicht beeinträchtigen. Das dominierende Sy- stem in China muß der Sozialismus sein. Eine Milliarde Bevölkerung auf dem Festland praktiziert den Sozialismus, dennoch wird dem kapitalistischen System gestattet, in gewis- sen Gebieten wie Hongkong und [[Taiwan]] zu existieren. Die ﻿Öffnung einer Anzahl von Städten auf dem Festland nach außen und das Hereinlassen des [[Kapitalismus]] bis zu einem gewissen Grad stellen eine Ergänzung für die Entwicklung der sozialistischen Wirtschaft dar und werden für das Wachs- tum der sozialistischen [[Produktivkräfte]] von Nutzen sein. Wenn beispielsweise ausländisches [[Kapital]] in [[Shanghai]] inve- stiert wird, so bedeutet es nicht, daß die ganze Stadt den Kapitalismus praktiziert. Dasselbe gilt für Shenzhen, eine Wirtschaftssonderzone Chinas, wo der Sozialismus weiterhin vorherrscht. In China ist der Sozialismus das dominierende System.&lt;br /&gt;
Die Konzeption „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; wurde in Übereinstimmung mit der Realität Chinas formuliert und hat weltweit Aufmerksamkeit erregt. China muß nicht nur die Hongkong-Frage, sondern auch die Taiwan-Frage lösen. Worin liegt die Lösung der Taiwan-Frage? Soll der Sozialis- mus Taiwan verschlingen, oder sollen die von Taiwan propa- gierten Drei Volksprinzipien das Festland verschlingen? Weder das eine noch das andere. Wenn das Problem nicht friedlich gelöst werden kann, so muß es mit Gewalt gelöst werden. Dies ist für jede Seite nachteilig. Die Wiedervereini- gung des Vaterlandes ist die Sehnsucht der ganzen Nation. Wenn sie in hundert Jahren nicht verwirklicht wird, muß sie in tausend Jahren verwirklicht werden. Ich sehe die Lösung dieser Frage nur darin, zwei Systeme in einem Land zu praktizieren. Die ganze Welt steht vor der Wahl, eine Reihe von Problemen friedlich oder nicht-friedlich zu lösen. Auf jeden Fall müssen sie gelöst werden. Neue Probleme müssen durch neue Mittel gelöst werden. Die erfolgreiche Lösung der Hongkong-Frage kann als Anregung für die Lösung interna- tionaler Probleme dienen. Werfen wir einen Blick auf die Weltgeschichte: Gibt es irgendeine Regierung, die jemals eine so großzügige Politik wie die chinesische ausgearbeitet hätte? Gibt es irgendwelche Aufzeichnungen in der Ge- schichte des Kapitalismus, daß irgendein westliches Land etwas ähnliches getan hätte? Wenn wir zur Lösung der Hongkong-Frage die Politik „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; verfol- gen, so folgen wir nicht einem plötzlichen Impuls, oder benutzen Tricks, sondern gehen von der Realität aus und berücksichtigen voll und ganz die Vergangenheit und die gegenwärtigen Verhältnisse Hongkongs. &lt;br /&gt;
Wir sollten auf die Fähigkeiten der Bevölkerung Hong- kongs vertrauen, die Angelegenheiten Hongkongs gut zu verwalten. Mißtrauen gegenüber den Fähigkeiten des chine- sischen Volkes, Hongkongs Angelegenheiten zufriedenstel- lend zu regeln, ist eine Mentalität, die von den alten Kolonia- listen stammt. Seit dem Opiumkriegs wurde das chinesische Volk über hundert Jahre lang von Ausländern miẞachtet und schikaniert. Seit Gründung der Volksrepublik hat sich das Image Chinas verändert. Das heutige Chinabild ist we- der durch die [[Qing-Dynastie (1636–1912)|Qing-Regierung]] noch durch die nördli- chen Militärmachthaber&#039;, noch durch [[Tschiang Kai-schek]] und seinen Sohn entstanden. Es ist die Volksrepublik China, die China ein neues Image gegeben hat. Alle Chinesen haben zumindest ein Gefühl des Stolzes auf die chinesische Nation, gleichgültig welche Kleidung sie tragen oder was für ei- nen politischen Standpunkt sie einnehmen. Die Chinesen in Hongkong teilen diesen nationalen Stolz. Sie sind in der Lage, Hongkong gut zu verwalten, und sollten darauf ver- trauen. Die Prosperität Hongkongs ist hauptsächlich den Einwohnern selbst zu verdanken, von denen die meisten Chinesen sind. Chinesen sind nicht weniger intelligent als Ausländer und sind nicht geistig minderbemittelt. Es ist nicht ﻿wahr, daß nur Ausländer Probleme erfolgreich bewältigen können. Wir müssen die Zuversicht haben, daß wir Chinesen es ebensogut können. Die Auffassung, daß die Bevölkerung Hongkongs kein Selbstvertrauen hat, stimmt nicht mit der wirklichen Meinung der Einwohner Hongkongs überein. Der Inhalt der chinesisch-[[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Verhandlungen ist noch nicht veröffentlicht, daher sind die Einwohner Hongkongs über die Politik der Zentralregierung noch nicht im Bilde. Sobald sie diese Politik gut kennen, werden sie volles Ver- trauen darauf setzen. Unsere Politik zur Lösung der Hongkong-Frage ist vom Ministerpräsident Zhao Ziyang in seinem Bericht über die Regierungsarbeit auf der 2. Plenar- tagung des VI. Nationalen Volkskongresses bekanntgegeben und vom Kongreß angenommen worden. Das ist eine ernste Angelegenheit. Wenn sich heute immer noch einige Leute bei den Fragen von Vertrauen oder Glaubwürdigkeit der Volks- republik China und der chinesischen Regierung aufhalten, wird nichts anderes zuwege gebracht werden. Wir sind davon überzeugt, daß die Bevölkerung Hongkongs imstande ist, die Angelegenheiten Hongkongs erfolgreich zu regeln, und müs- sen der ausländischen Herrschaft ein Ende setzen. Andern- falls würden die Menschen in Hongkong damit nicht einver- standen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Bezug auf die Verwaltung Hongkongs durch die Ein- wohner Hongkongs müssen einige Anforderungen und Kri- terien aufgestellt werden. Darin muß festgelegt werden, daß Patrioten die wichtigsten Verwaltungsposten der zukünftigen Regierung Hongkongs besetzen. Natürlich werden auch an- dere Leute in die Regierung aufgenommen und sogar Aus- länder als Berater eingeladen werden. Wer ist ein Patriot? Die Kriterien für einen Patrioten bestehen darin, die chinesische Nation zu respektieren, die Wiedererlangung der Souveräni- tät des Vaterlandes über Hongkong mit ganzem Herzen zu&lt;br /&gt;
unterstützen und nicht der Prosperität und Stabilität Hong- kongs zu schaden. Alle, die diesen Anforderungen entspre- chen, sind Patrioten, ungeachtet dessen, ob sie an den Kapitalismus oder Feudalismus oder sogar an das Sklaven- haltertum glauben. Wir fordern nicht von ihnen, daß sie dem chinesischen sozialistischen System zustimmen, wohl aber, daß sie das Vaterland und Hongkong lieben.&lt;br /&gt;
Bis 1997 sind es noch 13 Jahre. Wir sollten jetzt beginnen, auf einen allmählichen und reibungslosen Übergang hinzuar- beiten. In dieser Übergangsperiode müssen wir erstens starke Schwankungen oder Rückschläge vermeiden und Hongkongs Prosperität und Stabilität aufrechterhalten. Zweitens müssen wir Voraussetzungen schaffen für eine reibungslose Über- nahme der Regierung durch die Einwohner Hongkongs. Ich hoffe, daß die Menschen aus allen Bevölkerungskreisen in Hongkong zu diesem Ziel ernsthafte Anstrengungen unter- nehmen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einen Sozialismus Chinesischer Prägung aufbauen ==&lt;br /&gt;
(30. Juni 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit der [[Japan|japanischen]] Delegation der 2. Sitzung des Rats chinesisch-japanischer Persönlichkeiten, die nicht Regierungsmitglieder sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit der Niederschlagung der „[[Viererbande]]&amp;quot; und der Ein- berufung der 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei haben wir die richtigen ideologischen, politischen und organisatorischen Linien sowie eine Reihe von Prinzipien und politischen Richtlinien ausgearbeitet. Was ist die ideolo- gische Linie? Sie bedeutet das Festhalten am [[Marxismus]] und am marxistischen [[Dialektischer Materialismus|dialektischen]] und [[Historischer Materialismus|historischen Materialis- mus]], oder mit anderen Worten, das Festhalten an der Suche der Wahrheit in den Tatsachen, für die Genosse [[Mao Zedong]] eintrat. Es ist sehr wichtig für [[Volksrepublik China|China]], am Marxismus festzu- halten, und es ist ebenso wichtig, am [[Sozialismus]] festzuhal- ten. Seit dem [[Opiumkrieg]] war China mehr als ein Jahrhun- dert Aggression und Demütigung ausgesetzt. Die chinesische Revolution war deshalb siegreich, weil das chinesische Volk den Marxismus angenommen und daran festgehalten hat, den Weg von der [[Neue Demokratie|Neuen Demokratie]] zum Sozialismus einzu- schlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man könnte fragen: Falls China statt des sozialistischen den [[Kapitalismus|kapitalistischen]] Weg beschritten hätte, hätte sich das chinesische Volk befreien oder hätte China sich schließlich erheben können? Die [[Kuomintang]] ist diesen Weg über 20 Jahre gegangen und hat bewiesen, daß er nicht erfolgreich war. Die chinesischen Kommunisten hingegen, die am Mar- xismus festhielten und den Marxismus in Übereinstimmung mit den [[Mao-Zedong-Gedanke|Mao-Zedong-Ideen]] mit den konkreten Bedingungen in China verbanden, sind ihren eigenen Weg gegangen und haben die chinesische Revolution zum Sieg gebracht, indem sie die Städte von den Dörfern her einkreisten. Wenn wir nun umgekehrt keine Marxisten wären oder den Marxismus nicht mit den chinesischen Verhältnissen verbunden hätten und nicht unserem eigenen Weg gefolgt wären, dann wäre China zersplittert geblieben, hätte weder Unabhängigkeit noch Ein- heit erlangt. Freiheraus gesagt, China muß am Marxismus festhalten. Hätten wir kein volles Vertrauen auf den Marxis- mus gehabt, hätte die chinesische Revolution niemals siegen können. Dieses Vertrauen ist eine treibende Kraft. Falls wir nach Gründung der Volksrepublik den kapitalistischen an- statt den sozialistischen Weg eingeschlagen hätten, hätten wir diesem Chaos, das von Inflation, unstabilen Preisen, Armut und Rückständigkeit bestimmt war, nicht ein Ende setzen können. Wir sind von sehr rückständigen Verhältnissen aus- gegangen. Es gab im Grunde genommen keine Industrie, die wir vom alten China hätten übernehmen können, und wir hatten nicht genug Getreide zum Essen. Manche Leute fra- gen, warum wir uns für den Sozialismus entschieden haben. Wir antworten, weil der Kapitalismus in China fehl am Platze war. Wir müssen die Probleme der Ernährung, der Arbeits- beschaffung für die Bevölkerung und der Wiedervereinigung Chinas lösen. Das ist der Grund, warum wir immer wieder bekräftigen, am Marxismus und am sozialistischen Weg fest- zuhalten. Doch mit Marxismus meinen wir den Marxismus, der auf die chinesischen Verhältnisse abgestimmt ist, und mit Sozialismus meinen wir den Sozialismus, der den chinesi- schen Verhältnissen entspricht und chinesisch geprägt ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was heißt Sozialismus und was heißt Marxismus? Darüber waren wir uns früher nicht ganz im klaren. Der Mar- xismus mißt der Entwicklung der Produktivkräfte äußerst großes Gewicht bei. Wir treten für den Kommunismus ein. Aber was bedeutet Kommunismus? Er bedeutet das Prinzip „Jeder nach seinen Fähigkeiten und jeder nach seinen Be- dürfnissen&amp;quot;, was hochentwickelte [[Produktivkräfte]] und einen überaus großen materiellen Reichtum erfordert. Infolgedes- sen ist die grundlegende Aufgabe für die sozialistische Perio- de die Entwicklung der Produktivkräfte. Die Überlegenheit des sozialistischen Systems zeigt sich dadurch, daß seine Produktivkräfte sich schneller und stärker als die des kapitalistischen Systems entwickeln. Was unsere Unzuläng- lichkeiten seit Gründung der Volksrepublik betrifft, so war eine davon die Vernachlässigung der Entwicklung der Pro- duktivkräfte. Sozialismus bedeutet Beseitigung der Armut. Armut ist nicht Sozialismus, noch weniger [[Kommunismus]]. Die Überlegenheit des sozialistischen Systems besteht vor allem in seinem Vermögen, die Produktivkräfte schrittweise zu entwickeln und das materielle und kulturelle Lebensni- veau der Bevölkerung allmählich zu verbessern. Wir stehen nun vor dem Problem, wie wir heute, da China noch rück- ständig ist, die Produktivkräfte entwickeln und das Lebensni- veau des Volks verbessern. Das führt uns zurück zu der Frage, ob wir weiter am sozialistischen Weg festhalten oder den kapitalistischen Weg einschlagen sollen. Der kapitalisti- sche Weg kann weniger als ein Prozent der chinesischen Bevölkerung Wohlstand bringen; über 90 Prozent der Be- völkerung kann er nie zum Wohlstand verhelfen. Aus diesem Grund müssen wir am Sozialismus festhalten. Das sozialisti- sche Verteilungsprinzip ,,Jeder nach seiner Leistung&amp;quot; wird keine übermäßige Kluft zwischen den Besitzenden schaffen. Folglich wird es keine Polarisierung geben, auch wenn unsere Produktivkräfte sich in den nächsten 20 bis 30 Jahren entwickelt haben.&lt;br /&gt;
Das Minimalziel unserer vier Modernisierungen besteht darin, Ende des Jahrhunderts ein vergleichsweise wohlha- bendes Lebensniveau zu erreichen. Ich habe das zum ersten Mal gegenüber dem früheren japanischen Ministerpräsiden- ten [[Masayoshi Ohira]] während seines Besuchs hier im Dezem- ber 1979 erwähnt. Mit einem relativ wohlhabenden Leben meinen wir, daß das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des Bruttosozialprodukts am Ende des Jahrhunderts 800 US-Dollar erreichen wird. Für Sie ist das ein niedriges Ni- veau, für uns ist es jedoch ein ehrgeiziges Ziel. China hat heutzutage eine Bevölkerung von einer Milliarde, Ende des Jahrhunderts werden es 1,2 Millarden sein. Wenn wir das Bruttosozialprodukt, das zu dieser Zeit 1000 Milliarden er- reicht haben wird, nach dem kapitalistischen Prinzip verteil- ten, wäre das nur ein geringer Betrag, der uns nicht dabei helfen könnte, Armut und Rückständigkeit zu überwinden. Nur weniger als ein Prozent der Bevölkerung würden ein besseres Leben führen, während über 90 Prozent arm blieben. Doch das sozialistische Verteilungsprinzip ermöglicht es al- len Menschen, besser zu leben. Aus diesem Grund wollen wir am Sozialismus festhalten. Ohne Sozialismus kann das Le- bensniveau der chinesischen Bevölkerung nicht verbessert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nur darüber zu reden ist nicht genug. Die heutige Welt ist eine offene Welt. Die Rückständigkeit Chinas in der Vergangenheit war auf die Politik der verschlossenen Tür zurückzuführen. Nach der Gründung der Volksrepublik China wurden wir von anderen blockiert, und so blieb das Land bis zu einem gewissen Grad abgeriegelt, wodurch Schwierigkeiten für uns entstanden. Einige „linke&amp;quot; politische Richtlinien und insbesondere die „[[Kulturrevolution]]&amp;quot; haben Unheil verursacht. Kurz gesagt, die Erfahrungen der vergangenen über 30 Jahre beweisen, daß eine Politik der verschlos- senen Tür den Aufbau verhindert und keine Entwicklung ermöglicht. Deswegen gelten folgende Prinzipien als die ideo- logische Leitlinie, die auf der 3. Plenartagung des XI. Zen- tralkomitees der Partei formuliert wurde: an der Verbin- dung des Marxismus mit den chinesischen Verhältnissen, der Suche der Wahrheit in den Tatsachen, der Verbindung der Theorie mit der Praxis und dem Ausgehen von der Wirklichkeit festhalten. Das heißt mit anderen Worten, an den grundlegenden Ideen des Genossen Mao Zedong festzu- halten. Unsere politische Linie konzentriert sich auf die vier Modernisierungen und orientiert sich dementsprechend auf die Entwicklung der Produktivkräfte. Außer einem Weltkrieg wird uns nichts von diesem elementaren Punkt abbringen. Selbst wenn ein Weltkrieg ausbricht, werden wir uns nach dem Krieg dem Aufbau widmen. Eine Politik der verschlos- senen Tür ist dem Aufbau nicht förderlich. Es gibt zwei Arten der Abriegelung: die eine ist gegen andere Länder gerichtet, die andere gegen China selbst, indem sich ein Gebiet oder eine Abteilung gegenüber anderen abriegelt. Wir schlagen vor, die Entwicklung ein wenig schneller voranzu- treiben, nur ein wenig schneller, nicht zu schnell, denn das wäre unrealistisch. Um dies zu erreichen, müssen wir die inländische Wirtschaft wiederbeleben und eine Politik der Öffnung nach außen verfolgen. Zuerst müssen wir die Pro- bleme der ländlichen Gebiete, in denen 80 Prozent der Bevöl- kerung leben, beilegen. Chinas Stabilität hängt von der Stabi- lität der ländlichen Gebiete mit diesen 80 Prozent ab- das ist die chinesische Realität, von der wir ausgehen sollten. Wie erfolgreich unsere Arbeit in den Städten auch sein mag, sie ist ohne stabile Grundlage in den ländlichen Gebieten nutz- los. Darum müssen wir als erstes die Probleme der ländlichen Gebiete lösen, indem wir in diesen Gebieten die Wirtschaft wiederbeleben und eine Öffnungspolitik verfolgen, um auf diese Weise die Initiative von 80 Prozent der Bevölkerung zur vollen Entfaltung zu bringen. Ende 1978 haben wir diese Politik festgelegt, die nun nach einigen Jahren die erwünsch- ten Erfolge zeigt.&lt;br /&gt;
Auf der kürzlich einberufenen 2. Tagung des VI. Natio- nalen Volkskongresses wurde beschlossen, den Schwerpunkt der Reform von den ländlichen Gebieten auf die Städte zu verlegen. Die städtische Reform umfaßt nicht nur Industrie und Handel, sondern auch Wissenschaft, Bildung und alle anderen Bereiche. Kurz, wir werden die Reform im Inland fortsetzen. Was unsere Beziehungen mit ausländischen Staa- ten anbelangt, so werden wir die Politik einer weiteren Öff- nung gegenüber der Außenwelt verfolgen. Wir haben 14. große und mittelgroße Küstenstädte geöffnet. Wir heißen ausländische Investitionen und fortgeschrittene Techniken willkommen. Management ist ebenfalls ein Bestandteil der Technologie. Wird dies unseren Sozialismus schwächen? Gewiß nicht, denn die sozialistische Wirtschaft bildet unsere Hauptstütze. Unsere sozialistische Wirtschaft hat eine so starke Grundlage, daß sie Dutzende von Milliarden aus- ländischer Fonds absorbieren kann, ohne die sozialistische Grundlage zu erschüttern. Außerdem halten wir am soziali- stischen Verteilungsprinzip fest und dulden keine Polarisie- rung. Auf diese Weise werden die ausländischen Investi- tionen ohne Zweifel eine wichtige Ergänzung beim Aufbau des Sozialismus in unserem Land darstellen, und so wie die Sache heute steht, ist diese Ergänzung unentbehrlich. Natür- lich wird dies einige Probleme mit sich bringen, doch die negativen Aspekte haben weit weniger Bedeutung als die positiven Ergebnisse, die durch ausländische Investitionen bei der Beschleunigung unserer Entwicklung erzielt werden können. Es ist ein kleines Risiko, kein großes.&lt;br /&gt;
Wenn man über unsere Pläne spricht - das sind sie. Wir werden Erfahrungen sammeln und neue Lösungsmöglichkei- ten ausprobieren, wenn neue Probleme auftauchen. Zusam- menfassend gesagt, sind wir überzeugt, daß dieser Weg zum Aufbau eines Sozialismus chinesischer Prägung richtig und praktikabel ist. Wir sind diesen Weg fünfeinhalb Jahre gegan- gen und haben befriedigende Ergebnisse erzielt. Wir wollen das Bruttosozialprodukt Chinas bis zum Ende des Jahrhun- derts vervierfachen. Das Entwicklungstempo hat unser ge- setztes Ziel bislang übertroffen. Ich kann also unseren Freun- den mitteilen, daß wir nun noch zuversichtlicher sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist durchführbar ==&lt;br /&gt;
(31. Juli 1984)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auszüge aus einem Gespräch mit dem [[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|britischen]] Außenminister [[Sir Geoffrey Howe]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Konzept „Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; ist nicht erst heute entstanden. Es war bereits während der vergangenen Jahre, insbesondere seit der 3. Plenartagung des XI. Zentral- komitees unserer Partei im Dezember 1978 im Entstehen. Diese Konzeption wurde zum ersten Mal im Hinblick auf die Lösung der [[Taiwan]]- und der [[Sonderverwaltungszone Hongkong|Hongkong]]-Frage aufgebracht. Es gibt zwei Lösungsmöglichkeiten: nicht friedlich und fried- lich. Erstere, also die Beilegung der Fragen durch Waffenge- walt, ist durchweg schlecht. Wie kann man diese Probleme friedlich lösen? Das verlangt, daß man die Geschichte Hong- kongs und Taiwans und deren reale Verhältnisse voll berück- sichtigt. Die 3. Plenartagung des XI. Zentralkomitees der Partei hat die vom Vorsitzenden [[Mao Zedong|Mao]] befürwortete Linie, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen, wiederhergestellt und betont, in allem, was wir tun, von der Realität auszugehen. Die Tatsachen und die Realität respektieren heißt, die histo- rischen Tatsachen Hongkongs und Taiwans zu respektieren. Wenn wir befürworten, daß das kapitalistische System in Hongkong beibehalten wird, so heißt es, die Konzeption,,Ein Land, zwei Systeme&amp;quot; dort anzuwenden. Dasselbe gilt auch für Taiwan. Unser [[Sozialismus|sozialistisches]] System wird sich nicht ändern, niemals. Aber die Stabilität und Prosperität in Hongkong und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Deng Xiaoping]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über China]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Republik_Korea&amp;diff=9286</id>
		<title>Republik Korea</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Republik_Korea&amp;diff=9286"/>
		<updated>2026-03-10T10:19:07Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Infobox country&lt;br /&gt;
|name=Republik Korea&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung_jahr=2019&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung=51.709.098&lt;br /&gt;
|fläche_km2=100.363&lt;br /&gt;
|datum1=15. August 1948&lt;br /&gt;
|gründungsereignis1=Erste Republik&lt;br /&gt;
|bild_karte=Statesian neocolonial occupation of Korea.svg&lt;br /&gt;
|karte_breite=260&lt;br /&gt;
|offizielle_sprachen=Koreanisch&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name3=Kim Jin-pyo&lt;br /&gt;
|name_einheimisch=대한민국&lt;br /&gt;
|bild_flagge=Flag of South Korea.svg&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel3=&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name2=Han Duck-soo&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel2=Premierminister*in&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name1=[[Lee Jae-myung]]&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel1=Präsident*in&lt;br /&gt;
|bild_wappen=ROK emblem.svg&lt;br /&gt;
|hauptstadt=[[Seoul]]&lt;br /&gt;
|regierung=Zentrale präsidentielle Republik&lt;br /&gt;
|währung=Won (₩) (KRW)&lt;br /&gt;
|offizielle_webseite=https://www.korea.net/&lt;br /&gt;
|produktionsweise=[[Kapitalismus]]&lt;br /&gt;
|demonym=Südkoreaner*in&amp;lt;br&amp;gt;Koreaner*in&amp;lt;br&amp;gt;Koreanisch&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;&#039;Republik Korea&#039;&#039;&#039;, auch &#039;&#039;&#039;Südkorea&#039;&#039;&#039; oder von bürgerlichen Medien meist nur [[Korea]], ist ein Staat in [[Ostasien]]. Er grenzt im Norden an die [[DVRK]] und im Osten indirekt an [[Japan]]. Die RK befindet sich auf dem südlichen Teil der koreanischen Halbinsel, während die DVRK, auch Nordkorea genannt, sich auf Koreas nördlicher Hälfte befindet. Südkorea ist ein [[Bürgerlicher Staat|bürgerlich-liberaler Staat]], der als [[Vereinigte Staaten von Amerika|US-]]Marionettenstaat&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Empire of Japan|seite=45|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und [[Neokolonialismus|Kolonie]]&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt; auf dem südlichen Teil der [[Korea|Koreanischen Halbinsel]] liegt. Der nördliche Teil der Halbinsel wird von der [[Demokratische Volksrepublik Korea|Demokratischen Volksrepublik Korea (DPRK)]], auch bekannt als Volks-Korea, regiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der südkoreanischen [[People&#039;s Democracy Party]] (민중민주당), die in einem Artikel der [[Liberation School]] aus dem Jahr 2020 schreibt, „ist Südkorea eine vollständige Kolonie, die von der US-Armee besetzt ist, politisch von den USA unterdrückt wird und wirtschaftlich den [[Imperialismus|imperialistischen]] Ländern, einschließlich der USA, untergeordnet ist. Nach dem Militärputsch von 1961 dauerte die Herrschaft faschistischer Militärdiktaturen 30 Jahre an, und seitdem hat ein pro-US-[[Neoliberalismus|neoliberales]] Regime im Land operiert. Es hat die [[Proletariat|Arbeiter]], [[Bauernstand|Bauern]] und das gesamte Volk schwer ausgebeutet.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot;&amp;gt;People&#039;s Democracy Party und Liberation School. [https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ „70 Years Too Long: The Struggle to End the Korean War – Liberation School.“] &#039;&#039;Liberation School – Revolutionary Marxism for a New Generation of Fighters&#039;&#039;, 25. Juni 2020. [https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ Archiviert].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut derselben Partei ist der Kampf um die Wiedervereinigung Koreas und den Frieden von dem Abzug der US-Truppen abhängig, und daher ist der Abzug der US-Militärs aus Südkorea „die dringendste und bevorzugte Kampfaufgabe für die gesamte koreanische Nation, um sie zu lösen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit ihrer Gründung war die ROK von Korruption und politischen Skandalen durchzogen. Alle vier lebenden ehemaligen südkoreanischen Präsidenten wurden wegen verschiedener Verbrechen, von Machtmissbrauch bis hin zu Bestechung und Veruntreuung, zu Gefängnisstrafen verurteilt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;aei&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2018-10-09|titel=South Korea&#039;s troubling history of jailing ex-presidents|url=https://www.aei.org/foreign-and-defense-policy/asia/south-koreas-troubling-history-of-jailing-ex-presidents/|zeitung=American Enterprise Institute}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2021-02-10|titel=Former South Korean president sentenced to prison|url=https://www.dw.com/en/former-south-korean-president-sentenced-to-prison/a-55779280|zeitung=Deutsche Welle}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2013-08-22|titel=Ex-president Roh Tae-woo to pay remainder of massive fine|zeitung=The Chosunilbo}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2017-02-07|titel=South Korea: President&#039;s impeachment on a background of political scandal|url=http://perspective.usherbrooke.ca/bilan/servlet/BMAnalyse?codeAnalyse=2320|zeitung=Perspective Monde}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;bbcsource&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2018-10-05|titel=South Korea ex-leader jailed for 15 years|url=https://www.bbc.com/news/world-asia-45756561|zeitung=[[BBC|BBC News]]}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Frühe Geschichte und japanische Besatzung ===&lt;br /&gt;
{{Hauptartikel|Korea}}&lt;br /&gt;
Einige der wichtigsten historischen Perioden Koreas bis zur Gegenwart sind die Zeit von Gojoseon (2333 v. Chr.–108 v. Chr.), die Zeit der Drei Han-Staaten, die Zeit der Drei Königreiche, die Zeit der Nord-Süd-Staaten (668–918), die Goryeo-Dynastie (918–1392), die Joseon-Dynastie (1392–1897), das relativ kurzlebige Koreanische Kaiserreich (1897–1910) und die Zeit der japanischen Kolonialbesetzung (1910–1945).&amp;lt;ref name=&amp;quot;:29&amp;quot;&amp;gt;Shin, Michael D.; Lee, Injae; Miller, Owen; Park, Jinhoon; Yi, Hyon-hye. [https://archive.org/details/isbn_9781107098466 &amp;quot;Korean History in Maps: from prehistory to the Twenty-first Century.&amp;quot;] Cambridge University Press, 3. Auflage, 2016.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[http://nationalatlas.ngii.go.kr/pages/page_3083.php &amp;quot;Territorial History of Korea.&amp;quot;] National Atlas of Korea: Comprehensive Edition (2022). National Geography Information Institute, Ministry of Land Infrastructure and Transport.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Laufe ihrer Geschichte sah sich Korea verschiedenen ausländischen Angriffen und Störungen ausgesetzt. Zum Beispiel stand Korea während der [[Imjin-Kriege]] der 1590er Jahre vor einer Invasion durch Japan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:29&amp;quot; /&amp;gt; und Störungen wie dem imperialistischen [[Kanonenbootpolitik]] im 19. Jahrhundert.&amp;lt;ref&amp;gt;Bullimore, Kim. [https://redflag.org.au/node/6486 &amp;quot;Understanding US aggression against North Korea.&amp;quot;] [[Redflag]], [[Socialist Alternative (Australia)|Socialist Alternative]], 2018-08-21. [https://web.archive.org/web/20220526084730/https://redflag.org.au/node/6486 Archiviert] 2022-05-26.&amp;lt;/ref&amp;gt; Wie der unabhängige Gelehrte Jay Hauben in The Jeju Weekly beobachtete, blieb Korea „trotz 500 Jahren Bemühungen größerer Mächte, es zu dominieren, unabhängig“, bis es 1910 unter japanische Herrschaft geriet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Zeit der japanischen Besatzung, die bis zur Niederlage Japans im Jahr 1945 dauerte, wurde Koreas Wirtschaft entwickelt, um den Interessen des japanischen Reiches zu dienen, wobei die koreanische Industrie sich als „Anhängsel“ der japanischen Industrie entwickelte und die normale Entwicklung der nationalen Industrie Koreas behinderte.&amp;lt;ref&amp;gt;Kim Han Gil. [https://archive.org/details/ModernHistoryOfKorea/ &amp;quot;Modern History of Korea.&amp;quot;] Foreign Languages Publishing House, Pyongyang, Korea, 1979.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der südliche Teil der koreanischen Halbinsel war überwiegend landwirtschaftlich geprägt und wurde als „Reisschüssel“ des Landes angesehen, da er einen größeren Teil der Nahrungsmittel für Korea lieferte. Als Kolonialwirtschaft wurde sie streng kontrolliert, um einen Reisüberschuss für Japan zu schaffen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot;&amp;gt;Kim Jinwung. A &#039;&#039;Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military&#039;&#039;. Government in Korea, 1945-1948. Korea Journal, Summer 2007.https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8153/journal-47-2-208.pdf&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie [[Kim Il-sung|Kim Il Sung]] zusammenfasste, verwandelte Japan während der Kolonialzeit Korea in „eine Quelle für Rohstoffe und Arbeitskräfte, einen Markt für ihre Waren und eine Militärmacht für die Aggression gegen den Kontinent.“&amp;lt;ref&amp;gt;Kim Il Sung. &amp;quot;The Tasks of Korean Communists.&amp;quot; Treatise Published in Sogwang, Organ of the Korean People&#039;s Revolutionary Army, November 10, 1937. Collected Works Volume 1. ([https://www.marxists.org/archive/kim-il-sung/cw/01.pdf PDF])&amp;lt;/ref&amp;gt; Zusätzlich wurden die Koreaner unter der Kolonialherrschaft der Kidnapping und Versklavung in Form von Zwangsarbeit und sexueller Sklaverei (letztere sind als [[Trostfrauen]] bekannt) ausgesetzt, zusätzlich zu umfangreicher politischer Unterdrückung und kultureller Auslöschung.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:30&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Artikel der [[Liberation School]] erklärt, dass mit der Zunahme wirtschaftlicher und antikolonialer Forderungen unter der Besatzung der Widerstand gegen den japanischen Kolonialismus wuchs und [[Kommunismus|Kommunisten]] und [[Anarchismus|Anarchisten]] „begannen, sich in den Grenzgebieten von Russland, China und Korea zu treffen“. Am 1. März 1919 wurde eine massive koreanische Unabhängigkeitsprotestbewegung gestartet. Seit 1931 kämpften nationalistische und kommunistische Guerillas in den Bergen der Mandschurei gegen die Japaner, und Kim Il-sung entwickelte sich während dieser Zeit zu einem besonders effektiven Führer.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:30&amp;quot;&amp;gt;Ford, Derek. [https://www.liberationschool.org/the-chongryon-movement-the-struggle-of-koreans-in-japan/ „Chongryon: The Struggle of Koreans in Japan – Liberation School.“] &#039;&#039;Liberation School – Revolutionary Marxism for a New Generation of Fighters&#039;&#039;, 30. Januar 2019.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== US-Besatzung ===&lt;br /&gt;
[[Datei:The Japanese flag in front of the Japanese Government-General of Korea building in Seoul is replaced with the U.S. flag..png|miniatur|314x314px|US-Truppen senken die japanische Flagge in Seoul und ersetzen sie durch die US-Flagge.]]&lt;br /&gt;
Nach der Befreiung Koreas vom Japanischen Kaiserreich durch [[Kim Il-sung]] begann in einem „Ausbruch von Versammlungen und Organisierungen“, der „in ganz Korea an die Öffentlichkeit trat“, nachdem Japan kapituliert hatte, Aktivisten auf der gesamten koreanischen Halbinsel, Pläne und Organisierungen zu entwickeln, um die japanische Herrschaft und Dominanz zu ersetzen. Gruppen von lokalen Menschen versammelten sich in den meisten Dörfern und Städten und suchten nach Wegen, die Polizei und pro-japanischen Administratoren durch Menschen zu ersetzen, die sich der japanischen Herrschaft widersetzten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt; Eine linksgerichtete landesweite Organisation, die von Koreanern gegründet wurde und als Bündnis für die nationale Regierung bekannt ist, sowie viele lokale Volksausschüsse genossen landesweite Unterstützung. Allerdings erkannte die [[United States Army Military Government in Korea|US-Militärregierung in Korea]] (USAMGIK) den neuen Staat, der von den Volksausschüssen erklärt wurde, nicht an, und Korea wurde entlang des 38. Breitengrades von zwei amerikanischen Offizieren geteilt, die noch nie in Korea gewesen waren.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Don Oberdorfer, Robert Carlin|jahr=2014|titel=The Two Koreas: A Contemporary History|kapitel=|abschnitt=|seite=5|zitat=|pdf=|stadt=|verlag=|isbn=9780465031238|doi=|lg=|mia=|titel-url=|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Besetzung des südlichen Teils Koreas durch die USA wurde in der Proklamation Nr. 1 von General of the Army Douglas MacArthur am 7. September 1945 mit der Aussage angekündigt, dass „alle Regierungsgewalten über das Gebiet Koreas südlich des 38. Breitengrades und seine Bevölkerung vorerst unter meiner Autorität ausgeübt werden.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Liberation from Japan in 1945|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article2/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In „A Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military“‘ schreibt Kim Jinwung:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Als die Nachricht eintraf, dass die Vereinigten Staaten planten, den Süden Koreas zu besetzen, berief das [Komitee für die Vorbereitung der koreanischen Unabhängigkeit von &amp;lt;nowiki/&amp;gt;{{Verknüpfung|Yeo Un-hyeong}}] eine nationale Konvention in Seoul am 6. September ein, um seinem Regime das Siegel der Legitimität zu geben. Yeo und seine Anhänger wollten den Prozess der Gründung einer neuen Regierung beschleunigen, bevor die Amerikaner eintrafen. Yeo verkündete die Gründung der [[People&#039;s Republic of Korea (1945–1946)|Koreanischen Volksrepublik]], mit einem Kabinett, das distinguierte Nationalisten aller politischen Überzeugungen, rechts und links, umfasste. Aber der Körper war deutlich von der Linken beeinflusst, wobei Kommunisten Schlüsselrollen spielten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Die USA weigerten sich jedoch, diese Organisation anzuerkennen, und General [[John R. Hodge]], der Kommandierende General der US-Armee in Korea, verbot die Volksausschüsse und schuf neue lokale Räte unter konservativer Kontrolle.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; In einem Artikel mit dem Titel „People&#039;s Republic of Korea: Jeju, 1945-1946“ beschreibt Jay Hauben die Situation:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Am 8. September trafen 21 US-Kriegsschiffe in Incheon ein, um im Namen der Alliierten die Kapitulation des japanischen Generalgouverneurs von Korea und der 200.000 japanischen Militärangehörigen und ihrer Ausrüstung und Eigentums südlich des 38. Breitengrades zu überwachen. General John Hodge kommandierte die US-Landung. Die US-Delegation wurde von einem englischsprachigen Komitee der PRK [People&#039;s Republic of Korea] empfangen, um sie im Namen des Volkes und der neu entstehenden Regierung Koreas willkommen zu heißen. General Hodge weigerte sich, sie zu treffen. Seine Mission war es, die United States Military Government In Korea (USAMGIK) zu leiten, und er würde nicht akzeptieren, dass es bereits eine neu entstehende Regierung Koreas gab.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Aufgrund der weitverbreiteten Unterstützung für die Volksausschüsse griff die USAMGIK dazu, die Ausschüsse gewaltsam aufzulösen, damit die USA das Land effektiv regieren konnten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Who ruled over the Korean Peninsula?|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article3/|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Wie Hauben feststellt, „hatte die USAMGIK die Mission, eine koreanische Regierung zu verhindern, die dem Sozialismus, Kommunismus oder Linksextremismus freundlich gesinnt war. Diese Mission erforderte, dass die linksgerichtete Mehrheit des koreanischen Volkes umgelenkt werden musste.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:1946 South Korean opinion poll about socialism, communism, and capitalism.png|miniatur|Eine Meinungsumfrage, die in der Zeitung Dong-A Ilbo am 13. August 1946 erschien, zeigte, dass die Mehrheit der Befragten Sozialismus bevorzugte und weniger als 15% den Kapitalismus unterstützten.|341x341px]]&lt;br /&gt;
Im August 1946 veröffentlichte die Zeitung Dong-A Ilbo die Ergebnisse verschiedener Meinungsumfragen, die Informationen darüber suchten, welche Art von Regierung das Volk Koreas wollte. Von den Befragten antworteten auf die Frage, welchem System sie zustimmten, 14% der Befragten „Kapitalismus“ (1.189 Personen), 70% antworteten „Sozialismus“ (6.037 Personen), 7% antworteten „Kommunismus“ (574 Personen) und 8% antworteten „weiß nicht“ (653 Personen).&amp;lt;ref&amp;gt;[https://db.history.go.kr/id/dh_003_1946_08_13_0070 &amp;quot;1946년 8월 13일 軍政廳輿論局, 朝鮮國民이 어떠한種類의 政府를 要望하는지 여론을 조사&amp;quot; (&amp;quot;13. August 1946. Erhebt die öffentliche Meinung darüber, welche Art von Militärdienst das Volk des Militärs und der Regierung fordert.&amp;quot;)] 동아일보 1946년 08월 13일. (Dong-A Ilbo, 13. August 1946). 자료대한민국사 제3권. (Quelle Korea Geschichte Band 3). Korean History Database. 국사편찬위원회. (Nationales Institut für Koreanische Geschichte). [https://web.archive.org/web/20220825114505/https://db.history.go.kr/id/dh_003_1946_08_13_0070 Archiviert] 2022-08-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://newslibrary.naver.com/viewer/index.naver?articleId=1946081300209203003&amp;amp;editNo=1&amp;amp;printCount=1&amp;amp;publishDate=1946-08-13&amp;amp;officeId=00020&amp;amp;pageNo=3&amp;amp;printNo=7053&amp;amp;publishType=00020 &amp;quot;軍政廳輿論局調査(군정청여론국조사).&amp;quot;] Dong-A Ilbo 13. August 1946. Seite 3. Naver 뉴스 라이브러리 (Naver News Library).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Proklamation Nr. 1 von General MacArthur wurde die USAMGIK zur offiziellen Regierungsbehörde Südkoreas (in den Augen der USA) von 1945 bis 1948, bis zur Gründung der Republik Korea am 15. August 1948. Durch diese Reihe von Ereignissen wurde die koreanische Halbinsel entlang des 38. Breitengrades geteilt, der Süden wurde von den Vereinigten Staaten besetzt, die Volksausschüsse wurden unterdrückt, viele japanische Kolonialbeamte und Polizisten wurden wieder in Machtpositionen eingesetzt, und eine [[Faschismus|faschistische]] Diktatur unter der Führung des Harvard-Abschlusses [[Syngman Rhee]] wurde installiert.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=|titel=Syngman Rhee|url=https://www.doopedia.co.kr/doopedia/master/master.do?_method=view&amp;amp;MAS_IDX=101013000746262|zeitung=Doopedia|archive-url=|archive-date=|retrieved=}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Unterdrückte Kritik in der offiziellen US-Militärgeschichte des Koreakriegs und der US-Besatzung Koreas ====&lt;br /&gt;
In dem Werk „From Occupation to War: Cold War Legacies of US: Army Historical Studies of the Occupation and Korean War“ schreibt der Professor der Seoul National University, [[Chung Yong Wook]], dass „ein divergierendes Verständnis“ dieser Ära „in den USA und in der ‚freien Welt‘ durch Gewalt unterdrückt oder ausgerottet wurde“, da die offizielle US-Geschichte des Krieges im Kontext des aufkommenden Kalten Krieges geschrieben wurde. Der Militärhistoriker [[Richard D. Robinson|Richard Robinson]], der ein Werk kritisch gegenüber der Rolle der USA in Korea, „Betrayal of a Nation“, schrieb, konnte keinen Verlag für sein Werk finden und es blieb in Manuskriptform. [[I.F. Stone]]&#039;s Werk „The Hidden History of the Korean War“ (1952), das ebenfalls kritisch gegenüber dem Verhalten der USA in Korea war, wurde aus vielen Bibliotheken entfernt. Professor Chung stellt fest, dass „Militärhistoriker im Wesentlichen nicht erlaubt war, Informationen zu kritisieren, die ihnen gegeben wurden, noch hatten sie Spielraum bei der Interpretation und Kritik von Fakten, sie wurden nur dazu gebracht, eine ‚gereinigte‘ Geschichte zu beschreiben“ in allen Phasen des Informationssammlungs- und Geschichtsschreibprozesses.&amp;lt;ref&amp;gt;Chung, Yong Wook. From Occupation to War; Cold War Legacies of US Army Historical Studies of the Occupation and Korean War. Korea Journal, vol. 60, no. 2 (summer 2020): 14–54. doi: 10.25024/kj.2020.60.2.14 © The Academy of Korean Studies, 2020. URL: https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf [https://web.archive.org/web/20220725044626/https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf Archive URL]. Unterdrückung von Gegen-Erzählungen („Abstract“ S. 15, PDF S.1); „gereinigte Geschichte“ (S. 20, PDF S. 7)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut Richard Robinson, der während der Besatzung als Historiker für das Militär gearbeitet hatte, ist die offizielle amerikanische Militärgeschichte der Besatzung „stark voreingenommen und ungenau“. Er fügt hinzu, dass die offiziellen US-Geschichten „auf ausdrücklichen Befehlen geschrieben wurden, nicht einmal Kritik an etwas Amerikanischem anzudeuten“, und sagt, dass „wenn die Wahrheit bekannt wäre, die amerikanische Besetzung Südkoreas von einer unfähigen und korrupten Verwaltung unvorstellbar schlecht geführt wurde – alles im Namen der amerikanischen Demokratie.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot;&amp;gt;Robinson, Richard. Zitiert in Chung, Yong Wook. „From Occupation to War; Cold War Legacies of US Army Historical Studies of the Occupation and Korean War“. Korea Journal, vol. 60, no. 2 (summer 2020): 14–54. doi: 10.25024/kj.2020.60.2.14 © The Academy of Korean Studies, 2020 URL: https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf&amp;lt;/ref&amp;gt; Robinson hatte seine Arbeit unterdrückt, da er Kritik an den Versagen der US-Militärregierung in Korea äußerte und schließlich gezwungen war, das Land zu verlassen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=김환균|zeitung=미디어오늘 (Media Today)|titel=&#039;미국의 배반&#039;이 미국에서 금서가 된 이유. (Why &amp;quot;American Betrayal&amp;quot; is Banned Reading in the U.S.)|datum=2004-08-09|url=http://www.mediatoday.co.kr/news/articleView.html?idxno=25874|archive-url=https://web.archive.org/web/20220724050252/http://www.mediatoday.co.kr/news/articleView.html?idxno=25874|archive-date=2022-07-24|retrieved=2022-07-24}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== USAMGIK ignoriert die Reismanagement der Volksausschüsse, etabliert einen „freien Markt“ für Reis ====&lt;br /&gt;
Während der japanischen Kolonialherrschaft unterwarfen die Japaner die Menschen Koreas strengen Kontrollen, um eine Nahrungsmittelreserve aufzubauen. Als die US-Truppen in Südkorea eintrafen, stellten sie fest, dass „die japanische Kontrolle über Reis gelockert oder ganz abgeschafft worden war“ und dass stattdessen „die [[People&#039;s Republic of Korea (1945–1946)|Koreanische Volksrepublik]] (KPR) und die Volksausschüsse die Nahrungsmittelbestände verwalteten, und laut amerikanischen Berichten ‚nachdem die Koreaner die japanische Polizei vertrieben hatten, [übernahmen die Führer der KPR und der Volksausschüsse] die Reissammelmaschinerie und betrieben sie erfolgreich, als die Amerikaner eintrafen‘“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Da die Amerikaner die Autorität der Volksausschüsse weitgehend nicht anerkannten und versuchten, eine [[Antikommunismus|antikommunistische]] Regierung in Südkorea zu etablieren, schalteten sie das Verwaltungssystem ab, das unter den Volksausschüssen betrieben wurde, und ersetzten es durch einen „freien Markt“ für Reis. In der Verordnung 19 beschreibt die USAMGIK dies als „jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind im Land die gleiche Möglichkeit zu geben, ihren gerechten und fairen Anteil am großen Reichtum zu genießen, mit dem diese schöne Nation gesegnet ist“.&amp;lt;ref&amp;gt;Office of the Military Governor, United States Army Forces in Korea. [https://en.wikisource.org/wiki/USAMGIK_Ordinance_19 Ordinance Number 19]. 1945-10-30. &amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In „A Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military“‘ beschreibt Kim Jinwung die Ergebnisse der Politik des freien Marktes der USAMGIK:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die unmittelbare Wirkung der Politik des freien Marktes war ein steiler Anstieg der Respreise und die daraus resultierende Hortung und Spekulation. Die schlechte Verteilung von Nahrungsmitteln führte zu Nahrungsmittelknappheit und Hunger in den Städten, trotz einer Rekordernte im Jahr 1945. Zusätzlich begann die auf Reis basierende südkoreanische Wirtschaft unvermeidlich unter massiver Inflation zu leiden. Es war durchaus natürlich, dass der Schwarzmarkt wachsen und prosperieren würde; man erwartete, dass die Verlockung der Schwarzmarktpreise den Fluss von Reis auf den Schwarzmarkt stimulieren würde. Das Ergebnis war, dass „Reis fast vollständig vom Markt verschwand“. Durch ihre Politik des freien Marktes verlor die US-Militärregierung die Hauptstärke der südkoreanischen Wirtschaft – ihre Fähigkeit, große Überschüsse an Getreide zu extrahieren – und verursachte stattdessen eine galoppierende Inflation, fast Hungersnot Anfang 1946 und einen allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Der Preis für einen Scheffel Reis stieg von 9,4 Yen im September 1945 auf 2.800 Yen im September 1946. Grundbesitzer, Polizei und andere Regierungsbeamte sowie wohlhabende Personen betrieben Spekulationen in großem Stil.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Infolge dieser Politik wurde die USAMGIK „mit Beschwerden und Petitionen von Koreanern überschwemmt, die forderten, dass die Preiskontrolle und Rationierung wieder aufgenommen werden und dass die amerikanische Militärregierung drastische Maßnahmen ergreift, um die Hortung von Reis zu stoppen“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Es schien jedoch vielen, dass die USAMGIK „zögerlich war, gegen die Haupthortenden vorzugehen“, da es sich um koreanische Geschäftsleute handelte, auf deren Rat sich die Regierung verlassen hatte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Bis 1946 hob die USA den freien Markt auf und führte die Reisrationierung wieder ein. Eine Zusammenfassung der Aktivitäten der US-Armee-Militärregierung in Korea besagte, dass die öffentliche Aufmerksamkeit zu dieser Zeit auf die „Bedrohung durch Hunger“ gerichtet war.&amp;lt;ref&amp;gt;Commander-in-Chief, United States Army Forces, Pacific. &#039;&#039;[https://www8.cao.go.jp/okinawa/okinawasen/pdf/b0604002_09/b0604002_09.pdf Summation of United States Military Government Activities in Korea, No. 6].&#039;&#039; März 1946. &amp;lt;/ref&amp;gt; Als sich die Situation weiter verschlechterte, sanken die US-Reisrationen schließlich auf die Hälfte der Rationsgröße, die während der japanischen Kolonialverwaltung im Zweiten Weltkrieg erhalten wurde, und Zeitungen veröffentlichten Berichte über Hungersnot und Verhungern, wobei eine weitere Katastrophe nur durch spätere Lieferungen von US-Getreide als Notfallhilfe verhindert wurde. Zusätzlich „zwang die sich verschlechternde Nahrungsmittelsituation die Amerikaner, das alte japanische Reissammelsystem wiederzubeleben“, das bei den Bauern unbeliebt war.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Die USAMGIK bildete schließlich lokale Gremien, die aus lokalen Polizeibeamten, Ältesten, Geschäftsleuten und Grundbesitzern bestanden, die von der USAMGIK genehmigt wurden, um die Sammlung von Reisquoten zu verwalten, schuf jedoch kein System für Berufungen, um die Quoten anzupassen. Unter diesem Programm wurden viele Bauern verhaftet oder sahen sich mit Gewalt konfrontiert, weil sie ihre Quoten nicht erfüllten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Wiederernennung japanischer Kolonialbeamter unter US-Besatzung ====&lt;br /&gt;
Die USAMGIK hatte eine Politik der Wiedereinstellung von Offizieren aus der japanischen Kolonialzeit, die sie mit dem Bedarf an effektiver Regierungsführung zu rechtfertigen versuchte. Dieses Versäumnis, Beamte zu verfolgen, die mit den Japanern kollaboriert hatten, und die Wiedereinsetzung ihrer Macht erhöhte den öffentlichen Unmut gegen das US-Regime.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Anstatt ihre Unabhängigkeit vollständig zu genießen, wurden die Menschen von denselben unterdrückerischen Polizeibeamten und korrupten öffentlichen Amtsträgern wie unter der japanischen Kolonialherrschaft victimisiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Jeju’s political climate following liberation|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article4/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die US-Besatzer schufen eine Armee, die mit ehemaligen japanischen Offizieren besetzt war, und bauten die [[Korean National Police]] (KNP) der japanischen Besatzungszeit wieder auf.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:110&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The War Against Communists of the South|seite=95–99|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Konflikt zwischen Besatzungsstreitkräften und Volksausschüssen ====&lt;br /&gt;
Richard Robinson, der Leiter der Abteilung für öffentliche Meinung des Informationsdepartements der USAMGIK, der in Korea anwesend war und zum offiziellen US-Militärhistorikerdienst beigetragen hatte, gab später seine Beobachtungen über die Volksausschüsse und die Politik der USAMGIK zur Wiedereinstellung von Offizieren aus der japanischen Kolonialzeit ab:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Es war sicher zu sagen, dass die lokalen Volksausschüsse in diesen frühen Tagen größtenteils der echten basisdemokratischen Sorte angehörten und einen spontanen Drang des Volkes repräsentierten, sich selbst zu regieren. [...] Sie lehnten Befehle der Militärregierung ab, die Verwaltung der lokalen Regierung an US-Armeeoffiziere und ihre ernannten koreanischen Gegenstücke zu übergeben, von denen viele als japanische Kollaborateure angesehen wurden. Es schien wie eine Rückkehr zu dem, was zuvor war. In vielen Gemeinden kam es zu Blutvergießen, da die lokalen Volksausschüsse der Militärregierung trotzten und sich weigerten, Regierungsbüros zu verlassen. Koreaner und Amerikaner trafen in offenen Schlachten aufeinander, und nicht wenige Koreaner kamen bei den Kämpfen gewaltsam ums Leben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot;&amp;gt;Robinson, Richard. Zitiert in Mark J. Scher (1973) „U.S. policy in Korea 1945–1948: A Neocolonial model takes shape.“ Bulletin of Concerned Asian Scholars, 5:4, 17-27, DOI: 10.1080/14672715.1973.10406346. &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://doi.org/10.1080/14672715.1973.1040634&amp;lt;/nowiki&amp;gt; URL: https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/14672715.1973.10406346&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Robinson gibt dann ein Beispiel für einen Vorfall, den er als „typisch“ für diese Zeit bezeichnet. Laut Robinson hatten die Japaner kurz vor der Ankunft der Amerikaner in der kleinen Gemeinde Namwon in der Provinz Nord-Jeolla beträchtliches Eigentum an den lokalen Volksausschuss übergeben. Die US-Militärregierung forderte dann das Eigentum, aber der Volksausschuss weigerte sich, es an die US-Militärregierung zu übergeben. Robinson erklärt, dass fünf Führer des Ausschusses von der lokalen koreanischen Polizei verhaftet wurden, und fügt hinzu, dass „der Polizeichef von Ausschussmitgliedern gefangen und verprügelt wurde und die Polizeistation von einer großen Menge wütender Bürger angegriffen wurde“. Er sagt, dass die Station von amerikanischen Truppen bewacht wurde, und als sich die Koreaner weigerten, sich aufzulösen, „rückten die Amerikaner mit aufgesetzten Bajonetten vor“, was dazu führte, dass zwei Koreaner getötet und mehrere verletzt wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb eines Jahres nach der US-Besatzung begannen Aufstände in 80 Städten und Hunderten von Dörfern. Nach der Unterdrückung der Koreanischen Volksrepublik begannen weitverbreitete [[Streik|Streiks]] und Proteste, gefolgt von einer Guerilla-Bewegung. Bis Dezember 1947 hatte die KNP über 21.000 Linksextreme verhaftet, und die Anzahl der politischen Gefangenen war größer als unter der japanischen Besatzung. Bis 1948 kontrollierten Widerstandskräfte die meisten der Binnendörfer in Südkorea. Die KNP verhaftete so viele Menschen, dass sie keinen Platz mehr in den Gefängnissen hatte und zwang zusätzlich 70.000 Menschen, darunter 30.000 Kommunisten, in Konzentrationslager. Bis 1950 töteten die südkoreanische Regierung und die US-Besatzungstruppen zwischen 100.000 und 200.000 Dissidenten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:110&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
=== Erste Republik (1948–1960) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Syngman Rhee.jpg|miniatur|264x264px|Syngman Rhee (Koreanisch: 이승만), Präsident der ROK Erste Republik von 1948–1960, wurde in einem [[Central Intelligence Agency|CIA]]-Bericht von 1948 als „extremer Rechtsextremist“ beschrieben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Wilson Center Digital Archive|titel=18. März 1948 Central Intelligence Agency, ORE 15/48, &#039;The Current Situation in Korea&#039;|archive-url=https://web.archive.org/web/20220729051304/https://digitalarchive.wilsoncenter.org/document/220065.pdf?v=d41d8cd98f00b204e9800998ecf8427e|retrieved=2022-07-29|Archiv=History and Public Policy Program Digital Archive, Record Group 263, Records of the Central Intelligence Agency|url=https://digitalarchive.wilsoncenter.org/document/220065.pdf?v=d41d8cd98f00b204e9800998ecf8427e}}&amp;lt;/ref&amp;gt;]]Nach der Ablehnung der [[Union of Soviet Socialist Republics (1922–1991)|sowjetischen]] Vorschläge für gesamtkoreanische Wahlen schufen die Vereinigten Staaten ein UN-Komitee bestehend aus [[Kanada]], [[Commonwealth of Australia|Australien]], den [[Republik der Philippinen|Philippinen]] und dem besiegten [[Kuomintang]] aus [[People&#039;s Republic of China|China]], um die Wahlen in der südlichen Zone zu überwachen. Koreaner aus allen Teilen der Nation organisierten eine nationale Einheitskonferenz in [[Pyongyang]], die drei Wochen vor den von den USA gesponserten Wahlen stattfand. Viele [[Linksgerichtete Politik|linksgerichtete]] Parteien und einige [[Rechtsextreme Politik|rechtsgerichtete]] Parteien boykottierten die Wahlen. Die koreanische Nationalpolizei und rechtsextreme Schläger attackierten Kommunisten, während Menschen, die nicht wählten, ihr Land und ihre Rationierungskarten verlieren würden. [[Syngman Rhee]] gewann die manipulierten Wahlen und übernahm die Macht als erster Präsident des Südens. Während der Wahlen führte [[Kim Sok-won]] einen Umzug in Seoul von 2.500 Koreanern an, die mit den Japanern kollaboriert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war die Regierung von Südkorea von August 1948 bis April 1960. Syngman Rhee regierte während der gesamten Existenz der Ersten Republik. Die Erste Republik war durch Rhees Autoritarismus und Korruption, begrenzte wirtschaftliche Entwicklung, starken Antikommunismus und Ende der 1950er Jahre durch wachsende politische Instabilität und öffentliche Opposition gegen Rhee geprägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bevor er von der OSS (Vorläufer der CIA) nach Korea geflogen wurde, hatte Rhee über fünfunddreißig Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt, einen M.A. in Harvard und einen Ph.D. in Princeton erworben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Max Hastings|jahr=1988|titel=The Korean War|titel-url=https://archive.org/details/koreanwar00hast_0/page/32/mode/2up|kapitel=Origins of a Tragedy|seite=32, 33-34|zitat=Syngman Rhee wurde 1875 als Sohn eines genealogischen Gelehrten geboren. Er bestand die Beamtenprüfungen mehrere Male nicht, bevor er Englischschüler wurde. Zwischen 1899 und 1904 war er wegen politischer Aktivitäten inhaftiert. Nach seiner Freilassung ging er in die Vereinigten Staaten, wo er einige Jahre studierte, einen M.A. in Harvard und einen Ph.D. in Princeton erwarb – der erste Koreaner, der einen amerikanischen Doktortitel erhielt. Nach einer kurzen Rückkehr in seine Heimat 1910 ließ sich Rhee erneut in Amerika nieder. Er blieb die nächsten fünfunddreißig Jahre dort, lobbyierte unermüdlich für amerikanische Unterstützung der koreanischen Unabhängigkeit, finanziert durch die Beiträge koreanischer Patrioten. (S.32)|verlag=|stadt=|isbn=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut Max Hastings in „The Korean War“:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Rhees Unterstützung durch die Militärregierung war eine entscheidende Kraft in seinem Aufstieg zur Macht. [...] Es gibt keine dunklere Episode in der Geschichte der amerikanischen Besatzung als die Rückkehr Rhees nach Seoul. Die Militärregierung bestritt nicht nur die Mitwirkung, sondern auch das Vorwissen darüber. Doch alle Beweise deuten nun darauf hin, dass General Hodge und sein Stab an einer sorgfältig orchestrierten Verschwörung teilnahmen, um Rhee zurückzubringen, trotz der Weigerung des Außenministeriums, ihm einen Pass zu erteilen. Ein ehemaliger stellvertretender Direktor des kriegszeitlichen OSS, Preston Goodfellow, überredete das Außenministerium, Rhee mit Dokumenten zu versorgen. Es scheint, dass es bei dieser Transaktion zumindest ein Maß an Korruption gab. Rhee lernte Goodfellow während des Krieges kennen, als der Koreaner dem Amerikaner fälschlicherweise vorschlug, er könnte Agenten für Operationen hinter den japanischen Linien bereitstellen. Nach dem Krieg scheint es fast sicher, dass Goodfellow Rhee assistierte und Geld für ihn aufbrachte, im Austausch für das Versprechen von Handelskonzessionen in Korea, sobald der Doktor an die Macht kam. Rhee flog in einem von MacArthurs Flugzeugen nach Seoul. Trotz der vehementen Dementis der US-Armee im Fernen Osten scheint es wahrscheinlich, dass er sich während seines Zwischenstopps in Tokio geheim mit sowohl dem Oberbefehlshaber als auch Hodge traf. Rhee, so scheint es, war ihr Kandidat für die Führung einer koreanischen Zivilregierung.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Ein CIA-Bericht aus dem Jahr 1948 schrieb, dass „es jede Aussicht gibt, dass Rhees Machtübernahme von innerparteilichen Spaltungen und der rücksichtslosen Unterdrückung aller nicht-Rhee-rechten, gemäßigteren und linksgerichteten Oppositionen gefolgt wird“, und charakterisierte Rhee als einen „importierten Exilpolitiker“ und „extremen Rechtsextremisten“ sowie Demagogen, der auf autokratische Herrschaft aus sei, der eine „unpopuläre“ Figur sei, die aufgrund seiner extrem rechtsextremen Orientierung in die kommunistische Propaganda spielen würde. Er schrieb auch, dass die volle Unterstützung der USA für ihn potenziell „eine Quelle zukünftiger Verlegenheit für die US-Politik im Fernen Osten“ sein könnte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik verringerte sich die Anzahl der US-Truppen, aber viele Geheimdienstoffiziere und Kampfspezialisten blieben in Südkorea. Der Widerstand gegen die Besatzung nahm weiter zu und erreichte bis Anfang 1949 3.500 bis 6.000 Guerillakämpfer. Rhee schuf die National Guidance League, um Linksextreme dazu zu bringen, die Wiedervereinigung abzulehnen, und zwang 300.000 Menschen zum Beitritt. Er schuf auch das [[National Security Law]], das bis heute existiert und die Anerkennung der DPRK als legitimen Staat kriminalisiert. Fast 190.000 Menschen, darunter Mitglieder der Nationalversammlung, wurden bis Dezember 1949 unter diesem Gesetz verhaftet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1102&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Political Partition of Korea|seite=115–116|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Jeju People&#039;s Committee ====&lt;br /&gt;
Nach der Befreiung von der japanischen Kolonisierung wurde das Jeju People’s Committee mit dem Vorsitzenden der Farmers&#039; Guild und der Fishermens&#039; Guild als seinen Führern gegründet. Laut der Jeju 4.3 Peace Foundation „war das Jeju People’s Committee in jeder Hinsicht die einzige politische Partei und die einzige Regierung in Jeju“ nach der Befreiung von den Japanern. E. Grant Meade, ein USAMGIK-Offizier, sagte: „Das Jeju People’s Committee war die einzige politische Partei auf der Insel und die einzige Organisation, die wie eine Regierung handelte.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt; Die Ausschüsse genossen den Respekt und die Unterstützung der meisten Dorfbewohner. Ausschussmitglieder waren in ihren Gemeinden durch ihre langjährigen Tätigkeiten als Lehrer, Gewerkschaftsführer und für ihren Widerstand gegen japanische Missbräuche oder für ihre Organisationsarbeit in Japan bekannt. Als die USAMGIK auf Jeju eintraf, stellte sie fest, dass das Jeju People’s Committee und alle Dorf- und Kreis-Volksausschüsse erfolgreich als de facto Regierung mit populärer Unterstützung fungierten. Die USAMGIK störte oder forderte diese de facto Regierung nicht heraus. Dies war ungewöhnlich, da die USAMGIK die Mission hatte, sicherzustellen, dass eine rechtsgerichtete Regierung, die dem Sozialismus feindlich gegenüberstand, in Korea entstand.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Jay Hauben|zeitung=The Jeju Weekly|titel=People&#039;s Republic of Korea: Jeju, 1945-1946|datum=2011-08-20|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1865|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723035033/http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1865|archive-date=2022-07-23|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Gegensatz zum Festland, wo die Volksausschüsse sofort ignoriert und systematisch von der USAMGIK demontiert wurden, blieb der Volksausschuss auf Jeju Island länger intakt und diente als Hauptregierungskörper der Insel bis 1948, als er ebenfalls gewaltsam im Zusammenhang mit dem Prozess der offiziellen Gründung der Republik Korea in diesem Jahr demontiert wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Jeju-Aufstand und Massaker ====&lt;br /&gt;
{{Hauptartikel|Jeju-Aufstand}}[[Datei:Northwest Youth League logo 백골부대 정신을 계승한 서북청년단 기.jpg|miniatur|262x262px|Banner der Northwest Youth League, einer rechtsextremen paramilitärischen Gruppe, die Regierungsstreitkräfte bei der Massenermordung von Jeju-Bewohnern im Namen des Antikommunismus unterstützte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lauren Flenniken|zeitung=The Jeju Weekly|titel=The Northwest Youth League|datum=2011-04-10|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1435|retrieved=2022-07-25|zitat=Trotz der fehlenden rechtlichen Grundlage für die Ausübung ihrer Macht, erlaubten Präsident Rhee und die KDP der Gruppe, aggressive Gewalt gegen angebliche Kommunisten ohne Einschränkungen anzuwenden. [...] Professor Bruce Cumings von der University of Chicago stellt fest, dass die lokale Regierung und Polizei von Jeju zu dieser Zeit hauptsächlich aus Festlandbewohnern bestand, die &amp;quot;zusammen mit ultra-rechten Parteiterroristen&amp;quot;, auch bekannt als der Northwest Youth League, arbeiteten.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
1948 kam es auf Jeju Island zu einer Reihe von Ereignissen, die unterschiedlich als Jeju-Aufstand, Jeju-4.3-Vorfall und Jeju-Massaker bekannt sind. Ein Aufstand brach aus, gefolgt von einer Vergeltungsmaßnahme im Stil der verbrannten Erde, die von Regierungsstreitkräften und rechtsextremen paramilitärischen Gruppen durchgeführt wurde, um kommunistischen Einfluss auf der Insel auszurotten. Das Jeju-Massaker war das zweitgrößte Massaker in der modernen Geschichte Südkoreas,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Song Jung Hee|zeitung=The Jeju Weekly|titel=Islanders still mourn April 3 massacre|datum=2010-03-31|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=657}}&amp;lt;/ref&amp;gt; wobei die Zahl der Todesopfer von der Jeju-4.3-Peace-Foundation auf etwa 30.000 Menschen oder ein Zehntel der Inselbevölkerung beziffert wird.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Background to the Jeju 4·3 Uprising and Massacre|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth-article1/|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723024308/http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth-article1/|archive-date=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl die Volksausschüsse in anderen Regionen entweder von der USAMGIK aufgelöst wurden oder unter anderen Namen operierten, blieb der Jeju People’s Committee intakt und genoss starke Unterstützung. Dies war größtenteils darauf zurückzuführen, dass die pro-japanische Fraktion in Jeju relativ schwach war. Viele Menschen, die für die Unabhängigkeit gegen die Japaner gekämpft hatten, kehrten in ihre Heimatstädte zurück und wurden Mitglieder des People’s Committee in Jeju.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt; Allerdings widersprachen viele Jeju-Bewohner der Teilung der Koreanischen Halbinsel und protestierten stark gegen die erste Wahl, die für den 10. Mai 1948 geplant war und die die Gründung der Republik Korea südlich des 38. Breitengrades bestätigen würde. Ihr Widerstand gegen die Teilung der Halbinsel und die Einrichtung des südlichen Regimes löste eine brutale Unterdrückung durch Regierungsstreitkräfte aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut dem Jeju 4·3 Incident Investigation Report „wurden um Mitte November 1948 unnachgiebige Repressionsmaßnahmen durchgeführt. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurde eine Ausgangssperre für die Bewohner der Berggebiete verhängt, und wenn jemand diese brach, wurde er ohne Ausnahme hingerichtet. Von Mitte November 1948 bis Februar 1949, etwa vier Monate lang, brannten die Anti-Guerilla-Expeditionen die Bergdörfer nieder und töteten die Bewohner kollektiv. [...] Während dieser Zeit waren die Verluste am höchsten, und die meisten der Bergdörfer wurden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Jeju 4·3 Peace Foundation|jahr=2003|titel=The Jeju 4·3 Incident Investigation Report|seite=469|pdf=https://jeju43peace.or.kr/cmm/fms/FileDown.do?atchFileId=FILE_00000000000071265Cu0&amp;amp;fileSn=0|verlag=The National Committee for Investigation&lt;br /&gt;
of the Truth about the Jeju April 3 Incident}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Eine Kombination aus Regierungsstreitkräften und gewalttätigen rechtsextremen paramilitärischen Gruppen, insbesondere der rechtsextremen antikommunistischen Northwest Youth League, führte diese Angriffe durch.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Jeju 4.3 Camellia flower.png|miniatur|Die Kamelienblüte kann auf der Insel Jeju als Symbol für die Opfer des 4.3-Vorfalls gesehen werden. &#039;&#039;&#039;Oben:&#039;&#039;&#039; Eine Kamelienblüten-Nadel. &#039;&#039;&#039;Unten:&#039;&#039;&#039; Kamelienblüten, die die Form der Insel Jeju bilden.]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===== Todesopfer des Jeju-Massakers und langfristige Inhaftierung von Jeju-Bewohnern =====&lt;br /&gt;
Da die Fakten des Jeju-Massakers über fünfzig Jahre lang offiziell unterdrückt wurden und erst im Januar 2000 durch ein Sondergesetz der südkoreanischen Regierung ans Licht kamen, das eine offizielle Untersuchung des Vorfalls forderte, konnte eine offizielle Todeszahl erst zu diesem Zeitpunkt festgestellt werden. Darüber hinaus veranschaulichen Entdeckungen von Massengrabstätten, wie das 2008 in der Nähe des Jeju-Flughafens entdeckte Massen grab, die Schwierigkeit, die wahre Anzahl der Opfer des Massakers zu berechnen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; Laut einem Bericht der Nationalen Kommission für den Jeju-4.3-Vorfall wurden 25.000 bis 30.000 Menschen getötet oder verschwanden einfach, wobei weitere 4.000 nach Japan flohen, als die Regierung versuchte, den Aufstand niederzuschlagen. Da die Bevölkerung der Insel zu dieser Zeit höchstens 300.000 betrug, betrug die offizielle Zahl ein Zehntel der Einwohner. Allerdings behaupten einige Jeju-Bewohner, dass bis zu 40.000 Inselbewohner bei der Niederschlagung getötet wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; Einige Schätzungen behaupten, dass bis zum Ende dieser Ereignisse bis zu 60.000 Menschen getötet wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=2000-06-18|titel=Ghosts of Cheju|url=|zeitung=Newsweek|archive-url=https://www.newsweek.com/ghosts-cheju-160665|archive-date=|retrieved=2021-21-30}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Zahl von 30.000 Toten, oder einer von zehn Jeju-Bewohnern zu dieser Zeit, ist eine häufig genannte Zahl für die Anzahl der Menschen, die während dieser Zeit ihr Leben verloren, und wird auf der Website der Jeju 4.3 Peace Foundation zitiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Ergebnis der jahrzehntelangen Unterdrückung der Fakten über das Massaker ist die langfristige Inhaftierung von Jeju-Bewohnern, die unter dem Verdacht, Kommunisten zu sein, während des Konflikts verhaftet wurden. Viele der unter diesen Anklagen Verhafteten starben in Gefangenschaft. Andere blieben bis zu 20 Jahre im Gefängnis, und diejenigen, die freigelassen wurden, wurden nicht von ihren kriminellen Aktenfreigesprochen und wurden von der Gemeinschaft geächtet oder bei ihren Bewerbungen um Arbeitsplätze benachteiligt, weil sie kriminelle Akten hatten. Jahrzehnte nach ihrer Verhaftung wurden einige der verbleibenden Opfer 2019 rechtlich von den Anklagen freigesprochen, aufgrund eines Urteils, das feststellte, dass das Militärgericht der damaligen Zeit keine ordnungsgemäßen rechtlichen Verfahren befolgt hatte, unbegründete Anklagen erhoben hatte und dass keine Gerichtsakten aus dieser Zeit gefunden wurden, die erklären, warum die Verhafteten so harte Urteile erhalten hatten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lee Suh-yoon|zeitung=The Korea Times|titel=Jeju massacre victims get their names cleared in court|datum=2019-01-17|url=https://www.koreatimes.co.kr/www/nation/2019/01/251_262242.html|zitat=Die Klage wurde von 18 Klägern eingereicht, die als kommunistische Aufständische gebrandmarkt und – zusammen mit etwa 2.500 anderen – während des ideologischen Konflikts, der auf der südlichen Insel nach Koreas Unabhängigkeit von Japan aufflammte, inhaftiert wurden. Viele starben in Gefangenschaft. Selbst nach dem Überleben des Massakers und der Inhaftierung wurden die Kläger von der Gemeinschaft geächtet oder bei ihren Bewerbungen um Arbeitsplätze wegen ihrer kriminellen Akten benachteiligt. [...] Die Kläger forderten 2017 eine Neuverhandlung und argumentierten, sie seien ohne faires Verfahren verhaftet und bis zu 20 Jahre inhaftiert worden. Es wurden keine Gerichtsakten aus dieser Zeit gefunden, die erklären, warum den Klägern so harte Urteile auferlegt wurden.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Vaterlandsbefreiungskrieg (1950–1953) ====&lt;br /&gt;
&amp;lt;blockquote&amp;gt;&#039;&#039;Siehe auch: [[Koreanischer Krieg]], [[Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg|Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg]]&#039;&#039;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Diese Periode wird im Allgemeinen im Englischen als „Koreanischer Krieg“ bezeichnet, in der DPRK als „Vaterlandsbefreiungskrieg“ (Koreanisch: 조국해방전쟁) und in Südkorea als „6.25-Krieg“ (Koreanisch: 6·25 전쟁). In China wird sie manchmal als „Koreanischer Krieg“ bezeichnet, und bestimmte Schlachten werden als „Krieg zur Abwehr der US-Aggression und zur Unterstützung Koreas“ (Chinesisch: 抗美援朝战争) bezeichnet. Diese Periode wird von einigen im Englischen auch als „The Forgotten War“ oder „The Unknown War“ bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den USA wurde der Krieg zunächst als „Polizeimaßnahme“ beschrieben, da die Vereinigten Staaten ihren Gegnern niemals offiziell den Krieg erklärten.&amp;lt;ref&amp;gt;Truman, Harry S. (29. Juni 1950). „The President&#039;s News Conference of June 29, 1950. Teachingamericanhistory.org. [https://web.archive.org/web/20101226063925/http://teachingamericanhistory.org/library/index.asp?document=594 Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut dem Büro des Historikers des US-Außenministeriums: „Als Nordkorea im Juni 1950 Südkorea invadierte, sponserten die Vereinigten Staaten eine ‚Polizeimaßnahme‘ – einen Krieg in allem außer dem Namen – unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Das Außenministerium koordinierte die strategischen Entscheidungen der USA mit den 16 anderen Ländern, die Truppen zum Kampf beisteuerten. Darüber hinaus arbeitete das Außenministerium eng mit der Regierung von Syngman Rhee zusammen und ermutigte ihn, Reformen umzusetzen, damit der Anspruch der UN, die Demokratie in Korea zu verteidigen, zutreffend wäre.“ Die Beschreibung des US-Außenministeriums über den Krieg stellt fest, dass „der Koreakrieg schwer zu führen war und im Inland unpopulär“ war und dass „das amerikanische Volk eines Krieges ohne Sieg müde wurde.“&amp;lt;ref&amp;gt;A Short History of the Department of State. „NSC-68 and the Korean War.“ Office of the Historian, Foreign Service Institute, U.S. Department of State. URL: https://history.state.gov/departmenthistory/short-history/koreanwar [https://web.archive.org/web/20220725043544/https://history.state.gov/departmenthistory/short-history/koreanwar Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die People&#039;s Democracy Party (PDP) Südkoreas charakterisiert die Bedingungen, die zum Koreakrieg führten, wie folgt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Objektiv gab es im Jahr 1949 unter der pro-US- und rechtsextremen Rhee-Seung-man-Regierung 2.617 Angriffe aus dem Süden in den Norden. Daher kann man nicht sagen, dass der Krieg genau am 25. Juni 1950 ausbrach. Die US-Militärregierung löste gewaltsam die Volksausschüsse auf, die als unabhängige südkoreanische Volksorganisationen gegründet worden waren, und ermordete und unterdrückte die nationalistischen Befreiungsbewegungen und patriotischen und demokratischen Kräfte, nachdem die US-Armee im September 1945 als Besatzungsmacht in Südkorea einmarschiert war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Menschen außer den minimalen pro-US- und rechtsextremen Kräften hielten im April 1948 in Pjöngjang die „Gemeinsame Sitzung der Vertreter der politischen Parteien und sozialen Organisationen in Nord- und Südkorea“ ab und beschlossen, die US-Militärs sofort abzuziehen und eine vereinigte Regierung durch die Kraft und Initiative der koreanischen Nation zu gründen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings wurde die einzelne Regierung des Südens durch die USA und die Intervention der UN, die unter der Dominanz der USA stand, etabliert. Dann musste Nordkorea seine eigene Regierung gründen. Die Bedingung für den Ausbruch des Koreakriegs hatte sich entwickelt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Die PDP erklärte, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zur Spitze der imperialistischen Kräfte geworden seien und Korea das erste Land sei, das sie invadiert hätten. Die PDP charakterisiert den Krieg als einen Kampf zwischen der koreanischen Nation und dem US-Imperialismus und stellt auch fest, dass „es der erste Krieg war, den der US-Imperialismus gegen ein kleines Land führte und verlor.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan Winnington, ein britischer Korrespondent in China und Korea für die „Daily Worker“, gibt eine Beschreibung der offensichtlichen Unwissenheit der US-Soldaten zu Beginn des Krieges, indem er Kriegsgefangene interviewte, die von der Volksarmee gefangen genommen wurden. Winnington schreibt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Ich fragte jeden Gefangenen, den ich traf: „Warum kämpfen Sie in Korea?“ Keiner konnte eine klare Antwort geben. Die meisten sagten: „Ich weiß es nicht.“ Einige sagten: „Es hat etwas mit den Vereinten Nationen zu tun, haben sie uns gesagt.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige hatten von Rhee gehört. Keiner kannte Kim Ir Sen. Mit einer oder zwei Ausnahmen sagten die Soldaten – fast alle Teenager –, sie hätten sich der Armee angeschlossen, um „die Welt zu sehen“, „dem Wehrdienst zu entkommen“ oder „etwas Geld zu sparen“. Ihre allgemeine Sicht auf den Koreakrieg wurde von Edward Sorea, einem neunzehnjährigen Soldaten aus San Bernardino, Kalifornien, zusammengefasst. Er sagte: „Ich wollte nur reisen. Es war Friedenszeit. Wer zum Teufel dachte, es würde einen Krieg geben? Einer fällt dir aus heiterem Himmel auf den Kopf.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie können keinen amerikanischen Soldaten finden, dem es wichtig ist, ob Amerika den Krieg gewinnt oder nicht – eher treffen Sie viele, die wollen, dass die Koreaner schnell gewinnen, damit sie „nach Hause zurückkehren“ können. „Gewinnen oder verlieren“, sagen sie, „das amerikanische Volk hat nichts zu gewinnen“. Soldaten wie diese sind schlechte Kämpfer – wie schlecht, kann man sehen, wenn man eine Reise auf der Hauptstraße von Kumchon, nahe dem 38. Breitengrad, nach Yongdong, nahe Taegu, im Süden macht.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|autor=Alan Winnington|zeitung=The Daily Worker|titel=I Saw The Truth In Korea: Facts and photographs that will shock Britain|datum=September 1950|url=https://www.docdroid.net/8z73fQZ/i-saw-the-truth-in-korea-readingt-ver-pdf|zitat=The Daily Worker schickte mich nach Korea, um die Fakten aus erster Hand zu erhalten und sie der britischen Öffentlichkeit zu berichten. Und so kam ich am 16. Juli in Korea an und blieb fünf Wochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich wusste ich vor meiner Abreise, dass die Amerikaner stark bombardierten und schlecht kämpften. Ich wusste, dass Syngman Rhees Truppen nur als verstreute Einheiten existierten und es keine „südkoreanische Armee“ mehr gab; dass dies effektiv ein Krieg zwischen Amerika und Korea war. Diese Fakten waren weltweit bekannt, aber ich gestehe, dass ich mental nicht auf alles vorbereitet war, was ich fand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin waren wir und die Russen vor fünf Jahren im Krieg gegen die Nazis Verbündete der Amerikaner. Seitdem sind Roosevelt und seine Kollegen gegangen und die Atomdiplomatie hat ihren Platz eingenommen. Aber dennoch, was ich sah, wie die Amerikaner in Korea handelten, erschütterte mich bis ins Mark. Ich nehme an, mein ganzes Leben lang habe ich Propaganda über Amerika als zivilisierte Nation gehört, und etwas davon muss bei mir angekommen sein. Irgendwie dachte ich nie daran, dass die Amerikaner genau das tun würden, was die Nazis taten, bis ich es mit eigenen Augen sah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sprechen immer noch von Coventry als Beispiel für böswillige und nutzlose Bombardierung, aber die Amerikaner sind weit über die Nazis hinausgegangen, was sie höflich als „Sättigungsbombardierung“ bezeichnen. Die amerikanische Art, Krieg in Korea zu führen, folgt demselben Muster wie die Nazis, aber unter Berücksichtigung der Größe des Landes, noch grausamer und genauso dumm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wonsan ist eine viel kleinere Stadt als Coventry, nicht annähernd so groß wie der Londoner Vorort Walthamstow. Während ihres ersten schweren Angriffs im Juli warfen B.29-Superfestungen 500 Tonnen Sprengbomben auf die Stadt – 60 Tonnen mehr als Coventry in dieser schrecklichen Nacht vor zehn Jahren erhielt. Es wurden keine Ziele anvisiert. MacArthurs Kommuniqué gab zu, dass es „starke Bewölkung“ gab, die „die Bewertung der Wirkung des Angriffs verhinderte“. Tatsächlich betrug die Sichtweite zu diesem Zeitpunkt null, da es stark regnete. In Coventry gab es in dieser Nacht 1.000 Opfer. Während des ersten Angriffs auf Wonsan wurden 1.249 Menschen getötet und die nördliche Hälfte der Stadt wurde zerstört. Im August wurde der Angriff wiederholt und die andere Hälfte zerstört. Es wurde kein anderes militärisches Ziel beansprucht als die Tatsache, dass diese Stadt ein Eisenbahnzentrum war. Tausend Tonnen Bomben; eine ausgelöschte Stadt; über 4.000 Opfer insgesamt; Zehntausende obdachlos und trauernd – alles, um eine Eisenbahnstrecke zu beschädigen. Ergibt das Sinn? Dies ist die Art von Bombardierung, die keine britische Stadt je erlebt hat. Ich sah Coventry und war in London während des gesamten „Blitz“ und sah Wonsan nach diesen Angriffen. Es war viel schlimmer als das Schlimmste, was die Nazis je getan haben.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Winnington stellt die offensichtliche Ahnungslosigkeit und mangelnde Entschlossenheit der amerikanischen Truppen dem von ihm beobachteten Verhalten der Koreaner gegenüber:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[D]ie schreckliche Zerstörung von Häusern und Leben, die damit einherging, hat die gesamte Nation wütend gemacht. Selbst ehemalige Apologeten Amerikas sind jetzt ihre erbitterten Feinde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Straßen kann man Hunderte von Männern treffen, die Ihnen erzählen: „Mein Zuhause wurde in ... bombardiert, also schickte ich meine Frau und Kinder zu Verwandten auf dem Land und ich bin hier, um mich freiwillig zu melden.“ In Wonsan wurden die Frau und Kinder eines Arbeiters, Wan Wun Chu, bei einem Angriff getötet, während er bei der Arbeit war. „Sie sind tot und ich kann sie nicht zurückrufen“, sagte er. „Wenn ich sterbe, ist es jetzt wenig. Aber ich würde mein letztes Blut opfern, um Rache zu nehmen und diese mörderischen Hunde aus unserem Land zu vertreiben. Sie sagen mir, mein Platz ist in der Produktion, und ich werde mich bis auf die Knochen abarbeiten, um mehr für die Armee zu produzieren.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedes Dorf, das ich besuchte, erzählte mir stolz nicht nur, wie viele Männer in die Armee gegangen waren, sondern auch, wie viele Freiwillige darauf warteten, angenommen zu werden. Es mangelt nicht an erstklassigen Kämpfern; Männer, die in den unzähligen Bergen, die Korea bedecken, gezüchtet wurden; Freiwillige, die wissen, warum sie gewinnen wollen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Winnington fasst seine Beurteilung des Ausbruchs des Koreakriegs im Jahr 1950 mit den Worten zusammen: „Korea hat Syngman Rhee und die Amerikaner abgesagt. Alle Koreaner wollen, dass Korea wiedervereint und von Koreanern regiert wird. Kein Regime kann existieren, das vom Volk abgesagt wurde, und dieser Krieg kann nur von den Koreanern gewonnen werden, genau wie der Krieg in China nur vom Volk gewonnen werden konnte. Dies ist eine der eisernen Fakten des zwanzigsten Jahrhunderts. [...] In China war das Muster dasselbe; Amerika unterstützte die korruptesten und gehasstesten Feinde des Volkes, angeführt von Chiang Kai-shek, unterstützte sie mit mehr als 6 Milliarden Dollar, schickte ihnen militärische Hilfe und Berater – und produzierte ihr großes Fiasko. [...] Es ist Amerika, das Korea invadiert hat. Um die Interessen von Morgan und Rockefeller, von Dupont und den Stahlbaronen zu verteidigen, um das Land den feudalen Grundbesitzern zurückzugeben, um das Volk in Armut zurückzutreiben, um eine Kriegsbasis gegen die friedliche Sowjetunion aufrechtzuerhalten.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
```&lt;br /&gt;
===== Unterstützung für die DPRK unter südkoreanischen Bürgern während des Krieges =====&lt;br /&gt;
[[Datei:CIA-Standort 1 und 2.jpg|miniatur|CIA-Dokument von 1950, in dem steht, dass mehr als 50% der Studenten in Seoul aktiv Kommunisten halfen, viele von ihnen freiwillig für die Nordarmee, und dass die Arbeiterklasse in Seoul im Allgemeinen den Norden unterstützte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Der Koreakrieg und die folgenden Jahrzehnte waren durch massive Verhaftungskampagnen und Massenmorde geprägt, um Kommunisten sowie alle anderen zu unterdrücken, die verdächtigt wurden, dem hochgradig unpopulären südlichen Regime entgegenzutreten. Im Jahr 1950, als die DPRK versuchte, das Land wiedervereinigen, zogen sich Rhees Truppen zurück und töteten mindestens weitere 60.000 angebliche kommunistische Sympathisanten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Kim Dong-Choon|jahr=2004|titel=Forgotten war, forgotten massacres--the Korean War (1950-1953) as licensed mass killings|kapitel=|abschnitt=|seite=|zitat=|pdf=https://www.academia.edu/6417696|stadt=|verlag=Journal of Genocide Research|isbn=|doi=|lg=|mia=|titel-url=|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem CIA-Memorandum von 1950, nachdem die Nordarmee Seoul eingenommen hatte, berichtete der Direktor der Central Intelligence und Konteradmiral der US-Marine R.H. Hillenkoeter, dass &amp;quot;über 50% der Studenten in Seoul aktiv die kommunistischen Invasoren unterstützen, viele von ihnen melden sich freiwillig für die Nordarmee&amp;quot; und dass unter der Bevölkerung von Seoul &amp;quot;die Arbeiterklasse im Allgemeinen die Nordkoreaner unterstützt, während die Händler neutral sind und die Intelligenz weiter pro-südlich ist&amp;quot;, und fügte hinzu, dass die Straßen von Seoul &amp;quot;überfüllt waren [...] mit Jugendlichen, die an kommunistischen Demonstrationen teilnahmen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=R.H. Hillenkoeter, Direktor der Central Intelligence|zeitung=CIA Memorandum|titel=The Korean Situation|datum=1950-7-19|url=https://www.cia.gov/readingroom/docs/1950-07-19b.pdf|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723030500/https://www.cia.gov/readingroom/docs/1950-07-19b.pdf|archive-date=2022-07-23|zitat=Das frühere Versagen der Republik Korea, die Unterstützung ihrer unruhigen Studentenschaft zu gewinnen, könnte der Grund dafür sein, dass über 50% der Studenten in Seoul aktiv die kommunistischen Invasoren unterstützen, wobei sich viele freiwillig für die Nordarmee melden. Offensichtlich von dem Glanz einer siegreichen Armee angezogen, könnte die Moral dieser Rekruten schnell leiden, wenn es schwierig wird. Unter anderen Elementen der Bevölkerung von Seoul unterstützt die Arbeiterklasse im Allgemeinen die Nordkoreaner, während die Händler neutral sind und die Intelligenz weiter pro-südlich bleibt. Ein ehemaliger Polizist aus Seoul berichtet, dass nordkoreanische Truppen und Polizei in Seoul eher unauffällig sind. Kommerziell ist die Stadt fast &amp;quot;tot&amp;quot;; die Geschäfte sind geschlossen, mit Ausnahme von zwei Kaufhäusern und einigen Gemüsehändlern. Die Straßen sind jedoch überfüllt, besonders mit Jugendlichen, die an kommunistischen Demonstrationen teilnehmen.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die People&#039;s Democratic Party von Südkorea, die 2020 interviewt wurde, sagte, dass &amp;quot;fast alle Arbeiter und Bauern im Süden die US-Armee abgelehnt haben&amp;quot; und fügte hinzu, dass &amp;quot;laut nordkoreanischen Daten etwa 400.000 Menschen im Süden sich freiwillig für die nordkoreanische Armee gemeldet haben, als der Koreakrieg begann&amp;quot;.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut Kim Sin Gyu, einem nordkoreanischen Korrespondenten, der zu dieser Zeit in Seoul anwesend war: &amp;quot;Als die Stadt erstmals befreit wurde, begrüßten die Bürger von Seoul die Korean People&#039;s Army. Ich erinnere mich, dass ich Leute sagen hörte: &#039;Wir haben gehört, dass die nordkoreanischen kommunistischen Soldaten eine monströse Meute sind, mit den Hörnern von Teufeln und roten Gesichtern. Aber wenn wir sie jetzt sehen, sind sie die gleichen wie wir. Die Soldaten sind jung, mutig und gutaussehend.&#039;&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot;&amp;gt;&#039;&#039;Korea: The Unknown War.&#039;&#039; TV-Dokumentarfilm-Serie. Episode 2: &amp;quot;An Arrogant Display of Strength.&amp;quot; Thames Television, 1988. Ausgestrahlt auf WGBH Boston, 1990. (URL:  https://www.youtube.com/watch?v=aVCuku3Ldi0)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan Winnington, ein Korrespondent der „Daily Worker“, der 1950 in Korea anwesend war, schrieb:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Jeden Abend brodelt das Land Koreas, besonders im Süden, vor Leben. Hunderte von Bauern und Stadtbewohnern strömen auf die Straßen und reparieren innerhalb weniger Stunden die Bombenschäden des Vortages durch die schiere Masse unendlicher, williger menschlicher Arbeit. Während das passiert, setzen Hunderte von anderen ihren Marsch nach Süden fort, wo sie bei Tagesanbruch haltmachten; sie managieren unzählige Ochsenkarren auf abgelegenen Nebenwegen; sie tragen Lasten von Nahrungsmitteln und Munition auf dem Rücken. All diese Wiederaufbau- und Transportarbeiter sind Freiwillige, unbezahlt, sie stellen ihr eigenes Essen und Material zur Verfügung, mit ihrer eigenen Miliz, um sie vor herumstreunenden Feindtruppen zu schützen, selbstversorgend, vertraut mit dem Gelände und entschlossen, der ausländischen Besatzung ihres Landes ein Ende zu setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...] An Orten, an denen ich die Zahlen überprüft habe, stellte ich fest, dass fast jeder verfügbare Mann und viele der Frauen an der einen oder anderen Seite des zivilen Kriegsdienstes teilgenommen haben. Südlich des Parallel, im Landkreis Koyang in der Nähe von Seoul, hatten sich in zwölf Tagen 54.085 Männer aus einer Gesamtbevölkerung von nur 180.000 freiwillig gemeldet. Während des Vorrückens der Volksarmee in diesem Gebiet hatte das lokale Volkskomitee in einer einzigen Nacht 1.000 Ochsenkarren für einen Transporteinsatz mobilisiert. Ich habe persönlich nie einen Bauern getroffen – außer den alten und gebrechlichen –, der der Armee nicht auf irgendeine Weise geholfen hätte. Und in den Städten kann man jeden Abend sehen, wie sich die Wiederaufbauarbeiter zu Tausenden mit Schaufeln, Brechstangen und Seilen versammeln. Mindestens die Hälfte von ihnen sind Frauen, die sich weigern, selbst von der schwersten und gefährlichsten Arbeit der Rettung und Brandbekämpfung während der Angriffe ausgeschlossen zu werden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt; &amp;lt;/blockquote&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===== Kriegsverbrechen der USA =====&lt;br /&gt;
&amp;lt;blockquote&amp;gt;&#039;&#039;Siehe auch: [[Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg|Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg]]&#039;&#039;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Während des Koreanischen Krieges töteten US-Truppen eine große Anzahl koreanischer Zivilisten und setzten massenhaft Napalm ein, und wie schließlich durch entklassifizierte Dokumente enthüllt wurde, hatten sie zu bestimmten Zeiten eine Politik, gezielt auf südkoreanische Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Youkyung Lee|zeitung=Associated Press|titel=S. Korean who forced US to admit massacre has died|datum=2014-08-07|url=https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726115036/https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176|zitat=Am 26. Juli 1950, außerhalb des zentralen südkoreanischen Dorfes No Gun Ri, wurden Hunderte von Zivilisten aus nahegelegenen Dörfern, die von US-Truppen nach Süden beordert worden waren, von einem eingegrabenen Bataillon des US 7. Kavallerieregiments gestoppt und dann ohne Vorwarnung von US-Kampfflugzeugen angegriffen. Überlebende flohen unter einer Eisenbahnbrücke, wo sie in den nächsten drei Tagen von Truppen des 7. Kavallerieregiments beschossen wurden. [...] Im Januar 2001 erkannte die Armee die Tötungen in No Gun Ri an, wies aber keine Schuld zu und bezeichnete sie als „bedauerliche Begleiterscheinung eines Krieges“. [...] Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass unter den belastenden Dokumenten, die im US-Bericht von 2001 weggelassen wurden, ein entklassifizierter Brief des US-Botschafters in Südkorea war, datiert auf den Tag, an dem die Tötungen in No Gun Ri begannen, in dem es hieß, die Armee habe eine Politik angenommen, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; In einem Artikel des Asia-Pacific Journal schreibt Kim Dong choon, dass „wenige wissen, dass die koreanischen Behörden sowie die US- und alliierten Streitkräfte am Anfang des Koreakriegs Hunderttausende von südkoreanischen Zivilisten massakriert haben“.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kim Dong choon|zeitung=The Asia-Pacific Journal: Japan Focus|titel=The Truth and Reconciliation Commission of Korea: Uncovering the Hidden Korean War. The Other War: Korean War Massacres.|datum=2010-03-01|url=https://apjjf.org/-Kim-Dong-choon/3314/article.html|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726125030/https://apjjf.org/-Kim-Dong-choon/3314/article.html|archive-date=2022-07-26|retrieved=2022-07-26}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Es gab auch Vorfälle, bei denen US-Piloten ihre Befehle ignorierten, innerhalb Koreas zu bleiben, und über seine Grenzen hinausflogen, um militärische Ziele in China und der Sowjetunion anzugreifen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut dem ehemaligen US-Marinekapitän Walter Karig in seinem Buch „Battle Report: The War in Korea“:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[W]ir haben Zivilisten getötet, freundliche Zivilisten, und ihre Häuser bombardiert; wir haben ganze Dörfer mit ihren Bewohnern – Frauen, Kinder und zehnmal so viele versteckte kommunistische Soldaten – unter Napalm-Schauern in Brand gesteckt, und die Piloten kehrten zu ihren Schiffen zurück, stinkend nach Erbrochenem, das von ihren Eingeweiden durch den Schock dessen, was sie tun mussten, verdreht wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Walter Karig; Malcolm W Cagle; Frank A Manson; et al (1952). „Battle Report: The War in Korea“ (S. 111-112). New York: Rinehart.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der ehemalige US-Luftwaffengeneral Curtis LeMay, Kommandeur des strategischen Luftkommandos der USA, gab eine ähnliche Beschreibung des Verhaltens der US-Militärs in Korea ab und sagte:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[W]ir gingen dorthin und führten den Krieg und brannten schließlich jede Stadt in Nordkorea nieder [...] irgendwie, und einige in Südkorea auch. Wir haben sogar Pusan niedergebrannt – ein Unfall, aber wir haben es trotzdem niedergebrannt. Die Marines begannen dort eine Schlacht ohne Feind in Sicht. Über einen Zeitraum von drei Jahren oder so haben wir – was – zwanzig Prozent der Bevölkerung Koreas als direkte Kriegsopfer oder durch Hunger und Kälte getötet?&amp;lt;ref&amp;gt;Richard H. Kohn und Joseph P. Harahan (1988). „Strategic Air Warfare: an interview with generals Curtis E. LeMay, Leon W. Johnson, David A. Burchinal, and Jack J. Catton“ (S. 88). Washington, D.C.: Office of Air Force History, United States Air Force. &amp;lt;small&amp;gt;ISBN 0-912799-56-0&amp;lt;/small&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;In einer 1950 veröffentlichten Broschüre mit dem Titel „I Saw the Truth in Korea“, geschrieben von Alan Winnington, Korrespondent in China und Korea für die „Daily Worker“, beschreibt Winnington die Handlungen der US-Streitkräfte in Korea, dokumentiert Massaker mit Fotografien und beschreibt die Folgen von Bombenangriffen:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[V]or fünf Jahren waren wir und die Russen im Krieg gegen die Nazis Verbündete der Amerikaner. Seitdem sind Roosevelt und seine Kollegen gegangen und die Atomdiplomatie hat ihren Platz eingenommen. Aber trotzdem, was ich Amerikaner in Korea tun sah, erschütterte mich bis ins Mark. Ich nehme an, mein ganzes Leben lang habe ich Propaganda über Amerika als zivilisierte Nation gehört und etwas davon muss bei mir angekommen sein. Irgendwie habe ich nie daran gedacht, dass Amerikaner genau das tun würden, was die Nazis taten, bis ich es mit eigenen Augen sah. [...] Tausend Tonnen Bomben; eine ausgelöschte Stadt; über 4.000 Opfer insgesamt; Zehntausende obdachlos und trauernd – alles, um eine Eisenbahnstrecke zu beschädigen. Ergibt das Sinn? Das ist Bombardierung in einer Art und Weise, die keine britische Stadt je erlebt hat. Ich sah Coventry und war in London während des gesamten „Blitz“ und sah Wonsan nach diesen Angriffen. Es war viel schlimmer als das Schlimmste, was die Nazis je getan haben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Zusätzlich zur Praxis der US-Militärs, zivile Ziele zu bombardieren und auf Flüchtlinge zu schießen, ereigneten sich viele südkoreanische zivile Opfer aufgrund der Unfähigkeit der amerikanischen Soldaten, Nord- von Südkoreanern zu unterscheiden. Wie von einem anonymen US-Offizier in der Radiosendung des US-Verteidigungsministeriums mit dem Titel „Time for Defense“ beschrieben, „macht es hier so schwierig, dass man die verdammten Nordkoreaner nicht von den Südkoreanern unterscheiden kann, und das hat zu vielen Schlachten geführt“ ([[:Datei:Anonymer US-Offizier beschreibt Koreakrieg.mp4|Audio-Datei]]).&amp;lt;ref&amp;gt;„Korea: The Unknown War.“ TV-Dokumentarfilm-Serie. Episode 2: „An Arrogant Display of Strength.“ Thames Television, 1988. Ausgestrahlt auf WGBH Boston, 1990. (URL: &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://www.youtube.com/watch?v=aVCuku3Ldi0&amp;lt;/nowiki&amp;gt;)&amp;lt;/ref&amp;gt; Man könnte argumentieren, dass die Politik, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, darauf zurückzuführen ist, wie in der Dokumentation „Korea: The Unknown War“ aus dem Jahr 1988 beschrieben wird, die feststellt, dass „amerikanische Truppen es schwierig fanden, Freund von Feind zu unterscheiden“, und dass „die Nordkoreaner in Flüchtlingssäulen eingedrungen waren und in der folgenden Verwirrung unschuldige Zivilisten zu Opfern wurden“. Laut der Dokumentation kommentierte ein amerikanischer General angeblich: „Wenn sie organisiert aussehen, schießt auf sie.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:US-Dokumente zur Flüchtlingspolitik zu Beginn des Koreakriegs.jpg|miniatur|364x364px|&#039;&#039;&#039;Links:&#039;&#039;&#039; Ein ununterschriebenes Memo der Luftwaffe vom 25. Juli 1950, das nach Alternativen zur Politik der „Beschießung ziviler Flüchtlinge“ sucht, die „mit Sicherheit eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und möglicherweise peinlich für die US-Luftwaffe und die US-Regierung sein wird“. &#039;&#039;&#039;Rechts:&#039;&#039;&#039; Ein Schreiben der amerikanischen Botschaft vom 26. Juli 1950 an den US-Assistenten des Außenministers, in dem es heißt: „Wenn Flüchtlinge von Norden der US-Linien auftauchen, erhalten sie Warnschüsse, und wenn sie dann darauf bestehen, vorzurücken, werden sie erschossen.“]]&lt;br /&gt;
Ein Beispiel für die US-Politik, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, ist der Vorfall des Nogeun-ri-Massakers, auch geschrieben als No Gun Ri (Koreanisch: 노근리). Der Vorfall war außerhalb Koreas wenig bekannt, bis 1999 eine Associated Press-Geschichte veröffentlicht wurde, in der US-Veteranen die Berichte von Überlebenden bestätigten und die Details allmählich bekannter wurden. Im Juli 1950 erschossen amerikanische Soldaten „Hunderte von wehrlosen Zivilisten unter einer Eisenbahnbrücke“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Sang-Hun Choe, Charles J. Hanley und Martha Mendoza|zeitung=Washington Post|titel=U.S. Massacre of Civilians in Korean War Described|datum=1999-09-30|url=https://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/daily/sept99/skorea30.htm|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726121945/https://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/daily/sept99/skorea30.htm|retrieved=2022-07-26}}&amp;lt;/ref&amp;gt; US-Veteranen sprachen von 100 oder 200 oder „Hunderte“ Toten und beschrieben „eine Überzahl von Frauen, Kindern und alten Männern unter den Opfern“, während koreanische Zeugen sagten, 300 seien an der Brücke getötet worden und 100 bei einem vorherigen Luftangriff. Ein koreanischer Zeuge kommentierte, dass „die amerikanischen Soldaten mit unseren Leben spielten wie Jungen mit Fliegen“. Einer der US-Veteranen beschrieb es als „massives Gemetzel“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl dieser Vorfall Jahrzehnte lang nicht anerkannt wurde, erkannte die US-Armee im Jahr 2001 die Tötungen an und bezeichnete sie als „bedauerliche Begleiterscheinung eines Krieges“. Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass unter den Dokumenten, die im US-Bericht von 2001 weggelassen wurden, ein entklassifizierter Brief des US-Botschafters in Südkorea war, datiert auf den Tag, an dem die Tötungen in Nogeun-ri begannen, in dem es hieß, die Armee habe eine Politik angenommen, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; /&amp;gt; Einige US-Veteranen haben auch andere Tötungen von Flüchtlingen beschrieben, als US-Kommandeure ihre Truppen anwiesen, Zivilisten als Verteidigung gegen getarnte feindliche Soldaten zu erschießen, und entklassifizierte Berichte der US-Luftwaffe zeigen angeblich, dass Piloten manchmal absichtlich „Menschen in Weiß“ (bezogen auf weiße Bauernkleidung) angreifen, in dem Verdacht, dass getarnte nordkoreanische Soldaten darunter sind.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Waffenstillstandsabkommen (1953) ====&lt;br /&gt;
Der Waffenstillstand wurde am 27. Juli 1953 unterzeichnet. Der unterzeichnete Waffenstillstand schuf die Koreanische Demilitarisierte Zone (DMZ), die neue de facto Grenze zwischen den beiden Nationen, setzte einen Waffenstillstand in Kraft und finalisierte die Repatriierung von Kriegsgefangenen. Die DMZ verläuft nahe dem 38. Breitengrad und hat seit der Unterzeichnung des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens im Jahr 1953 Nord- und Südkorea getrennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Aufhebung des Waffenstillstandsparagraphen 13d durch die USA, Einführung von Atomwaffen in den Süden ====&lt;br /&gt;
Paragraph 13d des Abkommens verlangte, dass keine der Seiten neue Waffen nach Korea einführen darf. Bei einem Treffen im Jahr 1957 teilte die USA den nordkoreanischen Vertretern mit, dass das United Nations Command sich nicht mehr an Paragraph 13d des Waffenstillstands gebunden fühlt,&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Time Magazine|titel=Korea: The End of 13d|datum=1957-07-01|url=https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html|archive-date=https://web.archive.org/web/20220728030416/https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html|zitat=An einem Nachmittag letzten Woche in der stickigen grünen Quonset-Hütte, die das Herz des kargen Niemandslandes von Panmunjom ist, konfrontierten drei US-Generäle, ein britischer Brigadegeneral und ein Offizier der Luftstreitkräfte der Republik Korea kalt 40 nordkoreanische Kommissare und Militärs. „Ich habe eine Erklärung abzugeben“, begann Generalmajor Homer L. Litzenberg, USMC, mit ruhiger Stimme. Dann, während die Kommunisten aufmerksam zuhörten, sagte er ihnen, dass das UN-Kommando sich nicht mehr an Unterparagraph 13D des koreanischen Waffenstillstandsabkommens gebunden fühlt – die Klausel, die die Einführung neuer Waffen nach Korea begrenzt.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und 1958 hob die USA Paragraph 13d des Waffenstillstands auf, indem sie Atomwaffen nach Südkorea einführte.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lee Jae-Bong|zeitung=The Asia-Pacific Journal|titel=US Deployment of Nuclear Weapons in 1950s South Korea &amp;amp; North Korea&#039;s Nuclear Development: Toward Denuclearization of the Korean Peninsula|datum=2009-02-07|url=https://apjjf.org/-Lee-Jae-Bong/3053/article.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Ende der Ersten Republik ====&lt;br /&gt;
1960 wurde Rhee aufgrund von Massenprotesten in der gesamten Nation zum Rücktritt gezwungen, nachdem der Leichnam eines von der Polizei getöteten Studenten im Hafen treibend gefunden worden war.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=|jahr=|titel=Cause of the 4.19 Revolution|kapitel=|abschnitt=|seite=|zitat=|pdf=|stadt=|verlag=|isbn=|doi=|lg=|mia=|titel-url=https://archive.ph/20120707225356/http://100.naver.com/100.nhn?docid=726618|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Infolge dessen floh er nach [[Honolulu]], [[Hawaii]], wo er bis zu seinem Tod im Exil blieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zweite Republik (1960–1961) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Park Chung Hee Japan.png|miniatur|Park Chung-hee, der Führer der dritten und frühen vierten Republik, in einer japanischen Militäruniform]]&lt;br /&gt;
Nach Rhees Sturz wurde die bürgerliche Demokratie unter Präsident [[Yun Bo-seon]] kurzzeitig wiederhergestellt.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=|titel=The Democratic Interlude|url=http://countrystudies.us/south-korea/12.htm|zeitung=Library of Congress|archive-url=|archive-date=|retrieved=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die zweite Republik wurde während der April-Revolution-Massenproteste gegen Präsident Syngman Rhee gegründet und löste die erste Republik ab und errichtete eine parlamentarische Regierung. Nach dreizehn Monaten wurde sie durch die südkoreanische Armee im Mai 16-Putsch unter der Führung von [[Park Chung-hee]] gestürzt. Park hatte während der Besatzung für die Japaner gekämpft und den japanischen Namen Takagi Masao angenommen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Patriot|seite=67|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt; 1961 erklärte die ROK alle [[Sozialistischer Staat|sozialistischen Staaten]] zu ihren Feinden und gründete die [[Korean Central Intelligence Agency|KCIA]], eine brutale Geheimpolizeibehörde, die regelmäßig Dissidenten verhaftete und folterte. Die KCIA verlangte von den [[Gewerkschaft|Gewerkschaftsführern]], dem Staat die Treue zu schwören.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1103&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Dritte Republik (1963–1972) ===&lt;br /&gt;
Die Dritte Republik wurde mit der Auflösung des Obersten Rates für den Nationalen Wiederaufbau gegründet, der die Zweite Republik stürzte und im Mai 1961 eine Militärregierung einrichtete, als am 16. Mai General [[Park Chung-hee]], der Vater der zukünftigen Präsident [[Park Geun-hye]] und ehemaliger [[Japanisches Kaiserreich (1868–1947)|japanischer]] Kollaborateur, durch einen Militärputsch an die Macht kam. Nach zwei Jahren als Vorsitzender der Militärjunta wurde er 1963 zum Präsidenten gewählt, was als Beginn der Dritten Republik angesehen wird. Park regierte 18 Jahre lang als Militärdiktator und schickte 320.000 Truppen, um den [[Republik Vietnam (1955–1975)|südvietnamesischen]] Marionettenstaat im [[Vietnamkrieg]] zu unterstützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Koreanischer DMZ-Konflikt ====&lt;br /&gt;
Der Koreanische DMZ-Konflikt war eine Reihe von bewaffneten Zusammenstößen mit niedriger Intensität zwischen nordkoreanischen Streitkräften und den Streitkräften Südkoreas und der Vereinigten Staaten, die hauptsächlich zwischen 1966 und 1969 an der Koreanischen DMZ stattfanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vierte Republik (1972–1981) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Gwangju riot police.png|miniatur|Aufstandsbekämpfungstruppen greifen Demonstranten während des Gwangju-Aufstands an]]&lt;br /&gt;
Die Vierte Republik wurde mit der Verabschiedung der Yushin-Verfassung im Verfassungsreferendum von 1972 gegründet, die die de facto diktatorischen Befugnisse des Präsidenten Park Chung-hee kodifizierte. Die Vierte Republik trat in eine Phase politischer Instabilität unter Parks Nachfolger, Choi Kyu-hah, und dem eskalierenden Kriegsrecht, das nach Parks Tod erklärt wurde. Choi wurde inoffiziell durch [[Chun Doo-hwan]] in einem Putsch am 12. Dezember 1979 gestürzt, und die bewaffnete Unterdrückung der [[Gwangju-Demokratiebewegung]] gegen das Kriegsrecht begann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Ermordung von Park Chung-hee am 26. Oktober 1979 übernahm General Chun Doo-hwan die Macht. Während seiner Präsidentschaft verübte er das größte Massaker an koreanischen Zivilisten seit dem Koreakrieg. Im Mai 1980 begannen in [[Gwangju]] Proteste gegen das Kriegsrecht, die mit Spezialeinsatzkräften niedergeschlagen wurden. Die Schätzungen der Opferzahlen variieren, aber sie reichen von 165 auf der konservativsten Seite bis zu über 300. Einige behaupten auch, dass bis zu 2.300 Zivilisten beim Gwangju-Massaker getötet wurden, als Reaktion auf den Aufstand vom 18. Mai, auch bekannt als der Gwangju-Aufstand.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=K. J. Noh|zeitung=Hampton Institute|titel=South Korean Dictator Dies, Western Media Resurrects a Myth|datum=2020-12-02|url=https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth|archive-url=https://web.archive.org/web/20220519190752/https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth|archive-date=2022-05-19|retrieved=2022-06-02}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Artikel in „The Nation“ besagt, dass der 10-tägige Aufstand, bekannt als der Gwangju-Aufstand, ausgelöst wurde, als Studenten und andere Bürger, die gegen den Militärputsch protestierten, von Luftlandeeinsatzkräften „mit einer Boshaftigkeit und Grausamkeit angegriffen wurden, die die Koreaner seit den dunkelsten Tagen des Koreakriegs nicht erlebt hatten“. Der Artikel besagt weiter, dass „der bewaffnete Widerstand der Bürger-Miliz von Gwangju die Stadt von den marodierenden Truppen befreite. Die Stadtbewohner, befreit von Jahrzehnten der Militärherrschaft, hielten ihre Stadt am Laufen, begruben ihre Toten und verwandelten sich in ein System der gegenseitigen Hilfe, das sie jetzt als die Gwangju-Kommunen bezeichnen.“ Am 27. Mai wurden koreanische Armee-Einheiten von ihren üblichen Pflichten an der Grenze zur DPRK freigestellt, um Gwangju wieder zu besetzen. Die offizielle Zahl der Todesopfer des Aufstands beträgt 165, aber die Einwohner glauben, dass mehr als 300 Menschen getötet wurden, wobei Dutzende noch vermisst werden.&amp;lt;ref&amp;gt;Tim Shorrock und Injeong Kim. [https://www.thenation.com/article/world/two-days-in-may-that-shattered-korean-democracy/ „2 Days in May That Shattered Korean Democracy.“] The Nation. 28. Mai 2020. [https://web.archive.org/web/20220909162444/https://www.thenation.com/article/world/two-days-in-may-that-shattered-korean-democracy/ Archiviert] 2022-09-09.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vierte Republik wurde mit der Annahme einer neuen Verfassung im März 1981 aufgelöst und durch die fünfte Republik Korea ersetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Fünfte Republik (1981–1987) ===&lt;br /&gt;
Die fünfte Republik wurde im März 1981 von Chun Doo-hwan gegründet. Die fünfte Republik sah sich mit wachsender Opposition von der Demokratiebewegung des Gwangju-Aufstands konfrontiert, und die Juni-Demokratiebewegung von 1987 führte zur Wahl von Roh Tae-woo bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 1987. Die fünfte Republik wurde drei Tage nach der Wahl mit der Annahme einer neuen Verfassung aufgelöst, die die Grundlagen für das relativ stabile demokratische System der aktuellen sechsten Republik Korea legte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sechste Republik (1987–heute) ===&lt;br /&gt;
Die sechste Republik wurde 1987 mit Roh Tae-woo als ihrem ersten Präsidenten gegründet&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=두산백과 (Doopedia)|titel=제6공화국 (Sixth Republic)|url=https://terms.naver.com/entry.naver?docId=1141297&amp;amp;cid=40942&amp;amp;categoryId=33385|retrieved=2022-07-24}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und war der sechste Präsident von Südkorea von 1988 bis 1993. Rohs Wahl war die erste direkte Präsidentschaftswahl seit 16 Jahren. Seine Präsidentschaft wurde von Kim Young-sam (1993–1998 im Amt) gefolgt, der erste Zivilist, der das Amt seit über 30 Jahren innehatte. Danach folgte die Präsidentschaft von Kim Dae-jung (1998–2003 im Amt), bekannt für seine „Sunshine Policy“ des Engagements durch Dialog und wirtschaftliche und kulturelle Austausche mit Nordkorea.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Hyonhee Shin|zeitung=Reuters|titel=Vindication: Architects of South Korea&#039;s &#039;Sunshine&#039; policy on North say it&#039;s paying off|datum=2018-06-11|url=https://www.reuters.com/article/us-northkorea-usa-sunshinepolicy-idUSKBN1J60PP}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Dies wurde von den Präsidentschaften von Roh Moo-hyun (2003–2008 im Amt) und Lee Myung-bak (2008–2013 im Amt) gefolgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der nächste Präsident Südkoreas, Park Geun-hye (2013–2017 im Amt), ist die Tochter des ehemaligen Diktators Park Chung-hee. Park Geun-hye war als 11. Präsidentin Koreas im Amt, bis sie nach öffentlichen Demonstrationen, die gemeinhin als Kerzenlicht-Revolution oder Kerzenlicht-Demonstrationen bekannt sind, wegen Korruptionsvorwürfen abgesetzt und verurteilt wurde. Sie wurde zur ersten südkoreanischen Präsidentin, die durch ein Amtsenthebungsverfahren aus dem Amt entfernt wurde, und wurde zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt, erhielt jedoch eine Begnadigung und wurde 2021 nach knapp fünf Jahren Haft entlassen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Hyonhee Shin|zeitung=Reuters|titel=S.Korea&#039;s disgraced ex-president Park freed after nearly 5 years in prison|datum=2021-12-31|url=https://www.reuters.com/world/asia-pacific/skoreas-disgraced-ex-president-park-freed-after-nearly-5-years-prison-2021-12-31/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Präsidentschaft von Park Geun-hye wurde von Moon Jae-in (2017–2022 im Amt) gefolgt. Der 13. und aktuelle Präsident Koreas ist Yoon Suk-yeol von der konservativen People Power Party.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 3. Dezember 2024 verbot Yoon alle Proteste und erklärte das Kriegsrecht, das erste Mal in Südkorea seit den 1980er Jahren. Er rechtfertigte seine Erklärung damit, dass der Staat durch pro-DPRK-Kräfte bedroht werde. Demonstranten blockierten Soldaten daran, das Parlamentsgebäude zu betreten, und alle 190 der 300 Parlamentsmitglieder, die das Gebäude erreichten, stimmen einstimmig gegen das Kriegsrecht.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|autor=Natalia Marques|zeitung=Peoples Dispatch|titel=South Korean President declares martial law, sparking protest|datum=2024-12-03|url=https://peoplesdispatch.org/2024/12/03/south-korean-president-declares-martial-law-sparking-protest/|archive-url=https://web.archive.org/web/20241203183427/https://peoplesdispatch.org/2024/12/03/south-korean-president-declares-martial-law-sparking-protest/|archive-date=2024-12-03}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Militärkommando ===&lt;br /&gt;
Seit der [[Koreanischer Krieg|Koreakrieg]] 1953 mit einem Waffenstillstand endete, haben die USA die Kontrolle über das südkoreanische Militär behalten.&amp;lt;ref&amp;gt;Swanström, N. (2021, 27. April). „Not a Sovereignty Issue: Understanding the Transition of Military Operational Control between the United States and South Korea“. Institute for Security and Development Policy. https://isdp.eu/publication/not-a-sovereignty-issue-understanding-the-transition-of-military-operational-control-between-the-united-states-and-south-korea/&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kathryn Botto|zeitung=Carnegie Endowment for International Peace|titel=Why Doesn’t South Korea Have Full Control Over Its Military?|datum=2019-08-21|url=https://carnegieendowment.org/2019/08/21/why-doesn-t-south-korea-have-full-control-over-its-military-pub-79702}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot;&amp;gt;Kelly, R. E. (2017, 27. Februar). „Why US control of the South Korean military is here to stay“. The Interpreter. &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://www.lowyinstitute.org/the-interpreter/why-us-control-south-korean-military-here-stay&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Clint Work|zeitung=Stimson|titel=No More Delays: Why It’s Time to Move Forward With Wartime OPCON Transition|datum=21. Juni 2022|url=https://www.stimson.org/2022/no-more-delays-why-its-time-to-move-forward-with-wartime-opcon-transition/|zitat=Die Geschichte und Entwicklung der US-ROK-Militärkommandostruktur zeigt das inhärente Hin und Her im Herzen des US-ROK-Bündnisses. Mit der Zeit hat die USA die ROK ermutigt, eine robustere Rolle in ihrer eigenen Verteidigung und innerhalb der Kommandostruktur des Bündnisses zu übernehmen. Allerdings waren US-Beamte ebenso zögerlich, zu viel Kontrolle zu schnell abzugeben. Einfach ausgedrückt hatte Washington Schwierigkeiten, die äußeren Grenzen seiner eigenen Autorität innerhalb der Bündnis-Kommandostruktur zu navigieren, während es gleichzeitig und widersprüchlich Seoul vorantreibt und zurückzieht.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=United States Forces Korea|titel=Combined Forces Command|url=https://www.usfk.mil/About/CFC/#Commanders|archive-url=https://web.archive.org/web/20220728035053/https://www.usfk.mil/About/CFC/|archive-date=2022-07-28|zitat=Das CFC wird von einem Vier-Sterne-General der USA kommandiert, mit einem Vier-Sterne-General der ROK-Armee als stellvertretendem Kommandeur. In der gesamten Kommandostruktur ist die binational besetzte Personalbesetzung deutlich erkennbar: Wenn der Chef einer Stabsektion Koreaner ist, ist der Stellvertreter Amerikaner und umgekehrt. Diese integrierte Struktur existiert sowohl innerhalb der Komponenkommandos als auch im Hauptquartier. Alle CFC-Komponenten sind durch kontinuierliche kombinierte und gemeinsame Planung, Ausbildung und Übungen taktisch integriert.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die „US-Streitkräfte Korea“ wurden mit den ROK-Streitkräften in ein „Combined Forces Command“ integriert, das wiederum in das [[Vereinte Nationen]]-Kommando integriert wurde. Alle drei Kommandos werden von derselben Person geleitet, einem Vier-Sterne-General der USA&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot; /&amp;gt; (derzeit General Paul J. LaCamera&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitation|zeitung=United States Forces Korea|titel=Commander UNC/CFC/USFK|url=https://www.usfk.mil/About/Leadership/Article-View/Article/1685489/commander-unccfcusfk/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;, der 2021 seine Funktionen übernahm).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Südkorea hat unter Waffenstillstandsbedingungen die operative Kontrolle (als OPCON bezeichnet) über seine Armee, aber die Vereinigten Staaten würden im Kriegsfall die Kontrolle übernehmen, und der US-Kampfkommandeur könnte die südkoreanischen Kommandeure und Streitkräfte anweisen, organisieren, einsetzen, Kommandofunktionen zuweisen oder ihre Pflichten aussetzen. Im Wesentlichen würde Südkorea im Falle eines Krieges auf der Koreanischen Halbinsel die überwältigende Mehrheit der Kampftruppe stellen, die dann unter US-Operative Kontrolle gestellt würde.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Laufe der Geschichte der US-ROK-Regelung haben die USA und die ROK einen Hin- und Her-Prozess durchlaufen, um zu bestimmen, welcher Grad an Kontrolle jede Partei unter dieser Beziehung haben sollte, wobei die USA oft eine Zurückhaltung zeigten, die Kontrolle über das Militär der ROK abzugeben, und die Führer der ROK manchmal den Wunsch äußerten, mehr Kontrolle über ihr eigenes Militär zu haben, und zu anderen Zeiten die Autorität der USA über das Militär der ROK im Kriegsfall akzeptierten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== NATO-Bündnis ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Mark Esper schlägt NATO für Asien vor.png|miniatur|Mark Esper, ehemaliger [[United States Department of Defense|US-Verteidigungsminister]] und [[Raytheon]]-Lobbyist, hält eine Rede auf dem Think Tank 2022, der sich auf die Probleme konzentrierte, die die koreanische Halbinsel betreffen. Esper sagte: „Man sagt, die Vereinigten Staaten strebten nicht danach, ein, Zitat, ‚[[North Atlantic Treaty Organization|NATO]] für Asien‘ aufzubauen. Und ich sage: ‚Warum nicht?‘“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 26. Februar 2022 (KST) hielt der ehemalige US-Verteidigungsminister und Lobbyist des Waffenherstellers Raytheon, Mark Esper, eine Rede auf dem 4. Think Tank 2022 Forum,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Dr. William Selig|zeitung=Universal Peace Federation|titel=4th Think Tank 2022 Forum Features Former U.S. Secretary of Defense|datum=2022-02-26|url=https://www.upf.org/peace-and-security-reports/10012-4th-think-tank-2022-forum-featured-hon-mark-esper-former-u-s-secretary-of-defense|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723061325/https://www.upf.org/peace-and-security-reports/10012-4th-think-tank-2022-forum-featured-hon-mark-esper-former-u-s-secretary-of-defense|archive-date=2022-07-23|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; das ein Think Tank ist, der mit Dr. Hak Ja Han Moon verbunden ist,&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Think Tank 2022|titel=Co-Founder Dr. Hak Ja Han Moon|url=http://thinktank2022.org/founder/HakJaHanMoon.php}}&amp;lt;/ref&amp;gt; der Ehefrau des verstorbenen Millionärs&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Celebrity Net Worth|titel=Sun Myung Moon Net Worth|url=https://www.celebritynetworth.com/richest-celebrities/authors/sun-myung-moon-net-worth/|zitat=Sun Myung Moon war ein koreanischer Religionsführer, Geschäftsmann und Medienmogul, der zum Zeitpunkt seines Todes ein Vermögen von 900 Millionen Dollar besaß. Sun Myung Moon war am besten bekannt als Gründer der Einigungsbewegung und Autor ihrer konservativen Theologie des „Göttlichen Prinzips“. [...] Einige hielten ihn für einen Kultführer.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Rev. Sun Myung Moon, Gründer und selbsternannter Messias der generell rechtsextremen, antikommunistischen [[Vereinigungschee]].&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Conal Urquhart|zeitung=The Guardian|titel=Sun Myung Moon, founder of the Moonies, dies in South Korea|datum=2012-09-03|url=https://www.theguardian.com/world/2012/sep/03/moonies-sun-myung-moon-dies|zitat=Moon sah sich selbst als Messias und schuf eine Kirche, die zu einer weltweiten Bewegung wurde und behauptet, etwa 3 Millionen Mitglieder zu haben, darunter 100.000 in den Vereinigten Staaten. [...] Er wurde 1948 von der nordkoreanischen Regierung für fünf Jahre inhaftiert, entkam aber 1950, als seine Wärter flohen, als UN-Truppen vorrückten. Er war während des Kalten Krieges ein aktiver Antikommunist.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Bei dieser Veranstaltung betonte der Lobbyist der Waffenindustrie Esper die Notwendigkeit einer vollen Zusammenarbeit zwischen den USA, Südkorea und Japan angesichts der Herausforderungen durch Nordkorea und China und sagte:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Es heißt, die Vereinigten Staaten strebten nicht danach, ein, Zitat, „NATO für Asien“ aufzubauen. Und ich sage: „Warum nicht?“ Wir sollten hohe Ziele und große Erwartungen haben und uns nicht von Geschichte und Distanz verwirren lassen. Die europäischen Verbündeten Amerikas haben eine brutale Geschichte überwunden, um eine kollektive Sicherheitsvereinbarung zur Bewältigung des [[Russian Soviet Federative Socialist Republic (1917–1991)|sowjetischen Russland]] zu schaffen. Es gibt keinen Grund, warum dasselbe nicht im Indopazifik passieren kann, da wir zunehmend gegen ein renitentes Nordkorea und ein aggressives kommunistisches China antreten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot;&amp;gt;Esper, Mark. 4th Think Tank 2022 Forum. „Hon. Mart[sic] Esper, 27th United States Secretary of Defense keynote address.“ Think Tank 2022. Hochgeladen am 13. April 2022. URL:https://www.youtube.com/watch?v=DfKih9aabsk (NATO-bezogener Ausschnitt beginnt bei 16:36)&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Esper erklärte, dass er ein „großer Gläubiger“ an den quadrilateralen Sicherheitsdialog ist, der als „The Quad“ bekannt ist, ein strategischer Sicherheitsdialog zwischen [[Commonwealth of Australia|Australien]], [[Republic of India|Indien]], Japan und den Vereinigten Staaten, der durch Gespräche zwischen den Mitgliedsländern aufrechterhalten wird, von denen Esper sagt, dass er „zu Recht als eine vereinheitlichte Antwort auf Chinas wachsende militärische und wirtschaftliche Macht“ angesehen wird. Er erklärt: „Ich glaube, Südkorea sollte der nächste Partner sein, der dem Quad beitritt, und ihn in das Quint überführt.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ehemalige Raytheon-Lobbyist und Vorstandsmitglied des Verteidigungsunternehmens Epirus Inc. fuhr dann fort zu sagen, dass „die Verbündeten und Partner Amerikas mindestens zwei Prozent ihres BIP für Verteidigung investieren und in die richtigen Fähigkeiten investieren müssen“, und listete Langstrecken-Präzisionsschlagfähigkeiten, Luft- und Raketenabwehr, fortschrittliche U-Boote und Kampfflugzeuge der fünften Generation als Beispiele auf und stellte fest, dass die Republik Korea bereits diese Zwei-Prozent-Marke erreicht hat.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt; Esper beschreibt, dass diese Waffeninvestitionen der Region helfen werden, chinesische und nordkoreanische „Aggression“ abzuwehren, und erklärt, dass ein „wiederbelebter Arbeitsplan mit der DPRK mit der vollständigen, überprüfbaren und irreparablen Denuklearisierung des Nordens beginnen sollte.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juni 2022 erklärte der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol, dass er am 3. [[NATO-Gipfel]] von 2022 teilnehmen werde.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Kyodo News|titel=Yoon to attend NATO summit, 1st time for S. Korean president|datum=2022-06-22|url=https://english.kyodonews.net/news/2022/06/968e985e4c76-yoon-to-attend-nato-summit-1st-time-for-s-korean-president.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Kurz darauf erklärte der Direktor des National Security Office, Kim Sung-han, dass Südkorea eine „diplomatische Mission“ bei der NATO in Brüssel einrichten werde, um mit der Teilnahme von Präsident Yoon Suk-yeol am Gipfel zu koinzidieren. Laut Sung-han wird diese Mission es Südkorea „ermöglichen, den Informationsaustausch zu erhöhen und unsere Netzwerke mit NATO-Verbündeten und Partnern zu stärken und eine europäische Plattform aufzubauen, die unserer [globalen] Stellung würdig ist“.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Korea JoongAng Daily|titel=Korea to open diplomatic mission to NATO|datum=2022-06-22|url=https://koreajoongangdaily.joins.com/2022/06/22/national/politics/Korea-Nato-Summit-Yoon-Sukyeol/20220622191349616.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Unkonvertierte langfristige Gefangene ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Unkonvertierte langfristige Gefangene in südkorea.jpg|miniatur|Eine Demonstration, die eine zweite Repatriierung von unkonvertierten langfristigen Gefangenen in südkorea fordert. Das Schild zeigt &amp;quot;Forderung nach zweiter Repatriierung von nicht-konvertierten langfristigen Gefangenen&amp;quot; (&amp;quot;비전향장기수 2차 송환 촉구&amp;quot;).]]&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Hauptartikel: [[Unkonvertierte langfristige Gefangene]]&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unkonvertierte langfristige Gefangene ist ein Begriff, der sich auf politische Gefangene in südkorea bezieht, die in der Regel wegen „anti-staatlicher“ Aktivitäten oder Ansichten in Unterstützung des Kommunismus oder der DPRK inhaftiert sind. Während ihrer Haft wurden viele von ihnen in Einzelhaft gehalten und umfangreichen Folterungen ausgesetzt, während sie unter Druck gesetzt wurden, eine „Konversionserklärung“ zu unterschreiben, in der sie kommunistische oder linksgerichtete Ideologien ablehnten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=BBC News|titel=Solitary: Tough test of survival instinct|datum=1999-02-25|url=http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/286070.stm|archive-url=https://web.archive.org/web/20220725155633/http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/286070.stm}}&amp;lt;/ref&amp;gt; In den 1990er Jahren begannen einige der unkonvertierten Gefangenen freigelassen zu werden. Einige entschieden sich, in südkorea zu bleiben, während andere danach strebten, in die DPRK repatriiert zu werden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot;&amp;gt;Kim Dong-won. „Repatriation“ (2003). Dokumentation. URL: https://www.youtube.com/watch?v=1xu2mEvU29Q&amp;lt;/ref&amp;gt; Einigen wurde die Rückkehr in die DPRK ermöglicht, insbesondere 63 von ihnen im Jahr 2000,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:28&amp;quot;&amp;gt;[http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/907307.stm &amp;quot;Korean communists go home.&amp;quot;] BBC News, 2. September 2000. [https://web.archive.org/web/20240311153647/http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/907307.stm Archiviert] 2024-03-11.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=파이낸셜 뉴스 (Financial News)|titel=북한, 비전향장기수 북송 21주년 맞이 생존 장기수들 조명 (Nordkorea feiert den 21. Jahrestag der Repatriierung von nicht-konvertierten langfristigen Gefangenen nach Nordkorea)|datum=2021-09-06|url=https://www.fnnews.com/news/202109061041393026}}&amp;lt;/ref&amp;gt; aber andere blieben im Süden und wurden in ihren Gesuchen um Repatriierung abgelehnt.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kang Jin-kyu|zeitung=Korea JoongAng Daily|titel=Spies who can&#039;t come in from the cold|datum=2016-08-07|url=https://koreajoongangdaily.joins.com/2016/08/07/politics/Spies-who-cant-come-in-from-the-cold/3022316.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diejenigen, die in die DPRK zurückkehrten, wurden mit Feiern und Auszeichnungen empfangen,&amp;lt;ref&amp;gt;[https://web.archive.org/web/20191124030603/http://www.kcna.co.jp/item/2000/200009/news09/04.htm &amp;quot;National reunification prizes awarded to unconverted long-term prisoners&amp;quot;], [[Korean Central News Agency]], 2000-09-04. Archiviert 2019-11-19.&amp;lt;/ref&amp;gt; während diejenigen, die in südkorea blieben, mit Schwierigkeiten konfrontiert waren, darunter anhaltende gesundheitliche Probleme durch ihre lange Haft, Leben in Armut, keine Sozialversicherungsnummern erhalten,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; /&amp;gt; und der Überwachung durch den ROK-Staat unter dem Security Surveillance Act unterworfen wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:22&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitation|autor=Liberation School|zeitung=Liberation School|titel=Still fighting for Korea’s liberation: An interview with Ahn Hak-sop|datum=Jul 27, 2022|url=https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/|archive-url=https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele, die an der Repatriierung im Jahr 2000 teilnahmen, und viele derjenigen, die in südkorea blieben, trafen ihre Entscheidungen basierend auf ihrem Eindruck zu dieser Zeit, dass es mehr Freizügigkeit zwischen der ROK und der DPRK geben würde. In einem Interview mit der [[Liberation School]] sagte der ehemalige Gefangene Ahn Hak-sop, der sich entschied, im Süden zu bleiben, als die Repatriierung von 2000 stattfand, dass einer seiner Gründe war, dass er „dachte, es sei eine vorübergehende Situation“. Ahn bemerkt auch bezüglich zweier Gefangener, die zusammen mit ihm freigelassen wurden, dass „diese Genossen in den Norden gingen, weil sie dachten, dass es bald freie Bewegung zwischen den beiden Staaten geben würde. Sie gingen in den Norden, um zu studieren, und dachten, sie würden später zurückkommen.“ Bezüglich seiner eigenen Absicht, vorübergehend im Süden zu bleiben, erläuterte Ahn: „[D]a gab es junge progressive Menschen hier im Süden, und sie baten mich zu bleiben. [...] Wir müssen hier weiter für den Abzug der US-Armee, den Friedensvertrag und die friedliche Wiedervereinigung kämpfen. Ich beschloss, hierzubleiben, um für diese Ziele zu kämpfen. 1952 kam ich hierher, um den südlichen Teil der Halbinsel zu befreien, und ich muss hierbleiben und diesen Kampf fortsetzen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:22&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diejenigen, die sich gegen die Repatriierung dieser ehemaligen Gefangenen aussprechen oder sie kritisieren, tun dies in der Regel mit der Begründung, dass die DPRK ebenfalls damit beginnen sollte, Menschen zurück in den Süden zu repatriieren.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:28&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Nationales Sicherheitsgesetz ===&lt;br /&gt;
Das Nationale Sicherheitsgesetz ist ein südkoreanisches Gesetz, das seit 1948 mit dem erklärten Zweck „die Sicherheit des Staates und die Existenz und Freiheit der Nationalen zu sichern, indem alle antizipierten Aktivitäten, die die Sicherheit des Staates gefährden, reguliert werden“ durchgesetzt wird. Verhaltensweisen oder Reden zugunsten der DPRK oder des Kommunismus können durch das Nationale Sicherheitsgesetz bestraft werden. In einem Artikel von The Diplomat wurde es als ein „Überbleibsel aus dem Kalten Krieg“ bezeichnet, das „der Regierung erlaubt, selektiv jeden zu verfolgen, der ‚die Aktivitäten einer anti-staatlichen Organisation lobt, anzettelt oder propagiert‘“, was der Artikel als „eine absichtlich vage Klausel beschreibt, die im Allgemeinen den nordkoreanischen Staat und seine Sympathisanten impliziert“. Der Artikel fährt fort und erklärt: „Gemäß Artikel 7 wurden Personen verfolgt und inhaftiert, weil sie lediglich nordkoreanische Publikationen besaßen oder satirisch nordkoreanische Propaganda tweeteten. In den letzten Jahren wurde diese Klausel von Amnesty International und Human Rights Watch scharf kritisiert, die behaupten, die Regierung missbrauche das Gesetz, um abweichende Stimmen zu unterdrücken.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Meredith Shaw und Joseph Yi.|zeitung=The Diplomat|titel=Will Yoon Suk-yeol Finally Reform South Korea’s National Security Law?|datum=2022-03-15|url=https://thediplomat.com/2022/03/will-yoon-suk-yeol-finally-reform-south-koreas-national-security-law/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Antiimperialistischer, anti-US- und pro-Wiedervereinigungs-Kampf in Südkorea ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Unification Vanguard of the Korean Confederation of Trade Unions Anti-US Demonstration.png|miniatur|318x318px|Die Unification Vanguard der [[Korean Confederation of Trade Unions]] entfaltet große Transparente mit den Aufschriften „Dieses Land ist unser Land, YANKEE GO HOME“ und „Stoppt die Vorbereitungen für einen Angriffskrieg“ bei einer Demonstration im August 2022 gegen gemeinsame US-ROK-Militärübungen.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youtube.com/watch?v=ZXCK3s-vic8 „23기 민주노총 중앙통일선봉대 활동영상“ („23rd KCTU Central Unification Vanguard Activity Video“)]. 민주노총 (Confederation of Trade Unions). 14. August 2022. YouTube.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;김준. (Kim Jun). [http://worknworld.kctu.org/news/articleView.html?idxno=500588 „쌍용훈련 재개 예고에 23기 중앙통선대, 포항 한미연합상륙훈련장 지휘소 기습점거투쟁“ („23rd Central Telecommunication Battalion, Pohang ROK-U.S. Combined Amphibious Training Center Command Post, Surprise Occupation Struggle to Announce Resumption of Ssangyong Training“).] 노동과세계. 12. August 2022. [https://web.archive.org/web/20220828050027/http://worknworld.kctu.org/news/articleView.html?idxno=500588 Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der People&#039;s Democracy Party (PDP), einer revolutionären Arbeiterpartei in Südkorea, ist die anhaltende US-Militärbesatzung Südkoreas das Haupthindernis für eine friedliche Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Die PDP, die einen Artikel der [[Liberation School]] aus dem Jahr 2020 mitverfasste, schreibt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Frieden auf der koreanischen Halbinsel ist erst nach dem Abzug der US-Truppen möglich. Die US-Truppen sind Besatzungstruppen in Südkorea und eine Invasionsarmee in Nordkorea. Daher ist ihr Abzug die dringendste und bevorzugte Kampfaufgabe für die gesamte koreanische Nation, um sie zu lösen. Die aktuelle, auf ein hohes Niveau eskalierte Kriegskrise beweist, dass Frieden auf der koreanischen Halbinsel nicht verwirklicht werden kann, solange die US-Truppen nicht aus Südkorea abgezogen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solange die US-Truppen in Südkorea stationiert sind und Kriegsspiele gegen Nordkorea durchgeführt werden, ist die Aussicht auf Frieden zwangsläufig düster. Wir sind überzeugt, dass wir, wenn wir die Kämpfe für den Abzug der US-Truppen zu einem Volksaufstand des südkoreanischen Volkes entwickeln und wenn die gesamte koreanische Nation gemeinsam in großer Einheit kämpfen kann, die US-Truppen aus Südkorea abziehen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...] Wahre Frieden ist nur ohne Imperialismus möglich; das Haupt des Imperialismus ist die USA. Wir sind der Meinung, dass eine wahre Friedensbewegung eine antiimperialistische Bewegung und eine anti-US-Movement sein sollte. Wir glauben, dass die progressiven und friedliebenden Kräfte der Welt einen antiimperialistischen, anti-Kriegs-Kampf führen können und müssen, um alle Kriege in der Welt durch US-Truppen zu stoppen und alle US-Truppen, die im Ausland stationiert sind, abziehen zu können. Der Schlüssel ist die Bildung einer antiimperialistischen, anti-US-Einheitsfront und gemeinsamer antiimperialistischer, anti-US-Aktionen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Südkoreanische Studenten stürmen die offizielle Residenz des US-Botschafters, 2019.png|miniatur|Südkoreanische Studenten stürmen überraschend die offizielle Residenz des US-Botschafters [[Harry Harris]] im Jahr 2019, nutzen Leitern, um über die Mauer zu klettern, mit Schildern, auf denen „Verlasst dieses Land“ steht, und rufen „Hört auf, in unsere inneren Angelegenheiten einzugreifen“ und „Wir brauchen keine US-Truppen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:26&amp;quot;&amp;gt;Shin, Hyonhee. 2019. [https://www.reuters.com/article/us-usa-northkorea-southkorea-idUSKBN1WX0Z6 „Südkoreanische Studenten klettern in die Residenz des US-Botschafters, um gegen die Truppenpräsenz zu protestieren.“] U.S. 18. Oktober 2019. [https://web.archive.org/web/20230325105702/https://www.reuters.com/article/us-usa-northkorea-southkorea-idUSKBN1WX0Z6 Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:27&amp;quot;&amp;gt;오마이TV. 2019. [https://www.youtube.com/watch?v=Del06vXK8nk „순식간에 미대사관저 담장 넘어간 대학생들.“] YouTube Video. [https://web.archive.org/web/20221018101952/https://www.youtube.com/watch?v=Del06vXK8nk&amp;amp;feature=youtu.be Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Im Jahr 2019 wurden 19 südkoreanische Studenten festgenommen, nachdem einige eine Leiter benutzt hatten, um über die Mauer in das Gelände der Residenz des US-Botschafters [[Harry Harris]] in Seoul zu klettern, um gegen die Präsenz der US-Truppen im Land zu protestieren. Ein Sprecher der US-Botschaft in Seoul sagte, dass etwa 20 koreanische Staatsbürger illegal das offizielle Wohngebäude des US-Botschafters betreten und versucht hätten, gewaltsam in die Residenz selbst einzudringen. In einem Video, das aus dem Inneren des Gebäudes übertragen wurde, beschuldigten die Aktivisten die Vereinigten Staaten, eine 500%ige Erhöhung der Kosten für die Stationierung von etwa 28.500 Truppen in Südkorea zu fordern, hielten ein Banner mit der Aufschrift „Verlasst diesen Boden, Harris“ und riefen „Hört auf, in unsere inneren Angelegenheiten einzugreifen!“ „Raus!“ und „Wir brauchen keine US-Truppen!“ bevor sie von der Polizei aus der Residenz gebracht wurden. Die Studenten hatten bereits im Jahr 2018 versucht, in die US-Botschaft in Seoul einzudringen, wurden aber von der Polizei gestoppt. Ein Reuters-Artikel bemerkt, dass die Studentengruppe auch „ein Forum abgehalten hat, um ihre ‚Forschungsergebnisse‘ über die Leistungen des nordkoreanischen Führers [[Kim Jong-un|Kim Jong Un]] vorzustellen und ihn als fürsorglichen und einflussreichen Führer zu loben.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:26&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:27&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Nodutdol]] (Koreanisch: 노듯돌), eine [[Antiimperialismus|antiimperialistische]], pro-Wiedervereinigungsorganisation der diasporischen Koreaner,&amp;lt;ref&amp;gt;[https://nodutdol.org/about/ „About.“] Nodutdol. [https://web.archive.org/web/20230401142208/https://nodutdol.org/about/ Archiviert] 2023-04-01.&amp;lt;/ref&amp;gt; stellt in ihrer Broschüre „Sanctions of Empire“ aus dem Jahr 2020 fest, dass Botschafter Harry Harris die interkoreanische Versöhnung behindert hat, indem er die Bemühungen der [[Moon Jae-in]]-Administration blockierte, den Tourismus in die DPRK zu entwickeln, und behauptete, dass „unabhängige“ Tourismuspläne der US-Konsultation unterzogen werden müssten, wobei betont wurde, dass die Gegenstände im Gepäck der südkoreanischen Touristen [[Wirtschaftssanktionen|Sanktionen]] verletzen könnten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://nodutdol.org/sanctions-of-empire/ „제국의 제재 - Sanctions of Empire.“] [[Nodutdol]]. 20. Oktober 2020. [https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf PDF]. [https://web.archive.org/web/20220520095404/https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf Archive].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Insel Jeju, die vor der Südspitze der koreanischen Halbinsel liegt, finden seit einem Jahrzehnt Proteste gegen den Bau einer Marinebasis statt. Aktivisten wiesen in einer Erklärung von 2013 darauf hin, dass die Basis nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, dass Koreaner in einen US-China-Konflikt gezogen werden: „Die Marinebasis Jeju wird ein Außenposten des US-amerikanischen maritimen Militärbündnisses sein, zusammen mit Japan, das China zum Ziel hat, eher als ein strategischer Punkt der unabhängigen nationalen Verteidigung. Mit der [[Pivot to Asia]]-Strategie der USA erhöhen sich die Chancen, dass Südkorea in Konflikte zwischen den USA und China hineingezogen wird.“&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.peoplepower21.org/english/1080148 &amp;lt;nowiki&amp;gt;„[Publication] No Naval Base on Jeju Island! - 참여연대 -.“&amp;lt;/nowiki&amp;gt;] 참여연대. 7. Oktober 2013. [https://web.archive.org/web/20210414023914/http://www.peoplepower21.org/English/1080148 Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt; Obwohl die Basis schließlich fertiggestellt wurde, setzten die Demonstranten ihre Proteste mit Demonstrationen und Versuchen, sie zu betreten, fort und sagten, dass sie zwar nominell eine südkoreanische Basis sei, aber „ein Ort, an dem hochmoderne strategische Vermögenswerte der US-Armee jederzeit nach Belieben der amerikanischen Interessen vorbeikommen können“.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/820635.html „American Nuclear Submarine Enters Jeju Naval Base.“] Hankyoreh. Hani.co.kr. 2017. [https://web.archive.org/web/20230325090226/https://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/820635.html Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt; &lt;br /&gt;
```&lt;br /&gt;
In 2020, an activist was arrested for trespassing on the base and destroying government property.&amp;lt;ref&amp;gt;Elizabeth Shim. [https://www.upi.com/Top_News/World-News/2020/03/30/South-Korea-arrests-protester-for-infiltrating-Jeju-Naval-Base/2991585585755/ &amp;quot;South Korea Arrests Protester for Infiltrating Jeju Naval Base.&amp;quot;] UPI. 30. März 2020. [https://web.archive.org/web/20200814001452/https://www.upi.com/Top_News/World-News/2020/03/30/South-Korea-arrests-protester-for-infiltrating-Jeju-Naval-Base/2991585585755/ Archiviert].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:People rally to protest against the planned South Korea-U.S. military drills in Seoul, South Korea, Aug. 13, 2022.jpg|miniatur|Menschen demonstrieren gegen die geplanten ROK-US-Militärübungen in Seoul, Südkorea, 13. August 2022. Banner sagen &amp;quot;Stoppt die Kriegsübungen! Nein zu USA!&amp;quot; (Koreanisch: 전쟁연습 중단! 미국 반대!)]]&lt;br /&gt;
Am 13. August 2022 demonstrierten Tausende südkoreanische Gewerkschafter und ihre progressiven Unterstützer im Zentrum von Seoul gegen gemeinsame US-südkoreanische Kriegsübungen. In einem von [[Press TV]] hochgeladenen Video wurde Oh Eun-Jung von der Nationalen Lehrergewerkschaft mit den Worten zitiert: &amp;quot;Die Bedrohung durch einen Atomkrieg auf der koreanischen Halbinsel wächst, konservative Kräfte von Yoon Suk-yeol in Südkorea und die in den USA führen verzweifelt aggressive Kriegsübungen am Himmel, auf dem Land und auf dem Meer durch und stehen kurz davor, groß angelegte Militärübungen zu beginnen, die auf die Invasion Nordkoreas abzielen. Wir müssen dieses Verhalten der anti-Wiedervereinigungskräfte stoppen.&amp;quot; Im selben Video erklärte der Bauarbeiter Lee Seung-Woo: &amp;quot;Wir lehnen nicht nur die Kriegsübungen ab, sondern wir wollen, dass die US-Streitkräfte Korea, die tatsächlich die koreanische Halbinsel kontrollieren und sich einmischen, dieses Land verlassen. Wir glauben, dass erst dann die achtzig Millionen Koreaner aus Nord und Süd friedlich leben können.&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Frank Smith. [https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games &amp;quot;Südkoreanische Gewerkschafter Protestieren Gegen US-Südkorea-Kriegsspiele.&amp;quot;] PressTV News. 13. August 2022. [https://web.archive.org/web/20220826124551/https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Medienunternehmen [[Sovereignty Broadcast]] (Koreanisch: 주권방송), das zusätzlich unter dem Namen 615tv auf einigen seiner Social-Media-Konten auftritt, lädt informative und aufklärende Videos auf seine YouTube-Seite hoch, die sich mit dem Kampf um Frieden und Wiedervereinigung in Korea befassen. Laut der About-Seite des Kanals ist es ein Internet-Medienunternehmen, das sich mit Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel und verschiedenen aktuellen Themen in Korea befasst.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youtube.com/c/The615tv/about Über Sovereignty Broadcast]. Sovereignty Broadcast. YouTube.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zensur ===&lt;br /&gt;
Bis 1973 waren Bilder von [[Kim Il-sung]] in Südkorea verboten. Die südliche Geheimpolizei behauptete fälschlicherweise, Kim sei ein Hochstapler, der nicht an der Guerilla-Bekämpfung gegen Japan beteiligt gewesen sei. 1989 verhaftete der Polizeistaat durchschnittlich 3,3 Koreaner pro Tag wegen antikommunistischer Zensurgesetze. Viele [[Anti-Kapitalismus|antikapitalistische]] Bücher sind verboten, sogar einige von Nicht-[[Marxismus|Marxisten]]. 2011 löschten die südlichen Behörden über 67.000 Internetbeiträge, die kritisch gegenüber der ROK oder den USA waren. Linksextreme Musik wie der „Song of the Red Flag“ (der sogar von der [[Sozialdemokratie|sozialdemokratischen]] [[Labour Party (UK)|UK Labour Party]] verwendet wird) ist ebenfalls nach dem National Security Law illegal.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1103&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Anti-Communist Police State|seite=136–145|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Von der Regierung sanktionierte Prostitution und Opfer von Menschenhandel ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Women who were encouraged by the South Korean government to work as prostitutes near US military bases hold a press conference outside of the Seoul High Court in the Seocho neighborhood.jpg|miniatur|Frauen, die von der südkoreanischen Regierung ermutigt wurden, in der Nähe von US-Militärbasen als Prostituierte zu arbeiten, halten nach einem Gerichtsurteil in ihrem Fall am 8. Februar 2018 eine Pressekonferenz vor dem Seoul High Court im Stadtteil Seocho ab.]]&lt;br /&gt;
Wie in einem Artikel des Journalisten [[Tim Shorrock]] aus dem Jahr 2019 beschrieben, wurden &amp;quot;zwischen dem Ende des Koreakriegs und den frühen 1990er Jahren mehr als eine Million koreanische Frauen in eine staatlich kontrollierte Prostitutionsindustrie verstrickt&amp;quot;, die vom und zum Vorteil des US-Militärs betrieben wurde. Sie arbeiteten in speziellen Zonen um US-Basen herum, in Gebieten, die von der südkoreanischen Regierung lizenziert wurden, ausschließlich für amerikanische Truppen reserviert waren und von der US-Armee überwacht und polizeilich kontrolliert wurden. Shorrock erklärt, dass das System darauf ausgelegt war, das US-südkoreanische Bündnis zu stärken und die Moral des US-Militärpersonals zu erhöhen, und dass Südkorea dadurch Devisen einbringen konnte, wobei Prostitution zu diesem Zweck als patriotische Pflicht einer Frau gegenüber dem Staat gefördert wurde. Diese Zonen, genannt „kijichon“ (Koreanisch: 기지촌; &amp;quot;Militärlagerstadt&amp;quot;), wurden um 31 US-Armee-, Luftwaffen- und Marinebasen in Südkorea eingerichtet. Shorrock schreibt, dass &amp;quot;in der Provinz Gyonggi, die sich von Süden von Seoul bis zur DMZ erstreckt und in der sich die Mehrheit der US-Basen befand, jedes Jahr von 1953 bis Ende der 1980er Jahre etwa 10.000 Sexarbeiterinnen registriert wurden.&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot;&amp;gt;[[Tim Shorrock|Shorrock, Tim]]. 2019. [https://newrepublic.com/article/155707/united-states-military-prostitution-south-korea-monkey-house &amp;quot;Willkommen im Affenhaus.&amp;quot;] The New Republic. 2. Dezember 2019. [https://web.archive.org/web/20230322174621/https://newrepublic.com/article/155707/united-states-military-prostitution-south-korea-monkey-house Archiviert] 2023-03-22.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2018 stimmte Lee Beom-gyun, ein Richter an einem Berufungsgericht in Seoul, zu, dass die südkoreanische Regierung die Prostitution aktiv gefördert hatte, um die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu stärken. Lee urteilte, dass der koreanische Staat die Militärlagerstädte „betrieb und verwaltete“, um zur „Aufrechterhaltung eines für die nationale Sicherheit wesentlichen Militärbündnisses“ beizutragen und die Branche durch „patriotische Erziehung, die Prostituierte als ‚Patrioten, die Devisen einbringen‘ lobte“, unterstützte. Er kam zu dem Schluss, dass die Regierung die Menschenrechte ihrer Bürger verletzt hatte, und verurteilte die Praxis, „Lagerstadtprostituierte in Zwangsinternierungslagen zu segregieren oder durch die wahllose Verabreichung von Penicillin, das ernsthafte körperliche Nebenwirkungen hat.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/831625.html &amp;quot;Court Finds That South Korean Government Encouraged Prostitution near US Military Bases.&amp;quot;] 2018. Hani.co.kr. [https://web.archive.org/web/20230325113713/http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/831625.html Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Artikel von 2019 beschreibt die Erfahrung einer Sexarbeiterin in diesem System:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Eine ehemalige Sexarbeiterin beschrieb in einem von Durebang produzierten Dokumentarfilm deutlich die Bedingungen, denen viele „kijichon“-Frauen ausgesetzt waren. „Ein Zuhälter verkaufte mich an eine US-Lagerstadt“, erinnerte sie sich. „In einem Lagerhaus wurde ich vergewaltigt. Die Polizei schickte mich ins Affenhaus, wo amerikanische Mediziner uns Injektionen“ von Penicillin und anderen Medikamenten gaben, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Nach ihrer Entlassung musste sie ein Plastikabzeichen tragen, das zeigte, dass sie getestet worden war – „Muschi-Tags“, nannte sie sie. Alle Sexarbeiterinnen und Barbesitzer mussten diese Registrierungszertifikate auch an den Wänden ihrer Einrichtungen aufhängen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Choi Hee-shin, eine Gemeinwesenorganisatorin, die in Dongducheon aufgewachsen ist, das das US-Camp Casey umgibt, wurde in demselben Artikel von 2019 mit den Worten zitiert: „Viele Menschen schämen sich für das, was in den Lagerstädten passiert ist, und wollen es vergessen“, und fügte hinzu: „Aber Menschen wie ich, wir können es nicht vergessen. Das US-südkoreanische Bündnis hing von diesen Trostfrauen ab.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der Wellesley-Professorin Katharine H.S. Moon in „Sex Among Allies“, einer Geschichte der militärischen Prostitution in Südkorea, war die „überwältigende Mehrheit“ der Prostituierten in den Lagerstädten entweder Waisen oder verlassen Kinder. Moon schätzt in ihrem Buch, dass auf dem Höhepunkt der US-Truppenstärke in den 1980er Jahren die „kijichon“-Wirtschaft 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Südkoreas ausmachte. Sobald sie für die Lagerstädte angeworben wurden, fanden sich die Frauen durch Schulden gefangen. Sie führten ihre Sexarbeit in Zimmern durch, die sie von den Barbesitzern mieten mussten. Sie mussten auch alle ihre Vorräte, einschließlich ihres Bettes, ihrer Kleidung und der Phonographen, die sie aufstellten, um ihre amerikanischen Kunden zu unterhalten, kaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Shorrock erklärt, dass viele der Koreaner, die Gerechtigkeit für die Sexarbeiterinnen der Lagerstädte suchen, sie als [[Trostfrauen]] bezeichnen, ein Begriff, der gemeinhin Frauen bezeichnet, die von der japanischen Kaiserlichen Armee entführt und gezwungen wurden, in militärischen Bordellen, die „Troststationen“ genannt wurden, während des Zweiten Weltkriegs zu arbeiten. Allerdings hat die koreanische Öffentlichkeit im Allgemeinen davon abgesehen, die kijichon-Frauen als Opfer des Imperialismus in der Art der Trostfrauen zu behandeln. Park Jeong-mi, eine Professorin an der Chungbuk National University, argumentiert, dass dieses Gefühl unfair ist, und in ihrer Forschung hat sie eine direkte historische Verbindung zwischen den japanischen und amerikanischen Systemen gefunden, da die US-Militärregierung einen Verwaltungsstaat schuf, der von Koreanern dominiert wurde, die mit den japanischen Kolonialherren kollaboriert hatten. Der Übergang von der japanischen zur amerikanischen erzwungenen Sexarbeit war ein einfacher Übergang, sagte sie: „Hochrangige koreanische Beamte, die unter der japanischen Kolonialherrschaft gedient hatten, waren mit dem Troststationssystem vertraut.“ Unter US-Druck, sagte Park, lizenzierte die südkoreanische Regierung die Bars und Clubs, die die Frauen beschäftigten, die die US-Truppen unterhielten, und verglich diese Einrichtungen mit de facto Bordellen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sexismus ===&lt;br /&gt;
Frauen erhalten für dieselbe Arbeit nur halb so viel Lohn wie Männer.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1222&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=[[Vijay Prashad]]|jahr=2008|titel=The Darker Nations: A People&#039;s History of the Third World|kapitel=Singapur|seite=248|pdf=https://cloudflare-ipfs.com/ipfs/bafykbzaceascnzh26r5d6uitjjs2z7rflhaxlt7rboz5whzdf76qg6xxvecqq?filename=%28A%20New%20Press%20People%27s%20history%29%20Vijay%20Prashad%20-%20The%20darker%20nations_%20a%20people%27s%20history%20of%20the%20third%20world-The%20New%20Press%20%282008%29.pdf|verlag=The New Press|isbn=9781595583420|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=9B40B96E830128A7FE0E0E887C06829F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Aufkommender Antikapitalismus ==&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren ist der Begriff „[[Hell Joseon]]“ oder „Hell Korea“ (Koreanisch: 헬조선) populär geworden, um die soziale Angst und Unzufriedenheit zu beschreiben, die mit hoher Arbeitslosigkeit und schlechten Arbeitsbedingungen einhergeht.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/739886.html Lashing out at “Hell Joseon”, young’uns drive ruling party’s election beatdown]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.washingtonpost.com/world/asia_pacific/young-south-koreans-call-their-country-hell-and-look-for-ways-out/2016/01/30/34737c06-b967-11e5-85cd-5ad59bc19432_story.html Young South Koreans call their country ‘hell’ and look for ways out] by the [[Washington Post]]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die südkoreanischen Medien haben auch zunehmend Erzählungen über Klassenantagonismus aufgenommen, die bei westlichen Zuschauern beliebte Erfolge waren, mit Filmen wie „Snowpiercer“ (2013)&amp;lt;ref&amp;gt;[https://newmultitude.org/snowpiercer-class-consciousness/ THE TRAIN IS CAPITALISM- SNOWPIERCER AND CLASS CONSCIOUNESS]&amp;lt;/ref&amp;gt; und „Parasite“ (2019)&amp;lt;ref&amp;gt;[https://medium.com/incluvie/parasite-and-capitalism-what-the-film-says-about-the-pursuit-of-wealth-993fa7ce7ee1 Parasite and Capitalism: What the Film Says About the Pursuit of Wealth]&amp;lt;/ref&amp;gt; und der beliebten TV-Show „Squid Game“ (2021).&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.msn.com/en-us/money/other/squid-game-the-rise-of-anti-capitalist-entertainment/ar-AAPaOHG Squid Game &amp;amp; The Rise Of Anti-Capitalist Entertainment]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.gen-zine.com/post/thesquidgame “The Squid Game”: Anti-Capitalism and Netflix]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.buzzfeednews.com/article/elaminabdelmahmoud/squid-game-netflix-review-lupin-international “Squid Game” Works Because Capitalism Is A Global Scourge]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit zunehmender wirtschaftlicher Schichtung, sozialer [[Entfremdung]] und mangelnden Chancen für junge Menschen, die in die Arbeitswelt eintreten, hat Südkorea eine Rate an psychischen Gesundheitsproblemen und Suiziden, die zu den höchsten in der entwickelten Welt gehört.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Katrin Park|zeitung=Foreign Policy|titel=South Korea Is No Country for Young People|datum=2021-10-5|url=https://foreignpolicy.com/2021/11/05/south-korea-suicide-rates-mental-illness-squid-game/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Dies führt zweifellos zur Entwicklung von [[Klassenbewusstsein]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[bürgerliche Medien]] (in Südkorea und in den USA) stellt sorgfältig sicher, dass alle Kritik am Kapitalismus kurz vor der Bereitstellung konkreter Lösungen stoppt, damit die Menschen nicht an [[Sozialismus]] und seinen [[Erfolge des Sozialismus|verschiedenen Erfolgen weltweit]] interessiert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Arbeitsmilitanz]] nimmt ebenfalls zu, da 500.000 südkoreanische Arbeiter an einem eintägigen [[Generalstreik]] teilnahmen und gegen die grassierende [[Ausbeutung]] durch die [[Gig worker|Gig-Economy]], hohe Wohnkosten und die höchsten jährlichen Arbeitszeiten in der OECD protestierten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://therealnews.com/half-a-million-south-korean-workers-walk-off-jobs-in-general-strike HALF A MILLION SOUTH KOREAN WORKERS WALK OFF JOBS IN GENERAL STRIKE] on [https://therealnews.com/half-a-million-south-korean-workers-walk-off-jobs-in-general-strike The Real News Network]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Notes&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Verweise==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Asien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Ostasien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Kapitalistische Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Besetzte Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Illegitime Staaten]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Web_citation&amp;diff=9285</id>
		<title>Vorlage:Web citation</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Web_citation&amp;diff=9285"/>
		<updated>2026-03-10T09:03:09Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Jaiden verschob die Seite Vorlage:Web citation nach Vorlage:Web-Zitat&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;#WEITERLEITUNG [[Vorlage:Web-Zitat]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Web-Zitat&amp;diff=9284</id>
		<title>Vorlage:Web-Zitat</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Web-Zitat&amp;diff=9284"/>
		<updated>2026-03-10T09:03:09Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Jaiden verschob die Seite Vorlage:Web citation nach Vorlage:Web-Zitat&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;includeonly&amp;gt;{{#invoke:web citation|cite}}&amp;lt;/includeonly&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
	&amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
		&amp;quot;date&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Date in YYYY-MM-DD format&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;example&amp;quot;: &amp;quot;2021-10-21&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;title&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Title&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;string&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Title of the article&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;url&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;URL&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;url&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;URL of the article&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;newspaper&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Newspaper or website name&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;string&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Name of the newspaper, periodical or website&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;example&amp;quot;: &amp;quot;The Grayzone&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;archive-url&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Archive URL&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;url&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;URL of the archived article&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;archive-date&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Archive date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Date of the archived URL&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;retrieved&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Retrieved date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Date the article has been retrieved&amp;quot;&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;quote&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Quote&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Cites a quotation from the article&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;string&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
		},&lt;br /&gt;
		&amp;quot;author&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
			&amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Author&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Name of the author who wrote the article&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;type&amp;quot;: &amp;quot;string&amp;quot;,&lt;br /&gt;
			&amp;quot;suggested&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
		}&lt;br /&gt;
	},&lt;br /&gt;
	&amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Creates a citation for web sources&amp;quot;,&lt;br /&gt;
	&amp;quot;paramOrder&amp;quot;: [&lt;br /&gt;
		&amp;quot;author&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;newspaper&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;title&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;url&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;archive-url&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;archive-date&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;retrieved&amp;quot;,&lt;br /&gt;
		&amp;quot;quote&amp;quot;&lt;br /&gt;
	]&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Republik_Korea&amp;diff=9283</id>
		<title>Republik Korea</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Republik_Korea&amp;diff=9283"/>
		<updated>2026-03-10T08:53:31Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Infobox country&lt;br /&gt;
|name=Republik Korea&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung_jahr=2019&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung=51.709.098&lt;br /&gt;
|fläche_km2=100.363&lt;br /&gt;
|datum1=15. August 1948&lt;br /&gt;
|gründungsereignis1=Erste Republik&lt;br /&gt;
|bild_karte=Statesian neocolonial occupation of Korea.svg&lt;br /&gt;
|karte_breite=260&lt;br /&gt;
|offizielle_sprachen=Koreanisch&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name3=Kim Jin-pyo&lt;br /&gt;
|name_einheimisch=대한민국&lt;br /&gt;
|bild_flagge=Flag of South Korea.svg&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel3=&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name2=Han Duck-soo&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel2=Premierminister*in&lt;br /&gt;
|oberhaupt_name1=[[Lee Jae-myung]]&lt;br /&gt;
|oberhaupt_titel1=Präsident*in&lt;br /&gt;
|bild_wappen=ROK emblem.svg&lt;br /&gt;
|hauptstadt=[[Seoul]]&lt;br /&gt;
|regierung=Zentrale präsidentielle Republik&lt;br /&gt;
|währung=Won (₩) (KRW)&lt;br /&gt;
|offizielle_webseite=https://www.korea.net/&lt;br /&gt;
|produktionsweise=[[Kapitalismus]]&lt;br /&gt;
|demonym=Südkoreaner*in&amp;lt;br&amp;gt;Koreaner*in&amp;lt;br&amp;gt;Koreanisch&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
Die &#039;&#039;&#039;Republik Korea&#039;&#039;&#039;, auch &#039;&#039;&#039;Südkorea&#039;&#039;&#039; oder von bürgerlichen Medien meist nur [[Korea]], ist ein Staat in [[Ostasien]]. Er grenzt im Norden an die [[DVRK]] und im Osten indirekt an [[Japan]]. Die RK befindet sich auf dem südlichen Teil der koreanischen Halbinsel, während die DVRK, auch Nordkorea genannt, sich auf Koreas nördlicher Hälfte befindet. Südkorea ist ein [[Bürgerlicher Staat|bürgerlich-liberaler Staat]], der als [[Vereinigte Staaten von Amerika|US-]]Marionettenstaat&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Empire of Japan|seite=45|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und [[Neokolonialismus|Kolonie]]&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt; auf dem südlichen Teil der [[Korea|Koreanischen Halbinsel]] liegt. Der nördliche Teil der Halbinsel wird von der [[Demokratische Volksrepublik Korea|Demokratischen Volksrepublik Korea (DPRK)]], auch bekannt als Volks-Korea, regiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der südkoreanischen [[People&#039;s Democracy Party]] (민중민주당), die in einem Artikel der [[Liberation School]] aus dem Jahr 2020 schreibt, „ist Südkorea eine vollständige Kolonie, die von der US-Armee besetzt ist, politisch von den USA unterdrückt wird und wirtschaftlich den [[Imperialismus|imperialistischen]] Ländern, einschließlich der USA, untergeordnet ist. Nach dem Militärputsch von 1961 dauerte die Herrschaft faschistischer Militärdiktaturen 30 Jahre, und seitdem hat ein pro-US-[[Neoliberalismus|neoliberales]] Regime im Land operiert. Es ausgebeutet die [[Proletariat|Arbeiter]], [[Bauernstand|Bauern]] und das gesamte Volk schwer.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot;&amp;gt;People&#039;s Democracy Party und Liberation School. [https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ „70 Years Too Long: The Struggle to End the Korean War – Liberation School.“] &#039;&#039;Liberation School – Revolutionary Marxism for a New Generation of Fighters&#039;&#039;, 25. Juni 2020. [https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ Archiviert].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut derselben Partei ist der Kampf um die Wiedervereinigung Koreas und den Frieden von dem Abzug der US-Truppen abhängig, und daher ist der Abzug der US-Militärs aus Südkorea „die dringendste und bevorzugte Kampfaufgabe für die gesamte koreanische Nation, um sie zu lösen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit ihrer Gründung war die ROK von Korruption und politischen Skandalen durchzogen. Alle vier lebenden ehemaligen südkoreanischen Präsidenten wurden wegen verschiedener Verbrechen, von Machtmissbrauch bis hin zu Bestechung und Veruntreuung, zu Gefängnisstrafen verurteilt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;aei&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2018-10-09|titel=South Korea&#039;s troubling history of jailing ex-presidents|url=https://www.aei.org/foreign-and-defense-policy/asia/south-koreas-troubling-history-of-jailing-ex-presidents/|zeitung=American Enterprise Institute}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2021-02-10|titel=Former South Korean president sentenced to prison|url=https://www.dw.com/en/former-south-korean-president-sentenced-to-prison/a-55779280|zeitung=Deutsche Welle}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2013-08-22|titel=Ex-president Roh Tae-woo to pay remainder of massive fine|zeitung=The Chosunilbo}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2017-02-07|titel=South Korea: President&#039;s impeachment on a background of political scandal|url=http://perspective.usherbrooke.ca/bilan/servlet/BMAnalyse?codeAnalyse=2320|zeitung=Perspective Monde}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;bbcsource&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|datum=2018-10-05|titel=South Korea ex-leader jailed for 15 years|url=https://www.bbc.com/news/world-asia-45756561|zeitung=[[BBC|BBC News]]}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Frühe Geschichte und japanische Besatzung ===&lt;br /&gt;
{{Hauptartikel|Korea}}&lt;br /&gt;
Einige der wichtigsten historischen Perioden Koreas bis zur Gegenwart sind die Zeit von Gojoseon (2333 v. Chr.–108 v. Chr.), die Zeit der Drei Han-Staaten, die Zeit der Drei Königreiche, die Zeit der Nord-Süd-Staaten (668–918), die Goryeo-Dynastie (918–1392), die Joseon-Dynastie (1392–1897), das relativ kurzlebige Koreanische Kaiserreich (1897–1910) und die Zeit der japanischen Kolonialbesetzung (1910–1945).&amp;lt;ref name=&amp;quot;:29&amp;quot;&amp;gt;Shin, Michael D.; Lee, Injae; Miller, Owen; Park, Jinhoon; Yi, Hyon-hye. [https://archive.org/details/isbn_9781107098466 &amp;quot;Korean History in Maps: from prehistory to the Twenty-first Century.&amp;quot;] Cambridge University Press, 3. Auflage, 2016.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[http://nationalatlas.ngii.go.kr/pages/page_3083.php &amp;quot;Territorial History of Korea.&amp;quot;] National Atlas of Korea: Comprehensive Edition (2022). National Geography Information Institute, Ministry of Land Infrastructure and Transport.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Laufe ihrer Geschichte sah sich Korea verschiedenen ausländischen Angriffen und Störungen ausgesetzt. Zum Beispiel stand Korea während der [[Imjin-Kriege]] der 1590er Jahre vor einer Invasion durch Japan&amp;lt;ref name=&amp;quot;:29&amp;quot; /&amp;gt; und Störungen wie dem imperialistischen [[Kanonenbootpolitik]] im 19. Jahrhundert.&amp;lt;ref&amp;gt;Bullimore, Kim. [https://redflag.org.au/node/6486 &amp;quot;Understanding US aggression against North Korea.&amp;quot;] [[Redflag]], [[Socialist Alternative (Australia)|Socialist Alternative]], 2018-08-21. [https://web.archive.org/web/20220526084730/https://redflag.org.au/node/6486 Archiviert] 2022-05-26.&amp;lt;/ref&amp;gt; Wie der unabhängige Gelehrte Jay Hauben in The Jeju Weekly beobachtete, blieb Korea „trotz 500 Jahren Bemühungen größerer Mächte, es zu dominieren, unabhängig“, bis es 1910 unter japanische Herrschaft geriet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Zeit der japanischen Besatzung, die bis zur Niederlage Japans im Jahr 1945 dauerte, wurde Koreas Wirtschaft entwickelt, um den Interessen des japanischen Reiches zu dienen, wobei die koreanische Industrie sich als „Anhängsel“ der japanischen Industrie entwickelte und die normale Entwicklung der nationalen Industrie Koreas behinderte.&amp;lt;ref&amp;gt;Kim Han Gil. [https://archive.org/details/ModernHistoryOfKorea/ &amp;quot;Modern History of Korea.&amp;quot;] Foreign Languages Publishing House, Pyongyang, Korea, 1979.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der südliche Teil der koreanischen Halbinsel war überwiegend landwirtschaftlich geprägt und wurde als „Reisschüssel“ des Landes angesehen, da er einen größeren Teil der Nahrungsmittel für Korea lieferte. Als Kolonialwirtschaft wurde sie streng kontrolliert, um einen Reisüberschuss für Japan zu schaffen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot;&amp;gt;Kim Jinwung. A &#039;&#039;Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military&#039;&#039;. Government in Korea, 1945-1948. Korea Journal, Summer 2007.https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8153/journal-47-2-208.pdf&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie [[Kim Il-sung|Kim Il Sung]] zusammenfasste, verwandelte Japan während der Kolonialzeit Korea in „eine Quelle für Rohstoffe und Arbeitskräfte, einen Markt für ihre Waren und eine Militärmacht für die Aggression gegen den Kontinent.“&amp;lt;ref&amp;gt;Kim Il Sung. &amp;quot;The Tasks of Korean Communists.&amp;quot; Treatise Published in Sogwang, Organ of the Korean People&#039;s Revolutionary Army, November 10, 1937. Collected Works Volume 1. ([https://www.marxists.org/archive/kim-il-sung/cw/01.pdf PDF])&amp;lt;/ref&amp;gt; Zusätzlich wurden die Koreaner unter der Kolonialherrschaft der Kidnapping und Versklavung in Form von Zwangsarbeit und sexueller Sklaverei (letztere sind als [[Trostfrauen]] bekannt) ausgesetzt, zusätzlich zu umfangreicher politischer Unterdrückung und kultureller Auslöschung.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:30&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Artikel der [[Liberation School]] erklärt, dass mit der Zunahme wirtschaftlicher und antikolonialer Forderungen unter der Besatzung der Widerstand gegen den japanischen Kolonialismus wuchs und [[Kommunismus|Kommunisten]] und [[Anarchismus|Anarchisten]] „begannen, sich in den Grenzgebieten von Russland, China und Korea zu treffen“. Am 1. März 1919 wurde eine massive koreanische Unabhängigkeitsprotestbewegung gestartet. Seit 1931 kämpften nationalistische und kommunistische Guerillas in den Bergen der Mandschurei gegen die Japaner, und Kim Il-sung entwickelte sich während dieser Zeit zu einem besonders effektiven Führer.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:30&amp;quot;&amp;gt;Ford, Derek. [https://www.liberationschool.org/the-chongryon-movement-the-struggle-of-koreans-in-japan/ „Chongryon: The Struggle of Koreans in Japan – Liberation School.“] &#039;&#039;Liberation School – Revolutionary Marxism for a New Generation of Fighters&#039;&#039;, 30. Januar 2019.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== US-Besatzung ===&lt;br /&gt;
[[Datei:The Japanese flag in front of the Japanese Government-General of Korea building in Seoul is replaced with the U.S. flag..png|miniatur|314x314px|US-Truppen senken die japanische Flagge in Seoul und ersetzen sie durch die US-Flagge.]]&lt;br /&gt;
Nach der Befreiung Koreas vom Japanischen Kaiserreich durch [[Kim Il-sung]] begann in einem „Ausbruch von Versammlungen und Organisierungen“, der „in ganz Korea an die Öffentlichkeit trat“, nachdem Japan kapituliert hatte, Aktivisten auf der gesamten koreanischen Halbinsel, Pläne und Organisierungen zu entwickeln, um die japanische Herrschaft und Dominanz zu ersetzen. Gruppen von lokalen Menschen versammelten sich in den meisten Dörfern und Städten und suchten nach Wegen, die Polizei und pro-japanischen Administratoren durch Menschen zu ersetzen, die sich der japanischen Herrschaft widersetzten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt; Eine linksgerichtete landesweite Organisation, die von Koreanern gegründet wurde und als Bündnis für die nationale Regierung bekannt ist, sowie viele lokale Volksausschüsse genossen landesweite Unterstützung. Allerdings erkannte die [[United States Army Military Government in Korea|US-Militärregierung in Korea]] (USAMGIK) den neuen Staat, der von den Volksausschüssen erklärt wurde, nicht an, und Korea wurde entlang des 38. Breitengrades von zwei amerikanischen Offizieren geteilt, die noch nie in Korea gewesen waren.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Don Oberdorfer, Robert Carlin|jahr=2014|titel=The Two Koreas: A Contemporary History|kapitel=|abschnitt=|seite=5|zitat=|pdf=|stadt=|verlag=|isbn=9780465031238|doi=|lg=|mia=|titel-url=|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Besetzung des südlichen Teils Koreas durch die USA wurde in der Proklamation Nr. 1 von General of the Army Douglas MacArthur am 7. September 1945 mit der Aussage angekündigt, dass „alle Regierungsgewalten über das Gebiet Koreas südlich des 38. Breitengrades und seine Bevölkerung vorerst unter meiner Autorität ausgeübt werden.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Liberation from Japan in 1945|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article2/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In „A Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military“‘ schreibt Kim Jinwung:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Als die Nachricht eintraf, dass die Vereinigten Staaten planten, den Süden Koreas zu besetzen, berief das [Komitee für die Vorbereitung der koreanischen Unabhängigkeit von &amp;lt;nowiki/&amp;gt;{{Verknüpfung|Yeo Un-hyeong}}] eine nationale Konvention in Seoul am 6. September ein, um seinem Regime das Siegel der Legitimität zu geben. Yeo und seine Anhänger wollten den Prozess der Gründung einer neuen Regierung beschleunigen, bevor die Amerikaner eintrafen. Yeo verkündete die Gründung der [[People&#039;s Republic of Korea (1945–1946)|Koreanischen Volksrepublik]], mit einem Kabinett, das distinguierte Nationalisten aller politischen Überzeugungen, rechts und links, umfasste. Aber der Körper war deutlich von der Linken beeinflusst, wobei Kommunisten Schlüsselrollen spielten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Die USA weigerten sich jedoch, diese Organisation anzuerkennen, und General [[John R. Hodge]], der Kommandierende General der US-Armee in Korea, verbot die Volksausschüsse und schuf neue lokale Räte unter konservativer Kontrolle.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; In einem Artikel mit dem Titel „People&#039;s Republic of Korea: Jeju, 1945-1946“ beschreibt Jay Hauben die Situation:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Am 8. September trafen 21 US-Kriegsschiffe in Incheon ein, um im Namen der Alliierten die Kapitulation des japanischen Generalgouverneurs von Korea und der 200.000 japanischen Militärangehörigen und ihrer Ausrüstung und Eigentums südlich des 38. Breitengrades zu überwachen. General John Hodge kommandierte die US-Landung. Die US-Delegation wurde von einem englischsprachigen Komitee der PRK [People&#039;s Republic of Korea] empfangen, um sie im Namen des Volkes und der neu entstehenden Regierung Koreas willkommen zu heißen. General Hodge weigerte sich, sie zu treffen. Seine Mission war es, die United States Military Government In Korea (USAMGIK) zu leiten, und er würde nicht akzeptieren, dass es bereits eine neu entstehende Regierung Koreas gab.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Aufgrund der weitverbreiteten Unterstützung für die Volksausschüsse griff die USAMGIK dazu, die Ausschüsse gewaltsam aufzulösen, damit die USA das Land effektiv regieren konnten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Who ruled over the Korean Peninsula?|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article3/|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Wie Hauben feststellt, „hatte die USAMGIK die Mission, eine koreanische Regierung zu verhindern, die dem Sozialismus, Kommunismus oder Linksextremismus freundlich gesinnt war. Diese Mission erforderte, dass die linksgerichtete Mehrheit des koreanischen Volkes umgelenkt werden musste.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:1946 South Korean opinion poll about socialism, communism, and capitalism.png|miniatur|Eine Meinungsumfrage, die in der Zeitung Dong-A Ilbo am 13. August 1946 erschien, zeigte, dass die Mehrheit der Befragten Sozialismus bevorzugte und weniger als 15% den Kapitalismus unterstützten.|341x341px]]&lt;br /&gt;
Im August 1946 veröffentlichte die Zeitung Dong-A Ilbo die Ergebnisse verschiedener Meinungsumfragen, die Informationen darüber suchten, welche Art von Regierung das Volk Koreas wollte. Von den Befragten antworteten auf die Frage, welchem System sie zustimmten, 14% der Befragten „Kapitalismus“ (1.189 Personen), 70% antworteten „Sozialismus“ (6.037 Personen), 7% antworteten „Kommunismus“ (574 Personen) und 8% antworteten „weiß nicht“ (653 Personen).&amp;lt;ref&amp;gt;[https://db.history.go.kr/id/dh_003_1946_08_13_0070 &amp;quot;1946년 8월 13일 軍政廳輿論局, 朝鮮國民이 어떠한種類의 政府를 要望하는지 여론을 조사&amp;quot; (&amp;quot;13. August 1946. Erhebt die öffentliche Meinung darüber, welche Art von Militärdienst das Volk des Militärs und der Regierung fordert.&amp;quot;)] 동아일보 1946년 08월 13일. (Dong-A Ilbo, 13. August 1946). 자료대한민국사 제3권. (Quelle Korea Geschichte Band 3). Korean History Database. 국사편찬위원회. (Nationales Institut für Koreanische Geschichte). [https://web.archive.org/web/20220825114505/https://db.history.go.kr/id/dh_003_1946_08_13_0070 Archiviert] 2022-08-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://newslibrary.naver.com/viewer/index.naver?articleId=1946081300209203003&amp;amp;editNo=1&amp;amp;printCount=1&amp;amp;publishDate=1946-08-13&amp;amp;officeId=00020&amp;amp;pageNo=3&amp;amp;printNo=7053&amp;amp;publishType=00020 &amp;quot;軍政廳輿論局調査(군정청여론국조사).&amp;quot;] Dong-A Ilbo 13. August 1946. Seite 3. Naver 뉴스 라이브러리 (Naver News Library).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Proklamation Nr. 1 von General MacArthur wurde die USAMGIK zur offiziellen Regierungsbehörde Südkoreas (in den Augen der USA) von 1945 bis 1948, bis zur Gründung der Republik Korea am 15. August 1948. Durch diese Reihe von Ereignissen wurde die koreanische Halbinsel entlang des 38. Breitengrades geteilt, der Süden wurde von den Vereinigten Staaten besetzt, die Volksausschüsse wurden unterdrückt, viele japanische Kolonialbeamte und Polizisten wurden wieder in Machtpositionen eingesetzt, und eine [[Faschismus|faschistische]] Diktatur unter der Führung des Harvard-Abschlusses [[Syngman Rhee]] wurde installiert.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=|titel=Syngman Rhee|url=https://www.doopedia.co.kr/doopedia/master/master.do?_method=view&amp;amp;MAS_IDX=101013000746262|zeitung=Doopedia|archive-url=|archive-date=|retrieved=}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Unterdrückte Kritik in der offiziellen US-Militärgeschichte des Koreakriegs und der US-Besatzung Koreas ====&lt;br /&gt;
In dem Werk „From Occupation to War: Cold War Legacies of US: Army Historical Studies of the Occupation and Korean War“ schreibt der Professor der Seoul National University, [[Chung Yong Wook]], dass „ein divergierendes Verständnis“ dieser Ära „in den USA und in der ‚freien Welt‘ durch Gewalt unterdrückt oder ausgerottet wurde“, da die offizielle US-Geschichte des Krieges im Kontext des aufkommenden Kalten Krieges geschrieben wurde. Der Militärhistoriker [[Richard D. Robinson|Richard Robinson]], der ein Werk kritisch gegenüber der Rolle der USA in Korea, „Betrayal of a Nation“, schrieb, konnte keinen Verlag für sein Werk finden und es blieb in Manuskriptform. [[I.F. Stone]]&#039;s Werk „The Hidden History of the Korean War“ (1952), das ebenfalls kritisch gegenüber dem Verhalten der USA in Korea war, wurde aus vielen Bibliotheken entfernt. Professor Chung stellt fest, dass „Militärhistoriker im Wesentlichen nicht erlaubt war, Informationen zu kritisieren, die ihnen gegeben wurden, noch hatten sie Spielraum bei der Interpretation und Kritik von Fakten, sie wurden nur dazu gebracht, eine ‚gereinigte‘ Geschichte zu beschreiben“ in allen Phasen des Informationssammlungs- und Geschichtsschreibprozesses.&amp;lt;ref&amp;gt;Chung, Yong Wook. From Occupation to War; Cold War Legacies of US Army Historical Studies of the Occupation and Korean War. Korea Journal, vol. 60, no. 2 (summer 2020): 14–54. doi: 10.25024/kj.2020.60.2.14 © The Academy of Korean Studies, 2020. URL: https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf [https://web.archive.org/web/20220725044626/https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf Archive URL]. Unterdrückung von Gegen-Erzählungen („Abstract“ S. 15, PDF S.1); „gereinigte Geschichte“ (S. 20, PDF S. 7)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut Richard Robinson, der während der Besatzung als Historiker für das Militär gearbeitet hatte, ist die offizielle amerikanische Militärgeschichte der Besatzung „stark voreingenommen und ungenau“. Er fügt hinzu, dass die offiziellen US-Geschichten „auf ausdrücklichen Befehlen geschrieben wurden, nicht einmal Kritik an etwas Amerikanischem anzudeuten“, und sagt, dass „wenn die Wahrheit bekannt wäre, die amerikanische Besetzung Südkoreas von einer unfähigen und korrupten Verwaltung unvorstellbar schlecht geführt wurde – alles im Namen der amerikanischen Demokratie.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot;&amp;gt;Robinson, Richard. Zitiert in Chung, Yong Wook. „From Occupation to War; Cold War Legacies of US Army Historical Studies of the Occupation and Korean War“. Korea Journal, vol. 60, no. 2 (summer 2020): 14–54. doi: 10.25024/kj.2020.60.2.14 © The Academy of Korean Studies, 2020 URL: https://kj.accesson.kr/assets/pdf/8518/journal-60-2-14.pdf&amp;lt;/ref&amp;gt; Robinson hatte seine Arbeit unterdrückt, da er Kritik an den Versagen der US-Militärregierung in Korea äußerte und schließlich gezwungen war, das Land zu verlassen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=김환균|zeitung=미디어오늘 (Media Today)|titel=&#039;미국의 배반&#039;이 미국에서 금서가 된 이유. (Why &amp;quot;American Betrayal&amp;quot; is Banned Reading in the U.S.)|datum=2004-08-09|url=http://www.mediatoday.co.kr/news/articleView.html?idxno=25874|archive-url=https://web.archive.org/web/20220724050252/http://www.mediatoday.co.kr/news/articleView.html?idxno=25874|archive-date=2022-07-24|retrieved=2022-07-24}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== USAMGIK ignoriert die Reismanagement der Volksausschüsse, etabliert einen „freien Markt“ für Reis ====&lt;br /&gt;
Während der japanischen Kolonialherrschaft unterwarfen die Japaner die Menschen Koreas strengen Kontrollen, um eine Nahrungsmittelreserve aufzubauen. Als die US-Truppen in Südkorea eintrafen, stellten sie fest, dass „die japanische Kontrolle über Reis gelockert oder ganz abgeschafft worden war“ und dass stattdessen „die [[People&#039;s Republic of Korea (1945–1946)|Koreanische Volksrepublik]] (KPR) und die Volksausschüsse die Nahrungsmittelbestände verwalteten, und laut amerikanischen Berichten ‚nachdem die Koreaner die japanische Polizei vertrieben hatten, [übernahmen die Führer der KPR und der Volksausschüsse] die Reissammelmaschinerie und betrieben sie erfolgreich, als die Amerikaner eintrafen‘“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Da die Amerikaner die Autorität der Volksausschüsse weitgehend nicht anerkannten und versuchten, eine [[Antikommunismus|antikommunistische]] Regierung in Südkorea zu etablieren, schalteten sie das Verwaltungssystem ab, das unter den Volksausschüssen betrieben wurde, und ersetzten es durch einen „freien Markt“ für Reis. In der Verordnung 19 beschreibt die USAMGIK dies als „jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind im Land die gleiche Möglichkeit zu geben, ihren gerechten und fairen Anteil am großen Reichtum zu genießen, mit dem diese schöne Nation gesegnet ist“.&amp;lt;ref&amp;gt;Office of the Military Governor, United States Army Forces in Korea. [https://en.wikisource.org/wiki/USAMGIK_Ordinance_19 Ordinance Number 19]. 1945-10-30. &amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In „A Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military“‘ beschreibt Kim Jinwung die Ergebnisse der Politik des freien Marktes der USAMGIK:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die unmittelbare Wirkung der Politik des freien Marktes war ein steiler Anstieg der Respreise und die daraus resultierende Hortung und Spekulation. Die schlechte Verteilung von Nahrungsmitteln führte zu Nahrungsmittelknappheit und Hunger in den Städten, trotz einer Rekordernte im Jahr 1945. Zusätzlich begann die auf Reis basierende südkoreanische Wirtschaft unvermeidlich unter massiver Inflation zu leiden. Es war durchaus natürlich, dass der Schwarzmarkt wachsen und prosperieren würde; man erwartete, dass die Verlockung der Schwarzmarktpreise den Fluss von Reis auf den Schwarzmarkt stimulieren würde. Das Ergebnis war, dass „Reis fast vollständig vom Markt verschwand“. Durch ihre Politik des freien Marktes verlor die US-Militärregierung die Hauptstärke der südkoreanischen Wirtschaft – ihre Fähigkeit, große Überschüsse an Getreide zu extrahieren – und verursachte stattdessen eine galoppierende Inflation, fast Hungersnot Anfang 1946 und einen allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenbruch. Der Preis für einen Scheffel Reis stieg von 9,4 Yen im September 1945 auf 2.800 Yen im September 1946. Grundbesitzer, Polizei und andere Regierungsbeamte sowie wohlhabende Personen betrieben Spekulationen in großem Stil.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Infolge dieser Politik wurde die USAMGIK „mit Beschwerden und Petitionen von Koreanern überschwemmt, die forderten, dass die Preiskontrolle und Rationierung wieder aufgenommen werden und dass die amerikanische Militärregierung drastische Maßnahmen ergreift, um die Hortung von Reis zu stoppen“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Es schien jedoch vielen, dass die USAMGIK „zögerlich war, gegen die Haupthortenden vorzugehen“, da es sich um koreanische Geschäftsleute handelte, auf deren Rat sich die Regierung verlassen hatte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Bis 1946 hob die USA den freien Markt auf und führte die Reisrationierung wieder ein. Eine Zusammenfassung der Aktivitäten der US-Armee-Militärregierung in Korea besagte, dass die öffentliche Aufmerksamkeit zu dieser Zeit auf die „Bedrohung durch Hunger“ gerichtet war.&amp;lt;ref&amp;gt;Commander-in-Chief, United States Army Forces, Pacific. &#039;&#039;[https://www8.cao.go.jp/okinawa/okinawasen/pdf/b0604002_09/b0604002_09.pdf Summation of United States Military Government Activities in Korea, No. 6].&#039;&#039; März 1946. &amp;lt;/ref&amp;gt; Als sich die Situation weiter verschlechterte, sanken die US-Reisrationen schließlich auf die Hälfte der Rationsgröße, die während der japanischen Kolonialverwaltung im Zweiten Weltkrieg erhalten wurde, und Zeitungen veröffentlichten Berichte über Hungersnot und Verhungern, wobei eine weitere Katastrophe nur durch spätere Lieferungen von US-Getreide als Notfallhilfe verhindert wurde. Zusätzlich „zwang die sich verschlechternde Nahrungsmittelsituation die Amerikaner, das alte japanische Reissammelsystem wiederzubeleben“, das bei den Bauern unbeliebt war.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt; Die USAMGIK bildete schließlich lokale Gremien, die aus lokalen Polizeibeamten, Ältesten, Geschäftsleuten und Grundbesitzern bestanden, die von der USAMGIK genehmigt wurden, um die Sammlung von Reisquoten zu verwalten, schuf jedoch kein System für Berufungen, um die Quoten anzupassen. Unter diesem Programm wurden viele Bauern verhaftet oder sahen sich mit Gewalt konfrontiert, weil sie ihre Quoten nicht erfüllten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Wiederernennung japanischer Kolonialbeamter unter US-Besatzung ====&lt;br /&gt;
Die USAMGIK hatte eine Politik der Wiedereinstellung von Offizieren aus der japanischen Kolonialzeit, die sie mit dem Bedarf an effektiver Regierungsführung zu rechtfertigen versuchte. Dieses Versäumnis, Beamte zu verfolgen, die mit den Japanern kollaboriert hatten, und die Wiedereinsetzung ihrer Macht erhöhte den öffentlichen Unmut gegen das US-Regime.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; Anstatt ihre Unabhängigkeit vollständig zu genießen, wurden die Menschen von denselben unterdrückerischen Polizeibeamten und korrupten öffentlichen Amtsträgern wie unter der japanischen Kolonialherrschaft victimisiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Jeju’s political climate following liberation|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth_article4/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die US-Besatzer schufen eine Armee, die mit ehemaligen japanischen Offizieren besetzt war, und bauten die [[Korean National Police]] (KNP) der japanischen Besatzungszeit wieder auf.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:110&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The War Against Communists of the South|seite=95–99|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Konflikt zwischen Besatzungsstreitkräften und Volksausschüssen ====&lt;br /&gt;
Richard Robinson, der Leiter der Abteilung für öffentliche Meinung des Informationsdepartements der USAMGIK, der in Korea anwesend war und zum offiziellen US-Militärhistorikerdienst beigetragen hatte, gab später seine Beobachtungen über die Volksausschüsse und die Politik der USAMGIK zur Wiedereinstellung von Offizieren aus der japanischen Kolonialzeit ab:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Es war sicher zu sagen, dass die lokalen Volksausschüsse in diesen frühen Tagen größtenteils der echten basisdemokratischen Sorte angehörten und einen spontanen Drang des Volkes repräsentierten, sich selbst zu regieren. [...] Sie lehnten Befehle der Militärregierung ab, die Verwaltung der lokalen Regierung an US-Armeeoffiziere und ihre ernannten koreanischen Gegenstücke zu übergeben, von denen viele als japanische Kollaborateure angesehen wurden. Es schien wie eine Rückkehr zu dem, was zuvor war. In vielen Gemeinden kam es zu Blutvergießen, da die lokalen Volksausschüsse der Militärregierung trotzten und sich weigerten, Regierungsbüros zu verlassen. Koreaner und Amerikaner trafen in offenen Schlachten aufeinander, und nicht wenige Koreaner kamen bei den Kämpfen gewaltsam ums Leben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot;&amp;gt;Robinson, Richard. Zitiert in Mark J. Scher (1973) „U.S. policy in Korea 1945–1948: A Neocolonial model takes shape.“ Bulletin of Concerned Asian Scholars, 5:4, 17-27, DOI: 10.1080/14672715.1973.10406346. &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://doi.org/10.1080/14672715.1973.1040634&amp;lt;/nowiki&amp;gt; URL: https://www.tandfonline.com/doi/pdf/10.1080/14672715.1973.10406346&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Robinson gibt dann ein Beispiel für einen Vorfall, den er als „typisch“ für diese Zeit bezeichnet. Laut Robinson hatten die Japaner kurz vor der Ankunft der Amerikaner in der kleinen Gemeinde Namwon in der Provinz Nord-Jeolla beträchtliches Eigentum an den lokalen Volksausschuss übergeben. Die US-Militärregierung forderte dann das Eigentum, aber der Volksausschuss weigerte sich, es an die US-Militärregierung zu übergeben. Robinson erklärt, dass fünf Führer des Ausschusses von der lokalen koreanischen Polizei verhaftet wurden, und fügt hinzu, dass „der Polizeichef von Ausschussmitgliedern gefangen und verprügelt wurde und die Polizeistation von einer großen Menge wütender Bürger angegriffen wurde“. Er sagt, dass die Station von amerikanischen Truppen bewacht wurde, und als sich die Koreaner weigerten, sich aufzulösen, „rückten die Amerikaner mit aufgesetzten Bajonetten vor“, was dazu führte, dass zwei Koreaner getötet und mehrere verletzt wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb eines Jahres nach der US-Besatzung begannen Aufstände in 80 Städten und Hunderten von Dörfern. Nach der Unterdrückung der Koreanischen Volksrepublik begannen weitverbreitete [[Streik|Streiks]] und Proteste, gefolgt von einer Guerilla-Bewegung. Bis Dezember 1947 hatte die KNP über 21.000 Linksextreme verhaftet, und die Anzahl der politischen Gefangenen war größer als unter der japanischen Besatzung. Bis 1948 kontrollierten Widerstandskräfte die meisten der Binnendörfer in Südkorea. Die KNP verhaftete so viele Menschen, dass sie keinen Platz mehr in den Gefängnissen hatte und zwang zusätzlich 70.000 Menschen, darunter 30.000 Kommunisten, in Konzentrationslager. Bis 1950 töteten die südkoreanische Regierung und die US-Besatzungstruppen zwischen 100.000 und 200.000 Dissidenten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:110&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
=== Erste Republik (1948–1960) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Syngman Rhee.jpg|miniatur|264x264px|Syngman Rhee (Koreanisch: 이승만), Präsident der ROK Erste Republik von 1948–1960, wurde in einem [[Central Intelligence Agency|CIA]]-Bericht von 1948 als „extremer Rechtsextremist“ beschrieben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Wilson Center Digital Archive|titel=18. März 1948 Central Intelligence Agency, ORE 15/48, &#039;The Current Situation in Korea&#039;|archive-url=https://web.archive.org/web/20220729051304/https://digitalarchive.wilsoncenter.org/document/220065.pdf?v=d41d8cd98f00b204e9800998ecf8427e|retrieved=2022-07-29|Archiv=History and Public Policy Program Digital Archive, Record Group 263, Records of the Central Intelligence Agency|url=https://digitalarchive.wilsoncenter.org/document/220065.pdf?v=d41d8cd98f00b204e9800998ecf8427e}}&amp;lt;/ref&amp;gt;]]Nach der Ablehnung der [[Union of Soviet Socialist Republics (1922–1991)|sowjetischen]] Vorschläge für gesamtkoreanische Wahlen schufen die Vereinigten Staaten ein UN-Komitee bestehend aus [[Kanada]], [[Commonwealth of Australia|Australien]], den [[Republik der Philippinen|Philippinen]] und dem besiegten [[Kuomintang]] aus [[People&#039;s Republic of China|China]], um die Wahlen in der südlichen Zone zu überwachen. Koreaner aus allen Teilen der Nation organisierten eine nationale Einheitskonferenz in [[Pyongyang]], die drei Wochen vor den von den USA gesponserten Wahlen stattfand. Viele [[Linksgerichtete Politik|linksgerichtete]] Parteien und einige [[Rechtsextreme Politik|rechtsgerichtete]] Parteien boykottierten die Wahlen. Die koreanische Nationalpolizei und rechtsextreme Schläger attackierten Kommunisten, während Menschen, die nicht wählten, ihr Land und ihre Rationierungskarten verlieren würden. [[Syngman Rhee]] gewann die manipulierten Wahlen und übernahm die Macht als erster Präsident des Südens. Während der Wahlen führte [[Kim Sok-won]] einen Umzug in Seoul von 2.500 Koreanern an, die mit den Japanern kollaboriert hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erste Republik war die Regierung von Südkorea von August 1948 bis April 1960. Syngman Rhee regierte während der gesamten Existenz der Ersten Republik. Die Erste Republik war durch Rhees Autoritarismus und Korruption, begrenzte wirtschaftliche Entwicklung, starken Antikommunismus und Ende der 1950er Jahre durch wachsende politische Instabilität und öffentliche Opposition gegen Rhee geprägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bevor er von der OSS (Vorläufer der CIA) nach Korea geflogen wurde, hatte Rhee über fünfunddreißig Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt, einen M.A. in Harvard und einen Ph.D. in Princeton erworben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Max Hastings|jahr=1988|titel=The Korean War|titel-url=https://archive.org/details/koreanwar00hast_0/page/32/mode/2up|kapitel=Origins of a Tragedy|seite=32, 33-34|zitat=Syngman Rhee wurde 1875 als Sohn eines genealogischen Gelehrten geboren. Er bestand die Beamtenprüfungen mehrere Male nicht, bevor er Englischschüler wurde. Zwischen 1899 und 1904 war er wegen politischer Aktivitäten inhaftiert. Nach seiner Freilassung ging er in die Vereinigten Staaten, wo er einige Jahre studierte, einen M.A. in Harvard und einen Ph.D. in Princeton erwarb – der erste Koreaner, der einen amerikanischen Doktortitel erhielt. Nach einer kurzen Rückkehr in seine Heimat 1910 ließ sich Rhee erneut in Amerika nieder. Er blieb die nächsten fünfunddreißig Jahre dort, lobbyierte unermüdlich für amerikanische Unterstützung der koreanischen Unabhängigkeit, finanziert durch die Beiträge koreanischer Patrioten. (S.32)|verlag=|stadt=|isbn=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut Max Hastings in „The Korean War“:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Rhees Unterstützung durch die Militärregierung war eine entscheidende Kraft in seinem Aufstieg zur Macht. [...] Es gibt keine dunklere Episode in der Geschichte der amerikanischen Besatzung als die Rückkehr Rhees nach Seoul. Die Militärregierung bestritt nicht nur die Mitwirkung, sondern auch das Vorwissen darüber. Doch alle Beweise deuten nun darauf hin, dass General Hodge und sein Stab an einer sorgfältig orchestrierten Verschwörung teilnahmen, um Rhee zurückzubringen, trotz der Weigerung des Außenministeriums, ihm einen Pass zu erteilen. Ein ehemaliger stellvertretender Direktor des kriegszeitlichen OSS, Preston Goodfellow, überredete das Außenministerium, Rhee mit Dokumenten zu versorgen. Es scheint, dass es bei dieser Transaktion zumindest ein Maß an Korruption gab. Rhee lernte Goodfellow während des Krieges kennen, als der Koreaner dem Amerikaner fälschlicherweise vorschlug, er könnte Agenten für Operationen hinter den japanischen Linien bereitstellen. Nach dem Krieg scheint es fast sicher, dass Goodfellow Rhee assistierte und Geld für ihn aufbrachte, im Austausch für das Versprechen von Handelskonzessionen in Korea, sobald der Doktor an die Macht kam. Rhee flog in einem von MacArthurs Flugzeugen nach Seoul. Trotz der vehementen Dementis der US-Armee im Fernen Osten scheint es wahrscheinlich, dass er sich während seines Zwischenstopps in Tokio geheim mit sowohl dem Oberbefehlshaber als auch Hodge traf. Rhee, so scheint es, war ihr Kandidat für die Führung einer koreanischen Zivilregierung.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Ein CIA-Bericht aus dem Jahr 1948 schrieb, dass „es jede Aussicht gibt, dass Rhees Machtübernahme von innerparteilichen Spaltungen und der rücksichtslosen Unterdrückung aller nicht-Rhee-rechten, gemäßigteren und linksgerichteten Oppositionen gefolgt wird“, und charakterisierte Rhee als einen „importierten Exilpolitiker“ und „extremen Rechtsextremisten“ sowie Demagogen, der auf autokratische Herrschaft aus sei, der eine „unpopuläre“ Figur sei, die aufgrund seiner extrem rechtsextremen Orientierung in die kommunistische Propaganda spielen würde. Er schrieb auch, dass die volle Unterstützung der USA für ihn potenziell „eine Quelle zukünftiger Verlegenheit für die US-Politik im Fernen Osten“ sein könnte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der Ersten Republik verringerte sich die Anzahl der US-Truppen, aber viele Geheimdienstoffiziere und Kampfspezialisten blieben in Südkorea. Der Widerstand gegen die Besatzung nahm weiter zu und erreichte bis Anfang 1949 3.500 bis 6.000 Guerillakämpfer. Rhee schuf die National Guidance League, um Linksextreme dazu zu bringen, die Wiedervereinigung abzulehnen, und zwang 300.000 Menschen zum Beitritt. Er schuf auch das [[National Security Law]], das bis heute existiert und die Anerkennung der DPRK als legitimen Staat kriminalisiert. Fast 190.000 Menschen, darunter Mitglieder der Nationalversammlung, wurden bis Dezember 1949 unter diesem Gesetz verhaftet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1102&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Political Partition of Korea|seite=115–116|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Jeju People&#039;s Committee ====&lt;br /&gt;
Nach der Befreiung von der japanischen Kolonisierung wurde das Jeju People’s Committee mit dem Vorsitzenden der Farmers&#039; Guild und der Fishermens&#039; Guild als seinen Führern gegründet. Laut der Jeju 4.3 Peace Foundation „war das Jeju People’s Committee in jeder Hinsicht die einzige politische Partei und die einzige Regierung in Jeju“ nach der Befreiung von den Japanern. E. Grant Meade, ein USAMGIK-Offizier, sagte: „Das Jeju People’s Committee war die einzige politische Partei auf der Insel und die einzige Organisation, die wie eine Regierung handelte.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt; Die Ausschüsse genossen den Respekt und die Unterstützung der meisten Dorfbewohner. Ausschussmitglieder waren in ihren Gemeinden durch ihre langjährigen Tätigkeiten als Lehrer, Gewerkschaftsführer und für ihren Widerstand gegen japanische Missbräuche oder für ihre Organisationsarbeit in Japan bekannt. Als die USAMGIK auf Jeju eintraf, stellte sie fest, dass das Jeju People’s Committee und alle Dorf- und Kreis-Volksausschüsse erfolgreich als de facto Regierung mit populärer Unterstützung fungierten. Die USAMGIK störte oder forderte diese de facto Regierung nicht heraus. Dies war ungewöhnlich, da die USAMGIK die Mission hatte, sicherzustellen, dass eine rechtsgerichtete Regierung, die dem Sozialismus feindlich gegenüberstand, in Korea entstand.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Jay Hauben|zeitung=The Jeju Weekly|titel=People&#039;s Republic of Korea: Jeju, 1945-1946|datum=2011-08-20|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1865|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723035033/http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1865|archive-date=2022-07-23|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Im Gegensatz zum Festland, wo die Volksausschüsse sofort ignoriert und systematisch von der USAMGIK demontiert wurden, blieb der Volksausschuss auf Jeju Island länger intakt und diente als Hauptregierungskörper der Insel bis 1948, als er ebenfalls gewaltsam im Zusammenhang mit dem Prozess der offiziellen Gründung der Republik Korea in diesem Jahr demontiert wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Jeju-Aufstand und Massaker ====&lt;br /&gt;
{{Hauptartikel|Jeju-Aufstand}}[[Datei:Northwest Youth League logo 백골부대 정신을 계승한 서북청년단 기.jpg|miniatur|262x262px|Banner der Northwest Youth League, einer rechtsextremen paramilitärischen Gruppe, die Regierungsstreitkräfte bei der Massenermordung von Jeju-Bewohnern im Namen des Antikommunismus unterstützte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lauren Flenniken|zeitung=The Jeju Weekly|titel=The Northwest Youth League|datum=2011-04-10|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=1435|retrieved=2022-07-25|zitat=Trotz der fehlenden rechtlichen Grundlage für die Ausübung ihrer Macht, erlaubten Präsident Rhee und die KDP der Gruppe, aggressive Gewalt gegen angebliche Kommunisten ohne Einschränkungen anzuwenden. [...] Professor Bruce Cumings von der University of Chicago stellt fest, dass die lokale Regierung und Polizei von Jeju zu dieser Zeit hauptsächlich aus Festlandbewohnern bestand, die &amp;quot;zusammen mit ultra-rechten Parteiterroristen&amp;quot;, auch bekannt als der Northwest Youth League, arbeiteten.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
1948 kam es auf Jeju Island zu einer Reihe von Ereignissen, die unterschiedlich als Jeju-Aufstand, Jeju-4.3-Vorfall und Jeju-Massaker bekannt sind. Ein Aufstand brach aus, gefolgt von einer Vergeltungsmaßnahme im Stil der verbrannten Erde, die von Regierungsstreitkräften und rechtsextremen paramilitärischen Gruppen durchgeführt wurde, um kommunistischen Einfluss auf der Insel auszurotten. Das Jeju-Massaker war das zweitgrößte Massaker in der modernen Geschichte Südkoreas,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Song Jung Hee|zeitung=The Jeju Weekly|titel=Islanders still mourn April 3 massacre|datum=2010-03-31|url=http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=657}}&amp;lt;/ref&amp;gt; wobei die Zahl der Todesopfer von der Jeju-4.3-Peace-Foundation auf etwa 30.000 Menschen oder ein Zehntel der Inselbevölkerung beziffert wird.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Jeju 4.3 Peace Foundation|titel=Background to the Jeju 4·3 Uprising and Massacre|datum=2018|url=http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth-article1/|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723024308/http://jeju43peace.org/historytruth/fact-truth/factstruth-article1/|archive-date=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl die Volksausschüsse in anderen Regionen entweder von der USAMGIK aufgelöst wurden oder unter anderen Namen operierten, blieb der Jeju People’s Committee intakt und genoss starke Unterstützung. Dies war größtenteils darauf zurückzuführen, dass die pro-japanische Fraktion in Jeju relativ schwach war. Viele Menschen, die für die Unabhängigkeit gegen die Japaner gekämpft hatten, kehrten in ihre Heimatstädte zurück und wurden Mitglieder des People’s Committee in Jeju.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt; Allerdings widersprachen viele Jeju-Bewohner der Teilung der Koreanischen Halbinsel und protestierten stark gegen die erste Wahl, die für den 10. Mai 1948 geplant war und die die Gründung der Republik Korea südlich des 38. Breitengrades bestätigen würde. Ihr Widerstand gegen die Teilung der Halbinsel und die Einrichtung des südlichen Regimes löste eine brutale Unterdrückung durch Regierungsstreitkräfte aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut dem Jeju 4·3 Incident Investigation Report „wurden um Mitte November 1948 unnachgiebige Repressionsmaßnahmen durchgeführt. Im Rahmen dieser Maßnahmen wurde eine Ausgangssperre für die Bewohner der Berggebiete verhängt, und wenn jemand diese brach, wurde er ohne Ausnahme hingerichtet. Von Mitte November 1948 bis Februar 1949, etwa vier Monate lang, brannten die Anti-Guerilla-Expeditionen die Bergdörfer nieder und töteten die Bewohner kollektiv. [...] Während dieser Zeit waren die Verluste am höchsten, und die meisten der Bergdörfer wurden buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Jeju 4·3 Peace Foundation|jahr=2003|titel=The Jeju 4·3 Incident Investigation Report|seite=469|pdf=https://jeju43peace.or.kr/cmm/fms/FileDown.do?atchFileId=FILE_00000000000071265Cu0&amp;amp;fileSn=0|verlag=The National Committee for Investigation&lt;br /&gt;
of the Truth about the Jeju April 3 Incident}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Eine Kombination aus Regierungsstreitkräften und gewalttätigen rechtsextremen paramilitärischen Gruppen, insbesondere der rechtsextremen antikommunistischen Northwest Youth League, führte diese Angriffe durch.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Jeju 4.3 Camellia flower.png|miniatur|Die Kamelienblüte kann auf der Insel Jeju als Symbol für die Opfer des 4.3-Vorfalls gesehen werden. &#039;&#039;&#039;Oben:&#039;&#039;&#039; Eine Kamelienblüten-Nadel. &#039;&#039;&#039;Unten:&#039;&#039;&#039; Kamelienblüten, die die Form der Insel Jeju bilden.]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===== Todesopfer des Jeju-Massakers und langfristige Inhaftierung von Jeju-Bewohnern =====&lt;br /&gt;
Da die Fakten des Jeju-Massakers über fünfzig Jahre lang offiziell unterdrückt wurden und erst im Januar 2000 durch ein Sondergesetz der südkoreanischen Regierung ans Licht kamen, das eine offizielle Untersuchung des Vorfalls forderte, konnte eine offizielle Todeszahl erst zu diesem Zeitpunkt festgestellt werden. Darüber hinaus veranschaulichen Entdeckungen von Massengrabstätten, wie das 2008 in der Nähe des Jeju-Flughafens entdeckte Massen grab, die Schwierigkeit, die wahre Anzahl der Opfer des Massakers zu berechnen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; Laut einem Bericht der Nationalen Kommission für den Jeju-4.3-Vorfall wurden 25.000 bis 30.000 Menschen getötet oder verschwanden einfach, wobei weitere 4.000 nach Japan flohen, als die Regierung versuchte, den Aufstand niederzuschlagen. Da die Bevölkerung der Insel zu dieser Zeit höchstens 300.000 betrug, betrug die offizielle Zahl ein Zehntel der Einwohner. Allerdings behaupten einige Jeju-Bewohner, dass bis zu 40.000 Inselbewohner bei der Niederschlagung getötet wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; Einige Schätzungen behaupten, dass bis zum Ende dieser Ereignisse bis zu 60.000 Menschen getötet wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=2000-06-18|titel=Ghosts of Cheju|url=|zeitung=Newsweek|archive-url=https://www.newsweek.com/ghosts-cheju-160665|archive-date=|retrieved=2021-21-30}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Zahl von 30.000 Toten, oder einer von zehn Jeju-Bewohnern zu dieser Zeit, ist eine häufig genannte Zahl für die Anzahl der Menschen, die während dieser Zeit ihr Leben verloren, und wird auf der Website der Jeju 4.3 Peace Foundation zitiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Ergebnis der jahrzehntelangen Unterdrückung der Fakten über das Massaker ist die langfristige Inhaftierung von Jeju-Bewohnern, die unter dem Verdacht, Kommunisten zu sein, während des Konflikts verhaftet wurden. Viele der unter diesen Anklagen Verhafteten starben in Gefangenschaft. Andere blieben bis zu 20 Jahre im Gefängnis, und diejenigen, die freigelassen wurden, wurden nicht von ihren kriminellen Aktenfreigesprochen und wurden von der Gemeinschaft geächtet oder bei ihren Bewerbungen um Arbeitsplätze benachteiligt, weil sie kriminelle Akten hatten. Jahrzehnte nach ihrer Verhaftung wurden einige der verbleibenden Opfer 2019 rechtlich von den Anklagen freigesprochen, aufgrund eines Urteils, das feststellte, dass das Militärgericht der damaligen Zeit keine ordnungsgemäßen rechtlichen Verfahren befolgt hatte, unbegründete Anklagen erhoben hatte und dass keine Gerichtsakten aus dieser Zeit gefunden wurden, die erklären, warum die Verhafteten so harte Urteile erhalten hatten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lee Suh-yoon|zeitung=The Korea Times|titel=Jeju massacre victims get their names cleared in court|datum=2019-01-17|url=https://www.koreatimes.co.kr/www/nation/2019/01/251_262242.html|zitat=Die Klage wurde von 18 Klägern eingereicht, die als kommunistische Aufständische gebrandmarkt und – zusammen mit etwa 2.500 anderen – während des ideologischen Konflikts, der auf der südlichen Insel nach Koreas Unabhängigkeit von Japan aufflammte, inhaftiert wurden. Viele starben in Gefangenschaft. Selbst nach dem Überleben des Massakers und der Inhaftierung wurden die Kläger von der Gemeinschaft geächtet oder bei ihren Bewerbungen um Arbeitsplätze wegen ihrer kriminellen Akten benachteiligt. [...] Die Kläger forderten 2017 eine Neuverhandlung und argumentierten, sie seien ohne faires Verfahren verhaftet und bis zu 20 Jahre inhaftiert worden. Es wurden keine Gerichtsakten aus dieser Zeit gefunden, die erklären, warum den Klägern so harte Urteile auferlegt wurden.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Vaterlandsbefreiungskrieg (1950–1953) ====&lt;br /&gt;
&amp;lt;blockquote&amp;gt;&#039;&#039;Siehe auch: [[Koreanischer Krieg]], [[Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg|Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg]]&#039;&#039;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Diese Periode wird im Allgemeinen im Englischen als „Koreanischer Krieg“ bezeichnet, in der DPRK als „Vaterlandsbefreiungskrieg“ (Koreanisch: 조국해방전쟁) und in Südkorea als „6.25-Krieg“ (Koreanisch: 6·25 전쟁). In China wird sie manchmal als „Koreanischer Krieg“ bezeichnet, und bestimmte Schlachten werden als „Krieg zur Abwehr der US-Aggression und zur Unterstützung Koreas“ (Chinesisch: 抗美援朝战争) bezeichnet. Diese Periode wird von einigen im Englischen auch als „The Forgotten War“ oder „The Unknown War“ bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den USA wurde der Krieg zunächst als „Polizeimaßnahme“ beschrieben, da die Vereinigten Staaten ihren Gegnern niemals offiziell den Krieg erklärten.&amp;lt;ref&amp;gt;Truman, Harry S. (29. Juni 1950). „The President&#039;s News Conference of June 29, 1950. Teachingamericanhistory.org. [https://web.archive.org/web/20101226063925/http://teachingamericanhistory.org/library/index.asp?document=594 Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut dem Büro des Historikers des US-Außenministeriums: „Als Nordkorea im Juni 1950 Südkorea invadierte, sponserten die Vereinigten Staaten eine ‚Polizeimaßnahme‘ – einen Krieg in allem außer dem Namen – unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen. Das Außenministerium koordinierte die strategischen Entscheidungen der USA mit den 16 anderen Ländern, die Truppen zum Kampf beisteuerten. Darüber hinaus arbeitete das Außenministerium eng mit der Regierung von Syngman Rhee zusammen und ermutigte ihn, Reformen umzusetzen, damit der Anspruch der UN, die Demokratie in Korea zu verteidigen, zutreffend wäre.“ Die Beschreibung des US-Außenministeriums über den Krieg stellt fest, dass „der Koreakrieg schwer zu führen war und im Inland unpopulär“ war und dass „das amerikanische Volk eines Krieges ohne Sieg müde wurde.“&amp;lt;ref&amp;gt;A Short History of the Department of State. „NSC-68 and the Korean War.“ Office of the Historian, Foreign Service Institute, U.S. Department of State. URL: https://history.state.gov/departmenthistory/short-history/koreanwar [https://web.archive.org/web/20220725043544/https://history.state.gov/departmenthistory/short-history/koreanwar Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die People&#039;s Democracy Party (PDP) Südkoreas charakterisiert die Bedingungen, die zum Koreakrieg führten, wie folgt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Objektiv gab es im Jahr 1949 unter der pro-US- und rechtsextremen Rhee-Seung-man-Regierung 2.617 Angriffe aus dem Süden in den Norden. Daher kann man nicht sagen, dass der Krieg genau am 25. Juni 1950 ausbrach. Die US-Militärregierung löste gewaltsam die Volksausschüsse auf, die als unabhängige südkoreanische Volksorganisationen gegründet worden waren, und ermordete und unterdrückte die nationalistischen Befreiungsbewegungen und patriotischen und demokratischen Kräfte, nachdem die US-Armee im September 1945 als Besatzungsmacht in Südkorea einmarschiert war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Menschen außer den minimalen pro-US- und rechtsextremen Kräften hielten im April 1948 in Pjöngjang die „Gemeinsame Sitzung der Vertreter der politischen Parteien und sozialen Organisationen in Nord- und Südkorea“ ab und beschlossen, die US-Militärs sofort abzuziehen und eine vereinigte Regierung durch die Kraft und Initiative der koreanischen Nation zu gründen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings wurde die einzelne Regierung des Südens durch die USA und die Intervention der UN, die unter der Dominanz der USA stand, etabliert. Dann musste Nordkorea seine eigene Regierung gründen. Die Bedingung für den Ausbruch des Koreakriegs hatte sich entwickelt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Die PDP erklärte, dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg zur Spitze der imperialistischen Kräfte geworden seien und Korea das erste Land sei, das sie invadiert hätten. Die PDP charakterisiert den Krieg als einen Kampf zwischen der koreanischen Nation und dem US-Imperialismus und stellt auch fest, dass „es der erste Krieg war, den der US-Imperialismus gegen ein kleines Land führte und verlor.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan Winnington, ein britischer Korrespondent in China und Korea für die „Daily Worker“, gibt eine Beschreibung der offensichtlichen Unwissenheit der US-Soldaten zu Beginn des Krieges, indem er Kriegsgefangene interviewte, die von der Volksarmee gefangen genommen wurden. Winnington schreibt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Ich fragte jeden Gefangenen, den ich traf: „Warum kämpfen Sie in Korea?“ Keiner konnte eine klare Antwort geben. Die meisten sagten: „Ich weiß es nicht.“ Einige sagten: „Es hat etwas mit den Vereinten Nationen zu tun, haben sie uns gesagt.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige hatten von Rhee gehört. Keiner kannte Kim Ir Sen. Mit einer oder zwei Ausnahmen sagten die Soldaten – fast alle Teenager –, sie hätten sich der Armee angeschlossen, um „die Welt zu sehen“, „dem Wehrdienst zu entkommen“ oder „etwas Geld zu sparen“. Ihre allgemeine Sicht auf den Koreakrieg wurde von Edward Sorea, einem neunzehnjährigen Soldaten aus San Bernardino, Kalifornien, zusammengefasst. Er sagte: „Ich wollte nur reisen. Es war Friedenszeit. Wer zum Teufel dachte, es würde einen Krieg geben? Einer fällt dir aus heiterem Himmel auf den Kopf.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie können keinen amerikanischen Soldaten finden, dem es wichtig ist, ob Amerika den Krieg gewinnt oder nicht – eher treffen Sie viele, die wollen, dass die Koreaner schnell gewinnen, damit sie „nach Hause zurückkehren“ können. „Gewinnen oder verlieren“, sagen sie, „das amerikanische Volk hat nichts zu gewinnen“. Soldaten wie diese sind schlechte Kämpfer – wie schlecht, kann man sehen, wenn man eine Reise auf der Hauptstraße von Kumchon, nahe dem 38. Breitengrad, nach Yongdong, nahe Taegu, im Süden macht.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitat|autor=Alan Winnington|zeitung=The Daily Worker|titel=I Saw The Truth In Korea: Facts and photographs that will shock Britain|datum=September 1950|url=https://www.docdroid.net/8z73fQZ/i-saw-the-truth-in-korea-readingt-ver-pdf|zitat=The Daily Worker schickte mich nach Korea, um die Fakten aus erster Hand zu erhalten und sie der britischen Öffentlichkeit zu berichten. Und so kam ich am 16. Juli in Korea an und blieb fünf Wochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich wusste ich vor meiner Abreise, dass die Amerikaner stark bombardierten und schlecht kämpften. Ich wusste, dass Syngman Rhees Truppen nur als verstreute Einheiten existierten und es keine „südkoreanische Armee“ mehr gab; dass dies effektiv ein Krieg zwischen Amerika und Korea war. Diese Fakten waren weltweit bekannt, aber ich gestehe, dass ich mental nicht auf alles vorbereitet war, was ich fand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin waren wir und die Russen vor fünf Jahren im Krieg gegen die Nazis Verbündete der Amerikaner. Seitdem sind Roosevelt und seine Kollegen gegangen und die Atomdiplomatie hat ihren Platz eingenommen. Aber dennoch, was ich sah, wie die Amerikaner in Korea handelten, erschütterte mich bis ins Mark. Ich nehme an, mein ganzes Leben lang habe ich Propaganda über Amerika als zivilisierte Nation gehört, und etwas davon muss bei mir angekommen sein. Irgendwie dachte ich nie daran, dass die Amerikaner genau das tun würden, was die Nazis taten, bis ich es mit eigenen Augen sah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sprechen immer noch von Coventry als Beispiel für böswillige und nutzlose Bombardierung, aber die Amerikaner sind weit über die Nazis hinausgegangen, was sie höflich als „Sättigungsbombardierung“ bezeichnen. Die amerikanische Art, Krieg in Korea zu führen, folgt demselben Muster wie die Nazis, aber unter Berücksichtigung der Größe des Landes, noch grausamer und genauso dumm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wonsan ist eine viel kleinere Stadt als Coventry, nicht annähernd so groß wie der Londoner Vorort Walthamstow. Während ihres ersten schweren Angriffs im Juli warfen B.29-Superfestungen 500 Tonnen Sprengbomben auf die Stadt – 60 Tonnen mehr als Coventry in dieser schrecklichen Nacht vor zehn Jahren erhielt. Es wurden keine Ziele anvisiert. MacArthurs Kommuniqué gab zu, dass es „starke Bewölkung“ gab, die „die Bewertung der Wirkung des Angriffs verhinderte“. Tatsächlich betrug die Sichtweite zu diesem Zeitpunkt null, da es stark regnete. In Coventry gab es in dieser Nacht 1.000 Opfer. Während des ersten Angriffs auf Wonsan wurden 1.249 Menschen getötet und die nördliche Hälfte der Stadt wurde zerstört. Im August wurde der Angriff wiederholt und die andere Hälfte zerstört. Es wurde kein anderes militärisches Ziel beansprucht als die Tatsache, dass diese Stadt ein Eisenbahnzentrum war. Tausend Tonnen Bomben; eine ausgelöschte Stadt; über 4.000 Opfer insgesamt; Zehntausende obdachlos und trauernd – alles, um eine Eisenbahnstrecke zu beschädigen. Ergibt das Sinn? Dies ist die Art von Bombardierung, die keine britische Stadt je erlebt hat. Ich sah Coventry und war in London während des gesamten „Blitz“ und sah Wonsan nach diesen Angriffen. Es war viel schlimmer als das Schlimmste, was die Nazis je getan haben.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Winnington stellt die offensichtliche Ahnungslosigkeit und mangelnde Entschlossenheit der amerikanischen Truppen dem von ihm beobachteten Verhalten der Koreaner gegenüber:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[D]ie schreckliche Zerstörung von Häusern und Leben, die damit einherging, hat die gesamte Nation wütend gemacht. Selbst ehemalige Apologeten Amerikas sind jetzt ihre erbitterten Feinde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den Straßen kann man Hunderte von Männern treffen, die Ihnen erzählen: „Mein Zuhause wurde in ... bombardiert, also schickte ich meine Frau und Kinder zu Verwandten auf dem Land und ich bin hier, um mich freiwillig zu melden.“ In Wonsan wurden die Frau und Kinder eines Arbeiters, Wan Wun Chu, bei einem Angriff getötet, während er bei der Arbeit war. „Sie sind tot und ich kann sie nicht zurückrufen“, sagte er. „Wenn ich sterbe, ist es jetzt wenig. Aber ich würde mein letztes Blut opfern, um Rache zu nehmen und diese mörderischen Hunde aus unserem Land zu vertreiben. Sie sagen mir, mein Platz ist in der Produktion, und ich werde mich bis auf die Knochen abarbeiten, um mehr für die Armee zu produzieren.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedes Dorf, das ich besuchte, erzählte mir stolz nicht nur, wie viele Männer in die Armee gegangen waren, sondern auch, wie viele Freiwillige darauf warteten, angenommen zu werden. Es mangelt nicht an erstklassigen Kämpfern; Männer, die in den unzähligen Bergen, die Korea bedecken, gezüchtet wurden; Freiwillige, die wissen, warum sie gewinnen wollen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Winnington fasst seine Beurteilung des Ausbruchs des Koreakriegs im Jahr 1950 mit den Worten zusammen: „Korea hat Syngman Rhee und die Amerikaner abgesagt. Alle Koreaner wollen, dass Korea wiedervereint und von Koreanern regiert wird. Kein Regime kann existieren, das vom Volk abgesagt wurde, und dieser Krieg kann nur von den Koreanern gewonnen werden, genau wie der Krieg in China nur vom Volk gewonnen werden konnte. Dies ist eine der eisernen Fakten des zwanzigsten Jahrhunderts. [...] In China war das Muster dasselbe; Amerika unterstützte die korruptesten und gehasstesten Feinde des Volkes, angeführt von Chiang Kai-shek, unterstützte sie mit mehr als 6 Milliarden Dollar, schickte ihnen militärische Hilfe und Berater – und produzierte ihr großes Fiasko. [...] Es ist Amerika, das Korea invadiert hat. Um die Interessen von Morgan und Rockefeller, von Dupont und den Stahlbaronen zu verteidigen, um das Land den feudalen Grundbesitzern zurückzugeben, um das Volk in Armut zurückzutreiben, um eine Kriegsbasis gegen die friedliche Sowjetunion aufrechtzuerhalten.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
```&lt;br /&gt;
===== Unterstützung für die DPRK unter südkoreanischen Bürgern während des Krieges =====&lt;br /&gt;
[[Datei:CIA-Standort 1 und 2.jpg|miniatur|CIA-Dokument von 1950, in dem steht, dass mehr als 50% der Studenten in Seoul aktiv Kommunisten halfen, viele von ihnen freiwillig für die Nordarmee, und dass die Arbeiterklasse in Seoul im Allgemeinen den Norden unterstützte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Der Koreakrieg und die folgenden Jahrzehnte waren durch massive Verhaftungskampagnen und Massenmorde geprägt, um Kommunisten sowie alle anderen zu unterdrücken, die verdächtigt wurden, dem hochgradig unpopulären südlichen Regime entgegenzutreten. Im Jahr 1950, als die DPRK versuchte, das Land wiedervereinigen, zogen sich Rhees Truppen zurück und töteten mindestens weitere 60.000 angebliche kommunistische Sympathisanten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Kim Dong-Choon|jahr=2004|titel=Forgotten war, forgotten massacres--the Korean War (1950-1953) as licensed mass killings|kapitel=|abschnitt=|seite=|zitat=|pdf=https://www.academia.edu/6417696|stadt=|verlag=Journal of Genocide Research|isbn=|doi=|lg=|mia=|titel-url=|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem CIA-Memorandum von 1950, nachdem die Nordarmee Seoul eingenommen hatte, berichtete der Direktor der Central Intelligence und Konteradmiral der US-Marine R.H. Hillenkoeter, dass &amp;quot;über 50% der Studenten in Seoul aktiv die kommunistischen Invasoren unterstützen, viele von ihnen melden sich freiwillig für die Nordarmee&amp;quot; und dass unter der Bevölkerung von Seoul &amp;quot;die Arbeiterklasse im Allgemeinen die Nordkoreaner unterstützt, während die Händler neutral sind und die Intelligenz weiter pro-südlich ist&amp;quot;, und fügte hinzu, dass die Straßen von Seoul &amp;quot;überfüllt waren [...] mit Jugendlichen, die an kommunistischen Demonstrationen teilnahmen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=R.H. Hillenkoeter, Direktor der Central Intelligence|zeitung=CIA Memorandum|titel=The Korean Situation|datum=1950-7-19|url=https://www.cia.gov/readingroom/docs/1950-07-19b.pdf|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723030500/https://www.cia.gov/readingroom/docs/1950-07-19b.pdf|archive-date=2022-07-23|zitat=Das frühere Versagen der Republik Korea, die Unterstützung ihrer unruhigen Studentenschaft zu gewinnen, könnte der Grund dafür sein, dass über 50% der Studenten in Seoul aktiv die kommunistischen Invasoren unterstützen, wobei sich viele freiwillig für die Nordarmee melden. Offensichtlich von dem Glanz einer siegreichen Armee angezogen, könnte die Moral dieser Rekruten schnell leiden, wenn es schwierig wird. Unter anderen Elementen der Bevölkerung von Seoul unterstützt die Arbeiterklasse im Allgemeinen die Nordkoreaner, während die Händler neutral sind und die Intelligenz weiter pro-südlich bleibt. Ein ehemaliger Polizist aus Seoul berichtet, dass nordkoreanische Truppen und Polizei in Seoul eher unauffällig sind. Kommerziell ist die Stadt fast &amp;quot;tot&amp;quot;; die Geschäfte sind geschlossen, mit Ausnahme von zwei Kaufhäusern und einigen Gemüsehändlern. Die Straßen sind jedoch überfüllt, besonders mit Jugendlichen, die an kommunistischen Demonstrationen teilnehmen.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die People&#039;s Democratic Party von Südkorea, die 2020 interviewt wurde, sagte, dass &amp;quot;fast alle Arbeiter und Bauern im Süden die US-Armee abgelehnt haben&amp;quot; und fügte hinzu, dass &amp;quot;laut nordkoreanischen Daten etwa 400.000 Menschen im Süden sich freiwillig für die nordkoreanische Armee gemeldet haben, als der Koreakrieg begann&amp;quot;.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut Kim Sin Gyu, einem nordkoreanischen Korrespondenten, der zu dieser Zeit in Seoul anwesend war: &amp;quot;Als die Stadt erstmals befreit wurde, begrüßten die Bürger von Seoul die Korean People&#039;s Army. Ich erinnere mich, dass ich Leute sagen hörte: &#039;Wir haben gehört, dass die nordkoreanischen kommunistischen Soldaten eine monströse Meute sind, mit den Hörnern von Teufeln und roten Gesichtern. Aber wenn wir sie jetzt sehen, sind sie die gleichen wie wir. Die Soldaten sind jung, mutig und gutaussehend.&#039;&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot;&amp;gt;&#039;&#039;Korea: The Unknown War.&#039;&#039; TV-Dokumentarfilm-Serie. Episode 2: &amp;quot;An Arrogant Display of Strength.&amp;quot; Thames Television, 1988. Ausgestrahlt auf WGBH Boston, 1990. (URL:  https://www.youtube.com/watch?v=aVCuku3Ldi0)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alan Winnington, ein Korrespondent der „Daily Worker“, der 1950 in Korea anwesend war, schrieb:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Jeden Abend brodelt das Land Koreas, besonders im Süden, vor Leben. Hunderte von Bauern und Stadtbewohnern strömen auf die Straßen und reparieren innerhalb weniger Stunden die Bombenschäden des Vortages durch die schiere Masse unendlicher, williger menschlicher Arbeit. Während das passiert, setzen Hunderte von anderen ihren Marsch nach Süden fort, wo sie bei Tagesanbruch haltmachten; sie managieren unzählige Ochsenkarren auf abgelegenen Nebenwegen; sie tragen Lasten von Nahrungsmitteln und Munition auf dem Rücken. All diese Wiederaufbau- und Transportarbeiter sind Freiwillige, unbezahlt, sie stellen ihr eigenes Essen und Material zur Verfügung, mit ihrer eigenen Miliz, um sie vor herumstreunenden Feindtruppen zu schützen, selbstversorgend, vertraut mit dem Gelände und entschlossen, der ausländischen Besatzung ihres Landes ein Ende zu setzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...] An Orten, an denen ich die Zahlen überprüft habe, stellte ich fest, dass fast jeder verfügbare Mann und viele der Frauen an der einen oder anderen Seite des zivilen Kriegsdienstes teilgenommen haben. Südlich des Parallel, im Landkreis Koyang in der Nähe von Seoul, hatten sich in zwölf Tagen 54.085 Männer aus einer Gesamtbevölkerung von nur 180.000 freiwillig gemeldet. Während des Vorrückens der Volksarmee in diesem Gebiet hatte das lokale Volkskomitee in einer einzigen Nacht 1.000 Ochsenkarren für einen Transporteinsatz mobilisiert. Ich habe persönlich nie einen Bauern getroffen – außer den alten und gebrechlichen –, der der Armee nicht auf irgendeine Weise geholfen hätte. Und in den Städten kann man jeden Abend sehen, wie sich die Wiederaufbauarbeiter zu Tausenden mit Schaufeln, Brechstangen und Seilen versammeln. Mindestens die Hälfte von ihnen sind Frauen, die sich weigern, selbst von der schwersten und gefährlichsten Arbeit der Rettung und Brandbekämpfung während der Angriffe ausgeschlossen zu werden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt; &amp;lt;/blockquote&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===== Kriegsverbrechen der USA =====&lt;br /&gt;
&amp;lt;blockquote&amp;gt;&#039;&#039;Siehe auch: [[Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg|Liste der von den Vereinigten Staaten von Amerika begangenen Gräueltaten#Koreanischer Krieg]]&#039;&#039;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Während des Koreanischen Krieges töteten US-Truppen eine große Anzahl koreanischer Zivilisten und setzten massenhaft Napalm ein, und wie schließlich durch entklassifizierte Dokumente enthüllt wurde, hatten sie zu bestimmten Zeiten eine Politik, gezielt auf südkoreanische Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Youkyung Lee|zeitung=Associated Press|titel=S. Korean who forced US to admit massacre has died|datum=2014-08-07|url=https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726115036/https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176|zitat=Am 26. Juli 1950, außerhalb des zentralen südkoreanischen Dorfes No Gun Ri, wurden Hunderte von Zivilisten aus nahegelegenen Dörfern, die von US-Truppen nach Süden beordert worden waren, von einem eingegrabenen Bataillon des US 7. Kavallerieregiments gestoppt und dann ohne Vorwarnung von US-Kampfflugzeugen angegriffen. Überlebende flohen unter einer Eisenbahnbrücke, wo sie in den nächsten drei Tagen von Truppen des 7. Kavallerieregiments beschossen wurden. [...] Im Januar 2001 erkannte die Armee die Tötungen in No Gun Ri an, wies aber keine Schuld zu und bezeichnete sie als „bedauerliche Begleiterscheinung eines Krieges“. [...] Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass unter den belastenden Dokumenten, die im US-Bericht von 2001 weggelassen wurden, ein entklassifizierter Brief des US-Botschafters in Südkorea war, datiert auf den Tag, an dem die Tötungen in No Gun Ri begannen, in dem es hieß, die Armee habe eine Politik angenommen, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; In einem Artikel des Asia-Pacific Journal schreibt Kim Dong choon, dass „wenige wissen, dass die koreanischen Behörden sowie die US- und alliierten Streitkräfte am Anfang des Koreakriegs Hunderttausende von südkoreanischen Zivilisten massakriert haben“.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kim Dong choon|zeitung=The Asia-Pacific Journal: Japan Focus|titel=The Truth and Reconciliation Commission of Korea: Uncovering the Hidden Korean War. The Other War: Korean War Massacres.|datum=2010-03-01|url=https://apjjf.org/-Kim-Dong-choon/3314/article.html|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726125030/https://apjjf.org/-Kim-Dong-choon/3314/article.html|archive-date=2022-07-26|retrieved=2022-07-26}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Es gab auch Vorfälle, bei denen US-Piloten ihre Befehle ignorierten, innerhalb Koreas zu bleiben, und über seine Grenzen hinausflogen, um militärische Ziele in China und der Sowjetunion anzugreifen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut dem ehemaligen US-Marinekapitän Walter Karig in seinem Buch „Battle Report: The War in Korea“:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[W]ir haben Zivilisten getötet, freundliche Zivilisten, und ihre Häuser bombardiert; wir haben ganze Dörfer mit ihren Bewohnern – Frauen, Kinder und zehnmal so viele versteckte kommunistische Soldaten – unter Napalm-Schauern in Brand gesteckt, und die Piloten kehrten zu ihren Schiffen zurück, stinkend nach Erbrochenem, das von ihren Eingeweiden durch den Schock dessen, was sie tun mussten, verdreht wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Walter Karig; Malcolm W Cagle; Frank A Manson; et al (1952). „Battle Report: The War in Korea“ (S. 111-112). New York: Rinehart.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Der ehemalige US-Luftwaffengeneral Curtis LeMay, Kommandeur des strategischen Luftkommandos der USA, gab eine ähnliche Beschreibung des Verhaltens der US-Militärs in Korea ab und sagte:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[W]ir gingen dorthin und führten den Krieg und brannten schließlich jede Stadt in Nordkorea nieder [...] irgendwie, und einige in Südkorea auch. Wir haben sogar Pusan niedergebrannt – ein Unfall, aber wir haben es trotzdem niedergebrannt. Die Marines begannen dort eine Schlacht ohne Feind in Sicht. Über einen Zeitraum von drei Jahren oder so haben wir – was – zwanzig Prozent der Bevölkerung Koreas als direkte Kriegsopfer oder durch Hunger und Kälte getötet?&amp;lt;ref&amp;gt;Richard H. Kohn und Joseph P. Harahan (1988). „Strategic Air Warfare: an interview with generals Curtis E. LeMay, Leon W. Johnson, David A. Burchinal, and Jack J. Catton“ (S. 88). Washington, D.C.: Office of Air Force History, United States Air Force. &amp;lt;small&amp;gt;ISBN 0-912799-56-0&amp;lt;/small&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;In einer 1950 veröffentlichten Broschüre mit dem Titel „I Saw the Truth in Korea“, geschrieben von Alan Winnington, Korrespondent in China und Korea für die „Daily Worker“, beschreibt Winnington die Handlungen der US-Streitkräfte in Korea, dokumentiert Massaker mit Fotografien und beschreibt die Folgen von Bombenangriffen:&amp;lt;blockquote&amp;gt;[V]or fünf Jahren waren wir und die Russen im Krieg gegen die Nazis Verbündete der Amerikaner. Seitdem sind Roosevelt und seine Kollegen gegangen und die Atomdiplomatie hat ihren Platz eingenommen. Aber trotzdem, was ich Amerikaner in Korea tun sah, erschütterte mich bis ins Mark. Ich nehme an, mein ganzes Leben lang habe ich Propaganda über Amerika als zivilisierte Nation gehört und etwas davon muss bei mir angekommen sein. Irgendwie habe ich nie daran gedacht, dass Amerikaner genau das tun würden, was die Nazis taten, bis ich es mit eigenen Augen sah. [...] Tausend Tonnen Bomben; eine ausgelöschte Stadt; über 4.000 Opfer insgesamt; Zehntausende obdachlos und trauernd – alles, um eine Eisenbahnstrecke zu beschädigen. Ergibt das Sinn? Das ist Bombardierung in einer Art und Weise, die keine britische Stadt je erlebt hat. Ich sah Coventry und war in London während des gesamten „Blitz“ und sah Wonsan nach diesen Angriffen. Es war viel schlimmer als das Schlimmste, was die Nazis je getan haben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:24&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Zusätzlich zur Praxis der US-Militärs, zivile Ziele zu bombardieren und auf Flüchtlinge zu schießen, ereigneten sich viele südkoreanische zivile Opfer aufgrund der Unfähigkeit der amerikanischen Soldaten, Nord- von Südkoreanern zu unterscheiden. Wie von einem anonymen US-Offizier in der Radiosendung des US-Verteidigungsministeriums mit dem Titel „Time for Defense“ beschrieben, „macht es hier so schwierig, dass man die verdammten Nordkoreaner nicht von den Südkoreanern unterscheiden kann, und das hat zu vielen Schlachten geführt“ ([[:Datei:Anonymer US-Offizier beschreibt Koreakrieg.mp4|Audio-Datei]]).&amp;lt;ref&amp;gt;„Korea: The Unknown War.“ TV-Dokumentarfilm-Serie. Episode 2: „An Arrogant Display of Strength.“ Thames Television, 1988. Ausgestrahlt auf WGBH Boston, 1990. (URL: &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://www.youtube.com/watch?v=aVCuku3Ldi0&amp;lt;/nowiki&amp;gt;)&amp;lt;/ref&amp;gt; Man könnte argumentieren, dass die Politik, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, darauf zurückzuführen ist, wie in der Dokumentation „Korea: The Unknown War“ aus dem Jahr 1988 beschrieben wird, die feststellt, dass „amerikanische Truppen es schwierig fanden, Freund von Feind zu unterscheiden“, und dass „die Nordkoreaner in Flüchtlingssäulen eingedrungen waren und in der folgenden Verwirrung unschuldige Zivilisten zu Opfern wurden“. Laut der Dokumentation kommentierte ein amerikanischer General angeblich: „Wenn sie organisiert aussehen, schießt auf sie.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:US-Dokumente zur Flüchtlingspolitik zu Beginn des Koreakriegs.jpg|miniatur|364x364px|&#039;&#039;&#039;Links:&#039;&#039;&#039; Ein ununterschriebenes Memo der Luftwaffe vom 25. Juli 1950, das nach Alternativen zur Politik der „Beschießung ziviler Flüchtlinge“ sucht, die „mit Sicherheit eine breite öffentliche Aufmerksamkeit erhalten und möglicherweise peinlich für die US-Luftwaffe und die US-Regierung sein wird“. &#039;&#039;&#039;Rechts:&#039;&#039;&#039; Ein Schreiben der amerikanischen Botschaft vom 26. Juli 1950 an den US-Assistenten des Außenministers, in dem es heißt: „Wenn Flüchtlinge von Norden der US-Linien auftauchen, erhalten sie Warnschüsse, und wenn sie dann darauf bestehen, vorzurücken, werden sie erschossen.“]]&lt;br /&gt;
Ein Beispiel für die US-Politik, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, ist der Vorfall des Nogeun-ri-Massakers, auch geschrieben als No Gun Ri (Koreanisch: 노근리). Der Vorfall war außerhalb Koreas wenig bekannt, bis 1999 eine Associated Press-Geschichte veröffentlicht wurde, in der US-Veteranen die Berichte von Überlebenden bestätigten und die Details allmählich bekannter wurden. Im Juli 1950 erschossen amerikanische Soldaten „Hunderte von wehrlosen Zivilisten unter einer Eisenbahnbrücke“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Sang-Hun Choe, Charles J. Hanley und Martha Mendoza|zeitung=Washington Post|titel=U.S. Massacre of Civilians in Korean War Described|datum=1999-09-30|url=https://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/daily/sept99/skorea30.htm|archive-url=https://web.archive.org/web/20220726121945/https://www.washingtonpost.com/wp-srv/inatl/daily/sept99/skorea30.htm|retrieved=2022-07-26}}&amp;lt;/ref&amp;gt; US-Veteranen sprachen von 100 oder 200 oder „Hunderte“ Toten und beschrieben „eine Überzahl von Frauen, Kindern und alten Männern unter den Opfern“, während koreanische Zeugen sagten, 300 seien an der Brücke getötet worden und 100 bei einem vorherigen Luftangriff. Ein koreanischer Zeuge kommentierte, dass „die amerikanischen Soldaten mit unseren Leben spielten wie Jungen mit Fliegen“. Einer der US-Veteranen beschrieb es als „massives Gemetzel“.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obwohl dieser Vorfall Jahrzehnte lang nicht anerkannt wurde, erkannte die US-Armee im Jahr 2001 die Tötungen an und bezeichnete sie als „bedauerliche Begleiterscheinung eines Krieges“. Im Jahr 2006 wurde bekannt, dass unter den Dokumenten, die im US-Bericht von 2001 weggelassen wurden, ein entklassifizierter Brief des US-Botschafters in Südkorea war, datiert auf den Tag, an dem die Tötungen in Nogeun-ri begannen, in dem es hieß, die Armee habe eine Politik angenommen, auf Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; /&amp;gt; Einige US-Veteranen haben auch andere Tötungen von Flüchtlingen beschrieben, als US-Kommandeure ihre Truppen anwiesen, Zivilisten als Verteidigung gegen getarnte feindliche Soldaten zu erschießen, und entklassifizierte Berichte der US-Luftwaffe zeigen angeblich, dass Piloten manchmal absichtlich „Menschen in Weiß“ (bezogen auf weiße Bauernkleidung) angreifen, in dem Verdacht, dass getarnte nordkoreanische Soldaten darunter sind.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Waffenstillstandsabkommen (1953) ====&lt;br /&gt;
Der Waffenstillstand wurde am 27. Juli 1953 unterzeichnet. Der unterzeichnete Waffenstillstand schuf die Koreanische Demilitarisierte Zone (DMZ), die neue de facto Grenze zwischen den beiden Nationen, setzte einen Waffenstillstand in Kraft und finalisierte die Repatriierung von Kriegsgefangenen. Die DMZ verläuft nahe dem 38. Breitengrad und hat seit der Unterzeichnung des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens im Jahr 1953 Nord- und Südkorea getrennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Aufhebung des Waffenstillstandsparagraphen 13d durch die USA, Einführung von Atomwaffen in den Süden ====&lt;br /&gt;
Paragraph 13d des Abkommens verlangte, dass keine der Seiten neue Waffen nach Korea einführen darf. Bei einem Treffen im Jahr 1957 teilte die USA den nordkoreanischen Vertretern mit, dass das United Nations Command sich nicht mehr an Paragraph 13d des Waffenstillstands gebunden fühlt,&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Time Magazine|titel=Korea: The End of 13d|datum=1957-07-01|url=https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html|archive-date=https://web.archive.org/web/20220728030416/https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html|zitat=An einem Nachmittag letzten Woche in der stickigen grünen Quonset-Hütte, die das Herz des kargen Niemandslandes von Panmunjom ist, konfrontierten drei US-Generäle, ein britischer Brigadegeneral und ein Offizier der Luftstreitkräfte der Republik Korea kalt 40 nordkoreanische Kommissare und Militärs. „Ich habe eine Erklärung abzugeben“, begann Generalmajor Homer L. Litzenberg, USMC, mit ruhiger Stimme. Dann, während die Kommunisten aufmerksam zuhörten, sagte er ihnen, dass das UN-Kommando sich nicht mehr an Unterparagraph 13D des koreanischen Waffenstillstandsabkommens gebunden fühlt – die Klausel, die die Einführung neuer Waffen nach Korea begrenzt.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und 1958 hob die USA Paragraph 13d des Waffenstillstands auf, indem sie Atomwaffen nach Südkorea einführte.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Lee Jae-Bong|zeitung=The Asia-Pacific Journal|titel=US Deployment of Nuclear Weapons in 1950s South Korea &amp;amp; North Korea&#039;s Nuclear Development: Toward Denuclearization of the Korean Peninsula|datum=2009-02-07|url=https://apjjf.org/-Lee-Jae-Bong/3053/article.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Ende der Ersten Republik ====&lt;br /&gt;
1960 wurde Rhee aufgrund von Massenprotesten in der gesamten Nation zum Rücktritt gezwungen, nachdem der Leichnam eines von der Polizei getöteten Studenten im Hafen treibend gefunden worden war.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=|jahr=|titel=Cause of the 4.19 Revolution|kapitel=|abschnitt=|seite=|zitat=|pdf=|stadt=|verlag=|isbn=|doi=|lg=|mia=|titel-url=https://archive.ph/20120707225356/http://100.naver.com/100.nhn?docid=726618|kapitel-url=|trans-titel=|trans-lang=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Infolge dessen floh er nach [[Honolulu]], [[Hawaii]], wo er bis zu seinem Tod im Exil blieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zweite Republik (1960–1961) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Park Chung Hee Japan.png|miniatur|Park Chung-hee, der Führer der dritten und frühen vierten Republik, in einer japanischen Militäruniform]]&lt;br /&gt;
Nach Rhees Sturz wurde die bürgerliche Demokratie unter Präsident [[Yun Bo-seon]] kurzzeitig wiederhergestellt.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|journalist=|datum=|titel=The Democratic Interlude|url=http://countrystudies.us/south-korea/12.htm|zeitung=Library of Congress|archive-url=|archive-date=|retrieved=}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die zweite Republik wurde während der April-Revolution-Massenproteste gegen Präsident Syngman Rhee gegründet und löste die erste Republik ab und errichtete eine parlamentarische Regierung. Nach dreizehn Monaten wurde sie durch die südkoreanische Armee im Mai 16-Putsch unter der Führung von [[Park Chung-hee]] gestürzt. Park hatte während der Besatzung für die Japaner gekämpft und den japanischen Namen Takagi Masao angenommen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Patriot|seite=67|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt; 1961 erklärte die ROK alle [[Sozialistischer Staat|sozialistischen Staaten]] zu ihren Feinden und gründete die [[Korean Central Intelligence Agency|KCIA]], eine brutale Geheimpolizeibehörde, die regelmäßig Dissidenten verhaftete und folterte. Die KCIA verlangte von den [[Gewerkschaft|Gewerkschaftsführern]], dem Staat die Treue zu schwören.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1103&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Dritte Republik (1963–1972) ===&lt;br /&gt;
Die Dritte Republik wurde mit der Auflösung des Obersten Rates für den Nationalen Wiederaufbau gegründet, der die Zweite Republik stürzte und im Mai 1961 eine Militärregierung einrichtete, als am 16. Mai General [[Park Chung-hee]], der Vater der zukünftigen Präsident [[Park Geun-hye]] und ehemaliger [[Japanisches Kaiserreich (1868–1947)|japanischer]] Kollaborateur, durch einen Militärputsch an die Macht kam. Nach zwei Jahren als Vorsitzender der Militärjunta wurde er 1963 zum Präsidenten gewählt, was als Beginn der Dritten Republik angesehen wird. Park regierte 18 Jahre lang als Militärdiktator und schickte 320.000 Truppen, um den [[Republik Vietnam (1955–1975)|südvietnamesischen]] Marionettenstaat im [[Vietnamkrieg]] zu unterstützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Koreanischer DMZ-Konflikt ====&lt;br /&gt;
Der Koreanische DMZ-Konflikt war eine Reihe von bewaffneten Zusammenstößen mit niedriger Intensität zwischen nordkoreanischen Streitkräften und den Streitkräften Südkoreas und der Vereinigten Staaten, die hauptsächlich zwischen 1966 und 1969 an der Koreanischen DMZ stattfanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vierte Republik (1972–1981) ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Gwangju riot police.png|miniatur|Aufstandsbekämpfungstruppen greifen Demonstranten während des Gwangju-Aufstands an]]&lt;br /&gt;
Die Vierte Republik wurde mit der Verabschiedung der Yushin-Verfassung im Verfassungsreferendum von 1972 gegründet, die die de facto diktatorischen Befugnisse des Präsidenten Park Chung-hee kodifizierte. Die Vierte Republik trat in eine Phase politischer Instabilität unter Parks Nachfolger, Choi Kyu-hah, und dem eskalierenden Kriegsrecht, das nach Parks Tod erklärt wurde. Choi wurde inoffiziell durch [[Chun Doo-hwan]] in einem Putsch am 12. Dezember 1979 gestürzt, und die bewaffnete Unterdrückung der [[Gwangju-Demokratiebewegung]] gegen das Kriegsrecht begann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Ermordung von Park Chung-hee am 26. Oktober 1979 übernahm General Chun Doo-hwan die Macht. Während seiner Präsidentschaft verübte er das größte Massaker an koreanischen Zivilisten seit dem Koreakrieg. Im Mai 1980 begannen in [[Gwangju]] Proteste gegen das Kriegsrecht, die mit Spezialeinsatzkräften niedergeschlagen wurden. Die Schätzungen der Opferzahlen variieren, aber sie reichen von 165 auf der konservativsten Seite bis zu über 300. Einige behaupten auch, dass bis zu 2.300 Zivilisten beim Gwangju-Massaker getötet wurden, als Reaktion auf den Aufstand vom 18. Mai, auch bekannt als der Gwangju-Aufstand.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=K. J. Noh|zeitung=Hampton Institute|titel=South Korean Dictator Dies, Western Media Resurrects a Myth|datum=2020-12-02|url=https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth|archive-url=https://web.archive.org/web/20220519190752/https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth|archive-date=2022-05-19|retrieved=2022-06-02}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Artikel in „The Nation“ besagt, dass der 10-tägige Aufstand, bekannt als der Gwangju-Aufstand, ausgelöst wurde, als Studenten und andere Bürger, die gegen den Militärputsch protestierten, von Luftlandeeinsatzkräften „mit einer Boshaftigkeit und Grausamkeit angegriffen wurden, die die Koreaner seit den dunkelsten Tagen des Koreakriegs nicht erlebt hatten“. Der Artikel besagt weiter, dass „der bewaffnete Widerstand der Bürger-Miliz von Gwangju die Stadt von den marodierenden Truppen befreite. Die Stadtbewohner, befreit von Jahrzehnten der Militärherrschaft, hielten ihre Stadt am Laufen, begruben ihre Toten und verwandelten sich in ein System der gegenseitigen Hilfe, das sie jetzt als die Gwangju-Kommunen bezeichnen.“ Am 27. Mai wurden koreanische Armee-Einheiten von ihren üblichen Pflichten an der Grenze zur DPRK freigestellt, um Gwangju wieder zu besetzen. Die offizielle Zahl der Todesopfer des Aufstands beträgt 165, aber die Einwohner glauben, dass mehr als 300 Menschen getötet wurden, wobei Dutzende noch vermisst werden.&amp;lt;ref&amp;gt;Tim Shorrock und Injeong Kim. [https://www.thenation.com/article/world/two-days-in-may-that-shattered-korean-democracy/ „2 Days in May That Shattered Korean Democracy.“] The Nation. 28. Mai 2020. [https://web.archive.org/web/20220909162444/https://www.thenation.com/article/world/two-days-in-may-that-shattered-korean-democracy/ Archiviert] 2022-09-09.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vierte Republik wurde mit der Annahme einer neuen Verfassung im März 1981 aufgelöst und durch die fünfte Republik Korea ersetzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Fünfte Republik (1981–1987) ===&lt;br /&gt;
Die fünfte Republik wurde im März 1981 von Chun Doo-hwan gegründet. Die fünfte Republik sah sich mit wachsender Opposition von der Demokratiebewegung des Gwangju-Aufstands konfrontiert, und die Juni-Demokratiebewegung von 1987 führte zur Wahl von Roh Tae-woo bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 1987. Die fünfte Republik wurde drei Tage nach der Wahl mit der Annahme einer neuen Verfassung aufgelöst, die die Grundlagen für das relativ stabile demokratische System der aktuellen sechsten Republik Korea legte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sechste Republik (1987–heute) ===&lt;br /&gt;
Die sechste Republik wurde 1987 mit Roh Tae-woo als ihrem ersten Präsidenten gegründet&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=두산백과 (Doopedia)|titel=제6공화국 (Sixth Republic)|url=https://terms.naver.com/entry.naver?docId=1141297&amp;amp;cid=40942&amp;amp;categoryId=33385|retrieved=2022-07-24}}&amp;lt;/ref&amp;gt; und war der sechste Präsident von Südkorea von 1988 bis 1993. Rohs Wahl war die erste direkte Präsidentschaftswahl seit 16 Jahren. Seine Präsidentschaft wurde von Kim Young-sam (1993–1998 im Amt) gefolgt, der erste Zivilist, der das Amt seit über 30 Jahren innehatte. Danach folgte die Präsidentschaft von Kim Dae-jung (1998–2003 im Amt), bekannt für seine „Sunshine Policy“ des Engagements durch Dialog und wirtschaftliche und kulturelle Austausche mit Nordkorea.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Hyonhee Shin|zeitung=Reuters|titel=Vindication: Architects of South Korea&#039;s &#039;Sunshine&#039; policy on North say it&#039;s paying off|datum=2018-06-11|url=https://www.reuters.com/article/us-northkorea-usa-sunshinepolicy-idUSKBN1J60PP}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Dies wurde von den Präsidentschaften von Roh Moo-hyun (2003–2008 im Amt) und Lee Myung-bak (2008–2013 im Amt) gefolgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der nächste Präsident Südkoreas, Park Geun-hye (2013–2017 im Amt), ist die Tochter des ehemaligen Diktators Park Chung-hee. Park Geun-hye war als 11. Präsidentin Koreas im Amt, bis sie nach öffentlichen Demonstrationen, die gemeinhin als Kerzenlicht-Revolution oder Kerzenlicht-Demonstrationen bekannt sind, wegen Korruptionsvorwürfen abgesetzt und verurteilt wurde. Sie wurde zur ersten südkoreanischen Präsidentin, die durch ein Amtsenthebungsverfahren aus dem Amt entfernt wurde, und wurde zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt, erhielt jedoch eine Begnadigung und wurde 2021 nach knapp fünf Jahren Haft entlassen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Hyonhee Shin|zeitung=Reuters|titel=S.Korea&#039;s disgraced ex-president Park freed after nearly 5 years in prison|datum=2021-12-31|url=https://www.reuters.com/world/asia-pacific/skoreas-disgraced-ex-president-park-freed-after-nearly-5-years-prison-2021-12-31/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Präsidentschaft von Park Geun-hye wurde von Moon Jae-in (2017–2022 im Amt) gefolgt. Der 13. und aktuelle Präsident Koreas ist Yoon Suk-yeol von der konservativen People Power Party.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 3. Dezember 2024 verbot Yoon alle Proteste und erklärte das Kriegsrecht, das erste Mal in Südkorea seit den 1980er Jahren. Er rechtfertigte seine Erklärung damit, dass der Staat durch pro-DPRK-Kräfte bedroht werde. Demonstranten blockierten Soldaten daran, das Parlamentsgebäude zu betreten, und alle 190 der 300 Parlamentsmitglieder, die das Gebäude erreichten, stimmen einstimmig gegen das Kriegsrecht.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitat|autor=Natalia Marques|zeitung=Peoples Dispatch|titel=South Korean President declares martial law, sparking protest|datum=2024-12-03|url=https://peoplesdispatch.org/2024/12/03/south-korean-president-declares-martial-law-sparking-protest/|archive-url=https://web.archive.org/web/20241203183427/https://peoplesdispatch.org/2024/12/03/south-korean-president-declares-martial-law-sparking-protest/|archive-date=2024-12-03}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Militärkommando ===&lt;br /&gt;
Seit der [[Koreanischer Krieg|Koreakrieg]] 1953 mit einem Waffenstillstand endete, haben die USA die Kontrolle über das südkoreanische Militär behalten.&amp;lt;ref&amp;gt;Swanström, N. (2021, 27. April). „Not a Sovereignty Issue: Understanding the Transition of Military Operational Control between the United States and South Korea“. Institute for Security and Development Policy. https://isdp.eu/publication/not-a-sovereignty-issue-understanding-the-transition-of-military-operational-control-between-the-united-states-and-south-korea/&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kathryn Botto|zeitung=Carnegie Endowment for International Peace|titel=Why Doesn’t South Korea Have Full Control Over Its Military?|datum=2019-08-21|url=https://carnegieendowment.org/2019/08/21/why-doesn-t-south-korea-have-full-control-over-its-military-pub-79702}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot;&amp;gt;Kelly, R. E. (2017, 27. Februar). „Why US control of the South Korean military is here to stay“. The Interpreter. &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://www.lowyinstitute.org/the-interpreter/why-us-control-south-korean-military-here-stay&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Clint Work|zeitung=Stimson|titel=No More Delays: Why It’s Time to Move Forward With Wartime OPCON Transition|datum=21. Juni 2022|url=https://www.stimson.org/2022/no-more-delays-why-its-time-to-move-forward-with-wartime-opcon-transition/|zitat=Die Geschichte und Entwicklung der US-ROK-Militärkommandostruktur zeigt das inhärente Hin und Her im Herzen des US-ROK-Bündnisses. Mit der Zeit hat die USA die ROK ermutigt, eine robustere Rolle in ihrer eigenen Verteidigung und innerhalb der Kommandostruktur des Bündnisses zu übernehmen. Allerdings waren US-Beamte ebenso zögerlich, zu viel Kontrolle zu schnell abzugeben. Einfach ausgedrückt hatte Washington Schwierigkeiten, die äußeren Grenzen seiner eigenen Autorität innerhalb der Bündnis-Kommandostruktur zu navigieren, während es gleichzeitig und widersprüchlich Seoul vorantreibt und zurückzieht.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=United States Forces Korea|titel=Combined Forces Command|url=https://www.usfk.mil/About/CFC/#Commanders|archive-url=https://web.archive.org/web/20220728035053/https://www.usfk.mil/About/CFC/|archive-date=2022-07-28|zitat=Das CFC wird von einem Vier-Sterne-General der USA kommandiert, mit einem Vier-Sterne-General der ROK-Armee als stellvertretendem Kommandeur. In der gesamten Kommandostruktur ist die binational besetzte Personalbesetzung deutlich erkennbar: Wenn der Chef einer Stabsektion Koreaner ist, ist der Stellvertreter Amerikaner und umgekehrt. Diese integrierte Struktur existiert sowohl innerhalb der Komponenkommandos als auch im Hauptquartier. Alle CFC-Komponenten sind durch kontinuierliche kombinierte und gemeinsame Planung, Ausbildung und Übungen taktisch integriert.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die „US-Streitkräfte Korea“ wurden mit den ROK-Streitkräften in ein „Combined Forces Command“ integriert, das wiederum in das [[Vereinte Nationen]]-Kommando integriert wurde. Alle drei Kommandos werden von derselben Person geleitet, einem Vier-Sterne-General der USA&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot; /&amp;gt; (derzeit General Paul J. LaCamera&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web-Zitation|zeitung=United States Forces Korea|titel=Commander UNC/CFC/USFK|url=https://www.usfk.mil/About/Leadership/Article-View/Article/1685489/commander-unccfcusfk/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;, der 2021 seine Funktionen übernahm).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Südkorea hat unter Waffenstillstandsbedingungen die operative Kontrolle (als OPCON bezeichnet) über seine Armee, aber die Vereinigten Staaten würden im Kriegsfall die Kontrolle übernehmen, und der US-Kampfkommandeur könnte die südkoreanischen Kommandeure und Streitkräfte anweisen, organisieren, einsetzen, Kommandofunktionen zuweisen oder ihre Pflichten aussetzen. Im Wesentlichen würde Südkorea im Falle eines Krieges auf der Koreanischen Halbinsel die überwältigende Mehrheit der Kampftruppe stellen, die dann unter US-Operative Kontrolle gestellt würde.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Laufe der Geschichte der US-ROK-Regelung haben die USA und die ROK einen Hin- und Her-Prozess durchlaufen, um zu bestimmen, welcher Grad an Kontrolle jede Partei unter dieser Beziehung haben sollte, wobei die USA oft eine Zurückhaltung zeigten, die Kontrolle über das Militär der ROK abzugeben, und die Führer der ROK manchmal den Wunsch äußerten, mehr Kontrolle über ihr eigenes Militär zu haben, und zu anderen Zeiten die Autorität der USA über das Militär der ROK im Kriegsfall akzeptierten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== NATO-Bündnis ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Mark Esper schlägt NATO für Asien vor.png|miniatur|Mark Esper, ehemaliger [[United States Department of Defense|US-Verteidigungsminister]] und [[Raytheon]]-Lobbyist, hält eine Rede auf dem Think Tank 2022, der sich auf die Probleme konzentrierte, die die koreanische Halbinsel betreffen. Esper sagte: „Man sagt, die Vereinigten Staaten strebten nicht danach, ein, Zitat, ‚[[North Atlantic Treaty Organization|NATO]] für Asien‘ aufzubauen. Und ich sage: ‚Warum nicht?‘“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 26. Februar 2022 (KST) hielt der ehemalige US-Verteidigungsminister und Lobbyist des Waffenherstellers Raytheon, Mark Esper, eine Rede auf dem 4. Think Tank 2022 Forum,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot;&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Dr. William Selig|zeitung=Universal Peace Federation|titel=4th Think Tank 2022 Forum Features Former U.S. Secretary of Defense|datum=2022-02-26|url=https://www.upf.org/peace-and-security-reports/10012-4th-think-tank-2022-forum-featured-hon-mark-esper-former-u-s-secretary-of-defense|archive-url=https://web.archive.org/web/20220723061325/https://www.upf.org/peace-and-security-reports/10012-4th-think-tank-2022-forum-featured-hon-mark-esper-former-u-s-secretary-of-defense|archive-date=2022-07-23|retrieved=2022-07-23}}&amp;lt;/ref&amp;gt; das ein Think Tank ist, der mit Dr. Hak Ja Han Moon verbunden ist,&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Think Tank 2022|titel=Co-Founder Dr. Hak Ja Han Moon|url=http://thinktank2022.org/founder/HakJaHanMoon.php}}&amp;lt;/ref&amp;gt; der Ehefrau des verstorbenen Millionärs&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Celebrity Net Worth|titel=Sun Myung Moon Net Worth|url=https://www.celebritynetworth.com/richest-celebrities/authors/sun-myung-moon-net-worth/|zitat=Sun Myung Moon war ein koreanischer Religionsführer, Geschäftsmann und Medienmogul, der zum Zeitpunkt seines Todes ein Vermögen von 900 Millionen Dollar besaß. Sun Myung Moon war am besten bekannt als Gründer der Einigungsbewegung und Autor ihrer konservativen Theologie des „Göttlichen Prinzips“. [...] Einige hielten ihn für einen Kultführer.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Rev. Sun Myung Moon, Gründer und selbsternannter Messias der generell rechtsextremen, antikommunistischen [[Vereinigungschee]].&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Conal Urquhart|zeitung=The Guardian|titel=Sun Myung Moon, founder of the Moonies, dies in South Korea|datum=2012-09-03|url=https://www.theguardian.com/world/2012/sep/03/moonies-sun-myung-moon-dies|zitat=Moon sah sich selbst als Messias und schuf eine Kirche, die zu einer weltweiten Bewegung wurde und behauptet, etwa 3 Millionen Mitglieder zu haben, darunter 100.000 in den Vereinigten Staaten. [...] Er wurde 1948 von der nordkoreanischen Regierung für fünf Jahre inhaftiert, entkam aber 1950, als seine Wärter flohen, als UN-Truppen vorrückten. Er war während des Kalten Krieges ein aktiver Antikommunist.}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Bei dieser Veranstaltung betonte der Lobbyist der Waffenindustrie Esper die Notwendigkeit einer vollen Zusammenarbeit zwischen den USA, Südkorea und Japan angesichts der Herausforderungen durch Nordkorea und China und sagte:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Es heißt, die Vereinigten Staaten strebten nicht danach, ein, Zitat, „NATO für Asien“ aufzubauen. Und ich sage: „Warum nicht?“ Wir sollten hohe Ziele und große Erwartungen haben und uns nicht von Geschichte und Distanz verwirren lassen. Die europäischen Verbündeten Amerikas haben eine brutale Geschichte überwunden, um eine kollektive Sicherheitsvereinbarung zur Bewältigung des [[Russian Soviet Federative Socialist Republic (1917–1991)|sowjetischen Russland]] zu schaffen. Es gibt keinen Grund, warum dasselbe nicht im Indopazifik passieren kann, da wir zunehmend gegen ein renitentes Nordkorea und ein aggressives kommunistisches China antreten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot;&amp;gt;Esper, Mark. 4th Think Tank 2022 Forum. „Hon. Mart[sic] Esper, 27th United States Secretary of Defense keynote address.“ Think Tank 2022. Hochgeladen am 13. April 2022. URL:https://www.youtube.com/watch?v=DfKih9aabsk (NATO-bezogener Ausschnitt beginnt bei 16:36)&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Esper erklärte, dass er ein „großer Gläubiger“ an den quadrilateralen Sicherheitsdialog ist, der als „The Quad“ bekannt ist, ein strategischer Sicherheitsdialog zwischen [[Commonwealth of Australia|Australien]], [[Republic of India|Indien]], Japan und den Vereinigten Staaten, der durch Gespräche zwischen den Mitgliedsländern aufrechterhalten wird, von denen Esper sagt, dass er „zu Recht als eine vereinheitlichte Antwort auf Chinas wachsende militärische und wirtschaftliche Macht“ angesehen wird. Er erklärt: „Ich glaube, Südkorea sollte der nächste Partner sein, der dem Quad beitritt, und ihn in das Quint überführt.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ehemalige Raytheon-Lobbyist und Vorstandsmitglied des Verteidigungsunternehmens Epirus Inc. fuhr dann fort zu sagen, dass „die Verbündeten und Partner Amerikas mindestens zwei Prozent ihres BIP für Verteidigung investieren und in die richtigen Fähigkeiten investieren müssen“, und listete Langstrecken-Präzisionsschlagfähigkeiten, Luft- und Raketenabwehr, fortschrittliche U-Boote und Kampfflugzeuge der fünften Generation als Beispiele auf und stellte fest, dass die Republik Korea bereits diese Zwei-Prozent-Marke erreicht hat.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt; Esper beschreibt, dass diese Waffeninvestitionen der Region helfen werden, chinesische und nordkoreanische „Aggression“ abzuwehren, und erklärt, dass ein „wiederbelebter Arbeitsplan mit der DPRK mit der vollständigen, überprüfbaren und irreparablen Denuklearisierung des Nordens beginnen sollte.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juni 2022 erklärte der südkoreanische Präsident Yoon Suk-yeol, dass er am 3. [[NATO-Gipfel]] von 2022 teilnehmen werde.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Kyodo News|titel=Yoon to attend NATO summit, 1st time for S. Korean president|datum=2022-06-22|url=https://english.kyodonews.net/news/2022/06/968e985e4c76-yoon-to-attend-nato-summit-1st-time-for-s-korean-president.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Kurz darauf erklärte der Direktor des National Security Office, Kim Sung-han, dass Südkorea eine „diplomatische Mission“ bei der NATO in Brüssel einrichten werde, um mit der Teilnahme von Präsident Yoon Suk-yeol am Gipfel zu koinzidieren. Laut Sung-han wird diese Mission es Südkorea „ermöglichen, den Informationsaustausch zu erhöhen und unsere Netzwerke mit NATO-Verbündeten und Partnern zu stärken und eine europäische Plattform aufzubauen, die unserer [globalen] Stellung würdig ist“.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=Korea JoongAng Daily|titel=Korea to open diplomatic mission to NATO|datum=2022-06-22|url=https://koreajoongangdaily.joins.com/2022/06/22/national/politics/Korea-Nato-Summit-Yoon-Sukyeol/20220622191349616.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Unkonvertierte langfristige Gefangene ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Unkonvertierte langfristige Gefangene in südkorea.jpg|miniatur|Eine Demonstration, die eine zweite Repatriierung von unkonvertierten langfristigen Gefangenen in südkorea fordert. Das Schild zeigt &amp;quot;Forderung nach zweiter Repatriierung von nicht-konvertierten langfristigen Gefangenen&amp;quot; (&amp;quot;비전향장기수 2차 송환 촉구&amp;quot;).]]&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Hauptartikel: [[Unkonvertierte langfristige Gefangene]]&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unkonvertierte langfristige Gefangene ist ein Begriff, der sich auf politische Gefangene in südkorea bezieht, die in der Regel wegen „anti-staatlicher“ Aktivitäten oder Ansichten in Unterstützung des Kommunismus oder der DPRK inhaftiert sind. Während ihrer Haft wurden viele von ihnen in Einzelhaft gehalten und umfangreichen Folterungen ausgesetzt, während sie unter Druck gesetzt wurden, eine „Konversionserklärung“ zu unterschreiben, in der sie kommunistische oder linksgerichtete Ideologien ablehnten.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=BBC News|titel=Solitary: Tough test of survival instinct|datum=1999-02-25|url=http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/286070.stm|archive-url=https://web.archive.org/web/20220725155633/http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/286070.stm}}&amp;lt;/ref&amp;gt; In den 1990er Jahren begannen einige der unkonvertierten Gefangenen freigelassen zu werden. Einige entschieden sich, in südkorea zu bleiben, während andere danach strebten, in die DPRK repatriiert zu werden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot;&amp;gt;Kim Dong-won. „Repatriation“ (2003). Dokumentation. URL: https://www.youtube.com/watch?v=1xu2mEvU29Q&amp;lt;/ref&amp;gt; Einigen wurde die Rückkehr in die DPRK ermöglicht, insbesondere 63 von ihnen im Jahr 2000,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:28&amp;quot;&amp;gt;[http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/907307.stm &amp;quot;Korean communists go home.&amp;quot;] BBC News, 2. September 2000. [https://web.archive.org/web/20240311153647/http://news.bbc.co.uk/2/hi/asia-pacific/907307.stm Archiviert] 2024-03-11.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|zeitung=파이낸셜 뉴스 (Financial News)|titel=북한, 비전향장기수 북송 21주년 맞이 생존 장기수들 조명 (Nordkorea feiert den 21. Jahrestag der Repatriierung von nicht-konvertierten langfristigen Gefangenen nach Nordkorea)|datum=2021-09-06|url=https://www.fnnews.com/news/202109061041393026}}&amp;lt;/ref&amp;gt; aber andere blieben im Süden und wurden in ihren Gesuchen um Repatriierung abgelehnt.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Kang Jin-kyu|zeitung=Korea JoongAng Daily|titel=Spies who can&#039;t come in from the cold|datum=2016-08-07|url=https://koreajoongangdaily.joins.com/2016/08/07/politics/Spies-who-cant-come-in-from-the-cold/3022316.html}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
Diejenigen, die in die DPRK zurückkehrten, wurden mit Feiern und Auszeichnungen empfangen,&amp;lt;ref&amp;gt;[https://web.archive.org/web/20191124030603/http://www.kcna.co.jp/item/2000/200009/news09/04.htm &amp;quot;National reunification prizes awarded to unconverted long-term prisoners&amp;quot;], [[Korean Central News Agency]], 2000-09-04. Archiviert 2019-11-19.&amp;lt;/ref&amp;gt; während diejenigen, die in südkorea blieben, mit Schwierigkeiten konfrontiert waren, darunter anhaltende gesundheitliche Probleme durch ihre lange Haft, Leben in Armut, keine Sozialversicherungsnummern erhalten,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; /&amp;gt; und der Überwachung durch den ROK-Staat unter dem Security Surveillance Act unterworfen wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:22&amp;quot;&amp;gt;{{Web-Zitation|autor=Liberation School|zeitung=Liberation School|titel=Still fighting for Korea’s liberation: An interview with Ahn Hak-sop|datum=Jul 27, 2022|url=https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/|archive-url=https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele, die an der Repatriierung im Jahr 2000 teilnahmen, und viele derjenigen, die in südkorea blieben, trafen ihre Entscheidungen basierend auf ihrem Eindruck zu dieser Zeit, dass es mehr Freizügigkeit zwischen der ROK und der DPRK geben würde. In einem Interview mit der [[Liberation School]] sagte der ehemalige Gefangene Ahn Hak-sop, der sich entschied, im Süden zu bleiben, als die Repatriierung von 2000 stattfand, dass einer seiner Gründe war, dass er „dachte, es sei eine vorübergehende Situation“. Ahn bemerkt auch bezüglich zweier Gefangener, die zusammen mit ihm freigelassen wurden, dass „diese Genossen in den Norden gingen, weil sie dachten, dass es bald freie Bewegung zwischen den beiden Staaten geben würde. Sie gingen in den Norden, um zu studieren, und dachten, sie würden später zurückkommen.“ Bezüglich seiner eigenen Absicht, vorübergehend im Süden zu bleiben, erläuterte Ahn: „[D]a gab es junge progressive Menschen hier im Süden, und sie baten mich zu bleiben. [...] Wir müssen hier weiter für den Abzug der US-Armee, den Friedensvertrag und die friedliche Wiedervereinigung kämpfen. Ich beschloss, hierzubleiben, um für diese Ziele zu kämpfen. 1952 kam ich hierher, um den südlichen Teil der Halbinsel zu befreien, und ich muss hierbleiben und diesen Kampf fortsetzen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:22&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diejenigen, die sich gegen die Repatriierung dieser ehemaligen Gefangenen aussprechen oder sie kritisieren, tun dies in der Regel mit der Begründung, dass die DPRK ebenfalls damit beginnen sollte, Menschen zurück in den Süden zu repatriieren.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:28&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Nationales Sicherheitsgesetz ===&lt;br /&gt;
Das Nationale Sicherheitsgesetz ist ein südkoreanisches Gesetz, das seit 1948 mit dem erklärten Zweck „die Sicherheit des Staates und die Existenz und Freiheit der Nationalen zu sichern, indem alle antizipierten Aktivitäten, die die Sicherheit des Staates gefährden, reguliert werden“ durchgesetzt wird. Verhaltensweisen oder Reden zugunsten der DPRK oder des Kommunismus können durch das Nationale Sicherheitsgesetz bestraft werden. In einem Artikel von The Diplomat wurde es als ein „Überbleibsel aus dem Kalten Krieg“ bezeichnet, das „der Regierung erlaubt, selektiv jeden zu verfolgen, der ‚die Aktivitäten einer anti-staatlichen Organisation lobt, anzettelt oder propagiert‘“, was der Artikel als „eine absichtlich vage Klausel beschreibt, die im Allgemeinen den nordkoreanischen Staat und seine Sympathisanten impliziert“. Der Artikel fährt fort und erklärt: „Gemäß Artikel 7 wurden Personen verfolgt und inhaftiert, weil sie lediglich nordkoreanische Publikationen besaßen oder satirisch nordkoreanische Propaganda tweeteten. In den letzten Jahren wurde diese Klausel von Amnesty International und Human Rights Watch scharf kritisiert, die behaupten, die Regierung missbrauche das Gesetz, um abweichende Stimmen zu unterdrücken.“&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Meredith Shaw und Joseph Yi.|zeitung=The Diplomat|titel=Will Yoon Suk-yeol Finally Reform South Korea’s National Security Law?|datum=2022-03-15|url=https://thediplomat.com/2022/03/will-yoon-suk-yeol-finally-reform-south-koreas-national-security-law/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Antiimperialistischer, anti-US- und pro-Wiedervereinigungs-Kampf in Südkorea ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Unification Vanguard of the Korean Confederation of Trade Unions Anti-US Demonstration.png|miniatur|318x318px|Die Unification Vanguard der [[Korean Confederation of Trade Unions]] entfaltet große Transparente mit den Aufschriften „Dieses Land ist unser Land, YANKEE GO HOME“ und „Stoppt die Vorbereitungen für einen Angriffskrieg“ bei einer Demonstration im August 2022 gegen gemeinsame US-ROK-Militärübungen.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youtube.com/watch?v=ZXCK3s-vic8 „23기 민주노총 중앙통일선봉대 활동영상“ („23rd KCTU Central Unification Vanguard Activity Video“)]. 민주노총 (Confederation of Trade Unions). 14. August 2022. YouTube.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;김준. (Kim Jun). [http://worknworld.kctu.org/news/articleView.html?idxno=500588 „쌍용훈련 재개 예고에 23기 중앙통선대, 포항 한미연합상륙훈련장 지휘소 기습점거투쟁“ („23rd Central Telecommunication Battalion, Pohang ROK-U.S. Combined Amphibious Training Center Command Post, Surprise Occupation Struggle to Announce Resumption of Ssangyong Training“).] 노동과세계. 12. August 2022. [https://web.archive.org/web/20220828050027/http://worknworld.kctu.org/news/articleView.html?idxno=500588 Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der People&#039;s Democracy Party (PDP), einer revolutionären Arbeiterpartei in Südkorea, ist die anhaltende US-Militärbesatzung Südkoreas das Haupthindernis für eine friedliche Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel. Die PDP, die einen Artikel der [[Liberation School]] aus dem Jahr 2020 mitverfasste, schreibt:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Frieden auf der koreanischen Halbinsel ist erst nach dem Abzug der US-Truppen möglich. Die US-Truppen sind Besatzungstruppen in Südkorea und eine Invasionsarmee in Nordkorea. Daher ist ihr Abzug die dringendste und bevorzugte Kampfaufgabe für die gesamte koreanische Nation, um sie zu lösen. Die aktuelle, auf ein hohes Niveau eskalierte Kriegskrise beweist, dass Frieden auf der koreanischen Halbinsel nicht verwirklicht werden kann, solange die US-Truppen nicht aus Südkorea abgezogen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solange die US-Truppen in Südkorea stationiert sind und Kriegsspiele gegen Nordkorea durchgeführt werden, ist die Aussicht auf Frieden zwangsläufig düster. Wir sind überzeugt, dass wir, wenn wir die Kämpfe für den Abzug der US-Truppen zu einem Volksaufstand des südkoreanischen Volkes entwickeln und wenn die gesamte koreanische Nation gemeinsam in großer Einheit kämpfen kann, die US-Truppen aus Südkorea abziehen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[...] Wahre Frieden ist nur ohne Imperialismus möglich; das Haupt des Imperialismus ist die USA. Wir sind der Meinung, dass eine wahre Friedensbewegung eine antiimperialistische Bewegung und eine anti-US-Movement sein sollte. Wir glauben, dass die progressiven und friedliebenden Kräfte der Welt einen antiimperialistischen, anti-Kriegs-Kampf führen können und müssen, um alle Kriege in der Welt durch US-Truppen zu stoppen und alle US-Truppen, die im Ausland stationiert sind, abziehen zu können. Der Schlüssel ist die Bildung einer antiimperialistischen, anti-US-Einheitsfront und gemeinsamer antiimperialistischer, anti-US-Aktionen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:23&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Südkoreanische Studenten stürmen die offizielle Residenz des US-Botschafters, 2019.png|miniatur|Südkoreanische Studenten stürmen überraschend die offizielle Residenz des US-Botschafters [[Harry Harris]] im Jahr 2019, nutzen Leitern, um über die Mauer zu klettern, mit Schildern, auf denen „Verlasst dieses Land“ steht, und rufen „Hört auf, in unsere inneren Angelegenheiten einzugreifen“ und „Wir brauchen keine US-Truppen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:26&amp;quot;&amp;gt;Shin, Hyonhee. 2019. [https://www.reuters.com/article/us-usa-northkorea-southkorea-idUSKBN1WX0Z6 „Südkoreanische Studenten klettern in die Residenz des US-Botschafters, um gegen die Truppenpräsenz zu protestieren.“] U.S. 18. Oktober 2019. [https://web.archive.org/web/20230325105702/https://www.reuters.com/article/us-usa-northkorea-southkorea-idUSKBN1WX0Z6 Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:27&amp;quot;&amp;gt;오마이TV. 2019. [https://www.youtube.com/watch?v=Del06vXK8nk „순식간에 미대사관저 담장 넘어간 대학생들.“] YouTube Video. [https://web.archive.org/web/20221018101952/https://www.youtube.com/watch?v=Del06vXK8nk&amp;amp;feature=youtu.be Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Im Jahr 2019 wurden 19 südkoreanische Studenten festgenommen, nachdem einige eine Leiter benutzt hatten, um über die Mauer in das Gelände der Residenz des US-Botschafters [[Harry Harris]] in Seoul zu klettern, um gegen die Präsenz der US-Truppen im Land zu protestieren. Ein Sprecher der US-Botschaft in Seoul sagte, dass etwa 20 koreanische Staatsbürger illegal das offizielle Wohngebäude des US-Botschafters betreten und versucht hätten, gewaltsam in die Residenz selbst einzudringen. In einem Video, das aus dem Inneren des Gebäudes übertragen wurde, beschuldigten die Aktivisten die Vereinigten Staaten, eine 500%ige Erhöhung der Kosten für die Stationierung von etwa 28.500 Truppen in Südkorea zu fordern, hielten ein Banner mit der Aufschrift „Verlasst diesen Boden, Harris“ und riefen „Hört auf, in unsere inneren Angelegenheiten einzugreifen!“ „Raus!“ und „Wir brauchen keine US-Truppen!“ bevor sie von der Polizei aus der Residenz gebracht wurden. Die Studenten hatten bereits im Jahr 2018 versucht, in die US-Botschaft in Seoul einzudringen, wurden aber von der Polizei gestoppt. Ein Reuters-Artikel bemerkt, dass die Studentengruppe auch „ein Forum abgehalten hat, um ihre ‚Forschungsergebnisse‘ über die Leistungen des nordkoreanischen Führers [[Kim Jong-un|Kim Jong Un]] vorzustellen und ihn als fürsorglichen und einflussreichen Führer zu loben.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:26&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:27&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Nodutdol]] (Koreanisch: 노듯돌), eine [[Antiimperialismus|antiimperialistische]], pro-Wiedervereinigungsorganisation der diasporischen Koreaner,&amp;lt;ref&amp;gt;[https://nodutdol.org/about/ „About.“] Nodutdol. [https://web.archive.org/web/20230401142208/https://nodutdol.org/about/ Archiviert] 2023-04-01.&amp;lt;/ref&amp;gt; stellt in ihrer Broschüre „Sanctions of Empire“ aus dem Jahr 2020 fest, dass Botschafter Harry Harris die interkoreanische Versöhnung behindert hat, indem er die Bemühungen der [[Moon Jae-in]]-Administration blockierte, den Tourismus in die DPRK zu entwickeln, und behauptete, dass „unabhängige“ Tourismuspläne der US-Konsultation unterzogen werden müssten, wobei betont wurde, dass die Gegenstände im Gepäck der südkoreanischen Touristen [[Wirtschaftssanktionen|Sanktionen]] verletzen könnten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://nodutdol.org/sanctions-of-empire/ „제국의 제재 - Sanctions of Empire.“] [[Nodutdol]]. 20. Oktober 2020. [https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf PDF]. [https://web.archive.org/web/20220520095404/https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf Archive].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf der Insel Jeju, die vor der Südspitze der koreanischen Halbinsel liegt, finden seit einem Jahrzehnt Proteste gegen den Bau einer Marinebasis statt. Aktivisten wiesen in einer Erklärung von 2013 darauf hin, dass die Basis nur die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, dass Koreaner in einen US-China-Konflikt gezogen werden: „Die Marinebasis Jeju wird ein Außenposten des US-amerikanischen maritimen Militärbündnisses sein, zusammen mit Japan, das China zum Ziel hat, eher als ein strategischer Punkt der unabhängigen nationalen Verteidigung. Mit der [[Pivot to Asia]]-Strategie der USA erhöhen sich die Chancen, dass Südkorea in Konflikte zwischen den USA und China hineingezogen wird.“&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.peoplepower21.org/english/1080148 &amp;lt;nowiki&amp;gt;„[Publication] No Naval Base on Jeju Island! - 참여연대 -.“&amp;lt;/nowiki&amp;gt;] 참여연대. 7. Oktober 2013. [https://web.archive.org/web/20210414023914/http://www.peoplepower21.org/English/1080148 Archive link].&amp;lt;/ref&amp;gt; Obwohl die Basis schließlich fertiggestellt wurde, setzten die Demonstranten ihre Proteste mit Demonstrationen und Versuchen, sie zu betreten, fort und sagten, dass sie zwar nominell eine südkoreanische Basis sei, aber „ein Ort, an dem hochmoderne strategische Vermögenswerte der US-Armee jederzeit nach Belieben der amerikanischen Interessen vorbeikommen können“.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/820635.html „American Nuclear Submarine Enters Jeju Naval Base.“] Hankyoreh. Hani.co.kr. 2017. [https://web.archive.org/web/20230325090226/https://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/820635.html Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt; &lt;br /&gt;
```&lt;br /&gt;
In 2020, an activist was arrested for trespassing on the base and destroying government property.&amp;lt;ref&amp;gt;Elizabeth Shim. [https://www.upi.com/Top_News/World-News/2020/03/30/South-Korea-arrests-protester-for-infiltrating-Jeju-Naval-Base/2991585585755/ &amp;quot;South Korea Arrests Protester for Infiltrating Jeju Naval Base.&amp;quot;] UPI. 30. März 2020. [https://web.archive.org/web/20200814001452/https://www.upi.com/Top_News/World-News/2020/03/30/South-Korea-arrests-protester-for-infiltrating-Jeju-Naval-Base/2991585585755/ Archiviert].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:People rally to protest against the planned South Korea-U.S. military drills in Seoul, South Korea, Aug. 13, 2022.jpg|miniatur|Menschen demonstrieren gegen die geplanten ROK-US-Militärübungen in Seoul, Südkorea, 13. August 2022. Banner sagen &amp;quot;Stoppt die Kriegsübungen! Nein zu USA!&amp;quot; (Koreanisch: 전쟁연습 중단! 미국 반대!)]]&lt;br /&gt;
Am 13. August 2022 demonstrierten Tausende südkoreanische Gewerkschafter und ihre progressiven Unterstützer im Zentrum von Seoul gegen gemeinsame US-südkoreanische Kriegsübungen. In einem von [[Press TV]] hochgeladenen Video wurde Oh Eun-Jung von der Nationalen Lehrergewerkschaft mit den Worten zitiert: &amp;quot;Die Bedrohung durch einen Atomkrieg auf der koreanischen Halbinsel wächst, konservative Kräfte von Yoon Suk-yeol in Südkorea und die in den USA führen verzweifelt aggressive Kriegsübungen am Himmel, auf dem Land und auf dem Meer durch und stehen kurz davor, groß angelegte Militärübungen zu beginnen, die auf die Invasion Nordkoreas abzielen. Wir müssen dieses Verhalten der anti-Wiedervereinigungskräfte stoppen.&amp;quot; Im selben Video erklärte der Bauarbeiter Lee Seung-Woo: &amp;quot;Wir lehnen nicht nur die Kriegsübungen ab, sondern wir wollen, dass die US-Streitkräfte Korea, die tatsächlich die koreanische Halbinsel kontrollieren und sich einmischen, dieses Land verlassen. Wir glauben, dass erst dann die achtzig Millionen Koreaner aus Nord und Süd friedlich leben können.&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Frank Smith. [https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games &amp;quot;Südkoreanische Gewerkschafter Protestieren Gegen US-Südkorea-Kriegsspiele.&amp;quot;] PressTV News. 13. August 2022. [https://web.archive.org/web/20220826124551/https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Medienunternehmen [[Sovereignty Broadcast]] (Koreanisch: 주권방송), das zusätzlich unter dem Namen 615tv auf einigen seiner Social-Media-Konten auftritt, lädt informative und aufklärende Videos auf seine YouTube-Seite hoch, die sich mit dem Kampf um Frieden und Wiedervereinigung in Korea befassen. Laut der About-Seite des Kanals ist es ein Internet-Medienunternehmen, das sich mit Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel und verschiedenen aktuellen Themen in Korea befasst.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youtube.com/c/The615tv/about Über Sovereignty Broadcast]. Sovereignty Broadcast. YouTube.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Zensur ===&lt;br /&gt;
Bis 1973 waren Bilder von [[Kim Il-sung]] in Südkorea verboten. Die südliche Geheimpolizei behauptete fälschlicherweise, Kim sei ein Hochstapler, der nicht an der Guerilla-Bekämpfung gegen Japan beteiligt gewesen sei. 1989 verhaftete der Polizeistaat durchschnittlich 3,3 Koreaner pro Tag wegen antikommunistischer Zensurgesetze. Viele [[Anti-Kapitalismus|antikapitalistische]] Bücher sind verboten, sogar einige von Nicht-[[Marxismus|Marxisten]]. 2011 löschten die südlichen Behörden über 67.000 Internetbeiträge, die kritisch gegenüber der ROK oder den USA waren. Linksextreme Musik wie der „Song of the Red Flag“ (der sogar von der [[Sozialdemokratie|sozialdemokratischen]] [[Labour Party (UK)|UK Labour Party]] verwendet wird) ist ebenfalls nach dem National Security Law illegal.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1103&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Anti-Communist Police State|seite=136–145|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Von der Regierung sanktionierte Prostitution und Opfer von Menschenhandel ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Women who were encouraged by the South Korean government to work as prostitutes near US military bases hold a press conference outside of the Seoul High Court in the Seocho neighborhood.jpg|miniatur|Frauen, die von der südkoreanischen Regierung ermutigt wurden, in der Nähe von US-Militärbasen als Prostituierte zu arbeiten, halten nach einem Gerichtsurteil in ihrem Fall am 8. Februar 2018 eine Pressekonferenz vor dem Seoul High Court im Stadtteil Seocho ab.]]&lt;br /&gt;
Wie in einem Artikel des Journalisten [[Tim Shorrock]] aus dem Jahr 2019 beschrieben, wurden &amp;quot;zwischen dem Ende des Koreakriegs und den frühen 1990er Jahren mehr als eine Million koreanische Frauen in eine staatlich kontrollierte Prostitutionsindustrie verstrickt&amp;quot;, die vom und zum Vorteil des US-Militärs betrieben wurde. Sie arbeiteten in speziellen Zonen um US-Basen herum, in Gebieten, die von der südkoreanischen Regierung lizenziert wurden, ausschließlich für amerikanische Truppen reserviert waren und von der US-Armee überwacht und polizeilich kontrolliert wurden. Shorrock erklärt, dass das System darauf ausgelegt war, das US-südkoreanische Bündnis zu stärken und die Moral des US-Militärpersonals zu erhöhen, und dass Südkorea dadurch Devisen einbringen konnte, wobei Prostitution zu diesem Zweck als patriotische Pflicht einer Frau gegenüber dem Staat gefördert wurde. Diese Zonen, genannt „kijichon“ (Koreanisch: 기지촌; &amp;quot;Militärlagerstadt&amp;quot;), wurden um 31 US-Armee-, Luftwaffen- und Marinebasen in Südkorea eingerichtet. Shorrock schreibt, dass &amp;quot;in der Provinz Gyonggi, die sich von Süden von Seoul bis zur DMZ erstreckt und in der sich die Mehrheit der US-Basen befand, jedes Jahr von 1953 bis Ende der 1980er Jahre etwa 10.000 Sexarbeiterinnen registriert wurden.&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot;&amp;gt;[[Tim Shorrock|Shorrock, Tim]]. 2019. [https://newrepublic.com/article/155707/united-states-military-prostitution-south-korea-monkey-house &amp;quot;Willkommen im Affenhaus.&amp;quot;] The New Republic. 2. Dezember 2019. [https://web.archive.org/web/20230322174621/https://newrepublic.com/article/155707/united-states-military-prostitution-south-korea-monkey-house Archiviert] 2023-03-22.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2018 stimmte Lee Beom-gyun, ein Richter an einem Berufungsgericht in Seoul, zu, dass die südkoreanische Regierung die Prostitution aktiv gefördert hatte, um die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu stärken. Lee urteilte, dass der koreanische Staat die Militärlagerstädte „betrieb und verwaltete“, um zur „Aufrechterhaltung eines für die nationale Sicherheit wesentlichen Militärbündnisses“ beizutragen und die Branche durch „patriotische Erziehung, die Prostituierte als ‚Patrioten, die Devisen einbringen‘ lobte“, unterstützte. Er kam zu dem Schluss, dass die Regierung die Menschenrechte ihrer Bürger verletzt hatte, und verurteilte die Praxis, „Lagerstadtprostituierte in Zwangsinternierungslagen zu segregieren oder durch die wahllose Verabreichung von Penicillin, das ernsthafte körperliche Nebenwirkungen hat.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/831625.html &amp;quot;Court Finds That South Korean Government Encouraged Prostitution near US Military Bases.&amp;quot;] 2018. Hani.co.kr. [https://web.archive.org/web/20230325113713/http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_international/831625.html Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Artikel von 2019 beschreibt die Erfahrung einer Sexarbeiterin in diesem System:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Eine ehemalige Sexarbeiterin beschrieb in einem von Durebang produzierten Dokumentarfilm deutlich die Bedingungen, denen viele „kijichon“-Frauen ausgesetzt waren. „Ein Zuhälter verkaufte mich an eine US-Lagerstadt“, erinnerte sie sich. „In einem Lagerhaus wurde ich vergewaltigt. Die Polizei schickte mich ins Affenhaus, wo amerikanische Mediziner uns Injektionen“ von Penicillin und anderen Medikamenten gaben, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Nach ihrer Entlassung musste sie ein Plastikabzeichen tragen, das zeigte, dass sie getestet worden war – „Muschi-Tags“, nannte sie sie. Alle Sexarbeiterinnen und Barbesitzer mussten diese Registrierungszertifikate auch an den Wänden ihrer Einrichtungen aufhängen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Choi Hee-shin, eine Gemeinwesenorganisatorin, die in Dongducheon aufgewachsen ist, das das US-Camp Casey umgibt, wurde in demselben Artikel von 2019 mit den Worten zitiert: „Viele Menschen schämen sich für das, was in den Lagerstädten passiert ist, und wollen es vergessen“, und fügte hinzu: „Aber Menschen wie ich, wir können es nicht vergessen. Das US-südkoreanische Bündnis hing von diesen Trostfrauen ab.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut der Wellesley-Professorin Katharine H.S. Moon in „Sex Among Allies“, einer Geschichte der militärischen Prostitution in Südkorea, war die „überwältigende Mehrheit“ der Prostituierten in den Lagerstädten entweder Waisen oder verlassen Kinder. Moon schätzt in ihrem Buch, dass auf dem Höhepunkt der US-Truppenstärke in den 1980er Jahren die „kijichon“-Wirtschaft 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Südkoreas ausmachte. Sobald sie für die Lagerstädte angeworben wurden, fanden sich die Frauen durch Schulden gefangen. Sie führten ihre Sexarbeit in Zimmern durch, die sie von den Barbesitzern mieten mussten. Sie mussten auch alle ihre Vorräte, einschließlich ihres Bettes, ihrer Kleidung und der Phonographen, die sie aufstellten, um ihre amerikanischen Kunden zu unterhalten, kaufen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Shorrock erklärt, dass viele der Koreaner, die Gerechtigkeit für die Sexarbeiterinnen der Lagerstädte suchen, sie als [[Trostfrauen]] bezeichnen, ein Begriff, der gemeinhin Frauen bezeichnet, die von der japanischen Kaiserlichen Armee entführt und gezwungen wurden, in militärischen Bordellen, die „Troststationen“ genannt wurden, während des Zweiten Weltkriegs zu arbeiten. Allerdings hat die koreanische Öffentlichkeit im Allgemeinen davon abgesehen, die kijichon-Frauen als Opfer des Imperialismus in der Art der Trostfrauen zu behandeln. Park Jeong-mi, eine Professorin an der Chungbuk National University, argumentiert, dass dieses Gefühl unfair ist, und in ihrer Forschung hat sie eine direkte historische Verbindung zwischen den japanischen und amerikanischen Systemen gefunden, da die US-Militärregierung einen Verwaltungsstaat schuf, der von Koreanern dominiert wurde, die mit den japanischen Kolonialherren kollaboriert hatten. Der Übergang von der japanischen zur amerikanischen erzwungenen Sexarbeit war ein einfacher Übergang, sagte sie: „Hochrangige koreanische Beamte, die unter der japanischen Kolonialherrschaft gedient hatten, waren mit dem Troststationssystem vertraut.“ Unter US-Druck, sagte Park, lizenzierte die südkoreanische Regierung die Bars und Clubs, die die Frauen beschäftigten, die die US-Truppen unterhielten, und verglich diese Einrichtungen mit de facto Bordellen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:25&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Sexismus ===&lt;br /&gt;
Frauen erhalten für dieselbe Arbeit nur halb so viel Lohn wie Männer.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1222&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=[[Vijay Prashad]]|jahr=2008|titel=The Darker Nations: A People&#039;s History of the Third World|kapitel=Singapur|seite=248|pdf=https://cloudflare-ipfs.com/ipfs/bafykbzaceascnzh26r5d6uitjjs2z7rflhaxlt7rboz5whzdf76qg6xxvecqq?filename=%28A%20New%20Press%20People%27s%20history%29%20Vijay%20Prashad%20-%20The%20darker%20nations_%20a%20people%27s%20history%20of%20the%20third%20world-The%20New%20Press%20%282008%29.pdf|verlag=The New Press|isbn=9781595583420|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=9B40B96E830128A7FE0E0E887C06829F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Aufkommender Antikapitalismus ==&lt;br /&gt;
In den letzten Jahren ist der Begriff „[[Hell Joseon]]“ oder „Hell Korea“ (Koreanisch: 헬조선) populär geworden, um die soziale Angst und Unzufriedenheit zu beschreiben, die mit hoher Arbeitslosigkeit und schlechten Arbeitsbedingungen einhergeht.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/739886.html Lashing out at “Hell Joseon”, young’uns drive ruling party’s election beatdown]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.washingtonpost.com/world/asia_pacific/young-south-koreans-call-their-country-hell-and-look-for-ways-out/2016/01/30/34737c06-b967-11e5-85cd-5ad59bc19432_story.html Young South Koreans call their country ‘hell’ and look for ways out] by the [[Washington Post]]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die südkoreanischen Medien haben auch zunehmend Erzählungen über Klassenantagonismus aufgenommen, die bei westlichen Zuschauern beliebte Erfolge waren, mit Filmen wie „Snowpiercer“ (2013)&amp;lt;ref&amp;gt;[https://newmultitude.org/snowpiercer-class-consciousness/ THE TRAIN IS CAPITALISM- SNOWPIERCER AND CLASS CONSCIOUNESS]&amp;lt;/ref&amp;gt; und „Parasite“ (2019)&amp;lt;ref&amp;gt;[https://medium.com/incluvie/parasite-and-capitalism-what-the-film-says-about-the-pursuit-of-wealth-993fa7ce7ee1 Parasite and Capitalism: What the Film Says About the Pursuit of Wealth]&amp;lt;/ref&amp;gt; und der beliebten TV-Show „Squid Game“ (2021).&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.msn.com/en-us/money/other/squid-game-the-rise-of-anti-capitalist-entertainment/ar-AAPaOHG Squid Game &amp;amp; The Rise Of Anti-Capitalist Entertainment]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.gen-zine.com/post/thesquidgame “The Squid Game”: Anti-Capitalism and Netflix]&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.buzzfeednews.com/article/elaminabdelmahmoud/squid-game-netflix-review-lupin-international “Squid Game” Works Because Capitalism Is A Global Scourge]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit zunehmender wirtschaftlicher Schichtung, sozialer [[Entfremdung]] und mangelnden Chancen für junge Menschen, die in die Arbeitswelt eintreten, hat Südkorea eine Rate an psychischen Gesundheitsproblemen und Suiziden, die zu den höchsten in der entwickelten Welt gehört.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Nachrichten-Zitation|autor=Katrin Park|zeitung=Foreign Policy|titel=South Korea Is No Country for Young People|datum=2021-10-5|url=https://foreignpolicy.com/2021/11/05/south-korea-suicide-rates-mental-illness-squid-game/}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Dies führt zweifellos zur Entwicklung von [[Klassenbewusstsein]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[bürgerliche Medien]] (in Südkorea und in den USA) stellt sorgfältig sicher, dass alle Kritik am Kapitalismus kurz vor der Bereitstellung konkreter Lösungen stoppt, damit die Menschen nicht an [[Sozialismus]] und seinen [[Erfolge des Sozialismus|verschiedenen Erfolgen weltweit]] interessiert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Arbeitsmilitanz]] nimmt ebenfalls zu, da 500.000 südkoreanische Arbeiter an einem eintägigen [[Generalstreik]] teilnahmen und gegen die grassierende [[Ausbeutung]] durch die [[Gig worker|Gig-Economy]], hohe Wohnkosten und die höchsten jährlichen Arbeitszeiten in der OECD protestierten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://therealnews.com/half-a-million-south-korean-workers-walk-off-jobs-in-general-strike HALF A MILLION SOUTH KOREAN WORKERS WALK OFF JOBS IN GENERAL STRIKE] on [https://therealnews.com/half-a-million-south-korean-workers-walk-off-jobs-in-general-strike The Real News Network]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Anmerkungen ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Notes&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Verweise==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Asien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Ostasien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Kapitalistische Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Besetzte Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Illegitime Staaten]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Korea&amp;diff=9282</id>
		<title>Korea</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Korea&amp;diff=9282"/>
		<updated>2026-03-10T07:45:18Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Infobox Land&lt;br /&gt;
|name=Korea&lt;br /&gt;
|name_einheimisch=조선&lt;br /&gt;
|bild_flagge=Korean Unification Flag.png&lt;br /&gt;
|bild_karte=Korea.png&lt;br /&gt;
|hauptstadt=[[Pjöngjang]]&lt;br /&gt;
|größte_stadt=[[Seoul]]&lt;br /&gt;
|offizielle_sprachen=Koreanisch&lt;br /&gt;
|fläche_km2=223.155&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung=77.000.000&lt;br /&gt;
|bevölkerung_schätzung_jahr=2017&lt;br /&gt;
|karte_breite=250&lt;br /&gt;
|denomyn=Koreaner*in&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
&#039;&#039;&#039;Korea&#039;&#039;&#039; ist eine [[Nation]] in [[Ostasien]]. Sie umfasst die koreanische Halbinsel und viele dazugehörige Inseln. Zurzeit ist die Nation in zwei Staaten geteilt: im Norden befindet sich die [[Demokratische Volksrepublik Korea]], auch Nordkorea genannt, und im Süden ist die [[Republik Korea]], auch genannt Südkorea. Die Teilung der Halbinsel im Jahr 1945 war ursprünglich nur als vorübergehend gedacht, hat sich aber bis heute aufgrund der anhaltenden Besetzung des Südens und der unnachgiebigen Aggressionspolitik der Vereinigten Staaten gegenüber der DVRK erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Außenminister der DVRK erklärte vor der [[Vereinte Nationen|VN]]-Generalversammlung, dass das Wesen der Situation auf der koreanischen Halbinsel eine Konfrontation zwischen der DVRK und den USA sei, bei der die DVRK versucht, ihre nationale Würde und Souveränität gegen die feindselige Politik und die nuklearen Drohungen der USA zu verteidigen, und stellte klar, dass die DVRK „überhaupt nicht die Absicht hat, nukleare Waffen gegen Länder einzusetzen oder damit zu drohen, die sich nicht an den militärischen Aktionen der USA gegen die DVRK beteiligen.“&amp;lt;ref&amp;gt;Ri Yong Ho, Außenminister der DVRK. [https://gadebate.un.org/sites/default/files/gastatements/72/kp_en.pdf „Erklärung von S.E. Herrn Ri Yong Ho, Außenminister der Demokratischen Volksrepublik Korea, auf der Generaldebatte der 72. Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen.“] New York, 23. September 2017. gadebate.un.org. [https://web.archive.org/web/20220709114619/https://gadebate.un.org/sites/default/files/gastatements/72/kp_en.pdf Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Provinces of Korea.png|thumb|395x395px|Provinzen Koreas.]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Volksdemokratische Partei]] (VDP), eine revolutionäre [[Kommunistische Partei|Arbeiterpartei]] in Südkorea, hat erklärt, dass der Kampf um die Wiedervereinigung Koreas und den Frieden von dem Abzug der US-Truppen abhängt, dass die US-Truppen „Besatzungstruppen in Südkorea und Invasionsarmee gegen Nordkorea“ seien und daher der Abzug der US-Militärs aus Südkorea „die dringendste und bevorzugte Kampfaufgabe für die gesamte koreanische Nation zur Lösung“ sei. Die VDP fügte hinzu, dass solange US-Truppen in Südkorea stationiert sind und Kriegsübungen gegen Nordkorea durchgeführt werden, „die Aussichten auf Frieden zwangsläufig düster“ seien.&amp;lt;ref&amp;gt;Volksdemokratische Partei und Befreiungsschule. [https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ „70 Jahre zu lang: Der Kampf zur Beendigung des Koreakriegs – Befreiungsschule.“] &#039;&#039;Befreiungsschule – Revolutionärer Marxismus für eine neue Generation von Kämpfern&#039;&#039;, 25. Juni 2020. [https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/korean-war-70-years/ Archiviert].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Koreanische Halbinsel grenzt im Nordwesten an die [[Volksrepublik China|VR China]] und im Nordosten an [[Russland]]. Sie ist im Osten durch die Koreastraße und das Japanische Meer (Ostmeer) von [[Japan]] getrennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Etymologie==&lt;br /&gt;
Der englische Name „Korea“ leitet sich vom koreanischen Königreich Goryeo ab, das auch als Koryŏ transkribiert wird (koreanisch: 고려), das von 918 bis 1392 bestand. Es wird allgemein angenommen, dass während der Goryeo-Periode die individuellen Identitäten von Goguryeo, Baekje und Silla erfolgreich zu einer einzigen Einheit verschmolzen wurden, die die Grundlage der modernen koreanischen Identität bildete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der modernen koreanischen Sprache unterscheidet sich das Wort, das sich auf Korea bezieht, je nach Verwendung in der DVRK und im Süden. In der DVRK wird Korea als &#039;&#039;Choson&#039;&#039; (koreanisch: 조선; Hanja: 朝鮮) bezeichnet, während es im Süden als &#039;&#039;Hanguk&#039;&#039; (koreanisch: 한국; Hanja: 韓國) bezeichnet wird. Jeder dieser Namen hat Wurzeln sowohl in der modernen als auch in der alten koreanischen Geschichte.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://tongiltours.com/part-1-study-in-north-korea-kim-il-sung-university „How to Speak the North Korean Language: Part 1“] Tongil Tours. 10. März 2017. [https://web.archive.org/web/20221025103531/https://tongiltours.com/part-1-study-in-north-korea-kim-il-sung-university Archiviert] 2022-10-25.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt; Daher wurden während der Unabhängigkeitsbewegung in Korea während der japanischen Besatzungszeit sowohl &#039;&#039;Choson&#039;&#039; als auch &#039;&#039;Hanguk&#039;&#039; als mögliche Namen für das zukünftige Land nach der Befreiung angesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Südkorea ist es üblich, die DVRK als „Bukhan“ (북한; 北韓) zu bezeichnen, was „Nord-&#039;&#039;Han&#039;&#039; (Korea)“ bedeutet. Gleichzeitig ist es in der DVRK üblich, Südkorea als „Namchoson“ (남조선; 南朝鮮), „Süd-&#039;&#039;Choson&#039;&#039; (Korea)“ zu bezeichnen. In einigen Kontexten wird das Wort &#039;&#039;cheuk&#039;&#039; (측; 側), was „Seite“ bedeutet, verwendet, um „bukcheuk“, „Nordseite“, und „namcheuk“, „Südseite“, zu bilden, um neutraler über einander zu sprechen.&amp;lt;ref&amp;gt;이진욱. [https://www.nocutnews.co.kr/news/4910375 „언론은 왜 북한을 &#039;북측’이라고 할까?“] 노컷뉴스. 노컷뉴스. 22. Januar 2018. [https://web.archive.org/web/20221025120530/https://www.nocutnews.co.kr/news/4910375 Archiviert] 2022-10-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Name Choson leitet sich von einer koreanischen Dynastie ab, die von 1392 bis 1897 regierte. Im Oktober 1897 erklärte jedoch der Monarch Koreas das Ende des Choson-Königreichs und gründete ein neues Regime, das als &#039;&#039;Daehanjeguk&#039;&#039; oder „Großes Han-Reich“ (koreanisch: 대한제국; Hanja: 大韓帝國) bekannt wurde, mit sich selbst als Kaiser. Der Name „Daehan“ wurde in Bezug auf die drei Staaten gebildet, die in der Vergangenheit in Korea existierten: Mahan, Byunhan und Jinhan. Mit der japanischen Annexion Koreas im Jahr 1910 wurde der Name für Korea jedoch während der Zeit des japanischen [[Imperialismus]] wieder auf „Choson“ zurückgesetzt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot;&amp;gt;[https://615tv.net/432?category=1051910 &amp;lt;nowiki&amp;gt;„[1조] 북한의 국호에 민주주의를 유지하는 이유는?“&amp;lt;/nowiki&amp;gt;] 주권방송. The615tv. 29. Juli 2022. [https://web.archive.org/web/20220904010957/https://615tv.net/432?category=1051910 Archiviert] 2022-09-04.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daher entstand die Argumentation, dass der zukünftige Name des Landes „Daehan“ (koreanisch: 대한; Hanja: 大韓) sein sollte, da dies der Name des Landes unmittelbar vor der japanischen Kolonialzeit gewesen war und „Choson“ der von den Japaner*innen wiederbelebte Name war. Die Unabhängigkeitsaktivisten, die dem Sozialismus nahestanden, bevorzugten jedoch „Choson“ gegenüber „Daehan“, da für die allgemeine Bevölkerung der Name Choson ein vertrauterer Landesname war als „Daehan-Reich“, das nur etwa 10 Jahre bestanden hatte, und „Daehan“ der Name des Landes war, das der japanischen Annexion zum Opfer gefallen war, was es zu einem unerwünschten Namen machte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:4&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letztendlich wurde die Regierung, die sich in Südkorea bildete, als &#039;&#039;Daehanminguk&#039;&#039; (koreanisch: 대한민국; Hanja: 大韓民國) bezeichnet, was wörtlich „Die Große Han-Republik“ oder, da sich „Han“ hier auf Korea bezieht, „Die Große Koreanische Republik“ bedeutet, wobei der Name &#039;&#039;Hanguk&#039;&#039; eine Kurzform dieses Namens ist. In Nordkorea wurde weiterhin der Name &#039;&#039;Choson&#039;&#039; verwendet, der Name für Korea, der während der frühen japanischen [[Kolonialismus|kolonialen]] Periode im 20. Jahrhundert und der Choson-Dynastie (14.–19. Jahrhundert) verwendet worden war.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://tongiltours.com/part-2-korea-south-korean-hanguk „How to Speak the North Korean Language: Part 2“] Tongil Tours. 19. März 2017. [https://web.archive.org/web/20221025103547/https://tongiltours.com/part-2-korea-south-korean-hanguk Archiviert] 2022-10-25.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Prähistorie ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Prehistoric archeological sites map of Korea.jpg|alt=Bronzedolche und Dolmenstätten sind in der Mandschurei und auf der Koreanischen Halbinsel verteilt, wobei Gojoseon im nördlichen Teil der Koreanischen Halbinsel zentriert war|thumb|Eine Karte, die die Verteilung der Liaoning-Bronzedolch-Kultur und der Dolmen-archäologischen Stätten auf der Koreanischen Halbinsel und in der Mandschurei darstellt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot; /&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Die Prähistorie der koreanischen Nation begann mit der menschlichen Besiedlung in [[Mandschurei]] und auf der Koreanischen Halbinsel vor etwa 700.000 Jahren. Im Paläolithikum überlebten die frühen Bewohner des Landes durch Jagen und Sammeln. Koreas Neolithikum begann um 8.000 v. Chr. Die Menschen begannen mit dem Ackerbau, dem Anbau von Getreide, der Verwendung von polierten Steinwerkzeugen und der Herstellung von charakteristischer Kammkeramik. Die Menschen dieser Zeit begannen, sich dauerhaft niederzulassen und bildeten Clangesellschaften. Das Bronzezeitalter der Koreanischen Halbinsel begann um das 10. Jahrhundert v. Chr., während es in der Mandschurei um das 15. Jahrhundert v. Chr. begann. Während dieser Zeit begannen die Clangesellschaften, sich unter einflussreichen Führenden zu vereinen, und entwickelten sich allmählich zu frühen Staaten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot;&amp;gt;[https://www.korea.net/AboutKorea/History/The-Beginnings-of-the-Countrys-History &amp;quot;The Beginnings of Korea’s History (Prehistoric Times – Gojoseon) : Korea.net : The Official Website of the Republic of Korea.&amp;quot;] Korea.net. 2021. [https://web.archive.org/web/20221012230807/https://www.korea.net/AboutKorea/History/The-Beginnings-of-the-Countrys-History Archiviert] 2022-10-12.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Gojoseon ===&lt;br /&gt;
Gojoseon, oder Kochoson (koreanisch: 고조선; Hanja: 古朝鮮), gilt als der erste Staat des koreanischen Volkes und wird als 2333 v. Chr. gegründet und bis 108 v. Chr. bestehend betrachtet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot;&amp;gt;[http://nationalatlas.ngii.go.kr/pages/page_3083.php &amp;quot;The National Atlas of Korea: Territorial History of Korea.&amp;quot;] Comprehensive Edition, 2022. [https://web.archive.org/web/20240315163147/http://nationalatlas.ngii.go.kr/pages/page_3083.php Archiviert] 2024-03-15.&amp;lt;/ref&amp;gt; Obwohl es Joseon (Choson) genannt wird, wird es in der Neuzeit als &amp;quot;Gojoseon&amp;quot; (&amp;quot;Kochoson&amp;quot;) bezeichnet, um es von der späteren Joseon (Choson)-Dynastie (1392-1910) zu unterscheiden.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|author=Faraz German|newspaper=Embassy of the Republic of Korea to Norway|title=Korean mythology – Dangun and the origin of the ancient Korea|date=2020-10-05|url=https://nor.mofa.go.kr/no-en/brd/m_21237/view.do?seq=94|archive-url=https://web.archive.org/web/20231208190305/https://nor.mofa.go.kr/no-en/brd/m_21237/view.do?seq=94|archive-date=2023-12-08|retrieved=2024-04-25}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koreas vorherrschender Gründungsmythos besteht aus der Legende von Dangun (koreanisch: 단군), der als der Gründer Koreas betrachtet wird. Laut der Erzählung ist er der Sohn eines himmlischen Prinzen, der auf der Erde leben wollte, und einer Bärin, die zu einer menschlichen Frau wurde. Dangun wird zugeschrieben, seine Hauptstadt in der Stadt [[Pjöngjang]] (später nach Asadal verlegt oder ursprünglich dort gegründet, je nach Überlieferung)&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot;&amp;gt;Violet Kim. [https://www.korea.net/NewsFocus/Culture/view?articleId=121092 &amp;quot;Dangun, Father of Korea: Korea’s Foundation Tale Lends Itself to Many Interpretations.&amp;quot;] Korea.net. [https://web.archive.org/web/20230825142733/https://www.korea.net/NewsFocus/Culture/view?articleId=121092 Archiviert] 2023-08-25.&amp;lt;/ref&amp;gt; gegründet zu haben und sein Königreich Joseon genannt zu haben. Er wird als 1.500 Jahre regierend betrachtet, dann wurde er zu einem Berggott.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot;&amp;gt;[https://archive.org/details/outline-of-korean-history &amp;quot;The Outline of Korean History.&amp;quot;] Foreign Languages Publishing House, 1977. Pyongyang, Korea.&amp;lt;/ref&amp;gt; Sowohl in Nord- als auch in Südkorea wird der National Foundation Day (koreanisch: 개천절; Hanja: 開天節; &amp;lt;abbr&amp;gt;lit.&amp;lt;/abbr&amp;gt; &amp;quot;Himmelseröffnungsfeier&amp;quot; oder &amp;quot;der Tag, an dem sich der Himmel öffnete&amp;quot;) am 3. Oktober begangen, der die Gründung Koreas durch Dangun markiert.&amp;lt;ref&amp;gt;Shaffer, David. [https://gwangjunewsgic.com/arts-culture/korean-myths/korea-is-created/ “The Heavens Open: Korea Is Created.”] Gwangju News. October 7, 2021. [https://web.archive.org/web/20230825142446/https://gwangjunewsgic.com/arts-culture/korean-myths/korea-is-created/ Archiviert] 2023-08-25.&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut einem Artikel auf der Website des südkoreanischen Kulturministeriums &amp;quot;wird Dangun trotz der Unstimmigkeiten zwischen den historischen Berichten letztlich immer noch als der Gründer dieser Nation betrachtet.&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:11&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Laufe der Zeit übernahm Gojoseon die Eisenzeitkultur und entwickelte sich in der Landwirtschaft, im Handwerk und in der militärischen Stärke. Es fungierte als Vermittler im Handel mit China und verschiffte Waren wie Leder, Kleidung und Pelzprodukte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt; Allerdings entwickelte sich eine Konfrontation zwischen Gojoseon und Chinas Han-Dynastie, wobei die Han Gojoseon mit Boden- und Seestreitkräften angriffen. Anfangs wurden diese Angriffe abgewiesen und Gojoseon konnte seine Hauptstadt verteidigen. Doch die Han griffen mit einer größeren Streitmacht erneut an, und nach einem Jahr Krieg fiel die Hauptstadt und Gojoseon kollabierte 108 v. Chr.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:10&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Drei Königreiche und andere Staaten ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Tongmyong mausoleum.png|thumb|Mausoleum von König Tongmyŏng]]&lt;br /&gt;
Gegen Ende der Gojoseon-Periode und nach seinem Fall 108 v. Chr. entwickelten sich auf der Koreanischen Halbinsel und in der Mandschurei verschiedene andere Staaten und Staatengruppen. Dazu gehörten Staaten wie Buyeo, Dongye, Okjeo und die Drei Han-Staaten (koreanisch: 삼한; Hanja: 三韓) von Mahan, Jinhan und Byeonhan.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot; /&amp;gt; Buyeo, das in der Mandschurei lag, wurde schließlich in den aufstrebenden feudalistischen Staat Goguryeo (Koguryo) eingegliedert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:18&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot;&amp;gt;[https://www.korea.net/AboutKorea/History/Three-Kingdoms-other-States &amp;quot;Three Kingdoms and Other States.&amp;quot;] Korea.net.&amp;lt;/ref&amp;gt; Mit der Zeit entwickelten und gewannen die Staaten Goguryeo, Baekje und Silla in ihren jeweiligen Gebieten in der Mandschurei und auf der Koreanischen Halbinsel an Macht, wobei diese Periode commonly als die Zeit der Drei Königreiche bezeichnet wird.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:19&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:20&amp;quot; /&amp;gt; Andere bemerkenswerte Staaten, die zu dieser Zeit existierten, waren der Gaya-Bund, der zwischen Baekje und Silla lag und 562 n. Chr. von Silla erobert wurde,&amp;lt;ref&amp;gt;Cartwright, Mark. [https://www.worldhistory.org/Gaya/ &amp;quot;Gaya.&amp;quot;] World History Encyclopedia, 2016-09-28.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Tamna, ein Königreich auf der Insel Jeju.&amp;lt;ref&amp;gt;Lee Seung-ah. [https://www.korea.net/NewsFocus/Culture/view?articleId=123380 &amp;quot;Learn the island&#039;s history at the Jeju National Museum.&amp;quot;] Korea.net, 2014-12-02.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
König Tongmyong gründete das Koguryŏ-Königreich (37 v. Chr.–668 n. Chr.).&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|newspaper=[[Rodong Sinmun]]|date=2023-03-04|url=http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wMy0wNC1IMDAyQDdAMUBAMEA3==|archive-url=https://web.archive.org/web/20230819014817/http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wMy0wNC1IMDAyQDdAMUBAMEA3==|archive-date=2023-08-19}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der erste vereinigte koreanische Staat war das Koryŏ-Königreich, das von 918 bis 1392 bestand. Zu dieser Zeit war der [[Buddhismus]] bereits in Korea weit verbreitet. Anfang des 13. Jahrhunderts erlitten die Koreaner*innen eine [[Mongolenreich|Invasion]] aus dem Westen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|newspaper=[[Rodong Sinmun]]|title=Phalmandaejanggyong|date=2023-05-28|url=http://rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wNS0yOC1IMDAxQDdAMUBAMEAz==|archive-url=https://web.archive.org/web/20230819015445/http://rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wNS0yOC1IMDAxQDdAMUBAMEAz==|archive-date=2023-08-19}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Joseon-Dynastie ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Pukgwan monument.png|thumb|238x238px|1708 Monument zur Erinnerung an Jong Mun-bus Sieg gegen japanische Invasoren]]&lt;br /&gt;
Die Joseon-Dynastie wurde 1392 gegründet und dauerte bis 1897, eine Zeitspanne von etwas mehr als 500 Jahren. Es folgte das relativ kurzlebige Koreanische Kaiserreich (1897-1910), das mit der japanischen Kolonialzeit endete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Regierung und die öffentlichen Systeme der Joseon-Dynastie waren nach den Prinzipien des [[Neo-Konfuzianismus]], der offiziellen Staatsideologie, organisiert. Im Gegensatz zur Goryeo-Dynastie, in der die landwirtschaftlichen Flächen privat von Adligen und lokalen Clans kontrolliert wurden, installierte die Joseon-Dynastie eine zentrale Regierung, die für die Überwachung der rechtlichen Verwaltung, des Militärs und der Durchführung nationaler Rituale verantwortlich war.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.museum.go.kr/site/eng/showroom/list/759?showroomCode=DM0045 “Medieval and Early Modern History.”] National Museum of Korea. [https://web.archive.org/web/20230826041616/https://www.museum.go.kr/site/eng/showroom/list/759?showroomCode=DM0045 Archiviert] 2023-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Frühe und mittlere Joseon-Periode ====&lt;br /&gt;
[[Sejong]], der vierte König der [[Feudalismus|feudalen]] Joseon-Dynastie, erfand das koreanische Schriftssystem im Jahr 1444.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|newspaper=[[Rodong Sinmun]]|title=Korean Characters Hunminjongum, Treasure and Pride of Nation|date=2023-04-27|url=http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wNC0yNy1IMDA3QDdAMUBAMEA1==|archive-url=https://web.archive.org/web/20230819015659/http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wNC0yNy1IMDA3QDdAMUBAMEA1==|archive-date=2023-08-19}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Koreaner*innen hatten jahrhundertelang die traditionellen [[Chinesische Schriftzeichen|chinesischen Schriftzeichen]] als Schriftsystem verwendet. Die Erfindung des koreanischen Schriftsystems trug dazu bei, die Alphabetisierung zu erhöhen und die Kommunikation zwischen den Menschen und der Regierung zu verbessern.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot; /&amp;gt; In der heutigen Zeit wird die Erfindung des koreanischen Schriftsystems in ganz Korea am Korean Alphabet Day gefeiert, der in Nordkorea am 15. Januar (dem Tag, an dem das Alphabet geschaffen wurde) und in Südkorea am 9. Oktober (dem Tag, an dem das Alphabet proklamiert wurde) begangen wird.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.joongang.co.kr/article/16065452#home “북한 한글날은 &#039;조선글날’인 1월15일…왜?” (&amp;quot;Warum ist Nordkoreas Hangeul-Tag, &#039;Chosongul-Tag&#039;, am 15. Januar?&amp;quot;)] 중앙일보. 중앙일보. The JoongAng. 9. Oktober 2014. [https://web.archive.org/web/20230826043741/https://www.joongang.co.kr/article/16065452 Archiviert] 2023-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joseon unterhielt freundliche Beziehungen zur [[Ming-Dynastie (1368–1644)|Ming-Dynastie]] Chinas. Die beiden Länder tauschten jährlich königliche Gesandte aus und beteiligten sich an kulturellen und wirtschaftlichen Austauschprogrammen. Joseon akzeptierte auch Japans Anfrage nach bilateralem Handel durch die Öffnung der Häfen von Busan, Jinhae und Ulsan. Im Jahr 1443 schloss Joseon den Gyehae-Vertrag mit dem Clan von Tsushima Island für einen begrenzten bilateralen Handel. Joseon handelte auch mit anderen asiatischen Ländern wie Ryukyu, Siam und Java. Während des 14. und 15. Jahrhunderts unterhielt Joseon gute Beziehungen zu Japan. Im 16. Jahrhundert forderte Japan jedoch einen größeren Anteil am bilateralen Handel, doch Joseon lehnte es ab, dieser Forderung nachzukommen, was zu einem siebenjährigen Krieg führte, der als die japanischen Invasionen Koreas von 1592–1598 oder der Imjin-Krieg bekannt ist.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:13&amp;quot;&amp;gt;[https://www.korea.net/AboutKorea/History/Joseon &amp;quot;Joseon Dynasty.&amp;quot;] Korea.net. [https://web.archive.org/web/20230110182550/https://www.korea.net/AboutKorea/History/Joseon Archiviert] 2023-01-10.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jong Mun-bus Freiwilligenarmee besiegte japanische Piraten, die im 16. Jahrhundert in Nordkorea einfielen.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|newspaper=[[Rodong Sinmun]]|title=A Historic Relic, Monument to Great Victory in Pukgwan|date=2023-02-19|url=http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wMi0xOS1IMDA3QDdAMUBAMEA5==|archive-url=https://web.archive.org/web/20230819015136/http://www.rodong.rep.kp/en/index.php?MTJAMjAyMy0wMi0xOS1IMDA3QDdAMUBAMEA5==|archive-date=2023-08-19}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==== Späte Joseon-Periode ====&lt;br /&gt;
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die westlichen Mächte die [[Qing-Dynastie (1636–1912)|Qing-Dynastie]] Chinas und Japan gezwungen, ihre Tore zu öffnen, und stellten dann dieselbe Forderung an Joseon, doch Joseon lehnte solche Anfragen ab und sah sich mit naval Angriffen durch [[Französische Republik|Frankreich]] im Jahr 1866, durch die USA im Jahr 1871 sowie durch Japan im Jahr 1875 konfrontiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 1866 kam es zu einem kriminellen Eindringen in Koreas Taedong-Fluss durch das Schiff [[General Sherman Vorfall|&#039;&#039;General Sherman&#039;&#039;]] der USA, ein Beispiel für [[Kanonenbootpolitik]]. Unter der Forderung nach &amp;quot;Handel&amp;quot; und der Weigerung zu gehen, begingen die Besatzungsmitglieder der &#039;&#039;General Sherman&#039;&#039; Diebstahl, Gewalt sowie Entführungen und Tötungen von Koreaner*innenn, bis die Bürger von Pjöngjang schließlich das Boot in Brand setzen und versenken konnten. Dieses Ereignis wurde von anderen Vorfällen mit US-Kriegsschiffen gefolgt, die weiterhin in koreanisches Territorium eindrangen und illegale Goldsuche in Korea betrieben.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot;&amp;gt;[https://archive.org/details/origin-of-the-korean-question-foreign-languages-publishing-house-pyongyang-juche-107-2018/ &amp;quot;Origin of the Korean Question.&amp;quot;] Foreign Languages Publishing House, Pyongyang, Juche 107 (2018).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Joseon wurde 1876 unter militärischer Bedrohung gezwungen, einen ungleichen Vertrag mit Japan zu unterzeichnen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot;&amp;gt;[https://www.korea.net/AboutKorea/History/The-Fall-Joseon &amp;quot;The Fall of Joseon: Imperial Japan’s Annexation of Korea.&amp;quot;] Korea.net. [https://web.archive.org/web/20220912184320/https://www.korea.net/AboutKorea/History/The-Fall-Joseon Archiviert] 2022-09-12.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Korea-USA-Vertrag wurde 1882 geschlossen. Wie in &#039;&#039;Origin of the Korean Question&#039;&#039; beschrieben, gewannen die USA durch den Vertrag zahlreiche Privilegien, &amp;quot;bewegten sich dann, um Korea zu seinem Warenmarkt, einer Quelle für Edelmetalle und andere Rohstoffe und einem Objekt für Kapitalinvestitionen zu reduzieren.&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot; /&amp;gt; Nach der Eröffnung des Korea-USA-Handels im Jahr 1883 &amp;quot;brachten amerikanische Kapitalisten Überschusswaren wie alte Schusswaffen, Erdöl, Tabak und Tropfen, um sie zu überteuerten Preisen zu verkaufen [...] Und sie kauften Koreas Edelmetalle einschließlich Gold und Silber zu Spottpreisen.&amp;quot;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:21&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
===== Bäuer*innenaufstände und Donghak (1800er Jahre) =====&lt;br /&gt;
Im Laufe des 19. Jahrhunderts brachen in ganz Korea eine Reihe von [[Bauernstand|Bäuer*innen]]aufständen aus, die die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der Bäuer*innen widerspiegelten. Darüber hinaus wurde in den 1860er Jahren die Ideologie des Donghak (koreanisch: 동학; &amp;quot;Östliche Lehre&amp;quot;) entwickelt und gewann unter den Gelehrten Anhänger. Die Donghak-Ideologie war durch egalitäre Tendenzen gekennzeichnet und spiegelte eine Besorgnis über die drohende Bedrohung durch westliche Aggression wider und zeigte eine reformistische Haltung gegenüber der vorherrschenden konfuzianischen Ideologie und der Regierung von Joseon. Die Donghak-Ideologie und ihre Führer hatten Einfluss auf nachfolgende Bäuer*innenaufstände, obwohl die Aufstände letztlich durch den eigenen Antrieb der Bäuer*innen vorangetrieben wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;Bae Hang-seob, [https://oak.go.kr/repository/journal/18654/NRF003_2013_v16n2_399.pdf &amp;quot;Foundations for the Legitimation of the Tonghak Peasant Army and Awareness of a New Political Order.&amp;quot;] Acta Koreana Volume 16, Number 2, December 2013: 399-430. [https://web.archive.org/web/20230826102104/https://oak.go.kr/repository/journal/18654/NRF003_2013_v16n2_399.pdf Archiviert] 2023-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Donghak-Ideologie sollte später die Grundlage für [[Chondoismus]] (koreanisch: 천도교) bilden, eine Religion, die heute sowohl in Nord- als auch in Südkorea vertreten ist und die Religion der [[Chondoistische Chongu-Partei]] (koreanisch: 천도교청우당) der DPRK, eine der drei Parteien in der [[Obersten Volksversammlung]] der DPRK.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youngpioneertours.com/chondoism/ &amp;quot;What Is Chondoism?&amp;quot;] Young Pioneer Tours. 2. Mai 2019. [https://web.archive.org/web/20230528120001/https://www.youngpioneertours.com/chondoism/ Archiviert] 2023-05-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Bauernrevolution von 1894|Bäuer*innenrevolution von 1894]], auch als Kabo-Bäuer*innenkrieg (koreanisch: 갑오농민전쟁) oder Donghak-Bäuer*innenrevolution (koreanisch: 동학농민혁명) bekannt, war bemerkenswert, da sie über die bisherigen sporadischen Proteste auf Kreisebene hinausging und nationale Ausmaße erreichte, was zu einem etwa einjährigen, landesweiten Aufstand führte. Die Erfahrung des Aufstands hatte einen weitreichenden Einfluss auf den Verlauf der modernen Entwicklung Koreas und das Bewusstsein der Menschen, beeinflusste die Unabhängigkeitsbewegung vom 1. März und den bewaffneten Kampf gegen Japan, der sich in den folgenden Jahrzehnten entwickelte.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://www.1894.or.kr/eng/?menu=185 &amp;quot;Definition and Meaning.&amp;quot;] Donghak Peasant Revolution Foundation. [https://web.archive.org/web/20230826124441/http://www.1894.or.kr/eng/?menu=185 Archiviert] 2023-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut ExploreDPRK sagte Jong Un Myong, ein Forscher des Historischen Instituts der Akademie der Sozialwissenschaften der DPRK, über die Bäuer*innenrevolution von 1894: &amp;quot;Der Kabo-Bäuer*innenkrieg war ein massiver Kampf des koreanischen Volkes gegen die feudalen Herrscher und ausländischen Aggressoren&amp;quot;, bei dem nicht nur Bäuer*innen beteiligt waren, &amp;quot;sondern auch viele andere Menschen aus verschiedenen Kreisen, patriotische Adlige und Konfuzianer, Beamt*innen und Soldat*innen der Regierungsarmee.&amp;quot; Während Jong Un Myong der Ansicht war, dass der Aufstand &amp;quot;den glühenden patriotischen Geist, den starken Kampfgeist, die Tapferkeit, den selbstaufopfernden Geist und die nationale Einheit des koreanischen Volkes&amp;quot; zeigte, schreibt der Forscher, dass er letztlich &amp;quot;die Lehre hinterließ, dass es unmöglich ist, einen Sieg im Kampf ohne korrekte Strategie und Taktik und einheitliche Führung zu erringen.&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;{{Web citation|title=Kabo Peasants’ War|date=2019-03-24|url=https://exploredprk.com/history/kabo-peasants-war/}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===== Erster Japanisch-Chinesischer Krieg (1894-5) =====&lt;br /&gt;
Der [[Erste Japanisch-Chinesische Krieg]] (koreanisch: 청일 전쟁; Hanja: 淸日戰爭), ein Konflikt zwischen der Qing-Dynastie und dem Kaiserreich Japan von 1894–1895, entstand aus dem Konflikt zwischen den beiden Ländern um die Vorherrschaft in Korea zu dieser Zeit, wobei der Krieg nach einer Reihe von eskalierenden Spannungen erklärt wurde, einschließlich der Donghak-Bäuer*innenrevolution, bei der die Joseon-Regierung die Qing-Regierung um Hilfe bat, um die Rebellen zu unterdrücken. Die Ankunft der chinesischen Truppen in Korea veranlasste die Japaner*innen, 8.000 eigene Truppen nach Korea zu entsenden, da sie dies als Verletzung ihrer Vereinbarungen mit China in Bezug auf Korea ansahen.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.britannica.com/event/First-Sino-Japanese-War-1894-1895 &amp;quot;First Sino-Japanese War.&amp;quot;] &#039;&#039;Encyclopædia Britannica&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Imperialistischer Wettbewerb ===&lt;br /&gt;
Wie Ryo Sung Chol in dem Werk &#039;&#039;Korea -- The 38th Parallel North&#039;&#039; erklärt, waren die USA der erste westliche Staat, der diplomatische Beziehungen zum feudalen koreanischen Königreich aufbaute, und König Kojong, alarmiert durch die zunehmenden Bedrohungen des japanischen Imperialismus, sandte zweimal, 1896 und 1905, Gesandte nach Washington und bat um amerikanische Hilfe, entsprechend der Pflicht, die die USA gemäß einem Korea-USA-Vertrag von 1882 übernommen hatten. Die USA und Japan trafen eine geheime Vereinbarung zur Aufteilung Koreas und der [[Republik der Philippinen|Philippinen]] zwischen sich, bekannt als das Katsura-Taft-Abkommen. Die USA, [[Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland|Großbritannien]] und andere westliche Mächte verfolgten zeitweise die Strategie eines Bündnisses mit Japan, aus dem Hintergedanken heraus, die kriegerischen japanischen militaristischen Kräfte zu unterstützen, zu ermutigen und zu nutzen, um die schnell wachsenden nationalen Befreiungskräfte und den Einfluss des Kommunismus in Asien abschrecken zu können, aber ihr Bündnis war mit Widersprüchen belastet aufgrund ihrer konkurrierenden kolonialen Interessen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot;&amp;gt;Ryo Sung Chol. &amp;quot;KOREA -- The 38th Parallel North.&amp;quot; Foreign Languages Publishing House. Pyongyang, Korea. 1995. [https://www.koryography.com/wp-content/images/1548.pdf PDF]. [https://web.archive.org/web/20200926235752/https://www.koryography.com/wp-content/images/1548.pdf Archive].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Zeit rivalisierten die imperialistischen Mächte miteinander, um die Ressourcen Joseons zu plündern, und 1897 änderte Joseon seinen Namen in Koreanisches Kaiserreich und trieb Reformen und eine Politik der offenen Tür voran. Japan errang bald große Siege in seinen Kriegen gegen die Qing-Dynastie und das [[Russische Kaiserreich (1721–1917)|Russland]], stieg zu einer starken Macht in Nordostasien auf und unternahm Schritte, um Joseon zu annektieren. Viele Koreaner*innen widersetzten sich dem, aber im August 1910 wurde das Koreanische Kaiserreich offiziell vom Japanischen Kaiserreich annektiert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:14&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Japanischer Kolonialismus ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Company of Korean rebels circa 1907 by F.A. McKenzie.png|alt=Foto von koreanischen Rebellen|thumb|Anti-japanische koreanische Rebellen um 1907.]]&lt;br /&gt;
[[Datei:Japanese Troops Detraining to attack Korean Rebels by F. A. McKenzie.png|alt=Foto von japanischen Truppen, die in einer Reihe vor einem Zug stehen|thumb|Japanische Truppen steigen aus dem Zug, um koreanische Rebellen um 1907 anzugreifen.]]&lt;br /&gt;
1894 führten [[Qing-Dynastie (1636–1912)|China]] und Japan Krieg um die Kontrolle über Korea. Die Japaner*innen errichteten eine Militärmacht in der koreanischen Hauptstadt Hanseong (heute Seoul) und ermordeten Kaiserin [[Myeongseong]], die [[Russisches Kaiserreich (1721–1917)|russischen]] Schutz gegen die Japaner*innen gesucht hatte. 1896 bot Japan an, Korea mit Russland entlang des 38. Breitengrades zu teilen, der gleichen Linie, entlang derer die [[US-Imperialismus|US-Imperialisten]] Korea später nach der Niederlage Japans 1945 teilten. Russland lehnte den Vorschlag zusammen mit einem anderen Vorschlag ab, der [[Mandschurei]] an Russland und Korea an Japan geben sollte. Als die Verhandlungen scheiterten, griffen die Japaner*innen eine russische Flotte in Port Arthur an und übernahmen 1905 die Kontrolle über Korea. Die Japaner*innen töteten 29.000 koreanische Rebellen in den ersten drei Jahren der Besatzung und lösten die koreanische Armee 1907 auf. Nach den ersten Jahren der Kolonialherrschaft flohen die meisten Widerstandskämpfer in die Mandschurei. Japan annektierte Korea 1910 offiziell.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert hatte sich in Korea ein Kapitalismus entwickelt, der allmählich wuchs und in Konflikt mit dem Feudalsystem geriet. Die feudalen Herrscherkreise hatten sich bemüht, die feudalen Beziehungen zu bewahren und die Entwicklung kapitalistischer Elemente zu verhindern. Aus diesem Prozess gewann eine sozio-politische Bewegung an Stärke, die das feudale System ablehnte und ein kapitalistisches System einführen wollte. Allerdings wurde Koreas interne Entwicklung zum Kapitalismus durch die Verhängung der japanischen Kolonialherrschaft beeinflusst. Die japanische Imperialismuspolitik gegenüber Korea veränderte Koreas Entwicklung und machte es zu einer halbfeudalen Kolonie, die zu einer Quelle von Rohstoffen und Arbeitskräften für das imperialistische Japan, zu einem Markt für japanische Waren und Kapitalinvestitionen und zu einer Militärmacht für weitere Einfälle auf dem Kontinent wurde.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot;&amp;gt;Kim Han Gil. [https://archive.org/details/ModernHistoryOfKorea/ &amp;quot;Modern History of Korea.&amp;quot;] Foreign Languages Publishing House, Pyongyang, Korea, 1979.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Japaner*innen entwickelten Koreas Wirtschaft für ihre eigenen Zwecke, und 60% des koreanischen Reises wurde nach Japan exportiert. Das Land, das unter koreanischem Besitz blieb, wurde von feudalen [[Grundbesitzer|Grundbesitzenden]] kontrolliert, die später zur südkoreanischen [[Bourgeoisie]] wurden. Alle in Korea hergestellten Industriegüter wurden nach Japan exportiert, und japanische Arbeiter wurden dreimal so viel bezahlt wie Koreaner*innen. Die Japaner*innen schickten ein Achtel der koreanischen Bevölkerung in andere Teile ihres Reiches, um als Sklaven zu arbeiten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die industrielle Entwicklung Koreas unter japanischer Herrschaft war darauf ausgerichtet, kolonialen [[Superprofit]] zu generieren, den exklusiven Besitz aller Schlüsselbranchen der Industrie zu sichern und die Entwicklung der koreanischen Nationalindustrie zu behindern. Wie Kim Han Gil in &#039;&#039;Modern History of Korea&#039;&#039; feststellt, entwickelte sich die koreanische Industrie während der Kolonialzeit als &amp;quot;Anhängsel&amp;quot; der japanischen Industrie, wobei die koreanischen kapitalistischen Kräfte relativ klein blieben und traditionelle Handwerksarbeiten völlig ruiniert wurden:&amp;lt;blockquote&amp;gt;Die koreanische Industrie wurde dazu gebracht, hauptsächlich Rohstoffe und Halbfertigwaren für die japanische Industrie herzustellen, und die Produktionskräfte wurden so verteilt, dass ihre kolonialen Plünderungen erleichtert wurden. Die koreanische Industrie war nichts weiter als ein Anhängsel der japanischen Industrie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Politik der Japaner*innen, die Industrie zu monopolisieren, hemmte die normale Entwicklung der nationalen Industrie. Fabriken und Unternehmen in koreanischem Besitz waren wenige und die meisten von ihnen waren klein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die tyrannische japanische imperialistische Kolonialherrschaft hinderte nicht nur die normale Entwicklung der nationalen Industrie, sondern brachte auch das traditionelle Handwerk in völligen Ruin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter diesen Umständen waren die koreanischen kapitalistischen Kräfte im Allgemeinen sehr schwach und zudem in Kompradoren- und Nicht-Kompradoren-Kapitalisten gespalten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Die Kompradoren-Kapitalisten Koreas bestanden aus vergleichsweise großen Kapitalisten, die mit den japanischen Imperialisten kollaborierten und ihnen aktiv Unterstützung leisteten, zusammen mit anderen reaktionären Gruppen wie Grundbesitzern. Die Nicht-Kompradoren-Kapitalisten bestanden hauptsächlich aus mittleren und kleinen Unternehmern, die sich typischerweise unter dem Joch der japanischen Imperialisten und Kompradoren-Kapitalisten fanden und daher mit der japanischen imperialistischen Kolonialherrschaft unzufrieden waren. Darüber hinaus befand sich die städtische Kleinbesitzklasse in einer prekären Situation aufgrund der Raubpolitik der japanischen Imperialisten und des Drucks, der von den Kompradoren-Kapitalisten ausgeübt wurde, was ihnen ständige Unsicherheit verursachte. Daher waren auch die meisten von ihnen gegen den japanischen Imperialismus.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Three Koreans shot for pulling up rail as protest.png|alt=Ein Foto von drei Koreanern, die an Pfosten gebunden und mit verbundenen Augen stehen. Vier Soldaten stehen in der Nähe.|thumb|Ein Foto von drei Koreaner*innenn, die erschossen wurden, weil sie als Protest gegen die Beschlagnahmung von Land ohne Bezahlung durch die Japaner*innen Schienen hochzogen.&amp;lt;ref&amp;gt;Hulbert, Homer B. [https://archive.org/details/passingkorea00hulb &amp;quot;The Passing of Korea.&amp;quot;]&amp;lt;/ref&amp;gt;]]&lt;br /&gt;
Auf dem Land ließen die japanischen Imperialisten das feudale Landbesitz- und Pachtsystem bestehen, führten aber Waren-Geld-Beziehungen und moderne Handelsverbindungen ein und verwandelten es in ein halbfeudales System. Dies ermöglichte es ihnen, das Land sowohl durch feudale als auch kapitalistische Ausbeutung zu plündern. Zusätzlich dazu beschlagnahmten sie große Mengen an Land. Bis 1927 waren die absoluten Mehrheiten der Großgrundbesitzer Japaner*innen, die 81% der Grundbesitzer mit mehr als 200 Hektar Land ausmachten. Die Grundbesitzer verlangten von den Bäuer*innen Pachtzahlungen in Höhe von 50 bis 90% der Gesamtproduktion und ließen [[Pachtbauern|Pacht]]&amp;lt;nowiki/&amp;gt;bäuer*innen verschiedene Steuern und Abgaben zahlen. Landlose und &amp;quot;landarme&amp;quot; Bäuer*innen machten die Mehrheit der Bäuer*innenschaft aus, während reiche Bäuer*innen relativ wenige waren. Die kombinierte koloniale, feudale und kapitalistische Unterdrückung, die auf die Bäuer*innenschaft zukam, führte zu hohen anti-japanischen und anti-feudalen Stimmungen unter ihnen und veranlasste sie, aktiv an der anti-imperialistischen, anti-feudalen Kampf teilzunehmen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Arbeitsbedingungen unter kolonialer Herrschaft sahen die meisten Arbeiter 12 Stunden oder mehr pro Tag arbeiten, viele wurden gezwungen, 14 bis 16 Stunden zu arbeiten, während sie Löhne erhielten, die weniger als die Hälfte oder ein Drittel der an japanische Arbeiter gezahlten Löhne betrugen. Aufgrund der zunehmenden Verarmung der Bäuer*innenschaft durch die in den ländlichen Gebieten verhängten Kolonialpolitiken strömten immer mehr von ihnen in die Städte, um Arbeit zu suchen. Daher konnten Kapitalisten leicht billige Arbeitskräfte erhalten, was zu niedrigen Löhnen beitrug. Die Arbeiter hatten Schwierigkeiten, ihre Mindestausgaben zu decken und wurden auch mit verschiedenen Geldstrafen belegt. Frauen- und Kinderarbeit wurden besonders harter Ausbeutung unterworfen. Arbeitsrechte waren nicht vorhanden und die Anliegen der Arbeiter wurden unterdrückt. Wenn ein Arbeiter durch einen Arbeitsunfall behindert wurde, wurde er sofort ohne Entschädigung entlassen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zusätzlich wurden unter japanischer Herrschaft alle koreanischen politischen Organisationen verboten. Die Koreaner*innen wurden gezwungen, Japanisch zu sprechen, japanische Namen zu tragen und dem [[Shintoismus]] zu folgen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:16&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The Empire of Japan|seite=25–29|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt; Patriotische Gruppen (koreanisch: 애국반; Hanja: 愛國班) waren Nachbarschaftszellen, die als lokaler Arm der Korean Federation of National Power fungierten, der einzigen regierenden Partei des kolonialen Koreas. Sie bestanden typischerweise aus Gruppen von 10 Haushalten, die von einem Patriotischen Gruppenführer geführt wurden, der andere innerhalb der Patriotischen Gruppe überwachte und kontrollierte. Dazu gehörten die Rationierung von Lebensmitteln und Gütern, die Durchsetzung von obligatorischen Staatlichen Shinto-Gebetszeiten und Schreinbesuchen, die &amp;quot;freiwillige&amp;quot; Bereitstellung von Arbeitskräften auf Anfrage der Kolonialregierung, die Arrangierung von Ehen, die Durchführung von obligatorischen Japanisch-Sprachkursen und die Überwachung von &amp;quot;ideologischen Verbrechern&amp;quot;. Patriotische Gruppenführer waren unter den ersten, die nach der koreanischen Unabhängigkeit im August 1945 für Vergeltungsmaßnahmen ins Visier genommen wurden, wobei viele ihrer Häuser in Brand gesetzt wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://encykorea.aks.ac.kr/Article/E0073853 &amp;quot;애국반(愛國班).&amp;quot;] Encyclopedia of Korean Culture.Aks.ac.kr. [https://web.archive.org/web/20230314133948/https://encykorea.aks.ac.kr/Article/E0073853 Archiviert] 2023-03-14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://exposingimperialjapan.com/yoko-versus-hoshiko-a-1944-morality-play-pitting-good-korean-woman-yoko-who-is-kind-and-considerate-against-bad-korean-woman-hoshiko-the-selfish-corrupt-patriotic-group-leader-harbori/ &amp;quot;‘Yōko versus Hoshiko’, a 1944 Morality Play Pitting ‘Good Korean Woman’ Yōko, Who Is Kind and Considerate, against ‘Bad Korean Woman’ Hoshiko, the Selfish, Corrupt Patriotic Group Leader Harboring Liberal and Hedonistic British/American Thoughts Who ‘Needs to Be Shot’ for Betraying Imperial Japan.&amp;quot;] Exposing Imperial Japan. 21. September 2022. [https://web.archive.org/web/20230314133325/https://exposingimperialjapan.com/yoko-versus-hoshiko-a-1944-morality-play-pitting-good-korean-woman-yoko-who-is-kind-and-considerate-against-bad-korean-woman-hoshiko-the-selfish-corrupt-patriotic-group-leader-harbori/ Archiviert] 2023-03-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[http://contents.history.go.kr/front/tg/view.do?treeId=0106&amp;amp;levelId=tg_004_2520&amp;amp;ganada=&amp;amp;pageUnit=10 &amp;quot;애국반 - 교과서 용어해설 | 우리역사넷.&amp;quot;] History.go.kr. [https://web.archive.org/web/20230314134446/http://contents.history.go.kr/front/tg/view.do?treeId=0106&amp;amp;levelId=tg_004_2520&amp;amp;ganada=&amp;amp;pageUnit=10 Archiviert] 2023-03-14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1937 fasste Kim Il Sung die Bedingungen zusammen, die die Koreaner*innen während der 27 Jahre Besetzung und unter den sich verschärfenden repressiven Kriegsbedingungen erlebten:&amp;lt;blockquote&amp;gt;﻿27 Jahre sind vergangen, seit die japanischen Imperialisten Korea besetzt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieser Zeit haben sie unser Land in eine Quelle von Rohstoffen und Arbeitskräften, einen Markt für ihre Waren und eine Militärbasis für die Aggression gegen den Kontinent verwandelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgrund ihrer grausamen Kolonialpolitik wurden dem koreanischen Volk seine nationalen Rechte und Freiheiten genommen, und es leidet unaussprechliches Leid als ruiniertes Volk. Unser Volk wird nicht nur von den japanischen Imperialisten und ihren Handlangern in einer Weise unterdrückt und ausgebeutet, die an mittelalterliche Zeiten erinnert, sondern ist auch von der Gefahr bedroht, seine schöne geschriebene und gesprochene Sprache zu verlieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der von den japanischen Imperialisten entfesselte Japanisch-Chinesische Krieg treibt unser Volk in eine noch schrecklichere Notlage. Mit dem Ziel, &amp;quot;Sicherheit in der Rückseite&amp;quot; zu gewährleisten, haben die japanischen Imperialisten ihre faschistischen, kolonialen, repressiven Maschinen - Truppen, Polizei, Gefängnisse, Galgen und alles - stark ausgebaut und ein neues Set von drakonischen Gesetzen erlassen. Auf diese Weise haben sie unser schönes Land von 3.000 ri in eine lebende Hölle auf Erden verwandelt. Sie gehen mit Wut gegen die revolutionären Kräfte vor, während sie unschuldige Menschen wie nie zuvor unterdrücken und abschlachten. [...]Sie haben die allgemeine Wehrpflicht und Getreidelieferungen eingeführt, um den ständig wachsenden Bedarf an Arbeitskräften und Materialien in ihrem aggressiven Krieg gegen den Kontinent zu decken. So werden unsere kostbaren jungen und mittelalten Menschen gewaltsam zusammengerufen, um zu Schussschilden für die japanischen Imperialisten zu werden, und der Reichtum unseres Landes an natürlichen Ressourcen wird rücksichtslos geplündert.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot;&amp;gt;Kim Il Sung. &amp;quot;The Tasks of Korean Communists.&amp;quot; Treatise Published in Sogwang, Organ of the Korean People&#039;s Revolutionary Army, 10. November 1937. Collected Works Volume 1. [https://www.marxists.org/archive/kim-il-sung/cw/01.pdf &amp;lt;nowiki&amp;gt;[PDF]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;] &amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Bei der Analyse der damaligen Bedingungen beschrieb Kim Il Sung Korea als eine halbfeudale koloniale Gesellschaft, in der aufgrund der japanischen Kolonialherrschaft die kapitalistische Entwicklung extrem rückständig war und feudale Produktionsverhältnisse vorherrschten. Unter solchen Bedingungen bewertete er, dass die grundlegenden Aufgaben der koreanischen Revolution zu dieser Zeit darin bestanden, die Aufgabe der anti-imperialistischen nationalen Befreiung zu erfüllen, um die japanische Kolonialherrschaft zu stürzen, während gleichzeitig eine anti-feudale demokratische Revolution durchgeführt wurde, um die feudalen Verhältnisse zu beseitigen und den Weg für die Entwicklung des Landes entlang demokratischer Linien zu ebnen. Er betonte die Wechselbeziehung dieser Aufgaben und schrieb: &amp;quot;Der japanische Imperialismus erhält sein kolonialistisches Regierungssystem in Korea mit Hilfe seiner Agenten, der Kompradoren-Kapitalisten und der feudalen Grundbesitzer, und die Grundbesitzer erhalten die feudalen Ausbeutungsverhältnisse unter seiner Schirmherrschaft. Daher müssen der Kampf gegen den japanischen Imperialismus und der Kampf gegen den Feudalismus als ein integraler Teil geführt werden.&amp;quot; So betrachtete er, dass die Aufgabe der koreanischen Kommunisten zu dieser Zeit darin bestand, eine anti-imperialistische und anti-feudale demokratische Revolution durchzuführen, die er als Voraussetzungen für nationale und klassenmäßige Befreiung und sozialen Fortschritt ansah, wobei er die breiten anti-imperialistischen demokratischen Kräfte als die treibende Kraft der Revolution in dieser Phase ansah. Obwohl der anti-imperialistische Kampf breit war und die Bäuer*innenschaft, das Kleinbürgertum und die nationalen Kapitalisten einschloss, wurde die Arbeiterklasse als die führende Klasse für die anti-imperialistische und anti-feudale demokratische Revolution und in der zukünftigen sozialistischen Revolution und der Phase des Aufbaus von Sozialismus und Kommunismus betrachtet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:17&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Kampf um Unabhängigkeit ===&lt;br /&gt;
Die Koreaner*innen engagierten sich in anhaltenden Kämpfen, um ihre Unabhängigkeit zurückzugewinnen, einschließlich eines bewaffneten Kampfes gegen die Japaner*innen. Sie organisierten zahlreiche geheime Organisationen, um gegen die Japaner*innen zu kämpfen. Am 1. März 1919 verkündeten koreanische nationalistische Führer die Unabhängigkeitserklärung, was zu Ereignissen führte, die als die Bewegung vom 1. März bekannt wurden.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.korea.net/AboutKorea/History/Independence-Movement „Independence Movement : Korea.net : The Official Website of the Republic of Korea.“] Korea.net. 2021.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt; Wie der Autor Kim Han Gil feststellt, zeigte die Bewegung vom 1. März und die Massenbeteiligung daran aus allen Gesellschaftsschichten deutlich, dass das koreanische Volk sich nicht dem japanischen Imperialismus unterwerfen würde. Allerdings zeigte sie auch die Grenzen des bürgerlichen Nationalismus auf. Der Aufstand vom 1. März dauerte zehn Monate, führte aber nicht zum Sieg im anti-japanischen Kampf, da er eine bürgerliche ideologische Strömung vertrat, die die Interessen der Massen nicht angemessen widerspiegeln konnte. Kim Han Gil fasst zusammen, dass die bürgerlichen nationalistischen Führer den Massenaufstand nicht erwartet oder akzeptiert hatten, sodass die Bewegung ohne einheitliche Führung blieb. Dies führte dazu, dass die Bewegung der [[Revolutionäre Spontanität|Spontanität]] überlassen blieb, was dazu führte, dass sie letztlich von den imperialistischen Behörden niedergeschlagen wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;{{Zitation|autor=Kim Han Gil|titel=Modern History of Korea|titel-url=https://archive.org/details/ModernHistoryOfKorea/|kapitel=1. Close Of The Bourgeois Nationalist Movement. The Early Communist Movement|abschnitt=2. Decline Of The Nationalist Movement And The Rise Of The Communist Movement. Harmful Acts Of Sects|seite=15-16|zitat=Nationalismus, der anti-imperialistische und anti-feudale Tendenzen trug, übte keinen geringen Einfluss auf das koreanische Volk aus, das unter dem Joch des japanischen Imperialismus stöhnte. Aber der Nationalismus, der im Wesentlichen eine bürgerliche ideologische Strömung darstellte, konnte ihre Interessen nicht angemessen widerspiegeln, war nicht in der Lage, ihren revolutionären Enthusiasmus voll zur Geltung zu bringen und scheiterte folglich daran, ihren anti-japanischen nationalen Befreiungskampf zum entscheidenden Sieg zu führen. Dies wurde durch den anti-japanischen Aufstand vom 1. März 1919 deutlich gezeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Aufstand dauerte zehn Monate. Selbst nach groben statistischen Daten nahmen von März bis Mai über zwei Millionen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten an dem Aufstand teil, und bis Dezember fanden im ganzen Land mehr als 3.200 Demonstrationen und Aufstände statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der landesweite Aufstand vom 1. März zeigte deutlich den patriotischen Geist des koreanischen Volkes und machte klar, dass sie sich niemals dem japanischen Imperialismus unterwerfen würden. Gleichzeitig legte er die Verwundbarkeit des bürgerlichen Nationalismus vollständig offen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die nationalistischen Führer strebten danach, „Unabhängigkeit“ durch Petitionen an die japanischen Imperialisten oder in Abhängigkeit von einigen Großmächten zu erreichen. Zu diesem Zweck verfassten sie eine „Unabhängigkeitserklärung“ und verkündeten sie am 1. März 1919 in Seoul. Doch zu ihrer Überraschung erhoben sich die Massen der patriotischen Menschen in einem großangelegten Aufstand, um die nationale Unabhängigkeit zu erreichen. Eingeschüchtert davon ergaben sich die nationalistischen Führer der japanischen Polizei und predigten den Massen die Gewaltfreiheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So brach der Massenaufstand ohne jede einheitliche Führung aus. Dementsprechend konnte er nicht anders als unzusammenhängend und spontan sein. Das Ergebnis war, dass in allen Landesteilen die Aufständischen von den gewaltsamen Kräften der japanischen Imperialisten gnadenlos niedergeschlagen wurden.}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1926 gründeten Kim Il Sung und andere kommunistische Jugendliche die [[Nieder mit dem Imperialismus Union]], die als ihre unmittelbare Aufgabe die Zerstörung des japanischen Imperialismus und die Erreichung der Befreiung und Unabhängigkeit Koreas festlegte, mit dem endgültigen Ziel, Sozialismus und Kommunismus in Korea aufzubauen und alle Imperialisten zu zerstören und den Kommunismus weltweit zu errichten. Bis August 1927 wurde die DIU in die [[Anti-Imperialistische Jugendliga]] (AIYL) und die [[Jungkommunistische Liga Koreas]] (YCLK) umorganisiert. Durch die Durchführung von Studentenstreiks, den Kampf der Studenten und der Volksmassen gegen japanische Waren und ihren Kampf gegen die japanischen Imperialisten entwickelten sie sich allmählich zu einer führenden Kraft der koreanischen kommunistischen Bewegung und des anti-japanischen revolutionären Kampfes. Bis 1930, inmitten von Streiks, Demonstrationen und sporadischen gewaltsamen Kämpfen von Arbeitern, Bäuer*innen und Studenten, definierte Kim Il Sung den bewaffneten Kampf als die Hauptform des Kampfes, die notwendig ist, um den anti-japanischen Kampf weiterzuentwickeln.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem Treffen im Jahr 1930 etablierte Kim Il-sung die Linie und Strategie der anti-japanischen Revolution und argumentierte, dass nationale Befreiung nur erreicht werden kann, wenn alle Koreaner*innen unter dem Banner des organisierten bewaffneten Kampfes zusammenkommen. Kim Il-sung kritisierte die bestehende anti-japanische Bewegung zu dieser Zeit dafür, dass einige der oberen Klassen nur Worte studierten und kämpften und von den Massen entfremdet waren.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot;&amp;gt;[https://615tv.net/376 &amp;lt;nowiki&amp;gt;“[기획연재1] 김일성 주석의 항일운동 역사.”&amp;lt;/nowiki&amp;gt;] 2022. 주권방송. 5. April 2022. [https://web.archive.org/web/20221020065905/https://615tv.net/376 Archiviert] 2022-10-20.&amp;lt;/ref&amp;gt; Anschließend wurde am 6. Juli 1930 die erste Einheit der [[Koreanischen Revolutionsarmee]] (KRA) mit den Kernmitgliedern der AIYL und YCLK gebildet.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diejenigen, die in die KRA rekrutiert wurden, wurden durch Massenkämpfe gehärtet, und nach dem Eintritt in die KRA wurden sie politisch zu Kommunisten ausgebildet, zusätzlich zur militärischen Ausbildung. Kleine Gruppen von KRA-Mitgliedern wurden gebildet und in verschiedene städtische und ländliche Gebiete geschickt, wo sie politische und militärische Aktivitäten durchführten, um eine Guerilla-Armee zu bilden. Schulen und Massenorganisationen wurden eingerichtet, um die Bäuer*innenmassen zu erziehen, zu mobilisieren und zu organisieren, wobei KRA-Mitglieder aktiv an der Arbeit teilnahmen. Die Jugendlichen, die diese Schulen abschlossen, wurden in verschiedene ländliche Gebiete geschickt, um organisatorische und politische Arbeit für die Revolutionierung der ländlichen Gebiete durchzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1932 bildete Kim Il Sung eine kleine Guerilla-Einheit mit denen, die seit der DIU im revolutionären Kampf aktiv waren, als Kern und erweiterte allmählich ihre Reihen, während er allgemeine Anleitung für die Arbeit der Bildung von Guerilla-Einheiten in verschiedenen Teilen gab. In den Gebieten entlang des Tuman-Flusses in Ostmandschurei wurden kleine Guerilla-Einheiten und Gruppen mit KRA-Mitgliedern und anderen jungen Kommunisten, Arbeitern, Bäuer*innen und Jugendlichen gebildet, die Erfahrungen im Kampf gesammelt hatten. „Modern History of Korea“ stellt fest, dass der Kampf um Waffen sehr mühsam war und dass „manchmal eine Pistole, eine Kugel oder ein Gramm Schießpulver Menschenleben kostete. Mitglieder kleiner Guerilla-Gruppen, der YCLK, der Anti-Imperialistischen Jugendliga, der Kinder-Vorhut und der Frauen-Vereinigung, und sogar Kinder und alte Menschen nahmen am Kampf teil. Durch ihren selbstaufopfernden Kampf nahmen sie Waffen von der japanischen imperialistischen Armee der Aggression, der japanischen und mandschurischen Polizei und den böswilligen pro-japanischen Grundbesitzenden und Beamt*innenn.“ Zusätzlich stellten Revolutionäre selbst Waffen mit den grundlegenden Werkzeugen und Materialien her, die ihnen zur Verfügung standen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anti-Japanische Volks-Guerilla-Armee (AJPGA) wurde am 25. April 1932 gegründet. „Modern History of Korea“ stellt fest, dass sie nicht nur eine bewaffnete Streitmacht war, die gegen den japanischen Imperialismus kämpfte, sondern auch eine politische Armee, ein Propagandist und Organisator, der die Massen erziehe und sie zum revolutionären Kampf aufrief. Ihre Gründung markierte die Kriegserklärung an die japanischen Imperialisten und signalisierte eine Ablehnung der Bewegungen innerhalb Koreas, die äußere Hilfe für die nationale Befreiung Koreas gesucht hatten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Künstlerische Darstellung einer koreanischen revolutionären Basis.png|alt=Ein Gemälde von Menschen, die an einer Versammlung im Freien in einer koreanischen revolutionären Basis sitzen. Ein Podium hat die Worte &amp;quot;Lang lebe die Volksrevolutionäre Regierung!&amp;quot; in Koreanisch darauf geschrieben. |thumb|Eine künstlerische Darstellung einer revolutionären Basis in Korea. Das Schild am Podium sagt &amp;quot;Lang lebe die Volksrevolutionäre Regierung!&amp;quot; (Koreanisch: &amp;quot;인민혁명정부만세!&amp;quot;)]]&lt;br /&gt;
Es wurde auch ein Kampf geführt, um Guerilla-Basen zu errichten, da ohne staatliche Unterstützung oder äußere Hilfe eine Basis benötigt wurde, um es möglich zu machen, militärische und politische Aktivitäten sowie logistische Arbeit als Ganzes zu organisieren und durchzuführen. Eine Basis wurde auch als notwendig erachtet, um mit den Vorbereitungen für die Gründung einer kommunistischen Partei und der revolutionären Bewegung als Ganzes voranzukommen, während der bewaffnete Kampf geführt wurde. Eine Politik zur Einrichtung von Basen in Form eines befreiten Gebietes wurde angenommen. Das bergige Gebiet entlang des Tuman-Flusses wurde als der geeignetste Ort bestimmt, und ein Kampf wurde dort geführt, um ein befreites Gebiet zu etablieren, beginnend mit politisch-ideologischer Arbeit unter den Massen, um ihr anti-imperialistisches revolutionäres Bewusstsein zu erhöhen und die Ausweitung revolutionärer Organisationen in das Gebiet, und es wurden Verbindungen zwischen den Menschen und den Guerilla-Einheiten hergestellt. Die Schaffung einer Guerilla-Basis wurde gefördert und Guerilla-Einheiten, die in verschiedenen Gebieten aktiv waren, bekämpften die feindlichen Kräfte in Zusammenarbeit mit paramilitärischen Organisationen, um den Feind militärisch zu neutralisieren, was schließlich dazu führte, dass ein großes Gebiet entlang des Tuman-Flusses gesichert wurde. Patriotisch gesinnte Menschen begannen, in das Gebiet zu kommen, und eine revolutionäre Regierung wurde eingerichtet, mit Kasernen, Schulen, Verlagshäusern, Waffenreparaturwerkstätten, Schneiderien und anderen Einrichtungen, die in den befreiten Gebieten eingerichtet wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:15&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Schlacht von Pochonbo]] ist eine wichtige Schlacht in der Geschichte der Befreiung Koreas von der japanischen Besatzung. Die Schlacht wurde vom 3.-4. Juni 1937 von einer Einheit der Guerilla-Armee geführt, die von China aus nach Korea überquerte, durch die Wälder kroch, sich am Samjiyon-See ausruhte, bevor sie ihren letzten Vorstoß begann. Kim Il-sung wurde nach der Schlacht von den Japaner*innen gesucht und war ein Held der Widerstandsbewegung und der koreanischen Patrioten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://koryogroup.com/travel-guide/pochonbo-battle-site-monument-north-korea-travel-guide-needs-photos „Pochonbo Battle Site &amp;amp; Monument | North Korea Travel Guide - Koryo Tours.“] Koryogroup.com. 18. Mai 2020. [https://web.archive.org/web/20230314132053/https://koryogroup.com/travel-guide/pochonbo-battle-site-monument-north-korea-travel-guide-needs-photos Archiviert] 2023-03-14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die [[Arbeiter- und Bauern-Rote Armee|Rote Armee]] trat am 8. August 1948 in Korea ein und kämpfte weiter, bis die Japaner*innen am 15. August kapitulierten. US-Truppen trafen erst am 8. September in Korea ein.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot;&amp;gt;{{Zitation|autor=Stephen Gowans|jahr=2018|titel=Patriots, Traitors and Empires: The Story of Korea’s Struggle for Freedom|kapitel=The US Occupation|seite=79–80|pdf=https://ipfs.io/ipfs/bafykbzaced4iiga4ngtxusr2civjxewbili5jne2sbpefbx2s3im2kphattzc?filename=Stephen%20Gowans%20-%20Patriots%2C%20Traitors%20and%20Empires_%20The%20Story%20of%20Korea%E2%80%99s%20Struggle%20for%20Freedom-Baraka%20Books%20%282018%29.pdf|stadt=Montreal|verlag=Baraka Books|isbn=9781771861427|lg=https://libgen.rs/book/index.php?md5=8435F6FF91279531705764823FDC2A7F}}&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut dem Blog „Exposing Imperial Japan“, der japanische Kolonialzeitungsartikel übersetzt, wurden die über 1000 Shinto-Schreine, die in der kolonialen Korea gebaut wurden, alle nach der Kapitulation Japans zerstört, beginnend mit dem Pyongyang-Schrein, der am 15. August 1945, dem Tag der Kapitulation des Kaiserlichen Japans, in Brand gesetzt wurde. Eine Statue von Kim Il-sung steht nun auf dem ehemaligen Gelände des Pyongyang-Schreins.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://exposingimperialjapan.com/imperial-japan-built-shinto-shrines-all-over-korea-in-every-eup-and-myeon-enlisting-patriotic-groups-to-cultivate-the-worship-of-gods-and-faith-in-the-emperor-among-koreans-and-realize-the-fusi/ „Imperial Japan Built Shinto Shrines All over Korea in Every Eup and Myeon, Enlisting Patriotic Groups to ‘Cultivate the Worship of Gods and Faith in the Emperor’ among Koreans and Realize ‘the Fusion of the Japanese-Korean Family Based on Divine Will’.“] Exposing Imperial Japan. 6. Oktober 2022. [https://web.archive.org/web/20230314135238/https://exposingimperialjapan.com/imperial-japan-built-shinto-shrines-all-over-korea-in-every-eup-and-myeon-enlisting-patriotic-groups-to-cultivate-the-worship-of-gods-and-faith-in-the-emperor-among-koreans-and-realize-the-fusi/ Archiviert] 2023-03-14.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die revolutionäre Tradition des anti-japanischen Kampfes hat noch heute einen starken Einfluss auf die führende Ideologie der DPRK. Der anti-japanische Kampf beeinflusste die Entwicklung der [[Juche]]-Idee und ist eng mit der Geschichte des koreanischen Sozialismus, der koreanischen Unabhängigkeitsbewegung und dem Leben von [[Kim Il-sung]] verbunden. Daher bleibt die revolutionäre Tradition des anti-japanischen Kampfes in der DPRK sowohl als Inspirationsquelle als auch als wichtiges Studienmaterial wichtig.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:7&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Teilung in Nord und Süd ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Die japanische Flagge vor dem Gebäude der japanischen Generalgouverneurs von Korea in Seoul wird durch die US-Flagge ersetzt..png|thumb|Die japanische Flagge vor dem Gebäude der japanischen Generalgouverneurs von Korea in Seoul wird durch die US-Flagge ersetzt.]]&lt;br /&gt;
Nach der Kapitulation des japanischen Reiches am Ende des [[Zweiten Weltkriegs]] wurde Korea als vorübergehende Maßnahme von den Außenmächten der Vereinigten Staaten und der [[Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (1922–1991)|Sowjetunion]] geteilt, um den Übergang von der japanischen Kolonialherrschaft und die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Koreas zu unterstützen. Die Linie wurde zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten nur als eine vorübergehende Grenze für militärische Operationen vereinbart und niemals als eine Linie für die Teilung Koreas.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vereinigten Staaten befreiten Südkorea nicht von den japanischen Kolonialkräften, sondern befahlen den japanischen Kräften, an Ort und Stelle zu bleiben, bis die US-Armee fast einen Monat später in Korea landete.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot;&amp;gt;Kim, Crystal. [https://www.liberationnews.org/north-koreans-mourn-death-of-html/ „North Koreans Mourn Death of Leader Kim Jong Il.“] Liberation News, 22. Dez. 2011, Zugriff am 10. Apr. 2023. [https://web.archive.org/web/20230410044940/https://www.liberationnews.org/north-koreans-mourn-death-of-html/ Archiviert] 2023-04-10.&amp;lt;/ref&amp;gt; Nach ihrer Ankunft in Südkorea begannen die US-Truppen sofort damit, koreanische Volksausschüsse zu demontieren und Eigentum in die Hände japanischer Kollaborateure zurückzugeben und japanische Kollaborateure erneut als Polizei einzusetzen, die halfen, die Volksausschüsse zu verhaften und zu demontieren. Die US-Besatzungstruppen schalteten auch das Lebensmittelversorgungssystem der Volksausschüsse aus und forderten einen „freien Markt“ für Reis. Infolgedessen betrieben [[Grundbesitzer]], [[Polizei]], andere RegierungsBeamt*innen und [[Bourgeoisie|Geschäftsleute]] Hamsterkäufe und Spekulationen und verkauften das Getreide auf dem Schwarzmarkt nach Japan, was zu Lebensmittelknappheit und Hunger in den Städten führte. Als sich die Situation weiter verschlechterte, sanken die US-Reisrationen schließlich auf die Hälfte der Rationsgröße, die während der japanischen Kolonialverwaltung während des Zweiten Weltkriegs erhalten wurde, und Zeitungen veröffentlichten Berichte über [[Hungersnot]] und Verhungern, wobei nur durch spätere Lieferungen von US-Getreide als Notfallhilfe eine weitere Katastrophe verhindert wurde. Bis 1946 zwang die sich verschlechternde Lebensmittellage die Amerikaner, das alte japanische Reissammelsystem wiederzubeleben, was dazu führte, dass Bäuer*innen verhaftet und geschlagen wurden, weil sie ihre Quoten nicht erfüllten.&amp;lt;ref&amp;gt;Kim Jinwung. [https://www.kci.go.kr/kciportal/ci/sereArticleSearch/ciSereArtiView.kci?sereArticleSearchBean.artiId=ART001085494 A „Policy of Amateurism: The Rice Policy of the U.S. Army Military“.] Government in Korea, 1945-1948. Korea Journal, Sommer 2007.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der nördlichen Zone erlaubten die Sowjets den Koreaner*innenn, sich durch ein System von Volksausschüssen selbst zu regieren, und unterstützten die Koreaner*innen bei der Rückverstaatlichung von Land von japanischen Kolonisatoren. Die Sowjets verließen Korea dann nach drei Jahren der Unterstützung Nordkoreas auf diese Weise.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; Im Süden regierte General [[Douglas MacArthur]] als Diktator und erklärte Englisch zur offiziellen Sprache.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während die Sowjets Korea Ende 1948 verließen,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:12&amp;quot; /&amp;gt; scheiterten die Vereinigten Staaten daran, ihre Truppen aus dem Süden abziehen, und förderten stattdessen die Installation eines pro-US, rechtsextremen Regimes anstatt die Wiedervereinigung Koreas zu fördern. Dies führte zu Opposition unter den südkoreanischen Massen, dem [[Jeju-Aufstand]] und Massaker, der Eskalation des [[Koreanischen Krieges]] und der anhaltenden Teilung der koreanischen Nation und der anhaltenden Besetzung des Südens durch US-Truppen, die bis heute andauert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Worten des Autors Ryo Sung Chol: „Der Machtkampf der Großmächte um die Vorherrschaft in der Welt in der komplizierten militärischen und politischen Situation gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zwang den Koreaner*innen*innen die Tragödie der nationalen Spaltung auf, bevor ihre Freude über die Befreiung nachließ.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 20. Februar 1948, einen Tag nach dem von den USA geleiteten UN-Vorschlag der Resolution über die von den USA gesponserten separaten Wahlen im Süden, veröffentlichte das Zentralkomitee der Demokratischen Nationalen Einheitsfront Nordkoreas auf seiner 24. Konferenz seinen Aufruf an das gesamte koreanische Volk. Der Aufruf deutete an, dass es klar war, welche Art von Wahlen im Süden Koreas stattfinden würden, wo demokratische Parteien und Organisationen in den Untergrund gedrängt worden waren und Demokraten verhaftet, inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden, und rief zu allgemeinen Wahlen in ganz Korea nach dem Abzug der ausländischen Armeen auf. Er rief dazu auf, Wahlen zur Volksversammlung in ganz Korea durch geheime Abstimmung nach den Prinzipien der allgemeinen, direkten und gleichen Wahl abzuhalten. Die auf diese Weise gewählte Volksversammlung würde die Verfassung billigen und eine demokratische Regierung einrichten, und Kim Il Sung legte die Linie des Einberufens einer gemeinsamen Konferenz der politischen Parteien und sozialen Organisationen Nord- und Südkoreas vor.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Gründung der DPRK und ROK ===&lt;br /&gt;
Angesichts der ernsthaften Bedrohung durch die Teilung der Nation durch die Vereinigten Staaten unterstützten die Nationalisten Kim Kyu Sik, Kim Ku und andere in Südkorea die Politik der Gründung einer vereinten Regierung von Nord- und Südkorea, um die nationale Teilung zu verhindern, und trennten sich endgültig von dem [[Rechtsextremismus|extrem rechten]] [[Syngman Rhee]] und den Reaktionären der „Koreanischen Demokratischen Partei“, die separate Wahlen befürworteten. Kim Ku lehnte Wahlen unter UN-Aufsicht ab und behauptete, dass „die Vereinten Nationen ein fremder Körper ohne das Recht sind, in die inneren Angelegenheiten Koreas einzugreifen“. Kim Kyu Sik lehnte dies ebenfalls ab, weil separate Wahlen „die dauerhafte Teilung des Landes“ bedeuten würden. Laut Autor Ryo Sung Chol stimmten sieben öffentliche Persönlichkeiten, darunter Kim Ku und Kim Kyu Sik, die 12 politische Parteien und soziale Organisationen, einschließlich der Koreanischen Unabhängigkeitspartei, mit dem Vorschlag für eine Nord-Süd-Politikkonferenz anstatt separater Wahlen überein.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im April 1948 fand in [[Pjöngjang]] zum ersten Mal seit der Befreiung eine gemeinsame Konferenz von 16 politischen Parteien und 40 sozialen Organisationen Nord- und Südkoreas statt, an der 695 Vertreter des Nordens und 216 des Südens, darunter Kim Kyu Sik, Hong Myong Hui und Kim Ku, die die 38. Parallele überquert hatten, um teilzunehmen, teilnahmen. Die gemeinsame Konferenz beschloss, sich gegen die separaten Wahlen, den Abzug der ausländischen Truppen und die Gründung eines vereinten demokratischen Staates auszusprechen, und veröffentlichte ein Manifest. Sie forderten offiziell den gleichzeitigen Abzug der Truppen der UdSSR und der Vereinigten Staaten und wiesen darauf hin, dass „wir, das koreanische Volk, reif genug sind, unsere Probleme ohne ausländische Einmischung selbst zu lösen, und unser Land viele Kader hat, die bereit sind, sie zu lösen“, sowie einen Aktionsplan für die friedliche Wiedervereinigung Koreas und die Bildung einer vereinten, demokratischen Regierung. Das Manifest wurde von 42 politischen Parteien und sozialen Organisationen Nord- und Südkoreas unterzeichnet, die sich gegen die Teilung des Landes und des Volkes aussprachen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt; [[Datei:Schauspieler inszenieren das Massaker an Bewohnern, die als kommunistische Aufständische gebrandmarkt wurden, während des Jeju-Aufstands und Massakers, zu seinem 70. Jahrestag.jpg|thumb|319x319px|Menschen in Südkorea inszenieren das Massaker an Bewohnern, die während des [[Jeju-Aufstand]] als kommunistische Aufständische gebrandmarkt wurden und von 1948-1949 stattfand und das Leben von 10% der Bevölkerung von Jeju forderte. Viele Bewohner von Jeju hatten gegen die Teilung Koreas und die separaten Wahlen, die im Süden abgehalten wurden, protestiert, und praktisch die gesamte Bevölkerung der Insel wurde als Folge brutal von dem rechtsextremen südlichen Regime bestraft.]]Unterdessen brachen in Südkorea Generalstreiks und Volksaufstände, wie der [[Jeju-Aufstand]], als Opposition gegen die von den USA geleiteten separaten Wahlen aus. Die militante Unterdrückung des Jeju-Aufstands durch die südkoreanische Regierung löste wiederum die [[Yeosu-Suncheon-Rebellion]] in der Provinz [[Süd-Jeolla]] aus, die von Oktober bis November 1948 stattfand, als Mitglieder eines südkoreanischen Militärregiments in Yeosu sich weigerten, nach Jeju Island zu versetzen, um die Jeju-Bewohner zu unterdrücken. Die guerillaartige Rebellion wurde von 2.000 linksgerichteten Soldat*innen angeführt, die den von den USA unterstützten Diktator Syngman Rhee und die Unterdrückung der Jeju-Bewohner durch das Regime ablehnten. Infolgedessen führte das Rhee-Regime das [[Antikommunismus|antikommunistische]] [[Nationales Sicherheitsgesetz]] (Koreanisch: 국가보안법) am 1. Dezember 1948 ein. Dieses Gesetz ist seitdem das rechtliche Instrument der südkoreanischen Regierung, um die Meinungsfreiheit einzuschränken und antikommunistische Politik im Land durchzusetzen. Unter diesem vage formulierten Gesetz wurden Tausende von Oppositionspolitiker*innen, Dissidenten, Journalist*innen, Studierenden und Künstler*innen verhaftet, inhaftiert, gefoltert und hingerichtet.&amp;lt;ref&amp;gt;[http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/332032.html „439 Civilians Confirmed Dead in Yeosu-Suncheon Uprising of 1948.“] 8. Jan. 2009. Hankyoreh. [https://web.archive.org/web/20220906021316/http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_national/332032.html Archiviert] 2022-09-06.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://asia.fes.de/news/korea-national-security-act „Exhibition Sheds Light on the History of South Korea’s National Security Act.“] Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) – Foundation for social democracy. Asia.fes.de. [https://web.archive.org/web/20230328071745/https://asia.fes.de/news/korea-national-security-act Archiviert] 2023-03-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut Ryo forderte der australische Delegierte bei den UN, dass die separaten Wahlen ausgesetzt werden, da klar war, dass alle politischen Parteien in Südkorea mit Ausnahme der ultra-rechten Partei sie boykottieren würden. Der kanadische Delegierte warnte, dass es eine illegale und unüberlegte Handlung der von den USA geführten „Kleinen Versammlung“ über Korea gewesen sei, den US-Resolutionsentwurf angenommen zu haben, und dass dies eine neue und schwere Situation schaffen würde. Ungeachtet dieser Aussagen bei den UN und des klaren und weitverbreiteten Widerstands des koreanischen Volkes selbst führte die Vereinigten Staaten am 10. Mai 1948 die separaten Wahlen durch.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:0&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Erklärung des von den USA besetzten südlichen Regimes unter dem extrem rechten Syngman Rhee im August 1948 wurde die [[Sozialismus|sozialistische]] DPRK unter der Führung von [[Kim Il-sung]] im September 1948 im Norden erklärt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Syngman Rhee und sein Regime werden weitläufig für die Tötung von 30.000 Jeju-Bewohner*innen von 1948-49 verantwortlich gemacht, was zum Tod von etwa 10% der Gesamtbevölkerung der Insel führte. Das Massaker war das Ergebnis einer starken Unterdrückung der Jeju-Bewohner, die gegen die Teilung des Landes und die Polizeiunterdrückung durch die Verwaltung von Syngman Rhee und das US-Militär protestierten, das die operative Kontrolle über das südkoreanische Militär und die Polizei hatte.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot;&amp;gt;The Association for Bereaved Families of the Jeju 4.3 Victims, Bereaved Family Association of Korean War and 252 South Korean NGOs (2020-01-20). [https://www.jejudarktours.org/en/news/letter-251-south-korean-ngos-against-syngman-rhee-day/ &amp;quot;Letter from 252 South Korean NGOs against Syngman Rhee Day&amp;quot;] &#039;&#039;Jeju Dark Tours&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20220818105837/https://www.jejudarktours.org/en/news/letter-251-south-korean-ngos-against-syngman-rhee-day/ Archiviert] from the original on 2022-08-19.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vaterlandsbefreiungskrieg ===&lt;br /&gt;
{{Hauptartikel|Koreanischer Krieg}}&lt;br /&gt;
Die von bürgerlichen Historiker*innen als Koreanischer Krieg bezeichnete Periode wird als zwischen 1950 und 1953 stattgefunden betrachtet. Allerdings entspricht das Datum 1950 des Kriegsbeginns der imperialistischen Erzählung, dass der Krieg mit einem unprovozierten Angriff aus dem Norden begann, der die USA und die südlichen Streitkräfte überraschte. Allerdings, wenn man die Zehntausenden von Menschen bedenkt, die in den 1940er Jahren in Korea von US-, UN- und südlichen Streitkräften getötet wurden, den anhaltenden Widerstand im Süden gegen die Teilung des Landes und die zahlreichen Scharmützel, die regelmäßig an der Grenze zwischen Nord und Süd stattfanden, betrachten einige es als genauer, den Zeitraum 1950-1953 als Eskalation eines bereits im Gange befindlichen Krieges zu betrachten, anstatt der plötzlichen Ausbruchs-Erzählung, die von den bürgerlichen Staaten bevorzugt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Autor William Blum schreibt über diesen Zeitraum der Eskalation: &amp;lt;blockquote&amp;gt;Die beiden Seiten hatten mehrere Jahre lang an der Demarkationslinie gekämpft. Was an diesem Schicksalstag im Juni geschah, könnte daher als nichts weiter als die Eskalation eines laufenden Bürgerkriegs betrachtet werden. Die nordkoreanische Regierung behauptete, dass allein im Jahr 1949 die südkoreanische Armee oder Polizei 2.617 bewaffnete Einfälle in den Norden durchgeführt habe, um Mord, Kidnapping, Plünderung und Brandstiftung zu verüben, um soziale Unruhen und Unruhen zu verursachen sowie die Kampfkraft der Eindringlinge zu erhöhen. Manchmal, so die Regierung in Pjöngjang, seien Tausende von Soldat*innen in eine einzige Schlacht verwickelt gewesen, mit vielen daraus resultierenden Verlusten. [...] In diesem Kontext verliert die Frage, wer am 25. Juni 1950 den ersten Schuss abgefeuert hat, viel von ihrer Bedeutung. Die nordkoreanische Version der Ereignisse ist, dass ihre Invasion durch zwei Tage Beschuss durch die Südkoreaner*innen am 23. und 24. Juni provoziert wurde, gefolgt von einem überraschenden südkoreanischen Angriff über die Grenze am 25. Juni gegen die westliche Stadt Haeju und andere Orte. Die Ankündigung des südlichen Angriffs wurde später am Morgen des 25. Juni über das nordkoreanische Radio ausgestrahlt.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot;&amp;gt;Blum, William. &#039;&#039;[https://www.cia.gov/library/abbottabad-compound/13/130AEF1531746AAD6AC03EF59F91E1A1_Killing_Hope_Blum_William.pdf Killing Hope: US Military &amp;amp; CIA Interventions Since World War II].&#039;&#039; Zed Books London, 2004.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;/blockquote&amp;gt;Laut Blum, der sich auf Joseph C. Gouldens „Korea: The Untold Story of the War“ bezieht, „präsentierten die Vereinigten Staaten am 26. Juni eine Resolution vor dem UN-Sicherheitsrat, in der Nordkorea für seine ‚unprovozierte Aggression‘ verurteilt wurde. Die Resolution wurde angenommen, obwohl es Argumente gab, dass ‚dies ein Kampf zwischen Koreaner*innenn‘ sei und als Bürgerkrieg behandelt werden sollte, und ein Vorschlag des ägyptischen Delegierten, das Wort ‚unprovoziert‘ angesichts der langjährigen Feindseligkeiten zwischen den beiden Koreas zu streichen.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:2&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:South Korean soldiers walk among dead political prisoners, Taejon, South Korea.jpg|thumb|Juli 1950 US-Armee-Akte, einst als „geheim“ eingestuft, südkoreanische Soldat*innen gehen zwischen toten politischen Gefangenen in Taejon (Daejeon), Südkorea, umher.]]&lt;br /&gt;
Während der Zeit des Koreanischen Krieges, zwischen 1950 und 1953, tötete Syngman Rhees Regierung wahllos und willkürlich Zivilisten ohne jeden rechtlichen Beweis, unter dem Vorwand, dass sie möglicherweise mit der Nordkoreanischen Volksarmee zusammengearbeitet hätten. Während dieses Prozesses wurden etwa 1 Million Menschen massakriert, darunter auch Menschen, die gegen die Rhee-Administration waren. Laut einem Schreiben, das von 252 koreanischen NGOs, darunter der Association for Bereaved Families of the Jeju 4.3 Victims und der Bereaved Family Association of Korean War, unterzeichnet wurde, engagierte sich Rhee in „der Massenermordung von Zivilisten, betrügerischen Wahlen, illegalen Verfassungsänderungen und mehreren Fällen von erzwungenem Verschwinden und Folter, die zum Tod seiner Gegner führten“, Verbrechen und Korruption, für die er zu Lebzeiten nicht rechtlich zur Verantwortung gezogen wurde, die jedoch später von südkoreanischen nationalen Ermittlungsausschüssen untersucht und bestätigt wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:1&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Prisoners lie on the ground before execution by South Korean troops near Daejon, South Korea, July 1950. Photo by U.S. Army Maj. Abbott.jpg|thumb|Juli 1950 US-Armee-Akte, einst als „geheim“ eingestuft, Gefangene liegen auf dem Boden, bevor sie von südkoreanischen Truppen in Taejon (Daejeon), Südkorea, hingerichtet werden. Foto von US-Armee Maj. Abbott.]]&lt;br /&gt;
Die von den US-gestützten südlichen Streitkräften während dieser Zeit begangenen Gräueltaten wurden kontinuierlich vertuscht und als kommunistische Propaganda abgetan. Westliche Journalisten, viele von ihnen Linksintellektuelle, die versuchten, die von dem US-gestützten Regime begangenen Gräueltaten aufzudecken, verloren ihre Pässe, einige von ihnen für Jahrzehnte, was sie effektiv aus ihren Heimatländern für ihre wahrheitsgetreue Berichterstattung verbannte. Ein Artikel, der die Schicksale einiger dieser verfolgten Journalisten detailliert beschreibt, stellt fest, dass „die von den US-geführten UN-Streitkräften begangenen Gräueltaten unbestritten sind [...] Fast so beschämend wie die Gräueltaten in Korea waren die extremen Maßnahmen, die ergriffen wurden, um diejenigen zu zum Schweigen zu bringen und schließlich zu bestrafen, die versucht haben, sie aufzudecken.“&amp;lt;ref&amp;gt;Ewing, K. D., Mahoney, J., &amp;amp; Moretta, A. (2018). [https://kclpure.kcl.ac.uk/portal/files/94544925/Ewing_Korean_2017_Article.pdf &amp;quot;Civil Liberties and the Korean War.&amp;quot;] Modern Law Review, 81(3), 395-421. &amp;lt;nowiki&amp;gt;https://doi.org/10.1111/1468-2230.12339&amp;lt;/nowiki&amp;gt; [https://web.archive.org/web/2/https://kclpure.kcl.ac.uk/portal/files/94544925/Ewing_Korean_2017_Article.pdf Archive].&amp;lt;/ref&amp;gt; Massenmorde, die von südlichen Streitkräften in Daejeon begangen wurden, heute als [[Daejeon-Massaker]] bekannt, wurden fälschlicherweise der nördlichen Armee in US-Armee-Berichten zugeschrieben. Ein Artikel im Asia-Pacific Journal sagt über diese falsche Berichterstattung: „Solche Mythen überlebten ein halbes Jahrhundert, teilweise weil diejenigen, die die Wahrheit kannten, in Schweigen gehüllt wurden.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot;&amp;gt;Charles J. Hanley &amp;amp; Jae-Soon Chang (2. Juli 2008). [https://apjjf.org/-Charles-J.-Hanley/2827/article.html &amp;quot;Summer of Terror: At least 100,000 said executed by Korean ally of US in 1950&amp;quot;] &#039;&#039;The Asia-Pacific Journal&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/2/https://apjjf.org/-Charles-J.-Hanley/2827/article.html Archiviert] vom Original am 2022-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Taktik des Schweigens hielt Jahrzehnte unter der Nachfolge rechtsextremer autoritärer Regime in Südkorea an, wo Menschen, die versucht hatten, sich zu äußern oder Licht auf die von Süden begangenen Gräueltaten zu werfen, von der Polizei belästigt oder sich verhaftet und geschlagen sahen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:3&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;Kim, Hun Joon. (2014). &#039;&#039;The Massacres at Mt. Halla: Sixty Years of Truth Seeking in South Korea&#039;&#039;. Cornell University Press.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ein Autor, der 30 Jahre nach dem Jeju-Massaker darüber schrieb, wurde vom [[Nationalen Nachrichtendienst]] verhaftet und drei Tage lang gefoltert und angewiesen, nicht mehr über das Massaker zu schreiben. Er wurde dann ohne Anklage freigelassen, um einen Prozess zu vermeiden, um die Öffentlichkeit nicht weiter der Wahrheit über das Massaker auszusetzen.&amp;lt;ref&amp;gt;Darryl Coote (20.11.2012). [http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=2841 &amp;quot;My Dinner With Hyun Ki Young&amp;quot;] &#039;&#039;The Jeju Weekly&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/2/http://www.jejuweekly.com/news/articleView.html?idxno=2841 Archiviert] 2022-08-26.&amp;lt;/ref&amp;gt; Angesichts der Tatsache, dass die Wahrheit von dem US-gestützten südlichen Regime und den USA selbst so weitreichend und systematisch unterdrückt wurde, die regelmäßig ihre eigenen Verbrechen als „kommunistische Propaganda“ abtaten, von denen viele sich später als unbestritten wahrheitsgetreue Berichte über die Verbrechen der USA und des südlichen Regimes erwiesen, muss bei der Interpretation antikommunistischer Erzählungen des Koreanischen Krieges Vorsicht walten.&lt;br /&gt;
[[Datei:Thatched huts go up in flames after B-26 bombers unload napalm bombs on a village near Hanchon, North Korea, on May 10, 1951 (AP photo).png|thumb|Strohhütten gehen in Flammen auf, nachdem B-26-Bomber Napalmbomben auf ein Dorf in der Nähe von Hanchon, Nordkorea, am 10. Mai 1951 abwerfen.]]&lt;br /&gt;
Während des Koreanischen Krieges töteten US-Truppen eine große Anzahl koreanischer Zivilisten und setzten massenhaft [[Napalm]] ein, und wie schließlich durch entklassifizierte Dokumente enthüllt wurde, hatten sie zu bestimmten Zeiten eine Politik, gezielt auf südkoreanische Flüchtlingsgruppen zu schießen, die sich ihren Linien näherten.&amp;lt;ref&amp;gt;Youkyung Lee (7. August 2014). [https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176 &amp;quot;S. Korean who forced US to admit massacre has died&amp;quot;] &#039;&#039;Associated Press&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20220726115036/https://apnews.com/article/108b4bd1dc854caeaf5f9349fcd5a176 Archive]. &amp;lt;/ref&amp;gt; Während des Krieges warfen die Vereinigten Staaten &amp;quot;635.000 Tonnen Bomben auf Korea (ohne 32.557 Tonnen Napalm), verglichen mit 503.000 Tonnen im gesamten Pazifischen Raum im Zweiten Weltkrieg&amp;quot; und &amp;quot;mindestens 50 Prozent von achtzehn der 22 größten Städte des Nordens wurden zerstört.&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Bruce Cumings (2010). [https://archive.org/details/koreanwarhistory0000cumi/ &#039;&#039;The Korean War: A History&#039;&#039;: &#039;&amp;quot;The Most Disproportionate Result:&amp;quot;] The Air War&#039; (S. 159-160). New York: Modern Library. &amp;lt;small&amp;gt;ISBN 978-0-679-64357-9&amp;lt;/small&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Worten des US-Luftwaffengenerals Curtis LeMay, Kommandeur des strategischen Luftkommandos der USA, &amp;quot;[W]ir gingen dorthin und führten den Krieg und verbrannten schließlich jede Stadt in Nordkorea, irgendwie, und einige in Südkorea auch. Selbst Pusan haben wir versehentlich niedergebrannt. Die Marines begannen dort eine Schlacht ohne Feind in Sicht. Über einen Zeitraum von drei Jahren oder so haben wir - was - zwanzig Prozent der Bevölkerung Koreas als direkte Kriegsopfer oder durch Hunger und Kälte getötet?&amp;quot;&amp;lt;ref&amp;gt;Richard H. Kohn und Joseph P. Harahan (1988). &#039;&#039;Strategic Air Warfare: an interview with generals Curtis E. LeMay, Leon W. Johnson, David A. Burchinal, and Jack J. Catton&#039;&#039; (S. 88). &amp;lt;small&amp;gt;[https://media.defense.gov/2010/Sep/29/2001329790/-1/-1/0/AFD-100929-052.pdf &amp;lt;nowiki&amp;gt;[PDF]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/small&amp;gt; Washington, D.C.: Office of Air Force History, United States Air Force. &amp;lt;small&amp;gt;ISBN 0-912799-56-0&amp;lt;/small&amp;gt;&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Datei:Pyongyang after U.S. Air Force bombing.jpg|thumb|Pyongyang nach der Bombardierung durch die US-Luftwaffe.]]&lt;br /&gt;
US-Naval Captain Walter Karig schrieb in seinem Buch „Battle Report: The War in Korea“, einer Zusammenstellung aus offiziellen Quellen: „[W]ir töteten Zivilisten, freundliche Zivilisten, und bombardierten ihre Häuser; wir brannten ganze Dörfer mit ihren Bewohner*innen nieder – Frauen und Kinder und zehnmal so viele versteckte kommunistische Soldat*innen – unter Napalm-Schauern, und die Piloten kehrten zu ihren Schiffen zurück, stinkend von Erbrechen, das von ihren Eingeweiden durch den Schock dessen, was sie tun mussten, verdreht wurde.“&amp;lt;ref&amp;gt;Walter Karig; Malcolm W Cagle; Frank A Manson; et al (1952). &#039;&#039;Battle Report: The War in Korea&#039;&#039; (S. 111-112). New York: Rinehart.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die US-Sanktionen gegen die DPRK begannen im Zusammenhang mit der Eskalation des Krieges im Jahr 1950, als die USA ein Exportverbot gegen die DPRK verhängten und Finanztransaktionen durch oder für die DPRK verbot. Dies begann mit US-Präsident [[Harry S. Truman]], der eine Seeblockade der koreanischen Küste anordnete und ein totales Handelsembargo gegen Nordkorea im Juni 1950 verhängte. Dies wurde gefolgt vom Trading with the Enemy Act im Dezember 1950, um alle US-Wirtschaftskontakte mit Nordkorea zu beenden und die Vermögenswerte Nordkoreas einzufrieren.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot;&amp;gt;Gary Clyde Hufbauer (PIIE), Jeffrey J. Schott (PIIE), Kimberly Ann Elliott (PIIE) und Barbara Oegg (PIIE). [https://www.piie.com/commentary/speeches-papers/case-50-1-and-93-1 „US und UN gegen Nordkorea: Fall 50-1 und 93-1.“] 2016. Peterson Institute for International Economics. 1. Mai 2008. [https://web.archive.org/web/20220909082604/https://www.piie.com/commentary/speeches-papers/case-50-1-and-93-1 Archiviert] 2022-09-09. &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach drei Jahren wurde ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, das die aktiven Kampfhandlungen stoppte. Der Waffenstillstand wurde am 27. Juli 1953 unterzeichnet. Das unterzeichnete Waffenstillstandsabkommen schuf die Koreanische Demilitarisierte Zone (DMZ), die neue de facto Grenze zwischen den beiden Nationen, setzte einen Waffenstillstand in Kraft und finalisierte die Repatriierung von Kriegsgefangenen. Die DMZ verläuft nahe dem 38. Breitengrad und hat seit der Unterzeichnung des Koreanischen Waffenstillstandsabkommens im Jahr 1953 Nord- und Südkorea getrennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Nachkriegszeit ===&lt;br /&gt;
Nach dem Waffenstillstandsabkommen setzten die USA alle US-Wirtschaftskontakte mit der DPRK in Übereinstimmung mit ihren allgemeinen strategischen Kontrollen gegen sozialistische Länder aus.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei einem Treffen im Jahr 1957 informierten die USA die nordkoreanischen Vertreter, dass das United Nations Command sich nicht mehr an Paragraph 13d des Waffenstillstands gebunden betrachte, und 1958 hob die USA Paragraph 13d des Waffenstillstands auf, indem sie Atomwaffen in Südkorea einführte.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html &amp;quot;Korea: The End of 13d&amp;quot;] (1. Juli 1957). &#039;&#039;Time Magazine&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20220728030416/https://content.time.com/time/subscriber/article/0,33009,809583,00.html Archiviert] 2022-07-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;Lee Jae-Bong (7. Februar 2009). [https://apjjf.org/-Lee-Jae-Bong/3053/article.html &amp;quot;US Deployment of Nuclear Weapons in 1950s South Korea &amp;amp; North Korea&#039;s Nuclear Development: Toward Denuclearization of the Korean Peninsula&amp;quot;] &#039;&#039;The Asia-Pacific Journal&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20220819105903/https://apjjf.org/-Lee-Jae-Bong/3053/article.html Archiviert] 2022-18-19.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Waffenstillstand wurde nie durch einen Friedensvertrag ersetzt und die beiden Seiten befinden sich technisch gesehen immer noch im Krieg, mit den USA, die den Süden besetzen und die operative Kontrolle über das südkoreanische Militär im Kriegsfall behalten, und regelmäßig in provokativen gemeinsamen Militärübungen mit Südkorea engagiert sind, die darauf abzielen, die Regierung der DPRK zu „enthaupten“,&amp;lt;ref&amp;gt;Flounders, Sara. [https://www.workers.org/2022/08/66398/ „Faced with U.S. ‘Decapitation Drill’/DPRK Korea Missile Launch Is Self-Defense.“] Workers World. 26. August 2022. [https://web.archive.org/web/20221014032939/https://www.workers.org/2022/08/66398/ Archiviert] 2022-10-14.&amp;lt;/ref&amp;gt; während sie strenge [[Wirtschaftssanktionen]] gegen die DPRK als Form der Belagerungskriegsführung durchsetzen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Jahren nach dem Koreakrieg führte die DPRK ihre [[Chollima]]-Politik durch. Die Chollima-Politik ermutigte die Menschen, mehr zu produzieren und zu innovieren, um den Wiederaufbau des Landes zu beschleunigen. In Übereinstimmung mit dieser Politik konzentrierte die DPRK ihre Wirtschaft in den Jahren nach dem Krieg auf die [[Schwerindustrie]] und überflügelte wirtschaftlich ihren südlichen Gegenpart bis Anfang der 1970er Jahre.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.north-korea-travel.com/political-history-of-north-korea.html „Political History of North Korea | KTG® Tours | Information and North Korea Tours.“] North-Korea-Travel.com. &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1960er Jahre ===&lt;br /&gt;
1960 trat der südkoreanische rechtsextreme Diktator Syngman Rhee aufgrund von Massenprotesten in der gesamten Nation zurück und floh aus dem Land, nachdem der Leichnam eines von der Polizei getöteten Studenten im Hafen treibend gefunden worden war. Als Ergebnis der Proteste gegen ihn floh er nach [[Honolulu]], [[Hawaii]], wo er bis zu seinem Tod im Exil blieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Rhees Rücktritt regierte Präsident [[Yun Bo-seon]] für kurze Zeit in einer etwas demokratischeren, aber immer noch bürgerlichen Regierung. Nach dreizehn Monaten wurde diese Verwaltung durch die südkoreanische Armee im Mai 16-Putsch unter der Führung von [[Park Chung-hee]], einem ehemaligen japanischen Kollaborateur und dem Vater der zukünftigen Präsident [[Park Geun-hye]] (die von 2013 bis 2017 als 11. Präsident von Südkorea diente, bis sie wegen korruptionsbezogener Vorwürfe abgesetzt und verurteilt wurde), gestürzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Park Chung-hee regierte 18 Jahre lang als Militärdiktator und schickte 320.000 Truppen, um den [[Südvietnamesischen]] Marionettenstaat im [[Vietnamkrieg]] zu unterstützen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Koreanische DMZ-Konflikt war eine Serie von niedrigintensiven bewaffneten Zusammenstößen zwischen nordkoreanischen Streitkräften und den Streitkräften Südkoreas und der Vereinigten Staaten, die größtenteils zwischen 1966 und 1969 an der Koreanischen DMZ stattfanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dokumentarfilm [[Repatriation (Film)|„Repatriation“]] aus dem Jahr 2003 erzählt die Geschichte und interviewt mehrere nord- und südkoreanische Unterstützer der DPRK, die als Spione verhaftet wurden, die meisten von ihnen in den 1960er Jahren, und die anschließend jahrzehntelang im Süden inhaftiert und gefoltert wurden, weil sie ihre Loyalität zur DPRK nicht aufgeben wollten. Der Dokumentarfilm begleitet ihren Kampf um Repatriierung in die DPRK nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1970er Jahre ===&lt;br /&gt;
1972 wählte die [[Oberste Volksversammlung]] Kim Il-sung zum Präsidenten der DPRK.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Südkorea wurde die Vierte Republik auf der Grundlage der Yushin-Verfassung im Verfassungsreferendum von 1972 gegründet, die die de facto diktatorischen Befugnisse des Präsidenten Park Chung-hee kodifizierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine [[Amnesty International]]-Mission aus dem Jahr 1975, die zu der Zeit durchgeführt wurde, als Park Chung-hee an der Macht war, stellte fest, dass Folter „häufig“ von den südkoreanischen Strafverfolgungsbehörden angewendet wurde, „sowohl um falsche Geständnisse zu erpressen, als auch als Mittel der Einschüchterung“. Systematische Belästigung von Bürger*innen durch Strafverfolgungsbehörden wurde ebenfalls als „allgegenwärtig“ von der Untersuchung festgestellt. Der Bericht besagt, dass die Inhaftierung ohne Anklage von Journalisten, Anwälten, Geistlichen und Akademiker*innen häufig war. Die Mission stellte auch fest, dass Anwälte unter Hausarrest gestellt und daran gehindert wurden, zu Prozessen zu kommen, um Verteidigungen für ihre Mandanten vorzubringen, und Leichen von mutmaßlichen Folteropfern verbrannt wurden, bevor sie untersucht werden konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.amnesty.org/en/documents/asa25/001/1975/en/ &amp;quot;Report of the Mission to the Republic of Korea 1975.&amp;quot;] [[Amnesty International]]. 1. Juni 1975. Index Number: ASA 25/001/1975. [https://web.archive.org/web/20230315081755/https://www.amnesty.org/en/documents/asa25/001/1975/en/ Archiviert] 2023-03-15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Vierte Republik trat unter Park&#039;s Nachfolger, Choi Kyu-hah, in eine Phase politischer Instabilität ein, und das eskalierende Kriegsrecht, das nach Parks Tod erklärt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Choi wurde inoffiziell durch [[Chun Doo-hwan]] in einem Putsch am 12. Dezember 1979 gestürzt, und die bewaffnete Unterdrückung der [[Gwangju-Demokratiebewegung]] gegen das Kriegsrecht begann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1980er Jahre ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Gwangju protest.png|thumb|Massenprotest in Gwangju im Mai 1980.]]&lt;br /&gt;
Während der Präsidentschaft von Chun Doo-hawn in Südkorea verübte er das größte Massaker an koreanischen Zivilisten seit dem Koreakrieg. Im Mai 1980 begannen in [[Gwangju]] Proteste gegen das Kriegsrecht, die mit Spezialeinsatzkräften niedergeschlagen wurden. Die Schätzungen der Opferzahlen variieren, aber sie reichen von 165 auf der konservativsten Seite bis zu über 300. Einige behaupten auch, dass bis zu 2.300 Zivilisten beim Gwangju-Massaker getötet wurden, als Reaktion auf den Aufstand vom 18. Mai, auch bekannt als der Gwangju-Aufstand.&amp;lt;ref&amp;gt;K. J. Noh (2. Dezember 2020). [https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth &amp;quot;South Korean Dictator Dies, Western Media Resurrects a Myth&amp;quot;] &#039;&#039;Hampton Institute&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20220519190752/https://www.hamptonthink.org/read/south-korean-dictator-dies-western-media-resurrects-a-myth Archiviert] vom Original am 2022-05-19. Abgerufen am 2022-06-02.&amp;lt;/ref&amp;gt; Die Verwaltung von Chun Doo-hawn sah sich mit wachsender Opposition von der Demokratiebewegung des Gwangju-Aufstands konfrontiert, und die Juni-Demokratiebewegung von 1987 führte zur Wahl von [[Roh Tae-woo]] bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 1987. Roh&#039;s Wahl war die erste direkte Präsidentschaftswahl seit 16 Jahren. Die fünfte Republik wurde drei Tage nach der Wahl mit der Annahme einer neuen Verfassung aufgelöst, die die Grundlagen für das relativ stabile (wenn auch bürgerliche und von Korruptionsskandalen geplagte) demokratische System der heutigen sechsten Republik Korea legte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1988 lockerten Südkorea und die USA die Isolation Nordkoreas durch die Aufnahme eines bilateralen Dialogs und die Genehmigung eines begrenzten Exports von Gütern in den Norden aus humanitären Gründen. Einige Reisebeschränkungen wurden ebenfalls fallweise aufgehoben. Allerdings wurde in diesem Jahr die DPRK in die [[US State Department|„State Sponsors of Terrorism“]]-Liste aufgenommen.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot;&amp;gt;[https://nodutdol.org/sanctions-of-empire/ &amp;quot;제국의 제재 - Sanctions of Empire.&amp;quot;] Nodutdol. 20. Oktober 2020. [https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf PDF]. [https://web.archive.org/web/20220520095404/https://nodutdol.org/wp-content/uploads/2020/10/Sanctions-of-Empire.pdf Archive].&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 25. März 1989 reiste der südkoreanische Pastor und Aktivist [[Moon Ik-hwan]], der die National Federation of Democratic Movements (Koreanisch: 전국민족민주운동연합; Hanja: 全國民族民主運動聯合; abgekürzt 전민련) vertrat, in die DPRK und traf sich mit Kim Il-sung, um über die Wiedervereinigung Koreas zu sprechen. Er und einige andere Personen waren dorthin gereist, nachdem Kim Il-sung die Führer aller südkoreanischen politischen Parteien sowie einige religiöse Persönlichkeiten zu einem interkoreanischen Dialog eingeladen hatte. Am 2. April führten Pastor Moon und seine Partei zwei Gespräche mit Präsident Kim Il-sung und gaben eine gemeinsame Erklärung mit dem Committee for the Peaceful Reunification of the Fatherland ab. Pastor Moon und seine Partei kehrten am 13. April nach einem 10-tägigen Besuch in der DPRK nach Südkorea zurück. Sobald sie nach Südkorea zurückkehrten, vollstreckte die Regierung einen zuvor erlassenen Haftbefehl und verhaftete und inhaftierte sie wegen Verstößen gegen das National Security Act, wie das Empfangen von Befehlen, das Eindringen und Entkommen, das Treffen und die Kommunikation sowie die Ermutigung zur Lobpreisung einer anti-staatlichen Gruppe.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://encykorea.aks.ac.kr/Article/E0075760 &amp;quot;문익환목사방북사건(文牧師訪北事件).&amp;quot;] Enzyklopädie der koreanischen Kultur.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://archive.md/jNpJH &amp;quot;Moon Ik Hwan Dies; Dictators’ Foe Was 76 - New York Times.&amp;quot;] 20. Januar 1994. &#039;&#039;Archive.md.&#039;&#039; Zugriff am 12. April 2023.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1989 fand in Pjöngjang das [[World Festival of Youth and Students, 1989|World Festival of Youth and Students]] statt. Eine südkoreanische Aktivistin namens [[Lim Su-kyung]] (Koreanisch: 임수경; auch romanisiert als Lim Soo-kyung oder Rim Su Gyong) nahm an dem Festival teil, obwohl dies nach südkoreanischem Recht illegal war. Sie nahm an dem Festival als Vertreterin der Studentenorganisation Jeondaehyop (전대협, eine Abkürzung von 전국대학생대표자협의회) teil, die heute als Hanchongryun (한총련, Abkürzung von 한국대학총학생회연합) bekannt ist. Im Norden wurde sie für ihre Entscheidung, an dem Festival teilzunehmen, gefeiert und in den Medien des Nordens als „Blume der Wiedervereinigung“ (Koreanisch: 통일의 꽃) bezeichnet. Nach ihrer Rückkehr in den Süden wurde sie verhaftet und landete in einem Gefängnis in Seoul, wo sie zu 5 Jahren verurteilt wurde. Später im Leben wurde sie Politikerin im Süden.&amp;lt;ref&amp;gt;네이버 지식백과. [https://terms.naver.com/entry.naver?docId=1216785&amp;amp;mobile&amp;amp;cid=40942&amp;amp;categoryId=31778 &amp;quot;임수경방북사건.&amp;quot;] 두산백과. Naver.com. [https://web.archive.org/web/20230328081613/https://terms.naver.com/entry.naver?docId=1216785&amp;amp;mobile&amp;amp;cid=40942&amp;amp;categoryId=31778 Archiviert] 2023-03-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1990er Jahre ===&lt;br /&gt;
Ein vereinigtes Team unter dem Namen Korea (KOR) nahm an den World Table Tennis Championships 1991 und der FIFA World Youth Championship mit Athleten aus Nord- und Südkorea teil.&amp;lt;ref&amp;gt;이환우. [http://www.koreatimes.co.kr/www/nation/2018/07/103_243225.html &amp;quot;Unified Teams Date back to 1991.&amp;quot;] The Korea Times, 29. Januar 2018, Zugriff am 10. April 2023.&amp;lt;/ref&amp;gt; 1991 verwendete das Team die Wiedervereinigungsflagge und die Hymne &amp;quot;Arirang&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Kim Jong-il]] wurde 1991 Oberster Kommandeur der [[Koreanischen Volksarmee]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1990 war der südkoreanische Pastor Moon Ik-hwan aus gesundheitlichen Gründen und wegen seines hohen Alters aus dem Gefängnis entlassen worden. Nach seiner Freilassung setzte er seine pro-Wiedervereinigungs- und Demokratisierungsaktivitäten fort, obwohl er Warnungen erhielt, dass er möglicherweise erneut inhaftiert werden könnte, wenn er solche Aktivitäten fortsetzt. Ein Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 1991 über seine Aktivitäten besagte, dass er seit seiner Freilassung angeblich bei mindestens 100 Treffen von Studenten und Dissidenten Reden gehalten und an anderen politischen Aktivitäten teilgenommen habe. Im Dezember 1990 warnte die Polizei ihn, aufhören zu sprechen, wenn er sich bei Versammlungen von Studenten und Dissidenten über seinen Besuch in der DPRK und die Ideologie der DPRK äußert. Im Januar 1991 wurde er unter Hausarrest gestellt, um zu verhindern, dass er an der Eröffnungssitzung für das Vorbereitungskomitee des südkoreanischen Hauptquartiers von [[Pomminnyon]] (Pan-National Alliance for Reunification of Korea) teilnimmt. Später wurde er Vorsitzende des Vorbereitungskomitees. Am 6. Juni 1991 wurde Reverend Moon Ik-hwan erneut verhaftet, weil er gegen die Bedingungen seiner Bewährung verstoßen hatte, indem er sich an politischen Aktivitäten beteiligt hatte, und weil sich sein Gesundheitszustand verbessert hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.amnesty.org/en/documents/asa25/032/1991/en/ &amp;quot;South Korea: Prisoner of conscience: Reverend Moon Ik-hwan.&amp;quot;] 30. September 1991. Index Number: ASA 25/032/1991. Amnesty International. [https://web.archive.org/web/20220714020953/https://www.amnesty.org/en/documents/asa25/032/1991/en/ Archiviert] 2022-07-14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1992 wurde die [[Pjöngjanger Erklärung]] mit dem Titel „Lasst uns die Sache des Sozialismus verteidigen und voranbringen“ am 20. April veröffentlicht. Die Erklärung war ein gemeinsames Kommuniqué, in dem verschiedene kommunistische Block- und Bruderparteien, die nach dem Fall der Sowjetunion verblieben waren, ihre Absicht erklärten, weiterhin die sozialistische Sache zu verteidigen und voranzubringen. Zum Zeitpunkt ihrer ursprünglichen Unterzeichnung unterzeichneten 70 politische Parteien die Erklärung, wobei sich die Anzahl der Unterzeichner im Laufe der Zeit auf über 300 erhöhte.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://kcnawatch.xyz/newstream/1546674832-39763653/pyongyang-declaration-signed-by-more-than-300-political-parties-of-world/ &amp;quot;Pyongyang Declaration Signed by More than 300 Political Parties of World.&amp;quot;] [[Naenara]] über [[KCNA Watch]]. 21. April 2017. [https://web.archive.org/web/20230929065855/https://kcnawatch.xyz/newstream/1546674832-39763653/pyongyang-declaration-signed-by-more-than-300-political-parties-of-world/ Archiviert] 2023-09-29.&amp;lt;/ref&amp;gt; Das Dokument erklärt die feste Überzeugung seiner Unterzeichner, die sozialistische Sache zu verteidigen und voranzubringen, und erklärt, dass der Weg des Sozialismus ein unbetretener ist und daher der Fortschritt des Sozialismus unvermeidlich von Prüfungen und Schwierigkeiten begleitet wird. Es behauptet, dass der Sozialismus trotz Rückschlägen und Angriffen durch die Kollusion von Imperialisten und Reaktionären die Zukunft der Menschheit darstellt und dass alle Parteien, die für den Sozialismus streiten, ihre Unabhängigkeit fest aufrechterhalten und ihre eigenen Kräfte fest aufbauen sollten und dass jede Partei Linien und Politiken ausarbeiten sollte, die „mit der tatsächlichen Situation des Landes, in dem sie aktiv ist, und mit den Forderungen ihres Volkes übereinstimmen und sie durch die Unterstützung der Volksmassen umsetzen“. Es besagt, dass die sozialistische Sache eine nationale und gleichzeitig eine gemeinsame Sache der Menschheit ist und dass „der Sozialismus mit einem Land oder Nationalstaat als Einheit gestaltet und aufgebaut wird“. Es besagt, dass alle Parteien die Bande der kameradschaftlichen Einheit, Zusammenarbeit und Solidarität auf der Grundlage von Unabhängigkeit und Gleichheit festigen und die sozialistische Sache verteidigen sollten, ihre revolutionären Prinzipien unter keinen Umständen aufgeben und mit der Aussage schließen, dass die sozialistische Sache nicht untergehen wird.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youngpioneertours.com/pyongyang-declaration/ &amp;quot;Was war die Pjöngjanger Erklärung von 1992?&amp;quot;] Young Pioneer Tours. [https://web.archive.org/web/20230929065726/https://www.youngpioneertours.com/pyongyang-declaration/ Archiviert] 2023-09-29.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Juli 1994 verstarb [[Kim Il-sung]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kim Jong-il wurde am 8. Oktober 1997 Generalsekretär der Partei.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot;&amp;gt;[https://www.chinadaily.com.cn/world/2011-12/19/content_14287241.htm „DPRK Top Leader Kim Jong-Il Passes Away|Asia-Pacific|Chinadaily.com.cn.“] &#039;&#039;Chinadaily.com.cn.&#039;&#039; Zugriff am 10. April 2023. [https://web.archive.org/web/20221020162831/http://www.chinadaily.com.cn/world/2011-12/19/content_14287241.htm Archiviert] 2022-10-20.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die als [[Arduous March]] bekannte Periode der Wirtschaftskrise, Überschwemmungen und Hungersnot in der DPRK dauerte von 1994 bis 1998. Die blühende nordkoreanische Wirtschaft, die bis in die 1980er Jahre hinein Südkorea in der Produktion von Elektrizität, Kohle, Düngemitteln, Werkzeugmaschinen und Stahl übertroffen hatte, kam in den 1990er Jahren mit dem Sturz der Sowjetunion und einer Reihe von Naturkatastrophen zum Stillstand. Faktoren wie der Fall der Sowjetunion und weltweite wirtschaftliche Verschiebungen in ihrem Gefolge, beispiellose Naturkatastrophen, die DPRK nur 15% Ackerland hatte,&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt; und [[Wirtschaftssanktionen]], die gegen die DPRK verhängt wurden, wirkten zu dieser Zeit zusammen und trugen zur Schwere der Krise bei.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.north-korea-travel.com/north-korean-history.html „North Korean History 1980s &amp;amp; 1990s | KTG® Tours.“] North-Korea-Travel.com.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beginnend im Jahr 1997 betraf die als [[Asienfinanzkrise]] oder [[Internationaler Währungsfonds|IMF]]-Krise bekannte Periode mehrere asiatische Länder, wobei Südkorea zu den am stärksten betroffenen gehörte, was zum Bankrott großer südkoreanischer Unternehmen und zur Verhängung von [[Austerität]]maßnahmen führte. Die Generation von Menschen, die in dieser Zeit auf den Arbeitsmarkt kam, wird manchmal als „IMF-Generation“ bezeichnet und hat ein Muster verschlechterter wirtschaftlicher Bedingungen und Schwierigkeiten mit der Arbeitsplatzsicherheit erlebt.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://koreajoongangdaily.joins.com/2019/11/17/economy/IMF-generation-feels-job-shortage/3070390.html „‘IMF Generation’ Feels Job Shortage.“] 17. November 2019. [https://web.archive.org/web/20211207004114/https://koreajoongangdaily.joins.com/2019/11/17/economy/IMF-generation-feels-job-shortage/3070390.html Archiviert] 7. Dezember 2021.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.koreatimes.co.kr/www/tech/2021/05/693_33603.html „A Familiar Story.“] Koreatimes. The Korea Times. 30. Oktober 2008. [https://web.archive.org/web/20221101044751/https://www.koreatimes.co.kr/www/tech/2021/05/693_33603.html Archiviert] 2022-11-01.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Südkorea in den späten 1990er Jahren wurde Amnestie für bestimmte ältere und kranke politische Gefangene erklärt, die jahrzehntelang im Gefängnis saßen, wo sie Folter und Einzelhaft erlitten, weil sie sich weigerten, den Kommunismus und ihre Unterstützung für die DPRK aufzugeben. Einige dieser Gefangenen begannen dann eine Bewegung, um in die DPRK repatriiert zu werden, wobei einige von ihnen die Rückkehr erlaubten, während andere in Südkorea blieben, einige freiwillig und einige unfreiwillig, wobei viele der Teilnehmer fälschlicherweise glaubten, dass weitere Repatriierungen und weitere Bewegungsfreiheit zwischen Nord und Süd folgen würden.&amp;lt;ref&amp;gt;Liberation School (27. Juli 2022). [https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/ &amp;quot;Still fighting for Korea’s liberation: An interview with Ahn Hak-sop&amp;quot;] &#039;&#039;Liberation School&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/2/https://www.liberationschool.org/interview-with-ahn-hak-sop/ Archiviert] vom Original.&amp;lt;/ref&amp;gt; Diese Reihe von Ereignissen wird in dem Dokumentarfilm [[Repatriation (Film)|„Repatriation“]] aus dem Jahr 2003 detailliert beschrieben, der die Freilassung mehrerer dieser politischen Gefangenen und die verschiedenen Ereignisse in ihrem Leben danach verfolgt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hoffnungen der DPRK auf direkte Gespräche mit den Vereinigten Staaten, einen formellen Friedensvertrag zur Beendigung des Koreakriegs und normalisierte Beziehungen mit den USA schienen in den letzten Jahren der [[Bill Clinton]]-Administration (1993 bis 2001) potenziell realisierbar. Die Vereinigten Staaten und die DPRK unterzeichneten das General Framework Agreement, in dem vereinbart wurde, dass die DPRK ihre Schwerwasser-Kernenergiereaktoren versiegeln würde, im Austausch für normalisierte diplomatische Beziehungen mit der US-Regierung und Unterstützung beim Bau von Leichtwasser-Kernreaktoranlagen. In Übereinstimmung mit der Vereinbarung stoppte die DPRK zu dieser Zeit ihr Atomprogramm.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
=== 2000er Jahre ===&lt;br /&gt;
[[Datei:President Kim Dae-jung and Chairman Kim Jong-il join hands at Inter-Korean summit.jpg|thumb|250x250px|Präsident Kim Dae-jung und Vorsitzender Kim Jong-il reichen sich die Hände beim interkoreanischen Gipfel 2000, der zur 6.15-Gemeinsamen Erklärung zwischen Nord und Süd führte.]]&lt;br /&gt;
Die südkoreanische Politik gegenüber der DPRK von Ende der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre ist als die Zeit der „Sonnenlicht-Politik“ bekannt und wird hauptsächlich mit der südkoreanischen [[Kim Dae-jung]]-Administration (1998–2003) und der [[Roh Moo-hyun]]-Administration (2003–2008) in Verbindung gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während dieser Zeit wurde von der südkoreanischen Führung eine bemerkenswerte Haltung der Versöhnung zwischen Nord- und Südkorea gegenüber der DPRK zum Ausdruck gebracht, und vom 13.–15. Juni 2000 trafen sich die Führer von Süd- und Nordkorea zum ersten Mal seit dem Krieg. Der südkoreanische Präsident Kim Dae-jung und der DPRK-Führer Kim Jong-il unterzeichneten eine Vereinbarung, die Familienzusammenführungen, wirtschaftliche Zusammenarbeit, soziale und kulturelle Austausche sowie nachgeordnete Regierungsgespräche zwischen Nord und Süd vorsah, um die Spannungen zu verringern. Dies ist als die Gemeinsame Erklärung vom 15. Juni zwischen Nord und Süd oder die [[6.15-Gemeinsame Erklärung zwischen Nord und Süd]] bekannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2002 bezeichnete [[George W. Bush|Präsident Bush]] in seiner Rede zur Lage der Nation die [[Islamische Republik Iran|Iran]], [[Republik Irak|Irak]] und die DPRK als die sogenannte „[[Achse des Bösen|Achse des Bösen]]“ wegen ihrer angeblichen Verfolgung von Massenvernichtungswaffen. Im folgenden Jahr invadierten die US-Streitkräfte den Irak. In diesem Kontext testete die DPRK unter der Führung von Kim Jong Il hochpublizierte Atomwaffen. „Liberation News“ stellt fest: „Dies war kein Akt des internationalen Terrorismus, sondern ein Manöver, um die Vereinigten Staaten zurück an den Verhandlungstisch zu bringen, was auch funktionierte.“&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit Beginn der Atomtests der DPRK im Jahr 2003 hoben die Bush- und [[Barack Obama|Obama]]-Administrationen jeweils einige Sanktionen auf, um Verhandlungen über die Denuklearisierung der DPRK zu erleichtern. Allerdings setzten sie diese wieder in Kraft, als die Verhandlungen nicht die von den USA gewünschten Ergebnisse erbrachten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:5&amp;quot; /&amp;gt;&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt; Nach dem Atomtest des Landes im Jahr 2006 verhängten die USA, die EU und andere strengere Sanktionen, die seitdem periodisch verschärft wurden. Die Sanktionen zielen nun auf [[Petroleum-Politik|Öl]]importe ab und umfassen den Großteil des Finanz- und Handelssektors sowie den Sektor der [[Schlüsselmineralien]].&amp;lt;ref&amp;gt;Galant, Michael. [https://cepr.net/cepr-sanctions-watch-may-june-2022/ „CEPR Sanctions Watch, Mai–Juni 2022“] Center for Economic and Policy Research. 8. Juli 2022. [https://web.archive.org/web/20220907145545/https://cepr.net/cepr-sanctions-watch-may-june-2022/ Archiviert] 2022-09-07&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2010er Jahre ===&lt;br /&gt;
[[Datei:Activist No Su-hui shouts Long Live Reunification at Panmunjom.jpg|thumb|2012 rief die südkoreanische Wiedervereinigungsaktivistin Roh Su-hui, die sich ohne südliche Genehmigung in der DPRK aufhielt, „Es lebe die nationale Wiedervereinigung, durch unser eigenes Volk!“ bevor sie über die Grenze zurück nach Südkorea trat und von südkoreanischen Behörden zu Boden gerissen und weggetragen wurde.]]&lt;br /&gt;
Kim Jong-il verstarb am 17. Dezember 2011.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:9&amp;quot; /&amp;gt; Daraufhin wurde Kim Jong-un zum Oberbefehlshaber des Militärs ernannt.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.presstv.ir/Detail/2022/04/11/680112/North-Korea-Kim-Jong-un-10th-Anniversary-Celebrations-Choe-Ryong-hae „Nordkorea feiert 10 Jahre Führung von Kim Jong-un mit einwöchigen Veranstaltungen.“] PressTV News, 11. April 2022, Zugriff am 10. April 2023.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der DPRK folgte auf Kim Jong-ils Tod eine Trauerperiode. Der chinesische Präsident [[Hu Jintao]] zeigte ebenfalls Solidarität mit der DPRK nach der Bekanntgabe von Kim Jong Ils Tod, und [[Republik Kuba|Kuba]] erklärte eine Trauerperiode vom 20.–22. Dezember, während der die Flaggen auf Halbmast wehten. Ein Artikel von „Liberation News“ aus dieser Zeit stellt fest, dass die [[imperialistische Kernmacht|westlichen]] [[Imperialismus|imperialistischen]] Medien diese Gelegenheit nutzten, um Andeutungen und Anschuldigungen zu machen, um Nordkoreaner*innen als „gehirngewaschen“ darzustellen, indem sie über die traditionellen Trauerrituale berichteten, die Koreaner*innen öffentlich durchführten. „Liberation News“ weist darauf hin, dass diese Darstellung Teil der fortgesetzten Kampagne des Westens ist, um [[Manufacturing Consent|Zustimmung]] für den Sturz der Führung der DPRK zu [[manipulieren]], wobei die angebliche „[[Personenkult|Verehrung der Persönlichkeit]]“ als Vorwand dient.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:8&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2012 wurde die [[links-rechts-Politik|linksextreme]] südkoreanische Aktivistin [[Roh Su-hui]] (Koreanisch: 노수희; auch Ro Su Hui und Noh Su-hui geschrieben), Mitglied der [[Pan-Nationalen Allianz für Koreas Wiedervereinigung]] (Koreanisch: 조국통일범민족연합; abgekürzt 범민련; „Pomminryon“), in Panmunjom verhaftet, nachdem sie sich Monate zuvor ohne Genehmigung des südlichen Regimes in die DPRK begeben hatte. Er war in die DPRK gereist, um an einer Gedenkveranstaltung zum 100. Tag nach dem Tod von Kim Jong-il teilzunehmen. In Panmunjom wurde er von einer Menschenmenge aus dem Norden verabschiedet, die Wiedervereinigungsflaggen und Blumen schwenkten. Beamt*innen der DPRK begleiteten ihn nach Panmunjom, um ihn zu verabschieden. Bevor er die Grenze überquerte, rief Roh „Es lebe die nationale Wiedervereinigung, durch unser eigenes Volk!“ (Koreanisch: „우리민족끼리 조국통일 만세!“), hielt eine Wiedervereinigungsflagge und Blumen hoch. Nach dem Überqueren der Grenze ergriffen südkoreanische Behörden ihn, und es kam zu einem Kampf, bei dem er zu Boden gerissen und dann von den südlichen Behörden weggetragen wurde, die seine Arme und Hände mit Seilen fesselten, als sie ihn in Gewahrsam nahmen. Er wurde zu vier Jahren Gefängnis und zum Verlust des Wahlrechts für drei Jahre nach der Entlassung verurteilt. Ein weiterer Aktivist, Won Jin Wook, erhielt eine dreijährige Gefängnisstrafe, weil er mit DPRK-Beamt*innenn kommuniziert hatte, um die Reise zu arrangieren.&amp;lt;ref&amp;gt;AP Archive. [https://www.youtube.com/watch?v=EtiCNzuVp4Y „Südkoreanischer Aktivist No Su-Hui nach unautorisierter Reise in den Norden verhaftet.“] &#039;&#039;YouTube&#039;&#039;, 31. Juli 2015, Zugriff am 9. April 2023. [https://web.archive.org/web/20230328191034/https://www.youtube.com/watch?v=EtiCNzuVp4Y Archiviert] 2023-03-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.scmp.com/news/asia/article/1145933/south-korean-activists-jailed-visit-north „Südkoreanische Aktivisten wegen Nordkorea-Besuchs inhaftiert.“] &#039;&#039;[[South China Morning Post]]&#039;&#039;, 8. Februar 2013, Zugriff am 9. April 2023. [https://web.archive.org/web/20201214161836/https://www.scmp.com/news/asia/article/1145933/south-korean-activists-jailed-visit-north Archiviert] 2020-12-14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://committeeforreleaseofvicechairman.blogspot.com/ „Internationales Komitee für die Freilassung von Herrn Ro Su Hu.“] &#039;&#039;Blogspot.com&#039;&#039;, 2023, Zugriff am 9. April 2023. [https://web.archive.org/web/20230409065234/https://committeeforreleaseofvicechairman.blogspot.com/ Archiviert] 2023-04-09.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Park Geun-hye]], Tochter des Diktators Park Chung-hee, war von 2013 bis 2017 als 11. Präsidentin von Südkorea im Amt, bis sie nach öffentlichen Demonstrationen, die als Kerzenlicht-Revolution oder Kerzenlicht-Demonstrationen bekannt sind, wegen Korruptionsvorwürfen abgesetzt und verurteilt wurde. Sie war die erste südkoreanische Präsidentin, die durch ein Amtsenthebungsverfahren aus dem Amt entfernt wurde, und wurde zu 24 Jahren Gefängnis verurteilt, erhielt jedoch eine Begnadigung und wurde 2021 nach knapp fünf Jahren Haft entlassen.&amp;lt;ref&amp;gt;Hyonhee Shin (31. Dezember 2021). [https://www.reuters.com/world/asia-pacific/skoreas-disgraced-ex-president-park-freed-after-nearly-5-years-prison-2021-12-31/ „Südkoreas entehrte Ex-Präsidentin Park nach fast fünf Jahren Haft freigelassen“] &#039;&#039;Reuters&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; Auf Park Geun-hyes Präsidentschaft folgte [[Moon Jae-in]] (im Amt 2017–2022).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Laut einem Artikel von CNN aus dem Jahr 2017 haben 49 Länder, darunter [[Republik Kuba|Kuba]], [[Islamische Republik Iran|Iran]] und [[Syrische Arabische Republik|Syrien]], Sanktionen verletzt und mit der DPRK gehandelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Rishi Iyengar (6. Dezember 2017). [https://money.cnn.com/2017/12/06/news/north-korea-sanctions-countries-violation/index.html „Bericht: 49 Länder haben Sanktionen gegen Nordkorea umgangen“] &#039;&#039;[[CNN]]&#039;&#039;. [https://web.archive.org/web/20210508065837/https://money.cnn.com/2017/12/06/news/north-korea-sanctions-countries-violation/index.html Archiviert] vom Original am 2021-05-08.&amp;lt;/ref&amp;gt; 2017 führten die von den UN verhängten Sanktionen dazu, dass Tausende DPRK-Arbeiter, die im Ausland gearbeitet hatten, gezwungen wurden, in die DPRK zurückzukehren, und zur Schließung zahlreicher DPRK-Unternehmen und Joint Ventures.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.asianews.it/news-en/North-Korean-workers-leave-China-because-of-UN-sanctions-41942.html „Nordkoreanische Arbeiter verlassen China wegen UN-Sanktionen.“] Asianews.it. 2017. [https://web.archive.org/web/20220909073331/https://www.asianews.it/news-en/North-Korean-workers-leave-China-because-of-UN-sanctions-41942.html Archiviert] 2022-09-09.&amp;lt;/ref&amp;gt; Laut Nodutdol starben 2018 3.968 Menschen in der DPRK, meist Kinder unter fünf Jahren, aufgrund von Engpässen und Verzögerungen bei UN-Hilfsprogrammen, die durch Sanktionen verursacht wurden.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gespräche zwischen Generalsekretär [[Kim Jong-un]] und dem ehemaligen US-[[Präsident der Vereinigten Staaten|Präsidenten]] [[Donald Trump]] begannen im Juni 2019, um Abrüstung und mögliche Wiedervereinigung mit der [[Republik Korea]] zu diskutieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2020er Jahre ===&lt;br /&gt;
Als der südkoreanische Präsident [[Moon Jae-in]] im Januar 2020 Interesse daran zeigte, den Tourismus nach Nordkorea zu entwickeln, blockierte der US-Botschafter Harry Harris diese Bemühungen mit der Begründung, dass „unabhängige“ Tourismuspläne einer Konsultation mit den USA unterzogen werden müssten. Der US-Botschafter betonte, dass Gegenstände im Gepäck südkoreanischer Touristen gegen Sanktionen verstoßen könnten.&amp;lt;ref name=&amp;quot;:6&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der 13. und aktuelle Präsident Südkoreas ist [[Yoon Suk-yeol]] von der konservativen People Power Party, der 2022 sein Amt antrat. Seine Präsidentschaft ist von Kritik umgeben, wobei zahlreiche Proteste mit Tausenden von Teilnehmenden seinen Rücktritt fordern und seine Zustimmungsrate häufig unter 30% fällt.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_editorial/1063998.html „Wiederaufflammende Kerzenlicht-Demonstrationen angesichts des fast vollständigen Zusammenbruchs der koreanischen Politik.“] Hankyoreh. 24. Oktober 2022. [https://web.archive.org/web/20221030111216/http://english.hani.co.kr/arti/english_edition/e_editorial/1063998.html Archiviert] 2022-10-30.&amp;lt;/ref&amp;gt; Am 13. August 2022 demonstrierten Tausende südkoreanische Gewerkschafter und ihre progressiven Unterstützer im Zentrum von Seoul gegen gemeinsame US-südkoreanische Kriegsübungen. In einem von [[Press TV]] hochgeladenen Video wurde Oh Eun-Jung von der Nationalen Lehrergewerkschaft mit den Worten zitiert: „Die Bedrohung durch einen Atomkrieg auf der koreanischen Halbinsel wächst, konservative Kräfte von Yoon Suk-yeol in Südkorea und die in den USA führen verzweifelt aggressive Kriegsübungen am Himmel, auf dem Land und auf dem Meer durch und stehen kurz davor, groß angelegte Militärübungen zu beginnen, die auf die Invasion Nordkoreas abzielen. Wir müssen dieses Verhalten der anti-Wiedervereinigungskräfte stoppen.“ Im selben Video erklärte der Bauarbeiter Lee Seung-Woo: „Wir lehnen nicht nur die Kriegsübungen ab, sondern wir wollen, dass die US-Streitkräfte Korea, die tatsächlich die koreanische Halbinsel kontrollieren und sich einmischen, dieses Land verlassen. Wir glauben, dass erst dann die achtzig Millionen Koreaner*innen aus Nord und Süd friedlich leben können.“&amp;lt;ref&amp;gt;Frank Smith. [https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games „Südkoreanische Gewerkschafter protestieren gegen US-südkoreanische Kriegsübungen.“] PressTV News. 13. August 2022. [https://web.archive.org/web/20220826124551/https://www.presstv.ir/Detail/2022/08/13/687322/South-Korean-unionists-protest-US-South-Korea-war-games Archiviert] 2022-08-28.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2022 veröffentlichte die [[Koreanische Zentralnachrichtenagentur]] (KCNA) der DPRK eine Erklärung zur Nuklearwaffenpolitik der Demokratischen Volksrepublik Korea, in der betont wurde, dass die Regierung Atomwaffen als letztes Mittel betrachtet, sie aber einsetzen würde, um Aggressionen zu verhindern, die die Sicherheit von Staat und Volk ernsthaft bedrohen. Die Erklärung betonte, dass die DPRK „keine Atomwaffen gegen nicht-nukleare Länder bedroht oder einsetzt“, und warnte, dass sie auf Aggressionen oder auf Nationen, die die DPRK bedrohen, indem sie „mit anderen nuklear bewaffneten Staaten kollaborieren“, entschlossen reagieren würde.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.rt.com/news/562473-north-korea-nuclear-doctrine/ „Nordkorea präzisiert Nukleardoktrin.“] RT International. 9. September 2022. [https://web.archive.org/web/20221026142625/https://www.rt.com/news/562473-north-korea-nuclear-doctrine/ Archiviert] 2022-10-26.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
‌&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kultur ==&lt;br /&gt;
Das Volkslied „Arirang“ (Koreanisch: 아리랑) gilt als repräsentatives Volkslied Koreas, das im ganzen Land gesungen wird und viele verschiedene mündlich überlieferte Versionen aufweist. Arirang enthält typischerweise eine sanfte und lyrische Melodie. Arirang-Lieder handeln von Abschied und Wiedervereinigung, Trauer, Freude und Glück. Die verschiedenen Kategorien unterscheiden sich je nach Text und Melodie. Während universelle Themen behandelt werden, lädt die einfache musikalische und literarische Komposition zur Improvisation, Nachahmung und zum gemeinsamen Singen ein und fördert so ihre Akzeptanz durch verschiedene Musikgenres. Sowohl die DPRK als auch Südkorea haben das Lied in die Liste des immateriellen Kulturerbes der [[UNESCO]] eingereicht. Die Einreichung der DPRK besagt, dass Arirang-Volkslieder soziale Beziehungen stärken und somit zu gegenseitigem Respekt und friedlicher sozialer Entwicklung beitragen und den Menschen helfen, ihre Gefühle auszudrücken und Trauer zu überwinden. Sie fungieren als wichtiges Symbol der Einheit und nehmen einen Platz des Stolzes in den darstellenden Künsten, im Kino, in der Literatur und anderen Werken der zeitgenössischen Kunst ein. Die Einreichung Südkoreas stellt fest, dass Arirang ein beliebtes Thema und Motiv in verschiedenen Künsten und Medien ist, darunter Kino, Musicals, Drama, Tanz und Literatur, und beschreibt es als ein eindringliches Lied mit der Kraft, die Kommunikation und Einheit unter dem koreanischen Volk zu stärken, ob zu Hause oder im Ausland.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://ich.unesco.org/en/RL/arirang-folk-song-in-the-democratic-people-s-republic-of-korea-00914 „UNESCO – Arirang-Folklied in der Demokratischen Volksrepublik Korea.“] Unesco.org. 2023.&amp;lt;/ref&amp;gt;&amp;lt;ref&amp;gt;[https://ich.unesco.org/en/RL/arirang-lyrical-folk-song-in-the-republic-of-korea-00445 „UNESCO – Arirang, lyrisches Volkslied in der Republik Korea.“] Unesco.org. 2023.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
== Sprachen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Koreanische Sprache ===&lt;br /&gt;
[[Koreanische Sprache|Koreanisch]] ist die offizielle Sprache sowohl von Nord- als auch von Südkorea.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt regionale Dialekte und Akzente des Koreanischen, die auf der gesamten Koreanischen Halbinsel gesprochen werden. Im Allgemeinen sind sie weitgehend gegenseitig verständlich mit den standardisierten Formen des Koreanischen. Darüber hinaus hat sich die Sprache trotz der Teilung des Landes in Nord und Süd nicht bis zur Unverständlichkeit auseinanderentwickelt, obwohl bestimmte Unterschiede in Wortschatz, Rechtschreibung und Aussprache bestehen. Bemerkenswert ist, dass im Norden eine Präferenz für die Verwendung einheimischer koreanischer Wörter besteht, während im Süden fremde Lehnwörter eine höhere Verbreitung aufweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Koreanisch ist auch die offizielle Sprache der [[Yanbian Korean Autonomous Prefecture]] in der [[Provinz Jilin]], China (zusammen mit [[Mandarin]]). Andere große Gruppen von Koreanischsprachigen finden sich in China, den Vereinigten Staaten, Japan, der ehemaligen [[Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (1922–1991)|Sowjetunion]] und anderswo.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Jeju-Sprache ===&lt;br /&gt;
Die [[Jeju-Sprache]], die eng mit dem Koreanischen verwandt ist, ist eine gefährdete Sprache, deren Hauptgemeinschaft von Sprechenden von der Insel Jeju stammt. Während sie oft als ein divergenter Dialekt der koreanischen Sprache klassifiziert wird, wird die Varietät in der lokalen Regierung und zunehmend in der südkoreanischen und ausländischen Akademie als Sprache bezeichnet. Die Jeju-Sprache ist nicht gegenseitig verständlich mit den Dialekten des südkoreanischen Festlands. Die meisten Menschen auf der Insel Jeju sprechen heute eine Varietät des Koreanischen mit einem Jeju-Substrat, und Bemühungen zur Wiederbelebung der gefährdeten Sprache sind im Gange.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Nord- und Südkoreanische Gebärdensprache ===&lt;br /&gt;
Eine Form der [[Koreanischen Gebärdensprache]] (KSL) wird sowohl in Nord- als auch in Südkorea verwendet. Nach der Teilung des Landes hat sich die Heterogenität der Gebärdensprache beschleunigt. Die Forscher Lee und Choi verglichen die Handformen der nord- und südkoreanischen Gebärdensprachen und fanden 2017 heraus, dass es 15% Übereinstimmung bei beiden Händen, 21% Übereinstimmung bei der dominanten Hand, 23% Übereinstimmung bei der nicht-dominanten Hand und 71% Nichtübereinstimmung gab.&amp;lt;ref&amp;gt;Choi Sangbae, Ko Eunji. [https://www.jstage.jst.go.jp/article/jasl/29/3/29_51/_pdf/-char/ja &amp;quot;Contrastive Linguistic Study of South and North Korean Sign Language and Japanese Sign Language at the Level of Phoneme and Lexis.&amp;quot;] 2020. Kongju National University. [https://web.archive.org/web/20230325065228/https://www.jstage.jst.go.jp/article/jasl/29/3/29_51/_pdf/-char/ja Archiviert] 2023-03-25.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ein YouTube-Kanal namens Sonmal Sueo (Koreanisch: 손말수어) ist der Präsentation der Unterschiede zwischen nord- und südkoreanischen Gebärden gewidmet, um die Kommunikation und das Verständnis zu fördern.&amp;lt;ref&amp;gt;[https://www.youtube.com/@sonmalsueo3478/featured Sonmal Sueo 손말수어]. YouTube.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Verweise==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Halbinseln]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Asien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Länder in Ostasien]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Besetzte Länder]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Opfer von Imperialismus]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Ziele bürgerlicher Berichterstattung]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9281</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Karl Marx</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9281"/>
		<updated>2026-03-08T11:07:08Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Änderung 9280 von Jaiden (Diskussion) rückgängig gemacht.&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für &#039;&#039;&#039;Werke Karl Marx&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Marx, Karl Bibliothekswerke}}&lt;br /&gt;
{{Bibliothek_Tabelle|category=Bibliothekswerke von Karl Marx|type=Werke|pre=von|topic=Karl Marx}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9280</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Karl Marx</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9280"/>
		<updated>2026-03-08T11:06:46Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für &#039;&#039;&#039;Werke Karl Marx&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Marx, Karl Bibliothekswerke}}&lt;br /&gt;
{{Bibliothek_Tabelle|kategorie=Bibliothekswerke von Karl Marx|typ=Werke|pre=von|thema=Karl Marx}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9279</id>
		<title>Vorlage:Bibliothek Tabelle</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9279"/>
		<updated>2026-03-08T11:05:58Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;noinclude&amp;gt;&#039;&#039;&#039;Diese Vorlage ist dafür gedacht, Büher in den Bibliothekskategorien in einer Tabelle anzuzeigen.&#039;&#039;&#039;&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatestyles src=&amp;quot;Library_cat/style.css&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{#seo:&lt;br /&gt;
|title_mode=replace&lt;br /&gt;
|title=Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} - ProleWiki&lt;br /&gt;
|description:Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} kostenlos auf ProleWiki!&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{DISPLAYTITLE:Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} }}&lt;br /&gt;
Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} [[{{{topic}}}]] auf ProleWiki.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{#dpl:&lt;br /&gt;
|noresultsheader=Tut uns Leid! Bisher gibt es hier noch keine Bücher&lt;br /&gt;
|category = {{{category}}}&lt;br /&gt;
|includesubpages=true&lt;br /&gt;
|include = {Library work}:autor*in:veröffentlichkeitsdatum:typ:zusammenfassung&lt;br /&gt;
|table = class=&amp;quot;wikitable sortable library-cat-table&amp;quot;,Titel,Autor*in,Veröffentlicht,Typ,Zusammenfassung&lt;br /&gt;
|tablesortcol=3&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{#ifeq:{{{hidden|}}}|yes|__HIDDENCAT__|}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{{the}}}&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
  &amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
    &amp;quot;category&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Kategorie&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Full name of the category you want to make a list for, e.g., &#039;Library works by Karl Marx&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;type&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Typ&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be either &#039;works&#039; or &#039;documents&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;pre&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Preposition&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be &#039;by&#039;, &#039;from&#039;, or &#039;about&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;the&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;:&amp;quot;The?&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;:&amp;quot;if &#039;&#039;the&#039;&#039;, add &#039;the&#039; to the sentence e.g. for &#039;Documents from &#039;&#039;the&#039;&#039; Soviet Union.&#039;&amp;quot;&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;topic&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Thema&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;The content page that this category will link to. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;hidden&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Hidden&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;If &#039;yes&#039;, will hide this category under individual works but still apply it. Useful for reading lists.&amp;quot;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
  }&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9278</id>
		<title>Vorlage:Bibliothek Tabelle</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9278"/>
		<updated>2026-03-08T11:01:43Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;noinclude&amp;gt;&#039;&#039;&#039;Diese Vorlage ist dafür gedacht, Büher in den Bibliothekskategorien in einer Tabelle anzuzeigen.&#039;&#039;&#039;&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatestyles src=&amp;quot;Library_cat/style.css&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{#seo:&lt;br /&gt;
|title_mode=replace&lt;br /&gt;
|title=Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} - ProleWiki&lt;br /&gt;
|description:Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} kostenlos auf ProleWiki!&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{DISPLAYTITLE:Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} }}&lt;br /&gt;
Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} [[{{{topic}}}]] auf ProleWiki.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{#dpl:&lt;br /&gt;
|noresultsheader=Tut uns Leid! Bisher gibt es hier noch keine Bücher&lt;br /&gt;
|category = {{{category}}}&lt;br /&gt;
|includesubpages=true&lt;br /&gt;
|include = {Library work}:author:published_date:type:summary&lt;br /&gt;
|table = class=&amp;quot;wikitable sortable library-cat-table&amp;quot;,Titel,Autor*in,Veröffentlicht,Typ,Zusammenfassung&lt;br /&gt;
|tablesortcol=3&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{#ifeq:{{{hidden|}}}|yes|__HIDDENCAT__|}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{{the}}}&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
  &amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
    &amp;quot;category&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Kategorie&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Full name of the category you want to make a list for, e.g., &#039;Library works by Karl Marx&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;type&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Typ&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be either &#039;works&#039; or &#039;documents&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;pre&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Preposition&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be &#039;by&#039;, &#039;from&#039;, or &#039;about&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;the&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;:&amp;quot;The?&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;:&amp;quot;if &#039;&#039;the&#039;&#039;, add &#039;the&#039; to the sentence e.g. for &#039;Documents from &#039;&#039;the&#039;&#039; Soviet Union.&#039;&amp;quot;&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;topic&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Thema&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;The content page that this category will link to. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;hidden&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Hidden&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;If &#039;yes&#039;, will hide this category under individual works but still apply it. Useful for reading lists.&amp;quot;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
  }&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9277</id>
		<title>Vorlage:Bibliothek Tabelle</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9277"/>
		<updated>2026-03-08T11:00:55Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;noinclude&amp;gt;&#039;&#039;&#039;Diese Vorlage ist dafür gedacht, Büher in den Bibliothekskategorien in einer Tabelle anzuzeigen.&#039;&#039;&#039;&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatestyles src=&amp;quot;Library_cat/style.css&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{#seo:&lt;br /&gt;
|title_mode=replace&lt;br /&gt;
|title=Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} - ProleWiki&lt;br /&gt;
|description:Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} kostenlos auf ProleWiki!&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{DISPLAYTITLE:Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} }}&lt;br /&gt;
Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} [[{{{topic}}}]] auf ProleWiki.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{#dpl:&lt;br /&gt;
|noresultsheader=Tut uns Leid! Bisher gibt es hier noch keine Bücher&lt;br /&gt;
|category = {{{category}}}&lt;br /&gt;
|includesubpages=true&lt;br /&gt;
|include = {Library work}:author:published_date:type:summary&lt;br /&gt;
|table = class=&amp;quot;wikitable sortable library-cat-table&amp;quot;,Title,Author,Published,Type,Summary&lt;br /&gt;
|tablesortcol=3&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{#ifeq:{{{hidden|}}}|yes|__HIDDENCAT__|}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{{the}}}&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
  &amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
    &amp;quot;category&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Kategorie&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Full name of the category you want to make a list for, e.g., &#039;Library works by Karl Marx&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;type&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Typ&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be either &#039;works&#039; or &#039;documents&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;pre&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Preposition&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be &#039;by&#039;, &#039;from&#039;, or &#039;about&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;the&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;:&amp;quot;The?&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;:&amp;quot;if &#039;&#039;the&#039;&#039;, add &#039;the&#039; to the sentence e.g. for &#039;Documents from &#039;&#039;the&#039;&#039; Soviet Union.&#039;&amp;quot;&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;topic&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Thema&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;The content page that this category will link to. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;hidden&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Hidden&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;If &#039;yes&#039;, will hide this category under individual works but still apply it. Useful for reading lists.&amp;quot;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
  }&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9276</id>
		<title>Vorlage:Bibliothek Tabelle</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9276"/>
		<updated>2026-03-08T10:57:44Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;noinclude&amp;gt;&#039;&#039;&#039;Diese Vorlage ist dafür gedacht, Büher in den Bibliothekskategorien in einer Tabelle anzuzeigen.&#039;&#039;&#039;&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatestyles src=&amp;quot;Library_cat/style.css&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{#seo:&lt;br /&gt;
|title_mode=replace&lt;br /&gt;
|title=Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} - ProleWiki&lt;br /&gt;
|description:Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} kostenlos auf ProleWiki!&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{DISPLAYTITLE:Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} }}&lt;br /&gt;
Alle {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} [[{{{topic}}}]] auf ProleWiki.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{#dpl:&lt;br /&gt;
|noresultsheader=Tut uns Leid! Bisher gibt es hier noch keine Bücher&lt;br /&gt;
|category = {{{category}}}&lt;br /&gt;
|includesubpages=true&lt;br /&gt;
|include = {Library work}:author:published_date:type:summary&lt;br /&gt;
|table = class=&amp;quot;wikitable sortable library-cat-table&amp;quot;,Title,Author,Published,Type,Summary&lt;br /&gt;
|tablesortcol=3&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{#ifeq:{{{hidden|}}}|yes|__HIDDENCAT__|}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{{the}}}&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
  &amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
    &amp;quot;category&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Category&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Full name of the category you want to make a list for, e.g., &#039;Library works by Karl Marx&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;type&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Type&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be either &#039;works&#039; or &#039;documents&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;pre&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Preposition&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be &#039;by&#039;, &#039;from&#039;, or &#039;about&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;the&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;:&amp;quot;The?&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;:&amp;quot;if &#039;&#039;the&#039;&#039;, add &#039;the&#039; to the sentence e.g. for &#039;Documents from &#039;&#039;the&#039;&#039; Soviet Union.&#039;&amp;quot;&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;topic&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Topic&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;The content page that this category will link to. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;hidden&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Hidden&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;If &#039;yes&#039;, will hide this category under individual works but still apply it. Useful for reading lists.&amp;quot;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
  }&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9275</id>
		<title>Vorlage:Bibliothek Tabelle</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Bibliothek_Tabelle&amp;diff=9275"/>
		<updated>2026-03-08T10:56:34Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;&amp;lt;noinclude&amp;gt;&#039;&#039;&#039;Diese Vorlage ist dafür gedacht, Büher in den Bibliothekskategorien in einer Tabelle anzuzeigen.&#039;&#039;&#039;&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatestyles src=&amp;quot;Library_cat/style.css&amp;quot; /&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{#seo:&lt;br /&gt;
|title_mode=replace&lt;br /&gt;
|title=Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} - ProleWiki&lt;br /&gt;
|description:Lies alle Werke {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} kostenlos auf ProleWiki!&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{DISPLAYTITLE:All {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} {{{topic}}} }}&lt;br /&gt;
All library {{{type}}} {{{pre}}} {{#ifeq:{{{the}}}|the|the|}} [[{{{topic}}}]] on ProleWiki.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{#dpl:&lt;br /&gt;
|noresultsheader=Tut uns Leid! Bisher gibt es hier noch keine Bücher&lt;br /&gt;
|category = {{{category}}}&lt;br /&gt;
|includesubpages=true&lt;br /&gt;
|include = {Library work}:author:published_date:type:summary&lt;br /&gt;
|table = class=&amp;quot;wikitable sortable library-cat-table&amp;quot;,Title,Author,Published,Type,Summary&lt;br /&gt;
|tablesortcol=3&lt;br /&gt;
}}&lt;br /&gt;
{{#ifeq:{{{hidden|}}}|yes|__HIDDENCAT__|}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;noinclude&amp;gt;&lt;br /&gt;
{{{the}}}&lt;br /&gt;
&amp;lt;templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
{&lt;br /&gt;
  &amp;quot;params&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
    &amp;quot;category&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Category&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Full name of the category you want to make a list for, e.g., &#039;Library works by Karl Marx&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;type&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Type&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be either &#039;works&#039; or &#039;documents&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;pre&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Preposition&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;Can be &#039;by&#039;, &#039;from&#039;, or &#039;about&#039;. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;the&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;:&amp;quot;The?&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;:&amp;quot;if &#039;&#039;the&#039;&#039;, add &#039;the&#039; to the sentence e.g. for &#039;Documents from &#039;&#039;the&#039;&#039; Soviet Union.&#039;&amp;quot;&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;topic&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Topic&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;The content page that this category will link to. Required.&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;required&amp;quot;: true&lt;br /&gt;
    },&lt;br /&gt;
    &amp;quot;hidden&amp;quot;: {&lt;br /&gt;
      &amp;quot;label&amp;quot;: &amp;quot;Hidden&amp;quot;,&lt;br /&gt;
      &amp;quot;description&amp;quot;: &amp;quot;If &#039;yes&#039;, will hide this category under individual works but still apply it. Useful for reading lists.&amp;quot;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
  }&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&amp;lt;/templatedata&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/noinclude&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9274</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Karl Marx</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9274"/>
		<updated>2026-03-08T10:49:14Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für &#039;&#039;&#039;Werke Karl Marx&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Marx, Karl Bibliothekswerke}}&lt;br /&gt;
{{Bibliothek_Tabelle|category=Bibliothekswerke von Karl Marx|type=Werke|pre=von|topic=Karl Marx}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9273</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Karl Marx</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9273"/>
		<updated>2026-03-08T10:48:39Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für &#039;&#039;&#039;Werke Karl Marx&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Marx, Karl Bibliothekswerke}}&lt;br /&gt;
{{Bibliohtk_Tabelle|category=Bibliothekswerke von Karl Marx|type=Werke|pre=von|topic=Karl Marx}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9272</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Karl Marx</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Karl_Marx&amp;diff=9272"/>
		<updated>2026-03-08T10:47:38Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für &#039;&#039;&#039;Werke Karl Marx&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Marx, Karl Bibliothekswerke}}&lt;br /&gt;
{{Library cat|category=Bibliothekswerke von Karl Marx|type=Werke|pre=von|topic=Karl Marx}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Library_cat/style.css&amp;diff=9271</id>
		<title>Vorlage:Library cat/style.css</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Vorlage:Library_cat/style.css&amp;diff=9271"/>
		<updated>2026-03-08T06:23:22Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Jaiden änderte das Inhaltsmodell der Seite Vorlage:Library cat/style.css von „Wikitext“ nach „Bereinigtes CSS“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;/*will remove the alphabetical categorisation categories make automatically*/&lt;br /&gt;
.mw-category-generated{&lt;br /&gt;
	display:none!important;&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
#mw-pages{&lt;br /&gt;
	display:none!important;&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
.library-cat-table tbody tr td:nth-of-type(5) { /*6th table column is Summary*/&lt;br /&gt;
	font-size:0.8em;&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
.wikitable.sortable.library-cat-table.jquery-tablesorter tbody tr td{&lt;br /&gt;
	max-height:100px;&lt;br /&gt;
	overflow:scroll;&lt;br /&gt;
}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
@media screen and (max-width:760px){&lt;br /&gt;
	.wikitable.sortable.library-cat-table.jquery-tablesorter tbody tr td{&lt;br /&gt;
	    height:75px;&lt;br /&gt;
	    white-space:nowrap;&lt;br /&gt;
	    overflow:scroll;&lt;br /&gt;
	    line-height:normal;&lt;br /&gt;
    }&lt;br /&gt;
}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=ProleWiki:Grunds%C3%A4tze&amp;diff=9270</id>
		<title>ProleWiki:Grundsätze</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=ProleWiki:Grunds%C3%A4tze&amp;diff=9270"/>
		<updated>2026-03-07T17:25:26Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Bolivien ist seit dem Wahlgewinn der Rechten kein antiimperialistischer Staat mehr&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Dieser Text ist ein ideologischer Leitfaden für das Projekt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Grundprinzipien==&lt;br /&gt;
===Politische Linie===&lt;br /&gt;
Wir orientieren uns am [[Marxismus-Leninismus]], hauptsächlich an den Werken von [[Karl Marx]], [[Friedrich Engels]] und [[Wladimir Lenin]]. Auf dieser Grundlage befürwortet ProleWiki die sich derzeit entwickelnden [[Diktatur des Proletariats|Diktaturen des Proletariats]] in: &lt;br /&gt;
*[[Republik Kuba]]&lt;br /&gt;
*[[Volksrepublik China]]&lt;br /&gt;
*[[Demokratische Volksrepublik Korea]]&lt;br /&gt;
*[[Sozialistische Republik Vietnam]]&lt;br /&gt;
*[[Demokratische Volksrepublik Laos]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Antiimperialismus===&lt;br /&gt;
Obwohl es sich bei den unten genannten Staaten um [[Diktatur der Bourgeoisie|Bürgerliche Diktaturen]] handelt, unterstützen wir sie &#039;&#039;kritisch&#039;&#039;. Da folgende Staaten sich der Imperialmacht der USA und NATO entgegensetzen, werden sie als antiimperialistisch angesehen:&lt;br /&gt;
*[[Bolivarische Republik Venezuela]]&lt;br /&gt;
*[[Russische Föderation]]&lt;br /&gt;
*[[Republik Belarus]]&lt;br /&gt;
*[[Republik Nicaragua]]&lt;br /&gt;
*[[Staat Palästina]]&lt;br /&gt;
*[[Islamische Republik Iran]]&lt;br /&gt;
Aufgrund aktueller Ereignisse in [[Syrien]], haben wir uns dazu entschieden, die Arabische Republik aus dieser Liste zu entfernen, da die antiimperialistische Regierung im Dezember 2024 gestürzt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir unterstützen die restlichen dieser Staaten kritisch, soweit die Interessen ihrer [[nationalen Bourgeoisie]] mit denen ihres Proletariats übereinstimmen, d.h. insbesondere im Kampf gegen die [[Imperialismus|Herrschaft des ausländischen Kapitals]] und den [[Nordatlantikpakt-Organisation|NATO]] [[Imperialismus]], den wir als die primäre imperialistische Kraft in der Welt betrachten. In letzter Instanz unterstützen wir die [[Proletariat|Arbeiter*innen]] und die unterdrückten Völker dieser Länder gegen ihre [[Bourgeoisie|herrschende Klasse]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Gegen Unterdrückung===&lt;br /&gt;
Wir sind gegen jede Form der Unterdrückung oder Verherrlichung der Unterdrückung von ethnischen Gruppen, Frauen und der LGBT+ Community. Klassenreduktionismus ist eine antimarxistische Position. Als solche schließt sie die Ablehnung reaktionärer und sozialchauvinistischer Bewegungen ein, wie z. B.:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* [[Faschismus]] und [[Neofaschismus]]&lt;br /&gt;
* [[Nazismus]] und [[Neonazismus]]&lt;br /&gt;
* [[Zionismus]]&lt;br /&gt;
* [[Strasserismus]]&lt;br /&gt;
* [[Vierte Politische Theorie]]&lt;br /&gt;
* [[Nationalbolschewismus]]&lt;br /&gt;
* [[Lyndon LaRouche|LaRoucheismus]] und [[patriotischer Sozialismus]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ziele==&lt;br /&gt;
===ProleWiki strebt nach freier Nutzung und demokratisch-zentralistischer Leitung seiner Mitwirkenden===&lt;br /&gt;
Die Aufgabe von ProleWiki ist es, freie und zugängliche Informationen und Werke bereitzustellen, die für das Verständnis und die Entwicklung des [[Marxismus-Leninismus|Marxismus-Leninismus]] relevant sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ProleWiki fördert das freie Kopieren und die Weiterverbreitung von &#039;&#039;&#039;allen Materialien&#039;&#039;&#039; auf der Webseite. Jede*r kann urheberrechtlich geschütztes Material veröffentlichen, solange es sich an unsere [[ProleWiki:Redaktionskonventionen|Redaktionskonventionen]] hält. Jeder Aspekt unseres Projekts kann demokratisch festgelegt werden, jedoch wird unser Projekt &#039;&#039;niemals über seine eigene Auflösung entscheiden&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===ProleWiki strebt nach kollektivem Eigentum===&lt;br /&gt;
ProleWiki ist bestrebt, niemals im Besitz einer einzelnen Person zu sein und stets das kollektive Eigentum an der Webseite zu fördern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ProleWiki wird niemals Werbung oder profitbestrebte Tracking-Software enthalten und wird sich immer bemühen, die Sicherheit unserer Mitwirkenden zu wahren. Die [[ProleWiki:Verwaltung|Verwaltungsstruktur]] von ProleWiki kann sich im Laufe der Zeit durch Wahlen und Redakturwechsel ändern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== ProleWiki strebt nach demokratischer Entscheidungsfindung===&lt;br /&gt;
Das zentrale Organisationsprinzip von ProleWiki ist die demokratische Entscheidungsfindung. Keine einzelne Person sollte einer anderen etwas vorschreiben. Demokratische Entscheidungsfindung ist die Essenz einer jeden gesunden Organisation. Aber wir sollten uns nicht immer auf kollektive Entscheidungen verlassen, denn individuelle Initiative kann viel Wert sein. Wir sollten auf die demokratische Entscheidungsfindung zurückgreifen, wenn wir mit einem Widerspruch oder einer Unstimmigkeit konfrontiert werden. Alle Genoss*innen sind willkommen, auf dieser Grundlage an ProleWiki zu arbeiten. Alle Mitwirkenden, einschließlich der Administration, sollten sich für eine bestimmte Politik einsetzen und Fragen aufwerfen, die bei Bedarf gemeinsam bearbeitet werden können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===ProleWiki strebt nach Transparenz===&lt;br /&gt;
Geleitet vom [[Marxismus-Leninismus]] halten wir uns an die Möglichkeit zur freien Kritik an unserer Verwaltung. Alles, was unser Budget, Spenden, Änderungen der Richtlinien und den erstellten Quellcode betrifft, soll offen, zugänglich und öffentlich sein. Wenn irgendwelche Informationen (die die Sicherheit des Projekts nicht gefährden) nicht verfügbar sind, lass es uns gerne wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===ProleWiki bemüht sich um Kritik und Selbstkritik===&lt;br /&gt;
Wir sollten uns daran erinnern, dass die freie Kritik und die liberale Idee der Meinungsfreiheit nicht gleichbedeutend sein sollte. Wir sollten offen unterdrücken:&lt;br /&gt;
*Reaktionäre Sprache, oder Sprache mit der Absicht, jegliche Art von Unterdrückung zu fördern.&lt;br /&gt;
*Chauvinismus, oder die Förderung der Idee, dass eine Gruppe von Menschen einer anderen Gruppe von Menschen überlegen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstkritik wird nicht nur akzeptiert, sondern gefördert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===ProleWiki soll von der philosophischen Sichtweise des Marxismus-Leninismus geleitet werden===&lt;br /&gt;
Jede einzelne Anstrengung ist notwendig, um eine internationale proletarische Gesellschaft anzustreben. Lasst den Marxismus-Leninismus das führende Licht der Proletarier*innen aller Nationen sein!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===ProleWikis Priorität ist die Förderung des Klassenbewusstseins===&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Bilde dich selbst, bilde andere&#039;&#039;. Unser Ziel ist es, die Ideen von [[Karl Marx]], [[Friedrich Engels]], [[Wladimir Lenin]], anderen Revolutionären wie [[Mao Zedong]], [[Ho Chi Minh]], [[Kim Il-sung]], sowie Informationen, die für das Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer historischen Entwicklung relevant sind, zugänglich zu machen. Wir werden unsere Anstrengungen vereinen, um das revolutionäre Potenzial des Proletariats zu fördern!&lt;br /&gt;
[[Kategorie:ProleWiki offizielle Seiten]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9269</id>
		<title>Bibliothek:Werke des Mengzi</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9269"/>
		<updated>2026-03-01T11:33:14Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Werke des Mengzi|image=Mengzi Werke Buchcover.png|author=Mengzi|publisher=Eugen Diederichs Verlag|published_date=1921|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/mong-ds/books/werke/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eugen Diederichs Verlag Jena 1921&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittes bis fünftes Tausend&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorrede ==&lt;br /&gt;
Mit den Aufzeichnungen des Mong Dsï folgt aus der konfuzianischen Literatur, nach den Gesprächen des Kung nunmehr das zweite der sogenannten »vier Bücher«. Nach mancherlei Erwägungen habe ich mich doch zu einer vollständigen Übersetzung entschlossen, da die Bedeutung des Werkes in China groß genug ist, um eine vollständige Übersicht als wünschenswert erscheinen zu lassen. Diese Übersetzung ist die erste vollständige deutsche Übersetzung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Gunst der Verhältnisse, die in Tsingtau eine Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehrten zusammenführten, bekam ich Gelegenheit, für meine Übersetzung nicht nur die wichtigsten schriftlichen Quellen zu Rate zu ziehen, sondern auch mündliche Anregung des früheren Leiters der Pekinger Reichsuniversität, Herrn Lau Nai Süan&#039;s, mir zunutze machen zu können. So ist zu hoffen, daß diese Übersetzung wirklich das Verständnis des Mong Dsï vermittelt, das heute in China vorhanden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Werke des Mong Dsï bestehen aus zwei Teilen: den ersten drei Büchern, die eine Art Memoiren denkwürdiger Gespräche mit Fürsten enthalten und hauptsächlich über die Fragen der Staatsregierung handeln, und die letzten vier Bücher, die Aphorismen über alle möglichen Gebiete des Lebens enthalten. Der europäische Leser findet sich vielleicht besser in das Gedankenleben des chinesischen Meisters, wenn er die Lektüre mit den hinteren Büchern beginnt und von da aus erst zu den Stücken der ersten Hälfte übergeht. –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einleitung ==&lt;br /&gt;
Unter den Vertretern der Lehre des Kung Dsï ist weitaus der berühmteste Mong Ko (meist Mong Dsï = Philosoph Mong genannt, woraus in Analogie zu der latinisierten Form Konfuzius der heute in Europa übliche Name Menzius geformt wurde). Obwohl zeitlich von dem Meister entfernt, so daß er in keine persönliche Berührung mit ihm kam, hat er dessen Lehren in Zeiten des Niedergangs mit großer Energie durchgesetzt. Man kann sein Verhältnis zu Kung mit dem des Paulus zu Jesus vergleichen. In diesem Vergleich liegt zugleich eine Wertung, die von der in Europa häufig üblichen abweicht. Mong Dsï ist Epigone, aber eben deshalb geht er mehr auf Detailfragen ein als Kung Dsï. Er ist rhetorischer, dialektischer. Darum kommt er dem europäischen Geschmack in vielen Dingen näher. So kann es nicht Wunder nehmen, daß er von europäischer Seite vielfach als der Genialere betrachtet worden ist, der noch über Kung zu werten sei. Der englische Missionar Legge, der die Worte des Mong Dsï mit vielem Fleiß ins Englische übersetzt hat, gibt dieser Stimmung mit unübertrefflicher Naivität Ausdruck, indem er Mong Dsï für bewundernswerter als Kung Dsï erklärt – freilich um dann nachträglich ein Stück der Bewunderung nach dem andern wieder abzutragen. Der chinesische Vergleich trifft wohl dem Wesen nach eher das Richtige, der Kung Dsï dem milden, unauffälligen, erst eingehender Betrachtung sich offenbarenden Glanz des Nephrits vergleicht, während Mong Dsï dem klar-durchsichtigen Bergkristall entspreche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war der Sohn seiner Zeit. Ein Zeitgenosse des Dschuang Dsï, mit dem er auch an literarischem Besitz vieles gemeinsam hat, hat er auf anderen Wegen als jener weltflüchtige Mystiker nach Rettung für die Menschheit gesucht. Während Dschuang Dsï diese Rettung in gänzlichem Verzicht auf die Kultur sieht, sucht Mong Dsï sie in der Reform und der Wiederherstellung der echten Kultur, wie sie durch Kungs Arbeiten aus dem Altertum gerettet war. In diesem Streben übernahm er den von Kung geschaffenen Beruf des Lehrers der Fürsten. Aber die Zeiten waren inzwischen andere geworden. So machte sich auch in des Mong Dsï Handlungsweise eine Änderung nötig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Kungs Zeiten waren die staatlichen Verhältnisse noch so weit in Ordnung, daß jedermann ohne weiteres sein geregeltes Einkommen hatte. Obwohl daher Kung auf seinen Wanderungen manche Schwierigkeiten und Nöte zu bestehen hatte, war die Frage seines Lebensunterhalts nie in die Erscheinung getreten. Er hatte sein gesichertes Einkommen, von dem er und seine Schüler lebten. Das war später anders geworden. Der Privatbesitz hatte sich mehr entwickelt. Nur die Beamten und die Untertanen der einzelnen Staaten hatten mehr oder weniger feste Einkünfte. Der freie Beruf des Lehrers der Fürsten, dem Mong Dsï ebenso wie viele sophistische Zeitgenossen huldigte, war auf Gaben und Geschenke freigebiger Mäzene unter den Fürsten angewiesen. Mong Dsï empfand diese Abhängigkeit äußerst drückend und tat, was in seinen Kräften stand, um seine Würde zu wahren und Abstand zu halten von den Wanderphilosophen, die gegen Geld die Höfe zu unterhalten wußten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus diesen Verhältnissen erklärt sich manche herbe Seite in Mong Dsïs Wesen. Je schwieriger es war, diesen Abstand zu halten, desto mehr mußte er Äußerlichkeiten betonen, und so kam er oft in Situationen, wo sein Stolz fast die Form der Wunderlichkeit annimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer Zug hängt damit zusammen. Während Kungs ganze Art sich durch eine feine Zurückhaltung und bescheidene Güte auszeichnet, die ihn so liebenswert machen, ist Mong Dsï seiner ganzen Stellung nach auf den Kampf angewiesen. Daher das Pathetisch-rhetorische in seinen Reden, die Disputationen mit Andersdenkenden, die selbstbewußten Äußerungen, die Schärfe und Härte, mit der er seine Feinde verurteilt und brandmarkt, aber auch die durchsichtige Klarheit und Ausführlichkeit, die nichts für sich zurückbehält, sondern alles ausspricht, was zur Stützung und Darlegung der eigenen Lehren dient. Daher ferner auch die opportunistische Anpassung an die Situation, die unter Umständen die höchsten Maßstäbe aus dem Auge läßt, um das praktisch Erreichbare zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist er vernünftig und klar, dialektisch gewandt, oft nicht ohne Humor, immer bereit mit Zitaten aus der »heiligen Schrift«, mit Gleichnissen und erläuternden Geschichten, so daß man – das Interesse für seine Probleme vorausgesetzt – immer angeregt wird. Freilich die ästhetischen Höhen des Kung Dsï erreicht er dabei nicht. Während Kung nach Anhören der alten Musik so hingerissen war, daß er Essen und Trinken darüber vergaß, läßt sich Mong Dsï gelegentlich zu dem Ausspruch hinreißen, die alte und die leichte neue Musik kämen aufs gleiche hinaus; beide belebten ja die sozialen Seiten des menschlichen Gemüts. In solchen und ähnlichen Situationen hat die Philosophie des Mong Dsï etwas Robustes an sich, etwas vom gesunden Menschenverstand. Aber trotz alledem hat er sich auf moralischem Gebiet niemals eine Konzession zuschulden kommen lassen. Hier ist er echt und ganz und darf sich würdig seinem Meister zur Seite stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über sein Leben sind wir nicht so gut unterrichtet, wie über das des Kung. Die Nachrichten&amp;lt;ref&amp;gt;Über die genauere Begründung vgl. Jahrbuch für Chinaforschung Bd. 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; widersprechen sich vielfach. Was wir mit einiger Sicherheit feststellen können, ist folgendes:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï, mit dem Vornamen Ko, ist in dem kleinen Staate Dsou im Jahre 372 geboren. Er stammt aus dem bekannten Adelsgeschlecht Mong Sun, das zur Zeit des Kung Dsï im Staate Lu zu den drei herrschenden Familien gehörte. Das Geschlecht hatte jedoch mit der Zeit an Einfluß verloren, und es hatte sich ein Zweig der Familie in dem südlich von Lu liegenden Dsou niedergelassen. In früher Jugend schon verlor er den Vater. Doch war seine Erziehung bei seiner edlen Mutter in den denkbar besten Händen. Die Geschichten, wie sie zweimal den Wohnplatz gewechselt, um eine Umgebung zu finden, die den Spielen des Sohnes ein gutes Vorbild zeige, und wie sie das Gewebe auf dem Webstuhl zerschnitten, als ihr Junge einst in der Schule keine Fortschritte gemacht, sind in China bis auf den heutigen Tag allbekannt. Daß Mong Ko den Unterricht des Enkels von Kung, Dsï Sï, genossen, ist schon wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen. Möglich ist die Angabe,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er beim Sohne des Dsï Sï gelernt habe. Küfu, der Heimatort der Familie Kung, ist ja von Mongs Geburtsort Dsou nicht weit entfernt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine Quelle weiß zu berichten, daß Mong als ganz kleiner Junge mit Dsï Sï zusammengetroffen sei, der seine Bedeutung sofort erkannt und seinen Sohn auf ihn aufmerksam gemacht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Eheleben scheint er – ähnlich übrigens wie Kung Dsï – wenig gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht aus der Geschichte hervor,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er einst, im Begriff in sein Zimmer zu treten, seine Frau nackt habe darin sitzen sehen. Davon war er so unangenehm berührt, daß er sich von ihr scheiden lassen wollte. Seine Mutter verstand es übrigens, die Sache wieder ins Reine zu bringen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß der eigentliche Fehler auf seiner Seite liege, da er – entgegen den Vorschriften guter Sitte – ohne sich vorher bemerklich zu machen, ins Haus eingetreten sei, so daß seine Frau keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, gehabt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er seine Ausbildung vollendet hatte, bekam er bald auch selbst Schüler. Der erste, von dem berichtet wird, ist Yo Dschong Ko, den sein neunzigjähriger Großvater ihm zusandte, damit er von den mancherlei Gaben der Jünger Kungs vielleicht das eine oder andere sich aneignen könne. Einer Überlieferung&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wal Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; nach kam Mong einst mit seinen Jüngern durch Gü, wo eine Lehrhalle des Jüngers von Kung, Dsong Schen, noch zu sehen war. Er stieg empor und spielte die Zither und sang. Und seine Jünger stimmten ein, also daß die alten Leute von Gü sagten: »Schon lange haben wir nicht mehr solche Töne gehört; das ist wirklich ein Jünger des Heiligen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch war es nicht die Absicht des Mong Dsï, sich auf diese Lehrtätigkeit zu beschränken. Er fühlte vielmehr das Bedürfnis, tätig einzugreifen in den Weltlauf. Gerade da ihm sein Selbstbewußtsein&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Mong Dsï II A, 14. 2, wo Mong Dsï es seinem Jünger Gung-Sun Tschou gegenüber zwar bescheiden ablehnt, als Heiliger bezeichnet zu werden – unter Berufung übrigens auf Kung, der das auch getan habe –, aber es sich energisch verbittet, mit Guan Dschung, dem berühmten Staatsmann von Tsi, auch nur verglichen zu werden. Auf die Frage, welchem der bedeutendsten Jünger Kungs er sich gleichstelle, bricht er das heikle Thema ab, ohne anzudeuten, daß er sich etwa weniger fühle als die Jünger Kungs.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte, daß er die wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Lehren seines verehrten Vorgängers Kung Dsï in die Welt einzuführen, mußte ihm besonders viel daran liegen, einen Weg zu finden, um, sei es auch nur indirekt als Ratgeber eines Fürsten, zu Macht und Einfluß zu gelangen. Er sah die Zeit für besonders günstig an, um eine neue Ordnung der Dinge durchzuführen. Die alte Dynastie der Dschou, die Kung Dsï immer noch zu stützen gesucht hatte, war unwiederbringlich zusammengebrochen. Ein neues Geschlecht mußte an ihre Stelle treten. Im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die Wen, der Begründer des Kaiserthrons der Dschou, gehabt hatte, schien die Gründung eines neuen Reiches leicht. König Wen hatte sich der geschlossenen Macht des alten Kaiserhauses gegenüber gesehen, er selbst gestützt nur auf eine kleine, zwar wohl verwaltete, aber abgelegene und unbedeutende Hausmacht. Auf Seiten der alten Kaisermacht stand noch die Autorität bedeutender Ahnen, die noch nicht weit zurücklagen, und guter Diener, die auch dem Tyrannen Dschou-Sin noch zur Seite standen. Mong Dsï sah, daß zu seiner Zeit die Verhältnisse weit günstiger lagen. Es gab eine Reihe wohl abgerundeter, militärisch mächtiger Staaten, die eine weit bessere Unterlage für eine Universalmacht abgegeben hätten als der kleine Staat, auf den die Dschou sich einstens stützen konnten. Andererseits lag die Zentralregierung vollkommen ohnmächtig zu Boden. Keinerlei Autorität stützte sie mehr. Lange Zeit war vergangen, seit der letzte Heilige auf dem Thron ins Grab gesunken war. Was die Fürsten trieben, war seit Jahrhunderten nur Gewaltpolitik gewesen, auf Kosten der eigenen und fremden Untertanen. Da mußte es leicht sein, die alten heiligen Grundsätze, die Frieden auf Erden gaben, wieder durchzuführen. Ein Hungriger ist leicht zu sättigen. Seit langem hungerte und dürstete alles Volk auf Erden nach einem gütigen Fürsten. Trat einer auf, so mußte es den Leuten zumute sein, wie einem, der an den Fersen aufgehängt ist, wenn man ihn befreit. Alles Volk würde ihm zuströmen, niemand würde es hindern können. Es galt nur den Versuch. War erst ein Fürst gefunden, der auf seine Worte hörte, so kam alles andere mit Notwendigkeit von selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trat Mong Dsï in den zweiten Abschnitt seines Lebens ein: die Wanderzeit. Es ward ihm nicht so leicht, wie die Verhältnisse es hatten scheinen lassen. Denn woran es fehlte, das war eben ein Fürst, wie er ihn brauchte. Die Fürsten der Zeit waren alle in ganz anderen Richtungen begriffen. Wie es Sï-Ma Tsiän berichtet: der Militarismus und ein kompliziertes System von Bündnissen und Gegenbündnissen war an der Tagesordnung. Es strebten alle nach Macht. Wohl ließ man sich die Lehren des Altertums als Verzierung des Lebens gerne gefallen. Wie in der Renaissancezeit Italiens gehörte es auch damals in China mit zum notwendigen Bestand eines angesehenen Staates, daß man sich einen Stab von Gelehrten hielt, die durch ihre anregenden Gespräche, durch ihre gegenseitigen Widerlegungen und Redekämpfe, wobei es an sophistischen Wortspielereien nicht fehlte, den Hof zu unterhalten wußten. Diese Weisen zogen von Hof zu Hof, je nachdem es Zeit und Umstände günstig erscheinen ließen. Eine sehr bittere, aber anschauliche Schilderung dieser Zustände gibt Dschuang Dsï X, 3:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: ›An dem und dem Platz ist ein Weiser.‹ Sie nehmen Reisezehrung auf den Weg und eilen hin, indem sie ihre Familien und den Dienst ihrer Herren im Stiche lassen. Fußspuren führen über die Grenzen der verschiedenen Länder, und Wagengeleise ziehen sich über Tausende von Meilen hin. An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten die Erkenntnis hochschätzen ... So geht es nun seit Anbeginn der Weltgeschichte: man vernachlässigt das einfache, arbeitsame Volk und ergötzt sich am Geschwätz unruhiger Köpfe. Man wendet sich ab vom anspruchslosen Nichthandeln und ergötzt sich an gleißenden Ideen. Durch diese Gleißnerei kommt die Welt in Unordnung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine Zeit von ungemein bewegtem geistigen Leben, voll von Vorurteilslosigkeit. Ungebunden von jeglicher Tradition wurden die Probleme aufgenommen und gelöst. In vieler Hinsicht findet man verwandte Züge mit der gleichzeitigen griechischen Sophistik. Aber nicht nur philosophische Spekulationen pflegten diese Wanderphilosophen, sondern man trieb auch praktische Philosophie. Man machte die Anwendung seiner Theorien auf die Regierung und die Politik. Oft glückte einem Philosophen, der den nötigen gesunden Menschenverstand hatte, ein Rat. Er wurde reich belohnt und vertauschte den Beruf des Weisen mit dem des Staatsmanns. Su Tsin und Dschang J, die beiden berühmtesten Politiker der damaligen Zeit, die Begründer der beiden großen Bündnissysteme, die wie im modernen Europa die Staaten zu einer nord-südlichen und einer ost-westlichen Gruppe zusammenschlössen, waren beide Schüler des Meisters vom Dämonental (Gui Gu Dsï), dem sie ihre Weisheit verdankten. Alles in allem wird man aber wohl sagen können, daß selten der Dilettantismus einen solchen Einfluß auf die Politik gehabt hat – zum mindesten, was den äußeren Schein betrifft – als in dem China der damaligen Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war gesonnen, aktiv in diese Bewegungen einzutreten. Allerdings mit dem stolzen Selbstbewußtsein, daß er der Welt etwas anderes zu bringen habe als scharfsinnige Gedankenkunststücke. Er wollte nichts geringeres als die Wiederherstellung des alten Ideals: »Friede auf Erden« durchsetzen. Nach seiner Überzeugung war dieses Ideal ohne weiteres zu verwirklichen, wenn man die Methoden der Heiligen der Vorzeit, wie sie zuletzt Kung Dsï zusammengefaßt und begründet hatte, anzuwenden entschlossen war. Es gab daher für ihn im Prinzip keine Konzession. Den Grundsatz, einen Fußbreit krumm zu machen, um hundert Fuß gerade zu machen, hat er nicht anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald gab sich Gelegenheit zur Anwendung seiner Grundsätze. Im Jahre 322 nämlich hatte der König Hui von We ein Ausschreiben erlassen, das in sehr ehrerbietigen Ausdrücken und unter Verheißung großer Belohnung Weise an seinen Hof zu ziehen suchte. Der Staat We war einer der drei Staaten, in die sich der alte Staat Dsin aufgelöst hatte. Die Zersplitterung des Staates Dsin in die drei Teilstaaten Dschau, Han und We fand mit kaiserlicher Genehmigung im Jahre 403 statt. Damit begann eine neue Periode in der chinesischen Geschichte, die Zeit der streitenden Reiche, die bekanntlich mit der Aufsaugung der übrigen durch den halbbarbarischen Staat Tsin endigte. In jener Kampfzeit hatte der Staat We, nach seiner Hauptstadt auch Liang genannt, viel zu leiden. Unter dem Fürsten Hui, der nach Vereinbarung mit dem Staate Tsi den Königstitel angenommen hatte, erlitt der Staat mehrere große Niederlagen, bei denen der Kronprinz in Gefangenschaft geriet, der Feldherr getötet wurde und große Gebiete abgetrennt wurden. Das war der Grund für jenes Ausschreiben des Königs, dem außer Mong Dsï auch noch einige andere Philosophen folgten. Die Gespräche, die Mong Dsï mit dem König, dem guter Rat teuer war, geführt hat, sind im ersten Buch der Werke des Mong Dsï reproduziert. Andere Quellen geben eine zum Teil abweichende Darstellung. So wird zum Beispiel von einer Seite&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Sin Lun. Das ist textkritisch von Bedeutung, weil die drei Kapitel I B 13. 14. 15 bei Mong Dsï den Zusammenhang unterbrechen. Das Wahrscheinlichste ist, daß Kap. 15 sich ursprünglich auf Liang bezog – die Einleitung ist im jetzigen Zustand nichtssagend – während 13 und 14, auf Tong bezüglich, ursprünglich an anderem Platze (Buch III) standen. Die Ähnlichkeit mit Kap. 15 hat dann einerseits veranlaßt, daß dieses auch den Unterredungen mit Wen von Tong zugewiesen wurde, und andererseits, daß Kap. 13 und 14 mit ihm zusammengestellt wurden, wobei dann die drei so verbundenen Kapitel an den Schluß von I B zwischen die Erlebnisse in Dsou und Lu gestellt wurden. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das Beispiel des großen Königs, der vor den Barbaren wich, auf die Situation besonders gut paßte.&amp;lt;/ref&amp;gt; der Inhalt der Gespräche, die nach Mong Dsï I B, 15 mit dem Fürsten Wen von Tong geführt worden sind, ebenfalls als auf den König Hui bezüglich erwähnt. Als er nämlich gefragt habe, was sich tun lasse, da Tsin große Gebiete von We annektiert habe, da habe Mong Dsï erwidert: »Als der große König in Bin wohnte, haben ihn die Di-Barbaren angegriffen. Er brachte ihnen Tribut von Edelsteinen und Seidenstoffen dar, aber es half nichts. Der große König wollte nicht seine Leute zu Schaden kommen lassen, darum verließ er Bin und siedelte sich am Fuß des Berges Gi an. Wollt Ihr, o König, nicht auch Liang verlassen.« Der König Hui war über diese Antwort mißvergnügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Wunder, daß der König Hui nichts mit den Ratschlägen des Mong Dsï anzufangen wußte. Das war es nicht, was er gewollt hatte. So gibt er ihm denn mehrfache Gelegenheit, seine Meinung auszusprechen, was dieser denn auch mit aller Schärfe tat. Aber es kam zu keinem Erfolg dieser Reden. Kurz darauf starb der König Hui. Sein Nachfolger Siang war, wie Mong Dsï sich bald überzeugen mußte, nicht von der Art, daß sich etwas von ihm erhoffen ließ. Mong Dsï fällte ein sehr absprechendes Urteil über ihn. Schon nach der ersten oder zweiten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach »Wai Schu« soll Mong Dsï&#039; noch eine zweite Audienz beim König Siang gehabt haben, in der dieser ihn über den Krieg fragte. Mong Dsï habe erwidert: »Der Krieg ist eine gefährliche Sache; davon verstehe ich nichts« und sei abgereist, ohne auf den Versuch des Königs, ihn durch einen Boten zurückholen zu lassen, weiter zu achten. – Nach Mong Dsï I A, 6 fand nur eine Audienz statt, deren Verlauf aber im wesentlichen übereinstimmend berichtet wird.&amp;lt;/ref&amp;gt; Audienz gab Mong Dsï die Sache auf und zog sich aus Liang zurück. Der König Siang befürchtete, daß er ähnlich wie manche anderen Wanderphilosophen der Zeit nach einem anderen Staate gehen werde, um dem Staate Liang zu schaden. Das Beispiel des Dschang J, der von We nach Tsin übergegangen war, war noch in frischer Erinnerung. So schickte er ihm denn einen Boten nach, um ihn zurückzuhalten. Mong Dsï ließ sich jedoch von seinem Entschluß nicht abbringen: »Danket dem König in meinem Namen und saget ihm, daß ich die Freundlichkeit, die mir sein Vater erwiesen, niemals vergessen werde.« Mit diesen Worten verneigte er sich zweimal, bestieg den Reisewagen und fuhr davon.&amp;lt;ref&amp;gt;Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit hatte der König Süan von Tsi eben die große Akademie am Dsï Men&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsï Men, wörtlich Korntor.&amp;lt;/ref&amp;gt; eingerichtet, für die er aus allen Gegenden berühmte Weise zu gewinnen suchte. Dahin wandte sich Mong Dsï. Ober die Persönlichkeit des Königs Süan ist uns nicht viel bekannt. Man kann sich aber aus den Werken des Mong Dsï ein ungefähres Bild von ihm machen. Er hatte etwas Großartiges in seinem Wesen, war nicht ohne edle Regungen. Impulsive Züge eines guten Herzens finden sich bei ihm, wie die Geschichte zeigt, die Mong Dsï gelegentlich erwähnt,&amp;lt;ref&amp;gt;Buch I A, 7.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er Mitleid gehabt habe mit einem Ochsen, der zum Opfern geführt wurde. Auch die Vorliebe für die Gelehrten, die er mit wahrhaft mediceischer Freigebigkeit in die Tat umsetzte, zeigt das Vorhandensein eines Strebens nach Höherem; auch wird man sagen dürfen, daß er Mong Dsï während der ganzen Zeit von dessen Anwesenheit in Tsi durchaus liberal behandelt hat. Dennoch war er zu sehr in den Traditionen seines Hauses, das die Herrschaft durch Usurpation errungen hatte, befangen, als daß er weitergehende Gesichtspunkte höherer Art gehabt hätte. Seine Ideale beschränkten sich darauf, es den berühmten Fürsten der letzten Jahrhunderte, einem Huan von Tsi oder Wen von Dsin, gleichzutun. So hatte denn Mong Dsï nicht eben die günstigste Persönlichkeit für seine Zwecke an ihm gefunden. Es wird erzählt,&amp;lt;ref&amp;gt;Sün Dsï.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er dreimal zur Audienz beim König war, ohne über Politik zu reden. Er habe geäußert, er müsse erst die falschen Meinungen des Königs durch stillen Einfluß bekämpfen. Er selbst hat bei seinem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weggang von Tsi geäußert, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, so lange da zu bleiben.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï II B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; Vielmehr habe er sich nur gezwungen durch des Königs Entgegenkommen zum Bleiben entschlossen, immer bereit zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch persönliche Erwägungen mitsprachen, um ihn zum Bleiben in Tsi zu veranlassen. Seine Mutter, die er so sehr verehrte, war hochbetagt. So mußte es für ihn wünschenswert erscheinen, nicht allzu weit von seiner Heimat – Dsou und Tsi sind Nachbarstaaten – seiner Mutter ein gesichertes Auskommen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ob Mong Dsï in Tsi Gehalt bezog oder nicht, ist nicht ganz klar. An verschiedenen Orten finden sich Anspielungen darauf, so in Liä Nü Dschuan und Hau Schï Wai Dschuan, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind; doch finden sich bei Mong Dsï selbst mehrere Stellen, in denen er bestreitet, Gehalt bezogen zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; bieten zu können. Dennoch hatte er auch für den Staat große Hoffnungen. Seinen Jüngern, die die Hoffnung aussprachen, daß, da er Einfluß in Tsi habe, wohl gar die Zeiten der berühmten Kanzler Guan Dschung, der dem Herzog Huan zur Seite stand, und Yän Ying, der dem Herzog Ging zu Kung Dsïs Zeit die Regierung führte, wiederkehren könnten, erwiderte er: »Gestützt auf Tsi die Herrschaft der Welt zu erlangen, wäre im Handumdrehen möglich.« Die Schüler fragten weiter: »Wenn es also ist, regt Euch das nicht im Innern auf?« »Nein,« sagte Mong Dsï, »seit meinem vierzigsten Jahre habe ich die Ruhe der Seele erreicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gemütsruhe bedurfte er in der Folge sehr nötig. Denn es gab manchen Konflikt bei Hofe. Eines Tages hatte er dem König Vorstellungen gemacht, worüber dieser mißvergnügt war. Seinen Jüngern gegenüber äußerte sich Mong Dsï über den Vorfall: »Wenn man heutzutage einem Fürsten Vorstellungen macht: gleich ist er mißvergnügt. Wissen diese Leute denn nicht, daß das Gute gut ist?« Der Schüler machte eine Bemerkung, worauf Mong Dsï fortfuhr: »Wenn Blitz und Donner toben, Bäume zerspellen und den ganzen Erdkreis in Schrecken versetzen, so können sie doch nicht machen, daß ein Tauber auch nur das mindeste hört; wenn Sonne und Mond scheinen und den ganzen Erdkreis erleuchten, so können sie doch nicht machen, daß ein Blinder auch nur das mindeste sieht. Diesen Tauben und Blinden gleichen unsere Fürsten von heute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch seiner Mutter gegenüber ließ er es einst merken, daß er unter den Verhältnissen litt. Als seine Mutter ihn fragte,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; was er habe, brach er los: »Es heißt, ein anständiger Mensch halte darauf, daß er eine seiner Würde entsprechende Stellung inne habe und nicht aus niedriger Habsucht nach Lohn geize. Nun hat man in Tsi kein Bedürfnis nach der Wahrheit, und ich möchte gehen, aber du bist alt, Mutter, so kann ich&#039;s um deinetwillen nicht. Das macht mich traurig.« Die Mutter sprach: »Die Sitte will es, daß eine Frau sich keine unbedingte Herrschaft anmaßt, sondern sich zu fügen weiß.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »dreifache Unterordnung befolgt«, nämlich als Kind unter die Eltern, verheiratet unter den Gatten, als Witwe unter den Sohn.&amp;lt;/ref&amp;gt; Du bist erwachsen, ich bin alt. Tu du, was deine Pflicht ist; ich werde tun, was die Sitte von mir verlangt. Warum traurig sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch ehe aber Mong Dsï zu einem Entschluß gekommen war, starb die Mutter. Mong Dsï war untröstlich. Drei Tage lang nahm er nichts zu sich und weinte ununterbrochen. Seine Jünger redeten ihm zu: »Seit alters ist es üblich, daß man mit fünfzig Jahren bei der Trauer auf seine Gesundheit acht hat.« »Was redet ihr von fünfzig Jahren,« fuhr Mong Dsï auf, »meine Mutter ist tot, und ich fühle mich verwaist wie ein Kind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese aufrichtige Trauer scheint übrigens auf weite Kreise ihres Eindrucks nicht verfehlt zu haben. Ein Anhänger des Mo Di, jenes nüchternen Philanthropen, kam, um sein Beileid zu bezeigen Als er den Mong Dsï in Tränen aufgelöst sah, da nahm er sich&#039;s zu Herzen: »Nun weiß ich erst, wie die Art der Heiligen ist.« Er wandte sich von der Schule des Mo Di ab und trat zu der Gemeinde des Kung Dsï über.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da die Familie Mong ursprünglich ihren Heimatsitz im Staate Lu hatte, wo auch wohl noch das Erbbegräbnis lag, so begab sich Mong Dsï zur Bestattung seiner Mutter nach diesem Staate. Unter Beihilfe seiner Jünger vollzog er alle Beerdigungsgebräuche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, ohne Mühe und Kosten zu scheuen. Nach altem Brauche blieb er drei Jahre lang allen Geschäften fern, am Grabe der Mutter der Trauer pflegend. Gegen Ende dieser Zeit, im Jahr 314, kam in Lu ein neuer Fürst auf den Thron, der unter dem Namen Ping bekannt ist. Es scheint, daß es dem Schüler Yo Dschong Ko gelang, eine einflußreiche Stellung bei Hofe zu bekommen. Mong Dsï scheint große Hoffnungen auf dieses Ereignis gesetzt zu haben.&amp;lt;ref&amp;gt;Buch VI B, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte vor Freude nicht schlafen, als er die Nachricht hörte. Und in der Tat bemühte sich Yo Dschong Ko auch, den Fürsten von Lu mit Mong Dsï zusammenzubringen. Er redete mit dem Fürsten über Mong Dsï, daß er von sich aus&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Kuang Wen Süan. Dieser Ausdruck fällt gegen eine Unterweisung des Mong Dsï durch Dsï Sï ins Gewicht.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich dem Einfluß des Konfuzius geöffnet habe, so daß er Geisteskraft besitze, um den Zeitgenossen zu helfen, die Bürger zu fördern, und Methoden habe, um die Regierung der Staaten sittlich zu gestalten. Der Fürst ließ sich daraufhin bereit finden, Mong Dsï einen Besuch zu machen. Doch erhoben sich dagegen die niederen Kreaturen, die für ihre Existenz befürchteten, wenn der Fürst sich dem Ernst des Lebens zuwenden würde. Ein Günstling namens Dsang Tsang&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï I B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; wußte die Sache zu hintertreiben. Er redete dem Fürsten vor, daß Mong Dsï seine Mutter viel prächtiger bestattet habe als seinen Vater, und der Fürst ließ sich durch Ihn bestimmen, von dem Besuch bei Mong Dsï abzusehen. Natürlich war es nicht das Gewicht der vorgebrachten Gründe, die an sich sehr fadenscheinig waren, das den Fürsten bestimmte. Viel eher eine Art Beschämung. Der Fürst hatte unter Einwirkung des Yo Dschong Ko halb heimlich einer edlen Regung nachgegeben. Ohne jemand etwas zu sagen, wollte er den Weisen aufsuchen. Da sah er sich nun ertappt von dem Genossen seiner Laster, und dessen Einfluß gewinnt wieder die Oberhand über den sinnlichen Fürsten. Mong Dsï aber sieht in dem Vorfall nicht das kleinliche Spiel von Zufällen, sondern den Willen Gottes. So verläßt er Lu, abermals um eine Hoffnung ärmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunundfünfzig Jahre alt war er inzwischen geworden, als er seine Schritte nach dem Staate Tsi zurücklenkte. Der König Süan kam ihm abermals sehr freundlich entgegen. Mong Dsï wurde zum Königlichen Ratgeber&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Stelle hatte den Rang eines Ministerialpostens, doch ohne Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Es war mehr ein Ehrentitel, verbunden mit einem entsprechenden Einkommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Mong Dsï die Stelle schon bei seinem ersten Aufenthalt in Tsi inne hatte.&amp;lt;/ref&amp;gt; ernannt. Gerade um jene Zeit waren in Yän, dem nördlichen Nachbarstaat von Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli, Unruhen ausgebrochen. Der dortige Fürst, ein törichter Schwächling, war mit seinem Sohne, dem Thronfolger, zerfallen und in die Hände seines Kanzlers geraten, der die Schwäche seines Herrn ausnützte, um ihm die Zügel aus den Händen zu nehmen. Er ließ durch befreundete Wanderlehrer dem Fürsten zureden, daß er das Beispiel der alten heiligen Herrscher befolge, wenn er unter Übergehung seines Erben sein Reich dem Würdigsten, dem Kanzler abtrete. Die Folge dieser Torheit auf der einen und Gemeinheit auf der andern Seite war gänzliche Verwirrung der öffentlichen Verhältnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König von Tsi hielt den Zeitpunkt zum Eingreifen in die Angelegenheiten des nördlichen Nachbarstaates für geeignet. Unter der Hand ließ er auch den Mong Dsï um seine Meinung in der Sache fragen. Dieser redete unbedenklich zu: der König von Yän sowohl wie der Minister Dsï Dschï hätten ihre Kompetenzen überschritten bei dieser gesetzwidrigen Übertragung der Staatsgewalt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Beispiel des heiligen Yau war insofern nicht anwendbar, als der Staat Yän Lehensstaat war, sein Fürst also de jure nicht das souveräne Verfügungsrecht besaß. Außerdem hatten die Heiligen der Vorzeit das Reich »dem Würdigsten« hinterlassen, weil ihre Söhne nicht die Zuneigung des Volkes hatten. Das Gegenteil davon war in Yän der Fall.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darauf wurde eine kriegerische Aktion eingeleitet. Die Truppen des Königs von Tsi fanden keinerlei nennenswerten Widerstand, so daß in ganz kurzem der König von Tsi im Besitz des Landes war, dessen König und Minister beide&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschan Guo Dse.&amp;lt;/ref&amp;gt; bei dieser Invasion ums Leben kamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abermals zog der König Süan den Mong Dsï zu Rate, als es sich nun um die Frage handelte, ob Yän von Tsi annektiert werden solle. Mong Dsï macht die Entscheidung von der Volksstimmung in Yän abhängig. Das Altertum biete Beispiele für die entgegengesetzten Entschließungen, je nach der in der Bevölkerung vorhandenen Gesinnung. Habe der König das Volk von Yän bei einer Annexion auf seiner Seite, so könne er sie unbedingt wagen. Andernfalls sei davon abzuraten. Der König entschloß sich für die Annexion, und zwar ging es dabei, wie es scheint, nicht ganz ohne Härten ab. Namentlich scheinen die heiligen Geräte auch weggeführt worden zu sein, so daß Yän auch äußerlich in direkte Abhängigkeit von Tsi geriet. Diese Vergrößerung eines einzelnen Staates auf Kosten des Bestandes eines der alten Lehensreiche konnten die übrigen Staaten nicht ohne weiteres mit ansehen. Dschau, Tschu und We machten Miene zugunsten des Staates Yän einzuschreiten. Für Mong Dsï war die Lage inzwischen vollkommen klar geworden. Er riet dringend, die Annexion wieder rückgängig zu machen und in Übereinstimmung mit den Leuten von Yän ihnen einen Fürsten zu setzen. Das sei der einzige Weg, Yän als befreundeten Grenzstaat zu bewahren und kriegerische Verwicklungen größeren Stils zu vermeiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König konnte sich hierzu nicht entschließen. Die Verwicklungen zogen sich in die Länge, bis nach zwei Jahren in Yän eine Volkserhebung stattfand, in deren Verlauf der Sohn des umgekommenen Fürsten auf den Thron erhoben wurde. Tsi mußte nun der Sache, so unliebsam es war, den Lauf lassen, da ein energisches Eingreifen bei der feindlichen Haltung der Nachbarstaaten ausgeschlossen erscheinen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu spät kam der König zu der Erkenntnis, daß er besser Mong Dsïs Rat befolgt hätte. Es gewährt einen Einblick in die Art der Höflinge seiner Umgebung, wie sofort sich einer findet, der dem König durch eine sophistische Unterredung mit Mong Dsï, durch die dieser ins Unrecht gesetzt werden sollte, seine bessere Einsicht wieder verdunkelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mißvergnügt weist Mong Dsï die Berufung auf den Fürsten von Dschou, das gepriesene Vorbild Kungs, der auch einmal einen politischen Mißgriff gemacht habe, zurück. Selbst wenn die Alten Fehler gemacht, so hätten sie sie zu bessern gewußt. Heutzutage aber lasse man sich gehen, ja man suche seine Fehler obenhin noch zu beschönigen. Mong Dsï erkannte, daß in dieser Umgebung seinem Einfluß dauernde Schranken gezogen sein mußten. Er beklagte sich: »Kein Wunder, daß der König nicht zur Einsicht kommt. Wenn eine Pflanze auch noch so leicht fortkommt, sie kann nicht gedeihen, wenn auf jeden Sonnentag zehn Tage Frost folgen. Ich sehe den Fürsten nur selten. Kaum bin ich weg, so drängen sich die Frostbringer herzu. Wie kann ich ihn da zum Keimen bringen!« Damit nahm er seinen Abschied. Der Fürst machte einen schwachen Versuch, ihn durch Angebot einer Sinekure zu halten, doch ließ sich Mong Dsï begreiflicherweise nicht darauf ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrung, die ihn schließlich zum Weggang aus Tsi veranlaßte, war nicht die einzige ihrer Art. Schon die ganze Zeit über hatte Mong Dsï mit Hofschranzen zu kämpfen gehabt. Namentlich einer, namens Wang Huan, ein hochmütiger und arroganter Mensch, scheint ihm sehr auf die Nerven gefallen zu sein, um so mehr, als er amtlich ziemlich viel mit ihm zu tun hatte. Die Stellen in Mong Dsïs Werken, die von ihm handeln – offenbar konnte Mong Dsï die gemachten Erfahrungen auch später noch nicht vergessen – zeigen auf Seiten des Weisen gegenüber dem Minister nur das eben noch zulässige Mindestmaß von Wohlwollen. Zum Abschiedsmahl gab es noch einen Zusammenstoß zwischen den beiden. Der Minister trinkt ihm zu und verlangt ein Abschiedsgedicht von ihm – offenbar ein Akt schlecht verhehlten Hohnes. Mong Dsï zahlt ihm heim mit einem Zitat aus den Gesprächen Kungs, wo dieser sich über den Verkehr mit einem minderwertigen Menschen mit den Worten rechtfertigt: »Heißt es nicht: Was wirklich fest ist, mag gerieben werden, ohne daß es abgenutzt wird? Heißt es nicht: Was wirklich weiß ist, mag angeschwärzt werden, ohne daß es dunkel wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Abschied fiel ihm indessen nicht leicht. Er war sich bewußt, daß trotz aller Enttäuschungen, die er in Tsi erlebt hatte, hier noch immer der Platz war, wo am ehesten Hoffnung vorhanden war, seine Gedanken zu verwirklichen. Am Grenzort blieb er dreimal über Nacht, immer in der stillen Hoffnung, der König werde in sich gehen und ihm auf eine befriedigende Weise die Rückkehr ermöglichen. Er äußert zwar einem Jünger gegenüber, der ihn fragt, warum er so lange in Tsi geblieben sei, daß dieser lange Aufenthalt wider seine eigentliche Absicht zustande gekommen sei, worauf der Schüler erwidert, es sei verständlich, daß der Meister sich in Tsi nicht wohl gefühlt habe, denn der Fürst habe sich zwar den Anschein zu geben gewußt, als sei er dem Guten zugetan, ohne doch innerlich eine entsprechende Stellung einzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich sieht Mong Dsï, daß keine Aussicht auf Rückkehr mehr vorhanden ist, und nun verläßt er das Land, nicht ohne Äußerungen herber Verbitterung darüber, daß es dem Himmel noch nicht gefallen habe, die Ordnung auf Erden herstellen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi gingen die Dinge, wie es vorauszusehen war. Der alte König Süan starb noch im selben Jahr, in dem Mong Dsï das Land verließ. Unter seinem Nachfolger mehrten sich die Wirren, und nach manchen Wechselfällen ging er elend zugrunde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In jenen Wirren spielte die Stadt Tsimo, die zu dem Staate Tsi gehörte, eine bedeutende Rolle. Sie war eine der zwei Städte, die allein den Feinden zu trotzen vermochten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï wandte sich zunächst nach Sung. Dort hatte er manche Zusammenkunft mit Fachgenossen, auf die er im Sinne der höchsten Gesichtspunkte einzuwirken versuchte. Auch von Seiten der Regierung wurde er direkt und indirekt um Rat angegangen. Er verhielt sich durchaus zurückhaltend. Der Fürst hatte sich den Titel König angeeignet und machte zunächst vielversprechende Anfänge. Doch traute ihm Mong Dsï offenbar von Anfang an nicht viel Gutes zu. Er behielt mit dieser Beurteilung recht. Wie auch die römische Kaisergeschichte Fälle zeigt, so folgte auf die guten Anfänge ein um so üblerer Fortgang. Der König von Sung verfiel in Zäsarenwahnsinn und fiel als Opfer seines blindwütenden Rasens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Sung besuchte den Mong Dsï der Thronfolger von Tong, einem kleinen Ländchen im Inneren Chinas. Der junge Mann, der offenbar schon früher, als Mong Dsï in staatlicher Mission anläßlich eines Trauerfalls von Tsi nach Tong kam, von diesem tiefere Eindrücke erhalten hatte, machte auf einer Reise nach dem Südstaate Tschu – sowohl auf dem Hin- als auf dem Rückweg – einen Abstecher nach Sung, um den Weisen aufzusuchen. Mong Dsï ging im Lauf der Zeit in seine Heimat Dsou zurück, nicht ohne von den Fürsten von Sung und Süo&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es war Tiän Ying, der damals in Süo saß.&amp;lt;/ref&amp;gt; anerkennende Ehrengaben empfangen zu haben. Auch in Dsou wurde er ehrenvoll empfangen. Er hatte einige Audienzen bei seinem Landesvater, ohne daß daraus jedoch weitere Folgen entsprungen wären. Das Gebiet war allzu geringfügig, als daß selbst beim besten Willen durch bloße Tugend des Fürsten ein Weltreich daraus zu machen war. Auch nach Yän, dem nordischen Staate, bekam er einen Ruf, doch leistete er ihm keine Folge. Er trug offenbar kein Verlangen, seine in Tsi gemachten Erfahrungen durch weitere gleichartige zu vermehren.&amp;lt;ref&amp;gt;vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur einmal noch ließ er sich bewegen, aus seiner Zurückgezogenheit hervorzutreten, als nämlich der Thronfolger von Tong, der ihn in Sung besucht hatte, nach dem Tode seines Vaters auf den Thron kam. Die erste Tat des neuen Fürsten Wen war es, daß er einen Vertrauten zu Mong Dsï schickte, um ihn nach den Beerdigungsgebräuchen fragen zu lassen. Und als Mong Dsï ihm Auskunft zuteil werden ließ, da ging er noch einen Schritt weiter: er setzte die Lehren des Meisters trotz dem Widerstand der routinierten Hofleute, die von solch altväterischen Gewohnheiten nichts wissen wollten, energisch durch und machte sich dadurch einen guten Namen in der ganzen Umgebung. Auf die Bitten dieses Fürsten ging Mong Dsï – wie es scheint für mehrere Jahre – nach Tong und stand ihm mit seinem Rat zur Seite. Sehr viel Wohlwollen scheinen die Höflinge dem Meister nicht entgegengebracht zu haben. Einmal muß er sich sogar gegen den Verdacht wehren, daß einer seiner Schüler einen alten Schuh gestohlen haben könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dem guten Willen des Fürsten ist es aber auch in Tong zu keinem wirklichen Erfolg gekommen. Der Staat lag zu sehr eingerahmt zwischen den Großstaaten Tschu und Tsin und ihren großpolitischen Systemen. Außerdem scheint der Fürst seine Liberalität auch auf allerlei andere »Weise« ausgedehnt zu haben. Von Süden her drangen damals sehr starke barbarische Einflüsse nach China vor. Jene zynischen Philosophensekten, die unter Berufung auf den Göttlichen Landmann »Schen Nung« Rückkehr zur Natur und Einfachheit predigten, sind deutliche Zeichen der beginnenden Barbarisierung der chinesischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat das Aufkommen solcher Sekten in Tong miterlebt und hat sich sehr scharf mit ihnen auseinandergesetzt, nicht ohne deutlichen Hinweis auf ihre kulturelle Minderwertigkeit. Auch der bekannte Freund und Gegner des Dschuang Dsï, der Sophist Hui Dsï, scheint in Tong mit Mong Dsï in Berührung gekommen zu sein. Mong Dsï war offenbar noch in Tong, als der Fürst Wen starb,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; über dessen Beerdigung er Ratschläge erteilt. Höchstwahrscheinlich hat er sich nach dessen Tod nicht mehr länger in Tong aufgehalten, sondern ist nach Dsou zurückgekehrt, um in Gemeinschaft mit seinen Jüngern die Ergebnisse seines Lebens und seiner Arbeiten schriftlich niederzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï starb am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 289. Seine Landsleute haben so um ihn getrauert, daß sie die Feier des Sonnenwendfestes darüber versäumten, eine Unterlassung, die allmählich zur Gewohnheit wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Lehren ==&lt;br /&gt;
Die Lehren des Mong Dsï sind keine anderen als die seines Meisters Kung. Er will gar nichts anderes, als diese Wahrheiten, die von den Heiligen des Altertums, den Herrschern Yau und Schun, dem König Tang, dem König Wen und zuletzt dem ungekrönten Herrscher Kung von Generation zu Generation überliefert und nun auf ihn gekommen sind, weiterbringen auf die Nachwelt. Er nimmt dabei eine Weiterwirkung des Geistes über die Jahrhunderte hinweg an, durch die auch er, ohne den Meister Kung gesehen zu haben, doch dessen Lehren empfangen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Lehren beschäftigen sich für ihn in erster Linie mit der Ordnung der Welt. Hierin stimmt er durchaus mit Kung überein. Nur daß entsprechend dem fortgeschrittenen Verfall die Lehre von der Ordnung der Welt eine andere Tonart erhält. Für Kung hatte es sich noch darum gehandelt, das Bestehende zu erhalten. Er ist sozusagen konservativ-legitimistisch gesinnt. Dennoch hatte er den Verfall nicht aufhalten können. Er hat auch unter den Fürsten seiner Zeit keinen gefunden, der dem sinkenden Königshause der Dschou beigesprungen wäre und so die Welt gerettet hätte. Statt dessen war die Welt aus den Fugen gegangen. Der Stern des alten Königshauses war verblaßt. Ihm war nicht mehr zu helfen. An seine Stelle war – ähnlich wie in Europa an die Stelle des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation die modernen Großmächte – eine Reihe von Militärstaaten getreten, die im gegenseitigen Kampfe lagen. Mong Dsï hat diese Situation insofern anerkannt, als er die Fürsten, die ihn um Rat fragten, ermahnte, die Weltherrschaft an sich zu bringen. Nur blieb er dabei, daß dieser Erfolg einzig und allein durch moralische Mittel, durch ein mildes und weises Regiment zu erreichen sei. Er wird nicht müde, auf die Vorbilder der alten Heiligen zu verweisen, die ebenfalls aus kleinen Anfängen heraus die Weltherrschaft gewonnen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso wie Mong Dsï dem alten Königshause, dessen schwacher Schatten noch in der Luft schwebte, durchaus gleichgültig gegenüberstand, bereit, einen neuen Anfang, wo sich die Möglichkeit bot, zu unterstützen, so stand er auch den Landesfürsten seiner Zeit mit sehr demokratischen Gesinnungen gegenüber. Bald genug hatte er erkannt, daß auf den Thronen seiner Zeit kein Heiliger war, sondern daß es sich zwischen ihnen nur um relative Unterschiede handelte. So hat er denn ihnen gegenüber aus seiner Geringschätzung kein Hehl gemacht. Während Kung den Fürsten seiner Zeit, auch wenn sie weit vom Ideal entfernt waren, doch stets den ihrem Stand gebührenden Respekt zu zollen bereit war, hat es Mong Dsï offen ausgesprochen, daß, wer den Großen raten wolle, sie erst tüchtig verachten lernen müsse. Und auch in der Theorie hat er die Unwichtigkeit der Person des Herrschers gegenüber von Land und Volk mehr als einmal ausgesprochen, was ihm von seifen mancher Fürsten der späteren Zeit Abneigung und Tadel eingetragen hat. Wenn umgekehrt in neuester Zeit dem Mong Dsï ein Lob aus diesen seinen radikalen Äußerungen entsprang, so ist das gänzlich unverdient. Denn niemals kam ihm der Gedanke an den Staat als Republik in den Sinn. Gegen die Auflösung des monarchischen Prinzips, wie sie aus den Lehren eines Yang Dschu als Konsequenz hervorzugehen schien, hat er ebenso kräftig Front gemacht, wie gegen die Auflösung der Familienbande durch den Philanthropen Mo Di. Nicht gegen die Monarchie als Institution hat er polemisiert – die galt ihm als sakrosankt –, sondern nur gegen unwürdige Träger der Krone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf moralischem Gebiet geht er ebenfalls mehr ins einzelne als Kung. Während für den Meister das Ideal in der sittlichen Menschenliebe, der Humanität als solcher befaßt war, kennt Mong Dsï ein doppeltes Ideal: Liebe und Pflicht. Inwieweit er dazu durch die doppelte Front der Anhänger des Mo Di, deren Lehren ihm wider die Liebe zu gehen schienen, und der des Yang Dschu, dessen Lehren die Pflicht aufhoben, bestimmt war, mag dahingestellt bleiben. Genauer definiert ist ihm die Liebe mehr eine ruhende Charaktereigenschaft – das weite Haus der Welt – während die Pflicht der Inbegriff der Normen des Handelns – der große Weg der Welt – ist. An die Seite dieser beiden Begriffe treten dann gelegentlich Ordnung des Ausdrucks und Weisheit als die beiden übrigen Grundtugenden des Menschen. Die Pflege dieser Tugenden wird dadurch erleichtert, daß sie als allgemeine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtungen bzw. Tendenzen jedem Menschen angeboren sind. Insofern ist der Mensch wesentlich gut, da das eigentliche Wesen des Menschen von Gott stammt. Berühmt sind die Gespräche, in denen Mong Dsï die Güte des ursprünglichen Menschenwesens verteidigt hat. Bekanntlich ist in diesem Stück auch die orthodoxe konfuzianische Richtung zum Teil andere Wege gegangen. Ein Sün King lehrte die wesentliche Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die erst durch Kultur vervollkommnet werden müsse, was er in den tendenziös zugespitzten Satz: »Der Mensch ist von Natur bös« zusammengefaßt hat, während Han Yü zur Zeit der Tang-Dynastie (vielleicht beeinflußt durch persische Gedanken?) drei Arten von menschlichen Naturen – die den Pneumatikern, Psychikern und Hylikern entsprechen – angenommen hat, die dann später noch weiter detailliert wurden. Erst in der Sung-Zeit kam die Lehre des Mong Dsï, wenn auch modifiziert durch psychologische Erwägungen, wieder zu Ehren, um bis auf die neueste Zeit ihren Platz behalten zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde Mong Dsï unrecht tun, wenn man an seine Anschauung mit dem Begriffsapparat des Pelagianischen Streites oder mit den christlichen Lehren vom Sündenfall herantreten wollte. Die Lehre von dem Sündenfall und der Unfreiheit der menschlichen Natur, wie sie in der christlichen Kirche ausgebildet wurde, ist wesentlich religiös orientiert. Mong Dsï dagegen bereitet durch seine Auffassung den Boden für ein mutiges Vorwärtsschreiten auf der Bahn ethischer Entwicklung. Es gibt für ihn keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen. Was ein Heiliger wie Schun erreicht hat, kann jeder erreichen, wenn er nur so handelt, wie Schun gehandelt hat. Daß, empirisch betrachtet, die Menschen im allgemeinen weit entfernt von sittlicher Vollkommenheit sind, hat Mong Dsï sehr wohl gewußt und hat auch nach Gründen dafür gesucht. Denn er war weit entfernt von den naturalistischen Theorien seiner Zeit, daß die Natur eben einfach ausgelebt werden müsse, unbeeinflußt von den Erwägungen von Gut und Böse. Vielmehr war für ihn das Gute ein Ideal, das im Kampf gewonnen werden muß. Dieser Kampf ist eine Rückkehr des verloren gegangenen Herzens. Wieso dieses Herz verloren gehen kann, obwohl es doch in jedem Kind als gut vorhanden ist, darüber hat er sich nicht eindeutig ausgesprochen. Es finden sich Andeutungen, daß die sinnliche Natur des Menschen es ist, die durch ihre Begehrungen vom Weg des Ideals abführt. Darum muß auch die sinnliche Seite in Kultur genommen werden. Nicht durch strenge Askese, sondern durch vernunftgemäße harmonische Leitung, die jedem Teil die seiner Bedeutung entsprechende Berücksichtigung zukommen läßt Diese Seite der Lehre, die an sich schon eine Fortbildung der Kungschen Anschauungen bedeutet, fand dann namentlich zur Sung-Zeit eine weitere Ausbildung im einzelnen. Die Paulinischen Kämpfe zwischen Gesetz und Gnade haben Mong&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsï keine Schwierigkeiten bereitet. Da seine Ethik, trotz Anerkennung einer höchsten göttlichen Vorsehung im wesentlichen immanent orientiert ist, so hat er für die Forderung einer Gerechtigkeit im absoluten Sinn gar kein Verständnis. Wenn ein Mensch schlecht ist, und Fehler hat, so braucht er sich einfach zu bessern, und alles ist wieder gut. Ein gebesserter Fehler bedingt keine Schuld. Bessern kann sich aber jeder, der will. Darum ist Mong Dsï entschiedener Optimist. Er will keinem Menschen den Weg zum Guten verbaut wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Vergleich dieser Punkte mit den Aussprüchen des Kung Dsï zeigt eine Weiterbildung der Gedankenarbeit, eine Ausführung ins Detail und psychologische Unterbauung, während grundsätzlich Mong Dsï durchaus auf dem Boden des Meisters steht. Höchstens, daß durch Verschiedenheit des Temperaments gelegentlich verschiedene Betonungen auf einzelne Seiten der Lehre fallen, was aber nur dazu dient, das Bild zu beleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Werke ==&lt;br /&gt;
Von Mong Dsï sind uns heute sieben Bücher erhalten. Die ersten drei enthalten, einigermaßen chronologisch geordnet, die Reden und Gespräche, die er der Reihe nach an den Höfen von Liang, Tsi und Tong geführt hat. Die übrigen vier Bücher enthalten gemischte Aphorismen verschiedenen Inhalts. Man darf der Überlieferung Glauben schenken, daß namentlich die großen zusammenhängenden Stücke der ersten drei Bücher, die Mong Dsïs Staatslehre in großer Ausführlichkeit enthalten, seiner eigenen Feder entstammen. Vielleicht sind die späteren Teile des Werks Aufzeichnungen der Schüler, von denen es hieß, daß sie gemeinsam mit ihm die Redaktion besorgt haben. Doch bleibt die Produktion bei diesen sieben Büchern nicht stehen. Unzweifelhaft nach seinem Tode kamen noch vier kleinere Bücher – ungefähr je nur ein Fünftel der früheren – zustande, die vermutlich in echter Gestalt gegenwärtig wieder vorhanden sind. Die Gründe, die in ihnen eine ganz späte Fälschung sehen wollen, sind nicht stichhaltig. Auch schließen sie sich in Ton und Ausdruck an den übrigen Text an. So haben wir sie für die Biographie des Mong Dsï unbedenklich mit verwandt. Wie man sieht, fügen sie sich dem Zusammenhang lückenlos ein und beleben das Bild. Immerhin erhalten sie außer einzelnen Anekdoten keinen Gedanken, der nicht in den übrigen Werken auch schon auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck gekommen wäre, so daß man es nicht weiter zu bedauern braucht, daß diese Abschnitte mit der Zeit in den Hintergrund traten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat mit seinem literarischen Nachlaß mehr Glück gehabt als mit seiner Schule. Als er starb, waren schon die ersten Spuren der Auflösung aller Verhältnisse zu sehen, die in der Herrschaft des halbbarbarischen Staates Tsin zwei Jahre nach seinem Tode gipfelte. In den Unruhen dieser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahre, besonders da der bekannte Tsin Schï Huang Di auch aktiv gegen die Gelehrten vorging, scheint sich die von ihm gegründete Schule zerstreut zu haben. Seine Schriften jedoch, noch jeder klassischen Auszeichnung entbehrend, führten unter den vielen anderen »Philosophen« ein verborgenes Dasein, so daß sie der bekannten Bücherverbrennung, wie man annehmen darf, entgingen. Selbstverständlich hat der Text dennoch im Lauf der Jahrhunderte manches zu leiden gehabt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommentiert wurde Mong Dsï, auch nachdem er unter der Han-Dynastie wieder zu Ehren gekommen war, verhältnismäßig wenig. Am bekanntesten unter den früheren Kommentaren ist der von Dschau Ki, einem Mann aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der viele wechselvolle Schicksale durchgemacht und die unwillkommene Muße einer Verbannung für die Arbeit an Mong Dsï benützte. Nach ihm kam Mong Dsï wohl allmählich zu Ehren, doch war es den Gelehrten der Sung-Dynastie, vorzüglich Dschu Hi&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der beste Kommentar zu Mong Dsï ist: »Mong Dsï Dschong I von Dsïau Sün«, ferner: »Eine textkritische Ausgabe des Mong Dsï von Yüan Yüan«, beide in dem Sammelwerk Huang Tsing Ging Giä enthalten. Sie wurden für die vorliegende Übersetzung hauptsächlich benutzt., vorbehalten, ihm zu der Stellung zu verhelfen, die er heute als das bekannteste und meist zitierte unter den vier heiligen Büchern, die das chinesische neue Testament ausmachen, einnimmt. Noch zu Beginn der Ming-Dynastie hatten seine freien Äußerungen über die Fürsten den Zorn des Herrschers Hung Wu, eines früheren Buddhistenmönchs, heraufbeschworen. Doch ließ dieser von seinem Zorn ab, als er andere Stellen des Buches las, die ihm imponierten. Seitdem blieb Mong Dsïs Stellung unangetastet. Selbst zur Zeit der jüngsten Revolution wurde er, wie schon erwähnt, mit mehr Wohlwollen betrachtet als andere klassische Bücher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von vollständigen Übersetzungen in europäische Sprachen sind hervorzuheben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
S. Couvreur, Les Quatre Livres, Ho Kien Fou 1895.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
James Legge, The Chinese Classics Vol. II, The Works of Mencius.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
D. E. Faber hat ein ausführliches System des Mong Dsï in Deutsch und Englisch herausgegeben, das einen großen Teil des Textes, wenn auch vollständig aus dem Zusammenhang gelöst, in Übersetzung gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
H. Mootz endlich hat das erste Buch ins Deutsche übersetzt und mit Erläuterungen versehen unter dem Titel: Die chinesische Weltanschauung, dargestellt auf Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse, herausgegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Chronologische Tabelle ==&lt;br /&gt;
Geboren 372 v. Chr. in Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
322 in Liang, der Hauptstadt von We, bei König Hui.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
319 verläßt Mong Dsï nach einer Unterhaltung mit König Siang den Staat We und geht nach Tsi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
317 Tod der Mutter. Reise nach Lu wegen der Beerdigung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
316. 315 in Lu während der Trauerzeit. (In dieser Zeit könnte die Anstellung des Schülers Yo Dschong Dsï in Lu und dessen vereitelter Versuch, den Fürsten Ping und Mong Dsï zusammenzubringen, stattgefunden haben.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
314 zurück nach Tsi. Unternehmung des Staates Tsi gegen den Staat Yän.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
312 Aufruhr in Yän. Mong Dsï verläßt Tsi und geht nach Sung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
311 der Kronprinz von Tong, der nachmalige Fürst Wen, besucht Mong Dsï in Sung. Mong Dsï geht über Siä nach seiner Heimat Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ca. 301 läßt Fürst Wen von Tong, der inzwischen seinen Vater verloren hatte und auf den Thron gekommen war, Mong Dsï nach den Beerdigungsgebräuchen fragen, und infolge davon ging Mong Dsï wohl für einige Jahre nach Tong. Nachdem dort auch allerlei Sekten aufgekommen waren, zog er sich endgültig ins Privatleben zurück, um sich literarischer Tätigkeit zu widmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch I. Liang Hui Wang ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1. Vom Schaden des Nützlichkeitsstandpunkts ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liang ist die Hauptstadt von We, einem Staat im Westen des damaligen China, der Heimat des Dschuang Dsï. Der Staat We, der wohl zu unterscheiden ist von dem in den Gesprächen des Konfuzius häufig genannten, chinesisch anders geschriebenen Staate We im Osten, ist entstanden bei der Teilung des Staates Dsin im heutigen Schansi in die Staaten We, Dschau und Han. Der König Hui von We hatte ein Ausschreiben erlassen, um Weise aus allen Ländern an seinen Hof zu ziehen. Diesem Ausschreiben folgte auch Mong Dsï im Jahre 322 v. Chr. (vgl. Sin Lun. Die früher angenommene Zahl 336 ist falsch. Damals konnte Mong unmöglich schon als »alter Mann« angeredet werden).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Alter Mann, tausend Meilen waren Euch nicht zu weit, um herzukommen, da habt Ihr mir wohl auch einen Rat, um meinem Reich zu nützen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden, o König? Es gibt doch auch den Standpunkt, daß man einzig und allein nach Menschlichkeit und Recht fragt. Denn wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? so sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserm Hause zum Nutzen? und die Ritter und Leute des Volks sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig sucht sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden, und das Ergebnis ist, daß das Reich in Gefahr kommt. Wer in einem Reich von zehntausend Kriegswagen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;10 000 Kriegswagen standen dem Kaiser zur Verfügung, 1000 den größeren Landesfürsten, 100 den großen Adelsgeschlechtern. Die geschilderten Vorgänge sind alles Beispiele aus der Zelt des Niedergangs der Dschoudynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über tausend Kriegswagen verfügen. Wer in einem Reich von tausend Kriegswagen den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über hundert Kriegswagen verfügen. Von zehntausend Kriegswagen tausend zu besitzen, von tausend Kriegswagen hundert zu besitzen, das ist an sich schon keine geringe Macht. Aber so man das Recht hintansetzt und den Nutzen voranstellt, ist man nicht befriedigt, es sei denn, daß man den anderen das Ihre wegnehmen kann. Auf der anderen Seite ist es noch nie vorgekommen, daß ein liebevoller Sohn seine Eltern im Stich läßt, oder daß ein pflichttreuer Diener seinen Fürsten vernachlässigt. Darum wollet auch Ihr, o König, Euch auf den Standpunkt stellen: ›Einzig und allein Menschlichkeit und Recht!‹ Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Geteilte Freude ist doppelte Freude ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang. Der König stand an seinem Parkweiher und sah den Schwänen und Hirschen zu. Er sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Weise erst vermag sich dieser Dinge ganz zu freuen. Ein Unweiser, selbst wenn er sie besitzt, wird ihrer nicht froh. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Lied steht im Schï Ging III, 8 und bezieht sich auf den König Wen von Dschou. Die Übersetzung ist nach Viktor v. Strauß gegeben.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Als er den Wunderturm ersonnen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ersonnen und den Plan gemacht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat alles Volk sich dran begeben;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Tag – und alles war vollbracht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anhub er mit: »Nicht hastet euch!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch alles Volk kam, Kindern gleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Wunderpark der König war,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo Hirsche ruhten Paar bei Paar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gar fette Hirsche, glatt von Haar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weiße Vögel glänzten klar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war am Wunderteiche;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie wimmelte der Fische Schar!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hat der König Wen durch die Arbeit seines Volks einen Turm und einen Teich gebaut, und das Volk war in heller Freude darüber und nannte seinen Turm den ›Wunderturm‹ und seinen Teich den ›Wunderteich‹ und freute sich dessen, daß er Hirsche und Rehe, Fische und Schildkröten hatte. Die Männer des Altertums freuten sich mit dem Volk gemeinsam; darum konnten sie sich wirklich freuen. Andererseits heißt es im Schwur des Tang,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwur des Tang, vgl. Schu Ging III, 1. 3. Der Tyrann Giä, der letzte Herrscher der Hiadynastie, hatte, als er von der Unzufriedenheit des Volkes hörte, den Ausspruch getan: »Solange die Sonne am Himmel nicht vernichtet wird, solange werde ich auch nicht untergehen.« Das Volk bezieht sich auf diesen Ausspruch und sagt: »Wenn nur diese (schi sonst = Zeit) Sonne untergeht, so sind wir es zufrieden, gemeinsam mit dir (an Giä gerichtet) zugrunde zu gehen.« Eine andere Übersetzung, die in den Zusammenhang des Schu Ging noch besser paßt, faßt die Worte des Volks als Anrede an den Befreier Tang auf: »Diesen Tag muß der große Zusammenbruch kommen, wir wollen mit dir gemeinsam ihn vernichten.« Doch scheint Mong Dsï die andere Auffassung vertreten zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; (daß die Untertanen des Tyrannen Giä, der in seinem Hochmut sich der Sonne verglichen, von solchem Haß gegen ihn erfüllt waren, daß sie sprachen:) ›Wenn nur diese Sonne zugrunde geht. Und wenn wir auch mit ihr gemeinsam vernichtet werden‹. Das Volk (des Tyrannen Giä) wollte lieber noch, als daß er am Leben blieb, mit ihm zusammen vernichtet werden. Mochte er Türme und Teiche, Vögel und Tiere besitzen: er konnte ihrer einsam doch nimmermehr froh werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Wie kann ein Fürst die Weltherrschaft erlangen? ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich gebe mir mit meinem Reiche doch wirklich alle Mühe. Wenn diesseits&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Staat We war ursprünglich auf der Südseite des gelben Flusses. Erst nach seiner Vergrößerung bekam er Land auf der Nordseite (»diesseits«). Da auf der Nordseite in alter Zeit die Reichshauptstadt war, heißt sie »diesseits«, »innerhalb«.&amp;lt;/ref&amp;gt; des gelben Flusses Mißwachs herrscht, so schaffe ich einen Teil der Leute nach der anderen Seite und schaffe Korn nach dieser Seite. Tritt Mißwachs ein in dem Gebiet jenseits des Flusses, handle ich entsprechend. Wenn man die Regierungsmaßregeln der Nachbarstaaten prüft, so findet man keinen Fürsten, der sich soviel Mühe gäbe wie ich. Und doch wird das Volk der Nachbarstaaten nicht weniger und mein Volk nicht mehr. Wie kommt das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ihr, o König, liebt den Krieg. Darf ich ein Gleichnis vom Krieg gebrauchen? Wenn die Trommeln wirbeln&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Trommelschlag war das Zeichen zum Angriff, die Becken (Gongs) gaben das Zeichen zum Rückzug.&amp;lt;/ref&amp;gt; und die Waffen sich kreuzen, und die Krieger werfen ihre Panzer weg, schleppen die Waffen hinter sich her und laufen davon, so läuft der eine vielleicht hundert Schritte weit und bleibt dann stehen, ein anderer läuft fünfzig Schritte weit und bleibt dann stehen. Wenn nun der, der fünfzig Schritte weit gelaufen ist, den anderen, der hundert Schritte gelaufen ist, verlachen wollte, wie wäre das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Das geht nicht an. Er lief nur eben nicht gerade hundert Schritte weit, aber weggelaufen ist er auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn Ihr, o König, das einseht, so werdet Ihr nicht mehr erwarten, daß Euer Volk zahlreicher werde als das der Nachbarstaaten. Wenn man die Leute,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im folgenden gibt Mong Dsï die Schilderung der idealen Regierung, den »Pfad der Könige«. Mong Dsï unterscheidet sich dadurch von Kung Dsï, daß dieser noch das Recht des herrschenden Hauses Dschou aufrecht erhielt, während für Mong Dsï jeder Territorialfürst die Möglichkeit der Weltherrschaft hatte. Sobald einer es verstünde, die rechten Prinzipien durchzuführen, fiele ihm das ganze Reich zu. Mong ist in dieser Hinsicht durchaus Realpolitiker.&amp;lt;/ref&amp;gt; während sie auf dem Acker zu tun haben, nicht zu anderen Zwecken beansprucht, so gibt es so viel Korn, daß man es gar nicht alles aufessen kann. Wenn es verboten ist, mit engen Netzen in getrübtem Wasser zu fischen, so gibt es so viel Fische und Schildkröten, daß man sie gar nicht alle aufessen kann. Wenn Axt und Beil nur zur bestimmten Zeit in den Wald kommen, so gibt es soviel Holz und Balken, daß man sie gar nicht alle gebrauchen kann. Wenn man das Korn, die Fische und Schildkröten gar nicht alle aufessen kann, wenn man Holz und Balken gar nicht alle aufbrauchen kann, so schafft man, daß das Volk die Lebenden ernährt, die Toten bestattet und keine Unzufriedenheit aufkommt: Wenn die Lebenden ernährt werden, die Toten bestattet werden und keine Unzufriedenheit aufkommt: das ist der Anfang zur Weltherrschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn jeder Hof von fünf Morgen mit Maulbeerbäumen umpflanzt wird, so können sich die Fünfzigjährigen in Seide kleiden. Wenn bei der Zucht der Hühner, Ferkel, Hunde und Schweine die rechte Zeit beobachtet wird, so haben die Siebzigjährigen Fleisch zu essen. Wenn einem Acker von hundert Morgen nicht die zum Anbau nötige Zeit entzogen wird, so braucht eine Familie von mehreren Köpfen nicht Hunger zu leiden. Wenn man dem Unterricht in den Schulen Beachtung schenkt und dafür sorgt, daß auch die Pflicht der Kindesliebe und Brüderlichkeit gelehrt wird, so werden Grauköpfe und Greise auf den Straßen keine Lasten mehr zu schleppen haben. Wenn die Siebziger in Seide gekleidet sind und Fleisch zu essen haben und das junge Volk nicht hungert noch friert, so ist es ausgeschlossen, daß dem Fürsten dennoch die Weltherrschaft nicht zufällt. Wenn aber Hunde und Schweine den Menschen das Brot wegfressen, ohne daß man daran denkt, dem Einhalt zu tun, wenn auf den Landstraßen Leute Hungers sterben, ohne daß man daran denkt, ihnen aufzuhelfen, und man dann noch angesichts des Aussterbens der Bevölkerung sagt: nicht ich bin schuld daran, sondern das schlechte Jahr, so ist das gerade so, als wenn einer einen Menschen totsticht und sagt: nicht ich hab&#039; es getan, sondern das Schwert. Wenn Ihr, o König, nicht mehr die Schuld sucht bei schlechten Jahren, so wird das Volk des ganzen Reichs Euch zuströmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Der rechte Landesvater ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich will gelassen Eure Belehrung annehmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ob man Menschen mordet mit einem Knüppel oder einem Messer: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob man sie mordet mit einem Messer oder durch Regierungsmaßregeln: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da hub Mong Dsï an: »In der Hofküche ist fettes Fleisch und in den Ställen fette Pferde; in den Gesichtern der Leute wohnt die Not, auf dem Anger draußen wohnt der Tod: das heißt, die Tiere anleiten, Menschen zu fressen. Die Tiere fressen einander, und die Menschen verabscheuen sie darum. Wenn nun ein Landesvater also die Regierung führt, daß er nicht vermeidet, die Tiere anzuleiten, Menschen zu fressen: Worin besteht da seine Landesvaterschaft? Meister Kung hat einmal gesagt: ›Wer zuerst bewegliche Menschenbilder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In alter Zeit gab man den Toten aus Stroh gemachte Puppen mit ins Grab (vgl. Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben, Nr. 5, 1. Teil). Kung Dsï spricht hier von Verbesserungen dieser Totengaben, die später aufkamen. Man machte diese Puppen so, daß sie sich bewegen konnten und lebenden Menschen glichen. Er hat diese Sitte verurteilt, weil er fürchtete, sie könne zu Menschenopfern für die Toten führen. Solche Menschenopfer sind dann in späterer Zeit bei fürstlichen Begräbnissen häufig vorgekommen. (Noch zur Mingzeit wurde mit dem Kaiser ein großes Gefolge dem Tode geopfert. Erst die Mandschus hoben diese Unsitte auf. Die Frage, inwieweit in uralter Zeit das Töten von Menschen als Totenopfer üblich war, kann hier außer Betracht bleiben.)&amp;lt;/ref&amp;gt; fertigte – um sie den Toten mit ins Grab zu geben – gab es für den denn keine Zukunft zu bedenken?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die gewöhnliche Übersetzung ist: »der müsse ohne Nachkommen geblieben sein!« als Fluch gedacht; aber der grammatikalische Zusammenhang führt auf unsere Übersetzung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum, daß er das Ebenbild des Menschen zu diesem Zweck mißbrauchte. Was würde er erst gesagt haben von einem, der seine Leute Not leiden und verhungern läßt!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Rüstung zur Rache ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Unser Reich&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Das Reich Dsin.« Dieses Reich, das von den Herren von Dschau, Han und We aufgeteilt wurde, gehörte früher zu den mächtigsten Staaten Chinas. We war von den drei Teilstaaten der bedeutendste, darum legt der König seinem Staate den Gesamtnamen Dsin bei. Tsi kam dem Staate Dschau, der von We angegriffen war, zu Hilfe. In den dabei entstehenden Kämpfen geriet der Kronprinz von We, der das Heer befehligte, in Gefangenschaft von Tsi und starb dort (340 v. Chr.). Tsin war der aufstrebende westliche Staat, in dem ein Fürst unter dem Namen Tsin Schï Huang später das ganze Reich eroberte. Die hier erwähnte Niederlage fällt ins Jahr 361. Tschu war ein halb barbarischer Staat im Süden am Yangtse. Dschau Yang von Tschu griff We um 323 an.&amp;lt;/ref&amp;gt; war eins der mächtigsten auf Erden, das wißt Ihr ja, o Greis. Doch seitdem es auf meine Schultern kam, wurden wir im Osten besiegt von Tsi, und mein ältester Sohn ist dabei gefallen. Im Westen verloren wir Gebiet an Tsin, siebenhundert Geviertmeilen. Im Süden erlitten wir Schmach durch Tschu. Ich schäme mich darob und möchte um der Toten willen ein für allemal die Schmach reinwaschen, Wie muß ichs machen, daß es mir gelingt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Und wäre auch ein Land nur hundert Meilen im Geviert,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Anspielung auf den König Wen von Dschou. Vgl. Buch II, A, 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; man kann damit die Weltherrschaft erringen. Wenn Ihr, o König, ein mildes Regiment führt über Eure Leute, Strafen und Bußen spart, Steuern und Abgaben ermäßigt, so daß die Felder tief gepflügt und ordentlich gejätet werden können, daß die Jugend Zeit hat zur Pflege der Tugenden der Ehrfurcht, Brüderlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Treue, daß sie zu Hause ihren Eltern und Brüdern und im öffentlichen Leben ihren Fürsten und Oberen dienen – dann könnt Ihr ihnen Knüppel in die Hand geben, um damit die starken Panzer und scharfen Waffen der Herren von Tsin und Tschu zu zerschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene Fürsten rauben ihren Leuten die Zeit, daß sie nicht pflügen und jäten können, um Nahrung zu schaffen für ihre Eltern. Die Eltern leiden Frost und Hunger, Brüder, Weib und Kind sind fern voneinander zerstreut. Jene Fürsten treiben ihre Leute in Fallen und ertränken sie. Wenn Ihr, o König, dann hingeht und sie bekämpft, wer wird Euch da feindlich entgegentreten? Darum heißt es: »Der Milde hat keine Feinde«. Ich bitte Euch, o König, zweifelt nicht daran.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Mildes Regiment ist wie Regen auf dürres Land ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Siang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siang war der Sohn und Nachfolger des Königs Hui von We. Das Gespräch fiel in das Jahr 319. Mong war so enttäuscht, daß er unmittelbar darauf We verließ und nach Tsi ging.&amp;lt;/ref&amp;gt; von Liang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er herauskam, sagte er zu den Leuten: »Ich blickte nach ihm: er sah nicht aus wie ein Fürst. Ich nahte mich ihm: aber ich entdeckte nichts Ehrfurchtgebietendes an ihm. Unvermittelt fragte er: ›Wie kann die Welt gefestigt werden?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sie wird gefestigt durch Einigung‹, erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann sie einigen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer keine Lust hat am Menschenmord, der kann sie einigen,‹ erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann da mittun?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erwiderte: ›Es gibt niemand auf der Welt, der nicht mittun würde. Habt Ihr, o König, schon das sprossende Korn beobachtet? Im Hochsommer,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: im siebten und achten Monat. Die Zeitrechnung der Dschoudynastie begann das Jahr nach dem Wintersolstiz. Siebter und achter Monat sind daher etwa Juni und Juli, der Anfang der »Regenzeit« für Nordchina. Sie entsprechen dem heutigen fünften und sechsten Monat in China.&amp;lt;/ref&amp;gt; wenn es trocken ist, da stehen die Saaten welk. Wenn dann am Himmel fette Wolken aufziehen und in Strömen der Regen herniederfällt, so richten sich mit Macht die Saaten wieder auf. Daß es also geschieht, wer kann es hindern? Nun gibt es heute auf der ganzen Welt unter den Hirten der Menschen keinen, der nicht Lust hätte am Menschenmord. Wenn nun einer käme, der nicht Lust hätte am Menschenmord, so würden die Leute auf der ganzen Welt alle die Hälse recken&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vielleicht liegt in der Polemik des Dschuang Dsï in Buch X, 3, pag. 71 eine Beziehung auf Mong Dsï und seinen Aufenthalt in We. Vgl. die Stelle: »Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: An dem und dem Platz ist ein Weiser ... An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten in falscher Weise Erkenntnis hochschätzen.«&amp;lt;/ref&amp;gt; und nach ihm ausspähen. Und wenn er wirklich also ist, so fallen die Leute ihm zu, wie das Wasser nach der Tiefe zufließt, in Strömen. Wer kann es hindern?‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Der Opferstier und die Weltherrschaft ===&lt;br /&gt;
König Süan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es wird von manchen Kommentatoren angenommen, daß Mong Dsï erst in Tsi und dann in We gewesen sei, doch läßt sich auf diese Weise die Chronologie nicht richtigstellen. In Wirklichkeit ging er von We nach Tsi (über seine Heimatstadt Dsou, wo er seine Mutter besuchte). König Süan von Tsi regierte von 320-302 v. Chr. (nicht, wie die gewöhnliche Chronologie will, 342-324).&amp;lt;/ref&amp;gt; von Tsi fragte: »Kann ich etwas von den Taten der Fürsten Huan von Tsi und Wen von Dsïn&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Huan von Tsi (684-643) und Wen von Dsin († 628) waren die zwei berühmtesten der fünf Fürsten, die zeitweise die Hegemonie im Reich hatten (vgl. Lim Yü XIV, 16). Mong schätzt sie gering und will daher das Gespräch auf sein beliebtes Thema bringen: die Beherrschung der Welt durch wahrhaft königliche Grundsätze.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu hören bekommen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Unter den Jüngern des Meister Kung gab es keinen, der über die Taten Huans und Wens redete. Darum ist auf die Nachwelt keine Überlieferung von ihnen gekommen, und ich habe nie etwas von ihnen gehört. Wollen wir nicht statt dessen davon reden, wie man König der Welt wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Welche Eigenschaften muß man haben, um König der Welt sein zu können?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer sein Volk schützt, wird König der Welt: niemand kann ihn hindern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ja, wäre denn ein Mann wie ich imstande, sein Volk zu schützen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Woher weißt du, daß ich dazu imstande bin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich habe von Hu Hai&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hu Hai war ein Höfling aus der Umgebung des Königs.&amp;lt;/ref&amp;gt; erzählen hören, der König habe einst in seinem Saal gesessen, da sei einer, der einen Ochsen führte, unten am Saal vorbeigekommen. Der König habe ihn gesehen und gefragt: ›Wohin mit dem Ochsen?‹ Man habe erwidert: ›Er soll zur Glockenweihe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Neu gegossene Glocken wurden mit dem Blut eines Opfertieres bestrichen und dadurch geweiht, daß ihr Schall zum Himmel dringe (vgl. Dschou Li, Tiän Guan).&amp;lt;/ref&amp;gt; geschlachtet werden.‹ Da habe der König gesagt: ›Laßt ihn laufen. Ich kann es nicht mit ansehen, wie er so ängstlich zittert, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird.‹ Man habe erwidert: ›Soll dann die Glockenweihe unterbleiben?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König habe gesagt: ›Sie darf nicht unterbleiben. Nehmt ein Schaf statt seiner.‹ – Ich weiß nicht, ob es so sich zugetragen hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist so gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Diese Gesinnung genügt, um König der Welt zu werden. Die Leute dachten alle, es sei nur Sparsamkeit von Euch gewesen; aber ich weiß bestimmt, daß Ihr es nicht habt mit ansehen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ach, gibt es wirklich solche Leute? Allein so unbedeutend und gering mein Reich auch ist, ich brauche doch an einem Ochsen nicht zu sparen. Ich habe es wirklich nicht mit ansehen können, daß er so ängstlich zitterte, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird. Darum habe ich statt seiner ein Schaf nehmen lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Und doch habt Ihr nicht anders&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wir haben grammatikalisch nach dem Wortlaut übersetzt. Die chinesischen Kommentare gehen von der anderen Bedeutung von i = für anders, d. h. sonderbar halten, »sich wundern« aus und konstruieren: »Wundert Euch nicht, o König, daß die Leute Euch für sparsam hielten!« Doch widerspricht dem m. E. das »wu«, das meist die Bedeutung von lateinisch »non«, nicht von »ne« hat. Auch wird der Zusammenhang klarer.&amp;lt;/ref&amp;gt; gehandelt, als wenn Ihr wirklich nur so sparsam gewesen wäret, wie die Leute meinten. Ihr habt statt eines großen Tieres ein kleines nehmen lassen. Woher hätten jene es besser wissen sollen! Wenn ihr Mitleid hattet mit der Unschuld, die zum Richtplatz geführt wurde: was ist da schließlich für ein Unterschied zwischen einem Ochsen und einem Schaf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sprach: »Wahrhaftig! Was hab&#039; ich nur dabei gedacht! Ohne daß es mir um den Wert zu tun gewesen wäre, habe ich doch ein Schaf statt des Ochsen nehmen lassen. Da haben die Leute ganz recht, wenn sie sagen, ich sei sparsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Es tut nichts. Es war dennoch ein Zeichen von Milde. Ihr saht den Ochsen, aber hattet das Schaf nicht gesehen. Es geht dem Gebildeten mit den Tieren nun einmal so: wenn er sie lebend gesehen hat, kann er nicht zusehen, wie sie getötet werden, und wenn er sie hat schreien hören, bringt er es nicht über sich, ihr Fleisch zu essen. Das ist ja auch der Grund, warum der Gebildete sich von der Küche fernhält.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war erfreut und sprach: »Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging II, 4, 4 v. 4.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Anderer Leute Sinn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vermag ich zu ermessen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das geht auf Euch, Meister. Obwohl es meine eigne Tat war, habe ich mich dennoch vergeblich darüber besonnen, wie ich es eigentlich gemeint habe. Ihr, Meister, sprecht es aus und habt genau meine innerste Gesinnung getroffen. Inwiefern paßt nun diese Gesinnung dazu, König der Welt zu sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn jemand Euch berichten würde: ›Ich besitze zwar genügend Stärke, um dreißig Zentner zu heben, aber nicht genug, um eine Feder zu heben; ich bin helläugig genug, um die Spitze eines Flaumhaars&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich Herbsthaar. Gemeint ist das im Herbst wachsende Winterhaar der Tiere. Der Ausdruck kommt auch bei Dschuang Dsï vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu untersuchen, aber einen Heuwagen sehe ich nicht‹: würdet Ihr das hingehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verneinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Nun ist Eure Milde so groß, daß sie sich selbst auf Tiere erstreckt, und doch reicht ihre Wirkung nicht bis zu Eurem Volk. Wie ist denn das nur? Allein, daß jener die Feder nicht aufhebt, kommt davon, daß er seine Stärke nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß der andere den Heuwagen nicht sieht, kommt daher, daß er seine Scharfsichtigkeit nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß Eure Leute keines Schutzes genießen, kommt daher, daß Ihr Eure Gnade nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;. Darum, daß Ihr nicht König der Welt seid, ist Unterlassung, nicht Unfähigkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wodurch unterscheiden sich Unterlassung und Unfähigkeit in ihrer Äußerung voneinander?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer den Großen Berg&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Große Berg ist der Taischan. Der Taischan ebenso wie das Nordmeer (Golf von Tschili) waren in der Nähe von Tsi. Das Beispiel scheint eine sprichwörtliche Redensart gewesen zu sein. Es kommt auch bei Mo Di vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; unter den Arm nehmen soll und damit übers Nordmeer springen und er sagt, das kann ich nicht, so ist das wirkliche Unfähigkeit; wenn aber einer sich vor Älteren verneigen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Zeichen heißen wörtlich: »einen Zweig abbrechen«; doch ist diese Bedeutung sinnlos. Die älteren chinesischen Kommentare geben dafür teils die von uns gegebene Erklärung (dschï »Zweig« hier für dschï »Glied, Körper«, dschä »beugen«, den Körper beugen und sich verneigen).&amp;lt;/ref&amp;gt; soll und er sagt, das kann ich nicht, so ist das Unterlassung, nicht Unfähigkeit. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr nicht in der Lage eines Menschen, der mit dem Großen Berg unterm Arm übers Nordmeer springen soll. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr in der Lage eines Menschen, der eine Verbeugung machen soll. Behandle ich meine älteren Verwandten wie es dem Alter gebührt, und lasse das auch den Alten der andern zugute kommen; behandle ich meine jüngeren Verwandten wie es der Jugend gebührt, und lasse das auch den Jungen der andern zugute kommen; so kann ich die Welt auf meiner Hand sich drehen lassen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Lun Yü III, 11.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schï Ging III, 1, 6 v. 2 bezieht sich dort auf den König Wen.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sein Beispiel leitete die Gattin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und reichte auf seine Brüder weiter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis es auf Haus und Land wirkte.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesen Worten ist gemeint: Richte dich einfach nach deinem eignen Gefühl und tue den andern darnach. Darum: Güte, die weiter wirkt, reicht aus, die Welt zu schützen, Güte, die nicht weiter wirkt, vermag nicht einmal Weib und Kind zu schützen. Warum die Menschen der alten Zeit den andern Menschen so sehr überlegen sind, ist einzig und allein die Art, wie sie es verstanden, ihre Taten weiter wirken zu lassen. Nun ist Eure Güte groß genug, um sich selbst auf die Tiere zu erstrecken, und doch kommt ihre Wirkung nicht Euren Leuten zugute. Wie ist denn das nur?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man bedarf einer Wage, um zu erkennen, ob etwas leicht oder schwer ist. Man bedarf eines Maßstabs, um zu erkennen, ob etwas lang oder kurz ist. So ist&#039;s mit allen Dingen und mit dem Herzen ganz besonders. Ich bitte Euch, o König, es einmal zu wägen. Panzer und Waffen zu fördern, Ritter und Knechte zu gefährden, Übelwollen Euch zuzuziehen von seiten der Mitfürsten: braucht Ihr das, um froh zu werden in Eurem Herzen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein. Wie sollte ich daran Freude haben! Das alles sind nur Mittel zur Erreichung meines höchsten Wunsches.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Darf man hören, was Euer höchster Wunsch ist?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sagte nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ist es etwa, daß Ihr Mangel habt an Fett und Süßigkeiten für Euern Gaumen, an leichtem und warmem Pelzwerk für Euern Leib, oder etwa daß Ihr der bunten Farben nicht genug habt, um die Augen zu ergötzen, an Klängen und Tönen nicht genug habt, um die Ohren zu erfreuen, oder habt Ihr nicht genug Knechte und Mägde, die Eurer Befehle gewärtig vor Euch stehen? Alle Eure Diener, o König, haben genug von diesen Dingen, sie Euch darzubringen; darum kann es Euch also wohl nicht zu tun sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein, darum ist es mir nicht zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »O, dann läßt sich erraten, was Euer höchster Wunsch, o König, ist! Euer Wunsch ist es, Euer Land zu erweitern, die Fürsten von Tsin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tsin im Westen und Tschu im Süden waren die mächtigsten Staaten des damaligen China.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Tschu als Vasallen an Euren Hof zu ziehen, das Reich der Mitte zu beherrschen und die Barbarenländer rings umher in die Hand zu bekommen. Diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, ist aber gerade so, als wollte man auf einen Baum klettern, um Fische zu suchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Sollte es so schlimm sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Womöglich noch schlimmer! Klettert man auf einen Baum, um Fische zu suchen, so findet man wohl keine Fische, aber es hat weiter keine üblen Folgen. Aber diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, das führt, wenn es mit vollem Ernst geschieht, sicher zu üblen Folgen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Laßt hören!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn der Kleinstaat Dsou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsou, die Heimat des Mong, war ein Miniaturstaat in der Nähe von Lu. Heute ist es ein Kreis von Schantung.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit der Großmacht Tschu Krieg führt: Wer, denkt Ihr, wird gewinnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Tschu wird gewinnen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »So steht es also fest, daß der Kleine nicht den Großen angreifen darf, daß die Minderzahl nicht die Mehrzahl angreifen darf, daß der Schwache nicht den Starken angreifen darf. Nun ist das ganze Land innerhalb der vier Meere tausend Geviertmeilen groß, und dem Staate Tsi gehört der neunte Teil. Mit einem Neuntel die übrigen acht unterwerfen zu wollen, wodurch unterscheidet sich das von dem Unterfangen des Kleinstaats Dsou, der die Großmacht Tschu bekämpfen wollte? Wäre es nicht besser, zur wahren Wurzel zurückzukehren? Wenn Ihr, o König, bei der Ausübung der Regierung Milde walten laßt, so daß alle Beamten auf Erden an Eurem Hofe Dienst zu tun begehren, alle Bauern in Euren Ländern zu pflügen begehren, alle Kaufleute in Euren Märkten ihre Waren zu stapeln begehren, alle Wanderer auf Euren Straßen zu gehen begehren, daß alle auf Erden, die etwas gegen ihren Herrscher haben, herbeizueilen und ihn vor Eurer Hoheit anzuklagen begehren: daß es also geschieht, wer kann es hindern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich bin zu unklar, um diesen Weg gehen zu können. Ich wünschte, daß Ihr, Meister, meinem Willen zu Hilfe kommt und mir durch Eure Belehrung Klarheit verschafft. Bin ich auch unfähig, so bitte ich doch, Ihr wollet es einmal versuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ohne festen Lebensunterhalt dennoch ein festes Herz zu behalten, das vermag nur ein Gebildeter. Wenn das Volk keinen festen Lebensunterhalt hat, verliert es dadurch auch die Festigkeit des Herzens. Ohne Festigkeit des Herzens aber kommt es zu Zuchtlosigkeit, Gemeinheit, Schlechtigkeit und Leidenschaften aller Art. Wenn die Leute so in Sünden fallen, hinterher sie mit Strafen verfolgen, das heißt dem Volke Fallstricke stellen. Wie kann ein milder Herrscher auf dem Thron sein Volk also verstricken? Darum sorgt ein klarblickender Fürst für eine geordnete Volkswirtschaft, damit die Leute einerseits genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und andererseits genug, um Weib und Kind zu ernähren, also daß in guten Jahren jedermann satt zu essen hat und selbst in üblen Jahren niemand Hungers zu sterben braucht. Dann mag man auch mit Ernst an die Hebung des Volkes gehen, denn es ist den Leuten leicht zu folgen. Heutzutage aber ist es so um die Volkswirtschaft bestellt, daß die Leute auf der einen Seite nicht genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und auf der anderen Seite nicht genug, um Weib und Kinder zu ernähren. Selbst in einem guten Jahr ist jedermann in Not, und kommt ein übles Jahr, so sind die Leute nicht sicher vor dem Hungertode. Unter solchen Verhältnissen sind sie nur darauf bedacht, ihr Leben zu fristen, besorgt, es möchte ihnen nicht hinausreichen. Da haben sie wahrlich keine Muße, Ordnung und Recht zu pflegen. Wenn Ihr den Wunsch habt, o König, das durchzuführen, so kommt es nur darauf an, zur wahren Wurzel zurückzukehren.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wiederholung des Schlußabschnitts von Nr. 3: »Wenn jeder Hof ...« mit einer unwesentlichen Abweichung am Schluß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt B: 1. Über die Pflege der Musik ===&lt;br /&gt;
Dschuang Bau&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dschuang Bau war ein Minister in Tsi. Die Geschichte spielt im unmittelbaren Anschluß an die vorige. Der König ist ebenfalls König Süan von Tsi.&amp;lt;/ref&amp;gt; suchte den Mong Dsï auf und sprach: »Als ich heute beim König war, sprach er mit mir von seiner Liebe zur Musik. Ich wußte nicht, was ich darauf erwidern sollte. Er sagte nämlich: ›Was ist von der Liebe zur Musik zu halten?‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn der König nur wirklich die Musik recht liebt, so kann aus dem Staat Tsi noch etwas werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tags darauf trat er vor den König und sprach: »Ist es wahr, daß Eure Hoheit mit Dschuang Bau über die Liebe zur Musik gesprochen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König errötete und sprach: »Der Liebe zur ernsten, alten Musik bin ich nicht fähig, ich liebe eben nur die leichte, weltliche Musik.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn Eure Hoheit nur wirklich die Musik recht lieben, so kann aus dem Staate Tsi noch etwas werden. Ob es alte oder neue Musik&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Die heutige Musik ist wie (yu »von« hier = yu »wie«) die alte Musik.« Diese Konnivenz gegen die Schwäche des Königs unter dem Gesichtspunkt »der Zweck heiligt das Mittel« unterschied den Mong von Kung. Die neue Musik ist unzweifelhaft die Musik von Dschong, die Kung verhaßt ist (vgl. Lun Yü XV, 10). Mong Dsï geht im Verlauf des Gesprächs dazu über, das Zeichen yo »Musik« in seiner anderen Bedeutung (lo = Freude) zu gebrauchen, eine sophistische Spielerei, die einigermaßen an die Sophisten in Liä Dsï II, 21 erinnert. Selbstverständlich ist auf seiten Mongs der größere moralische Ernst.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist, darauf kommt es dabei nicht an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Kann man etwas Näheres darüber hören?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik einsam zu genießen oder sie mit andern gemeinsam zu genießen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Schöner ist&#039;s mit andern gemeinsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik mit wenigen oder mit vielen gemeinsam zu genießen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Schöner ist&#039;s mit vielen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich bitte mit Eurer Hoheit über wahre Freude an der Musik reden zu dürfen. Wenn z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Mit verstopfter Nase«. Dies wird meist übersetzt: »Mit zusammengezogenen Brauen«. Wir schließen uns an die Deutung von Man Si Ho an.&amp;lt;/ref&amp;gt; zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Musik uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Jagd uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ so hat das keinen anderen Grund, als daß er nicht versteht, mit seinem Volk seine Freuden zu teilen. Wenn aber z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so musizieren kann‹; oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, alle mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so jagen kann‹; so hat das keinen andern Grund, als daß er mit dem Volk seine Freuden zu teilen versteht. Ein König nun, der mit seinem Volke seine Freuden teilt, der wird der König der Welt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Der königliche Park ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi fragte den Mong Dsï und sprach: »König Wens&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. I, A, 2.&amp;lt;/ref&amp;gt; Park soll 70 Geviertmeilen groß gewesen sein. Ist das wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »War er wirklich so groß?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja, und dem Volk war er doch noch zu klein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Mein Park ist nur 40 Geviertmeilen groß, und dem Volk ist er dennoch zu groß. Wie kommt das nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »König Wens Park war 70 Geviertmeilen groß, aber wer Gras oder Reisig sammeln wollte, durfte hinein; wer sich einen Fasan oder einen Hasen schießen wollte, durfte hinein. So besaß er ihn mit seinem Volk gemeinsam, und daher war es ganz in der Ordnung, daß er dem Volk zu klein war. Als ich an die Grenzen Eures Reiches kam, da erkundigte ich mich erst nach den wichtigsten staatlichen Verboten, ehe ich wagte einzutreten. Ich vernahm, daß innerhalb des Vorstadtbezirks ein Park sei, 40 Geviertmeilen groß. Wer darin einen Hirsch oder ein Reh töte, der werde bestraft, als habe er einen Menschen getötet. Auf diese Weise sind die 40 Geviertmeilen eine große Fallgrube mitten im Land. Daß das den Leuten zu groß ist, ist das nicht auch ganz in der Ordnung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Die Liebe zur Tatkraft ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Gibt&#039;s eine Norm für den Verkehr mit Nachbarstaaten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Entweder man muß gütig sein, damit man als Großer dem Kleinen dienen kann. Huf diese Weise hat Tang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über den hier erwähnten Vorfall vgl. III, B, 5, wo die Sache ausführlich erzählt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Go gedient und König Wen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Von den chinesischen Kommentaren wird auf Schï Ging III, 1, 3, v. 8 verwiesen. Sie sind sich über den historischen Hergang nicht ganz einig. Offenbar handelt es sich um eine Etappe auf dem Wege des Hauses Dschou vom barbarischen Westen herein nach China.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Kun-Barbaren. Oder man muß weise sein, damit man als Kleiner dem Großen dienen kann. Auf diese Weise hat der Große König&amp;lt;ref&amp;gt;Über den »Großen König«, den Großvater des Königs Wen, s. Abschnitt 15.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Hunnen gedient und Gou Tsiän&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gou Tsiän war ein König des Staates Yüo, der mit Wu im Kampfe lag, und als er besiegt wurde, sich selbst als Diener dem König von Wu anbot.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Staate Wu. Wer als Großer einem Kleinen dienen kann, ist fröhlich in Gott;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Chinesisch: tiän Himmel. Hier ist die Übersetzung mit »Gott« das unmittelbar Gegebene, zumal da sich auch sonst in der alten chinesischen Literatur Instanzen dafür finden. Vgl. zur Sache Laotse, Taoteking, Abschn. 61.&amp;lt;/ref&amp;gt; wer als Kleiner einem Großen dienen kann, der fürchtet Gott. Wer fröhlich ist in Gott, vermag die Welt zu schirmen; wer Gott fürchtet, vermag sein Reich zu schirmen. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging IV, 1,1.&amp;lt;/ref&amp;gt; steht:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Ich fürchte Gottes Majestät,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seine Gunst mir zu bewahren.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Das ist fürwahr ein großes Wort. Aber ich habe einen Fehler: ich liebe die Tatkraft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ich bitte Eure Hoheit, nicht kleinliche Tatkraft zu lieben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Auch hier wieder eine Instanz für die pädagogische Anpassung des Mong an die Äußerungen der Fürsten, die er beeinflussen will.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ans Schwert zu schlagen und mit wilden Blicken zu sprechen: wie darf der Kerl es wagen, mir entgegenzutreten! Das ist die Tatkraft des kleinen Mannes, der sich mit einem einzelnen herumschlägt. Ich bitte Eure Hoheit, die Sache größer zu fassen. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging III, 1,7, v. 5. Übersetzung von Strauß.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Der König, zürnend aufgefahren,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ordnung stellt er seine Scharen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu wehren eingedrung&#039;nen Scharen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dschous Wohl zu sichern vor Gefahren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und allem Reich entsprechend zu gebaren.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war die Tatkraft des Königs Wen. Der König Wen brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volke auf Erden Frieden zu geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Urkundenbuch&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schu Ging V, 1, Abschnitt 1, 7. Doch ist der Text bei Mong sehr stark abweichend.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Als der Himmel die Menschen geschaffen, da machte er ihnen Herrscher, da machte er ihnen Lehrer. Seine Absicht war, daß sie Gehilfen Gottes seien, darum verlieh er ihnen die Länder der Welt. Schuld oder Unschuld ruht allein auf ihnen. Wer wagt auf Erden ihren Willen zu mißachten?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß ein Tyrann als einzelner der ganzen Welt sich entgegensetze, empfand König Wu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;König Wu, der Sohn des Königs Wen von Dschou, der die Herrschaft über das Reich tatsächlich angetreten hat unter Beseitigung des Dschou Sin, des Tyrannen aus der Yindynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; als Schmach. Das war die Tatkraft des Königs Wu. Der König Wu brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben. Wenn nun Eure Hoheit auch nur ein einziges Mal zu zürnen braucht, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben, so wird das Volk nur darum besorgt sein, daß Eure Hoheit etwa die Tatkraft nicht lieben möchte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Im Schneepalast ===&lt;br /&gt;
Der König Süan von Tsi empfing den Mong Dsï im Schneepalast.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Ort dieses Palastes wird heute noch gezeigt in Tsingdschou-fu in Schantung. Ob mit Recht oder nicht, ist schwer zu entscheiden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Es gibt Leute, die tadeln ihre Herren, wenn sie selbst solche Dinge nicht haben können. Wer seinen Herren tadelt, weil er solche Dinge nicht bekommt, der ist zu tadeln. Ein Herr des Volkes aber, der seine Freuden nicht mit seinem Volke teilt, ist ebenfalls zu tadeln. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Freuden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Freuden. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Leiden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Leiden. Daß einer, der sich freut mit der ganzen Welt und leidet mit der ganzen Welt, nicht König der Welt würde, das ist noch nie geschehen ...«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im Folgenden kommt ein Abschnitt aus »Yän Dsï Tschun Tsiu« über eine Unterredung des Fürsten Ging von Tsi mit seinem Minister Yän Dsï, der hier wahrscheinlich interpoliert ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Das Lichtschloß. Liebe zum Besitz und zur Frauenschönheit ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Jedermann rät mir, das Lichtschloß&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ming Tang »die lichte Halle« am Fuße des Taischan war zur Dschouzeit als kaiserliches Absteigequartier und Audienzhalle erbaut. Außer diesem Lichtschloß gab es noch vier andere am Fuße der anderen heiligen Berge. Dort wurde auch der König Wen verehrt. Vgl. Hiau Ging. Der König von Tsi hatte den Platz erobert. Man riet ihm, das Lichtschloß abzureißen, einerseits um nicht einen Rest kaiserlicher Würde in seinen Grenzen zu haben, andererseits um nicht als Usurpator zu erscheinen, wenn er ein Kaiserschloß für sich benutze. Mong ist in letzterer Hinsicht ganz ohne Skrupel und weicht weit ab von Kung.&amp;lt;/ref&amp;gt; abzubrechen. Soll ich es nun abbrechen oder soll ich es sein lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Das Lichtschloß ist eines großen Königs Schloß. Wenn Eure Hoheit als König der Welt herrschen wollen, so braucht Ihr es nicht abzubrechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Darf man hören, wie man als König der Welt herrschen muß?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »König Wen herrschte einstens über das Land Ki. Da brauchten die Bauern nur ein Neuntel des Landes für ihn zu pflügen. Die Familien der Staatsdiener behielten ein dauerndes Einkommen. An den Grenzpässen und auf den Märkten wurde eine regelmäßige Aufsicht geübt, doch keine Abgaben erhoben. Fischfang und Jagd waren unbehindert. Verbrechen wurden nicht an den Angehörigen geahndet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann, der keine Gattin mehr hat, heißt ein Witwer; eine alte Frau, die keinen Gatten mehr hat, heißt eine Witwe; alte Leute ohne Söhne heißen Einsame; junge Kinder ohne Vater heißen Waisen. Diese vier sind die Elendesten unter allen Menschen, denn sie haben niemand, bei dem sie Hilfe suchen können. Der König Wen ließ bei der Ausübung der Herrschaft Milde walten. Darum sorgte er zuerst für diese Vier. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging II, 4, 8. v. 13 mit einer kleinen Abweichung.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Und halten&#039;s noch die Reichen aus, –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weh&#039;, wer allein steht und verlassen.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Fürwahr, trefflich sind diese Worte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn sie Eurer Hoheit trefflich scheinen, warum tut Ihr nicht danach?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich habe einen Fehler; ich liebe den Besitz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Herzog Liu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Herzog Liu war der eigentliche Begründer des Hauses Dschou.&amp;lt;/ref&amp;gt; liebte einst auch den Besitz. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging III, 11, 4. Übersetzung von Strauß.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es von ihm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Er sammelte, bewahrte auf,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörrfleisch, Getreide kam zuhauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Beuteln, Säcken hob man&#039;s auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Einung wollt er Ruhm erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewehrt mit Bogen und mit Pfeilen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Schilden, Speeren, Äxten, Beilen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macht er sich fertig, fortzueilen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hatten die Zurückbleibenden gefüllte Scheunen, und die Ausziehenden hatten Mundvorrat. Darauf erst konnte er sich daran machen, auszuziehen. Wenn Eure Hoheit den Besitz lieben, so teilt ihn mit Euren Leuten. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich habe noch einen Fehler; ich liebe die Frauenschönheit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Große König&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Abschnitt 15.&amp;lt;/ref&amp;gt; liebte einst auch die Frauenschönheit, und er war infolge davon seiner Gattin zugetan. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, 1, 3 v. 2. Übersetzung von Strauß. Dan Fu ist der Name des »Großen Königs«. Seine Frau war eine geborene Giang. Hier ist uns ein sehr lebhaftes Bild vom Eindringen der Dschou in China erhalten.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es von ihm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Altfürst Dan Fu, beim Morgengrauen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf flücht&#039;gem Roßgespann zu schauen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam längs der Westgewässer Auen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis an des Ki-Bergs untre Gauen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da kam er hin mit Giang, der Frauen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dort mit ihr sich anzubauen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jenen Zeiten gab&#039;s in den inneren Gemächern&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Empfehlung der Monogamie für einen Fürsten, wie sie in der chinesischen Literatur nicht häufig ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; keine unbefriedigten Frauen und draußen keine ledigen Männer. Wenn Eure Hoheit Frauenschönheit lieben, dann laßt Eure Leute auch ihr Teil haben. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Der König in Verlegenheit ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï redete mit dem König Süan von Tsi und sprach: »Wenn unter Euren Dienern einer ist, der Weib und Kind seinem Freunde anvertraute und auf Reisen ging in ferne Lande,&amp;lt;ref&amp;gt;Wörtlich: nach Tschu.&amp;lt;/ref&amp;gt; und wenn er heimkommt, da hat der andere seine Frau und Kinder frieren und hungern lassen: was soll mit jenem Mann geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Er soll verworfen werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn der Kerkermeister&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschou Li, Herbstbeamte, wo das Amt genannt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; nicht imstande ist, seinen Kerker in Ordnung zu halten, was soll mit ihm geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Er soll entlassen werden!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn Unordnung im ganzen Lande herrscht, was soll da geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König wandte sich zu seinem Gefolge&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Gefolge (die »Rechts und Links«) stand ein wenig hinter dem König, daher der Ausdruck »gu« = »nach rückwärts sehen«.&amp;lt;/ref&amp;gt; und redete von anderen Dingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Mitwirkung des Volks bei der Regierung ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn man von einem alten Reiche spricht, so meint man damit nicht, daß hohe Bäume drinnen sind, sondern daß es Diener hat, die ihre Erfahrung vererben. Eure Hoheit haben keine vertrauten Diener. Von denen, die gestern vor Euch standen, wußtet Ihr nicht, daß sie heute schon entlassen sein würden.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Umstellung der grammatikalischen Struktur: »gin jï bu dschï ki wang yä« für »bu dschï ki gin jï dschï wang«. Diese Umstellung kommt zuweilen vor.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wie konnte ich wissen, daß sie unfähig waren, so daß ich mich fern von ihnen hätte halten können?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Der Landesfürst muß die Würdigen befördern, gleich als könnte es gar nicht anders sein. Nur mit größter Vorsicht darf er einen Niedrigen einem Höheren vorziehen, einen Fremden einem Vertrauten vorziehen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Minister sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Leute im Reiche sagen: er ist würdig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er würdig ist, dann mag er ihn berufen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist unbrauchbar, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er unbrauchbar ist, dann mag er ihn entfernen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist des Todes schuldig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er des Todes schuldig ist, dann mag er ihn töten lassen. So heißt es dann, daß die Bürger ihn getötet haben. So nur vermag man Vater&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Vater und Mutter«.&amp;lt;/ref&amp;gt; seines Volkes zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 8. Verscherzte Königswürde ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Es heißt, daß Tang den König Giä verbannt; daß König Wu den Dschou Sin getötet habe. Ist das wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Geht das denn an, daß ein Diener seinen Fürsten mordet?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer die Liebe raubt, ist ein Räuber; wer das Recht raubt, ist ein Schurke. Ein Schurke und Räuber ist einfach ein gemeiner Kerl. Das Urteil der Geschichte lautet, daß der gemeine Kerl Dschou Sin hingerichtet worden ist; ihr Urteil lautet nicht, daß ein Fürst ermordet worden sei«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Aussprüche wie der vorliegende, die sehr radikal klingen, machen den Mong zum begünstigten Klassiker der Republik China. In Wirklichkeit liegt der Radikalismus mehr nur in der Ausdrucksweise. Sachlich ist die Bezeichnung des Dschou Sin als »gemeiner Kerl«, das heißt »Privatmann«, schon im Schu Ging vorgebildet. Über Tang und König Wu vgl. I, A, Anm. 4, und I, B, Anm. 14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 9. Notwendigkeit der Bildung als Vorbereitung für den Staatsdienst ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn Ihr ein großes Schloß bauen wollt, so laßt Ihr den Werkmeister sicher nach großen Bäumen suchen, und wenn der Werkmeister große Bäume findet, so seid Ihr zufrieden und haltet dafür, daß sie ihren Zweck erfüllen. Wenn dann beim Bearbeiten der Zimmermann sie zu klein macht, so werdet Ihr böse und haltet dafür, daß sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Wenn nun ein junger Mensch sich durch Lernen darauf vorbereitet, was er, erwachsen, ausüben will, und Eure Hoheit sprechen zu ihm: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹ Was ist davon zu halten? Angenommen, hier wäre ein kostbarer, aber noch roher Stein, er mag zweihunderttausend Lot&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Gewicht »I« wird teils = 20 Lot, teils = 24 Lot angegeben.&amp;lt;/ref&amp;gt; schwer sein, man müßte dennoch erst einen Steinschneider kommen lassen, um ihn zu schneiden und zu glätten. Wenn es sich aber um die Ordnung eines Reiches handelt, da sollte es angehen, zu sagen: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹? Was berechtigt dazu, es hier anders zu machen, als bei einem Edelstein, den man dem Steinschneider übergibt, um ihn zu schneiden und zu glätten?«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Lun Yü XI, 24. Der letzte Satz ist in der Form: »der Nephrit, nicht geglättet, wird kein Gerät« in den Dreizeichenklassiker, die chinesische Fibel der letzten Jahrhunderte, übergegangen. Auch hier heißt es statt »Edelstein« im Text wörtlich »Yü« = Nephrit, Jade.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 10. Wann darf man einen Staat annektieren? ===&lt;br /&gt;
Der Staat Tsi hatte den Staat Yän&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yän lag im Norden des Staates Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli.&amp;lt;/ref&amp;gt; angegriffen und besiegt. Da befragte der König Süan den Mong Dsï und sprach: »Die einen raten mir, den Staat Yän nicht zu annektieren, die anderen raten mir, es zu tun. Wenn ein Staat mit zehntausend Kriegswagen einen anderen gleich starken Staat angreift und ihn in fünfzig Tagen vollkommen in der Hand hat, so ist das ein Erfolg, der durch Menschenkraft allein nicht zu erreichen war. Annektiere ich ihn nicht, so wird sicher Unheil vom Himmel über mich&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Sinn ist: Daß ich mit Yän so leicht fertig geworden, das ist Gottes Finger; nehme ich den Staat nicht in Besitz, so widerstrebe ich Gottes Absicht und ziehe mir Unheil zu. Was also ist zu tun? Mong schiebt diese Anschauung zurück und stellt auch hier den Grundsatz der Volkssouveränität auf. Der Erfolg ist nur ein Zeichen der Mißstimmung des Volks von Yän gegen seinen Herrscher. Damit ist für die Frage der Berechtigung der Annexion nichts ausgesagt. Immerhin widerspricht Mong nicht in abstracto, weshalb er dann von manchen für die Handlungsweise von Tsi verantwortlich gemacht worden ist. Es handelt sich auch hier wieder um einen fehlgeschlagenen Versuch des Weisen, einem Fürsten durch seinen Rat zur Weltherrschaft zu verhelfen. Die Situation in Yän war wie folgt: Der offenbar törichte König Kuai wollte dem Großen Yau es gleich tun und gab den Thron an seinen schlechten Minister Dsï Dschï ab (314 v. Chr.). Die Unruhen, die infolge davon entstanden, benützte Tsi zu einem Überfall, der auch vollständig gelang, da die Bevölkerung von Yän auf der Seite von Tsi stand, von dem sie Befreiung erhoffte. Der Usurpator Dsï Dschï wurde in Stücke gehackt, der Ex-König Kuai getötet. Aber Tsi annektierte das Land und ließ sich viele Grausamkeiten zu Schulden kommen. Infolge davon kam es zu einem Aufstand der Bevölkerung von Yän, die übrigen Fürsten drohten sich einzumischen. Mong Dsï verließ Tsi 312 v. Chr.&amp;lt;/ref&amp;gt; kommen. Wenn ich ihn nun annektiere, was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Wenn das Volk von Yän mit der Annexion einverstanden ist, so mögt Ihr ihn annektieren. Auch im Altertum kam diese Handlungsweise vor. König Wu ist ein Beispiel dafür. Wenn das Volk von Yän mit der Annexion nicht einverstanden ist, so annektiert ihn nicht. Im Altertum kam auch diese Handlungsweise vor. König Wen ist ein Beispiel dafür. Ihr habt mit einem Staat von zehntausend Kriegswagen einen gleich starken Staat angegriffen, und seine Einwohner brachten Speise in Körben und Suppe in Töpfen Eurem Heer entgegen aus keinem anderen Grunde, als weil sie hofften, durch Euch von einer Not befreit zu werden, so schlimm wie Wasser und Feuer. Wenn Ihr nun noch tiefere Wasser und noch heißere Feuer über sie bringt, so wird die einfache Folge sein, daß sie auch von Euch sich abwenden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 11. Rücksicht auf das Volk des besiegten Staates ===&lt;br /&gt;
Der Staat Tsi hatte Yän angegriffen und annektiert. Da hielten die anderen Landesfürsten einen Rat, wie sie Yän zu Hilfe kämen. König Süan sprach: »Die Fürsten schmieden viele Pläne, mich anzugreifen. Wie soll ich ihnen begegnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ich habe wohl gehört, daß einer, der nur siebzig Meilen Land besaß, die Herrschaft über die ganze Welt in die Hand bekam. Tang ist ein Beispiel dafür. Ich habe noch nie gehört, daß einer mit tausend Meilen sich vor anderen fürchtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Buch der Urkunden heißt es:&amp;lt;ref&amp;gt;Schu Ging IV, II, 6. Der Text weicht etwas ab. Die hier erwähnte Geschichte ist dieselbe wie III, B, 5.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Sobald Tang begonnen hatte mit seinem Angriff auf Go, fiel alle Welt ihm zu. Wenn er sich nach Osten wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Westen unbefriedigt. Wenn er sich nach Süden wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Norden unbefriedigt. Sie alle sprachen: ›Warum nimmt er uns zuletzt dran?‹‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk sehnte sich nach ihm, wie man sich in großer Dürre nach Wolken und Regenbogen sehnt. Die Leute gingen auf den Markt wie gewöhnlich, die Bauern unterbrachen ihre Arbeit nicht. Er richtete wohl den Fürsten hin, aber tröstete das Volk. Wie wenn ein Regen zu seiner Zeit herniedergeht, also war das Volk hocherfreut. Im Buch der Urkunden heißt es: ›Wir harren unseres Herrn. Kommt unser Herr, so werden wir wieder leben‹.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hat der Herrscher von Yän sein Volk bedrückt, Eure Hoheit gingen hin und griffen ihn an. Das Volk war der Meinung, daß Ihr es retten wolltet aus Feuers- und Wassersnot. So brachten sie Essen in Körben und Suppe in Töpfen Euren Heeren entgegen. Aber wenn Ihr die kräftigen Männer tötet und die unmündigen Kinder in Bande legt; wenn Ihr den Reichstempel zerstört und seine kostbaren Geräte wegführt, wie sollte das hingehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Welt ist ohnehin in Furcht vor der Macht des Staates Tsi. Wenn Ihr nun abermals Euer Gebiet verdoppelt habt, ohne ein mildes Regiment einzuführen, so werden dadurch die Waffen der ganzen Welt gegen Euch in Bewegung gesetzt. Eure Hoheit mögen schleunigst den Befehl ausgeben, daß dem Staate Yän seine Gefangenen, alt und jung, zurückgeschickt werden und daß seine kostbaren Geräte an Ort und Stelle bleiben, darauf mit allem Volk von Yän beraten und ihm einen Fürsten setzen und dann es sich selbst überlassen. So wirds vielleicht noch möglich sein, das Unheil abzuwenden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 12. Wie man das Volk für seine Herren günstig stimmt ===&lt;br /&gt;
Der kleine Staat Dsou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsou ist der Heimatstaat des Mong, das heutige Dsou Hiän in Schantung. Die Begegnung fand vermutlich statt, als Mong auf dem Wege von We nach Tsi unterwegs seine Mutter in Dsou besuchte (319).&amp;lt;/ref&amp;gt; lag mit dem Staate Lu in Streit. Da befragte der Herzog Mu den Mong Dsï und sprach: »Dreiunddreißig meiner Beamten sind ums Leben gekommen, und unter dem Volke fand sich niemand, der für sie zu sterben bereit war. Will ich mit Hinrichtungen vorgehen, so kann ich mit Hinrichten gar nicht fertig werden. Stehe ich von Hinrichtungen ab, so denken die Leute, sie können schadenfroh zusehen, wie ihre Vorgesetzten getötet werden, ohne etwas für ihre Rettung zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »In üblen Jahren und Hungerszeiten, da sah es in Eurem Volke also aus, daß die Alten und Schwachen sich in den Straßengräben vor Hunger krümmten, während die Kräftigen zerstreut waren in alle Winde. Tausende waren in dieser Not, während in den fürstlichen Scheunen Korn die Fülle war und alle Vorratskammern und Schatzhäuser voll waren. Unter den Beamten war keiner, der Euch Bericht erstattet hätte. So rücksichtslos und grausam waren die Oberen gegen das niedere Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Dsong hat gesagt: ›Hüte dich, hüte dich! Was von dir ausgeht, fällt auf dich zurück.‹ Diesmal nun kam für das Volk der Tag der Vergeltung. Ihr, o Fürst, habt keinen Grund, Euch zu beklagen. Übt ein mildes Regiment aus, so wird das Volk anhänglich sein an seine Oberen und für seine Vorgesetzten in den Tod gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 13. Bis zum letzten Mann ===&lt;br /&gt;
Herzog Wen von Tong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tong war ein kleiner Staat zwischen Tschu im Süden und Tsi im Norden. Die hier und in den folgenden zwei Abschnitten genannten Unterhaltungen fallen wohl in das Jahr 300.&amp;lt;/ref&amp;gt; befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleines Land und liegt mitten zwischen den beiden Großstaaten Tsi und Tschu. Soll ich mich nun an Tsi anschließen oder an Tschu?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Diese Pläne sind zu hoch für mich. Doch wenn&#039;s nicht anders sein kann:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine&#039;&#039; Auskunft weiß ich: Macht Eure Gräben tiefer und Eure Wälle höher und verteidigt sie gemeinsam mit Eurem Volk bis zum letzten Atemzug. Wenn das Volk Euch nicht im Stiche läßt, so läßt sich das durchführen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 14. Ubi bene, ibi patria ===&lt;br /&gt;
Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Der Staat Tsi ist im Begriff, den Grenzort Süo zu befestigen. Ich bin in großer Sorge. Was ist zu machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der »Große König«, der Großvater des Königs Wen von Dschou. Vgl. zu dieser Geschichte den nächsten Abschnitt. Bin ist im Westen, der Aufenthaltsort der Dschous vor ihrer Niederlassung am Ki-Berge.&amp;lt;/ref&amp;gt; im Lande Bin. Die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle, da verließ er das Land und ließ sich nieder am Fuße des Ki-Berges. Nicht aus freiem Willen siedelte er sich dort an, sondern der Not gehorchend. Wenn einer wirklich das Gute tut, so wird unter seinen Söhnen und Enkeln sicher einer sein, der König der Welt wird. Der Edle sorgt dafür, eine Grundlage zu schaffen und seinen Nachkommen zu hinterlassen, auf der sich weiterbauen läßt. Ob das Werk vollendet wird, das steht beim Himmel. Was gehen Euch die anderen an? Seid stark im Guten. Das ist alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 15. Weichen oder Bleiben ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleiner Staat. Ich mag mir Mühe geben, wie ich will, um den großen Nachbarstaaten zu dienen, ich werde ihnen doch nicht entgehen. Was ist da zu machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König im Lande Bin, und die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle. Da brachte er ihnen Pelze dar und Seidenzeug, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Hunde dar und Pferde, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Perlen dar und Edelsteine, doch es half ihm nichts. Darauf versammelte er die Ältesten des Landes und teilte es ihnen mit. Er sprach: ›Was jene Wilden wollen, das ist mein Land. Ich habe sagen hören: Der Edle bringt nicht durch das, wodurch er die Menschen erhalten soll, die Menschen in Schaden. Meine Kinder, was tut&#039;s, wenn ihr nun keinen Herrn mehr habt? Ich will weggehen.‹ So verließ er Bin, überstieg den Berg Liang, baute eine Stadt am Fuße des Berges Ki und wohnte daselbst. Da sprachen die Leute von Bin: ›Das ist ein guter Mensch! den dürfen wir nicht verlieren.‹ Und sie folgten ihm nach in solchen Scharen, als ginge es zu einem Markte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder aber kann man sagen: ›Das Erbe der Vergangenheit muß für künftige Geschlechter gewahrt werden. Es ist nicht etwas, worüber der Einzelne frei verfügen könnte. Lieber sterben, als es preisgeben!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bitte Eure Hoheit, unter diesen beiden Möglichkeiten zu wählen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 16. Der Weise und der Günstling ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Ping von Lu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese mißglückte Begegnung mit dem Fürsten von Lu fällt in das Jahr 315. Nachdem Mong seine Mutter zum letztenmal im Jahre 318 in Tsi bei sich gesehen hatte, starb sie in Lu. Im Jahre 317 verließ Mong daher Tsi zum erstenmal wieder und ging nach Lu zur Beerdigung seiner Mutter. Dort blieb er der Sitte gemäß drei Jahre. Als die Trauerzeit zu Ende war, wollte der Fürst von Lu ihn auf den Rat seines Ministers Yüo Dschong, eines Schülers von Mong, aufsuchen, ohne jedoch seinem Günstling davon zu sagen. Der hatte die Sache jedoch bemerkt und wußte die Begegnung zu hintertreiben. Der Grund, daß Mong seine Mutter prächtiger beerdigte als seinen Vater (wörtlich: »Die zweite Beerdigung war prächtiger als die frühere«), ist nicht nur aus den hier gegebenen Instanzen nichtig, sondern vor allem, weil Mong beim Tode seines Vaters erst im dritten Jahre stand. Zu der Art, wie Mong sich mit dem Ereignis abfindet, vgl. Lun Yü VII, 22; IX, 5; XIV, 38.&amp;lt;/ref&amp;gt; war im Begriff auszufahren. Da trat sein Günstling Dsang Tsang bittend zu ihm und sprach: »Wenn Eure Hoheit sonst ausfuhren, so wieset Ihr immer Eure Beamter an, wohin Ihr wolltet. Heute ist der Wagen schon angespannt, und die Beamten wissen noch nicht, wohin es geht. Darf ich darnach fragen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Herzog sprach: »Ich bin im Begriff, den Meister Mong aufzusuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach: »Wahrlich, Ihr erniedrigt Euch mit Eurem Tun, indem Ihr einem gemeinen Manne entgegengeht. Denkt Ihr, er sei ein Weiser? Ordnung und Recht geht von den Weisen aus. Aber Meister Mong hat für seine Mutter mehr getrauert als für seinen Vater. Ihr müßt ihn nicht besuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Herzog sagte: »Gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da trat Yüo Dschong Dsï zu dem Fürsten hinein und sprach: »Warum wollen Eure Hoheit den Mong Ko nicht besuchen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach: »Es hat mir jemand gesagt, daß Meister Mong für seine Mutter mehr getrauert hat als für seinen Vater, darum ging ich nicht hin, ihn aufzusuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Was meinen Eure Hoheit denn mit diesem ›mehr‹? Hat er für seinen Vater getrauert wie für einen einfachen Gelehrten und für seine Mutter wie für einen Minister? Hat er für seinen Vater nur drei Opfergefäße aufgestellt und für seine Mutter fünf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Fürst sprach: »Nein, ich meine damit, daß der Sarg und Sarkophag, die Leichenkleidung und die Grabtücher schöner waren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Das ist nicht ein ›mehr‹ an Trauer; das zeigt nur, daß er erst arm war und später reich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yüo Dschong Dsï trat darauf vor Mong Dsï und sprach: »Ich habe dem Fürsten von Euch erzählt, und der Fürst wollte deshalb kommen, um Euch aufzusuchen. Aber unter seinen Günstlingen ist einer, namens Dsang Tsang, der hat den Fürsten verhindert. Darum ist der Fürst schließlich doch nicht gekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer geht, so ist immer einer da, der ihn veranlaßt. Wenn einer bleibt, ist immer einer da, der ihn verhindert. Aber Gehen oder Bleiben liegt nicht in der Macht der Menschen. Daß ich den Fürsten von Lu nicht getroffen habe, ist Fügung des Himmels. Wie hätte der Sohn Dsangs es bewirken können, daß ich ihn nicht getroffen habe!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch II. Gung-Sun Tschou ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt A: 1. Die Möglichkeit des Wirkens ===&lt;br /&gt;
Gung-Sun Tschou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gung-Sun Tschou war ein Schüler des Mong aus dem Staate Tsi. In Tong Dschou, Be Gung Tsun, ist sein Grab erhalten.&amp;lt;/ref&amp;gt; befragte den Mong Dsï und sprach: »Wenn Ihr, Meister, in Tsi die amtliche Laufbahn ergriffet, da wäre wohl eine Wiederholung der Taten eines Guan Dschung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Guan Dschung (I-Wu) war der Kanzler des Herzogs Huan von Tsi. Vgl. Lun Yü III, 22; XIV, 10, 17, 18; Liä Dsï V, 7; VI, 3; VII, 1, 7; Yän Dsï (Yän Ping Dschung), Zeitgenosse des Kung, Kanzler unter Herzog Ging von Tsi. Vgl. Lun Yü V, 16. Beides waren sozusagen Nationalhelden von Tsi.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Yän Dsï zu erhoffen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Du bist doch ein echter Mann aus Tsi. Kennst Guan Dschung und Yän Dsï und nichts weiter. Es fragte einmal jemand den Dsong Si:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsong Si ist nach den einen Kommentaren der Enkel, nach den anderen der zweite Sohn des Konfuziusschülers Dsong Dsï. Dsï Lu ist der wegen seines Mutes bekannte Konfuziusjünger, der in den »Gesprächen« häufig vorkommt.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Wer ist größer: Ihr oder Dsï Lu?‹ Da sprach Dsong Si bestürzt: ›Vor Dsï Lu hatte selbst mein Vater Respekt.‹ Jener fuhr fort: ›Wer ist größer: Ihr oder Guan Dschung?‹ Da stieg dem Dsong Si der Ärger ins Gesicht und er sprach unwillig: ›Wie magst Du mich mit Guan Dschung in eine Linie stellen? Dieser Guan Dschung: so völlig hat er seinen Fürsten in der Hand gehabt, so lange hat er die Staatsregierung geführt, und was er an Leistungen zustandegebracht hat, war so gering. – Wie magst Du mich mit dem in eine Linie stellen?‹ Du siehst nun, daß ein Dsong Si nicht gewillt war, die Rolle eines Guan Dschung zu spielen, und Du denkst, &#039;&#039;ich&#039;&#039; trachte darnach?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Guan Dschung verschaffte seinem Fürsten die Vorherrschaft. Yän Dsï verschaffte seinem Fürsten eine bedeutende Stellung. Und dennoch sollte es nicht der Mühe wert sein, es ihnen gleich zu tun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Als Herr von Tsi König der Welt zu werden, müßte im Handumdrehen möglich sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Wenn es sich also verhält, so mehren sich noch meine Bedenken. Da war König Wen, ein Mann voll Geist und Kraft. Er starb erst mit hundert Jahren. Dennoch gelang es ihm noch nicht, sich durchzusetzen in der Welt. Es bedurfte der Fortführung durch seine Söhne, den König Wu und den Herzog Dschou, ehe der große Wurf gelang. Wenn es aber so etwas Leichtes ist, König der Welt zu werden, so wäre es nicht der Mühe wert, den König Wen zum Vorbild zu nehmen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer wollte es dem König Wen gleichtun! Von Tang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.&amp;lt;/ref&amp;gt; bis auf Wu Ding&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.&amp;lt;/ref&amp;gt; waren sechs oder sieben würdige und heilige Herrscher an der Arbeit gewesen und die Welt war im Besitz des Hauses Yin seit langem. Lange dauernde Zustände lassen sich nur schwer ändern. Noch Wu Ding hatte die Fürsten an seinem Hof versammelt und besaß die Welt, als drehte sie sich in seiner Hand. Der Tyrann Dschou Sin war von Wu Ding zeitlich noch nicht weit entfernt. Noch waren die alten Familien, die früheren Sitten, die herrschenden Gebräuche, die guten Ordnungen vorhanden; noch gab es einen Grafen We,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der »Graf We«, We Dsï Ki, der älteste Sohn des Di Yi, des vorletzten Herrschers der Yindynastie. We Dschung Yän war sein zweiter Sohn. Da aber zur Zeit ihrer Geburt ihre Mutter noch Nebenfrau war, hatten sie kein Erbrecht. Dschou Sin, der dritte Sohn, der nach der Beförderung seiner Mutter zur Kaiserin zur Welt kam, folgte seinem Vater auf den Thron. We Dsï wurde später mit dem Staate Sung belehnt, damit die Opfer für die Ahnen der Yindynastie weitergeführt würden. Er hat dann seinem jüngeren Bruder We Dschung die Erbfolge hinterlassen, was der Erbfolgeordnung der Yin entsprach, im Gegensatz zu der Erbfolge der Erstgeborenen, die unter der Dschoudynastie üblich war. Der Prinz Bi Gan wurde wegen seiner Mahnungen getötet, um zu sehen, ob das Herz eines Heiligen wirklich sieben Öffnungen habe; der Graf von Ki, ein Onkel des Tyrannen, mußte sich wahnsinnig stellen. Giau Go war ein treuer Beamter der Yindynastie. Von den Genannten werden auch in Lun Yü XVIII, 1 We Dsï, Bi Gan und Ki Dsï als die drei Stützen der Yindynastie genannt.&amp;lt;/ref&amp;gt; einen We Dschung, einen Prinzen Bi Gan, einen Grafen Ki, einen Giau Go, alles würdige Männer, die mit vereinten Kräften jenem zur Seite standen. Darum dauerte es lange, ehe er die Weltherrschaft verlor. Jeder Zoll Erde war in seinem Besitz, jeder Bürger war sein Untertan. Außerdem hat König Wen mit einem Besitz von nur hundert Geviertmeilen angefangen. Darum hatte er so große Schwierigkeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi gibt es ein Sprichwort: ›Alle Klugheit und Weisheit ist umsonst, wenn man die Lage nicht zu nutzen weiß, gleichwie Pflug und Hacke nichts ausrichten, wenn man die rechte Zeit nicht trifft.‹ In jetziger Zeit ist das alles viel leichter. Die Herrscher der Häuser Hia, Yin und Dschou hatten zur Zeit ihrer größten Blüte nicht über tausend Meilen im Geviert Land. Tsi hat also das nötige Landgebiet. Man hört im ganzen Lande von einem Dorf&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ein Zeichen der dichten Bevölkerung. Vgl. Laotse, Taoteking, II, 80. Diese Verhältnisse treffen in Schantung heute noch zu.&amp;lt;/ref&amp;gt; zum andern den Hahnenruf und das Hundegebell. Tsi hat also auch die nötige Bevölkerung. Der Herr von Tsi bedarf keiner Vergrößerung seines Landes, keiner Vermehrung seines Volkes. Übt er ein mildes Regiment, so&lt;br /&gt;
wird er König der Welt, und niemand kann ihn hindern. Außerdem gab es noch keine Zeit, in der so selten ein wahrer Herrscher aufgestanden wäre wie in unsrer. Es gab noch keine Zeit, wo das Volk so sehr unter grausamem Regiment zu leiden hatte, wie in unserer. Ein Hungriger ist leicht zu speisen, ein Durstiger ist leicht zu tränken. Meister Kung hat gesagt: ›Geistiger Wert wird rascher bekannt als ein Befehl, der durch Postreiter verbreitet wird.‹ Wenn in heutiger Zeit ein Großstaat mildes Regiment übt, so ist das Volk erleichtert, wie wenn man einen, der mit dem Kopf nach unten aufgehängt&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschuang Dsï III, 4: »Lösung der Bande durch Gott«.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist, aus seiner Lage befreit. Darum könnte man im Dienst eines Mannes, der auch nur halbwegs den Alten gleicht, sicher die doppelten Ergebnisse zustandebringen. Es liegt einfach an der Zeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Die Ruhe des Gemüts ===&lt;br /&gt;
Gung-Sun Tschou fragte den Mong Dsï: »Wenn Ihr, Meister, ein hohes Amt in Tsi erhieltet, das Euch die Möglichkeit gäbe, Eure Lehren durchzuführen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn Ihr das Land aus seinem jetzigen Zustand zur Vorherrschaft oder selbst zum Königtum der Welt führtet. Werdet Ihr durch diese Aussicht in Eurem Gemüt bewegt oder nicht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Nein, seit meinem vierzigsten Jahr habe ich die Ruhe des Gemüts erreicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Da übertrefft Ihr ja den berühmten Mong Ben&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Ben war ein Held aus We. Es wird von ihm erzählt, daß er im Wasser vor keinem Drachen, auf dem Lande vor keinem Rhinozeros oder Tiger ausgewichen sei. Er war so stark, daß er einem Ochsen die Hörner ausreißen konnte.&amp;lt;/ref&amp;gt; noch weit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Das ist nicht schwer. Gau Dsï&amp;lt;ref&amp;gt;Über den Philosophen Gau Dsï, den Gegner des Mong, vgl. Buch VI, A, 1 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat sogar noch früher als ich die Ruhe des Gemüts erlangt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Gibt&#039;s einen Weg zur Ruhe des Gemüts?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja. Be-Gung Yu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Doppelname Be-Gung (Nordhausen) kommt sowohl in Tsi als in We vor. (Zum letzteren vgl. Dschuang Dsï XX, 3, Be-Gung Schä.) Der Sinn hier ist, daß dieser Be-Gung Yu so rasch war, empfangene Verletzungen zu vergelten, daß er nicht erst den natürlichen Reflexbewegungen des Schmerzes Raum gab. Vgl. dazu das Verhalten des Odysseus, als er von dem Freier Antinoos mit dem Schemel geworfen wird.&amp;lt;/ref&amp;gt; handelte also, um seine Tatkraft zu steigern: er rieb sich nicht erst die Haut, wenn er geschlagen ward, und zuckte nicht erst mit der Wimper. Sondern wenn ihm von jemand auch nur ein Haar gekrümmt ward, empfand er es so schimpflich, als wäre er auf offenem Markt geschlagen worden. Er ließ es sich nicht bieten von einem Bauern in härenem Gewand und ließ es sich ebensowenig bieten vom Fürsten eines großen Staates. Es galt ihm ganz gleich, den Fürsten eines großen Staates oder einen Menschen in härenem Gewand zu erstechen. Er hatte keine Scheu vor hohem Stand. Traf ihn ein übles Wort, er erwiderte es sicher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Schï Schä&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Schä oder Mong Schï Schä war vermutlich aus Tsi. Während Be-Gung Yu die Tapferkeit in der Überwindung aller äußeren Feinde sieht, sieht sie Mong Schä in der eigenen Furchtlosigkeit, unabhängig vom äußeren Erfolg. Der Vergleich mit den beiden Konfuziusjüngern Dsï Hia und Dsong Schen weist auf dieselbe Linie. Dsï Hia ist der Vertreter des »multa«, Dsong Sehen der des »multum«. In dem Wort des Kung, das Dsong Schen seinem Schüler gegenüber zitiert (nicht in Lun Yü), geht die Innerlichkeit des Mutes noch einen Schritt weiter zu seiner moralischen Berechtigung.&amp;lt;/ref&amp;gt; steigerte seine Tatkraft auf andere Art: er sprach: ›Siegen oder Nichtsiegen gilt mir gleich. Wollte man erst den Feind abschätzen, ehe man drauf geht; wollte man sich um den Sieg bekümmern, ehe man ins Treffen geht; da müßte man vor einem großen Heer sich scheuen. Ich vermag nicht unter allen Umständen zu siegen. Was ich vermag, ist, keine Furcht zu kennen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Schï Schä war wie Meister Dsong; Be-Gung Yu war wie Dsï Hia. Welcher von diesen beiden Meistern die bessere Tatkraft hätte, wüßte ich nicht. Doch verstand Mong Schï Schä besser die Beschränkung aufs Wichtigste, nämlich die eigene Gesinnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Dsong sagte einst zu seinem Schüler Dsï Siang: ›Du liebst die Tatkraft? Ich habe einst vom Meister Kung etwas gehört, wie man zu großer Tatkraft kommt: ›Wenn ich mich prüfe und bin nicht im Recht, könnte ich dann, selbst wenn mein Gegner nur ein Bauer im härenen Gewand ist, ihm furchtlos gegenübertreten? Wenn ich mich prüfe und ich bin im Recht, so trete ich auch Hunderttausenden entgegen.‹‹ Mong Schï Schä wahrte wohl seine Kraft, aber Meister Dsong verstand es noch besser, sich auf das Allerwichtigste – sein Gewissen – zu beschränken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich etwas Näheres erfahren über Eure Art der Ruhe des Gemüts und die des Gau Dsï?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Gau Dsï hatte den Grundsatz: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen. Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen.‹ Der Satz: ›Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen‹ geht an. Der andere Satz aber: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen‹ ist unzulässig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wille ist der Leiter der Lebenskraft, die Lebenskraft durchdringt den Leib. Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach. Darum heißt es: ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Wie sind die beiden Sätze: ›Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach‹ und ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹ zu vereinigen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ist der Wille gesammelt, so bewegt er die Lebenskraft. Ist die Lebenskraft gesammelt, so bewegt sie ihrerseits den Willen. So ist hastiges Laufen eine Äußerung der Lebenskraft, aber es wirkt zurück und erregt das Gemüt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, worin Ihr jenem überlegen seid, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich kenne mich aus in den Worten der Menschen, und ich verstehe es, meine flutende Lebenskraft durch das Gute zu steigern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, was mit der flutenden Lebenskraft gemeint ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Darüber läßt sich schwer reden. Was man unter Lebenskraft versteht, das ist etwas höchst Großes, höchst Starkes. Wird sie durch das Rechte genährt und nicht geschädigt, so bildet sie die Vermittlung zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt. Was man unter Lebenskraft versteht, gehört zusammen mit der Pflicht und mit dem Sinn des Lebens. Ohne diese beiden muß sie verkümmern. Sie ist etwas, das durch dauernde Pflichtübung erzeugt wird, nicht etwas, das man durch eine einzelne Pflichthandlung an sich reißen könnte. Wenn man bei seinen Handlungen sich nicht innerlich wohlfühlen kann, so muß jene Kraft verkümmern. Darum sage ich, daß Gau Dsï das Wesen der Pflicht nicht versteht, weil er sie für etwas Äußerliches hält. Sicherlich bedarf es – zur Pflege der Lebenskraft – der Arbeit, aber man soll dabei nicht nach dem Erfolg schielen. Das Gemüt soll das Ziel nicht vergessen, aber dem Wachstum nicht künstlich nachhelfen wollen. Man darf es nicht machen wie jener Mann aus Sung. Es war einmal ein Mann in Sung, der war traurig darüber, daß sein Korn nicht wuchs, und zog es in die Höhe. Ahnungslos kam er nach Hause und sagte zu den Seinigen: Heute bin ich müde geworden, ich habe dem Korn beim Wachsen geholfen. Sein Sohn lief schnell hinaus, um nachzusehen, da waren die Pflänzchen alle welk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt wenige Leute auf der Welt, die nicht dem Korn beim Wachsen helfen wollen. Es gibt Leute, die denken, es komme nichts dabei heraus, und sich gar nicht um die ganze Sache kümmern. Die gleichen denen, die das Korn nicht von Unkraut säubern wollten. Die aber, die dem Korn beim Wachstum helfen wollten, nützen ihm nicht nur nichts, sondern schädigen es sogar.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Kommentatoren sind unter sich uneins, in welchem Sinne die Aussprüche des Gau Dsï gemeint sind. Die älteren fassen sie mit Beziehung auf die anderen: »Wenn ich Worte höre, die mir nicht angenehm sind, so frage ich nicht, wie sie gemeint sind; wenn ich einer Gesinnung begegne, die mir nicht freundlich ist, so frage ich nicht darnach, mit welcher Kraft sie sich äußert.« Die späteren Kommentare fassen es subjektiv: »Wofür ich keinen Ausdruck finde, danach suche ich nicht in meinem Herzen (ich lege es einfach beiseite). Was ich in meinem Herzen nicht erreiche, an dessen Erreichung setze ich nicht meine animalische Kraft.« Für die zweite Auffassung spricht die Art, wie Gau Dsï in VI, A die Sätze, die er dem Mong Dsï gegenüber nicht durchbehaupten kann, einfach fallen läßt. Die ganze Abhandlung ist wohl ein Versuch des Mong Dsï, sich über das taoistische Problem der Pflege des Lebens von seinem Standpunkt aus zu äußern. Auf die Taoisten mit ihrem »Nichthandeln« geht die Bemerkung über die Leute, die bei der Pflege der Lebenskraft gar nichts tun, wie die, die das Unkraut wachsen lassen. Andererseits bringt er gegen Leute wie Gau Dsï die Geschichte von dem Mann aus Sung – dem Land der Parabeln (vgl. Liä Dsï und Dschuang Dsï) – der dem Getreide beim Wachsen helfen will. Das Problem, über das zu reden dem Mong Dsï nicht besonders leicht gefallen zu sein scheint, ist das Verhältnis von Geist und psychischer Energie. Die Pflege dieser Kraft geschieht durch moralisches Leben und zwar nicht durch einzelne Handlungen, sondern einen gewohnheitsmäßigen, zum Charakter sich entwickelnden Habitus. Dieses gewohnheitsmäßige pflichtmäßige Handeln entspricht aber eben der inneren guten Anlage, ist dem Menschen naturgemäß. Es ist nicht, wie Gau Dsï das auffaßt, etwas Willkürliches.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Was heißt, sich auskennen in den Worten der Menschen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Höre ich einseitige Reden, so merke ich, was sie verdecken. Höre ich ausschweifende Reden, so merke ich, welche Fallen sie stellen. Höre ich falsche Reden, so merke ich, wovon sie abweichen. Höre ich ausweichende Reden, so merke ich, aus welcher Verlegenheit sie kommen ...«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Text ist hier offenbar etwas verderbt, wie die aus III, B, 9 in den Zusammenhang versprengten Worte zeigen. Außer diesen Worten findet sich noch folgender Passus: »Dsai Wo und Dsï Gung waren geschickt im Reden; Jan Niu, Min Dsï und Yän Yüan sprachen gut und handelten tugendhaft. Meister Kung vereinigte die Eigenschaften der Schüler, und dennoch sagte er: ›Im Reden bin ich nicht geschickt‹.« Die genannten Namen sind die der bekanntesten Konfuziusjünger, die in Lun Yü häufig vorkommen. Die Kommentatoren sind sich darüber uneinig, ob diese Worte von Mong Dsï oder, was besser in den Zusammenhang paßt, von Gung-Sun Tschou gesprochen werden. Übrigens bergen sie auch textliche Unklarheiten, weshalb wir es vorgezogen haben, sie aus dem Zusammenhang zu streichen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Da seid Ihr ja wohl ein Heiliger, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ach, was sind das für Worte! Dsï Gung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses Gespräch findet sich in dieser Form nicht in den Lun Yü. Doch vergleiche man Lun Yü VII, 2 und 33, wo vielleicht nur eine andere Version desselben Überlieferungsstoffes vorliegt. Solche Vergleiche sind übrigens sehr interessant, weil sie einen Blick eröffnen in den Zustand der konfuzianischen Schultradition vor der schriftlichen Fixierung.&amp;lt;/ref&amp;gt; fragte einst den Meister Kung: ›Seid Ihr ein Heiliger, Meister?‹ Da erwiderte Meister Kung: ›Ein Heiliger zu sein, geht über meine Kraft. Ich strebe ohne Überdruß und lehre ohne zu ermüden.‹ Dsï Gung sagte darauf: ›Streben ohne Überdruß ist Weisheit, Lehren ohne zu ermüden ist Güte. Ihr vereinigt Weisheit und Güte, da seid Ihr wirklich ein Heiliger, Meister.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht einmal Meister Kung verweilte bei dem Gedanken, ein Heiliger zu sein! Was sind das für Worte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler fuhr fort: »Ich habe einst sagen hören, Dsï Hia, Dsï Yu und Dsï Dschang&amp;lt;ref&amp;gt;Über die hier genannten Jünger Kungs vgl. Lun Yü XI, 2.&amp;lt;/ref&amp;gt; hätten jeder ein Stück von einem Heiligen besessen, Jan Niu,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Min Dsï und Yän Yüan hätten jeder alle Stücke eines Heiligen gehabt, aber in kleinem Maßstäbe. Darf ich fragen, zu welchen Ihr Euch rechnet, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Lassen wir das!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler fragte: »Was ist von Be-I und I-Yin zu halten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Sie gingen verschiedene Wege. Be-I &amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Be I und Schu Tsi, die beiden Prinzen von Gu Dschu aus dem Ende der Yindynastie, starben Hungers auf dem Schou-Yang-Berge 1122 v. Chr. I Yin, der Minister des Vollenders Tang, des Begründers der Yindynastie, und seines Enkels und Nachfolgers Tai Gia starb 1720 v. Chr.&amp;lt;/ref&amp;gt; hatte den Grundsatz: Wer nicht sein Fürst war, dem diente er nicht; wer nicht sein Untertan war, von dem wollte er nichts. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so zog er sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
I-Yin hatte den Grundsatz: Wem ich diene,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;ch: »Wie sollte der, dem ich diene, nicht mein Fürst sein?«&amp;lt;/ref&amp;gt; der ist mein Fürst; wen ich brauche, der ist mein Untertan. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so stellte er sich gleichfalls ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung hatte den Grundsatz: Wenn es recht war, ein Amt zu haben, so übernahm er das Amt. Wenn es recht war, aufzuhören, so hörte er auf. Wenn es recht war, zu warten, so wartete er. Wenn es recht war, zu eilen, so eilte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie alle waren Heilige der alten Zeit. Und ich fühle mich nicht imstande, es ihnen gleichzutun. Aber was ich möchte, das ist, von Meister Kung lernen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Sind also Be-I und I-Yiri dem Meister Kung gleichzustellen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Nein, seit Menschen auf Erden leben, hat es noch nie einen gegeben wie Meister Kung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Hatten sie dann wenigstens mit ihm gemeinsame Züge?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja. Sie alle wären imstande gewesen, wenn sie auch nur ein kleines Land von hundert Meilen im Geviert zu beherrschen gehabt hätten, die Fürsten des Reiches um sich zu versammeln und die Weltherrschaft zu erlangen. Aber die Erlangung der Weltherrschaft durch eine einzige ungerechte Tat, durch Tötung eines einzigen Unschuldigen zu erkaufen, das würden sie alle verschmäht haben. Darin stimmen sie mit ihm überein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, wodurch er sich von ihnen unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Die Jünger Dsai Wo, Dsï Gung und Yu Jo besaßen genügende Weisheit, um einen Heiligen zu erkennen. So hoch sie ihn auch schätzen mochten, sie würden sich nie dazu herbeigelassen haben, ihm aus persönlicher Vorliebe Schmeichelhaftes nachzusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsai Wo nun sagte: ›Meiner Ansicht nach ist unser Meister weit würdiger als Yau und Schun.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsï Gung sprach: ›An den Lebensordnungen, die einer geschaffen, erkennt man seine Regierungsart, aus der Musik, die einer geschaffen, hört man sein geistiges Wesen heraus. Wenn man nach Hunderten von Geschlechtern unter diesem Gesichtspunkt die Könige der Vorzeit vergleichend nebeneinanderstellt, wird keiner diesem Maßstab entgehen: Seit Menschen auf Erden leben, hat es niemand gegeben wie unsern Meister.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yu Jo sprach: ›Er sollte nur ein gewöhnlicher Mensch sein? Wenn das Kilin mit den Tieren, der Phönix mit den Vögeln, der Große Berg mit Hügeln und Ameisenhaufen, wenn der Gelbe Fluß und das Meer mit Straßengräben von derselben Art sind, so ist auch der Heilige mit den gewöhnlichen Menschen von derselben Art. Unter allen, die ihre Artgenossen übertrafen und hervorragten über die allgemeine Oberfläche, war keiner so groß wie Meister Kung‹«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zu der Verehrung des Meisters Kung vgl. Maß und Mitte (Dschung Yung) 30-32; Lun Yü XIX, 23-25. Um diese Hochschätzung zu verstehen, muß man die Stellung Kungs im Mittel- und Wendepunkt der chinesischen Kultur in Betracht ziehen. Diese Aussprüche des Mong Dsï zeigen aber auch, wie verkehrt die neuerdings hervortretenden Bestrebungen sind, den Mong Dsï auf Kosten Kung Dsïs zum Nationalheiligen zu stempeln.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Herrschaft der Gewalt und des Geistes ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer sich auf Gewalt stützt und äußerlich Milde heuchelt, wird Führer der Fürsten. Er muß aber ein großes Reich besitzen. Wer sich auf Geisteskräfte stützt und Milde übt, wird König der Welt. Ein König hängt nicht ab von der Größe seines Reichs. Tang hatte siebzig Meilen im Geviert, der König Wen hatte hundert. Wer durch Gewalt die Menschen unterwirft, der unterwirft sie nicht in ihren Herzen, sondern nur weil sie ihm nicht an Gewalt gewachsen sind. Wer durch Geisteskräfte sich die Menschen unterwirft, dem jubeln sie im Herzen zu und sind ihm wirklich untertan, wie die 70 Jünger&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siebenzig ist die traditionelle Zahl der Jünger Kungs.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Meister Kung untertan waren. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Von Aufgang und von Niedergang,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von Mittag und von Mitternacht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ward nur auf Huldigung gedacht‹.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, I, 9 v. 6 bezieht sich dort auf die Könige Wen und Wu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Die Quelle von Glück und Unglück ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Milde bringt Ehre, Härte bringt Schmach. Wer nun die Schmach haßt und dennoch bei der Härte verweilt, der gleicht dem Menschen, der Feuchtigkeit haßt und dennoch in den Niederungen weilt. Wenn man die Schmach haßt, so gibt&#039;s nichts Besseres, als Geisteskraft schätzen und die Gebildeten ehren. Wenn die Würdigen auf dem Platze&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sind und die Fähigen im Amt, bekommt Staat und Familie Muße. Wer unter diesen Verhältnissen Verwaltung und Gesetz in Klarheit bringt, den werden auch Großmächte scheuen. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging I, XV, 2 v. 2, mit leichter Abweichung im Text. Dort von einem kleinen Vogel gesagt, der vorsorglich sein Nest instand setzt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Bevor am Himmel schwarz die Regenwolken hingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sah man mich Maulbeerfasern bringen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und fest um Tür und Fenster schlingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und jetzt, du niedriges Geschlecht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wagt Einer Schmach auf mich zu bringen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung sprach: ›Der dies Lied gemacht, der weiß den rechten Weg. Wer Land und Haus in Ordnung bringen kann, wer wird auf den Schmach zu bringen wagen?‹ Wenn nun aber Staat und Familie Muße haben und man benützt diese Zeit, um sich dem Vergnügen und der Untätigkeit hinzugeben, so heißt das, selbst das Unglück herbeiziehen. Glück und Unglück wird alles von den Menschen selber herbeigezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist damit gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, I, 1 v. 6. Leider war hier die Übersetzung von Strauß unbrauchbar.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in dem Abschnitt Tai Gia im Buch der Urkunden,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schu Ging IV, V, II, 3. Tai Gia ist der Enkel und Nachfolger Tangs.&amp;lt;/ref&amp;gt; wo es heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Schickt der Himmel Unheil, das läßt sich abwenden. Bringt man selbst Unheil über sich, so kommt man nicht mit dem Leben davon.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Fünf Wege zum Frieden und zur Weltherrschaft ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer die Würdigen ehrt und die Fähigen anstellt, so daß die Besten und Weisesten im Amte sind, so sind alle Ritter&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die »Ritter« (Schï), lat. Equites, sind die Beamtenklasse. Es sind Leute, die sich nie von Leier und Schwert trennen, die gentlemen des alten China.&amp;lt;/ref&amp;gt; auf Erden froh und wünschen an seinem Hofe Dienst zu tun. Wenn einer die Märkte zwar beaufsichtigen läßt,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hier scheint der Text nicht in Ordnung zu sein, da zwei einander entgegengesetzte Besteuerungsarten vorgeschlagen sind, 1. Gebäudesteuer (tschen) ohne Warensteuer (dschang), 2. Platzsteuer (fa) ohne Gebäudesteuer (tschen). Vgl. I, B, 5, und I, A, 7.&amp;lt;/ref&amp;gt; aber keine Grundsteuer erhebt, so sind alle Kaufleute auf Erden froh und wünschen auf seinen Märkten ihre Güter zu stapeln. Wenn einer an den Pässen die Durchreisenden&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Dschou Li XV, 11, wurde die Abgabe an den Pässen nur in schlechten Jahren erlassen. Möglicherweise ist hier der Text in Dschou Li korrupt.&amp;lt;/ref&amp;gt; zwar aufschreiben läßt, aber keine Abgaben von ihnen erhebt, so sind alle Wanderer auf Erden froh und wünschen auf seinen Straßen zu wandern. Wenn einer die Bauern zu gegenseitiger Hilfe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nämlich bei der Bestellung des für den Fürsten ausgesonderten öffentlichen Landes. Es handelt sich hier um die Fron, die die Bauern von acht benachbarten Feldern auf dem neunten, königlichen, zu leisten hatten.&amp;lt;/ref&amp;gt; anhält, aber keine Steuern von ihnen erhebt, so sind alle Bauern auf Erden froh und wünschen auf seinen Fluren zu pflügen. Wenn einer von denen, die Gebäudesteuer&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Sinn ist dunkel. Es handelt sich wohl darum, daß die Kaufleute, welche Gebäudesteuern (tschen) bezahlten und nicht das Feld bebauen konnten, nicht auch noch zu den Strafsteuern für nachlässige Bauern herangezogen werden sollten.&amp;lt;/ref&amp;gt; zahlen, nicht auch noch Kopfsteuer und Fronleistungen verlangt, so ist alles Volk auf Erden froh und wünscht sein Volk zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn einer wirklich diese fünf Stücke durchführt, so blickt das Volk der Nachbarstaaten zu ihm empor wie zu Vater und Mutter. Vater und Mutter aber angreifen zu lassen durch ihre Kinder, das ist etwas, das, seit es Menschen gibt auf Erden, noch niemand fertig gebracht hat. Darum hat er keinen Feind auf Erden. Wer keinen Feind auf Erden hat, ist Gottes Knecht.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Des Himmels Diener (tiän li).«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß ein solcher nicht König der Welt würde, ist noch niemals vorgekommen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Das Mitleid ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Jeder Mensch hat ein Herz, das anderer Leiden nicht mit ansehen kann.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. I, A, 7. Dieses Mitleid ist nach Mong die natürliche Grundlage aller Tugenden, die angeborene Güte menschlicher Natur.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Könige der alten Zeit zeigten ihre Barmherzigkeit darin, daß sie barmherzig waren in ihrem Walten. Wer barmherzigen Gemüts barmherzig waltet, der mag die beherrschte Welt auf seiner Hand sich drehen lassen. Daß jeder Mensch barmherzig ist, meine ich also: Wenn Menschen zum erstenmal ein Kind erblicken, das im Begriff ist, auf einen Brunnen zuzugehen, so regt sich in aller Herzen Furcht und Mitleid. Nicht weil sie mit den Eltern des Kindes in Verkehr kommen wollten, nicht weil sie Lob von Nachbarn und Freunden ernten wollten, nicht weil sie üble Nachrede fürchteten, zeigen sie sich so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier aus gesehen, zeigt es sich: ohne Mitleid im Herzen ist kein Mensch,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Übersetzung: »Wer kein Mitleid im Herzen hat, der ist kein Mensch (sondern ein Tier)«, nach der es sich um eine Beschimpfung anders Gearteter handelte, ist nicht dem Text bei Mong entsprechend.&amp;lt;/ref&amp;gt; ohne Schamgefühl im Herzen ist kein Mensch, ohne Bescheidenheit im Herzen ist kein Mensch, ohne Recht und Unrecht im Herzen ist kein Mensch, Mitleid ist der Anfang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;»duan« Anfang, hier soviel wie »die Möglichkeit«, das »potentielle« Vorhandensein.&amp;lt;/ref&amp;gt; der Liebe, Schamgefühl ist der Anfang des Pflichtbewußtseins, Bescheidenheit ist der Anfang der Sitte, Recht und Unrecht unterscheiden ist der Anfang der Weisheit. Diese vier Anlagen besitzen alle Menschen, ebenso wie sie ihre vier Glieder besitzen. Wer diese vier Anlagen besitzt und von sich behauptet, er sei unfähig, sie zu üben, ist Räuber an sich selbst. Wer von seinem Fürsten behauptet, er könne sie nicht üben, ist ein Räuber an seinem Fürsten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer diese vier Anlagen in seinem Ich besitzt und sie alle zu entfalten und zu erfüllen weiß, der ist wie das Feuer, das angefangen hat zu brennen, wie die Quelle, die angefangen hat zu fließen. Wer diese Anlagen erfüllt, der vermag die Welt zu schirmen, wer sie nicht erfüllt, vermag nicht einmal seinen Eltern zu dienen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Wichtigkeit des Berufs ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Warum sollte ein Pfeilmacher an sich weniger Liebe haben als ein Panzerschmied? Aber der Pfeilmacher muß darauf bedacht sein, die Menschen zu verletzen, ein Panzerschmied muß darauf bedacht sein, die Menschen vor Verletzungen zu schützen. Ebenso steht es mit dem Gesundbeter und dem Sargmacher.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das chinesische Wort »dslang« bedeutet an sich nur Handwerker, hier nach Dschau Ki prägnant gemeint.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum ist die Wahl des Berufes etwas, das wohl beachtet werden muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung sprach: ›Gute Menschen machen die Schönheit eines Platzes aus. Wer die Wahl hat und nicht unter guten Menschen weilt, wie kann der wirklich weise genannt werden?‹&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Lun Yü IV, 1. Wie in der Anmerkung dort bereits bemerkt, hat Mong Dsï eine andere Auffassung. Er faßt li (sonst = Platz, Wohnort) = gü verweilen. Der Sinn des Ganzen wäre demnach: »Bei einer Lebensstellung ist die Möglichkeit zur Betätigung der Liebe das Schönste. Wer die Wahl hat und nicht einen Beruf wählt, in dem er Liebe üben kann, wie kann der weise genannt werden?« Vgl. die folgende Erklärung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebe ist der höchste göttliche Adel und der Menschen friedliches Heim. Unbehindert von außen nicht die Liebe erstreben, das ist Mangel an Weisheit. Ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne Sitte, ohne Pflichtgefühl – so sind die Sklaven. Sklave sein und sich der Sklaverei schämen, ist, wie wenn ein Bogenmacher sich des Bogenmachens schämte, oder ein Pfeilmacher sich des Pfeilmachens schämte. Wer Scham empfindet, tut am besten, Liebe zu üben. Der gütige Mensch macht&#039;s wie der Schütze.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. die Bemerkungen Kungs über das Bogenschießen in Lun Yü III, 7, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Schütze nimmt sich erst zusammen, dann schießt er los. Hat er geschossen und nicht getroffen, so grollt er nicht dem Sieger, sondern sucht die Schuld allein bei sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 8. Gemeinschaft im Guten ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Dsï Lu freute sich, wenn man ihm seine Fehler sagte. Yü verneigte sich, wenn er gute Worte hörte. Der Große Schun war noch größer als diese: er verstand es, mit andern sich zusammenzuschließen im Gutestun.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die grammatikalische Struktur ist ziemlich diffizil. Der Sinn ist unzweifelhaft der, daß der Konfuziusjünger Dsï Lu zwar dem Guten nachstrebte, aber dabei noch die eigene Person im Auge hatte, der Große Yü die der anderen, und daß für Schun sozusagen das Gute die Lebensluft war, in der er mit den anderen gemeinsam lebte. Der Unterschied von Mein und Dein fiel hierin für ihn weg. Er trat mit seiner Person zurück und förderte dadurch die Aktivität der anderen im Guten. Die Sage berichtet von seiner Anziehungskraft auf die Menschen, daß, wo er sich niederließ, sei es auf dem Li-Berge zum Pflügen, sei es am Gelben Fluß als Töpfer, sei es am Donnersee zum Fischen, in seiner Umgebung immer Städte entstanden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verleugnete sich selbst und richtete sich nach den andern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freudig anerkannte er, was sich bei andern an Gutem fand. Von den Zeiten an, da er noch hinter dem Pfluge ging, da er Gefäße formte und Fischfang trieb, bis zu der Zeit, da er Herrscher ward: immer hat er die andern anerkannt. Wer anerkennt, was er bei andern an Gutem findet, der fördert sie im Guten. Darum kennt der Edle nichts Größeres als andere zu fördern im Guten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 9. Verschiedene Heiligkeit: Be-I und Liu Hia Hui ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Be-I diente niemand, der nicht sein Fürst war; wer nicht sein Freund war, mit dem verkehrte er nicht. Er ging nicht an den Hof eines schlechten Fürsten und redete nicht mit schlechten Menschen. An eines schlechten Fürsten Hof zu kommen, mit einem schlechten Menschen zu reden, wäre ihm ebenso arg gewesen, als mit Feierkleidung angetan in Kot und Asche zu sitzen. So weit ging er in seinem Hasse des Gemeinen, daß, wenn er mit einem Bauern auf der Straße reden wollte und er sah, daß dessen Hut nicht richtig saß, er ihn stehen ließ, ohne ihn zu beachten – gleich als würde er dadurch befleckt. Wenn ihm Fürsten auch die schönsten Anerbietungen machten: er nahm sie nicht an. Der Grund, warum er sie nicht annahm, war auch, daß es ihm nicht reinlich dünkte, hinzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liu Hia Hui&amp;lt;ref&amp;gt;Über Liu Hia Hui vgl. Lun Yü XV, 13; XVIII, 2, 8.&amp;lt;/ref&amp;gt; schämte sich nicht eines unreinen Fürsten; ein niedriges Amt schien ihm nicht zu gemein. Wurde er befördert, so verdunkelte er nicht verdienstvolle Männer und ließ nicht ab von seinem Wege. Wurde er vernachlässigt und abgesetzt, so murrte er nicht, kam er in Gefahr und Mißerfolg, so regte er sich nicht auf. So sprach er: ›Du bist du, ich bin ich. Wenn du auch nackt und bloß an meiner Seite stehst, wie kannst du mich beflecken?‹ Darum verkehrte er ganz harmlos mit solchen Menschen, ohne sich selbst zu verlieren. Hielt man ihn zurück, so blieb er. Der Grund, warum er blieb, wenn man ihn zurückhielt, war, daß er es nicht für Pflicht der Reinlichkeit hielt, zu gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Be-I war zu beschränkt, Liu Hia Hui war zu gleichgültig. Beschränktheit und Gleichgültigkeit ist, was der Edle meidet.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt B: 1. Bedingungen des Siegs ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Die Gunst der Zeit&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Die Zeit des Himmels kommt dem Vorteil der Erde nicht gleich. Der Vorteil der Erde kommt der Einigkeit der Menschen nicht gleich.« Es handelt sich wohl um ein altes Sprichwort, das auch von We Liau und Sün Dsï zitiert wird. Mong Dsï macht die Anwendung auf die Bedingungen, die wichtig sind zur Erlangung der Weltherrschaft.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist nichts gegen den Vorteil der Lage. Der Vorteil der Lage ist nichts gegen die Einigkeit der Menschen. Gesetzt: eine kleine Stadt, drei Meilen im Geviert, und eine Vorstadt von sieben&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Kommentare bemerken, daß hier wohl ein Irrtum vorliege. Die Vorstadt einer Stadt von drei Meilen (Li) könne höchstens fünf Meilen groß sein.&amp;lt;/ref&amp;gt; Meilen wird wohl belagert und bestürmt, doch wird sie nicht eingenommen. Um sie belagern und angreifen zu können, muß man die Gunst der Zeit auf seiner Seite haben; nimmt man sie dennoch nicht, so kommt es daher, weil die Gunst der Zeit nichts hilft gegen den Vorteil der Lage. Gesetzt: alle Mauern seien hoch, alle Gräben seien tief, Wehr und Waffen seien stark und scharf, die Kornvorräte seien alle reichlich, und doch muß man den Platz aufgeben und ihn räumen, so kommt es daher, weil der Vorteil der Lage nichts hilft gegen die Einigkeit der Menschen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum heißt es: Ein Volk läßt sich nicht abschließen durch stark bewachte Grenzen. Ein Reich ist nicht fest durch die Steilheit von Berg und Tal. Die Welt wird nicht in Scheu gehalten durch die Schärfe von Waffen und Wehr. Wer auf rechtem Wege wandelt, der findet viele Hilfe, wer den rechten Weg verloren, dem helfen wenige. Von wenigen unterstützt zu sein führt schließlich dazu, daß die eignen Verwandten abfallen. Von vielen unterstützt zu sein führt schließlich dazu, daß die ganze Welt gehorcht. Wenn einem der Gehorsam der ganzen Welt zur Seite steht und seinem Gegner selbst die Verwandten untreu werden: es gibt wohl Edle, die auch dann noch vom Kampfe abstehen;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Anspielung auf den König Wen.&amp;lt;/ref&amp;gt; kämpfen sie aber, so ist der Sieg ihnen sicher.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Männerstolz vor Fürstenthronen ===&lt;br /&gt;
Als Mong Dsï eben im Begriffe war, zu Hofe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Geschichte spielt während des Aufenthaltes Mongs in Tsi. Er hatte keine Anstellung. Daher konnte er der Sitte nach von sich aus den König besuchen; doch hatte der König nicht das Recht, ihn, der als Gast im Lande weilte, zu Hof zu befehlen. Obwohl Mong eben von sich aus zu Hofe wollte, und andererseits die Art, wie der König ihn rufen läßt, sehr höflich ist, hält er es dennoch mit seiner Würde als Weiser und Reformator nicht vereinbar, dem Ruf des Königs Folge zu leisten. Daher schützt er Krankheit vor. Um den König nicht in Zweifel zu lassen, daß es nur eine vorgeschützte Krankheit war, geht er an dem Tage, an dem er zu Hof geladen war, aus, um in der Familie Dung-Go (»Ostheim«, einem entfernten Zweig des fürstlichen Hauses) einen Besuch zu machen. Sein Sohn (oder Neffe?) Mong Dschung Dsï ist zu Hause, und als er die Boten des Königs empfängt, sucht er seinen Vater durch eine Ausrede zu entschuldigen und ihn hinterher durch Boten überreden zu lassen, die Sache durch Erscheinen bei Hof wieder gut zu machen. Mong Dsï geht nun natürlich erst recht nicht. Um dem König beizubringen, worum es sich handelt, geht er zu dem Minister Ging Tschou, von dem er sicher war, daß er seine Worte dem König hinterbringen werde. Die ganze Geschichte gibt einen guten Einblick in die chinesische Handlungsweise in solchen Fällen, die von der europäischen sehr stark abweicht. Man vergleiche hierzu das analoge Verhalten Kungs, Lun Yü XVII, 20.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu gehen, um den König zu sehen, kam ein Bote vom König, durch den er sagen ließ: »Ich hatte im Sinne, Euch persönlich aufzusuchen, doch bin ich erkältet und darf mich nicht dem Wind aussetzen. Morgen früh sehe ich meinen Hofstaat bei mir, ich weiß nicht, ob ich Euch da auch sehen darf.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Unglücklicherweise bin ich krank, so daß ich nicht zu Hofe kann.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am andern Tag ging er aus, um einen Beileidsbesuch in dem Hause Dung-Go zu machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Jünger Gung-Sun Tschou sprach: »Gestern habt Ihr Krankheit halber dem König abgesagt. Heute macht Ihr Beileidsbesuche. Ob das nicht doch unangängig ist?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Gestern war ich krank; heute geht es mir wieder gut. Was sollte mich da abhalten, Beileidsbesuche zu machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sandte einen Boten, um nach dem Befinden des Mong Dsï zu fragen. Auch kam ein Arzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da erwiderte Mong Dschung Dsï (ein Verwandter des Mong Dsï): »Als gestern der Befehl des Königs kam, war er etwas unpäßlich, so daß er nicht zu Hofe konnte. Heute geht es ihm wieder etwas besser, und er ist zu Hofe geeilt. Er muß wohl eben um diese Zeit dort ankommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann sandte er einige Leute, die den Mong Dsï unterwegs überreden sollten, ehe er heimkomme, unter allen Umständen zu Hofe zu gehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï, dem nichts anderes übrig blieb, ging zu dem Minister Ging Tschou und blieb bei ihm über Nacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging Tschou sprach: »Im Hause Vater und Sohn, im Staate Fürst und Untertan: das sind die heiligsten Beziehungen der Menschen. Zwischen Vater und Sohn herrscht die Liebe, zwischen Fürst und Untertan herrscht die Achtung. Ich habe wohl die Achtung gesehen, mit der der König Euch behandelt, aber ich habe nichts bemerkt, wodurch Ihr dem König Achtung zeigtet.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ach, was sind das für Reden! Unter den Leuten von Tsi gibt es keinen, der mit dem König über Pflicht und Liebe redet. Halten sie etwa Pflicht und Liebe nicht für etwas Schönes? Jawohl, aber sie sprechen bei sich: Dieser Mann ist nicht der Mühe wert, daß man mit ihm über Pflicht und Liebe redet. Eine größere Mißachtung als dies gibt es überhaupt nicht. Ich dagegen wagte nicht, dem König etwas vorzuführen außer den Lehren eines Yau und Schun. So gibt es also in ganz Tsi niemand, der dem König solche Achtung erwiese wie ich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ging Tschou sprach: »Nein, so war es nicht gemeint. Aber im Buch der Ordnungen heißt es: ›Wenn der Vater ruft, dann gilt kein zögerndes Ja. Wenn des Fürsten Befehl einen ruft, dann darf man nicht warten, bis erst der Wagen angespannt ist‹. Ihr wäret tatsächlich im Begriff, zu Hofe zu gehen; als Ihr aber hörtet, daß Ihr vom König befohlen seiet, da habt Ihr Eure Absicht nicht ausgeführt. Das muß doch so erscheinen, als sei es mit der Ordnung nicht im Einklang.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Davon kann keine Rede sein. Meister Dsong hat einmal gesagt: ›Die Herren von Dsin und Tschu sind unermeßlich reich. Sie haben ihren Reichtum; ich habe meine Sittlichkeit; sie haben ihren Rang; ich habe meine Gerechtigkeit: Warum sollte ich unzufrieden sein?‹ Hat er damit nicht recht gehabt? Hier handelt es sich um denselben Grundsatz wie den, von dem Meister Dsong gesprochen. Drei Dinge sind es, denen auf Erden Ehrfurcht gezollt wird: der Rang ist das eine, das Alter ist das andere, der geistige Wert ist das dritte. Bei Hofe geht der Rang vor; im täglichen Leben geht das Alter vor; gilt es, der Welt zu helfen und dem Volke vorzustehen, so geht der geistige Wert vor. Wie sollte, wer eins von diesen besitzt, die beiden andern mißachten dürfen? Darum wird ein Fürst, dem Großes zu vollbringen bestimmt ist, sicher auch Diener haben, die er nicht zu Hofe befehlen kann, sondern die er selber aufsucht, wenn er mit ihnen zu beraten wünscht. Wer noch nicht so weit ist in der Ehrfurcht vor geistigem Wert und der Freude an der Wahrheit, der ist nicht imstande, Großes zu vollbringen. So betrug sich Tang gegen I-Yin: erst lernte er von ihm, dann machte er ihn zu seinem Beamten, darum ward er ohne Mühe König der Welt. Herzog Huan machte es Guan Dschung gegenüber ebenso: erst lernte er von ihm, dann machte er ihn zu seinem Beamten, darum erlangte er ohne Mühe die Vorherrschaft unter den Fürsten. Heute sind auf der Welt die Länder gleich groß, und die Fürsten sind ihrem geistigen Wert nach auf derselben Stufe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß keiner es weiter bringt als die andern, hat keinen anderen Grund, als daß sie alle gerne Leute zu Beamten machen, die ihnen folgen, und nicht gerne Leute zu Beamten, denen sie zu folgen haben. Tang stand zu I-Yin, und Herzog Huan stand zu Guan Dschung so, daß sie nicht wagten, sie zu Hofe zu befehlen. Selbst ein Guan Dschung ließ sich nicht zu Hof befehlen; wie sollte das erst einer tun, der Höheres erstrebt als Guan Dschung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Annahme und Ablehnung von Geschenken ===&lt;br /&gt;
Tschen Dschen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tschen Dschen ist ein Schüler des Mong. Die Geschichte ist in das Jahr 312 zu verlegen. Die Wanderlehrer pflegten von den Fürsten, durch deren Länder sie kamen, freiwillige Gaben zu bekommen, von denen sie sich nährten. Der Abschnitt zeigt, welchen Wert Mong darauf legte, daß bei solchen Geschenken das Dekorum gewahrt wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt; fragte und sprach: »Früher, in Tsi, hat Euch der König als Geschenk hundert Pfund feines Silber geschickt, und Ihr nahmt es nicht an. In Sung sandte man Euch siebenzig Pfund, und ihr nahmet sie an. In Süo sandte man Euch fünfzig Pfund, und Ihr nahmet sie an. Wenn es früher richtig war, das Geschenk nicht anzunehmen, so ist es nun unrichtig, es anzunehmen. Ist es aber jetzt richtig, das Geschenk anzunehmen, so war es früher unrichtig, es nicht anzunehmen. Ihr müßt bei einem von beiden verharren, Meister!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich handelte jedesmal richtig. Als ich in Sung war, hatte ich eine weite Reise vor. Einem Abreisenden macht man ein Geschenk an Wegzehrung. Das Geschenk kam mir zu mit der Bezeichnung als Wegzehrung. Warum hätte ich nicht annehmen sollen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als ich in Süo war, hatte ich im Sinn, mich gegen feindliche Angriffe vorzusehen. Die Gabe kam mir zu mit der Erklärung des Fürsten: ›Ich höre, Ihr wollt Euch gegen Angriffe schützen; die Gabe soll ein Beitrag sein zum Ankauf von Waffen.‹ Warum hätte ich nicht annehmen sollen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi dagegen war kein Anlaß da. Ohne Anlaß aber einen beschenken, heißt ihn kaufen. Wo gibt es einen anständigen Menschen, der sich durch Kauf gewinnen läßt!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Verantwortlichkeit ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï kam nach Ping&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Erlebnis fällt vermutlich in die Zeit der Reise von Liang nach Tsi (319). Ping Lu war eine Exklave von Tsi, in der Nähe des heutigen Yändschoufu in Südwestschantung.&amp;lt;/ref&amp;gt; Lu und sagte zu dem Amtmann: »Wenn einer unter Euren Hellebardenträgern an einem Tage dreimal seinen Posten verließe, würdet Ihr ihn entlassen oder nicht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Amtmann sprach: »Ich würde nicht erst aufs dritte Mal warten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »So? Aber es ist auch recht häufig vorgekommen, daß Ihr nicht auf dem Posten wäret. In schlimmen Jahren der Teurung, da gab es unter Euren Leuten Greise und Schwache, die sich vor Hunger in den Gräben wälzten, und junge Leute, die in alle Winde zerstreut waren, zu Tausenden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Amtmann sprach: »Dafür zu sorgen steht nicht mir zu.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Angenommen, es hat einer die Rinder und Schafe eines andern übernommen, um sie für ihn zu weiden, so sucht er gewiß grasreiche Weideplätze für sie. Wenn er aber grasreiche Weideplätze sucht und nicht findet, wird er dann die Herden ihrem Besitzer wieder zustellen, oder wird er einfach dabeistehen und zusehen, wie sie sterben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Amtmann sprach: »Wenn es also ist, so lag die Schuld an mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tags darauf trat Mong Dsï vor den König und sprach: »Von den Amtleuten Eurer Hoheit kenne ich fünf, aber nur Kung Gü Sin bringt es fertig, seine Fehler zu erkennen.« Darauf erzählte er den Vorfall dem König.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wenn es also ist, so lag die Schuld an mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Verantwortung im Amt und Freiheit ohne Amt ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sagte zu Tschi Wa:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tschi Wa war ein hoher Beamter in Tsi. Er hatte zunächst die Grenzstadt Ling Kiu (im heutigen Dung Tschang Fu, Schantung) inne, bewarb sich dann um das Amt eines Strafrichters bzw. obersten Aufsehers des Gefängniswesens (vgl. I, B, 6, dort mit Kerkermeister übersetzt). Als solcher hatte er Gelegenheit, dem Fürsten Vorstellungen zu machen, wenn die Verhältnisse im Volke zu viele Strafen nötig machten.&amp;lt;/ref&amp;gt; »Daß Ihr Ling Kiu aufgegeben habt und um die Stelle als Strafrichter gebeten, scheint vernünftig, weil man da eher dem Fürsten etwas sagen kann. Nun sind darüber schon mehrere Monate vergangen: habt Ihr noch nichts zu sagen gehabt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darauf machte Tschi Wa dem König Vorstellungen, und als sie nicht angenommen wurden, gab er sein Amt auf und ging.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sprachen die Leute von Tsi: »Der Rat, den er dem Tschi Wa gab, war gut. Ob er ihn aber selbst befolgt, das weiß man nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gung-Du Dsï&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gung-Du ist der Name eines Schülers von Mong, der ihm die Spottreden der Leute von Tsi hinterbringt. Daß Mong so lange in Tsi blieb, hat seinen Grund darin, daß er hier trotz allem die meisten Hoffnungen hatte, etwas fertig bringen zu können. Der Abschnitt fällt wohl früher als der nächste, in dem er ein Amt in Tsi angenommen hatte, vermutlich Ende 314 oder Anfang 313.&amp;lt;/ref&amp;gt; teilte es dem Mong Dsï mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der sprach: »Ich habe gehört: Wenn einer ein Amt inne hat und kann nicht handeln, wie es sein Amt verlangt, so soll er gehen. Wenn einer die Pflicht zu reden hat und kann nicht reden, was er muß, so soll er gehen. Ich habe kein Amt inne, ich habe keine Verpflichtung zu reden: kann ich nicht bleiben oder gehen, ganz wie es mir beliebt und ohne jeden Zwang?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Mit einem Unwürdigen unterwegs ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï hatte einst ein hohes Amt&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Abschnitt fällt in das Jahr 313. Damals hatte Mong ein Ehrenamt (King = Minister) in Tsi. Der Auftrag, im Namen des Königs in Tong das Beileid anläßlich des Todes des dortigen Fürsten auszudrücken, scheint ebenfalls mehr ein Ehrenamt für Mong gewesen zu sein. Jedenfalls wurde ihm die Erfüllung durch Mitsendung des unwürdigen Günstlings Wang Huan sehr verbittert. Da Wang alles zu wissen vorgibt und nicht fragt, hält sich Mong auf dem ganzen Wege in Reserve. Über den Staat Tong vgl. Buch III.&amp;lt;/ref&amp;gt; in Tsi. Da ward er nach Tong gesandt, um beim Tode des dortigen Fürsten das Beileid des Königs von Tsi auszudrücken. Es ward ihm der Amtmann von Go, der unwürdige Wang Huan,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Abschnitt fällt in das Jahr 313. Damals hatte Mong ein Ehrenamt (King = Minister) in Tsi. Der Auftrag, im Namen des Königs in Tong das Beileid anläßlich des Todes des dortigen Fürsten auszudrücken, scheint ebenfalls mehr ein Ehrenamt für Mong gewesen zu sein. Jedenfalls wurde ihm die Erfüllung durch Mitsendung des unwürdigen Günstlings Wang Huan sehr verbittert. Da Wang alles zu wissen vorgibt und nicht fragt, hält sich Mong auf dem ganzen Wege in Reserve. Über den Staat Tong vgl. Buch III.&amp;lt;/ref&amp;gt; zur Hilfe mitgegeben. Früh und spät war der um ihn, aber auf dem Wege zwischen Tsi und Tong redete Mong Dsï kein Wort mit ihm über die Erledigung der Geschäfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gung-Sun Tschou sprach: »Die Stellung eines Ministers ist nicht gering, der Weg von Tsi nach Tong ist nicht nahe. Ihr habt ihn zweimal gemacht und habt mit ihm kein Wort gewechselt über die Erledigung der Geschäfte. Wie ist das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Da er ja alles schon selber besser zu wissen schien: was hätte ich da mit ihm reden sollen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Beerdigung der Mutter ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï ging von Tsi nach Lu,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieser Vorfall gab dem Günstling des Fürsten von Lu Anlaß, dem Mong den Vorwurf zu machen, er habe bei der Beerdigung seiner Mutter zu viel Pracht aufgewandt (I, B, 16). Der Schüler Tschung Yü wartet die drei Jahre Trauerzeit ab, die Mong in Lu verbringt, und wagt sich erst dann mit seiner Frage hervor, als Mong nach Tsi zurückkommt.&amp;lt;/ref&amp;gt; um seine Mutter zu beerdigen. Als er nach Tsi zurückkam, machte er Halt in Ying. Da bat der Schüler Tschung Yü, eine Frage stellen zu dürfen, und sprach: »Damals habt Ihr mich trotz meiner Untauglichkeit mit der Aufsicht über die Herstellung des Sarges beauftragt. Die Arbeit war dringend, und ich wagte keine Fragen zu stellen. Heute nun möchte ich mir eine Frage erlauben: War das Holz des Sarges nicht etwas zu schön?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Im Altertum gab es keine Vorschriften für Sarg und Sarkophag. Im Mittelalter wurde der Sarg sieben Zoll dick gemacht und der Sarkophag entsprechend. So hielten es alle, vom Sohn des Himmels an bis auf den Mann aus dem Volk. Es war nicht nur darum, daß sie durch einen schönen Anblick des Menschen Herz befriedigen wollten. Wenn es ihnen unmöglich gemacht ward, so fühlten sie sich beunruhigt; wenn sie nicht das Geld dazu hatten, so fühlten sie sich beunruhigt; wenn sie es machen konnten und das Geld dazu hatten, befolgten die Alten alle diesen Brauch. Warum sollte nur ich nicht also tun?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: sollte es unserem Herzen denn gar keine Beruhigung gewähren, wenn wir dafür sorgen, daß die Erde nicht in Berührung kommt mit den Körpern derer, die der Auflösung entgegengehen? Ich habe gehört: Der Edle ist um alles in der Welt nicht knickerig gegen seine Eltern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 8. Der Angriff auf Yän ===&lt;br /&gt;
Schen Tung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schen Tung war ein hoher Beamter aus der Umgebung des Königs Süan von Tsi. Mong war damals als Ehrengast in Tsi. Die Chronologie ist bei Si-Ma-Tsiän, der auf Mong Dsï keine Rücksicht nimmt, gänzlich in Unordnung. Nach ihm fiele der Vorgang unter den König Min von Tsi. Alles wird glatt, wenn wir die Chronologie der Bambusannalen akzeptieren, die mit Mong vorzüglich stimmen. Danach fällt die Expedition gegen Tsi in das siebente Jahr des Königs Süan (314 v. Chr.). Es ist dieselbe, von der I, B, 10 die Rede war. Der König Kuai von Yän war 320 auf den Thron gekommen und hatte – wie er meinte, in Nachahmung von Yau, wie Mong hier urteilt, in anmaßender Weise, ohne Rücksicht auf den Kaiserlichen Lehensherrn – den Thron an seinen Minister Dsï Dschï abgetreten, woraus in Yän Unruhen entstanden, in die Tsi eingriff. Mong lehnt die Verantwortung für das Vorgehen von Tsi ab, weil es nicht die moralische Berechtigung dazu gehabt habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; fragte von sich aus den Mong Dsï und sprach: »Kann der Staat Yän angegriffen werden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja, Dsï Kuai – der frühere Fürst – durfte den Staat Yän nicht einem anderen geben. Dsï Dschï – der jetzige Fürst – durfte Yän von Dsï Kuai nicht annehmen. Angenommen, Ihr hättet einen Diener, der Euch gefiele, und Ihr sagtet dem König nichts davon, sondern gäbet ihm von Euch aus Euer Einkommen und Rang, und jener Mann würde, ebenfalls ohne Befehl des Königs, von sich aus es von Euch annehmen: Würde das gehen? Jene aber haben es eben so gemacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Staat Tsi griff nun Yän an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jemand fragte den Mong Dsï: »Ist es wahr, daß Ihr dem Staate Tsi geraten habt, Yän anzugreifen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach: »Niemals! Schen Tung hat gefragt, ob der Staat Yän angegriffen werden könne. Ich habe ihm geantwortet, er könne es. Darauf gingen sie hin und griffen ihn an. Wenn er mich aber gefragt hätte, wer ihn angreifen könne, so würde ich ihm geantwortet haben: wer als Knecht Gottes handelt, der kann ihn angreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angenommen, es handle sich um einen Mörder, und es fragt jemand: Soll der Mann getötet werden? So würde man ihm antworten: Ja, er soll. Wenn er dann fragte: Wer soll ihn töten? So würde man ihm antworten: Wer Strafrichter ist, der soll ihn töten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie aber hätte ich dazu kommen sollen, zu raten, daß &#039;&#039;ein&#039;&#039; Yän das &#039;&#039;andere&#039;&#039; angreift?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 9. Empörung von Yän. Die Schuld des Königs ===&lt;br /&gt;
Die Leute von Yän empörten sich. Der König von Tsi sprach: »Ich schäme mich sehr vor Mong Dsï.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der König schämte sich, weil er den Rat, den Mong Dsï ihm gegeben hatte (vgl. I, B, 10 u. 11), nicht befolgt hatte und die üblen Folgen nun ans Licht kamen. Der Höfling Tschen Gia weiß aber eine Ausrede. Selbst der Heilige Fürst von Dschou, der Bruder des Königs Wu, das Idealbild eines Herrschers nach Mong Dsï, hat auch mit Aufständen zu kämpfen gehabt. Wie kann man da einem gewöhnlichen Sterblichen einen Vorwurf machen, wenn ihm so etwas vorkommt?&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschen Gia sprach: »Eure Hoheit brauchen sich nicht deshalb zu bekümmern! Wer, denken Eure Hoheit, sei gütiger&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Güte (Jen, Sittlichkeit) und Weisheit (Dschï) sind die beiden Eigenschaften, die vereint die Heiligkeit ausmachen.&amp;lt;/ref&amp;gt; und weiser: der Herzog von Dschou oder Ihr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ach, was redest du da!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Der Herzog von Dschou beauftragte seinen älteren Bruder Guan Schu,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der historische Sachverhalt ist nicht ganz klar. König Wen hatte 10 Söhne; gut bezeugter Überlieferung nach war Fa, der nachmalige König Wu, der zweite, Dan, der nachmalige Fürst von Dschou, der dritte. Guan Schu (Hiän) wäre demnach ein jüngerer Bruder gewesen. Als König Wu den Tyrannen Dschou Sin getötet hatte, verlieh er einen kleinen Staat Sang an die Nachkommen der Yindynastie, damit die Opfer für deren Vorfahren nicht unterbrochen würden. Zur Beaufsichtigung dieses Staates wurden jedoch einige Glieder der eigenen Familie bestimmt. Es ist das noch ein Akt des Königs Wu, so daß Tschen Gia nicht Recht hatte, als er diese Handlung auch dem Fürsten Dschou zuschrieb. Die Brüder schienen jedoch, während der Regentschaft des Fürsten Dschou für den unmündigen Sohn des Königs Wu, Fronde gemacht zu haben. Sie warfen ihm vor, daß er seinen jungen Neffen, den Kaiser, benachteiligen wolle. Schließlich gingen sie zur offenen Empörung über, die vom Fürsten Dschou mit rigoroser Strenge niedergeworfen wurde. Trotzdem dieses Ereignis der Schmerz seines Lebens blieb, konnte er nicht anders vorgehen, wenn die neue Dynastie nicht in den Wurzeln ihrer Existenz gefährdet werden sollte. Mong führt zur Entschuldigung des Fürsten Dschou an, daß Guan Schu der ältere Bruder gewesen sei, dem jener schon aus Pietät alles Gute zutrauen mußte.&amp;lt;/ref&amp;gt; das Land Yin zu beaufsichtigen. Guan Schu stützte sich auf Yin und empörte sich. Hat jener es nun im voraus gewußt und ihm dennoch den Auftrag gegeben, so war er nicht gütig. Hat er es nicht gewußt und ihm den Auftrag gegeben, so war er nicht weise. Wenn also selbst ein Herzog von Dschou nicht vollkommen war an Güte und Weisheit: wie wollte man es von Eurer Hoheit erwarten? Ich bitte, den Mong Dsï besuchen zu dürfen, um ihm das zu erklären.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trat er denn vor Mong Dsï und sprach: »Was war der Herzog von Dschou für ein Mann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ein Heiliger der alten Zeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Ist es wahr, daß er den Guan Schu beauftragt hat, das Land Yin zu beaufsichtigen, und daß Guan Schu, auf Yin gestützt, sich empörte?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï bejahte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Wußte der Herzog von Dschou, daß jener sich empören werde, und hat er ihn dennoch angestellt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Er wußte es nicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Dann kann ein Heiliger also auch Fehler machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Der Herzog von Dschou war der jüngere Bruder, Guan Schu war der ältere Bruder: &#039;&#039;mußte&#039;&#039; also nicht der Herzog von Dschou jenen Fehler begehen? Außerdem machten es die Herren in alten Zeiten so, daß sie die Fehler, die sie begangen hatten, verbesserten. Die heutigen Herren aber geben sich den Fehlern hin, die sie machen. Wenn die Herren der alten Zeit einen Fehler machten, so war es wie eine Sonnen- oder Mondfinsternis. Jedermann konnte ihn bemerken. Aber nachdem sie ihn verbessert hatten, sah das Volk wie vorher zu ihnen empor. Aber die Herren von heutzutage geben sich nicht allein ihren Fehlern hin, sondern sie suchen sogar noch Ausreden dafür.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 10. Vergeblicher Versuch, Mong durch Reichtum in Tsi zu halten ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï hatte sein Amt in Tsi aufgegeben und sich zurückgezogen. Da suchte der König den Mong Dsï auf und sprach: »Einst wünschte ich Euch zu sehen,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses erste Beisammensein bezieht sich wohl auf den ersten Aufenthalt des Mong in Tsi im Jahre 319, der durch die Trauerzeit in Lu unterbrochen wurde (317-315), worauf der zweite Aufenthalt in Tsi von 315-312 folgte. Auf das Ende dieses Aufenthaltes fallen die Ereignisse der verschiedenen Abschnitte am Schluß des zweiten Buches. Mong hatte die Ehrenstellung eines »King« (Minister), die er ohne Gehalt bekleidet hatte, aufgegeben und sich zunächst ins Privatleben zurückgezogen. Doch zögerte er offenbar, Tsi zu verlassen, in der Hoffnung, der König könne vielleicht doch noch für seine Lehren gewonnen werden. In dieser Hoffnung sah er sich enttäuscht. Der König suchte ihn zwar zu halten, aber nicht, indem er ihm zu folgen versprach, sondern indem er ihm materielle Verbesserungen seiner Lage in Aussicht stellte.&amp;lt;/ref&amp;gt; aber es war nicht möglich. Als es mir dann zuteil wurde, an Eurer Seite zu stehen, war ich mit meinem ganzen Hofe hocherfreut. Nun wollt Ihr mich wieder verlassen und Euch zurückziehen. Darf ich wohl hoffen auf ein künftiges Wiedersehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »So sehr ich es wünschte, ich wage nicht darum zu bitten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tags darauf sagte der König zu Schï Dsï:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schï Dsï ist ein Mann aus der Umgebung des Königs. Das Angebot des Königs, das Schï Dsï überbringen sollte, war freigebig. Die Fürsten des damaligen China liebten es, ähnlich wie die Renaissancefürsten Italiens, Gelehrte an ihren Hof zu ziehen. Sï-Ma Tsiän erwähnt, daß am »Korntor« (Dsï men), der Hauptstadt von Tsi, an die Tausend solcher Wandersophisten beherbergt wurden; Mong sollte offenbar etwas besser gestellt werden als diese Scharen. Tschen Dsï ist Mongs Jünger, Tschen Dschen, der in II, B, 3 erwähnt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; »Ich habe im Sinn, dem Mong Dsï inmitten der Landeshauptstadt ein Haus zu geben und seinen Jüngern zum Unterhalt jährlich 10 000 Maß Getreide, damit alle Adeligen und Bürger ein Vorbild haben, zu dem sie emporsehen können. Wollt Ihr nicht ihm in meinem Namen davon sagen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So veranlaßte Schï Dsï den Tschen Dsï,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schï Dsï ist ein Mann aus der Umgebung des Königs. Das Angebot des Königs, das Schï Dsï überbringen sollte, war freigebig. Die Fürsten des damaligen China liebten es, ähnlich wie die Renaissancefürsten Italiens, Gelehrte an ihren Hof zu ziehen. Sï-Ma Tsiän erwähnt, daß am »Korntor« (Dsï men), der Hauptstadt von Tsi, an die Tausend solcher Wandersophisten beherbergt wurden; Mong sollte offenbar etwas besser gestellt werden als diese Scharen. Tschen Dsï ist Mongs Jünger, Tschen Dschen, der in II, B, 3 erwähnt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; es dem Mong Dsï anzusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschen Dsï sagte die Worte des Schï Dsï dem Mong Dsï an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja, dieser Schï Dsï kann natürlich nicht wissen, daß es nicht geht. Angenommen, ich begehrte wirklich Reichtum; auf 100 000 Maß&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;100 000 Maß war das Gehalt eines Ministers (King), auf das Mong Dsï offenbar seinerzeit verzichtet hatte, sich mit einem Ehrenamt begnügend.&amp;lt;/ref&amp;gt; verzichten und 10 000 annehmen: heißt das Reichtum begehren? ...&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hier scheint der Text verderbt zu sein. Ganz unvermittelt steht der Satz: »Gi-Sun sprach: ›Sonderbar‹, Dsï Schu war zweifelhaft« mitten im Zusammenhang. Gi-Sun und Dsï Schu werden als Jünger Mongs genannt; möglich, daß der Satz nach oben gehört, hinter »Tschen Dsï sagte die Worte des Schï Dsï dem Mong Dsï an«. Eine derartige Verlagerung könnte bei der Umschreibung des Textes von den Bambustafeln der alten Zeit auf die Rollen leicht vorgekommen sein. Die Ausführungen des Mong waren dann zur Zerstreuung der Zweifel seiner Schüler gegeben. Die Auskunft, ein Zitat des Mong anzunehmen: »Gi-Sun (das wäre dann ein Glied der Gi-Sun-Familie in Lu zu Kungs Zeit) sprach: ›Ein seltsamer Mensch war Dsï Schu I‹« (wobei das I = zweifelhaft zum Namen gezogen wird!) ist sehr gezwungen. Namentlich muß der genannte Dsï Schu I erst künstlich hergestellt werden. Man wird daher die vorliegende Emendation der Übersetzung von Legge und Couvreur, die beide Dschu Hi folgen, empfehlen dürfen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn man selbst nicht mehr gebraucht wird bei der Regierung, so soll man es unterlassen, noch seine Schüler in Amt und Würden zu bringen. Reichtum und Ehre zu begehren, ist ja allgemein menschlich, aber geht es denn, daß man sich inmitten von Reichtum und Ehre einen besonderen Hügel macht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In alter Zeit tauschten die Leute, die auf den Markt gingen, gegen die Dinge, die sie hatten, andere ein, die sie nicht hatten. Es waren Aufseher da, die sie in Ordnung hielten. Nun war einmal ein minderwertiger Geselle, der stets sich einen besonderen Hügel aussuchte. Er stieg hinauf und blickte rechts und links, um den ganzen Gewinn des Marktes einzuheimsen. Jedermann hielt das für gemein, und so machten sie sich denn daran, ihn zu besteuern. Die Besteuerung der Kaufleute hat bei diesem minderwertigen Gesellen ihren Anfang genommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 11. Vergeblicher Versuch, Mong zurückzuholen ===&lt;br /&gt;
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, da übernachtete er in dem Grenzort Dschou. Da kam ein Mann, der wollte ihn im Namen des Königs zum Bleiben überreden. Während dieser aber dasaß und redete, gab Mong Dsï keine Antwort, sondern stützte die Arme auf seinen Tisch und schlief.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese Haltung des Mong war absichtlich, um den Beamten zum Fragen zu veranlassen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Besucher wurde mißvergnügt und sprach: »Ich habe die Nacht fastend&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tsi = Dschai. Andere Übersetzung: »Ich habe mich lange ehrerbietig vorbereitet« ...&amp;lt;/ref&amp;gt; verbracht, ehe ich zu reden wagte, und nun schlaft Ihr und hört mir nicht einmal zu. Ich bitte, künftig meinen Besuch nicht mehr erwarten zu wollen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Setzt Euch, ich will ohne Rückhalt mit Euch reden. Der Herzog Mu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Herzog Mu von Lu regierte von 409-377 v. Chr. Der Enkel des Kung Dsï, Dsï Sï, weilte als hochgeehrter Lehrer in Lu. Der Fürst hatte immer einen Vertreter in seiner Nähe, um seine Lehren in Empfang zu nehmen. Siä Liu war ein Weiser aus Tsi, Schen Siang war der Sohn des Konfuziusjüngers Dsï Dschang. Beide waren ebenfalls zu jener Zeit in Lu und hatten wenigstens ihrerseits einen Vertreter beim Fürsten, der für Durchführung ihrer Ratschläge sorgte. Die Meinung Mongs ist nun: »Statt daß man in Tsi ebenfalls Anstalten trifft, für Durchführung meiner Lehren zu sorgen, will man mich nur veranlassen, zurückzukehren, damit gleichsam die ganze Schuld des Bruches mir zuschiebend. Darin liegt eine schlechte Behandlung, die ich mir nicht gefallen lassen kann.« Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf, sondern wartete in Dschou, dem südwestlichen Grenzort von Tsi, drei Tage, ob der König sich nicht eines Besseren besinne. Vergebens!&amp;lt;/ref&amp;gt; von Lu hatte seinerzeit immer einen Vertreter zur Seite des Dsï Sï, sonst hätte er ihn nicht zu halten vermocht, und Leute wie Siä Liu und Schen Siang hatten wenigstens Leute zur Seite des Herzogs, die ihre Sache vertraten, sonst hätten sie sich auch nicht halten lassen. Wenn Ihr nun in Euren Erwägungen um meinetwillen, der ich doch ein älterer Mann bin, nicht dafür sorgt, daß ich wie ein Dsï Sï behandelt werde: habt Ihr da mich als Älteren schlecht behandelt, oder habe ich als Älterer Euch schlecht behandelt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 12. Warum Mong Dsï zögerte ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï hatte Tsi verlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sagte Yin Schï&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yin Schï, ein sonst nicht genannter Mann aus Tsi.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu den Leuten: »Wenn er nicht gewußt hat, daß man aus unserem König keinen Heiligen wie Tang und Wu machen kann, so war er unvernünftig. Hat er aber gewußt, daß es nicht geht, und ist doch gekommen, so hat er sich einfach in der königlichen Gnade sonnen wollen. Tausend Meilen weit ist er gekommen, um vor den König zu treten. Weil er es nicht nach Wunsch getroffen hat, ist er wieder gegangen. Dabei hat er noch an der Grenze dreimal übernachtet, ehe er Dschou verließ. Was ist das für ein zögerndes Wesen! Das gefällt mir nicht!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler Gau Dsï&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gau Dsï ist der bei Dschau als zwölfter Jünger genannte.&amp;lt;/ref&amp;gt; erzählte das dem Mong Dsï wieder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der sprach: »Dieser Yin Schï kennt mich nicht! Daß ich tausend Meilen weit herkam, um vor den König zu treten, das war mein eigener Wunsch. Daß ich es nicht getroffen habe und wieder ging: wie wäre das mein Wunsch gewesen! Ich tat&#039;s, weil ich nicht anders konnte. Drei Tage weilte ich in Dschou, ehe ich die Grenze überschritt, und es wollte mir noch zu eilig dünken. Vielleicht konnte der König die Sache noch ändern. Änderte er sie, so ließ er mich sicher zurückholen. Ich überschritt die Grenze, und der König schickte niemand nach mir. Da erst ließ ich meinem Entschluß zur Heimkehr freien Lauf. Aber trotz alledem! Wie könnte ich den König aufgeben! Der König ist ein Mann, der wohl dazu gebracht werden kann, Gutes zu wirken. Wenn der König mich gebraucht hätte, so wäre nicht nur das Volk von Tsi zur Ruhe gekommen: alles Volk auf Erden wäre zur Ruhe gekommen. Vielleicht macht es der König noch wieder gut. Ich hoffe täglich darauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Warum sollte ich es machen, wie solch ein kleiner Geselle, der, wenn er seinem Fürsten Vorstellungen macht und kein Gehör findet, gleich aufbraust und rot vor Zorn im Gesicht wegläuft und den ganzen Tag mit aller Kraft voranmacht, ehe er innehält zum Übernachten!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yin Schï hörte davon und sprach: »Ich war doch wirklich zu gering!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 13. Verzweiflung ===&lt;br /&gt;
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, befragte ihn der Schüler Tschung Yü&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tschung Yü ist der bei Dschau als fünfter genannte Jünger.&amp;lt;/ref&amp;gt; unterwegs und sprach: »Ihr seht mißvergnügt aus, Meister! Früher habe ich Euch sagen hören: ›Der Edle murrt nicht wider Gott und grollt nicht den Menschen‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Das war zur damaligen Zeit, heute ist es wieder anders. Alle fünfhundert Jahre muß ein König der Welt erscheinen, und dazwischen müssen wenigstens Männer da sein, die in ihrem Geschlechte&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong macht hier den Unterschied zwischen berufenen Heiligen auf dem Thron, die für Jahrhunderte hinaus die Weltordnung festlegen, wie Yau, Tang, Wen usw. (Schong Jen) und den Würdigen (Hiän Jen), die wenigstens in ihrem Geschlecht die »Namen in Ordnung bringen«. (Über das in Ordnung bringen der Namen vgl. Franke, Von der Richtigstellung der Bezeichnungen, und Lun Yü XIII, 3). Zu den letzteren rechnet sich Mong offenbar selbst. Und zwar weiß er sich als den einzigen in seinem Geschlecht, darum die Verzweiflung, als er keinen Fürsten findet, der auf seine Lehren hört.&amp;lt;/ref&amp;gt; Ordnung schaffen. Seit der Begründung des Hauses Dschou sind nun über siebenhundert Jahre verflossen. Die Zahl der Jahre ist also schon überschritten; prüfen wir die Verhältnisse der Zeit, so ist die Möglichkeit vorhanden. Aber Gott will noch nicht, daß Friede und Ordnung auf Erden herrscht. Wenn er Frieden auf Erden wollte, wer ist dann außer mir sonst in diesem Geschlecht vorhanden, die Welt zu ordnen? Wie sollte ich da nicht mißvergnügt sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 14. Warum Mong in Tsi kein Gehalt nahm ===&lt;br /&gt;
Als Mong Dsï den Staat Tsi verließ, machte er Rast in Hiu. Gung-Sun Tschou befragte ihn und sprach: »Im Amt zu sein, ohne Gehalt anzunehmen: ist das der Weg der Alten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Nein. Aber als ich in Tschung den König zu sehen bekam, da hatte ich gleich, als ich von ihm herauskam, die Absicht, wieder wegzugehen. Ich wollte nicht zweideutig&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Dschau wäre zu erklären: »Ich hatte zwar die Absicht, wieder zu gehen, doch wollte ich nicht so abrupt abreisen, um nicht den Anschein einer scharfen Verurteilung des Königs zu geben. Darum blieb ich zwar zunächst, aber ohne Gehalt, um mir den Rücktritt jeder Zeit zu ermöglichen.«&amp;lt;/ref&amp;gt; erscheinen. So nahm ich kein Gehalt an. Nachher ergab es sich, daß ich zum Ratgeber&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieser Posten eines Ratgebers war, wie aus dieser Stelle deutlich hervorgeht, ein unbezahltes Ehrenamt.&amp;lt;/ref&amp;gt; ernannt wurde; dieser Pflicht konnte ich mich dann nicht entziehen. Daß ich aber so lange in Tsi geblieben bin, war nicht meine Absicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch III. Tong Wen Gung ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt A: 1. Ermunterung des Thronfolgers von Tong ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Wen von Tong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Herzog Wen von Tong, der hier als Kronprinz auftritt, ist derselbe wie der in I, B, 13-15 erwähnte. Der hier erzählte Vorfall ist wesentlich früher. Er schließt sich an die Abreise Mongs aus Tsi an und fällt ins Jahr 311.&amp;lt;/ref&amp;gt; reiste, als er noch Thronfolger war, nach Tschu. Er kam durch Sung und besuchte den Mong Dsï. Mong Dsï redete von der Güte der menschlichen Natur und erwähnte dabei immer die heiligen Herrscher Yau und Schun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als der Thronfolger von Tschu zurückkam, besuchte er abermals den Mong Dsï.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Beunruhigen Euch&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Beunruhigung könnte darin liegen, daß die Vorbilder eines Yau und Schun zu unerreichbar und hoch seien. Demgegenüber betont Mong, daß der Weg Einer ist, daß, was jene von Natur hatten, auch durch Anstrengung errungen werden könne.&amp;lt;/ref&amp;gt; meine Worte, Prinz? Der Weg ist Einer. Das ist alles.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tschong Giän&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tschong Giän, der etwas anders geschrieben auch bei Huai Nan Dsï erwähnt wird, war ein Held wie etwa Mong Ben. Seine Worte: »Jener ist ein Mensch«, beziehen sich nach Dschau auf den Herzog Ging von Tsi, vor dem er sich nicht scheute.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte einst vom Herzog Ging von Tsi: ›Jener ist ein Mensch, ich bin auch ein Mensch. Warum sollte ich mich durch ihn einschüchtern lassen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yän Yüan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yän Yüan, der Lieblingsschüler Kungs, steckt sich seine Ziele höher.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte einst: ›Wer ist Schun? Wer bin ich? Wer tätig ist, wird es auch so weit bringen.‹ Gung-Ming I&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gung Ming I ist ein Schüler des Konfuziusjüngers Dsong Schen, der zu Dsï Dschangs Beerdigung gebeten wurde. Er nahm den König Wen und den Herzog von Dschou zu Vorbildern.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte: ›Der heilige König ist mein Lehrer, und ich glaube, daß der Herzog von Dschou mich nicht irreführt.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Herrschaft Tong hat rund nur etwa fünfzig Meilen im Geviert. Dennoch kann man einen gutregierten Staat daraus machen. Es heißt im Buch der Urkunden:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Schu Ging IV, 8, 1, 8 (Schuo Ming Piän), von Wu Ding gebraucht. Dschau erwähnt, die Stelle sei aus einem Paralipomenon zum Schu Ging.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Wenn die Arznei nicht erst eine Betäubung hervorruft, wird seine Krankheit nicht geheilt‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Trauer um den alten Fürsten ===&lt;br /&gt;
Herzog Ding von Tong war entschlafen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Tod des alten Fürsten von Tong fällt ins Jahr 301, also zehn Jahre nach dem vorigen Abschnitt.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Thronfolger sprach zu Jan Yu:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jan Yu ist der Erzieher des Fürsten. Mong Dsï war zu jener Zeit von Sung in seine Heimat zurückgekehrt.&amp;lt;/ref&amp;gt; »Einst hat Mong Dsï mit mir gesprochen in Sung. Das habe&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ich nie in meinem Herzen vergessen. Heute nun, da ich die traurige Pflicht habe, meinen Vater zu bestatten, möchte ich Euch senden, um den Mong Dsï zu befragen, ehe ich ans Werk gehe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jan Yu kam nach Dsou und befragte den Mong Dsï.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Seid mir willkommen! Die Trauer um die Eltern ist allerdings etwas, dem man sich ganz widmen muß. Dsong Dsï sprach:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses Zitat steht als Ausspruch Kungs in Lun Yü II, 5.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Sind die Eltern am Leben, ihnen dienen, wie es sich geziemt; nach ihrem Tode sie bestatten, wie es sich geziemt, und ihnen opfern, wie es sich geziemt: das mag man Kindesehrfurcht nennen‹. Der Fürsten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die »Fürsten« sind hier mit Verachtung genannt. Ihre Bräuche sind die schlechten Sitten der Verfallszeit. Ihnen gegenüber appelliert Mong an das Altertum.&amp;lt;/ref&amp;gt; Bräuche habe ich nicht gelernt. Immerhin, ich habe gehört, daß eine Trauerzeit von drei Jahren, Kleidung aus grobem, ungesäumtem Tuch und einfache Nahrung ohne Fleisch, vom Himmelssohne bis hernieder auf den Mann des Volkes seit alten Zeiten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Seit den drei Dynastien«, d. h. seit historischer Zeit.&amp;lt;/ref&amp;gt; immer üblich ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Es ward bestimmt, drei Jahre Trauer einzuhalten. Die Anverwandten und die Beamten waren alle nicht einverstanden. Sie sprachen: »In Lu,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Haus von Tong leitet sich von einem Seitenzweig des Hauses Dschou her; die Bräuche von Lu, wo der Herzog von Dschou herrschte, waren maßgebend für alle Staaten, die zur Dschoufamilie gehörten. Es ist natürlich nicht wahr, daß der Herzog von Dschou die dreijährige Trauerzeit nicht eingehalten. Die lockeren Sitten waren erst später aufgekommen.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Reiche unserer Ahnen, hat unter den früheren Fürsten keiner so gehandelt; unter den früheren Fürsten unseres Landes hat gleichfalls keiner so gehandelt. Es geht nicht an, daß Ihr nun plötzlich alles anders machen wollt. Auch steht geschrieben:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wo das steht, ist nicht gesagt: »Dschï« heißt einfach Aufzeichnung, Lokalchronik.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Bei Bestattung und Opfern folge den Ahnen‹. Das heißt also, wir sollen uns ans Überkommene halten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sprach der Fürst zu Jan Yu: »Ich habe früher nicht der Bildung gelebt, ich liebte Wagenrennen und Kampfspiele. Darum sehen mich die Verwandten und Beamten nicht für voll an. Ich fürchte der Wichtigkeit der Sache nicht gewachsen zu sein. Frage für mich bei Mong Dsï an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jan Yu kam abermals nach Dsou und befragte den Mong Dsï.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »So ist&#039;s. Doch soll er es nicht bei den anderen suchen. Meister Kung sprach:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses Zitat findet sich in dieser Gestalt in Lun Yü nicht. Es ist eine erweiterte Kombination von Lun Yü XIV, 18 u. XII, 14. Auch hier ein Beweis, daß der Text der Lun Yü zu Mongs Zeit noch nicht feststand.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Stirbt der Fürst, so führt der Kanzler die Regierung, der Thronfolger ernährt sich von dünnem Reis, sein Angesicht verfärbt sich zu tiefem Schwarz, er begibt sich auf seinen Platz und weint. Dann ist unter allen Beamten und Dienern keiner, der es wagte, nicht zu trauern, wenn er ihnen mit seinem Beispiel vorangeht. Was die Oberen lieben, das lieben die Unteren sicher noch mehr. Das Wesen des Herrschers ist wie der Wind, das Wesen der Leute ist wie das Gras. Das Gras muß sich beugen, wenn der Wind darüber kommt.‹ Die Sache steht beim Thronfolger.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jan Yu brachte den Bescheid zurück. Der Thronfolger sprach: »Ja, es steht wirklich bei mir.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verweilte bis zur Beerdigung im Trauerzelt. Und kein Gebot oder Verbot erließ er während dieser Zeit. Alle Beamten und Verwandten sagten von ihm, daß er die Bräuche verstehe. Als die Bestattung war, da kamen von allen Seiten her die Leute, um ihn zu sehen. Seine Mienen waren so bekümmert, seine Tränen so echt, daß alle Leidtragenden damit zufrieden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Ratschläge für die Regierung ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï über die Leitung des Staates.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Die Geschäfte des Volkes darf man nicht vernachlässigen. Im Buch der Lieder&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Fußnoten ==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Mengzi]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9268</id>
		<title>Bibliothek:Werke des Mengzi</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9268"/>
		<updated>2026-03-01T11:08:27Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Werke des Mengzi|image=Mengzi Werke Buchcover.png|author=Mengzi|publisher=Eugen Diederichs Verlag|published_date=1921|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/mong-ds/books/werke/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eugen Diederichs Verlag Jena 1921&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittes bis fünftes Tausend&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorrede ==&lt;br /&gt;
Mit den Aufzeichnungen des Mong Dsï folgt aus der konfuzianischen Literatur, nach den Gesprächen des Kung nunmehr das zweite der sogenannten »vier Bücher«. Nach mancherlei Erwägungen habe ich mich doch zu einer vollständigen Übersetzung entschlossen, da die Bedeutung des Werkes in China groß genug ist, um eine vollständige Übersicht als wünschenswert erscheinen zu lassen. Diese Übersetzung ist die erste vollständige deutsche Übersetzung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Gunst der Verhältnisse, die in Tsingtau eine Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehrten zusammenführten, bekam ich Gelegenheit, für meine Übersetzung nicht nur die wichtigsten schriftlichen Quellen zu Rate zu ziehen, sondern auch mündliche Anregung des früheren Leiters der Pekinger Reichsuniversität, Herrn Lau Nai Süan&#039;s, mir zunutze machen zu können. So ist zu hoffen, daß diese Übersetzung wirklich das Verständnis des Mong Dsï vermittelt, das heute in China vorhanden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Werke des Mong Dsï bestehen aus zwei Teilen: den ersten drei Büchern, die eine Art Memoiren denkwürdiger Gespräche mit Fürsten enthalten und hauptsächlich über die Fragen der Staatsregierung handeln, und die letzten vier Bücher, die Aphorismen über alle möglichen Gebiete des Lebens enthalten. Der europäische Leser findet sich vielleicht besser in das Gedankenleben des chinesischen Meisters, wenn er die Lektüre mit den hinteren Büchern beginnt und von da aus erst zu den Stücken der ersten Hälfte übergeht. –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einleitung ==&lt;br /&gt;
Unter den Vertretern der Lehre des Kung Dsï ist weitaus der berühmteste Mong Ko (meist Mong Dsï = Philosoph Mong genannt, woraus in Analogie zu der latinisierten Form Konfuzius der heute in Europa übliche Name Menzius geformt wurde). Obwohl zeitlich von dem Meister entfernt, so daß er in keine persönliche Berührung mit ihm kam, hat er dessen Lehren in Zeiten des Niedergangs mit großer Energie durchgesetzt. Man kann sein Verhältnis zu Kung mit dem des Paulus zu Jesus vergleichen. In diesem Vergleich liegt zugleich eine Wertung, die von der in Europa häufig üblichen abweicht. Mong Dsï ist Epigone, aber eben deshalb geht er mehr auf Detailfragen ein als Kung Dsï. Er ist rhetorischer, dialektischer. Darum kommt er dem europäischen Geschmack in vielen Dingen näher. So kann es nicht Wunder nehmen, daß er von europäischer Seite vielfach als der Genialere betrachtet worden ist, der noch über Kung zu werten sei. Der englische Missionar Legge, der die Worte des Mong Dsï mit vielem Fleiß ins Englische übersetzt hat, gibt dieser Stimmung mit unübertrefflicher Naivität Ausdruck, indem er Mong Dsï für bewundernswerter als Kung Dsï erklärt – freilich um dann nachträglich ein Stück der Bewunderung nach dem andern wieder abzutragen. Der chinesische Vergleich trifft wohl dem Wesen nach eher das Richtige, der Kung Dsï dem milden, unauffälligen, erst eingehender Betrachtung sich offenbarenden Glanz des Nephrits vergleicht, während Mong Dsï dem klar-durchsichtigen Bergkristall entspreche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war der Sohn seiner Zeit. Ein Zeitgenosse des Dschuang Dsï, mit dem er auch an literarischem Besitz vieles gemeinsam hat, hat er auf anderen Wegen als jener weltflüchtige Mystiker nach Rettung für die Menschheit gesucht. Während Dschuang Dsï diese Rettung in gänzlichem Verzicht auf die Kultur sieht, sucht Mong Dsï sie in der Reform und der Wiederherstellung der echten Kultur, wie sie durch Kungs Arbeiten aus dem Altertum gerettet war. In diesem Streben übernahm er den von Kung geschaffenen Beruf des Lehrers der Fürsten. Aber die Zeiten waren inzwischen andere geworden. So machte sich auch in des Mong Dsï Handlungsweise eine Änderung nötig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Kungs Zeiten waren die staatlichen Verhältnisse noch so weit in Ordnung, daß jedermann ohne weiteres sein geregeltes Einkommen hatte. Obwohl daher Kung auf seinen Wanderungen manche Schwierigkeiten und Nöte zu bestehen hatte, war die Frage seines Lebensunterhalts nie in die Erscheinung getreten. Er hatte sein gesichertes Einkommen, von dem er und seine Schüler lebten. Das war später anders geworden. Der Privatbesitz hatte sich mehr entwickelt. Nur die Beamten und die Untertanen der einzelnen Staaten hatten mehr oder weniger feste Einkünfte. Der freie Beruf des Lehrers der Fürsten, dem Mong Dsï ebenso wie viele sophistische Zeitgenossen huldigte, war auf Gaben und Geschenke freigebiger Mäzene unter den Fürsten angewiesen. Mong Dsï empfand diese Abhängigkeit äußerst drückend und tat, was in seinen Kräften stand, um seine Würde zu wahren und Abstand zu halten von den Wanderphilosophen, die gegen Geld die Höfe zu unterhalten wußten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus diesen Verhältnissen erklärt sich manche herbe Seite in Mong Dsïs Wesen. Je schwieriger es war, diesen Abstand zu halten, desto mehr mußte er Äußerlichkeiten betonen, und so kam er oft in Situationen, wo sein Stolz fast die Form der Wunderlichkeit annimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer Zug hängt damit zusammen. Während Kungs ganze Art sich durch eine feine Zurückhaltung und bescheidene Güte auszeichnet, die ihn so liebenswert machen, ist Mong Dsï seiner ganzen Stellung nach auf den Kampf angewiesen. Daher das Pathetisch-rhetorische in seinen Reden, die Disputationen mit Andersdenkenden, die selbstbewußten Äußerungen, die Schärfe und Härte, mit der er seine Feinde verurteilt und brandmarkt, aber auch die durchsichtige Klarheit und Ausführlichkeit, die nichts für sich zurückbehält, sondern alles ausspricht, was zur Stützung und Darlegung der eigenen Lehren dient. Daher ferner auch die opportunistische Anpassung an die Situation, die unter Umständen die höchsten Maßstäbe aus dem Auge läßt, um das praktisch Erreichbare zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist er vernünftig und klar, dialektisch gewandt, oft nicht ohne Humor, immer bereit mit Zitaten aus der »heiligen Schrift«, mit Gleichnissen und erläuternden Geschichten, so daß man – das Interesse für seine Probleme vorausgesetzt – immer angeregt wird. Freilich die ästhetischen Höhen des Kung Dsï erreicht er dabei nicht. Während Kung nach Anhören der alten Musik so hingerissen war, daß er Essen und Trinken darüber vergaß, läßt sich Mong Dsï gelegentlich zu dem Ausspruch hinreißen, die alte und die leichte neue Musik kämen aufs gleiche hinaus; beide belebten ja die sozialen Seiten des menschlichen Gemüts. In solchen und ähnlichen Situationen hat die Philosophie des Mong Dsï etwas Robustes an sich, etwas vom gesunden Menschenverstand. Aber trotz alledem hat er sich auf moralischem Gebiet niemals eine Konzession zuschulden kommen lassen. Hier ist er echt und ganz und darf sich würdig seinem Meister zur Seite stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über sein Leben sind wir nicht so gut unterrichtet, wie über das des Kung. Die Nachrichten&amp;lt;ref&amp;gt;Über die genauere Begründung vgl. Jahrbuch für Chinaforschung Bd. 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; widersprechen sich vielfach. Was wir mit einiger Sicherheit feststellen können, ist folgendes:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï, mit dem Vornamen Ko, ist in dem kleinen Staate Dsou im Jahre 372 geboren. Er stammt aus dem bekannten Adelsgeschlecht Mong Sun, das zur Zeit des Kung Dsï im Staate Lu zu den drei herrschenden Familien gehörte. Das Geschlecht hatte jedoch mit der Zeit an Einfluß verloren, und es hatte sich ein Zweig der Familie in dem südlich von Lu liegenden Dsou niedergelassen. In früher Jugend schon verlor er den Vater. Doch war seine Erziehung bei seiner edlen Mutter in den denkbar besten Händen. Die Geschichten, wie sie zweimal den Wohnplatz gewechselt, um eine Umgebung zu finden, die den Spielen des Sohnes ein gutes Vorbild zeige, und wie sie das Gewebe auf dem Webstuhl zerschnitten, als ihr Junge einst in der Schule keine Fortschritte gemacht, sind in China bis auf den heutigen Tag allbekannt. Daß Mong Ko den Unterricht des Enkels von Kung, Dsï Sï, genossen, ist schon wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen. Möglich ist die Angabe,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er beim Sohne des Dsï Sï gelernt habe. Küfu, der Heimatort der Familie Kung, ist ja von Mongs Geburtsort Dsou nicht weit entfernt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine Quelle weiß zu berichten, daß Mong als ganz kleiner Junge mit Dsï Sï zusammengetroffen sei, der seine Bedeutung sofort erkannt und seinen Sohn auf ihn aufmerksam gemacht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Eheleben scheint er – ähnlich übrigens wie Kung Dsï – wenig gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht aus der Geschichte hervor,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er einst, im Begriff in sein Zimmer zu treten, seine Frau nackt habe darin sitzen sehen. Davon war er so unangenehm berührt, daß er sich von ihr scheiden lassen wollte. Seine Mutter verstand es übrigens, die Sache wieder ins Reine zu bringen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß der eigentliche Fehler auf seiner Seite liege, da er – entgegen den Vorschriften guter Sitte – ohne sich vorher bemerklich zu machen, ins Haus eingetreten sei, so daß seine Frau keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, gehabt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er seine Ausbildung vollendet hatte, bekam er bald auch selbst Schüler. Der erste, von dem berichtet wird, ist Yo Dschong Ko, den sein neunzigjähriger Großvater ihm zusandte, damit er von den mancherlei Gaben der Jünger Kungs vielleicht das eine oder andere sich aneignen könne. Einer Überlieferung&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wal Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; nach kam Mong einst mit seinen Jüngern durch Gü, wo eine Lehrhalle des Jüngers von Kung, Dsong Schen, noch zu sehen war. Er stieg empor und spielte die Zither und sang. Und seine Jünger stimmten ein, also daß die alten Leute von Gü sagten: »Schon lange haben wir nicht mehr solche Töne gehört; das ist wirklich ein Jünger des Heiligen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch war es nicht die Absicht des Mong Dsï, sich auf diese Lehrtätigkeit zu beschränken. Er fühlte vielmehr das Bedürfnis, tätig einzugreifen in den Weltlauf. Gerade da ihm sein Selbstbewußtsein&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Mong Dsï II A, 14. 2, wo Mong Dsï es seinem Jünger Gung-Sun Tschou gegenüber zwar bescheiden ablehnt, als Heiliger bezeichnet zu werden – unter Berufung übrigens auf Kung, der das auch getan habe –, aber es sich energisch verbittet, mit Guan Dschung, dem berühmten Staatsmann von Tsi, auch nur verglichen zu werden. Auf die Frage, welchem der bedeutendsten Jünger Kungs er sich gleichstelle, bricht er das heikle Thema ab, ohne anzudeuten, daß er sich etwa weniger fühle als die Jünger Kungs.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte, daß er die wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Lehren seines verehrten Vorgängers Kung Dsï in die Welt einzuführen, mußte ihm besonders viel daran liegen, einen Weg zu finden, um, sei es auch nur indirekt als Ratgeber eines Fürsten, zu Macht und Einfluß zu gelangen. Er sah die Zeit für besonders günstig an, um eine neue Ordnung der Dinge durchzuführen. Die alte Dynastie der Dschou, die Kung Dsï immer noch zu stützen gesucht hatte, war unwiederbringlich zusammengebrochen. Ein neues Geschlecht mußte an ihre Stelle treten. Im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die Wen, der Begründer des Kaiserthrons der Dschou, gehabt hatte, schien die Gründung eines neuen Reiches leicht. König Wen hatte sich der geschlossenen Macht des alten Kaiserhauses gegenüber gesehen, er selbst gestützt nur auf eine kleine, zwar wohl verwaltete, aber abgelegene und unbedeutende Hausmacht. Auf Seiten der alten Kaisermacht stand noch die Autorität bedeutender Ahnen, die noch nicht weit zurücklagen, und guter Diener, die auch dem Tyrannen Dschou-Sin noch zur Seite standen. Mong Dsï sah, daß zu seiner Zeit die Verhältnisse weit günstiger lagen. Es gab eine Reihe wohl abgerundeter, militärisch mächtiger Staaten, die eine weit bessere Unterlage für eine Universalmacht abgegeben hätten als der kleine Staat, auf den die Dschou sich einstens stützen konnten. Andererseits lag die Zentralregierung vollkommen ohnmächtig zu Boden. Keinerlei Autorität stützte sie mehr. Lange Zeit war vergangen, seit der letzte Heilige auf dem Thron ins Grab gesunken war. Was die Fürsten trieben, war seit Jahrhunderten nur Gewaltpolitik gewesen, auf Kosten der eigenen und fremden Untertanen. Da mußte es leicht sein, die alten heiligen Grundsätze, die Frieden auf Erden gaben, wieder durchzuführen. Ein Hungriger ist leicht zu sättigen. Seit langem hungerte und dürstete alles Volk auf Erden nach einem gütigen Fürsten. Trat einer auf, so mußte es den Leuten zumute sein, wie einem, der an den Fersen aufgehängt ist, wenn man ihn befreit. Alles Volk würde ihm zuströmen, niemand würde es hindern können. Es galt nur den Versuch. War erst ein Fürst gefunden, der auf seine Worte hörte, so kam alles andere mit Notwendigkeit von selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trat Mong Dsï in den zweiten Abschnitt seines Lebens ein: die Wanderzeit. Es ward ihm nicht so leicht, wie die Verhältnisse es hatten scheinen lassen. Denn woran es fehlte, das war eben ein Fürst, wie er ihn brauchte. Die Fürsten der Zeit waren alle in ganz anderen Richtungen begriffen. Wie es Sï-Ma Tsiän berichtet: der Militarismus und ein kompliziertes System von Bündnissen und Gegenbündnissen war an der Tagesordnung. Es strebten alle nach Macht. Wohl ließ man sich die Lehren des Altertums als Verzierung des Lebens gerne gefallen. Wie in der Renaissancezeit Italiens gehörte es auch damals in China mit zum notwendigen Bestand eines angesehenen Staates, daß man sich einen Stab von Gelehrten hielt, die durch ihre anregenden Gespräche, durch ihre gegenseitigen Widerlegungen und Redekämpfe, wobei es an sophistischen Wortspielereien nicht fehlte, den Hof zu unterhalten wußten. Diese Weisen zogen von Hof zu Hof, je nachdem es Zeit und Umstände günstig erscheinen ließen. Eine sehr bittere, aber anschauliche Schilderung dieser Zustände gibt Dschuang Dsï X, 3:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: ›An dem und dem Platz ist ein Weiser.‹ Sie nehmen Reisezehrung auf den Weg und eilen hin, indem sie ihre Familien und den Dienst ihrer Herren im Stiche lassen. Fußspuren führen über die Grenzen der verschiedenen Länder, und Wagengeleise ziehen sich über Tausende von Meilen hin. An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten die Erkenntnis hochschätzen ... So geht es nun seit Anbeginn der Weltgeschichte: man vernachlässigt das einfache, arbeitsame Volk und ergötzt sich am Geschwätz unruhiger Köpfe. Man wendet sich ab vom anspruchslosen Nichthandeln und ergötzt sich an gleißenden Ideen. Durch diese Gleißnerei kommt die Welt in Unordnung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine Zeit von ungemein bewegtem geistigen Leben, voll von Vorurteilslosigkeit. Ungebunden von jeglicher Tradition wurden die Probleme aufgenommen und gelöst. In vieler Hinsicht findet man verwandte Züge mit der gleichzeitigen griechischen Sophistik. Aber nicht nur philosophische Spekulationen pflegten diese Wanderphilosophen, sondern man trieb auch praktische Philosophie. Man machte die Anwendung seiner Theorien auf die Regierung und die Politik. Oft glückte einem Philosophen, der den nötigen gesunden Menschenverstand hatte, ein Rat. Er wurde reich belohnt und vertauschte den Beruf des Weisen mit dem des Staatsmanns. Su Tsin und Dschang J, die beiden berühmtesten Politiker der damaligen Zeit, die Begründer der beiden großen Bündnissysteme, die wie im modernen Europa die Staaten zu einer nord-südlichen und einer ost-westlichen Gruppe zusammenschlössen, waren beide Schüler des Meisters vom Dämonental (Gui Gu Dsï), dem sie ihre Weisheit verdankten. Alles in allem wird man aber wohl sagen können, daß selten der Dilettantismus einen solchen Einfluß auf die Politik gehabt hat – zum mindesten, was den äußeren Schein betrifft – als in dem China der damaligen Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war gesonnen, aktiv in diese Bewegungen einzutreten. Allerdings mit dem stolzen Selbstbewußtsein, daß er der Welt etwas anderes zu bringen habe als scharfsinnige Gedankenkunststücke. Er wollte nichts geringeres als die Wiederherstellung des alten Ideals: »Friede auf Erden« durchsetzen. Nach seiner Überzeugung war dieses Ideal ohne weiteres zu verwirklichen, wenn man die Methoden der Heiligen der Vorzeit, wie sie zuletzt Kung Dsï zusammengefaßt und begründet hatte, anzuwenden entschlossen war. Es gab daher für ihn im Prinzip keine Konzession. Den Grundsatz, einen Fußbreit krumm zu machen, um hundert Fuß gerade zu machen, hat er nicht anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald gab sich Gelegenheit zur Anwendung seiner Grundsätze. Im Jahre 322 nämlich hatte der König Hui von We ein Ausschreiben erlassen, das in sehr ehrerbietigen Ausdrücken und unter Verheißung großer Belohnung Weise an seinen Hof zu ziehen suchte. Der Staat We war einer der drei Staaten, in die sich der alte Staat Dsin aufgelöst hatte. Die Zersplitterung des Staates Dsin in die drei Teilstaaten Dschau, Han und We fand mit kaiserlicher Genehmigung im Jahre 403 statt. Damit begann eine neue Periode in der chinesischen Geschichte, die Zeit der streitenden Reiche, die bekanntlich mit der Aufsaugung der übrigen durch den halbbarbarischen Staat Tsin endigte. In jener Kampfzeit hatte der Staat We, nach seiner Hauptstadt auch Liang genannt, viel zu leiden. Unter dem Fürsten Hui, der nach Vereinbarung mit dem Staate Tsi den Königstitel angenommen hatte, erlitt der Staat mehrere große Niederlagen, bei denen der Kronprinz in Gefangenschaft geriet, der Feldherr getötet wurde und große Gebiete abgetrennt wurden. Das war der Grund für jenes Ausschreiben des Königs, dem außer Mong Dsï auch noch einige andere Philosophen folgten. Die Gespräche, die Mong Dsï mit dem König, dem guter Rat teuer war, geführt hat, sind im ersten Buch der Werke des Mong Dsï reproduziert. Andere Quellen geben eine zum Teil abweichende Darstellung. So wird zum Beispiel von einer Seite&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Sin Lun. Das ist textkritisch von Bedeutung, weil die drei Kapitel I B 13. 14. 15 bei Mong Dsï den Zusammenhang unterbrechen. Das Wahrscheinlichste ist, daß Kap. 15 sich ursprünglich auf Liang bezog – die Einleitung ist im jetzigen Zustand nichtssagend – während 13 und 14, auf Tong bezüglich, ursprünglich an anderem Platze (Buch III) standen. Die Ähnlichkeit mit Kap. 15 hat dann einerseits veranlaßt, daß dieses auch den Unterredungen mit Wen von Tong zugewiesen wurde, und andererseits, daß Kap. 13 und 14 mit ihm zusammengestellt wurden, wobei dann die drei so verbundenen Kapitel an den Schluß von I B zwischen die Erlebnisse in Dsou und Lu gestellt wurden. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das Beispiel des großen Königs, der vor den Barbaren wich, auf die Situation besonders gut paßte.&amp;lt;/ref&amp;gt; der Inhalt der Gespräche, die nach Mong Dsï I B, 15 mit dem Fürsten Wen von Tong geführt worden sind, ebenfalls als auf den König Hui bezüglich erwähnt. Als er nämlich gefragt habe, was sich tun lasse, da Tsin große Gebiete von We annektiert habe, da habe Mong Dsï erwidert: »Als der große König in Bin wohnte, haben ihn die Di-Barbaren angegriffen. Er brachte ihnen Tribut von Edelsteinen und Seidenstoffen dar, aber es half nichts. Der große König wollte nicht seine Leute zu Schaden kommen lassen, darum verließ er Bin und siedelte sich am Fuß des Berges Gi an. Wollt Ihr, o König, nicht auch Liang verlassen.« Der König Hui war über diese Antwort mißvergnügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Wunder, daß der König Hui nichts mit den Ratschlägen des Mong Dsï anzufangen wußte. Das war es nicht, was er gewollt hatte. So gibt er ihm denn mehrfache Gelegenheit, seine Meinung auszusprechen, was dieser denn auch mit aller Schärfe tat. Aber es kam zu keinem Erfolg dieser Reden. Kurz darauf starb der König Hui. Sein Nachfolger Siang war, wie Mong Dsï sich bald überzeugen mußte, nicht von der Art, daß sich etwas von ihm erhoffen ließ. Mong Dsï fällte ein sehr absprechendes Urteil über ihn. Schon nach der ersten oder zweiten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach »Wai Schu« soll Mong Dsï&#039; noch eine zweite Audienz beim König Siang gehabt haben, in der dieser ihn über den Krieg fragte. Mong Dsï habe erwidert: »Der Krieg ist eine gefährliche Sache; davon verstehe ich nichts« und sei abgereist, ohne auf den Versuch des Königs, ihn durch einen Boten zurückholen zu lassen, weiter zu achten. – Nach Mong Dsï I A, 6 fand nur eine Audienz statt, deren Verlauf aber im wesentlichen übereinstimmend berichtet wird.&amp;lt;/ref&amp;gt; Audienz gab Mong Dsï die Sache auf und zog sich aus Liang zurück. Der König Siang befürchtete, daß er ähnlich wie manche anderen Wanderphilosophen der Zeit nach einem anderen Staate gehen werde, um dem Staate Liang zu schaden. Das Beispiel des Dschang J, der von We nach Tsin übergegangen war, war noch in frischer Erinnerung. So schickte er ihm denn einen Boten nach, um ihn zurückzuhalten. Mong Dsï ließ sich jedoch von seinem Entschluß nicht abbringen: »Danket dem König in meinem Namen und saget ihm, daß ich die Freundlichkeit, die mir sein Vater erwiesen, niemals vergessen werde.« Mit diesen Worten verneigte er sich zweimal, bestieg den Reisewagen und fuhr davon.&amp;lt;ref&amp;gt;Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit hatte der König Süan von Tsi eben die große Akademie am Dsï Men&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsï Men, wörtlich Korntor.&amp;lt;/ref&amp;gt; eingerichtet, für die er aus allen Gegenden berühmte Weise zu gewinnen suchte. Dahin wandte sich Mong Dsï. Ober die Persönlichkeit des Königs Süan ist uns nicht viel bekannt. Man kann sich aber aus den Werken des Mong Dsï ein ungefähres Bild von ihm machen. Er hatte etwas Großartiges in seinem Wesen, war nicht ohne edle Regungen. Impulsive Züge eines guten Herzens finden sich bei ihm, wie die Geschichte zeigt, die Mong Dsï gelegentlich erwähnt,&amp;lt;ref&amp;gt;Buch I A, 7.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er Mitleid gehabt habe mit einem Ochsen, der zum Opfern geführt wurde. Auch die Vorliebe für die Gelehrten, die er mit wahrhaft mediceischer Freigebigkeit in die Tat umsetzte, zeigt das Vorhandensein eines Strebens nach Höherem; auch wird man sagen dürfen, daß er Mong Dsï während der ganzen Zeit von dessen Anwesenheit in Tsi durchaus liberal behandelt hat. Dennoch war er zu sehr in den Traditionen seines Hauses, das die Herrschaft durch Usurpation errungen hatte, befangen, als daß er weitergehende Gesichtspunkte höherer Art gehabt hätte. Seine Ideale beschränkten sich darauf, es den berühmten Fürsten der letzten Jahrhunderte, einem Huan von Tsi oder Wen von Dsin, gleichzutun. So hatte denn Mong Dsï nicht eben die günstigste Persönlichkeit für seine Zwecke an ihm gefunden. Es wird erzählt,&amp;lt;ref&amp;gt;Sün Dsï.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er dreimal zur Audienz beim König war, ohne über Politik zu reden. Er habe geäußert, er müsse erst die falschen Meinungen des Königs durch stillen Einfluß bekämpfen. Er selbst hat bei seinem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weggang von Tsi geäußert, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, so lange da zu bleiben.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï II B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; Vielmehr habe er sich nur gezwungen durch des Königs Entgegenkommen zum Bleiben entschlossen, immer bereit zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch persönliche Erwägungen mitsprachen, um ihn zum Bleiben in Tsi zu veranlassen. Seine Mutter, die er so sehr verehrte, war hochbetagt. So mußte es für ihn wünschenswert erscheinen, nicht allzu weit von seiner Heimat – Dsou und Tsi sind Nachbarstaaten – seiner Mutter ein gesichertes Auskommen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ob Mong Dsï in Tsi Gehalt bezog oder nicht, ist nicht ganz klar. An verschiedenen Orten finden sich Anspielungen darauf, so in Liä Nü Dschuan und Hau Schï Wai Dschuan, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind; doch finden sich bei Mong Dsï selbst mehrere Stellen, in denen er bestreitet, Gehalt bezogen zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; bieten zu können. Dennoch hatte er auch für den Staat große Hoffnungen. Seinen Jüngern, die die Hoffnung aussprachen, daß, da er Einfluß in Tsi habe, wohl gar die Zeiten der berühmten Kanzler Guan Dschung, der dem Herzog Huan zur Seite stand, und Yän Ying, der dem Herzog Ging zu Kung Dsïs Zeit die Regierung führte, wiederkehren könnten, erwiderte er: »Gestützt auf Tsi die Herrschaft der Welt zu erlangen, wäre im Handumdrehen möglich.« Die Schüler fragten weiter: »Wenn es also ist, regt Euch das nicht im Innern auf?« »Nein,« sagte Mong Dsï, »seit meinem vierzigsten Jahre habe ich die Ruhe der Seele erreicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gemütsruhe bedurfte er in der Folge sehr nötig. Denn es gab manchen Konflikt bei Hofe. Eines Tages hatte er dem König Vorstellungen gemacht, worüber dieser mißvergnügt war. Seinen Jüngern gegenüber äußerte sich Mong Dsï über den Vorfall: »Wenn man heutzutage einem Fürsten Vorstellungen macht: gleich ist er mißvergnügt. Wissen diese Leute denn nicht, daß das Gute gut ist?« Der Schüler machte eine Bemerkung, worauf Mong Dsï fortfuhr: »Wenn Blitz und Donner toben, Bäume zerspellen und den ganzen Erdkreis in Schrecken versetzen, so können sie doch nicht machen, daß ein Tauber auch nur das mindeste hört; wenn Sonne und Mond scheinen und den ganzen Erdkreis erleuchten, so können sie doch nicht machen, daß ein Blinder auch nur das mindeste sieht. Diesen Tauben und Blinden gleichen unsere Fürsten von heute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch seiner Mutter gegenüber ließ er es einst merken, daß er unter den Verhältnissen litt. Als seine Mutter ihn fragte,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; was er habe, brach er los: »Es heißt, ein anständiger Mensch halte darauf, daß er eine seiner Würde entsprechende Stellung inne habe und nicht aus niedriger Habsucht nach Lohn geize. Nun hat man in Tsi kein Bedürfnis nach der Wahrheit, und ich möchte gehen, aber du bist alt, Mutter, so kann ich&#039;s um deinetwillen nicht. Das macht mich traurig.« Die Mutter sprach: »Die Sitte will es, daß eine Frau sich keine unbedingte Herrschaft anmaßt, sondern sich zu fügen weiß.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »dreifache Unterordnung befolgt«, nämlich als Kind unter die Eltern, verheiratet unter den Gatten, als Witwe unter den Sohn.&amp;lt;/ref&amp;gt; Du bist erwachsen, ich bin alt. Tu du, was deine Pflicht ist; ich werde tun, was die Sitte von mir verlangt. Warum traurig sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch ehe aber Mong Dsï zu einem Entschluß gekommen war, starb die Mutter. Mong Dsï war untröstlich. Drei Tage lang nahm er nichts zu sich und weinte ununterbrochen. Seine Jünger redeten ihm zu: »Seit alters ist es üblich, daß man mit fünfzig Jahren bei der Trauer auf seine Gesundheit acht hat.« »Was redet ihr von fünfzig Jahren,« fuhr Mong Dsï auf, »meine Mutter ist tot, und ich fühle mich verwaist wie ein Kind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese aufrichtige Trauer scheint übrigens auf weite Kreise ihres Eindrucks nicht verfehlt zu haben. Ein Anhänger des Mo Di, jenes nüchternen Philanthropen, kam, um sein Beileid zu bezeigen Als er den Mong Dsï in Tränen aufgelöst sah, da nahm er sich&#039;s zu Herzen: »Nun weiß ich erst, wie die Art der Heiligen ist.« Er wandte sich von der Schule des Mo Di ab und trat zu der Gemeinde des Kung Dsï über.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da die Familie Mong ursprünglich ihren Heimatsitz im Staate Lu hatte, wo auch wohl noch das Erbbegräbnis lag, so begab sich Mong Dsï zur Bestattung seiner Mutter nach diesem Staate. Unter Beihilfe seiner Jünger vollzog er alle Beerdigungsgebräuche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, ohne Mühe und Kosten zu scheuen. Nach altem Brauche blieb er drei Jahre lang allen Geschäften fern, am Grabe der Mutter der Trauer pflegend. Gegen Ende dieser Zeit, im Jahr 314, kam in Lu ein neuer Fürst auf den Thron, der unter dem Namen Ping bekannt ist. Es scheint, daß es dem Schüler Yo Dschong Ko gelang, eine einflußreiche Stellung bei Hofe zu bekommen. Mong Dsï scheint große Hoffnungen auf dieses Ereignis gesetzt zu haben.&amp;lt;ref&amp;gt;Buch VI B, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte vor Freude nicht schlafen, als er die Nachricht hörte. Und in der Tat bemühte sich Yo Dschong Ko auch, den Fürsten von Lu mit Mong Dsï zusammenzubringen. Er redete mit dem Fürsten über Mong Dsï, daß er von sich aus&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Kuang Wen Süan. Dieser Ausdruck fällt gegen eine Unterweisung des Mong Dsï durch Dsï Sï ins Gewicht.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich dem Einfluß des Konfuzius geöffnet habe, so daß er Geisteskraft besitze, um den Zeitgenossen zu helfen, die Bürger zu fördern, und Methoden habe, um die Regierung der Staaten sittlich zu gestalten. Der Fürst ließ sich daraufhin bereit finden, Mong Dsï einen Besuch zu machen. Doch erhoben sich dagegen die niederen Kreaturen, die für ihre Existenz befürchteten, wenn der Fürst sich dem Ernst des Lebens zuwenden würde. Ein Günstling namens Dsang Tsang&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï I B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; wußte die Sache zu hintertreiben. Er redete dem Fürsten vor, daß Mong Dsï seine Mutter viel prächtiger bestattet habe als seinen Vater, und der Fürst ließ sich durch Ihn bestimmen, von dem Besuch bei Mong Dsï abzusehen. Natürlich war es nicht das Gewicht der vorgebrachten Gründe, die an sich sehr fadenscheinig waren, das den Fürsten bestimmte. Viel eher eine Art Beschämung. Der Fürst hatte unter Einwirkung des Yo Dschong Ko halb heimlich einer edlen Regung nachgegeben. Ohne jemand etwas zu sagen, wollte er den Weisen aufsuchen. Da sah er sich nun ertappt von dem Genossen seiner Laster, und dessen Einfluß gewinnt wieder die Oberhand über den sinnlichen Fürsten. Mong Dsï aber sieht in dem Vorfall nicht das kleinliche Spiel von Zufällen, sondern den Willen Gottes. So verläßt er Lu, abermals um eine Hoffnung ärmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunundfünfzig Jahre alt war er inzwischen geworden, als er seine Schritte nach dem Staate Tsi zurücklenkte. Der König Süan kam ihm abermals sehr freundlich entgegen. Mong Dsï wurde zum Königlichen Ratgeber&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Stelle hatte den Rang eines Ministerialpostens, doch ohne Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Es war mehr ein Ehrentitel, verbunden mit einem entsprechenden Einkommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Mong Dsï die Stelle schon bei seinem ersten Aufenthalt in Tsi inne hatte.&amp;lt;/ref&amp;gt; ernannt. Gerade um jene Zeit waren in Yän, dem nördlichen Nachbarstaat von Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli, Unruhen ausgebrochen. Der dortige Fürst, ein törichter Schwächling, war mit seinem Sohne, dem Thronfolger, zerfallen und in die Hände seines Kanzlers geraten, der die Schwäche seines Herrn ausnützte, um ihm die Zügel aus den Händen zu nehmen. Er ließ durch befreundete Wanderlehrer dem Fürsten zureden, daß er das Beispiel der alten heiligen Herrscher befolge, wenn er unter Übergehung seines Erben sein Reich dem Würdigsten, dem Kanzler abtrete. Die Folge dieser Torheit auf der einen und Gemeinheit auf der andern Seite war gänzliche Verwirrung der öffentlichen Verhältnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König von Tsi hielt den Zeitpunkt zum Eingreifen in die Angelegenheiten des nördlichen Nachbarstaates für geeignet. Unter der Hand ließ er auch den Mong Dsï um seine Meinung in der Sache fragen. Dieser redete unbedenklich zu: der König von Yän sowohl wie der Minister Dsï Dschï hätten ihre Kompetenzen überschritten bei dieser gesetzwidrigen Übertragung der Staatsgewalt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Beispiel des heiligen Yau war insofern nicht anwendbar, als der Staat Yän Lehensstaat war, sein Fürst also de jure nicht das souveräne Verfügungsrecht besaß. Außerdem hatten die Heiligen der Vorzeit das Reich »dem Würdigsten« hinterlassen, weil ihre Söhne nicht die Zuneigung des Volkes hatten. Das Gegenteil davon war in Yän der Fall.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darauf wurde eine kriegerische Aktion eingeleitet. Die Truppen des Königs von Tsi fanden keinerlei nennenswerten Widerstand, so daß in ganz kurzem der König von Tsi im Besitz des Landes war, dessen König und Minister beide&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschan Guo Dse.&amp;lt;/ref&amp;gt; bei dieser Invasion ums Leben kamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abermals zog der König Süan den Mong Dsï zu Rate, als es sich nun um die Frage handelte, ob Yän von Tsi annektiert werden solle. Mong Dsï macht die Entscheidung von der Volksstimmung in Yän abhängig. Das Altertum biete Beispiele für die entgegengesetzten Entschließungen, je nach der in der Bevölkerung vorhandenen Gesinnung. Habe der König das Volk von Yän bei einer Annexion auf seiner Seite, so könne er sie unbedingt wagen. Andernfalls sei davon abzuraten. Der König entschloß sich für die Annexion, und zwar ging es dabei, wie es scheint, nicht ganz ohne Härten ab. Namentlich scheinen die heiligen Geräte auch weggeführt worden zu sein, so daß Yän auch äußerlich in direkte Abhängigkeit von Tsi geriet. Diese Vergrößerung eines einzelnen Staates auf Kosten des Bestandes eines der alten Lehensreiche konnten die übrigen Staaten nicht ohne weiteres mit ansehen. Dschau, Tschu und We machten Miene zugunsten des Staates Yän einzuschreiten. Für Mong Dsï war die Lage inzwischen vollkommen klar geworden. Er riet dringend, die Annexion wieder rückgängig zu machen und in Übereinstimmung mit den Leuten von Yän ihnen einen Fürsten zu setzen. Das sei der einzige Weg, Yän als befreundeten Grenzstaat zu bewahren und kriegerische Verwicklungen größeren Stils zu vermeiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König konnte sich hierzu nicht entschließen. Die Verwicklungen zogen sich in die Länge, bis nach zwei Jahren in Yän eine Volkserhebung stattfand, in deren Verlauf der Sohn des umgekommenen Fürsten auf den Thron erhoben wurde. Tsi mußte nun der Sache, so unliebsam es war, den Lauf lassen, da ein energisches Eingreifen bei der feindlichen Haltung der Nachbarstaaten ausgeschlossen erscheinen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu spät kam der König zu der Erkenntnis, daß er besser Mong Dsïs Rat befolgt hätte. Es gewährt einen Einblick in die Art der Höflinge seiner Umgebung, wie sofort sich einer findet, der dem König durch eine sophistische Unterredung mit Mong Dsï, durch die dieser ins Unrecht gesetzt werden sollte, seine bessere Einsicht wieder verdunkelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mißvergnügt weist Mong Dsï die Berufung auf den Fürsten von Dschou, das gepriesene Vorbild Kungs, der auch einmal einen politischen Mißgriff gemacht habe, zurück. Selbst wenn die Alten Fehler gemacht, so hätten sie sie zu bessern gewußt. Heutzutage aber lasse man sich gehen, ja man suche seine Fehler obenhin noch zu beschönigen. Mong Dsï erkannte, daß in dieser Umgebung seinem Einfluß dauernde Schranken gezogen sein mußten. Er beklagte sich: »Kein Wunder, daß der König nicht zur Einsicht kommt. Wenn eine Pflanze auch noch so leicht fortkommt, sie kann nicht gedeihen, wenn auf jeden Sonnentag zehn Tage Frost folgen. Ich sehe den Fürsten nur selten. Kaum bin ich weg, so drängen sich die Frostbringer herzu. Wie kann ich ihn da zum Keimen bringen!« Damit nahm er seinen Abschied. Der Fürst machte einen schwachen Versuch, ihn durch Angebot einer Sinekure zu halten, doch ließ sich Mong Dsï begreiflicherweise nicht darauf ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrung, die ihn schließlich zum Weggang aus Tsi veranlaßte, war nicht die einzige ihrer Art. Schon die ganze Zeit über hatte Mong Dsï mit Hofschranzen zu kämpfen gehabt. Namentlich einer, namens Wang Huan, ein hochmütiger und arroganter Mensch, scheint ihm sehr auf die Nerven gefallen zu sein, um so mehr, als er amtlich ziemlich viel mit ihm zu tun hatte. Die Stellen in Mong Dsïs Werken, die von ihm handeln – offenbar konnte Mong Dsï die gemachten Erfahrungen auch später noch nicht vergessen – zeigen auf Seiten des Weisen gegenüber dem Minister nur das eben noch zulässige Mindestmaß von Wohlwollen. Zum Abschiedsmahl gab es noch einen Zusammenstoß zwischen den beiden. Der Minister trinkt ihm zu und verlangt ein Abschiedsgedicht von ihm – offenbar ein Akt schlecht verhehlten Hohnes. Mong Dsï zahlt ihm heim mit einem Zitat aus den Gesprächen Kungs, wo dieser sich über den Verkehr mit einem minderwertigen Menschen mit den Worten rechtfertigt: »Heißt es nicht: Was wirklich fest ist, mag gerieben werden, ohne daß es abgenutzt wird? Heißt es nicht: Was wirklich weiß ist, mag angeschwärzt werden, ohne daß es dunkel wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Abschied fiel ihm indessen nicht leicht. Er war sich bewußt, daß trotz aller Enttäuschungen, die er in Tsi erlebt hatte, hier noch immer der Platz war, wo am ehesten Hoffnung vorhanden war, seine Gedanken zu verwirklichen. Am Grenzort blieb er dreimal über Nacht, immer in der stillen Hoffnung, der König werde in sich gehen und ihm auf eine befriedigende Weise die Rückkehr ermöglichen. Er äußert zwar einem Jünger gegenüber, der ihn fragt, warum er so lange in Tsi geblieben sei, daß dieser lange Aufenthalt wider seine eigentliche Absicht zustande gekommen sei, worauf der Schüler erwidert, es sei verständlich, daß der Meister sich in Tsi nicht wohl gefühlt habe, denn der Fürst habe sich zwar den Anschein zu geben gewußt, als sei er dem Guten zugetan, ohne doch innerlich eine entsprechende Stellung einzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich sieht Mong Dsï, daß keine Aussicht auf Rückkehr mehr vorhanden ist, und nun verläßt er das Land, nicht ohne Äußerungen herber Verbitterung darüber, daß es dem Himmel noch nicht gefallen habe, die Ordnung auf Erden herstellen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi gingen die Dinge, wie es vorauszusehen war. Der alte König Süan starb noch im selben Jahr, in dem Mong Dsï das Land verließ. Unter seinem Nachfolger mehrten sich die Wirren, und nach manchen Wechselfällen ging er elend zugrunde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In jenen Wirren spielte die Stadt Tsimo, die zu dem Staate Tsi gehörte, eine bedeutende Rolle. Sie war eine der zwei Städte, die allein den Feinden zu trotzen vermochten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï wandte sich zunächst nach Sung. Dort hatte er manche Zusammenkunft mit Fachgenossen, auf die er im Sinne der höchsten Gesichtspunkte einzuwirken versuchte. Auch von Seiten der Regierung wurde er direkt und indirekt um Rat angegangen. Er verhielt sich durchaus zurückhaltend. Der Fürst hatte sich den Titel König angeeignet und machte zunächst vielversprechende Anfänge. Doch traute ihm Mong Dsï offenbar von Anfang an nicht viel Gutes zu. Er behielt mit dieser Beurteilung recht. Wie auch die römische Kaisergeschichte Fälle zeigt, so folgte auf die guten Anfänge ein um so üblerer Fortgang. Der König von Sung verfiel in Zäsarenwahnsinn und fiel als Opfer seines blindwütenden Rasens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Sung besuchte den Mong Dsï der Thronfolger von Tong, einem kleinen Ländchen im Inneren Chinas. Der junge Mann, der offenbar schon früher, als Mong Dsï in staatlicher Mission anläßlich eines Trauerfalls von Tsi nach Tong kam, von diesem tiefere Eindrücke erhalten hatte, machte auf einer Reise nach dem Südstaate Tschu – sowohl auf dem Hin- als auf dem Rückweg – einen Abstecher nach Sung, um den Weisen aufzusuchen. Mong Dsï ging im Lauf der Zeit in seine Heimat Dsou zurück, nicht ohne von den Fürsten von Sung und Süo&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es war Tiän Ying, der damals in Süo saß.&amp;lt;/ref&amp;gt; anerkennende Ehrengaben empfangen zu haben. Auch in Dsou wurde er ehrenvoll empfangen. Er hatte einige Audienzen bei seinem Landesvater, ohne daß daraus jedoch weitere Folgen entsprungen wären. Das Gebiet war allzu geringfügig, als daß selbst beim besten Willen durch bloße Tugend des Fürsten ein Weltreich daraus zu machen war. Auch nach Yän, dem nordischen Staate, bekam er einen Ruf, doch leistete er ihm keine Folge. Er trug offenbar kein Verlangen, seine in Tsi gemachten Erfahrungen durch weitere gleichartige zu vermehren.&amp;lt;ref&amp;gt;vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur einmal noch ließ er sich bewegen, aus seiner Zurückgezogenheit hervorzutreten, als nämlich der Thronfolger von Tong, der ihn in Sung besucht hatte, nach dem Tode seines Vaters auf den Thron kam. Die erste Tat des neuen Fürsten Wen war es, daß er einen Vertrauten zu Mong Dsï schickte, um ihn nach den Beerdigungsgebräuchen fragen zu lassen. Und als Mong Dsï ihm Auskunft zuteil werden ließ, da ging er noch einen Schritt weiter: er setzte die Lehren des Meisters trotz dem Widerstand der routinierten Hofleute, die von solch altväterischen Gewohnheiten nichts wissen wollten, energisch durch und machte sich dadurch einen guten Namen in der ganzen Umgebung. Auf die Bitten dieses Fürsten ging Mong Dsï – wie es scheint für mehrere Jahre – nach Tong und stand ihm mit seinem Rat zur Seite. Sehr viel Wohlwollen scheinen die Höflinge dem Meister nicht entgegengebracht zu haben. Einmal muß er sich sogar gegen den Verdacht wehren, daß einer seiner Schüler einen alten Schuh gestohlen haben könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dem guten Willen des Fürsten ist es aber auch in Tong zu keinem wirklichen Erfolg gekommen. Der Staat lag zu sehr eingerahmt zwischen den Großstaaten Tschu und Tsin und ihren großpolitischen Systemen. Außerdem scheint der Fürst seine Liberalität auch auf allerlei andere »Weise« ausgedehnt zu haben. Von Süden her drangen damals sehr starke barbarische Einflüsse nach China vor. Jene zynischen Philosophensekten, die unter Berufung auf den Göttlichen Landmann »Schen Nung« Rückkehr zur Natur und Einfachheit predigten, sind deutliche Zeichen der beginnenden Barbarisierung der chinesischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat das Aufkommen solcher Sekten in Tong miterlebt und hat sich sehr scharf mit ihnen auseinandergesetzt, nicht ohne deutlichen Hinweis auf ihre kulturelle Minderwertigkeit. Auch der bekannte Freund und Gegner des Dschuang Dsï, der Sophist Hui Dsï, scheint in Tong mit Mong Dsï in Berührung gekommen zu sein. Mong Dsï war offenbar noch in Tong, als der Fürst Wen starb,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; über dessen Beerdigung er Ratschläge erteilt. Höchstwahrscheinlich hat er sich nach dessen Tod nicht mehr länger in Tong aufgehalten, sondern ist nach Dsou zurückgekehrt, um in Gemeinschaft mit seinen Jüngern die Ergebnisse seines Lebens und seiner Arbeiten schriftlich niederzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï starb am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 289. Seine Landsleute haben so um ihn getrauert, daß sie die Feier des Sonnenwendfestes darüber versäumten, eine Unterlassung, die allmählich zur Gewohnheit wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Lehren ==&lt;br /&gt;
Die Lehren des Mong Dsï sind keine anderen als die seines Meisters Kung. Er will gar nichts anderes, als diese Wahrheiten, die von den Heiligen des Altertums, den Herrschern Yau und Schun, dem König Tang, dem König Wen und zuletzt dem ungekrönten Herrscher Kung von Generation zu Generation überliefert und nun auf ihn gekommen sind, weiterbringen auf die Nachwelt. Er nimmt dabei eine Weiterwirkung des Geistes über die Jahrhunderte hinweg an, durch die auch er, ohne den Meister Kung gesehen zu haben, doch dessen Lehren empfangen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Lehren beschäftigen sich für ihn in erster Linie mit der Ordnung der Welt. Hierin stimmt er durchaus mit Kung überein. Nur daß entsprechend dem fortgeschrittenen Verfall die Lehre von der Ordnung der Welt eine andere Tonart erhält. Für Kung hatte es sich noch darum gehandelt, das Bestehende zu erhalten. Er ist sozusagen konservativ-legitimistisch gesinnt. Dennoch hatte er den Verfall nicht aufhalten können. Er hat auch unter den Fürsten seiner Zeit keinen gefunden, der dem sinkenden Königshause der Dschou beigesprungen wäre und so die Welt gerettet hätte. Statt dessen war die Welt aus den Fugen gegangen. Der Stern des alten Königshauses war verblaßt. Ihm war nicht mehr zu helfen. An seine Stelle war – ähnlich wie in Europa an die Stelle des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation die modernen Großmächte – eine Reihe von Militärstaaten getreten, die im gegenseitigen Kampfe lagen. Mong Dsï hat diese Situation insofern anerkannt, als er die Fürsten, die ihn um Rat fragten, ermahnte, die Weltherrschaft an sich zu bringen. Nur blieb er dabei, daß dieser Erfolg einzig und allein durch moralische Mittel, durch ein mildes und weises Regiment zu erreichen sei. Er wird nicht müde, auf die Vorbilder der alten Heiligen zu verweisen, die ebenfalls aus kleinen Anfängen heraus die Weltherrschaft gewonnen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso wie Mong Dsï dem alten Königshause, dessen schwacher Schatten noch in der Luft schwebte, durchaus gleichgültig gegenüberstand, bereit, einen neuen Anfang, wo sich die Möglichkeit bot, zu unterstützen, so stand er auch den Landesfürsten seiner Zeit mit sehr demokratischen Gesinnungen gegenüber. Bald genug hatte er erkannt, daß auf den Thronen seiner Zeit kein Heiliger war, sondern daß es sich zwischen ihnen nur um relative Unterschiede handelte. So hat er denn ihnen gegenüber aus seiner Geringschätzung kein Hehl gemacht. Während Kung den Fürsten seiner Zeit, auch wenn sie weit vom Ideal entfernt waren, doch stets den ihrem Stand gebührenden Respekt zu zollen bereit war, hat es Mong Dsï offen ausgesprochen, daß, wer den Großen raten wolle, sie erst tüchtig verachten lernen müsse. Und auch in der Theorie hat er die Unwichtigkeit der Person des Herrschers gegenüber von Land und Volk mehr als einmal ausgesprochen, was ihm von seifen mancher Fürsten der späteren Zeit Abneigung und Tadel eingetragen hat. Wenn umgekehrt in neuester Zeit dem Mong Dsï ein Lob aus diesen seinen radikalen Äußerungen entsprang, so ist das gänzlich unverdient. Denn niemals kam ihm der Gedanke an den Staat als Republik in den Sinn. Gegen die Auflösung des monarchischen Prinzips, wie sie aus den Lehren eines Yang Dschu als Konsequenz hervorzugehen schien, hat er ebenso kräftig Front gemacht, wie gegen die Auflösung der Familienbande durch den Philanthropen Mo Di. Nicht gegen die Monarchie als Institution hat er polemisiert – die galt ihm als sakrosankt –, sondern nur gegen unwürdige Träger der Krone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf moralischem Gebiet geht er ebenfalls mehr ins einzelne als Kung. Während für den Meister das Ideal in der sittlichen Menschenliebe, der Humanität als solcher befaßt war, kennt Mong Dsï ein doppeltes Ideal: Liebe und Pflicht. Inwieweit er dazu durch die doppelte Front der Anhänger des Mo Di, deren Lehren ihm wider die Liebe zu gehen schienen, und der des Yang Dschu, dessen Lehren die Pflicht aufhoben, bestimmt war, mag dahingestellt bleiben. Genauer definiert ist ihm die Liebe mehr eine ruhende Charaktereigenschaft – das weite Haus der Welt – während die Pflicht der Inbegriff der Normen des Handelns – der große Weg der Welt – ist. An die Seite dieser beiden Begriffe treten dann gelegentlich Ordnung des Ausdrucks und Weisheit als die beiden übrigen Grundtugenden des Menschen. Die Pflege dieser Tugenden wird dadurch erleichtert, daß sie als allgemeine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtungen bzw. Tendenzen jedem Menschen angeboren sind. Insofern ist der Mensch wesentlich gut, da das eigentliche Wesen des Menschen von Gott stammt. Berühmt sind die Gespräche, in denen Mong Dsï die Güte des ursprünglichen Menschenwesens verteidigt hat. Bekanntlich ist in diesem Stück auch die orthodoxe konfuzianische Richtung zum Teil andere Wege gegangen. Ein Sün King lehrte die wesentliche Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die erst durch Kultur vervollkommnet werden müsse, was er in den tendenziös zugespitzten Satz: »Der Mensch ist von Natur bös« zusammengefaßt hat, während Han Yü zur Zeit der Tang-Dynastie (vielleicht beeinflußt durch persische Gedanken?) drei Arten von menschlichen Naturen – die den Pneumatikern, Psychikern und Hylikern entsprechen – angenommen hat, die dann später noch weiter detailliert wurden. Erst in der Sung-Zeit kam die Lehre des Mong Dsï, wenn auch modifiziert durch psychologische Erwägungen, wieder zu Ehren, um bis auf die neueste Zeit ihren Platz behalten zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde Mong Dsï unrecht tun, wenn man an seine Anschauung mit dem Begriffsapparat des Pelagianischen Streites oder mit den christlichen Lehren vom Sündenfall herantreten wollte. Die Lehre von dem Sündenfall und der Unfreiheit der menschlichen Natur, wie sie in der christlichen Kirche ausgebildet wurde, ist wesentlich religiös orientiert. Mong Dsï dagegen bereitet durch seine Auffassung den Boden für ein mutiges Vorwärtsschreiten auf der Bahn ethischer Entwicklung. Es gibt für ihn keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen. Was ein Heiliger wie Schun erreicht hat, kann jeder erreichen, wenn er nur so handelt, wie Schun gehandelt hat. Daß, empirisch betrachtet, die Menschen im allgemeinen weit entfernt von sittlicher Vollkommenheit sind, hat Mong Dsï sehr wohl gewußt und hat auch nach Gründen dafür gesucht. Denn er war weit entfernt von den naturalistischen Theorien seiner Zeit, daß die Natur eben einfach ausgelebt werden müsse, unbeeinflußt von den Erwägungen von Gut und Böse. Vielmehr war für ihn das Gute ein Ideal, das im Kampf gewonnen werden muß. Dieser Kampf ist eine Rückkehr des verloren gegangenen Herzens. Wieso dieses Herz verloren gehen kann, obwohl es doch in jedem Kind als gut vorhanden ist, darüber hat er sich nicht eindeutig ausgesprochen. Es finden sich Andeutungen, daß die sinnliche Natur des Menschen es ist, die durch ihre Begehrungen vom Weg des Ideals abführt. Darum muß auch die sinnliche Seite in Kultur genommen werden. Nicht durch strenge Askese, sondern durch vernunftgemäße harmonische Leitung, die jedem Teil die seiner Bedeutung entsprechende Berücksichtigung zukommen läßt Diese Seite der Lehre, die an sich schon eine Fortbildung der Kungschen Anschauungen bedeutet, fand dann namentlich zur Sung-Zeit eine weitere Ausbildung im einzelnen. Die Paulinischen Kämpfe zwischen Gesetz und Gnade haben Mong&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsï keine Schwierigkeiten bereitet. Da seine Ethik, trotz Anerkennung einer höchsten göttlichen Vorsehung im wesentlichen immanent orientiert ist, so hat er für die Forderung einer Gerechtigkeit im absoluten Sinn gar kein Verständnis. Wenn ein Mensch schlecht ist, und Fehler hat, so braucht er sich einfach zu bessern, und alles ist wieder gut. Ein gebesserter Fehler bedingt keine Schuld. Bessern kann sich aber jeder, der will. Darum ist Mong Dsï entschiedener Optimist. Er will keinem Menschen den Weg zum Guten verbaut wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Vergleich dieser Punkte mit den Aussprüchen des Kung Dsï zeigt eine Weiterbildung der Gedankenarbeit, eine Ausführung ins Detail und psychologische Unterbauung, während grundsätzlich Mong Dsï durchaus auf dem Boden des Meisters steht. Höchstens, daß durch Verschiedenheit des Temperaments gelegentlich verschiedene Betonungen auf einzelne Seiten der Lehre fallen, was aber nur dazu dient, das Bild zu beleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Werke ==&lt;br /&gt;
Von Mong Dsï sind uns heute sieben Bücher erhalten. Die ersten drei enthalten, einigermaßen chronologisch geordnet, die Reden und Gespräche, die er der Reihe nach an den Höfen von Liang, Tsi und Tong geführt hat. Die übrigen vier Bücher enthalten gemischte Aphorismen verschiedenen Inhalts. Man darf der Überlieferung Glauben schenken, daß namentlich die großen zusammenhängenden Stücke der ersten drei Bücher, die Mong Dsïs Staatslehre in großer Ausführlichkeit enthalten, seiner eigenen Feder entstammen. Vielleicht sind die späteren Teile des Werks Aufzeichnungen der Schüler, von denen es hieß, daß sie gemeinsam mit ihm die Redaktion besorgt haben. Doch bleibt die Produktion bei diesen sieben Büchern nicht stehen. Unzweifelhaft nach seinem Tode kamen noch vier kleinere Bücher – ungefähr je nur ein Fünftel der früheren – zustande, die vermutlich in echter Gestalt gegenwärtig wieder vorhanden sind. Die Gründe, die in ihnen eine ganz späte Fälschung sehen wollen, sind nicht stichhaltig. Auch schließen sie sich in Ton und Ausdruck an den übrigen Text an. So haben wir sie für die Biographie des Mong Dsï unbedenklich mit verwandt. Wie man sieht, fügen sie sich dem Zusammenhang lückenlos ein und beleben das Bild. Immerhin erhalten sie außer einzelnen Anekdoten keinen Gedanken, der nicht in den übrigen Werken auch schon auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck gekommen wäre, so daß man es nicht weiter zu bedauern braucht, daß diese Abschnitte mit der Zeit in den Hintergrund traten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat mit seinem literarischen Nachlaß mehr Glück gehabt als mit seiner Schule. Als er starb, waren schon die ersten Spuren der Auflösung aller Verhältnisse zu sehen, die in der Herrschaft des halbbarbarischen Staates Tsin zwei Jahre nach seinem Tode gipfelte. In den Unruhen dieser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahre, besonders da der bekannte Tsin Schï Huang Di auch aktiv gegen die Gelehrten vorging, scheint sich die von ihm gegründete Schule zerstreut zu haben. Seine Schriften jedoch, noch jeder klassischen Auszeichnung entbehrend, führten unter den vielen anderen »Philosophen« ein verborgenes Dasein, so daß sie der bekannten Bücherverbrennung, wie man annehmen darf, entgingen. Selbstverständlich hat der Text dennoch im Lauf der Jahrhunderte manches zu leiden gehabt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommentiert wurde Mong Dsï, auch nachdem er unter der Han-Dynastie wieder zu Ehren gekommen war, verhältnismäßig wenig. Am bekanntesten unter den früheren Kommentaren ist der von Dschau Ki, einem Mann aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der viele wechselvolle Schicksale durchgemacht und die unwillkommene Muße einer Verbannung für die Arbeit an Mong Dsï benützte. Nach ihm kam Mong Dsï wohl allmählich zu Ehren, doch war es den Gelehrten der Sung-Dynastie, vorzüglich Dschu Hi&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der beste Kommentar zu Mong Dsï ist: »Mong Dsï Dschong I von Dsïau Sün«, ferner: »Eine textkritische Ausgabe des Mong Dsï von Yüan Yüan«, beide in dem Sammelwerk Huang Tsing Ging Giä enthalten. Sie wurden für die vorliegende Übersetzung hauptsächlich benutzt., vorbehalten, ihm zu der Stellung zu verhelfen, die er heute als das bekannteste und meist zitierte unter den vier heiligen Büchern, die das chinesische neue Testament ausmachen, einnimmt. Noch zu Beginn der Ming-Dynastie hatten seine freien Äußerungen über die Fürsten den Zorn des Herrschers Hung Wu, eines früheren Buddhistenmönchs, heraufbeschworen. Doch ließ dieser von seinem Zorn ab, als er andere Stellen des Buches las, die ihm imponierten. Seitdem blieb Mong Dsïs Stellung unangetastet. Selbst zur Zeit der jüngsten Revolution wurde er, wie schon erwähnt, mit mehr Wohlwollen betrachtet als andere klassische Bücher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von vollständigen Übersetzungen in europäische Sprachen sind hervorzuheben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
S. Couvreur, Les Quatre Livres, Ho Kien Fou 1895.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
James Legge, The Chinese Classics Vol. II, The Works of Mencius.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
D. E. Faber hat ein ausführliches System des Mong Dsï in Deutsch und Englisch herausgegeben, das einen großen Teil des Textes, wenn auch vollständig aus dem Zusammenhang gelöst, in Übersetzung gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
H. Mootz endlich hat das erste Buch ins Deutsche übersetzt und mit Erläuterungen versehen unter dem Titel: Die chinesische Weltanschauung, dargestellt auf Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse, herausgegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Chronologische Tabelle ==&lt;br /&gt;
Geboren 372 v. Chr. in Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
322 in Liang, der Hauptstadt von We, bei König Hui.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
319 verläßt Mong Dsï nach einer Unterhaltung mit König Siang den Staat We und geht nach Tsi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
317 Tod der Mutter. Reise nach Lu wegen der Beerdigung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
316. 315 in Lu während der Trauerzeit. (In dieser Zeit könnte die Anstellung des Schülers Yo Dschong Dsï in Lu und dessen vereitelter Versuch, den Fürsten Ping und Mong Dsï zusammenzubringen, stattgefunden haben.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
314 zurück nach Tsi. Unternehmung des Staates Tsi gegen den Staat Yän.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
312 Aufruhr in Yän. Mong Dsï verläßt Tsi und geht nach Sung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
311 der Kronprinz von Tong, der nachmalige Fürst Wen, besucht Mong Dsï in Sung. Mong Dsï geht über Siä nach seiner Heimat Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ca. 301 läßt Fürst Wen von Tong, der inzwischen seinen Vater verloren hatte und auf den Thron gekommen war, Mong Dsï nach den Beerdigungsgebräuchen fragen, und infolge davon ging Mong Dsï wohl für einige Jahre nach Tong. Nachdem dort auch allerlei Sekten aufgekommen waren, zog er sich endgültig ins Privatleben zurück, um sich literarischer Tätigkeit zu widmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch I. Liang Hui Wang ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1. Vom Schaden des Nützlichkeitsstandpunkts ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liang ist die Hauptstadt von We, einem Staat im Westen des damaligen China, der Heimat des Dschuang Dsï. Der Staat We, der wohl zu unterscheiden ist von dem in den Gesprächen des Konfuzius häufig genannten, chinesisch anders geschriebenen Staate We im Osten, ist entstanden bei der Teilung des Staates Dsin im heutigen Schansi in die Staaten We, Dschau und Han. Der König Hui von We hatte ein Ausschreiben erlassen, um Weise aus allen Ländern an seinen Hof zu ziehen. Diesem Ausschreiben folgte auch Mong Dsï im Jahre 322 v. Chr. (vgl. Sin Lun. Die früher angenommene Zahl 336 ist falsch. Damals konnte Mong unmöglich schon als »alter Mann« angeredet werden).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Alter Mann, tausend Meilen waren Euch nicht zu weit, um herzukommen, da habt Ihr mir wohl auch einen Rat, um meinem Reich zu nützen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden, o König? Es gibt doch auch den Standpunkt, daß man einzig und allein nach Menschlichkeit und Recht fragt. Denn wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? so sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserm Hause zum Nutzen? und die Ritter und Leute des Volks sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig sucht sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden, und das Ergebnis ist, daß das Reich in Gefahr kommt. Wer in einem Reich von zehntausend Kriegswagen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;10 000 Kriegswagen standen dem Kaiser zur Verfügung, 1000 den größeren Landesfürsten, 100 den großen Adelsgeschlechtern. Die geschilderten Vorgänge sind alles Beispiele aus der Zelt des Niedergangs der Dschoudynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über tausend Kriegswagen verfügen. Wer in einem Reich von tausend Kriegswagen den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über hundert Kriegswagen verfügen. Von zehntausend Kriegswagen tausend zu besitzen, von tausend Kriegswagen hundert zu besitzen, das ist an sich schon keine geringe Macht. Aber so man das Recht hintansetzt und den Nutzen voranstellt, ist man nicht befriedigt, es sei denn, daß man den anderen das Ihre wegnehmen kann. Auf der anderen Seite ist es noch nie vorgekommen, daß ein liebevoller Sohn seine Eltern im Stich läßt, oder daß ein pflichttreuer Diener seinen Fürsten vernachlässigt. Darum wollet auch Ihr, o König, Euch auf den Standpunkt stellen: ›Einzig und allein Menschlichkeit und Recht!‹ Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Geteilte Freude ist doppelte Freude ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang. Der König stand an seinem Parkweiher und sah den Schwänen und Hirschen zu. Er sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Weise erst vermag sich dieser Dinge ganz zu freuen. Ein Unweiser, selbst wenn er sie besitzt, wird ihrer nicht froh. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Lied steht im Schï Ging III, 8 und bezieht sich auf den König Wen von Dschou. Die Übersetzung ist nach Viktor v. Strauß gegeben.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Als er den Wunderturm ersonnen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ersonnen und den Plan gemacht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat alles Volk sich dran begeben;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Tag – und alles war vollbracht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anhub er mit: »Nicht hastet euch!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch alles Volk kam, Kindern gleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Wunderpark der König war,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo Hirsche ruhten Paar bei Paar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gar fette Hirsche, glatt von Haar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weiße Vögel glänzten klar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war am Wunderteiche;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie wimmelte der Fische Schar!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hat der König Wen durch die Arbeit seines Volks einen Turm und einen Teich gebaut, und das Volk war in heller Freude darüber und nannte seinen Turm den ›Wunderturm‹ und seinen Teich den ›Wunderteich‹ und freute sich dessen, daß er Hirsche und Rehe, Fische und Schildkröten hatte. Die Männer des Altertums freuten sich mit dem Volk gemeinsam; darum konnten sie sich wirklich freuen. Andererseits heißt es im Schwur des Tang,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwur des Tang, vgl. Schu Ging III, 1. 3. Der Tyrann Giä, der letzte Herrscher der Hiadynastie, hatte, als er von der Unzufriedenheit des Volkes hörte, den Ausspruch getan: »Solange die Sonne am Himmel nicht vernichtet wird, solange werde ich auch nicht untergehen.« Das Volk bezieht sich auf diesen Ausspruch und sagt: »Wenn nur diese (schi sonst = Zeit) Sonne untergeht, so sind wir es zufrieden, gemeinsam mit dir (an Giä gerichtet) zugrunde zu gehen.« Eine andere Übersetzung, die in den Zusammenhang des Schu Ging noch besser paßt, faßt die Worte des Volks als Anrede an den Befreier Tang auf: »Diesen Tag muß der große Zusammenbruch kommen, wir wollen mit dir gemeinsam ihn vernichten.« Doch scheint Mong Dsï die andere Auffassung vertreten zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; (daß die Untertanen des Tyrannen Giä, der in seinem Hochmut sich der Sonne verglichen, von solchem Haß gegen ihn erfüllt waren, daß sie sprachen:) ›Wenn nur diese Sonne zugrunde geht. Und wenn wir auch mit ihr gemeinsam vernichtet werden‹. Das Volk (des Tyrannen Giä) wollte lieber noch, als daß er am Leben blieb, mit ihm zusammen vernichtet werden. Mochte er Türme und Teiche, Vögel und Tiere besitzen: er konnte ihrer einsam doch nimmermehr froh werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Wie kann ein Fürst die Weltherrschaft erlangen? ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich gebe mir mit meinem Reiche doch wirklich alle Mühe. Wenn diesseits&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Staat We war ursprünglich auf der Südseite des gelben Flusses. Erst nach seiner Vergrößerung bekam er Land auf der Nordseite (»diesseits«). Da auf der Nordseite in alter Zeit die Reichshauptstadt war, heißt sie »diesseits«, »innerhalb«.&amp;lt;/ref&amp;gt; des gelben Flusses Mißwachs herrscht, so schaffe ich einen Teil der Leute nach der anderen Seite und schaffe Korn nach dieser Seite. Tritt Mißwachs ein in dem Gebiet jenseits des Flusses, handle ich entsprechend. Wenn man die Regierungsmaßregeln der Nachbarstaaten prüft, so findet man keinen Fürsten, der sich soviel Mühe gäbe wie ich. Und doch wird das Volk der Nachbarstaaten nicht weniger und mein Volk nicht mehr. Wie kommt das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ihr, o König, liebt den Krieg. Darf ich ein Gleichnis vom Krieg gebrauchen? Wenn die Trommeln wirbeln&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Trommelschlag war das Zeichen zum Angriff, die Becken (Gongs) gaben das Zeichen zum Rückzug.&amp;lt;/ref&amp;gt; und die Waffen sich kreuzen, und die Krieger werfen ihre Panzer weg, schleppen die Waffen hinter sich her und laufen davon, so läuft der eine vielleicht hundert Schritte weit und bleibt dann stehen, ein anderer läuft fünfzig Schritte weit und bleibt dann stehen. Wenn nun der, der fünfzig Schritte weit gelaufen ist, den anderen, der hundert Schritte gelaufen ist, verlachen wollte, wie wäre das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Das geht nicht an. Er lief nur eben nicht gerade hundert Schritte weit, aber weggelaufen ist er auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn Ihr, o König, das einseht, so werdet Ihr nicht mehr erwarten, daß Euer Volk zahlreicher werde als das der Nachbarstaaten. Wenn man die Leute,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im folgenden gibt Mong Dsï die Schilderung der idealen Regierung, den »Pfad der Könige«. Mong Dsï unterscheidet sich dadurch von Kung Dsï, daß dieser noch das Recht des herrschenden Hauses Dschou aufrecht erhielt, während für Mong Dsï jeder Territorialfürst die Möglichkeit der Weltherrschaft hatte. Sobald einer es verstünde, die rechten Prinzipien durchzuführen, fiele ihm das ganze Reich zu. Mong ist in dieser Hinsicht durchaus Realpolitiker.&amp;lt;/ref&amp;gt; während sie auf dem Acker zu tun haben, nicht zu anderen Zwecken beansprucht, so gibt es so viel Korn, daß man es gar nicht alles aufessen kann. Wenn es verboten ist, mit engen Netzen in getrübtem Wasser zu fischen, so gibt es so viel Fische und Schildkröten, daß man sie gar nicht alle aufessen kann. Wenn Axt und Beil nur zur bestimmten Zeit in den Wald kommen, so gibt es soviel Holz und Balken, daß man sie gar nicht alle gebrauchen kann. Wenn man das Korn, die Fische und Schildkröten gar nicht alle aufessen kann, wenn man Holz und Balken gar nicht alle aufbrauchen kann, so schafft man, daß das Volk die Lebenden ernährt, die Toten bestattet und keine Unzufriedenheit aufkommt: Wenn die Lebenden ernährt werden, die Toten bestattet werden und keine Unzufriedenheit aufkommt: das ist der Anfang zur Weltherrschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn jeder Hof von fünf Morgen mit Maulbeerbäumen umpflanzt wird, so können sich die Fünfzigjährigen in Seide kleiden. Wenn bei der Zucht der Hühner, Ferkel, Hunde und Schweine die rechte Zeit beobachtet wird, so haben die Siebzigjährigen Fleisch zu essen. Wenn einem Acker von hundert Morgen nicht die zum Anbau nötige Zeit entzogen wird, so braucht eine Familie von mehreren Köpfen nicht Hunger zu leiden. Wenn man dem Unterricht in den Schulen Beachtung schenkt und dafür sorgt, daß auch die Pflicht der Kindesliebe und Brüderlichkeit gelehrt wird, so werden Grauköpfe und Greise auf den Straßen keine Lasten mehr zu schleppen haben. Wenn die Siebziger in Seide gekleidet sind und Fleisch zu essen haben und das junge Volk nicht hungert noch friert, so ist es ausgeschlossen, daß dem Fürsten dennoch die Weltherrschaft nicht zufällt. Wenn aber Hunde und Schweine den Menschen das Brot wegfressen, ohne daß man daran denkt, dem Einhalt zu tun, wenn auf den Landstraßen Leute Hungers sterben, ohne daß man daran denkt, ihnen aufzuhelfen, und man dann noch angesichts des Aussterbens der Bevölkerung sagt: nicht ich bin schuld daran, sondern das schlechte Jahr, so ist das gerade so, als wenn einer einen Menschen totsticht und sagt: nicht ich hab&#039; es getan, sondern das Schwert. Wenn Ihr, o König, nicht mehr die Schuld sucht bei schlechten Jahren, so wird das Volk des ganzen Reichs Euch zuströmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Der rechte Landesvater ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich will gelassen Eure Belehrung annehmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ob man Menschen mordet mit einem Knüppel oder einem Messer: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob man sie mordet mit einem Messer oder durch Regierungsmaßregeln: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da hub Mong Dsï an: »In der Hofküche ist fettes Fleisch und in den Ställen fette Pferde; in den Gesichtern der Leute wohnt die Not, auf dem Anger draußen wohnt der Tod: das heißt, die Tiere anleiten, Menschen zu fressen. Die Tiere fressen einander, und die Menschen verabscheuen sie darum. Wenn nun ein Landesvater also die Regierung führt, daß er nicht vermeidet, die Tiere anzuleiten, Menschen zu fressen: Worin besteht da seine Landesvaterschaft? Meister Kung hat einmal gesagt: ›Wer zuerst bewegliche Menschenbilder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In alter Zeit gab man den Toten aus Stroh gemachte Puppen mit ins Grab (vgl. Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben, Nr. 5, 1. Teil). Kung Dsï spricht hier von Verbesserungen dieser Totengaben, die später aufkamen. Man machte diese Puppen so, daß sie sich bewegen konnten und lebenden Menschen glichen. Er hat diese Sitte verurteilt, weil er fürchtete, sie könne zu Menschenopfern für die Toten führen. Solche Menschenopfer sind dann in späterer Zeit bei fürstlichen Begräbnissen häufig vorgekommen. (Noch zur Mingzeit wurde mit dem Kaiser ein großes Gefolge dem Tode geopfert. Erst die Mandschus hoben diese Unsitte auf. Die Frage, inwieweit in uralter Zeit das Töten von Menschen als Totenopfer üblich war, kann hier außer Betracht bleiben.)&amp;lt;/ref&amp;gt; fertigte – um sie den Toten mit ins Grab zu geben – gab es für den denn keine Zukunft zu bedenken?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die gewöhnliche Übersetzung ist: »der müsse ohne Nachkommen geblieben sein!« als Fluch gedacht; aber der grammatikalische Zusammenhang führt auf unsere Übersetzung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum, daß er das Ebenbild des Menschen zu diesem Zweck mißbrauchte. Was würde er erst gesagt haben von einem, der seine Leute Not leiden und verhungern läßt!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Rüstung zur Rache ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Unser Reich&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Das Reich Dsin.« Dieses Reich, das von den Herren von Dschau, Han und We aufgeteilt wurde, gehörte früher zu den mächtigsten Staaten Chinas. We war von den drei Teilstaaten der bedeutendste, darum legt der König seinem Staate den Gesamtnamen Dsin bei. Tsi kam dem Staate Dschau, der von We angegriffen war, zu Hilfe. In den dabei entstehenden Kämpfen geriet der Kronprinz von We, der das Heer befehligte, in Gefangenschaft von Tsi und starb dort (340 v. Chr.). Tsin war der aufstrebende westliche Staat, in dem ein Fürst unter dem Namen Tsin Schï Huang später das ganze Reich eroberte. Die hier erwähnte Niederlage fällt ins Jahr 361. Tschu war ein halb barbarischer Staat im Süden am Yangtse. Dschau Yang von Tschu griff We um 323 an.&amp;lt;/ref&amp;gt; war eins der mächtigsten auf Erden, das wißt Ihr ja, o Greis. Doch seitdem es auf meine Schultern kam, wurden wir im Osten besiegt von Tsi, und mein ältester Sohn ist dabei gefallen. Im Westen verloren wir Gebiet an Tsin, siebenhundert Geviertmeilen. Im Süden erlitten wir Schmach durch Tschu. Ich schäme mich darob und möchte um der Toten willen ein für allemal die Schmach reinwaschen, Wie muß ichs machen, daß es mir gelingt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Und wäre auch ein Land nur hundert Meilen im Geviert,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Anspielung auf den König Wen von Dschou. Vgl. Buch II, A, 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; man kann damit die Weltherrschaft erringen. Wenn Ihr, o König, ein mildes Regiment führt über Eure Leute, Strafen und Bußen spart, Steuern und Abgaben ermäßigt, so daß die Felder tief gepflügt und ordentlich gejätet werden können, daß die Jugend Zeit hat zur Pflege der Tugenden der Ehrfurcht, Brüderlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Treue, daß sie zu Hause ihren Eltern und Brüdern und im öffentlichen Leben ihren Fürsten und Oberen dienen – dann könnt Ihr ihnen Knüppel in die Hand geben, um damit die starken Panzer und scharfen Waffen der Herren von Tsin und Tschu zu zerschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene Fürsten rauben ihren Leuten die Zeit, daß sie nicht pflügen und jäten können, um Nahrung zu schaffen für ihre Eltern. Die Eltern leiden Frost und Hunger, Brüder, Weib und Kind sind fern voneinander zerstreut. Jene Fürsten treiben ihre Leute in Fallen und ertränken sie. Wenn Ihr, o König, dann hingeht und sie bekämpft, wer wird Euch da feindlich entgegentreten? Darum heißt es: »Der Milde hat keine Feinde«. Ich bitte Euch, o König, zweifelt nicht daran.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Mildes Regiment ist wie Regen auf dürres Land ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Siang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siang war der Sohn und Nachfolger des Königs Hui von We. Das Gespräch fiel in das Jahr 319. Mong war so enttäuscht, daß er unmittelbar darauf We verließ und nach Tsi ging.&amp;lt;/ref&amp;gt; von Liang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er herauskam, sagte er zu den Leuten: »Ich blickte nach ihm: er sah nicht aus wie ein Fürst. Ich nahte mich ihm: aber ich entdeckte nichts Ehrfurchtgebietendes an ihm. Unvermittelt fragte er: ›Wie kann die Welt gefestigt werden?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sie wird gefestigt durch Einigung‹, erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann sie einigen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer keine Lust hat am Menschenmord, der kann sie einigen,‹ erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann da mittun?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erwiderte: ›Es gibt niemand auf der Welt, der nicht mittun würde. Habt Ihr, o König, schon das sprossende Korn beobachtet? Im Hochsommer,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: im siebten und achten Monat. Die Zeitrechnung der Dschoudynastie begann das Jahr nach dem Wintersolstiz. Siebter und achter Monat sind daher etwa Juni und Juli, der Anfang der »Regenzeit« für Nordchina. Sie entsprechen dem heutigen fünften und sechsten Monat in China.&amp;lt;/ref&amp;gt; wenn es trocken ist, da stehen die Saaten welk. Wenn dann am Himmel fette Wolken aufziehen und in Strömen der Regen herniederfällt, so richten sich mit Macht die Saaten wieder auf. Daß es also geschieht, wer kann es hindern? Nun gibt es heute auf der ganzen Welt unter den Hirten der Menschen keinen, der nicht Lust hätte am Menschenmord. Wenn nun einer käme, der nicht Lust hätte am Menschenmord, so würden die Leute auf der ganzen Welt alle die Hälse recken&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vielleicht liegt in der Polemik des Dschuang Dsï in Buch X, 3, pag. 71 eine Beziehung auf Mong Dsï und seinen Aufenthalt in We. Vgl. die Stelle: »Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: An dem und dem Platz ist ein Weiser ... An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten in falscher Weise Erkenntnis hochschätzen.«&amp;lt;/ref&amp;gt; und nach ihm ausspähen. Und wenn er wirklich also ist, so fallen die Leute ihm zu, wie das Wasser nach der Tiefe zufließt, in Strömen. Wer kann es hindern?‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Der Opferstier und die Weltherrschaft ===&lt;br /&gt;
König Süan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es wird von manchen Kommentatoren angenommen, daß Mong Dsï erst in Tsi und dann in We gewesen sei, doch läßt sich auf diese Weise die Chronologie nicht richtigstellen. In Wirklichkeit ging er von We nach Tsi (über seine Heimatstadt Dsou, wo er seine Mutter besuchte). König Süan von Tsi regierte von 320-302 v. Chr. (nicht, wie die gewöhnliche Chronologie will, 342-324).&amp;lt;/ref&amp;gt; von Tsi fragte: »Kann ich etwas von den Taten der Fürsten Huan von Tsi und Wen von Dsïn&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Huan von Tsi (684-643) und Wen von Dsin († 628) waren die zwei berühmtesten der fünf Fürsten, die zeitweise die Hegemonie im Reich hatten (vgl. Lim Yü XIV, 16). Mong schätzt sie gering und will daher das Gespräch auf sein beliebtes Thema bringen: die Beherrschung der Welt durch wahrhaft königliche Grundsätze.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu hören bekommen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Unter den Jüngern des Meister Kung gab es keinen, der über die Taten Huans und Wens redete. Darum ist auf die Nachwelt keine Überlieferung von ihnen gekommen, und ich habe nie etwas von ihnen gehört. Wollen wir nicht statt dessen davon reden, wie man König der Welt wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Welche Eigenschaften muß man haben, um König der Welt sein zu können?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer sein Volk schützt, wird König der Welt: niemand kann ihn hindern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ja, wäre denn ein Mann wie ich imstande, sein Volk zu schützen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Woher weißt du, daß ich dazu imstande bin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich habe von Hu Hai&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hu Hai war ein Höfling aus der Umgebung des Königs.&amp;lt;/ref&amp;gt; erzählen hören, der König habe einst in seinem Saal gesessen, da sei einer, der einen Ochsen führte, unten am Saal vorbeigekommen. Der König habe ihn gesehen und gefragt: ›Wohin mit dem Ochsen?‹ Man habe erwidert: ›Er soll zur Glockenweihe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Neu gegossene Glocken wurden mit dem Blut eines Opfertieres bestrichen und dadurch geweiht, daß ihr Schall zum Himmel dringe (vgl. Dschou Li, Tiän Guan).&amp;lt;/ref&amp;gt; geschlachtet werden.‹ Da habe der König gesagt: ›Laßt ihn laufen. Ich kann es nicht mit ansehen, wie er so ängstlich zittert, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird.‹ Man habe erwidert: ›Soll dann die Glockenweihe unterbleiben?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König habe gesagt: ›Sie darf nicht unterbleiben. Nehmt ein Schaf statt seiner.‹ – Ich weiß nicht, ob es so sich zugetragen hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist so gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Diese Gesinnung genügt, um König der Welt zu werden. Die Leute dachten alle, es sei nur Sparsamkeit von Euch gewesen; aber ich weiß bestimmt, daß Ihr es nicht habt mit ansehen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ach, gibt es wirklich solche Leute? Allein so unbedeutend und gering mein Reich auch ist, ich brauche doch an einem Ochsen nicht zu sparen. Ich habe es wirklich nicht mit ansehen können, daß er so ängstlich zitterte, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird. Darum habe ich statt seiner ein Schaf nehmen lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Und doch habt Ihr nicht anders&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wir haben grammatikalisch nach dem Wortlaut übersetzt. Die chinesischen Kommentare gehen von der anderen Bedeutung von i = für anders, d. h. sonderbar halten, »sich wundern« aus und konstruieren: »Wundert Euch nicht, o König, daß die Leute Euch für sparsam hielten!« Doch widerspricht dem m. E. das »wu«, das meist die Bedeutung von lateinisch »non«, nicht von »ne« hat. Auch wird der Zusammenhang klarer.&amp;lt;/ref&amp;gt; gehandelt, als wenn Ihr wirklich nur so sparsam gewesen wäret, wie die Leute meinten. Ihr habt statt eines großen Tieres ein kleines nehmen lassen. Woher hätten jene es besser wissen sollen! Wenn ihr Mitleid hattet mit der Unschuld, die zum Richtplatz geführt wurde: was ist da schließlich für ein Unterschied zwischen einem Ochsen und einem Schaf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sprach: »Wahrhaftig! Was hab&#039; ich nur dabei gedacht! Ohne daß es mir um den Wert zu tun gewesen wäre, habe ich doch ein Schaf statt des Ochsen nehmen lassen. Da haben die Leute ganz recht, wenn sie sagen, ich sei sparsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Es tut nichts. Es war dennoch ein Zeichen von Milde. Ihr saht den Ochsen, aber hattet das Schaf nicht gesehen. Es geht dem Gebildeten mit den Tieren nun einmal so: wenn er sie lebend gesehen hat, kann er nicht zusehen, wie sie getötet werden, und wenn er sie hat schreien hören, bringt er es nicht über sich, ihr Fleisch zu essen. Das ist ja auch der Grund, warum der Gebildete sich von der Küche fernhält.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war erfreut und sprach: »Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging II, 4, 4 v. 4.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Anderer Leute Sinn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vermag ich zu ermessen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das geht auf Euch, Meister. Obwohl es meine eigne Tat war, habe ich mich dennoch vergeblich darüber besonnen, wie ich es eigentlich gemeint habe. Ihr, Meister, sprecht es aus und habt genau meine innerste Gesinnung getroffen. Inwiefern paßt nun diese Gesinnung dazu, König der Welt zu sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn jemand Euch berichten würde: ›Ich besitze zwar genügend Stärke, um dreißig Zentner zu heben, aber nicht genug, um eine Feder zu heben; ich bin helläugig genug, um die Spitze eines Flaumhaars&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich Herbsthaar. Gemeint ist das im Herbst wachsende Winterhaar der Tiere. Der Ausdruck kommt auch bei Dschuang Dsï vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu untersuchen, aber einen Heuwagen sehe ich nicht‹: würdet Ihr das hingehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verneinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Nun ist Eure Milde so groß, daß sie sich selbst auf Tiere erstreckt, und doch reicht ihre Wirkung nicht bis zu Eurem Volk. Wie ist denn das nur? Allein, daß jener die Feder nicht aufhebt, kommt davon, daß er seine Stärke nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß der andere den Heuwagen nicht sieht, kommt daher, daß er seine Scharfsichtigkeit nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß Eure Leute keines Schutzes genießen, kommt daher, daß Ihr Eure Gnade nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;. Darum, daß Ihr nicht König der Welt seid, ist Unterlassung, nicht Unfähigkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wodurch unterscheiden sich Unterlassung und Unfähigkeit in ihrer Äußerung voneinander?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer den Großen Berg&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Große Berg ist der Taischan. Der Taischan ebenso wie das Nordmeer (Golf von Tschili) waren in der Nähe von Tsi. Das Beispiel scheint eine sprichwörtliche Redensart gewesen zu sein. Es kommt auch bei Mo Di vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; unter den Arm nehmen soll und damit übers Nordmeer springen und er sagt, das kann ich nicht, so ist das wirkliche Unfähigkeit; wenn aber einer sich vor Älteren verneigen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Zeichen heißen wörtlich: »einen Zweig abbrechen«; doch ist diese Bedeutung sinnlos. Die älteren chinesischen Kommentare geben dafür teils die von uns gegebene Erklärung (dschï »Zweig« hier für dschï »Glied, Körper«, dschä »beugen«, den Körper beugen und sich verneigen).&amp;lt;/ref&amp;gt; soll und er sagt, das kann ich nicht, so ist das Unterlassung, nicht Unfähigkeit. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr nicht in der Lage eines Menschen, der mit dem Großen Berg unterm Arm übers Nordmeer springen soll. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr in der Lage eines Menschen, der eine Verbeugung machen soll. Behandle ich meine älteren Verwandten wie es dem Alter gebührt, und lasse das auch den Alten der andern zugute kommen; behandle ich meine jüngeren Verwandten wie es der Jugend gebührt, und lasse das auch den Jungen der andern zugute kommen; so kann ich die Welt auf meiner Hand sich drehen lassen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Lun Yü III, 11.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schï Ging III, 1, 6 v. 2 bezieht sich dort auf den König Wen.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sein Beispiel leitete die Gattin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und reichte auf seine Brüder weiter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis es auf Haus und Land wirkte.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesen Worten ist gemeint: Richte dich einfach nach deinem eignen Gefühl und tue den andern darnach. Darum: Güte, die weiter wirkt, reicht aus, die Welt zu schützen, Güte, die nicht weiter wirkt, vermag nicht einmal Weib und Kind zu schützen. Warum die Menschen der alten Zeit den andern Menschen so sehr überlegen sind, ist einzig und allein die Art, wie sie es verstanden, ihre Taten weiter wirken zu lassen. Nun ist Eure Güte groß genug, um sich selbst auf die Tiere zu erstrecken, und doch kommt ihre Wirkung nicht Euren Leuten zugute. Wie ist denn das nur?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man bedarf einer Wage, um zu erkennen, ob etwas leicht oder schwer ist. Man bedarf eines Maßstabs, um zu erkennen, ob etwas lang oder kurz ist. So ist&#039;s mit allen Dingen und mit dem Herzen ganz besonders. Ich bitte Euch, o König, es einmal zu wägen. Panzer und Waffen zu fördern, Ritter und Knechte zu gefährden, Übelwollen Euch zuzuziehen von seiten der Mitfürsten: braucht Ihr das, um froh zu werden in Eurem Herzen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein. Wie sollte ich daran Freude haben! Das alles sind nur Mittel zur Erreichung meines höchsten Wunsches.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Darf man hören, was Euer höchster Wunsch ist?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sagte nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ist es etwa, daß Ihr Mangel habt an Fett und Süßigkeiten für Euern Gaumen, an leichtem und warmem Pelzwerk für Euern Leib, oder etwa daß Ihr der bunten Farben nicht genug habt, um die Augen zu ergötzen, an Klängen und Tönen nicht genug habt, um die Ohren zu erfreuen, oder habt Ihr nicht genug Knechte und Mägde, die Eurer Befehle gewärtig vor Euch stehen? Alle Eure Diener, o König, haben genug von diesen Dingen, sie Euch darzubringen; darum kann es Euch also wohl nicht zu tun sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein, darum ist es mir nicht zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »O, dann läßt sich erraten, was Euer höchster Wunsch, o König, ist! Euer Wunsch ist es, Euer Land zu erweitern, die Fürsten von Tsin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tsin im Westen und Tschu im Süden waren die mächtigsten Staaten des damaligen China.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Tschu als Vasallen an Euren Hof zu ziehen, das Reich der Mitte zu beherrschen und die Barbarenländer rings umher in die Hand zu bekommen. Diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, ist aber gerade so, als wollte man auf einen Baum klettern, um Fische zu suchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Sollte es so schlimm sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Womöglich noch schlimmer! Klettert man auf einen Baum, um Fische zu suchen, so findet man wohl keine Fische, aber es hat weiter keine üblen Folgen. Aber diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, das führt, wenn es mit vollem Ernst geschieht, sicher zu üblen Folgen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Laßt hören!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn der Kleinstaat Dsou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsou, die Heimat des Mong, war ein Miniaturstaat in der Nähe von Lu. Heute ist es ein Kreis von Schantung.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit der Großmacht Tschu Krieg führt: Wer, denkt Ihr, wird gewinnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Tschu wird gewinnen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »So steht es also fest, daß der Kleine nicht den Großen angreifen darf, daß die Minderzahl nicht die Mehrzahl angreifen darf, daß der Schwache nicht den Starken angreifen darf. Nun ist das ganze Land innerhalb der vier Meere tausend Geviertmeilen groß, und dem Staate Tsi gehört der neunte Teil. Mit einem Neuntel die übrigen acht unterwerfen zu wollen, wodurch unterscheidet sich das von dem Unterfangen des Kleinstaats Dsou, der die Großmacht Tschu bekämpfen wollte? Wäre es nicht besser, zur wahren Wurzel zurückzukehren? Wenn Ihr, o König, bei der Ausübung der Regierung Milde walten laßt, so daß alle Beamten auf Erden an Eurem Hofe Dienst zu tun begehren, alle Bauern in Euren Ländern zu pflügen begehren, alle Kaufleute in Euren Märkten ihre Waren zu stapeln begehren, alle Wanderer auf Euren Straßen zu gehen begehren, daß alle auf Erden, die etwas gegen ihren Herrscher haben, herbeizueilen und ihn vor Eurer Hoheit anzuklagen begehren: daß es also geschieht, wer kann es hindern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich bin zu unklar, um diesen Weg gehen zu können. Ich wünschte, daß Ihr, Meister, meinem Willen zu Hilfe kommt und mir durch Eure Belehrung Klarheit verschafft. Bin ich auch unfähig, so bitte ich doch, Ihr wollet es einmal versuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ohne festen Lebensunterhalt dennoch ein festes Herz zu behalten, das vermag nur ein Gebildeter. Wenn das Volk keinen festen Lebensunterhalt hat, verliert es dadurch auch die Festigkeit des Herzens. Ohne Festigkeit des Herzens aber kommt es zu Zuchtlosigkeit, Gemeinheit, Schlechtigkeit und Leidenschaften aller Art. Wenn die Leute so in Sünden fallen, hinterher sie mit Strafen verfolgen, das heißt dem Volke Fallstricke stellen. Wie kann ein milder Herrscher auf dem Thron sein Volk also verstricken? Darum sorgt ein klarblickender Fürst für eine geordnete Volkswirtschaft, damit die Leute einerseits genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und andererseits genug, um Weib und Kind zu ernähren, also daß in guten Jahren jedermann satt zu essen hat und selbst in üblen Jahren niemand Hungers zu sterben braucht. Dann mag man auch mit Ernst an die Hebung des Volkes gehen, denn es ist den Leuten leicht zu folgen. Heutzutage aber ist es so um die Volkswirtschaft bestellt, daß die Leute auf der einen Seite nicht genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und auf der anderen Seite nicht genug, um Weib und Kinder zu ernähren. Selbst in einem guten Jahr ist jedermann in Not, und kommt ein übles Jahr, so sind die Leute nicht sicher vor dem Hungertode. Unter solchen Verhältnissen sind sie nur darauf bedacht, ihr Leben zu fristen, besorgt, es möchte ihnen nicht hinausreichen. Da haben sie wahrlich keine Muße, Ordnung und Recht zu pflegen. Wenn Ihr den Wunsch habt, o König, das durchzuführen, so kommt es nur darauf an, zur wahren Wurzel zurückzukehren.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wiederholung des Schlußabschnitts von Nr. 3: »Wenn jeder Hof ...« mit einer unwesentlichen Abweichung am Schluß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt B: 1. Über die Pflege der Musik ===&lt;br /&gt;
Dschuang Bau&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dschuang Bau war ein Minister in Tsi. Die Geschichte spielt im unmittelbaren Anschluß an die vorige. Der König ist ebenfalls König Süan von Tsi.&amp;lt;/ref&amp;gt; suchte den Mong Dsï auf und sprach: »Als ich heute beim König war, sprach er mit mir von seiner Liebe zur Musik. Ich wußte nicht, was ich darauf erwidern sollte. Er sagte nämlich: ›Was ist von der Liebe zur Musik zu halten?‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn der König nur wirklich die Musik recht liebt, so kann aus dem Staat Tsi noch etwas werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tags darauf trat er vor den König und sprach: »Ist es wahr, daß Eure Hoheit mit Dschuang Bau über die Liebe zur Musik gesprochen haben?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König errötete und sprach: »Der Liebe zur ernsten, alten Musik bin ich nicht fähig, ich liebe eben nur die leichte, weltliche Musik.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn Eure Hoheit nur wirklich die Musik recht lieben, so kann aus dem Staate Tsi noch etwas werden. Ob es alte oder neue Musik&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Die heutige Musik ist wie (yu »von« hier = yu »wie«) die alte Musik.« Diese Konnivenz gegen die Schwäche des Königs unter dem Gesichtspunkt »der Zweck heiligt das Mittel« unterschied den Mong von Kung. Die neue Musik ist unzweifelhaft die Musik von Dschong, die Kung verhaßt ist (vgl. Lun Yü XV, 10). Mong Dsï geht im Verlauf des Gesprächs dazu über, das Zeichen yo »Musik« in seiner anderen Bedeutung (lo = Freude) zu gebrauchen, eine sophistische Spielerei, die einigermaßen an die Sophisten in Liä Dsï II, 21 erinnert. Selbstverständlich ist auf seiten Mongs der größere moralische Ernst.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist, darauf kommt es dabei nicht an.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Kann man etwas Näheres darüber hören?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik einsam zu genießen oder sie mit andern gemeinsam zu genießen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Schöner ist&#039;s mit andern gemeinsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Was macht mehr Freude: die Musik mit wenigen oder mit vielen gemeinsam zu genießen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Schöner ist&#039;s mit vielen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich bitte mit Eurer Hoheit über wahre Freude an der Musik reden zu dürfen. Wenn z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Mit verstopfter Nase«. Dies wird meist übersetzt: »Mit zusammengezogenen Brauen«. Wir schließen uns an die Deutung von Man Si Ho an.&amp;lt;/ref&amp;gt; zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Musik uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, mit schmerzendem Kopf und mit umflorter Stimme zueinander sprechen: ›Weshalb doch bringt die Liebe unseres Königs zur Jagd uns in diese äußerste Not, also daß Vater und Sohn sich nimmer sehen, daß Brüder, Weib und Kind getrennt und zerstreut sind?‹ so hat das keinen anderen Grund, als daß er nicht versteht, mit seinem Volk seine Freuden zu teilen. Wenn aber z. B. ein König Musik macht und die Leute, die den Klang der Glocken und Pauken und die Töne der Flöten und Pfeifen vernehmen, mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so musizieren kann‹; oder wenn z. B. ein König eine Jagd abhält und die Leute, die den Lärm der Wagen und Pferde hören und die schmucken Fahnen und Banner sehen, alle mit fröhlichen Herzen und heiteren Mienen zueinander sprechen: ›Unser König scheint gesund und wohl zu sein, daß er so jagen kann‹; so hat das keinen andern Grund, als daß er mit dem Volk seine Freuden zu teilen versteht. Ein König nun, der mit seinem Volke seine Freuden teilt, der wird der König der Welt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Der königliche Park ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi fragte den Mong Dsï und sprach: »König Wens&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. I, A, 2.&amp;lt;/ref&amp;gt; Park soll 70 Geviertmeilen groß gewesen sein. Ist das wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »War er wirklich so groß?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja, und dem Volk war er doch noch zu klein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Mein Park ist nur 40 Geviertmeilen groß, und dem Volk ist er dennoch zu groß. Wie kommt das nur?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »König Wens Park war 70 Geviertmeilen groß, aber wer Gras oder Reisig sammeln wollte, durfte hinein; wer sich einen Fasan oder einen Hasen schießen wollte, durfte hinein. So besaß er ihn mit seinem Volk gemeinsam, und daher war es ganz in der Ordnung, daß er dem Volk zu klein war. Als ich an die Grenzen Eures Reiches kam, da erkundigte ich mich erst nach den wichtigsten staatlichen Verboten, ehe ich wagte einzutreten. Ich vernahm, daß innerhalb des Vorstadtbezirks ein Park sei, 40 Geviertmeilen groß. Wer darin einen Hirsch oder ein Reh töte, der werde bestraft, als habe er einen Menschen getötet. Auf diese Weise sind die 40 Geviertmeilen eine große Fallgrube mitten im Land. Daß das den Leuten zu groß ist, ist das nicht auch ganz in der Ordnung?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Die Liebe zur Tatkraft ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Gibt&#039;s eine Norm für den Verkehr mit Nachbarstaaten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Entweder man muß gütig sein, damit man als Großer dem Kleinen dienen kann. Huf diese Weise hat Tang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über den hier erwähnten Vorfall vgl. III, B, 5, wo die Sache ausführlich erzählt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Go gedient und König Wen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Von den chinesischen Kommentaren wird auf Schï Ging III, 1, 3, v. 8 verwiesen. Sie sind sich über den historischen Hergang nicht ganz einig. Offenbar handelt es sich um eine Etappe auf dem Wege des Hauses Dschou vom barbarischen Westen herein nach China.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Kun-Barbaren. Oder man muß weise sein, damit man als Kleiner dem Großen dienen kann. Auf diese Weise hat der Große König&amp;lt;ref&amp;gt;Über den »Großen König«, den Großvater des Königs Wen, s. Abschnitt 15.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Hunnen gedient und Gou Tsiän&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gou Tsiän war ein König des Staates Yüo, der mit Wu im Kampfe lag, und als er besiegt wurde, sich selbst als Diener dem König von Wu anbot.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Staate Wu. Wer als Großer einem Kleinen dienen kann, ist fröhlich in Gott;&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Chinesisch: tiän Himmel. Hier ist die Übersetzung mit »Gott« das unmittelbar Gegebene, zumal da sich auch sonst in der alten chinesischen Literatur Instanzen dafür finden. Vgl. zur Sache Laotse, Taoteking, Abschn. 61.&amp;lt;/ref&amp;gt; wer als Kleiner einem Großen dienen kann, der fürchtet Gott. Wer fröhlich ist in Gott, vermag die Welt zu schirmen; wer Gott fürchtet, vermag sein Reich zu schirmen. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging IV, 1,1.&amp;lt;/ref&amp;gt; steht:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Ich fürchte Gottes Majestät,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um seine Gunst mir zu bewahren.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Das ist fürwahr ein großes Wort. Aber ich habe einen Fehler: ich liebe die Tatkraft.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ich bitte Eure Hoheit, nicht kleinliche Tatkraft zu lieben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Auch hier wieder eine Instanz für die pädagogische Anpassung des Mong an die Äußerungen der Fürsten, die er beeinflussen will.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ans Schwert zu schlagen und mit wilden Blicken zu sprechen: wie darf der Kerl es wagen, mir entgegenzutreten! Das ist die Tatkraft des kleinen Mannes, der sich mit einem einzelnen herumschlägt. Ich bitte Eure Hoheit, die Sache größer zu fassen. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging III, 1,7, v. 5. Übersetzung von Strauß.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Der König, zürnend aufgefahren,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Ordnung stellt er seine Scharen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu wehren eingedrung&#039;nen Scharen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dschous Wohl zu sichern vor Gefahren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und allem Reich entsprechend zu gebaren.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war die Tatkraft des Königs Wen. Der König Wen brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volke auf Erden Frieden zu geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Urkundenbuch&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schu Ging V, 1, Abschnitt 1, 7. Doch ist der Text bei Mong sehr stark abweichend.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Als der Himmel die Menschen geschaffen, da machte er ihnen Herrscher, da machte er ihnen Lehrer. Seine Absicht war, daß sie Gehilfen Gottes seien, darum verlieh er ihnen die Länder der Welt. Schuld oder Unschuld ruht allein auf ihnen. Wer wagt auf Erden ihren Willen zu mißachten?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß ein Tyrann als einzelner der ganzen Welt sich entgegensetze, empfand König Wu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;König Wu, der Sohn des Königs Wen von Dschou, der die Herrschaft über das Reich tatsächlich angetreten hat unter Beseitigung des Dschou Sin, des Tyrannen aus der Yindynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; als Schmach. Das war die Tatkraft des Königs Wu. Der König Wu brauchte nur ein einziges Mal zu zürnen, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben. Wenn nun Eure Hoheit auch nur ein einziges Mal zu zürnen braucht, um allem Volk auf Erden Frieden zu geben, so wird das Volk nur darum besorgt sein, daß Eure Hoheit etwa die Tatkraft nicht lieben möchte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Im Schneepalast ===&lt;br /&gt;
Der König Süan von Tsi empfing den Mong Dsï im Schneepalast.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Ort dieses Palastes wird heute noch gezeigt in Tsingdschou-fu in Schantung. Ob mit Recht oder nicht, ist schwer zu entscheiden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Gewiß! Es gibt Leute, die tadeln ihre Herren, wenn sie selbst solche Dinge nicht haben können. Wer seinen Herren tadelt, weil er solche Dinge nicht bekommt, der ist zu tadeln. Ein Herr des Volkes aber, der seine Freuden nicht mit seinem Volke teilt, ist ebenfalls zu tadeln. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Freuden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Freuden. Wenn ein Fürst teilnimmt an den Leiden seines Volkes, so wird das Volk auch teilnehmen an seinen Leiden. Daß einer, der sich freut mit der ganzen Welt und leidet mit der ganzen Welt, nicht König der Welt würde, das ist noch nie geschehen ...«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im Folgenden kommt ein Abschnitt aus »Yän Dsï Tschun Tsiu« über eine Unterredung des Fürsten Ging von Tsi mit seinem Minister Yän Dsï, der hier wahrscheinlich interpoliert ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Das Lichtschloß. Liebe zum Besitz und zur Frauenschönheit ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Jedermann rät mir, das Lichtschloß&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ming Tang »die lichte Halle« am Fuße des Taischan war zur Dschouzeit als kaiserliches Absteigequartier und Audienzhalle erbaut. Außer diesem Lichtschloß gab es noch vier andere am Fuße der anderen heiligen Berge. Dort wurde auch der König Wen verehrt. Vgl. Hiau Ging. Der König von Tsi hatte den Platz erobert. Man riet ihm, das Lichtschloß abzureißen, einerseits um nicht einen Rest kaiserlicher Würde in seinen Grenzen zu haben, andererseits um nicht als Usurpator zu erscheinen, wenn er ein Kaiserschloß für sich benutze. Mong ist in letzterer Hinsicht ganz ohne Skrupel und weicht weit ab von Kung.&amp;lt;/ref&amp;gt; abzubrechen. Soll ich es nun abbrechen oder soll ich es sein lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Das Lichtschloß ist eines großen Königs Schloß. Wenn Eure Hoheit als König der Welt herrschen wollen, so braucht Ihr es nicht abzubrechen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Darf man hören, wie man als König der Welt herrschen muß?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »König Wen herrschte einstens über das Land Ki. Da brauchten die Bauern nur ein Neuntel des Landes für ihn zu pflügen. Die Familien der Staatsdiener behielten ein dauerndes Einkommen. An den Grenzpässen und auf den Märkten wurde eine regelmäßige Aufsicht geübt, doch keine Abgaben erhoben. Fischfang und Jagd waren unbehindert. Verbrechen wurden nicht an den Angehörigen geahndet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein alter Mann, der keine Gattin mehr hat, heißt ein Witwer; eine alte Frau, die keinen Gatten mehr hat, heißt eine Witwe; alte Leute ohne Söhne heißen Einsame; junge Kinder ohne Vater heißen Waisen. Diese vier sind die Elendesten unter allen Menschen, denn sie haben niemand, bei dem sie Hilfe suchen können. Der König Wen ließ bei der Ausübung der Herrschaft Milde walten. Darum sorgte er zuerst für diese Vier. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging II, 4, 8. v. 13 mit einer kleinen Abweichung.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Und halten&#039;s noch die Reichen aus, –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weh&#039;, wer allein steht und verlassen.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Fürwahr, trefflich sind diese Worte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn sie Eurer Hoheit trefflich scheinen, warum tut Ihr nicht danach?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich habe einen Fehler; ich liebe den Besitz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Herzog Liu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Herzog Liu war der eigentliche Begründer des Hauses Dschou.&amp;lt;/ref&amp;gt; liebte einst auch den Besitz. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Schï Ging III, 11, 4. Übersetzung von Strauß.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es von ihm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Er sammelte, bewahrte auf,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dörrfleisch, Getreide kam zuhauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Beuteln, Säcken hob man&#039;s auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Einung wollt er Ruhm erteilen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bewehrt mit Bogen und mit Pfeilen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Schilden, Speeren, Äxten, Beilen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Macht er sich fertig, fortzueilen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hatten die Zurückbleibenden gefüllte Scheunen, und die Ausziehenden hatten Mundvorrat. Darauf erst konnte er sich daran machen, auszuziehen. Wenn Eure Hoheit den Besitz lieben, so teilt ihn mit Euren Leuten. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich habe noch einen Fehler; ich liebe die Frauenschönheit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Große König&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Abschnitt 15.&amp;lt;/ref&amp;gt; liebte einst auch die Frauenschönheit, und er war infolge davon seiner Gattin zugetan. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, 1, 3 v. 2. Übersetzung von Strauß. Dan Fu ist der Name des »Großen Königs«. Seine Frau war eine geborene Giang. Hier ist uns ein sehr lebhaftes Bild vom Eindringen der Dschou in China erhalten.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es von ihm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Altfürst Dan Fu, beim Morgengrauen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf flücht&#039;gem Roßgespann zu schauen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kam längs der Westgewässer Auen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis an des Ki-Bergs untre Gauen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da kam er hin mit Giang, der Frauen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dort mit ihr sich anzubauen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jenen Zeiten gab&#039;s in den inneren Gemächern&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Empfehlung der Monogamie für einen Fürsten, wie sie in der chinesischen Literatur nicht häufig ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; keine unbefriedigten Frauen und draußen keine ledigen Männer. Wenn Eure Hoheit Frauenschönheit lieben, dann laßt Eure Leute auch ihr Teil haben. Dann ist das kein Hindernis dafür, König der Welt zu werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Der König in Verlegenheit ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï redete mit dem König Süan von Tsi und sprach: »Wenn unter Euren Dienern einer ist, der Weib und Kind seinem Freunde anvertraute und auf Reisen ging in ferne Lande,&amp;lt;ref&amp;gt;Wörtlich: nach Tschu.&amp;lt;/ref&amp;gt; und wenn er heimkommt, da hat der andere seine Frau und Kinder frieren und hungern lassen: was soll mit jenem Mann geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Er soll verworfen werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn der Kerkermeister&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschou Li, Herbstbeamte, wo das Amt genannt ist.&amp;lt;/ref&amp;gt; nicht imstande ist, seinen Kerker in Ordnung zu halten, was soll mit ihm geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Er soll entlassen werden!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Wenn Unordnung im ganzen Lande herrscht, was soll da geschehen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König wandte sich zu seinem Gefolge&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Gefolge (die »Rechts und Links«) stand ein wenig hinter dem König, daher der Ausdruck »gu« = »nach rückwärts sehen«.&amp;lt;/ref&amp;gt; und redete von anderen Dingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Mitwirkung des Volks bei der Regierung ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn man von einem alten Reiche spricht, so meint man damit nicht, daß hohe Bäume drinnen sind, sondern daß es Diener hat, die ihre Erfahrung vererben. Eure Hoheit haben keine vertrauten Diener. Von denen, die gestern vor Euch standen, wußtet Ihr nicht, daß sie heute schon entlassen sein würden.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Umstellung der grammatikalischen Struktur: »gin jï bu dschï ki wang yä« für »bu dschï ki gin jï dschï wang«. Diese Umstellung kommt zuweilen vor.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wie konnte ich wissen, daß sie unfähig waren, so daß ich mich fern von ihnen hätte halten können?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Der Landesfürst muß die Würdigen befördern, gleich als könnte es gar nicht anders sein. Nur mit größter Vorsicht darf er einen Niedrigen einem Höheren vorziehen, einen Fremden einem Vertrauten vorziehen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Minister sagen: er ist würdig, so genügt das noch nicht; wenn alle Leute im Reiche sagen: er ist würdig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er würdig ist, dann mag er ihn berufen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist unbrauchbar, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist unbrauchbar, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er unbrauchbar ist, dann mag er ihn entfernen. Wenn alle Höflinge von einem sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Minister sagen: er ist des Todes schuldig, so höre man nicht darauf; wenn alle Leute im Volke sagen: er ist des Todes schuldig, dann erst mag der Fürst ihn prüfen, und wenn er selber sieht, daß er des Todes schuldig ist, dann mag er ihn töten lassen. So heißt es dann, daß die Bürger ihn getötet haben. So nur vermag man Vater&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Vater und Mutter«.&amp;lt;/ref&amp;gt; seines Volkes zu sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 8. Verscherzte Königswürde ===&lt;br /&gt;
König Süan von Tsi befragte den Mong Dsï und sprach: »Es heißt, daß Tang den König Giä verbannt; daß König Wu den Dschou Sin getötet habe. Ist das wahr?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Die Überlieferung hat es so.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Geht das denn an, daß ein Diener seinen Fürsten mordet?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer die Liebe raubt, ist ein Räuber; wer das Recht raubt, ist ein Schurke. Ein Schurke und Räuber ist einfach ein gemeiner Kerl. Das Urteil der Geschichte lautet, daß der gemeine Kerl Dschou Sin hingerichtet worden ist; ihr Urteil lautet nicht, daß ein Fürst ermordet worden sei«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Aussprüche wie der vorliegende, die sehr radikal klingen, machen den Mong zum begünstigten Klassiker der Republik China. In Wirklichkeit liegt der Radikalismus mehr nur in der Ausdrucksweise. Sachlich ist die Bezeichnung des Dschou Sin als »gemeiner Kerl«, das heißt »Privatmann«, schon im Schu Ging vorgebildet. Über Tang und König Wu vgl. I, A, Anm. 4, und I, B, Anm. 14.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 9. Notwendigkeit der Bildung als Vorbereitung für den Staatsdienst ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Süan von Tsi und sprach: »Wenn Ihr ein großes Schloß bauen wollt, so laßt Ihr den Werkmeister sicher nach großen Bäumen suchen, und wenn der Werkmeister große Bäume findet, so seid Ihr zufrieden und haltet dafür, daß sie ihren Zweck erfüllen. Wenn dann beim Bearbeiten der Zimmermann sie zu klein macht, so werdet Ihr böse und haltet dafür, daß sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Wenn nun ein junger Mensch sich durch Lernen darauf vorbereitet, was er, erwachsen, ausüben will, und Eure Hoheit sprechen zu ihm: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹ Was ist davon zu halten? Angenommen, hier wäre ein kostbarer, aber noch roher Stein, er mag zweihunderttausend Lot&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Gewicht »I« wird teils = 20 Lot, teils = 24 Lot angegeben.&amp;lt;/ref&amp;gt; schwer sein, man müßte dennoch erst einen Steinschneider kommen lassen, um ihn zu schneiden und zu glätten. Wenn es sich aber um die Ordnung eines Reiches handelt, da sollte es angehen, zu sagen: ›Laß einmal dein Lernen beiseite und folge mir nach!‹? Was berechtigt dazu, es hier anders zu machen, als bei einem Edelstein, den man dem Steinschneider übergibt, um ihn zu schneiden und zu glätten?«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Lun Yü XI, 24. Der letzte Satz ist in der Form: »der Nephrit, nicht geglättet, wird kein Gerät« in den Dreizeichenklassiker, die chinesische Fibel der letzten Jahrhunderte, übergegangen. Auch hier heißt es statt »Edelstein« im Text wörtlich »Yü« = Nephrit, Jade.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 10. Wann darf man einen Staat annektieren? ===&lt;br /&gt;
Der Staat Tsi hatte den Staat Yän&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Yän lag im Norden des Staates Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli.&amp;lt;/ref&amp;gt; angegriffen und besiegt. Da befragte der König Süan den Mong Dsï und sprach: »Die einen raten mir, den Staat Yän nicht zu annektieren, die anderen raten mir, es zu tun. Wenn ein Staat mit zehntausend Kriegswagen einen anderen gleich starken Staat angreift und ihn in fünfzig Tagen vollkommen in der Hand hat, so ist das ein Erfolg, der durch Menschenkraft allein nicht zu erreichen war. Annektiere ich ihn nicht, so wird sicher Unheil vom Himmel über mich&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Sinn ist: Daß ich mit Yän so leicht fertig geworden, das ist Gottes Finger; nehme ich den Staat nicht in Besitz, so widerstrebe ich Gottes Absicht und ziehe mir Unheil zu. Was also ist zu tun? Mong schiebt diese Anschauung zurück und stellt auch hier den Grundsatz der Volkssouveränität auf. Der Erfolg ist nur ein Zeichen der Mißstimmung des Volks von Yän gegen seinen Herrscher. Damit ist für die Frage der Berechtigung der Annexion nichts ausgesagt. Immerhin widerspricht Mong nicht in abstracto, weshalb er dann von manchen für die Handlungsweise von Tsi verantwortlich gemacht worden ist. Es handelt sich auch hier wieder um einen fehlgeschlagenen Versuch des Weisen, einem Fürsten durch seinen Rat zur Weltherrschaft zu verhelfen. Die Situation in Yän war wie folgt: Der offenbar törichte König Kuai wollte dem Großen Yau es gleich tun und gab den Thron an seinen schlechten Minister Dsï Dschï ab (314 v. Chr.). Die Unruhen, die infolge davon entstanden, benützte Tsi zu einem Überfall, der auch vollständig gelang, da die Bevölkerung von Yän auf der Seite von Tsi stand, von dem sie Befreiung erhoffte. Der Usurpator Dsï Dschï wurde in Stücke gehackt, der Ex-König Kuai getötet. Aber Tsi annektierte das Land und ließ sich viele Grausamkeiten zu Schulden kommen. Infolge davon kam es zu einem Aufstand der Bevölkerung von Yän, die übrigen Fürsten drohten sich einzumischen. Mong Dsï verließ Tsi 312 v. Chr.&amp;lt;/ref&amp;gt; kommen. Wenn ich ihn nun annektiere, was dann?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Wenn das Volk von Yän mit der Annexion einverstanden ist, so mögt Ihr ihn annektieren. Auch im Altertum kam diese Handlungsweise vor. König Wu ist ein Beispiel dafür. Wenn das Volk von Yän mit der Annexion nicht einverstanden ist, so annektiert ihn nicht. Im Altertum kam auch diese Handlungsweise vor. König Wen ist ein Beispiel dafür. Ihr habt mit einem Staat von zehntausend Kriegswagen einen gleich starken Staat angegriffen, und seine Einwohner brachten Speise in Körben und Suppe in Töpfen Eurem Heer entgegen aus keinem anderen Grunde, als weil sie hofften, durch Euch von einer Not befreit zu werden, so schlimm wie Wasser und Feuer. Wenn Ihr nun noch tiefere Wasser und noch heißere Feuer über sie bringt, so wird die einfache Folge sein, daß sie auch von Euch sich abwenden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 11. Rücksicht auf das Volk des besiegten Staates ===&lt;br /&gt;
Der Staat Tsi hatte Yän angegriffen und annektiert. Da hielten die anderen Landesfürsten einen Rat, wie sie Yän zu Hilfe kämen. König Süan sprach: »Die Fürsten schmieden viele Pläne, mich anzugreifen. Wie soll ich ihnen begegnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ich habe wohl gehört, daß einer, der nur siebzig Meilen Land besaß, die Herrschaft über die ganze Welt in die Hand bekam. Tang ist ein Beispiel dafür. Ich habe noch nie gehört, daß einer mit tausend Meilen sich vor anderen fürchtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Buch der Urkunden heißt es:&amp;lt;ref&amp;gt;Schu Ging IV, II, 6. Der Text weicht etwas ab. Die hier erwähnte Geschichte ist dieselbe wie III, B, 5.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Sobald Tang begonnen hatte mit seinem Angriff auf Go, fiel alle Welt ihm zu. Wenn er sich nach Osten wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Westen unbefriedigt. Wenn er sich nach Süden wandte und das Land unterwarf, so waren die Grenzvölker im Norden unbefriedigt. Sie alle sprachen: ›Warum nimmt er uns zuletzt dran?‹‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Volk sehnte sich nach ihm, wie man sich in großer Dürre nach Wolken und Regenbogen sehnt. Die Leute gingen auf den Markt wie gewöhnlich, die Bauern unterbrachen ihre Arbeit nicht. Er richtete wohl den Fürsten hin, aber tröstete das Volk. Wie wenn ein Regen zu seiner Zeit herniedergeht, also war das Volk hocherfreut. Im Buch der Urkunden heißt es: ›Wir harren unseres Herrn. Kommt unser Herr, so werden wir wieder leben‹.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun hat der Herrscher von Yän sein Volk bedrückt, Eure Hoheit gingen hin und griffen ihn an. Das Volk war der Meinung, daß Ihr es retten wolltet aus Feuers- und Wassersnot. So brachten sie Essen in Körben und Suppe in Töpfen Euren Heeren entgegen. Aber wenn Ihr die kräftigen Männer tötet und die unmündigen Kinder in Bande legt; wenn Ihr den Reichstempel zerstört und seine kostbaren Geräte wegführt, wie sollte das hingehen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Welt ist ohnehin in Furcht vor der Macht des Staates Tsi. Wenn Ihr nun abermals Euer Gebiet verdoppelt habt, ohne ein mildes Regiment einzuführen, so werden dadurch die Waffen der ganzen Welt gegen Euch in Bewegung gesetzt. Eure Hoheit mögen schleunigst den Befehl ausgeben, daß dem Staate Yän seine Gefangenen, alt und jung, zurückgeschickt werden und daß seine kostbaren Geräte an Ort und Stelle bleiben, darauf mit allem Volk von Yän beraten und ihm einen Fürsten setzen und dann es sich selbst überlassen. So wirds vielleicht noch möglich sein, das Unheil abzuwenden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 12. Wie man das Volk für seine Herren günstig stimmt ===&lt;br /&gt;
Der kleine Staat Dsou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsou ist der Heimatstaat des Mong, das heutige Dsou Hiän in Schantung. Die Begegnung fand vermutlich statt, als Mong auf dem Wege von We nach Tsi unterwegs seine Mutter in Dsou besuchte (319).&amp;lt;/ref&amp;gt; lag mit dem Staate Lu in Streit. Da befragte der Herzog Mu den Mong Dsï und sprach: »Dreiunddreißig meiner Beamten sind ums Leben gekommen, und unter dem Volke fand sich niemand, der für sie zu sterben bereit war. Will ich mit Hinrichtungen vorgehen, so kann ich mit Hinrichten gar nicht fertig werden. Stehe ich von Hinrichtungen ab, so denken die Leute, sie können schadenfroh zusehen, wie ihre Vorgesetzten getötet werden, ohne etwas für ihre Rettung zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »In üblen Jahren und Hungerszeiten, da sah es in Eurem Volke also aus, daß die Alten und Schwachen sich in den Straßengräben vor Hunger krümmten, während die Kräftigen zerstreut waren in alle Winde. Tausende waren in dieser Not, während in den fürstlichen Scheunen Korn die Fülle war und alle Vorratskammern und Schatzhäuser voll waren. Unter den Beamten war keiner, der Euch Bericht erstattet hätte. So rücksichtslos und grausam waren die Oberen gegen das niedere Volk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Dsong hat gesagt: ›Hüte dich, hüte dich! Was von dir ausgeht, fällt auf dich zurück.‹ Diesmal nun kam für das Volk der Tag der Vergeltung. Ihr, o Fürst, habt keinen Grund, Euch zu beklagen. Übt ein mildes Regiment aus, so wird das Volk anhänglich sein an seine Oberen und für seine Vorgesetzten in den Tod gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 13. Bis zum letzten Mann ===&lt;br /&gt;
Herzog Wen von Tong&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tong war ein kleiner Staat zwischen Tschu im Süden und Tsi im Norden. Die hier und in den folgenden zwei Abschnitten genannten Unterhaltungen fallen wohl in das Jahr 300.&amp;lt;/ref&amp;gt; befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleines Land und liegt mitten zwischen den beiden Großstaaten Tsi und Tschu. Soll ich mich nun an Tsi anschließen oder an Tschu?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Diese Pläne sind zu hoch für mich. Doch wenn&#039;s nicht anders sein kann:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine&#039;&#039; Auskunft weiß ich: Macht Eure Gräben tiefer und Eure Wälle höher und verteidigt sie gemeinsam mit Eurem Volk bis zum letzten Atemzug. Wenn das Volk Euch nicht im Stiche läßt, so läßt sich das durchführen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 14. Ubi bene, ibi patria ===&lt;br /&gt;
Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Der Staat Tsi ist im Begriff, den Grenzort Süo zu befestigen. Ich bin in großer Sorge. Was ist zu machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der »Große König«, der Großvater des Königs Wen von Dschou. Vgl. zu dieser Geschichte den nächsten Abschnitt. Bin ist im Westen, der Aufenthaltsort der Dschous vor ihrer Niederlassung am Ki-Berge.&amp;lt;/ref&amp;gt; im Lande Bin. Die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle, da verließ er das Land und ließ sich nieder am Fuße des Ki-Berges. Nicht aus freiem Willen siedelte er sich dort an, sondern der Not gehorchend. Wenn einer wirklich das Gute tut, so wird unter seinen Söhnen und Enkeln sicher einer sein, der König der Welt wird. Der Edle sorgt dafür, eine Grundlage zu schaffen und seinen Nachkommen zu hinterlassen, auf der sich weiterbauen läßt. Ob das Werk vollendet wird, das steht beim Himmel. Was gehen Euch die anderen an? Seid stark im Guten. Das ist alles.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 15. Weichen oder Bleiben ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Wen von Tong befragte den Mong Dsï und sprach: »Tong ist ein kleiner Staat. Ich mag mir Mühe geben, wie ich will, um den großen Nachbarstaaten zu dienen, ich werde ihnen doch nicht entgehen. Was ist da zu machen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Einst wohnte der Große König im Lande Bin, und die wilden Grenzstämme machten ihre Einfälle. Da brachte er ihnen Pelze dar und Seidenzeug, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Hunde dar und Pferde, doch es half ihm nichts. Da brachte er ihnen Perlen dar und Edelsteine, doch es half ihm nichts. Darauf versammelte er die Ältesten des Landes und teilte es ihnen mit. Er sprach: ›Was jene Wilden wollen, das ist mein Land. Ich habe sagen hören: Der Edle bringt nicht durch das, wodurch er die Menschen erhalten soll, die Menschen in Schaden. Meine Kinder, was tut&#039;s, wenn ihr nun keinen Herrn mehr habt? Ich will weggehen.‹ So verließ er Bin, überstieg den Berg Liang, baute eine Stadt am Fuße des Berges Ki und wohnte daselbst. Da sprachen die Leute von Bin: ›Das ist ein guter Mensch! den dürfen wir nicht verlieren.‹ Und sie folgten ihm nach in solchen Scharen, als ginge es zu einem Markte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder aber kann man sagen: ›Das Erbe der Vergangenheit muß für künftige Geschlechter gewahrt werden. Es ist nicht etwas, worüber der Einzelne frei verfügen könnte. Lieber sterben, als es preisgeben!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bitte Eure Hoheit, unter diesen beiden Möglichkeiten zu wählen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 16. Der Weise und der Günstling ===&lt;br /&gt;
Der Herzog Ping von Lu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Diese mißglückte Begegnung mit dem Fürsten von Lu fällt in das Jahr 315. Nachdem Mong seine Mutter zum letztenmal im Jahre 318 in Tsi bei sich gesehen hatte, starb sie in Lu. Im Jahre 317 verließ Mong daher Tsi zum erstenmal wieder und ging nach Lu zur Beerdigung seiner Mutter. Dort blieb er der Sitte gemäß drei Jahre. Als die Trauerzeit zu Ende war, wollte der Fürst von Lu ihn auf den Rat seines Ministers Yüo Dschong, eines Schülers von Mong, aufsuchen, ohne jedoch seinem Günstling davon zu sagen. Der hatte die Sache jedoch bemerkt und wußte die Begegnung zu hintertreiben. Der Grund, daß Mong seine Mutter prächtiger beerdigte als seinen Vater (wörtlich: »Die zweite Beerdigung war prächtiger als die frühere«), ist nicht nur aus den hier gegebenen Instanzen nichtig, sondern vor allem, weil Mong beim Tode seines Vaters erst im dritten Jahre stand. Zu der Art, wie Mong sich mit dem Ereignis abfindet, vgl. Lun Yü VII, 22; IX, 5; XIV, 38.&amp;lt;/ref&amp;gt; war im Begriff auszufahren. Da trat sein Günstling Dsang Tsang bittend zu ihm und sprach: »Wenn Eure Hoheit sonst ausfuhren, so wieset Ihr immer Eure Beamter an, wohin Ihr wolltet. Heute ist der Wagen schon angespannt, und die Beamten wissen noch nicht, wohin es geht. Darf ich darnach fragen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Herzog sprach: »Ich bin im Begriff, den Meister Mong aufzusuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach: »Wahrlich, Ihr erniedrigt Euch mit Eurem Tun, indem Ihr einem gemeinen Manne entgegengeht. Denkt Ihr, er sei ein Weiser? Ordnung und Recht geht von den Weisen aus. Aber Meister Mong hat für seine Mutter mehr getrauert als für seinen Vater. Ihr müßt ihn nicht besuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Herzog sagte: »Gut.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da trat Yüo Dschong Dsï zu dem Fürsten hinein und sprach: »Warum wollen Eure Hoheit den Mong Ko nicht besuchen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er sprach: »Es hat mir jemand gesagt, daß Meister Mong für seine Mutter mehr getrauert hat als für seinen Vater, darum ging ich nicht hin, ihn aufzusuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Was meinen Eure Hoheit denn mit diesem ›mehr‹? Hat er für seinen Vater getrauert wie für einen einfachen Gelehrten und für seine Mutter wie für einen Minister? Hat er für seinen Vater nur drei Opfergefäße aufgestellt und für seine Mutter fünf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Fürst sprach: »Nein, ich meine damit, daß der Sarg und Sarkophag, die Leichenkleidung und die Grabtücher schöner waren.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Das ist nicht ein ›mehr‹ an Trauer; das zeigt nur, daß er erst arm war und später reich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yüo Dschong Dsï trat darauf vor Mong Dsï und sprach: »Ich habe dem Fürsten von Euch erzählt, und der Fürst wollte deshalb kommen, um Euch aufzusuchen. Aber unter seinen Günstlingen ist einer, namens Dsang Tsang, der hat den Fürsten verhindert. Darum ist der Fürst schließlich doch nicht gekommen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer geht, so ist immer einer da, der ihn veranlaßt. Wenn einer bleibt, ist immer einer da, der ihn verhindert. Aber Gehen oder Bleiben liegt nicht in der Macht der Menschen. Daß ich den Fürsten von Lu nicht getroffen habe, ist Fügung des Himmels. Wie hätte der Sohn Dsangs es bewirken können, daß ich ihn nicht getroffen habe!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch II. Gung-Sun Tschou ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Abschnitt A: 1. Die Möglichkeit des Wirkens ===&lt;br /&gt;
Gung-Sun Tschou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Gung-Sun Tschou war ein Schüler des Mong aus dem Staate Tsi. In Tong Dschou, Be Gung Tsun, ist sein Grab erhalten.&amp;lt;/ref&amp;gt; befragte den Mong Dsï und sprach: »Wenn Ihr, Meister, in Tsi die amtliche Laufbahn ergriffet, da wäre wohl eine Wiederholung der Taten eines Guan Dschung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Guan Dschung (I-Wu) war der Kanzler des Herzogs Huan von Tsi. Vgl. Lun Yü III, 22; XIV, 10, 17, 18; Liä Dsï V, 7; VI, 3; VII, 1, 7; Yän Dsï (Yän Ping Dschung), Zeitgenosse des Kung, Kanzler unter Herzog Ging von Tsi. Vgl. Lun Yü V, 16. Beides waren sozusagen Nationalhelden von Tsi.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Yän Dsï zu erhoffen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Du bist doch ein echter Mann aus Tsi. Kennst Guan Dschung und Yän Dsï und nichts weiter. Es fragte einmal jemand den Dsong Si:&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsong Si ist nach den einen Kommentaren der Enkel, nach den anderen der zweite Sohn des Konfuziusschülers Dsong Dsï. Dsï Lu ist der wegen seines Mutes bekannte Konfuziusjünger, der in den »Gesprächen« häufig vorkommt.&amp;lt;/ref&amp;gt; ›Wer ist größer: Ihr oder Dsï Lu?‹ Da sprach Dsong Si bestürzt: ›Vor Dsï Lu hatte selbst mein Vater Respekt.‹ Jener fuhr fort: ›Wer ist größer: Ihr oder Guan Dschung?‹ Da stieg dem Dsong Si der Ärger ins Gesicht und er sprach unwillig: ›Wie magst Du mich mit Guan Dschung in eine Linie stellen? Dieser Guan Dschung: so völlig hat er seinen Fürsten in der Hand gehabt, so lange hat er die Staatsregierung geführt, und was er an Leistungen zustandegebracht hat, war so gering. – Wie magst Du mich mit dem in eine Linie stellen?‹ Du siehst nun, daß ein Dsong Si nicht gewillt war, die Rolle eines Guan Dschung zu spielen, und Du denkst, &#039;&#039;ich&#039;&#039; trachte darnach?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Guan Dschung verschaffte seinem Fürsten die Vorherrschaft. Yän Dsï verschaffte seinem Fürsten eine bedeutende Stellung. Und dennoch sollte es nicht der Mühe wert sein, es ihnen gleich zu tun?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Als Herr von Tsi König der Welt zu werden, müßte im Handumdrehen möglich sein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jener sprach: »Wenn es sich also verhält, so mehren sich noch meine Bedenken. Da war König Wen, ein Mann voll Geist und Kraft. Er starb erst mit hundert Jahren. Dennoch gelang es ihm noch nicht, sich durchzusetzen in der Welt. Es bedurfte der Fortführung durch seine Söhne, den König Wu und den Herzog Dschou, ehe der große Wurf gelang. Wenn es aber so etwas Leichtes ist, König der Welt zu werden, so wäre es nicht der Mühe wert, den König Wen zum Vorbild zu nehmen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer wollte es dem König Wen gleichtun! Von Tang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.&amp;lt;/ref&amp;gt; bis auf Wu Ding&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tang, der Begründer der Schangdynastie, ca. 1766 v. Chr. Wu Ding, der zwanzigste Herrscher der Schangdynastie, die inzwischen (durch Pan Gong 1401) in Yin umgenannt war, kam 1324 v. Chr. auf den Thron. Die Schätzung der »würdigen und heiligen« Herrscher von Tang bis Wu Ding ist von Mong recht hoch gegriffen. Dschou Sin kam 1154, also 150 Jahre nach Wu Ding, auf den Thron.&amp;lt;/ref&amp;gt; waren sechs oder sieben würdige und heilige Herrscher an der Arbeit gewesen und die Welt war im Besitz des Hauses Yin seit langem. Lange dauernde Zustände lassen sich nur schwer ändern. Noch Wu Ding hatte die Fürsten an seinem Hof versammelt und besaß die Welt, als drehte sie sich in seiner Hand. Der Tyrann Dschou Sin war von Wu Ding zeitlich noch nicht weit entfernt. Noch waren die alten Familien, die früheren Sitten, die herrschenden Gebräuche, die guten Ordnungen vorhanden; noch gab es einen Grafen We,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der »Graf We«, We Dsï Ki, der älteste Sohn des Di Yi, des vorletzten Herrschers der Yindynastie. We Dschung Yän war sein zweiter Sohn. Da aber zur Zeit ihrer Geburt ihre Mutter noch Nebenfrau war, hatten sie kein Erbrecht. Dschou Sin, der dritte Sohn, der nach der Beförderung seiner Mutter zur Kaiserin zur Welt kam, folgte seinem Vater auf den Thron. We Dsï wurde später mit dem Staate Sung belehnt, damit die Opfer für die Ahnen der Yindynastie weitergeführt würden. Er hat dann seinem jüngeren Bruder We Dschung die Erbfolge hinterlassen, was der Erbfolgeordnung der Yin entsprach, im Gegensatz zu der Erbfolge der Erstgeborenen, die unter der Dschoudynastie üblich war. Der Prinz Bi Gan wurde wegen seiner Mahnungen getötet, um zu sehen, ob das Herz eines Heiligen wirklich sieben Öffnungen habe; der Graf von Ki, ein Onkel des Tyrannen, mußte sich wahnsinnig stellen. Giau Go war ein treuer Beamter der Yindynastie. Von den Genannten werden auch in Lun Yü XVIII, 1 We Dsï, Bi Gan und Ki Dsï als die drei Stützen der Yindynastie genannt.&amp;lt;/ref&amp;gt; einen We Dschung, einen Prinzen Bi Gan, einen Grafen Ki, einen Giau Go, alles würdige Männer, die mit vereinten Kräften jenem zur Seite standen. Darum dauerte es lange, ehe er die Weltherrschaft verlor. Jeder Zoll Erde war in seinem Besitz, jeder Bürger war sein Untertan. Außerdem hat König Wen mit einem Besitz von nur hundert Geviertmeilen angefangen. Darum hatte er so große Schwierigkeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi gibt es ein Sprichwort: ›Alle Klugheit und Weisheit ist umsonst, wenn man die Lage nicht zu nutzen weiß, gleichwie Pflug und Hacke nichts ausrichten, wenn man die rechte Zeit nicht trifft.‹ In jetziger Zeit ist das alles viel leichter. Die Herrscher der Häuser Hia, Yin und Dschou hatten zur Zeit ihrer größten Blüte nicht über tausend Meilen im Geviert Land. Tsi hat also das nötige Landgebiet. Man hört im ganzen Lande von einem Dorf&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ein Zeichen der dichten Bevölkerung. Vgl. Laotse, Taoteking, II, 80. Diese Verhältnisse treffen in Schantung heute noch zu.&amp;lt;/ref&amp;gt; zum andern den Hahnenruf und das Hundegebell. Tsi hat also auch die nötige Bevölkerung. Der Herr von Tsi bedarf keiner Vergrößerung seines Landes, keiner Vermehrung seines Volkes. Übt er ein mildes Regiment, so&lt;br /&gt;
wird er König der Welt, und niemand kann ihn hindern. Außerdem gab es noch keine Zeit, in der so selten ein wahrer Herrscher aufgestanden wäre wie in unsrer. Es gab noch keine Zeit, wo das Volk so sehr unter grausamem Regiment zu leiden hatte, wie in unserer. Ein Hungriger ist leicht zu speisen, ein Durstiger ist leicht zu tränken. Meister Kung hat gesagt: ›Geistiger Wert wird rascher bekannt als ein Befehl, der durch Postreiter verbreitet wird.‹ Wenn in heutiger Zeit ein Großstaat mildes Regiment übt, so ist das Volk erleichtert, wie wenn man einen, der mit dem Kopf nach unten aufgehängt&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschuang Dsï III, 4: »Lösung der Bande durch Gott«.&amp;lt;/ref&amp;gt; ist, aus seiner Lage befreit. Darum könnte man im Dienst eines Mannes, der auch nur halbwegs den Alten gleicht, sicher die doppelten Ergebnisse zustandebringen. Es liegt einfach an der Zeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Die Ruhe des Gemüts ===&lt;br /&gt;
Gung-Sun Tschou fragte den Mong Dsï: »Wenn Ihr, Meister, ein hohes Amt in Tsi erhieltet, das Euch die Möglichkeit gäbe, Eure Lehren durchzuführen, so wäre es nicht zu verwundern, wenn Ihr das Land aus seinem jetzigen Zustand zur Vorherrschaft oder selbst zum Königtum der Welt führtet. Werdet Ihr durch diese Aussicht in Eurem Gemüt bewegt oder nicht?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Nein, seit meinem vierzigsten Jahr habe ich die Ruhe des Gemüts erreicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Da übertrefft Ihr ja den berühmten Mong Ben&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Ben war ein Held aus We. Es wird von ihm erzählt, daß er im Wasser vor keinem Drachen, auf dem Lande vor keinem Rhinozeros oder Tiger ausgewichen sei. Er war so stark, daß er einem Ochsen die Hörner ausreißen konnte.&amp;lt;/ref&amp;gt; noch weit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Das ist nicht schwer. Gau Dsï&amp;lt;ref&amp;gt;Über den Philosophen Gau Dsï, den Gegner des Mong, vgl. Buch VI, A, 1 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt; hat sogar noch früher als ich die Ruhe des Gemüts erlangt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Gibt&#039;s einen Weg zur Ruhe des Gemüts?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja. Be-Gung Yu&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Doppelname Be-Gung (Nordhausen) kommt sowohl in Tsi als in We vor. (Zum letzteren vgl. Dschuang Dsï XX, 3, Be-Gung Schä.) Der Sinn hier ist, daß dieser Be-Gung Yu so rasch war, empfangene Verletzungen zu vergelten, daß er nicht erst den natürlichen Reflexbewegungen des Schmerzes Raum gab. Vgl. dazu das Verhalten des Odysseus, als er von dem Freier Antinoos mit dem Schemel geworfen wird.&amp;lt;/ref&amp;gt; handelte also, um seine Tatkraft zu steigern: er rieb sich nicht erst die Haut, wenn er geschlagen ward, und zuckte nicht erst mit der Wimper. Sondern wenn ihm von jemand auch nur ein Haar gekrümmt ward, empfand er es so schimpflich, als wäre er auf offenem Markt geschlagen worden. Er ließ es sich nicht bieten von einem Bauern in härenem Gewand und ließ es sich ebensowenig bieten vom Fürsten eines großen Staates. Es galt ihm ganz gleich, den Fürsten eines großen Staates oder einen Menschen in härenem Gewand zu erstechen. Er hatte keine Scheu vor hohem Stand. Traf ihn ein übles Wort, er erwiderte es sicher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Schï Schä&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Schä oder Mong Schï Schä war vermutlich aus Tsi. Während Be-Gung Yu die Tapferkeit in der Überwindung aller äußeren Feinde sieht, sieht sie Mong Schä in der eigenen Furchtlosigkeit, unabhängig vom äußeren Erfolg. Der Vergleich mit den beiden Konfuziusjüngern Dsï Hia und Dsong Schen weist auf dieselbe Linie. Dsï Hia ist der Vertreter des »multa«, Dsong Sehen der des »multum«. In dem Wort des Kung, das Dsong Schen seinem Schüler gegenüber zitiert (nicht in Lun Yü), geht die Innerlichkeit des Mutes noch einen Schritt weiter zu seiner moralischen Berechtigung.&amp;lt;/ref&amp;gt; steigerte seine Tatkraft auf andere Art: er sprach: ›Siegen oder Nichtsiegen gilt mir gleich. Wollte man erst den Feind abschätzen, ehe man drauf geht; wollte man sich um den Sieg bekümmern, ehe man ins Treffen geht; da müßte man vor einem großen Heer sich scheuen. Ich vermag nicht unter allen Umständen zu siegen. Was ich vermag, ist, keine Furcht zu kennen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Schï Schä war wie Meister Dsong; Be-Gung Yu war wie Dsï Hia. Welcher von diesen beiden Meistern die bessere Tatkraft hätte, wüßte ich nicht. Doch verstand Mong Schï Schä besser die Beschränkung aufs Wichtigste, nämlich die eigene Gesinnung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Dsong sagte einst zu seinem Schüler Dsï Siang: ›Du liebst die Tatkraft? Ich habe einst vom Meister Kung etwas gehört, wie man zu großer Tatkraft kommt: ›Wenn ich mich prüfe und bin nicht im Recht, könnte ich dann, selbst wenn mein Gegner nur ein Bauer im härenen Gewand ist, ihm furchtlos gegenübertreten? Wenn ich mich prüfe und ich bin im Recht, so trete ich auch Hunderttausenden entgegen.‹‹ Mong Schï Schä wahrte wohl seine Kraft, aber Meister Dsong verstand es noch besser, sich auf das Allerwichtigste – sein Gewissen – zu beschränken.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich etwas Näheres erfahren über Eure Art der Ruhe des Gemüts und die des Gau Dsï?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Gau Dsï hatte den Grundsatz: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen. Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen.‹ Der Satz: ›Was mir im Gemüt nicht entgegenkommt, das suche ich nicht durch Aufwand von Lebenskraft zu erreichen‹ geht an. Der andere Satz aber: ›Wofür ich keinen Ausdruck in Worten finde, das suche ich nicht im Gemüt zu ergründen‹ ist unzulässig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Wille ist der Leiter der Lebenskraft, die Lebenskraft durchdringt den Leib. Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach. Darum heißt es: ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Wie sind die beiden Sätze: ›Der Wille setze das Ziel, die Lebenskraft folge nach‹ und ›Mache deinen Willen fest und schone deine Lebenskraft‹ zu vereinigen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ist der Wille gesammelt, so bewegt er die Lebenskraft. Ist die Lebenskraft gesammelt, so bewegt sie ihrerseits den Willen. So ist hastiges Laufen eine Äußerung der Lebenskraft, aber es wirkt zurück und erregt das Gemüt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, worin Ihr jenem überlegen seid, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich kenne mich aus in den Worten der Menschen, und ich verstehe es, meine flutende Lebenskraft durch das Gute zu steigern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, was mit der flutenden Lebenskraft gemeint ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Darüber läßt sich schwer reden. Was man unter Lebenskraft versteht, das ist etwas höchst Großes, höchst Starkes. Wird sie durch das Rechte genährt und nicht geschädigt, so bildet sie die Vermittlung zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt. Was man unter Lebenskraft versteht, gehört zusammen mit der Pflicht und mit dem Sinn des Lebens. Ohne diese beiden muß sie verkümmern. Sie ist etwas, das durch dauernde Pflichtübung erzeugt wird, nicht etwas, das man durch eine einzelne Pflichthandlung an sich reißen könnte. Wenn man bei seinen Handlungen sich nicht innerlich wohlfühlen kann, so muß jene Kraft verkümmern. Darum sage ich, daß Gau Dsï das Wesen der Pflicht nicht versteht, weil er sie für etwas Äußerliches hält. Sicherlich bedarf es – zur Pflege der Lebenskraft – der Arbeit, aber man soll dabei nicht nach dem Erfolg schielen. Das Gemüt soll das Ziel nicht vergessen, aber dem Wachstum nicht künstlich nachhelfen wollen. Man darf es nicht machen wie jener Mann aus Sung. Es war einmal ein Mann in Sung, der war traurig darüber, daß sein Korn nicht wuchs, und zog es in die Höhe. Ahnungslos kam er nach Hause und sagte zu den Seinigen: Heute bin ich müde geworden, ich habe dem Korn beim Wachsen geholfen. Sein Sohn lief schnell hinaus, um nachzusehen, da waren die Pflänzchen alle welk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt wenige Leute auf der Welt, die nicht dem Korn beim Wachsen helfen wollen. Es gibt Leute, die denken, es komme nichts dabei heraus, und sich gar nicht um die ganze Sache kümmern. Die gleichen denen, die das Korn nicht von Unkraut säubern wollten. Die aber, die dem Korn beim Wachstum helfen wollten, nützen ihm nicht nur nichts, sondern schädigen es sogar.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Kommentatoren sind unter sich uneins, in welchem Sinne die Aussprüche des Gau Dsï gemeint sind. Die älteren fassen sie mit Beziehung auf die anderen: »Wenn ich Worte höre, die mir nicht angenehm sind, so frage ich nicht, wie sie gemeint sind; wenn ich einer Gesinnung begegne, die mir nicht freundlich ist, so frage ich nicht darnach, mit welcher Kraft sie sich äußert.« Die späteren Kommentare fassen es subjektiv: »Wofür ich keinen Ausdruck finde, danach suche ich nicht in meinem Herzen (ich lege es einfach beiseite). Was ich in meinem Herzen nicht erreiche, an dessen Erreichung setze ich nicht meine animalische Kraft.« Für die zweite Auffassung spricht die Art, wie Gau Dsï in VI, A die Sätze, die er dem Mong Dsï gegenüber nicht durchbehaupten kann, einfach fallen läßt. Die ganze Abhandlung ist wohl ein Versuch des Mong Dsï, sich über das taoistische Problem der Pflege des Lebens von seinem Standpunkt aus zu äußern. Auf die Taoisten mit ihrem »Nichthandeln« geht die Bemerkung über die Leute, die bei der Pflege der Lebenskraft gar nichts tun, wie die, die das Unkraut wachsen lassen. Andererseits bringt er gegen Leute wie Gau Dsï die Geschichte von dem Mann aus Sung – dem Land der Parabeln (vgl. Liä Dsï und Dschuang Dsï) – der dem Getreide beim Wachsen helfen will. Das Problem, über das zu reden dem Mong Dsï nicht besonders leicht gefallen zu sein scheint, ist das Verhältnis von Geist und psychischer Energie. Die Pflege dieser Kraft geschieht durch moralisches Leben und zwar nicht durch einzelne Handlungen, sondern einen gewohnheitsmäßigen, zum Charakter sich entwickelnden Habitus. Dieses gewohnheitsmäßige pflichtmäßige Handeln entspricht aber eben der inneren guten Anlage, ist dem Menschen naturgemäß. Es ist nicht, wie Gau Dsï das auffaßt, etwas Willkürliches.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Was heißt, sich auskennen in den Worten der Menschen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Höre ich einseitige Reden, so merke ich, was sie verdecken. Höre ich ausschweifende Reden, so merke ich, welche Fallen sie stellen. Höre ich falsche Reden, so merke ich, wovon sie abweichen. Höre ich ausweichende Reden, so merke ich, aus welcher Verlegenheit sie kommen ...«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Text ist hier offenbar etwas verderbt, wie die aus III, B, 9 in den Zusammenhang versprengten Worte zeigen. Außer diesen Worten findet sich noch folgender Passus: »Dsai Wo und Dsï Gung waren geschickt im Reden; Jan Niu, Min Dsï und Yän Yüan sprachen gut und handelten tugendhaft. Meister Kung vereinigte die Eigenschaften der Schüler, und dennoch sagte er: ›Im Reden bin ich nicht geschickt‹.« Die genannten Namen sind die der bekanntesten Konfuziusjünger, die in Lun Yü häufig vorkommen. Die Kommentatoren sind sich darüber uneinig, ob diese Worte von Mong Dsï oder, was besser in den Zusammenhang paßt, von Gung-Sun Tschou gesprochen werden. Übrigens bergen sie auch textliche Unklarheiten, weshalb wir es vorgezogen haben, sie aus dem Zusammenhang zu streichen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Da seid Ihr ja wohl ein Heiliger, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ach, was sind das für Worte! Dsï Gung&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dieses Gespräch findet sich in dieser Form nicht in den Lun Yü. Doch vergleiche man Lun Yü VII, 2 und 33, wo vielleicht nur eine andere Version desselben Überlieferungsstoffes vorliegt. Solche Vergleiche sind übrigens sehr interessant, weil sie einen Blick eröffnen in den Zustand der konfuzianischen Schultradition vor der schriftlichen Fixierung.&amp;lt;/ref&amp;gt; fragte einst den Meister Kung: ›Seid Ihr ein Heiliger, Meister?‹ Da erwiderte Meister Kung: ›Ein Heiliger zu sein, geht über meine Kraft. Ich strebe ohne Überdruß und lehre ohne zu ermüden.‹ Dsï Gung sagte darauf: ›Streben ohne Überdruß ist Weisheit, Lehren ohne zu ermüden ist Güte. Ihr vereinigt Weisheit und Güte, da seid Ihr wirklich ein Heiliger, Meister.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht einmal Meister Kung verweilte bei dem Gedanken, ein Heiliger zu sein! Was sind das für Worte!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler fuhr fort: »Ich habe einst sagen hören, Dsï Hia, Dsï Yu und Dsï Dschang&amp;lt;ref&amp;gt;Über die hier genannten Jünger Kungs vgl. Lun Yü XI, 2.&amp;lt;/ref&amp;gt; hätten jeder ein Stück von einem Heiligen besessen, Jan Niu,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Min Dsï und Yän Yüan hätten jeder alle Stücke eines Heiligen gehabt, aber in kleinem Maßstäbe. Darf ich fragen, zu welchen Ihr Euch rechnet, Meister?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Lassen wir das!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler fragte: »Was ist von Be-I und I-Yin zu halten?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Sie gingen verschiedene Wege. Be-I &amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Be I und Schu Tsi, die beiden Prinzen von Gu Dschu aus dem Ende der Yindynastie, starben Hungers auf dem Schou-Yang-Berge 1122 v. Chr. I Yin, der Minister des Vollenders Tang, des Begründers der Yindynastie, und seines Enkels und Nachfolgers Tai Gia starb 1720 v. Chr.&amp;lt;/ref&amp;gt; hatte den Grundsatz: Wer nicht sein Fürst war, dem diente er nicht; wer nicht sein Untertan war, von dem wollte er nichts. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so zog er sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
I-Yin hatte den Grundsatz: Wem ich diene,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;ch: »Wie sollte der, dem ich diene, nicht mein Fürst sein?«&amp;lt;/ref&amp;gt; der ist mein Fürst; wen ich brauche, der ist mein Untertan. War Ordnung, so stellte er sich ein. War Verwirrung, so stellte er sich gleichfalls ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung hatte den Grundsatz: Wenn es recht war, ein Amt zu haben, so übernahm er das Amt. Wenn es recht war, aufzuhören, so hörte er auf. Wenn es recht war, zu warten, so wartete er. Wenn es recht war, zu eilen, so eilte er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie alle waren Heilige der alten Zeit. Und ich fühle mich nicht imstande, es ihnen gleichzutun. Aber was ich möchte, das ist, von Meister Kung lernen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Sind also Be-I und I-Yiri dem Meister Kung gleichzustellen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Nein, seit Menschen auf Erden leben, hat es noch nie einen gegeben wie Meister Kung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Hatten sie dann wenigstens mit ihm gemeinsame Züge?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja. Sie alle wären imstande gewesen, wenn sie auch nur ein kleines Land von hundert Meilen im Geviert zu beherrschen gehabt hätten, die Fürsten des Reiches um sich zu versammeln und die Weltherrschaft zu erlangen. Aber die Erlangung der Weltherrschaft durch eine einzige ungerechte Tat, durch Tötung eines einzigen Unschuldigen zu erkaufen, das würden sie alle verschmäht haben. Darin stimmen sie mit ihm überein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schüler sprach: »Darf ich fragen, wodurch er sich von ihnen unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Die Jünger Dsai Wo, Dsï Gung und Yu Jo besaßen genügende Weisheit, um einen Heiligen zu erkennen. So hoch sie ihn auch schätzen mochten, sie würden sich nie dazu herbeigelassen haben, ihm aus persönlicher Vorliebe Schmeichelhaftes nachzusagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsai Wo nun sagte: ›Meiner Ansicht nach ist unser Meister weit würdiger als Yau und Schun.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsï Gung sprach: ›An den Lebensordnungen, die einer geschaffen, erkennt man seine Regierungsart, aus der Musik, die einer geschaffen, hört man sein geistiges Wesen heraus. Wenn man nach Hunderten von Geschlechtern unter diesem Gesichtspunkt die Könige der Vorzeit vergleichend nebeneinanderstellt, wird keiner diesem Maßstab entgehen: Seit Menschen auf Erden leben, hat es niemand gegeben wie unsern Meister.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Yu Jo sprach: ›Er sollte nur ein gewöhnlicher Mensch sein? Wenn das Kilin mit den Tieren, der Phönix mit den Vögeln, der Große Berg mit Hügeln und Ameisenhaufen, wenn der Gelbe Fluß und das Meer mit Straßengräben von derselben Art sind, so ist auch der Heilige mit den gewöhnlichen Menschen von derselben Art. Unter allen, die ihre Artgenossen übertrafen und hervorragten über die allgemeine Oberfläche, war keiner so groß wie Meister Kung‹«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zu der Verehrung des Meisters Kung vgl. Maß und Mitte (Dschung Yung) 30-32; Lun Yü XIX, 23-25. Um diese Hochschätzung zu verstehen, muß man die Stellung Kungs im Mittel- und Wendepunkt der chinesischen Kultur in Betracht ziehen. Diese Aussprüche des Mong Dsï zeigen aber auch, wie verkehrt die neuerdings hervortretenden Bestrebungen sind, den Mong Dsï auf Kosten Kung Dsïs zum Nationalheiligen zu stempeln.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Herrschaft der Gewalt und des Geistes ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer sich auf Gewalt stützt und äußerlich Milde heuchelt, wird Führer der Fürsten. Er muß aber ein großes Reich besitzen. Wer sich auf Geisteskräfte stützt und Milde übt, wird König der Welt. Ein König hängt nicht ab von der Größe seines Reichs. Tang hatte siebzig Meilen im Geviert, der König Wen hatte hundert. Wer durch Gewalt die Menschen unterwirft, der unterwirft sie nicht in ihren Herzen, sondern nur weil sie ihm nicht an Gewalt gewachsen sind. Wer durch Geisteskräfte sich die Menschen unterwirft, dem jubeln sie im Herzen zu und sind ihm wirklich untertan, wie die 70 Jünger&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siebenzig ist die traditionelle Zahl der Jünger Kungs.&amp;lt;/ref&amp;gt; dem Meister Kung untertan waren. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Von Aufgang und von Niedergang,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von Mittag und von Mitternacht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ward nur auf Huldigung gedacht‹.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, I, 9 v. 6 bezieht sich dort auf die Könige Wen und Wu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Die Quelle von Glück und Unglück ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Milde bringt Ehre, Härte bringt Schmach. Wer nun die Schmach haßt und dennoch bei der Härte verweilt, der gleicht dem Menschen, der Feuchtigkeit haßt und dennoch in den Niederungen weilt. Wenn man die Schmach haßt, so gibt&#039;s nichts Besseres, als Geisteskraft schätzen und die Gebildeten ehren. Wenn die Würdigen auf dem Platze&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sind und die Fähigen im Amt, bekommt Staat und Familie Muße. Wer unter diesen Verhältnissen Verwaltung und Gesetz in Klarheit bringt, den werden auch Großmächte scheuen. Das ist gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging I, XV, 2 v. 2, mit leichter Abweichung im Text. Dort von einem kleinen Vogel gesagt, der vorsorglich sein Nest instand setzt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Bevor am Himmel schwarz die Regenwolken hingen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sah man mich Maulbeerfasern bringen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und fest um Tür und Fenster schlingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und jetzt, du niedriges Geschlecht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wagt Einer Schmach auf mich zu bringen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung sprach: ›Der dies Lied gemacht, der weiß den rechten Weg. Wer Land und Haus in Ordnung bringen kann, wer wird auf den Schmach zu bringen wagen?‹ Wenn nun aber Staat und Familie Muße haben und man benützt diese Zeit, um sich dem Vergnügen und der Untätigkeit hinzugeben, so heißt das, selbst das Unglück herbeiziehen. Glück und Unglück wird alles von den Menschen selber herbeigezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist damit gemeint, wenn es im Buch der Lieder heißt:&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging III, I, 1 v. 6. Leider war hier die Übersetzung von Strauß unbrauchbar.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in dem Abschnitt Tai Gia im Buch der Urkunden,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schu Ging IV, V, II, 3. Tai Gia ist der Enkel und Nachfolger Tangs.&amp;lt;/ref&amp;gt; wo es heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Schickt der Himmel Unheil, das läßt sich abwenden. Bringt man selbst Unheil über sich, so kommt man nicht mit dem Leben davon.‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Fünf Wege zum Frieden und zur Weltherrschaft ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer die Würdigen ehrt und die Fähigen anstellt, so daß die Besten und Weisesten im Amte sind, so sind alle Ritter&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die »Ritter« (Schï), lat. Equites, sind die Beamtenklasse. Es sind Leute, die sich nie von Leier und Schwert trennen, die gentlemen des alten China.&amp;lt;/ref&amp;gt; auf Erden froh und wünschen an seinem Hofe Dienst zu tun. Wenn einer die Märkte zwar beaufsichtigen läßt,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hier scheint der Text nicht in Ordnung zu sein, da zwei einander entgegengesetzte Besteuerungsarten vorgeschlagen sind, 1. Gebäudesteuer (tschen) ohne Warensteuer (dschang), 2. Platzsteuer (fa) ohne Gebäudesteuer (tschen). Vgl. I, B, 5, und I, A, 7.&amp;lt;/ref&amp;gt; aber keine Grundsteuer erhebt, so sind alle Kaufleute auf Erden froh und wünschen auf seinen Märkten ihre Güter zu stapeln. Wenn einer an den Pässen die Durchreisenden&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Dschou Li XV, 11, wurde die Abgabe an den Pässen nur in schlechten Jahren erlassen. Möglicherweise ist hier der Text in Dschou Li korrupt.&amp;lt;/ref&amp;gt; zwar aufschreiben läßt, aber keine Abgaben von ihnen erhebt, so sind alle Wanderer auf Erden froh und wünschen auf seinen Straßen zu wandern. Wenn einer die Bauern zu gegenseitiger Hilfe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nämlich bei der Bestellung des für den Fürsten ausgesonderten öffentlichen Landes. Es handelt sich hier um die Fron, die die Bauern von acht benachbarten Feldern auf dem neunten, königlichen, zu leisten hatten.&amp;lt;/ref&amp;gt; anhält, aber keine Steuern von ihnen erhebt, so sind alle Bauern auf Erden froh und wünschen auf seinen Fluren zu pflügen. Wenn einer von denen, die Gebäudesteuer&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Sinn ist dunkel. Es handelt sich wohl darum, daß die Kaufleute, welche Gebäudesteuern (tschen) bezahlten und nicht das Feld bebauen konnten, nicht auch noch zu den Strafsteuern für nachlässige Bauern herangezogen werden sollten.&amp;lt;/ref&amp;gt; zahlen, nicht auch noch Kopfsteuer und Fronleistungen verlangt, so ist alles Volk auf Erden froh und wünscht sein Volk zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn einer wirklich diese fünf Stücke durchführt, so blickt das Volk der Nachbarstaaten zu ihm empor wie zu Vater und Mutter. Vater und Mutter aber angreifen zu lassen durch ihre Kinder, das ist etwas, das, seit es Menschen gibt auf Erden, noch niemand fertig gebracht hat. Darum hat er keinen Feind auf Erden. Wer keinen Feind auf Erden hat, ist Gottes Knecht.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Des Himmels Diener (tiän li).«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daß ein solcher nicht König der Welt würde, ist noch niemals vorgekommen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Das Mitleid ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Jeder Mensch hat ein Herz, das anderer Leiden nicht mit ansehen kann.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. I, A, 7. Dieses Mitleid ist nach Mong die natürliche Grundlage aller Tugenden, die angeborene Güte menschlicher Natur.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Könige der alten Zeit zeigten ihre Barmherzigkeit darin, daß sie barmherzig waren in ihrem Walten. Wer barmherzigen Gemüts barmherzig waltet, der mag die beherrschte Welt auf seiner Hand sich drehen lassen. Daß jeder Mensch barmherzig ist, meine ich also: Wenn Menschen zum erstenmal ein Kind erblicken, das im Begriff ist, auf einen Brunnen zuzugehen, so regt sich in aller Herzen Furcht und Mitleid. Nicht weil sie mit den Eltern des Kindes in Verkehr kommen wollten, nicht weil sie Lob von Nachbarn und Freunden ernten wollten, nicht weil sie üble Nachrede fürchteten, zeigen sie sich so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von hier aus gesehen, zeigt es sich: ohne Mitleid im Herzen ist kein Mensch,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Übersetzung: »Wer kein Mitleid im Herzen hat, der ist kein Mensch (sondern ein Tier)«, nach der es sich um eine Beschimpfung anders Gearteter handelte, ist nicht dem Text bei Mong entsprechend.&amp;lt;/ref&amp;gt; ohne Schamgefühl im Herzen ist kein Mensch, ohne Bescheidenheit im Herzen ist kein Mensch, ohne Recht und Unrecht im Herzen ist kein Mensch, Mitleid ist der Anfang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;»duan« Anfang, hier soviel wie »die Möglichkeit«, das »potentielle« Vorhandensein.&amp;lt;/ref&amp;gt; der Liebe, Schamgefühl ist der Anfang des Pflichtbewußtseins, Bescheidenheit ist der Anfang der Sitte, Recht und Unrecht unterscheiden ist der Anfang der Weisheit. Diese vier Anlagen besitzen alle Menschen, ebenso wie sie ihre vier Glieder besitzen. Wer diese vier Anlagen besitzt und von sich behauptet, er sei unfähig, sie zu üben, ist Räuber an sich selbst. Wer von seinem Fürsten behauptet, er könne sie nicht üben, ist ein Räuber an seinem Fürsten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer diese vier Anlagen in seinem Ich besitzt und sie alle zu entfalten und zu erfüllen weiß, der ist wie das Feuer, das angefangen hat zu brennen, wie die Quelle, die angefangen hat zu fließen. Wer diese Anlagen erfüllt, der vermag die Welt zu schirmen, wer sie nicht erfüllt, vermag nicht einmal seinen Eltern zu dienen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Wichtigkeit des Berufs ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Warum sollte ein Pfeilmacher an sich weniger Liebe haben als ein Panzerschmied? Aber der Pfeilmacher muß darauf bedacht sein, die Menschen zu verletzen, ein Panzerschmied muß darauf bedacht sein, die Menschen vor Verletzungen zu schützen. Ebenso steht es mit dem Gesundbeter und dem Sargmacher.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das chinesische Wort »dslang« bedeutet an sich nur Handwerker, hier nach Dschau Ki prägnant gemeint.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum ist die Wahl des Berufes etwas, das wohl beachtet werden muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Meister Kung sprach: ›Gute Menschen machen die Schönheit eines Platzes aus. Wer die Wahl hat und nicht unter guten Menschen weilt, wie kann der wirklich weise genannt werden?‹&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Lun Yü IV, 1. Wie in der Anmerkung dort bereits bemerkt, hat Mong Dsï eine andere Auffassung. Er faßt li (sonst = Platz, Wohnort) = gü verweilen. Der Sinn des Ganzen wäre demnach: »Bei einer Lebensstellung ist die Möglichkeit zur Betätigung der Liebe das Schönste. Wer die Wahl hat und nicht einen Beruf wählt, in dem er Liebe üben kann, wie kann der weise genannt werden?« Vgl. die folgende Erklärung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liebe ist der höchste göttliche Adel und der Menschen friedliches Heim. Unbehindert von außen nicht die Liebe erstreben, das ist Mangel an Weisheit. Ohne Liebe, ohne Weisheit, ohne Sitte, ohne Pflichtgefühl – so sind die Sklaven. Sklave sein und sich der Sklaverei schämen, ist, wie wenn ein Bogenmacher sich des Bogenmachens schämte, oder ein Pfeilmacher sich des Pfeilmachens schämte. Wer Scham empfindet, tut am besten, Liebe zu üben. Der gütige Mensch macht&#039;s wie der Schütze.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. die Bemerkungen Kungs über das Bogenschießen in Lun Yü III, 7, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt; Der Schütze nimmt sich erst zusammen, dann schießt er los. Hat er geschossen und nicht getroffen, so grollt er nicht dem Sieger, sondern sucht die Schuld allein bei sich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 8. Gemeinschaft im Guten ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Dsï Lu freute sich, wenn man ihm seine Fehler sagte. Yü verneigte sich, wenn er gute Worte hörte. Der Große Schun war noch größer als diese: er verstand es, mit andern sich zusammenzuschließen im Gutestun.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die grammatikalische Struktur ist ziemlich diffizil. Der Sinn ist unzweifelhaft der, daß der Konfuziusjünger Dsï Lu zwar dem Guten nachstrebte, aber dabei noch die eigene Person im Auge hatte, der Große Yü die der anderen, und daß für Schun sozusagen das Gute die Lebensluft war, in der er mit den anderen gemeinsam lebte. Der Unterschied von Mein und Dein fiel hierin für ihn weg. Er trat mit seiner Person zurück und förderte dadurch die Aktivität der anderen im Guten. Die Sage berichtet von seiner Anziehungskraft auf die Menschen, daß, wo er sich niederließ, sei es auf dem Li-Berge zum Pflügen, sei es am Gelben Fluß als Töpfer, sei es am Donnersee zum Fischen, in seiner Umgebung immer Städte entstanden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er verleugnete sich selbst und richtete sich nach den andern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freudig anerkannte er, was sich bei andern an Gutem fand. Von den Zeiten an, da er noch hinter dem Pfluge ging, da er Gefäße formte und Fischfang trieb, bis zu der Zeit, da er Herrscher ward: immer hat er die andern anerkannt. Wer anerkennt, was er bei andern an Gutem findet, der fördert sie im Guten. Darum kennt der Edle nichts Größeres als andere zu fördern im Guten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 9. Verschiedene Heiligkeit: Be-I und Liu Hia Hui ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Be-I diente niemand, der nicht sein Fürst war; wer nicht sein Freund war, mit dem verkehrte er nicht. Er ging nicht an den Hof eines schlechten Fürsten und redete nicht mit schlechten Menschen. An eines schlechten Fürsten Hof zu kommen, mit einem schlechten Menschen zu reden, wäre ihm ebenso arg gewesen, als mit Feierkleidung angetan in Kot und Asche zu sitzen. So weit ging er in seinem Hasse des Gemeinen, daß, wenn er mit einem Bauern auf der Straße reden wollte und er sah, daß dessen Hut nicht richtig saß, er ihn stehen ließ, ohne ihn zu beachten – gleich als würde er dadurch befleckt. Wenn ihm Fürsten auch die schönsten Anerbietungen machten: er nahm sie nicht an. Der Grund, warum er sie nicht annahm, war auch, daß es ihm nicht reinlich dünkte, hinzugehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Liu Hia Hui&amp;lt;ref&amp;gt;Über Liu Hia Hui vgl. Lun Yü XV, 13; XVIII, 2, 8.&amp;lt;/ref&amp;gt; schämte sich nicht eines unreinen Fürsten; ein niedriges Amt schien ihm nicht zu gemein. Wurde er befördert, so verdunkelte er nicht verdienstvolle Männer und ließ nicht ab von seinem Wege. Wurde er vernachlässigt und abgesetzt, so murrte er nicht, kam er in Gefahr und Mißerfolg, so regte er sich nicht auf. So sprach er: ›Du bist du, ich bin ich. Wenn du auch nackt und bloß an meiner Seite stehst, wie kannst du mich beflecken?‹ Darum verkehrte er ganz harmlos mit solchen Menschen, ohne sich selbst zu verlieren. Hielt man ihn zurück, so blieb er. Der Grund, warum er blieb, wenn man ihn zurückhielt, war, daß er es nicht für Pflicht der Reinlichkeit hielt, zu gehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Be-I war zu beschränkt, Liu Hia Hui war zu gleichgültig. Beschränktheit und Gleichgültigkeit ist, was der Edle meidet.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Mengzi]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9267</id>
		<title>Bibliothek:Werke des Mengzi</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Werke_des_Mengzi&amp;diff=9267"/>
		<updated>2026-03-01T10:30:28Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Werke des Mengzi|image=Mengzi Werke Buchcover.png|author=Mengzi|publisher=Eugen Diederichs Verlag|published_date=1921|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/mong-ds/books/werke/}}  Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm  Eugen Diederichs Verlag Jena 1921  Drittes bis fünftes Tausend  == Vorrede == Mit den Aufzeichnungen des Mong Dsï folgt aus der konfuzianischen Literatur, nach den Gespräc…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Werke des Mengzi|image=Mengzi Werke Buchcover.png|author=Mengzi|publisher=Eugen Diederichs Verlag|published_date=1921|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/mong-ds/books/werke/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Chinesischen verdeutscht und erläutert von Richard Wilhelm&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eugen Diederichs Verlag Jena 1921&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittes bis fünftes Tausend&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorrede ==&lt;br /&gt;
Mit den Aufzeichnungen des Mong Dsï folgt aus der konfuzianischen Literatur, nach den Gesprächen des Kung nunmehr das zweite der sogenannten »vier Bücher«. Nach mancherlei Erwägungen habe ich mich doch zu einer vollständigen Übersetzung entschlossen, da die Bedeutung des Werkes in China groß genug ist, um eine vollständige Übersicht als wünschenswert erscheinen zu lassen. Diese Übersetzung ist die erste vollständige deutsche Übersetzung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch Gunst der Verhältnisse, die in Tsingtau eine Reihe der bedeutendsten chinesischen Gelehrten zusammenführten, bekam ich Gelegenheit, für meine Übersetzung nicht nur die wichtigsten schriftlichen Quellen zu Rate zu ziehen, sondern auch mündliche Anregung des früheren Leiters der Pekinger Reichsuniversität, Herrn Lau Nai Süan&#039;s, mir zunutze machen zu können. So ist zu hoffen, daß diese Übersetzung wirklich das Verständnis des Mong Dsï vermittelt, das heute in China vorhanden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Werke des Mong Dsï bestehen aus zwei Teilen: den ersten drei Büchern, die eine Art Memoiren denkwürdiger Gespräche mit Fürsten enthalten und hauptsächlich über die Fragen der Staatsregierung handeln, und die letzten vier Bücher, die Aphorismen über alle möglichen Gebiete des Lebens enthalten. Der europäische Leser findet sich vielleicht besser in das Gedankenleben des chinesischen Meisters, wenn er die Lektüre mit den hinteren Büchern beginnt und von da aus erst zu den Stücken der ersten Hälfte übergeht. –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Einleitung ==&lt;br /&gt;
Unter den Vertretern der Lehre des Kung Dsï ist weitaus der berühmteste Mong Ko (meist Mong Dsï = Philosoph Mong genannt, woraus in Analogie zu der latinisierten Form Konfuzius der heute in Europa übliche Name Menzius geformt wurde). Obwohl zeitlich von dem Meister entfernt, so daß er in keine persönliche Berührung mit ihm kam, hat er dessen Lehren in Zeiten des Niedergangs mit großer Energie durchgesetzt. Man kann sein Verhältnis zu Kung mit dem des Paulus zu Jesus vergleichen. In diesem Vergleich liegt zugleich eine Wertung, die von der in Europa häufig üblichen abweicht. Mong Dsï ist Epigone, aber eben deshalb geht er mehr auf Detailfragen ein als Kung Dsï. Er ist rhetorischer, dialektischer. Darum kommt er dem europäischen Geschmack in vielen Dingen näher. So kann es nicht Wunder nehmen, daß er von europäischer Seite vielfach als der Genialere betrachtet worden ist, der noch über Kung zu werten sei. Der englische Missionar Legge, der die Worte des Mong Dsï mit vielem Fleiß ins Englische übersetzt hat, gibt dieser Stimmung mit unübertrefflicher Naivität Ausdruck, indem er Mong Dsï für bewundernswerter als Kung Dsï erklärt – freilich um dann nachträglich ein Stück der Bewunderung nach dem andern wieder abzutragen. Der chinesische Vergleich trifft wohl dem Wesen nach eher das Richtige, der Kung Dsï dem milden, unauffälligen, erst eingehender Betrachtung sich offenbarenden Glanz des Nephrits vergleicht, während Mong Dsï dem klar-durchsichtigen Bergkristall entspreche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war der Sohn seiner Zeit. Ein Zeitgenosse des Dschuang Dsï, mit dem er auch an literarischem Besitz vieles gemeinsam hat, hat er auf anderen Wegen als jener weltflüchtige Mystiker nach Rettung für die Menschheit gesucht. Während Dschuang Dsï diese Rettung in gänzlichem Verzicht auf die Kultur sieht, sucht Mong Dsï sie in der Reform und der Wiederherstellung der echten Kultur, wie sie durch Kungs Arbeiten aus dem Altertum gerettet war. In diesem Streben übernahm er den von Kung geschaffenen Beruf des Lehrers der Fürsten. Aber die Zeiten waren inzwischen andere geworden. So machte sich auch in des Mong Dsï Handlungsweise eine Änderung nötig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Kungs Zeiten waren die staatlichen Verhältnisse noch so weit in Ordnung, daß jedermann ohne weiteres sein geregeltes Einkommen hatte. Obwohl daher Kung auf seinen Wanderungen manche Schwierigkeiten und Nöte zu bestehen hatte, war die Frage seines Lebensunterhalts nie in die Erscheinung getreten. Er hatte sein gesichertes Einkommen, von dem er und seine Schüler lebten. Das war später anders geworden. Der Privatbesitz hatte sich mehr entwickelt. Nur die Beamten und die Untertanen der einzelnen Staaten hatten mehr oder weniger feste Einkünfte. Der freie Beruf des Lehrers der Fürsten, dem Mong Dsï ebenso wie viele sophistische Zeitgenossen huldigte, war auf Gaben und Geschenke freigebiger Mäzene unter den Fürsten angewiesen. Mong Dsï empfand diese Abhängigkeit äußerst drückend und tat, was in seinen Kräften stand, um seine Würde zu wahren und Abstand zu halten von den Wanderphilosophen, die gegen Geld die Höfe zu unterhalten wußten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus diesen Verhältnissen erklärt sich manche herbe Seite in Mong Dsïs Wesen. Je schwieriger es war, diesen Abstand zu halten, desto mehr mußte er Äußerlichkeiten betonen, und so kam er oft in Situationen, wo sein Stolz fast die Form der Wunderlichkeit annimmt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer Zug hängt damit zusammen. Während Kungs ganze Art sich durch eine feine Zurückhaltung und bescheidene Güte auszeichnet, die ihn so liebenswert machen, ist Mong Dsï seiner ganzen Stellung nach auf den Kampf angewiesen. Daher das Pathetisch-rhetorische in seinen Reden, die Disputationen mit Andersdenkenden, die selbstbewußten Äußerungen, die Schärfe und Härte, mit der er seine Feinde verurteilt und brandmarkt, aber auch die durchsichtige Klarheit und Ausführlichkeit, die nichts für sich zurückbehält, sondern alles ausspricht, was zur Stützung und Darlegung der eigenen Lehren dient. Daher ferner auch die opportunistische Anpassung an die Situation, die unter Umständen die höchsten Maßstäbe aus dem Auge läßt, um das praktisch Erreichbare zu erreichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist er vernünftig und klar, dialektisch gewandt, oft nicht ohne Humor, immer bereit mit Zitaten aus der »heiligen Schrift«, mit Gleichnissen und erläuternden Geschichten, so daß man – das Interesse für seine Probleme vorausgesetzt – immer angeregt wird. Freilich die ästhetischen Höhen des Kung Dsï erreicht er dabei nicht. Während Kung nach Anhören der alten Musik so hingerissen war, daß er Essen und Trinken darüber vergaß, läßt sich Mong Dsï gelegentlich zu dem Ausspruch hinreißen, die alte und die leichte neue Musik kämen aufs gleiche hinaus; beide belebten ja die sozialen Seiten des menschlichen Gemüts. In solchen und ähnlichen Situationen hat die Philosophie des Mong Dsï etwas Robustes an sich, etwas vom gesunden Menschenverstand. Aber trotz alledem hat er sich auf moralischem Gebiet niemals eine Konzession zuschulden kommen lassen. Hier ist er echt und ganz und darf sich würdig seinem Meister zur Seite stellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über sein Leben sind wir nicht so gut unterrichtet, wie über das des Kung. Die Nachrichten&amp;lt;ref&amp;gt;Über die genauere Begründung vgl. Jahrbuch für Chinaforschung Bd. 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; widersprechen sich vielfach. Was wir mit einiger Sicherheit feststellen können, ist folgendes:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï, mit dem Vornamen Ko, ist in dem kleinen Staate Dsou im Jahre 372 geboren. Er stammt aus dem bekannten Adelsgeschlecht Mong Sun, das zur Zeit des Kung Dsï im Staate Lu zu den drei herrschenden Familien gehörte. Das Geschlecht hatte jedoch mit der Zeit an Einfluß verloren, und es hatte sich ein Zweig der Familie in dem südlich von Lu liegenden Dsou niedergelassen. In früher Jugend schon verlor er den Vater. Doch war seine Erziehung bei seiner edlen Mutter in den denkbar besten Händen. Die Geschichten, wie sie zweimal den Wohnplatz gewechselt, um eine Umgebung zu finden, die den Spielen des Sohnes ein gutes Vorbild zeige, und wie sie das Gewebe auf dem Webstuhl zerschnitten, als ihr Junge einst in der Schule keine Fortschritte gemacht, sind in China bis auf den heutigen Tag allbekannt. Daß Mong Ko den Unterricht des Enkels von Kung, Dsï Sï, genossen, ist schon wegen des zeitlichen Abstandes ausgeschlossen. Möglich ist die Angabe,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er beim Sohne des Dsï Sï gelernt habe. Küfu, der Heimatort der Familie Kung, ist ja von Mongs Geburtsort Dsou nicht weit entfernt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine Quelle weiß zu berichten, daß Mong als ganz kleiner Junge mit Dsï Sï zusammengetroffen sei, der seine Bedeutung sofort erkannt und seinen Sohn auf ihn aufmerksam gemacht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Eheleben scheint er – ähnlich übrigens wie Kung Dsï – wenig gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht aus der Geschichte hervor,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er einst, im Begriff in sein Zimmer zu treten, seine Frau nackt habe darin sitzen sehen. Davon war er so unangenehm berührt, daß er sich von ihr scheiden lassen wollte. Seine Mutter verstand es übrigens, die Sache wieder ins Reine zu bringen, indem sie ihm zu Gemüte führte, daß der eigentliche Fehler auf seiner Seite liege, da er – entgegen den Vorschriften guter Sitte – ohne sich vorher bemerklich zu machen, ins Haus eingetreten sei, so daß seine Frau keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, gehabt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er seine Ausbildung vollendet hatte, bekam er bald auch selbst Schüler. Der erste, von dem berichtet wird, ist Yo Dschong Ko, den sein neunzigjähriger Großvater ihm zusandte, damit er von den mancherlei Gaben der Jünger Kungs vielleicht das eine oder andere sich aneignen könne. Einer Überlieferung&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wal Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; nach kam Mong einst mit seinen Jüngern durch Gü, wo eine Lehrhalle des Jüngers von Kung, Dsong Schen, noch zu sehen war. Er stieg empor und spielte die Zither und sang. Und seine Jünger stimmten ein, also daß die alten Leute von Gü sagten: »Schon lange haben wir nicht mehr solche Töne gehört; das ist wirklich ein Jünger des Heiligen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch war es nicht die Absicht des Mong Dsï, sich auf diese Lehrtätigkeit zu beschränken. Er fühlte vielmehr das Bedürfnis, tätig einzugreifen in den Weltlauf. Gerade da ihm sein Selbstbewußtsein&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Mong Dsï II A, 14. 2, wo Mong Dsï es seinem Jünger Gung-Sun Tschou gegenüber zwar bescheiden ablehnt, als Heiliger bezeichnet zu werden – unter Berufung übrigens auf Kung, der das auch getan habe –, aber es sich energisch verbittet, mit Guan Dschung, dem berühmten Staatsmann von Tsi, auch nur verglichen zu werden. Auf die Frage, welchem der bedeutendsten Jünger Kungs er sich gleichstelle, bricht er das heikle Thema ab, ohne anzudeuten, daß er sich etwa weniger fühle als die Jünger Kungs.&amp;lt;/ref&amp;gt; sagte, daß er die wichtige Aufgabe zu erfüllen habe, die Lehren seines verehrten Vorgängers Kung Dsï in die Welt einzuführen, mußte ihm besonders viel daran liegen, einen Weg zu finden, um, sei es auch nur indirekt als Ratgeber eines Fürsten, zu Macht und Einfluß zu gelangen. Er sah die Zeit für besonders günstig an, um eine neue Ordnung der Dinge durchzuführen. Die alte Dynastie der Dschou, die Kung Dsï immer noch zu stützen gesucht hatte, war unwiederbringlich zusammengebrochen. Ein neues Geschlecht mußte an ihre Stelle treten. Im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die Wen, der Begründer des Kaiserthrons der Dschou, gehabt hatte, schien die Gründung eines neuen Reiches leicht. König Wen hatte sich der geschlossenen Macht des alten Kaiserhauses gegenüber gesehen, er selbst gestützt nur auf eine kleine, zwar wohl verwaltete, aber abgelegene und unbedeutende Hausmacht. Auf Seiten der alten Kaisermacht stand noch die Autorität bedeutender Ahnen, die noch nicht weit zurücklagen, und guter Diener, die auch dem Tyrannen Dschou-Sin noch zur Seite standen. Mong Dsï sah, daß zu seiner Zeit die Verhältnisse weit günstiger lagen. Es gab eine Reihe wohl abgerundeter, militärisch mächtiger Staaten, die eine weit bessere Unterlage für eine Universalmacht abgegeben hätten als der kleine Staat, auf den die Dschou sich einstens stützen konnten. Andererseits lag die Zentralregierung vollkommen ohnmächtig zu Boden. Keinerlei Autorität stützte sie mehr. Lange Zeit war vergangen, seit der letzte Heilige auf dem Thron ins Grab gesunken war. Was die Fürsten trieben, war seit Jahrhunderten nur Gewaltpolitik gewesen, auf Kosten der eigenen und fremden Untertanen. Da mußte es leicht sein, die alten heiligen Grundsätze, die Frieden auf Erden gaben, wieder durchzuführen. Ein Hungriger ist leicht zu sättigen. Seit langem hungerte und dürstete alles Volk auf Erden nach einem gütigen Fürsten. Trat einer auf, so mußte es den Leuten zumute sein, wie einem, der an den Fersen aufgehängt ist, wenn man ihn befreit. Alles Volk würde ihm zuströmen, niemand würde es hindern können. Es galt nur den Versuch. War erst ein Fürst gefunden, der auf seine Worte hörte, so kam alles andere mit Notwendigkeit von selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trat Mong Dsï in den zweiten Abschnitt seines Lebens ein: die Wanderzeit. Es ward ihm nicht so leicht, wie die Verhältnisse es hatten scheinen lassen. Denn woran es fehlte, das war eben ein Fürst, wie er ihn brauchte. Die Fürsten der Zeit waren alle in ganz anderen Richtungen begriffen. Wie es Sï-Ma Tsiän berichtet: der Militarismus und ein kompliziertes System von Bündnissen und Gegenbündnissen war an der Tagesordnung. Es strebten alle nach Macht. Wohl ließ man sich die Lehren des Altertums als Verzierung des Lebens gerne gefallen. Wie in der Renaissancezeit Italiens gehörte es auch damals in China mit zum notwendigen Bestand eines angesehenen Staates, daß man sich einen Stab von Gelehrten hielt, die durch ihre anregenden Gespräche, durch ihre gegenseitigen Widerlegungen und Redekämpfe, wobei es an sophistischen Wortspielereien nicht fehlte, den Hof zu unterhalten wußten. Diese Weisen zogen von Hof zu Hof, je nachdem es Zeit und Umstände günstig erscheinen ließen. Eine sehr bittere, aber anschauliche Schilderung dieser Zustände gibt Dschuang Dsï X, 3:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: ›An dem und dem Platz ist ein Weiser.‹ Sie nehmen Reisezehrung auf den Weg und eilen hin, indem sie ihre Familien und den Dienst ihrer Herren im Stiche lassen. Fußspuren führen über die Grenzen der verschiedenen Länder, und Wagengeleise ziehen sich über Tausende von Meilen hin. An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten die Erkenntnis hochschätzen ... So geht es nun seit Anbeginn der Weltgeschichte: man vernachlässigt das einfache, arbeitsame Volk und ergötzt sich am Geschwätz unruhiger Köpfe. Man wendet sich ab vom anspruchslosen Nichthandeln und ergötzt sich an gleißenden Ideen. Durch diese Gleißnerei kommt die Welt in Unordnung.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine Zeit von ungemein bewegtem geistigen Leben, voll von Vorurteilslosigkeit. Ungebunden von jeglicher Tradition wurden die Probleme aufgenommen und gelöst. In vieler Hinsicht findet man verwandte Züge mit der gleichzeitigen griechischen Sophistik. Aber nicht nur philosophische Spekulationen pflegten diese Wanderphilosophen, sondern man trieb auch praktische Philosophie. Man machte die Anwendung seiner Theorien auf die Regierung und die Politik. Oft glückte einem Philosophen, der den nötigen gesunden Menschenverstand hatte, ein Rat. Er wurde reich belohnt und vertauschte den Beruf des Weisen mit dem des Staatsmanns. Su Tsin und Dschang J, die beiden berühmtesten Politiker der damaligen Zeit, die Begründer der beiden großen Bündnissysteme, die wie im modernen Europa die Staaten zu einer nord-südlichen und einer ost-westlichen Gruppe zusammenschlössen, waren beide Schüler des Meisters vom Dämonental (Gui Gu Dsï), dem sie ihre Weisheit verdankten. Alles in allem wird man aber wohl sagen können, daß selten der Dilettantismus einen solchen Einfluß auf die Politik gehabt hat – zum mindesten, was den äußeren Schein betrifft – als in dem China der damaligen Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï war gesonnen, aktiv in diese Bewegungen einzutreten. Allerdings mit dem stolzen Selbstbewußtsein, daß er der Welt etwas anderes zu bringen habe als scharfsinnige Gedankenkunststücke. Er wollte nichts geringeres als die Wiederherstellung des alten Ideals: »Friede auf Erden« durchsetzen. Nach seiner Überzeugung war dieses Ideal ohne weiteres zu verwirklichen, wenn man die Methoden der Heiligen der Vorzeit, wie sie zuletzt Kung Dsï zusammengefaßt und begründet hatte, anzuwenden entschlossen war. Es gab daher für ihn im Prinzip keine Konzession. Den Grundsatz, einen Fußbreit krumm zu machen, um hundert Fuß gerade zu machen, hat er nicht anerkannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bald gab sich Gelegenheit zur Anwendung seiner Grundsätze. Im Jahre 322 nämlich hatte der König Hui von We ein Ausschreiben erlassen, das in sehr ehrerbietigen Ausdrücken und unter Verheißung großer Belohnung Weise an seinen Hof zu ziehen suchte. Der Staat We war einer der drei Staaten, in die sich der alte Staat Dsin aufgelöst hatte. Die Zersplitterung des Staates Dsin in die drei Teilstaaten Dschau, Han und We fand mit kaiserlicher Genehmigung im Jahre 403 statt. Damit begann eine neue Periode in der chinesischen Geschichte, die Zeit der streitenden Reiche, die bekanntlich mit der Aufsaugung der übrigen durch den halbbarbarischen Staat Tsin endigte. In jener Kampfzeit hatte der Staat We, nach seiner Hauptstadt auch Liang genannt, viel zu leiden. Unter dem Fürsten Hui, der nach Vereinbarung mit dem Staate Tsi den Königstitel angenommen hatte, erlitt der Staat mehrere große Niederlagen, bei denen der Kronprinz in Gefangenschaft geriet, der Feldherr getötet wurde und große Gebiete abgetrennt wurden. Das war der Grund für jenes Ausschreiben des Königs, dem außer Mong Dsï auch noch einige andere Philosophen folgten. Die Gespräche, die Mong Dsï mit dem König, dem guter Rat teuer war, geführt hat, sind im ersten Buch der Werke des Mong Dsï reproduziert. Andere Quellen geben eine zum Teil abweichende Darstellung. So wird zum Beispiel von einer Seite&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Sin Lun. Das ist textkritisch von Bedeutung, weil die drei Kapitel I B 13. 14. 15 bei Mong Dsï den Zusammenhang unterbrechen. Das Wahrscheinlichste ist, daß Kap. 15 sich ursprünglich auf Liang bezog – die Einleitung ist im jetzigen Zustand nichtssagend – während 13 und 14, auf Tong bezüglich, ursprünglich an anderem Platze (Buch III) standen. Die Ähnlichkeit mit Kap. 15 hat dann einerseits veranlaßt, daß dieses auch den Unterredungen mit Wen von Tong zugewiesen wurde, und andererseits, daß Kap. 13 und 14 mit ihm zusammengestellt wurden, wobei dann die drei so verbundenen Kapitel an den Schluß von I B zwischen die Erlebnisse in Dsou und Lu gestellt wurden. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das Beispiel des großen Königs, der vor den Barbaren wich, auf die Situation besonders gut paßte.&amp;lt;/ref&amp;gt; der Inhalt der Gespräche, die nach Mong Dsï I B, 15 mit dem Fürsten Wen von Tong geführt worden sind, ebenfalls als auf den König Hui bezüglich erwähnt. Als er nämlich gefragt habe, was sich tun lasse, da Tsin große Gebiete von We annektiert habe, da habe Mong Dsï erwidert: »Als der große König in Bin wohnte, haben ihn die Di-Barbaren angegriffen. Er brachte ihnen Tribut von Edelsteinen und Seidenstoffen dar, aber es half nichts. Der große König wollte nicht seine Leute zu Schaden kommen lassen, darum verließ er Bin und siedelte sich am Fuß des Berges Gi an. Wollt Ihr, o König, nicht auch Liang verlassen.« Der König Hui war über diese Antwort mißvergnügt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Wunder, daß der König Hui nichts mit den Ratschlägen des Mong Dsï anzufangen wußte. Das war es nicht, was er gewollt hatte. So gibt er ihm denn mehrfache Gelegenheit, seine Meinung auszusprechen, was dieser denn auch mit aller Schärfe tat. Aber es kam zu keinem Erfolg dieser Reden. Kurz darauf starb der König Hui. Sein Nachfolger Siang war, wie Mong Dsï sich bald überzeugen mußte, nicht von der Art, daß sich etwas von ihm erhoffen ließ. Mong Dsï fällte ein sehr absprechendes Urteil über ihn. Schon nach der ersten oder zweiten&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach »Wai Schu« soll Mong Dsï&#039; noch eine zweite Audienz beim König Siang gehabt haben, in der dieser ihn über den Krieg fragte. Mong Dsï habe erwidert: »Der Krieg ist eine gefährliche Sache; davon verstehe ich nichts« und sei abgereist, ohne auf den Versuch des Königs, ihn durch einen Boten zurückholen zu lassen, weiter zu achten. – Nach Mong Dsï I A, 6 fand nur eine Audienz statt, deren Verlauf aber im wesentlichen übereinstimmend berichtet wird.&amp;lt;/ref&amp;gt; Audienz gab Mong Dsï die Sache auf und zog sich aus Liang zurück. Der König Siang befürchtete, daß er ähnlich wie manche anderen Wanderphilosophen der Zeit nach einem anderen Staate gehen werde, um dem Staate Liang zu schaden. Das Beispiel des Dschang J, der von We nach Tsin übergegangen war, war noch in frischer Erinnerung. So schickte er ihm denn einen Boten nach, um ihn zurückzuhalten. Mong Dsï ließ sich jedoch von seinem Entschluß nicht abbringen: »Danket dem König in meinem Namen und saget ihm, daß ich die Freundlichkeit, die mir sein Vater erwiesen, niemals vergessen werde.« Mit diesen Worten verneigte er sich zweimal, bestieg den Reisewagen und fuhr davon.&amp;lt;ref&amp;gt;Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu jener Zeit hatte der König Süan von Tsi eben die große Akademie am Dsï Men&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsï Men, wörtlich Korntor.&amp;lt;/ref&amp;gt; eingerichtet, für die er aus allen Gegenden berühmte Weise zu gewinnen suchte. Dahin wandte sich Mong Dsï. Ober die Persönlichkeit des Königs Süan ist uns nicht viel bekannt. Man kann sich aber aus den Werken des Mong Dsï ein ungefähres Bild von ihm machen. Er hatte etwas Großartiges in seinem Wesen, war nicht ohne edle Regungen. Impulsive Züge eines guten Herzens finden sich bei ihm, wie die Geschichte zeigt, die Mong Dsï gelegentlich erwähnt,&amp;lt;ref&amp;gt;Buch I A, 7.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er Mitleid gehabt habe mit einem Ochsen, der zum Opfern geführt wurde. Auch die Vorliebe für die Gelehrten, die er mit wahrhaft mediceischer Freigebigkeit in die Tat umsetzte, zeigt das Vorhandensein eines Strebens nach Höherem; auch wird man sagen dürfen, daß er Mong Dsï während der ganzen Zeit von dessen Anwesenheit in Tsi durchaus liberal behandelt hat. Dennoch war er zu sehr in den Traditionen seines Hauses, das die Herrschaft durch Usurpation errungen hatte, befangen, als daß er weitergehende Gesichtspunkte höherer Art gehabt hätte. Seine Ideale beschränkten sich darauf, es den berühmten Fürsten der letzten Jahrhunderte, einem Huan von Tsi oder Wen von Dsin, gleichzutun. So hatte denn Mong Dsï nicht eben die günstigste Persönlichkeit für seine Zwecke an ihm gefunden. Es wird erzählt,&amp;lt;ref&amp;gt;Sün Dsï.&amp;lt;/ref&amp;gt; daß er dreimal zur Audienz beim König war, ohne über Politik zu reden. Er habe geäußert, er müsse erst die falschen Meinungen des Königs durch stillen Einfluß bekämpfen. Er selbst hat bei seinem&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weggang von Tsi geäußert, es sei keineswegs seine Absicht gewesen, so lange da zu bleiben.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï II B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; Vielmehr habe er sich nur gezwungen durch des Königs Entgegenkommen zum Bleiben entschlossen, immer bereit zu gehen, wenn es die Verhältnisse erforderten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch persönliche Erwägungen mitsprachen, um ihn zum Bleiben in Tsi zu veranlassen. Seine Mutter, die er so sehr verehrte, war hochbetagt. So mußte es für ihn wünschenswert erscheinen, nicht allzu weit von seiner Heimat – Dsou und Tsi sind Nachbarstaaten – seiner Mutter ein gesichertes Auskommen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Ob Mong Dsï in Tsi Gehalt bezog oder nicht, ist nicht ganz klar. An verschiedenen Orten finden sich Anspielungen darauf, so in Liä Nü Dschuan und Hau Schï Wai Dschuan, dem die folgenden Ausführungen entnommen sind; doch finden sich bei Mong Dsï selbst mehrere Stellen, in denen er bestreitet, Gehalt bezogen zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; bieten zu können. Dennoch hatte er auch für den Staat große Hoffnungen. Seinen Jüngern, die die Hoffnung aussprachen, daß, da er Einfluß in Tsi habe, wohl gar die Zeiten der berühmten Kanzler Guan Dschung, der dem Herzog Huan zur Seite stand, und Yän Ying, der dem Herzog Ging zu Kung Dsïs Zeit die Regierung führte, wiederkehren könnten, erwiderte er: »Gestützt auf Tsi die Herrschaft der Welt zu erlangen, wäre im Handumdrehen möglich.« Die Schüler fragten weiter: »Wenn es also ist, regt Euch das nicht im Innern auf?« »Nein,« sagte Mong Dsï, »seit meinem vierzigsten Jahre habe ich die Ruhe der Seele erreicht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gemütsruhe bedurfte er in der Folge sehr nötig. Denn es gab manchen Konflikt bei Hofe. Eines Tages hatte er dem König Vorstellungen gemacht, worüber dieser mißvergnügt war. Seinen Jüngern gegenüber äußerte sich Mong Dsï über den Vorfall: »Wenn man heutzutage einem Fürsten Vorstellungen macht: gleich ist er mißvergnügt. Wissen diese Leute denn nicht, daß das Gute gut ist?« Der Schüler machte eine Bemerkung, worauf Mong Dsï fortfuhr: »Wenn Blitz und Donner toben, Bäume zerspellen und den ganzen Erdkreis in Schrecken versetzen, so können sie doch nicht machen, daß ein Tauber auch nur das mindeste hört; wenn Sonne und Mond scheinen und den ganzen Erdkreis erleuchten, so können sie doch nicht machen, daß ein Blinder auch nur das mindeste sieht. Diesen Tauben und Blinden gleichen unsere Fürsten von heute.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch seiner Mutter gegenüber ließ er es einst merken, daß er unter den Verhältnissen litt. Als seine Mutter ihn fragte,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Liä Nü Dschuan.&amp;lt;/ref&amp;gt; was er habe, brach er los: »Es heißt, ein anständiger Mensch halte darauf, daß er eine seiner Würde entsprechende Stellung inne habe und nicht aus niedriger Habsucht nach Lohn geize. Nun hat man in Tsi kein Bedürfnis nach der Wahrheit, und ich möchte gehen, aber du bist alt, Mutter, so kann ich&#039;s um deinetwillen nicht. Das macht mich traurig.« Die Mutter sprach: »Die Sitte will es, daß eine Frau sich keine unbedingte Herrschaft anmaßt, sondern sich zu fügen weiß.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »dreifache Unterordnung befolgt«, nämlich als Kind unter die Eltern, verheiratet unter den Gatten, als Witwe unter den Sohn.&amp;lt;/ref&amp;gt; Du bist erwachsen, ich bin alt. Tu du, was deine Pflicht ist; ich werde tun, was die Sitte von mir verlangt. Warum traurig sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch ehe aber Mong Dsï zu einem Entschluß gekommen war, starb die Mutter. Mong Dsï war untröstlich. Drei Tage lang nahm er nichts zu sich und weinte ununterbrochen. Seine Jünger redeten ihm zu: »Seit alters ist es üblich, daß man mit fünfzig Jahren bei der Trauer auf seine Gesundheit acht hat.« »Was redet ihr von fünfzig Jahren,« fuhr Mong Dsï auf, »meine Mutter ist tot, und ich fühle mich verwaist wie ein Kind.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese aufrichtige Trauer scheint übrigens auf weite Kreise ihres Eindrucks nicht verfehlt zu haben. Ein Anhänger des Mo Di, jenes nüchternen Philanthropen, kam, um sein Beileid zu bezeigen Als er den Mong Dsï in Tränen aufgelöst sah, da nahm er sich&#039;s zu Herzen: »Nun weiß ich erst, wie die Art der Heiligen ist.« Er wandte sich von der Schule des Mo Di ab und trat zu der Gemeinde des Kung Dsï über.&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da die Familie Mong ursprünglich ihren Heimatsitz im Staate Lu hatte, wo auch wohl noch das Erbbegräbnis lag, so begab sich Mong Dsï zur Bestattung seiner Mutter nach diesem Staate. Unter Beihilfe seiner Jünger vollzog er alle Beerdigungsgebräuche mit peinlicher Gewissenhaftigkeit, ohne Mühe und Kosten zu scheuen. Nach altem Brauche blieb er drei Jahre lang allen Geschäften fern, am Grabe der Mutter der Trauer pflegend. Gegen Ende dieser Zeit, im Jahr 314, kam in Lu ein neuer Fürst auf den Thron, der unter dem Namen Ping bekannt ist. Es scheint, daß es dem Schüler Yo Dschong Ko gelang, eine einflußreiche Stellung bei Hofe zu bekommen. Mong Dsï scheint große Hoffnungen auf dieses Ereignis gesetzt zu haben.&amp;lt;ref&amp;gt;Buch VI B, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er konnte vor Freude nicht schlafen, als er die Nachricht hörte. Und in der Tat bemühte sich Yo Dschong Ko auch, den Fürsten von Lu mit Mong Dsï zusammenzubringen. Er redete mit dem Fürsten über Mong Dsï, daß er von sich aus&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vgl. Kuang Wen Süan. Dieser Ausdruck fällt gegen eine Unterweisung des Mong Dsï durch Dsï Sï ins Gewicht.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich dem Einfluß des Konfuzius geöffnet habe, so daß er Geisteskraft besitze, um den Zeitgenossen zu helfen, die Bürger zu fördern, und Methoden habe, um die Regierung der Staaten sittlich zu gestalten. Der Fürst ließ sich daraufhin bereit finden, Mong Dsï einen Besuch zu machen. Doch erhoben sich dagegen die niederen Kreaturen, die für ihre Existenz befürchteten, wenn der Fürst sich dem Ernst des Lebens zuwenden würde. Ein Günstling namens Dsang Tsang&amp;lt;ref&amp;gt;Mong Dsï I B, 14.&amp;lt;/ref&amp;gt; wußte die Sache zu hintertreiben. Er redete dem Fürsten vor, daß Mong Dsï seine Mutter viel prächtiger bestattet habe als seinen Vater, und der Fürst ließ sich durch Ihn bestimmen, von dem Besuch bei Mong Dsï abzusehen. Natürlich war es nicht das Gewicht der vorgebrachten Gründe, die an sich sehr fadenscheinig waren, das den Fürsten bestimmte. Viel eher eine Art Beschämung. Der Fürst hatte unter Einwirkung des Yo Dschong Ko halb heimlich einer edlen Regung nachgegeben. Ohne jemand etwas zu sagen, wollte er den Weisen aufsuchen. Da sah er sich nun ertappt von dem Genossen seiner Laster, und dessen Einfluß gewinnt wieder die Oberhand über den sinnlichen Fürsten. Mong Dsï aber sieht in dem Vorfall nicht das kleinliche Spiel von Zufällen, sondern den Willen Gottes. So verläßt er Lu, abermals um eine Hoffnung ärmer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neunundfünfzig Jahre alt war er inzwischen geworden, als er seine Schritte nach dem Staate Tsi zurücklenkte. Der König Süan kam ihm abermals sehr freundlich entgegen. Mong Dsï wurde zum Königlichen Ratgeber&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Stelle hatte den Rang eines Ministerialpostens, doch ohne Einfluß auf die Staatsgeschäfte. Es war mehr ein Ehrentitel, verbunden mit einem entsprechenden Einkommen. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß Mong Dsï die Stelle schon bei seinem ersten Aufenthalt in Tsi inne hatte.&amp;lt;/ref&amp;gt; ernannt. Gerade um jene Zeit waren in Yän, dem nördlichen Nachbarstaat von Tsi, in der heutigen Provinz Tschïli, Unruhen ausgebrochen. Der dortige Fürst, ein törichter Schwächling, war mit seinem Sohne, dem Thronfolger, zerfallen und in die Hände seines Kanzlers geraten, der die Schwäche seines Herrn ausnützte, um ihm die Zügel aus den Händen zu nehmen. Er ließ durch befreundete Wanderlehrer dem Fürsten zureden, daß er das Beispiel der alten heiligen Herrscher befolge, wenn er unter Übergehung seines Erben sein Reich dem Würdigsten, dem Kanzler abtrete. Die Folge dieser Torheit auf der einen und Gemeinheit auf der andern Seite war gänzliche Verwirrung der öffentlichen Verhältnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König von Tsi hielt den Zeitpunkt zum Eingreifen in die Angelegenheiten des nördlichen Nachbarstaates für geeignet. Unter der Hand ließ er auch den Mong Dsï um seine Meinung in der Sache fragen. Dieser redete unbedenklich zu: der König von Yän sowohl wie der Minister Dsï Dschï hätten ihre Kompetenzen überschritten bei dieser gesetzwidrigen Übertragung der Staatsgewalt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Beispiel des heiligen Yau war insofern nicht anwendbar, als der Staat Yän Lehensstaat war, sein Fürst also de jure nicht das souveräne Verfügungsrecht besaß. Außerdem hatten die Heiligen der Vorzeit das Reich »dem Würdigsten« hinterlassen, weil ihre Söhne nicht die Zuneigung des Volkes hatten. Das Gegenteil davon war in Yän der Fall.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darauf wurde eine kriegerische Aktion eingeleitet. Die Truppen des Königs von Tsi fanden keinerlei nennenswerten Widerstand, so daß in ganz kurzem der König von Tsi im Besitz des Landes war, dessen König und Minister beide&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Dschan Guo Dse.&amp;lt;/ref&amp;gt; bei dieser Invasion ums Leben kamen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abermals zog der König Süan den Mong Dsï zu Rate, als es sich nun um die Frage handelte, ob Yän von Tsi annektiert werden solle. Mong Dsï macht die Entscheidung von der Volksstimmung in Yän abhängig. Das Altertum biete Beispiele für die entgegengesetzten Entschließungen, je nach der in der Bevölkerung vorhandenen Gesinnung. Habe der König das Volk von Yän bei einer Annexion auf seiner Seite, so könne er sie unbedingt wagen. Andernfalls sei davon abzuraten. Der König entschloß sich für die Annexion, und zwar ging es dabei, wie es scheint, nicht ganz ohne Härten ab. Namentlich scheinen die heiligen Geräte auch weggeführt worden zu sein, so daß Yän auch äußerlich in direkte Abhängigkeit von Tsi geriet. Diese Vergrößerung eines einzelnen Staates auf Kosten des Bestandes eines der alten Lehensreiche konnten die übrigen Staaten nicht ohne weiteres mit ansehen. Dschau, Tschu und We machten Miene zugunsten des Staates Yän einzuschreiten. Für Mong Dsï war die Lage inzwischen vollkommen klar geworden. Er riet dringend, die Annexion wieder rückgängig zu machen und in Übereinstimmung mit den Leuten von Yän ihnen einen Fürsten zu setzen. Das sei der einzige Weg, Yän als befreundeten Grenzstaat zu bewahren und kriegerische Verwicklungen größeren Stils zu vermeiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König konnte sich hierzu nicht entschließen. Die Verwicklungen zogen sich in die Länge, bis nach zwei Jahren in Yän eine Volkserhebung stattfand, in deren Verlauf der Sohn des umgekommenen Fürsten auf den Thron erhoben wurde. Tsi mußte nun der Sache, so unliebsam es war, den Lauf lassen, da ein energisches Eingreifen bei der feindlichen Haltung der Nachbarstaaten ausgeschlossen erscheinen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu spät kam der König zu der Erkenntnis, daß er besser Mong Dsïs Rat befolgt hätte. Es gewährt einen Einblick in die Art der Höflinge seiner Umgebung, wie sofort sich einer findet, der dem König durch eine sophistische Unterredung mit Mong Dsï, durch die dieser ins Unrecht gesetzt werden sollte, seine bessere Einsicht wieder verdunkelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mißvergnügt weist Mong Dsï die Berufung auf den Fürsten von Dschou, das gepriesene Vorbild Kungs, der auch einmal einen politischen Mißgriff gemacht habe, zurück. Selbst wenn die Alten Fehler gemacht, so hätten sie sie zu bessern gewußt. Heutzutage aber lasse man sich gehen, ja man suche seine Fehler obenhin noch zu beschönigen. Mong Dsï erkannte, daß in dieser Umgebung seinem Einfluß dauernde Schranken gezogen sein mußten. Er beklagte sich: »Kein Wunder, daß der König nicht zur Einsicht kommt. Wenn eine Pflanze auch noch so leicht fortkommt, sie kann nicht gedeihen, wenn auf jeden Sonnentag zehn Tage Frost folgen. Ich sehe den Fürsten nur selten. Kaum bin ich weg, so drängen sich die Frostbringer herzu. Wie kann ich ihn da zum Keimen bringen!« Damit nahm er seinen Abschied. Der Fürst machte einen schwachen Versuch, ihn durch Angebot einer Sinekure zu halten, doch ließ sich Mong Dsï begreiflicherweise nicht darauf ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Erfahrung, die ihn schließlich zum Weggang aus Tsi veranlaßte, war nicht die einzige ihrer Art. Schon die ganze Zeit über hatte Mong Dsï mit Hofschranzen zu kämpfen gehabt. Namentlich einer, namens Wang Huan, ein hochmütiger und arroganter Mensch, scheint ihm sehr auf die Nerven gefallen zu sein, um so mehr, als er amtlich ziemlich viel mit ihm zu tun hatte. Die Stellen in Mong Dsïs Werken, die von ihm handeln – offenbar konnte Mong Dsï die gemachten Erfahrungen auch später noch nicht vergessen – zeigen auf Seiten des Weisen gegenüber dem Minister nur das eben noch zulässige Mindestmaß von Wohlwollen. Zum Abschiedsmahl gab es noch einen Zusammenstoß zwischen den beiden. Der Minister trinkt ihm zu und verlangt ein Abschiedsgedicht von ihm – offenbar ein Akt schlecht verhehlten Hohnes. Mong Dsï zahlt ihm heim mit einem Zitat aus den Gesprächen Kungs, wo dieser sich über den Verkehr mit einem minderwertigen Menschen mit den Worten rechtfertigt: »Heißt es nicht: Was wirklich fest ist, mag gerieben werden, ohne daß es abgenutzt wird? Heißt es nicht: Was wirklich weiß ist, mag angeschwärzt werden, ohne daß es dunkel wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Abschied fiel ihm indessen nicht leicht. Er war sich bewußt, daß trotz aller Enttäuschungen, die er in Tsi erlebt hatte, hier noch immer der Platz war, wo am ehesten Hoffnung vorhanden war, seine Gedanken zu verwirklichen. Am Grenzort blieb er dreimal über Nacht, immer in der stillen Hoffnung, der König werde in sich gehen und ihm auf eine befriedigende Weise die Rückkehr ermöglichen. Er äußert zwar einem Jünger gegenüber, der ihn fragt, warum er so lange in Tsi geblieben sei, daß dieser lange Aufenthalt wider seine eigentliche Absicht zustande gekommen sei, worauf der Schüler erwidert, es sei verständlich, daß der Meister sich in Tsi nicht wohl gefühlt habe, denn der Fürst habe sich zwar den Anschein zu geben gewußt, als sei er dem Guten zugetan, ohne doch innerlich eine entsprechende Stellung einzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich sieht Mong Dsï, daß keine Aussicht auf Rückkehr mehr vorhanden ist, und nun verläßt er das Land, nicht ohne Äußerungen herber Verbitterung darüber, daß es dem Himmel noch nicht gefallen habe, die Ordnung auf Erden herstellen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Tsi gingen die Dinge, wie es vorauszusehen war. Der alte König Süan starb noch im selben Jahr, in dem Mong Dsï das Land verließ. Unter seinem Nachfolger mehrten sich die Wirren, und nach manchen Wechselfällen ging er elend zugrunde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In jenen Wirren spielte die Stadt Tsimo, die zu dem Staate Tsi gehörte, eine bedeutende Rolle. Sie war eine der zwei Städte, die allein den Feinden zu trotzen vermochten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï wandte sich zunächst nach Sung. Dort hatte er manche Zusammenkunft mit Fachgenossen, auf die er im Sinne der höchsten Gesichtspunkte einzuwirken versuchte. Auch von Seiten der Regierung wurde er direkt und indirekt um Rat angegangen. Er verhielt sich durchaus zurückhaltend. Der Fürst hatte sich den Titel König angeeignet und machte zunächst vielversprechende Anfänge. Doch traute ihm Mong Dsï offenbar von Anfang an nicht viel Gutes zu. Er behielt mit dieser Beurteilung recht. Wie auch die römische Kaisergeschichte Fälle zeigt, so folgte auf die guten Anfänge ein um so üblerer Fortgang. Der König von Sung verfiel in Zäsarenwahnsinn und fiel als Opfer seines blindwütenden Rasens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Sung besuchte den Mong Dsï der Thronfolger von Tong, einem kleinen Ländchen im Inneren Chinas. Der junge Mann, der offenbar schon früher, als Mong Dsï in staatlicher Mission anläßlich eines Trauerfalls von Tsi nach Tong kam, von diesem tiefere Eindrücke erhalten hatte, machte auf einer Reise nach dem Südstaate Tschu – sowohl auf dem Hin- als auf dem Rückweg – einen Abstecher nach Sung, um den Weisen aufzusuchen. Mong Dsï ging im Lauf der Zeit in seine Heimat Dsou zurück, nicht ohne von den Fürsten von Sung und Süo&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es war Tiän Ying, der damals in Süo saß.&amp;lt;/ref&amp;gt; anerkennende Ehrengaben empfangen zu haben. Auch in Dsou wurde er ehrenvoll empfangen. Er hatte einige Audienzen bei seinem Landesvater, ohne daß daraus jedoch weitere Folgen entsprungen wären. Das Gebiet war allzu geringfügig, als daß selbst beim besten Willen durch bloße Tugend des Fürsten ein Weltreich daraus zu machen war. Auch nach Yän, dem nordischen Staate, bekam er einen Ruf, doch leistete er ihm keine Folge. Er trug offenbar kein Verlangen, seine in Tsi gemachten Erfahrungen durch weitere gleichartige zu vermehren.&amp;lt;ref&amp;gt;vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur einmal noch ließ er sich bewegen, aus seiner Zurückgezogenheit hervorzutreten, als nämlich der Thronfolger von Tong, der ihn in Sung besucht hatte, nach dem Tode seines Vaters auf den Thron kam. Die erste Tat des neuen Fürsten Wen war es, daß er einen Vertrauten zu Mong Dsï schickte, um ihn nach den Beerdigungsgebräuchen fragen zu lassen. Und als Mong Dsï ihm Auskunft zuteil werden ließ, da ging er noch einen Schritt weiter: er setzte die Lehren des Meisters trotz dem Widerstand der routinierten Hofleute, die von solch altväterischen Gewohnheiten nichts wissen wollten, energisch durch und machte sich dadurch einen guten Namen in der ganzen Umgebung. Auf die Bitten dieses Fürsten ging Mong Dsï – wie es scheint für mehrere Jahre – nach Tong und stand ihm mit seinem Rat zur Seite. Sehr viel Wohlwollen scheinen die Höflinge dem Meister nicht entgegengebracht zu haben. Einmal muß er sich sogar gegen den Verdacht wehren, daß einer seiner Schüler einen alten Schuh gestohlen haben könnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dem guten Willen des Fürsten ist es aber auch in Tong zu keinem wirklichen Erfolg gekommen. Der Staat lag zu sehr eingerahmt zwischen den Großstaaten Tschu und Tsin und ihren großpolitischen Systemen. Außerdem scheint der Fürst seine Liberalität auch auf allerlei andere »Weise« ausgedehnt zu haben. Von Süden her drangen damals sehr starke barbarische Einflüsse nach China vor. Jene zynischen Philosophensekten, die unter Berufung auf den Göttlichen Landmann »Schen Nung« Rückkehr zur Natur und Einfachheit predigten, sind deutliche Zeichen der beginnenden Barbarisierung der chinesischen Gesellschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat das Aufkommen solcher Sekten in Tong miterlebt und hat sich sehr scharf mit ihnen auseinandergesetzt, nicht ohne deutlichen Hinweis auf ihre kulturelle Minderwertigkeit. Auch der bekannte Freund und Gegner des Dschuang Dsï, der Sophist Hui Dsï, scheint in Tong mit Mong Dsï in Berührung gekommen zu sein. Mong Dsï war offenbar noch in Tong, als der Fürst Wen starb,&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Wai Schu.&amp;lt;/ref&amp;gt; über dessen Beerdigung er Ratschläge erteilt. Höchstwahrscheinlich hat er sich nach dessen Tod nicht mehr länger in Tong aufgehalten, sondern ist nach Dsou zurückgekehrt, um in Gemeinschaft mit seinen Jüngern die Ergebnisse seines Lebens und seiner Arbeiten schriftlich niederzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï starb am Tag der Wintersonnenwende des Jahres 289. Seine Landsleute haben so um ihn getrauert, daß sie die Feier des Sonnenwendfestes darüber versäumten, eine Unterlassung, die allmählich zur Gewohnheit wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Lehren ==&lt;br /&gt;
Die Lehren des Mong Dsï sind keine anderen als die seines Meisters Kung. Er will gar nichts anderes, als diese Wahrheiten, die von den Heiligen des Altertums, den Herrschern Yau und Schun, dem König Tang, dem König Wen und zuletzt dem ungekrönten Herrscher Kung von Generation zu Generation überliefert und nun auf ihn gekommen sind, weiterbringen auf die Nachwelt. Er nimmt dabei eine Weiterwirkung des Geistes über die Jahrhunderte hinweg an, durch die auch er, ohne den Meister Kung gesehen zu haben, doch dessen Lehren empfangen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Lehren beschäftigen sich für ihn in erster Linie mit der Ordnung der Welt. Hierin stimmt er durchaus mit Kung überein. Nur daß entsprechend dem fortgeschrittenen Verfall die Lehre von der Ordnung der Welt eine andere Tonart erhält. Für Kung hatte es sich noch darum gehandelt, das Bestehende zu erhalten. Er ist sozusagen konservativ-legitimistisch gesinnt. Dennoch hatte er den Verfall nicht aufhalten können. Er hat auch unter den Fürsten seiner Zeit keinen gefunden, der dem sinkenden Königshause der Dschou beigesprungen wäre und so die Welt gerettet hätte. Statt dessen war die Welt aus den Fugen gegangen. Der Stern des alten Königshauses war verblaßt. Ihm war nicht mehr zu helfen. An seine Stelle war – ähnlich wie in Europa an die Stelle des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation die modernen Großmächte – eine Reihe von Militärstaaten getreten, die im gegenseitigen Kampfe lagen. Mong Dsï hat diese Situation insofern anerkannt, als er die Fürsten, die ihn um Rat fragten, ermahnte, die Weltherrschaft an sich zu bringen. Nur blieb er dabei, daß dieser Erfolg einzig und allein durch moralische Mittel, durch ein mildes und weises Regiment zu erreichen sei. Er wird nicht müde, auf die Vorbilder der alten Heiligen zu verweisen, die ebenfalls aus kleinen Anfängen heraus die Weltherrschaft gewonnen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso wie Mong Dsï dem alten Königshause, dessen schwacher Schatten noch in der Luft schwebte, durchaus gleichgültig gegenüberstand, bereit, einen neuen Anfang, wo sich die Möglichkeit bot, zu unterstützen, so stand er auch den Landesfürsten seiner Zeit mit sehr demokratischen Gesinnungen gegenüber. Bald genug hatte er erkannt, daß auf den Thronen seiner Zeit kein Heiliger war, sondern daß es sich zwischen ihnen nur um relative Unterschiede handelte. So hat er denn ihnen gegenüber aus seiner Geringschätzung kein Hehl gemacht. Während Kung den Fürsten seiner Zeit, auch wenn sie weit vom Ideal entfernt waren, doch stets den ihrem Stand gebührenden Respekt zu zollen bereit war, hat es Mong Dsï offen ausgesprochen, daß, wer den Großen raten wolle, sie erst tüchtig verachten lernen müsse. Und auch in der Theorie hat er die Unwichtigkeit der Person des Herrschers gegenüber von Land und Volk mehr als einmal ausgesprochen, was ihm von seifen mancher Fürsten der späteren Zeit Abneigung und Tadel eingetragen hat. Wenn umgekehrt in neuester Zeit dem Mong Dsï ein Lob aus diesen seinen radikalen Äußerungen entsprang, so ist das gänzlich unverdient. Denn niemals kam ihm der Gedanke an den Staat als Republik in den Sinn. Gegen die Auflösung des monarchischen Prinzips, wie sie aus den Lehren eines Yang Dschu als Konsequenz hervorzugehen schien, hat er ebenso kräftig Front gemacht, wie gegen die Auflösung der Familienbande durch den Philanthropen Mo Di. Nicht gegen die Monarchie als Institution hat er polemisiert – die galt ihm als sakrosankt –, sondern nur gegen unwürdige Träger der Krone.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf moralischem Gebiet geht er ebenfalls mehr ins einzelne als Kung. Während für den Meister das Ideal in der sittlichen Menschenliebe, der Humanität als solcher befaßt war, kennt Mong Dsï ein doppeltes Ideal: Liebe und Pflicht. Inwieweit er dazu durch die doppelte Front der Anhänger des Mo Di, deren Lehren ihm wider die Liebe zu gehen schienen, und der des Yang Dschu, dessen Lehren die Pflicht aufhoben, bestimmt war, mag dahingestellt bleiben. Genauer definiert ist ihm die Liebe mehr eine ruhende Charaktereigenschaft – das weite Haus der Welt – während die Pflicht der Inbegriff der Normen des Handelns – der große Weg der Welt – ist. An die Seite dieser beiden Begriffe treten dann gelegentlich Ordnung des Ausdrucks und Weisheit als die beiden übrigen Grundtugenden des Menschen. Die Pflege dieser Tugenden wird dadurch erleichtert, daß sie als allgemeine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Richtungen bzw. Tendenzen jedem Menschen angeboren sind. Insofern ist der Mensch wesentlich gut, da das eigentliche Wesen des Menschen von Gott stammt. Berühmt sind die Gespräche, in denen Mong Dsï die Güte des ursprünglichen Menschenwesens verteidigt hat. Bekanntlich ist in diesem Stück auch die orthodoxe konfuzianische Richtung zum Teil andere Wege gegangen. Ein Sün King lehrte die wesentliche Unvollkommenheit der menschlichen Natur, die erst durch Kultur vervollkommnet werden müsse, was er in den tendenziös zugespitzten Satz: »Der Mensch ist von Natur bös« zusammengefaßt hat, während Han Yü zur Zeit der Tang-Dynastie (vielleicht beeinflußt durch persische Gedanken?) drei Arten von menschlichen Naturen – die den Pneumatikern, Psychikern und Hylikern entsprechen – angenommen hat, die dann später noch weiter detailliert wurden. Erst in der Sung-Zeit kam die Lehre des Mong Dsï, wenn auch modifiziert durch psychologische Erwägungen, wieder zu Ehren, um bis auf die neueste Zeit ihren Platz behalten zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde Mong Dsï unrecht tun, wenn man an seine Anschauung mit dem Begriffsapparat des Pelagianischen Streites oder mit den christlichen Lehren vom Sündenfall herantreten wollte. Die Lehre von dem Sündenfall und der Unfreiheit der menschlichen Natur, wie sie in der christlichen Kirche ausgebildet wurde, ist wesentlich religiös orientiert. Mong Dsï dagegen bereitet durch seine Auffassung den Boden für ein mutiges Vorwärtsschreiten auf der Bahn ethischer Entwicklung. Es gibt für ihn keinen wesentlichen Unterschied unter den Menschen. Was ein Heiliger wie Schun erreicht hat, kann jeder erreichen, wenn er nur so handelt, wie Schun gehandelt hat. Daß, empirisch betrachtet, die Menschen im allgemeinen weit entfernt von sittlicher Vollkommenheit sind, hat Mong Dsï sehr wohl gewußt und hat auch nach Gründen dafür gesucht. Denn er war weit entfernt von den naturalistischen Theorien seiner Zeit, daß die Natur eben einfach ausgelebt werden müsse, unbeeinflußt von den Erwägungen von Gut und Böse. Vielmehr war für ihn das Gute ein Ideal, das im Kampf gewonnen werden muß. Dieser Kampf ist eine Rückkehr des verloren gegangenen Herzens. Wieso dieses Herz verloren gehen kann, obwohl es doch in jedem Kind als gut vorhanden ist, darüber hat er sich nicht eindeutig ausgesprochen. Es finden sich Andeutungen, daß die sinnliche Natur des Menschen es ist, die durch ihre Begehrungen vom Weg des Ideals abführt. Darum muß auch die sinnliche Seite in Kultur genommen werden. Nicht durch strenge Askese, sondern durch vernunftgemäße harmonische Leitung, die jedem Teil die seiner Bedeutung entsprechende Berücksichtigung zukommen läßt Diese Seite der Lehre, die an sich schon eine Fortbildung der Kungschen Anschauungen bedeutet, fand dann namentlich zur Sung-Zeit eine weitere Ausbildung im einzelnen. Die Paulinischen Kämpfe zwischen Gesetz und Gnade haben Mong&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dsï keine Schwierigkeiten bereitet. Da seine Ethik, trotz Anerkennung einer höchsten göttlichen Vorsehung im wesentlichen immanent orientiert ist, so hat er für die Forderung einer Gerechtigkeit im absoluten Sinn gar kein Verständnis. Wenn ein Mensch schlecht ist, und Fehler hat, so braucht er sich einfach zu bessern, und alles ist wieder gut. Ein gebesserter Fehler bedingt keine Schuld. Bessern kann sich aber jeder, der will. Darum ist Mong Dsï entschiedener Optimist. Er will keinem Menschen den Weg zum Guten verbaut wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Vergleich dieser Punkte mit den Aussprüchen des Kung Dsï zeigt eine Weiterbildung der Gedankenarbeit, eine Ausführung ins Detail und psychologische Unterbauung, während grundsätzlich Mong Dsï durchaus auf dem Boden des Meisters steht. Höchstens, daß durch Verschiedenheit des Temperaments gelegentlich verschiedene Betonungen auf einzelne Seiten der Lehre fallen, was aber nur dazu dient, das Bild zu beleben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Werke ==&lt;br /&gt;
Von Mong Dsï sind uns heute sieben Bücher erhalten. Die ersten drei enthalten, einigermaßen chronologisch geordnet, die Reden und Gespräche, die er der Reihe nach an den Höfen von Liang, Tsi und Tong geführt hat. Die übrigen vier Bücher enthalten gemischte Aphorismen verschiedenen Inhalts. Man darf der Überlieferung Glauben schenken, daß namentlich die großen zusammenhängenden Stücke der ersten drei Bücher, die Mong Dsïs Staatslehre in großer Ausführlichkeit enthalten, seiner eigenen Feder entstammen. Vielleicht sind die späteren Teile des Werks Aufzeichnungen der Schüler, von denen es hieß, daß sie gemeinsam mit ihm die Redaktion besorgt haben. Doch bleibt die Produktion bei diesen sieben Büchern nicht stehen. Unzweifelhaft nach seinem Tode kamen noch vier kleinere Bücher – ungefähr je nur ein Fünftel der früheren – zustande, die vermutlich in echter Gestalt gegenwärtig wieder vorhanden sind. Die Gründe, die in ihnen eine ganz späte Fälschung sehen wollen, sind nicht stichhaltig. Auch schließen sie sich in Ton und Ausdruck an den übrigen Text an. So haben wir sie für die Biographie des Mong Dsï unbedenklich mit verwandt. Wie man sieht, fügen sie sich dem Zusammenhang lückenlos ein und beleben das Bild. Immerhin erhalten sie außer einzelnen Anekdoten keinen Gedanken, der nicht in den übrigen Werken auch schon auf die eine oder andere Weise zum Ausdruck gekommen wäre, so daß man es nicht weiter zu bedauern braucht, daß diese Abschnitte mit der Zeit in den Hintergrund traten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï hat mit seinem literarischen Nachlaß mehr Glück gehabt als mit seiner Schule. Als er starb, waren schon die ersten Spuren der Auflösung aller Verhältnisse zu sehen, die in der Herrschaft des halbbarbarischen Staates Tsin zwei Jahre nach seinem Tode gipfelte. In den Unruhen dieser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jahre, besonders da der bekannte Tsin Schï Huang Di auch aktiv gegen die Gelehrten vorging, scheint sich die von ihm gegründete Schule zerstreut zu haben. Seine Schriften jedoch, noch jeder klassischen Auszeichnung entbehrend, führten unter den vielen anderen »Philosophen« ein verborgenes Dasein, so daß sie der bekannten Bücherverbrennung, wie man annehmen darf, entgingen. Selbstverständlich hat der Text dennoch im Lauf der Jahrhunderte manches zu leiden gehabt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommentiert wurde Mong Dsï, auch nachdem er unter der Han-Dynastie wieder zu Ehren gekommen war, verhältnismäßig wenig. Am bekanntesten unter den früheren Kommentaren ist der von Dschau Ki, einem Mann aus dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert, der viele wechselvolle Schicksale durchgemacht und die unwillkommene Muße einer Verbannung für die Arbeit an Mong Dsï benützte. Nach ihm kam Mong Dsï wohl allmählich zu Ehren, doch war es den Gelehrten der Sung-Dynastie, vorzüglich Dschu Hi&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der beste Kommentar zu Mong Dsï ist: »Mong Dsï Dschong I von Dsïau Sün«, ferner: »Eine textkritische Ausgabe des Mong Dsï von Yüan Yüan«, beide in dem Sammelwerk Huang Tsing Ging Giä enthalten. Sie wurden für die vorliegende Übersetzung hauptsächlich benutzt., vorbehalten, ihm zu der Stellung zu verhelfen, die er heute als das bekannteste und meist zitierte unter den vier heiligen Büchern, die das chinesische neue Testament ausmachen, einnimmt. Noch zu Beginn der Ming-Dynastie hatten seine freien Äußerungen über die Fürsten den Zorn des Herrschers Hung Wu, eines früheren Buddhistenmönchs, heraufbeschworen. Doch ließ dieser von seinem Zorn ab, als er andere Stellen des Buches las, die ihm imponierten. Seitdem blieb Mong Dsïs Stellung unangetastet. Selbst zur Zeit der jüngsten Revolution wurde er, wie schon erwähnt, mit mehr Wohlwollen betrachtet als andere klassische Bücher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von vollständigen Übersetzungen in europäische Sprachen sind hervorzuheben:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
S. Couvreur, Les Quatre Livres, Ho Kien Fou 1895.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
James Legge, The Chinese Classics Vol. II, The Works of Mencius.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
D. E. Faber hat ein ausführliches System des Mong Dsï in Deutsch und Englisch herausgegeben, das einen großen Teil des Textes, wenn auch vollständig aus dem Zusammenhang gelöst, in Übersetzung gibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
H. Mootz endlich hat das erste Buch ins Deutsche übersetzt und mit Erläuterungen versehen unter dem Titel: Die chinesische Weltanschauung, dargestellt auf Grund der ethischen Staatslehre des Philosophen Mong dse, herausgegeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Chronologische Tabelle ==&lt;br /&gt;
Geboren 372 v. Chr. in Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
322 in Liang, der Hauptstadt von We, bei König Hui.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
319 verläßt Mong Dsï nach einer Unterhaltung mit König Siang den Staat We und geht nach Tsi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
317 Tod der Mutter. Reise nach Lu wegen der Beerdigung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
316. 315 in Lu während der Trauerzeit. (In dieser Zeit könnte die Anstellung des Schülers Yo Dschong Dsï in Lu und dessen vereitelter Versuch, den Fürsten Ping und Mong Dsï zusammenzubringen, stattgefunden haben.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
314 zurück nach Tsi. Unternehmung des Staates Tsi gegen den Staat Yän.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
312 Aufruhr in Yän. Mong Dsï verläßt Tsi und geht nach Sung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
311 der Kronprinz von Tong, der nachmalige Fürst Wen, besucht Mong Dsï in Sung. Mong Dsï geht über Siä nach seiner Heimat Dsou.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ca. 301 läßt Fürst Wen von Tong, der inzwischen seinen Vater verloren hatte und auf den Thron gekommen war, Mong Dsï nach den Beerdigungsgebräuchen fragen, und infolge davon ging Mong Dsï wohl für einige Jahre nach Tong. Nachdem dort auch allerlei Sekten aufgekommen waren, zog er sich endgültig ins Privatleben zurück, um sich literarischer Tätigkeit zu widmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Buch I. Liang Hui Wang ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 1. Vom Schaden des Nützlichkeitsstandpunkts ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Liang ist die Hauptstadt von We, einem Staat im Westen des damaligen China, der Heimat des Dschuang Dsï. Der Staat We, der wohl zu unterscheiden ist von dem in den Gesprächen des Konfuzius häufig genannten, chinesisch anders geschriebenen Staate We im Osten, ist entstanden bei der Teilung des Staates Dsin im heutigen Schansi in die Staaten We, Dschau und Han. Der König Hui von We hatte ein Ausschreiben erlassen, um Weise aus allen Ländern an seinen Hof zu ziehen. Diesem Ausschreiben folgte auch Mong Dsï im Jahre 322 v. Chr. (vgl. Sin Lun. Die früher angenommene Zahl 336 ist falsch. Damals konnte Mong unmöglich schon als »alter Mann« angeredet werden).&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Alter Mann, tausend Meilen waren Euch nicht zu weit, um herzukommen, da habt Ihr mir wohl auch einen Rat, um meinem Reich zu nützen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte und sprach: »Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden, o König? Es gibt doch auch den Standpunkt, daß man einzig und allein nach Menschlichkeit und Recht fragt. Denn wenn der König spricht: Was dient meinem Reiche zum Nutzen? so sprechen die Adelsgeschlechter: Was dient unserm Hause zum Nutzen? und die Ritter und Leute des Volks sprechen: Was dient unserer Person zum Nutzen? Hoch und Niedrig sucht sich gegenseitig den Nutzen zu entwinden, und das Ergebnis ist, daß das Reich in Gefahr kommt. Wer in einem Reich von zehntausend Kriegswagen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;10 000 Kriegswagen standen dem Kaiser zur Verfügung, 1000 den größeren Landesfürsten, 100 den großen Adelsgeschlechtern. Die geschilderten Vorgänge sind alles Beispiele aus der Zelt des Niedergangs der Dschoudynastie.&amp;lt;/ref&amp;gt; den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über tausend Kriegswagen verfügen. Wer in einem Reich von tausend Kriegswagen den Fürsten umzubringen wagt, der muß sicher selber über hundert Kriegswagen verfügen. Von zehntausend Kriegswagen tausend zu besitzen, von tausend Kriegswagen hundert zu besitzen, das ist an sich schon keine geringe Macht. Aber so man das Recht hintansetzt und den Nutzen voranstellt, ist man nicht befriedigt, es sei denn, daß man den anderen das Ihre wegnehmen kann. Auf der anderen Seite ist es noch nie vorgekommen, daß ein liebevoller Sohn seine Eltern im Stich läßt, oder daß ein pflichttreuer Diener seinen Fürsten vernachlässigt. Darum wollet auch Ihr, o König, Euch auf den Standpunkt stellen: ›Einzig und allein Menschlichkeit und Recht!‹ Warum wollt Ihr durchaus vom Nutzen reden?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 2. Geteilte Freude ist doppelte Freude ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Hui von Liang. Der König stand an seinem Parkweiher und sah den Schwänen und Hirschen zu. Er sprach: »Hat der Weise auch eine Freude an solchen Dingen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Der Weise erst vermag sich dieser Dinge ganz zu freuen. Ein Unweiser, selbst wenn er sie besitzt, wird ihrer nicht froh. Im Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Das Lied steht im Schï Ging III, 8 und bezieht sich auf den König Wen von Dschou. Die Übersetzung ist nach Viktor v. Strauß gegeben.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Als er den Wunderturm ersonnen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ersonnen und den Plan gemacht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat alles Volk sich dran begeben;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Tag – und alles war vollbracht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anhub er mit: »Nicht hastet euch!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch alles Volk kam, Kindern gleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Wunderpark der König war,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo Hirsche ruhten Paar bei Paar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gar fette Hirsche, glatt von Haar,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weiße Vögel glänzten klar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war am Wunderteiche;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie wimmelte der Fische Schar!‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hat der König Wen durch die Arbeit seines Volks einen Turm und einen Teich gebaut, und das Volk war in heller Freude darüber und nannte seinen Turm den ›Wunderturm‹ und seinen Teich den ›Wunderteich‹ und freute sich dessen, daß er Hirsche und Rehe, Fische und Schildkröten hatte. Die Männer des Altertums freuten sich mit dem Volk gemeinsam; darum konnten sie sich wirklich freuen. Andererseits heißt es im Schwur des Tang,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwur des Tang, vgl. Schu Ging III, 1. 3. Der Tyrann Giä, der letzte Herrscher der Hiadynastie, hatte, als er von der Unzufriedenheit des Volkes hörte, den Ausspruch getan: »Solange die Sonne am Himmel nicht vernichtet wird, solange werde ich auch nicht untergehen.« Das Volk bezieht sich auf diesen Ausspruch und sagt: »Wenn nur diese (schi sonst = Zeit) Sonne untergeht, so sind wir es zufrieden, gemeinsam mit dir (an Giä gerichtet) zugrunde zu gehen.« Eine andere Übersetzung, die in den Zusammenhang des Schu Ging noch besser paßt, faßt die Worte des Volks als Anrede an den Befreier Tang auf: »Diesen Tag muß der große Zusammenbruch kommen, wir wollen mit dir gemeinsam ihn vernichten.« Doch scheint Mong Dsï die andere Auffassung vertreten zu haben.&amp;lt;/ref&amp;gt; (daß die Untertanen des Tyrannen Giä, der in seinem Hochmut sich der Sonne verglichen, von solchem Haß gegen ihn erfüllt waren, daß sie sprachen:) ›Wenn nur diese Sonne zugrunde geht. Und wenn wir auch mit ihr gemeinsam vernichtet werden‹. Das Volk (des Tyrannen Giä) wollte lieber noch, als daß er am Leben blieb, mit ihm zusammen vernichtet werden. Mochte er Türme und Teiche, Vögel und Tiere besitzen: er konnte ihrer einsam doch nimmermehr froh werden.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 3. Wie kann ein Fürst die Weltherrschaft erlangen? ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich gebe mir mit meinem Reiche doch wirklich alle Mühe. Wenn diesseits&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Staat We war ursprünglich auf der Südseite des gelben Flusses. Erst nach seiner Vergrößerung bekam er Land auf der Nordseite (»diesseits«). Da auf der Nordseite in alter Zeit die Reichshauptstadt war, heißt sie »diesseits«, »innerhalb«.&amp;lt;/ref&amp;gt; des gelben Flusses Mißwachs herrscht, so schaffe ich einen Teil der Leute nach der anderen Seite und schaffe Korn nach dieser Seite. Tritt Mißwachs ein in dem Gebiet jenseits des Flusses, handle ich entsprechend. Wenn man die Regierungsmaßregeln der Nachbarstaaten prüft, so findet man keinen Fürsten, der sich soviel Mühe gäbe wie ich. Und doch wird das Volk der Nachbarstaaten nicht weniger und mein Volk nicht mehr. Wie kommt das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ihr, o König, liebt den Krieg. Darf ich ein Gleichnis vom Krieg gebrauchen? Wenn die Trommeln wirbeln&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Trommelschlag war das Zeichen zum Angriff, die Becken (Gongs) gaben das Zeichen zum Rückzug.&amp;lt;/ref&amp;gt; und die Waffen sich kreuzen, und die Krieger werfen ihre Panzer weg, schleppen die Waffen hinter sich her und laufen davon, so läuft der eine vielleicht hundert Schritte weit und bleibt dann stehen, ein anderer läuft fünfzig Schritte weit und bleibt dann stehen. Wenn nun der, der fünfzig Schritte weit gelaufen ist, den anderen, der hundert Schritte gelaufen ist, verlachen wollte, wie wäre das?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Das geht nicht an. Er lief nur eben nicht gerade hundert Schritte weit, aber weggelaufen ist er auch.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn Ihr, o König, das einseht, so werdet Ihr nicht mehr erwarten, daß Euer Volk zahlreicher werde als das der Nachbarstaaten. Wenn man die Leute,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Im folgenden gibt Mong Dsï die Schilderung der idealen Regierung, den »Pfad der Könige«. Mong Dsï unterscheidet sich dadurch von Kung Dsï, daß dieser noch das Recht des herrschenden Hauses Dschou aufrecht erhielt, während für Mong Dsï jeder Territorialfürst die Möglichkeit der Weltherrschaft hatte. Sobald einer es verstünde, die rechten Prinzipien durchzuführen, fiele ihm das ganze Reich zu. Mong ist in dieser Hinsicht durchaus Realpolitiker.&amp;lt;/ref&amp;gt; während sie auf dem Acker zu tun haben, nicht zu anderen Zwecken beansprucht, so gibt es so viel Korn, daß man es gar nicht alles aufessen kann. Wenn es verboten ist, mit engen Netzen in getrübtem Wasser zu fischen, so gibt es so viel Fische und Schildkröten, daß man sie gar nicht alle aufessen kann. Wenn Axt und Beil nur zur bestimmten Zeit in den Wald kommen, so gibt es soviel Holz und Balken, daß man sie gar nicht alle gebrauchen kann. Wenn man das Korn, die Fische und Schildkröten gar nicht alle aufessen kann, wenn man Holz und Balken gar nicht alle aufbrauchen kann, so schafft man, daß das Volk die Lebenden ernährt, die Toten bestattet und keine Unzufriedenheit aufkommt: Wenn die Lebenden ernährt werden, die Toten bestattet werden und keine Unzufriedenheit aufkommt: das ist der Anfang zur Weltherrschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn jeder Hof von fünf Morgen mit Maulbeerbäumen umpflanzt wird, so können sich die Fünfzigjährigen in Seide kleiden. Wenn bei der Zucht der Hühner, Ferkel, Hunde und Schweine die rechte Zeit beobachtet wird, so haben die Siebzigjährigen Fleisch zu essen. Wenn einem Acker von hundert Morgen nicht die zum Anbau nötige Zeit entzogen wird, so braucht eine Familie von mehreren Köpfen nicht Hunger zu leiden. Wenn man dem Unterricht in den Schulen Beachtung schenkt und dafür sorgt, daß auch die Pflicht der Kindesliebe und Brüderlichkeit gelehrt wird, so werden Grauköpfe und Greise auf den Straßen keine Lasten mehr zu schleppen haben. Wenn die Siebziger in Seide gekleidet sind und Fleisch zu essen haben und das junge Volk nicht hungert noch friert, so ist es ausgeschlossen, daß dem Fürsten dennoch die Weltherrschaft nicht zufällt. Wenn aber Hunde und Schweine den Menschen das Brot wegfressen, ohne daß man daran denkt, dem Einhalt zu tun, wenn auf den Landstraßen Leute Hungers sterben, ohne daß man daran denkt, ihnen aufzuhelfen, und man dann noch angesichts des Aussterbens der Bevölkerung sagt: nicht ich bin schuld daran, sondern das schlechte Jahr, so ist das gerade so, als wenn einer einen Menschen totsticht und sagt: nicht ich hab&#039; es getan, sondern das Schwert. Wenn Ihr, o König, nicht mehr die Schuld sucht bei schlechten Jahren, so wird das Volk des ganzen Reichs Euch zuströmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 4. Der rechte Landesvater ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Ich will gelassen Eure Belehrung annehmen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Ob man Menschen mordet mit einem Knüppel oder einem Messer: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ob man sie mordet mit einem Messer oder durch Regierungsmaßregeln: ist da ein Unterschied?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist kein Unterschied.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da hub Mong Dsï an: »In der Hofküche ist fettes Fleisch und in den Ställen fette Pferde; in den Gesichtern der Leute wohnt die Not, auf dem Anger draußen wohnt der Tod: das heißt, die Tiere anleiten, Menschen zu fressen. Die Tiere fressen einander, und die Menschen verabscheuen sie darum. Wenn nun ein Landesvater also die Regierung führt, daß er nicht vermeidet, die Tiere anzuleiten, Menschen zu fressen: Worin besteht da seine Landesvaterschaft? Meister Kung hat einmal gesagt: ›Wer zuerst bewegliche Menschenbilder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In alter Zeit gab man den Toten aus Stroh gemachte Puppen mit ins Grab (vgl. Laotse, Das Buch vom Sinn und Leben, Nr. 5, 1. Teil). Kung Dsï spricht hier von Verbesserungen dieser Totengaben, die später aufkamen. Man machte diese Puppen so, daß sie sich bewegen konnten und lebenden Menschen glichen. Er hat diese Sitte verurteilt, weil er fürchtete, sie könne zu Menschenopfern für die Toten führen. Solche Menschenopfer sind dann in späterer Zeit bei fürstlichen Begräbnissen häufig vorgekommen. (Noch zur Mingzeit wurde mit dem Kaiser ein großes Gefolge dem Tode geopfert. Erst die Mandschus hoben diese Unsitte auf. Die Frage, inwieweit in uralter Zeit das Töten von Menschen als Totenopfer üblich war, kann hier außer Betracht bleiben.)&amp;lt;/ref&amp;gt; fertigte – um sie den Toten mit ins Grab zu geben – gab es für den denn keine Zukunft zu bedenken?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die gewöhnliche Übersetzung ist: »der müsse ohne Nachkommen geblieben sein!« als Fluch gedacht; aber der grammatikalische Zusammenhang führt auf unsere Übersetzung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darum, daß er das Ebenbild des Menschen zu diesem Zweck mißbrauchte. Was würde er erst gesagt haben von einem, der seine Leute Not leiden und verhungern läßt!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 5. Rüstung zur Rache ===&lt;br /&gt;
König Hui von Liang sprach: »Unser Reich&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: »Das Reich Dsin.« Dieses Reich, das von den Herren von Dschau, Han und We aufgeteilt wurde, gehörte früher zu den mächtigsten Staaten Chinas. We war von den drei Teilstaaten der bedeutendste, darum legt der König seinem Staate den Gesamtnamen Dsin bei. Tsi kam dem Staate Dschau, der von We angegriffen war, zu Hilfe. In den dabei entstehenden Kämpfen geriet der Kronprinz von We, der das Heer befehligte, in Gefangenschaft von Tsi und starb dort (340 v. Chr.). Tsin war der aufstrebende westliche Staat, in dem ein Fürst unter dem Namen Tsin Schï Huang später das ganze Reich eroberte. Die hier erwähnte Niederlage fällt ins Jahr 361. Tschu war ein halb barbarischer Staat im Süden am Yangtse. Dschau Yang von Tschu griff We um 323 an.&amp;lt;/ref&amp;gt; war eins der mächtigsten auf Erden, das wißt Ihr ja, o Greis. Doch seitdem es auf meine Schultern kam, wurden wir im Osten besiegt von Tsi, und mein ältester Sohn ist dabei gefallen. Im Westen verloren wir Gebiet an Tsin, siebenhundert Geviertmeilen. Im Süden erlitten wir Schmach durch Tschu. Ich schäme mich darob und möchte um der Toten willen ein für allemal die Schmach reinwaschen, Wie muß ichs machen, daß es mir gelingt?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Und wäre auch ein Land nur hundert Meilen im Geviert,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Anspielung auf den König Wen von Dschou. Vgl. Buch II, A, 1.&amp;lt;/ref&amp;gt; man kann damit die Weltherrschaft erringen. Wenn Ihr, o König, ein mildes Regiment führt über Eure Leute, Strafen und Bußen spart, Steuern und Abgaben ermäßigt, so daß die Felder tief gepflügt und ordentlich gejätet werden können, daß die Jugend Zeit hat zur Pflege der Tugenden der Ehrfurcht, Brüderlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Treue, daß sie zu Hause ihren Eltern und Brüdern und im öffentlichen Leben ihren Fürsten und Oberen dienen – dann könnt Ihr ihnen Knüppel in die Hand geben, um damit die starken Panzer und scharfen Waffen der Herren von Tsin und Tschu zu zerschlagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene Fürsten rauben ihren Leuten die Zeit, daß sie nicht pflügen und jäten können, um Nahrung zu schaffen für ihre Eltern. Die Eltern leiden Frost und Hunger, Brüder, Weib und Kind sind fern voneinander zerstreut. Jene Fürsten treiben ihre Leute in Fallen und ertränken sie. Wenn Ihr, o König, dann hingeht und sie bekämpft, wer wird Euch da feindlich entgegentreten? Darum heißt es: »Der Milde hat keine Feinde«. Ich bitte Euch, o König, zweifelt nicht daran.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 6. Mildes Regiment ist wie Regen auf dürres Land ===&lt;br /&gt;
Mong Dsï trat vor den König Siang&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siang war der Sohn und Nachfolger des Königs Hui von We. Das Gespräch fiel in das Jahr 319. Mong war so enttäuscht, daß er unmittelbar darauf We verließ und nach Tsi ging.&amp;lt;/ref&amp;gt; von Liang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als er herauskam, sagte er zu den Leuten: »Ich blickte nach ihm: er sah nicht aus wie ein Fürst. Ich nahte mich ihm: aber ich entdeckte nichts Ehrfurchtgebietendes an ihm. Unvermittelt fragte er: ›Wie kann die Welt gefestigt werden?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sie wird gefestigt durch Einigung‹, erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann sie einigen?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer keine Lust hat am Menschenmord, der kann sie einigen,‹ erwiderte ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Wer kann da mittun?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erwiderte: ›Es gibt niemand auf der Welt, der nicht mittun würde. Habt Ihr, o König, schon das sprossende Korn beobachtet? Im Hochsommer,&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich: im siebten und achten Monat. Die Zeitrechnung der Dschoudynastie begann das Jahr nach dem Wintersolstiz. Siebter und achter Monat sind daher etwa Juni und Juli, der Anfang der »Regenzeit« für Nordchina. Sie entsprechen dem heutigen fünften und sechsten Monat in China.&amp;lt;/ref&amp;gt; wenn es trocken ist, da stehen die Saaten welk. Wenn dann am Himmel fette Wolken aufziehen und in Strömen der Regen herniederfällt, so richten sich mit Macht die Saaten wieder auf. Daß es also geschieht, wer kann es hindern? Nun gibt es heute auf der ganzen Welt unter den Hirten der Menschen keinen, der nicht Lust hätte am Menschenmord. Wenn nun einer käme, der nicht Lust hätte am Menschenmord, so würden die Leute auf der ganzen Welt alle die Hälse recken&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vielleicht liegt in der Polemik des Dschuang Dsï in Buch X, 3, pag. 71 eine Beziehung auf Mong Dsï und seinen Aufenthalt in We. Vgl. die Stelle: »Heutzutage ist es soweit gekommen, daß die Leute die Hälse recken und sich auf die Zehen stellen und zueinander sprechen: An dem und dem Platz ist ein Weiser ... An all dem trägt die Schuld, daß die Fürsten in falscher Weise Erkenntnis hochschätzen.«&amp;lt;/ref&amp;gt; und nach ihm ausspähen. Und wenn er wirklich also ist, so fallen die Leute ihm zu, wie das Wasser nach der Tiefe zufließt, in Strömen. Wer kann es hindern?‹«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== 7. Der Opferstier und die Weltherrschaft ===&lt;br /&gt;
König Süan&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es wird von manchen Kommentatoren angenommen, daß Mong Dsï erst in Tsi und dann in We gewesen sei, doch läßt sich auf diese Weise die Chronologie nicht richtigstellen. In Wirklichkeit ging er von We nach Tsi (über seine Heimatstadt Dsou, wo er seine Mutter besuchte). König Süan von Tsi regierte von 320-302 v. Chr. (nicht, wie die gewöhnliche Chronologie will, 342-324).&amp;lt;/ref&amp;gt; von Tsi fragte: »Kann ich etwas von den Taten der Fürsten Huan von Tsi und Wen von Dsïn&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Huan von Tsi (684-643) und Wen von Dsin († 628) waren die zwei berühmtesten der fünf Fürsten, die zeitweise die Hegemonie im Reich hatten (vgl. Lim Yü XIV, 16). Mong schätzt sie gering und will daher das Gespräch auf sein beliebtes Thema bringen: die Beherrschung der Welt durch wahrhaft königliche Grundsätze.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu hören bekommen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï erwiderte: »Unter den Jüngern des Meister Kung gab es keinen, der über die Taten Huans und Wens redete. Darum ist auf die Nachwelt keine Überlieferung von ihnen gekommen, und ich habe nie etwas von ihnen gehört. Wollen wir nicht statt dessen davon reden, wie man König der Welt wird?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Welche Eigenschaften muß man haben, um König der Welt sein zu können?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wer sein Volk schützt, wird König der Welt: niemand kann ihn hindern.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ja, wäre denn ein Mann wie ich imstande, sein Volk zu schützen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ja.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Woher weißt du, daß ich dazu imstande bin?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ich habe von Hu Hai&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Hu Hai war ein Höfling aus der Umgebung des Königs.&amp;lt;/ref&amp;gt; erzählen hören, der König habe einst in seinem Saal gesessen, da sei einer, der einen Ochsen führte, unten am Saal vorbeigekommen. Der König habe ihn gesehen und gefragt: ›Wohin mit dem Ochsen?‹ Man habe erwidert: ›Er soll zur Glockenweihe&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Neu gegossene Glocken wurden mit dem Blut eines Opfertieres bestrichen und dadurch geweiht, daß ihr Schall zum Himmel dringe (vgl. Dschou Li, Tiän Guan).&amp;lt;/ref&amp;gt; geschlachtet werden.‹ Da habe der König gesagt: ›Laßt ihn laufen. Ich kann es nicht mit ansehen, wie er so ängstlich zittert, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird.‹ Man habe erwidert: ›Soll dann die Glockenweihe unterbleiben?‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König habe gesagt: ›Sie darf nicht unterbleiben. Nehmt ein Schaf statt seiner.‹ – Ich weiß nicht, ob es so sich zugetragen hat.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Es ist so gewesen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Diese Gesinnung genügt, um König der Welt zu werden. Die Leute dachten alle, es sei nur Sparsamkeit von Euch gewesen; aber ich weiß bestimmt, daß Ihr es nicht habt mit ansehen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ach, gibt es wirklich solche Leute? Allein so unbedeutend und gering mein Reich auch ist, ich brauche doch an einem Ochsen nicht zu sparen. Ich habe es wirklich nicht mit ansehen können, daß er so ängstlich zitterte, wie einer, der unschuldig zum Richtplatz geführt wird. Darum habe ich statt seiner ein Schaf nehmen lassen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Und doch habt Ihr nicht anders&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wir haben grammatikalisch nach dem Wortlaut übersetzt. Die chinesischen Kommentare gehen von der anderen Bedeutung von i = für anders, d. h. sonderbar halten, »sich wundern« aus und konstruieren: »Wundert Euch nicht, o König, daß die Leute Euch für sparsam hielten!« Doch widerspricht dem m. E. das »wu«, das meist die Bedeutung von lateinisch »non«, nicht von »ne« hat. Auch wird der Zusammenhang klarer.&amp;lt;/ref&amp;gt; gehandelt, als wenn Ihr wirklich nur so sparsam gewesen wäret, wie die Leute meinten. Ihr habt statt eines großen Tieres ein kleines nehmen lassen. Woher hätten jene es besser wissen sollen! Wenn ihr Mitleid hattet mit der Unschuld, die zum Richtplatz geführt wurde: was ist da schließlich für ein Unterschied zwischen einem Ochsen und einem Schaf?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sprach: »Wahrhaftig! Was hab&#039; ich nur dabei gedacht! Ohne daß es mir um den Wert zu tun gewesen wäre, habe ich doch ein Schaf statt des Ochsen nehmen lassen. Da haben die Leute ganz recht, wenn sie sagen, ich sei sparsam.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Es tut nichts. Es war dennoch ein Zeichen von Milde. Ihr saht den Ochsen, aber hattet das Schaf nicht gesehen. Es geht dem Gebildeten mit den Tieren nun einmal so: wenn er sie lebend gesehen hat, kann er nicht zusehen, wie sie getötet werden, und wenn er sie hat schreien hören, bringt er es nicht über sich, ihr Fleisch zu essen. Das ist ja auch der Grund, warum der Gebildete sich von der Küche fernhält.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König war erfreut und sprach: »Im Buch der Lieder&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Schï Ging II, 4, 4 v. 4.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Anderer Leute Sinn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vermag ich zu ermessen.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das geht auf Euch, Meister. Obwohl es meine eigne Tat war, habe ich mich dennoch vergeblich darüber besonnen, wie ich es eigentlich gemeint habe. Ihr, Meister, sprecht es aus und habt genau meine innerste Gesinnung getroffen. Inwiefern paßt nun diese Gesinnung dazu, König der Welt zu sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn jemand Euch berichten würde: ›Ich besitze zwar genügend Stärke, um dreißig Zentner zu heben, aber nicht genug, um eine Feder zu heben; ich bin helläugig genug, um die Spitze eines Flaumhaars&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wörtlich Herbsthaar. Gemeint ist das im Herbst wachsende Winterhaar der Tiere. Der Ausdruck kommt auch bei Dschuang Dsï vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; zu untersuchen, aber einen Heuwagen sehe ich nicht‹: würdet Ihr das hingehen lassen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verneinte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï fuhr fort: »Nun ist Eure Milde so groß, daß sie sich selbst auf Tiere erstreckt, und doch reicht ihre Wirkung nicht bis zu Eurem Volk. Wie ist denn das nur? Allein, daß jener die Feder nicht aufhebt, kommt davon, daß er seine Stärke nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß der andere den Heuwagen nicht sieht, kommt daher, daß er seine Scharfsichtigkeit nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;; daß Eure Leute keines Schutzes genießen, kommt daher, daß Ihr Eure Gnade nicht &#039;&#039;ausübt&#039;&#039;. Darum, daß Ihr nicht König der Welt seid, ist Unterlassung, nicht Unfähigkeit.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Wodurch unterscheiden sich Unterlassung und Unfähigkeit in ihrer Äußerung voneinander?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn einer den Großen Berg&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Große Berg ist der Taischan. Der Taischan ebenso wie das Nordmeer (Golf von Tschili) waren in der Nähe von Tsi. Das Beispiel scheint eine sprichwörtliche Redensart gewesen zu sein. Es kommt auch bei Mo Di vor.&amp;lt;/ref&amp;gt; unter den Arm nehmen soll und damit übers Nordmeer springen und er sagt, das kann ich nicht, so ist das wirkliche Unfähigkeit; wenn aber einer sich vor Älteren verneigen&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Zeichen heißen wörtlich: »einen Zweig abbrechen«; doch ist diese Bedeutung sinnlos. Die älteren chinesischen Kommentare geben dafür teils die von uns gegebene Erklärung (dschï »Zweig« hier für dschï »Glied, Körper«, dschä »beugen«, den Körper beugen und sich verneigen).&amp;lt;/ref&amp;gt; soll und er sagt, das kann ich nicht, so ist das Unterlassung, nicht Unfähigkeit. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr nicht in der Lage eines Menschen, der mit dem Großen Berg unterm Arm übers Nordmeer springen soll. Damit, daß Ihr, o König, auf das Königtum der Welt verzichtet, seid Ihr in der Lage eines Menschen, der eine Verbeugung machen soll. Behandle ich meine älteren Verwandten wie es dem Alter gebührt, und lasse das auch den Alten der andern zugute kommen; behandle ich meine jüngeren Verwandten wie es der Jugend gebührt, und lasse das auch den Jungen der andern zugute kommen; so kann ich die Welt auf meiner Hand sich drehen lassen.&amp;lt;ref&amp;gt;Vgl. Lun Yü III, 11.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Buch der Lieder&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schï Ging III, 1, 6 v. 2 bezieht sich dort auf den König Wen.&amp;lt;/ref&amp;gt; heißt es:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
›Sein Beispiel leitete die Gattin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und reichte auf seine Brüder weiter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis es auf Haus und Land wirkte.‹&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit diesen Worten ist gemeint: Richte dich einfach nach deinem eignen Gefühl und tue den andern darnach. Darum: Güte, die weiter wirkt, reicht aus, die Welt zu schützen, Güte, die nicht weiter wirkt, vermag nicht einmal Weib und Kind zu schützen. Warum die Menschen der alten Zeit den andern Menschen so sehr überlegen sind, ist einzig und allein die Art, wie sie es verstanden, ihre Taten weiter wirken zu lassen. Nun ist Eure Güte groß genug, um sich selbst auf die Tiere zu erstrecken, und doch kommt ihre Wirkung nicht Euren Leuten zugute. Wie ist denn das nur?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man bedarf einer Wage, um zu erkennen, ob etwas leicht oder schwer ist. Man bedarf eines Maßstabs, um zu erkennen, ob etwas lang oder kurz ist. So ist&#039;s mit allen Dingen und mit dem Herzen ganz besonders. Ich bitte Euch, o König, es einmal zu wägen. Panzer und Waffen zu fördern, Ritter und Knechte zu gefährden, Übelwollen Euch zuzuziehen von seiten der Mitfürsten: braucht Ihr das, um froh zu werden in Eurem Herzen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein. Wie sollte ich daran Freude haben! Das alles sind nur Mittel zur Erreichung meines höchsten Wunsches.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Darf man hören, was Euer höchster Wunsch ist?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König lächelte und sagte nichts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ist es etwa, daß Ihr Mangel habt an Fett und Süßigkeiten für Euern Gaumen, an leichtem und warmem Pelzwerk für Euern Leib, oder etwa daß Ihr der bunten Farben nicht genug habt, um die Augen zu ergötzen, an Klängen und Tönen nicht genug habt, um die Ohren zu erfreuen, oder habt Ihr nicht genug Knechte und Mägde, die Eurer Befehle gewärtig vor Euch stehen? Alle Eure Diener, o König, haben genug von diesen Dingen, sie Euch darzubringen; darum kann es Euch also wohl nicht zu tun sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Nein, darum ist es mir nicht zu tun.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »O, dann läßt sich erraten, was Euer höchster Wunsch, o König, ist! Euer Wunsch ist es, Euer Land zu erweitern, die Fürsten von Tsin&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Tsin im Westen und Tschu im Süden waren die mächtigsten Staaten des damaligen China.&amp;lt;/ref&amp;gt; und Tschu als Vasallen an Euren Hof zu ziehen, das Reich der Mitte zu beherrschen und die Barbarenländer rings umher in die Hand zu bekommen. Diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, ist aber gerade so, als wollte man auf einen Baum klettern, um Fische zu suchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Sollte es so schlimm sein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Womöglich noch schlimmer! Klettert man auf einen Baum, um Fische zu suchen, so findet man wohl keine Fische, aber es hat weiter keine üblen Folgen. Aber diesen Euren Wunsch erfüllen zu wollen mit den Mitteln, die Ihr anwendet, das führt, wenn es mit vollem Ernst geschieht, sicher zu üblen Folgen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Laßt hören!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Wenn der Kleinstaat Dsou&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Dsou, die Heimat des Mong, war ein Miniaturstaat in der Nähe von Lu. Heute ist es ein Kreis von Schantung.&amp;lt;/ref&amp;gt; mit der Großmacht Tschu Krieg führt: Wer, denkt Ihr, wird gewinnen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Tschu wird gewinnen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »So steht es also fest, daß der Kleine nicht den Großen angreifen darf, daß die Minderzahl nicht die Mehrzahl angreifen darf, daß der Schwache nicht den Starken angreifen darf. Nun ist das ganze Land innerhalb der vier Meere tausend Geviertmeilen groß, und dem Staate Tsi gehört der neunte Teil. Mit einem Neuntel die übrigen acht unterwerfen zu wollen, wodurch unterscheidet sich das von dem Unterfangen des Kleinstaats Dsou, der die Großmacht Tschu bekämpfen wollte? Wäre es nicht besser, zur wahren Wurzel zurückzukehren? Wenn Ihr, o König, bei der Ausübung der Regierung Milde walten laßt, so daß alle Beamten auf Erden an Eurem Hofe Dienst zu tun begehren, alle Bauern in Euren Ländern zu pflügen begehren, alle Kaufleute in Euren Märkten ihre Waren zu stapeln begehren, alle Wanderer auf Euren Straßen zu gehen begehren, daß alle auf Erden, die etwas gegen ihren Herrscher haben, herbeizueilen und ihn vor Eurer Hoheit anzuklagen begehren: daß es also geschieht, wer kann es hindern?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König sprach: »Ich bin zu unklar, um diesen Weg gehen zu können. Ich wünschte, daß Ihr, Meister, meinem Willen zu Hilfe kommt und mir durch Eure Belehrung Klarheit verschafft. Bin ich auch unfähig, so bitte ich doch, Ihr wollet es einmal versuchen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mong Dsï sprach: »Ohne festen Lebensunterhalt dennoch ein festes Herz zu behalten, das vermag nur ein Gebildeter. Wenn das Volk keinen festen Lebensunterhalt hat, verliert es dadurch auch die Festigkeit des Herzens. Ohne Festigkeit des Herzens aber kommt es zu Zuchtlosigkeit, Gemeinheit, Schlechtigkeit und Leidenschaften aller Art. Wenn die Leute so in Sünden fallen, hinterher sie mit Strafen verfolgen, das heißt dem Volke Fallstricke stellen. Wie kann ein milder Herrscher auf dem Thron sein Volk also verstricken? Darum sorgt ein klarblickender Fürst für eine geordnete Volkswirtschaft, damit die Leute einerseits genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und andererseits genug, um Weib und Kind zu ernähren, also daß in guten Jahren jedermann satt zu essen hat und selbst in üblen Jahren niemand Hungers zu sterben braucht. Dann mag man auch mit Ernst an die Hebung des Volkes gehen, denn es ist den Leuten leicht zu folgen. Heutzutage aber ist es so um die Volkswirtschaft bestellt, daß die Leute auf der einen Seite nicht genug haben, um ihren Eltern zu dienen, und auf der anderen Seite nicht genug, um Weib und Kinder zu ernähren. Selbst in einem guten Jahr ist jedermann in Not, und kommt ein übles Jahr, so sind die Leute nicht sicher vor dem Hungertode. Unter solchen Verhältnissen sind sie nur darauf bedacht, ihr Leben zu fristen, besorgt, es möchte ihnen nicht hinausreichen. Da haben sie wahrlich keine Muße, Ordnung und Recht zu pflegen. Wenn Ihr den Wunsch habt, o König, das durchzuführen, so kommt es nur darauf an, zur wahren Wurzel zurückzukehren.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wiederholung des Schlußabschnitts von Nr. 3: »Wenn jeder Hof ...« mit einer unwesentlichen Abweichung am Schluß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Mengzi]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Datei:Mengzi_Werke_Buchcover.png&amp;diff=9266</id>
		<title>Datei:Mengzi Werke Buchcover.png</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Datei:Mengzi_Werke_Buchcover.png&amp;diff=9266"/>
		<updated>2026-03-01T09:51:39Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Buchcover der Werke des Mengzi&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;== Beschreibung ==&lt;br /&gt;
Buchcover der Werke des Mengzi&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Franz_Mehring&amp;diff=9265</id>
		<title>Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Kategorie:Bibliothekswerke_von_Franz_Mehring&amp;diff=9265"/>
		<updated>2026-03-01T09:32:25Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „Kategorieseite für Bibliothekswerke von &amp;#039;&amp;#039;&amp;#039;Franz Mehring&amp;#039;&amp;#039;&amp;#039;. Kategorie:Bibliothekswerke nach Person {{DEFAULTSORT:Mehring, Franz}}“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Kategorieseite für Bibliothekswerke von &#039;&#039;&#039;[[Franz Mehring]]&#039;&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke nach Person]]&lt;br /&gt;
{{DEFAULTSORT:Mehring, Franz}}&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9264</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9264"/>
		<updated>2026-03-01T09:31:08Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus ==&lt;br /&gt;
Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d&#039;Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die &#039;&#039;Junker&#039;&#039; nach Kräften hinderte, aber die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der &#039;&#039;Junker&#039;&#039; die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.&amp;lt;ref&amp;gt;Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.&amp;lt;ref&amp;gt;Œuvres, 9, 186.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben &#039;&#039;kein&#039;&#039; »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Einzelheiten entstammen archivalischen Quellen. Siehe Walter Schultze, Geschichte der preußischen Regieverwaltung, 40 ff. In der »Neuen Zeit«, 10, 2, 769 ff., ist näher dargelegt, wie es Herrn Schultze dennoch gelingt nachzuweisen, daß der »Sozialismus«, den Friedrich bei Einrichtung der Regie bewährte, »tiefer, idealischer, heroischer« sei als der proletarische Sozialismus von heute.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen die ganze fürchterliche Plackerei der Regie, die Friedrich mit Stolz »mein Werk« zu nennen pflegte, machte die preußische Bürokratie nun aber noch einen pflicht- und sachgemäßen Vorstoß. Die ungeheuerliche Mehrbelastung des Massenverzehrs verursachte in dem dünn bevölkerten Lande, in dem die Arbeitskräfte sehr gesucht waren, eine Steigerung des Arbeitslohnes. Darüber erhoben die Kapitalisten das unvermeidliche Lamento, und der König forderte von dem Generaldirektorium amtliche Auskunft über die Gründe der »noch immer fortdauernden Klagen derer Fabricanten und Kaufleute«. In einer »Pflichtmäßigen Anzeige« wies darauf diese Behörde die »Behinderungen im Commercio in denen Königlichen Landen« nach; in der ruhigsten und sachlichsten Weise entwickelte sie die Schädlichkeit der Regie, hob sie die »verschiedenen im Lande eingeführten Monopolia, insonderheit den allergrößten Bedruck aus der General-Tabaks-Verpachtung«, als »dem allgemeinen Commercio höchst schädlich« hervor, erklärte sie die Steigerung des Arbeitslohns aus der höheren Belastung der Getränke, des Fleisches usw. Kaum aber hatte der König diese Eingabe am 2. Oktober 1766 erhalten, als er eigenhändig auf ihrem Rande verfügte: »Ich erstaune über der impertinenten Relation so sie mir schicken, ich entschuldige die Ministres mit ihre Ignorence, aber die Malice und die corruption des Concipienten muß exemplarich bestraffet werden sonsten bringe ich die Canaillen niemahls in der Subordination.« Am nächsten Tage erfolgte dann auch schon die Kabinettsorder, worin Se. K. M. dero General-Directorio bekanntmachen, »wie allerhöchst Dieselbe den Geheimen Finanzrath Ursinus cassiret und nach Spandau zur Festung bringen lassen«, und worin allen denjenigen, die sich auf den Wegen des Ursinus betreten lassen, angedroht wird, daß »Se. K. M. selbige, es mögen Räthe oder Ministres sein, ohne alle Umstände arretiren und auf Zeit Lebens werden zur Festung bringen lassen«. Mit dieser Gewalttat war der preußischen Bürokratie für Friedrichs Regierungszeit das Rückgrat gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die beiden großen Eingriffe des Königs in die Finanz- und Militärverfassung des Staats etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie am klarsten zeigen, was es mit dem aufgeklärten Despotismus dieses Fürsten auf sich hat, als auch weil sich an ihnen das Wesen der großen Männer studieren läßt, die regelmäßig das größte Unheil anrichten, wenn sie anfangen, die »Geschichte zu machen«. Wir haben aber schon gesehen, daß Friedrich im allgemeinen viel vernünftiger war als seine Bewunderer und daß er sich gar wohl in die ökonomischen Lebensbedingungen zu finden wußte, die ihm gegeben waren. Diesen Bedingungen entsprach es durchaus, daß er in seiner Wirtschaftspolitik einem platten Merkantilismus huldigte. Die merkantilistische Theorie war das ideologische Wirtschaftssystem des fürstlichen Absolutismus, der sich aus dem Warenhandel und der Warenproduktion entwickelt hatte. Die ökonomischen Zustände, welche sie widerspiegelte, ergaben ihre einseitige Betonung des Handels und der Verarbeitungsgewerbe, ihre Überschätzung der Bevölkerungsdichtigkeit und des baren Geldes als der Ware aller Waren und endlich ihre Forderung, daß die neuentstandene Staatsgewalt alles zu fördern habe, woraus und weswegen sie entstanden sei: also Handel und Gewerbe, die Vermehrung der Volkszahl und der Geldmasse. Aber der Hammer schlägt nicht nur den Amboß, sondern der Amboß schlägt auch den Hammer; die Praxis erzeugt immer erst die Theorie, aber die Theorie gestaltet dann auch die Praxis. Das Merkantilsystem wurde für den Absolutismus ein Hebel seiner dynastischen Interessen: Es ermöglichte ihm das Sophisma, wonach Geldbesitz und Reichtum einer Nation ein und dasselbe seien, und damit hatte er gewonnen Spiel für die fiskalische Ausbeutung des Volkes. Je mehr Geld die Fürsten für ihre Heere und Höfe ins Land ziehen und im Lande behalten konnten, um so reicher wurde das Volk, und auch die sinnloseste Verschwendung war unbedenklich, »wenn das Geld nur im Lande blieb«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall wo der Warenhandel und die Warenproduktion sich naturwüchsig in bedeutendem Umfange entwickelt hatten, so beispielsweise in Frankreich, konnte das Merkantilsystem nicht so leicht entarten, weil die Praxis unausgesetzt die Theorie im Zaume hielt; Colbert, der bedeutendste Staatsmann des Merkantilismus, wußte gar wohl, daß es »im Staate nichts Köstlicheres als die Arbeit der Menschen« gäbe, und eine Glanzseite seiner Verwaltung war der Bau von Landstraßen, um den Verkehr zu fördern. In Deutschland dagegen hatte der Absolutismus mehr einen feudalen als einen kapitalistischen Ursprung, und so konnte oder mußte aus der ökonomischen Vernunft der merkantilistischen Theorie um so leichter eine absolutistische Unvernunft werden. Friedrich verfocht die »ebenso einleuchtende wie wahre« Ansicht: »Nimmt man alle Tage Geld aus einem Beutel und steckt nichts dagegen wieder hinein, so wird er bald leer werden«, was denn eben die platteste Auffassung des Merkantilismus war, und er ließ die Landstraßen verfallen, damit ausländische Reisende um so länger aufgehalten würden und um soviel mehr Geld im Lande verbrauchten. Noch weit bezeichnender als der Vergleich zwischen Colbert und Friedrich ist der Briefwechsel, den der König im Jahre 1765 mit der Kurfürstin-Regentin Maria Antonia von Sachsen wegen der gegenseitigen Handelssperre führte. Sachsen war unter den deutschen Teilstaaten der ökonomisch entwickeltste; die Leipziger Kaufleute verlangten schon den ganz freien Handel, und so schrieb die Kurfürstin an Friedrich: »Unser großes Prinzip ist die Freiheit des Handels und die Reziprozität der Vorteile.« Aber Friedrich weiß darauf nichts zu erwidern als einige sentimentale Phrasen über die schlimmen Seiten von Gold und Silber, die leider notwendige Übel geworden seien. Und solche Notwendigkeit lege die Pflicht auf, diese an sich gemeinen und verächtlichen Metalle zu suchen. Er blieb der Ansicht seines Launay, daß die Schädigung des Auslands der Vorteil des Vaterlandes sei, eine Ansicht, die freilich auch noch Voltaire vertreten hatte, aber die Mirabeau doch schon »monströs und eines Staatsmanns im elften Jahrhundert würdig« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade im brandenburgisch-preußischen Staat war der Merkantilismus nicht aus der ökonomischen Entwicklung erwachsen, sondern wurde die ökonomische Entwicklung nach den merkantilistischen Lehren zu leiten gesucht. Als der Merkantilismus im westlichen Europa längst in voller Blüte stand, gab die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm kurz vor seinem Tode die erste namhafte Gelegenheit, große Kapitalien ins Land zu ziehen. Nicht ein religiöser, sondern ein ökonomischer Beweggrund veranlaßte ihn, die vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten zu laden. Er hatte schon vorher einzelne kleine Versuche mit einer Seifen- und einer Zuckersiederei, mit einer Porzellanbäckerei gemacht, aber die ersten Fabriken und Manufakturen in größerem Umfange datieren erst aus der Zeit der französischen Einwanderung. Indessen auf diesem agrarisch-feudalen Boden mit seinen verkümmerten Kleinstädten blieben sie ein künstliches Gewächs, das im Treibhause der merkantilistischen Lehren mühsam gepflegt werden mußte. Es stimmte äußerlich vortrefflich mit diesen Lehren, daß der wachsende Militärstaat nach immer mehr Geld und Menschen schrie, aber dieser Militärstaat verschlang den Zuwachs an Geld und Menschen, den das Merkantilsystem für die Belebung von Handel und Industrie forderte, für seine Kanonen und seine Rekruten. Für Handel und Industrie blieb wenig oder nichts übrig, während gerade für sie, wenn sie in dem ungünstigen Boden der ostelbischen Landschaften gedeihen sollten, viel oder alles hätte aufgewandt werden sollen. Um aber die künstliche Pflanze dennoch am Leben zu erhalten, schenkte ihr der preußische Absolutismus seine liebevolle Sorgfalt in allerlei schönen Dingen, die ihn nichts kosteten: in Monopolen und Privilegien, in Aus- und Einfuhrverboten, in Lohn- und Preistaxen, in technischen Betriebsvorschriften, kurz, in jenem verworrenen Chaos eines entarteten und seinem ursprünglichen Sinne gänzlich entfremdeten Merkantilismus, das in Mirabeau einen so beredten Ankläger gefunden hat. Er kann es nicht bitter genug tadeln, daß der König im Jahre 1766 die Einfuhr von nicht weniger als 490 Artikeln einfach verbot oder im Jahre 1774 auf die Ausfuhr der Wolle Todesstrafe setzte, aber er übersah, daß dieser besondere Merkantilismus eben die ideologische Wirtschaftsform dieses besonderen Militärstaats war und sein mußte. Friedrichs ökonomische Einsichten und Kenntnisse hätten ungleich bedeutender sein können, als sie waren, und es wäre doch nicht anders gewesen. So viel sah der König schon ein, daß die feinere Gewebeindustrie der Höhepunkt der damaligen ökonomischen Entwicklung war – sie war für das achtzehnte Jahrhundert, was die Eisen- und Kohlenindustrie für das neunzehnte Jahrhundert ist –, und er handelte im eigentlichen Geiste des Merkantilsystems, wenn er gleich nach seinem Regierungsantritt im Generaldirektorium ein eigenes Kommerzien- und Manufakturdepartement einrichtete, dem er besonders anbefahl, eine neue Industrie der seidenen Zeuge, der französischen Gold- und Silberstoffe usw. einzuführen. Aber während Frankreich und England die größten Opfer für ihre Seidenindustrie brachten, hat Friedrich während seiner ganzen Regierung nur etwa zwei Millionen Taler auf dies verzärtelte Lieblingskind gewandt.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die preußische Seidenindustrie im achtzehnten Jahrhundert, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er gab ihm wenig zu essen und zu trinken; dafür hütete er um so ängstlicher seinen dünnen Lebensfaden, indem er es in fest geschlossenen Räumen auf Schritt und Tritt gängelte. Bei dieser ihm so ans Herz gewachsenen, schließlich aber doch abgestorbenen Industrie ist es klar, daß der König nicht mehr tat, weil er nicht mehr tun wollte, sondern weil er nicht mehr tun konnte. Die Mittel fehlten ihm mehr als die Einsicht. In dem feudalen Militärstaate Preußen mußte der Merkantilismus ebenso auf die mittelalterlichen Bann- und Zwangsrechte zurückschlagen, wie er sich in dem bürgerlichen Industrielande England zum Freihandel entwickeln mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde tut die friderizianische Legende dem Könige bitteres Unrecht, wenn sie an allen zehn Fingern die bei alledem unzähligen Millionen aufzählt, die er namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege in »landesväterlicher Fürsorge« für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt ausgegeben haben soll. Hätte der König wirklich die freie Verfügung über so bedeutende Mittel gehabt, wie er angeblich mit verschwenderischer Hand ausgestreut hat, so wäre seine Wirtschaftspolitik von dem Vorwurfe ungewöhnlicher Beschränktheit schwer freizusprechen. Tatsächlich hat er aber in den 23 Jahren von 1763 bis 1786 nach der Berechnung des Ministers v. Hertzberg, des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, nicht mehr als 24 399 838 Taler für jenen Zweck ausgegeben. Wir sagen: des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, denn wenngleich Hertzberg der bedeutendste und erfahrenste Minister in Friedrichs Spätzeit war, so gehörte es doch zu den unverbrüchlichen Grundsätzen des ersten Dieners des Staats, daß kein Minister eine volle Einsicht in die Lage des Staatshaushaltes gewinnen durfte. Alle Überschüsse der jährlichen Staatseinkünfte über die etatsmäßigen Ausgaben sowie gewisse Regalien und Steuern flossen in die sogenannte Dispositionskasse, die der König allein mit einigen untergeordneten Werkzeugen verwaltete. Eine ziffernmäßig genaue Übersicht der friderizianischen Finanzwirtschaft ist dadurch sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht; allein die Frage, auf die es uns hier allein ankommt, die Frage nach den Aufwendungen dieses aufgeklärten Despoten für das, was seine Bewunderer seine »sozialistische Staatshilfe« nennen, läßt sich wenigstens für die Zeit nach Einführung der Regie, also für die letzten zwanzig Jahre Friedrichs, wenn nicht mit absoluter, so doch mit relativer Sicherheit beantworten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er selbst gibt die jährlichen Staatseinkünfte für diese Zeit auf 21 700 000 Taler an. Sie werden von keiner Seite höher, von den meisten sonst sachkundigen Urteilern wie Boyen, Krug und Riedel usw. erheblich niedriger geschätzt. Jedenfalls sind sie erst in den letzten Jahren des Königs so hoch gestiegen, der starken Akziseausfälle in den Hungerjahren 1770 und 1771, in dem Kriegsjahre 1778 nicht erst zu gedenken. Lassen wir es aber bei der von Friedrich angegebenen Ziffer für den ganzen Zeitraum bewenden! Von diesen Einkünften rechnet er 5 700 000 Taler als Überschuß, den er für den Kriegsschatz, Festungsbauten, Landesverbesserungen oder sonstige außergewöhnliche Ausgaben verwenden konnte. Diese Summe ist wieder denkbar hoch gegriffen. Denn 16 Millionen beanspruchte der regelmäßige Etat mindestens. Das Heer kostete jährlich 13 Millionen, die Hofstaatskasse, was wir heute Zivilliste nennen, erhielt 492 000, und die Regieverwaltung verschlang 800 000 Taler, so daß für die ganze übrige Staatsverwaltung nur rund 1 700 000 Taler übrigblieben, eine fast unglaublich niedrige Summe, selbst wenn man die miserable Besoldung der deutschen Beamten in gebührenden Anschlag bringt. Auf keinen Fall hat Friedrich mehr als die von ihm selbst angegebenen 5 700 000 Taler Überschuß gehabt. Dagegen ist seine Angabe, daß er davon regelmäßig 2 Millionen in den Kriegsschatz gelegt habe, nichts weniger als zweifelsfrei. Da er vor dem Jahre 1766 nicht wohl mit der Bildung eines neuen Schatzes beginnen konnte, so hätten bei seinem Tode 40 Millionen darin sein müssen; alle sonstigen Berechnungen, soweit sie auch von 55 Millionen (Krug und Riedel) bis 76 Millionen (Lombard) auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der König einen beträchtlich größeren Schatz hinterlassen hat, als nach seiner eigenen Angabe hätte erwartet werden dürfen. Lassen wir es indessen bei seinen 2 Millionen auf das Jahr bewenden!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann blieben ihm jährlich noch 3 700 000 Taler für außergewöhnliche Ausgaben, auf 20 Jahre gerechnet also 74 Millionen Taler. Nun hat er in dieser Zeit rund 8 Millionen für den Bau von Festungen, für Artillerie usw. verwandt; der Bayerische Erbfolgekrieg kostete 29 Millionen; endlich zahlte Friedrich 3 Millionen Subsidien an die Kaiserin Katharina für ihre Türkenkriege. Das sind im ganzen 40 Millionen. Ferner aber hatte der König, obgleich er persönlich aller höfischen Verschwendung abgeneigt war und nach einer Versicherung seines Testaments für seine Person nie mehr als 220 000 Taler jährlich verbrauchte, doch einzelne sehr kostspielige Liebhabereien. In seinem Nachlasse fanden sich 130 mit Brillanten und andern kostbaren Steinen besetzte Dosen, die einen Gesamtwert von gegen 1½ Millionen darstellten. Viel schwerer noch fiel ins Gewicht, daß er in reichlichem Maße die Bauwut aller Despoten teilte. Die eine Tatsache, daß er gleich nach dem Kriege, mitten in dem fürchterlichsten Elend des Landes, den ebenso kostspieligen wie zwecklosen Bau des Neuen Palais in Potsdam begann, sollte ehrliche Leute schon hindern, den Mund gar zu voll zu nehmen von seiner »landesväterlichen Fürsorge«. Nach Retzow kostete dieser Bau 11 Millionen und ebensoviel seine innere Ausstattung.&amp;lt;ref&amp;gt;Retzow, Charakteristik der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, 2, 455.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir indessen an, daß Retzow, der dem Könige nicht wohlgesinnt war, arg übertrieben hat, so gibt doch ein unterrichteter und wohlgesinnter Zeuge, ein Baumeister Friedrichs, die Summe dessen, was allein in und bei Potsdam verbaut worden ist, auf mehr als 10½ Millionen an.&amp;lt;ref&amp;gt;Manger, Baugeschichte von Potsdam, 3, 825.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag nun ganz unberechnet bleiben, was Friedrich für Bauten in Breslau, Königsberg, Berlin (die Bibliothek, die großen Kirchen auf dem Gendarmenmarkte, mehrere Brückenkolonnaden und anderes mehr) aufgewandt hat: Mangers 10½ und die für Dosen verausgabten 1½ Millionen ergeben weitere 12 Millionen, die von den 74 Millionen abzuziehen sind, über die Friedrich in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung für außergewöhnliche Ausgaben verfügt hat. Es bleiben also für Hebung des Volkswohlstandes nur 22 Millionen übrig, und um überhaupt auf Hertzbergs Ziffer zu kommen, muß man die gegen 2½ Millionen einrechnen, die Friedrich nach seiner Angabe gleich beim Friedensschlusse von Hubertusburg von den für den nächsten Feldzug bereitliegenden Geldern für die notdürftigste Wiederherstellung des Landes aufgewandt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sei nochmals hervorgehoben, daß diese Ziffern keinen absoluten Wert haben sollen. Um ein möglichst erschöpfendes und zutreffendes Bild der friderizianischen Finanzwirtschaft zu geben, wäre bei der verwickelten Kassenführung des Königs und den höchst tendenziösen Darstellungen, die darüber veröffentlicht worden sind, ein eigenes Buch notwendig. Für unsern Zweck: nämlich festzustellen, welche Summe Friedrich günstigstenfalls für Landesverbesserungen verbraucht haben kann, war es aber erlaubt, auch mit ungewissen Ziffern zu rechnen, wenn wir unter den abweichenden Angaben immer die höchsten für seine gesamten Einkünfte und immer die niedrigsten für seine sonstigen Ausgaben einstellten. Dies haben wir durchweg getan, auch wenn wir in einem besonderen Falle es einmal nicht getan zu haben scheinen. So haben wir uns nicht entschließen können, die etatsmäßigen Heereskosten Friedrichs von den 13 Millionen, die ältere und unbefangene Schriftsteller mit großer Übereinstimmung angeben, auf die 12 100 978 Taler herabzusetzen, die ein neuerer Historiker berechnet. Indessen dieser Historiker berechnet auch den hinterlassenen Kriegsschatz des Königs auf 63 Millionen, während wir dafür nach Friedrichs Angaben nur 40 Millionen angesetzt haben. Ein leichtes Rechenexempel ergibt, daß wir somit die Gesamtausgaben für Kriegsheer und Kriegsschatz noch immer niedriger eingeschätzt haben als jener Historiker. Und so darf man denn mit aller unter den obwaltenden Umständen erreichbaren Sicherheit sagen, daß Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege für die Bevölkerung des preußischen Staates an Geschenken, Erlassen, Unterstützungen, Vergütigungen und industriellen Unternehmungen im günstigsten und leider nicht einmal wahrscheinlichen Falle die rund 24 bis 25 Millionen Taler verbraucht hat, die Hertzberg berechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Summe selbst beträgt gerade den fünften Teil der Brandschatzungen allein in barem Gelde, die das Land im Kriege an die auswärtigen Feinde zu zahlen gehabt hatte. Das wäre nicht viel, aber es wäre immerhin etwas. Leider verdunkelt die Art, wie diese Summe auf die verschiedenen Klassen der Bevölkerung verwandt wurde, gar sehr den Schein des patriarchalischen Wohllebens, den sie etwa noch auszustrahlen scheint. Die Städte und die städtische Industrie erhielten davon wenig genug, die Bauern noch viel weniger, den Löwenanteil aber die Junker. Gegenüber den 25000 Talern, die Friedrich den westfälischen Städten nach dem Friedensschlusse zum Wiederaufbau ihrer Häuser und Straßen schenkte, oder selbst den 100 000 Talern, die Frankfurt a. O., die bedeutendste Handelsstadt der Mark, zu gleicher Zeit und zu gleichem Zwecke erhielt, scheffeln gleich ganz anders die mehr als 2½ Millionen, die allein für den Adel Pommerns und der Neumark, zweier ungefähr den sechsten Teil des Staatsgebiets umfassender Provinzen, nach dem Siebenjährigen Kriege aufgewandt wurden, teils als Geschenke zur Bezahlung seiner Schulden, teils als Meliorationskapitalien für seine Güter. Diese Kapitalien waren unkündbar, und wenn sie mit 1 bis 2 Prozent verzinst werden mußten, so waren »die Interessen« zu »Pensionen für arme Offizierswitwen und vom Adel« bestimmt. Wir gehen indes auf diese Verhältnisse nicht näher ein und verweilen lieber etwas ausführlicher bei dem, was Friedrich für die große Masse der arbeitenden Bevölkerung, nämlich für die Bauern, getan hat. Einesteils fällt damit das schärfste Licht auf Friedrichs »landesväterliche Fürsorge«, andererseits sind wir gerade über diese Frage durch eine ganz unanfechtbare Urkunde ausführlich unterrichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der wenigen deutschen Beamten, die Friedrichs Vertrauen bis an ihren Tod genossen, war Johann Rembert Roden. Ein guter Organisator, hatte er sich in dem Hauptquartiere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig ausgezeichnet und war von diesem nach dem Kriege an den König empfohlen worden. Friedrich benutzte ihn vielfach bei der Wiederherstellung des Landes, übertrug ihm namentlich auch die Organisation von Westpreußen nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 und machte ihn dann zum Präsidenten der Oberrechenkammer. Als solcher erhielt Roden 1774 den Auftrag, durch eine Reihe von Vorträgen den Thronfolger in die Finanzverwaltung des preußischen Staates einzuweihen, und er übergab dann zum Schlüsse seines Unterrichts dem Prinzen eine »Kurzgefaßte Nachricht von dem Finanzwesen«. Diese lehrreiche, überall aktenmäßig begründete Urkunde ist glücklicherweise schon durch den alten Preuß, der noch nicht wie die heutigen, mit dem Zutritte zu den Archiven begnadigten Forscher vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatte, unverstümmelt ans Tageslicht gezogen worden.&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist nicht frei von großen Lücken, denn Roden gleitet über die Akziseverfassung mit wenigen Sätzen hinweg; das Schicksal des Geheimen Finanzrates Ursinus mußte ihm warnend vor Augen schweben. Um so ausführlicher und gründlicher handelt er von der Kontributionsverfassung, das heißt von der direkten Steuer, welche die bäuerliche Bevölkerung aufzubringen hatte, und dabei wirft er Schlaglichter auf die Lage dieser Bevölkerung, die von größtem Interesse sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kontribution war nach der Ertragsfähigkeit der einzelnen Ländereien umgelegt, so zwar, daß sie einen bestimmten Teil dessen betrug, was der Bauer für seinen eigenen Bedarf und für den Verkauf erntete. Dieser bestimmte Teil war nicht in allen Provinzen ganz gleich bemessen; in der Mark und in Westpreußen belief er sich auf 33½, in Schlesien auf 34, in Pommern auf 42½ Prozent, in andern Landesteilen noch höher. Roden erläutert die Art dieser Steuer an einem Bauer im Dorfe Tempelhof bei Berlin, der von jeder Hufe zu 30 Magdeburgischen Morgen 8 Taler 3 Groschen Kontribution zu zahlen hatte (der Taler wurde damals zu 24 Groschen berechnet; nach heutigem Gelde betrug der Groschen also 12½ Pfennig). Nun konnte der Bauer außer dem eigenen Verbrauch aber nur 15 Scheffel von dem Ertrage der Hufe verkaufen, welche, zu 18 Groschen gerechnet, ihm 9 Taler 18 Groschen eintrugen. Nach eingehender Darlegung dieser Verhältnisse fährt Roden dann wörtlich fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer behielte also von seinem Gewinste auf einer Hufe, nach Abzug der bezahlten Kontribution, nur 1 Taler 15 Groschen übrig, wovon er seine übrigen Prästanda unmöglich leisten kann. Diese sind:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Dem Erb- oder Gerichtsherrn (ist er königlich, dem Amte, gehört er dem Edelmann, demselben) Zins und Dienste, wenigstens per Hufe&lt;br /&gt;
|8 Tlr. – Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Priester Dezem 1 Scheffel Korn à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Küster ¾ Scheffel à.&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Schmied 1 Scheffel à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Hufen- und Giebelschoß&lt;br /&gt;
|– Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Marschfuhrengelder&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Kriegswehr zur Magazinkasse&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|___________________&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Summa.&lt;br /&gt;
|11 Tlr. 16 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Er hat nun von der Ernte übrig&lt;br /&gt;
|1 Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|fehlen ihm also&lt;br /&gt;
|10 Tlr. 1 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Ferner hat der Bauer zu prästieren die Feuersozietätsgelder, die Vorspannfuhren, die Bau- und Krepel-, auch Nachbarfuhren, die Dorfauflagen und andere Vorfälle mehr, das Gesindelohn, da er besonders Knechte wegen der vielen Hofedienste halten muß, so ihm zur größten Last gereichen: zu welchem Ende er auch mehr Pferde halten muß, weswegen die Einschränkung dieser Dienste eine vortreffliche Sache wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir unterbrechen hier Roden für einen Augenblick, um zu bemerken, daß unter den »andern Vorfällen mehr« sich auch noch sehr drückende Lasten befanden: so die Grasung der Kavalleriepferde auf den Wiesen der Dorfgemeinden während der Monate Juni bis September, in denen der Reiter eine brutale Herrschaft im Hause des Bauern führte; ferner für die anderen Monate des Jahres die Lieferung der Fourage, die zwar zu einem geringen Preise bezahlt, aber oft viele Meilen herangefahren und, wenn sie ohne weitere Scherereien abgenommen werden sollte, mit einem tüchtigen Überschuß zugunsten des Rittmeisters beladen sein mußte, endlich auch der schon erwähnte indirekte Beitrag der Bauern zur städtischen Akzise. Roden fährt dann fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer würde, nach diesen angeführten Umständen, nicht bestehen können, wenn er sich nicht auf eine andere Art soutenierte, z. B. daß er auf eine Hufe fast 1/3 mehr aussäet, als ihm zur Kontribution angeschlagen, daß er aus dem Viehstand Geld erwirbt und sich sonst durchzubringen sucht. Aber er muß allen Fleiß anwenden und sich kümmerlich behelfen, wenn er sich ehrlich ernähren und durchbringen will, zumal wenn er sonst nichts anderes als sein eigenes Wohnhaus und Hofgebäude, so er noch selbsten in Würden unterhalten muß, nebst dem dazugehörigen Acker im Vermögen hat. Er kann daher keine Unglücksfälle, als Mißwachs, Hagelschaden, Mäusefraß, Überschwemmungen usw., übertragen, daferne ihm nicht alsdann durch Remission unter die Arme gegriffen wird, um ihn noch in etwas zu unterhalten. In ordinären Fällen wird ihm aus der Kreiskasse geholfen, in extraordinären aber tritt der Landesherr zu und läßt die Gelder bar an den Kreis übermachen oder auch Brot- und Saatkorn in natura geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht darnach, was es mit den so viel gepriesenen Steuererlassen, Geldvorschüssen, Kornlieferungen, wodurch Friedrich angeblich den Bauernstand in die Höhe gebracht haben soll, tatsächlich auf sich gehabt hat. Sie waren einzig dazu bestimmt, den Bauer, ohne den freilich weder der König noch der Junker leben konnte, auf der schmalen Grenze zwischen Hungerleben und Hungertod zu erhalten. Von hier aus fällt denn auch das richtige Licht auf die gleichfalls viel gepriesenen Kornmagazine Friedrichs, die »Blüte friderizianischer Wirtschaftspolitik«, in der er »seinem Ideale des allgemeinen Hausvaters am nächsten komme«, wie selbst ziemlich unbefangene Forscher sagen. Friedrich verbot die Ausfuhr des Getreides, um seinen Preis möglichst niedrig zu halten; in einer seiner Instruktionen an das Generaldirektorium verlangt er, daß der Preis des Scheffels Roggen immer zwischen 18 Groschen und 1 Taler festgehalten werde. Das geschah, um für sein Heer billiges Brot und für den Kriegsfall gefüllte Magazine zu haben, aber wenn er diese Magazine nun auch benutzte, um der bäuerlichen Bevölkerung Brot- und Saatkorn zu liefern, sobald ihr Hungerleben durch irgendein unglückliches Naturereignis in den Hungertod umzuschlagen drohte, so läßt sich dieser »Sozialismus« am Ende noch mit gemäßigter Hochachtung bewundern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde übrigens irren, wenn man in dem Bauern aus Tempelhof bei Berlin, den Roden schildert, den elendesten Typus des friderizianischen Bauern sehen wollte. In der Mark war der Prozentsatz der Kontribution noch am niedrigsten bemessen; wo er, wie in Friedrichs westfälischen Besitzungen, auf mehr als 50 Prozent stieg, verschlechterte sich entsprechend die Lage der bäuerlichen Bevölkerung. Roden schreibt darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Kontributionsprinzipia sind im Mindenschen so angelegt, daß zuvörderst die sämtlichen Ländereien, Gärten und Wiesen durch diverse vereidete Taxatoren nach dem jährlichen Ertrage abgeschätzt sind; darnach ist die Kontribution dergestalt ausgemittelt, daß von jedem Taler Ertrag jährlich an Kontribution 13 Groschen bezahlt wird. Die Hufe à 30 Morgen Magdeburgisch kommt im Durchschnitt der Totalité auf 19 Taler 5 Groschen ½ Pfennige, obgleich viel schlecht Land vorhanden: Solchergestalt hat der Landmann noch 11 Groschen pro Taler übrig. Davon soll er sich und seine Familie unterhalten, die Haushaltung führen, Gesindelohn geben, dem Erb- oder Gutsherrn sein Pacht zahlen und die übrigen Lasten tragen, so schlechterdings unmöglich wäre, wenn der Bauer sich sonst nicht durchzuhelfen suchte. Im Minden- und Ravensbergischen ist er mit Frau, Kindern und Gesinde, sobald er nur vom Ackerbau eine Zeit oder gar nur Stunden übrig hat, zumal im Herbst bei den langen Abenden und den Winter hindurch, mit Garnspinnen zu Leinwand beschäftigt, und damit sucht er sich zu ernähren; sonst müßte er davonlaufen, indem es dort viele Bauernhöfe gibt, die mehr Abgaben haben, als die Höfe auch in den besten Jahren aufbringen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der kundigste Verwaltungsbeamte des friderizianischen Staats in offiziellster Urkunde, in dem Berichte, durch den er auf Befehl des Königs den Thronfolger in das Finanzwesen der Monarchie einweihen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen um der Gerechtigkeit willen aus Rodens Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß Friedrich wenigstens in den beiden von ihm eroberten Provinzen, in Schlesien und Westpreußen, den Adel zur Kontribution heranzog; hier standen ihm die Junker nicht mit altererbter Macht gegenüber, und er mußte sie wegen ihrer Anhänglichkeit an Österreich und Polen scharf im Zügel halten. Aber auch auf diesem verhältnismäßig lichtesten Gebiete der friderizianischen Steuerpolitik ist ihre Tendenz nicht, wie sie selbst behauptete, Entlastung des Armen auf Kosten des Reichen, sondern Belastung des Armen zugunsten des Reichen. So zahlte in Westpreußen – unter fast durchgängigem Wegfalle der Lehnpferdegelder – der evangelische Edelmann 20, der katholische – Grundgedanke des Nathan? – 25, der Bauer aber 33½ Prozent Kontribution. Und ähnlich in Schlesien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In einer Anmerkung des Kapitals, 1, 762), erwähnt Marx die elende Lage des friderizianischen Bauern unter Anziehung einiger Sätze von Mirabeau, wofür er von preußischen Historikern der tendenziösen Darstellung geziehen worden ist. Wir haben aus schon angeführten Gründen das Werk von Mirabeau-Mauvillon ganz beiseite gelassen, möchten aber bemerken, daß die von Marx beiläufig angezogenen Sätze Mirabeaus ein nicht so krasses Bild der Sachlage geben wie der amtliche Bericht von Roden. Überhaupt tun die wenigen Worte, die Marx im Vorbeigehen dem friderizianischen »Regierungsmischmasch von Despotismus, Bürokratie und Feudalismus« widmet, diesem seltsamen Gebilde eher zuwenig als zuviel. Wenn beispielsweise Marx sagt, Friedrich habe in den meisten Provinzen Preußens den Bauern Eigentumsrecht gesichert, so gilt das tatsächlich nur von den Domänenbauern. Am 20. Februar 1777 verfügte Friedrich, »daß an allen Orten, wo es noch nicht geschehen, die unter die Ämter gehörigen Bauerngüter den Untertanen erb- und eigentümlich übergeben werden«. Siehe die Order bei Preuß, 4, 466 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stellt man nun aber jenen erdrückenden Belastungen der Bauern die ängstliche Sorgfalt gegenüber, womit Friedrich im allgemeinen die Steuerfreiheit des Adels beschützte, so kann man die edle Dreistigkeit jener Hofgeschichtsschreiber bewundern, die von dem »Bauernkönige« Friedrich schwatzen und die Hohenzollern durch Beschützung des kleinen Mannes groß werden lassen, so kann man den herrlichen Wert jener »Schulreform« ermessen, die nach diesem Leitmotive den Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen klittern will. Da sollten wir »gemütvollen« und »tiefsinnigen« Deutschen uns doch nur ja vor den »leichtfertigen« und »oberflächlichen« Franzosen verkriechen! Denen konnte Marx schon im Jahre 1869 nachrühmen, daß sie der napoleonischen Legende mit allen Waffen der Forschung, der Kritik, der Satire, des Witzes den Garaus gemacht haben, und was ist die napoleonische Legende doch für ein ander Ding als die friderizianische! Der napoleonische Staat besteht in allem wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen noch fort, wie der erste Konsul ihn im Jahre 1804 begründet hat – natürlich nicht als großer Mann, sondern als Erbe des Konvents –, und eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien, drei Invasionen und selbst drei Revolutionen überstanden hat, kann denn doch eher schon zum Heroenkultus des Mannes führen, auf dessen Namen sie nun einmal getauft ist. Aber der friderizianische Staat, der bei Jena in tausend Stücke zerschmettert wurde unter der stürmischen Zustimmung der bürgerlichen und arbeitenden Klassen, die in ihm zu leben verurteilt waren, und eine feudal-militärische Verfassung, deren wüste Trümmer wie ein betäubender Alp auf allem gesunden Leben der Gegenwart lasten, dürfen sich immer noch, ja je länger je unbeschämter in einer Legende spiegeln, deren schüchterne Kritik im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte schon als Hochverrat und Majestätsverbrechen gilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich selbst darf natürlich dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Er ist ganz unschuldig an der kecksten Unwahrheit dieses Jahrhunderts, dem sogenannten »sozialen Königtum«, und er würde den Humbug nicht einmal verstehen, wenn er seine wohlgesinnten Geschichtsschreiber von heute lesen könnte. Was ihm als »monarchische Sozialpolitik« angerechnet wird, war einzig durch militärpolitische Gesichtspunkte bestimmt. An sich zwar gehörte es zu den Aufgaben des absoluten Königtums, die Leibeigenschaft der Bauern zu beseitigen, nicht aus Humanität, die ihm ganz fremd war und auch ganz fremd sein mußte, sondern aus fürstlichem Klasseninteresse. Die Leibeigenschaft stand wie eine Mauer zwischen dem Despoten und der Mehrheit der Bevölkerung; solange sie währte, hatte der Junker über die Bauern zu verfügen und der König höchstens insoweit, als es ihm der Junker gestattete. Wir haben gesehen, wie sich seit der Entwicklung des stehenden Heeres dieser Interessengegensatz zwischen dem Könige und dem Junkertum bildete und verschärfte; schon die beiden ersten preußischen Könige rüttelten an der Leibeigenschaft, und namentlich Friedrich Wilhelm I. erklärte, »was es denn vor eine edle Sache sei, wenn die Unterthanen statt der Leibeigenschaft sich der Freiheit rühmen«. Er war denn freilich auch wohl ehrlich genug, den Kabinettsordern, worin er den Behörden die »Konservation« der »Untertanen« empfahl, die Worte hinzuzufügen: »Damit der Landesherr seine Steuern erhalte«, was bei der höchst merkwürdigen Ausbildung der alten deutschen Sprache im neuen deutschen Reiche heute zu lesen ist: »Soziales Königtum der Hohenzollern«. Friedrich selbst spricht in seinen Schriften mit lebhaftestem Abscheu von der Leibeigenschaft als einem »barbarischen Gebrauch«, einer »abscheulichen Einrichtung«, aber er bekennt auch offen, daß es nicht in seinem guten Willen liege, damit aufzuräumen. Daraus läßt sich ihm gewiß kein Vorwurf machen. Er konnte wirklich nicht, auch wenn er wollte, die Leibeigenschaft abschaffen. Sie war die ökonomische Zelle der Gesellschaft, deren politischer Repräsentant der preußische Militärstaat war, und der »erste Diener« dieses Staats konnte ihr ebensowenig anhaben, als etwa die Zinne eines Turms auf den verwegenen Einfall geraten kann, die Mauer umzustürzen, worauf sie ruht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergibt sich diese Auffassung von selbst aus der ganzen Lage, so fügt es sich glücklich, daß sie sich sogar urkundlich bestätigen läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einmal nämlich siegte der despotische Größenwahn über Friedrichs nüchternen Sinn, und am 25. Mai 1765 dekretierte er von Kolberg aus: »Sollen absolut, und ohne das geringste Raisonniren, alle Leibeigenschaften, sowohl in Königlichen, Adligen, als Stadteigentumsdörfern, von Stund an gänzlich abgeschafft werden, und alle diejenigen, so sich dagegen opponiren würden, soweit möglich mit Güte, in deren Entstehung aber mit force dahin gebracht werden, daß diese von Sr. K. M. festgesetzte Idee zum Nutzen der ganzen Provinz ins Werk gerichtet werde.« Darauf versammelten sich am 29. Juni die vorpommerschen Landstände in Demmin und richteten eine Promemoria an den König, worin sie sich halb als gekränkte Unschuld und verkannte Wohltäter der Bauern aufspielten, halb aber mit »Depeuplierung des Landes und Desertion vom Militär« drohten, »weil kein Bauer imstande ist, den Hof, das Zuchtvieh und Ackergerät zu bezahlen, keiner aber auf den Fall, es ihm umsonst zu lassen, schuldig, folglich ein jeder sich anderswohin zu begeben bedacht sein würde«. So dummdreist diese Drohung war – denn der Junker hatte gar kein Recht auf den Hof des Bauern, und was half ihm der Hof, wenn kein Bauer da war, ihn zu bewirtschaften? –, so genügte sie doch vollkommen, den König lahmzulegen. Weder Gewalt noch Recht konnten ihm helfen, denn das Heer befehligten die Junker, und in den Gerichtshöfen sprachen sie Recht. Er gab also klein bei, sosehr es sonst unter seinen Grundsätzen obenan stand, um seiner despotischen Unfehlbarkeit willen niemals einen Befehl zurückzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußte sich Friedrich denn darauf beschränken, in einem fortdauernden Kleinkriege seine militärpolitischen Interessen möglichst gegenüber dem gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse zu wahren. Es gibt eine große Anzahl von Kabinettsordern, worin er diesem Ziele nachstrebt. Er kämpfte gegen das Bauernlegen, die »Abmeierung der Bauern«, und bemühte sich, den Bauern das Eigentums- und Erbrecht an ihren Schollen zu sichern. Man kann sogar anerkennen, daß er in dieser Beziehung weiter blickte als der heutige Militärstaat. Wenn dieser in erstaunlicher Seelenruhe es ruhig mit ansieht, wie in weiten Fabrikdistrikten die Masse der arbeitenden Bevölkerung verkrüppelt, so eiferte Friedrich sehr häufig gegen die gesundheitsschädlichen Mißhandlungen der Bauern durch die Junker und die Domänenpächter. Wenn der heutige Militärstaat sich hartnäckig weigert, die unmäßige Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag zu beschränken, weil er in seiner überstiegenen Weisheit davon eine Schädigung der Industrie befürchtet, so war sich Friedrich schon im Jahre 1748 darüber klar, wie er in einer Instruktion an das Generaldirektorium sagte, daß »bei den schweren und ganz unerträglichen Diensten mehrenteils vor den Gutsherrn wenig Nutzen, vor den Bauersmann aber sein gänzlicher Verderb augenscheinlich herauskommt«. Der König verlangt deshalb eine »serieuse Untersuchung, ob nicht sowohl Amts- als auch Städte- und adlige Unterthanen von diesem dem Bauer so gar ruineusen Umstände in gewisse Maße befreiet und die Sache dergestalt eingerichtet werden könne, daß, anstatt daß der Bauer jetzo die ganze Woche hindurch dienen muß, derselbe die Woche über nicht mehr als drei oder vier Tage zu Hofe dienen dürfe. Es wird dieses zwar anfangs etwas Geschrei geben, allein da es vor dem gemeinen Mann nicht auszustehen ist, wenn er wöchentlich fünf Tage oder gar sechs Tage dienen soll, die Arbeit an sich auch bei denen elenden Umständen, worin er dadurch gesetzt wird, von ihm sehr schlecht verrichtet werden muß, so muß darunter einmal durchgegriffen werden, und werden alle vernünftigen Gutsherrn sich hoffentlich wohl accomodiren, in diese Veränderung derer Diensttage ohne Schwierigkeit zu willigen, um so mehr, da sie in der That ersehen werden, daß, wenn der Bauer sich nur erst ein wenig wieder erholt hat, er in denen wenigen Tagen ebensoviel und vielleicht noch mehr und besser arbeiten wird, als er vorhin in denen vielen Tagen gethan hat.« Eine hausbackene, aber treffliche Wahrheit, die der »geniale« Herr Bismarck bekanntlich nie begreifen konnte und die der neue Kurs im deutschen Reiche bekanntlich auch noch immer nicht begreifen zu können scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie vernünftig nun aber diese und ähnliche Instruktionen Friedrichs nicht nur klingen, sondern auch sind, so darf man dabei doch mehrerlei nicht übersehen. Erstens daß der König nicht &#039;&#039;für&#039;&#039; den Bauer &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker, sondern &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker &#039;&#039;um&#039;&#039; den Bauer kämpft. Er wollte eine andere Verteilung des aus dem Bauern gezapften Mehrwerts, eine für ihn günstigere und deshalb für das Junkertum ungünstigere, aber wenn der Proletarier etwa seinen Lohn auf Kosten des Mehrwerts zu steigern gedachte, so war Friedrich immer auf Seite der möglichst erschöpfenden Ausbeutung. So bedrohte er in der Gesindeordnung sowohl die Empfänger als unter Umständen auch die Geber eines die Taxe überschreitenden Lohns mit Zuchthausstrafe, wogegen »es sich von selbst versteht«, daß ein unter der Taxe bleibender Lohn erlaubt ist. Und wenn gar die Bauern unruhig wurden über die »unerträglichen Dienste« und »ruineusen Umstände«, dann wußte Friedrich auch nichts anderes, als was große Männer unter solchen Umständen immer nur wissen, also was Luther im sechzehnten und Bismarck im neunzehnten Jahrhundert wußte. Als ein Jahr vor Friedrichs Tode die schlesischen Arbeiter zu murren begannen, schrieb der König an den schlesischen Provinzialminister v. Hoym: »Das mehrste zur Beruhigung der Leute wird beitragen, da sie doch im Gebirge meistens evangelisch sind, wenn die Prediger ihnen zureden und alles ordentlich erklären ... Sodann müssen auch die Schulzen, besonders da im Gebirge, scharf vigiliren, wenn sich etwa fremdes Gesindel sehen läßt, das Zusammenkünfte hält und dem gemeinen Volk allerhand Dinge in den Kopf setzt; diese müssen sie auf der Spur verfolgen und sobald sie den geringsten Unrath merken, sie sogleich bei den Ohren nehmen und an die Gerichte abliefern.« Die Order ist, wie gesagt, im Jahre 1785 erlassen. Sonst könnte man fast meinen, sie stamme aus dem Jahre 1878, wo auch erst die Religion dem Volke erhalten werden sollte und dann das Sozialistengesetz auf dem Fuße hinterdreinmarschiert kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens aber hat Friedrich mit jenem Kleinkriege nicht viel erreicht. Am ehesten noch etwas in den beiden eroberten Provinzen Schlesien und Westpreußen, wo der König leichteres Spiel mit den Junkern hatte. So zwang er die schlesischen Grundherren zur Wiederherstellung der bäuerlichen Hütten und Scheunen, zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Gerät. Aber sein eigenes Interesse, die Sorgen um seine Kassen und seine Rekruten, war auch hier die Grenze, die er nicht überschritt. Zudem liegt auf der Hand, wie wenig damit gesagt, geschweige denn getan war, wenn er den schlesischen Bauern das Recht gewährte, sich über &#039;&#039;strenge&#039;&#039; körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beschweren, oder wenn er in Westpreußen die »polnische Sklaverei«, den »harten, polnischen Fuß« auf die »preußische Landesart« gemildert wissen wollte. Die ehrlicheren bürgerlichen Historiker machen dann auch kein Hehl aus der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen. »Die alten Verhältnisse blieben ... Bei dem allen blieb der Landmann gebunden, scholleigen der Masse nach« (Preuß); »praktisch hat dies alles fast gar keine Frucht getragen: nicht einmal auf den Domänen, wo der Erfolg doch so leicht gewesen wäre« (Roscher). Als der König vierzehn Tage vor seinem Tode bei dem Kammerpräsidenten von Königsberg anfragte, ob »nicht alle Bauern in Meinen Ämtern aus der Leibeigenschaft« gesetzet werden können, schrieb er selbst das treffendste Urteil über seine Bauernpolitik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens und letztens aber – selbst wenn man Friedrichs angebliche Verdienste um die Bauernbefreiung so hoch schätzen wollte wie die preußischen Byzantiner, so würden diese Verdienste dennoch mehr als aufgewogen durch Friedrichs Gemeinteilungsgesetze, die Aufteilung der Gemeinweiden, die seltsamerweise auch von den besseren bürgerlichen Historikern, so von Freytag und Roscher, als eine Art sozialer Reform aufgefaßt werden, tatsächlich aber nach einem Worte von Rudolf Meyer darauf hinausliefen, daß die Gemeinweiden »meist den großen Gütern zugeschlagen und damit die kleinen Leute, wenn auch teilweise gegen Entschädigung, der freien Viehweide beraubt, teilweise proletarisiert und somit für den Gutsgesindedienst adaptiert wurden«. Dies »eifrige Wegräumen aller solchen Beschränkungen des freien Grundeigentums, die mit dem mittelalterlichen Gemeindewesen zusammenhängen«, lief in der Tat auf die Proletarisierung der bäuerlichen Bevölkerung hinaus, und wenn Roscher darin die helle Seite des »Januskopfes« sieht, den Friedrichs agrarische Sozialpolitik biete, so mag man sich nicht leicht einen zu dunklen Begriff von dessen dunkler Seite machen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siehe Rudolf Meyer, Das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebs, in der »Neuen Zeit«, 11, 1, 304. Ferner Roscher, 399. Sonst ist Roschers Darstellung der friderizianischen Sozialpolitik in der bürgerlichen Geschichtsliteratur wohl noch die unbefangenste. Für die Einzelheiten sind die Kabinettsordern des Königs und teilweise auch seine Schriften einzusehen, dann aber auch die ältere preußische Geschichtsschreibung etwa bis zum Jahre 1848. Die neuere Literatur, namentlich soweit sie aus Archiven schöpft, ist nicht wertlos, doch müssen diese Bücher wie Palimpseste behandelt werden. Man muß zunächst die frommen Lobgesänge auf den friderizianischen »Sozialismus« beseitigen und dann untersuchen, was sich von dem verkratzten und verwischten Urtext noch entziffern läßt. Natürlich gibt es auch vortreffliche Ausnahmen; so Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, wo in der Einleitung bemerkenswerte Einzelheiten über die Erfolglosigkeit der friderizianischen Bauernpolitik gegeben sind.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen ist der Verfall des preußischen Ackerbaus unter Friedrich, den sogar die patriotischen Geschichtsschreiber anerkennen, leicht zu erklären – trotz der reichen Geldspenden, die er für die »notleidende Landwirtschaft«, will sagen die Junker, stets bei der Hand hatte, und auch trotz seiner so viel gepriesenen »Kolonisationen«. An sich waren seine Landesmeliorationen, die Verwaltung der Netze und der Warthe, die Urbarmachung des Drömlings und des Oderbruchs sowie vieler kleinerer Sumpfstrecken in Pommern, in der Mark, im Magdeburgischen gewiß der beste Teil seiner Wirtschaftspolitik, und wohl mochte der König mit berechtigtem Selbstgefühle sagen, hier habe er im Frieden eine neue Provinz erobert. Allein es ist eine tragikomische Entstellung der Sachlage, wenn dabei seine Bewunderer in seine Seele das faustische Sehnen dichten, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Da klingt es viel prosaischer, ist aber viel richtiger, wenn Roden schreibt: »Sr. K. M. allergnädigste Intention gehet dahin, daß, wenn bei den Städten oder denen von Adel wüste Gründe und Brücher vorhanden, diese aber nicht im Stande wären, solche urbar zu machen, alsdann der Landesherr zutreten, solche auf Höchstdero Kosten urbar machen, Häuser bauen und solche mit Familien besetzen lassen müßte; die Revenuen blieben zwar der Stadt und dem von Adel, das Land würde aber doch dadurch immer mehr und mehr peuplieret und per indirectum profitierten doch die Königlichen Kassen und der Staat davon.« Den Hauptvorteil zog »der von Adel«, denn gegen den adligen Landbesitz war der städtische kaum zu rechnen. Mit der Ansetzung der Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen als verlorenes Gesindel. Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagt, »Perruquiers und Commedianten« oder, wie er ein andermal klagt, »Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner«; ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tataren anzulocken unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen. Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt der alte Schlosser: »Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser dieser Schrift selbst hat gesehen, wie unsicher dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlosser, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2, 246.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 300000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll, waren also eine sehr zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung, und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«, verdient nicht ganz die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten hervor, auf denen man gerade von ihm, dem Philosophen und Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte doch eine Ahnung davon, daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen. Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein. Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: Er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden, aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß, »war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann, die Schüler unterrichteter waren als der in Waffen ergraute Lehrer«. Was alles den modernen Byzantinismus nicht gehindert hat, in Friedrich den »Heros der Aufklärung auf dem Gebiete des Schulwesens« zu feiern.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber in seiner Weltgeschichte nennt den König so. Wir beschränken uns auf wenige Worte über die Volksschule unter Friedrich, da diese Seite seiner Regententätigkeit in der bekannten trefflichen Schrift von Seidel schon gründlich erörtert worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings machte der König auf diesem Gebiete keinen Unterschied zwischen seinen glücklichen Untertanen. Um die Hochschulen stand es ebenso elend wie um die Volksschulen. Man braucht nur einen Blick auf die kläglichen Etats der vier Landesuniversitäten zu werfen. Duisburg hatte 5678, Königsberg 6920, Frankfurt a. O. 12648 und Halle 18116 Taler Einkünfte. Die Besoldungen der Professoren waren jammervoll, die wissenschaftlichen Institute fast durchweg im tiefsten Verfalle.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 3, 111 ff. und – ausführlicher – Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen, 1, 133 ff. Von diesem Werke sind nur die beiden ersten bis zum Tode Friedrich Wilhelms II. reichenden Bände erschienen; nach deren Veröffentlichung wurden dem Verfasser die preußischen Archive gesperrt – von wegen seiner Tendenz. Gegen diese Tendenz ist nun allerdings insofern manches einzuwenden, als sie eine einseitig preußisch-patriotische ist. Herr Philippson weiß von Friedrichs »wahrhaft sozialistischer Allsorgfalt« zu erzählen und steckt auch sonst voller Illusionen über die friderizianische Zeit. Aber ein Hofgeschichtsschreiber ist er nicht. Er beschönigt die häßlichen und traurigen Dinge, die er in den Akten findet, nicht geflissentlich, sondern teilt sie offen mit, auf daß die Gegenwart aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Und diese höchst veraltete Anschauung ist für die reine Wissenschaft des neuen Deutschen Reichs natürlich strafwürdige – Tendenz.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dem einzigen Manne ersten Ranges unter den preußischen Universitätslehrern, von Kant in Königsberg, hat Friedrich nichts gewußt, wobei immerhin nicht vergessen werden darf, daß Kants epochemachendes Hauptwerk erst 1781 erschien und erst 1789, nach dem Tode Friedrichs, allgemein bekannt wurde. Dagegen würden wir von dem einzigen Universitätslehrer, dem Friedrich eine ansehnliche, ja glänzende Stellung gab, nichts mehr wissen, wenn Lessing diesem Geheimbderat Klotz in Halle als einem Kabalenmacher und Nichtswisser ersten Ranges nicht eine unerfreuliche Unsterblichkeit beschert hätte. Und dabei mußten sich die preußischen Untertanen an jenen vier verfallenen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen lassen; nach wiederholten Verfügungen Friedrichs sollte das Studieren auf nichtpreußischen Universitäten, und wenn es nur ein Vierteljahr gedauert hatte, mit lebenslänglicher Ausschließung von allen Kirchen- und Zivilämtern, bei Adeligen sogar noch mit Einziehung des Vermögens bestraft werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nur ein einziges Gebiet der inneren Verwaltung, auf dem Friedrich wirklich reformiert oder doch zu reformieren versucht hat, und es ist ein vor allem wichtiges Gebiet: nämlich die Rechtspflege. Er beseitigte gleich nach seinem Regierungsantritte die Folter; ferner hob er, wie für andere Beamte, so namentlich auch für die richterlichen, die »Infamie« des Ämterkaufs auf, obschon er an einer Besoldungssteuer festhielt; er verfügte auch, daß alle Sporteln der Gerichte nicht dem einzelnen Richter, der sie veranlaßt hatte, sondern einer gemeinsamen Kasse zufließen sollten. Ferner sorgte er für ein beschleunigtes Gerichtsverfahren mit der Maßgabe, daß gemeiniglich jeder Prozeß im Laufe eines Jahres zum rechtskräftigen Abschlusse gebracht sein müsse. Endlich wollte er auch die Unabhängigkeit der Gerichte verbürgen; er sprach sich wiederholt gegen jede Kabinettsjustiz aus. Aber freilich hatten auch hier die Dinge keineswegs jenes ideale Aussehen, das ihnen die französische Fabel von dem Müller in Sanssouci scheinbar gegeben hat. Friedrich schrieb wohl: Die Gesetze müssen sprechen und der Souverän muß schweigen, aber er handelte allzuoft nach dem umgekehrten Grundsatze. Als Philosoph sah er in der Wahrung des Rechts die stärkste Wurzel der fürstlichen Souveränität, aber als König glaubte er ebendeshalb überall eingreifen zu müssen, wo ihm die Gerichte das Recht nicht richtig zu handhaben schienen, womit dann die Kabinettsjustiz seines Vaters glücklich wiederhergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des aufgeklärten Despotismus, daß der aufgeklärte Despot sich auch dann oder vielmehr dann erst recht in einem verderblichen Kreise herumbewegt, wenn er wirklich einmal einen Kulturfortschritt anbahnen will. Friedrich haßte die »Justiz nach der alten Leier«, die nach seiner triftigen Behauptung immer den reichen Leuten geholfen hatte, die halb verkäufliche, halb versimpelte Justiz seines Vaters, der die Richterstellen teils nach den Einzahlungen in die Rekrutenkasse vergab, teils nach dem Grundsatze, daß Bewerber von »Kop« der Verwaltung, »dume Teuffel« aber der Justiz überwiesen werden sollten. Friedrich empfand auch ganz richtig, daß eine herkulische Arbeit zu vollbringen, ein wahrer Augiasstall zu reinigen sei, wenn er eine »prompte und unparteiische, kurze und solide Justiz administrirt« haben wollte. Aber die Schlußfolgerung, die er daraus zog und vom Standpunkt des aufgeklärten Despotismus nicht mit Unrecht zog, daß er nämlich »sich selbst darein meliren«, daß er selbst auf dem Posten sein und jeden Augenblick dreinfahren müsse, wenn die Kabale sich einzuschleichen drohe, führte notgedrungen wiederum zu der verderblichen Kabinettsjustiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann es dem König nicht eigentlich zum Vorwurfe machen, daß er es in erster Instanz bei der Patrimonialgerichtsbarkeit bewenden ließ, der Gerichtsbarkeit der Junker über die Bauern, bei welcher nach einem zeitgenössischen Worte »der Stock die Gelehrsamkeit ersetzte«. Denn daran konnte er aus schon entwickelten Gründen beim besten Willen nichts ändern. Aber Friedrich hat auch in den landesherrlichen Gerichten der oberen Instanzen niemals für eine unabhängige Justiz gesorgt; er hat stets den Grundsatz zurückgewiesen, daß Richter nicht durch königliche Machtsprüche, sondern nur kraft eines richterlichen Urteils abgesetzt werden könnten. So fegte Cocceji, des Königs rechte Hand in Justizsachen, einmal das ganze Kammergericht bis auf zwei Räte aus, darunter Männer, die seit Jahrzehnten unverweislich ihre Pflicht erfüllt hatten, ohne jedes Urteil, ja ohne jede Anklage, nur um die erledigten Stellen mit seinen Kreaturen zu besetzen. Friedrichs gesunder Widerwille gegen jede Justizverschleppung machte es nach und nach bei ihm zur fixen Idee, daß die Beendigung jedes Prozesses im Laufe eines Jahres der Inbegriff nicht nur einer »kurzen«, sondern auch »soliden« Justiz sei; die Prozeßordnung, die Cocceji entwerfen mußte, nennt sich schon in ihrem Titel »das Projekt des Codicis Fridericiani Marchici, nach welchem alle Prozesse in einem Jahr durch alle Instanzen zu Ende gebracht werden sollen und müssen«. Um dieses Ziel zu erreichen, umging Friedrich die ordentlichen Gerichte und setzte Immediat-Kommissionen ein; »mit wahrem Vergnügen« stellt er in einer Kabinettsorder vom 11. Mai 1747 fest, daß eine solche Kommission unter Coccejis Vorsitz binnen Jahresfrist am Hofgericht in Stettin 1600 und am Hofgericht in Köslin 720 Prozesse »abgetan« hat. Wie es bei dieser summarischen Justiz herging, sagt erschöpfend das lakonische Wort des Justizministers Jarriges: »Marsch! was fällt, das fällt.« Nicht ohne Grund sah Friedrich eine Ursache der Prozeßverschleppung in der damaligen Advokatur, die von seinem Vater grausam verfolgt worden war und infolgedessen zweifelhafte Subjekte reichlich genug in ihren Reihen hatte. Aber es trug gewiß nicht zur Hebung dieses Berufs bei, daß Friedrich neben mancher verständigeren Anordnung als Hauptmittel der Besserung die Kassation fortdauernd über dem Haupte jedes Advokaten schweben ließ; fehlten andere Gründe, so wurden des abschreckenden Beispiels wegen von Zeit zu Zeit einige beseitigt. So im Jahre 1775 ihrer sieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König hielt sich für den obersten Richter, der nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, jeden einzelnen Rechtsfall selbst zu entscheiden, einen Teil seiner richterlichen Gewalt auf andere übertragen habe, und in seinem königlichen Willen sah er die Quelle, welche die dürre Heide des geschriebenen und überlieferten Rechts gewissermaßen erst befruchtete. Vor allem auf dem Gebiete des Kriminalrechts suchte er diese Auffassung, soweit als nur immer möglich war, praktisch durchzuführen. In allen wichtigeren Fällen mußten die Erkenntnisse durch landesherrliche Gerichte gefällt und, wenn es sich um bedeutendere Strafen handelte, vom Landesherrn bestätigt werden. Sträflinge durften auf den Festungen nur auf Grund einer königlichen Order angenommen werden. Friedrich ließ hieran nie etwas ändern; er glaubte so die Untertanen am besten vor Unterdrückung gesichert; er wollte sich auch wohl vorbehalten, die scheußlichen Strafen der Karolina, die noch immer das preußische Strafrecht war, zu mildern. Aber der Justizminister v. Arnim, der als Chef des Kriminaldepartements die genaueste Sachkenntnis gewonnen hatte und übrigens den König lebhaft bewunderte, hat gleich nach dessen Tode in einer ausführlichen Schrift dargetan, wie wenig auf diesem Wege erreicht wurde. Indem der König sich an keine Grundsätze binden wollte, verfiel er in Launen, und gemeiniglich verschlimmerte er das Übel, das er beseitigen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogleich bei seiner berühmtesten Justizreform: der Aufhebung der Folter. Die Tortur war nicht in &#039;&#039;dem&#039;&#039; Sinne eine sinn- und zwecklose Grausamkeit, daß sie von bösen oder dummen Menschen erfunden worden war und von einsichtigen oder guten Menschen einfach aufgehoben zu werden brauchte. Sie bildete vielmehr die Spitze des damaligen Kriminalprozesses, der die gesetzliche Strafe nicht ohne Eingeständnis des Angeklagten verhängen durfte und deshalb die Folter anwenden mußte, um einem nach der Überzeugung des Gerichtshofes sonst überführten Verbrecher auch das zur Verurteilung notwendige Geständnis zu entreißen. Deshalb hatte selbst Thomasius die Tortur nicht unbedingt zu verwerfen gewagt, und wenn Friedrich wirklich mit der barbarischen Gewohnheit brechen wollte, so mußte er eben den Kriminalprozeß gesetzlich reformieren. Aber daran dachte er nicht im entferntesten; er entschied von Fall zu Fall, sicher, daß er in jedem Falle das Rechte treffen werde. Ein aufsehenerregender Fall, in dem die Unschuld des Angeklagten gerade noch entdeckt wurde, als er schon auf die Folter gebracht werden sollte, veranlaßte ihn zur Anweisung an die Gerichte, nicht mehr auf Tortur zu erkennen. Dann aber verfügte der König in einem anderen Falle, in dem die Verurteilung eines zweifellos schuldigen Verbrechers an dessen Leugnen zu scheitern drohte, das mangelnde Geständnis durch – Prügel zu erzwingen. Damit war denn die Tortur in einer neuen und gefährlicheren Form wiederhergestellt. Sie hatte früher nur auf Grund eines förmlichen Erkenntnisses landesherrlicher Gerichte angewandt werden dürfen, während nunmehr jedem Untersuchungsrichter gestattet war, nach Herzenslust zu prügeln; »die Inquirenten bedurften dazu keiner höhern Ermächtigung und wandten das erwünschte Mittel so energisch an, daß man bald einige eklatante Justizmorde zu beklagen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Alte und neue Rechtszustände in Preußen; Preußische Jahrbücher, 5, 390.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Willen des Königs als höchstem Gesetz hat es seine eigentümliche Bewandtnis. Entweder rüttelt er in eitlem Fürwitz an dem organischen Zusammenhange der historischen Entwicklung, und dann scheitert er oder zerstört, wo er schaffen möchte. Oder aber er begnügt sich mit dem Spielraume, den jeweilig die fürstliche Klasse hat, und dann erweist er sich keineswegs als Kind einer überirdischen Weisheit, sondern als das sehr irdische Erzeugnis von Klasseninteressen. Wer daran zweifelt, daß die geistigen Lebensformen durch die materiellen Lebensverhältnisse bestimmt werden, mag nur einmal Friedrichs Strafrechtspflege studieren; das Beispiel ist um so beweiskräftiger, als es dem Könige mit seiner Justizreform bitterer Ernst war, als er auf keinem Gebiete so kräftig wie auf diesem seine philosophischen Anschauungen in seinem fürstlichen Handwerke zu verwirklichen strebte. Sein Moral- und Strafkodex in Sachen der sogenannten fleischlichen Verbrechen spiegelt mit fast grotesker Schärfe seine Bevölkerungspolitik wider. Er verbot die Kirchenbuße gefallener Mädchen und untersagte jedem, ihnen wegen ihres Fehltritts Vorwürfe zu machen. Er gestattete zwar, daß, wenn einer in puncto sexti sich vergangen hatte, zwei Prediger ihm den begangenen Fehler zu Gemüte führen könnten, aber er fügte hinzu, »ohne zu poltern oder zu schelten«, und keiner der Geistlichen dürfe davon etwas verlauten lassen bei Strafe der Kassation; es müsse alles wie in der Beichte gesprochen angesehen werden. Er begnadigte gänzlich in Fällen von Blutschande, die dennoch vor die Gerichte gelangt waren, oder, was noch bezeichnender ist, als sich ein Ehemann bei Lebzeiten der Ehefrau mit der Tochter vergangen hatte, lehnte er die Begnadigung mit der Begründung ab: »Das ist zu gropf.« Er gewann dadurch überhaupt eine so weitherzige Ansicht von den fleischlichen Verbrechen, daß er das über einen Kavalleristen wegen Sodomiterei gefällte Todesurteil mit der klassischen Randschrift kassierte: »Der Kerl ist ein Schwein; er soll zur Infanterie.« Er beseitigte die Todesstrafe, die auf Abtreibung der Leibesfrucht gesetzt war, damit die Mutter durch spätere Fortpflanzung ihr Verbrechen wieder gutmachen könne. Er ließ die Bigamie nicht nur ungestraft, sondern erkannte sie rechtlich an, wie beispielsweise beim General Favrat. Friedrich selbst hatte bekanntlich schon an einer Frau zuviel, und es wäre lächerlich, seine juridische und moralische Weitherzigkeit in geschlechtlichen Dingen einer persönlichen Lasterhaftigkeit zuzurechnen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Doch ist zu bemerken, daß diese Weitherzigkeit den König nicht etwa verleitete, mit der katholischen Kirche wegen der &#039;&#039;kirchlichen&#039;&#039; Strafen anzubinden, die sie auf die Übertretung &#039;&#039;kirchlicher&#039;&#039; Eheverbote setzte. Friedrich war viel zu gescheit, um so »genial« wie der Herr Bismarck im »Kulturkampfe« zu sein. Einen Übergriff seiner Behörden in dieser Beziehung redressierte er sofort, indem er verfügte: »Indem sie (die katholischen Geistlichen) gedachtem Berkmeier die Absolution und das Abendmahl versagen, so geschieht ja dadurch kein Eingriff in unsere Rechte, welche uns in Ansehung der Dispensation in Ehesachen zustehen, sondern sie tun anderes nicht, als daß sie den Supplikanten von einem Genuß ausschließen, dessen er sich durch seine in der römischen Kirche verbotene Heirat verlustig gemacht und den er nicht verlangen kann, solange er ein Mitglied dieser Kirche ist.«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In schroffem Gegensatze zu dieser Weitherzigkeit und doch in vollkommenem Einklänge mit ihr stand die barbarische Grausamkeit der friderizianischen Rechtspflege, soweit es sich nicht um die Lieferung, sondern um die Trainierung des Menschenmaterials für despotische Zwecke handelte. Bei militärischen und politischen Verbrechen, mochten sie auch nur »Verbrechen« nach der damaligen Staatsräson sein, schreckte Friedrich vor keiner noch so brutalen Verletzung der Rechtsformen, vor keiner noch so entsetzlichen Strafe zurück. Da betrachtete er sich als unbeschränkten Herrn über Freiheit und Leben seiner Untertanen; da verhängte er Freiheits- und Lebensstrafen, wenn es ihm paßte, aus eigener Machtvollkommenheit und verschärfte ins Ungeheuerliche die richterlichen Urteile, die seiner Bestätigung bedurften. Er schlug es rundweg ab, wenn ihn einmal ein Oberst bei stark mildernden Umständen eines einzelnen Falles um eine Milderung der blutigen Kriegsartikel bat; er ließ den Geheimrat Ferber ohne Urteil und Recht wegen Verbreitung angeblich landesverräterischer Nachrichten in Spandau enthaupten und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken. Namentlich mit den wachsenden Jahren des Königs nahm seine Kabinettsjustiz sehr überhand. Um ihr einigermaßen zu steuern, vermied das Kammergericht nach Möglichkeit, auf Festungsstrafe zu erkennen; in einem Falle konnte es einen offenbaren Justizmord, auf den es nach Befehl des Königs erkennen sollte, nur dadurch hindern, daß es die Erledigung des Verfahrens bis über den Tod Friedrichs verschleppte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sache des Müllers Arnold, dem bekanntesten Falle der friderizianischen Kabinettsjustiz, spielten verschiedene Gesichtspunkte durcheinander. Eine Justiz, die das Recht des Bauern rücksichtslos gegen den Junker zu wahren schien, war ein treffliches Anziehungsmittel für bäuerliche Ansiedler aus der Fremde, und sie war auch ein derber Denkzettel für die gar zu patriarchalische Gerichtsbarkeit der Junker. Aber Friedrich wurde dabei doch in sehr empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert. Er bog das Recht, um in einem einzelnen Falle einem einzelnen Bauern zu helfen, aber als nunmehr Schwärme von Bauern das Schloß umlagerten und zu den Fenstern des Königs gerichtliche Urteile emporhoben, durch die sie viel schlimmeres Unrecht erfahren haben wollten als der Müller Arnold, da konnte er ihnen nicht helfen. Dazu wirkte noch ein militärpolitischer Gesichtspunkt in dieser berühmten Affäre mit. Der Müller Arnold hatte seine Beschwerden auf militärischem Wege zu den Ohren des Königs zu bringen gewußt, und Friedrich hatte irgendeinen unwissenden Kriegsknecht von Obersten mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Auf dessen Bericht hin kassierte er die Richter des Kammergerichts, die gegen den Müller entschieden hatten, in schimpflichster Weise und schrieb an den Minister v. Zedlitz, der sich weigerte, dem Gewaltakte hilfreiche Hand zu leisten: »Das Federzeug verstehet nichts. Wenn Soldaten etwas untersuchen und dazu Order kriegen, so gehen sie den geraden Weg und auf den Grund der Sache. Allein ihr könnt das nur gewiß sein, daß ich einem ehrlichen Offizier, der Ehre im Leibe hat, mehr glaube als allen euren Advokaten und Richtern.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In der Sache des Müllers Arnold geben die preußischen Mythologen meistens der Wahrheit die Ehre, und es ist deshalb zu bedauern, daß Dühring, Sache, Leben und Feinde, 394, sie wegen ihrer »meist feige verhaltenen, aber doch hinreichend sichtbaren Bosheit gegen jene wirkliche Großtat des originalen Königs« verhöhnt. Eher versteht man es schon, wenn neuestens irgendein patriotischer preußischer Amtsrichter in guter Witterung der Zeit die rettende soziale Tat des Königs preist, die sich über formale Gesetzesbedenken hinweggesetzt habe. Übrigens scheint Friedrich selbst seinen Gewaltschritt bald als solchen erkannt und nur deshalb nicht zurückgetan zu haben, weil er seine königliche Unfehlbarkeit nicht bloßstellen wollte. Interessante Einzelheiten darüber bei Preuß, 3, 522 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So haben wir denn den aufgeklärten Despotismus Friedrichs nach seinem innern Zusammenhange, seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in großen Umrissen geschildert. Ließ sich dabei eine gewisse Ausführlichkeit nicht vermeiden, so können wir uns über die Moral von der Geschichte um so kürzer fassen. Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn wir noch nachweisen wollten, daß dieser aufgeklärte Despotismus mit dem Zeitalter der deutschen Humanität, dem Lessing die erste Bahn brach, schlechterdings gar nichts zu tun hat. An einem Dornstrauche können keine Feigen wachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bleibt noch übrig, die Diplomatie und die Kriegführung Friedrichs auf den gleichen Gesichtspunkt zu untersuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Friedrichs Diplomatie und Kriegführung ==&lt;br /&gt;
Die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats war durch seine Lebensbedingungen gegeben. Er konnte dauernd nicht bestehen, solange er sich, von ein paar Landparzellen am Rhein abgesehen, einzig auf die voneinander getrennten Landschaften Brandenburg und Ostpreußen stützte, von denen Ostpreußen zudem noch unter polnischer Lehnshoheit stand. Diese abzuschütteln, sich zwischen Polen und Schweden eine unabhängige Stellung zu sichern und den Zankapfel beider Mächte, die Herrschaft über die Ostsee, selbst an sich zu reißen, durch die Erwerbung der anderen ostelbischen Kolonisationen, namentlich Pommerns und Schlesiens, mit deren Besitze das ganze handelspolitische Gebiet der Oder unter preußische Hoheit kam, ein ökonomisch und politisch abgerundetes Gemeinwesen herzustellen – das war zunächst die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats, die von selbst gegeben war und sich gewissermaßen auch von selbst durchsetzte. Die größere oder geringere »Genialität« der einzelnen Fürsten hatte dabei nur insofern mitzusprechen, als sie ihnen eine größere oder geringere Einsicht in den notwendigen Gang der Dinge ermöglichte und somit die Wahl gewährte, sich nach dem lateinischen Worte von den Geschicken leiten oder schleppen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben gesehen, daß schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm den Plan zur Erwerbung Schlesiens entworfen und das Erlöschen des habsburgischen Mannesstammes als den Zeitpunkt angegeben hatte, wo diese Eroberung ins Werk zu setzen sei. Er selbst erwarb zunächst die Souveränität des Herzogtums Preußen, auf welche sein Nachfolger, Friedrich I., dann die Königswürde gründete. Für diesen Zweck warf sich der Kurfürst in den polnisch-schwedischen Kriegen um die Ostsee bald auf die eine, bald auf die andere Seite, mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die sogar den brandenburgischen Hofgeschichtsschreibern ein leises Schaudern einflößt. Es gelang dem Kurfürsten ferner, den größeren, aber hafenarmen Teil von Pommern an sich zu bringen; dagegen blieben Vorpommern und Stettin in den Händen der Schweden. Zweimal glaubte der Kurfürst auch diesen Teil von Pommern in der Hand zu haben; zweimal, im Westfälischen Frieden und im Frieden von St. Germain, mußte er zu seinem bittersten Verdrusse darauf verzichten. Schon im Jahre 1646 erklärte er, von der Oder könne und werde er ohne den Ruin seines Hauses nicht abstehen, und er kämpfte Schritt um Schritt um die Odermündungen. Aber wie er, so wußten auch seine Gegner, wessen der brandenburgisch-preußische Staat bedurfte. So unanfechtbar die Erbansprüche des Kurfürsten auf das ganze Pommern waren: Frankreich, Österreich, Schweden widersetzten sich ihnen gleichmäßig. Ehe sie dem Kurfürsten einen beherrschenden Platz an der Ostsee einräumten, stopften sie ihm lieber den Mund durch die Bistümer Kammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg, das heißt durch einen Besitz, der sowohl an Umfang wie an Kultur dem vorenthaltenen Teile von Pommern weit überlegen war.&amp;lt;ref&amp;gt;Nähere Daten darüber bei Stenzel, Geschichte des preußischen Staats, 2, 47 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl unterzeichnete der Kurfürst den westfälischen Friedensvertrag mit dem Stoßseufzer, daß er wünschte, nie schreiben gelernt zu haben. Erst seinem Enkel, dem Könige Friedrich Wilhelm I., gelang es, aus dem Schiffbruche des schwedischen Karl XII. Stettin und die Odermündungen sowie ein Stück von Vorpommern zu erwerben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der habsburgische Mannesstamm erlosch im Jahre 1740, wenige Monate nachdem Friedrich II. die Regierung angetreten hatte. Es war nun weder ein genialer Gedanke noch eine revolutionäre Insurrektion, sondern einfach die unverbrüchliche Politik des preußischen Militärstaats, die den König veranlaßte, sofort in Schlesien einzufallen, sogar noch ehe Maria Theresia seine Vorschläge zu einer friedlichen Einigung über die brandenburgischen Erbansprüche auf einzelne Teile dieser Landschaft abgelehnt hatte. Von diesen Erbansprüchen spricht Friedrich verständigerweise immer mit Ironie; er wollte einzig eine niemals wiederkehrende Gelegenheit benützen, um den preußischen Staat so abzurunden, daß sein Heer mit der wachsenden Militärmacht der großen Staaten einigermaßen Schritt halten konnte. Er wußte sehr gut, daß seine Erbansprüche in Wien nicht imponieren würden, und er machte sie allein aus taktischen Gründen geltend, teils um seiner Eroberungspolitik einen »rechtlichen« Anstrich zu geben, teils um den Bedenken des Marschalls Schwerin und des Ministers Podewils gerecht zu werden; deshalb sind auch nicht viele Worte darüber zu verlieren, daß er Schlesien besetzte, noch ehe er eine endgültige Absage aus Wien empfangen hatte. Aber freilich sind diese »friedlichen« Verhandlungen ein schlagender Beweis mehr gegen die revolutionäre Insurrektion; wäre Maria Theresia auf Friedrichs Angebote (Unterstützung durch Geld und Waffen gegen ihre sonstigen Feinde und die brandenburgische Kurstimme für die Wahl ihres Gemahls zum römischen Kaiser) eingegangen und hätte sie dafür auch nur Niederschlesien abgetreten, so würde Friedrich die »habsburgische Fremdherrschaft« und wie die schönen Schlagworte von heute sonst noch lauten, nach Kräften gestützt haben. Abgewiesen in Wien, mußte er sich zum Kriege entschließen, der nun aber auch weder eine »revolutionäre Insurrektion« noch eine »patriotische Reichsreform« werden konnte. Denn wenn das habsburgische Kaisertum von Papstes Gnaden ein Schatten war, so stellte das wittelsbachische Kaisertum von Frankreichs Gnaden, dessen Banner Friedrich nunmehr angeblich trug, höchstens eines Schattens Schatten dar. Dagegen war das Bündnis mit Frankreich gegen das habsburgische Kaisertum altbrandenburgische Hauspolitik; hatte doch Kurfürst Joachim I. 1519 dem französischen Könige Franz I., Kurfürst Friedrich Wilhelm 1679 dem französischen Könige Ludwig XIV. die deutsche Krone vertragsmäßig versprochen.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 2, 2, 68 ff. Ranke, Genesis, 335 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu alledem kommt noch die merkwürdige Tatsache, daß nicht eigentlich Friedrich Schlesien eroberte, sondern sein Vater, jener kaiser- und reichsfromme Fürst, der lange Jahre zum Gespötte von ganz Europa durch den kaiserlichen Gesandten Seckendorff am Gängelbande geführt worden war. Aus der von ihm sehr ungeschickt eingeleiteten Schlacht bei Mollwitz floh Friedrich verzagt und vorzeitig nach einigen erfolgreichen Angriffen der österreichischen auf die preußische Reiterei, aber das preußische, von Friedrich Wilhelm I. und dem Fürsten von Dessau gedrillte Fußvolk stand wie eine Mauer und entschied ohne sonderlichen Einfluß einer höheren Führung den Sieg. Ebenso unglücklich war Friedrichs erstes Auftreten als Diplomat. In dem Vertrage von Kleinschnellendorf verriet er seinen französischen Bundesgenossen an Österreich, gestattete er dem österreichischen Heere, »um die Schlüssel einer einzigen, im Grunde nicht widerstandsfähigen Festung«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 153.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich auf seine französischen Verbündeten zu stürzen, die ihm, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten bekennt, keinen Anlaß zu einem Bruche gegeben hatten. Über die Moral der Sache sind wieder nicht viele Worte zu verlieren; Frankreich und Preußen hatten das gleiche Interesse, Österreich zu schwächen, aber nur so weit, daß der eigene Bundesgenosse dadurch nicht zu stark wurde; es ist schwer zu sagen, ob Friedrich die Franzosen öfter in die Patsche gebracht hat oder sie ihn, wie denn das Gezeter der Zeitgenossen über Friedrichs »Treulosigkeit« gemeiniglich nicht sittliche Entrüstung, sondern nur der Schmerzensschrei eines geprellten Schelms war, über den anderthalb Schelme gekommen waren. Friedrich kannte schon Goethes geflügeltes Wort; er umschreibt es in einem Briefe an Podewils mit dem Satze: »Wenn düpiert werden muß, so seien wir denn Schelme (fourbes).« Aber der Vertrag von Kleinschnellendorf war eine Schelmerei, bei welcher Friedrich düpiert wurde, während er düpieren wollte, und ein Diplomat kann kein schlechteres Geschäft machen, als wenn er einen Bundesgenossen verrät, mit kaum nennenswertem Gewinne für sich, aber mit dem größten Gewinne für den gemeinsamen Gegner. Damals erwarb sich Friedrich den durch seine spätere Diplomatie nicht mehr gerechtfertigten Vorwurf, daß er den kleinsten Gewinn des Augenblicks den größten Vorteilen der Zukunft vorziehe. Eher schon erklärte sich die zweite Preisgabe seiner Bundesgenossen, als Friedrich den Sonderfrieden von Breslau schloß, worin ihm Maria Theresia, namentlich auf Betrieb der englischen Diplomatie, Schlesien abtrat, um den gefährlichsten Feind zunächst loszuwerden und gegenüber ihren sonstigen Gegnern freiere Hand zu bekommen, das heißt also: mit stillen Vorbehalten für die Zukunft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Vorbehalte lagen so sehr in der Luft, daß es sich abermals leicht erklärt, wenn Friedrich 1744, als im währenden Österreichischen Erbfolgekriege die Erfolge Maria Theresias gegenüber Frankreich und dem wittelsbachischen Schattenkaiser gar hoch gestiegen waren, ein neues Bündnis mit Frankreich schloß und als deutscher Reichsstand seine »Hilfsvölker« dem in seiner Ehre und Würde schwer verletzten Kaiser zuführte. Nur verfiel er auch diesmal einem schweren diplomatischen Fehler, indem er sich im geheimen ein gutes Stück von dem Königreich Böhmen, das er für den Kaiser zu erobern gedachte, für den preußischen Staat ausbedang. Das Geheimnis wurde bald ruchbar und stellte den König moralisch-politisch bloß um einer ganz illusionären Aussicht willen. Hier lag einer der Fälle vor, in denen sich Friedrich in der Tat über seine Machtmittel getäuscht hat. Denn so leicht sich Schlesien bei seiner geographischen Lage und seinen ökonomischen Lebensbedingungen dem preußischen Staate einverleiben ließ, so unlösbar war diese Aufgabe auch nur für einen Teil von Böhmen. Mit der Eroberung dieses Königreichs machte Friedrich denn auch sehr bittere Erfahrungen. Diesmal ließen seine französischen Bundesgenossen ihn im Stich, und der alte Marschall Traun, den Friedrich dann selbst stets mit erfreulicher Ehrlichkeit als seinen Lehrer in der Kriegskunst gepriesen hat, manövrierte ihn unter nahezu völliger Auflösung des preußischen Heeres über die schlesische Grenze zurück. Der Winter von 1744 bis 1745 war eine überaus schwere Zeit für Friedrich; wie er in ihr nach dem Zeugnisse der fremden Gesandten äußerlich zum Manne reifte, so machte er sich innerlich von allen Illusionen frei, mit denen ihn auf dem Gebiete der auswärtigen Politik bisweilen wohl Ehrgeiz, Ruhmbegierde oder, wie er sich gelegentlich ausdrückte, ein »geheimer Instinkt« genarrt hatten. Obgleich er im Jahre 1745 in einer ganzen Reihe von Schlachten und Treffen (Hohenfriedberg, Soor, Katholisch-Hennersdorf, Kesselsdorf) die Österreicher und die Sachsen mit seinem wiederhergestellten Heere schlug, so erbot er sich am Jahresschlusse doch, unter schmerzlichem Erstaunen Frankreichs, unter anfangs ungläubigem, dann freudigem Erstaunen Österreichs, zu einem zweiten Sonderfrieden, wofern ihm der Besitz Schlesiens bestätigt würde. Und nach Erfüllung dieser Bedingung kehrte er in seine Staaten zurück, entschlossen, sein Lebtag »keine Katze mehr anzugreifen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß es dem Könige voller Ernst mit diesem Entschlusse war. Zwar ist, als elf Jahre später der Siebenjährige Krieg ausbrach, sofort der Vorwurf gegen ihn erhoben worden, daß er in ehrgeiziger und mutwilliger Absicht wieder zu den Waffen gegriffen habe, und diese Anklage scheint um so schwerer ins Gewicht zu fallen, als sie zuerst von Friedrichs eigenen Brüdern erhoben wurde und unter der Mehrzahl seiner Generale und Minister heimliche Zustimmung fand. Auch erscheint sein plötzlicher Überfall Sachsens und die rücksichtslose Knebelung dieses Landes als ein ruchloser Landfriedensbruch. Allein der König entschloß sich zu dem Gewaltschritt höchst ungern und erst unter dem unerbittlichen Zwange der Umstände. Durch den Verrat österreichischer und sächsischer Beamten war er seit mehreren Jahren urkundlich auf dem laufenden erhalten worden über Verhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Rußland, die dahin abzielten, ihn zu überfallen und die aufstrebende Macht des preußischen Staats zu brechen. Die Tatsache dieser Verhandlungen ist und war schon damals unbestreitbar, aber die preußischen Prinzen meinten, das alles hätte noch gar sehr in der Luft geschwebt und wäre ohne das unzeitige Losbrechen des Königs möglicherweise in leeren Dunst zerflossen. Möglicherweise allerdings, und dieser Möglichkeit trug Friedrich auch alle Rechnung, indem er die österreichisch-sächsisch-russischen Verhandlungen jahrelang mit gespannter Aufmerksamkeit, aber sonst in unbeweglicher Ruhe verfolgte. Indessen es gab auch die entgegengesetzte Möglichkeit, die Friedrich nicht zur Gewißheit werden lassen durfte, wenn er nicht in die furchtbarste Pressung geraten wollte. Und diese Möglichkeit wuchs zur Gewißheit heran, als der ökonomische Interessengegensatz Englands und Frankreichs in den nordamerikanischen Kolonien in offenen Krieg ausbrach und damit auch ein Krieg im Innern Deutschlands entschieden war, denn ein Angriff Frankreichs auf Hannover als die wundeste Stelle Englands verstand sich von selbst. Das französisch-preußische Bündnis lief im Juni 1756 ab, und Friedrichs Versuche, es zu erneuern, waren gescheitert. Nicht wegen der freundlichen Gesinnung, die Maria Theresia, und wegen der unfreundlichen Gesinnung, die Friedrich der Pompadour bezeigt hatten, denn dergleichen Dinge spielten selbst in dem absolutistischen Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts für die großen politischen Entscheidungen höchstens in ganz nebensächlicher Weise, oder, wie es in der Sprache der Gerichte heißt, als »adminikulierendes Beiwerk« mit.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Da der obenerwähnte Quark in den bürgerlichen Geschichtswerken immer wieder breitgetreten wird, so mag er beiläufig wenigstens insoweit berücksichtigt werden, als aus ihm Streiflichter auf die Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts fallen. Maria Theresia selbst hat in einem Schreiben an die sächsische Kurprinzessin Maria Antonia den persönlichen Briefwechsel mit der Pompadour bestritten, und die einfache Versicherung der, was ihre Person anbetrifft, edlen und hochherzigen Frau wirft den entgegengesetzten vagen Klatsch in den Memoiren von Duclos, Montgaillard, Richelieu und selbst die genaueren Angaben v. Hormayrs im Taschenbuche für die Vaterländische Geschichte von 1811 über den Haufen. Wenn aber die österreichischen Gesandten und Minister, um das französisch-preußische Bündnis zu sprengen, der Pompadour hofierten, so taten sie nur dasselbe, was der preußische Gesandte, Graf Rothenburg, zwölf Jahre früher bei Abschluß des Bündnisses getan hatte; der einzige Unterschied war, daß die königliche Mätresse 1744 nicht Pompadour, sondern Chateauroux hieß. Herr Koser, der ja neuerdings von der preußischen Staatsanwaltschaft als »objektiver und wissenschaftlicher Sachverständiger« über preußische Geschichte in Majestätsbeleidigungsprozessen zugezogen worden ist, erzählt 1, 219, daß »Graf Rothenburg wiederholt selbdritt mit dem Könige bei der Herzogin von Chateauroux zur Nacht speiste«, und fügt hinzu: »Wie hätte die Herzogin des Königs von Preußen ritterlichen Sendboten in seinen Bemühungen nicht fördern sollen, der wie sie selbst einen Appell an die edleren, an die königlichen Leidenschaften in Ludwigs Brust versuchte!« Ja, wie »hätte« sie nicht, und so kam »selbdritt« das preußisch-französische Bündnis von, 1714 zustande, für Preußen das Vorspiel zum Zweiten Schlesischen Kriege, für Frankreich ein neuer Aufschwung des Österreichischen Erbfolgekrieges, dem durch die Anwesenheit Ludwigs XV. im Felde – dies ist es, was Herr Koser »die edleren, die königlichen Leidenschaften« nennt – ein frischer Druck gegeben werden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon hieraus ergibt sich, daß Friedrichs Mißachtung der Pompadour keineswegs spießbürgerlichen Anstandsbegriffen entsprang, die ganz und gar nicht zu seinen Schwächen gehörten. Vielmehr: Wenn er nach dem Zeugnisse von Valori und Voltaire über die Pompadour (&#039;&#039;vor&#039;&#039; dem Siebenjährigen Kriege – denn in den Nöten dieses Krieges hat er ihr sogar (siehe Schäfer, Siebenjähriger Krieg, 1, 415) das Fürstentum Neuchâtel für Lebenszeit anbieten lassen um den Preis des Friedens mit Frankreich – verächtlich zu sprechen pflegte, so geschah es einfach, weil die Marquise als einfache Antoinette Poisson aus der Roture emporgekommen war, im Gegensatze zur Chateauroux, die eine geborene Marquise de la Tournelle war. Friedrich machte hier denselben Unterschied, den bald nach seinem Tode der Hof und die »Gesellschaft« von Berlin, ja den bis heute die bürgerlich-preußische Geschichtsschreibung macht, indem sie alle Schmach des Mätressenregiments unter Friedrich Wilhelm II. auf die Gräfin Lichtenau, geborene Mamsell Encke, abwälzt und die adeligen Dirnen dieses Königs, die Voß, Dönhoff und wie sie sonst noch heißen, im heroisch-sentimentalen Brillantfeuer einer tragischen Liebesleidenschaft erscheinen läßt. Dem »Philosophen von Sanssouci« stand dieser Unterschied nur um so weniger an, als die Antoinette Poisson trotz alledem auch eine kleine Philosophin war. Sie rettete die Enzyklopädie, als das Parlament von Paris im großen Hofe des Justizpalastes den Scheiterhaufen für das berühmte Werk anzünden ließ; unter ihrem Schutze schrieb François Quesnay sein berühmtes Tableau économique, und dies wie anderes will doch ein wenig mehr bedeuten, als wenn die »hochgesinnte Kebse«, wie selbst Carlyle die Chateauroux nennt, ihren königlichen Liebhaber in ein Kriegsabenteuer jagte, zu dem er taugte wie der Esel zum Lautenschlagen.)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sondern beide Teile hatten bei dem Bündnisse ihre Rechnung nicht gefunden, und wenn die am französischen Hofe immer noch mächtige Partei, die getreu den Überlieferungen Richelieus und .Mazarins in der deutschen Zerrissenheit eine Quelle der französischen Macht sah und somit an dem preußischen, gegen das habsburgische Kaisertum gerichteten Bündnisse festhalten wollte, nochmals die Sendung eines Unterhändlers nach Berlin durchsetzte, so hatte dieser, ein Herzog von Nivernois, doch so viel zu verlangen und so wenig zu bieten, daß Friedrich sich unmöglich auf den Handel einlassen konnte. Der Herzog bot beispielsweise für die preußische Waffenhilfe in dem drohenden Kriege mit England die Insel Tobago, worauf Friedrich mit berechtigtem Spotte erwiderte: »Die Insel Tobago? Sie meinen wohl die Insel Barataria, für die ich aber nicht den Sancho Pansa machen kann.« Damals kannte nämlich die preußische Politik noch nicht jene großmäuligen Fanfaronaden des Herrn Bismarck, wonach das Flaggenhissen auf irgendeinem tropischen Sand- oder Sumpfflecken stets eine nationale Großtat ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug: Um nicht einer völligen Isolierung zu verfallen, schloß Friedrich am 16. Januar 1756 mit England die Neutralitätskonvention von Westminster ab, eine gegenseitige Übereinkunft, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Als Gegenschlag folgte am 1. Mai desselben Jahres das französisch-österreichische Schutzbündnis, und Österreich begann mit großen Rüstungen. Nunmehr richtete Friedrich zweimal eine diplomatische Anfrage nach Wien, einmal nach dem Zwecke dieser Rüstungen und dann darnach, ob er für dies und das folgende Jahr vor jedem österreichischen Angriffe sicher sei. Beide Male erhielt er ausweichende, nichtssagende, ja geradezu höhnische Antworten, und jetzt durfte er bei dem eigentümlichen Wesen des preußischen Militärstaats keinen Augenblick länger zögern. Nach einem treffenden Vergleiche von Carlyle besaß er ein ungleich kürzeres Schwert als Frankreich und Österreich, aber er brachte es dreimal so schnell aus der Scheide wie diese Großmächte, und er konnte schlechterdings nicht warten, bis dieser sein gewichtiger, aber auch einziger Vorzug vor seinen ihm sonst in jedem Betrachte überlegenen Gegnern illusorisch geworden war. Von seinem und seines Staates Interessenstandpunkte aus, und der ist doch für seine subjektive Beurteilung entscheidend, könnte man eher sagen, daß er schon zu lange gezögert hatte und daß er sich mindestens die zweite Anfrage nach Wien hätte sparen können. Vielleicht hätte er es auch getan, wenn ihm am Beginn des Feldzugs zu einer möglichst späten Jahreszeit nicht auch aus dem gewichtigen Grunde gelegen gewesen wäre, kein französisches Heer mehr in diesem Jahre auf deutschem Boden erscheinen zu sehen. Jedenfalls entstand seinem Plane, durch schnelle Schläge die gefährlichsten und nächsten Gegner, die Sachsen und Österreicher, so weit zu betäuben, daß sie sich gern zu dauerndem Frieden entschlössen, dadurch das erste Hindernis, daß Sachsen noch im letzten Augenblicke seine Truppen in das Felsenlager von Pirna zusammenziehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein preußischer Eroberungskrieg war der Siebenjährige Krieg somit nicht, aber was war er dann? Die bürgerlich-preußischen Geschichtsschreiber antworten: eine Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges, ein Religionskrieg, die endgültige Rettung der deutschen Geistesfreiheit, die erste Begründung des deutschen Nationalstaats und wie die herrlichen Schlagworte alle lauten. Lassen wir die Tiraden ohne jeden greifbaren Inhalt beiseite und halten wir uns an den Religionskrieg, bei dem sich ungefähr etwas denken läßt. Es scheint ja auch auf flacher Hand zu liegen. Nach der Gruppierung der Mächte im Österreichischen Erbfolgekriege und den ersten Schlesischen Kriegen: Frankreich-Preußen hier, England-Österreich dort; nach diesen »weltlichen« Kriegen, in denen die Konfessionen bunt gemischt sind, nunmehr der »Religionskrieg«, der die Konfessionen streng scheidet: die katholischen Mächte Frankreich und Österreich mit dem segnenden Papste im Hintergrunde gegen die protestantischen Mächte England und Preußen; dort Finsternis, Mittelalter, Geistesknechtschaft, hier Licht, Zukunft, Geistesfreiheit; dort romanische Entartung oder slawische Barbarei, hier Zivilisation unter dem Zeichen des Germanentums. Schade nur, daß der Krieg nicht entstand aus einem Glaubens-, sondern aus einem Handelsgegensatze zwischen England und Frankreich; schade nur, daß er endete mit der politischen Hegemonie eines wirklichen Barbarenstaats über den einen der Freiheits- und Lichtkämpfer, und zwar einer Hegemonie, die der andere der Freiheits- und Lichtkämpfer wieder aus – handelspolitischen Rücksichten verschuldet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vertrage von Westminster, welcher der schon erwähnten Neutralitätskonvention ein Jahr später folgte, hatte England neben der Zahlung von Subsidien an Preußen versprochen, eine Flotte in die Ostsee zu senden, acht Linienschiffe und mehrere Fregatten und wenn nötig auch noch mehr Fahrzeuge. Die Bestimmung war klar und unzweideutig, ebenso ihr Zweck; die englische Flotte in der Ostsee hätte Ostpreußen und Pommern für Friedrich erhalten; sie hätte vor allem durch Sperrung der russischen Häfen, durch Vernichtung des russischen Handels diesem Barbarenstaate die Einmischung in die europäischen Händel verleidet. England hat aber nie daran gedacht, auch nur ein bewaffnetes Boot in die Ostsee zu senden; ja, es beließ sogar während des ganzen Krieges eine Gesandtschaft in Petersburg. Nicht das Interesse des protestantischen Bundesgenossen entschied, sondern das Interesse des englischen Handels. England besaß damals noch kein indisches Reich; seine nordamerikanischen Kolonien waren noch wenig angebaut und bevölkert; so durfte kein englischer Minister den Ostseehandel antasten. Als Pitt das Ruder ausschließlich in die Hand bekam, machte er dem Könige von Preußen auch gar kein Hehl daraus, daß Friedrich nie darauf rechnen dürfe, jene Bestimmung des Vertrags von Westminster ausgeführt zu sehen; alle Begeisterung der englischen Nation für die protestantische Sache im allgemeinen und für Friedrich im besonderen ändere gar nichts an der Tatsache, daß jedes Ministerium, welches eine Kriegsflotte in die Ostsee sende, sofort die Stimmenmehrheit im Parlamente verlieren würde. Kluge Staatsmänner wissen recht gut, daß die ökonomischen Tatsachen die Welt regieren, und unter sich machen sie auch gar kein Hehl daraus. Die ideologische Einkleidung überlassen sie den staatsmännischen Geschichtsschreibern, an denen es zum Heile der aufgeklärten und noch aufzuklärenden Menschheit ja auch noch in keinem Volke gefehlt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jenes handelspolitische Interesse der englischen Nation gab dem Siebenjährigen Kriege die entscheidende Wendung. Gefeit gegen jeden Angriff, konnte das russische Zarentum seine wüsten Eroberungs- und Raubinstinkte nach Gefallen austoben. Es hat sich denn auch dreimal den Luxus gegönnt, seine Stellung im Siebenjährigen Kriege zu ändern. Die erste und längste Zeit hindurch kämpfte das russische Heer gegen Preußen, heimste die Provinz Ostpreußen gänzlich ein, verwüstete in bestialischer Weise Pommern und die Mark, schlug fast immer die preußischen Truppen in vernichtenden Niederlagen, denn auch die Schlacht von Zorndorf war mehr ein unentschiedener Zusammenstoß als ein Sieg Friedrichs, kurzum, drängte den preußischen Staat bis an den Rand des Abgrunds, soweit getreu dem vom russischen Senat schon im Jahre 1753 zu einer »beständigen Staatsmaxime« erhobenen Beschlusse, sich nicht allein allem ferneren Anwachsen der preußischen Macht zu widersetzen, sondern auch die erste bequeme Gelegenheit zu ergreifen, um das Haus Brandenburg durch eine überwiegende Macht zu unterdrücken und in seinen vorigen mittelmäßigen Zustand zu versetzen. Offenbar schoß aber diese Maxime, die unter dem Einflusse der veralkoholisierten und wüterischen Zarin Elisabeth beschlossen worden war, weit über das Ziel hinaus; nicht die politische Vernichtung, sondern die politische Beherrschung des preußischen Staats war russisches Interesse; Preußen durfte kein Nebenbuhler Rußlands, es mußte sein Vasall werden, aber es mußte daneben doch immer ein Pfahl im Fleische Österreichs bleiben; so geboten es die russischen Eroberungszwecke, mochten sie sich nun auf Polen, die Türkei oder auf Deutschland selbst richten. Es ist auch sehr genau zu verfolgen, wie die russischen Generale sich ganz im Widerspruche mit dem Willen der Zarin immer davor hüten, dem preußischen Heere den letzten Gnadenstoß zu geben, was ihnen beispielsweise nach der Schlacht bei Kunersdorf ein leichtes gewesen wäre. Nach dem plötzlichen Tode der Zarin Elisabeth folgte dann das preußisch-russische Bündnis, das nichts als eine närrische Laune des närrischen Peter III. war. Einen armseligen Tritagonisten nennt ihn Lessing, ausersehen, in der Larve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schauspiels zu zerschneiden. Aber entwirrt hat diesen Knoten erst Katharina II. Als sie ihren Gemahl Peter in bübischer Weise ermordet und ohne eine Spur von Recht den russischen Thron bestiegen hatte, begriff diese gescheite Person sofort das russische Interesse; durch ihre Neutralität ließ sie den Siebenjährigen Krieg an allgemeiner Erschöpfung sterben und pflückte dann seine Frucht in dem preußisch-russischen Bündnisse vom 14. April 1764, in dessen geheimen Artikeln schon die Teilung Polens angebahnt wurde. König Friedrich, der keineswegs eine bismärckische Hornhaut gegenüber russischen Unverschämtheiten besaß, fühlte sich als russischer Satrap im Innersten gedemütigt, aber er konnte dieser »furchtbaren Macht« nicht widerstehen; er mußte durch seine Subsidien die Türkenkriege Katharinas unterstützen; er mußte bei der ersten Teilung Polens den größten Teil des Hasses auf sich nehmen und durfte nur den kleinsten Teil der Beute davontragen; er mußte mitsamt Österreich 1779 im Teschener Frieden, der den Bayrischen Erbfolgekrieg beschloß, Rußland als »Garanten des Westfälischen Friedens« anerkennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat, aber in gar sehr anderem Sinne, als die preußischen Mythologen meinen! Wie der Dreißigjährige, so endete der Siebenjährige Krieg mit dem Scheitern des Versuchs, Deutschland unter die Herrschaft des habsburgisch-päpstlichen Kaisertums zu bringen. Wie der Dreißigjährige, so erstarb auch der Siebenjährige Krieg an der allgemeinen Erschöpfung: Die Verwüstung Deutschlands nach dem einen wie dem andern war – so bezeugt wenigstens König Friedrich – gleich groß. Wie der Dreißigjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Frankreich und Schweden, das heißt mit dem Rechte zur beliebigen Einmischung in die deutschen Verhältnisse, das heißt mit der Fremdherrschaft zweier Kulturvölker schloß, so der Siebenjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Rußland, mit der Fremdherrschaft eines Barbarenstaats, deren unheilvolle Folgen bis heute noch nicht überwunden sind, wie denn ihre Überwindung überhaupt erst erhofft werden kann, seitdem die deutsche Arbeiterklasse zum politischen Bewußtsein erwacht ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig bei alledem, wie durch ebendiesen Siebenjährigen Krieg der »erste höhere Lebensgehalt« in das geistige Leben des deutschen Volkes gekommen sein soll!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IX. Zur Psychologie des Siebenjährigen Krieges ==&lt;br /&gt;
Man sagt nun aber wohl: Mag es mit dem Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges stehen wie immer, der Krieg als solcher, die Tatsache, daß ein deutscher Fürst sich mit fast übermenschlichem Genie sieben Jahre gegen eine Welt von Feinden aufrechterhielt, alle die Reichsfeinde, die so lange auf deutschem Boden gehaust hatten, die Russen und die Ungarn, die Franzosen und die Schweden aufs Haupt schlug, diese Tatsache entzündete von neuem den nationalen Geist des deutschen Volkes oder doch seiner protestantischen Mehrheit. Und in der Tat möchte eine derartige Ansicht noch dem Worte Goethes von dem »höheren Lebensgehalte« am nächsten kommen. Es fragt sich nur, ob die Zeitgenossen die Sache ebenso angesehen, ob die »patriotischen Kriegstaten« Friedrichs ihnen den nationalen Geist eingeflößt haben, aus dem unsere klassische Dichtung entsprossen sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Könige selbst würde diese Auffassung, wenn er sie lesen könnte, ungefähr so verständlich sein wie die Sprache der Irokesen. Seine vorzüglichste Eigenschaft, die ernste und nüchterne Auffassung der Dinge, hat ihn stets vor allen Prahlereien bewahrt; er wollte nicht mehr sein als ein Feldherr seiner Zeit, und er ist auch nicht mehr gewesen. Zwar haben jene ideologischen Überschwenglichkeiten neuerdings auch in der preußischen Militärliteratur einen starken Widerhall gefunden; seit zehn Jahren tobt in ihr, nicht gerade zum Ruhm des klassischen Militärstaates, eine heftige Fehde darüber, ob Friedrich kraft einer genialen, seine Zeit um fünfzig oder hundert Jahre überflügelnden Voraussicht die napoleonische Strategie angewandt habe, die in der schnellen Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht ihr erstes und einziges Ziel erblickt, oder ob er den Krieg seines Jahrhunderts geführt habe, jenen bedächtigen, langsamen, methodischen Krieg, der sich dadurch gegenüber dem Feinde in Vorteil zu setzen suchte, daß er ihm die für die Unterhaltung seiner Heere bestimmten Magazine zerstörte, daß er ihm diesen Landstrich oder jene Festung wegnahm, daß er ihn durch allerlei künstliche Manöver, durch »Ombragen«, »Jalousien«, »Diversionen« aus dem Felde bringen wollte, daß er die Schlacht nur als äußerstes Mittel betrachtete, sozusagen als einen Notbehelf, der erst im Falle der Not anzuwenden war oder etwa noch, wenn ein sehr großer Vorteil auf sehr sicherem Wege erreicht werden konnte. Nun bedarf es keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, welche Ansicht die richtige ist. Die napoleonische Strategie beruht auf dem Volksheere, der Tirailleurtaktik und dem Requisitionssystem; sie hat zur Voraussetzung Massenarmeen, die sich schnell vorwärtsbewegen, die tiraillieren, das heißt auf jedem Gelände schlagen, und requirieren, das heißt durch Beschaffung der Lebensmittel unmittelbar von der Bevölkerung sich selbst verpflegen können. Das Heer des vorigen Jahrhunderts war dagegen ein Söldnerheer, das als solches an die Lineartaktik und an die Magazinverpflegung gebunden war. Es konnte wegen der Kostspieligkeit der Werbung über eine gewisse Zahl nicht hinauswachsen. Es konnte nur in starren Linien, das heißt zusammengehalten durch den Stock und die drohende Kugel der Offiziere, an den Feind gebracht werden, und es konnte somit fast nur auf freier Ebene schlagen, gewissermaßen als eine mechanische Schießmaschine, wie denn die Schnelligkeit des Massenfeuers, die Friedrich zuletzt auf sechs Schuß in der Minute und ein nochmaliges Laden zum siebenten Schusse brachte, ein Hauptziel der militärischen Ausbildung war. Es mußte endlich in den Lagern streng bewacht und demgemäß vom Kriegsherrn verpflegt werden; seine Bewegung war an die Magazine und die Bäckerei gebunden und somit seine Bewegungsfreiheit eine sehr beschränkte. Hätte Friedrich es mit der napoleonischen Strategie versucht und hätte er seine Söldner tiraillieren lassen, so wäre ihm an demselben Tage sein Heer nach allen vier Windrichtungen entlaufen. Oder hätte er seine Söldner gar requirieren lassen, so hätte sich nach dem drastischen Ausdrucke eines neueren Militärhistorikers wenigstens ein Teil seines Heeres ohne weiteres in eine Räuberbande verwandelt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 1939. - Über den Streit in der preußischen Militärliteratur vergleiche v. Bernhardi, Friedrich der Große als Feldherr, und Delbrück, Historische und politische Aufsätze, 227 ff., Über die Verschiedenheit der Strategie Friedrichs und Napoleons. Bernhardi und Delbrück sind die Vorkämpfer dieses Federkrieges. Bernhardis großes zweibändiges Werk enthält sonst vieles Lehrreiche, wie denn Bernhardi überhaupt zu den besseren bürgerlichen Historikern gehört, aber sein Grundgedanke von der napoleonischen Strategie Friedrichs ist völlig hinfällig. Delbrück widerlegt ihn auf wenig mehr als zwei Bogen durchaus treffend. An seinem Teil liefert Herr Delbrück aber wieder ein merkwürdiges Beispiel davon, welche seltsame Schlachten sich die ideologische und materialistische Geschichtsauffassung in demselben Kopfe liefern können. Als Militärhistoriker weiß Herr Delbrück zwar keineswegs in erschöpfender, aber immerhin in weitreichender Weise, daß die jeweiligen ökonomischen Zustände die Art der Kriegführung bedingen, und er versteht diese Wissenschaft gegen Bernhardi trefflich zu verwerten. Aber als Zivilhistoriker, wenn der Ausdruck erlaubt ist, feiert Herr Delbrück in demselben Bande seiner Aufsätze den preußischen Landrat als Verkörperung des »überlieferten germanischen Freiheitsbegriffs«, der »in diesem harten Staate dem Rechte und der Ehre fortzuleben ermöglichte«. Die Tatsache des Militärstaats Preußen paukt ökonomische Dialektik ein; die Ideologie des Rechtsstaats Preußen erzeugt ideologische Vorstellungen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast größer noch als die praktische war für Friedrich die psychologische Unmöglichkeit der napoleonischen Strategie. Er konnte nicht einmal im Traume darauf verfallen, sowenig wie etwa darauf, eine Feldeisenbahn oder einen Feldtelegrafen anzulegen. Auch das größte Kriegsgenie kann keine neue Strategie erfinden, die in letzter Instanz immer durch die ökonomische Entwicklung bestimmt wird. Die napoleonische Strategie heißt nicht so, weil sie von Napoleon erfunden wurde, sondern weil sie in den napoleonischen Kriegen zur höchsten Vollendung gelangte. Sie entstand ganz von selbst in dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege. In ihm traten den englischen Söldnerheeren Rebellenhaufen gegenüber, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie geworbene Truppen, die nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezogenen Büchsen schießen konnten, die deshalb den Engländern nicht in Linie und auf freier Flur entgegentraten, sondern in aufgelösten Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Es ist schon ein sehr hohes Lob für Friedrich, wenn man sagt, daß er den amerikanischen Krieg genau verfolgte, um aus ihm zu lernen. Zwar klingt es noch recht ironisch, wenn er am 5. November 1777 an seinen Bruder Heinrich schreibt: »Wir beobachten die Washington, die Howe, die Bourgogne, die Carleton, um von ihnen diese große Kriegskunst zu lernen, die man nie erschöpft, um über ihre Torheiten zu lachen und um zu billigen; was sie gemäß den Regeln tun.« Aber die Unfehlbarkeit dieser »Regeln« scheint ihm doch zweifelhaft geworden, und die »Torheiten« der Washington scheinen ihm doch einigermaßen eingeleuchtet zu haben, denn kurz vor seinem Tode befahl er noch, einige Bataillone leichter Infanterie aus Landeskindern zu bilden, »Leute, die um sich wissen«, die das Terrain benützen lernen, die eine beweglichere und freiere, kurz, eine mehr jägermäßige Ausbildung erhalten sollten.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Leben von Yorck, 1, 50.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit war Friedrich den gelehrten Kriegstheoretikern seiner Zeit und allen seinen Offizieren schon weit voraus. Die verstanden die neue Strategie noch nicht einmal, als sie schon handgreiflich mit ihr zu tun hatten, als in den französischen Revolutionskriegen der neunziger Jahre zusammengeraffte Bauernhaufen ihre sozialen Interessen gegen die mit den österreichisch-preußischen Söldnerheeren zurückkehrenden Emigranten in ähnlicher Weise verteidigten, wie die amerikanischen Farmer und Jäger gegen die englischen Söldner gekämpft hatten. Goethe erkannte mit dichterischem Seherblicke die Zeichen der Zeit, als er nach der Kanonade von Valmy den preußischen Offizieren sagte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.« Aber seine Hörer verstanden ihn nicht, und das mag man ihnen auch nicht so sehr verdenken, denn Goethe selbst empfand wohl, aber erkannte nicht, was er sagte; wie hätte er sonst zwanzig Jahre später in dem Siebenjährigen Kriege einen »neuen höheren Lebensgehalt« entdecken können! Allein selbst gehäufte Erfahrungen belehrten die preußischen Offiziere nicht; die Söldnerheere blieben den französischen Freiwilligen auf lange hinaus noch in jedem Zusammenstoße taktisch überlegen, und doch war Frankreich nicht zu besiegen. An dieser Tatsache ließ sich nicht rütteln, indessen ihre Gründe vermochte man nicht zu entdecken; man behandelte sie schließlich als einen sinnlosen Unfug, der aller bewährten Kriegskunst spotte, aber wohl oder übel anerkannt werden müsse. So riet ein namhafter General der friderizianischen Schule, der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen, im Jahre 1794 zum Frieden mit Frankreich; von der Fortsetzung des Krieges sei ein günstiges Ergebnis nicht zu erwarten, da man »mit Narren eben niemals fertig« werde. Und ganz ähnlich äußerte sich gleichzeitig eine österreichische offizielle Denkschrift, »nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge« seien die Franzosen besiegt, aber sie brächen immer wieder mit »fürchterlicher Gewalt« wie ein »reißender Strom« hervor. Ja, noch in den Kriegen von 1813 bis 1815 stand unter den Generalen der europäischen Koalition – neben dem früh gefallenen Scharnhorst – nur Gneisenau auf der vollen Höhe der napoleonischen Strategie; er hatte deshalb namentlich mit seinen preußischen Unterbefehlshabern, den Bülow und Yorck, die heftigsten Kämpfe zu bestehen, und ebenso war er den verbündeten Monarchen, deren militärische Ratgeber. Knesebeck auf preußischer, Duka und Langenau auf österreichischer Seite, noch ganz in den militärischen Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts wurzelten, ein Dorn im Auge; in höfischen Kreisen spottete man über ihn und seinen Stab wohl als über Wallensteins Lager. Selbst bei Waterloo kam die Lineartaktik im englischen Heere noch zur praktischen Anwendung, ganz logischerweise, denn dies Heer bestand aus geworbenen Söldnern. Aber es wäre ohne die rechtzeitige Ankunft der Preußen unter Blücher und Gneisenau eben auch verloren gewesen. Dem preußischen Heere ging die napoleonische Strategie erst Jahrzehnte später in Fleisch und Blut über durch die klassischen Schriften von Clausewitz, und ein preußischer General hat auf das törichte Gerede von dem preußischen Schulmeister, der bei Königgrätz gesiegt habe, treffend geantwortet: »Jawohl, der Schulmeister heißt Clausewitz.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die ökonomische Entwicklung, die zur Umwandlung der friderizianischen in die napoleonische Strategie führte, siehe Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 140 ff. (Neuausgabe Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 204-206. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.) Will man die Überlegenheit des historischen Materialismus auch auf diesem Gebiete erkennen, so vergleiche man die Darstellung von Engels mit dem kriegsgeschichtlichen Abrisse von Clausewitz, Vom Kriege, 3, 91 ff. Es versteht sich, daß damit kein Schatten auf Clausewitz geworfen werden soll, dessen Schriften für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit epochemachend waren und heute noch die vorzüglichste Quelle für die Theorie vom Kriege bilden. Engels selbst nennt ihn an anderer Stelle einen »Stern erster Größe«.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem »Genie« der Feldherren ist es überhaupt so eine eigene Sache. In seiner Schrift gegen Dühring legt Engels dar, wie sich bei St. Privat, wo zwei Heere mit wesentlich denselben taktischen Formationen kämpften, unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite in einen dichten Schützenschwarm auflöste und im Bereiche des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart des Soldaten wurde. Er fährt dann fort: »Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte &#039;&#039;er&#039;&#039; instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung durch.«&amp;lt;ref&amp;gt;Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« [»Anti-Dühring«], S. 207. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das klingt sehr respektwidrig, aber mit ein bißchen andern Worten, und sicherlich ohne jedes Plagiat an Engels, sagt es der preußische Generalstab auch, wenn er durch den Mund eines seiner begabtesten Angehörigen über die französischen Revolutionskriege des vorigen Jahrhunderts ausführt: »Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht &#039;&#039;verordnet&#039;&#039;, sondern &#039;&#039;geworden&#039;&#039;; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine &#039;&#039;Macht&#039;&#039;.« Der Satz von Marx: Nicht das Bewußtsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern umgekehrt ihr Sein bestimmt ihr Bewußtsein,&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe Karl Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 13. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; tritt auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte in besonders klares Licht. Je kräftiger und unmittelbarer die Berührung mit dem Sein ist, um so klarer und schneller entwickelt sich das Bewußtsein. Im Kriege wird der Soldat gemeiniglich viel schneller als der Offizier empfinden das, was ist, und instinktiv danach handeln, und das höchste »Genie« des Feldherrn besteht darin, das instinktmäßige Handeln der Soldaten nach seinen inneren Gründen zu erkennen und gemäß dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln. Wie schwer das selbst für sehr namhafte Generale noch immer ist, kann man aus den Berichten und Denkwürdigkeiten von Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr und anderen Offizieren erkennen, welche die Freiwilligen der französischen Republik zu organisieren und ins Feld zu führen hatten. Nach diesen Zeugnissen, die dann so eifrig ausgebeutet worden sind, um das volkstümliche Element der Landwehr trotz 1813 und 1814 möglichst aus dem preußischen Heere auszuscheiden, waren die Freiwilligen nicht viel mehr als Falstaffs Steifleinene, und doch scheiterten die österreichischen und preußischen Mustertruppen an dem Damm, den ihnen angeblich so verwahrloste Scharen entgegenwarfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Kriegsgeschichte wird erst verständlich, wenn man sie auf ihre ökonomischen Grundlagen zurückführt. Sie verflüchtigt sich dagegen in einen historischen Roman, wenn man das größere oder geringere »Genie« der Feldherren zu ihrem bewegenden Hebel machen will. Die gebildeteren Generale des achtzehnten Jahrhunderts wußten recht gut, welch herrliche Sache die Volksbewaffnung sei. Der Graf zur Lippe, der Marschall von Sachsen haben es offen ausgesprochen, auch Friedrich schon als Kronprinz in seinem Anti-Macchiavell. Er führt da aus: Die Römer kannten die Desertion nicht, ohne die heutzutage kein Heer denkbar ist. Sie kämpften für ihren Herd, für alles, was ihnen das teuerste war; so dachten sie nicht daran, den großen Zweck durch schnödes Davonlaufen zu vereiteln. Aber bei unsern Völkern ist das ganz anders. Bürger und Bauern unterhalten zwar das Heer, aber sie ziehen nicht selbst zu Felde, die Soldaten müssen aus der Hefe des Volkes genommen und durch die härteste Gewalt an die Fahne gefesselt werden. Nenne man es »Genie«, daß Friedrich und andere Kriegsmänner seiner Zeit die ganze Gebrechlichkeit der Söldnerheere durchschauten, aber dies »Genie« änderte nichts an der Strategie und Taktik des Söldnerkrieges und hatte nicht einmal so viel theoretische Bedeutung, daß die gelehrten Strategen der großen Militärmächte die Volksbewaffnung verstanden, als sie ihnen leibhaftig und in einem sehr fühlbaren Lehrkursus entgegentrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Umwälzung der ökonomischen Zustände wälzt sich auch die Heeresverfassung um, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die Praxis der Masse sehr viel schneller in die veränderten Verhältnisse schickt als die Theorie der einzelnen. Deshalb lernen die Offiziere an den Soldaten, nicht aber die Soldaten an den Offizieren. Amerikanische und französische Bauern haben die Strategie des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, und es hatte schon seinen guten Sinn, wenn der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des deutschen Reichstags sagte: Die sogenannten Sachverständigen haben sich immer blamiert. Sie haben sich immer blamiert, wo das militärische Sachverständnis sich über die Konsequenzen der ökonomischen Entwicklung hinwegsetzen wollte. Friedrich erzielte seine Erfolge, weil er sich in das Söldnerheer als das zu seiner Zeit einzig mögliche fügte, obgleich er die Vorzüge des Volksheeres wohl erkannte; die sachverständigsten Offiziere seines Heeres haben dann aber nach seinem Tode, unbeschadet ihrer persönlichen Begabung für den Kriegsdienst, die verschiedensten Schicksale gehabt, je nachdem sie ihr Sachverständnis den veränderten ökonomischen Zuständen anzupassen wußten oder nicht, je nachdem sie von den Soldaten lernen konnten oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Friedrichs späterer Zeit gehörten zu den bedeutendsten Offizieren seines Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide erfuhren die »Ungnade« des gegen geistig hervorragende Offiziere immer mißtrauischen Königs und verließen das preußische Heer. Steuben ging nach Amerika, wo er sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erworben hat. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale gleichzeitig nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg wie die amerikanischen Farmer, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das friderizianische Heer einer scharfen, von der Nachwelt durchaus bestätigten Kritik unterwarf. Er sagte von Friedrich sehr treffend: »Wohl verstand er die Maschine zu gebrauchen, minder wohl, sie zu zimmern«; er geißelte »die äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei«, »die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste«. Und dieser scharfsichtige Beobachter verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht von Jena schreiben konnte, der »Genius der Taktik« müsse ein »höheres Hilfsmittel« erfinden, um die napoleonische Kriegführung lahmzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer noch spiegelt sich unsere Auffassung in den Lebensläufen zweier berühmter Generale wider. Hat das preußische Heer je einen genialen Feldherrn und Organisator besessen, der sich ganz aus eigener Kraft und durch alle junkerlichen Kabalen hindurch, trotz seiner bäuerlichen Abstammung zu den höchsten Militärstellen emporschwang, aber dabei immer ein Herz fürs Volk betätigte und sich von allem schnauzbärtigen Wesen frei hielt, so war es Scharnhorst. In dem Jahrzehnte vor Jena arbeitete er mit äußerster Anstrengung an der Reform des preußischen Heeres, aber mitten in diesem Heere lebend blieb er trotz allen theoretischen Studierens der napoleonischen Feldzüge in der friderizianischen Strategie befangen. Erst in dem Herbstfeldzuge von 1806, als er die französischen Truppen selbst manövrieren sah, in den letzten Schachzügen vor der Schlacht von Jena, die er als Generalstabschef des preußischen Oberbefehlshabers zu leiten hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er suchte die überlegene Kriegführung der Franzosen sofort nachzuahmen, aber bei der Beschaffenheit des preußischen Heeres natürlich ohne Erfolg. Kein militärisches »Genie« vermochte die zerschmetternde Niederlage des preußischen Heeres abzuwenden. Allein Scharnhorsts wirkliches Genie betätigte sich nunmehr darin, daß er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkannte und mit gar keinem »Genie« rechnete, sondern in sieben Jahren fast übermenschlicher Kämpfe gegen den unglaublich beschränkten König und gegen die unglaublich eigensüchtige Junkerklasse das preußische Heer auf diejenigen ökonomischen Grundlagen stellte, die diesem Heere einen erfolgreichen Kampf mit dem französischen Heer ermöglichten. Scharnhorst wie seine Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman forderten die Befreiung der Bauern mindestens ebenso energisch wie Stein, Schön, Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf der schmachvollen Flucht nach Jena zeichnete sich der Oberst Yorck mit seinem Jägerregimente durch glückliche Gefechte bei Altenzaun und Wahren aus; es waren die einzigen kleinen Erfolge, die das preußische Heer in dem ganzen Feldzuge davontrug. Yorck schlug die französischen Abteilungen, die ihn verfolgten, mit ihrer eigenen Tirailleurtaktik. Nun war Yorck aber in allem das gerade Gegenteil von Scharnhorst: ein Offizier der alten Schule, der das friderizianische Heer am liebsten bis auf den letzten Gamaschenknopf erhalten hätte, ein finsterer, gallsüchtiger Anhänger der eisernsten Disziplin, ein kassubischer Junker voll der borniertesten Klassenvorurteile. Allein er hatte sich in jenen Bataillonen leichter Infanterie heraufgedient, die Friedrich noch kurz vor seinem Tode zu errichten befahl, und wenn diese Bataillone auch im allgemeinen sich nicht den Existenzbedingungen des preußischen Heeres entziehen konnten und demgemäß bald dieselben steifgedrillten Linientruppen wurden wie alle anderen Bataillone, so gab es doch ein Regiment im Heere, das auf annähernd ähnlichen ökonomischen Grundlagen stand wie das französische Heer; eben das Jägerregiment, zu dessen Obersten Yorck einige Jahre vor Jena ernannt worden war. Das Regiment war von Friedrich in den Schlesischen Kriegen gebildet worden, um doch eine bewegliche Truppe gegen die Kroaten und Panduren des österreichischen Heeres zu haben; für diesen Zweck durfte es begreiflicherweise nicht aus fremdländischen Söldnern und hörigen Bauern, sondern mußte aus Leuten gebildet werden, die ihr persönliches Interesse an die Fahne fesselte. So wurde es aus lauter gelernten Jägern rekrutiert, aus Söhnen von Ober- und Unterförstern und andern Beamten, die mit dem Dienst im Regimente sich eine Anwartschaft auf eine Versorgung in der Försterei erwarben. Solchen Leuten konnte der Parademarsch nicht eingeprügelt werden: Sie durften sogar bei den Revuen vor dem Könige in bequemen Haufen vorbeimarschieren. In währender Friedenszeit war das Regiment, das im Kriege sehr gute Dienste getan hatte, dadurch zum Spott aller friderizianischen Gamaschenknöpfe geworden: »einen alten barocken Giebel« nannten sie es, der in dem prächtigen Bau dieses prächtigen Heeres stehengeblieben sei. Das Regiment war eine militärische Kuriosität geworden, und Yorck übernahm nur mit größtem Widerstreben das Kommando. Aber da er bei alledem ein ehrgeiziger und fähiger Offizier war, so stieß ihn die praktische Erfahrung des täglichen Dienstes darauf, daß er aus dieser Truppe nur etwas machen könne, wenn er sie mit Achtung behandle und in der zerstreuten Gefechtsform ausbilde. Das gesellschaftliche Sein der Soldaten bestimmte das militärische Bewußtsein des Offiziers. Und dies Bewußtsein erlosch sofort wieder, als Yorck durch die Erfolge von Altenzaun und Wahren schnell auf eine so hohe Stelle in der militärischen Hierarchie gehoben wurde, daß er bei der Reform des Heeres ein Wort mitsprechen konnte. Da floß er vor Gift und Galle über; da denunzierte er so hämisch beim Könige, daß Scharnhorst in ein lebensgefährliches Nervenfieber verfiel; da jubelte er bei der auf Napoleons Befehl erfolgten Entlassung Steins, nun sei ein unsinniger Kopf zertreten und das übrige Natterngeschmeiß werde sich wohl in seinem eigenen Gift auflösen. Ja, noch in den Feldzügen von 1813 und 1814 stellte Yorck als Korpsführer aus seinen ideologischen und theoretischen Vorstellungen heraus der napoleonischen Kriegführung Gneisenaus die schwersten Hemmnisse entgegen, während doch wieder das Sein der Landwehren, die er befehligte, sein militärisches Bewußtsein so bestimmte, daß Blücher von ihm rühmen durfte, keiner sei so schwer ins Feuer zu bringen wie der Yorck, aber wenn er einmal darin sei, beiße auch keiner so an wie er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese wenigen Beispiele, die sich aus der preußischen wie aus aller Kriegsgeschichte beliebig vermehren ließen, werden für den Zweck genügen, für den sie angeführt sind. Es war außerordentlich viel, daß Friedrich aus dem theoretischen Studium des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs die bevorstehende Umwälzung der Kriegführung ahnte und ihr durch einen schüchternen Versuch entgegenzukommen gedachte, aber es war deshalb auch eine praktische und psychologische Unmöglichkeit, daß er in seinen Söldnerkriegen die napoleonische Strategie und Taktik vorwegnahm. Bei Lichte besehen ist die ideologische Geschichtsschreibung für niemanden gefährlicher als gerade für die großen Männer, welche sie über alles menschliche Maß hinaus aufzublähen sucht. In dem Streite über Friedrichs Strategie ist richtig gesagt worden, daß seine Feldzüge, wenn man sie an dem Maßstabe der napoleonischen Strategie mißt, gar sehr stümperhaft bestehen. Auch hier liegt Friedrichs wirkliche Bedeutung gerade darin, daß er sich völlig klarzumachen verstand, was er durfte und was er nicht durfte, was er konnte und was er nicht konnte; in gewissem Sinne muß man sogar sagen, daß die furchtbare Last der sieben Jahre deshalb auf ihn fiel, weil er ganz gegen seine Absicht einen Erfolg napoleonischen Schlages davongetragen hatte, der, mit napoleonischen Mitteln ausgebeutet, den Krieg mit einem Schlage beendet haben würde, aber der, da Friedrich eben keine napoleonischen Schläge führen konnte, zu einem verhängnisvollen Rückschläge für ihn selbst werden mußte. Sein Feldzugsplan von 1756 wurde in erster Reihe zwar dadurch gekreuzt, daß es dem sächsischen Heere mit knapper Not noch gelang, sich in dem Felsenlager von Pirna zusammenzuziehen, mit dessen Aushungerung Friedrich eine für ihn kostbare Zeit verlieren mußte, aber in entscheidender Weise scheiterte er daran, daß Friedrich am 6. Mai 1757 das österreichische Heer in betäubender Weise schlug und zu zwei Dritteln in die Festung Prag warf. Österreich schien nunmehr allerdings wehrlos. Prag mußte fallen, und dann lag der Weg nach Wien offen bis auf ein schwaches, unter Daun heranziehendes Ersatzheer. Aber als Friedrich diesem Heere mit einem Teile der Prager Belagerungstruppen entgegenzog, erlitt er am 18. Juni bei Kolin eine schwere Niederlage, die ihn zum sofortigen Rückzüge aus Böhmen, also zur völligen Preisgabe seiner bei Prag errungenen Erfolge zwang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Schlacht von Kolin ist nun eine ganze Literatur entstanden, um zu beweisen, daß Friedrich, wenn General Manstein nicht diesen und der Prinz Moritz von Dessau nicht jenen Fehler begangen hätte, die Schlacht gewonnen haben und nach dem unter dieser Voraussetzung nicht mehr aufzuhaltenden Falle von Prag sofort nach Wien marschiert sein würde, um auf den Wällen der österreichischen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. Indessen Clausewitz hat diese Literatur schon mit einem einzigen Federstriche beseitigt, indem er ausführte, daß Friedrich, wenn er nicht schon bei Kolin gescheitert wäre, zu einem späteren Zeitpunkt hätte scheitern müssen, denn nach der Art der damaligen Kriegsverfassung und nach dem Umfange seiner Kriegsmittel sei es unmöglich gewesen, daß er die österreichische Hauptstadt eroberte oder gar den österreichischen Staat niederwarf. Die Richtigkeit dieser Bemerkung leuchtet so ein, daß auch die Friedrich-Mythologen sie anerkennen müssen; nur wenden sie ein, wenn Friedrich bei Kolin gesiegt hätte, so würden die Österreicher so erstarrt gewesen sein, daß sie sofort Frieden geschlossen hätten. Allein wenn man sich auf diese luftige Beweisführung überhaupt einlassen will, so muß man vielmehr voraussetzen, daß die Größe des preußischen Erfolges in Wien nicht &#039;&#039;ent&#039;&#039;-, sondern &#039;&#039;er&#039;&#039;mutigt haben würde. So klug waren Maria Theresia und Kaunitz auch, um den König in seinem eigenen Fette ersticken zu lassen. Indem die Friedrich-Mythologen ihrem Helden Übermenschliches andichten, machen sie ihn aber wieder viel kleiner, als er war. Friedrichs eigentlicher Feldzugsplan, der eben durch den Übererfolg bei Prag vereitelt wurde, ist neuerdings aus den englischen. Archiven, aus den Papieren des bei Friedrich beglaubigten Diplomaten Mitchell bekannt geworden; er zielt einfach darauf ab, noch im Herbste von 1756 Sachsen und ein Stück von Böhmen in Pfandbesitz zu nehmen, und er beruht auf der psychologisch durchaus annehmbaren Hoffnung, die Österreicher und Sachsen würden dann doch wohl von dem für sie nunmehr um so schwierigeren Spiele abstehen. Dieser bescheidene Plan macht der klaren Einsicht des Königs in seine Lage ebenso große Ehre, wie ihn die Unterstellung, als ob er in napoleonischer Weise habe schlagen und siegen wollen, zum reinen Don Quijote stempelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Schlacht von Kolin war Friedrich in die Defensive zurückgeworfen worden. Freilich noch nicht ganz. Nach den Siegen bei Roßbach und Leuthen versuchte er im Frühjahre von 1758 noch einen Vorstoß nach Mähren, um sich in der Festung Olmütz ein für den Frieden zu verwertendes Pfandobjekt zu sichern, allein Daun und Laudon zwangen ihn, die Belagerung aufzuheben und manöverierten ihn aus Mähren hinaus. Der Rest des Siebenjährigen Krieges war nun nichts als ein wüstes Kriegsgetobe in Sachsen und Schlesien, in der Mark und in Pommern; er entbehrte selbst jenes &#039;&#039;Scheins&#039;&#039; von dramatisch-heldenmäßiger Spannung, der dem Jahre 1757 noch anhaftet. Was Friedrich in den folgenden Jahren mit steifem Nacken und, wie Lassalle sagt, »das Gift in der Tasche«, ertragen hat, das ist aller Achtung wert, und es würde auch aller Bewunderung wert sein, wenn der Preis des Kampfes ein menschlicher Kulturfortschritt und nicht bloß die Stärkung des kulturfeindlichen Militarismus gewesen wäre. Allein die Friedrich-Mythologen tun der wirklichen Bedeutung des Königs abermals schweren Abbruch, wenn sie ihn als überwältigenden Genius und die feindlichen Feldherren, ja Friedrichs eigene Generale als mehr oder weniger unfähige Leute hinstellen. Was wäre es dann für eine große Kunst gewesen, die Daun und Laudon zu besiegen? In Wirklichkeit konnten sich diese österreichischen Feldherren mit Friedrich gar wohl messen; sie standen ihm nicht eigentlich in der individuellen Begabung als vielmehr in einer anderen Beziehung nach, die Clausewitz sehr gut mit den Worten schildert: »Die Feldherren, welche Friedrich dem Großen gegenüberstanden, wären Männer, die im Auftrage handelten und ebendeswegen Männer, in welchen die Behutsamkeit ein vorherrschender Charakterzug war; ihr Gegner war, um es kurz zu sagen, der Kriegsgott selbst.« Damit ist der springende Punkt getroffen, das Stückchen Wahrheit, aus dem die Legende von Friedrichs napoleonischer Kriegführung erwachsen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Unterschied nicht in der Art, aber im Grade. Friedrich führte den Krieg, wie ihn jeder Feldherr des vorigen Jahrhunderts führen mußte, aber er führte ihn kühner als andere Feldherren, weil er unumschränkter über die Kriegsmittel verfügte. Unumschränkter sowohl in militärischer wie in moralischer Beziehung. Friedrich war an keine Befehle gebunden, und er hatte keine Verantwortung zu fürchten. Ob er rein vom militärischen Standpunkt aus der bedeutendste Feldherr auch nur seiner Zeit gewesen ist, das ist noch sehr die Frage. Nach dem Zeugnisse seines Adjutanten Berenhorst war er in der Schlacht stets unruhig und verlegen, ganz zu geschweigen der hämischen Bemerkung, in der sich der sehr unliebenswürdige Prinz Heinrich an seiner Tafel in Rheinsberg zu gefallen pflegte: »Mein Bruder hatte eigentlich keine Courage.« Daun und Laudon haben dem Könige manche schwere Schlappe beigebracht, die er gar wohl hätte vermeiden können; der erste Feldzugsplan zum Siebenjährigen Kriege rührte von Schwerin und Winterfeldt her; die Schlachten bei Roßbach und Zorndorf hat Seydlitz gewonnen; so gleichmäßig glückliche Feldzüge wie Herzog Ferdinand von Braunschweig und sein Geheimsekretär Westphalen im westlichen Deutschland gegen die Franzosen hat Friedrich trotz sehr viel günstigerer Verhältnisse nicht geführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Westphalen, die merkwürdigste Gestalt des Siebenjährigen Krieges, siehe einiges Nähere in der »Neuen Zeit«, 10, 2, 481 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, Prag und Leuthen waren sein Eigentum, aber Kolin und Kunersdorf waren es auch. Nur wer die Verantwortung für diese zerschmetternden Niederlagen nicht zu fürchten hatte, durfte das Glück der Schlachten auf jene zerschmetternden Stöße versuchen. Das ist es, was Clausewitz mit dem »Kriegsgotte« meint. Oder, um diesen mythologischen Vergleich mehr in die Sprache unserer kapitalistischen Zeit zu übersetzen: Friedrich war der Chef, der selbst an der Börse spekulierte, während die Daun und Laudon nur die Prokuristen waren, die immer bei ihrem Chef anfragen mußten, ehe sie das Vermögen des Hauses auf eine Karte setzten. Bei dem damaligen Zustande der Verkehrsmittel erhielten sie dann gewöhnlich erst nach Wochen eine Antwort, die zu der inzwischen völlig veränderten Lage zu passen pflegte wie die Faust aufs Auge. Worin aber die Daun und Laudon dem Könige selbst nachstanden, darin waren sie wieder den preußischen Generalen überlegen, die denn auch regelmäßig das Spiel verloren, sobald sie auf eigene Verantwortung schlagen sollten – mit einziger Ausnahme der Schlacht bei Freiberg, die Prinz Heinrich nach Napoleons Urteil auch verloren haben würde, wenn er statt der elenden Reichstruppen ein wirkliches Heer vor sich gehabt hätte. Die preußischen Generale durften nur bei »risque ihres Kopfes« eine Festung oder eine Schlacht verlieren, was sie begreiflicherweise nicht heldenmütiger, sondern behutsamer machte, während Maria Theresia über Niederlagen ihrer Generale nachsichtiger zu urteilen pflegte, bei ihrer Machtstellung freilich auch nachsichtiger urteilen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übrigens ist der eben angezogene kapitalistische Vergleich für die Kriege des vorigen Jahrhunderts nicht gar so unpassend, wie er auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ihrer Form nach Kabinettskriege, waren diese Kriege ihrem Wesen nach Handelskriege, wie denn die handelspolitischen Gesichtspunkte, die den Ursprung und den Verlauf des Siebenjährigen Krieges bestimmt haben, schon angedeutet worden sind. Das Wesen dieser Kriege prägte aber auch der Art der Kriegführung ihren Stempel auf. Sie war sozusagen ein finanziell-kalkulatorisches .Geschäft. Man kannte ungefähr die Geldmittel, den Schatz, den Kredit seines Gegners; man kannte die Größe seines Heeres. Bedeutende Vermehrungen der finanziellen wie der militärischen Mittel waren im Augenblicke des Krieges ausgeschlossen. Das Soldatenmaterial war überall so ziemlich dasselbe; auch mußte es überall in gleicher Weise verwandt werden, das heißt mit großer Vorsicht, denn wenn das Heer zertrümmert wurde, so war kein neues zu beschaffen, und außer dem Heere gab es nichts. Nichts oder doch fast nichts. Denn kostbarer als der letzte Soldat war am Ende noch der letzte Taler, für den man einen neuen Soldaten werben konnte. So beruhte der Erfolg dieser Kriege wesentlich auf einem genauen und sicheren Voranschlage des Kriegsetats, und in diesem Zusammenhange tritt Friedrichs schon erwähntes Wort von dem letzten Taler als dem entscheidenden Faktor des Sieges erst in sein volles Licht. Es war für die damalige Zeit so richtig, daß es selbst dann galt, wenn dieser letzte Taler – wie in Friedrichs Falle – ein falscher Taler war. Nicht kraft seiner Siege hielt der König den Siebenjährigen Krieg durch, denn in den beiden letzten Jahren hat er überhaupt keine Schlachten geschlagen, und über die von 1758 bis 1760 gelieferten Schlachten sprechen seine Schriften in einer seine Anbeter beschämenden Bescheidenheit fast mit entschuldigenden Worten. Vielmehr: Er rettete sich und seine Krone durch die äußerste Erschöpfung des eigenen Landes, die fürchterliche Aussaugung Sachsens, die englischen Subsidien und die – Münzverschlechterung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat! Die Kipper und Wipper des siebzehnten Jahrhunderts feierten eine fröhliche Urständ, so sehr Friedrich für seine Person diese alte Fürstenindustrie verachtete. Er schämte sich ihrer wirklich und ließ seine falschen Münzen unter polnisch-sächsischem Stempel schlagen, wie denn die »polnischen Achtgroschenstücke« bis zur Einführung der deutschen Reichsmünze eine Plage der preußischen Bevölkerung geblieben sind, oder er kaufte ein paar Brüder von Gottes Gnaden wie den Fürsten von Anhalt-Bernburg, um mit ihrem landesväterlichen Antlitze seine Blechkappen und Grünjacken zu schmücken. Aber es half alles nichts, Geld, Geld und abermals Geld war nach Montecuccolis treffendem Worte nun einmal der Nerv der damaligen Kriegführung. Und es ist doch auch nicht zu übersehen, daß Friedrich nicht erst in der Not zu seiner »Industrie« griff, wie er sie verschämt nennt. Schon vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges schloß der König mit den drei Münzjuden Hertz Moses Gumpertz, Moses Isaak und Daniel Itzig einen Kontrakt wegen Ausprägung von Landesscheidemünze, um den Krieg mit geringerem Aufwände von edlem Metall im Auslande zu führen. Mit der wachsenden Not wurde das Geld nur immer schlechter, und deshalb hat sich vorwiegend an Veitel Ephraim, den letzten Münzjuden Friedrichs, der Fluch und der Haß des Volkes geheftet. Sehr unerfreulich war auch, daß Friedrich seine Söldner und seine Untertanen in schlechtem Gelde zahlte, aber selbst in gutem Gelde bezahlt sein wollte; auf diese Weise zog er alles gute Geld aus dem Lande, um es in schlechtes auszumünzen; erst als das gute Geld überhaupt verschwunden war, gestattete er im Jahre 1760, daß die königlichen Kassen »bloß aus Gnaden« auch schlechtes Geld annehmen dürften. Das stärkste Stück war aber, daß Friedrich die bei den Gerichten in gutem Gelde niedergelegten Summen einziehen und nach Beendigung der Prozesse den Parteien in schlechtem Gelde zurückzahlen ließ; wenn die in ihrem Vertrauen auf preußische Justiz so schmählich Geprellten darüber sich beschwerten, so mußten alle Instanzen sich anstellen, als verstünden sie die Beschwerden gar nicht.&amp;lt;ref&amp;gt;Busch, Sämtliche Schriften, 2, 408.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun ist klar, daß die Kriege des vorigen Jahrhunderts, wie sie jedes moralische Machtmittel verschmähten, auch keine moralischen Einwirkungen auf den Geist der Völker ausüben und keinen nationalen Geist erwecken konnten. Sie konnten es sowenig, wie die Gumpertz, Isaak, Itzig und Veitel Ephraim die Vorläufer der Lessing, Herder, Goethe und Schiller waren. Bei alledem müssen wir aber noch zwei Behauptungen prüfen, die neuerdings von patriotischen Geschichtsschreibern geltend gemacht worden sind, um dem Siebenjährigen Kriege, es koste was es wolle, den Charakter eines nationalen Volkskriegs zu retten. Da sollen zuerst die Freibataillone und namentlich die von Friedrich aufgebotene Landmiliz der erste Keim der späteren Landwehr gewesen sein. Man braucht sich aber nur einen Augenblick in Friedrichs Lage zu versetzen, um sofort zu erkennen, daß dem Könige nichts mehr am Herzen liegen mußte, als dem Kriege den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges zu erhalten, daß ihm nichts verhaßter sein mußte als ein Aufgebot der Massen. Denn dann wäre er nicht nur militärisch der unendlich überlegenen Volkszahl der gegnerischen Mächte nicht entfernt gewachsen gewesen, sondern er hätte die bewaffneten Bauern seines eigenen Landes mehr fürchten müssen als alle Mächte der Welt. Und so vollständig ausgeschlossen nach der damaligen Kriegsverfassung ein Aufgebot der Massen eigentlich war, so hat Friedrich doch sorgfältig jeden Funken ausgetreten, der nach dieser Richtung hätte zünden können. Es kam ja vor, daß die Bauern hie und da zu ihren Heugabeln oder Sensen griffen, nicht aus Begeisterung für Friedrich und seine Junker, sondern um ihr bißchen Hab und Gut vor den Plünderungen, ihre Weiber und Kinder vor den Schändungen der ins Land gefallenen feindlichen Söldner zu schützen. Aber dann befahl der König sofort, die Landleute sollten sich bei ihrem Erbe halten und nicht in den Krieg mischen, sonst würde er sie als Rebellen behandeln, und den Bewohnern Ostfrieslands, die sich den eingedrungenen Franzosen widersetzt hatten und nun erst recht mitgenommen worden waren, antwortete er höhnisch auf ihre Klagen, er würde es geradeso wie die Franzosen gemacht haben. Selbst den Bürgern von Berlin mußte der Präsident Kircheisen bei schwerer Strafe verbieten, zu den Waffen zu greifen, als die Stadt im Jahre 1757 von den Österreichern zeitweilig besetzt wurde. Friedrich vermied mit der peinlichsten Sorgfalt alles, was dem Kriege einen »höheren«, einen »nationalen Lebensgehalt« hätte geben können, und das mußte er auch tun, wenn er sein Ziel nicht ein für allemal verloren geben wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraus ergibt sich schon von selbst, daß es mit den Freibataillonen und der Landmiliz, die Friedrich im Siebenjährigen Kriege errichtete, eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben muß, als neuere preußische Historiker behaupten. Diese Truppen kämpften nicht aus Begeisterung für König und Vaterland, sie waren nicht bessere Elemente als die gewöhnlichen Söldner, sondern gerade im Gegenteil: Sie bestanden aus dem Abhube des soldatischen Materials, den Friedrich überhaupt erst im äußersten Notfalle für militärische Zwecke benutzen mochte. In seinen Grundsätzen der Taktik sagt er »von denen Frey-Bataillons«, sie sollten beim Angriff auf verschanzte Stellungen in das erste Treffen gestellt werden und müßten gerade auf den Feind losgehen, »um dessen Feuer auf sich zu lenken und &#039;&#039;vielleicht&#039;&#039; eine Unordnung unter dessen Truppen zu veranlassen. Allemahl soll es hierbei feststehen, daß hinter die Frey-Bataillons reguläre Infanterie gestellt werde, die sie, durch die Furcht vor dem Bayonnett, zu einer hitzigen und nachdrücklichen Attaque zwinge«. Und Friedrich sagt weiter: »Bei den Affaires de Plaine« müssen die Frey-Bataillons zu äußerst an den Flügel, der refüsirt wird, gestellt werden, allwo sie die Bagage decken können.« Diese königlichen Vorschriften für die Bestimmung der Freibataillone enthalten zugleich die erschöpfendste und vernichtendste Kritik der Truppe. Friedrich hatte bei Kolin und auch sonst erfahren, wie verheerend die vorzügliche Artillerie der Österreicher aus verschanzten Stellungen die starren Linien seiner angreifenden Infanterie niederwarf; da sollen nun mit den Spitzen der Bajonette die Freibataillone vorangetrieben werden, rein als Kanonenfutter, um der regulären Infanterie einen möglichst gedeckten Angriff zu sichern, wobei dann »vielleicht« auch der Vorteil abfiel, daß diese verzweifelten Elemente in ihrer verzweifelten Lage dem Feinde einigen Schaden zufügten. Auf ebenem Gelände dagegen, wo die preußische Infanterie ihre volle Kraft entfalten konnte, werden die Freibataillone möglichst weit vom Schuß auf den ungefährlichsten Posten gestellt, wo sie keinen Schaden anrichten und durch Deckung der Bagage am Ende noch etwas nützen konnten. Sie waren einfach das unbrauchbarste Element des Heeres und bestanden denn auch nach allen über sie erhaltenen Nachrichten aus dem Abschaume der Menschheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein moralisch besseres, aber militärisch womöglich noch schlechteres Urteil verdient die Landmiliz. Friedrich befahl ihre Errichtung, als er nach den schweren Verlusten von Prag und Kolin die regulären Truppen aus der Mark und Pommern an sich ziehen mußte, aber diese Provinzen doch nicht ganz ohne militärischen Widerstand den anrückenden Russen und Schweden preisgeben mochte. Sie sollte von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und zu ihrer Unterhaltung wurde dem Lande zu allem andern eine Landmilizsteuer sowie eine Landmilizakzise auferlegt. Von dem Heere unterschied sich diese Truppe aber, um den Ausdruck noch einmal zu gebrauchen, nicht in der Art, sondern nur im Grade. Sie wurde ebenso rekrutiert und exerziert wie das Heer: Nur das Material war sehr viel schlechter. Es bestand aus den in die Städte geflohenen Bauern, verarmten Bürgern, die sonst dem Hungertode verfallen wären, Kriegsgefangenen, invaliden Soldaten und Kantonisten, die zum Heeresdienste bestimmt, aber noch nicht in das Heer eingetreten waren und auf diese Weise vor der Verschleppung durch die Feinde gesichert werden sollten. Ihre militärische Wirksamkeit ist immer von geringem Belange gewesen, und jedenfalls hatte sie mit einer Volksbewaffnung geradesowenig zu schaffen wie das friderizianische Heer überhaupt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Der Verfasser will diese Milizen gern zu Vorläufern der Landwehr machen, aber die Archivalien, die er mitteilt, ergeben mit aller wünschenswerten Sicherheit das Gegenteil.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Behauptung, durch die der »nationale Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges schlechterdings noch gerettet werden soll, läuft darauf hinaus, daß der Krieg die protestantische Geistesfreiheit usw. gerettet habe. Was es tatsächlich mit dieser Behauptung auf sich hat, haben wir zwar schon gesehen, aber man sagt auch hier: Sei dem so oder anders, die Welt sah doch nun einmal in Friedrich den Helden des Protestantismus, und bewußt oder unbewußt war er es auch. So viel ist nun gewiß richtig, daß der König die Religion als einen immerhin wichtigen Posten in seine militärischen Berechnungen einzustellen wußte. Aber man frage nur nicht: Wie? In seinen Generalprinzipien vom Kriege, der Instruktionsschrift, die er allen seinen Generalen für den Kriegsfall zur strengen Befolgung übergab, sagt er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wenn der Krieg in einem neutralen Lande geführt wird, so – kommt es nur darauf an, wer von beyden die Freundschafft und das Vertrauen der Landeseinwohner gewinnen kann. Man hält strenge Disziplin ... Man beschuldigt den Feind von den allerschlimmsten Absichten, so er gegen das Land hege. Ist solches protestantisch, wie in Sachsen, so spielet man die Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion; ist das Land Catholisch, so spricht man von nichts als Tolerance. Was euch hierin noch übrigbleibt, ist der Fanatismus. Wenn man ein Volck wegen seiner Gewissens-Freiheit animiren, auch ihm beybringen kann, daß es von den Pfaffen und Devoten bedrücket wird, so kann man sicher auf dieses Volck rechnen; das heißt eigentlich, Himmel und Hölle vor euer Interesse bewegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist es nun klar, daß Friedrichs arglose Seele weder bewußt noch unbewußt etwas von jenem Heldentum der »protestantischen Geistesfreiheit« geahnt hat, das er im Siebenjährigen Kriege bewährt haben soll? Aber – die Welt hatte sich angeblich darauf kapriziert, ein solches Heldentum in ihm zu erkennen, und so wirft denn die patriotische Zauberlaterne immer von neuem das Bild des österreichischen Marschalls mit dem geweihten Hut und Degen an die Wand. Indessen auch damit hat es eine gar eigene Bewandtnis. Friedrich hat sich zeitweise allerdings sehr bemüht, nicht nur vor Sachsen, sondern vor ganz Deutschland die »Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion« zu spielen oder, wie er an anderer Stelle sagt, »diejenigen in Wut entbrennen zu lassen, die auch nur noch eine schwache Neigung für Martin Luther haben«; er hat zu diesem Behufe durch den Marquis d&#039;Argens eine Anzahl gefälschter Schriftstücke anfertigen lassen, so namentlich jenes päpstliche Breve, womit der Papst dem Marschall Daun als Belohnung für den Überfall von Hochkirch einen geweihten Hut und Degen verliehen haben sollte, und er hat auch sonst den ihm gar nicht unebenbürtigen Gegner in sehr unköniglicher Weise als den »Mann mit der geweihten Mütze« zu verhöhnen gesucht.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – obgleich die österreichische Regierung sofort erklärte, daß die Geschichte mit dem geweihten Hut und Degen eine Erfindung sei, und obgleich diese Erfindung seitdem Dutzende von Malen in der bündigsten und weitläufigsten Weise aufgedeckt worden ist, so erbt sie sich unverdrossen in der preußischen Geschichtsschreibung weiter. Siehe Treitschke, 1, 60, Bernhardi, 1, 28, und andere mehr, der Werke »zweiten« und »dritten« Ranges zu geschweigen. Gegenüber der Zähigkeit der preußisch-patriotischen Fabel ist man versucht, in den ägyptischen Mumien beinahe nur Eintagsfliegen zu sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein dieser No-Popery-Spektakel war nicht auf die Nation, sondern auf die kleineren deutschen Höfe, und zwar nicht allein die protestantischen berechnet. Unzweifelhaft spielte auf österreichischer Seite in dem Siebenjährigen Kriege eine gewisse wenn auch abgeschwächte und beschränkte Tendenz mit, die habsburgisch-päpstliche Herrschaft doch noch über ganz Deutschland auszudehnen; die französischen Diplomaten an den deutschen Höfen erklärten in ihren Berichten nach Versailles, auch die katholischen Reichsstände wären um die »deutsche Libertät« besorgt, und es sei dringend notwendig, durch öffentliche Erklärungen diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die österreichische Regierung verwahrte sich denn auch wiederholt gegen den Verdacht, als ob sie den westfälischen Friedensvertrag zu verletzen beabsichtige, indessen dieser Verdacht wuchs gewissermaßen von selber aus der Lage der Dinge hervor, und es war ein geschickter diplomatischer Schachzug Friedrichs, ihn nach Kräften zu nähren. Er tat es auch nicht ohne Erfolg. Am Reichstage zu Regensburg verhinderte die Gesamtheit der protestantischen Reichsstände durch einen eigenen Beschluß, daß die vom Wiener Hofe beabsichtigte Reichsacht über ihn verhängt wurde, und wenn die »Reichsexekutionsarmee« noch viel elender ausfiel, als sie nach der verkommenen Reichsverfassung ohnehin ausgefallen wäre, so war es, weil die meisten Reichsstände, katholische wie protestantische, widerwillig und zögernd ihre schlecht ausgerüsteten Truppen stellten. Insofern hatte Friedrich allen Grund, dem Marquis d&#039;Argens zu schreiben, daß dessen antipapistische Fälscherkunststücke ihm eine gewonnene Schlacht wert seien; nur daß er dabei einzig an die moralische Einwirkung auf die Höfe, aber keineswegs auf die Nation dachte. Auch blieb dieser Erfolg in bestimmten Grenzen. Denn die kleinen deutschen Höfe waren viel zu ängstlich, als daß sie es zu einem selbständigen Entschlusse hätten bringen können; einige von ihnen, die gar zu dicht unter dem Griffe Friedrichs lagen, verbanden das Angenehme mit dem Sicheren, indem sie ihre Landeskinder als Hilfsvölker an England, das der Form nach nur mit Frankreich, aber nicht mit Österreich oder dem deutschen Reiche im Kriege lag, verkauften und vermieteten, in welchem Menschenschacher hoffentlich nicht auch noch ein »höherer Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges enthalten sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Krieg war ein Krieg wie alle Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die gemäß ihren ökonomisch-militärischen Möglichkeiten die bürgerliche Bevölkerung im Grunde gar nichts angingen. Und eben dies war die allgemeine Auffassung der Zeitgenossen auch vom Siebenjährigen Kriege. Unter seinem Eindrucke schrieb Friedrich: »Der friedliche Bürger soll es gar nicht merken, wenn die Nation sich schlägt.« Lessing aber schrieb in dem ersten Literaturbriefe: »Lieber will ich Sie und mich mit dem süßen Traume unterhalten, daß in unseren gesitteteren Zeiten der Krieg nichts als ein blutiger Prozeß unter unabhängigen Häuptern ist, der alle übrigen Stände ungestöret läßt und auf die Wissenschaften weiter keinen Einfluß hat, als daß er neue Xenophons, neue Polybe erwecket.« Und Clausewitz schreibt über die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts: »Der Krieg wurde nicht bloß seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes. Obgleich hierin ein Irrtum lag, ... so hatte allerdings diese Veränderung eine wohltätige Wirkung für die Völker, nur ist nicht zu verkennen, daß sie den Krieg noch mehr zu einem bloßen Geschäfte der Regierung machte und dem Interesse des Volkes noch mehr entfremdete.« Das sind gleich drei klassische Zeugnisse auf einmal, aber es seien ihnen auch noch einige bezeichnende Tatsachen hinzugefügt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Friedrich sich in einem Winterquartiere zu Leipzig mit Gottsched über deutsche Literatur unterhalten hatte, richtete er eine französische Ode an den »sächsischen Schwan«, und Gottsched antwortete öffentlich in einem überschwenglichen Huldigungsgedichte, das mit den Worten schloß: »Und dein Bewunderer bleibt der deine.« Über diese Albernheit hat Lessing weidlich gespottet, aber niemand hat zu jener Zeit das geringste Arg darin gefunden, daß ein kurfürstlich sächsischer Professor in solcher Weise den Eroberer seines Landes, den Todfeind seines Landesherrn, öffentlich anschmeichelte; was heute als eine landesverräterische Infamie erscheinen würde, erschien damals als ganz natürlich oder wurde höchstens wegen seiner ästhetischen Geschmacklosigkeit verlacht; so sehr betrachtete sich die bürgerliche Bevölkerung als außerhalb des Kriegszustandes. Sehr lehrreich ist auch der Briefwechsel, den der in Leipzig lebende Lessing im Jahre 1757 mit seinen Berliner Freunden Moses Mendelssohn und Nicolai führte. Das Jahr 1757 war das einzige des Siebenjährigen Krieges, das eine gewisse Heldenverehrung hervorrufen zu können schien. Die Schlacht bei Prag als die gewaltigste des Jahrhunderts; dann der jähe Glücksumschlag von Kolin; endlich aus dem tiefsten Falle wieder ein schnelles Aufsteigen in dem lustigen Siege von Roßbach und dem glänzenden Siege bei Leuthen! Was mögen darüber wohl Friedrichs Geistesverwandter und Mitrevolutionär Lessing und der brandenburgisch-preußische Patriot Nicolai in ihren Briefen vor lauter Herzenslust geschwatzt haben! Nun – gar nichts, sozusagen. Man findet in ihrem Briefwechsel aus dem Jahre 1757 weitläufige Erörterungen über die Theorie der Tragödie, allerlei Tüfteleien über grammatikalische Unklarheiten in Klopstocks Messias, Beratungen über Druck und Verlag der Bibliothek der schönen Wissenschaften, welche die Preußen Mendelssohn und Nicolai endlich bei einem sächsischen Verleger unterbringen – aber vom Kriege? Sozusagen nichts; es sei denn, daß man Lessings Mitteilung, der Dichter Ewald von Kleist sei als Major zu einem in Leipzig garnisonierenden Infanterieregiment kommandiert worden, oder die Neckerei von Moses, Lessing sei wohl zum Schutze für die Kurmark angeworben worden, da er so lange auf Antwort warten lasse, für etwas nehmen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin, wenn Lessing und Moses, die für jene Zeit zu den vorgeschrittensten Elementen der bürgerlichen Bevölkerung in Deutschland gehörten, im allgemeinen noch dem Kriege gleichgültig gegenüberstehen, so bricht doch in ihnen schon die Erkenntnis jenes »Irrtums« durch, von dem Clausewitz spricht; nur nach einer ganz anderen Richtung hin, als die Theorie des »höheren Lebensgehalts« erwarten lassen sollte. In der oben angeführten Äußerung Lessings von dem »süßen Traum« leuchtet bereits ein Zweifel hervor, der in den unmittelbar vorhergehenden Sätzen noch klarer hervortritt. Sie lauten: »Der Friede wird ohne sie (die Musen) wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen. Ich rufe Ihren Blick aus dieser finstern Aussicht zurück. Man muß einem Soldaten sein unentbehrliches Geschäft durch die bejammernswürdigen Folgen desselben nicht verleiden.« Und ganz ähnlich schreibt Moses an Lessing im Jahre 1757, indem er ihn bittet, Leipzig als einen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung zu verlassen: »Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!«&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 64; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig, daß diese Wortführer der bürgerlichen Klassen bei einem kritischen Blick auf den Siebenjährigen Krieg nicht von Sympathie, sondern von Antipathie überfließen! Merkwürdig oder vielmehr nicht merkwürdig! Denn jene Vorstellung, daß der Krieg die bürgerliche Bevölkerung nichts angehe, war doch nur möglich, weil und solange diese Bevölkerung allen Selbstbewußtseins entbehrte; mit diesem Selbstbewußtsein mußte sofort die Erkenntnis erwachen, daß sie allein die Kosten des Krieges zu tragen habe und daß jene »wohltätige Wirkung«, die eine »notwendige Folge des fortschreitenden Geistes« zu sein schien, gerade um den Preis jedes »höheren Lehensgehalts« erkauft wurde. Der Siebenjährige Krieg konnte die bürgerliche Bevölkerung noch gleichgültig lassen und ließ sie noch gleichgültig, aber soweit er etwa eine Empfindung in ihr erweckte, war es eine Empfindung des Abscheus, nicht eine Empfindung des bürgerlichen Selbstbewußtseins oder des nationalen Stolzes. Diese Empfindung konnten die bürgerlichen Zeitgenossen aus dem Siebenjährigen Kriege ebensowenig schöpfen, wie Friedrich den Krieg nach der napoleonischen Strategie führen konnte. Selbst die bloße Vorstellung eines solchen Zusammenhanges war nicht eher möglich, als bis die amerikanischen und französischen Revolutionskämpfe dem Kriege eine ganz andere Form und einen ganz anderen Inhalt gegeben hatten, und in der Tat hat Goethe erst unter dem frischen Eindruck des napoleonischen Kriegszeitalters dem Siebenjährigen Kriege eine Bedeutung untergelegt, die Friedrichs Kriege für die bürgerlichen Zeitgenossen nicht hatten und schlechterdings nicht haben konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur historischen Kritik der Lessing-Legende in ihrer zweiten und zugleich auch noch in ihrer ersten Gestalt. War es notwendig, etwas weit auszuholen, um so verjährten und versteinerten Irrtümern, die unter dem Schutze so großer Namen stehen, auf den Grund zu gelangen, so wird sich die dritte Gestalt der Lessing-Legende desto schneller erörtern lassen, die byzantinische Knechtsgestalt nämlich, welche sie im neuen Deutschen Reich angenommen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== X. Scherer und Erich Schmidt über Lessing ==&lt;br /&gt;
Die Lessing-Legende in ihrer dritten Gestalt hat zwei typische Werke aufzuweisen: Scherers »Geschichte der deutschen Literatur« und Erich Schmidts Lessing-Biographie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle sonstigen Erzeugnisse der seit 1870 in tropischer Fülle aufgewucherten Lessing-Literatur können hier übergangen werden. Es wäre unbillig, den Bearbeitern der Hempel-Ausgabe einzelne loyale Kopfsprünge aufzumutzen; sie haben sich durch philologischen Kärrnerfleiß um Lessings Werke verdient gemacht und damit das sicherste Gegengift gegen die dauernde Verseuchung von Lessings Wirksamkeit geschaffen. Die beiden englischen Lessing-Biographien (von Sime und Zimmern) besitzen keinen selbständigen Wert; eine ganz traurige Zusammenstoppelung ist Lessings Leben von Düntzer. Der Verfasser teilt an der Spitze seiner Vorrede mit, daß Herr C. R. Lessing »hochverdient« um seine Arbeit sei, und jede Seite der geschmacklosen Kompilation bestätigt diese Mitarbeiterschaft. Herr C. R. Lessing, der gegenwärtige Besitzer der »Vossischen Zeitung«, ist ein Kapitalist von gewöhnlichem Schlage, aber von ungewöhnlichem Reichtum, der heute eine Protzenausgabe des Nathan veranstaltet und morgen einen Tintenkuli wegen jüdischer Abstammung aufs Pflaster wirft, bei der einen wie bei der anderen Huldigung an den berühmten Großohm umtost von dem rauschenden Beifalle der kapitalistischen Lessing-Korybanten. Es lohnt so wenig, dies abstoßende Bild näher auszumalen, wie mit den Liliputern des Lessing-Humbugs anzubinden, den Gelehrten der »Vossischen Zeitung«, der »National-Zeitung«, des »Berliner Tageblattes« und anderer Kapitalistenblätter. Bei Scherer und Erich Schmidt steht wenigstens eine alexandrinische Gelehrsamkeit hinter der byzantinischen Gesinnung, und ihre Mißhandlung Lessings wie unserer klassischen Literatur überhaupt beansprucht deshalb eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung, weil Scherer bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode Professor der Literaturgeschichte an der Berliner Hochschule war und Erich Schmidt sein Nachfolger geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scherer ist von Lessing schon vorausgeahnt worden, und zwar, als Lessing schrieb: »Gott weiß, ob die guten schwäbischen Kaiser um die damalige deutsche Poesie im geringsten mehr Verdienst haben als der itzige König von Preußen um die gegenwärtige. Gleichwohl will ich nicht darauf schwören, daß nicht einmal ein Schmeichler kommen sollte, welcher die gegenwärtige Epoche der deutschen Literatur die Epoche Friedrichs des Großen zu nennen für gut findet.« Dieser »Schmeichler« ist Scherer. Auf etwa 130 Seiten seines Werkes behandelt er das »Zeitalter Friedrichs des Großen«, von Gottsched und Gellert bis auf Herder und Goethe, Lessing mitten darunter mit etwa 50 Seiten.&amp;lt;ref&amp;gt;Scherer, Geschichte der deutschen Literatur, 394 ff., fünfte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar kennt Scherer die »Warnungstafel« Lessings, aber sie »schreckt ihn gar nicht«. Natürlich nicht; wie sollte Scherer auch nicht die übermenschliche Courage besitzen, dem toten Lessing eine blutige Beleidigung zuzufügen, die sich der lebende Lessing schon so derbe verbeten hatte? Es ist wahr: Scherer bringt auch eine Art von Begründung für seine Auffassung bei, sogar unter ausdrücklichem Verzicht auf Goethes »berühmte Stelle«; er meint, die Tatsachen selbst redeten eine so deutliche Sprache, der literarische Aufschwung hinge mit dem politischen zusammen. Grundsätzlich schimmert hier eine richtige Ansicht durch. Wenn man die Literaturgeschichte eines Zeitalters erzählen will, ohne die ökonomische und politische Geschichte desselben Zeitalters zu kennen, so verfällt man günstigenfalles in eine ästhetisch-philologische Kannegießerei. Unzählige Literaturgeschichten bezeugen es und ganz besonders auch die Literaturgeschichte Scherers. Denn jener scheinbare Anflug von besserer Einsicht ist bei ihm nichts als eine höfische Redewendung, um den König Friedrich als die geistig bahnbrechende Größe in unsere klassische Literatur einzuschmuggeln. Er vernachlässigt sonst in der unglaublichsten Weise den Zusammenhang zwischen Literatur und Politik. Er bekommt es sogar fertig, über Luther und Hutten zu orakeln, ohne die Stellung dieser Männer zu den politischen und sozialen Fragen ihrer Zeit auch nur anzudeuten. »Die Reformation war zunächst Luther. Sein Wille, seine geistige Richtung entschied.« Luther hatte »aus inneren Kämpfen die Kraft gezogen, sich dem Papste und der alten Kirche entgegenzuwerfen und die Nation mit sich fortzureißen«. Welch tiefsinnige Auffassung der Reformationsgeschichte! Selbst ein bürgerlicher Gelehrter wie Roscher fordert: Um zu erkennen, wes Geistes die einzelnen Männer des deutschen Reformationszeitalters gewesen seien, müsse man ihre Stellung zum Bauernkriege prüfen. Und was sagt Scherer über Luthers Verhalten zu den Bauern? Man höre: »Der hochgestiegene Bauernsohn gab den Bauern die göttlichen Wahrheiten hin.« Wie gnädig, wie herablassend, wie idyllisch! Von Luthers Verrat an den Bauern, der wie die politische und soziale so auch die literarische Wirksamkeit des Reformators in entscheidender Weise beeinflußte, weiß Scherer nichts oder will er nichts wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig begreift er von dem inneren Zusammenhange zwischen den literarischen und den ökonomisch-politischen Zuständen, aber sowie der brandenburgisch-preußische Staat in Sicht kommt – hilf Himmel! da muß schon eine Phrase herhalten, gleichsam ein Stückchen Seife, mit dem der byzantinische Schaum geschlagen werden kann. »Alle preußischen Regenten seit dem großen Kurfürsten hatten ein Verhältnis zur deutschen Bildung; alle haben sie irgendwie direkt oder indirekt gefördert.« Wirklich? Beispielsweise auch jener Friedrich Wilhelm I., der die Einkünfte der Berliner Akademie zu Besoldungen für seine Hofnarren bestimmte, der die Universitätsprofessoren zu Frankfurt a. O. in der schnödesten Weise verhöhnte, der einen Lehrer, welcher dem Kronprinzen Friedrich die Goldene Bulle erklärte, mit den Worten durchprügelte: »Warte, Schurke, ich werde Ihn beauream bullam«, der, wie selbst Treitschke zugibt, für alles ideale Schaffen nur den Spott des Barbaren hatte? Auch dieser; Scherer »läßt die Tatsachen selbst so deutlich reden«. Friedrich Wilhelm I. haßte, wie alle Bildung, so auch die französische Bildung. Dies ist die »Tatsache«, und sie »redet«: »Die Hauptmächte der deutschen Erziehung seit der Reformation und Renaissance, das biblische Christentum und die antike Literatur, konnten &#039;&#039;daher&#039;&#039; auf die jungen Preußen mehr unmittelbar einwirken als auf die übrigen Deutschen«, und »es war &#039;&#039;daher&#039;&#039; kein Zufall, daß an der Universität Halle die poetische Richtung zuerst hervortrat, welche nachher der Preuße Klopstock auf ihren Gipfel brachte, daß Winckelmann aus Preußen stammte und daß Lessing in Berlin den entscheidenden Anstoß erhielt.« So wird Literaturgeschichte im neuen Deutschen Reiche geschrieben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verweilen wir indessen einen Augenblick bei dem byzantinischen Geschwafel! Die Universität Halle bekam das väterliche Zepter Friedrich Wilhelms I. fühlbar zu schmecken, als der König ihrem damals berühmtesten Lehrer, dem Philosophen Wolff, bei Strafe des Stranges befahl, binnen achtundvierzig Stunden die sämtlichen königlichen Lande zu räumen. Es geschah, weil einige professorale Neidhämmel, namentlich der Theologe Lange, dem Könige hatten einblasen lassen, Wolff predige den Fatalismus; wenn nach Wolffs Lehre ein langer Grenadier aus Potsdam desertiere, so habe das Fatum es so haben wollen, und der Deserteur dürfe nicht bestraft werden, weil er dem Fatum nicht habe widerstehen können. Diese landesväterliche Aufmunterung der Wissenschaften »redete so deutlich«, daß sie die Hallische Dichterschule erzeugte. »Es war daher kein Zufall«, weder daß der einzige Unsterbliche dieser Schule ein Sohn jenes Denunzianten Lange war, noch daß seine Unsterblichkeit aus der antiken Literatur entsprang, welcher Friedrich Wilhelm I. die »mehr unmittelbare« Einwirkung auf die »jungen Preußen« gesichert hatte. Siehe Lessings Vademecum für Herrn Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, wodurch dieser Übersetzer des Horaz unsterblich wurde wie das Insekt im Bernstein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem von Apollo geschundenen Marsyas entzündete sich – nach Scherer – der »Preuße« Klopstock. Der »Preuße«, wahrhaftig! Klopstock war in Quedlinburg geboren, und Quedlinburg war von 937 bis 1803 ein reichsunmittelbares Frauenstift. Seine Bildung und Erziehung erhielt Klopstock auf der sächsischen Gelehrtenschule Pforta und der sächsischen Universität Leipzig; der König von Dänemark gewährte diesem deutschen Dichter dann die nötige. Muße zur Vollendung des Messias; Klopstock lebte zumeist in Kopenhagen und Hamburg, zeitweise auch in Zürich und Karlsruhe, wo ihm der Markgraf von Baden ein wohlwollender Beschützer war. Klopstocks Beziehungen zu Preußen beschränkten sich darauf, daß er die Ausländerei Friedrichs II., des, wie er sagte, »Fremdlings im Heimischen« bitter verspottete und daß er sich von den Habsburgern noch weit eher eine Förderung der deutschen Literatur versprach als von den Hohenzollern. Aber Scherer sagt doch, daß Klopstock ein »Preuße« war, und Scherer ist ein ehrenwerter Mann. Nun, die Sache hängt so zusammen, daß Preußen die Schirmvogtei über das Frauenstift Quedlinburg, einige zwanzig Jahre vor Klopstocks Geburt und unter heftigem Widerstreben der Quedlinburger, von Sachsen für 300 000 Taler kaufte und daß Quedlinburg dann im Todesjahre Klopstocks, als der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die große Heimramschung der geistlichen Gebiete vollzog, an den preußischen Staat fiel. Als Säugling und Klippschüler hat Klopstock wohl einmal die Söldner Friedrich Wilhelms I. in Quedlinburg exerzieren oder auch Spießruten laufen sehen, und so kam er ganz unvermerkt in das »biblische Christentum« und die »antike Literatur« hinein, wodurch wir Deutsche dann wieder – welch unerforschliche, aber von Scherer durch und durch erforschte Fügung des Himmels! – zu einer klassischen Literatur kamen, wir wußten nicht wie. Schade, ewig schade, daß der unglückliche Klopstock selbst nie erfahren hat, welche segensreichen Mächte über seinem ahnungslosen Haupte walteten! Als er längst ein berühmter Dichter war, durfte er sich in seinem Vaterhause nur heimlich aufhalten, weil die preußischen Werber ihm nachstellten, und mit Mühe entging sein väterliches Erbe der Beschlagnahme durch den preußischen Militärfiskus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Winckelmann »stammte aus Preußen«, wie Scherer behauptet. Und das stimmt. Winckelmann war ein Schusterssohn aus Stendal, wo ihm sogar im Schatten einer gotischen Kirche eine Bildsäule errichtet worden ist, beiläufig ein so geschmackloses Denkmal, wie es der kultivierte Europäer höchstens seinem Todfeinde wünschen mag. Aber ach! für Scherer ist es wieder schade, daß Winckelmann, der es am Ende doch auch wissen mußte, seine preußische Abstammung nicht bloß nicht für »keinen Zufall«, sondern gerade im Gegenteil für den ärgerlichsten und unbegreiflichsten Zufall von der Welt hielt. Als er den märkischen Staub von den Pantoffeln schütteln durfte, schrieb er: »Ich habe viel leiden müssen und werde stets einen Widerwillen gegen mein Vaterland behalten.« Und ferner: »Mein Vaterland vergesse ich gern ... Mein Vaterland ist Sachsen; ich erkenne kein anderes und ist kein Tropfen preußischen Blutes in mir.« Statt Preußen schreibt er oft kurzweg »Das despotische Land«, und zwar »drückt auf ihm der größte Despotismus, der je gedacht ist. Ich gedenke mit Schaudern an dieses Land.« Wenn Winckelmann befürchtet, daß ein alter Freund von ihm nicht mehr am Leben sei, so fügt er hinzu: »Es wäre sein Bestes für ihn und alle diejenigen, welche in diesem unglücklichen Lande eine schwere und erstickende Luft schöpfen.« Er meint, ein freier Schweizer müsse dies Land ärger als Sibirien verwünschen. »Es schaudert mich«, ruft er in einem Briefe an Usteri vom 15. Januar 1763, »die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite und mit lybischem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche belegen wird. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.« Und so ins Endlose.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi, Winckelmann, 1, 188 ff. Justi steht, »im allgemeinen angesehen«, auch auf dem bürgerlich-preußischen Standpunkt, und er meint, für die Zeit Winckelmanns sei der friderizianische Despotismus das beste für Preußen gewesen, indessen nach dieser Verwahrung fügt er den zornigen Ausbrüchen Winckelmanns doch hinzu: »Aber wir lieben die, welche den Despotismus unter jeder Gestalt hassen, auch den notwendigen, auch den heilsamen und aufgeklärten Despotismus. Wir ziehen sie sogar denen vor, welche auf den beschränkten und parteiischen Zorn des achtzehnten Jahrhunderts in ihrer überlegenen historischen Einsicht lächelnd herabsehen, welche geschichtlichen Sinn und sympathischen Respekt haben für alle glücklichen Verbrecher, für alle Scheiterhaufen und Staatsstreiche der Vergangenheit, und welche nur die ewigen Ideen des Rechts, der Aufklärung und der Humanität für Phrase halten und nur für das Verlangen der Völker nach politischer Freiheit keinen Verstand haben.« Das ist die Sprache einer achtbaren bürgerlichen Ideologie. Vergleicht man den Justi der sechziger und siebziger Jahre mit dem Scherer der achtziger und dem Erich Schmidt der neunziger Jahre, so greift man den geistigen Verfall der deutschen Bourgeoisie mit Händen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur Kritik dessen, was Scherer über Friedrich Wilhelm I. als geistigen Ahnherrn unserer klassischen Literatur beibringt; auf den »entscheidenden Anstoß«, den Lessing in Berlin erhalten haben soll, müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Dagegen ist schon durch unsere bisherige Darstellung im wesentlichen erledigt worden, was Scherer als die Ruhmestitel Friedrichs II. in Sachen der deutschen Bildung anführt: seinen kirchlichen Liberalismus, seine patriotischen Kriegstaten, seine lebendige Teilnahme an literarischer Kultur und sein ruhmvolles Beispiel, das ihm unter den deutschen Fürsten Schüler und Anhänger wie Karl August von Weimar erweckt habe. Auch sind diese vier Punkte bereits von Xanthippus-Sandvoß in ausgezeichneter Weise beleuchtet worden. Nur über den »kirchlichen Liberalismus« noch ein kurzes Wort! Für die Person des Königs war dieser »kirchliche Liberalismus«, wie Herr Sandvoß treffend hervorhebt, einfach der Atheismus; für seine Politik aber war er ein durch feudal-militärische Bedürfnisse geregelter Konfessionalismus, der da, wo er frei ausgreifen konnte, mit dem extremsten Ultramontanismus um die Palme der Unduldsamkeit rang. Man entsinnt sich noch des fürchterlichen Lärms, der sich jüngst über den Vorschlag eines ultramontanen Blattes erhob, wonach die Universitätsprofessoren auf die Glaubensbekenntnisse ihrer entsprechenden Konfessionen verpflichtet werden sollten; nun, dieser Vorschlag war noch recht »liberal«, verglichen mit der Tatsache, daß zu Friedrichs Zeit die &#039;&#039;evangelische&#039;&#039; Konfession in dem Professoreid von &#039;&#039;allen&#039;&#039; vier Fakultäten beschworen werden mußte. Gewiß ein famoser »kirchlicher Liberalismus«, aus dem – so will es Scherer – unsere klassische Literatur erwachsen ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am unerträglichsten werden Scherer und sein würdiger Nachfolger Erich Schmidt, wenn sie aus Lessing einen Karriereschnaufer des heutigen Schlages machen wollen. Über die flüchtige Berührung, in die Lessing persönlich mit Voltaire gekommen ist oder gekommen sein soll, schreibt Scherer: »Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: Welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung!« Jawohl, und welche Dreistigkeit, in die Seele eines Lessing »Aussichten auf Protektion und Empfehlung« hineinlesen zu wollen! Herr Erich Schmidt aber orakelt bei demselben Anlasse: »Kein Zweifel, daß manchmal eine kühne Hoffnung, im Gefolge Voltaires die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich zu lenken, der Seele Lessings nicht fernblieb, denn von Friedrich beachtet zu werden, war die Sehnsucht aller deutschen Schriftsteller, auch derer, die sich scheinbar so stolz in ihre christlich-germanische Tugend hüllten.« Nun, das ist doch noch eine Unverschämtheit, die sich gewaschen hat. Wir können erst in dem zweiten Teile dieser Darstellung die urkundlichen Beweise für die herbe Verachtung beibringen, womit Lessing in der nationalen Gesinnung, die ihm als einem Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen eignete, auf die französische Bildung des Königs herabsah, aber hier ist schon der Ort, festzustellen, daß Herr Erich Schmidt für die Behauptung, die er »keinem Zweifel« unterworfen sein läßt, auch nicht den Schatten eines Buchstabens als Beweis beibringen kann. Nicht den Schatten eines Buchstabens! Aber damit noch nicht zufrieden, fährt Herr Erich Schmidt fort: »Und Lessings Vertrauen mochte sicherer scheinen als die Bemühungen der Hallenser um die Fürsprache des dichtenden Generals Stille.« So kommt Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, doch noch zu den Ehren, um die ihn Lessings Vademecum schnöderweise gebracht hat; der brave Patriot bemühte sich doch nur um die Gunst eines preußischen Generals, während Lessing einem französischen Schöngeiste nachlief, weil es ihm »sicherer scheinen mochte«. Dieser Lessing, aber nun ist er auch erkannt! Herr Erich Schmidt schreibt weiter: »Ebensowenig wird es ein Irrtum sein, Lessings Anlauf zu einem französischen Lustspiele, dem Palaion, für eine leise Frage an Voltaire und den König zu erklären.« Ebensowenig! Zu einer Zeit, wo der junge Lessing viel mit einem französischen Sprachlehrer verkehrte, um sich in der französischen Sprache auszubilden, hat er einige Szenen in französischer Sprache geschrieben, genau sechs kleine Druckseiten, die dann über ein Menschenalter später in seinem Nachlasse gefunden worden sind. Und darum Kriecher und Streber! An einer anderen Stelle sagt Herr Erich Schmidt, Lessing habe sich in Berlin nach »hohen Gönnern umgeschaut«. Oho – doch wir haben schon einen starken Ausdruck über Herrn Erich Schmidt gebraucht, und an dem mag es genug sein.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 188, 203. Man glaube übrigens nicht, daß derartige Byzantinismen in der bürgerlichen Literargeschichte vereinzelt dastehen. So feiert Herr Otto Brahm, Heinrich v. Kleist, 351, irgendein beiläufiges Prinzeßchen, »die Prinzessin Wilhelm, eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg«, wie er preislich sagt, als »hohe Gönnerin«, weil der verzweifelnde Dichter des »Prinzen von Homburg«, der einzigen, wirklich dichterischen, aber ebendeshalb unverstandenen Verherrlichung des Hohenzollernhauses, wenigstens von dieser Dame ein Wort der Zustimmung – etwa erhielt? O, Gott bewahre! sondern – zu erhalten hoffte, aber nicht erhielt. Mit dieser alleruntertänigsten Gesinnung steht es nicht im Widerspruche, sondern gerade im Einklange, wenn Herr Otto Brahm seine Kleist-Biographie dem Herrn Erich Schmidt mit den donnernden Worten widmet: »Frisch auf also! Hier haben Sie meinen Kleist; geben Sie uns den Ihren!« Lakaienstolz ist immer der groteskeste.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun aber die »christlich-germanische Tugend« anbelangt, so sollte Herr Erich Schmidt doch lieber in seinen eigenen Busen greifen. Indem er Lessings Rettungen des Horaz bespricht, sagt er: »Die Freunde der Dichter mögen hoffen, daß nach Archilochos, Alkaios, Horatius auch der Freischärler Herwegh, auf dem noch immer der Mythus von dem bergenden Spritzleder lastet, seinen Retter finde.« Was soll das nun wohl heißen? Der »Mythus von dem bergenden Spritzleder« ist mindestens ein halb Dutzend Mal so bündig widerlegt worden, wie eine niederträchtige, rein aus der Luft gegriffene Tendenzlüge nur immer widerlegt werden kann. Und das scheint auch Herr Erich Schmidt zu wissen, denn er spricht von einem »Mythus«. Aber wo kann denn noch eine elende Lüge »lasten«, wenn sie soundso oft widerlegt ist? Etwa auf »hohen Gönnern«? Und deshalb schleift wohl Herrn Erich Schmidts »christlich-germanische Tugend« den traurigen Schwindel bei den Haaren in eine Lessing-Biographie? Er macht zwar aus Lessing einen frommen Knecht Fridolin, aber es ist so verteufelt schwer, diesen Mohren weißzuwaschen, und so erklärt der Lessing-Biograph zu aller Sicherheit mit dem gegen Herwegh gezielten Fußtritte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So wisset denn, daß ich Hans Schnock, der Schreiner, bin, Kein böser Low&#039; fürwahr, noch eines Löwen Weib.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werfen wir aber noch einen Blick in den zweiten Band des Herrn Erich Schmidt! Hier dichtet er das ergreifende Martyrium Lessings in Wolfenbüttel zu einer Nörgelei des beschränkten Untertanenverstandes gegen einen großartigen und wohlwollenden Herrscher um. Im Anfang des Jahres 1773 versprach der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig aus freien Stücken, Lessings bis dahin kümmerlich besoldete Stellung aufzubessern, wenn Lessing sich dauernd »in braunschweigischen Diensten fixieren« wolle. Lessing, der sich inzwischen mit Eva König verlobt hatte und die Verbindung mit der geliebten Frau nicht schnell genug beeilen konnte, übernahm die Verpflichtung, und nun – tat der edle Erbprinz, als wüßte er von gar nichts. Er schwieg Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Man muß in Lessings Briefen nachlesen, wie ihm diese fürstliche Tücke das Leben in dem einsamen Wolfenbüttel vergällte; nichts erschütternder als die wilden Schmerzensschreie, die sich trotz aller männlichen Selbstbeherrschung immer wieder aus seinem stolzen Herzen rangen. Und dann höre man Herrn Erich Schmidt von oben herab tadeln, daß Lessing »aller kaltblütigen Überlegung beraubt wurde«. »Alles verzerrte sich ihm.« »So wühlte er sich in die blinde Wut gegen einen Fürsten hinein, dessen Verbrechen darin bestand, daß er zu früh gesprochen und nun weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit hatte, um Lessings fieberhafte Ungeduld durch ein Ja oder ein Nein zu befriedigen.« »Fieberhafte Ungeduld« ist gut als wohlmeinender Tadel für die Gefühle eines starken Mannes, der, durch eine große Liebe an einen öden Felsen gekettet, drei oder vier Jahre lang Tag für Tag den Geier an seinem Herzen fressen fühlt. Und was war der Grund davon, daß der »Fürst« »weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit« hatte? Herr Erich Schmidt enthüllt als diesen Grund »die stolze Zurückhaltung des nur mit der Finanzreform beschäftigten Erbprinzen«. Oder, wie er an einer anderen Stelle sagte: »Lessing kämpfte mit Schulden; auch der Erbprinz stemmte sich gegen die Lawine der Geldnot.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater des Erbprinzen, Herzog Karl, hatte die braunschweigischen Finanzen gänzlich zerrüttet. Er war »ohne ängstliche Sparsamkeit«, wie Herr Erich Schmidt sagt; »Herzog Karl mit seinem leichten sinnlichen Naturell freute sich, auf dem Thron all die pedantischen Fesseln einer engherzigen Jugendbildung abzustreifen und seinem Impresario Niccolini übermäßige Mittel zur Verfügung zu stellen.« Ein anderer bürgerlicher Geschichtsschreiber, der übrigens mit dem ideologischen Poltern seines wohlfeilen Radikalismus sonst gar nicht unser Mann ist, nämlich J. Scherr, schreibt über den gleichen Fall: »Herzog Karl von Braunschweig verstand ganz vortrefflich die Alchimie, das Blut seiner Untertanen in Gold zu verwandeln. Er hatte es auch sehr nötig, falls er, obgleich nur Herr über 60 Quadratmeilen und 150 000 Untertanen, auf dem Fuße eines Sultans von Babylon leben wollte. Und er wollte und tat so. Seinem Theaterdirektor und Oberkuppler, dem italischen Gauner Niccolini, gab er einen jährlichen Gehalt von 30 000 Talern, dem Gotthold Ephraim Lessing, Bibliothekar in Wolfenbüttel, gab er 600 Taler jährlich.«&amp;lt;ref&amp;gt;Scherr, Blücher, 1, 24.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Rande des Bankerotts mußte der Herzog im Jahre 1773 die Regierung dem Erbprinzen überlassen, der sich, wie Herr Erich Schmidt rühmt, nunmehr in »stolzer Zurückhaltung« »nur« mit der »Finanzreform« beschäftigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur« – in der Tat! »Ohne eine Phrase zu verlieren« – so stürmt Herr Erich Schmidt in die Saiten –, »übte der Erbprinz für seine Person eine ihm unnatürliche Ökonomie«, und also enthielt er auch, selbst ein Büßer, dem Bibliothekar in Wolfenbüttel die 200 Taler Gehaltsaufbesserung vor, denn um eines solchen Bettels willen wurde Lessing von dem ausgezeichneten Fürsten jahrelang auf die Folter gespannt. Aber wenn nicht für seine Person, für wen unterhielt dann der Erbprinz den Harem, in dem die Gräfin Branconi und das Fräulein v. Hertefeld als Favoritsultaninnen glänzten?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – die Dame Hertefeld stammte aus einem clevischen Adelsgeschlechte, das in die Mark Brandenburg übergesiedelt war und hier die große Herrschaft Liebenberg besaß. Ihr Bruder, Friedrich Leopold v. Hertefeld, der Besitzer von Liebenberg, gehörte zu den wütendsten Gegnern der Lichtenau – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. In einem Briefe vom 18. März 1797 – siehe Fontane, Fünf Schlösser, 280 – berichtet er mit schmunzelndem Behagen über die Verwüstungen, die adeliger Pöbel in der Wohnung der Lichtenau angerichtet hatte, als sie zur Hochzeit ihrer Tochter abwesend war. Derselbe Hertefeld schreibt dann über seine Schwester, die Lichtenau des Herzogs von Braunschweig: »Sie war eine gutmütige, vernünftige Person, und es war ihr Unglück, daß sie die Tollheiten unserer Zeit schmerzlicher empfand als andere.« Dame Hertefeld hatte es nämlich mit der bebenden Angst bekommen, als das Messer des Meisters Sanson den Kopf der Dubarry abschor. Seitdem hielt sie im Schlosse von Braunschweig ihre Koffer gepackt und als ersten Notgroschen für die Flucht in einer Kassette 5000 Taler bar bereit. Aber sie hatte mehr Glück als die Dubarry: Sie starb als Stiftsdame von Stedernburg ruhig in ihrem Bette, gerade recht zum Torschlüsse, wenige Monate vor der Sintflut von Jena. Ihr Bruder gehörte darnach aber noch zu den giftigsten Gegnern der Scharnhorst und Stein – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. Er schimpfte mörderlich auf diese »Schurken«, weil er eine ablehnende Antwort auf das patriotische Gesuch erhalten hatte, im Jahre 1813 seinen adeligen Leibeserben aus dem Heeresdienst zu entlassen. Später gründete die Familie Hertefeld dann die »Berliner Revue«, ein ultrafeudales Organ, dazu bestimmt, die »Tollheiten unserer Zeit« kritisch zu vernichten, dagegen die Herrlichkeiten jener Zeit romantisch zu beleuchten, wo adelige Fürstendirnen fromme Lichtgestalten, bürgerliche Fürstendirnen aber nichtswürdige Scheusale waren.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch aus diesem Schmutze sproßt die Loyalität des Herrn Erich Schmidt wie eine reine Lilie hervor; er schreibt: Der Erbprinz »hielt sich Mätressen, die seine Sinne, nie seinen Kopf und sein Herz beherrschten«. Und zwanzig Zeilen weiter: »Er legte mit ungeheurer Selbstbeherrschung seine Leidenschaften wie Hunde an die Kette.« Herr Erich Schmidt meint damit, daß der einundsiebzigjährige Greis noch 1806 als preußischer Oberfeldherr eine französische Buhldirne mit auf das Schlachtfeld von Jena schleppte. Patriotische preußische Offiziere waren damals allgemein der Überzeugung, daß diese Beischläferin die Pläne und Entschließungen des Herzogs ihren anrückenden Landsleuten verraten habe.&amp;lt;ref&amp;gt;Graf Henckel von Donnersmarck, Erinnerungen aus meinem Leben, 46.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber offenbar haben sie sich dabei von ihrem nur zu berechtigten Zorne zuweit reißen lassen. Denn die Schelmin hätte mehr geben müssen, als sie kriegen konnte, wenn sie bei Jena »Pläne und Entschließungen« ihres Liebhabers hätte verraten wollen. Und nun gar Herrn Erich Schmidts Enthüllungen aus den braunschweigischen Haremsgeheimnissen entlasten den Herzog und seine Dirne vollständig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo bleibt denn nun aber die »Finanzreform«, die den damaligen Erbprinzen »nur« beschäftigte, so daß Lessing darüber sterben und verderben konnte? Sie war ein ganz einfaches Handelsgeschäft; der Erbprinz war nächst dem Landgrafen von Hessen unter den deutschen Kleinfürsten der betriebsamste Händler in Menschenfleisch. Er verschacherte an England und Holland viele Tausende von Landeskindern um schweres Geld. War diese Tatsache Herrn Erich Schmidt bekannt? Als ob sie es einem so sorgfältigen »Philologen« nicht wäre! Und gleichwohl –? Spaß für einen neu-reichsdeutschen Byzantiner! Der Erbprinz »beugte seinen Stolz zur Vermietung braunschweigischer Truppen« und noch dazu, »ohne eine Phrase zu verlieren«. Dieser Haß gegen die »Phrase« ist etwas auffallend bei einem Schriftsteller, der einen so gedunsenen und geschwollenen, so überladenen und vor lauter Phrasenhaftigkeit manchmal gar nicht verständlichen Stil besitzt wie Herr Erich Schmidt, aber man bedenke auch, wie viele »Phrasen« über den Menschenschacher der deutschen Kleinfürsten gemacht worden sind. König Friedrich erklärte, von solchen verkauften Truppen, die sein Gebiet berührten, würde er Viehzölle erheben lassen, denn hier seien vernünftige Menschen als Tiere verschachert; ja, als einmal wirklich ein von seinen Ansbacher Verwandten verhandelter Transport über die preußischen Grenzen kam, ließ er Kanonen gegen die Menschenhändler auffahren, so daß sie einen Umweg nehmen mußten. Schiller aber läßt die verkauften Landeskinder am Stadttore rufen: »Es leb&#039; unser Landesvater. Am Jüngsten Gerichte sind wir wieder da!« So »wühlten sich« König Friedrich und Schiller mit ihren »Phrasen« »in die blinde Wut gegen einen Fürsten, dessen Verbrechen« nunmehr glücklich von dem besonnenen Reichspatrioten Erich Schmidt aus der Welt erklärt worden ist. Ein Glück bei alledem, daß unsereinem die göttliche Grobheit eines Lassalle nicht erlaubt ist, denn gegen diesen Erich war jener Julian noch ein Held an Charakter und Geist.&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 2, 238 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich soll den Scherer und Erich Schmidt damit nicht mehr getan werden, als sie verdienen. Ihre alexandrinische Gelehrsamkeit bleibt ihnen unangefochten. Haben sie wirklich den ganzen Praß von Büchern gelesen, den sie in ihren »Anmerkungen« anführen, so könnte man sogar mit Lessing auf die Besorgnis verfallen, daß sie für ihren gesunden Verstand schon viel zuviel gelesen haben. Nichts dankenswerter als die philologische Arbeit an den Werken unserer klassischen Literatur, solange sie sich in ihren Schranken hält oder doch nur gelegentlich einmal darüber hinausschweift! Aber von einem Biographen Lessings oder einem Geschichtsschreiber der deutschen Literatur ist etwas anderes und auch wohl etwas Besseres zu verlangen, als daß sie zehnmal schon umgekehrte Stäubchen noch zum elften Male umzukehren verstehen. Über diesen tausend und aber tausend Quisquilien verlieren sie jeden Blick für das Ganze der Erscheinung, und wenn sie über Lessing absprechen wollen, so sollten sie doch wirklich erst beherzigt haben, was Lessing über die »selbstdenkenden Köpfe« und die »siebenmal sieben Stäubchen aus der Literaturgeschichte« sagt. Allein, das wäre noch das wenigste. Weit schlimmer ist es, daß sie ohne jede Kenntnis der gleichzeitigen ökonomischen und politischen Zustände schreiben. Damit reißen sie die Pflanzen aus ihrem mütterlichen Boden und legen sie zwischen die löschpapiernen Seiten ihrer Herbarien. Mögen sie nun noch so sorgsam die einzelnen Blätter bis auf die letzte Zacke beschreiben: Duft und Farbe sind unwiederbringlich dahin. Der ärgste Frevel solcher Literarhistoriker aber ist es, wenn sie, sei es in einem dumpfen Gefühle ihrer verhängnisvollen Einseitigkeit, sei es aus anderen, aber wahrhaftig nicht achtbareren Gründen, die Gegenstände ihrer Darstellung in ein politisch-soziales Licht rücken wollen und sie deshalb mit den politischen und sozialen Vorurteilen aufschminken, die ihnen selbst geläufig sind und die »hohen Gönnern« angenehm in die Ohren klingen. Dann entsteht ein wahrer Greuel der Verwüstung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nunmehr wird sich auch leicht erklären, weshalb wir mit der Lessing-Legende in ihrer dritten und letzten Gestalt schnell fertig zu werden versprachen. Es hatte einen Zweck, die sachlichen Irrtümer über Lessing, denen Goethe und Gervinus und Lassalle verfallen sind, ausführlich zu erörtern, denn dabei konnte das sachliche Verständnis gefördert werden. Es hat aber gar keinen Zweck, aus den tendenziösen Darstellungen von Scherer und Erich Schmidt noch mehr Proben zu geben, als wir schon gegeben haben. Das Ergebnis bliebe immer dasselbe: Lessing wird in dem Prokrustesbette der heute für die bürgerliche Welt »maßgehenden« Tendenzen bald so, bald so gereckt. Wer sich überhaupt überzeugen lassen will, ist durch die bisherigen Proben wohl überzeugt worden, wer sich nicht überzeugen lassen will, wird durch zehnmal zahlreichere Proben auch nicht überzeugt werden. In keinem Falle spränge dabei etwas für die sachliche Förderung des Lessing-Problems heraus. So schließen wir denn den ersten Teil unserer Arbeit, der eine kritische Geschichte der Lessing-Legende geben und zugleich den allgemeinen historischen Hintergrund zeichnen sollte, von dem sich das Bild Lessings abhebt. In dem zweiten Teile wird unsere Aufgabe sein, dies Bild selbst von den Entstellungen und Verunzierungen der Legende zu befreien und es soweit möglich in seiner wirklichen Gestalt wiederherzustellen. Es mag sein, daß wir bisher schon diesen oder jenen spezielleren Punkt berührt haben, wie wir auch nicht dafür stehen können, daß wir nicht fortan noch diese oder jene allgemeinere Frage berühren müssen. Aber der Leser wird, wie wir hoffen, nachsichtig urteilen, wenn sich ein seit bald hundert Jahren so verfitztes Knäuel, wie die Lessing-Legende ist, nicht immer an einem ganz glatten Faden aufwickeln läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zweiter Teil. Lessing und die Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und der sächsische Kurstaat ==&lt;br /&gt;
Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 zu Kamenz in der oberen Lausitz geboren. Die Lausitz ist altslawisches Gebiet, und die deutsche Kolonisation hat einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz der alten Bewohner verschont; auf den etwa hundert Quadratmeilen der oberen Lausitz werden noch heute weit über vierhundert wendische Dörfer gezählt. Lessing ist denn auch vom Panslawismus beansprucht worden, und selbst um seinen Namen hat sich ein erbitterter etymologischer Streit entsponnen, indem die einen die Stammsilbe &#039;&#039;Less&#039;&#039; als das slawische Wort für Wald ansprachen, die anderen aber auf die deutsche Endung &#039;&#039;ing&#039;&#039; pochten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der an sich schon abgeschmackte Zank entbehrt obendrein jedes tatsächlichen Anhalts. Sowohl weil der Stammbaum Lessings bis ins Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Reihe deutscher Beamter und Prediger aufweist, als auch weil der Großvater Lessings erst in die Lausitz eingewandert ist, nachdem diese Landschaft schon mehrere Jahrzehnte dem sächsischen Staatsverbande eingefügt worden war. Hierin allein liegt ein für den historischen Lessing maßgebender Gesichtspunkt. Es ist nicht unrichtig, wenn Herr Erich Schmidt sagt, Lessing wurzele minder tief im lausitzischen als Goethe im fränkischen und Schiller im schwäbischen Boden, aber es ist ebenso geschmacklos wie schief, wenn er Lessing einen »entlaufenen Sachsen« nennt, und nun gar einen Sachsen, der zur preußischen Herrlichkeit entläuft. Lessing war so wenig Preuße oder Sachse, wie er Lausitzer war, aber wohl trifft der Geschichtsschreiber des sächsischen Staates zum Ziele, wenn er sagt, daß Einflüsse von Sachsen her »den Entwicklungsgang dieses selbständigsten aller Geister bestimmt haben«.&amp;lt;ref&amp;gt;Flathe, Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen, 2, 526.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß sich dabei aber vor dem ideologischen Schlagworte hüten, daß Lessing ein »zweiter Luther« gewesen sei. Ein starker Anklang daran findet sich sogar bei Heine und Lassalle; ja, Lessing selbst hat sich einmal in seinen theologischen Kämpfen mit der lutherischen Orthodoxie auf Luther selbst berufen. Allein wenn er damit nicht etwa nur eine jener »Evolutionen« machte, durch die er den hamburgischen Hauptpastor zu necken liebte, so hat er in merkwürdiger Weise gezeigt, daß sich auch die klarsten Köpfe im unklaren über die Beweggründe befinden können, die im letzten Grunde ihr Handeln bestimmen. Tatsächlich hat Lessing vom Anfang bis zum Ende seiner Laufbahn, von den Lemnius-Briefen bis zu den Anti-Goezes, seine stärksten Schläge gegen Luther und das Luthertum geführt, und dem war nicht nur so, sondern dem mußte auch so sein. Indem Luther der fürstlichen, Lessing aber der bürgerlichen Klasse vorkämpfte, vertraten beide Männer die stärksten Gegensätze, welche die deutsche Geschichte vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert kennt. Lessing war so wenig ein Luther auf höherer Stufenleiter, daß Goeze, Luthers echter Nachfahr, ihn vielmehr mit Recht als den richtigen Anti-Luther taxierte. Besteht doch nach Lassalles treffendem Epigramm das ganze Unrecht der Goezes von damals und heute darin – recht zu haben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem hat Luthers und Lessings Landsmannschaft einen tieferen Zusammenhang. In jenem Teile Deutschlands, der durch ökonomische Gründe gezwungen war, sich der habsburgisch-päpstlichen Herrschaft zu entreißen, war Sachsen weitaus das ökonomisch entwickeltste und demgemäß auch das kultivierteste Land. Der Ertrag der sächsischen Bergwerke verlieh den sächsischen Fürsten in dem Beginne der kapitalistischen Entwicklung ein gewaltiges Übergewicht; unter den deutschen Teilfürsten gab es in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts keinen mächtigeren als den Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Die Warenproduktion nahm in Sachsen einen schnellen Aufschwung; die große Handelsstraße aus dem Süden in den Norden Europas lief über Erfurt. Um den Besitz dieses wichtigen Stapelplatzes, der in jener Zeit zugleich die bedeutendste deutsche Universität beherbergte und der vornehmste Sitz des deutschen Humanismus war, entbrannte die lutherische Bewegung. Die Stadt Erfurt, die ihrerseits nach einer reichsunmittelbaren Stellung strebte, war ein alter Zankapfel zwischen Kur-Mainz und Kur-Sachsen; als der Hohenzoller Albrecht zum Erzbischofe von Mainz gewählt worden war,, entzündete sich der Streit von neuem. Unter diesen Umständen erschien es allerdings als eine unbillige Zumutung, daß Kurfürst Friedrich den Kommissar Albrechts, den Dominikaner Tetzel, in seinem Lande sollte den Ablaßschacher treiben lassen, dessen halber Ertrag zur Deckung der 25 000 Dukaten bestimmt war, die Albrecht für die Bestätigung seiner Wahl zum Erzbischofe von Mainz an Rom zu zahlen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurfürst Friedrich war ein friedliebender Herr. Und mehr noch: Er war ein äußerst bigotter Katholik; er war so gläubig, wie sein Gegner Albrecht ungläubig war. Das höchste Ziel seines Ehrgeizes bestand darin, die goldene Rose vom Papste zu erhalten; er unternahm eine Pilgerfahrt nach Jerusalem; er hatte mit ungeheuren Summen 5005 fragwürdige Heiligenknochen für die Schloßkirche in Wittenberg, eben die, an deren Türen Luther seine Ablaßthesen schlug, in aller Welt zusammengekauft und ließ sie alljährlich an einem bestimmten Tage zur Anbetung für das Volk ausstellen: ja, als Luther, kurz ehe er seine Thesen veröffentlichte, gegen den Ablaß gepredigt hatte, »verdiente er damit schlechte Gnade« bei dem Kurfürsten, der von solchen Predigten die Anziehungskraft seiner Reliquien gefährdet sah. Allein in Geldsachen hörte dazumal schon die Gemütlichkeit auf. Der Kurfürst hatte längst mit Unwillen bemerkt, daß sich die römischen Ablaßkrämer wie ein Immenschwarm und allerdings aus sehr guten Gründen in seinem Lande zu sammeln pflegten, und wieviel Geld er immer für die Knochen toter Heiliger aufwenden mochte, sowenig war er geneigt, mit den Mitteln seines Landes der römischen Kirche in dem Erzbischof Albrecht einen lebenden Heiligen zu schenken, der ihm das reiche Erfurt aus den Händen zu. reißen gedachte. So ließ er Luther gewähren, nicht als einen »Mann Gottes«, sondern als ein finanzpolitisches Werkzeug! Nichts ist haltloser, als in den Ablaßthesen Luthers eine »weltgeschichtliche Tat« zu sehen und von ihnen den Anfang der Reformationsgeschichte zu datieren. Die antirömische Bewegung war schon seit Jahrzehnten.in allen. Klassen des deutschen Volkes vorhanden, und die Bekämpfung der kirchlichen Mißbrauche hatte auch schon literarisch, beispielsweise, in den Schriften der Humanisten, einen viel schärferen Ausdruck gefunden als in Luthers ziemlich zahmen, nicht einmal den. Ablaß selbst, sondern nur seinen »Mißbrauch« tadelnden Sätzen. Auch ist es ganz falsch zu sagen, die humanistische Bildung sei Kaviar fürs Volk; gewesen, Luther aber habe in derber, volkstümlicher Weise den Stier an den Hörnern gepackt. Denn Luthers Thesen waren gleichfalls lateinisch und noch dazu absichtlich in jener schnörkelhaften Rätselschrift der scholastischen Theologie abgefaßt, die den Massen erst recht unverständlich war; Luther selbst hat oft genug seine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß sein Auftreten so große Wirkungen gehabt habe. Was er nicht begriff und was die bürgerliche Geschichtsschreibung sich nur aus allerlei ideologischen Hirngespinsten! zu erklären weiß, ergibt sich sehr einfach aus der ökonomischen Lage der Dinge. Wenn unter den geistigen Führern der reformatorischen Bewegung der geistig beschränkteste auf dem Plane, blieb, die geistig bedeutenderen aber, die Hutten, die Münzer, die Wendel Hipler, untergingen, so geschah es, weil hinter jenem die ökonomisch mächtigste Potenz, das Fürstentum, stand, während hinter diesen die Ritterschaft, das Proletariat, die Bauern und die Städte standen, das heißt: Klassen, die als solche entweder schon im absteigenden oder erst im aufsteigenden Ast ihrer ökonomischen Entwicklung waren und die bei dem inneren Widerstreit ihrer ökonomischen Interessen sich auch zu keiner gemeinsamen Aktion gegen die Fürsten einigen konnten. Es tut nichts zur Sache, daß Luther als der Vorkämpfer der mächtigsten Klasse zeitweise, solange es sich nämlich um die Abwehr der allen Klassen verhaßten römischen Ausbeutung handelte, auch allen Klassen vorzukämpfen schien und daß er demgemäß seine historische Rolle lange nicht begriff. Nach dem Aufstande der Ritter und namentlich nach dem Bauernkriege hat er sie sehr gut verstanden, wie neben unzähligen anderen Zeugnissen schon sein herrlicher Satz zeigt: »Daß zwei und fünf gleich sieben sind, das kannst du fassen mit der Vernunft; wenn aber die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind acht, so mußt du es glauben, wider dein Wissen und Fühlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seinem wirklichen Ruhme – dem Ruhm, als armer und unbekannter Mönch die ausbeuterischen Laster der römischen Kirche erkannt und bekämpft zu haben – stand Luther unter dem proletarischen Teile der damaligen Geistlichkeit weder allein noch in erster Reihe; viele dieser kleinen Priester haben den Haß gegen Rom und die Treue gegen ihre Klasse ehrenvoll mit ihrem Tod auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüste besiegelt. Als »hochgestiegener Bauernsohn« aber, als »Führer der Nation« war Luther der große Mann landesüblichen Schlages: Der Träger der geschichtlichen Entwicklung machte den Versuch, sich zu ihrem Herrn aufzuwerten, und wurde zu ihrem Hemmschuh, soweit seine Macht reichte, darüber hinaus aber zu ihrem Spott. Luther konnte die neue Kirche nach den Bedürfnissen des deutschen Duodezdespotismus zuschneiden; er konnte die sehr weltlichen Landesherren zu obersten Bischöfen ihrer Gebiete machen und ihnen die Verfügung über das Kirchen- und Klostergut zusprechen; er konnte in dem Abendmahlsstreite mit verbissenem Trotz an der Formel festhalten, die den Priester zum Schöpfer des Gottes macht, und so an die Stelle des einen Papstes unzählige Päpstlein setzen, aber er konnte dies alles nur als fanatischer Fürstendiener, nur als Ideolog jenes unaufhaltsamen Verfalls, der durch die dem Welthandel neu eröffneten Bahnen über Deutschland kam, nur um den Preis, daß sein Name schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das Sinnbild der beschränktesten Reaktion wurde. Und das Einmaleins auf dem Altare der Fürstenfürchtigkeit schlachten konnte er am Ende doch nicht. Wenigstens in Sachsen nicht. Wie die hohe ökonomische Entwicklung dieses Landes das wirksamste Mittel zu Luthers Erhöhung gewesen war, so setzte sie der von Luther getragenen Fürstenvollmacht wiederum gewisse Grenzen. In einem noch halbbarbarischen Lande wie der Mark Brandenburg, wo nach dem Zeugnis des Abtes Trittheim ein gebildeter Mann so selten war wie ein weißer Rabe, mochte Kurfürst Joachim II. einen halben Übertritt zur Reformation vollziehen, um das gesamte Kirchengut bis auf die letzte Kirchenmaus zu verprassen; in einem kultivierten Lande wie Sachsen war dies summarische Verfahren unmöglich. Hier mußte ein mehr oder minder großer Teil der Beute für die Befriedigung der Kulturaufgaben verwandt werden, für die bis dahin die katholische Kirche schlecht oder recht gesorgt hatte. So entstanden die sächsischen Schulen zu Annaberg und Freiberg, zu Dresden und Leipzig, zu Naumburg und Merseburg, alle in ihrer Art berühmt, als die berühmtesten aber die aus Klöstern entstandenen sogenannten Fürstenschulen von Grimma, Meißen und Pforta. In Brandenburg war zwar auch bei der »Kirchenvisitation«, das heißt bei der Einheimsung des Kirchen- und Klosterguts in den landesherrlichen Säckel, das eine Kloster Lehnin als eine Art Stiftsschule verschont worden, aber bereits nach zwei oder drei Jahren überkam den Kurfürsten die Reue. Er untersagte nach dem Tode des alten Abtes eine Neuwahl, worauf zehn Mönche die Schädlichkeit des Klosterlebens erkannten und, mit Kleidung und Geld »mehr als verhofft« versehen, das Kloster verließen. Zwei andere Mönche waren etwas begriffsstutziger, doch half eine mehrtägige Gefangenschaft im Schlosse zu Potsdam auch ihnen zur richtigen Erkenntnis. Sie entsagten allen Ansprüchen, und der Kurfürst zog die Klostergüter und Kirchenschätze für sich ein.&amp;lt;ref&amp;gt;Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 234.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders in Sachsen. Hier entstand und dauerte ein für deutsche Verhältnisse klassisches Schulwesen. Freilich sank es auch mit seiner Ursache, mit der ökonomischen Blüte Sachsens; je unaufhaltsamer durch den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel, durch die Entdeckung unerschöpflicher Gold- und Silberquellen in der Neuen Welt, durch den Dreißigjährigen Krieg usw. die bürgerlichen Klassen in Sachsen wie im ganzen Deutschland ökonomisch verkamen und dadurch dem traurigsten Servilismus verfielen, um so fanatischer pflegten die sächsischen Schulen, vor allen die Universitäten Leipzig und Wittenberg, das ideologische Spiegelbild so jammervoller Zustände, jenes starre und verknöcherte Luthertum, in dessen Schatten eine freie wissenschaftliche Forschung unmöglich gedeihen konnte. Aber trotz alledem war Sachsen dem übrigen Deutschland an Bildung und Wohlstand noch immer überlegen. Politisch entnervt, wie die Bevölkerung sein mochte, blieb sie ökonomisch doch noch widerstandsfähig genug, um sich der Einführung des aussaugenden Militärsystems zu widersetzen, das über die bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung in Preußen widerstandslos verhängt worden war. Im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer war das sächsische Heer dreimal so klein und kostete dreimal sowenig wie das preußische Heer; es bestand durchweg aus Landeskindern, übrigens sehr braven und zuverlässigen Soldaten, wie Friedrich II. oft zu seinem Schaden erfahren mußte, sowohl in der Schlacht als auch wenn er gefangene Sachsen in preußische Uniformen stecken ließ. Und ferner: Wie erblindete Spiegel auch die sächsischen Schulen geworden waren, so vermochten sie doch allein die ersten Reflexe einer neuen Bildung aufzufangen, die vom Auslande in das verwüstete Deutschland zurückstrahlte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle hat die Behauptung Julian Schmidts, wonach Deutschland durch den Dreißigjährigen Krieg einstweilen aus der Reihe der europäischen Kulturvölker gestrichen worden sein sollte, mit derben Worten zurückgewiesen und die in der Tat staunenswerte Fülle bedeutender Köpfe aufgezählt, die Deutschland trotz alledem in und nach jenem Kriege aufgebracht hat. Diese Beweisführung ist vollkommen zutreffend gegenüber einem von platter Unwissenheit eingegebenen Schlagworte, aber man darf sie nicht dahin erweitern wollen, daß Deutschland im siebzehnten Jahrhundert in gleicher Reihe mit den anderen europäischen Kulturvölkern marschiert sei. Ein großer, wenn nicht der größte Teil jener guten Köpfe mußte ins Ausland gehen, für immer oder doch zeitweise, um den nötigen Spielraum für ihre Talente zu gewinnen; die aber in der Heimat blieben, waren als gelehrige Schüler größerer Vorbilder, wie es Christian Thomasius, einer der bedeutendsten von ihnen, offen aussprach, geistig vom Ausland abhängig. Die Tatsache erklärt sich wieder aus dem ökonomischen Verfalle Deutschlands. Der gewaltige Aufschwung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, der das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert auszeichnet, war das Ergebnis eines mehr und mehr die Erde umspannenden Weltverkehrs; einen naturwüchsigen Ursprung konnte er nur in den Völkern haben, die an diesem Verkehr einen hervorragenden Anteil hatten, vor allem also in England und in den Niederlanden. Seine Voraussetzung war eine hohe Blüte der bürgerlichen Klassen, wie seine Folge die Erweckung dieser Klassen zu politischem Selbstbewußtsein war. In Deutschland aber gab es seit der Übersiedlung des Handels vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean keine bürgerlichen Klassen als selbständige Macht; die regierenden Klassen in Deutschland waren die Fürsten, und die konnten denn freilich keine nationale Wissenschaft produzieren. Was für eine Rasse diese Klasse überhaupt war, das hat ein genauer Kenner der deutschen Höfe, der Graf Manteuffel, in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts so geschildert: »Deutschland wimmelt von Fürsten, von denen drei Viertel kaum gesunden Menschenverstand haben und die Schmach und Geißel der Menschheit sind. So klein ihre Länder, so bilden sie sich doch ein, die Menschheit sei für sie gemacht, um ihren Albernheiten als Gegenstand zu dienen. Ihre oft sehr zweideutige Geburt als Zentrum allen Verdienstes betrachtend, halten sie die Mühe, ihren Geist oder ihr Herz zu bilden, für überflüssig oder unter ihrer Würde. Wenn man sie handeln sieht, sollte man glauben, sie wären nur da, um ihre Mitmenschen zu vertieren (abrutir), indem sie durch die Verkehrtheiten ihrer Handlungen alle Grundsätze zerstören, ohne die der Mensch nicht wert ist, ein Vernunftwesen zu heißen.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Biedermann, Deutschland im achtzehnten Jahrhundert, 2, 144, teilt die obigen Worte Manteuffels aus dessen handschriftlichem, auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichem Nachlasse mit.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ein geschmeidiger Höfling über diese angenehme Sorte von herrschender Klasse, deren nationales Bewußtsein denn in der Tat in nichts anderem bestand, als dem Könige von Frankreich, dem mächtigsten Selbstherrscher des Kontinents, abzugucken, wie er sich räusperte und wie er spuckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glaubt man den »nationalen« Bramarbassen, die im heutigen Deutschland das große Wort führen, so ist die deutsche Ausländerei des siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts ein Ding, an das der richtige Patriot nicht ohne Entsetzen und Schaudern denken darf. Die wissenschaftliche Auffassung, die in dem Geistesleben der Völker nichts als die ideelle Widerspiegelung von Klassenkämpfen sieht, hat dabei aber zwei ganz verschiedene Dinge zu unterscheiden. Die Ausländerei der Fürsten- und Adelsklasse war allerdings eine brutale Verleugnung auch des bescheidensten Nationalbewußtseins; sie war eine aus den schnödesten Interessen des Duodezdespotismus hervorgegangene Äfferei, die für immer einen Schandfleck der deutschen Geschichte bilden wird. Aber diese schamlose Ausländerei hat zu ihrer Verurteilung nicht erst auf die »nationalen« Bramarbasse von heute warten müssen, sie ist schon vollauf durch ernste Zeitgenossen gebrandmarkt worden; von den Klopstock und Lessing, und wie vielen anderen noch! im achtzehnten Jahrhundert zu geschweigen, so sang Logau im siebzehnten Jahrhundert:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverey. Soll&#039;s denn sein, daß Frankreich Herr, Deutschland aber Diener sei? Freies Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Knechterei!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein ganz anderes und geradezu das entgegengesetzte Urteil erheischt die Ausländerei der deutschen Gelehrten. Sie war der erste Versuch aufgeweckter bürgerlicher Elemente, ihre Klasse aus einem bodenlosen Sumpfe zu ziehen. Es gab kein anderes Mittel für diesen Zweck; die Früchte, die das heimatliche Gewächs des orthodoxen Luthertums trug, waren eitel Asche und Staub. Aber es ist ein schwieriges und undankbares Geschäft, einem abgestorbenen Stamme, der aus seinen Wurzeln keine Nahrung mehr zieht, neues Leben einzuhauchen, indem man ihm Zweige von fremden Stämmen einpflanzt. Erst als sich in dem Stamme selbst wieder einiges Leben regte, als die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich ökonomisch ein wenig zu erheben begannen, also etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, begannen die fremden Zweige mit dem heimischen Stamme zu verwachsen. Bis dahin blieb den deutschen Gelehrten nichts übrig, als ihre geistige Nahrung oder gar ihre Heimat im Auslande zu suchen. Und zwar um so mehr, als die in Deutschland herrschende Fürstenklasse die deutsche Bildung entweder mit feindseligen oder mit ganz gleichgültigen Blicken oder aber mit einem sehr zweideutigen Interesse betrachtete, mit dem Interesse nämlich, sie ihrem Duodezdespotismus nützlich zu machen. Sie ließ die deutschen Gelehrten entweder verhungern oder jagte sie über die Grenze oder zog sie an ihre Höfe, und es ist schwer zu sagen, welcher dieser drei Fälle den also Behandelten verhängnisvoller wurde. Unter diesem Gesichtspunkte begreift es sich aber leicht, weshalb die deutschen Gelehrten, die in ihrem Vaterlande blieben, nach Seiten des Charakters mehr oder minder seltsame Heilige wurden, weshalb überhaupt die deutsche »Aufklärung« jenen halben und zweideutigen Charakter bekam, der einem Manne wie Lessing ein Greuel war. Die englische und die französische Philosophie wurzelten in den bürgerlichen Klassen des englischen und des französischen Volkes; dieser Ursprung war ihnen zugleich Schranke und Schutz. Die deutsche »Aufklärung« aber schwebte wurzellos in der freien Luft; nichts hinderte sie, so weit zu gehen, wie »das Licht der Vernunft« leuchtete, aber nichts schützte sie auch, wenn ein Strahl dieses Lichts den Kehricht der Fürstenhöfe gar zu grell beleuchtete; daher jene heuchlerische Mischung von überlegenem Lächeln und frommem Entsetzen, womit die deutschen »Aufklärer« der englischen und französischen »Materialisten und Naturalisten, Atheisten und Spinozisten« zu spotten glaubten und nur ihrer seihst spotteten, sie wußten nicht wie. Ganz hat die bürgerliche Wissenschaft in Deutschland diese häßliche Schwäche ja niemals abgestreift, einfach weil die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich niemals auf ihre eigenen Füße zu stellen gewagt haben. Und seitdem die deutsche Bourgeoisie sich unter die preußischen Bajonette geflüchtet hat, ist jene Schwäche vielleicht in ärgerer Form wieder aufgelebt, als sie jemals früher besaß. Denn es will uns beispielsweise verzeihlicher bedünken, wenn Leibniz neben seinen unsterblichen Verdiensten auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften auch die Schwäche hatte, einem »hohen Gönner« durch seine Monadenlehre die Gegenwart Gottes im Abendmahl auf physikalischem Wege beweisen zu wollen, als wenn die Scherer und Erich Schmidt ohne alle unsterblichen Verdienste die deutsche Geistesgeschichte mit dem preußischen Korporalstocke zu einem unförmlichen Götzenbilde zurechthämmern möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen mußte Sachsen das Vorland für das geistige Wiedererwachen des deutschen Bürgertums werden. Die sächsischen Schulen waren die einzigen oder doch die geeignetsten Organe, womit die bürgerliche Bildung des Auslandes ergriffen werden konnte. Mochten sie durch das orthodoxe Luthertum noch so sehr heruntergebracht sein, mochten die alten Sprachen an ihnen nur noch gelehrt werden, um das Klauben am Buchstaben der Bibel zu ermöglichen, so waren diese Sprachen deshalb nicht weniger der Schlüssel zur Schatzkammer der europäischen Wissenschaft, und vom Ende des siebzehnten bis tief in das achtzehnte Jahrhundert hinein sind die weitaus meisten Träger der deutschen Geistesgeschichte geborene Sachsen gewesen oder doch aus den sächsischen Schulen hervorgegangen. Von Leibniz, Pufendorf und Thomasius bis zu Geliert, Klopstock, Lessing. Ja fast noch weiter hinaus! Mit Goethes und Schillers Eintritt in die sächsische Kultur begann eine neue Epoche in dem Leben dieser Süddeutschen; auch lag Weimar nicht im preußischen Militär-, sondern im sächsischen Kulturkreise, und Karl August war kein Hohenzoller, sondern ein Wettiner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das greift schon über den Rahmen dieser Darstellung hinaus. Dagegen gehört zu unserer Aufgabe ein kurzes Wort über den sozialen Fortschritt, der durch jene beiden Reihen von Namen gekennzeichnet wird. Leibniz, Pufendorf und Thomasius standen bereits auf bürgerlichem Boden. Es war im Interesse der bürgerlichen Klassen, wenn sie die weltliche Wissenschaft aus den Fesseln der Theologie zu erlösen trachteten. Es war in demselben Interesse, wenn der philosophische Optimismus von Leibniz, wieviel sich sonst immer gegen ihn einwenden ließ, die orthodoxe Vorstellung von der Erde als einem Jammer- und Tränental erschütterte. Es war weiter in demselben Interesse, wenn Pufendorf und Thomasius die Ableitung aller bürgerlichen Gesellschaften aus einem Vertrage und das Recht des einzelnen zum Widerstand gegen offenbares Unrecht lehrten, wenn sie den göttlichen Ursprung der Fürstengewalt leugneten und ihren Beifall den in den Niederlanden gegen den Despotismus Jakobs II. erschienenen Schriften spendeten, wenn Thomasius die deutsche Sprache in die Hörsäle der Hochschulen zurückführte. Aber die Bestrebungen dieser Männer fanden in den bürgerlichen Klassen weder eine Stütze noch einen Widerhall. Leibniz war gerade in seinen bleibenden Leistungen mehr ein europäischer als ein deutscher Gelehrter; Pufendorf und Thomasius aber bekannten selbst, ihre Ideen aus Hugo Grotius und Hobbes geschöpft zu haben. Sie alle waren noch vollständig auf die Höfe angewiesen. Leibniz geriet schon zu seiner Zeit in den bösen Ruf, alles beweisen zu können, was Fürsten wünschten; Pufendorf endete als schwedischer und brandenburgischer Hofgeschichtsschreiber; Thomasius hat in seiner späteren Zeit als königlich-preußischer Professor in Halle dem fürstlichen Despotismus die unglaublichsten Zugeständnisse gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen standen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Geliert, Klopstock, Lessing nicht bloß auf bürgerlichem Boden, sondern sie wurzelten schon darin. Geliert war immerhin ein sehr bescheidenes Licht gegen die anderen beiden, aber sein Fabelbuch sammelte die bürgerlichen Klassen zum ersten Male um eine literarische Standarte, und wie devot Geliert für seine Person war, ein erstes leises soziales Grollen des bürgerlichen Selbstbewußtseins klang und klingt doch durch seine harmlosen Reime. Ungleich schroffer und stolzer lebte dies Bewußtsein in Klopstock, dem späteren Sänger der Französischen Revolution, und vor allem in Lessing, der die Fessel jedes höfischen oder staatlichen Amtes verschmähte und in sozialer Freiheit seinem schriftstellerischen Berufe zu leben versuchte. Es war für Deutschland ein unerhörtes Wagnis, und der tragische Ausgang sollte lehren, daß die bürgerlichen Klassen für die Kühnheit ihres Vorkämpfers nicht reif waren, aber dies halb nachlässige, halb trotzige Selbstvertrauen machte den ganzen Lessing aus, gleichviel, ob er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb: »Was tut mir das, ob ich in der Fülle lebe oder nicht, wenn ich nur lebe«, oder als fünfzigjähriger Mann: »Ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen; g&#039;nug; daß ich ihn nicht! selbst umstürzen will!« Es war der schroffste Gegensatz zu der ängstlich-gierigen Philistersorge um eine »Bedienung«, die in den Briefwechseln der Zeit ihren Spuk treibt, und etwas von diesem franken und freien Wesen hat Lessing wohl durch die Schule empfangen. Er besuchte die Fürstenschule in Meißen von 1741 bis 1746! Diese Gelehrtenschulen waren damals bereits etwas aufgetaut von dem orthodoxen Luthertum; weniger durch die Schulfron gekettet als zürn regen Privatstudium angeleitet, im ständigen Verkehre mit hundert und mehr Mitschülern, hat Lessings geselliger und streitbarer, reger und selbständiger Geist in Meißen unzweifelhaft eine wohltätige Zucht erfahren. Wohl suchte er mit Erfolg die vorgeschriebene Schulzeit um ein Jahr abzukürzen, und wohl spottete er später über die Pedanterie einzelner Lehrer, deren Streben weniger dahin ginge, »vernünftige Menschen als tüchtige Fürstenschüler zu bilden«, aber er rühmte oft von der St. Afra, daß er es ihr zu danken habe, wenn ihm »etwas Gelehrsamkeit und Gründlichkeit zuteil geworden sei«, und in einer fast wehmütigen Stimmung, wie sie ihn selten anwandelte, schrieb er mitten im Kampfe des Lebens: »Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studierte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Lessing. Wie anders aber fielen die Lose eines Mannes, der mit Lessing in Anlagen und Neigungen so manche Ähnlichkeit hatte, dessen Name so oft mit dem seinen zusammen genannt werden sollte, fielen die Lose Winckelmanns! Mehr als drei Jahrzehnte irrte dieser Unglückliche, »das Land der Griechen mit der Seele suchend«, durch die Wüste der brandenburgischen Barbarei; als Schüler und als Lehrer geplagt von einem heißen und niemals gestillten Wissenshunger; immer auf der Landstraße, um hier einen Brocken Griechisch zu erhaschen und dort einen alten Lateiner zu exzerpieren; in anderthalb Tagen elf Meilen auf grundlosen Wegen marschierend, um sich irgendeinen Schmöker zu leihen, den er dann, nachdem er sich den Tag über mit rohen und störrischen Kindern geplagt hatte, in der Nacht studierte; jahrelang mit zwei oder drei Stunden Schlaf sich begnügend; zu allem Überflusse noch von den Schikanen und Drohungen eines bösartigen Pfaffen verfolgt, denn in diesen Staaten konnte jeder nach seiner Fasson selig werden; endlich schon in dumpfer Resignation verzweifelnd, als ihm ein Zufall die Tür nach Sachsen öffnete. Was Wunder, daß er, aufjubelnd wie ein von allen Höllenqualen Erlöster, den preußischen Staub von seinen Pantoffeln schüttelte! Aber als er mit einunddreißig Jahren in Sachsen ein neues Leben begann, stand er mit dem wüsten Chaos seiner wild zusammengerafften Kenntnisse schwerlich über dem Lessing, der mit siebzehn Jahren die Universität Leipzig bezog. In dem Kulturlande Sachsen wandte sich Winckelmanns Schicksal freilich schnell zum Guten, ja zum Glänzenden, aber die traurige Verwüstung seiner Jugend hat ihn doch gehindert, mehr als ein Spätling der Humanisten zu werden, und Lessing wußte wohl, weshalb er, selbst am Hungertuche nagend, über Winckelmann schrieb: »Niemand kann den Mann höher schätzen als ich, aber dennoch möchte ich ebenso ungern Winckelmann sein, als ich oft Lessing bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man wird jetzt aber verstehen, wie verlockend Winckelmanns Schicksal auf Lessing wirken mußte, so daß er flugs seiner sächsischen Heimat »entlief«, um in Berlin den »entscheidenden Anstoß« zu erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Lessing und die Universität Leipzig ==&lt;br /&gt;
In den Jahren 1746 bis 1748 studierte Lessing auf der Universität Leipzig. Im Jahre 1754 aber schrieb er an Michaelis, man setze ihn in große Verlegenheit, wenn man ihn frage, was er studiert habe. Er ist niemals das gewesen, was man ein »liederliches Genie« zu nennen pflegt, obschon er immer das Gegenteil eines Philisters war. Als blutarmer Jüngling bereits fand er es »ärgerlich«, so viele Poeten und Poetlein »so bitter, so ausschweifend, so verzweifelnd über ihre in Vergleichung anderer noch sehr erträgliche Armut wimmern« zu hören. Ihm war diese faule und feige Sentimentalität, die« gemeiniglich, so stark sie bis auf diesen Tag in der deutschen Literatur und Literaturgeschichte gewuchert hat, ein ideologisches Mäntelchen für die Faulheit und Feigheit der bürgerlichen Klassen gewesen ist, völlig fremd. Eine echte Kämpfernatur scheut Entbehrung und Not nicht, wenn sie nur den Kampf findet; nach mehrmonatlichem Büffeln entdeckte der achtzehnjährige Lessing, »die Bücher würden ihn wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen«, und er entschloß sich, »ebensoviel in der Welt und in dem Umgange der Menschen zu studieren als in Büchern«. Nichts fesselnder als die Art, in der Lessing zwei Jahre später, als sein Entschluß zunächst mit einem großen Krach geendet hatte, ihn dennoch vor seinen erbitterten Eltern verteidigt. Er schreibt: »Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott, was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und anderen gewahr! Eine bäuersche Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sitten und Umgange, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir bei meiner eigenen Beurteilung übrigblieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war, mich hierinne zu bessern, es koste was es wolle. Sie wissen selbst, wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen; ich kann auch also das Gute von mir «sagen. Ich kam in diesen Übungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir in voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßen bewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich heftig. Mein Körper war ein wenig geschickter geworden, und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen.« So will Lessing seinen »ganzen Lebenslauf auf Universitäten abmalen«, und einen wie zweifelhaften Genuß dies Gemälde seinen ängstlichen Eltern bereitet haben mag: Uns kann darnach die Frage, was er studiert hat, nicht mehr in große Verlegenheit setzen. Er wollte auf der Universität leben lernen, und seitdem es für Hutten eine Lust war, in dem Deutschland des sechzehnten Jahrhunderts zu leben, hatte kein Deutscher wieder einen so einfachen Entschluß mit so instinktiver Klarheit und Sicherheit gefaßt wie Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leipzig war damals aber nicht nur die geeignetste, sondern geradezu die einzige deutsche Stadt, wo ein Sprößling der bürgerlichen Klassen eine Handvoll Lebensluft schöpfen konnte. Zwar die preußischen Geschichtsschreiber wissen es wieder einmal besser; um nur einen herauszugreifen, so erzählt Treitschke, die Hohenzollern seien »von alters her«, obendrein noch »nach gutem deutschen Fürstenbrauche«, für die »idealen Aufgaben des Staatslebens treu besorgt gewesen«, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts hätte »Deutschlands wiedererwachende Kunst und Wissenschaft in dem rauhen Brandenburg ihre Heimat« gefunden. »Die vier reformatorischen Denker des Zeitalters, Leibniz, Pufendorf, Thomasius, Spener, wandten sich dem preußischen Staate zu. Die neue Friedrichs-Universität zu Halle ward die Zufluchtstätte freier Forschung, übernahm für einige Jahrzehnte die Führung der protestantischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wissenschaft.« Nun ist es vollkommen richtig, daß um die Wende des Jahrhunderts das verknöcherte Luthertum in Sachsen noch mächtig genug war, jene vier Männer aus dem Lande zu beißen, von denen beiläufig der Pietist Spener sich den Ruhmestitel eines »reformatorischen Denkers« unbekannt wo erworben hat. Aber es ist vollkommen unrichtig, zu sagen, daß sich die Viere von dem »Idealismus« des preußischen Staats angezogen gefühlt hätten wie das Eisen vom Magnet. Leibniz hat sich an dem, wie er sich unehrerbietig genug ausdrückte, »liederlichen« Hofe von Berlin überhaupt nur zeitweise aufgehalten, auf Veranlassung seiner welfischen Gönnerin Sophie Charlotte, die ihrerseits auch nur mit mäßiger Befriedigung die Rolle der ersten preußischen Königin spielte. Pufendorf lebte an zehn Jahre in der Pfalz und an zwanzig Jahre in Schweden, ehe er am Abend seines Lebens nach Berlin berufen wurde, um gegen das artige Honorar von zehntausend Talern ein offiziöses Geschichtswerk über den Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu schreiben. Immerhin muß es als ein bescheidenes Verdienst des »rauhen Brandenburg« um die »wiedererwachende Kunst und Wissenschaft« betrachtet werden, daß Pufendorf nach vollbrachter Arbeit sein Honorar mit Mühe und Not in einzelnen Raten erhielt und daß der bei seinem Tode noch ausstehende beträchtliche Rest seiner in großer Dürftigkeit lebenden Witwe vorenthalten wurde, sosehr der verschwenderische Hof Friedrichs I. das Land aussog und ungeheure Summen an allerlei Abenteurer und Gauner verschwendete.&amp;lt;ref&amp;gt;König, Versuch einer Geschichte Berlins, 3, 346.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des weiteren war die Universität Halle weder eine »Zufluchtstätte freier Forschung«, noch sollte sie es sein. Sie wurde 1694 vornehmlich aus zwei Ursachen gegründet. Erstens mußte der brandenburgische Militärstaat aus schon entwickelten Gründen eine gewisse Duldung der Konfessionen beobachten und konnte so »sektiererische und gegen andersdenkende Bürger kriegerische« Geistliche nicht gebrauchen, wie sie auf den altlutherischen Universitäten Leipzig und Wittenberg gebildet wurden. Diesen sächsischen Hochschulen sollte in dem preußischen Halle ein militärfrommes Luthertum auf die Nase gesetzt werden. Ferner aber brauchte jener sich eben als ein Königreich entpuppender Militärstaat nachgerade ein besonderes Staatsrecht, die juristische Kodifikation seiner ökonomischen Lebensbedingungen drängte um so mehr, als auf den deutschen Universitäten noch ein ideologisches Schattenbild von Kaiser- und Reichsrecht umherspukte, mit dem die künftigen preußischen Beamten doch lieber erst gar nicht bekannt wurden. Ermöglicht aber wurde die Gründung der Universität Halle durch die Aufnahme des Christian Thomasius und der Pietisten in Preußen. Nur daß diese Aufnahme mit »freier Forschung« und dergleichen schönen Dingen wirklich auch gar nichts zu tun hatte. Der Pietismus war nichts als die religiöse Widerspiegelung des grauenvollen Elends, das der Dreißigjährige Krieg über die Nation gebracht hatte; durch ihn erklärten sich die bürgerlichen Klassen vor aller Welt für bankerott, sie wollten gar nichts mehr mit der Erde, sondern nur noch etwas mit dem Himmel zu tun haben. Insofern trat der Pietismus in einen gewissen Gegensatz zu dem Luthertum, das den bürgerlichen Klassen wenigstens noch die eine irdische Aufgabe zuwies, ein Fußschemel der fürstlichen Herrlichkeit zu sein. Allein sobald die bürgerlichen Klassen sich wieder ein wenig auf Erden umzusehen begannen, mußte der Pietismus ein fast noch beschränkterer Gegner dieser »freien Forschung« und in weiterer Folge – da er trotz seiner Verhimmelung nun doch einmal nicht über die Blitze des Himmels verfügen konnte – ein fast noch devoterer Fürstenknecht werden, als die lutherische Orthodoxie jemals gewesen war. Dieser bedingte Gegensatz zum Luthertum erklärt sowohl das zeitweilige Bündnis des Pietismus mit dem Aufklärer Thomasius wie auch die. Berufung beider sonst sehr verschiedener Parteien an die Universität Halle. Denn der frische und kecke Kampf, den der junge Thomasius in Leipzig gegen die pedantischen Perücken einer versteinerten Gelehrsamkeit geführt hatte, empfahl ihn in Berlin nicht im entferntesten. Ein ganz anderer Anlaß lenkte die Aufmerksamkeit des preußischen Hofes auf ihn. Der lutherische Herzog von Sachsen-Zeitz hatte eine reformierte Gemahlin genommen, die verwitwete Herzogin von Mecklenburg-Güstrow, eine Schwester des Kurfürsten (späteren Königs) Friedrich von Brandenburg, mit der Zustimmung ihrer, aber gegen den Wunsch seiner Familie. Nun waren aber auch die lutherischen Zionswächter im Preußischen und im Sächsischen über die konfessionell gemischte Ehe in höchste Aufregung geraten, was dem preußischen Hofe ebenso unwillkommen war wie dem sächsischen Hofe willkommen. In Preußen nahm die Sache ein schnelles Ende, indem der Kurfürst Friedrich den lutherischen Propst Müller in Magdeburg, der gegen die Ehe verschiedener Glaubensgenossen als unchristlich geschrieben hatte, und zwar ohne jene fürstliche Ehe selbst anzugreifen, einfach in der Festung Spandau eintürmen ließ! In Sachsen dagegen fuhr Thomasius den lutherischen Eiferern in die Parade, indem er die angefochtene Ehe als göttlichem und menschlichem Rechte gemäß erklärte. Darauf verbot ihm der Kurfürst von Sachsen bei zweihundert Talern Strafe Vorlesungen und Schriftstellerei, und nunmehr begab sich Thomasius nach Berlin, wo er als Verfechter eines hohenzollernschen Hausinteresses günstig aufgenommen und in Halle als freundnachbarlicher Konkurrent seiner ehemaligen Leipziger Kollegen angesiedelt wurde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Für die preußische Geschichtsschreibung ist es kennzeichnend, daß Stenzel, Geschichte des preußischen Staates, 3, 55, das »Andenken des freisinnigen Fürsten« feiert, der durch die Aufnahme von Thomasius gezeigt habe, »daß er hoch über denen stand, die solche Männer verjagten«. Dabei berichtet Stenzel nicht ganz drei Seiten vorher, gleich als verstünde es sich von selbst, daß der brandenburgische Kurfürst seinen Thomasius, den Propst Müller, der in Brandenburg genau dasselbe »Verbrechen«, einen Widerspruch gegen die Ansicht seines angestammten Fürsten, begangen hätte wie Thomasius in Sachsen, zwar nicht »verjagt«, aber dafür ohne alles Federlesen in Spandau eingekerkert hatte. Bei alledem wäre es ungerecht, zu verkennen, daß Stenzel, der vor fünfzig Jahren schrieb, eine Leuchte unabhängiger Gesinnung ist, verglichen mit den heutigen preußischen Historikern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begreiflicherweise konnte die neue Universität Halle nur bestehen, indem sie sich den Lebensbedingungen des preußischen Militärstaats anpaßte. Es war noch das beiläufigste Item, daß der alte Dessauer mit seinem Regimente in Halle lag und in seinem Zentaurenhasse gegen Bildung und Wissenschaft Professoren und Studenten nach Möglichkeit kujonierte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vor diesem Helden des friderizianischen »Heldenheeres« nahm sogar »Grenadier« Gleim Reißaus. Er war dem Fürsten von Dessau 1745 als Stabssekretär beigegeben, ging aber schleunigst von dannen, als er sah, daß der Fürst einen ganz unschuldigen, mit guten Pässen reisenden Juden einfach als »Spion« aufknüpfen ließ. Körte, Gleims Leben, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwerer als diese äußeren Bedrängnisse fiel der geistige Verfall ins Gewicht, dem Thomasius und die Pietisten in einem so banausischen Lande unterlagen, wie damals Preußen war. Thomasius gab in Halle die Monatsschrift auf, womit er in Leipzig so treffliche Streiche geführt hatte, dagegen entwickelte er in seiner »Hofphilosophie« sehr unphilosophische Grundsätze über das äußere Fortkommen im Leben und die Protektion der Vornehmen. Er lehrte in einem Gutachten der Hallischen Juristenfakultät: »Das odium in concubinas« muß bei großen Fürsten und Herren zessieren, indem diese allein Gott von ihren Handlungen Rechenschaft geben müssen, hier nächst eine concubina etwas von dem splendeur ihres Amanten zu überkommen scheint.« Er nannte es »unverschämt«, wenn die Geistlichen auch gegenüber Fürsten ihr Recht, zu binden und zu lösen, geltend machen wollten, und erkannte gegen die braunschweigischen Hofprediger, die einer Prinzessin hartnäckig abrieten, zum Zweck einer österreichischen Heirat katholisch zu werden, »wegen solcher Auflehnung wider den Landesherrn als Bischof« auf Kerker und Landesverweisung. Ja, Thomasius sprach sogar über seine Vertreibung aus Sachsen ein rechtfertigendes Urteil, indem er ausführte: Ein Fürst, obwohl es ihm nicht zustehe, einen Ketzer mit weltlicher Strafe zu belegen, könne doch einem solchen Menschen anbefehlen, das Land zu verlassen, nicht anders, wie ein Hausvater einem Knechte, der ihm nicht anstehe, weil er sich etwa in seinen Humor nicht schicke, aufsagen könne. Ob Thomasius an der denunziatorischen Intrige beteiligt gewesen ist, die zur Vertreibung des Philosophen Wolff aus Preußen führte, muß dahingestellt bleiben; Wolff selbst behauptet es, doch kann sein Zeugnis allein nicht entscheiden; jedenfalls hat Thomasius zu dem rohen Gewaltakte geschwiegen. Dagegen waren die Pietisten in erster Reihe an der jammervollen Machenschaft beteiligt, und der Pietist Francke pries die Flucht Wolffs und seiner hochschwangeren Frau auf der Kanzel als ein gerechtes Strafgericht Gottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist dieser Wolffische Handel in vielfacher Beziehung sehr lehrreich für die damaligen Zustände im Preußischen. Wolff war ein seichter Modephilosoph, der in seiner »Moralphilosophie« ähnliche duckmäuserische Ansichten vertrat wie Thomasius in seiner »Hofphilosophie«, indessen er hatte in jener sich mählich aus dem theologischen Joche loslösenden Zeit großen Zulauf. Aus Angst um die galoppierende Schwindsucht ihrer Kollegiengelder ließen die Theologen in Halle dann dem Könige Friedrich Wilhelm I. den schon erwähnten Humbug einblasen, nach Wolffs Grundsätzen dürften Deserteure nicht bestraft werden. Die sofortige Vertreibung Wolffs durch den König befriedigte nun zwar die milden Gemüter der theologischen Denunzianten, aber in weit geringerem Grade ihre hungrigen Geldbeutel, denn der Besuch einer unter so milden Himmelsstrichen gelegenen Universität nahm sofort ab. Auch der König merkte zu seinem Schrecken diese Folge seines Befehls an dem sinkenden Ertrage der Akzise.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Stiftungsfonds der Universität Halle betrug 3500 Taler und wurde später auf 7000 Taler erhöht. Dagegen war der Ertrag der Akzise, der vorher noch nicht 20 000 Taler betragen hatte, nach der Gründung der Hochschule auf 32 000 Taler gestiegen, so daß die Universität dem Staate weit mehr eintrug als kostete. Hofbauer, Geschichte der Universität Halle, 63.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nun offenbar der ja auch ganz plausiblen Meinung, daß es schwieriger sei; ohne Geld Rekruten zu werben, als geworbene Rekruten trotz Wolffs Philosophie unter der Fuchtel zu halten. So befahl er denn den Kandidaten der Theologie, die eben erst bei Karrenstrafe verbotenen Schriften von Wolff eifrig zu studieren, und bemühte sich auf alle Weise, Wolff wieder ins Land zu locken. Wolff scheute als gebranntes Kind aber das Feuer, und sein Gönner Manteuffel, dessen Rat er sich erbat, wußte ihm auch nur, zu antworten: »Jeder Untertan in diesem Lande, wes Standes er immer sei, wird als ein geborner Sklave betrachtet, über den der Herr nach Gutdünken verfügen kann. Alle Welt ist überzeugt, daß man alle Gelehrten verjagen und alle Universitäten zerstören würde, wenn man sich davon Profit verspräche. Man liebt die Gelehrten nur soweit, als sie zur Vermehrung der Akziseeinkünfte dienen können.« Wolff kam erst nach der Thronbesteigung Friedrichs II. zurück, um nunmehr zu zeigen, daß er der beste Bruder auch nicht war. Als die Universität Halle im Jahre 1745 um Abschaffung der Komödianten gebeten hatte, weil sich die Studenten im Theater zu prügeln pflegten, verfügte der Philosoph von Sanssouci: »Da ist das geistliche Muckerpack schuldt daran, sie Sollen spillen und Hr. Francke es war der jüngere Francke) oder wie der Schurke heisset, Sol darbei Seindt, umb die Studenten wegen seiner Närischen Vorstehlung eine öffentliche Reparation zu thun, und mihr Sol der atest vom Comedianten geschicket werden, das er dargewesen ist.« Und also geschah es. Es ging nun das Gerede, der akademische Senat wolle gegen diese Unbill protestieren. Aber auf eine Anfrage des Grafen Manteuffel erklärte Wolff, davon wisse er nichts, und in keinem Falle werde er sich an einem solchen Proteste beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwägt man, daß Halle, auch nach Lessings Ansicht, immerhin die beste der preußischen Universitäten war und daß die Wolffiade sich beinahe noch als ein ehrwürdiger Geisteskampf ausnimmt, verglichen mit den Narrenspossen, die Friedrich Wilhelm I. mit den Professoren in Frankfurt a. O. trieb, so tritt die Bedeutung Leipzigs für das Wiedererwachen des bürgerlichen Selbstbewußtseins erst in das rechte Licht. Die Stadt hatte sich als erster Handelsplatz des Reichs eine fast republikanische Unabhängigkeit errungen; sie durfte mit keiner Garnison belegt werden; ihr reger Meßverkehr gab ihrer Bürgerschaft einen helleren und weiteren Blick, als er dem deutschen Pfahlbürgertum der damaligen Zeit sonst eigen war und eigen sein konnte. Von dieser verhältnismäßig hohen ökonomischen Entwicklung zogen die geistigen Interessen den entsprechenden Gewinn. Schon als Sitz des deutschen Buchhandels war Leipzig zugleich eine intellektuelle und ökonomische Macht. Aber, auch die Universität Leipzig stand weitaus an der Spitze der deutschen Hochschulen. Sie hatte sich die Unabhängigkeit einer mittelalterlichen Korporation zwar mit ihren Schatten-, aber auch mit ihren Lichtseiten erhalten. Mochte sie gelegentlich auch unter fürstlicher Willkür leiden, so waren ihre Lehrer doch viel zu gewichtige Männer und standen viel zu fest in ihren Schuhen, als daß der Dresdener Hof sie nach preußischem Vorbilde wie Schalksnarren hätte behandeln dürfen. Auch gebietet die Gerechtigkeit anzuerkennen, daß den Wettinern die Neigung dazu im allgemeinen fernlag. Nicht zwar, als oh wir uns in die intimen Streitigkeiten zwischen den preußischen und sächsischen Geschichtsschreibern mischen wollten; wir stehen nicht auf dem Standpunkte, daß Fürstengeschlechter die Geschichte machen, sondern wir meinen, daß diesen Geschlechtern ihre historische Rolle von der geschichtlichen Entwicklung vorgeschrieben wird. Ist dem aber so, dann läßt sich nicht verkennen, daß den Wettinern auf dein Gebiete der Kultur eine immerhin erfreulichere Rolle zugefallen war als den Hohenzollern auf dem Gebiete des Militarismus. Durch die Reihe jener vererbte sich seit der Reformation ein gewisses Interesse an der Kunst, durch die Reihe dieser ein großes Interesse an der Soldateska! Weder jenes noch dieses war freie Wahl, sondern eine Folge der Verschiedenheit, die zwischen den von den Hohenzollern und den Wettinern regierten Ländern bestand. Als Herrscher von Sachsen würden die Hohenzollern einige Vorliebe für die Kunst, als Herrscher von Brandenburg die Wettiner innige Zärtlichkeit für den Militarismus bekundet haben. Diese Sachlage ist so einfach und so klar; sie entbehrt zudem so sehr jeder allgemeinen Bedeutung, daß wir sie gar nicht berührt haben würden, wenn nicht auch in diesem Punkte die Lessing-Legende richtigzustellen wäre. Allen Respekt vor der sittlichen Entrüstung über die Verschwendung der sächsischen Auguste, aber die Wohlfeilheit hat auch nie zu den Tugenden des preußischen Militarismus gehört, und vielleicht ist die Dresdener Gemäldegalerie ein ebenso wirksamer Hebel deutscher Kultur gewesen wie der Stock, mit dem die preußischen Friedriche ihre Soldaten drillten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi schreibt in seiner Winckelmann-Biographie, 1, 253: »Es sei ferne, Verdammungsurteile abschwächen zu wollen, welche die Geschichte längst gefällt hat, aber wenn man die ewig sich wiederholenden Tiraden von Demagogen, Frömmlern und Hofdemagogen hört, so kann man fragen: Hat Karl XII. nicht Schweden tiefer ins Verderben gerissen als die beiden August Sachsen, und noch dazu, ohne eine Spur zu hinterlassen?« Recht gut soweit, aber weshalb nach Schweden schweifen? Es gibt nähergelegene Parallelen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, Leipzig war ein Ort, wo man, wie Lessing seiner Mutter schrieb, »die ganze Welt im Kleinen sehen« konnte. Oder wie wir heute sagen möchten: die ganze bürgerliche Welt auf dem höchsten Punkt ihrer damaligen Entwicklung. Mit ihrem geistigen Gehalte mußten sich die Klopstock und die Lessing erst durchdringen, wenn sie wirkliche Führer der bürgerlichen Klassen werden wollten, wie sie es denn geworden sind. Beide lebten gleichzeitig in Leipzig, ohne sich zu berühren. Möglich, daß nur ein Zufall sie voneinander fernhielt, aber dann gilt von diesem Zufalle Wallensteins Wort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es gibt keinen Zufall! Und was ein blindes Ohngefähr uns dünkt, Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeder von beiden, Klopstock wie Lessing, lebte in Kreisen, die sich nicht schnitten. Klopstock war mit einem fertigen Lebensplane von der Schule gekommen; er warf, wie Danzel mit einem allzu harten, aber nicht völlig unwahren Worte sagt, der Nation die ganze Unreife seiner zwanzigjährigen Primanerexistenz ins Gesicht; in einem Sinne war er früh fertig, in einem andern Sinne ist er niemals fertig geworden; als Jüngling schon gewann er glänzenden Ruhm, den er dann ein langes Leben hindurch nur langsam erbleichen sah. Wie hoch stehen die ersten Gesänge des Messias über den hölzernen Theaterstücken, mit denen Lessing begann, aber wie schnell und wie weit ist Klopstock hinter Lessing zurückgeblieben! Der Grund ihrer verschiedenen Schicksale liegt nicht in der verschiedenen Art ihrer Begabung, denn die hätte sie nicht [zu] hindern brauchen, auf verschiedenen Gebieten in gleicher Höhe zu marschieren, sondern in der verschiedenen Stärke ihres Klassenbewußtseins. So frisch und keck auch Klopstock in das Leben sah, sowenig es ihm an bürgerlichem und nationalem Stolze fehlte, so blieb er doch noch immer in dem deutschen Philistertum stecken. Es war in jedem Sinne eine Schulaufgabe, ein ganzes Leben an ein religiöses Epos zu setzen, und nur ein verkümmertes, den Schein für das Wesen nehmendes Klassenbewußtsein konnte ihn auf das Muster Miltons führen. Freilich war Milton auch ein Herold der bürgerlichen Klassen, aber den englischen Puritanern war die Religion die ideologische Widerspiegelung gewaltiger Klassensiege, während sie den bürgerlichen Klassen in Deutschland nichts als das ideologische Symbol eines Despotismus sein konnte, dem eben diese Klassen seit zwei Jahrhunderten ihre politisch-soziale Vernichtung verdankten. So wurde Miltons Epos ein unsterbliches Gedicht, während Klopstocks Messiade nach der ersten aufflammenden Begeisterung über das dichterische Talent, das aus ihr sprach und das wohl als schönes Pfand wiederauflebender Bürgerkraft gelten konnte, einer schnellen Vergessenheit anheimfiel. Klopstock hat nach diesem ersten großen Mißgriffe niemals wieder die rechte Fühlung mit seiner Klasse gewonnen. Zwar ist es sehr töricht, wenn Scherer ihn rüffelt; weil er nicht den König Friedrich, sondern Hermann den Cherusker und Heinrich den Vogler als nationale Helden gefeiert habe, denn Friedrich war im günstigsten Falle ein Vertreter der nationalen Zweiheit, während Hermann und Heinrich immerhin Vertreter der nationalen Einheit waren. Aber diese geschichtlichen Gestalten konnten den aufstrebenden bürgerlichen Klassen nicht mehr als blutlose Schemen sein, und aus dem Leben dieser Klassen selbst hat Klopstock nie seine dichterischen Stoffe entnommen. Nur der Greis hat noch einmal in den Oden auf die Französische Revolution ein beredtes Zeugnis für seinen sozialen Ursprung abgelegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ganz anders Lessing! Er kam ohne jeden fertigen Lebensplan auf die Universität, und es scheint fast, als ob er wirklich die ersten paar Monate auf einen ehrsamen Theologen losgebüffelt hätte. Aber das großstädtische Treiben weckte sein Klassenbewußtsein, und alles, womit er es nähren konnte, sog er mit klammernden Organen aus dem Leben der Stadt, in der damals das bürgerliche Leben des Reichs die verhältnismäßig höchste Entwicklung erreicht hatte. Kein Zweifel, daß Lessing nach seinen Anlagen weit mehr zum Gelehrten als zum Dichter geschaffen war! Er seihst hat sich in der Hamburgischen Dramaturgie mit bescheiden-stolzen Worten den Namen eines Dichters abgesprochen, und niemand hätte so aberweise sein sollen, dies Bekenntnis anzufechten. Wer mag heute noch die kleine Poesie seiner jungen Jahre lesen, das »anakreontische Gegängel«, worin er mit einem Gleim um die Wette »kinderte«; die Sinngedichte, in denen das meiste und oft auch das Beste fremden Mustern entlehnt ist; die Bruchstücke von Lehrgedichten, die nach Form und Inhalt schwerfällig, aber nicht schwer, seicht, aber nicht klar sind. Es ist wahr: Die Zeit war noch so geistig arm, daß sogar diese dürftigen Versuche ihrem Verfasser den Ruf eines namhaften Dichters eintrugen, aber er selbst hat nicht über seine frühesten Schaffensjahre hinaus seine Kraft an solchem Quarke verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielmehr alles, was ihn auszeichnete, wies ihn auf die gelehrte Laufbahn hin: sein scharfer und tiefer Verstand, die kühne und rasche Beweglichkeit seines Geistes, seine dialektische und kritische Begabung, die nie verhehlte Freude auch an dem Kleinkrame, dem Handwerkszeuge der wissenschaftlichen Forschung, das unverkennbare Behagen an oft noch mehr gewagten als scharfsinnigen Konjekturen. Trotzdem war er ebenso schnell wie über das Pastorieren über das Professorieren hinaus; er hat schon in Leipzig jenen Abscheu gegen die zünftige Gelehrsamkeit eingesogen, der ihm all sein Lebtag treu geblieben ist. Von der Gelehrsamkeit ging er zur Dichtkunst über; von einem Gebiete, auf das ihn alles zu locken, auf ein Gebiet, von dem ihn alles zu schrecken schien. Aber was den Schein einer verhängnisvollen Selbsttäuschung trug, das war tatsächlich ein unbeirrbarer Klasseninstinkt. Die Universität Leipzig bot dem jungen Lessing zwar mehr, als ihm jede andere deutsche Hochschule geboten haben würde, und was er ihren frischeren Kräften, den Philologen Ernesti und Christ, dem Mathematiker Kästner verdankte, ist in seiner späteren Entwicklung wohl erkennbar. Aber es war doch nur wenig im Verhältnis zu dem, was ihm das Leben selbst bot. Auch an dieser Universität herrschte noch eine verstaubte und vertrocknete Gelehrsamkeit vor; das Joch des Luthertums war erschüttert, aber nicht gebrochen; ein widerwärtiges Cliquen- und Nepotenwesen wucherte unter der pedantischen Steifheit der ellenhohen Perücken. Das Katheder war, alles in allem, ebenso eine Vorburg des fürstlichen Despotismus wie die Kanzel. Nicht in Lessing allein dämmerte damals die Erkenntnis auf, daß die von den herrschenden Klassen bevorrechteten Genossenschaften der Gelehrsamkeit niemals die geistigen Führer der unterdrückten Klassen sein können; fast alle, sagt Voltaire, welche die Wissenschaften auf neue Wege gebracht haben, waren Privatgelehrte, die fern von Ehrsucht und Stellen, fern von Akademien, Höfen und der großen Welt auf ihrem Zimmer ihren Gedanken nachhingen. Auf dem Gebiete der Philosophie und Theologie, der Rechts- und Staatswissenschaft lagen die Fußangeln des fürstlichen Despotismus; unter seinem bleiernen Joche war längst alles politische Leben erstickt; die schöne Literatur bot einstweilen den einzigen Kampfplatz, auf dem die bürgerlichen Klassen um ihre soziale Emanzipation ringen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch sie hatte in Leipzig ihren Mittelpunkt; Lessing selbst sagt später einmal, nirgend lerne es sich so leicht wie auf dieser Akademie, ein Schriftsteller zu werden. Ihn selbst aber leitete auf literarischem Gebiete sein Klassenbewußtsein sofort wieder auf den entscheidenden Punkt. Seine lyrischen Sachen blieben beiläufige und schnell vergessene Abfälle; das Theater aber nahm den ganzen Menschen in Beschlag und hat ihn nie wieder losgelassen. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, konnte sich die bürgerliche Welt mit dem Scheine des Lebens entfalten; hier konnte sie vor allem Volke die Fragen erörtern, die ihr Inneres bewegten; die Schaubühne war Kanzel und Katheder zugleich für die bürgerlichen Klassen. Sie wurde beides vor allem für Lessing. Er war an sich dramatischer Dichter so wenig wie Dichter überhaupt. Von seinen zahllosen dramatischen Plänen ist wenig vollendet worden, und dies wenige reifte erst im Laufe von Jahren, ja, wie Emilia Galotti und Nathan, erst im Laufe von Jahrzehnten. Das Studium seiner Entwürfe zeigt, wie wahr er seine dramatische Tätigkeit schildert, wenn er an der schon erwähnten Stelle der Dramaturgie schreibt: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen emporschießt. Ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachteile der Kritik etwas las oder hörte; sie soll das Genie ersticken, und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahekommt.« Nicht ein poetischer, sondern ein sozialer Instinkt trieb den jungen Lessing auf die Bühne, wie denn der todesmatte Kämpfer, dem jeder andere Kampfplatz verschlossen worden war, zur Bühne als seiner »alten Kanzel« seine letzte Zuflucht nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So lernte Lessing in Leipzig leben. Derweil Klopstock in poetischen Visionen den Himmel geöffnet sah und in einem engen Kreise gleichgesinnter Genossen sich schon einen ersten Anflug hohenpriesterlicher Würde zulegte, verarbeitete Lessing alles, was ihm Leben und Wissenschaft entgegenwarf, zu einer Komödie und tummelte sich munter unter dem leichten Völkchen der Bühne. Auch darin ist er ein richtiger sozialer Rebeller gewesen, daß er mit den Parias der Gesellschaft von damals, Juden, Schauspielern und Soldaten, allemal am liebsten verkehrte. Aber so schwach, wie das Klassenbewußtsein des Bürgertums noch war, so leicht gezimmert, war auch noch das Brettergerüst seiner Szene. Die Bühne der Neuberin, an der Lessing dichten und leben lernte, brach zusammen und begrub den jungen Kämpfer unter ihren Trümmern. Lessing floh vor seinen Gläubigern aus Leipzig, zur selben Zeit, als Klopstocks Messias wie ein heller Morgenstern am geistigen Horizonte der bürgerlichen Klassen aufstieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Berlin im achtzehnten Jahrhundert ==&lt;br /&gt;
Nach seiner Flucht aus Leipzig wandte sich Lessing zunächst nach Wittenberg, der anderen sächsischen Universität, wo er im August 1748 als Student der Medizin eingeschrieben wurde. Es scheint indes, daß seine Gläubiger ihn auch hierher verfolgt haben; jedenfalls siedelte er noch vor Schluß des Jahres nach Berlin über. Er vollzog damit aber keineswegs eine »Option für Preußen«, einen »entscheidenden, tief begründeten Schritt«, wie Herr Erich Schmidt unter gewaltigem Aufwande patriotischer Redensarten behauptet. Vielmehr vertrieb ihn aus Sachsen seine finanzielle Misere, und wenn er von nun an auf eigenen Füßen stehen wollte, was um so mehr seine Absicht war, als er der Armut seiner Eltern weitere Opfer für seine Universitätsstudien nicht zumuten mochte, so mußte er sein Heil in einer großen Stadt versuchen. Denn wenn überhaupt, so konnte er nur in einer solchen auf literarische Anknüpfungspunkte hoffen. Für diesen Zweck lag ihm aber Berlin am nächsten, namentlich auch deshalb, weil sein Jugendfreund und Vetter Mylius eben aus Leipzig nach Berlin übergesiedelt war, um die Redaktion der »Berlinischen privilegierten Zeitung« zu übernehmen, derselben Zeitung, die heute unter dem Namen der »Vossischen Zeitung« bekannt ist und der Kürze wegen gleich so genannt werden mag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst freilich konnte sich Berlin mit Leipzig in keiner Weise messen, es sei denn an Einwohnerzahl, die bei Lessings Einzug in die preußische Hauptstadt sich bereits auf mehr als hunderttausend Köpfe belief. Berlin und Leipzig vertraten mit in erster Reihe zwei sehr voneinander verschiedene Kategorien deutscher Städte. Eine unparteiische Zeugin, Lady Montague, 1716 durch Deutschland reiste, vergleicht die Handelsstädte wie Leipzig mit holländischen Hausfrauen, die von einem gewissen sauberen und soliden Wohlstande umgeben seien, während sie als gemeinsamen Charakterzug der Residenzstädte wie Berlin eine gewisse schäbige Eleganz, eine aufgeputzte Unsauberkeit und Armut, namentlich in den höheren Klassen, nennt. Nach ihrem Ausdrucke glichen diese Städte geschminkten und frisierten Freudenmädchen mit Bändern in den Haaren und Silbertressen auf den Schuhen, aber in zerrissenen Unterröcken. Das Urteil klingt hart, doch ist es nach allen sonstigen Zeugnissen nicht ungerecht. Derartige Städte waren meist künstliche, parasitische Schöpfungen, bestimmt, der fürstlichen Allmacht einen prunkenden Hintergrund zu geben, jeder kommunalen Selbständigkeit entkleidet, überfüllt mit kriechenden Höflingen, servilen Beamten, brutalen Soldaten, ausländischen Abenteurern, im günstigsten Falle noch ausgestattet mit allerlei Privilegien, die eine künstliche Gewerbe- und Handelstätigkeit hervorrufen sollten, aber natürlich nur in mehr oder minder beschränktem Maße hervorrufen konnten, womit dann die Abhängigkeit der Bürgerschaft vom Hofe noch verstärkt wurde. Diese Städte waren Mikrokosmen des deutschen Elends, dessen verheerende Folgen nirgends so traurig hervortraten wie in ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum irgendwo in Deutschland aber sah es mit dem Städtewesen so übel aus wie im Preußischen. Wir haben schon bemerkt, daß der preußische Absolutismus nicht in derselben Weise entstanden war wie der Absolutismus in ökonomisch vorgeschrittenen Ländern: nicht durch die Entwicklung des Warenhandels und der Warenproduktion, nicht durch die Stütze, die er an den Städten gegen den Adel gewann, und nicht durch den Schutz, den er den Städten gegen den Adel gewährte. Er ist immer, auch in seinen scheinbar glänzendsten Zeiten, abhängig gewesen von den feudalen Junkern. Vielleicht hatte die Armut des Landes und die Ungunst der geographischen Lage die märkischen Städte im Ausgange des Mittelalters nicht in dem Maße erstarken lassen, daß die zur Herrschaft gelangten Hohenzollern mit ihrer Hilfe die Macht der Junker hätten brechen können. Aber es ist auch gar kein ernsthafter Versuch dazu gemacht worden, es sei denn, daß man das sehr vorübergehende Bündnis, das der erste Hohenzoller mit den Städten schloß, um die Quitzows niederzuwerfen, als solchen Versuch betrachten will. Jedenfalls schor bereits der zweite Hohenzoller auf Halbpart mit dem Adel die märkischen Städte, namentlich die Schwesterstädte Berlin-Kölln, bis aufs nackte Leben. Patriotische Geschichtsschreiber nennen das »die trotzigen Städte in die wohltätige Zucht des Staatsgedankens nehmen«, aber die aus dem Jahre 1448 erhaltenen, leider nur spärlichen Urkunden geben ein etwas abweichendes Bild des Hergangs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nämlich der Kurfürst Friedrich II. benützte einen Zwist zwischen den Geschlechtern und den Zünften von Berlin-Kölln, um sich zum Schiedsrichter aufzuwerfen und eine Zwingburg am Saume der Stadt anzulegen, dasselbe Gebäude, das Herr Eugen Richter mit untertänigstem Bückling als das »altehrwürdige Hohenzollernschloß« preist. Die Berliner von dazumal erstarben nicht ganz in so loyaler Ehrfurcht; Geschlechter wie Zünfte rochen den Braten, noch ehe er gar war; sie vereinigten sich und verschanzten die Städte durch einen Blockzaun gegen die entstehende Burg; sie vertrieben die Bauleute des Kurfürsten sowie die Richter und Zöllner, die er ihnen auf den Hals gesetzt hatte, sie riefen die anderen märkischen Städte zu gemeinsamem Widerstande gegen den drohenden Schlag auf. Aber ehe dieser Widerstand organisiert werden konnte, fielen Kurfürst und Junker mit gewaffneter Hand über Berlin-Kölln her und warfen die Städte vollständig nieder. Der Kurfürst machte seinen Hofrichter zum Bürgermeister, und die Stellen der Ratmannen besetzte er zum Hohn für die Bürgerschaft mit seinen reisigen Knechten. Die Gerichte, Mühlen, Zölle und Landgüter der Stadt wurden dem Küchenmeister des Kurfürsten als Lehen übergeben; das heißt: Sie dienten fortan dazu, den gesamten kurfürstlichen Hofhalt zu unterhalten. Die Patrizier der Städte mußten ihre Lehen, selbst das Leibgedinge ihrer Frauen an den Kurfürsten übergeben, und von ihrem »fahrenden Gute« hatten sie ungeheure Strafgelder zu zahlen. In der Zeit vom 12. September bis zum 14. Oktober 1448 erschienen sie Mann für Mann »in dem kleinen Stüblein über dem Torhause zu Spandau« und haben, wie es in den Protokollen heißt, »ir liep und alle ir gut in mynes gnedigen heren hand gesetzet und gegeben«. An barem Geld allein zahlten die Schum, die Blankenfelde, die Brackow, die Ryke je 3000, die Stroband, die Wyns je 2000 rheinische Gulden und so weiter herab nach dem Besitze der einzelnen Familien bis auf je 1000 oder 700 Gulden. Erwägt man, daß der rheinische Gulden damals den Wert von zwei Talern und nach heutigem Geldwerte mindestens den Wert von zwanzig Mark hatte, so ist leicht zu ersehen, daß sich die »wohltätige Zucht des Staatsgedankens« in diesem eigentümlichen Falle wirklich nur als vollständige Vermögenskonfiskation bewährt hat. Minder offen, aber nicht minder gründlich bluteten die andern märkischen Städte, und dafür, daß sie sich von so erschöpfenden Aderlässen nicht wieder erholten, sorgten die Nachfolger des »eisernen Friedrich«. Um nur noch ein Beispiel anzuführen, so gab der sittenlose und verschwenderische Kurfürst Joachim II., als ihm das nötige Metall zur Ausprägung neuer Münzen fehlte, seinem Hofjuden Lippold eine Vollmacht, bei achtzehn reichen Bürgern einen »Einfall« zu tun und ihnen das vorgefundene Gold und Silber abzunehmen. In dankbarer Erinnerung an diesen »Einfall« hat denn auch die freisinnige Stadtverwaltung von Berlin vor einigen Jahren den andern »Einfall« gehabt, aus der Tasche der städtischen Steuerzahler zehntausend Mark für ein Standbild dieses Joachim zu spenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Dreißigjährigen Kriege nahm die hohenzollernsche Städtepolitik nicht sowohl ein anderes Wesen als andere Formen an. Mit dem einfachen Ausschöpfen der bürgerlichen Säckel war es vorbei, weil in diesen Säckeln überhaupt nichts mehr zu finden war; Berlin ging aus den Verheerungen jenes Krieges als ein elendes Nest baufälliger Hütten hervor mit ein paar Tausend Einwohnern, die nichts mehr zu brechen und zu beißen hatten. Der militärische Absolutismus brauchte nun aber Geld, viel Geld; er mußte ausländische Kapitalien und Kapitalisten heranziehen; so sorgte er in seiner Weise für die »Peuplierung« der Städte und die Förderung der städtischen Industrie. Er setzte dafür alle möglichen Hebel an, gebrauchte dazu alle möglichen Mittel, mitunter nicht üble, oft aber auch sehr gewagte. Nützlich, namentlich in wirtschaftlicher Beziehung, war die Aufnahme der französischen, böhmischen, salzburgischen aus ihrer Heimat vertriebenen Protestanten, aber daneben lockte die verschwenderische Hofhaltung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und mehr noch seines Sohnes, des Königs Friedrich I., allerlei zweifelhaftes Volk nach der preußischen Hauptstadt. Unter Friedrich Wilhelm I. hörte dieses Zugmittel zwar auf zu wirken; vielmehr wurde die Bürgerschaft unter einem so scharfen Drucke gehalten, daß sie sich den harmlosesten Lebensgenuß höchstens auf die Gefahr königlicher Stockprügel gönnen durfte. Allein in seiner besonderen Weise sorgte der wunderliche Tyrann doch auch für die Erweiterung seiner Residenz; er befahl wohlhabenden Leuten oder solchen, die er dafür ansah, ohne weiteres den Bau von Häusern in Berlin, deren Fundamentierung in dem sumpfigen Boden nicht selten das ganze Vermögen ihrer glücklichen Besitzer kostete. Was immer für die Städte geschah, das geschah nicht um der Städte willen, sondern im Interesse des militärischen Absolutismus, der denn auch alsbald wieder die Henne zu schlachten begann, ehe sie noch die goldenen Eier legen konnte. Friedrich Wilhelm I. nahm den Städten das Kämmereiwesen ab und stellte es unter seine Steuerräte mit dem Befehle, den Städten nur das Notdürftigste zu lassen und den Überschuß an die königlichen Kassen abzuführen. Vermutlich ist es dies »Verdienst um das Bürgertum«, das ihn nach Herrn Schäffles glaubwürdiger Versicherung befähigte, den Thron als einen Felsen von Erz zu errichten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, 4, 287.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich II. führte das schöne Prinzip seines Vaters noch strenger durch: Die städtische Verwaltung wurde zu einer königlichen; die Kriegs- und Domänenkammern verfügten über das städtische Eigentum nach ihrem Belieben und ernannten die Magistrate; als ein General seinen invaliden Regimentspauker zum Bürgermeister einer Stadt empfohlen hatte, antwortete ihm der König, zuvor müßten die gedienten Unteroffiziere in diesen Ämtern versorgt werden. Was aber Berlin im besonderen angeht, so schlug Friedrich sozusagen einen mittleren Weg zwischen den Methoden seiner Vorgänger ein; unter ihm wurde die preußische Hauptstadt ein zwar nicht lustiges, aber dafür liederliches Gefängnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeugnisse für diese Tatsache gibt es so viele und – trotz ihres sehr verschiedenen Ursprungs – so übereinstimmende, daß wir uns genügen lassen können, gerade nur ein halbes Dutzend beizubringen. Der englische Gesandte, Sir Charles Hanbury Williams, schrieb 1750 aus Berlin über Friedrich: »Es ist gar nicht zu glauben, wie dieser pater patriae sich um seine Untertanen sorgt ... Er läßt ihnen in der Tat keine andere Freiheit als die des Denkens. Der Zwang geht durch alle Stände, und Mißtrauen drückt sich auf jedem Gesichte aus. Ich denke, Hamlet sagt irgendwo: Dänemark ist ein Gefängnis; das ganze preußische Gebiet ist ein solches im buchstäblichen Sinne des Worts.« Sein Nachfolger, Lord Malmesbury, schrieb im Jahre 1772: »Berlin ist eine Stadt, wo es weder einen ehrlichen Mann noch eine keusche Frau gibt. Eine totale Sittenverderbnis beherrscht beide Geschlechter aller Klassen, wozu noch die Dürftigkeit kommt, die notwendigerweise teils durch die von dem jetzigen Könige ausgehenden Bedrückungen, teils durch die Liebe zum Luxus, die sie seinem Großvater abgelernt haben, herbeigeführt worden ist. Die Männer sind fortwährend beschäftigt, mit beschränkten Mitteln ein sehr ausschweifendes Leben zu führen. Die Frauen sind Harpyen, denen Zartgefühl und wahre Liebe unbekannt sind und die sich jedem preisgeben, der sie bezahlt.« Der italienische Dichter Alfieri, der im Jahre 1770 Preußen besuchte, erklärte in seiner Selbstbiographie, Berlin sei ihm vorgekommen wie » &#039;&#039;eine&#039;&#039; große Kaserne, welche Abscheu einflößt«, und der ganze preußische Staat »mit seinen vielen Tausend bezahlter Satelliten wie &#039;&#039;eine&#039;&#039; ungeheuere, ununterbrochene Wachtstube«. Georg Forster ließ sich 1779 nach einem längeren Aufenthalte in Berlin brieflich gegen Jacobi also aus: »Ich habe mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Bewohner! Gastfreiheit und geschmackvoller Genuß des Lebens ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte sagen Gefräßigkeit ... Die Frauen allgemein verderbt.« Der zarte Frühlingssänger Kleist plauderte 1751 in einem Briefe an seinen Freund Gleim: »Sie wissen doch schon die Aventure des Markgrafen Heinrich. Er hat seine Gemahlin auf seine Güter geschickt und will sich von ihr separieren, weil er den Prinzen von Holstein bei ihr im Bette getroffen hat ... Der Markgraf hätte wohl besser getan, wenn er den Handel verschwiegen hätte, statt daß er jetzt ganz Berlin und die halbe Welt von sich sprechen macht. Überdem sollte man eine so natürliche Sache nicht so übelnehmen, zumalen wenn man selber nicht so glaubensfest ist wie der Markgraf. Der Ekel ist doch ganz unausbleiblich in der Ehe, und alle Männer und Frauen sind durch ihre Vorstellungen von anderen liebenswürdigen Vorwürfen nezessitieret, untreu zu sein. Wie kann das bestraft werden, wozu man gezwungen ist?« Gleim aber meldete 1746 über eine Redoute, die er mit Kleist besucht hatte, an Uz: »Wir tanzten, aber ich für mein Teil war gar nicht zufrieden, daß ich nicht durch die Larve hindurch sehen konnte, ob ich mit einer Prinzessin oder mit einer Hure tanzte. Es geht in der Tat bei dieser Lustbarkeit ein bißchen zu unordentlich her, als daß sie mir gefallen sollte. Auf dem adligen Platze ist man zu blöde, und auf dem bürgerlichen findet man kein sprödes Mädchen. Anakreons Maskeraden sind artiger gewesen. Es sind wenig Erfindungen und fast gar keine Scherze bei den hiesigen. Die grobe Wollust hat allenthalben die Oberhand.« So der eine preußische Barde, den nur seine »Blödigkeit« verkennen ließ, daß es auf dem »adeligen Platze« ebenso aussah wie auf dem bürgerlichen. Der andere preußische Barde aber, nämlich Ramler, der als Lehrer am Kadettenkorps angestellt war, schrieb an seinen Bundes- und Liedesbruder, er sei krank, weil er zu arm sei, eine Mätresse zu unterhalten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mindestens die Zeugnisse von Kleist und Gleim, die 1882 in Kleists Werken, 2, 192 und 3, 30, von Sauer veröffentlicht worden sind, waren Herrn Erich Schmidt bekannt, als er 1885 den ersten Band seiner Lessing-Biographie veröffentlichte. Gleichwohl entdeckt er nur in der sächsischen Residenzstadt Dresden »die prickelnde Lüsternheit, die handfeste Zote« und obendrein den »Privatklatsch, der dort wuchern muß, wo die Schößlinge öffentlicher Interessen ausgerottet und alle politischen Angelegenheiten dem unmündigen Bürger verschlossen wurden ... In Berlin aber wurden die Gazetten nicht geniert«. So wörtlich 1, 38.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein erklärendes Licht auf die sittlichen Zustände Berlins wirft die damalige soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Zahlen, die wir darüber haben auffinden können, rühren allerdings erst aus den siebziger Jahren her, doch dürfte der Unterschied zu den fünfziger Jahren nur ein quantitativer, nicht ein qualitativer sein. Ende der siebziger Jahre lebten in Berlin&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Männer&lt;br /&gt;
|20 755&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Frauen und Witwen&lt;br /&gt;
|25 996&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Söhne&lt;br /&gt;
|16 919&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Töchter&lt;br /&gt;
|21 582&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Gesellen und Handlungsdiener&lt;br /&gt;
|5 588&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Lehrjungen&lt;br /&gt;
|2 410&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Diener und Knechte&lt;br /&gt;
|5 027&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Mägde&lt;br /&gt;
|10 078&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Garnison&lt;br /&gt;
|32 564&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|_______&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|138 719&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Das Übergewicht der männlichen über die weibliche, der unverheirateten über die verheiratete Bevölkerung springt in die Augen. Ackerbau trieben 85 Personen; in den vier Hauptzweigen der Weberei, der damaligen Hauptindustrie (Seide-, Linnen-, Woll- und Baumwollmanufaktur), belief sich die Zahl der arbeitenden Stühle auf 6 168 mit über 7 000 Arbeitern. Sie lieferten jährlich für 3 774 000 Taler Ware, wovon ins Ausland für 817 000 Taler gingen. Die Arbeitslöhne betrugen 2 117 000 (auf die Person 278) Taler. Andere fabrikmäßige Manufakturen beschäftigten zu gleicher Zeit 2530 Arbeiter mit einem Arbeitsverdienste von 438 000 (auf die Person 249) Talern. Sie produzierten einen Wert von 1 367 000 Talern, wovon für 522 000 Taler ins Ausland abgesetzt wurden. Die Gesamtsumme der in allen Erwerbszweigen zusammen angesetzten Arbeiter belief sich auf 10 113, die Summe der Arbeitslöhne auf 2 600 000, der produzierten Werte auf 6 Millionen, der Ausfuhr auf 1 720 000 Taler. Im Jahre 1785 zeigte sich in allen diesen Ansätzen eine Verminderung von zehn bis zwölf Prozent, ein Beweis mehr für die Behauptung Mirabeaus, daß Gewerbe und Handel im preußischen Staate flau, künstlich erzeugt und ohne nachhaltige Grundlage seien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Ziffern sind zusammengestellt aus Nicolai, Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, und aus Reeden, »Zeitschrift für Statistik«. Eine brauchbare Geschichte von Berlin gibt es noch nicht; die Werke von Streckfuß und Schwebe! gleichen sich, bei sehr verschiedener Tendenz, doch darin, daß sie sich den bescheidensten wissenschaftlichen Ansprüchen versagen. Übrigens werfen die obigen Ziffern unter anderem auch einiges Licht auf die manchesterliche Behauptung, daß sich die Arbeitslöhne in diesem Jahrhundert gehoben hätten. Man muß nur den durchschnittlichen Arbeitsverdienst von 260 Talern nicht allein als &#039;&#039;Geld&#039;&#039;-, sondern auch als &#039;&#039;Sach&#039;&#039;lohn ins Auge fassen; bei den damaligen Lebensmittelpreisen konnte man, wie Lessing an seinen Vater schrieb, für 15 Pfennig eine starke Mittagsmahlzeit haben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn nun aber schon eine durch allerlei Monopole und Privilegien herangezüchtete Gewerbe- und Handelstätigkeit eine sehr unsichere Grundlage für bürgerliche Unabhängigkeit ist, so kam in diesem Falle noch der erschwerende Umstand hinzu, daß die kapitalistischen Unternehmer sich ganz überwiegend aus Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen rekrutierten. Die französische Kolonie belief sich auf 5346, die böhmische auf 1125, die Judenschaft auf 4245 Köpfe. Industriell und intellektuell der Sauerteig der Bevölkerung, waren diese Schichten moralisch und politisch, um mit Herrn Mommsen zu sprechen, Elemente der Dekomposition. Vor allem die Franzosen und die Juden. Diese »Nation« – denn so, nicht »Konfession«, nannte sie sich damals selbst – konnte nach ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung und ihrer gewaltsamen Beschränkung auf den Geldhandel unmöglich aus Engeln des Lichts bestehen und bestand in ihrer Masse auch wirklich nicht daraus, und was die französischen Einwanderer anbetrifft, so waren sie nach vielen Klagen der Zeitgenossen eben auch keine Tugendhelden.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es ist immer wieder die sinnlose Vorstellung zurückzuweisen, als ob der protestantische Glaube in geistiger und sittlicher Beziehung irgendeinen Vorzug vor anderen Religionsbekenntnissen besitze. Die Hugenotten waren nicht die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, weil ihr protestantischer Glaube sie mit einem besonderen Maße von Einsicht und Tugend gesegnet hatte, sondern vielmehr: Weil sie die ökonomisch entwickeltsten Elemente waren, bekannten sie sich zu dem protestantischen Glauben als dem ihren kapitalistischen Interessen gemäßesten Religionsbekenntnisse. Wie der Hunger nach Mehrwert sie schon in verhältnismäßig früher Zeit, schon in den Jahren Richelieus, der ihnen durchaus wohlwollte, bis zum Bürgerkriege und zur Seeräuberei fortriß, dafür hat Buckle, Geschichte der Zivilisation in England (deutsch von Ruge), 1, 2, 25 ff., eine Fülle unwiderleglicher Zeugnisse beigebracht, deren Gewicht keineswegs dadurch geschwächt wird, daß Buckle sie auch nur in ideologischer Weise zu erklären weiß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch auch davon abgesehen, so bildeten diese fremdländischen Kolonien gewissermaßen Staaten im Staate; sie besaßen ihre besonderen Behörden, ihre besonderen Rechte, ihre besonderen Lasten; sie gehörten sozusagen mit Haut und Haaren dem Könige, von dessen Gnade sie vieles zu hoffen und von dessen Ungnade sie alles zu fürchten hatten, und dies Gefühl einer unbedingten Abhängigkeit durchdrang sie um so mehr, als sie von der deutschen Bevölkerung durch starke Interessengegensätze getrennt waren. Dagegen machte es keinen besonderen Unterschied, daß die Franzosen vom Könige mehr gehätschelt, die Juden mehr gestriegelt und in der Tat eher als finanzielles Melkvieh denn als Menschen behandelt wurden. Nach dem »Revidirten Generalprivilegium und Reglement vor die Judenschaft in Preußen« von 1750 sollte die Zahl der Juden beschränkt bleiben, für Berlin beispielsweise auf 152 Familien; sobald die für jeden Ort bestimmte Ziffer überschritten war, sollte der Überschuß durch die Ausweisung der ärmsten und unsittlichsten Juden aus dem Lande wieder beseitigt werden; der König selbst ließ sich die betreffenden Tabellen im Anfange jeden Jahres zur Prüfung vorlegen. Allein da er »denen Juden den Schutz hauptsächlich deßhalb gestattete, um Handel, Commerce, Manufakturen, Fabriquen und dergleichen« zu betreiben, so verhalf er ihnen zu einer ökonomischen Macht, deren Konsequenzen er sich nicht entziehen konnte. Die Schutzjuden Abraham Markus, Veitel Ephraim und Daniel Itzig erhielten schon 1761 »die Freiheit eines christlichen Banquiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht«, während die Masse der Judenschaft trotz aller gesetzlichen Beschränkungen immer stärker anwuchs.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die im Text angeführte Ziffer von 4245 Köpfen gibt Nicolai für 1779 an; Preuß, 3, 431, berechnet 500 Judenfamilien mit 3374 Köpfen, und zwar für das Jahr 1784. Es kommt wenig auf den Unterschied an, doch ist Nicolai die ältere und genauere Quelle. Möglicherweise erklärt sich die Abweichung dadurch, daß Preuß nur die eigentlichen Schutzjuden nebst Familien rechnet, während Nicolai auch die jüdischen Bediensteten dieser Schutzjuden mitzählt, die für die Dauer ihrer Dienste sich in Berlin aufhalten durften. Wurden sie entlassen, so waren die Judenältesten verpflichtet, der Polizei sofortige Anzeige zu erstatten, damit sie die Entlassenen aus Stadt und Land treibe. Zu dieser Kategorie der Juden gehörte beispielsweise Moses Mendelssohn, der Buchhalter in einer der Witwe Bernhard gehörigen Seidenfabrik war. Als der Marquis d&#039;Argens durch einen Juden Raphael von diesen Zuständen hörte, wollte er anfangs nicht glauben, daß solche Unduldsamkeit in den Staaten seines königlichen Freundes herrschen könnte, aber auf eine Anfrage bestätigte ihm Moses, daß die Judenältesten verpflichtet seien, ihn durch die Polizei vertreiben zu lassen, falls die Witwe Bernhard ihn entließe und ihn »nicht einer von den Trödeljuden in der Reezengasse für seinen Diener erklären« wolle. Nach wiederholten Bitten des Marquis d&#039;Argens ernannte Friedrich dann den guten Moses zum außerordentlichen Schutzjuden, das heißt, er gab ihm ein Privileg auf Lebenszeit für seine Person; als dagegen Moses 1779, also fast zwanzig Jahre, nachdem die berüchtigten, aber ökonomisch mächtigen Wucherer Ephraim und Itzig die »Freiheit eines christlichen Banquiers« erhalten hatten, zum ordentlichen Schutzjuden zu avancieren wünschte, der als solcher auch seine Kinder im Lande ansetzen durfte, schlug der König seinem Mitphilosophen die Bitte ab, wie er denn auch seiner Wahl in die Akademie rundweg die Bestätigung verweigerte. Siehe neben Preuß auch Nicolai, Anekdoten von König Friedrich, 1, 62. Übrigens könnten die heutigen Antisemiten aus der damaligen Zeit lernen, was bei dem obrigkeitlichen Kujonieren der Juden herauskommt. Der jüdische Wucher blüht dann um so üppiger, während die Juden, die sich vom Judentum befreien wollen, um so schamloser unterdrückt werden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, während Franzosen und Juden ökonomisch die Herrschaft &#039;&#039;über&#039;&#039; und intellektuell einen wohltätig aufrüttelnden Einfluß &#039;&#039;auf&#039;&#039; die einheimische Bevölkerung gewannen, blieben sie politisch noch abhängiger als diese von jeder Laune des fürstlichen Despotismus, und das eigentümliche Verhältnis hat eine bis auf diesen Tag fühlbare Nachwirkung in den. bürgerlichen Klassen von Berlin gehabt. Von ihm rührt einerseits jener behende Mutterwitz her, der über Gott, König und die Welt die kecksten und schlagendsten Worte findet, andererseits aber auch jene unausrottbare Ehrfurcht vor jeder am Horizont aufblinkenden Helmspitze eines Schutzmannes. Erst seitdem es in Berlin eine selbständig erwachsene Arbeiterklasse gibt, hat sie das Gute mit dem Besseren zu verbinden verstanden. Die Arbeiter eroberten am 18. März 1848 Berlin, während die Bürgerwehr dem wieder einziehenden Heere des Staatsstreichs allein den »passiven Widerstand« und eine Fülle beißender Witze über den alten Wrangel entgegenzusetzen wußte. Man sieht aber, wie unrecht die Reaktion daran tat, Franzosen, Juden und Polen als die Urheber des 18. März anzuklagen; sie hat vielmehr allen Anlaß, den Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen ihren Dank dafür abzustatten, daß die Bürgerschaft von Berlin den Revolutionär immer nur in Schlafrock und Pantoffeln gespielt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bürgerliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit in Berlin ebenso unbekannte Begriffe wie Tatsachen sein. Städtische Behörden als solche gab es nicht; der königliche Despotismus herrschte über der Stadt unumschränkt, bis ins Kleine und Kleinliche sich einmischend; was er dennoch vielleicht noch ungehudelt ließ, das hudelten der bürokratische und der militärische Despotismus, den die 2986 Beamten und die Offiziere der über 30 000 Mann starken Garnison ausübten. Von einem geistigen Leben kann da kaum gesprochen werden. Es würde so lächerlich sein, die paar kleinen Winkelblätter mit den Leipziger »Acta Eruditorum« in einem Atem zu nennen, wie die paar verkommenen Gymnasien mit den sächsischen Fürstenschulen auf eine Stufe zu stellen. Der gelehrteste Mann der Spreestadt, ihr »griechisches Orakel«, war der Rektor Damm vom Köllnischen Gymnasium; zu ihm pilgerte Winckelmann, um Griechisch zu lernen; bei ihm nahmen Mendelssohn und Nicolai noch als erwachsene Männer Unterricht im Griechischen. Er haftete aber nur am Wortverstande und übersetzte den Homer »in das abscheulichste Rotwelsch, durch das jemals ein Pedant sich an der deutschen Sprache vergangen hat« (Justi). Seine Übersetzung des Neuen Testaments brachte ihn gar in den Verdacht ketzerischer Meinungen. Anfeindungen des Pöbels verdüsterten das Leben des braven Mannes, und seine Schule verfiel gänzlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Theater gab es in Berlin zur Zeit von Lessings Übersiedlung nicht, es sei denn, daß gelegentlich einmal eine wandernde Truppe ihre kümmerliche Schaubude aufschlug. Ebenso fehlte, wie selbstverständlich, die Universität. Dagegen hatte Friedrich II. die von Leibniz unter seinem Großvater gestiftete, von seinem Vater verhöhnte und zerstörte Akademie der Wissenschaften wiederhergestellt. Sie war durchweg französiert, und auch die von ihren deutschen Mitgliedern verfaßten Abhandlungen mußten in die fremde Sprache übertragen werden. Ihre vier Klassen beschäftigten sich mit Physik, Mathematik, Philosophie und Philologie; alle anderen Fächer der Wissenschaften, so die geoffenbarte Theologie, aber auch alles, was sich auf bürgerliche Rechte und staatliche Verfassung bezog, war ausgeschlossen. Anfangs leitete sie der Franzose Maupertuis, später bekümmerte sich der König selbst sehr viel um ihre Verwaltung und tat mit ihrer Mitgliedschaft, wie Sulzer an Gleim schrieb, »beinahe rarer als mit seinem gelben Bande«. Es steckte aber nichts Rares dahinter. Da die Wissenschaft nur im Schatten des königlichen Despotismus gedeihen konnte, so gedieh die Akademie der Wissenschaften nur zu einer kümmerlichen und verkümmerten Pflanzung. Die bürgerliche Literaturgeschichte bringt nach ihrer üblichen Weise den wirklichen Sachverhalt in hoffnungslose Verwirrung, wenn sie den König Friedrich wegen seiner Verachtung der deutschen Literatur mit loyalem Schmerze tadelt, aber ihn wegen seiner Verehrung der französischen Literatur doch als einen Pfleger literarischer Kultur im allgemeinen feiert. Vielmehr: Wenn Friedrich die deutsche Literatur verachtete, so war das kein Tadel für ihn und ein Glück für sie; seine Vorliebe für die französische Literatur aber entwickelte sich nach den Bedingungen seines despotischen Regiments zu einer wahren Satire auf literarische Kultur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goethe sagt in der »berühmten Stelle« sehr treffend: »Wie kann man von einem Könige, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzu spät entwickelt und genießbar zu sehen?« Bis zum Siebenjährigen Kriege, bei dessen Beginne Friedrich vierundvierzig Jahre zählte, hatte die deutsche Literatur nichts aufzuweisen, was sich auch nur einigermaßen mit der französischen Literatur messen konnte, als etwa Gellerts Fabeln und Klopstocks Messias. Jene verstand und lobte der König, als er sie im Kriege kennenlernte; diesen hätte er weder verstanden noch gelobt, wenn er ihn kennengelernt hätte. Sulzer wollte ihn durch Voltaire mit dem Gedichte bekanntmachen, doch Voltaire erwiderte auf die Zumutung: Ich kenne den Messias, den Sohn des ewigen Vaters und den Bruder des heiligen Geistes, und ich bin sein ergebenster Diener, aber ein Profaner wie ich darf nicht das Weihrauchfaß vor ihm schwingen. Ähnlich würde der König selbst über den Messias geurteilt haben. Nach dem Siebenjährigen Kriege lagen in Lessings Laokooii und in Winckelmanns Schriften zwar literarische Leistungen ersten Ranges vor, aber damals war der König schon ein geistig gebrochener Mann, und vor allen Dingen machten ein paar Schwalben noch keinen Sommer. Lessing selbst schrieb 1769 in der Hamburgischen Dramaturgie: »Kräfte und Nerven, Mark und Knochen mangeln unserer schönen Literatur noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er zu seiner Erholung und Stärkung einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner alltäglichen Beschäftigungen denken will.« Gerade die literarischen Anlagen und Neigungen Friedrichs mußten ihn zu einer schroffen Ablehnung der deutschen Literatur führen. Er schätzte Leibniz, dessen französische Schriften er kannte; er sprach von Thomasius mit großer Achtung, wenn auch kaum mit eindringender Kenntnis; er ließ sich die Werke Wolffs ins Französische übersetzen, aber die deutsche Literatur als solche hielt er nicht nur [für] barbarisch, sondern in seinen geistigen Entwicklungsjahren war sie es auch. Man vergleiche nur ihre damals verhältnismäßig hervorragendsten und lobenswertesten Leistungen mit entsprechenden Erscheinungen der französischen Literatur; das Deutsch von Thomasius mit dem Französisch von Montesquieu; die ledernen Folianten von Bünau und Mascov über die deutsche Reichsgeschichte mit Voltaires Geschichtswerk über Ludwig XIV., und man wird dann dem Könige aus seiner Verachtung der deutschen Literatur keinen persönlichen Vorwurf machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War diese Verachtung für den Verächter aber kein Tadel, so war sie für die Verachtete ein Glück. Friedrich hat noch kurz vor seinem Tode zu Mirabeau gesagt: »Was hätte ich zugunsten der deutschen Schriftsteller tun können, das der Wohltat gleichgekommen wäre, die ich ihnen erwies, indem ich sie gehen ließ?« Die Frage klingt zwar mehr nach Mirabeau als nach Friedrich, aber wenn sie von dem Könige herrührt, so ist sie in tieferem Sinne wahr, als er immer gemeint haben mag. Hätte der König auch nur geahnt, daß die aufsteigende deutsche Literatur den sozialen Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen ankündige, so hätte er ihre Werke durch die Hand des Henkers verbrennen lassen. Aber auch so, wie er die Frage gemeint hat, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Es war ein höchst berechtigtes Klassenbewußtsein, das die Bahnbrecher unserer klassischen Literatur in Friedrichs Verachtung des deutschen Geistes eine nationale Schmach empfinden ließ, aber Lessing erwies sich auch hier als der klarste Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, indem er über der Empfindung dieser nationalen Schmach keineswegs den Blick für die sozialen Gefahren des fürstlichen Mäzenatentums verlor, während Klopstock im Schutze eines dänischen Königs und Winckelmann im Schutze eines römischen Kardinals auf den »Fremdling im Heimischen« und den »Schinder der Völker« schalten. Freilich sah Lessing in Berlin auch aus nächster Nähe, wohin es unter dem Schutze eines despotischen Mäzens mit der literarischen Kultur kommen muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Zweifel war Friedrichs Wertschätzung der französischen Literatur eine aufrichtige und verständnisvolle; in Maupertuis, in Lamettrie und nun gar in Voltaire zog er Männer von hoher geistiger Bedeutung an seinen Hof. Ganz besonders der Schutz, den Lamettrie als sein Leibarzt genoß, und der schöne Nachruf, den der König dem verrufenen Materialisten im Jahre 1751 widmete, zeigen Friedrich auf einer Höhe philosophischen Verständnisses, die gleichzeitig vielleicht kein anderer Deutscher besaß, auch der junge Lessing nicht, der sich dazumal mit einem mehr frommen als weisen Ungestüm gegen Lamettrie erhitzte. Wir heben dieses Verdienst Friedrichs um so lieber hervor, als ihm von Nicolai bis Schlosser und Carlyle wegen seiner Beziehungen zu Lamettrie allerlei Sottisen gesagt worden sind, wie denn auch Herr Erich Schmidt an dem französischen Arzte als »frechen« und »kalten Materialismus« verdonnert, was sein Bundesbruder Scherer eben an Friedrich als »kirchlichen Liberalismus« verherrlicht hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Eine treffliche Würdigung Lamettries und seiner Beziehungen zu Friedrich bei F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 1, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein bis in seine Akademie und seine Tafelrunde verfolgten den Menschen Friedrich die Konsequenzen seines Königtums. Wenn Herr Erich Schmidt sagt, daß Friedrich sich seinen Freunden gegenüber »nie mit vornehmem Purpur gönnerhaft behängt« habe, so will der Lessing-Biograph damit nur einen schlagenden Beweis für Lessings Behauptung liefern, daß es frostige Scherze gibt, die dem Hörer gleich das kalte Fieber zuziehen können. Die alten, untertänig ersterbenden, aber den modernen Byzantinern an Wahrheitsliebe weit überlegenen Hofgeschichtsschreiber wußten es besser. Einer von ihnen weist darauf hin, wie viele von Friedrichs französischen Freunden es nicht einmal ein Jahr in seiner Nähe aushielten, und sagt im besonderen von Algarotti: »Im Dienste des Königs war er gebunden, und er konnte ohne Urlaub nicht von Potsdam nach Berlin gehen. In der Entfernung war gegenseitige Zärtlichkeit.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 1, 243. Herr Erich Schmidt hat für sein von den widerwärtigsten Byzantinismen strotzendes Kapitel über Friedrich das Material nur aus den Schriften des Königs selbst entnommen, was denn gleich einen guten Begriff von den »Fortschritten der biographischen Methode« und den »hohen Zielen« gibt, die Herr Schmidt der »Lessing-Forschung« gesteckt haben will. Nicht, als ob die Schriften Friedrichs an Ehrlichkeit nicht vielfach den Friedrich-Mythologen noch als Muster dienen könnten, aber gerade den historischen Wert der von Herrn Schmidt so sehr bewunderten »Ehrengedächtnisse«; die Friedrich in seinen Gedichten den ihm persönlich nahestehenden Personen widmete, beleuchtet der alte Preuß, 1, 260, in folgender ergötzlichen Weise: »In ihren Hof- und Haushaltungen mußte die gesamte königliche Familie sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;sehr knapp&#039;&#039; behelfen ... Dagegen bedachte Friedrich seine Geschwister öfters mit Gedichten, in welchen er ihnen die schmeichelhaftesten Huldigungen widmete oder die beruhigendsten Wahrheiten aussprach.« In den von dem preußischen Staatsarchive herausgegebenen Publikationen sind vor einiger Zeit die Gespräche Friedrichs mit seinem Vorleser Henri de Catt herausgekommen; nach Aufzeichnungen Catts geben sie ein getreues Bild von Friedrich in seinem persönlichen Verkehre, das die Friedrich-Mythologen allerdings bezaubernd finden, während Augen ohne byzantinisch geschliffene Brillen in diesen Gesprächen die verwüstenden Wirkungen des Despotismus erkennen werden, die an einem aufgeweckten und begabten Despoten, wie Friedrich war, um so drastischer hervortreten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte zu sagen: Friedrich betrachtete seine französischen Gelehrten als Hofnarren, und selbst Voltaire, die »verführerischeste Kreatur« unter ihnen, nannte er ganz unverhohlen so. Sie waren zu seiner persönlichen Zerstreuung da, und wenn diese Zerstreuung auch hoch über den Amüsements anderer Fürsten stehen mochte, so war sie deshalb noch lange keine literarische Kultur. Am wenigsten konnte die Akademie der Wissenschaften als Organ einer solchen Kultur gelten. Alles, was die Leipziger Perücken an Pufendorf und Thomasius gesündigt haben mögen, war fast ein Kinderspiel gegen den moralischen Meuchelmord, womit die Berliner Akademie den holländischen Professor König, einen Freund Lessings, abtun wollte, weil er gegen gewisse physikalische Behauptungen ihres Präsidenten Maupertuis einen ganz bescheidenen und ehrerbietigen Widerspruch erhoben hatte. Voltaire allerdings sprang dem Gefährdeten bei, zu seiner Ehre, aber auch zu seinem Unheil, denn der König ließ seine Streitschrift gegen Maupertuis durch Henkershand auf dem Gendarmenmarkte verbrennen und schrieb ihm so ausfallende Briefe, daß Voltaire sich zur Rückkehr nach Frankreich entschloß. Auf der Heimreise erlebte er dann noch in Frankfurt a. M. mit dem preußischen Residenten jene berufenen Abenteuer, durch deren abschreckende Erinnerung zwanzig Jahre später der alte Goethe seinen Sohn vor der Übersiedlung an den Hof von Weimar warnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren in großen Zügen die politischen, sozialen, literarischen Zustände der preußischen Hauptstadt zur Zeit, als Lessing in ihr lebte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IV. Lessing in Berlin und in Wittenberg ==&lt;br /&gt;
Zunächst führte der junge Lessing in Berlin das Leben eines literarischen Tagelöhners. Er ordnete die Bibliothek des alten Rüdiger, dem die »Vossische Zeitung« gehörte; er übersetzte allerlei aus dem Französischen; er hatte diese oder jene »Kondition« bei einem Baron v. d. Goltz, einem Herrn v. Röder. Aber in dem Ringen um die Notdurft des Lebens wurde ihm das Brot nicht zum Steine. Es war ihm wirklich nicht zuzutrauen, wie er später einmal seinen Eltern schrieb, »als hätte er sein Studieren am Nagel gehangen und wolle sich bloß elenden Beschäftigungen de pane lucrando widmen«, und gegen den Abend seines Lebens konnte er seinem Bruder sagen, er sei schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo er im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben habe. Solche »Nichtswürdigkeiten« galten ihm nie mehr, als sie wert sind, und immer strebte er in »sein Gleis zu kommen«. Dies Geleise war der Kampf für die Emanzipation der bürgerlichen Klassen. Soweit es in Berlin möglich war, hielt Lessing seine Verbindung mit dem Theater aufrecht, arbeitete seine Komödien aus, vertrieb sie an die Bühnen in Hannover und Wien, veröffentlichte Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, für die er in Stuttgart einen Verleger suchte und fand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und zugleich suchte Lessings immer reger Geist in dem sandigen Boden von Berlin den Flecken fruchtbarer Erde, wo er etwa doch frische Wurzeln schlagen könnte. Er mußte nun einmal in der Welt und im Umgange der Menschen leben, und es ist anziehend zu untersuchen, wie sein untrüglicher Klasseninstinkt in derselben Mahlzeit Gift und Nahrung zu scheiden wußte. Die französische Kultur trat ihm in Berlin als ein Zerrbild entgegen, sozusagen als die Kehrseite einer gewirkten Tapete. Indessen während die einen dies Zerrbild gläubig bewunderten und die anderen höchstens heimlich darüber schimpften, spottete Lessing dreist über das wirre Durcheinander bunter Fäden, aber er drehte zugleich die Tapete um und zeigte, daß auf ihrer richtigen Seite für die bürgerlichen Klassen gar viel zu lernen sei: Er bekämpfte die französische Literatenwirtschaft Friedrichs mit dem gesunden Hasse der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, einem Hasse, der deshalb nicht weniger die sittlichste aller Empfindungen ist, weil ihn die Unterdrücker, heute noch mehr als damals, für die unsittlichste, für einen giftigen und ohnmächtigen Neid, auszugeben belieben, wie denn Herr Erich Schmidt von Lessings »scharfäugigem Neid« gegenüber den französischen Hofliteraten spricht. Aber Lessing verkannte deshalb nicht die damalige Überlegenheit der französischen über die deutsche Kultur, und wenn er in Berlin einen »entscheidenden Anstoß« erhielt, so war es nicht von dem Könige Friedrich oder seiner Hauptstadt, sondern von zwei französischen Schriftstellern, deren einer in der Tafelrunde von Sanssouci saß: von Bayle und von Voltaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Voltaire war um mindestens eine, Bayle reichlich um zwei Generationen älter als Lessing. Dieser Unterschied der Zeiten bewirkte, daß Lessing beiden Franzosen an Klarheit und Schärfe des bürgerlichen Klassenbewußtseins überlegen war, sosehr sie ihn an Vielseitigkeit der Begabung und tiefgreifender Einwirkung auf das achtzehnte Jahrhundert übertreffen mochten. Lessing stand der Kirche und ihrem Glauben viel ferner als Bayle; er hat der Orthodoxie andere Tänze aufgeführt wie dieser, von dem Feuerbach sagt: »So umflattern die Zweifel und Einwürfe Bayles wie kleine Tagvögel, angreifend, aber sogleich wieder zurückfliehend, keck und furchtsam zugleich, die Nachteule der Orthodoxie.« Und noch weniger hat sich Lessing je an die Höfe gedrängt wie Voltaire. Aber er hat von beiden Männern außerordentlich viel gelernt: an positivem Wissen nicht nur, sondern mehr noch in der Führung des Kampfes gegen die Welt erstarrter Vorurteile, die mit unsichtbaren Ketten alle Tatkraft der bürgerlichen Klassen gebunden hielten. Von Bayle und Voltaire lernte Lessing sein Schwert so blank und scharf schleifen, so leicht und sicher führen. Bayle, der »Universalkritiker seiner Zeit«, wie ihn Feuerbach, der »erste Journalist aller Zeiten«, wie ihn Justi nennt, war ihm dabei die wähl verwandtere Natur. Bayle lebte lieber in dem bürgerlichen Holland als in dem höfischen Paris, und wie Lessing niemals das »Professorieren« ausstehen konnte, so schrieb Bayle an einen Freund: »Ich bin kein besonderer Freund von den Streitigkeiten, den Ränken, den Entre-Mangeries professorales (gegenseitigen Professoren-Fressereien), die auf allen unseren Akademien herrschen.« Pastor Lange, der geschundene Marsyas von Laublingen, höhnte und stöhnte, daß Lessing seine ganze Gelehrsamkeit aus Bayle habe, und völlig unrecht hatte er nicht, denn er war das Opfer einer Kritik, die sich an Bayle geschult hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Bayle vergleiche Feuerbach, Pierre Bayle, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit. Eine schöne Charakteristik Bayles auch bei Justi, Winckelmann, 1, 109 ff. Über Bayle und Lessing siehe Danzel-Guhrauer, Lessing, 1, 219 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bayle war über vierzig Jahre tot, als Lessing sich in seine Werke zu vertiefen begann. Dagegen lebte Lessing mit Voltaire einige Jahre am selben Orte zur selben Zeit, nicht ohne die mannigfachste geistige und vielleicht auch nicht ohne jede persönliche Berührung. Lessing hat des »Herrn von Voltaire kleinere historische Schriften« mit beflissener Sorgfalt ins Deutsche übertragen und spricht wiederholt mit höchster Bewunderung von ihm, dagegen hat er gleichzeitig seine schärfsten Epigramme gegen Voltaire geschnellt. Ihn meint Lessing, wenn er den reichen Dichter Semir verhöhnt, der ein Geizhals ist, »weil nach des Schicksals ew&#039;gem Schluß ein jeder Dichter darben muß«, ihn auch, wenn er von »Frankreichs Witzigstem« spricht, den »der schlaueste Hebräer in Berlin« prellen wollte, aber nicht prellen konnte, weil »Herr V** war ein größrer Schelm als er«, ihn endlich in der blutigen Satire auf die Katzbalgereien der französischen Hofliteraten, wo Voltaire auf Arnauds Betreiben vom Könige berufen wird und, als er kommt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was, ruft er, Arnaud hier? Wenn mich der König liebt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die bürgerlichen Historiker erklären diese scheinbaren Widersprüche mit Friedrichs Urteil über Voltaire: ein schlechter Kerl, aber ein himmlisches Talent. Indessen das heißt die Frage nicht beantworten, sondern umgehen, ganz abgesehen davon, daß es mit dem »schlechten Kerl« doch auch so seine eigene Bewandtnis hat: Man braucht nur Friedrichs Alter in Sanssouci mit Voltaires Alter in Ferney zu vergleichen, um zu erkennen, wer von beiden »edel, hilfreich und gut« in Goethes Sinne gewesen ist. Lessing selbst aber gibt die Lösung jener scheinbaren Widersprüche in der Grabschrift, die er nach einem Vierteljahrhundert dem eben verblichenen Voltaire setzte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier liegt ? wenn man euch glauben wollte,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr frommen Herrn! ? der längst hier liegen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der liebe Gott verzeih&#039; aus Gnade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihm seine Henriade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seine Trauerspiele&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seiner Versehen viele;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn was er sonst ans Licht gebracht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hat er ziemlich gut gemacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem abschließenden Worte über Voltaire unterscheidet Lessing nicht zwischen dem großen Talent und dem schlechten Charakter, sondern zwischen dem höfischen Dichter und dem bürgerlichen Schriftsteller, und eben dieser soziale Gesichtspunkt bestimmte auch schon seine Stellung zu Voltaire im Jahre 1750. Er geißelte den von höfischen Lastern angesteckten Höfling, aber er lernte von dem historischen und philosophischen Schriftsteller, in dem jener dritte Stand, der schon alles war, seinen beredtesten Herold gefunden hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing und Voltaire – dies Kapitel gehört zu den düstersten Abschnitten der Lessing-Legende. An einer Szene, die beide Männer in ihrem sozialen Gegensatze zeigt, gehen alle bürgerlichen Literarhistoriker mit stumpfen Sinnen vorüber, dagegen beuten sie eine handgreifliche Flause von Lessings Bruder Karl Gotthelf zu den abenteuerlichsten und für Gotthold Ephraim nicht eben schmeichelhaften Phantasien aus. Jene Szene spielte sich in der Nacht des 25. August 1750 auf dem Schloßplatze von Berlin ab. Friedrich gab dort zu Ehren seiner Schwester von Bayreuth ein sogenanntes Karussell, ein Ringelrennen von Prinzen und Hofleuten, die in vier Quadrillen als Griechen, Römer, Karthager und Perser gegeneinander ritten und mit ihren Speeren nach Ringen stachen, im Schimmer von vierzigtausend Lampen, mit lärmender Janitscharenmusik und unter Aufwand von viel Schneiderpracht; die kostspieligste Mummerei, die der König sich je gestattet hat, obgleich nicht sowohl für ihn kostspielig als für die Teilnehmer, die aus eigener Tasche ihre Ausstattung besorgen, und für die Zuschauer, die den Augen- und Ohrenschmaus mit schwerem Gelde bezahlen mußten: Der König wohnte selbst dem Feste bei, und seine Schwester Amalie verteilte als Göttin der Schönheit die Preise. In der Hofloge saß auch Voltaire; »er sah bescheiden aus«, sagt sein späterer Sekretär Collini, »aber die Freude strahlte aus seinen Augen«. Und alsbald schlug er, so schreibt sein Biograph Strauß, gleichsam die Denkmünze für das Fest in dem Epigramm, das, freilich in seiner französischen Originalprägung ganz anders blank erscheint als in dem deutschen Abguß, worin wir es geben müssen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nie war in Rom und in Athen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Festspiel, dessen Glanz vor diesem nicht erbleichte;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Paris&#039; Zügen war der Sohn des Mars zu sehn,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Venus, die den Apfel reichte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Strauß, aber weder er noch ein anderer bürgerlicher Historiker hat die epigrammatische Denkmünze entdeckt, die Lessing auf dasselbe Fest schlug, obwohl sie offen in seinen Werken vorliegt. Hier ist sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auf ein Karussell&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freund, gestern war ich – wo? – Wo alle Menschen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich für mein bares Geld&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So manchen Prinz, so manchen Held,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich manche flinke Speere&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf mancher zugerittnen Mähre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch eben nicht den kleinsten Ring,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der unter tausend Sonnen hing,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(O schade, daß es Lampen waren!)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft, sag&#039; ich, durch den Ring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und öfter noch darneben fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich – ach, was sah ich nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, daß beim Licht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kristalle Diamanten waren;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, ach, du glaubst es nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie viele Wunder ich gesehen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war nicht prächtig, groß und königlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, dir die Wahrheit zu gestehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein halber Taler dauert mich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist eine hinlänglich trotzige Sprache in einer allgemein schweifwedelnden Zeit, und dieser junge Proletarier soll karriereschnaufend hinter Voltaire hergelaufen sein, um in den höfischen Literatenschweif des Königs zu gelangen?&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 1, 153. Strauß, Voltaire, 98. Carlyle, 4, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die preußische Mythologie will es so, und Herr Erich Schmidt ist ihr Prophet. Und da muß nun ein alter Humbug aushelfen, der in diesem Jahre gerade sein hundertjähriges Jubiläum feiert. K. G. Lessing erzählt nämlich in der Biographie seines Bruders, Gotthold Ephraim sei durch seinen Freund, den französischen Sprachlehrer Richier de Louvain, an Voltaire empfohlen worden, und fährt dann fort: »Die Veranlassung dazu war, daß Voltaire einen deutschen Übersetzer zu jenen Memorialen suchte, welche er gegen den Juden Hirsch, mit dem er in den bekannten Prozeß verwickelt war, für das Kammergericht verfertigte. Voltaire lud ihn alle Tage zu sich zu Tische, sprach auch von Literatur und Wissenschaften, doch immer in so zurückhaltendem und ernstem Tone, daß den Tischgenossen wenig Spielraum ihres Witzes blieb.« Diese zwei Sätze sind, seitdem sie vor hundert Jahren veröffentlicht wurden, unzählige Male, bald gegen Lessing, bald gegen Voltaire, bald gegen beide ausgebeutet worden, am tollsten von Herrn Erich Schmidt, indem er schreibt: »Wenn der König diesen gierigen Intriganten« – das soll nämlich Voltaire sein! – »nach wie vor an seine Tafel zog, warum sollte ein junger, armer Literat während des schmählichen Prozesses und seiner Nachwirkungen nicht den Tisch des größten, mächtigsten Schriftstellers teilen? ... Man wird keinen Stein auf ihn werfen, weil Neugier und Ehrgeiz, die Hauptmächte seiner Brust, ihn zu Voltaire zogen, auch um den Preis, der Dolmetsch schofler Akten zu sein ... Man meint es mit Augen zu sehen, wie der nach Auszeichnung lechzende Jüngling gespannt lauschend dem dürren Weisen gegenübersaß, der gelegentlich aus der Zurückhaltung des vornehmen Mannes heraustrat und dem jungen Schreiber einige literarische Brocken zum Nachtisch spendete.« Folgen die schon in dem ersten Teile dieser Darstellung gekennzeichneten Elendigkeiten über Lessings angebliches Strebertum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es wohl an der Zeit, die Schwindelblase einmal aufzustechen. Über Voltaires Judenprozeß können wir uns hier nicht näher verbreiten, so wünschenswert es wäre, daß er endlich einmal eine unbefangenere Darstellung fände, als er bisher, selbst durch Garlyle und Strauß, gefunden hat. Schön war er gewiß nicht, obwohl im schlimmsten Falle nicht häßlicher, als was die kapitalistische Presse heutzutage an »Edelsten und Besten« der Nation eine »korrekte Gründung« zu nennen pflegt, wobei wir nicht einmal mit einrechnen wollen, daß Voltaires Habsucht denn doch etwas anderes war als die hungrige Profitwut unserer Tage. Ihm war das Geld nicht Zweck, sondern Mittel; »nicht leicht«, sagt Goethe mit treffender Milde, »hat jemand sich so abhängig gemacht, um unabhängig zu sein«. Aber jedenfalls hat Lessing mit der ganzen Geschichte auch nicht das geringste zu tun. Schon die einzige, anscheinend aktenmäßige Angabe in den oben angeführten Sätzen seines brüderlichen Biographen, daß nämlich der Prozeß vor dem Kammergericht geführt worden sei, ist unwahr. Und diese Unwahrheit ist um so bezeichnender für ihren Urheber, als K. G. Lessing in seinem weiteren Geschwätze über Voltaires Schlechtigkeit sich auf Kleins aktenmäßige Darstellung des Prozesses bezieht und Klein gerade seitenlang ausführt, daß der Prozeß &#039;&#039;nicht&#039;&#039; vor dem Kammergerichte, sondern vor einer sogenannten »Immediat-Kommission« geführt worden ist, was schon den Zeitgenossen peinlich auffiel.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Kammergerichtsrat Klein schließt seine betreffende Auseinandersetzung, Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit in den Preußischen Staaten, 5, 251 f., mit der Bemerkung, es sei sonst zum »Grundsatze geworden«, »daß dergleichen Immédiat-Kommissionen bei den Streitigkeiten der Privatpersonen gar nicht stattfinden, sondern ein jeder das Recht haben solle, vor seinem gehörigen Richter zu stehen«, und fügt hinzu: »Dies bemerke ich um der Ausländer willen, welche sonst aus diesem Beispiele den Schluß ziehen könnten, als wenn ein Günstling des Monarchen nur eine Immediat -Kommission ausbringen dürfe, um dem Wege Rechtens auszuweichen.« Man sieht: Nach diesem altfränkischen Juristen von 1790 wirft der Judenprozeß Voltaires auch einen Schatten auf die friderizianische Rechtspflege, aber die preußischen Mythologen, von K. G. Lessing bis Herrn Erich Schmidt, denken wie der mythische Müller von Sanssouci: Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre! und lassen aus höchsteigener Machtvollkommenheit den Prozeß vor dem Kammergerichte spielen. Bei Herrn Schmidt erscheint dieser sonderbare Irrtum um so sonderbarer, als er mindestens bei dem gründlichen Danzel gelesen haben muß, daß der Prozeß »vor einer Immediat -Kommission ziemlich formlos« behandelt worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter aber springt aus psychologischen Gründen die Sinnlosigkeit der ganzen Fabel in die Augen. Voltaire, in dessen Vorzimmer sich »Prinzen, Marschälle, Staatsminister, fremde Minister, Herren vom ersten Range« drängten, Voltaire, für den es sich bei dem Prozesse moralisch um Kopf und Kragen handelte, soll einen jungen, damals ganz unbekannten »Kandidaten der Medizin« in seinen vertraulichen Verkehr gezogen, ihn hinter die Kulissen des Prozesses haben blicken lassen, nur weil er einen Übersetzer seiner »schoflen Akten« brauchte! Und Lessing soll sich zum Übersetzer dieser »schoflen Akten« hergegeben haben, nur um die Beine unter Voltaires Tisch strecken zu können, und er soll dann, dreimal »schofel«, die beißendsten Epigramme auf den Prozeß hinter Voltaires Rücken gemacht haben! Nein, es war Friedrichs Art, Voltaire einen alten Affen, einen Lumpenkerl, einen Schuft und so weiter zu nennen und ihm dann doch wieder die Hand zu küssen, aber in Lessings Wesen lag diese doppelte moralische Buchführung gar nicht, und wenn er ihrer überführt werden soll, so sind bessere Beweise notwendig als das leichtfertige Gerede eines albernen Patrons, wie K. G. Lessing war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glücklicherweise läßt sich der Gegenbeweis aber nicht nur auf psychologischem Wege führen. Die für den Prozeß niedergesetzte Immediat-Kommission bestand aus den drei ersten preußischen Juristen (Cocceji, Jarriges und Löper); alle drei waren der französischen Sprache mächtig und einer von ihnen sogar ein geborener Franzose, wie denn auch der letzte Entscheid des Gerichts, ein Vergleich zwischen Voltaire und Hirsch, in französischer Sprache ausgefertigt worden ist. Hätte also Voltaire selbst den Prozeß führen wollen, so hätte er seine »Memorialen« um so mehr französisch einreichen können, als auch der Jude Hirsch diese Sprache geläufig handhabte. Aber Voltaire führte den Prozeß gar nicht selbst, sondern ließ ihn durch einen Advokaten, den Hofrat Bell, führen, und diesen instruierte er, soweit er es schriftlich tat, wie die Akten ergeben, weder in deutscher noch in französischer, sondern in lateinischer Sprache. Was soll denn nun eigentlich Lessing übersetzt haben? Der Advokat mußte von Amts wegen Latein verstehen, und Voltaire verstand es auch. Lessing schrieb freilich, wie aus einem etwa gleichzeitigen Briefe an seinen Vater hervorgeht, ein viel besseres Latein als Voltaire, aber dies ist nur ein Grund mehr, daß er die lateinischen Instruktionen für Voltaires Advokaten nicht geschrieben haben kann. Genug: Zu Ehren all der bürgerlichen Literaturforscher, die seit einem Jahrhundert über Lessings Mitwirkung an Voltaires Judenprozeß ihre moralischen Betrachtungen in die Welt gesetzt und sich dabei in der ehrbarsten Weise auf Kleins Annalen als eine Nebenquelle ihrer Wissenschaft berufen haben, muß man annehmen, daß es ihnen niemals der Mühe wert gewesen ist, diesen alten Tröster aufzuschlagen, denn sonst würden sie bei ihrer viel gefeierten »philologischen Akribie« sofort die Flunkerei ihrer Hauptquelle, nämlich K. G. Lessings, erkannt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob sonst eine persönliche Berührung zwischen Lessing und Voltaire stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; erwähnt hat weder der eine noch der andere eine solche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Dafür&#039;&#039; spricht bis zu einem gewissen Grade der Umstand, daß Lessing für seine Übersetzung von Voltaires historischen Schriften nach eigenem Zeugnis »eins der mit der Feder verbesserten Exemplare« benutzt hat; &#039;&#039;dagegen&#039;&#039; die Tatsache, daß ein Brief Voltaires vom 1. Januar 1752 an den inzwischen aus Berlin verschwundenen Lessing nach Inhalt und Ton auf keine frühere Bekanntschaft hindeutet, eher auf das Gegenteil.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Übersetzung von Voltaires kleineren historischen Schriften ist neuerdings in einer von Erich Schmidt besorgten Ausgabe erschienen. Dieser Herr hatte in seiner Lessing-Biographie, 1, 190, mit allem Aplomb behauptet, daß Lessing »im Auftrage Voltaires nach dessen mit Randnoten versehenem Handexemplar übersetzt« habe. In dieser neuesten Veröffentlichung aber, in der Herr Schmidt seine kühne Behauptung wahrmachen konnte und billigerweise auch hätte wahrmachen sollen, findet er sich mit der Bemerkung ab: »Eingehende Untersuchung darüber, wieweit sich Lessing handschriftlicher Verbesserungen Voltaires bedient habe, konnte ich schon aus Mangel eines umfassenden Voltaire-Apparates nicht anstellen.« Siehe Erich Schmidt, G. E. Lessings Übersetzungen aus dem Französischen Friedrichs des Großen und Voltaires, 254. Das genügt. Aber es hindert Herrn Erich Schmidt natürlich nicht, all den Klatsch über Lessing und Voltaire bei dieser Gelegenheit wieder durchzuklatschen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veranlaßt war dieser Brief durch eine, gelinde gesagt, sträfliche Bummelei Lessings, der von seinem schon erwähnten Freunde Richier de Louvain die Aushängebogen von Voltaires großem Geschichtswerke über Ludwig XIV. unter dem Versprechen strengster Diskretion und alsbaldiger Zurückgabe erhalten, aber die Bogen sowohl dritten Personen gezeigt als auch bei seiner Abreise nach Wittenberg mitgenommen hatte. Lessing brachte dadurch seinen Freund in ein schlimmes Gedränge und sich selbst in einen peinlichen Verdacht. Voltaire kannte den deutschen Nachdruck aus trübseligen Erfahrungen, und er hatte allen Anlaß; sein Eigentum in einem spitzen Briefe zurückzufordern; sehr glaublich ist es nicht, daß Lessing sich einer lateinischen Antwort gerühmt haben soll, die Voltaire nicht hinter den Spiegel gesteckt haben werde. Es kann den bürgerlichen Literarhistorikern überlassen bleiben, auch bei diesem Anlasse der angeblichen Bosheit Voltaires eins auszuwischen und sich zu trösten, daß der Kritiker Lessing es ihm um so gründlicher eingetränkt habe; deshalb trägt Lessing nicht weniger die alleinige Schuld an diesem unerfreulichen Zwischenfalle, und da er noch ein Jahr später in der »Vossischen Zeitung« mit lebhafter Bewunderung von Voltaire spricht, so verdient er am Ende auch nicht den zweifelhaften Ruhm, aus Verdruß über eine verdiente Beschämung seine Rezensentenfeder in Gift und Galle getaucht zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit dem Februar 1751 hatte Lessing die Redaktion des »gelehrten Artikels« bei der »Vossischen Zeitung« übernommen. Die politische Tätigkeit für dies Blatt war ihm wegen der friderizianischen, jedes freie Wort würgenden Zensur stets zuwider gewesen, aber literarisch hat er bis zum Herbste von 1755 daran gearbeitet, und offenbar nicht ungern. In Ermanglung von Besserem war ihm ein dürftiges Winkelblatt gut genug als aufmunternde Peitsche für die faule Philisterwelt, und auch darin erwuchs ihm aus der Not eine Tugend, daß seine einsame Stimme aus der literarischen Wüste von Berlin um so kräftiger ertönte. Wenn er gleichwohl Ende 1751 seine Arbeit für die Zeitung auf einige Monate unterbrach, um nach Wittenberg zu übersiedeln, so nennt er selbst als Grund dieser vorübergehenden Ortsveränderung in einem Briefe »hundert kleine Zufälle, die zu klein sind, als daß ich Sie damit martern wollte«. Indessen die hundert kleinen Zufälle scheinen im wesentlichen auf &#039;&#039;einen&#039;&#039; kleinen Zufall hinauszulaufen: Lessing promovierte in Wittenberg. Er wurde aus dem »Kandidaten der Medizin« ein Magister der freien Künste. Er machte den Pedanten und Perücken dies Zugeständnis oder vielmehr: Er mußte es gern oder ungern machen, und unsere Zeit, die den greulichen Zopf noch immer nicht abgeschnitten hat, darf ihn deshalb am wenigsten tadeln. Lessing hat seine akademische Würde mit derselben souveränen Verachtung behandelt wie die höfische Würde des Hofrats, die ihm zwanzig Jahre später wider seinen Willen ins Haus geflogen kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, wie Lessings Aufenthalt in Wittenberg sein mochte, war er doch lang genug, ihm Händel mit der theologischen Garde der Lutherstadt zu machen. Und zwar, keineswegs religiöse, sondern soziale Händel. Wie Lessing in den französischen Hofliteraten von Berlin die ideologische Vorhut des friderizianischen, so sah er in der lutherischen Orthodoxie von Wittenberg den ideologischen Ausdruck des sächsischen Despotismus. Sie war es auch wirklich, und zwar nicht etwa weniger, sondern nur um so mehr, weil die Wettiner inzwischen wegen der polnischen Königskrone zum Katholizismus übergetreten waren. Der Übertritt zwang die sächsischen Fürsten erst recht, das stärkste Werkzeug ihres einheimischen Despotismus sorgfältig zu schonen. So war denn die schwarze Schar in Wittenberg eben über einen aus ihrer eigenen Mitte mit Krallen und Schnäbeln hergefallen, weil er dem damaligen Papste ein paar Schriften eingesandt und ein freundliches Dankschreiben erhalten hatte, weil er, wie Lessing es ausdrückt, »einige Schritte von Luthers Grabe sich nicht zu sagen gescheut hatte, daß der jetzige Papst ein gelehrter und vernünftiger Mann sei«. Lessing verspottete die frommen Eiferer in dem bekannten Epigramm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er hat den Papst gelobt. Und wir, zu Luthers Ehre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten ihn nicht schelten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Papst, den Papst gelobt? Wenn&#039;s noch der Teufel wäre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ließen wir es gelten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur ein leichtes Vorpostengefecht. Lessing studierte zugleich auf der Wittenberger Universitätsbibliothek die Reformationsgeschichte und fand hier den Stoff zu den Lemnius-Briefen, seiner ersten Prosaschrift, die in ihrer Art klassisch war. Diese Briefe sind mit einem frischen und kecken Witze geschrieben, der den Meistern Bayle und Voltaire alle Ehre macht und vor allem: Sie fassen den Stier bei den Hörnern und überführen den abgöttisch verehrten Luther der sozialen Unterdrückung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Simon Lemnius war ein harmloser, humanistischer Poet, der 1538 in Wittenberg ein Büchlein lateinischer Epigramme herausgegeben und darin auch den Hohenzollern Albrecht, den Kurfürsten von Mainz, als Gönner der Humanisten verherrlicht hatte. Erster geistlicher Fürst des Reiches, war Albrecht doch ein sehr nachsichtiger Gegner der Reformation; er trug auf zwei Schultern und spielte wohl mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche, deren Primas er gern geworden wäre; auch konnte er bei seinem leichtfertigen und verschwenderischen Lebenswandel die großen Summen nicht entbehren, um die er die Freiheit der protestantischen Religionsübung an die Angehörigen seines Erzstifts zu verhandeln pflegte. Hutten stand noch in Albrechts Diensten, als er bereits die heftigsten Streitschriften gegen Rom gerichtet hatte; zu Luthers Hochzeit hatte Albrecht – der Kardinal der katholischen Kirche zur ehelichen Verbindung eines Mönchs und einer Nonne! – zwanzig Goldgulden geschickt; er hatte endlich noch im Jahre 1532 die Widmung von Melanchthons Kommentar zum Römerbriefe angenommen und seinen Dank mit dreißig Goldgulden sowie einem Becher abgestattet. Was Wunder also, daß Lemnius kein Arg hatte, wenn er nach Humanistenart dem Gönner der Humanisten einigen Weihrauch streute; hatte doch auch Melanchthon seine Epigramme die Zensur passieren lassen. Kaum aber las Luther das Büchlein, als er in berserkerhaften Zorn gegen den Dichter geriet. Dieweil der »Schandpoetaster« einen Heiligen aus dem Teufel macht, so schrie er von der Kanzel, »ist mir&#039;s nicht zu leiden, daß Solches öffentlich und durch den Druck geschehe in dieser Kirche, Schule und Stadt, weil derselbige Sch...bischof ein falscher, verlogener Mann ist«. Zugleich ließ er dem Lemnius durch den akademischen Senat zunächst Arrest ankündigen, und, als Lemnius nunmehr floh – »ein aufgebrachter Luther war alles zu tun vermögend«, erläutert Lessing –, an die Kirchentür anschlagen, »der flüchtige Bube, wenn man ihn bekommen hätte, würde nach allen Rechten billig den Kopf verloren haben«. Die Epigramme des Lemnius aber wurden verbrannt. Der Poet ließ sie nun in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, von neuem auflegen und fügte eine Reihe unzüchtiger Schmähungen gegen Luther und andere Reformatoren bei. An der Hand dieser Zoten – dem Gerechten muß alles zum besten dienen – haben dann die protestantischen Geschichtsschreiber ihren teuren Gottesmann zu retten gesucht, und zwar durch eine ebenso einfache wie geniale Umkehrung von Ursache und Wirkung: Sie behaupten, Lemnius habe mit den Zoten begonnen und darüber sei Luther in eine sehr berechtigte Entrüstung geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Geschichtsklitterung deckt nun Lessing in seinen acht Lemnius-Briefen, nicht ohne ein paar beiläufige Irrtümer, aber im wesentlichen vollkommen zutreffend, auf. Er weist nach, daß die ursprünglichen Epigramme des Lemnius nur den einen Fehler hatten, gar zu beziehungs- und salzlos zu sein, daß sie ganz unschuldige Stilübungen waren und daß Luthers Wut allein durch das Lob Albrechts erregt wurde. Mit schöner Wärme tritt Lessing gegen den rohen Verfolger für den unschuldig Verfolgten ein; er geißelt Luthers »Niederträchtigkeiten«, seine »blinde Hitze«, auch Melanchthons Feigheit. Nicht die Dogmen der lutherischen Kirche greift Lessing an, wie immer er sonst für seine Person dazu stehen möchte, sondern das Luthertum als Organ der sozialen Unterdrückung. Man sage nicht: Was kommt denn viel darauf an, ob Luther einmal einem vergessenen Poetlein zuviel getan hat! So zu denken, war Lessings Art gar nicht; er war ein Vorläufer jenes französischen Revolutionärs, der soziale Unterdrückung schon für vorhanden erklärte, wenn auch nur ein Individuum unterdrückt werde; ja, Lessing hat diesen Gedanken schon zehn Jahre vor der Französischen Revolution ausgesprochen, als er in seinen Freimaurergesprächen sagte, jede Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;müssen&#039;&#039;, sei Bemäntelung der Tyrannei. Und wie richtig ihn sein Klasseninstinkt leitete, als er in dem Falle des Lemnius einen Typus für die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht des Luthertums darstellte, das hat ihm inzwischen die lutherische Geschichtsschreibung selbst bestätigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sollte nämlich meinen, daß nach Lessings erschöpfender Darstellung kein deutscher Historiker mehr den Lemnius verleumden werde, um Luthers »Niederträchtigkeiten« zu verdecken. Sehen wir aber einmal zu! Ranke schreibt: »Bei der würdigen Stellung, welche die klassischen Studien einnahmen, konnte sich das tumultuarische, händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und. darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend.« Da ist also schon der alte Humbug, wenn auch noch in diplomatisch-vorsichtiger Verkleidung. Offener geht Konsistorialrat Köstlin, der Luther-Biograph, ins Zeug, wenn er Lessings Darstellung mit priesterlicher Salbung für »ungenügend, teilweise unrichtig« erklärt, Lemnius einen »würdigen Kotdichter« nennt und als die Ursache von Luthers Vorgehen »einen Sturm bei der Universität und in der Stadt« angibt, weil die Epigramme des Lemnius »sich verletzend gegen Wittenberger Persönlichkeiten richteten«, eine Behauptung, die Lessing in bündigster Weise widerlegt hat. Immerhin erwähnt Köstlin nachträglich noch Luthers maßlosen, durch das »überschwengliche Lob« Albrechts erregten Zorn. Dagegen läßt sich der neueste Geschichtsschreiber des Falles, Professor Heidemann, der beiläufig an dem ältesten Gymnasium der deutschen Hauptstadt sei es Geschichte, sei es Religion lehrt, folgendermaßen aus: »Ein Magister Lemnius hatte Luthers Person und häusliches Leben durch Veröffentlichung unsauberer Epigramme angegriffen und Luther dadurch zu einer heftigen Erwiderung gereizt.« Womit die durch Lessing vernichtete Geschichtslüge wieder in volle Ehren eingesetzt ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Geschichte der Reformation, 5, 337. Köstlin, Martin Luther, 2, 420. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 202.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach könnte man fragen: Wozu hat Lessing eigentlich gelebt, wenn das von ihm ausgereutete Unkraut an unseren hohen Schulen wieder in so üppigen Halmen steht? Nun, mindestens dazu, uns über das Wesen der Geschichtslüge aufzuklären. Er selbst scheint sie aus der Erbsünde der menschlichen Natur abzuleiten, denn in seiner Wittenberger Zeit schreibt er einmal: »Wann wird man aufhören, einen ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumalen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen?« Aus seinen eigenen Schicksalen aber kann man lernen, daß die Geschichtslüge ein Werkzeug der sozialen Unterdrückung und als solche unbesiegbar ist, solange soziale Unterdrückung besteht. Unbesiegbar sogar für die glänzenden Geisteswaffen eines Lessing, der, wenn er sich gar zu mausig macht, eben auch nur in das Grabtuch der Lessing-Legende geschnürt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. Lessings literarische Anfänge ==&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Jahres 1752 kehrte Lessing aus Wittenberg nach Berlin zurück, um seine Tätigkeit an dem »gelehrten Artikel« der »Vossischen Zeitung« fortzusetzen und eine Sammlung seiner Aufsätze, Gedichte und Schauspiele zu veranstalten, die nach und nach bis zum Jahre 1755 in sechs Duodezbänden erschien. Obwohl von Lessings damaligen Leistungen heute weniges noch lesbar ist, so brachen sie doch zu ihrer Zeit der deutschen Literatur eine neue Bahn. Sie halfen ihr aus dem hoffnungslosen Kreise des Gegensatzes zwischen Leipzig und Zürich, zwischen Gottsched und Bodmer-Breitinger heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über diesen Gegensatz ist in der bürgerlichen Literaturgeschichte unendlich viel geredet worden, ohne daß jemals sein wirklicher Kernpunkt ins richtige Licht gestellt worden wäre. Gottsched war angeblich der Popanz, vor dem sich alle frischen Kräfte der Literatur bekreuzigten, während die Züricher bei großen Schwächen denn doch den Klopstock und Lessing die Wege gebahnt haben sollen. Es half wenig, daß Danzel bis zu einem gewissen Grade eine Rettung Gottscheds versuchte, daß er ihn einen Vorläufer der neuen Zeit nannte, sosehr er auch als ein Sündenbock der alten Zeit behandelt worden sei, daß Schlosser bei allzu bitterer Beurteilung seiner Person ihn doch neben Thomasius stellte. Herr Erich Schmidt weiß es besser; er sagt mit seiner glücklichen Begabung, die Dinge immer gerade auf den Kopf zu stellen, von Gottsched: »Ihm war bestimmt, abzuschließen, nicht zu eröffnen.« Und doch hat Gottsched die Epoche unserer klassischen Literatur eröffnet, und allerdings gehört er in eine Reihe mit Leibniz, Pufendorf, Thomasius, sei es auch in wohlbemessenem Abstande.&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel-Guhrauer, 1, 487. Schlosser, 1, 560 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottsched war ein geborener Preuße, er stammte aus Königsberg. Aber selbst seine bescheidenen Talente konnten in diesem banausischen Lande nicht gedeihen; er floh vor den Werbern Friedrich Wilhelms I., und es gab keine andere Stadt im deutschen Reiche, wo er sich eine literarische Stellung machen konnte, als Leipzig. Hier bemühte er sich als Universitätsprofessor mit großer Energie um literarische Reformen, und wenn es ihm zur Ehre gereicht, daß er von diesen Bemühungen sagen durfte: »Es ist auf die gemeinsame Ehre von ganz Deutschland damit abgezielet«, so gereicht es ihm nicht zur Schande, daß er bei der unsagbaren Verkommenheit der deutschen Literatur sozusagen mit dem Abc, mit Reinigung der Sprache, mit dürren Regeln, mit fremdländischen Mustern beginnen mußte. Es spricht nur für seinen Fleiß, daß er sich schnell emporarbeitete, und es spricht nur gegen die Armseligkeit der deutschen Zustände, daß ihm bei seinen nicht mehr als mittelmäßigen Gaben eine kritische Diktatur zufiel, die ihn verderben mußte, wie jede Diktatur jeden Menschen verdirbt. Lange Zeit teilten Bodmer und Breitinger seine Bestrebungen; sie waren eben auch keine schöpferischen Genies, am wenigsten Bodmer, der anspruchsvollere, aber unbegabtere von beiden. Nicht auf literarischem, sondern auf politisch-sozialem Gebiete entbrannte der Krieg zwischen Leipzig und Zürich, wenn er selbstverständlich auch in der ideologischen Verkleidung von allerlei ästhetischen und literarischen Streitfragen geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zürich war die erste Stadt der Schweiz, wie Leipzig die erste Stadt des deutschen Reiches war. Aber die Schweiz war eine Republik, und in Deutschland herrschte der fürstliche Despotismus. In ihrer schulmäßigen Weise suchten deshalb Bodmer und Breitinger ihr dichterisches Muster in Milton, Gottsched aber in Corneille und Racine. In dem höfischen Servilismus blieb der deutsche Literaturpapst allerdings ertrunken. Auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindet sich sein nachgelassener Briefwechsel, 4700 Briefe in 22 Folianten, und Danzel, der das Kreuz auf sieb, genommen hat, ihn durchzusehen, sagt davon: »Es ist unglaublich, aber wahr, daß in allen diesen Bänden kaum eine oder zwei Äußerungen politischer Art vorkommen.« Nur freilich, daß Danzel gerecht genug ist, hinzuzufügen: »Der ärgste Servilismus wird als etwas betrachtet, was sich ganz von selbst versteht.«&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel, Gottsched und seine Zeit, 279.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er verstand sich damals von selbst; auch Leibniz, Pufendorf, Thomasius waren von ihm nicht frei. Und wenn wir wenigstens heute davon als von einer Pest der Vergangenheit sprechen könnten! Aber Gottscheds Lobgesänge auf August den Starken waren an sich nicht schlimmer, dagegen, gemessen am Unterschiede der Zeiten, viel, weniger schlimm, als wenn heutige Literaturpäpste mit untertänigen Kratzfüßen ein literarisches Zeitalter Friedrichs des Großen aus dem Boden kratzen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin könnte es darnach scheinen, als ob die Schweizer einen freieren und weiteren Blick gehabt hätten als die Leipziger. Allein ihre Bewunderung Miltons war rein schulmäßig, war auf die oberflächlichsten Analogien gegründet. Das orthodoxe Christentum in diesen engen, kleinen Republiken, die wie Zürich verphilistert oder wie Bern verliederlicht waren, hatte gar nichts gemein mit dem revolutionären Ungestüm der englischen Puritaner, dagegen war es Geschwisterkind mit der lutherischen Orthodoxie, durch die in Deutschland der Despotismus regierte. Und hier offenbart sich ein anderer Unterschied zwischen den Leipzigern und den Zürichern, bei dem Gottsched zu seinem Rechte kommt. Verkümmert und verschrumpft, wie sein bürgerliches Klassenbewußtsein noch sein mochte, war es doch stark genug, um wenigstens gegen die ideologische Geißel der fürstlichen Tyrannei zu rebellieren. Gottsched übersetzte Bayle und machte für Voltaire eifrige Propaganda. Er legte das Schwergewicht seiner literarischen Reformen nicht in gottselige Gedichte, sondern auf des Teufels Kanzel, um im damaligen orthodoxen Jargon zu sprechen. Man sage nicht, Gottscheds Interesse für die Bühne sei nur eine Folge seiner Bewunderung für die höfische Dramatik der Franzosen gewesen. Denn er arbeitete nicht für Hofbühnen, sondern er machte verrufene Proletarier, wandernde Truppen, wie die Neuberin und ihre Gesellschaft, zu Sendboten seiner dramaturgischen Bestrebungen, was in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für eine akademische Perücke ein ganz achtungswertes Stück gesellschaftlicher Revolution war. Auf diesen Wegen kam Gottsched aber mit den großen Strömungen des europäischen Geisteslebens in viel nähere Berührung, als Bodmer und Breitinger je gekommen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß auch anscheinend rein ästhetische und literarhistorische Fragen auf ihren politischen und sozialen Untergrund prüfen, wenn man sie richtig verstehen will. Erst aus der eben über den Streit der Leipziger und der Züricher entwickelten Auffassung versteht man, weshalb Klopstock sich um den besten Teil seiner Wirksamkeit brachte, indem er dem Rate der Züricher Kunstrichter folgte und sein Leben an ein religiöses Epos setzte; versteht man, weshalb diese Philister vor Entsetzen auf den Rücken fielen, als sie ihren gefeierten Sänger nach Zürich einluden und in ihm nicht einen vermuckerten Kopfhänger, sondern einen frischen, lebenslustigen, revolutionär gestimmten Jüngling fanden. Man versteht dann aber auch den viel schärferen Klasseninstinkt, mit dem Lessing nicht den Faden Bodmers, sondern den Faden Gottscheds weiterspann. Das klingt paradox, sintemalen die bürgerliche Literaturgeschichte von wenig Dingen mit so großem Pathos zu erzählen weiß wie von Gottscheds Hinrichtung durch Lessing. Doch hat wenigstens Danzel hierauf schon mit dem hübschen Vergleiche geantwortet, daß Lessing gerade darum Gottscheds Verdienste übersehen habe, »weil er gänzlich auf ihm ruhte und von ihm lebte, so, wie es ja auch lange gewährt hat, bis die Naturwissenschaft die Luft, welche wir einatmen, im Ernste einer gründlichen Untersuchung zu unterwerfen sich entschlossen hat«. Lessing ist gegen Gottsched, der ihm näherstand, viel härter gewesen als gegen die Schweizer, die ihm fernerstanden. Dagegen hat Gottsched den mitunter wirklich ungerechten Angriffen Lessings eine große Zurückhaltung entgegengesetzt, während Bodmer für viel gelindere Kritiken Lessings sich in giftiger Weise gerächt und sein Berliner Busenfreund, der Professor Sulzer vom Joachimsthalschen Gymnasium, sich immer als ein rechter Neidhammel gegen Lessing erwiesen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch diese Beziehungen sind leicht zu verstehen unter dem schon angedeuteten sozialen Gesichtspunkte. Lessing folgte nicht nur Gottsched, sondern er ging zugleich weit über ihn hinaus, indem er das höfische, knechtische, servile Element in Gottscheds Taten und Theorien vom bürgerlichen Standpunkte aus rücksichtslos bekämpfte. Lessing hieb den »großen Duns« in die Pfanne, weil dieser das Banner des fürstlichen Despotismus trug. Nichts bezeichnender dafür als gleich der erste Schlag, den er gegen Gottsched führte, die Rezension über Gottscheds Gedichte in der »Vossischen Zeitung« vom 27. März 1751. Hier ihre Hauptsätze: »Allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei kündigen und preisen wir folgendes Werk an ... Der erste Teil ist alt und nur die Ordnung ist neu, welche den schärfsten Hofetiketten Ehre machen würde ... Der andere Teil ist größtenteils neu und mit eben der Rangordnung ausgeschmückt, welche bei dem ersten so vorzüglich angebracht ist; so daß nämlich alle Gedichte auf hohe Häupter und fürstliche Personen in das erste Buch, die auf gräfliche, adelige und solche, die ihnen gewissermaßen gleichkommen, ins zweite, alle freundschaftlichen Lieder aber ins dritte Buch gekommen sind ... Diese Gedichte kosten in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam zwei Taler und vier Groschen. Mit zwei Talern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ohngefähr das Nützliche.« So springt der soziale Gegensatz klar hervor, und aus ihm, aus der endlich erwachenden Empörung der bürgerlichen Klassen über ihre Selbsterniedrigung, erklärt sich die manchmal grausame Heftigkeit, womit Lessing gegen Gottsched vorging, erklärt sich die Zurückhaltung Gottscheds, die, wenn sie wirklich nach der Vermutung seines närrischen Schildknappen Schönaich aus Angst entstanden wäre, doch eben auch in dieser Angst nur ein wirkliches Verständnis für Lessings höhere Ziele bekundet haben würde, erklärt sich endlich der verbissene Grimm der Schweizer, die sich mit einem Male auf den Sand gesetzt fühlten, als Lessing durch die Beseitigung des fürstendienerischen Elements aus Gottscheds Bestrebungen den von diesem angebahnten geistigen Zusammenhang mit den bürgerlichen Klassenkämpfen der westeuropäischen Kulturvölker wirklich gewann. Gewiß: Lessing hat Gottsched überwunden, aber nur indem er dessen Bestrebungen läuterte, reinigte, steigerte, und die Legende, als ob Gottsched erst »abgeschlossen« hätte, ehe Lessing anfing, steht am wenigsten den Leuten zu Gesichte, die unsere klassische Literatur »allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei« unterschieben möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie nun Lessing unter den Flügeln des Gottschedianers Mylius begann und sich allmählich bis zur Miß Sara Sampson entwickelte, das ist aus den sechs Duodezbändchen seiner gesammelten Schriften und daneben aus seinen Kritiken in der »Vossischen Zeitung« anziehend zu verfolgen. Wir sehen dabei billig von seiner Jugendlyrik ab, die höchstens in einigen meist schon erwähnten Epigrammen in den Kampf seines Lebens eingegriffen hat. Es kann Herrn Erich Schmidt überlassen bleiben, aus diesem schulmäßigen Lehrgedicht ein »vollwichtiges« Zeugnis von Lessings Abneigung gegen seinen »Landesvater und den Dresdener Hof« oder aus jenem »anakreontischen Gegängel« einen »erlebten« Herzenskonflikt herauszuspintisieren.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nicht zwar, als ob der Haß gegen die »Großen«, der sich wie ein roter Faden durch Lessings Leben zieht, nicht auch auf die Wettiner gegangen wäre, aber Lessing war sowenig wie Klopstock und Winckelmann Trottel genug, um in erster Reihe auf dasjenige deutsche Fürstenhaus loszuschlagen, das noch am ehesten ein gewisses Verständnis für Kunst und Wissenschaft bekundete. Der Scharfblick, mit dem Herr Schmidt in einer oder zwei Reimwendungen des jungen Lessing einen besonderen Haß gegen die Wettiner entdeckt, steht in entzückendem Gegensatze zu der Blindheit, womit er über die scharfen Proteste des Mannes Lessing gegen den friderizianischen Despotismus fortstolpert. Was aber den »erlebten Konflikt« anbetrifft, so handelt es sich um eine mehr heitere Seite der Lessing-Legende. Lessing soll durchaus im Philistersinne der Bourgeoisie »respektabel« gemacht werden. Nun ist es mit der höchsten Kunst der Geschichtsklitterung nicht aus der Welt zu schaffen, daß er als ein echter Ritter die Widersacher und die Schulden niemals losgeworden ist, aber die Weiber, die Weiber! Nach Art der damaligen Anakreontiker hat Lessing die Doris und die Chloris, die Phyllis und die Laura, die er besang, für Wesen der Einbildung erklärt, und solange sich die bürgerlichen Literarhistoriker begnügten, auf dies eigenhändige Sittenzeugnis zu pochen, mochte man sich&#039;s gefallen lassen, obschon es nicht mehr besagte, als daß Lessing nicht als türkischer Pascha über einen ganzen Harem verfügt hat. Allein Herr Schmidt muß auch hier seine Vorgänger übertrumpfen. Aus einem achtzeiligen Verslein liest er heraus, daß Lessing von einem moralischen Katzenjammer ergriffen worden sei, weil er wirklich eine Chloris oder eine Doris zu küssen gewagt habe. So braucht Lessing im Interesse der bürgerlichen »Respektabilität« am Ende doch nicht verschimpfiert zu werden. Es gereicht ihm gewiß zur Ehre, daß er sich von der impotenten Zotenreißerei, die in den damaligen literarischen Briefwechseln unangenehm genug berührt, frei gehalten hat, aber man braucht nur einmal sein Jugendbildnis in der Berliner Nationalgalerie zu betrachten, um die unglaubliche Komik der Vorstellung zu empfinden, daß dieser kecke und stattliche Bursch mit dem, wie Voß sagte, »rechten Geierblick« die Rokokoschönen nicht anders als mit den frommen Gefühlen Josephs in Ägypten hat umherflattern sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch kann desselben Herrn Begeisterung über ein paar Reimzeilen, die Lessing in seinen Berliner Anfängen einmal unter ein Bild Friedrichs gesetzt hat (Wer kennt ihn nicht?. Die hohe Miene spricht dem Denkenden. Der Denkende allein kann Philosoph, kann Held, kann beides sein), nicht weiter stören; sie besagen sowenig wie die paar sogar nach Herrn Schmidt »frostigen« Oden, womit Lessing als Redakteur einer »königlich privilegierten« Zeitung den König zum Anfange des Jahres und zu seinem Geburtstage nun einmal begrüßen mußte. Endlich mag auch Herrn Schmidts berauschende Behauptung: »Der sächsische Pastorssohn war in Berlin religiös und politisch ein Liberaler geworden«, auf sich beruhen bleiben; will man einmal dem etwas kindlichen Vergnügen huldigen, moderne Parteibezeichnungen in jene Zeit zurückzutragen, so liegt es auf der Hand, daß der junge Lessing nicht so etwas wie Lasker oder Eugen Richter war, sondern als erster kühner Führer einer revolutionär aufstrebenden Klasse etwa das sein mochte, was eine Reihe von Jahrzehnten später unter gänzlich veränderten Verhältnissen der junge Lassalle oder der junge Marx waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht in Lessings Lyrik, die bei einer so durchaus unlyrischen Natur wie der seinen kaum mehr als die bekannte Jugendsünde begabter Menschen war, sondern in seinen Prosaschriften und seinen Theaterstücken kommt das wahre Wesen des Mannes zum beredten Ausdruck. Seine »Briefe«, seine »Rettungen«, seine Kritiken in der »Vossischen Zeitung« sind ein unaufhörliches Scharmützel mit den halb gefährlichen, halb lächerlichen Vorurteilen, denen seine Klasse noch blind anhing. Am liebsten reitet er aus gegen die lutherische Orthodoxie; neben dem Simon Lemnius rettet er noch ein paar verschollene Gelehrte und den alten Heiden Horaz vor ihren Verleumdungen; Klopstocks seraphische Verstiegenheit wird scharf von seiner dichterischen Größe gesondert und dem Trosse himmlischer Sänger, die hinter dem Messias einhertrollen wollten, mit treffenden Worten die Tür gewiesen. Niemals ein Streit um Dogmen, aber stets ein Kampf gegen Unterdrückung oder gegen eine ziellose Schwärmerei, welche die bürgerlichen Klassen ihren wirklichen Interessen abwendig machen mußte. Überall eine frei menschliche Auffassung, die bei dem noch erstarrten bürgerlichen Leben in Deutschland ihre Nahrung aus den Werken der Alten und den bürgerlichen Schriftstellern der Nachbarvölker sog. Diese ersten Prosaschriften Lessings verraten nicht nur den geistigen Einfluß Bayles und Voltaires; sie nehmen auch schon bestimmte Stellung zu Montesquieu, Lamettrie, Rousseau und Diderot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird Montesquieu, soweit wir sehen, in Lessings Schriften nirgends erwähnt, auch in den späteren nicht. Aber im Januar 1753 bespricht Lessing in der »Vossischen Zeitung« ein im Haag anonym erschienenes französisches Werk über den Geist der Nationen, und dabei führt er aus: »Eigentlich zu reden, hat man keine andere als physikalische Ursachen, warum die Nationen an Leidenschaften, Talenten und körperlichen Geschicklichkeiten so verschieden sind; denn was man moralische Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physikalischen. Die Erziehung, die Regierungsform, die Religion zu den Ursachen dieser Verschiedenheit zu machen, zeigt deutlich, daß man es entweder schlecht überlegt hat oder einer von denjenigen Gelehrten ist, die zum Unglück in Ländern geboren sind, von welchen man vorgibt, daß sie den Wissenschaften weniger günstig als etwa Frankreich und England wären und also sich selbst Unrecht zu tun glauben, wenn sie den Einfluß des Klimas auf die Fälligkeit des Geistes zugeben wollten.« Das ist aber ein lebhafter Nachklang aus Montesquieus ein paar Jahre vorher in Genf erschienenem »Geist der Gesetze«, und das eifrige Bekenntnis zu dieser für ihre Zeit epochemachenden, aber in dem deutschen Bürgertum sonst spurlos verhallenden Auffassung war für den blutjungen Kritiker des Berliner Philisterblatts aller Ehren wert. Lessing hatte schon in Wittenberg des Spaniers Huarte »Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften« übersetzt; ein Werk aus dem sechzehnten Jahrhundert, voll der absonderlichsten Schrullen, aber nicht ohne manche Ahnungen einer materialistischen Weltanschauung, in denen der Übersetzer »neue Wege« erkannte, die den Verfasser »über die Grenzen seines Jahrhunderts« hinausgeführt hätten, und noch in seiner letzten Schrift, den Freimaurergesprächen, kehrt Lessing zu der Ableitung der moralischen aus physikalischen Ursachen zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich – gerade als rüstigster Vertreter des deutschen Bürgertums konnte Lessing sich dem geistigen Bannkreise dieser Klasse nicht völlig entziehen. Dem konsequenten Materialismus Lamettries stand er verständnislos gegenüber, und seine verächtlichen Bemerkungen über das »Uhrwerk« zeigen ihn auf einem recht trivialen Wege, auch wenn man seinen gesunden Klassenhaß gegen den französischen Hofliteraten in gebührenden Anschlag bringt. Nur darf ihm dieser Mangel an Verständnis nicht eigentlich als persönliche Schuld angerechnet werden; war doch erst ein volles Jahrhundert später die ökonomische Entwicklung Deutschlands so weit gediehen, daß sich der naturwissenschaftliche Materialismus als ihre ideologische Begleiterscheinung einstellen konnte. Auch Rousseaus Rede gegen die Künste und Wissenschaften verstand Lessing nicht in ihrem tieferen historischen Zusammenhange, und wie sollte er auch? Auf dem deutschen Bürgertum lastete nicht wie auf dem französischen eine verknöcherte Zivilisation, sondern eine verknöcherte Barbarei, und jenes konnte nur gerade erst durch Kunst und Wissenschaft um seine soziale Emanzipation ringen. Immerhin wirft Lessing dem paradoxen Tadel Rousseaus, daß die kriegerischen Eigenschaften vor den Künsten und Wissenschaften verschwänden, das gute Wort entgegen: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns untereinander umbringen sollen?« Dagegen begrüßte Lessing in Diderot den wahlverwandten Geist, den dritten Franzosen, der auf ihn noch einen großen, fast überschwenglich anerkannten Einfluß gewinnen sollte. Er nennt ihn einen von den Weltweisen, die sich mehr Mühe geben, Wolken zu machen, als sie zu zerstreuen. »Überall wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten ... Sie führen in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit, wenn Schullehrer in Gängen voll eingebildeten Lichts zum düsteren Throne der Lügen leiten. Gesetzt auch, ein solcher Weltweiser wagt es, Meinungen zu bestreiten, welche wir geheiligt haben, der Schade ist klein. Seine Träume oder Wahrheiten, wie man sie nennen will, werden der Gesellschaft ebensowenig Schaden tun, als vielen Schaden ihr diejenigen tun, welche die Denkungsart aller Menschen unter das Joch der ihrigen bringen wollen.« In geistiger Führung mit solchen Geistern durfte Lessing wohl über die deutschen »Schullehrer« seine kritische Geißel schwingen, und schwerer noch als auf den Magister von Leipzig fiel sie auf einen »alten Schulknaben«, der zu den Fahnen der Schweizer schwor und sozusagen auch ein Schützling König Friedrichs war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Übersetzung des Horaz, die Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, zur Ostermesse des Jahres 1752 herausgab, ist ein sprechendes Zeugnis für die Verkommenheit der damaligen deutschen Literatur, namentlich wenn man erwägt, daß ihr Verfasser ein gefeierter Dichter der schweizerischen Richtung war und neun Jahre an der Übersetzung gearbeitet hatte. Sprache, Versmaß, Verständnis des Originals, alles steht auf gleich tiefer Stufe, und obendrein die schuljungenhaften Schnitzer fast auf jeder Seite! Dabei hatte ein Professor der Ästhetik, Meier in Halle, die Korrektur besorgt, und General Stille, ein Tafelgenosse des Königs Friedrich und ein selbst in deutscher Sprache dichtender Beschützer von Lange, hatte sich, wie Gleim an Kleist schreibt, die Mühe genommen, die »übersetzten Horazischen Oden Stück für Stück durchzugehen und genau zu kritisieren«; ja, auch Gleim scheint mitgeholfen zu haben, denn er wundert sich schon im Jahre 1748, »mit welcher Richtigkeit General Stille bisher getadelt hat«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleists Werke, 3, 76. Sonst gibt Emil Grosse in Lessings Werken, 13, 1 ff., eine gute Zusammenstellung der Akten über den Vademecum-Streit. Irreführend und oberflächlich ist Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur, eine Sammlung von Aufsätzen zumeist aus der »Vossischen Zeitung«. Die Kabinettsorder Friedrichs an Lange hat Pröhle keineswegs zuerst mitgeteilt, wie er prahlt: Sie steht schon bei Preuß, Urkundenbuch, 1, 225.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stille hatte denn auch wohl veranlaßt, daß Lange die Übersetzung dem Könige widmete und ein anerkennendes Dankschreiben erhielt, worin Friedrich erklärt, daß ihm die »dadurch bezeigte devote attention zu gnädigstem Gefallen gereichet« und daß er nicht zweifele, »es werde Eure wohlgeratene Arbeit der Schuljugend bei Lesung dieses lebhaften Autoris in der Tat nützlich sein«. Lessing kannte alle diese Umstände; ja, als er, entsetzt über das jammervolle Machwerk, eine Kritik darüber schreiben wollte, warnte ihn ein Professor Nicolai, der in der Sache mit Lessing völlig übereinstimmte, noch ausdrücklich: »öffentlich wollte ich es niemand raten, Herrn Lange anzugreifen, der etwa noch Hoffnung haben könnte, im Preußischen sein Glück zu finden. Herr Lange kann viel bei Hofe durch gewisse Mittel ausrichten.« Vermutlich fühlte sich Lessing nunmehr um so mehr angetrieben, in einem seiner »Briefe« die schlimmsten Böcke Langes aufzustechen; auf wen alle losschlugen, der hatte vor ihm Friede, wie er einmal schrieb, aber wen alle aus höfischen Karriererücksichten verschonten, der hatte von ihm sicherlich den Krieg. Und als Lange nun gar nach der Art solcher hochnäsiger Ignoranten den Charakter seines Kritikers in hämischer Weise anzutasten wagte, da stiftete ihm Lessing das Vademecum, die erste jener klassischen Streitschriften, die immer mustergültig bleiben werden für den Kampf der Männer gegen die Buben – trotz oder auch wegen der wehleidigen Versicherung der bürgerlichen Literarhistoriker, daß Lessing diesem armen Lange oder jenem armen Klotz zuviel getan habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer aber noch als in Lessings Prosaschriften spiegelt sich in seinen Theaterstücken die allmähliche Entwicklung seines Geistes wider. Wir sehen auch hier von einigen ganz unreifen Schularbeiten ab, die er selbst schon von der ersten Sammlung seiner Schriften ausschloß, ebenso von ein paar Übersetzungen und den beiden in je vier Heften erschienenen Zeitschriften, den schon erwähnten Beiträgen und der »Theatralischen Bibliothek«, in denen Lessing tastende Vorstudien zur Hamburgischen Dramaturgie machte. Aber sein »Junger Gelehrter«, sein »Freigeist«, seine »Juden« stehen einerseits noch ganz auf Gottschedischem Boden, während sie andererseits schon ein neues Leben aus der veralteten Form hervorbrechen lassen. Auf der einen Seite – ein sklavisches Festhalten an den drei Einheiten, eine grobe und lose Verwicklung, hölzerne Figuren, die nach der Schablone der französischen und italienischen Komödie mit unbehilflichem Messer geschnitzt sind; auf der anderen Seite aber – wie grausam wird im »Jungen Gelehrten« die aberwitzige Schulweisheit verhöhnt, die sich in überstiegenem Stumpfsinne vom wirklichen Leben abwendet; wie arg muß sich im »Freigeist« die höfische Freigeisterei beschämen lassen, die nach dem bekannten Worte sogar eines Voltaire »Schuster und Köchinnen« nicht aufklären, sondern die Kanaille dem Aberglauben überlassen will, und wie glücklich wird die Beschämung des Freigeistes nur so weit getrieben, daß der Orthodoxie daraus keinerlei Triumph erwächst; wie tapfer gehen die »Juden« ins Zeug gegen die »schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann«. Ja, in seinem Henzi-Fragment von 1749 griff Lessing schon mitten in das politische Leben der Gegenwart hinein. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte die »Vossische Zeitung« in jenem Jahre ausführliche Berichte über die Verschwörung gebracht, die Henzi, ein demokratischer Patriot, in Bern gegen ein verrottetes Oligarchenregiment angestiftet hatte, um dann, zu früh in seinen Anschlägen entdeckt, auf der Folter und dem Schafotte das Opfer einer nichtswürdigen Klassenjustiz zu werden. Nach diesem Stoffe griff Lessing für ein Trauerspiel, wovon er anderthalb Akte vollendete, und noch spürt man zwischen den steifen Alexandrinern etwas von dem Feuer, mit dem ihn ein solcher Held erfüllte. Herr Erich Schmidt rennt offene Türen ein mit seiner pathetischen Deklamation gegen Danzel, der in Lessings Henzi-Fragment Anklänge an Shakespeares »Julius Cäsar« gefunden hatte. Mag Danzel sich ein wenig überschwenglich ausgedrückt haben: In der Sache hat er und hat nach ihm Stahr völlig recht mit dem Hinweise darauf, wie bedeutsam das kräftige und rasche Eingreifen dieses tragischen Stoffs in jener Zeit gewesen sei, zumal für einen zwanzigjährigen Jüngling. Was soll&#039;s mit Herrn Erich Schmidts breitspurigem Nachweise, daß, ästhetisch genommen, das Henzi-Fragment so unreif ist wie – Tragödienversuche zwanzigjähriger Jünglinge im allgemeinen zu sein pflegen? Das brauchen wir nicht erst zu lernen, aber die berühmte »genetische Methode« sollte über die Stellung des Henzi-Fragments in Lessings geistiger Entwicklung doch mindestens so viel zu sagen wissen wie Danzel und Stahr. Freilich – wie kam Lessing auch dazu, sich für einen demokratischen Helden zu begeistern, statt in anakreontischen Liedern »erlebte Konflikte« zu schildern, die es noch lohnt, mit akademischer Brille zu studieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen entscheidenden und großen Schritt über seine dramatischen Jugendversuche hinaus tat Lessing mit seiner Miß Sara Sampson, einem bürgerlichen Trauerspiele, das er im Anfange des Jahres 1755 in einem Gartenhause bei Potsdam schrieb. Er war sich der Größe dieses Wurfes wohl bewußt; es galt den bürgerlichen Klassen in Deutschland eine neue Tribüne zu eröffnen. Bisher waren sie nur in der Komödie zu Worte gekommen, mehr oder minder als lächerliche Personen, als Träger mehr oder minder abgeschmackter Laster, bestenfalls als Schattenbilder stelzbeiniger Tugenden, um die Laster durch einen kontrastierenden Hintergrund desto schärfer hervorzuheben. Die Tragödie blieb den Fürsten und Helden vorbehalten; nur sie waren der edlen, hohen, zarten Empfindungen, nur sie der erhabenen, starken, wilden Leidenschaften des tragischen Dramas fähig. So wurde das bürgerliche Trauerspiel eine Etappe im Emanzipationskampfe der bürgerlichen Klassen, und genauso verstand es Lessing. Kurz vor der Abfassung der Sara schrieb er in seiner »Theatralischen Bibliothek« über die Ausbildung dieser dramatischen Gattung gerade in England; es war, wie er sagt, dem Engländer »ärgerlich, gekrönten Häuptern viel vorauszulassen; er glaubte bei sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhabene Gedanken nicht mehr für sie als für einen aus seinen Mitteln wären«. Aus seinen Mitteln, so wörtlich; man sieht, daß Lessing auch schon mit dem Milieu zu operieren wußte. Und in seiner epigrammatischen Weise fügt er hinzu: »Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke, aber genug, daß es doch wenigstens ein Gedanke ist!« Allerdings ein leerer Gedanke, wenn man die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels aus dem bewußten Ärger der Engländer über den Vorsprung der Großen ableiten wollte, aber gewiß ein Gedanke – und zwar ein Gedanke, wie ihn in jener Zeit nur Lessing haben konnte –, wenn man im bürgerlichen Trauerspiele die ideologische Widerspiegelung des erwachten bürgerlichen Klassenbewußtseins erblickt. Und vollends ein Gedanke, soweit es auf die Absichten und Zwecke Lessings bei Abfassung seiner Sara ankommt. Sie ist sowenig wie irgendein anderes seiner Dramen das Erzeugnis eines dichterischen, unbewußt schaffenden Genius, aber sie ist mit höchstem Verstände gearbeitet worden. Geschmiedet nach englischen Vorbildern, sagten die Gegner und Neider Lessings schon bei seinen Lebzeiten. Jawohl, geschmiedet, aber geschmiedet als eine Waffe des Klassenkampfes. Und das Verdienst Lessings um diese Waffe ist um so größer, als er sie gleich auf dem rechten Amboß schmiedete; die bürgerliche Aufklärung nahm in diesem Falle nicht den üblichen Weg von England über Frankreich nach Deutschland, sondern Lessing schöpfte an der unmittelbaren Quelle; er suchte und fand seinen Stoff in dem einzigen Lande, dessen bürgerliche Klassen bereits zu ökonomischer und politischer Selbständigkeit gediehen waren. In Frankreich erschienen Diderots bürgerliche Dramen erst einige Jahre nach der Sara, die Diderot selbst seinen Landsleuten mit hohem Lobe bekanntmachte. Und auf die deutschen Zeitgenossen wirkte Lessings Trauerspiel mit der Gewalt nicht einer poetischen, sondern sozialen Offenbarung; bei der ersten Aufführung in Frankfurt a. O., zu der Lessing selbst hinüberreiste, saßen die Zuhörer, wie Ramler an Gleim berichtete, dreieinhalb Stunden stille wie Statuen und weinten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einer rein ästhetischen Beurteilung wird man auch diesem Geisteswerke Lessings nicht entfernt gerecht. Da begreift man seine Wirkung schlechterdings nicht, denn es strotzt von psychologischen Unmöglichkeiten oder doch Unwahrscheinlichkeiten; eine bleierne Langeweile scheint sich von Szene zu Szene fortzuschleppen, und kaum an diesem oder jenem Höhepunkte der Handlung vermag man sich seine ehemals zündende Wirkung mühsam vorzustellen. Für die Bühne ist es längst verloren, und auch beim Lesen würgt man sich nur schwer durch. Aber gerade weil es kinderleicht ist, sollte man es auch Kindern überlassen, historische Geistestaten als Schulübungen zu behandeln und nach den Regeln eines ästhetischen Kanons durchzukorrigieren. Die Sara wurde bald durch ihre ungleich stattlicheren Schwestern Minna und Emilia verdrängt, aber diese unterschieden sich von ihr immerhin nicht so stark, wie die Sara sich von dem – Nichts unterschied, das vor ihr war. Da sie die erste war, so war sie die schwächste, aber ihre Wirkung die mächtigste. Und ebensowenig wie die historische Bedeutung eines einzelnen Kunstwerkes sollte man die historische Bedeutung einer bestimmten Kunstgattung nach allgemeinen Schulregeln aburteilen. Lassalle hat schon davor gewarnt, bei Lessings und Diderots bürgerlichem Drama an die geistlose Versumpfung zu denken, in die dieser Begriff zu Ifflands Zeit verfallen war. Aber Ifflands bürgerliches Drama war noch ein ehrwürdiger Geistesheros gegen das bürgerliche Drama der Lindau, Lubliner, Wichert, das seit Jahrzehnten die deutschen Bühnen beherrscht. Kurzum: Jede bürgerliche Klasse hat das bürgerliche Drama, das sie zur Zeit verdient.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Miß Sara Sampson hatte Lessing einen ersten Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn erreicht. Er gedachte nunmehr eine längere Pause zu machen und wieder mehr unter Menschen, mehr im Umgange der Welt zu leben als unter Büchern, aber nicht sofort und in ganz anderer Weise, als er gemeint hatte, erfüllte sich ihm dieser Wunsch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Lessing im Siebenjährigen Kriege ==&lt;br /&gt;
Als der Frühlingssänger Kleist, um preußische Rekruten zu werben, nach Zürich kam, schrieb er begeistert an seinen Gleim über den Ort, der »unvergleichlich« sei nicht nur wegen seiner »uniquen« Lage, sondern auch wegen der »guten und aufgeweckten Menschen«. »Statt daß man in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute von Genie und Geschmack antrifft, trifft man in dem kleinen Zürich mehr als zwanzig bis dreißig derselben an.« Er setzt hinzu: »Es sind zwar nicht alle Ramlers«, und kennzeichnet damit den Höhepunkt dessen, was 1755 in Berlin Genie und Geschmack war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und eben die gleiche Empfindung einer trostlosen Öde mag Lessings Entschluß gereift haben, Berlin zu verlassen. Er hatte die wenigen Funken aus dem Kiesel geschlagen, die etwa darin schlummerten, und vielleicht mochte der Druck und Zwang des preußischen Lebens sein bürgerliches Klassenbewußtsein geschärft, die geistige Wüste von Berlin die seinem beweglichen Geiste immer naheliegende Gefahr der Zerstreuung ein wenig gemindert haben. An diesem »entscheidenden Anstoße« mag sich der patriotische Stolz erfreuen, aber mehr soll er uns doch lieber nicht aufreden wollen. Eine der Ähnlichkeiten zwischen Lessing und Marx besteht darin, daß sie, in ihren öffentlichen Kämpfen von einer Rücksichtslosigkeit, die den feigen Zeitgenossen unheimlich erschien, eine tiefe Bescheidenheit besaßen, die sie höchst ungern von ihren eigenen Personen sprechen ließ; selbst aus den vertrauten Briefen Lessings ist selten ein Aufschluß über die Beweggründe seiner persönlichen Entschlüsse zu gewinnen. Um so deutlicher sprechen dann freilich seine Werke, und – der Verfasser der Miß Sara Sampson stand auf einer Höhe, die ihm das Berliner Leben ekel, schal und unersprießlich erscheinen lassen mußte. Was konnten dem zum Manne herangereiften Jünglinge die vierthalb »Genies« von Berlin bieten? Zwar dieser weltfreudige Mensch hungerte so nach Menschen, daß er aus jedem Menschen noch etwas zu machen suchte; so aus dem hämischen Schwachkopfe Sulzer, den er lieber »inkonsequent« als »falsch« nennen wollte, so aus dem trockenen Versdrechsler Ramler, dem er beim Becher, wie Ramler selbst bezeugt, ein »gelinder, nachgebender, lustiger Gesellschafter« war. Aber was konnten sie ihm für den Kampf seines Lebens sein, sie und selbst die beiden jungen Berliner, in denen Lessing sozusagen seine Schüler erblicken durfte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sozusagen – denn nur eine in den allgemeinsten und dünnsten Kategorien geistiger Begriffe sich umtreibende Geschichtsbetrachtung kann Moses Mendelssohn und Nicolai in einem Atem mit Lessing nennen. Diese Männer mag Herr Erich Schmidt, wenn er sonst will, die »religiös und politisch Liberalen«, die Lasker und Eugen Richter ihrer Zeit nennen, aber ebendeshalb trennte sie eine Welt von Lessing. Moses ist immerhin eine gute Strecke mit ihm gegangen, etwa bis in die Tage des Laokoon, zu dem er manches beigesteuert hat; er war ein bescheidenes Licht, aber ein guter Mensch von rührender Anhänglichkeit, dem im buchstäblichen Sinne des Worts das Herz brach, als er – in seiner glücklichen Blindheit erst einige Jahre nach Lessings Tode – endlich entdeckte, wie weit sich sein bewunderter Freund schon lange vor seinem Tode von ihm entfernt hatte. Alle Achtung vor dem, was Moses für die Emanzipation seiner »Nation« getan oder doch zu tun versucht hat, denn die Unduldsamkeit der Juden selbst setzte ihm nicht weniger zu als der friderizianische Despotismus. Nur daß er auch in diesen Emanzipatiorisbestrebungen, abgesehen von dem ungleich beschränkteren Schauplatze, in Halbheit und Zaghaftigkeit weit hinter Lessing zurückblieb! Er war nicht ein Freier durch und durch wie Lessing, sondern ein frei Gewordener, dem noch bei jedem Schritte die zerbrochene Kette mit verräterischem Klirren nachschleifte. Eine Art Lasker in der Tat: frei von den Lastern seiner »Nation«, aber voll von befangener Selbstgefälligkeit über diese Freiheit. Ein sehr idealisierter Lasker bei alledem, denn wenn beide kein Geld mehr auf Pfänder liehen, so eiferte Moses deshalb um so mehr gegen die Ephraim und Itzig, die großen Wucherer der damaligen Zeit, während Lasker aus seiner Enthaltsamkeit einen wehmütigen Glanz der Entsagung über die verrufensten Gründerhäuser der Gegenwart zu verbreiten suchte. Politisch ähnelten sich beide mit ihrer halben und schwankenden Opposition gegen den Despotismus, aber mit seiner kauderwelschen Philosophie stand Lasker wieder tief unter Moses, der ein sauberer Popularphilosoph der Leibniz-Wolffischen Schule war. In ihre Gewebe eingesponnen, stand er dem Leben viel ferner als sein großer Freund, dagegen als Lessing – welch ein Streber! – mit dem 1754 veröffentlichten Schriftchen »Pope ein Metaphysiker!« der friderizianischen Akademie eine schallende Ohrfeige für eine alberne Preisfrage erteilte, durch die Maupertuis dem Deutschen Leibniz einen neidischen Seitenhieb zu versetzen gedachte, da hat Moses ihm den philosophischen Stoff geliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch viel weniger als Moses darf Nicolai im Gefolge von Lessing erscheinen. Seiner eigenen Berufung haben die »Xenien« von Goethe und Schiller schon die treffende Abfertigung entgegengesetzt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nenne Lessing nur nicht! Der Gute hat vieles gelitten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur in seinen ersten Anfängen hat Nicolai eine gewisse Anregung von Lessing erhalten, aber in dem harten und trockenen Boden seines Geistes wucherte der empfangene Keim höchstens zu einem verkrüppelten Unterholz auf. Wie das Zerrbild dem Bilde; so gleicht Nicolai im besten Falle dem wirklichen Lessing, wenngleich er dem Lessing der bürgerlichen Literaturgeschichte zum Muster gesessen zu haben scheint. Sein »gnadenhungriges« Rufen nach Fürstengunst verspottete schon Herder. Verbohrter Preuße, sah Nicolai in der Idee eines deutschen Nationalgeistes ein »politisches Unding«, und einen »hämischen Parteizweck«. Er war der erste Eingeborene des Berliner Philistertums, der es zu literarisch-politischem Einflüsse brachte, und wie seine beschränkte und verkümmerte Sonderart sich aus dem mütterlichen Boden erklärt, so hat sie ausdörrend auf diesen Boden zurückgewirkt, über den die Lessing und die Fichte und die Hegel nach Lassalles treffendem Ausdrucke in der Tat wie die Kraniche dahingeflogen sind. Betriebsam und rührig in seiner Art, wollte Nicolai, wie sein bewundertes Vorbild Friedrich, gern erobernd in Deutschland vordringen, aber was in Deutschland Geist und Kraft und Leben besaß, schlug mit Händen und Füßen gegen den bösen Nickel aus. So Herder und Goethe und Schiller, so Kant und Fichte und Schelling, so die beiden Schlegel und Tieck. Wie Herr Erich Schmidt mit einem ganz guten Worte sagt: Auf Nicolai regneten »Prügel von allen Seiten«. In diesem erquicklichen Umstände wie in vielem sehr Unerquicklichem: in dem schäbigen Angeifern alles Bedeutenden, Großen, Neuen, in der verbohrten Unduldsamkeit eines faulen und feigen Aufklärichts, in dem Cliquen- und Koteriemachen, war Nicolai der Eugen Richter seiner Zeit; Jedennoch darf man nicht übersehen, daß die kapitalistische Korruption damals ein Embryo war gegen den Riesen von heute, und wenn Nicolais spießbürgerliche Ehrbarkeit die Saaten seines Geistes in hohes Unkraut geschossen sehen könnte, so würde er vielleicht doch zum ersten Male an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Aber deshalb hängt alles geistige Bourgeoisgewächs, das in Berlin mit »seinem« Lessing prahlt, nicht weniger an Nickels Rockschößen, wie denn nicht Gotthold Ephraim, sondern Karl Gotthelf Lessing, der Großvater der »Vossischen. Zeitung«, sein wirklicher Geistesverwandter war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem begreift sich, daß der Boden Berlins unter Lessings Füßen brannte, als er sich zu einer selbständigen Stellung im deutschen Geistesleben emporgearbeitet hatte. Er kehrte nach Leipzig zurück mit dem lebhaften Wunsche, die große Welt kennenzulernen, und das Glück schien ihm günstig, als der junge Winkler, ein reicher Patrizier von Leipzig, ihn auf mehrere Jahre zu seinem Begleiter auf einer Reise durch Europa wählte. Sie brachen im Mai 1756 auf, aber in Amsterdam, von wo sie im September nach England gehen wollten, traf sie die Nachricht vom Ausbruche des Siebenjährigen Krieges, und besorgt um seine Schätze eilte Winkler nach Leipzig zurück. Lessing scheint das Mißgeschick schwer empfunden zu haben, aber vielleicht ersparte die große Enttäuschung ihm eine größere, denn zum Begleiter eines eigensinnigen Geldprotzen taugte er nun schon gar nicht, und sehr bald nach der Rückkehr überwarf er sich völlig mit Winkler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Lessings Stellung zum Siebenjährigen Kriege sind bereits in dem ersten Teile dieser Darstellung einige Streiflichter gefallen. Dieser Kabinettskrieg ging die bürgerlichen Klassen als solche nichts an, und Lessing war am wenigsten geneigt, sich als Partei in den »blutigen Prozeß zwischen unabhängigen Häuptern« zu mischen. Aber sein Klassenbewußtsein war schon viel zu sehr entwickelt, um nicht zu erkennen, daß die bürgerlichen Klassen die Zeche des Krieges zu zahlen hatten, und so haßte er den Krieg als ein unseliges Ding, das die Musen verscheucht, und in einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, auf sehr lange Zeit verscheucht. Dieser bürgerliche Standpunkt war aber zugleich der nationale, der deutsche, und diejenigen bürgerlichen Historiker, die von rechts bis links, von Scherer bis Scherr, Lessings Mangel an Patriotismus und Vaterlandsliebe beklagen, weil ihn einmal das wütende Geheule des würdigen Gleim gegen Deutsche, mit denen der König von Preußen zufällig Krieg führte, ernstlich verdroß, sollten billigerweise mindestens doch auch den schon ein Jahr früher geschriebenen Brief Lessings erwähnen, worin er Gleim beschwor, bei der Besetzung Halberstadts durch französische Truppen ja den Stolz und die Würde eines Deutschen zu zeigen. »Und von Voltaire selbst müssen Sie tun, als ob Sie weiter nichts als seine dummen Streiche und Betrügereien gehört hätten. Das soll wenigstens meine Rolle sein, die ich mit jedem nicht ganz unwissenden Franzosen spielen will, der etwa nach Leipzig kommen sollte.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 136. Gleim scheint Lessings Wunsch nur in bedingtem Maße erfüllt zu haben, denn in einem Briefe an Kleist, Kleists Werke, 3, 242, berichtet er nicht ohne Selbstgefälligkeit von den Richelieus und Mazarins, die er gesehen und gesprochen habe. Übrigens soll daraus dem guten Gleim kein Vorwurf gemacht werden; auf Lessings Tadel änderte er auch seine Verwünschungen der Sachsen und Österreicher beinahe in Segensgebete um. Er war eben ein harmloser Reimschmied, der selbst am meisten darunter leidet, wenn man ihn zu einem nationalen und patriotischen Dichter stempeln will.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht als ob wir es sozusagen als eine Schande von Lessing abwehren wollten, daß er nach dem Lobe eines eifrigen Patrioten nicht geizte, des Patrioten nämlich, der ihn vergessen lehrte, daß er ein Weltbürger sein sollte. Man kann vielmehr nicht ohne Schaudern an die – glücklicherweise unmögliche – Möglichkeit denken, daß die Lessing, Schiller, Goethe nicht »Weltbürger« nach ihrer Art, sondern »Patrioten« nach dem Schlage der Gleim und Ramler geworden wären. Aber es ist allerdings notwendig, sowohl aus Gründen der historischen Gerechtigkeit als zur Abwehr einer politischen Brunnenvergiftung, die Tatsache festzustellen, daß die Männer unserer klassischen Literatur als Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen durchaus vom national-deutschen Standpunkte ausgingen, und erst nachdem sich diese Klassen als zu verelendet erwiesen hatten, um den fürstlichen Despotismus zu brechen, allein im Interesse des Bürgertums lieber mit Lessing »Weltbürger« oder mit Schiller »Zeitgenosse aller Zeiten« als habsburgisch oder hohenzollerisch, welfisch oder wettinisch abgestempelte Winkelpatrioten wurden. Gerade Goethe, der in einer schwachen Greisenstunde die »berühmte Stelle« mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« der Gleim und Ramler schrieb, hat jene Entwicklung schlagend gekennzeichnet in dem bekannten, so oft mißverstandenen und selbst von einem demokratisch sich gebärdenden Historiker wie Scherr als »traurige Verirrung der Wolkenkuckucksheimerei« beschimpften Distichon:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie fern die Masse der bürgerlichen Klassen dem nationalen Gedanken noch stand, beweist die von Lessing selbst hervorgehobene Tatsache, daß er zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Leipzig für einen Erzpreußen und in Berlin für einen Erzsachsen gehalten wurde, weil er keines von beidem, sondern ein Deutscher war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing hat in diesem Kriege dreimal den Aufenthalt gewechselt. Zunächst blieb er von Oktober 1756 bis zum Mai 1758 in Leipzig, obschon hier nichts mehr für ihn zu suchen war. Sowohl deshalb nicht, weil Friedrich die reiche Stadt mit eiserner Faust an der Gurgel gepackt hatte und die Musen gänzlich aus ihr entflohen waren, als auch weil Lessing, »der doch Winklers Brot aß«, wie Herr Erich Schmidt mit dem ernsten Stirnrunzeln des sittlich entrüsteten Bourgeois bemerkt, in die Jammerschreie der Leipziger Kapitalisten über die ihren Geldsäcken von preußischer Seite angesetzten Schröpfköpfe nicht mit der gehörigen Andacht einstimmte. Friedrich war nun doch einmal nur einem gegen ihn selbst geplanten und in erster Reihe von dem sächsischen Minister. Brühl betriebenen Überfalle zuvorgekommen, und an jenem feinen Verständnis für die kapitalistischen Interessen, das heutzutage den »wahren« Freiheitskämpfer macht, hat es dem unglücklichen Lessing leider immer gefehlt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die äußerst scherzhafte Vorstellung des Herrn Erich Schmidt, daß Lessings damalige Frevel am Kapitalismus durch seine plötzliche Borussifizierung zu erklären seien, findet ihre gebührende Beleuchtung durch einen am 5. Juni 1777 von Nicolai an Lessing gerichteten Brief, worin es heißt: »Mich dünkt, Sie hätten mir einmal selbst gesagt, wenn Sie oft hintereinander mit dem eifrigen Kreuchauf in Leipzig disputiert hätten, so wären Sie durch die Hitze des Streits eine Zeitlang im Ernste preußisch geworden.« Siehe Lessings Werke, 20, 2, 890 f. Wenn Herr Erich Schmidt dem eigenen Zeugnisse Lessings nicht glauben mochte, auf das Zeugnis des preußischen Patrioten Nicolai konnte er sich ganz sicher verlassen. Trotzdem hat er den traurigen Mut, über Lessing im Siebenjährigen Kriege zu schreiben, daß er »reißende Fortschritte in preußischer Gesinnung gemacht«, daß er »als ein rechter Preuße oder Brandenburger hautement ihre Partei genommen«, daß er »diesen Krieg, ohne über privates Mißgeschick zu klagen, als ein reinigendes Gewitter empfunden«, daß er »in seiner preußischen Sympathie nicht nachgelassen« habe usw. usw. Alles das saugt sich Herr Erich Schmidt reinweg aus den Fingern. Wir wollen diese Geschichtsklitterung nicht beim richtigen Namen nennen, aber eine schüchterne Bitte möchten wir uns erlauben. Man verzichte doch endlich darauf, sich über das byzantinisch-charakterlos-hohlköplige Geschlecht, das aus den Hörsälen solcher Universitätslehrer hervorgeht, des Todes zu verwundern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als »Erzpreuße« verketzert, kam er in freundlichen Verkehr mit preußischen Offizieren, an deren einem, dem Major von Kleist, er den vielleicht geliebtesten Freund seines Lebens gewann. Durch ihn lernte er auch den Obersten von Tauentzien kennen, als dessen Sekretär Lessing dann die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens verlebt hat; auch diesem alten Haudegen, dem er geistig freilich nicht so nahestehen konnte wie dem Frühlingssänger Kleist, hat er zeitlebens eine große Anhänglichkeit bewahrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch zu sein, daß ein Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen in so freundliche und nahe Beziehungen zu ein paar hinterpommerschen Junkern und friderizianischen Offizieren treten konnte, und es hieße diesen Widerspruch mehr umgehen als lösen, wenn man sagen wollte, es habe sich nur um rein persönliche Beziehungen gehandelt. Kein Zweifel, daß Lessing gern in soldatischen Kreisen verkehrte und in seinen besten dramatischen Werken mit Vorliebe soldatische Charaktere schilderte: von Philotas ganz abgesehen, so denke man nur an Tellheim, Paul Werner, Just in der Minna, an Odoardo Galotti in der Emilia, an Saladin und den Tempelherrn im Nathan. Man muß auch hier auf den sozialen Untergrund der Dinge zurückgehen, um sie richtig zu verstehen. In jener unglaublich verphilisterten Zeit war der Soldatenstand der einzige, in dem sich wenigstens zu Kriegszeiten individuelle Selbständigkeit und Tüchtigkeit entfalten konnte, so, wie Schiller in dem Reiterliede des Wallenstein singt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wird das Herz noch gewogen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da tritt kein anderer für ihn ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf sich selber steht er da ganz allein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Schlußwort dieses Liedes, recht aus Lessings Seele gesprochen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und setzet ihr nicht das Leben ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie wird euch das Leben gewonnen sein«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
atmet eine Gesinnung, die zur Zeit des Siebenjährigen Krieges nur im Kriegslager, nicht in den bürgerlichen Klassen lebte. Dazu kam. daß der Militarismus als selbständiger Gegensatz zur bürgerlichen Kultur sich noch nicht entfaltet hatte, solange die Heere als Privateigentum und die Kriege als Privatindustrie der Fürsten galten. Und wie mit dem friderizianischen Offizier, so mochte Lessing auch mit dem hinterpommerschen Junker gut auskommen. Der hinterpommersche Adel, sehr im Gegensatze zu dem vorpommerschen arm und frugal, mehr Bauer als Junker, mit seinen Hintersassen mehr patriarchalisch hausend, als sie rücksichtslos ausbeutend, war die übelste Rasse nicht; er besaß mehr die Tugenden als die Laster einer herrschenden Klasse; dem von den Berliner Spießern gelangweilten und von den Leipziger Geldprotzen gepeinigten Lessing mußte so ein Kleist oder Tauentzien aus der Kassubei, die nichts als ihre Ehre, ihren Degen und ihr Treben besaßen, die ihr Leben täglich in die Schanze schlugen und lieber ihren Degen zerbrachen, als ihre Ehre befleckten, eine gar willkommene Erscheinung sein. Die Dinge lagen nun einmal so in Deutschland, daß ein kräftiger und männlicher Charakter, wie Lessing war, in den herrschenden Klassen viel eher seinesgleichen fand als in den beherrschten. Es wäre sehr ungerecht, zu verkennen, daß der Siebenjährige Krieg das beste Blatt in der Geschichte der preußischen Junker ist; ihrer viertausend blieben auf den Schlachtfeldern. Gewiß im Kampfe für ihre Klasseninteressen, aber das deutsche Bürgertum brachte es ja nicht einmal entfernt zu einer gleichen Aufopferung für seine Klasseninteressen. Und dank der elenden Verseuchung der deutschen Bourgeoisie liegen die Dinge heute auch noch so. Die hinterpommerschen Junker der »Kreuz-Zeitung« stehen an ehrlichem Kampfesmut und ritterlicher Gesinnung turmhoch über den kapitalistischen Soldschreibern der Freisinnigen oder der »Vossischen Zeitung«; wer die preußische Literatur einigermaßen kennt, der weiß auch, daß die Offiziere, die daran mitgearbeitet haben, wenigstens die begabteren von ihnen, ungleich ehrlicher und freimütiger beispielsweise über den friderizianischen Staat schreiben wie die bürgerlichen Literaten vom Schlage des Herrn Schmidt, und man braucht nur ein Jahr zurück, an die Krisis des preußischen Volksschulgesetzes, zu denken, um sofort zu erkennen, daß sich dabei der Junker Zedlitz als ein Mann, der Bourgeois Miquel aber als ein älteres Mitglied des zarteren Geschlechts benommen hat. Der seichte, an die oberflächlichsten Schlagworte gekettete Liberalismus, der in der deutschen Presse das große Wort führt, versteht diesen Zusammenhang nicht; ja, er darf ihn nicht einmal verstehen, wenn er sein kümmerliches Dasein nicht selbst aufgeben will, und aus diesem Selbsterhaltungstriebe erklärt sich einigermaßen jene sonst unerklärliche Meisterschaft im &#039;&#039;persönlichen&#039;&#039; Niederhetzen, Niederlügen und Niederverleumden politischer Gegner, die Herrn Eugen Richter und ähnliches Gelichter auszeichnet und die sich aus guten Gründen mit der kläglichsten Feigheit im Kampfe der &#039;&#039;Klassen&#039;&#039; zu paaren pflegt. Lessing ist diesem scheußlichen Unwesen, soweit er es in seinen ersten, noch verhältnismäßig schüchternen Anfängen kennengelernt hat, stets rücksichtslos entgegengetreten; in seiner späteren Predigt über zwei Texte, von der uns leider nur ein kleines, aber köstliches Bruchstück erhalten ist, führt er den Gedanken aus, daß man eine Klasse grundsätzlich bekämpfen und hassen, aber ihre würdigen Glieder deshalb nicht weniger, ja deshalb erst recht lieben und schätzen könne, wie sie verdienen. Gehandelt hat er immer nach diesem Grundsatze, der sich für jeden ehrlichen Kämpfer schon deshalb von selbst versteht, weil er in dem Begriffe eines ehrlichen Kampfes enthalten ist. Und Lessing hat sich den Teufel an das gekehrt, was die Leipziger Geldsäcke über seinen Verkehr mit dem preußischen Offizier Kleist und später die Berliner Aufklärer über seinen Verkehr mit dem Hauptpastor Goeze hinter seinem Rücken zischelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Freundschaft für Kleist versteht man noch besser, wenn man in Kleists Briefwechsel verfolgt, wie der »Dichter und Soldat« im Felde, wo ihn Lessing kennenlernte, ein ganz anderer Mann wird. In seiner Potsdamer Friedensgarnison erscheint er immerhin als ein seltsamer Heiliger: mit »Mädchens spielend«, mit seinem Gleim läppisch tändelnd, mittelmäßige Verse spinnend, von den Kameraden wegen seiner poetischen Neigungen verspottet, unter der launenhaften Ungnade des Königs seufzend, verfällt er bald in »Melancholie«, bald will er dies »in Vergleichung anderer ganz elende Land verlassen«. Schon der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, ist ihm »eine Hölle, und sollte ich auch hier indessen Generalfeldmarschall werden, dafür mich doch der Himmel wohl bewahren wird«. Diese Stimmung war unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich, aber sie besserte sich zusehends, als Kleist eine Kompanie und damit ein. ausbeutungswürdiges Vermögensobjekt erhielt. Auf der lukrativen Werbung trieb er in Zürich, der »uniquen« Stadt, den Menschenhandel so arg, daß er bei Nacht und Nebel vor den ihm aufpassenden Behörden fliehen mußte, wofür er sich dann [durch] geistlosgrobe, mit seinen tändelnden Liederchen in gar seltsamem Gegensatze stehende Epigramme auf die Schweiz und die Schweizer rächte. Aber im Kriege fallen die Schlacken seines Wesens ab. Wieder leidet er unter Friedrichs Willkür; aus seinem alten, angesehenen Regimente wird er in ein sächsisches Infanterieregiment versetzt, das bei Pirna gefangen war und nun preußische Dienste tun muß; er kommt »hinter die Mauer« nach Leipzig. Aber als Vorsteher des Lazaretts, bei den ihm aufgetragenen Kontributionen im Sächsischen erweist er sich als ein menschenfreundlicher und milder Mann, der jede persönliche Bereicherung verschmäht. In seinem einzigen Kriegsliede, das mehr kriegerischen und mehr menschlichen Geist atmet als Gleims gesamte Grenadierpoesie, ruft er dem preußischen Heere zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur schone wie bisher im Laufe großer Taten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Landmann, der dein Feind nicht ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilf seiner Not, wenn du von Not entfernet bist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Rauben überlaß den Feigen und Kroaten!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und wie er es sich in diesem Liede gewünscht hatte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch ich, ich werde noch – vergönn es mir, o Himmel! –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einher vor wenig Helden ziehn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich seh&#039; dich, stolzer Feind, den kleinen Haufen fliehn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und find&#039; Ehr&#039; oder Tod im rasenden Getümmel«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
findet er bei Kunersdorf einen so tapferen Tod, daß ihn selbst die russischen Barbaren mit hohen Ehren bestatten. Lessing hat ihn mit wildem Schmerze betrauert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anderer Art als Lessings Freundschaft mit Kleist war seine Freundschaft mit Gleim. Jede Faser Lessings mußte sich gegen den kindisch süßlichen Ton sträuben, worin Gleim mit seinen »allerliebsten Engeln« von Freunden umging, aber um Kleists willen hat er den bei aller Albernheit doch auch sehr gutmütigen Mann gern ertragen, heiter neckend mit dem Schreibseligen verkehrt, ihn wie ein großes Kind behandelt. Bald sucht Lessing dem Schwächling das Rückgrat zu steifen, indem er ihn zu einer männlichen Haltung gegenüber den Franzosen in Halberstadt ermahnt oder ihn anfleht, den Schmerz über Kleists Tod nicht durch elende Reime zu entweihen; bald streichelt er ihn ein wenig, nennt ihn einen Äschylos, spricht von seinem »großen König«. Bei alledem war es doch mehr als Ironie, wenn Lessing Gleims Grenadierlieder mit einem heute nicht mehr verständlichen Lobe zum Drucke beförderte. Man muß nur richtig verstehen, was Lessing mit diesem Lobe ins Auge faßte. Nicht etwa die Begeisterung für die »nationale« Sache Friedrichs. Der König selbst würde, wenn er Gleims Grenadierlieder gekannt oder ihnen gar irgendeine Wirkung auf die Bevölkerung zugetraut hätte, den Poeten vermutlich auf die Festung geschickt haben. Was er an ihnen etwa noch verstanden und gewürdigt hätte, nämlich das tobende Geschimpfe auf die Feinde – ein wüterisches Gedicht des Pastors zu Laublingen, das die Zensur beanstandet hatte, gab Friedrich auf ein alleruntertänigstes Schreiben Langes frei –, gerade das war für Lessing ein Greuel; was aber ihm an den Grenadierliedern gefiel, der festere, männlichere, selbstbewußtere Ton, den Gleim anschlug, das wäre dem König ein Greuel gewesen, der, wir wissen aus welchen Gründen, dem Kriege schlechterdings den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges erhalten mußte. Über diese Sachlage mochte sich ein verworrener Kopf wie Gleim täuschen, der heute den Tyrtäos nachahmte wie gestern den Anakreon, aber Lessing konnte natürlich nicht in eine solche Torheit verfallen, und er verbat sich ausdrücklich jedes Interesse des Königs für die Grenadierlieder. In der Vorrede, die er ihnen mitgab, sagt er, wer die kostbaren Überbleibsel der alten nordischen Heldenlieder kenne, wer das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen Zeitalter seiner Aufmerksamkeit wertschätze, ihre naive Sprache, ihre »ursprünglich deutsche Denkungsart« studiert habe, der werde den neuen preußischen Barden zu beurteilen wissen, und unmittelbar darauf heißt es wörtlich: »Andere Beurteiler, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.« Deutlicher ließ sich unter der friderizianischen Zensur doch nicht reden, aber unsere bürgerlichen Literarhistoriker sind taub für diesen überlegenen Spott, und Lessing muß noch immer als preußischen Chauvinismus abbüßen, was für ihn nur die etwas überschwengliche, aber deshalb erst recht begreifliche Freude an einem in der deutschen Literatur einmal durchbrechenden frischeren, kräftigeren und männlicheren Tone war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch hat Lessing in dieser Leipziger Zeit viel angefangen, namentlich auf dramatischem Gebiete, aber nichts vollendet. Zwei »Odengerippe« an Kleist und Gleim gehören zu jenen müßigen Stilübungen, wie sie wohl im poetischen Wetteifer unter Freunden entstehen; mit Recht hat Lessing es bei den Entwürfen in Prosa gelassen. Nicht weniger erfreulich, wenn auch aus einem ganz anderen Grunde, ist der gleiche Umstand bei einer Ode an Mäzen, deren markige Prosa durch die Umwandlung in irgendeinen bei Lessing doch immer holperigen Rhythmus nur verloren haben würde. Hier ihre kernigsten Sätze:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer ist&#039;s in unsern eisernen Tagen, hier in einem Lande, deren Einwohner von innen noch immer die alten Barbaren sind, wer ist es, der einen Funken von deiner Menschenliebe, von deinem tugendhaften Ehrgeize, die Lieblinge der Musen zu schützen, in sich hege? Wie habe ich mich nicht nach nur einem schwachen Abdrucke von dir umgesehen! mit den Augen eines Bedürftigen umgesehen! Was für scharfsichtige Augen! Endlich bin ich des Suchens müde geworden und will über die Afterkopien ein bitteres Lachen ausschütten.– Dort, der Regent, ernährt eine Menge schöner Geister und braucht sie des Abends, wenn er sich von den Sorgen des Staats durch Schwänke erholen will, zu seinen lustigen Räten. Wieviel fehlt ihm, ein Mäzen zu sein. Nimmermehr werde ich mich fähig fühlen, eine so niedrige Rolle zu spielen, und wenn auch Ordensbänder zu gewinnen stünden. Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starke Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit stärkeren und treueren Strichen konnte Lessing seinen Gegensatz zur Tafelrunde von Sanssouci nicht zeichnen, und doch soll er hinter Friedrich und Voltaire dreingelaufen sein!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Form und Inhalt gehört die Mäzen-Ode in eine reifere Zeit Lessings; wir setzen sie um so eher mit den Prosa-Oden an Kleist und Gleim zusammen, als Lessing schwerlich zu zwei verschiedenen Zeiten eine so formlose und seinem ganzen Wesen sonst fernliegende Form gewählt haben dürfte und der Verkehr mit Kleist, der die französische Literatenwirtschaft in Sanssouci ähnlich wie Lessing beurteilte, aber aus seinem Potsdamer Garnisonleben noch viel genauer kannte, den sonst auffallenden Umstand erklärt, daß Lessing gerade in Leipzig so beißend über Friedrich und seine französischen Hofnarren geurteilt hat. Trotzdem läßt sich über die Sache streiten, und wir würden kein Wort darüber verlieren, daß Herr Erich Schmidt die Mäzen-Ode sogar bis in das Jahr 1751 zurückversetzt, wenn nur Lessing nicht dadurch zu einem dreimal »schoflen« Kerle gemacht würde, daß er öffentlich »verwegene Hoffnungen« auf Friedrich und Voltaire gesetzt und sie heimlich so bitter wie in der Mäzen-Ode verspottet haben soll. Herr Erich Schmidt hat freilich auch eine eigene Hypothese über die Entstehung der Mäzen-Ode. Klopstock hatte 1751 nämlich seinen Messias dem König von Dänemark mit einer Ode und dem Vorwort gewidmet: »Der König der Dänen hat dem Verfasser des Messias, der ein Deutscher ist, diejenige Muße gegeben, die ihm zur Vollendung seines Gedichtes nötig war.« Herr Erich Schmidt meint nun, Lessing habe in der Mäzen-Ode, »durch Klopstocks lakonische Prosa und stolz-bescheidene Strophen gereizt, eine der großartigsten Spiegelungen seiner Persönlichkeit gegeben«. Wirklich? Dann wäre also der »Regent« der König von Dänemark und der »lustige Rat«, der mit »Schwänken« unterhält, wäre Klopstock? Was doch nicht alles ein treu-fleißiger Untertanenverstand vermittelst der berühmten «genetischen Methode« entdecken kann!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleists Freundschaft war es vornehmlich, die Lessings Aufenthalt in dem verwüsteten Leipzig verlängerte, wo sonst nichts für ihn zu brechen und zu beißen war. Als Kleist ins Feld gerufen wurde, ging Lessing »nicht nach Berlin, sondern zu meinen guten Freunden, die in Berlin sind«. Ihm blieb keine Wahl, und er mußte es gern oder ungern nochmals mit Ramler, Moses, Nicolai versuchen. Etwa dritthalb Jahre hielt er den schließlich scheiternden Versuch aus, vom Mai 1758 bis Ende 1760. Es ist die Zeit der Fabeln, des Philotas, der Literaturbriefe, die Zeit immerhin eines gewissen Stillstandes gegenüber der mit der Miß Sara Sampson erreichten Höhe. Nicht deshalb, weil die schon von Herder berichtigten und ergänzten, dann von Jakob Grimm noch viel stärker erschütterten Abhandlungen Lessings über die Fabel den Begriff dieser Dichtungsart falsch oder unzureichend erörtern! Lessings Ästhetik ist ebenso wie seine Dramatik, seine Philosophie, seine Theologie durchaus bestimmt durch das sozial-politische Moment seines Lebenskampfes; er hat dem Äsop und Phädrus nur das abgesehen, was sich zu einer scharfen Waffe gegen die Laster und Torheiten seiner Zeit zuschleifen ließ, und wenn seine Fabeln das naive Element der alten Tierfabel vermissen lassen, so sind ihre vorteilhaftesten Seiten, wie Herder schon bemerkte, »eine schöne Bemerkung, ein allerliebster Einfall, eine neue vortreffliche Wendung, ein überraschender Sprung, der munterste Dialog«. Diese Fabeln sind ein fortlaufendes Kleingewehrfeuer, nicht zuletzt auch gegen den friderizianischen Despotismus. Wie ergötzlich wird Friedrichs Bevormundungssucht verspottet in dem »Geschenke der Feien«, wo die eine »einem jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten seines Landes ward«, den scharfsichtigen Blick des Adlers schenkt, dem in seinem weiten Reiche auch die kleinsten Mücken nicht entgehen, die andere aber als »weise Einschränkung« die »edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen«, hinzufügt. Und dann die Moral des Dichters: »Viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen.« Oder wie keck weiß Lessing eine dem heutigen Philister noch unfaßbare Wahrheit zu enthüllen, wenn er in der alten Fabel von den Fröschen, die einen König haben wollten, gegenüber anderen Auslegern »zwei weit größere und kühnere Wahrheiten entdeckt, 1. die Torheit, überhaupt einen König zu haben, 2. die Torheit, nicht mit einem schläfrigen, untätigen Könige zufrieden zu sein, einen großen, anschlägigen Kopf auf den Thron zu wünschen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonach – groß genug ist Lessing auch in diesem kleinen Genre, aber er selbst war für dies kleine Genre zu groß, und von ihm als Fabeldichter gilt ein wenig, was er später von einer Schauspielerin sagte: »Ich möchte nicht alles machen, was ich vortrefflich machen könnte.« Und so ist auch das Trauerspiel Philotas nur ein kleines Nebenwerk, eine Freundesgabe für Kleist. Wie Kleist nach Lessings Meinung aus übertriebenem Heroismus den Tod suchte, so tötet der gefangene Königssohn Philotas, der gegen den gleichfalls gefangenen Sohn des feindlichen Königs Aridäus ausgetauscht werden soll, sich selbst, um die gleichschwebende Waage zugunsten seines Vaters zu senken. Herr Erich Schmidt versichert, das Stück atme den »aufopfernden Geist der in Waffen starrenden Gegenwart«. Hören wir diesen Geist ein wenig atmen! Es ist der siebente Auftritt; König Aridäus, ein so gütiger und milder Mann, wie Maria Theresia eine gütige und milde Frau war, meldet dem gefangenen Philotas, die Boten an seinen Vater seien auf den schnellsten Pferden abgegangen; in wenigen Stunden könne die Auswechslung der gefangenen Königssöhne erfolgen. Davon hofft der gute Aridäus auch »sonst glückliche Folgen«; liebenswürdige Kinder seien schon oft Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern geworden, und er seufzt »Unseliger Krieg!« Unmittelbar darauf geht der Dialog weiter wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Jawohl, unseliger Krieg! – Und wehe seinem Urheber!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das Schwert zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Nun ja; mein Vater hat das Schwert zuerst gezogen. Aber entsteht die Feuersbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? ... Bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm erteiltest, als er ? doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sprechen! ... Nur dem untrüglichen Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber sprechen ihr Urteil durch das Schwert des Tapfersten. Laß uns den blutigen Spruch aushören! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz, ich höre dich mit Erstaunen ? mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer! – Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich! – Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, edeln Volks anvertrauen, dir! – Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeeren und Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege als glückliche Untertanen zählen. – Wohl mir, daß meine Tage in die deinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Beruhige den Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen, weit mehr!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Weit mehr? Erkläre dich –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Habe ich ein Rätsel gesprochen? – Ich wollte, nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüte sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gelehrt, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir nicht das Gegenteil sich zutragen? Oder vielleicht war auch dieses meine Meinung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen? – Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertraut, des Blutes meiner Untertanen siehst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man deutlicher und gerechter sprechen, als Lessing hier spricht? Deutlicher über den »weibischen Prinzen«, aus dem ein »kriegerischer König« ward? Gerechter über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, aber auch über den völkerfeindlichen Charakter der erobernden Militärkönige? Herr Erich Schmidt aber weiß es natürlich besser. Nach ihm ist Aridäus König Friedrich, und der Protest gegen die »Lorbeeren und das Elend« eines Despotismus, der »mehr Siege als glückliche Untertanen zählt«, erinnert ihn daran, »wie Friedrich II. einen Karl von Schweden nicht bewundern konnte«. Ja, diesen Byzantinern soll mal einer beikommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben den Fabeln und dem Philotas arbeitete Lessing in den Jahren 1758 bis 1760 an einer kritischen Zeitschrift, den »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Sie erschien im Verlage von Nicolai, und dieser Biedermann hat späterhin auch einige dreiste Versuche gemacht, sich als ihren geistigen Urheber aufzuspielen. Doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Lessing den Gedanken der Zeitschrift zuerst gefaßt hat und ihre Seele gewesen ist, solange sie das war, was sie sein sollte: ein ehrliches, kritisches Organ im Gegensatze zu den seichten und auf den gegenseitigen Komplimentierton gestimmten Journalen der Zeit, wie deren eines, die »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, von Moses und Nicolai bisher in Leipzig herausgegeben worden war. Beide beteiligten sich an den Literaturbriefen, Moses für die Kritik der philosophischen Schriften, Nicolai ausdrücklich als Lückenbüßer, aber Lessing zog seine Hand von diesem Pfluge zurück, als er entdeckte, daß damit nach Nicolais würdiger Absicht das Feld einer Berliner Literaturclique beackert werden sollte. Und diese Entdeckung machte er sehr früh. Nur die beiden ersten Bände zeigen das ursprüngliche Verhältnis, 44 Briefe von Lessing, 15 von Moses, 1 von Nicolai; dann schrumpft Lessings Teilnahme schnell zusammen, bis sie im siebenten Bande ganz erlischt; er hat dann nur noch 1765 den dreiundzwanzigsten und letzten Band mit einem Briefe beschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literaturbriefe öffneten dem jungen Herder in den livländischen Hinterwäldern eine neue Welt, aber Goethe und Fichte haben sehr abfällig über sie geurteilt, und eine literarhistorische Bedeutung kann nur ihren ersten Bänden nachgesagt werden. Indessen stehen auch die Beiträge Lessings nicht auf der entsprechenden Höhe über seinen »Briefen« von 1752. Sie räumen gründlich mit einigen schlechten Reimern und Übersetzern auf, aber die kritische Behandlung der damaligen literarischen Größen spinnt nur alte Fäden weiter und nicht immer in der glücklichsten Weise. Gottsched wird noch heftiger, aber nicht gerechter als bisher angegriffen; Klopstocks Odendichtung kommt gar zu schlecht weg, verglichen mit Gleims Kriegspoesie oder Gerstenbergs anakreontischen Tändeleien, und gegen Wieland findet sich gar ein persönlicher Ausfall, wie ihn Lessing später an Klotz so scharf verurteilen sollte. Ganz ungestraft konnte selbst ein Lessing nicht unter den Berliner Philistern leben. Aber einiges aus dem Kampfe seines Lebens ist auch in diesen Blättern enthalten; man muß es nur nicht mit der ästhetischen Brille suchen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieviel Schütteln des Kopfes hat beispielsweise Lessings Satz hervorgerufen, daß der Name eines wahren Geschichtsschreibers nur demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibt! Lessing hat damit aber nicht entfernt eine allgemeine Theorie aufstellen wollen, sondern er spricht einfach als ein scharfsichtiger Vertreter des deutschen Bürgertums, der einerseits Voltaires Geschichtswerke und deren gewaltige Wirkung, andererseits die damals berühmtesten deutschen Geschichtsschreiber vor Augen hatte, von denen Bünau mit seiner Kaiser- und. Reichshistorie bis zum Jahre 918, Mascov aber mit seiner Geschichte der Deutschen bis zum Anfange der fränkischen Monarchie glücklich bis zum Ausgange der Merowinger gelangte. Winckelmann, der zeitweise Hilfsarbeiter von Bünau war, entschuldigte später von Rom aus seine Unkenntnis der ersten Lessingschen Schriften mit den Worten: »Da mein Gehirn mit alten fränkischen Chroniken und Leben der Heiligen angefüllt war.« Gegen diese Entfremdung von den bürgerlichen Interessen der Gegenwart erklärt sich Lessing mit jenem paradoxen Satze; und eben dieser Gesichtspunkt beherrscht den umfangreichsten und wichtigsten Teil seiner Literaturbriefe: die Polemik gegen Klopstock und Wieland. Klopstock gab mit Cramer zusammen in Kopenhagen den »Nordischen Aufseher« heraus, eine nach englischem Muster moralisierende Wochenschrift, worin unter anderem gelehrt wurde, daß man ohne Religion kein rechtschaffener Mann sein könne, während Wieland aus Zürich, wo er unter Bodmers Hände geraten und fromm geworden war, »Empfindungen eines Christen« in die Welt sandte, die neben seraphisch verhimmelnden Gefühlen die weltliche Dichtung in der knabenhaftesten Weise verunglimpften. Das eine wie das andere war für Lessing ein Greuel. Niemand hatte bis dahin die Orthodoxie schärfer angegriffen als er, aber nicht die Orthodoxie als eine bestimmte religiöse Richtung, sondern als ein Organ der sozialen Unterdrückung; jetzt nahm er sogar die Partei der Orthodoxie als einer bestimmten religiösen Richtung, insoweit als eine faule und feige Aufklärung sich über sie zu erheben behauptete, aber die soziale Unterdrückung mindestens ebenso munter handhabte. In den »Empfindungen eines Christen« fiel Wieland über Uz »mit so frommer Galle, mit einem so pietistischen Stolze auf den moralischen Charakter desselben her, brauchte so hämische Waffen, verriet so viel Haß, einen so verabscheuungswürdigen Verfolgungsgeist, daß einen ehrlichen Mann Schauder und Entsetzen darüber befallen mußte«. Und indem Lessing gegen den »Nordischen Aufseher« ausführt: »Die Orthodoxie ist ein Gespötte geworden; man begnügt sich mit einer lieblichen Quintessenz, die man aus dem Christentum gezogen hat, und weichet allem Verdachte der Freidenkerei aus, wenn man von der Religion nur fein enthusiastisch zu schwatzen weiß«, weist er in einer längeren Folge von Briefen sowohl die Halbheit und Zweideutigkeit dieser »lieblichen Quintessenz« gegenüber der Orthodoxie als auch die Sinnlosigkeit der anmaßlichen Behauptung nach, die keinen Mann ohne Religion als rechtschaffen gelten lassen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klopstock und Wieland waren zu tüchtige Naturen, um bei aller augenblicklichen Verstimmung nicht Lessings Kritik zu beherzigen; namentlich von Wieland darf man sagen, daß sie ihn auf den richtigen Weg geleitet hat. Wie aber in unseren Tagen die Arbeiterklasse sich der Liebäugelei mit der Orthodoxie schuldig gemacht haben sollte, weil sie nicht umhinkonnte, die »liebliche Quintessenz vom Christentum«, womit die freisinnigen Nicolaiten das preußische Volksschulgesetz bekämpften, abgeschmackt zu finden, so erboste sich Ehren-Nicolai über Lessings angebliches Eintreten für die Orthodoxie. Es scheint, daß er sich sogar erdreistet hat, als Verleger in Lessings Beiträge für die Literaturbriefe unterdrückend dreinzufahren; mindestens hat er sie nach Lessings Tode in einer hämisch verstümmelten Ausgabe veröffentlicht. Unter der Kontrolle eines bornierten Verlegers zu schreiben, war Lessing nun aber der letzte Mann, und ebensowenig konnte er daran denken, sich den immer dreisteren Ansprüchen der Berliner Clique zu fügen. In seinen Abhandlungen über die Fabel hatte er die Fabeln von Lafontaine und die Fabeltheorie von Batteux kritisiert; nun erhob der edle Ramler ein großes Geschrei, daß Lessing »durch Unterdrückung sich Luft schaffen und Platz machen wolle«, weil – Ramler den Batteux übersetzt und Gleim Fabeln nach dem Muster von Lafontaine gemacht hatte. Gleim beging dazu noch die unglaubliche Sottise, den Philotas in preußische Grenadierverse umzudichten. Dazu mußte der »Erzsachse« jeden Tag »tausend ausschweifende Reden hören«; als Lessing, der die Herausgabe von Gleims Grenadierliedern in Berlin besorgte, den guten Geschmack hatte, die gröbsten Unflätigkeiten zu streichen, schrieb Ramler an Gleim, daß »unser sächsischer Freund« es »doch lieber sehen würde, wenn die Flüche auf die Türken und Persianer gingen als auf seinen Prinzen und seines Prinzen alliierte Kaiserin«. Sulzer wieder bewies auf andere Weise sein wohlwollendes Gemüt gegen Lessing. Die Geschichte hat zwar nicht mehr unmittelbar Lessings Abgang von Berlin beeinflußt, aber sie kennzeichnet jenes Cliquenwesen, das ihn von dannen trieb. Der Propst Süßmilch, dessen literarische Fähigkeit denn doch groß genug war, um Lessings Wert wenigstens zu ahnen, beantragte als Mitglied der Akademie, ihn zum auswärtigen Mitgliede dieser Körperschaft zu wählen. Aber Sulzer widersprach, weil ihm diese Ehre für Lessing zu hoch erschien. Eine »wunderliche Ehre«, wie sogar Ramler an seinen Gleim schrieb; sie wurde gleichzeitig an drei Italiener, einen Franzosen, einen Holländer, einen Schweizer und einen Deutschen erteilt, einen Rat Huber in Kassel, dessen Name an erster Stelle der Liste erschien, während Lessing trotz Sulzers Widerspruch gerade noch an letzter Stelle durchschlüpfte. Lessing wurde von dem Humbug um so peinlicher berührt, als die Akademie die wahrhaft phänomenale, selbst von Nicolai getadelte Unverschämtheit hatte, ihre Ernennungen mit der Begründung zu veröffentlichen, daß sie auf »wiederholtes Ansuchen der Beteiligten«, die schon »seit geraumer Zeit« darum gebeten hätten, erfolgt seien. Am leidlichsten fuhr Lessing noch immer mit dem guten Moses, aber der quälte ihn wieder mit seiner selbstgefälligen Schulmeisterei über Dinge, denen Lessing entwachsen war, sosehr sie für Moses ein großer Fortschritt sein mochten. Moses war stolz darauf, sich aus der Hefe des jüdischen Schachers zur Ehrbarkeit des deutschen Philisters emporgearbeitet zu haben, allein Lessing hatte den deutschen Philister selbst schon ganz und gar ausgezogen. Mit seinen großen Schwächen denn freilich auch seine kleinen Tugenden. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit in den Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens ist niemals Lessings Vorzug gewesen, aber um so mehr mußte es ihn verdrießen, sich darüber gerade von Moses, der den großen Kampf seines Lebens so gar wenig begriff, hofmeistern zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher daher, als daß Lessing sich aus all diesen kleinlichen und peinlichen Verhältnissen im November von 1760 durch einen kühnen Entschluß zu seinem »alten, ehrlichen Tauentzien« in das Kriegslager von Breslau rettete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Breslauer Meisterwerke ==&lt;br /&gt;
In Breslau hat Lessing bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges und noch ein paar Jahre länger gelebt. Es ist die Zeit seines Lebens, über die wir am spärlichsten, durch ein paar Briefe an ihn und von ihm, durch die dürftigen Mitteilungen dieses oder jenes Breslauer Freundes unterrichtet sind. Auch hat er in fünf Jahren nichts veröffentlicht; er wollte sich »eine Zeitlang als ein häßlicher Wurm einspinnen, um wieder als ein glänzender Vogel ans Licht kommen zu können«. So seltsam es erscheint, daß dieser durch und durch bürgerlich gesinnte Mensch sich mitten in das friderizianische Heer stürzte, so begreiflich wird es durch die Unnatur der deutschen Zustände. Simson hatte keinen anderen Zufluchtsort mehr vor den Philistern. In dem ersten Briefe, den Lessing aus Breslau an Ramler richtete, sagt er zur Rechtfertigung seines polnischen Abschieds – er hatte nicht einmal seiner Wirtin gekündigt, geschweige sonst einer Menschenseele seine Absicht verraten – in Form eines Monologs: »Freilich ist es wahr, daß dich eigentlich nichts aus Berlin trieb, daß du die Freunde hier nicht findest, die du da verlassen; daß du weniger Zeit haben wirst, zu studieren. Aber war nicht alles dein freier Wille? Warst du nicht Berlins satt? Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt sein möchten? Daß es bald wieder einmal Zeit sei, mehr unter Menschen als unter Büchern zu leben? Daß man nicht nur den Kopf, sondern nach dem dreißigsten Jahre auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse?« Mit diesem haushälterischen Beweggrunde war es wohl am wenigsten weit her. Lessing war sein Lebtag kein Spartopf, obschon die Pietät gegen seine Eltern, die den Lebensberuf ihres Ältesten darin sahen, daß alle nachgeborenen Söhne des Kamenzer Pfarrhauses, gut ein halbes Dutzend, aus seiner Tasche zu ehrsamen Pastoren und Rektoren erzogen würden, ihn auf den elenden Gelderwerb ein gewisses Augenmerk zu richten zwang. »Ich bin kein Wirt. Die Wahrheit zu sagen, mag ich auch keiner sein«, schreibt er bald nachher an Ramler. Aber er war Berlins satt, und wenn er höflicherweise nur sagt, daß seine dortigen Freunde auch seiner satt sein müßten, so war er ihrer um so satter. Mit ihnen unter Büchern zu hausen und über diese Bücher die kritische Geißel von – Nicolai zu schwingen, das war nach Fichtes derbem, aber wahrem Ausdrucke ein schlechtes, nicht in der besten Gesellschaft betriebenes Geschäft, und deshalb zog Lessing sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je weniger sichere Zeugnisse über Lessings Breslauer Zeit nun aber vorliegen, um so mehr hat sich der Klatsch daran geheftet, der in Goethes »zerstreutem Welt- und Wirtshausleben« noch nachklingt. Es ist vollkommen glaublich, daß Lessing das eine Mal, da es ihm so gut werden sollte, nicht in der erstickenden Luft der Philister zu atmen, das Leben wacker durchgekostet hat. Auch seine Lust am Spiele, über die Moses und Genossen am meisten zeterten, erklärt sich aus seinem überquellenden Lebensdrange. »Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen«, soll er nach seinem brüderlichen Biographen in der Breslauer Zeit gesagt haben; »ich spiele aber aus Grunde so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf; sie befreit mich von einer körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.« Und hiermit steht Lessings spätere Äußerung nicht in Widerspruch, sondern in vollkommenem Einklänge: »Ich werde nicht eher spielen, als bis ich niemanden finden kann, der mir umsonst Gesellschaft leistet. Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde haben.« Lessing spielte nicht um des Gewinnes willen, sondern das drückende Gefühl der geistigen Vereinsamung, das Bedürfnis nach Anregung und Spannung des Geistes trieb ihn an den Spieltisch. Aber deshalb war die Breslauer Zeit Lessings nicht minder nach Fichtes Wort »die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes«, nach seinem eigenen Ausdrucke der Anfang »der ernstlichen Epoche seines Lebens«. Seine »durchaus heterogenen Amtsgeschäfte glitten bei ihm nur auf der Oberfläche dahin«. Auch von ihnen wissen wir wenig; die paar erhaltenen Briefe, die Lessing als Gouvernementssekretär verfaßt hat, handeln von Tauentziens Tafelgeldern, von Auswechselung der Kriegsgefangenen und dergleichen mehr. Unglaubwürdig ist Nicolais zu Ehren Friedrichs aufgestellte Behauptung, daß Lessing die Schließung der Münzkontrakte mit dem Wucherer Ephraim zu besorgen hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen, 2, 134. Vergleiche auch die Anmerkung Nicolais zu Lessings Brief an Moses vom 15 August 1765. Lessings Werke, 20, 1, 197.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tauentzien hatte zwar seit dem Jahre 1760 die Münzangelegenheiten unter sich, aber die Münzverschlechterung war zu sehr die hauptsächlichste Hilfsquelle des Königs, als daß er nicht selbst alles darüber verfügt hätte. Indessen auch wenn Tauentzien noch etwas mitzureden gehabt haben sollte, so wäre das gleiche sicherlich einem Beamten von der Stellung eines Gouvernementssekretärs unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, daß Lessing bei seiner kindlichen Unbeholfenheit in allen kapitalistischen Dingen von dem geriebenen Münzjuden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen worden wäre. Feststeht, daß er bei diesen traurigen Händeln, in denen er schlimmstenfalls nur äußerliche Beihilfe geleistet haben kann, nicht den geringsten unsauberen Gewinn gesucht oder gefunden hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs hat Lessing wohl einmal geklagt, daß »unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden als das anstrengendste Studieren«, aber er hat dann auch wieder die heitersten Briefe aus Breslau geschrieben und sich selbst bezeugt, er sei dort in einem Train zu arbeiten gewesen wie selten. Und gegen gelegentliche Äußerungen des Unmuts legen die großen Werke der Breslauer Periode das schlagendste Zeugnis ab: Der Lessing des Laokoon und der Minna, ist ein anderer Mann als der Lessing der Fabeln und der Literaturbriefe. Zwar ist Laokoon erst 1766, Minna von Barnhelm gar erst 1767 veröffentlicht, aber beide Werke sind in Breslau empfangen worden. In beiden herrscht eine sonnige Stimmung, die wir so weder vor- noch nachher bei Lessing treffen, in beiden entfaltet sich eine Klarheit und Kraft des Gedankens, eine dialektische Meisterschaft der Sprache, die Deutschland bis dahin auch nicht entfernt gekannt hatte und die Lessing selbst wohl noch oft erreichen, aber niemals mehr übertreffen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Namentlich die Komödie wurzelt ganz und gar in Lessings Breslauer Leben. Aus ihm heraus wird sie überhaupt erst verständlich. Wir überlassen es den philologischen Kleinkrämern der bürgerlichen Literaturgeschichte, im einzelnen nachzuweisen, wo Lessing, für diesen dramatischen Bau nach einem seiner eigenen Vergleiche den Kalk gelöscht und die Steine gebrochen habe; er war nun einmal kein schöpferischer Dichter, und wer auf die Jagd nach seinen »Plagiaten« gehen will, weil er aus mancherlei Metall die Schwerter zu schmieden pflegte, mit denen er seine Schlachten schlug, der soll in diesem harmlosen Vergnügen nicht weiter gestört werden. Näher führt es schon zum Ziele, wenn man den Fortschritt der Minna über die Sara festzustellen sucht. Früher als irgendein Franzose hatte Lessing das bürgerliche Trauerspiel der Engländer sozusagen entdeckt, aber er war auch noch ganz in den Banden seiner unmittelbaren Nachahmung hängengeblieben. Inzwischen hatte Diderot diese dramatische Richtung sowohl nationalisiert als auch weitergebildet; er wies zuerst darauf hin, daß die ernsten wenn auch nicht tragischen Konflikte ehrenhafter Charaktere in den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens eine neue und reiche Fundgrube dramatischer Stoffe seien. Lessing wurde nun wieder durch die Praxis wie durch die Theorie Diderots lebhaft angeregt; schon 1760 hatte er das »Theater des Herrn Diderot«, den Natürlichen Sohn und den Hausvater nebst der Abhandlung über die dramatische Dichtkunst in zwei Bänden übersetzt. So lehnt sich die Minna ästhetisch an ein französisches Muster, während sie ihre »Plagiate« vielfach englischen Lustspielen entlehnt oder entlehnen soll. Gleichwohl ist die Minna ein durch und durch deutsches Stück. Denn was kann deutscher sein, als daß die klassische Komödie unseres bürgerlichen Lebens ein – Soldatenstück ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gesichtspunkt ist nach einem Worte Lessings nicht bloß satirisch, sondern treffend. Er trifft das innerste Wesen der Minna. Nur darf man ihn sich von den bürgerlichen Literarhistorikern nicht dahin verpopanzen lassen, daß die Minna den König Friedrich oder den Siebenjährigen Krieg verherrlichen soll. Wir haben gesehen, daß Goethe in einer schwachen Stunde auf diese wunderliche Vorstellung verfallen ist, aber derselbe Goethe hat doch auch wieder an Lessing beklagt, »daß dieser außerordentliche Mensch in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1, 340.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber damit fährt Lessing abermals zu schlecht; etwas ungleich Besseres als die Händel der Sachsen und Preußen oder gar die Verherrlichung Friedrichs wußte er in seiner Minna denn doch zu finden. Zwang ihn die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände, ins soldatische Leben zu greifen, wenn er ernste Konflikte ehrenhafter Charaktere schildern wollte, so wußte er diesem Leben trotzdem die soziale Seite abzugewinnen und auch hier den Kampf gegen soziale Unterdrückung aufzunehmen. Lessings Lustspiel ist so wenig eine Verherrlichung Friedrichs, daß es seinen Despotismus vielmehr da geißelt, wo er am sterblichsten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des Despotismus überhaupt, für jeden unüberwindlichen Widerstand seiner Willkürherrschaft sich durch boshafte Quälereien an den einzelnen Trägern dieses Widerstandes zu rächen. Ins Friderizianische übersetzt heißt das: Je weniger der König an den ökonomischen Grundlagen des preußischen Heeres rütteln konnte, je höher er die adlige Offizierskaste stellen und je sorgfältiger er sie schonen mußte, um so mehr peinigte und quälte er die einzelnen Offiziere. Seine Leistungsfähigkeit in dieser Beziehung erscheint nahezu unglaublich, wenn man seine militärischen Kabinettsordern mustert; um nur eins anzuführen: Wenn er einem Offizier den am liebsten immer verweigerten Urlaub wegen schwerer Krankheit schlechterdings bewilligen mußte, so befriedigte er seine despotische Laune wenigstens dadurch, daß er ihm eine andere Kur verordnete oder ein anderes Bad vorschrieb, als der Arzt getan hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;So mußte der Oberstleutnant v. Gartropp, dem Aachen verordnet war, nach Teplitz, und der Major v. Knoblauch, dem Teplitz verordnet war, nach Aachen gehen. Der dem Archive entnommene Wortlaut der betreffenden Kabinettsordern bei Stadelmann, Aus der Regierungszeit Friedrichs des Großen, 155.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder er jagte ihn einfach aus dem Dienste, wie denn bei jedem geringsten Anlasse, ja bei jeder üblen Stimmung des Königs, namentlich aber bei jeder Revue der einzelne Offizier niemals vor der sofortigen Kassation sicher war. Und wer einmal kasiert war, kam so gut wie niemals wieder ins Heer; es gehörte zu den unverbrüchlichsten Grundsätzen des friderizianischen Despotismus, daß der König nie irren könne, und an der praktischen Betätigung dieses Grundsatzes hat Friedrich auch in den nicht ganz seltenen Fällen festgehalten, in denen er selbst sein Unrecht nachträglich, erkannte. »Meine Armee ist kein Bordell«, war seine stehende Antwort auf alle Gesuche kassierter Offiziere um Wiedereintritt ins Heer, und seine Abweisungen pflegten in demselben Mäße höhnischer zu werden, in welchem, wie bei der Verabschiedung von Blücher und Yorck, das persönliche Ehr- und Rechtsgefühl der einzelnen Offiziere die Ursache ihrer Kassation gewesen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals aber hat der König die preußischen Offiziere raffinierter gequält als vor und nach dem Frieden von Hubertusburg, also gerade als Lessing in dem Heere lebte. Der König hielt im Winter von 1761 auf 1762 sein Winterquartier in Breslau, in mönchischer Einsamkeit, in düsterer Verzweiflung, denn der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen. Da brachte der Tod der Zarin Elisabeth im Januar 1762 die Erlösung. Aber das Gefühl der Erleichterung paarte sich in dem Könige mit einem Gefühl der Beschämung darüber, daß nicht seine Kraft, sondern der Zufall, der einem – Narren auf den russischen Thron geholfen hatte, sein Retter geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In psychologisch leicht verständlicher Rückwirkung kehrte er, soweit seine Macht reichte, den Despoten und Eroberer um so rauher heraus. Er verdarb den abgehetzten Truppen die Erholung der Winterquartiere durch die überflüssigsten Paradekünste; er entzog den Offizieren die sogenannten Douceurgelder, die tatsächlich kein Geschenk, sondern eine meist unentbehrliche Hilfe waren, sich für den neuen Feldzug zu equipieren; er legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte und, als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen. Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, verhängte der König ein anderes Gericht über das Heer. Er jagte alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr brauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein wie der Adel – Riccauts de la Marliniere.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die Quälereien der Truppen in den Winterquartieren von 1761 auf 1762 berichtet als Augenzeuge Archenholtz, Geschichte des Siebenjährigen Krieges, 177 ff. Die Kabinettsordern des Königs an Dyherrn in Sachen der sächsischen Kontribution bei Preuß, Urkundenbuch, 2, 117 ff. Vergleiche auch Eberty, Geschichte des preußischen Staats, 4, 332 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitten in diesen Verhältnissen lebte Lessing, und aus ihnen heraus schrieb er seine Minna von Barnhelm. Es ist recht in der wortklaubenden Kleinmeisterei der bürgerlichen Literaturgeschichte, wenn Herr Erich Schmidt ganz ins Blaue hinein andeutet, daß ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fertigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. Friedrichs Kontributionen waren auch gerade so bescheiden bemessen, daß irgendein armer Teufel von Major nur in die Tasche zu greifen brauchte, um sie bar auf den Tisch zu zahlen. Eher schon läßt es sich hören, daß manche Züge von Kleist auf Tellheim übergegangen sind. Aber man braucht nur die drei Dutzend Kabinettsordern Friedrichs an Dyherrn wegen der Leipziger Kontribution zu lesen, um das Bild Tellheims vor sich zu sehen. Nicht als ob wir damit in den gleichen Fehler wie die bürgerlichen Historiker verfallen und etwa sagen wollten, gerade dieser Fall habe Lessings dramatischen Trieb angeregt. Nein, die Dyherrn und Kleist waren keineswegs weiße Raben unter den preußischen Offizieren des Siebenjährigen Krieges; mehr als einer, ein Marwitz, ein Saldern, hat sich lieber kassieren lassen, als einen königlichen Befehl ausgeführt, der ihm wider Ehre und Reputation ging. Wenn Lessing durch das Elend der deutschen Zustände dazu verdammt war, seine bürgerliche Komödie als Soldatenstück zu schreiben, so hat er doch nicht irgendeinen sagenhaften »Tell« verherrlicht, sondern jenen gar nicht militärischen, sondern sehr bürgerlichen Geist, der auch dem fürstlichen Despotismus in die Zähne hinein unbeugsam an seinem Rechtsbewußtsein festhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Geiste denkt und handelt Tellheim. Ihm sind »die Großen sehr entbehrlich«; »die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten«; er tut »für die Großen aus Neigung wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, sondern alles der eigenen Ehre wegen«. Er kann es höchstens nicht »bereuen, Soldat geworden zu sein«; »ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht, für welche politischen Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden, tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraut zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen.« Soldat sein um des Soldatentums willen, das ist »wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts«. Gewiß: In Tellheim ist der friderizianische Offizier, ist selbst ein Kleist sehr idealisiert; ein gutes Stück Lessing steckt mit darin. Aber er ist eine fertige und geschlossene Gestalt, wie sie noch kein Deutscher auf die Bretter zu stellen gewußt hatte, und was ist das da groß, wenn Lessing in der Fabel seines Lustspiels auch diesen oder jenen kleinen Zug fremden Mustern entlehnt hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und haben denn die bürgerlichen Literarhistoriker die Fabel der Minna überhaupt verstanden? Auf schattenhafte Analogien hin suchen sie ihren Ursprung in Shakespeare, in den spanischen Mantel- und Degenstücken, ja im Plautus, und doch – das Gute lag für diese Patrioten so nahe! Die Fabel der Minna ist nämlich nichts anderes als eine schneidende Satire auf das friderizianische Regiment. Tellheim ist als Major nach dem Friedensschluß abgedankt und obendrein in eine peinliche Untersuchung gezogen worden. Er hatte von einigen thüringischen Ämtern eine Kontribution mit äußerster Strenge bar einzutreiben und, da sie nicht zahlen konnten, die Summe aus eigener Tasche gegen einen Wechsel vorgestreckt. Bei Zeichnung des Friedens wollte er den Wechsel »unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen«, aber »man« erklärte das Papier für ein Geschenk der Stände, weil Tellheim sich mit ihnen auf die niedrigste, eben noch vom Könige gestattete Summe der Kontribution vereinbart hatte. Indessen »man«, nämlich Friedrich, erfährt durch seinen Bruder, daß Tellheim »mehr als unschuldig« ist; er benachrichtigt ihn, daß die Hofstaatskasse Order hat, den bewußten Wechsel auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; er fordert ihn auf, wieder Dienste zu nehmen. Lessing konnte die wirklichen Praktiken des friderizianischen Regiments nicht grimmiger verspotten als durch eine so harmlose Idylle. Die »zu ratihabierenden Schulden«, nachdem Friedrich, wie er selbst viel zu niedrig berechnet, während der sieben Jahre fünfzig Millionen Taler aus Sachsen gepreßt hatte, von denen natürlich nicht ein Pfennig »ratihabiert« wurde; die Bezahlung der »getanen Vorschüsse« aus der Hofstaatskasse, derweil Friedrich jedes Gesuch um Ersatz von Kriegsschäden mit der stereotypen, landbekannten Redensart abzulehnen pflegte, nächstens würde der Petent wohl auch seinen Schaden von der Sintflut her ersetzt haben wollen; endlich die freiwillige Aufforderung des Königs an einen abgedankten Offizier, wieder ins Heer zu treten! »Schlichte Beredsamkeit, gegen die alle Ramlerschen Rodomontaden leerer Schall sind«, findet Herr Erich Schmidt zu Ehren Friedrichs in der Minna. Ja, sehr schlicht, aber auch sehr beredt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich Schlegel hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Charaktere in der Minna »lessingisieren«. Das Wort gilt nicht minder von der Emilia und vom Nathan; Lessing war als Dramatiker höchster Verstand; ihm fehlte die dichterische Phantasie, aus der sich Gestalt auf Gestalt löst und unabhängig von ihrem Schöpfer lebt. Wie der Held, so ist auch die Heldin seines Lustspiels mit seinem Geiste getauft, und die, wie Goethe sagt, »Subalternen« plaudern ganz mit dem Witze ihres Dichters. Aber es ist ein gutes Wort, daß der Zorn den Dichter macht, und wie Lessing in der Emilia einen Winkeldespoten und dessen Höfling, im Nathan einen orthodoxen Eiferer ohne ein Äderchen seines eigenen Geistes zu klassischen Gestalten schuf, so hat er auch in der Minna zwei verächtliche Typen des friderizianischen Despotismus unsterblich gemacht: den windigen Abenteurer von ausländischem Adeligen, um dessentwillen bürgerliches Blut vom deutschen Landesvater gemißhandelt wurde, und ferner den Spion von Wirt. Denn die Wirte, Traiteurs und Eigentümer der Gasthäuser in den großen Städten waren Friedrichs Spitzel, denen er den ganzen oder halben Mietzins zahlte, wofür sie täglich von allen Gesprächen und Zusammenkünften in ihren Räumen und von verdächtigen Persönlichkeiten möglichst auch »einen verläßlichen Protokollauszug« der »bey sich habenden Briefschaften« der Polizei einzureichen hatten. Unsere braven »Naturalisten« werden uns hoffentlich bald die Ihring-Mahlow und Naporra auf die Bühne bringen; mit bloßen Großmäuligkeiten über Lessing als »pseudopoetischen Kompilator« und »plagiatsüchtigen Literaturheros« ist am Ende doch auch noch kein neues Weltalter der deutschen Dichtung eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitgenossen verstanden natürlich das Lustspiel anders, als die bürgerlichen Literarhistoriker es heute auslegen möchten. Nicolai beklagte als »preußischer Untertan« die »vielen Stiche gegen die preußische Regierung«, aber als Döbbelin 1768 die Minna in Berlin auf die Bühne brachte, wurde sie zehnmal hintereinander unter lautem Jubel gespielt. In Hamburg widersetzte sich der preußische Resident Hecht anfangs der Aufführung, und Herr Erich Schmidt schilt ihn deshalb einen »beschränkten Mann«. Ein Glück wenigstens, daß König Friedrich noch viel beschränkter war! Denn hätte er die Minna gelesen oder hätte er gar verstanden, was damit erreicht war, so hätte er ihr dieselbe »schlichte Beredsamkeit« gewidmet wie dem Akakia Voltaires: Er hätte sie auf dem Gendarmenmarkte durch Henkershand verbrennen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Minna von Barnhelm, so darf auch Laokoon als eine Frucht von Lessings Breslauer Leben betrachtet werden. Er ist Bruchstück geblieben wie die meisten Prosaschriften Lessings, denn diesem beweglichen und ruhelosen Geiste war es versagt, in selbstzufriedener Genügsamkeit sich in sich selbst zu bespiegeln, wenn die ihn umgebende Welt sich seinem Rufe versagte. Lieber ließ er seine Waffen verrosten, als daß er nur mit ihnen spielte. Er hatte allen Grund, zu klagen, daß niemand entdecke, wohinaus er mit dem Laokoon wolle, auch der einzige nicht, um den es ihn der Mühe lohne, mit seinem Krame ganz an den Tag zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser einzige war Herder, und es trifft sich, daß der Herder-Biograph kürzer und treffender als alle Lessing-Biographen über den Laokoon urteilt, wenn er sagt, Lessings praktischer Hauptzweck bei der Festsetzung seines Kanons: Handlung ist das eigentliche Wesen der Poesie, sei dahin gegangen, der toten Schilderungssucht der mehr beschreibenden als schildernden, mehr schildernden und bildernden als wirklich lebendig machenden und eindringlich bildgebenden Poesie, der die Zeitgenossen sich überließen, den Todesstreich zu versetzen.&amp;lt;ref&amp;gt;Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 1, 1, 243.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem anscheinend rein ästhetischen und kunstkritischen Werke kämpfte Lessing wie überall für die sozialen Interessen der bürgerlichen Klassen. Konnten diese Klassen ihre Ansprüche zunächst nur auf literarischem Gebiete erheben, so war es nachgerade die höchste Zeit, daß sie endlich kräftigere und männlichere Töne anschlugen, als bis dahin selbst von verhältnismäßig noch so kräftigen und männlichen Dichtern wie Haller und Kleist angeschlagen worden waren. Mit dem Ansingen der farbigen Alpenkräuter und der heiligen Waldesschatten wurde der bürgerliche Schlendrian erst recht eingelullt. Es kam hinzu, daß die Theorie der Schweizer die malende Naturbeschreibung recht eigentlich als das Hauptziel der Dichtung hingestellt hatte und daß auch die seherische Begeisterung, womit Winckelmann die bildende Kunst des Altertums wiederentdeckte und feierte, das deutsche Bürgertum auf einen Irrweg zu locken drohte. Denn was war damit groß anzufangen, solange es diesseits der Alpen antike Originale fast gar nicht und Gipse nicht viel mehr gab?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allen diesen Irrlichtern warnte Lessing in seiner Abhandlung »Über die Grenzen der Malerei und Poesie«, in seinem Laokoon. Goethe sagt, man müsse Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung diese meisterhafte Schrift ausübte, indem sie »uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß«. »Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie ersehnt im rechten Augenblick hervortreten.« Aber wenn wir unter dem eben entwickelten sozialen Gesichtspunkte den Laokoon lesen, so spüren wir doch noch etwas von seiner »Herrlichkeit«. Es liegt wie Morgensonnenschein auf diesen Blättern; so beredt und so beschwingt entwickeln sich die Gedanken, bekämpfen und widerlegen, ergänzen und unterstützen sie sich untereinander. Nirgends ein toter Punkt, überall rasches und volles Leben. Und wie der Inhalt, so die Form. Lessings Stil hat im Laokoon an Geschmeidigkeit und Kraft noch gewonnen, dagegen an Hagerkeit viel verloren; der Gedanke reift und sättigt ihn, und die durchsichtige Klarheit dieser Sprache zeigt ohne Hülle die unverstümmelte Hoheit des Gedankens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der Laokoon als soziale Tat. Als kunstkritischer Kanon erheischt er ein anderes Urteil. Was ihn dort erhebt, muß ihn hier erniedrigen. Es lag schon in der ganzen Tendenz des Torsos, daß er die bildende Kunst gegenüber der Dichtkunst etwas in den Schatten stellen mußte. Aber Lessings Verhältnis zur bildenden Kunst war überhaupt ein ziemlich frostiges. Wenn Winckelmann bei der ersten Lesung des Laokoon sagte: »Lessing schreibt, wie man geschrieben zu haben wünschen möchte«, aber sich später dahin ausließ: »Dieser Mensch hat so wenig Kenntnis, daß ihn keine Antwort bedeuten würde, und es würde leichter sein, einen gesunden Verstand aus der Uckermark zu überführen als einen Universitätswitz, der mit Paradoxen sich hervortun will«, so ist die grobe Äußerung von kleinlichem Neide zwar stark gefärbt, aber doch nicht schlechthin erfunden. Lessing selbst war sich, wie schon der Kunsthistoriker Rumohr bemerkt hat, wohl bewußt, »daß seine Kunstschriften überall nur aus Aufwallungen der Mißbilligung oder des Widerwillens gegen bestimmte Einseitigkeiten oder Verkehrtheiten seiner Zeitgenossen, durchaus nicht aus einem positiven Berufe zur Kunst entstanden waren«. Und zutreffend sagt Justi: »Viele Tatsachen in seinem Leben führen auf die Annahme, daß die Betrachtung von Werken bildender Kunst weder zu seinen Bedürfnissen gehörte noch ihm besonderen Genuß gewährte, ja ihn nur ästhetisch beschäftigt hat.« Und es wird sich auch nicht viel dagegen einwenden lassen, wenn Justi meint, Lessing wäre in Italien, wohin er wiederholt strebte, »vielleicht vor Langerweile gestorben«. Wenigstens kann der Leser des Tagebuchs, das Lessing über seine spätere italienische Reise geführt hat, vor Langerweile sterben. Es ist wahr: Er trat sie äußerlich unter sehr ungünstigen Umständen an, aber bei einem irgend ursprünglichen Interesse an der bildenden Kunst wäre er doch nicht so ganz schweigsam an ihren italienischen Schätzen vorübergegangen, hätte er wenigstens mit einer Silbe verraten, daß er im Vatikan vor jenem antiken Bildwerke gestanden habe, das seiner berühmtesten Kunstschrift den Namen gegeben hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird somit der Laokoon als kunstkritischer Kanon den bildenden Künsten nicht gerecht, verkümmern seine Kunstprinzipien der Geschichts-, der Landschafts-, der Bildnismalerei gar sehr das Leben, so tun sie doch auch der Poesie zuviel und entvölkern in bedenklicher Weise den Parnaß. Wenn Handlung das Wesen der Poesie sein soll, so ist die ganze Lyrik zur Tür hinausgewiesen. Als Anwalt der Dichtkunst trat der junge Herder in seinem Kritischen Wäldchen über den Laokoon mit dem kecken Schlachtrufe auf: »Ich leugne Herrn Lessing viel und in seinem Grunde alles!« Zwar bekannte Herder, auch er hasse nichts so sehr als tote, stillstehende Schilderungssucht, aber als das eigentliche Wesen der Poesie erklärte er nicht Handlung, sondern Kraft. »Kraft, die zwar durch das Ohr geht, aber unmittelbar auf die Seele wirkt; Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung wirkt.« Er verwarf die einseitige Bezugnahme Lessings auf Homer und die einseitige Auslegung Homers durch Lessing. Er tadelte den übertriebenen Gräzismus Lessings wie auch Winckelmanns. Lessings Behauptung, nur die Griechen hätten jenes schöne Gleichgewicht von Empfindung und Tapferkeit gekannt, das die homerischen Helden auszeichne, beseitigte er durch die schlagende Bemerkung, jenes Gleichgewicht eigne nicht einer einzelnen Nation, sondern jeder Nation auf gleicher Kulturstufe. Und wenn Winckelmann freilich schon eine historische Entwicklung des griechischen Schönheitsideals versucht hatte, so warf ihm Herder ein, daß er sich gar zu sehr auf klimatische, auf »Einflüsse des .Himmels« beschränkt und die bei dem allmählichen Werden des Ideals mitwirkenden politischen und religiösen Faktoren übersehen habe. Aber im allgemeinen hielt sich Herder viel näher an Winckelmann als an Lessing; wohinaus dieser wollte, hatte er eben nicht verstanden, und so vielfach treffend seine Kritik des Laokoon war, so sah sie wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Laokoon gruppieren sich zuerst Gegensätze, die auf lange Jahrzehnte hinaus das deutsche Geistesleben beherrschen sollten. Lessing hätte nicht Winckelmanns Kunstgeschichte und noch weniger Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit schreiben können, aber weder Herder noch Winckelmann hatten eine Ahnung von dem edlen und stolzen Klassenbewußtsein, das in Lessings Schriften und namentlich auch im Laokoon lebte. Als Klient eines römischen Kardinals höhnte Winckelmann in gar unwürdiger Weise über Lessing als einen angeblichen »jungen Bärenführer«, und wenn Herder in seinem ersten Kritischen Wäldchen nicht unebenbürtig neben Lessing trat, so führte er in seinem zweiten und dritten einen unwahrhaftigen und zweideutigen Krieg gegen einen elenden Gegner, denselben Kabalenmacher Klotz, den Lessing mit ein paar schnellen und sicheren Streichen erlegte. Es ist der Gegensatz zwischen der historischen und der politischen Weltanschauung, der sich hier ankündigt, ein Gegensatz vielleicht weniger als ein Übergewicht, das die Historie über die Politik davontragen sollte. Herder, nicht Lessing, gewann den entscheidenden Einfluß auf den jungen Goethe, und wieder Goethe riß Schiller, dessen revolutionäre Jugenddramen sich stark an Lessing anlehnten, in seine Bahnen. Nicht zwar, als ob diese Entwicklung von einzelnen Personen abhängig gewesen wäre: Sie wurde vielmehr dadurch verschuldet, daß sich die bürgerlichen Klassen nicht auf die Höhe ihres Vorkämpfers Lessing zu schwingen verstanden, daß Lessing zu jener »schaurigen Einsamkeit« emporgewachsen war, worin er von nun an unter seinen Zeitgenossen leben sollte, daß der Nachwuchs des Bürgertums, soweit er nach geistiger Nahrung lechzte, in der Vergangenheit suchen mußte, was ihm die Gegenwart ein für allemal versagte. Und gewiß hat Lessing wenig oder nichts von dem psychologischen Scharfblick besessen, mit dem Herder in den Stimmen der Völker ihre Seelen zu erkennen verstand. Und wenn heute dumm-pfiffige Streber von dem »ostpreußischen Kolumbus« Herder im Gegensatze zu der »schulmäßigen und unhistorischen Kritik« des »gelehrten Philologen« Lessing schwatzen, so mag doch erinnert werden nicht nur daran, daß Herder selbst immer in ehrlicher Selbsterkenntnis zu dem Manne Lessing emporsah, sondern auch daran, daß nach Herder nicht nur Goethe und wenigstens der weimarische Schiller, sondern auch die ganze Romantik und jene »historische Schule« kamen, von der Karl Marx sagt: »Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses, nur ihr &#039;&#039;a posteriori&#039;&#039; zeigt, die &#039;&#039;historische Rechtsschule&#039;&#039;, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte.« Und erst in dem wissenschaftlichen Sozialismus hat jener bei Lessings Laokoon zuerst aufbrechende Gegensatz seine Versöhnung gefunden, ist die Historie zur Politik, die Politik zur Historie geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir es weniger mit Lessing als mit der Lessing-Legende zu tun haben, und schon pocht Herr Erich Schmidt ungeduldig an unsere Türe, heischend die Erledigung seines geistvollen und tiefsinnigen Orakelspruchs: »Laokoon blieb Torso. Vielleicht wären gar bloße Materialien aus dem Nachlasse auf uns gekommen, wenn Lessing nicht durch eine gewichtige kunstwissenschaftliche Leistung den deutschen Höfen hätte sagen wollen: Hier bin ich.« Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Also nicht bloß die »schlichte Beredsamkeit« der Minna, sondern auch die »kunstwissenschaftliche Leistung« des Laokoon ist diesen akademischen Meistern der Ästhetik und der Literaturgeschichte eine Wurst, geworfen nach der Speckseite eines höfischen Pöstchens. Aber gehen wir mit einigen Worten auf den Nicolaitischen Humbug ein, der dahintersteckt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Frieden von Hubertusburg konnte Lessing nicht lange mehr in Breslau bleiben. Mit dem Kriegsgetümmel war auch das freiere und vollere Leben erloschen, das ihn an die Stadt gefesselt hatte; bei aller Anhänglichkeit an Tauentzien durfte es ihm nicht einfallen, sein Leben lang den subalternen Schreiber eines preußischen Generals zu spielen. Schon im November von 1763 bereitete er seine Eltern darauf vor, daß er auf sein »fixiertes Glück« verzichten und zu seiner »alten Lebensart« zurückkehren werde. Auf ihre Klagen hebt er im Juni 1764 abermals nachdrücklich hervor, daß er seinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben habe und mehr als jemals entschlossen sei, »von aller Bedienung, die nicht vollkommen nach meinem Sinn ist, zu abstrahieren. Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen.« Nicht ohne Grund schlug Lessing diesen bestimmten Ton an. Stets bereit, seinen Eltern alles und noch mehr zu geben, als er selbst besaß, hatte er doch auch immer abgelehnt, der »Sklave eines Amts« zu werden, nur damit seine unfähigen Brüder studieren könnten, und schon vor seiner Übersiedlung nach Breslau hatte er das äußerste Maß seines Entgegenkommens also ausgedrückt: »Trägt man mir ein Amt an, so will ich es annehmen, aber den geringsten Schritt nach einem zu tun, dazu bin ich wo nicht eben zu gewissenhaft, doch viel zu kommode und nachlässig.« Aus seinem Leben in Breslau berichtet dann sein Freund, der Rektor Klose: »Nach dem Hubertusburger Frieden dachte Lessing nun Breslau zu verlassen, ob ihn gleich der General ersuchte, noch länger zu bleiben, auch ihm eine vorteilhafte Bedienung anbot, die er aber von sich wies, weil nach seiner Versicherung der König von Preußen keinen, ohne abhängig zu sein und zu arbeiten, bezahle. Aus eben dem Grunde hatte er die Professur in Königsberg, die ihm vor einigen Jahren angeboten wurde, ausgeschlagen; besonders weil der Professor der Beredsamkeit alle Jahre einen Panegyrikus zu halten verpflichtet wäre.« Vergebens sucht Herr Erich Schmidt, dem es auf einen höfischen Panegyrikus mehr oder weniger nicht ankommt, dies glaubwürdige Zeugnis eines glaubwürdigen Mannes zu bemängeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Frühling von 1765 verließ Lessing dann Breslau, nachdem er sein Amt schon ein paar Monate vorher niedergelegt hatte. Er ging nach Berlin, wie er seinem Vater schrieb, nicht sowohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr bloß, »um meine zerstreuten Sachen allda zusammenzubringen und doch einigermaßen einen locum unde nennen zu können«. Am 4. Juli 1765 schreibt er seinem Vater, daß er vor sechs Wochen in Berlin angelangt sei, und zufällig genau von demselben Tage ist das letzte Blatt der Literaturbriefe datiert, worin Lessing die »ebenso scharfsinnige wie wahre Anmerkung« Meinhards zu der Tatsache hervorhebt, daß die Anzahl der guten Dichter in den vielgepriesenen Mäzenatentagen der Mediceer und Ludwigs XIV. gar so gering gewesen sei, und seinerseits hinzufügt: »Da sie auf den äußerlichen Zustand der deutschen Literatur gewissermaßen angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen einmal zum Schweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen und in dem Ton wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützigen Absichten nur allzu deutlich merkt.« Diese Reihe von Daten und Tatsachen dürfte zur Genüge zeigen, daß Lessing seinen vierten und letzten Aufenthalt in Berlin nicht genommen hat, um eine Anstellung von Friedrich II. zu ergattern, sondern aus den von ihm selbst angegebenen Gründen, wobei unter dem »Zusammenbringen seiner zerstreuten Sachen« wohl die Vollendung des Laokoon und der Minna sowie eine Revision seiner älteren Komödien zu verstehen ist; Laokoon erschien zur Ostermesse 1766, die Minna zur Ostermesse 1767, sowohl in einer besonderen Ausgabe als in einer zweibändigen Sammlung aller Lustspiele, und darnach siedelte Lessing von Berlin nach Hamburg über.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Jahren spielte sich nun die widrige Posse ab, deren passive Helden König Friedrich, Winckelmann und in gewissem Sinne anscheinend, auch Lessing waren, während ihre aktiven Helden in dem Obersten Quintus Icilius, Ehren-Nicolai und etwa auch in Sulzer zu suchen sind. Herr Erich Schmidt nennt den Obersten »wacker«, und es versteht sich darnach, daß er ein ganz schlechter. Kerl war. Er hieß eigentlich Guichard und war mit dem antiken Namen von Friedrich in einer »gnädigen« Laune getauft worden; aus Magdeburg gebürtig, Sohn einer bürgerlichen Hugenottenfamilie, Kommilitone Winckelmanns in Halle, dann militärischer Abenteurer und Schriftsteller, war er im Siebenjährigen Kriege zum Kommandeur eines Freibataillons avanciert, nach dem Frieden aber nicht nur nicht kassiert worden, sondern sogar zur Stelle eines Hofnarren bei Friedrich aufgerückt. Er war das Gegenteil eines Tellheim und rechtfertigte für seine Person das Vorurteil Friedrichs, wonach bürgerliche Offiziere keine Ehre im Leibe haben sollten; er hatte im Jahre 1761 das sächsische Jagdschloß Hubertusburg geplündert, nachdem adlige Offiziere, ein Marwitz und ein Saldern, aus dem Heere geschieden waren, weil sie den zuerst an sie gerichteten Befehl des Königs, eine so ehrlose Handlung zu vollziehen, nicht ausführen wollten. Quintus hatte bei dieser Dieberei ein sehr gutes Geschäft gemacht, und er hat auch später, sogar nach dem Zeugnisse seines Freundes Nicolai, aus den Lotterie- und Regiegeschäften des Königs allerlei eigennützige Gewinste gezogen. Dieser Ehrenmann spielte sich nun aber gleichzeitig als Wortführer der deutschen Literatur bei Friedrich auf, und er will, als der französische Vorsteher der königlichen Bibliothek 1765 gestorben war, erst Lessing und dann Winckelmann und dann wiederum Lessing dem Könige als Ersatzmann vorgeschlagen haben. Wohlgemerkt aber nur nach seinen eigenen Angaben, die dadurch, daß sie uns Nicolais Sprachrohr überliefert hat, weder anmutiger noch glaubwürdiger geworden sind. Indessen insoweit könnte die Sache ganz auf sich beruhen bleiben, wenn nur nicht die bürgerlichen Literarhistoriker behaupteten, daß Lessing durch die Herausgabe des Laokoon die Bemühungen des freibeuterischen Obersten habe unterstützen und durch die Kritik Winckelmanns seine Überlegenheit über diesen Nebenbuhler in der königlichen Gunst habe zeigen wollen, wie sie denn auch aus Friedrichs Ablehnung Lessings Haß gegen das friderizianische System zu erklären versuchen, einen Haß, der, je älter und reifer Lessing wurde, um so schwerer selbst durch die gröbsten Fälscherkunststücke zu verdecken ist.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Um der Gerechtigkeit willen muß allerdings erwähnt werden, daß der gröbste Fälscher dieser Episode kein bürgerlicher Literarhistoriker, sondern – Herr Eugen Dühring ist. Er sagt, Friedrich habe Lessing als Bibliothekar nicht haben wollen, »mit so vielen Judendurchstechereien und Judenaufdringlichkeiten Lessing sich auch offerieren ließ«. »Der Mehrer des Reichs, der auch Mehrer der Einsichten war und selbst als politisch reformatorischer Geist in Gesetzgebung und Verwaltung gelten muß, Friedrich, hat sich in der Schätzung Lessings als wahrer Vertreter der Nation erwiesen.« Siehe Dühring, Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden, 88. Der preußische Staat war wirklich schlecht beraten, als er Herrn Eugen Dühring nicht zum Professor avancieren ließ.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahr ist, daß der königliche Bibliothekar, Geheimer Rat de la Croze, im Februar 1765 gestorben war und daß der König am 25. Juli dieses Jahres den Minister von Dorville beauftragt hatte, einen zur Aufsicht und Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek recht sehr kapablen und in den Wissenschaften geübten Mann allenfalls in Holland aufzusuchen. Es widerspricht nun aber der ganzen Art Friedrichs, daß er neben diesem offiziellen Geschäftsgange noch eine sozusagen offiziöse Unterhandlung durch einen seiner Hofnarren angeknüpft haben soll. Vom ersten Tage seiner Regierung an machte er jedem persönlichen Gesellschafter zur strengsten Bedingung, sich nie in die Geschäfte zu mischen, und was er Jugendfreunden wie Jordan und Kayserlingk, was er Männern wie Maupertuis und Voltaire in seinem frischen Mannesalter bei Strafe seiner sofortigen Ungnade versagt hatte, das soll der argwöhnische und griesgrämige Greis dem von ihm innerlich verachteten und wegen der Hubertusburger Räuberei stets verhöhnten Quintus gewährt haben! Möglich erscheint höchstens, daß der Name Winckelmanns dem Könige nicht ganz unbekannt geblieben ist, denn Winckelmann hatte das von Friedrich angekaufte Gemmenkabinett des Barons Stosch geordnet und katalogisiert. Aber diese Möglichkeit ist erstens entfernt keine Gewißheit; Winckelmann selbst vermutete, daß der König ihn mit einem zeitweise in Rom lebenden ehemaligen Auditeur Ewald aus dem Regimente des Prinzen Heinrich verwechselt habe. Zweitens aber hat sie für den vorliegenden Fall nichts zu bedeuten, da der König schon am Tage vor seiner Kabinettsorder an Dorville das Kabinett der Altertümer und Medaillen von der Bibliothek getrennt und dem Hofrat Stosch unterstellt hatte. Sehr bezeichnend ist nun, daß Quintus, obgleich er vom Könige den für einen Menschen seines Schlags sehr ehrenvollen Auftrag erhalten haben wollte, mit Winckelmann zu unterhandeln, nicht selbst an den alten Universitätsfreund schrieb, sondern durch Nicolai an ihn schreiben ließ. Der Prahler und Wichtigtuer war offenbar auch ein Sicherheitskommissarius und wollte seine Handschrift nicht von sich geben. Nicolai schrieb also im August 1765 an Winckelmann, der König wolle ihn zu seinem Bibliothekar machen. Er, Winckelmann, könne die beträchtlichsten Bedingungen stellen, weil der König ihn hochschätze und längst zu tun gewünscht habe, was er jetzt tue. Quintus gebe ihm zu verstehen, daß der König 1500 bis 2000 Taler zu bewilligen entschlossen sei. Nun geschah das ganz Unerwartete: Winckelmann nahm sofort an und verlangte 2000 Taler; er scheint im ersten Augenblicke den gar absonderlichen, aber durch Nicolais Schreiben erklärlichen Eindruck gehabt zu haben, der König wolle ihm alle Bitternisse seiner Jugend versüßen; er schreibt etwas naiv: »Ich empfinde jetzt mit einem Male, wie mächtig die Liebe des Vaterlandes ist, in welches ich mit den größten Ehren zurückgerufen werde ... Es lässet sich jetzo zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes hören, die mir vorher unbekannt war.« Aber der hinkende Bote kam nach, so schnell wie es der damalige Postenlauf gestattete; Nicolai meldete zurück, der König stoße sich an den 2000 Talern; für einen Deutschen seien 1000 Taler genug. Es ist bekannt, wie beschämt und erbittert Winckelmann durch diese Abweisung wurde, aber es ist noch gar nicht bekannt, daß der König seine schäbige und Winckelmann seine lächerliche Rolle nur gespielt hat, weil die Humbugs Quintus und Nicolai und als Dritter im Bunde anscheinend auch Sulzer es so wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glücke für die Wahrheit pflegen Aufschneider sich im Laufe der Zeit zu verplappern, und wie es sonst immer mit Friedrichs Absichten auf Winckelmann gestanden haben mag: So viel hat Nicolai selbst verraten, daß er in seinem ersten wie in seinem zweiten Briefe an Winckelmann auf Unkosten des Königs geflunkert hat. Nach seinen späteren Mitteilungen, an Daßdorf, den Herausgeber von Winckelmann-Briefen, hatte der König von Anfang an 1000 Taler aus den Fonds der Akademie für Winckelmann ausgeworfen. Dies Gehalt wäre für die damalige Zeit ein ganz anständiges gewesen; es überstieg Winckelmanns römische Einkünfte, und der bisherige französische Bibliothekar hatte nur 600 Taler bezogen. Der König wollte dem Deutschen also nicht weniger, sondern um ein sehr Beträchtliches mehr geben als dem Franzosen. Aber der edle Quintus wünschte – immer nach Nicolai – auch jene 600 Taler seinem Winckelmann noch zuzuwenden und ließ ihm deshalb raten, er möge 2000 Taler fordern, damit er, Quintus, »seinen ihm so wohlwollenden Monarchen« dabei an die 600 Taler bisheriges und durch den Tod de la Crozes erledigtes Bibliothekargehalt erinnern könne. Allein als Winckelmann den Rat befolgte und der König von Quintus erinnert wurde, erklärte Friedrich, über das Gehalt de la Crozes sei schon anderweitig verfügt, und es müsse bei den 1000 Talern aus den Fonds der Akademie sein Bewenden haben. So Nicolai an Daßdorf. Wahrscheinlich hat auch diese Darstellung nichts hinter sich; aber jedenfalls: Wenn Nicolai sie für richtig hielt, so hat er das Angebot des Königs in fälschender Übertreibung an Winckelmann gemeldet, um sich und seinem Freunde Quintus ein Air zu geben, und so hat er die Ablehnung Friedrichs mit einer den König bloßstellenden und Winckelmann schwer verletzenden Erfindung aus freier Faust versehen, um seinen und seines Freundes Quintus Rückzug zu decken.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Winckelmanns Briefe an seine Freunde, herausgegeben von Daßdorf, 2, 164. Freimütige Anmerkungen, 1, 354. In dieser Schrift bestätigt Nicolai die Darstellung Daßdorfs noch ausdrücklich als richtig.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie windig nun aber auch diese Winckelmann-Geschichte sein mag, so ist sie noch ein sehr greifbares Ding, verglichen mit der parallellaufenden Lessing-Geschichte. Nach Nicolai hat Quintus zuerst Lessing als Bibliothekar vorgeschlagen, aber der König soll ihn wegen des »unangenehmen Vorfalls«, den Lessing 1752 mit Voltaire gehabt hatte, abgelehnt haben. Darauf die Verhandlungen mit Winckelmann, nach deren Scheitern Quintus abermals auf Lessing zurückgekommen sein soll. Und zwar nach Nicolais Darstellung mit »Heftigkeit«, in einem »starken Wortwechsel« und indem er schließlich den König, der nicht Lessing, sondern einen Franzosen haben wollte, »ausgelacht« habe. Man verzeihe den Ausdruck, aber einen anderen, der zuträfe, gibt es nicht: Es ist zu dumm. Friedrich ließ sich gerade von seinen Hofnarren mit »Heftigkeit«, mit »starken Wortwechseln«, mit »Auslachen« bedienen. Aber noch mehr! Herr Erich Schmidt bereichert die Literatur dieser Episode mit einem handschriftlichen Zettel des Quintus an Ramler vom 20. April 1765, worin es heißt: »Sie erfreuen mich mit der Aussicht, unseren Herrn Lessingk in Berlin zu besitzen. Ich habe große Absichten auf ihm, die die Ehre unserer Schaubühne betreffen. Vielleicht finden wir ihn geneigt dazu. Seine Majestät kennen ihn und werden ihn unterstützen.« Herr Erich Schmidt teilt dies Fündlein mit ungeheurer Wichtigkeit, aber »ohne Kommentar« mit. Ein Sicherheitskommissarius auch er! Denn der einzige »Kommentar« zu dieser archivalischen Entdeckung kann doch kein anderer sein, als daß Quintus ein Humbug war. Man beachte nur die Daten! Im April 1765, beiläufig zwei Jahre vor der Minna und zehn Jahre nach der Sara, will der König aus edelmütigem Antriebe durch den ihm bekannten »Herrn Lessingk« die Ehre der deutschen Schaubühne retten lassen, die Friedrich bekanntlich aus tiefster Seele verachtete, und höchstens vier Monate später – im August 1765 schreibt Nicolai schon an Winckelmann – will der König von Lessing als Bibliothekar wegen des »unangenehmen Vorfalls mit Voltaire« nichts wissen, »da er ein sehr gutes Gedächtnis hatte und einen einmal gefaßten Eindruck lange behielt«. Herrn Erich Schmidts »philologische Akribie« muß doch einsehen, daß Quintus mindestens einmal gelogen hat, entweder in dem Zettel an Ramler vom April oder in der Mitteilung an Nicolai vom August 1765. Aber wir erlauben uns die Konjektur, daß der Plünderer von Hubertusburg beide Male geschwindelt hat, um sich vor Ramler und Nicolai, den Matadoren der Berliner Literaturclique, als den einflußreichen Ratgeber des Königs in literarischen Fragen aufzuspielen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Folgende eigenhändigen Randschriften Friedrichs werden den Humbug noch näher beleuchten. Als Quintus im Jahre 1764 um Vergütigung des für seine Kompaniechefs bar ausgelegten Geldes ansuchte, antwortete der König: »Seine Offiziers haben wie die Raben gestollen Sie krigen nichts.« Und ferner: Als derselbe Quintus im Jahre 1770 um eine Pension bei der Akademie bat, verfügte der König: »Die academie nimt nicht Leute an deren Bücher So schändlich wie Seine Seindt Critisiret worden.« Es ist wirklich eine zwerchfellerschütternde Vorstellung, daß ein Höfling, der sich schurigeln lassen muß wie Quintus in diesen königlichen Bescheiden, in »einem starken Wortwechsel« den König wegen Mißachtung der deutschen Literatur »ausgelacht« haben soll. Endlich noch folgende urkundlichen Stücke aus Friedrichs Kabinett: »Einer Namens Doehbelin, von der Schuchschen Comödianten Bande zeiget allerunterthänigst an, daß das teutsche Theater zu Berlin unter der üblen und unerfahrenen Direktion des Schuchs ganz in Verfall gerathen und bittet, ihm gegen Erlegung von 100 Spezies Dukaten anstatt der 100 Thaler, so der Schuch jährlich zur Chargenkasse erlegen müsse, das Privilegium, in sämtlichen Königlichen Landen Comödien aufführen zu dürfen, allergnädigst zu ertheilen.« Worauf der König verfügt: »Ob 2 Banden im Landt bestehen können, und ob das Publicum diesen Menschen lieber als Schuch haben will? So bin ich damit zufrieden.« So geschehen im Jahre 1767, also zwei Jahre, nachdem der König angeblich durch »unsern Herrn Lessing« für die »Ehre unserer Schaubühne« sorgen lassen wollte!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unerquicklich, wie es sein mag, sich mit diesem verjährten Klatsche noch zu befassen, so unerläßlich ist es leider. Denn an diesem Punkte kämpft die Lessing-Legende um ihr Haupt und ihr Leben. Es ist vollkommen glaublich, daß wie Winckelmann so auch Lessing von den Gaukeleien der Quintus und Nicolai behelligt worden sein mag; es ist nicht minder glaublich, daß die Art, in der Friedrich abgelehnt haben soll, ihm ein – unerbetenes – Amt anzuvertrauen, ihn erbittert hat. Gerade weil er bei dem Zusammenstoße mit Voltaire nicht ohne Schuld war, mag ihn die zwecklose Aufwärmung eines vergessenen Jugendstreichs mit neuer Abneigung gegen Friedrich und Voltaire erfüllt haben, wie unschuldig daran dieser gewiß und jener so gut wie gewiß war. Solche psychologischen Rückwirkungen sind gerade bei einem starken und tüchtigen Charakter sehr erklärlich. Aber es ist unwahr, daß ein Mann wie Lessing ein Werk wie den Laokoon geschrieben haben soll, um dem preußischen Hofe zu sagen: Hier bin ich, und es ist ebenso unwahr, daß sein mißfälliges Urteil über das friderizianische Preußen aus der Enttäuschung über eine persönliche Hoffnung entsprungen und gar nicht so schlimm gemeint, ja nur ein »Tropfen Galle« in der Bewunderung gewesen sein soll, die er sonst »schlicht und groß« diesem Musterstaate widmete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenüber den angeführten Äußerungen Lessings, worin er seine Abneigung gegen jedes Amt kundgab und das fürstliche Mäzenatentum öffentlich verspottete, just als er angeblich durch Quintus bei Friedrich antichambrierte, gibt es nur zwei Zeilen aus seiner Feder, die eine entgegengesetzte Deutung zulassen. Im Dezember 1767, fast ein Jahr, nachdem er Berlin für immer verlassen hatte, schreibt er seinem Vater: »Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehofft und worauf man mich so lange vertröstet, fehlgeschlagen.« Aber dieser Brief war ein Glückwunschbrief zu des Vaters fünfzigjährigem Amtsjubiläum; Lessing muß in ihm das bittere Geständnis ablegen, daß seine »alte Lebensart« wieder einmal mit einem Krache geendet habe, und so ist ihm die Erinnerung an den Kram der Quintus und Nicolai gerade gut genug, den alten Herrn an seinem Ehrentage darüber zu beruhigen, daß er ein »fixiertes Glück« in Berlin etwa verscherzt habe. Aber Lessing muß nun doch einmal mit dem Laokoon vor Friedrich gedienert haben. Als er nach dem Krach in Hamburg vor dem deutschen Jammer ins Ausland zu fliehen gedachte, kam ihm der Einfall, den Laokoon französisch fortzusetzen, und er machte mit der Übersetzung der Vorrede einen in seinem Nachlaß aufgefundenen Anfang; »wäre es nicht möglich«, fragt nun Herr Erich Schmidt mit seiner tiefsinnigsten Miene, daß dieser Einfall auf einen »älteren Berliner Plan« zurückginge und die »etwas dreiste Versicherung, dem Verfasser sei in derlei Materien das Französische ebenso geläufig als das Deutsche«, für Friedrich berechnet gewesen sei? Oder Lessing bezieht sich im Laokoon auf den Rat des Aristoteles, die Taten Alexanders zu malen, und erläutert, um ja jedes Mißverständnis auszuschließen, diesen Rat als »eine Ermunterung, die bildenden Künstler aus den alten Zeiten zurückzurufen und sie mit Begebenheiten aus der itzigen Zeit zu beschäftigen«: Das bedeutet aber nach Erich Schmidt »nichts anderes«, als daß der dritte Teil des Laokoon »mit einem Mahnruf zur künstlerischen Verherrlichung des Siebenjährigen Krieges und seines Hauptheros schließen« sollte. Ach, Lessing hat seinen Erich Schmidt wirklich geahnt, als er schrieb: »Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Auffassung, die Lessing im Kampfe seines Lebens von dem preußischen Staate gewonnen hat, brauchen wir uns nach unserer bisherigen Darstellung nicht weiter zu äußern. Gerade das Gegenteil von dem »Tropfen Galle« ist richtig: In seiner großdenkenden Weise hat Lessing wohl einmal den persönlichen Eigenschaften Friedrichs einen Tropfen Honig gespendet, aber das preußische System hat er um so tiefer gehaßt, je näher er es kennenlernte. Mit jedem Aufenthalte scheidet er verstimmter aus Berlin, und mit diesem letzten am verstimmtesten. »Was hatt&#039; ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen?« schreibt er im Februar 1767 an Gleim und im November 1768 an Ramler: »Wie kann man auch in Berlin gesund sein? Alles was man da sieht, muß einem ja die Galle ins Geblüt jagen.« Und an Nicolai im August 1769 – wir wollen die Stelle doch lieber vollständig hierhersetzen, da sie Herr Erich Schmidt in seinen zwei dicken, mit Lessing-Zitaten vollgestopften Bänden so fein zu vertuschen weiß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Herder und Winckelmann, so schied Lessing mit einem Fluch und einem Steinwurf aus den preußischen Landen. Nur daß, was jene Jünglinge in heißem Lebensdrange instinktiv empfanden, in diesem Manne zur klaren Erkenntnis gereift war: zu der Erkenntnis nämlich, daß alle Lebensinteressen der bürgerlichen Klassen in Deutschland keinen gefährlicheren und grundsätzlicheren Feind besaßen als den preußischen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Lessing in Hamburg ==&lt;br /&gt;
Im Frühling des Jahres 1767 siedelte Lessing nach Hamburg über; im Frühling des Jahres 1770 verließ er diese Stadt, um den Rest seiner Tage in dem einsamen Wolfenbüttel zu verleben. In diese drei Jahre fallen seine letzten Versuche, die bürgerlichen Klassen unmittelbar zu tatkräftigem Handeln aufzurütteln; all seine männliche Kraft sammelte er in der Hamburgischen Dramaturgie, der Emilia Galotti, den Antiquarischen Briefen. Aber er scheiterte abermals und so, daß nur noch ein Narr etwas von diesem entnervten Bürgertum erwarten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem vernichtenden Schlage, den Leipzigs Wohlstand durch den Siebenjährigen Krieg erhalten hatte, war Hamburg unbestritten die erste Stadt des deutschen Reiches. Wenn es in seiner Unabhängigkeit von Dänemark und Hannover auch wiederholt angefochten wurde, so hatte es von diesen Gegnern nicht viel zu befahren, dank zwei mächtigen Beschützern. Hamburg stand als wichtigster Platz auf dem Kontinente für den Zwischenhandel Englands und Frankreichs in der besonderen Gunst dieser beiden Mächte. Die freieste und reichste Stadt Deutschlands zugleich die vom Auslande abhängigste: In diesem ökonomisch-politischen Zusammenhange, an den die bürgerlichen Literarhistoriker auch nicht einmal im Traume denken, wurzeln Lessings Schicksale in Hamburg. Wie mußte ihn der Ruf locken, den Hamburger Theaterfreunde an ihn richteten, das Amt eines beratenden und mitleitenden Kritikers an einem in großem Stile geplanten »Nationaltheater« zu übernehmen! Ihn, der immer in der Bühne die einzige Tribüne der bürgerlichen Klassen erblickt hatte, wie sie es denn auch war. Ihn, der noch in den Literaturbriefen geklagt hatte: Wir haben kein Theater, wir haben keine Schauspieler, wir haben kein Publikum. Keine Schrift Lessings atmet ein so festes Selbstvertrauen, eine so feste Zuversicht wie die Hamburgische Dramaturgie in ihren ersten Stücken. Unter dem frischen Eindrucke seiner Berliner Erfahrungen spricht er von jenen Philistern, die, weil sie sich selbst am besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten erblicken; er preist den Ort glücklich, wo diese Elenden den Ton nicht angeben, weil die größere Anzahl wohlgesinnter Bürger nicht gestattet, daß patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen Aberwitzes werden, und er fügt hinzu: »So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Wohlstande und seiner Freiheit gelegen, denn es verdient, so glücklich zu sein.« Die Freiheit und der Wohlstand Hamburgs erweckten in ihm die Hoffnung, daß auf keinem anderen Flecke deutscher Erde das bürgerliche Klassenbewußtsein so hoch entwickelt sein würde wie hier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Freiheit und der Wohlstand Plamburgs waren abhängig von der Gunst fremder Mächte, und ihre Voraussetzung war demgemäß die nationale Zerrissenheit, die jedes bürgerliche Klassenbewußtsein im Keime zerstören mußte. Der Bürgerstolz der alten Hansestadt beruhte nur noch auf der »satten Tugend und zahlungsfähigen Moral«; er war kapitalistischen, nicht revolutionären Ursprungs, wie es so schön in dem wenig später entstandenen Hamburger Freiheits- und Nationalliede heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir ruhen sanft auf federreichen Betten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und achten nicht der Tyrannei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch schreckliche Enttäuschung mußte da Lessings harren! Und in der Tat – die »Hamburgische Theaterentreprise« zählte ihr Dasein nur nach Monaten, und dies kurze Leben war nichts weniger als auf Rosen gebettet. Keine Schrift Lessings sprudelt denn auch so über von ätzenden Sarkasmen wie die Dramaturgie in ihren letzten Stücken, bei deren Erscheinen das Theater längst aufgeflogen war. »Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter. Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen.« Die verlotterte Reichsverfassung ein noch stärkeres Band der nationalen Einheit als das Selbstbewußtsein der bürgerlichen Klassen: Es war die beißendste Kritik des deutschen Elends. Und nicht weniger scharf über Hamburg selbst: »Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden, und soviel ich diesen Ort nun habe kennenlernen, dürfte es auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird.« So Lessing angesichts der Luftspringer und der Seiltänzer, die sich auf denselben Brettern tummelten, von denen er vertrieben worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als unter diesen sozialen Gesichtspunkten kann die Dramaturgie überhaupt nicht verstanden werden. Sie ist keine für alle Zeiten gültige Lehre der dramatischen Dichtkunst. In den Händen der ästhetischen Beschränktheit hat diese feine und geschmeidige Damaszenerklinge viel Unheil angerichtet: Wie oft ist der arme Lessing selbst mit ihr gefuchtelt worden! Bald in absichtlichem Übel-, bald, was noch gefährlicher war, in mißverstandenem Wohlwollen. Er, dem nichts ferner lag als sinnloser Chauvinismus, soll in der Dramaturgie das Banner der deutschen gegen die französische Kunst aufgeworfen, soll das französische Drama als solches vernichtet haben, um das deutsche Drama »auf der Spur des Griechen und des Briten« einem »besseren Rühme« entgegenzuführen. So, wie Schiller die Sache meinte, mag man sie sich zwar gefallen lassen, obwohl er sich stärker, als es Lessing jemals getan hat, in den Worten ausdrückte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus seiner Kunst spricht kein lebend&#039;ger Geist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schiller rechtfertigte gerade durch seine Stanzen, daß Voltaires »Mahomet« in Goethes Übersetzung auf die Weimarer Bühne kam, und er stellte nur Lessings schon damals durch einen lächerlich übertriebenen Teutonismus verdorbene Meinung wieder her, wenn er auch den »Franken« einen »Führer zum Besseren« nennt, der da kommen möge,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu reinigen die oft entweihte Szene&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum würd&#039;gen Sitz der alten Melpomene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewiß war Lessings Dramaturgie die höchste nationale Kundgebung, die Deutschland seit Huttens Pamphleten gesehen hatte. Nur ist der nationale Standpunkt immer bestimmt durch die sozialen Interessen der einzelnen Klassen, die ihn vertreten, wie bei Hutten der deutschen Ritterschaft, so bei Lessing des deutschen Bürgertums. Ihm fiel es gar nicht ein, mit Corneille und Racine auch Molière und Destouches in die Pfanne zu hauen oder mit dem höfischen Trauerspieldichter Voltaire auch den bürgerlichen Lustspieldichter Voltaire über Bord zu werfen. Wie alle Ideologie, so wird die ästhetische und literarische Kritik in letzter Instanz bestimmt durch die jeweilige ökonomische Struktur der Gesellschaft. Auf den vorliegenden Fäll angewandt: heißt das: Wenn wir unter wesentlich veränderten ökonomischen Zuständen zu mannigfach anderen ästhetischen und literarischen Auffassungen gelangt sind, so dürfen wir Lessings Dramaturgie weder als eine unfehlbare Offenbarung noch als eine fehlerhafte Stilübung betrachten, sondern wir müssen sie unter dem sozialen Gesichtspunkte betrachten, unter den sie historisch gehört. Dann aber gibt es nicht leicht eine genußreichere Lektüre als diese Blätter, namentlich in ihrer ersten Hälfte, die Lessing schrieb, als sein Interesse für die Bühne noch nicht erlahmt war; alle anscheinenden Dunkelheiten und Widersprüche lösen sich spielend, und man sieht überall bis auf den klaren Grund eines männlichen und tapferen Geistes; dem die Kunst der Bühne kein müßiges Spiel, sondern wie alle Kunst ein Hebel menschlicher Kultur ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das deutsche Elend zwang jedes »Nationaltheater«, hauptsächlich vom Drama des Auslandes zu zehren. Mit ein paar mittelmäßigen oder schlechten Stücken von Chronegk, Weiße, Elias Schlegel ließ sich kein anziehendes Repertoire herstellen, mit Lessings Sara und Minna wenigstens noch kein abwechslungsreiches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Drama des Auslandes stand aber das französische weitaus in erster Reihe seit Gottscheds Bemühungen und auch durch die Fülle der Übersetzungen. Hier schuf erst Lessings Dramaturgie einen gewissen Wandel. Sie selbst hatte noch in erster Reihe mit der französischen Dramatik abzurechnen, und so hielt denn Lessing sein berühmtes Strafgericht über die höfische Tragödie der Franzosen, die, nach Deutschland übertragen, das reine Gift für die bürgerlichen Klassen werden mußte. Von diesem Standpunkt aus verkannte er, daß Corneille und Racine, um die Klassiker eines großen Volkes werden zu können, doch auch irgendwie im nationalen Boden gehaftet haben mußten; er übersah, daß ihre Tragödien reich an theatralischen Spielen und für die Mitlebenden voll starker Spannung waren; er machte sich lustig über die »Scheusale« von Weibern, die Corneille gern schildert, und doch hatten die Zeitgenossen des Dichters diese »Scheusale« in den Prinzessinnen der Fronde eben lebendig gesehen.&amp;lt;ref&amp;gt;Einige gute Bemerkungen hierüber bei Karl Frenzel, Berliner Dramaturgie, 1, 12 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel einseitiger noch als gegen Corneille und in der Tat nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit, die sich aus den Berliner Erlebnissen mit Freund Nicolai erklärt, geht Lessing gegen Voltaire als Tragödiendichter vor, einseitiger schon deshalb, weil Voltaire auch in der Tragödie bereits eine gewisse Reaktion gegen die höfischen Muster von Corneille und Racine eingeleitet hatte. Aber im Wesen der Sache hat Lessing mit dem Kampfe gegen die französische Tragödie darum nicht weniger das Richtige getroffen, denn welche Wurzeln sie einmal in einem bestimmten historischen Boden gehabt haben mochte: dies Vorbild war deshalb nicht weniger verhängnisvoll für die bürgerliche Kunst in Deutschland, und als ihr Vorkämpfer, nicht als ein über den Wolken, über allen Völkern und Zeiten thronender Kritiker, derengleichen es überhaupt niemals gegeben hat, spricht Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar könnte es scheinen, als hätte er gerade in der Dramaturgie den Aristoteles als so einen für alle Ewigkeit unfehlbaren Kunstrichter hingestellt. Allein auch hier muß man zu unterscheiden verstehen. Corneille hatte die höfische Tragödie auf die Regeln des Aristoteles begründet; es war der letzte Nachklang der Verhunzung, durch die der alte Grieche zum kanonischen Philosophen des Mittelalters geworden war. Lessing räumte damit gründlich auf; er setzte dem falsch verstandenen den richtig verstandenen Aristoteles gegenüber, der das Wesen der dramatischen Dichtkunst aus den unzähligen Meisterwerken der griechischen Bühne abstrahiert habe. Er setzte also tatsächlich die griechische der französischen Tragödie entgegen, wie er denn niemals müde geworden ist zu wiederholen, daß nicht die Regeln das Genie machen, sondern das Genie die Regeln, und daß jede Regel in jedem Augenblicke durch das Genie aufgehoben werden kann. Im Triumphe seiner siegreichen Polemik macht er dann zwar die übermütige Bemerkung, die Dichtkunst des Aristoteles sei so unfehlbar wie mathematische Wahrheiten, und er wolle nach ihr jedes Stück des großen Corneille besser machen, als dieser es gemacht habe. Aber er fügt sofort hinzu, daß er deshalb noch lange kein Corneille sein und noch lange kein Meisterstück gemacht haben würde, und er hatte schon in den Literaturbriefen darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem griechischen Muster Shakespeare ein weit größerer tragischer Dichter sei als Corneille, obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt habe, daß der Engländer den Zweck der Tragödie fast immer erreiche, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch wähle, der Franzose aber niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betrete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So erkennt Lessing durchaus die historische Bedingtheit jeder Ästhetik, und wenn er für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit theoretisch auch noch nicht auf den tiefsten Grund dieser Bedingtheit zu dringen weiß, so hat er doch praktisch durch sein überaus fein entwickeltes Klassenbewußtsein gezeigt, wo dieser Grund zu suchen ist. Es ist vollkommen richtig, daß Lessing zuerst in Deutschland mit klarstem Nachdruck auf die dichterische Größe Shakespeares aufmerksam gemacht hat; namentlich in der Dramaturgie feiert er sie in einer Reihe wundervoller Vergleiche. Aber er stellt immer nur die historische Tragödie Shakespeares den historischen Tragödien der Franzosen gegenüber, und es ist vollkommen unrichtig, von Lessing die deutsche Shakespearomanie abzuleiten. Ihr geistiger Vater war vielmehr Herder, und wie Herder an bürgerlichem Klassenbewußtsein weit hinter Lessing zurückstand, so hat Lessing das Feldgeschrei: Shakespeare und kein Ende! mit größtem Mißbehagen als eine Ablenkung der bürgerlichen Klassen von dem empfunden, was not tat. Schon in der Dramaturgie warnt er davor, Shakespeare nachahmen zu wollen, warnt er davor, »geblendet von dem plötzlichen Strahle der Wahrheit in einigen englischen Stücken, an den Rand eines anderen Abgrundes zurückzuprallen«. Nicht die historische Tragödie, sondern das bürgerliche Schauspiel ist das dramatische Ideal dieses Kunstrichters; Diderot, nicht Shakespeare ist sein Mann. Niemand, der die Dramaturgie wirklich gelesen hat, kann darüber im Zweifel sein, und das französische Lustspiel setzt Lessing nun gar ebenso entschieden über das englische wie die englische Tragödie über die französische. Angesichts dieser Tatsache bleibe man doch mit der Ästhetik als einer rein geistigen Erscheinung lieber zu Hause. Als ob Lessing nicht gewußt hätte, daß es, rein ästhetisch genommen, lächerlich ist, den Dramatiker Diderot mit dem Dramatiker Shakespeare in einem Atem zu nennen! Als ob er sich nicht selbst, wenigstens mittelbar, gegen diese Gleichstellung verwahrt hätte, denn er denkt nicht daran, die dichterischen Ehrenqualitäten, die er in so reicher Fülle auf Shakespeare häuft, an Diderot auszuteilen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn die Ästhetik auch nur zu dem ideologischen Überbau der jeweiligen Klassenkämpfe gehört, so liegt der Zusammenhang völlig klar da. Shakespeare war kein höfischer, indessen noch viel weniger ein bürgerlicher Dichter; er hat wohl gelegentlich in seinem Heinrich VIII. dem Hofe gehuldigt, aber wenn er einen Bürgermeister von London auftreten läßt, so zeigt er ihn unwandelbar in lächerlichem oder verächtlichem Lichte. Begreiflich genug, denn die Puritaner haßten unbarmherzig das Theater, und der Hof gewährte ihm einen gewissen Schutz. Dagegen fand es seine wahren Wurzeln in einer aristokratischen, aber kräftigen und männlichen Jugend, die in einer mächtig aufstrebenden Zeit, bei einem weltweit sich öffnenden Horizonte trotz alledem noch die führende Klasse eines großen Volkes war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die Frage: Für wen dichtete Shakespeare? handelt vortrefflich Rümelin, Shakespeare-Studien, 34 ff. Unter den bürgerlichen Literarhistorikern ist Rümelin am weitesten vorgedrungen in der Erkenntnis, daß die Dichter nicht vom Himmel schneien und in den Wolken wandeln, sondern wie andere Menschen in den Klassenkämpfen ihrer Zeit leben und schaffen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Shakespeares Trauerspielen tönte die Brandung der See, während in Corneilles Tragödien die Wasserkünste von Versailles rauschten, allein was sollte Shakespeares Muster für Deutschland, dessen Aristokratie geistig und körperlich gleich verkommen war? So wies Lessing für das Schau- und Trauerspiel unbeirrt auf das bürgerliche Drama der Engländer und Franzosen hin. Aber das französische Lustspiel war dem englischen um so viel mehr überlegen, als in ihm die bürgerliche Opposition, die in England längst ihr Parlament und ihre Presse besaß, noch ihre ganze geistige Kraft zusammenfaßte. Shakespeares Lustspiele nun gar bewegten sich, eben wegen der feindlichen Stellung des Dichters zu den bürgerlichen Klassen seiner Zeit, in einer feen- und märchenhaften, mindestens in einer abenteuerlich-romantischen Welt – mit einer einzigen Ausnahme, den Weibern von Windsor. In dieser schwachen Komödie, aber weltgeschichtlichen Satire schilderte Shakespeare den verlumpten Ritter, der sich schon von den Weibern des Bürgertums prellen lassen muß, aber was sollte dies Muster wiederum dem deutschen Bürgertum, dessen Weiber in ihrer großen Masse noch immer keine höhere Ehre kannten, als von verlumpten Despoten geprellt zu werden?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es würde eine eigene Abhandlung erfordern, im einzelnen nachzuweisen, wie die bürgerliche Ästhetik in Deutschland seit Lessings Tagen immer wieder durch das bürgerliche Klasseninteresse gestaltet worden ist. Doch können wir uns nicht versagen, ein erläuterndes Beispiel beizubringen. Gustav Freytag, der klassische Mann der bürgerlichen Literatur zur Zeit, als die deutsche Bourgeoisie aus ihrer idealistischen in ihre mammonistische Epoche hinüberwechselte, schreibt in seiner Technik des Dramas, 57: »Wenn vollends ein Dichter die Kunst dazu entwürdigen wollte, soziale Verbildungen des wirklichen Lebens, Tyrannei der Reichen, die gequälte Lage Gedrückter, die Stellung der Armen, welche von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, polemisch und tendenzvoll für Handlung eines Dramas zu verwerten, so würde er durch solche Arbeit wahrscheinlich das Interesse seiner Zuschauer lebhaft erregen, aber diese Teilnahme würde am Ende des Stücks in einer quälenden Verstimmung untergehen. Die Schilderung der Gemütsprozesse eines gemeinen Verbrechers gehört in den Saal des Schwurgerichts, die Sorge um Besserung der armen und gedrückten Klassen soll ein wichtiger Teil unserer praktischen Interessen im Leben sein, die Muse der Kunst ist keine barmherzige Schwester.« Freytag vertritt darnach gegenüber der arbeitenden Klasse etwa denselben ästhetischen Standpunkt wie Gottsched gegenüber der bürgerlichen. Man erkennt aus diesen Sätzen auch, wie Freytag aus dem idealistischen Zeitalter der deutschen Bourgeoisie in das mammonistische hinübermausert. Er ist noch ehrlich genug, anzuerkennen, daß die Armen von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, aber er verschmäht doch auch schon den unfeinen Kunstgriff nicht, im Leben der arbeitenden Klassen nichts als einen Gegenstand der Armen- und Krankenpflege zu sehen. Das war vor einem Menschenalter, und wie hat sich seitdem die Szene abermals geändert! Der Mammonismus der Bourgeoisie hat völlig unter ihrem Idealismus gesiegt, und die berühmteste Dichtung unserer Tage, der rührende Roman der Spar-Agnes, schildert den Überschwang von Freude und Lust, den die Armen von der heutigen Gesellschaft empfangen, während die »revolutionären« Poetlein der Bourgeoisie alle möglichen »sozialen Verbindungen«, Bordelle, Schnapskneipen und Zuchthäuser, in die »Kunst« entleeren.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Shakespeare hat die Weiber von Windsor schwerlich als historische Satire schreiben wollen; es wäre das einzige Mal gewesen, daß er die Ritterschaft zu Ehren des Bürgertums verhöhnt hätte, und nach einer alten Sage soll sein einziges bürgerliches Lustspiel durch einen sehr harmlosen Anlaß entstanden sein, durch den Wunsch der Königin Elisabeth, den wackeren Sir John auch einmal als Liebhaber zu sehen. Aber der Dichter denkt und die Zeit lenkt; als Lessing 1757 in Leipzig den ersten Plan zu seiner bürgerlichen Virginia, zur Emilia Galotti faßte, ahnte er wenig, welche furchtbare Satire auf die deutschen Zustände des achtzehnten Jahrhunderts die Nachwelt in der Katastrophe seines dramatischen Meisterstücks erblicken würde, in der flehentlichen Bitte der Tochter an den eigenen Vater, sie zu morden, da sie ihr Blut, ihre Sinne fürchte im Kampfe mit den lüsternen Bewerbungen des Despoten, der eben an der Schwelle des Altars durch feigen Meuchelmord den Geliebten ihres Herzens hatte morden lassen. Es ist die Achillesferse des Trauerspiels, die der Dichter schon mit Unbehagen erkannte und die mißgünstige Krittler von jeher verspottet, aber auch sachliche Kritiker von jeher getadelt haben. Sie ist nun einmal nicht zu beseitigen, auch nicht durch die wohlwollende Auslegung Goethes, die vielmehr der ganzen Tragödie den Rücken bricht, es sei nur nicht deutlich genug ausgesprochen, daß Emilia den Prinzen heimlich liebe. Wenn Emilia den Prinzen heimlich liebte, dann wäre der alte Odoardo kein tragischer Held; dann tötete er die Tochter, um ihre anatomische Unschuld zu sichern oder den Prinzen um seine sichere Beute zu betrügen, und Lessing läßt ihn wohlweislich in seinem letzten Monologe sagen, daß, wenn das Pärchen einverstanden wäre, die Tochter nicht wert sein würde, vom Dolche des Vaters zu fallen. Nein, Emilia liebt den Prinzen nicht, soll ihn nach des Dichters Absicht nicht lieben, aber daß sie und ihr Vater dennoch vor der Despotenwillkür und – der eigenen Fürstenfürchtigkeit keine Rettung wissen als den Mord der Tochter durch den Vater, das ist jenes Gräßliche, das weder Furcht noch Mitleid erregen und das, wie Lessing im 79. Stück der Dramaturgie an der Hand von Aristoteles so überzeugend auseinandergesetzt hat, keine tragische Wirkung haben kann, auch wenn es in der Geschichte begründet ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tragisch läßt sich der Ausgang der Emilia nicht begründen, und zwar deshalb nicht, weil er sich historisch nur allzugut begründen läßt. Darin haben all die berühmten Kritiker von Friedrich Schlegel bis zu Friedrich Vischer entschieden unrecht, daß sie die Emilia vom historischen Standpunkt anfechten als die künstliche Übertragung einer Tat rauher Römertugend in moderne Zustände. Mit Recht hat schon Stahr hervorgehoben, daß Lessing aus des römischen Historikers bekannter Erzählung von der Virginia nichts entnommen habe als die Tatsache, daß ein Vater seine Tochter töte, um ihre jungfräuliche Ehre vor der Vergewaltigung eines Tyrannen zu retten. Oder noch genauer: In der berühmten Erzählung des Livius erkannte der junge Lessing zuerst die empörendste und erschütterndste Begleiterscheinung der sozialen Unterdrückung, die Vergewaltigung der jungfräulichen Ehre, die im achtzehnten Jahrhundert so modern war wie vor zweitausend Jahren, wie sie heute noch ist und wie sie immer sein wird, solange soziale Unterdrückung besteht. Lessing bewährte seinen sozialen Scharfblick, wenn ihm jenes tragische Moment in seiner weltgeschichtlichen Allgemeinheit unendlich viel bedeutsamer erschien als der einzelne Fall, der den zufälligen Anstoß zu einer politischen Umwälzung gegeben hatte. Eine »bürgerliche Virginia« wollte er schreiben, weil »das Schicksal einer Tochter, die von ihrem Vater umgebracht wird, dem ihre Tugend werter ist als ihr Leben, für sich schon tragisch genug und fähig genug ist, die ganze Seele zu erschüttern, wenn auch gleich kein Umsturz der ganzen Staatsverfassung darauf folgte«. Lessing verflachte den Fall der Virginia nicht, wie Dühring behauptet, sondern er vertiefte ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein bürgerlicher Dichter, der im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts eine bürgerliche Virginia schreiben wollte, mußte denn nun freilich wohl um einen tragisch versöhnenden Ausgang verlegen sein. Hatte doch eben erst in Lessings sächsischer Heimat ein adliges Haus seiner Tochter ein Hochzeitsfest ausgerichtet, weil der angestammte Despot sie zu einer seiner Mätressen erkor. Auf deutschem Boden wuchs weder eine Emilia noch ein Odoardo; hier forderte das vielleicht tragischeste Motiv der Weltgeschichte viel eher einen Aristophanes als einen Sophokles heraus. Aber Lessing hätte nicht der Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sein müssen, um über ihre Schmach nicht viel mehr zürnen als spotten zu sollen. So mußte er, um die psychologischen Voraussetzungen seiner Fabel zu retten, die Handlung aus der langweilig-liederlichen Philisterwelt des Vaterlandes in das heißblütigere Volk zurückverlegen, aus dem. die römische Virginia entsprossen war. Indessen die sozialen Lebensformen sind unter sonst gleichen Voraussetzungen niemals an die nationalen Schlagbäume gebunden; in dem zersplitterten Italien herrschte der Duodezdespotismus nicht minder als in dem zersplitterten Deutschland. Unter feineren und gebildeteren Formen gewiß, dank der alten Kultur des Landes, wie denn der Prinz von Guastalla und sein Kammerherr Marinelli noch ungleich andere Leute sind als der durchschnittliche deutsche Landesvater und sein Hofmarschall Kalb. Aber im Wesen der Sache blieb der Duodezdespotismus überall, was er war und was er sein mußte; eine Sühne für seine grotesk-schaurigen Schandtaten gab es nicht, und so anfechtbar immer die Tragik der Emilia erscheint, sie wurzelte in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, worin Lessings Gestalten leben und weben. Über diese Schranke konnte der Dichter nicht hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder Faser ist Emilia Galotti von zeitgenössischem Geiste durchtränkt. Und wenn Vischer meint, sie sei »purer Reflexion« entsprungen, so ist vielmehr Lessing dem Genie niemals so nahegekommen wie in ihr. Gestalten wie die Gräfin Orsina, der Prinz von Guastalla stehen noch heute einsam in unserer dramatischen Literatur. Und ach! mit seinem Herzblute hat Lessing ihnen unsterbliches Leben eingehaucht. Wie oft sollte er selbst noch von dem tragischen Witze der Orsina zehren! Wie treffend, Zug um Zug, hatte er vorahnend in dem Prinzen jenen fürstlichen Buben gezeichnet, der ihm selbst das letzte Jahrzehnt seines Lebens zur marternden Folter machen sollte! Die namhaften Zeitgenossen verstanden sofort den sozialen Gehalt der Tragödie. Herder nannte den Verfasser einen »ganzen Mann« und wollte der Emilia das Motto: Discite moniti! vorgesetzt wissen; Goethe sah in ihr den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft«, und noch in späten Jahren pries er sie als ein vortreffliches Werk, ein Stück voller Verstand, voll Weisheit, voll tiefer Blicke in die Welt, das überhaupt eine ungeheure Kultur ausspreche, »gegen die wir jetzt schon wieder Barbaren« sind, und das zu jeder Zeit als neu erscheinen müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emilia Galotti war die Tat zu den Gedanken der Dramaturgie; sie gehört in die Hamburger Zeit Lessings, obschon ihr erster Entwurf bis 1757 zurückreicht und ihre Veröffentlichung erst in das Jahr 1772 fällt. Ein halbes Menschenalter hat sich Lessing mit dem Stoffe getragen und – soviel Arbeit um ein Leichentuch! Einzelne begeisterte Rufe begrüßten das Werk, aber die große Masse der deutschen Philister, der platte Unverstand der Berliner Clique voran, blieb kühl oder stumm, und Lessing erklärte bald, er gebe sich alle Mühe, das Stück zu vergessen. Sogar Herder und Goethe haben mit ihrer Anerkennung geschwankt, haben gelegentlich auch wieder sehr abfällige Urteile über die Emilia gefällt. Überaus merkwürdig ist Schillers Stellung zu dem Trauerspiele. Zur Zeit seines Verkehrs mit Goethe hegte er nach dessen Zeugnis einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Emilia, und doch fußen auf ihr seine revolutionären Jugenddramen, wie schon Jakob Grimm hervorgehoben hat, bis auf einzelne Charaktere und Motive, ja einzelne Redewendungen. In dieser wechselnden Stellung Schillers zur Emilia spiegelt sich ein entscheidender Rückschritt unserer klassischen Literatur, ohne daß damit ein persönlicher Vorwurf gegen Schiller verbunden werden darf. Er hat brav gehungert, so brav, daß er nur eben nicht verhungerte, und wenn wir ihm aufrichtigen Dank wissen müssen, daß er doch lieber nicht zu Ehren des deutschen Philisters verhungern, sondern ein bei alledem herrliches Bruchstück seines Genius der Nachwelt retten wollte, so müssen wir uns auch bescheiden, daß aus dem Dichter von »Kabale und Liebe« der Dichter des »Don Carlos« wurde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nicht Schiller ist deshalb anzuklagen, aber Herr Otto Brahm, Schiller, 2, 1, 79, fälscht die Geschichte, wenn er den Übergang von dem ehrlichen Proletarierzorne des Musikus Miller zu den sentimentalen Schwafeleien des Marquis Posa Schillers »bedeutsamsten Schritt« nennt, »die Vorstellungen seiner Jugend zu überwinden: Nicht mehr Kritik des Bestehenden spricht er aus, sondern er gelangt dazu, die positiven Forderungen der Zukunft zu formulieren.« Man sieht: Der arme Schiller wird von seinem Biographen mit denselben elenden Redensarten eingeseift, mit denen die »Edelsten und Besten« den Verrat des bürgerlichen Idealismus an die schnödeste Interessenpolitik zu beschönigen suchen. Natürlich weiß Herr Otto Brahm auch, von dem »Verständnis« zu berichten, das Marquis Posa gerade in der »preußischen Hauptstadt« gefunden habe; er schreibt: »Der junge König selbst, Friedrich Wilhelm II., nahm Interesse an der Aufführung, und weil in jenen ersten Zeiten seines Herrschertums Pläne zum Besten der Menschheit ihn noch erfüllten, sah er dem Auftritte zwischen Philipp und Posa voll Teilnahme zu.« I der Tausend! Don Carlos wurde im Sommer 1787 vollendet. Damals zählte der »junge König«, geboren 1744, gerade 43 Jahre. Zur Regierung gelangte er am 17. August 1786. Zwölf Tage später schreibt der Augenzeuge Mirabeau: »Der König scheint seinen Gewohnheiten entsagen zu wollen, was die Sache ohne Zweifel sehr hoch anfangen heißt. Er legt sich um 10 Uhr zu Bette und steht um 4 Uhr wieder auf. Wenn er ausdauert, so wird er das einzige Beispiel sein, fast dreißigjährige Angewohnheiten abgelegt zu haben.« Sechs Wochen später berichtigt Mirabeau seine Ansicht wie folgt: »Ich urteilte damals dem Scheine nach. Freilich verschwand der König um 10 Uhr, und jedermann glaubte, daß er zu Bett sei, während er im Innern des Palastes bis tief in die Nacht hinein sardanapalische Feste feierte.« Und am 1. Januar 1787 schreibt Mirabeau: »Von Tag zu Tag steigt die Verachtung gegen den neuen König. Man ist schon über die Bestürzung hinweg, die der Verachtung vorhergeht.« Und nun erwäge man das Epochemachende der Eroberung, die Marquis Posa, indem er die »positiven Forderungen der Zukunft formuliert.«, ein halbes Jahr später an diesem »jungen König« und dessen »Plänen für das Beste der Menschheit« macht. Aber ist denn wirklich kein akademisches Sesselchen für Herrn Otto Brahm frei?&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je einsamer es um Lessing wurde, um so stärker wucherte das Cliquenwesen in der deutschen Literatur auf. Vor allem im Preußischen. Der Literaturclique in Berlin trat eine andere in Halle gegenüber, der »Allgemeinen Bibliothek« von Nicolai die »Deutsche Bibliothek« des Geheimbderats Klotz. Anfangs waren Nicolai und Klotz gute Freunde, dann kamen sie auseinander, nicht um ernste Fragen, sondern weil der eine den andern schlecht rezensiert hatte oder der andere von dem einen sich für schlecht rezensiert hielt. In diesen Quark sich zu mischen, hat heute gar kein Interesse mehr. Lessing stand dem einen so fern wie dem anderen, aber während der kritische Diktator von Berlin die Tatze des Löwen kannte und mit sauersüßer Miene um sie scharwenzelte, war der kritische Diktator von Halle unklug genug, den Löwen erst in seinem Katzenwinkel schmeicheln zu wollen und, als er damit abblitzte, ihn dreist an der Mähne zu zupfen. Lessing war nun gerade in der Laune, sich von dem akademischen Scharlatan der ersten preußischen Universität, einem Nichtswisser und Streber, der es ebendeshalb zu der vielleicht glänzendsten Stellung gebracht hatte, die je ein Universitätslehrer unter dem König Friedrich bekleidet hat, hudeln zu lassen. Auf die hämischen und sinnlosen Glossen, mit denen Klotz den Laokoon angefallen hatte, antwortete er mit den Antiquarischen Briefen. Über die eigentlichen darin verhandelten Streitfragen brauchen wir nicht günstiger zu urteilen, als Lessing selbst urteilte, wenn er schrieb: »Es läßt sich doch bei dem Bettel zu wenig denken, als daß man nicht manchmal auf sich selbst darüber ärgerlich werden sollte.« Der größte Teil der Antiquarischen Briefe ist heute nicht mehr zu lesen. Der bleibende Gewinn des Streites sind neben der schönen Abhandlung: Wie die Alten den Tod gebildet, die ihm wenigstens mittelbar ihr Dasein verdankt, die sieben letzten Briefe des zweiten Teils. Hier zeichnet Lessing das Treiben der Klotzischen Clique mit meisterhaften Zügen, mit Zügen, die typisch geworden sind für das Treiben jeder literarischen Clique. Sein furchtbares Strafgericht vernichtete wohl den Klotz, aber – den Klotzianismus hat er nicht vernichtet, sondern nur klassisch geschildert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing selbst hatte davon schon wenigstens eine Ahnung. Er fühlte, wie allein er stand; er schrieb die berühmten Worte: »Ich bin wahrlich nur eine Mühle und kein Riese. Da stehe ich auf meinem Platze, ganz außer dem Dorfe, auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mahle ich es ab, es mag sein, mit welchem Winde es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Fingerbreit mehr, als gerade meine Flügel zu ihrem Umlaufe brauchen. Nur diesen Umlauf lasse man ihnen frei. Mücken können dazwischen hinschwärmen, aber mutwillige Buben müssen nicht alle Augenblicke sich darunter durchjagen wollen; noch weniger muß sie eine Hand hemmen wollen, die nicht stärker ist als der Wind, der mich umtreibt. Wen meine Flügel mit in die Luft schleudern, der hat es sich selbst zuzuschreiben. Auch kann ich ihn nicht sanfter niedersetzen, als er fällt.« So war es. Klotz fiel und brach alle Rippen, aber der Klotzianismus ließ die Mühle auf ihrem einsamen Sandhügel stehen und rottete sich um so fester zusammen. Die schönen Geister in Deutschland stöhnten über Lessings Grobheit, wovon sich noch in Goethes »Dichtung und Wahrheit« ein häßlicher Nachklang findet; die Clique von Berlin seufzte in stillem Mitleid mit der Clique von Halle; der berühmte Philolog Reiske beglückwünschte zwar brieflich den »großen Lessing«, aber mit dem naiven Zusätze, er dünke sich zu gut, seine Hände mit so unedlem Blute zu besudeln, und wenn Herder auch gegen Klotz vorging, so geschah es anonym und in so kläglicher Weise, daß diese Bundesgenossenschaft eher den Angreifer bloßstellte als den Angegriffenen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Lessing ahnte, erkennen wir heute klar. Solange die bürgerlichen Klassen kein politisches Selbstbewußtsein haben, muß ihre Literatur immer in Cliquenwesen ausarten; sie muß es um so mehr, je stärker die bürgerliche Politik in kapitalistischer Interessenwirtschaft verseucht. Lessing gegen Klotz, Goethe und Schiller in den »Xenien«, Platens und Heines literarische Kämpfe bis herab auf Lassalles Pamphlet gegen Julian Schmidt – luftreinigende Gewitter in der Tat, aber was hilft die augenblickliche Reinigung der Luft, wenn der stagnierende Sumpf bleibt, der die Luft sofort mit neuen Miasmen schwängert? Der Klotzianismus ist niemals ausgestorben und wuchert heute ärger als je in den bürgerlichen Klassen dank der bürgerlichen Dummheit und Feigheit, die Lessing schon im Kampfe gegen Klotz verließ und verriet, wie sie alle, die nach ihm kamen, verlassen und verraten hat, einfach weil sie sich selbst umbringen müßte, wenn sie den Klotzianismus töten wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So war in Hamburg der Boden unter Lessings Füßen verschwunden. Das Nationaltheater war aufgeflogen; eine Buchhandlung, die er mit seinem Freunde Bode gegründet hatte, war am Nachdrucke, dieser herrlichen Blüte der deutschen Fürstenherrlichkeit, untergegangen und eben hieran auch die Dramaturgie. Nunmehr gedachte Lessing dies angenehme und dankbare Vaterland zu verlassen. Seit dem Herbste des Jahres 1768 betrieb er den Plan seiner Übersiedlung nach Italien, und niemand machte Miene, ihn zu halten. Nicolai sah die »Gründe vollkommen« ein und kicherte zwischen den Zeilen ein vergnügtes: Glück auf die Reise! Der großen Masse der bürgerlichen Klassen gab der drohende Verlust ihres ersten Mannes nur willkommenen Stoff zu eifrigem Klatschen darüber, daß Lessing der Nachfolger des ein paar Monate früher in Triest ermordeten Winckelmann werden wolle. Über dieses elende Geschwätz scheint sich Lessing mehr geärgert zu haben, als sich lohnte. Er hatte Winckelmanns Tod mit dem schönen Worte betrauert, daß er ihm gern ein paar Jahre von seinem Leben geschenkt haben würde, freilich auch hinzugesetzt: »Das kommt aber daraus, wenn man Kaiser besucht und Schätze sammeln will.« Noch bitterer läßt er sich unter dem Eindruck jenes Klatsches über Winckelmanns Klientelschaft bei dem Kardinal Albani aus, als Slosch ihm durch Nicolai Empfehlungsschreiben nach Rom anbieten ließ. Er denkt keinen Gebrauch davon zu machen; »was ich zu sehen und wie ich zu leben gedenke, das kann ich ohne Kardinäle«. Aber der italienische Reiseplan zerschlug sich, und Lessing ging als Bibliothekar nach Wolfenbüttel. Einige Freunde in Braunschweig hatten sich endlich doch aufgerafft und ihm dies Angebot vermittelt. Was ihn bewog, es anzunehmen, läßt sich nicht mehr mit völliger Sicherheit feststellen. Doch ist die Annahme gestattet, daß die Liebe zu Frau Eva König, seiner späteren Gattin, das entscheidende Gewicht in die Waagschale geworfen hat. Zwar lebte ihr Gatte noch, als Lessing schon mit Braunschweig abgeschlossen hatte, aber er zögerte und zögerte mit der Übersiedlung, und erst als Eva Königs Hand durch den Tod ihres Gatten frei geworden war, tat er den verhängnisvollen Schritt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IX. Die Leidensjahre in Wolfenbüttel ==&lt;br /&gt;
Lessing zählte bereits über vierzig Jahre, als er in die Dienste des Herzogs von Braunschweig trat. Über zwanzig Jahre hatte er dem deutschen Jammer eine unabhängige Stellung abzuringen gesucht, ehe er den stolzen Nacken unter ein fürstliches Joch beugte. Aber obgleich es mehr geschah, um einer geliebten und unglücklichen, an Charakter und Geist ihm ebenbürtigen Frau als um sich selbst ein Stückchen häuslichen Glücks zu retten, so lag doch darin, daß dieser geborene Kämpfer sich einmal nach der beschaulichen Ruhe des deutschen Philisters sehnte, die tragische Verkettung seines Lebens. Der »alte Sperling auf dem Dache« wurde ein Vogel im Käfige; zuckend in wilder Qual mußte er fürstlicher Tücke stillehalten, und das ersehnte Glück streifte ihn in grausamer Ironie nur »wie ein Sonnenstrahl, der den Fittich eines vorüberfliegenden Vogels vergoldet«. Lessing litt für seine Größe, wie Heine sagt, und Lessing selbst hat in der düstersten Stunde seines Lebens seine Schuld wie sein Schicksal in die bitteren Worte gekleidet: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.« Sein Leben in Wolfenbüttel war ein langsames Sterben, ein Todeskampf von elf Jahren; es ist jammervoll zu sehen, wie diese unverwüstliche Kraft von dem Elend der deutschen Zustände allmählich zerrieben wird, und es ist auch wieder erhebend zu sehen, wie glorreich sie den hoffnungslosen Kampf bis zum letzten Ende kämpft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolfenbüttel war eine Kleinstadt von ein paar Tausend Einwohnern, mit einigen melancholischen Überresten ehemaliger Hofherrlichkeit, ungesund gelegen, ohne alle geistigen Anregungen bis auf die altberühmte Bibliothek selbst. Die paar Bürokraten und Geistlichen, die sich in die Bevölkerung von kleinen Ackerhauern und Handwerkern mischten, waren kaum zu rechnen. Zum mindesten nicht für Lessing, dessen Ansprüche an Menschen- und Weltverkehr selbst in Städten wie Breslau, Berlin, Hamburg nicht befriedigt worden waren und nun in Wolfenbüttel die grausamste Enttäuschung erfuhren. Im Laokoon hatte er es einen »großen, vortrefflichen Sinn« genannt, wenn dem Philoktet des Sophokles die Gesellschaft von Bösewichtern lieber gewesen wäre als gar keine; nun schreibt er an Gleim: »Besser ist, unter noch so bösen Menschen leben als fern von allen Menschen. Besser ist, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen lassen, als in einer Meerstille mitten auf der See verschmachten.« Seine Briefe an Eva König und seinen Bruder Karl quellen über von ähnlichen wilden Ausbrüchen einer Verzweiflung, deren schärfster Stachel dann freilich von der Hand eines bösen Menschen gespitzt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn das war der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Er vornehmlich hatte Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel betriebenem das braunschweigische Ländchen mit dem Namen des ersten deutschen Schriftstellers zu schmücken. Gerade gebildet genug, um zu verstehen, wer Lessing war, empfand er um so stärker den despotischen Kitzel, den freiesten Geist von Deutschland zu martern. Er war ein Neffe Friedrichs II. und wollte gar gerne nach dessen Muster den aufgeklärten Despoten spielen. Aber Neffe und Oheim glichen sich doch nur wie Jena und Roßbach. So in der jämmerlichsten Französelei ertrunken war Friedrich lange nicht, um sich wie der Erbprinz an seiner eigenen Tafel sagen zu lassen: »Seltsam, gnädiger Herr, Sie sind der einzige Fremde unter uns.« Und vor allem einer Infamie wie des massenhaften Verkaufs von Landeskindern war Friedrich völlig unfähig; gegenüber solchen Schurkereien des deutschen Duodezdespotismus stand der preußische König allerdings in einer Reihe mit den Großen unserer klassischen Literatur. Und kein ärgerer Fleck haftet auf der höfischen Geschichtsschreibung, wie sie heute an den deutschen Bibliotheken und Universitäten ihr unholdes Wesen treibt, als daß sie selbst diesen niederträchtigsten Fürstenfrevel, von dem die Weltgeschichte zu erzählen weiß, zu beschönigen sucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dreimal hat der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand seinen Menschenschacher getrieben. Im Jahre 1776 verkaufte er 4300 Mann an England für den Krieg mit den amerikanischen Kolonien, im Jahre 1788 3000 Mann an die niederländischen Generalstaaten, im Jahre 1795 wieder an England 1900 Mann. Verweilen wir ein wenig ausführlicher nur bei den ersten und berüchtigtsten dieser, wie Herr Erich Schmidt sagt, »Finanzreformen«! Am 9. Januar 1776 schloß der englische Oberst William Faucit mit dem braunschweigischen Minister Feronce den Vertrag ab, wonach der Herzog von Braunschweig sich verbindlich machte, ein Korps von insgesamt 4300 Mann Infanterie und leichter Kavallerie zur Verfügung der englischen Regierung zu stellen, wogegen sich diese zu einer Subsidie verpflichtete, die vom Tage der Unterzeichnung des Vertrages beginnen und einfach sein, das heißt auf 64 500 deutsche Taler jährlich steigen sollte, solange die Truppen den englischen Sold genossen. Von der Zeit an, wo die Truppen aufhörten, den Sold zu beziehen, sollte die Subsidie verdoppelt werden und also auf 129 000 Taler steigen, und diese doppelte Subsidie sollte zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen nach Deutschland fortdauern. Ferner erhielt der Herzog für jeden Mann ein jährliches Werbegeld von 30 Talern und als Entschädigung, für jeden Getöteten 40 Taler, endlich ebensoviel für je drei Verwundete.&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe den Artikel: Feronce v. Rothenkreuz in der Allgemeinen deutschen Biographie, 6, 767 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die verkauften Truppen kämpften über sieben Jahre in Amerika. Sie erhielten aus Braunschweig jährlich Nachschub an Ersatzmannschaften, und zwar stellt sich die Rechnung so:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Braunschweig verkaufte im Jahre 1776&lt;br /&gt;
|4300&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Ersatzmannschaften&lt;br /&gt;
|im&lt;br /&gt;
|März 1777&lt;br /&gt;
|224&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1778&lt;br /&gt;
|475&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1779&lt;br /&gt;
|286&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Mai 1780&lt;br /&gt;
|266&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1782&lt;br /&gt;
|172&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|_________&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|5723&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Davon kehrten im Herbste 1783 zurück&lt;br /&gt;
|2708&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Also Verlust&lt;br /&gt;
|3015&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Indessen würde man Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig allzu hoch taxieren, wenn man annehmen wollte, daß diese 3015 von ihm gemordeten Landeskinder alle auf dem Schlachtfelde geblieben seien. Der elende Bube befahl vielmehr, die Krüppel und Verwundeten hilflos in Amerika zurückzulassen. Er schlug also für seine Wollüste einen dreifachen Profit aus diesen unglücklichen Menschen: Erst verkaufte er ihren gesunden Leib, dann ließ er sich für ihren verletzten Leib entschädigen, und endlich sparte er Invalidensold, indem er die Erwerbsunfähigen in der Fremde verkommen ließ. Was Wunder, daß er bei dieser glorreichen »Finanzreform« über fünf Millionen Taler Bargewinn einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlözer, Staatsanzeigen, 6, 421. Vergleiche ferner den Artikel: Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig in der Allgemeinen deutschen Biographie, 15, 272 ff. Schlözer gibt nach urkundlichen Quellen den Gesamtprofit des Herzogs auf 780 000 Pfund Sterling an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und alle diese Scheußlichkeiten, zu deren gebührender Kennzeichnung nicht einmal der unparlamentarische Sprachschatz ausreicht, werden heutzutage von willigen Federn einer sogenannten »Wissenschaft« beschönigt! Fast noch eifriger als von dem Lessing-Biographen Erich Schmidt beschönigt von Lessings Nachfolger an der Bibliothek von Wolfenbüttel, von Herrn O. v. Heinemann. »Solche Subsidienverträge«, schreibt dieser kundige Thebaner, »waren damals nichts Ungewöhnliches und erregten keineswegs den Abscheu, den man ihnen später hat zuschreiben wollen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Heinemann, Geschichte von Braunschweig und Hannover, 3, 296.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts Ungewöhnliches, freilich nicht, denn der Menschenschacher war ja die ökonomische Grundlage des deutschen Duodezdespotismus, aber was den Abscheu anbetrifft? Kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel denn wirklich nicht König Friedrichs Schriften? Oder kennt er nicht Schillers »Kabale und Liebe«? Oder kennt er nicht Schubarts herrliches Lied: Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark? Oder kennt er nicht Herders wuchtige Verse:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie sind in ihrer Herren Dienst&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hündisch treu, sie lassen willig sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Mississippi und Ohiostrom,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Kanada und nach dem Mohrenfel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verkaufen. Stirbt der Sklave, streicht der Herr&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Sold ein, doch die Witwe darbt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. Nun,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schadet nicht, der Fürst braucht einen Schatz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel nicht die Verhandlungen des englischen Parlaments über den von ihm beschönigten Menschenschacher? Führen wir nur zwei Stimmen daraus an! Der Herzog von Richmond erklärte 1776 im Oberhause, daß, wenn der Vertrag mit den deutschen Fürsten von gegenseitiger Hilfeleistung und Bundesgenossenschaft spreche, dies lediglich Redensarten seien. Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes als ein schändlicher Handel um Mietsknechte, die gleich soundso viel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein anderes Interesse verbinde die beiden abschließenden Teile als die bare Zahlung von Geld. Und im Unterhause setzte Lord Irnham auseinander, die deutschen Fürsten seien nicht befugt, solche Verträge abzuschließen. Sie seien dem Kaiser Gehorsam schuldig und hätten keineswegs das Recht, ihr Land einer Sache zuliebe zu entvölkern, die mit dem Reiche nicht das geringste zu tun habe, dagegen das Reich in den Augen der Menschen verächtlich machen müsse als eine Pflanzschule von Menschen, die zur Aufrechterhaltung der Willkür vermietet würden. Weiß der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel wirklich gar nichts von allen diesen Kundgebungen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder kennt er nur allein aus der ganzen zeitgenössischen Literatur die einsame Stimme des charakterlosen Speichelleckers Johannes v. Müller, der, als er 1781 Professor in Kassel geworden war, in seiner Antrittsrede den Menschenhandel seines nunmehrigen Landesvaters zu verteidigen die dreiste Stirne besaß? Aber dann sollte der Bibliothekar von Wolfenbüttel doch auch wissen, daß Müller schon in den »Dornenstücken«, einer der Entgegnungen auf Goethes und Schillers »Xenien«, also keineswegs aus den höchsten Schichten der damaligen Literatur, die grobe und treffende Abfertigung erhielt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer kann es sehn und hören, wie noch stets&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dienst- und Menschenhandel bei uns gilt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und selbst ein Schweizer diese Schandtat frech&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Redefloskeln zu bedecken sucht!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, wie tief gesunken das deutsche Bürgertum in seiner Masse vor hundert Jahren auch noch immer war: In den bodenlosen Abgrund der Speichelleckerei, worin seine heutige »Wissenschaft« sich wälzt, war es noch lange, lange nicht gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel sagt nun aber weiter, die verkauften Truppen hätten nicht aus Landeskindern bestanden, sondern aus allerlei fremdem Gesindel, denen die Gefühle und Gesinnungen, die man ihnen heute zuschreibe, ganz fremd gewesen seien. Natürlich! Als die von dem hohenzollernschen Markgrafen von Ansbach verkauften Truppen bei ihrer Verschleppung in Ochsenfurt meuterten und ihr Kriegsherr höchst eigenhändig die Büchse auf sie anlegte, da waren Vater und Kinder gegenseitig von den zärtlichsten »Gefühlen und Gesinnungen« gegeneinander beseelt. Und nun gar der Herzog von Braunschweig ließ die Truppen, die er an England vermietete, erst in den entlegensten Ecken und Enden der Welt anwerben; lieber ließ er seinen Blutprofit in den Rauchfang gehen, ehe er einem braunschweigischen Landeskinde ein Haar krümmte; nächstens wird der Bibliothekar von Wolfenbüttel wohl auch noch das prächtige Invalidenhotel entdecken, das der Herzog den auf seinen Befehl in Amerika zurückgelassenen Krüppeln und Lahmen in New York erbauen ließ. Stellen wir einem solchen Gesalbader der bürgerlichen »Wissenschaft« einfach die klare Schilderung eines ehrlichen Soldaten gegenüber! Jahns schreibt über diesen Menschenschacher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Haustruppen stellten die eigentliche Waffenmacht der deutschen Stände dar; ihr Reichskontingent aber setzten diese seltener aus jenen regulären Abteilungen zusammen als vielmehr aus der ›Miliz‹, dem ungeübten, bürgerwehrartigen Aufgebote. Was aber noch schlimmer und schändlicher erscheint, das ist der Umstand, daß die stehenden Truppenkörper, anstatt vaterländischen Interessen dienstbar zu werden, nur allzubald von Fürsten und Landständen als Gegenstand der Geldspekulation betrachtet wurden. Während das Reich sich mit den jämmerlichen Kontingenten behelfen mußte, seine Armee zum Spott Europas ward, wurden die guten stehenden Truppen fremden Interessen dienstbar gemacht: Der Soldatenhandel nahm gerade in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts seinen höchsten Aufschwung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die teils freiwillig geworbenen, teils in empörender Weise gepreßten, teils aus ›kantonpflichtigen‹ Landeskindern zusammengesetzten Regimenter wurden von Sachsen, von Hessen-Kassel, von Braunschweig, von Ansbach und Bayreuth, von Anhalt, von Hanau, von Waldeck, von Württemberg für sogenannte ›Subsidien‹ an Venedig, Dänemark, England oder Holland vermietet, um in Morea oder Schottland, in Kanada, am Kap der Guten Hoffnung oder in Indien zu fechten und zu sterben. Es ist Spiegelfechterei, wenn man zugunsten dieses Verhallens vorgibt: Hessen-Kassel habe in Amerika für die Ruhe des protestantischen Europa gekämpft, die durch den Abfall der Neu-Engländer bedroht gewesen sei. Für welches Ideal fochten dann die von Venedig geworbenen Sachsen im Peloponnes oder die den Holländern vermieteten Schwaben ›im heißen Afrika‹? Man überlasse doch solche Beschönigungen den Franzosen, die ja bekanntlich stets combattent pour une idée.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist ganz wacker gesprochen, und nur den Hieb gegen die Franzosen hätte sich Jahns sparen können; die Zeiten, da wir Deutsche hochmütig auf französische Geschichtsklitterungen herabsehen durften, sind längst vorbei, wenn sie überhaupt jemals waren.&amp;lt;ref&amp;gt;Jähns, 3, 2208.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich hat der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel noch einen Trost. Er behauptet, die englischen Subsidien seien in Braunschweig »einzig und allein« zur Abzahlung der »erdrückenden Landesschuld« von fast zwölf Millionen Taler verwandt worden; nichts davon sei, »soviel man wisse«, in die herzoglichen Kassen geflossen. Nun war die »erdrückende Landesschuld« durch die wahnsinnige Wirtschaft des Hofes entstanden, und es wäre an sich schon ein mäßiges Verdienst, sie durch die Verschacherung der Bevölkerung wieder zu tilgen. Aber davon abgesehen – es ist doch merkwürdig, daß ein Geschichtsschreiber, dem die braunschweigischen Archive offenstanden, in demselben Atemzuge erst mit »einzig und allein« bekräftigt und dann vorsichtigerweise mit »soviel man wisse« abschwächt. Die Lösung dieses Rätsels findet man in einem andern bürgerlichen Schriftsteller, in Sybels »Geschichte der Revolutionszeit«. Sybel hat gleichfalls Zutritt zu den braunschweigischen Archiven gehabt und stellt aus den Akten namentlich der Kammerkasse fest, daß die knauserige Finanzkunst des Herzogs durch Unterlassung auch der nötigen Ausgaben der Zukunft des Landes geschadet habe; er fügt hinzu: »Sparsamkeit war sein einziges Mittel; die amerikanischen Subsidien spielten eine geringe Rolle bei der Schuldentilgung.«&amp;lt;ref&amp;gt;Sybel, 1, 469.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch wäre mit den mehr als fünf Millionen Talern Subsidien etwa die Hälfte der »erdrückenden Landesschuld« zu tilgen gewesen. Man kann übrigens an diesem Beispiele sehen, was es mit der Zuverlässigkeit der vielgefeierten »archivalischen« Geschichtsschreibung auf sich hat. Heinemann erwähnt den Subsidienvertrag, aber dafür geht er über die Akten der Kammerkasse mit einer »Spiegelfechterei« hinweg; Sybel erwähnt die Akten der Kammerkasse, aber dafür geht er über den Subsidienvertrag mit einer »Spiegelfechterei« hinweg. Denn wie soll man es anders nennen, wenn er preisend hervorhebt, daß der Herzog von Braunschweig »trotz allen Feldherrnruhms fast keinen Soldaten« gehalten habe? Das war doch abermals ein recht mäßiges Verdienst, denn abgesehen davon, daß ein braunschweigisches Regiment in preußischen Diensten stand, woher sollte der Herzog noch Soldaten für den eigenen Hausbedarf nehmen, wenn er die braunschweigischen Kantonisten bis zu dem ungeheuerlichen Satze von drei bis vier Prozent der Bevölkerung an England und Holland verkaufte? Oder gehört es auch schon zu den unsterblichen Verdiensten dieses Fürsten, daß er Lessing nicht zum Grenadier preßte und vor den Türen seiner Mätressen schildern ließ?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die eine Seite in der glorreichen Tätigkeit dieses deutschen Fürsten etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie im Grunde schon den ganzen Menschen erschöpfend kennzeichnet als auch weil sie symptomatisch für die damaligen Zustände der fürstlichen Klasse ist und von der heutigen Geschichtsschreibung möglichst aus der Welt zu fälschen gesucht wird. Begreiflich genug, daß ein Winkeldespot dieses Schlages sich ohne wirkliches Interesse und Verständnis auf den Beschützer von Kunst und Wissenschaft hinausspielte. In dieser Mäzenatenschaft, in seiner geschlechtlichen Genußsucht, in der sentimentalen Klage, daß Fürsten keine Freunde haben könnten, in der unter gleisnerischen Formen verborgenen Bosheit und Tücke des Charakters war der Erbprinz das freilich sehr vergröberte Ebenbild von Hettore Gonzaga. Und wahrhaftig! man muß es ihm noch als einzige Entschuldigung für seine an Lessing verübten Bubenstreiche anrechnen, daß er sich durch das in Emilia Galotti gezeichnete Despotenbild getroffen fühlte. In Lessings Briefwechsel mit Eva König sind alle seine Nücken und Tücken verzeichnet, und wer angesichts dieser erschütternden Klagen von einer unzeitigen Empfindlichkeit Lessings sprechen kann, der muß allerdings felsenfest von der Überzeugung durchdrungen sein, daß Fußtritte von Despoten immer noch eine Ehre für die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sind. So schreibt Lessing am 8. April 1774 an seine Braut: »Bei allem, was heilig ist! wenn ich die ganzen langen vier Monate, in denen ich nicht an Sie geschrieben, einen einzigen vergnügten oder nur ruhigen Tag gehabt hätte, so könnte mir selbst mein Stillschweigen nicht anders als sehr schurkisch vorkommen.« Und dann schreibt er erst wieder am 10. Januar 1775 an sie: »Jawohl, meine Liebe, würde ich selbst nicht begreifen, wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit nicht an Sie schreiben können, wenn ich nicht von einem Tage zum andern mich gar wohl zurückerinnern könnte, wie es unterblieben. Vorigen ganzen Sommer habe ich mich mit dem Fieber geschleppt, aber doch hatte das Fieber nur wenig Schuld. Hätte ich Ihnen eine einzige kleine, eben nicht angenehme, nur nicht eben sehr unangenehme Nachricht von mir geben können, so würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeit gehabt haben, es zu tun.« Diese und wie viele ähnliche Äußerungen Lessings sollen nun eine Komödie sein, mit der er sich und seine Braut genarrt hat, einzig um den wohlwollenden Absichten des Erbprinzen eins auszuwischen. So hat es Erich Schmidt befohlen, und soweit die Grenzen des deutschen Byzantinismus reichen, wird ihm geglaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nahe an fünf Jahre hatte Lessing sein Höllendasein in Wolfenbüttel ertragen, er hatte eben seinem Bruder Karl geschrieben, daß er seinen Untergang vor Augen sehe und sich endlich darein ergebe, als er sich im Anfange des Jahres 1775, im Begriff, »im Schlamm zu ersticken«, mit einer letzten Kraftanstrengung losriß. Er ließ sich einige Quartale seines kärglichen Gehalts als Vorschuß zahlen und begab sich auf die Reise namentlich nach Wien, wo seine Braut nach dreijährigem Aufenthalte die verwickelten, ihr aus erster Ehe überkommenen Geschäfte so weit geordnet hatte, daß einer Verbindung der Liebenden wenigstens von ihrer Seite kein wesentliches Hindernis mehr entgegenstand. Eben wollten beide gemeinsam die Rückreise antreten, als sich irgendein braunschweigischer Prinz nach Wien verirrte, den armen Lessing sofort für gute Beute erklärte und als Cicerone mit nach Italien schleppte. Lessing fügte sich darein, da es sich anfangs nur um einen Ausflug nach Oberitalien handeln sollte, aber aus den geplanten acht Wochen wurden es ebenso viele Monate, noch dazu Monate eines plan- und ziellosen Hin- und Herwanderns, und Lessing hat von dieser Erfüllung eines lang ersehnten Wunsches wenig gehabt. Aber wenigstens die Aufnahme, die er in Wien gefunden hatte, konnte ihn einigermaßen für die Leidensjahre in Wolfenbüttel entschädigen; »nie noch ist ein deutscher Gelehrter hier mit solcher Distinktion aufgenommen worden«, schrieb der Staatsrat Gebler. Dem Dichter zu Ehren wurde im kaiserlichen Theater Emilia Galotti aufgeführt, und Lessing, der, nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit gegen Voltaire, in der Dramaturgie den Hervorruf der Dichter verspottet hatte, mußte es sich nun gefallen lassen, bei seinem Erscheinen im Theater mit einem brausenden Hoch empfangen zu werden. Maria Theresia und Josef II. wußten besser als Friedrich II., was sich einem Lessing gegenüber schickte; sie empfingen ihn sofort, und ebenso Fürst Kaunitz, der sich lebhaft für Lessing interessierte und ihn noch auf der Rückreise aus Italien zu gewinnen suchte; Lessing selbst schnitt diesen Versuch in etwas brüsker Weise ab. Maria Theresia sprach mit ihm über den Stand von Bildung und Geschmack in den österreichischen Landen; Lessing, der gegenüber liebenswürdigen Damen immer ein galanter Mann war, entschuldigte sich mit seiner Unkenntnis der Zustände, aber die Kaiserin verstand ihn und sagte bekümmert: »Ich weiß wohl, daß es mit dem guten Geschmacke bei uns nicht recht fort will. Ich habe alles getan, was meine Einsichten und Kräfte erlauben, aber oft denke ich, ich sei nur ein Frauenzimmer, und eine Frau kann in solchen Dingen nicht viel ausrichten.« Eine Probe dieses Geschmackes hatte Josef II. bei der ersten Aufführung der Emilia gegeben; er lobte sie sehr mit der Begründung, daß er noch in keinem Trauerspiel so gelacht habe; freilich fehlte dem guten Kaiser jener Schlüssel des Verständnisses für Lessings Trauerspiel, den der Erbprinz von Braunschweig und ähnliche Gesellen in ihrer eigenen Nichtsnutzigkeit besaßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man verzeihe, daß wir uns bei diesen Dingen etwas länger aufgehalten haben. Wir legen ihnen deshalb keinen höheren Wert bei, als sie verdienen und als Lessing selbst ihnen beigelegt hat. Allen Versuchen, ihn nach Wien zu ziehen, hat er widerstanden, nicht zum wenigsten auf Wunsch von Frau Eva, die ihren Lessing und ihr Wien kannte und aus guten Gründen eine dauernde Verbindung zwischen beiden für unmöglich hielt, wenigstens so lange, als »zwei große Augen offenstanden«, so lange, als Maria Theresia lebte, die bei alledem eine bigotte Katholikin war. Aber gegenüber den Bemühungen der preußischen Mythologen von Nicolai bis auf Erich Schmidt, das Kapitel Lessing und Wien ebenso in höhnischer Entstellung zu schreiben wie das Kapitel Lessing und Berlin in schimpflichem Byzantinismus, müssen die Dinge vom Kopfe, auf dem sie stehen, einmal wieder auf die Füße gestellt werden. Demgemäß ist einfach zu sagen, daß Wien sich ebensooft um Lessing bemüht hat, als ihn Berlin von sich zu stoßen für gut befand, daß die Habsburger gegen Lessing mindestens die äußeren Formen der Schicklichkeit ebensogut zu beobachten verstanden, wie die Hohenzollern sie zu vernachlässigen wußten. Auch in Dresden wurde Lessing auf der Rückreise nach Wolfenbüttel vom Hofe und Ministerium mit gebührender Achtung begrüßt. Indessen war dafür gesorgt, daß er deshalb nicht günstiger als bisher von den »Großen« zu denken brauchte. In Wolfenbüttel empfingen ihn neue Schikanen des Erbprinzen, und von Mannheim aus, dem Hofe des Kurfürsten von der Pfalz, wurde mit ihm ein unwürdiges Spiel angezettelt, das, mit lockenden Aussichten auf eine glänzende Berufung anhebend, seinen Namen für den pfälzischen Lokalpatriotismus zu mißbrauchen gedachte, bis Lessing dem Minister Hompesch in einem schneidend groben Briefe den verdienten Fußtritt versetzte. Lessings Erfahrungen mit den deutschen Fürstengeschlechtern stellen sich darnach so: Die Habsburger und daneben auch die Wettiner haben seine Bedeutung so oder so verstanden und geehrt. Die Welfen und die Wittelsbacher haben sie auch verstanden, aber trotzdem oder auch ebendeshalb ist Lessing von ihnen mißhandelt worden. Die Hohenzollern aber haben sie überhaupt nicht verstanden, und es ist ein ganz ausgesuchtes Pech der preußischen Mythologen, daß sie, um Friedrichs »durchdringenden Adlerblick« wenigstens scheinbar auf Lessing lenken zu können, dem Könige eine Mißhandlung andichten müssen, woran er vermutlich sehr unschuldig gewesen ist.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wenigstens im Vorbeigehen mag noch erwähnt werden, daß die Lobsprüche, welche die preußischen Mythologen auf den Hohenzollern Friedrich häufen, tatsächlich dem Habsburger Josef gebühren. Josef II. wollte nicht nur »erster Verwalter« des Staats sein, sondern war auch daneben »Verehrer der Menschheit«, er versuchte nach seinen freigeistigen, persönlichen Ansichten zu regieren. Friedrich nannte das den zweiten Schritt tun, ehe der erste getan war, was politisch den Nagel auf den Kopf traf und ebenso die Erfolge Friedrichs wie die Mißerfolge Josefs erklärt. Aber vom Standpunkte des persönlichen Fürstenkultus verdient nur Josef die auf Friedrich gehäuften Lorbeeren, namentlich auch was die geistige Entwicklung in Deutschland anbetrifft; sogar der nationalliberale Historiker Biedermann muß anerkennen, daß Josef während seiner kaum zehnjährigen Regierung mehr für die Preßfreiheit getan hat als Friedrich während einer fünfmal so langen Zeit.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfange des Jahres 1776 war Lessing nach Wolfenbüttel zurückgekehrt. Durch ein energisches, an den Erbprinzen gerichtetes Ultimatum schlug er endlich die kümmerliche Gehaltsaufbesserung (von 600 auf 800 Taler) heraus, die ihm die Begründung eines eigenen Hausstandes ermöglichte. Am 8. Oktober desselben Jahres führte er endlich seine Eva heim. Aber schon nach fünfviertel Jahren häuslichen Glücks entriß sie ihm der Tod. Diesen Schlag hat Lessing nicht mehr verwunden; nach drei Jahren des Siechtums, in denen er »das eine Jahr, das er mit einer vernünftigen Frau gelebt hatte, teuer bezahlen« mußte, folgte er der Unvergessenen ins Grab. Aber gerade in den Tagen des höchsten Leids flammte sein Genius noch einmal hell auf. Das Trauerjahr um seine Frau war das klassische Jahr seiner theologischen Kämpfe, das einzige Jahr des Wolfenbütteler Jahrzehnts, in dem Lessing noch einmal er selbst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Aufenthalt in Hamburg hatte ihm die entscheidenden Proben von der Selbstentmannung der bürgerlichen Klassen gegeben. Trug die niederschlagende Erkenntnis dazu bei, ihn nach Wolfenbüttel zu treiben, so machte ihn das Leben in Wolfenbüttel vollends unfähig zu allen Arbeiten, die »eine besondere Heiterkeit des Geistes, eine besondere Anstrengung erforderten«, selbst wenn er zu solchen Arbeiten geneigt gewesen wäre. Aber er war nicht einmal dazu geneigt; das Theater war ihm völlig verleidet, und er dachte nur gelegentlich an seine »antityrannische Tragödie« Spartakus. Seine Abkehr von der schönen Literatur ist vielfach mißverstanden worden. Schien diese Literatur doch gerade in diesem Jahrzehnt einen neuen Aufschwung zu nehmen! Herder und der junge Goethe; die Stürmer und Dränger Klinger, Lenz, Wagner; Bürger und der Hainbund; die unzähligen Fausttragödien, die Shakespearomanie und was sonst in diesen literarhistorischen Zusammenhang gehört. Man ist sogar so weit gegangen, Lessings Stellung zu dem »jungen Deutschland« auf die grämliche Verstimmung des Alters, ja unglaublicherweise auf persönlichen Neid gegen Goethe zurückzuführen. Nun können in der Tat Lessings gelegentliche Urteile über Goethes Erstlinge auf den ersten Blick befremden; es kann auffallen, daß er einen Dichter wie Bürger weder in seinen Briefen noch in seinen Schriften erwähnt, daß er von den jungen Dichtern eigentlich nur für den ihm persönlich nahestehenden und augenscheinlich seinem Vorbilde nacheifernden Leisewitz warme Worte hat. Allein der Schlüssel dieser anscheinenden Rätsel ist einfach wieder in der nun schon so oft hervorgehobenen Tatsache zu suchen, daß Lessing in seinem Tun und Lassen, bewußt oder unbewußt, immer von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein bestimmt wurde, und von diesem Standpunkte aus mußte er den Sturm und Drang der siebziger Jahre als eine bedenkliche Abirrung von dem Wege betrachten, auf dem die bürgerlichen Klassen allein vorwärtskommen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Lessing in der Dramaturgie die Shakespearomanie so wenig begünstigte, daß er vielmehr vor ihr warnte. Was sollte ihm nun Goethes Götz? Er verkannte das Genie des Dichters durchaus nicht und schrieb seinem Bruder, wenn Ramler das Drama mit französischem Maßstabe messe, so geschehe ihm schon recht, wenn der König Ramlers Oden mit französischen Augen anschaue. Aber Goethe verherrlichte im Götz einen gemeinen Strauchdieb, dessen Name zumeist durch einen bübischen, an den Bauern im Bauernkriege begangenen Verrat in die Jahrbücher der Geschichte gelangt ist, als »einen der edelsten Deutschen«; er wollte das »Andenken eines braven Mannes retten« und verhöhnte um dieses spitzbübischen Ritters willen die Städte und die Bauern; sollte Lessing, der mit gutem Fug verlangt hatte, daß dem Dramatiker die historischen Charaktere heilig sein sollten, und der selbst stets für die Interessen der bürgerlichen Klassen eingetreten war, darüber etwa jubeln? Und ganz ähnlich lag die Sache bei Werthers Leiden. Lessing erkannte den dichterischen Wert des Romans vollkommen an, aber solche »klein-großen, verächtlich-schätzbaren Originale« wie Werther, in dem die bürgerlichen Klassen unter unendlichem Tränengewinsel das Ideal eines Mannes beweinten, konnten ihm ganz und gar nicht imponieren, und er beeilte sich, seinen jungen Freund Jerusalem, den die Mitwelt als das Urbild des Werther betrachtete, durch ein schönes Ehrendenkmal von dem Verdachte einer Wesenseinheit mit dem Geschöpfe des Dichters zu befreien. Nicht mit Neid, aber mit sympathischem Bedauern sah Lessing den begabten Nachwuchs der bürgerlichen Klassen sich von dem richtigen Wege verirren, den er selbst eingeschlagen hatte. Er unterschied sehr wohl zwischen den bürgerlichen Dramen von Lenz und Wagner und den romantischen Ritterstücken Klingers, und wenn Nicolai die Volksdichtung Bürgers durch einen Almanach skurriler Schlemperlieder verhöhnen wollte, so bemerkte Lessing dem Berliner Aufklärer verächtlich, sein ganzer Spaß laufe auf die Vermengung des Pöbels mit dem Volke hinaus. Am nächsten scheint Lessing dem jungen Geschlechte der siebziger Jahre noch in der dramatischen Behandlung der Faustsage zu stehen, mit der auch er sich lange Jahre hindurch beschäftigt hat, allein gerade hier tut sich der feinste sowohl wie tiefste Unterschied zwischen ihm und ihnen auf. Was wir von Lessings dramatischen Faustplänen wissen, läuft auf einen »bürgerlichen« Faust, läuft darauf hinaus, daß Faust von »einem unauslöschlichen Durst nach Wissenschaft und Kenntnis« beseelt ist und daß »der oberste der Teufel« ihn deshalb »sicherer« zu haben glaubt als »bei jeder anderen Leidenschaft«. Allein ein Engel versenkt den wirklichen Faust in einen tiefen Schlummer und schafft an seine Stelle ein Phantom, mit dem die Teufel ihr Spiel treiben. Als sie endlich gewonnen zu haben glauben, ruft ihnen der Engel zu: »Triumphiert nicht, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt; die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen; was ihr sahet und jetzt zu besitzen glaubt, war nichts als ein Phantom.« Das wäre denn freilich Faust nicht als Tragödie, sondern als Komödie, als anmutige und tiefsinnige Komödie, aber doch immer als Komödie. Allein anders konnte ein so entschlossener und klarer Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen wie Lessing die Legende des Reformationszeitalters gar nicht dramatisch behandeln. Denn daß die Faustsage ebenso im sechzehnten Jahrhundert die Weltlegende wie im achtzehnten Jahrhundert die Welttragödie des deutschen Bürgertums werden konnte, hieß nichts anderes, als daß diese Klasse in dem einen wie in dem anderen Falle ihr Spiel verloren hatte. Wer noch weiß, was er in dieser Welt zu tun hat, verschreibt sich nimmermehr dem Teufel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so war Lessing denn abermals von dem sichersten Klassenbewußtsein geleitet, als er im November 1774 an seinen Bruder schrieb, das Theater habe längst aufgehört, ihn zu interessieren, und dann hinzufügte: »Recht gut, sonst liefe ich wirklich Gefahr, über das theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt es nun an, in dieses auszuarten) ärgerlich zu werden und mit Goethe, trotz seinem Genie, worauf er so sehr pocht, anzubinden. Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mir mit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödie brauchte.« Es liegt eine tiefe Logik in der letzten großen Wendung, die Lessings Lebenskampf dadurch nahm, daß der Bahnbrecher der Goethe und Schiller zum Bahnbrecher der Fichte und Hegel wurde. Die bürgerliche Literaturgeschichte sucht über das, was sie nicht versteht, mit der kindlichen Redensart hinwegzuhüpfen, Lessing habe den Kampf gegen die Orthodoxie aus Pietät gegen seinen orthodoxen Vater bis zu dessen Tode verschoben, der etwa mit Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel zusammenfiel, dann aber sei er um so schärfer ins Zeug gegangen. Allein ohne uns sonst bei der wunderlichen Unterstellung aufhalten zu wollen, so ist ihre Haltlosigkeit schon dadurch bewiesen, daß Lessing gerade bei Lebzeiten seines Vaters oft genug gegen die Orthodoxie ausgeritten ist und daß er gerade nach dem Tode seines Vaters nicht sowohl mit der Orthodoxie als mit jener traurigen Sorte von »Aufklärung« angebunden hat, die den bürgerlichen Klassen für immer das geistige Rückgrat zu brechen drohte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== X. Lessings letzte Kämpfe ==&lt;br /&gt;
Nirgends ist der Klassenstandpunkt so maßgebend für das Verständnis Lessings wie in den theologischen Fragen, wo er es am wenigsten zu sein scheint. Nichts unrichtiger, als den Schwerpunkt von Lessings letzten Kämpfen in seinen Handel mit dem Hauptpastor Goeze zu legen. Nichts unrichtiger, wenn auch nichts bequemer. Ein Haufe donnernder Schlagworte gegen die lutherische Orthodoxie läßt sich spielend zusammenraspeln; man braucht ja nur die glänzende Polemik zu verwässern, die Lessings Anti-Goezes vor all seinen philosophisch-theologischen Schriften auszeichnet. Indessen so unrichtig, wie diese Auffassung ist, so ungerecht ist sie auch gegen Lessing selbst. Er war alles andere eher als ein Aufklärer des achtzehnten oder ein Kulturpauker des neunzehnten Jahrhunderts im landläufigen Sinne der beiden Worte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die heutigen Orthodoxen haben denn auch den schweren Mißgriff so mancher Lessing-Forscher gehörig ausgenützt und auf diesen Mißgriff hin gar nicht uneben bewiesen, daß Lessings Stellung in den letzten Kämpfen seines Lebens »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr« gewesen sei. Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein ganz vergebliches Bemühen, Lessings Philosophie und Theologie über einen Leisten zu schlagen; so viel erkannte schon Herder, daß Lessing »nicht geschaffen sei, ein ... ist zu sein, welche Buchstaben man auch dieser Endung voransetzen möge«. Aber deshalb darf man freilich Lessings zahlreiche »Widersprüche« nicht einfach seiner Lust am dialektischen Streit auf die Rechnung setzen, wie die Nicolai und Genossen taten, weil sie es nicht besser verstanden. Die richtige Mitte trifft Gervinus, wenn er sagt, Lessings Arbeiten seien vielleicht immer ohne Plan, aber nie ohne den schärfsten Instinkt begonnen worden. Der Instinkt des bürgerlichen Klasseninteresses bestimmte sein Denken und Handeln; im Lichte dieser Tatsache entfalten sich auch seine philosophisch-theologischen Kämpfe als ein einheitliches Gewebe.&amp;lt;ref&amp;gt;Die eigentliche Schuld an der einseitig-schiefen Auffassung von Lessings theologischen Kämpfen trägt die geistige Verflachung der deutschen Bourgeoisie. Einzelne Schriftsteller sind kaum dafür verantwortlich zu machen, doch findet jene Auffassung einen besonders grellen Ausdruck begreiflicherweise in der protestantenvereinlichen Theologie, so bei Karl Schwarz, Lessing als Theologe. Röpe hat dann in seiner Schrift über Goeze den Spieß umgekehrt; ihm nach Redlich in dem Lessing-Artikel der Allgemeinen deutschen Biographie, 19, 756 ff. und Christian Groß in Lessings Werken, 15, 9 ff. Groß macht die glorreiche Entdeckung von Lessings »unklarer, ja im tiefsten Grunde unwahrer Stellung«; er beschimpft auch Johann Jacobys trefflichen Aufsatz über Lessing als Philosophen in unwürdiger Weise. Die eingehendsten und gründlichsten Arbeiten in dieser Richtung hat Hebler in seinen Lessing-Studien geliefert und daneben Zeller in seinem Aufsatze über Lessing als Theologen in der »Historischen Zeitschrift«, 23, 343 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An und für sich besaß ein so heiteres Weltkind, wie Lessing war, überhaupt keine theologische Ader. Schon mit zwanzig Jahren hatte er »klüglich gezweifelt« und darnach gestrebt, auf dem Wege der Untersuchung zur Überzeugung in religiösen Fragen zu gelangen. Aber zu einer &#039;&#039;positiven&#039;&#039; Überzeugung ist er niemals gelangt. Zwar erfahren wir aus seinem letzten Lebensjahre durch zweite Hand, daß er ein ...ist geworden sei, nämlich ein Spinozist. Aber selbst damals sagte er nur nach Jacobis Bericht: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wenn&#039;&#039; ich mich nach jemand nennen &#039;&#039;soll&#039;&#039;, so weiß ich keinen andern ... Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.« Nicht lange vorher hatte Lessing in dem Entwurf einer Vorrede zum Nathan geschrieben: »Nathans Gesinnung gegen &#039;&#039;alle&#039;&#039; positive Religion ist von jeher die meinige gewesen«, und dies stimmte aufs Haar. Denn schon ein Menschenalter früher hatte der junge Lessing in Bruchstücken, die wie jene Vorrede zum Nathan und das Gespräch mit Jacobi erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind, »alle positiven und geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch« genannt und für sein Teil erklärt, daß »der Mensch zum Handeln und nicht zum Vernünfteln erschaffen« sei. Das lehrte ihn sein bürgerlicher Klasseninstinkt, und dieser Instinkt führte ihn auf denselben Gesichtspunkt, den das proletarische Klassenbewußtsein in die Worte gekleidet hat, daß Religion Privatsache sei. Er behelligte niemanden mit seiner Religion und behelligte andere nicht um ihrer Religion willen. Zwar bekämpfte er die Orthodoxie fast von seinem ersten Federzug an, aber er bekämpfte sie nur als Organ der sozialen Unterdrückung, als Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung, als ideologische Begleiterscheinung des fürstlichen Despotismus. Für Lessing war die Aufklärung nichts als die Selbstverständigung der bürgerlichen Klassen über ihre Lebensinteressen. Unter endlosem religiösem Hader hatte sich der bürgerliche Verfall vollzogen; unmöglich konnte sich das Bürgertum unter demselben glückverheißenden Zeichen wieder erheben. Mag jeder glauben, was er will, aber kein Glaube berechtigt einen Menschen, andere Menschen wegen eines anderen Glaubens zu verfolgen und zu unterdrücken. Richtete sich dieser Satz praktisch gegen die Orthodoxie als despotisches Machtmittel, so kam er prinzipiell doch auch der Orthodoxie als religiöser Lehrmeinung zugute. In dogmatische Streitigkeiten hat sich Lessing mit ihr niemals eingelassen; als religiöses System war sie ihm so gut oder je nach dem auch besser als jedes andere; die Spöttereien über die Religion hat er immer verabscheut. Der verfolgten Orthodoxie wäre er ebenso beigesprungen, wie er sich der verfolgenden widersetzte und wie er das päpstliche Verbot des Jesuitenordens für ungerecht erklärte. Die Religion war ihm einfach eine Privatsache, die schlechterdings nicht in die bürgerlichen Rechtsverhältnisse hineinzureden hatte, und hierin bestand der gewaltige Abstand seiner Toleranz von der sogenannten »Toleranz« Friedrichs, das heißt der bürgerlichen von der despotischen Toleranz. Denn diese sah zwar nicht bei der Erfüllung der Untertanenpflichten, aber sehr bei Erteilung von Untertanenrechten auf das religiöse Bekenntnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der eine Gesichtspunkt, den man scharf im Auge behalten muß, um Lessings theologischen Kämpfen weder zuviel noch zuwenig zu tun. Der andere aber erwuchs ihm aus jener »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Masse, von denen Kant später sagte, daß sie die Ursachen seien, »warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu ihrem Vormünder aufzuwerfen«. Statt das soziale Joch der Orthodoxie abzuschütteln und übrigens dem aufdämmernden Lichte des bürgerlichen Selbstbewußtseins die Kritik der orthodoxen Lehrmeinungen zu überlassen, gefiel sich die landläufige »Aufklärung« der Nicolai und Genossen darin, das orthodoxe Lehrgebäude, soweit es vor dem Lichte der erwachenden Vernunft zerfiel, mit der Holzaxt einer angeblichen »Vernunft« zurechtzuzimmern und die bürgerliche Masse nun erst recht in den kümmerlich geflickten Schafstall zu pferchen. Historisch läßt sich diese Halbschlächtigkeit der deutschen »Aufklärung« gar wohl in ihren Ursachen erkennen, und wir haben schon früher einen Blick darauf geworfen, aber politisch blieb sie deshalb nicht weniger ein selbstmörderisches Beginnen, das bei längerer Dauer für die bürgerlichen Klassen noch viel verhängnisvoller werden mußte als die Abirrung der schönen Literatur von dem bürgerlichen Klassenstandpunkte und das ebendeshalb einen Mann wie Lessing in tiefster Seele erbitterte und zum äußersten Widerstande reizte. Hier lag der Ursprung seiner theologischen Schilderhebung, die ihrer inneren Natur nach durchaus ein sozialer Kampf war und allein unter diesem Gesichtspunkte richtig gewürdigt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben gesehen, daß Lessing in seiner hamburgischen Zeit die entscheidenden Proben von der »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Klassen gewann. In ebendieser Zeit wurde ihm ein handschriftlich hinterlassenes Werk von H. S. Reimarus bekannt, eine »Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes«, eine durchgreifende Bibelkritik und Untersuchung der geoffenbarten Religion. Die Schrift erregte Lessings lebhaftes Interesse; sie war ihm ein »freimütiges, ernsthaftes, gründliches, bündiges, gelehrtes Werk«, das einen »Hauptsturm auf die christliche Religion« unternahm. Er sah in Reimarus den ganzen Aufklärer gegenüber den halben Aufklärern vom Schlage der Semler, Teller, Nicolai und wie sie sonst hießen. Aber in wie vielen Einzelheiten Lessing mit Reimarus übereinstimmen mochte und selbst wenn er in allen Einzelheiten mit ihm übereingestimmt hätte, so war damit keineswegs gesagt, daß er den grundsätzlichen Standpunkt von Reimarus teilte. Er teilte ihn weder persönlich noch sachlich. Persönlich nicht, weil die Ängstlichkeit von Reimarus seinem ganzen Wesen widerstand, weil die Absicht von Reimarus, seine »Schrift im Verborgenen zum Gebrauch verständiger Freunde liegen« und lieber den »gemeinen Haufen noch eine Weile irren zu lassen«, so gar nicht lessingisch war, weil Lessing in dieser »löblichen Bescheidenheit und Vorsicht« des Verfassers »so viel Zuversicht auf seinen Erweis, so viel Verachtung des gemeinen Mannes, so viel Mißtrauen auf sein Zeitalter« erblickte. Sachlich nicht, weil Lessing in der Kritik der biblischen Geschichten gar keine Vernichtung der christlichen Religion sah, weil ihm der Buchstabe nicht der Geist, die Bibel nicht die Religion war. Gerade die eingehende Beschäftigung mit dem Werke von Reimarus, das er ein halb Dutzend Jahre und länger in seinem Pulte bewahrte, ehe er Bruchstücke daraus veröffentlichte, förderte und vertiefte Lessings Anschauungen über die religiösen Bewegungen in der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Briefe vom 9. Januar 1771, worin Lessing das Werk von Reimarus gegen gewisse Einwürfe seines Freundes Moses verteidigt, sagt er gleichwohl: »Ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen müssen. Daß ich es zum Teil nicht schon getan, daran hat mich nur die Furcht gehindert, nach und nach den ganzen Unrat wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wann und wo man bleiben soll, und Tausenden für Einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens müde geworden. Ob dieses nicht auch manchmal der Fall unseres Ungenannten (nämlich des Reimarus) gewesen, will ich nicht so geradezu leugnen.« Aber in demselben Briefe fordert Lessing seinen Freund auch auf, aufdringliche Bekehrungsvorschläge Lavaters zurückzuweisen: »Ich bitte Sie, wenn Sie darauf antworten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur ersinnlichen Nachdrucke zu tun. Sie allein dürfen und können in dieser Sache so sprechen und schreiben und sind daher unendlich glücklicher als andre ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwande, es neu zu unterbauen, befördern können.« Andere ehrliche Leute, das sind in diesem Zusammenhange die Aufklärer des gewöhnlichen Schlages. Zwischen den beiden Briefstellen scheint ein gewisser Widerspruch zu bestehen: Lessing findet, daß Reimarus seine Sache nicht zu Ende gedacht habe, aber trotzdem fordert er Moses auf, ebenso zu handeln, wie Reimarus gehandelt hat. Indessen der Widerspruch ist nur scheinbar. Lessing meinte einfach, daß die ehrlichen Leute, wenn sie einmal aufklären wollten, so gründlich aufklären sollten wie Reimarus, was Moses als Jude eher könne als die christlichen Aufklärer, aber er findet, daß die Sache damit noch nicht zu Ende sei, daß die kritische Auflösung der biblischen Geschichte nicht den religiösen Glauben vernichte, daß mit diesem Ziele das Nachdenken über das Entstehen und Vergehen der Religion noch nicht erschöpft sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinem eigenen Nachdenken über diese Fragen zeugen namentlich die beiden Aufsätze, worin er sich mit der Tatsache auseinandersetzt, daß Leibniz die orthodoxen Lehren von der Dreieinigkeit und der Ewigkeit der Höllenstrafen gegen arianisch-sozinianische Ketzereien verteidigt hat. Mag sein, daß Lessing zuweit geht, wenn er in schönem Eifer seinen großen Vorläufer lieber gleich von jedem Verdachte, der Orthodoxie unbillige Zugeständnisse gemacht zu haben, befreien möchte; er konnte es nun einmal aus guten Gründen nicht vertragen, wenn der seichteste Aufkläricht von einem Leibniz oder einem Spinoza wie von »toten Hunden« sprach. Aber den Nachweis, auf den es ihm im Wesen der Sache ankam, hat er schlüssig geliefert: den Nachweis nämlich, daß Leibniz als Philosoph sich mit der orthodoxen Lehre eher vertragen konnte als mit der arianisch-sozinianischen Aufklärung. Diese Ketzerei richtete ihre Spitze gegen die Gottheit Jesu, und darin sah Leibniz eine wahre Abgötterei. Lessing führt nun aus: »Man denke nicht, daß er auch dieses nur behauptet habe, um den Orthodoxen zu heucheln. Nein, sondern seine ganze ihm eigene Philosophie war es, die sich gegen den abergläubischen Unsinn empörte, daß ein bloßes Geschöpf so vollkommen sein könne, daß es neben dem Schöpfer auch nur genannt zu werden verdiene ... Und man kann noch zweifeln, ob er den verworfenen Religionsbegriff aus ganzem Herzen verworfen? ob er ihm aus ganzem Herzen die gemeine Lehre vorgezogen, die jeder Vernunftswahrheit ohne Nachteil zur Seite stehen kann, weil sie keiner widersprechen will und mit Gründe von sich rühmen darf, daß sie solange noch nicht richtig verstanden ist, als sie einer einzigen zu widersprechen scheint?« Lessing hält denn auch die Schlußfolgerungen für logisch begründet, die der orthodoxe Geistliche Abbadie aus der arianisch-sozinianischen Ketzerei gezogen hat: »Nämlich daß, wenn Christus nicht wahrer Gott ist, die mahometanische Religion eine unstreitige Verbesserung der christlichen war und Mahomet selbst ein unstreitig größerer und würdigerer Mann gewesen ist als Christus, indem er weit wahrhafter, weit vorsichtiger und eifriger für die Ehre des einzigen Gottes gewesen als Christus, der, wenn er sich selbst auch nie für Gott ausgegeben hätte, doch wenigstens hundert zweideutige Dinge gesagt hat, sich von der Einfalt dafür halten zu lassen, dahingegen dem Mahomet keine einzige derartige Zweideutigkeit zuschulden kommt.« Lessing hat nicht wie Leibniz die Orthodoxie verteidigt gegen die halbschlächtige Aufklärung, aber darin stimmte er mit Leibniz überein, daß die halbschlächtige Aufklärung noch unerträglicher sei als die Orthodoxie. Ein halbes Jahrzehnt nach diesen Aufsätzen schreibt er an Nicolai, »daß das arianische System noch unendlich abgeschmackter und lästerlicher sei als das orthodoxe«. Die Berliner Aufklärer verstanden ihn natürlich nicht; Ehren-Nicolai machte, als die Leibniz-Aufsätze 1774 erschienen, seine Späßchen über den Doktorhut der Theologie, nach dem Lessing giere, und Moses rügte »ein kleines Versehen« in dem Texte von Leibniz mit der hochnäsigen Begründung, »um zu zeigen, daß ich selbst in meiner Krankheit und sogar Ihre Beiträge, zu einem sonst mir so geringschätzig gewesenen Zweige der Literatur nicht ungelesen lassen kann«. Worauf Lessing mit seiner wahrhaft unverwüstlichen Geduld gegen diese Gesellschaft: »Ist es nicht sonderbar, daß Sie die wahre Lesart in einer Schrift herstellen, die Ihnen von einem Ende zum andern so kompletter Nonsens sein muß – und ist? Auch mir ist; auch ohne Zweifel Leibnizen selbst gewesen ist. Und dennoch bin ich überzeugt, daß Leibniz auch hier noch als Leibniz gedacht und gehandelt hat. Denn es ist unstreitig besser, eine unphilosophische Sache sehr philosophisch verteidigen als unphilosophisch verwerfen und reformieren wollen.« Das unphilosophische Verwerfen und Reformieren war Sache der gemeinen Aufklärer; das sehr philosophische Verteidigen einer unphilosophischen Sache war die Art von Leibniz gewesen; Lessing dagegen hielt es mit dem philosophischen Erklären einer philosophischen Sache. Er drang auf eine reinliche Scheidung von Religion und Philosophie, sicher, nur auf diesem Wege die philosophische Seite der Religion entdecken zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kleines und unbedeutendes Bruchstück aus dem Werke von Reimarus hatte Lessing als »Fragment eines Ungenannten« schon 1774 veröffentlicht; 1777 rückte er mit fünf weiteren Fragmenten und das Jahr darauf mit noch einem siebenten Fragmente hervor. Er begleitete sie mit Gegensätzen, mit »Maulkörben« nach dem drastischen, obgleich etwas schiefen Ausdrucke von Claudius. Denn nicht eine Abschwächung oder Abstumpfung der an der biblischen Überlieferung geübten Kritik zum Zweck einer persönlichen Rückendeckung hatte Lessing bei seinen Gegensätzen im Auge; diese erhebende Absicht konnte ihm nur die moderne Lessing-Forschung unterschieben, die ihn hinter dem Ofen sucht, hinter dem sie selbst sitzt. Vielmehr wollte Lessing mit der Veröffentlichung der Fragmente der Wahrheit einen Dienst erweisen; er wollte in Reimarus einen Liebhaber der Wahrheit ihren Kupplern, einen selbstdenkenden Kopf den elenden Wortkrämern der landläufigen Aufklärung entgegenstellen. Aber wenn dieser Zweck erreicht werden sollte, so mußte er auch vor jeder Mißdeutung gesichert werden. Lessing erkannte, daß mit einer noch so gründlichen und scharfsinnigen Bibelkritik ein »Hauptsturm auf die christliche Religion« noch längst nicht gelungen sei. Sosehr er das Recht des Reimarus verfocht, auch an den biblischen Geschichten wissenschaftliche Kritik zu üben, sosehr er diese Kritik um ihrer Freimütigkeit und Gründlichkeit willen schätzte, sowenig war er geneigt oder gar verpflichtet, alle Schlußfolgerungen dieser Kritik anzunehmen. Es ging ihm ein wenig wie jenem Juden des Boccaccio, der, als er in Rom das mittelalterliche Papsttum in seinem ganzen Verfalle sah, sich taufen ließ, weil eine Religion, die in so scheußlicher Verkörperung dennoch siegreich fortdauere, eine ewige Wahrheit enthalten müsse. Je schärfer Reimarus den biblischen Büchern zusetzte, um so schärfer mußte sich auch Lessings klarem Geiste die Einsicht aufdrängen, daß eine welthistorische Erscheinung wie die christliche Religion aus einem andern Boden entsprossen sein müsse als aus diesem morschen Untergrunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ebendiese Unterscheidung zwischen Bibel und Religion führte Lessing in seinen Gegensätzen zu den Fragmenten von Reimarus aus. Man übersehe doch nicht, daß sich unter diesen Gegensätzen schon die ersten dreiundfünfzig Paragraphen der Erziehung des Menschengeschlechts befanden und daß Lessing die »ganze Schüssel« seiner religionsphilosophischen Hauptschrift, von der er zunächst nur einen »Vorschmack« geben wollte, in seiner Gedankenkammer längst angerichtet hatte. Wer will denn im Ernste die absurde Behauptung aufstellen, daß Lessings in manchem Betrachte gedankenreichste Schrift eine elende Sophisterei sei, die er sich aus den Fingern gesogen habe, um für seine Person und seine Stellung bei Veröffentlichung der Fragmente möglichst gedeckt zu sein? Aber da es wirklich Leute gibt, die wenigstens mittelbar eine so absurde Unterstellung gewagt haben, so mag noch zum Überfluß ein urkundlicher Beweis dafür beigebrächt werden, wie ernst es Lessing mit seiner Religionsphilosophie nahm. Die Kinder von Reimarus waren mit der Herausgabe der Fragmente oder mindestens mit der Art ihrer Herausgabe mehr und minder unzufrieden: der Sohn aus Angst um den frommen Ruf seines Vaters, die Tochter aus Ärger über Lessings Gegensätze. Elise Reimarus, Lessings treueste Freundin nach dem Tode seiner Frau, war zu gut und zu klug, um Lessings Absichten ganz mißzuverstehen; sie hat allen Angriffen gegen ihn immer ein rechtfertigendes oder entschuldigendes Wort entgegenzusetzen, und von der Erziehung des Menschengeschlechts sagte sie: »Ich wollte um viel nicht, daß er dies nicht geschrieben hätte.« Aber eine »Grille« war ihr die Schrift doch nur; sie konnte über den Standpunkt ihres Vaters nicht hinaus, und so schalt sie gar manches Mal in vertrauten Briefen an ihre Freunde über Lessings »Larventragen« und »Sophistereien«. Nun richtete Lessing am 6. April 1778 ein beschwichtigendes Schreiben an den jüngeren Reimarus; er verspricht das unverbrüchlichste Schweigen über die Person des Fragmentisten, aber über die Erziehung des Menschengeschlechts schreibt er frank und frei: »Diese Hypothese nun würde freilich das Ziel gewaltig verrücken, auf welches mein Ungenannter im Anschlage gewesen. Aber was tut&#039;s? Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!« Man sieht also, daß Lessing in diesem vertraulichen Briefe, der die Reimarer beschwichtigen soll, seine angebliche Heuchelei, die gerade die Reimarer von neuem erbittern muß, mit geflissentlicher Schärfe weitertreibt: Sollte da nicht die schüchterne Vermutung gerechtfertigt sein, daß diese angebliche Heuchelei eine grundsätzliche, wissenschaftliche Erkenntnis gewesen ist? In der Tat – der Vorwurf einer »unklaren, ja im tiefsten Grunde unwahren Stellung« fällt einzig auf die Leute zurück, die heute noch nicht einsehen, daß zwischen Reimarus und Lessing ein »gewaltiger« Unterschied bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, um es noch einmal zu wiederholen: Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein wahres Kreuz, in Lessings letzte Kämpfe Sinn und Zusammenhang zu bringen, besonders wenn zugleich ein harmonischer Einklang mit der heutigen Kulturkämpferei erzielt werden soll. Den modischen Lessing-Forschern geht es dabei gewöhnlich wie den von Lessing so weidlich verspotteten evangelischen Harmonisten. Sie sinnen auf Mittel und Wege, »jene widerspenstige Verschiedenheit von Umständen wenigstens gleich stößigen Böcken in einen engen Stall zu sperren, in welchem sie das Widereinanderlaufen wohl unterlassen müssen«. Aber »leider bleiben die Böcke darum doch immer stößig, wenden darum doch immer die Köpfe und Hörner noch gegeneinander und reiben sich und drängen sich«. Selbst ein Mann wie Hebler, der unter den Lessing-Ideologen wohl am ehrlichsten und rücksichtslosesten in den Kern von Lessings religionsphilosophischen Ansichten zu dringen versucht hat, kommt doch nur zu dem Ergebnisse, daß Lessing die Orthodoxie des Goeze und die Aufklärung des Nicolai und die Freidenkerei des Reimarus zu »vermitteln« oder zu »verbinden« gesucht habe. Wonach Lessing denn also gewissermaßen ein noch potenzierter Nicolai wäre! Aber man kann dem einzelnen, sofern er es nur wie Hebler für seine Person ehrlich meint, daraus gar keinen Vorwurf machen; die Schuld liegt an der ideologischen Methode der Geschichtsforschung: Wenn die Herren sich auch nur einmal auf den Standpunkt des historischen Materialismus stellen, wenn sie sich nur einmal vergegenwärtigen wollten, daß Lessing in all seinem Denken, Sprechen und Handeln immer nur als der für seine Zeit klarste und schärfste Vorkämpfer des deutschen Bürgertums zu verstehen ist, so werden sie finden, daß sich die »widerspenstige Verschiedenheit« seiner Ansichten in einen durchsichtigen und überall geschlossenen Zusammenhang auflöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Wichtigkeit dieser Frage sei es gestartet, sie noch durch ein Beispiel zu erläutern, durch ein Beispiel, das gleich für hundert andere gelten kann. Im Jahre 1778, mitten im heftigsten Fragmentenstreite, hatte Nicolai die Memoiren von John Bunkel, eine aufklärerische Scharteke, »so einen ruppichten Roman«, wie Lessing sich ausdrückt, aus dem Englischen übersetzt oder übersetzen lassen. Die Übersetzung war von der Wiener Zensur verboten und darauf von Wieland im »Deutschen Merkur« verspottet worden. Nun schreibt Lessing an Herder in einem Briefe vom 10. Januar 1779: »Wielands Plaisanterie über den Bunkel ist so gerecht als lustig, und Nicolai mag sie auch wohl gegen ihn verschuldet haben. Wenn er nur nicht damit eine ganze Sprosse aus der Leiter ausbräche, die ein gewisses Publikum mit besteigen muß, wenn es weiterkommen soll. Sie verstehen mich.« Aus diesen Sätzen folgert Hebler, daß Lessing die seichte Aufklärung der Nicolai auch für notwendig zur Erziehung des Menschengeschlechts gehalten habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn man sich auf den ideologischen Standpunkt stellt, so läßt sich gegen diese Schlußfolgerung auch nicht viel einwenden; Lessing sagt ja klipp und klar, daß ohne jene Aufklärung mindestens »ein gewisses Publikum« nicht weiterkommen könne. Nun bekämpfte aber Lessing im Fragmentenstreite gerade diese Aufklärung am heftigsten; er rückte ihr, wie wir gleich sehen werden, mit ganz anderen Schlägen auf den Leib, wie Wieland mit seiner »Plaisanterie« führte; er war besonders und mit vollem Recht über Nicolais falsche und zweideutige Haltung empört. Hier läge denn also ein so handgreiflicher und grober »Widerspruch« vor, wie er nur immer gedacht werden kann. Lessing tadelte an Wieland, was er selbst, nur in viel höherem Maße, tat. Die bürgerlichen Lessing-Forscher kommen denn auch nicht über diesen »Widerspruch« hinweg; sie suchen ihn zu umgehen oder zu vertuschen. Die einen sagen, im Grunde sei Lessing auch ein Nicolaite gewesen; die andern meinen, er habe nun einmal immer »widersprechen« müssen; die Dritten flicken in die Erziehung des Menschengeschlechts hinter der jüdischen und christlichen Religion und vor der Religion der Zukunft die Nicolaitische Aufklärung als eine kleine Zwischenstation ein. Was bei alledem aus Lessing und Lessings Lebenswerke werden soll, steht denn freilich dahin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir nunmehr versuchen, vom Standpunkte des historischen Materialismus den »Widerspruch« zu lösen, wenn wir also annehmen, daß Lessing bei seinen religiösen wie überhaupt bei allen seinen Kämpfen von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein geleitet worden ist, so erkennen wir sofort, daß ihn dies Bewußtsein unmöglich so getäuscht haben kann, um in einen so unversöhnlichen »Widerspruch« zu verfallen. Wir können dann von ihm ungefähr dasselbe sagen, was er in der Hamburgischen Dramaturgie von Aristoteles sagte: Eines offenbaren Widerspruchs macht sich ein Lessing nicht leicht schuldig. Er kann irren und hat oft geirrt, aber immer nur aus seinem Klassenbewußtsein heraus; diesem heute folgen und morgen ins Gesicht schlagen, das kann Lessing nicht. Wo wir einen solchen Widerspruch bei so einem Mann finden, da setzen wir das größere Mißtrauen lieber in unseren als in seinen Verstand. Wir verdoppeln unsere Aufmerksamkeit, wir überlesen die Stelle zehnmal und glauben nicht eher, daß Lessing sich widersprochen hat, als bis wir aus dem ganzen Zusammenhange seines Klassenbewußtseins heraus erkennen, wie und wodurch er zu diesem Widerspruche verleitet worden ist. Und da liegt die Lösung des »Widerspruchs« sofort auf der Hand. Die Übersetzung des Bunkel war von der Wiener Zensur verboten worden, und somit verstand es sich einfach für Lessings Klassenbewußtsein von selbst, daß er sogar die seichteste Aufklärung beschützte vor dem brutal unterdrückenden Despotismus, daß er von einem mit dem polizeilichen Knüttel totgeschlagenen Buche sofort annahm, daß es doch wohl mindestens ein gewisses Publikum zu fördern geeignet sei, daß er selbst eine zutreffende, eine gerechte und lustige Kritik eines verbotenen Buches tadelte, weil dadurch der despotische Geistesmord wenigstens mittelbar verklärt wurde. Was wir vorhin von Lessings Stellung zu den Orthodoxen sagten, das gilt auch von seiner Stellung zu den Aufklärern: Den verfolgten Aufklärern trat er ebenso unbedenklich zur Seite, wie er den verfolgenden Aufklärern entgegentrat. Die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Rede und der Schrift mußte die Grundforderung der bürgerlichen Klassen sein; sie war der gemeinsame Boden, worauf sich das deutsche Bürgertum erst über seine Klasseninteressen verständigen konnte. Wo dieser Boden durchlöchert wurde, da mußten alle anderen Rücksichten zurücktreten; der Aufkläricht entsprach doch noch mehr den Lebensbedürfnissen der bürgerlichen Klassen als die Zensur. Und so löst sich in der einfachsten Weise von der Welt jener angebliche »Widerspruch« Lessings, den die ideologische Geschichtsauffassung unmöglich lösen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Vertreter werden nun freilich sagen, das sei alles bei den Haaren herangezogen und stimme doch gar nicht mit dem Wortlaut dessen, was Lessing an Herder schreibt. Gleichwohl liegt die Sache so und nicht anders; Lessing selbst ist der beste Zeuge dafür. Er hatte nämlich in jüngeren Jahren vorübergehend einmal daran gedacht, selbst den »ruppichten Roman« zu übersetzen. Nicolai verfiel nun auf den schlauen Gedanken, diese Tatsache gegen Wielands »Plaisanterie« ins Feld zu führen, und fragte brieflich bei Lessing an, ob er dürfe. Lessing antwortete in einem Schreiben vom 30. März 1779. Zunächst gab er dem alten Kumpan einen derben Backenstreich wegen dessen feiger Haltung im Fragmentenstreite; dann beantwortete er seine Anfrage »kurz und gut« dahin: »Nein, lieber tun Sie das nicht! Denn ich sehe voraus, daß es mich einer Erklärung aussetzen würde, die auf Ihren Bunkel noch ein nachteiliger Licht werfen könnte.« Lessing führt dann aus, daß er den Bunkel nur übersetzen würde, um in beigefügten Anmerkungen zu zeigen, daß diese Sorte von Aufklärung noch unendlich abgeschmackter sei als das orthodoxe System, und er schließt: »Wielands Verfahren billige ich aber gar nicht, welches ich kürzlich Herdern geradezu geschrieben habe. Ich schrieb ihm, soviel ich mich erinnere, daß ein Buch, welches die kaiserliche Bücherkommission verbiete, durchaus kein denkender Kopf so behandeln müsse. Es sei zuverlässig gut und zuverlässig zur Aufklärung gewisser Menschen zuträglich, eben weil es in gewissen Ländern verboten wäre: Daher Wieland in meinen Augen sich einer unedlen Schmeichelei gegen den Kaiser schuldig gemacht.« Nun, wir haben gesehen, daß Lessing davon dem Wortlaute nach nichts an Herder geschrieben hatte, aber deshalb klaubt er doch vollkommen sinngetreu dem begriffsstutzigen Nicolai auseinander, was der gescheite Herder schon aus einer halben Andeutung »verstand«. Und Lessing löst den »Widerspruch« genauso auf, wie er nach den Grundsätzen der materialistischen Geschichtsauffassung aufgelöst werden müßte; der Bunkel ist ihm verächtlich genug, unendlich verächtlicher als das orthodoxe System, aber wenn die Zensur »so einen ruppichten Roman« totschlägt, so kann man »zuverlässig« annehmen, daß er doch noch für »gewisse Menschen« zuträglich gewesen sei, und der bürgerliche Klassenstandpunkt verbietet den Spott über ein polizeilich erschlagenes Buch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Ausführungen ist nun leicht verständlich, daß und weshalb Lessing einen Hauptvorstoß gegen die seichte Aufklärung unternahm. Sie war ihm nicht Fisch und nicht Fleisch; sie verdarb ihm die Religion wie die Philosophie; sie hemmte gleichermaßen die Denk- wie die Glaubensfreiheit. Lessing wollte in ganz anderem und viel tieferem Sinne als Friedrich jeden nach seiner Fasson selig werden lassen, aber er bekämpfte jede Religion, sobald sie sich zum Werkzeuge des friderizianischen oder irgendeines andern Despotismus hergab, sobald sie der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung einen Kappzaum anlegen wollte. Jede Religion war ihm wahr, insofern als jede eine Durchgangsstufe der menschheitlichen Geistesentwicklung gewesen ist; jede Religion war ihm falsch, insoweit als sie der ferneren geistigen Entwicklung der Menschheit einen unzerbrechlichen Hemmschuh anlegen möchte. Lessing sah in den Religionen, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, nicht logische, sondern historische Kategorien; sie waren ihm nicht un &#039;&#039;ver&#039;&#039;gängliche, aber un &#039;&#039;um&#039;&#039;gängliche Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes. Er sah nun in seinen Tagen, wie sich die Orthodoxie des Despotismus allmählich in die Philosophie des Bürgertums auflöste, und er wußte wohl, daß sich ein historischer Geistesprozeß nicht durch äußerliche Mittel, am wenigsten durch gewaltsame, beschleunigen läßt. Aber wenn nun die faulen und feigen Aufklärer mit täppischer Hand in diesen Geistesprozeß eingriffen, wenn sie absichtlich die immer klarer hervortretende Grenzscheide zwischen Philosophie und Religion verwischten, wenn sie ein angeblich gereinigtes, aber tatsächlich gefälschtes Christentum mit um so größerer Unduldsamkeit vertraten, wenn sie das orthodoxe System scheinbar ein wenig vernünftiger, tatsächlich aber noch viel sinnloser machten, um diesen »verfeinerten Irrtum« als einen um so stärkeren Damm in den Fluß des freien Denkens zu werfen, so stand für die geistige Entwicklung des deutschen Bürgertums alles auf dem Spiel. Sie drohte dann in einen Sumpf zu verlaufen, mit dem verglichen selbst die alte ungeschminkte Orthodoxie noch festes Land war, und gegen diesen verhängnisvollen Irrweg erhob Lessing seine warnende Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beleuchten wir nun noch den eben entwickelten Standpunkt Lessings durch einzelne Sätze von ihm selbst, deren Auswahl aus der überströmenden Fülle der Zeugnisse freilich nicht ganz leicht ist. Schon in seinen Anfängen spottet Lessing über die »verkehrte Art, das Christentum zu lehren« dadurch, »daß man eine so vortreffliche Zusammensetzung von Gottesgelahrtheit und Weltweisheit gemacht hat, worinne man mit Mühe und Not eine von der anderen unterscheiden kann, worinne eine die andere schwächt, indem diese den Glauben durch Beweise erzwingen und jene die Beweise durch den Glauben unterstützen soll«. In den Literaturbriefen nagelt er die »liebliche Quintessenz« aus dem Christentum an, die in gleichem Maße inkonsequenter und intoleranter sei als die alte Orthodoxie. In der ersten theologischen Schrift, die er als Bibliothekar von Wolfenbüttel über eine von ihm aufgefundene Handschrift des Berengar von Tours veröffentlichte, sagt er: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft zu lehren, und die Gaben, welche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt. Wer die nicht erwerben oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe Irrtümer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält und mit einem Mitteldinge von Wahrheit und Lüge uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit; dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irrtum ist ... Wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen.« Und in einem der Aufsätze über Leibniz heißt es mit bitterer Ironie: »Er glaubte! Wenn ich doch nur wüßte, was man mit diesem Worte sagen wollte. In dem Munde so mancher neueren Theologen, muß ich bekennen, ist es mir ein wahres Rätsel. Diese Männer haben seit zwanzig, dreißig Jahren in der Erkenntnis der Religion so große Schritte getan, daß, wenn ich einen älteren Dogmatiker gegen sie aufschlage, ich mich in einem ganz fremden Lande zu sein vermeine. Sie haben so viel dringende Gründe des Glaubens, so viel unumstößliche Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion an der Hand, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie man jemals so kurzsichtig sein könne, den Glauben an diese Wahrheit für eine übernatürliche Gnadenwirkung zu halten ... Alles, wovon aufrichtig allda (in den älteren Dogmatikern) bekannt wird, daß es weder einzeln noch zusammengenommen eine beruhigende Überzeugung wirken könne: Alles dieses haben so viele unserer neueren Gottesgelehrten so ineinandergekettet und einzeln so ausgefeilt und zugespitzt, daß nur die mutwilligste Blindheit, nur die vorsätzlichste Hartnäckigkeit sich nicht überführt bekennen kann. Was der heilige Geist nun noch dabei tun will oder kann, das steht freilich bei ihm; aber wahrlich, wenn er auch nichts dabei tun will, so ist es eben das ... Sie also freilich, die in diesen letzten Tagen ganz anders gelernt haben, die Vernunft zum Glauben zu zwingen, werden schon Leibnizen mit der Zeit, in welcher er lebte, entschuldigen müssen, wenn ich von ihm versichere, daß er freilich nicht weder die Dreieinigkeit noch sonst eine geoffenbarte Lehre der Religion geglaubt hat; wenn glauben soviel heißt, als aus natürlichen Gründen für wahr halten.« Mangel an Raum zwingt uns, abzubrechen; ein paar andere Reihen von Zeugnissen sind vielleicht auch noch überzeugender.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von Lessing gegeißelten Aufklärer, besonders ihre Berliner Garde, hatten natürlich sofort den Vorwurf des Kokettierens mit der Orthodoxie bei der Hand; dies alberne Gerede war damals schon so im Gange, wie es heute noch im Gange ist. Karl Gotthelf war sogar so dreist, seine und Nicolais Schmerzen nach Wolfenbüttel zu berichten, und erhielt im April 1773 von Gotthold Ephraim die Antwort: »Was gehen mich die Orthodoxen an? Ich verachte sie ebensosehr als du; nur verachte ich unsere neumodischen Geistlichen noch mehr, die Theologen viel zuwenig und Philosophen lange nicht genug sind. Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als es die Orthodoxen jemals getan haben.« Und ganz ähnlich in dem berühmten Briefe vom 2. Februar 1774: »Ich sollte es der Welt mißgönnen, daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge? Ich würde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen andern Zweck hätte, als jene großen Absichten befördern zu helfen. Laß mir aber doch nur meine eigne Art, wie ich dieses tun zu können glaube. Und was ist simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen, will ich beibehalten wissen: Ich will, es nur nicht eher weggegossen wissen, bis ich weiß, woher reineres zu nehmen; ich will nur nicht, daß man es ohne Bedenken weggieße, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche baden. Und was ist sie anders, unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie als Mistjauche gegen unfeines Wasser? Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen ... Darin sind wir einig, daß unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht mit dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt. Und doch verdenkst du es mir, daß ich dieses alte verteidige? Meines Nachbars Haus drohet den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern er will es mit gänzlichem Ruin meines Hauses stützen und unterbauen. Das soll er bleibenlassen, oder ich werde mich seines einstürzenden Hauses so annehmen als meines eigenen.« Da die Berliner Aufklärer ihn noch immer nicht verstanden, ward er nicht müde, ihnen auseinanderzusetzen, daß er »die alte orthodoxe (im Grunde &#039;&#039;tolerante&#039;&#039;) Theologie der neuen (im Grunde &#039;&#039;intoleranten&#039;&#039;) vorziehe, weil jene mit dem gesunden Menschenverstände offenbar streitet und diese ihn lieber bestechen möchte. Ich vertrage mich mit meinen offenbaren Feinden, um gegen meine heimlichen desto besser auf meiner Hut sein zu können.« Oder er schreibt dem Bruder: »Wenn die Welt mit Unwahrheiten soll hingehalten werden, so sind die alten, bereits gangbaren ebensogut dazu wie neue.« Natürlich war alles vergebens; mit dem Berliner Aufkläricht kämpfte selbst ein Lessing vergebens. Hat doch noch in unseren Tagen ein Enkel Karl Gotthelfs, als er einen Juden um seines Judentums willen brotlos machte, die schlechte Tat damit zu entschuldigen versucht, sein Blatt, eben die »Vossische Zeitung«, an der Gotthold Ephraim sich seine ersten Sporen verdiente, müsse in protestantenvereinlichem Geiste redigiert werden, das heißt: im Sinne jener religiösen Halbheit, die Lessing mit seinem ätzendsten Spotte für immer gekennzeichnet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich sei noch einiges aus Lessings Gegensätzen zu den Fragmenten des Ungenannten beigebracht. Gleich in dem Schlußworte zu dem ersten, 1774 herausgegebenen Fragmente spricht Lessing von den neumodischen Theologen, »die sich gegen die Verteidiger einer bloß natürlichen Religion mit so vielem Stolze, mit so vieler Bitterkeit ausdrücken, daß sie mit jedem Worte verraten, was man sich von ihnen zu versehen hätte, wenn die Macht in ihren Händen wäre, gegen welche sie itzt noch selbst protestieren müssen«, und einschließt: »Dieses ihr vernünftiges Christentum ist allerdings noch weit mehr als natürliche Religion; schade nur, daß man so eigentlich nicht weiß, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das Christentum sitzt.« Als Lessing dann 1777 fünf weitere Fragmente herausgab, stellte er in seinen Gegensätzen zunächst fest – und wir brauchen nach unseren bisherigen Ausführungen nicht noch einmal zu sagen, wie wenig »unklar« oder »unwahr« Lessing dabei wurde, sondern wie er so ganz aus seiner innersten Überzeugung schöpfte –, daß »dieses Mannes (nämlich des Ungenannten) Hypothesen und Erklärungen und Beweise« am Ende den Theologen, aber gar nicht den Christen angingen, der sich in der christlichen Religion selig &#039;&#039;fühle&#039;&#039;, und er sagt dann von den Theologen: »Hat man den Mantel nicht längst auf die andere Schulter genommen? Die Kanzeln, anstatt von der Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens zu ertönen, ertönen nun von nichts als von dem innigen Bande zwischen Vernunft und Glauben. Glaube ist durch Wunder und Zeichen bekräftigte Vernunft und Vernunft räsonierender Glaube geworden. Die ganze geoffenbarte Religion ist nichts als eine erneuerte Sanktion der Religion der Vernunft. Geheimnisse gibt es entweder darin gar nicht, oder wenn es welche gibt, so ist es doch gleichviel, ob der Christ diesen oder jenen oder gar keinen Begriff damit verbindet. Wie leicht waren jene Theologaster zu widerlegen, die außer einigen mißverstandenen Schriftstellen nichts auf ihrer Seite hatten und durch Verdammung der Vernunft die beleidigte Vernunft im Harnisch erhielten! Sie brachten alles gegen sich auf, was Vernunft haben wollte und hatte. Wie kitzlig hingegen ist es, mit diesen anzubinden, welche die Vernunft erheben und einschläfern, indem sie die Widersacher der Offenbarung als Widersacher des gesunden Menschenverstandes verschreien! Sie bestechen all es, was Vernunft haben will und nicht hat.« Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr interessant ist in dieser Beziehung auch noch eine Anmerkung, die Nicolai zu Lessings früher schon erwähnter Predigt über zwei Texte macht. Der Berliner Aufklärer schreibt: »Lessing war nicht allein sehr dafür, jedem in theologischen Sachen seine, subjektive Überzeugung zu lassen, sondern – man mag es mir nun. glauben oder nicht – er wollte auch nicht, daß in der Dogmatik Änderungen gemacht würden, ob er gleich dabei den Weg zur freiesten Untersuchung offengehalten wissen wollte. Daß dies Lessings Meinung war, kann ich mit völliger Sicherheit behaupten, da ich und Moses so oft mit ihm über diesen Gegenstand disputiert haben, besonders im Jahre 1776 oder 1777, da wir ihm ernsthaft die Herausgabe der bekannten Fragmente widerrieten. Vielleicht werde ich bei einer anderen Gelegenheit Veranlassung haben auseinanderzusetzen, von welchem Gesichtspunkt er bei seiner Idee über Dogmatik und Orthodoxie eigentlich ausging und wie er von derselben erst in den letzten Jahren seines Lebens zu der Idee, daß &#039;&#039;Offenbarung&#039;&#039; für das menschliche Geschlecht nur &#039;&#039;Erziehung&#039;&#039; sei, ganz natürlich überging. Hier will ich nur so viel sagen, daß Lessings Meinung war, bei Untersuchungen die Dogmatik ganz beiseite zu legen – gleichviel, meinte er, ob sie unwidersprechlich richtig oder gar nicht da wäre – und von ganz anderen Gesichtspunkten auszugehen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 17, 266.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unseres Wissens ist Nicolai nicht dazu gekommen, diese Gesichtspunkte an anderer Stelle zu entwickeln; aus seinen vorstehenden Äußerungen geht aber schon mit hinreichender Deutlichkeit hervor, daß Lessing im Gegensatze zu den Berliner Aufklärern, die am Dogma mit allerlei »vernünftigen« Abstrichen herumflickten und für ihr Stümperwerk mit noch fanatischerer Unduldsamkeit dieselbe Unfehlbarkeit beanspruchten, die nur je für das geschlossene System der alten Orthodoxie beansprucht worden war, das Dogma unangefochten lassen, die Religion als Privatsache betrachten, dagegen der wissenschaftlichen Forschung den freiesten Lauf lassen wollte. Wie er dann durch diese Forschung, namentlich an der Hand des Werkes von Reimarus, »ganz natürlich« dazu kam, in der Offenbarung die Erziehung, das heißt in den historischen Religionen die aufsteigenden Entwicklungsreihen des menschheitlichen Geistes zu erkennen, das haben wir in unseren bisherigen Darlegungen klarzustellen gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fragen wir nun aber, wodurch denn den heutigen Nicolaiten ermöglicht worden sei, den geistigen Standpunkt Lessings in seinen letzten Kämpfen gar so sehr zu verrücken und den Anschein hervorzurufen, als ob diese Kämpfe ihren Schwerpunkt in einem dogmatischen Streite mit der Orthodoxie gehabt hätten, so lautet die Antwort einfach: durch die »Faulheit und Feigheit« ihrer geistigen Väter. Denn die drückten sich um den Schlag herum, den Lessing gegen sie zielte; höchstens Herr Semler, der »Schubiak«, die »impertinente Professorgans«, wie Lessing ihn mit berechtigter Erbitterung nannte, erklärte den Herausgeber der Fragmente aus anonymem Hinterhalte für Bedlam reif, oder die Berliner »Allgemeine Bibliothek« kam nach langem Zögern wie eine »armselige Blindschleiche dahergerutscht«. Dagegen zerstieß sich ein ehrlicher Orthodoxer an Lessings ehernem Schilde den Kopf, und auf das Konto dieses armen Schelms hin wird der Lessing des Fragmentenstreites als freisinniger Kulturpauker des heutigen Schlages gefeiert. Die bürgerlichen Klassen verstehen heute noch nicht einmal, was ihr getreuester Eckardt vor mehr als hundert Jahren wollte, und deshalb haben sie es auch so herrlich weit gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Erwartung nämlich, die Orthodoxie werde sich in seinen Handel mit den neumodischen Theologen nicht mischen, erfüllte sich nicht. Noch im Mai 1777 hatte er an seinen Bruder geschrieben: »Mit der gehörigen Vorsicht kann man ihrentwegen (der Orthodoxen wegen) schreiben, was man will. Nicht das, was man ihnen nimmt, sondern das, was man an dessen Stelle setzen will, bringt sie auf, und das mit Recht.« Allein während sich die angegriffenen Aufklärer um die Fragmente herumdrückten, machte die Orthodoxie sofort gegen sie mobil. Und gar so sehr konnte man ihr das nicht verargen. Was der Herausgeber der Fragmente ihr ließ, konnte sie nicht über das trösten, was die Fragmente ihr nahmen. Mit der Auferstehung Jesu, die Reimarus zu einem plumpen Taschenspielerstreiche der Jünger herabkritisierte, stand und fiel das orthodoxe Dogma, und seine Bekenner rotteten sich gegen den Tempelschänder zusammen. Es stellte sich heraus, daß Lessing, angeekelt von dem »faulen und feigen« Aufkläricht, in psychologisch leicht erklärlicher Rückwirkung der Orthodoxie eine größere Duldsamkeit und namentlich auch eine größere Klugheit zugetraut hatte, als sie besaß und nach ihren damaligen historischen Existenzbedingungen am Ende auch zu besitzen brauchte. Sie war in einem unaufhaltsamen Niedergange begriffen; die großen Kirchenlichter waren längst erloschen, und die kleinen Geister, die sich als Luthers Nachfahren gebärdeten, klammerten sich um so verzweifelter an die Buchstaben der Bibel, je heftiger der Boden unter ihren Füßen schwankte. Lessings geschichtsphilosophische Gesichtspunkte zu fassen, lag ganz außerhalb ihrer Fähigkeit; sie konnten sich nicht einmal zu dem diplomatischen Gedanken aufschwingen, daß es am Ende ratsam sei, einen Fittich preiszugeben, um den Rumpf noch eine Weile zu retten. So stürzten sie sich in mehr oder minder wilder Wut über den Fragmentisten und seinen Herausgeber her, und von ihrem besonderen Standpunkt aus auch gewiß mit vollem Recht. Aber Lessing war nicht minder in seinem Rechte, wenn er den auf ihn eindringenden Angriff abwehrte und dabei immer so in den Waldhineinrief, wie er aus dem Walde angerufen worden war. Ganz nach der Tonleiter, die er in den Antiquarischen Briefen für den Kunstrichter aufgestellt hatte: gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stümper; höhnisch gegen den Prahler und so bitter als möglich gegen den Kabalenmacher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anfänger in der Tat war der Direktor Schumann in Hannover, der die von dem Fragmentisten behauptete »Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf gegründete Art glauben könnten«, durch die in Jesu erfüllten Weissagungen und durch die von Jesu vollbrachten Wunder gleichwohl als möglich nachgewiesen haben wollte. Gelinde genug wies ihm Lessing in seiner haarscharfen Dialektik nach, daß, auch wenn die Nachrichten von jenen Wundern und Weissagungen ebenso zuverlässig seien, als nur immer historische Wahrheiten sein könnten, dennoch zufällige Geschichtswahrheiten nie der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten werden können, und schmeichelnd genüg wollte er sich mit dem beschränkten, aber anständigen Manne in der christlichen Liebe über die christlichen Glaubenslehren einigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stümper war der Superintendent Reß in Wolfenbüttel, der die zehn von dem Fragmentisten in der Auferstehungsgeschichte der Evangelien aufgedeckten Widersprüche halb durch kindische Auslegung und halb durch verlogene Verdrehung der betreffenden Textstellen beseitigen wollte. Auch ihm trat Lessing im Anfange seiner Duplik gelinde genug entgegen; hier sprach er das schöne und tiefe, zugleich das Ergebnis wie das Wesen seiner einsamen Geisteskämpfe beleuchtende Wort: »Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. – Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!« Aber je tiefer dann Lessing in die traurige Salbaderei seines »Nachbarn« eindrang, je mehr er abtat von dessen »eklen Mißgeburten, deren man freilich den langen Tag über nicht so viele ersäufen kann, als er die folgende Nacht wieder auszubrüten imstande ist«, um so mehr verfiel er in einen Ton, der allerdings »abschreckend und positiv« genug war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prahler aber und Kabalenmacher waren die hamburgischen Orthodoxen, leider auch der Hauptpastor Goeze, der bei alledem ein besseres Los verdient hätte, als im Bernstein von Lessings Polemik ein unsterbliches Insektendasein zu führen. Lessing hatte in Hamburg gute Freundschaft mit ihm gehalten und ihn gelegentlich vor dem Fragmentenstreite seinen »ehrlichen Goeze« genannt. Und ohne Zweifel war Goeze ein ehrlicher Kerl, ein ungleich besserer Mann als die Lange und die Klotz und auch die Nicolai; um seine orthodoxe Überzeugung war es ihm heiliger Ernst, für sie stand er immer auf dem Plane mit gar nicht ungeschicktem Schwerte, ihr wußte er auch, wenn es not tat, Opfer zu bringen. Ein bißchen sehr arg hat ihm Lessing mitgespielt, das ist gar keine Frage; Lessing selbst sagt wohl, daß er ihm »Evolutiones« mache, daß er seine Waffen nach seinem Gegner richten müsse und daß er nicht alles, was er streitend schreibe, lehrend schreiben würde. Heute jedes Wort Lessings gegen Goeze als richtig zu wiederholen, würde größtes Unrecht gegen Goeze sein, wenn es nicht ein noch größeres Unrecht gegen Lessing wäre. Lessing will verstanden, nicht nachgebetet sein, aber wenn Lessing als Nachwelt dem guten Goeze zweifellos manche Unbill abbitten würde, so mußte Lessing als Mitwelt trotzdem genauso gegen Goeze handeln, wie er gehandelt hat. Das ist der Punkt, den manche neueren Lessing-Forscher als Retter Goezes ebenso übersehen, wie beispielsweise Stahr übersehen hat, daß Lessings Flugschriften gegen Goeze doch nicht das wahre Bild dieses Mannes widerspiegeln. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, daß Goeze, wie man um seiner selbst willen mit aufrichtigem Bedauern sagen mag, als Prahler und Kabalenmacher gegen Lessing aufgetreten ist; er hat ihn auf sein Todesstündlein verwiesen, er hat mit sanftem Anwinken den Arm der weltlichen Obrigkeit auf ihn herabgerufen, er hat ihn wie einen ungezogenen Schulbuben wegen seines persönlichen Glaubens katechisiert, und alles das hatte mit der wissenschaftlichen Kritik der Evangelien durch den Fragmentisten, geschweige denn mit Lessings Gegensätzen auch nicht das geringste zu tun. Es war pfäffische Kabale, Prahlerei, Verfolgungssucht, und wenn es Goezes von ihm keineswegs verleugneter Anhang in Hamburg noch ärger trieb als er selbst, so entlastet ihn das jedenfalls nicht, selbst wenn man seinen heutigen Fürsprechern zugeben möchte, daß es ihn nicht noch mehr belastet. Lessing durfte sich das einfach nicht bieten lassen, was Goeze ihm bot, und zu seinen Vorzügen, wenn es denn wirklich ein Vorzug sein soll, hat ein Übermaß von Geduld gegen heimtückische Angriffe auch nie gehört. Gegen den Prahler und Kabalenmacher wurde er »höhnisch«, wurde er »so bitter als möglich«, und zugegeben, daß er zu höhnisch, zu bitter wurde, so hat er auf diesen Vorwurf schon die erschöpfende Antwort erteilt mit den Worten: »Gegen einen solchen Mann wäre es möglich, die geringste Achtung beizubehalten? Einem Dritten vielleicht! Aber nicht dem, nach dessen Kopfe diese Steine zielen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Winke an die weltliche Obrigkeit hatten denn auch den gewünschten Erfolg; das braunschweigische Konsistorium fiel mit Beschlagnahmen und Verboten in den kräftigen Arm, der die Gegner in hellen Haufen vor sich her trieb. Lessing ließ sich dadurch zwar nicht beirren, in der »ausländischen« Presse zu sagen, was er noch zu sagen hatte, aber da er nun einmal von einer Arbeit feiern sollte, die »er mit derjenigen frommen Verschlagenheit ohne Zweifel nicht betrieben hatte, mit der sie allein glücklich zu betreiben ist«, so hatte er in einer schlaflosen Nacht einen »närrischen Einfall«; er möchte versuchen, ob man ihn »auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen«. Einen Sohn seines eintretenden Alters, den die Polemik [hat] entbinden helfen, so nennt er Nathan den Weisen, und von den Versen dieses dramatischen Gedichts sagt er, daß sie viel schlechter sein würden, wenn sie viel besser wären. Bei dieser Kritik des großen Kritikers hätte es bleiben sollen. Lessingisch durch und durch, ein bleibendes Besitztum unserer Literatur, ein kostbares Gefäß, in das die letzte, prächtig verströmende Kraft eines Heldengeistes floß, trägt Nathan doch die Spuren des Alters wie der Polemik. Es ist leider nicht ganz unwahr, wenn Jakob Grimm ihn zur Emilia steckt, wie den »Don Carlos« zum »Fiesko«. Nathan ist reich an schönen und tiefen Worten, die wir gar manches Mal freilich lieber in Lessings klassischer Prosa als in seinen holperigen Versen besitzen möchten, und einzelne Nebencharaktere wie der Derwisch, der Klosterbruder, der Patriarch, der immerhin nicht den orthodoxen Fanatiker Goeze, aber wohl den orthodoxen Fanatismus plastisch verkörpert, sind zu klassischen Gestalten geworden. Nicht zu vergessen des Herzbluts, mit dem Lessing die Szenen zwischen Nathan und Recha tränkte: es war eine der letzten Infamien der deutschen Philister an Lessing, daß sie ihm durch nichtswürdige Klatschereien den Schatten häuslichen Glücks zerstören wollten, den ihm die kindliche Liebe seiner Stieftochter Malchen schuf. Aber die gänzlich unhistorischen Voraussetzungen des Stückes und die fast ifflandische Gemütlichkeit, womit sich Jude, Sultan und Tempelherr über Toleranz unterhalten, haben dem Nathan das schlimmste Schicksal bereitet, das einem Werke von Lessing zustoßen kann; er ist zum Banner desselben breimäuligen und schwatzschweifigen Aufklärichts geworden, gegen den Lessing gerade sein gutes Schwert gezogen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin muß man sich hüten, den Wert dieses dramatischen Gedichts nach seiner heutigen Gefolgschaft abzuschätzen. Trotz alledem bleibt es der weihevolle Akkord, in dem Lessings größter Kampf ausklang. »Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe«, schreibt Lessing seinem Bruder. Er will damit »dem Feinde auf einer anderen Seite in die Flanke fallen«, aber er sagt auch: »Mein Stück hat mit unsern jetzigen Schwarzröcken nichts zu tun ... Die Theologen aller geoffenbarten Religionen werden freilich innerlich darauf schimpfen, aber dawider sich öffentlich zu erklären, werden sie wohl bleibenlassen.« Lessing dichtete den Nathan unter den schwersten Bedrängnissen, in der eigenen Brust schon die Todeskrankheit, durch polizeiliche Verbote in seiner schriftstellerischen Tätigkeit gelähmt, gebrochen durch den Tod seiner geliebten Frau, von Sorgen um das tägliche Brot so geplagt, daß er über die Subskription auf sein Gedicht schrieb, vielleicht sei das Pferd schon verhungert, ehe der Hafer reif geworden. Und aus all diesem Elend rang sich sein hoher Geist zu der heiteren Naivität empor, die Goethe bereits an dem Nathan rühmte. Den Besten der Zeitgenossen tat das Werk genug, ja, es wirkte auf sie wie eine überwältigende Offenbarung. »Lange, lange«, so schrieb Elise Reimarus, »muß kein Trunk Wassers in einer dürren Sandwüste so verschluckt worden sein, so gelabt haben als dieser uns ... So ein Jude, so ein Sultan, so ein Tempelherr, so eine Recha, Sittah – was für Menschen! Wenn es deren viele von ordentlichen Eltern geboren gäbe, wer möchte nicht so lieb auf Erden als im Himmel leben, da, wie Sie ganz recht bemerken, der Mensch dem Menschen doch immer lieber bleibt als der Engel.« Und trotz aller Mängel, die von berühmten und unberühmten Kritikern dem Drama nachgesagt worden sind, wird seine kürzeste und treffendste Kritik bleiben, was Herder an Lessing schrieb: »Ich sage Ihnen kein Wort Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister, und dies ist Manneswerk.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Mensch, auch der klügste nicht, kann über den Gedankenkreis seiner Zeit hinaus; was wir auf dem heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Erkenntnis wissen, daß sich nämlich in den historischen Religionen immer nur die ökonomischen Entwicklungskämpfe der Menschheit widerspiegeln, das konnte Lessing höchstens, wie ein Satz in seinen Freimaurergesprächen zeigt, ganz von fern ahnen. Vom bürgerlich-ideologischen Standpunkte aus sah Lessing in dem Hader der Religionen nicht die Wirkung, sondern die Ursache der sozialen Kämpfe; er meinte: »Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon itzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.« Nun, schon zwei Jahre nach seinem Tode wurde Nathan in Berlin aufgeführt, und was war es denn mehr? Deshalb benutzte Friedrichs aufgeklärter Despotismus die positiven Religionen nicht weniger als Machtmittel seiner Regierung; deshalb gediehen die jüdischen Wucherer Ephraim und Itzig nicht weniger zur »Freiheit von christlichen Bankiers«, während der jüdische Philosoph Moses nur eben eine rechtlose Duldung genoß und seine Tochter Recha nicht einmal hatte, wo sie nach seinem Tode ihr Haupt hinlegen durfte. Aber je weniger Lessing nach dem Erkenntnisvermögen seiner Zeit auf den tiefsten Grund der Dinge blicken konnte, um so bewundernswerter ist die geistige Klarheit, womit er praktisch den Standpunkt vertrat, über den die Besten unserer Zeit nicht hinausgekommen sind und auch gar nicht hinauskommen wollen, auf den die halben Aufklärer unserer Tage so wenig gelangen können wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren: den Standpunkt, daß der religiöse Glaube die private Sache jedes einzelnen Menschen sei, um derentwillen er schlechterdings nicht behelligt werden dürfe, aber daß ebendeshalb auch alle Religion, die sich zum Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung oder zur Waffe der sozialen Unterdrückung mache, rücksichtslos bekämpft werden müsse, sie sei welche sie wolle. Und wenn der Jüngling alle geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch genannt hatte, so gab der alternde Mann in demselben Gedankengange der Parabel von den drei Ringen, die schon seit den Tagen der Kreuzzüge durch die Weltliteratur lief, die bezeichnende Wendung: &#039;&#039;Kein&#039;&#039; Ring ist der echte, der echte Ring vermutlich ging verloren, aber wer seinen Ring den echten glaubt, der eifre, die Kraft des Steins in seinem Ring mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun an den Tag zu legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts törichter daher, als im Nathan eine Verunglimpfung des Christentums oder gar eine Verherrlichung des Judentums zu suchen. Es ist ein schnöder Verrat an Lessing, wenn der philosemitische Kapitalismus sich unter dem Banner des Nathan zu scharen versucht. Lessing nahm den Juden einfach aus der Novelle des Boccaccio, die ihm die Parabel von den drei Ringen lieferte. Er hat. wie jede soziale Unterdrückung, so die soziale Unterdrückung der Juden bekämpft, aber die heutzutage der Menschheit von der »Freisinnigen Zeitung« auferlegte Verpflichtung, in jedem jüdischen Börsenjobber lieber gleich einen Erzengel Gabriel zu verehren, hat seine freie Seele noch nicht geahnt. Er kannte neben den Licht- auch die Schattenseiten des jüdischen Charakters sehr wohl, und über die jüdische Unduldsamkeit hat er genau mit derselben Verachtung gesprochen wie über die pfäffische. Aber mit dem politischen Takte eines rechten Kämpfers wußte er, daß man die Unterdrückten nicht striegeln darf, solange man die Unterdrücker bekämpfen muß. So sparte er sich die Kritik des Judentums, die andere große Denker und Dichter unserer klassischen Literatur sich nicht sparen zu sollen glaubten. Dafür prangen ihre Namen denn nun auch in der Leporelloliste des Antisemitismus, während es Lessings bleibender Ruhm ist, daß sich weder die Antisemiten noch die Philosemiten mit irgendwelchem Recht auf ihn berufen dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die tiefe Logik, die in der letzten Wendung von Lessings Leben lag, macht sich auch darin geltend, daß er die dauernden Lorbeeren des Fragmentenstreits da ernten sollte, wo er in richtigem Instinkte den Kampf aufgenommen hatte, wo er den Kant und Fichte und Hegel wirklich die Bahn brach. Er selbst spricht von seinen Streitschriften gegen die Orthodoxie, so klassische Meisterwerke der Polemik sie in ihrer Art waren, als von »Katzbalgereien« und »Schnurren«. Dagegen nannte er in einem Briefe an seinen Bruder seine »Neue Hypothese über die Evangelisten, als bloß menschliche Geschichtsschreiber betrachtet«, mit einem bei ihm einzig dastehenden Selbstlobe das Gründlichste und Sinnreichste, was er geschrieben zu haben glaube, und ein in dieser Frage so berufener Urteiler wie David Strauß bestätigt, daß dies »Schriftchen von zwei Bogen die fruchtbaren Keime aller späteren Forschungen über den Gegenstand enthalte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Strauß, Leben Jesu, 1, 102.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing legte den festen Boden der Evangelienkritik, indem er zwischen den drei synoptischen Evangelien und dem Evangelium Johannis unterschied und sowohl über die Entstehung und die gegenseitigen Beziehungen der nach Matthäus, Markus, Lukas benannten Evangelien eine Reihe scharfsinniger Bemerkungen machte als auch in bündiger Weise darlegte, daß erst mit dem vierten Evangelium das Christentum aus einer bloßen jüdischen Sekte in den Rang einer Weltreligion übergetreten sei. Wir sahen schon, daß Lessing die Gelehrsamkeit und Gründlichkeit des Fragmentisten sehr hoch schätzte, aber nicht etwa taktisch, sondern prinzipiell diesem Meister »mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd« gegenüberstand. So treffend der Fragmentist die einzelnen Widersprüche in der von den Evangelien berichteten Auferstehungsgeschichte aufgedeckt hatte, so weit schoß er daneben, wenn er meinte, daß sich die Jünger, die in Jesu bis dahin einen weltlichen Messias gesehen hätten, nach seinem wider ihr Erwarten erfolgten Tode aus Not und in einer Art frommen Betrugs ein neues Religionssystem zurechtgezimmert hätten. Einer so oberflächlich-rationalistischen Auffassung war Lessing seinerseits unfähig; er sah in den positiven Religionen ein naturgemäßes Erzeugnis und eine unentbehrliche Bedingung der menschlichen Geistesentwicklung, und Zeller sagt mit Recht, daß er schon den Grundgedanken von Hegels Religionsphilosophie vertreten habe. Wenn Hegel die Aufklärung eine bewußte Lüge nennt, insoweit sie von »Pfaffenbetrug« und »Volkstäuschung« rede, so hat Lessing freilich so grob und so ungerecht nicht über den Fragmentisten geurteilt, der es in seiner Weise durchaus ehrlich meinte, aber es sind lessingische Gedanken, wenn Hegel ausführt, daß »den Glauben die historischen Zeugnisse – das Wissen gemeiner wirklicher Geschichten nichts angehe«, daß es »dem Glauben nicht einfalle, an solche Geschichten, an solche Zufälligkeiten und Zeugnisse seine Gewißheit zu knüpfen«. Genau dies war der Standpunkt, den Lessing sowohl gegenüber der Aufklärung, der wirklichen eines Reimarus und der scheinbaren eines Nicolai, als auch gegenüber der Orthodoxie vertrat, und von diesem Standpunkte aus konnte er mit voller Wahrheit sagen, was ihm neuere Lessing-Forscher gern als Humbug aufmutzen möchten, daß er es mit der christlichen Religion besser meine als Goeze und Kompanie.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Phänomenologie des Geistes, 418 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am ausführlichsten hat Lessing seinen religionsphilosophischen Standpunkt in der Erziehung des Menschengeschlechtes entwickelt, und, wie wir schon sahen, gleichfalls im Gegensatze zu Reimarus. Die geoffenbarten Religionen sind ein Erziehungsmittel des Menschengeschlechts gewesen; dieser Nachweis wird an der jüdischen und der christlichen Religion geführt. Man darf den meisterhaft geschriebenen Aufsatz natürlich nicht vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft aus kritisieren, und man darf noch viel weniger seinen Schwerpunkt in der am Schlusse auftauchenden Hypothese der Seelenwanderung suchen. Dieser Schwerpunkt liegt vielmehr in dem Versuche, gerade aus der historischen Berechtigung der geoffenbarten Religionen die Notwendigkeit ihres historischen Verfalls zu erweisen. »Warum wollen wir«, so fragt Lessing, »in allen positiven Religionen nicht lieber weiter nichts als den Gang erblicken, nach welchem sich der menschliche Verstand jedenorts einzig und allein entwickeln können und noch ferner entwickeln soll, als über eine derselben entweder lächeln oder zürnen? Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unseren Irrtümern nicht?« Aber »die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll ... Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil gestiftet und der menschlichen Gesellschaft nachteilig geworden ... Nicht den Spekulationen – dem Unsinne, der Tyrannei, diesen Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre eigenen zu gönnen, ist dieser Vorwurf zu machen.« Vor allem an der Unsterblichkeitsfrage verfolgte Lessing die Ausbildung der geoffenbarten Wahrheiten in Vernunftwahrheiten. Die jüdische Religion wußte nichts von der Unsterblichkeit der Seele, weil das rohe und im Denken ungeübte Volk der Juden nur durch unmittelbare, sinnliche Belohnungen und Strafen erzogen werden konnte. Die christliche Religion lehrte entwickelte Völker, sich von edleren Beweggründen leiten zu lassen; sie erzog zur inneren Reinigkeit des Herzens durch den Hinblick auf ein anderes wahres, nach diesem Leben zu gewärtigendes Leben. Aber nun kommt die Zeit der Vollendung, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums, »da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer besseren Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die inneren besseren Belohnungen desselben zu erkennen«. Wie der Grundgedanke von Hegels Religionsphilosophie, so ist hier auch schon der Grundgedanke der Kantischen Sittenlehre vertreten, und wenn diese tief durchdachte Arbeit gleichwohl mit der phantastischen Perspektive der Seelenwanderung endet, so spiegelte sich darin nur das deutsche Elend wider. Ein so weltfreudiger Mensch wie Lessing wollte schlechterdings nichts von einem zukünftigen Leben wissen; in einem seiner hinterlassenen Fragmente heißt es: »Über die Bekümmerungen um ein künftiges Leben verlieren Toren das gegenwärtige. Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als einen künftigen Tag? Dieser Grund gegen die Astrologie ist ein Grund gegen alle geoffenbarte Religion. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Kunst gäbe, das Zukünftige zu wissen, so sollten wir diese Kunst lieber nicht lernen. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Religion gäbe, die uns von jenem Leben ganz ungezweifelt unterrichtet, so sollten wir lieber dieser Religion kein Gehör geben.« Aber die notwendige Voraussetzung dieser Weltfreudigkeit war, daß »der Mensch einer immer besseren Zukunft sich überzeugt fühlet«, und dieser Überzeugung konnte in dem gesegneten Deutschland nur leben, wer mit Lessing hoffend fragte: »Was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Philosophie, um überhaupt davon zu reden, war ebensowenig systematisch wie seine Theologie. Die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands verschloß ihm das Verständnis des Materialismus, und er war eine viel zu energische, rasche, auf den vollen Genuß des Lebens gerichtete Natur, um mit Behagen an den Spinneweben der idealistischen Philosophie zu spinnen. Sein philosophischer Lebenslauf ging von Leibniz zu Spinoza. Vor- oder rückwärts, wie man will. Denn Leibniz, der eine große spekulative Begabung mit der seltsamsten Anpassungsfähigkeit an den deutschen Duodezdespotismus verband, war »im Herzen selbst ein Spinozist«, wie Lessing treffend sagte; mit seiner Monadenlehre und prästabilierten Harmonie hatte er nur seinen Spinozismus vor den lauernden Augen der Orthodoxie notdürftig verkleidet. Durch diese Schale wieder auf den Kern zu dringen, durch die täuschenden Verhüllungen auf die spinozistischen Grundgedanken: Einheit alles Seienden, Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, Wesenseinheit von Geist und Natur zurückzugehen, war Lessings philosophische Entwicklung, die sich aus seinen philosophischen Gedankenspänen, so unsystematisch sie sein mögen, vollkommen sicher nachweisen ließe, wenn auch nicht Jacobis durchaus glaubwürdiger Bericht über Lessings mündliches Bekenntnis zum Spinozismus vorläge. Lessing gelangte bis an die Grenze, die den Idealismus von dem Materialismus trennt; darüber hinauszugehen gestattete ihm im letzten Grunde die Verkommenheit der deutschen Zustände nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie auch trieb ihn in die Höhe jenes hellen, aber etwas luftigen Humanismus, der seine Freimaurergespräche: Ernst und Falk, beseelt. Es ist natürlich dummes Zeug, wenn Stahr aus diesen wiederum meisterhaft geschriebenen Dialogen eine unwiderlegliche Zurückweisung des Sozialismus heraus-, dagegen eine Verherrlichung der Anarchie, die nach Stahr zu unserer Zeit Proudhon und – Karl Vogt am glorreichsten vertreten haben, hineinlesen will. Zu solchem sinnlosen Durcheinanderwürfeln von Begriffen und Namen muß die ideologische Geschichtsschreibung ihrer inneren Natur nach immer gelangen; vom Standpunkt der wissenschaftlichen Geschichtsforschung aus läßt sich nur sagen, daß Lessings Freimaurergespräche unter herber Kritik des Zerrbildes, zu dem sich der humanistische Gedanke in dem Freimaurerorden entwickelt hat, ein ideales, von allem konfessionellen, nationalen, sozialen Unterschiede absehendes, den Menschen im Menschen liebendes Freimaurertum als das edelste und erstrebenswerteste Ziel der menschlichen Entwicklung hinstellen. Lessing schlägt hier zuerst den Flug ein, den die großen Denker und Dichter des deutschen Bürgertums aus dem hoffnungslosen Wirrsal des deutschen Elends in die Ätherhöhen der Idee genommen haben, weil sie ihn nehmen mußten, weil nur so noch eine Aussicht auf die Emanzipation der bürgerlichen Klassen gerettet werden konnte. Aus dieser Höhe hat dann Lessing noch mehr vielleicht als die anderen ihm ebenbürtigen Ritter vom Geiste manch weiten Blick in die Zukunft getan, so wenn Falk den, wie Ernst sagt, »gewaltigen Schritt« tut, zu folgern, daß die Staaten »ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen« haben. Daraus könnte man mit viel größerem Rechte ein Bekenntnis zur materialistischen Geschichtsauffassung machen, als wenn Stahr »seinen« Lessing die Notwendigkeit der Klassenunterschiede »unwiderleglich« beweisen lassen will, weil Lessing für die Zustände seiner Zeit die verheerenden Folgen dieser Unterschiede nicht anders als durch eine ideale Freimaurerei zu beseitigen wußte. Aber man darf der ideologischen Geschichtsschreibung keine Zugeständnisse machen, und wenn Lessing in jenem merkwürdigen Satze die Verschiedenheit der Religionen auf die Verschiedenheit der ökonomischen Zustände zurückzuführen scheint, so lag darin noch nicht der bewußte Anfang einer neuen Weltanschauung, sondern einer jener genialen Gedankenblitze vor, wie sie bei den vorgeschrittensten Persönlichkeiten jedes historischen Zeitalters wiederzukehren pflegen und – namentlich was den Einfluß des Klimas auf die geistige Entwicklung der Völker anbetrifft – schon von Montesquieu und Winckelmann in die Welt geworfen worden waren.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Stahr behauptet auch, daß Lessing die Freimaurergespräche »seinem Fürsten« gewidmet habe, und Herr Christian Groß ist vollends so »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr«, aus dem »Fürsten« Stahrs gar noch Lessings »hohen Gönner und Landesherrn« zu machen. Darunter geht es nun einmal nicht bei den modernen Byzantinern, und wenn es sich auch nur um ein längst vermodertes Despötlein handelt. Der Ursprung des albernen Klatsches ist wohl bei K. G. Lessing und den Berliner Aufklärern zu suchen, die gleich nach dem Erscheinen der Freimaurergespräche von einer angeblichen Kriecherei Lessings zischelten, weil »Ernst und Falk« dem »Herzog Ferdinand« gewidmet war, von dem Lessing in ein paar verbindlichen Zeilen die »Erlaubnis erwartete, noch tiefer zu schöpfen«. Das ganze Gemunkel läuft auf eine Personenverwechslung hinaus. Der »Herzog Ferdinand« war nämlich eine ganz andere Persönlichkeit als der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand. Herzog Ferdinand war ein Oheim des Erbprinzen, ein apanagierter, politisch gänzlich einflußloser Welfenprinz, daneben aber auch ein berühmter Feldherr des Siebenjährigen Krieges, der nach dem Hubertusburger Frieden teils aus Ekel vor dem Garnisondienst, teils aus Abscheu über die friderizianische Regie aus preußischen Diensten geschieden war und später den ihm von der englischen Regierung in dem Kriege gegen die amerikanischen Kolonien angebotenen Oberbefehl ablehnte, also einer jener freimütigen und wackeren Soldaten, für die Lessing immer etwas übrig hatte. Es entsprach durchaus nur seiner eigenen, freimütig-wackeren Denkungsart, wenn er, selbst Freimaurer, seine Freimaurergespräche gerade dem Herzoge Ferdinand als dem Großmeister der norddeutschen Logen widmete, denn seine Widmung nahm seiner Kritik der Freimaurerei jeden Schein der Gehässigkeit, während seine Kritik wieder seiner Widmung jeden Schein der Schmeichelei nahm.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade dadurch, daß Lessing in seiner letzten Periode ebenso wie nach ihm Goethe und Schiller, Kant und Fichte und Hegel den »Widerstand der stumpfen Welt« nur durch einen idealen Humanismus zu besiegen gedachte, zeigt er, wie ferne er jeder materialistischen Anschauung stand. Aber sowenig auf dem in seinen Freimaurergesprächen gezeichneten Wege die freie Menschheit erreicht werden sollte, sosehr handelte er im Interesse der bürgerlichen Klassen, indem er diesen Weg einschlug, denn auf keinem anderen war das deutsche Bürgertum als ein die weltgeschichtliche Entwicklung mitbestimmender Faktor noch zu retten. In Deutschland konnte noch die bürgerliche Philosophie eine Weltmacht werden, aber nimmermehr die bürgerliche Politik. Nicht als ob Lessing deren jemals vergessen hätte! Gerade aus den letzten Jahren seines Lebens liegen noch herrliche Zeugnisse seiner politischen Anschauungen vor. Wie treffend geißelt er im Nathan jene in unseren Tagen zur jämmerlichsten Liebedienerei entartete Illusion, die sich mit dem Despotismus abfindet, weil dieser oder jener Despot von weitem etwa einem Biedermann ähnlich sieht, mit den Worten des Derwischs:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Ei was! – Es wär&#039; nicht Geckerei,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Hunderttausenden die Menschen drücken,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ausmergeln, plündern, martern, würgen und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
...........................Was? es wäre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht Geckerei, an solchen Geckereien&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gute Seite dennoch auszuspüren,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um Anteil, dieser guten Seite wegen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dieser Geckerei zu nehmen?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie blicken die Spartakus-Fragmente dem bürgerlichen Freiheitsbegriffe schon durch Herz und Nieren, sowohl der lakonische Monolog des Spartakus: »Sollte sich der Mensch nicht einer Freiheit schämen, die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe?« als auch der nicht minder lakonische Dialog zwischen dem Konsul und Spartakus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Konsul&#039;&#039;: Ich höre, du philosophierst, Spartakus?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Spartakus&#039;&#039;: Was ist das: Du philosophierst? – Doch ich erinnere mich – Ihr habt den Menschenverstand in die Schule verwiesen, um ihn lächerlich machen zu können – So du nicht willst, daß ich philosophieren soll – philosophieren – es macht mich lachen – nun gut, wir wollen fechten!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann das köstliche Gespräch über die Mönche und Soldaten, die Schnecken und Mäuse, die des Landmanns Saaten vernichten, die als »Beschützer des Staats«, als »Stützen der Kirche« nur Gimpel locken können. Weiter der Aufsatz über die »deutsche Freiheit, von der man itzt überall eine sehr geringe Meinung hat«. Wenn ein französischer Schriftsteller »vorgibt, daß alle deutschen Untertanen Serfs wären, die ihre Herren schinden können, wie sie wollen«, so findet Lessing: »Wenn er von dem redet, was geschieht, so dürfte er fast recht haben.« Aber er findet zugleich, daß dieses die Einrichtung des deutschen Staates gar nicht sei. In den ältesten Zeiten, von denen Tacitus schreibe, hätten die Könige und Herzoge der Deutschen ohne Zuziehung des Volkes nichts Wichtiges unternehmen dürfen. Ebenso seien im Mittelalter die Landstände zu allen wichtigen Regierungsgeschäften gezogen [worden], namentlich wenn neue Steuern auf gelegt oder Kriege beschlossen werden sollten. Wenn dem nicht mehr so sei, wenn »fast überall geworbene und der Landesherrschaft allein zu Befehl stehende Soldaten unterhalten werden«, so sieht Lessing die Ursache dieser Veränderung mit dem Historiker Strube namentlich auch darin, daß »man den auf Landtagen das meiste vermögenden Adel dadurch zur Einwilligung bewegt habe, daß ihm die alte Steuerfreiheit seiner Güter gelassen, er selbst aber und die Seinigen mit Zivil- und Militärämtern versehen worden«. Aber wenn Lessing die »historische« Einsicht Strubes lobt, so tadelt er die »politische« Ansicht dieses Schriftstellers, der das Unrecht von heute durch das Unrecht von gestern zu rechtfertigen suchte, als »desto schlechter und sklavischer«. Er fragt seinerseits: »Wenn aber das geschieht, sollte es auch geschehen? Sollten wir nicht wenigstens in unseren Schriften unaufhörlich gegen diese ungerechten Veränderungen protestieren, anstatt durch schmeichelnde Nachsicht und Entschuldigung der Großen ihre Tathandlungen Recht sprechen?« Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz dieser klaren Erkenntnis in rein politischen Fragen, das Wort im engeren und engsten Sinne genommen, wußte Lessing, weshalb er seine Perlen nicht mehr vor das deutsche Bürgertum warf. Wie richtig ihn dabei sein bürgerliches Klassenbewußtsein leitete, zeigt das Schicksal der braven Männer, die es gleichwohl auf politischem Wege versuchten. Sie blieben mitten im Sumpfe stecken: Möser, der jüngere Moser, Schlözer und wie sie sonst noch hießen. Neben vielem Trefflichen, was sie schrieben, verteidigte Möser die Leibeigenschaft, schalt Moser über den »Frevel«, das göttliche Recht der Fürsten anzutasten, erklärte es Schlözer für eine »lächerliche Einbildung«, die Ansichten einer Behörde beurteilen zu wollen. Politisch war eben nichts anzufangen mit den bürgerlichen Klassen in Deutschland zu einer Zeit, da ein bürgerlicher Autor schrieb: »Schwerlich wird jemals ein Genie aufstehen, dessen Befehle unsern Gehorsam ermüden könnten«, und ein anderer in einer Abhandlung über den Vaterlandsstolz spottete: »Träume nicht von Freiheit, solange wir auf jeden Wink wie Cäsars Knechte ausrufen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen das Leben der Brüder, ja gegen die eigene Mutter,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn er&#039;s befiehlt, wir führen den Streich, ob die Hand sich auch sträube«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
was denn freilich ja wohl heute schon wieder als der Gipfel »deutscher Freiheit« gelten soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konnte Lessing doch nicht einmal auf seinem idealen Fluge das deutsche Bürgertum mit sich reißen! Ja, nicht einmal die geistige Vorhut dieses Bürgertums! In den theologischen Kämpfen seiner letzten Jahre standen ihm brieflich wenigstens Herder und Moses bei, aber als nach Lessings Tode die betreffenden Briefe veröffentlicht werden sollten, schrieb Herder entrüstet: »Welche Anmutung, mich in die Angelegenheit zu verflechten!« und der edle Moses, das angebliche Urbild des Nathan, erklärte gleichfalls nach Lessings Tode wider die Wahrheit, er habe die Schrift von Reimarus nie gelesen und er habe Lessings Zänkereien nie um der Sache, sondern nur um der eigentümlichen Art und Weise willen angesehen. Wie tief erschüttert angesichts solcher Felonie das Vertrauen, mit dem sich Lessing noch wenige Wochen vor seinem Tode zu diesem ältesten Freunde mit der Bitte um ein schriftliches Lebenszeichen flüchtet: »Und wahrlich, lieber Freund, ich brauche so ein Briefchen von Zeit zu Zeit sehr nötig, wenn ich nicht ganz mißmütig werden soll. Ich glaube nicht, daß Sie mich als einen Menschen kennen, der nach Lobe heißhungrig ist. Aber die Kälte, mit der die Welt gewissen Leuten zu zeigen pflegt, daß sie ihr auch gar nichts recht machen, ist, wenn nicht tötend, doch erstarrend ... Ach, lieber Freund, diese Szene ist aus! Gern möchte ich Sie freilich noch einmal sprechen!« So schrieb Lessing am 19. Dezember 1780 aus Wolfenbüttel, und am 15. Februar 1781 hat er bei einem Besuch in Braunschweig die müden Augen für immer geschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== XI. Lessing und das Proletariat ==&lt;br /&gt;
Um Lessings Todesjahr bewegen sich in scharf ab- und aufsteigendem Gegensatze drei literarische Erscheinungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Pamphlet des Königs Friedrich über die deutsche Literatur zog aller Welt erkennbar die unüberschreitbare Grenzscheide zwischen deutschem Geistesleben und preußischem Despotismus. Man darf sich darüber nicht täuschen lassen durch die dreisten Byzantinismen, womit die heutigen Literarhistoriker das öde Machwerk in ein besseres Licht zu stellen suchen: »unbeschreiblich rührend« nennt es Scherer, und Suphan macht den höfischen Knicks: »Gegen den Eigensinn des großen Königs war nichts zu machen, er gehörte eben mit zu seiner Größe.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Suphan, Friedrichs des Großen Schrift über die deutsche Literatur, 19. Vergleiche auch die treffliche Kritik Suphans durch Xanthippus-Sandvoß in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Neue Folge, 2, 482 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich die trostlose Geistesleere, die dem Leser aus jeder Seite des Pamphlets entgegenstarrt, mag mit zur »Größe« des Despotismus gehören. Aber wenn dem so sein sollte, dann können die Höflinge der bürgerlichen Geschichtsschreibung doch nicht leugnen, daß zwischen dem aufgeklärten Despotismus und unserer klassischen Literatur ein unversöhnlicher Widerspruch bestanden hat und bestehen mußte, daß Friedrichs Schrift ein Pranger ist für den Humbug der Lessing-Legende. Man muß doch schon mehr Idiot als Patriot sein, um sich von dem sentimentalen Gerede, worin sich Friedrich schließlich über eine künftige Blüte der deutschen Literatur ergeht, zu Tränen rühren zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich ist bis zu einem gewissen Grade durch seine Unwissenheit entschuldigt; er hatte keine blasse Ahnung von der geistigen Entwicklung der bürgerlichen Klassen; dies Armutszeugnis seines alles vorausschauenden Despotismus soll ihm keineswegs vorenthalten werden. Aber unbestreitbar ist auch, daß er einem Kitzel despotischen Größenwahns nachgab, daß er der deutschen Literatur einen blutigen Schimpf zuzufügen beabsichtigte. Der Minister Hertzberg wies ihn in aller schuldigen Devotion, aber immerhin mit hinlänglicher Offenheit auf die größten Böcke der Schrift hin. Allein der König antwortete »ungnädig« genug: »Ich kann an diesen Bagatellen nichts mehr ändern.« So empfanden die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen das Pamphlet als einen Schlag ins Gesicht. Herder sprach verächtlich von einem Gespenste, das am lichten Tage umgehe, und in zornglühenden Oden kehrte sich Klopstock gegen den Despoten, von dem er vergebens gehofft hatte, er würde »durch den schöneren Lorbeer decken des anderen Blut«. Goethes Antwort auf die Schmähungen des Königs ist denn freilich leider schon an höfischen Rücksichten um die Ecke gegangen; Herder fand »einzelne schöne Gedanken« darin, aber sie tat ihm nicht genug. Von Lessing besitzen wir kein ausgesprochenes Urteil über die Schrift; wir wissen nur, daß er wenige Tage vor seinem Tode die höfisch-schale Gegenschrift des Abtes Jerusalem gelesen hat. Ihm konnte der König, dessen Despotismus er längst bis auf den letzten Grund erkannt hatte, nichts Neues sagen; ihm war es gerade recht, daß die deutsche Muse, wie später Schiller sang, von Friedrichs Thron schutzlos und ungeehrt ging; ihm war es vor allem zu danken, daß sie sich selbst den Wert erschuf. Vergebens aber sucht man aus der etwas apokryphen Äußerung, die Friedrich fünf Jahre später zu Mirabeau getan haben soll, die loyale Folgerung zu ziehen, daß der König auf einem ähnlichen Standpunkt wie Lessing gestanden, daß er die deutsche Literatur sich selbst überlassen habe, weil sie sich so am kräftigsten entwickeln konnte. Gerade der »unbeschreiblich rührende« Schluß seines Pamphlets läuft darauf hinaus, daß die Literatur nur durch die fürstlichen Höfe auf einen grünen Zweig gebracht werden könne. »Lassen Sie uns Mediceer haben, und wir werden Genies erblühen sehen. Die Auguste werden Virgile erzeugen.« Und anders konnte ein Despot wie Friedrich auch gar nicht denken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lessings Todesjahr fällt ferner das Erscheinen von Schillers »Räubern«. Mit seinem genialen Erstlinge nahm Schiller noch einmal Lessings Lebensarbeit gegen die Tyrannen auf. In raschen Schlägen folgte »Fiesko«, folgte »Kabale und Liebe«; sie alle erfüllt von Lessings Geiste und getragen von den Schwingen eines ungleich mächtigeren Dichtertalents. Aber die bürgerlichen Klassen hatten kein Ohr für diesen Mund, der so große Dinge tönte; nach einem glänzenden, doch kurzen Laufe mußte Schiller »des Bürgerlebens engen Kreis« mit einem »höheren Schauplatz« vertauschen, der in Wahrheit ein sehr viel niedrigerer war. Die Versöhnung mit dem deutschen Spießbürgertum pflanzte den Todeskeim in die deutsche Literatur. Langsam, aber unaufhaltsam wandelte sie bergab. Als das Schwert eines fremden Eroberers vollbrachte, was die bürgerlichen Klassen nicht zu vollbringen vermocht hatten, als die napoleonische Fremdherrschaft den ärgsten Schutt vom deutschen Boden räumte, um nun selbst mit unerträglicher Wucht auf allen Klassen der Nation zu lasten, da spiegelte die romantische Dichtung die seltsam zwiespältige Lage der Dinge wider. Die nationalen und die sozialen Interessen des deutschen Bürgertums traten in einen unversöhnlichen Gegensatz; diese Klasse konnte das ausländische Joch nicht abschütteln, ohne sich das einheimische Joch um so tiefer in den Nacken zu drücken. Vergebens suchten sich die Wortführer der Romantik über den klaffenden Abgrund mit angequälter Genialität und der berühmten »Ironie« fortzuschwindeln; vergebens haschten sie in den Literaturen aller Völker und Zeiten nach dem Boden, auf dem sie fußen konnten. Die romantische Dichtung mußte diesen Boden in der »mondbeglänzten Zaubernacht« des Mittelalters suchen; für Deutschland ließen sich nur hier nationale Ideale finden. Aber das Mittelalter war die ausgeprägteste Klassenherrschaft der Junker und der Pfaffen; aus diesem Zwiespalte der nationalen und der sozialen Interessen gab es kein Entrinnen. Der genialste Dichter der Romantik, Heinrich v. Kleist, ging unter in Irrsinn und Selbstmord; ihr volkstümlichster Sänger, Ludwig Uhland, feierte zuerst die minniglichen Königstöchterlein und zuletzt das alte, gute Recht in Schwaben, das in Wirklichkeit ein ganz verfaultes Recht war, wie sehr auch dieser edle Dichter und steifnackige Mann mit der wachsenden Drangsal seiner Klasse über die Romantik hinauswuchs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kam dann so, wie es kommen mußte. Dank dem unentwickelten Zustande der bürgerlichen Klassen im östlichen Europa siegte die feudale Legitimität in dem Kampfe gegen die neue Zeit, die seit 1789 über unseren Erdteil heraufgedämmert war. Byrons glühender Haß gegen die Sieger von Waterloo, Heines schwärmerischer Napoleon-Kultus, Platens bissige Frage:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Freiheitskriege fürwahr! Stand einst Miltiades etwa&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Baschkiren im Bund, als er die Perser bezwang?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– alles das hatte seine guten Gründe. Ebenso wie es seinen guten Grund hatte, daß die preußischen Reaktionäre den Herrn v. Bismarck-Schönhausen jubelnd auf den Schild hoben, weil er 1847 in seiner verbohrten Weise auf dem Vereinigten Landtage erklärt hatte, die preußischen Landwehrmänner seien 1813 zur Rettung des feudal-legitimen Vaterlandes in den Krieg gezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das war ihnen nun freilich nicht einmal im Traum eingefallen. Sie glaubten für andere Ziele zu kämpfen als für die Heilige Allianz,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die irdische Trinität, Gott nachgeschaffen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wie der Mensch sich wiederholt im Affen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber ihre Illusionen zerstoben an ihrer Ohnmacht, zugleich die fremde und die einheimische Zwingherrschaft abzuschütteln. Die ungeheuersten Opfer waren für nichts gebracht worden; weder die politische Freiheit noch auch nur die nationale Einheit ergab sich als der Preis der furchtbarsten Kämpfe; eine dumpfe, geistlose, kleinliche Reaktion, die am liebsten hinter jeden Gedanken einen Polizeischergen gestellt hätte, lastete mit bleierner Wucht auf den Geistern. Die Romantik verlief in die vollendete Narrheit der Schicksalstragödie, in die läppisch-liederliche Vielschreiberei der Clauren und Genossen. Im Kampfe mit dieser unsäglichen Nichtigkeit lernte Platen seine glänzenden Waffen führen; im »Romantischen Ödipus« verhöhnte er »jahrzehntelangen Gequieks romantischen letzten Schrei«. Heine aber sang das »letzte freie Waldlied der Romantik« in der »grillenhaften Traumweise jener romantischen Schule, wo ich meine angenehmsten Jugendjahre verlebt und zuletzt den Schulmeister geprügelt habe«. Es begann wieder lebendig zu werden in der deutschen Literatur, weil die bürgerlichen Klassen nach Heilung ihrer schwersten Wunden sich wieder zu regen begannen. Aber wie unklar sie noch hin und her tappten, zeigte der häßliche Hader zwischen Heine und Platen, von denen keiner den andern verstand, geschweige denn, daß der eine oder der andere von der Masse der bürgerlichen Philister verstanden wurde. Heine schläft in Paris und Platen in Syrakus; das Exil wurde die wahre Heimat der stattlichen Talente, die ihnen in den dreißiger und vierziger Jahren folgten. Der deutsche Philister war am Ende doch unverbesserlich, und so verlor er denn auch sein Spiel im Jahre 1848.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach gedachte er nicht mehr mit dem Gedanken oder dem Liede oder dem Schwerte, sondern nur noch mit den geflügelten Englein der preußischen Kassenscheine seinen Klassenaufschwung zu fördern. Er zog sich ganz auf die Pflege seiner materiellen Interessen zurück. Die bürgerliche Literatur hörte auf, die geistige Führerin der Nation zu sein; sie wurde dafür eine gefällige Dienerin der Bourgeoisie. Ihr »anerkannter Primas«, ihr »gesalbter König«, Herr Julian Schmidt, tat mit salzlosem Spotte die Gutzkow und Genossen ab, die sich aus der vormärzlichen Zeit noch einen Rest bürgerlicher Ideale gerettet hatten. Dafür gab er das tönende Schlagwort aus, die deutsche Dichtung solle das deutsche Volk bei seiner »Arbeit« aufsuchen. Gustav Freytag setzte dies Motto seinem gelesensten Romane vor; er stellte die satte und zahlungsfähige Moral des deutschen Spießbürgers in prunkenden Gegensatz zu bankerotten Polenjunkern und gewissenlosen Wucherjuden. Der ehrsame Jüngling, der auf dem Schreibbocke des Kontors in stiller Unterwürfigkeit eine ungezählte Reihe von Jahren hindurch Briefe und Frachtzettel schreibt, bis er nicht etwa die Tochter des Prinzipals heiratet – wie käme er zu solcher Vermessenheit! –, sondern von dieser alternden Jungfer selbst geheiratet wird, wurde die Idealgestalt des deutschen »Arbeiters«. Verhallt waren die feurigen Polenlieder Platens, Lenaus, Herweghs bis auf das letzte Echo; die bürgerliche Dichtung zählte an den Fingern ab, wieviel Warenballen in den unnützen Ruhestörungen der polnischen Aufstände verlorengehen können; in Freytags Roman zeigt Herr Anton Wohlfart, wohlbestallter Kommis des Hauses T. O. Schröter, wie der Deutsche als Arbeiter, Held und Patriot inmitten der verzweifelten Todeszuckungen eines gewaltsam zerrissenen Volkes keine höhere Aufgabe kenne, als unsichere Außenstände bis auf den letzten Heller einzutreiben. Und wie im Romane, so im Drama. Otto Ludwigs Erbförster geht tragisch unter, weil er als »Arbeitnehmer« nicht kapiert, daß er von seinem »Arbeitgeber« in jedem Augenblicke aufs Pflaster geworfen werden kann; schmutzige Strolche aber, die den Gedankeninhalt der bürgerlichen Revolution in die Worte kleiden: »Das wissen die Menschen jetzt, daß die in den Zuchthäusern verehrungswürdige Dulder sind, und die Vornehmen sind Spitzbuben, und wenn sie noch so ehrlich wären. Und die Fleißigen sind Spitzbuben, denn die sind schuld, daß die braven Leute, die nicht arbeiten mögen, arm sind«, dienen als tragische Hebel in der Tragikomödie des bürgerlichen Arbeiterkontraktes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser naive »Realismus« der Bourgeoisie überlebte freilich kaum die fünfziger Jahre. Lassalle begann seine Erhebung gegen den Mob, indem er wie ein Wetterstrahl über Julian und Julians Myrmidonen hereinbrach. Aber wir haben schon gesehen, daß und weshalb dies Gewitter die bürgerliche Literatur nicht klären und reinigen konnte. Nur so weit wirkte der Schrecken, daß der bürgerliche Roman seine schlotternden Glieder in das Löwenfell des »sozialen Romans« zu schlagen versuchte. Er war pfiffig genug, den ersten Tanz in dieser Maskerade auf dem Grabe dessen aufzuführen, der ihm den Stoß ins Herz gegeben hatte. Spielhagens »In Reih und Glied« wurde der erste »soziale Roman«. Hier wird der geniale Abenteurer Leo Gutmann durch die milde Weisheit des Doktor Paulus geistig und sittlich überwunden. Leo Gutmann ist Lassalle, Doktor Paulus aber jener Löwe-Kalbe, der – in der Tat ein sozialer Typus der deutschen Bourgeoisie – vom ehemaligen Präsidenten des Stuttgarter Rumpfparlaments sich entwickelte zum nationalliberalen Schutzzöllner und zur parlamentarischen Hand der vom »Zentralverbande deutscher Industrieller« betriebenen Interessenpolitik. Mit dem Helden wanderte der Sänger abwärts. Wenn Spielhagens »In Reih und Glied« die sozialen Gegensätze noch mit einer Art dämmernder Deutlichkeit erkennen ließ, so ist in seinem vor einigen Jahren erschienenen Roman: Was will das werden? die eine Seite der Sache spurlos verschwunden. Man hört und sieht nichts mehr von dem Leben der arbeitenden Klassen, wenn man nicht diese oder jene nach offiziösen Vorlagen durchgepinselte Demagogenfratze dahin rechnen will. Dafür unterhält sich eine Handvoll »wohlsituierter« Individuen drei dicke Bände hindurch über die Lösung der sozialen Frage, und ihrer Weisheit letzten Schluß spricht ein – Oberst vom preußischen Generalstabe dahin aus, freilich müsse die soziale Frage gelöst werden, aber sie könne und werde nur gelöst werden durch die höhere Einsicht der besitzenden Klassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Klassen und vor allem das deutsche Bürgertum hatten inzwischen 1866 und 1870 völlig in die preußischen Bajonette abgedankt. Von allen Ecken und Enden des Reiches erhob sich ein Singen und Sagen, dem politischen Aufschwunge werde ein literarischer Aufschwung ohnegleichen folgen. Als ob eine Klasse, die mit Stolz als Rückgrat denselben Korporalstock trug, auf den unsere klassische Literatur mit so unüberwindlichem Abscheu geblickt hatte, überhaupt noch Denker und Dichter aus sich hätte erzeugen können! Statt der erwarteten Kolosse kam ein so nichtiger Mob, wie er die Literatur eines anderen großen Volkes sonst noch nie entehrt und entnervt hat. Es genügt zu sagen, daß Paul Lindau der Literatursultan der deutschen Reichshauptstadt wurde. Kapitalistischer Geschäftsbetrieb riß alle Zweige der Literatur an sich, nicht zuletzt das Theater. Die Tribüne der Lessing und Voltaire wurde eine spekulative Geldanlage, wenn sie nicht gar zu einem öffentlichen Hause herabsank. Und am schamlosesten wirken an der Prostitution der Bühne diejenigen, die in erster Reihe berufen wären, ihre Ehre zu schützen. In ganzen Vereinen haben sich die Lessinge der Bourgeoisie zusammengetan, um das Theater zu brandschatzen, seine Mitglieder auszubeuten und zu unterdrücken. Sie gründen eigene »Ehrengerichte«, die durch klassische Sprüche etwa bockbeinigen Theaterleuten, Männlein wie Weiblein, die Notwendigkeit beweisen, sich willenlos preiszugeben. So ein »Ehrengericht« weiß kein Arg darin zu finden, wenn ein Literatursultan einer armseligen Proletarierin der Bühne, die ihm nicht mehr fronen will, die seidene Schnur in Gestalt eines Ausweisungsbefehls zusendet oder wenn ein Pascha dieses Sultans allein von zwei Theatern in zwei Jahren 1106 Freibillets erpreßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst der Widerschein der immer mächtiger auflodernden Arbeiterbewegung hat einiges Licht in die bürgerliche Literatur geworfen. Was in ihr noch ein wenig Talent besaß, begann sich gegen ihre unsägliche Feilheit und Verlogenheit aufzubäumen. Man drängte zur Natur und zur Wahrheit zurück, aber da in der bürgerlichen Gesellschaft nichts als Unnatur zu finden war, so verfiel die neue naturalistische Richtung einem trostlosen Pessimismus. Nicht im Rausche, sondern im Katzenjammer dichtet sie. Überall schnüffelt sie nach Dekadenz, Fäulnis, Verfall; mit Recht hat ein jüngerer, der naturalistischen Richtung nicht fernstehender Schriftsteller über die »Dekadenzjünger, Verfallsschnüffler, Fäulnispiraten« gespottet, »die sich, um ihre Mannheit zu bekunden, mit der Syphilis brüsten«.&amp;lt;ref&amp;gt;Kurt Eisner, Psychopathia spiritualis, 31.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz abgesehen von den findigen Handwerkern der Feder, die den Naturalismus als kitzelnde und prickelnde Modesache betreiben, so verstehen auch die paar besseren und kräftigeren Vertreter der naturalistischen Richtung nur erst das zu schildern, was vergeht, nicht aber auch schon das, was entsteht. Für ihre Zukunft wird entscheidend sein, ob sie den breiten Graben zu überschreiten wissen, der die proletarische von der kapitalistischen Welt trennt. Die bürgerliche Gesellschaft kann und wird keine neue Blüte der Literatur mehr erzeugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber erschien in Lessings Todesjahre Kants epochemachendes Hauptwerk, die »Kritik der reinen Vernunft«. Mit ihm »beginnt eine geistige Revolution in Deutschland, die mit der materiellen Revolution in Frankreich die sonderbarsten Analogien bietet und dem tieferen Denker ebenso wichtig dünken muß wie jene. Sie entwickelt sich mit denselben Phasen, und zwischen beiden herrscht der merkwürdigste Parallelismus« (Heine). Und seltsam: Alle ihre großen Träger, Kant, Fichte, Hegel, haben in demselben preußischen Staate gewirkt, auf den die klassischen Dichter des deutschen Bürgertums mit so unüberwindlichem Abscheu blickten. In einer weltgeschichtlichen Komödie trieb der preußische Korporalstock die deutsche Philosophie in immer höhere Höhen, bis er, was eine gewitterschwangere Wolke war, für ein harmloses Kamel oder Wiesel ansah. Er verfolgte Kant »wegen Entstellung und Herabwürdigung einiger Haupt- und Grundlehren der Heiligen Schrift und des Christentums«, er »gebot ihm strenge, dergleichen Schriften und Lehren nicht mehr von sich ausgehen zu lassen«, und er ließ sich wohlgefallen die weise Antwort des Weisen: »Widerruf und Verleugnung seiner inneren Überzeugung ist niederträchtig, aber Schweigen in einem Falle wie der gegenwärtige ist Untertanenpflicht. Und wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist darum nicht auch Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen.« Die klassische Philosophie sagte nicht alle Wahrheit öffentlich, nicht so öffentlich, daß der Korporalstock sie verstand. Und als sie ihren Höhepunkt in Hegel erreicht hatte, da wurde sie gar preußische Staatsreligion, in der die Kandidaten des höheren Lehramts sattelfest sein mußten, im Unterschiede von allen sonstigen »seichten Philosophemen«, vor denen sie durch das Unterrichtsministerium ausdrücklich gewarnt wurden. Was wirklich war, das war vernünftig, und da der preußische Staat mit seinen Festungen und Zuchthäusern wirklich war, so war er auch vernünftig; wer daran zweifelte, wurde auf dem Wege der Demagogenjagd zur wirklichen Vernunft bekehrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber was Hegel von der Französischen Revolution sagte, das galt auch von seiner Philosophie: Sie stellte die Dinge auf den Kopf. Sie mußte umgestülpt werden, um ihren revolutionär-vernünftigen Kern in ihrer reaktionär-wirklichen Hülle zu offenbaren. Aus der preußischen Staatsphilosophie entpuppte sich der revolutionäre Sozialismus. Marx schloß die klassische Philosophie &#039;&#039;mit&#039;&#039; dem hoffnungsfrohen Kampfe für die arbeitende Klasse, wie Lessing sie eingeleitet hatte &#039;&#039;nach&#039;&#039; dem hoffnungslosen Kampfe für die bürgerliche Klasse. Mit Recht sagt Engels, daß die deutsche Arbeiterbewegung die Erbin der deutschen klassischen Philosophie sei. Seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifests im Jahre 1848 war es mit der bürgerlichen Philosophie in Deutschland vorbei. Ihre patentierten Vertreter an den Hochschulen kochten allerlei eklektische Bettelsuppen, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt abgestandener wurden. Für die philosophischen Bedürfnisse der Bourgeoisie aber sorgte eine Reihe von Modephilosophen, von denen einer den anderen ablöste, je nach der wechselnden Entwicklung des Kapitalismus. Von Anfang der fünfziger Jahre bis etwa in die Mitte der sechziger war Schopenhauer der Mann des Tages, der Philosoph des geängstigten Spießbürgertums, der wütende Hasser Hegels, der Leugner jeder historischen Entwicklung, ein Schriftsteller nicht ohne paradoxen Witz, nicht ohne ein reiches, wenn auch mehr weitläufiges als eindringendes und umfassendes Wissen, nicht ohne einen Abglanz der klassischen Literatur, die er zum Teile noch unter Goethes sonnenhaften Augen miterlebt hatte, aber in seiner duckmäuserischen, eigensüchtigen und lästernden Weise doch recht das geistige Abbild des Bürgertums, das, erschreckt durch den Lärm der Waffen, sich zitternd wie Espenlaub auf seine Rente zurückzog und die Ideale seiner größten Zeit wie die Pest verschwor.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von der Mitte der sechziger bis etwa zum Beginne der achtziger Jahre löste ihn Hartmann ab, der Philosoph des Unbewußten, der, wie ihm der treffliche Albert Lange mit bitterem Spotte vorwarf, die bürgerliche Bildung auf den Standpunkt der Australneger zurückzuführen versuchte, der alles, was er in Geschichte und Natur nicht begriff, und dessen war unendlich viel, ebenso auf das Unbewußte schob, wie der Australneger im Teufel den »phantastischen Reflex der eigenen Unwissenheit« erblickt. Aber welch treffliche Philosophie für die deutsche Bourgeoisie, die nach der Schlacht bei Königgrätz so »unbewußt« an die »Spitze der europäischen Kulturwelt« gelangt war und sich darüber, wie sie denn eigentlich die Treppe hinaufgeflogen war, wirklich nicht klarwerden durfte, wenn sie anders ihren großmäuligen Kriegstanz mit der Seelenruhe der – Australneger vollführen wollte. Hartmann hat ihr denn auch alles bewiesen, was ihr Herz nur wünschen mochte. Er bewies, daß die liberalen Ideen ein oberflächlicher Hautausschlag des neunzehnten Jahrhunderts seien; er entdeckte den preiswürdigen Tiefsinn, daß die Gründungen der Schwindeljahre eine höhere Form des wirtschaftlichen Verkehrs anbahnten und auch einen annähernden Schritt zur Lösung der sozialen Frage bedeuteten; er feierte das Sozialistengesetz als ein treffliches Erziehungsmittel der arbeitenden Klassen, und schließlich erklärte er mit gewaltigem Tamtamschlage, daß er und seine Australneger »den Bahnen derjenigen drei Philosophen folgten, an deren Größe das Preußentum sich zu seiner weltgeschichtlichen Mission emporgeläutert und vertieft hat: Kants, Fichtes und Hegels«.&amp;lt;ref&amp;gt;Hartmann, Zwei Jahrzehnte deutscher Politik, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfange der achtziger Jahre aber wurde Hartmann durch Nietzsche abgelöst, durch den Philosophen des Großkapitals. Die »weltgeschichtliche Mission des Preußentums« hatte ihre Schuldigkeit getan. Seinem inneren Wesen nach enthielt dies bürgerliche Schlagwort die Befriedigung der deutschen Bourgeoisie über die Beseitigung der Schranken, die in den deutschen Kleinstaaten und ihren verzopften Einrichtungen der Ausbreitung des Kapitalismus entgegengestanden hatten. Aber im Laufe einer mit beispielloser Macht und Schnelligkeit um sich greifenden Entwicklung wurde der »nationale Gedanke« selbst eine Schranke, woran die Expansionskraft des Kapitals ungeduldig rüttelte; in dem Zeitalter der Kartelle und der Trusts einer-, der internationalen Arbeiterbewegung andrerseits verblichen die Farben an den Grenzpfählen der einzelnen Länder; das Kapital züchtete eine neue über Europa regierende Kaste heran, und diese Kaste ist wesensgleich, in der Tat eine und dieselbe vom Scheitel bis zur Sohle, in London wie in Rom, in Madrid wie in Moskau. Ihr deutscher Philosoph aber wurde Nietzsche. Er sah in der »weltgeschichtlichen Mission des Preußentums« nur »Zwischenaktspolitik«; er spottete über die angebliche »Größe« der Staatsmänner, die den Geist eines Volkes eng und seinen Geschmack »national« machten; er verhöhnte »die Politiker des kurzen Blicks und der raschen Hand«, die den »Nationalitätswahnsinn zwischen die Völker« legten. Aber nicht um die Völker war es ihm zu tun, nicht um die »Herdenmenschen in Europa«, die sich das Ansehen geben, als seien sie »die einzig erlaubte Art Mensch«, die ihre Eigenschaften »Gemeinsinn, Wohlwollen, Rücksicht, Fleiß, Mäßigkeit, Bescheidenheit, Nachsicht« als die eigentlich menschlichen Tugenden verherrlichen. Er pries vielmehr die Alleinflieger, die Übermenschen, die freien Geister, die vornehmen Seelen, zu denen der »ausbeuterische Charakter« gehöre wie die organischen Funktionen zum Leben. Sie leben »jenseits von Gut und Böse«, sie empfinden es als »die Gerechtigkeit selbst«, wenn andere Wesen sich ihnen zu opfern haben. Korruption ist da, wo eine Aristokratie ihre Privilegien einer Ausschweifung ihres moralischen Gefühls zum Opfer bringt; das »Wesentliche an einer guten und gesunden Aristokratie ist, daß sie mit gutem Gewissen das Opfer einer Unzahl Menschen hinnimmt, welche um ihretwillen zu unvollständigen Menschen, zu Sklaven, zu Werkzeugen herabgedrückt und vermindert werden müssen«. Und so weiter. Nietzsche war nicht nur der Herold, sondern auch das Opfer des Großkapitals. Ein fein und reich angelegter Geist, empfand er mit Abscheu und Grauen das grenzenlose Elend, das der Kapitalismus schafft, aber erblich belastet, im Schoße des Reichtums aufgewachsen, von Frauenhänden gehätschelt und verzärtelt, vermochte er nicht in dem Elend von heute die Hoffnung auf morgen zu entdecken, und so suchte er krampfhaft die Vernunft des Großkapitals, worüber er denn freilich seine eigene Vernunft verlieren mußte und leider auch im traurigsten Sinne des Worts verloren hat. Aber die irren Reden dieses armen Kranken werden als der irdischen Weisheit letzter Schluß von den Soldschreibern desselben Bürgertums gefeiert, das einst einen Lessing seinen ersten Vorkämpfer nennen durfte ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Lebensarbeit gehört nicht der Bourgeoisie, sondern dem Proletariat. In der bürgerlichen Klasse, deren Interessen er verfocht, waren beide noch eins, und es wäre töricht, ihm eine bestimmte Stellung zu historischen Gegensätzen anzudichten, die sich erst lange nach seinem Tode entwickelt haben. Aber Wesen und Ziel seines Kampfes ist von der Bourgeoisie preisgegeben, von dem Proletariat aufgenommen worden; den bürgerlichen Klassenkampf, den Lessing in die Philosophie rettete, löste Marx aus der Philosophie als proletarischen Klassenkampf. Es ist nicht das ausgleichende Gebot einer himmlischen Gerechtigkeit, daß Deutschlands politischer Ruf durch seine arbeitenden Klassen ebenso gerettet wird, wie seine bürgerlichen Klassen ihn verscherzt haben. Vielmehr – weil die bürgerlichen Klassen die Geistesarbeit ihrer Vorkämpfer verschmähten, mußte dies kostbare Erbe nach allen Gesetzen der geschichtlichen Entwicklung das Arsenal werden, aus dem die arbeitenden Klassen ihre ersten, glänzenden und scharfen Waffen nahmen. So sinnlos ist dies irdische Jammertal doch nicht eingerichtet, daß die Lessinge nur zum Spaße des Philisters kämpfen und leiden. Lessing gehört zu den geistigen Ahnen des Proletariats, wie Gleim, Ramler, Nicolai zu den geistigen Ahnen der Bourgeoisie gehören mögen. Lessings Leben und Wirken ist übergegangen in Fleisch und Blut der kämpfenden und leidenden Arbeiter, wie wenig sie – dank unserem herrlichen Volksschulwesen! – auch von Lessings Werken noch wissen mögen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch das wird anders werden, und kommen wird der Tag, wo die Lessing-Legende zerstoben sein wird bis auf die letzte Spur. Als Gervinus noch einmal die bürgerlichen Klassen zu politischem Selbstbewußtsein aufrütteln wollte, schloß er sein Werk: »Der Wettkampf der Kunst ist vollendet; jetzt sollten wir uns das andere Ziel stecken, das noch kein Schütze bei uns getroffen hat, ob auch da Apollon den Ruhm gewährt, den er dort nicht versagte.« Das Ziel, das Gervinus meinte, hat noch immer kein Schütze getroffen, und der Ruhm, den Apollon »dort« gewährte, ist auch längst verblichen. Aber andere Schützen haben ein anderes Ziel getroffen, und sie brauchen keinen Gott zu versuchen, ob er ihnen auch im Wettkampfe der Kunst gleichen Ruhm gewähren will. Denn sie haben das Ding am richtigen Ende angegriffen, und auf eine klassische Politik wird immer eine klassische Literatur folgen. In den rauhen und schweren Tagen des Kampfes schweigen die Musen, aber ihre Kränze bleiben deshalb den arbeitenden Klassen nicht versagt. Sie werden die Morgengabe ihres Weltentags sein, und dann mag auch an Lessing gesühnt werden, was die Mit- und Nachwelt an diesem edeln Vorkämpfer freier Menschheit gefrevelt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[Anhang, Vorwort des Verlages, sowie Fußnoten des Verlages aus Urheberrechtsgründen gelöscht. Re.]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;br /&gt;
&amp;lt;references /&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Biographien]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9263</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9263"/>
		<updated>2026-03-01T08:29:36Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus ==&lt;br /&gt;
Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d&#039;Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die &#039;&#039;Junker&#039;&#039; nach Kräften hinderte, aber die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der &#039;&#039;Junker&#039;&#039; die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.&amp;lt;ref&amp;gt;Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.&amp;lt;ref&amp;gt;Œuvres, 9, 186.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben &#039;&#039;kein&#039;&#039; »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Einzelheiten entstammen archivalischen Quellen. Siehe Walter Schultze, Geschichte der preußischen Regieverwaltung, 40 ff. In der »Neuen Zeit«, 10, 2, 769 ff., ist näher dargelegt, wie es Herrn Schultze dennoch gelingt nachzuweisen, daß der »Sozialismus«, den Friedrich bei Einrichtung der Regie bewährte, »tiefer, idealischer, heroischer« sei als der proletarische Sozialismus von heute.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen die ganze fürchterliche Plackerei der Regie, die Friedrich mit Stolz »mein Werk« zu nennen pflegte, machte die preußische Bürokratie nun aber noch einen pflicht- und sachgemäßen Vorstoß. Die ungeheuerliche Mehrbelastung des Massenverzehrs verursachte in dem dünn bevölkerten Lande, in dem die Arbeitskräfte sehr gesucht waren, eine Steigerung des Arbeitslohnes. Darüber erhoben die Kapitalisten das unvermeidliche Lamento, und der König forderte von dem Generaldirektorium amtliche Auskunft über die Gründe der »noch immer fortdauernden Klagen derer Fabricanten und Kaufleute«. In einer »Pflichtmäßigen Anzeige« wies darauf diese Behörde die »Behinderungen im Commercio in denen Königlichen Landen« nach; in der ruhigsten und sachlichsten Weise entwickelte sie die Schädlichkeit der Regie, hob sie die »verschiedenen im Lande eingeführten Monopolia, insonderheit den allergrößten Bedruck aus der General-Tabaks-Verpachtung«, als »dem allgemeinen Commercio höchst schädlich« hervor, erklärte sie die Steigerung des Arbeitslohns aus der höheren Belastung der Getränke, des Fleisches usw. Kaum aber hatte der König diese Eingabe am 2. Oktober 1766 erhalten, als er eigenhändig auf ihrem Rande verfügte: »Ich erstaune über der impertinenten Relation so sie mir schicken, ich entschuldige die Ministres mit ihre Ignorence, aber die Malice und die corruption des Concipienten muß exemplarich bestraffet werden sonsten bringe ich die Canaillen niemahls in der Subordination.« Am nächsten Tage erfolgte dann auch schon die Kabinettsorder, worin Se. K. M. dero General-Directorio bekanntmachen, »wie allerhöchst Dieselbe den Geheimen Finanzrath Ursinus cassiret und nach Spandau zur Festung bringen lassen«, und worin allen denjenigen, die sich auf den Wegen des Ursinus betreten lassen, angedroht wird, daß »Se. K. M. selbige, es mögen Räthe oder Ministres sein, ohne alle Umstände arretiren und auf Zeit Lebens werden zur Festung bringen lassen«. Mit dieser Gewalttat war der preußischen Bürokratie für Friedrichs Regierungszeit das Rückgrat gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die beiden großen Eingriffe des Königs in die Finanz- und Militärverfassung des Staats etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie am klarsten zeigen, was es mit dem aufgeklärten Despotismus dieses Fürsten auf sich hat, als auch weil sich an ihnen das Wesen der großen Männer studieren läßt, die regelmäßig das größte Unheil anrichten, wenn sie anfangen, die »Geschichte zu machen«. Wir haben aber schon gesehen, daß Friedrich im allgemeinen viel vernünftiger war als seine Bewunderer und daß er sich gar wohl in die ökonomischen Lebensbedingungen zu finden wußte, die ihm gegeben waren. Diesen Bedingungen entsprach es durchaus, daß er in seiner Wirtschaftspolitik einem platten Merkantilismus huldigte. Die merkantilistische Theorie war das ideologische Wirtschaftssystem des fürstlichen Absolutismus, der sich aus dem Warenhandel und der Warenproduktion entwickelt hatte. Die ökonomischen Zustände, welche sie widerspiegelte, ergaben ihre einseitige Betonung des Handels und der Verarbeitungsgewerbe, ihre Überschätzung der Bevölkerungsdichtigkeit und des baren Geldes als der Ware aller Waren und endlich ihre Forderung, daß die neuentstandene Staatsgewalt alles zu fördern habe, woraus und weswegen sie entstanden sei: also Handel und Gewerbe, die Vermehrung der Volkszahl und der Geldmasse. Aber der Hammer schlägt nicht nur den Amboß, sondern der Amboß schlägt auch den Hammer; die Praxis erzeugt immer erst die Theorie, aber die Theorie gestaltet dann auch die Praxis. Das Merkantilsystem wurde für den Absolutismus ein Hebel seiner dynastischen Interessen: Es ermöglichte ihm das Sophisma, wonach Geldbesitz und Reichtum einer Nation ein und dasselbe seien, und damit hatte er gewonnen Spiel für die fiskalische Ausbeutung des Volkes. Je mehr Geld die Fürsten für ihre Heere und Höfe ins Land ziehen und im Lande behalten konnten, um so reicher wurde das Volk, und auch die sinnloseste Verschwendung war unbedenklich, »wenn das Geld nur im Lande blieb«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall wo der Warenhandel und die Warenproduktion sich naturwüchsig in bedeutendem Umfange entwickelt hatten, so beispielsweise in Frankreich, konnte das Merkantilsystem nicht so leicht entarten, weil die Praxis unausgesetzt die Theorie im Zaume hielt; Colbert, der bedeutendste Staatsmann des Merkantilismus, wußte gar wohl, daß es »im Staate nichts Köstlicheres als die Arbeit der Menschen« gäbe, und eine Glanzseite seiner Verwaltung war der Bau von Landstraßen, um den Verkehr zu fördern. In Deutschland dagegen hatte der Absolutismus mehr einen feudalen als einen kapitalistischen Ursprung, und so konnte oder mußte aus der ökonomischen Vernunft der merkantilistischen Theorie um so leichter eine absolutistische Unvernunft werden. Friedrich verfocht die »ebenso einleuchtende wie wahre« Ansicht: »Nimmt man alle Tage Geld aus einem Beutel und steckt nichts dagegen wieder hinein, so wird er bald leer werden«, was denn eben die platteste Auffassung des Merkantilismus war, und er ließ die Landstraßen verfallen, damit ausländische Reisende um so länger aufgehalten würden und um soviel mehr Geld im Lande verbrauchten. Noch weit bezeichnender als der Vergleich zwischen Colbert und Friedrich ist der Briefwechsel, den der König im Jahre 1765 mit der Kurfürstin-Regentin Maria Antonia von Sachsen wegen der gegenseitigen Handelssperre führte. Sachsen war unter den deutschen Teilstaaten der ökonomisch entwickeltste; die Leipziger Kaufleute verlangten schon den ganz freien Handel, und so schrieb die Kurfürstin an Friedrich: »Unser großes Prinzip ist die Freiheit des Handels und die Reziprozität der Vorteile.« Aber Friedrich weiß darauf nichts zu erwidern als einige sentimentale Phrasen über die schlimmen Seiten von Gold und Silber, die leider notwendige Übel geworden seien. Und solche Notwendigkeit lege die Pflicht auf, diese an sich gemeinen und verächtlichen Metalle zu suchen. Er blieb der Ansicht seines Launay, daß die Schädigung des Auslands der Vorteil des Vaterlandes sei, eine Ansicht, die freilich auch noch Voltaire vertreten hatte, aber die Mirabeau doch schon »monströs und eines Staatsmanns im elften Jahrhundert würdig« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade im brandenburgisch-preußischen Staat war der Merkantilismus nicht aus der ökonomischen Entwicklung erwachsen, sondern wurde die ökonomische Entwicklung nach den merkantilistischen Lehren zu leiten gesucht. Als der Merkantilismus im westlichen Europa längst in voller Blüte stand, gab die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm kurz vor seinem Tode die erste namhafte Gelegenheit, große Kapitalien ins Land zu ziehen. Nicht ein religiöser, sondern ein ökonomischer Beweggrund veranlaßte ihn, die vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten zu laden. Er hatte schon vorher einzelne kleine Versuche mit einer Seifen- und einer Zuckersiederei, mit einer Porzellanbäckerei gemacht, aber die ersten Fabriken und Manufakturen in größerem Umfange datieren erst aus der Zeit der französischen Einwanderung. Indessen auf diesem agrarisch-feudalen Boden mit seinen verkümmerten Kleinstädten blieben sie ein künstliches Gewächs, das im Treibhause der merkantilistischen Lehren mühsam gepflegt werden mußte. Es stimmte äußerlich vortrefflich mit diesen Lehren, daß der wachsende Militärstaat nach immer mehr Geld und Menschen schrie, aber dieser Militärstaat verschlang den Zuwachs an Geld und Menschen, den das Merkantilsystem für die Belebung von Handel und Industrie forderte, für seine Kanonen und seine Rekruten. Für Handel und Industrie blieb wenig oder nichts übrig, während gerade für sie, wenn sie in dem ungünstigen Boden der ostelbischen Landschaften gedeihen sollten, viel oder alles hätte aufgewandt werden sollen. Um aber die künstliche Pflanze dennoch am Leben zu erhalten, schenkte ihr der preußische Absolutismus seine liebevolle Sorgfalt in allerlei schönen Dingen, die ihn nichts kosteten: in Monopolen und Privilegien, in Aus- und Einfuhrverboten, in Lohn- und Preistaxen, in technischen Betriebsvorschriften, kurz, in jenem verworrenen Chaos eines entarteten und seinem ursprünglichen Sinne gänzlich entfremdeten Merkantilismus, das in Mirabeau einen so beredten Ankläger gefunden hat. Er kann es nicht bitter genug tadeln, daß der König im Jahre 1766 die Einfuhr von nicht weniger als 490 Artikeln einfach verbot oder im Jahre 1774 auf die Ausfuhr der Wolle Todesstrafe setzte, aber er übersah, daß dieser besondere Merkantilismus eben die ideologische Wirtschaftsform dieses besonderen Militärstaats war und sein mußte. Friedrichs ökonomische Einsichten und Kenntnisse hätten ungleich bedeutender sein können, als sie waren, und es wäre doch nicht anders gewesen. So viel sah der König schon ein, daß die feinere Gewebeindustrie der Höhepunkt der damaligen ökonomischen Entwicklung war – sie war für das achtzehnte Jahrhundert, was die Eisen- und Kohlenindustrie für das neunzehnte Jahrhundert ist –, und er handelte im eigentlichen Geiste des Merkantilsystems, wenn er gleich nach seinem Regierungsantritt im Generaldirektorium ein eigenes Kommerzien- und Manufakturdepartement einrichtete, dem er besonders anbefahl, eine neue Industrie der seidenen Zeuge, der französischen Gold- und Silberstoffe usw. einzuführen. Aber während Frankreich und England die größten Opfer für ihre Seidenindustrie brachten, hat Friedrich während seiner ganzen Regierung nur etwa zwei Millionen Taler auf dies verzärtelte Lieblingskind gewandt.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die preußische Seidenindustrie im achtzehnten Jahrhundert, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er gab ihm wenig zu essen und zu trinken; dafür hütete er um so ängstlicher seinen dünnen Lebensfaden, indem er es in fest geschlossenen Räumen auf Schritt und Tritt gängelte. Bei dieser ihm so ans Herz gewachsenen, schließlich aber doch abgestorbenen Industrie ist es klar, daß der König nicht mehr tat, weil er nicht mehr tun wollte, sondern weil er nicht mehr tun konnte. Die Mittel fehlten ihm mehr als die Einsicht. In dem feudalen Militärstaate Preußen mußte der Merkantilismus ebenso auf die mittelalterlichen Bann- und Zwangsrechte zurückschlagen, wie er sich in dem bürgerlichen Industrielande England zum Freihandel entwickeln mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde tut die friderizianische Legende dem Könige bitteres Unrecht, wenn sie an allen zehn Fingern die bei alledem unzähligen Millionen aufzählt, die er namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege in »landesväterlicher Fürsorge« für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt ausgegeben haben soll. Hätte der König wirklich die freie Verfügung über so bedeutende Mittel gehabt, wie er angeblich mit verschwenderischer Hand ausgestreut hat, so wäre seine Wirtschaftspolitik von dem Vorwurfe ungewöhnlicher Beschränktheit schwer freizusprechen. Tatsächlich hat er aber in den 23 Jahren von 1763 bis 1786 nach der Berechnung des Ministers v. Hertzberg, des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, nicht mehr als 24 399 838 Taler für jenen Zweck ausgegeben. Wir sagen: des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, denn wenngleich Hertzberg der bedeutendste und erfahrenste Minister in Friedrichs Spätzeit war, so gehörte es doch zu den unverbrüchlichen Grundsätzen des ersten Dieners des Staats, daß kein Minister eine volle Einsicht in die Lage des Staatshaushaltes gewinnen durfte. Alle Überschüsse der jährlichen Staatseinkünfte über die etatsmäßigen Ausgaben sowie gewisse Regalien und Steuern flossen in die sogenannte Dispositionskasse, die der König allein mit einigen untergeordneten Werkzeugen verwaltete. Eine ziffernmäßig genaue Übersicht der friderizianischen Finanzwirtschaft ist dadurch sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht; allein die Frage, auf die es uns hier allein ankommt, die Frage nach den Aufwendungen dieses aufgeklärten Despoten für das, was seine Bewunderer seine »sozialistische Staatshilfe« nennen, läßt sich wenigstens für die Zeit nach Einführung der Regie, also für die letzten zwanzig Jahre Friedrichs, wenn nicht mit absoluter, so doch mit relativer Sicherheit beantworten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er selbst gibt die jährlichen Staatseinkünfte für diese Zeit auf 21 700 000 Taler an. Sie werden von keiner Seite höher, von den meisten sonst sachkundigen Urteilern wie Boyen, Krug und Riedel usw. erheblich niedriger geschätzt. Jedenfalls sind sie erst in den letzten Jahren des Königs so hoch gestiegen, der starken Akziseausfälle in den Hungerjahren 1770 und 1771, in dem Kriegsjahre 1778 nicht erst zu gedenken. Lassen wir es aber bei der von Friedrich angegebenen Ziffer für den ganzen Zeitraum bewenden! Von diesen Einkünften rechnet er 5 700 000 Taler als Überschuß, den er für den Kriegsschatz, Festungsbauten, Landesverbesserungen oder sonstige außergewöhnliche Ausgaben verwenden konnte. Diese Summe ist wieder denkbar hoch gegriffen. Denn 16 Millionen beanspruchte der regelmäßige Etat mindestens. Das Heer kostete jährlich 13 Millionen, die Hofstaatskasse, was wir heute Zivilliste nennen, erhielt 492 000, und die Regieverwaltung verschlang 800 000 Taler, so daß für die ganze übrige Staatsverwaltung nur rund 1 700 000 Taler übrigblieben, eine fast unglaublich niedrige Summe, selbst wenn man die miserable Besoldung der deutschen Beamten in gebührenden Anschlag bringt. Auf keinen Fall hat Friedrich mehr als die von ihm selbst angegebenen 5 700 000 Taler Überschuß gehabt. Dagegen ist seine Angabe, daß er davon regelmäßig 2 Millionen in den Kriegsschatz gelegt habe, nichts weniger als zweifelsfrei. Da er vor dem Jahre 1766 nicht wohl mit der Bildung eines neuen Schatzes beginnen konnte, so hätten bei seinem Tode 40 Millionen darin sein müssen; alle sonstigen Berechnungen, soweit sie auch von 55 Millionen (Krug und Riedel) bis 76 Millionen (Lombard) auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der König einen beträchtlich größeren Schatz hinterlassen hat, als nach seiner eigenen Angabe hätte erwartet werden dürfen. Lassen wir es indessen bei seinen 2 Millionen auf das Jahr bewenden!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann blieben ihm jährlich noch 3 700 000 Taler für außergewöhnliche Ausgaben, auf 20 Jahre gerechnet also 74 Millionen Taler. Nun hat er in dieser Zeit rund 8 Millionen für den Bau von Festungen, für Artillerie usw. verwandt; der Bayerische Erbfolgekrieg kostete 29 Millionen; endlich zahlte Friedrich 3 Millionen Subsidien an die Kaiserin Katharina für ihre Türkenkriege. Das sind im ganzen 40 Millionen. Ferner aber hatte der König, obgleich er persönlich aller höfischen Verschwendung abgeneigt war und nach einer Versicherung seines Testaments für seine Person nie mehr als 220 000 Taler jährlich verbrauchte, doch einzelne sehr kostspielige Liebhabereien. In seinem Nachlasse fanden sich 130 mit Brillanten und andern kostbaren Steinen besetzte Dosen, die einen Gesamtwert von gegen 1½ Millionen darstellten. Viel schwerer noch fiel ins Gewicht, daß er in reichlichem Maße die Bauwut aller Despoten teilte. Die eine Tatsache, daß er gleich nach dem Kriege, mitten in dem fürchterlichsten Elend des Landes, den ebenso kostspieligen wie zwecklosen Bau des Neuen Palais in Potsdam begann, sollte ehrliche Leute schon hindern, den Mund gar zu voll zu nehmen von seiner »landesväterlichen Fürsorge«. Nach Retzow kostete dieser Bau 11 Millionen und ebensoviel seine innere Ausstattung.&amp;lt;ref&amp;gt;Retzow, Charakteristik der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, 2, 455.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir indessen an, daß Retzow, der dem Könige nicht wohlgesinnt war, arg übertrieben hat, so gibt doch ein unterrichteter und wohlgesinnter Zeuge, ein Baumeister Friedrichs, die Summe dessen, was allein in und bei Potsdam verbaut worden ist, auf mehr als 10½ Millionen an.&amp;lt;ref&amp;gt;Manger, Baugeschichte von Potsdam, 3, 825.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag nun ganz unberechnet bleiben, was Friedrich für Bauten in Breslau, Königsberg, Berlin (die Bibliothek, die großen Kirchen auf dem Gendarmenmarkte, mehrere Brückenkolonnaden und anderes mehr) aufgewandt hat: Mangers 10½ und die für Dosen verausgabten 1½ Millionen ergeben weitere 12 Millionen, die von den 74 Millionen abzuziehen sind, über die Friedrich in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung für außergewöhnliche Ausgaben verfügt hat. Es bleiben also für Hebung des Volkswohlstandes nur 22 Millionen übrig, und um überhaupt auf Hertzbergs Ziffer zu kommen, muß man die gegen 2½ Millionen einrechnen, die Friedrich nach seiner Angabe gleich beim Friedensschlusse von Hubertusburg von den für den nächsten Feldzug bereitliegenden Geldern für die notdürftigste Wiederherstellung des Landes aufgewandt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sei nochmals hervorgehoben, daß diese Ziffern keinen absoluten Wert haben sollen. Um ein möglichst erschöpfendes und zutreffendes Bild der friderizianischen Finanzwirtschaft zu geben, wäre bei der verwickelten Kassenführung des Königs und den höchst tendenziösen Darstellungen, die darüber veröffentlicht worden sind, ein eigenes Buch notwendig. Für unsern Zweck: nämlich festzustellen, welche Summe Friedrich günstigstenfalls für Landesverbesserungen verbraucht haben kann, war es aber erlaubt, auch mit ungewissen Ziffern zu rechnen, wenn wir unter den abweichenden Angaben immer die höchsten für seine gesamten Einkünfte und immer die niedrigsten für seine sonstigen Ausgaben einstellten. Dies haben wir durchweg getan, auch wenn wir in einem besonderen Falle es einmal nicht getan zu haben scheinen. So haben wir uns nicht entschließen können, die etatsmäßigen Heereskosten Friedrichs von den 13 Millionen, die ältere und unbefangene Schriftsteller mit großer Übereinstimmung angeben, auf die 12 100 978 Taler herabzusetzen, die ein neuerer Historiker berechnet. Indessen dieser Historiker berechnet auch den hinterlassenen Kriegsschatz des Königs auf 63 Millionen, während wir dafür nach Friedrichs Angaben nur 40 Millionen angesetzt haben. Ein leichtes Rechenexempel ergibt, daß wir somit die Gesamtausgaben für Kriegsheer und Kriegsschatz noch immer niedriger eingeschätzt haben als jener Historiker. Und so darf man denn mit aller unter den obwaltenden Umständen erreichbaren Sicherheit sagen, daß Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege für die Bevölkerung des preußischen Staates an Geschenken, Erlassen, Unterstützungen, Vergütigungen und industriellen Unternehmungen im günstigsten und leider nicht einmal wahrscheinlichen Falle die rund 24 bis 25 Millionen Taler verbraucht hat, die Hertzberg berechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Summe selbst beträgt gerade den fünften Teil der Brandschatzungen allein in barem Gelde, die das Land im Kriege an die auswärtigen Feinde zu zahlen gehabt hatte. Das wäre nicht viel, aber es wäre immerhin etwas. Leider verdunkelt die Art, wie diese Summe auf die verschiedenen Klassen der Bevölkerung verwandt wurde, gar sehr den Schein des patriarchalischen Wohllebens, den sie etwa noch auszustrahlen scheint. Die Städte und die städtische Industrie erhielten davon wenig genug, die Bauern noch viel weniger, den Löwenanteil aber die Junker. Gegenüber den 25000 Talern, die Friedrich den westfälischen Städten nach dem Friedensschlusse zum Wiederaufbau ihrer Häuser und Straßen schenkte, oder selbst den 100 000 Talern, die Frankfurt a. O., die bedeutendste Handelsstadt der Mark, zu gleicher Zeit und zu gleichem Zwecke erhielt, scheffeln gleich ganz anders die mehr als 2½ Millionen, die allein für den Adel Pommerns und der Neumark, zweier ungefähr den sechsten Teil des Staatsgebiets umfassender Provinzen, nach dem Siebenjährigen Kriege aufgewandt wurden, teils als Geschenke zur Bezahlung seiner Schulden, teils als Meliorationskapitalien für seine Güter. Diese Kapitalien waren unkündbar, und wenn sie mit 1 bis 2 Prozent verzinst werden mußten, so waren »die Interessen« zu »Pensionen für arme Offizierswitwen und vom Adel« bestimmt. Wir gehen indes auf diese Verhältnisse nicht näher ein und verweilen lieber etwas ausführlicher bei dem, was Friedrich für die große Masse der arbeitenden Bevölkerung, nämlich für die Bauern, getan hat. Einesteils fällt damit das schärfste Licht auf Friedrichs »landesväterliche Fürsorge«, andererseits sind wir gerade über diese Frage durch eine ganz unanfechtbare Urkunde ausführlich unterrichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der wenigen deutschen Beamten, die Friedrichs Vertrauen bis an ihren Tod genossen, war Johann Rembert Roden. Ein guter Organisator, hatte er sich in dem Hauptquartiere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig ausgezeichnet und war von diesem nach dem Kriege an den König empfohlen worden. Friedrich benutzte ihn vielfach bei der Wiederherstellung des Landes, übertrug ihm namentlich auch die Organisation von Westpreußen nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 und machte ihn dann zum Präsidenten der Oberrechenkammer. Als solcher erhielt Roden 1774 den Auftrag, durch eine Reihe von Vorträgen den Thronfolger in die Finanzverwaltung des preußischen Staates einzuweihen, und er übergab dann zum Schlüsse seines Unterrichts dem Prinzen eine »Kurzgefaßte Nachricht von dem Finanzwesen«. Diese lehrreiche, überall aktenmäßig begründete Urkunde ist glücklicherweise schon durch den alten Preuß, der noch nicht wie die heutigen, mit dem Zutritte zu den Archiven begnadigten Forscher vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatte, unverstümmelt ans Tageslicht gezogen worden.&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist nicht frei von großen Lücken, denn Roden gleitet über die Akziseverfassung mit wenigen Sätzen hinweg; das Schicksal des Geheimen Finanzrates Ursinus mußte ihm warnend vor Augen schweben. Um so ausführlicher und gründlicher handelt er von der Kontributionsverfassung, das heißt von der direkten Steuer, welche die bäuerliche Bevölkerung aufzubringen hatte, und dabei wirft er Schlaglichter auf die Lage dieser Bevölkerung, die von größtem Interesse sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kontribution war nach der Ertragsfähigkeit der einzelnen Ländereien umgelegt, so zwar, daß sie einen bestimmten Teil dessen betrug, was der Bauer für seinen eigenen Bedarf und für den Verkauf erntete. Dieser bestimmte Teil war nicht in allen Provinzen ganz gleich bemessen; in der Mark und in Westpreußen belief er sich auf 33½, in Schlesien auf 34, in Pommern auf 42½ Prozent, in andern Landesteilen noch höher. Roden erläutert die Art dieser Steuer an einem Bauer im Dorfe Tempelhof bei Berlin, der von jeder Hufe zu 30 Magdeburgischen Morgen 8 Taler 3 Groschen Kontribution zu zahlen hatte (der Taler wurde damals zu 24 Groschen berechnet; nach heutigem Gelde betrug der Groschen also 12½ Pfennig). Nun konnte der Bauer außer dem eigenen Verbrauch aber nur 15 Scheffel von dem Ertrage der Hufe verkaufen, welche, zu 18 Groschen gerechnet, ihm 9 Taler 18 Groschen eintrugen. Nach eingehender Darlegung dieser Verhältnisse fährt Roden dann wörtlich fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer behielte also von seinem Gewinste auf einer Hufe, nach Abzug der bezahlten Kontribution, nur 1 Taler 15 Groschen übrig, wovon er seine übrigen Prästanda unmöglich leisten kann. Diese sind:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Dem Erb- oder Gerichtsherrn (ist er königlich, dem Amte, gehört er dem Edelmann, demselben) Zins und Dienste, wenigstens per Hufe&lt;br /&gt;
|8 Tlr. – Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Priester Dezem 1 Scheffel Korn à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Küster ¾ Scheffel à.&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Schmied 1 Scheffel à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Hufen- und Giebelschoß&lt;br /&gt;
|– Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Marschfuhrengelder&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Kriegswehr zur Magazinkasse&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|___________________&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Summa.&lt;br /&gt;
|11 Tlr. 16 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Er hat nun von der Ernte übrig&lt;br /&gt;
|1 Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|fehlen ihm also&lt;br /&gt;
|10 Tlr. 1 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Ferner hat der Bauer zu prästieren die Feuersozietätsgelder, die Vorspannfuhren, die Bau- und Krepel-, auch Nachbarfuhren, die Dorfauflagen und andere Vorfälle mehr, das Gesindelohn, da er besonders Knechte wegen der vielen Hofedienste halten muß, so ihm zur größten Last gereichen: zu welchem Ende er auch mehr Pferde halten muß, weswegen die Einschränkung dieser Dienste eine vortreffliche Sache wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir unterbrechen hier Roden für einen Augenblick, um zu bemerken, daß unter den »andern Vorfällen mehr« sich auch noch sehr drückende Lasten befanden: so die Grasung der Kavalleriepferde auf den Wiesen der Dorfgemeinden während der Monate Juni bis September, in denen der Reiter eine brutale Herrschaft im Hause des Bauern führte; ferner für die anderen Monate des Jahres die Lieferung der Fourage, die zwar zu einem geringen Preise bezahlt, aber oft viele Meilen herangefahren und, wenn sie ohne weitere Scherereien abgenommen werden sollte, mit einem tüchtigen Überschuß zugunsten des Rittmeisters beladen sein mußte, endlich auch der schon erwähnte indirekte Beitrag der Bauern zur städtischen Akzise. Roden fährt dann fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer würde, nach diesen angeführten Umständen, nicht bestehen können, wenn er sich nicht auf eine andere Art soutenierte, z. B. daß er auf eine Hufe fast 1/3 mehr aussäet, als ihm zur Kontribution angeschlagen, daß er aus dem Viehstand Geld erwirbt und sich sonst durchzubringen sucht. Aber er muß allen Fleiß anwenden und sich kümmerlich behelfen, wenn er sich ehrlich ernähren und durchbringen will, zumal wenn er sonst nichts anderes als sein eigenes Wohnhaus und Hofgebäude, so er noch selbsten in Würden unterhalten muß, nebst dem dazugehörigen Acker im Vermögen hat. Er kann daher keine Unglücksfälle, als Mißwachs, Hagelschaden, Mäusefraß, Überschwemmungen usw., übertragen, daferne ihm nicht alsdann durch Remission unter die Arme gegriffen wird, um ihn noch in etwas zu unterhalten. In ordinären Fällen wird ihm aus der Kreiskasse geholfen, in extraordinären aber tritt der Landesherr zu und läßt die Gelder bar an den Kreis übermachen oder auch Brot- und Saatkorn in natura geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht darnach, was es mit den so viel gepriesenen Steuererlassen, Geldvorschüssen, Kornlieferungen, wodurch Friedrich angeblich den Bauernstand in die Höhe gebracht haben soll, tatsächlich auf sich gehabt hat. Sie waren einzig dazu bestimmt, den Bauer, ohne den freilich weder der König noch der Junker leben konnte, auf der schmalen Grenze zwischen Hungerleben und Hungertod zu erhalten. Von hier aus fällt denn auch das richtige Licht auf die gleichfalls viel gepriesenen Kornmagazine Friedrichs, die »Blüte friderizianischer Wirtschaftspolitik«, in der er »seinem Ideale des allgemeinen Hausvaters am nächsten komme«, wie selbst ziemlich unbefangene Forscher sagen. Friedrich verbot die Ausfuhr des Getreides, um seinen Preis möglichst niedrig zu halten; in einer seiner Instruktionen an das Generaldirektorium verlangt er, daß der Preis des Scheffels Roggen immer zwischen 18 Groschen und 1 Taler festgehalten werde. Das geschah, um für sein Heer billiges Brot und für den Kriegsfall gefüllte Magazine zu haben, aber wenn er diese Magazine nun auch benutzte, um der bäuerlichen Bevölkerung Brot- und Saatkorn zu liefern, sobald ihr Hungerleben durch irgendein unglückliches Naturereignis in den Hungertod umzuschlagen drohte, so läßt sich dieser »Sozialismus« am Ende noch mit gemäßigter Hochachtung bewundern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde übrigens irren, wenn man in dem Bauern aus Tempelhof bei Berlin, den Roden schildert, den elendesten Typus des friderizianischen Bauern sehen wollte. In der Mark war der Prozentsatz der Kontribution noch am niedrigsten bemessen; wo er, wie in Friedrichs westfälischen Besitzungen, auf mehr als 50 Prozent stieg, verschlechterte sich entsprechend die Lage der bäuerlichen Bevölkerung. Roden schreibt darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Kontributionsprinzipia sind im Mindenschen so angelegt, daß zuvörderst die sämtlichen Ländereien, Gärten und Wiesen durch diverse vereidete Taxatoren nach dem jährlichen Ertrage abgeschätzt sind; darnach ist die Kontribution dergestalt ausgemittelt, daß von jedem Taler Ertrag jährlich an Kontribution 13 Groschen bezahlt wird. Die Hufe à 30 Morgen Magdeburgisch kommt im Durchschnitt der Totalité auf 19 Taler 5 Groschen ½ Pfennige, obgleich viel schlecht Land vorhanden: Solchergestalt hat der Landmann noch 11 Groschen pro Taler übrig. Davon soll er sich und seine Familie unterhalten, die Haushaltung führen, Gesindelohn geben, dem Erb- oder Gutsherrn sein Pacht zahlen und die übrigen Lasten tragen, so schlechterdings unmöglich wäre, wenn der Bauer sich sonst nicht durchzuhelfen suchte. Im Minden- und Ravensbergischen ist er mit Frau, Kindern und Gesinde, sobald er nur vom Ackerbau eine Zeit oder gar nur Stunden übrig hat, zumal im Herbst bei den langen Abenden und den Winter hindurch, mit Garnspinnen zu Leinwand beschäftigt, und damit sucht er sich zu ernähren; sonst müßte er davonlaufen, indem es dort viele Bauernhöfe gibt, die mehr Abgaben haben, als die Höfe auch in den besten Jahren aufbringen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der kundigste Verwaltungsbeamte des friderizianischen Staats in offiziellster Urkunde, in dem Berichte, durch den er auf Befehl des Königs den Thronfolger in das Finanzwesen der Monarchie einweihen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen um der Gerechtigkeit willen aus Rodens Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß Friedrich wenigstens in den beiden von ihm eroberten Provinzen, in Schlesien und Westpreußen, den Adel zur Kontribution heranzog; hier standen ihm die Junker nicht mit altererbter Macht gegenüber, und er mußte sie wegen ihrer Anhänglichkeit an Österreich und Polen scharf im Zügel halten. Aber auch auf diesem verhältnismäßig lichtesten Gebiete der friderizianischen Steuerpolitik ist ihre Tendenz nicht, wie sie selbst behauptete, Entlastung des Armen auf Kosten des Reichen, sondern Belastung des Armen zugunsten des Reichen. So zahlte in Westpreußen – unter fast durchgängigem Wegfalle der Lehnpferdegelder – der evangelische Edelmann 20, der katholische – Grundgedanke des Nathan? – 25, der Bauer aber 33½ Prozent Kontribution. Und ähnlich in Schlesien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In einer Anmerkung des Kapitals, 1, 762), erwähnt Marx die elende Lage des friderizianischen Bauern unter Anziehung einiger Sätze von Mirabeau, wofür er von preußischen Historikern der tendenziösen Darstellung geziehen worden ist. Wir haben aus schon angeführten Gründen das Werk von Mirabeau-Mauvillon ganz beiseite gelassen, möchten aber bemerken, daß die von Marx beiläufig angezogenen Sätze Mirabeaus ein nicht so krasses Bild der Sachlage geben wie der amtliche Bericht von Roden. Überhaupt tun die wenigen Worte, die Marx im Vorbeigehen dem friderizianischen »Regierungsmischmasch von Despotismus, Bürokratie und Feudalismus« widmet, diesem seltsamen Gebilde eher zuwenig als zuviel. Wenn beispielsweise Marx sagt, Friedrich habe in den meisten Provinzen Preußens den Bauern Eigentumsrecht gesichert, so gilt das tatsächlich nur von den Domänenbauern. Am 20. Februar 1777 verfügte Friedrich, »daß an allen Orten, wo es noch nicht geschehen, die unter die Ämter gehörigen Bauerngüter den Untertanen erb- und eigentümlich übergeben werden«. Siehe die Order bei Preuß, 4, 466 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stellt man nun aber jenen erdrückenden Belastungen der Bauern die ängstliche Sorgfalt gegenüber, womit Friedrich im allgemeinen die Steuerfreiheit des Adels beschützte, so kann man die edle Dreistigkeit jener Hofgeschichtsschreiber bewundern, die von dem »Bauernkönige« Friedrich schwatzen und die Hohenzollern durch Beschützung des kleinen Mannes groß werden lassen, so kann man den herrlichen Wert jener »Schulreform« ermessen, die nach diesem Leitmotive den Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen klittern will. Da sollten wir »gemütvollen« und »tiefsinnigen« Deutschen uns doch nur ja vor den »leichtfertigen« und »oberflächlichen« Franzosen verkriechen! Denen konnte Marx schon im Jahre 1869 nachrühmen, daß sie der napoleonischen Legende mit allen Waffen der Forschung, der Kritik, der Satire, des Witzes den Garaus gemacht haben, und was ist die napoleonische Legende doch für ein ander Ding als die friderizianische! Der napoleonische Staat besteht in allem wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen noch fort, wie der erste Konsul ihn im Jahre 1804 begründet hat – natürlich nicht als großer Mann, sondern als Erbe des Konvents –, und eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien, drei Invasionen und selbst drei Revolutionen überstanden hat, kann denn doch eher schon zum Heroenkultus des Mannes führen, auf dessen Namen sie nun einmal getauft ist. Aber der friderizianische Staat, der bei Jena in tausend Stücke zerschmettert wurde unter der stürmischen Zustimmung der bürgerlichen und arbeitenden Klassen, die in ihm zu leben verurteilt waren, und eine feudal-militärische Verfassung, deren wüste Trümmer wie ein betäubender Alp auf allem gesunden Leben der Gegenwart lasten, dürfen sich immer noch, ja je länger je unbeschämter in einer Legende spiegeln, deren schüchterne Kritik im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte schon als Hochverrat und Majestätsverbrechen gilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich selbst darf natürlich dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Er ist ganz unschuldig an der kecksten Unwahrheit dieses Jahrhunderts, dem sogenannten »sozialen Königtum«, und er würde den Humbug nicht einmal verstehen, wenn er seine wohlgesinnten Geschichtsschreiber von heute lesen könnte. Was ihm als »monarchische Sozialpolitik« angerechnet wird, war einzig durch militärpolitische Gesichtspunkte bestimmt. An sich zwar gehörte es zu den Aufgaben des absoluten Königtums, die Leibeigenschaft der Bauern zu beseitigen, nicht aus Humanität, die ihm ganz fremd war und auch ganz fremd sein mußte, sondern aus fürstlichem Klasseninteresse. Die Leibeigenschaft stand wie eine Mauer zwischen dem Despoten und der Mehrheit der Bevölkerung; solange sie währte, hatte der Junker über die Bauern zu verfügen und der König höchstens insoweit, als es ihm der Junker gestattete. Wir haben gesehen, wie sich seit der Entwicklung des stehenden Heeres dieser Interessengegensatz zwischen dem Könige und dem Junkertum bildete und verschärfte; schon die beiden ersten preußischen Könige rüttelten an der Leibeigenschaft, und namentlich Friedrich Wilhelm I. erklärte, »was es denn vor eine edle Sache sei, wenn die Unterthanen statt der Leibeigenschaft sich der Freiheit rühmen«. Er war denn freilich auch wohl ehrlich genug, den Kabinettsordern, worin er den Behörden die »Konservation« der »Untertanen« empfahl, die Worte hinzuzufügen: »Damit der Landesherr seine Steuern erhalte«, was bei der höchst merkwürdigen Ausbildung der alten deutschen Sprache im neuen deutschen Reiche heute zu lesen ist: »Soziales Königtum der Hohenzollern«. Friedrich selbst spricht in seinen Schriften mit lebhaftestem Abscheu von der Leibeigenschaft als einem »barbarischen Gebrauch«, einer »abscheulichen Einrichtung«, aber er bekennt auch offen, daß es nicht in seinem guten Willen liege, damit aufzuräumen. Daraus läßt sich ihm gewiß kein Vorwurf machen. Er konnte wirklich nicht, auch wenn er wollte, die Leibeigenschaft abschaffen. Sie war die ökonomische Zelle der Gesellschaft, deren politischer Repräsentant der preußische Militärstaat war, und der »erste Diener« dieses Staats konnte ihr ebensowenig anhaben, als etwa die Zinne eines Turms auf den verwegenen Einfall geraten kann, die Mauer umzustürzen, worauf sie ruht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergibt sich diese Auffassung von selbst aus der ganzen Lage, so fügt es sich glücklich, daß sie sich sogar urkundlich bestätigen läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einmal nämlich siegte der despotische Größenwahn über Friedrichs nüchternen Sinn, und am 25. Mai 1765 dekretierte er von Kolberg aus: »Sollen absolut, und ohne das geringste Raisonniren, alle Leibeigenschaften, sowohl in Königlichen, Adligen, als Stadteigentumsdörfern, von Stund an gänzlich abgeschafft werden, und alle diejenigen, so sich dagegen opponiren würden, soweit möglich mit Güte, in deren Entstehung aber mit force dahin gebracht werden, daß diese von Sr. K. M. festgesetzte Idee zum Nutzen der ganzen Provinz ins Werk gerichtet werde.« Darauf versammelten sich am 29. Juni die vorpommerschen Landstände in Demmin und richteten eine Promemoria an den König, worin sie sich halb als gekränkte Unschuld und verkannte Wohltäter der Bauern aufspielten, halb aber mit »Depeuplierung des Landes und Desertion vom Militär« drohten, »weil kein Bauer imstande ist, den Hof, das Zuchtvieh und Ackergerät zu bezahlen, keiner aber auf den Fall, es ihm umsonst zu lassen, schuldig, folglich ein jeder sich anderswohin zu begeben bedacht sein würde«. So dummdreist diese Drohung war – denn der Junker hatte gar kein Recht auf den Hof des Bauern, und was half ihm der Hof, wenn kein Bauer da war, ihn zu bewirtschaften? –, so genügte sie doch vollkommen, den König lahmzulegen. Weder Gewalt noch Recht konnten ihm helfen, denn das Heer befehligten die Junker, und in den Gerichtshöfen sprachen sie Recht. Er gab also klein bei, sosehr es sonst unter seinen Grundsätzen obenan stand, um seiner despotischen Unfehlbarkeit willen niemals einen Befehl zurückzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußte sich Friedrich denn darauf beschränken, in einem fortdauernden Kleinkriege seine militärpolitischen Interessen möglichst gegenüber dem gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse zu wahren. Es gibt eine große Anzahl von Kabinettsordern, worin er diesem Ziele nachstrebt. Er kämpfte gegen das Bauernlegen, die »Abmeierung der Bauern«, und bemühte sich, den Bauern das Eigentums- und Erbrecht an ihren Schollen zu sichern. Man kann sogar anerkennen, daß er in dieser Beziehung weiter blickte als der heutige Militärstaat. Wenn dieser in erstaunlicher Seelenruhe es ruhig mit ansieht, wie in weiten Fabrikdistrikten die Masse der arbeitenden Bevölkerung verkrüppelt, so eiferte Friedrich sehr häufig gegen die gesundheitsschädlichen Mißhandlungen der Bauern durch die Junker und die Domänenpächter. Wenn der heutige Militärstaat sich hartnäckig weigert, die unmäßige Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag zu beschränken, weil er in seiner überstiegenen Weisheit davon eine Schädigung der Industrie befürchtet, so war sich Friedrich schon im Jahre 1748 darüber klar, wie er in einer Instruktion an das Generaldirektorium sagte, daß »bei den schweren und ganz unerträglichen Diensten mehrenteils vor den Gutsherrn wenig Nutzen, vor den Bauersmann aber sein gänzlicher Verderb augenscheinlich herauskommt«. Der König verlangt deshalb eine »serieuse Untersuchung, ob nicht sowohl Amts- als auch Städte- und adlige Unterthanen von diesem dem Bauer so gar ruineusen Umstände in gewisse Maße befreiet und die Sache dergestalt eingerichtet werden könne, daß, anstatt daß der Bauer jetzo die ganze Woche hindurch dienen muß, derselbe die Woche über nicht mehr als drei oder vier Tage zu Hofe dienen dürfe. Es wird dieses zwar anfangs etwas Geschrei geben, allein da es vor dem gemeinen Mann nicht auszustehen ist, wenn er wöchentlich fünf Tage oder gar sechs Tage dienen soll, die Arbeit an sich auch bei denen elenden Umständen, worin er dadurch gesetzt wird, von ihm sehr schlecht verrichtet werden muß, so muß darunter einmal durchgegriffen werden, und werden alle vernünftigen Gutsherrn sich hoffentlich wohl accomodiren, in diese Veränderung derer Diensttage ohne Schwierigkeit zu willigen, um so mehr, da sie in der That ersehen werden, daß, wenn der Bauer sich nur erst ein wenig wieder erholt hat, er in denen wenigen Tagen ebensoviel und vielleicht noch mehr und besser arbeiten wird, als er vorhin in denen vielen Tagen gethan hat.« Eine hausbackene, aber treffliche Wahrheit, die der »geniale« Herr Bismarck bekanntlich nie begreifen konnte und die der neue Kurs im deutschen Reiche bekanntlich auch noch immer nicht begreifen zu können scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie vernünftig nun aber diese und ähnliche Instruktionen Friedrichs nicht nur klingen, sondern auch sind, so darf man dabei doch mehrerlei nicht übersehen. Erstens daß der König nicht &#039;&#039;für&#039;&#039; den Bauer &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker, sondern &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker &#039;&#039;um&#039;&#039; den Bauer kämpft. Er wollte eine andere Verteilung des aus dem Bauern gezapften Mehrwerts, eine für ihn günstigere und deshalb für das Junkertum ungünstigere, aber wenn der Proletarier etwa seinen Lohn auf Kosten des Mehrwerts zu steigern gedachte, so war Friedrich immer auf Seite der möglichst erschöpfenden Ausbeutung. So bedrohte er in der Gesindeordnung sowohl die Empfänger als unter Umständen auch die Geber eines die Taxe überschreitenden Lohns mit Zuchthausstrafe, wogegen »es sich von selbst versteht«, daß ein unter der Taxe bleibender Lohn erlaubt ist. Und wenn gar die Bauern unruhig wurden über die »unerträglichen Dienste« und »ruineusen Umstände«, dann wußte Friedrich auch nichts anderes, als was große Männer unter solchen Umständen immer nur wissen, also was Luther im sechzehnten und Bismarck im neunzehnten Jahrhundert wußte. Als ein Jahr vor Friedrichs Tode die schlesischen Arbeiter zu murren begannen, schrieb der König an den schlesischen Provinzialminister v. Hoym: »Das mehrste zur Beruhigung der Leute wird beitragen, da sie doch im Gebirge meistens evangelisch sind, wenn die Prediger ihnen zureden und alles ordentlich erklären ... Sodann müssen auch die Schulzen, besonders da im Gebirge, scharf vigiliren, wenn sich etwa fremdes Gesindel sehen läßt, das Zusammenkünfte hält und dem gemeinen Volk allerhand Dinge in den Kopf setzt; diese müssen sie auf der Spur verfolgen und sobald sie den geringsten Unrath merken, sie sogleich bei den Ohren nehmen und an die Gerichte abliefern.« Die Order ist, wie gesagt, im Jahre 1785 erlassen. Sonst könnte man fast meinen, sie stamme aus dem Jahre 1878, wo auch erst die Religion dem Volke erhalten werden sollte und dann das Sozialistengesetz auf dem Fuße hinterdreinmarschiert kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens aber hat Friedrich mit jenem Kleinkriege nicht viel erreicht. Am ehesten noch etwas in den beiden eroberten Provinzen Schlesien und Westpreußen, wo der König leichteres Spiel mit den Junkern hatte. So zwang er die schlesischen Grundherren zur Wiederherstellung der bäuerlichen Hütten und Scheunen, zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Gerät. Aber sein eigenes Interesse, die Sorgen um seine Kassen und seine Rekruten, war auch hier die Grenze, die er nicht überschritt. Zudem liegt auf der Hand, wie wenig damit gesagt, geschweige denn getan war, wenn er den schlesischen Bauern das Recht gewährte, sich über &#039;&#039;strenge&#039;&#039; körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beschweren, oder wenn er in Westpreußen die »polnische Sklaverei«, den »harten, polnischen Fuß« auf die »preußische Landesart« gemildert wissen wollte. Die ehrlicheren bürgerlichen Historiker machen dann auch kein Hehl aus der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen. »Die alten Verhältnisse blieben ... Bei dem allen blieb der Landmann gebunden, scholleigen der Masse nach« (Preuß); »praktisch hat dies alles fast gar keine Frucht getragen: nicht einmal auf den Domänen, wo der Erfolg doch so leicht gewesen wäre« (Roscher). Als der König vierzehn Tage vor seinem Tode bei dem Kammerpräsidenten von Königsberg anfragte, ob »nicht alle Bauern in Meinen Ämtern aus der Leibeigenschaft« gesetzet werden können, schrieb er selbst das treffendste Urteil über seine Bauernpolitik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens und letztens aber – selbst wenn man Friedrichs angebliche Verdienste um die Bauernbefreiung so hoch schätzen wollte wie die preußischen Byzantiner, so würden diese Verdienste dennoch mehr als aufgewogen durch Friedrichs Gemeinteilungsgesetze, die Aufteilung der Gemeinweiden, die seltsamerweise auch von den besseren bürgerlichen Historikern, so von Freytag und Roscher, als eine Art sozialer Reform aufgefaßt werden, tatsächlich aber nach einem Worte von Rudolf Meyer darauf hinausliefen, daß die Gemeinweiden »meist den großen Gütern zugeschlagen und damit die kleinen Leute, wenn auch teilweise gegen Entschädigung, der freien Viehweide beraubt, teilweise proletarisiert und somit für den Gutsgesindedienst adaptiert wurden«. Dies »eifrige Wegräumen aller solchen Beschränkungen des freien Grundeigentums, die mit dem mittelalterlichen Gemeindewesen zusammenhängen«, lief in der Tat auf die Proletarisierung der bäuerlichen Bevölkerung hinaus, und wenn Roscher darin die helle Seite des »Januskopfes« sieht, den Friedrichs agrarische Sozialpolitik biete, so mag man sich nicht leicht einen zu dunklen Begriff von dessen dunkler Seite machen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siehe Rudolf Meyer, Das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebs, in der »Neuen Zeit«, 11, 1, 304. Ferner Roscher, 399. Sonst ist Roschers Darstellung der friderizianischen Sozialpolitik in der bürgerlichen Geschichtsliteratur wohl noch die unbefangenste. Für die Einzelheiten sind die Kabinettsordern des Königs und teilweise auch seine Schriften einzusehen, dann aber auch die ältere preußische Geschichtsschreibung etwa bis zum Jahre 1848. Die neuere Literatur, namentlich soweit sie aus Archiven schöpft, ist nicht wertlos, doch müssen diese Bücher wie Palimpseste behandelt werden. Man muß zunächst die frommen Lobgesänge auf den friderizianischen »Sozialismus« beseitigen und dann untersuchen, was sich von dem verkratzten und verwischten Urtext noch entziffern läßt. Natürlich gibt es auch vortreffliche Ausnahmen; so Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, wo in der Einleitung bemerkenswerte Einzelheiten über die Erfolglosigkeit der friderizianischen Bauernpolitik gegeben sind.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen ist der Verfall des preußischen Ackerbaus unter Friedrich, den sogar die patriotischen Geschichtsschreiber anerkennen, leicht zu erklären – trotz der reichen Geldspenden, die er für die »notleidende Landwirtschaft«, will sagen die Junker, stets bei der Hand hatte, und auch trotz seiner so viel gepriesenen »Kolonisationen«. An sich waren seine Landesmeliorationen, die Verwaltung der Netze und der Warthe, die Urbarmachung des Drömlings und des Oderbruchs sowie vieler kleinerer Sumpfstrecken in Pommern, in der Mark, im Magdeburgischen gewiß der beste Teil seiner Wirtschaftspolitik, und wohl mochte der König mit berechtigtem Selbstgefühle sagen, hier habe er im Frieden eine neue Provinz erobert. Allein es ist eine tragikomische Entstellung der Sachlage, wenn dabei seine Bewunderer in seine Seele das faustische Sehnen dichten, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Da klingt es viel prosaischer, ist aber viel richtiger, wenn Roden schreibt: »Sr. K. M. allergnädigste Intention gehet dahin, daß, wenn bei den Städten oder denen von Adel wüste Gründe und Brücher vorhanden, diese aber nicht im Stande wären, solche urbar zu machen, alsdann der Landesherr zutreten, solche auf Höchstdero Kosten urbar machen, Häuser bauen und solche mit Familien besetzen lassen müßte; die Revenuen blieben zwar der Stadt und dem von Adel, das Land würde aber doch dadurch immer mehr und mehr peuplieret und per indirectum profitierten doch die Königlichen Kassen und der Staat davon.« Den Hauptvorteil zog »der von Adel«, denn gegen den adligen Landbesitz war der städtische kaum zu rechnen. Mit der Ansetzung der Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen als verlorenes Gesindel. Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagt, »Perruquiers und Commedianten« oder, wie er ein andermal klagt, »Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner«; ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tataren anzulocken unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen. Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt der alte Schlosser: »Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser dieser Schrift selbst hat gesehen, wie unsicher dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlosser, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2, 246.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 300000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll, waren also eine sehr zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung, und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«, verdient nicht ganz die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten hervor, auf denen man gerade von ihm, dem Philosophen und Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte doch eine Ahnung davon, daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen. Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein. Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: Er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden, aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß, »war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann, die Schüler unterrichteter waren als der in Waffen ergraute Lehrer«. Was alles den modernen Byzantinismus nicht gehindert hat, in Friedrich den »Heros der Aufklärung auf dem Gebiete des Schulwesens« zu feiern.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber in seiner Weltgeschichte nennt den König so. Wir beschränken uns auf wenige Worte über die Volksschule unter Friedrich, da diese Seite seiner Regententätigkeit in der bekannten trefflichen Schrift von Seidel schon gründlich erörtert worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings machte der König auf diesem Gebiete keinen Unterschied zwischen seinen glücklichen Untertanen. Um die Hochschulen stand es ebenso elend wie um die Volksschulen. Man braucht nur einen Blick auf die kläglichen Etats der vier Landesuniversitäten zu werfen. Duisburg hatte 5678, Königsberg 6920, Frankfurt a. O. 12648 und Halle 18116 Taler Einkünfte. Die Besoldungen der Professoren waren jammervoll, die wissenschaftlichen Institute fast durchweg im tiefsten Verfalle.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 3, 111 ff. und – ausführlicher – Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen, 1, 133 ff. Von diesem Werke sind nur die beiden ersten bis zum Tode Friedrich Wilhelms II. reichenden Bände erschienen; nach deren Veröffentlichung wurden dem Verfasser die preußischen Archive gesperrt – von wegen seiner Tendenz. Gegen diese Tendenz ist nun allerdings insofern manches einzuwenden, als sie eine einseitig preußisch-patriotische ist. Herr Philippson weiß von Friedrichs »wahrhaft sozialistischer Allsorgfalt« zu erzählen und steckt auch sonst voller Illusionen über die friderizianische Zeit. Aber ein Hofgeschichtsschreiber ist er nicht. Er beschönigt die häßlichen und traurigen Dinge, die er in den Akten findet, nicht geflissentlich, sondern teilt sie offen mit, auf daß die Gegenwart aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Und diese höchst veraltete Anschauung ist für die reine Wissenschaft des neuen Deutschen Reichs natürlich strafwürdige – Tendenz.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dem einzigen Manne ersten Ranges unter den preußischen Universitätslehrern, von Kant in Königsberg, hat Friedrich nichts gewußt, wobei immerhin nicht vergessen werden darf, daß Kants epochemachendes Hauptwerk erst 1781 erschien und erst 1789, nach dem Tode Friedrichs, allgemein bekannt wurde. Dagegen würden wir von dem einzigen Universitätslehrer, dem Friedrich eine ansehnliche, ja glänzende Stellung gab, nichts mehr wissen, wenn Lessing diesem Geheimbderat Klotz in Halle als einem Kabalenmacher und Nichtswisser ersten Ranges nicht eine unerfreuliche Unsterblichkeit beschert hätte. Und dabei mußten sich die preußischen Untertanen an jenen vier verfallenen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen lassen; nach wiederholten Verfügungen Friedrichs sollte das Studieren auf nichtpreußischen Universitäten, und wenn es nur ein Vierteljahr gedauert hatte, mit lebenslänglicher Ausschließung von allen Kirchen- und Zivilämtern, bei Adeligen sogar noch mit Einziehung des Vermögens bestraft werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nur ein einziges Gebiet der inneren Verwaltung, auf dem Friedrich wirklich reformiert oder doch zu reformieren versucht hat, und es ist ein vor allem wichtiges Gebiet: nämlich die Rechtspflege. Er beseitigte gleich nach seinem Regierungsantritte die Folter; ferner hob er, wie für andere Beamte, so namentlich auch für die richterlichen, die »Infamie« des Ämterkaufs auf, obschon er an einer Besoldungssteuer festhielt; er verfügte auch, daß alle Sporteln der Gerichte nicht dem einzelnen Richter, der sie veranlaßt hatte, sondern einer gemeinsamen Kasse zufließen sollten. Ferner sorgte er für ein beschleunigtes Gerichtsverfahren mit der Maßgabe, daß gemeiniglich jeder Prozeß im Laufe eines Jahres zum rechtskräftigen Abschlusse gebracht sein müsse. Endlich wollte er auch die Unabhängigkeit der Gerichte verbürgen; er sprach sich wiederholt gegen jede Kabinettsjustiz aus. Aber freilich hatten auch hier die Dinge keineswegs jenes ideale Aussehen, das ihnen die französische Fabel von dem Müller in Sanssouci scheinbar gegeben hat. Friedrich schrieb wohl: Die Gesetze müssen sprechen und der Souverän muß schweigen, aber er handelte allzuoft nach dem umgekehrten Grundsatze. Als Philosoph sah er in der Wahrung des Rechts die stärkste Wurzel der fürstlichen Souveränität, aber als König glaubte er ebendeshalb überall eingreifen zu müssen, wo ihm die Gerichte das Recht nicht richtig zu handhaben schienen, womit dann die Kabinettsjustiz seines Vaters glücklich wiederhergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des aufgeklärten Despotismus, daß der aufgeklärte Despot sich auch dann oder vielmehr dann erst recht in einem verderblichen Kreise herumbewegt, wenn er wirklich einmal einen Kulturfortschritt anbahnen will. Friedrich haßte die »Justiz nach der alten Leier«, die nach seiner triftigen Behauptung immer den reichen Leuten geholfen hatte, die halb verkäufliche, halb versimpelte Justiz seines Vaters, der die Richterstellen teils nach den Einzahlungen in die Rekrutenkasse vergab, teils nach dem Grundsatze, daß Bewerber von »Kop« der Verwaltung, »dume Teuffel« aber der Justiz überwiesen werden sollten. Friedrich empfand auch ganz richtig, daß eine herkulische Arbeit zu vollbringen, ein wahrer Augiasstall zu reinigen sei, wenn er eine »prompte und unparteiische, kurze und solide Justiz administrirt« haben wollte. Aber die Schlußfolgerung, die er daraus zog und vom Standpunkt des aufgeklärten Despotismus nicht mit Unrecht zog, daß er nämlich »sich selbst darein meliren«, daß er selbst auf dem Posten sein und jeden Augenblick dreinfahren müsse, wenn die Kabale sich einzuschleichen drohe, führte notgedrungen wiederum zu der verderblichen Kabinettsjustiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann es dem König nicht eigentlich zum Vorwurfe machen, daß er es in erster Instanz bei der Patrimonialgerichtsbarkeit bewenden ließ, der Gerichtsbarkeit der Junker über die Bauern, bei welcher nach einem zeitgenössischen Worte »der Stock die Gelehrsamkeit ersetzte«. Denn daran konnte er aus schon entwickelten Gründen beim besten Willen nichts ändern. Aber Friedrich hat auch in den landesherrlichen Gerichten der oberen Instanzen niemals für eine unabhängige Justiz gesorgt; er hat stets den Grundsatz zurückgewiesen, daß Richter nicht durch königliche Machtsprüche, sondern nur kraft eines richterlichen Urteils abgesetzt werden könnten. So fegte Cocceji, des Königs rechte Hand in Justizsachen, einmal das ganze Kammergericht bis auf zwei Räte aus, darunter Männer, die seit Jahrzehnten unverweislich ihre Pflicht erfüllt hatten, ohne jedes Urteil, ja ohne jede Anklage, nur um die erledigten Stellen mit seinen Kreaturen zu besetzen. Friedrichs gesunder Widerwille gegen jede Justizverschleppung machte es nach und nach bei ihm zur fixen Idee, daß die Beendigung jedes Prozesses im Laufe eines Jahres der Inbegriff nicht nur einer »kurzen«, sondern auch »soliden« Justiz sei; die Prozeßordnung, die Cocceji entwerfen mußte, nennt sich schon in ihrem Titel »das Projekt des Codicis Fridericiani Marchici, nach welchem alle Prozesse in einem Jahr durch alle Instanzen zu Ende gebracht werden sollen und müssen«. Um dieses Ziel zu erreichen, umging Friedrich die ordentlichen Gerichte und setzte Immediat-Kommissionen ein; »mit wahrem Vergnügen« stellt er in einer Kabinettsorder vom 11. Mai 1747 fest, daß eine solche Kommission unter Coccejis Vorsitz binnen Jahresfrist am Hofgericht in Stettin 1600 und am Hofgericht in Köslin 720 Prozesse »abgetan« hat. Wie es bei dieser summarischen Justiz herging, sagt erschöpfend das lakonische Wort des Justizministers Jarriges: »Marsch! was fällt, das fällt.« Nicht ohne Grund sah Friedrich eine Ursache der Prozeßverschleppung in der damaligen Advokatur, die von seinem Vater grausam verfolgt worden war und infolgedessen zweifelhafte Subjekte reichlich genug in ihren Reihen hatte. Aber es trug gewiß nicht zur Hebung dieses Berufs bei, daß Friedrich neben mancher verständigeren Anordnung als Hauptmittel der Besserung die Kassation fortdauernd über dem Haupte jedes Advokaten schweben ließ; fehlten andere Gründe, so wurden des abschreckenden Beispiels wegen von Zeit zu Zeit einige beseitigt. So im Jahre 1775 ihrer sieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König hielt sich für den obersten Richter, der nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, jeden einzelnen Rechtsfall selbst zu entscheiden, einen Teil seiner richterlichen Gewalt auf andere übertragen habe, und in seinem königlichen Willen sah er die Quelle, welche die dürre Heide des geschriebenen und überlieferten Rechts gewissermaßen erst befruchtete. Vor allem auf dem Gebiete des Kriminalrechts suchte er diese Auffassung, soweit als nur immer möglich war, praktisch durchzuführen. In allen wichtigeren Fällen mußten die Erkenntnisse durch landesherrliche Gerichte gefällt und, wenn es sich um bedeutendere Strafen handelte, vom Landesherrn bestätigt werden. Sträflinge durften auf den Festungen nur auf Grund einer königlichen Order angenommen werden. Friedrich ließ hieran nie etwas ändern; er glaubte so die Untertanen am besten vor Unterdrückung gesichert; er wollte sich auch wohl vorbehalten, die scheußlichen Strafen der Karolina, die noch immer das preußische Strafrecht war, zu mildern. Aber der Justizminister v. Arnim, der als Chef des Kriminaldepartements die genaueste Sachkenntnis gewonnen hatte und übrigens den König lebhaft bewunderte, hat gleich nach dessen Tode in einer ausführlichen Schrift dargetan, wie wenig auf diesem Wege erreicht wurde. Indem der König sich an keine Grundsätze binden wollte, verfiel er in Launen, und gemeiniglich verschlimmerte er das Übel, das er beseitigen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogleich bei seiner berühmtesten Justizreform: der Aufhebung der Folter. Die Tortur war nicht in &#039;&#039;dem&#039;&#039; Sinne eine sinn- und zwecklose Grausamkeit, daß sie von bösen oder dummen Menschen erfunden worden war und von einsichtigen oder guten Menschen einfach aufgehoben zu werden brauchte. Sie bildete vielmehr die Spitze des damaligen Kriminalprozesses, der die gesetzliche Strafe nicht ohne Eingeständnis des Angeklagten verhängen durfte und deshalb die Folter anwenden mußte, um einem nach der Überzeugung des Gerichtshofes sonst überführten Verbrecher auch das zur Verurteilung notwendige Geständnis zu entreißen. Deshalb hatte selbst Thomasius die Tortur nicht unbedingt zu verwerfen gewagt, und wenn Friedrich wirklich mit der barbarischen Gewohnheit brechen wollte, so mußte er eben den Kriminalprozeß gesetzlich reformieren. Aber daran dachte er nicht im entferntesten; er entschied von Fall zu Fall, sicher, daß er in jedem Falle das Rechte treffen werde. Ein aufsehenerregender Fall, in dem die Unschuld des Angeklagten gerade noch entdeckt wurde, als er schon auf die Folter gebracht werden sollte, veranlaßte ihn zur Anweisung an die Gerichte, nicht mehr auf Tortur zu erkennen. Dann aber verfügte der König in einem anderen Falle, in dem die Verurteilung eines zweifellos schuldigen Verbrechers an dessen Leugnen zu scheitern drohte, das mangelnde Geständnis durch – Prügel zu erzwingen. Damit war denn die Tortur in einer neuen und gefährlicheren Form wiederhergestellt. Sie hatte früher nur auf Grund eines förmlichen Erkenntnisses landesherrlicher Gerichte angewandt werden dürfen, während nunmehr jedem Untersuchungsrichter gestattet war, nach Herzenslust zu prügeln; »die Inquirenten bedurften dazu keiner höhern Ermächtigung und wandten das erwünschte Mittel so energisch an, daß man bald einige eklatante Justizmorde zu beklagen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Alte und neue Rechtszustände in Preußen; Preußische Jahrbücher, 5, 390.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Willen des Königs als höchstem Gesetz hat es seine eigentümliche Bewandtnis. Entweder rüttelt er in eitlem Fürwitz an dem organischen Zusammenhange der historischen Entwicklung, und dann scheitert er oder zerstört, wo er schaffen möchte. Oder aber er begnügt sich mit dem Spielraume, den jeweilig die fürstliche Klasse hat, und dann erweist er sich keineswegs als Kind einer überirdischen Weisheit, sondern als das sehr irdische Erzeugnis von Klasseninteressen. Wer daran zweifelt, daß die geistigen Lebensformen durch die materiellen Lebensverhältnisse bestimmt werden, mag nur einmal Friedrichs Strafrechtspflege studieren; das Beispiel ist um so beweiskräftiger, als es dem Könige mit seiner Justizreform bitterer Ernst war, als er auf keinem Gebiete so kräftig wie auf diesem seine philosophischen Anschauungen in seinem fürstlichen Handwerke zu verwirklichen strebte. Sein Moral- und Strafkodex in Sachen der sogenannten fleischlichen Verbrechen spiegelt mit fast grotesker Schärfe seine Bevölkerungspolitik wider. Er verbot die Kirchenbuße gefallener Mädchen und untersagte jedem, ihnen wegen ihres Fehltritts Vorwürfe zu machen. Er gestattete zwar, daß, wenn einer in puncto sexti sich vergangen hatte, zwei Prediger ihm den begangenen Fehler zu Gemüte führen könnten, aber er fügte hinzu, »ohne zu poltern oder zu schelten«, und keiner der Geistlichen dürfe davon etwas verlauten lassen bei Strafe der Kassation; es müsse alles wie in der Beichte gesprochen angesehen werden. Er begnadigte gänzlich in Fällen von Blutschande, die dennoch vor die Gerichte gelangt waren, oder, was noch bezeichnender ist, als sich ein Ehemann bei Lebzeiten der Ehefrau mit der Tochter vergangen hatte, lehnte er die Begnadigung mit der Begründung ab: »Das ist zu gropf.« Er gewann dadurch überhaupt eine so weitherzige Ansicht von den fleischlichen Verbrechen, daß er das über einen Kavalleristen wegen Sodomiterei gefällte Todesurteil mit der klassischen Randschrift kassierte: »Der Kerl ist ein Schwein; er soll zur Infanterie.« Er beseitigte die Todesstrafe, die auf Abtreibung der Leibesfrucht gesetzt war, damit die Mutter durch spätere Fortpflanzung ihr Verbrechen wieder gutmachen könne. Er ließ die Bigamie nicht nur ungestraft, sondern erkannte sie rechtlich an, wie beispielsweise beim General Favrat. Friedrich selbst hatte bekanntlich schon an einer Frau zuviel, und es wäre lächerlich, seine juridische und moralische Weitherzigkeit in geschlechtlichen Dingen einer persönlichen Lasterhaftigkeit zuzurechnen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Doch ist zu bemerken, daß diese Weitherzigkeit den König nicht etwa verleitete, mit der katholischen Kirche wegen der &#039;&#039;kirchlichen&#039;&#039; Strafen anzubinden, die sie auf die Übertretung &#039;&#039;kirchlicher&#039;&#039; Eheverbote setzte. Friedrich war viel zu gescheit, um so »genial« wie der Herr Bismarck im »Kulturkampfe« zu sein. Einen Übergriff seiner Behörden in dieser Beziehung redressierte er sofort, indem er verfügte: »Indem sie (die katholischen Geistlichen) gedachtem Berkmeier die Absolution und das Abendmahl versagen, so geschieht ja dadurch kein Eingriff in unsere Rechte, welche uns in Ansehung der Dispensation in Ehesachen zustehen, sondern sie tun anderes nicht, als daß sie den Supplikanten von einem Genuß ausschließen, dessen er sich durch seine in der römischen Kirche verbotene Heirat verlustig gemacht und den er nicht verlangen kann, solange er ein Mitglied dieser Kirche ist.«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In schroffem Gegensatze zu dieser Weitherzigkeit und doch in vollkommenem Einklänge mit ihr stand die barbarische Grausamkeit der friderizianischen Rechtspflege, soweit es sich nicht um die Lieferung, sondern um die Trainierung des Menschenmaterials für despotische Zwecke handelte. Bei militärischen und politischen Verbrechen, mochten sie auch nur »Verbrechen« nach der damaligen Staatsräson sein, schreckte Friedrich vor keiner noch so brutalen Verletzung der Rechtsformen, vor keiner noch so entsetzlichen Strafe zurück. Da betrachtete er sich als unbeschränkten Herrn über Freiheit und Leben seiner Untertanen; da verhängte er Freiheits- und Lebensstrafen, wenn es ihm paßte, aus eigener Machtvollkommenheit und verschärfte ins Ungeheuerliche die richterlichen Urteile, die seiner Bestätigung bedurften. Er schlug es rundweg ab, wenn ihn einmal ein Oberst bei stark mildernden Umständen eines einzelnen Falles um eine Milderung der blutigen Kriegsartikel bat; er ließ den Geheimrat Ferber ohne Urteil und Recht wegen Verbreitung angeblich landesverräterischer Nachrichten in Spandau enthaupten und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken. Namentlich mit den wachsenden Jahren des Königs nahm seine Kabinettsjustiz sehr überhand. Um ihr einigermaßen zu steuern, vermied das Kammergericht nach Möglichkeit, auf Festungsstrafe zu erkennen; in einem Falle konnte es einen offenbaren Justizmord, auf den es nach Befehl des Königs erkennen sollte, nur dadurch hindern, daß es die Erledigung des Verfahrens bis über den Tod Friedrichs verschleppte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sache des Müllers Arnold, dem bekanntesten Falle der friderizianischen Kabinettsjustiz, spielten verschiedene Gesichtspunkte durcheinander. Eine Justiz, die das Recht des Bauern rücksichtslos gegen den Junker zu wahren schien, war ein treffliches Anziehungsmittel für bäuerliche Ansiedler aus der Fremde, und sie war auch ein derber Denkzettel für die gar zu patriarchalische Gerichtsbarkeit der Junker. Aber Friedrich wurde dabei doch in sehr empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert. Er bog das Recht, um in einem einzelnen Falle einem einzelnen Bauern zu helfen, aber als nunmehr Schwärme von Bauern das Schloß umlagerten und zu den Fenstern des Königs gerichtliche Urteile emporhoben, durch die sie viel schlimmeres Unrecht erfahren haben wollten als der Müller Arnold, da konnte er ihnen nicht helfen. Dazu wirkte noch ein militärpolitischer Gesichtspunkt in dieser berühmten Affäre mit. Der Müller Arnold hatte seine Beschwerden auf militärischem Wege zu den Ohren des Königs zu bringen gewußt, und Friedrich hatte irgendeinen unwissenden Kriegsknecht von Obersten mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Auf dessen Bericht hin kassierte er die Richter des Kammergerichts, die gegen den Müller entschieden hatten, in schimpflichster Weise und schrieb an den Minister v. Zedlitz, der sich weigerte, dem Gewaltakte hilfreiche Hand zu leisten: »Das Federzeug verstehet nichts. Wenn Soldaten etwas untersuchen und dazu Order kriegen, so gehen sie den geraden Weg und auf den Grund der Sache. Allein ihr könnt das nur gewiß sein, daß ich einem ehrlichen Offizier, der Ehre im Leibe hat, mehr glaube als allen euren Advokaten und Richtern.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In der Sache des Müllers Arnold geben die preußischen Mythologen meistens der Wahrheit die Ehre, und es ist deshalb zu bedauern, daß Dühring, Sache, Leben und Feinde, 394, sie wegen ihrer »meist feige verhaltenen, aber doch hinreichend sichtbaren Bosheit gegen jene wirkliche Großtat des originalen Königs« verhöhnt. Eher versteht man es schon, wenn neuestens irgendein patriotischer preußischer Amtsrichter in guter Witterung der Zeit die rettende soziale Tat des Königs preist, die sich über formale Gesetzesbedenken hinweggesetzt habe. Übrigens scheint Friedrich selbst seinen Gewaltschritt bald als solchen erkannt und nur deshalb nicht zurückgetan zu haben, weil er seine königliche Unfehlbarkeit nicht bloßstellen wollte. Interessante Einzelheiten darüber bei Preuß, 3, 522 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So haben wir denn den aufgeklärten Despotismus Friedrichs nach seinem innern Zusammenhange, seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in großen Umrissen geschildert. Ließ sich dabei eine gewisse Ausführlichkeit nicht vermeiden, so können wir uns über die Moral von der Geschichte um so kürzer fassen. Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn wir noch nachweisen wollten, daß dieser aufgeklärte Despotismus mit dem Zeitalter der deutschen Humanität, dem Lessing die erste Bahn brach, schlechterdings gar nichts zu tun hat. An einem Dornstrauche können keine Feigen wachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bleibt noch übrig, die Diplomatie und die Kriegführung Friedrichs auf den gleichen Gesichtspunkt zu untersuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Friedrichs Diplomatie und Kriegführung ==&lt;br /&gt;
Die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats war durch seine Lebensbedingungen gegeben. Er konnte dauernd nicht bestehen, solange er sich, von ein paar Landparzellen am Rhein abgesehen, einzig auf die voneinander getrennten Landschaften Brandenburg und Ostpreußen stützte, von denen Ostpreußen zudem noch unter polnischer Lehnshoheit stand. Diese abzuschütteln, sich zwischen Polen und Schweden eine unabhängige Stellung zu sichern und den Zankapfel beider Mächte, die Herrschaft über die Ostsee, selbst an sich zu reißen, durch die Erwerbung der anderen ostelbischen Kolonisationen, namentlich Pommerns und Schlesiens, mit deren Besitze das ganze handelspolitische Gebiet der Oder unter preußische Hoheit kam, ein ökonomisch und politisch abgerundetes Gemeinwesen herzustellen – das war zunächst die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats, die von selbst gegeben war und sich gewissermaßen auch von selbst durchsetzte. Die größere oder geringere »Genialität« der einzelnen Fürsten hatte dabei nur insofern mitzusprechen, als sie ihnen eine größere oder geringere Einsicht in den notwendigen Gang der Dinge ermöglichte und somit die Wahl gewährte, sich nach dem lateinischen Worte von den Geschicken leiten oder schleppen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben gesehen, daß schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm den Plan zur Erwerbung Schlesiens entworfen und das Erlöschen des habsburgischen Mannesstammes als den Zeitpunkt angegeben hatte, wo diese Eroberung ins Werk zu setzen sei. Er selbst erwarb zunächst die Souveränität des Herzogtums Preußen, auf welche sein Nachfolger, Friedrich I., dann die Königswürde gründete. Für diesen Zweck warf sich der Kurfürst in den polnisch-schwedischen Kriegen um die Ostsee bald auf die eine, bald auf die andere Seite, mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die sogar den brandenburgischen Hofgeschichtsschreibern ein leises Schaudern einflößt. Es gelang dem Kurfürsten ferner, den größeren, aber hafenarmen Teil von Pommern an sich zu bringen; dagegen blieben Vorpommern und Stettin in den Händen der Schweden. Zweimal glaubte der Kurfürst auch diesen Teil von Pommern in der Hand zu haben; zweimal, im Westfälischen Frieden und im Frieden von St. Germain, mußte er zu seinem bittersten Verdrusse darauf verzichten. Schon im Jahre 1646 erklärte er, von der Oder könne und werde er ohne den Ruin seines Hauses nicht abstehen, und er kämpfte Schritt um Schritt um die Odermündungen. Aber wie er, so wußten auch seine Gegner, wessen der brandenburgisch-preußische Staat bedurfte. So unanfechtbar die Erbansprüche des Kurfürsten auf das ganze Pommern waren: Frankreich, Österreich, Schweden widersetzten sich ihnen gleichmäßig. Ehe sie dem Kurfürsten einen beherrschenden Platz an der Ostsee einräumten, stopften sie ihm lieber den Mund durch die Bistümer Kammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg, das heißt durch einen Besitz, der sowohl an Umfang wie an Kultur dem vorenthaltenen Teile von Pommern weit überlegen war.&amp;lt;ref&amp;gt;Nähere Daten darüber bei Stenzel, Geschichte des preußischen Staats, 2, 47 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl unterzeichnete der Kurfürst den westfälischen Friedensvertrag mit dem Stoßseufzer, daß er wünschte, nie schreiben gelernt zu haben. Erst seinem Enkel, dem Könige Friedrich Wilhelm I., gelang es, aus dem Schiffbruche des schwedischen Karl XII. Stettin und die Odermündungen sowie ein Stück von Vorpommern zu erwerben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der habsburgische Mannesstamm erlosch im Jahre 1740, wenige Monate nachdem Friedrich II. die Regierung angetreten hatte. Es war nun weder ein genialer Gedanke noch eine revolutionäre Insurrektion, sondern einfach die unverbrüchliche Politik des preußischen Militärstaats, die den König veranlaßte, sofort in Schlesien einzufallen, sogar noch ehe Maria Theresia seine Vorschläge zu einer friedlichen Einigung über die brandenburgischen Erbansprüche auf einzelne Teile dieser Landschaft abgelehnt hatte. Von diesen Erbansprüchen spricht Friedrich verständigerweise immer mit Ironie; er wollte einzig eine niemals wiederkehrende Gelegenheit benützen, um den preußischen Staat so abzurunden, daß sein Heer mit der wachsenden Militärmacht der großen Staaten einigermaßen Schritt halten konnte. Er wußte sehr gut, daß seine Erbansprüche in Wien nicht imponieren würden, und er machte sie allein aus taktischen Gründen geltend, teils um seiner Eroberungspolitik einen »rechtlichen« Anstrich zu geben, teils um den Bedenken des Marschalls Schwerin und des Ministers Podewils gerecht zu werden; deshalb sind auch nicht viele Worte darüber zu verlieren, daß er Schlesien besetzte, noch ehe er eine endgültige Absage aus Wien empfangen hatte. Aber freilich sind diese »friedlichen« Verhandlungen ein schlagender Beweis mehr gegen die revolutionäre Insurrektion; wäre Maria Theresia auf Friedrichs Angebote (Unterstützung durch Geld und Waffen gegen ihre sonstigen Feinde und die brandenburgische Kurstimme für die Wahl ihres Gemahls zum römischen Kaiser) eingegangen und hätte sie dafür auch nur Niederschlesien abgetreten, so würde Friedrich die »habsburgische Fremdherrschaft« und wie die schönen Schlagworte von heute sonst noch lauten, nach Kräften gestützt haben. Abgewiesen in Wien, mußte er sich zum Kriege entschließen, der nun aber auch weder eine »revolutionäre Insurrektion« noch eine »patriotische Reichsreform« werden konnte. Denn wenn das habsburgische Kaisertum von Papstes Gnaden ein Schatten war, so stellte das wittelsbachische Kaisertum von Frankreichs Gnaden, dessen Banner Friedrich nunmehr angeblich trug, höchstens eines Schattens Schatten dar. Dagegen war das Bündnis mit Frankreich gegen das habsburgische Kaisertum altbrandenburgische Hauspolitik; hatte doch Kurfürst Joachim I. 1519 dem französischen Könige Franz I., Kurfürst Friedrich Wilhelm 1679 dem französischen Könige Ludwig XIV. die deutsche Krone vertragsmäßig versprochen.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 2, 2, 68 ff. Ranke, Genesis, 335 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu alledem kommt noch die merkwürdige Tatsache, daß nicht eigentlich Friedrich Schlesien eroberte, sondern sein Vater, jener kaiser- und reichsfromme Fürst, der lange Jahre zum Gespötte von ganz Europa durch den kaiserlichen Gesandten Seckendorff am Gängelbande geführt worden war. Aus der von ihm sehr ungeschickt eingeleiteten Schlacht bei Mollwitz floh Friedrich verzagt und vorzeitig nach einigen erfolgreichen Angriffen der österreichischen auf die preußische Reiterei, aber das preußische, von Friedrich Wilhelm I. und dem Fürsten von Dessau gedrillte Fußvolk stand wie eine Mauer und entschied ohne sonderlichen Einfluß einer höheren Führung den Sieg. Ebenso unglücklich war Friedrichs erstes Auftreten als Diplomat. In dem Vertrage von Kleinschnellendorf verriet er seinen französischen Bundesgenossen an Österreich, gestattete er dem österreichischen Heere, »um die Schlüssel einer einzigen, im Grunde nicht widerstandsfähigen Festung«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 153.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich auf seine französischen Verbündeten zu stürzen, die ihm, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten bekennt, keinen Anlaß zu einem Bruche gegeben hatten. Über die Moral der Sache sind wieder nicht viele Worte zu verlieren; Frankreich und Preußen hatten das gleiche Interesse, Österreich zu schwächen, aber nur so weit, daß der eigene Bundesgenosse dadurch nicht zu stark wurde; es ist schwer zu sagen, ob Friedrich die Franzosen öfter in die Patsche gebracht hat oder sie ihn, wie denn das Gezeter der Zeitgenossen über Friedrichs »Treulosigkeit« gemeiniglich nicht sittliche Entrüstung, sondern nur der Schmerzensschrei eines geprellten Schelms war, über den anderthalb Schelme gekommen waren. Friedrich kannte schon Goethes geflügeltes Wort; er umschreibt es in einem Briefe an Podewils mit dem Satze: »Wenn düpiert werden muß, so seien wir denn Schelme (fourbes).« Aber der Vertrag von Kleinschnellendorf war eine Schelmerei, bei welcher Friedrich düpiert wurde, während er düpieren wollte, und ein Diplomat kann kein schlechteres Geschäft machen, als wenn er einen Bundesgenossen verrät, mit kaum nennenswertem Gewinne für sich, aber mit dem größten Gewinne für den gemeinsamen Gegner. Damals erwarb sich Friedrich den durch seine spätere Diplomatie nicht mehr gerechtfertigten Vorwurf, daß er den kleinsten Gewinn des Augenblicks den größten Vorteilen der Zukunft vorziehe. Eher schon erklärte sich die zweite Preisgabe seiner Bundesgenossen, als Friedrich den Sonderfrieden von Breslau schloß, worin ihm Maria Theresia, namentlich auf Betrieb der englischen Diplomatie, Schlesien abtrat, um den gefährlichsten Feind zunächst loszuwerden und gegenüber ihren sonstigen Gegnern freiere Hand zu bekommen, das heißt also: mit stillen Vorbehalten für die Zukunft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Vorbehalte lagen so sehr in der Luft, daß es sich abermals leicht erklärt, wenn Friedrich 1744, als im währenden Österreichischen Erbfolgekriege die Erfolge Maria Theresias gegenüber Frankreich und dem wittelsbachischen Schattenkaiser gar hoch gestiegen waren, ein neues Bündnis mit Frankreich schloß und als deutscher Reichsstand seine »Hilfsvölker« dem in seiner Ehre und Würde schwer verletzten Kaiser zuführte. Nur verfiel er auch diesmal einem schweren diplomatischen Fehler, indem er sich im geheimen ein gutes Stück von dem Königreich Böhmen, das er für den Kaiser zu erobern gedachte, für den preußischen Staat ausbedang. Das Geheimnis wurde bald ruchbar und stellte den König moralisch-politisch bloß um einer ganz illusionären Aussicht willen. Hier lag einer der Fälle vor, in denen sich Friedrich in der Tat über seine Machtmittel getäuscht hat. Denn so leicht sich Schlesien bei seiner geographischen Lage und seinen ökonomischen Lebensbedingungen dem preußischen Staate einverleiben ließ, so unlösbar war diese Aufgabe auch nur für einen Teil von Böhmen. Mit der Eroberung dieses Königreichs machte Friedrich denn auch sehr bittere Erfahrungen. Diesmal ließen seine französischen Bundesgenossen ihn im Stich, und der alte Marschall Traun, den Friedrich dann selbst stets mit erfreulicher Ehrlichkeit als seinen Lehrer in der Kriegskunst gepriesen hat, manövrierte ihn unter nahezu völliger Auflösung des preußischen Heeres über die schlesische Grenze zurück. Der Winter von 1744 bis 1745 war eine überaus schwere Zeit für Friedrich; wie er in ihr nach dem Zeugnisse der fremden Gesandten äußerlich zum Manne reifte, so machte er sich innerlich von allen Illusionen frei, mit denen ihn auf dem Gebiete der auswärtigen Politik bisweilen wohl Ehrgeiz, Ruhmbegierde oder, wie er sich gelegentlich ausdrückte, ein »geheimer Instinkt« genarrt hatten. Obgleich er im Jahre 1745 in einer ganzen Reihe von Schlachten und Treffen (Hohenfriedberg, Soor, Katholisch-Hennersdorf, Kesselsdorf) die Österreicher und die Sachsen mit seinem wiederhergestellten Heere schlug, so erbot er sich am Jahresschlusse doch, unter schmerzlichem Erstaunen Frankreichs, unter anfangs ungläubigem, dann freudigem Erstaunen Österreichs, zu einem zweiten Sonderfrieden, wofern ihm der Besitz Schlesiens bestätigt würde. Und nach Erfüllung dieser Bedingung kehrte er in seine Staaten zurück, entschlossen, sein Lebtag »keine Katze mehr anzugreifen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß es dem Könige voller Ernst mit diesem Entschlusse war. Zwar ist, als elf Jahre später der Siebenjährige Krieg ausbrach, sofort der Vorwurf gegen ihn erhoben worden, daß er in ehrgeiziger und mutwilliger Absicht wieder zu den Waffen gegriffen habe, und diese Anklage scheint um so schwerer ins Gewicht zu fallen, als sie zuerst von Friedrichs eigenen Brüdern erhoben wurde und unter der Mehrzahl seiner Generale und Minister heimliche Zustimmung fand. Auch erscheint sein plötzlicher Überfall Sachsens und die rücksichtslose Knebelung dieses Landes als ein ruchloser Landfriedensbruch. Allein der König entschloß sich zu dem Gewaltschritt höchst ungern und erst unter dem unerbittlichen Zwange der Umstände. Durch den Verrat österreichischer und sächsischer Beamten war er seit mehreren Jahren urkundlich auf dem laufenden erhalten worden über Verhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Rußland, die dahin abzielten, ihn zu überfallen und die aufstrebende Macht des preußischen Staats zu brechen. Die Tatsache dieser Verhandlungen ist und war schon damals unbestreitbar, aber die preußischen Prinzen meinten, das alles hätte noch gar sehr in der Luft geschwebt und wäre ohne das unzeitige Losbrechen des Königs möglicherweise in leeren Dunst zerflossen. Möglicherweise allerdings, und dieser Möglichkeit trug Friedrich auch alle Rechnung, indem er die österreichisch-sächsisch-russischen Verhandlungen jahrelang mit gespannter Aufmerksamkeit, aber sonst in unbeweglicher Ruhe verfolgte. Indessen es gab auch die entgegengesetzte Möglichkeit, die Friedrich nicht zur Gewißheit werden lassen durfte, wenn er nicht in die furchtbarste Pressung geraten wollte. Und diese Möglichkeit wuchs zur Gewißheit heran, als der ökonomische Interessengegensatz Englands und Frankreichs in den nordamerikanischen Kolonien in offenen Krieg ausbrach und damit auch ein Krieg im Innern Deutschlands entschieden war, denn ein Angriff Frankreichs auf Hannover als die wundeste Stelle Englands verstand sich von selbst. Das französisch-preußische Bündnis lief im Juni 1756 ab, und Friedrichs Versuche, es zu erneuern, waren gescheitert. Nicht wegen der freundlichen Gesinnung, die Maria Theresia, und wegen der unfreundlichen Gesinnung, die Friedrich der Pompadour bezeigt hatten, denn dergleichen Dinge spielten selbst in dem absolutistischen Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts für die großen politischen Entscheidungen höchstens in ganz nebensächlicher Weise, oder, wie es in der Sprache der Gerichte heißt, als »adminikulierendes Beiwerk« mit.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Da der obenerwähnte Quark in den bürgerlichen Geschichtswerken immer wieder breitgetreten wird, so mag er beiläufig wenigstens insoweit berücksichtigt werden, als aus ihm Streiflichter auf die Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts fallen. Maria Theresia selbst hat in einem Schreiben an die sächsische Kurprinzessin Maria Antonia den persönlichen Briefwechsel mit der Pompadour bestritten, und die einfache Versicherung der, was ihre Person anbetrifft, edlen und hochherzigen Frau wirft den entgegengesetzten vagen Klatsch in den Memoiren von Duclos, Montgaillard, Richelieu und selbst die genaueren Angaben v. Hormayrs im Taschenbuche für die Vaterländische Geschichte von 1811 über den Haufen. Wenn aber die österreichischen Gesandten und Minister, um das französisch-preußische Bündnis zu sprengen, der Pompadour hofierten, so taten sie nur dasselbe, was der preußische Gesandte, Graf Rothenburg, zwölf Jahre früher bei Abschluß des Bündnisses getan hatte; der einzige Unterschied war, daß die königliche Mätresse 1744 nicht Pompadour, sondern Chateauroux hieß. Herr Koser, der ja neuerdings von der preußischen Staatsanwaltschaft als »objektiver und wissenschaftlicher Sachverständiger« über preußische Geschichte in Majestätsbeleidigungsprozessen zugezogen worden ist, erzählt 1, 219, daß »Graf Rothenburg wiederholt selbdritt mit dem Könige bei der Herzogin von Chateauroux zur Nacht speiste«, und fügt hinzu: »Wie hätte die Herzogin des Königs von Preußen ritterlichen Sendboten in seinen Bemühungen nicht fördern sollen, der wie sie selbst einen Appell an die edleren, an die königlichen Leidenschaften in Ludwigs Brust versuchte!« Ja, wie »hätte« sie nicht, und so kam »selbdritt« das preußisch-französische Bündnis von, 1714 zustande, für Preußen das Vorspiel zum Zweiten Schlesischen Kriege, für Frankreich ein neuer Aufschwung des Österreichischen Erbfolgekrieges, dem durch die Anwesenheit Ludwigs XV. im Felde – dies ist es, was Herr Koser »die edleren, die königlichen Leidenschaften« nennt – ein frischer Druck gegeben werden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon hieraus ergibt sich, daß Friedrichs Mißachtung der Pompadour keineswegs spießbürgerlichen Anstandsbegriffen entsprang, die ganz und gar nicht zu seinen Schwächen gehörten. Vielmehr: Wenn er nach dem Zeugnisse von Valori und Voltaire über die Pompadour (&#039;&#039;vor&#039;&#039; dem Siebenjährigen Kriege – denn in den Nöten dieses Krieges hat er ihr sogar (siehe Schäfer, Siebenjähriger Krieg, 1, 415) das Fürstentum Neuchâtel für Lebenszeit anbieten lassen um den Preis des Friedens mit Frankreich – verächtlich zu sprechen pflegte, so geschah es einfach, weil die Marquise als einfache Antoinette Poisson aus der Roture emporgekommen war, im Gegensatze zur Chateauroux, die eine geborene Marquise de la Tournelle war. Friedrich machte hier denselben Unterschied, den bald nach seinem Tode der Hof und die »Gesellschaft« von Berlin, ja den bis heute die bürgerlich-preußische Geschichtsschreibung macht, indem sie alle Schmach des Mätressenregiments unter Friedrich Wilhelm II. auf die Gräfin Lichtenau, geborene Mamsell Encke, abwälzt und die adeligen Dirnen dieses Königs, die Voß, Dönhoff und wie sie sonst noch heißen, im heroisch-sentimentalen Brillantfeuer einer tragischen Liebesleidenschaft erscheinen läßt. Dem »Philosophen von Sanssouci« stand dieser Unterschied nur um so weniger an, als die Antoinette Poisson trotz alledem auch eine kleine Philosophin war. Sie rettete die Enzyklopädie, als das Parlament von Paris im großen Hofe des Justizpalastes den Scheiterhaufen für das berühmte Werk anzünden ließ; unter ihrem Schutze schrieb François Quesnay sein berühmtes Tableau économique, und dies wie anderes will doch ein wenig mehr bedeuten, als wenn die »hochgesinnte Kebse«, wie selbst Carlyle die Chateauroux nennt, ihren königlichen Liebhaber in ein Kriegsabenteuer jagte, zu dem er taugte wie der Esel zum Lautenschlagen.)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sondern beide Teile hatten bei dem Bündnisse ihre Rechnung nicht gefunden, und wenn die am französischen Hofe immer noch mächtige Partei, die getreu den Überlieferungen Richelieus und .Mazarins in der deutschen Zerrissenheit eine Quelle der französischen Macht sah und somit an dem preußischen, gegen das habsburgische Kaisertum gerichteten Bündnisse festhalten wollte, nochmals die Sendung eines Unterhändlers nach Berlin durchsetzte, so hatte dieser, ein Herzog von Nivernois, doch so viel zu verlangen und so wenig zu bieten, daß Friedrich sich unmöglich auf den Handel einlassen konnte. Der Herzog bot beispielsweise für die preußische Waffenhilfe in dem drohenden Kriege mit England die Insel Tobago, worauf Friedrich mit berechtigtem Spotte erwiderte: »Die Insel Tobago? Sie meinen wohl die Insel Barataria, für die ich aber nicht den Sancho Pansa machen kann.« Damals kannte nämlich die preußische Politik noch nicht jene großmäuligen Fanfaronaden des Herrn Bismarck, wonach das Flaggenhissen auf irgendeinem tropischen Sand- oder Sumpfflecken stets eine nationale Großtat ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug: Um nicht einer völligen Isolierung zu verfallen, schloß Friedrich am 16. Januar 1756 mit England die Neutralitätskonvention von Westminster ab, eine gegenseitige Übereinkunft, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Als Gegenschlag folgte am 1. Mai desselben Jahres das französisch-österreichische Schutzbündnis, und Österreich begann mit großen Rüstungen. Nunmehr richtete Friedrich zweimal eine diplomatische Anfrage nach Wien, einmal nach dem Zwecke dieser Rüstungen und dann darnach, ob er für dies und das folgende Jahr vor jedem österreichischen Angriffe sicher sei. Beide Male erhielt er ausweichende, nichtssagende, ja geradezu höhnische Antworten, und jetzt durfte er bei dem eigentümlichen Wesen des preußischen Militärstaats keinen Augenblick länger zögern. Nach einem treffenden Vergleiche von Carlyle besaß er ein ungleich kürzeres Schwert als Frankreich und Österreich, aber er brachte es dreimal so schnell aus der Scheide wie diese Großmächte, und er konnte schlechterdings nicht warten, bis dieser sein gewichtiger, aber auch einziger Vorzug vor seinen ihm sonst in jedem Betrachte überlegenen Gegnern illusorisch geworden war. Von seinem und seines Staates Interessenstandpunkte aus, und der ist doch für seine subjektive Beurteilung entscheidend, könnte man eher sagen, daß er schon zu lange gezögert hatte und daß er sich mindestens die zweite Anfrage nach Wien hätte sparen können. Vielleicht hätte er es auch getan, wenn ihm am Beginn des Feldzugs zu einer möglichst späten Jahreszeit nicht auch aus dem gewichtigen Grunde gelegen gewesen wäre, kein französisches Heer mehr in diesem Jahre auf deutschem Boden erscheinen zu sehen. Jedenfalls entstand seinem Plane, durch schnelle Schläge die gefährlichsten und nächsten Gegner, die Sachsen und Österreicher, so weit zu betäuben, daß sie sich gern zu dauerndem Frieden entschlössen, dadurch das erste Hindernis, daß Sachsen noch im letzten Augenblicke seine Truppen in das Felsenlager von Pirna zusammenziehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein preußischer Eroberungskrieg war der Siebenjährige Krieg somit nicht, aber was war er dann? Die bürgerlich-preußischen Geschichtsschreiber antworten: eine Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges, ein Religionskrieg, die endgültige Rettung der deutschen Geistesfreiheit, die erste Begründung des deutschen Nationalstaats und wie die herrlichen Schlagworte alle lauten. Lassen wir die Tiraden ohne jeden greifbaren Inhalt beiseite und halten wir uns an den Religionskrieg, bei dem sich ungefähr etwas denken läßt. Es scheint ja auch auf flacher Hand zu liegen. Nach der Gruppierung der Mächte im Österreichischen Erbfolgekriege und den ersten Schlesischen Kriegen: Frankreich-Preußen hier, England-Österreich dort; nach diesen »weltlichen« Kriegen, in denen die Konfessionen bunt gemischt sind, nunmehr der »Religionskrieg«, der die Konfessionen streng scheidet: die katholischen Mächte Frankreich und Österreich mit dem segnenden Papste im Hintergrunde gegen die protestantischen Mächte England und Preußen; dort Finsternis, Mittelalter, Geistesknechtschaft, hier Licht, Zukunft, Geistesfreiheit; dort romanische Entartung oder slawische Barbarei, hier Zivilisation unter dem Zeichen des Germanentums. Schade nur, daß der Krieg nicht entstand aus einem Glaubens-, sondern aus einem Handelsgegensatze zwischen England und Frankreich; schade nur, daß er endete mit der politischen Hegemonie eines wirklichen Barbarenstaats über den einen der Freiheits- und Lichtkämpfer, und zwar einer Hegemonie, die der andere der Freiheits- und Lichtkämpfer wieder aus – handelspolitischen Rücksichten verschuldet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vertrage von Westminster, welcher der schon erwähnten Neutralitätskonvention ein Jahr später folgte, hatte England neben der Zahlung von Subsidien an Preußen versprochen, eine Flotte in die Ostsee zu senden, acht Linienschiffe und mehrere Fregatten und wenn nötig auch noch mehr Fahrzeuge. Die Bestimmung war klar und unzweideutig, ebenso ihr Zweck; die englische Flotte in der Ostsee hätte Ostpreußen und Pommern für Friedrich erhalten; sie hätte vor allem durch Sperrung der russischen Häfen, durch Vernichtung des russischen Handels diesem Barbarenstaate die Einmischung in die europäischen Händel verleidet. England hat aber nie daran gedacht, auch nur ein bewaffnetes Boot in die Ostsee zu senden; ja, es beließ sogar während des ganzen Krieges eine Gesandtschaft in Petersburg. Nicht das Interesse des protestantischen Bundesgenossen entschied, sondern das Interesse des englischen Handels. England besaß damals noch kein indisches Reich; seine nordamerikanischen Kolonien waren noch wenig angebaut und bevölkert; so durfte kein englischer Minister den Ostseehandel antasten. Als Pitt das Ruder ausschließlich in die Hand bekam, machte er dem Könige von Preußen auch gar kein Hehl daraus, daß Friedrich nie darauf rechnen dürfe, jene Bestimmung des Vertrags von Westminster ausgeführt zu sehen; alle Begeisterung der englischen Nation für die protestantische Sache im allgemeinen und für Friedrich im besonderen ändere gar nichts an der Tatsache, daß jedes Ministerium, welches eine Kriegsflotte in die Ostsee sende, sofort die Stimmenmehrheit im Parlamente verlieren würde. Kluge Staatsmänner wissen recht gut, daß die ökonomischen Tatsachen die Welt regieren, und unter sich machen sie auch gar kein Hehl daraus. Die ideologische Einkleidung überlassen sie den staatsmännischen Geschichtsschreibern, an denen es zum Heile der aufgeklärten und noch aufzuklärenden Menschheit ja auch noch in keinem Volke gefehlt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jenes handelspolitische Interesse der englischen Nation gab dem Siebenjährigen Kriege die entscheidende Wendung. Gefeit gegen jeden Angriff, konnte das russische Zarentum seine wüsten Eroberungs- und Raubinstinkte nach Gefallen austoben. Es hat sich denn auch dreimal den Luxus gegönnt, seine Stellung im Siebenjährigen Kriege zu ändern. Die erste und längste Zeit hindurch kämpfte das russische Heer gegen Preußen, heimste die Provinz Ostpreußen gänzlich ein, verwüstete in bestialischer Weise Pommern und die Mark, schlug fast immer die preußischen Truppen in vernichtenden Niederlagen, denn auch die Schlacht von Zorndorf war mehr ein unentschiedener Zusammenstoß als ein Sieg Friedrichs, kurzum, drängte den preußischen Staat bis an den Rand des Abgrunds, soweit getreu dem vom russischen Senat schon im Jahre 1753 zu einer »beständigen Staatsmaxime« erhobenen Beschlusse, sich nicht allein allem ferneren Anwachsen der preußischen Macht zu widersetzen, sondern auch die erste bequeme Gelegenheit zu ergreifen, um das Haus Brandenburg durch eine überwiegende Macht zu unterdrücken und in seinen vorigen mittelmäßigen Zustand zu versetzen. Offenbar schoß aber diese Maxime, die unter dem Einflusse der veralkoholisierten und wüterischen Zarin Elisabeth beschlossen worden war, weit über das Ziel hinaus; nicht die politische Vernichtung, sondern die politische Beherrschung des preußischen Staats war russisches Interesse; Preußen durfte kein Nebenbuhler Rußlands, es mußte sein Vasall werden, aber es mußte daneben doch immer ein Pfahl im Fleische Österreichs bleiben; so geboten es die russischen Eroberungszwecke, mochten sie sich nun auf Polen, die Türkei oder auf Deutschland selbst richten. Es ist auch sehr genau zu verfolgen, wie die russischen Generale sich ganz im Widerspruche mit dem Willen der Zarin immer davor hüten, dem preußischen Heere den letzten Gnadenstoß zu geben, was ihnen beispielsweise nach der Schlacht bei Kunersdorf ein leichtes gewesen wäre. Nach dem plötzlichen Tode der Zarin Elisabeth folgte dann das preußisch-russische Bündnis, das nichts als eine närrische Laune des närrischen Peter III. war. Einen armseligen Tritagonisten nennt ihn Lessing, ausersehen, in der Larve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schauspiels zu zerschneiden. Aber entwirrt hat diesen Knoten erst Katharina II. Als sie ihren Gemahl Peter in bübischer Weise ermordet und ohne eine Spur von Recht den russischen Thron bestiegen hatte, begriff diese gescheite Person sofort das russische Interesse; durch ihre Neutralität ließ sie den Siebenjährigen Krieg an allgemeiner Erschöpfung sterben und pflückte dann seine Frucht in dem preußisch-russischen Bündnisse vom 14. April 1764, in dessen geheimen Artikeln schon die Teilung Polens angebahnt wurde. König Friedrich, der keineswegs eine bismärckische Hornhaut gegenüber russischen Unverschämtheiten besaß, fühlte sich als russischer Satrap im Innersten gedemütigt, aber er konnte dieser »furchtbaren Macht« nicht widerstehen; er mußte durch seine Subsidien die Türkenkriege Katharinas unterstützen; er mußte bei der ersten Teilung Polens den größten Teil des Hasses auf sich nehmen und durfte nur den kleinsten Teil der Beute davontragen; er mußte mitsamt Österreich 1779 im Teschener Frieden, der den Bayrischen Erbfolgekrieg beschloß, Rußland als »Garanten des Westfälischen Friedens« anerkennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat, aber in gar sehr anderem Sinne, als die preußischen Mythologen meinen! Wie der Dreißigjährige, so endete der Siebenjährige Krieg mit dem Scheitern des Versuchs, Deutschland unter die Herrschaft des habsburgisch-päpstlichen Kaisertums zu bringen. Wie der Dreißigjährige, so erstarb auch der Siebenjährige Krieg an der allgemeinen Erschöpfung: Die Verwüstung Deutschlands nach dem einen wie dem andern war – so bezeugt wenigstens König Friedrich – gleich groß. Wie der Dreißigjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Frankreich und Schweden, das heißt mit dem Rechte zur beliebigen Einmischung in die deutschen Verhältnisse, das heißt mit der Fremdherrschaft zweier Kulturvölker schloß, so der Siebenjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Rußland, mit der Fremdherrschaft eines Barbarenstaats, deren unheilvolle Folgen bis heute noch nicht überwunden sind, wie denn ihre Überwindung überhaupt erst erhofft werden kann, seitdem die deutsche Arbeiterklasse zum politischen Bewußtsein erwacht ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig bei alledem, wie durch ebendiesen Siebenjährigen Krieg der »erste höhere Lebensgehalt« in das geistige Leben des deutschen Volkes gekommen sein soll!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IX. Zur Psychologie des Siebenjährigen Krieges ==&lt;br /&gt;
Man sagt nun aber wohl: Mag es mit dem Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges stehen wie immer, der Krieg als solcher, die Tatsache, daß ein deutscher Fürst sich mit fast übermenschlichem Genie sieben Jahre gegen eine Welt von Feinden aufrechterhielt, alle die Reichsfeinde, die so lange auf deutschem Boden gehaust hatten, die Russen und die Ungarn, die Franzosen und die Schweden aufs Haupt schlug, diese Tatsache entzündete von neuem den nationalen Geist des deutschen Volkes oder doch seiner protestantischen Mehrheit. Und in der Tat möchte eine derartige Ansicht noch dem Worte Goethes von dem »höheren Lebensgehalte« am nächsten kommen. Es fragt sich nur, ob die Zeitgenossen die Sache ebenso angesehen, ob die »patriotischen Kriegstaten« Friedrichs ihnen den nationalen Geist eingeflößt haben, aus dem unsere klassische Dichtung entsprossen sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Könige selbst würde diese Auffassung, wenn er sie lesen könnte, ungefähr so verständlich sein wie die Sprache der Irokesen. Seine vorzüglichste Eigenschaft, die ernste und nüchterne Auffassung der Dinge, hat ihn stets vor allen Prahlereien bewahrt; er wollte nicht mehr sein als ein Feldherr seiner Zeit, und er ist auch nicht mehr gewesen. Zwar haben jene ideologischen Überschwenglichkeiten neuerdings auch in der preußischen Militärliteratur einen starken Widerhall gefunden; seit zehn Jahren tobt in ihr, nicht gerade zum Ruhm des klassischen Militärstaates, eine heftige Fehde darüber, ob Friedrich kraft einer genialen, seine Zeit um fünfzig oder hundert Jahre überflügelnden Voraussicht die napoleonische Strategie angewandt habe, die in der schnellen Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht ihr erstes und einziges Ziel erblickt, oder ob er den Krieg seines Jahrhunderts geführt habe, jenen bedächtigen, langsamen, methodischen Krieg, der sich dadurch gegenüber dem Feinde in Vorteil zu setzen suchte, daß er ihm die für die Unterhaltung seiner Heere bestimmten Magazine zerstörte, daß er ihm diesen Landstrich oder jene Festung wegnahm, daß er ihn durch allerlei künstliche Manöver, durch »Ombragen«, »Jalousien«, »Diversionen« aus dem Felde bringen wollte, daß er die Schlacht nur als äußerstes Mittel betrachtete, sozusagen als einen Notbehelf, der erst im Falle der Not anzuwenden war oder etwa noch, wenn ein sehr großer Vorteil auf sehr sicherem Wege erreicht werden konnte. Nun bedarf es keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, welche Ansicht die richtige ist. Die napoleonische Strategie beruht auf dem Volksheere, der Tirailleurtaktik und dem Requisitionssystem; sie hat zur Voraussetzung Massenarmeen, die sich schnell vorwärtsbewegen, die tiraillieren, das heißt auf jedem Gelände schlagen, und requirieren, das heißt durch Beschaffung der Lebensmittel unmittelbar von der Bevölkerung sich selbst verpflegen können. Das Heer des vorigen Jahrhunderts war dagegen ein Söldnerheer, das als solches an die Lineartaktik und an die Magazinverpflegung gebunden war. Es konnte wegen der Kostspieligkeit der Werbung über eine gewisse Zahl nicht hinauswachsen. Es konnte nur in starren Linien, das heißt zusammengehalten durch den Stock und die drohende Kugel der Offiziere, an den Feind gebracht werden, und es konnte somit fast nur auf freier Ebene schlagen, gewissermaßen als eine mechanische Schießmaschine, wie denn die Schnelligkeit des Massenfeuers, die Friedrich zuletzt auf sechs Schuß in der Minute und ein nochmaliges Laden zum siebenten Schusse brachte, ein Hauptziel der militärischen Ausbildung war. Es mußte endlich in den Lagern streng bewacht und demgemäß vom Kriegsherrn verpflegt werden; seine Bewegung war an die Magazine und die Bäckerei gebunden und somit seine Bewegungsfreiheit eine sehr beschränkte. Hätte Friedrich es mit der napoleonischen Strategie versucht und hätte er seine Söldner tiraillieren lassen, so wäre ihm an demselben Tage sein Heer nach allen vier Windrichtungen entlaufen. Oder hätte er seine Söldner gar requirieren lassen, so hätte sich nach dem drastischen Ausdrucke eines neueren Militärhistorikers wenigstens ein Teil seines Heeres ohne weiteres in eine Räuberbande verwandelt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 1939. - Über den Streit in der preußischen Militärliteratur vergleiche v. Bernhardi, Friedrich der Große als Feldherr, und Delbrück, Historische und politische Aufsätze, 227 ff., Über die Verschiedenheit der Strategie Friedrichs und Napoleons. Bernhardi und Delbrück sind die Vorkämpfer dieses Federkrieges. Bernhardis großes zweibändiges Werk enthält sonst vieles Lehrreiche, wie denn Bernhardi überhaupt zu den besseren bürgerlichen Historikern gehört, aber sein Grundgedanke von der napoleonischen Strategie Friedrichs ist völlig hinfällig. Delbrück widerlegt ihn auf wenig mehr als zwei Bogen durchaus treffend. An seinem Teil liefert Herr Delbrück aber wieder ein merkwürdiges Beispiel davon, welche seltsame Schlachten sich die ideologische und materialistische Geschichtsauffassung in demselben Kopfe liefern können. Als Militärhistoriker weiß Herr Delbrück zwar keineswegs in erschöpfender, aber immerhin in weitreichender Weise, daß die jeweiligen ökonomischen Zustände die Art der Kriegführung bedingen, und er versteht diese Wissenschaft gegen Bernhardi trefflich zu verwerten. Aber als Zivilhistoriker, wenn der Ausdruck erlaubt ist, feiert Herr Delbrück in demselben Bande seiner Aufsätze den preußischen Landrat als Verkörperung des »überlieferten germanischen Freiheitsbegriffs«, der »in diesem harten Staate dem Rechte und der Ehre fortzuleben ermöglichte«. Die Tatsache des Militärstaats Preußen paukt ökonomische Dialektik ein; die Ideologie des Rechtsstaats Preußen erzeugt ideologische Vorstellungen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast größer noch als die praktische war für Friedrich die psychologische Unmöglichkeit der napoleonischen Strategie. Er konnte nicht einmal im Traume darauf verfallen, sowenig wie etwa darauf, eine Feldeisenbahn oder einen Feldtelegrafen anzulegen. Auch das größte Kriegsgenie kann keine neue Strategie erfinden, die in letzter Instanz immer durch die ökonomische Entwicklung bestimmt wird. Die napoleonische Strategie heißt nicht so, weil sie von Napoleon erfunden wurde, sondern weil sie in den napoleonischen Kriegen zur höchsten Vollendung gelangte. Sie entstand ganz von selbst in dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege. In ihm traten den englischen Söldnerheeren Rebellenhaufen gegenüber, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie geworbene Truppen, die nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezogenen Büchsen schießen konnten, die deshalb den Engländern nicht in Linie und auf freier Flur entgegentraten, sondern in aufgelösten Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Es ist schon ein sehr hohes Lob für Friedrich, wenn man sagt, daß er den amerikanischen Krieg genau verfolgte, um aus ihm zu lernen. Zwar klingt es noch recht ironisch, wenn er am 5. November 1777 an seinen Bruder Heinrich schreibt: »Wir beobachten die Washington, die Howe, die Bourgogne, die Carleton, um von ihnen diese große Kriegskunst zu lernen, die man nie erschöpft, um über ihre Torheiten zu lachen und um zu billigen; was sie gemäß den Regeln tun.« Aber die Unfehlbarkeit dieser »Regeln« scheint ihm doch zweifelhaft geworden, und die »Torheiten« der Washington scheinen ihm doch einigermaßen eingeleuchtet zu haben, denn kurz vor seinem Tode befahl er noch, einige Bataillone leichter Infanterie aus Landeskindern zu bilden, »Leute, die um sich wissen«, die das Terrain benützen lernen, die eine beweglichere und freiere, kurz, eine mehr jägermäßige Ausbildung erhalten sollten.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Leben von Yorck, 1, 50.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit war Friedrich den gelehrten Kriegstheoretikern seiner Zeit und allen seinen Offizieren schon weit voraus. Die verstanden die neue Strategie noch nicht einmal, als sie schon handgreiflich mit ihr zu tun hatten, als in den französischen Revolutionskriegen der neunziger Jahre zusammengeraffte Bauernhaufen ihre sozialen Interessen gegen die mit den österreichisch-preußischen Söldnerheeren zurückkehrenden Emigranten in ähnlicher Weise verteidigten, wie die amerikanischen Farmer und Jäger gegen die englischen Söldner gekämpft hatten. Goethe erkannte mit dichterischem Seherblicke die Zeichen der Zeit, als er nach der Kanonade von Valmy den preußischen Offizieren sagte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.« Aber seine Hörer verstanden ihn nicht, und das mag man ihnen auch nicht so sehr verdenken, denn Goethe selbst empfand wohl, aber erkannte nicht, was er sagte; wie hätte er sonst zwanzig Jahre später in dem Siebenjährigen Kriege einen »neuen höheren Lebensgehalt« entdecken können! Allein selbst gehäufte Erfahrungen belehrten die preußischen Offiziere nicht; die Söldnerheere blieben den französischen Freiwilligen auf lange hinaus noch in jedem Zusammenstoße taktisch überlegen, und doch war Frankreich nicht zu besiegen. An dieser Tatsache ließ sich nicht rütteln, indessen ihre Gründe vermochte man nicht zu entdecken; man behandelte sie schließlich als einen sinnlosen Unfug, der aller bewährten Kriegskunst spotte, aber wohl oder übel anerkannt werden müsse. So riet ein namhafter General der friderizianischen Schule, der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen, im Jahre 1794 zum Frieden mit Frankreich; von der Fortsetzung des Krieges sei ein günstiges Ergebnis nicht zu erwarten, da man »mit Narren eben niemals fertig« werde. Und ganz ähnlich äußerte sich gleichzeitig eine österreichische offizielle Denkschrift, »nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge« seien die Franzosen besiegt, aber sie brächen immer wieder mit »fürchterlicher Gewalt« wie ein »reißender Strom« hervor. Ja, noch in den Kriegen von 1813 bis 1815 stand unter den Generalen der europäischen Koalition – neben dem früh gefallenen Scharnhorst – nur Gneisenau auf der vollen Höhe der napoleonischen Strategie; er hatte deshalb namentlich mit seinen preußischen Unterbefehlshabern, den Bülow und Yorck, die heftigsten Kämpfe zu bestehen, und ebenso war er den verbündeten Monarchen, deren militärische Ratgeber. Knesebeck auf preußischer, Duka und Langenau auf österreichischer Seite, noch ganz in den militärischen Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts wurzelten, ein Dorn im Auge; in höfischen Kreisen spottete man über ihn und seinen Stab wohl als über Wallensteins Lager. Selbst bei Waterloo kam die Lineartaktik im englischen Heere noch zur praktischen Anwendung, ganz logischerweise, denn dies Heer bestand aus geworbenen Söldnern. Aber es wäre ohne die rechtzeitige Ankunft der Preußen unter Blücher und Gneisenau eben auch verloren gewesen. Dem preußischen Heere ging die napoleonische Strategie erst Jahrzehnte später in Fleisch und Blut über durch die klassischen Schriften von Clausewitz, und ein preußischer General hat auf das törichte Gerede von dem preußischen Schulmeister, der bei Königgrätz gesiegt habe, treffend geantwortet: »Jawohl, der Schulmeister heißt Clausewitz.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die ökonomische Entwicklung, die zur Umwandlung der friderizianischen in die napoleonische Strategie führte, siehe Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 140 ff. (Neuausgabe Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 204-206. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.) Will man die Überlegenheit des historischen Materialismus auch auf diesem Gebiete erkennen, so vergleiche man die Darstellung von Engels mit dem kriegsgeschichtlichen Abrisse von Clausewitz, Vom Kriege, 3, 91 ff. Es versteht sich, daß damit kein Schatten auf Clausewitz geworfen werden soll, dessen Schriften für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit epochemachend waren und heute noch die vorzüglichste Quelle für die Theorie vom Kriege bilden. Engels selbst nennt ihn an anderer Stelle einen »Stern erster Größe«.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem »Genie« der Feldherren ist es überhaupt so eine eigene Sache. In seiner Schrift gegen Dühring legt Engels dar, wie sich bei St. Privat, wo zwei Heere mit wesentlich denselben taktischen Formationen kämpften, unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite in einen dichten Schützenschwarm auflöste und im Bereiche des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart des Soldaten wurde. Er fährt dann fort: »Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte &#039;&#039;er&#039;&#039; instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung durch.«&amp;lt;ref&amp;gt;Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« [»Anti-Dühring«], S. 207. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das klingt sehr respektwidrig, aber mit ein bißchen andern Worten, und sicherlich ohne jedes Plagiat an Engels, sagt es der preußische Generalstab auch, wenn er durch den Mund eines seiner begabtesten Angehörigen über die französischen Revolutionskriege des vorigen Jahrhunderts ausführt: »Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht &#039;&#039;verordnet&#039;&#039;, sondern &#039;&#039;geworden&#039;&#039;; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine &#039;&#039;Macht&#039;&#039;.« Der Satz von Marx: Nicht das Bewußtsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern umgekehrt ihr Sein bestimmt ihr Bewußtsein,&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe Karl Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 13. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; tritt auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte in besonders klares Licht. Je kräftiger und unmittelbarer die Berührung mit dem Sein ist, um so klarer und schneller entwickelt sich das Bewußtsein. Im Kriege wird der Soldat gemeiniglich viel schneller als der Offizier empfinden das, was ist, und instinktiv danach handeln, und das höchste »Genie« des Feldherrn besteht darin, das instinktmäßige Handeln der Soldaten nach seinen inneren Gründen zu erkennen und gemäß dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln. Wie schwer das selbst für sehr namhafte Generale noch immer ist, kann man aus den Berichten und Denkwürdigkeiten von Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr und anderen Offizieren erkennen, welche die Freiwilligen der französischen Republik zu organisieren und ins Feld zu führen hatten. Nach diesen Zeugnissen, die dann so eifrig ausgebeutet worden sind, um das volkstümliche Element der Landwehr trotz 1813 und 1814 möglichst aus dem preußischen Heere auszuscheiden, waren die Freiwilligen nicht viel mehr als Falstaffs Steifleinene, und doch scheiterten die österreichischen und preußischen Mustertruppen an dem Damm, den ihnen angeblich so verwahrloste Scharen entgegenwarfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Kriegsgeschichte wird erst verständlich, wenn man sie auf ihre ökonomischen Grundlagen zurückführt. Sie verflüchtigt sich dagegen in einen historischen Roman, wenn man das größere oder geringere »Genie« der Feldherren zu ihrem bewegenden Hebel machen will. Die gebildeteren Generale des achtzehnten Jahrhunderts wußten recht gut, welch herrliche Sache die Volksbewaffnung sei. Der Graf zur Lippe, der Marschall von Sachsen haben es offen ausgesprochen, auch Friedrich schon als Kronprinz in seinem Anti-Macchiavell. Er führt da aus: Die Römer kannten die Desertion nicht, ohne die heutzutage kein Heer denkbar ist. Sie kämpften für ihren Herd, für alles, was ihnen das teuerste war; so dachten sie nicht daran, den großen Zweck durch schnödes Davonlaufen zu vereiteln. Aber bei unsern Völkern ist das ganz anders. Bürger und Bauern unterhalten zwar das Heer, aber sie ziehen nicht selbst zu Felde, die Soldaten müssen aus der Hefe des Volkes genommen und durch die härteste Gewalt an die Fahne gefesselt werden. Nenne man es »Genie«, daß Friedrich und andere Kriegsmänner seiner Zeit die ganze Gebrechlichkeit der Söldnerheere durchschauten, aber dies »Genie« änderte nichts an der Strategie und Taktik des Söldnerkrieges und hatte nicht einmal so viel theoretische Bedeutung, daß die gelehrten Strategen der großen Militärmächte die Volksbewaffnung verstanden, als sie ihnen leibhaftig und in einem sehr fühlbaren Lehrkursus entgegentrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Umwälzung der ökonomischen Zustände wälzt sich auch die Heeresverfassung um, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die Praxis der Masse sehr viel schneller in die veränderten Verhältnisse schickt als die Theorie der einzelnen. Deshalb lernen die Offiziere an den Soldaten, nicht aber die Soldaten an den Offizieren. Amerikanische und französische Bauern haben die Strategie des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, und es hatte schon seinen guten Sinn, wenn der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des deutschen Reichstags sagte: Die sogenannten Sachverständigen haben sich immer blamiert. Sie haben sich immer blamiert, wo das militärische Sachverständnis sich über die Konsequenzen der ökonomischen Entwicklung hinwegsetzen wollte. Friedrich erzielte seine Erfolge, weil er sich in das Söldnerheer als das zu seiner Zeit einzig mögliche fügte, obgleich er die Vorzüge des Volksheeres wohl erkannte; die sachverständigsten Offiziere seines Heeres haben dann aber nach seinem Tode, unbeschadet ihrer persönlichen Begabung für den Kriegsdienst, die verschiedensten Schicksale gehabt, je nachdem sie ihr Sachverständnis den veränderten ökonomischen Zuständen anzupassen wußten oder nicht, je nachdem sie von den Soldaten lernen konnten oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Friedrichs späterer Zeit gehörten zu den bedeutendsten Offizieren seines Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide erfuhren die »Ungnade« des gegen geistig hervorragende Offiziere immer mißtrauischen Königs und verließen das preußische Heer. Steuben ging nach Amerika, wo er sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erworben hat. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale gleichzeitig nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg wie die amerikanischen Farmer, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das friderizianische Heer einer scharfen, von der Nachwelt durchaus bestätigten Kritik unterwarf. Er sagte von Friedrich sehr treffend: »Wohl verstand er die Maschine zu gebrauchen, minder wohl, sie zu zimmern«; er geißelte »die äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei«, »die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste«. Und dieser scharfsichtige Beobachter verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht von Jena schreiben konnte, der »Genius der Taktik« müsse ein »höheres Hilfsmittel« erfinden, um die napoleonische Kriegführung lahmzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer noch spiegelt sich unsere Auffassung in den Lebensläufen zweier berühmter Generale wider. Hat das preußische Heer je einen genialen Feldherrn und Organisator besessen, der sich ganz aus eigener Kraft und durch alle junkerlichen Kabalen hindurch, trotz seiner bäuerlichen Abstammung zu den höchsten Militärstellen emporschwang, aber dabei immer ein Herz fürs Volk betätigte und sich von allem schnauzbärtigen Wesen frei hielt, so war es Scharnhorst. In dem Jahrzehnte vor Jena arbeitete er mit äußerster Anstrengung an der Reform des preußischen Heeres, aber mitten in diesem Heere lebend blieb er trotz allen theoretischen Studierens der napoleonischen Feldzüge in der friderizianischen Strategie befangen. Erst in dem Herbstfeldzuge von 1806, als er die französischen Truppen selbst manövrieren sah, in den letzten Schachzügen vor der Schlacht von Jena, die er als Generalstabschef des preußischen Oberbefehlshabers zu leiten hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er suchte die überlegene Kriegführung der Franzosen sofort nachzuahmen, aber bei der Beschaffenheit des preußischen Heeres natürlich ohne Erfolg. Kein militärisches »Genie« vermochte die zerschmetternde Niederlage des preußischen Heeres abzuwenden. Allein Scharnhorsts wirkliches Genie betätigte sich nunmehr darin, daß er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkannte und mit gar keinem »Genie« rechnete, sondern in sieben Jahren fast übermenschlicher Kämpfe gegen den unglaublich beschränkten König und gegen die unglaublich eigensüchtige Junkerklasse das preußische Heer auf diejenigen ökonomischen Grundlagen stellte, die diesem Heere einen erfolgreichen Kampf mit dem französischen Heer ermöglichten. Scharnhorst wie seine Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman forderten die Befreiung der Bauern mindestens ebenso energisch wie Stein, Schön, Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf der schmachvollen Flucht nach Jena zeichnete sich der Oberst Yorck mit seinem Jägerregimente durch glückliche Gefechte bei Altenzaun und Wahren aus; es waren die einzigen kleinen Erfolge, die das preußische Heer in dem ganzen Feldzuge davontrug. Yorck schlug die französischen Abteilungen, die ihn verfolgten, mit ihrer eigenen Tirailleurtaktik. Nun war Yorck aber in allem das gerade Gegenteil von Scharnhorst: ein Offizier der alten Schule, der das friderizianische Heer am liebsten bis auf den letzten Gamaschenknopf erhalten hätte, ein finsterer, gallsüchtiger Anhänger der eisernsten Disziplin, ein kassubischer Junker voll der borniertesten Klassenvorurteile. Allein er hatte sich in jenen Bataillonen leichter Infanterie heraufgedient, die Friedrich noch kurz vor seinem Tode zu errichten befahl, und wenn diese Bataillone auch im allgemeinen sich nicht den Existenzbedingungen des preußischen Heeres entziehen konnten und demgemäß bald dieselben steifgedrillten Linientruppen wurden wie alle anderen Bataillone, so gab es doch ein Regiment im Heere, das auf annähernd ähnlichen ökonomischen Grundlagen stand wie das französische Heer; eben das Jägerregiment, zu dessen Obersten Yorck einige Jahre vor Jena ernannt worden war. Das Regiment war von Friedrich in den Schlesischen Kriegen gebildet worden, um doch eine bewegliche Truppe gegen die Kroaten und Panduren des österreichischen Heeres zu haben; für diesen Zweck durfte es begreiflicherweise nicht aus fremdländischen Söldnern und hörigen Bauern, sondern mußte aus Leuten gebildet werden, die ihr persönliches Interesse an die Fahne fesselte. So wurde es aus lauter gelernten Jägern rekrutiert, aus Söhnen von Ober- und Unterförstern und andern Beamten, die mit dem Dienst im Regimente sich eine Anwartschaft auf eine Versorgung in der Försterei erwarben. Solchen Leuten konnte der Parademarsch nicht eingeprügelt werden: Sie durften sogar bei den Revuen vor dem Könige in bequemen Haufen vorbeimarschieren. In währender Friedenszeit war das Regiment, das im Kriege sehr gute Dienste getan hatte, dadurch zum Spott aller friderizianischen Gamaschenknöpfe geworden: »einen alten barocken Giebel« nannten sie es, der in dem prächtigen Bau dieses prächtigen Heeres stehengeblieben sei. Das Regiment war eine militärische Kuriosität geworden, und Yorck übernahm nur mit größtem Widerstreben das Kommando. Aber da er bei alledem ein ehrgeiziger und fähiger Offizier war, so stieß ihn die praktische Erfahrung des täglichen Dienstes darauf, daß er aus dieser Truppe nur etwas machen könne, wenn er sie mit Achtung behandle und in der zerstreuten Gefechtsform ausbilde. Das gesellschaftliche Sein der Soldaten bestimmte das militärische Bewußtsein des Offiziers. Und dies Bewußtsein erlosch sofort wieder, als Yorck durch die Erfolge von Altenzaun und Wahren schnell auf eine so hohe Stelle in der militärischen Hierarchie gehoben wurde, daß er bei der Reform des Heeres ein Wort mitsprechen konnte. Da floß er vor Gift und Galle über; da denunzierte er so hämisch beim Könige, daß Scharnhorst in ein lebensgefährliches Nervenfieber verfiel; da jubelte er bei der auf Napoleons Befehl erfolgten Entlassung Steins, nun sei ein unsinniger Kopf zertreten und das übrige Natterngeschmeiß werde sich wohl in seinem eigenen Gift auflösen. Ja, noch in den Feldzügen von 1813 und 1814 stellte Yorck als Korpsführer aus seinen ideologischen und theoretischen Vorstellungen heraus der napoleonischen Kriegführung Gneisenaus die schwersten Hemmnisse entgegen, während doch wieder das Sein der Landwehren, die er befehligte, sein militärisches Bewußtsein so bestimmte, daß Blücher von ihm rühmen durfte, keiner sei so schwer ins Feuer zu bringen wie der Yorck, aber wenn er einmal darin sei, beiße auch keiner so an wie er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese wenigen Beispiele, die sich aus der preußischen wie aus aller Kriegsgeschichte beliebig vermehren ließen, werden für den Zweck genügen, für den sie angeführt sind. Es war außerordentlich viel, daß Friedrich aus dem theoretischen Studium des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs die bevorstehende Umwälzung der Kriegführung ahnte und ihr durch einen schüchternen Versuch entgegenzukommen gedachte, aber es war deshalb auch eine praktische und psychologische Unmöglichkeit, daß er in seinen Söldnerkriegen die napoleonische Strategie und Taktik vorwegnahm. Bei Lichte besehen ist die ideologische Geschichtsschreibung für niemanden gefährlicher als gerade für die großen Männer, welche sie über alles menschliche Maß hinaus aufzublähen sucht. In dem Streite über Friedrichs Strategie ist richtig gesagt worden, daß seine Feldzüge, wenn man sie an dem Maßstabe der napoleonischen Strategie mißt, gar sehr stümperhaft bestehen. Auch hier liegt Friedrichs wirkliche Bedeutung gerade darin, daß er sich völlig klarzumachen verstand, was er durfte und was er nicht durfte, was er konnte und was er nicht konnte; in gewissem Sinne muß man sogar sagen, daß die furchtbare Last der sieben Jahre deshalb auf ihn fiel, weil er ganz gegen seine Absicht einen Erfolg napoleonischen Schlages davongetragen hatte, der, mit napoleonischen Mitteln ausgebeutet, den Krieg mit einem Schlage beendet haben würde, aber der, da Friedrich eben keine napoleonischen Schläge führen konnte, zu einem verhängnisvollen Rückschläge für ihn selbst werden mußte. Sein Feldzugsplan von 1756 wurde in erster Reihe zwar dadurch gekreuzt, daß es dem sächsischen Heere mit knapper Not noch gelang, sich in dem Felsenlager von Pirna zusammenzuziehen, mit dessen Aushungerung Friedrich eine für ihn kostbare Zeit verlieren mußte, aber in entscheidender Weise scheiterte er daran, daß Friedrich am 6. Mai 1757 das österreichische Heer in betäubender Weise schlug und zu zwei Dritteln in die Festung Prag warf. Österreich schien nunmehr allerdings wehrlos. Prag mußte fallen, und dann lag der Weg nach Wien offen bis auf ein schwaches, unter Daun heranziehendes Ersatzheer. Aber als Friedrich diesem Heere mit einem Teile der Prager Belagerungstruppen entgegenzog, erlitt er am 18. Juni bei Kolin eine schwere Niederlage, die ihn zum sofortigen Rückzüge aus Böhmen, also zur völligen Preisgabe seiner bei Prag errungenen Erfolge zwang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Schlacht von Kolin ist nun eine ganze Literatur entstanden, um zu beweisen, daß Friedrich, wenn General Manstein nicht diesen und der Prinz Moritz von Dessau nicht jenen Fehler begangen hätte, die Schlacht gewonnen haben und nach dem unter dieser Voraussetzung nicht mehr aufzuhaltenden Falle von Prag sofort nach Wien marschiert sein würde, um auf den Wällen der österreichischen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. Indessen Clausewitz hat diese Literatur schon mit einem einzigen Federstriche beseitigt, indem er ausführte, daß Friedrich, wenn er nicht schon bei Kolin gescheitert wäre, zu einem späteren Zeitpunkt hätte scheitern müssen, denn nach der Art der damaligen Kriegsverfassung und nach dem Umfange seiner Kriegsmittel sei es unmöglich gewesen, daß er die österreichische Hauptstadt eroberte oder gar den österreichischen Staat niederwarf. Die Richtigkeit dieser Bemerkung leuchtet so ein, daß auch die Friedrich-Mythologen sie anerkennen müssen; nur wenden sie ein, wenn Friedrich bei Kolin gesiegt hätte, so würden die Österreicher so erstarrt gewesen sein, daß sie sofort Frieden geschlossen hätten. Allein wenn man sich auf diese luftige Beweisführung überhaupt einlassen will, so muß man vielmehr voraussetzen, daß die Größe des preußischen Erfolges in Wien nicht &#039;&#039;ent&#039;&#039;-, sondern &#039;&#039;er&#039;&#039;mutigt haben würde. So klug waren Maria Theresia und Kaunitz auch, um den König in seinem eigenen Fette ersticken zu lassen. Indem die Friedrich-Mythologen ihrem Helden Übermenschliches andichten, machen sie ihn aber wieder viel kleiner, als er war. Friedrichs eigentlicher Feldzugsplan, der eben durch den Übererfolg bei Prag vereitelt wurde, ist neuerdings aus den englischen. Archiven, aus den Papieren des bei Friedrich beglaubigten Diplomaten Mitchell bekannt geworden; er zielt einfach darauf ab, noch im Herbste von 1756 Sachsen und ein Stück von Böhmen in Pfandbesitz zu nehmen, und er beruht auf der psychologisch durchaus annehmbaren Hoffnung, die Österreicher und Sachsen würden dann doch wohl von dem für sie nunmehr um so schwierigeren Spiele abstehen. Dieser bescheidene Plan macht der klaren Einsicht des Königs in seine Lage ebenso große Ehre, wie ihn die Unterstellung, als ob er in napoleonischer Weise habe schlagen und siegen wollen, zum reinen Don Quijote stempelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Schlacht von Kolin war Friedrich in die Defensive zurückgeworfen worden. Freilich noch nicht ganz. Nach den Siegen bei Roßbach und Leuthen versuchte er im Frühjahre von 1758 noch einen Vorstoß nach Mähren, um sich in der Festung Olmütz ein für den Frieden zu verwertendes Pfandobjekt zu sichern, allein Daun und Laudon zwangen ihn, die Belagerung aufzuheben und manöverierten ihn aus Mähren hinaus. Der Rest des Siebenjährigen Krieges war nun nichts als ein wüstes Kriegsgetobe in Sachsen und Schlesien, in der Mark und in Pommern; er entbehrte selbst jenes &#039;&#039;Scheins&#039;&#039; von dramatisch-heldenmäßiger Spannung, der dem Jahre 1757 noch anhaftet. Was Friedrich in den folgenden Jahren mit steifem Nacken und, wie Lassalle sagt, »das Gift in der Tasche«, ertragen hat, das ist aller Achtung wert, und es würde auch aller Bewunderung wert sein, wenn der Preis des Kampfes ein menschlicher Kulturfortschritt und nicht bloß die Stärkung des kulturfeindlichen Militarismus gewesen wäre. Allein die Friedrich-Mythologen tun der wirklichen Bedeutung des Königs abermals schweren Abbruch, wenn sie ihn als überwältigenden Genius und die feindlichen Feldherren, ja Friedrichs eigene Generale als mehr oder weniger unfähige Leute hinstellen. Was wäre es dann für eine große Kunst gewesen, die Daun und Laudon zu besiegen? In Wirklichkeit konnten sich diese österreichischen Feldherren mit Friedrich gar wohl messen; sie standen ihm nicht eigentlich in der individuellen Begabung als vielmehr in einer anderen Beziehung nach, die Clausewitz sehr gut mit den Worten schildert: »Die Feldherren, welche Friedrich dem Großen gegenüberstanden, wären Männer, die im Auftrage handelten und ebendeswegen Männer, in welchen die Behutsamkeit ein vorherrschender Charakterzug war; ihr Gegner war, um es kurz zu sagen, der Kriegsgott selbst.« Damit ist der springende Punkt getroffen, das Stückchen Wahrheit, aus dem die Legende von Friedrichs napoleonischer Kriegführung erwachsen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Unterschied nicht in der Art, aber im Grade. Friedrich führte den Krieg, wie ihn jeder Feldherr des vorigen Jahrhunderts führen mußte, aber er führte ihn kühner als andere Feldherren, weil er unumschränkter über die Kriegsmittel verfügte. Unumschränkter sowohl in militärischer wie in moralischer Beziehung. Friedrich war an keine Befehle gebunden, und er hatte keine Verantwortung zu fürchten. Ob er rein vom militärischen Standpunkt aus der bedeutendste Feldherr auch nur seiner Zeit gewesen ist, das ist noch sehr die Frage. Nach dem Zeugnisse seines Adjutanten Berenhorst war er in der Schlacht stets unruhig und verlegen, ganz zu geschweigen der hämischen Bemerkung, in der sich der sehr unliebenswürdige Prinz Heinrich an seiner Tafel in Rheinsberg zu gefallen pflegte: »Mein Bruder hatte eigentlich keine Courage.« Daun und Laudon haben dem Könige manche schwere Schlappe beigebracht, die er gar wohl hätte vermeiden können; der erste Feldzugsplan zum Siebenjährigen Kriege rührte von Schwerin und Winterfeldt her; die Schlachten bei Roßbach und Zorndorf hat Seydlitz gewonnen; so gleichmäßig glückliche Feldzüge wie Herzog Ferdinand von Braunschweig und sein Geheimsekretär Westphalen im westlichen Deutschland gegen die Franzosen hat Friedrich trotz sehr viel günstigerer Verhältnisse nicht geführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Westphalen, die merkwürdigste Gestalt des Siebenjährigen Krieges, siehe einiges Nähere in der »Neuen Zeit«, 10, 2, 481 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, Prag und Leuthen waren sein Eigentum, aber Kolin und Kunersdorf waren es auch. Nur wer die Verantwortung für diese zerschmetternden Niederlagen nicht zu fürchten hatte, durfte das Glück der Schlachten auf jene zerschmetternden Stöße versuchen. Das ist es, was Clausewitz mit dem »Kriegsgotte« meint. Oder, um diesen mythologischen Vergleich mehr in die Sprache unserer kapitalistischen Zeit zu übersetzen: Friedrich war der Chef, der selbst an der Börse spekulierte, während die Daun und Laudon nur die Prokuristen waren, die immer bei ihrem Chef anfragen mußten, ehe sie das Vermögen des Hauses auf eine Karte setzten. Bei dem damaligen Zustande der Verkehrsmittel erhielten sie dann gewöhnlich erst nach Wochen eine Antwort, die zu der inzwischen völlig veränderten Lage zu passen pflegte wie die Faust aufs Auge. Worin aber die Daun und Laudon dem Könige selbst nachstanden, darin waren sie wieder den preußischen Generalen überlegen, die denn auch regelmäßig das Spiel verloren, sobald sie auf eigene Verantwortung schlagen sollten – mit einziger Ausnahme der Schlacht bei Freiberg, die Prinz Heinrich nach Napoleons Urteil auch verloren haben würde, wenn er statt der elenden Reichstruppen ein wirkliches Heer vor sich gehabt hätte. Die preußischen Generale durften nur bei »risque ihres Kopfes« eine Festung oder eine Schlacht verlieren, was sie begreiflicherweise nicht heldenmütiger, sondern behutsamer machte, während Maria Theresia über Niederlagen ihrer Generale nachsichtiger zu urteilen pflegte, bei ihrer Machtstellung freilich auch nachsichtiger urteilen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übrigens ist der eben angezogene kapitalistische Vergleich für die Kriege des vorigen Jahrhunderts nicht gar so unpassend, wie er auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ihrer Form nach Kabinettskriege, waren diese Kriege ihrem Wesen nach Handelskriege, wie denn die handelspolitischen Gesichtspunkte, die den Ursprung und den Verlauf des Siebenjährigen Krieges bestimmt haben, schon angedeutet worden sind. Das Wesen dieser Kriege prägte aber auch der Art der Kriegführung ihren Stempel auf. Sie war sozusagen ein finanziell-kalkulatorisches .Geschäft. Man kannte ungefähr die Geldmittel, den Schatz, den Kredit seines Gegners; man kannte die Größe seines Heeres. Bedeutende Vermehrungen der finanziellen wie der militärischen Mittel waren im Augenblicke des Krieges ausgeschlossen. Das Soldatenmaterial war überall so ziemlich dasselbe; auch mußte es überall in gleicher Weise verwandt werden, das heißt mit großer Vorsicht, denn wenn das Heer zertrümmert wurde, so war kein neues zu beschaffen, und außer dem Heere gab es nichts. Nichts oder doch fast nichts. Denn kostbarer als der letzte Soldat war am Ende noch der letzte Taler, für den man einen neuen Soldaten werben konnte. So beruhte der Erfolg dieser Kriege wesentlich auf einem genauen und sicheren Voranschlage des Kriegsetats, und in diesem Zusammenhange tritt Friedrichs schon erwähntes Wort von dem letzten Taler als dem entscheidenden Faktor des Sieges erst in sein volles Licht. Es war für die damalige Zeit so richtig, daß es selbst dann galt, wenn dieser letzte Taler – wie in Friedrichs Falle – ein falscher Taler war. Nicht kraft seiner Siege hielt der König den Siebenjährigen Krieg durch, denn in den beiden letzten Jahren hat er überhaupt keine Schlachten geschlagen, und über die von 1758 bis 1760 gelieferten Schlachten sprechen seine Schriften in einer seine Anbeter beschämenden Bescheidenheit fast mit entschuldigenden Worten. Vielmehr: Er rettete sich und seine Krone durch die äußerste Erschöpfung des eigenen Landes, die fürchterliche Aussaugung Sachsens, die englischen Subsidien und die – Münzverschlechterung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat! Die Kipper und Wipper des siebzehnten Jahrhunderts feierten eine fröhliche Urständ, so sehr Friedrich für seine Person diese alte Fürstenindustrie verachtete. Er schämte sich ihrer wirklich und ließ seine falschen Münzen unter polnisch-sächsischem Stempel schlagen, wie denn die »polnischen Achtgroschenstücke« bis zur Einführung der deutschen Reichsmünze eine Plage der preußischen Bevölkerung geblieben sind, oder er kaufte ein paar Brüder von Gottes Gnaden wie den Fürsten von Anhalt-Bernburg, um mit ihrem landesväterlichen Antlitze seine Blechkappen und Grünjacken zu schmücken. Aber es half alles nichts, Geld, Geld und abermals Geld war nach Montecuccolis treffendem Worte nun einmal der Nerv der damaligen Kriegführung. Und es ist doch auch nicht zu übersehen, daß Friedrich nicht erst in der Not zu seiner »Industrie« griff, wie er sie verschämt nennt. Schon vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges schloß der König mit den drei Münzjuden Hertz Moses Gumpertz, Moses Isaak und Daniel Itzig einen Kontrakt wegen Ausprägung von Landesscheidemünze, um den Krieg mit geringerem Aufwände von edlem Metall im Auslande zu führen. Mit der wachsenden Not wurde das Geld nur immer schlechter, und deshalb hat sich vorwiegend an Veitel Ephraim, den letzten Münzjuden Friedrichs, der Fluch und der Haß des Volkes geheftet. Sehr unerfreulich war auch, daß Friedrich seine Söldner und seine Untertanen in schlechtem Gelde zahlte, aber selbst in gutem Gelde bezahlt sein wollte; auf diese Weise zog er alles gute Geld aus dem Lande, um es in schlechtes auszumünzen; erst als das gute Geld überhaupt verschwunden war, gestattete er im Jahre 1760, daß die königlichen Kassen »bloß aus Gnaden« auch schlechtes Geld annehmen dürften. Das stärkste Stück war aber, daß Friedrich die bei den Gerichten in gutem Gelde niedergelegten Summen einziehen und nach Beendigung der Prozesse den Parteien in schlechtem Gelde zurückzahlen ließ; wenn die in ihrem Vertrauen auf preußische Justiz so schmählich Geprellten darüber sich beschwerten, so mußten alle Instanzen sich anstellen, als verstünden sie die Beschwerden gar nicht.&amp;lt;ref&amp;gt;Busch, Sämtliche Schriften, 2, 408.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun ist klar, daß die Kriege des vorigen Jahrhunderts, wie sie jedes moralische Machtmittel verschmähten, auch keine moralischen Einwirkungen auf den Geist der Völker ausüben und keinen nationalen Geist erwecken konnten. Sie konnten es sowenig, wie die Gumpertz, Isaak, Itzig und Veitel Ephraim die Vorläufer der Lessing, Herder, Goethe und Schiller waren. Bei alledem müssen wir aber noch zwei Behauptungen prüfen, die neuerdings von patriotischen Geschichtsschreibern geltend gemacht worden sind, um dem Siebenjährigen Kriege, es koste was es wolle, den Charakter eines nationalen Volkskriegs zu retten. Da sollen zuerst die Freibataillone und namentlich die von Friedrich aufgebotene Landmiliz der erste Keim der späteren Landwehr gewesen sein. Man braucht sich aber nur einen Augenblick in Friedrichs Lage zu versetzen, um sofort zu erkennen, daß dem Könige nichts mehr am Herzen liegen mußte, als dem Kriege den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges zu erhalten, daß ihm nichts verhaßter sein mußte als ein Aufgebot der Massen. Denn dann wäre er nicht nur militärisch der unendlich überlegenen Volkszahl der gegnerischen Mächte nicht entfernt gewachsen gewesen, sondern er hätte die bewaffneten Bauern seines eigenen Landes mehr fürchten müssen als alle Mächte der Welt. Und so vollständig ausgeschlossen nach der damaligen Kriegsverfassung ein Aufgebot der Massen eigentlich war, so hat Friedrich doch sorgfältig jeden Funken ausgetreten, der nach dieser Richtung hätte zünden können. Es kam ja vor, daß die Bauern hie und da zu ihren Heugabeln oder Sensen griffen, nicht aus Begeisterung für Friedrich und seine Junker, sondern um ihr bißchen Hab und Gut vor den Plünderungen, ihre Weiber und Kinder vor den Schändungen der ins Land gefallenen feindlichen Söldner zu schützen. Aber dann befahl der König sofort, die Landleute sollten sich bei ihrem Erbe halten und nicht in den Krieg mischen, sonst würde er sie als Rebellen behandeln, und den Bewohnern Ostfrieslands, die sich den eingedrungenen Franzosen widersetzt hatten und nun erst recht mitgenommen worden waren, antwortete er höhnisch auf ihre Klagen, er würde es geradeso wie die Franzosen gemacht haben. Selbst den Bürgern von Berlin mußte der Präsident Kircheisen bei schwerer Strafe verbieten, zu den Waffen zu greifen, als die Stadt im Jahre 1757 von den Österreichern zeitweilig besetzt wurde. Friedrich vermied mit der peinlichsten Sorgfalt alles, was dem Kriege einen »höheren«, einen »nationalen Lebensgehalt« hätte geben können, und das mußte er auch tun, wenn er sein Ziel nicht ein für allemal verloren geben wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraus ergibt sich schon von selbst, daß es mit den Freibataillonen und der Landmiliz, die Friedrich im Siebenjährigen Kriege errichtete, eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben muß, als neuere preußische Historiker behaupten. Diese Truppen kämpften nicht aus Begeisterung für König und Vaterland, sie waren nicht bessere Elemente als die gewöhnlichen Söldner, sondern gerade im Gegenteil: Sie bestanden aus dem Abhube des soldatischen Materials, den Friedrich überhaupt erst im äußersten Notfalle für militärische Zwecke benutzen mochte. In seinen Grundsätzen der Taktik sagt er »von denen Frey-Bataillons«, sie sollten beim Angriff auf verschanzte Stellungen in das erste Treffen gestellt werden und müßten gerade auf den Feind losgehen, »um dessen Feuer auf sich zu lenken und &#039;&#039;vielleicht&#039;&#039; eine Unordnung unter dessen Truppen zu veranlassen. Allemahl soll es hierbei feststehen, daß hinter die Frey-Bataillons reguläre Infanterie gestellt werde, die sie, durch die Furcht vor dem Bayonnett, zu einer hitzigen und nachdrücklichen Attaque zwinge«. Und Friedrich sagt weiter: »Bei den Affaires de Plaine« müssen die Frey-Bataillons zu äußerst an den Flügel, der refüsirt wird, gestellt werden, allwo sie die Bagage decken können.« Diese königlichen Vorschriften für die Bestimmung der Freibataillone enthalten zugleich die erschöpfendste und vernichtendste Kritik der Truppe. Friedrich hatte bei Kolin und auch sonst erfahren, wie verheerend die vorzügliche Artillerie der Österreicher aus verschanzten Stellungen die starren Linien seiner angreifenden Infanterie niederwarf; da sollen nun mit den Spitzen der Bajonette die Freibataillone vorangetrieben werden, rein als Kanonenfutter, um der regulären Infanterie einen möglichst gedeckten Angriff zu sichern, wobei dann »vielleicht« auch der Vorteil abfiel, daß diese verzweifelten Elemente in ihrer verzweifelten Lage dem Feinde einigen Schaden zufügten. Auf ebenem Gelände dagegen, wo die preußische Infanterie ihre volle Kraft entfalten konnte, werden die Freibataillone möglichst weit vom Schuß auf den ungefährlichsten Posten gestellt, wo sie keinen Schaden anrichten und durch Deckung der Bagage am Ende noch etwas nützen konnten. Sie waren einfach das unbrauchbarste Element des Heeres und bestanden denn auch nach allen über sie erhaltenen Nachrichten aus dem Abschaume der Menschheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein moralisch besseres, aber militärisch womöglich noch schlechteres Urteil verdient die Landmiliz. Friedrich befahl ihre Errichtung, als er nach den schweren Verlusten von Prag und Kolin die regulären Truppen aus der Mark und Pommern an sich ziehen mußte, aber diese Provinzen doch nicht ganz ohne militärischen Widerstand den anrückenden Russen und Schweden preisgeben mochte. Sie sollte von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und zu ihrer Unterhaltung wurde dem Lande zu allem andern eine Landmilizsteuer sowie eine Landmilizakzise auferlegt. Von dem Heere unterschied sich diese Truppe aber, um den Ausdruck noch einmal zu gebrauchen, nicht in der Art, sondern nur im Grade. Sie wurde ebenso rekrutiert und exerziert wie das Heer: Nur das Material war sehr viel schlechter. Es bestand aus den in die Städte geflohenen Bauern, verarmten Bürgern, die sonst dem Hungertode verfallen wären, Kriegsgefangenen, invaliden Soldaten und Kantonisten, die zum Heeresdienste bestimmt, aber noch nicht in das Heer eingetreten waren und auf diese Weise vor der Verschleppung durch die Feinde gesichert werden sollten. Ihre militärische Wirksamkeit ist immer von geringem Belange gewesen, und jedenfalls hatte sie mit einer Volksbewaffnung geradesowenig zu schaffen wie das friderizianische Heer überhaupt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Der Verfasser will diese Milizen gern zu Vorläufern der Landwehr machen, aber die Archivalien, die er mitteilt, ergeben mit aller wünschenswerten Sicherheit das Gegenteil.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Behauptung, durch die der »nationale Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges schlechterdings noch gerettet werden soll, läuft darauf hinaus, daß der Krieg die protestantische Geistesfreiheit usw. gerettet habe. Was es tatsächlich mit dieser Behauptung auf sich hat, haben wir zwar schon gesehen, aber man sagt auch hier: Sei dem so oder anders, die Welt sah doch nun einmal in Friedrich den Helden des Protestantismus, und bewußt oder unbewußt war er es auch. So viel ist nun gewiß richtig, daß der König die Religion als einen immerhin wichtigen Posten in seine militärischen Berechnungen einzustellen wußte. Aber man frage nur nicht: Wie? In seinen Generalprinzipien vom Kriege, der Instruktionsschrift, die er allen seinen Generalen für den Kriegsfall zur strengen Befolgung übergab, sagt er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wenn der Krieg in einem neutralen Lande geführt wird, so – kommt es nur darauf an, wer von beyden die Freundschafft und das Vertrauen der Landeseinwohner gewinnen kann. Man hält strenge Disziplin ... Man beschuldigt den Feind von den allerschlimmsten Absichten, so er gegen das Land hege. Ist solches protestantisch, wie in Sachsen, so spielet man die Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion; ist das Land Catholisch, so spricht man von nichts als Tolerance. Was euch hierin noch übrigbleibt, ist der Fanatismus. Wenn man ein Volck wegen seiner Gewissens-Freiheit animiren, auch ihm beybringen kann, daß es von den Pfaffen und Devoten bedrücket wird, so kann man sicher auf dieses Volck rechnen; das heißt eigentlich, Himmel und Hölle vor euer Interesse bewegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist es nun klar, daß Friedrichs arglose Seele weder bewußt noch unbewußt etwas von jenem Heldentum der »protestantischen Geistesfreiheit« geahnt hat, das er im Siebenjährigen Kriege bewährt haben soll? Aber – die Welt hatte sich angeblich darauf kapriziert, ein solches Heldentum in ihm zu erkennen, und so wirft denn die patriotische Zauberlaterne immer von neuem das Bild des österreichischen Marschalls mit dem geweihten Hut und Degen an die Wand. Indessen auch damit hat es eine gar eigene Bewandtnis. Friedrich hat sich zeitweise allerdings sehr bemüht, nicht nur vor Sachsen, sondern vor ganz Deutschland die »Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion« zu spielen oder, wie er an anderer Stelle sagt, »diejenigen in Wut entbrennen zu lassen, die auch nur noch eine schwache Neigung für Martin Luther haben«; er hat zu diesem Behufe durch den Marquis d&#039;Argens eine Anzahl gefälschter Schriftstücke anfertigen lassen, so namentlich jenes päpstliche Breve, womit der Papst dem Marschall Daun als Belohnung für den Überfall von Hochkirch einen geweihten Hut und Degen verliehen haben sollte, und er hat auch sonst den ihm gar nicht unebenbürtigen Gegner in sehr unköniglicher Weise als den »Mann mit der geweihten Mütze« zu verhöhnen gesucht.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – obgleich die österreichische Regierung sofort erklärte, daß die Geschichte mit dem geweihten Hut und Degen eine Erfindung sei, und obgleich diese Erfindung seitdem Dutzende von Malen in der bündigsten und weitläufigsten Weise aufgedeckt worden ist, so erbt sie sich unverdrossen in der preußischen Geschichtsschreibung weiter. Siehe Treitschke, 1, 60, Bernhardi, 1, 28, und andere mehr, der Werke »zweiten« und »dritten« Ranges zu geschweigen. Gegenüber der Zähigkeit der preußisch-patriotischen Fabel ist man versucht, in den ägyptischen Mumien beinahe nur Eintagsfliegen zu sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein dieser No-Popery-Spektakel war nicht auf die Nation, sondern auf die kleineren deutschen Höfe, und zwar nicht allein die protestantischen berechnet. Unzweifelhaft spielte auf österreichischer Seite in dem Siebenjährigen Kriege eine gewisse wenn auch abgeschwächte und beschränkte Tendenz mit, die habsburgisch-päpstliche Herrschaft doch noch über ganz Deutschland auszudehnen; die französischen Diplomaten an den deutschen Höfen erklärten in ihren Berichten nach Versailles, auch die katholischen Reichsstände wären um die »deutsche Libertät« besorgt, und es sei dringend notwendig, durch öffentliche Erklärungen diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die österreichische Regierung verwahrte sich denn auch wiederholt gegen den Verdacht, als ob sie den westfälischen Friedensvertrag zu verletzen beabsichtige, indessen dieser Verdacht wuchs gewissermaßen von selber aus der Lage der Dinge hervor, und es war ein geschickter diplomatischer Schachzug Friedrichs, ihn nach Kräften zu nähren. Er tat es auch nicht ohne Erfolg. Am Reichstage zu Regensburg verhinderte die Gesamtheit der protestantischen Reichsstände durch einen eigenen Beschluß, daß die vom Wiener Hofe beabsichtigte Reichsacht über ihn verhängt wurde, und wenn die »Reichsexekutionsarmee« noch viel elender ausfiel, als sie nach der verkommenen Reichsverfassung ohnehin ausgefallen wäre, so war es, weil die meisten Reichsstände, katholische wie protestantische, widerwillig und zögernd ihre schlecht ausgerüsteten Truppen stellten. Insofern hatte Friedrich allen Grund, dem Marquis d&#039;Argens zu schreiben, daß dessen antipapistische Fälscherkunststücke ihm eine gewonnene Schlacht wert seien; nur daß er dabei einzig an die moralische Einwirkung auf die Höfe, aber keineswegs auf die Nation dachte. Auch blieb dieser Erfolg in bestimmten Grenzen. Denn die kleinen deutschen Höfe waren viel zu ängstlich, als daß sie es zu einem selbständigen Entschlusse hätten bringen können; einige von ihnen, die gar zu dicht unter dem Griffe Friedrichs lagen, verbanden das Angenehme mit dem Sicheren, indem sie ihre Landeskinder als Hilfsvölker an England, das der Form nach nur mit Frankreich, aber nicht mit Österreich oder dem deutschen Reiche im Kriege lag, verkauften und vermieteten, in welchem Menschenschacher hoffentlich nicht auch noch ein »höherer Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges enthalten sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Krieg war ein Krieg wie alle Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die gemäß ihren ökonomisch-militärischen Möglichkeiten die bürgerliche Bevölkerung im Grunde gar nichts angingen. Und eben dies war die allgemeine Auffassung der Zeitgenossen auch vom Siebenjährigen Kriege. Unter seinem Eindrucke schrieb Friedrich: »Der friedliche Bürger soll es gar nicht merken, wenn die Nation sich schlägt.« Lessing aber schrieb in dem ersten Literaturbriefe: »Lieber will ich Sie und mich mit dem süßen Traume unterhalten, daß in unseren gesitteteren Zeiten der Krieg nichts als ein blutiger Prozeß unter unabhängigen Häuptern ist, der alle übrigen Stände ungestöret läßt und auf die Wissenschaften weiter keinen Einfluß hat, als daß er neue Xenophons, neue Polybe erwecket.« Und Clausewitz schreibt über die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts: »Der Krieg wurde nicht bloß seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes. Obgleich hierin ein Irrtum lag, ... so hatte allerdings diese Veränderung eine wohltätige Wirkung für die Völker, nur ist nicht zu verkennen, daß sie den Krieg noch mehr zu einem bloßen Geschäfte der Regierung machte und dem Interesse des Volkes noch mehr entfremdete.« Das sind gleich drei klassische Zeugnisse auf einmal, aber es seien ihnen auch noch einige bezeichnende Tatsachen hinzugefügt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Friedrich sich in einem Winterquartiere zu Leipzig mit Gottsched über deutsche Literatur unterhalten hatte, richtete er eine französische Ode an den »sächsischen Schwan«, und Gottsched antwortete öffentlich in einem überschwenglichen Huldigungsgedichte, das mit den Worten schloß: »Und dein Bewunderer bleibt der deine.« Über diese Albernheit hat Lessing weidlich gespottet, aber niemand hat zu jener Zeit das geringste Arg darin gefunden, daß ein kurfürstlich sächsischer Professor in solcher Weise den Eroberer seines Landes, den Todfeind seines Landesherrn, öffentlich anschmeichelte; was heute als eine landesverräterische Infamie erscheinen würde, erschien damals als ganz natürlich oder wurde höchstens wegen seiner ästhetischen Geschmacklosigkeit verlacht; so sehr betrachtete sich die bürgerliche Bevölkerung als außerhalb des Kriegszustandes. Sehr lehrreich ist auch der Briefwechsel, den der in Leipzig lebende Lessing im Jahre 1757 mit seinen Berliner Freunden Moses Mendelssohn und Nicolai führte. Das Jahr 1757 war das einzige des Siebenjährigen Krieges, das eine gewisse Heldenverehrung hervorrufen zu können schien. Die Schlacht bei Prag als die gewaltigste des Jahrhunderts; dann der jähe Glücksumschlag von Kolin; endlich aus dem tiefsten Falle wieder ein schnelles Aufsteigen in dem lustigen Siege von Roßbach und dem glänzenden Siege bei Leuthen! Was mögen darüber wohl Friedrichs Geistesverwandter und Mitrevolutionär Lessing und der brandenburgisch-preußische Patriot Nicolai in ihren Briefen vor lauter Herzenslust geschwatzt haben! Nun – gar nichts, sozusagen. Man findet in ihrem Briefwechsel aus dem Jahre 1757 weitläufige Erörterungen über die Theorie der Tragödie, allerlei Tüfteleien über grammatikalische Unklarheiten in Klopstocks Messias, Beratungen über Druck und Verlag der Bibliothek der schönen Wissenschaften, welche die Preußen Mendelssohn und Nicolai endlich bei einem sächsischen Verleger unterbringen – aber vom Kriege? Sozusagen nichts; es sei denn, daß man Lessings Mitteilung, der Dichter Ewald von Kleist sei als Major zu einem in Leipzig garnisonierenden Infanterieregiment kommandiert worden, oder die Neckerei von Moses, Lessing sei wohl zum Schutze für die Kurmark angeworben worden, da er so lange auf Antwort warten lasse, für etwas nehmen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin, wenn Lessing und Moses, die für jene Zeit zu den vorgeschrittensten Elementen der bürgerlichen Bevölkerung in Deutschland gehörten, im allgemeinen noch dem Kriege gleichgültig gegenüberstehen, so bricht doch in ihnen schon die Erkenntnis jenes »Irrtums« durch, von dem Clausewitz spricht; nur nach einer ganz anderen Richtung hin, als die Theorie des »höheren Lebensgehalts« erwarten lassen sollte. In der oben angeführten Äußerung Lessings von dem »süßen Traum« leuchtet bereits ein Zweifel hervor, der in den unmittelbar vorhergehenden Sätzen noch klarer hervortritt. Sie lauten: »Der Friede wird ohne sie (die Musen) wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen. Ich rufe Ihren Blick aus dieser finstern Aussicht zurück. Man muß einem Soldaten sein unentbehrliches Geschäft durch die bejammernswürdigen Folgen desselben nicht verleiden.« Und ganz ähnlich schreibt Moses an Lessing im Jahre 1757, indem er ihn bittet, Leipzig als einen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung zu verlassen: »Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!«&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 64; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig, daß diese Wortführer der bürgerlichen Klassen bei einem kritischen Blick auf den Siebenjährigen Krieg nicht von Sympathie, sondern von Antipathie überfließen! Merkwürdig oder vielmehr nicht merkwürdig! Denn jene Vorstellung, daß der Krieg die bürgerliche Bevölkerung nichts angehe, war doch nur möglich, weil und solange diese Bevölkerung allen Selbstbewußtseins entbehrte; mit diesem Selbstbewußtsein mußte sofort die Erkenntnis erwachen, daß sie allein die Kosten des Krieges zu tragen habe und daß jene »wohltätige Wirkung«, die eine »notwendige Folge des fortschreitenden Geistes« zu sein schien, gerade um den Preis jedes »höheren Lehensgehalts« erkauft wurde. Der Siebenjährige Krieg konnte die bürgerliche Bevölkerung noch gleichgültig lassen und ließ sie noch gleichgültig, aber soweit er etwa eine Empfindung in ihr erweckte, war es eine Empfindung des Abscheus, nicht eine Empfindung des bürgerlichen Selbstbewußtseins oder des nationalen Stolzes. Diese Empfindung konnten die bürgerlichen Zeitgenossen aus dem Siebenjährigen Kriege ebensowenig schöpfen, wie Friedrich den Krieg nach der napoleonischen Strategie führen konnte. Selbst die bloße Vorstellung eines solchen Zusammenhanges war nicht eher möglich, als bis die amerikanischen und französischen Revolutionskämpfe dem Kriege eine ganz andere Form und einen ganz anderen Inhalt gegeben hatten, und in der Tat hat Goethe erst unter dem frischen Eindruck des napoleonischen Kriegszeitalters dem Siebenjährigen Kriege eine Bedeutung untergelegt, die Friedrichs Kriege für die bürgerlichen Zeitgenossen nicht hatten und schlechterdings nicht haben konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur historischen Kritik der Lessing-Legende in ihrer zweiten und zugleich auch noch in ihrer ersten Gestalt. War es notwendig, etwas weit auszuholen, um so verjährten und versteinerten Irrtümern, die unter dem Schutze so großer Namen stehen, auf den Grund zu gelangen, so wird sich die dritte Gestalt der Lessing-Legende desto schneller erörtern lassen, die byzantinische Knechtsgestalt nämlich, welche sie im neuen Deutschen Reich angenommen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== X. Scherer und Erich Schmidt über Lessing ==&lt;br /&gt;
Die Lessing-Legende in ihrer dritten Gestalt hat zwei typische Werke aufzuweisen: Scherers »Geschichte der deutschen Literatur« und Erich Schmidts Lessing-Biographie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle sonstigen Erzeugnisse der seit 1870 in tropischer Fülle aufgewucherten Lessing-Literatur können hier übergangen werden. Es wäre unbillig, den Bearbeitern der Hempel-Ausgabe einzelne loyale Kopfsprünge aufzumutzen; sie haben sich durch philologischen Kärrnerfleiß um Lessings Werke verdient gemacht und damit das sicherste Gegengift gegen die dauernde Verseuchung von Lessings Wirksamkeit geschaffen. Die beiden englischen Lessing-Biographien (von Sime und Zimmern) besitzen keinen selbständigen Wert; eine ganz traurige Zusammenstoppelung ist Lessings Leben von Düntzer. Der Verfasser teilt an der Spitze seiner Vorrede mit, daß Herr C. R. Lessing »hochverdient« um seine Arbeit sei, und jede Seite der geschmacklosen Kompilation bestätigt diese Mitarbeiterschaft. Herr C. R. Lessing, der gegenwärtige Besitzer der »Vossischen Zeitung«, ist ein Kapitalist von gewöhnlichem Schlage, aber von ungewöhnlichem Reichtum, der heute eine Protzenausgabe des Nathan veranstaltet und morgen einen Tintenkuli wegen jüdischer Abstammung aufs Pflaster wirft, bei der einen wie bei der anderen Huldigung an den berühmten Großohm umtost von dem rauschenden Beifalle der kapitalistischen Lessing-Korybanten. Es lohnt so wenig, dies abstoßende Bild näher auszumalen, wie mit den Liliputern des Lessing-Humbugs anzubinden, den Gelehrten der »Vossischen Zeitung«, der »National-Zeitung«, des »Berliner Tageblattes« und anderer Kapitalistenblätter. Bei Scherer und Erich Schmidt steht wenigstens eine alexandrinische Gelehrsamkeit hinter der byzantinischen Gesinnung, und ihre Mißhandlung Lessings wie unserer klassischen Literatur überhaupt beansprucht deshalb eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung, weil Scherer bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode Professor der Literaturgeschichte an der Berliner Hochschule war und Erich Schmidt sein Nachfolger geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scherer ist von Lessing schon vorausgeahnt worden, und zwar, als Lessing schrieb: »Gott weiß, ob die guten schwäbischen Kaiser um die damalige deutsche Poesie im geringsten mehr Verdienst haben als der itzige König von Preußen um die gegenwärtige. Gleichwohl will ich nicht darauf schwören, daß nicht einmal ein Schmeichler kommen sollte, welcher die gegenwärtige Epoche der deutschen Literatur die Epoche Friedrichs des Großen zu nennen für gut findet.« Dieser »Schmeichler« ist Scherer. Auf etwa 130 Seiten seines Werkes behandelt er das »Zeitalter Friedrichs des Großen«, von Gottsched und Gellert bis auf Herder und Goethe, Lessing mitten darunter mit etwa 50 Seiten.&amp;lt;ref&amp;gt;Scherer, Geschichte der deutschen Literatur, 394 ff., fünfte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar kennt Scherer die »Warnungstafel« Lessings, aber sie »schreckt ihn gar nicht«. Natürlich nicht; wie sollte Scherer auch nicht die übermenschliche Courage besitzen, dem toten Lessing eine blutige Beleidigung zuzufügen, die sich der lebende Lessing schon so derbe verbeten hatte? Es ist wahr: Scherer bringt auch eine Art von Begründung für seine Auffassung bei, sogar unter ausdrücklichem Verzicht auf Goethes »berühmte Stelle«; er meint, die Tatsachen selbst redeten eine so deutliche Sprache, der literarische Aufschwung hinge mit dem politischen zusammen. Grundsätzlich schimmert hier eine richtige Ansicht durch. Wenn man die Literaturgeschichte eines Zeitalters erzählen will, ohne die ökonomische und politische Geschichte desselben Zeitalters zu kennen, so verfällt man günstigenfalles in eine ästhetisch-philologische Kannegießerei. Unzählige Literaturgeschichten bezeugen es und ganz besonders auch die Literaturgeschichte Scherers. Denn jener scheinbare Anflug von besserer Einsicht ist bei ihm nichts als eine höfische Redewendung, um den König Friedrich als die geistig bahnbrechende Größe in unsere klassische Literatur einzuschmuggeln. Er vernachlässigt sonst in der unglaublichsten Weise den Zusammenhang zwischen Literatur und Politik. Er bekommt es sogar fertig, über Luther und Hutten zu orakeln, ohne die Stellung dieser Männer zu den politischen und sozialen Fragen ihrer Zeit auch nur anzudeuten. »Die Reformation war zunächst Luther. Sein Wille, seine geistige Richtung entschied.« Luther hatte »aus inneren Kämpfen die Kraft gezogen, sich dem Papste und der alten Kirche entgegenzuwerfen und die Nation mit sich fortzureißen«. Welch tiefsinnige Auffassung der Reformationsgeschichte! Selbst ein bürgerlicher Gelehrter wie Roscher fordert: Um zu erkennen, wes Geistes die einzelnen Männer des deutschen Reformationszeitalters gewesen seien, müsse man ihre Stellung zum Bauernkriege prüfen. Und was sagt Scherer über Luthers Verhalten zu den Bauern? Man höre: »Der hochgestiegene Bauernsohn gab den Bauern die göttlichen Wahrheiten hin.« Wie gnädig, wie herablassend, wie idyllisch! Von Luthers Verrat an den Bauern, der wie die politische und soziale so auch die literarische Wirksamkeit des Reformators in entscheidender Weise beeinflußte, weiß Scherer nichts oder will er nichts wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig begreift er von dem inneren Zusammenhange zwischen den literarischen und den ökonomisch-politischen Zuständen, aber sowie der brandenburgisch-preußische Staat in Sicht kommt – hilf Himmel! da muß schon eine Phrase herhalten, gleichsam ein Stückchen Seife, mit dem der byzantinische Schaum geschlagen werden kann. »Alle preußischen Regenten seit dem großen Kurfürsten hatten ein Verhältnis zur deutschen Bildung; alle haben sie irgendwie direkt oder indirekt gefördert.« Wirklich? Beispielsweise auch jener Friedrich Wilhelm I., der die Einkünfte der Berliner Akademie zu Besoldungen für seine Hofnarren bestimmte, der die Universitätsprofessoren zu Frankfurt a. O. in der schnödesten Weise verhöhnte, der einen Lehrer, welcher dem Kronprinzen Friedrich die Goldene Bulle erklärte, mit den Worten durchprügelte: »Warte, Schurke, ich werde Ihn beauream bullam«, der, wie selbst Treitschke zugibt, für alles ideale Schaffen nur den Spott des Barbaren hatte? Auch dieser; Scherer »läßt die Tatsachen selbst so deutlich reden«. Friedrich Wilhelm I. haßte, wie alle Bildung, so auch die französische Bildung. Dies ist die »Tatsache«, und sie »redet«: »Die Hauptmächte der deutschen Erziehung seit der Reformation und Renaissance, das biblische Christentum und die antike Literatur, konnten &#039;&#039;daher&#039;&#039; auf die jungen Preußen mehr unmittelbar einwirken als auf die übrigen Deutschen«, und »es war &#039;&#039;daher&#039;&#039; kein Zufall, daß an der Universität Halle die poetische Richtung zuerst hervortrat, welche nachher der Preuße Klopstock auf ihren Gipfel brachte, daß Winckelmann aus Preußen stammte und daß Lessing in Berlin den entscheidenden Anstoß erhielt.« So wird Literaturgeschichte im neuen Deutschen Reiche geschrieben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verweilen wir indessen einen Augenblick bei dem byzantinischen Geschwafel! Die Universität Halle bekam das väterliche Zepter Friedrich Wilhelms I. fühlbar zu schmecken, als der König ihrem damals berühmtesten Lehrer, dem Philosophen Wolff, bei Strafe des Stranges befahl, binnen achtundvierzig Stunden die sämtlichen königlichen Lande zu räumen. Es geschah, weil einige professorale Neidhämmel, namentlich der Theologe Lange, dem Könige hatten einblasen lassen, Wolff predige den Fatalismus; wenn nach Wolffs Lehre ein langer Grenadier aus Potsdam desertiere, so habe das Fatum es so haben wollen, und der Deserteur dürfe nicht bestraft werden, weil er dem Fatum nicht habe widerstehen können. Diese landesväterliche Aufmunterung der Wissenschaften »redete so deutlich«, daß sie die Hallische Dichterschule erzeugte. »Es war daher kein Zufall«, weder daß der einzige Unsterbliche dieser Schule ein Sohn jenes Denunzianten Lange war, noch daß seine Unsterblichkeit aus der antiken Literatur entsprang, welcher Friedrich Wilhelm I. die »mehr unmittelbare« Einwirkung auf die »jungen Preußen« gesichert hatte. Siehe Lessings Vademecum für Herrn Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, wodurch dieser Übersetzer des Horaz unsterblich wurde wie das Insekt im Bernstein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem von Apollo geschundenen Marsyas entzündete sich – nach Scherer – der »Preuße« Klopstock. Der »Preuße«, wahrhaftig! Klopstock war in Quedlinburg geboren, und Quedlinburg war von 937 bis 1803 ein reichsunmittelbares Frauenstift. Seine Bildung und Erziehung erhielt Klopstock auf der sächsischen Gelehrtenschule Pforta und der sächsischen Universität Leipzig; der König von Dänemark gewährte diesem deutschen Dichter dann die nötige. Muße zur Vollendung des Messias; Klopstock lebte zumeist in Kopenhagen und Hamburg, zeitweise auch in Zürich und Karlsruhe, wo ihm der Markgraf von Baden ein wohlwollender Beschützer war. Klopstocks Beziehungen zu Preußen beschränkten sich darauf, daß er die Ausländerei Friedrichs II., des, wie er sagte, »Fremdlings im Heimischen« bitter verspottete und daß er sich von den Habsburgern noch weit eher eine Förderung der deutschen Literatur versprach als von den Hohenzollern. Aber Scherer sagt doch, daß Klopstock ein »Preuße« war, und Scherer ist ein ehrenwerter Mann. Nun, die Sache hängt so zusammen, daß Preußen die Schirmvogtei über das Frauenstift Quedlinburg, einige zwanzig Jahre vor Klopstocks Geburt und unter heftigem Widerstreben der Quedlinburger, von Sachsen für 300 000 Taler kaufte und daß Quedlinburg dann im Todesjahre Klopstocks, als der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die große Heimramschung der geistlichen Gebiete vollzog, an den preußischen Staat fiel. Als Säugling und Klippschüler hat Klopstock wohl einmal die Söldner Friedrich Wilhelms I. in Quedlinburg exerzieren oder auch Spießruten laufen sehen, und so kam er ganz unvermerkt in das »biblische Christentum« und die »antike Literatur« hinein, wodurch wir Deutsche dann wieder – welch unerforschliche, aber von Scherer durch und durch erforschte Fügung des Himmels! – zu einer klassischen Literatur kamen, wir wußten nicht wie. Schade, ewig schade, daß der unglückliche Klopstock selbst nie erfahren hat, welche segensreichen Mächte über seinem ahnungslosen Haupte walteten! Als er längst ein berühmter Dichter war, durfte er sich in seinem Vaterhause nur heimlich aufhalten, weil die preußischen Werber ihm nachstellten, und mit Mühe entging sein väterliches Erbe der Beschlagnahme durch den preußischen Militärfiskus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Winckelmann »stammte aus Preußen«, wie Scherer behauptet. Und das stimmt. Winckelmann war ein Schusterssohn aus Stendal, wo ihm sogar im Schatten einer gotischen Kirche eine Bildsäule errichtet worden ist, beiläufig ein so geschmackloses Denkmal, wie es der kultivierte Europäer höchstens seinem Todfeinde wünschen mag. Aber ach! für Scherer ist es wieder schade, daß Winckelmann, der es am Ende doch auch wissen mußte, seine preußische Abstammung nicht bloß nicht für »keinen Zufall«, sondern gerade im Gegenteil für den ärgerlichsten und unbegreiflichsten Zufall von der Welt hielt. Als er den märkischen Staub von den Pantoffeln schütteln durfte, schrieb er: »Ich habe viel leiden müssen und werde stets einen Widerwillen gegen mein Vaterland behalten.« Und ferner: »Mein Vaterland vergesse ich gern ... Mein Vaterland ist Sachsen; ich erkenne kein anderes und ist kein Tropfen preußischen Blutes in mir.« Statt Preußen schreibt er oft kurzweg »Das despotische Land«, und zwar »drückt auf ihm der größte Despotismus, der je gedacht ist. Ich gedenke mit Schaudern an dieses Land.« Wenn Winckelmann befürchtet, daß ein alter Freund von ihm nicht mehr am Leben sei, so fügt er hinzu: »Es wäre sein Bestes für ihn und alle diejenigen, welche in diesem unglücklichen Lande eine schwere und erstickende Luft schöpfen.« Er meint, ein freier Schweizer müsse dies Land ärger als Sibirien verwünschen. »Es schaudert mich«, ruft er in einem Briefe an Usteri vom 15. Januar 1763, »die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite und mit lybischem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche belegen wird. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.« Und so ins Endlose.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi, Winckelmann, 1, 188 ff. Justi steht, »im allgemeinen angesehen«, auch auf dem bürgerlich-preußischen Standpunkt, und er meint, für die Zeit Winckelmanns sei der friderizianische Despotismus das beste für Preußen gewesen, indessen nach dieser Verwahrung fügt er den zornigen Ausbrüchen Winckelmanns doch hinzu: »Aber wir lieben die, welche den Despotismus unter jeder Gestalt hassen, auch den notwendigen, auch den heilsamen und aufgeklärten Despotismus. Wir ziehen sie sogar denen vor, welche auf den beschränkten und parteiischen Zorn des achtzehnten Jahrhunderts in ihrer überlegenen historischen Einsicht lächelnd herabsehen, welche geschichtlichen Sinn und sympathischen Respekt haben für alle glücklichen Verbrecher, für alle Scheiterhaufen und Staatsstreiche der Vergangenheit, und welche nur die ewigen Ideen des Rechts, der Aufklärung und der Humanität für Phrase halten und nur für das Verlangen der Völker nach politischer Freiheit keinen Verstand haben.« Das ist die Sprache einer achtbaren bürgerlichen Ideologie. Vergleicht man den Justi der sechziger und siebziger Jahre mit dem Scherer der achtziger und dem Erich Schmidt der neunziger Jahre, so greift man den geistigen Verfall der deutschen Bourgeoisie mit Händen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur Kritik dessen, was Scherer über Friedrich Wilhelm I. als geistigen Ahnherrn unserer klassischen Literatur beibringt; auf den »entscheidenden Anstoß«, den Lessing in Berlin erhalten haben soll, müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Dagegen ist schon durch unsere bisherige Darstellung im wesentlichen erledigt worden, was Scherer als die Ruhmestitel Friedrichs II. in Sachen der deutschen Bildung anführt: seinen kirchlichen Liberalismus, seine patriotischen Kriegstaten, seine lebendige Teilnahme an literarischer Kultur und sein ruhmvolles Beispiel, das ihm unter den deutschen Fürsten Schüler und Anhänger wie Karl August von Weimar erweckt habe. Auch sind diese vier Punkte bereits von Xanthippus-Sandvoß in ausgezeichneter Weise beleuchtet worden. Nur über den »kirchlichen Liberalismus« noch ein kurzes Wort! Für die Person des Königs war dieser »kirchliche Liberalismus«, wie Herr Sandvoß treffend hervorhebt, einfach der Atheismus; für seine Politik aber war er ein durch feudal-militärische Bedürfnisse geregelter Konfessionalismus, der da, wo er frei ausgreifen konnte, mit dem extremsten Ultramontanismus um die Palme der Unduldsamkeit rang. Man entsinnt sich noch des fürchterlichen Lärms, der sich jüngst über den Vorschlag eines ultramontanen Blattes erhob, wonach die Universitätsprofessoren auf die Glaubensbekenntnisse ihrer entsprechenden Konfessionen verpflichtet werden sollten; nun, dieser Vorschlag war noch recht »liberal«, verglichen mit der Tatsache, daß zu Friedrichs Zeit die &#039;&#039;evangelische&#039;&#039; Konfession in dem Professoreid von &#039;&#039;allen&#039;&#039; vier Fakultäten beschworen werden mußte. Gewiß ein famoser »kirchlicher Liberalismus«, aus dem – so will es Scherer – unsere klassische Literatur erwachsen ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am unerträglichsten werden Scherer und sein würdiger Nachfolger Erich Schmidt, wenn sie aus Lessing einen Karriereschnaufer des heutigen Schlages machen wollen. Über die flüchtige Berührung, in die Lessing persönlich mit Voltaire gekommen ist oder gekommen sein soll, schreibt Scherer: »Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: Welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung!« Jawohl, und welche Dreistigkeit, in die Seele eines Lessing »Aussichten auf Protektion und Empfehlung« hineinlesen zu wollen! Herr Erich Schmidt aber orakelt bei demselben Anlasse: »Kein Zweifel, daß manchmal eine kühne Hoffnung, im Gefolge Voltaires die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich zu lenken, der Seele Lessings nicht fernblieb, denn von Friedrich beachtet zu werden, war die Sehnsucht aller deutschen Schriftsteller, auch derer, die sich scheinbar so stolz in ihre christlich-germanische Tugend hüllten.« Nun, das ist doch noch eine Unverschämtheit, die sich gewaschen hat. Wir können erst in dem zweiten Teile dieser Darstellung die urkundlichen Beweise für die herbe Verachtung beibringen, womit Lessing in der nationalen Gesinnung, die ihm als einem Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen eignete, auf die französische Bildung des Königs herabsah, aber hier ist schon der Ort, festzustellen, daß Herr Erich Schmidt für die Behauptung, die er »keinem Zweifel« unterworfen sein läßt, auch nicht den Schatten eines Buchstabens als Beweis beibringen kann. Nicht den Schatten eines Buchstabens! Aber damit noch nicht zufrieden, fährt Herr Erich Schmidt fort: »Und Lessings Vertrauen mochte sicherer scheinen als die Bemühungen der Hallenser um die Fürsprache des dichtenden Generals Stille.« So kommt Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, doch noch zu den Ehren, um die ihn Lessings Vademecum schnöderweise gebracht hat; der brave Patriot bemühte sich doch nur um die Gunst eines preußischen Generals, während Lessing einem französischen Schöngeiste nachlief, weil es ihm »sicherer scheinen mochte«. Dieser Lessing, aber nun ist er auch erkannt! Herr Erich Schmidt schreibt weiter: »Ebensowenig wird es ein Irrtum sein, Lessings Anlauf zu einem französischen Lustspiele, dem Palaion, für eine leise Frage an Voltaire und den König zu erklären.« Ebensowenig! Zu einer Zeit, wo der junge Lessing viel mit einem französischen Sprachlehrer verkehrte, um sich in der französischen Sprache auszubilden, hat er einige Szenen in französischer Sprache geschrieben, genau sechs kleine Druckseiten, die dann über ein Menschenalter später in seinem Nachlasse gefunden worden sind. Und darum Kriecher und Streber! An einer anderen Stelle sagt Herr Erich Schmidt, Lessing habe sich in Berlin nach »hohen Gönnern umgeschaut«. Oho – doch wir haben schon einen starken Ausdruck über Herrn Erich Schmidt gebraucht, und an dem mag es genug sein.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 188, 203. Man glaube übrigens nicht, daß derartige Byzantinismen in der bürgerlichen Literargeschichte vereinzelt dastehen. So feiert Herr Otto Brahm, Heinrich v. Kleist, 351, irgendein beiläufiges Prinzeßchen, »die Prinzessin Wilhelm, eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg«, wie er preislich sagt, als »hohe Gönnerin«, weil der verzweifelnde Dichter des »Prinzen von Homburg«, der einzigen, wirklich dichterischen, aber ebendeshalb unverstandenen Verherrlichung des Hohenzollernhauses, wenigstens von dieser Dame ein Wort der Zustimmung – etwa erhielt? O, Gott bewahre! sondern – zu erhalten hoffte, aber nicht erhielt. Mit dieser alleruntertänigsten Gesinnung steht es nicht im Widerspruche, sondern gerade im Einklange, wenn Herr Otto Brahm seine Kleist-Biographie dem Herrn Erich Schmidt mit den donnernden Worten widmet: »Frisch auf also! Hier haben Sie meinen Kleist; geben Sie uns den Ihren!« Lakaienstolz ist immer der groteskeste.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun aber die »christlich-germanische Tugend« anbelangt, so sollte Herr Erich Schmidt doch lieber in seinen eigenen Busen greifen. Indem er Lessings Rettungen des Horaz bespricht, sagt er: »Die Freunde der Dichter mögen hoffen, daß nach Archilochos, Alkaios, Horatius auch der Freischärler Herwegh, auf dem noch immer der Mythus von dem bergenden Spritzleder lastet, seinen Retter finde.« Was soll das nun wohl heißen? Der »Mythus von dem bergenden Spritzleder« ist mindestens ein halb Dutzend Mal so bündig widerlegt worden, wie eine niederträchtige, rein aus der Luft gegriffene Tendenzlüge nur immer widerlegt werden kann. Und das scheint auch Herr Erich Schmidt zu wissen, denn er spricht von einem »Mythus«. Aber wo kann denn noch eine elende Lüge »lasten«, wenn sie soundso oft widerlegt ist? Etwa auf »hohen Gönnern«? Und deshalb schleift wohl Herrn Erich Schmidts »christlich-germanische Tugend« den traurigen Schwindel bei den Haaren in eine Lessing-Biographie? Er macht zwar aus Lessing einen frommen Knecht Fridolin, aber es ist so verteufelt schwer, diesen Mohren weißzuwaschen, und so erklärt der Lessing-Biograph zu aller Sicherheit mit dem gegen Herwegh gezielten Fußtritte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So wisset denn, daß ich Hans Schnock, der Schreiner, bin, Kein böser Low&#039; fürwahr, noch eines Löwen Weib.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werfen wir aber noch einen Blick in den zweiten Band des Herrn Erich Schmidt! Hier dichtet er das ergreifende Martyrium Lessings in Wolfenbüttel zu einer Nörgelei des beschränkten Untertanenverstandes gegen einen großartigen und wohlwollenden Herrscher um. Im Anfang des Jahres 1773 versprach der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig aus freien Stücken, Lessings bis dahin kümmerlich besoldete Stellung aufzubessern, wenn Lessing sich dauernd »in braunschweigischen Diensten fixieren« wolle. Lessing, der sich inzwischen mit Eva König verlobt hatte und die Verbindung mit der geliebten Frau nicht schnell genug beeilen konnte, übernahm die Verpflichtung, und nun – tat der edle Erbprinz, als wüßte er von gar nichts. Er schwieg Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Man muß in Lessings Briefen nachlesen, wie ihm diese fürstliche Tücke das Leben in dem einsamen Wolfenbüttel vergällte; nichts erschütternder als die wilden Schmerzensschreie, die sich trotz aller männlichen Selbstbeherrschung immer wieder aus seinem stolzen Herzen rangen. Und dann höre man Herrn Erich Schmidt von oben herab tadeln, daß Lessing »aller kaltblütigen Überlegung beraubt wurde«. »Alles verzerrte sich ihm.« »So wühlte er sich in die blinde Wut gegen einen Fürsten hinein, dessen Verbrechen darin bestand, daß er zu früh gesprochen und nun weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit hatte, um Lessings fieberhafte Ungeduld durch ein Ja oder ein Nein zu befriedigen.« »Fieberhafte Ungeduld« ist gut als wohlmeinender Tadel für die Gefühle eines starken Mannes, der, durch eine große Liebe an einen öden Felsen gekettet, drei oder vier Jahre lang Tag für Tag den Geier an seinem Herzen fressen fühlt. Und was war der Grund davon, daß der »Fürst« »weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit« hatte? Herr Erich Schmidt enthüllt als diesen Grund »die stolze Zurückhaltung des nur mit der Finanzreform beschäftigten Erbprinzen«. Oder, wie er an einer anderen Stelle sagte: »Lessing kämpfte mit Schulden; auch der Erbprinz stemmte sich gegen die Lawine der Geldnot.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater des Erbprinzen, Herzog Karl, hatte die braunschweigischen Finanzen gänzlich zerrüttet. Er war »ohne ängstliche Sparsamkeit«, wie Herr Erich Schmidt sagt; »Herzog Karl mit seinem leichten sinnlichen Naturell freute sich, auf dem Thron all die pedantischen Fesseln einer engherzigen Jugendbildung abzustreifen und seinem Impresario Niccolini übermäßige Mittel zur Verfügung zu stellen.« Ein anderer bürgerlicher Geschichtsschreiber, der übrigens mit dem ideologischen Poltern seines wohlfeilen Radikalismus sonst gar nicht unser Mann ist, nämlich J. Scherr, schreibt über den gleichen Fall: »Herzog Karl von Braunschweig verstand ganz vortrefflich die Alchimie, das Blut seiner Untertanen in Gold zu verwandeln. Er hatte es auch sehr nötig, falls er, obgleich nur Herr über 60 Quadratmeilen und 150 000 Untertanen, auf dem Fuße eines Sultans von Babylon leben wollte. Und er wollte und tat so. Seinem Theaterdirektor und Oberkuppler, dem italischen Gauner Niccolini, gab er einen jährlichen Gehalt von 30 000 Talern, dem Gotthold Ephraim Lessing, Bibliothekar in Wolfenbüttel, gab er 600 Taler jährlich.«&amp;lt;ref&amp;gt;Scherr, Blücher, 1, 24.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Rande des Bankerotts mußte der Herzog im Jahre 1773 die Regierung dem Erbprinzen überlassen, der sich, wie Herr Erich Schmidt rühmt, nunmehr in »stolzer Zurückhaltung« »nur« mit der »Finanzreform« beschäftigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur« – in der Tat! »Ohne eine Phrase zu verlieren« – so stürmt Herr Erich Schmidt in die Saiten –, »übte der Erbprinz für seine Person eine ihm unnatürliche Ökonomie«, und also enthielt er auch, selbst ein Büßer, dem Bibliothekar in Wolfenbüttel die 200 Taler Gehaltsaufbesserung vor, denn um eines solchen Bettels willen wurde Lessing von dem ausgezeichneten Fürsten jahrelang auf die Folter gespannt. Aber wenn nicht für seine Person, für wen unterhielt dann der Erbprinz den Harem, in dem die Gräfin Branconi und das Fräulein v. Hertefeld als Favoritsultaninnen glänzten?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – die Dame Hertefeld stammte aus einem clevischen Adelsgeschlechte, das in die Mark Brandenburg übergesiedelt war und hier die große Herrschaft Liebenberg besaß. Ihr Bruder, Friedrich Leopold v. Hertefeld, der Besitzer von Liebenberg, gehörte zu den wütendsten Gegnern der Lichtenau – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. In einem Briefe vom 18. März 1797 – siehe Fontane, Fünf Schlösser, 280 – berichtet er mit schmunzelndem Behagen über die Verwüstungen, die adeliger Pöbel in der Wohnung der Lichtenau angerichtet hatte, als sie zur Hochzeit ihrer Tochter abwesend war. Derselbe Hertefeld schreibt dann über seine Schwester, die Lichtenau des Herzogs von Braunschweig: »Sie war eine gutmütige, vernünftige Person, und es war ihr Unglück, daß sie die Tollheiten unserer Zeit schmerzlicher empfand als andere.« Dame Hertefeld hatte es nämlich mit der bebenden Angst bekommen, als das Messer des Meisters Sanson den Kopf der Dubarry abschor. Seitdem hielt sie im Schlosse von Braunschweig ihre Koffer gepackt und als ersten Notgroschen für die Flucht in einer Kassette 5000 Taler bar bereit. Aber sie hatte mehr Glück als die Dubarry: Sie starb als Stiftsdame von Stedernburg ruhig in ihrem Bette, gerade recht zum Torschlüsse, wenige Monate vor der Sintflut von Jena. Ihr Bruder gehörte darnach aber noch zu den giftigsten Gegnern der Scharnhorst und Stein – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. Er schimpfte mörderlich auf diese »Schurken«, weil er eine ablehnende Antwort auf das patriotische Gesuch erhalten hatte, im Jahre 1813 seinen adeligen Leibeserben aus dem Heeresdienst zu entlassen. Später gründete die Familie Hertefeld dann die »Berliner Revue«, ein ultrafeudales Organ, dazu bestimmt, die »Tollheiten unserer Zeit« kritisch zu vernichten, dagegen die Herrlichkeiten jener Zeit romantisch zu beleuchten, wo adelige Fürstendirnen fromme Lichtgestalten, bürgerliche Fürstendirnen aber nichtswürdige Scheusale waren.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch aus diesem Schmutze sproßt die Loyalität des Herrn Erich Schmidt wie eine reine Lilie hervor; er schreibt: Der Erbprinz »hielt sich Mätressen, die seine Sinne, nie seinen Kopf und sein Herz beherrschten«. Und zwanzig Zeilen weiter: »Er legte mit ungeheurer Selbstbeherrschung seine Leidenschaften wie Hunde an die Kette.« Herr Erich Schmidt meint damit, daß der einundsiebzigjährige Greis noch 1806 als preußischer Oberfeldherr eine französische Buhldirne mit auf das Schlachtfeld von Jena schleppte. Patriotische preußische Offiziere waren damals allgemein der Überzeugung, daß diese Beischläferin die Pläne und Entschließungen des Herzogs ihren anrückenden Landsleuten verraten habe.&amp;lt;ref&amp;gt;Graf Henckel von Donnersmarck, Erinnerungen aus meinem Leben, 46.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber offenbar haben sie sich dabei von ihrem nur zu berechtigten Zorne zuweit reißen lassen. Denn die Schelmin hätte mehr geben müssen, als sie kriegen konnte, wenn sie bei Jena »Pläne und Entschließungen« ihres Liebhabers hätte verraten wollen. Und nun gar Herrn Erich Schmidts Enthüllungen aus den braunschweigischen Haremsgeheimnissen entlasten den Herzog und seine Dirne vollständig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo bleibt denn nun aber die »Finanzreform«, die den damaligen Erbprinzen »nur« beschäftigte, so daß Lessing darüber sterben und verderben konnte? Sie war ein ganz einfaches Handelsgeschäft; der Erbprinz war nächst dem Landgrafen von Hessen unter den deutschen Kleinfürsten der betriebsamste Händler in Menschenfleisch. Er verschacherte an England und Holland viele Tausende von Landeskindern um schweres Geld. War diese Tatsache Herrn Erich Schmidt bekannt? Als ob sie es einem so sorgfältigen »Philologen« nicht wäre! Und gleichwohl –? Spaß für einen neu-reichsdeutschen Byzantiner! Der Erbprinz »beugte seinen Stolz zur Vermietung braunschweigischer Truppen« und noch dazu, »ohne eine Phrase zu verlieren«. Dieser Haß gegen die »Phrase« ist etwas auffallend bei einem Schriftsteller, der einen so gedunsenen und geschwollenen, so überladenen und vor lauter Phrasenhaftigkeit manchmal gar nicht verständlichen Stil besitzt wie Herr Erich Schmidt, aber man bedenke auch, wie viele »Phrasen« über den Menschenschacher der deutschen Kleinfürsten gemacht worden sind. König Friedrich erklärte, von solchen verkauften Truppen, die sein Gebiet berührten, würde er Viehzölle erheben lassen, denn hier seien vernünftige Menschen als Tiere verschachert; ja, als einmal wirklich ein von seinen Ansbacher Verwandten verhandelter Transport über die preußischen Grenzen kam, ließ er Kanonen gegen die Menschenhändler auffahren, so daß sie einen Umweg nehmen mußten. Schiller aber läßt die verkauften Landeskinder am Stadttore rufen: »Es leb&#039; unser Landesvater. Am Jüngsten Gerichte sind wir wieder da!« So »wühlten sich« König Friedrich und Schiller mit ihren »Phrasen« »in die blinde Wut gegen einen Fürsten, dessen Verbrechen« nunmehr glücklich von dem besonnenen Reichspatrioten Erich Schmidt aus der Welt erklärt worden ist. Ein Glück bei alledem, daß unsereinem die göttliche Grobheit eines Lassalle nicht erlaubt ist, denn gegen diesen Erich war jener Julian noch ein Held an Charakter und Geist.&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 2, 238 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich soll den Scherer und Erich Schmidt damit nicht mehr getan werden, als sie verdienen. Ihre alexandrinische Gelehrsamkeit bleibt ihnen unangefochten. Haben sie wirklich den ganzen Praß von Büchern gelesen, den sie in ihren »Anmerkungen« anführen, so könnte man sogar mit Lessing auf die Besorgnis verfallen, daß sie für ihren gesunden Verstand schon viel zuviel gelesen haben. Nichts dankenswerter als die philologische Arbeit an den Werken unserer klassischen Literatur, solange sie sich in ihren Schranken hält oder doch nur gelegentlich einmal darüber hinausschweift! Aber von einem Biographen Lessings oder einem Geschichtsschreiber der deutschen Literatur ist etwas anderes und auch wohl etwas Besseres zu verlangen, als daß sie zehnmal schon umgekehrte Stäubchen noch zum elften Male umzukehren verstehen. Über diesen tausend und aber tausend Quisquilien verlieren sie jeden Blick für das Ganze der Erscheinung, und wenn sie über Lessing absprechen wollen, so sollten sie doch wirklich erst beherzigt haben, was Lessing über die »selbstdenkenden Köpfe« und die »siebenmal sieben Stäubchen aus der Literaturgeschichte« sagt. Allein, das wäre noch das wenigste. Weit schlimmer ist es, daß sie ohne jede Kenntnis der gleichzeitigen ökonomischen und politischen Zustände schreiben. Damit reißen sie die Pflanzen aus ihrem mütterlichen Boden und legen sie zwischen die löschpapiernen Seiten ihrer Herbarien. Mögen sie nun noch so sorgsam die einzelnen Blätter bis auf die letzte Zacke beschreiben: Duft und Farbe sind unwiederbringlich dahin. Der ärgste Frevel solcher Literarhistoriker aber ist es, wenn sie, sei es in einem dumpfen Gefühle ihrer verhängnisvollen Einseitigkeit, sei es aus anderen, aber wahrhaftig nicht achtbareren Gründen, die Gegenstände ihrer Darstellung in ein politisch-soziales Licht rücken wollen und sie deshalb mit den politischen und sozialen Vorurteilen aufschminken, die ihnen selbst geläufig sind und die »hohen Gönnern« angenehm in die Ohren klingen. Dann entsteht ein wahrer Greuel der Verwüstung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nunmehr wird sich auch leicht erklären, weshalb wir mit der Lessing-Legende in ihrer dritten und letzten Gestalt schnell fertig zu werden versprachen. Es hatte einen Zweck, die sachlichen Irrtümer über Lessing, denen Goethe und Gervinus und Lassalle verfallen sind, ausführlich zu erörtern, denn dabei konnte das sachliche Verständnis gefördert werden. Es hat aber gar keinen Zweck, aus den tendenziösen Darstellungen von Scherer und Erich Schmidt noch mehr Proben zu geben, als wir schon gegeben haben. Das Ergebnis bliebe immer dasselbe: Lessing wird in dem Prokrustesbette der heute für die bürgerliche Welt »maßgehenden« Tendenzen bald so, bald so gereckt. Wer sich überhaupt überzeugen lassen will, ist durch die bisherigen Proben wohl überzeugt worden, wer sich nicht überzeugen lassen will, wird durch zehnmal zahlreichere Proben auch nicht überzeugt werden. In keinem Falle spränge dabei etwas für die sachliche Förderung des Lessing-Problems heraus. So schließen wir denn den ersten Teil unserer Arbeit, der eine kritische Geschichte der Lessing-Legende geben und zugleich den allgemeinen historischen Hintergrund zeichnen sollte, von dem sich das Bild Lessings abhebt. In dem zweiten Teile wird unsere Aufgabe sein, dies Bild selbst von den Entstellungen und Verunzierungen der Legende zu befreien und es soweit möglich in seiner wirklichen Gestalt wiederherzustellen. Es mag sein, daß wir bisher schon diesen oder jenen spezielleren Punkt berührt haben, wie wir auch nicht dafür stehen können, daß wir nicht fortan noch diese oder jene allgemeinere Frage berühren müssen. Aber der Leser wird, wie wir hoffen, nachsichtig urteilen, wenn sich ein seit bald hundert Jahren so verfitztes Knäuel, wie die Lessing-Legende ist, nicht immer an einem ganz glatten Faden aufwickeln läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zweiter Teil. Lessing und die Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und der sächsische Kurstaat ==&lt;br /&gt;
Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 zu Kamenz in der oberen Lausitz geboren. Die Lausitz ist altslawisches Gebiet, und die deutsche Kolonisation hat einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz der alten Bewohner verschont; auf den etwa hundert Quadratmeilen der oberen Lausitz werden noch heute weit über vierhundert wendische Dörfer gezählt. Lessing ist denn auch vom Panslawismus beansprucht worden, und selbst um seinen Namen hat sich ein erbitterter etymologischer Streit entsponnen, indem die einen die Stammsilbe &#039;&#039;Less&#039;&#039; als das slawische Wort für Wald ansprachen, die anderen aber auf die deutsche Endung &#039;&#039;ing&#039;&#039; pochten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der an sich schon abgeschmackte Zank entbehrt obendrein jedes tatsächlichen Anhalts. Sowohl weil der Stammbaum Lessings bis ins Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Reihe deutscher Beamter und Prediger aufweist, als auch weil der Großvater Lessings erst in die Lausitz eingewandert ist, nachdem diese Landschaft schon mehrere Jahrzehnte dem sächsischen Staatsverbande eingefügt worden war. Hierin allein liegt ein für den historischen Lessing maßgebender Gesichtspunkt. Es ist nicht unrichtig, wenn Herr Erich Schmidt sagt, Lessing wurzele minder tief im lausitzischen als Goethe im fränkischen und Schiller im schwäbischen Boden, aber es ist ebenso geschmacklos wie schief, wenn er Lessing einen »entlaufenen Sachsen« nennt, und nun gar einen Sachsen, der zur preußischen Herrlichkeit entläuft. Lessing war so wenig Preuße oder Sachse, wie er Lausitzer war, aber wohl trifft der Geschichtsschreiber des sächsischen Staates zum Ziele, wenn er sagt, daß Einflüsse von Sachsen her »den Entwicklungsgang dieses selbständigsten aller Geister bestimmt haben«.&amp;lt;ref&amp;gt;Flathe, Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen, 2, 526.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß sich dabei aber vor dem ideologischen Schlagworte hüten, daß Lessing ein »zweiter Luther« gewesen sei. Ein starker Anklang daran findet sich sogar bei Heine und Lassalle; ja, Lessing selbst hat sich einmal in seinen theologischen Kämpfen mit der lutherischen Orthodoxie auf Luther selbst berufen. Allein wenn er damit nicht etwa nur eine jener »Evolutionen« machte, durch die er den hamburgischen Hauptpastor zu necken liebte, so hat er in merkwürdiger Weise gezeigt, daß sich auch die klarsten Köpfe im unklaren über die Beweggründe befinden können, die im letzten Grunde ihr Handeln bestimmen. Tatsächlich hat Lessing vom Anfang bis zum Ende seiner Laufbahn, von den Lemnius-Briefen bis zu den Anti-Goezes, seine stärksten Schläge gegen Luther und das Luthertum geführt, und dem war nicht nur so, sondern dem mußte auch so sein. Indem Luther der fürstlichen, Lessing aber der bürgerlichen Klasse vorkämpfte, vertraten beide Männer die stärksten Gegensätze, welche die deutsche Geschichte vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert kennt. Lessing war so wenig ein Luther auf höherer Stufenleiter, daß Goeze, Luthers echter Nachfahr, ihn vielmehr mit Recht als den richtigen Anti-Luther taxierte. Besteht doch nach Lassalles treffendem Epigramm das ganze Unrecht der Goezes von damals und heute darin – recht zu haben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem hat Luthers und Lessings Landsmannschaft einen tieferen Zusammenhang. In jenem Teile Deutschlands, der durch ökonomische Gründe gezwungen war, sich der habsburgisch-päpstlichen Herrschaft zu entreißen, war Sachsen weitaus das ökonomisch entwickeltste und demgemäß auch das kultivierteste Land. Der Ertrag der sächsischen Bergwerke verlieh den sächsischen Fürsten in dem Beginne der kapitalistischen Entwicklung ein gewaltiges Übergewicht; unter den deutschen Teilfürsten gab es in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts keinen mächtigeren als den Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Die Warenproduktion nahm in Sachsen einen schnellen Aufschwung; die große Handelsstraße aus dem Süden in den Norden Europas lief über Erfurt. Um den Besitz dieses wichtigen Stapelplatzes, der in jener Zeit zugleich die bedeutendste deutsche Universität beherbergte und der vornehmste Sitz des deutschen Humanismus war, entbrannte die lutherische Bewegung. Die Stadt Erfurt, die ihrerseits nach einer reichsunmittelbaren Stellung strebte, war ein alter Zankapfel zwischen Kur-Mainz und Kur-Sachsen; als der Hohenzoller Albrecht zum Erzbischofe von Mainz gewählt worden war,, entzündete sich der Streit von neuem. Unter diesen Umständen erschien es allerdings als eine unbillige Zumutung, daß Kurfürst Friedrich den Kommissar Albrechts, den Dominikaner Tetzel, in seinem Lande sollte den Ablaßschacher treiben lassen, dessen halber Ertrag zur Deckung der 25 000 Dukaten bestimmt war, die Albrecht für die Bestätigung seiner Wahl zum Erzbischofe von Mainz an Rom zu zahlen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurfürst Friedrich war ein friedliebender Herr. Und mehr noch: Er war ein äußerst bigotter Katholik; er war so gläubig, wie sein Gegner Albrecht ungläubig war. Das höchste Ziel seines Ehrgeizes bestand darin, die goldene Rose vom Papste zu erhalten; er unternahm eine Pilgerfahrt nach Jerusalem; er hatte mit ungeheuren Summen 5005 fragwürdige Heiligenknochen für die Schloßkirche in Wittenberg, eben die, an deren Türen Luther seine Ablaßthesen schlug, in aller Welt zusammengekauft und ließ sie alljährlich an einem bestimmten Tage zur Anbetung für das Volk ausstellen: ja, als Luther, kurz ehe er seine Thesen veröffentlichte, gegen den Ablaß gepredigt hatte, »verdiente er damit schlechte Gnade« bei dem Kurfürsten, der von solchen Predigten die Anziehungskraft seiner Reliquien gefährdet sah. Allein in Geldsachen hörte dazumal schon die Gemütlichkeit auf. Der Kurfürst hatte längst mit Unwillen bemerkt, daß sich die römischen Ablaßkrämer wie ein Immenschwarm und allerdings aus sehr guten Gründen in seinem Lande zu sammeln pflegten, und wieviel Geld er immer für die Knochen toter Heiliger aufwenden mochte, sowenig war er geneigt, mit den Mitteln seines Landes der römischen Kirche in dem Erzbischof Albrecht einen lebenden Heiligen zu schenken, der ihm das reiche Erfurt aus den Händen zu. reißen gedachte. So ließ er Luther gewähren, nicht als einen »Mann Gottes«, sondern als ein finanzpolitisches Werkzeug! Nichts ist haltloser, als in den Ablaßthesen Luthers eine »weltgeschichtliche Tat« zu sehen und von ihnen den Anfang der Reformationsgeschichte zu datieren. Die antirömische Bewegung war schon seit Jahrzehnten.in allen. Klassen des deutschen Volkes vorhanden, und die Bekämpfung der kirchlichen Mißbrauche hatte auch schon literarisch, beispielsweise, in den Schriften der Humanisten, einen viel schärferen Ausdruck gefunden als in Luthers ziemlich zahmen, nicht einmal den. Ablaß selbst, sondern nur seinen »Mißbrauch« tadelnden Sätzen. Auch ist es ganz falsch zu sagen, die humanistische Bildung sei Kaviar fürs Volk; gewesen, Luther aber habe in derber, volkstümlicher Weise den Stier an den Hörnern gepackt. Denn Luthers Thesen waren gleichfalls lateinisch und noch dazu absichtlich in jener schnörkelhaften Rätselschrift der scholastischen Theologie abgefaßt, die den Massen erst recht unverständlich war; Luther selbst hat oft genug seine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß sein Auftreten so große Wirkungen gehabt habe. Was er nicht begriff und was die bürgerliche Geschichtsschreibung sich nur aus allerlei ideologischen Hirngespinsten! zu erklären weiß, ergibt sich sehr einfach aus der ökonomischen Lage der Dinge. Wenn unter den geistigen Führern der reformatorischen Bewegung der geistig beschränkteste auf dem Plane, blieb, die geistig bedeutenderen aber, die Hutten, die Münzer, die Wendel Hipler, untergingen, so geschah es, weil hinter jenem die ökonomisch mächtigste Potenz, das Fürstentum, stand, während hinter diesen die Ritterschaft, das Proletariat, die Bauern und die Städte standen, das heißt: Klassen, die als solche entweder schon im absteigenden oder erst im aufsteigenden Ast ihrer ökonomischen Entwicklung waren und die bei dem inneren Widerstreit ihrer ökonomischen Interessen sich auch zu keiner gemeinsamen Aktion gegen die Fürsten einigen konnten. Es tut nichts zur Sache, daß Luther als der Vorkämpfer der mächtigsten Klasse zeitweise, solange es sich nämlich um die Abwehr der allen Klassen verhaßten römischen Ausbeutung handelte, auch allen Klassen vorzukämpfen schien und daß er demgemäß seine historische Rolle lange nicht begriff. Nach dem Aufstande der Ritter und namentlich nach dem Bauernkriege hat er sie sehr gut verstanden, wie neben unzähligen anderen Zeugnissen schon sein herrlicher Satz zeigt: »Daß zwei und fünf gleich sieben sind, das kannst du fassen mit der Vernunft; wenn aber die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind acht, so mußt du es glauben, wider dein Wissen und Fühlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seinem wirklichen Ruhme – dem Ruhm, als armer und unbekannter Mönch die ausbeuterischen Laster der römischen Kirche erkannt und bekämpft zu haben – stand Luther unter dem proletarischen Teile der damaligen Geistlichkeit weder allein noch in erster Reihe; viele dieser kleinen Priester haben den Haß gegen Rom und die Treue gegen ihre Klasse ehrenvoll mit ihrem Tod auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüste besiegelt. Als »hochgestiegener Bauernsohn« aber, als »Führer der Nation« war Luther der große Mann landesüblichen Schlages: Der Träger der geschichtlichen Entwicklung machte den Versuch, sich zu ihrem Herrn aufzuwerten, und wurde zu ihrem Hemmschuh, soweit seine Macht reichte, darüber hinaus aber zu ihrem Spott. Luther konnte die neue Kirche nach den Bedürfnissen des deutschen Duodezdespotismus zuschneiden; er konnte die sehr weltlichen Landesherren zu obersten Bischöfen ihrer Gebiete machen und ihnen die Verfügung über das Kirchen- und Klostergut zusprechen; er konnte in dem Abendmahlsstreite mit verbissenem Trotz an der Formel festhalten, die den Priester zum Schöpfer des Gottes macht, und so an die Stelle des einen Papstes unzählige Päpstlein setzen, aber er konnte dies alles nur als fanatischer Fürstendiener, nur als Ideolog jenes unaufhaltsamen Verfalls, der durch die dem Welthandel neu eröffneten Bahnen über Deutschland kam, nur um den Preis, daß sein Name schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das Sinnbild der beschränktesten Reaktion wurde. Und das Einmaleins auf dem Altare der Fürstenfürchtigkeit schlachten konnte er am Ende doch nicht. Wenigstens in Sachsen nicht. Wie die hohe ökonomische Entwicklung dieses Landes das wirksamste Mittel zu Luthers Erhöhung gewesen war, so setzte sie der von Luther getragenen Fürstenvollmacht wiederum gewisse Grenzen. In einem noch halbbarbarischen Lande wie der Mark Brandenburg, wo nach dem Zeugnis des Abtes Trittheim ein gebildeter Mann so selten war wie ein weißer Rabe, mochte Kurfürst Joachim II. einen halben Übertritt zur Reformation vollziehen, um das gesamte Kirchengut bis auf die letzte Kirchenmaus zu verprassen; in einem kultivierten Lande wie Sachsen war dies summarische Verfahren unmöglich. Hier mußte ein mehr oder minder großer Teil der Beute für die Befriedigung der Kulturaufgaben verwandt werden, für die bis dahin die katholische Kirche schlecht oder recht gesorgt hatte. So entstanden die sächsischen Schulen zu Annaberg und Freiberg, zu Dresden und Leipzig, zu Naumburg und Merseburg, alle in ihrer Art berühmt, als die berühmtesten aber die aus Klöstern entstandenen sogenannten Fürstenschulen von Grimma, Meißen und Pforta. In Brandenburg war zwar auch bei der »Kirchenvisitation«, das heißt bei der Einheimsung des Kirchen- und Klosterguts in den landesherrlichen Säckel, das eine Kloster Lehnin als eine Art Stiftsschule verschont worden, aber bereits nach zwei oder drei Jahren überkam den Kurfürsten die Reue. Er untersagte nach dem Tode des alten Abtes eine Neuwahl, worauf zehn Mönche die Schädlichkeit des Klosterlebens erkannten und, mit Kleidung und Geld »mehr als verhofft« versehen, das Kloster verließen. Zwei andere Mönche waren etwas begriffsstutziger, doch half eine mehrtägige Gefangenschaft im Schlosse zu Potsdam auch ihnen zur richtigen Erkenntnis. Sie entsagten allen Ansprüchen, und der Kurfürst zog die Klostergüter und Kirchenschätze für sich ein.&amp;lt;ref&amp;gt;Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 234.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders in Sachsen. Hier entstand und dauerte ein für deutsche Verhältnisse klassisches Schulwesen. Freilich sank es auch mit seiner Ursache, mit der ökonomischen Blüte Sachsens; je unaufhaltsamer durch den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel, durch die Entdeckung unerschöpflicher Gold- und Silberquellen in der Neuen Welt, durch den Dreißigjährigen Krieg usw. die bürgerlichen Klassen in Sachsen wie im ganzen Deutschland ökonomisch verkamen und dadurch dem traurigsten Servilismus verfielen, um so fanatischer pflegten die sächsischen Schulen, vor allen die Universitäten Leipzig und Wittenberg, das ideologische Spiegelbild so jammervoller Zustände, jenes starre und verknöcherte Luthertum, in dessen Schatten eine freie wissenschaftliche Forschung unmöglich gedeihen konnte. Aber trotz alledem war Sachsen dem übrigen Deutschland an Bildung und Wohlstand noch immer überlegen. Politisch entnervt, wie die Bevölkerung sein mochte, blieb sie ökonomisch doch noch widerstandsfähig genug, um sich der Einführung des aussaugenden Militärsystems zu widersetzen, das über die bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung in Preußen widerstandslos verhängt worden war. Im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer war das sächsische Heer dreimal so klein und kostete dreimal sowenig wie das preußische Heer; es bestand durchweg aus Landeskindern, übrigens sehr braven und zuverlässigen Soldaten, wie Friedrich II. oft zu seinem Schaden erfahren mußte, sowohl in der Schlacht als auch wenn er gefangene Sachsen in preußische Uniformen stecken ließ. Und ferner: Wie erblindete Spiegel auch die sächsischen Schulen geworden waren, so vermochten sie doch allein die ersten Reflexe einer neuen Bildung aufzufangen, die vom Auslande in das verwüstete Deutschland zurückstrahlte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle hat die Behauptung Julian Schmidts, wonach Deutschland durch den Dreißigjährigen Krieg einstweilen aus der Reihe der europäischen Kulturvölker gestrichen worden sein sollte, mit derben Worten zurückgewiesen und die in der Tat staunenswerte Fülle bedeutender Köpfe aufgezählt, die Deutschland trotz alledem in und nach jenem Kriege aufgebracht hat. Diese Beweisführung ist vollkommen zutreffend gegenüber einem von platter Unwissenheit eingegebenen Schlagworte, aber man darf sie nicht dahin erweitern wollen, daß Deutschland im siebzehnten Jahrhundert in gleicher Reihe mit den anderen europäischen Kulturvölkern marschiert sei. Ein großer, wenn nicht der größte Teil jener guten Köpfe mußte ins Ausland gehen, für immer oder doch zeitweise, um den nötigen Spielraum für ihre Talente zu gewinnen; die aber in der Heimat blieben, waren als gelehrige Schüler größerer Vorbilder, wie es Christian Thomasius, einer der bedeutendsten von ihnen, offen aussprach, geistig vom Ausland abhängig. Die Tatsache erklärt sich wieder aus dem ökonomischen Verfalle Deutschlands. Der gewaltige Aufschwung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, der das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert auszeichnet, war das Ergebnis eines mehr und mehr die Erde umspannenden Weltverkehrs; einen naturwüchsigen Ursprung konnte er nur in den Völkern haben, die an diesem Verkehr einen hervorragenden Anteil hatten, vor allem also in England und in den Niederlanden. Seine Voraussetzung war eine hohe Blüte der bürgerlichen Klassen, wie seine Folge die Erweckung dieser Klassen zu politischem Selbstbewußtsein war. In Deutschland aber gab es seit der Übersiedlung des Handels vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean keine bürgerlichen Klassen als selbständige Macht; die regierenden Klassen in Deutschland waren die Fürsten, und die konnten denn freilich keine nationale Wissenschaft produzieren. Was für eine Rasse diese Klasse überhaupt war, das hat ein genauer Kenner der deutschen Höfe, der Graf Manteuffel, in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts so geschildert: »Deutschland wimmelt von Fürsten, von denen drei Viertel kaum gesunden Menschenverstand haben und die Schmach und Geißel der Menschheit sind. So klein ihre Länder, so bilden sie sich doch ein, die Menschheit sei für sie gemacht, um ihren Albernheiten als Gegenstand zu dienen. Ihre oft sehr zweideutige Geburt als Zentrum allen Verdienstes betrachtend, halten sie die Mühe, ihren Geist oder ihr Herz zu bilden, für überflüssig oder unter ihrer Würde. Wenn man sie handeln sieht, sollte man glauben, sie wären nur da, um ihre Mitmenschen zu vertieren (abrutir), indem sie durch die Verkehrtheiten ihrer Handlungen alle Grundsätze zerstören, ohne die der Mensch nicht wert ist, ein Vernunftwesen zu heißen.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Biedermann, Deutschland im achtzehnten Jahrhundert, 2, 144, teilt die obigen Worte Manteuffels aus dessen handschriftlichem, auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichem Nachlasse mit.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ein geschmeidiger Höfling über diese angenehme Sorte von herrschender Klasse, deren nationales Bewußtsein denn in der Tat in nichts anderem bestand, als dem Könige von Frankreich, dem mächtigsten Selbstherrscher des Kontinents, abzugucken, wie er sich räusperte und wie er spuckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glaubt man den »nationalen« Bramarbassen, die im heutigen Deutschland das große Wort führen, so ist die deutsche Ausländerei des siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts ein Ding, an das der richtige Patriot nicht ohne Entsetzen und Schaudern denken darf. Die wissenschaftliche Auffassung, die in dem Geistesleben der Völker nichts als die ideelle Widerspiegelung von Klassenkämpfen sieht, hat dabei aber zwei ganz verschiedene Dinge zu unterscheiden. Die Ausländerei der Fürsten- und Adelsklasse war allerdings eine brutale Verleugnung auch des bescheidensten Nationalbewußtseins; sie war eine aus den schnödesten Interessen des Duodezdespotismus hervorgegangene Äfferei, die für immer einen Schandfleck der deutschen Geschichte bilden wird. Aber diese schamlose Ausländerei hat zu ihrer Verurteilung nicht erst auf die »nationalen« Bramarbasse von heute warten müssen, sie ist schon vollauf durch ernste Zeitgenossen gebrandmarkt worden; von den Klopstock und Lessing, und wie vielen anderen noch! im achtzehnten Jahrhundert zu geschweigen, so sang Logau im siebzehnten Jahrhundert:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverey. Soll&#039;s denn sein, daß Frankreich Herr, Deutschland aber Diener sei? Freies Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Knechterei!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein ganz anderes und geradezu das entgegengesetzte Urteil erheischt die Ausländerei der deutschen Gelehrten. Sie war der erste Versuch aufgeweckter bürgerlicher Elemente, ihre Klasse aus einem bodenlosen Sumpfe zu ziehen. Es gab kein anderes Mittel für diesen Zweck; die Früchte, die das heimatliche Gewächs des orthodoxen Luthertums trug, waren eitel Asche und Staub. Aber es ist ein schwieriges und undankbares Geschäft, einem abgestorbenen Stamme, der aus seinen Wurzeln keine Nahrung mehr zieht, neues Leben einzuhauchen, indem man ihm Zweige von fremden Stämmen einpflanzt. Erst als sich in dem Stamme selbst wieder einiges Leben regte, als die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich ökonomisch ein wenig zu erheben begannen, also etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, begannen die fremden Zweige mit dem heimischen Stamme zu verwachsen. Bis dahin blieb den deutschen Gelehrten nichts übrig, als ihre geistige Nahrung oder gar ihre Heimat im Auslande zu suchen. Und zwar um so mehr, als die in Deutschland herrschende Fürstenklasse die deutsche Bildung entweder mit feindseligen oder mit ganz gleichgültigen Blicken oder aber mit einem sehr zweideutigen Interesse betrachtete, mit dem Interesse nämlich, sie ihrem Duodezdespotismus nützlich zu machen. Sie ließ die deutschen Gelehrten entweder verhungern oder jagte sie über die Grenze oder zog sie an ihre Höfe, und es ist schwer zu sagen, welcher dieser drei Fälle den also Behandelten verhängnisvoller wurde. Unter diesem Gesichtspunkte begreift es sich aber leicht, weshalb die deutschen Gelehrten, die in ihrem Vaterlande blieben, nach Seiten des Charakters mehr oder minder seltsame Heilige wurden, weshalb überhaupt die deutsche »Aufklärung« jenen halben und zweideutigen Charakter bekam, der einem Manne wie Lessing ein Greuel war. Die englische und die französische Philosophie wurzelten in den bürgerlichen Klassen des englischen und des französischen Volkes; dieser Ursprung war ihnen zugleich Schranke und Schutz. Die deutsche »Aufklärung« aber schwebte wurzellos in der freien Luft; nichts hinderte sie, so weit zu gehen, wie »das Licht der Vernunft« leuchtete, aber nichts schützte sie auch, wenn ein Strahl dieses Lichts den Kehricht der Fürstenhöfe gar zu grell beleuchtete; daher jene heuchlerische Mischung von überlegenem Lächeln und frommem Entsetzen, womit die deutschen »Aufklärer« der englischen und französischen »Materialisten und Naturalisten, Atheisten und Spinozisten« zu spotten glaubten und nur ihrer seihst spotteten, sie wußten nicht wie. Ganz hat die bürgerliche Wissenschaft in Deutschland diese häßliche Schwäche ja niemals abgestreift, einfach weil die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich niemals auf ihre eigenen Füße zu stellen gewagt haben. Und seitdem die deutsche Bourgeoisie sich unter die preußischen Bajonette geflüchtet hat, ist jene Schwäche vielleicht in ärgerer Form wieder aufgelebt, als sie jemals früher besaß. Denn es will uns beispielsweise verzeihlicher bedünken, wenn Leibniz neben seinen unsterblichen Verdiensten auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften auch die Schwäche hatte, einem »hohen Gönner« durch seine Monadenlehre die Gegenwart Gottes im Abendmahl auf physikalischem Wege beweisen zu wollen, als wenn die Scherer und Erich Schmidt ohne alle unsterblichen Verdienste die deutsche Geistesgeschichte mit dem preußischen Korporalstocke zu einem unförmlichen Götzenbilde zurechthämmern möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen mußte Sachsen das Vorland für das geistige Wiedererwachen des deutschen Bürgertums werden. Die sächsischen Schulen waren die einzigen oder doch die geeignetsten Organe, womit die bürgerliche Bildung des Auslandes ergriffen werden konnte. Mochten sie durch das orthodoxe Luthertum noch so sehr heruntergebracht sein, mochten die alten Sprachen an ihnen nur noch gelehrt werden, um das Klauben am Buchstaben der Bibel zu ermöglichen, so waren diese Sprachen deshalb nicht weniger der Schlüssel zur Schatzkammer der europäischen Wissenschaft, und vom Ende des siebzehnten bis tief in das achtzehnte Jahrhundert hinein sind die weitaus meisten Träger der deutschen Geistesgeschichte geborene Sachsen gewesen oder doch aus den sächsischen Schulen hervorgegangen. Von Leibniz, Pufendorf und Thomasius bis zu Geliert, Klopstock, Lessing. Ja fast noch weiter hinaus! Mit Goethes und Schillers Eintritt in die sächsische Kultur begann eine neue Epoche in dem Leben dieser Süddeutschen; auch lag Weimar nicht im preußischen Militär-, sondern im sächsischen Kulturkreise, und Karl August war kein Hohenzoller, sondern ein Wettiner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das greift schon über den Rahmen dieser Darstellung hinaus. Dagegen gehört zu unserer Aufgabe ein kurzes Wort über den sozialen Fortschritt, der durch jene beiden Reihen von Namen gekennzeichnet wird. Leibniz, Pufendorf und Thomasius standen bereits auf bürgerlichem Boden. Es war im Interesse der bürgerlichen Klassen, wenn sie die weltliche Wissenschaft aus den Fesseln der Theologie zu erlösen trachteten. Es war in demselben Interesse, wenn der philosophische Optimismus von Leibniz, wieviel sich sonst immer gegen ihn einwenden ließ, die orthodoxe Vorstellung von der Erde als einem Jammer- und Tränental erschütterte. Es war weiter in demselben Interesse, wenn Pufendorf und Thomasius die Ableitung aller bürgerlichen Gesellschaften aus einem Vertrage und das Recht des einzelnen zum Widerstand gegen offenbares Unrecht lehrten, wenn sie den göttlichen Ursprung der Fürstengewalt leugneten und ihren Beifall den in den Niederlanden gegen den Despotismus Jakobs II. erschienenen Schriften spendeten, wenn Thomasius die deutsche Sprache in die Hörsäle der Hochschulen zurückführte. Aber die Bestrebungen dieser Männer fanden in den bürgerlichen Klassen weder eine Stütze noch einen Widerhall. Leibniz war gerade in seinen bleibenden Leistungen mehr ein europäischer als ein deutscher Gelehrter; Pufendorf und Thomasius aber bekannten selbst, ihre Ideen aus Hugo Grotius und Hobbes geschöpft zu haben. Sie alle waren noch vollständig auf die Höfe angewiesen. Leibniz geriet schon zu seiner Zeit in den bösen Ruf, alles beweisen zu können, was Fürsten wünschten; Pufendorf endete als schwedischer und brandenburgischer Hofgeschichtsschreiber; Thomasius hat in seiner späteren Zeit als königlich-preußischer Professor in Halle dem fürstlichen Despotismus die unglaublichsten Zugeständnisse gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen standen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Geliert, Klopstock, Lessing nicht bloß auf bürgerlichem Boden, sondern sie wurzelten schon darin. Geliert war immerhin ein sehr bescheidenes Licht gegen die anderen beiden, aber sein Fabelbuch sammelte die bürgerlichen Klassen zum ersten Male um eine literarische Standarte, und wie devot Geliert für seine Person war, ein erstes leises soziales Grollen des bürgerlichen Selbstbewußtseins klang und klingt doch durch seine harmlosen Reime. Ungleich schroffer und stolzer lebte dies Bewußtsein in Klopstock, dem späteren Sänger der Französischen Revolution, und vor allem in Lessing, der die Fessel jedes höfischen oder staatlichen Amtes verschmähte und in sozialer Freiheit seinem schriftstellerischen Berufe zu leben versuchte. Es war für Deutschland ein unerhörtes Wagnis, und der tragische Ausgang sollte lehren, daß die bürgerlichen Klassen für die Kühnheit ihres Vorkämpfers nicht reif waren, aber dies halb nachlässige, halb trotzige Selbstvertrauen machte den ganzen Lessing aus, gleichviel, ob er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb: »Was tut mir das, ob ich in der Fülle lebe oder nicht, wenn ich nur lebe«, oder als fünfzigjähriger Mann: »Ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen; g&#039;nug; daß ich ihn nicht! selbst umstürzen will!« Es war der schroffste Gegensatz zu der ängstlich-gierigen Philistersorge um eine »Bedienung«, die in den Briefwechseln der Zeit ihren Spuk treibt, und etwas von diesem franken und freien Wesen hat Lessing wohl durch die Schule empfangen. Er besuchte die Fürstenschule in Meißen von 1741 bis 1746! Diese Gelehrtenschulen waren damals bereits etwas aufgetaut von dem orthodoxen Luthertum; weniger durch die Schulfron gekettet als zürn regen Privatstudium angeleitet, im ständigen Verkehre mit hundert und mehr Mitschülern, hat Lessings geselliger und streitbarer, reger und selbständiger Geist in Meißen unzweifelhaft eine wohltätige Zucht erfahren. Wohl suchte er mit Erfolg die vorgeschriebene Schulzeit um ein Jahr abzukürzen, und wohl spottete er später über die Pedanterie einzelner Lehrer, deren Streben weniger dahin ginge, »vernünftige Menschen als tüchtige Fürstenschüler zu bilden«, aber er rühmte oft von der St. Afra, daß er es ihr zu danken habe, wenn ihm »etwas Gelehrsamkeit und Gründlichkeit zuteil geworden sei«, und in einer fast wehmütigen Stimmung, wie sie ihn selten anwandelte, schrieb er mitten im Kampfe des Lebens: »Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studierte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Lessing. Wie anders aber fielen die Lose eines Mannes, der mit Lessing in Anlagen und Neigungen so manche Ähnlichkeit hatte, dessen Name so oft mit dem seinen zusammen genannt werden sollte, fielen die Lose Winckelmanns! Mehr als drei Jahrzehnte irrte dieser Unglückliche, »das Land der Griechen mit der Seele suchend«, durch die Wüste der brandenburgischen Barbarei; als Schüler und als Lehrer geplagt von einem heißen und niemals gestillten Wissenshunger; immer auf der Landstraße, um hier einen Brocken Griechisch zu erhaschen und dort einen alten Lateiner zu exzerpieren; in anderthalb Tagen elf Meilen auf grundlosen Wegen marschierend, um sich irgendeinen Schmöker zu leihen, den er dann, nachdem er sich den Tag über mit rohen und störrischen Kindern geplagt hatte, in der Nacht studierte; jahrelang mit zwei oder drei Stunden Schlaf sich begnügend; zu allem Überflusse noch von den Schikanen und Drohungen eines bösartigen Pfaffen verfolgt, denn in diesen Staaten konnte jeder nach seiner Fasson selig werden; endlich schon in dumpfer Resignation verzweifelnd, als ihm ein Zufall die Tür nach Sachsen öffnete. Was Wunder, daß er, aufjubelnd wie ein von allen Höllenqualen Erlöster, den preußischen Staub von seinen Pantoffeln schüttelte! Aber als er mit einunddreißig Jahren in Sachsen ein neues Leben begann, stand er mit dem wüsten Chaos seiner wild zusammengerafften Kenntnisse schwerlich über dem Lessing, der mit siebzehn Jahren die Universität Leipzig bezog. In dem Kulturlande Sachsen wandte sich Winckelmanns Schicksal freilich schnell zum Guten, ja zum Glänzenden, aber die traurige Verwüstung seiner Jugend hat ihn doch gehindert, mehr als ein Spätling der Humanisten zu werden, und Lessing wußte wohl, weshalb er, selbst am Hungertuche nagend, über Winckelmann schrieb: »Niemand kann den Mann höher schätzen als ich, aber dennoch möchte ich ebenso ungern Winckelmann sein, als ich oft Lessing bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man wird jetzt aber verstehen, wie verlockend Winckelmanns Schicksal auf Lessing wirken mußte, so daß er flugs seiner sächsischen Heimat »entlief«, um in Berlin den »entscheidenden Anstoß« zu erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Lessing und die Universität Leipzig ==&lt;br /&gt;
In den Jahren 1746 bis 1748 studierte Lessing auf der Universität Leipzig. Im Jahre 1754 aber schrieb er an Michaelis, man setze ihn in große Verlegenheit, wenn man ihn frage, was er studiert habe. Er ist niemals das gewesen, was man ein »liederliches Genie« zu nennen pflegt, obschon er immer das Gegenteil eines Philisters war. Als blutarmer Jüngling bereits fand er es »ärgerlich«, so viele Poeten und Poetlein »so bitter, so ausschweifend, so verzweifelnd über ihre in Vergleichung anderer noch sehr erträgliche Armut wimmern« zu hören. Ihm war diese faule und feige Sentimentalität, die« gemeiniglich, so stark sie bis auf diesen Tag in der deutschen Literatur und Literaturgeschichte gewuchert hat, ein ideologisches Mäntelchen für die Faulheit und Feigheit der bürgerlichen Klassen gewesen ist, völlig fremd. Eine echte Kämpfernatur scheut Entbehrung und Not nicht, wenn sie nur den Kampf findet; nach mehrmonatlichem Büffeln entdeckte der achtzehnjährige Lessing, »die Bücher würden ihn wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen«, und er entschloß sich, »ebensoviel in der Welt und in dem Umgange der Menschen zu studieren als in Büchern«. Nichts fesselnder als die Art, in der Lessing zwei Jahre später, als sein Entschluß zunächst mit einem großen Krach geendet hatte, ihn dennoch vor seinen erbitterten Eltern verteidigt. Er schreibt: »Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott, was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und anderen gewahr! Eine bäuersche Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sitten und Umgange, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir bei meiner eigenen Beurteilung übrigblieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war, mich hierinne zu bessern, es koste was es wolle. Sie wissen selbst, wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen; ich kann auch also das Gute von mir «sagen. Ich kam in diesen Übungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir in voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßen bewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich heftig. Mein Körper war ein wenig geschickter geworden, und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen.« So will Lessing seinen »ganzen Lebenslauf auf Universitäten abmalen«, und einen wie zweifelhaften Genuß dies Gemälde seinen ängstlichen Eltern bereitet haben mag: Uns kann darnach die Frage, was er studiert hat, nicht mehr in große Verlegenheit setzen. Er wollte auf der Universität leben lernen, und seitdem es für Hutten eine Lust war, in dem Deutschland des sechzehnten Jahrhunderts zu leben, hatte kein Deutscher wieder einen so einfachen Entschluß mit so instinktiver Klarheit und Sicherheit gefaßt wie Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leipzig war damals aber nicht nur die geeignetste, sondern geradezu die einzige deutsche Stadt, wo ein Sprößling der bürgerlichen Klassen eine Handvoll Lebensluft schöpfen konnte. Zwar die preußischen Geschichtsschreiber wissen es wieder einmal besser; um nur einen herauszugreifen, so erzählt Treitschke, die Hohenzollern seien »von alters her«, obendrein noch »nach gutem deutschen Fürstenbrauche«, für die »idealen Aufgaben des Staatslebens treu besorgt gewesen«, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts hätte »Deutschlands wiedererwachende Kunst und Wissenschaft in dem rauhen Brandenburg ihre Heimat« gefunden. »Die vier reformatorischen Denker des Zeitalters, Leibniz, Pufendorf, Thomasius, Spener, wandten sich dem preußischen Staate zu. Die neue Friedrichs-Universität zu Halle ward die Zufluchtstätte freier Forschung, übernahm für einige Jahrzehnte die Führung der protestantischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wissenschaft.« Nun ist es vollkommen richtig, daß um die Wende des Jahrhunderts das verknöcherte Luthertum in Sachsen noch mächtig genug war, jene vier Männer aus dem Lande zu beißen, von denen beiläufig der Pietist Spener sich den Ruhmestitel eines »reformatorischen Denkers« unbekannt wo erworben hat. Aber es ist vollkommen unrichtig, zu sagen, daß sich die Viere von dem »Idealismus« des preußischen Staats angezogen gefühlt hätten wie das Eisen vom Magnet. Leibniz hat sich an dem, wie er sich unehrerbietig genug ausdrückte, »liederlichen« Hofe von Berlin überhaupt nur zeitweise aufgehalten, auf Veranlassung seiner welfischen Gönnerin Sophie Charlotte, die ihrerseits auch nur mit mäßiger Befriedigung die Rolle der ersten preußischen Königin spielte. Pufendorf lebte an zehn Jahre in der Pfalz und an zwanzig Jahre in Schweden, ehe er am Abend seines Lebens nach Berlin berufen wurde, um gegen das artige Honorar von zehntausend Talern ein offiziöses Geschichtswerk über den Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu schreiben. Immerhin muß es als ein bescheidenes Verdienst des »rauhen Brandenburg« um die »wiedererwachende Kunst und Wissenschaft« betrachtet werden, daß Pufendorf nach vollbrachter Arbeit sein Honorar mit Mühe und Not in einzelnen Raten erhielt und daß der bei seinem Tode noch ausstehende beträchtliche Rest seiner in großer Dürftigkeit lebenden Witwe vorenthalten wurde, sosehr der verschwenderische Hof Friedrichs I. das Land aussog und ungeheure Summen an allerlei Abenteurer und Gauner verschwendete.&amp;lt;ref&amp;gt;König, Versuch einer Geschichte Berlins, 3, 346.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des weiteren war die Universität Halle weder eine »Zufluchtstätte freier Forschung«, noch sollte sie es sein. Sie wurde 1694 vornehmlich aus zwei Ursachen gegründet. Erstens mußte der brandenburgische Militärstaat aus schon entwickelten Gründen eine gewisse Duldung der Konfessionen beobachten und konnte so »sektiererische und gegen andersdenkende Bürger kriegerische« Geistliche nicht gebrauchen, wie sie auf den altlutherischen Universitäten Leipzig und Wittenberg gebildet wurden. Diesen sächsischen Hochschulen sollte in dem preußischen Halle ein militärfrommes Luthertum auf die Nase gesetzt werden. Ferner aber brauchte jener sich eben als ein Königreich entpuppender Militärstaat nachgerade ein besonderes Staatsrecht, die juristische Kodifikation seiner ökonomischen Lebensbedingungen drängte um so mehr, als auf den deutschen Universitäten noch ein ideologisches Schattenbild von Kaiser- und Reichsrecht umherspukte, mit dem die künftigen preußischen Beamten doch lieber erst gar nicht bekannt wurden. Ermöglicht aber wurde die Gründung der Universität Halle durch die Aufnahme des Christian Thomasius und der Pietisten in Preußen. Nur daß diese Aufnahme mit »freier Forschung« und dergleichen schönen Dingen wirklich auch gar nichts zu tun hatte. Der Pietismus war nichts als die religiöse Widerspiegelung des grauenvollen Elends, das der Dreißigjährige Krieg über die Nation gebracht hatte; durch ihn erklärten sich die bürgerlichen Klassen vor aller Welt für bankerott, sie wollten gar nichts mehr mit der Erde, sondern nur noch etwas mit dem Himmel zu tun haben. Insofern trat der Pietismus in einen gewissen Gegensatz zu dem Luthertum, das den bürgerlichen Klassen wenigstens noch die eine irdische Aufgabe zuwies, ein Fußschemel der fürstlichen Herrlichkeit zu sein. Allein sobald die bürgerlichen Klassen sich wieder ein wenig auf Erden umzusehen begannen, mußte der Pietismus ein fast noch beschränkterer Gegner dieser »freien Forschung« und in weiterer Folge – da er trotz seiner Verhimmelung nun doch einmal nicht über die Blitze des Himmels verfügen konnte – ein fast noch devoterer Fürstenknecht werden, als die lutherische Orthodoxie jemals gewesen war. Dieser bedingte Gegensatz zum Luthertum erklärt sowohl das zeitweilige Bündnis des Pietismus mit dem Aufklärer Thomasius wie auch die. Berufung beider sonst sehr verschiedener Parteien an die Universität Halle. Denn der frische und kecke Kampf, den der junge Thomasius in Leipzig gegen die pedantischen Perücken einer versteinerten Gelehrsamkeit geführt hatte, empfahl ihn in Berlin nicht im entferntesten. Ein ganz anderer Anlaß lenkte die Aufmerksamkeit des preußischen Hofes auf ihn. Der lutherische Herzog von Sachsen-Zeitz hatte eine reformierte Gemahlin genommen, die verwitwete Herzogin von Mecklenburg-Güstrow, eine Schwester des Kurfürsten (späteren Königs) Friedrich von Brandenburg, mit der Zustimmung ihrer, aber gegen den Wunsch seiner Familie. Nun waren aber auch die lutherischen Zionswächter im Preußischen und im Sächsischen über die konfessionell gemischte Ehe in höchste Aufregung geraten, was dem preußischen Hofe ebenso unwillkommen war wie dem sächsischen Hofe willkommen. In Preußen nahm die Sache ein schnelles Ende, indem der Kurfürst Friedrich den lutherischen Propst Müller in Magdeburg, der gegen die Ehe verschiedener Glaubensgenossen als unchristlich geschrieben hatte, und zwar ohne jene fürstliche Ehe selbst anzugreifen, einfach in der Festung Spandau eintürmen ließ! In Sachsen dagegen fuhr Thomasius den lutherischen Eiferern in die Parade, indem er die angefochtene Ehe als göttlichem und menschlichem Rechte gemäß erklärte. Darauf verbot ihm der Kurfürst von Sachsen bei zweihundert Talern Strafe Vorlesungen und Schriftstellerei, und nunmehr begab sich Thomasius nach Berlin, wo er als Verfechter eines hohenzollernschen Hausinteresses günstig aufgenommen und in Halle als freundnachbarlicher Konkurrent seiner ehemaligen Leipziger Kollegen angesiedelt wurde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Für die preußische Geschichtsschreibung ist es kennzeichnend, daß Stenzel, Geschichte des preußischen Staates, 3, 55, das »Andenken des freisinnigen Fürsten« feiert, der durch die Aufnahme von Thomasius gezeigt habe, »daß er hoch über denen stand, die solche Männer verjagten«. Dabei berichtet Stenzel nicht ganz drei Seiten vorher, gleich als verstünde es sich von selbst, daß der brandenburgische Kurfürst seinen Thomasius, den Propst Müller, der in Brandenburg genau dasselbe »Verbrechen«, einen Widerspruch gegen die Ansicht seines angestammten Fürsten, begangen hätte wie Thomasius in Sachsen, zwar nicht »verjagt«, aber dafür ohne alles Federlesen in Spandau eingekerkert hatte. Bei alledem wäre es ungerecht, zu verkennen, daß Stenzel, der vor fünfzig Jahren schrieb, eine Leuchte unabhängiger Gesinnung ist, verglichen mit den heutigen preußischen Historikern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begreiflicherweise konnte die neue Universität Halle nur bestehen, indem sie sich den Lebensbedingungen des preußischen Militärstaats anpaßte. Es war noch das beiläufigste Item, daß der alte Dessauer mit seinem Regimente in Halle lag und in seinem Zentaurenhasse gegen Bildung und Wissenschaft Professoren und Studenten nach Möglichkeit kujonierte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vor diesem Helden des friderizianischen »Heldenheeres« nahm sogar »Grenadier« Gleim Reißaus. Er war dem Fürsten von Dessau 1745 als Stabssekretär beigegeben, ging aber schleunigst von dannen, als er sah, daß der Fürst einen ganz unschuldigen, mit guten Pässen reisenden Juden einfach als »Spion« aufknüpfen ließ. Körte, Gleims Leben, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwerer als diese äußeren Bedrängnisse fiel der geistige Verfall ins Gewicht, dem Thomasius und die Pietisten in einem so banausischen Lande unterlagen, wie damals Preußen war. Thomasius gab in Halle die Monatsschrift auf, womit er in Leipzig so treffliche Streiche geführt hatte, dagegen entwickelte er in seiner »Hofphilosophie« sehr unphilosophische Grundsätze über das äußere Fortkommen im Leben und die Protektion der Vornehmen. Er lehrte in einem Gutachten der Hallischen Juristenfakultät: »Das odium in concubinas« muß bei großen Fürsten und Herren zessieren, indem diese allein Gott von ihren Handlungen Rechenschaft geben müssen, hier nächst eine concubina etwas von dem splendeur ihres Amanten zu überkommen scheint.« Er nannte es »unverschämt«, wenn die Geistlichen auch gegenüber Fürsten ihr Recht, zu binden und zu lösen, geltend machen wollten, und erkannte gegen die braunschweigischen Hofprediger, die einer Prinzessin hartnäckig abrieten, zum Zweck einer österreichischen Heirat katholisch zu werden, »wegen solcher Auflehnung wider den Landesherrn als Bischof« auf Kerker und Landesverweisung. Ja, Thomasius sprach sogar über seine Vertreibung aus Sachsen ein rechtfertigendes Urteil, indem er ausführte: Ein Fürst, obwohl es ihm nicht zustehe, einen Ketzer mit weltlicher Strafe zu belegen, könne doch einem solchen Menschen anbefehlen, das Land zu verlassen, nicht anders, wie ein Hausvater einem Knechte, der ihm nicht anstehe, weil er sich etwa in seinen Humor nicht schicke, aufsagen könne. Ob Thomasius an der denunziatorischen Intrige beteiligt gewesen ist, die zur Vertreibung des Philosophen Wolff aus Preußen führte, muß dahingestellt bleiben; Wolff selbst behauptet es, doch kann sein Zeugnis allein nicht entscheiden; jedenfalls hat Thomasius zu dem rohen Gewaltakte geschwiegen. Dagegen waren die Pietisten in erster Reihe an der jammervollen Machenschaft beteiligt, und der Pietist Francke pries die Flucht Wolffs und seiner hochschwangeren Frau auf der Kanzel als ein gerechtes Strafgericht Gottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist dieser Wolffische Handel in vielfacher Beziehung sehr lehrreich für die damaligen Zustände im Preußischen. Wolff war ein seichter Modephilosoph, der in seiner »Moralphilosophie« ähnliche duckmäuserische Ansichten vertrat wie Thomasius in seiner »Hofphilosophie«, indessen er hatte in jener sich mählich aus dem theologischen Joche loslösenden Zeit großen Zulauf. Aus Angst um die galoppierende Schwindsucht ihrer Kollegiengelder ließen die Theologen in Halle dann dem Könige Friedrich Wilhelm I. den schon erwähnten Humbug einblasen, nach Wolffs Grundsätzen dürften Deserteure nicht bestraft werden. Die sofortige Vertreibung Wolffs durch den König befriedigte nun zwar die milden Gemüter der theologischen Denunzianten, aber in weit geringerem Grade ihre hungrigen Geldbeutel, denn der Besuch einer unter so milden Himmelsstrichen gelegenen Universität nahm sofort ab. Auch der König merkte zu seinem Schrecken diese Folge seines Befehls an dem sinkenden Ertrage der Akzise.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Stiftungsfonds der Universität Halle betrug 3500 Taler und wurde später auf 7000 Taler erhöht. Dagegen war der Ertrag der Akzise, der vorher noch nicht 20 000 Taler betragen hatte, nach der Gründung der Hochschule auf 32 000 Taler gestiegen, so daß die Universität dem Staate weit mehr eintrug als kostete. Hofbauer, Geschichte der Universität Halle, 63.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nun offenbar der ja auch ganz plausiblen Meinung, daß es schwieriger sei; ohne Geld Rekruten zu werben, als geworbene Rekruten trotz Wolffs Philosophie unter der Fuchtel zu halten. So befahl er denn den Kandidaten der Theologie, die eben erst bei Karrenstrafe verbotenen Schriften von Wolff eifrig zu studieren, und bemühte sich auf alle Weise, Wolff wieder ins Land zu locken. Wolff scheute als gebranntes Kind aber das Feuer, und sein Gönner Manteuffel, dessen Rat er sich erbat, wußte ihm auch nur, zu antworten: »Jeder Untertan in diesem Lande, wes Standes er immer sei, wird als ein geborner Sklave betrachtet, über den der Herr nach Gutdünken verfügen kann. Alle Welt ist überzeugt, daß man alle Gelehrten verjagen und alle Universitäten zerstören würde, wenn man sich davon Profit verspräche. Man liebt die Gelehrten nur soweit, als sie zur Vermehrung der Akziseeinkünfte dienen können.« Wolff kam erst nach der Thronbesteigung Friedrichs II. zurück, um nunmehr zu zeigen, daß er der beste Bruder auch nicht war. Als die Universität Halle im Jahre 1745 um Abschaffung der Komödianten gebeten hatte, weil sich die Studenten im Theater zu prügeln pflegten, verfügte der Philosoph von Sanssouci: »Da ist das geistliche Muckerpack schuldt daran, sie Sollen spillen und Hr. Francke es war der jüngere Francke) oder wie der Schurke heisset, Sol darbei Seindt, umb die Studenten wegen seiner Närischen Vorstehlung eine öffentliche Reparation zu thun, und mihr Sol der atest vom Comedianten geschicket werden, das er dargewesen ist.« Und also geschah es. Es ging nun das Gerede, der akademische Senat wolle gegen diese Unbill protestieren. Aber auf eine Anfrage des Grafen Manteuffel erklärte Wolff, davon wisse er nichts, und in keinem Falle werde er sich an einem solchen Proteste beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwägt man, daß Halle, auch nach Lessings Ansicht, immerhin die beste der preußischen Universitäten war und daß die Wolffiade sich beinahe noch als ein ehrwürdiger Geisteskampf ausnimmt, verglichen mit den Narrenspossen, die Friedrich Wilhelm I. mit den Professoren in Frankfurt a. O. trieb, so tritt die Bedeutung Leipzigs für das Wiedererwachen des bürgerlichen Selbstbewußtseins erst in das rechte Licht. Die Stadt hatte sich als erster Handelsplatz des Reichs eine fast republikanische Unabhängigkeit errungen; sie durfte mit keiner Garnison belegt werden; ihr reger Meßverkehr gab ihrer Bürgerschaft einen helleren und weiteren Blick, als er dem deutschen Pfahlbürgertum der damaligen Zeit sonst eigen war und eigen sein konnte. Von dieser verhältnismäßig hohen ökonomischen Entwicklung zogen die geistigen Interessen den entsprechenden Gewinn. Schon als Sitz des deutschen Buchhandels war Leipzig zugleich eine intellektuelle und ökonomische Macht. Aber, auch die Universität Leipzig stand weitaus an der Spitze der deutschen Hochschulen. Sie hatte sich die Unabhängigkeit einer mittelalterlichen Korporation zwar mit ihren Schatten-, aber auch mit ihren Lichtseiten erhalten. Mochte sie gelegentlich auch unter fürstlicher Willkür leiden, so waren ihre Lehrer doch viel zu gewichtige Männer und standen viel zu fest in ihren Schuhen, als daß der Dresdener Hof sie nach preußischem Vorbilde wie Schalksnarren hätte behandeln dürfen. Auch gebietet die Gerechtigkeit anzuerkennen, daß den Wettinern die Neigung dazu im allgemeinen fernlag. Nicht zwar, als oh wir uns in die intimen Streitigkeiten zwischen den preußischen und sächsischen Geschichtsschreibern mischen wollten; wir stehen nicht auf dem Standpunkte, daß Fürstengeschlechter die Geschichte machen, sondern wir meinen, daß diesen Geschlechtern ihre historische Rolle von der geschichtlichen Entwicklung vorgeschrieben wird. Ist dem aber so, dann läßt sich nicht verkennen, daß den Wettinern auf dein Gebiete der Kultur eine immerhin erfreulichere Rolle zugefallen war als den Hohenzollern auf dem Gebiete des Militarismus. Durch die Reihe jener vererbte sich seit der Reformation ein gewisses Interesse an der Kunst, durch die Reihe dieser ein großes Interesse an der Soldateska! Weder jenes noch dieses war freie Wahl, sondern eine Folge der Verschiedenheit, die zwischen den von den Hohenzollern und den Wettinern regierten Ländern bestand. Als Herrscher von Sachsen würden die Hohenzollern einige Vorliebe für die Kunst, als Herrscher von Brandenburg die Wettiner innige Zärtlichkeit für den Militarismus bekundet haben. Diese Sachlage ist so einfach und so klar; sie entbehrt zudem so sehr jeder allgemeinen Bedeutung, daß wir sie gar nicht berührt haben würden, wenn nicht auch in diesem Punkte die Lessing-Legende richtigzustellen wäre. Allen Respekt vor der sittlichen Entrüstung über die Verschwendung der sächsischen Auguste, aber die Wohlfeilheit hat auch nie zu den Tugenden des preußischen Militarismus gehört, und vielleicht ist die Dresdener Gemäldegalerie ein ebenso wirksamer Hebel deutscher Kultur gewesen wie der Stock, mit dem die preußischen Friedriche ihre Soldaten drillten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi schreibt in seiner Winckelmann-Biographie, 1, 253: »Es sei ferne, Verdammungsurteile abschwächen zu wollen, welche die Geschichte längst gefällt hat, aber wenn man die ewig sich wiederholenden Tiraden von Demagogen, Frömmlern und Hofdemagogen hört, so kann man fragen: Hat Karl XII. nicht Schweden tiefer ins Verderben gerissen als die beiden August Sachsen, und noch dazu, ohne eine Spur zu hinterlassen?« Recht gut soweit, aber weshalb nach Schweden schweifen? Es gibt nähergelegene Parallelen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, Leipzig war ein Ort, wo man, wie Lessing seiner Mutter schrieb, »die ganze Welt im Kleinen sehen« konnte. Oder wie wir heute sagen möchten: die ganze bürgerliche Welt auf dem höchsten Punkt ihrer damaligen Entwicklung. Mit ihrem geistigen Gehalte mußten sich die Klopstock und die Lessing erst durchdringen, wenn sie wirkliche Führer der bürgerlichen Klassen werden wollten, wie sie es denn geworden sind. Beide lebten gleichzeitig in Leipzig, ohne sich zu berühren. Möglich, daß nur ein Zufall sie voneinander fernhielt, aber dann gilt von diesem Zufalle Wallensteins Wort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es gibt keinen Zufall! Und was ein blindes Ohngefähr uns dünkt, Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeder von beiden, Klopstock wie Lessing, lebte in Kreisen, die sich nicht schnitten. Klopstock war mit einem fertigen Lebensplane von der Schule gekommen; er warf, wie Danzel mit einem allzu harten, aber nicht völlig unwahren Worte sagt, der Nation die ganze Unreife seiner zwanzigjährigen Primanerexistenz ins Gesicht; in einem Sinne war er früh fertig, in einem andern Sinne ist er niemals fertig geworden; als Jüngling schon gewann er glänzenden Ruhm, den er dann ein langes Leben hindurch nur langsam erbleichen sah. Wie hoch stehen die ersten Gesänge des Messias über den hölzernen Theaterstücken, mit denen Lessing begann, aber wie schnell und wie weit ist Klopstock hinter Lessing zurückgeblieben! Der Grund ihrer verschiedenen Schicksale liegt nicht in der verschiedenen Art ihrer Begabung, denn die hätte sie nicht [zu] hindern brauchen, auf verschiedenen Gebieten in gleicher Höhe zu marschieren, sondern in der verschiedenen Stärke ihres Klassenbewußtseins. So frisch und keck auch Klopstock in das Leben sah, sowenig es ihm an bürgerlichem und nationalem Stolze fehlte, so blieb er doch noch immer in dem deutschen Philistertum stecken. Es war in jedem Sinne eine Schulaufgabe, ein ganzes Leben an ein religiöses Epos zu setzen, und nur ein verkümmertes, den Schein für das Wesen nehmendes Klassenbewußtsein konnte ihn auf das Muster Miltons führen. Freilich war Milton auch ein Herold der bürgerlichen Klassen, aber den englischen Puritanern war die Religion die ideologische Widerspiegelung gewaltiger Klassensiege, während sie den bürgerlichen Klassen in Deutschland nichts als das ideologische Symbol eines Despotismus sein konnte, dem eben diese Klassen seit zwei Jahrhunderten ihre politisch-soziale Vernichtung verdankten. So wurde Miltons Epos ein unsterbliches Gedicht, während Klopstocks Messiade nach der ersten aufflammenden Begeisterung über das dichterische Talent, das aus ihr sprach und das wohl als schönes Pfand wiederauflebender Bürgerkraft gelten konnte, einer schnellen Vergessenheit anheimfiel. Klopstock hat nach diesem ersten großen Mißgriffe niemals wieder die rechte Fühlung mit seiner Klasse gewonnen. Zwar ist es sehr töricht, wenn Scherer ihn rüffelt; weil er nicht den König Friedrich, sondern Hermann den Cherusker und Heinrich den Vogler als nationale Helden gefeiert habe, denn Friedrich war im günstigsten Falle ein Vertreter der nationalen Zweiheit, während Hermann und Heinrich immerhin Vertreter der nationalen Einheit waren. Aber diese geschichtlichen Gestalten konnten den aufstrebenden bürgerlichen Klassen nicht mehr als blutlose Schemen sein, und aus dem Leben dieser Klassen selbst hat Klopstock nie seine dichterischen Stoffe entnommen. Nur der Greis hat noch einmal in den Oden auf die Französische Revolution ein beredtes Zeugnis für seinen sozialen Ursprung abgelegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ganz anders Lessing! Er kam ohne jeden fertigen Lebensplan auf die Universität, und es scheint fast, als ob er wirklich die ersten paar Monate auf einen ehrsamen Theologen losgebüffelt hätte. Aber das großstädtische Treiben weckte sein Klassenbewußtsein, und alles, womit er es nähren konnte, sog er mit klammernden Organen aus dem Leben der Stadt, in der damals das bürgerliche Leben des Reichs die verhältnismäßig höchste Entwicklung erreicht hatte. Kein Zweifel, daß Lessing nach seinen Anlagen weit mehr zum Gelehrten als zum Dichter geschaffen war! Er seihst hat sich in der Hamburgischen Dramaturgie mit bescheiden-stolzen Worten den Namen eines Dichters abgesprochen, und niemand hätte so aberweise sein sollen, dies Bekenntnis anzufechten. Wer mag heute noch die kleine Poesie seiner jungen Jahre lesen, das »anakreontische Gegängel«, worin er mit einem Gleim um die Wette »kinderte«; die Sinngedichte, in denen das meiste und oft auch das Beste fremden Mustern entlehnt ist; die Bruchstücke von Lehrgedichten, die nach Form und Inhalt schwerfällig, aber nicht schwer, seicht, aber nicht klar sind. Es ist wahr: Die Zeit war noch so geistig arm, daß sogar diese dürftigen Versuche ihrem Verfasser den Ruf eines namhaften Dichters eintrugen, aber er selbst hat nicht über seine frühesten Schaffensjahre hinaus seine Kraft an solchem Quarke verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielmehr alles, was ihn auszeichnete, wies ihn auf die gelehrte Laufbahn hin: sein scharfer und tiefer Verstand, die kühne und rasche Beweglichkeit seines Geistes, seine dialektische und kritische Begabung, die nie verhehlte Freude auch an dem Kleinkrame, dem Handwerkszeuge der wissenschaftlichen Forschung, das unverkennbare Behagen an oft noch mehr gewagten als scharfsinnigen Konjekturen. Trotzdem war er ebenso schnell wie über das Pastorieren über das Professorieren hinaus; er hat schon in Leipzig jenen Abscheu gegen die zünftige Gelehrsamkeit eingesogen, der ihm all sein Lebtag treu geblieben ist. Von der Gelehrsamkeit ging er zur Dichtkunst über; von einem Gebiete, auf das ihn alles zu locken, auf ein Gebiet, von dem ihn alles zu schrecken schien. Aber was den Schein einer verhängnisvollen Selbsttäuschung trug, das war tatsächlich ein unbeirrbarer Klasseninstinkt. Die Universität Leipzig bot dem jungen Lessing zwar mehr, als ihm jede andere deutsche Hochschule geboten haben würde, und was er ihren frischeren Kräften, den Philologen Ernesti und Christ, dem Mathematiker Kästner verdankte, ist in seiner späteren Entwicklung wohl erkennbar. Aber es war doch nur wenig im Verhältnis zu dem, was ihm das Leben selbst bot. Auch an dieser Universität herrschte noch eine verstaubte und vertrocknete Gelehrsamkeit vor; das Joch des Luthertums war erschüttert, aber nicht gebrochen; ein widerwärtiges Cliquen- und Nepotenwesen wucherte unter der pedantischen Steifheit der ellenhohen Perücken. Das Katheder war, alles in allem, ebenso eine Vorburg des fürstlichen Despotismus wie die Kanzel. Nicht in Lessing allein dämmerte damals die Erkenntnis auf, daß die von den herrschenden Klassen bevorrechteten Genossenschaften der Gelehrsamkeit niemals die geistigen Führer der unterdrückten Klassen sein können; fast alle, sagt Voltaire, welche die Wissenschaften auf neue Wege gebracht haben, waren Privatgelehrte, die fern von Ehrsucht und Stellen, fern von Akademien, Höfen und der großen Welt auf ihrem Zimmer ihren Gedanken nachhingen. Auf dem Gebiete der Philosophie und Theologie, der Rechts- und Staatswissenschaft lagen die Fußangeln des fürstlichen Despotismus; unter seinem bleiernen Joche war längst alles politische Leben erstickt; die schöne Literatur bot einstweilen den einzigen Kampfplatz, auf dem die bürgerlichen Klassen um ihre soziale Emanzipation ringen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch sie hatte in Leipzig ihren Mittelpunkt; Lessing selbst sagt später einmal, nirgend lerne es sich so leicht wie auf dieser Akademie, ein Schriftsteller zu werden. Ihn selbst aber leitete auf literarischem Gebiete sein Klassenbewußtsein sofort wieder auf den entscheidenden Punkt. Seine lyrischen Sachen blieben beiläufige und schnell vergessene Abfälle; das Theater aber nahm den ganzen Menschen in Beschlag und hat ihn nie wieder losgelassen. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, konnte sich die bürgerliche Welt mit dem Scheine des Lebens entfalten; hier konnte sie vor allem Volke die Fragen erörtern, die ihr Inneres bewegten; die Schaubühne war Kanzel und Katheder zugleich für die bürgerlichen Klassen. Sie wurde beides vor allem für Lessing. Er war an sich dramatischer Dichter so wenig wie Dichter überhaupt. Von seinen zahllosen dramatischen Plänen ist wenig vollendet worden, und dies wenige reifte erst im Laufe von Jahren, ja, wie Emilia Galotti und Nathan, erst im Laufe von Jahrzehnten. Das Studium seiner Entwürfe zeigt, wie wahr er seine dramatische Tätigkeit schildert, wenn er an der schon erwähnten Stelle der Dramaturgie schreibt: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen emporschießt. Ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachteile der Kritik etwas las oder hörte; sie soll das Genie ersticken, und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahekommt.« Nicht ein poetischer, sondern ein sozialer Instinkt trieb den jungen Lessing auf die Bühne, wie denn der todesmatte Kämpfer, dem jeder andere Kampfplatz verschlossen worden war, zur Bühne als seiner »alten Kanzel« seine letzte Zuflucht nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So lernte Lessing in Leipzig leben. Derweil Klopstock in poetischen Visionen den Himmel geöffnet sah und in einem engen Kreise gleichgesinnter Genossen sich schon einen ersten Anflug hohenpriesterlicher Würde zulegte, verarbeitete Lessing alles, was ihm Leben und Wissenschaft entgegenwarf, zu einer Komödie und tummelte sich munter unter dem leichten Völkchen der Bühne. Auch darin ist er ein richtiger sozialer Rebeller gewesen, daß er mit den Parias der Gesellschaft von damals, Juden, Schauspielern und Soldaten, allemal am liebsten verkehrte. Aber so schwach, wie das Klassenbewußtsein des Bürgertums noch war, so leicht gezimmert, war auch noch das Brettergerüst seiner Szene. Die Bühne der Neuberin, an der Lessing dichten und leben lernte, brach zusammen und begrub den jungen Kämpfer unter ihren Trümmern. Lessing floh vor seinen Gläubigern aus Leipzig, zur selben Zeit, als Klopstocks Messias wie ein heller Morgenstern am geistigen Horizonte der bürgerlichen Klassen aufstieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Berlin im achtzehnten Jahrhundert ==&lt;br /&gt;
Nach seiner Flucht aus Leipzig wandte sich Lessing zunächst nach Wittenberg, der anderen sächsischen Universität, wo er im August 1748 als Student der Medizin eingeschrieben wurde. Es scheint indes, daß seine Gläubiger ihn auch hierher verfolgt haben; jedenfalls siedelte er noch vor Schluß des Jahres nach Berlin über. Er vollzog damit aber keineswegs eine »Option für Preußen«, einen »entscheidenden, tief begründeten Schritt«, wie Herr Erich Schmidt unter gewaltigem Aufwande patriotischer Redensarten behauptet. Vielmehr vertrieb ihn aus Sachsen seine finanzielle Misere, und wenn er von nun an auf eigenen Füßen stehen wollte, was um so mehr seine Absicht war, als er der Armut seiner Eltern weitere Opfer für seine Universitätsstudien nicht zumuten mochte, so mußte er sein Heil in einer großen Stadt versuchen. Denn wenn überhaupt, so konnte er nur in einer solchen auf literarische Anknüpfungspunkte hoffen. Für diesen Zweck lag ihm aber Berlin am nächsten, namentlich auch deshalb, weil sein Jugendfreund und Vetter Mylius eben aus Leipzig nach Berlin übergesiedelt war, um die Redaktion der »Berlinischen privilegierten Zeitung« zu übernehmen, derselben Zeitung, die heute unter dem Namen der »Vossischen Zeitung« bekannt ist und der Kürze wegen gleich so genannt werden mag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst freilich konnte sich Berlin mit Leipzig in keiner Weise messen, es sei denn an Einwohnerzahl, die bei Lessings Einzug in die preußische Hauptstadt sich bereits auf mehr als hunderttausend Köpfe belief. Berlin und Leipzig vertraten mit in erster Reihe zwei sehr voneinander verschiedene Kategorien deutscher Städte. Eine unparteiische Zeugin, Lady Montague, 1716 durch Deutschland reiste, vergleicht die Handelsstädte wie Leipzig mit holländischen Hausfrauen, die von einem gewissen sauberen und soliden Wohlstande umgeben seien, während sie als gemeinsamen Charakterzug der Residenzstädte wie Berlin eine gewisse schäbige Eleganz, eine aufgeputzte Unsauberkeit und Armut, namentlich in den höheren Klassen, nennt. Nach ihrem Ausdrucke glichen diese Städte geschminkten und frisierten Freudenmädchen mit Bändern in den Haaren und Silbertressen auf den Schuhen, aber in zerrissenen Unterröcken. Das Urteil klingt hart, doch ist es nach allen sonstigen Zeugnissen nicht ungerecht. Derartige Städte waren meist künstliche, parasitische Schöpfungen, bestimmt, der fürstlichen Allmacht einen prunkenden Hintergrund zu geben, jeder kommunalen Selbständigkeit entkleidet, überfüllt mit kriechenden Höflingen, servilen Beamten, brutalen Soldaten, ausländischen Abenteurern, im günstigsten Falle noch ausgestattet mit allerlei Privilegien, die eine künstliche Gewerbe- und Handelstätigkeit hervorrufen sollten, aber natürlich nur in mehr oder minder beschränktem Maße hervorrufen konnten, womit dann die Abhängigkeit der Bürgerschaft vom Hofe noch verstärkt wurde. Diese Städte waren Mikrokosmen des deutschen Elends, dessen verheerende Folgen nirgends so traurig hervortraten wie in ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum irgendwo in Deutschland aber sah es mit dem Städtewesen so übel aus wie im Preußischen. Wir haben schon bemerkt, daß der preußische Absolutismus nicht in derselben Weise entstanden war wie der Absolutismus in ökonomisch vorgeschrittenen Ländern: nicht durch die Entwicklung des Warenhandels und der Warenproduktion, nicht durch die Stütze, die er an den Städten gegen den Adel gewann, und nicht durch den Schutz, den er den Städten gegen den Adel gewährte. Er ist immer, auch in seinen scheinbar glänzendsten Zeiten, abhängig gewesen von den feudalen Junkern. Vielleicht hatte die Armut des Landes und die Ungunst der geographischen Lage die märkischen Städte im Ausgange des Mittelalters nicht in dem Maße erstarken lassen, daß die zur Herrschaft gelangten Hohenzollern mit ihrer Hilfe die Macht der Junker hätten brechen können. Aber es ist auch gar kein ernsthafter Versuch dazu gemacht worden, es sei denn, daß man das sehr vorübergehende Bündnis, das der erste Hohenzoller mit den Städten schloß, um die Quitzows niederzuwerfen, als solchen Versuch betrachten will. Jedenfalls schor bereits der zweite Hohenzoller auf Halbpart mit dem Adel die märkischen Städte, namentlich die Schwesterstädte Berlin-Kölln, bis aufs nackte Leben. Patriotische Geschichtsschreiber nennen das »die trotzigen Städte in die wohltätige Zucht des Staatsgedankens nehmen«, aber die aus dem Jahre 1448 erhaltenen, leider nur spärlichen Urkunden geben ein etwas abweichendes Bild des Hergangs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nämlich der Kurfürst Friedrich II. benützte einen Zwist zwischen den Geschlechtern und den Zünften von Berlin-Kölln, um sich zum Schiedsrichter aufzuwerfen und eine Zwingburg am Saume der Stadt anzulegen, dasselbe Gebäude, das Herr Eugen Richter mit untertänigstem Bückling als das »altehrwürdige Hohenzollernschloß« preist. Die Berliner von dazumal erstarben nicht ganz in so loyaler Ehrfurcht; Geschlechter wie Zünfte rochen den Braten, noch ehe er gar war; sie vereinigten sich und verschanzten die Städte durch einen Blockzaun gegen die entstehende Burg; sie vertrieben die Bauleute des Kurfürsten sowie die Richter und Zöllner, die er ihnen auf den Hals gesetzt hatte, sie riefen die anderen märkischen Städte zu gemeinsamem Widerstande gegen den drohenden Schlag auf. Aber ehe dieser Widerstand organisiert werden konnte, fielen Kurfürst und Junker mit gewaffneter Hand über Berlin-Kölln her und warfen die Städte vollständig nieder. Der Kurfürst machte seinen Hofrichter zum Bürgermeister, und die Stellen der Ratmannen besetzte er zum Hohn für die Bürgerschaft mit seinen reisigen Knechten. Die Gerichte, Mühlen, Zölle und Landgüter der Stadt wurden dem Küchenmeister des Kurfürsten als Lehen übergeben; das heißt: Sie dienten fortan dazu, den gesamten kurfürstlichen Hofhalt zu unterhalten. Die Patrizier der Städte mußten ihre Lehen, selbst das Leibgedinge ihrer Frauen an den Kurfürsten übergeben, und von ihrem »fahrenden Gute« hatten sie ungeheure Strafgelder zu zahlen. In der Zeit vom 12. September bis zum 14. Oktober 1448 erschienen sie Mann für Mann »in dem kleinen Stüblein über dem Torhause zu Spandau« und haben, wie es in den Protokollen heißt, »ir liep und alle ir gut in mynes gnedigen heren hand gesetzet und gegeben«. An barem Geld allein zahlten die Schum, die Blankenfelde, die Brackow, die Ryke je 3000, die Stroband, die Wyns je 2000 rheinische Gulden und so weiter herab nach dem Besitze der einzelnen Familien bis auf je 1000 oder 700 Gulden. Erwägt man, daß der rheinische Gulden damals den Wert von zwei Talern und nach heutigem Geldwerte mindestens den Wert von zwanzig Mark hatte, so ist leicht zu ersehen, daß sich die »wohltätige Zucht des Staatsgedankens« in diesem eigentümlichen Falle wirklich nur als vollständige Vermögenskonfiskation bewährt hat. Minder offen, aber nicht minder gründlich bluteten die andern märkischen Städte, und dafür, daß sie sich von so erschöpfenden Aderlässen nicht wieder erholten, sorgten die Nachfolger des »eisernen Friedrich«. Um nur noch ein Beispiel anzuführen, so gab der sittenlose und verschwenderische Kurfürst Joachim II., als ihm das nötige Metall zur Ausprägung neuer Münzen fehlte, seinem Hofjuden Lippold eine Vollmacht, bei achtzehn reichen Bürgern einen »Einfall« zu tun und ihnen das vorgefundene Gold und Silber abzunehmen. In dankbarer Erinnerung an diesen »Einfall« hat denn auch die freisinnige Stadtverwaltung von Berlin vor einigen Jahren den andern »Einfall« gehabt, aus der Tasche der städtischen Steuerzahler zehntausend Mark für ein Standbild dieses Joachim zu spenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Dreißigjährigen Kriege nahm die hohenzollernsche Städtepolitik nicht sowohl ein anderes Wesen als andere Formen an. Mit dem einfachen Ausschöpfen der bürgerlichen Säckel war es vorbei, weil in diesen Säckeln überhaupt nichts mehr zu finden war; Berlin ging aus den Verheerungen jenes Krieges als ein elendes Nest baufälliger Hütten hervor mit ein paar Tausend Einwohnern, die nichts mehr zu brechen und zu beißen hatten. Der militärische Absolutismus brauchte nun aber Geld, viel Geld; er mußte ausländische Kapitalien und Kapitalisten heranziehen; so sorgte er in seiner Weise für die »Peuplierung« der Städte und die Förderung der städtischen Industrie. Er setzte dafür alle möglichen Hebel an, gebrauchte dazu alle möglichen Mittel, mitunter nicht üble, oft aber auch sehr gewagte. Nützlich, namentlich in wirtschaftlicher Beziehung, war die Aufnahme der französischen, böhmischen, salzburgischen aus ihrer Heimat vertriebenen Protestanten, aber daneben lockte die verschwenderische Hofhaltung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und mehr noch seines Sohnes, des Königs Friedrich I., allerlei zweifelhaftes Volk nach der preußischen Hauptstadt. Unter Friedrich Wilhelm I. hörte dieses Zugmittel zwar auf zu wirken; vielmehr wurde die Bürgerschaft unter einem so scharfen Drucke gehalten, daß sie sich den harmlosesten Lebensgenuß höchstens auf die Gefahr königlicher Stockprügel gönnen durfte. Allein in seiner besonderen Weise sorgte der wunderliche Tyrann doch auch für die Erweiterung seiner Residenz; er befahl wohlhabenden Leuten oder solchen, die er dafür ansah, ohne weiteres den Bau von Häusern in Berlin, deren Fundamentierung in dem sumpfigen Boden nicht selten das ganze Vermögen ihrer glücklichen Besitzer kostete. Was immer für die Städte geschah, das geschah nicht um der Städte willen, sondern im Interesse des militärischen Absolutismus, der denn auch alsbald wieder die Henne zu schlachten begann, ehe sie noch die goldenen Eier legen konnte. Friedrich Wilhelm I. nahm den Städten das Kämmereiwesen ab und stellte es unter seine Steuerräte mit dem Befehle, den Städten nur das Notdürftigste zu lassen und den Überschuß an die königlichen Kassen abzuführen. Vermutlich ist es dies »Verdienst um das Bürgertum«, das ihn nach Herrn Schäffles glaubwürdiger Versicherung befähigte, den Thron als einen Felsen von Erz zu errichten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, 4, 287.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich II. führte das schöne Prinzip seines Vaters noch strenger durch: Die städtische Verwaltung wurde zu einer königlichen; die Kriegs- und Domänenkammern verfügten über das städtische Eigentum nach ihrem Belieben und ernannten die Magistrate; als ein General seinen invaliden Regimentspauker zum Bürgermeister einer Stadt empfohlen hatte, antwortete ihm der König, zuvor müßten die gedienten Unteroffiziere in diesen Ämtern versorgt werden. Was aber Berlin im besonderen angeht, so schlug Friedrich sozusagen einen mittleren Weg zwischen den Methoden seiner Vorgänger ein; unter ihm wurde die preußische Hauptstadt ein zwar nicht lustiges, aber dafür liederliches Gefängnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeugnisse für diese Tatsache gibt es so viele und – trotz ihres sehr verschiedenen Ursprungs – so übereinstimmende, daß wir uns genügen lassen können, gerade nur ein halbes Dutzend beizubringen. Der englische Gesandte, Sir Charles Hanbury Williams, schrieb 1750 aus Berlin über Friedrich: »Es ist gar nicht zu glauben, wie dieser pater patriae sich um seine Untertanen sorgt ... Er läßt ihnen in der Tat keine andere Freiheit als die des Denkens. Der Zwang geht durch alle Stände, und Mißtrauen drückt sich auf jedem Gesichte aus. Ich denke, Hamlet sagt irgendwo: Dänemark ist ein Gefängnis; das ganze preußische Gebiet ist ein solches im buchstäblichen Sinne des Worts.« Sein Nachfolger, Lord Malmesbury, schrieb im Jahre 1772: »Berlin ist eine Stadt, wo es weder einen ehrlichen Mann noch eine keusche Frau gibt. Eine totale Sittenverderbnis beherrscht beide Geschlechter aller Klassen, wozu noch die Dürftigkeit kommt, die notwendigerweise teils durch die von dem jetzigen Könige ausgehenden Bedrückungen, teils durch die Liebe zum Luxus, die sie seinem Großvater abgelernt haben, herbeigeführt worden ist. Die Männer sind fortwährend beschäftigt, mit beschränkten Mitteln ein sehr ausschweifendes Leben zu führen. Die Frauen sind Harpyen, denen Zartgefühl und wahre Liebe unbekannt sind und die sich jedem preisgeben, der sie bezahlt.« Der italienische Dichter Alfieri, der im Jahre 1770 Preußen besuchte, erklärte in seiner Selbstbiographie, Berlin sei ihm vorgekommen wie » &#039;&#039;eine&#039;&#039; große Kaserne, welche Abscheu einflößt«, und der ganze preußische Staat »mit seinen vielen Tausend bezahlter Satelliten wie &#039;&#039;eine&#039;&#039; ungeheuere, ununterbrochene Wachtstube«. Georg Forster ließ sich 1779 nach einem längeren Aufenthalte in Berlin brieflich gegen Jacobi also aus: »Ich habe mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Bewohner! Gastfreiheit und geschmackvoller Genuß des Lebens ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte sagen Gefräßigkeit ... Die Frauen allgemein verderbt.« Der zarte Frühlingssänger Kleist plauderte 1751 in einem Briefe an seinen Freund Gleim: »Sie wissen doch schon die Aventure des Markgrafen Heinrich. Er hat seine Gemahlin auf seine Güter geschickt und will sich von ihr separieren, weil er den Prinzen von Holstein bei ihr im Bette getroffen hat ... Der Markgraf hätte wohl besser getan, wenn er den Handel verschwiegen hätte, statt daß er jetzt ganz Berlin und die halbe Welt von sich sprechen macht. Überdem sollte man eine so natürliche Sache nicht so übelnehmen, zumalen wenn man selber nicht so glaubensfest ist wie der Markgraf. Der Ekel ist doch ganz unausbleiblich in der Ehe, und alle Männer und Frauen sind durch ihre Vorstellungen von anderen liebenswürdigen Vorwürfen nezessitieret, untreu zu sein. Wie kann das bestraft werden, wozu man gezwungen ist?« Gleim aber meldete 1746 über eine Redoute, die er mit Kleist besucht hatte, an Uz: »Wir tanzten, aber ich für mein Teil war gar nicht zufrieden, daß ich nicht durch die Larve hindurch sehen konnte, ob ich mit einer Prinzessin oder mit einer Hure tanzte. Es geht in der Tat bei dieser Lustbarkeit ein bißchen zu unordentlich her, als daß sie mir gefallen sollte. Auf dem adligen Platze ist man zu blöde, und auf dem bürgerlichen findet man kein sprödes Mädchen. Anakreons Maskeraden sind artiger gewesen. Es sind wenig Erfindungen und fast gar keine Scherze bei den hiesigen. Die grobe Wollust hat allenthalben die Oberhand.« So der eine preußische Barde, den nur seine »Blödigkeit« verkennen ließ, daß es auf dem »adeligen Platze« ebenso aussah wie auf dem bürgerlichen. Der andere preußische Barde aber, nämlich Ramler, der als Lehrer am Kadettenkorps angestellt war, schrieb an seinen Bundes- und Liedesbruder, er sei krank, weil er zu arm sei, eine Mätresse zu unterhalten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mindestens die Zeugnisse von Kleist und Gleim, die 1882 in Kleists Werken, 2, 192 und 3, 30, von Sauer veröffentlicht worden sind, waren Herrn Erich Schmidt bekannt, als er 1885 den ersten Band seiner Lessing-Biographie veröffentlichte. Gleichwohl entdeckt er nur in der sächsischen Residenzstadt Dresden »die prickelnde Lüsternheit, die handfeste Zote« und obendrein den »Privatklatsch, der dort wuchern muß, wo die Schößlinge öffentlicher Interessen ausgerottet und alle politischen Angelegenheiten dem unmündigen Bürger verschlossen wurden ... In Berlin aber wurden die Gazetten nicht geniert«. So wörtlich 1, 38.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein erklärendes Licht auf die sittlichen Zustände Berlins wirft die damalige soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Zahlen, die wir darüber haben auffinden können, rühren allerdings erst aus den siebziger Jahren her, doch dürfte der Unterschied zu den fünfziger Jahren nur ein quantitativer, nicht ein qualitativer sein. Ende der siebziger Jahre lebten in Berlin&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Männer&lt;br /&gt;
|20 755&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Frauen und Witwen&lt;br /&gt;
|25 996&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Söhne&lt;br /&gt;
|16 919&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Töchter&lt;br /&gt;
|21 582&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Gesellen und Handlungsdiener&lt;br /&gt;
|5 588&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Lehrjungen&lt;br /&gt;
|2 410&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Diener und Knechte&lt;br /&gt;
|5 027&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Mägde&lt;br /&gt;
|10 078&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Garnison&lt;br /&gt;
|32 564&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|_______&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|138 719&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Das Übergewicht der männlichen über die weibliche, der unverheirateten über die verheiratete Bevölkerung springt in die Augen. Ackerbau trieben 85 Personen; in den vier Hauptzweigen der Weberei, der damaligen Hauptindustrie (Seide-, Linnen-, Woll- und Baumwollmanufaktur), belief sich die Zahl der arbeitenden Stühle auf 6 168 mit über 7 000 Arbeitern. Sie lieferten jährlich für 3 774 000 Taler Ware, wovon ins Ausland für 817 000 Taler gingen. Die Arbeitslöhne betrugen 2 117 000 (auf die Person 278) Taler. Andere fabrikmäßige Manufakturen beschäftigten zu gleicher Zeit 2530 Arbeiter mit einem Arbeitsverdienste von 438 000 (auf die Person 249) Talern. Sie produzierten einen Wert von 1 367 000 Talern, wovon für 522 000 Taler ins Ausland abgesetzt wurden. Die Gesamtsumme der in allen Erwerbszweigen zusammen angesetzten Arbeiter belief sich auf 10 113, die Summe der Arbeitslöhne auf 2 600 000, der produzierten Werte auf 6 Millionen, der Ausfuhr auf 1 720 000 Taler. Im Jahre 1785 zeigte sich in allen diesen Ansätzen eine Verminderung von zehn bis zwölf Prozent, ein Beweis mehr für die Behauptung Mirabeaus, daß Gewerbe und Handel im preußischen Staate flau, künstlich erzeugt und ohne nachhaltige Grundlage seien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Ziffern sind zusammengestellt aus Nicolai, Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, und aus Reeden, »Zeitschrift für Statistik«. Eine brauchbare Geschichte von Berlin gibt es noch nicht; die Werke von Streckfuß und Schwebe! gleichen sich, bei sehr verschiedener Tendenz, doch darin, daß sie sich den bescheidensten wissenschaftlichen Ansprüchen versagen. Übrigens werfen die obigen Ziffern unter anderem auch einiges Licht auf die manchesterliche Behauptung, daß sich die Arbeitslöhne in diesem Jahrhundert gehoben hätten. Man muß nur den durchschnittlichen Arbeitsverdienst von 260 Talern nicht allein als &#039;&#039;Geld&#039;&#039;-, sondern auch als &#039;&#039;Sach&#039;&#039;lohn ins Auge fassen; bei den damaligen Lebensmittelpreisen konnte man, wie Lessing an seinen Vater schrieb, für 15 Pfennig eine starke Mittagsmahlzeit haben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn nun aber schon eine durch allerlei Monopole und Privilegien herangezüchtete Gewerbe- und Handelstätigkeit eine sehr unsichere Grundlage für bürgerliche Unabhängigkeit ist, so kam in diesem Falle noch der erschwerende Umstand hinzu, daß die kapitalistischen Unternehmer sich ganz überwiegend aus Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen rekrutierten. Die französische Kolonie belief sich auf 5346, die böhmische auf 1125, die Judenschaft auf 4245 Köpfe. Industriell und intellektuell der Sauerteig der Bevölkerung, waren diese Schichten moralisch und politisch, um mit Herrn Mommsen zu sprechen, Elemente der Dekomposition. Vor allem die Franzosen und die Juden. Diese »Nation« – denn so, nicht »Konfession«, nannte sie sich damals selbst – konnte nach ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung und ihrer gewaltsamen Beschränkung auf den Geldhandel unmöglich aus Engeln des Lichts bestehen und bestand in ihrer Masse auch wirklich nicht daraus, und was die französischen Einwanderer anbetrifft, so waren sie nach vielen Klagen der Zeitgenossen eben auch keine Tugendhelden.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es ist immer wieder die sinnlose Vorstellung zurückzuweisen, als ob der protestantische Glaube in geistiger und sittlicher Beziehung irgendeinen Vorzug vor anderen Religionsbekenntnissen besitze. Die Hugenotten waren nicht die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, weil ihr protestantischer Glaube sie mit einem besonderen Maße von Einsicht und Tugend gesegnet hatte, sondern vielmehr: Weil sie die ökonomisch entwickeltsten Elemente waren, bekannten sie sich zu dem protestantischen Glauben als dem ihren kapitalistischen Interessen gemäßesten Religionsbekenntnisse. Wie der Hunger nach Mehrwert sie schon in verhältnismäßig früher Zeit, schon in den Jahren Richelieus, der ihnen durchaus wohlwollte, bis zum Bürgerkriege und zur Seeräuberei fortriß, dafür hat Buckle, Geschichte der Zivilisation in England (deutsch von Ruge), 1, 2, 25 ff., eine Fülle unwiderleglicher Zeugnisse beigebracht, deren Gewicht keineswegs dadurch geschwächt wird, daß Buckle sie auch nur in ideologischer Weise zu erklären weiß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch auch davon abgesehen, so bildeten diese fremdländischen Kolonien gewissermaßen Staaten im Staate; sie besaßen ihre besonderen Behörden, ihre besonderen Rechte, ihre besonderen Lasten; sie gehörten sozusagen mit Haut und Haaren dem Könige, von dessen Gnade sie vieles zu hoffen und von dessen Ungnade sie alles zu fürchten hatten, und dies Gefühl einer unbedingten Abhängigkeit durchdrang sie um so mehr, als sie von der deutschen Bevölkerung durch starke Interessengegensätze getrennt waren. Dagegen machte es keinen besonderen Unterschied, daß die Franzosen vom Könige mehr gehätschelt, die Juden mehr gestriegelt und in der Tat eher als finanzielles Melkvieh denn als Menschen behandelt wurden. Nach dem »Revidirten Generalprivilegium und Reglement vor die Judenschaft in Preußen« von 1750 sollte die Zahl der Juden beschränkt bleiben, für Berlin beispielsweise auf 152 Familien; sobald die für jeden Ort bestimmte Ziffer überschritten war, sollte der Überschuß durch die Ausweisung der ärmsten und unsittlichsten Juden aus dem Lande wieder beseitigt werden; der König selbst ließ sich die betreffenden Tabellen im Anfange jeden Jahres zur Prüfung vorlegen. Allein da er »denen Juden den Schutz hauptsächlich deßhalb gestattete, um Handel, Commerce, Manufakturen, Fabriquen und dergleichen« zu betreiben, so verhalf er ihnen zu einer ökonomischen Macht, deren Konsequenzen er sich nicht entziehen konnte. Die Schutzjuden Abraham Markus, Veitel Ephraim und Daniel Itzig erhielten schon 1761 »die Freiheit eines christlichen Banquiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht«, während die Masse der Judenschaft trotz aller gesetzlichen Beschränkungen immer stärker anwuchs.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die im Text angeführte Ziffer von 4245 Köpfen gibt Nicolai für 1779 an; Preuß, 3, 431, berechnet 500 Judenfamilien mit 3374 Köpfen, und zwar für das Jahr 1784. Es kommt wenig auf den Unterschied an, doch ist Nicolai die ältere und genauere Quelle. Möglicherweise erklärt sich die Abweichung dadurch, daß Preuß nur die eigentlichen Schutzjuden nebst Familien rechnet, während Nicolai auch die jüdischen Bediensteten dieser Schutzjuden mitzählt, die für die Dauer ihrer Dienste sich in Berlin aufhalten durften. Wurden sie entlassen, so waren die Judenältesten verpflichtet, der Polizei sofortige Anzeige zu erstatten, damit sie die Entlassenen aus Stadt und Land treibe. Zu dieser Kategorie der Juden gehörte beispielsweise Moses Mendelssohn, der Buchhalter in einer der Witwe Bernhard gehörigen Seidenfabrik war. Als der Marquis d&#039;Argens durch einen Juden Raphael von diesen Zuständen hörte, wollte er anfangs nicht glauben, daß solche Unduldsamkeit in den Staaten seines königlichen Freundes herrschen könnte, aber auf eine Anfrage bestätigte ihm Moses, daß die Judenältesten verpflichtet seien, ihn durch die Polizei vertreiben zu lassen, falls die Witwe Bernhard ihn entließe und ihn »nicht einer von den Trödeljuden in der Reezengasse für seinen Diener erklären« wolle. Nach wiederholten Bitten des Marquis d&#039;Argens ernannte Friedrich dann den guten Moses zum außerordentlichen Schutzjuden, das heißt, er gab ihm ein Privileg auf Lebenszeit für seine Person; als dagegen Moses 1779, also fast zwanzig Jahre, nachdem die berüchtigten, aber ökonomisch mächtigen Wucherer Ephraim und Itzig die »Freiheit eines christlichen Banquiers« erhalten hatten, zum ordentlichen Schutzjuden zu avancieren wünschte, der als solcher auch seine Kinder im Lande ansetzen durfte, schlug der König seinem Mitphilosophen die Bitte ab, wie er denn auch seiner Wahl in die Akademie rundweg die Bestätigung verweigerte. Siehe neben Preuß auch Nicolai, Anekdoten von König Friedrich, 1, 62. Übrigens könnten die heutigen Antisemiten aus der damaligen Zeit lernen, was bei dem obrigkeitlichen Kujonieren der Juden herauskommt. Der jüdische Wucher blüht dann um so üppiger, während die Juden, die sich vom Judentum befreien wollen, um so schamloser unterdrückt werden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, während Franzosen und Juden ökonomisch die Herrschaft &#039;&#039;über&#039;&#039; und intellektuell einen wohltätig aufrüttelnden Einfluß &#039;&#039;auf&#039;&#039; die einheimische Bevölkerung gewannen, blieben sie politisch noch abhängiger als diese von jeder Laune des fürstlichen Despotismus, und das eigentümliche Verhältnis hat eine bis auf diesen Tag fühlbare Nachwirkung in den. bürgerlichen Klassen von Berlin gehabt. Von ihm rührt einerseits jener behende Mutterwitz her, der über Gott, König und die Welt die kecksten und schlagendsten Worte findet, andererseits aber auch jene unausrottbare Ehrfurcht vor jeder am Horizont aufblinkenden Helmspitze eines Schutzmannes. Erst seitdem es in Berlin eine selbständig erwachsene Arbeiterklasse gibt, hat sie das Gute mit dem Besseren zu verbinden verstanden. Die Arbeiter eroberten am 18. März 1848 Berlin, während die Bürgerwehr dem wieder einziehenden Heere des Staatsstreichs allein den »passiven Widerstand« und eine Fülle beißender Witze über den alten Wrangel entgegenzusetzen wußte. Man sieht aber, wie unrecht die Reaktion daran tat, Franzosen, Juden und Polen als die Urheber des 18. März anzuklagen; sie hat vielmehr allen Anlaß, den Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen ihren Dank dafür abzustatten, daß die Bürgerschaft von Berlin den Revolutionär immer nur in Schlafrock und Pantoffeln gespielt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bürgerliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit in Berlin ebenso unbekannte Begriffe wie Tatsachen sein. Städtische Behörden als solche gab es nicht; der königliche Despotismus herrschte über der Stadt unumschränkt, bis ins Kleine und Kleinliche sich einmischend; was er dennoch vielleicht noch ungehudelt ließ, das hudelten der bürokratische und der militärische Despotismus, den die 2986 Beamten und die Offiziere der über 30 000 Mann starken Garnison ausübten. Von einem geistigen Leben kann da kaum gesprochen werden. Es würde so lächerlich sein, die paar kleinen Winkelblätter mit den Leipziger »Acta Eruditorum« in einem Atem zu nennen, wie die paar verkommenen Gymnasien mit den sächsischen Fürstenschulen auf eine Stufe zu stellen. Der gelehrteste Mann der Spreestadt, ihr »griechisches Orakel«, war der Rektor Damm vom Köllnischen Gymnasium; zu ihm pilgerte Winckelmann, um Griechisch zu lernen; bei ihm nahmen Mendelssohn und Nicolai noch als erwachsene Männer Unterricht im Griechischen. Er haftete aber nur am Wortverstande und übersetzte den Homer »in das abscheulichste Rotwelsch, durch das jemals ein Pedant sich an der deutschen Sprache vergangen hat« (Justi). Seine Übersetzung des Neuen Testaments brachte ihn gar in den Verdacht ketzerischer Meinungen. Anfeindungen des Pöbels verdüsterten das Leben des braven Mannes, und seine Schule verfiel gänzlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Theater gab es in Berlin zur Zeit von Lessings Übersiedlung nicht, es sei denn, daß gelegentlich einmal eine wandernde Truppe ihre kümmerliche Schaubude aufschlug. Ebenso fehlte, wie selbstverständlich, die Universität. Dagegen hatte Friedrich II. die von Leibniz unter seinem Großvater gestiftete, von seinem Vater verhöhnte und zerstörte Akademie der Wissenschaften wiederhergestellt. Sie war durchweg französiert, und auch die von ihren deutschen Mitgliedern verfaßten Abhandlungen mußten in die fremde Sprache übertragen werden. Ihre vier Klassen beschäftigten sich mit Physik, Mathematik, Philosophie und Philologie; alle anderen Fächer der Wissenschaften, so die geoffenbarte Theologie, aber auch alles, was sich auf bürgerliche Rechte und staatliche Verfassung bezog, war ausgeschlossen. Anfangs leitete sie der Franzose Maupertuis, später bekümmerte sich der König selbst sehr viel um ihre Verwaltung und tat mit ihrer Mitgliedschaft, wie Sulzer an Gleim schrieb, »beinahe rarer als mit seinem gelben Bande«. Es steckte aber nichts Rares dahinter. Da die Wissenschaft nur im Schatten des königlichen Despotismus gedeihen konnte, so gedieh die Akademie der Wissenschaften nur zu einer kümmerlichen und verkümmerten Pflanzung. Die bürgerliche Literaturgeschichte bringt nach ihrer üblichen Weise den wirklichen Sachverhalt in hoffnungslose Verwirrung, wenn sie den König Friedrich wegen seiner Verachtung der deutschen Literatur mit loyalem Schmerze tadelt, aber ihn wegen seiner Verehrung der französischen Literatur doch als einen Pfleger literarischer Kultur im allgemeinen feiert. Vielmehr: Wenn Friedrich die deutsche Literatur verachtete, so war das kein Tadel für ihn und ein Glück für sie; seine Vorliebe für die französische Literatur aber entwickelte sich nach den Bedingungen seines despotischen Regiments zu einer wahren Satire auf literarische Kultur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goethe sagt in der »berühmten Stelle« sehr treffend: »Wie kann man von einem Könige, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzu spät entwickelt und genießbar zu sehen?« Bis zum Siebenjährigen Kriege, bei dessen Beginne Friedrich vierundvierzig Jahre zählte, hatte die deutsche Literatur nichts aufzuweisen, was sich auch nur einigermaßen mit der französischen Literatur messen konnte, als etwa Gellerts Fabeln und Klopstocks Messias. Jene verstand und lobte der König, als er sie im Kriege kennenlernte; diesen hätte er weder verstanden noch gelobt, wenn er ihn kennengelernt hätte. Sulzer wollte ihn durch Voltaire mit dem Gedichte bekanntmachen, doch Voltaire erwiderte auf die Zumutung: Ich kenne den Messias, den Sohn des ewigen Vaters und den Bruder des heiligen Geistes, und ich bin sein ergebenster Diener, aber ein Profaner wie ich darf nicht das Weihrauchfaß vor ihm schwingen. Ähnlich würde der König selbst über den Messias geurteilt haben. Nach dem Siebenjährigen Kriege lagen in Lessings Laokooii und in Winckelmanns Schriften zwar literarische Leistungen ersten Ranges vor, aber damals war der König schon ein geistig gebrochener Mann, und vor allen Dingen machten ein paar Schwalben noch keinen Sommer. Lessing selbst schrieb 1769 in der Hamburgischen Dramaturgie: »Kräfte und Nerven, Mark und Knochen mangeln unserer schönen Literatur noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er zu seiner Erholung und Stärkung einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner alltäglichen Beschäftigungen denken will.« Gerade die literarischen Anlagen und Neigungen Friedrichs mußten ihn zu einer schroffen Ablehnung der deutschen Literatur führen. Er schätzte Leibniz, dessen französische Schriften er kannte; er sprach von Thomasius mit großer Achtung, wenn auch kaum mit eindringender Kenntnis; er ließ sich die Werke Wolffs ins Französische übersetzen, aber die deutsche Literatur als solche hielt er nicht nur [für] barbarisch, sondern in seinen geistigen Entwicklungsjahren war sie es auch. Man vergleiche nur ihre damals verhältnismäßig hervorragendsten und lobenswertesten Leistungen mit entsprechenden Erscheinungen der französischen Literatur; das Deutsch von Thomasius mit dem Französisch von Montesquieu; die ledernen Folianten von Bünau und Mascov über die deutsche Reichsgeschichte mit Voltaires Geschichtswerk über Ludwig XIV., und man wird dann dem Könige aus seiner Verachtung der deutschen Literatur keinen persönlichen Vorwurf machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War diese Verachtung für den Verächter aber kein Tadel, so war sie für die Verachtete ein Glück. Friedrich hat noch kurz vor seinem Tode zu Mirabeau gesagt: »Was hätte ich zugunsten der deutschen Schriftsteller tun können, das der Wohltat gleichgekommen wäre, die ich ihnen erwies, indem ich sie gehen ließ?« Die Frage klingt zwar mehr nach Mirabeau als nach Friedrich, aber wenn sie von dem Könige herrührt, so ist sie in tieferem Sinne wahr, als er immer gemeint haben mag. Hätte der König auch nur geahnt, daß die aufsteigende deutsche Literatur den sozialen Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen ankündige, so hätte er ihre Werke durch die Hand des Henkers verbrennen lassen. Aber auch so, wie er die Frage gemeint hat, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Es war ein höchst berechtigtes Klassenbewußtsein, das die Bahnbrecher unserer klassischen Literatur in Friedrichs Verachtung des deutschen Geistes eine nationale Schmach empfinden ließ, aber Lessing erwies sich auch hier als der klarste Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, indem er über der Empfindung dieser nationalen Schmach keineswegs den Blick für die sozialen Gefahren des fürstlichen Mäzenatentums verlor, während Klopstock im Schutze eines dänischen Königs und Winckelmann im Schutze eines römischen Kardinals auf den »Fremdling im Heimischen« und den »Schinder der Völker« schalten. Freilich sah Lessing in Berlin auch aus nächster Nähe, wohin es unter dem Schutze eines despotischen Mäzens mit der literarischen Kultur kommen muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Zweifel war Friedrichs Wertschätzung der französischen Literatur eine aufrichtige und verständnisvolle; in Maupertuis, in Lamettrie und nun gar in Voltaire zog er Männer von hoher geistiger Bedeutung an seinen Hof. Ganz besonders der Schutz, den Lamettrie als sein Leibarzt genoß, und der schöne Nachruf, den der König dem verrufenen Materialisten im Jahre 1751 widmete, zeigen Friedrich auf einer Höhe philosophischen Verständnisses, die gleichzeitig vielleicht kein anderer Deutscher besaß, auch der junge Lessing nicht, der sich dazumal mit einem mehr frommen als weisen Ungestüm gegen Lamettrie erhitzte. Wir heben dieses Verdienst Friedrichs um so lieber hervor, als ihm von Nicolai bis Schlosser und Carlyle wegen seiner Beziehungen zu Lamettrie allerlei Sottisen gesagt worden sind, wie denn auch Herr Erich Schmidt an dem französischen Arzte als »frechen« und »kalten Materialismus« verdonnert, was sein Bundesbruder Scherer eben an Friedrich als »kirchlichen Liberalismus« verherrlicht hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Eine treffliche Würdigung Lamettries und seiner Beziehungen zu Friedrich bei F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 1, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein bis in seine Akademie und seine Tafelrunde verfolgten den Menschen Friedrich die Konsequenzen seines Königtums. Wenn Herr Erich Schmidt sagt, daß Friedrich sich seinen Freunden gegenüber »nie mit vornehmem Purpur gönnerhaft behängt« habe, so will der Lessing-Biograph damit nur einen schlagenden Beweis für Lessings Behauptung liefern, daß es frostige Scherze gibt, die dem Hörer gleich das kalte Fieber zuziehen können. Die alten, untertänig ersterbenden, aber den modernen Byzantinern an Wahrheitsliebe weit überlegenen Hofgeschichtsschreiber wußten es besser. Einer von ihnen weist darauf hin, wie viele von Friedrichs französischen Freunden es nicht einmal ein Jahr in seiner Nähe aushielten, und sagt im besonderen von Algarotti: »Im Dienste des Königs war er gebunden, und er konnte ohne Urlaub nicht von Potsdam nach Berlin gehen. In der Entfernung war gegenseitige Zärtlichkeit.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 1, 243. Herr Erich Schmidt hat für sein von den widerwärtigsten Byzantinismen strotzendes Kapitel über Friedrich das Material nur aus den Schriften des Königs selbst entnommen, was denn gleich einen guten Begriff von den »Fortschritten der biographischen Methode« und den »hohen Zielen« gibt, die Herr Schmidt der »Lessing-Forschung« gesteckt haben will. Nicht, als ob die Schriften Friedrichs an Ehrlichkeit nicht vielfach den Friedrich-Mythologen noch als Muster dienen könnten, aber gerade den historischen Wert der von Herrn Schmidt so sehr bewunderten »Ehrengedächtnisse«; die Friedrich in seinen Gedichten den ihm persönlich nahestehenden Personen widmete, beleuchtet der alte Preuß, 1, 260, in folgender ergötzlichen Weise: »In ihren Hof- und Haushaltungen mußte die gesamte königliche Familie sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;sehr knapp&#039;&#039; behelfen ... Dagegen bedachte Friedrich seine Geschwister öfters mit Gedichten, in welchen er ihnen die schmeichelhaftesten Huldigungen widmete oder die beruhigendsten Wahrheiten aussprach.« In den von dem preußischen Staatsarchive herausgegebenen Publikationen sind vor einiger Zeit die Gespräche Friedrichs mit seinem Vorleser Henri de Catt herausgekommen; nach Aufzeichnungen Catts geben sie ein getreues Bild von Friedrich in seinem persönlichen Verkehre, das die Friedrich-Mythologen allerdings bezaubernd finden, während Augen ohne byzantinisch geschliffene Brillen in diesen Gesprächen die verwüstenden Wirkungen des Despotismus erkennen werden, die an einem aufgeweckten und begabten Despoten, wie Friedrich war, um so drastischer hervortreten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte zu sagen: Friedrich betrachtete seine französischen Gelehrten als Hofnarren, und selbst Voltaire, die »verführerischeste Kreatur« unter ihnen, nannte er ganz unverhohlen so. Sie waren zu seiner persönlichen Zerstreuung da, und wenn diese Zerstreuung auch hoch über den Amüsements anderer Fürsten stehen mochte, so war sie deshalb noch lange keine literarische Kultur. Am wenigsten konnte die Akademie der Wissenschaften als Organ einer solchen Kultur gelten. Alles, was die Leipziger Perücken an Pufendorf und Thomasius gesündigt haben mögen, war fast ein Kinderspiel gegen den moralischen Meuchelmord, womit die Berliner Akademie den holländischen Professor König, einen Freund Lessings, abtun wollte, weil er gegen gewisse physikalische Behauptungen ihres Präsidenten Maupertuis einen ganz bescheidenen und ehrerbietigen Widerspruch erhoben hatte. Voltaire allerdings sprang dem Gefährdeten bei, zu seiner Ehre, aber auch zu seinem Unheil, denn der König ließ seine Streitschrift gegen Maupertuis durch Henkershand auf dem Gendarmenmarkte verbrennen und schrieb ihm so ausfallende Briefe, daß Voltaire sich zur Rückkehr nach Frankreich entschloß. Auf der Heimreise erlebte er dann noch in Frankfurt a. M. mit dem preußischen Residenten jene berufenen Abenteuer, durch deren abschreckende Erinnerung zwanzig Jahre später der alte Goethe seinen Sohn vor der Übersiedlung an den Hof von Weimar warnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren in großen Zügen die politischen, sozialen, literarischen Zustände der preußischen Hauptstadt zur Zeit, als Lessing in ihr lebte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IV. Lessing in Berlin und in Wittenberg ==&lt;br /&gt;
Zunächst führte der junge Lessing in Berlin das Leben eines literarischen Tagelöhners. Er ordnete die Bibliothek des alten Rüdiger, dem die »Vossische Zeitung« gehörte; er übersetzte allerlei aus dem Französischen; er hatte diese oder jene »Kondition« bei einem Baron v. d. Goltz, einem Herrn v. Röder. Aber in dem Ringen um die Notdurft des Lebens wurde ihm das Brot nicht zum Steine. Es war ihm wirklich nicht zuzutrauen, wie er später einmal seinen Eltern schrieb, »als hätte er sein Studieren am Nagel gehangen und wolle sich bloß elenden Beschäftigungen de pane lucrando widmen«, und gegen den Abend seines Lebens konnte er seinem Bruder sagen, er sei schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo er im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben habe. Solche »Nichtswürdigkeiten« galten ihm nie mehr, als sie wert sind, und immer strebte er in »sein Gleis zu kommen«. Dies Geleise war der Kampf für die Emanzipation der bürgerlichen Klassen. Soweit es in Berlin möglich war, hielt Lessing seine Verbindung mit dem Theater aufrecht, arbeitete seine Komödien aus, vertrieb sie an die Bühnen in Hannover und Wien, veröffentlichte Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, für die er in Stuttgart einen Verleger suchte und fand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und zugleich suchte Lessings immer reger Geist in dem sandigen Boden von Berlin den Flecken fruchtbarer Erde, wo er etwa doch frische Wurzeln schlagen könnte. Er mußte nun einmal in der Welt und im Umgange der Menschen leben, und es ist anziehend zu untersuchen, wie sein untrüglicher Klasseninstinkt in derselben Mahlzeit Gift und Nahrung zu scheiden wußte. Die französische Kultur trat ihm in Berlin als ein Zerrbild entgegen, sozusagen als die Kehrseite einer gewirkten Tapete. Indessen während die einen dies Zerrbild gläubig bewunderten und die anderen höchstens heimlich darüber schimpften, spottete Lessing dreist über das wirre Durcheinander bunter Fäden, aber er drehte zugleich die Tapete um und zeigte, daß auf ihrer richtigen Seite für die bürgerlichen Klassen gar viel zu lernen sei: Er bekämpfte die französische Literatenwirtschaft Friedrichs mit dem gesunden Hasse der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, einem Hasse, der deshalb nicht weniger die sittlichste aller Empfindungen ist, weil ihn die Unterdrücker, heute noch mehr als damals, für die unsittlichste, für einen giftigen und ohnmächtigen Neid, auszugeben belieben, wie denn Herr Erich Schmidt von Lessings »scharfäugigem Neid« gegenüber den französischen Hofliteraten spricht. Aber Lessing verkannte deshalb nicht die damalige Überlegenheit der französischen über die deutsche Kultur, und wenn er in Berlin einen »entscheidenden Anstoß« erhielt, so war es nicht von dem Könige Friedrich oder seiner Hauptstadt, sondern von zwei französischen Schriftstellern, deren einer in der Tafelrunde von Sanssouci saß: von Bayle und von Voltaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Voltaire war um mindestens eine, Bayle reichlich um zwei Generationen älter als Lessing. Dieser Unterschied der Zeiten bewirkte, daß Lessing beiden Franzosen an Klarheit und Schärfe des bürgerlichen Klassenbewußtseins überlegen war, sosehr sie ihn an Vielseitigkeit der Begabung und tiefgreifender Einwirkung auf das achtzehnte Jahrhundert übertreffen mochten. Lessing stand der Kirche und ihrem Glauben viel ferner als Bayle; er hat der Orthodoxie andere Tänze aufgeführt wie dieser, von dem Feuerbach sagt: »So umflattern die Zweifel und Einwürfe Bayles wie kleine Tagvögel, angreifend, aber sogleich wieder zurückfliehend, keck und furchtsam zugleich, die Nachteule der Orthodoxie.« Und noch weniger hat sich Lessing je an die Höfe gedrängt wie Voltaire. Aber er hat von beiden Männern außerordentlich viel gelernt: an positivem Wissen nicht nur, sondern mehr noch in der Führung des Kampfes gegen die Welt erstarrter Vorurteile, die mit unsichtbaren Ketten alle Tatkraft der bürgerlichen Klassen gebunden hielten. Von Bayle und Voltaire lernte Lessing sein Schwert so blank und scharf schleifen, so leicht und sicher führen. Bayle, der »Universalkritiker seiner Zeit«, wie ihn Feuerbach, der »erste Journalist aller Zeiten«, wie ihn Justi nennt, war ihm dabei die wähl verwandtere Natur. Bayle lebte lieber in dem bürgerlichen Holland als in dem höfischen Paris, und wie Lessing niemals das »Professorieren« ausstehen konnte, so schrieb Bayle an einen Freund: »Ich bin kein besonderer Freund von den Streitigkeiten, den Ränken, den Entre-Mangeries professorales (gegenseitigen Professoren-Fressereien), die auf allen unseren Akademien herrschen.« Pastor Lange, der geschundene Marsyas von Laublingen, höhnte und stöhnte, daß Lessing seine ganze Gelehrsamkeit aus Bayle habe, und völlig unrecht hatte er nicht, denn er war das Opfer einer Kritik, die sich an Bayle geschult hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Bayle vergleiche Feuerbach, Pierre Bayle, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit. Eine schöne Charakteristik Bayles auch bei Justi, Winckelmann, 1, 109 ff. Über Bayle und Lessing siehe Danzel-Guhrauer, Lessing, 1, 219 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bayle war über vierzig Jahre tot, als Lessing sich in seine Werke zu vertiefen begann. Dagegen lebte Lessing mit Voltaire einige Jahre am selben Orte zur selben Zeit, nicht ohne die mannigfachste geistige und vielleicht auch nicht ohne jede persönliche Berührung. Lessing hat des »Herrn von Voltaire kleinere historische Schriften« mit beflissener Sorgfalt ins Deutsche übertragen und spricht wiederholt mit höchster Bewunderung von ihm, dagegen hat er gleichzeitig seine schärfsten Epigramme gegen Voltaire geschnellt. Ihn meint Lessing, wenn er den reichen Dichter Semir verhöhnt, der ein Geizhals ist, »weil nach des Schicksals ew&#039;gem Schluß ein jeder Dichter darben muß«, ihn auch, wenn er von »Frankreichs Witzigstem« spricht, den »der schlaueste Hebräer in Berlin« prellen wollte, aber nicht prellen konnte, weil »Herr V** war ein größrer Schelm als er«, ihn endlich in der blutigen Satire auf die Katzbalgereien der französischen Hofliteraten, wo Voltaire auf Arnauds Betreiben vom Könige berufen wird und, als er kommt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was, ruft er, Arnaud hier? Wenn mich der König liebt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die bürgerlichen Historiker erklären diese scheinbaren Widersprüche mit Friedrichs Urteil über Voltaire: ein schlechter Kerl, aber ein himmlisches Talent. Indessen das heißt die Frage nicht beantworten, sondern umgehen, ganz abgesehen davon, daß es mit dem »schlechten Kerl« doch auch so seine eigene Bewandtnis hat: Man braucht nur Friedrichs Alter in Sanssouci mit Voltaires Alter in Ferney zu vergleichen, um zu erkennen, wer von beiden »edel, hilfreich und gut« in Goethes Sinne gewesen ist. Lessing selbst aber gibt die Lösung jener scheinbaren Widersprüche in der Grabschrift, die er nach einem Vierteljahrhundert dem eben verblichenen Voltaire setzte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier liegt ? wenn man euch glauben wollte,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr frommen Herrn! ? der längst hier liegen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der liebe Gott verzeih&#039; aus Gnade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihm seine Henriade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seine Trauerspiele&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seiner Versehen viele;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn was er sonst ans Licht gebracht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hat er ziemlich gut gemacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem abschließenden Worte über Voltaire unterscheidet Lessing nicht zwischen dem großen Talent und dem schlechten Charakter, sondern zwischen dem höfischen Dichter und dem bürgerlichen Schriftsteller, und eben dieser soziale Gesichtspunkt bestimmte auch schon seine Stellung zu Voltaire im Jahre 1750. Er geißelte den von höfischen Lastern angesteckten Höfling, aber er lernte von dem historischen und philosophischen Schriftsteller, in dem jener dritte Stand, der schon alles war, seinen beredtesten Herold gefunden hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing und Voltaire – dies Kapitel gehört zu den düstersten Abschnitten der Lessing-Legende. An einer Szene, die beide Männer in ihrem sozialen Gegensatze zeigt, gehen alle bürgerlichen Literarhistoriker mit stumpfen Sinnen vorüber, dagegen beuten sie eine handgreifliche Flause von Lessings Bruder Karl Gotthelf zu den abenteuerlichsten und für Gotthold Ephraim nicht eben schmeichelhaften Phantasien aus. Jene Szene spielte sich in der Nacht des 25. August 1750 auf dem Schloßplatze von Berlin ab. Friedrich gab dort zu Ehren seiner Schwester von Bayreuth ein sogenanntes Karussell, ein Ringelrennen von Prinzen und Hofleuten, die in vier Quadrillen als Griechen, Römer, Karthager und Perser gegeneinander ritten und mit ihren Speeren nach Ringen stachen, im Schimmer von vierzigtausend Lampen, mit lärmender Janitscharenmusik und unter Aufwand von viel Schneiderpracht; die kostspieligste Mummerei, die der König sich je gestattet hat, obgleich nicht sowohl für ihn kostspielig als für die Teilnehmer, die aus eigener Tasche ihre Ausstattung besorgen, und für die Zuschauer, die den Augen- und Ohrenschmaus mit schwerem Gelde bezahlen mußten: Der König wohnte selbst dem Feste bei, und seine Schwester Amalie verteilte als Göttin der Schönheit die Preise. In der Hofloge saß auch Voltaire; »er sah bescheiden aus«, sagt sein späterer Sekretär Collini, »aber die Freude strahlte aus seinen Augen«. Und alsbald schlug er, so schreibt sein Biograph Strauß, gleichsam die Denkmünze für das Fest in dem Epigramm, das, freilich in seiner französischen Originalprägung ganz anders blank erscheint als in dem deutschen Abguß, worin wir es geben müssen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nie war in Rom und in Athen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Festspiel, dessen Glanz vor diesem nicht erbleichte;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Paris&#039; Zügen war der Sohn des Mars zu sehn,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Venus, die den Apfel reichte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Strauß, aber weder er noch ein anderer bürgerlicher Historiker hat die epigrammatische Denkmünze entdeckt, die Lessing auf dasselbe Fest schlug, obwohl sie offen in seinen Werken vorliegt. Hier ist sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auf ein Karussell&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freund, gestern war ich – wo? – Wo alle Menschen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich für mein bares Geld&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So manchen Prinz, so manchen Held,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich manche flinke Speere&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf mancher zugerittnen Mähre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch eben nicht den kleinsten Ring,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der unter tausend Sonnen hing,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(O schade, daß es Lampen waren!)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft, sag&#039; ich, durch den Ring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und öfter noch darneben fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich – ach, was sah ich nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, daß beim Licht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kristalle Diamanten waren;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, ach, du glaubst es nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie viele Wunder ich gesehen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war nicht prächtig, groß und königlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, dir die Wahrheit zu gestehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein halber Taler dauert mich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist eine hinlänglich trotzige Sprache in einer allgemein schweifwedelnden Zeit, und dieser junge Proletarier soll karriereschnaufend hinter Voltaire hergelaufen sein, um in den höfischen Literatenschweif des Königs zu gelangen?&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 1, 153. Strauß, Voltaire, 98. Carlyle, 4, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die preußische Mythologie will es so, und Herr Erich Schmidt ist ihr Prophet. Und da muß nun ein alter Humbug aushelfen, der in diesem Jahre gerade sein hundertjähriges Jubiläum feiert. K. G. Lessing erzählt nämlich in der Biographie seines Bruders, Gotthold Ephraim sei durch seinen Freund, den französischen Sprachlehrer Richier de Louvain, an Voltaire empfohlen worden, und fährt dann fort: »Die Veranlassung dazu war, daß Voltaire einen deutschen Übersetzer zu jenen Memorialen suchte, welche er gegen den Juden Hirsch, mit dem er in den bekannten Prozeß verwickelt war, für das Kammergericht verfertigte. Voltaire lud ihn alle Tage zu sich zu Tische, sprach auch von Literatur und Wissenschaften, doch immer in so zurückhaltendem und ernstem Tone, daß den Tischgenossen wenig Spielraum ihres Witzes blieb.« Diese zwei Sätze sind, seitdem sie vor hundert Jahren veröffentlicht wurden, unzählige Male, bald gegen Lessing, bald gegen Voltaire, bald gegen beide ausgebeutet worden, am tollsten von Herrn Erich Schmidt, indem er schreibt: »Wenn der König diesen gierigen Intriganten« – das soll nämlich Voltaire sein! – »nach wie vor an seine Tafel zog, warum sollte ein junger, armer Literat während des schmählichen Prozesses und seiner Nachwirkungen nicht den Tisch des größten, mächtigsten Schriftstellers teilen? ... Man wird keinen Stein auf ihn werfen, weil Neugier und Ehrgeiz, die Hauptmächte seiner Brust, ihn zu Voltaire zogen, auch um den Preis, der Dolmetsch schofler Akten zu sein ... Man meint es mit Augen zu sehen, wie der nach Auszeichnung lechzende Jüngling gespannt lauschend dem dürren Weisen gegenübersaß, der gelegentlich aus der Zurückhaltung des vornehmen Mannes heraustrat und dem jungen Schreiber einige literarische Brocken zum Nachtisch spendete.« Folgen die schon in dem ersten Teile dieser Darstellung gekennzeichneten Elendigkeiten über Lessings angebliches Strebertum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es wohl an der Zeit, die Schwindelblase einmal aufzustechen. Über Voltaires Judenprozeß können wir uns hier nicht näher verbreiten, so wünschenswert es wäre, daß er endlich einmal eine unbefangenere Darstellung fände, als er bisher, selbst durch Garlyle und Strauß, gefunden hat. Schön war er gewiß nicht, obwohl im schlimmsten Falle nicht häßlicher, als was die kapitalistische Presse heutzutage an »Edelsten und Besten« der Nation eine »korrekte Gründung« zu nennen pflegt, wobei wir nicht einmal mit einrechnen wollen, daß Voltaires Habsucht denn doch etwas anderes war als die hungrige Profitwut unserer Tage. Ihm war das Geld nicht Zweck, sondern Mittel; »nicht leicht«, sagt Goethe mit treffender Milde, »hat jemand sich so abhängig gemacht, um unabhängig zu sein«. Aber jedenfalls hat Lessing mit der ganzen Geschichte auch nicht das geringste zu tun. Schon die einzige, anscheinend aktenmäßige Angabe in den oben angeführten Sätzen seines brüderlichen Biographen, daß nämlich der Prozeß vor dem Kammergericht geführt worden sei, ist unwahr. Und diese Unwahrheit ist um so bezeichnender für ihren Urheber, als K. G. Lessing in seinem weiteren Geschwätze über Voltaires Schlechtigkeit sich auf Kleins aktenmäßige Darstellung des Prozesses bezieht und Klein gerade seitenlang ausführt, daß der Prozeß &#039;&#039;nicht&#039;&#039; vor dem Kammergerichte, sondern vor einer sogenannten »Immediat-Kommission« geführt worden ist, was schon den Zeitgenossen peinlich auffiel.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Kammergerichtsrat Klein schließt seine betreffende Auseinandersetzung, Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit in den Preußischen Staaten, 5, 251 f., mit der Bemerkung, es sei sonst zum »Grundsatze geworden«, »daß dergleichen Immédiat-Kommissionen bei den Streitigkeiten der Privatpersonen gar nicht stattfinden, sondern ein jeder das Recht haben solle, vor seinem gehörigen Richter zu stehen«, und fügt hinzu: »Dies bemerke ich um der Ausländer willen, welche sonst aus diesem Beispiele den Schluß ziehen könnten, als wenn ein Günstling des Monarchen nur eine Immediat -Kommission ausbringen dürfe, um dem Wege Rechtens auszuweichen.« Man sieht: Nach diesem altfränkischen Juristen von 1790 wirft der Judenprozeß Voltaires auch einen Schatten auf die friderizianische Rechtspflege, aber die preußischen Mythologen, von K. G. Lessing bis Herrn Erich Schmidt, denken wie der mythische Müller von Sanssouci: Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre! und lassen aus höchsteigener Machtvollkommenheit den Prozeß vor dem Kammergerichte spielen. Bei Herrn Schmidt erscheint dieser sonderbare Irrtum um so sonderbarer, als er mindestens bei dem gründlichen Danzel gelesen haben muß, daß der Prozeß »vor einer Immediat -Kommission ziemlich formlos« behandelt worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter aber springt aus psychologischen Gründen die Sinnlosigkeit der ganzen Fabel in die Augen. Voltaire, in dessen Vorzimmer sich »Prinzen, Marschälle, Staatsminister, fremde Minister, Herren vom ersten Range« drängten, Voltaire, für den es sich bei dem Prozesse moralisch um Kopf und Kragen handelte, soll einen jungen, damals ganz unbekannten »Kandidaten der Medizin« in seinen vertraulichen Verkehr gezogen, ihn hinter die Kulissen des Prozesses haben blicken lassen, nur weil er einen Übersetzer seiner »schoflen Akten« brauchte! Und Lessing soll sich zum Übersetzer dieser »schoflen Akten« hergegeben haben, nur um die Beine unter Voltaires Tisch strecken zu können, und er soll dann, dreimal »schofel«, die beißendsten Epigramme auf den Prozeß hinter Voltaires Rücken gemacht haben! Nein, es war Friedrichs Art, Voltaire einen alten Affen, einen Lumpenkerl, einen Schuft und so weiter zu nennen und ihm dann doch wieder die Hand zu küssen, aber in Lessings Wesen lag diese doppelte moralische Buchführung gar nicht, und wenn er ihrer überführt werden soll, so sind bessere Beweise notwendig als das leichtfertige Gerede eines albernen Patrons, wie K. G. Lessing war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glücklicherweise läßt sich der Gegenbeweis aber nicht nur auf psychologischem Wege führen. Die für den Prozeß niedergesetzte Immediat-Kommission bestand aus den drei ersten preußischen Juristen (Cocceji, Jarriges und Löper); alle drei waren der französischen Sprache mächtig und einer von ihnen sogar ein geborener Franzose, wie denn auch der letzte Entscheid des Gerichts, ein Vergleich zwischen Voltaire und Hirsch, in französischer Sprache ausgefertigt worden ist. Hätte also Voltaire selbst den Prozeß führen wollen, so hätte er seine »Memorialen« um so mehr französisch einreichen können, als auch der Jude Hirsch diese Sprache geläufig handhabte. Aber Voltaire führte den Prozeß gar nicht selbst, sondern ließ ihn durch einen Advokaten, den Hofrat Bell, führen, und diesen instruierte er, soweit er es schriftlich tat, wie die Akten ergeben, weder in deutscher noch in französischer, sondern in lateinischer Sprache. Was soll denn nun eigentlich Lessing übersetzt haben? Der Advokat mußte von Amts wegen Latein verstehen, und Voltaire verstand es auch. Lessing schrieb freilich, wie aus einem etwa gleichzeitigen Briefe an seinen Vater hervorgeht, ein viel besseres Latein als Voltaire, aber dies ist nur ein Grund mehr, daß er die lateinischen Instruktionen für Voltaires Advokaten nicht geschrieben haben kann. Genug: Zu Ehren all der bürgerlichen Literaturforscher, die seit einem Jahrhundert über Lessings Mitwirkung an Voltaires Judenprozeß ihre moralischen Betrachtungen in die Welt gesetzt und sich dabei in der ehrbarsten Weise auf Kleins Annalen als eine Nebenquelle ihrer Wissenschaft berufen haben, muß man annehmen, daß es ihnen niemals der Mühe wert gewesen ist, diesen alten Tröster aufzuschlagen, denn sonst würden sie bei ihrer viel gefeierten »philologischen Akribie« sofort die Flunkerei ihrer Hauptquelle, nämlich K. G. Lessings, erkannt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob sonst eine persönliche Berührung zwischen Lessing und Voltaire stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; erwähnt hat weder der eine noch der andere eine solche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Dafür&#039;&#039; spricht bis zu einem gewissen Grade der Umstand, daß Lessing für seine Übersetzung von Voltaires historischen Schriften nach eigenem Zeugnis »eins der mit der Feder verbesserten Exemplare« benutzt hat; &#039;&#039;dagegen&#039;&#039; die Tatsache, daß ein Brief Voltaires vom 1. Januar 1752 an den inzwischen aus Berlin verschwundenen Lessing nach Inhalt und Ton auf keine frühere Bekanntschaft hindeutet, eher auf das Gegenteil.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Übersetzung von Voltaires kleineren historischen Schriften ist neuerdings in einer von Erich Schmidt besorgten Ausgabe erschienen. Dieser Herr hatte in seiner Lessing-Biographie, 1, 190, mit allem Aplomb behauptet, daß Lessing »im Auftrage Voltaires nach dessen mit Randnoten versehenem Handexemplar übersetzt« habe. In dieser neuesten Veröffentlichung aber, in der Herr Schmidt seine kühne Behauptung wahrmachen konnte und billigerweise auch hätte wahrmachen sollen, findet er sich mit der Bemerkung ab: »Eingehende Untersuchung darüber, wieweit sich Lessing handschriftlicher Verbesserungen Voltaires bedient habe, konnte ich schon aus Mangel eines umfassenden Voltaire-Apparates nicht anstellen.« Siehe Erich Schmidt, G. E. Lessings Übersetzungen aus dem Französischen Friedrichs des Großen und Voltaires, 254. Das genügt. Aber es hindert Herrn Erich Schmidt natürlich nicht, all den Klatsch über Lessing und Voltaire bei dieser Gelegenheit wieder durchzuklatschen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veranlaßt war dieser Brief durch eine, gelinde gesagt, sträfliche Bummelei Lessings, der von seinem schon erwähnten Freunde Richier de Louvain die Aushängebogen von Voltaires großem Geschichtswerke über Ludwig XIV. unter dem Versprechen strengster Diskretion und alsbaldiger Zurückgabe erhalten, aber die Bogen sowohl dritten Personen gezeigt als auch bei seiner Abreise nach Wittenberg mitgenommen hatte. Lessing brachte dadurch seinen Freund in ein schlimmes Gedränge und sich selbst in einen peinlichen Verdacht. Voltaire kannte den deutschen Nachdruck aus trübseligen Erfahrungen, und er hatte allen Anlaß; sein Eigentum in einem spitzen Briefe zurückzufordern; sehr glaublich ist es nicht, daß Lessing sich einer lateinischen Antwort gerühmt haben soll, die Voltaire nicht hinter den Spiegel gesteckt haben werde. Es kann den bürgerlichen Literarhistorikern überlassen bleiben, auch bei diesem Anlasse der angeblichen Bosheit Voltaires eins auszuwischen und sich zu trösten, daß der Kritiker Lessing es ihm um so gründlicher eingetränkt habe; deshalb trägt Lessing nicht weniger die alleinige Schuld an diesem unerfreulichen Zwischenfalle, und da er noch ein Jahr später in der »Vossischen Zeitung« mit lebhafter Bewunderung von Voltaire spricht, so verdient er am Ende auch nicht den zweifelhaften Ruhm, aus Verdruß über eine verdiente Beschämung seine Rezensentenfeder in Gift und Galle getaucht zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit dem Februar 1751 hatte Lessing die Redaktion des »gelehrten Artikels« bei der »Vossischen Zeitung« übernommen. Die politische Tätigkeit für dies Blatt war ihm wegen der friderizianischen, jedes freie Wort würgenden Zensur stets zuwider gewesen, aber literarisch hat er bis zum Herbste von 1755 daran gearbeitet, und offenbar nicht ungern. In Ermanglung von Besserem war ihm ein dürftiges Winkelblatt gut genug als aufmunternde Peitsche für die faule Philisterwelt, und auch darin erwuchs ihm aus der Not eine Tugend, daß seine einsame Stimme aus der literarischen Wüste von Berlin um so kräftiger ertönte. Wenn er gleichwohl Ende 1751 seine Arbeit für die Zeitung auf einige Monate unterbrach, um nach Wittenberg zu übersiedeln, so nennt er selbst als Grund dieser vorübergehenden Ortsveränderung in einem Briefe »hundert kleine Zufälle, die zu klein sind, als daß ich Sie damit martern wollte«. Indessen die hundert kleinen Zufälle scheinen im wesentlichen auf &#039;&#039;einen&#039;&#039; kleinen Zufall hinauszulaufen: Lessing promovierte in Wittenberg. Er wurde aus dem »Kandidaten der Medizin« ein Magister der freien Künste. Er machte den Pedanten und Perücken dies Zugeständnis oder vielmehr: Er mußte es gern oder ungern machen, und unsere Zeit, die den greulichen Zopf noch immer nicht abgeschnitten hat, darf ihn deshalb am wenigsten tadeln. Lessing hat seine akademische Würde mit derselben souveränen Verachtung behandelt wie die höfische Würde des Hofrats, die ihm zwanzig Jahre später wider seinen Willen ins Haus geflogen kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, wie Lessings Aufenthalt in Wittenberg sein mochte, war er doch lang genug, ihm Händel mit der theologischen Garde der Lutherstadt zu machen. Und zwar, keineswegs religiöse, sondern soziale Händel. Wie Lessing in den französischen Hofliteraten von Berlin die ideologische Vorhut des friderizianischen, so sah er in der lutherischen Orthodoxie von Wittenberg den ideologischen Ausdruck des sächsischen Despotismus. Sie war es auch wirklich, und zwar nicht etwa weniger, sondern nur um so mehr, weil die Wettiner inzwischen wegen der polnischen Königskrone zum Katholizismus übergetreten waren. Der Übertritt zwang die sächsischen Fürsten erst recht, das stärkste Werkzeug ihres einheimischen Despotismus sorgfältig zu schonen. So war denn die schwarze Schar in Wittenberg eben über einen aus ihrer eigenen Mitte mit Krallen und Schnäbeln hergefallen, weil er dem damaligen Papste ein paar Schriften eingesandt und ein freundliches Dankschreiben erhalten hatte, weil er, wie Lessing es ausdrückt, »einige Schritte von Luthers Grabe sich nicht zu sagen gescheut hatte, daß der jetzige Papst ein gelehrter und vernünftiger Mann sei«. Lessing verspottete die frommen Eiferer in dem bekannten Epigramm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er hat den Papst gelobt. Und wir, zu Luthers Ehre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten ihn nicht schelten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Papst, den Papst gelobt? Wenn&#039;s noch der Teufel wäre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ließen wir es gelten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur ein leichtes Vorpostengefecht. Lessing studierte zugleich auf der Wittenberger Universitätsbibliothek die Reformationsgeschichte und fand hier den Stoff zu den Lemnius-Briefen, seiner ersten Prosaschrift, die in ihrer Art klassisch war. Diese Briefe sind mit einem frischen und kecken Witze geschrieben, der den Meistern Bayle und Voltaire alle Ehre macht und vor allem: Sie fassen den Stier bei den Hörnern und überführen den abgöttisch verehrten Luther der sozialen Unterdrückung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Simon Lemnius war ein harmloser, humanistischer Poet, der 1538 in Wittenberg ein Büchlein lateinischer Epigramme herausgegeben und darin auch den Hohenzollern Albrecht, den Kurfürsten von Mainz, als Gönner der Humanisten verherrlicht hatte. Erster geistlicher Fürst des Reiches, war Albrecht doch ein sehr nachsichtiger Gegner der Reformation; er trug auf zwei Schultern und spielte wohl mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche, deren Primas er gern geworden wäre; auch konnte er bei seinem leichtfertigen und verschwenderischen Lebenswandel die großen Summen nicht entbehren, um die er die Freiheit der protestantischen Religionsübung an die Angehörigen seines Erzstifts zu verhandeln pflegte. Hutten stand noch in Albrechts Diensten, als er bereits die heftigsten Streitschriften gegen Rom gerichtet hatte; zu Luthers Hochzeit hatte Albrecht – der Kardinal der katholischen Kirche zur ehelichen Verbindung eines Mönchs und einer Nonne! – zwanzig Goldgulden geschickt; er hatte endlich noch im Jahre 1532 die Widmung von Melanchthons Kommentar zum Römerbriefe angenommen und seinen Dank mit dreißig Goldgulden sowie einem Becher abgestattet. Was Wunder also, daß Lemnius kein Arg hatte, wenn er nach Humanistenart dem Gönner der Humanisten einigen Weihrauch streute; hatte doch auch Melanchthon seine Epigramme die Zensur passieren lassen. Kaum aber las Luther das Büchlein, als er in berserkerhaften Zorn gegen den Dichter geriet. Dieweil der »Schandpoetaster« einen Heiligen aus dem Teufel macht, so schrie er von der Kanzel, »ist mir&#039;s nicht zu leiden, daß Solches öffentlich und durch den Druck geschehe in dieser Kirche, Schule und Stadt, weil derselbige Sch...bischof ein falscher, verlogener Mann ist«. Zugleich ließ er dem Lemnius durch den akademischen Senat zunächst Arrest ankündigen, und, als Lemnius nunmehr floh – »ein aufgebrachter Luther war alles zu tun vermögend«, erläutert Lessing –, an die Kirchentür anschlagen, »der flüchtige Bube, wenn man ihn bekommen hätte, würde nach allen Rechten billig den Kopf verloren haben«. Die Epigramme des Lemnius aber wurden verbrannt. Der Poet ließ sie nun in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, von neuem auflegen und fügte eine Reihe unzüchtiger Schmähungen gegen Luther und andere Reformatoren bei. An der Hand dieser Zoten – dem Gerechten muß alles zum besten dienen – haben dann die protestantischen Geschichtsschreiber ihren teuren Gottesmann zu retten gesucht, und zwar durch eine ebenso einfache wie geniale Umkehrung von Ursache und Wirkung: Sie behaupten, Lemnius habe mit den Zoten begonnen und darüber sei Luther in eine sehr berechtigte Entrüstung geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Geschichtsklitterung deckt nun Lessing in seinen acht Lemnius-Briefen, nicht ohne ein paar beiläufige Irrtümer, aber im wesentlichen vollkommen zutreffend, auf. Er weist nach, daß die ursprünglichen Epigramme des Lemnius nur den einen Fehler hatten, gar zu beziehungs- und salzlos zu sein, daß sie ganz unschuldige Stilübungen waren und daß Luthers Wut allein durch das Lob Albrechts erregt wurde. Mit schöner Wärme tritt Lessing gegen den rohen Verfolger für den unschuldig Verfolgten ein; er geißelt Luthers »Niederträchtigkeiten«, seine »blinde Hitze«, auch Melanchthons Feigheit. Nicht die Dogmen der lutherischen Kirche greift Lessing an, wie immer er sonst für seine Person dazu stehen möchte, sondern das Luthertum als Organ der sozialen Unterdrückung. Man sage nicht: Was kommt denn viel darauf an, ob Luther einmal einem vergessenen Poetlein zuviel getan hat! So zu denken, war Lessings Art gar nicht; er war ein Vorläufer jenes französischen Revolutionärs, der soziale Unterdrückung schon für vorhanden erklärte, wenn auch nur ein Individuum unterdrückt werde; ja, Lessing hat diesen Gedanken schon zehn Jahre vor der Französischen Revolution ausgesprochen, als er in seinen Freimaurergesprächen sagte, jede Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;müssen&#039;&#039;, sei Bemäntelung der Tyrannei. Und wie richtig ihn sein Klasseninstinkt leitete, als er in dem Falle des Lemnius einen Typus für die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht des Luthertums darstellte, das hat ihm inzwischen die lutherische Geschichtsschreibung selbst bestätigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sollte nämlich meinen, daß nach Lessings erschöpfender Darstellung kein deutscher Historiker mehr den Lemnius verleumden werde, um Luthers »Niederträchtigkeiten« zu verdecken. Sehen wir aber einmal zu! Ranke schreibt: »Bei der würdigen Stellung, welche die klassischen Studien einnahmen, konnte sich das tumultuarische, händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und. darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend.« Da ist also schon der alte Humbug, wenn auch noch in diplomatisch-vorsichtiger Verkleidung. Offener geht Konsistorialrat Köstlin, der Luther-Biograph, ins Zeug, wenn er Lessings Darstellung mit priesterlicher Salbung für »ungenügend, teilweise unrichtig« erklärt, Lemnius einen »würdigen Kotdichter« nennt und als die Ursache von Luthers Vorgehen »einen Sturm bei der Universität und in der Stadt« angibt, weil die Epigramme des Lemnius »sich verletzend gegen Wittenberger Persönlichkeiten richteten«, eine Behauptung, die Lessing in bündigster Weise widerlegt hat. Immerhin erwähnt Köstlin nachträglich noch Luthers maßlosen, durch das »überschwengliche Lob« Albrechts erregten Zorn. Dagegen läßt sich der neueste Geschichtsschreiber des Falles, Professor Heidemann, der beiläufig an dem ältesten Gymnasium der deutschen Hauptstadt sei es Geschichte, sei es Religion lehrt, folgendermaßen aus: »Ein Magister Lemnius hatte Luthers Person und häusliches Leben durch Veröffentlichung unsauberer Epigramme angegriffen und Luther dadurch zu einer heftigen Erwiderung gereizt.« Womit die durch Lessing vernichtete Geschichtslüge wieder in volle Ehren eingesetzt ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Geschichte der Reformation, 5, 337. Köstlin, Martin Luther, 2, 420. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 202.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach könnte man fragen: Wozu hat Lessing eigentlich gelebt, wenn das von ihm ausgereutete Unkraut an unseren hohen Schulen wieder in so üppigen Halmen steht? Nun, mindestens dazu, uns über das Wesen der Geschichtslüge aufzuklären. Er selbst scheint sie aus der Erbsünde der menschlichen Natur abzuleiten, denn in seiner Wittenberger Zeit schreibt er einmal: »Wann wird man aufhören, einen ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumalen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen?« Aus seinen eigenen Schicksalen aber kann man lernen, daß die Geschichtslüge ein Werkzeug der sozialen Unterdrückung und als solche unbesiegbar ist, solange soziale Unterdrückung besteht. Unbesiegbar sogar für die glänzenden Geisteswaffen eines Lessing, der, wenn er sich gar zu mausig macht, eben auch nur in das Grabtuch der Lessing-Legende geschnürt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. Lessings literarische Anfänge ==&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Jahres 1752 kehrte Lessing aus Wittenberg nach Berlin zurück, um seine Tätigkeit an dem »gelehrten Artikel« der »Vossischen Zeitung« fortzusetzen und eine Sammlung seiner Aufsätze, Gedichte und Schauspiele zu veranstalten, die nach und nach bis zum Jahre 1755 in sechs Duodezbänden erschien. Obwohl von Lessings damaligen Leistungen heute weniges noch lesbar ist, so brachen sie doch zu ihrer Zeit der deutschen Literatur eine neue Bahn. Sie halfen ihr aus dem hoffnungslosen Kreise des Gegensatzes zwischen Leipzig und Zürich, zwischen Gottsched und Bodmer-Breitinger heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über diesen Gegensatz ist in der bürgerlichen Literaturgeschichte unendlich viel geredet worden, ohne daß jemals sein wirklicher Kernpunkt ins richtige Licht gestellt worden wäre. Gottsched war angeblich der Popanz, vor dem sich alle frischen Kräfte der Literatur bekreuzigten, während die Züricher bei großen Schwächen denn doch den Klopstock und Lessing die Wege gebahnt haben sollen. Es half wenig, daß Danzel bis zu einem gewissen Grade eine Rettung Gottscheds versuchte, daß er ihn einen Vorläufer der neuen Zeit nannte, sosehr er auch als ein Sündenbock der alten Zeit behandelt worden sei, daß Schlosser bei allzu bitterer Beurteilung seiner Person ihn doch neben Thomasius stellte. Herr Erich Schmidt weiß es besser; er sagt mit seiner glücklichen Begabung, die Dinge immer gerade auf den Kopf zu stellen, von Gottsched: »Ihm war bestimmt, abzuschließen, nicht zu eröffnen.« Und doch hat Gottsched die Epoche unserer klassischen Literatur eröffnet, und allerdings gehört er in eine Reihe mit Leibniz, Pufendorf, Thomasius, sei es auch in wohlbemessenem Abstande.&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel-Guhrauer, 1, 487. Schlosser, 1, 560 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottsched war ein geborener Preuße, er stammte aus Königsberg. Aber selbst seine bescheidenen Talente konnten in diesem banausischen Lande nicht gedeihen; er floh vor den Werbern Friedrich Wilhelms I., und es gab keine andere Stadt im deutschen Reiche, wo er sich eine literarische Stellung machen konnte, als Leipzig. Hier bemühte er sich als Universitätsprofessor mit großer Energie um literarische Reformen, und wenn es ihm zur Ehre gereicht, daß er von diesen Bemühungen sagen durfte: »Es ist auf die gemeinsame Ehre von ganz Deutschland damit abgezielet«, so gereicht es ihm nicht zur Schande, daß er bei der unsagbaren Verkommenheit der deutschen Literatur sozusagen mit dem Abc, mit Reinigung der Sprache, mit dürren Regeln, mit fremdländischen Mustern beginnen mußte. Es spricht nur für seinen Fleiß, daß er sich schnell emporarbeitete, und es spricht nur gegen die Armseligkeit der deutschen Zustände, daß ihm bei seinen nicht mehr als mittelmäßigen Gaben eine kritische Diktatur zufiel, die ihn verderben mußte, wie jede Diktatur jeden Menschen verdirbt. Lange Zeit teilten Bodmer und Breitinger seine Bestrebungen; sie waren eben auch keine schöpferischen Genies, am wenigsten Bodmer, der anspruchsvollere, aber unbegabtere von beiden. Nicht auf literarischem, sondern auf politisch-sozialem Gebiete entbrannte der Krieg zwischen Leipzig und Zürich, wenn er selbstverständlich auch in der ideologischen Verkleidung von allerlei ästhetischen und literarischen Streitfragen geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zürich war die erste Stadt der Schweiz, wie Leipzig die erste Stadt des deutschen Reiches war. Aber die Schweiz war eine Republik, und in Deutschland herrschte der fürstliche Despotismus. In ihrer schulmäßigen Weise suchten deshalb Bodmer und Breitinger ihr dichterisches Muster in Milton, Gottsched aber in Corneille und Racine. In dem höfischen Servilismus blieb der deutsche Literaturpapst allerdings ertrunken. Auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindet sich sein nachgelassener Briefwechsel, 4700 Briefe in 22 Folianten, und Danzel, der das Kreuz auf sieb, genommen hat, ihn durchzusehen, sagt davon: »Es ist unglaublich, aber wahr, daß in allen diesen Bänden kaum eine oder zwei Äußerungen politischer Art vorkommen.« Nur freilich, daß Danzel gerecht genug ist, hinzuzufügen: »Der ärgste Servilismus wird als etwas betrachtet, was sich ganz von selbst versteht.«&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel, Gottsched und seine Zeit, 279.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er verstand sich damals von selbst; auch Leibniz, Pufendorf, Thomasius waren von ihm nicht frei. Und wenn wir wenigstens heute davon als von einer Pest der Vergangenheit sprechen könnten! Aber Gottscheds Lobgesänge auf August den Starken waren an sich nicht schlimmer, dagegen, gemessen am Unterschiede der Zeiten, viel, weniger schlimm, als wenn heutige Literaturpäpste mit untertänigen Kratzfüßen ein literarisches Zeitalter Friedrichs des Großen aus dem Boden kratzen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin könnte es darnach scheinen, als ob die Schweizer einen freieren und weiteren Blick gehabt hätten als die Leipziger. Allein ihre Bewunderung Miltons war rein schulmäßig, war auf die oberflächlichsten Analogien gegründet. Das orthodoxe Christentum in diesen engen, kleinen Republiken, die wie Zürich verphilistert oder wie Bern verliederlicht waren, hatte gar nichts gemein mit dem revolutionären Ungestüm der englischen Puritaner, dagegen war es Geschwisterkind mit der lutherischen Orthodoxie, durch die in Deutschland der Despotismus regierte. Und hier offenbart sich ein anderer Unterschied zwischen den Leipzigern und den Zürichern, bei dem Gottsched zu seinem Rechte kommt. Verkümmert und verschrumpft, wie sein bürgerliches Klassenbewußtsein noch sein mochte, war es doch stark genug, um wenigstens gegen die ideologische Geißel der fürstlichen Tyrannei zu rebellieren. Gottsched übersetzte Bayle und machte für Voltaire eifrige Propaganda. Er legte das Schwergewicht seiner literarischen Reformen nicht in gottselige Gedichte, sondern auf des Teufels Kanzel, um im damaligen orthodoxen Jargon zu sprechen. Man sage nicht, Gottscheds Interesse für die Bühne sei nur eine Folge seiner Bewunderung für die höfische Dramatik der Franzosen gewesen. Denn er arbeitete nicht für Hofbühnen, sondern er machte verrufene Proletarier, wandernde Truppen, wie die Neuberin und ihre Gesellschaft, zu Sendboten seiner dramaturgischen Bestrebungen, was in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für eine akademische Perücke ein ganz achtungswertes Stück gesellschaftlicher Revolution war. Auf diesen Wegen kam Gottsched aber mit den großen Strömungen des europäischen Geisteslebens in viel nähere Berührung, als Bodmer und Breitinger je gekommen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß auch anscheinend rein ästhetische und literarhistorische Fragen auf ihren politischen und sozialen Untergrund prüfen, wenn man sie richtig verstehen will. Erst aus der eben über den Streit der Leipziger und der Züricher entwickelten Auffassung versteht man, weshalb Klopstock sich um den besten Teil seiner Wirksamkeit brachte, indem er dem Rate der Züricher Kunstrichter folgte und sein Leben an ein religiöses Epos setzte; versteht man, weshalb diese Philister vor Entsetzen auf den Rücken fielen, als sie ihren gefeierten Sänger nach Zürich einluden und in ihm nicht einen vermuckerten Kopfhänger, sondern einen frischen, lebenslustigen, revolutionär gestimmten Jüngling fanden. Man versteht dann aber auch den viel schärferen Klasseninstinkt, mit dem Lessing nicht den Faden Bodmers, sondern den Faden Gottscheds weiterspann. Das klingt paradox, sintemalen die bürgerliche Literaturgeschichte von wenig Dingen mit so großem Pathos zu erzählen weiß wie von Gottscheds Hinrichtung durch Lessing. Doch hat wenigstens Danzel hierauf schon mit dem hübschen Vergleiche geantwortet, daß Lessing gerade darum Gottscheds Verdienste übersehen habe, »weil er gänzlich auf ihm ruhte und von ihm lebte, so, wie es ja auch lange gewährt hat, bis die Naturwissenschaft die Luft, welche wir einatmen, im Ernste einer gründlichen Untersuchung zu unterwerfen sich entschlossen hat«. Lessing ist gegen Gottsched, der ihm näherstand, viel härter gewesen als gegen die Schweizer, die ihm fernerstanden. Dagegen hat Gottsched den mitunter wirklich ungerechten Angriffen Lessings eine große Zurückhaltung entgegengesetzt, während Bodmer für viel gelindere Kritiken Lessings sich in giftiger Weise gerächt und sein Berliner Busenfreund, der Professor Sulzer vom Joachimsthalschen Gymnasium, sich immer als ein rechter Neidhammel gegen Lessing erwiesen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch diese Beziehungen sind leicht zu verstehen unter dem schon angedeuteten sozialen Gesichtspunkte. Lessing folgte nicht nur Gottsched, sondern er ging zugleich weit über ihn hinaus, indem er das höfische, knechtische, servile Element in Gottscheds Taten und Theorien vom bürgerlichen Standpunkte aus rücksichtslos bekämpfte. Lessing hieb den »großen Duns« in die Pfanne, weil dieser das Banner des fürstlichen Despotismus trug. Nichts bezeichnender dafür als gleich der erste Schlag, den er gegen Gottsched führte, die Rezension über Gottscheds Gedichte in der »Vossischen Zeitung« vom 27. März 1751. Hier ihre Hauptsätze: »Allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei kündigen und preisen wir folgendes Werk an ... Der erste Teil ist alt und nur die Ordnung ist neu, welche den schärfsten Hofetiketten Ehre machen würde ... Der andere Teil ist größtenteils neu und mit eben der Rangordnung ausgeschmückt, welche bei dem ersten so vorzüglich angebracht ist; so daß nämlich alle Gedichte auf hohe Häupter und fürstliche Personen in das erste Buch, die auf gräfliche, adelige und solche, die ihnen gewissermaßen gleichkommen, ins zweite, alle freundschaftlichen Lieder aber ins dritte Buch gekommen sind ... Diese Gedichte kosten in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam zwei Taler und vier Groschen. Mit zwei Talern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ohngefähr das Nützliche.« So springt der soziale Gegensatz klar hervor, und aus ihm, aus der endlich erwachenden Empörung der bürgerlichen Klassen über ihre Selbsterniedrigung, erklärt sich die manchmal grausame Heftigkeit, womit Lessing gegen Gottsched vorging, erklärt sich die Zurückhaltung Gottscheds, die, wenn sie wirklich nach der Vermutung seines närrischen Schildknappen Schönaich aus Angst entstanden wäre, doch eben auch in dieser Angst nur ein wirkliches Verständnis für Lessings höhere Ziele bekundet haben würde, erklärt sich endlich der verbissene Grimm der Schweizer, die sich mit einem Male auf den Sand gesetzt fühlten, als Lessing durch die Beseitigung des fürstendienerischen Elements aus Gottscheds Bestrebungen den von diesem angebahnten geistigen Zusammenhang mit den bürgerlichen Klassenkämpfen der westeuropäischen Kulturvölker wirklich gewann. Gewiß: Lessing hat Gottsched überwunden, aber nur indem er dessen Bestrebungen läuterte, reinigte, steigerte, und die Legende, als ob Gottsched erst »abgeschlossen« hätte, ehe Lessing anfing, steht am wenigsten den Leuten zu Gesichte, die unsere klassische Literatur »allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei« unterschieben möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie nun Lessing unter den Flügeln des Gottschedianers Mylius begann und sich allmählich bis zur Miß Sara Sampson entwickelte, das ist aus den sechs Duodezbändchen seiner gesammelten Schriften und daneben aus seinen Kritiken in der »Vossischen Zeitung« anziehend zu verfolgen. Wir sehen dabei billig von seiner Jugendlyrik ab, die höchstens in einigen meist schon erwähnten Epigrammen in den Kampf seines Lebens eingegriffen hat. Es kann Herrn Erich Schmidt überlassen bleiben, aus diesem schulmäßigen Lehrgedicht ein »vollwichtiges« Zeugnis von Lessings Abneigung gegen seinen »Landesvater und den Dresdener Hof« oder aus jenem »anakreontischen Gegängel« einen »erlebten« Herzenskonflikt herauszuspintisieren.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nicht zwar, als ob der Haß gegen die »Großen«, der sich wie ein roter Faden durch Lessings Leben zieht, nicht auch auf die Wettiner gegangen wäre, aber Lessing war sowenig wie Klopstock und Winckelmann Trottel genug, um in erster Reihe auf dasjenige deutsche Fürstenhaus loszuschlagen, das noch am ehesten ein gewisses Verständnis für Kunst und Wissenschaft bekundete. Der Scharfblick, mit dem Herr Schmidt in einer oder zwei Reimwendungen des jungen Lessing einen besonderen Haß gegen die Wettiner entdeckt, steht in entzückendem Gegensatze zu der Blindheit, womit er über die scharfen Proteste des Mannes Lessing gegen den friderizianischen Despotismus fortstolpert. Was aber den »erlebten Konflikt« anbetrifft, so handelt es sich um eine mehr heitere Seite der Lessing-Legende. Lessing soll durchaus im Philistersinne der Bourgeoisie »respektabel« gemacht werden. Nun ist es mit der höchsten Kunst der Geschichtsklitterung nicht aus der Welt zu schaffen, daß er als ein echter Ritter die Widersacher und die Schulden niemals losgeworden ist, aber die Weiber, die Weiber! Nach Art der damaligen Anakreontiker hat Lessing die Doris und die Chloris, die Phyllis und die Laura, die er besang, für Wesen der Einbildung erklärt, und solange sich die bürgerlichen Literarhistoriker begnügten, auf dies eigenhändige Sittenzeugnis zu pochen, mochte man sich&#039;s gefallen lassen, obschon es nicht mehr besagte, als daß Lessing nicht als türkischer Pascha über einen ganzen Harem verfügt hat. Allein Herr Schmidt muß auch hier seine Vorgänger übertrumpfen. Aus einem achtzeiligen Verslein liest er heraus, daß Lessing von einem moralischen Katzenjammer ergriffen worden sei, weil er wirklich eine Chloris oder eine Doris zu küssen gewagt habe. So braucht Lessing im Interesse der bürgerlichen »Respektabilität« am Ende doch nicht verschimpfiert zu werden. Es gereicht ihm gewiß zur Ehre, daß er sich von der impotenten Zotenreißerei, die in den damaligen literarischen Briefwechseln unangenehm genug berührt, frei gehalten hat, aber man braucht nur einmal sein Jugendbildnis in der Berliner Nationalgalerie zu betrachten, um die unglaubliche Komik der Vorstellung zu empfinden, daß dieser kecke und stattliche Bursch mit dem, wie Voß sagte, »rechten Geierblick« die Rokokoschönen nicht anders als mit den frommen Gefühlen Josephs in Ägypten hat umherflattern sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch kann desselben Herrn Begeisterung über ein paar Reimzeilen, die Lessing in seinen Berliner Anfängen einmal unter ein Bild Friedrichs gesetzt hat (Wer kennt ihn nicht?. Die hohe Miene spricht dem Denkenden. Der Denkende allein kann Philosoph, kann Held, kann beides sein), nicht weiter stören; sie besagen sowenig wie die paar sogar nach Herrn Schmidt »frostigen« Oden, womit Lessing als Redakteur einer »königlich privilegierten« Zeitung den König zum Anfange des Jahres und zu seinem Geburtstage nun einmal begrüßen mußte. Endlich mag auch Herrn Schmidts berauschende Behauptung: »Der sächsische Pastorssohn war in Berlin religiös und politisch ein Liberaler geworden«, auf sich beruhen bleiben; will man einmal dem etwas kindlichen Vergnügen huldigen, moderne Parteibezeichnungen in jene Zeit zurückzutragen, so liegt es auf der Hand, daß der junge Lessing nicht so etwas wie Lasker oder Eugen Richter war, sondern als erster kühner Führer einer revolutionär aufstrebenden Klasse etwa das sein mochte, was eine Reihe von Jahrzehnten später unter gänzlich veränderten Verhältnissen der junge Lassalle oder der junge Marx waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht in Lessings Lyrik, die bei einer so durchaus unlyrischen Natur wie der seinen kaum mehr als die bekannte Jugendsünde begabter Menschen war, sondern in seinen Prosaschriften und seinen Theaterstücken kommt das wahre Wesen des Mannes zum beredten Ausdruck. Seine »Briefe«, seine »Rettungen«, seine Kritiken in der »Vossischen Zeitung« sind ein unaufhörliches Scharmützel mit den halb gefährlichen, halb lächerlichen Vorurteilen, denen seine Klasse noch blind anhing. Am liebsten reitet er aus gegen die lutherische Orthodoxie; neben dem Simon Lemnius rettet er noch ein paar verschollene Gelehrte und den alten Heiden Horaz vor ihren Verleumdungen; Klopstocks seraphische Verstiegenheit wird scharf von seiner dichterischen Größe gesondert und dem Trosse himmlischer Sänger, die hinter dem Messias einhertrollen wollten, mit treffenden Worten die Tür gewiesen. Niemals ein Streit um Dogmen, aber stets ein Kampf gegen Unterdrückung oder gegen eine ziellose Schwärmerei, welche die bürgerlichen Klassen ihren wirklichen Interessen abwendig machen mußte. Überall eine frei menschliche Auffassung, die bei dem noch erstarrten bürgerlichen Leben in Deutschland ihre Nahrung aus den Werken der Alten und den bürgerlichen Schriftstellern der Nachbarvölker sog. Diese ersten Prosaschriften Lessings verraten nicht nur den geistigen Einfluß Bayles und Voltaires; sie nehmen auch schon bestimmte Stellung zu Montesquieu, Lamettrie, Rousseau und Diderot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird Montesquieu, soweit wir sehen, in Lessings Schriften nirgends erwähnt, auch in den späteren nicht. Aber im Januar 1753 bespricht Lessing in der »Vossischen Zeitung« ein im Haag anonym erschienenes französisches Werk über den Geist der Nationen, und dabei führt er aus: »Eigentlich zu reden, hat man keine andere als physikalische Ursachen, warum die Nationen an Leidenschaften, Talenten und körperlichen Geschicklichkeiten so verschieden sind; denn was man moralische Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physikalischen. Die Erziehung, die Regierungsform, die Religion zu den Ursachen dieser Verschiedenheit zu machen, zeigt deutlich, daß man es entweder schlecht überlegt hat oder einer von denjenigen Gelehrten ist, die zum Unglück in Ländern geboren sind, von welchen man vorgibt, daß sie den Wissenschaften weniger günstig als etwa Frankreich und England wären und also sich selbst Unrecht zu tun glauben, wenn sie den Einfluß des Klimas auf die Fälligkeit des Geistes zugeben wollten.« Das ist aber ein lebhafter Nachklang aus Montesquieus ein paar Jahre vorher in Genf erschienenem »Geist der Gesetze«, und das eifrige Bekenntnis zu dieser für ihre Zeit epochemachenden, aber in dem deutschen Bürgertum sonst spurlos verhallenden Auffassung war für den blutjungen Kritiker des Berliner Philisterblatts aller Ehren wert. Lessing hatte schon in Wittenberg des Spaniers Huarte »Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften« übersetzt; ein Werk aus dem sechzehnten Jahrhundert, voll der absonderlichsten Schrullen, aber nicht ohne manche Ahnungen einer materialistischen Weltanschauung, in denen der Übersetzer »neue Wege« erkannte, die den Verfasser »über die Grenzen seines Jahrhunderts« hinausgeführt hätten, und noch in seiner letzten Schrift, den Freimaurergesprächen, kehrt Lessing zu der Ableitung der moralischen aus physikalischen Ursachen zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich – gerade als rüstigster Vertreter des deutschen Bürgertums konnte Lessing sich dem geistigen Bannkreise dieser Klasse nicht völlig entziehen. Dem konsequenten Materialismus Lamettries stand er verständnislos gegenüber, und seine verächtlichen Bemerkungen über das »Uhrwerk« zeigen ihn auf einem recht trivialen Wege, auch wenn man seinen gesunden Klassenhaß gegen den französischen Hofliteraten in gebührenden Anschlag bringt. Nur darf ihm dieser Mangel an Verständnis nicht eigentlich als persönliche Schuld angerechnet werden; war doch erst ein volles Jahrhundert später die ökonomische Entwicklung Deutschlands so weit gediehen, daß sich der naturwissenschaftliche Materialismus als ihre ideologische Begleiterscheinung einstellen konnte. Auch Rousseaus Rede gegen die Künste und Wissenschaften verstand Lessing nicht in ihrem tieferen historischen Zusammenhange, und wie sollte er auch? Auf dem deutschen Bürgertum lastete nicht wie auf dem französischen eine verknöcherte Zivilisation, sondern eine verknöcherte Barbarei, und jenes konnte nur gerade erst durch Kunst und Wissenschaft um seine soziale Emanzipation ringen. Immerhin wirft Lessing dem paradoxen Tadel Rousseaus, daß die kriegerischen Eigenschaften vor den Künsten und Wissenschaften verschwänden, das gute Wort entgegen: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns untereinander umbringen sollen?« Dagegen begrüßte Lessing in Diderot den wahlverwandten Geist, den dritten Franzosen, der auf ihn noch einen großen, fast überschwenglich anerkannten Einfluß gewinnen sollte. Er nennt ihn einen von den Weltweisen, die sich mehr Mühe geben, Wolken zu machen, als sie zu zerstreuen. »Überall wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten ... Sie führen in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit, wenn Schullehrer in Gängen voll eingebildeten Lichts zum düsteren Throne der Lügen leiten. Gesetzt auch, ein solcher Weltweiser wagt es, Meinungen zu bestreiten, welche wir geheiligt haben, der Schade ist klein. Seine Träume oder Wahrheiten, wie man sie nennen will, werden der Gesellschaft ebensowenig Schaden tun, als vielen Schaden ihr diejenigen tun, welche die Denkungsart aller Menschen unter das Joch der ihrigen bringen wollen.« In geistiger Führung mit solchen Geistern durfte Lessing wohl über die deutschen »Schullehrer« seine kritische Geißel schwingen, und schwerer noch als auf den Magister von Leipzig fiel sie auf einen »alten Schulknaben«, der zu den Fahnen der Schweizer schwor und sozusagen auch ein Schützling König Friedrichs war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Übersetzung des Horaz, die Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, zur Ostermesse des Jahres 1752 herausgab, ist ein sprechendes Zeugnis für die Verkommenheit der damaligen deutschen Literatur, namentlich wenn man erwägt, daß ihr Verfasser ein gefeierter Dichter der schweizerischen Richtung war und neun Jahre an der Übersetzung gearbeitet hatte. Sprache, Versmaß, Verständnis des Originals, alles steht auf gleich tiefer Stufe, und obendrein die schuljungenhaften Schnitzer fast auf jeder Seite! Dabei hatte ein Professor der Ästhetik, Meier in Halle, die Korrektur besorgt, und General Stille, ein Tafelgenosse des Königs Friedrich und ein selbst in deutscher Sprache dichtender Beschützer von Lange, hatte sich, wie Gleim an Kleist schreibt, die Mühe genommen, die »übersetzten Horazischen Oden Stück für Stück durchzugehen und genau zu kritisieren«; ja, auch Gleim scheint mitgeholfen zu haben, denn er wundert sich schon im Jahre 1748, »mit welcher Richtigkeit General Stille bisher getadelt hat«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleists Werke, 3, 76. Sonst gibt Emil Grosse in Lessings Werken, 13, 1 ff., eine gute Zusammenstellung der Akten über den Vademecum-Streit. Irreführend und oberflächlich ist Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur, eine Sammlung von Aufsätzen zumeist aus der »Vossischen Zeitung«. Die Kabinettsorder Friedrichs an Lange hat Pröhle keineswegs zuerst mitgeteilt, wie er prahlt: Sie steht schon bei Preuß, Urkundenbuch, 1, 225.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stille hatte denn auch wohl veranlaßt, daß Lange die Übersetzung dem Könige widmete und ein anerkennendes Dankschreiben erhielt, worin Friedrich erklärt, daß ihm die »dadurch bezeigte devote attention zu gnädigstem Gefallen gereichet« und daß er nicht zweifele, »es werde Eure wohlgeratene Arbeit der Schuljugend bei Lesung dieses lebhaften Autoris in der Tat nützlich sein«. Lessing kannte alle diese Umstände; ja, als er, entsetzt über das jammervolle Machwerk, eine Kritik darüber schreiben wollte, warnte ihn ein Professor Nicolai, der in der Sache mit Lessing völlig übereinstimmte, noch ausdrücklich: »öffentlich wollte ich es niemand raten, Herrn Lange anzugreifen, der etwa noch Hoffnung haben könnte, im Preußischen sein Glück zu finden. Herr Lange kann viel bei Hofe durch gewisse Mittel ausrichten.« Vermutlich fühlte sich Lessing nunmehr um so mehr angetrieben, in einem seiner »Briefe« die schlimmsten Böcke Langes aufzustechen; auf wen alle losschlugen, der hatte vor ihm Friede, wie er einmal schrieb, aber wen alle aus höfischen Karriererücksichten verschonten, der hatte von ihm sicherlich den Krieg. Und als Lange nun gar nach der Art solcher hochnäsiger Ignoranten den Charakter seines Kritikers in hämischer Weise anzutasten wagte, da stiftete ihm Lessing das Vademecum, die erste jener klassischen Streitschriften, die immer mustergültig bleiben werden für den Kampf der Männer gegen die Buben – trotz oder auch wegen der wehleidigen Versicherung der bürgerlichen Literarhistoriker, daß Lessing diesem armen Lange oder jenem armen Klotz zuviel getan habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer aber noch als in Lessings Prosaschriften spiegelt sich in seinen Theaterstücken die allmähliche Entwicklung seines Geistes wider. Wir sehen auch hier von einigen ganz unreifen Schularbeiten ab, die er selbst schon von der ersten Sammlung seiner Schriften ausschloß, ebenso von ein paar Übersetzungen und den beiden in je vier Heften erschienenen Zeitschriften, den schon erwähnten Beiträgen und der »Theatralischen Bibliothek«, in denen Lessing tastende Vorstudien zur Hamburgischen Dramaturgie machte. Aber sein »Junger Gelehrter«, sein »Freigeist«, seine »Juden« stehen einerseits noch ganz auf Gottschedischem Boden, während sie andererseits schon ein neues Leben aus der veralteten Form hervorbrechen lassen. Auf der einen Seite – ein sklavisches Festhalten an den drei Einheiten, eine grobe und lose Verwicklung, hölzerne Figuren, die nach der Schablone der französischen und italienischen Komödie mit unbehilflichem Messer geschnitzt sind; auf der anderen Seite aber – wie grausam wird im »Jungen Gelehrten« die aberwitzige Schulweisheit verhöhnt, die sich in überstiegenem Stumpfsinne vom wirklichen Leben abwendet; wie arg muß sich im »Freigeist« die höfische Freigeisterei beschämen lassen, die nach dem bekannten Worte sogar eines Voltaire »Schuster und Köchinnen« nicht aufklären, sondern die Kanaille dem Aberglauben überlassen will, und wie glücklich wird die Beschämung des Freigeistes nur so weit getrieben, daß der Orthodoxie daraus keinerlei Triumph erwächst; wie tapfer gehen die »Juden« ins Zeug gegen die »schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann«. Ja, in seinem Henzi-Fragment von 1749 griff Lessing schon mitten in das politische Leben der Gegenwart hinein. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte die »Vossische Zeitung« in jenem Jahre ausführliche Berichte über die Verschwörung gebracht, die Henzi, ein demokratischer Patriot, in Bern gegen ein verrottetes Oligarchenregiment angestiftet hatte, um dann, zu früh in seinen Anschlägen entdeckt, auf der Folter und dem Schafotte das Opfer einer nichtswürdigen Klassenjustiz zu werden. Nach diesem Stoffe griff Lessing für ein Trauerspiel, wovon er anderthalb Akte vollendete, und noch spürt man zwischen den steifen Alexandrinern etwas von dem Feuer, mit dem ihn ein solcher Held erfüllte. Herr Erich Schmidt rennt offene Türen ein mit seiner pathetischen Deklamation gegen Danzel, der in Lessings Henzi-Fragment Anklänge an Shakespeares »Julius Cäsar« gefunden hatte. Mag Danzel sich ein wenig überschwenglich ausgedrückt haben: In der Sache hat er und hat nach ihm Stahr völlig recht mit dem Hinweise darauf, wie bedeutsam das kräftige und rasche Eingreifen dieses tragischen Stoffs in jener Zeit gewesen sei, zumal für einen zwanzigjährigen Jüngling. Was soll&#039;s mit Herrn Erich Schmidts breitspurigem Nachweise, daß, ästhetisch genommen, das Henzi-Fragment so unreif ist wie – Tragödienversuche zwanzigjähriger Jünglinge im allgemeinen zu sein pflegen? Das brauchen wir nicht erst zu lernen, aber die berühmte »genetische Methode« sollte über die Stellung des Henzi-Fragments in Lessings geistiger Entwicklung doch mindestens so viel zu sagen wissen wie Danzel und Stahr. Freilich – wie kam Lessing auch dazu, sich für einen demokratischen Helden zu begeistern, statt in anakreontischen Liedern »erlebte Konflikte« zu schildern, die es noch lohnt, mit akademischer Brille zu studieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen entscheidenden und großen Schritt über seine dramatischen Jugendversuche hinaus tat Lessing mit seiner Miß Sara Sampson, einem bürgerlichen Trauerspiele, das er im Anfange des Jahres 1755 in einem Gartenhause bei Potsdam schrieb. Er war sich der Größe dieses Wurfes wohl bewußt; es galt den bürgerlichen Klassen in Deutschland eine neue Tribüne zu eröffnen. Bisher waren sie nur in der Komödie zu Worte gekommen, mehr oder minder als lächerliche Personen, als Träger mehr oder minder abgeschmackter Laster, bestenfalls als Schattenbilder stelzbeiniger Tugenden, um die Laster durch einen kontrastierenden Hintergrund desto schärfer hervorzuheben. Die Tragödie blieb den Fürsten und Helden vorbehalten; nur sie waren der edlen, hohen, zarten Empfindungen, nur sie der erhabenen, starken, wilden Leidenschaften des tragischen Dramas fähig. So wurde das bürgerliche Trauerspiel eine Etappe im Emanzipationskampfe der bürgerlichen Klassen, und genauso verstand es Lessing. Kurz vor der Abfassung der Sara schrieb er in seiner »Theatralischen Bibliothek« über die Ausbildung dieser dramatischen Gattung gerade in England; es war, wie er sagt, dem Engländer »ärgerlich, gekrönten Häuptern viel vorauszulassen; er glaubte bei sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhabene Gedanken nicht mehr für sie als für einen aus seinen Mitteln wären«. Aus seinen Mitteln, so wörtlich; man sieht, daß Lessing auch schon mit dem Milieu zu operieren wußte. Und in seiner epigrammatischen Weise fügt er hinzu: »Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke, aber genug, daß es doch wenigstens ein Gedanke ist!« Allerdings ein leerer Gedanke, wenn man die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels aus dem bewußten Ärger der Engländer über den Vorsprung der Großen ableiten wollte, aber gewiß ein Gedanke – und zwar ein Gedanke, wie ihn in jener Zeit nur Lessing haben konnte –, wenn man im bürgerlichen Trauerspiele die ideologische Widerspiegelung des erwachten bürgerlichen Klassenbewußtseins erblickt. Und vollends ein Gedanke, soweit es auf die Absichten und Zwecke Lessings bei Abfassung seiner Sara ankommt. Sie ist sowenig wie irgendein anderes seiner Dramen das Erzeugnis eines dichterischen, unbewußt schaffenden Genius, aber sie ist mit höchstem Verstände gearbeitet worden. Geschmiedet nach englischen Vorbildern, sagten die Gegner und Neider Lessings schon bei seinen Lebzeiten. Jawohl, geschmiedet, aber geschmiedet als eine Waffe des Klassenkampfes. Und das Verdienst Lessings um diese Waffe ist um so größer, als er sie gleich auf dem rechten Amboß schmiedete; die bürgerliche Aufklärung nahm in diesem Falle nicht den üblichen Weg von England über Frankreich nach Deutschland, sondern Lessing schöpfte an der unmittelbaren Quelle; er suchte und fand seinen Stoff in dem einzigen Lande, dessen bürgerliche Klassen bereits zu ökonomischer und politischer Selbständigkeit gediehen waren. In Frankreich erschienen Diderots bürgerliche Dramen erst einige Jahre nach der Sara, die Diderot selbst seinen Landsleuten mit hohem Lobe bekanntmachte. Und auf die deutschen Zeitgenossen wirkte Lessings Trauerspiel mit der Gewalt nicht einer poetischen, sondern sozialen Offenbarung; bei der ersten Aufführung in Frankfurt a. O., zu der Lessing selbst hinüberreiste, saßen die Zuhörer, wie Ramler an Gleim berichtete, dreieinhalb Stunden stille wie Statuen und weinten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einer rein ästhetischen Beurteilung wird man auch diesem Geisteswerke Lessings nicht entfernt gerecht. Da begreift man seine Wirkung schlechterdings nicht, denn es strotzt von psychologischen Unmöglichkeiten oder doch Unwahrscheinlichkeiten; eine bleierne Langeweile scheint sich von Szene zu Szene fortzuschleppen, und kaum an diesem oder jenem Höhepunkte der Handlung vermag man sich seine ehemals zündende Wirkung mühsam vorzustellen. Für die Bühne ist es längst verloren, und auch beim Lesen würgt man sich nur schwer durch. Aber gerade weil es kinderleicht ist, sollte man es auch Kindern überlassen, historische Geistestaten als Schulübungen zu behandeln und nach den Regeln eines ästhetischen Kanons durchzukorrigieren. Die Sara wurde bald durch ihre ungleich stattlicheren Schwestern Minna und Emilia verdrängt, aber diese unterschieden sich von ihr immerhin nicht so stark, wie die Sara sich von dem – Nichts unterschied, das vor ihr war. Da sie die erste war, so war sie die schwächste, aber ihre Wirkung die mächtigste. Und ebensowenig wie die historische Bedeutung eines einzelnen Kunstwerkes sollte man die historische Bedeutung einer bestimmten Kunstgattung nach allgemeinen Schulregeln aburteilen. Lassalle hat schon davor gewarnt, bei Lessings und Diderots bürgerlichem Drama an die geistlose Versumpfung zu denken, in die dieser Begriff zu Ifflands Zeit verfallen war. Aber Ifflands bürgerliches Drama war noch ein ehrwürdiger Geistesheros gegen das bürgerliche Drama der Lindau, Lubliner, Wichert, das seit Jahrzehnten die deutschen Bühnen beherrscht. Kurzum: Jede bürgerliche Klasse hat das bürgerliche Drama, das sie zur Zeit verdient.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Miß Sara Sampson hatte Lessing einen ersten Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn erreicht. Er gedachte nunmehr eine längere Pause zu machen und wieder mehr unter Menschen, mehr im Umgange der Welt zu leben als unter Büchern, aber nicht sofort und in ganz anderer Weise, als er gemeint hatte, erfüllte sich ihm dieser Wunsch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Lessing im Siebenjährigen Kriege ==&lt;br /&gt;
Als der Frühlingssänger Kleist, um preußische Rekruten zu werben, nach Zürich kam, schrieb er begeistert an seinen Gleim über den Ort, der »unvergleichlich« sei nicht nur wegen seiner »uniquen« Lage, sondern auch wegen der »guten und aufgeweckten Menschen«. »Statt daß man in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute von Genie und Geschmack antrifft, trifft man in dem kleinen Zürich mehr als zwanzig bis dreißig derselben an.« Er setzt hinzu: »Es sind zwar nicht alle Ramlers«, und kennzeichnet damit den Höhepunkt dessen, was 1755 in Berlin Genie und Geschmack war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und eben die gleiche Empfindung einer trostlosen Öde mag Lessings Entschluß gereift haben, Berlin zu verlassen. Er hatte die wenigen Funken aus dem Kiesel geschlagen, die etwa darin schlummerten, und vielleicht mochte der Druck und Zwang des preußischen Lebens sein bürgerliches Klassenbewußtsein geschärft, die geistige Wüste von Berlin die seinem beweglichen Geiste immer naheliegende Gefahr der Zerstreuung ein wenig gemindert haben. An diesem »entscheidenden Anstoße« mag sich der patriotische Stolz erfreuen, aber mehr soll er uns doch lieber nicht aufreden wollen. Eine der Ähnlichkeiten zwischen Lessing und Marx besteht darin, daß sie, in ihren öffentlichen Kämpfen von einer Rücksichtslosigkeit, die den feigen Zeitgenossen unheimlich erschien, eine tiefe Bescheidenheit besaßen, die sie höchst ungern von ihren eigenen Personen sprechen ließ; selbst aus den vertrauten Briefen Lessings ist selten ein Aufschluß über die Beweggründe seiner persönlichen Entschlüsse zu gewinnen. Um so deutlicher sprechen dann freilich seine Werke, und – der Verfasser der Miß Sara Sampson stand auf einer Höhe, die ihm das Berliner Leben ekel, schal und unersprießlich erscheinen lassen mußte. Was konnten dem zum Manne herangereiften Jünglinge die vierthalb »Genies« von Berlin bieten? Zwar dieser weltfreudige Mensch hungerte so nach Menschen, daß er aus jedem Menschen noch etwas zu machen suchte; so aus dem hämischen Schwachkopfe Sulzer, den er lieber »inkonsequent« als »falsch« nennen wollte, so aus dem trockenen Versdrechsler Ramler, dem er beim Becher, wie Ramler selbst bezeugt, ein »gelinder, nachgebender, lustiger Gesellschafter« war. Aber was konnten sie ihm für den Kampf seines Lebens sein, sie und selbst die beiden jungen Berliner, in denen Lessing sozusagen seine Schüler erblicken durfte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sozusagen – denn nur eine in den allgemeinsten und dünnsten Kategorien geistiger Begriffe sich umtreibende Geschichtsbetrachtung kann Moses Mendelssohn und Nicolai in einem Atem mit Lessing nennen. Diese Männer mag Herr Erich Schmidt, wenn er sonst will, die »religiös und politisch Liberalen«, die Lasker und Eugen Richter ihrer Zeit nennen, aber ebendeshalb trennte sie eine Welt von Lessing. Moses ist immerhin eine gute Strecke mit ihm gegangen, etwa bis in die Tage des Laokoon, zu dem er manches beigesteuert hat; er war ein bescheidenes Licht, aber ein guter Mensch von rührender Anhänglichkeit, dem im buchstäblichen Sinne des Worts das Herz brach, als er – in seiner glücklichen Blindheit erst einige Jahre nach Lessings Tode – endlich entdeckte, wie weit sich sein bewunderter Freund schon lange vor seinem Tode von ihm entfernt hatte. Alle Achtung vor dem, was Moses für die Emanzipation seiner »Nation« getan oder doch zu tun versucht hat, denn die Unduldsamkeit der Juden selbst setzte ihm nicht weniger zu als der friderizianische Despotismus. Nur daß er auch in diesen Emanzipatiorisbestrebungen, abgesehen von dem ungleich beschränkteren Schauplatze, in Halbheit und Zaghaftigkeit weit hinter Lessing zurückblieb! Er war nicht ein Freier durch und durch wie Lessing, sondern ein frei Gewordener, dem noch bei jedem Schritte die zerbrochene Kette mit verräterischem Klirren nachschleifte. Eine Art Lasker in der Tat: frei von den Lastern seiner »Nation«, aber voll von befangener Selbstgefälligkeit über diese Freiheit. Ein sehr idealisierter Lasker bei alledem, denn wenn beide kein Geld mehr auf Pfänder liehen, so eiferte Moses deshalb um so mehr gegen die Ephraim und Itzig, die großen Wucherer der damaligen Zeit, während Lasker aus seiner Enthaltsamkeit einen wehmütigen Glanz der Entsagung über die verrufensten Gründerhäuser der Gegenwart zu verbreiten suchte. Politisch ähnelten sich beide mit ihrer halben und schwankenden Opposition gegen den Despotismus, aber mit seiner kauderwelschen Philosophie stand Lasker wieder tief unter Moses, der ein sauberer Popularphilosoph der Leibniz-Wolffischen Schule war. In ihre Gewebe eingesponnen, stand er dem Leben viel ferner als sein großer Freund, dagegen als Lessing – welch ein Streber! – mit dem 1754 veröffentlichten Schriftchen »Pope ein Metaphysiker!« der friderizianischen Akademie eine schallende Ohrfeige für eine alberne Preisfrage erteilte, durch die Maupertuis dem Deutschen Leibniz einen neidischen Seitenhieb zu versetzen gedachte, da hat Moses ihm den philosophischen Stoff geliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch viel weniger als Moses darf Nicolai im Gefolge von Lessing erscheinen. Seiner eigenen Berufung haben die »Xenien« von Goethe und Schiller schon die treffende Abfertigung entgegengesetzt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nenne Lessing nur nicht! Der Gute hat vieles gelitten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur in seinen ersten Anfängen hat Nicolai eine gewisse Anregung von Lessing erhalten, aber in dem harten und trockenen Boden seines Geistes wucherte der empfangene Keim höchstens zu einem verkrüppelten Unterholz auf. Wie das Zerrbild dem Bilde; so gleicht Nicolai im besten Falle dem wirklichen Lessing, wenngleich er dem Lessing der bürgerlichen Literaturgeschichte zum Muster gesessen zu haben scheint. Sein »gnadenhungriges« Rufen nach Fürstengunst verspottete schon Herder. Verbohrter Preuße, sah Nicolai in der Idee eines deutschen Nationalgeistes ein »politisches Unding«, und einen »hämischen Parteizweck«. Er war der erste Eingeborene des Berliner Philistertums, der es zu literarisch-politischem Einflüsse brachte, und wie seine beschränkte und verkümmerte Sonderart sich aus dem mütterlichen Boden erklärt, so hat sie ausdörrend auf diesen Boden zurückgewirkt, über den die Lessing und die Fichte und die Hegel nach Lassalles treffendem Ausdrucke in der Tat wie die Kraniche dahingeflogen sind. Betriebsam und rührig in seiner Art, wollte Nicolai, wie sein bewundertes Vorbild Friedrich, gern erobernd in Deutschland vordringen, aber was in Deutschland Geist und Kraft und Leben besaß, schlug mit Händen und Füßen gegen den bösen Nickel aus. So Herder und Goethe und Schiller, so Kant und Fichte und Schelling, so die beiden Schlegel und Tieck. Wie Herr Erich Schmidt mit einem ganz guten Worte sagt: Auf Nicolai regneten »Prügel von allen Seiten«. In diesem erquicklichen Umstände wie in vielem sehr Unerquicklichem: in dem schäbigen Angeifern alles Bedeutenden, Großen, Neuen, in der verbohrten Unduldsamkeit eines faulen und feigen Aufklärichts, in dem Cliquen- und Koteriemachen, war Nicolai der Eugen Richter seiner Zeit; Jedennoch darf man nicht übersehen, daß die kapitalistische Korruption damals ein Embryo war gegen den Riesen von heute, und wenn Nicolais spießbürgerliche Ehrbarkeit die Saaten seines Geistes in hohes Unkraut geschossen sehen könnte, so würde er vielleicht doch zum ersten Male an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Aber deshalb hängt alles geistige Bourgeoisgewächs, das in Berlin mit »seinem« Lessing prahlt, nicht weniger an Nickels Rockschößen, wie denn nicht Gotthold Ephraim, sondern Karl Gotthelf Lessing, der Großvater der »Vossischen. Zeitung«, sein wirklicher Geistesverwandter war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem begreift sich, daß der Boden Berlins unter Lessings Füßen brannte, als er sich zu einer selbständigen Stellung im deutschen Geistesleben emporgearbeitet hatte. Er kehrte nach Leipzig zurück mit dem lebhaften Wunsche, die große Welt kennenzulernen, und das Glück schien ihm günstig, als der junge Winkler, ein reicher Patrizier von Leipzig, ihn auf mehrere Jahre zu seinem Begleiter auf einer Reise durch Europa wählte. Sie brachen im Mai 1756 auf, aber in Amsterdam, von wo sie im September nach England gehen wollten, traf sie die Nachricht vom Ausbruche des Siebenjährigen Krieges, und besorgt um seine Schätze eilte Winkler nach Leipzig zurück. Lessing scheint das Mißgeschick schwer empfunden zu haben, aber vielleicht ersparte die große Enttäuschung ihm eine größere, denn zum Begleiter eines eigensinnigen Geldprotzen taugte er nun schon gar nicht, und sehr bald nach der Rückkehr überwarf er sich völlig mit Winkler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Lessings Stellung zum Siebenjährigen Kriege sind bereits in dem ersten Teile dieser Darstellung einige Streiflichter gefallen. Dieser Kabinettskrieg ging die bürgerlichen Klassen als solche nichts an, und Lessing war am wenigsten geneigt, sich als Partei in den »blutigen Prozeß zwischen unabhängigen Häuptern« zu mischen. Aber sein Klassenbewußtsein war schon viel zu sehr entwickelt, um nicht zu erkennen, daß die bürgerlichen Klassen die Zeche des Krieges zu zahlen hatten, und so haßte er den Krieg als ein unseliges Ding, das die Musen verscheucht, und in einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, auf sehr lange Zeit verscheucht. Dieser bürgerliche Standpunkt war aber zugleich der nationale, der deutsche, und diejenigen bürgerlichen Historiker, die von rechts bis links, von Scherer bis Scherr, Lessings Mangel an Patriotismus und Vaterlandsliebe beklagen, weil ihn einmal das wütende Geheule des würdigen Gleim gegen Deutsche, mit denen der König von Preußen zufällig Krieg führte, ernstlich verdroß, sollten billigerweise mindestens doch auch den schon ein Jahr früher geschriebenen Brief Lessings erwähnen, worin er Gleim beschwor, bei der Besetzung Halberstadts durch französische Truppen ja den Stolz und die Würde eines Deutschen zu zeigen. »Und von Voltaire selbst müssen Sie tun, als ob Sie weiter nichts als seine dummen Streiche und Betrügereien gehört hätten. Das soll wenigstens meine Rolle sein, die ich mit jedem nicht ganz unwissenden Franzosen spielen will, der etwa nach Leipzig kommen sollte.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 136. Gleim scheint Lessings Wunsch nur in bedingtem Maße erfüllt zu haben, denn in einem Briefe an Kleist, Kleists Werke, 3, 242, berichtet er nicht ohne Selbstgefälligkeit von den Richelieus und Mazarins, die er gesehen und gesprochen habe. Übrigens soll daraus dem guten Gleim kein Vorwurf gemacht werden; auf Lessings Tadel änderte er auch seine Verwünschungen der Sachsen und Österreicher beinahe in Segensgebete um. Er war eben ein harmloser Reimschmied, der selbst am meisten darunter leidet, wenn man ihn zu einem nationalen und patriotischen Dichter stempeln will.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht als ob wir es sozusagen als eine Schande von Lessing abwehren wollten, daß er nach dem Lobe eines eifrigen Patrioten nicht geizte, des Patrioten nämlich, der ihn vergessen lehrte, daß er ein Weltbürger sein sollte. Man kann vielmehr nicht ohne Schaudern an die – glücklicherweise unmögliche – Möglichkeit denken, daß die Lessing, Schiller, Goethe nicht »Weltbürger« nach ihrer Art, sondern »Patrioten« nach dem Schlage der Gleim und Ramler geworden wären. Aber es ist allerdings notwendig, sowohl aus Gründen der historischen Gerechtigkeit als zur Abwehr einer politischen Brunnenvergiftung, die Tatsache festzustellen, daß die Männer unserer klassischen Literatur als Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen durchaus vom national-deutschen Standpunkte ausgingen, und erst nachdem sich diese Klassen als zu verelendet erwiesen hatten, um den fürstlichen Despotismus zu brechen, allein im Interesse des Bürgertums lieber mit Lessing »Weltbürger« oder mit Schiller »Zeitgenosse aller Zeiten« als habsburgisch oder hohenzollerisch, welfisch oder wettinisch abgestempelte Winkelpatrioten wurden. Gerade Goethe, der in einer schwachen Greisenstunde die »berühmte Stelle« mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« der Gleim und Ramler schrieb, hat jene Entwicklung schlagend gekennzeichnet in dem bekannten, so oft mißverstandenen und selbst von einem demokratisch sich gebärdenden Historiker wie Scherr als »traurige Verirrung der Wolkenkuckucksheimerei« beschimpften Distichon:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie fern die Masse der bürgerlichen Klassen dem nationalen Gedanken noch stand, beweist die von Lessing selbst hervorgehobene Tatsache, daß er zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Leipzig für einen Erzpreußen und in Berlin für einen Erzsachsen gehalten wurde, weil er keines von beidem, sondern ein Deutscher war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing hat in diesem Kriege dreimal den Aufenthalt gewechselt. Zunächst blieb er von Oktober 1756 bis zum Mai 1758 in Leipzig, obschon hier nichts mehr für ihn zu suchen war. Sowohl deshalb nicht, weil Friedrich die reiche Stadt mit eiserner Faust an der Gurgel gepackt hatte und die Musen gänzlich aus ihr entflohen waren, als auch weil Lessing, »der doch Winklers Brot aß«, wie Herr Erich Schmidt mit dem ernsten Stirnrunzeln des sittlich entrüsteten Bourgeois bemerkt, in die Jammerschreie der Leipziger Kapitalisten über die ihren Geldsäcken von preußischer Seite angesetzten Schröpfköpfe nicht mit der gehörigen Andacht einstimmte. Friedrich war nun doch einmal nur einem gegen ihn selbst geplanten und in erster Reihe von dem sächsischen Minister. Brühl betriebenen Überfalle zuvorgekommen, und an jenem feinen Verständnis für die kapitalistischen Interessen, das heutzutage den »wahren« Freiheitskämpfer macht, hat es dem unglücklichen Lessing leider immer gefehlt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die äußerst scherzhafte Vorstellung des Herrn Erich Schmidt, daß Lessings damalige Frevel am Kapitalismus durch seine plötzliche Borussifizierung zu erklären seien, findet ihre gebührende Beleuchtung durch einen am 5. Juni 1777 von Nicolai an Lessing gerichteten Brief, worin es heißt: »Mich dünkt, Sie hätten mir einmal selbst gesagt, wenn Sie oft hintereinander mit dem eifrigen Kreuchauf in Leipzig disputiert hätten, so wären Sie durch die Hitze des Streits eine Zeitlang im Ernste preußisch geworden.« Siehe Lessings Werke, 20, 2, 890 f. Wenn Herr Erich Schmidt dem eigenen Zeugnisse Lessings nicht glauben mochte, auf das Zeugnis des preußischen Patrioten Nicolai konnte er sich ganz sicher verlassen. Trotzdem hat er den traurigen Mut, über Lessing im Siebenjährigen Kriege zu schreiben, daß er »reißende Fortschritte in preußischer Gesinnung gemacht«, daß er »als ein rechter Preuße oder Brandenburger hautement ihre Partei genommen«, daß er »diesen Krieg, ohne über privates Mißgeschick zu klagen, als ein reinigendes Gewitter empfunden«, daß er »in seiner preußischen Sympathie nicht nachgelassen« habe usw. usw. Alles das saugt sich Herr Erich Schmidt reinweg aus den Fingern. Wir wollen diese Geschichtsklitterung nicht beim richtigen Namen nennen, aber eine schüchterne Bitte möchten wir uns erlauben. Man verzichte doch endlich darauf, sich über das byzantinisch-charakterlos-hohlköplige Geschlecht, das aus den Hörsälen solcher Universitätslehrer hervorgeht, des Todes zu verwundern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als »Erzpreuße« verketzert, kam er in freundlichen Verkehr mit preußischen Offizieren, an deren einem, dem Major von Kleist, er den vielleicht geliebtesten Freund seines Lebens gewann. Durch ihn lernte er auch den Obersten von Tauentzien kennen, als dessen Sekretär Lessing dann die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens verlebt hat; auch diesem alten Haudegen, dem er geistig freilich nicht so nahestehen konnte wie dem Frühlingssänger Kleist, hat er zeitlebens eine große Anhänglichkeit bewahrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch zu sein, daß ein Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen in so freundliche und nahe Beziehungen zu ein paar hinterpommerschen Junkern und friderizianischen Offizieren treten konnte, und es hieße diesen Widerspruch mehr umgehen als lösen, wenn man sagen wollte, es habe sich nur um rein persönliche Beziehungen gehandelt. Kein Zweifel, daß Lessing gern in soldatischen Kreisen verkehrte und in seinen besten dramatischen Werken mit Vorliebe soldatische Charaktere schilderte: von Philotas ganz abgesehen, so denke man nur an Tellheim, Paul Werner, Just in der Minna, an Odoardo Galotti in der Emilia, an Saladin und den Tempelherrn im Nathan. Man muß auch hier auf den sozialen Untergrund der Dinge zurückgehen, um sie richtig zu verstehen. In jener unglaublich verphilisterten Zeit war der Soldatenstand der einzige, in dem sich wenigstens zu Kriegszeiten individuelle Selbständigkeit und Tüchtigkeit entfalten konnte, so, wie Schiller in dem Reiterliede des Wallenstein singt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wird das Herz noch gewogen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da tritt kein anderer für ihn ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf sich selber steht er da ganz allein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Schlußwort dieses Liedes, recht aus Lessings Seele gesprochen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und setzet ihr nicht das Leben ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie wird euch das Leben gewonnen sein«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
atmet eine Gesinnung, die zur Zeit des Siebenjährigen Krieges nur im Kriegslager, nicht in den bürgerlichen Klassen lebte. Dazu kam. daß der Militarismus als selbständiger Gegensatz zur bürgerlichen Kultur sich noch nicht entfaltet hatte, solange die Heere als Privateigentum und die Kriege als Privatindustrie der Fürsten galten. Und wie mit dem friderizianischen Offizier, so mochte Lessing auch mit dem hinterpommerschen Junker gut auskommen. Der hinterpommersche Adel, sehr im Gegensatze zu dem vorpommerschen arm und frugal, mehr Bauer als Junker, mit seinen Hintersassen mehr patriarchalisch hausend, als sie rücksichtslos ausbeutend, war die übelste Rasse nicht; er besaß mehr die Tugenden als die Laster einer herrschenden Klasse; dem von den Berliner Spießern gelangweilten und von den Leipziger Geldprotzen gepeinigten Lessing mußte so ein Kleist oder Tauentzien aus der Kassubei, die nichts als ihre Ehre, ihren Degen und ihr Treben besaßen, die ihr Leben täglich in die Schanze schlugen und lieber ihren Degen zerbrachen, als ihre Ehre befleckten, eine gar willkommene Erscheinung sein. Die Dinge lagen nun einmal so in Deutschland, daß ein kräftiger und männlicher Charakter, wie Lessing war, in den herrschenden Klassen viel eher seinesgleichen fand als in den beherrschten. Es wäre sehr ungerecht, zu verkennen, daß der Siebenjährige Krieg das beste Blatt in der Geschichte der preußischen Junker ist; ihrer viertausend blieben auf den Schlachtfeldern. Gewiß im Kampfe für ihre Klasseninteressen, aber das deutsche Bürgertum brachte es ja nicht einmal entfernt zu einer gleichen Aufopferung für seine Klasseninteressen. Und dank der elenden Verseuchung der deutschen Bourgeoisie liegen die Dinge heute auch noch so. Die hinterpommerschen Junker der »Kreuz-Zeitung« stehen an ehrlichem Kampfesmut und ritterlicher Gesinnung turmhoch über den kapitalistischen Soldschreibern der Freisinnigen oder der »Vossischen Zeitung«; wer die preußische Literatur einigermaßen kennt, der weiß auch, daß die Offiziere, die daran mitgearbeitet haben, wenigstens die begabteren von ihnen, ungleich ehrlicher und freimütiger beispielsweise über den friderizianischen Staat schreiben wie die bürgerlichen Literaten vom Schlage des Herrn Schmidt, und man braucht nur ein Jahr zurück, an die Krisis des preußischen Volksschulgesetzes, zu denken, um sofort zu erkennen, daß sich dabei der Junker Zedlitz als ein Mann, der Bourgeois Miquel aber als ein älteres Mitglied des zarteren Geschlechts benommen hat. Der seichte, an die oberflächlichsten Schlagworte gekettete Liberalismus, der in der deutschen Presse das große Wort führt, versteht diesen Zusammenhang nicht; ja, er darf ihn nicht einmal verstehen, wenn er sein kümmerliches Dasein nicht selbst aufgeben will, und aus diesem Selbsterhaltungstriebe erklärt sich einigermaßen jene sonst unerklärliche Meisterschaft im &#039;&#039;persönlichen&#039;&#039; Niederhetzen, Niederlügen und Niederverleumden politischer Gegner, die Herrn Eugen Richter und ähnliches Gelichter auszeichnet und die sich aus guten Gründen mit der kläglichsten Feigheit im Kampfe der &#039;&#039;Klassen&#039;&#039; zu paaren pflegt. Lessing ist diesem scheußlichen Unwesen, soweit er es in seinen ersten, noch verhältnismäßig schüchternen Anfängen kennengelernt hat, stets rücksichtslos entgegengetreten; in seiner späteren Predigt über zwei Texte, von der uns leider nur ein kleines, aber köstliches Bruchstück erhalten ist, führt er den Gedanken aus, daß man eine Klasse grundsätzlich bekämpfen und hassen, aber ihre würdigen Glieder deshalb nicht weniger, ja deshalb erst recht lieben und schätzen könne, wie sie verdienen. Gehandelt hat er immer nach diesem Grundsatze, der sich für jeden ehrlichen Kämpfer schon deshalb von selbst versteht, weil er in dem Begriffe eines ehrlichen Kampfes enthalten ist. Und Lessing hat sich den Teufel an das gekehrt, was die Leipziger Geldsäcke über seinen Verkehr mit dem preußischen Offizier Kleist und später die Berliner Aufklärer über seinen Verkehr mit dem Hauptpastor Goeze hinter seinem Rücken zischelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Freundschaft für Kleist versteht man noch besser, wenn man in Kleists Briefwechsel verfolgt, wie der »Dichter und Soldat« im Felde, wo ihn Lessing kennenlernte, ein ganz anderer Mann wird. In seiner Potsdamer Friedensgarnison erscheint er immerhin als ein seltsamer Heiliger: mit »Mädchens spielend«, mit seinem Gleim läppisch tändelnd, mittelmäßige Verse spinnend, von den Kameraden wegen seiner poetischen Neigungen verspottet, unter der launenhaften Ungnade des Königs seufzend, verfällt er bald in »Melancholie«, bald will er dies »in Vergleichung anderer ganz elende Land verlassen«. Schon der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, ist ihm »eine Hölle, und sollte ich auch hier indessen Generalfeldmarschall werden, dafür mich doch der Himmel wohl bewahren wird«. Diese Stimmung war unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich, aber sie besserte sich zusehends, als Kleist eine Kompanie und damit ein. ausbeutungswürdiges Vermögensobjekt erhielt. Auf der lukrativen Werbung trieb er in Zürich, der »uniquen« Stadt, den Menschenhandel so arg, daß er bei Nacht und Nebel vor den ihm aufpassenden Behörden fliehen mußte, wofür er sich dann [durch] geistlosgrobe, mit seinen tändelnden Liederchen in gar seltsamem Gegensatze stehende Epigramme auf die Schweiz und die Schweizer rächte. Aber im Kriege fallen die Schlacken seines Wesens ab. Wieder leidet er unter Friedrichs Willkür; aus seinem alten, angesehenen Regimente wird er in ein sächsisches Infanterieregiment versetzt, das bei Pirna gefangen war und nun preußische Dienste tun muß; er kommt »hinter die Mauer« nach Leipzig. Aber als Vorsteher des Lazaretts, bei den ihm aufgetragenen Kontributionen im Sächsischen erweist er sich als ein menschenfreundlicher und milder Mann, der jede persönliche Bereicherung verschmäht. In seinem einzigen Kriegsliede, das mehr kriegerischen und mehr menschlichen Geist atmet als Gleims gesamte Grenadierpoesie, ruft er dem preußischen Heere zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur schone wie bisher im Laufe großer Taten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Landmann, der dein Feind nicht ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilf seiner Not, wenn du von Not entfernet bist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Rauben überlaß den Feigen und Kroaten!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und wie er es sich in diesem Liede gewünscht hatte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch ich, ich werde noch – vergönn es mir, o Himmel! –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einher vor wenig Helden ziehn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich seh&#039; dich, stolzer Feind, den kleinen Haufen fliehn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und find&#039; Ehr&#039; oder Tod im rasenden Getümmel«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
findet er bei Kunersdorf einen so tapferen Tod, daß ihn selbst die russischen Barbaren mit hohen Ehren bestatten. Lessing hat ihn mit wildem Schmerze betrauert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anderer Art als Lessings Freundschaft mit Kleist war seine Freundschaft mit Gleim. Jede Faser Lessings mußte sich gegen den kindisch süßlichen Ton sträuben, worin Gleim mit seinen »allerliebsten Engeln« von Freunden umging, aber um Kleists willen hat er den bei aller Albernheit doch auch sehr gutmütigen Mann gern ertragen, heiter neckend mit dem Schreibseligen verkehrt, ihn wie ein großes Kind behandelt. Bald sucht Lessing dem Schwächling das Rückgrat zu steifen, indem er ihn zu einer männlichen Haltung gegenüber den Franzosen in Halberstadt ermahnt oder ihn anfleht, den Schmerz über Kleists Tod nicht durch elende Reime zu entweihen; bald streichelt er ihn ein wenig, nennt ihn einen Äschylos, spricht von seinem »großen König«. Bei alledem war es doch mehr als Ironie, wenn Lessing Gleims Grenadierlieder mit einem heute nicht mehr verständlichen Lobe zum Drucke beförderte. Man muß nur richtig verstehen, was Lessing mit diesem Lobe ins Auge faßte. Nicht etwa die Begeisterung für die »nationale« Sache Friedrichs. Der König selbst würde, wenn er Gleims Grenadierlieder gekannt oder ihnen gar irgendeine Wirkung auf die Bevölkerung zugetraut hätte, den Poeten vermutlich auf die Festung geschickt haben. Was er an ihnen etwa noch verstanden und gewürdigt hätte, nämlich das tobende Geschimpfe auf die Feinde – ein wüterisches Gedicht des Pastors zu Laublingen, das die Zensur beanstandet hatte, gab Friedrich auf ein alleruntertänigstes Schreiben Langes frei –, gerade das war für Lessing ein Greuel; was aber ihm an den Grenadierliedern gefiel, der festere, männlichere, selbstbewußtere Ton, den Gleim anschlug, das wäre dem König ein Greuel gewesen, der, wir wissen aus welchen Gründen, dem Kriege schlechterdings den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges erhalten mußte. Über diese Sachlage mochte sich ein verworrener Kopf wie Gleim täuschen, der heute den Tyrtäos nachahmte wie gestern den Anakreon, aber Lessing konnte natürlich nicht in eine solche Torheit verfallen, und er verbat sich ausdrücklich jedes Interesse des Königs für die Grenadierlieder. In der Vorrede, die er ihnen mitgab, sagt er, wer die kostbaren Überbleibsel der alten nordischen Heldenlieder kenne, wer das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen Zeitalter seiner Aufmerksamkeit wertschätze, ihre naive Sprache, ihre »ursprünglich deutsche Denkungsart« studiert habe, der werde den neuen preußischen Barden zu beurteilen wissen, und unmittelbar darauf heißt es wörtlich: »Andere Beurteiler, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.« Deutlicher ließ sich unter der friderizianischen Zensur doch nicht reden, aber unsere bürgerlichen Literarhistoriker sind taub für diesen überlegenen Spott, und Lessing muß noch immer als preußischen Chauvinismus abbüßen, was für ihn nur die etwas überschwengliche, aber deshalb erst recht begreifliche Freude an einem in der deutschen Literatur einmal durchbrechenden frischeren, kräftigeren und männlicheren Tone war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch hat Lessing in dieser Leipziger Zeit viel angefangen, namentlich auf dramatischem Gebiete, aber nichts vollendet. Zwei »Odengerippe« an Kleist und Gleim gehören zu jenen müßigen Stilübungen, wie sie wohl im poetischen Wetteifer unter Freunden entstehen; mit Recht hat Lessing es bei den Entwürfen in Prosa gelassen. Nicht weniger erfreulich, wenn auch aus einem ganz anderen Grunde, ist der gleiche Umstand bei einer Ode an Mäzen, deren markige Prosa durch die Umwandlung in irgendeinen bei Lessing doch immer holperigen Rhythmus nur verloren haben würde. Hier ihre kernigsten Sätze:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer ist&#039;s in unsern eisernen Tagen, hier in einem Lande, deren Einwohner von innen noch immer die alten Barbaren sind, wer ist es, der einen Funken von deiner Menschenliebe, von deinem tugendhaften Ehrgeize, die Lieblinge der Musen zu schützen, in sich hege? Wie habe ich mich nicht nach nur einem schwachen Abdrucke von dir umgesehen! mit den Augen eines Bedürftigen umgesehen! Was für scharfsichtige Augen! Endlich bin ich des Suchens müde geworden und will über die Afterkopien ein bitteres Lachen ausschütten.– Dort, der Regent, ernährt eine Menge schöner Geister und braucht sie des Abends, wenn er sich von den Sorgen des Staats durch Schwänke erholen will, zu seinen lustigen Räten. Wieviel fehlt ihm, ein Mäzen zu sein. Nimmermehr werde ich mich fähig fühlen, eine so niedrige Rolle zu spielen, und wenn auch Ordensbänder zu gewinnen stünden. Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starke Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit stärkeren und treueren Strichen konnte Lessing seinen Gegensatz zur Tafelrunde von Sanssouci nicht zeichnen, und doch soll er hinter Friedrich und Voltaire dreingelaufen sein!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Form und Inhalt gehört die Mäzen-Ode in eine reifere Zeit Lessings; wir setzen sie um so eher mit den Prosa-Oden an Kleist und Gleim zusammen, als Lessing schwerlich zu zwei verschiedenen Zeiten eine so formlose und seinem ganzen Wesen sonst fernliegende Form gewählt haben dürfte und der Verkehr mit Kleist, der die französische Literatenwirtschaft in Sanssouci ähnlich wie Lessing beurteilte, aber aus seinem Potsdamer Garnisonleben noch viel genauer kannte, den sonst auffallenden Umstand erklärt, daß Lessing gerade in Leipzig so beißend über Friedrich und seine französischen Hofnarren geurteilt hat. Trotzdem läßt sich über die Sache streiten, und wir würden kein Wort darüber verlieren, daß Herr Erich Schmidt die Mäzen-Ode sogar bis in das Jahr 1751 zurückversetzt, wenn nur Lessing nicht dadurch zu einem dreimal »schoflen« Kerle gemacht würde, daß er öffentlich »verwegene Hoffnungen« auf Friedrich und Voltaire gesetzt und sie heimlich so bitter wie in der Mäzen-Ode verspottet haben soll. Herr Erich Schmidt hat freilich auch eine eigene Hypothese über die Entstehung der Mäzen-Ode. Klopstock hatte 1751 nämlich seinen Messias dem König von Dänemark mit einer Ode und dem Vorwort gewidmet: »Der König der Dänen hat dem Verfasser des Messias, der ein Deutscher ist, diejenige Muße gegeben, die ihm zur Vollendung seines Gedichtes nötig war.« Herr Erich Schmidt meint nun, Lessing habe in der Mäzen-Ode, »durch Klopstocks lakonische Prosa und stolz-bescheidene Strophen gereizt, eine der großartigsten Spiegelungen seiner Persönlichkeit gegeben«. Wirklich? Dann wäre also der »Regent« der König von Dänemark und der »lustige Rat«, der mit »Schwänken« unterhält, wäre Klopstock? Was doch nicht alles ein treu-fleißiger Untertanenverstand vermittelst der berühmten «genetischen Methode« entdecken kann!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleists Freundschaft war es vornehmlich, die Lessings Aufenthalt in dem verwüsteten Leipzig verlängerte, wo sonst nichts für ihn zu brechen und zu beißen war. Als Kleist ins Feld gerufen wurde, ging Lessing »nicht nach Berlin, sondern zu meinen guten Freunden, die in Berlin sind«. Ihm blieb keine Wahl, und er mußte es gern oder ungern nochmals mit Ramler, Moses, Nicolai versuchen. Etwa dritthalb Jahre hielt er den schließlich scheiternden Versuch aus, vom Mai 1758 bis Ende 1760. Es ist die Zeit der Fabeln, des Philotas, der Literaturbriefe, die Zeit immerhin eines gewissen Stillstandes gegenüber der mit der Miß Sara Sampson erreichten Höhe. Nicht deshalb, weil die schon von Herder berichtigten und ergänzten, dann von Jakob Grimm noch viel stärker erschütterten Abhandlungen Lessings über die Fabel den Begriff dieser Dichtungsart falsch oder unzureichend erörtern! Lessings Ästhetik ist ebenso wie seine Dramatik, seine Philosophie, seine Theologie durchaus bestimmt durch das sozial-politische Moment seines Lebenskampfes; er hat dem Äsop und Phädrus nur das abgesehen, was sich zu einer scharfen Waffe gegen die Laster und Torheiten seiner Zeit zuschleifen ließ, und wenn seine Fabeln das naive Element der alten Tierfabel vermissen lassen, so sind ihre vorteilhaftesten Seiten, wie Herder schon bemerkte, »eine schöne Bemerkung, ein allerliebster Einfall, eine neue vortreffliche Wendung, ein überraschender Sprung, der munterste Dialog«. Diese Fabeln sind ein fortlaufendes Kleingewehrfeuer, nicht zuletzt auch gegen den friderizianischen Despotismus. Wie ergötzlich wird Friedrichs Bevormundungssucht verspottet in dem »Geschenke der Feien«, wo die eine »einem jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten seines Landes ward«, den scharfsichtigen Blick des Adlers schenkt, dem in seinem weiten Reiche auch die kleinsten Mücken nicht entgehen, die andere aber als »weise Einschränkung« die »edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen«, hinzufügt. Und dann die Moral des Dichters: »Viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen.« Oder wie keck weiß Lessing eine dem heutigen Philister noch unfaßbare Wahrheit zu enthüllen, wenn er in der alten Fabel von den Fröschen, die einen König haben wollten, gegenüber anderen Auslegern »zwei weit größere und kühnere Wahrheiten entdeckt, 1. die Torheit, überhaupt einen König zu haben, 2. die Torheit, nicht mit einem schläfrigen, untätigen Könige zufrieden zu sein, einen großen, anschlägigen Kopf auf den Thron zu wünschen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonach – groß genug ist Lessing auch in diesem kleinen Genre, aber er selbst war für dies kleine Genre zu groß, und von ihm als Fabeldichter gilt ein wenig, was er später von einer Schauspielerin sagte: »Ich möchte nicht alles machen, was ich vortrefflich machen könnte.« Und so ist auch das Trauerspiel Philotas nur ein kleines Nebenwerk, eine Freundesgabe für Kleist. Wie Kleist nach Lessings Meinung aus übertriebenem Heroismus den Tod suchte, so tötet der gefangene Königssohn Philotas, der gegen den gleichfalls gefangenen Sohn des feindlichen Königs Aridäus ausgetauscht werden soll, sich selbst, um die gleichschwebende Waage zugunsten seines Vaters zu senken. Herr Erich Schmidt versichert, das Stück atme den »aufopfernden Geist der in Waffen starrenden Gegenwart«. Hören wir diesen Geist ein wenig atmen! Es ist der siebente Auftritt; König Aridäus, ein so gütiger und milder Mann, wie Maria Theresia eine gütige und milde Frau war, meldet dem gefangenen Philotas, die Boten an seinen Vater seien auf den schnellsten Pferden abgegangen; in wenigen Stunden könne die Auswechslung der gefangenen Königssöhne erfolgen. Davon hofft der gute Aridäus auch »sonst glückliche Folgen«; liebenswürdige Kinder seien schon oft Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern geworden, und er seufzt »Unseliger Krieg!« Unmittelbar darauf geht der Dialog weiter wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Jawohl, unseliger Krieg! – Und wehe seinem Urheber!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das Schwert zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Nun ja; mein Vater hat das Schwert zuerst gezogen. Aber entsteht die Feuersbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? ... Bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm erteiltest, als er ? doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sprechen! ... Nur dem untrüglichen Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber sprechen ihr Urteil durch das Schwert des Tapfersten. Laß uns den blutigen Spruch aushören! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz, ich höre dich mit Erstaunen ? mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer! – Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich! – Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, edeln Volks anvertrauen, dir! – Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeeren und Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege als glückliche Untertanen zählen. – Wohl mir, daß meine Tage in die deinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Beruhige den Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen, weit mehr!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Weit mehr? Erkläre dich –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Habe ich ein Rätsel gesprochen? – Ich wollte, nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüte sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gelehrt, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir nicht das Gegenteil sich zutragen? Oder vielleicht war auch dieses meine Meinung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen? – Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertraut, des Blutes meiner Untertanen siehst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man deutlicher und gerechter sprechen, als Lessing hier spricht? Deutlicher über den »weibischen Prinzen«, aus dem ein »kriegerischer König« ward? Gerechter über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, aber auch über den völkerfeindlichen Charakter der erobernden Militärkönige? Herr Erich Schmidt aber weiß es natürlich besser. Nach ihm ist Aridäus König Friedrich, und der Protest gegen die »Lorbeeren und das Elend« eines Despotismus, der »mehr Siege als glückliche Untertanen zählt«, erinnert ihn daran, »wie Friedrich II. einen Karl von Schweden nicht bewundern konnte«. Ja, diesen Byzantinern soll mal einer beikommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben den Fabeln und dem Philotas arbeitete Lessing in den Jahren 1758 bis 1760 an einer kritischen Zeitschrift, den »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Sie erschien im Verlage von Nicolai, und dieser Biedermann hat späterhin auch einige dreiste Versuche gemacht, sich als ihren geistigen Urheber aufzuspielen. Doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Lessing den Gedanken der Zeitschrift zuerst gefaßt hat und ihre Seele gewesen ist, solange sie das war, was sie sein sollte: ein ehrliches, kritisches Organ im Gegensatze zu den seichten und auf den gegenseitigen Komplimentierton gestimmten Journalen der Zeit, wie deren eines, die »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, von Moses und Nicolai bisher in Leipzig herausgegeben worden war. Beide beteiligten sich an den Literaturbriefen, Moses für die Kritik der philosophischen Schriften, Nicolai ausdrücklich als Lückenbüßer, aber Lessing zog seine Hand von diesem Pfluge zurück, als er entdeckte, daß damit nach Nicolais würdiger Absicht das Feld einer Berliner Literaturclique beackert werden sollte. Und diese Entdeckung machte er sehr früh. Nur die beiden ersten Bände zeigen das ursprüngliche Verhältnis, 44 Briefe von Lessing, 15 von Moses, 1 von Nicolai; dann schrumpft Lessings Teilnahme schnell zusammen, bis sie im siebenten Bande ganz erlischt; er hat dann nur noch 1765 den dreiundzwanzigsten und letzten Band mit einem Briefe beschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literaturbriefe öffneten dem jungen Herder in den livländischen Hinterwäldern eine neue Welt, aber Goethe und Fichte haben sehr abfällig über sie geurteilt, und eine literarhistorische Bedeutung kann nur ihren ersten Bänden nachgesagt werden. Indessen stehen auch die Beiträge Lessings nicht auf der entsprechenden Höhe über seinen »Briefen« von 1752. Sie räumen gründlich mit einigen schlechten Reimern und Übersetzern auf, aber die kritische Behandlung der damaligen literarischen Größen spinnt nur alte Fäden weiter und nicht immer in der glücklichsten Weise. Gottsched wird noch heftiger, aber nicht gerechter als bisher angegriffen; Klopstocks Odendichtung kommt gar zu schlecht weg, verglichen mit Gleims Kriegspoesie oder Gerstenbergs anakreontischen Tändeleien, und gegen Wieland findet sich gar ein persönlicher Ausfall, wie ihn Lessing später an Klotz so scharf verurteilen sollte. Ganz ungestraft konnte selbst ein Lessing nicht unter den Berliner Philistern leben. Aber einiges aus dem Kampfe seines Lebens ist auch in diesen Blättern enthalten; man muß es nur nicht mit der ästhetischen Brille suchen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieviel Schütteln des Kopfes hat beispielsweise Lessings Satz hervorgerufen, daß der Name eines wahren Geschichtsschreibers nur demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibt! Lessing hat damit aber nicht entfernt eine allgemeine Theorie aufstellen wollen, sondern er spricht einfach als ein scharfsichtiger Vertreter des deutschen Bürgertums, der einerseits Voltaires Geschichtswerke und deren gewaltige Wirkung, andererseits die damals berühmtesten deutschen Geschichtsschreiber vor Augen hatte, von denen Bünau mit seiner Kaiser- und. Reichshistorie bis zum Jahre 918, Mascov aber mit seiner Geschichte der Deutschen bis zum Anfange der fränkischen Monarchie glücklich bis zum Ausgange der Merowinger gelangte. Winckelmann, der zeitweise Hilfsarbeiter von Bünau war, entschuldigte später von Rom aus seine Unkenntnis der ersten Lessingschen Schriften mit den Worten: »Da mein Gehirn mit alten fränkischen Chroniken und Leben der Heiligen angefüllt war.« Gegen diese Entfremdung von den bürgerlichen Interessen der Gegenwart erklärt sich Lessing mit jenem paradoxen Satze; und eben dieser Gesichtspunkt beherrscht den umfangreichsten und wichtigsten Teil seiner Literaturbriefe: die Polemik gegen Klopstock und Wieland. Klopstock gab mit Cramer zusammen in Kopenhagen den »Nordischen Aufseher« heraus, eine nach englischem Muster moralisierende Wochenschrift, worin unter anderem gelehrt wurde, daß man ohne Religion kein rechtschaffener Mann sein könne, während Wieland aus Zürich, wo er unter Bodmers Hände geraten und fromm geworden war, »Empfindungen eines Christen« in die Welt sandte, die neben seraphisch verhimmelnden Gefühlen die weltliche Dichtung in der knabenhaftesten Weise verunglimpften. Das eine wie das andere war für Lessing ein Greuel. Niemand hatte bis dahin die Orthodoxie schärfer angegriffen als er, aber nicht die Orthodoxie als eine bestimmte religiöse Richtung, sondern als ein Organ der sozialen Unterdrückung; jetzt nahm er sogar die Partei der Orthodoxie als einer bestimmten religiösen Richtung, insoweit als eine faule und feige Aufklärung sich über sie zu erheben behauptete, aber die soziale Unterdrückung mindestens ebenso munter handhabte. In den »Empfindungen eines Christen« fiel Wieland über Uz »mit so frommer Galle, mit einem so pietistischen Stolze auf den moralischen Charakter desselben her, brauchte so hämische Waffen, verriet so viel Haß, einen so verabscheuungswürdigen Verfolgungsgeist, daß einen ehrlichen Mann Schauder und Entsetzen darüber befallen mußte«. Und indem Lessing gegen den »Nordischen Aufseher« ausführt: »Die Orthodoxie ist ein Gespötte geworden; man begnügt sich mit einer lieblichen Quintessenz, die man aus dem Christentum gezogen hat, und weichet allem Verdachte der Freidenkerei aus, wenn man von der Religion nur fein enthusiastisch zu schwatzen weiß«, weist er in einer längeren Folge von Briefen sowohl die Halbheit und Zweideutigkeit dieser »lieblichen Quintessenz« gegenüber der Orthodoxie als auch die Sinnlosigkeit der anmaßlichen Behauptung nach, die keinen Mann ohne Religion als rechtschaffen gelten lassen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klopstock und Wieland waren zu tüchtige Naturen, um bei aller augenblicklichen Verstimmung nicht Lessings Kritik zu beherzigen; namentlich von Wieland darf man sagen, daß sie ihn auf den richtigen Weg geleitet hat. Wie aber in unseren Tagen die Arbeiterklasse sich der Liebäugelei mit der Orthodoxie schuldig gemacht haben sollte, weil sie nicht umhinkonnte, die »liebliche Quintessenz vom Christentum«, womit die freisinnigen Nicolaiten das preußische Volksschulgesetz bekämpften, abgeschmackt zu finden, so erboste sich Ehren-Nicolai über Lessings angebliches Eintreten für die Orthodoxie. Es scheint, daß er sich sogar erdreistet hat, als Verleger in Lessings Beiträge für die Literaturbriefe unterdrückend dreinzufahren; mindestens hat er sie nach Lessings Tode in einer hämisch verstümmelten Ausgabe veröffentlicht. Unter der Kontrolle eines bornierten Verlegers zu schreiben, war Lessing nun aber der letzte Mann, und ebensowenig konnte er daran denken, sich den immer dreisteren Ansprüchen der Berliner Clique zu fügen. In seinen Abhandlungen über die Fabel hatte er die Fabeln von Lafontaine und die Fabeltheorie von Batteux kritisiert; nun erhob der edle Ramler ein großes Geschrei, daß Lessing »durch Unterdrückung sich Luft schaffen und Platz machen wolle«, weil – Ramler den Batteux übersetzt und Gleim Fabeln nach dem Muster von Lafontaine gemacht hatte. Gleim beging dazu noch die unglaubliche Sottise, den Philotas in preußische Grenadierverse umzudichten. Dazu mußte der »Erzsachse« jeden Tag »tausend ausschweifende Reden hören«; als Lessing, der die Herausgabe von Gleims Grenadierliedern in Berlin besorgte, den guten Geschmack hatte, die gröbsten Unflätigkeiten zu streichen, schrieb Ramler an Gleim, daß »unser sächsischer Freund« es »doch lieber sehen würde, wenn die Flüche auf die Türken und Persianer gingen als auf seinen Prinzen und seines Prinzen alliierte Kaiserin«. Sulzer wieder bewies auf andere Weise sein wohlwollendes Gemüt gegen Lessing. Die Geschichte hat zwar nicht mehr unmittelbar Lessings Abgang von Berlin beeinflußt, aber sie kennzeichnet jenes Cliquenwesen, das ihn von dannen trieb. Der Propst Süßmilch, dessen literarische Fähigkeit denn doch groß genug war, um Lessings Wert wenigstens zu ahnen, beantragte als Mitglied der Akademie, ihn zum auswärtigen Mitgliede dieser Körperschaft zu wählen. Aber Sulzer widersprach, weil ihm diese Ehre für Lessing zu hoch erschien. Eine »wunderliche Ehre«, wie sogar Ramler an seinen Gleim schrieb; sie wurde gleichzeitig an drei Italiener, einen Franzosen, einen Holländer, einen Schweizer und einen Deutschen erteilt, einen Rat Huber in Kassel, dessen Name an erster Stelle der Liste erschien, während Lessing trotz Sulzers Widerspruch gerade noch an letzter Stelle durchschlüpfte. Lessing wurde von dem Humbug um so peinlicher berührt, als die Akademie die wahrhaft phänomenale, selbst von Nicolai getadelte Unverschämtheit hatte, ihre Ernennungen mit der Begründung zu veröffentlichen, daß sie auf »wiederholtes Ansuchen der Beteiligten«, die schon »seit geraumer Zeit« darum gebeten hätten, erfolgt seien. Am leidlichsten fuhr Lessing noch immer mit dem guten Moses, aber der quälte ihn wieder mit seiner selbstgefälligen Schulmeisterei über Dinge, denen Lessing entwachsen war, sosehr sie für Moses ein großer Fortschritt sein mochten. Moses war stolz darauf, sich aus der Hefe des jüdischen Schachers zur Ehrbarkeit des deutschen Philisters emporgearbeitet zu haben, allein Lessing hatte den deutschen Philister selbst schon ganz und gar ausgezogen. Mit seinen großen Schwächen denn freilich auch seine kleinen Tugenden. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit in den Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens ist niemals Lessings Vorzug gewesen, aber um so mehr mußte es ihn verdrießen, sich darüber gerade von Moses, der den großen Kampf seines Lebens so gar wenig begriff, hofmeistern zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher daher, als daß Lessing sich aus all diesen kleinlichen und peinlichen Verhältnissen im November von 1760 durch einen kühnen Entschluß zu seinem »alten, ehrlichen Tauentzien« in das Kriegslager von Breslau rettete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Breslauer Meisterwerke ==&lt;br /&gt;
In Breslau hat Lessing bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges und noch ein paar Jahre länger gelebt. Es ist die Zeit seines Lebens, über die wir am spärlichsten, durch ein paar Briefe an ihn und von ihm, durch die dürftigen Mitteilungen dieses oder jenes Breslauer Freundes unterrichtet sind. Auch hat er in fünf Jahren nichts veröffentlicht; er wollte sich »eine Zeitlang als ein häßlicher Wurm einspinnen, um wieder als ein glänzender Vogel ans Licht kommen zu können«. So seltsam es erscheint, daß dieser durch und durch bürgerlich gesinnte Mensch sich mitten in das friderizianische Heer stürzte, so begreiflich wird es durch die Unnatur der deutschen Zustände. Simson hatte keinen anderen Zufluchtsort mehr vor den Philistern. In dem ersten Briefe, den Lessing aus Breslau an Ramler richtete, sagt er zur Rechtfertigung seines polnischen Abschieds – er hatte nicht einmal seiner Wirtin gekündigt, geschweige sonst einer Menschenseele seine Absicht verraten – in Form eines Monologs: »Freilich ist es wahr, daß dich eigentlich nichts aus Berlin trieb, daß du die Freunde hier nicht findest, die du da verlassen; daß du weniger Zeit haben wirst, zu studieren. Aber war nicht alles dein freier Wille? Warst du nicht Berlins satt? Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt sein möchten? Daß es bald wieder einmal Zeit sei, mehr unter Menschen als unter Büchern zu leben? Daß man nicht nur den Kopf, sondern nach dem dreißigsten Jahre auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse?« Mit diesem haushälterischen Beweggrunde war es wohl am wenigsten weit her. Lessing war sein Lebtag kein Spartopf, obschon die Pietät gegen seine Eltern, die den Lebensberuf ihres Ältesten darin sahen, daß alle nachgeborenen Söhne des Kamenzer Pfarrhauses, gut ein halbes Dutzend, aus seiner Tasche zu ehrsamen Pastoren und Rektoren erzogen würden, ihn auf den elenden Gelderwerb ein gewisses Augenmerk zu richten zwang. »Ich bin kein Wirt. Die Wahrheit zu sagen, mag ich auch keiner sein«, schreibt er bald nachher an Ramler. Aber er war Berlins satt, und wenn er höflicherweise nur sagt, daß seine dortigen Freunde auch seiner satt sein müßten, so war er ihrer um so satter. Mit ihnen unter Büchern zu hausen und über diese Bücher die kritische Geißel von – Nicolai zu schwingen, das war nach Fichtes derbem, aber wahrem Ausdrucke ein schlechtes, nicht in der besten Gesellschaft betriebenes Geschäft, und deshalb zog Lessing sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je weniger sichere Zeugnisse über Lessings Breslauer Zeit nun aber vorliegen, um so mehr hat sich der Klatsch daran geheftet, der in Goethes »zerstreutem Welt- und Wirtshausleben« noch nachklingt. Es ist vollkommen glaublich, daß Lessing das eine Mal, da es ihm so gut werden sollte, nicht in der erstickenden Luft der Philister zu atmen, das Leben wacker durchgekostet hat. Auch seine Lust am Spiele, über die Moses und Genossen am meisten zeterten, erklärt sich aus seinem überquellenden Lebensdrange. »Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen«, soll er nach seinem brüderlichen Biographen in der Breslauer Zeit gesagt haben; »ich spiele aber aus Grunde so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf; sie befreit mich von einer körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.« Und hiermit steht Lessings spätere Äußerung nicht in Widerspruch, sondern in vollkommenem Einklänge: »Ich werde nicht eher spielen, als bis ich niemanden finden kann, der mir umsonst Gesellschaft leistet. Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde haben.« Lessing spielte nicht um des Gewinnes willen, sondern das drückende Gefühl der geistigen Vereinsamung, das Bedürfnis nach Anregung und Spannung des Geistes trieb ihn an den Spieltisch. Aber deshalb war die Breslauer Zeit Lessings nicht minder nach Fichtes Wort »die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes«, nach seinem eigenen Ausdrucke der Anfang »der ernstlichen Epoche seines Lebens«. Seine »durchaus heterogenen Amtsgeschäfte glitten bei ihm nur auf der Oberfläche dahin«. Auch von ihnen wissen wir wenig; die paar erhaltenen Briefe, die Lessing als Gouvernementssekretär verfaßt hat, handeln von Tauentziens Tafelgeldern, von Auswechselung der Kriegsgefangenen und dergleichen mehr. Unglaubwürdig ist Nicolais zu Ehren Friedrichs aufgestellte Behauptung, daß Lessing die Schließung der Münzkontrakte mit dem Wucherer Ephraim zu besorgen hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen, 2, 134. Vergleiche auch die Anmerkung Nicolais zu Lessings Brief an Moses vom 15 August 1765. Lessings Werke, 20, 1, 197.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tauentzien hatte zwar seit dem Jahre 1760 die Münzangelegenheiten unter sich, aber die Münzverschlechterung war zu sehr die hauptsächlichste Hilfsquelle des Königs, als daß er nicht selbst alles darüber verfügt hätte. Indessen auch wenn Tauentzien noch etwas mitzureden gehabt haben sollte, so wäre das gleiche sicherlich einem Beamten von der Stellung eines Gouvernementssekretärs unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, daß Lessing bei seiner kindlichen Unbeholfenheit in allen kapitalistischen Dingen von dem geriebenen Münzjuden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen worden wäre. Feststeht, daß er bei diesen traurigen Händeln, in denen er schlimmstenfalls nur äußerliche Beihilfe geleistet haben kann, nicht den geringsten unsauberen Gewinn gesucht oder gefunden hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs hat Lessing wohl einmal geklagt, daß »unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden als das anstrengendste Studieren«, aber er hat dann auch wieder die heitersten Briefe aus Breslau geschrieben und sich selbst bezeugt, er sei dort in einem Train zu arbeiten gewesen wie selten. Und gegen gelegentliche Äußerungen des Unmuts legen die großen Werke der Breslauer Periode das schlagendste Zeugnis ab: Der Lessing des Laokoon und der Minna, ist ein anderer Mann als der Lessing der Fabeln und der Literaturbriefe. Zwar ist Laokoon erst 1766, Minna von Barnhelm gar erst 1767 veröffentlicht, aber beide Werke sind in Breslau empfangen worden. In beiden herrscht eine sonnige Stimmung, die wir so weder vor- noch nachher bei Lessing treffen, in beiden entfaltet sich eine Klarheit und Kraft des Gedankens, eine dialektische Meisterschaft der Sprache, die Deutschland bis dahin auch nicht entfernt gekannt hatte und die Lessing selbst wohl noch oft erreichen, aber niemals mehr übertreffen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Namentlich die Komödie wurzelt ganz und gar in Lessings Breslauer Leben. Aus ihm heraus wird sie überhaupt erst verständlich. Wir überlassen es den philologischen Kleinkrämern der bürgerlichen Literaturgeschichte, im einzelnen nachzuweisen, wo Lessing, für diesen dramatischen Bau nach einem seiner eigenen Vergleiche den Kalk gelöscht und die Steine gebrochen habe; er war nun einmal kein schöpferischer Dichter, und wer auf die Jagd nach seinen »Plagiaten« gehen will, weil er aus mancherlei Metall die Schwerter zu schmieden pflegte, mit denen er seine Schlachten schlug, der soll in diesem harmlosen Vergnügen nicht weiter gestört werden. Näher führt es schon zum Ziele, wenn man den Fortschritt der Minna über die Sara festzustellen sucht. Früher als irgendein Franzose hatte Lessing das bürgerliche Trauerspiel der Engländer sozusagen entdeckt, aber er war auch noch ganz in den Banden seiner unmittelbaren Nachahmung hängengeblieben. Inzwischen hatte Diderot diese dramatische Richtung sowohl nationalisiert als auch weitergebildet; er wies zuerst darauf hin, daß die ernsten wenn auch nicht tragischen Konflikte ehrenhafter Charaktere in den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens eine neue und reiche Fundgrube dramatischer Stoffe seien. Lessing wurde nun wieder durch die Praxis wie durch die Theorie Diderots lebhaft angeregt; schon 1760 hatte er das »Theater des Herrn Diderot«, den Natürlichen Sohn und den Hausvater nebst der Abhandlung über die dramatische Dichtkunst in zwei Bänden übersetzt. So lehnt sich die Minna ästhetisch an ein französisches Muster, während sie ihre »Plagiate« vielfach englischen Lustspielen entlehnt oder entlehnen soll. Gleichwohl ist die Minna ein durch und durch deutsches Stück. Denn was kann deutscher sein, als daß die klassische Komödie unseres bürgerlichen Lebens ein – Soldatenstück ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gesichtspunkt ist nach einem Worte Lessings nicht bloß satirisch, sondern treffend. Er trifft das innerste Wesen der Minna. Nur darf man ihn sich von den bürgerlichen Literarhistorikern nicht dahin verpopanzen lassen, daß die Minna den König Friedrich oder den Siebenjährigen Krieg verherrlichen soll. Wir haben gesehen, daß Goethe in einer schwachen Stunde auf diese wunderliche Vorstellung verfallen ist, aber derselbe Goethe hat doch auch wieder an Lessing beklagt, »daß dieser außerordentliche Mensch in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1, 340.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber damit fährt Lessing abermals zu schlecht; etwas ungleich Besseres als die Händel der Sachsen und Preußen oder gar die Verherrlichung Friedrichs wußte er in seiner Minna denn doch zu finden. Zwang ihn die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände, ins soldatische Leben zu greifen, wenn er ernste Konflikte ehrenhafter Charaktere schildern wollte, so wußte er diesem Leben trotzdem die soziale Seite abzugewinnen und auch hier den Kampf gegen soziale Unterdrückung aufzunehmen. Lessings Lustspiel ist so wenig eine Verherrlichung Friedrichs, daß es seinen Despotismus vielmehr da geißelt, wo er am sterblichsten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des Despotismus überhaupt, für jeden unüberwindlichen Widerstand seiner Willkürherrschaft sich durch boshafte Quälereien an den einzelnen Trägern dieses Widerstandes zu rächen. Ins Friderizianische übersetzt heißt das: Je weniger der König an den ökonomischen Grundlagen des preußischen Heeres rütteln konnte, je höher er die adlige Offizierskaste stellen und je sorgfältiger er sie schonen mußte, um so mehr peinigte und quälte er die einzelnen Offiziere. Seine Leistungsfähigkeit in dieser Beziehung erscheint nahezu unglaublich, wenn man seine militärischen Kabinettsordern mustert; um nur eins anzuführen: Wenn er einem Offizier den am liebsten immer verweigerten Urlaub wegen schwerer Krankheit schlechterdings bewilligen mußte, so befriedigte er seine despotische Laune wenigstens dadurch, daß er ihm eine andere Kur verordnete oder ein anderes Bad vorschrieb, als der Arzt getan hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;So mußte der Oberstleutnant v. Gartropp, dem Aachen verordnet war, nach Teplitz, und der Major v. Knoblauch, dem Teplitz verordnet war, nach Aachen gehen. Der dem Archive entnommene Wortlaut der betreffenden Kabinettsordern bei Stadelmann, Aus der Regierungszeit Friedrichs des Großen, 155.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder er jagte ihn einfach aus dem Dienste, wie denn bei jedem geringsten Anlasse, ja bei jeder üblen Stimmung des Königs, namentlich aber bei jeder Revue der einzelne Offizier niemals vor der sofortigen Kassation sicher war. Und wer einmal kasiert war, kam so gut wie niemals wieder ins Heer; es gehörte zu den unverbrüchlichsten Grundsätzen des friderizianischen Despotismus, daß der König nie irren könne, und an der praktischen Betätigung dieses Grundsatzes hat Friedrich auch in den nicht ganz seltenen Fällen festgehalten, in denen er selbst sein Unrecht nachträglich, erkannte. »Meine Armee ist kein Bordell«, war seine stehende Antwort auf alle Gesuche kassierter Offiziere um Wiedereintritt ins Heer, und seine Abweisungen pflegten in demselben Mäße höhnischer zu werden, in welchem, wie bei der Verabschiedung von Blücher und Yorck, das persönliche Ehr- und Rechtsgefühl der einzelnen Offiziere die Ursache ihrer Kassation gewesen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals aber hat der König die preußischen Offiziere raffinierter gequält als vor und nach dem Frieden von Hubertusburg, also gerade als Lessing in dem Heere lebte. Der König hielt im Winter von 1761 auf 1762 sein Winterquartier in Breslau, in mönchischer Einsamkeit, in düsterer Verzweiflung, denn der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen. Da brachte der Tod der Zarin Elisabeth im Januar 1762 die Erlösung. Aber das Gefühl der Erleichterung paarte sich in dem Könige mit einem Gefühl der Beschämung darüber, daß nicht seine Kraft, sondern der Zufall, der einem – Narren auf den russischen Thron geholfen hatte, sein Retter geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In psychologisch leicht verständlicher Rückwirkung kehrte er, soweit seine Macht reichte, den Despoten und Eroberer um so rauher heraus. Er verdarb den abgehetzten Truppen die Erholung der Winterquartiere durch die überflüssigsten Paradekünste; er entzog den Offizieren die sogenannten Douceurgelder, die tatsächlich kein Geschenk, sondern eine meist unentbehrliche Hilfe waren, sich für den neuen Feldzug zu equipieren; er legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte und, als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen. Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, verhängte der König ein anderes Gericht über das Heer. Er jagte alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr brauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein wie der Adel – Riccauts de la Marliniere.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die Quälereien der Truppen in den Winterquartieren von 1761 auf 1762 berichtet als Augenzeuge Archenholtz, Geschichte des Siebenjährigen Krieges, 177 ff. Die Kabinettsordern des Königs an Dyherrn in Sachen der sächsischen Kontribution bei Preuß, Urkundenbuch, 2, 117 ff. Vergleiche auch Eberty, Geschichte des preußischen Staats, 4, 332 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitten in diesen Verhältnissen lebte Lessing, und aus ihnen heraus schrieb er seine Minna von Barnhelm. Es ist recht in der wortklaubenden Kleinmeisterei der bürgerlichen Literaturgeschichte, wenn Herr Erich Schmidt ganz ins Blaue hinein andeutet, daß ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fertigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. Friedrichs Kontributionen waren auch gerade so bescheiden bemessen, daß irgendein armer Teufel von Major nur in die Tasche zu greifen brauchte, um sie bar auf den Tisch zu zahlen. Eher schon läßt es sich hören, daß manche Züge von Kleist auf Tellheim übergegangen sind. Aber man braucht nur die drei Dutzend Kabinettsordern Friedrichs an Dyherrn wegen der Leipziger Kontribution zu lesen, um das Bild Tellheims vor sich zu sehen. Nicht als ob wir damit in den gleichen Fehler wie die bürgerlichen Historiker verfallen und etwa sagen wollten, gerade dieser Fall habe Lessings dramatischen Trieb angeregt. Nein, die Dyherrn und Kleist waren keineswegs weiße Raben unter den preußischen Offizieren des Siebenjährigen Krieges; mehr als einer, ein Marwitz, ein Saldern, hat sich lieber kassieren lassen, als einen königlichen Befehl ausgeführt, der ihm wider Ehre und Reputation ging. Wenn Lessing durch das Elend der deutschen Zustände dazu verdammt war, seine bürgerliche Komödie als Soldatenstück zu schreiben, so hat er doch nicht irgendeinen sagenhaften »Tell« verherrlicht, sondern jenen gar nicht militärischen, sondern sehr bürgerlichen Geist, der auch dem fürstlichen Despotismus in die Zähne hinein unbeugsam an seinem Rechtsbewußtsein festhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Geiste denkt und handelt Tellheim. Ihm sind »die Großen sehr entbehrlich«; »die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten«; er tut »für die Großen aus Neigung wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, sondern alles der eigenen Ehre wegen«. Er kann es höchstens nicht »bereuen, Soldat geworden zu sein«; »ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht, für welche politischen Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden, tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraut zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen.« Soldat sein um des Soldatentums willen, das ist »wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts«. Gewiß: In Tellheim ist der friderizianische Offizier, ist selbst ein Kleist sehr idealisiert; ein gutes Stück Lessing steckt mit darin. Aber er ist eine fertige und geschlossene Gestalt, wie sie noch kein Deutscher auf die Bretter zu stellen gewußt hatte, und was ist das da groß, wenn Lessing in der Fabel seines Lustspiels auch diesen oder jenen kleinen Zug fremden Mustern entlehnt hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und haben denn die bürgerlichen Literarhistoriker die Fabel der Minna überhaupt verstanden? Auf schattenhafte Analogien hin suchen sie ihren Ursprung in Shakespeare, in den spanischen Mantel- und Degenstücken, ja im Plautus, und doch – das Gute lag für diese Patrioten so nahe! Die Fabel der Minna ist nämlich nichts anderes als eine schneidende Satire auf das friderizianische Regiment. Tellheim ist als Major nach dem Friedensschluß abgedankt und obendrein in eine peinliche Untersuchung gezogen worden. Er hatte von einigen thüringischen Ämtern eine Kontribution mit äußerster Strenge bar einzutreiben und, da sie nicht zahlen konnten, die Summe aus eigener Tasche gegen einen Wechsel vorgestreckt. Bei Zeichnung des Friedens wollte er den Wechsel »unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen«, aber »man« erklärte das Papier für ein Geschenk der Stände, weil Tellheim sich mit ihnen auf die niedrigste, eben noch vom Könige gestattete Summe der Kontribution vereinbart hatte. Indessen »man«, nämlich Friedrich, erfährt durch seinen Bruder, daß Tellheim »mehr als unschuldig« ist; er benachrichtigt ihn, daß die Hofstaatskasse Order hat, den bewußten Wechsel auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; er fordert ihn auf, wieder Dienste zu nehmen. Lessing konnte die wirklichen Praktiken des friderizianischen Regiments nicht grimmiger verspotten als durch eine so harmlose Idylle. Die »zu ratihabierenden Schulden«, nachdem Friedrich, wie er selbst viel zu niedrig berechnet, während der sieben Jahre fünfzig Millionen Taler aus Sachsen gepreßt hatte, von denen natürlich nicht ein Pfennig »ratihabiert« wurde; die Bezahlung der »getanen Vorschüsse« aus der Hofstaatskasse, derweil Friedrich jedes Gesuch um Ersatz von Kriegsschäden mit der stereotypen, landbekannten Redensart abzulehnen pflegte, nächstens würde der Petent wohl auch seinen Schaden von der Sintflut her ersetzt haben wollen; endlich die freiwillige Aufforderung des Königs an einen abgedankten Offizier, wieder ins Heer zu treten! »Schlichte Beredsamkeit, gegen die alle Ramlerschen Rodomontaden leerer Schall sind«, findet Herr Erich Schmidt zu Ehren Friedrichs in der Minna. Ja, sehr schlicht, aber auch sehr beredt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich Schlegel hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Charaktere in der Minna »lessingisieren«. Das Wort gilt nicht minder von der Emilia und vom Nathan; Lessing war als Dramatiker höchster Verstand; ihm fehlte die dichterische Phantasie, aus der sich Gestalt auf Gestalt löst und unabhängig von ihrem Schöpfer lebt. Wie der Held, so ist auch die Heldin seines Lustspiels mit seinem Geiste getauft, und die, wie Goethe sagt, »Subalternen« plaudern ganz mit dem Witze ihres Dichters. Aber es ist ein gutes Wort, daß der Zorn den Dichter macht, und wie Lessing in der Emilia einen Winkeldespoten und dessen Höfling, im Nathan einen orthodoxen Eiferer ohne ein Äderchen seines eigenen Geistes zu klassischen Gestalten schuf, so hat er auch in der Minna zwei verächtliche Typen des friderizianischen Despotismus unsterblich gemacht: den windigen Abenteurer von ausländischem Adeligen, um dessentwillen bürgerliches Blut vom deutschen Landesvater gemißhandelt wurde, und ferner den Spion von Wirt. Denn die Wirte, Traiteurs und Eigentümer der Gasthäuser in den großen Städten waren Friedrichs Spitzel, denen er den ganzen oder halben Mietzins zahlte, wofür sie täglich von allen Gesprächen und Zusammenkünften in ihren Räumen und von verdächtigen Persönlichkeiten möglichst auch »einen verläßlichen Protokollauszug« der »bey sich habenden Briefschaften« der Polizei einzureichen hatten. Unsere braven »Naturalisten« werden uns hoffentlich bald die Ihring-Mahlow und Naporra auf die Bühne bringen; mit bloßen Großmäuligkeiten über Lessing als »pseudopoetischen Kompilator« und »plagiatsüchtigen Literaturheros« ist am Ende doch auch noch kein neues Weltalter der deutschen Dichtung eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitgenossen verstanden natürlich das Lustspiel anders, als die bürgerlichen Literarhistoriker es heute auslegen möchten. Nicolai beklagte als »preußischer Untertan« die »vielen Stiche gegen die preußische Regierung«, aber als Döbbelin 1768 die Minna in Berlin auf die Bühne brachte, wurde sie zehnmal hintereinander unter lautem Jubel gespielt. In Hamburg widersetzte sich der preußische Resident Hecht anfangs der Aufführung, und Herr Erich Schmidt schilt ihn deshalb einen »beschränkten Mann«. Ein Glück wenigstens, daß König Friedrich noch viel beschränkter war! Denn hätte er die Minna gelesen oder hätte er gar verstanden, was damit erreicht war, so hätte er ihr dieselbe »schlichte Beredsamkeit« gewidmet wie dem Akakia Voltaires: Er hätte sie auf dem Gendarmenmarkte durch Henkershand verbrennen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Minna von Barnhelm, so darf auch Laokoon als eine Frucht von Lessings Breslauer Leben betrachtet werden. Er ist Bruchstück geblieben wie die meisten Prosaschriften Lessings, denn diesem beweglichen und ruhelosen Geiste war es versagt, in selbstzufriedener Genügsamkeit sich in sich selbst zu bespiegeln, wenn die ihn umgebende Welt sich seinem Rufe versagte. Lieber ließ er seine Waffen verrosten, als daß er nur mit ihnen spielte. Er hatte allen Grund, zu klagen, daß niemand entdecke, wohinaus er mit dem Laokoon wolle, auch der einzige nicht, um den es ihn der Mühe lohne, mit seinem Krame ganz an den Tag zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser einzige war Herder, und es trifft sich, daß der Herder-Biograph kürzer und treffender als alle Lessing-Biographen über den Laokoon urteilt, wenn er sagt, Lessings praktischer Hauptzweck bei der Festsetzung seines Kanons: Handlung ist das eigentliche Wesen der Poesie, sei dahin gegangen, der toten Schilderungssucht der mehr beschreibenden als schildernden, mehr schildernden und bildernden als wirklich lebendig machenden und eindringlich bildgebenden Poesie, der die Zeitgenossen sich überließen, den Todesstreich zu versetzen.&amp;lt;ref&amp;gt;Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 1, 1, 243.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem anscheinend rein ästhetischen und kunstkritischen Werke kämpfte Lessing wie überall für die sozialen Interessen der bürgerlichen Klassen. Konnten diese Klassen ihre Ansprüche zunächst nur auf literarischem Gebiete erheben, so war es nachgerade die höchste Zeit, daß sie endlich kräftigere und männlichere Töne anschlugen, als bis dahin selbst von verhältnismäßig noch so kräftigen und männlichen Dichtern wie Haller und Kleist angeschlagen worden waren. Mit dem Ansingen der farbigen Alpenkräuter und der heiligen Waldesschatten wurde der bürgerliche Schlendrian erst recht eingelullt. Es kam hinzu, daß die Theorie der Schweizer die malende Naturbeschreibung recht eigentlich als das Hauptziel der Dichtung hingestellt hatte und daß auch die seherische Begeisterung, womit Winckelmann die bildende Kunst des Altertums wiederentdeckte und feierte, das deutsche Bürgertum auf einen Irrweg zu locken drohte. Denn was war damit groß anzufangen, solange es diesseits der Alpen antike Originale fast gar nicht und Gipse nicht viel mehr gab?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allen diesen Irrlichtern warnte Lessing in seiner Abhandlung »Über die Grenzen der Malerei und Poesie«, in seinem Laokoon. Goethe sagt, man müsse Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung diese meisterhafte Schrift ausübte, indem sie »uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß«. »Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie ersehnt im rechten Augenblick hervortreten.« Aber wenn wir unter dem eben entwickelten sozialen Gesichtspunkte den Laokoon lesen, so spüren wir doch noch etwas von seiner »Herrlichkeit«. Es liegt wie Morgensonnenschein auf diesen Blättern; so beredt und so beschwingt entwickeln sich die Gedanken, bekämpfen und widerlegen, ergänzen und unterstützen sie sich untereinander. Nirgends ein toter Punkt, überall rasches und volles Leben. Und wie der Inhalt, so die Form. Lessings Stil hat im Laokoon an Geschmeidigkeit und Kraft noch gewonnen, dagegen an Hagerkeit viel verloren; der Gedanke reift und sättigt ihn, und die durchsichtige Klarheit dieser Sprache zeigt ohne Hülle die unverstümmelte Hoheit des Gedankens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der Laokoon als soziale Tat. Als kunstkritischer Kanon erheischt er ein anderes Urteil. Was ihn dort erhebt, muß ihn hier erniedrigen. Es lag schon in der ganzen Tendenz des Torsos, daß er die bildende Kunst gegenüber der Dichtkunst etwas in den Schatten stellen mußte. Aber Lessings Verhältnis zur bildenden Kunst war überhaupt ein ziemlich frostiges. Wenn Winckelmann bei der ersten Lesung des Laokoon sagte: »Lessing schreibt, wie man geschrieben zu haben wünschen möchte«, aber sich später dahin ausließ: »Dieser Mensch hat so wenig Kenntnis, daß ihn keine Antwort bedeuten würde, und es würde leichter sein, einen gesunden Verstand aus der Uckermark zu überführen als einen Universitätswitz, der mit Paradoxen sich hervortun will«, so ist die grobe Äußerung von kleinlichem Neide zwar stark gefärbt, aber doch nicht schlechthin erfunden. Lessing selbst war sich, wie schon der Kunsthistoriker Rumohr bemerkt hat, wohl bewußt, »daß seine Kunstschriften überall nur aus Aufwallungen der Mißbilligung oder des Widerwillens gegen bestimmte Einseitigkeiten oder Verkehrtheiten seiner Zeitgenossen, durchaus nicht aus einem positiven Berufe zur Kunst entstanden waren«. Und zutreffend sagt Justi: »Viele Tatsachen in seinem Leben führen auf die Annahme, daß die Betrachtung von Werken bildender Kunst weder zu seinen Bedürfnissen gehörte noch ihm besonderen Genuß gewährte, ja ihn nur ästhetisch beschäftigt hat.« Und es wird sich auch nicht viel dagegen einwenden lassen, wenn Justi meint, Lessing wäre in Italien, wohin er wiederholt strebte, »vielleicht vor Langerweile gestorben«. Wenigstens kann der Leser des Tagebuchs, das Lessing über seine spätere italienische Reise geführt hat, vor Langerweile sterben. Es ist wahr: Er trat sie äußerlich unter sehr ungünstigen Umständen an, aber bei einem irgend ursprünglichen Interesse an der bildenden Kunst wäre er doch nicht so ganz schweigsam an ihren italienischen Schätzen vorübergegangen, hätte er wenigstens mit einer Silbe verraten, daß er im Vatikan vor jenem antiken Bildwerke gestanden habe, das seiner berühmtesten Kunstschrift den Namen gegeben hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird somit der Laokoon als kunstkritischer Kanon den bildenden Künsten nicht gerecht, verkümmern seine Kunstprinzipien der Geschichts-, der Landschafts-, der Bildnismalerei gar sehr das Leben, so tun sie doch auch der Poesie zuviel und entvölkern in bedenklicher Weise den Parnaß. Wenn Handlung das Wesen der Poesie sein soll, so ist die ganze Lyrik zur Tür hinausgewiesen. Als Anwalt der Dichtkunst trat der junge Herder in seinem Kritischen Wäldchen über den Laokoon mit dem kecken Schlachtrufe auf: »Ich leugne Herrn Lessing viel und in seinem Grunde alles!« Zwar bekannte Herder, auch er hasse nichts so sehr als tote, stillstehende Schilderungssucht, aber als das eigentliche Wesen der Poesie erklärte er nicht Handlung, sondern Kraft. »Kraft, die zwar durch das Ohr geht, aber unmittelbar auf die Seele wirkt; Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung wirkt.« Er verwarf die einseitige Bezugnahme Lessings auf Homer und die einseitige Auslegung Homers durch Lessing. Er tadelte den übertriebenen Gräzismus Lessings wie auch Winckelmanns. Lessings Behauptung, nur die Griechen hätten jenes schöne Gleichgewicht von Empfindung und Tapferkeit gekannt, das die homerischen Helden auszeichne, beseitigte er durch die schlagende Bemerkung, jenes Gleichgewicht eigne nicht einer einzelnen Nation, sondern jeder Nation auf gleicher Kulturstufe. Und wenn Winckelmann freilich schon eine historische Entwicklung des griechischen Schönheitsideals versucht hatte, so warf ihm Herder ein, daß er sich gar zu sehr auf klimatische, auf »Einflüsse des .Himmels« beschränkt und die bei dem allmählichen Werden des Ideals mitwirkenden politischen und religiösen Faktoren übersehen habe. Aber im allgemeinen hielt sich Herder viel näher an Winckelmann als an Lessing; wohinaus dieser wollte, hatte er eben nicht verstanden, und so vielfach treffend seine Kritik des Laokoon war, so sah sie wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Laokoon gruppieren sich zuerst Gegensätze, die auf lange Jahrzehnte hinaus das deutsche Geistesleben beherrschen sollten. Lessing hätte nicht Winckelmanns Kunstgeschichte und noch weniger Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit schreiben können, aber weder Herder noch Winckelmann hatten eine Ahnung von dem edlen und stolzen Klassenbewußtsein, das in Lessings Schriften und namentlich auch im Laokoon lebte. Als Klient eines römischen Kardinals höhnte Winckelmann in gar unwürdiger Weise über Lessing als einen angeblichen »jungen Bärenführer«, und wenn Herder in seinem ersten Kritischen Wäldchen nicht unebenbürtig neben Lessing trat, so führte er in seinem zweiten und dritten einen unwahrhaftigen und zweideutigen Krieg gegen einen elenden Gegner, denselben Kabalenmacher Klotz, den Lessing mit ein paar schnellen und sicheren Streichen erlegte. Es ist der Gegensatz zwischen der historischen und der politischen Weltanschauung, der sich hier ankündigt, ein Gegensatz vielleicht weniger als ein Übergewicht, das die Historie über die Politik davontragen sollte. Herder, nicht Lessing, gewann den entscheidenden Einfluß auf den jungen Goethe, und wieder Goethe riß Schiller, dessen revolutionäre Jugenddramen sich stark an Lessing anlehnten, in seine Bahnen. Nicht zwar, als ob diese Entwicklung von einzelnen Personen abhängig gewesen wäre: Sie wurde vielmehr dadurch verschuldet, daß sich die bürgerlichen Klassen nicht auf die Höhe ihres Vorkämpfers Lessing zu schwingen verstanden, daß Lessing zu jener »schaurigen Einsamkeit« emporgewachsen war, worin er von nun an unter seinen Zeitgenossen leben sollte, daß der Nachwuchs des Bürgertums, soweit er nach geistiger Nahrung lechzte, in der Vergangenheit suchen mußte, was ihm die Gegenwart ein für allemal versagte. Und gewiß hat Lessing wenig oder nichts von dem psychologischen Scharfblick besessen, mit dem Herder in den Stimmen der Völker ihre Seelen zu erkennen verstand. Und wenn heute dumm-pfiffige Streber von dem »ostpreußischen Kolumbus« Herder im Gegensatze zu der »schulmäßigen und unhistorischen Kritik« des »gelehrten Philologen« Lessing schwatzen, so mag doch erinnert werden nicht nur daran, daß Herder selbst immer in ehrlicher Selbsterkenntnis zu dem Manne Lessing emporsah, sondern auch daran, daß nach Herder nicht nur Goethe und wenigstens der weimarische Schiller, sondern auch die ganze Romantik und jene »historische Schule« kamen, von der Karl Marx sagt: »Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses, nur ihr &#039;&#039;a posteriori&#039;&#039; zeigt, die &#039;&#039;historische Rechtsschule&#039;&#039;, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte.« Und erst in dem wissenschaftlichen Sozialismus hat jener bei Lessings Laokoon zuerst aufbrechende Gegensatz seine Versöhnung gefunden, ist die Historie zur Politik, die Politik zur Historie geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir es weniger mit Lessing als mit der Lessing-Legende zu tun haben, und schon pocht Herr Erich Schmidt ungeduldig an unsere Türe, heischend die Erledigung seines geistvollen und tiefsinnigen Orakelspruchs: »Laokoon blieb Torso. Vielleicht wären gar bloße Materialien aus dem Nachlasse auf uns gekommen, wenn Lessing nicht durch eine gewichtige kunstwissenschaftliche Leistung den deutschen Höfen hätte sagen wollen: Hier bin ich.« Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Also nicht bloß die »schlichte Beredsamkeit« der Minna, sondern auch die »kunstwissenschaftliche Leistung« des Laokoon ist diesen akademischen Meistern der Ästhetik und der Literaturgeschichte eine Wurst, geworfen nach der Speckseite eines höfischen Pöstchens. Aber gehen wir mit einigen Worten auf den Nicolaitischen Humbug ein, der dahintersteckt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Frieden von Hubertusburg konnte Lessing nicht lange mehr in Breslau bleiben. Mit dem Kriegsgetümmel war auch das freiere und vollere Leben erloschen, das ihn an die Stadt gefesselt hatte; bei aller Anhänglichkeit an Tauentzien durfte es ihm nicht einfallen, sein Leben lang den subalternen Schreiber eines preußischen Generals zu spielen. Schon im November von 1763 bereitete er seine Eltern darauf vor, daß er auf sein »fixiertes Glück« verzichten und zu seiner »alten Lebensart« zurückkehren werde. Auf ihre Klagen hebt er im Juni 1764 abermals nachdrücklich hervor, daß er seinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben habe und mehr als jemals entschlossen sei, »von aller Bedienung, die nicht vollkommen nach meinem Sinn ist, zu abstrahieren. Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen.« Nicht ohne Grund schlug Lessing diesen bestimmten Ton an. Stets bereit, seinen Eltern alles und noch mehr zu geben, als er selbst besaß, hatte er doch auch immer abgelehnt, der »Sklave eines Amts« zu werden, nur damit seine unfähigen Brüder studieren könnten, und schon vor seiner Übersiedlung nach Breslau hatte er das äußerste Maß seines Entgegenkommens also ausgedrückt: »Trägt man mir ein Amt an, so will ich es annehmen, aber den geringsten Schritt nach einem zu tun, dazu bin ich wo nicht eben zu gewissenhaft, doch viel zu kommode und nachlässig.« Aus seinem Leben in Breslau berichtet dann sein Freund, der Rektor Klose: »Nach dem Hubertusburger Frieden dachte Lessing nun Breslau zu verlassen, ob ihn gleich der General ersuchte, noch länger zu bleiben, auch ihm eine vorteilhafte Bedienung anbot, die er aber von sich wies, weil nach seiner Versicherung der König von Preußen keinen, ohne abhängig zu sein und zu arbeiten, bezahle. Aus eben dem Grunde hatte er die Professur in Königsberg, die ihm vor einigen Jahren angeboten wurde, ausgeschlagen; besonders weil der Professor der Beredsamkeit alle Jahre einen Panegyrikus zu halten verpflichtet wäre.« Vergebens sucht Herr Erich Schmidt, dem es auf einen höfischen Panegyrikus mehr oder weniger nicht ankommt, dies glaubwürdige Zeugnis eines glaubwürdigen Mannes zu bemängeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Frühling von 1765 verließ Lessing dann Breslau, nachdem er sein Amt schon ein paar Monate vorher niedergelegt hatte. Er ging nach Berlin, wie er seinem Vater schrieb, nicht sowohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr bloß, »um meine zerstreuten Sachen allda zusammenzubringen und doch einigermaßen einen locum unde nennen zu können«. Am 4. Juli 1765 schreibt er seinem Vater, daß er vor sechs Wochen in Berlin angelangt sei, und zufällig genau von demselben Tage ist das letzte Blatt der Literaturbriefe datiert, worin Lessing die »ebenso scharfsinnige wie wahre Anmerkung« Meinhards zu der Tatsache hervorhebt, daß die Anzahl der guten Dichter in den vielgepriesenen Mäzenatentagen der Mediceer und Ludwigs XIV. gar so gering gewesen sei, und seinerseits hinzufügt: »Da sie auf den äußerlichen Zustand der deutschen Literatur gewissermaßen angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen einmal zum Schweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen und in dem Ton wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützigen Absichten nur allzu deutlich merkt.« Diese Reihe von Daten und Tatsachen dürfte zur Genüge zeigen, daß Lessing seinen vierten und letzten Aufenthalt in Berlin nicht genommen hat, um eine Anstellung von Friedrich II. zu ergattern, sondern aus den von ihm selbst angegebenen Gründen, wobei unter dem »Zusammenbringen seiner zerstreuten Sachen« wohl die Vollendung des Laokoon und der Minna sowie eine Revision seiner älteren Komödien zu verstehen ist; Laokoon erschien zur Ostermesse 1766, die Minna zur Ostermesse 1767, sowohl in einer besonderen Ausgabe als in einer zweibändigen Sammlung aller Lustspiele, und darnach siedelte Lessing von Berlin nach Hamburg über.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Jahren spielte sich nun die widrige Posse ab, deren passive Helden König Friedrich, Winckelmann und in gewissem Sinne anscheinend, auch Lessing waren, während ihre aktiven Helden in dem Obersten Quintus Icilius, Ehren-Nicolai und etwa auch in Sulzer zu suchen sind. Herr Erich Schmidt nennt den Obersten »wacker«, und es versteht sich darnach, daß er ein ganz schlechter. Kerl war. Er hieß eigentlich Guichard und war mit dem antiken Namen von Friedrich in einer »gnädigen« Laune getauft worden; aus Magdeburg gebürtig, Sohn einer bürgerlichen Hugenottenfamilie, Kommilitone Winckelmanns in Halle, dann militärischer Abenteurer und Schriftsteller, war er im Siebenjährigen Kriege zum Kommandeur eines Freibataillons avanciert, nach dem Frieden aber nicht nur nicht kassiert worden, sondern sogar zur Stelle eines Hofnarren bei Friedrich aufgerückt. Er war das Gegenteil eines Tellheim und rechtfertigte für seine Person das Vorurteil Friedrichs, wonach bürgerliche Offiziere keine Ehre im Leibe haben sollten; er hatte im Jahre 1761 das sächsische Jagdschloß Hubertusburg geplündert, nachdem adlige Offiziere, ein Marwitz und ein Saldern, aus dem Heere geschieden waren, weil sie den zuerst an sie gerichteten Befehl des Königs, eine so ehrlose Handlung zu vollziehen, nicht ausführen wollten. Quintus hatte bei dieser Dieberei ein sehr gutes Geschäft gemacht, und er hat auch später, sogar nach dem Zeugnisse seines Freundes Nicolai, aus den Lotterie- und Regiegeschäften des Königs allerlei eigennützige Gewinste gezogen. Dieser Ehrenmann spielte sich nun aber gleichzeitig als Wortführer der deutschen Literatur bei Friedrich auf, und er will, als der französische Vorsteher der königlichen Bibliothek 1765 gestorben war, erst Lessing und dann Winckelmann und dann wiederum Lessing dem Könige als Ersatzmann vorgeschlagen haben. Wohlgemerkt aber nur nach seinen eigenen Angaben, die dadurch, daß sie uns Nicolais Sprachrohr überliefert hat, weder anmutiger noch glaubwürdiger geworden sind. Indessen insoweit könnte die Sache ganz auf sich beruhen bleiben, wenn nur nicht die bürgerlichen Literarhistoriker behaupteten, daß Lessing durch die Herausgabe des Laokoon die Bemühungen des freibeuterischen Obersten habe unterstützen und durch die Kritik Winckelmanns seine Überlegenheit über diesen Nebenbuhler in der königlichen Gunst habe zeigen wollen, wie sie denn auch aus Friedrichs Ablehnung Lessings Haß gegen das friderizianische System zu erklären versuchen, einen Haß, der, je älter und reifer Lessing wurde, um so schwerer selbst durch die gröbsten Fälscherkunststücke zu verdecken ist.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Um der Gerechtigkeit willen muß allerdings erwähnt werden, daß der gröbste Fälscher dieser Episode kein bürgerlicher Literarhistoriker, sondern – Herr Eugen Dühring ist. Er sagt, Friedrich habe Lessing als Bibliothekar nicht haben wollen, »mit so vielen Judendurchstechereien und Judenaufdringlichkeiten Lessing sich auch offerieren ließ«. »Der Mehrer des Reichs, der auch Mehrer der Einsichten war und selbst als politisch reformatorischer Geist in Gesetzgebung und Verwaltung gelten muß, Friedrich, hat sich in der Schätzung Lessings als wahrer Vertreter der Nation erwiesen.« Siehe Dühring, Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden, 88. Der preußische Staat war wirklich schlecht beraten, als er Herrn Eugen Dühring nicht zum Professor avancieren ließ.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahr ist, daß der königliche Bibliothekar, Geheimer Rat de la Croze, im Februar 1765 gestorben war und daß der König am 25. Juli dieses Jahres den Minister von Dorville beauftragt hatte, einen zur Aufsicht und Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek recht sehr kapablen und in den Wissenschaften geübten Mann allenfalls in Holland aufzusuchen. Es widerspricht nun aber der ganzen Art Friedrichs, daß er neben diesem offiziellen Geschäftsgange noch eine sozusagen offiziöse Unterhandlung durch einen seiner Hofnarren angeknüpft haben soll. Vom ersten Tage seiner Regierung an machte er jedem persönlichen Gesellschafter zur strengsten Bedingung, sich nie in die Geschäfte zu mischen, und was er Jugendfreunden wie Jordan und Kayserlingk, was er Männern wie Maupertuis und Voltaire in seinem frischen Mannesalter bei Strafe seiner sofortigen Ungnade versagt hatte, das soll der argwöhnische und griesgrämige Greis dem von ihm innerlich verachteten und wegen der Hubertusburger Räuberei stets verhöhnten Quintus gewährt haben! Möglich erscheint höchstens, daß der Name Winckelmanns dem Könige nicht ganz unbekannt geblieben ist, denn Winckelmann hatte das von Friedrich angekaufte Gemmenkabinett des Barons Stosch geordnet und katalogisiert. Aber diese Möglichkeit ist erstens entfernt keine Gewißheit; Winckelmann selbst vermutete, daß der König ihn mit einem zeitweise in Rom lebenden ehemaligen Auditeur Ewald aus dem Regimente des Prinzen Heinrich verwechselt habe. Zweitens aber hat sie für den vorliegenden Fall nichts zu bedeuten, da der König schon am Tage vor seiner Kabinettsorder an Dorville das Kabinett der Altertümer und Medaillen von der Bibliothek getrennt und dem Hofrat Stosch unterstellt hatte. Sehr bezeichnend ist nun, daß Quintus, obgleich er vom Könige den für einen Menschen seines Schlags sehr ehrenvollen Auftrag erhalten haben wollte, mit Winckelmann zu unterhandeln, nicht selbst an den alten Universitätsfreund schrieb, sondern durch Nicolai an ihn schreiben ließ. Der Prahler und Wichtigtuer war offenbar auch ein Sicherheitskommissarius und wollte seine Handschrift nicht von sich geben. Nicolai schrieb also im August 1765 an Winckelmann, der König wolle ihn zu seinem Bibliothekar machen. Er, Winckelmann, könne die beträchtlichsten Bedingungen stellen, weil der König ihn hochschätze und längst zu tun gewünscht habe, was er jetzt tue. Quintus gebe ihm zu verstehen, daß der König 1500 bis 2000 Taler zu bewilligen entschlossen sei. Nun geschah das ganz Unerwartete: Winckelmann nahm sofort an und verlangte 2000 Taler; er scheint im ersten Augenblicke den gar absonderlichen, aber durch Nicolais Schreiben erklärlichen Eindruck gehabt zu haben, der König wolle ihm alle Bitternisse seiner Jugend versüßen; er schreibt etwas naiv: »Ich empfinde jetzt mit einem Male, wie mächtig die Liebe des Vaterlandes ist, in welches ich mit den größten Ehren zurückgerufen werde ... Es lässet sich jetzo zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes hören, die mir vorher unbekannt war.« Aber der hinkende Bote kam nach, so schnell wie es der damalige Postenlauf gestattete; Nicolai meldete zurück, der König stoße sich an den 2000 Talern; für einen Deutschen seien 1000 Taler genug. Es ist bekannt, wie beschämt und erbittert Winckelmann durch diese Abweisung wurde, aber es ist noch gar nicht bekannt, daß der König seine schäbige und Winckelmann seine lächerliche Rolle nur gespielt hat, weil die Humbugs Quintus und Nicolai und als Dritter im Bunde anscheinend auch Sulzer es so wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glücke für die Wahrheit pflegen Aufschneider sich im Laufe der Zeit zu verplappern, und wie es sonst immer mit Friedrichs Absichten auf Winckelmann gestanden haben mag: So viel hat Nicolai selbst verraten, daß er in seinem ersten wie in seinem zweiten Briefe an Winckelmann auf Unkosten des Königs geflunkert hat. Nach seinen späteren Mitteilungen, an Daßdorf, den Herausgeber von Winckelmann-Briefen, hatte der König von Anfang an 1000 Taler aus den Fonds der Akademie für Winckelmann ausgeworfen. Dies Gehalt wäre für die damalige Zeit ein ganz anständiges gewesen; es überstieg Winckelmanns römische Einkünfte, und der bisherige französische Bibliothekar hatte nur 600 Taler bezogen. Der König wollte dem Deutschen also nicht weniger, sondern um ein sehr Beträchtliches mehr geben als dem Franzosen. Aber der edle Quintus wünschte – immer nach Nicolai – auch jene 600 Taler seinem Winckelmann noch zuzuwenden und ließ ihm deshalb raten, er möge 2000 Taler fordern, damit er, Quintus, »seinen ihm so wohlwollenden Monarchen« dabei an die 600 Taler bisheriges und durch den Tod de la Crozes erledigtes Bibliothekargehalt erinnern könne. Allein als Winckelmann den Rat befolgte und der König von Quintus erinnert wurde, erklärte Friedrich, über das Gehalt de la Crozes sei schon anderweitig verfügt, und es müsse bei den 1000 Talern aus den Fonds der Akademie sein Bewenden haben. So Nicolai an Daßdorf. Wahrscheinlich hat auch diese Darstellung nichts hinter sich; aber jedenfalls: Wenn Nicolai sie für richtig hielt, so hat er das Angebot des Königs in fälschender Übertreibung an Winckelmann gemeldet, um sich und seinem Freunde Quintus ein Air zu geben, und so hat er die Ablehnung Friedrichs mit einer den König bloßstellenden und Winckelmann schwer verletzenden Erfindung aus freier Faust versehen, um seinen und seines Freundes Quintus Rückzug zu decken.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Winckelmanns Briefe an seine Freunde, herausgegeben von Daßdorf, 2, 164. Freimütige Anmerkungen, 1, 354. In dieser Schrift bestätigt Nicolai die Darstellung Daßdorfs noch ausdrücklich als richtig.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie windig nun aber auch diese Winckelmann-Geschichte sein mag, so ist sie noch ein sehr greifbares Ding, verglichen mit der parallellaufenden Lessing-Geschichte. Nach Nicolai hat Quintus zuerst Lessing als Bibliothekar vorgeschlagen, aber der König soll ihn wegen des »unangenehmen Vorfalls«, den Lessing 1752 mit Voltaire gehabt hatte, abgelehnt haben. Darauf die Verhandlungen mit Winckelmann, nach deren Scheitern Quintus abermals auf Lessing zurückgekommen sein soll. Und zwar nach Nicolais Darstellung mit »Heftigkeit«, in einem »starken Wortwechsel« und indem er schließlich den König, der nicht Lessing, sondern einen Franzosen haben wollte, »ausgelacht« habe. Man verzeihe den Ausdruck, aber einen anderen, der zuträfe, gibt es nicht: Es ist zu dumm. Friedrich ließ sich gerade von seinen Hofnarren mit »Heftigkeit«, mit »starken Wortwechseln«, mit »Auslachen« bedienen. Aber noch mehr! Herr Erich Schmidt bereichert die Literatur dieser Episode mit einem handschriftlichen Zettel des Quintus an Ramler vom 20. April 1765, worin es heißt: »Sie erfreuen mich mit der Aussicht, unseren Herrn Lessingk in Berlin zu besitzen. Ich habe große Absichten auf ihm, die die Ehre unserer Schaubühne betreffen. Vielleicht finden wir ihn geneigt dazu. Seine Majestät kennen ihn und werden ihn unterstützen.« Herr Erich Schmidt teilt dies Fündlein mit ungeheurer Wichtigkeit, aber »ohne Kommentar« mit. Ein Sicherheitskommissarius auch er! Denn der einzige »Kommentar« zu dieser archivalischen Entdeckung kann doch kein anderer sein, als daß Quintus ein Humbug war. Man beachte nur die Daten! Im April 1765, beiläufig zwei Jahre vor der Minna und zehn Jahre nach der Sara, will der König aus edelmütigem Antriebe durch den ihm bekannten »Herrn Lessingk« die Ehre der deutschen Schaubühne retten lassen, die Friedrich bekanntlich aus tiefster Seele verachtete, und höchstens vier Monate später – im August 1765 schreibt Nicolai schon an Winckelmann – will der König von Lessing als Bibliothekar wegen des »unangenehmen Vorfalls mit Voltaire« nichts wissen, »da er ein sehr gutes Gedächtnis hatte und einen einmal gefaßten Eindruck lange behielt«. Herrn Erich Schmidts »philologische Akribie« muß doch einsehen, daß Quintus mindestens einmal gelogen hat, entweder in dem Zettel an Ramler vom April oder in der Mitteilung an Nicolai vom August 1765. Aber wir erlauben uns die Konjektur, daß der Plünderer von Hubertusburg beide Male geschwindelt hat, um sich vor Ramler und Nicolai, den Matadoren der Berliner Literaturclique, als den einflußreichen Ratgeber des Königs in literarischen Fragen aufzuspielen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Folgende eigenhändigen Randschriften Friedrichs werden den Humbug noch näher beleuchten. Als Quintus im Jahre 1764 um Vergütigung des für seine Kompaniechefs bar ausgelegten Geldes ansuchte, antwortete der König: »Seine Offiziers haben wie die Raben gestollen Sie krigen nichts.« Und ferner: Als derselbe Quintus im Jahre 1770 um eine Pension bei der Akademie bat, verfügte der König: »Die academie nimt nicht Leute an deren Bücher So schändlich wie Seine Seindt Critisiret worden.« Es ist wirklich eine zwerchfellerschütternde Vorstellung, daß ein Höfling, der sich schurigeln lassen muß wie Quintus in diesen königlichen Bescheiden, in »einem starken Wortwechsel« den König wegen Mißachtung der deutschen Literatur »ausgelacht« haben soll. Endlich noch folgende urkundlichen Stücke aus Friedrichs Kabinett: »Einer Namens Doehbelin, von der Schuchschen Comödianten Bande zeiget allerunterthänigst an, daß das teutsche Theater zu Berlin unter der üblen und unerfahrenen Direktion des Schuchs ganz in Verfall gerathen und bittet, ihm gegen Erlegung von 100 Spezies Dukaten anstatt der 100 Thaler, so der Schuch jährlich zur Chargenkasse erlegen müsse, das Privilegium, in sämtlichen Königlichen Landen Comödien aufführen zu dürfen, allergnädigst zu ertheilen.« Worauf der König verfügt: »Ob 2 Banden im Landt bestehen können, und ob das Publicum diesen Menschen lieber als Schuch haben will? So bin ich damit zufrieden.« So geschehen im Jahre 1767, also zwei Jahre, nachdem der König angeblich durch »unsern Herrn Lessing« für die »Ehre unserer Schaubühne« sorgen lassen wollte!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unerquicklich, wie es sein mag, sich mit diesem verjährten Klatsche noch zu befassen, so unerläßlich ist es leider. Denn an diesem Punkte kämpft die Lessing-Legende um ihr Haupt und ihr Leben. Es ist vollkommen glaublich, daß wie Winckelmann so auch Lessing von den Gaukeleien der Quintus und Nicolai behelligt worden sein mag; es ist nicht minder glaublich, daß die Art, in der Friedrich abgelehnt haben soll, ihm ein – unerbetenes – Amt anzuvertrauen, ihn erbittert hat. Gerade weil er bei dem Zusammenstoße mit Voltaire nicht ohne Schuld war, mag ihn die zwecklose Aufwärmung eines vergessenen Jugendstreichs mit neuer Abneigung gegen Friedrich und Voltaire erfüllt haben, wie unschuldig daran dieser gewiß und jener so gut wie gewiß war. Solche psychologischen Rückwirkungen sind gerade bei einem starken und tüchtigen Charakter sehr erklärlich. Aber es ist unwahr, daß ein Mann wie Lessing ein Werk wie den Laokoon geschrieben haben soll, um dem preußischen Hofe zu sagen: Hier bin ich, und es ist ebenso unwahr, daß sein mißfälliges Urteil über das friderizianische Preußen aus der Enttäuschung über eine persönliche Hoffnung entsprungen und gar nicht so schlimm gemeint, ja nur ein »Tropfen Galle« in der Bewunderung gewesen sein soll, die er sonst »schlicht und groß« diesem Musterstaate widmete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenüber den angeführten Äußerungen Lessings, worin er seine Abneigung gegen jedes Amt kundgab und das fürstliche Mäzenatentum öffentlich verspottete, just als er angeblich durch Quintus bei Friedrich antichambrierte, gibt es nur zwei Zeilen aus seiner Feder, die eine entgegengesetzte Deutung zulassen. Im Dezember 1767, fast ein Jahr, nachdem er Berlin für immer verlassen hatte, schreibt er seinem Vater: »Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehofft und worauf man mich so lange vertröstet, fehlgeschlagen.« Aber dieser Brief war ein Glückwunschbrief zu des Vaters fünfzigjährigem Amtsjubiläum; Lessing muß in ihm das bittere Geständnis ablegen, daß seine »alte Lebensart« wieder einmal mit einem Krache geendet habe, und so ist ihm die Erinnerung an den Kram der Quintus und Nicolai gerade gut genug, den alten Herrn an seinem Ehrentage darüber zu beruhigen, daß er ein »fixiertes Glück« in Berlin etwa verscherzt habe. Aber Lessing muß nun doch einmal mit dem Laokoon vor Friedrich gedienert haben. Als er nach dem Krach in Hamburg vor dem deutschen Jammer ins Ausland zu fliehen gedachte, kam ihm der Einfall, den Laokoon französisch fortzusetzen, und er machte mit der Übersetzung der Vorrede einen in seinem Nachlaß aufgefundenen Anfang; »wäre es nicht möglich«, fragt nun Herr Erich Schmidt mit seiner tiefsinnigsten Miene, daß dieser Einfall auf einen »älteren Berliner Plan« zurückginge und die »etwas dreiste Versicherung, dem Verfasser sei in derlei Materien das Französische ebenso geläufig als das Deutsche«, für Friedrich berechnet gewesen sei? Oder Lessing bezieht sich im Laokoon auf den Rat des Aristoteles, die Taten Alexanders zu malen, und erläutert, um ja jedes Mißverständnis auszuschließen, diesen Rat als »eine Ermunterung, die bildenden Künstler aus den alten Zeiten zurückzurufen und sie mit Begebenheiten aus der itzigen Zeit zu beschäftigen«: Das bedeutet aber nach Erich Schmidt »nichts anderes«, als daß der dritte Teil des Laokoon »mit einem Mahnruf zur künstlerischen Verherrlichung des Siebenjährigen Krieges und seines Hauptheros schließen« sollte. Ach, Lessing hat seinen Erich Schmidt wirklich geahnt, als er schrieb: »Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Auffassung, die Lessing im Kampfe seines Lebens von dem preußischen Staate gewonnen hat, brauchen wir uns nach unserer bisherigen Darstellung nicht weiter zu äußern. Gerade das Gegenteil von dem »Tropfen Galle« ist richtig: In seiner großdenkenden Weise hat Lessing wohl einmal den persönlichen Eigenschaften Friedrichs einen Tropfen Honig gespendet, aber das preußische System hat er um so tiefer gehaßt, je näher er es kennenlernte. Mit jedem Aufenthalte scheidet er verstimmter aus Berlin, und mit diesem letzten am verstimmtesten. »Was hatt&#039; ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen?« schreibt er im Februar 1767 an Gleim und im November 1768 an Ramler: »Wie kann man auch in Berlin gesund sein? Alles was man da sieht, muß einem ja die Galle ins Geblüt jagen.« Und an Nicolai im August 1769 – wir wollen die Stelle doch lieber vollständig hierhersetzen, da sie Herr Erich Schmidt in seinen zwei dicken, mit Lessing-Zitaten vollgestopften Bänden so fein zu vertuschen weiß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Herder und Winckelmann, so schied Lessing mit einem Fluch und einem Steinwurf aus den preußischen Landen. Nur daß, was jene Jünglinge in heißem Lebensdrange instinktiv empfanden, in diesem Manne zur klaren Erkenntnis gereift war: zu der Erkenntnis nämlich, daß alle Lebensinteressen der bürgerlichen Klassen in Deutschland keinen gefährlicheren und grundsätzlicheren Feind besaßen als den preußischen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Lessing in Hamburg ==&lt;br /&gt;
Im Frühling des Jahres 1767 siedelte Lessing nach Hamburg über; im Frühling des Jahres 1770 verließ er diese Stadt, um den Rest seiner Tage in dem einsamen Wolfenbüttel zu verleben. In diese drei Jahre fallen seine letzten Versuche, die bürgerlichen Klassen unmittelbar zu tatkräftigem Handeln aufzurütteln; all seine männliche Kraft sammelte er in der Hamburgischen Dramaturgie, der Emilia Galotti, den Antiquarischen Briefen. Aber er scheiterte abermals und so, daß nur noch ein Narr etwas von diesem entnervten Bürgertum erwarten konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem vernichtenden Schlage, den Leipzigs Wohlstand durch den Siebenjährigen Krieg erhalten hatte, war Hamburg unbestritten die erste Stadt des deutschen Reiches. Wenn es in seiner Unabhängigkeit von Dänemark und Hannover auch wiederholt angefochten wurde, so hatte es von diesen Gegnern nicht viel zu befahren, dank zwei mächtigen Beschützern. Hamburg stand als wichtigster Platz auf dem Kontinente für den Zwischenhandel Englands und Frankreichs in der besonderen Gunst dieser beiden Mächte. Die freieste und reichste Stadt Deutschlands zugleich die vom Auslande abhängigste: In diesem ökonomisch-politischen Zusammenhange, an den die bürgerlichen Literarhistoriker auch nicht einmal im Traume denken, wurzeln Lessings Schicksale in Hamburg. Wie mußte ihn der Ruf locken, den Hamburger Theaterfreunde an ihn richteten, das Amt eines beratenden und mitleitenden Kritikers an einem in großem Stile geplanten »Nationaltheater« zu übernehmen! Ihn, der immer in der Bühne die einzige Tribüne der bürgerlichen Klassen erblickt hatte, wie sie es denn auch war. Ihn, der noch in den Literaturbriefen geklagt hatte: Wir haben kein Theater, wir haben keine Schauspieler, wir haben kein Publikum. Keine Schrift Lessings atmet ein so festes Selbstvertrauen, eine so feste Zuversicht wie die Hamburgische Dramaturgie in ihren ersten Stücken. Unter dem frischen Eindrucke seiner Berliner Erfahrungen spricht er von jenen Philistern, die, weil sie sich selbst am besten kennen, bei jedem guten Unternehmen nichts als Nebenabsichten erblicken; er preist den Ort glücklich, wo diese Elenden den Ton nicht angeben, weil die größere Anzahl wohlgesinnter Bürger nicht gestattet, daß patriotische Absichten ein Vorwurf ihres spöttischen Aberwitzes werden, und er fügt hinzu: »So glücklich sei Hamburg in allem, woran seinem Wohlstande und seiner Freiheit gelegen, denn es verdient, so glücklich zu sein.« Die Freiheit und der Wohlstand Hamburgs erweckten in ihm die Hoffnung, daß auf keinem anderen Flecke deutscher Erde das bürgerliche Klassenbewußtsein so hoch entwickelt sein würde wie hier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Freiheit und der Wohlstand Plamburgs waren abhängig von der Gunst fremder Mächte, und ihre Voraussetzung war demgemäß die nationale Zerrissenheit, die jedes bürgerliche Klassenbewußtsein im Keime zerstören mußte. Der Bürgerstolz der alten Hansestadt beruhte nur noch auf der »satten Tugend und zahlungsfähigen Moral«; er war kapitalistischen, nicht revolutionären Ursprungs, wie es so schön in dem wenig später entstandenen Hamburger Freiheits- und Nationalliede heißt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wir ruhen sanft auf federreichen Betten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und achten nicht der Tyrannei.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch schreckliche Enttäuschung mußte da Lessings harren! Und in der Tat – die »Hamburgische Theaterentreprise« zählte ihr Dasein nur nach Monaten, und dies kurze Leben war nichts weniger als auf Rosen gebettet. Keine Schrift Lessings sprudelt denn auch so über von ätzenden Sarkasmen wie die Dramaturgie in ihren letzten Stücken, bei deren Erscheinen das Theater längst aufgeflogen war. »Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Ich rede nicht von der politischen Verfassung, sondern bloß von dem sittlichen Charakter. Fast sollte man sagen, dieser sei: keinen haben zu wollen.« Die verlotterte Reichsverfassung ein noch stärkeres Band der nationalen Einheit als das Selbstbewußtsein der bürgerlichen Klassen: Es war die beißendste Kritik des deutschen Elends. Und nicht weniger scharf über Hamburg selbst: »Der süße Traum, ein Nationaltheater hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden, und soviel ich diesen Ort nun habe kennenlernen, dürfte es auch wohl gerade der sein, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird.« So Lessing angesichts der Luftspringer und der Seiltänzer, die sich auf denselben Brettern tummelten, von denen er vertrieben worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders als unter diesen sozialen Gesichtspunkten kann die Dramaturgie überhaupt nicht verstanden werden. Sie ist keine für alle Zeiten gültige Lehre der dramatischen Dichtkunst. In den Händen der ästhetischen Beschränktheit hat diese feine und geschmeidige Damaszenerklinge viel Unheil angerichtet: Wie oft ist der arme Lessing selbst mit ihr gefuchtelt worden! Bald in absichtlichem Übel-, bald, was noch gefährlicher war, in mißverstandenem Wohlwollen. Er, dem nichts ferner lag als sinnloser Chauvinismus, soll in der Dramaturgie das Banner der deutschen gegen die französische Kunst aufgeworfen, soll das französische Drama als solches vernichtet haben, um das deutsche Drama »auf der Spur des Griechen und des Briten« einem »besseren Rühme« entgegenzuführen. So, wie Schiller die Sache meinte, mag man sie sich zwar gefallen lassen, obwohl er sich stärker, als es Lessing jemals getan hat, in den Worten ausdrückte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus seiner Kunst spricht kein lebend&#039;ger Geist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schiller rechtfertigte gerade durch seine Stanzen, daß Voltaires »Mahomet« in Goethes Übersetzung auf die Weimarer Bühne kam, und er stellte nur Lessings schon damals durch einen lächerlich übertriebenen Teutonismus verdorbene Meinung wieder her, wenn er auch den »Franken« einen »Führer zum Besseren« nennt, der da kommen möge,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zu reinigen die oft entweihte Szene&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum würd&#039;gen Sitz der alten Melpomene.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewiß war Lessings Dramaturgie die höchste nationale Kundgebung, die Deutschland seit Huttens Pamphleten gesehen hatte. Nur ist der nationale Standpunkt immer bestimmt durch die sozialen Interessen der einzelnen Klassen, die ihn vertreten, wie bei Hutten der deutschen Ritterschaft, so bei Lessing des deutschen Bürgertums. Ihm fiel es gar nicht ein, mit Corneille und Racine auch Molière und Destouches in die Pfanne zu hauen oder mit dem höfischen Trauerspieldichter Voltaire auch den bürgerlichen Lustspieldichter Voltaire über Bord zu werfen. Wie alle Ideologie, so wird die ästhetische und literarische Kritik in letzter Instanz bestimmt durch die jeweilige ökonomische Struktur der Gesellschaft. Auf den vorliegenden Fäll angewandt: heißt das: Wenn wir unter wesentlich veränderten ökonomischen Zuständen zu mannigfach anderen ästhetischen und literarischen Auffassungen gelangt sind, so dürfen wir Lessings Dramaturgie weder als eine unfehlbare Offenbarung noch als eine fehlerhafte Stilübung betrachten, sondern wir müssen sie unter dem sozialen Gesichtspunkte betrachten, unter den sie historisch gehört. Dann aber gibt es nicht leicht eine genußreichere Lektüre als diese Blätter, namentlich in ihrer ersten Hälfte, die Lessing schrieb, als sein Interesse für die Bühne noch nicht erlahmt war; alle anscheinenden Dunkelheiten und Widersprüche lösen sich spielend, und man sieht überall bis auf den klaren Grund eines männlichen und tapferen Geistes; dem die Kunst der Bühne kein müßiges Spiel, sondern wie alle Kunst ein Hebel menschlicher Kultur ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das deutsche Elend zwang jedes »Nationaltheater«, hauptsächlich vom Drama des Auslandes zu zehren. Mit ein paar mittelmäßigen oder schlechten Stücken von Chronegk, Weiße, Elias Schlegel ließ sich kein anziehendes Repertoire herstellen, mit Lessings Sara und Minna wenigstens noch kein abwechslungsreiches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Drama des Auslandes stand aber das französische weitaus in erster Reihe seit Gottscheds Bemühungen und auch durch die Fülle der Übersetzungen. Hier schuf erst Lessings Dramaturgie einen gewissen Wandel. Sie selbst hatte noch in erster Reihe mit der französischen Dramatik abzurechnen, und so hielt denn Lessing sein berühmtes Strafgericht über die höfische Tragödie der Franzosen, die, nach Deutschland übertragen, das reine Gift für die bürgerlichen Klassen werden mußte. Von diesem Standpunkt aus verkannte er, daß Corneille und Racine, um die Klassiker eines großen Volkes werden zu können, doch auch irgendwie im nationalen Boden gehaftet haben mußten; er übersah, daß ihre Tragödien reich an theatralischen Spielen und für die Mitlebenden voll starker Spannung waren; er machte sich lustig über die »Scheusale« von Weibern, die Corneille gern schildert, und doch hatten die Zeitgenossen des Dichters diese »Scheusale« in den Prinzessinnen der Fronde eben lebendig gesehen.&amp;lt;ref&amp;gt;Einige gute Bemerkungen hierüber bei Karl Frenzel, Berliner Dramaturgie, 1, 12 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viel einseitiger noch als gegen Corneille und in der Tat nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit, die sich aus den Berliner Erlebnissen mit Freund Nicolai erklärt, geht Lessing gegen Voltaire als Tragödiendichter vor, einseitiger schon deshalb, weil Voltaire auch in der Tragödie bereits eine gewisse Reaktion gegen die höfischen Muster von Corneille und Racine eingeleitet hatte. Aber im Wesen der Sache hat Lessing mit dem Kampfe gegen die französische Tragödie darum nicht weniger das Richtige getroffen, denn welche Wurzeln sie einmal in einem bestimmten historischen Boden gehabt haben mochte: dies Vorbild war deshalb nicht weniger verhängnisvoll für die bürgerliche Kunst in Deutschland, und als ihr Vorkämpfer, nicht als ein über den Wolken, über allen Völkern und Zeiten thronender Kritiker, derengleichen es überhaupt niemals gegeben hat, spricht Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar könnte es scheinen, als hätte er gerade in der Dramaturgie den Aristoteles als so einen für alle Ewigkeit unfehlbaren Kunstrichter hingestellt. Allein auch hier muß man zu unterscheiden verstehen. Corneille hatte die höfische Tragödie auf die Regeln des Aristoteles begründet; es war der letzte Nachklang der Verhunzung, durch die der alte Grieche zum kanonischen Philosophen des Mittelalters geworden war. Lessing räumte damit gründlich auf; er setzte dem falsch verstandenen den richtig verstandenen Aristoteles gegenüber, der das Wesen der dramatischen Dichtkunst aus den unzähligen Meisterwerken der griechischen Bühne abstrahiert habe. Er setzte also tatsächlich die griechische der französischen Tragödie entgegen, wie er denn niemals müde geworden ist zu wiederholen, daß nicht die Regeln das Genie machen, sondern das Genie die Regeln, und daß jede Regel in jedem Augenblicke durch das Genie aufgehoben werden kann. Im Triumphe seiner siegreichen Polemik macht er dann zwar die übermütige Bemerkung, die Dichtkunst des Aristoteles sei so unfehlbar wie mathematische Wahrheiten, und er wolle nach ihr jedes Stück des großen Corneille besser machen, als dieser es gemacht habe. Aber er fügt sofort hinzu, daß er deshalb noch lange kein Corneille sein und noch lange kein Meisterstück gemacht haben würde, und er hatte schon in den Literaturbriefen darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem griechischen Muster Shakespeare ein weit größerer tragischer Dichter sei als Corneille, obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt habe, daß der Engländer den Zweck der Tragödie fast immer erreiche, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch wähle, der Franzose aber niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betrete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So erkennt Lessing durchaus die historische Bedingtheit jeder Ästhetik, und wenn er für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit theoretisch auch noch nicht auf den tiefsten Grund dieser Bedingtheit zu dringen weiß, so hat er doch praktisch durch sein überaus fein entwickeltes Klassenbewußtsein gezeigt, wo dieser Grund zu suchen ist. Es ist vollkommen richtig, daß Lessing zuerst in Deutschland mit klarstem Nachdruck auf die dichterische Größe Shakespeares aufmerksam gemacht hat; namentlich in der Dramaturgie feiert er sie in einer Reihe wundervoller Vergleiche. Aber er stellt immer nur die historische Tragödie Shakespeares den historischen Tragödien der Franzosen gegenüber, und es ist vollkommen unrichtig, von Lessing die deutsche Shakespearomanie abzuleiten. Ihr geistiger Vater war vielmehr Herder, und wie Herder an bürgerlichem Klassenbewußtsein weit hinter Lessing zurückstand, so hat Lessing das Feldgeschrei: Shakespeare und kein Ende! mit größtem Mißbehagen als eine Ablenkung der bürgerlichen Klassen von dem empfunden, was not tat. Schon in der Dramaturgie warnt er davor, Shakespeare nachahmen zu wollen, warnt er davor, »geblendet von dem plötzlichen Strahle der Wahrheit in einigen englischen Stücken, an den Rand eines anderen Abgrundes zurückzuprallen«. Nicht die historische Tragödie, sondern das bürgerliche Schauspiel ist das dramatische Ideal dieses Kunstrichters; Diderot, nicht Shakespeare ist sein Mann. Niemand, der die Dramaturgie wirklich gelesen hat, kann darüber im Zweifel sein, und das französische Lustspiel setzt Lessing nun gar ebenso entschieden über das englische wie die englische Tragödie über die französische. Angesichts dieser Tatsache bleibe man doch mit der Ästhetik als einer rein geistigen Erscheinung lieber zu Hause. Als ob Lessing nicht gewußt hätte, daß es, rein ästhetisch genommen, lächerlich ist, den Dramatiker Diderot mit dem Dramatiker Shakespeare in einem Atem zu nennen! Als ob er sich nicht selbst, wenigstens mittelbar, gegen diese Gleichstellung verwahrt hätte, denn er denkt nicht daran, die dichterischen Ehrenqualitäten, die er in so reicher Fülle auf Shakespeare häuft, an Diderot auszuteilen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn die Ästhetik auch nur zu dem ideologischen Überbau der jeweiligen Klassenkämpfe gehört, so liegt der Zusammenhang völlig klar da. Shakespeare war kein höfischer, indessen noch viel weniger ein bürgerlicher Dichter; er hat wohl gelegentlich in seinem Heinrich VIII. dem Hofe gehuldigt, aber wenn er einen Bürgermeister von London auftreten läßt, so zeigt er ihn unwandelbar in lächerlichem oder verächtlichem Lichte. Begreiflich genug, denn die Puritaner haßten unbarmherzig das Theater, und der Hof gewährte ihm einen gewissen Schutz. Dagegen fand es seine wahren Wurzeln in einer aristokratischen, aber kräftigen und männlichen Jugend, die in einer mächtig aufstrebenden Zeit, bei einem weltweit sich öffnenden Horizonte trotz alledem noch die führende Klasse eines großen Volkes war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die Frage: Für wen dichtete Shakespeare? handelt vortrefflich Rümelin, Shakespeare-Studien, 34 ff. Unter den bürgerlichen Literarhistorikern ist Rümelin am weitesten vorgedrungen in der Erkenntnis, daß die Dichter nicht vom Himmel schneien und in den Wolken wandeln, sondern wie andere Menschen in den Klassenkämpfen ihrer Zeit leben und schaffen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Shakespeares Trauerspielen tönte die Brandung der See, während in Corneilles Tragödien die Wasserkünste von Versailles rauschten, allein was sollte Shakespeares Muster für Deutschland, dessen Aristokratie geistig und körperlich gleich verkommen war? So wies Lessing für das Schau- und Trauerspiel unbeirrt auf das bürgerliche Drama der Engländer und Franzosen hin. Aber das französische Lustspiel war dem englischen um so viel mehr überlegen, als in ihm die bürgerliche Opposition, die in England längst ihr Parlament und ihre Presse besaß, noch ihre ganze geistige Kraft zusammenfaßte. Shakespeares Lustspiele nun gar bewegten sich, eben wegen der feindlichen Stellung des Dichters zu den bürgerlichen Klassen seiner Zeit, in einer feen- und märchenhaften, mindestens in einer abenteuerlich-romantischen Welt – mit einer einzigen Ausnahme, den Weibern von Windsor. In dieser schwachen Komödie, aber weltgeschichtlichen Satire schilderte Shakespeare den verlumpten Ritter, der sich schon von den Weibern des Bürgertums prellen lassen muß, aber was sollte dies Muster wiederum dem deutschen Bürgertum, dessen Weiber in ihrer großen Masse noch immer keine höhere Ehre kannten, als von verlumpten Despoten geprellt zu werden?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es würde eine eigene Abhandlung erfordern, im einzelnen nachzuweisen, wie die bürgerliche Ästhetik in Deutschland seit Lessings Tagen immer wieder durch das bürgerliche Klasseninteresse gestaltet worden ist. Doch können wir uns nicht versagen, ein erläuterndes Beispiel beizubringen. Gustav Freytag, der klassische Mann der bürgerlichen Literatur zur Zeit, als die deutsche Bourgeoisie aus ihrer idealistischen in ihre mammonistische Epoche hinüberwechselte, schreibt in seiner Technik des Dramas, 57: »Wenn vollends ein Dichter die Kunst dazu entwürdigen wollte, soziale Verbildungen des wirklichen Lebens, Tyrannei der Reichen, die gequälte Lage Gedrückter, die Stellung der Armen, welche von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, polemisch und tendenzvoll für Handlung eines Dramas zu verwerten, so würde er durch solche Arbeit wahrscheinlich das Interesse seiner Zuschauer lebhaft erregen, aber diese Teilnahme würde am Ende des Stücks in einer quälenden Verstimmung untergehen. Die Schilderung der Gemütsprozesse eines gemeinen Verbrechers gehört in den Saal des Schwurgerichts, die Sorge um Besserung der armen und gedrückten Klassen soll ein wichtiger Teil unserer praktischen Interessen im Leben sein, die Muse der Kunst ist keine barmherzige Schwester.« Freytag vertritt darnach gegenüber der arbeitenden Klasse etwa denselben ästhetischen Standpunkt wie Gottsched gegenüber der bürgerlichen. Man erkennt aus diesen Sätzen auch, wie Freytag aus dem idealistischen Zeitalter der deutschen Bourgeoisie in das mammonistische hinübermausert. Er ist noch ehrlich genug, anzuerkennen, daß die Armen von der Gesellschaft fast nur Leiden empfangen, aber er verschmäht doch auch schon den unfeinen Kunstgriff nicht, im Leben der arbeitenden Klassen nichts als einen Gegenstand der Armen- und Krankenpflege zu sehen. Das war vor einem Menschenalter, und wie hat sich seitdem die Szene abermals geändert! Der Mammonismus der Bourgeoisie hat völlig unter ihrem Idealismus gesiegt, und die berühmteste Dichtung unserer Tage, der rührende Roman der Spar-Agnes, schildert den Überschwang von Freude und Lust, den die Armen von der heutigen Gesellschaft empfangen, während die »revolutionären« Poetlein der Bourgeoisie alle möglichen »sozialen Verbindungen«, Bordelle, Schnapskneipen und Zuchthäuser, in die »Kunst« entleeren.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Shakespeare hat die Weiber von Windsor schwerlich als historische Satire schreiben wollen; es wäre das einzige Mal gewesen, daß er die Ritterschaft zu Ehren des Bürgertums verhöhnt hätte, und nach einer alten Sage soll sein einziges bürgerliches Lustspiel durch einen sehr harmlosen Anlaß entstanden sein, durch den Wunsch der Königin Elisabeth, den wackeren Sir John auch einmal als Liebhaber zu sehen. Aber der Dichter denkt und die Zeit lenkt; als Lessing 1757 in Leipzig den ersten Plan zu seiner bürgerlichen Virginia, zur Emilia Galotti faßte, ahnte er wenig, welche furchtbare Satire auf die deutschen Zustände des achtzehnten Jahrhunderts die Nachwelt in der Katastrophe seines dramatischen Meisterstücks erblicken würde, in der flehentlichen Bitte der Tochter an den eigenen Vater, sie zu morden, da sie ihr Blut, ihre Sinne fürchte im Kampfe mit den lüsternen Bewerbungen des Despoten, der eben an der Schwelle des Altars durch feigen Meuchelmord den Geliebten ihres Herzens hatte morden lassen. Es ist die Achillesferse des Trauerspiels, die der Dichter schon mit Unbehagen erkannte und die mißgünstige Krittler von jeher verspottet, aber auch sachliche Kritiker von jeher getadelt haben. Sie ist nun einmal nicht zu beseitigen, auch nicht durch die wohlwollende Auslegung Goethes, die vielmehr der ganzen Tragödie den Rücken bricht, es sei nur nicht deutlich genug ausgesprochen, daß Emilia den Prinzen heimlich liebe. Wenn Emilia den Prinzen heimlich liebte, dann wäre der alte Odoardo kein tragischer Held; dann tötete er die Tochter, um ihre anatomische Unschuld zu sichern oder den Prinzen um seine sichere Beute zu betrügen, und Lessing läßt ihn wohlweislich in seinem letzten Monologe sagen, daß, wenn das Pärchen einverstanden wäre, die Tochter nicht wert sein würde, vom Dolche des Vaters zu fallen. Nein, Emilia liebt den Prinzen nicht, soll ihn nach des Dichters Absicht nicht lieben, aber daß sie und ihr Vater dennoch vor der Despotenwillkür und – der eigenen Fürstenfürchtigkeit keine Rettung wissen als den Mord der Tochter durch den Vater, das ist jenes Gräßliche, das weder Furcht noch Mitleid erregen und das, wie Lessing im 79. Stück der Dramaturgie an der Hand von Aristoteles so überzeugend auseinandergesetzt hat, keine tragische Wirkung haben kann, auch wenn es in der Geschichte begründet ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tragisch läßt sich der Ausgang der Emilia nicht begründen, und zwar deshalb nicht, weil er sich historisch nur allzugut begründen läßt. Darin haben all die berühmten Kritiker von Friedrich Schlegel bis zu Friedrich Vischer entschieden unrecht, daß sie die Emilia vom historischen Standpunkt anfechten als die künstliche Übertragung einer Tat rauher Römertugend in moderne Zustände. Mit Recht hat schon Stahr hervorgehoben, daß Lessing aus des römischen Historikers bekannter Erzählung von der Virginia nichts entnommen habe als die Tatsache, daß ein Vater seine Tochter töte, um ihre jungfräuliche Ehre vor der Vergewaltigung eines Tyrannen zu retten. Oder noch genauer: In der berühmten Erzählung des Livius erkannte der junge Lessing zuerst die empörendste und erschütterndste Begleiterscheinung der sozialen Unterdrückung, die Vergewaltigung der jungfräulichen Ehre, die im achtzehnten Jahrhundert so modern war wie vor zweitausend Jahren, wie sie heute noch ist und wie sie immer sein wird, solange soziale Unterdrückung besteht. Lessing bewährte seinen sozialen Scharfblick, wenn ihm jenes tragische Moment in seiner weltgeschichtlichen Allgemeinheit unendlich viel bedeutsamer erschien als der einzelne Fall, der den zufälligen Anstoß zu einer politischen Umwälzung gegeben hatte. Eine »bürgerliche Virginia« wollte er schreiben, weil »das Schicksal einer Tochter, die von ihrem Vater umgebracht wird, dem ihre Tugend werter ist als ihr Leben, für sich schon tragisch genug und fähig genug ist, die ganze Seele zu erschüttern, wenn auch gleich kein Umsturz der ganzen Staatsverfassung darauf folgte«. Lessing verflachte den Fall der Virginia nicht, wie Dühring behauptet, sondern er vertiefte ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein bürgerlicher Dichter, der im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts eine bürgerliche Virginia schreiben wollte, mußte denn nun freilich wohl um einen tragisch versöhnenden Ausgang verlegen sein. Hatte doch eben erst in Lessings sächsischer Heimat ein adliges Haus seiner Tochter ein Hochzeitsfest ausgerichtet, weil der angestammte Despot sie zu einer seiner Mätressen erkor. Auf deutschem Boden wuchs weder eine Emilia noch ein Odoardo; hier forderte das vielleicht tragischeste Motiv der Weltgeschichte viel eher einen Aristophanes als einen Sophokles heraus. Aber Lessing hätte nicht der Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sein müssen, um über ihre Schmach nicht viel mehr zürnen als spotten zu sollen. So mußte er, um die psychologischen Voraussetzungen seiner Fabel zu retten, die Handlung aus der langweilig-liederlichen Philisterwelt des Vaterlandes in das heißblütigere Volk zurückverlegen, aus dem. die römische Virginia entsprossen war. Indessen die sozialen Lebensformen sind unter sonst gleichen Voraussetzungen niemals an die nationalen Schlagbäume gebunden; in dem zersplitterten Italien herrschte der Duodezdespotismus nicht minder als in dem zersplitterten Deutschland. Unter feineren und gebildeteren Formen gewiß, dank der alten Kultur des Landes, wie denn der Prinz von Guastalla und sein Kammerherr Marinelli noch ungleich andere Leute sind als der durchschnittliche deutsche Landesvater und sein Hofmarschall Kalb. Aber im Wesen der Sache blieb der Duodezdespotismus überall, was er war und was er sein mußte; eine Sühne für seine grotesk-schaurigen Schandtaten gab es nicht, und so anfechtbar immer die Tragik der Emilia erscheint, sie wurzelte in der ökonomischen Struktur der Gesellschaft, worin Lessings Gestalten leben und weben. Über diese Schranke konnte der Dichter nicht hinaus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jeder Faser ist Emilia Galotti von zeitgenössischem Geiste durchtränkt. Und wenn Vischer meint, sie sei »purer Reflexion« entsprungen, so ist vielmehr Lessing dem Genie niemals so nahegekommen wie in ihr. Gestalten wie die Gräfin Orsina, der Prinz von Guastalla stehen noch heute einsam in unserer dramatischen Literatur. Und ach! mit seinem Herzblute hat Lessing ihnen unsterbliches Leben eingehaucht. Wie oft sollte er selbst noch von dem tragischen Witze der Orsina zehren! Wie treffend, Zug um Zug, hatte er vorahnend in dem Prinzen jenen fürstlichen Buben gezeichnet, der ihm selbst das letzte Jahrzehnt seines Lebens zur marternden Folter machen sollte! Die namhaften Zeitgenossen verstanden sofort den sozialen Gehalt der Tragödie. Herder nannte den Verfasser einen »ganzen Mann« und wollte der Emilia das Motto: Discite moniti! vorgesetzt wissen; Goethe sah in ihr den »entscheidenden Schritt zur sittlich erregten Opposition gegen die tyrannische Willkürherrschaft«, und noch in späten Jahren pries er sie als ein vortreffliches Werk, ein Stück voller Verstand, voll Weisheit, voll tiefer Blicke in die Welt, das überhaupt eine ungeheure Kultur ausspreche, »gegen die wir jetzt schon wieder Barbaren« sind, und das zu jeder Zeit als neu erscheinen müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Emilia Galotti war die Tat zu den Gedanken der Dramaturgie; sie gehört in die Hamburger Zeit Lessings, obschon ihr erster Entwurf bis 1757 zurückreicht und ihre Veröffentlichung erst in das Jahr 1772 fällt. Ein halbes Menschenalter hat sich Lessing mit dem Stoffe getragen und – soviel Arbeit um ein Leichentuch! Einzelne begeisterte Rufe begrüßten das Werk, aber die große Masse der deutschen Philister, der platte Unverstand der Berliner Clique voran, blieb kühl oder stumm, und Lessing erklärte bald, er gebe sich alle Mühe, das Stück zu vergessen. Sogar Herder und Goethe haben mit ihrer Anerkennung geschwankt, haben gelegentlich auch wieder sehr abfällige Urteile über die Emilia gefällt. Überaus merkwürdig ist Schillers Stellung zu dem Trauerspiele. Zur Zeit seines Verkehrs mit Goethe hegte er nach dessen Zeugnis einen ausgesprochenen Widerwillen gegen die Emilia, und doch fußen auf ihr seine revolutionären Jugenddramen, wie schon Jakob Grimm hervorgehoben hat, bis auf einzelne Charaktere und Motive, ja einzelne Redewendungen. In dieser wechselnden Stellung Schillers zur Emilia spiegelt sich ein entscheidender Rückschritt unserer klassischen Literatur, ohne daß damit ein persönlicher Vorwurf gegen Schiller verbunden werden darf. Er hat brav gehungert, so brav, daß er nur eben nicht verhungerte, und wenn wir ihm aufrichtigen Dank wissen müssen, daß er doch lieber nicht zu Ehren des deutschen Philisters verhungern, sondern ein bei alledem herrliches Bruchstück seines Genius der Nachwelt retten wollte, so müssen wir uns auch bescheiden, daß aus dem Dichter von »Kabale und Liebe« der Dichter des »Don Carlos« wurde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nicht Schiller ist deshalb anzuklagen, aber Herr Otto Brahm, Schiller, 2, 1, 79, fälscht die Geschichte, wenn er den Übergang von dem ehrlichen Proletarierzorne des Musikus Miller zu den sentimentalen Schwafeleien des Marquis Posa Schillers »bedeutsamsten Schritt« nennt, »die Vorstellungen seiner Jugend zu überwinden: Nicht mehr Kritik des Bestehenden spricht er aus, sondern er gelangt dazu, die positiven Forderungen der Zukunft zu formulieren.« Man sieht: Der arme Schiller wird von seinem Biographen mit denselben elenden Redensarten eingeseift, mit denen die »Edelsten und Besten« den Verrat des bürgerlichen Idealismus an die schnödeste Interessenpolitik zu beschönigen suchen. Natürlich weiß Herr Otto Brahm auch, von dem »Verständnis« zu berichten, das Marquis Posa gerade in der »preußischen Hauptstadt« gefunden habe; er schreibt: »Der junge König selbst, Friedrich Wilhelm II., nahm Interesse an der Aufführung, und weil in jenen ersten Zeiten seines Herrschertums Pläne zum Besten der Menschheit ihn noch erfüllten, sah er dem Auftritte zwischen Philipp und Posa voll Teilnahme zu.« I der Tausend! Don Carlos wurde im Sommer 1787 vollendet. Damals zählte der »junge König«, geboren 1744, gerade 43 Jahre. Zur Regierung gelangte er am 17. August 1786. Zwölf Tage später schreibt der Augenzeuge Mirabeau: »Der König scheint seinen Gewohnheiten entsagen zu wollen, was die Sache ohne Zweifel sehr hoch anfangen heißt. Er legt sich um 10 Uhr zu Bette und steht um 4 Uhr wieder auf. Wenn er ausdauert, so wird er das einzige Beispiel sein, fast dreißigjährige Angewohnheiten abgelegt zu haben.« Sechs Wochen später berichtigt Mirabeau seine Ansicht wie folgt: »Ich urteilte damals dem Scheine nach. Freilich verschwand der König um 10 Uhr, und jedermann glaubte, daß er zu Bett sei, während er im Innern des Palastes bis tief in die Nacht hinein sardanapalische Feste feierte.« Und am 1. Januar 1787 schreibt Mirabeau: »Von Tag zu Tag steigt die Verachtung gegen den neuen König. Man ist schon über die Bestürzung hinweg, die der Verachtung vorhergeht.« Und nun erwäge man das Epochemachende der Eroberung, die Marquis Posa, indem er die »positiven Forderungen der Zukunft formuliert.«, ein halbes Jahr später an diesem »jungen König« und dessen »Plänen für das Beste der Menschheit« macht. Aber ist denn wirklich kein akademisches Sesselchen für Herrn Otto Brahm frei?&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je einsamer es um Lessing wurde, um so stärker wucherte das Cliquenwesen in der deutschen Literatur auf. Vor allem im Preußischen. Der Literaturclique in Berlin trat eine andere in Halle gegenüber, der »Allgemeinen Bibliothek« von Nicolai die »Deutsche Bibliothek« des Geheimbderats Klotz. Anfangs waren Nicolai und Klotz gute Freunde, dann kamen sie auseinander, nicht um ernste Fragen, sondern weil der eine den andern schlecht rezensiert hatte oder der andere von dem einen sich für schlecht rezensiert hielt. In diesen Quark sich zu mischen, hat heute gar kein Interesse mehr. Lessing stand dem einen so fern wie dem anderen, aber während der kritische Diktator von Berlin die Tatze des Löwen kannte und mit sauersüßer Miene um sie scharwenzelte, war der kritische Diktator von Halle unklug genug, den Löwen erst in seinem Katzenwinkel schmeicheln zu wollen und, als er damit abblitzte, ihn dreist an der Mähne zu zupfen. Lessing war nun gerade in der Laune, sich von dem akademischen Scharlatan der ersten preußischen Universität, einem Nichtswisser und Streber, der es ebendeshalb zu der vielleicht glänzendsten Stellung gebracht hatte, die je ein Universitätslehrer unter dem König Friedrich bekleidet hat, hudeln zu lassen. Auf die hämischen und sinnlosen Glossen, mit denen Klotz den Laokoon angefallen hatte, antwortete er mit den Antiquarischen Briefen. Über die eigentlichen darin verhandelten Streitfragen brauchen wir nicht günstiger zu urteilen, als Lessing selbst urteilte, wenn er schrieb: »Es läßt sich doch bei dem Bettel zu wenig denken, als daß man nicht manchmal auf sich selbst darüber ärgerlich werden sollte.« Der größte Teil der Antiquarischen Briefe ist heute nicht mehr zu lesen. Der bleibende Gewinn des Streites sind neben der schönen Abhandlung: Wie die Alten den Tod gebildet, die ihm wenigstens mittelbar ihr Dasein verdankt, die sieben letzten Briefe des zweiten Teils. Hier zeichnet Lessing das Treiben der Klotzischen Clique mit meisterhaften Zügen, mit Zügen, die typisch geworden sind für das Treiben jeder literarischen Clique. Sein furchtbares Strafgericht vernichtete wohl den Klotz, aber – den Klotzianismus hat er nicht vernichtet, sondern nur klassisch geschildert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing selbst hatte davon schon wenigstens eine Ahnung. Er fühlte, wie allein er stand; er schrieb die berühmten Worte: »Ich bin wahrlich nur eine Mühle und kein Riese. Da stehe ich auf meinem Platze, ganz außer dem Dorfe, auf einem Sandhügel allein und komme zu niemandem und helfe niemandem und lasse mir von niemandem helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mahle ich es ab, es mag sein, mit welchem Winde es will. Alle zweiunddreißig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Fingerbreit mehr, als gerade meine Flügel zu ihrem Umlaufe brauchen. Nur diesen Umlauf lasse man ihnen frei. Mücken können dazwischen hinschwärmen, aber mutwillige Buben müssen nicht alle Augenblicke sich darunter durchjagen wollen; noch weniger muß sie eine Hand hemmen wollen, die nicht stärker ist als der Wind, der mich umtreibt. Wen meine Flügel mit in die Luft schleudern, der hat es sich selbst zuzuschreiben. Auch kann ich ihn nicht sanfter niedersetzen, als er fällt.« So war es. Klotz fiel und brach alle Rippen, aber der Klotzianismus ließ die Mühle auf ihrem einsamen Sandhügel stehen und rottete sich um so fester zusammen. Die schönen Geister in Deutschland stöhnten über Lessings Grobheit, wovon sich noch in Goethes »Dichtung und Wahrheit« ein häßlicher Nachklang findet; die Clique von Berlin seufzte in stillem Mitleid mit der Clique von Halle; der berühmte Philolog Reiske beglückwünschte zwar brieflich den »großen Lessing«, aber mit dem naiven Zusätze, er dünke sich zu gut, seine Hände mit so unedlem Blute zu besudeln, und wenn Herder auch gegen Klotz vorging, so geschah es anonym und in so kläglicher Weise, daß diese Bundesgenossenschaft eher den Angreifer bloßstellte als den Angegriffenen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Lessing ahnte, erkennen wir heute klar. Solange die bürgerlichen Klassen kein politisches Selbstbewußtsein haben, muß ihre Literatur immer in Cliquenwesen ausarten; sie muß es um so mehr, je stärker die bürgerliche Politik in kapitalistischer Interessenwirtschaft verseucht. Lessing gegen Klotz, Goethe und Schiller in den »Xenien«, Platens und Heines literarische Kämpfe bis herab auf Lassalles Pamphlet gegen Julian Schmidt – luftreinigende Gewitter in der Tat, aber was hilft die augenblickliche Reinigung der Luft, wenn der stagnierende Sumpf bleibt, der die Luft sofort mit neuen Miasmen schwängert? Der Klotzianismus ist niemals ausgestorben und wuchert heute ärger als je in den bürgerlichen Klassen dank der bürgerlichen Dummheit und Feigheit, die Lessing schon im Kampfe gegen Klotz verließ und verriet, wie sie alle, die nach ihm kamen, verlassen und verraten hat, einfach weil sie sich selbst umbringen müßte, wenn sie den Klotzianismus töten wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So war in Hamburg der Boden unter Lessings Füßen verschwunden. Das Nationaltheater war aufgeflogen; eine Buchhandlung, die er mit seinem Freunde Bode gegründet hatte, war am Nachdrucke, dieser herrlichen Blüte der deutschen Fürstenherrlichkeit, untergegangen und eben hieran auch die Dramaturgie. Nunmehr gedachte Lessing dies angenehme und dankbare Vaterland zu verlassen. Seit dem Herbste des Jahres 1768 betrieb er den Plan seiner Übersiedlung nach Italien, und niemand machte Miene, ihn zu halten. Nicolai sah die »Gründe vollkommen« ein und kicherte zwischen den Zeilen ein vergnügtes: Glück auf die Reise! Der großen Masse der bürgerlichen Klassen gab der drohende Verlust ihres ersten Mannes nur willkommenen Stoff zu eifrigem Klatschen darüber, daß Lessing der Nachfolger des ein paar Monate früher in Triest ermordeten Winckelmann werden wolle. Über dieses elende Geschwätz scheint sich Lessing mehr geärgert zu haben, als sich lohnte. Er hatte Winckelmanns Tod mit dem schönen Worte betrauert, daß er ihm gern ein paar Jahre von seinem Leben geschenkt haben würde, freilich auch hinzugesetzt: »Das kommt aber daraus, wenn man Kaiser besucht und Schätze sammeln will.« Noch bitterer läßt er sich unter dem Eindruck jenes Klatsches über Winckelmanns Klientelschaft bei dem Kardinal Albani aus, als Slosch ihm durch Nicolai Empfehlungsschreiben nach Rom anbieten ließ. Er denkt keinen Gebrauch davon zu machen; »was ich zu sehen und wie ich zu leben gedenke, das kann ich ohne Kardinäle«. Aber der italienische Reiseplan zerschlug sich, und Lessing ging als Bibliothekar nach Wolfenbüttel. Einige Freunde in Braunschweig hatten sich endlich doch aufgerafft und ihm dies Angebot vermittelt. Was ihn bewog, es anzunehmen, läßt sich nicht mehr mit völliger Sicherheit feststellen. Doch ist die Annahme gestattet, daß die Liebe zu Frau Eva König, seiner späteren Gattin, das entscheidende Gewicht in die Waagschale geworfen hat. Zwar lebte ihr Gatte noch, als Lessing schon mit Braunschweig abgeschlossen hatte, aber er zögerte und zögerte mit der Übersiedlung, und erst als Eva Königs Hand durch den Tod ihres Gatten frei geworden war, tat er den verhängnisvollen Schritt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IX. Die Leidensjahre in Wolfenbüttel ==&lt;br /&gt;
Lessing zählte bereits über vierzig Jahre, als er in die Dienste des Herzogs von Braunschweig trat. Über zwanzig Jahre hatte er dem deutschen Jammer eine unabhängige Stellung abzuringen gesucht, ehe er den stolzen Nacken unter ein fürstliches Joch beugte. Aber obgleich es mehr geschah, um einer geliebten und unglücklichen, an Charakter und Geist ihm ebenbürtigen Frau als um sich selbst ein Stückchen häuslichen Glücks zu retten, so lag doch darin, daß dieser geborene Kämpfer sich einmal nach der beschaulichen Ruhe des deutschen Philisters sehnte, die tragische Verkettung seines Lebens. Der »alte Sperling auf dem Dache« wurde ein Vogel im Käfige; zuckend in wilder Qual mußte er fürstlicher Tücke stillehalten, und das ersehnte Glück streifte ihn in grausamer Ironie nur »wie ein Sonnenstrahl, der den Fittich eines vorüberfliegenden Vogels vergoldet«. Lessing litt für seine Größe, wie Heine sagt, und Lessing selbst hat in der düstersten Stunde seines Lebens seine Schuld wie sein Schicksal in die bitteren Worte gekleidet: »Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen.« Sein Leben in Wolfenbüttel war ein langsames Sterben, ein Todeskampf von elf Jahren; es ist jammervoll zu sehen, wie diese unverwüstliche Kraft von dem Elend der deutschen Zustände allmählich zerrieben wird, und es ist auch wieder erhebend zu sehen, wie glorreich sie den hoffnungslosen Kampf bis zum letzten Ende kämpft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wolfenbüttel war eine Kleinstadt von ein paar Tausend Einwohnern, mit einigen melancholischen Überresten ehemaliger Hofherrlichkeit, ungesund gelegen, ohne alle geistigen Anregungen bis auf die altberühmte Bibliothek selbst. Die paar Bürokraten und Geistlichen, die sich in die Bevölkerung von kleinen Ackerhauern und Handwerkern mischten, waren kaum zu rechnen. Zum mindesten nicht für Lessing, dessen Ansprüche an Menschen- und Weltverkehr selbst in Städten wie Breslau, Berlin, Hamburg nicht befriedigt worden waren und nun in Wolfenbüttel die grausamste Enttäuschung erfuhren. Im Laokoon hatte er es einen »großen, vortrefflichen Sinn« genannt, wenn dem Philoktet des Sophokles die Gesellschaft von Bösewichtern lieber gewesen wäre als gar keine; nun schreibt er an Gleim: »Besser ist, unter noch so bösen Menschen leben als fern von allen Menschen. Besser ist, sich vom Sturm in den ersten besten Hafen werfen lassen, als in einer Meerstille mitten auf der See verschmachten.« Seine Briefe an Eva König und seinen Bruder Karl quellen über von ähnlichen wilden Ausbrüchen einer Verzweiflung, deren schärfster Stachel dann freilich von der Hand eines bösen Menschen gespitzt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn das war der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Er vornehmlich hatte Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel betriebenem das braunschweigische Ländchen mit dem Namen des ersten deutschen Schriftstellers zu schmücken. Gerade gebildet genug, um zu verstehen, wer Lessing war, empfand er um so stärker den despotischen Kitzel, den freiesten Geist von Deutschland zu martern. Er war ein Neffe Friedrichs II. und wollte gar gerne nach dessen Muster den aufgeklärten Despoten spielen. Aber Neffe und Oheim glichen sich doch nur wie Jena und Roßbach. So in der jämmerlichsten Französelei ertrunken war Friedrich lange nicht, um sich wie der Erbprinz an seiner eigenen Tafel sagen zu lassen: »Seltsam, gnädiger Herr, Sie sind der einzige Fremde unter uns.« Und vor allem einer Infamie wie des massenhaften Verkaufs von Landeskindern war Friedrich völlig unfähig; gegenüber solchen Schurkereien des deutschen Duodezdespotismus stand der preußische König allerdings in einer Reihe mit den Großen unserer klassischen Literatur. Und kein ärgerer Fleck haftet auf der höfischen Geschichtsschreibung, wie sie heute an den deutschen Bibliotheken und Universitäten ihr unholdes Wesen treibt, als daß sie selbst diesen niederträchtigsten Fürstenfrevel, von dem die Weltgeschichte zu erzählen weiß, zu beschönigen sucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dreimal hat der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand seinen Menschenschacher getrieben. Im Jahre 1776 verkaufte er 4300 Mann an England für den Krieg mit den amerikanischen Kolonien, im Jahre 1788 3000 Mann an die niederländischen Generalstaaten, im Jahre 1795 wieder an England 1900 Mann. Verweilen wir ein wenig ausführlicher nur bei den ersten und berüchtigtsten dieser, wie Herr Erich Schmidt sagt, »Finanzreformen«! Am 9. Januar 1776 schloß der englische Oberst William Faucit mit dem braunschweigischen Minister Feronce den Vertrag ab, wonach der Herzog von Braunschweig sich verbindlich machte, ein Korps von insgesamt 4300 Mann Infanterie und leichter Kavallerie zur Verfügung der englischen Regierung zu stellen, wogegen sich diese zu einer Subsidie verpflichtete, die vom Tage der Unterzeichnung des Vertrages beginnen und einfach sein, das heißt auf 64 500 deutsche Taler jährlich steigen sollte, solange die Truppen den englischen Sold genossen. Von der Zeit an, wo die Truppen aufhörten, den Sold zu beziehen, sollte die Subsidie verdoppelt werden und also auf 129 000 Taler steigen, und diese doppelte Subsidie sollte zwei Jahre nach der Rückkehr der Truppen nach Deutschland fortdauern. Ferner erhielt der Herzog für jeden Mann ein jährliches Werbegeld von 30 Talern und als Entschädigung, für jeden Getöteten 40 Taler, endlich ebensoviel für je drei Verwundete.&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe den Artikel: Feronce v. Rothenkreuz in der Allgemeinen deutschen Biographie, 6, 767 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die verkauften Truppen kämpften über sieben Jahre in Amerika. Sie erhielten aus Braunschweig jährlich Nachschub an Ersatzmannschaften, und zwar stellt sich die Rechnung so:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Braunschweig verkaufte im Jahre 1776&lt;br /&gt;
|4300&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Ersatzmannschaften&lt;br /&gt;
|im&lt;br /&gt;
|März 1777&lt;br /&gt;
|224&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1778&lt;br /&gt;
|475&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1779&lt;br /&gt;
|286&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Mai 1780&lt;br /&gt;
|266&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|&amp;quot;&lt;br /&gt;
|April 1782&lt;br /&gt;
|172&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|_________&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|5723&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Davon kehrten im Herbste 1783 zurück&lt;br /&gt;
|2708&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;3&amp;quot; |Also Verlust&lt;br /&gt;
|3015&lt;br /&gt;
|Mann&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Indessen würde man Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig allzu hoch taxieren, wenn man annehmen wollte, daß diese 3015 von ihm gemordeten Landeskinder alle auf dem Schlachtfelde geblieben seien. Der elende Bube befahl vielmehr, die Krüppel und Verwundeten hilflos in Amerika zurückzulassen. Er schlug also für seine Wollüste einen dreifachen Profit aus diesen unglücklichen Menschen: Erst verkaufte er ihren gesunden Leib, dann ließ er sich für ihren verletzten Leib entschädigen, und endlich sparte er Invalidensold, indem er die Erwerbsunfähigen in der Fremde verkommen ließ. Was Wunder, daß er bei dieser glorreichen »Finanzreform« über fünf Millionen Taler Bargewinn einstrich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schlözer, Staatsanzeigen, 6, 421. Vergleiche ferner den Artikel: Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig in der Allgemeinen deutschen Biographie, 15, 272 ff. Schlözer gibt nach urkundlichen Quellen den Gesamtprofit des Herzogs auf 780 000 Pfund Sterling an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und alle diese Scheußlichkeiten, zu deren gebührender Kennzeichnung nicht einmal der unparlamentarische Sprachschatz ausreicht, werden heutzutage von willigen Federn einer sogenannten »Wissenschaft« beschönigt! Fast noch eifriger als von dem Lessing-Biographen Erich Schmidt beschönigt von Lessings Nachfolger an der Bibliothek von Wolfenbüttel, von Herrn O. v. Heinemann. »Solche Subsidienverträge«, schreibt dieser kundige Thebaner, »waren damals nichts Ungewöhnliches und erregten keineswegs den Abscheu, den man ihnen später hat zuschreiben wollen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Heinemann, Geschichte von Braunschweig und Hannover, 3, 296.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts Ungewöhnliches, freilich nicht, denn der Menschenschacher war ja die ökonomische Grundlage des deutschen Duodezdespotismus, aber was den Abscheu anbetrifft? Kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel denn wirklich nicht König Friedrichs Schriften? Oder kennt er nicht Schillers »Kabale und Liebe«? Oder kennt er nicht Schubarts herrliches Lied: Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark? Oder kennt er nicht Herders wuchtige Verse:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sie sind in ihrer Herren Dienst&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hündisch treu, sie lassen willig sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Mississippi und Ohiostrom,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Kanada und nach dem Mohrenfel&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verkaufen. Stirbt der Sklave, streicht der Herr&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Sold ein, doch die Witwe darbt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Waisen ziehn den Pflug und hungern. Nun,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das schadet nicht, der Fürst braucht einen Schatz.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder kennt der Bibliothekar von Wolfenbüttel nicht die Verhandlungen des englischen Parlaments über den von ihm beschönigten Menschenschacher? Führen wir nur zwei Stimmen daraus an! Der Herzog von Richmond erklärte 1776 im Oberhause, daß, wenn der Vertrag mit den deutschen Fürsten von gegenseitiger Hilfeleistung und Bundesgenossenschaft spreche, dies lediglich Redensarten seien. Seinem Wesen nach sei der Vertrag nichts anderes als ein schändlicher Handel um Mietsknechte, die gleich soundso viel Stück Vieh auf die Schlachtbank geführt werden sollten. Kein anderes Interesse verbinde die beiden abschließenden Teile als die bare Zahlung von Geld. Und im Unterhause setzte Lord Irnham auseinander, die deutschen Fürsten seien nicht befugt, solche Verträge abzuschließen. Sie seien dem Kaiser Gehorsam schuldig und hätten keineswegs das Recht, ihr Land einer Sache zuliebe zu entvölkern, die mit dem Reiche nicht das geringste zu tun habe, dagegen das Reich in den Augen der Menschen verächtlich machen müsse als eine Pflanzschule von Menschen, die zur Aufrechterhaltung der Willkür vermietet würden. Weiß der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel wirklich gar nichts von allen diesen Kundgebungen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder kennt er nur allein aus der ganzen zeitgenössischen Literatur die einsame Stimme des charakterlosen Speichelleckers Johannes v. Müller, der, als er 1781 Professor in Kassel geworden war, in seiner Antrittsrede den Menschenhandel seines nunmehrigen Landesvaters zu verteidigen die dreiste Stirne besaß? Aber dann sollte der Bibliothekar von Wolfenbüttel doch auch wissen, daß Müller schon in den »Dornenstücken«, einer der Entgegnungen auf Goethes und Schillers »Xenien«, also keineswegs aus den höchsten Schichten der damaligen Literatur, die grobe und treffende Abfertigung erhielt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer kann es sehn und hören, wie noch stets&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Dienst- und Menschenhandel bei uns gilt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und selbst ein Schweizer diese Schandtat frech&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Redefloskeln zu bedecken sucht!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nein, wie tief gesunken das deutsche Bürgertum in seiner Masse vor hundert Jahren auch noch immer war: In den bodenlosen Abgrund der Speichelleckerei, worin seine heutige »Wissenschaft« sich wälzt, war es noch lange, lange nicht gefallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel sagt nun aber weiter, die verkauften Truppen hätten nicht aus Landeskindern bestanden, sondern aus allerlei fremdem Gesindel, denen die Gefühle und Gesinnungen, die man ihnen heute zuschreibe, ganz fremd gewesen seien. Natürlich! Als die von dem hohenzollernschen Markgrafen von Ansbach verkauften Truppen bei ihrer Verschleppung in Ochsenfurt meuterten und ihr Kriegsherr höchst eigenhändig die Büchse auf sie anlegte, da waren Vater und Kinder gegenseitig von den zärtlichsten »Gefühlen und Gesinnungen« gegeneinander beseelt. Und nun gar der Herzog von Braunschweig ließ die Truppen, die er an England vermietete, erst in den entlegensten Ecken und Enden der Welt anwerben; lieber ließ er seinen Blutprofit in den Rauchfang gehen, ehe er einem braunschweigischen Landeskinde ein Haar krümmte; nächstens wird der Bibliothekar von Wolfenbüttel wohl auch noch das prächtige Invalidenhotel entdecken, das der Herzog den auf seinen Befehl in Amerika zurückgelassenen Krüppeln und Lahmen in New York erbauen ließ. Stellen wir einem solchen Gesalbader der bürgerlichen »Wissenschaft« einfach die klare Schilderung eines ehrlichen Soldaten gegenüber! Jahns schreibt über diesen Menschenschacher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Haustruppen stellten die eigentliche Waffenmacht der deutschen Stände dar; ihr Reichskontingent aber setzten diese seltener aus jenen regulären Abteilungen zusammen als vielmehr aus der ›Miliz‹, dem ungeübten, bürgerwehrartigen Aufgebote. Was aber noch schlimmer und schändlicher erscheint, das ist der Umstand, daß die stehenden Truppenkörper, anstatt vaterländischen Interessen dienstbar zu werden, nur allzubald von Fürsten und Landständen als Gegenstand der Geldspekulation betrachtet wurden. Während das Reich sich mit den jämmerlichen Kontingenten behelfen mußte, seine Armee zum Spott Europas ward, wurden die guten stehenden Truppen fremden Interessen dienstbar gemacht: Der Soldatenhandel nahm gerade in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts seinen höchsten Aufschwung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die teils freiwillig geworbenen, teils in empörender Weise gepreßten, teils aus ›kantonpflichtigen‹ Landeskindern zusammengesetzten Regimenter wurden von Sachsen, von Hessen-Kassel, von Braunschweig, von Ansbach und Bayreuth, von Anhalt, von Hanau, von Waldeck, von Württemberg für sogenannte ›Subsidien‹ an Venedig, Dänemark, England oder Holland vermietet, um in Morea oder Schottland, in Kanada, am Kap der Guten Hoffnung oder in Indien zu fechten und zu sterben. Es ist Spiegelfechterei, wenn man zugunsten dieses Verhallens vorgibt: Hessen-Kassel habe in Amerika für die Ruhe des protestantischen Europa gekämpft, die durch den Abfall der Neu-Engländer bedroht gewesen sei. Für welches Ideal fochten dann die von Venedig geworbenen Sachsen im Peloponnes oder die den Holländern vermieteten Schwaben ›im heißen Afrika‹? Man überlasse doch solche Beschönigungen den Franzosen, die ja bekanntlich stets combattent pour une idée.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist ganz wacker gesprochen, und nur den Hieb gegen die Franzosen hätte sich Jahns sparen können; die Zeiten, da wir Deutsche hochmütig auf französische Geschichtsklitterungen herabsehen durften, sind längst vorbei, wenn sie überhaupt jemals waren.&amp;lt;ref&amp;gt;Jähns, 3, 2208.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich hat der heutige Bibliothekar von Wolfenbüttel noch einen Trost. Er behauptet, die englischen Subsidien seien in Braunschweig »einzig und allein« zur Abzahlung der »erdrückenden Landesschuld« von fast zwölf Millionen Taler verwandt worden; nichts davon sei, »soviel man wisse«, in die herzoglichen Kassen geflossen. Nun war die »erdrückende Landesschuld« durch die wahnsinnige Wirtschaft des Hofes entstanden, und es wäre an sich schon ein mäßiges Verdienst, sie durch die Verschacherung der Bevölkerung wieder zu tilgen. Aber davon abgesehen – es ist doch merkwürdig, daß ein Geschichtsschreiber, dem die braunschweigischen Archive offenstanden, in demselben Atemzuge erst mit »einzig und allein« bekräftigt und dann vorsichtigerweise mit »soviel man wisse« abschwächt. Die Lösung dieses Rätsels findet man in einem andern bürgerlichen Schriftsteller, in Sybels »Geschichte der Revolutionszeit«. Sybel hat gleichfalls Zutritt zu den braunschweigischen Archiven gehabt und stellt aus den Akten namentlich der Kammerkasse fest, daß die knauserige Finanzkunst des Herzogs durch Unterlassung auch der nötigen Ausgaben der Zukunft des Landes geschadet habe; er fügt hinzu: »Sparsamkeit war sein einziges Mittel; die amerikanischen Subsidien spielten eine geringe Rolle bei der Schuldentilgung.«&amp;lt;ref&amp;gt;Sybel, 1, 469.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und doch wäre mit den mehr als fünf Millionen Talern Subsidien etwa die Hälfte der »erdrückenden Landesschuld« zu tilgen gewesen. Man kann übrigens an diesem Beispiele sehen, was es mit der Zuverlässigkeit der vielgefeierten »archivalischen« Geschichtsschreibung auf sich hat. Heinemann erwähnt den Subsidienvertrag, aber dafür geht er über die Akten der Kammerkasse mit einer »Spiegelfechterei« hinweg; Sybel erwähnt die Akten der Kammerkasse, aber dafür geht er über den Subsidienvertrag mit einer »Spiegelfechterei« hinweg. Denn wie soll man es anders nennen, wenn er preisend hervorhebt, daß der Herzog von Braunschweig »trotz allen Feldherrnruhms fast keinen Soldaten« gehalten habe? Das war doch abermals ein recht mäßiges Verdienst, denn abgesehen davon, daß ein braunschweigisches Regiment in preußischen Diensten stand, woher sollte der Herzog noch Soldaten für den eigenen Hausbedarf nehmen, wenn er die braunschweigischen Kantonisten bis zu dem ungeheuerlichen Satze von drei bis vier Prozent der Bevölkerung an England und Holland verkaufte? Oder gehört es auch schon zu den unsterblichen Verdiensten dieses Fürsten, daß er Lessing nicht zum Grenadier preßte und vor den Türen seiner Mätressen schildern ließ?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die eine Seite in der glorreichen Tätigkeit dieses deutschen Fürsten etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie im Grunde schon den ganzen Menschen erschöpfend kennzeichnet als auch weil sie symptomatisch für die damaligen Zustände der fürstlichen Klasse ist und von der heutigen Geschichtsschreibung möglichst aus der Welt zu fälschen gesucht wird. Begreiflich genug, daß ein Winkeldespot dieses Schlages sich ohne wirkliches Interesse und Verständnis auf den Beschützer von Kunst und Wissenschaft hinausspielte. In dieser Mäzenatenschaft, in seiner geschlechtlichen Genußsucht, in der sentimentalen Klage, daß Fürsten keine Freunde haben könnten, in der unter gleisnerischen Formen verborgenen Bosheit und Tücke des Charakters war der Erbprinz das freilich sehr vergröberte Ebenbild von Hettore Gonzaga. Und wahrhaftig! man muß es ihm noch als einzige Entschuldigung für seine an Lessing verübten Bubenstreiche anrechnen, daß er sich durch das in Emilia Galotti gezeichnete Despotenbild getroffen fühlte. In Lessings Briefwechsel mit Eva König sind alle seine Nücken und Tücken verzeichnet, und wer angesichts dieser erschütternden Klagen von einer unzeitigen Empfindlichkeit Lessings sprechen kann, der muß allerdings felsenfest von der Überzeugung durchdrungen sein, daß Fußtritte von Despoten immer noch eine Ehre für die Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen sind. So schreibt Lessing am 8. April 1774 an seine Braut: »Bei allem, was heilig ist! wenn ich die ganzen langen vier Monate, in denen ich nicht an Sie geschrieben, einen einzigen vergnügten oder nur ruhigen Tag gehabt hätte, so könnte mir selbst mein Stillschweigen nicht anders als sehr schurkisch vorkommen.« Und dann schreibt er erst wieder am 10. Januar 1775 an sie: »Jawohl, meine Liebe, würde ich selbst nicht begreifen, wie es möglich gewesen, daß ich in so langer Zeit nicht an Sie schreiben können, wenn ich nicht von einem Tage zum andern mich gar wohl zurückerinnern könnte, wie es unterblieben. Vorigen ganzen Sommer habe ich mich mit dem Fieber geschleppt, aber doch hatte das Fieber nur wenig Schuld. Hätte ich Ihnen eine einzige kleine, eben nicht angenehme, nur nicht eben sehr unangenehme Nachricht von mir geben können, so würde ich gerade während dem Fieber die beste Zeit gehabt haben, es zu tun.« Diese und wie viele ähnliche Äußerungen Lessings sollen nun eine Komödie sein, mit der er sich und seine Braut genarrt hat, einzig um den wohlwollenden Absichten des Erbprinzen eins auszuwischen. So hat es Erich Schmidt befohlen, und soweit die Grenzen des deutschen Byzantinismus reichen, wird ihm geglaubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nahe an fünf Jahre hatte Lessing sein Höllendasein in Wolfenbüttel ertragen, er hatte eben seinem Bruder Karl geschrieben, daß er seinen Untergang vor Augen sehe und sich endlich darein ergebe, als er sich im Anfange des Jahres 1775, im Begriff, »im Schlamm zu ersticken«, mit einer letzten Kraftanstrengung losriß. Er ließ sich einige Quartale seines kärglichen Gehalts als Vorschuß zahlen und begab sich auf die Reise namentlich nach Wien, wo seine Braut nach dreijährigem Aufenthalte die verwickelten, ihr aus erster Ehe überkommenen Geschäfte so weit geordnet hatte, daß einer Verbindung der Liebenden wenigstens von ihrer Seite kein wesentliches Hindernis mehr entgegenstand. Eben wollten beide gemeinsam die Rückreise antreten, als sich irgendein braunschweigischer Prinz nach Wien verirrte, den armen Lessing sofort für gute Beute erklärte und als Cicerone mit nach Italien schleppte. Lessing fügte sich darein, da es sich anfangs nur um einen Ausflug nach Oberitalien handeln sollte, aber aus den geplanten acht Wochen wurden es ebenso viele Monate, noch dazu Monate eines plan- und ziellosen Hin- und Herwanderns, und Lessing hat von dieser Erfüllung eines lang ersehnten Wunsches wenig gehabt. Aber wenigstens die Aufnahme, die er in Wien gefunden hatte, konnte ihn einigermaßen für die Leidensjahre in Wolfenbüttel entschädigen; »nie noch ist ein deutscher Gelehrter hier mit solcher Distinktion aufgenommen worden«, schrieb der Staatsrat Gebler. Dem Dichter zu Ehren wurde im kaiserlichen Theater Emilia Galotti aufgeführt, und Lessing, der, nicht ohne eine gewisse Gehässigkeit gegen Voltaire, in der Dramaturgie den Hervorruf der Dichter verspottet hatte, mußte es sich nun gefallen lassen, bei seinem Erscheinen im Theater mit einem brausenden Hoch empfangen zu werden. Maria Theresia und Josef II. wußten besser als Friedrich II., was sich einem Lessing gegenüber schickte; sie empfingen ihn sofort, und ebenso Fürst Kaunitz, der sich lebhaft für Lessing interessierte und ihn noch auf der Rückreise aus Italien zu gewinnen suchte; Lessing selbst schnitt diesen Versuch in etwas brüsker Weise ab. Maria Theresia sprach mit ihm über den Stand von Bildung und Geschmack in den österreichischen Landen; Lessing, der gegenüber liebenswürdigen Damen immer ein galanter Mann war, entschuldigte sich mit seiner Unkenntnis der Zustände, aber die Kaiserin verstand ihn und sagte bekümmert: »Ich weiß wohl, daß es mit dem guten Geschmacke bei uns nicht recht fort will. Ich habe alles getan, was meine Einsichten und Kräfte erlauben, aber oft denke ich, ich sei nur ein Frauenzimmer, und eine Frau kann in solchen Dingen nicht viel ausrichten.« Eine Probe dieses Geschmackes hatte Josef II. bei der ersten Aufführung der Emilia gegeben; er lobte sie sehr mit der Begründung, daß er noch in keinem Trauerspiel so gelacht habe; freilich fehlte dem guten Kaiser jener Schlüssel des Verständnisses für Lessings Trauerspiel, den der Erbprinz von Braunschweig und ähnliche Gesellen in ihrer eigenen Nichtsnutzigkeit besaßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man verzeihe, daß wir uns bei diesen Dingen etwas länger aufgehalten haben. Wir legen ihnen deshalb keinen höheren Wert bei, als sie verdienen und als Lessing selbst ihnen beigelegt hat. Allen Versuchen, ihn nach Wien zu ziehen, hat er widerstanden, nicht zum wenigsten auf Wunsch von Frau Eva, die ihren Lessing und ihr Wien kannte und aus guten Gründen eine dauernde Verbindung zwischen beiden für unmöglich hielt, wenigstens so lange, als »zwei große Augen offenstanden«, so lange, als Maria Theresia lebte, die bei alledem eine bigotte Katholikin war. Aber gegenüber den Bemühungen der preußischen Mythologen von Nicolai bis auf Erich Schmidt, das Kapitel Lessing und Wien ebenso in höhnischer Entstellung zu schreiben wie das Kapitel Lessing und Berlin in schimpflichem Byzantinismus, müssen die Dinge vom Kopfe, auf dem sie stehen, einmal wieder auf die Füße gestellt werden. Demgemäß ist einfach zu sagen, daß Wien sich ebensooft um Lessing bemüht hat, als ihn Berlin von sich zu stoßen für gut befand, daß die Habsburger gegen Lessing mindestens die äußeren Formen der Schicklichkeit ebensogut zu beobachten verstanden, wie die Hohenzollern sie zu vernachlässigen wußten. Auch in Dresden wurde Lessing auf der Rückreise nach Wolfenbüttel vom Hofe und Ministerium mit gebührender Achtung begrüßt. Indessen war dafür gesorgt, daß er deshalb nicht günstiger als bisher von den »Großen« zu denken brauchte. In Wolfenbüttel empfingen ihn neue Schikanen des Erbprinzen, und von Mannheim aus, dem Hofe des Kurfürsten von der Pfalz, wurde mit ihm ein unwürdiges Spiel angezettelt, das, mit lockenden Aussichten auf eine glänzende Berufung anhebend, seinen Namen für den pfälzischen Lokalpatriotismus zu mißbrauchen gedachte, bis Lessing dem Minister Hompesch in einem schneidend groben Briefe den verdienten Fußtritt versetzte. Lessings Erfahrungen mit den deutschen Fürstengeschlechtern stellen sich darnach so: Die Habsburger und daneben auch die Wettiner haben seine Bedeutung so oder so verstanden und geehrt. Die Welfen und die Wittelsbacher haben sie auch verstanden, aber trotzdem oder auch ebendeshalb ist Lessing von ihnen mißhandelt worden. Die Hohenzollern aber haben sie überhaupt nicht verstanden, und es ist ein ganz ausgesuchtes Pech der preußischen Mythologen, daß sie, um Friedrichs »durchdringenden Adlerblick« wenigstens scheinbar auf Lessing lenken zu können, dem Könige eine Mißhandlung andichten müssen, woran er vermutlich sehr unschuldig gewesen ist.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wenigstens im Vorbeigehen mag noch erwähnt werden, daß die Lobsprüche, welche die preußischen Mythologen auf den Hohenzollern Friedrich häufen, tatsächlich dem Habsburger Josef gebühren. Josef II. wollte nicht nur »erster Verwalter« des Staats sein, sondern war auch daneben »Verehrer der Menschheit«, er versuchte nach seinen freigeistigen, persönlichen Ansichten zu regieren. Friedrich nannte das den zweiten Schritt tun, ehe der erste getan war, was politisch den Nagel auf den Kopf traf und ebenso die Erfolge Friedrichs wie die Mißerfolge Josefs erklärt. Aber vom Standpunkte des persönlichen Fürstenkultus verdient nur Josef die auf Friedrich gehäuften Lorbeeren, namentlich auch was die geistige Entwicklung in Deutschland anbetrifft; sogar der nationalliberale Historiker Biedermann muß anerkennen, daß Josef während seiner kaum zehnjährigen Regierung mehr für die Preßfreiheit getan hat als Friedrich während einer fünfmal so langen Zeit.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfange des Jahres 1776 war Lessing nach Wolfenbüttel zurückgekehrt. Durch ein energisches, an den Erbprinzen gerichtetes Ultimatum schlug er endlich die kümmerliche Gehaltsaufbesserung (von 600 auf 800 Taler) heraus, die ihm die Begründung eines eigenen Hausstandes ermöglichte. Am 8. Oktober desselben Jahres führte er endlich seine Eva heim. Aber schon nach fünfviertel Jahren häuslichen Glücks entriß sie ihm der Tod. Diesen Schlag hat Lessing nicht mehr verwunden; nach drei Jahren des Siechtums, in denen er »das eine Jahr, das er mit einer vernünftigen Frau gelebt hatte, teuer bezahlen« mußte, folgte er der Unvergessenen ins Grab. Aber gerade in den Tagen des höchsten Leids flammte sein Genius noch einmal hell auf. Das Trauerjahr um seine Frau war das klassische Jahr seiner theologischen Kämpfe, das einzige Jahr des Wolfenbütteler Jahrzehnts, in dem Lessing noch einmal er selbst war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Aufenthalt in Hamburg hatte ihm die entscheidenden Proben von der Selbstentmannung der bürgerlichen Klassen gegeben. Trug die niederschlagende Erkenntnis dazu bei, ihn nach Wolfenbüttel zu treiben, so machte ihn das Leben in Wolfenbüttel vollends unfähig zu allen Arbeiten, die »eine besondere Heiterkeit des Geistes, eine besondere Anstrengung erforderten«, selbst wenn er zu solchen Arbeiten geneigt gewesen wäre. Aber er war nicht einmal dazu geneigt; das Theater war ihm völlig verleidet, und er dachte nur gelegentlich an seine »antityrannische Tragödie« Spartakus. Seine Abkehr von der schönen Literatur ist vielfach mißverstanden worden. Schien diese Literatur doch gerade in diesem Jahrzehnt einen neuen Aufschwung zu nehmen! Herder und der junge Goethe; die Stürmer und Dränger Klinger, Lenz, Wagner; Bürger und der Hainbund; die unzähligen Fausttragödien, die Shakespearomanie und was sonst in diesen literarhistorischen Zusammenhang gehört. Man ist sogar so weit gegangen, Lessings Stellung zu dem »jungen Deutschland« auf die grämliche Verstimmung des Alters, ja unglaublicherweise auf persönlichen Neid gegen Goethe zurückzuführen. Nun können in der Tat Lessings gelegentliche Urteile über Goethes Erstlinge auf den ersten Blick befremden; es kann auffallen, daß er einen Dichter wie Bürger weder in seinen Briefen noch in seinen Schriften erwähnt, daß er von den jungen Dichtern eigentlich nur für den ihm persönlich nahestehenden und augenscheinlich seinem Vorbilde nacheifernden Leisewitz warme Worte hat. Allein der Schlüssel dieser anscheinenden Rätsel ist einfach wieder in der nun schon so oft hervorgehobenen Tatsache zu suchen, daß Lessing in seinem Tun und Lassen, bewußt oder unbewußt, immer von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein bestimmt wurde, und von diesem Standpunkte aus mußte er den Sturm und Drang der siebziger Jahre als eine bedenkliche Abirrung von dem Wege betrachten, auf dem die bürgerlichen Klassen allein vorwärtskommen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß Lessing in der Dramaturgie die Shakespearomanie so wenig begünstigte, daß er vielmehr vor ihr warnte. Was sollte ihm nun Goethes Götz? Er verkannte das Genie des Dichters durchaus nicht und schrieb seinem Bruder, wenn Ramler das Drama mit französischem Maßstabe messe, so geschehe ihm schon recht, wenn der König Ramlers Oden mit französischen Augen anschaue. Aber Goethe verherrlichte im Götz einen gemeinen Strauchdieb, dessen Name zumeist durch einen bübischen, an den Bauern im Bauernkriege begangenen Verrat in die Jahrbücher der Geschichte gelangt ist, als »einen der edelsten Deutschen«; er wollte das »Andenken eines braven Mannes retten« und verhöhnte um dieses spitzbübischen Ritters willen die Städte und die Bauern; sollte Lessing, der mit gutem Fug verlangt hatte, daß dem Dramatiker die historischen Charaktere heilig sein sollten, und der selbst stets für die Interessen der bürgerlichen Klassen eingetreten war, darüber etwa jubeln? Und ganz ähnlich lag die Sache bei Werthers Leiden. Lessing erkannte den dichterischen Wert des Romans vollkommen an, aber solche »klein-großen, verächtlich-schätzbaren Originale« wie Werther, in dem die bürgerlichen Klassen unter unendlichem Tränengewinsel das Ideal eines Mannes beweinten, konnten ihm ganz und gar nicht imponieren, und er beeilte sich, seinen jungen Freund Jerusalem, den die Mitwelt als das Urbild des Werther betrachtete, durch ein schönes Ehrendenkmal von dem Verdachte einer Wesenseinheit mit dem Geschöpfe des Dichters zu befreien. Nicht mit Neid, aber mit sympathischem Bedauern sah Lessing den begabten Nachwuchs der bürgerlichen Klassen sich von dem richtigen Wege verirren, den er selbst eingeschlagen hatte. Er unterschied sehr wohl zwischen den bürgerlichen Dramen von Lenz und Wagner und den romantischen Ritterstücken Klingers, und wenn Nicolai die Volksdichtung Bürgers durch einen Almanach skurriler Schlemperlieder verhöhnen wollte, so bemerkte Lessing dem Berliner Aufklärer verächtlich, sein ganzer Spaß laufe auf die Vermengung des Pöbels mit dem Volke hinaus. Am nächsten scheint Lessing dem jungen Geschlechte der siebziger Jahre noch in der dramatischen Behandlung der Faustsage zu stehen, mit der auch er sich lange Jahre hindurch beschäftigt hat, allein gerade hier tut sich der feinste sowohl wie tiefste Unterschied zwischen ihm und ihnen auf. Was wir von Lessings dramatischen Faustplänen wissen, läuft auf einen »bürgerlichen« Faust, läuft darauf hinaus, daß Faust von »einem unauslöschlichen Durst nach Wissenschaft und Kenntnis« beseelt ist und daß »der oberste der Teufel« ihn deshalb »sicherer« zu haben glaubt als »bei jeder anderen Leidenschaft«. Allein ein Engel versenkt den wirklichen Faust in einen tiefen Schlummer und schafft an seine Stelle ein Phantom, mit dem die Teufel ihr Spiel treiben. Als sie endlich gewonnen zu haben glauben, ruft ihnen der Engel zu: »Triumphiert nicht, ihr habt nicht über Menschheit und Wissenschaft gesiegt; die Gottheit hat dem Menschen nicht den edelsten der Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen; was ihr sahet und jetzt zu besitzen glaubt, war nichts als ein Phantom.« Das wäre denn freilich Faust nicht als Tragödie, sondern als Komödie, als anmutige und tiefsinnige Komödie, aber doch immer als Komödie. Allein anders konnte ein so entschlossener und klarer Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen wie Lessing die Legende des Reformationszeitalters gar nicht dramatisch behandeln. Denn daß die Faustsage ebenso im sechzehnten Jahrhundert die Weltlegende wie im achtzehnten Jahrhundert die Welttragödie des deutschen Bürgertums werden konnte, hieß nichts anderes, als daß diese Klasse in dem einen wie in dem anderen Falle ihr Spiel verloren hatte. Wer noch weiß, was er in dieser Welt zu tun hat, verschreibt sich nimmermehr dem Teufel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so war Lessing denn abermals von dem sichersten Klassenbewußtsein geleitet, als er im November 1774 an seinen Bruder schrieb, das Theater habe längst aufgehört, ihn zu interessieren, und dann hinzufügte: »Recht gut, sonst liefe ich wirklich Gefahr, über das theatralische Unwesen (denn wahrlich fängt es nun an, in dieses auszuarten) ärgerlich zu werden und mit Goethe, trotz seinem Genie, worauf er so sehr pocht, anzubinden. Aber davor bewahre mich ja der Himmel! Lieber wollte ich mir mit den Theologen eine kleine Komödie machen, wenn ich Komödie brauchte.« Es liegt eine tiefe Logik in der letzten großen Wendung, die Lessings Lebenskampf dadurch nahm, daß der Bahnbrecher der Goethe und Schiller zum Bahnbrecher der Fichte und Hegel wurde. Die bürgerliche Literaturgeschichte sucht über das, was sie nicht versteht, mit der kindlichen Redensart hinwegzuhüpfen, Lessing habe den Kampf gegen die Orthodoxie aus Pietät gegen seinen orthodoxen Vater bis zu dessen Tode verschoben, der etwa mit Lessings Übersiedlung nach Wolfenbüttel zusammenfiel, dann aber sei er um so schärfer ins Zeug gegangen. Allein ohne uns sonst bei der wunderlichen Unterstellung aufhalten zu wollen, so ist ihre Haltlosigkeit schon dadurch bewiesen, daß Lessing gerade bei Lebzeiten seines Vaters oft genug gegen die Orthodoxie ausgeritten ist und daß er gerade nach dem Tode seines Vaters nicht sowohl mit der Orthodoxie als mit jener traurigen Sorte von »Aufklärung« angebunden hat, die den bürgerlichen Klassen für immer das geistige Rückgrat zu brechen drohte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== X. Lessings letzte Kämpfe ==&lt;br /&gt;
Nirgends ist der Klassenstandpunkt so maßgebend für das Verständnis Lessings wie in den theologischen Fragen, wo er es am wenigsten zu sein scheint. Nichts unrichtiger, als den Schwerpunkt von Lessings letzten Kämpfen in seinen Handel mit dem Hauptpastor Goeze zu legen. Nichts unrichtiger, wenn auch nichts bequemer. Ein Haufe donnernder Schlagworte gegen die lutherische Orthodoxie läßt sich spielend zusammenraspeln; man braucht ja nur die glänzende Polemik zu verwässern, die Lessings Anti-Goezes vor all seinen philosophisch-theologischen Schriften auszeichnet. Indessen so unrichtig, wie diese Auffassung ist, so ungerecht ist sie auch gegen Lessing selbst. Er war alles andere eher als ein Aufklärer des achtzehnten oder ein Kulturpauker des neunzehnten Jahrhunderts im landläufigen Sinne der beiden Worte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die heutigen Orthodoxen haben denn auch den schweren Mißgriff so mancher Lessing-Forscher gehörig ausgenützt und auf diesen Mißgriff hin gar nicht uneben bewiesen, daß Lessings Stellung in den letzten Kämpfen seines Lebens »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr« gewesen sei. Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein ganz vergebliches Bemühen, Lessings Philosophie und Theologie über einen Leisten zu schlagen; so viel erkannte schon Herder, daß Lessing »nicht geschaffen sei, ein ... ist zu sein, welche Buchstaben man auch dieser Endung voransetzen möge«. Aber deshalb darf man freilich Lessings zahlreiche »Widersprüche« nicht einfach seiner Lust am dialektischen Streit auf die Rechnung setzen, wie die Nicolai und Genossen taten, weil sie es nicht besser verstanden. Die richtige Mitte trifft Gervinus, wenn er sagt, Lessings Arbeiten seien vielleicht immer ohne Plan, aber nie ohne den schärfsten Instinkt begonnen worden. Der Instinkt des bürgerlichen Klasseninteresses bestimmte sein Denken und Handeln; im Lichte dieser Tatsache entfalten sich auch seine philosophisch-theologischen Kämpfe als ein einheitliches Gewebe.&amp;lt;ref&amp;gt;Die eigentliche Schuld an der einseitig-schiefen Auffassung von Lessings theologischen Kämpfen trägt die geistige Verflachung der deutschen Bourgeoisie. Einzelne Schriftsteller sind kaum dafür verantwortlich zu machen, doch findet jene Auffassung einen besonders grellen Ausdruck begreiflicherweise in der protestantenvereinlichen Theologie, so bei Karl Schwarz, Lessing als Theologe. Röpe hat dann in seiner Schrift über Goeze den Spieß umgekehrt; ihm nach Redlich in dem Lessing-Artikel der Allgemeinen deutschen Biographie, 19, 756 ff. und Christian Groß in Lessings Werken, 15, 9 ff. Groß macht die glorreiche Entdeckung von Lessings »unklarer, ja im tiefsten Grunde unwahrer Stellung«; er beschimpft auch Johann Jacobys trefflichen Aufsatz über Lessing als Philosophen in unwürdiger Weise. Die eingehendsten und gründlichsten Arbeiten in dieser Richtung hat Hebler in seinen Lessing-Studien geliefert und daneben Zeller in seinem Aufsatze über Lessing als Theologen in der »Historischen Zeitschrift«, 23, 343 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An und für sich besaß ein so heiteres Weltkind, wie Lessing war, überhaupt keine theologische Ader. Schon mit zwanzig Jahren hatte er »klüglich gezweifelt« und darnach gestrebt, auf dem Wege der Untersuchung zur Überzeugung in religiösen Fragen zu gelangen. Aber zu einer &#039;&#039;positiven&#039;&#039; Überzeugung ist er niemals gelangt. Zwar erfahren wir aus seinem letzten Lebensjahre durch zweite Hand, daß er ein ...ist geworden sei, nämlich ein Spinozist. Aber selbst damals sagte er nur nach Jacobis Bericht: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wenn&#039;&#039; ich mich nach jemand nennen &#039;&#039;soll&#039;&#039;, so weiß ich keinen andern ... Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.« Nicht lange vorher hatte Lessing in dem Entwurf einer Vorrede zum Nathan geschrieben: »Nathans Gesinnung gegen &#039;&#039;alle&#039;&#039; positive Religion ist von jeher die meinige gewesen«, und dies stimmte aufs Haar. Denn schon ein Menschenalter früher hatte der junge Lessing in Bruchstücken, die wie jene Vorrede zum Nathan und das Gespräch mit Jacobi erst nach seinem Tode veröffentlicht worden sind, »alle positiven und geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch« genannt und für sein Teil erklärt, daß »der Mensch zum Handeln und nicht zum Vernünfteln erschaffen« sei. Das lehrte ihn sein bürgerlicher Klasseninstinkt, und dieser Instinkt führte ihn auf denselben Gesichtspunkt, den das proletarische Klassenbewußtsein in die Worte gekleidet hat, daß Religion Privatsache sei. Er behelligte niemanden mit seiner Religion und behelligte andere nicht um ihrer Religion willen. Zwar bekämpfte er die Orthodoxie fast von seinem ersten Federzug an, aber er bekämpfte sie nur als Organ der sozialen Unterdrückung, als Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung, als ideologische Begleiterscheinung des fürstlichen Despotismus. Für Lessing war die Aufklärung nichts als die Selbstverständigung der bürgerlichen Klassen über ihre Lebensinteressen. Unter endlosem religiösem Hader hatte sich der bürgerliche Verfall vollzogen; unmöglich konnte sich das Bürgertum unter demselben glückverheißenden Zeichen wieder erheben. Mag jeder glauben, was er will, aber kein Glaube berechtigt einen Menschen, andere Menschen wegen eines anderen Glaubens zu verfolgen und zu unterdrücken. Richtete sich dieser Satz praktisch gegen die Orthodoxie als despotisches Machtmittel, so kam er prinzipiell doch auch der Orthodoxie als religiöser Lehrmeinung zugute. In dogmatische Streitigkeiten hat sich Lessing mit ihr niemals eingelassen; als religiöses System war sie ihm so gut oder je nach dem auch besser als jedes andere; die Spöttereien über die Religion hat er immer verabscheut. Der verfolgten Orthodoxie wäre er ebenso beigesprungen, wie er sich der verfolgenden widersetzte und wie er das päpstliche Verbot des Jesuitenordens für ungerecht erklärte. Die Religion war ihm einfach eine Privatsache, die schlechterdings nicht in die bürgerlichen Rechtsverhältnisse hineinzureden hatte, und hierin bestand der gewaltige Abstand seiner Toleranz von der sogenannten »Toleranz« Friedrichs, das heißt der bürgerlichen von der despotischen Toleranz. Denn diese sah zwar nicht bei der Erfüllung der Untertanenpflichten, aber sehr bei Erteilung von Untertanenrechten auf das religiöse Bekenntnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist der eine Gesichtspunkt, den man scharf im Auge behalten muß, um Lessings theologischen Kämpfen weder zuviel noch zuwenig zu tun. Der andere aber erwuchs ihm aus jener »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Masse, von denen Kant später sagte, daß sie die Ursachen seien, »warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmündig bleiben und warum es anderen so leicht wird, sich zu ihrem Vormünder aufzuwerfen«. Statt das soziale Joch der Orthodoxie abzuschütteln und übrigens dem aufdämmernden Lichte des bürgerlichen Selbstbewußtseins die Kritik der orthodoxen Lehrmeinungen zu überlassen, gefiel sich die landläufige »Aufklärung« der Nicolai und Genossen darin, das orthodoxe Lehrgebäude, soweit es vor dem Lichte der erwachenden Vernunft zerfiel, mit der Holzaxt einer angeblichen »Vernunft« zurechtzuzimmern und die bürgerliche Masse nun erst recht in den kümmerlich geflickten Schafstall zu pferchen. Historisch läßt sich diese Halbschlächtigkeit der deutschen »Aufklärung« gar wohl in ihren Ursachen erkennen, und wir haben schon früher einen Blick darauf geworfen, aber politisch blieb sie deshalb nicht weniger ein selbstmörderisches Beginnen, das bei längerer Dauer für die bürgerlichen Klassen noch viel verhängnisvoller werden mußte als die Abirrung der schönen Literatur von dem bürgerlichen Klassenstandpunkte und das ebendeshalb einen Mann wie Lessing in tiefster Seele erbitterte und zum äußersten Widerstande reizte. Hier lag der Ursprung seiner theologischen Schilderhebung, die ihrer inneren Natur nach durchaus ein sozialer Kampf war und allein unter diesem Gesichtspunkte richtig gewürdigt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben gesehen, daß Lessing in seiner hamburgischen Zeit die entscheidenden Proben von der »Faulheit und Feigheit« der bürgerlichen Klassen gewann. In ebendieser Zeit wurde ihm ein handschriftlich hinterlassenes Werk von H. S. Reimarus bekannt, eine »Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes«, eine durchgreifende Bibelkritik und Untersuchung der geoffenbarten Religion. Die Schrift erregte Lessings lebhaftes Interesse; sie war ihm ein »freimütiges, ernsthaftes, gründliches, bündiges, gelehrtes Werk«, das einen »Hauptsturm auf die christliche Religion« unternahm. Er sah in Reimarus den ganzen Aufklärer gegenüber den halben Aufklärern vom Schlage der Semler, Teller, Nicolai und wie sie sonst hießen. Aber in wie vielen Einzelheiten Lessing mit Reimarus übereinstimmen mochte und selbst wenn er in allen Einzelheiten mit ihm übereingestimmt hätte, so war damit keineswegs gesagt, daß er den grundsätzlichen Standpunkt von Reimarus teilte. Er teilte ihn weder persönlich noch sachlich. Persönlich nicht, weil die Ängstlichkeit von Reimarus seinem ganzen Wesen widerstand, weil die Absicht von Reimarus, seine »Schrift im Verborgenen zum Gebrauch verständiger Freunde liegen« und lieber den »gemeinen Haufen noch eine Weile irren zu lassen«, so gar nicht lessingisch war, weil Lessing in dieser »löblichen Bescheidenheit und Vorsicht« des Verfassers »so viel Zuversicht auf seinen Erweis, so viel Verachtung des gemeinen Mannes, so viel Mißtrauen auf sein Zeitalter« erblickte. Sachlich nicht, weil Lessing in der Kritik der biblischen Geschichten gar keine Vernichtung der christlichen Religion sah, weil ihm der Buchstabe nicht der Geist, die Bibel nicht die Religion war. Gerade die eingehende Beschäftigung mit dem Werke von Reimarus, das er ein halb Dutzend Jahre und länger in seinem Pulte bewahrte, ehe er Bruchstücke daraus veröffentlichte, förderte und vertiefte Lessings Anschauungen über die religiösen Bewegungen in der Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Briefe vom 9. Januar 1771, worin Lessing das Werk von Reimarus gegen gewisse Einwürfe seines Freundes Moses verteidigt, sagt er gleichwohl: »Ich besorge es nicht erst seit gestern, daß, indem ich gewisse Vorurteile weggeworfen, ich ein wenig zuviel mit weggeworfen habe, was ich werde wiederholen müssen. Daß ich es zum Teil nicht schon getan, daran hat mich nur die Furcht gehindert, nach und nach den ganzen Unrat wieder in das Haus zu schleppen. Es ist unendlich schwer zu wissen, wann und wo man bleiben soll, und Tausenden für Einen ist das Ziel ihres Nachdenkens die Stelle, wo sie des Nachdenkens müde geworden. Ob dieses nicht auch manchmal der Fall unseres Ungenannten (nämlich des Reimarus) gewesen, will ich nicht so geradezu leugnen.« Aber in demselben Briefe fordert Lessing seinen Freund auch auf, aufdringliche Bekehrungsvorschläge Lavaters zurückzuweisen: »Ich bitte Sie, wenn Sie darauf antworten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur ersinnlichen Nachdrucke zu tun. Sie allein dürfen und können in dieser Sache so sprechen und schreiben und sind daher unendlich glücklicher als andre ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwande, es neu zu unterbauen, befördern können.« Andere ehrliche Leute, das sind in diesem Zusammenhange die Aufklärer des gewöhnlichen Schlages. Zwischen den beiden Briefstellen scheint ein gewisser Widerspruch zu bestehen: Lessing findet, daß Reimarus seine Sache nicht zu Ende gedacht habe, aber trotzdem fordert er Moses auf, ebenso zu handeln, wie Reimarus gehandelt hat. Indessen der Widerspruch ist nur scheinbar. Lessing meinte einfach, daß die ehrlichen Leute, wenn sie einmal aufklären wollten, so gründlich aufklären sollten wie Reimarus, was Moses als Jude eher könne als die christlichen Aufklärer, aber er findet, daß die Sache damit noch nicht zu Ende sei, daß die kritische Auflösung der biblischen Geschichte nicht den religiösen Glauben vernichte, daß mit diesem Ziele das Nachdenken über das Entstehen und Vergehen der Religion noch nicht erschöpft sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinem eigenen Nachdenken über diese Fragen zeugen namentlich die beiden Aufsätze, worin er sich mit der Tatsache auseinandersetzt, daß Leibniz die orthodoxen Lehren von der Dreieinigkeit und der Ewigkeit der Höllenstrafen gegen arianisch-sozinianische Ketzereien verteidigt hat. Mag sein, daß Lessing zuweit geht, wenn er in schönem Eifer seinen großen Vorläufer lieber gleich von jedem Verdachte, der Orthodoxie unbillige Zugeständnisse gemacht zu haben, befreien möchte; er konnte es nun einmal aus guten Gründen nicht vertragen, wenn der seichteste Aufkläricht von einem Leibniz oder einem Spinoza wie von »toten Hunden« sprach. Aber den Nachweis, auf den es ihm im Wesen der Sache ankam, hat er schlüssig geliefert: den Nachweis nämlich, daß Leibniz als Philosoph sich mit der orthodoxen Lehre eher vertragen konnte als mit der arianisch-sozinianischen Aufklärung. Diese Ketzerei richtete ihre Spitze gegen die Gottheit Jesu, und darin sah Leibniz eine wahre Abgötterei. Lessing führt nun aus: »Man denke nicht, daß er auch dieses nur behauptet habe, um den Orthodoxen zu heucheln. Nein, sondern seine ganze ihm eigene Philosophie war es, die sich gegen den abergläubischen Unsinn empörte, daß ein bloßes Geschöpf so vollkommen sein könne, daß es neben dem Schöpfer auch nur genannt zu werden verdiene ... Und man kann noch zweifeln, ob er den verworfenen Religionsbegriff aus ganzem Herzen verworfen? ob er ihm aus ganzem Herzen die gemeine Lehre vorgezogen, die jeder Vernunftswahrheit ohne Nachteil zur Seite stehen kann, weil sie keiner widersprechen will und mit Gründe von sich rühmen darf, daß sie solange noch nicht richtig verstanden ist, als sie einer einzigen zu widersprechen scheint?« Lessing hält denn auch die Schlußfolgerungen für logisch begründet, die der orthodoxe Geistliche Abbadie aus der arianisch-sozinianischen Ketzerei gezogen hat: »Nämlich daß, wenn Christus nicht wahrer Gott ist, die mahometanische Religion eine unstreitige Verbesserung der christlichen war und Mahomet selbst ein unstreitig größerer und würdigerer Mann gewesen ist als Christus, indem er weit wahrhafter, weit vorsichtiger und eifriger für die Ehre des einzigen Gottes gewesen als Christus, der, wenn er sich selbst auch nie für Gott ausgegeben hätte, doch wenigstens hundert zweideutige Dinge gesagt hat, sich von der Einfalt dafür halten zu lassen, dahingegen dem Mahomet keine einzige derartige Zweideutigkeit zuschulden kommt.« Lessing hat nicht wie Leibniz die Orthodoxie verteidigt gegen die halbschlächtige Aufklärung, aber darin stimmte er mit Leibniz überein, daß die halbschlächtige Aufklärung noch unerträglicher sei als die Orthodoxie. Ein halbes Jahrzehnt nach diesen Aufsätzen schreibt er an Nicolai, »daß das arianische System noch unendlich abgeschmackter und lästerlicher sei als das orthodoxe«. Die Berliner Aufklärer verstanden ihn natürlich nicht; Ehren-Nicolai machte, als die Leibniz-Aufsätze 1774 erschienen, seine Späßchen über den Doktorhut der Theologie, nach dem Lessing giere, und Moses rügte »ein kleines Versehen« in dem Texte von Leibniz mit der hochnäsigen Begründung, »um zu zeigen, daß ich selbst in meiner Krankheit und sogar Ihre Beiträge, zu einem sonst mir so geringschätzig gewesenen Zweige der Literatur nicht ungelesen lassen kann«. Worauf Lessing mit seiner wahrhaft unverwüstlichen Geduld gegen diese Gesellschaft: »Ist es nicht sonderbar, daß Sie die wahre Lesart in einer Schrift herstellen, die Ihnen von einem Ende zum andern so kompletter Nonsens sein muß – und ist? Auch mir ist; auch ohne Zweifel Leibnizen selbst gewesen ist. Und dennoch bin ich überzeugt, daß Leibniz auch hier noch als Leibniz gedacht und gehandelt hat. Denn es ist unstreitig besser, eine unphilosophische Sache sehr philosophisch verteidigen als unphilosophisch verwerfen und reformieren wollen.« Das unphilosophische Verwerfen und Reformieren war Sache der gemeinen Aufklärer; das sehr philosophische Verteidigen einer unphilosophischen Sache war die Art von Leibniz gewesen; Lessing dagegen hielt es mit dem philosophischen Erklären einer philosophischen Sache. Er drang auf eine reinliche Scheidung von Religion und Philosophie, sicher, nur auf diesem Wege die philosophische Seite der Religion entdecken zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kleines und unbedeutendes Bruchstück aus dem Werke von Reimarus hatte Lessing als »Fragment eines Ungenannten« schon 1774 veröffentlicht; 1777 rückte er mit fünf weiteren Fragmenten und das Jahr darauf mit noch einem siebenten Fragmente hervor. Er begleitete sie mit Gegensätzen, mit »Maulkörben« nach dem drastischen, obgleich etwas schiefen Ausdrucke von Claudius. Denn nicht eine Abschwächung oder Abstumpfung der an der biblischen Überlieferung geübten Kritik zum Zweck einer persönlichen Rückendeckung hatte Lessing bei seinen Gegensätzen im Auge; diese erhebende Absicht konnte ihm nur die moderne Lessing-Forschung unterschieben, die ihn hinter dem Ofen sucht, hinter dem sie selbst sitzt. Vielmehr wollte Lessing mit der Veröffentlichung der Fragmente der Wahrheit einen Dienst erweisen; er wollte in Reimarus einen Liebhaber der Wahrheit ihren Kupplern, einen selbstdenkenden Kopf den elenden Wortkrämern der landläufigen Aufklärung entgegenstellen. Aber wenn dieser Zweck erreicht werden sollte, so mußte er auch vor jeder Mißdeutung gesichert werden. Lessing erkannte, daß mit einer noch so gründlichen und scharfsinnigen Bibelkritik ein »Hauptsturm auf die christliche Religion« noch längst nicht gelungen sei. Sosehr er das Recht des Reimarus verfocht, auch an den biblischen Geschichten wissenschaftliche Kritik zu üben, sosehr er diese Kritik um ihrer Freimütigkeit und Gründlichkeit willen schätzte, sowenig war er geneigt oder gar verpflichtet, alle Schlußfolgerungen dieser Kritik anzunehmen. Es ging ihm ein wenig wie jenem Juden des Boccaccio, der, als er in Rom das mittelalterliche Papsttum in seinem ganzen Verfalle sah, sich taufen ließ, weil eine Religion, die in so scheußlicher Verkörperung dennoch siegreich fortdauere, eine ewige Wahrheit enthalten müsse. Je schärfer Reimarus den biblischen Büchern zusetzte, um so schärfer mußte sich auch Lessings klarem Geiste die Einsicht aufdrängen, daß eine welthistorische Erscheinung wie die christliche Religion aus einem andern Boden entsprossen sein müsse als aus diesem morschen Untergrunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ebendiese Unterscheidung zwischen Bibel und Religion führte Lessing in seinen Gegensätzen zu den Fragmenten von Reimarus aus. Man übersehe doch nicht, daß sich unter diesen Gegensätzen schon die ersten dreiundfünfzig Paragraphen der Erziehung des Menschengeschlechts befanden und daß Lessing die »ganze Schüssel« seiner religionsphilosophischen Hauptschrift, von der er zunächst nur einen »Vorschmack« geben wollte, in seiner Gedankenkammer längst angerichtet hatte. Wer will denn im Ernste die absurde Behauptung aufstellen, daß Lessings in manchem Betrachte gedankenreichste Schrift eine elende Sophisterei sei, die er sich aus den Fingern gesogen habe, um für seine Person und seine Stellung bei Veröffentlichung der Fragmente möglichst gedeckt zu sein? Aber da es wirklich Leute gibt, die wenigstens mittelbar eine so absurde Unterstellung gewagt haben, so mag noch zum Überfluß ein urkundlicher Beweis dafür beigebrächt werden, wie ernst es Lessing mit seiner Religionsphilosophie nahm. Die Kinder von Reimarus waren mit der Herausgabe der Fragmente oder mindestens mit der Art ihrer Herausgabe mehr und minder unzufrieden: der Sohn aus Angst um den frommen Ruf seines Vaters, die Tochter aus Ärger über Lessings Gegensätze. Elise Reimarus, Lessings treueste Freundin nach dem Tode seiner Frau, war zu gut und zu klug, um Lessings Absichten ganz mißzuverstehen; sie hat allen Angriffen gegen ihn immer ein rechtfertigendes oder entschuldigendes Wort entgegenzusetzen, und von der Erziehung des Menschengeschlechts sagte sie: »Ich wollte um viel nicht, daß er dies nicht geschrieben hätte.« Aber eine »Grille« war ihr die Schrift doch nur; sie konnte über den Standpunkt ihres Vaters nicht hinaus, und so schalt sie gar manches Mal in vertrauten Briefen an ihre Freunde über Lessings »Larventragen« und »Sophistereien«. Nun richtete Lessing am 6. April 1778 ein beschwichtigendes Schreiben an den jüngeren Reimarus; er verspricht das unverbrüchlichste Schweigen über die Person des Fragmentisten, aber über die Erziehung des Menschengeschlechts schreibt er frank und frei: »Diese Hypothese nun würde freilich das Ziel gewaltig verrücken, auf welches mein Ungenannter im Anschlage gewesen. Aber was tut&#039;s? Jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen!« Man sieht also, daß Lessing in diesem vertraulichen Briefe, der die Reimarer beschwichtigen soll, seine angebliche Heuchelei, die gerade die Reimarer von neuem erbittern muß, mit geflissentlicher Schärfe weitertreibt: Sollte da nicht die schüchterne Vermutung gerechtfertigt sein, daß diese angebliche Heuchelei eine grundsätzliche, wissenschaftliche Erkenntnis gewesen ist? In der Tat – der Vorwurf einer »unklaren, ja im tiefsten Grunde unwahren Stellung« fällt einzig auf die Leute zurück, die heute noch nicht einsehen, daß zwischen Reimarus und Lessing ein »gewaltiger« Unterschied bestand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, um es noch einmal zu wiederholen: Vom ideologischen Standpunkt aus ist es ein wahres Kreuz, in Lessings letzte Kämpfe Sinn und Zusammenhang zu bringen, besonders wenn zugleich ein harmonischer Einklang mit der heutigen Kulturkämpferei erzielt werden soll. Den modischen Lessing-Forschern geht es dabei gewöhnlich wie den von Lessing so weidlich verspotteten evangelischen Harmonisten. Sie sinnen auf Mittel und Wege, »jene widerspenstige Verschiedenheit von Umständen wenigstens gleich stößigen Böcken in einen engen Stall zu sperren, in welchem sie das Widereinanderlaufen wohl unterlassen müssen«. Aber »leider bleiben die Böcke darum doch immer stößig, wenden darum doch immer die Köpfe und Hörner noch gegeneinander und reiben sich und drängen sich«. Selbst ein Mann wie Hebler, der unter den Lessing-Ideologen wohl am ehrlichsten und rücksichtslosesten in den Kern von Lessings religionsphilosophischen Ansichten zu dringen versucht hat, kommt doch nur zu dem Ergebnisse, daß Lessing die Orthodoxie des Goeze und die Aufklärung des Nicolai und die Freidenkerei des Reimarus zu »vermitteln« oder zu »verbinden« gesucht habe. Wonach Lessing denn also gewissermaßen ein noch potenzierter Nicolai wäre! Aber man kann dem einzelnen, sofern er es nur wie Hebler für seine Person ehrlich meint, daraus gar keinen Vorwurf machen; die Schuld liegt an der ideologischen Methode der Geschichtsforschung: Wenn die Herren sich auch nur einmal auf den Standpunkt des historischen Materialismus stellen, wenn sie sich nur einmal vergegenwärtigen wollten, daß Lessing in all seinem Denken, Sprechen und Handeln immer nur als der für seine Zeit klarste und schärfste Vorkämpfer des deutschen Bürgertums zu verstehen ist, so werden sie finden, daß sich die »widerspenstige Verschiedenheit« seiner Ansichten in einen durchsichtigen und überall geschlossenen Zusammenhang auflöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Wichtigkeit dieser Frage sei es gestartet, sie noch durch ein Beispiel zu erläutern, durch ein Beispiel, das gleich für hundert andere gelten kann. Im Jahre 1778, mitten im heftigsten Fragmentenstreite, hatte Nicolai die Memoiren von John Bunkel, eine aufklärerische Scharteke, »so einen ruppichten Roman«, wie Lessing sich ausdrückt, aus dem Englischen übersetzt oder übersetzen lassen. Die Übersetzung war von der Wiener Zensur verboten und darauf von Wieland im »Deutschen Merkur« verspottet worden. Nun schreibt Lessing an Herder in einem Briefe vom 10. Januar 1779: »Wielands Plaisanterie über den Bunkel ist so gerecht als lustig, und Nicolai mag sie auch wohl gegen ihn verschuldet haben. Wenn er nur nicht damit eine ganze Sprosse aus der Leiter ausbräche, die ein gewisses Publikum mit besteigen muß, wenn es weiterkommen soll. Sie verstehen mich.« Aus diesen Sätzen folgert Hebler, daß Lessing die seichte Aufklärung der Nicolai auch für notwendig zur Erziehung des Menschengeschlechts gehalten habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn man sich auf den ideologischen Standpunkt stellt, so läßt sich gegen diese Schlußfolgerung auch nicht viel einwenden; Lessing sagt ja klipp und klar, daß ohne jene Aufklärung mindestens »ein gewisses Publikum« nicht weiterkommen könne. Nun bekämpfte aber Lessing im Fragmentenstreite gerade diese Aufklärung am heftigsten; er rückte ihr, wie wir gleich sehen werden, mit ganz anderen Schlägen auf den Leib, wie Wieland mit seiner »Plaisanterie« führte; er war besonders und mit vollem Recht über Nicolais falsche und zweideutige Haltung empört. Hier läge denn also ein so handgreiflicher und grober »Widerspruch« vor, wie er nur immer gedacht werden kann. Lessing tadelte an Wieland, was er selbst, nur in viel höherem Maße, tat. Die bürgerlichen Lessing-Forscher kommen denn auch nicht über diesen »Widerspruch« hinweg; sie suchen ihn zu umgehen oder zu vertuschen. Die einen sagen, im Grunde sei Lessing auch ein Nicolaite gewesen; die andern meinen, er habe nun einmal immer »widersprechen« müssen; die Dritten flicken in die Erziehung des Menschengeschlechts hinter der jüdischen und christlichen Religion und vor der Religion der Zukunft die Nicolaitische Aufklärung als eine kleine Zwischenstation ein. Was bei alledem aus Lessing und Lessings Lebenswerke werden soll, steht denn freilich dahin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn wir nunmehr versuchen, vom Standpunkte des historischen Materialismus den »Widerspruch« zu lösen, wenn wir also annehmen, daß Lessing bei seinen religiösen wie überhaupt bei allen seinen Kämpfen von seinem bürgerlichen Klassenbewußtsein geleitet worden ist, so erkennen wir sofort, daß ihn dies Bewußtsein unmöglich so getäuscht haben kann, um in einen so unversöhnlichen »Widerspruch« zu verfallen. Wir können dann von ihm ungefähr dasselbe sagen, was er in der Hamburgischen Dramaturgie von Aristoteles sagte: Eines offenbaren Widerspruchs macht sich ein Lessing nicht leicht schuldig. Er kann irren und hat oft geirrt, aber immer nur aus seinem Klassenbewußtsein heraus; diesem heute folgen und morgen ins Gesicht schlagen, das kann Lessing nicht. Wo wir einen solchen Widerspruch bei so einem Mann finden, da setzen wir das größere Mißtrauen lieber in unseren als in seinen Verstand. Wir verdoppeln unsere Aufmerksamkeit, wir überlesen die Stelle zehnmal und glauben nicht eher, daß Lessing sich widersprochen hat, als bis wir aus dem ganzen Zusammenhange seines Klassenbewußtseins heraus erkennen, wie und wodurch er zu diesem Widerspruche verleitet worden ist. Und da liegt die Lösung des »Widerspruchs« sofort auf der Hand. Die Übersetzung des Bunkel war von der Wiener Zensur verboten worden, und somit verstand es sich einfach für Lessings Klassenbewußtsein von selbst, daß er sogar die seichteste Aufklärung beschützte vor dem brutal unterdrückenden Despotismus, daß er von einem mit dem polizeilichen Knüttel totgeschlagenen Buche sofort annahm, daß es doch wohl mindestens ein gewisses Publikum zu fördern geeignet sei, daß er selbst eine zutreffende, eine gerechte und lustige Kritik eines verbotenen Buches tadelte, weil dadurch der despotische Geistesmord wenigstens mittelbar verklärt wurde. Was wir vorhin von Lessings Stellung zu den Orthodoxen sagten, das gilt auch von seiner Stellung zu den Aufklärern: Den verfolgten Aufklärern trat er ebenso unbedenklich zur Seite, wie er den verfolgenden Aufklärern entgegentrat. Die Freiheit des Geistes, die Freiheit der Rede und der Schrift mußte die Grundforderung der bürgerlichen Klassen sein; sie war der gemeinsame Boden, worauf sich das deutsche Bürgertum erst über seine Klasseninteressen verständigen konnte. Wo dieser Boden durchlöchert wurde, da mußten alle anderen Rücksichten zurücktreten; der Aufkläricht entsprach doch noch mehr den Lebensbedürfnissen der bürgerlichen Klassen als die Zensur. Und so löst sich in der einfachsten Weise von der Welt jener angebliche »Widerspruch« Lessings, den die ideologische Geschichtsauffassung unmöglich lösen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre Vertreter werden nun freilich sagen, das sei alles bei den Haaren herangezogen und stimme doch gar nicht mit dem Wortlaut dessen, was Lessing an Herder schreibt. Gleichwohl liegt die Sache so und nicht anders; Lessing selbst ist der beste Zeuge dafür. Er hatte nämlich in jüngeren Jahren vorübergehend einmal daran gedacht, selbst den »ruppichten Roman« zu übersetzen. Nicolai verfiel nun auf den schlauen Gedanken, diese Tatsache gegen Wielands »Plaisanterie« ins Feld zu führen, und fragte brieflich bei Lessing an, ob er dürfe. Lessing antwortete in einem Schreiben vom 30. März 1779. Zunächst gab er dem alten Kumpan einen derben Backenstreich wegen dessen feiger Haltung im Fragmentenstreite; dann beantwortete er seine Anfrage »kurz und gut« dahin: »Nein, lieber tun Sie das nicht! Denn ich sehe voraus, daß es mich einer Erklärung aussetzen würde, die auf Ihren Bunkel noch ein nachteiliger Licht werfen könnte.« Lessing führt dann aus, daß er den Bunkel nur übersetzen würde, um in beigefügten Anmerkungen zu zeigen, daß diese Sorte von Aufklärung noch unendlich abgeschmackter sei als das orthodoxe System, und er schließt: »Wielands Verfahren billige ich aber gar nicht, welches ich kürzlich Herdern geradezu geschrieben habe. Ich schrieb ihm, soviel ich mich erinnere, daß ein Buch, welches die kaiserliche Bücherkommission verbiete, durchaus kein denkender Kopf so behandeln müsse. Es sei zuverlässig gut und zuverlässig zur Aufklärung gewisser Menschen zuträglich, eben weil es in gewissen Ländern verboten wäre: Daher Wieland in meinen Augen sich einer unedlen Schmeichelei gegen den Kaiser schuldig gemacht.« Nun, wir haben gesehen, daß Lessing davon dem Wortlaute nach nichts an Herder geschrieben hatte, aber deshalb klaubt er doch vollkommen sinngetreu dem begriffsstutzigen Nicolai auseinander, was der gescheite Herder schon aus einer halben Andeutung »verstand«. Und Lessing löst den »Widerspruch« genauso auf, wie er nach den Grundsätzen der materialistischen Geschichtsauffassung aufgelöst werden müßte; der Bunkel ist ihm verächtlich genug, unendlich verächtlicher als das orthodoxe System, aber wenn die Zensur »so einen ruppichten Roman« totschlägt, so kann man »zuverlässig« annehmen, daß er doch noch für »gewisse Menschen« zuträglich gewesen sei, und der bürgerliche Klassenstandpunkt verbietet den Spott über ein polizeilich erschlagenes Buch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach diesen Ausführungen ist nun leicht verständlich, daß und weshalb Lessing einen Hauptvorstoß gegen die seichte Aufklärung unternahm. Sie war ihm nicht Fisch und nicht Fleisch; sie verdarb ihm die Religion wie die Philosophie; sie hemmte gleichermaßen die Denk- wie die Glaubensfreiheit. Lessing wollte in ganz anderem und viel tieferem Sinne als Friedrich jeden nach seiner Fasson selig werden lassen, aber er bekämpfte jede Religion, sobald sie sich zum Werkzeuge des friderizianischen oder irgendeines andern Despotismus hergab, sobald sie der Freiheit der wissenschaftlichen Forschung einen Kappzaum anlegen wollte. Jede Religion war ihm wahr, insofern als jede eine Durchgangsstufe der menschheitlichen Geistesentwicklung gewesen ist; jede Religion war ihm falsch, insoweit als sie der ferneren geistigen Entwicklung der Menschheit einen unzerbrechlichen Hemmschuh anlegen möchte. Lessing sah in den Religionen, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, nicht logische, sondern historische Kategorien; sie waren ihm nicht un &#039;&#039;ver&#039;&#039;gängliche, aber un &#039;&#039;um&#039;&#039;gängliche Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes. Er sah nun in seinen Tagen, wie sich die Orthodoxie des Despotismus allmählich in die Philosophie des Bürgertums auflöste, und er wußte wohl, daß sich ein historischer Geistesprozeß nicht durch äußerliche Mittel, am wenigsten durch gewaltsame, beschleunigen läßt. Aber wenn nun die faulen und feigen Aufklärer mit täppischer Hand in diesen Geistesprozeß eingriffen, wenn sie absichtlich die immer klarer hervortretende Grenzscheide zwischen Philosophie und Religion verwischten, wenn sie ein angeblich gereinigtes, aber tatsächlich gefälschtes Christentum mit um so größerer Unduldsamkeit vertraten, wenn sie das orthodoxe System scheinbar ein wenig vernünftiger, tatsächlich aber noch viel sinnloser machten, um diesen »verfeinerten Irrtum« als einen um so stärkeren Damm in den Fluß des freien Denkens zu werfen, so stand für die geistige Entwicklung des deutschen Bürgertums alles auf dem Spiel. Sie drohte dann in einen Sumpf zu verlaufen, mit dem verglichen selbst die alte ungeschminkte Orthodoxie noch festes Land war, und gegen diesen verhängnisvollen Irrweg erhob Lessing seine warnende Stimme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beleuchten wir nun noch den eben entwickelten Standpunkt Lessings durch einzelne Sätze von ihm selbst, deren Auswahl aus der überströmenden Fülle der Zeugnisse freilich nicht ganz leicht ist. Schon in seinen Anfängen spottet Lessing über die »verkehrte Art, das Christentum zu lehren« dadurch, »daß man eine so vortreffliche Zusammensetzung von Gottesgelahrtheit und Weltweisheit gemacht hat, worinne man mit Mühe und Not eine von der anderen unterscheiden kann, worinne eine die andere schwächt, indem diese den Glauben durch Beweise erzwingen und jene die Beweise durch den Glauben unterstützen soll«. In den Literaturbriefen nagelt er die »liebliche Quintessenz« aus dem Christentum an, die in gleichem Maße inkonsequenter und intoleranter sei als die alte Orthodoxie. In der ersten theologischen Schrift, die er als Bibliothekar von Wolfenbüttel über eine von ihm aufgefundene Handschrift des Berengar von Tours veröffentlichte, sagt er: »Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern ... Aber das, weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren, sie klar und rund, ohne Rätsel, ohne Zurückhaltung, ohne Mißtrauen in ihre Kraft zu lehren, und die Gaben, welche dazu erfordert werden, stehen in unserer Gewalt. Wer die nicht erwerben oder, wenn er sie erworben, nicht brauchen will, der macht sich um den menschlichen Verstand nur schlecht verdient, wenn er grobe Irrtümer uns benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält und mit einem Mitteldinge von Wahrheit und Lüge uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit; dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns einleuchtet, daß er Irrtum ist ... Wer nur darauf denkt, die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminke an den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr Kuppler sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen.« Und in einem der Aufsätze über Leibniz heißt es mit bitterer Ironie: »Er glaubte! Wenn ich doch nur wüßte, was man mit diesem Worte sagen wollte. In dem Munde so mancher neueren Theologen, muß ich bekennen, ist es mir ein wahres Rätsel. Diese Männer haben seit zwanzig, dreißig Jahren in der Erkenntnis der Religion so große Schritte getan, daß, wenn ich einen älteren Dogmatiker gegen sie aufschlage, ich mich in einem ganz fremden Lande zu sein vermeine. Sie haben so viel dringende Gründe des Glaubens, so viel unumstößliche Beweise für die Wahrheit der christlichen Religion an der Hand, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie man jemals so kurzsichtig sein könne, den Glauben an diese Wahrheit für eine übernatürliche Gnadenwirkung zu halten ... Alles, wovon aufrichtig allda (in den älteren Dogmatikern) bekannt wird, daß es weder einzeln noch zusammengenommen eine beruhigende Überzeugung wirken könne: Alles dieses haben so viele unserer neueren Gottesgelehrten so ineinandergekettet und einzeln so ausgefeilt und zugespitzt, daß nur die mutwilligste Blindheit, nur die vorsätzlichste Hartnäckigkeit sich nicht überführt bekennen kann. Was der heilige Geist nun noch dabei tun will oder kann, das steht freilich bei ihm; aber wahrlich, wenn er auch nichts dabei tun will, so ist es eben das ... Sie also freilich, die in diesen letzten Tagen ganz anders gelernt haben, die Vernunft zum Glauben zu zwingen, werden schon Leibnizen mit der Zeit, in welcher er lebte, entschuldigen müssen, wenn ich von ihm versichere, daß er freilich nicht weder die Dreieinigkeit noch sonst eine geoffenbarte Lehre der Religion geglaubt hat; wenn glauben soviel heißt, als aus natürlichen Gründen für wahr halten.« Mangel an Raum zwingt uns, abzubrechen; ein paar andere Reihen von Zeugnissen sind vielleicht auch noch überzeugender.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die von Lessing gegeißelten Aufklärer, besonders ihre Berliner Garde, hatten natürlich sofort den Vorwurf des Kokettierens mit der Orthodoxie bei der Hand; dies alberne Gerede war damals schon so im Gange, wie es heute noch im Gange ist. Karl Gotthelf war sogar so dreist, seine und Nicolais Schmerzen nach Wolfenbüttel zu berichten, und erhielt im April 1773 von Gotthold Ephraim die Antwort: »Was gehen mich die Orthodoxen an? Ich verachte sie ebensosehr als du; nur verachte ich unsere neumodischen Geistlichen noch mehr, die Theologen viel zuwenig und Philosophen lange nicht genug sind. Ich bin von solchen schalen Köpfen auch sehr überzeugt, daß, wenn man sie aufkommen läßt, sie mit der Zeit mehr tyrannisieren werden, als es die Orthodoxen jemals getan haben.« Und ganz ähnlich in dem berühmten Briefe vom 2. Februar 1774: »Ich sollte es der Welt mißgönnen, daß man sie mehr aufzuklären suche? Ich sollte es nicht von Herzen wünschen, daß ein jeder über die Religion vernünftig denken möge? Ich würde mich verabscheuen, wenn ich selbst bei meinen Sudeleien einen andern Zweck hätte, als jene großen Absichten befördern zu helfen. Laß mir aber doch nur meine eigne Art, wie ich dieses tun zu können glaube. Und was ist simpler als diese Art? Nicht das unreine Wasser, welches längst nicht mehr zu brauchen, will ich beibehalten wissen: Ich will, es nur nicht eher weggegossen wissen, bis ich weiß, woher reineres zu nehmen; ich will nur nicht, daß man es ohne Bedenken weggieße, und sollte man auch das Kind hernach in Mistjauche baden. Und was ist sie anders, unsere neumodische Theologie, gegen die Orthodoxie als Mistjauche gegen unfeines Wasser? Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen ... Darin sind wir einig, daß unser altes Religionssystem falsch ist; aber das möchte ich nicht mit dir sagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen sei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem sich der menschliche Scharfsinn mehr gezeigt und geübt hätte als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das Religionssystem, welches man jetzt an die Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluß auf Vernunft und Philosophie, als sich das alte anmaßt. Und doch verdenkst du es mir, daß ich dieses alte verteidige? Meines Nachbars Haus drohet den Einsturz. Wenn es mein Nachbar abtragen will, so will ich ihm redlich helfen. Aber er will es nicht abtragen, sondern er will es mit gänzlichem Ruin meines Hauses stützen und unterbauen. Das soll er bleibenlassen, oder ich werde mich seines einstürzenden Hauses so annehmen als meines eigenen.« Da die Berliner Aufklärer ihn noch immer nicht verstanden, ward er nicht müde, ihnen auseinanderzusetzen, daß er »die alte orthodoxe (im Grunde &#039;&#039;tolerante&#039;&#039;) Theologie der neuen (im Grunde &#039;&#039;intoleranten&#039;&#039;) vorziehe, weil jene mit dem gesunden Menschenverstände offenbar streitet und diese ihn lieber bestechen möchte. Ich vertrage mich mit meinen offenbaren Feinden, um gegen meine heimlichen desto besser auf meiner Hut sein zu können.« Oder er schreibt dem Bruder: »Wenn die Welt mit Unwahrheiten soll hingehalten werden, so sind die alten, bereits gangbaren ebensogut dazu wie neue.« Natürlich war alles vergebens; mit dem Berliner Aufkläricht kämpfte selbst ein Lessing vergebens. Hat doch noch in unseren Tagen ein Enkel Karl Gotthelfs, als er einen Juden um seines Judentums willen brotlos machte, die schlechte Tat damit zu entschuldigen versucht, sein Blatt, eben die »Vossische Zeitung«, an der Gotthold Ephraim sich seine ersten Sporen verdiente, müsse in protestantenvereinlichem Geiste redigiert werden, das heißt: im Sinne jener religiösen Halbheit, die Lessing mit seinem ätzendsten Spotte für immer gekennzeichnet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich sei noch einiges aus Lessings Gegensätzen zu den Fragmenten des Ungenannten beigebracht. Gleich in dem Schlußworte zu dem ersten, 1774 herausgegebenen Fragmente spricht Lessing von den neumodischen Theologen, »die sich gegen die Verteidiger einer bloß natürlichen Religion mit so vielem Stolze, mit so vieler Bitterkeit ausdrücken, daß sie mit jedem Worte verraten, was man sich von ihnen zu versehen hätte, wenn die Macht in ihren Händen wäre, gegen welche sie itzt noch selbst protestieren müssen«, und einschließt: »Dieses ihr vernünftiges Christentum ist allerdings noch weit mehr als natürliche Religion; schade nur, daß man so eigentlich nicht weiß, weder wo ihm die Vernunft noch wo ihm das Christentum sitzt.« Als Lessing dann 1777 fünf weitere Fragmente herausgab, stellte er in seinen Gegensätzen zunächst fest – und wir brauchen nach unseren bisherigen Ausführungen nicht noch einmal zu sagen, wie wenig »unklar« oder »unwahr« Lessing dabei wurde, sondern wie er so ganz aus seiner innersten Überzeugung schöpfte –, daß »dieses Mannes (nämlich des Ungenannten) Hypothesen und Erklärungen und Beweise« am Ende den Theologen, aber gar nicht den Christen angingen, der sich in der christlichen Religion selig &#039;&#039;fühle&#039;&#039;, und er sagt dann von den Theologen: »Hat man den Mantel nicht längst auf die andere Schulter genommen? Die Kanzeln, anstatt von der Gefangennehmung der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens zu ertönen, ertönen nun von nichts als von dem innigen Bande zwischen Vernunft und Glauben. Glaube ist durch Wunder und Zeichen bekräftigte Vernunft und Vernunft räsonierender Glaube geworden. Die ganze geoffenbarte Religion ist nichts als eine erneuerte Sanktion der Religion der Vernunft. Geheimnisse gibt es entweder darin gar nicht, oder wenn es welche gibt, so ist es doch gleichviel, ob der Christ diesen oder jenen oder gar keinen Begriff damit verbindet. Wie leicht waren jene Theologaster zu widerlegen, die außer einigen mißverstandenen Schriftstellen nichts auf ihrer Seite hatten und durch Verdammung der Vernunft die beleidigte Vernunft im Harnisch erhielten! Sie brachten alles gegen sich auf, was Vernunft haben wollte und hatte. Wie kitzlig hingegen ist es, mit diesen anzubinden, welche die Vernunft erheben und einschläfern, indem sie die Widersacher der Offenbarung als Widersacher des gesunden Menschenverstandes verschreien! Sie bestechen all es, was Vernunft haben will und nicht hat.« Und so weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr interessant ist in dieser Beziehung auch noch eine Anmerkung, die Nicolai zu Lessings früher schon erwähnter Predigt über zwei Texte macht. Der Berliner Aufklärer schreibt: »Lessing war nicht allein sehr dafür, jedem in theologischen Sachen seine, subjektive Überzeugung zu lassen, sondern – man mag es mir nun. glauben oder nicht – er wollte auch nicht, daß in der Dogmatik Änderungen gemacht würden, ob er gleich dabei den Weg zur freiesten Untersuchung offengehalten wissen wollte. Daß dies Lessings Meinung war, kann ich mit völliger Sicherheit behaupten, da ich und Moses so oft mit ihm über diesen Gegenstand disputiert haben, besonders im Jahre 1776 oder 1777, da wir ihm ernsthaft die Herausgabe der bekannten Fragmente widerrieten. Vielleicht werde ich bei einer anderen Gelegenheit Veranlassung haben auseinanderzusetzen, von welchem Gesichtspunkt er bei seiner Idee über Dogmatik und Orthodoxie eigentlich ausging und wie er von derselben erst in den letzten Jahren seines Lebens zu der Idee, daß &#039;&#039;Offenbarung&#039;&#039; für das menschliche Geschlecht nur &#039;&#039;Erziehung&#039;&#039; sei, ganz natürlich überging. Hier will ich nur so viel sagen, daß Lessings Meinung war, bei Untersuchungen die Dogmatik ganz beiseite zu legen – gleichviel, meinte er, ob sie unwidersprechlich richtig oder gar nicht da wäre – und von ganz anderen Gesichtspunkten auszugehen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 17, 266.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unseres Wissens ist Nicolai nicht dazu gekommen, diese Gesichtspunkte an anderer Stelle zu entwickeln; aus seinen vorstehenden Äußerungen geht aber schon mit hinreichender Deutlichkeit hervor, daß Lessing im Gegensatze zu den Berliner Aufklärern, die am Dogma mit allerlei »vernünftigen« Abstrichen herumflickten und für ihr Stümperwerk mit noch fanatischerer Unduldsamkeit dieselbe Unfehlbarkeit beanspruchten, die nur je für das geschlossene System der alten Orthodoxie beansprucht worden war, das Dogma unangefochten lassen, die Religion als Privatsache betrachten, dagegen der wissenschaftlichen Forschung den freiesten Lauf lassen wollte. Wie er dann durch diese Forschung, namentlich an der Hand des Werkes von Reimarus, »ganz natürlich« dazu kam, in der Offenbarung die Erziehung, das heißt in den historischen Religionen die aufsteigenden Entwicklungsreihen des menschheitlichen Geistes zu erkennen, das haben wir in unseren bisherigen Darlegungen klarzustellen gesucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fragen wir nun aber, wodurch denn den heutigen Nicolaiten ermöglicht worden sei, den geistigen Standpunkt Lessings in seinen letzten Kämpfen gar so sehr zu verrücken und den Anschein hervorzurufen, als ob diese Kämpfe ihren Schwerpunkt in einem dogmatischen Streite mit der Orthodoxie gehabt hätten, so lautet die Antwort einfach: durch die »Faulheit und Feigheit« ihrer geistigen Väter. Denn die drückten sich um den Schlag herum, den Lessing gegen sie zielte; höchstens Herr Semler, der »Schubiak«, die »impertinente Professorgans«, wie Lessing ihn mit berechtigter Erbitterung nannte, erklärte den Herausgeber der Fragmente aus anonymem Hinterhalte für Bedlam reif, oder die Berliner »Allgemeine Bibliothek« kam nach langem Zögern wie eine »armselige Blindschleiche dahergerutscht«. Dagegen zerstieß sich ein ehrlicher Orthodoxer an Lessings ehernem Schilde den Kopf, und auf das Konto dieses armen Schelms hin wird der Lessing des Fragmentenstreites als freisinniger Kulturpauker des heutigen Schlages gefeiert. Die bürgerlichen Klassen verstehen heute noch nicht einmal, was ihr getreuester Eckardt vor mehr als hundert Jahren wollte, und deshalb haben sie es auch so herrlich weit gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Erwartung nämlich, die Orthodoxie werde sich in seinen Handel mit den neumodischen Theologen nicht mischen, erfüllte sich nicht. Noch im Mai 1777 hatte er an seinen Bruder geschrieben: »Mit der gehörigen Vorsicht kann man ihrentwegen (der Orthodoxen wegen) schreiben, was man will. Nicht das, was man ihnen nimmt, sondern das, was man an dessen Stelle setzen will, bringt sie auf, und das mit Recht.« Allein während sich die angegriffenen Aufklärer um die Fragmente herumdrückten, machte die Orthodoxie sofort gegen sie mobil. Und gar so sehr konnte man ihr das nicht verargen. Was der Herausgeber der Fragmente ihr ließ, konnte sie nicht über das trösten, was die Fragmente ihr nahmen. Mit der Auferstehung Jesu, die Reimarus zu einem plumpen Taschenspielerstreiche der Jünger herabkritisierte, stand und fiel das orthodoxe Dogma, und seine Bekenner rotteten sich gegen den Tempelschänder zusammen. Es stellte sich heraus, daß Lessing, angeekelt von dem »faulen und feigen« Aufkläricht, in psychologisch leicht erklärlicher Rückwirkung der Orthodoxie eine größere Duldsamkeit und namentlich auch eine größere Klugheit zugetraut hatte, als sie besaß und nach ihren damaligen historischen Existenzbedingungen am Ende auch zu besitzen brauchte. Sie war in einem unaufhaltsamen Niedergange begriffen; die großen Kirchenlichter waren längst erloschen, und die kleinen Geister, die sich als Luthers Nachfahren gebärdeten, klammerten sich um so verzweifelter an die Buchstaben der Bibel, je heftiger der Boden unter ihren Füßen schwankte. Lessings geschichtsphilosophische Gesichtspunkte zu fassen, lag ganz außerhalb ihrer Fähigkeit; sie konnten sich nicht einmal zu dem diplomatischen Gedanken aufschwingen, daß es am Ende ratsam sei, einen Fittich preiszugeben, um den Rumpf noch eine Weile zu retten. So stürzten sie sich in mehr oder minder wilder Wut über den Fragmentisten und seinen Herausgeber her, und von ihrem besonderen Standpunkt aus auch gewiß mit vollem Recht. Aber Lessing war nicht minder in seinem Rechte, wenn er den auf ihn eindringenden Angriff abwehrte und dabei immer so in den Waldhineinrief, wie er aus dem Walde angerufen worden war. Ganz nach der Tonleiter, die er in den Antiquarischen Briefen für den Kunstrichter aufgestellt hatte: gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stümper; höhnisch gegen den Prahler und so bitter als möglich gegen den Kabalenmacher.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Anfänger in der Tat war der Direktor Schumann in Hannover, der die von dem Fragmentisten behauptete »Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf gegründete Art glauben könnten«, durch die in Jesu erfüllten Weissagungen und durch die von Jesu vollbrachten Wunder gleichwohl als möglich nachgewiesen haben wollte. Gelinde genug wies ihm Lessing in seiner haarscharfen Dialektik nach, daß, auch wenn die Nachrichten von jenen Wundern und Weissagungen ebenso zuverlässig seien, als nur immer historische Wahrheiten sein könnten, dennoch zufällige Geschichtswahrheiten nie der Beweis von notwendigen Vernunftwahrheiten werden können, und schmeichelnd genüg wollte er sich mit dem beschränkten, aber anständigen Manne in der christlichen Liebe über die christlichen Glaubenslehren einigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Stümper war der Superintendent Reß in Wolfenbüttel, der die zehn von dem Fragmentisten in der Auferstehungsgeschichte der Evangelien aufgedeckten Widersprüche halb durch kindische Auslegung und halb durch verlogene Verdrehung der betreffenden Textstellen beseitigen wollte. Auch ihm trat Lessing im Anfange seiner Duplik gelinde genug entgegen; hier sprach er das schöne und tiefe, zugleich das Ergebnis wie das Wesen seiner einsamen Geisteskämpfe beleuchtende Wort: »Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. – Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle! ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!« Aber je tiefer dann Lessing in die traurige Salbaderei seines »Nachbarn« eindrang, je mehr er abtat von dessen »eklen Mißgeburten, deren man freilich den langen Tag über nicht so viele ersäufen kann, als er die folgende Nacht wieder auszubrüten imstande ist«, um so mehr verfiel er in einen Ton, der allerdings »abschreckend und positiv« genug war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Prahler aber und Kabalenmacher waren die hamburgischen Orthodoxen, leider auch der Hauptpastor Goeze, der bei alledem ein besseres Los verdient hätte, als im Bernstein von Lessings Polemik ein unsterbliches Insektendasein zu führen. Lessing hatte in Hamburg gute Freundschaft mit ihm gehalten und ihn gelegentlich vor dem Fragmentenstreite seinen »ehrlichen Goeze« genannt. Und ohne Zweifel war Goeze ein ehrlicher Kerl, ein ungleich besserer Mann als die Lange und die Klotz und auch die Nicolai; um seine orthodoxe Überzeugung war es ihm heiliger Ernst, für sie stand er immer auf dem Plane mit gar nicht ungeschicktem Schwerte, ihr wußte er auch, wenn es not tat, Opfer zu bringen. Ein bißchen sehr arg hat ihm Lessing mitgespielt, das ist gar keine Frage; Lessing selbst sagt wohl, daß er ihm »Evolutiones« mache, daß er seine Waffen nach seinem Gegner richten müsse und daß er nicht alles, was er streitend schreibe, lehrend schreiben würde. Heute jedes Wort Lessings gegen Goeze als richtig zu wiederholen, würde größtes Unrecht gegen Goeze sein, wenn es nicht ein noch größeres Unrecht gegen Lessing wäre. Lessing will verstanden, nicht nachgebetet sein, aber wenn Lessing als Nachwelt dem guten Goeze zweifellos manche Unbill abbitten würde, so mußte Lessing als Mitwelt trotzdem genauso gegen Goeze handeln, wie er gehandelt hat. Das ist der Punkt, den manche neueren Lessing-Forscher als Retter Goezes ebenso übersehen, wie beispielsweise Stahr übersehen hat, daß Lessings Flugschriften gegen Goeze doch nicht das wahre Bild dieses Mannes widerspiegeln. Der entscheidende Gesichtspunkt ist, daß Goeze, wie man um seiner selbst willen mit aufrichtigem Bedauern sagen mag, als Prahler und Kabalenmacher gegen Lessing aufgetreten ist; er hat ihn auf sein Todesstündlein verwiesen, er hat mit sanftem Anwinken den Arm der weltlichen Obrigkeit auf ihn herabgerufen, er hat ihn wie einen ungezogenen Schulbuben wegen seines persönlichen Glaubens katechisiert, und alles das hatte mit der wissenschaftlichen Kritik der Evangelien durch den Fragmentisten, geschweige denn mit Lessings Gegensätzen auch nicht das geringste zu tun. Es war pfäffische Kabale, Prahlerei, Verfolgungssucht, und wenn es Goezes von ihm keineswegs verleugneter Anhang in Hamburg noch ärger trieb als er selbst, so entlastet ihn das jedenfalls nicht, selbst wenn man seinen heutigen Fürsprechern zugeben möchte, daß es ihn nicht noch mehr belastet. Lessing durfte sich das einfach nicht bieten lassen, was Goeze ihm bot, und zu seinen Vorzügen, wenn es denn wirklich ein Vorzug sein soll, hat ein Übermaß von Geduld gegen heimtückische Angriffe auch nie gehört. Gegen den Prahler und Kabalenmacher wurde er »höhnisch«, wurde er »so bitter als möglich«, und zugegeben, daß er zu höhnisch, zu bitter wurde, so hat er auf diesen Vorwurf schon die erschöpfende Antwort erteilt mit den Worten: »Gegen einen solchen Mann wäre es möglich, die geringste Achtung beizubehalten? Einem Dritten vielleicht! Aber nicht dem, nach dessen Kopfe diese Steine zielen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Winke an die weltliche Obrigkeit hatten denn auch den gewünschten Erfolg; das braunschweigische Konsistorium fiel mit Beschlagnahmen und Verboten in den kräftigen Arm, der die Gegner in hellen Haufen vor sich her trieb. Lessing ließ sich dadurch zwar nicht beirren, in der »ausländischen« Presse zu sagen, was er noch zu sagen hatte, aber da er nun einmal von einer Arbeit feiern sollte, die »er mit derjenigen frommen Verschlagenheit ohne Zweifel nicht betrieben hatte, mit der sie allein glücklich zu betreiben ist«, so hatte er in einer schlaflosen Nacht einen »närrischen Einfall«; er möchte versuchen, ob man ihn »auf seiner alten Kanzel, auf dem Theater, wenigstens noch ungestört will predigen lassen«. Einen Sohn seines eintretenden Alters, den die Polemik [hat] entbinden helfen, so nennt er Nathan den Weisen, und von den Versen dieses dramatischen Gedichts sagt er, daß sie viel schlechter sein würden, wenn sie viel besser wären. Bei dieser Kritik des großen Kritikers hätte es bleiben sollen. Lessingisch durch und durch, ein bleibendes Besitztum unserer Literatur, ein kostbares Gefäß, in das die letzte, prächtig verströmende Kraft eines Heldengeistes floß, trägt Nathan doch die Spuren des Alters wie der Polemik. Es ist leider nicht ganz unwahr, wenn Jakob Grimm ihn zur Emilia steckt, wie den »Don Carlos« zum »Fiesko«. Nathan ist reich an schönen und tiefen Worten, die wir gar manches Mal freilich lieber in Lessings klassischer Prosa als in seinen holperigen Versen besitzen möchten, und einzelne Nebencharaktere wie der Derwisch, der Klosterbruder, der Patriarch, der immerhin nicht den orthodoxen Fanatiker Goeze, aber wohl den orthodoxen Fanatismus plastisch verkörpert, sind zu klassischen Gestalten geworden. Nicht zu vergessen des Herzbluts, mit dem Lessing die Szenen zwischen Nathan und Recha tränkte: es war eine der letzten Infamien der deutschen Philister an Lessing, daß sie ihm durch nichtswürdige Klatschereien den Schatten häuslichen Glücks zerstören wollten, den ihm die kindliche Liebe seiner Stieftochter Malchen schuf. Aber die gänzlich unhistorischen Voraussetzungen des Stückes und die fast ifflandische Gemütlichkeit, womit sich Jude, Sultan und Tempelherr über Toleranz unterhalten, haben dem Nathan das schlimmste Schicksal bereitet, das einem Werke von Lessing zustoßen kann; er ist zum Banner desselben breimäuligen und schwatzschweifigen Aufklärichts geworden, gegen den Lessing gerade sein gutes Schwert gezogen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin muß man sich hüten, den Wert dieses dramatischen Gedichts nach seiner heutigen Gefolgschaft abzuschätzen. Trotz alledem bleibt es der weihevolle Akkord, in dem Lessings größter Kampf ausklang. »Es wird nichts weniger als ein satirisches Stück, um den Kampfplatz mit Hohngelächter zu verlassen. Es wird ein so rührendes Stück, als ich nur immer gemacht habe«, schreibt Lessing seinem Bruder. Er will damit »dem Feinde auf einer anderen Seite in die Flanke fallen«, aber er sagt auch: »Mein Stück hat mit unsern jetzigen Schwarzröcken nichts zu tun ... Die Theologen aller geoffenbarten Religionen werden freilich innerlich darauf schimpfen, aber dawider sich öffentlich zu erklären, werden sie wohl bleibenlassen.« Lessing dichtete den Nathan unter den schwersten Bedrängnissen, in der eigenen Brust schon die Todeskrankheit, durch polizeiliche Verbote in seiner schriftstellerischen Tätigkeit gelähmt, gebrochen durch den Tod seiner geliebten Frau, von Sorgen um das tägliche Brot so geplagt, daß er über die Subskription auf sein Gedicht schrieb, vielleicht sei das Pferd schon verhungert, ehe der Hafer reif geworden. Und aus all diesem Elend rang sich sein hoher Geist zu der heiteren Naivität empor, die Goethe bereits an dem Nathan rühmte. Den Besten der Zeitgenossen tat das Werk genug, ja, es wirkte auf sie wie eine überwältigende Offenbarung. »Lange, lange«, so schrieb Elise Reimarus, »muß kein Trunk Wassers in einer dürren Sandwüste so verschluckt worden sein, so gelabt haben als dieser uns ... So ein Jude, so ein Sultan, so ein Tempelherr, so eine Recha, Sittah – was für Menschen! Wenn es deren viele von ordentlichen Eltern geboren gäbe, wer möchte nicht so lieb auf Erden als im Himmel leben, da, wie Sie ganz recht bemerken, der Mensch dem Menschen doch immer lieber bleibt als der Engel.« Und trotz aller Mängel, die von berühmten und unberühmten Kritikern dem Drama nachgesagt worden sind, wird seine kürzeste und treffendste Kritik bleiben, was Herder an Lessing schrieb: »Ich sage Ihnen kein Wort Lob über das Stück; das Werk lobt den Meister, und dies ist Manneswerk.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kein Mensch, auch der klügste nicht, kann über den Gedankenkreis seiner Zeit hinaus; was wir auf dem heutigen Standpunkt der wissenschaftlichen Erkenntnis wissen, daß sich nämlich in den historischen Religionen immer nur die ökonomischen Entwicklungskämpfe der Menschheit widerspiegeln, das konnte Lessing höchstens, wie ein Satz in seinen Freimaurergesprächen zeigt, ganz von fern ahnen. Vom bürgerlich-ideologischen Standpunkte aus sah Lessing in dem Hader der Religionen nicht die Wirkung, sondern die Ursache der sozialen Kämpfe; er meinte: »Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon itzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.« Nun, schon zwei Jahre nach seinem Tode wurde Nathan in Berlin aufgeführt, und was war es denn mehr? Deshalb benutzte Friedrichs aufgeklärter Despotismus die positiven Religionen nicht weniger als Machtmittel seiner Regierung; deshalb gediehen die jüdischen Wucherer Ephraim und Itzig nicht weniger zur »Freiheit von christlichen Bankiers«, während der jüdische Philosoph Moses nur eben eine rechtlose Duldung genoß und seine Tochter Recha nicht einmal hatte, wo sie nach seinem Tode ihr Haupt hinlegen durfte. Aber je weniger Lessing nach dem Erkenntnisvermögen seiner Zeit auf den tiefsten Grund der Dinge blicken konnte, um so bewundernswerter ist die geistige Klarheit, womit er praktisch den Standpunkt vertrat, über den die Besten unserer Zeit nicht hinausgekommen sind und auch gar nicht hinauskommen wollen, auf den die halben Aufklärer unserer Tage so wenig gelangen können wie ihre Vorfahren vor hundert Jahren: den Standpunkt, daß der religiöse Glaube die private Sache jedes einzelnen Menschen sei, um derentwillen er schlechterdings nicht behelligt werden dürfe, aber daß ebendeshalb auch alle Religion, die sich zum Kappzaum der wissenschaftlichen Forschung oder zur Waffe der sozialen Unterdrückung mache, rücksichtslos bekämpft werden müsse, sie sei welche sie wolle. Und wenn der Jüngling alle geoffenbarten Religionen gleich wahr und gleich falsch genannt hatte, so gab der alternde Mann in demselben Gedankengange der Parabel von den drei Ringen, die schon seit den Tagen der Kreuzzüge durch die Weltliteratur lief, die bezeichnende Wendung: &#039;&#039;Kein&#039;&#039; Ring ist der echte, der echte Ring vermutlich ging verloren, aber wer seinen Ring den echten glaubt, der eifre, die Kraft des Steins in seinem Ring mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun an den Tag zu legen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts törichter daher, als im Nathan eine Verunglimpfung des Christentums oder gar eine Verherrlichung des Judentums zu suchen. Es ist ein schnöder Verrat an Lessing, wenn der philosemitische Kapitalismus sich unter dem Banner des Nathan zu scharen versucht. Lessing nahm den Juden einfach aus der Novelle des Boccaccio, die ihm die Parabel von den drei Ringen lieferte. Er hat. wie jede soziale Unterdrückung, so die soziale Unterdrückung der Juden bekämpft, aber die heutzutage der Menschheit von der »Freisinnigen Zeitung« auferlegte Verpflichtung, in jedem jüdischen Börsenjobber lieber gleich einen Erzengel Gabriel zu verehren, hat seine freie Seele noch nicht geahnt. Er kannte neben den Licht- auch die Schattenseiten des jüdischen Charakters sehr wohl, und über die jüdische Unduldsamkeit hat er genau mit derselben Verachtung gesprochen wie über die pfäffische. Aber mit dem politischen Takte eines rechten Kämpfers wußte er, daß man die Unterdrückten nicht striegeln darf, solange man die Unterdrücker bekämpfen muß. So sparte er sich die Kritik des Judentums, die andere große Denker und Dichter unserer klassischen Literatur sich nicht sparen zu sollen glaubten. Dafür prangen ihre Namen denn nun auch in der Leporelloliste des Antisemitismus, während es Lessings bleibender Ruhm ist, daß sich weder die Antisemiten noch die Philosemiten mit irgendwelchem Recht auf ihn berufen dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die tiefe Logik, die in der letzten Wendung von Lessings Leben lag, macht sich auch darin geltend, daß er die dauernden Lorbeeren des Fragmentenstreits da ernten sollte, wo er in richtigem Instinkte den Kampf aufgenommen hatte, wo er den Kant und Fichte und Hegel wirklich die Bahn brach. Er selbst spricht von seinen Streitschriften gegen die Orthodoxie, so klassische Meisterwerke der Polemik sie in ihrer Art waren, als von »Katzbalgereien« und »Schnurren«. Dagegen nannte er in einem Briefe an seinen Bruder seine »Neue Hypothese über die Evangelisten, als bloß menschliche Geschichtsschreiber betrachtet«, mit einem bei ihm einzig dastehenden Selbstlobe das Gründlichste und Sinnreichste, was er geschrieben zu haben glaube, und ein in dieser Frage so berufener Urteiler wie David Strauß bestätigt, daß dies »Schriftchen von zwei Bogen die fruchtbaren Keime aller späteren Forschungen über den Gegenstand enthalte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Strauß, Leben Jesu, 1, 102.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing legte den festen Boden der Evangelienkritik, indem er zwischen den drei synoptischen Evangelien und dem Evangelium Johannis unterschied und sowohl über die Entstehung und die gegenseitigen Beziehungen der nach Matthäus, Markus, Lukas benannten Evangelien eine Reihe scharfsinniger Bemerkungen machte als auch in bündiger Weise darlegte, daß erst mit dem vierten Evangelium das Christentum aus einer bloßen jüdischen Sekte in den Rang einer Weltreligion übergetreten sei. Wir sahen schon, daß Lessing die Gelehrsamkeit und Gründlichkeit des Fragmentisten sehr hoch schätzte, aber nicht etwa taktisch, sondern prinzipiell diesem Meister »mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd« gegenüberstand. So treffend der Fragmentist die einzelnen Widersprüche in der von den Evangelien berichteten Auferstehungsgeschichte aufgedeckt hatte, so weit schoß er daneben, wenn er meinte, daß sich die Jünger, die in Jesu bis dahin einen weltlichen Messias gesehen hätten, nach seinem wider ihr Erwarten erfolgten Tode aus Not und in einer Art frommen Betrugs ein neues Religionssystem zurechtgezimmert hätten. Einer so oberflächlich-rationalistischen Auffassung war Lessing seinerseits unfähig; er sah in den positiven Religionen ein naturgemäßes Erzeugnis und eine unentbehrliche Bedingung der menschlichen Geistesentwicklung, und Zeller sagt mit Recht, daß er schon den Grundgedanken von Hegels Religionsphilosophie vertreten habe. Wenn Hegel die Aufklärung eine bewußte Lüge nennt, insoweit sie von »Pfaffenbetrug« und »Volkstäuschung« rede, so hat Lessing freilich so grob und so ungerecht nicht über den Fragmentisten geurteilt, der es in seiner Weise durchaus ehrlich meinte, aber es sind lessingische Gedanken, wenn Hegel ausführt, daß »den Glauben die historischen Zeugnisse – das Wissen gemeiner wirklicher Geschichten nichts angehe«, daß es »dem Glauben nicht einfalle, an solche Geschichten, an solche Zufälligkeiten und Zeugnisse seine Gewißheit zu knüpfen«. Genau dies war der Standpunkt, den Lessing sowohl gegenüber der Aufklärung, der wirklichen eines Reimarus und der scheinbaren eines Nicolai, als auch gegenüber der Orthodoxie vertrat, und von diesem Standpunkte aus konnte er mit voller Wahrheit sagen, was ihm neuere Lessing-Forscher gern als Humbug aufmutzen möchten, daß er es mit der christlichen Religion besser meine als Goeze und Kompanie.&amp;lt;ref&amp;gt;Hegel, Phänomenologie des Geistes, 418 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am ausführlichsten hat Lessing seinen religionsphilosophischen Standpunkt in der Erziehung des Menschengeschlechtes entwickelt, und, wie wir schon sahen, gleichfalls im Gegensatze zu Reimarus. Die geoffenbarten Religionen sind ein Erziehungsmittel des Menschengeschlechts gewesen; dieser Nachweis wird an der jüdischen und der christlichen Religion geführt. Man darf den meisterhaft geschriebenen Aufsatz natürlich nicht vom Standpunkt der heutigen Wissenschaft aus kritisieren, und man darf noch viel weniger seinen Schwerpunkt in der am Schlusse auftauchenden Hypothese der Seelenwanderung suchen. Dieser Schwerpunkt liegt vielmehr in dem Versuche, gerade aus der historischen Berechtigung der geoffenbarten Religionen die Notwendigkeit ihres historischen Verfalls zu erweisen. »Warum wollen wir«, so fragt Lessing, »in allen positiven Religionen nicht lieber weiter nichts als den Gang erblicken, nach welchem sich der menschliche Verstand jedenorts einzig und allein entwickeln können und noch ferner entwickeln soll, als über eine derselben entweder lächeln oder zürnen? Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unseren Irrtümern nicht?« Aber »die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten in Vernunftwahrheiten ist schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen Geschlechte damit geholfen sein soll ... Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über diese Dinge jemals Unheil gestiftet und der menschlichen Gesellschaft nachteilig geworden ... Nicht den Spekulationen – dem Unsinne, der Tyrannei, diesen Spekulationen zu steuern, Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht ihre eigenen zu gönnen, ist dieser Vorwurf zu machen.« Vor allem an der Unsterblichkeitsfrage verfolgte Lessing die Ausbildung der geoffenbarten Wahrheiten in Vernunftwahrheiten. Die jüdische Religion wußte nichts von der Unsterblichkeit der Seele, weil das rohe und im Denken ungeübte Volk der Juden nur durch unmittelbare, sinnliche Belohnungen und Strafen erzogen werden konnte. Die christliche Religion lehrte entwickelte Völker, sich von edleren Beweggründen leiten zu lassen; sie erzog zur inneren Reinigkeit des Herzens durch den Hinblick auf ein anderes wahres, nach diesem Leben zu gewärtigendes Leben. Aber nun kommt die Zeit der Vollendung, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums, »da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer besseren Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zu erborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß heften und stärken sollten, die inneren besseren Belohnungen desselben zu erkennen«. Wie der Grundgedanke von Hegels Religionsphilosophie, so ist hier auch schon der Grundgedanke der Kantischen Sittenlehre vertreten, und wenn diese tief durchdachte Arbeit gleichwohl mit der phantastischen Perspektive der Seelenwanderung endet, so spiegelte sich darin nur das deutsche Elend wider. Ein so weltfreudiger Mensch wie Lessing wollte schlechterdings nichts von einem zukünftigen Leben wissen; in einem seiner hinterlassenen Fragmente heißt es: »Über die Bekümmerungen um ein künftiges Leben verlieren Toren das gegenwärtige. Warum kann man ein künftiges Leben nicht ebenso ruhig abwarten als einen künftigen Tag? Dieser Grund gegen die Astrologie ist ein Grund gegen alle geoffenbarte Religion. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Kunst gäbe, das Zukünftige zu wissen, so sollten wir diese Kunst lieber nicht lernen. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Religion gäbe, die uns von jenem Leben ganz ungezweifelt unterrichtet, so sollten wir lieber dieser Religion kein Gehör geben.« Aber die notwendige Voraussetzung dieser Weltfreudigkeit war, daß »der Mensch einer immer besseren Zukunft sich überzeugt fühlet«, und dieser Überzeugung konnte in dem gesegneten Deutschland nur leben, wer mit Lessing hoffend fragte: »Was habe ich denn zu versäumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessings Philosophie, um überhaupt davon zu reden, war ebensowenig systematisch wie seine Theologie. Die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands verschloß ihm das Verständnis des Materialismus, und er war eine viel zu energische, rasche, auf den vollen Genuß des Lebens gerichtete Natur, um mit Behagen an den Spinneweben der idealistischen Philosophie zu spinnen. Sein philosophischer Lebenslauf ging von Leibniz zu Spinoza. Vor- oder rückwärts, wie man will. Denn Leibniz, der eine große spekulative Begabung mit der seltsamsten Anpassungsfähigkeit an den deutschen Duodezdespotismus verband, war »im Herzen selbst ein Spinozist«, wie Lessing treffend sagte; mit seiner Monadenlehre und prästabilierten Harmonie hatte er nur seinen Spinozismus vor den lauernden Augen der Orthodoxie notdürftig verkleidet. Durch diese Schale wieder auf den Kern zu dringen, durch die täuschenden Verhüllungen auf die spinozistischen Grundgedanken: Einheit alles Seienden, Gesetzmäßigkeit alles Geschehens, Wesenseinheit von Geist und Natur zurückzugehen, war Lessings philosophische Entwicklung, die sich aus seinen philosophischen Gedankenspänen, so unsystematisch sie sein mögen, vollkommen sicher nachweisen ließe, wenn auch nicht Jacobis durchaus glaubwürdiger Bericht über Lessings mündliches Bekenntnis zum Spinozismus vorläge. Lessing gelangte bis an die Grenze, die den Idealismus von dem Materialismus trennt; darüber hinauszugehen gestattete ihm im letzten Grunde die Verkommenheit der deutschen Zustände nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie auch trieb ihn in die Höhe jenes hellen, aber etwas luftigen Humanismus, der seine Freimaurergespräche: Ernst und Falk, beseelt. Es ist natürlich dummes Zeug, wenn Stahr aus diesen wiederum meisterhaft geschriebenen Dialogen eine unwiderlegliche Zurückweisung des Sozialismus heraus-, dagegen eine Verherrlichung der Anarchie, die nach Stahr zu unserer Zeit Proudhon und – Karl Vogt am glorreichsten vertreten haben, hineinlesen will. Zu solchem sinnlosen Durcheinanderwürfeln von Begriffen und Namen muß die ideologische Geschichtsschreibung ihrer inneren Natur nach immer gelangen; vom Standpunkt der wissenschaftlichen Geschichtsforschung aus läßt sich nur sagen, daß Lessings Freimaurergespräche unter herber Kritik des Zerrbildes, zu dem sich der humanistische Gedanke in dem Freimaurerorden entwickelt hat, ein ideales, von allem konfessionellen, nationalen, sozialen Unterschiede absehendes, den Menschen im Menschen liebendes Freimaurertum als das edelste und erstrebenswerteste Ziel der menschlichen Entwicklung hinstellen. Lessing schlägt hier zuerst den Flug ein, den die großen Denker und Dichter des deutschen Bürgertums aus dem hoffnungslosen Wirrsal des deutschen Elends in die Ätherhöhen der Idee genommen haben, weil sie ihn nehmen mußten, weil nur so noch eine Aussicht auf die Emanzipation der bürgerlichen Klassen gerettet werden konnte. Aus dieser Höhe hat dann Lessing noch mehr vielleicht als die anderen ihm ebenbürtigen Ritter vom Geiste manch weiten Blick in die Zukunft getan, so wenn Falk den, wie Ernst sagt, »gewaltigen Schritt« tut, zu folgern, daß die Staaten »ein ganz verschiedenes Klima, folglich ganz verschiedene Bedürfnisse und Befriedigungen, folglich ganz verschiedene Gewohnheiten und Sitten, folglich ganz verschiedene Sittenlehren, folglich ganz verschiedene Religionen« haben. Daraus könnte man mit viel größerem Rechte ein Bekenntnis zur materialistischen Geschichtsauffassung machen, als wenn Stahr »seinen« Lessing die Notwendigkeit der Klassenunterschiede »unwiderleglich« beweisen lassen will, weil Lessing für die Zustände seiner Zeit die verheerenden Folgen dieser Unterschiede nicht anders als durch eine ideale Freimaurerei zu beseitigen wußte. Aber man darf der ideologischen Geschichtsschreibung keine Zugeständnisse machen, und wenn Lessing in jenem merkwürdigen Satze die Verschiedenheit der Religionen auf die Verschiedenheit der ökonomischen Zustände zurückzuführen scheint, so lag darin noch nicht der bewußte Anfang einer neuen Weltanschauung, sondern einer jener genialen Gedankenblitze vor, wie sie bei den vorgeschrittensten Persönlichkeiten jedes historischen Zeitalters wiederzukehren pflegen und – namentlich was den Einfluß des Klimas auf die geistige Entwicklung der Völker anbetrifft – schon von Montesquieu und Winckelmann in die Welt geworfen worden waren.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Stahr behauptet auch, daß Lessing die Freimaurergespräche »seinem Fürsten« gewidmet habe, und Herr Christian Groß ist vollends so »unklar, ja im tiefsten Grunde unwahr«, aus dem »Fürsten« Stahrs gar noch Lessings »hohen Gönner und Landesherrn« zu machen. Darunter geht es nun einmal nicht bei den modernen Byzantinern, und wenn es sich auch nur um ein längst vermodertes Despötlein handelt. Der Ursprung des albernen Klatsches ist wohl bei K. G. Lessing und den Berliner Aufklärern zu suchen, die gleich nach dem Erscheinen der Freimaurergespräche von einer angeblichen Kriecherei Lessings zischelten, weil »Ernst und Falk« dem »Herzog Ferdinand« gewidmet war, von dem Lessing in ein paar verbindlichen Zeilen die »Erlaubnis erwartete, noch tiefer zu schöpfen«. Das ganze Gemunkel läuft auf eine Personenverwechslung hinaus. Der »Herzog Ferdinand« war nämlich eine ganz andere Persönlichkeit als der Erbprinz und spätere Herzog Karl Wilhelm Ferdinand. Herzog Ferdinand war ein Oheim des Erbprinzen, ein apanagierter, politisch gänzlich einflußloser Welfenprinz, daneben aber auch ein berühmter Feldherr des Siebenjährigen Krieges, der nach dem Hubertusburger Frieden teils aus Ekel vor dem Garnisondienst, teils aus Abscheu über die friderizianische Regie aus preußischen Diensten geschieden war und später den ihm von der englischen Regierung in dem Kriege gegen die amerikanischen Kolonien angebotenen Oberbefehl ablehnte, also einer jener freimütigen und wackeren Soldaten, für die Lessing immer etwas übrig hatte. Es entsprach durchaus nur seiner eigenen, freimütig-wackeren Denkungsart, wenn er, selbst Freimaurer, seine Freimaurergespräche gerade dem Herzoge Ferdinand als dem Großmeister der norddeutschen Logen widmete, denn seine Widmung nahm seiner Kritik der Freimaurerei jeden Schein der Gehässigkeit, während seine Kritik wieder seiner Widmung jeden Schein der Schmeichelei nahm.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9262</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9262"/>
		<updated>2026-03-01T08:14:57Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus ==&lt;br /&gt;
Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d&#039;Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die &#039;&#039;Junker&#039;&#039; nach Kräften hinderte, aber die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der &#039;&#039;Junker&#039;&#039; die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.&amp;lt;ref&amp;gt;Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.&amp;lt;ref&amp;gt;Œuvres, 9, 186.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben &#039;&#039;kein&#039;&#039; »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Einzelheiten entstammen archivalischen Quellen. Siehe Walter Schultze, Geschichte der preußischen Regieverwaltung, 40 ff. In der »Neuen Zeit«, 10, 2, 769 ff., ist näher dargelegt, wie es Herrn Schultze dennoch gelingt nachzuweisen, daß der »Sozialismus«, den Friedrich bei Einrichtung der Regie bewährte, »tiefer, idealischer, heroischer« sei als der proletarische Sozialismus von heute.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen die ganze fürchterliche Plackerei der Regie, die Friedrich mit Stolz »mein Werk« zu nennen pflegte, machte die preußische Bürokratie nun aber noch einen pflicht- und sachgemäßen Vorstoß. Die ungeheuerliche Mehrbelastung des Massenverzehrs verursachte in dem dünn bevölkerten Lande, in dem die Arbeitskräfte sehr gesucht waren, eine Steigerung des Arbeitslohnes. Darüber erhoben die Kapitalisten das unvermeidliche Lamento, und der König forderte von dem Generaldirektorium amtliche Auskunft über die Gründe der »noch immer fortdauernden Klagen derer Fabricanten und Kaufleute«. In einer »Pflichtmäßigen Anzeige« wies darauf diese Behörde die »Behinderungen im Commercio in denen Königlichen Landen« nach; in der ruhigsten und sachlichsten Weise entwickelte sie die Schädlichkeit der Regie, hob sie die »verschiedenen im Lande eingeführten Monopolia, insonderheit den allergrößten Bedruck aus der General-Tabaks-Verpachtung«, als »dem allgemeinen Commercio höchst schädlich« hervor, erklärte sie die Steigerung des Arbeitslohns aus der höheren Belastung der Getränke, des Fleisches usw. Kaum aber hatte der König diese Eingabe am 2. Oktober 1766 erhalten, als er eigenhändig auf ihrem Rande verfügte: »Ich erstaune über der impertinenten Relation so sie mir schicken, ich entschuldige die Ministres mit ihre Ignorence, aber die Malice und die corruption des Concipienten muß exemplarich bestraffet werden sonsten bringe ich die Canaillen niemahls in der Subordination.« Am nächsten Tage erfolgte dann auch schon die Kabinettsorder, worin Se. K. M. dero General-Directorio bekanntmachen, »wie allerhöchst Dieselbe den Geheimen Finanzrath Ursinus cassiret und nach Spandau zur Festung bringen lassen«, und worin allen denjenigen, die sich auf den Wegen des Ursinus betreten lassen, angedroht wird, daß »Se. K. M. selbige, es mögen Räthe oder Ministres sein, ohne alle Umstände arretiren und auf Zeit Lebens werden zur Festung bringen lassen«. Mit dieser Gewalttat war der preußischen Bürokratie für Friedrichs Regierungszeit das Rückgrat gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die beiden großen Eingriffe des Königs in die Finanz- und Militärverfassung des Staats etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie am klarsten zeigen, was es mit dem aufgeklärten Despotismus dieses Fürsten auf sich hat, als auch weil sich an ihnen das Wesen der großen Männer studieren läßt, die regelmäßig das größte Unheil anrichten, wenn sie anfangen, die »Geschichte zu machen«. Wir haben aber schon gesehen, daß Friedrich im allgemeinen viel vernünftiger war als seine Bewunderer und daß er sich gar wohl in die ökonomischen Lebensbedingungen zu finden wußte, die ihm gegeben waren. Diesen Bedingungen entsprach es durchaus, daß er in seiner Wirtschaftspolitik einem platten Merkantilismus huldigte. Die merkantilistische Theorie war das ideologische Wirtschaftssystem des fürstlichen Absolutismus, der sich aus dem Warenhandel und der Warenproduktion entwickelt hatte. Die ökonomischen Zustände, welche sie widerspiegelte, ergaben ihre einseitige Betonung des Handels und der Verarbeitungsgewerbe, ihre Überschätzung der Bevölkerungsdichtigkeit und des baren Geldes als der Ware aller Waren und endlich ihre Forderung, daß die neuentstandene Staatsgewalt alles zu fördern habe, woraus und weswegen sie entstanden sei: also Handel und Gewerbe, die Vermehrung der Volkszahl und der Geldmasse. Aber der Hammer schlägt nicht nur den Amboß, sondern der Amboß schlägt auch den Hammer; die Praxis erzeugt immer erst die Theorie, aber die Theorie gestaltet dann auch die Praxis. Das Merkantilsystem wurde für den Absolutismus ein Hebel seiner dynastischen Interessen: Es ermöglichte ihm das Sophisma, wonach Geldbesitz und Reichtum einer Nation ein und dasselbe seien, und damit hatte er gewonnen Spiel für die fiskalische Ausbeutung des Volkes. Je mehr Geld die Fürsten für ihre Heere und Höfe ins Land ziehen und im Lande behalten konnten, um so reicher wurde das Volk, und auch die sinnloseste Verschwendung war unbedenklich, »wenn das Geld nur im Lande blieb«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall wo der Warenhandel und die Warenproduktion sich naturwüchsig in bedeutendem Umfange entwickelt hatten, so beispielsweise in Frankreich, konnte das Merkantilsystem nicht so leicht entarten, weil die Praxis unausgesetzt die Theorie im Zaume hielt; Colbert, der bedeutendste Staatsmann des Merkantilismus, wußte gar wohl, daß es »im Staate nichts Köstlicheres als die Arbeit der Menschen« gäbe, und eine Glanzseite seiner Verwaltung war der Bau von Landstraßen, um den Verkehr zu fördern. In Deutschland dagegen hatte der Absolutismus mehr einen feudalen als einen kapitalistischen Ursprung, und so konnte oder mußte aus der ökonomischen Vernunft der merkantilistischen Theorie um so leichter eine absolutistische Unvernunft werden. Friedrich verfocht die »ebenso einleuchtende wie wahre« Ansicht: »Nimmt man alle Tage Geld aus einem Beutel und steckt nichts dagegen wieder hinein, so wird er bald leer werden«, was denn eben die platteste Auffassung des Merkantilismus war, und er ließ die Landstraßen verfallen, damit ausländische Reisende um so länger aufgehalten würden und um soviel mehr Geld im Lande verbrauchten. Noch weit bezeichnender als der Vergleich zwischen Colbert und Friedrich ist der Briefwechsel, den der König im Jahre 1765 mit der Kurfürstin-Regentin Maria Antonia von Sachsen wegen der gegenseitigen Handelssperre führte. Sachsen war unter den deutschen Teilstaaten der ökonomisch entwickeltste; die Leipziger Kaufleute verlangten schon den ganz freien Handel, und so schrieb die Kurfürstin an Friedrich: »Unser großes Prinzip ist die Freiheit des Handels und die Reziprozität der Vorteile.« Aber Friedrich weiß darauf nichts zu erwidern als einige sentimentale Phrasen über die schlimmen Seiten von Gold und Silber, die leider notwendige Übel geworden seien. Und solche Notwendigkeit lege die Pflicht auf, diese an sich gemeinen und verächtlichen Metalle zu suchen. Er blieb der Ansicht seines Launay, daß die Schädigung des Auslands der Vorteil des Vaterlandes sei, eine Ansicht, die freilich auch noch Voltaire vertreten hatte, aber die Mirabeau doch schon »monströs und eines Staatsmanns im elften Jahrhundert würdig« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade im brandenburgisch-preußischen Staat war der Merkantilismus nicht aus der ökonomischen Entwicklung erwachsen, sondern wurde die ökonomische Entwicklung nach den merkantilistischen Lehren zu leiten gesucht. Als der Merkantilismus im westlichen Europa längst in voller Blüte stand, gab die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm kurz vor seinem Tode die erste namhafte Gelegenheit, große Kapitalien ins Land zu ziehen. Nicht ein religiöser, sondern ein ökonomischer Beweggrund veranlaßte ihn, die vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten zu laden. Er hatte schon vorher einzelne kleine Versuche mit einer Seifen- und einer Zuckersiederei, mit einer Porzellanbäckerei gemacht, aber die ersten Fabriken und Manufakturen in größerem Umfange datieren erst aus der Zeit der französischen Einwanderung. Indessen auf diesem agrarisch-feudalen Boden mit seinen verkümmerten Kleinstädten blieben sie ein künstliches Gewächs, das im Treibhause der merkantilistischen Lehren mühsam gepflegt werden mußte. Es stimmte äußerlich vortrefflich mit diesen Lehren, daß der wachsende Militärstaat nach immer mehr Geld und Menschen schrie, aber dieser Militärstaat verschlang den Zuwachs an Geld und Menschen, den das Merkantilsystem für die Belebung von Handel und Industrie forderte, für seine Kanonen und seine Rekruten. Für Handel und Industrie blieb wenig oder nichts übrig, während gerade für sie, wenn sie in dem ungünstigen Boden der ostelbischen Landschaften gedeihen sollten, viel oder alles hätte aufgewandt werden sollen. Um aber die künstliche Pflanze dennoch am Leben zu erhalten, schenkte ihr der preußische Absolutismus seine liebevolle Sorgfalt in allerlei schönen Dingen, die ihn nichts kosteten: in Monopolen und Privilegien, in Aus- und Einfuhrverboten, in Lohn- und Preistaxen, in technischen Betriebsvorschriften, kurz, in jenem verworrenen Chaos eines entarteten und seinem ursprünglichen Sinne gänzlich entfremdeten Merkantilismus, das in Mirabeau einen so beredten Ankläger gefunden hat. Er kann es nicht bitter genug tadeln, daß der König im Jahre 1766 die Einfuhr von nicht weniger als 490 Artikeln einfach verbot oder im Jahre 1774 auf die Ausfuhr der Wolle Todesstrafe setzte, aber er übersah, daß dieser besondere Merkantilismus eben die ideologische Wirtschaftsform dieses besonderen Militärstaats war und sein mußte. Friedrichs ökonomische Einsichten und Kenntnisse hätten ungleich bedeutender sein können, als sie waren, und es wäre doch nicht anders gewesen. So viel sah der König schon ein, daß die feinere Gewebeindustrie der Höhepunkt der damaligen ökonomischen Entwicklung war – sie war für das achtzehnte Jahrhundert, was die Eisen- und Kohlenindustrie für das neunzehnte Jahrhundert ist –, und er handelte im eigentlichen Geiste des Merkantilsystems, wenn er gleich nach seinem Regierungsantritt im Generaldirektorium ein eigenes Kommerzien- und Manufakturdepartement einrichtete, dem er besonders anbefahl, eine neue Industrie der seidenen Zeuge, der französischen Gold- und Silberstoffe usw. einzuführen. Aber während Frankreich und England die größten Opfer für ihre Seidenindustrie brachten, hat Friedrich während seiner ganzen Regierung nur etwa zwei Millionen Taler auf dies verzärtelte Lieblingskind gewandt.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die preußische Seidenindustrie im achtzehnten Jahrhundert, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er gab ihm wenig zu essen und zu trinken; dafür hütete er um so ängstlicher seinen dünnen Lebensfaden, indem er es in fest geschlossenen Räumen auf Schritt und Tritt gängelte. Bei dieser ihm so ans Herz gewachsenen, schließlich aber doch abgestorbenen Industrie ist es klar, daß der König nicht mehr tat, weil er nicht mehr tun wollte, sondern weil er nicht mehr tun konnte. Die Mittel fehlten ihm mehr als die Einsicht. In dem feudalen Militärstaate Preußen mußte der Merkantilismus ebenso auf die mittelalterlichen Bann- und Zwangsrechte zurückschlagen, wie er sich in dem bürgerlichen Industrielande England zum Freihandel entwickeln mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde tut die friderizianische Legende dem Könige bitteres Unrecht, wenn sie an allen zehn Fingern die bei alledem unzähligen Millionen aufzählt, die er namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege in »landesväterlicher Fürsorge« für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt ausgegeben haben soll. Hätte der König wirklich die freie Verfügung über so bedeutende Mittel gehabt, wie er angeblich mit verschwenderischer Hand ausgestreut hat, so wäre seine Wirtschaftspolitik von dem Vorwurfe ungewöhnlicher Beschränktheit schwer freizusprechen. Tatsächlich hat er aber in den 23 Jahren von 1763 bis 1786 nach der Berechnung des Ministers v. Hertzberg, des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, nicht mehr als 24 399 838 Taler für jenen Zweck ausgegeben. Wir sagen: des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, denn wenngleich Hertzberg der bedeutendste und erfahrenste Minister in Friedrichs Spätzeit war, so gehörte es doch zu den unverbrüchlichen Grundsätzen des ersten Dieners des Staats, daß kein Minister eine volle Einsicht in die Lage des Staatshaushaltes gewinnen durfte. Alle Überschüsse der jährlichen Staatseinkünfte über die etatsmäßigen Ausgaben sowie gewisse Regalien und Steuern flossen in die sogenannte Dispositionskasse, die der König allein mit einigen untergeordneten Werkzeugen verwaltete. Eine ziffernmäßig genaue Übersicht der friderizianischen Finanzwirtschaft ist dadurch sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht; allein die Frage, auf die es uns hier allein ankommt, die Frage nach den Aufwendungen dieses aufgeklärten Despoten für das, was seine Bewunderer seine »sozialistische Staatshilfe« nennen, läßt sich wenigstens für die Zeit nach Einführung der Regie, also für die letzten zwanzig Jahre Friedrichs, wenn nicht mit absoluter, so doch mit relativer Sicherheit beantworten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er selbst gibt die jährlichen Staatseinkünfte für diese Zeit auf 21 700 000 Taler an. Sie werden von keiner Seite höher, von den meisten sonst sachkundigen Urteilern wie Boyen, Krug und Riedel usw. erheblich niedriger geschätzt. Jedenfalls sind sie erst in den letzten Jahren des Königs so hoch gestiegen, der starken Akziseausfälle in den Hungerjahren 1770 und 1771, in dem Kriegsjahre 1778 nicht erst zu gedenken. Lassen wir es aber bei der von Friedrich angegebenen Ziffer für den ganzen Zeitraum bewenden! Von diesen Einkünften rechnet er 5 700 000 Taler als Überschuß, den er für den Kriegsschatz, Festungsbauten, Landesverbesserungen oder sonstige außergewöhnliche Ausgaben verwenden konnte. Diese Summe ist wieder denkbar hoch gegriffen. Denn 16 Millionen beanspruchte der regelmäßige Etat mindestens. Das Heer kostete jährlich 13 Millionen, die Hofstaatskasse, was wir heute Zivilliste nennen, erhielt 492 000, und die Regieverwaltung verschlang 800 000 Taler, so daß für die ganze übrige Staatsverwaltung nur rund 1 700 000 Taler übrigblieben, eine fast unglaublich niedrige Summe, selbst wenn man die miserable Besoldung der deutschen Beamten in gebührenden Anschlag bringt. Auf keinen Fall hat Friedrich mehr als die von ihm selbst angegebenen 5 700 000 Taler Überschuß gehabt. Dagegen ist seine Angabe, daß er davon regelmäßig 2 Millionen in den Kriegsschatz gelegt habe, nichts weniger als zweifelsfrei. Da er vor dem Jahre 1766 nicht wohl mit der Bildung eines neuen Schatzes beginnen konnte, so hätten bei seinem Tode 40 Millionen darin sein müssen; alle sonstigen Berechnungen, soweit sie auch von 55 Millionen (Krug und Riedel) bis 76 Millionen (Lombard) auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der König einen beträchtlich größeren Schatz hinterlassen hat, als nach seiner eigenen Angabe hätte erwartet werden dürfen. Lassen wir es indessen bei seinen 2 Millionen auf das Jahr bewenden!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann blieben ihm jährlich noch 3 700 000 Taler für außergewöhnliche Ausgaben, auf 20 Jahre gerechnet also 74 Millionen Taler. Nun hat er in dieser Zeit rund 8 Millionen für den Bau von Festungen, für Artillerie usw. verwandt; der Bayerische Erbfolgekrieg kostete 29 Millionen; endlich zahlte Friedrich 3 Millionen Subsidien an die Kaiserin Katharina für ihre Türkenkriege. Das sind im ganzen 40 Millionen. Ferner aber hatte der König, obgleich er persönlich aller höfischen Verschwendung abgeneigt war und nach einer Versicherung seines Testaments für seine Person nie mehr als 220 000 Taler jährlich verbrauchte, doch einzelne sehr kostspielige Liebhabereien. In seinem Nachlasse fanden sich 130 mit Brillanten und andern kostbaren Steinen besetzte Dosen, die einen Gesamtwert von gegen 1½ Millionen darstellten. Viel schwerer noch fiel ins Gewicht, daß er in reichlichem Maße die Bauwut aller Despoten teilte. Die eine Tatsache, daß er gleich nach dem Kriege, mitten in dem fürchterlichsten Elend des Landes, den ebenso kostspieligen wie zwecklosen Bau des Neuen Palais in Potsdam begann, sollte ehrliche Leute schon hindern, den Mund gar zu voll zu nehmen von seiner »landesväterlichen Fürsorge«. Nach Retzow kostete dieser Bau 11 Millionen und ebensoviel seine innere Ausstattung.&amp;lt;ref&amp;gt;Retzow, Charakteristik der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, 2, 455.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir indessen an, daß Retzow, der dem Könige nicht wohlgesinnt war, arg übertrieben hat, so gibt doch ein unterrichteter und wohlgesinnter Zeuge, ein Baumeister Friedrichs, die Summe dessen, was allein in und bei Potsdam verbaut worden ist, auf mehr als 10½ Millionen an.&amp;lt;ref&amp;gt;Manger, Baugeschichte von Potsdam, 3, 825.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag nun ganz unberechnet bleiben, was Friedrich für Bauten in Breslau, Königsberg, Berlin (die Bibliothek, die großen Kirchen auf dem Gendarmenmarkte, mehrere Brückenkolonnaden und anderes mehr) aufgewandt hat: Mangers 10½ und die für Dosen verausgabten 1½ Millionen ergeben weitere 12 Millionen, die von den 74 Millionen abzuziehen sind, über die Friedrich in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung für außergewöhnliche Ausgaben verfügt hat. Es bleiben also für Hebung des Volkswohlstandes nur 22 Millionen übrig, und um überhaupt auf Hertzbergs Ziffer zu kommen, muß man die gegen 2½ Millionen einrechnen, die Friedrich nach seiner Angabe gleich beim Friedensschlusse von Hubertusburg von den für den nächsten Feldzug bereitliegenden Geldern für die notdürftigste Wiederherstellung des Landes aufgewandt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sei nochmals hervorgehoben, daß diese Ziffern keinen absoluten Wert haben sollen. Um ein möglichst erschöpfendes und zutreffendes Bild der friderizianischen Finanzwirtschaft zu geben, wäre bei der verwickelten Kassenführung des Königs und den höchst tendenziösen Darstellungen, die darüber veröffentlicht worden sind, ein eigenes Buch notwendig. Für unsern Zweck: nämlich festzustellen, welche Summe Friedrich günstigstenfalls für Landesverbesserungen verbraucht haben kann, war es aber erlaubt, auch mit ungewissen Ziffern zu rechnen, wenn wir unter den abweichenden Angaben immer die höchsten für seine gesamten Einkünfte und immer die niedrigsten für seine sonstigen Ausgaben einstellten. Dies haben wir durchweg getan, auch wenn wir in einem besonderen Falle es einmal nicht getan zu haben scheinen. So haben wir uns nicht entschließen können, die etatsmäßigen Heereskosten Friedrichs von den 13 Millionen, die ältere und unbefangene Schriftsteller mit großer Übereinstimmung angeben, auf die 12 100 978 Taler herabzusetzen, die ein neuerer Historiker berechnet. Indessen dieser Historiker berechnet auch den hinterlassenen Kriegsschatz des Königs auf 63 Millionen, während wir dafür nach Friedrichs Angaben nur 40 Millionen angesetzt haben. Ein leichtes Rechenexempel ergibt, daß wir somit die Gesamtausgaben für Kriegsheer und Kriegsschatz noch immer niedriger eingeschätzt haben als jener Historiker. Und so darf man denn mit aller unter den obwaltenden Umständen erreichbaren Sicherheit sagen, daß Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege für die Bevölkerung des preußischen Staates an Geschenken, Erlassen, Unterstützungen, Vergütigungen und industriellen Unternehmungen im günstigsten und leider nicht einmal wahrscheinlichen Falle die rund 24 bis 25 Millionen Taler verbraucht hat, die Hertzberg berechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Summe selbst beträgt gerade den fünften Teil der Brandschatzungen allein in barem Gelde, die das Land im Kriege an die auswärtigen Feinde zu zahlen gehabt hatte. Das wäre nicht viel, aber es wäre immerhin etwas. Leider verdunkelt die Art, wie diese Summe auf die verschiedenen Klassen der Bevölkerung verwandt wurde, gar sehr den Schein des patriarchalischen Wohllebens, den sie etwa noch auszustrahlen scheint. Die Städte und die städtische Industrie erhielten davon wenig genug, die Bauern noch viel weniger, den Löwenanteil aber die Junker. Gegenüber den 25000 Talern, die Friedrich den westfälischen Städten nach dem Friedensschlusse zum Wiederaufbau ihrer Häuser und Straßen schenkte, oder selbst den 100 000 Talern, die Frankfurt a. O., die bedeutendste Handelsstadt der Mark, zu gleicher Zeit und zu gleichem Zwecke erhielt, scheffeln gleich ganz anders die mehr als 2½ Millionen, die allein für den Adel Pommerns und der Neumark, zweier ungefähr den sechsten Teil des Staatsgebiets umfassender Provinzen, nach dem Siebenjährigen Kriege aufgewandt wurden, teils als Geschenke zur Bezahlung seiner Schulden, teils als Meliorationskapitalien für seine Güter. Diese Kapitalien waren unkündbar, und wenn sie mit 1 bis 2 Prozent verzinst werden mußten, so waren »die Interessen« zu »Pensionen für arme Offizierswitwen und vom Adel« bestimmt. Wir gehen indes auf diese Verhältnisse nicht näher ein und verweilen lieber etwas ausführlicher bei dem, was Friedrich für die große Masse der arbeitenden Bevölkerung, nämlich für die Bauern, getan hat. Einesteils fällt damit das schärfste Licht auf Friedrichs »landesväterliche Fürsorge«, andererseits sind wir gerade über diese Frage durch eine ganz unanfechtbare Urkunde ausführlich unterrichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der wenigen deutschen Beamten, die Friedrichs Vertrauen bis an ihren Tod genossen, war Johann Rembert Roden. Ein guter Organisator, hatte er sich in dem Hauptquartiere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig ausgezeichnet und war von diesem nach dem Kriege an den König empfohlen worden. Friedrich benutzte ihn vielfach bei der Wiederherstellung des Landes, übertrug ihm namentlich auch die Organisation von Westpreußen nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 und machte ihn dann zum Präsidenten der Oberrechenkammer. Als solcher erhielt Roden 1774 den Auftrag, durch eine Reihe von Vorträgen den Thronfolger in die Finanzverwaltung des preußischen Staates einzuweihen, und er übergab dann zum Schlüsse seines Unterrichts dem Prinzen eine »Kurzgefaßte Nachricht von dem Finanzwesen«. Diese lehrreiche, überall aktenmäßig begründete Urkunde ist glücklicherweise schon durch den alten Preuß, der noch nicht wie die heutigen, mit dem Zutritte zu den Archiven begnadigten Forscher vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatte, unverstümmelt ans Tageslicht gezogen worden.&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist nicht frei von großen Lücken, denn Roden gleitet über die Akziseverfassung mit wenigen Sätzen hinweg; das Schicksal des Geheimen Finanzrates Ursinus mußte ihm warnend vor Augen schweben. Um so ausführlicher und gründlicher handelt er von der Kontributionsverfassung, das heißt von der direkten Steuer, welche die bäuerliche Bevölkerung aufzubringen hatte, und dabei wirft er Schlaglichter auf die Lage dieser Bevölkerung, die von größtem Interesse sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kontribution war nach der Ertragsfähigkeit der einzelnen Ländereien umgelegt, so zwar, daß sie einen bestimmten Teil dessen betrug, was der Bauer für seinen eigenen Bedarf und für den Verkauf erntete. Dieser bestimmte Teil war nicht in allen Provinzen ganz gleich bemessen; in der Mark und in Westpreußen belief er sich auf 33½, in Schlesien auf 34, in Pommern auf 42½ Prozent, in andern Landesteilen noch höher. Roden erläutert die Art dieser Steuer an einem Bauer im Dorfe Tempelhof bei Berlin, der von jeder Hufe zu 30 Magdeburgischen Morgen 8 Taler 3 Groschen Kontribution zu zahlen hatte (der Taler wurde damals zu 24 Groschen berechnet; nach heutigem Gelde betrug der Groschen also 12½ Pfennig). Nun konnte der Bauer außer dem eigenen Verbrauch aber nur 15 Scheffel von dem Ertrage der Hufe verkaufen, welche, zu 18 Groschen gerechnet, ihm 9 Taler 18 Groschen eintrugen. Nach eingehender Darlegung dieser Verhältnisse fährt Roden dann wörtlich fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer behielte also von seinem Gewinste auf einer Hufe, nach Abzug der bezahlten Kontribution, nur 1 Taler 15 Groschen übrig, wovon er seine übrigen Prästanda unmöglich leisten kann. Diese sind:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Dem Erb- oder Gerichtsherrn (ist er königlich, dem Amte, gehört er dem Edelmann, demselben) Zins und Dienste, wenigstens per Hufe&lt;br /&gt;
|8 Tlr. – Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Priester Dezem 1 Scheffel Korn à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Küster ¾ Scheffel à.&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Schmied 1 Scheffel à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Hufen- und Giebelschoß&lt;br /&gt;
|– Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Marschfuhrengelder&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Kriegswehr zur Magazinkasse&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|___________________&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Summa.&lt;br /&gt;
|11 Tlr. 16 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Er hat nun von der Ernte übrig&lt;br /&gt;
|1 Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|fehlen ihm also&lt;br /&gt;
|10 Tlr. 1 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Ferner hat der Bauer zu prästieren die Feuersozietätsgelder, die Vorspannfuhren, die Bau- und Krepel-, auch Nachbarfuhren, die Dorfauflagen und andere Vorfälle mehr, das Gesindelohn, da er besonders Knechte wegen der vielen Hofedienste halten muß, so ihm zur größten Last gereichen: zu welchem Ende er auch mehr Pferde halten muß, weswegen die Einschränkung dieser Dienste eine vortreffliche Sache wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir unterbrechen hier Roden für einen Augenblick, um zu bemerken, daß unter den »andern Vorfällen mehr« sich auch noch sehr drückende Lasten befanden: so die Grasung der Kavalleriepferde auf den Wiesen der Dorfgemeinden während der Monate Juni bis September, in denen der Reiter eine brutale Herrschaft im Hause des Bauern führte; ferner für die anderen Monate des Jahres die Lieferung der Fourage, die zwar zu einem geringen Preise bezahlt, aber oft viele Meilen herangefahren und, wenn sie ohne weitere Scherereien abgenommen werden sollte, mit einem tüchtigen Überschuß zugunsten des Rittmeisters beladen sein mußte, endlich auch der schon erwähnte indirekte Beitrag der Bauern zur städtischen Akzise. Roden fährt dann fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer würde, nach diesen angeführten Umständen, nicht bestehen können, wenn er sich nicht auf eine andere Art soutenierte, z. B. daß er auf eine Hufe fast 1/3 mehr aussäet, als ihm zur Kontribution angeschlagen, daß er aus dem Viehstand Geld erwirbt und sich sonst durchzubringen sucht. Aber er muß allen Fleiß anwenden und sich kümmerlich behelfen, wenn er sich ehrlich ernähren und durchbringen will, zumal wenn er sonst nichts anderes als sein eigenes Wohnhaus und Hofgebäude, so er noch selbsten in Würden unterhalten muß, nebst dem dazugehörigen Acker im Vermögen hat. Er kann daher keine Unglücksfälle, als Mißwachs, Hagelschaden, Mäusefraß, Überschwemmungen usw., übertragen, daferne ihm nicht alsdann durch Remission unter die Arme gegriffen wird, um ihn noch in etwas zu unterhalten. In ordinären Fällen wird ihm aus der Kreiskasse geholfen, in extraordinären aber tritt der Landesherr zu und läßt die Gelder bar an den Kreis übermachen oder auch Brot- und Saatkorn in natura geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht darnach, was es mit den so viel gepriesenen Steuererlassen, Geldvorschüssen, Kornlieferungen, wodurch Friedrich angeblich den Bauernstand in die Höhe gebracht haben soll, tatsächlich auf sich gehabt hat. Sie waren einzig dazu bestimmt, den Bauer, ohne den freilich weder der König noch der Junker leben konnte, auf der schmalen Grenze zwischen Hungerleben und Hungertod zu erhalten. Von hier aus fällt denn auch das richtige Licht auf die gleichfalls viel gepriesenen Kornmagazine Friedrichs, die »Blüte friderizianischer Wirtschaftspolitik«, in der er »seinem Ideale des allgemeinen Hausvaters am nächsten komme«, wie selbst ziemlich unbefangene Forscher sagen. Friedrich verbot die Ausfuhr des Getreides, um seinen Preis möglichst niedrig zu halten; in einer seiner Instruktionen an das Generaldirektorium verlangt er, daß der Preis des Scheffels Roggen immer zwischen 18 Groschen und 1 Taler festgehalten werde. Das geschah, um für sein Heer billiges Brot und für den Kriegsfall gefüllte Magazine zu haben, aber wenn er diese Magazine nun auch benutzte, um der bäuerlichen Bevölkerung Brot- und Saatkorn zu liefern, sobald ihr Hungerleben durch irgendein unglückliches Naturereignis in den Hungertod umzuschlagen drohte, so läßt sich dieser »Sozialismus« am Ende noch mit gemäßigter Hochachtung bewundern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde übrigens irren, wenn man in dem Bauern aus Tempelhof bei Berlin, den Roden schildert, den elendesten Typus des friderizianischen Bauern sehen wollte. In der Mark war der Prozentsatz der Kontribution noch am niedrigsten bemessen; wo er, wie in Friedrichs westfälischen Besitzungen, auf mehr als 50 Prozent stieg, verschlechterte sich entsprechend die Lage der bäuerlichen Bevölkerung. Roden schreibt darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Kontributionsprinzipia sind im Mindenschen so angelegt, daß zuvörderst die sämtlichen Ländereien, Gärten und Wiesen durch diverse vereidete Taxatoren nach dem jährlichen Ertrage abgeschätzt sind; darnach ist die Kontribution dergestalt ausgemittelt, daß von jedem Taler Ertrag jährlich an Kontribution 13 Groschen bezahlt wird. Die Hufe à 30 Morgen Magdeburgisch kommt im Durchschnitt der Totalité auf 19 Taler 5 Groschen ½ Pfennige, obgleich viel schlecht Land vorhanden: Solchergestalt hat der Landmann noch 11 Groschen pro Taler übrig. Davon soll er sich und seine Familie unterhalten, die Haushaltung führen, Gesindelohn geben, dem Erb- oder Gutsherrn sein Pacht zahlen und die übrigen Lasten tragen, so schlechterdings unmöglich wäre, wenn der Bauer sich sonst nicht durchzuhelfen suchte. Im Minden- und Ravensbergischen ist er mit Frau, Kindern und Gesinde, sobald er nur vom Ackerbau eine Zeit oder gar nur Stunden übrig hat, zumal im Herbst bei den langen Abenden und den Winter hindurch, mit Garnspinnen zu Leinwand beschäftigt, und damit sucht er sich zu ernähren; sonst müßte er davonlaufen, indem es dort viele Bauernhöfe gibt, die mehr Abgaben haben, als die Höfe auch in den besten Jahren aufbringen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der kundigste Verwaltungsbeamte des friderizianischen Staats in offiziellster Urkunde, in dem Berichte, durch den er auf Befehl des Königs den Thronfolger in das Finanzwesen der Monarchie einweihen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen um der Gerechtigkeit willen aus Rodens Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß Friedrich wenigstens in den beiden von ihm eroberten Provinzen, in Schlesien und Westpreußen, den Adel zur Kontribution heranzog; hier standen ihm die Junker nicht mit altererbter Macht gegenüber, und er mußte sie wegen ihrer Anhänglichkeit an Österreich und Polen scharf im Zügel halten. Aber auch auf diesem verhältnismäßig lichtesten Gebiete der friderizianischen Steuerpolitik ist ihre Tendenz nicht, wie sie selbst behauptete, Entlastung des Armen auf Kosten des Reichen, sondern Belastung des Armen zugunsten des Reichen. So zahlte in Westpreußen – unter fast durchgängigem Wegfalle der Lehnpferdegelder – der evangelische Edelmann 20, der katholische – Grundgedanke des Nathan? – 25, der Bauer aber 33½ Prozent Kontribution. Und ähnlich in Schlesien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In einer Anmerkung des Kapitals, 1, 762), erwähnt Marx die elende Lage des friderizianischen Bauern unter Anziehung einiger Sätze von Mirabeau, wofür er von preußischen Historikern der tendenziösen Darstellung geziehen worden ist. Wir haben aus schon angeführten Gründen das Werk von Mirabeau-Mauvillon ganz beiseite gelassen, möchten aber bemerken, daß die von Marx beiläufig angezogenen Sätze Mirabeaus ein nicht so krasses Bild der Sachlage geben wie der amtliche Bericht von Roden. Überhaupt tun die wenigen Worte, die Marx im Vorbeigehen dem friderizianischen »Regierungsmischmasch von Despotismus, Bürokratie und Feudalismus« widmet, diesem seltsamen Gebilde eher zuwenig als zuviel. Wenn beispielsweise Marx sagt, Friedrich habe in den meisten Provinzen Preußens den Bauern Eigentumsrecht gesichert, so gilt das tatsächlich nur von den Domänenbauern. Am 20. Februar 1777 verfügte Friedrich, »daß an allen Orten, wo es noch nicht geschehen, die unter die Ämter gehörigen Bauerngüter den Untertanen erb- und eigentümlich übergeben werden«. Siehe die Order bei Preuß, 4, 466 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stellt man nun aber jenen erdrückenden Belastungen der Bauern die ängstliche Sorgfalt gegenüber, womit Friedrich im allgemeinen die Steuerfreiheit des Adels beschützte, so kann man die edle Dreistigkeit jener Hofgeschichtsschreiber bewundern, die von dem »Bauernkönige« Friedrich schwatzen und die Hohenzollern durch Beschützung des kleinen Mannes groß werden lassen, so kann man den herrlichen Wert jener »Schulreform« ermessen, die nach diesem Leitmotive den Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen klittern will. Da sollten wir »gemütvollen« und »tiefsinnigen« Deutschen uns doch nur ja vor den »leichtfertigen« und »oberflächlichen« Franzosen verkriechen! Denen konnte Marx schon im Jahre 1869 nachrühmen, daß sie der napoleonischen Legende mit allen Waffen der Forschung, der Kritik, der Satire, des Witzes den Garaus gemacht haben, und was ist die napoleonische Legende doch für ein ander Ding als die friderizianische! Der napoleonische Staat besteht in allem wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen noch fort, wie der erste Konsul ihn im Jahre 1804 begründet hat – natürlich nicht als großer Mann, sondern als Erbe des Konvents –, und eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien, drei Invasionen und selbst drei Revolutionen überstanden hat, kann denn doch eher schon zum Heroenkultus des Mannes führen, auf dessen Namen sie nun einmal getauft ist. Aber der friderizianische Staat, der bei Jena in tausend Stücke zerschmettert wurde unter der stürmischen Zustimmung der bürgerlichen und arbeitenden Klassen, die in ihm zu leben verurteilt waren, und eine feudal-militärische Verfassung, deren wüste Trümmer wie ein betäubender Alp auf allem gesunden Leben der Gegenwart lasten, dürfen sich immer noch, ja je länger je unbeschämter in einer Legende spiegeln, deren schüchterne Kritik im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte schon als Hochverrat und Majestätsverbrechen gilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich selbst darf natürlich dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Er ist ganz unschuldig an der kecksten Unwahrheit dieses Jahrhunderts, dem sogenannten »sozialen Königtum«, und er würde den Humbug nicht einmal verstehen, wenn er seine wohlgesinnten Geschichtsschreiber von heute lesen könnte. Was ihm als »monarchische Sozialpolitik« angerechnet wird, war einzig durch militärpolitische Gesichtspunkte bestimmt. An sich zwar gehörte es zu den Aufgaben des absoluten Königtums, die Leibeigenschaft der Bauern zu beseitigen, nicht aus Humanität, die ihm ganz fremd war und auch ganz fremd sein mußte, sondern aus fürstlichem Klasseninteresse. Die Leibeigenschaft stand wie eine Mauer zwischen dem Despoten und der Mehrheit der Bevölkerung; solange sie währte, hatte der Junker über die Bauern zu verfügen und der König höchstens insoweit, als es ihm der Junker gestattete. Wir haben gesehen, wie sich seit der Entwicklung des stehenden Heeres dieser Interessengegensatz zwischen dem Könige und dem Junkertum bildete und verschärfte; schon die beiden ersten preußischen Könige rüttelten an der Leibeigenschaft, und namentlich Friedrich Wilhelm I. erklärte, »was es denn vor eine edle Sache sei, wenn die Unterthanen statt der Leibeigenschaft sich der Freiheit rühmen«. Er war denn freilich auch wohl ehrlich genug, den Kabinettsordern, worin er den Behörden die »Konservation« der »Untertanen« empfahl, die Worte hinzuzufügen: »Damit der Landesherr seine Steuern erhalte«, was bei der höchst merkwürdigen Ausbildung der alten deutschen Sprache im neuen deutschen Reiche heute zu lesen ist: »Soziales Königtum der Hohenzollern«. Friedrich selbst spricht in seinen Schriften mit lebhaftestem Abscheu von der Leibeigenschaft als einem »barbarischen Gebrauch«, einer »abscheulichen Einrichtung«, aber er bekennt auch offen, daß es nicht in seinem guten Willen liege, damit aufzuräumen. Daraus läßt sich ihm gewiß kein Vorwurf machen. Er konnte wirklich nicht, auch wenn er wollte, die Leibeigenschaft abschaffen. Sie war die ökonomische Zelle der Gesellschaft, deren politischer Repräsentant der preußische Militärstaat war, und der »erste Diener« dieses Staats konnte ihr ebensowenig anhaben, als etwa die Zinne eines Turms auf den verwegenen Einfall geraten kann, die Mauer umzustürzen, worauf sie ruht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergibt sich diese Auffassung von selbst aus der ganzen Lage, so fügt es sich glücklich, daß sie sich sogar urkundlich bestätigen läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einmal nämlich siegte der despotische Größenwahn über Friedrichs nüchternen Sinn, und am 25. Mai 1765 dekretierte er von Kolberg aus: »Sollen absolut, und ohne das geringste Raisonniren, alle Leibeigenschaften, sowohl in Königlichen, Adligen, als Stadteigentumsdörfern, von Stund an gänzlich abgeschafft werden, und alle diejenigen, so sich dagegen opponiren würden, soweit möglich mit Güte, in deren Entstehung aber mit force dahin gebracht werden, daß diese von Sr. K. M. festgesetzte Idee zum Nutzen der ganzen Provinz ins Werk gerichtet werde.« Darauf versammelten sich am 29. Juni die vorpommerschen Landstände in Demmin und richteten eine Promemoria an den König, worin sie sich halb als gekränkte Unschuld und verkannte Wohltäter der Bauern aufspielten, halb aber mit »Depeuplierung des Landes und Desertion vom Militär« drohten, »weil kein Bauer imstande ist, den Hof, das Zuchtvieh und Ackergerät zu bezahlen, keiner aber auf den Fall, es ihm umsonst zu lassen, schuldig, folglich ein jeder sich anderswohin zu begeben bedacht sein würde«. So dummdreist diese Drohung war – denn der Junker hatte gar kein Recht auf den Hof des Bauern, und was half ihm der Hof, wenn kein Bauer da war, ihn zu bewirtschaften? –, so genügte sie doch vollkommen, den König lahmzulegen. Weder Gewalt noch Recht konnten ihm helfen, denn das Heer befehligten die Junker, und in den Gerichtshöfen sprachen sie Recht. Er gab also klein bei, sosehr es sonst unter seinen Grundsätzen obenan stand, um seiner despotischen Unfehlbarkeit willen niemals einen Befehl zurückzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußte sich Friedrich denn darauf beschränken, in einem fortdauernden Kleinkriege seine militärpolitischen Interessen möglichst gegenüber dem gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse zu wahren. Es gibt eine große Anzahl von Kabinettsordern, worin er diesem Ziele nachstrebt. Er kämpfte gegen das Bauernlegen, die »Abmeierung der Bauern«, und bemühte sich, den Bauern das Eigentums- und Erbrecht an ihren Schollen zu sichern. Man kann sogar anerkennen, daß er in dieser Beziehung weiter blickte als der heutige Militärstaat. Wenn dieser in erstaunlicher Seelenruhe es ruhig mit ansieht, wie in weiten Fabrikdistrikten die Masse der arbeitenden Bevölkerung verkrüppelt, so eiferte Friedrich sehr häufig gegen die gesundheitsschädlichen Mißhandlungen der Bauern durch die Junker und die Domänenpächter. Wenn der heutige Militärstaat sich hartnäckig weigert, die unmäßige Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag zu beschränken, weil er in seiner überstiegenen Weisheit davon eine Schädigung der Industrie befürchtet, so war sich Friedrich schon im Jahre 1748 darüber klar, wie er in einer Instruktion an das Generaldirektorium sagte, daß »bei den schweren und ganz unerträglichen Diensten mehrenteils vor den Gutsherrn wenig Nutzen, vor den Bauersmann aber sein gänzlicher Verderb augenscheinlich herauskommt«. Der König verlangt deshalb eine »serieuse Untersuchung, ob nicht sowohl Amts- als auch Städte- und adlige Unterthanen von diesem dem Bauer so gar ruineusen Umstände in gewisse Maße befreiet und die Sache dergestalt eingerichtet werden könne, daß, anstatt daß der Bauer jetzo die ganze Woche hindurch dienen muß, derselbe die Woche über nicht mehr als drei oder vier Tage zu Hofe dienen dürfe. Es wird dieses zwar anfangs etwas Geschrei geben, allein da es vor dem gemeinen Mann nicht auszustehen ist, wenn er wöchentlich fünf Tage oder gar sechs Tage dienen soll, die Arbeit an sich auch bei denen elenden Umständen, worin er dadurch gesetzt wird, von ihm sehr schlecht verrichtet werden muß, so muß darunter einmal durchgegriffen werden, und werden alle vernünftigen Gutsherrn sich hoffentlich wohl accomodiren, in diese Veränderung derer Diensttage ohne Schwierigkeit zu willigen, um so mehr, da sie in der That ersehen werden, daß, wenn der Bauer sich nur erst ein wenig wieder erholt hat, er in denen wenigen Tagen ebensoviel und vielleicht noch mehr und besser arbeiten wird, als er vorhin in denen vielen Tagen gethan hat.« Eine hausbackene, aber treffliche Wahrheit, die der »geniale« Herr Bismarck bekanntlich nie begreifen konnte und die der neue Kurs im deutschen Reiche bekanntlich auch noch immer nicht begreifen zu können scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie vernünftig nun aber diese und ähnliche Instruktionen Friedrichs nicht nur klingen, sondern auch sind, so darf man dabei doch mehrerlei nicht übersehen. Erstens daß der König nicht &#039;&#039;für&#039;&#039; den Bauer &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker, sondern &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker &#039;&#039;um&#039;&#039; den Bauer kämpft. Er wollte eine andere Verteilung des aus dem Bauern gezapften Mehrwerts, eine für ihn günstigere und deshalb für das Junkertum ungünstigere, aber wenn der Proletarier etwa seinen Lohn auf Kosten des Mehrwerts zu steigern gedachte, so war Friedrich immer auf Seite der möglichst erschöpfenden Ausbeutung. So bedrohte er in der Gesindeordnung sowohl die Empfänger als unter Umständen auch die Geber eines die Taxe überschreitenden Lohns mit Zuchthausstrafe, wogegen »es sich von selbst versteht«, daß ein unter der Taxe bleibender Lohn erlaubt ist. Und wenn gar die Bauern unruhig wurden über die »unerträglichen Dienste« und »ruineusen Umstände«, dann wußte Friedrich auch nichts anderes, als was große Männer unter solchen Umständen immer nur wissen, also was Luther im sechzehnten und Bismarck im neunzehnten Jahrhundert wußte. Als ein Jahr vor Friedrichs Tode die schlesischen Arbeiter zu murren begannen, schrieb der König an den schlesischen Provinzialminister v. Hoym: »Das mehrste zur Beruhigung der Leute wird beitragen, da sie doch im Gebirge meistens evangelisch sind, wenn die Prediger ihnen zureden und alles ordentlich erklären ... Sodann müssen auch die Schulzen, besonders da im Gebirge, scharf vigiliren, wenn sich etwa fremdes Gesindel sehen läßt, das Zusammenkünfte hält und dem gemeinen Volk allerhand Dinge in den Kopf setzt; diese müssen sie auf der Spur verfolgen und sobald sie den geringsten Unrath merken, sie sogleich bei den Ohren nehmen und an die Gerichte abliefern.« Die Order ist, wie gesagt, im Jahre 1785 erlassen. Sonst könnte man fast meinen, sie stamme aus dem Jahre 1878, wo auch erst die Religion dem Volke erhalten werden sollte und dann das Sozialistengesetz auf dem Fuße hinterdreinmarschiert kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens aber hat Friedrich mit jenem Kleinkriege nicht viel erreicht. Am ehesten noch etwas in den beiden eroberten Provinzen Schlesien und Westpreußen, wo der König leichteres Spiel mit den Junkern hatte. So zwang er die schlesischen Grundherren zur Wiederherstellung der bäuerlichen Hütten und Scheunen, zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Gerät. Aber sein eigenes Interesse, die Sorgen um seine Kassen und seine Rekruten, war auch hier die Grenze, die er nicht überschritt. Zudem liegt auf der Hand, wie wenig damit gesagt, geschweige denn getan war, wenn er den schlesischen Bauern das Recht gewährte, sich über &#039;&#039;strenge&#039;&#039; körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beschweren, oder wenn er in Westpreußen die »polnische Sklaverei«, den »harten, polnischen Fuß« auf die »preußische Landesart« gemildert wissen wollte. Die ehrlicheren bürgerlichen Historiker machen dann auch kein Hehl aus der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen. »Die alten Verhältnisse blieben ... Bei dem allen blieb der Landmann gebunden, scholleigen der Masse nach« (Preuß); »praktisch hat dies alles fast gar keine Frucht getragen: nicht einmal auf den Domänen, wo der Erfolg doch so leicht gewesen wäre« (Roscher). Als der König vierzehn Tage vor seinem Tode bei dem Kammerpräsidenten von Königsberg anfragte, ob »nicht alle Bauern in Meinen Ämtern aus der Leibeigenschaft« gesetzet werden können, schrieb er selbst das treffendste Urteil über seine Bauernpolitik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens und letztens aber – selbst wenn man Friedrichs angebliche Verdienste um die Bauernbefreiung so hoch schätzen wollte wie die preußischen Byzantiner, so würden diese Verdienste dennoch mehr als aufgewogen durch Friedrichs Gemeinteilungsgesetze, die Aufteilung der Gemeinweiden, die seltsamerweise auch von den besseren bürgerlichen Historikern, so von Freytag und Roscher, als eine Art sozialer Reform aufgefaßt werden, tatsächlich aber nach einem Worte von Rudolf Meyer darauf hinausliefen, daß die Gemeinweiden »meist den großen Gütern zugeschlagen und damit die kleinen Leute, wenn auch teilweise gegen Entschädigung, der freien Viehweide beraubt, teilweise proletarisiert und somit für den Gutsgesindedienst adaptiert wurden«. Dies »eifrige Wegräumen aller solchen Beschränkungen des freien Grundeigentums, die mit dem mittelalterlichen Gemeindewesen zusammenhängen«, lief in der Tat auf die Proletarisierung der bäuerlichen Bevölkerung hinaus, und wenn Roscher darin die helle Seite des »Januskopfes« sieht, den Friedrichs agrarische Sozialpolitik biete, so mag man sich nicht leicht einen zu dunklen Begriff von dessen dunkler Seite machen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siehe Rudolf Meyer, Das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebs, in der »Neuen Zeit«, 11, 1, 304. Ferner Roscher, 399. Sonst ist Roschers Darstellung der friderizianischen Sozialpolitik in der bürgerlichen Geschichtsliteratur wohl noch die unbefangenste. Für die Einzelheiten sind die Kabinettsordern des Königs und teilweise auch seine Schriften einzusehen, dann aber auch die ältere preußische Geschichtsschreibung etwa bis zum Jahre 1848. Die neuere Literatur, namentlich soweit sie aus Archiven schöpft, ist nicht wertlos, doch müssen diese Bücher wie Palimpseste behandelt werden. Man muß zunächst die frommen Lobgesänge auf den friderizianischen »Sozialismus« beseitigen und dann untersuchen, was sich von dem verkratzten und verwischten Urtext noch entziffern läßt. Natürlich gibt es auch vortreffliche Ausnahmen; so Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, wo in der Einleitung bemerkenswerte Einzelheiten über die Erfolglosigkeit der friderizianischen Bauernpolitik gegeben sind.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen ist der Verfall des preußischen Ackerbaus unter Friedrich, den sogar die patriotischen Geschichtsschreiber anerkennen, leicht zu erklären – trotz der reichen Geldspenden, die er für die »notleidende Landwirtschaft«, will sagen die Junker, stets bei der Hand hatte, und auch trotz seiner so viel gepriesenen »Kolonisationen«. An sich waren seine Landesmeliorationen, die Verwaltung der Netze und der Warthe, die Urbarmachung des Drömlings und des Oderbruchs sowie vieler kleinerer Sumpfstrecken in Pommern, in der Mark, im Magdeburgischen gewiß der beste Teil seiner Wirtschaftspolitik, und wohl mochte der König mit berechtigtem Selbstgefühle sagen, hier habe er im Frieden eine neue Provinz erobert. Allein es ist eine tragikomische Entstellung der Sachlage, wenn dabei seine Bewunderer in seine Seele das faustische Sehnen dichten, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Da klingt es viel prosaischer, ist aber viel richtiger, wenn Roden schreibt: »Sr. K. M. allergnädigste Intention gehet dahin, daß, wenn bei den Städten oder denen von Adel wüste Gründe und Brücher vorhanden, diese aber nicht im Stande wären, solche urbar zu machen, alsdann der Landesherr zutreten, solche auf Höchstdero Kosten urbar machen, Häuser bauen und solche mit Familien besetzen lassen müßte; die Revenuen blieben zwar der Stadt und dem von Adel, das Land würde aber doch dadurch immer mehr und mehr peuplieret und per indirectum profitierten doch die Königlichen Kassen und der Staat davon.« Den Hauptvorteil zog »der von Adel«, denn gegen den adligen Landbesitz war der städtische kaum zu rechnen. Mit der Ansetzung der Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen als verlorenes Gesindel. Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagt, »Perruquiers und Commedianten« oder, wie er ein andermal klagt, »Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner«; ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tataren anzulocken unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen. Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt der alte Schlosser: »Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser dieser Schrift selbst hat gesehen, wie unsicher dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlosser, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2, 246.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 300000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll, waren also eine sehr zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung, und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«, verdient nicht ganz die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten hervor, auf denen man gerade von ihm, dem Philosophen und Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte doch eine Ahnung davon, daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen. Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein. Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: Er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden, aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß, »war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann, die Schüler unterrichteter waren als der in Waffen ergraute Lehrer«. Was alles den modernen Byzantinismus nicht gehindert hat, in Friedrich den »Heros der Aufklärung auf dem Gebiete des Schulwesens« zu feiern.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber in seiner Weltgeschichte nennt den König so. Wir beschränken uns auf wenige Worte über die Volksschule unter Friedrich, da diese Seite seiner Regententätigkeit in der bekannten trefflichen Schrift von Seidel schon gründlich erörtert worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings machte der König auf diesem Gebiete keinen Unterschied zwischen seinen glücklichen Untertanen. Um die Hochschulen stand es ebenso elend wie um die Volksschulen. Man braucht nur einen Blick auf die kläglichen Etats der vier Landesuniversitäten zu werfen. Duisburg hatte 5678, Königsberg 6920, Frankfurt a. O. 12648 und Halle 18116 Taler Einkünfte. Die Besoldungen der Professoren waren jammervoll, die wissenschaftlichen Institute fast durchweg im tiefsten Verfalle.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 3, 111 ff. und – ausführlicher – Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen, 1, 133 ff. Von diesem Werke sind nur die beiden ersten bis zum Tode Friedrich Wilhelms II. reichenden Bände erschienen; nach deren Veröffentlichung wurden dem Verfasser die preußischen Archive gesperrt – von wegen seiner Tendenz. Gegen diese Tendenz ist nun allerdings insofern manches einzuwenden, als sie eine einseitig preußisch-patriotische ist. Herr Philippson weiß von Friedrichs »wahrhaft sozialistischer Allsorgfalt« zu erzählen und steckt auch sonst voller Illusionen über die friderizianische Zeit. Aber ein Hofgeschichtsschreiber ist er nicht. Er beschönigt die häßlichen und traurigen Dinge, die er in den Akten findet, nicht geflissentlich, sondern teilt sie offen mit, auf daß die Gegenwart aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Und diese höchst veraltete Anschauung ist für die reine Wissenschaft des neuen Deutschen Reichs natürlich strafwürdige – Tendenz.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dem einzigen Manne ersten Ranges unter den preußischen Universitätslehrern, von Kant in Königsberg, hat Friedrich nichts gewußt, wobei immerhin nicht vergessen werden darf, daß Kants epochemachendes Hauptwerk erst 1781 erschien und erst 1789, nach dem Tode Friedrichs, allgemein bekannt wurde. Dagegen würden wir von dem einzigen Universitätslehrer, dem Friedrich eine ansehnliche, ja glänzende Stellung gab, nichts mehr wissen, wenn Lessing diesem Geheimbderat Klotz in Halle als einem Kabalenmacher und Nichtswisser ersten Ranges nicht eine unerfreuliche Unsterblichkeit beschert hätte. Und dabei mußten sich die preußischen Untertanen an jenen vier verfallenen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen lassen; nach wiederholten Verfügungen Friedrichs sollte das Studieren auf nichtpreußischen Universitäten, und wenn es nur ein Vierteljahr gedauert hatte, mit lebenslänglicher Ausschließung von allen Kirchen- und Zivilämtern, bei Adeligen sogar noch mit Einziehung des Vermögens bestraft werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nur ein einziges Gebiet der inneren Verwaltung, auf dem Friedrich wirklich reformiert oder doch zu reformieren versucht hat, und es ist ein vor allem wichtiges Gebiet: nämlich die Rechtspflege. Er beseitigte gleich nach seinem Regierungsantritte die Folter; ferner hob er, wie für andere Beamte, so namentlich auch für die richterlichen, die »Infamie« des Ämterkaufs auf, obschon er an einer Besoldungssteuer festhielt; er verfügte auch, daß alle Sporteln der Gerichte nicht dem einzelnen Richter, der sie veranlaßt hatte, sondern einer gemeinsamen Kasse zufließen sollten. Ferner sorgte er für ein beschleunigtes Gerichtsverfahren mit der Maßgabe, daß gemeiniglich jeder Prozeß im Laufe eines Jahres zum rechtskräftigen Abschlusse gebracht sein müsse. Endlich wollte er auch die Unabhängigkeit der Gerichte verbürgen; er sprach sich wiederholt gegen jede Kabinettsjustiz aus. Aber freilich hatten auch hier die Dinge keineswegs jenes ideale Aussehen, das ihnen die französische Fabel von dem Müller in Sanssouci scheinbar gegeben hat. Friedrich schrieb wohl: Die Gesetze müssen sprechen und der Souverän muß schweigen, aber er handelte allzuoft nach dem umgekehrten Grundsatze. Als Philosoph sah er in der Wahrung des Rechts die stärkste Wurzel der fürstlichen Souveränität, aber als König glaubte er ebendeshalb überall eingreifen zu müssen, wo ihm die Gerichte das Recht nicht richtig zu handhaben schienen, womit dann die Kabinettsjustiz seines Vaters glücklich wiederhergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des aufgeklärten Despotismus, daß der aufgeklärte Despot sich auch dann oder vielmehr dann erst recht in einem verderblichen Kreise herumbewegt, wenn er wirklich einmal einen Kulturfortschritt anbahnen will. Friedrich haßte die »Justiz nach der alten Leier«, die nach seiner triftigen Behauptung immer den reichen Leuten geholfen hatte, die halb verkäufliche, halb versimpelte Justiz seines Vaters, der die Richterstellen teils nach den Einzahlungen in die Rekrutenkasse vergab, teils nach dem Grundsatze, daß Bewerber von »Kop« der Verwaltung, »dume Teuffel« aber der Justiz überwiesen werden sollten. Friedrich empfand auch ganz richtig, daß eine herkulische Arbeit zu vollbringen, ein wahrer Augiasstall zu reinigen sei, wenn er eine »prompte und unparteiische, kurze und solide Justiz administrirt« haben wollte. Aber die Schlußfolgerung, die er daraus zog und vom Standpunkt des aufgeklärten Despotismus nicht mit Unrecht zog, daß er nämlich »sich selbst darein meliren«, daß er selbst auf dem Posten sein und jeden Augenblick dreinfahren müsse, wenn die Kabale sich einzuschleichen drohe, führte notgedrungen wiederum zu der verderblichen Kabinettsjustiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann es dem König nicht eigentlich zum Vorwurfe machen, daß er es in erster Instanz bei der Patrimonialgerichtsbarkeit bewenden ließ, der Gerichtsbarkeit der Junker über die Bauern, bei welcher nach einem zeitgenössischen Worte »der Stock die Gelehrsamkeit ersetzte«. Denn daran konnte er aus schon entwickelten Gründen beim besten Willen nichts ändern. Aber Friedrich hat auch in den landesherrlichen Gerichten der oberen Instanzen niemals für eine unabhängige Justiz gesorgt; er hat stets den Grundsatz zurückgewiesen, daß Richter nicht durch königliche Machtsprüche, sondern nur kraft eines richterlichen Urteils abgesetzt werden könnten. So fegte Cocceji, des Königs rechte Hand in Justizsachen, einmal das ganze Kammergericht bis auf zwei Räte aus, darunter Männer, die seit Jahrzehnten unverweislich ihre Pflicht erfüllt hatten, ohne jedes Urteil, ja ohne jede Anklage, nur um die erledigten Stellen mit seinen Kreaturen zu besetzen. Friedrichs gesunder Widerwille gegen jede Justizverschleppung machte es nach und nach bei ihm zur fixen Idee, daß die Beendigung jedes Prozesses im Laufe eines Jahres der Inbegriff nicht nur einer »kurzen«, sondern auch »soliden« Justiz sei; die Prozeßordnung, die Cocceji entwerfen mußte, nennt sich schon in ihrem Titel »das Projekt des Codicis Fridericiani Marchici, nach welchem alle Prozesse in einem Jahr durch alle Instanzen zu Ende gebracht werden sollen und müssen«. Um dieses Ziel zu erreichen, umging Friedrich die ordentlichen Gerichte und setzte Immediat-Kommissionen ein; »mit wahrem Vergnügen« stellt er in einer Kabinettsorder vom 11. Mai 1747 fest, daß eine solche Kommission unter Coccejis Vorsitz binnen Jahresfrist am Hofgericht in Stettin 1600 und am Hofgericht in Köslin 720 Prozesse »abgetan« hat. Wie es bei dieser summarischen Justiz herging, sagt erschöpfend das lakonische Wort des Justizministers Jarriges: »Marsch! was fällt, das fällt.« Nicht ohne Grund sah Friedrich eine Ursache der Prozeßverschleppung in der damaligen Advokatur, die von seinem Vater grausam verfolgt worden war und infolgedessen zweifelhafte Subjekte reichlich genug in ihren Reihen hatte. Aber es trug gewiß nicht zur Hebung dieses Berufs bei, daß Friedrich neben mancher verständigeren Anordnung als Hauptmittel der Besserung die Kassation fortdauernd über dem Haupte jedes Advokaten schweben ließ; fehlten andere Gründe, so wurden des abschreckenden Beispiels wegen von Zeit zu Zeit einige beseitigt. So im Jahre 1775 ihrer sieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König hielt sich für den obersten Richter, der nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, jeden einzelnen Rechtsfall selbst zu entscheiden, einen Teil seiner richterlichen Gewalt auf andere übertragen habe, und in seinem königlichen Willen sah er die Quelle, welche die dürre Heide des geschriebenen und überlieferten Rechts gewissermaßen erst befruchtete. Vor allem auf dem Gebiete des Kriminalrechts suchte er diese Auffassung, soweit als nur immer möglich war, praktisch durchzuführen. In allen wichtigeren Fällen mußten die Erkenntnisse durch landesherrliche Gerichte gefällt und, wenn es sich um bedeutendere Strafen handelte, vom Landesherrn bestätigt werden. Sträflinge durften auf den Festungen nur auf Grund einer königlichen Order angenommen werden. Friedrich ließ hieran nie etwas ändern; er glaubte so die Untertanen am besten vor Unterdrückung gesichert; er wollte sich auch wohl vorbehalten, die scheußlichen Strafen der Karolina, die noch immer das preußische Strafrecht war, zu mildern. Aber der Justizminister v. Arnim, der als Chef des Kriminaldepartements die genaueste Sachkenntnis gewonnen hatte und übrigens den König lebhaft bewunderte, hat gleich nach dessen Tode in einer ausführlichen Schrift dargetan, wie wenig auf diesem Wege erreicht wurde. Indem der König sich an keine Grundsätze binden wollte, verfiel er in Launen, und gemeiniglich verschlimmerte er das Übel, das er beseitigen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogleich bei seiner berühmtesten Justizreform: der Aufhebung der Folter. Die Tortur war nicht in &#039;&#039;dem&#039;&#039; Sinne eine sinn- und zwecklose Grausamkeit, daß sie von bösen oder dummen Menschen erfunden worden war und von einsichtigen oder guten Menschen einfach aufgehoben zu werden brauchte. Sie bildete vielmehr die Spitze des damaligen Kriminalprozesses, der die gesetzliche Strafe nicht ohne Eingeständnis des Angeklagten verhängen durfte und deshalb die Folter anwenden mußte, um einem nach der Überzeugung des Gerichtshofes sonst überführten Verbrecher auch das zur Verurteilung notwendige Geständnis zu entreißen. Deshalb hatte selbst Thomasius die Tortur nicht unbedingt zu verwerfen gewagt, und wenn Friedrich wirklich mit der barbarischen Gewohnheit brechen wollte, so mußte er eben den Kriminalprozeß gesetzlich reformieren. Aber daran dachte er nicht im entferntesten; er entschied von Fall zu Fall, sicher, daß er in jedem Falle das Rechte treffen werde. Ein aufsehenerregender Fall, in dem die Unschuld des Angeklagten gerade noch entdeckt wurde, als er schon auf die Folter gebracht werden sollte, veranlaßte ihn zur Anweisung an die Gerichte, nicht mehr auf Tortur zu erkennen. Dann aber verfügte der König in einem anderen Falle, in dem die Verurteilung eines zweifellos schuldigen Verbrechers an dessen Leugnen zu scheitern drohte, das mangelnde Geständnis durch – Prügel zu erzwingen. Damit war denn die Tortur in einer neuen und gefährlicheren Form wiederhergestellt. Sie hatte früher nur auf Grund eines förmlichen Erkenntnisses landesherrlicher Gerichte angewandt werden dürfen, während nunmehr jedem Untersuchungsrichter gestattet war, nach Herzenslust zu prügeln; »die Inquirenten bedurften dazu keiner höhern Ermächtigung und wandten das erwünschte Mittel so energisch an, daß man bald einige eklatante Justizmorde zu beklagen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Alte und neue Rechtszustände in Preußen; Preußische Jahrbücher, 5, 390.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Willen des Königs als höchstem Gesetz hat es seine eigentümliche Bewandtnis. Entweder rüttelt er in eitlem Fürwitz an dem organischen Zusammenhange der historischen Entwicklung, und dann scheitert er oder zerstört, wo er schaffen möchte. Oder aber er begnügt sich mit dem Spielraume, den jeweilig die fürstliche Klasse hat, und dann erweist er sich keineswegs als Kind einer überirdischen Weisheit, sondern als das sehr irdische Erzeugnis von Klasseninteressen. Wer daran zweifelt, daß die geistigen Lebensformen durch die materiellen Lebensverhältnisse bestimmt werden, mag nur einmal Friedrichs Strafrechtspflege studieren; das Beispiel ist um so beweiskräftiger, als es dem Könige mit seiner Justizreform bitterer Ernst war, als er auf keinem Gebiete so kräftig wie auf diesem seine philosophischen Anschauungen in seinem fürstlichen Handwerke zu verwirklichen strebte. Sein Moral- und Strafkodex in Sachen der sogenannten fleischlichen Verbrechen spiegelt mit fast grotesker Schärfe seine Bevölkerungspolitik wider. Er verbot die Kirchenbuße gefallener Mädchen und untersagte jedem, ihnen wegen ihres Fehltritts Vorwürfe zu machen. Er gestattete zwar, daß, wenn einer in puncto sexti sich vergangen hatte, zwei Prediger ihm den begangenen Fehler zu Gemüte führen könnten, aber er fügte hinzu, »ohne zu poltern oder zu schelten«, und keiner der Geistlichen dürfe davon etwas verlauten lassen bei Strafe der Kassation; es müsse alles wie in der Beichte gesprochen angesehen werden. Er begnadigte gänzlich in Fällen von Blutschande, die dennoch vor die Gerichte gelangt waren, oder, was noch bezeichnender ist, als sich ein Ehemann bei Lebzeiten der Ehefrau mit der Tochter vergangen hatte, lehnte er die Begnadigung mit der Begründung ab: »Das ist zu gropf.« Er gewann dadurch überhaupt eine so weitherzige Ansicht von den fleischlichen Verbrechen, daß er das über einen Kavalleristen wegen Sodomiterei gefällte Todesurteil mit der klassischen Randschrift kassierte: »Der Kerl ist ein Schwein; er soll zur Infanterie.« Er beseitigte die Todesstrafe, die auf Abtreibung der Leibesfrucht gesetzt war, damit die Mutter durch spätere Fortpflanzung ihr Verbrechen wieder gutmachen könne. Er ließ die Bigamie nicht nur ungestraft, sondern erkannte sie rechtlich an, wie beispielsweise beim General Favrat. Friedrich selbst hatte bekanntlich schon an einer Frau zuviel, und es wäre lächerlich, seine juridische und moralische Weitherzigkeit in geschlechtlichen Dingen einer persönlichen Lasterhaftigkeit zuzurechnen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Doch ist zu bemerken, daß diese Weitherzigkeit den König nicht etwa verleitete, mit der katholischen Kirche wegen der &#039;&#039;kirchlichen&#039;&#039; Strafen anzubinden, die sie auf die Übertretung &#039;&#039;kirchlicher&#039;&#039; Eheverbote setzte. Friedrich war viel zu gescheit, um so »genial« wie der Herr Bismarck im »Kulturkampfe« zu sein. Einen Übergriff seiner Behörden in dieser Beziehung redressierte er sofort, indem er verfügte: »Indem sie (die katholischen Geistlichen) gedachtem Berkmeier die Absolution und das Abendmahl versagen, so geschieht ja dadurch kein Eingriff in unsere Rechte, welche uns in Ansehung der Dispensation in Ehesachen zustehen, sondern sie tun anderes nicht, als daß sie den Supplikanten von einem Genuß ausschließen, dessen er sich durch seine in der römischen Kirche verbotene Heirat verlustig gemacht und den er nicht verlangen kann, solange er ein Mitglied dieser Kirche ist.«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In schroffem Gegensatze zu dieser Weitherzigkeit und doch in vollkommenem Einklänge mit ihr stand die barbarische Grausamkeit der friderizianischen Rechtspflege, soweit es sich nicht um die Lieferung, sondern um die Trainierung des Menschenmaterials für despotische Zwecke handelte. Bei militärischen und politischen Verbrechen, mochten sie auch nur »Verbrechen« nach der damaligen Staatsräson sein, schreckte Friedrich vor keiner noch so brutalen Verletzung der Rechtsformen, vor keiner noch so entsetzlichen Strafe zurück. Da betrachtete er sich als unbeschränkten Herrn über Freiheit und Leben seiner Untertanen; da verhängte er Freiheits- und Lebensstrafen, wenn es ihm paßte, aus eigener Machtvollkommenheit und verschärfte ins Ungeheuerliche die richterlichen Urteile, die seiner Bestätigung bedurften. Er schlug es rundweg ab, wenn ihn einmal ein Oberst bei stark mildernden Umständen eines einzelnen Falles um eine Milderung der blutigen Kriegsartikel bat; er ließ den Geheimrat Ferber ohne Urteil und Recht wegen Verbreitung angeblich landesverräterischer Nachrichten in Spandau enthaupten und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken. Namentlich mit den wachsenden Jahren des Königs nahm seine Kabinettsjustiz sehr überhand. Um ihr einigermaßen zu steuern, vermied das Kammergericht nach Möglichkeit, auf Festungsstrafe zu erkennen; in einem Falle konnte es einen offenbaren Justizmord, auf den es nach Befehl des Königs erkennen sollte, nur dadurch hindern, daß es die Erledigung des Verfahrens bis über den Tod Friedrichs verschleppte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sache des Müllers Arnold, dem bekanntesten Falle der friderizianischen Kabinettsjustiz, spielten verschiedene Gesichtspunkte durcheinander. Eine Justiz, die das Recht des Bauern rücksichtslos gegen den Junker zu wahren schien, war ein treffliches Anziehungsmittel für bäuerliche Ansiedler aus der Fremde, und sie war auch ein derber Denkzettel für die gar zu patriarchalische Gerichtsbarkeit der Junker. Aber Friedrich wurde dabei doch in sehr empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert. Er bog das Recht, um in einem einzelnen Falle einem einzelnen Bauern zu helfen, aber als nunmehr Schwärme von Bauern das Schloß umlagerten und zu den Fenstern des Königs gerichtliche Urteile emporhoben, durch die sie viel schlimmeres Unrecht erfahren haben wollten als der Müller Arnold, da konnte er ihnen nicht helfen. Dazu wirkte noch ein militärpolitischer Gesichtspunkt in dieser berühmten Affäre mit. Der Müller Arnold hatte seine Beschwerden auf militärischem Wege zu den Ohren des Königs zu bringen gewußt, und Friedrich hatte irgendeinen unwissenden Kriegsknecht von Obersten mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Auf dessen Bericht hin kassierte er die Richter des Kammergerichts, die gegen den Müller entschieden hatten, in schimpflichster Weise und schrieb an den Minister v. Zedlitz, der sich weigerte, dem Gewaltakte hilfreiche Hand zu leisten: »Das Federzeug verstehet nichts. Wenn Soldaten etwas untersuchen und dazu Order kriegen, so gehen sie den geraden Weg und auf den Grund der Sache. Allein ihr könnt das nur gewiß sein, daß ich einem ehrlichen Offizier, der Ehre im Leibe hat, mehr glaube als allen euren Advokaten und Richtern.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In der Sache des Müllers Arnold geben die preußischen Mythologen meistens der Wahrheit die Ehre, und es ist deshalb zu bedauern, daß Dühring, Sache, Leben und Feinde, 394, sie wegen ihrer »meist feige verhaltenen, aber doch hinreichend sichtbaren Bosheit gegen jene wirkliche Großtat des originalen Königs« verhöhnt. Eher versteht man es schon, wenn neuestens irgendein patriotischer preußischer Amtsrichter in guter Witterung der Zeit die rettende soziale Tat des Königs preist, die sich über formale Gesetzesbedenken hinweggesetzt habe. Übrigens scheint Friedrich selbst seinen Gewaltschritt bald als solchen erkannt und nur deshalb nicht zurückgetan zu haben, weil er seine königliche Unfehlbarkeit nicht bloßstellen wollte. Interessante Einzelheiten darüber bei Preuß, 3, 522 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So haben wir denn den aufgeklärten Despotismus Friedrichs nach seinem innern Zusammenhange, seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in großen Umrissen geschildert. Ließ sich dabei eine gewisse Ausführlichkeit nicht vermeiden, so können wir uns über die Moral von der Geschichte um so kürzer fassen. Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn wir noch nachweisen wollten, daß dieser aufgeklärte Despotismus mit dem Zeitalter der deutschen Humanität, dem Lessing die erste Bahn brach, schlechterdings gar nichts zu tun hat. An einem Dornstrauche können keine Feigen wachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bleibt noch übrig, die Diplomatie und die Kriegführung Friedrichs auf den gleichen Gesichtspunkt zu untersuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Friedrichs Diplomatie und Kriegführung ==&lt;br /&gt;
Die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats war durch seine Lebensbedingungen gegeben. Er konnte dauernd nicht bestehen, solange er sich, von ein paar Landparzellen am Rhein abgesehen, einzig auf die voneinander getrennten Landschaften Brandenburg und Ostpreußen stützte, von denen Ostpreußen zudem noch unter polnischer Lehnshoheit stand. Diese abzuschütteln, sich zwischen Polen und Schweden eine unabhängige Stellung zu sichern und den Zankapfel beider Mächte, die Herrschaft über die Ostsee, selbst an sich zu reißen, durch die Erwerbung der anderen ostelbischen Kolonisationen, namentlich Pommerns und Schlesiens, mit deren Besitze das ganze handelspolitische Gebiet der Oder unter preußische Hoheit kam, ein ökonomisch und politisch abgerundetes Gemeinwesen herzustellen – das war zunächst die auswärtige Politik des preußischen Militärstaats, die von selbst gegeben war und sich gewissermaßen auch von selbst durchsetzte. Die größere oder geringere »Genialität« der einzelnen Fürsten hatte dabei nur insofern mitzusprechen, als sie ihnen eine größere oder geringere Einsicht in den notwendigen Gang der Dinge ermöglichte und somit die Wahl gewährte, sich nach dem lateinischen Worte von den Geschicken leiten oder schleppen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben gesehen, daß schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm den Plan zur Erwerbung Schlesiens entworfen und das Erlöschen des habsburgischen Mannesstammes als den Zeitpunkt angegeben hatte, wo diese Eroberung ins Werk zu setzen sei. Er selbst erwarb zunächst die Souveränität des Herzogtums Preußen, auf welche sein Nachfolger, Friedrich I., dann die Königswürde gründete. Für diesen Zweck warf sich der Kurfürst in den polnisch-schwedischen Kriegen um die Ostsee bald auf die eine, bald auf die andere Seite, mit einer Unbedenklichkeit in der Wahl der Mittel, die sogar den brandenburgischen Hofgeschichtsschreibern ein leises Schaudern einflößt. Es gelang dem Kurfürsten ferner, den größeren, aber hafenarmen Teil von Pommern an sich zu bringen; dagegen blieben Vorpommern und Stettin in den Händen der Schweden. Zweimal glaubte der Kurfürst auch diesen Teil von Pommern in der Hand zu haben; zweimal, im Westfälischen Frieden und im Frieden von St. Germain, mußte er zu seinem bittersten Verdrusse darauf verzichten. Schon im Jahre 1646 erklärte er, von der Oder könne und werde er ohne den Ruin seines Hauses nicht abstehen, und er kämpfte Schritt um Schritt um die Odermündungen. Aber wie er, so wußten auch seine Gegner, wessen der brandenburgisch-preußische Staat bedurfte. So unanfechtbar die Erbansprüche des Kurfürsten auf das ganze Pommern waren: Frankreich, Österreich, Schweden widersetzten sich ihnen gleichmäßig. Ehe sie dem Kurfürsten einen beherrschenden Platz an der Ostsee einräumten, stopften sie ihm lieber den Mund durch die Bistümer Kammin, Halberstadt, Minden und die Anwartschaft auf das Erzbistum Magdeburg, das heißt durch einen Besitz, der sowohl an Umfang wie an Kultur dem vorenthaltenen Teile von Pommern weit überlegen war.&amp;lt;ref&amp;gt;Nähere Daten darüber bei Stenzel, Geschichte des preußischen Staats, 2, 47 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl unterzeichnete der Kurfürst den westfälischen Friedensvertrag mit dem Stoßseufzer, daß er wünschte, nie schreiben gelernt zu haben. Erst seinem Enkel, dem Könige Friedrich Wilhelm I., gelang es, aus dem Schiffbruche des schwedischen Karl XII. Stettin und die Odermündungen sowie ein Stück von Vorpommern zu erwerben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der habsburgische Mannesstamm erlosch im Jahre 1740, wenige Monate nachdem Friedrich II. die Regierung angetreten hatte. Es war nun weder ein genialer Gedanke noch eine revolutionäre Insurrektion, sondern einfach die unverbrüchliche Politik des preußischen Militärstaats, die den König veranlaßte, sofort in Schlesien einzufallen, sogar noch ehe Maria Theresia seine Vorschläge zu einer friedlichen Einigung über die brandenburgischen Erbansprüche auf einzelne Teile dieser Landschaft abgelehnt hatte. Von diesen Erbansprüchen spricht Friedrich verständigerweise immer mit Ironie; er wollte einzig eine niemals wiederkehrende Gelegenheit benützen, um den preußischen Staat so abzurunden, daß sein Heer mit der wachsenden Militärmacht der großen Staaten einigermaßen Schritt halten konnte. Er wußte sehr gut, daß seine Erbansprüche in Wien nicht imponieren würden, und er machte sie allein aus taktischen Gründen geltend, teils um seiner Eroberungspolitik einen »rechtlichen« Anstrich zu geben, teils um den Bedenken des Marschalls Schwerin und des Ministers Podewils gerecht zu werden; deshalb sind auch nicht viele Worte darüber zu verlieren, daß er Schlesien besetzte, noch ehe er eine endgültige Absage aus Wien empfangen hatte. Aber freilich sind diese »friedlichen« Verhandlungen ein schlagender Beweis mehr gegen die revolutionäre Insurrektion; wäre Maria Theresia auf Friedrichs Angebote (Unterstützung durch Geld und Waffen gegen ihre sonstigen Feinde und die brandenburgische Kurstimme für die Wahl ihres Gemahls zum römischen Kaiser) eingegangen und hätte sie dafür auch nur Niederschlesien abgetreten, so würde Friedrich die »habsburgische Fremdherrschaft« und wie die schönen Schlagworte von heute sonst noch lauten, nach Kräften gestützt haben. Abgewiesen in Wien, mußte er sich zum Kriege entschließen, der nun aber auch weder eine »revolutionäre Insurrektion« noch eine »patriotische Reichsreform« werden konnte. Denn wenn das habsburgische Kaisertum von Papstes Gnaden ein Schatten war, so stellte das wittelsbachische Kaisertum von Frankreichs Gnaden, dessen Banner Friedrich nunmehr angeblich trug, höchstens eines Schattens Schatten dar. Dagegen war das Bündnis mit Frankreich gegen das habsburgische Kaisertum altbrandenburgische Hauspolitik; hatte doch Kurfürst Joachim I. 1519 dem französischen Könige Franz I., Kurfürst Friedrich Wilhelm 1679 dem französischen Könige Ludwig XIV. die deutsche Krone vertragsmäßig versprochen.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 2, 2, 68 ff. Ranke, Genesis, 335 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu alledem kommt noch die merkwürdige Tatsache, daß nicht eigentlich Friedrich Schlesien eroberte, sondern sein Vater, jener kaiser- und reichsfromme Fürst, der lange Jahre zum Gespötte von ganz Europa durch den kaiserlichen Gesandten Seckendorff am Gängelbande geführt worden war. Aus der von ihm sehr ungeschickt eingeleiteten Schlacht bei Mollwitz floh Friedrich verzagt und vorzeitig nach einigen erfolgreichen Angriffen der österreichischen auf die preußische Reiterei, aber das preußische, von Friedrich Wilhelm I. und dem Fürsten von Dessau gedrillte Fußvolk stand wie eine Mauer und entschied ohne sonderlichen Einfluß einer höheren Führung den Sieg. Ebenso unglücklich war Friedrichs erstes Auftreten als Diplomat. In dem Vertrage von Kleinschnellendorf verriet er seinen französischen Bundesgenossen an Österreich, gestattete er dem österreichischen Heere, »um die Schlüssel einer einzigen, im Grunde nicht widerstandsfähigen Festung«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 153.&amp;lt;/ref&amp;gt; sich auf seine französischen Verbündeten zu stürzen, die ihm, wie er selbst in seinen Denkwürdigkeiten bekennt, keinen Anlaß zu einem Bruche gegeben hatten. Über die Moral der Sache sind wieder nicht viele Worte zu verlieren; Frankreich und Preußen hatten das gleiche Interesse, Österreich zu schwächen, aber nur so weit, daß der eigene Bundesgenosse dadurch nicht zu stark wurde; es ist schwer zu sagen, ob Friedrich die Franzosen öfter in die Patsche gebracht hat oder sie ihn, wie denn das Gezeter der Zeitgenossen über Friedrichs »Treulosigkeit« gemeiniglich nicht sittliche Entrüstung, sondern nur der Schmerzensschrei eines geprellten Schelms war, über den anderthalb Schelme gekommen waren. Friedrich kannte schon Goethes geflügeltes Wort; er umschreibt es in einem Briefe an Podewils mit dem Satze: »Wenn düpiert werden muß, so seien wir denn Schelme (fourbes).« Aber der Vertrag von Kleinschnellendorf war eine Schelmerei, bei welcher Friedrich düpiert wurde, während er düpieren wollte, und ein Diplomat kann kein schlechteres Geschäft machen, als wenn er einen Bundesgenossen verrät, mit kaum nennenswertem Gewinne für sich, aber mit dem größten Gewinne für den gemeinsamen Gegner. Damals erwarb sich Friedrich den durch seine spätere Diplomatie nicht mehr gerechtfertigten Vorwurf, daß er den kleinsten Gewinn des Augenblicks den größten Vorteilen der Zukunft vorziehe. Eher schon erklärte sich die zweite Preisgabe seiner Bundesgenossen, als Friedrich den Sonderfrieden von Breslau schloß, worin ihm Maria Theresia, namentlich auf Betrieb der englischen Diplomatie, Schlesien abtrat, um den gefährlichsten Feind zunächst loszuwerden und gegenüber ihren sonstigen Gegnern freiere Hand zu bekommen, das heißt also: mit stillen Vorbehalten für die Zukunft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Vorbehalte lagen so sehr in der Luft, daß es sich abermals leicht erklärt, wenn Friedrich 1744, als im währenden Österreichischen Erbfolgekriege die Erfolge Maria Theresias gegenüber Frankreich und dem wittelsbachischen Schattenkaiser gar hoch gestiegen waren, ein neues Bündnis mit Frankreich schloß und als deutscher Reichsstand seine »Hilfsvölker« dem in seiner Ehre und Würde schwer verletzten Kaiser zuführte. Nur verfiel er auch diesmal einem schweren diplomatischen Fehler, indem er sich im geheimen ein gutes Stück von dem Königreich Böhmen, das er für den Kaiser zu erobern gedachte, für den preußischen Staat ausbedang. Das Geheimnis wurde bald ruchbar und stellte den König moralisch-politisch bloß um einer ganz illusionären Aussicht willen. Hier lag einer der Fälle vor, in denen sich Friedrich in der Tat über seine Machtmittel getäuscht hat. Denn so leicht sich Schlesien bei seiner geographischen Lage und seinen ökonomischen Lebensbedingungen dem preußischen Staate einverleiben ließ, so unlösbar war diese Aufgabe auch nur für einen Teil von Böhmen. Mit der Eroberung dieses Königreichs machte Friedrich denn auch sehr bittere Erfahrungen. Diesmal ließen seine französischen Bundesgenossen ihn im Stich, und der alte Marschall Traun, den Friedrich dann selbst stets mit erfreulicher Ehrlichkeit als seinen Lehrer in der Kriegskunst gepriesen hat, manövrierte ihn unter nahezu völliger Auflösung des preußischen Heeres über die schlesische Grenze zurück. Der Winter von 1744 bis 1745 war eine überaus schwere Zeit für Friedrich; wie er in ihr nach dem Zeugnisse der fremden Gesandten äußerlich zum Manne reifte, so machte er sich innerlich von allen Illusionen frei, mit denen ihn auf dem Gebiete der auswärtigen Politik bisweilen wohl Ehrgeiz, Ruhmbegierde oder, wie er sich gelegentlich ausdrückte, ein »geheimer Instinkt« genarrt hatten. Obgleich er im Jahre 1745 in einer ganzen Reihe von Schlachten und Treffen (Hohenfriedberg, Soor, Katholisch-Hennersdorf, Kesselsdorf) die Österreicher und die Sachsen mit seinem wiederhergestellten Heere schlug, so erbot er sich am Jahresschlusse doch, unter schmerzlichem Erstaunen Frankreichs, unter anfangs ungläubigem, dann freudigem Erstaunen Österreichs, zu einem zweiten Sonderfrieden, wofern ihm der Besitz Schlesiens bestätigt würde. Und nach Erfüllung dieser Bedingung kehrte er in seine Staaten zurück, entschlossen, sein Lebtag »keine Katze mehr anzugreifen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es unterliegt nicht dem geringsten Zweifel, daß es dem Könige voller Ernst mit diesem Entschlusse war. Zwar ist, als elf Jahre später der Siebenjährige Krieg ausbrach, sofort der Vorwurf gegen ihn erhoben worden, daß er in ehrgeiziger und mutwilliger Absicht wieder zu den Waffen gegriffen habe, und diese Anklage scheint um so schwerer ins Gewicht zu fallen, als sie zuerst von Friedrichs eigenen Brüdern erhoben wurde und unter der Mehrzahl seiner Generale und Minister heimliche Zustimmung fand. Auch erscheint sein plötzlicher Überfall Sachsens und die rücksichtslose Knebelung dieses Landes als ein ruchloser Landfriedensbruch. Allein der König entschloß sich zu dem Gewaltschritt höchst ungern und erst unter dem unerbittlichen Zwange der Umstände. Durch den Verrat österreichischer und sächsischer Beamten war er seit mehreren Jahren urkundlich auf dem laufenden erhalten worden über Verhandlungen zwischen Österreich, Sachsen und Rußland, die dahin abzielten, ihn zu überfallen und die aufstrebende Macht des preußischen Staats zu brechen. Die Tatsache dieser Verhandlungen ist und war schon damals unbestreitbar, aber die preußischen Prinzen meinten, das alles hätte noch gar sehr in der Luft geschwebt und wäre ohne das unzeitige Losbrechen des Königs möglicherweise in leeren Dunst zerflossen. Möglicherweise allerdings, und dieser Möglichkeit trug Friedrich auch alle Rechnung, indem er die österreichisch-sächsisch-russischen Verhandlungen jahrelang mit gespannter Aufmerksamkeit, aber sonst in unbeweglicher Ruhe verfolgte. Indessen es gab auch die entgegengesetzte Möglichkeit, die Friedrich nicht zur Gewißheit werden lassen durfte, wenn er nicht in die furchtbarste Pressung geraten wollte. Und diese Möglichkeit wuchs zur Gewißheit heran, als der ökonomische Interessengegensatz Englands und Frankreichs in den nordamerikanischen Kolonien in offenen Krieg ausbrach und damit auch ein Krieg im Innern Deutschlands entschieden war, denn ein Angriff Frankreichs auf Hannover als die wundeste Stelle Englands verstand sich von selbst. Das französisch-preußische Bündnis lief im Juni 1756 ab, und Friedrichs Versuche, es zu erneuern, waren gescheitert. Nicht wegen der freundlichen Gesinnung, die Maria Theresia, und wegen der unfreundlichen Gesinnung, die Friedrich der Pompadour bezeigt hatten, denn dergleichen Dinge spielten selbst in dem absolutistischen Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts für die großen politischen Entscheidungen höchstens in ganz nebensächlicher Weise, oder, wie es in der Sprache der Gerichte heißt, als »adminikulierendes Beiwerk« mit.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Da der obenerwähnte Quark in den bürgerlichen Geschichtswerken immer wieder breitgetreten wird, so mag er beiläufig wenigstens insoweit berücksichtigt werden, als aus ihm Streiflichter auf die Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts fallen. Maria Theresia selbst hat in einem Schreiben an die sächsische Kurprinzessin Maria Antonia den persönlichen Briefwechsel mit der Pompadour bestritten, und die einfache Versicherung der, was ihre Person anbetrifft, edlen und hochherzigen Frau wirft den entgegengesetzten vagen Klatsch in den Memoiren von Duclos, Montgaillard, Richelieu und selbst die genaueren Angaben v. Hormayrs im Taschenbuche für die Vaterländische Geschichte von 1811 über den Haufen. Wenn aber die österreichischen Gesandten und Minister, um das französisch-preußische Bündnis zu sprengen, der Pompadour hofierten, so taten sie nur dasselbe, was der preußische Gesandte, Graf Rothenburg, zwölf Jahre früher bei Abschluß des Bündnisses getan hatte; der einzige Unterschied war, daß die königliche Mätresse 1744 nicht Pompadour, sondern Chateauroux hieß. Herr Koser, der ja neuerdings von der preußischen Staatsanwaltschaft als »objektiver und wissenschaftlicher Sachverständiger« über preußische Geschichte in Majestätsbeleidigungsprozessen zugezogen worden ist, erzählt 1, 219, daß »Graf Rothenburg wiederholt selbdritt mit dem Könige bei der Herzogin von Chateauroux zur Nacht speiste«, und fügt hinzu: »Wie hätte die Herzogin des Königs von Preußen ritterlichen Sendboten in seinen Bemühungen nicht fördern sollen, der wie sie selbst einen Appell an die edleren, an die königlichen Leidenschaften in Ludwigs Brust versuchte!« Ja, wie »hätte« sie nicht, und so kam »selbdritt« das preußisch-französische Bündnis von, 1714 zustande, für Preußen das Vorspiel zum Zweiten Schlesischen Kriege, für Frankreich ein neuer Aufschwung des Österreichischen Erbfolgekrieges, dem durch die Anwesenheit Ludwigs XV. im Felde – dies ist es, was Herr Koser »die edleren, die königlichen Leidenschaften« nennt – ein frischer Druck gegeben werden sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon hieraus ergibt sich, daß Friedrichs Mißachtung der Pompadour keineswegs spießbürgerlichen Anstandsbegriffen entsprang, die ganz und gar nicht zu seinen Schwächen gehörten. Vielmehr: Wenn er nach dem Zeugnisse von Valori und Voltaire über die Pompadour (&#039;&#039;vor&#039;&#039; dem Siebenjährigen Kriege – denn in den Nöten dieses Krieges hat er ihr sogar (siehe Schäfer, Siebenjähriger Krieg, 1, 415) das Fürstentum Neuchâtel für Lebenszeit anbieten lassen um den Preis des Friedens mit Frankreich – verächtlich zu sprechen pflegte, so geschah es einfach, weil die Marquise als einfache Antoinette Poisson aus der Roture emporgekommen war, im Gegensatze zur Chateauroux, die eine geborene Marquise de la Tournelle war. Friedrich machte hier denselben Unterschied, den bald nach seinem Tode der Hof und die »Gesellschaft« von Berlin, ja den bis heute die bürgerlich-preußische Geschichtsschreibung macht, indem sie alle Schmach des Mätressenregiments unter Friedrich Wilhelm II. auf die Gräfin Lichtenau, geborene Mamsell Encke, abwälzt und die adeligen Dirnen dieses Königs, die Voß, Dönhoff und wie sie sonst noch heißen, im heroisch-sentimentalen Brillantfeuer einer tragischen Liebesleidenschaft erscheinen läßt. Dem »Philosophen von Sanssouci« stand dieser Unterschied nur um so weniger an, als die Antoinette Poisson trotz alledem auch eine kleine Philosophin war. Sie rettete die Enzyklopädie, als das Parlament von Paris im großen Hofe des Justizpalastes den Scheiterhaufen für das berühmte Werk anzünden ließ; unter ihrem Schutze schrieb François Quesnay sein berühmtes Tableau économique, und dies wie anderes will doch ein wenig mehr bedeuten, als wenn die »hochgesinnte Kebse«, wie selbst Carlyle die Chateauroux nennt, ihren königlichen Liebhaber in ein Kriegsabenteuer jagte, zu dem er taugte wie der Esel zum Lautenschlagen.)&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sondern beide Teile hatten bei dem Bündnisse ihre Rechnung nicht gefunden, und wenn die am französischen Hofe immer noch mächtige Partei, die getreu den Überlieferungen Richelieus und .Mazarins in der deutschen Zerrissenheit eine Quelle der französischen Macht sah und somit an dem preußischen, gegen das habsburgische Kaisertum gerichteten Bündnisse festhalten wollte, nochmals die Sendung eines Unterhändlers nach Berlin durchsetzte, so hatte dieser, ein Herzog von Nivernois, doch so viel zu verlangen und so wenig zu bieten, daß Friedrich sich unmöglich auf den Handel einlassen konnte. Der Herzog bot beispielsweise für die preußische Waffenhilfe in dem drohenden Kriege mit England die Insel Tobago, worauf Friedrich mit berechtigtem Spotte erwiderte: »Die Insel Tobago? Sie meinen wohl die Insel Barataria, für die ich aber nicht den Sancho Pansa machen kann.« Damals kannte nämlich die preußische Politik noch nicht jene großmäuligen Fanfaronaden des Herrn Bismarck, wonach das Flaggenhissen auf irgendeinem tropischen Sand- oder Sumpfflecken stets eine nationale Großtat ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug: Um nicht einer völligen Isolierung zu verfallen, schloß Friedrich am 16. Januar 1756 mit England die Neutralitätskonvention von Westminster ab, eine gegenseitige Übereinkunft, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Als Gegenschlag folgte am 1. Mai desselben Jahres das französisch-österreichische Schutzbündnis, und Österreich begann mit großen Rüstungen. Nunmehr richtete Friedrich zweimal eine diplomatische Anfrage nach Wien, einmal nach dem Zwecke dieser Rüstungen und dann darnach, ob er für dies und das folgende Jahr vor jedem österreichischen Angriffe sicher sei. Beide Male erhielt er ausweichende, nichtssagende, ja geradezu höhnische Antworten, und jetzt durfte er bei dem eigentümlichen Wesen des preußischen Militärstaats keinen Augenblick länger zögern. Nach einem treffenden Vergleiche von Carlyle besaß er ein ungleich kürzeres Schwert als Frankreich und Österreich, aber er brachte es dreimal so schnell aus der Scheide wie diese Großmächte, und er konnte schlechterdings nicht warten, bis dieser sein gewichtiger, aber auch einziger Vorzug vor seinen ihm sonst in jedem Betrachte überlegenen Gegnern illusorisch geworden war. Von seinem und seines Staates Interessenstandpunkte aus, und der ist doch für seine subjektive Beurteilung entscheidend, könnte man eher sagen, daß er schon zu lange gezögert hatte und daß er sich mindestens die zweite Anfrage nach Wien hätte sparen können. Vielleicht hätte er es auch getan, wenn ihm am Beginn des Feldzugs zu einer möglichst späten Jahreszeit nicht auch aus dem gewichtigen Grunde gelegen gewesen wäre, kein französisches Heer mehr in diesem Jahre auf deutschem Boden erscheinen zu sehen. Jedenfalls entstand seinem Plane, durch schnelle Schläge die gefährlichsten und nächsten Gegner, die Sachsen und Österreicher, so weit zu betäuben, daß sie sich gern zu dauerndem Frieden entschlössen, dadurch das erste Hindernis, daß Sachsen noch im letzten Augenblicke seine Truppen in das Felsenlager von Pirna zusammenziehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein preußischer Eroberungskrieg war der Siebenjährige Krieg somit nicht, aber was war er dann? Die bürgerlich-preußischen Geschichtsschreiber antworten: eine Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges, ein Religionskrieg, die endgültige Rettung der deutschen Geistesfreiheit, die erste Begründung des deutschen Nationalstaats und wie die herrlichen Schlagworte alle lauten. Lassen wir die Tiraden ohne jeden greifbaren Inhalt beiseite und halten wir uns an den Religionskrieg, bei dem sich ungefähr etwas denken läßt. Es scheint ja auch auf flacher Hand zu liegen. Nach der Gruppierung der Mächte im Österreichischen Erbfolgekriege und den ersten Schlesischen Kriegen: Frankreich-Preußen hier, England-Österreich dort; nach diesen »weltlichen« Kriegen, in denen die Konfessionen bunt gemischt sind, nunmehr der »Religionskrieg«, der die Konfessionen streng scheidet: die katholischen Mächte Frankreich und Österreich mit dem segnenden Papste im Hintergrunde gegen die protestantischen Mächte England und Preußen; dort Finsternis, Mittelalter, Geistesknechtschaft, hier Licht, Zukunft, Geistesfreiheit; dort romanische Entartung oder slawische Barbarei, hier Zivilisation unter dem Zeichen des Germanentums. Schade nur, daß der Krieg nicht entstand aus einem Glaubens-, sondern aus einem Handelsgegensatze zwischen England und Frankreich; schade nur, daß er endete mit der politischen Hegemonie eines wirklichen Barbarenstaats über den einen der Freiheits- und Lichtkämpfer, und zwar einer Hegemonie, die der andere der Freiheits- und Lichtkämpfer wieder aus – handelspolitischen Rücksichten verschuldet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Vertrage von Westminster, welcher der schon erwähnten Neutralitätskonvention ein Jahr später folgte, hatte England neben der Zahlung von Subsidien an Preußen versprochen, eine Flotte in die Ostsee zu senden, acht Linienschiffe und mehrere Fregatten und wenn nötig auch noch mehr Fahrzeuge. Die Bestimmung war klar und unzweideutig, ebenso ihr Zweck; die englische Flotte in der Ostsee hätte Ostpreußen und Pommern für Friedrich erhalten; sie hätte vor allem durch Sperrung der russischen Häfen, durch Vernichtung des russischen Handels diesem Barbarenstaate die Einmischung in die europäischen Händel verleidet. England hat aber nie daran gedacht, auch nur ein bewaffnetes Boot in die Ostsee zu senden; ja, es beließ sogar während des ganzen Krieges eine Gesandtschaft in Petersburg. Nicht das Interesse des protestantischen Bundesgenossen entschied, sondern das Interesse des englischen Handels. England besaß damals noch kein indisches Reich; seine nordamerikanischen Kolonien waren noch wenig angebaut und bevölkert; so durfte kein englischer Minister den Ostseehandel antasten. Als Pitt das Ruder ausschließlich in die Hand bekam, machte er dem Könige von Preußen auch gar kein Hehl daraus, daß Friedrich nie darauf rechnen dürfe, jene Bestimmung des Vertrags von Westminster ausgeführt zu sehen; alle Begeisterung der englischen Nation für die protestantische Sache im allgemeinen und für Friedrich im besonderen ändere gar nichts an der Tatsache, daß jedes Ministerium, welches eine Kriegsflotte in die Ostsee sende, sofort die Stimmenmehrheit im Parlamente verlieren würde. Kluge Staatsmänner wissen recht gut, daß die ökonomischen Tatsachen die Welt regieren, und unter sich machen sie auch gar kein Hehl daraus. Die ideologische Einkleidung überlassen sie den staatsmännischen Geschichtsschreibern, an denen es zum Heile der aufgeklärten und noch aufzuklärenden Menschheit ja auch noch in keinem Volke gefehlt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jenes handelspolitische Interesse der englischen Nation gab dem Siebenjährigen Kriege die entscheidende Wendung. Gefeit gegen jeden Angriff, konnte das russische Zarentum seine wüsten Eroberungs- und Raubinstinkte nach Gefallen austoben. Es hat sich denn auch dreimal den Luxus gegönnt, seine Stellung im Siebenjährigen Kriege zu ändern. Die erste und längste Zeit hindurch kämpfte das russische Heer gegen Preußen, heimste die Provinz Ostpreußen gänzlich ein, verwüstete in bestialischer Weise Pommern und die Mark, schlug fast immer die preußischen Truppen in vernichtenden Niederlagen, denn auch die Schlacht von Zorndorf war mehr ein unentschiedener Zusammenstoß als ein Sieg Friedrichs, kurzum, drängte den preußischen Staat bis an den Rand des Abgrunds, soweit getreu dem vom russischen Senat schon im Jahre 1753 zu einer »beständigen Staatsmaxime« erhobenen Beschlusse, sich nicht allein allem ferneren Anwachsen der preußischen Macht zu widersetzen, sondern auch die erste bequeme Gelegenheit zu ergreifen, um das Haus Brandenburg durch eine überwiegende Macht zu unterdrücken und in seinen vorigen mittelmäßigen Zustand zu versetzen. Offenbar schoß aber diese Maxime, die unter dem Einflusse der veralkoholisierten und wüterischen Zarin Elisabeth beschlossen worden war, weit über das Ziel hinaus; nicht die politische Vernichtung, sondern die politische Beherrschung des preußischen Staats war russisches Interesse; Preußen durfte kein Nebenbuhler Rußlands, es mußte sein Vasall werden, aber es mußte daneben doch immer ein Pfahl im Fleische Österreichs bleiben; so geboten es die russischen Eroberungszwecke, mochten sie sich nun auf Polen, die Türkei oder auf Deutschland selbst richten. Es ist auch sehr genau zu verfolgen, wie die russischen Generale sich ganz im Widerspruche mit dem Willen der Zarin immer davor hüten, dem preußischen Heere den letzten Gnadenstoß zu geben, was ihnen beispielsweise nach der Schlacht bei Kunersdorf ein leichtes gewesen wäre. Nach dem plötzlichen Tode der Zarin Elisabeth folgte dann das preußisch-russische Bündnis, das nichts als eine närrische Laune des närrischen Peter III. war. Einen armseligen Tritagonisten nennt ihn Lessing, ausersehen, in der Larve eines Gottes den ungeschickten Knoten eines blutigen Schauspiels zu zerschneiden. Aber entwirrt hat diesen Knoten erst Katharina II. Als sie ihren Gemahl Peter in bübischer Weise ermordet und ohne eine Spur von Recht den russischen Thron bestiegen hatte, begriff diese gescheite Person sofort das russische Interesse; durch ihre Neutralität ließ sie den Siebenjährigen Krieg an allgemeiner Erschöpfung sterben und pflückte dann seine Frucht in dem preußisch-russischen Bündnisse vom 14. April 1764, in dessen geheimen Artikeln schon die Teilung Polens angebahnt wurde. König Friedrich, der keineswegs eine bismärckische Hornhaut gegenüber russischen Unverschämtheiten besaß, fühlte sich als russischer Satrap im Innersten gedemütigt, aber er konnte dieser »furchtbaren Macht« nicht widerstehen; er mußte durch seine Subsidien die Türkenkriege Katharinas unterstützen; er mußte bei der ersten Teilung Polens den größten Teil des Hasses auf sich nehmen und durfte nur den kleinsten Teil der Beute davontragen; er mußte mitsamt Österreich 1779 im Teschener Frieden, der den Bayrischen Erbfolgekrieg beschloß, Rußland als »Garanten des Westfälischen Friedens« anerkennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat, aber in gar sehr anderem Sinne, als die preußischen Mythologen meinen! Wie der Dreißigjährige, so endete der Siebenjährige Krieg mit dem Scheitern des Versuchs, Deutschland unter die Herrschaft des habsburgisch-päpstlichen Kaisertums zu bringen. Wie der Dreißigjährige, so erstarb auch der Siebenjährige Krieg an der allgemeinen Erschöpfung: Die Verwüstung Deutschlands nach dem einen wie dem andern war – so bezeugt wenigstens König Friedrich – gleich groß. Wie der Dreißigjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Frankreich und Schweden, das heißt mit dem Rechte zur beliebigen Einmischung in die deutschen Verhältnisse, das heißt mit der Fremdherrschaft zweier Kulturvölker schloß, so der Siebenjährige Krieg mit der »Garantie des Westfälischen Friedens« durch Rußland, mit der Fremdherrschaft eines Barbarenstaats, deren unheilvolle Folgen bis heute noch nicht überwunden sind, wie denn ihre Überwindung überhaupt erst erhofft werden kann, seitdem die deutsche Arbeiterklasse zum politischen Bewußtsein erwacht ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig bei alledem, wie durch ebendiesen Siebenjährigen Krieg der »erste höhere Lebensgehalt« in das geistige Leben des deutschen Volkes gekommen sein soll!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IX. Zur Psychologie des Siebenjährigen Krieges ==&lt;br /&gt;
Man sagt nun aber wohl: Mag es mit dem Ergebnisse des Siebenjährigen Krieges stehen wie immer, der Krieg als solcher, die Tatsache, daß ein deutscher Fürst sich mit fast übermenschlichem Genie sieben Jahre gegen eine Welt von Feinden aufrechterhielt, alle die Reichsfeinde, die so lange auf deutschem Boden gehaust hatten, die Russen und die Ungarn, die Franzosen und die Schweden aufs Haupt schlug, diese Tatsache entzündete von neuem den nationalen Geist des deutschen Volkes oder doch seiner protestantischen Mehrheit. Und in der Tat möchte eine derartige Ansicht noch dem Worte Goethes von dem »höheren Lebensgehalte« am nächsten kommen. Es fragt sich nur, ob die Zeitgenossen die Sache ebenso angesehen, ob die »patriotischen Kriegstaten« Friedrichs ihnen den nationalen Geist eingeflößt haben, aus dem unsere klassische Dichtung entsprossen sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dem Könige selbst würde diese Auffassung, wenn er sie lesen könnte, ungefähr so verständlich sein wie die Sprache der Irokesen. Seine vorzüglichste Eigenschaft, die ernste und nüchterne Auffassung der Dinge, hat ihn stets vor allen Prahlereien bewahrt; er wollte nicht mehr sein als ein Feldherr seiner Zeit, und er ist auch nicht mehr gewesen. Zwar haben jene ideologischen Überschwenglichkeiten neuerdings auch in der preußischen Militärliteratur einen starken Widerhall gefunden; seit zehn Jahren tobt in ihr, nicht gerade zum Ruhm des klassischen Militärstaates, eine heftige Fehde darüber, ob Friedrich kraft einer genialen, seine Zeit um fünfzig oder hundert Jahre überflügelnden Voraussicht die napoleonische Strategie angewandt habe, die in der schnellen Zertrümmerung des feindlichen Heeres durch die Schlacht ihr erstes und einziges Ziel erblickt, oder ob er den Krieg seines Jahrhunderts geführt habe, jenen bedächtigen, langsamen, methodischen Krieg, der sich dadurch gegenüber dem Feinde in Vorteil zu setzen suchte, daß er ihm die für die Unterhaltung seiner Heere bestimmten Magazine zerstörte, daß er ihm diesen Landstrich oder jene Festung wegnahm, daß er ihn durch allerlei künstliche Manöver, durch »Ombragen«, »Jalousien«, »Diversionen« aus dem Felde bringen wollte, daß er die Schlacht nur als äußerstes Mittel betrachtete, sozusagen als einen Notbehelf, der erst im Falle der Not anzuwenden war oder etwa noch, wenn ein sehr großer Vorteil auf sehr sicherem Wege erreicht werden konnte. Nun bedarf es keines langen Nachdenkens, um zu erkennen, welche Ansicht die richtige ist. Die napoleonische Strategie beruht auf dem Volksheere, der Tirailleurtaktik und dem Requisitionssystem; sie hat zur Voraussetzung Massenarmeen, die sich schnell vorwärtsbewegen, die tiraillieren, das heißt auf jedem Gelände schlagen, und requirieren, das heißt durch Beschaffung der Lebensmittel unmittelbar von der Bevölkerung sich selbst verpflegen können. Das Heer des vorigen Jahrhunderts war dagegen ein Söldnerheer, das als solches an die Lineartaktik und an die Magazinverpflegung gebunden war. Es konnte wegen der Kostspieligkeit der Werbung über eine gewisse Zahl nicht hinauswachsen. Es konnte nur in starren Linien, das heißt zusammengehalten durch den Stock und die drohende Kugel der Offiziere, an den Feind gebracht werden, und es konnte somit fast nur auf freier Ebene schlagen, gewissermaßen als eine mechanische Schießmaschine, wie denn die Schnelligkeit des Massenfeuers, die Friedrich zuletzt auf sechs Schuß in der Minute und ein nochmaliges Laden zum siebenten Schusse brachte, ein Hauptziel der militärischen Ausbildung war. Es mußte endlich in den Lagern streng bewacht und demgemäß vom Kriegsherrn verpflegt werden; seine Bewegung war an die Magazine und die Bäckerei gebunden und somit seine Bewegungsfreiheit eine sehr beschränkte. Hätte Friedrich es mit der napoleonischen Strategie versucht und hätte er seine Söldner tiraillieren lassen, so wäre ihm an demselben Tage sein Heer nach allen vier Windrichtungen entlaufen. Oder hätte er seine Söldner gar requirieren lassen, so hätte sich nach dem drastischen Ausdrucke eines neueren Militärhistorikers wenigstens ein Teil seines Heeres ohne weiteres in eine Räuberbande verwandelt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 1939. - Über den Streit in der preußischen Militärliteratur vergleiche v. Bernhardi, Friedrich der Große als Feldherr, und Delbrück, Historische und politische Aufsätze, 227 ff., Über die Verschiedenheit der Strategie Friedrichs und Napoleons. Bernhardi und Delbrück sind die Vorkämpfer dieses Federkrieges. Bernhardis großes zweibändiges Werk enthält sonst vieles Lehrreiche, wie denn Bernhardi überhaupt zu den besseren bürgerlichen Historikern gehört, aber sein Grundgedanke von der napoleonischen Strategie Friedrichs ist völlig hinfällig. Delbrück widerlegt ihn auf wenig mehr als zwei Bogen durchaus treffend. An seinem Teil liefert Herr Delbrück aber wieder ein merkwürdiges Beispiel davon, welche seltsame Schlachten sich die ideologische und materialistische Geschichtsauffassung in demselben Kopfe liefern können. Als Militärhistoriker weiß Herr Delbrück zwar keineswegs in erschöpfender, aber immerhin in weitreichender Weise, daß die jeweiligen ökonomischen Zustände die Art der Kriegführung bedingen, und er versteht diese Wissenschaft gegen Bernhardi trefflich zu verwerten. Aber als Zivilhistoriker, wenn der Ausdruck erlaubt ist, feiert Herr Delbrück in demselben Bande seiner Aufsätze den preußischen Landrat als Verkörperung des »überlieferten germanischen Freiheitsbegriffs«, der »in diesem harten Staate dem Rechte und der Ehre fortzuleben ermöglichte«. Die Tatsache des Militärstaats Preußen paukt ökonomische Dialektik ein; die Ideologie des Rechtsstaats Preußen erzeugt ideologische Vorstellungen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fast größer noch als die praktische war für Friedrich die psychologische Unmöglichkeit der napoleonischen Strategie. Er konnte nicht einmal im Traume darauf verfallen, sowenig wie etwa darauf, eine Feldeisenbahn oder einen Feldtelegrafen anzulegen. Auch das größte Kriegsgenie kann keine neue Strategie erfinden, die in letzter Instanz immer durch die ökonomische Entwicklung bestimmt wird. Die napoleonische Strategie heißt nicht so, weil sie von Napoleon erfunden wurde, sondern weil sie in den napoleonischen Kriegen zur höchsten Vollendung gelangte. Sie entstand ganz von selbst in dem amerikanischen Unabhängigkeitskriege. In ihm traten den englischen Söldnerheeren Rebellenhaufen gegenüber, die für ihre eigensten Interessen fochten, also nicht desertierten wie geworbene Truppen, die nicht exerzieren, aber desto besser aus ihren gezogenen Büchsen schießen konnten, die deshalb den Engländern nicht in Linie und auf freier Flur entgegentraten, sondern in aufgelösten Schützenschwärmen und in den deckenden Wäldern. Es ist schon ein sehr hohes Lob für Friedrich, wenn man sagt, daß er den amerikanischen Krieg genau verfolgte, um aus ihm zu lernen. Zwar klingt es noch recht ironisch, wenn er am 5. November 1777 an seinen Bruder Heinrich schreibt: »Wir beobachten die Washington, die Howe, die Bourgogne, die Carleton, um von ihnen diese große Kriegskunst zu lernen, die man nie erschöpft, um über ihre Torheiten zu lachen und um zu billigen; was sie gemäß den Regeln tun.« Aber die Unfehlbarkeit dieser »Regeln« scheint ihm doch zweifelhaft geworden, und die »Torheiten« der Washington scheinen ihm doch einigermaßen eingeleuchtet zu haben, denn kurz vor seinem Tode befahl er noch, einige Bataillone leichter Infanterie aus Landeskindern zu bilden, »Leute, die um sich wissen«, die das Terrain benützen lernen, die eine beweglichere und freiere, kurz, eine mehr jägermäßige Ausbildung erhalten sollten.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Leben von Yorck, 1, 50.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit war Friedrich den gelehrten Kriegstheoretikern seiner Zeit und allen seinen Offizieren schon weit voraus. Die verstanden die neue Strategie noch nicht einmal, als sie schon handgreiflich mit ihr zu tun hatten, als in den französischen Revolutionskriegen der neunziger Jahre zusammengeraffte Bauernhaufen ihre sozialen Interessen gegen die mit den österreichisch-preußischen Söldnerheeren zurückkehrenden Emigranten in ähnlicher Weise verteidigten, wie die amerikanischen Farmer und Jäger gegen die englischen Söldner gekämpft hatten. Goethe erkannte mit dichterischem Seherblicke die Zeichen der Zeit, als er nach der Kanonade von Valmy den preußischen Offizieren sagte: »Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.« Aber seine Hörer verstanden ihn nicht, und das mag man ihnen auch nicht so sehr verdenken, denn Goethe selbst empfand wohl, aber erkannte nicht, was er sagte; wie hätte er sonst zwanzig Jahre später in dem Siebenjährigen Kriege einen »neuen höheren Lebensgehalt« entdecken können! Allein selbst gehäufte Erfahrungen belehrten die preußischen Offiziere nicht; die Söldnerheere blieben den französischen Freiwilligen auf lange hinaus noch in jedem Zusammenstoße taktisch überlegen, und doch war Frankreich nicht zu besiegen. An dieser Tatsache ließ sich nicht rütteln, indessen ihre Gründe vermochte man nicht zu entdecken; man behandelte sie schließlich als einen sinnlosen Unfug, der aller bewährten Kriegskunst spotte, aber wohl oder übel anerkannt werden müsse. So riet ein namhafter General der friderizianischen Schule, der Fürst von Hohenlohe-Ingelfingen, im Jahre 1794 zum Frieden mit Frankreich; von der Fortsetzung des Krieges sei ein günstiges Ergebnis nicht zu erwarten, da man »mit Narren eben niemals fertig« werde. Und ganz ähnlich äußerte sich gleichzeitig eine österreichische offizielle Denkschrift, »nach dem gewöhnlichen Laufe der Dinge« seien die Franzosen besiegt, aber sie brächen immer wieder mit »fürchterlicher Gewalt« wie ein »reißender Strom« hervor. Ja, noch in den Kriegen von 1813 bis 1815 stand unter den Generalen der europäischen Koalition – neben dem früh gefallenen Scharnhorst – nur Gneisenau auf der vollen Höhe der napoleonischen Strategie; er hatte deshalb namentlich mit seinen preußischen Unterbefehlshabern, den Bülow und Yorck, die heftigsten Kämpfe zu bestehen, und ebenso war er den verbündeten Monarchen, deren militärische Ratgeber. Knesebeck auf preußischer, Duka und Langenau auf österreichischer Seite, noch ganz in den militärischen Anschauungen des achtzehnten Jahrhunderts wurzelten, ein Dorn im Auge; in höfischen Kreisen spottete man über ihn und seinen Stab wohl als über Wallensteins Lager. Selbst bei Waterloo kam die Lineartaktik im englischen Heere noch zur praktischen Anwendung, ganz logischerweise, denn dies Heer bestand aus geworbenen Söldnern. Aber es wäre ohne die rechtzeitige Ankunft der Preußen unter Blücher und Gneisenau eben auch verloren gewesen. Dem preußischen Heere ging die napoleonische Strategie erst Jahrzehnte später in Fleisch und Blut über durch die klassischen Schriften von Clausewitz, und ein preußischer General hat auf das törichte Gerede von dem preußischen Schulmeister, der bei Königgrätz gesiegt habe, treffend geantwortet: »Jawohl, der Schulmeister heißt Clausewitz.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die ökonomische Entwicklung, die zur Umwandlung der friderizianischen in die napoleonische Strategie führte, siehe Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, 140 ff. (Neuausgabe Dietz Verlag, Berlin 1952, S. 204-206. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.) Will man die Überlegenheit des historischen Materialismus auch auf diesem Gebiete erkennen, so vergleiche man die Darstellung von Engels mit dem kriegsgeschichtlichen Abrisse von Clausewitz, Vom Kriege, 3, 91 ff. Es versteht sich, daß damit kein Schatten auf Clausewitz geworfen werden soll, dessen Schriften für das Erkenntnisvermögen seiner Zeit epochemachend waren und heute noch die vorzüglichste Quelle für die Theorie vom Kriege bilden. Engels selbst nennt ihn an anderer Stelle einen »Stern erster Größe«.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem »Genie« der Feldherren ist es überhaupt so eine eigene Sache. In seiner Schrift gegen Dühring legt Engels dar, wie sich bei St. Privat, wo zwei Heere mit wesentlich denselben taktischen Formationen kämpften, unter dem furchtbaren Feuer der Chassepots die reglementsmäßige Kompaniekolonne auf deutscher Seite in einen dichten Schützenschwarm auflöste und im Bereiche des feindlichen Gewehrfeuers der Laufschritt die einzige Bewegungsart des Soldaten wurde. Er fährt dann fort: »Der Soldat war wieder einmal gescheiter gewesen als der Offizier; die einzige Gefechtsform, die bisher im Feuer des Hinterladers sich bewährt, hatte &#039;&#039;er&#039;&#039; instinktmäßig gefunden und setzte sie trotz des Sträubens der Führung durch.«&amp;lt;ref&amp;gt;Friedrich Engels, »Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft« [»Anti-Dühring«], S. 207. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das klingt sehr respektwidrig, aber mit ein bißchen andern Worten, und sicherlich ohne jedes Plagiat an Engels, sagt es der preußische Generalstab auch, wenn er durch den Mund eines seiner begabtesten Angehörigen über die französischen Revolutionskriege des vorigen Jahrhunderts ausführt: »Es ist ganz zutreffend, daß das Tiraillieren bei den damaligen Franzosen in keiner Weise durch das Reglement vorgeschrieben war, denn dies war in allen wesentlichen Zügen dasselbe wie das preußische. Das zerstreute Gefecht der Franzosen war nicht &#039;&#039;verordnet&#039;&#039;, sondern &#039;&#039;geworden&#039;&#039;; man hatte aus der Not eine Tugend gemacht, und diese wurde, weil sie den realen Verhältnissen entsprach, eine &#039;&#039;Macht&#039;&#039;.« Der Satz von Marx: Nicht das Bewußtsein der Menschen bestimmt ihr Sein, sondern umgekehrt ihr Sein bestimmt ihr Bewußtsein,&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe Karl Marx, »Zur Kritik der politischen Ökonomie«, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 13. &#039;&#039;Die Red&#039;&#039;.&amp;lt;/ref&amp;gt; tritt auf dem Gebiete der Kriegsgeschichte in besonders klares Licht. Je kräftiger und unmittelbarer die Berührung mit dem Sein ist, um so klarer und schneller entwickelt sich das Bewußtsein. Im Kriege wird der Soldat gemeiniglich viel schneller als der Offizier empfinden das, was ist, und instinktiv danach handeln, und das höchste »Genie« des Feldherrn besteht darin, das instinktmäßige Handeln der Soldaten nach seinen inneren Gründen zu erkennen und gemäß dieser Erkenntnis entschlossen zu handeln. Wie schwer das selbst für sehr namhafte Generale noch immer ist, kann man aus den Berichten und Denkwürdigkeiten von Carnot, Dumouriez, Hoche, Gouvion St. Cyr und anderen Offizieren erkennen, welche die Freiwilligen der französischen Republik zu organisieren und ins Feld zu führen hatten. Nach diesen Zeugnissen, die dann so eifrig ausgebeutet worden sind, um das volkstümliche Element der Landwehr trotz 1813 und 1814 möglichst aus dem preußischen Heere auszuscheiden, waren die Freiwilligen nicht viel mehr als Falstaffs Steifleinene, und doch scheiterten die österreichischen und preußischen Mustertruppen an dem Damm, den ihnen angeblich so verwahrloste Scharen entgegenwarfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle Kriegsgeschichte wird erst verständlich, wenn man sie auf ihre ökonomischen Grundlagen zurückführt. Sie verflüchtigt sich dagegen in einen historischen Roman, wenn man das größere oder geringere »Genie« der Feldherren zu ihrem bewegenden Hebel machen will. Die gebildeteren Generale des achtzehnten Jahrhunderts wußten recht gut, welch herrliche Sache die Volksbewaffnung sei. Der Graf zur Lippe, der Marschall von Sachsen haben es offen ausgesprochen, auch Friedrich schon als Kronprinz in seinem Anti-Macchiavell. Er führt da aus: Die Römer kannten die Desertion nicht, ohne die heutzutage kein Heer denkbar ist. Sie kämpften für ihren Herd, für alles, was ihnen das teuerste war; so dachten sie nicht daran, den großen Zweck durch schnödes Davonlaufen zu vereiteln. Aber bei unsern Völkern ist das ganz anders. Bürger und Bauern unterhalten zwar das Heer, aber sie ziehen nicht selbst zu Felde, die Soldaten müssen aus der Hefe des Volkes genommen und durch die härteste Gewalt an die Fahne gefesselt werden. Nenne man es »Genie«, daß Friedrich und andere Kriegsmänner seiner Zeit die ganze Gebrechlichkeit der Söldnerheere durchschauten, aber dies »Genie« änderte nichts an der Strategie und Taktik des Söldnerkrieges und hatte nicht einmal so viel theoretische Bedeutung, daß die gelehrten Strategen der großen Militärmächte die Volksbewaffnung verstanden, als sie ihnen leibhaftig und in einem sehr fühlbaren Lehrkursus entgegentrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Umwälzung der ökonomischen Zustände wälzt sich auch die Heeresverfassung um, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sich die Praxis der Masse sehr viel schneller in die veränderten Verhältnisse schickt als die Theorie der einzelnen. Deshalb lernen die Offiziere an den Soldaten, nicht aber die Soldaten an den Offizieren. Amerikanische und französische Bauern haben die Strategie des neunzehnten Jahrhunderts erfunden, und es hatte schon seinen guten Sinn, wenn der alte Ziegler einmal in einer Militärdebatte des deutschen Reichstags sagte: Die sogenannten Sachverständigen haben sich immer blamiert. Sie haben sich immer blamiert, wo das militärische Sachverständnis sich über die Konsequenzen der ökonomischen Entwicklung hinwegsetzen wollte. Friedrich erzielte seine Erfolge, weil er sich in das Söldnerheer als das zu seiner Zeit einzig mögliche fügte, obgleich er die Vorzüge des Volksheeres wohl erkannte; die sachverständigsten Offiziere seines Heeres haben dann aber nach seinem Tode, unbeschadet ihrer persönlichen Begabung für den Kriegsdienst, die verschiedensten Schicksale gehabt, je nachdem sie ihr Sachverständnis den veränderten ökonomischen Zuständen anzupassen wußten oder nicht, je nachdem sie von den Soldaten lernen konnten oder nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Friedrichs späterer Zeit gehörten zu den bedeutendsten Offizieren seines Stabes der Kapitän v. Steuben und der Major v. Berenhorst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide erfuhren die »Ungnade« des gegen geistig hervorragende Offiziere immer mißtrauischen Königs und verließen das preußische Heer. Steuben ging nach Amerika, wo er sich bekanntlich große Verdienste um die militärische Organisation der Rebellen erworben hat. Hier sagte er schon 1793 einem deutschen Besucher, dem Militärschriftsteller v. Bülow, die französischen Freiwilligen, über deren Untüchtigkeit ihre eigenen Generale gleichzeitig nicht genug klagen konnten, führten denselben Krieg wie die amerikanischen Farmer, und sie würden ebenso unüberwindlich sein. Berenhorst trat nicht wieder in militärische Dienste, aber er schrieb seine berühmten Betrachtungen über die Kriegskunst, worin er das friderizianische Heer einer scharfen, von der Nachwelt durchaus bestätigten Kritik unterwarf. Er sagte von Friedrich sehr treffend: »Wohl verstand er die Maschine zu gebrauchen, minder wohl, sie zu zimmern«; er geißelte »die äußerste Grobheit, Härte und Dienstsklaverei«, »die Mikrologie und den Minutismus der Paradekünste«. Und dieser scharfsichtige Beobachter verstand doch so wenig, worauf es ankam, daß er noch zwei Jahre nach der Schlacht von Jena schreiben konnte, der »Genius der Taktik« müsse ein »höheres Hilfsmittel« erfinden, um die napoleonische Kriegführung lahmzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer noch spiegelt sich unsere Auffassung in den Lebensläufen zweier berühmter Generale wider. Hat das preußische Heer je einen genialen Feldherrn und Organisator besessen, der sich ganz aus eigener Kraft und durch alle junkerlichen Kabalen hindurch, trotz seiner bäuerlichen Abstammung zu den höchsten Militärstellen emporschwang, aber dabei immer ein Herz fürs Volk betätigte und sich von allem schnauzbärtigen Wesen frei hielt, so war es Scharnhorst. In dem Jahrzehnte vor Jena arbeitete er mit äußerster Anstrengung an der Reform des preußischen Heeres, aber mitten in diesem Heere lebend blieb er trotz allen theoretischen Studierens der napoleonischen Feldzüge in der friderizianischen Strategie befangen. Erst in dem Herbstfeldzuge von 1806, als er die französischen Truppen selbst manövrieren sah, in den letzten Schachzügen vor der Schlacht von Jena, die er als Generalstabschef des preußischen Oberbefehlshabers zu leiten hatte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er suchte die überlegene Kriegführung der Franzosen sofort nachzuahmen, aber bei der Beschaffenheit des preußischen Heeres natürlich ohne Erfolg. Kein militärisches »Genie« vermochte die zerschmetternde Niederlage des preußischen Heeres abzuwenden. Allein Scharnhorsts wirkliches Genie betätigte sich nunmehr darin, daß er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkannte und mit gar keinem »Genie« rechnete, sondern in sieben Jahren fast übermenschlicher Kämpfe gegen den unglaublich beschränkten König und gegen die unglaublich eigensüchtige Junkerklasse das preußische Heer auf diejenigen ökonomischen Grundlagen stellte, die diesem Heere einen erfolgreichen Kampf mit dem französischen Heer ermöglichten. Scharnhorst wie seine Freunde Gneisenau, Boyen, Grolman forderten die Befreiung der Bauern mindestens ebenso energisch wie Stein, Schön, Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auf der schmachvollen Flucht nach Jena zeichnete sich der Oberst Yorck mit seinem Jägerregimente durch glückliche Gefechte bei Altenzaun und Wahren aus; es waren die einzigen kleinen Erfolge, die das preußische Heer in dem ganzen Feldzuge davontrug. Yorck schlug die französischen Abteilungen, die ihn verfolgten, mit ihrer eigenen Tirailleurtaktik. Nun war Yorck aber in allem das gerade Gegenteil von Scharnhorst: ein Offizier der alten Schule, der das friderizianische Heer am liebsten bis auf den letzten Gamaschenknopf erhalten hätte, ein finsterer, gallsüchtiger Anhänger der eisernsten Disziplin, ein kassubischer Junker voll der borniertesten Klassenvorurteile. Allein er hatte sich in jenen Bataillonen leichter Infanterie heraufgedient, die Friedrich noch kurz vor seinem Tode zu errichten befahl, und wenn diese Bataillone auch im allgemeinen sich nicht den Existenzbedingungen des preußischen Heeres entziehen konnten und demgemäß bald dieselben steifgedrillten Linientruppen wurden wie alle anderen Bataillone, so gab es doch ein Regiment im Heere, das auf annähernd ähnlichen ökonomischen Grundlagen stand wie das französische Heer; eben das Jägerregiment, zu dessen Obersten Yorck einige Jahre vor Jena ernannt worden war. Das Regiment war von Friedrich in den Schlesischen Kriegen gebildet worden, um doch eine bewegliche Truppe gegen die Kroaten und Panduren des österreichischen Heeres zu haben; für diesen Zweck durfte es begreiflicherweise nicht aus fremdländischen Söldnern und hörigen Bauern, sondern mußte aus Leuten gebildet werden, die ihr persönliches Interesse an die Fahne fesselte. So wurde es aus lauter gelernten Jägern rekrutiert, aus Söhnen von Ober- und Unterförstern und andern Beamten, die mit dem Dienst im Regimente sich eine Anwartschaft auf eine Versorgung in der Försterei erwarben. Solchen Leuten konnte der Parademarsch nicht eingeprügelt werden: Sie durften sogar bei den Revuen vor dem Könige in bequemen Haufen vorbeimarschieren. In währender Friedenszeit war das Regiment, das im Kriege sehr gute Dienste getan hatte, dadurch zum Spott aller friderizianischen Gamaschenknöpfe geworden: »einen alten barocken Giebel« nannten sie es, der in dem prächtigen Bau dieses prächtigen Heeres stehengeblieben sei. Das Regiment war eine militärische Kuriosität geworden, und Yorck übernahm nur mit größtem Widerstreben das Kommando. Aber da er bei alledem ein ehrgeiziger und fähiger Offizier war, so stieß ihn die praktische Erfahrung des täglichen Dienstes darauf, daß er aus dieser Truppe nur etwas machen könne, wenn er sie mit Achtung behandle und in der zerstreuten Gefechtsform ausbilde. Das gesellschaftliche Sein der Soldaten bestimmte das militärische Bewußtsein des Offiziers. Und dies Bewußtsein erlosch sofort wieder, als Yorck durch die Erfolge von Altenzaun und Wahren schnell auf eine so hohe Stelle in der militärischen Hierarchie gehoben wurde, daß er bei der Reform des Heeres ein Wort mitsprechen konnte. Da floß er vor Gift und Galle über; da denunzierte er so hämisch beim Könige, daß Scharnhorst in ein lebensgefährliches Nervenfieber verfiel; da jubelte er bei der auf Napoleons Befehl erfolgten Entlassung Steins, nun sei ein unsinniger Kopf zertreten und das übrige Natterngeschmeiß werde sich wohl in seinem eigenen Gift auflösen. Ja, noch in den Feldzügen von 1813 und 1814 stellte Yorck als Korpsführer aus seinen ideologischen und theoretischen Vorstellungen heraus der napoleonischen Kriegführung Gneisenaus die schwersten Hemmnisse entgegen, während doch wieder das Sein der Landwehren, die er befehligte, sein militärisches Bewußtsein so bestimmte, daß Blücher von ihm rühmen durfte, keiner sei so schwer ins Feuer zu bringen wie der Yorck, aber wenn er einmal darin sei, beiße auch keiner so an wie er.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese wenigen Beispiele, die sich aus der preußischen wie aus aller Kriegsgeschichte beliebig vermehren ließen, werden für den Zweck genügen, für den sie angeführt sind. Es war außerordentlich viel, daß Friedrich aus dem theoretischen Studium des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs die bevorstehende Umwälzung der Kriegführung ahnte und ihr durch einen schüchternen Versuch entgegenzukommen gedachte, aber es war deshalb auch eine praktische und psychologische Unmöglichkeit, daß er in seinen Söldnerkriegen die napoleonische Strategie und Taktik vorwegnahm. Bei Lichte besehen ist die ideologische Geschichtsschreibung für niemanden gefährlicher als gerade für die großen Männer, welche sie über alles menschliche Maß hinaus aufzublähen sucht. In dem Streite über Friedrichs Strategie ist richtig gesagt worden, daß seine Feldzüge, wenn man sie an dem Maßstabe der napoleonischen Strategie mißt, gar sehr stümperhaft bestehen. Auch hier liegt Friedrichs wirkliche Bedeutung gerade darin, daß er sich völlig klarzumachen verstand, was er durfte und was er nicht durfte, was er konnte und was er nicht konnte; in gewissem Sinne muß man sogar sagen, daß die furchtbare Last der sieben Jahre deshalb auf ihn fiel, weil er ganz gegen seine Absicht einen Erfolg napoleonischen Schlages davongetragen hatte, der, mit napoleonischen Mitteln ausgebeutet, den Krieg mit einem Schlage beendet haben würde, aber der, da Friedrich eben keine napoleonischen Schläge führen konnte, zu einem verhängnisvollen Rückschläge für ihn selbst werden mußte. Sein Feldzugsplan von 1756 wurde in erster Reihe zwar dadurch gekreuzt, daß es dem sächsischen Heere mit knapper Not noch gelang, sich in dem Felsenlager von Pirna zusammenzuziehen, mit dessen Aushungerung Friedrich eine für ihn kostbare Zeit verlieren mußte, aber in entscheidender Weise scheiterte er daran, daß Friedrich am 6. Mai 1757 das österreichische Heer in betäubender Weise schlug und zu zwei Dritteln in die Festung Prag warf. Österreich schien nunmehr allerdings wehrlos. Prag mußte fallen, und dann lag der Weg nach Wien offen bis auf ein schwaches, unter Daun heranziehendes Ersatzheer. Aber als Friedrich diesem Heere mit einem Teile der Prager Belagerungstruppen entgegenzog, erlitt er am 18. Juni bei Kolin eine schwere Niederlage, die ihn zum sofortigen Rückzüge aus Böhmen, also zur völligen Preisgabe seiner bei Prag errungenen Erfolge zwang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Schlacht von Kolin ist nun eine ganze Literatur entstanden, um zu beweisen, daß Friedrich, wenn General Manstein nicht diesen und der Prinz Moritz von Dessau nicht jenen Fehler begangen hätte, die Schlacht gewonnen haben und nach dem unter dieser Voraussetzung nicht mehr aufzuhaltenden Falle von Prag sofort nach Wien marschiert sein würde, um auf den Wällen der österreichischen Hauptstadt den Frieden zu diktieren. Indessen Clausewitz hat diese Literatur schon mit einem einzigen Federstriche beseitigt, indem er ausführte, daß Friedrich, wenn er nicht schon bei Kolin gescheitert wäre, zu einem späteren Zeitpunkt hätte scheitern müssen, denn nach der Art der damaligen Kriegsverfassung und nach dem Umfange seiner Kriegsmittel sei es unmöglich gewesen, daß er die österreichische Hauptstadt eroberte oder gar den österreichischen Staat niederwarf. Die Richtigkeit dieser Bemerkung leuchtet so ein, daß auch die Friedrich-Mythologen sie anerkennen müssen; nur wenden sie ein, wenn Friedrich bei Kolin gesiegt hätte, so würden die Österreicher so erstarrt gewesen sein, daß sie sofort Frieden geschlossen hätten. Allein wenn man sich auf diese luftige Beweisführung überhaupt einlassen will, so muß man vielmehr voraussetzen, daß die Größe des preußischen Erfolges in Wien nicht &#039;&#039;ent&#039;&#039;-, sondern &#039;&#039;er&#039;&#039;mutigt haben würde. So klug waren Maria Theresia und Kaunitz auch, um den König in seinem eigenen Fette ersticken zu lassen. Indem die Friedrich-Mythologen ihrem Helden Übermenschliches andichten, machen sie ihn aber wieder viel kleiner, als er war. Friedrichs eigentlicher Feldzugsplan, der eben durch den Übererfolg bei Prag vereitelt wurde, ist neuerdings aus den englischen. Archiven, aus den Papieren des bei Friedrich beglaubigten Diplomaten Mitchell bekannt geworden; er zielt einfach darauf ab, noch im Herbste von 1756 Sachsen und ein Stück von Böhmen in Pfandbesitz zu nehmen, und er beruht auf der psychologisch durchaus annehmbaren Hoffnung, die Österreicher und Sachsen würden dann doch wohl von dem für sie nunmehr um so schwierigeren Spiele abstehen. Dieser bescheidene Plan macht der klaren Einsicht des Königs in seine Lage ebenso große Ehre, wie ihn die Unterstellung, als ob er in napoleonischer Weise habe schlagen und siegen wollen, zum reinen Don Quijote stempelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Schlacht von Kolin war Friedrich in die Defensive zurückgeworfen worden. Freilich noch nicht ganz. Nach den Siegen bei Roßbach und Leuthen versuchte er im Frühjahre von 1758 noch einen Vorstoß nach Mähren, um sich in der Festung Olmütz ein für den Frieden zu verwertendes Pfandobjekt zu sichern, allein Daun und Laudon zwangen ihn, die Belagerung aufzuheben und manöverierten ihn aus Mähren hinaus. Der Rest des Siebenjährigen Krieges war nun nichts als ein wüstes Kriegsgetobe in Sachsen und Schlesien, in der Mark und in Pommern; er entbehrte selbst jenes &#039;&#039;Scheins&#039;&#039; von dramatisch-heldenmäßiger Spannung, der dem Jahre 1757 noch anhaftet. Was Friedrich in den folgenden Jahren mit steifem Nacken und, wie Lassalle sagt, »das Gift in der Tasche«, ertragen hat, das ist aller Achtung wert, und es würde auch aller Bewunderung wert sein, wenn der Preis des Kampfes ein menschlicher Kulturfortschritt und nicht bloß die Stärkung des kulturfeindlichen Militarismus gewesen wäre. Allein die Friedrich-Mythologen tun der wirklichen Bedeutung des Königs abermals schweren Abbruch, wenn sie ihn als überwältigenden Genius und die feindlichen Feldherren, ja Friedrichs eigene Generale als mehr oder weniger unfähige Leute hinstellen. Was wäre es dann für eine große Kunst gewesen, die Daun und Laudon zu besiegen? In Wirklichkeit konnten sich diese österreichischen Feldherren mit Friedrich gar wohl messen; sie standen ihm nicht eigentlich in der individuellen Begabung als vielmehr in einer anderen Beziehung nach, die Clausewitz sehr gut mit den Worten schildert: »Die Feldherren, welche Friedrich dem Großen gegenüberstanden, wären Männer, die im Auftrage handelten und ebendeswegen Männer, in welchen die Behutsamkeit ein vorherrschender Charakterzug war; ihr Gegner war, um es kurz zu sagen, der Kriegsgott selbst.« Damit ist der springende Punkt getroffen, das Stückchen Wahrheit, aus dem die Legende von Friedrichs napoleonischer Kriegführung erwachsen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war ein Unterschied nicht in der Art, aber im Grade. Friedrich führte den Krieg, wie ihn jeder Feldherr des vorigen Jahrhunderts führen mußte, aber er führte ihn kühner als andere Feldherren, weil er unumschränkter über die Kriegsmittel verfügte. Unumschränkter sowohl in militärischer wie in moralischer Beziehung. Friedrich war an keine Befehle gebunden, und er hatte keine Verantwortung zu fürchten. Ob er rein vom militärischen Standpunkt aus der bedeutendste Feldherr auch nur seiner Zeit gewesen ist, das ist noch sehr die Frage. Nach dem Zeugnisse seines Adjutanten Berenhorst war er in der Schlacht stets unruhig und verlegen, ganz zu geschweigen der hämischen Bemerkung, in der sich der sehr unliebenswürdige Prinz Heinrich an seiner Tafel in Rheinsberg zu gefallen pflegte: »Mein Bruder hatte eigentlich keine Courage.« Daun und Laudon haben dem Könige manche schwere Schlappe beigebracht, die er gar wohl hätte vermeiden können; der erste Feldzugsplan zum Siebenjährigen Kriege rührte von Schwerin und Winterfeldt her; die Schlachten bei Roßbach und Zorndorf hat Seydlitz gewonnen; so gleichmäßig glückliche Feldzüge wie Herzog Ferdinand von Braunschweig und sein Geheimsekretär Westphalen im westlichen Deutschland gegen die Franzosen hat Friedrich trotz sehr viel günstigerer Verhältnisse nicht geführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Westphalen, die merkwürdigste Gestalt des Siebenjährigen Krieges, siehe einiges Nähere in der »Neuen Zeit«, 10, 2, 481 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich, Prag und Leuthen waren sein Eigentum, aber Kolin und Kunersdorf waren es auch. Nur wer die Verantwortung für diese zerschmetternden Niederlagen nicht zu fürchten hatte, durfte das Glück der Schlachten auf jene zerschmetternden Stöße versuchen. Das ist es, was Clausewitz mit dem »Kriegsgotte« meint. Oder, um diesen mythologischen Vergleich mehr in die Sprache unserer kapitalistischen Zeit zu übersetzen: Friedrich war der Chef, der selbst an der Börse spekulierte, während die Daun und Laudon nur die Prokuristen waren, die immer bei ihrem Chef anfragen mußten, ehe sie das Vermögen des Hauses auf eine Karte setzten. Bei dem damaligen Zustande der Verkehrsmittel erhielten sie dann gewöhnlich erst nach Wochen eine Antwort, die zu der inzwischen völlig veränderten Lage zu passen pflegte wie die Faust aufs Auge. Worin aber die Daun und Laudon dem Könige selbst nachstanden, darin waren sie wieder den preußischen Generalen überlegen, die denn auch regelmäßig das Spiel verloren, sobald sie auf eigene Verantwortung schlagen sollten – mit einziger Ausnahme der Schlacht bei Freiberg, die Prinz Heinrich nach Napoleons Urteil auch verloren haben würde, wenn er statt der elenden Reichstruppen ein wirkliches Heer vor sich gehabt hätte. Die preußischen Generale durften nur bei »risque ihres Kopfes« eine Festung oder eine Schlacht verlieren, was sie begreiflicherweise nicht heldenmütiger, sondern behutsamer machte, während Maria Theresia über Niederlagen ihrer Generale nachsichtiger zu urteilen pflegte, bei ihrer Machtstellung freilich auch nachsichtiger urteilen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Übrigens ist der eben angezogene kapitalistische Vergleich für die Kriege des vorigen Jahrhunderts nicht gar so unpassend, wie er auf den ersten Anblick erscheinen könnte. Ihrer Form nach Kabinettskriege, waren diese Kriege ihrem Wesen nach Handelskriege, wie denn die handelspolitischen Gesichtspunkte, die den Ursprung und den Verlauf des Siebenjährigen Krieges bestimmt haben, schon angedeutet worden sind. Das Wesen dieser Kriege prägte aber auch der Art der Kriegführung ihren Stempel auf. Sie war sozusagen ein finanziell-kalkulatorisches .Geschäft. Man kannte ungefähr die Geldmittel, den Schatz, den Kredit seines Gegners; man kannte die Größe seines Heeres. Bedeutende Vermehrungen der finanziellen wie der militärischen Mittel waren im Augenblicke des Krieges ausgeschlossen. Das Soldatenmaterial war überall so ziemlich dasselbe; auch mußte es überall in gleicher Weise verwandt werden, das heißt mit großer Vorsicht, denn wenn das Heer zertrümmert wurde, so war kein neues zu beschaffen, und außer dem Heere gab es nichts. Nichts oder doch fast nichts. Denn kostbarer als der letzte Soldat war am Ende noch der letzte Taler, für den man einen neuen Soldaten werben konnte. So beruhte der Erfolg dieser Kriege wesentlich auf einem genauen und sicheren Voranschlage des Kriegsetats, und in diesem Zusammenhange tritt Friedrichs schon erwähntes Wort von dem letzten Taler als dem entscheidenden Faktor des Sieges erst in sein volles Licht. Es war für die damalige Zeit so richtig, daß es selbst dann galt, wenn dieser letzte Taler – wie in Friedrichs Falle – ein falscher Taler war. Nicht kraft seiner Siege hielt der König den Siebenjährigen Krieg durch, denn in den beiden letzten Jahren hat er überhaupt keine Schlachten geschlagen, und über die von 1758 bis 1760 gelieferten Schlachten sprechen seine Schriften in einer seine Anbeter beschämenden Bescheidenheit fast mit entschuldigenden Worten. Vielmehr: Er rettete sich und seine Krone durch die äußerste Erschöpfung des eigenen Landes, die fürchterliche Aussaugung Sachsens, die englischen Subsidien und die – Münzverschlechterung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fortsetzung des Dreißigjährigen Krieges in der Tat! Die Kipper und Wipper des siebzehnten Jahrhunderts feierten eine fröhliche Urständ, so sehr Friedrich für seine Person diese alte Fürstenindustrie verachtete. Er schämte sich ihrer wirklich und ließ seine falschen Münzen unter polnisch-sächsischem Stempel schlagen, wie denn die »polnischen Achtgroschenstücke« bis zur Einführung der deutschen Reichsmünze eine Plage der preußischen Bevölkerung geblieben sind, oder er kaufte ein paar Brüder von Gottes Gnaden wie den Fürsten von Anhalt-Bernburg, um mit ihrem landesväterlichen Antlitze seine Blechkappen und Grünjacken zu schmücken. Aber es half alles nichts, Geld, Geld und abermals Geld war nach Montecuccolis treffendem Worte nun einmal der Nerv der damaligen Kriegführung. Und es ist doch auch nicht zu übersehen, daß Friedrich nicht erst in der Not zu seiner »Industrie« griff, wie er sie verschämt nennt. Schon vor dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges schloß der König mit den drei Münzjuden Hertz Moses Gumpertz, Moses Isaak und Daniel Itzig einen Kontrakt wegen Ausprägung von Landesscheidemünze, um den Krieg mit geringerem Aufwände von edlem Metall im Auslande zu führen. Mit der wachsenden Not wurde das Geld nur immer schlechter, und deshalb hat sich vorwiegend an Veitel Ephraim, den letzten Münzjuden Friedrichs, der Fluch und der Haß des Volkes geheftet. Sehr unerfreulich war auch, daß Friedrich seine Söldner und seine Untertanen in schlechtem Gelde zahlte, aber selbst in gutem Gelde bezahlt sein wollte; auf diese Weise zog er alles gute Geld aus dem Lande, um es in schlechtes auszumünzen; erst als das gute Geld überhaupt verschwunden war, gestattete er im Jahre 1760, daß die königlichen Kassen »bloß aus Gnaden« auch schlechtes Geld annehmen dürften. Das stärkste Stück war aber, daß Friedrich die bei den Gerichten in gutem Gelde niedergelegten Summen einziehen und nach Beendigung der Prozesse den Parteien in schlechtem Gelde zurückzahlen ließ; wenn die in ihrem Vertrauen auf preußische Justiz so schmählich Geprellten darüber sich beschwerten, so mußten alle Instanzen sich anstellen, als verstünden sie die Beschwerden gar nicht.&amp;lt;ref&amp;gt;Busch, Sämtliche Schriften, 2, 408.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun ist klar, daß die Kriege des vorigen Jahrhunderts, wie sie jedes moralische Machtmittel verschmähten, auch keine moralischen Einwirkungen auf den Geist der Völker ausüben und keinen nationalen Geist erwecken konnten. Sie konnten es sowenig, wie die Gumpertz, Isaak, Itzig und Veitel Ephraim die Vorläufer der Lessing, Herder, Goethe und Schiller waren. Bei alledem müssen wir aber noch zwei Behauptungen prüfen, die neuerdings von patriotischen Geschichtsschreibern geltend gemacht worden sind, um dem Siebenjährigen Kriege, es koste was es wolle, den Charakter eines nationalen Volkskriegs zu retten. Da sollen zuerst die Freibataillone und namentlich die von Friedrich aufgebotene Landmiliz der erste Keim der späteren Landwehr gewesen sein. Man braucht sich aber nur einen Augenblick in Friedrichs Lage zu versetzen, um sofort zu erkennen, daß dem Könige nichts mehr am Herzen liegen mußte, als dem Kriege den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges zu erhalten, daß ihm nichts verhaßter sein mußte als ein Aufgebot der Massen. Denn dann wäre er nicht nur militärisch der unendlich überlegenen Volkszahl der gegnerischen Mächte nicht entfernt gewachsen gewesen, sondern er hätte die bewaffneten Bauern seines eigenen Landes mehr fürchten müssen als alle Mächte der Welt. Und so vollständig ausgeschlossen nach der damaligen Kriegsverfassung ein Aufgebot der Massen eigentlich war, so hat Friedrich doch sorgfältig jeden Funken ausgetreten, der nach dieser Richtung hätte zünden können. Es kam ja vor, daß die Bauern hie und da zu ihren Heugabeln oder Sensen griffen, nicht aus Begeisterung für Friedrich und seine Junker, sondern um ihr bißchen Hab und Gut vor den Plünderungen, ihre Weiber und Kinder vor den Schändungen der ins Land gefallenen feindlichen Söldner zu schützen. Aber dann befahl der König sofort, die Landleute sollten sich bei ihrem Erbe halten und nicht in den Krieg mischen, sonst würde er sie als Rebellen behandeln, und den Bewohnern Ostfrieslands, die sich den eingedrungenen Franzosen widersetzt hatten und nun erst recht mitgenommen worden waren, antwortete er höhnisch auf ihre Klagen, er würde es geradeso wie die Franzosen gemacht haben. Selbst den Bürgern von Berlin mußte der Präsident Kircheisen bei schwerer Strafe verbieten, zu den Waffen zu greifen, als die Stadt im Jahre 1757 von den Österreichern zeitweilig besetzt wurde. Friedrich vermied mit der peinlichsten Sorgfalt alles, was dem Kriege einen »höheren«, einen »nationalen Lebensgehalt« hätte geben können, und das mußte er auch tun, wenn er sein Ziel nicht ein für allemal verloren geben wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraus ergibt sich schon von selbst, daß es mit den Freibataillonen und der Landmiliz, die Friedrich im Siebenjährigen Kriege errichtete, eine ganz andere Bewandtnis gehabt haben muß, als neuere preußische Historiker behaupten. Diese Truppen kämpften nicht aus Begeisterung für König und Vaterland, sie waren nicht bessere Elemente als die gewöhnlichen Söldner, sondern gerade im Gegenteil: Sie bestanden aus dem Abhube des soldatischen Materials, den Friedrich überhaupt erst im äußersten Notfalle für militärische Zwecke benutzen mochte. In seinen Grundsätzen der Taktik sagt er »von denen Frey-Bataillons«, sie sollten beim Angriff auf verschanzte Stellungen in das erste Treffen gestellt werden und müßten gerade auf den Feind losgehen, »um dessen Feuer auf sich zu lenken und &#039;&#039;vielleicht&#039;&#039; eine Unordnung unter dessen Truppen zu veranlassen. Allemahl soll es hierbei feststehen, daß hinter die Frey-Bataillons reguläre Infanterie gestellt werde, die sie, durch die Furcht vor dem Bayonnett, zu einer hitzigen und nachdrücklichen Attaque zwinge«. Und Friedrich sagt weiter: »Bei den Affaires de Plaine« müssen die Frey-Bataillons zu äußerst an den Flügel, der refüsirt wird, gestellt werden, allwo sie die Bagage decken können.« Diese königlichen Vorschriften für die Bestimmung der Freibataillone enthalten zugleich die erschöpfendste und vernichtendste Kritik der Truppe. Friedrich hatte bei Kolin und auch sonst erfahren, wie verheerend die vorzügliche Artillerie der Österreicher aus verschanzten Stellungen die starren Linien seiner angreifenden Infanterie niederwarf; da sollen nun mit den Spitzen der Bajonette die Freibataillone vorangetrieben werden, rein als Kanonenfutter, um der regulären Infanterie einen möglichst gedeckten Angriff zu sichern, wobei dann »vielleicht« auch der Vorteil abfiel, daß diese verzweifelten Elemente in ihrer verzweifelten Lage dem Feinde einigen Schaden zufügten. Auf ebenem Gelände dagegen, wo die preußische Infanterie ihre volle Kraft entfalten konnte, werden die Freibataillone möglichst weit vom Schuß auf den ungefährlichsten Posten gestellt, wo sie keinen Schaden anrichten und durch Deckung der Bagage am Ende noch etwas nützen konnten. Sie waren einfach das unbrauchbarste Element des Heeres und bestanden denn auch nach allen über sie erhaltenen Nachrichten aus dem Abschaume der Menschheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein moralisch besseres, aber militärisch womöglich noch schlechteres Urteil verdient die Landmiliz. Friedrich befahl ihre Errichtung, als er nach den schweren Verlusten von Prag und Kolin die regulären Truppen aus der Mark und Pommern an sich ziehen mußte, aber diese Provinzen doch nicht ganz ohne militärischen Widerstand den anrückenden Russen und Schweden preisgeben mochte. Sie sollte von verabschiedeten Offizieren befehligt werden, und zu ihrer Unterhaltung wurde dem Lande zu allem andern eine Landmilizsteuer sowie eine Landmilizakzise auferlegt. Von dem Heere unterschied sich diese Truppe aber, um den Ausdruck noch einmal zu gebrauchen, nicht in der Art, sondern nur im Grade. Sie wurde ebenso rekrutiert und exerziert wie das Heer: Nur das Material war sehr viel schlechter. Es bestand aus den in die Städte geflohenen Bauern, verarmten Bürgern, die sonst dem Hungertode verfallen wären, Kriegsgefangenen, invaliden Soldaten und Kantonisten, die zum Heeresdienste bestimmt, aber noch nicht in das Heer eingetreten waren und auf diese Weise vor der Verschleppung durch die Feinde gesichert werden sollten. Ihre militärische Wirksamkeit ist immer von geringem Belange gewesen, und jedenfalls hatte sie mit einer Volksbewaffnung geradesowenig zu schaffen wie das friderizianische Heer überhaupt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Schwartz, Organisation und Verpflegung der preußischen Landmilizen im Siebenjährigen Kriege. Der Verfasser will diese Milizen gern zu Vorläufern der Landwehr machen, aber die Archivalien, die er mitteilt, ergeben mit aller wünschenswerten Sicherheit das Gegenteil.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Behauptung, durch die der »nationale Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges schlechterdings noch gerettet werden soll, läuft darauf hinaus, daß der Krieg die protestantische Geistesfreiheit usw. gerettet habe. Was es tatsächlich mit dieser Behauptung auf sich hat, haben wir zwar schon gesehen, aber man sagt auch hier: Sei dem so oder anders, die Welt sah doch nun einmal in Friedrich den Helden des Protestantismus, und bewußt oder unbewußt war er es auch. So viel ist nun gewiß richtig, daß der König die Religion als einen immerhin wichtigen Posten in seine militärischen Berechnungen einzustellen wußte. Aber man frage nur nicht: Wie? In seinen Generalprinzipien vom Kriege, der Instruktionsschrift, die er allen seinen Generalen für den Kriegsfall zur strengen Befolgung übergab, sagt er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wenn der Krieg in einem neutralen Lande geführt wird, so – kommt es nur darauf an, wer von beyden die Freundschafft und das Vertrauen der Landeseinwohner gewinnen kann. Man hält strenge Disziplin ... Man beschuldigt den Feind von den allerschlimmsten Absichten, so er gegen das Land hege. Ist solches protestantisch, wie in Sachsen, so spielet man die Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion; ist das Land Catholisch, so spricht man von nichts als Tolerance. Was euch hierin noch übrigbleibt, ist der Fanatismus. Wenn man ein Volck wegen seiner Gewissens-Freiheit animiren, auch ihm beybringen kann, daß es von den Pfaffen und Devoten bedrücket wird, so kann man sicher auf dieses Volck rechnen; das heißt eigentlich, Himmel und Hölle vor euer Interesse bewegen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ist es nun klar, daß Friedrichs arglose Seele weder bewußt noch unbewußt etwas von jenem Heldentum der »protestantischen Geistesfreiheit« geahnt hat, das er im Siebenjährigen Kriege bewährt haben soll? Aber – die Welt hatte sich angeblich darauf kapriziert, ein solches Heldentum in ihm zu erkennen, und so wirft denn die patriotische Zauberlaterne immer von neuem das Bild des österreichischen Marschalls mit dem geweihten Hut und Degen an die Wand. Indessen auch damit hat es eine gar eigene Bewandtnis. Friedrich hat sich zeitweise allerdings sehr bemüht, nicht nur vor Sachsen, sondern vor ganz Deutschland die »Rôle eines Beschützers der Lutherischen Religion« zu spielen oder, wie er an anderer Stelle sagt, »diejenigen in Wut entbrennen zu lassen, die auch nur noch eine schwache Neigung für Martin Luther haben«; er hat zu diesem Behufe durch den Marquis d&#039;Argens eine Anzahl gefälschter Schriftstücke anfertigen lassen, so namentlich jenes päpstliche Breve, womit der Papst dem Marschall Daun als Belohnung für den Überfall von Hochkirch einen geweihten Hut und Degen verliehen haben sollte, und er hat auch sonst den ihm gar nicht unebenbürtigen Gegner in sehr unköniglicher Weise als den »Mann mit der geweihten Mütze« zu verhöhnen gesucht.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – obgleich die österreichische Regierung sofort erklärte, daß die Geschichte mit dem geweihten Hut und Degen eine Erfindung sei, und obgleich diese Erfindung seitdem Dutzende von Malen in der bündigsten und weitläufigsten Weise aufgedeckt worden ist, so erbt sie sich unverdrossen in der preußischen Geschichtsschreibung weiter. Siehe Treitschke, 1, 60, Bernhardi, 1, 28, und andere mehr, der Werke »zweiten« und »dritten« Ranges zu geschweigen. Gegenüber der Zähigkeit der preußisch-patriotischen Fabel ist man versucht, in den ägyptischen Mumien beinahe nur Eintagsfliegen zu sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein dieser No-Popery-Spektakel war nicht auf die Nation, sondern auf die kleineren deutschen Höfe, und zwar nicht allein die protestantischen berechnet. Unzweifelhaft spielte auf österreichischer Seite in dem Siebenjährigen Kriege eine gewisse wenn auch abgeschwächte und beschränkte Tendenz mit, die habsburgisch-päpstliche Herrschaft doch noch über ganz Deutschland auszudehnen; die französischen Diplomaten an den deutschen Höfen erklärten in ihren Berichten nach Versailles, auch die katholischen Reichsstände wären um die »deutsche Libertät« besorgt, und es sei dringend notwendig, durch öffentliche Erklärungen diese Besorgnisse zu zerstreuen. Die österreichische Regierung verwahrte sich denn auch wiederholt gegen den Verdacht, als ob sie den westfälischen Friedensvertrag zu verletzen beabsichtige, indessen dieser Verdacht wuchs gewissermaßen von selber aus der Lage der Dinge hervor, und es war ein geschickter diplomatischer Schachzug Friedrichs, ihn nach Kräften zu nähren. Er tat es auch nicht ohne Erfolg. Am Reichstage zu Regensburg verhinderte die Gesamtheit der protestantischen Reichsstände durch einen eigenen Beschluß, daß die vom Wiener Hofe beabsichtigte Reichsacht über ihn verhängt wurde, und wenn die »Reichsexekutionsarmee« noch viel elender ausfiel, als sie nach der verkommenen Reichsverfassung ohnehin ausgefallen wäre, so war es, weil die meisten Reichsstände, katholische wie protestantische, widerwillig und zögernd ihre schlecht ausgerüsteten Truppen stellten. Insofern hatte Friedrich allen Grund, dem Marquis d&#039;Argens zu schreiben, daß dessen antipapistische Fälscherkunststücke ihm eine gewonnene Schlacht wert seien; nur daß er dabei einzig an die moralische Einwirkung auf die Höfe, aber keineswegs auf die Nation dachte. Auch blieb dieser Erfolg in bestimmten Grenzen. Denn die kleinen deutschen Höfe waren viel zu ängstlich, als daß sie es zu einem selbständigen Entschlusse hätten bringen können; einige von ihnen, die gar zu dicht unter dem Griffe Friedrichs lagen, verbanden das Angenehme mit dem Sicheren, indem sie ihre Landeskinder als Hilfsvölker an England, das der Form nach nur mit Frankreich, aber nicht mit Österreich oder dem deutschen Reiche im Kriege lag, verkauften und vermieteten, in welchem Menschenschacher hoffentlich nicht auch noch ein »höherer Lebensgehalt« des Siebenjährigen Krieges enthalten sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Krieg war ein Krieg wie alle Kriege des achtzehnten Jahrhunderts, die gemäß ihren ökonomisch-militärischen Möglichkeiten die bürgerliche Bevölkerung im Grunde gar nichts angingen. Und eben dies war die allgemeine Auffassung der Zeitgenossen auch vom Siebenjährigen Kriege. Unter seinem Eindrucke schrieb Friedrich: »Der friedliche Bürger soll es gar nicht merken, wenn die Nation sich schlägt.« Lessing aber schrieb in dem ersten Literaturbriefe: »Lieber will ich Sie und mich mit dem süßen Traume unterhalten, daß in unseren gesitteteren Zeiten der Krieg nichts als ein blutiger Prozeß unter unabhängigen Häuptern ist, der alle übrigen Stände ungestöret läßt und auf die Wissenschaften weiter keinen Einfluß hat, als daß er neue Xenophons, neue Polybe erwecket.« Und Clausewitz schreibt über die Kriege des achtzehnten Jahrhunderts: »Der Krieg wurde nicht bloß seinen Mitteln, sondern auch seinem Ziele nach immer mehr auf das Heer selbst beschränkt. Das Heer mit seinen Festungen und einigen eingerichteten Stellungen machte einen Staat im Staate aus, innerhalb dessen sich das kriegerische Element langsam verzehrte. Ganz Europa freute sich dieser Richtung und hielt sie für eine notwendige Folge des fortschreitenden Geistes. Obgleich hierin ein Irrtum lag, ... so hatte allerdings diese Veränderung eine wohltätige Wirkung für die Völker, nur ist nicht zu verkennen, daß sie den Krieg noch mehr zu einem bloßen Geschäfte der Regierung machte und dem Interesse des Volkes noch mehr entfremdete.« Das sind gleich drei klassische Zeugnisse auf einmal, aber es seien ihnen auch noch einige bezeichnende Tatsachen hinzugefügt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Friedrich sich in einem Winterquartiere zu Leipzig mit Gottsched über deutsche Literatur unterhalten hatte, richtete er eine französische Ode an den »sächsischen Schwan«, und Gottsched antwortete öffentlich in einem überschwenglichen Huldigungsgedichte, das mit den Worten schloß: »Und dein Bewunderer bleibt der deine.« Über diese Albernheit hat Lessing weidlich gespottet, aber niemand hat zu jener Zeit das geringste Arg darin gefunden, daß ein kurfürstlich sächsischer Professor in solcher Weise den Eroberer seines Landes, den Todfeind seines Landesherrn, öffentlich anschmeichelte; was heute als eine landesverräterische Infamie erscheinen würde, erschien damals als ganz natürlich oder wurde höchstens wegen seiner ästhetischen Geschmacklosigkeit verlacht; so sehr betrachtete sich die bürgerliche Bevölkerung als außerhalb des Kriegszustandes. Sehr lehrreich ist auch der Briefwechsel, den der in Leipzig lebende Lessing im Jahre 1757 mit seinen Berliner Freunden Moses Mendelssohn und Nicolai führte. Das Jahr 1757 war das einzige des Siebenjährigen Krieges, das eine gewisse Heldenverehrung hervorrufen zu können schien. Die Schlacht bei Prag als die gewaltigste des Jahrhunderts; dann der jähe Glücksumschlag von Kolin; endlich aus dem tiefsten Falle wieder ein schnelles Aufsteigen in dem lustigen Siege von Roßbach und dem glänzenden Siege bei Leuthen! Was mögen darüber wohl Friedrichs Geistesverwandter und Mitrevolutionär Lessing und der brandenburgisch-preußische Patriot Nicolai in ihren Briefen vor lauter Herzenslust geschwatzt haben! Nun – gar nichts, sozusagen. Man findet in ihrem Briefwechsel aus dem Jahre 1757 weitläufige Erörterungen über die Theorie der Tragödie, allerlei Tüfteleien über grammatikalische Unklarheiten in Klopstocks Messias, Beratungen über Druck und Verlag der Bibliothek der schönen Wissenschaften, welche die Preußen Mendelssohn und Nicolai endlich bei einem sächsischen Verleger unterbringen – aber vom Kriege? Sozusagen nichts; es sei denn, daß man Lessings Mitteilung, der Dichter Ewald von Kleist sei als Major zu einem in Leipzig garnisonierenden Infanterieregiment kommandiert worden, oder die Neckerei von Moses, Lessing sei wohl zum Schutze für die Kurmark angeworben worden, da er so lange auf Antwort warten lasse, für etwas nehmen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin, wenn Lessing und Moses, die für jene Zeit zu den vorgeschrittensten Elementen der bürgerlichen Bevölkerung in Deutschland gehörten, im allgemeinen noch dem Kriege gleichgültig gegenüberstehen, so bricht doch in ihnen schon die Erkenntnis jenes »Irrtums« durch, von dem Clausewitz spricht; nur nach einer ganz anderen Richtung hin, als die Theorie des »höheren Lebensgehalts« erwarten lassen sollte. In der oben angeführten Äußerung Lessings von dem »süßen Traum« leuchtet bereits ein Zweifel hervor, der in den unmittelbar vorhergehenden Sätzen noch klarer hervortritt. Sie lauten: »Der Friede wird ohne sie (die Musen) wiederkommen; ein trauriger Friede, von dem einzigen melancholischen Vergnügen begleitet, über verlorene Güter zu weinen. Ich rufe Ihren Blick aus dieser finstern Aussicht zurück. Man muß einem Soldaten sein unentbehrliches Geschäft durch die bejammernswürdigen Folgen desselben nicht verleiden.« Und ganz ähnlich schreibt Moses an Lessing im Jahre 1757, indem er ihn bittet, Leipzig als einen Ort der Unruhe, der Betrübnis und der allgemeinen Verzweiflung zu verlassen: »Kommen Sie zu uns, wir wollen in unserm einsamen Gartenhause vergessen, daß die Leidenschaften der Menschen den Erdball verwüsten. Wie leicht wird es uns sein, die nichtswürdigen Streitigkeiten der Habsucht zu vergessen, wenn wir unsern Streit über die wichtigsten Materien, den wir schriftlich angefangen, mündlich fortsetzen werden!«&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 64; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Merkwürdig, daß diese Wortführer der bürgerlichen Klassen bei einem kritischen Blick auf den Siebenjährigen Krieg nicht von Sympathie, sondern von Antipathie überfließen! Merkwürdig oder vielmehr nicht merkwürdig! Denn jene Vorstellung, daß der Krieg die bürgerliche Bevölkerung nichts angehe, war doch nur möglich, weil und solange diese Bevölkerung allen Selbstbewußtseins entbehrte; mit diesem Selbstbewußtsein mußte sofort die Erkenntnis erwachen, daß sie allein die Kosten des Krieges zu tragen habe und daß jene »wohltätige Wirkung«, die eine »notwendige Folge des fortschreitenden Geistes« zu sein schien, gerade um den Preis jedes »höheren Lehensgehalts« erkauft wurde. Der Siebenjährige Krieg konnte die bürgerliche Bevölkerung noch gleichgültig lassen und ließ sie noch gleichgültig, aber soweit er etwa eine Empfindung in ihr erweckte, war es eine Empfindung des Abscheus, nicht eine Empfindung des bürgerlichen Selbstbewußtseins oder des nationalen Stolzes. Diese Empfindung konnten die bürgerlichen Zeitgenossen aus dem Siebenjährigen Kriege ebensowenig schöpfen, wie Friedrich den Krieg nach der napoleonischen Strategie führen konnte. Selbst die bloße Vorstellung eines solchen Zusammenhanges war nicht eher möglich, als bis die amerikanischen und französischen Revolutionskämpfe dem Kriege eine ganz andere Form und einen ganz anderen Inhalt gegeben hatten, und in der Tat hat Goethe erst unter dem frischen Eindruck des napoleonischen Kriegszeitalters dem Siebenjährigen Kriege eine Bedeutung untergelegt, die Friedrichs Kriege für die bürgerlichen Zeitgenossen nicht hatten und schlechterdings nicht haben konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur historischen Kritik der Lessing-Legende in ihrer zweiten und zugleich auch noch in ihrer ersten Gestalt. War es notwendig, etwas weit auszuholen, um so verjährten und versteinerten Irrtümern, die unter dem Schutze so großer Namen stehen, auf den Grund zu gelangen, so wird sich die dritte Gestalt der Lessing-Legende desto schneller erörtern lassen, die byzantinische Knechtsgestalt nämlich, welche sie im neuen Deutschen Reich angenommen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== X. Scherer und Erich Schmidt über Lessing ==&lt;br /&gt;
Die Lessing-Legende in ihrer dritten Gestalt hat zwei typische Werke aufzuweisen: Scherers »Geschichte der deutschen Literatur« und Erich Schmidts Lessing-Biographie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alle sonstigen Erzeugnisse der seit 1870 in tropischer Fülle aufgewucherten Lessing-Literatur können hier übergangen werden. Es wäre unbillig, den Bearbeitern der Hempel-Ausgabe einzelne loyale Kopfsprünge aufzumutzen; sie haben sich durch philologischen Kärrnerfleiß um Lessings Werke verdient gemacht und damit das sicherste Gegengift gegen die dauernde Verseuchung von Lessings Wirksamkeit geschaffen. Die beiden englischen Lessing-Biographien (von Sime und Zimmern) besitzen keinen selbständigen Wert; eine ganz traurige Zusammenstoppelung ist Lessings Leben von Düntzer. Der Verfasser teilt an der Spitze seiner Vorrede mit, daß Herr C. R. Lessing »hochverdient« um seine Arbeit sei, und jede Seite der geschmacklosen Kompilation bestätigt diese Mitarbeiterschaft. Herr C. R. Lessing, der gegenwärtige Besitzer der »Vossischen Zeitung«, ist ein Kapitalist von gewöhnlichem Schlage, aber von ungewöhnlichem Reichtum, der heute eine Protzenausgabe des Nathan veranstaltet und morgen einen Tintenkuli wegen jüdischer Abstammung aufs Pflaster wirft, bei der einen wie bei der anderen Huldigung an den berühmten Großohm umtost von dem rauschenden Beifalle der kapitalistischen Lessing-Korybanten. Es lohnt so wenig, dies abstoßende Bild näher auszumalen, wie mit den Liliputern des Lessing-Humbugs anzubinden, den Gelehrten der »Vossischen Zeitung«, der »National-Zeitung«, des »Berliner Tageblattes« und anderer Kapitalistenblätter. Bei Scherer und Erich Schmidt steht wenigstens eine alexandrinische Gelehrsamkeit hinter der byzantinischen Gesinnung, und ihre Mißhandlung Lessings wie unserer klassischen Literatur überhaupt beansprucht deshalb eine gewisse kulturgeschichtliche Bedeutung, weil Scherer bis zu seinem vor einigen Jahren erfolgten Tode Professor der Literaturgeschichte an der Berliner Hochschule war und Erich Schmidt sein Nachfolger geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Scherer ist von Lessing schon vorausgeahnt worden, und zwar, als Lessing schrieb: »Gott weiß, ob die guten schwäbischen Kaiser um die damalige deutsche Poesie im geringsten mehr Verdienst haben als der itzige König von Preußen um die gegenwärtige. Gleichwohl will ich nicht darauf schwören, daß nicht einmal ein Schmeichler kommen sollte, welcher die gegenwärtige Epoche der deutschen Literatur die Epoche Friedrichs des Großen zu nennen für gut findet.« Dieser »Schmeichler« ist Scherer. Auf etwa 130 Seiten seines Werkes behandelt er das »Zeitalter Friedrichs des Großen«, von Gottsched und Gellert bis auf Herder und Goethe, Lessing mitten darunter mit etwa 50 Seiten.&amp;lt;ref&amp;gt;Scherer, Geschichte der deutschen Literatur, 394 ff., fünfte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar kennt Scherer die »Warnungstafel« Lessings, aber sie »schreckt ihn gar nicht«. Natürlich nicht; wie sollte Scherer auch nicht die übermenschliche Courage besitzen, dem toten Lessing eine blutige Beleidigung zuzufügen, die sich der lebende Lessing schon so derbe verbeten hatte? Es ist wahr: Scherer bringt auch eine Art von Begründung für seine Auffassung bei, sogar unter ausdrücklichem Verzicht auf Goethes »berühmte Stelle«; er meint, die Tatsachen selbst redeten eine so deutliche Sprache, der literarische Aufschwung hinge mit dem politischen zusammen. Grundsätzlich schimmert hier eine richtige Ansicht durch. Wenn man die Literaturgeschichte eines Zeitalters erzählen will, ohne die ökonomische und politische Geschichte desselben Zeitalters zu kennen, so verfällt man günstigenfalles in eine ästhetisch-philologische Kannegießerei. Unzählige Literaturgeschichten bezeugen es und ganz besonders auch die Literaturgeschichte Scherers. Denn jener scheinbare Anflug von besserer Einsicht ist bei ihm nichts als eine höfische Redewendung, um den König Friedrich als die geistig bahnbrechende Größe in unsere klassische Literatur einzuschmuggeln. Er vernachlässigt sonst in der unglaublichsten Weise den Zusammenhang zwischen Literatur und Politik. Er bekommt es sogar fertig, über Luther und Hutten zu orakeln, ohne die Stellung dieser Männer zu den politischen und sozialen Fragen ihrer Zeit auch nur anzudeuten. »Die Reformation war zunächst Luther. Sein Wille, seine geistige Richtung entschied.« Luther hatte »aus inneren Kämpfen die Kraft gezogen, sich dem Papste und der alten Kirche entgegenzuwerfen und die Nation mit sich fortzureißen«. Welch tiefsinnige Auffassung der Reformationsgeschichte! Selbst ein bürgerlicher Gelehrter wie Roscher fordert: Um zu erkennen, wes Geistes die einzelnen Männer des deutschen Reformationszeitalters gewesen seien, müsse man ihre Stellung zum Bauernkriege prüfen. Und was sagt Scherer über Luthers Verhalten zu den Bauern? Man höre: »Der hochgestiegene Bauernsohn gab den Bauern die göttlichen Wahrheiten hin.« Wie gnädig, wie herablassend, wie idyllisch! Von Luthers Verrat an den Bauern, der wie die politische und soziale so auch die literarische Wirksamkeit des Reformators in entscheidender Weise beeinflußte, weiß Scherer nichts oder will er nichts wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wenig begreift er von dem inneren Zusammenhange zwischen den literarischen und den ökonomisch-politischen Zuständen, aber sowie der brandenburgisch-preußische Staat in Sicht kommt – hilf Himmel! da muß schon eine Phrase herhalten, gleichsam ein Stückchen Seife, mit dem der byzantinische Schaum geschlagen werden kann. »Alle preußischen Regenten seit dem großen Kurfürsten hatten ein Verhältnis zur deutschen Bildung; alle haben sie irgendwie direkt oder indirekt gefördert.« Wirklich? Beispielsweise auch jener Friedrich Wilhelm I., der die Einkünfte der Berliner Akademie zu Besoldungen für seine Hofnarren bestimmte, der die Universitätsprofessoren zu Frankfurt a. O. in der schnödesten Weise verhöhnte, der einen Lehrer, welcher dem Kronprinzen Friedrich die Goldene Bulle erklärte, mit den Worten durchprügelte: »Warte, Schurke, ich werde Ihn beauream bullam«, der, wie selbst Treitschke zugibt, für alles ideale Schaffen nur den Spott des Barbaren hatte? Auch dieser; Scherer »läßt die Tatsachen selbst so deutlich reden«. Friedrich Wilhelm I. haßte, wie alle Bildung, so auch die französische Bildung. Dies ist die »Tatsache«, und sie »redet«: »Die Hauptmächte der deutschen Erziehung seit der Reformation und Renaissance, das biblische Christentum und die antike Literatur, konnten &#039;&#039;daher&#039;&#039; auf die jungen Preußen mehr unmittelbar einwirken als auf die übrigen Deutschen«, und »es war &#039;&#039;daher&#039;&#039; kein Zufall, daß an der Universität Halle die poetische Richtung zuerst hervortrat, welche nachher der Preuße Klopstock auf ihren Gipfel brachte, daß Winckelmann aus Preußen stammte und daß Lessing in Berlin den entscheidenden Anstoß erhielt.« So wird Literaturgeschichte im neuen Deutschen Reiche geschrieben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verweilen wir indessen einen Augenblick bei dem byzantinischen Geschwafel! Die Universität Halle bekam das väterliche Zepter Friedrich Wilhelms I. fühlbar zu schmecken, als der König ihrem damals berühmtesten Lehrer, dem Philosophen Wolff, bei Strafe des Stranges befahl, binnen achtundvierzig Stunden die sämtlichen königlichen Lande zu räumen. Es geschah, weil einige professorale Neidhämmel, namentlich der Theologe Lange, dem Könige hatten einblasen lassen, Wolff predige den Fatalismus; wenn nach Wolffs Lehre ein langer Grenadier aus Potsdam desertiere, so habe das Fatum es so haben wollen, und der Deserteur dürfe nicht bestraft werden, weil er dem Fatum nicht habe widerstehen können. Diese landesväterliche Aufmunterung der Wissenschaften »redete so deutlich«, daß sie die Hallische Dichterschule erzeugte. »Es war daher kein Zufall«, weder daß der einzige Unsterbliche dieser Schule ein Sohn jenes Denunzianten Lange war, noch daß seine Unsterblichkeit aus der antiken Literatur entsprang, welcher Friedrich Wilhelm I. die »mehr unmittelbare« Einwirkung auf die »jungen Preußen« gesichert hatte. Siehe Lessings Vademecum für Herrn Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, wodurch dieser Übersetzer des Horaz unsterblich wurde wie das Insekt im Bernstein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
An dem von Apollo geschundenen Marsyas entzündete sich – nach Scherer – der »Preuße« Klopstock. Der »Preuße«, wahrhaftig! Klopstock war in Quedlinburg geboren, und Quedlinburg war von 937 bis 1803 ein reichsunmittelbares Frauenstift. Seine Bildung und Erziehung erhielt Klopstock auf der sächsischen Gelehrtenschule Pforta und der sächsischen Universität Leipzig; der König von Dänemark gewährte diesem deutschen Dichter dann die nötige. Muße zur Vollendung des Messias; Klopstock lebte zumeist in Kopenhagen und Hamburg, zeitweise auch in Zürich und Karlsruhe, wo ihm der Markgraf von Baden ein wohlwollender Beschützer war. Klopstocks Beziehungen zu Preußen beschränkten sich darauf, daß er die Ausländerei Friedrichs II., des, wie er sagte, »Fremdlings im Heimischen« bitter verspottete und daß er sich von den Habsburgern noch weit eher eine Förderung der deutschen Literatur versprach als von den Hohenzollern. Aber Scherer sagt doch, daß Klopstock ein »Preuße« war, und Scherer ist ein ehrenwerter Mann. Nun, die Sache hängt so zusammen, daß Preußen die Schirmvogtei über das Frauenstift Quedlinburg, einige zwanzig Jahre vor Klopstocks Geburt und unter heftigem Widerstreben der Quedlinburger, von Sachsen für 300 000 Taler kaufte und daß Quedlinburg dann im Todesjahre Klopstocks, als der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 die große Heimramschung der geistlichen Gebiete vollzog, an den preußischen Staat fiel. Als Säugling und Klippschüler hat Klopstock wohl einmal die Söldner Friedrich Wilhelms I. in Quedlinburg exerzieren oder auch Spießruten laufen sehen, und so kam er ganz unvermerkt in das »biblische Christentum« und die »antike Literatur« hinein, wodurch wir Deutsche dann wieder – welch unerforschliche, aber von Scherer durch und durch erforschte Fügung des Himmels! – zu einer klassischen Literatur kamen, wir wußten nicht wie. Schade, ewig schade, daß der unglückliche Klopstock selbst nie erfahren hat, welche segensreichen Mächte über seinem ahnungslosen Haupte walteten! Als er längst ein berühmter Dichter war, durfte er sich in seinem Vaterhause nur heimlich aufhalten, weil die preußischen Werber ihm nachstellten, und mit Mühe entging sein väterliches Erbe der Beschlagnahme durch den preußischen Militärfiskus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Winckelmann »stammte aus Preußen«, wie Scherer behauptet. Und das stimmt. Winckelmann war ein Schusterssohn aus Stendal, wo ihm sogar im Schatten einer gotischen Kirche eine Bildsäule errichtet worden ist, beiläufig ein so geschmackloses Denkmal, wie es der kultivierte Europäer höchstens seinem Todfeinde wünschen mag. Aber ach! für Scherer ist es wieder schade, daß Winckelmann, der es am Ende doch auch wissen mußte, seine preußische Abstammung nicht bloß nicht für »keinen Zufall«, sondern gerade im Gegenteil für den ärgerlichsten und unbegreiflichsten Zufall von der Welt hielt. Als er den märkischen Staub von den Pantoffeln schütteln durfte, schrieb er: »Ich habe viel leiden müssen und werde stets einen Widerwillen gegen mein Vaterland behalten.« Und ferner: »Mein Vaterland vergesse ich gern ... Mein Vaterland ist Sachsen; ich erkenne kein anderes und ist kein Tropfen preußischen Blutes in mir.« Statt Preußen schreibt er oft kurzweg »Das despotische Land«, und zwar »drückt auf ihm der größte Despotismus, der je gedacht ist. Ich gedenke mit Schaudern an dieses Land.« Wenn Winckelmann befürchtet, daß ein alter Freund von ihm nicht mehr am Leben sei, so fügt er hinzu: »Es wäre sein Bestes für ihn und alle diejenigen, welche in diesem unglücklichen Lande eine schwere und erstickende Luft schöpfen.« Er meint, ein freier Schweizer müsse dies Land ärger als Sibirien verwünschen. »Es schaudert mich«, ruft er in einem Briefe an Usteri vom 15. Januar 1763, »die Haut vom Wirbel bis zur Zehe, wenn ich an den preußischen Despotismus und den Schinder der Völker denke, welcher das von der Natur selbst vermaledeite und mit lybischem Sande bedeckte Land zum Abscheu der Menschen machen und mit ewigem Fluche belegen wird. Lieber ein beschnittener Türke als ein Preuße.« Und so ins Endlose.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi, Winckelmann, 1, 188 ff. Justi steht, »im allgemeinen angesehen«, auch auf dem bürgerlich-preußischen Standpunkt, und er meint, für die Zeit Winckelmanns sei der friderizianische Despotismus das beste für Preußen gewesen, indessen nach dieser Verwahrung fügt er den zornigen Ausbrüchen Winckelmanns doch hinzu: »Aber wir lieben die, welche den Despotismus unter jeder Gestalt hassen, auch den notwendigen, auch den heilsamen und aufgeklärten Despotismus. Wir ziehen sie sogar denen vor, welche auf den beschränkten und parteiischen Zorn des achtzehnten Jahrhunderts in ihrer überlegenen historischen Einsicht lächelnd herabsehen, welche geschichtlichen Sinn und sympathischen Respekt haben für alle glücklichen Verbrecher, für alle Scheiterhaufen und Staatsstreiche der Vergangenheit, und welche nur die ewigen Ideen des Rechts, der Aufklärung und der Humanität für Phrase halten und nur für das Verlangen der Völker nach politischer Freiheit keinen Verstand haben.« Das ist die Sprache einer achtbaren bürgerlichen Ideologie. Vergleicht man den Justi der sechziger und siebziger Jahre mit dem Scherer der achtziger und dem Erich Schmidt der neunziger Jahre, so greift man den geistigen Verfall der deutschen Bourgeoisie mit Händen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soviel zur Kritik dessen, was Scherer über Friedrich Wilhelm I. als geistigen Ahnherrn unserer klassischen Literatur beibringt; auf den »entscheidenden Anstoß«, den Lessing in Berlin erhalten haben soll, müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Dagegen ist schon durch unsere bisherige Darstellung im wesentlichen erledigt worden, was Scherer als die Ruhmestitel Friedrichs II. in Sachen der deutschen Bildung anführt: seinen kirchlichen Liberalismus, seine patriotischen Kriegstaten, seine lebendige Teilnahme an literarischer Kultur und sein ruhmvolles Beispiel, das ihm unter den deutschen Fürsten Schüler und Anhänger wie Karl August von Weimar erweckt habe. Auch sind diese vier Punkte bereits von Xanthippus-Sandvoß in ausgezeichneter Weise beleuchtet worden. Nur über den »kirchlichen Liberalismus« noch ein kurzes Wort! Für die Person des Königs war dieser »kirchliche Liberalismus«, wie Herr Sandvoß treffend hervorhebt, einfach der Atheismus; für seine Politik aber war er ein durch feudal-militärische Bedürfnisse geregelter Konfessionalismus, der da, wo er frei ausgreifen konnte, mit dem extremsten Ultramontanismus um die Palme der Unduldsamkeit rang. Man entsinnt sich noch des fürchterlichen Lärms, der sich jüngst über den Vorschlag eines ultramontanen Blattes erhob, wonach die Universitätsprofessoren auf die Glaubensbekenntnisse ihrer entsprechenden Konfessionen verpflichtet werden sollten; nun, dieser Vorschlag war noch recht »liberal«, verglichen mit der Tatsache, daß zu Friedrichs Zeit die &#039;&#039;evangelische&#039;&#039; Konfession in dem Professoreid von &#039;&#039;allen&#039;&#039; vier Fakultäten beschworen werden mußte. Gewiß ein famoser »kirchlicher Liberalismus«, aus dem – so will es Scherer – unsere klassische Literatur erwachsen ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am unerträglichsten werden Scherer und sein würdiger Nachfolger Erich Schmidt, wenn sie aus Lessing einen Karriereschnaufer des heutigen Schlages machen wollen. Über die flüchtige Berührung, in die Lessing persönlich mit Voltaire gekommen ist oder gekommen sein soll, schreibt Scherer: »Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: Welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung!« Jawohl, und welche Dreistigkeit, in die Seele eines Lessing »Aussichten auf Protektion und Empfehlung« hineinlesen zu wollen! Herr Erich Schmidt aber orakelt bei demselben Anlasse: »Kein Zweifel, daß manchmal eine kühne Hoffnung, im Gefolge Voltaires die Aufmerksamkeit des Monarchen auf sich zu lenken, der Seele Lessings nicht fernblieb, denn von Friedrich beachtet zu werden, war die Sehnsucht aller deutschen Schriftsteller, auch derer, die sich scheinbar so stolz in ihre christlich-germanische Tugend hüllten.« Nun, das ist doch noch eine Unverschämtheit, die sich gewaschen hat. Wir können erst in dem zweiten Teile dieser Darstellung die urkundlichen Beweise für die herbe Verachtung beibringen, womit Lessing in der nationalen Gesinnung, die ihm als einem Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen eignete, auf die französische Bildung des Königs herabsah, aber hier ist schon der Ort, festzustellen, daß Herr Erich Schmidt für die Behauptung, die er »keinem Zweifel« unterworfen sein läßt, auch nicht den Schatten eines Buchstabens als Beweis beibringen kann. Nicht den Schatten eines Buchstabens! Aber damit noch nicht zufrieden, fährt Herr Erich Schmidt fort: »Und Lessings Vertrauen mochte sicherer scheinen als die Bemühungen der Hallenser um die Fürsprache des dichtenden Generals Stille.« So kommt Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, doch noch zu den Ehren, um die ihn Lessings Vademecum schnöderweise gebracht hat; der brave Patriot bemühte sich doch nur um die Gunst eines preußischen Generals, während Lessing einem französischen Schöngeiste nachlief, weil es ihm »sicherer scheinen mochte«. Dieser Lessing, aber nun ist er auch erkannt! Herr Erich Schmidt schreibt weiter: »Ebensowenig wird es ein Irrtum sein, Lessings Anlauf zu einem französischen Lustspiele, dem Palaion, für eine leise Frage an Voltaire und den König zu erklären.« Ebensowenig! Zu einer Zeit, wo der junge Lessing viel mit einem französischen Sprachlehrer verkehrte, um sich in der französischen Sprache auszubilden, hat er einige Szenen in französischer Sprache geschrieben, genau sechs kleine Druckseiten, die dann über ein Menschenalter später in seinem Nachlasse gefunden worden sind. Und darum Kriecher und Streber! An einer anderen Stelle sagt Herr Erich Schmidt, Lessing habe sich in Berlin nach »hohen Gönnern umgeschaut«. Oho – doch wir haben schon einen starken Ausdruck über Herrn Erich Schmidt gebraucht, und an dem mag es genug sein.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 188, 203. Man glaube übrigens nicht, daß derartige Byzantinismen in der bürgerlichen Literargeschichte vereinzelt dastehen. So feiert Herr Otto Brahm, Heinrich v. Kleist, 351, irgendein beiläufiges Prinzeßchen, »die Prinzessin Wilhelm, eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg«, wie er preislich sagt, als »hohe Gönnerin«, weil der verzweifelnde Dichter des »Prinzen von Homburg«, der einzigen, wirklich dichterischen, aber ebendeshalb unverstandenen Verherrlichung des Hohenzollernhauses, wenigstens von dieser Dame ein Wort der Zustimmung – etwa erhielt? O, Gott bewahre! sondern – zu erhalten hoffte, aber nicht erhielt. Mit dieser alleruntertänigsten Gesinnung steht es nicht im Widerspruche, sondern gerade im Einklange, wenn Herr Otto Brahm seine Kleist-Biographie dem Herrn Erich Schmidt mit den donnernden Worten widmet: »Frisch auf also! Hier haben Sie meinen Kleist; geben Sie uns den Ihren!« Lakaienstolz ist immer der groteskeste.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun aber die »christlich-germanische Tugend« anbelangt, so sollte Herr Erich Schmidt doch lieber in seinen eigenen Busen greifen. Indem er Lessings Rettungen des Horaz bespricht, sagt er: »Die Freunde der Dichter mögen hoffen, daß nach Archilochos, Alkaios, Horatius auch der Freischärler Herwegh, auf dem noch immer der Mythus von dem bergenden Spritzleder lastet, seinen Retter finde.« Was soll das nun wohl heißen? Der »Mythus von dem bergenden Spritzleder« ist mindestens ein halb Dutzend Mal so bündig widerlegt worden, wie eine niederträchtige, rein aus der Luft gegriffene Tendenzlüge nur immer widerlegt werden kann. Und das scheint auch Herr Erich Schmidt zu wissen, denn er spricht von einem »Mythus«. Aber wo kann denn noch eine elende Lüge »lasten«, wenn sie soundso oft widerlegt ist? Etwa auf »hohen Gönnern«? Und deshalb schleift wohl Herrn Erich Schmidts »christlich-germanische Tugend« den traurigen Schwindel bei den Haaren in eine Lessing-Biographie? Er macht zwar aus Lessing einen frommen Knecht Fridolin, aber es ist so verteufelt schwer, diesen Mohren weißzuwaschen, und so erklärt der Lessing-Biograph zu aller Sicherheit mit dem gegen Herwegh gezielten Fußtritte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So wisset denn, daß ich Hans Schnock, der Schreiner, bin, Kein böser Low&#039; fürwahr, noch eines Löwen Weib.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werfen wir aber noch einen Blick in den zweiten Band des Herrn Erich Schmidt! Hier dichtet er das ergreifende Martyrium Lessings in Wolfenbüttel zu einer Nörgelei des beschränkten Untertanenverstandes gegen einen großartigen und wohlwollenden Herrscher um. Im Anfang des Jahres 1773 versprach der Erbprinz Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig aus freien Stücken, Lessings bis dahin kümmerlich besoldete Stellung aufzubessern, wenn Lessing sich dauernd »in braunschweigischen Diensten fixieren« wolle. Lessing, der sich inzwischen mit Eva König verlobt hatte und die Verbindung mit der geliebten Frau nicht schnell genug beeilen konnte, übernahm die Verpflichtung, und nun – tat der edle Erbprinz, als wüßte er von gar nichts. Er schwieg Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Man muß in Lessings Briefen nachlesen, wie ihm diese fürstliche Tücke das Leben in dem einsamen Wolfenbüttel vergällte; nichts erschütternder als die wilden Schmerzensschreie, die sich trotz aller männlichen Selbstbeherrschung immer wieder aus seinem stolzen Herzen rangen. Und dann höre man Herrn Erich Schmidt von oben herab tadeln, daß Lessing »aller kaltblütigen Überlegung beraubt wurde«. »Alles verzerrte sich ihm.« »So wühlte er sich in die blinde Wut gegen einen Fürsten hinein, dessen Verbrechen darin bestand, daß er zu früh gesprochen und nun weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit hatte, um Lessings fieberhafte Ungeduld durch ein Ja oder ein Nein zu befriedigen.« »Fieberhafte Ungeduld« ist gut als wohlmeinender Tadel für die Gefühle eines starken Mannes, der, durch eine große Liebe an einen öden Felsen gekettet, drei oder vier Jahre lang Tag für Tag den Geier an seinem Herzen fressen fühlt. Und was war der Grund davon, daß der »Fürst« »weder die freie Hand noch die Aufrichtigkeit« hatte? Herr Erich Schmidt enthüllt als diesen Grund »die stolze Zurückhaltung des nur mit der Finanzreform beschäftigten Erbprinzen«. Oder, wie er an einer anderen Stelle sagte: »Lessing kämpfte mit Schulden; auch der Erbprinz stemmte sich gegen die Lawine der Geldnot.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater des Erbprinzen, Herzog Karl, hatte die braunschweigischen Finanzen gänzlich zerrüttet. Er war »ohne ängstliche Sparsamkeit«, wie Herr Erich Schmidt sagt; »Herzog Karl mit seinem leichten sinnlichen Naturell freute sich, auf dem Thron all die pedantischen Fesseln einer engherzigen Jugendbildung abzustreifen und seinem Impresario Niccolini übermäßige Mittel zur Verfügung zu stellen.« Ein anderer bürgerlicher Geschichtsschreiber, der übrigens mit dem ideologischen Poltern seines wohlfeilen Radikalismus sonst gar nicht unser Mann ist, nämlich J. Scherr, schreibt über den gleichen Fall: »Herzog Karl von Braunschweig verstand ganz vortrefflich die Alchimie, das Blut seiner Untertanen in Gold zu verwandeln. Er hatte es auch sehr nötig, falls er, obgleich nur Herr über 60 Quadratmeilen und 150 000 Untertanen, auf dem Fuße eines Sultans von Babylon leben wollte. Und er wollte und tat so. Seinem Theaterdirektor und Oberkuppler, dem italischen Gauner Niccolini, gab er einen jährlichen Gehalt von 30 000 Talern, dem Gotthold Ephraim Lessing, Bibliothekar in Wolfenbüttel, gab er 600 Taler jährlich.«&amp;lt;ref&amp;gt;Scherr, Blücher, 1, 24.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Rande des Bankerotts mußte der Herzog im Jahre 1773 die Regierung dem Erbprinzen überlassen, der sich, wie Herr Erich Schmidt rühmt, nunmehr in »stolzer Zurückhaltung« »nur« mit der »Finanzreform« beschäftigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur« – in der Tat! »Ohne eine Phrase zu verlieren« – so stürmt Herr Erich Schmidt in die Saiten –, »übte der Erbprinz für seine Person eine ihm unnatürliche Ökonomie«, und also enthielt er auch, selbst ein Büßer, dem Bibliothekar in Wolfenbüttel die 200 Taler Gehaltsaufbesserung vor, denn um eines solchen Bettels willen wurde Lessing von dem ausgezeichneten Fürsten jahrelang auf die Folter gespannt. Aber wenn nicht für seine Person, für wen unterhielt dann der Erbprinz den Harem, in dem die Gräfin Branconi und das Fräulein v. Hertefeld als Favoritsultaninnen glänzten?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Beiläufig – die Dame Hertefeld stammte aus einem clevischen Adelsgeschlechte, das in die Mark Brandenburg übergesiedelt war und hier die große Herrschaft Liebenberg besaß. Ihr Bruder, Friedrich Leopold v. Hertefeld, der Besitzer von Liebenberg, gehörte zu den wütendsten Gegnern der Lichtenau – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. In einem Briefe vom 18. März 1797 – siehe Fontane, Fünf Schlösser, 280 – berichtet er mit schmunzelndem Behagen über die Verwüstungen, die adeliger Pöbel in der Wohnung der Lichtenau angerichtet hatte, als sie zur Hochzeit ihrer Tochter abwesend war. Derselbe Hertefeld schreibt dann über seine Schwester, die Lichtenau des Herzogs von Braunschweig: »Sie war eine gutmütige, vernünftige Person, und es war ihr Unglück, daß sie die Tollheiten unserer Zeit schmerzlicher empfand als andere.« Dame Hertefeld hatte es nämlich mit der bebenden Angst bekommen, als das Messer des Meisters Sanson den Kopf der Dubarry abschor. Seitdem hielt sie im Schlosse von Braunschweig ihre Koffer gepackt und als ersten Notgroschen für die Flucht in einer Kassette 5000 Taler bar bereit. Aber sie hatte mehr Glück als die Dubarry: Sie starb als Stiftsdame von Stedernburg ruhig in ihrem Bette, gerade recht zum Torschlüsse, wenige Monate vor der Sintflut von Jena. Ihr Bruder gehörte darnach aber noch zu den giftigsten Gegnern der Scharnhorst und Stein – aus purer sittlicher Entrüstung natürlich. Er schimpfte mörderlich auf diese »Schurken«, weil er eine ablehnende Antwort auf das patriotische Gesuch erhalten hatte, im Jahre 1813 seinen adeligen Leibeserben aus dem Heeresdienst zu entlassen. Später gründete die Familie Hertefeld dann die »Berliner Revue«, ein ultrafeudales Organ, dazu bestimmt, die »Tollheiten unserer Zeit« kritisch zu vernichten, dagegen die Herrlichkeiten jener Zeit romantisch zu beleuchten, wo adelige Fürstendirnen fromme Lichtgestalten, bürgerliche Fürstendirnen aber nichtswürdige Scheusale waren.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch aus diesem Schmutze sproßt die Loyalität des Herrn Erich Schmidt wie eine reine Lilie hervor; er schreibt: Der Erbprinz »hielt sich Mätressen, die seine Sinne, nie seinen Kopf und sein Herz beherrschten«. Und zwanzig Zeilen weiter: »Er legte mit ungeheurer Selbstbeherrschung seine Leidenschaften wie Hunde an die Kette.« Herr Erich Schmidt meint damit, daß der einundsiebzigjährige Greis noch 1806 als preußischer Oberfeldherr eine französische Buhldirne mit auf das Schlachtfeld von Jena schleppte. Patriotische preußische Offiziere waren damals allgemein der Überzeugung, daß diese Beischläferin die Pläne und Entschließungen des Herzogs ihren anrückenden Landsleuten verraten habe.&amp;lt;ref&amp;gt;Graf Henckel von Donnersmarck, Erinnerungen aus meinem Leben, 46.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber offenbar haben sie sich dabei von ihrem nur zu berechtigten Zorne zuweit reißen lassen. Denn die Schelmin hätte mehr geben müssen, als sie kriegen konnte, wenn sie bei Jena »Pläne und Entschließungen« ihres Liebhabers hätte verraten wollen. Und nun gar Herrn Erich Schmidts Enthüllungen aus den braunschweigischen Haremsgeheimnissen entlasten den Herzog und seine Dirne vollständig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo bleibt denn nun aber die »Finanzreform«, die den damaligen Erbprinzen »nur« beschäftigte, so daß Lessing darüber sterben und verderben konnte? Sie war ein ganz einfaches Handelsgeschäft; der Erbprinz war nächst dem Landgrafen von Hessen unter den deutschen Kleinfürsten der betriebsamste Händler in Menschenfleisch. Er verschacherte an England und Holland viele Tausende von Landeskindern um schweres Geld. War diese Tatsache Herrn Erich Schmidt bekannt? Als ob sie es einem so sorgfältigen »Philologen« nicht wäre! Und gleichwohl –? Spaß für einen neu-reichsdeutschen Byzantiner! Der Erbprinz »beugte seinen Stolz zur Vermietung braunschweigischer Truppen« und noch dazu, »ohne eine Phrase zu verlieren«. Dieser Haß gegen die »Phrase« ist etwas auffallend bei einem Schriftsteller, der einen so gedunsenen und geschwollenen, so überladenen und vor lauter Phrasenhaftigkeit manchmal gar nicht verständlichen Stil besitzt wie Herr Erich Schmidt, aber man bedenke auch, wie viele »Phrasen« über den Menschenschacher der deutschen Kleinfürsten gemacht worden sind. König Friedrich erklärte, von solchen verkauften Truppen, die sein Gebiet berührten, würde er Viehzölle erheben lassen, denn hier seien vernünftige Menschen als Tiere verschachert; ja, als einmal wirklich ein von seinen Ansbacher Verwandten verhandelter Transport über die preußischen Grenzen kam, ließ er Kanonen gegen die Menschenhändler auffahren, so daß sie einen Umweg nehmen mußten. Schiller aber läßt die verkauften Landeskinder am Stadttore rufen: »Es leb&#039; unser Landesvater. Am Jüngsten Gerichte sind wir wieder da!« So »wühlten sich« König Friedrich und Schiller mit ihren »Phrasen« »in die blinde Wut gegen einen Fürsten, dessen Verbrechen« nunmehr glücklich von dem besonnenen Reichspatrioten Erich Schmidt aus der Welt erklärt worden ist. Ein Glück bei alledem, daß unsereinem die göttliche Grobheit eines Lassalle nicht erlaubt ist, denn gegen diesen Erich war jener Julian noch ein Held an Charakter und Geist.&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 2, 238 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich soll den Scherer und Erich Schmidt damit nicht mehr getan werden, als sie verdienen. Ihre alexandrinische Gelehrsamkeit bleibt ihnen unangefochten. Haben sie wirklich den ganzen Praß von Büchern gelesen, den sie in ihren »Anmerkungen« anführen, so könnte man sogar mit Lessing auf die Besorgnis verfallen, daß sie für ihren gesunden Verstand schon viel zuviel gelesen haben. Nichts dankenswerter als die philologische Arbeit an den Werken unserer klassischen Literatur, solange sie sich in ihren Schranken hält oder doch nur gelegentlich einmal darüber hinausschweift! Aber von einem Biographen Lessings oder einem Geschichtsschreiber der deutschen Literatur ist etwas anderes und auch wohl etwas Besseres zu verlangen, als daß sie zehnmal schon umgekehrte Stäubchen noch zum elften Male umzukehren verstehen. Über diesen tausend und aber tausend Quisquilien verlieren sie jeden Blick für das Ganze der Erscheinung, und wenn sie über Lessing absprechen wollen, so sollten sie doch wirklich erst beherzigt haben, was Lessing über die »selbstdenkenden Köpfe« und die »siebenmal sieben Stäubchen aus der Literaturgeschichte« sagt. Allein, das wäre noch das wenigste. Weit schlimmer ist es, daß sie ohne jede Kenntnis der gleichzeitigen ökonomischen und politischen Zustände schreiben. Damit reißen sie die Pflanzen aus ihrem mütterlichen Boden und legen sie zwischen die löschpapiernen Seiten ihrer Herbarien. Mögen sie nun noch so sorgsam die einzelnen Blätter bis auf die letzte Zacke beschreiben: Duft und Farbe sind unwiederbringlich dahin. Der ärgste Frevel solcher Literarhistoriker aber ist es, wenn sie, sei es in einem dumpfen Gefühle ihrer verhängnisvollen Einseitigkeit, sei es aus anderen, aber wahrhaftig nicht achtbareren Gründen, die Gegenstände ihrer Darstellung in ein politisch-soziales Licht rücken wollen und sie deshalb mit den politischen und sozialen Vorurteilen aufschminken, die ihnen selbst geläufig sind und die »hohen Gönnern« angenehm in die Ohren klingen. Dann entsteht ein wahrer Greuel der Verwüstung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nunmehr wird sich auch leicht erklären, weshalb wir mit der Lessing-Legende in ihrer dritten und letzten Gestalt schnell fertig zu werden versprachen. Es hatte einen Zweck, die sachlichen Irrtümer über Lessing, denen Goethe und Gervinus und Lassalle verfallen sind, ausführlich zu erörtern, denn dabei konnte das sachliche Verständnis gefördert werden. Es hat aber gar keinen Zweck, aus den tendenziösen Darstellungen von Scherer und Erich Schmidt noch mehr Proben zu geben, als wir schon gegeben haben. Das Ergebnis bliebe immer dasselbe: Lessing wird in dem Prokrustesbette der heute für die bürgerliche Welt »maßgehenden« Tendenzen bald so, bald so gereckt. Wer sich überhaupt überzeugen lassen will, ist durch die bisherigen Proben wohl überzeugt worden, wer sich nicht überzeugen lassen will, wird durch zehnmal zahlreichere Proben auch nicht überzeugt werden. In keinem Falle spränge dabei etwas für die sachliche Förderung des Lessing-Problems heraus. So schließen wir denn den ersten Teil unserer Arbeit, der eine kritische Geschichte der Lessing-Legende geben und zugleich den allgemeinen historischen Hintergrund zeichnen sollte, von dem sich das Bild Lessings abhebt. In dem zweiten Teile wird unsere Aufgabe sein, dies Bild selbst von den Entstellungen und Verunzierungen der Legende zu befreien und es soweit möglich in seiner wirklichen Gestalt wiederherzustellen. Es mag sein, daß wir bisher schon diesen oder jenen spezielleren Punkt berührt haben, wie wir auch nicht dafür stehen können, daß wir nicht fortan noch diese oder jene allgemeinere Frage berühren müssen. Aber der Leser wird, wie wir hoffen, nachsichtig urteilen, wenn sich ein seit bald hundert Jahren so verfitztes Knäuel, wie die Lessing-Legende ist, nicht immer an einem ganz glatten Faden aufwickeln läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zweiter Teil. Lessing und die Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und der sächsische Kurstaat ==&lt;br /&gt;
Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 zu Kamenz in der oberen Lausitz geboren. Die Lausitz ist altslawisches Gebiet, und die deutsche Kolonisation hat einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz der alten Bewohner verschont; auf den etwa hundert Quadratmeilen der oberen Lausitz werden noch heute weit über vierhundert wendische Dörfer gezählt. Lessing ist denn auch vom Panslawismus beansprucht worden, und selbst um seinen Namen hat sich ein erbitterter etymologischer Streit entsponnen, indem die einen die Stammsilbe &#039;&#039;Less&#039;&#039; als das slawische Wort für Wald ansprachen, die anderen aber auf die deutsche Endung &#039;&#039;ing&#039;&#039; pochten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der an sich schon abgeschmackte Zank entbehrt obendrein jedes tatsächlichen Anhalts. Sowohl weil der Stammbaum Lessings bis ins Ende des sechzehnten Jahrhunderts eine Reihe deutscher Beamter und Prediger aufweist, als auch weil der Großvater Lessings erst in die Lausitz eingewandert ist, nachdem diese Landschaft schon mehrere Jahrzehnte dem sächsischen Staatsverbande eingefügt worden war. Hierin allein liegt ein für den historischen Lessing maßgebender Gesichtspunkt. Es ist nicht unrichtig, wenn Herr Erich Schmidt sagt, Lessing wurzele minder tief im lausitzischen als Goethe im fränkischen und Schiller im schwäbischen Boden, aber es ist ebenso geschmacklos wie schief, wenn er Lessing einen »entlaufenen Sachsen« nennt, und nun gar einen Sachsen, der zur preußischen Herrlichkeit entläuft. Lessing war so wenig Preuße oder Sachse, wie er Lausitzer war, aber wohl trifft der Geschichtsschreiber des sächsischen Staates zum Ziele, wenn er sagt, daß Einflüsse von Sachsen her »den Entwicklungsgang dieses selbständigsten aller Geister bestimmt haben«.&amp;lt;ref&amp;gt;Flathe, Geschichte des Kurstaats und Königreichs Sachsen, 2, 526.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß sich dabei aber vor dem ideologischen Schlagworte hüten, daß Lessing ein »zweiter Luther« gewesen sei. Ein starker Anklang daran findet sich sogar bei Heine und Lassalle; ja, Lessing selbst hat sich einmal in seinen theologischen Kämpfen mit der lutherischen Orthodoxie auf Luther selbst berufen. Allein wenn er damit nicht etwa nur eine jener »Evolutionen« machte, durch die er den hamburgischen Hauptpastor zu necken liebte, so hat er in merkwürdiger Weise gezeigt, daß sich auch die klarsten Köpfe im unklaren über die Beweggründe befinden können, die im letzten Grunde ihr Handeln bestimmen. Tatsächlich hat Lessing vom Anfang bis zum Ende seiner Laufbahn, von den Lemnius-Briefen bis zu den Anti-Goezes, seine stärksten Schläge gegen Luther und das Luthertum geführt, und dem war nicht nur so, sondern dem mußte auch so sein. Indem Luther der fürstlichen, Lessing aber der bürgerlichen Klasse vorkämpfte, vertraten beide Männer die stärksten Gegensätze, welche die deutsche Geschichte vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert kennt. Lessing war so wenig ein Luther auf höherer Stufenleiter, daß Goeze, Luthers echter Nachfahr, ihn vielmehr mit Recht als den richtigen Anti-Luther taxierte. Besteht doch nach Lassalles treffendem Epigramm das ganze Unrecht der Goezes von damals und heute darin – recht zu haben!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem hat Luthers und Lessings Landsmannschaft einen tieferen Zusammenhang. In jenem Teile Deutschlands, der durch ökonomische Gründe gezwungen war, sich der habsburgisch-päpstlichen Herrschaft zu entreißen, war Sachsen weitaus das ökonomisch entwickeltste und demgemäß auch das kultivierteste Land. Der Ertrag der sächsischen Bergwerke verlieh den sächsischen Fürsten in dem Beginne der kapitalistischen Entwicklung ein gewaltiges Übergewicht; unter den deutschen Teilfürsten gab es in den ersten Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts keinen mächtigeren als den Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Die Warenproduktion nahm in Sachsen einen schnellen Aufschwung; die große Handelsstraße aus dem Süden in den Norden Europas lief über Erfurt. Um den Besitz dieses wichtigen Stapelplatzes, der in jener Zeit zugleich die bedeutendste deutsche Universität beherbergte und der vornehmste Sitz des deutschen Humanismus war, entbrannte die lutherische Bewegung. Die Stadt Erfurt, die ihrerseits nach einer reichsunmittelbaren Stellung strebte, war ein alter Zankapfel zwischen Kur-Mainz und Kur-Sachsen; als der Hohenzoller Albrecht zum Erzbischofe von Mainz gewählt worden war,, entzündete sich der Streit von neuem. Unter diesen Umständen erschien es allerdings als eine unbillige Zumutung, daß Kurfürst Friedrich den Kommissar Albrechts, den Dominikaner Tetzel, in seinem Lande sollte den Ablaßschacher treiben lassen, dessen halber Ertrag zur Deckung der 25 000 Dukaten bestimmt war, die Albrecht für die Bestätigung seiner Wahl zum Erzbischofe von Mainz an Rom zu zahlen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurfürst Friedrich war ein friedliebender Herr. Und mehr noch: Er war ein äußerst bigotter Katholik; er war so gläubig, wie sein Gegner Albrecht ungläubig war. Das höchste Ziel seines Ehrgeizes bestand darin, die goldene Rose vom Papste zu erhalten; er unternahm eine Pilgerfahrt nach Jerusalem; er hatte mit ungeheuren Summen 5005 fragwürdige Heiligenknochen für die Schloßkirche in Wittenberg, eben die, an deren Türen Luther seine Ablaßthesen schlug, in aller Welt zusammengekauft und ließ sie alljährlich an einem bestimmten Tage zur Anbetung für das Volk ausstellen: ja, als Luther, kurz ehe er seine Thesen veröffentlichte, gegen den Ablaß gepredigt hatte, »verdiente er damit schlechte Gnade« bei dem Kurfürsten, der von solchen Predigten die Anziehungskraft seiner Reliquien gefährdet sah. Allein in Geldsachen hörte dazumal schon die Gemütlichkeit auf. Der Kurfürst hatte längst mit Unwillen bemerkt, daß sich die römischen Ablaßkrämer wie ein Immenschwarm und allerdings aus sehr guten Gründen in seinem Lande zu sammeln pflegten, und wieviel Geld er immer für die Knochen toter Heiliger aufwenden mochte, sowenig war er geneigt, mit den Mitteln seines Landes der römischen Kirche in dem Erzbischof Albrecht einen lebenden Heiligen zu schenken, der ihm das reiche Erfurt aus den Händen zu. reißen gedachte. So ließ er Luther gewähren, nicht als einen »Mann Gottes«, sondern als ein finanzpolitisches Werkzeug! Nichts ist haltloser, als in den Ablaßthesen Luthers eine »weltgeschichtliche Tat« zu sehen und von ihnen den Anfang der Reformationsgeschichte zu datieren. Die antirömische Bewegung war schon seit Jahrzehnten.in allen. Klassen des deutschen Volkes vorhanden, und die Bekämpfung der kirchlichen Mißbrauche hatte auch schon literarisch, beispielsweise, in den Schriften der Humanisten, einen viel schärferen Ausdruck gefunden als in Luthers ziemlich zahmen, nicht einmal den. Ablaß selbst, sondern nur seinen »Mißbrauch« tadelnden Sätzen. Auch ist es ganz falsch zu sagen, die humanistische Bildung sei Kaviar fürs Volk; gewesen, Luther aber habe in derber, volkstümlicher Weise den Stier an den Hörnern gepackt. Denn Luthers Thesen waren gleichfalls lateinisch und noch dazu absichtlich in jener schnörkelhaften Rätselschrift der scholastischen Theologie abgefaßt, die den Massen erst recht unverständlich war; Luther selbst hat oft genug seine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß sein Auftreten so große Wirkungen gehabt habe. Was er nicht begriff und was die bürgerliche Geschichtsschreibung sich nur aus allerlei ideologischen Hirngespinsten! zu erklären weiß, ergibt sich sehr einfach aus der ökonomischen Lage der Dinge. Wenn unter den geistigen Führern der reformatorischen Bewegung der geistig beschränkteste auf dem Plane, blieb, die geistig bedeutenderen aber, die Hutten, die Münzer, die Wendel Hipler, untergingen, so geschah es, weil hinter jenem die ökonomisch mächtigste Potenz, das Fürstentum, stand, während hinter diesen die Ritterschaft, das Proletariat, die Bauern und die Städte standen, das heißt: Klassen, die als solche entweder schon im absteigenden oder erst im aufsteigenden Ast ihrer ökonomischen Entwicklung waren und die bei dem inneren Widerstreit ihrer ökonomischen Interessen sich auch zu keiner gemeinsamen Aktion gegen die Fürsten einigen konnten. Es tut nichts zur Sache, daß Luther als der Vorkämpfer der mächtigsten Klasse zeitweise, solange es sich nämlich um die Abwehr der allen Klassen verhaßten römischen Ausbeutung handelte, auch allen Klassen vorzukämpfen schien und daß er demgemäß seine historische Rolle lange nicht begriff. Nach dem Aufstande der Ritter und namentlich nach dem Bauernkriege hat er sie sehr gut verstanden, wie neben unzähligen anderen Zeugnissen schon sein herrlicher Satz zeigt: »Daß zwei und fünf gleich sieben sind, das kannst du fassen mit der Vernunft; wenn aber die Obrigkeit sagt, zwei und fünf sind acht, so mußt du es glauben, wider dein Wissen und Fühlen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit seinem wirklichen Ruhme – dem Ruhm, als armer und unbekannter Mönch die ausbeuterischen Laster der römischen Kirche erkannt und bekämpft zu haben – stand Luther unter dem proletarischen Teile der damaligen Geistlichkeit weder allein noch in erster Reihe; viele dieser kleinen Priester haben den Haß gegen Rom und die Treue gegen ihre Klasse ehrenvoll mit ihrem Tod auf dem Schlachtfelde oder auf dem Blutgerüste besiegelt. Als »hochgestiegener Bauernsohn« aber, als »Führer der Nation« war Luther der große Mann landesüblichen Schlages: Der Träger der geschichtlichen Entwicklung machte den Versuch, sich zu ihrem Herrn aufzuwerten, und wurde zu ihrem Hemmschuh, soweit seine Macht reichte, darüber hinaus aber zu ihrem Spott. Luther konnte die neue Kirche nach den Bedürfnissen des deutschen Duodezdespotismus zuschneiden; er konnte die sehr weltlichen Landesherren zu obersten Bischöfen ihrer Gebiete machen und ihnen die Verfügung über das Kirchen- und Klostergut zusprechen; er konnte in dem Abendmahlsstreite mit verbissenem Trotz an der Formel festhalten, die den Priester zum Schöpfer des Gottes macht, und so an die Stelle des einen Papstes unzählige Päpstlein setzen, aber er konnte dies alles nur als fanatischer Fürstendiener, nur als Ideolog jenes unaufhaltsamen Verfalls, der durch die dem Welthandel neu eröffneten Bahnen über Deutschland kam, nur um den Preis, daß sein Name schon um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts das Sinnbild der beschränktesten Reaktion wurde. Und das Einmaleins auf dem Altare der Fürstenfürchtigkeit schlachten konnte er am Ende doch nicht. Wenigstens in Sachsen nicht. Wie die hohe ökonomische Entwicklung dieses Landes das wirksamste Mittel zu Luthers Erhöhung gewesen war, so setzte sie der von Luther getragenen Fürstenvollmacht wiederum gewisse Grenzen. In einem noch halbbarbarischen Lande wie der Mark Brandenburg, wo nach dem Zeugnis des Abtes Trittheim ein gebildeter Mann so selten war wie ein weißer Rabe, mochte Kurfürst Joachim II. einen halben Übertritt zur Reformation vollziehen, um das gesamte Kirchengut bis auf die letzte Kirchenmaus zu verprassen; in einem kultivierten Lande wie Sachsen war dies summarische Verfahren unmöglich. Hier mußte ein mehr oder minder großer Teil der Beute für die Befriedigung der Kulturaufgaben verwandt werden, für die bis dahin die katholische Kirche schlecht oder recht gesorgt hatte. So entstanden die sächsischen Schulen zu Annaberg und Freiberg, zu Dresden und Leipzig, zu Naumburg und Merseburg, alle in ihrer Art berühmt, als die berühmtesten aber die aus Klöstern entstandenen sogenannten Fürstenschulen von Grimma, Meißen und Pforta. In Brandenburg war zwar auch bei der »Kirchenvisitation«, das heißt bei der Einheimsung des Kirchen- und Klosterguts in den landesherrlichen Säckel, das eine Kloster Lehnin als eine Art Stiftsschule verschont worden, aber bereits nach zwei oder drei Jahren überkam den Kurfürsten die Reue. Er untersagte nach dem Tode des alten Abtes eine Neuwahl, worauf zehn Mönche die Schädlichkeit des Klosterlebens erkannten und, mit Kleidung und Geld »mehr als verhofft« versehen, das Kloster verließen. Zwei andere Mönche waren etwas begriffsstutziger, doch half eine mehrtägige Gefangenschaft im Schlosse zu Potsdam auch ihnen zur richtigen Erkenntnis. Sie entsagten allen Ansprüchen, und der Kurfürst zog die Klostergüter und Kirchenschätze für sich ein.&amp;lt;ref&amp;gt;Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 234.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anders in Sachsen. Hier entstand und dauerte ein für deutsche Verhältnisse klassisches Schulwesen. Freilich sank es auch mit seiner Ursache, mit der ökonomischen Blüte Sachsens; je unaufhaltsamer durch den Ausschluß Deutschlands vom Welthandel, durch die Entdeckung unerschöpflicher Gold- und Silberquellen in der Neuen Welt, durch den Dreißigjährigen Krieg usw. die bürgerlichen Klassen in Sachsen wie im ganzen Deutschland ökonomisch verkamen und dadurch dem traurigsten Servilismus verfielen, um so fanatischer pflegten die sächsischen Schulen, vor allen die Universitäten Leipzig und Wittenberg, das ideologische Spiegelbild so jammervoller Zustände, jenes starre und verknöcherte Luthertum, in dessen Schatten eine freie wissenschaftliche Forschung unmöglich gedeihen konnte. Aber trotz alledem war Sachsen dem übrigen Deutschland an Bildung und Wohlstand noch immer überlegen. Politisch entnervt, wie die Bevölkerung sein mochte, blieb sie ökonomisch doch noch widerstandsfähig genug, um sich der Einführung des aussaugenden Militärsystems zu widersetzen, das über die bürgerliche und bäuerliche Bevölkerung in Preußen widerstandslos verhängt worden war. Im Verhältnis zur Bevölkerungsziffer war das sächsische Heer dreimal so klein und kostete dreimal sowenig wie das preußische Heer; es bestand durchweg aus Landeskindern, übrigens sehr braven und zuverlässigen Soldaten, wie Friedrich II. oft zu seinem Schaden erfahren mußte, sowohl in der Schlacht als auch wenn er gefangene Sachsen in preußische Uniformen stecken ließ. Und ferner: Wie erblindete Spiegel auch die sächsischen Schulen geworden waren, so vermochten sie doch allein die ersten Reflexe einer neuen Bildung aufzufangen, die vom Auslande in das verwüstete Deutschland zurückstrahlte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle hat die Behauptung Julian Schmidts, wonach Deutschland durch den Dreißigjährigen Krieg einstweilen aus der Reihe der europäischen Kulturvölker gestrichen worden sein sollte, mit derben Worten zurückgewiesen und die in der Tat staunenswerte Fülle bedeutender Köpfe aufgezählt, die Deutschland trotz alledem in und nach jenem Kriege aufgebracht hat. Diese Beweisführung ist vollkommen zutreffend gegenüber einem von platter Unwissenheit eingegebenen Schlagworte, aber man darf sie nicht dahin erweitern wollen, daß Deutschland im siebzehnten Jahrhundert in gleicher Reihe mit den anderen europäischen Kulturvölkern marschiert sei. Ein großer, wenn nicht der größte Teil jener guten Köpfe mußte ins Ausland gehen, für immer oder doch zeitweise, um den nötigen Spielraum für ihre Talente zu gewinnen; die aber in der Heimat blieben, waren als gelehrige Schüler größerer Vorbilder, wie es Christian Thomasius, einer der bedeutendsten von ihnen, offen aussprach, geistig vom Ausland abhängig. Die Tatsache erklärt sich wieder aus dem ökonomischen Verfalle Deutschlands. Der gewaltige Aufschwung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, der das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert auszeichnet, war das Ergebnis eines mehr und mehr die Erde umspannenden Weltverkehrs; einen naturwüchsigen Ursprung konnte er nur in den Völkern haben, die an diesem Verkehr einen hervorragenden Anteil hatten, vor allem also in England und in den Niederlanden. Seine Voraussetzung war eine hohe Blüte der bürgerlichen Klassen, wie seine Folge die Erweckung dieser Klassen zu politischem Selbstbewußtsein war. In Deutschland aber gab es seit der Übersiedlung des Handels vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean keine bürgerlichen Klassen als selbständige Macht; die regierenden Klassen in Deutschland waren die Fürsten, und die konnten denn freilich keine nationale Wissenschaft produzieren. Was für eine Rasse diese Klasse überhaupt war, das hat ein genauer Kenner der deutschen Höfe, der Graf Manteuffel, in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts so geschildert: »Deutschland wimmelt von Fürsten, von denen drei Viertel kaum gesunden Menschenverstand haben und die Schmach und Geißel der Menschheit sind. So klein ihre Länder, so bilden sie sich doch ein, die Menschheit sei für sie gemacht, um ihren Albernheiten als Gegenstand zu dienen. Ihre oft sehr zweideutige Geburt als Zentrum allen Verdienstes betrachtend, halten sie die Mühe, ihren Geist oder ihr Herz zu bilden, für überflüssig oder unter ihrer Würde. Wenn man sie handeln sieht, sollte man glauben, sie wären nur da, um ihre Mitmenschen zu vertieren (abrutir), indem sie durch die Verkehrtheiten ihrer Handlungen alle Grundsätze zerstören, ohne die der Mensch nicht wert ist, ein Vernunftwesen zu heißen.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Biedermann, Deutschland im achtzehnten Jahrhundert, 2, 144, teilt die obigen Worte Manteuffels aus dessen handschriftlichem, auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindlichem Nachlasse mit.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ein geschmeidiger Höfling über diese angenehme Sorte von herrschender Klasse, deren nationales Bewußtsein denn in der Tat in nichts anderem bestand, als dem Könige von Frankreich, dem mächtigsten Selbstherrscher des Kontinents, abzugucken, wie er sich räusperte und wie er spuckte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glaubt man den »nationalen« Bramarbassen, die im heutigen Deutschland das große Wort führen, so ist die deutsche Ausländerei des siebzehnten und des achtzehnten Jahrhunderts ein Ding, an das der richtige Patriot nicht ohne Entsetzen und Schaudern denken darf. Die wissenschaftliche Auffassung, die in dem Geistesleben der Völker nichts als die ideelle Widerspiegelung von Klassenkämpfen sieht, hat dabei aber zwei ganz verschiedene Dinge zu unterscheiden. Die Ausländerei der Fürsten- und Adelsklasse war allerdings eine brutale Verleugnung auch des bescheidensten Nationalbewußtseins; sie war eine aus den schnödesten Interessen des Duodezdespotismus hervorgegangene Äfferei, die für immer einen Schandfleck der deutschen Geschichte bilden wird. Aber diese schamlose Ausländerei hat zu ihrer Verurteilung nicht erst auf die »nationalen« Bramarbasse von heute warten müssen, sie ist schon vollauf durch ernste Zeitgenossen gebrandmarkt worden; von den Klopstock und Lessing, und wie vielen anderen noch! im achtzehnten Jahrhundert zu geschweigen, so sang Logau im siebzehnten Jahrhundert:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Diener tragen insgemein ihrer Herren Liverey. Soll&#039;s denn sein, daß Frankreich Herr, Deutschland aber Diener sei? Freies Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Knechterei!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein ganz anderes und geradezu das entgegengesetzte Urteil erheischt die Ausländerei der deutschen Gelehrten. Sie war der erste Versuch aufgeweckter bürgerlicher Elemente, ihre Klasse aus einem bodenlosen Sumpfe zu ziehen. Es gab kein anderes Mittel für diesen Zweck; die Früchte, die das heimatliche Gewächs des orthodoxen Luthertums trug, waren eitel Asche und Staub. Aber es ist ein schwieriges und undankbares Geschäft, einem abgestorbenen Stamme, der aus seinen Wurzeln keine Nahrung mehr zieht, neues Leben einzuhauchen, indem man ihm Zweige von fremden Stämmen einpflanzt. Erst als sich in dem Stamme selbst wieder einiges Leben regte, als die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich ökonomisch ein wenig zu erheben begannen, also etwa seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, begannen die fremden Zweige mit dem heimischen Stamme zu verwachsen. Bis dahin blieb den deutschen Gelehrten nichts übrig, als ihre geistige Nahrung oder gar ihre Heimat im Auslande zu suchen. Und zwar um so mehr, als die in Deutschland herrschende Fürstenklasse die deutsche Bildung entweder mit feindseligen oder mit ganz gleichgültigen Blicken oder aber mit einem sehr zweideutigen Interesse betrachtete, mit dem Interesse nämlich, sie ihrem Duodezdespotismus nützlich zu machen. Sie ließ die deutschen Gelehrten entweder verhungern oder jagte sie über die Grenze oder zog sie an ihre Höfe, und es ist schwer zu sagen, welcher dieser drei Fälle den also Behandelten verhängnisvoller wurde. Unter diesem Gesichtspunkte begreift es sich aber leicht, weshalb die deutschen Gelehrten, die in ihrem Vaterlande blieben, nach Seiten des Charakters mehr oder minder seltsame Heilige wurden, weshalb überhaupt die deutsche »Aufklärung« jenen halben und zweideutigen Charakter bekam, der einem Manne wie Lessing ein Greuel war. Die englische und die französische Philosophie wurzelten in den bürgerlichen Klassen des englischen und des französischen Volkes; dieser Ursprung war ihnen zugleich Schranke und Schutz. Die deutsche »Aufklärung« aber schwebte wurzellos in der freien Luft; nichts hinderte sie, so weit zu gehen, wie »das Licht der Vernunft« leuchtete, aber nichts schützte sie auch, wenn ein Strahl dieses Lichts den Kehricht der Fürstenhöfe gar zu grell beleuchtete; daher jene heuchlerische Mischung von überlegenem Lächeln und frommem Entsetzen, womit die deutschen »Aufklärer« der englischen und französischen »Materialisten und Naturalisten, Atheisten und Spinozisten« zu spotten glaubten und nur ihrer seihst spotteten, sie wußten nicht wie. Ganz hat die bürgerliche Wissenschaft in Deutschland diese häßliche Schwäche ja niemals abgestreift, einfach weil die bürgerlichen Klassen in Deutschland sich niemals auf ihre eigenen Füße zu stellen gewagt haben. Und seitdem die deutsche Bourgeoisie sich unter die preußischen Bajonette geflüchtet hat, ist jene Schwäche vielleicht in ärgerer Form wieder aufgelebt, als sie jemals früher besaß. Denn es will uns beispielsweise verzeihlicher bedünken, wenn Leibniz neben seinen unsterblichen Verdiensten auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften auch die Schwäche hatte, einem »hohen Gönner« durch seine Monadenlehre die Gegenwart Gottes im Abendmahl auf physikalischem Wege beweisen zu wollen, als wenn die Scherer und Erich Schmidt ohne alle unsterblichen Verdienste die deutsche Geistesgeschichte mit dem preußischen Korporalstocke zu einem unförmlichen Götzenbilde zurechthämmern möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen mußte Sachsen das Vorland für das geistige Wiedererwachen des deutschen Bürgertums werden. Die sächsischen Schulen waren die einzigen oder doch die geeignetsten Organe, womit die bürgerliche Bildung des Auslandes ergriffen werden konnte. Mochten sie durch das orthodoxe Luthertum noch so sehr heruntergebracht sein, mochten die alten Sprachen an ihnen nur noch gelehrt werden, um das Klauben am Buchstaben der Bibel zu ermöglichen, so waren diese Sprachen deshalb nicht weniger der Schlüssel zur Schatzkammer der europäischen Wissenschaft, und vom Ende des siebzehnten bis tief in das achtzehnte Jahrhundert hinein sind die weitaus meisten Träger der deutschen Geistesgeschichte geborene Sachsen gewesen oder doch aus den sächsischen Schulen hervorgegangen. Von Leibniz, Pufendorf und Thomasius bis zu Geliert, Klopstock, Lessing. Ja fast noch weiter hinaus! Mit Goethes und Schillers Eintritt in die sächsische Kultur begann eine neue Epoche in dem Leben dieser Süddeutschen; auch lag Weimar nicht im preußischen Militär-, sondern im sächsischen Kulturkreise, und Karl August war kein Hohenzoller, sondern ein Wettiner.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch das greift schon über den Rahmen dieser Darstellung hinaus. Dagegen gehört zu unserer Aufgabe ein kurzes Wort über den sozialen Fortschritt, der durch jene beiden Reihen von Namen gekennzeichnet wird. Leibniz, Pufendorf und Thomasius standen bereits auf bürgerlichem Boden. Es war im Interesse der bürgerlichen Klassen, wenn sie die weltliche Wissenschaft aus den Fesseln der Theologie zu erlösen trachteten. Es war in demselben Interesse, wenn der philosophische Optimismus von Leibniz, wieviel sich sonst immer gegen ihn einwenden ließ, die orthodoxe Vorstellung von der Erde als einem Jammer- und Tränental erschütterte. Es war weiter in demselben Interesse, wenn Pufendorf und Thomasius die Ableitung aller bürgerlichen Gesellschaften aus einem Vertrage und das Recht des einzelnen zum Widerstand gegen offenbares Unrecht lehrten, wenn sie den göttlichen Ursprung der Fürstengewalt leugneten und ihren Beifall den in den Niederlanden gegen den Despotismus Jakobs II. erschienenen Schriften spendeten, wenn Thomasius die deutsche Sprache in die Hörsäle der Hochschulen zurückführte. Aber die Bestrebungen dieser Männer fanden in den bürgerlichen Klassen weder eine Stütze noch einen Widerhall. Leibniz war gerade in seinen bleibenden Leistungen mehr ein europäischer als ein deutscher Gelehrter; Pufendorf und Thomasius aber bekannten selbst, ihre Ideen aus Hugo Grotius und Hobbes geschöpft zu haben. Sie alle waren noch vollständig auf die Höfe angewiesen. Leibniz geriet schon zu seiner Zeit in den bösen Ruf, alles beweisen zu können, was Fürsten wünschten; Pufendorf endete als schwedischer und brandenburgischer Hofgeschichtsschreiber; Thomasius hat in seiner späteren Zeit als königlich-preußischer Professor in Halle dem fürstlichen Despotismus die unglaublichsten Zugeständnisse gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen standen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts Geliert, Klopstock, Lessing nicht bloß auf bürgerlichem Boden, sondern sie wurzelten schon darin. Geliert war immerhin ein sehr bescheidenes Licht gegen die anderen beiden, aber sein Fabelbuch sammelte die bürgerlichen Klassen zum ersten Male um eine literarische Standarte, und wie devot Geliert für seine Person war, ein erstes leises soziales Grollen des bürgerlichen Selbstbewußtseins klang und klingt doch durch seine harmlosen Reime. Ungleich schroffer und stolzer lebte dies Bewußtsein in Klopstock, dem späteren Sänger der Französischen Revolution, und vor allem in Lessing, der die Fessel jedes höfischen oder staatlichen Amtes verschmähte und in sozialer Freiheit seinem schriftstellerischen Berufe zu leben versuchte. Es war für Deutschland ein unerhörtes Wagnis, und der tragische Ausgang sollte lehren, daß die bürgerlichen Klassen für die Kühnheit ihres Vorkämpfers nicht reif waren, aber dies halb nachlässige, halb trotzige Selbstvertrauen machte den ganzen Lessing aus, gleichviel, ob er als zwanzigjähriger Jüngling schrieb: »Was tut mir das, ob ich in der Fülle lebe oder nicht, wenn ich nur lebe«, oder als fünfzigjähriger Mann: »Ich bin zu stolz, mich unglücklich zu denken, knirsche eins mit den Zähnen und lasse den Kahn gehen, wie Wind und Wellen wollen; g&#039;nug; daß ich ihn nicht! selbst umstürzen will!« Es war der schroffste Gegensatz zu der ängstlich-gierigen Philistersorge um eine »Bedienung«, die in den Briefwechseln der Zeit ihren Spuk treibt, und etwas von diesem franken und freien Wesen hat Lessing wohl durch die Schule empfangen. Er besuchte die Fürstenschule in Meißen von 1741 bis 1746! Diese Gelehrtenschulen waren damals bereits etwas aufgetaut von dem orthodoxen Luthertum; weniger durch die Schulfron gekettet als zürn regen Privatstudium angeleitet, im ständigen Verkehre mit hundert und mehr Mitschülern, hat Lessings geselliger und streitbarer, reger und selbständiger Geist in Meißen unzweifelhaft eine wohltätige Zucht erfahren. Wohl suchte er mit Erfolg die vorgeschriebene Schulzeit um ein Jahr abzukürzen, und wohl spottete er später über die Pedanterie einzelner Lehrer, deren Streben weniger dahin ginge, »vernünftige Menschen als tüchtige Fürstenschüler zu bilden«, aber er rühmte oft von der St. Afra, daß er es ihr zu danken habe, wenn ihm »etwas Gelehrsamkeit und Gründlichkeit zuteil geworden sei«, und in einer fast wehmütigen Stimmung, wie sie ihn selten anwandelte, schrieb er mitten im Kampfe des Lebens: »Theophrast, Plautus und Terenz waren meine Welt, die ich in dem engen Bezirke einer klostermäßigen Schule mit aller Bequemlichkeit studierte. Wie gerne wünschte ich mir diese Jahre zurück, die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Lessing. Wie anders aber fielen die Lose eines Mannes, der mit Lessing in Anlagen und Neigungen so manche Ähnlichkeit hatte, dessen Name so oft mit dem seinen zusammen genannt werden sollte, fielen die Lose Winckelmanns! Mehr als drei Jahrzehnte irrte dieser Unglückliche, »das Land der Griechen mit der Seele suchend«, durch die Wüste der brandenburgischen Barbarei; als Schüler und als Lehrer geplagt von einem heißen und niemals gestillten Wissenshunger; immer auf der Landstraße, um hier einen Brocken Griechisch zu erhaschen und dort einen alten Lateiner zu exzerpieren; in anderthalb Tagen elf Meilen auf grundlosen Wegen marschierend, um sich irgendeinen Schmöker zu leihen, den er dann, nachdem er sich den Tag über mit rohen und störrischen Kindern geplagt hatte, in der Nacht studierte; jahrelang mit zwei oder drei Stunden Schlaf sich begnügend; zu allem Überflusse noch von den Schikanen und Drohungen eines bösartigen Pfaffen verfolgt, denn in diesen Staaten konnte jeder nach seiner Fasson selig werden; endlich schon in dumpfer Resignation verzweifelnd, als ihm ein Zufall die Tür nach Sachsen öffnete. Was Wunder, daß er, aufjubelnd wie ein von allen Höllenqualen Erlöster, den preußischen Staub von seinen Pantoffeln schüttelte! Aber als er mit einunddreißig Jahren in Sachsen ein neues Leben begann, stand er mit dem wüsten Chaos seiner wild zusammengerafften Kenntnisse schwerlich über dem Lessing, der mit siebzehn Jahren die Universität Leipzig bezog. In dem Kulturlande Sachsen wandte sich Winckelmanns Schicksal freilich schnell zum Guten, ja zum Glänzenden, aber die traurige Verwüstung seiner Jugend hat ihn doch gehindert, mehr als ein Spätling der Humanisten zu werden, und Lessing wußte wohl, weshalb er, selbst am Hungertuche nagend, über Winckelmann schrieb: »Niemand kann den Mann höher schätzen als ich, aber dennoch möchte ich ebenso ungern Winckelmann sein, als ich oft Lessing bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man wird jetzt aber verstehen, wie verlockend Winckelmanns Schicksal auf Lessing wirken mußte, so daß er flugs seiner sächsischen Heimat »entlief«, um in Berlin den »entscheidenden Anstoß« zu erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Lessing und die Universität Leipzig ==&lt;br /&gt;
In den Jahren 1746 bis 1748 studierte Lessing auf der Universität Leipzig. Im Jahre 1754 aber schrieb er an Michaelis, man setze ihn in große Verlegenheit, wenn man ihn frage, was er studiert habe. Er ist niemals das gewesen, was man ein »liederliches Genie« zu nennen pflegt, obschon er immer das Gegenteil eines Philisters war. Als blutarmer Jüngling bereits fand er es »ärgerlich«, so viele Poeten und Poetlein »so bitter, so ausschweifend, so verzweifelnd über ihre in Vergleichung anderer noch sehr erträgliche Armut wimmern« zu hören. Ihm war diese faule und feige Sentimentalität, die« gemeiniglich, so stark sie bis auf diesen Tag in der deutschen Literatur und Literaturgeschichte gewuchert hat, ein ideologisches Mäntelchen für die Faulheit und Feigheit der bürgerlichen Klassen gewesen ist, völlig fremd. Eine echte Kämpfernatur scheut Entbehrung und Not nicht, wenn sie nur den Kampf findet; nach mehrmonatlichem Büffeln entdeckte der achtzehnjährige Lessing, »die Bücher würden ihn wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen machen«, und er entschloß sich, »ebensoviel in der Welt und in dem Umgange der Menschen zu studieren als in Büchern«. Nichts fesselnder als die Art, in der Lessing zwei Jahre später, als sein Entschluß zunächst mit einem großen Krach geendet hatte, ihn dennoch vor seinen erbitterten Eltern verteidigt. Er schreibt: »Ich wagte mich von meiner Stube unter meinesgleichen. Guter Gott, was vor eine Ungleichheit wurde ich zwischen mir und anderen gewahr! Eine bäuersche Schüchternheit, ein verwilderter und ungebauter Körper, eine gänzliche Unwissenheit in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sitten und Umgange, verhaßte Mienen, aus welchen jedermann seine Verachtung zu lesen glaubte, das waren die guten Eigenschaften, die mir bei meiner eigenen Beurteilung übrigblieben. Ich empfand eine Scham, die ich niemals empfunden hatte. Und die Wirkung derselben war, mich hierinne zu bessern, es koste was es wolle. Sie wissen selbst, wie ich es anfing. Ich lernte tanzen, fechten, voltigieren. Ich will in diesem Briefe meine Fehler aufrichtig bekennen; ich kann auch also das Gute von mir «sagen. Ich kam in diesen Übungen so weit, daß mich diejenigen selbst, die mir in voraus alle Geschicklichkeit darinnen absprechen wollten, einigermaßen bewunderten. Dieser gute Anfang ermunterte mich heftig. Mein Körper war ein wenig geschickter geworden, und ich suchte Gesellschaft, um nun auch leben zu lernen.« So will Lessing seinen »ganzen Lebenslauf auf Universitäten abmalen«, und einen wie zweifelhaften Genuß dies Gemälde seinen ängstlichen Eltern bereitet haben mag: Uns kann darnach die Frage, was er studiert hat, nicht mehr in große Verlegenheit setzen. Er wollte auf der Universität leben lernen, und seitdem es für Hutten eine Lust war, in dem Deutschland des sechzehnten Jahrhunderts zu leben, hatte kein Deutscher wieder einen so einfachen Entschluß mit so instinktiver Klarheit und Sicherheit gefaßt wie Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leipzig war damals aber nicht nur die geeignetste, sondern geradezu die einzige deutsche Stadt, wo ein Sprößling der bürgerlichen Klassen eine Handvoll Lebensluft schöpfen konnte. Zwar die preußischen Geschichtsschreiber wissen es wieder einmal besser; um nur einen herauszugreifen, so erzählt Treitschke, die Hohenzollern seien »von alters her«, obendrein noch »nach gutem deutschen Fürstenbrauche«, für die »idealen Aufgaben des Staatslebens treu besorgt gewesen«, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts hätte »Deutschlands wiedererwachende Kunst und Wissenschaft in dem rauhen Brandenburg ihre Heimat« gefunden. »Die vier reformatorischen Denker des Zeitalters, Leibniz, Pufendorf, Thomasius, Spener, wandten sich dem preußischen Staate zu. Die neue Friedrichs-Universität zu Halle ward die Zufluchtstätte freier Forschung, übernahm für einige Jahrzehnte die Führung der protestantischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wissenschaft.« Nun ist es vollkommen richtig, daß um die Wende des Jahrhunderts das verknöcherte Luthertum in Sachsen noch mächtig genug war, jene vier Männer aus dem Lande zu beißen, von denen beiläufig der Pietist Spener sich den Ruhmestitel eines »reformatorischen Denkers« unbekannt wo erworben hat. Aber es ist vollkommen unrichtig, zu sagen, daß sich die Viere von dem »Idealismus« des preußischen Staats angezogen gefühlt hätten wie das Eisen vom Magnet. Leibniz hat sich an dem, wie er sich unehrerbietig genug ausdrückte, »liederlichen« Hofe von Berlin überhaupt nur zeitweise aufgehalten, auf Veranlassung seiner welfischen Gönnerin Sophie Charlotte, die ihrerseits auch nur mit mäßiger Befriedigung die Rolle der ersten preußischen Königin spielte. Pufendorf lebte an zehn Jahre in der Pfalz und an zwanzig Jahre in Schweden, ehe er am Abend seines Lebens nach Berlin berufen wurde, um gegen das artige Honorar von zehntausend Talern ein offiziöses Geschichtswerk über den Kurfürsten Friedrich Wilhelm zu schreiben. Immerhin muß es als ein bescheidenes Verdienst des »rauhen Brandenburg« um die »wiedererwachende Kunst und Wissenschaft« betrachtet werden, daß Pufendorf nach vollbrachter Arbeit sein Honorar mit Mühe und Not in einzelnen Raten erhielt und daß der bei seinem Tode noch ausstehende beträchtliche Rest seiner in großer Dürftigkeit lebenden Witwe vorenthalten wurde, sosehr der verschwenderische Hof Friedrichs I. das Land aussog und ungeheure Summen an allerlei Abenteurer und Gauner verschwendete.&amp;lt;ref&amp;gt;König, Versuch einer Geschichte Berlins, 3, 346.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Des weiteren war die Universität Halle weder eine »Zufluchtstätte freier Forschung«, noch sollte sie es sein. Sie wurde 1694 vornehmlich aus zwei Ursachen gegründet. Erstens mußte der brandenburgische Militärstaat aus schon entwickelten Gründen eine gewisse Duldung der Konfessionen beobachten und konnte so »sektiererische und gegen andersdenkende Bürger kriegerische« Geistliche nicht gebrauchen, wie sie auf den altlutherischen Universitäten Leipzig und Wittenberg gebildet wurden. Diesen sächsischen Hochschulen sollte in dem preußischen Halle ein militärfrommes Luthertum auf die Nase gesetzt werden. Ferner aber brauchte jener sich eben als ein Königreich entpuppender Militärstaat nachgerade ein besonderes Staatsrecht, die juristische Kodifikation seiner ökonomischen Lebensbedingungen drängte um so mehr, als auf den deutschen Universitäten noch ein ideologisches Schattenbild von Kaiser- und Reichsrecht umherspukte, mit dem die künftigen preußischen Beamten doch lieber erst gar nicht bekannt wurden. Ermöglicht aber wurde die Gründung der Universität Halle durch die Aufnahme des Christian Thomasius und der Pietisten in Preußen. Nur daß diese Aufnahme mit »freier Forschung« und dergleichen schönen Dingen wirklich auch gar nichts zu tun hatte. Der Pietismus war nichts als die religiöse Widerspiegelung des grauenvollen Elends, das der Dreißigjährige Krieg über die Nation gebracht hatte; durch ihn erklärten sich die bürgerlichen Klassen vor aller Welt für bankerott, sie wollten gar nichts mehr mit der Erde, sondern nur noch etwas mit dem Himmel zu tun haben. Insofern trat der Pietismus in einen gewissen Gegensatz zu dem Luthertum, das den bürgerlichen Klassen wenigstens noch die eine irdische Aufgabe zuwies, ein Fußschemel der fürstlichen Herrlichkeit zu sein. Allein sobald die bürgerlichen Klassen sich wieder ein wenig auf Erden umzusehen begannen, mußte der Pietismus ein fast noch beschränkterer Gegner dieser »freien Forschung« und in weiterer Folge – da er trotz seiner Verhimmelung nun doch einmal nicht über die Blitze des Himmels verfügen konnte – ein fast noch devoterer Fürstenknecht werden, als die lutherische Orthodoxie jemals gewesen war. Dieser bedingte Gegensatz zum Luthertum erklärt sowohl das zeitweilige Bündnis des Pietismus mit dem Aufklärer Thomasius wie auch die. Berufung beider sonst sehr verschiedener Parteien an die Universität Halle. Denn der frische und kecke Kampf, den der junge Thomasius in Leipzig gegen die pedantischen Perücken einer versteinerten Gelehrsamkeit geführt hatte, empfahl ihn in Berlin nicht im entferntesten. Ein ganz anderer Anlaß lenkte die Aufmerksamkeit des preußischen Hofes auf ihn. Der lutherische Herzog von Sachsen-Zeitz hatte eine reformierte Gemahlin genommen, die verwitwete Herzogin von Mecklenburg-Güstrow, eine Schwester des Kurfürsten (späteren Königs) Friedrich von Brandenburg, mit der Zustimmung ihrer, aber gegen den Wunsch seiner Familie. Nun waren aber auch die lutherischen Zionswächter im Preußischen und im Sächsischen über die konfessionell gemischte Ehe in höchste Aufregung geraten, was dem preußischen Hofe ebenso unwillkommen war wie dem sächsischen Hofe willkommen. In Preußen nahm die Sache ein schnelles Ende, indem der Kurfürst Friedrich den lutherischen Propst Müller in Magdeburg, der gegen die Ehe verschiedener Glaubensgenossen als unchristlich geschrieben hatte, und zwar ohne jene fürstliche Ehe selbst anzugreifen, einfach in der Festung Spandau eintürmen ließ! In Sachsen dagegen fuhr Thomasius den lutherischen Eiferern in die Parade, indem er die angefochtene Ehe als göttlichem und menschlichem Rechte gemäß erklärte. Darauf verbot ihm der Kurfürst von Sachsen bei zweihundert Talern Strafe Vorlesungen und Schriftstellerei, und nunmehr begab sich Thomasius nach Berlin, wo er als Verfechter eines hohenzollernschen Hausinteresses günstig aufgenommen und in Halle als freundnachbarlicher Konkurrent seiner ehemaligen Leipziger Kollegen angesiedelt wurde.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Für die preußische Geschichtsschreibung ist es kennzeichnend, daß Stenzel, Geschichte des preußischen Staates, 3, 55, das »Andenken des freisinnigen Fürsten« feiert, der durch die Aufnahme von Thomasius gezeigt habe, »daß er hoch über denen stand, die solche Männer verjagten«. Dabei berichtet Stenzel nicht ganz drei Seiten vorher, gleich als verstünde es sich von selbst, daß der brandenburgische Kurfürst seinen Thomasius, den Propst Müller, der in Brandenburg genau dasselbe »Verbrechen«, einen Widerspruch gegen die Ansicht seines angestammten Fürsten, begangen hätte wie Thomasius in Sachsen, zwar nicht »verjagt«, aber dafür ohne alles Federlesen in Spandau eingekerkert hatte. Bei alledem wäre es ungerecht, zu verkennen, daß Stenzel, der vor fünfzig Jahren schrieb, eine Leuchte unabhängiger Gesinnung ist, verglichen mit den heutigen preußischen Historikern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begreiflicherweise konnte die neue Universität Halle nur bestehen, indem sie sich den Lebensbedingungen des preußischen Militärstaats anpaßte. Es war noch das beiläufigste Item, daß der alte Dessauer mit seinem Regimente in Halle lag und in seinem Zentaurenhasse gegen Bildung und Wissenschaft Professoren und Studenten nach Möglichkeit kujonierte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vor diesem Helden des friderizianischen »Heldenheeres« nahm sogar »Grenadier« Gleim Reißaus. Er war dem Fürsten von Dessau 1745 als Stabssekretär beigegeben, ging aber schleunigst von dannen, als er sah, daß der Fürst einen ganz unschuldigen, mit guten Pässen reisenden Juden einfach als »Spion« aufknüpfen ließ. Körte, Gleims Leben, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schwerer als diese äußeren Bedrängnisse fiel der geistige Verfall ins Gewicht, dem Thomasius und die Pietisten in einem so banausischen Lande unterlagen, wie damals Preußen war. Thomasius gab in Halle die Monatsschrift auf, womit er in Leipzig so treffliche Streiche geführt hatte, dagegen entwickelte er in seiner »Hofphilosophie« sehr unphilosophische Grundsätze über das äußere Fortkommen im Leben und die Protektion der Vornehmen. Er lehrte in einem Gutachten der Hallischen Juristenfakultät: »Das odium in concubinas« muß bei großen Fürsten und Herren zessieren, indem diese allein Gott von ihren Handlungen Rechenschaft geben müssen, hier nächst eine concubina etwas von dem splendeur ihres Amanten zu überkommen scheint.« Er nannte es »unverschämt«, wenn die Geistlichen auch gegenüber Fürsten ihr Recht, zu binden und zu lösen, geltend machen wollten, und erkannte gegen die braunschweigischen Hofprediger, die einer Prinzessin hartnäckig abrieten, zum Zweck einer österreichischen Heirat katholisch zu werden, »wegen solcher Auflehnung wider den Landesherrn als Bischof« auf Kerker und Landesverweisung. Ja, Thomasius sprach sogar über seine Vertreibung aus Sachsen ein rechtfertigendes Urteil, indem er ausführte: Ein Fürst, obwohl es ihm nicht zustehe, einen Ketzer mit weltlicher Strafe zu belegen, könne doch einem solchen Menschen anbefehlen, das Land zu verlassen, nicht anders, wie ein Hausvater einem Knechte, der ihm nicht anstehe, weil er sich etwa in seinen Humor nicht schicke, aufsagen könne. Ob Thomasius an der denunziatorischen Intrige beteiligt gewesen ist, die zur Vertreibung des Philosophen Wolff aus Preußen führte, muß dahingestellt bleiben; Wolff selbst behauptet es, doch kann sein Zeugnis allein nicht entscheiden; jedenfalls hat Thomasius zu dem rohen Gewaltakte geschwiegen. Dagegen waren die Pietisten in erster Reihe an der jammervollen Machenschaft beteiligt, und der Pietist Francke pries die Flucht Wolffs und seiner hochschwangeren Frau auf der Kanzel als ein gerechtes Strafgericht Gottes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist dieser Wolffische Handel in vielfacher Beziehung sehr lehrreich für die damaligen Zustände im Preußischen. Wolff war ein seichter Modephilosoph, der in seiner »Moralphilosophie« ähnliche duckmäuserische Ansichten vertrat wie Thomasius in seiner »Hofphilosophie«, indessen er hatte in jener sich mählich aus dem theologischen Joche loslösenden Zeit großen Zulauf. Aus Angst um die galoppierende Schwindsucht ihrer Kollegiengelder ließen die Theologen in Halle dann dem Könige Friedrich Wilhelm I. den schon erwähnten Humbug einblasen, nach Wolffs Grundsätzen dürften Deserteure nicht bestraft werden. Die sofortige Vertreibung Wolffs durch den König befriedigte nun zwar die milden Gemüter der theologischen Denunzianten, aber in weit geringerem Grade ihre hungrigen Geldbeutel, denn der Besuch einer unter so milden Himmelsstrichen gelegenen Universität nahm sofort ab. Auch der König merkte zu seinem Schrecken diese Folge seines Befehls an dem sinkenden Ertrage der Akzise.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Stiftungsfonds der Universität Halle betrug 3500 Taler und wurde später auf 7000 Taler erhöht. Dagegen war der Ertrag der Akzise, der vorher noch nicht 20 000 Taler betragen hatte, nach der Gründung der Hochschule auf 32 000 Taler gestiegen, so daß die Universität dem Staate weit mehr eintrug als kostete. Hofbauer, Geschichte der Universität Halle, 63.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war nun offenbar der ja auch ganz plausiblen Meinung, daß es schwieriger sei; ohne Geld Rekruten zu werben, als geworbene Rekruten trotz Wolffs Philosophie unter der Fuchtel zu halten. So befahl er denn den Kandidaten der Theologie, die eben erst bei Karrenstrafe verbotenen Schriften von Wolff eifrig zu studieren, und bemühte sich auf alle Weise, Wolff wieder ins Land zu locken. Wolff scheute als gebranntes Kind aber das Feuer, und sein Gönner Manteuffel, dessen Rat er sich erbat, wußte ihm auch nur, zu antworten: »Jeder Untertan in diesem Lande, wes Standes er immer sei, wird als ein geborner Sklave betrachtet, über den der Herr nach Gutdünken verfügen kann. Alle Welt ist überzeugt, daß man alle Gelehrten verjagen und alle Universitäten zerstören würde, wenn man sich davon Profit verspräche. Man liebt die Gelehrten nur soweit, als sie zur Vermehrung der Akziseeinkünfte dienen können.« Wolff kam erst nach der Thronbesteigung Friedrichs II. zurück, um nunmehr zu zeigen, daß er der beste Bruder auch nicht war. Als die Universität Halle im Jahre 1745 um Abschaffung der Komödianten gebeten hatte, weil sich die Studenten im Theater zu prügeln pflegten, verfügte der Philosoph von Sanssouci: »Da ist das geistliche Muckerpack schuldt daran, sie Sollen spillen und Hr. Francke es war der jüngere Francke) oder wie der Schurke heisset, Sol darbei Seindt, umb die Studenten wegen seiner Närischen Vorstehlung eine öffentliche Reparation zu thun, und mihr Sol der atest vom Comedianten geschicket werden, das er dargewesen ist.« Und also geschah es. Es ging nun das Gerede, der akademische Senat wolle gegen diese Unbill protestieren. Aber auf eine Anfrage des Grafen Manteuffel erklärte Wolff, davon wisse er nichts, und in keinem Falle werde er sich an einem solchen Proteste beteiligen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erwägt man, daß Halle, auch nach Lessings Ansicht, immerhin die beste der preußischen Universitäten war und daß die Wolffiade sich beinahe noch als ein ehrwürdiger Geisteskampf ausnimmt, verglichen mit den Narrenspossen, die Friedrich Wilhelm I. mit den Professoren in Frankfurt a. O. trieb, so tritt die Bedeutung Leipzigs für das Wiedererwachen des bürgerlichen Selbstbewußtseins erst in das rechte Licht. Die Stadt hatte sich als erster Handelsplatz des Reichs eine fast republikanische Unabhängigkeit errungen; sie durfte mit keiner Garnison belegt werden; ihr reger Meßverkehr gab ihrer Bürgerschaft einen helleren und weiteren Blick, als er dem deutschen Pfahlbürgertum der damaligen Zeit sonst eigen war und eigen sein konnte. Von dieser verhältnismäßig hohen ökonomischen Entwicklung zogen die geistigen Interessen den entsprechenden Gewinn. Schon als Sitz des deutschen Buchhandels war Leipzig zugleich eine intellektuelle und ökonomische Macht. Aber, auch die Universität Leipzig stand weitaus an der Spitze der deutschen Hochschulen. Sie hatte sich die Unabhängigkeit einer mittelalterlichen Korporation zwar mit ihren Schatten-, aber auch mit ihren Lichtseiten erhalten. Mochte sie gelegentlich auch unter fürstlicher Willkür leiden, so waren ihre Lehrer doch viel zu gewichtige Männer und standen viel zu fest in ihren Schuhen, als daß der Dresdener Hof sie nach preußischem Vorbilde wie Schalksnarren hätte behandeln dürfen. Auch gebietet die Gerechtigkeit anzuerkennen, daß den Wettinern die Neigung dazu im allgemeinen fernlag. Nicht zwar, als oh wir uns in die intimen Streitigkeiten zwischen den preußischen und sächsischen Geschichtsschreibern mischen wollten; wir stehen nicht auf dem Standpunkte, daß Fürstengeschlechter die Geschichte machen, sondern wir meinen, daß diesen Geschlechtern ihre historische Rolle von der geschichtlichen Entwicklung vorgeschrieben wird. Ist dem aber so, dann läßt sich nicht verkennen, daß den Wettinern auf dein Gebiete der Kultur eine immerhin erfreulichere Rolle zugefallen war als den Hohenzollern auf dem Gebiete des Militarismus. Durch die Reihe jener vererbte sich seit der Reformation ein gewisses Interesse an der Kunst, durch die Reihe dieser ein großes Interesse an der Soldateska! Weder jenes noch dieses war freie Wahl, sondern eine Folge der Verschiedenheit, die zwischen den von den Hohenzollern und den Wettinern regierten Ländern bestand. Als Herrscher von Sachsen würden die Hohenzollern einige Vorliebe für die Kunst, als Herrscher von Brandenburg die Wettiner innige Zärtlichkeit für den Militarismus bekundet haben. Diese Sachlage ist so einfach und so klar; sie entbehrt zudem so sehr jeder allgemeinen Bedeutung, daß wir sie gar nicht berührt haben würden, wenn nicht auch in diesem Punkte die Lessing-Legende richtigzustellen wäre. Allen Respekt vor der sittlichen Entrüstung über die Verschwendung der sächsischen Auguste, aber die Wohlfeilheit hat auch nie zu den Tugenden des preußischen Militarismus gehört, und vielleicht ist die Dresdener Gemäldegalerie ein ebenso wirksamer Hebel deutscher Kultur gewesen wie der Stock, mit dem die preußischen Friedriche ihre Soldaten drillten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Justi schreibt in seiner Winckelmann-Biographie, 1, 253: »Es sei ferne, Verdammungsurteile abschwächen zu wollen, welche die Geschichte längst gefällt hat, aber wenn man die ewig sich wiederholenden Tiraden von Demagogen, Frömmlern und Hofdemagogen hört, so kann man fragen: Hat Karl XII. nicht Schweden tiefer ins Verderben gerissen als die beiden August Sachsen, und noch dazu, ohne eine Spur zu hinterlassen?« Recht gut soweit, aber weshalb nach Schweden schweifen? Es gibt nähergelegene Parallelen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, Leipzig war ein Ort, wo man, wie Lessing seiner Mutter schrieb, »die ganze Welt im Kleinen sehen« konnte. Oder wie wir heute sagen möchten: die ganze bürgerliche Welt auf dem höchsten Punkt ihrer damaligen Entwicklung. Mit ihrem geistigen Gehalte mußten sich die Klopstock und die Lessing erst durchdringen, wenn sie wirkliche Führer der bürgerlichen Klassen werden wollten, wie sie es denn geworden sind. Beide lebten gleichzeitig in Leipzig, ohne sich zu berühren. Möglich, daß nur ein Zufall sie voneinander fernhielt, aber dann gilt von diesem Zufalle Wallensteins Wort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Es gibt keinen Zufall! Und was ein blindes Ohngefähr uns dünkt, Gerade das steigt aus den tiefsten Quellen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jeder von beiden, Klopstock wie Lessing, lebte in Kreisen, die sich nicht schnitten. Klopstock war mit einem fertigen Lebensplane von der Schule gekommen; er warf, wie Danzel mit einem allzu harten, aber nicht völlig unwahren Worte sagt, der Nation die ganze Unreife seiner zwanzigjährigen Primanerexistenz ins Gesicht; in einem Sinne war er früh fertig, in einem andern Sinne ist er niemals fertig geworden; als Jüngling schon gewann er glänzenden Ruhm, den er dann ein langes Leben hindurch nur langsam erbleichen sah. Wie hoch stehen die ersten Gesänge des Messias über den hölzernen Theaterstücken, mit denen Lessing begann, aber wie schnell und wie weit ist Klopstock hinter Lessing zurückgeblieben! Der Grund ihrer verschiedenen Schicksale liegt nicht in der verschiedenen Art ihrer Begabung, denn die hätte sie nicht [zu] hindern brauchen, auf verschiedenen Gebieten in gleicher Höhe zu marschieren, sondern in der verschiedenen Stärke ihres Klassenbewußtseins. So frisch und keck auch Klopstock in das Leben sah, sowenig es ihm an bürgerlichem und nationalem Stolze fehlte, so blieb er doch noch immer in dem deutschen Philistertum stecken. Es war in jedem Sinne eine Schulaufgabe, ein ganzes Leben an ein religiöses Epos zu setzen, und nur ein verkümmertes, den Schein für das Wesen nehmendes Klassenbewußtsein konnte ihn auf das Muster Miltons führen. Freilich war Milton auch ein Herold der bürgerlichen Klassen, aber den englischen Puritanern war die Religion die ideologische Widerspiegelung gewaltiger Klassensiege, während sie den bürgerlichen Klassen in Deutschland nichts als das ideologische Symbol eines Despotismus sein konnte, dem eben diese Klassen seit zwei Jahrhunderten ihre politisch-soziale Vernichtung verdankten. So wurde Miltons Epos ein unsterbliches Gedicht, während Klopstocks Messiade nach der ersten aufflammenden Begeisterung über das dichterische Talent, das aus ihr sprach und das wohl als schönes Pfand wiederauflebender Bürgerkraft gelten konnte, einer schnellen Vergessenheit anheimfiel. Klopstock hat nach diesem ersten großen Mißgriffe niemals wieder die rechte Fühlung mit seiner Klasse gewonnen. Zwar ist es sehr töricht, wenn Scherer ihn rüffelt; weil er nicht den König Friedrich, sondern Hermann den Cherusker und Heinrich den Vogler als nationale Helden gefeiert habe, denn Friedrich war im günstigsten Falle ein Vertreter der nationalen Zweiheit, während Hermann und Heinrich immerhin Vertreter der nationalen Einheit waren. Aber diese geschichtlichen Gestalten konnten den aufstrebenden bürgerlichen Klassen nicht mehr als blutlose Schemen sein, und aus dem Leben dieser Klassen selbst hat Klopstock nie seine dichterischen Stoffe entnommen. Nur der Greis hat noch einmal in den Oden auf die Französische Revolution ein beredtes Zeugnis für seinen sozialen Ursprung abgelegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie ganz anders Lessing! Er kam ohne jeden fertigen Lebensplan auf die Universität, und es scheint fast, als ob er wirklich die ersten paar Monate auf einen ehrsamen Theologen losgebüffelt hätte. Aber das großstädtische Treiben weckte sein Klassenbewußtsein, und alles, womit er es nähren konnte, sog er mit klammernden Organen aus dem Leben der Stadt, in der damals das bürgerliche Leben des Reichs die verhältnismäßig höchste Entwicklung erreicht hatte. Kein Zweifel, daß Lessing nach seinen Anlagen weit mehr zum Gelehrten als zum Dichter geschaffen war! Er seihst hat sich in der Hamburgischen Dramaturgie mit bescheiden-stolzen Worten den Namen eines Dichters abgesprochen, und niemand hätte so aberweise sein sollen, dies Bekenntnis anzufechten. Wer mag heute noch die kleine Poesie seiner jungen Jahre lesen, das »anakreontische Gegängel«, worin er mit einem Gleim um die Wette »kinderte«; die Sinngedichte, in denen das meiste und oft auch das Beste fremden Mustern entlehnt ist; die Bruchstücke von Lehrgedichten, die nach Form und Inhalt schwerfällig, aber nicht schwer, seicht, aber nicht klar sind. Es ist wahr: Die Zeit war noch so geistig arm, daß sogar diese dürftigen Versuche ihrem Verfasser den Ruf eines namhaften Dichters eintrugen, aber er selbst hat nicht über seine frühesten Schaffensjahre hinaus seine Kraft an solchem Quarke verdorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vielmehr alles, was ihn auszeichnete, wies ihn auf die gelehrte Laufbahn hin: sein scharfer und tiefer Verstand, die kühne und rasche Beweglichkeit seines Geistes, seine dialektische und kritische Begabung, die nie verhehlte Freude auch an dem Kleinkrame, dem Handwerkszeuge der wissenschaftlichen Forschung, das unverkennbare Behagen an oft noch mehr gewagten als scharfsinnigen Konjekturen. Trotzdem war er ebenso schnell wie über das Pastorieren über das Professorieren hinaus; er hat schon in Leipzig jenen Abscheu gegen die zünftige Gelehrsamkeit eingesogen, der ihm all sein Lebtag treu geblieben ist. Von der Gelehrsamkeit ging er zur Dichtkunst über; von einem Gebiete, auf das ihn alles zu locken, auf ein Gebiet, von dem ihn alles zu schrecken schien. Aber was den Schein einer verhängnisvollen Selbsttäuschung trug, das war tatsächlich ein unbeirrbarer Klasseninstinkt. Die Universität Leipzig bot dem jungen Lessing zwar mehr, als ihm jede andere deutsche Hochschule geboten haben würde, und was er ihren frischeren Kräften, den Philologen Ernesti und Christ, dem Mathematiker Kästner verdankte, ist in seiner späteren Entwicklung wohl erkennbar. Aber es war doch nur wenig im Verhältnis zu dem, was ihm das Leben selbst bot. Auch an dieser Universität herrschte noch eine verstaubte und vertrocknete Gelehrsamkeit vor; das Joch des Luthertums war erschüttert, aber nicht gebrochen; ein widerwärtiges Cliquen- und Nepotenwesen wucherte unter der pedantischen Steifheit der ellenhohen Perücken. Das Katheder war, alles in allem, ebenso eine Vorburg des fürstlichen Despotismus wie die Kanzel. Nicht in Lessing allein dämmerte damals die Erkenntnis auf, daß die von den herrschenden Klassen bevorrechteten Genossenschaften der Gelehrsamkeit niemals die geistigen Führer der unterdrückten Klassen sein können; fast alle, sagt Voltaire, welche die Wissenschaften auf neue Wege gebracht haben, waren Privatgelehrte, die fern von Ehrsucht und Stellen, fern von Akademien, Höfen und der großen Welt auf ihrem Zimmer ihren Gedanken nachhingen. Auf dem Gebiete der Philosophie und Theologie, der Rechts- und Staatswissenschaft lagen die Fußangeln des fürstlichen Despotismus; unter seinem bleiernen Joche war längst alles politische Leben erstickt; die schöne Literatur bot einstweilen den einzigen Kampfplatz, auf dem die bürgerlichen Klassen um ihre soziale Emanzipation ringen konnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch sie hatte in Leipzig ihren Mittelpunkt; Lessing selbst sagt später einmal, nirgend lerne es sich so leicht wie auf dieser Akademie, ein Schriftsteller zu werden. Ihn selbst aber leitete auf literarischem Gebiete sein Klassenbewußtsein sofort wieder auf den entscheidenden Punkt. Seine lyrischen Sachen blieben beiläufige und schnell vergessene Abfälle; das Theater aber nahm den ganzen Menschen in Beschlag und hat ihn nie wieder losgelassen. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, konnte sich die bürgerliche Welt mit dem Scheine des Lebens entfalten; hier konnte sie vor allem Volke die Fragen erörtern, die ihr Inneres bewegten; die Schaubühne war Kanzel und Katheder zugleich für die bürgerlichen Klassen. Sie wurde beides vor allem für Lessing. Er war an sich dramatischer Dichter so wenig wie Dichter überhaupt. Von seinen zahllosen dramatischen Plänen ist wenig vollendet worden, und dies wenige reifte erst im Laufe von Jahren, ja, wie Emilia Galotti und Nathan, erst im Laufe von Jahrzehnten. Das Studium seiner Entwürfe zeigt, wie wahr er seine dramatische Tätigkeit schildert, wenn er an der schon erwähnten Stelle der Dramaturgie schreibt: »Ich fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich emporarbeitet, durch eigene Kraft in so reichen, so frischen, so reinen Strahlen emporschießt. Ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauspressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sein, wenn ich nicht einigermaßen gelernt hätte, fremde Schätze bescheiden zu borgen, an fremdem Feuer mich zu wärmen und durch die Gläser der Kunst mein Auge zu stärken. Ich bin daher immer beschämt oder verdrießlich geworden, wenn ich zum Nachteile der Kritik etwas las oder hörte; sie soll das Genie ersticken, und ich schmeichelte mir, etwas von ihr zu erhalten, was dem Genie sehr nahekommt.« Nicht ein poetischer, sondern ein sozialer Instinkt trieb den jungen Lessing auf die Bühne, wie denn der todesmatte Kämpfer, dem jeder andere Kampfplatz verschlossen worden war, zur Bühne als seiner »alten Kanzel« seine letzte Zuflucht nahm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So lernte Lessing in Leipzig leben. Derweil Klopstock in poetischen Visionen den Himmel geöffnet sah und in einem engen Kreise gleichgesinnter Genossen sich schon einen ersten Anflug hohenpriesterlicher Würde zulegte, verarbeitete Lessing alles, was ihm Leben und Wissenschaft entgegenwarf, zu einer Komödie und tummelte sich munter unter dem leichten Völkchen der Bühne. Auch darin ist er ein richtiger sozialer Rebeller gewesen, daß er mit den Parias der Gesellschaft von damals, Juden, Schauspielern und Soldaten, allemal am liebsten verkehrte. Aber so schwach, wie das Klassenbewußtsein des Bürgertums noch war, so leicht gezimmert, war auch noch das Brettergerüst seiner Szene. Die Bühne der Neuberin, an der Lessing dichten und leben lernte, brach zusammen und begrub den jungen Kämpfer unter ihren Trümmern. Lessing floh vor seinen Gläubigern aus Leipzig, zur selben Zeit, als Klopstocks Messias wie ein heller Morgenstern am geistigen Horizonte der bürgerlichen Klassen aufstieg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Berlin im achtzehnten Jahrhundert ==&lt;br /&gt;
Nach seiner Flucht aus Leipzig wandte sich Lessing zunächst nach Wittenberg, der anderen sächsischen Universität, wo er im August 1748 als Student der Medizin eingeschrieben wurde. Es scheint indes, daß seine Gläubiger ihn auch hierher verfolgt haben; jedenfalls siedelte er noch vor Schluß des Jahres nach Berlin über. Er vollzog damit aber keineswegs eine »Option für Preußen«, einen »entscheidenden, tief begründeten Schritt«, wie Herr Erich Schmidt unter gewaltigem Aufwande patriotischer Redensarten behauptet. Vielmehr vertrieb ihn aus Sachsen seine finanzielle Misere, und wenn er von nun an auf eigenen Füßen stehen wollte, was um so mehr seine Absicht war, als er der Armut seiner Eltern weitere Opfer für seine Universitätsstudien nicht zumuten mochte, so mußte er sein Heil in einer großen Stadt versuchen. Denn wenn überhaupt, so konnte er nur in einer solchen auf literarische Anknüpfungspunkte hoffen. Für diesen Zweck lag ihm aber Berlin am nächsten, namentlich auch deshalb, weil sein Jugendfreund und Vetter Mylius eben aus Leipzig nach Berlin übergesiedelt war, um die Redaktion der »Berlinischen privilegierten Zeitung« zu übernehmen, derselben Zeitung, die heute unter dem Namen der »Vossischen Zeitung« bekannt ist und der Kürze wegen gleich so genannt werden mag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst freilich konnte sich Berlin mit Leipzig in keiner Weise messen, es sei denn an Einwohnerzahl, die bei Lessings Einzug in die preußische Hauptstadt sich bereits auf mehr als hunderttausend Köpfe belief. Berlin und Leipzig vertraten mit in erster Reihe zwei sehr voneinander verschiedene Kategorien deutscher Städte. Eine unparteiische Zeugin, Lady Montague, 1716 durch Deutschland reiste, vergleicht die Handelsstädte wie Leipzig mit holländischen Hausfrauen, die von einem gewissen sauberen und soliden Wohlstande umgeben seien, während sie als gemeinsamen Charakterzug der Residenzstädte wie Berlin eine gewisse schäbige Eleganz, eine aufgeputzte Unsauberkeit und Armut, namentlich in den höheren Klassen, nennt. Nach ihrem Ausdrucke glichen diese Städte geschminkten und frisierten Freudenmädchen mit Bändern in den Haaren und Silbertressen auf den Schuhen, aber in zerrissenen Unterröcken. Das Urteil klingt hart, doch ist es nach allen sonstigen Zeugnissen nicht ungerecht. Derartige Städte waren meist künstliche, parasitische Schöpfungen, bestimmt, der fürstlichen Allmacht einen prunkenden Hintergrund zu geben, jeder kommunalen Selbständigkeit entkleidet, überfüllt mit kriechenden Höflingen, servilen Beamten, brutalen Soldaten, ausländischen Abenteurern, im günstigsten Falle noch ausgestattet mit allerlei Privilegien, die eine künstliche Gewerbe- und Handelstätigkeit hervorrufen sollten, aber natürlich nur in mehr oder minder beschränktem Maße hervorrufen konnten, womit dann die Abhängigkeit der Bürgerschaft vom Hofe noch verstärkt wurde. Diese Städte waren Mikrokosmen des deutschen Elends, dessen verheerende Folgen nirgends so traurig hervortraten wie in ihnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum irgendwo in Deutschland aber sah es mit dem Städtewesen so übel aus wie im Preußischen. Wir haben schon bemerkt, daß der preußische Absolutismus nicht in derselben Weise entstanden war wie der Absolutismus in ökonomisch vorgeschrittenen Ländern: nicht durch die Entwicklung des Warenhandels und der Warenproduktion, nicht durch die Stütze, die er an den Städten gegen den Adel gewann, und nicht durch den Schutz, den er den Städten gegen den Adel gewährte. Er ist immer, auch in seinen scheinbar glänzendsten Zeiten, abhängig gewesen von den feudalen Junkern. Vielleicht hatte die Armut des Landes und die Ungunst der geographischen Lage die märkischen Städte im Ausgange des Mittelalters nicht in dem Maße erstarken lassen, daß die zur Herrschaft gelangten Hohenzollern mit ihrer Hilfe die Macht der Junker hätten brechen können. Aber es ist auch gar kein ernsthafter Versuch dazu gemacht worden, es sei denn, daß man das sehr vorübergehende Bündnis, das der erste Hohenzoller mit den Städten schloß, um die Quitzows niederzuwerfen, als solchen Versuch betrachten will. Jedenfalls schor bereits der zweite Hohenzoller auf Halbpart mit dem Adel die märkischen Städte, namentlich die Schwesterstädte Berlin-Kölln, bis aufs nackte Leben. Patriotische Geschichtsschreiber nennen das »die trotzigen Städte in die wohltätige Zucht des Staatsgedankens nehmen«, aber die aus dem Jahre 1448 erhaltenen, leider nur spärlichen Urkunden geben ein etwas abweichendes Bild des Hergangs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nämlich der Kurfürst Friedrich II. benützte einen Zwist zwischen den Geschlechtern und den Zünften von Berlin-Kölln, um sich zum Schiedsrichter aufzuwerfen und eine Zwingburg am Saume der Stadt anzulegen, dasselbe Gebäude, das Herr Eugen Richter mit untertänigstem Bückling als das »altehrwürdige Hohenzollernschloß« preist. Die Berliner von dazumal erstarben nicht ganz in so loyaler Ehrfurcht; Geschlechter wie Zünfte rochen den Braten, noch ehe er gar war; sie vereinigten sich und verschanzten die Städte durch einen Blockzaun gegen die entstehende Burg; sie vertrieben die Bauleute des Kurfürsten sowie die Richter und Zöllner, die er ihnen auf den Hals gesetzt hatte, sie riefen die anderen märkischen Städte zu gemeinsamem Widerstande gegen den drohenden Schlag auf. Aber ehe dieser Widerstand organisiert werden konnte, fielen Kurfürst und Junker mit gewaffneter Hand über Berlin-Kölln her und warfen die Städte vollständig nieder. Der Kurfürst machte seinen Hofrichter zum Bürgermeister, und die Stellen der Ratmannen besetzte er zum Hohn für die Bürgerschaft mit seinen reisigen Knechten. Die Gerichte, Mühlen, Zölle und Landgüter der Stadt wurden dem Küchenmeister des Kurfürsten als Lehen übergeben; das heißt: Sie dienten fortan dazu, den gesamten kurfürstlichen Hofhalt zu unterhalten. Die Patrizier der Städte mußten ihre Lehen, selbst das Leibgedinge ihrer Frauen an den Kurfürsten übergeben, und von ihrem »fahrenden Gute« hatten sie ungeheure Strafgelder zu zahlen. In der Zeit vom 12. September bis zum 14. Oktober 1448 erschienen sie Mann für Mann »in dem kleinen Stüblein über dem Torhause zu Spandau« und haben, wie es in den Protokollen heißt, »ir liep und alle ir gut in mynes gnedigen heren hand gesetzet und gegeben«. An barem Geld allein zahlten die Schum, die Blankenfelde, die Brackow, die Ryke je 3000, die Stroband, die Wyns je 2000 rheinische Gulden und so weiter herab nach dem Besitze der einzelnen Familien bis auf je 1000 oder 700 Gulden. Erwägt man, daß der rheinische Gulden damals den Wert von zwei Talern und nach heutigem Geldwerte mindestens den Wert von zwanzig Mark hatte, so ist leicht zu ersehen, daß sich die »wohltätige Zucht des Staatsgedankens« in diesem eigentümlichen Falle wirklich nur als vollständige Vermögenskonfiskation bewährt hat. Minder offen, aber nicht minder gründlich bluteten die andern märkischen Städte, und dafür, daß sie sich von so erschöpfenden Aderlässen nicht wieder erholten, sorgten die Nachfolger des »eisernen Friedrich«. Um nur noch ein Beispiel anzuführen, so gab der sittenlose und verschwenderische Kurfürst Joachim II., als ihm das nötige Metall zur Ausprägung neuer Münzen fehlte, seinem Hofjuden Lippold eine Vollmacht, bei achtzehn reichen Bürgern einen »Einfall« zu tun und ihnen das vorgefundene Gold und Silber abzunehmen. In dankbarer Erinnerung an diesen »Einfall« hat denn auch die freisinnige Stadtverwaltung von Berlin vor einigen Jahren den andern »Einfall« gehabt, aus der Tasche der städtischen Steuerzahler zehntausend Mark für ein Standbild dieses Joachim zu spenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Dreißigjährigen Kriege nahm die hohenzollernsche Städtepolitik nicht sowohl ein anderes Wesen als andere Formen an. Mit dem einfachen Ausschöpfen der bürgerlichen Säckel war es vorbei, weil in diesen Säckeln überhaupt nichts mehr zu finden war; Berlin ging aus den Verheerungen jenes Krieges als ein elendes Nest baufälliger Hütten hervor mit ein paar Tausend Einwohnern, die nichts mehr zu brechen und zu beißen hatten. Der militärische Absolutismus brauchte nun aber Geld, viel Geld; er mußte ausländische Kapitalien und Kapitalisten heranziehen; so sorgte er in seiner Weise für die »Peuplierung« der Städte und die Förderung der städtischen Industrie. Er setzte dafür alle möglichen Hebel an, gebrauchte dazu alle möglichen Mittel, mitunter nicht üble, oft aber auch sehr gewagte. Nützlich, namentlich in wirtschaftlicher Beziehung, war die Aufnahme der französischen, böhmischen, salzburgischen aus ihrer Heimat vertriebenen Protestanten, aber daneben lockte die verschwenderische Hofhaltung des Kurfürsten Friedrich Wilhelm, und mehr noch seines Sohnes, des Königs Friedrich I., allerlei zweifelhaftes Volk nach der preußischen Hauptstadt. Unter Friedrich Wilhelm I. hörte dieses Zugmittel zwar auf zu wirken; vielmehr wurde die Bürgerschaft unter einem so scharfen Drucke gehalten, daß sie sich den harmlosesten Lebensgenuß höchstens auf die Gefahr königlicher Stockprügel gönnen durfte. Allein in seiner besonderen Weise sorgte der wunderliche Tyrann doch auch für die Erweiterung seiner Residenz; er befahl wohlhabenden Leuten oder solchen, die er dafür ansah, ohne weiteres den Bau von Häusern in Berlin, deren Fundamentierung in dem sumpfigen Boden nicht selten das ganze Vermögen ihrer glücklichen Besitzer kostete. Was immer für die Städte geschah, das geschah nicht um der Städte willen, sondern im Interesse des militärischen Absolutismus, der denn auch alsbald wieder die Henne zu schlachten begann, ehe sie noch die goldenen Eier legen konnte. Friedrich Wilhelm I. nahm den Städten das Kämmereiwesen ab und stellte es unter seine Steuerräte mit dem Befehle, den Städten nur das Notdürftigste zu lassen und den Überschuß an die königlichen Kassen abzuführen. Vermutlich ist es dies »Verdienst um das Bürgertum«, das ihn nach Herrn Schäffles glaubwürdiger Versicherung befähigte, den Thron als einen Felsen von Erz zu errichten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schäffle, Bau und Leben des sozialen Körpers, 4, 287.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich II. führte das schöne Prinzip seines Vaters noch strenger durch: Die städtische Verwaltung wurde zu einer königlichen; die Kriegs- und Domänenkammern verfügten über das städtische Eigentum nach ihrem Belieben und ernannten die Magistrate; als ein General seinen invaliden Regimentspauker zum Bürgermeister einer Stadt empfohlen hatte, antwortete ihm der König, zuvor müßten die gedienten Unteroffiziere in diesen Ämtern versorgt werden. Was aber Berlin im besonderen angeht, so schlug Friedrich sozusagen einen mittleren Weg zwischen den Methoden seiner Vorgänger ein; unter ihm wurde die preußische Hauptstadt ein zwar nicht lustiges, aber dafür liederliches Gefängnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Zeugnisse für diese Tatsache gibt es so viele und – trotz ihres sehr verschiedenen Ursprungs – so übereinstimmende, daß wir uns genügen lassen können, gerade nur ein halbes Dutzend beizubringen. Der englische Gesandte, Sir Charles Hanbury Williams, schrieb 1750 aus Berlin über Friedrich: »Es ist gar nicht zu glauben, wie dieser pater patriae sich um seine Untertanen sorgt ... Er läßt ihnen in der Tat keine andere Freiheit als die des Denkens. Der Zwang geht durch alle Stände, und Mißtrauen drückt sich auf jedem Gesichte aus. Ich denke, Hamlet sagt irgendwo: Dänemark ist ein Gefängnis; das ganze preußische Gebiet ist ein solches im buchstäblichen Sinne des Worts.« Sein Nachfolger, Lord Malmesbury, schrieb im Jahre 1772: »Berlin ist eine Stadt, wo es weder einen ehrlichen Mann noch eine keusche Frau gibt. Eine totale Sittenverderbnis beherrscht beide Geschlechter aller Klassen, wozu noch die Dürftigkeit kommt, die notwendigerweise teils durch die von dem jetzigen Könige ausgehenden Bedrückungen, teils durch die Liebe zum Luxus, die sie seinem Großvater abgelernt haben, herbeigeführt worden ist. Die Männer sind fortwährend beschäftigt, mit beschränkten Mitteln ein sehr ausschweifendes Leben zu führen. Die Frauen sind Harpyen, denen Zartgefühl und wahre Liebe unbekannt sind und die sich jedem preisgeben, der sie bezahlt.« Der italienische Dichter Alfieri, der im Jahre 1770 Preußen besuchte, erklärte in seiner Selbstbiographie, Berlin sei ihm vorgekommen wie » &#039;&#039;eine&#039;&#039; große Kaserne, welche Abscheu einflößt«, und der ganze preußische Staat »mit seinen vielen Tausend bezahlter Satelliten wie &#039;&#039;eine&#039;&#039; ungeheuere, ununterbrochene Wachtstube«. Georg Forster ließ sich 1779 nach einem längeren Aufenthalte in Berlin brieflich gegen Jacobi also aus: »Ich habe mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Bewohner! Gastfreiheit und geschmackvoller Genuß des Lebens ausgeartet in Üppigkeit, Prasserei, ich möchte sagen Gefräßigkeit ... Die Frauen allgemein verderbt.« Der zarte Frühlingssänger Kleist plauderte 1751 in einem Briefe an seinen Freund Gleim: »Sie wissen doch schon die Aventure des Markgrafen Heinrich. Er hat seine Gemahlin auf seine Güter geschickt und will sich von ihr separieren, weil er den Prinzen von Holstein bei ihr im Bette getroffen hat ... Der Markgraf hätte wohl besser getan, wenn er den Handel verschwiegen hätte, statt daß er jetzt ganz Berlin und die halbe Welt von sich sprechen macht. Überdem sollte man eine so natürliche Sache nicht so übelnehmen, zumalen wenn man selber nicht so glaubensfest ist wie der Markgraf. Der Ekel ist doch ganz unausbleiblich in der Ehe, und alle Männer und Frauen sind durch ihre Vorstellungen von anderen liebenswürdigen Vorwürfen nezessitieret, untreu zu sein. Wie kann das bestraft werden, wozu man gezwungen ist?« Gleim aber meldete 1746 über eine Redoute, die er mit Kleist besucht hatte, an Uz: »Wir tanzten, aber ich für mein Teil war gar nicht zufrieden, daß ich nicht durch die Larve hindurch sehen konnte, ob ich mit einer Prinzessin oder mit einer Hure tanzte. Es geht in der Tat bei dieser Lustbarkeit ein bißchen zu unordentlich her, als daß sie mir gefallen sollte. Auf dem adligen Platze ist man zu blöde, und auf dem bürgerlichen findet man kein sprödes Mädchen. Anakreons Maskeraden sind artiger gewesen. Es sind wenig Erfindungen und fast gar keine Scherze bei den hiesigen. Die grobe Wollust hat allenthalben die Oberhand.« So der eine preußische Barde, den nur seine »Blödigkeit« verkennen ließ, daß es auf dem »adeligen Platze« ebenso aussah wie auf dem bürgerlichen. Der andere preußische Barde aber, nämlich Ramler, der als Lehrer am Kadettenkorps angestellt war, schrieb an seinen Bundes- und Liedesbruder, er sei krank, weil er zu arm sei, eine Mätresse zu unterhalten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Mindestens die Zeugnisse von Kleist und Gleim, die 1882 in Kleists Werken, 2, 192 und 3, 30, von Sauer veröffentlicht worden sind, waren Herrn Erich Schmidt bekannt, als er 1885 den ersten Band seiner Lessing-Biographie veröffentlichte. Gleichwohl entdeckt er nur in der sächsischen Residenzstadt Dresden »die prickelnde Lüsternheit, die handfeste Zote« und obendrein den »Privatklatsch, der dort wuchern muß, wo die Schößlinge öffentlicher Interessen ausgerottet und alle politischen Angelegenheiten dem unmündigen Bürger verschlossen wurden ... In Berlin aber wurden die Gazetten nicht geniert«. So wörtlich 1, 38.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein erklärendes Licht auf die sittlichen Zustände Berlins wirft die damalige soziale Zusammensetzung der Bevölkerung. Die Zahlen, die wir darüber haben auffinden können, rühren allerdings erst aus den siebziger Jahren her, doch dürfte der Unterschied zu den fünfziger Jahren nur ein quantitativer, nicht ein qualitativer sein. Ende der siebziger Jahre lebten in Berlin&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Männer&lt;br /&gt;
|20 755&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Frauen und Witwen&lt;br /&gt;
|25 996&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Söhne&lt;br /&gt;
|16 919&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Töchter&lt;br /&gt;
|21 582&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Gesellen und Handlungsdiener&lt;br /&gt;
|5 588&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Lehrjungen&lt;br /&gt;
|2 410&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Diener und Knechte&lt;br /&gt;
|5 027&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Mägde&lt;br /&gt;
|10 078&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Garnison&lt;br /&gt;
|32 564&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|_______&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|138 719&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Das Übergewicht der männlichen über die weibliche, der unverheirateten über die verheiratete Bevölkerung springt in die Augen. Ackerbau trieben 85 Personen; in den vier Hauptzweigen der Weberei, der damaligen Hauptindustrie (Seide-, Linnen-, Woll- und Baumwollmanufaktur), belief sich die Zahl der arbeitenden Stühle auf 6 168 mit über 7 000 Arbeitern. Sie lieferten jährlich für 3 774 000 Taler Ware, wovon ins Ausland für 817 000 Taler gingen. Die Arbeitslöhne betrugen 2 117 000 (auf die Person 278) Taler. Andere fabrikmäßige Manufakturen beschäftigten zu gleicher Zeit 2530 Arbeiter mit einem Arbeitsverdienste von 438 000 (auf die Person 249) Talern. Sie produzierten einen Wert von 1 367 000 Talern, wovon für 522 000 Taler ins Ausland abgesetzt wurden. Die Gesamtsumme der in allen Erwerbszweigen zusammen angesetzten Arbeiter belief sich auf 10 113, die Summe der Arbeitslöhne auf 2 600 000, der produzierten Werte auf 6 Millionen, der Ausfuhr auf 1 720 000 Taler. Im Jahre 1785 zeigte sich in allen diesen Ansätzen eine Verminderung von zehn bis zwölf Prozent, ein Beweis mehr für die Behauptung Mirabeaus, daß Gewerbe und Handel im preußischen Staate flau, künstlich erzeugt und ohne nachhaltige Grundlage seien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Ziffern sind zusammengestellt aus Nicolai, Beschreibung der königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, und aus Reeden, »Zeitschrift für Statistik«. Eine brauchbare Geschichte von Berlin gibt es noch nicht; die Werke von Streckfuß und Schwebe! gleichen sich, bei sehr verschiedener Tendenz, doch darin, daß sie sich den bescheidensten wissenschaftlichen Ansprüchen versagen. Übrigens werfen die obigen Ziffern unter anderem auch einiges Licht auf die manchesterliche Behauptung, daß sich die Arbeitslöhne in diesem Jahrhundert gehoben hätten. Man muß nur den durchschnittlichen Arbeitsverdienst von 260 Talern nicht allein als &#039;&#039;Geld&#039;&#039;-, sondern auch als &#039;&#039;Sach&#039;&#039;lohn ins Auge fassen; bei den damaligen Lebensmittelpreisen konnte man, wie Lessing an seinen Vater schrieb, für 15 Pfennig eine starke Mittagsmahlzeit haben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn nun aber schon eine durch allerlei Monopole und Privilegien herangezüchtete Gewerbe- und Handelstätigkeit eine sehr unsichere Grundlage für bürgerliche Unabhängigkeit ist, so kam in diesem Falle noch der erschwerende Umstand hinzu, daß die kapitalistischen Unternehmer sich ganz überwiegend aus Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen rekrutierten. Die französische Kolonie belief sich auf 5346, die böhmische auf 1125, die Judenschaft auf 4245 Köpfe. Industriell und intellektuell der Sauerteig der Bevölkerung, waren diese Schichten moralisch und politisch, um mit Herrn Mommsen zu sprechen, Elemente der Dekomposition. Vor allem die Franzosen und die Juden. Diese »Nation« – denn so, nicht »Konfession«, nannte sie sich damals selbst – konnte nach ihrer jahrhundertelangen Unterdrückung und ihrer gewaltsamen Beschränkung auf den Geldhandel unmöglich aus Engeln des Lichts bestehen und bestand in ihrer Masse auch wirklich nicht daraus, und was die französischen Einwanderer anbetrifft, so waren sie nach vielen Klagen der Zeitgenossen eben auch keine Tugendhelden.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es ist immer wieder die sinnlose Vorstellung zurückzuweisen, als ob der protestantische Glaube in geistiger und sittlicher Beziehung irgendeinen Vorzug vor anderen Religionsbekenntnissen besitze. Die Hugenotten waren nicht die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, weil ihr protestantischer Glaube sie mit einem besonderen Maße von Einsicht und Tugend gesegnet hatte, sondern vielmehr: Weil sie die ökonomisch entwickeltsten Elemente waren, bekannten sie sich zu dem protestantischen Glauben als dem ihren kapitalistischen Interessen gemäßesten Religionsbekenntnisse. Wie der Hunger nach Mehrwert sie schon in verhältnismäßig früher Zeit, schon in den Jahren Richelieus, der ihnen durchaus wohlwollte, bis zum Bürgerkriege und zur Seeräuberei fortriß, dafür hat Buckle, Geschichte der Zivilisation in England (deutsch von Ruge), 1, 2, 25 ff., eine Fülle unwiderleglicher Zeugnisse beigebracht, deren Gewicht keineswegs dadurch geschwächt wird, daß Buckle sie auch nur in ideologischer Weise zu erklären weiß.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch auch davon abgesehen, so bildeten diese fremdländischen Kolonien gewissermaßen Staaten im Staate; sie besaßen ihre besonderen Behörden, ihre besonderen Rechte, ihre besonderen Lasten; sie gehörten sozusagen mit Haut und Haaren dem Könige, von dessen Gnade sie vieles zu hoffen und von dessen Ungnade sie alles zu fürchten hatten, und dies Gefühl einer unbedingten Abhängigkeit durchdrang sie um so mehr, als sie von der deutschen Bevölkerung durch starke Interessengegensätze getrennt waren. Dagegen machte es keinen besonderen Unterschied, daß die Franzosen vom Könige mehr gehätschelt, die Juden mehr gestriegelt und in der Tat eher als finanzielles Melkvieh denn als Menschen behandelt wurden. Nach dem »Revidirten Generalprivilegium und Reglement vor die Judenschaft in Preußen« von 1750 sollte die Zahl der Juden beschränkt bleiben, für Berlin beispielsweise auf 152 Familien; sobald die für jeden Ort bestimmte Ziffer überschritten war, sollte der Überschuß durch die Ausweisung der ärmsten und unsittlichsten Juden aus dem Lande wieder beseitigt werden; der König selbst ließ sich die betreffenden Tabellen im Anfange jeden Jahres zur Prüfung vorlegen. Allein da er »denen Juden den Schutz hauptsächlich deßhalb gestattete, um Handel, Commerce, Manufakturen, Fabriquen und dergleichen« zu betreiben, so verhalf er ihnen zu einer ökonomischen Macht, deren Konsequenzen er sich nicht entziehen konnte. Die Schutzjuden Abraham Markus, Veitel Ephraim und Daniel Itzig erhielten schon 1761 »die Freiheit eines christlichen Banquiers bei rechtlichen Angelegenheiten vor und außer Gericht«, während die Masse der Judenschaft trotz aller gesetzlichen Beschränkungen immer stärker anwuchs.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die im Text angeführte Ziffer von 4245 Köpfen gibt Nicolai für 1779 an; Preuß, 3, 431, berechnet 500 Judenfamilien mit 3374 Köpfen, und zwar für das Jahr 1784. Es kommt wenig auf den Unterschied an, doch ist Nicolai die ältere und genauere Quelle. Möglicherweise erklärt sich die Abweichung dadurch, daß Preuß nur die eigentlichen Schutzjuden nebst Familien rechnet, während Nicolai auch die jüdischen Bediensteten dieser Schutzjuden mitzählt, die für die Dauer ihrer Dienste sich in Berlin aufhalten durften. Wurden sie entlassen, so waren die Judenältesten verpflichtet, der Polizei sofortige Anzeige zu erstatten, damit sie die Entlassenen aus Stadt und Land treibe. Zu dieser Kategorie der Juden gehörte beispielsweise Moses Mendelssohn, der Buchhalter in einer der Witwe Bernhard gehörigen Seidenfabrik war. Als der Marquis d&#039;Argens durch einen Juden Raphael von diesen Zuständen hörte, wollte er anfangs nicht glauben, daß solche Unduldsamkeit in den Staaten seines königlichen Freundes herrschen könnte, aber auf eine Anfrage bestätigte ihm Moses, daß die Judenältesten verpflichtet seien, ihn durch die Polizei vertreiben zu lassen, falls die Witwe Bernhard ihn entließe und ihn »nicht einer von den Trödeljuden in der Reezengasse für seinen Diener erklären« wolle. Nach wiederholten Bitten des Marquis d&#039;Argens ernannte Friedrich dann den guten Moses zum außerordentlichen Schutzjuden, das heißt, er gab ihm ein Privileg auf Lebenszeit für seine Person; als dagegen Moses 1779, also fast zwanzig Jahre, nachdem die berüchtigten, aber ökonomisch mächtigen Wucherer Ephraim und Itzig die »Freiheit eines christlichen Banquiers« erhalten hatten, zum ordentlichen Schutzjuden zu avancieren wünschte, der als solcher auch seine Kinder im Lande ansetzen durfte, schlug der König seinem Mitphilosophen die Bitte ab, wie er denn auch seiner Wahl in die Akademie rundweg die Bestätigung verweigerte. Siehe neben Preuß auch Nicolai, Anekdoten von König Friedrich, 1, 62. Übrigens könnten die heutigen Antisemiten aus der damaligen Zeit lernen, was bei dem obrigkeitlichen Kujonieren der Juden herauskommt. Der jüdische Wucher blüht dann um so üppiger, während die Juden, die sich vom Judentum befreien wollen, um so schamloser unterdrückt werden.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Genug, während Franzosen und Juden ökonomisch die Herrschaft &#039;&#039;über&#039;&#039; und intellektuell einen wohltätig aufrüttelnden Einfluß &#039;&#039;auf&#039;&#039; die einheimische Bevölkerung gewannen, blieben sie politisch noch abhängiger als diese von jeder Laune des fürstlichen Despotismus, und das eigentümliche Verhältnis hat eine bis auf diesen Tag fühlbare Nachwirkung in den. bürgerlichen Klassen von Berlin gehabt. Von ihm rührt einerseits jener behende Mutterwitz her, der über Gott, König und die Welt die kecksten und schlagendsten Worte findet, andererseits aber auch jene unausrottbare Ehrfurcht vor jeder am Horizont aufblinkenden Helmspitze eines Schutzmannes. Erst seitdem es in Berlin eine selbständig erwachsene Arbeiterklasse gibt, hat sie das Gute mit dem Besseren zu verbinden verstanden. Die Arbeiter eroberten am 18. März 1848 Berlin, während die Bürgerwehr dem wieder einziehenden Heere des Staatsstreichs allein den »passiven Widerstand« und eine Fülle beißender Witze über den alten Wrangel entgegenzusetzen wußte. Man sieht aber, wie unrecht die Reaktion daran tat, Franzosen, Juden und Polen als die Urheber des 18. März anzuklagen; sie hat vielmehr allen Anlaß, den Franzosen, Juden und wenn nicht Polen, so doch Tschechen ihren Dank dafür abzustatten, daß die Bürgerschaft von Berlin den Revolutionär immer nur in Schlafrock und Pantoffeln gespielt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts bürgerliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit in Berlin ebenso unbekannte Begriffe wie Tatsachen sein. Städtische Behörden als solche gab es nicht; der königliche Despotismus herrschte über der Stadt unumschränkt, bis ins Kleine und Kleinliche sich einmischend; was er dennoch vielleicht noch ungehudelt ließ, das hudelten der bürokratische und der militärische Despotismus, den die 2986 Beamten und die Offiziere der über 30 000 Mann starken Garnison ausübten. Von einem geistigen Leben kann da kaum gesprochen werden. Es würde so lächerlich sein, die paar kleinen Winkelblätter mit den Leipziger »Acta Eruditorum« in einem Atem zu nennen, wie die paar verkommenen Gymnasien mit den sächsischen Fürstenschulen auf eine Stufe zu stellen. Der gelehrteste Mann der Spreestadt, ihr »griechisches Orakel«, war der Rektor Damm vom Köllnischen Gymnasium; zu ihm pilgerte Winckelmann, um Griechisch zu lernen; bei ihm nahmen Mendelssohn und Nicolai noch als erwachsene Männer Unterricht im Griechischen. Er haftete aber nur am Wortverstande und übersetzte den Homer »in das abscheulichste Rotwelsch, durch das jemals ein Pedant sich an der deutschen Sprache vergangen hat« (Justi). Seine Übersetzung des Neuen Testaments brachte ihn gar in den Verdacht ketzerischer Meinungen. Anfeindungen des Pöbels verdüsterten das Leben des braven Mannes, und seine Schule verfiel gänzlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Theater gab es in Berlin zur Zeit von Lessings Übersiedlung nicht, es sei denn, daß gelegentlich einmal eine wandernde Truppe ihre kümmerliche Schaubude aufschlug. Ebenso fehlte, wie selbstverständlich, die Universität. Dagegen hatte Friedrich II. die von Leibniz unter seinem Großvater gestiftete, von seinem Vater verhöhnte und zerstörte Akademie der Wissenschaften wiederhergestellt. Sie war durchweg französiert, und auch die von ihren deutschen Mitgliedern verfaßten Abhandlungen mußten in die fremde Sprache übertragen werden. Ihre vier Klassen beschäftigten sich mit Physik, Mathematik, Philosophie und Philologie; alle anderen Fächer der Wissenschaften, so die geoffenbarte Theologie, aber auch alles, was sich auf bürgerliche Rechte und staatliche Verfassung bezog, war ausgeschlossen. Anfangs leitete sie der Franzose Maupertuis, später bekümmerte sich der König selbst sehr viel um ihre Verwaltung und tat mit ihrer Mitgliedschaft, wie Sulzer an Gleim schrieb, »beinahe rarer als mit seinem gelben Bande«. Es steckte aber nichts Rares dahinter. Da die Wissenschaft nur im Schatten des königlichen Despotismus gedeihen konnte, so gedieh die Akademie der Wissenschaften nur zu einer kümmerlichen und verkümmerten Pflanzung. Die bürgerliche Literaturgeschichte bringt nach ihrer üblichen Weise den wirklichen Sachverhalt in hoffnungslose Verwirrung, wenn sie den König Friedrich wegen seiner Verachtung der deutschen Literatur mit loyalem Schmerze tadelt, aber ihn wegen seiner Verehrung der französischen Literatur doch als einen Pfleger literarischer Kultur im allgemeinen feiert. Vielmehr: Wenn Friedrich die deutsche Literatur verachtete, so war das kein Tadel für ihn und ein Glück für sie; seine Vorliebe für die französische Literatur aber entwickelte sich nach den Bedingungen seines despotischen Regiments zu einer wahren Satire auf literarische Kultur.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Goethe sagt in der »berühmten Stelle« sehr treffend: »Wie kann man von einem Könige, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzu spät entwickelt und genießbar zu sehen?« Bis zum Siebenjährigen Kriege, bei dessen Beginne Friedrich vierundvierzig Jahre zählte, hatte die deutsche Literatur nichts aufzuweisen, was sich auch nur einigermaßen mit der französischen Literatur messen konnte, als etwa Gellerts Fabeln und Klopstocks Messias. Jene verstand und lobte der König, als er sie im Kriege kennenlernte; diesen hätte er weder verstanden noch gelobt, wenn er ihn kennengelernt hätte. Sulzer wollte ihn durch Voltaire mit dem Gedichte bekanntmachen, doch Voltaire erwiderte auf die Zumutung: Ich kenne den Messias, den Sohn des ewigen Vaters und den Bruder des heiligen Geistes, und ich bin sein ergebenster Diener, aber ein Profaner wie ich darf nicht das Weihrauchfaß vor ihm schwingen. Ähnlich würde der König selbst über den Messias geurteilt haben. Nach dem Siebenjährigen Kriege lagen in Lessings Laokooii und in Winckelmanns Schriften zwar literarische Leistungen ersten Ranges vor, aber damals war der König schon ein geistig gebrochener Mann, und vor allen Dingen machten ein paar Schwalben noch keinen Sommer. Lessing selbst schrieb 1769 in der Hamburgischen Dramaturgie: »Kräfte und Nerven, Mark und Knochen mangeln unserer schönen Literatur noch sehr. Sie hat noch so wenig Werke, die ein Mann, der im Denken geübt ist, gern zur Hand nimmt, wenn er zu seiner Erholung und Stärkung einmal außer dem einförmigen ekeln Zirkel seiner alltäglichen Beschäftigungen denken will.« Gerade die literarischen Anlagen und Neigungen Friedrichs mußten ihn zu einer schroffen Ablehnung der deutschen Literatur führen. Er schätzte Leibniz, dessen französische Schriften er kannte; er sprach von Thomasius mit großer Achtung, wenn auch kaum mit eindringender Kenntnis; er ließ sich die Werke Wolffs ins Französische übersetzen, aber die deutsche Literatur als solche hielt er nicht nur [für] barbarisch, sondern in seinen geistigen Entwicklungsjahren war sie es auch. Man vergleiche nur ihre damals verhältnismäßig hervorragendsten und lobenswertesten Leistungen mit entsprechenden Erscheinungen der französischen Literatur; das Deutsch von Thomasius mit dem Französisch von Montesquieu; die ledernen Folianten von Bünau und Mascov über die deutsche Reichsgeschichte mit Voltaires Geschichtswerk über Ludwig XIV., und man wird dann dem Könige aus seiner Verachtung der deutschen Literatur keinen persönlichen Vorwurf machen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
War diese Verachtung für den Verächter aber kein Tadel, so war sie für die Verachtete ein Glück. Friedrich hat noch kurz vor seinem Tode zu Mirabeau gesagt: »Was hätte ich zugunsten der deutschen Schriftsteller tun können, das der Wohltat gleichgekommen wäre, die ich ihnen erwies, indem ich sie gehen ließ?« Die Frage klingt zwar mehr nach Mirabeau als nach Friedrich, aber wenn sie von dem Könige herrührt, so ist sie in tieferem Sinne wahr, als er immer gemeint haben mag. Hätte der König auch nur geahnt, daß die aufsteigende deutsche Literatur den sozialen Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen ankündige, so hätte er ihre Werke durch die Hand des Henkers verbrennen lassen. Aber auch so, wie er die Frage gemeint hat, trifft sie den Nagel auf den Kopf. Es war ein höchst berechtigtes Klassenbewußtsein, das die Bahnbrecher unserer klassischen Literatur in Friedrichs Verachtung des deutschen Geistes eine nationale Schmach empfinden ließ, aber Lessing erwies sich auch hier als der klarste Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, indem er über der Empfindung dieser nationalen Schmach keineswegs den Blick für die sozialen Gefahren des fürstlichen Mäzenatentums verlor, während Klopstock im Schutze eines dänischen Königs und Winckelmann im Schutze eines römischen Kardinals auf den »Fremdling im Heimischen« und den »Schinder der Völker« schalten. Freilich sah Lessing in Berlin auch aus nächster Nähe, wohin es unter dem Schutze eines despotischen Mäzens mit der literarischen Kultur kommen muß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ohne Zweifel war Friedrichs Wertschätzung der französischen Literatur eine aufrichtige und verständnisvolle; in Maupertuis, in Lamettrie und nun gar in Voltaire zog er Männer von hoher geistiger Bedeutung an seinen Hof. Ganz besonders der Schutz, den Lamettrie als sein Leibarzt genoß, und der schöne Nachruf, den der König dem verrufenen Materialisten im Jahre 1751 widmete, zeigen Friedrich auf einer Höhe philosophischen Verständnisses, die gleichzeitig vielleicht kein anderer Deutscher besaß, auch der junge Lessing nicht, der sich dazumal mit einem mehr frommen als weisen Ungestüm gegen Lamettrie erhitzte. Wir heben dieses Verdienst Friedrichs um so lieber hervor, als ihm von Nicolai bis Schlosser und Carlyle wegen seiner Beziehungen zu Lamettrie allerlei Sottisen gesagt worden sind, wie denn auch Herr Erich Schmidt an dem französischen Arzte als »frechen« und »kalten Materialismus« verdonnert, was sein Bundesbruder Scherer eben an Friedrich als »kirchlichen Liberalismus« verherrlicht hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Eine treffliche Würdigung Lamettries und seiner Beziehungen zu Friedrich bei F. A. Lange, Geschichte des Materialismus, 1, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein bis in seine Akademie und seine Tafelrunde verfolgten den Menschen Friedrich die Konsequenzen seines Königtums. Wenn Herr Erich Schmidt sagt, daß Friedrich sich seinen Freunden gegenüber »nie mit vornehmem Purpur gönnerhaft behängt« habe, so will der Lessing-Biograph damit nur einen schlagenden Beweis für Lessings Behauptung liefern, daß es frostige Scherze gibt, die dem Hörer gleich das kalte Fieber zuziehen können. Die alten, untertänig ersterbenden, aber den modernen Byzantinern an Wahrheitsliebe weit überlegenen Hofgeschichtsschreiber wußten es besser. Einer von ihnen weist darauf hin, wie viele von Friedrichs französischen Freunden es nicht einmal ein Jahr in seiner Nähe aushielten, und sagt im besonderen von Algarotti: »Im Dienste des Königs war er gebunden, und er konnte ohne Urlaub nicht von Potsdam nach Berlin gehen. In der Entfernung war gegenseitige Zärtlichkeit.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 1, 243. Herr Erich Schmidt hat für sein von den widerwärtigsten Byzantinismen strotzendes Kapitel über Friedrich das Material nur aus den Schriften des Königs selbst entnommen, was denn gleich einen guten Begriff von den »Fortschritten der biographischen Methode« und den »hohen Zielen« gibt, die Herr Schmidt der »Lessing-Forschung« gesteckt haben will. Nicht, als ob die Schriften Friedrichs an Ehrlichkeit nicht vielfach den Friedrich-Mythologen noch als Muster dienen könnten, aber gerade den historischen Wert der von Herrn Schmidt so sehr bewunderten »Ehrengedächtnisse«; die Friedrich in seinen Gedichten den ihm persönlich nahestehenden Personen widmete, beleuchtet der alte Preuß, 1, 260, in folgender ergötzlichen Weise: »In ihren Hof- und Haushaltungen mußte die gesamte königliche Familie sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;sehr knapp&#039;&#039; behelfen ... Dagegen bedachte Friedrich seine Geschwister öfters mit Gedichten, in welchen er ihnen die schmeichelhaftesten Huldigungen widmete oder die beruhigendsten Wahrheiten aussprach.« In den von dem preußischen Staatsarchive herausgegebenen Publikationen sind vor einiger Zeit die Gespräche Friedrichs mit seinem Vorleser Henri de Catt herausgekommen; nach Aufzeichnungen Catts geben sie ein getreues Bild von Friedrich in seinem persönlichen Verkehre, das die Friedrich-Mythologen allerdings bezaubernd finden, während Augen ohne byzantinisch geschliffene Brillen in diesen Gesprächen die verwüstenden Wirkungen des Despotismus erkennen werden, die an einem aufgeweckten und begabten Despoten, wie Friedrich war, um so drastischer hervortreten.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte zu sagen: Friedrich betrachtete seine französischen Gelehrten als Hofnarren, und selbst Voltaire, die »verführerischeste Kreatur« unter ihnen, nannte er ganz unverhohlen so. Sie waren zu seiner persönlichen Zerstreuung da, und wenn diese Zerstreuung auch hoch über den Amüsements anderer Fürsten stehen mochte, so war sie deshalb noch lange keine literarische Kultur. Am wenigsten konnte die Akademie der Wissenschaften als Organ einer solchen Kultur gelten. Alles, was die Leipziger Perücken an Pufendorf und Thomasius gesündigt haben mögen, war fast ein Kinderspiel gegen den moralischen Meuchelmord, womit die Berliner Akademie den holländischen Professor König, einen Freund Lessings, abtun wollte, weil er gegen gewisse physikalische Behauptungen ihres Präsidenten Maupertuis einen ganz bescheidenen und ehrerbietigen Widerspruch erhoben hatte. Voltaire allerdings sprang dem Gefährdeten bei, zu seiner Ehre, aber auch zu seinem Unheil, denn der König ließ seine Streitschrift gegen Maupertuis durch Henkershand auf dem Gendarmenmarkte verbrennen und schrieb ihm so ausfallende Briefe, daß Voltaire sich zur Rückkehr nach Frankreich entschloß. Auf der Heimreise erlebte er dann noch in Frankfurt a. M. mit dem preußischen Residenten jene berufenen Abenteuer, durch deren abschreckende Erinnerung zwanzig Jahre später der alte Goethe seinen Sohn vor der Übersiedlung an den Hof von Weimar warnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren in großen Zügen die politischen, sozialen, literarischen Zustände der preußischen Hauptstadt zur Zeit, als Lessing in ihr lebte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IV. Lessing in Berlin und in Wittenberg ==&lt;br /&gt;
Zunächst führte der junge Lessing in Berlin das Leben eines literarischen Tagelöhners. Er ordnete die Bibliothek des alten Rüdiger, dem die »Vossische Zeitung« gehörte; er übersetzte allerlei aus dem Französischen; er hatte diese oder jene »Kondition« bei einem Baron v. d. Goltz, einem Herrn v. Röder. Aber in dem Ringen um die Notdurft des Lebens wurde ihm das Brot nicht zum Steine. Es war ihm wirklich nicht zuzutrauen, wie er später einmal seinen Eltern schrieb, »als hätte er sein Studieren am Nagel gehangen und wolle sich bloß elenden Beschäftigungen de pane lucrando widmen«, und gegen den Abend seines Lebens konnte er seinem Bruder sagen, er sei schon in sehr elenden Umständen gewesen, aber doch noch nie in solchen, wo er im eigentlichen Verstande um Brot geschrieben habe. Solche »Nichtswürdigkeiten« galten ihm nie mehr, als sie wert sind, und immer strebte er in »sein Gleis zu kommen«. Dies Geleise war der Kampf für die Emanzipation der bürgerlichen Klassen. Soweit es in Berlin möglich war, hielt Lessing seine Verbindung mit dem Theater aufrecht, arbeitete seine Komödien aus, vertrieb sie an die Bühnen in Hannover und Wien, veröffentlichte Beiträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, für die er in Stuttgart einen Verleger suchte und fand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und zugleich suchte Lessings immer reger Geist in dem sandigen Boden von Berlin den Flecken fruchtbarer Erde, wo er etwa doch frische Wurzeln schlagen könnte. Er mußte nun einmal in der Welt und im Umgange der Menschen leben, und es ist anziehend zu untersuchen, wie sein untrüglicher Klasseninstinkt in derselben Mahlzeit Gift und Nahrung zu scheiden wußte. Die französische Kultur trat ihm in Berlin als ein Zerrbild entgegen, sozusagen als die Kehrseite einer gewirkten Tapete. Indessen während die einen dies Zerrbild gläubig bewunderten und die anderen höchstens heimlich darüber schimpften, spottete Lessing dreist über das wirre Durcheinander bunter Fäden, aber er drehte zugleich die Tapete um und zeigte, daß auf ihrer richtigen Seite für die bürgerlichen Klassen gar viel zu lernen sei: Er bekämpfte die französische Literatenwirtschaft Friedrichs mit dem gesunden Hasse der Unterdrückten gegen die Unterdrücker, einem Hasse, der deshalb nicht weniger die sittlichste aller Empfindungen ist, weil ihn die Unterdrücker, heute noch mehr als damals, für die unsittlichste, für einen giftigen und ohnmächtigen Neid, auszugeben belieben, wie denn Herr Erich Schmidt von Lessings »scharfäugigem Neid« gegenüber den französischen Hofliteraten spricht. Aber Lessing verkannte deshalb nicht die damalige Überlegenheit der französischen über die deutsche Kultur, und wenn er in Berlin einen »entscheidenden Anstoß« erhielt, so war es nicht von dem Könige Friedrich oder seiner Hauptstadt, sondern von zwei französischen Schriftstellern, deren einer in der Tafelrunde von Sanssouci saß: von Bayle und von Voltaire.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Voltaire war um mindestens eine, Bayle reichlich um zwei Generationen älter als Lessing. Dieser Unterschied der Zeiten bewirkte, daß Lessing beiden Franzosen an Klarheit und Schärfe des bürgerlichen Klassenbewußtseins überlegen war, sosehr sie ihn an Vielseitigkeit der Begabung und tiefgreifender Einwirkung auf das achtzehnte Jahrhundert übertreffen mochten. Lessing stand der Kirche und ihrem Glauben viel ferner als Bayle; er hat der Orthodoxie andere Tänze aufgeführt wie dieser, von dem Feuerbach sagt: »So umflattern die Zweifel und Einwürfe Bayles wie kleine Tagvögel, angreifend, aber sogleich wieder zurückfliehend, keck und furchtsam zugleich, die Nachteule der Orthodoxie.« Und noch weniger hat sich Lessing je an die Höfe gedrängt wie Voltaire. Aber er hat von beiden Männern außerordentlich viel gelernt: an positivem Wissen nicht nur, sondern mehr noch in der Führung des Kampfes gegen die Welt erstarrter Vorurteile, die mit unsichtbaren Ketten alle Tatkraft der bürgerlichen Klassen gebunden hielten. Von Bayle und Voltaire lernte Lessing sein Schwert so blank und scharf schleifen, so leicht und sicher führen. Bayle, der »Universalkritiker seiner Zeit«, wie ihn Feuerbach, der »erste Journalist aller Zeiten«, wie ihn Justi nennt, war ihm dabei die wähl verwandtere Natur. Bayle lebte lieber in dem bürgerlichen Holland als in dem höfischen Paris, und wie Lessing niemals das »Professorieren« ausstehen konnte, so schrieb Bayle an einen Freund: »Ich bin kein besonderer Freund von den Streitigkeiten, den Ränken, den Entre-Mangeries professorales (gegenseitigen Professoren-Fressereien), die auf allen unseren Akademien herrschen.« Pastor Lange, der geschundene Marsyas von Laublingen, höhnte und stöhnte, daß Lessing seine ganze Gelehrsamkeit aus Bayle habe, und völlig unrecht hatte er nicht, denn er war das Opfer einer Kritik, die sich an Bayle geschult hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über Bayle vergleiche Feuerbach, Pierre Bayle, ein Beitrag zur Geschichte der Philosophie und Menschheit. Eine schöne Charakteristik Bayles auch bei Justi, Winckelmann, 1, 109 ff. Über Bayle und Lessing siehe Danzel-Guhrauer, Lessing, 1, 219 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bayle war über vierzig Jahre tot, als Lessing sich in seine Werke zu vertiefen begann. Dagegen lebte Lessing mit Voltaire einige Jahre am selben Orte zur selben Zeit, nicht ohne die mannigfachste geistige und vielleicht auch nicht ohne jede persönliche Berührung. Lessing hat des »Herrn von Voltaire kleinere historische Schriften« mit beflissener Sorgfalt ins Deutsche übertragen und spricht wiederholt mit höchster Bewunderung von ihm, dagegen hat er gleichzeitig seine schärfsten Epigramme gegen Voltaire geschnellt. Ihn meint Lessing, wenn er den reichen Dichter Semir verhöhnt, der ein Geizhals ist, »weil nach des Schicksals ew&#039;gem Schluß ein jeder Dichter darben muß«, ihn auch, wenn er von »Frankreichs Witzigstem« spricht, den »der schlaueste Hebräer in Berlin« prellen wollte, aber nicht prellen konnte, weil »Herr V** war ein größrer Schelm als er«, ihn endlich in der blutigen Satire auf die Katzbalgereien der französischen Hofliteraten, wo Voltaire auf Arnauds Betreiben vom Könige berufen wird und, als er kommt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Was, ruft er, Arnaud hier? Wenn mich der König liebt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So weiß ich, daß er stracks dem Schurken Abschied gibt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die bürgerlichen Historiker erklären diese scheinbaren Widersprüche mit Friedrichs Urteil über Voltaire: ein schlechter Kerl, aber ein himmlisches Talent. Indessen das heißt die Frage nicht beantworten, sondern umgehen, ganz abgesehen davon, daß es mit dem »schlechten Kerl« doch auch so seine eigene Bewandtnis hat: Man braucht nur Friedrichs Alter in Sanssouci mit Voltaires Alter in Ferney zu vergleichen, um zu erkennen, wer von beiden »edel, hilfreich und gut« in Goethes Sinne gewesen ist. Lessing selbst aber gibt die Lösung jener scheinbaren Widersprüche in der Grabschrift, die er nach einem Vierteljahrhundert dem eben verblichenen Voltaire setzte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Hier liegt ? wenn man euch glauben wollte,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr frommen Herrn! ? der längst hier liegen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der liebe Gott verzeih&#039; aus Gnade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihm seine Henriade&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seine Trauerspiele&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und seiner Versehen viele;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn was er sonst ans Licht gebracht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das hat er ziemlich gut gemacht.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem abschließenden Worte über Voltaire unterscheidet Lessing nicht zwischen dem großen Talent und dem schlechten Charakter, sondern zwischen dem höfischen Dichter und dem bürgerlichen Schriftsteller, und eben dieser soziale Gesichtspunkt bestimmte auch schon seine Stellung zu Voltaire im Jahre 1750. Er geißelte den von höfischen Lastern angesteckten Höfling, aber er lernte von dem historischen und philosophischen Schriftsteller, in dem jener dritte Stand, der schon alles war, seinen beredtesten Herold gefunden hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing und Voltaire – dies Kapitel gehört zu den düstersten Abschnitten der Lessing-Legende. An einer Szene, die beide Männer in ihrem sozialen Gegensatze zeigt, gehen alle bürgerlichen Literarhistoriker mit stumpfen Sinnen vorüber, dagegen beuten sie eine handgreifliche Flause von Lessings Bruder Karl Gotthelf zu den abenteuerlichsten und für Gotthold Ephraim nicht eben schmeichelhaften Phantasien aus. Jene Szene spielte sich in der Nacht des 25. August 1750 auf dem Schloßplatze von Berlin ab. Friedrich gab dort zu Ehren seiner Schwester von Bayreuth ein sogenanntes Karussell, ein Ringelrennen von Prinzen und Hofleuten, die in vier Quadrillen als Griechen, Römer, Karthager und Perser gegeneinander ritten und mit ihren Speeren nach Ringen stachen, im Schimmer von vierzigtausend Lampen, mit lärmender Janitscharenmusik und unter Aufwand von viel Schneiderpracht; die kostspieligste Mummerei, die der König sich je gestattet hat, obgleich nicht sowohl für ihn kostspielig als für die Teilnehmer, die aus eigener Tasche ihre Ausstattung besorgen, und für die Zuschauer, die den Augen- und Ohrenschmaus mit schwerem Gelde bezahlen mußten: Der König wohnte selbst dem Feste bei, und seine Schwester Amalie verteilte als Göttin der Schönheit die Preise. In der Hofloge saß auch Voltaire; »er sah bescheiden aus«, sagt sein späterer Sekretär Collini, »aber die Freude strahlte aus seinen Augen«. Und alsbald schlug er, so schreibt sein Biograph Strauß, gleichsam die Denkmünze für das Fest in dem Epigramm, das, freilich in seiner französischen Originalprägung ganz anders blank erscheint als in dem deutschen Abguß, worin wir es geben müssen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nie war in Rom und in Athen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Festspiel, dessen Glanz vor diesem nicht erbleichte;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Paris&#039; Zügen war der Sohn des Mars zu sehn,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und Venus, die den Apfel reichte.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So Strauß, aber weder er noch ein anderer bürgerlicher Historiker hat die epigrammatische Denkmünze entdeckt, die Lessing auf dasselbe Fest schlug, obwohl sie offen in seinen Werken vorliegt. Hier ist sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auf ein Karussell&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freund, gestern war ich – wo? – Wo alle Menschen waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich für mein bares Geld&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So manchen Prinz, so manchen Held,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach Opernart geputzt, als Führer fremder Scharen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich manche flinke Speere&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf mancher zugerittnen Mähre&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch eben nicht den kleinsten Ring,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der unter tausend Sonnen hing,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
(O schade, daß es Lampen waren!)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oft, sag&#039; ich, durch den Ring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und öfter noch darneben fahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich – ach, was sah ich nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, daß beim Licht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kristalle Diamanten waren;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da sah ich, ach, du glaubst es nicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie viele Wunder ich gesehen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was war nicht prächtig, groß und königlich?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, dir die Wahrheit zu gestehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mein halber Taler dauert mich.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das ist eine hinlänglich trotzige Sprache in einer allgemein schweifwedelnden Zeit, und dieser junge Proletarier soll karriereschnaufend hinter Voltaire hergelaufen sein, um in den höfischen Literatenschweif des Königs zu gelangen?&amp;lt;ref&amp;gt;Lessings Werke, 1, 153. Strauß, Voltaire, 98. Carlyle, 4, 270 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die preußische Mythologie will es so, und Herr Erich Schmidt ist ihr Prophet. Und da muß nun ein alter Humbug aushelfen, der in diesem Jahre gerade sein hundertjähriges Jubiläum feiert. K. G. Lessing erzählt nämlich in der Biographie seines Bruders, Gotthold Ephraim sei durch seinen Freund, den französischen Sprachlehrer Richier de Louvain, an Voltaire empfohlen worden, und fährt dann fort: »Die Veranlassung dazu war, daß Voltaire einen deutschen Übersetzer zu jenen Memorialen suchte, welche er gegen den Juden Hirsch, mit dem er in den bekannten Prozeß verwickelt war, für das Kammergericht verfertigte. Voltaire lud ihn alle Tage zu sich zu Tische, sprach auch von Literatur und Wissenschaften, doch immer in so zurückhaltendem und ernstem Tone, daß den Tischgenossen wenig Spielraum ihres Witzes blieb.« Diese zwei Sätze sind, seitdem sie vor hundert Jahren veröffentlicht wurden, unzählige Male, bald gegen Lessing, bald gegen Voltaire, bald gegen beide ausgebeutet worden, am tollsten von Herrn Erich Schmidt, indem er schreibt: »Wenn der König diesen gierigen Intriganten« – das soll nämlich Voltaire sein! – »nach wie vor an seine Tafel zog, warum sollte ein junger, armer Literat während des schmählichen Prozesses und seiner Nachwirkungen nicht den Tisch des größten, mächtigsten Schriftstellers teilen? ... Man wird keinen Stein auf ihn werfen, weil Neugier und Ehrgeiz, die Hauptmächte seiner Brust, ihn zu Voltaire zogen, auch um den Preis, der Dolmetsch schofler Akten zu sein ... Man meint es mit Augen zu sehen, wie der nach Auszeichnung lechzende Jüngling gespannt lauschend dem dürren Weisen gegenübersaß, der gelegentlich aus der Zurückhaltung des vornehmen Mannes heraustrat und dem jungen Schreiber einige literarische Brocken zum Nachtisch spendete.« Folgen die schon in dem ersten Teile dieser Darstellung gekennzeichneten Elendigkeiten über Lessings angebliches Strebertum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es wohl an der Zeit, die Schwindelblase einmal aufzustechen. Über Voltaires Judenprozeß können wir uns hier nicht näher verbreiten, so wünschenswert es wäre, daß er endlich einmal eine unbefangenere Darstellung fände, als er bisher, selbst durch Garlyle und Strauß, gefunden hat. Schön war er gewiß nicht, obwohl im schlimmsten Falle nicht häßlicher, als was die kapitalistische Presse heutzutage an »Edelsten und Besten« der Nation eine »korrekte Gründung« zu nennen pflegt, wobei wir nicht einmal mit einrechnen wollen, daß Voltaires Habsucht denn doch etwas anderes war als die hungrige Profitwut unserer Tage. Ihm war das Geld nicht Zweck, sondern Mittel; »nicht leicht«, sagt Goethe mit treffender Milde, »hat jemand sich so abhängig gemacht, um unabhängig zu sein«. Aber jedenfalls hat Lessing mit der ganzen Geschichte auch nicht das geringste zu tun. Schon die einzige, anscheinend aktenmäßige Angabe in den oben angeführten Sätzen seines brüderlichen Biographen, daß nämlich der Prozeß vor dem Kammergericht geführt worden sei, ist unwahr. Und diese Unwahrheit ist um so bezeichnender für ihren Urheber, als K. G. Lessing in seinem weiteren Geschwätze über Voltaires Schlechtigkeit sich auf Kleins aktenmäßige Darstellung des Prozesses bezieht und Klein gerade seitenlang ausführt, daß der Prozeß &#039;&#039;nicht&#039;&#039; vor dem Kammergerichte, sondern vor einer sogenannten »Immediat-Kommission« geführt worden ist, was schon den Zeitgenossen peinlich auffiel.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Kammergerichtsrat Klein schließt seine betreffende Auseinandersetzung, Annalen der Gesetzgebung und der Rechtsgelehrsamkeit in den Preußischen Staaten, 5, 251 f., mit der Bemerkung, es sei sonst zum »Grundsatze geworden«, »daß dergleichen Immédiat-Kommissionen bei den Streitigkeiten der Privatpersonen gar nicht stattfinden, sondern ein jeder das Recht haben solle, vor seinem gehörigen Richter zu stehen«, und fügt hinzu: »Dies bemerke ich um der Ausländer willen, welche sonst aus diesem Beispiele den Schluß ziehen könnten, als wenn ein Günstling des Monarchen nur eine Immediat -Kommission ausbringen dürfe, um dem Wege Rechtens auszuweichen.« Man sieht: Nach diesem altfränkischen Juristen von 1790 wirft der Judenprozeß Voltaires auch einen Schatten auf die friderizianische Rechtspflege, aber die preußischen Mythologen, von K. G. Lessing bis Herrn Erich Schmidt, denken wie der mythische Müller von Sanssouci: Ja, wenn das Kammergericht in Berlin nicht wäre! und lassen aus höchsteigener Machtvollkommenheit den Prozeß vor dem Kammergerichte spielen. Bei Herrn Schmidt erscheint dieser sonderbare Irrtum um so sonderbarer, als er mindestens bei dem gründlichen Danzel gelesen haben muß, daß der Prozeß »vor einer Immediat -Kommission ziemlich formlos« behandelt worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter aber springt aus psychologischen Gründen die Sinnlosigkeit der ganzen Fabel in die Augen. Voltaire, in dessen Vorzimmer sich »Prinzen, Marschälle, Staatsminister, fremde Minister, Herren vom ersten Range« drängten, Voltaire, für den es sich bei dem Prozesse moralisch um Kopf und Kragen handelte, soll einen jungen, damals ganz unbekannten »Kandidaten der Medizin« in seinen vertraulichen Verkehr gezogen, ihn hinter die Kulissen des Prozesses haben blicken lassen, nur weil er einen Übersetzer seiner »schoflen Akten« brauchte! Und Lessing soll sich zum Übersetzer dieser »schoflen Akten« hergegeben haben, nur um die Beine unter Voltaires Tisch strecken zu können, und er soll dann, dreimal »schofel«, die beißendsten Epigramme auf den Prozeß hinter Voltaires Rücken gemacht haben! Nein, es war Friedrichs Art, Voltaire einen alten Affen, einen Lumpenkerl, einen Schuft und so weiter zu nennen und ihm dann doch wieder die Hand zu küssen, aber in Lessings Wesen lag diese doppelte moralische Buchführung gar nicht, und wenn er ihrer überführt werden soll, so sind bessere Beweise notwendig als das leichtfertige Gerede eines albernen Patrons, wie K. G. Lessing war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Glücklicherweise läßt sich der Gegenbeweis aber nicht nur auf psychologischem Wege führen. Die für den Prozeß niedergesetzte Immediat-Kommission bestand aus den drei ersten preußischen Juristen (Cocceji, Jarriges und Löper); alle drei waren der französischen Sprache mächtig und einer von ihnen sogar ein geborener Franzose, wie denn auch der letzte Entscheid des Gerichts, ein Vergleich zwischen Voltaire und Hirsch, in französischer Sprache ausgefertigt worden ist. Hätte also Voltaire selbst den Prozeß führen wollen, so hätte er seine »Memorialen« um so mehr französisch einreichen können, als auch der Jude Hirsch diese Sprache geläufig handhabte. Aber Voltaire führte den Prozeß gar nicht selbst, sondern ließ ihn durch einen Advokaten, den Hofrat Bell, führen, und diesen instruierte er, soweit er es schriftlich tat, wie die Akten ergeben, weder in deutscher noch in französischer, sondern in lateinischer Sprache. Was soll denn nun eigentlich Lessing übersetzt haben? Der Advokat mußte von Amts wegen Latein verstehen, und Voltaire verstand es auch. Lessing schrieb freilich, wie aus einem etwa gleichzeitigen Briefe an seinen Vater hervorgeht, ein viel besseres Latein als Voltaire, aber dies ist nur ein Grund mehr, daß er die lateinischen Instruktionen für Voltaires Advokaten nicht geschrieben haben kann. Genug: Zu Ehren all der bürgerlichen Literaturforscher, die seit einem Jahrhundert über Lessings Mitwirkung an Voltaires Judenprozeß ihre moralischen Betrachtungen in die Welt gesetzt und sich dabei in der ehrbarsten Weise auf Kleins Annalen als eine Nebenquelle ihrer Wissenschaft berufen haben, muß man annehmen, daß es ihnen niemals der Mühe wert gewesen ist, diesen alten Tröster aufzuschlagen, denn sonst würden sie bei ihrer viel gefeierten »philologischen Akribie« sofort die Flunkerei ihrer Hauptquelle, nämlich K. G. Lessings, erkannt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ob sonst eine persönliche Berührung zwischen Lessing und Voltaire stattgefunden hat, läßt sich nicht mehr feststellen; erwähnt hat weder der eine noch der andere eine solche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Dafür&#039;&#039; spricht bis zu einem gewissen Grade der Umstand, daß Lessing für seine Übersetzung von Voltaires historischen Schriften nach eigenem Zeugnis »eins der mit der Feder verbesserten Exemplare« benutzt hat; &#039;&#039;dagegen&#039;&#039; die Tatsache, daß ein Brief Voltaires vom 1. Januar 1752 an den inzwischen aus Berlin verschwundenen Lessing nach Inhalt und Ton auf keine frühere Bekanntschaft hindeutet, eher auf das Gegenteil.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Übersetzung von Voltaires kleineren historischen Schriften ist neuerdings in einer von Erich Schmidt besorgten Ausgabe erschienen. Dieser Herr hatte in seiner Lessing-Biographie, 1, 190, mit allem Aplomb behauptet, daß Lessing »im Auftrage Voltaires nach dessen mit Randnoten versehenem Handexemplar übersetzt« habe. In dieser neuesten Veröffentlichung aber, in der Herr Schmidt seine kühne Behauptung wahrmachen konnte und billigerweise auch hätte wahrmachen sollen, findet er sich mit der Bemerkung ab: »Eingehende Untersuchung darüber, wieweit sich Lessing handschriftlicher Verbesserungen Voltaires bedient habe, konnte ich schon aus Mangel eines umfassenden Voltaire-Apparates nicht anstellen.« Siehe Erich Schmidt, G. E. Lessings Übersetzungen aus dem Französischen Friedrichs des Großen und Voltaires, 254. Das genügt. Aber es hindert Herrn Erich Schmidt natürlich nicht, all den Klatsch über Lessing und Voltaire bei dieser Gelegenheit wieder durchzuklatschen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veranlaßt war dieser Brief durch eine, gelinde gesagt, sträfliche Bummelei Lessings, der von seinem schon erwähnten Freunde Richier de Louvain die Aushängebogen von Voltaires großem Geschichtswerke über Ludwig XIV. unter dem Versprechen strengster Diskretion und alsbaldiger Zurückgabe erhalten, aber die Bogen sowohl dritten Personen gezeigt als auch bei seiner Abreise nach Wittenberg mitgenommen hatte. Lessing brachte dadurch seinen Freund in ein schlimmes Gedränge und sich selbst in einen peinlichen Verdacht. Voltaire kannte den deutschen Nachdruck aus trübseligen Erfahrungen, und er hatte allen Anlaß; sein Eigentum in einem spitzen Briefe zurückzufordern; sehr glaublich ist es nicht, daß Lessing sich einer lateinischen Antwort gerühmt haben soll, die Voltaire nicht hinter den Spiegel gesteckt haben werde. Es kann den bürgerlichen Literarhistorikern überlassen bleiben, auch bei diesem Anlasse der angeblichen Bosheit Voltaires eins auszuwischen und sich zu trösten, daß der Kritiker Lessing es ihm um so gründlicher eingetränkt habe; deshalb trägt Lessing nicht weniger die alleinige Schuld an diesem unerfreulichen Zwischenfalle, und da er noch ein Jahr später in der »Vossischen Zeitung« mit lebhafter Bewunderung von Voltaire spricht, so verdient er am Ende auch nicht den zweifelhaften Ruhm, aus Verdruß über eine verdiente Beschämung seine Rezensentenfeder in Gift und Galle getaucht zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seit dem Februar 1751 hatte Lessing die Redaktion des »gelehrten Artikels« bei der »Vossischen Zeitung« übernommen. Die politische Tätigkeit für dies Blatt war ihm wegen der friderizianischen, jedes freie Wort würgenden Zensur stets zuwider gewesen, aber literarisch hat er bis zum Herbste von 1755 daran gearbeitet, und offenbar nicht ungern. In Ermanglung von Besserem war ihm ein dürftiges Winkelblatt gut genug als aufmunternde Peitsche für die faule Philisterwelt, und auch darin erwuchs ihm aus der Not eine Tugend, daß seine einsame Stimme aus der literarischen Wüste von Berlin um so kräftiger ertönte. Wenn er gleichwohl Ende 1751 seine Arbeit für die Zeitung auf einige Monate unterbrach, um nach Wittenberg zu übersiedeln, so nennt er selbst als Grund dieser vorübergehenden Ortsveränderung in einem Briefe »hundert kleine Zufälle, die zu klein sind, als daß ich Sie damit martern wollte«. Indessen die hundert kleinen Zufälle scheinen im wesentlichen auf &#039;&#039;einen&#039;&#039; kleinen Zufall hinauszulaufen: Lessing promovierte in Wittenberg. Er wurde aus dem »Kandidaten der Medizin« ein Magister der freien Künste. Er machte den Pedanten und Perücken dies Zugeständnis oder vielmehr: Er mußte es gern oder ungern machen, und unsere Zeit, die den greulichen Zopf noch immer nicht abgeschnitten hat, darf ihn deshalb am wenigsten tadeln. Lessing hat seine akademische Würde mit derselben souveränen Verachtung behandelt wie die höfische Würde des Hofrats, die ihm zwanzig Jahre später wider seinen Willen ins Haus geflogen kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz, wie Lessings Aufenthalt in Wittenberg sein mochte, war er doch lang genug, ihm Händel mit der theologischen Garde der Lutherstadt zu machen. Und zwar, keineswegs religiöse, sondern soziale Händel. Wie Lessing in den französischen Hofliteraten von Berlin die ideologische Vorhut des friderizianischen, so sah er in der lutherischen Orthodoxie von Wittenberg den ideologischen Ausdruck des sächsischen Despotismus. Sie war es auch wirklich, und zwar nicht etwa weniger, sondern nur um so mehr, weil die Wettiner inzwischen wegen der polnischen Königskrone zum Katholizismus übergetreten waren. Der Übertritt zwang die sächsischen Fürsten erst recht, das stärkste Werkzeug ihres einheimischen Despotismus sorgfältig zu schonen. So war denn die schwarze Schar in Wittenberg eben über einen aus ihrer eigenen Mitte mit Krallen und Schnäbeln hergefallen, weil er dem damaligen Papste ein paar Schriften eingesandt und ein freundliches Dankschreiben erhalten hatte, weil er, wie Lessing es ausdrückt, »einige Schritte von Luthers Grabe sich nicht zu sagen gescheut hatte, daß der jetzige Papst ein gelehrter und vernünftiger Mann sei«. Lessing verspottete die frommen Eiferer in dem bekannten Epigramm:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er hat den Papst gelobt. Und wir, zu Luthers Ehre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir sollten ihn nicht schelten?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Papst, den Papst gelobt? Wenn&#039;s noch der Teufel wäre,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ließen wir es gelten.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber das war nur ein leichtes Vorpostengefecht. Lessing studierte zugleich auf der Wittenberger Universitätsbibliothek die Reformationsgeschichte und fand hier den Stoff zu den Lemnius-Briefen, seiner ersten Prosaschrift, die in ihrer Art klassisch war. Diese Briefe sind mit einem frischen und kecken Witze geschrieben, der den Meistern Bayle und Voltaire alle Ehre macht und vor allem: Sie fassen den Stier bei den Hörnern und überführen den abgöttisch verehrten Luther der sozialen Unterdrückung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Simon Lemnius war ein harmloser, humanistischer Poet, der 1538 in Wittenberg ein Büchlein lateinischer Epigramme herausgegeben und darin auch den Hohenzollern Albrecht, den Kurfürsten von Mainz, als Gönner der Humanisten verherrlicht hatte. Erster geistlicher Fürst des Reiches, war Albrecht doch ein sehr nachsichtiger Gegner der Reformation; er trug auf zwei Schultern und spielte wohl mit dem Gedanken einer deutschen Nationalkirche, deren Primas er gern geworden wäre; auch konnte er bei seinem leichtfertigen und verschwenderischen Lebenswandel die großen Summen nicht entbehren, um die er die Freiheit der protestantischen Religionsübung an die Angehörigen seines Erzstifts zu verhandeln pflegte. Hutten stand noch in Albrechts Diensten, als er bereits die heftigsten Streitschriften gegen Rom gerichtet hatte; zu Luthers Hochzeit hatte Albrecht – der Kardinal der katholischen Kirche zur ehelichen Verbindung eines Mönchs und einer Nonne! – zwanzig Goldgulden geschickt; er hatte endlich noch im Jahre 1532 die Widmung von Melanchthons Kommentar zum Römerbriefe angenommen und seinen Dank mit dreißig Goldgulden sowie einem Becher abgestattet. Was Wunder also, daß Lemnius kein Arg hatte, wenn er nach Humanistenart dem Gönner der Humanisten einigen Weihrauch streute; hatte doch auch Melanchthon seine Epigramme die Zensur passieren lassen. Kaum aber las Luther das Büchlein, als er in berserkerhaften Zorn gegen den Dichter geriet. Dieweil der »Schandpoetaster« einen Heiligen aus dem Teufel macht, so schrie er von der Kanzel, »ist mir&#039;s nicht zu leiden, daß Solches öffentlich und durch den Druck geschehe in dieser Kirche, Schule und Stadt, weil derselbige Sch...bischof ein falscher, verlogener Mann ist«. Zugleich ließ er dem Lemnius durch den akademischen Senat zunächst Arrest ankündigen, und, als Lemnius nunmehr floh – »ein aufgebrachter Luther war alles zu tun vermögend«, erläutert Lessing –, an die Kirchentür anschlagen, »der flüchtige Bube, wenn man ihn bekommen hätte, würde nach allen Rechten billig den Kopf verloren haben«. Die Epigramme des Lemnius aber wurden verbrannt. Der Poet ließ sie nun in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, von neuem auflegen und fügte eine Reihe unzüchtiger Schmähungen gegen Luther und andere Reformatoren bei. An der Hand dieser Zoten – dem Gerechten muß alles zum besten dienen – haben dann die protestantischen Geschichtsschreiber ihren teuren Gottesmann zu retten gesucht, und zwar durch eine ebenso einfache wie geniale Umkehrung von Ursache und Wirkung: Sie behaupten, Lemnius habe mit den Zoten begonnen und darüber sei Luther in eine sehr berechtigte Entrüstung geraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Geschichtsklitterung deckt nun Lessing in seinen acht Lemnius-Briefen, nicht ohne ein paar beiläufige Irrtümer, aber im wesentlichen vollkommen zutreffend, auf. Er weist nach, daß die ursprünglichen Epigramme des Lemnius nur den einen Fehler hatten, gar zu beziehungs- und salzlos zu sein, daß sie ganz unschuldige Stilübungen waren und daß Luthers Wut allein durch das Lob Albrechts erregt wurde. Mit schöner Wärme tritt Lessing gegen den rohen Verfolger für den unschuldig Verfolgten ein; er geißelt Luthers »Niederträchtigkeiten«, seine »blinde Hitze«, auch Melanchthons Feigheit. Nicht die Dogmen der lutherischen Kirche greift Lessing an, wie immer er sonst für seine Person dazu stehen möchte, sondern das Luthertum als Organ der sozialen Unterdrückung. Man sage nicht: Was kommt denn viel darauf an, ob Luther einmal einem vergessenen Poetlein zuviel getan hat! So zu denken, war Lessings Art gar nicht; er war ein Vorläufer jenes französischen Revolutionärs, der soziale Unterdrückung schon für vorhanden erklärte, wenn auch nur ein Individuum unterdrückt werde; ja, Lessing hat diesen Gedanken schon zehn Jahre vor der Französischen Revolution ausgesprochen, als er in seinen Freimaurergesprächen sagte, jede Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;müssen&#039;&#039;, sei Bemäntelung der Tyrannei. Und wie richtig ihn sein Klasseninstinkt leitete, als er in dem Falle des Lemnius einen Typus für die Unterdrückungs- und Verfolgungssucht des Luthertums darstellte, das hat ihm inzwischen die lutherische Geschichtsschreibung selbst bestätigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sollte nämlich meinen, daß nach Lessings erschöpfender Darstellung kein deutscher Historiker mehr den Lemnius verleumden werde, um Luthers »Niederträchtigkeiten« zu verdecken. Sehen wir aber einmal zu! Ranke schreibt: »Bei der würdigen Stellung, welche die klassischen Studien einnahmen, konnte sich das tumultuarische, händelsuchende Treiben der früheren Poetenschulen nicht mehr halten. Das Schicksal des Simon Lemnius, der es unter den Augen Luthers fortsetzen wollte und. darüber verjagt ward, ist für die Richtung überhaupt bezeichnend.« Da ist also schon der alte Humbug, wenn auch noch in diplomatisch-vorsichtiger Verkleidung. Offener geht Konsistorialrat Köstlin, der Luther-Biograph, ins Zeug, wenn er Lessings Darstellung mit priesterlicher Salbung für »ungenügend, teilweise unrichtig« erklärt, Lemnius einen »würdigen Kotdichter« nennt und als die Ursache von Luthers Vorgehen »einen Sturm bei der Universität und in der Stadt« angibt, weil die Epigramme des Lemnius »sich verletzend gegen Wittenberger Persönlichkeiten richteten«, eine Behauptung, die Lessing in bündigster Weise widerlegt hat. Immerhin erwähnt Köstlin nachträglich noch Luthers maßlosen, durch das »überschwengliche Lob« Albrechts erregten Zorn. Dagegen läßt sich der neueste Geschichtsschreiber des Falles, Professor Heidemann, der beiläufig an dem ältesten Gymnasium der deutschen Hauptstadt sei es Geschichte, sei es Religion lehrt, folgendermaßen aus: »Ein Magister Lemnius hatte Luthers Person und häusliches Leben durch Veröffentlichung unsauberer Epigramme angegriffen und Luther dadurch zu einer heftigen Erwiderung gereizt.« Womit die durch Lessing vernichtete Geschichtslüge wieder in volle Ehren eingesetzt ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Geschichte der Reformation, 5, 337. Köstlin, Martin Luther, 2, 420. Heidemann, Die Reformation in der Mark Brandenburg, 202.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach könnte man fragen: Wozu hat Lessing eigentlich gelebt, wenn das von ihm ausgereutete Unkraut an unseren hohen Schulen wieder in so üppigen Halmen steht? Nun, mindestens dazu, uns über das Wesen der Geschichtslüge aufzuklären. Er selbst scheint sie aus der Erbsünde der menschlichen Natur abzuleiten, denn in seiner Wittenberger Zeit schreibt er einmal: »Wann wird man aufhören, einen ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumalen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen?« Aus seinen eigenen Schicksalen aber kann man lernen, daß die Geschichtslüge ein Werkzeug der sozialen Unterdrückung und als solche unbesiegbar ist, solange soziale Unterdrückung besteht. Unbesiegbar sogar für die glänzenden Geisteswaffen eines Lessing, der, wenn er sich gar zu mausig macht, eben auch nur in das Grabtuch der Lessing-Legende geschnürt wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. Lessings literarische Anfänge ==&lt;br /&gt;
Gegen Ende des Jahres 1752 kehrte Lessing aus Wittenberg nach Berlin zurück, um seine Tätigkeit an dem »gelehrten Artikel« der »Vossischen Zeitung« fortzusetzen und eine Sammlung seiner Aufsätze, Gedichte und Schauspiele zu veranstalten, die nach und nach bis zum Jahre 1755 in sechs Duodezbänden erschien. Obwohl von Lessings damaligen Leistungen heute weniges noch lesbar ist, so brachen sie doch zu ihrer Zeit der deutschen Literatur eine neue Bahn. Sie halfen ihr aus dem hoffnungslosen Kreise des Gegensatzes zwischen Leipzig und Zürich, zwischen Gottsched und Bodmer-Breitinger heraus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über diesen Gegensatz ist in der bürgerlichen Literaturgeschichte unendlich viel geredet worden, ohne daß jemals sein wirklicher Kernpunkt ins richtige Licht gestellt worden wäre. Gottsched war angeblich der Popanz, vor dem sich alle frischen Kräfte der Literatur bekreuzigten, während die Züricher bei großen Schwächen denn doch den Klopstock und Lessing die Wege gebahnt haben sollen. Es half wenig, daß Danzel bis zu einem gewissen Grade eine Rettung Gottscheds versuchte, daß er ihn einen Vorläufer der neuen Zeit nannte, sosehr er auch als ein Sündenbock der alten Zeit behandelt worden sei, daß Schlosser bei allzu bitterer Beurteilung seiner Person ihn doch neben Thomasius stellte. Herr Erich Schmidt weiß es besser; er sagt mit seiner glücklichen Begabung, die Dinge immer gerade auf den Kopf zu stellen, von Gottsched: »Ihm war bestimmt, abzuschließen, nicht zu eröffnen.« Und doch hat Gottsched die Epoche unserer klassischen Literatur eröffnet, und allerdings gehört er in eine Reihe mit Leibniz, Pufendorf, Thomasius, sei es auch in wohlbemessenem Abstande.&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel-Guhrauer, 1, 487. Schlosser, 1, 560 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gottsched war ein geborener Preuße, er stammte aus Königsberg. Aber selbst seine bescheidenen Talente konnten in diesem banausischen Lande nicht gedeihen; er floh vor den Werbern Friedrich Wilhelms I., und es gab keine andere Stadt im deutschen Reiche, wo er sich eine literarische Stellung machen konnte, als Leipzig. Hier bemühte er sich als Universitätsprofessor mit großer Energie um literarische Reformen, und wenn es ihm zur Ehre gereicht, daß er von diesen Bemühungen sagen durfte: »Es ist auf die gemeinsame Ehre von ganz Deutschland damit abgezielet«, so gereicht es ihm nicht zur Schande, daß er bei der unsagbaren Verkommenheit der deutschen Literatur sozusagen mit dem Abc, mit Reinigung der Sprache, mit dürren Regeln, mit fremdländischen Mustern beginnen mußte. Es spricht nur für seinen Fleiß, daß er sich schnell emporarbeitete, und es spricht nur gegen die Armseligkeit der deutschen Zustände, daß ihm bei seinen nicht mehr als mittelmäßigen Gaben eine kritische Diktatur zufiel, die ihn verderben mußte, wie jede Diktatur jeden Menschen verdirbt. Lange Zeit teilten Bodmer und Breitinger seine Bestrebungen; sie waren eben auch keine schöpferischen Genies, am wenigsten Bodmer, der anspruchsvollere, aber unbegabtere von beiden. Nicht auf literarischem, sondern auf politisch-sozialem Gebiete entbrannte der Krieg zwischen Leipzig und Zürich, wenn er selbstverständlich auch in der ideologischen Verkleidung von allerlei ästhetischen und literarischen Streitfragen geführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zürich war die erste Stadt der Schweiz, wie Leipzig die erste Stadt des deutschen Reiches war. Aber die Schweiz war eine Republik, und in Deutschland herrschte der fürstliche Despotismus. In ihrer schulmäßigen Weise suchten deshalb Bodmer und Breitinger ihr dichterisches Muster in Milton, Gottsched aber in Corneille und Racine. In dem höfischen Servilismus blieb der deutsche Literaturpapst allerdings ertrunken. Auf der Leipziger Universitätsbibliothek befindet sich sein nachgelassener Briefwechsel, 4700 Briefe in 22 Folianten, und Danzel, der das Kreuz auf sieb, genommen hat, ihn durchzusehen, sagt davon: »Es ist unglaublich, aber wahr, daß in allen diesen Bänden kaum eine oder zwei Äußerungen politischer Art vorkommen.« Nur freilich, daß Danzel gerecht genug ist, hinzuzufügen: »Der ärgste Servilismus wird als etwas betrachtet, was sich ganz von selbst versteht.«&amp;lt;ref&amp;gt;Danzel, Gottsched und seine Zeit, 279.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und er verstand sich damals von selbst; auch Leibniz, Pufendorf, Thomasius waren von ihm nicht frei. Und wenn wir wenigstens heute davon als von einer Pest der Vergangenheit sprechen könnten! Aber Gottscheds Lobgesänge auf August den Starken waren an sich nicht schlimmer, dagegen, gemessen am Unterschiede der Zeiten, viel, weniger schlimm, als wenn heutige Literaturpäpste mit untertänigen Kratzfüßen ein literarisches Zeitalter Friedrichs des Großen aus dem Boden kratzen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Immerhin könnte es darnach scheinen, als ob die Schweizer einen freieren und weiteren Blick gehabt hätten als die Leipziger. Allein ihre Bewunderung Miltons war rein schulmäßig, war auf die oberflächlichsten Analogien gegründet. Das orthodoxe Christentum in diesen engen, kleinen Republiken, die wie Zürich verphilistert oder wie Bern verliederlicht waren, hatte gar nichts gemein mit dem revolutionären Ungestüm der englischen Puritaner, dagegen war es Geschwisterkind mit der lutherischen Orthodoxie, durch die in Deutschland der Despotismus regierte. Und hier offenbart sich ein anderer Unterschied zwischen den Leipzigern und den Zürichern, bei dem Gottsched zu seinem Rechte kommt. Verkümmert und verschrumpft, wie sein bürgerliches Klassenbewußtsein noch sein mochte, war es doch stark genug, um wenigstens gegen die ideologische Geißel der fürstlichen Tyrannei zu rebellieren. Gottsched übersetzte Bayle und machte für Voltaire eifrige Propaganda. Er legte das Schwergewicht seiner literarischen Reformen nicht in gottselige Gedichte, sondern auf des Teufels Kanzel, um im damaligen orthodoxen Jargon zu sprechen. Man sage nicht, Gottscheds Interesse für die Bühne sei nur eine Folge seiner Bewunderung für die höfische Dramatik der Franzosen gewesen. Denn er arbeitete nicht für Hofbühnen, sondern er machte verrufene Proletarier, wandernde Truppen, wie die Neuberin und ihre Gesellschaft, zu Sendboten seiner dramaturgischen Bestrebungen, was in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts für eine akademische Perücke ein ganz achtungswertes Stück gesellschaftlicher Revolution war. Auf diesen Wegen kam Gottsched aber mit den großen Strömungen des europäischen Geisteslebens in viel nähere Berührung, als Bodmer und Breitinger je gekommen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß auch anscheinend rein ästhetische und literarhistorische Fragen auf ihren politischen und sozialen Untergrund prüfen, wenn man sie richtig verstehen will. Erst aus der eben über den Streit der Leipziger und der Züricher entwickelten Auffassung versteht man, weshalb Klopstock sich um den besten Teil seiner Wirksamkeit brachte, indem er dem Rate der Züricher Kunstrichter folgte und sein Leben an ein religiöses Epos setzte; versteht man, weshalb diese Philister vor Entsetzen auf den Rücken fielen, als sie ihren gefeierten Sänger nach Zürich einluden und in ihm nicht einen vermuckerten Kopfhänger, sondern einen frischen, lebenslustigen, revolutionär gestimmten Jüngling fanden. Man versteht dann aber auch den viel schärferen Klasseninstinkt, mit dem Lessing nicht den Faden Bodmers, sondern den Faden Gottscheds weiterspann. Das klingt paradox, sintemalen die bürgerliche Literaturgeschichte von wenig Dingen mit so großem Pathos zu erzählen weiß wie von Gottscheds Hinrichtung durch Lessing. Doch hat wenigstens Danzel hierauf schon mit dem hübschen Vergleiche geantwortet, daß Lessing gerade darum Gottscheds Verdienste übersehen habe, »weil er gänzlich auf ihm ruhte und von ihm lebte, so, wie es ja auch lange gewährt hat, bis die Naturwissenschaft die Luft, welche wir einatmen, im Ernste einer gründlichen Untersuchung zu unterwerfen sich entschlossen hat«. Lessing ist gegen Gottsched, der ihm näherstand, viel härter gewesen als gegen die Schweizer, die ihm fernerstanden. Dagegen hat Gottsched den mitunter wirklich ungerechten Angriffen Lessings eine große Zurückhaltung entgegengesetzt, während Bodmer für viel gelindere Kritiken Lessings sich in giftiger Weise gerächt und sein Berliner Busenfreund, der Professor Sulzer vom Joachimsthalschen Gymnasium, sich immer als ein rechter Neidhammel gegen Lessing erwiesen hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch diese Beziehungen sind leicht zu verstehen unter dem schon angedeuteten sozialen Gesichtspunkte. Lessing folgte nicht nur Gottsched, sondern er ging zugleich weit über ihn hinaus, indem er das höfische, knechtische, servile Element in Gottscheds Taten und Theorien vom bürgerlichen Standpunkte aus rücksichtslos bekämpfte. Lessing hieb den »großen Duns« in die Pfanne, weil dieser das Banner des fürstlichen Despotismus trug. Nichts bezeichnender dafür als gleich der erste Schlag, den er gegen Gottsched führte, die Rezension über Gottscheds Gedichte in der »Vossischen Zeitung« vom 27. März 1751. Hier ihre Hauptsätze: »Allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei kündigen und preisen wir folgendes Werk an ... Der erste Teil ist alt und nur die Ordnung ist neu, welche den schärfsten Hofetiketten Ehre machen würde ... Der andere Teil ist größtenteils neu und mit eben der Rangordnung ausgeschmückt, welche bei dem ersten so vorzüglich angebracht ist; so daß nämlich alle Gedichte auf hohe Häupter und fürstliche Personen in das erste Buch, die auf gräfliche, adelige und solche, die ihnen gewissermaßen gleichkommen, ins zweite, alle freundschaftlichen Lieder aber ins dritte Buch gekommen sind ... Diese Gedichte kosten in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam zwei Taler und vier Groschen. Mit zwei Talern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ohngefähr das Nützliche.« So springt der soziale Gegensatz klar hervor, und aus ihm, aus der endlich erwachenden Empörung der bürgerlichen Klassen über ihre Selbsterniedrigung, erklärt sich die manchmal grausame Heftigkeit, womit Lessing gegen Gottsched vorging, erklärt sich die Zurückhaltung Gottscheds, die, wenn sie wirklich nach der Vermutung seines närrischen Schildknappen Schönaich aus Angst entstanden wäre, doch eben auch in dieser Angst nur ein wirkliches Verständnis für Lessings höhere Ziele bekundet haben würde, erklärt sich endlich der verbissene Grimm der Schweizer, die sich mit einem Male auf den Sand gesetzt fühlten, als Lessing durch die Beseitigung des fürstendienerischen Elements aus Gottscheds Bestrebungen den von diesem angebahnten geistigen Zusammenhang mit den bürgerlichen Klassenkämpfen der westeuropäischen Kulturvölker wirklich gewann. Gewiß: Lessing hat Gottsched überwunden, aber nur indem er dessen Bestrebungen läuterte, reinigte, steigerte, und die Legende, als ob Gottsched erst »abgeschlossen« hätte, ehe Lessing anfing, steht am wenigsten den Leuten zu Gesichte, die unsere klassische Literatur »allen nach Standesgebühr höchst- und hochzuehrenden Liebhabern, Gönnern und Beförderern einer echten deutschen Poeterei« unterschieben möchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie nun Lessing unter den Flügeln des Gottschedianers Mylius begann und sich allmählich bis zur Miß Sara Sampson entwickelte, das ist aus den sechs Duodezbändchen seiner gesammelten Schriften und daneben aus seinen Kritiken in der »Vossischen Zeitung« anziehend zu verfolgen. Wir sehen dabei billig von seiner Jugendlyrik ab, die höchstens in einigen meist schon erwähnten Epigrammen in den Kampf seines Lebens eingegriffen hat. Es kann Herrn Erich Schmidt überlassen bleiben, aus diesem schulmäßigen Lehrgedicht ein »vollwichtiges« Zeugnis von Lessings Abneigung gegen seinen »Landesvater und den Dresdener Hof« oder aus jenem »anakreontischen Gegängel« einen »erlebten« Herzenskonflikt herauszuspintisieren.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nicht zwar, als ob der Haß gegen die »Großen«, der sich wie ein roter Faden durch Lessings Leben zieht, nicht auch auf die Wettiner gegangen wäre, aber Lessing war sowenig wie Klopstock und Winckelmann Trottel genug, um in erster Reihe auf dasjenige deutsche Fürstenhaus loszuschlagen, das noch am ehesten ein gewisses Verständnis für Kunst und Wissenschaft bekundete. Der Scharfblick, mit dem Herr Schmidt in einer oder zwei Reimwendungen des jungen Lessing einen besonderen Haß gegen die Wettiner entdeckt, steht in entzückendem Gegensatze zu der Blindheit, womit er über die scharfen Proteste des Mannes Lessing gegen den friderizianischen Despotismus fortstolpert. Was aber den »erlebten Konflikt« anbetrifft, so handelt es sich um eine mehr heitere Seite der Lessing-Legende. Lessing soll durchaus im Philistersinne der Bourgeoisie »respektabel« gemacht werden. Nun ist es mit der höchsten Kunst der Geschichtsklitterung nicht aus der Welt zu schaffen, daß er als ein echter Ritter die Widersacher und die Schulden niemals losgeworden ist, aber die Weiber, die Weiber! Nach Art der damaligen Anakreontiker hat Lessing die Doris und die Chloris, die Phyllis und die Laura, die er besang, für Wesen der Einbildung erklärt, und solange sich die bürgerlichen Literarhistoriker begnügten, auf dies eigenhändige Sittenzeugnis zu pochen, mochte man sich&#039;s gefallen lassen, obschon es nicht mehr besagte, als daß Lessing nicht als türkischer Pascha über einen ganzen Harem verfügt hat. Allein Herr Schmidt muß auch hier seine Vorgänger übertrumpfen. Aus einem achtzeiligen Verslein liest er heraus, daß Lessing von einem moralischen Katzenjammer ergriffen worden sei, weil er wirklich eine Chloris oder eine Doris zu küssen gewagt habe. So braucht Lessing im Interesse der bürgerlichen »Respektabilität« am Ende doch nicht verschimpfiert zu werden. Es gereicht ihm gewiß zur Ehre, daß er sich von der impotenten Zotenreißerei, die in den damaligen literarischen Briefwechseln unangenehm genug berührt, frei gehalten hat, aber man braucht nur einmal sein Jugendbildnis in der Berliner Nationalgalerie zu betrachten, um die unglaubliche Komik der Vorstellung zu empfinden, daß dieser kecke und stattliche Bursch mit dem, wie Voß sagte, »rechten Geierblick« die Rokokoschönen nicht anders als mit den frommen Gefühlen Josephs in Ägypten hat umherflattern sehen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch kann desselben Herrn Begeisterung über ein paar Reimzeilen, die Lessing in seinen Berliner Anfängen einmal unter ein Bild Friedrichs gesetzt hat (Wer kennt ihn nicht?. Die hohe Miene spricht dem Denkenden. Der Denkende allein kann Philosoph, kann Held, kann beides sein), nicht weiter stören; sie besagen sowenig wie die paar sogar nach Herrn Schmidt »frostigen« Oden, womit Lessing als Redakteur einer »königlich privilegierten« Zeitung den König zum Anfange des Jahres und zu seinem Geburtstage nun einmal begrüßen mußte. Endlich mag auch Herrn Schmidts berauschende Behauptung: »Der sächsische Pastorssohn war in Berlin religiös und politisch ein Liberaler geworden«, auf sich beruhen bleiben; will man einmal dem etwas kindlichen Vergnügen huldigen, moderne Parteibezeichnungen in jene Zeit zurückzutragen, so liegt es auf der Hand, daß der junge Lessing nicht so etwas wie Lasker oder Eugen Richter war, sondern als erster kühner Führer einer revolutionär aufstrebenden Klasse etwa das sein mochte, was eine Reihe von Jahrzehnten später unter gänzlich veränderten Verhältnissen der junge Lassalle oder der junge Marx waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht in Lessings Lyrik, die bei einer so durchaus unlyrischen Natur wie der seinen kaum mehr als die bekannte Jugendsünde begabter Menschen war, sondern in seinen Prosaschriften und seinen Theaterstücken kommt das wahre Wesen des Mannes zum beredten Ausdruck. Seine »Briefe«, seine »Rettungen«, seine Kritiken in der »Vossischen Zeitung« sind ein unaufhörliches Scharmützel mit den halb gefährlichen, halb lächerlichen Vorurteilen, denen seine Klasse noch blind anhing. Am liebsten reitet er aus gegen die lutherische Orthodoxie; neben dem Simon Lemnius rettet er noch ein paar verschollene Gelehrte und den alten Heiden Horaz vor ihren Verleumdungen; Klopstocks seraphische Verstiegenheit wird scharf von seiner dichterischen Größe gesondert und dem Trosse himmlischer Sänger, die hinter dem Messias einhertrollen wollten, mit treffenden Worten die Tür gewiesen. Niemals ein Streit um Dogmen, aber stets ein Kampf gegen Unterdrückung oder gegen eine ziellose Schwärmerei, welche die bürgerlichen Klassen ihren wirklichen Interessen abwendig machen mußte. Überall eine frei menschliche Auffassung, die bei dem noch erstarrten bürgerlichen Leben in Deutschland ihre Nahrung aus den Werken der Alten und den bürgerlichen Schriftstellern der Nachbarvölker sog. Diese ersten Prosaschriften Lessings verraten nicht nur den geistigen Einfluß Bayles und Voltaires; sie nehmen auch schon bestimmte Stellung zu Montesquieu, Lamettrie, Rousseau und Diderot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar wird Montesquieu, soweit wir sehen, in Lessings Schriften nirgends erwähnt, auch in den späteren nicht. Aber im Januar 1753 bespricht Lessing in der »Vossischen Zeitung« ein im Haag anonym erschienenes französisches Werk über den Geist der Nationen, und dabei führt er aus: »Eigentlich zu reden, hat man keine andere als physikalische Ursachen, warum die Nationen an Leidenschaften, Talenten und körperlichen Geschicklichkeiten so verschieden sind; denn was man moralische Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physikalischen. Die Erziehung, die Regierungsform, die Religion zu den Ursachen dieser Verschiedenheit zu machen, zeigt deutlich, daß man es entweder schlecht überlegt hat oder einer von denjenigen Gelehrten ist, die zum Unglück in Ländern geboren sind, von welchen man vorgibt, daß sie den Wissenschaften weniger günstig als etwa Frankreich und England wären und also sich selbst Unrecht zu tun glauben, wenn sie den Einfluß des Klimas auf die Fälligkeit des Geistes zugeben wollten.« Das ist aber ein lebhafter Nachklang aus Montesquieus ein paar Jahre vorher in Genf erschienenem »Geist der Gesetze«, und das eifrige Bekenntnis zu dieser für ihre Zeit epochemachenden, aber in dem deutschen Bürgertum sonst spurlos verhallenden Auffassung war für den blutjungen Kritiker des Berliner Philisterblatts aller Ehren wert. Lessing hatte schon in Wittenberg des Spaniers Huarte »Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften« übersetzt; ein Werk aus dem sechzehnten Jahrhundert, voll der absonderlichsten Schrullen, aber nicht ohne manche Ahnungen einer materialistischen Weltanschauung, in denen der Übersetzer »neue Wege« erkannte, die den Verfasser »über die Grenzen seines Jahrhunderts« hinausgeführt hätten, und noch in seiner letzten Schrift, den Freimaurergesprächen, kehrt Lessing zu der Ableitung der moralischen aus physikalischen Ursachen zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich – gerade als rüstigster Vertreter des deutschen Bürgertums konnte Lessing sich dem geistigen Bannkreise dieser Klasse nicht völlig entziehen. Dem konsequenten Materialismus Lamettries stand er verständnislos gegenüber, und seine verächtlichen Bemerkungen über das »Uhrwerk« zeigen ihn auf einem recht trivialen Wege, auch wenn man seinen gesunden Klassenhaß gegen den französischen Hofliteraten in gebührenden Anschlag bringt. Nur darf ihm dieser Mangel an Verständnis nicht eigentlich als persönliche Schuld angerechnet werden; war doch erst ein volles Jahrhundert später die ökonomische Entwicklung Deutschlands so weit gediehen, daß sich der naturwissenschaftliche Materialismus als ihre ideologische Begleiterscheinung einstellen konnte. Auch Rousseaus Rede gegen die Künste und Wissenschaften verstand Lessing nicht in ihrem tieferen historischen Zusammenhange, und wie sollte er auch? Auf dem deutschen Bürgertum lastete nicht wie auf dem französischen eine verknöcherte Zivilisation, sondern eine verknöcherte Barbarei, und jenes konnte nur gerade erst durch Kunst und Wissenschaft um seine soziale Emanzipation ringen. Immerhin wirft Lessing dem paradoxen Tadel Rousseaus, daß die kriegerischen Eigenschaften vor den Künsten und Wissenschaften verschwänden, das gute Wort entgegen: »Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns untereinander umbringen sollen?« Dagegen begrüßte Lessing in Diderot den wahlverwandten Geist, den dritten Franzosen, der auf ihn noch einen großen, fast überschwenglich anerkannten Einfluß gewinnen sollte. Er nennt ihn einen von den Weltweisen, die sich mehr Mühe geben, Wolken zu machen, als sie zu zerstreuen. »Überall wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten ... Sie führen in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit, wenn Schullehrer in Gängen voll eingebildeten Lichts zum düsteren Throne der Lügen leiten. Gesetzt auch, ein solcher Weltweiser wagt es, Meinungen zu bestreiten, welche wir geheiligt haben, der Schade ist klein. Seine Träume oder Wahrheiten, wie man sie nennen will, werden der Gesellschaft ebensowenig Schaden tun, als vielen Schaden ihr diejenigen tun, welche die Denkungsart aller Menschen unter das Joch der ihrigen bringen wollen.« In geistiger Führung mit solchen Geistern durfte Lessing wohl über die deutschen »Schullehrer« seine kritische Geißel schwingen, und schwerer noch als auf den Magister von Leipzig fiel sie auf einen »alten Schulknaben«, der zu den Fahnen der Schweizer schwor und sozusagen auch ein Schützling König Friedrichs war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Übersetzung des Horaz, die Samuel Gotthold Lange, Pastor in Laublingen, zur Ostermesse des Jahres 1752 herausgab, ist ein sprechendes Zeugnis für die Verkommenheit der damaligen deutschen Literatur, namentlich wenn man erwägt, daß ihr Verfasser ein gefeierter Dichter der schweizerischen Richtung war und neun Jahre an der Übersetzung gearbeitet hatte. Sprache, Versmaß, Verständnis des Originals, alles steht auf gleich tiefer Stufe, und obendrein die schuljungenhaften Schnitzer fast auf jeder Seite! Dabei hatte ein Professor der Ästhetik, Meier in Halle, die Korrektur besorgt, und General Stille, ein Tafelgenosse des Königs Friedrich und ein selbst in deutscher Sprache dichtender Beschützer von Lange, hatte sich, wie Gleim an Kleist schreibt, die Mühe genommen, die »übersetzten Horazischen Oden Stück für Stück durchzugehen und genau zu kritisieren«; ja, auch Gleim scheint mitgeholfen zu haben, denn er wundert sich schon im Jahre 1748, »mit welcher Richtigkeit General Stille bisher getadelt hat«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleists Werke, 3, 76. Sonst gibt Emil Grosse in Lessings Werken, 13, 1 ff., eine gute Zusammenstellung der Akten über den Vademecum-Streit. Irreführend und oberflächlich ist Pröhle, Friedrich der Große und die deutsche Literatur, eine Sammlung von Aufsätzen zumeist aus der »Vossischen Zeitung«. Die Kabinettsorder Friedrichs an Lange hat Pröhle keineswegs zuerst mitgeteilt, wie er prahlt: Sie steht schon bei Preuß, Urkundenbuch, 1, 225.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stille hatte denn auch wohl veranlaßt, daß Lange die Übersetzung dem Könige widmete und ein anerkennendes Dankschreiben erhielt, worin Friedrich erklärt, daß ihm die »dadurch bezeigte devote attention zu gnädigstem Gefallen gereichet« und daß er nicht zweifele, »es werde Eure wohlgeratene Arbeit der Schuljugend bei Lesung dieses lebhaften Autoris in der Tat nützlich sein«. Lessing kannte alle diese Umstände; ja, als er, entsetzt über das jammervolle Machwerk, eine Kritik darüber schreiben wollte, warnte ihn ein Professor Nicolai, der in der Sache mit Lessing völlig übereinstimmte, noch ausdrücklich: »öffentlich wollte ich es niemand raten, Herrn Lange anzugreifen, der etwa noch Hoffnung haben könnte, im Preußischen sein Glück zu finden. Herr Lange kann viel bei Hofe durch gewisse Mittel ausrichten.« Vermutlich fühlte sich Lessing nunmehr um so mehr angetrieben, in einem seiner »Briefe« die schlimmsten Böcke Langes aufzustechen; auf wen alle losschlugen, der hatte vor ihm Friede, wie er einmal schrieb, aber wen alle aus höfischen Karriererücksichten verschonten, der hatte von ihm sicherlich den Krieg. Und als Lange nun gar nach der Art solcher hochnäsiger Ignoranten den Charakter seines Kritikers in hämischer Weise anzutasten wagte, da stiftete ihm Lessing das Vademecum, die erste jener klassischen Streitschriften, die immer mustergültig bleiben werden für den Kampf der Männer gegen die Buben – trotz oder auch wegen der wehleidigen Versicherung der bürgerlichen Literarhistoriker, daß Lessing diesem armen Lange oder jenem armen Klotz zuviel getan habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schärfer aber noch als in Lessings Prosaschriften spiegelt sich in seinen Theaterstücken die allmähliche Entwicklung seines Geistes wider. Wir sehen auch hier von einigen ganz unreifen Schularbeiten ab, die er selbst schon von der ersten Sammlung seiner Schriften ausschloß, ebenso von ein paar Übersetzungen und den beiden in je vier Heften erschienenen Zeitschriften, den schon erwähnten Beiträgen und der »Theatralischen Bibliothek«, in denen Lessing tastende Vorstudien zur Hamburgischen Dramaturgie machte. Aber sein »Junger Gelehrter«, sein »Freigeist«, seine »Juden« stehen einerseits noch ganz auf Gottschedischem Boden, während sie andererseits schon ein neues Leben aus der veralteten Form hervorbrechen lassen. Auf der einen Seite – ein sklavisches Festhalten an den drei Einheiten, eine grobe und lose Verwicklung, hölzerne Figuren, die nach der Schablone der französischen und italienischen Komödie mit unbehilflichem Messer geschnitzt sind; auf der anderen Seite aber – wie grausam wird im »Jungen Gelehrten« die aberwitzige Schulweisheit verhöhnt, die sich in überstiegenem Stumpfsinne vom wirklichen Leben abwendet; wie arg muß sich im »Freigeist« die höfische Freigeisterei beschämen lassen, die nach dem bekannten Worte sogar eines Voltaire »Schuster und Köchinnen« nicht aufklären, sondern die Kanaille dem Aberglauben überlassen will, und wie glücklich wird die Beschämung des Freigeistes nur so weit getrieben, daß der Orthodoxie daraus keinerlei Triumph erwächst; wie tapfer gehen die »Juden« ins Zeug gegen die »schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann«. Ja, in seinem Henzi-Fragment von 1749 griff Lessing schon mitten in das politische Leben der Gegenwart hinein. Ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit hatte die »Vossische Zeitung« in jenem Jahre ausführliche Berichte über die Verschwörung gebracht, die Henzi, ein demokratischer Patriot, in Bern gegen ein verrottetes Oligarchenregiment angestiftet hatte, um dann, zu früh in seinen Anschlägen entdeckt, auf der Folter und dem Schafotte das Opfer einer nichtswürdigen Klassenjustiz zu werden. Nach diesem Stoffe griff Lessing für ein Trauerspiel, wovon er anderthalb Akte vollendete, und noch spürt man zwischen den steifen Alexandrinern etwas von dem Feuer, mit dem ihn ein solcher Held erfüllte. Herr Erich Schmidt rennt offene Türen ein mit seiner pathetischen Deklamation gegen Danzel, der in Lessings Henzi-Fragment Anklänge an Shakespeares »Julius Cäsar« gefunden hatte. Mag Danzel sich ein wenig überschwenglich ausgedrückt haben: In der Sache hat er und hat nach ihm Stahr völlig recht mit dem Hinweise darauf, wie bedeutsam das kräftige und rasche Eingreifen dieses tragischen Stoffs in jener Zeit gewesen sei, zumal für einen zwanzigjährigen Jüngling. Was soll&#039;s mit Herrn Erich Schmidts breitspurigem Nachweise, daß, ästhetisch genommen, das Henzi-Fragment so unreif ist wie – Tragödienversuche zwanzigjähriger Jünglinge im allgemeinen zu sein pflegen? Das brauchen wir nicht erst zu lernen, aber die berühmte »genetische Methode« sollte über die Stellung des Henzi-Fragments in Lessings geistiger Entwicklung doch mindestens so viel zu sagen wissen wie Danzel und Stahr. Freilich – wie kam Lessing auch dazu, sich für einen demokratischen Helden zu begeistern, statt in anakreontischen Liedern »erlebte Konflikte« zu schildern, die es noch lohnt, mit akademischer Brille zu studieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen entscheidenden und großen Schritt über seine dramatischen Jugendversuche hinaus tat Lessing mit seiner Miß Sara Sampson, einem bürgerlichen Trauerspiele, das er im Anfange des Jahres 1755 in einem Gartenhause bei Potsdam schrieb. Er war sich der Größe dieses Wurfes wohl bewußt; es galt den bürgerlichen Klassen in Deutschland eine neue Tribüne zu eröffnen. Bisher waren sie nur in der Komödie zu Worte gekommen, mehr oder minder als lächerliche Personen, als Träger mehr oder minder abgeschmackter Laster, bestenfalls als Schattenbilder stelzbeiniger Tugenden, um die Laster durch einen kontrastierenden Hintergrund desto schärfer hervorzuheben. Die Tragödie blieb den Fürsten und Helden vorbehalten; nur sie waren der edlen, hohen, zarten Empfindungen, nur sie der erhabenen, starken, wilden Leidenschaften des tragischen Dramas fähig. So wurde das bürgerliche Trauerspiel eine Etappe im Emanzipationskampfe der bürgerlichen Klassen, und genauso verstand es Lessing. Kurz vor der Abfassung der Sara schrieb er in seiner »Theatralischen Bibliothek« über die Ausbildung dieser dramatischen Gattung gerade in England; es war, wie er sagt, dem Engländer »ärgerlich, gekrönten Häuptern viel vorauszulassen; er glaubte bei sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhabene Gedanken nicht mehr für sie als für einen aus seinen Mitteln wären«. Aus seinen Mitteln, so wörtlich; man sieht, daß Lessing auch schon mit dem Milieu zu operieren wußte. Und in seiner epigrammatischen Weise fügt er hinzu: »Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke, aber genug, daß es doch wenigstens ein Gedanke ist!« Allerdings ein leerer Gedanke, wenn man die Entstehung des bürgerlichen Trauerspiels aus dem bewußten Ärger der Engländer über den Vorsprung der Großen ableiten wollte, aber gewiß ein Gedanke – und zwar ein Gedanke, wie ihn in jener Zeit nur Lessing haben konnte –, wenn man im bürgerlichen Trauerspiele die ideologische Widerspiegelung des erwachten bürgerlichen Klassenbewußtseins erblickt. Und vollends ein Gedanke, soweit es auf die Absichten und Zwecke Lessings bei Abfassung seiner Sara ankommt. Sie ist sowenig wie irgendein anderes seiner Dramen das Erzeugnis eines dichterischen, unbewußt schaffenden Genius, aber sie ist mit höchstem Verstände gearbeitet worden. Geschmiedet nach englischen Vorbildern, sagten die Gegner und Neider Lessings schon bei seinen Lebzeiten. Jawohl, geschmiedet, aber geschmiedet als eine Waffe des Klassenkampfes. Und das Verdienst Lessings um diese Waffe ist um so größer, als er sie gleich auf dem rechten Amboß schmiedete; die bürgerliche Aufklärung nahm in diesem Falle nicht den üblichen Weg von England über Frankreich nach Deutschland, sondern Lessing schöpfte an der unmittelbaren Quelle; er suchte und fand seinen Stoff in dem einzigen Lande, dessen bürgerliche Klassen bereits zu ökonomischer und politischer Selbständigkeit gediehen waren. In Frankreich erschienen Diderots bürgerliche Dramen erst einige Jahre nach der Sara, die Diderot selbst seinen Landsleuten mit hohem Lobe bekanntmachte. Und auf die deutschen Zeitgenossen wirkte Lessings Trauerspiel mit der Gewalt nicht einer poetischen, sondern sozialen Offenbarung; bei der ersten Aufführung in Frankfurt a. O., zu der Lessing selbst hinüberreiste, saßen die Zuhörer, wie Ramler an Gleim berichtete, dreieinhalb Stunden stille wie Statuen und weinten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einer rein ästhetischen Beurteilung wird man auch diesem Geisteswerke Lessings nicht entfernt gerecht. Da begreift man seine Wirkung schlechterdings nicht, denn es strotzt von psychologischen Unmöglichkeiten oder doch Unwahrscheinlichkeiten; eine bleierne Langeweile scheint sich von Szene zu Szene fortzuschleppen, und kaum an diesem oder jenem Höhepunkte der Handlung vermag man sich seine ehemals zündende Wirkung mühsam vorzustellen. Für die Bühne ist es längst verloren, und auch beim Lesen würgt man sich nur schwer durch. Aber gerade weil es kinderleicht ist, sollte man es auch Kindern überlassen, historische Geistestaten als Schulübungen zu behandeln und nach den Regeln eines ästhetischen Kanons durchzukorrigieren. Die Sara wurde bald durch ihre ungleich stattlicheren Schwestern Minna und Emilia verdrängt, aber diese unterschieden sich von ihr immerhin nicht so stark, wie die Sara sich von dem – Nichts unterschied, das vor ihr war. Da sie die erste war, so war sie die schwächste, aber ihre Wirkung die mächtigste. Und ebensowenig wie die historische Bedeutung eines einzelnen Kunstwerkes sollte man die historische Bedeutung einer bestimmten Kunstgattung nach allgemeinen Schulregeln aburteilen. Lassalle hat schon davor gewarnt, bei Lessings und Diderots bürgerlichem Drama an die geistlose Versumpfung zu denken, in die dieser Begriff zu Ifflands Zeit verfallen war. Aber Ifflands bürgerliches Drama war noch ein ehrwürdiger Geistesheros gegen das bürgerliche Drama der Lindau, Lubliner, Wichert, das seit Jahrzehnten die deutschen Bühnen beherrscht. Kurzum: Jede bürgerliche Klasse hat das bürgerliche Drama, das sie zur Zeit verdient.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Miß Sara Sampson hatte Lessing einen ersten Höhepunkt seiner literarischen Laufbahn erreicht. Er gedachte nunmehr eine längere Pause zu machen und wieder mehr unter Menschen, mehr im Umgange der Welt zu leben als unter Büchern, aber nicht sofort und in ganz anderer Weise, als er gemeint hatte, erfüllte sich ihm dieser Wunsch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Lessing im Siebenjährigen Kriege ==&lt;br /&gt;
Als der Frühlingssänger Kleist, um preußische Rekruten zu werben, nach Zürich kam, schrieb er begeistert an seinen Gleim über den Ort, der »unvergleichlich« sei nicht nur wegen seiner »uniquen« Lage, sondern auch wegen der »guten und aufgeweckten Menschen«. »Statt daß man in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute von Genie und Geschmack antrifft, trifft man in dem kleinen Zürich mehr als zwanzig bis dreißig derselben an.« Er setzt hinzu: »Es sind zwar nicht alle Ramlers«, und kennzeichnet damit den Höhepunkt dessen, was 1755 in Berlin Genie und Geschmack war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und eben die gleiche Empfindung einer trostlosen Öde mag Lessings Entschluß gereift haben, Berlin zu verlassen. Er hatte die wenigen Funken aus dem Kiesel geschlagen, die etwa darin schlummerten, und vielleicht mochte der Druck und Zwang des preußischen Lebens sein bürgerliches Klassenbewußtsein geschärft, die geistige Wüste von Berlin die seinem beweglichen Geiste immer naheliegende Gefahr der Zerstreuung ein wenig gemindert haben. An diesem »entscheidenden Anstoße« mag sich der patriotische Stolz erfreuen, aber mehr soll er uns doch lieber nicht aufreden wollen. Eine der Ähnlichkeiten zwischen Lessing und Marx besteht darin, daß sie, in ihren öffentlichen Kämpfen von einer Rücksichtslosigkeit, die den feigen Zeitgenossen unheimlich erschien, eine tiefe Bescheidenheit besaßen, die sie höchst ungern von ihren eigenen Personen sprechen ließ; selbst aus den vertrauten Briefen Lessings ist selten ein Aufschluß über die Beweggründe seiner persönlichen Entschlüsse zu gewinnen. Um so deutlicher sprechen dann freilich seine Werke, und – der Verfasser der Miß Sara Sampson stand auf einer Höhe, die ihm das Berliner Leben ekel, schal und unersprießlich erscheinen lassen mußte. Was konnten dem zum Manne herangereiften Jünglinge die vierthalb »Genies« von Berlin bieten? Zwar dieser weltfreudige Mensch hungerte so nach Menschen, daß er aus jedem Menschen noch etwas zu machen suchte; so aus dem hämischen Schwachkopfe Sulzer, den er lieber »inkonsequent« als »falsch« nennen wollte, so aus dem trockenen Versdrechsler Ramler, dem er beim Becher, wie Ramler selbst bezeugt, ein »gelinder, nachgebender, lustiger Gesellschafter« war. Aber was konnten sie ihm für den Kampf seines Lebens sein, sie und selbst die beiden jungen Berliner, in denen Lessing sozusagen seine Schüler erblicken durfte?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sozusagen – denn nur eine in den allgemeinsten und dünnsten Kategorien geistiger Begriffe sich umtreibende Geschichtsbetrachtung kann Moses Mendelssohn und Nicolai in einem Atem mit Lessing nennen. Diese Männer mag Herr Erich Schmidt, wenn er sonst will, die »religiös und politisch Liberalen«, die Lasker und Eugen Richter ihrer Zeit nennen, aber ebendeshalb trennte sie eine Welt von Lessing. Moses ist immerhin eine gute Strecke mit ihm gegangen, etwa bis in die Tage des Laokoon, zu dem er manches beigesteuert hat; er war ein bescheidenes Licht, aber ein guter Mensch von rührender Anhänglichkeit, dem im buchstäblichen Sinne des Worts das Herz brach, als er – in seiner glücklichen Blindheit erst einige Jahre nach Lessings Tode – endlich entdeckte, wie weit sich sein bewunderter Freund schon lange vor seinem Tode von ihm entfernt hatte. Alle Achtung vor dem, was Moses für die Emanzipation seiner »Nation« getan oder doch zu tun versucht hat, denn die Unduldsamkeit der Juden selbst setzte ihm nicht weniger zu als der friderizianische Despotismus. Nur daß er auch in diesen Emanzipatiorisbestrebungen, abgesehen von dem ungleich beschränkteren Schauplatze, in Halbheit und Zaghaftigkeit weit hinter Lessing zurückblieb! Er war nicht ein Freier durch und durch wie Lessing, sondern ein frei Gewordener, dem noch bei jedem Schritte die zerbrochene Kette mit verräterischem Klirren nachschleifte. Eine Art Lasker in der Tat: frei von den Lastern seiner »Nation«, aber voll von befangener Selbstgefälligkeit über diese Freiheit. Ein sehr idealisierter Lasker bei alledem, denn wenn beide kein Geld mehr auf Pfänder liehen, so eiferte Moses deshalb um so mehr gegen die Ephraim und Itzig, die großen Wucherer der damaligen Zeit, während Lasker aus seiner Enthaltsamkeit einen wehmütigen Glanz der Entsagung über die verrufensten Gründerhäuser der Gegenwart zu verbreiten suchte. Politisch ähnelten sich beide mit ihrer halben und schwankenden Opposition gegen den Despotismus, aber mit seiner kauderwelschen Philosophie stand Lasker wieder tief unter Moses, der ein sauberer Popularphilosoph der Leibniz-Wolffischen Schule war. In ihre Gewebe eingesponnen, stand er dem Leben viel ferner als sein großer Freund, dagegen als Lessing – welch ein Streber! – mit dem 1754 veröffentlichten Schriftchen »Pope ein Metaphysiker!« der friderizianischen Akademie eine schallende Ohrfeige für eine alberne Preisfrage erteilte, durch die Maupertuis dem Deutschen Leibniz einen neidischen Seitenhieb zu versetzen gedachte, da hat Moses ihm den philosophischen Stoff geliefert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch viel weniger als Moses darf Nicolai im Gefolge von Lessing erscheinen. Seiner eigenen Berufung haben die »Xenien« von Goethe und Schiller schon die treffende Abfertigung entgegengesetzt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nenne Lessing nur nicht! Der Gute hat vieles gelitten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in des Märtyrers Kranz warst du ein schrecklicher Dorn.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur in seinen ersten Anfängen hat Nicolai eine gewisse Anregung von Lessing erhalten, aber in dem harten und trockenen Boden seines Geistes wucherte der empfangene Keim höchstens zu einem verkrüppelten Unterholz auf. Wie das Zerrbild dem Bilde; so gleicht Nicolai im besten Falle dem wirklichen Lessing, wenngleich er dem Lessing der bürgerlichen Literaturgeschichte zum Muster gesessen zu haben scheint. Sein »gnadenhungriges« Rufen nach Fürstengunst verspottete schon Herder. Verbohrter Preuße, sah Nicolai in der Idee eines deutschen Nationalgeistes ein »politisches Unding«, und einen »hämischen Parteizweck«. Er war der erste Eingeborene des Berliner Philistertums, der es zu literarisch-politischem Einflüsse brachte, und wie seine beschränkte und verkümmerte Sonderart sich aus dem mütterlichen Boden erklärt, so hat sie ausdörrend auf diesen Boden zurückgewirkt, über den die Lessing und die Fichte und die Hegel nach Lassalles treffendem Ausdrucke in der Tat wie die Kraniche dahingeflogen sind. Betriebsam und rührig in seiner Art, wollte Nicolai, wie sein bewundertes Vorbild Friedrich, gern erobernd in Deutschland vordringen, aber was in Deutschland Geist und Kraft und Leben besaß, schlug mit Händen und Füßen gegen den bösen Nickel aus. So Herder und Goethe und Schiller, so Kant und Fichte und Schelling, so die beiden Schlegel und Tieck. Wie Herr Erich Schmidt mit einem ganz guten Worte sagt: Auf Nicolai regneten »Prügel von allen Seiten«. In diesem erquicklichen Umstände wie in vielem sehr Unerquicklichem: in dem schäbigen Angeifern alles Bedeutenden, Großen, Neuen, in der verbohrten Unduldsamkeit eines faulen und feigen Aufklärichts, in dem Cliquen- und Koteriemachen, war Nicolai der Eugen Richter seiner Zeit; Jedennoch darf man nicht übersehen, daß die kapitalistische Korruption damals ein Embryo war gegen den Riesen von heute, und wenn Nicolais spießbürgerliche Ehrbarkeit die Saaten seines Geistes in hohes Unkraut geschossen sehen könnte, so würde er vielleicht doch zum ersten Male an seiner Unfehlbarkeit zweifeln. Aber deshalb hängt alles geistige Bourgeoisgewächs, das in Berlin mit »seinem« Lessing prahlt, nicht weniger an Nickels Rockschößen, wie denn nicht Gotthold Ephraim, sondern Karl Gotthelf Lessing, der Großvater der »Vossischen. Zeitung«, sein wirklicher Geistesverwandter war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem begreift sich, daß der Boden Berlins unter Lessings Füßen brannte, als er sich zu einer selbständigen Stellung im deutschen Geistesleben emporgearbeitet hatte. Er kehrte nach Leipzig zurück mit dem lebhaften Wunsche, die große Welt kennenzulernen, und das Glück schien ihm günstig, als der junge Winkler, ein reicher Patrizier von Leipzig, ihn auf mehrere Jahre zu seinem Begleiter auf einer Reise durch Europa wählte. Sie brachen im Mai 1756 auf, aber in Amsterdam, von wo sie im September nach England gehen wollten, traf sie die Nachricht vom Ausbruche des Siebenjährigen Krieges, und besorgt um seine Schätze eilte Winkler nach Leipzig zurück. Lessing scheint das Mißgeschick schwer empfunden zu haben, aber vielleicht ersparte die große Enttäuschung ihm eine größere, denn zum Begleiter eines eigensinnigen Geldprotzen taugte er nun schon gar nicht, und sehr bald nach der Rückkehr überwarf er sich völlig mit Winkler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Lessings Stellung zum Siebenjährigen Kriege sind bereits in dem ersten Teile dieser Darstellung einige Streiflichter gefallen. Dieser Kabinettskrieg ging die bürgerlichen Klassen als solche nichts an, und Lessing war am wenigsten geneigt, sich als Partei in den »blutigen Prozeß zwischen unabhängigen Häuptern« zu mischen. Aber sein Klassenbewußtsein war schon viel zu sehr entwickelt, um nicht zu erkennen, daß die bürgerlichen Klassen die Zeche des Krieges zu zahlen hatten, und so haßte er den Krieg als ein unseliges Ding, das die Musen verscheucht, und in einem Lande, wo sie nicht recht viele, recht feurige Freunde haben, auf sehr lange Zeit verscheucht. Dieser bürgerliche Standpunkt war aber zugleich der nationale, der deutsche, und diejenigen bürgerlichen Historiker, die von rechts bis links, von Scherer bis Scherr, Lessings Mangel an Patriotismus und Vaterlandsliebe beklagen, weil ihn einmal das wütende Geheule des würdigen Gleim gegen Deutsche, mit denen der König von Preußen zufällig Krieg führte, ernstlich verdroß, sollten billigerweise mindestens doch auch den schon ein Jahr früher geschriebenen Brief Lessings erwähnen, worin er Gleim beschwor, bei der Besetzung Halberstadts durch französische Truppen ja den Stolz und die Würde eines Deutschen zu zeigen. »Und von Voltaire selbst müssen Sie tun, als ob Sie weiter nichts als seine dummen Streiche und Betrügereien gehört hätten. Das soll wenigstens meine Rolle sein, die ich mit jedem nicht ganz unwissenden Franzosen spielen will, der etwa nach Leipzig kommen sollte.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Lessings Werke, 20, 2, 136. Gleim scheint Lessings Wunsch nur in bedingtem Maße erfüllt zu haben, denn in einem Briefe an Kleist, Kleists Werke, 3, 242, berichtet er nicht ohne Selbstgefälligkeit von den Richelieus und Mazarins, die er gesehen und gesprochen habe. Übrigens soll daraus dem guten Gleim kein Vorwurf gemacht werden; auf Lessings Tadel änderte er auch seine Verwünschungen der Sachsen und Österreicher beinahe in Segensgebete um. Er war eben ein harmloser Reimschmied, der selbst am meisten darunter leidet, wenn man ihn zu einem nationalen und patriotischen Dichter stempeln will.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht als ob wir es sozusagen als eine Schande von Lessing abwehren wollten, daß er nach dem Lobe eines eifrigen Patrioten nicht geizte, des Patrioten nämlich, der ihn vergessen lehrte, daß er ein Weltbürger sein sollte. Man kann vielmehr nicht ohne Schaudern an die – glücklicherweise unmögliche – Möglichkeit denken, daß die Lessing, Schiller, Goethe nicht »Weltbürger« nach ihrer Art, sondern »Patrioten« nach dem Schlage der Gleim und Ramler geworden wären. Aber es ist allerdings notwendig, sowohl aus Gründen der historischen Gerechtigkeit als zur Abwehr einer politischen Brunnenvergiftung, die Tatsache festzustellen, daß die Männer unserer klassischen Literatur als Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen durchaus vom national-deutschen Standpunkte ausgingen, und erst nachdem sich diese Klassen als zu verelendet erwiesen hatten, um den fürstlichen Despotismus zu brechen, allein im Interesse des Bürgertums lieber mit Lessing »Weltbürger« oder mit Schiller »Zeitgenosse aller Zeiten« als habsburgisch oder hohenzollerisch, welfisch oder wettinisch abgestempelte Winkelpatrioten wurden. Gerade Goethe, der in einer schwachen Greisenstunde die »berühmte Stelle« mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« der Gleim und Ramler schrieb, hat jene Entwicklung schlagend gekennzeichnet in dem bekannten, so oft mißverstandenen und selbst von einem demokratisch sich gebärdenden Historiker wie Scherr als »traurige Verirrung der Wolkenkuckucksheimerei« beschimpften Distichon:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wie fern die Masse der bürgerlichen Klassen dem nationalen Gedanken noch stand, beweist die von Lessing selbst hervorgehobene Tatsache, daß er zur Zeit des Siebenjährigen Krieges in Leipzig für einen Erzpreußen und in Berlin für einen Erzsachsen gehalten wurde, weil er keines von beidem, sondern ein Deutscher war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lessing hat in diesem Kriege dreimal den Aufenthalt gewechselt. Zunächst blieb er von Oktober 1756 bis zum Mai 1758 in Leipzig, obschon hier nichts mehr für ihn zu suchen war. Sowohl deshalb nicht, weil Friedrich die reiche Stadt mit eiserner Faust an der Gurgel gepackt hatte und die Musen gänzlich aus ihr entflohen waren, als auch weil Lessing, »der doch Winklers Brot aß«, wie Herr Erich Schmidt mit dem ernsten Stirnrunzeln des sittlich entrüsteten Bourgeois bemerkt, in die Jammerschreie der Leipziger Kapitalisten über die ihren Geldsäcken von preußischer Seite angesetzten Schröpfköpfe nicht mit der gehörigen Andacht einstimmte. Friedrich war nun doch einmal nur einem gegen ihn selbst geplanten und in erster Reihe von dem sächsischen Minister. Brühl betriebenen Überfalle zuvorgekommen, und an jenem feinen Verständnis für die kapitalistischen Interessen, das heutzutage den »wahren« Freiheitskämpfer macht, hat es dem unglücklichen Lessing leider immer gefehlt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die äußerst scherzhafte Vorstellung des Herrn Erich Schmidt, daß Lessings damalige Frevel am Kapitalismus durch seine plötzliche Borussifizierung zu erklären seien, findet ihre gebührende Beleuchtung durch einen am 5. Juni 1777 von Nicolai an Lessing gerichteten Brief, worin es heißt: »Mich dünkt, Sie hätten mir einmal selbst gesagt, wenn Sie oft hintereinander mit dem eifrigen Kreuchauf in Leipzig disputiert hätten, so wären Sie durch die Hitze des Streits eine Zeitlang im Ernste preußisch geworden.« Siehe Lessings Werke, 20, 2, 890 f. Wenn Herr Erich Schmidt dem eigenen Zeugnisse Lessings nicht glauben mochte, auf das Zeugnis des preußischen Patrioten Nicolai konnte er sich ganz sicher verlassen. Trotzdem hat er den traurigen Mut, über Lessing im Siebenjährigen Kriege zu schreiben, daß er »reißende Fortschritte in preußischer Gesinnung gemacht«, daß er »als ein rechter Preuße oder Brandenburger hautement ihre Partei genommen«, daß er »diesen Krieg, ohne über privates Mißgeschick zu klagen, als ein reinigendes Gewitter empfunden«, daß er »in seiner preußischen Sympathie nicht nachgelassen« habe usw. usw. Alles das saugt sich Herr Erich Schmidt reinweg aus den Fingern. Wir wollen diese Geschichtsklitterung nicht beim richtigen Namen nennen, aber eine schüchterne Bitte möchten wir uns erlauben. Man verzichte doch endlich darauf, sich über das byzantinisch-charakterlos-hohlköplige Geschlecht, das aus den Hörsälen solcher Universitätslehrer hervorgeht, des Todes zu verwundern.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als »Erzpreuße« verketzert, kam er in freundlichen Verkehr mit preußischen Offizieren, an deren einem, dem Major von Kleist, er den vielleicht geliebtesten Freund seines Lebens gewann. Durch ihn lernte er auch den Obersten von Tauentzien kennen, als dessen Sekretär Lessing dann die vielleicht glücklichste Zeit seines Lebens verlebt hat; auch diesem alten Haudegen, dem er geistig freilich nicht so nahestehen konnte wie dem Frühlingssänger Kleist, hat er zeitlebens eine große Anhänglichkeit bewahrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf den ersten Blick scheint es ein Widerspruch zu sein, daß ein Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen in so freundliche und nahe Beziehungen zu ein paar hinterpommerschen Junkern und friderizianischen Offizieren treten konnte, und es hieße diesen Widerspruch mehr umgehen als lösen, wenn man sagen wollte, es habe sich nur um rein persönliche Beziehungen gehandelt. Kein Zweifel, daß Lessing gern in soldatischen Kreisen verkehrte und in seinen besten dramatischen Werken mit Vorliebe soldatische Charaktere schilderte: von Philotas ganz abgesehen, so denke man nur an Tellheim, Paul Werner, Just in der Minna, an Odoardo Galotti in der Emilia, an Saladin und den Tempelherrn im Nathan. Man muß auch hier auf den sozialen Untergrund der Dinge zurückgehen, um sie richtig zu verstehen. In jener unglaublich verphilisterten Zeit war der Soldatenstand der einzige, in dem sich wenigstens zu Kriegszeiten individuelle Selbständigkeit und Tüchtigkeit entfalten konnte, so, wie Schiller in dem Reiterliede des Wallenstein singt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Im Felde, da ist der Mann noch was wert,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wird das Herz noch gewogen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da tritt kein anderer für ihn ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf sich selber steht er da ganz allein.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das Schlußwort dieses Liedes, recht aus Lessings Seele gesprochen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Und setzet ihr nicht das Leben ein,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nie wird euch das Leben gewonnen sein«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
atmet eine Gesinnung, die zur Zeit des Siebenjährigen Krieges nur im Kriegslager, nicht in den bürgerlichen Klassen lebte. Dazu kam. daß der Militarismus als selbständiger Gegensatz zur bürgerlichen Kultur sich noch nicht entfaltet hatte, solange die Heere als Privateigentum und die Kriege als Privatindustrie der Fürsten galten. Und wie mit dem friderizianischen Offizier, so mochte Lessing auch mit dem hinterpommerschen Junker gut auskommen. Der hinterpommersche Adel, sehr im Gegensatze zu dem vorpommerschen arm und frugal, mehr Bauer als Junker, mit seinen Hintersassen mehr patriarchalisch hausend, als sie rücksichtslos ausbeutend, war die übelste Rasse nicht; er besaß mehr die Tugenden als die Laster einer herrschenden Klasse; dem von den Berliner Spießern gelangweilten und von den Leipziger Geldprotzen gepeinigten Lessing mußte so ein Kleist oder Tauentzien aus der Kassubei, die nichts als ihre Ehre, ihren Degen und ihr Treben besaßen, die ihr Leben täglich in die Schanze schlugen und lieber ihren Degen zerbrachen, als ihre Ehre befleckten, eine gar willkommene Erscheinung sein. Die Dinge lagen nun einmal so in Deutschland, daß ein kräftiger und männlicher Charakter, wie Lessing war, in den herrschenden Klassen viel eher seinesgleichen fand als in den beherrschten. Es wäre sehr ungerecht, zu verkennen, daß der Siebenjährige Krieg das beste Blatt in der Geschichte der preußischen Junker ist; ihrer viertausend blieben auf den Schlachtfeldern. Gewiß im Kampfe für ihre Klasseninteressen, aber das deutsche Bürgertum brachte es ja nicht einmal entfernt zu einer gleichen Aufopferung für seine Klasseninteressen. Und dank der elenden Verseuchung der deutschen Bourgeoisie liegen die Dinge heute auch noch so. Die hinterpommerschen Junker der »Kreuz-Zeitung« stehen an ehrlichem Kampfesmut und ritterlicher Gesinnung turmhoch über den kapitalistischen Soldschreibern der Freisinnigen oder der »Vossischen Zeitung«; wer die preußische Literatur einigermaßen kennt, der weiß auch, daß die Offiziere, die daran mitgearbeitet haben, wenigstens die begabteren von ihnen, ungleich ehrlicher und freimütiger beispielsweise über den friderizianischen Staat schreiben wie die bürgerlichen Literaten vom Schlage des Herrn Schmidt, und man braucht nur ein Jahr zurück, an die Krisis des preußischen Volksschulgesetzes, zu denken, um sofort zu erkennen, daß sich dabei der Junker Zedlitz als ein Mann, der Bourgeois Miquel aber als ein älteres Mitglied des zarteren Geschlechts benommen hat. Der seichte, an die oberflächlichsten Schlagworte gekettete Liberalismus, der in der deutschen Presse das große Wort führt, versteht diesen Zusammenhang nicht; ja, er darf ihn nicht einmal verstehen, wenn er sein kümmerliches Dasein nicht selbst aufgeben will, und aus diesem Selbsterhaltungstriebe erklärt sich einigermaßen jene sonst unerklärliche Meisterschaft im &#039;&#039;persönlichen&#039;&#039; Niederhetzen, Niederlügen und Niederverleumden politischer Gegner, die Herrn Eugen Richter und ähnliches Gelichter auszeichnet und die sich aus guten Gründen mit der kläglichsten Feigheit im Kampfe der &#039;&#039;Klassen&#039;&#039; zu paaren pflegt. Lessing ist diesem scheußlichen Unwesen, soweit er es in seinen ersten, noch verhältnismäßig schüchternen Anfängen kennengelernt hat, stets rücksichtslos entgegengetreten; in seiner späteren Predigt über zwei Texte, von der uns leider nur ein kleines, aber köstliches Bruchstück erhalten ist, führt er den Gedanken aus, daß man eine Klasse grundsätzlich bekämpfen und hassen, aber ihre würdigen Glieder deshalb nicht weniger, ja deshalb erst recht lieben und schätzen könne, wie sie verdienen. Gehandelt hat er immer nach diesem Grundsatze, der sich für jeden ehrlichen Kämpfer schon deshalb von selbst versteht, weil er in dem Begriffe eines ehrlichen Kampfes enthalten ist. Und Lessing hat sich den Teufel an das gekehrt, was die Leipziger Geldsäcke über seinen Verkehr mit dem preußischen Offizier Kleist und später die Berliner Aufklärer über seinen Verkehr mit dem Hauptpastor Goeze hinter seinem Rücken zischelten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Freundschaft für Kleist versteht man noch besser, wenn man in Kleists Briefwechsel verfolgt, wie der »Dichter und Soldat« im Felde, wo ihn Lessing kennenlernte, ein ganz anderer Mann wird. In seiner Potsdamer Friedensgarnison erscheint er immerhin als ein seltsamer Heiliger: mit »Mädchens spielend«, mit seinem Gleim läppisch tändelnd, mittelmäßige Verse spinnend, von den Kameraden wegen seiner poetischen Neigungen verspottet, unter der launenhaften Ungnade des Königs seufzend, verfällt er bald in »Melancholie«, bald will er dies »in Vergleichung anderer ganz elende Land verlassen«. Schon der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, ist ihm »eine Hölle, und sollte ich auch hier indessen Generalfeldmarschall werden, dafür mich doch der Himmel wohl bewahren wird«. Diese Stimmung war unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich, aber sie besserte sich zusehends, als Kleist eine Kompanie und damit ein. ausbeutungswürdiges Vermögensobjekt erhielt. Auf der lukrativen Werbung trieb er in Zürich, der »uniquen« Stadt, den Menschenhandel so arg, daß er bei Nacht und Nebel vor den ihm aufpassenden Behörden fliehen mußte, wofür er sich dann [durch] geistlosgrobe, mit seinen tändelnden Liederchen in gar seltsamem Gegensatze stehende Epigramme auf die Schweiz und die Schweizer rächte. Aber im Kriege fallen die Schlacken seines Wesens ab. Wieder leidet er unter Friedrichs Willkür; aus seinem alten, angesehenen Regimente wird er in ein sächsisches Infanterieregiment versetzt, das bei Pirna gefangen war und nun preußische Dienste tun muß; er kommt »hinter die Mauer« nach Leipzig. Aber als Vorsteher des Lazaretts, bei den ihm aufgetragenen Kontributionen im Sächsischen erweist er sich als ein menschenfreundlicher und milder Mann, der jede persönliche Bereicherung verschmäht. In seinem einzigen Kriegsliede, das mehr kriegerischen und mehr menschlichen Geist atmet als Gleims gesamte Grenadierpoesie, ruft er dem preußischen Heere zu:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nur schone wie bisher im Laufe großer Taten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den Landmann, der dein Feind nicht ist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hilf seiner Not, wenn du von Not entfernet bist!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Rauben überlaß den Feigen und Kroaten!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und wie er es sich in diesem Liede gewünscht hatte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Auch ich, ich werde noch – vergönn es mir, o Himmel! –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einher vor wenig Helden ziehn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich seh&#039; dich, stolzer Feind, den kleinen Haufen fliehn&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und find&#039; Ehr&#039; oder Tod im rasenden Getümmel«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
findet er bei Kunersdorf einen so tapferen Tod, daß ihn selbst die russischen Barbaren mit hohen Ehren bestatten. Lessing hat ihn mit wildem Schmerze betrauert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anderer Art als Lessings Freundschaft mit Kleist war seine Freundschaft mit Gleim. Jede Faser Lessings mußte sich gegen den kindisch süßlichen Ton sträuben, worin Gleim mit seinen »allerliebsten Engeln« von Freunden umging, aber um Kleists willen hat er den bei aller Albernheit doch auch sehr gutmütigen Mann gern ertragen, heiter neckend mit dem Schreibseligen verkehrt, ihn wie ein großes Kind behandelt. Bald sucht Lessing dem Schwächling das Rückgrat zu steifen, indem er ihn zu einer männlichen Haltung gegenüber den Franzosen in Halberstadt ermahnt oder ihn anfleht, den Schmerz über Kleists Tod nicht durch elende Reime zu entweihen; bald streichelt er ihn ein wenig, nennt ihn einen Äschylos, spricht von seinem »großen König«. Bei alledem war es doch mehr als Ironie, wenn Lessing Gleims Grenadierlieder mit einem heute nicht mehr verständlichen Lobe zum Drucke beförderte. Man muß nur richtig verstehen, was Lessing mit diesem Lobe ins Auge faßte. Nicht etwa die Begeisterung für die »nationale« Sache Friedrichs. Der König selbst würde, wenn er Gleims Grenadierlieder gekannt oder ihnen gar irgendeine Wirkung auf die Bevölkerung zugetraut hätte, den Poeten vermutlich auf die Festung geschickt haben. Was er an ihnen etwa noch verstanden und gewürdigt hätte, nämlich das tobende Geschimpfe auf die Feinde – ein wüterisches Gedicht des Pastors zu Laublingen, das die Zensur beanstandet hatte, gab Friedrich auf ein alleruntertänigstes Schreiben Langes frei –, gerade das war für Lessing ein Greuel; was aber ihm an den Grenadierliedern gefiel, der festere, männlichere, selbstbewußtere Ton, den Gleim anschlug, das wäre dem König ein Greuel gewesen, der, wir wissen aus welchen Gründen, dem Kriege schlechterdings den Charakter eines Kabinetts- und Söldnerkrieges erhalten mußte. Über diese Sachlage mochte sich ein verworrener Kopf wie Gleim täuschen, der heute den Tyrtäos nachahmte wie gestern den Anakreon, aber Lessing konnte natürlich nicht in eine solche Torheit verfallen, und er verbat sich ausdrücklich jedes Interesse des Königs für die Grenadierlieder. In der Vorrede, die er ihnen mitgab, sagt er, wer die kostbaren Überbleibsel der alten nordischen Heldenlieder kenne, wer das jüngere Geschlecht von Barden aus dem schwäbischen Zeitalter seiner Aufmerksamkeit wertschätze, ihre naive Sprache, ihre »ursprünglich deutsche Denkungsart« studiert habe, der werde den neuen preußischen Barden zu beurteilen wissen, und unmittelbar darauf heißt es wörtlich: »Andere Beurteiler, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben.« Deutlicher ließ sich unter der friderizianischen Zensur doch nicht reden, aber unsere bürgerlichen Literarhistoriker sind taub für diesen überlegenen Spott, und Lessing muß noch immer als preußischen Chauvinismus abbüßen, was für ihn nur die etwas überschwengliche, aber deshalb erst recht begreifliche Freude an einem in der deutschen Literatur einmal durchbrechenden frischeren, kräftigeren und männlicheren Tone war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch hat Lessing in dieser Leipziger Zeit viel angefangen, namentlich auf dramatischem Gebiete, aber nichts vollendet. Zwei »Odengerippe« an Kleist und Gleim gehören zu jenen müßigen Stilübungen, wie sie wohl im poetischen Wetteifer unter Freunden entstehen; mit Recht hat Lessing es bei den Entwürfen in Prosa gelassen. Nicht weniger erfreulich, wenn auch aus einem ganz anderen Grunde, ist der gleiche Umstand bei einer Ode an Mäzen, deren markige Prosa durch die Umwandlung in irgendeinen bei Lessing doch immer holperigen Rhythmus nur verloren haben würde. Hier ihre kernigsten Sätze:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wer ist&#039;s in unsern eisernen Tagen, hier in einem Lande, deren Einwohner von innen noch immer die alten Barbaren sind, wer ist es, der einen Funken von deiner Menschenliebe, von deinem tugendhaften Ehrgeize, die Lieblinge der Musen zu schützen, in sich hege? Wie habe ich mich nicht nach nur einem schwachen Abdrucke von dir umgesehen! mit den Augen eines Bedürftigen umgesehen! Was für scharfsichtige Augen! Endlich bin ich des Suchens müde geworden und will über die Afterkopien ein bitteres Lachen ausschütten.– Dort, der Regent, ernährt eine Menge schöner Geister und braucht sie des Abends, wenn er sich von den Sorgen des Staats durch Schwänke erholen will, zu seinen lustigen Räten. Wieviel fehlt ihm, ein Mäzen zu sein. Nimmermehr werde ich mich fähig fühlen, eine so niedrige Rolle zu spielen, und wenn auch Ordensbänder zu gewinnen stünden. Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starke Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit stärkeren und treueren Strichen konnte Lessing seinen Gegensatz zur Tafelrunde von Sanssouci nicht zeichnen, und doch soll er hinter Friedrich und Voltaire dreingelaufen sein!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach Form und Inhalt gehört die Mäzen-Ode in eine reifere Zeit Lessings; wir setzen sie um so eher mit den Prosa-Oden an Kleist und Gleim zusammen, als Lessing schwerlich zu zwei verschiedenen Zeiten eine so formlose und seinem ganzen Wesen sonst fernliegende Form gewählt haben dürfte und der Verkehr mit Kleist, der die französische Literatenwirtschaft in Sanssouci ähnlich wie Lessing beurteilte, aber aus seinem Potsdamer Garnisonleben noch viel genauer kannte, den sonst auffallenden Umstand erklärt, daß Lessing gerade in Leipzig so beißend über Friedrich und seine französischen Hofnarren geurteilt hat. Trotzdem läßt sich über die Sache streiten, und wir würden kein Wort darüber verlieren, daß Herr Erich Schmidt die Mäzen-Ode sogar bis in das Jahr 1751 zurückversetzt, wenn nur Lessing nicht dadurch zu einem dreimal »schoflen« Kerle gemacht würde, daß er öffentlich »verwegene Hoffnungen« auf Friedrich und Voltaire gesetzt und sie heimlich so bitter wie in der Mäzen-Ode verspottet haben soll. Herr Erich Schmidt hat freilich auch eine eigene Hypothese über die Entstehung der Mäzen-Ode. Klopstock hatte 1751 nämlich seinen Messias dem König von Dänemark mit einer Ode und dem Vorwort gewidmet: »Der König der Dänen hat dem Verfasser des Messias, der ein Deutscher ist, diejenige Muße gegeben, die ihm zur Vollendung seines Gedichtes nötig war.« Herr Erich Schmidt meint nun, Lessing habe in der Mäzen-Ode, »durch Klopstocks lakonische Prosa und stolz-bescheidene Strophen gereizt, eine der großartigsten Spiegelungen seiner Persönlichkeit gegeben«. Wirklich? Dann wäre also der »Regent« der König von Dänemark und der »lustige Rat«, der mit »Schwänken« unterhält, wäre Klopstock? Was doch nicht alles ein treu-fleißiger Untertanenverstand vermittelst der berühmten «genetischen Methode« entdecken kann!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kleists Freundschaft war es vornehmlich, die Lessings Aufenthalt in dem verwüsteten Leipzig verlängerte, wo sonst nichts für ihn zu brechen und zu beißen war. Als Kleist ins Feld gerufen wurde, ging Lessing »nicht nach Berlin, sondern zu meinen guten Freunden, die in Berlin sind«. Ihm blieb keine Wahl, und er mußte es gern oder ungern nochmals mit Ramler, Moses, Nicolai versuchen. Etwa dritthalb Jahre hielt er den schließlich scheiternden Versuch aus, vom Mai 1758 bis Ende 1760. Es ist die Zeit der Fabeln, des Philotas, der Literaturbriefe, die Zeit immerhin eines gewissen Stillstandes gegenüber der mit der Miß Sara Sampson erreichten Höhe. Nicht deshalb, weil die schon von Herder berichtigten und ergänzten, dann von Jakob Grimm noch viel stärker erschütterten Abhandlungen Lessings über die Fabel den Begriff dieser Dichtungsart falsch oder unzureichend erörtern! Lessings Ästhetik ist ebenso wie seine Dramatik, seine Philosophie, seine Theologie durchaus bestimmt durch das sozial-politische Moment seines Lebenskampfes; er hat dem Äsop und Phädrus nur das abgesehen, was sich zu einer scharfen Waffe gegen die Laster und Torheiten seiner Zeit zuschleifen ließ, und wenn seine Fabeln das naive Element der alten Tierfabel vermissen lassen, so sind ihre vorteilhaftesten Seiten, wie Herder schon bemerkte, »eine schöne Bemerkung, ein allerliebster Einfall, eine neue vortreffliche Wendung, ein überraschender Sprung, der munterste Dialog«. Diese Fabeln sind ein fortlaufendes Kleingewehrfeuer, nicht zuletzt auch gegen den friderizianischen Despotismus. Wie ergötzlich wird Friedrichs Bevormundungssucht verspottet in dem »Geschenke der Feien«, wo die eine »einem jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten Regenten seines Landes ward«, den scharfsichtigen Blick des Adlers schenkt, dem in seinem weiten Reiche auch die kleinsten Mücken nicht entgehen, die andere aber als »weise Einschränkung« die »edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen«, hinzufügt. Und dann die Moral des Dichters: »Viele würden weit größere Könige gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen wollen.« Oder wie keck weiß Lessing eine dem heutigen Philister noch unfaßbare Wahrheit zu enthüllen, wenn er in der alten Fabel von den Fröschen, die einen König haben wollten, gegenüber anderen Auslegern »zwei weit größere und kühnere Wahrheiten entdeckt, 1. die Torheit, überhaupt einen König zu haben, 2. die Torheit, nicht mit einem schläfrigen, untätigen Könige zufrieden zu sein, einen großen, anschlägigen Kopf auf den Thron zu wünschen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonach – groß genug ist Lessing auch in diesem kleinen Genre, aber er selbst war für dies kleine Genre zu groß, und von ihm als Fabeldichter gilt ein wenig, was er später von einer Schauspielerin sagte: »Ich möchte nicht alles machen, was ich vortrefflich machen könnte.« Und so ist auch das Trauerspiel Philotas nur ein kleines Nebenwerk, eine Freundesgabe für Kleist. Wie Kleist nach Lessings Meinung aus übertriebenem Heroismus den Tod suchte, so tötet der gefangene Königssohn Philotas, der gegen den gleichfalls gefangenen Sohn des feindlichen Königs Aridäus ausgetauscht werden soll, sich selbst, um die gleichschwebende Waage zugunsten seines Vaters zu senken. Herr Erich Schmidt versichert, das Stück atme den »aufopfernden Geist der in Waffen starrenden Gegenwart«. Hören wir diesen Geist ein wenig atmen! Es ist der siebente Auftritt; König Aridäus, ein so gütiger und milder Mann, wie Maria Theresia eine gütige und milde Frau war, meldet dem gefangenen Philotas, die Boten an seinen Vater seien auf den schnellsten Pferden abgegangen; in wenigen Stunden könne die Auswechslung der gefangenen Königssöhne erfolgen. Davon hofft der gute Aridäus auch »sonst glückliche Folgen«; liebenswürdige Kinder seien schon oft Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern geworden, und er seufzt »Unseliger Krieg!« Unmittelbar darauf geht der Dialog weiter wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Jawohl, unseliger Krieg! – Und wehe seinem Urheber!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das Schwert zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Nun ja; mein Vater hat das Schwert zuerst gezogen. Aber entsteht die Feuersbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? ... Bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm erteiltest, als er ? doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
sprechen! ... Nur dem untrüglichen Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber sprechen ihr Urteil durch das Schwert des Tapfersten. Laß uns den blutigen Spruch aushören! ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Prinz, ich höre dich mit Erstaunen ? mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer! – Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich! – Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, edeln Volks anvertrauen, dir! – Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbeeren und Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege als glückliche Untertanen zählen. – Wohl mir, daß meine Tage in die deinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Beruhige den Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen, weit mehr!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Aridäus&#039;&#039;: Weit mehr? Erkläre dich –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Philotas&#039;&#039;: Habe ich ein Rätsel gesprochen? – Ich wollte, nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüte sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gelehrt, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir nicht das Gegenteil sich zutragen? Oder vielleicht war auch dieses meine Meinung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen? – Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertraut, des Blutes meiner Untertanen siehst!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man deutlicher und gerechter sprechen, als Lessing hier spricht? Deutlicher über den »weibischen Prinzen«, aus dem ein »kriegerischer König« ward? Gerechter über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, aber auch über den völkerfeindlichen Charakter der erobernden Militärkönige? Herr Erich Schmidt aber weiß es natürlich besser. Nach ihm ist Aridäus König Friedrich, und der Protest gegen die »Lorbeeren und das Elend« eines Despotismus, der »mehr Siege als glückliche Untertanen zählt«, erinnert ihn daran, »wie Friedrich II. einen Karl von Schweden nicht bewundern konnte«. Ja, diesen Byzantinern soll mal einer beikommen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben den Fabeln und dem Philotas arbeitete Lessing in den Jahren 1758 bis 1760 an einer kritischen Zeitschrift, den »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Sie erschien im Verlage von Nicolai, und dieser Biedermann hat späterhin auch einige dreiste Versuche gemacht, sich als ihren geistigen Urheber aufzuspielen. Doch unterliegt es gar keinem Zweifel, daß Lessing den Gedanken der Zeitschrift zuerst gefaßt hat und ihre Seele gewesen ist, solange sie das war, was sie sein sollte: ein ehrliches, kritisches Organ im Gegensatze zu den seichten und auf den gegenseitigen Komplimentierton gestimmten Journalen der Zeit, wie deren eines, die »Bibliothek der schönen Wissenschaften«, von Moses und Nicolai bisher in Leipzig herausgegeben worden war. Beide beteiligten sich an den Literaturbriefen, Moses für die Kritik der philosophischen Schriften, Nicolai ausdrücklich als Lückenbüßer, aber Lessing zog seine Hand von diesem Pfluge zurück, als er entdeckte, daß damit nach Nicolais würdiger Absicht das Feld einer Berliner Literaturclique beackert werden sollte. Und diese Entdeckung machte er sehr früh. Nur die beiden ersten Bände zeigen das ursprüngliche Verhältnis, 44 Briefe von Lessing, 15 von Moses, 1 von Nicolai; dann schrumpft Lessings Teilnahme schnell zusammen, bis sie im siebenten Bande ganz erlischt; er hat dann nur noch 1765 den dreiundzwanzigsten und letzten Band mit einem Briefe beschlossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Literaturbriefe öffneten dem jungen Herder in den livländischen Hinterwäldern eine neue Welt, aber Goethe und Fichte haben sehr abfällig über sie geurteilt, und eine literarhistorische Bedeutung kann nur ihren ersten Bänden nachgesagt werden. Indessen stehen auch die Beiträge Lessings nicht auf der entsprechenden Höhe über seinen »Briefen« von 1752. Sie räumen gründlich mit einigen schlechten Reimern und Übersetzern auf, aber die kritische Behandlung der damaligen literarischen Größen spinnt nur alte Fäden weiter und nicht immer in der glücklichsten Weise. Gottsched wird noch heftiger, aber nicht gerechter als bisher angegriffen; Klopstocks Odendichtung kommt gar zu schlecht weg, verglichen mit Gleims Kriegspoesie oder Gerstenbergs anakreontischen Tändeleien, und gegen Wieland findet sich gar ein persönlicher Ausfall, wie ihn Lessing später an Klotz so scharf verurteilen sollte. Ganz ungestraft konnte selbst ein Lessing nicht unter den Berliner Philistern leben. Aber einiges aus dem Kampfe seines Lebens ist auch in diesen Blättern enthalten; man muß es nur nicht mit der ästhetischen Brille suchen wollen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wieviel Schütteln des Kopfes hat beispielsweise Lessings Satz hervorgerufen, daß der Name eines wahren Geschichtsschreibers nur demjenigen zukommt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibt! Lessing hat damit aber nicht entfernt eine allgemeine Theorie aufstellen wollen, sondern er spricht einfach als ein scharfsichtiger Vertreter des deutschen Bürgertums, der einerseits Voltaires Geschichtswerke und deren gewaltige Wirkung, andererseits die damals berühmtesten deutschen Geschichtsschreiber vor Augen hatte, von denen Bünau mit seiner Kaiser- und. Reichshistorie bis zum Jahre 918, Mascov aber mit seiner Geschichte der Deutschen bis zum Anfange der fränkischen Monarchie glücklich bis zum Ausgange der Merowinger gelangte. Winckelmann, der zeitweise Hilfsarbeiter von Bünau war, entschuldigte später von Rom aus seine Unkenntnis der ersten Lessingschen Schriften mit den Worten: »Da mein Gehirn mit alten fränkischen Chroniken und Leben der Heiligen angefüllt war.« Gegen diese Entfremdung von den bürgerlichen Interessen der Gegenwart erklärt sich Lessing mit jenem paradoxen Satze; und eben dieser Gesichtspunkt beherrscht den umfangreichsten und wichtigsten Teil seiner Literaturbriefe: die Polemik gegen Klopstock und Wieland. Klopstock gab mit Cramer zusammen in Kopenhagen den »Nordischen Aufseher« heraus, eine nach englischem Muster moralisierende Wochenschrift, worin unter anderem gelehrt wurde, daß man ohne Religion kein rechtschaffener Mann sein könne, während Wieland aus Zürich, wo er unter Bodmers Hände geraten und fromm geworden war, »Empfindungen eines Christen« in die Welt sandte, die neben seraphisch verhimmelnden Gefühlen die weltliche Dichtung in der knabenhaftesten Weise verunglimpften. Das eine wie das andere war für Lessing ein Greuel. Niemand hatte bis dahin die Orthodoxie schärfer angegriffen als er, aber nicht die Orthodoxie als eine bestimmte religiöse Richtung, sondern als ein Organ der sozialen Unterdrückung; jetzt nahm er sogar die Partei der Orthodoxie als einer bestimmten religiösen Richtung, insoweit als eine faule und feige Aufklärung sich über sie zu erheben behauptete, aber die soziale Unterdrückung mindestens ebenso munter handhabte. In den »Empfindungen eines Christen« fiel Wieland über Uz »mit so frommer Galle, mit einem so pietistischen Stolze auf den moralischen Charakter desselben her, brauchte so hämische Waffen, verriet so viel Haß, einen so verabscheuungswürdigen Verfolgungsgeist, daß einen ehrlichen Mann Schauder und Entsetzen darüber befallen mußte«. Und indem Lessing gegen den »Nordischen Aufseher« ausführt: »Die Orthodoxie ist ein Gespötte geworden; man begnügt sich mit einer lieblichen Quintessenz, die man aus dem Christentum gezogen hat, und weichet allem Verdachte der Freidenkerei aus, wenn man von der Religion nur fein enthusiastisch zu schwatzen weiß«, weist er in einer längeren Folge von Briefen sowohl die Halbheit und Zweideutigkeit dieser »lieblichen Quintessenz« gegenüber der Orthodoxie als auch die Sinnlosigkeit der anmaßlichen Behauptung nach, die keinen Mann ohne Religion als rechtschaffen gelten lassen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klopstock und Wieland waren zu tüchtige Naturen, um bei aller augenblicklichen Verstimmung nicht Lessings Kritik zu beherzigen; namentlich von Wieland darf man sagen, daß sie ihn auf den richtigen Weg geleitet hat. Wie aber in unseren Tagen die Arbeiterklasse sich der Liebäugelei mit der Orthodoxie schuldig gemacht haben sollte, weil sie nicht umhinkonnte, die »liebliche Quintessenz vom Christentum«, womit die freisinnigen Nicolaiten das preußische Volksschulgesetz bekämpften, abgeschmackt zu finden, so erboste sich Ehren-Nicolai über Lessings angebliches Eintreten für die Orthodoxie. Es scheint, daß er sich sogar erdreistet hat, als Verleger in Lessings Beiträge für die Literaturbriefe unterdrückend dreinzufahren; mindestens hat er sie nach Lessings Tode in einer hämisch verstümmelten Ausgabe veröffentlicht. Unter der Kontrolle eines bornierten Verlegers zu schreiben, war Lessing nun aber der letzte Mann, und ebensowenig konnte er daran denken, sich den immer dreisteren Ansprüchen der Berliner Clique zu fügen. In seinen Abhandlungen über die Fabel hatte er die Fabeln von Lafontaine und die Fabeltheorie von Batteux kritisiert; nun erhob der edle Ramler ein großes Geschrei, daß Lessing »durch Unterdrückung sich Luft schaffen und Platz machen wolle«, weil – Ramler den Batteux übersetzt und Gleim Fabeln nach dem Muster von Lafontaine gemacht hatte. Gleim beging dazu noch die unglaubliche Sottise, den Philotas in preußische Grenadierverse umzudichten. Dazu mußte der »Erzsachse« jeden Tag »tausend ausschweifende Reden hören«; als Lessing, der die Herausgabe von Gleims Grenadierliedern in Berlin besorgte, den guten Geschmack hatte, die gröbsten Unflätigkeiten zu streichen, schrieb Ramler an Gleim, daß »unser sächsischer Freund« es »doch lieber sehen würde, wenn die Flüche auf die Türken und Persianer gingen als auf seinen Prinzen und seines Prinzen alliierte Kaiserin«. Sulzer wieder bewies auf andere Weise sein wohlwollendes Gemüt gegen Lessing. Die Geschichte hat zwar nicht mehr unmittelbar Lessings Abgang von Berlin beeinflußt, aber sie kennzeichnet jenes Cliquenwesen, das ihn von dannen trieb. Der Propst Süßmilch, dessen literarische Fähigkeit denn doch groß genug war, um Lessings Wert wenigstens zu ahnen, beantragte als Mitglied der Akademie, ihn zum auswärtigen Mitgliede dieser Körperschaft zu wählen. Aber Sulzer widersprach, weil ihm diese Ehre für Lessing zu hoch erschien. Eine »wunderliche Ehre«, wie sogar Ramler an seinen Gleim schrieb; sie wurde gleichzeitig an drei Italiener, einen Franzosen, einen Holländer, einen Schweizer und einen Deutschen erteilt, einen Rat Huber in Kassel, dessen Name an erster Stelle der Liste erschien, während Lessing trotz Sulzers Widerspruch gerade noch an letzter Stelle durchschlüpfte. Lessing wurde von dem Humbug um so peinlicher berührt, als die Akademie die wahrhaft phänomenale, selbst von Nicolai getadelte Unverschämtheit hatte, ihre Ernennungen mit der Begründung zu veröffentlichen, daß sie auf »wiederholtes Ansuchen der Beteiligten«, die schon »seit geraumer Zeit« darum gebeten hätten, erfolgt seien. Am leidlichsten fuhr Lessing noch immer mit dem guten Moses, aber der quälte ihn wieder mit seiner selbstgefälligen Schulmeisterei über Dinge, denen Lessing entwachsen war, sosehr sie für Moses ein großer Fortschritt sein mochten. Moses war stolz darauf, sich aus der Hefe des jüdischen Schachers zur Ehrbarkeit des deutschen Philisters emporgearbeitet zu haben, allein Lessing hatte den deutschen Philister selbst schon ganz und gar ausgezogen. Mit seinen großen Schwächen denn freilich auch seine kleinen Tugenden. Ordnungsliebe und Pünktlichkeit in den Angelegenheiten des bürgerlichen Lebens ist niemals Lessings Vorzug gewesen, aber um so mehr mußte es ihn verdrießen, sich darüber gerade von Moses, der den großen Kampf seines Lebens so gar wenig begriff, hofmeistern zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher daher, als daß Lessing sich aus all diesen kleinlichen und peinlichen Verhältnissen im November von 1760 durch einen kühnen Entschluß zu seinem »alten, ehrlichen Tauentzien« in das Kriegslager von Breslau rettete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Breslauer Meisterwerke ==&lt;br /&gt;
In Breslau hat Lessing bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges und noch ein paar Jahre länger gelebt. Es ist die Zeit seines Lebens, über die wir am spärlichsten, durch ein paar Briefe an ihn und von ihm, durch die dürftigen Mitteilungen dieses oder jenes Breslauer Freundes unterrichtet sind. Auch hat er in fünf Jahren nichts veröffentlicht; er wollte sich »eine Zeitlang als ein häßlicher Wurm einspinnen, um wieder als ein glänzender Vogel ans Licht kommen zu können«. So seltsam es erscheint, daß dieser durch und durch bürgerlich gesinnte Mensch sich mitten in das friderizianische Heer stürzte, so begreiflich wird es durch die Unnatur der deutschen Zustände. Simson hatte keinen anderen Zufluchtsort mehr vor den Philistern. In dem ersten Briefe, den Lessing aus Breslau an Ramler richtete, sagt er zur Rechtfertigung seines polnischen Abschieds – er hatte nicht einmal seiner Wirtin gekündigt, geschweige sonst einer Menschenseele seine Absicht verraten – in Form eines Monologs: »Freilich ist es wahr, daß dich eigentlich nichts aus Berlin trieb, daß du die Freunde hier nicht findest, die du da verlassen; daß du weniger Zeit haben wirst, zu studieren. Aber war nicht alles dein freier Wille? Warst du nicht Berlins satt? Glaubtest du nicht, daß deine Freunde deiner satt sein möchten? Daß es bald wieder einmal Zeit sei, mehr unter Menschen als unter Büchern zu leben? Daß man nicht nur den Kopf, sondern nach dem dreißigsten Jahre auch den Beutel zu füllen bedacht sein müsse?« Mit diesem haushälterischen Beweggrunde war es wohl am wenigsten weit her. Lessing war sein Lebtag kein Spartopf, obschon die Pietät gegen seine Eltern, die den Lebensberuf ihres Ältesten darin sahen, daß alle nachgeborenen Söhne des Kamenzer Pfarrhauses, gut ein halbes Dutzend, aus seiner Tasche zu ehrsamen Pastoren und Rektoren erzogen würden, ihn auf den elenden Gelderwerb ein gewisses Augenmerk zu richten zwang. »Ich bin kein Wirt. Die Wahrheit zu sagen, mag ich auch keiner sein«, schreibt er bald nachher an Ramler. Aber er war Berlins satt, und wenn er höflicherweise nur sagt, daß seine dortigen Freunde auch seiner satt sein müßten, so war er ihrer um so satter. Mit ihnen unter Büchern zu hausen und über diese Bücher die kritische Geißel von – Nicolai zu schwingen, das war nach Fichtes derbem, aber wahrem Ausdrucke ein schlechtes, nicht in der besten Gesellschaft betriebenes Geschäft, und deshalb zog Lessing sich zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Je weniger sichere Zeugnisse über Lessings Breslauer Zeit nun aber vorliegen, um so mehr hat sich der Klatsch daran geheftet, der in Goethes »zerstreutem Welt- und Wirtshausleben« noch nachklingt. Es ist vollkommen glaublich, daß Lessing das eine Mal, da es ihm so gut werden sollte, nicht in der erstickenden Luft der Philister zu atmen, das Leben wacker durchgekostet hat. Auch seine Lust am Spiele, über die Moses und Genossen am meisten zeterten, erklärt sich aus seinem überquellenden Lebensdrange. »Wenn ich kaltblütig spielte, würde ich gar nicht spielen«, soll er nach seinem brüderlichen Biographen in der Breslauer Zeit gesagt haben; »ich spiele aber aus Grunde so leidenschaftlich. Die heftige Bewegung setzt meine stockende Maschine in Tätigkeit und bringt die Säfte in Umlauf; sie befreit mich von einer körperlichen Angst, die ich zuweilen leide.« Und hiermit steht Lessings spätere Äußerung nicht in Widerspruch, sondern in vollkommenem Einklänge: »Ich werde nicht eher spielen, als bis ich niemanden finden kann, der mir umsonst Gesellschaft leistet. Das Spiel soll den Mangel der Unterredung ersetzen. Es kann daher nur denen erlaubt sein, die Karten beständig in Händen zu haben, die nichts als das Wetter in ihrem Munde haben.« Lessing spielte nicht um des Gewinnes willen, sondern das drückende Gefühl der geistigen Vereinsamung, das Bedürfnis nach Anregung und Spannung des Geistes trieb ihn an den Spieltisch. Aber deshalb war die Breslauer Zeit Lessings nicht minder nach Fichtes Wort »die eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes«, nach seinem eigenen Ausdrucke der Anfang »der ernstlichen Epoche seines Lebens«. Seine »durchaus heterogenen Amtsgeschäfte glitten bei ihm nur auf der Oberfläche dahin«. Auch von ihnen wissen wir wenig; die paar erhaltenen Briefe, die Lessing als Gouvernementssekretär verfaßt hat, handeln von Tauentziens Tafelgeldern, von Auswechselung der Kriegsgefangenen und dergleichen mehr. Unglaubwürdig ist Nicolais zu Ehren Friedrichs aufgestellte Behauptung, daß Lessing die Schließung der Münzkontrakte mit dem Wucherer Ephraim zu besorgen hatte.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen, 2, 134. Vergleiche auch die Anmerkung Nicolais zu Lessings Brief an Moses vom 15 August 1765. Lessings Werke, 20, 1, 197.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tauentzien hatte zwar seit dem Jahre 1760 die Münzangelegenheiten unter sich, aber die Münzverschlechterung war zu sehr die hauptsächlichste Hilfsquelle des Königs, als daß er nicht selbst alles darüber verfügt hätte. Indessen auch wenn Tauentzien noch etwas mitzureden gehabt haben sollte, so wäre das gleiche sicherlich einem Beamten von der Stellung eines Gouvernementssekretärs unmöglich gewesen, ganz abgesehen davon, daß Lessing bei seiner kindlichen Unbeholfenheit in allen kapitalistischen Dingen von dem geriebenen Münzjuden nach allen Regeln der Kunst übers Ohr gehauen worden wäre. Feststeht, daß er bei diesen traurigen Händeln, in denen er schlimmstenfalls nur äußerliche Beihilfe geleistet haben kann, nicht den geringsten unsauberen Gewinn gesucht oder gefunden hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs hat Lessing wohl einmal geklagt, daß »unbedeutende Beschäftigungen mehr ermüden als das anstrengendste Studieren«, aber er hat dann auch wieder die heitersten Briefe aus Breslau geschrieben und sich selbst bezeugt, er sei dort in einem Train zu arbeiten gewesen wie selten. Und gegen gelegentliche Äußerungen des Unmuts legen die großen Werke der Breslauer Periode das schlagendste Zeugnis ab: Der Lessing des Laokoon und der Minna, ist ein anderer Mann als der Lessing der Fabeln und der Literaturbriefe. Zwar ist Laokoon erst 1766, Minna von Barnhelm gar erst 1767 veröffentlicht, aber beide Werke sind in Breslau empfangen worden. In beiden herrscht eine sonnige Stimmung, die wir so weder vor- noch nachher bei Lessing treffen, in beiden entfaltet sich eine Klarheit und Kraft des Gedankens, eine dialektische Meisterschaft der Sprache, die Deutschland bis dahin auch nicht entfernt gekannt hatte und die Lessing selbst wohl noch oft erreichen, aber niemals mehr übertreffen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Namentlich die Komödie wurzelt ganz und gar in Lessings Breslauer Leben. Aus ihm heraus wird sie überhaupt erst verständlich. Wir überlassen es den philologischen Kleinkrämern der bürgerlichen Literaturgeschichte, im einzelnen nachzuweisen, wo Lessing, für diesen dramatischen Bau nach einem seiner eigenen Vergleiche den Kalk gelöscht und die Steine gebrochen habe; er war nun einmal kein schöpferischer Dichter, und wer auf die Jagd nach seinen »Plagiaten« gehen will, weil er aus mancherlei Metall die Schwerter zu schmieden pflegte, mit denen er seine Schlachten schlug, der soll in diesem harmlosen Vergnügen nicht weiter gestört werden. Näher führt es schon zum Ziele, wenn man den Fortschritt der Minna über die Sara festzustellen sucht. Früher als irgendein Franzose hatte Lessing das bürgerliche Trauerspiel der Engländer sozusagen entdeckt, aber er war auch noch ganz in den Banden seiner unmittelbaren Nachahmung hängengeblieben. Inzwischen hatte Diderot diese dramatische Richtung sowohl nationalisiert als auch weitergebildet; er wies zuerst darauf hin, daß die ernsten wenn auch nicht tragischen Konflikte ehrenhafter Charaktere in den Verhältnissen des bürgerlichen Lebens eine neue und reiche Fundgrube dramatischer Stoffe seien. Lessing wurde nun wieder durch die Praxis wie durch die Theorie Diderots lebhaft angeregt; schon 1760 hatte er das »Theater des Herrn Diderot«, den Natürlichen Sohn und den Hausvater nebst der Abhandlung über die dramatische Dichtkunst in zwei Bänden übersetzt. So lehnt sich die Minna ästhetisch an ein französisches Muster, während sie ihre »Plagiate« vielfach englischen Lustspielen entlehnt oder entlehnen soll. Gleichwohl ist die Minna ein durch und durch deutsches Stück. Denn was kann deutscher sein, als daß die klassische Komödie unseres bürgerlichen Lebens ein – Soldatenstück ist?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gesichtspunkt ist nach einem Worte Lessings nicht bloß satirisch, sondern treffend. Er trifft das innerste Wesen der Minna. Nur darf man ihn sich von den bürgerlichen Literarhistorikern nicht dahin verpopanzen lassen, daß die Minna den König Friedrich oder den Siebenjährigen Krieg verherrlichen soll. Wir haben gesehen, daß Goethe in einer schwachen Stunde auf diese wunderliche Vorstellung verfallen ist, aber derselbe Goethe hat doch auch wieder an Lessing beklagt, »daß dieser außerordentliche Mensch in einer so erbärmlichen Zeit leben mußte, die ihm keine besseren Stoffe gab, als in seinen Stücken verarbeitet sind, daß er in seiner Minna von Barnhelm an den Händeln der Sachsen und Preußen teilnehmen mußte, weil er nichts Besseres fand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Eckermann, Gespräche mit Goethe, 1, 340.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber damit fährt Lessing abermals zu schlecht; etwas ungleich Besseres als die Händel der Sachsen und Preußen oder gar die Verherrlichung Friedrichs wußte er in seiner Minna denn doch zu finden. Zwang ihn die Erbärmlichkeit der deutschen Zustände, ins soldatische Leben zu greifen, wenn er ernste Konflikte ehrenhafter Charaktere schildern wollte, so wußte er diesem Leben trotzdem die soziale Seite abzugewinnen und auch hier den Kampf gegen soziale Unterdrückung aufzunehmen. Lessings Lustspiel ist so wenig eine Verherrlichung Friedrichs, daß es seinen Despotismus vielmehr da geißelt, wo er am sterblichsten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des Despotismus überhaupt, für jeden unüberwindlichen Widerstand seiner Willkürherrschaft sich durch boshafte Quälereien an den einzelnen Trägern dieses Widerstandes zu rächen. Ins Friderizianische übersetzt heißt das: Je weniger der König an den ökonomischen Grundlagen des preußischen Heeres rütteln konnte, je höher er die adlige Offizierskaste stellen und je sorgfältiger er sie schonen mußte, um so mehr peinigte und quälte er die einzelnen Offiziere. Seine Leistungsfähigkeit in dieser Beziehung erscheint nahezu unglaublich, wenn man seine militärischen Kabinettsordern mustert; um nur eins anzuführen: Wenn er einem Offizier den am liebsten immer verweigerten Urlaub wegen schwerer Krankheit schlechterdings bewilligen mußte, so befriedigte er seine despotische Laune wenigstens dadurch, daß er ihm eine andere Kur verordnete oder ein anderes Bad vorschrieb, als der Arzt getan hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;So mußte der Oberstleutnant v. Gartropp, dem Aachen verordnet war, nach Teplitz, und der Major v. Knoblauch, dem Teplitz verordnet war, nach Aachen gehen. Der dem Archive entnommene Wortlaut der betreffenden Kabinettsordern bei Stadelmann, Aus der Regierungszeit Friedrichs des Großen, 155.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Oder er jagte ihn einfach aus dem Dienste, wie denn bei jedem geringsten Anlasse, ja bei jeder üblen Stimmung des Königs, namentlich aber bei jeder Revue der einzelne Offizier niemals vor der sofortigen Kassation sicher war. Und wer einmal kasiert war, kam so gut wie niemals wieder ins Heer; es gehörte zu den unverbrüchlichsten Grundsätzen des friderizianischen Despotismus, daß der König nie irren könne, und an der praktischen Betätigung dieses Grundsatzes hat Friedrich auch in den nicht ganz seltenen Fällen festgehalten, in denen er selbst sein Unrecht nachträglich, erkannte. »Meine Armee ist kein Bordell«, war seine stehende Antwort auf alle Gesuche kassierter Offiziere um Wiedereintritt ins Heer, und seine Abweisungen pflegten in demselben Mäße höhnischer zu werden, in welchem, wie bei der Verabschiedung von Blücher und Yorck, das persönliche Ehr- und Rechtsgefühl der einzelnen Offiziere die Ursache ihrer Kassation gewesen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Niemals aber hat der König die preußischen Offiziere raffinierter gequält als vor und nach dem Frieden von Hubertusburg, also gerade als Lessing in dem Heere lebte. Der König hielt im Winter von 1761 auf 1762 sein Winterquartier in Breslau, in mönchischer Einsamkeit, in düsterer Verzweiflung, denn der letzte Hoffnungsschimmer schien erloschen. Da brachte der Tod der Zarin Elisabeth im Januar 1762 die Erlösung. Aber das Gefühl der Erleichterung paarte sich in dem Könige mit einem Gefühl der Beschämung darüber, daß nicht seine Kraft, sondern der Zufall, der einem – Narren auf den russischen Thron geholfen hatte, sein Retter geworden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In psychologisch leicht verständlicher Rückwirkung kehrte er, soweit seine Macht reichte, den Despoten und Eroberer um so rauher heraus. Er verdarb den abgehetzten Truppen die Erholung der Winterquartiere durch die überflüssigsten Paradekünste; er entzog den Offizieren die sogenannten Douceurgelder, die tatsächlich kein Geschenk, sondern eine meist unentbehrliche Hilfe waren, sich für den neuen Feldzug zu equipieren; er legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte und, als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen. Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, verhängte der König ein anderes Gericht über das Heer. Er jagte alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr brauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein wie der Adel – Riccauts de la Marliniere.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Über die Quälereien der Truppen in den Winterquartieren von 1761 auf 1762 berichtet als Augenzeuge Archenholtz, Geschichte des Siebenjährigen Krieges, 177 ff. Die Kabinettsordern des Königs an Dyherrn in Sachen der sächsischen Kontribution bei Preuß, Urkundenbuch, 2, 117 ff. Vergleiche auch Eberty, Geschichte des preußischen Staats, 4, 332 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mitten in diesen Verhältnissen lebte Lessing, und aus ihnen heraus schrieb er seine Minna von Barnhelm. Es ist recht in der wortklaubenden Kleinmeisterei der bürgerlichen Literaturgeschichte, wenn Herr Erich Schmidt ganz ins Blaue hinein andeutet, daß ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fertigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. Friedrichs Kontributionen waren auch gerade so bescheiden bemessen, daß irgendein armer Teufel von Major nur in die Tasche zu greifen brauchte, um sie bar auf den Tisch zu zahlen. Eher schon läßt es sich hören, daß manche Züge von Kleist auf Tellheim übergegangen sind. Aber man braucht nur die drei Dutzend Kabinettsordern Friedrichs an Dyherrn wegen der Leipziger Kontribution zu lesen, um das Bild Tellheims vor sich zu sehen. Nicht als ob wir damit in den gleichen Fehler wie die bürgerlichen Historiker verfallen und etwa sagen wollten, gerade dieser Fall habe Lessings dramatischen Trieb angeregt. Nein, die Dyherrn und Kleist waren keineswegs weiße Raben unter den preußischen Offizieren des Siebenjährigen Krieges; mehr als einer, ein Marwitz, ein Saldern, hat sich lieber kassieren lassen, als einen königlichen Befehl ausgeführt, der ihm wider Ehre und Reputation ging. Wenn Lessing durch das Elend der deutschen Zustände dazu verdammt war, seine bürgerliche Komödie als Soldatenstück zu schreiben, so hat er doch nicht irgendeinen sagenhaften »Tell« verherrlicht, sondern jenen gar nicht militärischen, sondern sehr bürgerlichen Geist, der auch dem fürstlichen Despotismus in die Zähne hinein unbeugsam an seinem Rechtsbewußtsein festhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Geiste denkt und handelt Tellheim. Ihm sind »die Großen sehr entbehrlich«; »die Dienste der Großen sind gefährlich und lohnen der Mühe, des Zwanges, der Erniedrigung nicht, die sie kosten«; er tut »für die Großen aus Neigung wenig, aus Pflicht nicht viel mehr, sondern alles der eigenen Ehre wegen«. Er kann es höchstens nicht »bereuen, Soldat geworden zu sein«; »ich ward Soldat aus Parteilichkeit, ich weiß selbst nicht, für welche politischen Grundsätze, und aus der Grille, daß es für jeden, tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Gefahr heißt, vertraut zu machen und Kälte und Entschlossenheit zu lernen. Nur die äußerste Not hätte mich zwingen können, aus diesem Versuche eine Bestimmung, aus dieser gelegentlichen Beschäftigung ein Handwerk zu machen.« Soldat sein um des Soldatentums willen, das ist »wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts«. Gewiß: In Tellheim ist der friderizianische Offizier, ist selbst ein Kleist sehr idealisiert; ein gutes Stück Lessing steckt mit darin. Aber er ist eine fertige und geschlossene Gestalt, wie sie noch kein Deutscher auf die Bretter zu stellen gewußt hatte, und was ist das da groß, wenn Lessing in der Fabel seines Lustspiels auch diesen oder jenen kleinen Zug fremden Mustern entlehnt hat?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und haben denn die bürgerlichen Literarhistoriker die Fabel der Minna überhaupt verstanden? Auf schattenhafte Analogien hin suchen sie ihren Ursprung in Shakespeare, in den spanischen Mantel- und Degenstücken, ja im Plautus, und doch – das Gute lag für diese Patrioten so nahe! Die Fabel der Minna ist nämlich nichts anderes als eine schneidende Satire auf das friderizianische Regiment. Tellheim ist als Major nach dem Friedensschluß abgedankt und obendrein in eine peinliche Untersuchung gezogen worden. Er hatte von einigen thüringischen Ämtern eine Kontribution mit äußerster Strenge bar einzutreiben und, da sie nicht zahlen konnten, die Summe aus eigener Tasche gegen einen Wechsel vorgestreckt. Bei Zeichnung des Friedens wollte er den Wechsel »unter die zu ratihabierenden Schulden eintragen lassen«, aber »man« erklärte das Papier für ein Geschenk der Stände, weil Tellheim sich mit ihnen auf die niedrigste, eben noch vom Könige gestattete Summe der Kontribution vereinbart hatte. Indessen »man«, nämlich Friedrich, erfährt durch seinen Bruder, daß Tellheim »mehr als unschuldig« ist; er benachrichtigt ihn, daß die Hofstaatskasse Order hat, den bewußten Wechsel auszuliefern und die getanen Vorschüsse zu bezahlen; er fordert ihn auf, wieder Dienste zu nehmen. Lessing konnte die wirklichen Praktiken des friderizianischen Regiments nicht grimmiger verspotten als durch eine so harmlose Idylle. Die »zu ratihabierenden Schulden«, nachdem Friedrich, wie er selbst viel zu niedrig berechnet, während der sieben Jahre fünfzig Millionen Taler aus Sachsen gepreßt hatte, von denen natürlich nicht ein Pfennig »ratihabiert« wurde; die Bezahlung der »getanen Vorschüsse« aus der Hofstaatskasse, derweil Friedrich jedes Gesuch um Ersatz von Kriegsschäden mit der stereotypen, landbekannten Redensart abzulehnen pflegte, nächstens würde der Petent wohl auch seinen Schaden von der Sintflut her ersetzt haben wollen; endlich die freiwillige Aufforderung des Königs an einen abgedankten Offizier, wieder ins Heer zu treten! »Schlichte Beredsamkeit, gegen die alle Ramlerschen Rodomontaden leerer Schall sind«, findet Herr Erich Schmidt zu Ehren Friedrichs in der Minna. Ja, sehr schlicht, aber auch sehr beredt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich Schlegel hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr die Charaktere in der Minna »lessingisieren«. Das Wort gilt nicht minder von der Emilia und vom Nathan; Lessing war als Dramatiker höchster Verstand; ihm fehlte die dichterische Phantasie, aus der sich Gestalt auf Gestalt löst und unabhängig von ihrem Schöpfer lebt. Wie der Held, so ist auch die Heldin seines Lustspiels mit seinem Geiste getauft, und die, wie Goethe sagt, »Subalternen« plaudern ganz mit dem Witze ihres Dichters. Aber es ist ein gutes Wort, daß der Zorn den Dichter macht, und wie Lessing in der Emilia einen Winkeldespoten und dessen Höfling, im Nathan einen orthodoxen Eiferer ohne ein Äderchen seines eigenen Geistes zu klassischen Gestalten schuf, so hat er auch in der Minna zwei verächtliche Typen des friderizianischen Despotismus unsterblich gemacht: den windigen Abenteurer von ausländischem Adeligen, um dessentwillen bürgerliches Blut vom deutschen Landesvater gemißhandelt wurde, und ferner den Spion von Wirt. Denn die Wirte, Traiteurs und Eigentümer der Gasthäuser in den großen Städten waren Friedrichs Spitzel, denen er den ganzen oder halben Mietzins zahlte, wofür sie täglich von allen Gesprächen und Zusammenkünften in ihren Räumen und von verdächtigen Persönlichkeiten möglichst auch »einen verläßlichen Protokollauszug« der »bey sich habenden Briefschaften« der Polizei einzureichen hatten. Unsere braven »Naturalisten« werden uns hoffentlich bald die Ihring-Mahlow und Naporra auf die Bühne bringen; mit bloßen Großmäuligkeiten über Lessing als »pseudopoetischen Kompilator« und »plagiatsüchtigen Literaturheros« ist am Ende doch auch noch kein neues Weltalter der deutschen Dichtung eröffnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zeitgenossen verstanden natürlich das Lustspiel anders, als die bürgerlichen Literarhistoriker es heute auslegen möchten. Nicolai beklagte als »preußischer Untertan« die »vielen Stiche gegen die preußische Regierung«, aber als Döbbelin 1768 die Minna in Berlin auf die Bühne brachte, wurde sie zehnmal hintereinander unter lautem Jubel gespielt. In Hamburg widersetzte sich der preußische Resident Hecht anfangs der Aufführung, und Herr Erich Schmidt schilt ihn deshalb einen »beschränkten Mann«. Ein Glück wenigstens, daß König Friedrich noch viel beschränkter war! Denn hätte er die Minna gelesen oder hätte er gar verstanden, was damit erreicht war, so hätte er ihr dieselbe »schlichte Beredsamkeit« gewidmet wie dem Akakia Voltaires: Er hätte sie auf dem Gendarmenmarkte durch Henkershand verbrennen lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Minna von Barnhelm, so darf auch Laokoon als eine Frucht von Lessings Breslauer Leben betrachtet werden. Er ist Bruchstück geblieben wie die meisten Prosaschriften Lessings, denn diesem beweglichen und ruhelosen Geiste war es versagt, in selbstzufriedener Genügsamkeit sich in sich selbst zu bespiegeln, wenn die ihn umgebende Welt sich seinem Rufe versagte. Lieber ließ er seine Waffen verrosten, als daß er nur mit ihnen spielte. Er hatte allen Grund, zu klagen, daß niemand entdecke, wohinaus er mit dem Laokoon wolle, auch der einzige nicht, um den es ihn der Mühe lohne, mit seinem Krame ganz an den Tag zu kommen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser einzige war Herder, und es trifft sich, daß der Herder-Biograph kürzer und treffender als alle Lessing-Biographen über den Laokoon urteilt, wenn er sagt, Lessings praktischer Hauptzweck bei der Festsetzung seines Kanons: Handlung ist das eigentliche Wesen der Poesie, sei dahin gegangen, der toten Schilderungssucht der mehr beschreibenden als schildernden, mehr schildernden und bildernden als wirklich lebendig machenden und eindringlich bildgebenden Poesie, der die Zeitgenossen sich überließen, den Todesstreich zu versetzen.&amp;lt;ref&amp;gt;Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 1, 1, 243.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem anscheinend rein ästhetischen und kunstkritischen Werke kämpfte Lessing wie überall für die sozialen Interessen der bürgerlichen Klassen. Konnten diese Klassen ihre Ansprüche zunächst nur auf literarischem Gebiete erheben, so war es nachgerade die höchste Zeit, daß sie endlich kräftigere und männlichere Töne anschlugen, als bis dahin selbst von verhältnismäßig noch so kräftigen und männlichen Dichtern wie Haller und Kleist angeschlagen worden waren. Mit dem Ansingen der farbigen Alpenkräuter und der heiligen Waldesschatten wurde der bürgerliche Schlendrian erst recht eingelullt. Es kam hinzu, daß die Theorie der Schweizer die malende Naturbeschreibung recht eigentlich als das Hauptziel der Dichtung hingestellt hatte und daß auch die seherische Begeisterung, womit Winckelmann die bildende Kunst des Altertums wiederentdeckte und feierte, das deutsche Bürgertum auf einen Irrweg zu locken drohte. Denn was war damit groß anzufangen, solange es diesseits der Alpen antike Originale fast gar nicht und Gipse nicht viel mehr gab?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allen diesen Irrlichtern warnte Lessing in seiner Abhandlung »Über die Grenzen der Malerei und Poesie«, in seinem Laokoon. Goethe sagt, man müsse Jüngling sein, um sich zu vergegenwärtigen, welche Wirkung diese meisterhafte Schrift ausübte, indem sie »uns aus der Region eines kümmerlichen Anschauens in die freien Gefilde des Gedankens hinriß«. »Die Herrlichkeit solcher Haupt- und Grundbegriffe erscheint nur dem Gemüt, auf welches sie ihre unendliche Wirksamkeit ausüben, erscheint nur der Zeit, in welcher sie ersehnt im rechten Augenblick hervortreten.« Aber wenn wir unter dem eben entwickelten sozialen Gesichtspunkte den Laokoon lesen, so spüren wir doch noch etwas von seiner »Herrlichkeit«. Es liegt wie Morgensonnenschein auf diesen Blättern; so beredt und so beschwingt entwickeln sich die Gedanken, bekämpfen und widerlegen, ergänzen und unterstützen sie sich untereinander. Nirgends ein toter Punkt, überall rasches und volles Leben. Und wie der Inhalt, so die Form. Lessings Stil hat im Laokoon an Geschmeidigkeit und Kraft noch gewonnen, dagegen an Hagerkeit viel verloren; der Gedanke reift und sättigt ihn, und die durchsichtige Klarheit dieser Sprache zeigt ohne Hülle die unverstümmelte Hoheit des Gedankens.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der Laokoon als soziale Tat. Als kunstkritischer Kanon erheischt er ein anderes Urteil. Was ihn dort erhebt, muß ihn hier erniedrigen. Es lag schon in der ganzen Tendenz des Torsos, daß er die bildende Kunst gegenüber der Dichtkunst etwas in den Schatten stellen mußte. Aber Lessings Verhältnis zur bildenden Kunst war überhaupt ein ziemlich frostiges. Wenn Winckelmann bei der ersten Lesung des Laokoon sagte: »Lessing schreibt, wie man geschrieben zu haben wünschen möchte«, aber sich später dahin ausließ: »Dieser Mensch hat so wenig Kenntnis, daß ihn keine Antwort bedeuten würde, und es würde leichter sein, einen gesunden Verstand aus der Uckermark zu überführen als einen Universitätswitz, der mit Paradoxen sich hervortun will«, so ist die grobe Äußerung von kleinlichem Neide zwar stark gefärbt, aber doch nicht schlechthin erfunden. Lessing selbst war sich, wie schon der Kunsthistoriker Rumohr bemerkt hat, wohl bewußt, »daß seine Kunstschriften überall nur aus Aufwallungen der Mißbilligung oder des Widerwillens gegen bestimmte Einseitigkeiten oder Verkehrtheiten seiner Zeitgenossen, durchaus nicht aus einem positiven Berufe zur Kunst entstanden waren«. Und zutreffend sagt Justi: »Viele Tatsachen in seinem Leben führen auf die Annahme, daß die Betrachtung von Werken bildender Kunst weder zu seinen Bedürfnissen gehörte noch ihm besonderen Genuß gewährte, ja ihn nur ästhetisch beschäftigt hat.« Und es wird sich auch nicht viel dagegen einwenden lassen, wenn Justi meint, Lessing wäre in Italien, wohin er wiederholt strebte, »vielleicht vor Langerweile gestorben«. Wenigstens kann der Leser des Tagebuchs, das Lessing über seine spätere italienische Reise geführt hat, vor Langerweile sterben. Es ist wahr: Er trat sie äußerlich unter sehr ungünstigen Umständen an, aber bei einem irgend ursprünglichen Interesse an der bildenden Kunst wäre er doch nicht so ganz schweigsam an ihren italienischen Schätzen vorübergegangen, hätte er wenigstens mit einer Silbe verraten, daß er im Vatikan vor jenem antiken Bildwerke gestanden habe, das seiner berühmtesten Kunstschrift den Namen gegeben hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wird somit der Laokoon als kunstkritischer Kanon den bildenden Künsten nicht gerecht, verkümmern seine Kunstprinzipien der Geschichts-, der Landschafts-, der Bildnismalerei gar sehr das Leben, so tun sie doch auch der Poesie zuviel und entvölkern in bedenklicher Weise den Parnaß. Wenn Handlung das Wesen der Poesie sein soll, so ist die ganze Lyrik zur Tür hinausgewiesen. Als Anwalt der Dichtkunst trat der junge Herder in seinem Kritischen Wäldchen über den Laokoon mit dem kecken Schlachtrufe auf: »Ich leugne Herrn Lessing viel und in seinem Grunde alles!« Zwar bekannte Herder, auch er hasse nichts so sehr als tote, stillstehende Schilderungssucht, aber als das eigentliche Wesen der Poesie erklärte er nicht Handlung, sondern Kraft. »Kraft, die zwar durch das Ohr geht, aber unmittelbar auf die Seele wirkt; Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung wirkt.« Er verwarf die einseitige Bezugnahme Lessings auf Homer und die einseitige Auslegung Homers durch Lessing. Er tadelte den übertriebenen Gräzismus Lessings wie auch Winckelmanns. Lessings Behauptung, nur die Griechen hätten jenes schöne Gleichgewicht von Empfindung und Tapferkeit gekannt, das die homerischen Helden auszeichne, beseitigte er durch die schlagende Bemerkung, jenes Gleichgewicht eigne nicht einer einzelnen Nation, sondern jeder Nation auf gleicher Kulturstufe. Und wenn Winckelmann freilich schon eine historische Entwicklung des griechischen Schönheitsideals versucht hatte, so warf ihm Herder ein, daß er sich gar zu sehr auf klimatische, auf »Einflüsse des .Himmels« beschränkt und die bei dem allmählichen Werden des Ideals mitwirkenden politischen und religiösen Faktoren übersehen habe. Aber im allgemeinen hielt sich Herder viel näher an Winckelmann als an Lessing; wohinaus dieser wollte, hatte er eben nicht verstanden, und so vielfach treffend seine Kritik des Laokoon war, so sah sie wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Laokoon gruppieren sich zuerst Gegensätze, die auf lange Jahrzehnte hinaus das deutsche Geistesleben beherrschen sollten. Lessing hätte nicht Winckelmanns Kunstgeschichte und noch weniger Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit schreiben können, aber weder Herder noch Winckelmann hatten eine Ahnung von dem edlen und stolzen Klassenbewußtsein, das in Lessings Schriften und namentlich auch im Laokoon lebte. Als Klient eines römischen Kardinals höhnte Winckelmann in gar unwürdiger Weise über Lessing als einen angeblichen »jungen Bärenführer«, und wenn Herder in seinem ersten Kritischen Wäldchen nicht unebenbürtig neben Lessing trat, so führte er in seinem zweiten und dritten einen unwahrhaftigen und zweideutigen Krieg gegen einen elenden Gegner, denselben Kabalenmacher Klotz, den Lessing mit ein paar schnellen und sicheren Streichen erlegte. Es ist der Gegensatz zwischen der historischen und der politischen Weltanschauung, der sich hier ankündigt, ein Gegensatz vielleicht weniger als ein Übergewicht, das die Historie über die Politik davontragen sollte. Herder, nicht Lessing, gewann den entscheidenden Einfluß auf den jungen Goethe, und wieder Goethe riß Schiller, dessen revolutionäre Jugenddramen sich stark an Lessing anlehnten, in seine Bahnen. Nicht zwar, als ob diese Entwicklung von einzelnen Personen abhängig gewesen wäre: Sie wurde vielmehr dadurch verschuldet, daß sich die bürgerlichen Klassen nicht auf die Höhe ihres Vorkämpfers Lessing zu schwingen verstanden, daß Lessing zu jener »schaurigen Einsamkeit« emporgewachsen war, worin er von nun an unter seinen Zeitgenossen leben sollte, daß der Nachwuchs des Bürgertums, soweit er nach geistiger Nahrung lechzte, in der Vergangenheit suchen mußte, was ihm die Gegenwart ein für allemal versagte. Und gewiß hat Lessing wenig oder nichts von dem psychologischen Scharfblick besessen, mit dem Herder in den Stimmen der Völker ihre Seelen zu erkennen verstand. Und wenn heute dumm-pfiffige Streber von dem »ostpreußischen Kolumbus« Herder im Gegensatze zu der »schulmäßigen und unhistorischen Kritik« des »gelehrten Philologen« Lessing schwatzen, so mag doch erinnert werden nicht nur daran, daß Herder selbst immer in ehrlicher Selbsterkenntnis zu dem Manne Lessing emporsah, sondern auch daran, daß nach Herder nicht nur Goethe und wenigstens der weimarische Schiller, sondern auch die ganze Romantik und jene »historische Schule« kamen, von der Karl Marx sagt: »Eine Schule, welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist, eine Schule, der die Geschichte, wie der Gott Israels seinem Diener Moses, nur ihr &#039;&#039;a posteriori&#039;&#039; zeigt, die &#039;&#039;historische Rechtsschule&#039;&#039;, sie hätte daher die deutsche Geschichte erfunden, wäre sie nicht eine Erfindung der deutschen Geschichte.« Und erst in dem wissenschaftlichen Sozialismus hat jener bei Lessings Laokoon zuerst aufbrechende Gegensatz seine Versöhnung gefunden, ist die Historie zur Politik, die Politik zur Historie geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wir dürfen nicht vergessen, daß wir es weniger mit Lessing als mit der Lessing-Legende zu tun haben, und schon pocht Herr Erich Schmidt ungeduldig an unsere Türe, heischend die Erledigung seines geistvollen und tiefsinnigen Orakelspruchs: »Laokoon blieb Torso. Vielleicht wären gar bloße Materialien aus dem Nachlasse auf uns gekommen, wenn Lessing nicht durch eine gewichtige kunstwissenschaftliche Leistung den deutschen Höfen hätte sagen wollen: Hier bin ich.« Alle guten Geister loben Gott den Herrn! Also nicht bloß die »schlichte Beredsamkeit« der Minna, sondern auch die »kunstwissenschaftliche Leistung« des Laokoon ist diesen akademischen Meistern der Ästhetik und der Literaturgeschichte eine Wurst, geworfen nach der Speckseite eines höfischen Pöstchens. Aber gehen wir mit einigen Worten auf den Nicolaitischen Humbug ein, der dahintersteckt!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach dem Frieden von Hubertusburg konnte Lessing nicht lange mehr in Breslau bleiben. Mit dem Kriegsgetümmel war auch das freiere und vollere Leben erloschen, das ihn an die Stadt gefesselt hatte; bei aller Anhänglichkeit an Tauentzien durfte es ihm nicht einfallen, sein Leben lang den subalternen Schreiber eines preußischen Generals zu spielen. Schon im November von 1763 bereitete er seine Eltern darauf vor, daß er auf sein »fixiertes Glück« verzichten und zu seiner »alten Lebensart« zurückkehren werde. Auf ihre Klagen hebt er im Juni 1764 abermals nachdrücklich hervor, daß er seinen alten Plan zu leben nicht aufgegeben habe und mehr als jemals entschlossen sei, »von aller Bedienung, die nicht vollkommen nach meinem Sinn ist, zu abstrahieren. Ich bin über die Hälfte meines Lebens, und ich wüßte nicht, was mich nötigen könnte, mich auf den kürzeren Rest desselben noch zum Sklaven zu machen.« Nicht ohne Grund schlug Lessing diesen bestimmten Ton an. Stets bereit, seinen Eltern alles und noch mehr zu geben, als er selbst besaß, hatte er doch auch immer abgelehnt, der »Sklave eines Amts« zu werden, nur damit seine unfähigen Brüder studieren könnten, und schon vor seiner Übersiedlung nach Breslau hatte er das äußerste Maß seines Entgegenkommens also ausgedrückt: »Trägt man mir ein Amt an, so will ich es annehmen, aber den geringsten Schritt nach einem zu tun, dazu bin ich wo nicht eben zu gewissenhaft, doch viel zu kommode und nachlässig.« Aus seinem Leben in Breslau berichtet dann sein Freund, der Rektor Klose: »Nach dem Hubertusburger Frieden dachte Lessing nun Breslau zu verlassen, ob ihn gleich der General ersuchte, noch länger zu bleiben, auch ihm eine vorteilhafte Bedienung anbot, die er aber von sich wies, weil nach seiner Versicherung der König von Preußen keinen, ohne abhängig zu sein und zu arbeiten, bezahle. Aus eben dem Grunde hatte er die Professur in Königsberg, die ihm vor einigen Jahren angeboten wurde, ausgeschlagen; besonders weil der Professor der Beredsamkeit alle Jahre einen Panegyrikus zu halten verpflichtet wäre.« Vergebens sucht Herr Erich Schmidt, dem es auf einen höfischen Panegyrikus mehr oder weniger nicht ankommt, dies glaubwürdige Zeugnis eines glaubwürdigen Mannes zu bemängeln.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Frühling von 1765 verließ Lessing dann Breslau, nachdem er sein Amt schon ein paar Monate vorher niedergelegt hatte. Er ging nach Berlin, wie er seinem Vater schrieb, nicht sowohl um auf lange Zeit daselbst zu bleiben, als vielmehr bloß, »um meine zerstreuten Sachen allda zusammenzubringen und doch einigermaßen einen locum unde nennen zu können«. Am 4. Juli 1765 schreibt er seinem Vater, daß er vor sechs Wochen in Berlin angelangt sei, und zufällig genau von demselben Tage ist das letzte Blatt der Literaturbriefe datiert, worin Lessing die »ebenso scharfsinnige wie wahre Anmerkung« Meinhards zu der Tatsache hervorhebt, daß die Anzahl der guten Dichter in den vielgepriesenen Mäzenatentagen der Mediceer und Ludwigs XIV. gar so gering gewesen sei, und seinerseits hinzufügt: »Da sie auf den äußerlichen Zustand der deutschen Literatur gewissermaßen angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen einmal zum Schweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen und in dem Ton wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützigen Absichten nur allzu deutlich merkt.« Diese Reihe von Daten und Tatsachen dürfte zur Genüge zeigen, daß Lessing seinen vierten und letzten Aufenthalt in Berlin nicht genommen hat, um eine Anstellung von Friedrich II. zu ergattern, sondern aus den von ihm selbst angegebenen Gründen, wobei unter dem »Zusammenbringen seiner zerstreuten Sachen« wohl die Vollendung des Laokoon und der Minna sowie eine Revision seiner älteren Komödien zu verstehen ist; Laokoon erschien zur Ostermesse 1766, die Minna zur Ostermesse 1767, sowohl in einer besonderen Ausgabe als in einer zweibändigen Sammlung aller Lustspiele, und darnach siedelte Lessing von Berlin nach Hamburg über.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Jahren spielte sich nun die widrige Posse ab, deren passive Helden König Friedrich, Winckelmann und in gewissem Sinne anscheinend, auch Lessing waren, während ihre aktiven Helden in dem Obersten Quintus Icilius, Ehren-Nicolai und etwa auch in Sulzer zu suchen sind. Herr Erich Schmidt nennt den Obersten »wacker«, und es versteht sich darnach, daß er ein ganz schlechter. Kerl war. Er hieß eigentlich Guichard und war mit dem antiken Namen von Friedrich in einer »gnädigen« Laune getauft worden; aus Magdeburg gebürtig, Sohn einer bürgerlichen Hugenottenfamilie, Kommilitone Winckelmanns in Halle, dann militärischer Abenteurer und Schriftsteller, war er im Siebenjährigen Kriege zum Kommandeur eines Freibataillons avanciert, nach dem Frieden aber nicht nur nicht kassiert worden, sondern sogar zur Stelle eines Hofnarren bei Friedrich aufgerückt. Er war das Gegenteil eines Tellheim und rechtfertigte für seine Person das Vorurteil Friedrichs, wonach bürgerliche Offiziere keine Ehre im Leibe haben sollten; er hatte im Jahre 1761 das sächsische Jagdschloß Hubertusburg geplündert, nachdem adlige Offiziere, ein Marwitz und ein Saldern, aus dem Heere geschieden waren, weil sie den zuerst an sie gerichteten Befehl des Königs, eine so ehrlose Handlung zu vollziehen, nicht ausführen wollten. Quintus hatte bei dieser Dieberei ein sehr gutes Geschäft gemacht, und er hat auch später, sogar nach dem Zeugnisse seines Freundes Nicolai, aus den Lotterie- und Regiegeschäften des Königs allerlei eigennützige Gewinste gezogen. Dieser Ehrenmann spielte sich nun aber gleichzeitig als Wortführer der deutschen Literatur bei Friedrich auf, und er will, als der französische Vorsteher der königlichen Bibliothek 1765 gestorben war, erst Lessing und dann Winckelmann und dann wiederum Lessing dem Könige als Ersatzmann vorgeschlagen haben. Wohlgemerkt aber nur nach seinen eigenen Angaben, die dadurch, daß sie uns Nicolais Sprachrohr überliefert hat, weder anmutiger noch glaubwürdiger geworden sind. Indessen insoweit könnte die Sache ganz auf sich beruhen bleiben, wenn nur nicht die bürgerlichen Literarhistoriker behaupteten, daß Lessing durch die Herausgabe des Laokoon die Bemühungen des freibeuterischen Obersten habe unterstützen und durch die Kritik Winckelmanns seine Überlegenheit über diesen Nebenbuhler in der königlichen Gunst habe zeigen wollen, wie sie denn auch aus Friedrichs Ablehnung Lessings Haß gegen das friderizianische System zu erklären versuchen, einen Haß, der, je älter und reifer Lessing wurde, um so schwerer selbst durch die gröbsten Fälscherkunststücke zu verdecken ist.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Um der Gerechtigkeit willen muß allerdings erwähnt werden, daß der gröbste Fälscher dieser Episode kein bürgerlicher Literarhistoriker, sondern – Herr Eugen Dühring ist. Er sagt, Friedrich habe Lessing als Bibliothekar nicht haben wollen, »mit so vielen Judendurchstechereien und Judenaufdringlichkeiten Lessing sich auch offerieren ließ«. »Der Mehrer des Reichs, der auch Mehrer der Einsichten war und selbst als politisch reformatorischer Geist in Gesetzgebung und Verwaltung gelten muß, Friedrich, hat sich in der Schätzung Lessings als wahrer Vertreter der Nation erwiesen.« Siehe Dühring, Die Überschätzung Lessings und dessen Anwaltschaft für die Juden, 88. Der preußische Staat war wirklich schlecht beraten, als er Herrn Eugen Dühring nicht zum Professor avancieren ließ.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wahr ist, daß der königliche Bibliothekar, Geheimer Rat de la Croze, im Februar 1765 gestorben war und daß der König am 25. Juli dieses Jahres den Minister von Dorville beauftragt hatte, einen zur Aufsicht und Unterhaltung einer öffentlichen Bibliothek recht sehr kapablen und in den Wissenschaften geübten Mann allenfalls in Holland aufzusuchen. Es widerspricht nun aber der ganzen Art Friedrichs, daß er neben diesem offiziellen Geschäftsgange noch eine sozusagen offiziöse Unterhandlung durch einen seiner Hofnarren angeknüpft haben soll. Vom ersten Tage seiner Regierung an machte er jedem persönlichen Gesellschafter zur strengsten Bedingung, sich nie in die Geschäfte zu mischen, und was er Jugendfreunden wie Jordan und Kayserlingk, was er Männern wie Maupertuis und Voltaire in seinem frischen Mannesalter bei Strafe seiner sofortigen Ungnade versagt hatte, das soll der argwöhnische und griesgrämige Greis dem von ihm innerlich verachteten und wegen der Hubertusburger Räuberei stets verhöhnten Quintus gewährt haben! Möglich erscheint höchstens, daß der Name Winckelmanns dem Könige nicht ganz unbekannt geblieben ist, denn Winckelmann hatte das von Friedrich angekaufte Gemmenkabinett des Barons Stosch geordnet und katalogisiert. Aber diese Möglichkeit ist erstens entfernt keine Gewißheit; Winckelmann selbst vermutete, daß der König ihn mit einem zeitweise in Rom lebenden ehemaligen Auditeur Ewald aus dem Regimente des Prinzen Heinrich verwechselt habe. Zweitens aber hat sie für den vorliegenden Fall nichts zu bedeuten, da der König schon am Tage vor seiner Kabinettsorder an Dorville das Kabinett der Altertümer und Medaillen von der Bibliothek getrennt und dem Hofrat Stosch unterstellt hatte. Sehr bezeichnend ist nun, daß Quintus, obgleich er vom Könige den für einen Menschen seines Schlags sehr ehrenvollen Auftrag erhalten haben wollte, mit Winckelmann zu unterhandeln, nicht selbst an den alten Universitätsfreund schrieb, sondern durch Nicolai an ihn schreiben ließ. Der Prahler und Wichtigtuer war offenbar auch ein Sicherheitskommissarius und wollte seine Handschrift nicht von sich geben. Nicolai schrieb also im August 1765 an Winckelmann, der König wolle ihn zu seinem Bibliothekar machen. Er, Winckelmann, könne die beträchtlichsten Bedingungen stellen, weil der König ihn hochschätze und längst zu tun gewünscht habe, was er jetzt tue. Quintus gebe ihm zu verstehen, daß der König 1500 bis 2000 Taler zu bewilligen entschlossen sei. Nun geschah das ganz Unerwartete: Winckelmann nahm sofort an und verlangte 2000 Taler; er scheint im ersten Augenblicke den gar absonderlichen, aber durch Nicolais Schreiben erklärlichen Eindruck gehabt zu haben, der König wolle ihm alle Bitternisse seiner Jugend versüßen; er schreibt etwas naiv: »Ich empfinde jetzt mit einem Male, wie mächtig die Liebe des Vaterlandes ist, in welches ich mit den größten Ehren zurückgerufen werde ... Es lässet sich jetzo zum ersten Male die Stimme des Vaterlandes hören, die mir vorher unbekannt war.« Aber der hinkende Bote kam nach, so schnell wie es der damalige Postenlauf gestattete; Nicolai meldete zurück, der König stoße sich an den 2000 Talern; für einen Deutschen seien 1000 Taler genug. Es ist bekannt, wie beschämt und erbittert Winckelmann durch diese Abweisung wurde, aber es ist noch gar nicht bekannt, daß der König seine schäbige und Winckelmann seine lächerliche Rolle nur gespielt hat, weil die Humbugs Quintus und Nicolai und als Dritter im Bunde anscheinend auch Sulzer es so wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zum Glücke für die Wahrheit pflegen Aufschneider sich im Laufe der Zeit zu verplappern, und wie es sonst immer mit Friedrichs Absichten auf Winckelmann gestanden haben mag: So viel hat Nicolai selbst verraten, daß er in seinem ersten wie in seinem zweiten Briefe an Winckelmann auf Unkosten des Königs geflunkert hat. Nach seinen späteren Mitteilungen, an Daßdorf, den Herausgeber von Winckelmann-Briefen, hatte der König von Anfang an 1000 Taler aus den Fonds der Akademie für Winckelmann ausgeworfen. Dies Gehalt wäre für die damalige Zeit ein ganz anständiges gewesen; es überstieg Winckelmanns römische Einkünfte, und der bisherige französische Bibliothekar hatte nur 600 Taler bezogen. Der König wollte dem Deutschen also nicht weniger, sondern um ein sehr Beträchtliches mehr geben als dem Franzosen. Aber der edle Quintus wünschte – immer nach Nicolai – auch jene 600 Taler seinem Winckelmann noch zuzuwenden und ließ ihm deshalb raten, er möge 2000 Taler fordern, damit er, Quintus, »seinen ihm so wohlwollenden Monarchen« dabei an die 600 Taler bisheriges und durch den Tod de la Crozes erledigtes Bibliothekargehalt erinnern könne. Allein als Winckelmann den Rat befolgte und der König von Quintus erinnert wurde, erklärte Friedrich, über das Gehalt de la Crozes sei schon anderweitig verfügt, und es müsse bei den 1000 Talern aus den Fonds der Akademie sein Bewenden haben. So Nicolai an Daßdorf. Wahrscheinlich hat auch diese Darstellung nichts hinter sich; aber jedenfalls: Wenn Nicolai sie für richtig hielt, so hat er das Angebot des Königs in fälschender Übertreibung an Winckelmann gemeldet, um sich und seinem Freunde Quintus ein Air zu geben, und so hat er die Ablehnung Friedrichs mit einer den König bloßstellenden und Winckelmann schwer verletzenden Erfindung aus freier Faust versehen, um seinen und seines Freundes Quintus Rückzug zu decken.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Winckelmanns Briefe an seine Freunde, herausgegeben von Daßdorf, 2, 164. Freimütige Anmerkungen, 1, 354. In dieser Schrift bestätigt Nicolai die Darstellung Daßdorfs noch ausdrücklich als richtig.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie windig nun aber auch diese Winckelmann-Geschichte sein mag, so ist sie noch ein sehr greifbares Ding, verglichen mit der parallellaufenden Lessing-Geschichte. Nach Nicolai hat Quintus zuerst Lessing als Bibliothekar vorgeschlagen, aber der König soll ihn wegen des »unangenehmen Vorfalls«, den Lessing 1752 mit Voltaire gehabt hatte, abgelehnt haben. Darauf die Verhandlungen mit Winckelmann, nach deren Scheitern Quintus abermals auf Lessing zurückgekommen sein soll. Und zwar nach Nicolais Darstellung mit »Heftigkeit«, in einem »starken Wortwechsel« und indem er schließlich den König, der nicht Lessing, sondern einen Franzosen haben wollte, »ausgelacht« habe. Man verzeihe den Ausdruck, aber einen anderen, der zuträfe, gibt es nicht: Es ist zu dumm. Friedrich ließ sich gerade von seinen Hofnarren mit »Heftigkeit«, mit »starken Wortwechseln«, mit »Auslachen« bedienen. Aber noch mehr! Herr Erich Schmidt bereichert die Literatur dieser Episode mit einem handschriftlichen Zettel des Quintus an Ramler vom 20. April 1765, worin es heißt: »Sie erfreuen mich mit der Aussicht, unseren Herrn Lessingk in Berlin zu besitzen. Ich habe große Absichten auf ihm, die die Ehre unserer Schaubühne betreffen. Vielleicht finden wir ihn geneigt dazu. Seine Majestät kennen ihn und werden ihn unterstützen.« Herr Erich Schmidt teilt dies Fündlein mit ungeheurer Wichtigkeit, aber »ohne Kommentar« mit. Ein Sicherheitskommissarius auch er! Denn der einzige »Kommentar« zu dieser archivalischen Entdeckung kann doch kein anderer sein, als daß Quintus ein Humbug war. Man beachte nur die Daten! Im April 1765, beiläufig zwei Jahre vor der Minna und zehn Jahre nach der Sara, will der König aus edelmütigem Antriebe durch den ihm bekannten »Herrn Lessingk« die Ehre der deutschen Schaubühne retten lassen, die Friedrich bekanntlich aus tiefster Seele verachtete, und höchstens vier Monate später – im August 1765 schreibt Nicolai schon an Winckelmann – will der König von Lessing als Bibliothekar wegen des »unangenehmen Vorfalls mit Voltaire« nichts wissen, »da er ein sehr gutes Gedächtnis hatte und einen einmal gefaßten Eindruck lange behielt«. Herrn Erich Schmidts »philologische Akribie« muß doch einsehen, daß Quintus mindestens einmal gelogen hat, entweder in dem Zettel an Ramler vom April oder in der Mitteilung an Nicolai vom August 1765. Aber wir erlauben uns die Konjektur, daß der Plünderer von Hubertusburg beide Male geschwindelt hat, um sich vor Ramler und Nicolai, den Matadoren der Berliner Literaturclique, als den einflußreichen Ratgeber des Königs in literarischen Fragen aufzuspielen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Folgende eigenhändigen Randschriften Friedrichs werden den Humbug noch näher beleuchten. Als Quintus im Jahre 1764 um Vergütigung des für seine Kompaniechefs bar ausgelegten Geldes ansuchte, antwortete der König: »Seine Offiziers haben wie die Raben gestollen Sie krigen nichts.« Und ferner: Als derselbe Quintus im Jahre 1770 um eine Pension bei der Akademie bat, verfügte der König: »Die academie nimt nicht Leute an deren Bücher So schändlich wie Seine Seindt Critisiret worden.« Es ist wirklich eine zwerchfellerschütternde Vorstellung, daß ein Höfling, der sich schurigeln lassen muß wie Quintus in diesen königlichen Bescheiden, in »einem starken Wortwechsel« den König wegen Mißachtung der deutschen Literatur »ausgelacht« haben soll. Endlich noch folgende urkundlichen Stücke aus Friedrichs Kabinett: »Einer Namens Doehbelin, von der Schuchschen Comödianten Bande zeiget allerunterthänigst an, daß das teutsche Theater zu Berlin unter der üblen und unerfahrenen Direktion des Schuchs ganz in Verfall gerathen und bittet, ihm gegen Erlegung von 100 Spezies Dukaten anstatt der 100 Thaler, so der Schuch jährlich zur Chargenkasse erlegen müsse, das Privilegium, in sämtlichen Königlichen Landen Comödien aufführen zu dürfen, allergnädigst zu ertheilen.« Worauf der König verfügt: »Ob 2 Banden im Landt bestehen können, und ob das Publicum diesen Menschen lieber als Schuch haben will? So bin ich damit zufrieden.« So geschehen im Jahre 1767, also zwei Jahre, nachdem der König angeblich durch »unsern Herrn Lessing« für die »Ehre unserer Schaubühne« sorgen lassen wollte!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unerquicklich, wie es sein mag, sich mit diesem verjährten Klatsche noch zu befassen, so unerläßlich ist es leider. Denn an diesem Punkte kämpft die Lessing-Legende um ihr Haupt und ihr Leben. Es ist vollkommen glaublich, daß wie Winckelmann so auch Lessing von den Gaukeleien der Quintus und Nicolai behelligt worden sein mag; es ist nicht minder glaublich, daß die Art, in der Friedrich abgelehnt haben soll, ihm ein – unerbetenes – Amt anzuvertrauen, ihn erbittert hat. Gerade weil er bei dem Zusammenstoße mit Voltaire nicht ohne Schuld war, mag ihn die zwecklose Aufwärmung eines vergessenen Jugendstreichs mit neuer Abneigung gegen Friedrich und Voltaire erfüllt haben, wie unschuldig daran dieser gewiß und jener so gut wie gewiß war. Solche psychologischen Rückwirkungen sind gerade bei einem starken und tüchtigen Charakter sehr erklärlich. Aber es ist unwahr, daß ein Mann wie Lessing ein Werk wie den Laokoon geschrieben haben soll, um dem preußischen Hofe zu sagen: Hier bin ich, und es ist ebenso unwahr, daß sein mißfälliges Urteil über das friderizianische Preußen aus der Enttäuschung über eine persönliche Hoffnung entsprungen und gar nicht so schlimm gemeint, ja nur ein »Tropfen Galle« in der Bewunderung gewesen sein soll, die er sonst »schlicht und groß« diesem Musterstaate widmete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenüber den angeführten Äußerungen Lessings, worin er seine Abneigung gegen jedes Amt kundgab und das fürstliche Mäzenatentum öffentlich verspottete, just als er angeblich durch Quintus bei Friedrich antichambrierte, gibt es nur zwei Zeilen aus seiner Feder, die eine entgegengesetzte Deutung zulassen. Im Dezember 1767, fast ein Jahr, nachdem er Berlin für immer verlassen hatte, schreibt er seinem Vater: »Ich bin von Berlin weggegangen, nachdem mir das einzige, worauf ich so lange gehofft und worauf man mich so lange vertröstet, fehlgeschlagen.« Aber dieser Brief war ein Glückwunschbrief zu des Vaters fünfzigjährigem Amtsjubiläum; Lessing muß in ihm das bittere Geständnis ablegen, daß seine »alte Lebensart« wieder einmal mit einem Krache geendet habe, und so ist ihm die Erinnerung an den Kram der Quintus und Nicolai gerade gut genug, den alten Herrn an seinem Ehrentage darüber zu beruhigen, daß er ein »fixiertes Glück« in Berlin etwa verscherzt habe. Aber Lessing muß nun doch einmal mit dem Laokoon vor Friedrich gedienert haben. Als er nach dem Krach in Hamburg vor dem deutschen Jammer ins Ausland zu fliehen gedachte, kam ihm der Einfall, den Laokoon französisch fortzusetzen, und er machte mit der Übersetzung der Vorrede einen in seinem Nachlaß aufgefundenen Anfang; »wäre es nicht möglich«, fragt nun Herr Erich Schmidt mit seiner tiefsinnigsten Miene, daß dieser Einfall auf einen »älteren Berliner Plan« zurückginge und die »etwas dreiste Versicherung, dem Verfasser sei in derlei Materien das Französische ebenso geläufig als das Deutsche«, für Friedrich berechnet gewesen sei? Oder Lessing bezieht sich im Laokoon auf den Rat des Aristoteles, die Taten Alexanders zu malen, und erläutert, um ja jedes Mißverständnis auszuschließen, diesen Rat als »eine Ermunterung, die bildenden Künstler aus den alten Zeiten zurückzurufen und sie mit Begebenheiten aus der itzigen Zeit zu beschäftigen«: Das bedeutet aber nach Erich Schmidt »nichts anderes«, als daß der dritte Teil des Laokoon »mit einem Mahnruf zur künstlerischen Verherrlichung des Siebenjährigen Krieges und seines Hauptheros schließen« sollte. Ach, Lessing hat seinen Erich Schmidt wirklich geahnt, als er schrieb: »Und daß sie bei dem Geier wären, die verdammten Ausleger! Bald wird man vor diesem Geschmeiße keinen Einfall mehr haben dürfen!«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Auffassung, die Lessing im Kampfe seines Lebens von dem preußischen Staate gewonnen hat, brauchen wir uns nach unserer bisherigen Darstellung nicht weiter zu äußern. Gerade das Gegenteil von dem »Tropfen Galle« ist richtig: In seiner großdenkenden Weise hat Lessing wohl einmal den persönlichen Eigenschaften Friedrichs einen Tropfen Honig gespendet, aber das preußische System hat er um so tiefer gehaßt, je näher er es kennenlernte. Mit jedem Aufenthalte scheidet er verstimmter aus Berlin, und mit diesem letzten am verstimmtesten. »Was hatt&#039; ich auf der verzweifelten Galeere zu suchen?« schreibt er im Februar 1767 an Gleim und im November 1768 an Ramler: »Wie kann man auch in Berlin gesund sein? Alles was man da sieht, muß einem ja die Galle ins Geblüt jagen.« Und an Nicolai im August 1769 – wir wollen die Stelle doch lieber vollständig hierhersetzen, da sie Herr Erich Schmidt in seinen zwei dicken, mit Lessing-Zitaten vollgestopften Bänden so fein zu vertuschen weiß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Sagen Sie mir von Ihrer Berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts. Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es itzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie Herder und Winckelmann, so schied Lessing mit einem Fluch und einem Steinwurf aus den preußischen Landen. Nur daß, was jene Jünglinge in heißem Lebensdrange instinktiv empfanden, in diesem Manne zur klaren Erkenntnis gereift war: zu der Erkenntnis nämlich, daß alle Lebensinteressen der bürgerlichen Klassen in Deutschland keinen gefährlicheren und grundsätzlicheren Feind besaßen als den preußischen Staat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VIII. Lessing in Hamburg ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9261</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9261"/>
		<updated>2026-02-28T08:39:19Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus ==&lt;br /&gt;
Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d&#039;Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die &#039;&#039;Junker&#039;&#039; nach Kräften hinderte, aber die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der &#039;&#039;Junker&#039;&#039; die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.&amp;lt;ref&amp;gt;Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.&amp;lt;ref&amp;gt;Œuvres, 9, 186.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben &#039;&#039;kein&#039;&#039; »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obigen Einzelheiten entstammen archivalischen Quellen. Siehe Walter Schultze, Geschichte der preußischen Regieverwaltung, 40 ff. In der »Neuen Zeit«, 10, 2, 769 ff., ist näher dargelegt, wie es Herrn Schultze dennoch gelingt nachzuweisen, daß der »Sozialismus«, den Friedrich bei Einrichtung der Regie bewährte, »tiefer, idealischer, heroischer« sei als der proletarische Sozialismus von heute.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen die ganze fürchterliche Plackerei der Regie, die Friedrich mit Stolz »mein Werk« zu nennen pflegte, machte die preußische Bürokratie nun aber noch einen pflicht- und sachgemäßen Vorstoß. Die ungeheuerliche Mehrbelastung des Massenverzehrs verursachte in dem dünn bevölkerten Lande, in dem die Arbeitskräfte sehr gesucht waren, eine Steigerung des Arbeitslohnes. Darüber erhoben die Kapitalisten das unvermeidliche Lamento, und der König forderte von dem Generaldirektorium amtliche Auskunft über die Gründe der »noch immer fortdauernden Klagen derer Fabricanten und Kaufleute«. In einer »Pflichtmäßigen Anzeige« wies darauf diese Behörde die »Behinderungen im Commercio in denen Königlichen Landen« nach; in der ruhigsten und sachlichsten Weise entwickelte sie die Schädlichkeit der Regie, hob sie die »verschiedenen im Lande eingeführten Monopolia, insonderheit den allergrößten Bedruck aus der General-Tabaks-Verpachtung«, als »dem allgemeinen Commercio höchst schädlich« hervor, erklärte sie die Steigerung des Arbeitslohns aus der höheren Belastung der Getränke, des Fleisches usw. Kaum aber hatte der König diese Eingabe am 2. Oktober 1766 erhalten, als er eigenhändig auf ihrem Rande verfügte: »Ich erstaune über der impertinenten Relation so sie mir schicken, ich entschuldige die Ministres mit ihre Ignorence, aber die Malice und die corruption des Concipienten muß exemplarich bestraffet werden sonsten bringe ich die Canaillen niemahls in der Subordination.« Am nächsten Tage erfolgte dann auch schon die Kabinettsorder, worin Se. K. M. dero General-Directorio bekanntmachen, »wie allerhöchst Dieselbe den Geheimen Finanzrath Ursinus cassiret und nach Spandau zur Festung bringen lassen«, und worin allen denjenigen, die sich auf den Wegen des Ursinus betreten lassen, angedroht wird, daß »Se. K. M. selbige, es mögen Räthe oder Ministres sein, ohne alle Umstände arretiren und auf Zeit Lebens werden zur Festung bringen lassen«. Mit dieser Gewalttat war der preußischen Bürokratie für Friedrichs Regierungszeit das Rückgrat gebrochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir haben die beiden großen Eingriffe des Königs in die Finanz- und Militärverfassung des Staats etwas ausführlicher geschildert, sowohl weil sie am klarsten zeigen, was es mit dem aufgeklärten Despotismus dieses Fürsten auf sich hat, als auch weil sich an ihnen das Wesen der großen Männer studieren läßt, die regelmäßig das größte Unheil anrichten, wenn sie anfangen, die »Geschichte zu machen«. Wir haben aber schon gesehen, daß Friedrich im allgemeinen viel vernünftiger war als seine Bewunderer und daß er sich gar wohl in die ökonomischen Lebensbedingungen zu finden wußte, die ihm gegeben waren. Diesen Bedingungen entsprach es durchaus, daß er in seiner Wirtschaftspolitik einem platten Merkantilismus huldigte. Die merkantilistische Theorie war das ideologische Wirtschaftssystem des fürstlichen Absolutismus, der sich aus dem Warenhandel und der Warenproduktion entwickelt hatte. Die ökonomischen Zustände, welche sie widerspiegelte, ergaben ihre einseitige Betonung des Handels und der Verarbeitungsgewerbe, ihre Überschätzung der Bevölkerungsdichtigkeit und des baren Geldes als der Ware aller Waren und endlich ihre Forderung, daß die neuentstandene Staatsgewalt alles zu fördern habe, woraus und weswegen sie entstanden sei: also Handel und Gewerbe, die Vermehrung der Volkszahl und der Geldmasse. Aber der Hammer schlägt nicht nur den Amboß, sondern der Amboß schlägt auch den Hammer; die Praxis erzeugt immer erst die Theorie, aber die Theorie gestaltet dann auch die Praxis. Das Merkantilsystem wurde für den Absolutismus ein Hebel seiner dynastischen Interessen: Es ermöglichte ihm das Sophisma, wonach Geldbesitz und Reichtum einer Nation ein und dasselbe seien, und damit hatte er gewonnen Spiel für die fiskalische Ausbeutung des Volkes. Je mehr Geld die Fürsten für ihre Heere und Höfe ins Land ziehen und im Lande behalten konnten, um so reicher wurde das Volk, und auch die sinnloseste Verschwendung war unbedenklich, »wenn das Geld nur im Lande blieb«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überall wo der Warenhandel und die Warenproduktion sich naturwüchsig in bedeutendem Umfange entwickelt hatten, so beispielsweise in Frankreich, konnte das Merkantilsystem nicht so leicht entarten, weil die Praxis unausgesetzt die Theorie im Zaume hielt; Colbert, der bedeutendste Staatsmann des Merkantilismus, wußte gar wohl, daß es »im Staate nichts Köstlicheres als die Arbeit der Menschen« gäbe, und eine Glanzseite seiner Verwaltung war der Bau von Landstraßen, um den Verkehr zu fördern. In Deutschland dagegen hatte der Absolutismus mehr einen feudalen als einen kapitalistischen Ursprung, und so konnte oder mußte aus der ökonomischen Vernunft der merkantilistischen Theorie um so leichter eine absolutistische Unvernunft werden. Friedrich verfocht die »ebenso einleuchtende wie wahre« Ansicht: »Nimmt man alle Tage Geld aus einem Beutel und steckt nichts dagegen wieder hinein, so wird er bald leer werden«, was denn eben die platteste Auffassung des Merkantilismus war, und er ließ die Landstraßen verfallen, damit ausländische Reisende um so länger aufgehalten würden und um soviel mehr Geld im Lande verbrauchten. Noch weit bezeichnender als der Vergleich zwischen Colbert und Friedrich ist der Briefwechsel, den der König im Jahre 1765 mit der Kurfürstin-Regentin Maria Antonia von Sachsen wegen der gegenseitigen Handelssperre führte. Sachsen war unter den deutschen Teilstaaten der ökonomisch entwickeltste; die Leipziger Kaufleute verlangten schon den ganz freien Handel, und so schrieb die Kurfürstin an Friedrich: »Unser großes Prinzip ist die Freiheit des Handels und die Reziprozität der Vorteile.« Aber Friedrich weiß darauf nichts zu erwidern als einige sentimentale Phrasen über die schlimmen Seiten von Gold und Silber, die leider notwendige Übel geworden seien. Und solche Notwendigkeit lege die Pflicht auf, diese an sich gemeinen und verächtlichen Metalle zu suchen. Er blieb der Ansicht seines Launay, daß die Schädigung des Auslands der Vorteil des Vaterlandes sei, eine Ansicht, die freilich auch noch Voltaire vertreten hatte, aber die Mirabeau doch schon »monströs und eines Staatsmanns im elften Jahrhundert würdig« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade im brandenburgisch-preußischen Staat war der Merkantilismus nicht aus der ökonomischen Entwicklung erwachsen, sondern wurde die ökonomische Entwicklung nach den merkantilistischen Lehren zu leiten gesucht. Als der Merkantilismus im westlichen Europa längst in voller Blüte stand, gab die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm kurz vor seinem Tode die erste namhafte Gelegenheit, große Kapitalien ins Land zu ziehen. Nicht ein religiöser, sondern ein ökonomischer Beweggrund veranlaßte ihn, die vertriebenen Glaubensgenossen in seine Staaten zu laden. Er hatte schon vorher einzelne kleine Versuche mit einer Seifen- und einer Zuckersiederei, mit einer Porzellanbäckerei gemacht, aber die ersten Fabriken und Manufakturen in größerem Umfange datieren erst aus der Zeit der französischen Einwanderung. Indessen auf diesem agrarisch-feudalen Boden mit seinen verkümmerten Kleinstädten blieben sie ein künstliches Gewächs, das im Treibhause der merkantilistischen Lehren mühsam gepflegt werden mußte. Es stimmte äußerlich vortrefflich mit diesen Lehren, daß der wachsende Militärstaat nach immer mehr Geld und Menschen schrie, aber dieser Militärstaat verschlang den Zuwachs an Geld und Menschen, den das Merkantilsystem für die Belebung von Handel und Industrie forderte, für seine Kanonen und seine Rekruten. Für Handel und Industrie blieb wenig oder nichts übrig, während gerade für sie, wenn sie in dem ungünstigen Boden der ostelbischen Landschaften gedeihen sollten, viel oder alles hätte aufgewandt werden sollen. Um aber die künstliche Pflanze dennoch am Leben zu erhalten, schenkte ihr der preußische Absolutismus seine liebevolle Sorgfalt in allerlei schönen Dingen, die ihn nichts kosteten: in Monopolen und Privilegien, in Aus- und Einfuhrverboten, in Lohn- und Preistaxen, in technischen Betriebsvorschriften, kurz, in jenem verworrenen Chaos eines entarteten und seinem ursprünglichen Sinne gänzlich entfremdeten Merkantilismus, das in Mirabeau einen so beredten Ankläger gefunden hat. Er kann es nicht bitter genug tadeln, daß der König im Jahre 1766 die Einfuhr von nicht weniger als 490 Artikeln einfach verbot oder im Jahre 1774 auf die Ausfuhr der Wolle Todesstrafe setzte, aber er übersah, daß dieser besondere Merkantilismus eben die ideologische Wirtschaftsform dieses besonderen Militärstaats war und sein mußte. Friedrichs ökonomische Einsichten und Kenntnisse hätten ungleich bedeutender sein können, als sie waren, und es wäre doch nicht anders gewesen. So viel sah der König schon ein, daß die feinere Gewebeindustrie der Höhepunkt der damaligen ökonomischen Entwicklung war – sie war für das achtzehnte Jahrhundert, was die Eisen- und Kohlenindustrie für das neunzehnte Jahrhundert ist –, und er handelte im eigentlichen Geiste des Merkantilsystems, wenn er gleich nach seinem Regierungsantritt im Generaldirektorium ein eigenes Kommerzien- und Manufakturdepartement einrichtete, dem er besonders anbefahl, eine neue Industrie der seidenen Zeuge, der französischen Gold- und Silberstoffe usw. einzuführen. Aber während Frankreich und England die größten Opfer für ihre Seidenindustrie brachten, hat Friedrich während seiner ganzen Regierung nur etwa zwei Millionen Taler auf dies verzärtelte Lieblingskind gewandt.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die preußische Seidenindustrie im achtzehnten Jahrhundert, 35.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er gab ihm wenig zu essen und zu trinken; dafür hütete er um so ängstlicher seinen dünnen Lebensfaden, indem er es in fest geschlossenen Räumen auf Schritt und Tritt gängelte. Bei dieser ihm so ans Herz gewachsenen, schließlich aber doch abgestorbenen Industrie ist es klar, daß der König nicht mehr tat, weil er nicht mehr tun wollte, sondern weil er nicht mehr tun konnte. Die Mittel fehlten ihm mehr als die Einsicht. In dem feudalen Militärstaate Preußen mußte der Merkantilismus ebenso auf die mittelalterlichen Bann- und Zwangsrechte zurückschlagen, wie er sich in dem bürgerlichen Industrielande England zum Freihandel entwickeln mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Grunde tut die friderizianische Legende dem Könige bitteres Unrecht, wenn sie an allen zehn Fingern die bei alledem unzähligen Millionen aufzählt, die er namentlich nach dem Siebenjährigen Kriege in »landesväterlicher Fürsorge« für die Hebung der allgemeinen Wohlfahrt ausgegeben haben soll. Hätte der König wirklich die freie Verfügung über so bedeutende Mittel gehabt, wie er angeblich mit verschwenderischer Hand ausgestreut hat, so wäre seine Wirtschaftspolitik von dem Vorwurfe ungewöhnlicher Beschränktheit schwer freizusprechen. Tatsächlich hat er aber in den 23 Jahren von 1763 bis 1786 nach der Berechnung des Ministers v. Hertzberg, des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, nicht mehr als 24 399 838 Taler für jenen Zweck ausgegeben. Wir sagen: des verhältnismäßig sachkundigsten Urteilers, denn wenngleich Hertzberg der bedeutendste und erfahrenste Minister in Friedrichs Spätzeit war, so gehörte es doch zu den unverbrüchlichen Grundsätzen des ersten Dieners des Staats, daß kein Minister eine volle Einsicht in die Lage des Staatshaushaltes gewinnen durfte. Alle Überschüsse der jährlichen Staatseinkünfte über die etatsmäßigen Ausgaben sowie gewisse Regalien und Steuern flossen in die sogenannte Dispositionskasse, die der König allein mit einigen untergeordneten Werkzeugen verwaltete. Eine ziffernmäßig genaue Übersicht der friderizianischen Finanzwirtschaft ist dadurch sehr erschwert, wenn nicht ganz unmöglich gemacht; allein die Frage, auf die es uns hier allein ankommt, die Frage nach den Aufwendungen dieses aufgeklärten Despoten für das, was seine Bewunderer seine »sozialistische Staatshilfe« nennen, läßt sich wenigstens für die Zeit nach Einführung der Regie, also für die letzten zwanzig Jahre Friedrichs, wenn nicht mit absoluter, so doch mit relativer Sicherheit beantworten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er selbst gibt die jährlichen Staatseinkünfte für diese Zeit auf 21 700 000 Taler an. Sie werden von keiner Seite höher, von den meisten sonst sachkundigen Urteilern wie Boyen, Krug und Riedel usw. erheblich niedriger geschätzt. Jedenfalls sind sie erst in den letzten Jahren des Königs so hoch gestiegen, der starken Akziseausfälle in den Hungerjahren 1770 und 1771, in dem Kriegsjahre 1778 nicht erst zu gedenken. Lassen wir es aber bei der von Friedrich angegebenen Ziffer für den ganzen Zeitraum bewenden! Von diesen Einkünften rechnet er 5 700 000 Taler als Überschuß, den er für den Kriegsschatz, Festungsbauten, Landesverbesserungen oder sonstige außergewöhnliche Ausgaben verwenden konnte. Diese Summe ist wieder denkbar hoch gegriffen. Denn 16 Millionen beanspruchte der regelmäßige Etat mindestens. Das Heer kostete jährlich 13 Millionen, die Hofstaatskasse, was wir heute Zivilliste nennen, erhielt 492 000, und die Regieverwaltung verschlang 800 000 Taler, so daß für die ganze übrige Staatsverwaltung nur rund 1 700 000 Taler übrigblieben, eine fast unglaublich niedrige Summe, selbst wenn man die miserable Besoldung der deutschen Beamten in gebührenden Anschlag bringt. Auf keinen Fall hat Friedrich mehr als die von ihm selbst angegebenen 5 700 000 Taler Überschuß gehabt. Dagegen ist seine Angabe, daß er davon regelmäßig 2 Millionen in den Kriegsschatz gelegt habe, nichts weniger als zweifelsfrei. Da er vor dem Jahre 1766 nicht wohl mit der Bildung eines neuen Schatzes beginnen konnte, so hätten bei seinem Tode 40 Millionen darin sein müssen; alle sonstigen Berechnungen, soweit sie auch von 55 Millionen (Krug und Riedel) bis 76 Millionen (Lombard) auseinandergehen, stimmen darin überein, daß der König einen beträchtlich größeren Schatz hinterlassen hat, als nach seiner eigenen Angabe hätte erwartet werden dürfen. Lassen wir es indessen bei seinen 2 Millionen auf das Jahr bewenden!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann blieben ihm jährlich noch 3 700 000 Taler für außergewöhnliche Ausgaben, auf 20 Jahre gerechnet also 74 Millionen Taler. Nun hat er in dieser Zeit rund 8 Millionen für den Bau von Festungen, für Artillerie usw. verwandt; der Bayerische Erbfolgekrieg kostete 29 Millionen; endlich zahlte Friedrich 3 Millionen Subsidien an die Kaiserin Katharina für ihre Türkenkriege. Das sind im ganzen 40 Millionen. Ferner aber hatte der König, obgleich er persönlich aller höfischen Verschwendung abgeneigt war und nach einer Versicherung seines Testaments für seine Person nie mehr als 220 000 Taler jährlich verbrauchte, doch einzelne sehr kostspielige Liebhabereien. In seinem Nachlasse fanden sich 130 mit Brillanten und andern kostbaren Steinen besetzte Dosen, die einen Gesamtwert von gegen 1½ Millionen darstellten. Viel schwerer noch fiel ins Gewicht, daß er in reichlichem Maße die Bauwut aller Despoten teilte. Die eine Tatsache, daß er gleich nach dem Kriege, mitten in dem fürchterlichsten Elend des Landes, den ebenso kostspieligen wie zwecklosen Bau des Neuen Palais in Potsdam begann, sollte ehrliche Leute schon hindern, den Mund gar zu voll zu nehmen von seiner »landesväterlichen Fürsorge«. Nach Retzow kostete dieser Bau 11 Millionen und ebensoviel seine innere Ausstattung.&amp;lt;ref&amp;gt;Retzow, Charakteristik der wichtigsten Ereignisse des Siebenjährigen Krieges, 2, 455.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nehmen wir indessen an, daß Retzow, der dem Könige nicht wohlgesinnt war, arg übertrieben hat, so gibt doch ein unterrichteter und wohlgesinnter Zeuge, ein Baumeister Friedrichs, die Summe dessen, was allein in und bei Potsdam verbaut worden ist, auf mehr als 10½ Millionen an.&amp;lt;ref&amp;gt;Manger, Baugeschichte von Potsdam, 3, 825.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es mag nun ganz unberechnet bleiben, was Friedrich für Bauten in Breslau, Königsberg, Berlin (die Bibliothek, die großen Kirchen auf dem Gendarmenmarkte, mehrere Brückenkolonnaden und anderes mehr) aufgewandt hat: Mangers 10½ und die für Dosen verausgabten 1½ Millionen ergeben weitere 12 Millionen, die von den 74 Millionen abzuziehen sind, über die Friedrich in den letzten zwanzig Jahren seiner Regierung für außergewöhnliche Ausgaben verfügt hat. Es bleiben also für Hebung des Volkswohlstandes nur 22 Millionen übrig, und um überhaupt auf Hertzbergs Ziffer zu kommen, muß man die gegen 2½ Millionen einrechnen, die Friedrich nach seiner Angabe gleich beim Friedensschlusse von Hubertusburg von den für den nächsten Feldzug bereitliegenden Geldern für die notdürftigste Wiederherstellung des Landes aufgewandt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es sei nochmals hervorgehoben, daß diese Ziffern keinen absoluten Wert haben sollen. Um ein möglichst erschöpfendes und zutreffendes Bild der friderizianischen Finanzwirtschaft zu geben, wäre bei der verwickelten Kassenführung des Königs und den höchst tendenziösen Darstellungen, die darüber veröffentlicht worden sind, ein eigenes Buch notwendig. Für unsern Zweck: nämlich festzustellen, welche Summe Friedrich günstigstenfalls für Landesverbesserungen verbraucht haben kann, war es aber erlaubt, auch mit ungewissen Ziffern zu rechnen, wenn wir unter den abweichenden Angaben immer die höchsten für seine gesamten Einkünfte und immer die niedrigsten für seine sonstigen Ausgaben einstellten. Dies haben wir durchweg getan, auch wenn wir in einem besonderen Falle es einmal nicht getan zu haben scheinen. So haben wir uns nicht entschließen können, die etatsmäßigen Heereskosten Friedrichs von den 13 Millionen, die ältere und unbefangene Schriftsteller mit großer Übereinstimmung angeben, auf die 12 100 978 Taler herabzusetzen, die ein neuerer Historiker berechnet. Indessen dieser Historiker berechnet auch den hinterlassenen Kriegsschatz des Königs auf 63 Millionen, während wir dafür nach Friedrichs Angaben nur 40 Millionen angesetzt haben. Ein leichtes Rechenexempel ergibt, daß wir somit die Gesamtausgaben für Kriegsheer und Kriegsschatz noch immer niedriger eingeschätzt haben als jener Historiker. Und so darf man denn mit aller unter den obwaltenden Umständen erreichbaren Sicherheit sagen, daß Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege für die Bevölkerung des preußischen Staates an Geschenken, Erlassen, Unterstützungen, Vergütigungen und industriellen Unternehmungen im günstigsten und leider nicht einmal wahrscheinlichen Falle die rund 24 bis 25 Millionen Taler verbraucht hat, die Hertzberg berechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Summe selbst beträgt gerade den fünften Teil der Brandschatzungen allein in barem Gelde, die das Land im Kriege an die auswärtigen Feinde zu zahlen gehabt hatte. Das wäre nicht viel, aber es wäre immerhin etwas. Leider verdunkelt die Art, wie diese Summe auf die verschiedenen Klassen der Bevölkerung verwandt wurde, gar sehr den Schein des patriarchalischen Wohllebens, den sie etwa noch auszustrahlen scheint. Die Städte und die städtische Industrie erhielten davon wenig genug, die Bauern noch viel weniger, den Löwenanteil aber die Junker. Gegenüber den 25000 Talern, die Friedrich den westfälischen Städten nach dem Friedensschlusse zum Wiederaufbau ihrer Häuser und Straßen schenkte, oder selbst den 100 000 Talern, die Frankfurt a. O., die bedeutendste Handelsstadt der Mark, zu gleicher Zeit und zu gleichem Zwecke erhielt, scheffeln gleich ganz anders die mehr als 2½ Millionen, die allein für den Adel Pommerns und der Neumark, zweier ungefähr den sechsten Teil des Staatsgebiets umfassender Provinzen, nach dem Siebenjährigen Kriege aufgewandt wurden, teils als Geschenke zur Bezahlung seiner Schulden, teils als Meliorationskapitalien für seine Güter. Diese Kapitalien waren unkündbar, und wenn sie mit 1 bis 2 Prozent verzinst werden mußten, so waren »die Interessen« zu »Pensionen für arme Offizierswitwen und vom Adel« bestimmt. Wir gehen indes auf diese Verhältnisse nicht näher ein und verweilen lieber etwas ausführlicher bei dem, was Friedrich für die große Masse der arbeitenden Bevölkerung, nämlich für die Bauern, getan hat. Einesteils fällt damit das schärfste Licht auf Friedrichs »landesväterliche Fürsorge«, andererseits sind wir gerade über diese Frage durch eine ganz unanfechtbare Urkunde ausführlich unterrichtet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer der wenigen deutschen Beamten, die Friedrichs Vertrauen bis an ihren Tod genossen, war Johann Rembert Roden. Ein guter Organisator, hatte er sich in dem Hauptquartiere des Herzogs Ferdinand von Braunschweig ausgezeichnet und war von diesem nach dem Kriege an den König empfohlen worden. Friedrich benutzte ihn vielfach bei der Wiederherstellung des Landes, übertrug ihm namentlich auch die Organisation von Westpreußen nach der ersten Teilung Polens im Jahre 1772 und machte ihn dann zum Präsidenten der Oberrechenkammer. Als solcher erhielt Roden 1774 den Auftrag, durch eine Reihe von Vorträgen den Thronfolger in die Finanzverwaltung des preußischen Staates einzuweihen, und er übergab dann zum Schlüsse seines Unterrichts dem Prinzen eine »Kurzgefaßte Nachricht von dem Finanzwesen«. Diese lehrreiche, überall aktenmäßig begründete Urkunde ist glücklicherweise schon durch den alten Preuß, der noch nicht wie die heutigen, mit dem Zutritte zu den Archiven begnadigten Forscher vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatte, unverstümmelt ans Tageslicht gezogen worden.&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie ist nicht frei von großen Lücken, denn Roden gleitet über die Akziseverfassung mit wenigen Sätzen hinweg; das Schicksal des Geheimen Finanzrates Ursinus mußte ihm warnend vor Augen schweben. Um so ausführlicher und gründlicher handelt er von der Kontributionsverfassung, das heißt von der direkten Steuer, welche die bäuerliche Bevölkerung aufzubringen hatte, und dabei wirft er Schlaglichter auf die Lage dieser Bevölkerung, die von größtem Interesse sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kontribution war nach der Ertragsfähigkeit der einzelnen Ländereien umgelegt, so zwar, daß sie einen bestimmten Teil dessen betrug, was der Bauer für seinen eigenen Bedarf und für den Verkauf erntete. Dieser bestimmte Teil war nicht in allen Provinzen ganz gleich bemessen; in der Mark und in Westpreußen belief er sich auf 33½, in Schlesien auf 34, in Pommern auf 42½ Prozent, in andern Landesteilen noch höher. Roden erläutert die Art dieser Steuer an einem Bauer im Dorfe Tempelhof bei Berlin, der von jeder Hufe zu 30 Magdeburgischen Morgen 8 Taler 3 Groschen Kontribution zu zahlen hatte (der Taler wurde damals zu 24 Groschen berechnet; nach heutigem Gelde betrug der Groschen also 12½ Pfennig). Nun konnte der Bauer außer dem eigenen Verbrauch aber nur 15 Scheffel von dem Ertrage der Hufe verkaufen, welche, zu 18 Groschen gerechnet, ihm 9 Taler 18 Groschen eintrugen. Nach eingehender Darlegung dieser Verhältnisse fährt Roden dann wörtlich fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer behielte also von seinem Gewinste auf einer Hufe, nach Abzug der bezahlten Kontribution, nur 1 Taler 15 Groschen übrig, wovon er seine übrigen Prästanda unmöglich leisten kann. Diese sind:&lt;br /&gt;
{| class=&amp;quot;wikitable&amp;quot;&lt;br /&gt;
|Dem Erb- oder Gerichtsherrn (ist er königlich, dem Amte, gehört er dem Edelmann, demselben) Zins und Dienste, wenigstens per Hufe&lt;br /&gt;
|8 Tlr. – Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Priester Dezem 1 Scheffel Korn à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Küster ¾ Scheffel à.&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Dem Schmied 1 Scheffel à&lt;br /&gt;
|– Tlr. 18 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Hufen- und Giebelschoß&lt;br /&gt;
|– Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Marschfuhrengelder&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Kriegswehr zur Magazinkasse&lt;br /&gt;
|– Tlr. 12 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|&lt;br /&gt;
|___________________&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Summa.&lt;br /&gt;
|11 Tlr. 16 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|Er hat nun von der Ernte übrig&lt;br /&gt;
|1 Tlr. 15 Gr. – Pf.&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
|fehlen ihm also&lt;br /&gt;
|10 Tlr. 1 Gr. 6 Pf.&lt;br /&gt;
|}&lt;br /&gt;
Ferner hat der Bauer zu prästieren die Feuersozietätsgelder, die Vorspannfuhren, die Bau- und Krepel-, auch Nachbarfuhren, die Dorfauflagen und andere Vorfälle mehr, das Gesindelohn, da er besonders Knechte wegen der vielen Hofedienste halten muß, so ihm zur größten Last gereichen: zu welchem Ende er auch mehr Pferde halten muß, weswegen die Einschränkung dieser Dienste eine vortreffliche Sache wäre.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir unterbrechen hier Roden für einen Augenblick, um zu bemerken, daß unter den »andern Vorfällen mehr« sich auch noch sehr drückende Lasten befanden: so die Grasung der Kavalleriepferde auf den Wiesen der Dorfgemeinden während der Monate Juni bis September, in denen der Reiter eine brutale Herrschaft im Hause des Bauern führte; ferner für die anderen Monate des Jahres die Lieferung der Fourage, die zwar zu einem geringen Preise bezahlt, aber oft viele Meilen herangefahren und, wenn sie ohne weitere Scherereien abgenommen werden sollte, mit einem tüchtigen Überschuß zugunsten des Rittmeisters beladen sein mußte, endlich auch der schon erwähnte indirekte Beitrag der Bauern zur städtischen Akzise. Roden fährt dann fort:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der Bauer würde, nach diesen angeführten Umständen, nicht bestehen können, wenn er sich nicht auf eine andere Art soutenierte, z. B. daß er auf eine Hufe fast 1/3 mehr aussäet, als ihm zur Kontribution angeschlagen, daß er aus dem Viehstand Geld erwirbt und sich sonst durchzubringen sucht. Aber er muß allen Fleiß anwenden und sich kümmerlich behelfen, wenn er sich ehrlich ernähren und durchbringen will, zumal wenn er sonst nichts anderes als sein eigenes Wohnhaus und Hofgebäude, so er noch selbsten in Würden unterhalten muß, nebst dem dazugehörigen Acker im Vermögen hat. Er kann daher keine Unglücksfälle, als Mißwachs, Hagelschaden, Mäusefraß, Überschwemmungen usw., übertragen, daferne ihm nicht alsdann durch Remission unter die Arme gegriffen wird, um ihn noch in etwas zu unterhalten. In ordinären Fällen wird ihm aus der Kreiskasse geholfen, in extraordinären aber tritt der Landesherr zu und läßt die Gelder bar an den Kreis übermachen oder auch Brot- und Saatkorn in natura geben.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht darnach, was es mit den so viel gepriesenen Steuererlassen, Geldvorschüssen, Kornlieferungen, wodurch Friedrich angeblich den Bauernstand in die Höhe gebracht haben soll, tatsächlich auf sich gehabt hat. Sie waren einzig dazu bestimmt, den Bauer, ohne den freilich weder der König noch der Junker leben konnte, auf der schmalen Grenze zwischen Hungerleben und Hungertod zu erhalten. Von hier aus fällt denn auch das richtige Licht auf die gleichfalls viel gepriesenen Kornmagazine Friedrichs, die »Blüte friderizianischer Wirtschaftspolitik«, in der er »seinem Ideale des allgemeinen Hausvaters am nächsten komme«, wie selbst ziemlich unbefangene Forscher sagen. Friedrich verbot die Ausfuhr des Getreides, um seinen Preis möglichst niedrig zu halten; in einer seiner Instruktionen an das Generaldirektorium verlangt er, daß der Preis des Scheffels Roggen immer zwischen 18 Groschen und 1 Taler festgehalten werde. Das geschah, um für sein Heer billiges Brot und für den Kriegsfall gefüllte Magazine zu haben, aber wenn er diese Magazine nun auch benutzte, um der bäuerlichen Bevölkerung Brot- und Saatkorn zu liefern, sobald ihr Hungerleben durch irgendein unglückliches Naturereignis in den Hungertod umzuschlagen drohte, so läßt sich dieser »Sozialismus« am Ende noch mit gemäßigter Hochachtung bewundern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man würde übrigens irren, wenn man in dem Bauern aus Tempelhof bei Berlin, den Roden schildert, den elendesten Typus des friderizianischen Bauern sehen wollte. In der Mark war der Prozentsatz der Kontribution noch am niedrigsten bemessen; wo er, wie in Friedrichs westfälischen Besitzungen, auf mehr als 50 Prozent stieg, verschlechterte sich entsprechend die Lage der bäuerlichen Bevölkerung. Roden schreibt darüber:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Die Kontributionsprinzipia sind im Mindenschen so angelegt, daß zuvörderst die sämtlichen Ländereien, Gärten und Wiesen durch diverse vereidete Taxatoren nach dem jährlichen Ertrage abgeschätzt sind; darnach ist die Kontribution dergestalt ausgemittelt, daß von jedem Taler Ertrag jährlich an Kontribution 13 Groschen bezahlt wird. Die Hufe à 30 Morgen Magdeburgisch kommt im Durchschnitt der Totalité auf 19 Taler 5 Groschen ½ Pfennige, obgleich viel schlecht Land vorhanden: Solchergestalt hat der Landmann noch 11 Groschen pro Taler übrig. Davon soll er sich und seine Familie unterhalten, die Haushaltung führen, Gesindelohn geben, dem Erb- oder Gutsherrn sein Pacht zahlen und die übrigen Lasten tragen, so schlechterdings unmöglich wäre, wenn der Bauer sich sonst nicht durchzuhelfen suchte. Im Minden- und Ravensbergischen ist er mit Frau, Kindern und Gesinde, sobald er nur vom Ackerbau eine Zeit oder gar nur Stunden übrig hat, zumal im Herbst bei den langen Abenden und den Winter hindurch, mit Garnspinnen zu Leinwand beschäftigt, und damit sucht er sich zu ernähren; sonst müßte er davonlaufen, indem es dort viele Bauernhöfe gibt, die mehr Abgaben haben, als die Höfe auch in den besten Jahren aufbringen können.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So der kundigste Verwaltungsbeamte des friderizianischen Staats in offiziellster Urkunde, in dem Berichte, durch den er auf Befehl des Königs den Thronfolger in das Finanzwesen der Monarchie einweihen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wollen um der Gerechtigkeit willen aus Rodens Darstellung nicht unerwähnt lassen, daß Friedrich wenigstens in den beiden von ihm eroberten Provinzen, in Schlesien und Westpreußen, den Adel zur Kontribution heranzog; hier standen ihm die Junker nicht mit altererbter Macht gegenüber, und er mußte sie wegen ihrer Anhänglichkeit an Österreich und Polen scharf im Zügel halten. Aber auch auf diesem verhältnismäßig lichtesten Gebiete der friderizianischen Steuerpolitik ist ihre Tendenz nicht, wie sie selbst behauptete, Entlastung des Armen auf Kosten des Reichen, sondern Belastung des Armen zugunsten des Reichen. So zahlte in Westpreußen – unter fast durchgängigem Wegfalle der Lehnpferdegelder – der evangelische Edelmann 20, der katholische – Grundgedanke des Nathan? – 25, der Bauer aber 33½ Prozent Kontribution. Und ähnlich in Schlesien.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In einer Anmerkung des Kapitals, 1, 762), erwähnt Marx die elende Lage des friderizianischen Bauern unter Anziehung einiger Sätze von Mirabeau, wofür er von preußischen Historikern der tendenziösen Darstellung geziehen worden ist. Wir haben aus schon angeführten Gründen das Werk von Mirabeau-Mauvillon ganz beiseite gelassen, möchten aber bemerken, daß die von Marx beiläufig angezogenen Sätze Mirabeaus ein nicht so krasses Bild der Sachlage geben wie der amtliche Bericht von Roden. Überhaupt tun die wenigen Worte, die Marx im Vorbeigehen dem friderizianischen »Regierungsmischmasch von Despotismus, Bürokratie und Feudalismus« widmet, diesem seltsamen Gebilde eher zuwenig als zuviel. Wenn beispielsweise Marx sagt, Friedrich habe in den meisten Provinzen Preußens den Bauern Eigentumsrecht gesichert, so gilt das tatsächlich nur von den Domänenbauern. Am 20. Februar 1777 verfügte Friedrich, »daß an allen Orten, wo es noch nicht geschehen, die unter die Ämter gehörigen Bauerngüter den Untertanen erb- und eigentümlich übergeben werden«. Siehe die Order bei Preuß, 4, 466 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Stellt man nun aber jenen erdrückenden Belastungen der Bauern die ängstliche Sorgfalt gegenüber, womit Friedrich im allgemeinen die Steuerfreiheit des Adels beschützte, so kann man die edle Dreistigkeit jener Hofgeschichtsschreiber bewundern, die von dem »Bauernkönige« Friedrich schwatzen und die Hohenzollern durch Beschützung des kleinen Mannes groß werden lassen, so kann man den herrlichen Wert jener »Schulreform« ermessen, die nach diesem Leitmotive den Geschichtsunterricht an den deutschen Schulen klittern will. Da sollten wir »gemütvollen« und »tiefsinnigen« Deutschen uns doch nur ja vor den »leichtfertigen« und »oberflächlichen« Franzosen verkriechen! Denen konnte Marx schon im Jahre 1869 nachrühmen, daß sie der napoleonischen Legende mit allen Waffen der Forschung, der Kritik, der Satire, des Witzes den Garaus gemacht haben, und was ist die napoleonische Legende doch für ein ander Ding als die friderizianische! Der napoleonische Staat besteht in allem wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen noch fort, wie der erste Konsul ihn im Jahre 1804 begründet hat – natürlich nicht als großer Mann, sondern als Erbe des Konvents –, und eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien, drei Invasionen und selbst drei Revolutionen überstanden hat, kann denn doch eher schon zum Heroenkultus des Mannes führen, auf dessen Namen sie nun einmal getauft ist. Aber der friderizianische Staat, der bei Jena in tausend Stücke zerschmettert wurde unter der stürmischen Zustimmung der bürgerlichen und arbeitenden Klassen, die in ihm zu leben verurteilt waren, und eine feudal-militärische Verfassung, deren wüste Trümmer wie ein betäubender Alp auf allem gesunden Leben der Gegenwart lasten, dürfen sich immer noch, ja je länger je unbeschämter in einer Legende spiegeln, deren schüchterne Kritik im Reiche der Gottesfurcht und frommen Sitte schon als Hochverrat und Majestätsverbrechen gilt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich selbst darf natürlich dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Er ist ganz unschuldig an der kecksten Unwahrheit dieses Jahrhunderts, dem sogenannten »sozialen Königtum«, und er würde den Humbug nicht einmal verstehen, wenn er seine wohlgesinnten Geschichtsschreiber von heute lesen könnte. Was ihm als »monarchische Sozialpolitik« angerechnet wird, war einzig durch militärpolitische Gesichtspunkte bestimmt. An sich zwar gehörte es zu den Aufgaben des absoluten Königtums, die Leibeigenschaft der Bauern zu beseitigen, nicht aus Humanität, die ihm ganz fremd war und auch ganz fremd sein mußte, sondern aus fürstlichem Klasseninteresse. Die Leibeigenschaft stand wie eine Mauer zwischen dem Despoten und der Mehrheit der Bevölkerung; solange sie währte, hatte der Junker über die Bauern zu verfügen und der König höchstens insoweit, als es ihm der Junker gestattete. Wir haben gesehen, wie sich seit der Entwicklung des stehenden Heeres dieser Interessengegensatz zwischen dem Könige und dem Junkertum bildete und verschärfte; schon die beiden ersten preußischen Könige rüttelten an der Leibeigenschaft, und namentlich Friedrich Wilhelm I. erklärte, »was es denn vor eine edle Sache sei, wenn die Unterthanen statt der Leibeigenschaft sich der Freiheit rühmen«. Er war denn freilich auch wohl ehrlich genug, den Kabinettsordern, worin er den Behörden die »Konservation« der »Untertanen« empfahl, die Worte hinzuzufügen: »Damit der Landesherr seine Steuern erhalte«, was bei der höchst merkwürdigen Ausbildung der alten deutschen Sprache im neuen deutschen Reiche heute zu lesen ist: »Soziales Königtum der Hohenzollern«. Friedrich selbst spricht in seinen Schriften mit lebhaftestem Abscheu von der Leibeigenschaft als einem »barbarischen Gebrauch«, einer »abscheulichen Einrichtung«, aber er bekennt auch offen, daß es nicht in seinem guten Willen liege, damit aufzuräumen. Daraus läßt sich ihm gewiß kein Vorwurf machen. Er konnte wirklich nicht, auch wenn er wollte, die Leibeigenschaft abschaffen. Sie war die ökonomische Zelle der Gesellschaft, deren politischer Repräsentant der preußische Militärstaat war, und der »erste Diener« dieses Staats konnte ihr ebensowenig anhaben, als etwa die Zinne eines Turms auf den verwegenen Einfall geraten kann, die Mauer umzustürzen, worauf sie ruht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ergibt sich diese Auffassung von selbst aus der ganzen Lage, so fügt es sich glücklich, daß sie sich sogar urkundlich bestätigen läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einmal nämlich siegte der despotische Größenwahn über Friedrichs nüchternen Sinn, und am 25. Mai 1765 dekretierte er von Kolberg aus: »Sollen absolut, und ohne das geringste Raisonniren, alle Leibeigenschaften, sowohl in Königlichen, Adligen, als Stadteigentumsdörfern, von Stund an gänzlich abgeschafft werden, und alle diejenigen, so sich dagegen opponiren würden, soweit möglich mit Güte, in deren Entstehung aber mit force dahin gebracht werden, daß diese von Sr. K. M. festgesetzte Idee zum Nutzen der ganzen Provinz ins Werk gerichtet werde.« Darauf versammelten sich am 29. Juni die vorpommerschen Landstände in Demmin und richteten eine Promemoria an den König, worin sie sich halb als gekränkte Unschuld und verkannte Wohltäter der Bauern aufspielten, halb aber mit »Depeuplierung des Landes und Desertion vom Militär« drohten, »weil kein Bauer imstande ist, den Hof, das Zuchtvieh und Ackergerät zu bezahlen, keiner aber auf den Fall, es ihm umsonst zu lassen, schuldig, folglich ein jeder sich anderswohin zu begeben bedacht sein würde«. So dummdreist diese Drohung war – denn der Junker hatte gar kein Recht auf den Hof des Bauern, und was half ihm der Hof, wenn kein Bauer da war, ihn zu bewirtschaften? –, so genügte sie doch vollkommen, den König lahmzulegen. Weder Gewalt noch Recht konnten ihm helfen, denn das Heer befehligten die Junker, und in den Gerichtshöfen sprachen sie Recht. Er gab also klein bei, sosehr es sonst unter seinen Grundsätzen obenan stand, um seiner despotischen Unfehlbarkeit willen niemals einen Befehl zurückzunehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So mußte sich Friedrich denn darauf beschränken, in einem fortdauernden Kleinkriege seine militärpolitischen Interessen möglichst gegenüber dem gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse zu wahren. Es gibt eine große Anzahl von Kabinettsordern, worin er diesem Ziele nachstrebt. Er kämpfte gegen das Bauernlegen, die »Abmeierung der Bauern«, und bemühte sich, den Bauern das Eigentums- und Erbrecht an ihren Schollen zu sichern. Man kann sogar anerkennen, daß er in dieser Beziehung weiter blickte als der heutige Militärstaat. Wenn dieser in erstaunlicher Seelenruhe es ruhig mit ansieht, wie in weiten Fabrikdistrikten die Masse der arbeitenden Bevölkerung verkrüppelt, so eiferte Friedrich sehr häufig gegen die gesundheitsschädlichen Mißhandlungen der Bauern durch die Junker und die Domänenpächter. Wenn der heutige Militärstaat sich hartnäckig weigert, die unmäßige Arbeitszeit durch einen gesetzlichen Normalarbeitstag zu beschränken, weil er in seiner überstiegenen Weisheit davon eine Schädigung der Industrie befürchtet, so war sich Friedrich schon im Jahre 1748 darüber klar, wie er in einer Instruktion an das Generaldirektorium sagte, daß »bei den schweren und ganz unerträglichen Diensten mehrenteils vor den Gutsherrn wenig Nutzen, vor den Bauersmann aber sein gänzlicher Verderb augenscheinlich herauskommt«. Der König verlangt deshalb eine »serieuse Untersuchung, ob nicht sowohl Amts- als auch Städte- und adlige Unterthanen von diesem dem Bauer so gar ruineusen Umstände in gewisse Maße befreiet und die Sache dergestalt eingerichtet werden könne, daß, anstatt daß der Bauer jetzo die ganze Woche hindurch dienen muß, derselbe die Woche über nicht mehr als drei oder vier Tage zu Hofe dienen dürfe. Es wird dieses zwar anfangs etwas Geschrei geben, allein da es vor dem gemeinen Mann nicht auszustehen ist, wenn er wöchentlich fünf Tage oder gar sechs Tage dienen soll, die Arbeit an sich auch bei denen elenden Umständen, worin er dadurch gesetzt wird, von ihm sehr schlecht verrichtet werden muß, so muß darunter einmal durchgegriffen werden, und werden alle vernünftigen Gutsherrn sich hoffentlich wohl accomodiren, in diese Veränderung derer Diensttage ohne Schwierigkeit zu willigen, um so mehr, da sie in der That ersehen werden, daß, wenn der Bauer sich nur erst ein wenig wieder erholt hat, er in denen wenigen Tagen ebensoviel und vielleicht noch mehr und besser arbeiten wird, als er vorhin in denen vielen Tagen gethan hat.« Eine hausbackene, aber treffliche Wahrheit, die der »geniale« Herr Bismarck bekanntlich nie begreifen konnte und die der neue Kurs im deutschen Reiche bekanntlich auch noch immer nicht begreifen zu können scheint.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie vernünftig nun aber diese und ähnliche Instruktionen Friedrichs nicht nur klingen, sondern auch sind, so darf man dabei doch mehrerlei nicht übersehen. Erstens daß der König nicht &#039;&#039;für&#039;&#039; den Bauer &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker, sondern &#039;&#039;gegen&#039;&#039; den Junker &#039;&#039;um&#039;&#039; den Bauer kämpft. Er wollte eine andere Verteilung des aus dem Bauern gezapften Mehrwerts, eine für ihn günstigere und deshalb für das Junkertum ungünstigere, aber wenn der Proletarier etwa seinen Lohn auf Kosten des Mehrwerts zu steigern gedachte, so war Friedrich immer auf Seite der möglichst erschöpfenden Ausbeutung. So bedrohte er in der Gesindeordnung sowohl die Empfänger als unter Umständen auch die Geber eines die Taxe überschreitenden Lohns mit Zuchthausstrafe, wogegen »es sich von selbst versteht«, daß ein unter der Taxe bleibender Lohn erlaubt ist. Und wenn gar die Bauern unruhig wurden über die »unerträglichen Dienste« und »ruineusen Umstände«, dann wußte Friedrich auch nichts anderes, als was große Männer unter solchen Umständen immer nur wissen, also was Luther im sechzehnten und Bismarck im neunzehnten Jahrhundert wußte. Als ein Jahr vor Friedrichs Tode die schlesischen Arbeiter zu murren begannen, schrieb der König an den schlesischen Provinzialminister v. Hoym: »Das mehrste zur Beruhigung der Leute wird beitragen, da sie doch im Gebirge meistens evangelisch sind, wenn die Prediger ihnen zureden und alles ordentlich erklären ... Sodann müssen auch die Schulzen, besonders da im Gebirge, scharf vigiliren, wenn sich etwa fremdes Gesindel sehen läßt, das Zusammenkünfte hält und dem gemeinen Volk allerhand Dinge in den Kopf setzt; diese müssen sie auf der Spur verfolgen und sobald sie den geringsten Unrath merken, sie sogleich bei den Ohren nehmen und an die Gerichte abliefern.« Die Order ist, wie gesagt, im Jahre 1785 erlassen. Sonst könnte man fast meinen, sie stamme aus dem Jahre 1878, wo auch erst die Religion dem Volke erhalten werden sollte und dann das Sozialistengesetz auf dem Fuße hinterdreinmarschiert kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zweitens aber hat Friedrich mit jenem Kleinkriege nicht viel erreicht. Am ehesten noch etwas in den beiden eroberten Provinzen Schlesien und Westpreußen, wo der König leichteres Spiel mit den Junkern hatte. So zwang er die schlesischen Grundherren zur Wiederherstellung der bäuerlichen Hütten und Scheunen, zur Ausstattung der Bauerngüter mit Vieh und Gerät. Aber sein eigenes Interesse, die Sorgen um seine Kassen und seine Rekruten, war auch hier die Grenze, die er nicht überschritt. Zudem liegt auf der Hand, wie wenig damit gesagt, geschweige denn getan war, wenn er den schlesischen Bauern das Recht gewährte, sich über &#039;&#039;strenge&#039;&#039; körperliche Züchtigung bei den Regierungen zu beschweren, oder wenn er in Westpreußen die »polnische Sklaverei«, den »harten, polnischen Fuß« auf die »preußische Landesart« gemildert wissen wollte. Die ehrlicheren bürgerlichen Historiker machen dann auch kein Hehl aus der Erfolglosigkeit dieser Bemühungen. »Die alten Verhältnisse blieben ... Bei dem allen blieb der Landmann gebunden, scholleigen der Masse nach« (Preuß); »praktisch hat dies alles fast gar keine Frucht getragen: nicht einmal auf den Domänen, wo der Erfolg doch so leicht gewesen wäre« (Roscher). Als der König vierzehn Tage vor seinem Tode bei dem Kammerpräsidenten von Königsberg anfragte, ob »nicht alle Bauern in Meinen Ämtern aus der Leibeigenschaft« gesetzet werden können, schrieb er selbst das treffendste Urteil über seine Bauernpolitik.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Drittens und letztens aber – selbst wenn man Friedrichs angebliche Verdienste um die Bauernbefreiung so hoch schätzen wollte wie die preußischen Byzantiner, so würden diese Verdienste dennoch mehr als aufgewogen durch Friedrichs Gemeinteilungsgesetze, die Aufteilung der Gemeinweiden, die seltsamerweise auch von den besseren bürgerlichen Historikern, so von Freytag und Roscher, als eine Art sozialer Reform aufgefaßt werden, tatsächlich aber nach einem Worte von Rudolf Meyer darauf hinausliefen, daß die Gemeinweiden »meist den großen Gütern zugeschlagen und damit die kleinen Leute, wenn auch teilweise gegen Entschädigung, der freien Viehweide beraubt, teilweise proletarisiert und somit für den Gutsgesindedienst adaptiert wurden«. Dies »eifrige Wegräumen aller solchen Beschränkungen des freien Grundeigentums, die mit dem mittelalterlichen Gemeindewesen zusammenhängen«, lief in der Tat auf die Proletarisierung der bäuerlichen Bevölkerung hinaus, und wenn Roscher darin die helle Seite des »Januskopfes« sieht, den Friedrichs agrarische Sozialpolitik biete, so mag man sich nicht leicht einen zu dunklen Begriff von dessen dunkler Seite machen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Siehe Rudolf Meyer, Das nahende Ende des landwirtschaftlichen Großbetriebs, in der »Neuen Zeit«, 11, 1, 304. Ferner Roscher, 399. Sonst ist Roschers Darstellung der friderizianischen Sozialpolitik in der bürgerlichen Geschichtsliteratur wohl noch die unbefangenste. Für die Einzelheiten sind die Kabinettsordern des Königs und teilweise auch seine Schriften einzusehen, dann aber auch die ältere preußische Geschichtsschreibung etwa bis zum Jahre 1848. Die neuere Literatur, namentlich soweit sie aus Archiven schöpft, ist nicht wertlos, doch müssen diese Bücher wie Palimpseste behandelt werden. Man muß zunächst die frommen Lobgesänge auf den friderizianischen »Sozialismus« beseitigen und dann untersuchen, was sich von dem verkratzten und verwischten Urtext noch entziffern läßt. Natürlich gibt es auch vortreffliche Ausnahmen; so Knapp, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens, wo in der Einleitung bemerkenswerte Einzelheiten über die Erfolglosigkeit der friderizianischen Bauernpolitik gegeben sind.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Umständen ist der Verfall des preußischen Ackerbaus unter Friedrich, den sogar die patriotischen Geschichtsschreiber anerkennen, leicht zu erklären – trotz der reichen Geldspenden, die er für die »notleidende Landwirtschaft«, will sagen die Junker, stets bei der Hand hatte, und auch trotz seiner so viel gepriesenen »Kolonisationen«. An sich waren seine Landesmeliorationen, die Verwaltung der Netze und der Warthe, die Urbarmachung des Drömlings und des Oderbruchs sowie vieler kleinerer Sumpfstrecken in Pommern, in der Mark, im Magdeburgischen gewiß der beste Teil seiner Wirtschaftspolitik, und wohl mochte der König mit berechtigtem Selbstgefühle sagen, hier habe er im Frieden eine neue Provinz erobert. Allein es ist eine tragikomische Entstellung der Sachlage, wenn dabei seine Bewunderer in seine Seele das faustische Sehnen dichten, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen. Da klingt es viel prosaischer, ist aber viel richtiger, wenn Roden schreibt: »Sr. K. M. allergnädigste Intention gehet dahin, daß, wenn bei den Städten oder denen von Adel wüste Gründe und Brücher vorhanden, diese aber nicht im Stande wären, solche urbar zu machen, alsdann der Landesherr zutreten, solche auf Höchstdero Kosten urbar machen, Häuser bauen und solche mit Familien besetzen lassen müßte; die Revenuen blieben zwar der Stadt und dem von Adel, das Land würde aber doch dadurch immer mehr und mehr peuplieret und per indirectum profitierten doch die Königlichen Kassen und der Staat davon.« Den Hauptvorteil zog »der von Adel«, denn gegen den adligen Landbesitz war der städtische kaum zu rechnen. Mit der Ansetzung der Kolonisten hatte der König wenig Glück. Er nahm dazu nicht etwa die jüngeren Söhne der heimischen Bauern, wie schon zeitgenössische Schriftsteller rieten, sondern suchte in der einseitigen Bevölkerungspolitik seines Merkantilismus möglichst viel fremdes Volk ins Land zu ziehen. Da aber sein Despotismus im Reiche und im Auslande durchaus keines einladenden Rufes genoß, so mußte er den Einwanderern die größten Vorrechte in Sachen der bäuerlichen, militärischen und steuerlichen Lasten versprechen, ohne doch viel anderes zu bekommen als verlorenes Gesindel. Statt wirklicher Bauern kamen, wie er einmal sagt, »Perruquiers und Commedianten« oder, wie er ein andermal klagt, »Barbiere, Destillateure, Viktualienhändler, Apotheker, Köche, Kuchenbäcker, Glücksbudner«; ein drittes Mal suchte er gar die türkischen Tataren anzulocken unter dem Versprechen, ihnen Moscheen zu bauen. Über die Kolonien in Ostfriesland schreibt der alte Schlosser: »Gesindel aller Art strömte herbei, der Verfasser dieser Schrift selbst hat gesehen, wie unsicher dadurch die an sich unzugänglichen Gegenden wurden, wie des kargen Königs Geld dabei verschwendet ward und wie die Bewohner seiner kostspieligen Anlagen schon nach zwanzig Jahren durch Elend, Trägheit, Schmutz, Bettelei, Raub und Mord ein Schrecken der alten Einwohner geworden waren.«&amp;lt;ref&amp;gt;Schlosser, Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts, 2, 246.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die 300000 Kolonisten, die Friedrich angesetzt haben soll, waren also eine sehr zweifelhafte Vermehrung der Bevölkerung, und der an sich wohlgemeinte Versuch des Königs, die durch die Leibeigenschaft »faule und schläfrige Art des Landmanns durch neues Blut zu korrigieren und dem Lande ein Exempel besserer Wirtschaft zu geben«, verdient nicht ganz die Lobeshymnen der patriotischen Historiker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am schärfsten tritt die Kurzsichtigkeit von Friedrichs innerer Politik auf solchen Gebieten hervor, auf denen man gerade von ihm, dem Philosophen und Poeten, ein besseres Verständnis seiner Pflichten hätte erwarten sollen. Sein Vater war ein banausischer Verächter von Bildung und Wissenschaft, aber er hatte doch eine Ahnung davon, daß geistige Kenntnisse zur Hebung des Wohlstandes und damit zur Stärkung der Finanzen beitragen. Er gründete Militär- und Volksschulen; er führte die allgemeine Schulpflicht wenigstens auf dem Papier ein. Das wurde unter Friedrich anders und viel schlechter. Er kümmerte sich um die Volksschulen sehr wenig, so gut wie gar nicht, oder um das Ding beim richtigen Namen zu nennen: Er schlug sie einfach tot. Kurz vor dem Hubertusburger Frieden sandte er aus Sachsen, dem in seiner Art klassischen Lande des deutschen Schulwesens, acht Schullehrer nach Preußen, von denen vier in der Kurmark und vier in Hinterpommern angestellt wurden, aber dann verfügte der König, daß seine invaliden Soldaten die Schullehrerstellen erhalten sollten, so daß, »war der Vorgänger ein nur nicht ganz unwissender Mann, die Schüler unterrichteter waren als der in Waffen ergraute Lehrer«. Was alles den modernen Byzantinismus nicht gehindert hat, in Friedrich den »Heros der Aufklärung auf dem Gebiete des Schulwesens« zu feiern.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber in seiner Weltgeschichte nennt den König so. Wir beschränken uns auf wenige Worte über die Volksschule unter Friedrich, da diese Seite seiner Regententätigkeit in der bekannten trefflichen Schrift von Seidel schon gründlich erörtert worden ist.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allerdings machte der König auf diesem Gebiete keinen Unterschied zwischen seinen glücklichen Untertanen. Um die Hochschulen stand es ebenso elend wie um die Volksschulen. Man braucht nur einen Blick auf die kläglichen Etats der vier Landesuniversitäten zu werfen. Duisburg hatte 5678, Königsberg 6920, Frankfurt a. O. 12648 und Halle 18116 Taler Einkünfte. Die Besoldungen der Professoren waren jammervoll, die wissenschaftlichen Institute fast durchweg im tiefsten Verfalle.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Preuß, 3, 111 ff. und – ausführlicher – Martin Philippson, Geschichte des preußischen Staatswesens vom Tode Friedrichs des Großen bis zu den Freiheitskriegen, 1, 133 ff. Von diesem Werke sind nur die beiden ersten bis zum Tode Friedrich Wilhelms II. reichenden Bände erschienen; nach deren Veröffentlichung wurden dem Verfasser die preußischen Archive gesperrt – von wegen seiner Tendenz. Gegen diese Tendenz ist nun allerdings insofern manches einzuwenden, als sie eine einseitig preußisch-patriotische ist. Herr Philippson weiß von Friedrichs »wahrhaft sozialistischer Allsorgfalt« zu erzählen und steckt auch sonst voller Illusionen über die friderizianische Zeit. Aber ein Hofgeschichtsschreiber ist er nicht. Er beschönigt die häßlichen und traurigen Dinge, die er in den Akten findet, nicht geflissentlich, sondern teilt sie offen mit, auf daß die Gegenwart aus den Fehlern der Vergangenheit lerne. Und diese höchst veraltete Anschauung ist für die reine Wissenschaft des neuen Deutschen Reichs natürlich strafwürdige – Tendenz.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von dem einzigen Manne ersten Ranges unter den preußischen Universitätslehrern, von Kant in Königsberg, hat Friedrich nichts gewußt, wobei immerhin nicht vergessen werden darf, daß Kants epochemachendes Hauptwerk erst 1781 erschien und erst 1789, nach dem Tode Friedrichs, allgemein bekannt wurde. Dagegen würden wir von dem einzigen Universitätslehrer, dem Friedrich eine ansehnliche, ja glänzende Stellung gab, nichts mehr wissen, wenn Lessing diesem Geheimbderat Klotz in Halle als einem Kabalenmacher und Nichtswisser ersten Ranges nicht eine unerfreuliche Unsterblichkeit beschert hätte. Und dabei mußten sich die preußischen Untertanen an jenen vier verfallenen Quellen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen lassen; nach wiederholten Verfügungen Friedrichs sollte das Studieren auf nichtpreußischen Universitäten, und wenn es nur ein Vierteljahr gedauert hatte, mit lebenslänglicher Ausschließung von allen Kirchen- und Zivilämtern, bei Adeligen sogar noch mit Einziehung des Vermögens bestraft werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gibt nur ein einziges Gebiet der inneren Verwaltung, auf dem Friedrich wirklich reformiert oder doch zu reformieren versucht hat, und es ist ein vor allem wichtiges Gebiet: nämlich die Rechtspflege. Er beseitigte gleich nach seinem Regierungsantritte die Folter; ferner hob er, wie für andere Beamte, so namentlich auch für die richterlichen, die »Infamie« des Ämterkaufs auf, obschon er an einer Besoldungssteuer festhielt; er verfügte auch, daß alle Sporteln der Gerichte nicht dem einzelnen Richter, der sie veranlaßt hatte, sondern einer gemeinsamen Kasse zufließen sollten. Ferner sorgte er für ein beschleunigtes Gerichtsverfahren mit der Maßgabe, daß gemeiniglich jeder Prozeß im Laufe eines Jahres zum rechtskräftigen Abschlusse gebracht sein müsse. Endlich wollte er auch die Unabhängigkeit der Gerichte verbürgen; er sprach sich wiederholt gegen jede Kabinettsjustiz aus. Aber freilich hatten auch hier die Dinge keineswegs jenes ideale Aussehen, das ihnen die französische Fabel von dem Müller in Sanssouci scheinbar gegeben hat. Friedrich schrieb wohl: Die Gesetze müssen sprechen und der Souverän muß schweigen, aber er handelte allzuoft nach dem umgekehrten Grundsatze. Als Philosoph sah er in der Wahrung des Rechts die stärkste Wurzel der fürstlichen Souveränität, aber als König glaubte er ebendeshalb überall eingreifen zu müssen, wo ihm die Gerichte das Recht nicht richtig zu handhaben schienen, womit dann die Kabinettsjustiz seines Vaters glücklich wiederhergestellt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es liegt im Wesen des aufgeklärten Despotismus, daß der aufgeklärte Despot sich auch dann oder vielmehr dann erst recht in einem verderblichen Kreise herumbewegt, wenn er wirklich einmal einen Kulturfortschritt anbahnen will. Friedrich haßte die »Justiz nach der alten Leier«, die nach seiner triftigen Behauptung immer den reichen Leuten geholfen hatte, die halb verkäufliche, halb versimpelte Justiz seines Vaters, der die Richterstellen teils nach den Einzahlungen in die Rekrutenkasse vergab, teils nach dem Grundsatze, daß Bewerber von »Kop« der Verwaltung, »dume Teuffel« aber der Justiz überwiesen werden sollten. Friedrich empfand auch ganz richtig, daß eine herkulische Arbeit zu vollbringen, ein wahrer Augiasstall zu reinigen sei, wenn er eine »prompte und unparteiische, kurze und solide Justiz administrirt« haben wollte. Aber die Schlußfolgerung, die er daraus zog und vom Standpunkt des aufgeklärten Despotismus nicht mit Unrecht zog, daß er nämlich »sich selbst darein meliren«, daß er selbst auf dem Posten sein und jeden Augenblick dreinfahren müsse, wenn die Kabale sich einzuschleichen drohe, führte notgedrungen wiederum zu der verderblichen Kabinettsjustiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man kann es dem König nicht eigentlich zum Vorwurfe machen, daß er es in erster Instanz bei der Patrimonialgerichtsbarkeit bewenden ließ, der Gerichtsbarkeit der Junker über die Bauern, bei welcher nach einem zeitgenössischen Worte »der Stock die Gelehrsamkeit ersetzte«. Denn daran konnte er aus schon entwickelten Gründen beim besten Willen nichts ändern. Aber Friedrich hat auch in den landesherrlichen Gerichten der oberen Instanzen niemals für eine unabhängige Justiz gesorgt; er hat stets den Grundsatz zurückgewiesen, daß Richter nicht durch königliche Machtsprüche, sondern nur kraft eines richterlichen Urteils abgesetzt werden könnten. So fegte Cocceji, des Königs rechte Hand in Justizsachen, einmal das ganze Kammergericht bis auf zwei Räte aus, darunter Männer, die seit Jahrzehnten unverweislich ihre Pflicht erfüllt hatten, ohne jedes Urteil, ja ohne jede Anklage, nur um die erledigten Stellen mit seinen Kreaturen zu besetzen. Friedrichs gesunder Widerwille gegen jede Justizverschleppung machte es nach und nach bei ihm zur fixen Idee, daß die Beendigung jedes Prozesses im Laufe eines Jahres der Inbegriff nicht nur einer »kurzen«, sondern auch »soliden« Justiz sei; die Prozeßordnung, die Cocceji entwerfen mußte, nennt sich schon in ihrem Titel »das Projekt des Codicis Fridericiani Marchici, nach welchem alle Prozesse in einem Jahr durch alle Instanzen zu Ende gebracht werden sollen und müssen«. Um dieses Ziel zu erreichen, umging Friedrich die ordentlichen Gerichte und setzte Immediat-Kommissionen ein; »mit wahrem Vergnügen« stellt er in einer Kabinettsorder vom 11. Mai 1747 fest, daß eine solche Kommission unter Coccejis Vorsitz binnen Jahresfrist am Hofgericht in Stettin 1600 und am Hofgericht in Köslin 720 Prozesse »abgetan« hat. Wie es bei dieser summarischen Justiz herging, sagt erschöpfend das lakonische Wort des Justizministers Jarriges: »Marsch! was fällt, das fällt.« Nicht ohne Grund sah Friedrich eine Ursache der Prozeßverschleppung in der damaligen Advokatur, die von seinem Vater grausam verfolgt worden war und infolgedessen zweifelhafte Subjekte reichlich genug in ihren Reihen hatte. Aber es trug gewiß nicht zur Hebung dieses Berufs bei, daß Friedrich neben mancher verständigeren Anordnung als Hauptmittel der Besserung die Kassation fortdauernd über dem Haupte jedes Advokaten schweben ließ; fehlten andere Gründe, so wurden des abschreckenden Beispiels wegen von Zeit zu Zeit einige beseitigt. So im Jahre 1775 ihrer sieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König hielt sich für den obersten Richter, der nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, jeden einzelnen Rechtsfall selbst zu entscheiden, einen Teil seiner richterlichen Gewalt auf andere übertragen habe, und in seinem königlichen Willen sah er die Quelle, welche die dürre Heide des geschriebenen und überlieferten Rechts gewissermaßen erst befruchtete. Vor allem auf dem Gebiete des Kriminalrechts suchte er diese Auffassung, soweit als nur immer möglich war, praktisch durchzuführen. In allen wichtigeren Fällen mußten die Erkenntnisse durch landesherrliche Gerichte gefällt und, wenn es sich um bedeutendere Strafen handelte, vom Landesherrn bestätigt werden. Sträflinge durften auf den Festungen nur auf Grund einer königlichen Order angenommen werden. Friedrich ließ hieran nie etwas ändern; er glaubte so die Untertanen am besten vor Unterdrückung gesichert; er wollte sich auch wohl vorbehalten, die scheußlichen Strafen der Karolina, die noch immer das preußische Strafrecht war, zu mildern. Aber der Justizminister v. Arnim, der als Chef des Kriminaldepartements die genaueste Sachkenntnis gewonnen hatte und übrigens den König lebhaft bewunderte, hat gleich nach dessen Tode in einer ausführlichen Schrift dargetan, wie wenig auf diesem Wege erreicht wurde. Indem der König sich an keine Grundsätze binden wollte, verfiel er in Launen, und gemeiniglich verschlimmerte er das Übel, das er beseitigen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sogleich bei seiner berühmtesten Justizreform: der Aufhebung der Folter. Die Tortur war nicht in &#039;&#039;dem&#039;&#039; Sinne eine sinn- und zwecklose Grausamkeit, daß sie von bösen oder dummen Menschen erfunden worden war und von einsichtigen oder guten Menschen einfach aufgehoben zu werden brauchte. Sie bildete vielmehr die Spitze des damaligen Kriminalprozesses, der die gesetzliche Strafe nicht ohne Eingeständnis des Angeklagten verhängen durfte und deshalb die Folter anwenden mußte, um einem nach der Überzeugung des Gerichtshofes sonst überführten Verbrecher auch das zur Verurteilung notwendige Geständnis zu entreißen. Deshalb hatte selbst Thomasius die Tortur nicht unbedingt zu verwerfen gewagt, und wenn Friedrich wirklich mit der barbarischen Gewohnheit brechen wollte, so mußte er eben den Kriminalprozeß gesetzlich reformieren. Aber daran dachte er nicht im entferntesten; er entschied von Fall zu Fall, sicher, daß er in jedem Falle das Rechte treffen werde. Ein aufsehenerregender Fall, in dem die Unschuld des Angeklagten gerade noch entdeckt wurde, als er schon auf die Folter gebracht werden sollte, veranlaßte ihn zur Anweisung an die Gerichte, nicht mehr auf Tortur zu erkennen. Dann aber verfügte der König in einem anderen Falle, in dem die Verurteilung eines zweifellos schuldigen Verbrechers an dessen Leugnen zu scheitern drohte, das mangelnde Geständnis durch – Prügel zu erzwingen. Damit war denn die Tortur in einer neuen und gefährlicheren Form wiederhergestellt. Sie hatte früher nur auf Grund eines förmlichen Erkenntnisses landesherrlicher Gerichte angewandt werden dürfen, während nunmehr jedem Untersuchungsrichter gestattet war, nach Herzenslust zu prügeln; »die Inquirenten bedurften dazu keiner höhern Ermächtigung und wandten das erwünschte Mittel so energisch an, daß man bald einige eklatante Justizmorde zu beklagen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Alte und neue Rechtszustände in Preußen; Preußische Jahrbücher, 5, 390.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Willen des Königs als höchstem Gesetz hat es seine eigentümliche Bewandtnis. Entweder rüttelt er in eitlem Fürwitz an dem organischen Zusammenhange der historischen Entwicklung, und dann scheitert er oder zerstört, wo er schaffen möchte. Oder aber er begnügt sich mit dem Spielraume, den jeweilig die fürstliche Klasse hat, und dann erweist er sich keineswegs als Kind einer überirdischen Weisheit, sondern als das sehr irdische Erzeugnis von Klasseninteressen. Wer daran zweifelt, daß die geistigen Lebensformen durch die materiellen Lebensverhältnisse bestimmt werden, mag nur einmal Friedrichs Strafrechtspflege studieren; das Beispiel ist um so beweiskräftiger, als es dem Könige mit seiner Justizreform bitterer Ernst war, als er auf keinem Gebiete so kräftig wie auf diesem seine philosophischen Anschauungen in seinem fürstlichen Handwerke zu verwirklichen strebte. Sein Moral- und Strafkodex in Sachen der sogenannten fleischlichen Verbrechen spiegelt mit fast grotesker Schärfe seine Bevölkerungspolitik wider. Er verbot die Kirchenbuße gefallener Mädchen und untersagte jedem, ihnen wegen ihres Fehltritts Vorwürfe zu machen. Er gestattete zwar, daß, wenn einer in puncto sexti sich vergangen hatte, zwei Prediger ihm den begangenen Fehler zu Gemüte führen könnten, aber er fügte hinzu, »ohne zu poltern oder zu schelten«, und keiner der Geistlichen dürfe davon etwas verlauten lassen bei Strafe der Kassation; es müsse alles wie in der Beichte gesprochen angesehen werden. Er begnadigte gänzlich in Fällen von Blutschande, die dennoch vor die Gerichte gelangt waren, oder, was noch bezeichnender ist, als sich ein Ehemann bei Lebzeiten der Ehefrau mit der Tochter vergangen hatte, lehnte er die Begnadigung mit der Begründung ab: »Das ist zu gropf.« Er gewann dadurch überhaupt eine so weitherzige Ansicht von den fleischlichen Verbrechen, daß er das über einen Kavalleristen wegen Sodomiterei gefällte Todesurteil mit der klassischen Randschrift kassierte: »Der Kerl ist ein Schwein; er soll zur Infanterie.« Er beseitigte die Todesstrafe, die auf Abtreibung der Leibesfrucht gesetzt war, damit die Mutter durch spätere Fortpflanzung ihr Verbrechen wieder gutmachen könne. Er ließ die Bigamie nicht nur ungestraft, sondern erkannte sie rechtlich an, wie beispielsweise beim General Favrat. Friedrich selbst hatte bekanntlich schon an einer Frau zuviel, und es wäre lächerlich, seine juridische und moralische Weitherzigkeit in geschlechtlichen Dingen einer persönlichen Lasterhaftigkeit zuzurechnen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Doch ist zu bemerken, daß diese Weitherzigkeit den König nicht etwa verleitete, mit der katholischen Kirche wegen der &#039;&#039;kirchlichen&#039;&#039; Strafen anzubinden, die sie auf die Übertretung &#039;&#039;kirchlicher&#039;&#039; Eheverbote setzte. Friedrich war viel zu gescheit, um so »genial« wie der Herr Bismarck im »Kulturkampfe« zu sein. Einen Übergriff seiner Behörden in dieser Beziehung redressierte er sofort, indem er verfügte: »Indem sie (die katholischen Geistlichen) gedachtem Berkmeier die Absolution und das Abendmahl versagen, so geschieht ja dadurch kein Eingriff in unsere Rechte, welche uns in Ansehung der Dispensation in Ehesachen zustehen, sondern sie tun anderes nicht, als daß sie den Supplikanten von einem Genuß ausschließen, dessen er sich durch seine in der römischen Kirche verbotene Heirat verlustig gemacht und den er nicht verlangen kann, solange er ein Mitglied dieser Kirche ist.«&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In schroffem Gegensatze zu dieser Weitherzigkeit und doch in vollkommenem Einklänge mit ihr stand die barbarische Grausamkeit der friderizianischen Rechtspflege, soweit es sich nicht um die Lieferung, sondern um die Trainierung des Menschenmaterials für despotische Zwecke handelte. Bei militärischen und politischen Verbrechen, mochten sie auch nur »Verbrechen« nach der damaligen Staatsräson sein, schreckte Friedrich vor keiner noch so brutalen Verletzung der Rechtsformen, vor keiner noch so entsetzlichen Strafe zurück. Da betrachtete er sich als unbeschränkten Herrn über Freiheit und Leben seiner Untertanen; da verhängte er Freiheits- und Lebensstrafen, wenn es ihm paßte, aus eigener Machtvollkommenheit und verschärfte ins Ungeheuerliche die richterlichen Urteile, die seiner Bestätigung bedurften. Er schlug es rundweg ab, wenn ihn einmal ein Oberst bei stark mildernden Umständen eines einzelnen Falles um eine Milderung der blutigen Kriegsartikel bat; er ließ den Geheimrat Ferber ohne Urteil und Recht wegen Verbreitung angeblich landesverräterischer Nachrichten in Spandau enthaupten und seinen Kopf auf einen Pfahl stecken. Namentlich mit den wachsenden Jahren des Königs nahm seine Kabinettsjustiz sehr überhand. Um ihr einigermaßen zu steuern, vermied das Kammergericht nach Möglichkeit, auf Festungsstrafe zu erkennen; in einem Falle konnte es einen offenbaren Justizmord, auf den es nach Befehl des Königs erkennen sollte, nur dadurch hindern, daß es die Erledigung des Verfahrens bis über den Tod Friedrichs verschleppte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Sache des Müllers Arnold, dem bekanntesten Falle der friderizianischen Kabinettsjustiz, spielten verschiedene Gesichtspunkte durcheinander. Eine Justiz, die das Recht des Bauern rücksichtslos gegen den Junker zu wahren schien, war ein treffliches Anziehungsmittel für bäuerliche Ansiedler aus der Fremde, und sie war auch ein derber Denkzettel für die gar zu patriarchalische Gerichtsbarkeit der Junker. Aber Friedrich wurde dabei doch in sehr empfindlicher Weise an die Grenzen seiner Macht erinnert. Er bog das Recht, um in einem einzelnen Falle einem einzelnen Bauern zu helfen, aber als nunmehr Schwärme von Bauern das Schloß umlagerten und zu den Fenstern des Königs gerichtliche Urteile emporhoben, durch die sie viel schlimmeres Unrecht erfahren haben wollten als der Müller Arnold, da konnte er ihnen nicht helfen. Dazu wirkte noch ein militärpolitischer Gesichtspunkt in dieser berühmten Affäre mit. Der Müller Arnold hatte seine Beschwerden auf militärischem Wege zu den Ohren des Königs zu bringen gewußt, und Friedrich hatte irgendeinen unwissenden Kriegsknecht von Obersten mit der Untersuchung der Angelegenheit betraut. Auf dessen Bericht hin kassierte er die Richter des Kammergerichts, die gegen den Müller entschieden hatten, in schimpflichster Weise und schrieb an den Minister v. Zedlitz, der sich weigerte, dem Gewaltakte hilfreiche Hand zu leisten: »Das Federzeug verstehet nichts. Wenn Soldaten etwas untersuchen und dazu Order kriegen, so gehen sie den geraden Weg und auf den Grund der Sache. Allein ihr könnt das nur gewiß sein, daß ich einem ehrlichen Offizier, der Ehre im Leibe hat, mehr glaube als allen euren Advokaten und Richtern.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;In der Sache des Müllers Arnold geben die preußischen Mythologen meistens der Wahrheit die Ehre, und es ist deshalb zu bedauern, daß Dühring, Sache, Leben und Feinde, 394, sie wegen ihrer »meist feige verhaltenen, aber doch hinreichend sichtbaren Bosheit gegen jene wirkliche Großtat des originalen Königs« verhöhnt. Eher versteht man es schon, wenn neuestens irgendein patriotischer preußischer Amtsrichter in guter Witterung der Zeit die rettende soziale Tat des Königs preist, die sich über formale Gesetzesbedenken hinweggesetzt habe. Übrigens scheint Friedrich selbst seinen Gewaltschritt bald als solchen erkannt und nur deshalb nicht zurückgetan zu haben, weil er seine königliche Unfehlbarkeit nicht bloßstellen wollte. Interessante Einzelheiten darüber bei Preuß, 3, 522 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So haben wir denn den aufgeklärten Despotismus Friedrichs nach seinem innern Zusammenhange, seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in großen Umrissen geschildert. Ließ sich dabei eine gewisse Ausführlichkeit nicht vermeiden, so können wir uns über die Moral von der Geschichte um so kürzer fassen. Es hieße Wasser in die Spree tragen, wenn wir noch nachweisen wollten, daß dieser aufgeklärte Despotismus mit dem Zeitalter der deutschen Humanität, dem Lessing die erste Bahn brach, schlechterdings gar nichts zu tun hat. An einem Dornstrauche können keine Feigen wachsen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bleibt noch übrig, die Diplomatie und die Kriegführung Friedrichs auf den gleichen Gesichtspunkt zu untersuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9260</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9260"/>
		<updated>2026-02-28T08:28:48Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Friedrichs aufgeklärter Despotismus ==&lt;br /&gt;
Friedrich II. regierte von 1740 bis 1786. Sein aufgeklärter Despotismus gilt als die höchste Form des modernen Absolutismus und zwar in beiderlei Sinn des Wortes: sowohl nach der Unbeschränktheit der fürstlichen Macht hin als auch nach der Verwendung dieser Macht für die Wohlfahrt des Volkes. Die eine wie die andere Behauptung bedarf aber der Einschränkung durch den Satz: innerhalb der Grenzen, die durch die ökonomischen Grundlagen dieses Despotismus gegeben waren. Die preußenfreundlichen Mythologen täten nachgerade wohl daran, sich endlich zu dieser wissenschaftlichen Auffassung zu bekehren; denn in dem holden Streite mit ihren preußenfeindlichen Gegenfüßlern müssen sie hundert Niederlagen gegen einen Sieg davontragen, wenn auf Grund der Einbildung gekämpft wird, daß die Macht Friedrichs unbeschränkt und daß es seine Pflicht gewesen sei, diese Macht im Interesse der Volksmasse zu handhaben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Die Schranken des Despotismus, die beispielsweise in Frankreich und Österreich durch den Hof und die Kirche errichtet waren, bestanden für Friedrich nicht. Aber um so fester steckte er in dem eisernen Hemde des auf feudaler Grundlage, erwachsenen Militarismus. Sein beweglicher und lebendiger, obschon etwas flacher Geist war für literarische und philosophische Arbeiten wie geschaffen; Friedrich artete mehr nach der Mutter als nach dem Vater, war mehr Welfe als Hohenzoller, wie denn namentlich in seinen jungen Jahren die fremden Gesandten den »hannöverschen Typus« an ihm hervorheben. Unter den Welfen waren aber literarische Neigungen schon seit dem Mittelalter erblich; am Hofe Heinrichs des Löwen dichteten Vorläufer der höfischen mittelalterlichen Poesie; Herzog Heinrich Julius von Braunschweig, der Zeitgenosse Shakespeares, hielt an seinem Hofe eine Truppe englischer Schauspieler und schrieb selbst Theaterstücke; Herzog August gründete die Wolfenbütteler Bibliothek; Herzog Anton Ulrich dichtete Kirchenlieder und Romane; dann lebte Leibniz im Schutze des Welfenhauses, und Friedrichs Großmutter, die Königin Sophie Charlotte, im guten und schlimmen eine echte Welfin, zog ihn vorübergehend auch nach Berlin. Im Vorbeigehen lohnt es sich auch vielleicht zu bemerken, daß sich unter Friedrichs Urgroßmüttern ein französisches Edelfräulein befand, Eleonore d&#039;Olbreuze, die Gemahlin eines welfischen Herzogs, die einige Tropfen frischen und munteren Blutes in das alte Geschlecht gesprengt hatte. Der schier unnatürliche Haß, mit dem Friedrich und sein Vater einander betrachteten, ein Haß, der sich dann zwischen Friedrich und seinem durchaus nach dem Vater artenden Bruder August Wilhelm, dem Stammvater der späteren Könige, wiederholte und hier in dem Tode des Bruders tragisch endete wie dort in der Enthauptung von Friedrichs Freunde Katte, läßt sich kaum anders als auf physiologische Ursachen zurückführen, sowenig damit auf den verleumderischen Hofklatsch über Friedrichs Mutter, dem selbst sein Vater zeitweise zugänglich war, irgend angespielt werden soll. Die wiederholten Heiraten zwischen Hohenzollern und Welfen ließen nur Friedrich, wie seine Schwester Wilhelmine und seinen Bruder Heinrich, stark auf den welfischen Typus zurückschlagen. Friedrichs Ehrgeiz strebte in erster Reihe nach dem Lorbeer des Dichters und Schriftstellers; als Mensch hat er sein ganzes Leben darnach gerungen; lieber wollte er Racines »Athalie« gedichtet als den Siebenjährigen Krieg geführt haben. Aber als König war er sich auch sein ganzes Leben darüber klar, unter welchen Bedingungen er überhaupt nur regieren könne. So führte er jenes Doppelleben, das einen manchmal schier unglaublichen Widerspruch zwischen seinen Taten und seinen Worten aufweist, das ihm so oft den scheinbar unwiderleglichen Vorwurf der Heuchelei eingetragen hat und das von seinen Bewunderern nicht minder oft durch die unwürdigsten Sophismen erläutert worden ist. Und doch hat Lessing schon den Sinn dieses Lebens treffend gezeichnet in den von Herrn Erich Schmidt und anderen für byzantinische Zwecke mißbrauchten Worten: »Wenn ich mich recht untersuche, so beneide ich alle itzt regierenden Könige in Europa, den einzigen König von Preußen ausgenommen, der es einzig mit der Tat beweist, Königswürde sei eine glorreiche Sklaverei.« In der Tat erkannte Friedrich von Anfang an, daß gemäß der preußischen Verfassung jeder preußische König unweigerlich den alten Kurs zu segeln hat, und darin, daß er auch nicht einmal versuchte, wider den Stachel zu löcken, obgleich ihm nach Anlagen und Neigungen eine solche Versuchung unter allen preußischen Königen weitaus am nächsten lag, wurzelt sein Anspruch auf historische Bedeutung oder – wenn denn einmal das Wort gebraucht werden soll – auf historische Größe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber eben weil dazu ein nicht gewöhnlicher Charakter und ein nicht gewöhnlicher Geist gehörten, liegt es von vornherein auf der Hand, daß jene »Reformen Friedrichs im Innern«, von denen Lassalle spricht, niemals bestanden haben und niemals auch nur geplant worden sind. Friedrichs Thronbesteigung wurde ein Tag der Enttäuschungen, wie einer der schmerzlich Enttäuschten selber schrieb. Der von seinem Vater so arg mißhandelte »Querpfeifer und Poet«, der seine Uniform einen »Sterbekittel« genannt hatte, erließ das kurze und bündige Regierungsprogramm: Alles bleibt auf dem Fuße, auf dem mein Väter es eingerichtet hat; nur das Heer will ich um soundso viel Bataillone und Schwadronen vermehren. Die Mittel dazu gewann Friedrich zunächst durch die Auflösung des Riesenregiments, das sein Vater in einer närrischen Liebhaberei aus menschlichen, durch greuliche Gewalttaten und um wahnsinnige Summen aus allen Enden der Welt herbeigeschafften Kolossen zusammengesetzt hatte. Sonst änderte Friedrich aber nichts oder doch nichts Wesentliches an den Einrichtungen Friedrich Wilhelms I., weil er trotz aller philosophischen und poetischen Schwärmerei und trotz des schroffsten persönlichen Gegensatzes zu seinem Vater sehr wohl wußte, daß er nichts daran ändern konnte, daß der preußische Staat so bestehen mußte, wie er bestand, oder überhaupt nicht bestehen konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine einzige wichtige Änderung scheint Friedrich nun aber doch an dem bisherigen Regierungssystem vorgenommen zu haben, nämlich die schon erwähnte Steigerung der fürstlichen Machtvollkommenheit, die in dem geflügelten Worte von dem Fürsten als dem ersten Diener des Staats ihren ideologischen Ausdruck gefunden hat. Da hat anscheinend doch der überlegene Wille eines kräftigen Herrschers einen tiefen Schnitt in die auf ökonomischen Grundlagen beruhende Verfassung des Staats getan. Allein dieser Schein trügt vollständig. Es vollzog sich hier ein ähnlicher Prozeß wie hundert Jahre vorher unter Friedrichs Urgroßvater. Damals verzichteten die Junker scheinbar auf ihre politischen Vorrechte, indem sie die Errichtung des fürstlichen Absolutismus durch das stehende Heer und die ständige Steuer zugaben, aber was sie in ihren verfallenen Ständetagen preisgegeben hatten, gewannen sie zehnfach durch die ökonomischen, sozialen und militärischen Vorrechte wieder, die ihnen der Absolutismus einräumen mußte, ehe sie ihm ihren Segen gaben. In ganz ähnlicher Weise regierte Friedrich II. mit einigen subalternen Schreibern aus seinem Kabinett den Staat, während tatsächlich unter seiner Regierung jenes Adelsregiment aufwucherte, das bei Jena ein schmachvolles, aber hundertfach verdientes wenn auch leider noch immer nicht endgültig besiegeltes Schicksal ereilt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ideologische Geschichtsschreibung ist bisher unfähig gewesen, die Aufklärung des friderizianischen Despotismus zu analysieren; sie hat nur verstanden, mit preisenden oder scheltenden, mit schmeichelnden oder schimpfenden, aber stets ganz allgemeinen und leeren Redensarten darüber hinwegzutappen. Aber von der materialistischen Geschichtsauffassung wissen wir, daß die »Geschichte aller bisherigen Gesellschaft die Geschichte von Klassenkämpfen« ist. Das hatte Friedrich Wilhelm I. auf seine Weise ganz gut begriffen, Friedrich II. aber begriff es nicht. Wenn man unter aufgeklärtem Despotismus das Verständnis für die historische Möglichkeit und damit auch für die historische Berechtigung des Despotismus versteht, so war Friedrich Wilhelm I. ein sehr viel aufgeklärterer Despot als sein Sohn. Indem er der herrschenden Klasse des Junkertums, so gut er es vermochte, den Boden streitig machte, indem er sich ein fürstliches Heer, ein fürstliches Beamtentum zu schaffen suchte, indem er möglichst viel bürgerliche Elemente in die Staatsverwaltung zog, vertrat er den Despotismus, der nach den allgemeinen Zeitverhältnissen möglich und über die feudale Wirtschaft des Mittelalters hinaus ein historischer Fortschritt war. Friedrich dagegen besaß zwar jenes welfische Herrscherbewußtsein, das dem hohenzollernschen, wie alte und neue Beispiele zeigen, noch überlegen ist, aber von dem fürstlichen Klassenbewußtsein seines Vaters hatte er viel zuwenig. Friedrich Wilhelm I. witterte mit gutem Klasseninstinkte in der »Hoffart« seines Sohnes eine schwere Gefahr für den fürstlichen Despotismus; sie verhieß dem Junkerregimente, das er selbst auszurotten getrachtet hatte, eine neue Blüte. Selbst in seiner Küstriner Gefangenschaft, in einem Leben voll der schwersten Demütigungen, machte Friedrich ungezogene Bemerkungen darüber, daß adlige Landräte an den bürgerlichen Kammerdirektor Hille als an ihren Vorgesetzten berichten mußten, worauf Hille mit treffender Ironie erwiderte, die Welt sei allerdings auf den Kopf gestellt, wie könnten sonst Fürsten, die nicht recht klug wären oder sich nur mit Tand abgäben, vernünftigen Leuten Befehle erteilen? Die derbe Lektion fruchtete so wenig wie die Schläge des Vaters. Friedrich hat nie begriffen, daß die despotische Macht, die sein Vorgänger ihm vererbte, im Kampfe gegen das Junkertum erobert war und also auch nur im Kampfe gegen das Junkertum erhalten oder gar gesteigert werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies in der Tat ist der springende Punkt, aus dem sich der Despotismus Friedrichs erklärt, soweit er sich von dem Despotismus seines Vaters unterschied. So töricht war der König nicht, den Selbstherrscher in dem Sinne spielen zu wollen, in dem er ihn nach den heutigen Bewunderern seines aufgeklärten Despotismus gespielt haben soll; um sich mit einem sic volo sic jubeo über die tatsächlichen Machtverhältnisse hinwegzusetzen, dazu war er viel zu einsichtig. Wollte er den ersten Diener des Staats vorstellen, wollte er sich unabhängig machen von dem Mitraten und Mittaten des Beamtentums, so mußte er den Adel bei seiner gnädigen Laune erhalten. Das wußte und berücksichtigte er sehr gut. Er überhäufte den Adel in sehr unphilosophischer Weise mit allen erdenklichen Begünstigungen und Vorrechten; er förderte die Junkerherrlichkeit in einer Weise, die seinem Vater ganz fremd gewesen war. Während Friedrich Wilhelm die Tüchtigkeit der Beamten an ihrer Widerstandskraft gegen die junkerlichen Interessen abmaß, empfahl Friedrich dem Generaldirektorium als den Hauptzweck der staatlichen Verwaltung die Erhaltung des Adels. Während Friedrich Wilhelm das Landratsamt den Junkern zu entreißen bemüht war, machte Friedrich das ständische Vorschlagsrecht nicht nur zu einem wirklichen Wahlrecht, indem er seine Bestätigung immer unweigerlich gab, sondern er schloß noch obendrein die Domänen, die Amtsstädte, die Güter in städtischem Besitze von der Wahl der Landräte aus. Und so in allem. Friedrich Wilhelm suchte den Klassenkampf mit dem Adel, Friedrich wich ihm aus. Was jener erkämpfen wollte, das wollte dieser erkaufen. Aber der Vater verstand viel besser, worauf es im Widerstreite der sozialen Interessen ankommt, als der Sohn. Mochte Friedrich Wilhelm im Kriege gegen das Junkertum verhältnismäßig wenig erreichen, es war tatsächlich viel mehr als das verhältnismäßig Große, das der berühmteste Selbstherrscher des achtzehnten Jahrhunderts erreicht zu haben schien. Die Steigerung der Souveränität, die Friedrich dem Adel abkaufen wollte, war ebendeshalb ein leerer Dunst. Er gab das Wesen der Macht hin für ihren Schein. Es kam hinzu oder vielmehr: Es hing mit der Verschiedenheit in dem fürstlichen Klassenbewußtsein der beiden Könige zusammen, daß Friedrich Wilhelm, der über wenig mehr als zwei Millionen Einwohner herrschte, täglich fünf bis sechs Stunden mit seinen Kabinettsräten, mit dem Generaldirektorium arbeitete; Friedrich II. aber, unter dem die Bevölkerungsziffer auf sechs Millionen anwuchs, machte täglich – mit Ausnahme der militärischen Revuen – alles in anderthalb Stunden ab, ohne die Minister zu hören, ja mit geflissentlicher Mißachtung und Mißhandlung des Beamtentums. Menschlich mag es sehr wohl zu verstehen sein, daß ein geistig angeregter Mann sich möglichst schnell aus dem eintönigen und traurigen Räderwerk dieses Staatswesens zu seinen Dichtern, Musikern und Philosophen flüchtete; politisch ist es aber klar, daß Friedrich, der auf diese Weise das ganze staatliche Getriebe bis auf die kleinste Einzelheit zu übersehen und zu leiten glaubte, tatsächlich gar wenig übersah und leitete. Die wirkliche Regierung fiel dem Adel um so sicherer zu, als Friedrich ihm auch, abermals in scharfem Gegensatze zu seinem Vater, alle maßgebenden Stellen der bürgerlichen Verwaltung eingeräumt hatte. Der glänzende Schein seines aufgeklärten Despotismus verhüllte einzig ein wucherisches Junkerregiment. So setzt die Dialektik der ökonomischen Entwicklung, je »genialer« sie mißachtet wird, sich um so rücksichtsloser und verhängnisvoller durch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach alledem kann von »Friedrichs Reformen im Innern« so wenig gesprochen werden, daß im Gegenteile unter seiner Regierung der preußische Militärstaat schon von der Höhe herabsank, die er unter Friedrich Wilhelm erreicht hatte. Als Friedrich den Thron bestieg, hatte er sich mit allerlei literarischen und philosophischen Fragen befaßt, aber seine staats- und volkswirtschaftlichen Kenntnisse waren selbst für den Maßstab seiner Zeit sehr lückenhaft und unvollständig; die patriotische Fabel von dem praktischen Kursus, den er während seiner Küstriner Gefangenschaft in diesen Dingen gemacht haben soll, ist gegenüber den urkundlichen Zeugnissen selbst von den loyalen Geschichtsschreibern aufgegeben worden. Den Kleinbetrieb der Verwaltung, den er nach dem Willen seines Vaters in Küstrin lernen sollte, hat er nicht gelernt, nicht einmal lernen wollen; darüber sind die Klagen der Küstriner Behörden unerschöpflich, und der Kammerdirektor Hille tröstete sich mit der Hoffnung, daß er als Regent sich um die kleinen Einzelheiten nicht kümmern werde.&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, Friedrich der Große als Kronprinz, 91 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber bekanntlich kümmerte sich Friedrich als erster Diener des Staats um jeden Quark, und dazu verknöcherte die Art seines Selbstherrschertums noch die sehr unreifen Ansichten, mit denen er die Regierung angetreten hatte. Mit Recht hebt ein bürgerlicher Ökonom hervor, daß Friedrich, wie er selbst und seine Dienerschaft im Jahre 1786 nicht anders gekleidet gingen wie im Jahre 1740, so auch in anderen »wichtigeren Dingen zeitlebens bei den Anschauungen beharrte, die er als Kronprinz gewonnen hatte«.&amp;lt;ref&amp;gt;Roscher, Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland, 414.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den zwölfhundert Kabinettsordern, deren Wortlaut Preuß in den Urkundenbüchern zu Friedrichs Lebensgeschichte veröffentlicht, kann man von Jahr zu Jahr verfolgen, wie der König nicht eigentlich beschränkter – denn die Beschränktheit blieb immer dieselbe –, wohl aber eigensinniger und höhnischer gegen die fortschreitende Erkenntnis der Zeit wurde, und der vielgepriesene »Geist« dieser Verordnungen besteht tatsächlich nur in bald guten, bald schlechten, aber immer gleich peinlichen Witzen, worüber schon Lessing das erschöpfende Urteil gefällt hat: »Gott hat keinen Witz, und die Könige sollten auch keinen haben, denn hat ein König Witz, wer steht uns für die Gefahr, daß er deswegen einen ungerechten Ausspruch tut, weil er einen witzigen Einfall dabei anbringen kann?« Dieser Gefahr ist Friedrich immer wieder erlegen, und nicht zum wenigsten deshalb ging bei seinem Tode ein frohes Aufatmen durch die ganze Bevölkerung, weil sein Despotismus, wie in den Grundsätzen beschränkt und zäh, so in ihrer Handhabung launenhaft und willkürlich war. Goethe hörte bei einem Besuche in Berlin »über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonieren«; schade, daß er nicht ein paar Jahre unter dem Zepter Friedrichs lebte, um zu einem gründlichen Verständnisse dessen zu gelangen, was es mit den »Lumpenhunden« einer- und den »großen Menschen« andererseits auf sich hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In erster Reihe das Heer, das Rückgrat des Militärstaats, verfiel unter Friedrich. Es ist lehrreich zu sehen, wie es ihm auch hier im Gegensatze zu seinem Vater mehr auf den Schein als das Wesen der Macht ankam. Während Friedrich Wilhelm I. die ökonomische Ausbeutung des Heeres durch die &#039;&#039;Junker&#039;&#039; nach Kräften hinderte, aber die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als seine Kameraden behandelte und den kameradschaftlichen Geist unter ihnen pflegte, ließ sein Sohn dem ausbeuterischen Treiben der &#039;&#039;Junker&#039;&#039; die Zügel schießen, während er sich nach dem Satze: Teile und herrsche! über die &#039;&#039;Offiziere&#039;&#039; als unnahbarer Kriegsherr aufzuschwingen und sie in jeder Weise zu schikanieren suchte. Gleich nach seiner Thronbesteigung stellte Friedrich dem Feldmarschalle seines Vaters, dem Fürsten von Dessau, einen andern Feldmarschall in dem Grafen Schwerin entgegen, und indem er bald den einen, bald den andern vorzog, bald den einen, bald den andern zurücksetzte, verhetzte er sie mit so glücklichem Erfolge, daß sich durch das ganze Offizierkorps eine anhaltinische und eine schwerinische Partei bildete, die dann auch nach dem Tode ihrer Häupter sich zu befehden fortfuhren. Ein ähnlicher Zwiespalt wie an der Spitze des ganzen Heeres wiederholte sich an der Spitze jedes einzelnen Regiments, indem Friedrich die Beziehungen zwischen Chef und Kommandeur in »einer nicht genau bestimmten Mischung von Subordinations- und sogenannt kollegialischem Verhältnisse« beließ.&amp;lt;ref&amp;gt;Fouqué, Lebensbeschreibung des Generals Fouqué, 55.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekannt ist der eifersüchtige Neid, womit Friedrich im Kriege jeden General verfolgte, der ihn selbst verdunkelte oder auch nur zu verdunkeln schien; wie oft haben Schwerin und Seydlitz seine »Ungnade« erfahren müssen! Aber die Verehrer des Königs tun ihm zuviel, wenn sie als eine Schwäche seines persönlichen Charakters zu beschönigen suchen, was tatsächlich nur eine Schwäche seiner sozialen Stellung war. Friedrich war durchaus kein miles gloriosus; in seinen Schriften spricht er mit anständiger Bescheidenheit von seinen kriegerischen Erfolgen, mit anständiger Offenheit von den Mißgriffen seiner Feldherrnlaufbahn. Aber er glaubte den unumschränkten Kriegsherrn nur so spielen zu können, daß er keinen Junker zu einer überragenden Stellung im Heere kommen ließ. Nach dem Siebenjährigen Kriege ernannte er überhaupt keinen Feldmarschall mehr und kaum zwei oder drei Generale; bei seinem Tode war unter den aktiven Offizieren des Heeres nur ein einziger, auch schon halb abgedankter General, der alte Tauentzien, Lessings bekannter Freund.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während der König aber auf diese Weise die militärische Tüchtigkeit des Offizierkorps verringerte, ließ er seiner ökonomischen Entartung den freisten Spielraum. Er verstand nicht seines Vaters Meinung, daß des Königs Kriegsknecht es besser haben müsse als des Gutsherrn Ackerknecht; er gestattete dem Offizier, den Kriegsknecht auszubeuten, wie nur immer der Junker den Ackerknecht ausbeuten mochte. In der ersten Hälfte von Friedrichs Regierung hielt die alte Überlieferung, die ewige Kriegsnot, vielleicht auch die frischere Kraft des Königs das Gefüge des Heeres noch einigermaßen aufrecht trotz aller Mißbräuche, die auch damals schon eingerissen waren. Nachdem aber der Siebenjährige Krieg das alte Heer verschlungen hatte, wußte Friedrich nur ein neues Heer zu schaffen, das schon bei der ersten Probe; im Bayerischen Erbfolgekriege von 1778, vollständig versagte. In dem einen Feldzuge verlor es mehr Mannschaften durch Desertion als im ganzen Siebenjährigen Kriege. Friedrich war überrascht, aber er wurde keineswegs durch den argen Mißerfolg belehrt. Er war wohl flink bei der Hand mit dem Kassieren einzelner Offiziere, aber er änderte nichts an seinem falschen System. Während schon zu seiner Zeit scharfsichtige Beobachter erkannten, daß dies Heer verfallen mußte, weil es mehr und mehr von einer bevorzugten Klasse ausgebeutet wurde, warf Friedrich die bürgerlichen Offiziere, die er in den letzten Notjahren des Siebenjährigen Krieges hatte ernennen müssen, nach dem Frieden trotz aller Verdienste einfach aufs Pflaster und füllte die Lücken lieber durch adelige Abenteurer aus der Fremde, denn er sah nun einmal »den ersten Schritt zum Verfalle des Staats« in der Anstellung bürgerlicher Offiziere.&amp;lt;ref&amp;gt;Œuvres, 9, 186.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier aber lag die Wurzel des Übels. Die Kompaniewirtschaft der Junker, die Friedrich Wilhelm möglichst in Schranken zu halten suchte, nahm unter Friedrich zunächst folgende Gestalt an. Der König zahlte Jahr für Jahr die Monatslöhnung von drei Taler fünf Groschen auf den Gemeinen für die gesamte Kopf stärke der Kompanie. Die Exerzierzeit war aber schon von drei Monaten auf zwei zusammengeschrumpft; während zehn Monaten des Jahres durften die Hauptleute 50 bis 60 von den etwa 70 Inländern der Kompanie beurlauben und den entsprechenden Betrag der Gesamtlöhnung in die Tasche stecken. Dafür waren sie verpflichtet, den Bestand der Ausländer, 50 bis 60 Mann auf die Kompanie, vollständig zu erhalten, und zwar in bestimmten Größen – nicht unter fünf Fuß zehn Zoll. Im allgemeinen rechnete man den jährlichen Abgang von Ausländern bei einer Kompanie auf vier Mann, zu deren Ersatz ungefähr 500 Taler nötig waren. Ferner hatten die Kompaniechefs für die Instandhaltung der gelieferten und den Ersatz der fehlenden kleinen Montierungsstücke zu sorgen. Immer aber blieb ihnen ein bedeutender Reingewinn.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Jähns, 3, 2259. Nach Pertz, Gneisenau, 1, 51, bezog selbst Gneisenau, an dem kein Verdacht unredlichen Gewinns haftet, von seiner Kompanie bis 2000 Taler jährlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Beschaffung der großen Montierungsstücke (Rock, Hose, Weste, Hut oder Mütze, Strümpfe und Reiterstiefel) besorgte die Kleiderkasse des Regiments, für die jedem Unteroffizier und Gemeinen ein Teil der Löhnung abgezogen wurde; von dem monatlichen Solde gingen ein Taler fünf Groschen für Kleider und sonstige Regimentsunkosten drauf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Kompaniewirtschaft rührte im wesentlichen noch aus Friedrich Wilhelms Zeit her, sosehr sie unter Friedrich auch schon dadurch verschlechtert worden war, daß jedes Gegengewicht gegen die durch diese ganze Wirtschaft immer wieder angereizte Ausbeutungslust der Junker fehlte. Nach dem Siebenjährigen Kriege entschloß sich der König aber zu einer »Reform«, die dem Fasse den Boden ausschlug. Er entzog nämlich einem großen Teil der Regimenter, besonders denen, die im Kriege seine Unzufriedenheit erregt hatten, die eigene Werbung. Er ließ den betreffenden Kompaniechefs etwa noch 30 oder 20 oder auch nur 10 Beurlaubte zugute kommen, den Rest nahm er auf eigene Rechnung, wofür aus der sogenannten »großen Werbung«, die er selbst betrieb, die abgehenden Ausländer ersetzt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ergab sich daraus eine erhebliche Verschlechterung des Menschenmaterials. Bei der eigenen Werbung hatten die Kompaniechefs immerhin ein gewisses Interesse, auf einen möglichst starken und zuverlässigen Menschenschlag zu sehen; je weniger Abgang von Ausländern sie hatten, um so größer war ihr Profit. Des Königs Werbeoffiziere hatten gerade im Gegenteile das Interesse, den verrufensten Menschenkehricht aus aller Herren Länder aufzutreiben, denn der war am billigsten zu haben, und je billiger sie warben, um so mehr profitierten sie an den Werbegeldern. »Es gibt Offiziers, die den Menschenhandel so gut verstehen wie die Juden, welche den Engländern und Franzosen ihre Sklaven für die Kolonien liefern«, schrieb der preußische Leutnant Rahmel, nachdem er in den amerikanischen Dienst übergetreten war. Boyen aber schreibt von den Ergebnissen der »großen Werbung«, man könne ohne Übertreibung sagen, daß von den jährlich in die Armee eintretenden ausländischen Rekruten höchstens die Hälfte leichtsinnige, aber nicht durchaus verdorbene Menschen waren, während die andere Hälfte aus nichtsnutzigen Wesen bestand, die das Desertieren aus einem Dienste in den andern, um sich im neuen Handgeld berauschen zu können, zum Gewerbe ihres Lebens machten, in der Zwischenzeit aber durch Betrug und Diebstahl sich eine Zulage in ihrer Garnison zu erhaschen suchten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erinnerungen aus dem Leben des Generalfeldmarschalls Hermann v. Boyen, 1, 195 ff. Boyen ist der berühmte Schüler von Scharnhorst, der Freund und Gesinnungsgenosse von Gneisenau, Grolman, Clausewitz, der preußische Kriegsminister von 1814 bis 1819, der nach dem endgültigen Siege der junkerlichen Reaktion in den Karlsbader Beschlüssen sein Amt niederlegte. Seine Memoiren sind ein höchst bedeutendes Werk, das unter der preußischen Legende die fürchterlichsten Verheerungen anrichtet, worauf hier leider nicht näher eingegangen werden kann. Es sei aber ausdrücklich erwähnt, daß die obige Darstellung der friderizianischen Kriegsverfassung teils auf Boyens Memoiren, teils auf dem großen, schon mehrfach angezogenen Werke des Generalstabsmajors Jähns beruht. Andere Quellen, wie das bekannte von der preußischen Geschichtsschreibung als tendenziös angefochtene und jedenfalls nicht in gleichem Maße quellenmäßige Werk von Mirabeau-Mauvillon, sind absichtlich unberücksichtigt geblieben.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies Gesindel, dessen unausgesetzte Exzesse den Soldatenstand in den übelsten Ruf brachten, einigermaßen bändigen und an die Fahne fesseln zu können, war die gewaltsamste Behandlung notwendig, und diese wirkte dann wieder im höchsten Grade demoralisierend auf die besseren Elemente der Truppe zurück. Um nur eins zu erwähnen: Man legte den schlechten Soldaten, namentlich zur Überwachung während der Nacht, zu einem guten ins Zimmer; gelang dem schlechten dennoch die Desertion, so mußte der gute unbarmherzig Spießruten laufen. Die Soldatenmißhandlungen stiegen ins Unerträgliche; die »abscheulichen Stubenexekutionen« gewannen damals zuerst ihren unheimlichen Ruf; Selbstmord und Wahnsinn rafften die noch nicht jeden Ehrgefühls baren Rekruten dahin.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Wie der Reichskanzler v. Caprivi noch nach dem Erscheinen von Boyens Erinnerungen, von allen andern urkundlichen Zeugnissen abgesehen, im Reichstage bestreiten konnte, daß die Soldatenmißhandlungen der Kitt des friderizianischen Heeres gewesen seien, ist ein völliges Rätsel. Der Stock gehörte zu diesem Heere wie der Schatten zum Körper, und wenn er leider auch noch im deutschen Heere der Gegenwart eine jammervolle Rolle spielt, so geschieht es deshalb, weil dies Heer eben &#039;&#039;kein&#039;&#039; »Volk in Waffen« ist, sondern mit der allgemeinen Wehrpflicht wesentliche Teile der friderizianischen Kriegsverfassung verbindet. Solange es ein bevorrechtetes, als besondere Kaste von Heer und Volk abgesondertes Offizierkorps, eine besondere militärische Gerichtsbarkeit, grausame Arreststrafen, die an gewissem Raffinement fast noch die friderizianischen Kriegsartikel überbieten, und anderes der Art mehr gibt, werden auch die Soldatenmißhandlungen nicht aufhören. Mit Verboten ist dagegen nichts zu machen. Sie sind gar nicht einmal eine Errungenschaft »moderner Humanität«, sondern auch nur eine Überlieferung des Söldnerheeres; das erste Verbot der Soldatenmißhandlungen hat sogar schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm am 29. Januar 1688 erlassen. Die Mißhandlungen, die darin gerügt sind, können sich übrigens nicht entfernt mit den schaudererregenden Torturen messen, die der bekannte Erlaß des Herzogs Georg von Sachsen aufzählt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und mit alledem noch nicht genug. Die inländische Rekrutierung verdarb auf diese Weise auch vollständig. Der Kriegsdienst war die entehrendste und peinvollste Strafe in preußischen Landen geworden und wurde zuletzt vom Könige auch als solche verhängt, so über Preßvergehen, wie wir schon gesehen haben. Die natürliche Folge davon war, daß alle Bevölkerungsklassen, die überhaupt noch etwas zu verlieren hatten, vom Kriegsdienste »eximiert« werden mußten. Man durfte gar nicht daran denken, den höherentwickelten westlichen Landesteilen mit der Kantonpflicht zu nahen, eine ökonomische Notwendigkeit, deren bitteren Beigeschmack sich Friedrich durch die Behauptung versüßte, daß der rheinisch-westfälischen Bevölkerung »Treue und Ausdauer im militärischen Dienstverhältnis fehle«. Aber auch in den ostelbischen Provinzen reichten die »Exemtionen« herab bis auf die Arbeiter, die »nützliche Gewerbe trieben«. Für die Enrollierung blieb nur übrig einerseits landstreicherisches und verbrecherisches Gesindel, andererseits die – ärmste Armut, der jedes Mittel zur Flucht und zum Widerstande fehlte, es sei denn, daß die einen sich den Daumen verstümmelten, was den König zu besonderen verbietenden Edikten veranlaßte, oder daß die anderen sich für Schinder- und Scharfrichterknechte ausgaben, welche erdichtete Infamie sie im Bayerischen Erbfolgekriege aber auch nicht vor Aufnahme in die Freikorps schützte. Treffend nennt Boyen die Rekrutierung unter Friedrich eine »an der Armut ausgeübte Gewalttat«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber hatte die »Reform« des Königs noch eine andere verhängnisvolle Seite. Wenn er die Einkünfte der Junker-Offiziere durch die »große Werbung« schmälerte, so waren diese braven Patrioten keineswegs geneigt, sich ihren Profit schmälern zu lassen. Für das, was ihnen der Kriegsherr nahm, erholten sie sich an dem Kriegsknechte. Die Kompaniechefs bewirtschafteten ihre Aushebungsbezirke wie eine Art Eigentum; das Grauen der Bevölkerung vor dem Kriegsdienste gab ihnen trotz aller »Exemtionen« willkommenen Anlaß zu allerlei Erpressungen; mit barem Gelde mußten sich die Kantonisten, auch wenn sie gar nicht zum Kriegsdienste herangezogen werden durften, die Erlaubnis zur bürgerlichen Niederlassung und zur Verheiratung einhandeln. Dann aber wurde eine neue Form der Beurlaubung erfunden. Der König hatte 1763 bestimmt, daß wenigstens 76 sogenannte Diensttuer auf die Kompanie beständig bei den Fahnen bleiben sollten, aber bald mußte er nachgeben, daß auch von diesen 76 noch 26 Mann als Freiwächter, das heißt, da es sich zumeist um Ausländer handelte, innerhalb der Garnisonmauern beurlaubt werden konnten. Aus den 26 machten die Hauptleute aber oft 40 und noch mehr, so daß für zehn Monate des Jahres höchstens 50 bis 40 Mann auf die Kompanie bei den Fahnen standen; der Sold der Freiwächter, die selber sehen mochten, wo sie Beschäftigung fanden, fiel in die Tasche der Hauptleute. In dasselbe Gebiet gehört es auch, daß die inländischen Rekruten, die bei ihrem Eintritt in das Heer zunächst ein Jahr unter den Waffen bleiben sollten, schon nach einmaliger Exerzierzeit ohne jede Rücksicht auf ihre militärische Ausbildung beurlaubt wurden. Weiter wurden die Kleiderkassen wahre Goldgruben für die Junker-Offiziere. Sie verschlechterten die Montierungsstücke, um in ihren eigenen Geldbeutel zu wirtschaften. Sie kürzten den Schnitt der Röcke, wodurch eine bedeutende Anzahl Ellen des Zeuges gespart wurden. Die Weste der Soldaten wurde nach und nach von der junkerlichen Profitwut ganz verspeist; man begann damit, ihre Ärmel abzuschneiden und endete damit, sie durch einen zwischen den vorderen Rockklappen angenähten Lappen zu markieren. Ein leckeres Gericht für die Hauptleute war auch das Schuhzeug der Mannschaft; »wenn Dido«, so schreibt der schon erwähnte Leutnant Rahmel, »aus einer Kuhhaut den Platz zur Erbauung einer Stadt schnitt, so wollen die Kapitäns aus den Schuhsohlen ihrer Kompanie den Plan zu ein paar Rittergütern schneiden«. Anderes, beispielsweise wie bei der Lieferung der Fourage für die Kavallerie die Bauern übers Ohr gehauen wurden, wie in den Listen gestorbene Soldaten als lebend fortgeführt, wie bei den Revuen die Lazarette ausgeleert wurden, um die Rotten zu füllen, und sonstige Einzelheiten dieses höchst raffiniert ausgebildeten Gaunersystems übergehen wir; die angeführten Tatsachen genügen zur Erklärung dafür, daß Boyen die Offiziere dieses friderizianischen Heeres nicht mehr Soldaten, sondern »wuchernde Krämer« nennt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
All dem Unwesen sah der König ruhig zu. Höchstens daß er mal eine Order gegen das Überhandnehmen der Freiwächter erließ, aber wenn sie nicht half, so gab er sich auch zufrieden. In dem Heere selbst fehlte jede Kontrolle, denn auch wenn der Hauptmann zum Obersten oder General aufrückte, behielt er eine Kompanie; diesen Fleischtopf nahm er bis zu den höchsten Chargen mit, und da somit alle höheren Offiziere Krähen waren, so hackte keiner dem andern die Augen aus. Was dabei aus dem kriegerischen Geiste dieser Offiziere wurde, liegt auf der Hand. Die preußischen Historiker pflegen, wenn sie das friderizianische Heer feiern, als drastischen Gegensatz die Kriegsknechte des Bischofs von Hildesheim anzuführen, an deren Hüten geschrieben stand: Gib Friede, Herr, in unsern Tagen! Nun, an den Hüten der preußischen Hauptleute und Obersten war das freilich nicht zu lesen, aber um so breiter stand das friderizianische Offizierkorps nach dem Siebenjährigen Kriege auf diesem frommen Wunsche. Denn da die »wuchernden Krämer« nur im Frieden ausbeuten konnten, so begreift man leicht, wie anfeuernd der Krieg auf den »Heldengeist« dieses »Heldenheeres« wirkte. Erst die ökonomischen Voraussetzungen des friderizianischen Heeres erklären die ganze Schmach von 1806, erklären den feigen Verrat der Junker-Offiziere, erklären das frohe Aufatmen, womit viele Tausende von Soldaten nach der Niederlage die Fahnen verließen, erklären endlich die ingrimmige Freude der Bevölkerung über die zermalmenden Schläge, mit denen die »Federbüsche« für den scheußlichen Wucher von Jahrzehnten gestraft worden waren. Aber es ist fraglich, ob das Heer zur Zeit von Jena noch ganz so schlecht war wie in den letzten Jahrzehnten des Königs Friedrich. Denn etwas von dem Hauche der Französischen Revolution war doch über die Elbe gedrungen, und einzelne Offiziere wie Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, auch tüchtige Junker wie Yorck hatten gar manches an der Heeresverfassung gebessert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während nun aber Friedrich in der Militärverwaltung den junkerlichen Offizieren völlig freie Hand ließ, führte er in der Zivilverwaltung einen wahrhaft selbstmörderischen Krieg gegen das Beamtentum, in dem sein Vater sich eine Stütze der königlichen Gewalt gegenüber den Junkern zu sichern gesucht hatte. Auch die Bürokratie wurde wenigstens in ihren maßgebenden Stellen von bürgerlichen Elementen gereinigt; während seiner ganzen Regierung hat Friedrich nur einen bürgerlichen Minister ernannt. Ebenso gehörten die Landes- und Provinzialkollegien dem Adel; einzig als Präsidenten der Oberrechenkammer bevorzugte der König, bezeichnend genug, Bürgerliche. Immerhin hatte sich ein gewisses Klassen- und Pflichtbewußtsein in der Bürokratie erhalten, und es gereichte dem Generaldirektorium zur Ehre, als es sich nach dem Siebenjährigen Kriege der Absicht des Königs, für militärische Zwecke den jährlichen Steuerertrag um zwei Millionen Taler zu erhöhen, entschieden widersetzte und jede weitere Belastung des Volkes für unmöglich erklärte. Man muß sich nur die damaligen Zustände des Landes vergegenwärtigen, die Schmoller folgendermaßen schildert: »Zu Ende des Krieges waren die preußischen Provinzen in einem entsetzlichen Zustande; die Menschen-, Vieh-, Kapitalverluste waren übermäßig; ein Drittel der Berliner lebte von Armenunterstützung; in der Neumark gab es notorisch fast kein Vieh mehr; Tausende von Häusern und Hütten waren niedergebrannt; eine volkswirtschaftliche Krise der schlimmsten Art folgte dem Frieden und dauerte noch mehrere Jahre.« Somit war das Generaldirektorium in seinem guten Rechte, wenn es dem bis auf den Tod erschöpften Lande zu den schon bestehenden schweren Lasten nicht noch neue Steuern auferlegt wissen wollte. Vielleicht war das Verständnis der Bürokratie für die Leiden der Bevölkerung auch dadurch geschärft worden, daß die Beamten während der letzten vier Kriegsjahre statt ihrer Gehälter sogenannte »Kassenscheine« erhalten hatten, die beim Wechsler nur mit vier Fünftel Verlust untergebracht werden konnten und die nach dem Frieden von den königlichen Kassen mit dem schlechten Kriegsgelde, also mit ungeheurem Kursverlust, eingelöst wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Statt nun aber auf den pflicht- und sachgemäßen Einspruch des Generaldirektoriums zu hören, benützte der König die willkommene Gelegenheit, dem preußischen Beamtentum einen letzten, vernichtenden Schlag zu versetzen. Er ließ aus Frankreich einen Haufen von Steuer- und Zollbeamten kommen, »eine Bande unwissender Spitzbuben«, wie Hamann sagte; »Sansfassons und Raubmarquis, die man zur Ferme kommen ließ«, wie Bürger in einer Ballade sang; »lauter Schurkenzeug«, wie der König selbst nach fast zwanzigjähriger Bekanntschaft sie nannte. Ihnen übertrug er die Verwaltung der Akzise und der Zölle, denn aus den direkten Steuern war – wir werden gleich sehen, weshalb nicht – nichts mehr herauszupressen. Wie das so in Preußen alte Sitte ist, wurde die Erhöhung der Steuerlast abermals als eine »Reform« der Steuern ausposaunt. Der König sagte dem Franzosen de Launay, dem Leiter der neuen »Generaladministration der königlichen Gefälle«, die im Volksmunde den kürzeren Namen der Regie erhielt: »Nehmen Sie nur von denen, die bezahlen können; ich gebe sie Ihnen preis.« In einem Briefe an Launay nannte er sich den Anwalt der Arbeiter und Soldaten, deren Vorteile er bei der Steuerverwaltung wahrzunehmen habe, und in einem öffentlichen Patente erläuterte er die »Reform« der Steuern dahin, daß »die Reichen mit ihrem Überfluß in gewisser Weise zur Entlastung der Armen beitragen und daß zwischen beiden ein gerechtes und verständiges Verhältnis besteht«. Dies sind die Sätze, auf denen die schöne Legende des friderizianischen »Sozialismus« beruht. Schade nur, daß die Apostel dieser Legende sich an der Bewunderung von Friedrichs Worten genügen lassen und stets hinzuzufügen vergessen, daß seine Taten über seine Worte dahinjagten wie ein Regiment schwerer Kavallerie über den Töpfermarkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beispielsweise hatte der »Anwalt der Arbeiter und Soldaten« mit Worten die denkbar höchste Steigerung der Weinsteuer befürwortet, denn »so was bezahlt der Arme nicht«, dagegen eine Herabsetzung der Branntweinsteuer verlangt und höchstens eine kleine Steigerung der Biersteuer zugelassen. Dagegen verfügte der König mit Taten eine kleine Erhöhung der Weinsteuer, eine Steigerung der Branntweinsteuer mindestens um die Hälfte und die Verdoppelung der Biersteuer. In Wirklichkeit brachte die Regie den Volksmassen einzig eine teilweise Ermäßigung der Brotsteuer; dagegen erhöhte sie in mehr oder minder erheblichem Maße die Steuern auf Fleisch und Getränke, fügte sie zu dem drückenden Salzmonopol ein ebenso drückendes Tabak- und Kaffeemonopol, unterwarf sie überhaupt alles, was der Mensch zum Leben und Sterben braucht, der Akzise, so daß beispielsweise das Verzeichnis der Akzisegegenstände für Berlin 107 Folioseiten umfaßte, deren jede durchschnittlich 30 bis 40 Artikel enthielt. Befreit von allen diesen Lasten blieb nach wie vor die reichste Klasse der Bevölkerung, nämlich der Adel. Zwar wollten die »Sansfassons und Raubmarquis«, die es sich nicht vergebens hatten sagen lassen, daß ihnen die wohlhabenden Klassen preisgegeben seien, und denen ohnehin in beklagenswerter Weise das historische Verständnis für die durch Lug und Trug ergatterte Steuerfreiheit der Junker fehlte, auch dem Adel ihre Schröpfköpfe ansetzen, aber hier legte der König ein sehr entschiedenes Veto ein. Nominell war zwar das platte Land überhaupt von der Akzise frei, aber da ebendeshalb der Betrieb von Handwerk und Industrie mit wenigen Ausnahmen auf dem Lande verboten war, so mußte die ländliche Bevölkerung, was sie an Kleidung und Nahrung, an Arbeitswerkzeugen und Genußmitteln nicht selbst produzierte, aus den Städten entnehmen und in dem Preise, den sie dort entrichtete, auch die Verbrauchssteuer mit bezahlen. Hier also mußte die »gesetzliche« Steuerfreiheit des Landadels gegen die Gelüste der Regie noch besonders verpanzert werden, und so verfügte Friedrich, daß, was die Junker an Bier, Wein und sonstigen steuerpflichtigen Gegenständen auf ihre Güter einführten, von der Akzise völlig befreit sein solle. Dagegen mußte der Bauer in dem Pfluge, mit dem er arbeitete, in dem Rocke, mit dem er zur Kirche ging, in dem Glase Bier oder der Pfeife Tabak, mit denen er auf Augenblicke seine nagenden Sorgen betäubte, auch noch zur Akzise mitsteuern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz alledem erreichte der König seinen Zweck nicht; die Regie hat ihm die jährlichen Mehreinkünfte nicht in dem ersehnten Maße gebracht. Nach den günstigsten Berechnungen hat sie in den 21 Jahren ihres Bestehens etwa ebenso viele Millionen Mehrertrag abgeworfen, nach den wahrscheinlichsten noch erheblich weniger, etwa 700 000 bis 800 000 Taler fürs Jahr. Und mit Recht hat schon der alte loyale Preuß hervorgehoben, daß diese höheren Einnahmen in der langen, nur durch ein Kriegsjahr unterbrochenen Friedenszeit von 1766 bis 1787 »durch erhöheten Wohlstand und vermehrte Bevölkerung bei redlicher Verwaltung« gleichfalls erzielt worden wäre. Die Ursachen des Mißlingens liegen auch auf der Hand. Die Kosten der Akzise- und Zollverwaltung stiegen durch die Regie von 300 000 auf 800 000 Taler; außerdem waren die französischen Beamten durch Tantiemen beteiligt, und die meisten wirtschafteten daneben in ihre Taschen. Dazu kam, daß eine so drückende und raffinierte Besteuerung ununterbrochene Defraudationen erzeugte. Zwar bedrohte der König die Hinterziehungen der Akzise mit sehr schweren Strafen, und zu ihrer Verhütung entstand ein wahrhaft scheußliches Denunziations- und Spioniersystem, aber das alles half, wie immer in solchen Fällen, wenig oder nichts. Die Masse der Bevölkerung stand eben hinter den Schmugglern, und von Gewissensbedenken brauchte sie sich um so weniger plagen zu lassen, als der Schmuggel, soweit es sich um die Einschwärzung preußischer Waren durch die Zollschranken der benachbarten Gebiete handelte, keinen eifrigeren Beschützer besaß als den König. Unter diesen Umständen war es noch eine Art grönländischen Sonnenscheins, daß wenigstens das Haupt der französischen Beamten gerade kein »unwissender Spitzbube« war. Nicht als ob Launay irgendwelche Anwandlungen von sentimentalem Mitleid mit der so arg ausgebeutelten Bevölkerung gehabt hätte, aber von den technischen Möglichkeiten der Volksauspressung hatte er richtigere Begriffe als Friedrich. Er ließ sich eine fast unumschränkte Vollmacht über die Akzise- und Zollverwaltung sowie über ihre Beamten geben; er nahm für sich und drei ihm anfangs beigeordnete Regisseure Jahresgehälter von je 15 000 Taler an, während der ihnen anfangs zum Scheine vorgesetzte Minister v. Horst nur 4000 Taler bezog. Aber als der König für die Berechnung der Tantiemen ihm und seinen Genossen 25 Prozent von dem Überschusse anbot, den sie über den Reinertrag der Akzise im Etatsjahre 1764/1765 erzielen würden, hob Launay hervor, daß dieser Ertrag wegen der Nachwirkungen des Krieges mit noch nicht ganz 3½ Millionen Talern nicht normalmäßig sei; er ließ als Norm erst den Reinertrag von 1765/1766 mit etwas über 4½ Millionen gelten, und von dem über diese Summe zu erzielenden Überschusse beanspruchte er auch nur 5 Prozent Tantiemen. Launay setzte auch durch, daß wenigstens die unteren Stellen der Regieverwaltung mit preußischen Beamten besetzt wurden, während der König die einheimischen Beamten hermetisch von der Regieverwaltung ausgeschlossen wissen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9259</id>
		<title>Bibliothek:Die Lessing-Legende</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_Lessing-Legende&amp;diff=9259"/>
		<updated>2026-02-28T08:15:12Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}  Seiner lieben Frau Eva Mehring  der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf  Der Verfasser  == Vorworte ==  === zur ersten Auflage von 1893 === Die Aufsätze über d…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Library infobox work|title=Die Lessing-Legende. Zur Geschichte und Kritik des preußischen Despotismus und der klassischen Literatur|author=Franz Mehring|publisher=Verlag Das neue Wort|published_date=1953|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/franz-mehring/books/die-lessing-legende/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner lieben Frau Eva Mehring&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der treuen Gefährtin in Arbeit und Kampf&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verfasser&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorworte ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== zur ersten Auflage von 1893 ===&lt;br /&gt;
Die Aufsätze über die Lessing-Legende, die ich vom Januar bis Juni vorigen Jahres im Feuilleton der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe, sind für diese neue Ausgabe sorgfältig durchgesehen, in vielen Einzelheiten ergänzt und vervollständigt, in manchen Abschnitten, so im sechsten, siebenten, neunten Kapitel des ersten, dann auch in den drei letzten Kapiteln des zweiten Teils beträchtlich vermehrt worden. Alle diese Erweiterungen bezwecken, die grundsätzliche Scheidung zwischen dem aufgeklärten Despotismus und der klassischen Literatur im Deutschland des achtzehnten Jahrhunderts noch schärfer durchzuführen, den eigentlichen Nebelkern der Lessing-Legende, namentlich soweit er die Probleme der deutschen Gegenwart verschleiert, noch gründlicher aufzurollen, als in den Blättern einer wissenschaftlichen Wochenschrift aus technischen Gründen möglich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesem Zwecke soll besonders auch die ausführlichere Schilderung des friderizianischen Staats dienen. Denn je klarer sich dieser Staat als das geschichtliche Erzeugnis eines Klassenkampfes zwischen ostelbischem Fürsten- und Junkertum herausstellt, um so schärfer tritt unsere klassische Literatur als der Emanzipationskampf des deutschen Bürgertums hervor. Sollte ich trotzdem in den betreffenden Abschnitten ausführlicher geworden sein, als sich mit meiner eigentlichen Aufgabe vertrug, so werde ich mich damit trösten, daß heutzutage die friderizianische Legende niemals ganz am unrechten Orte beleuchtet werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anhang über den historischen Materialismus verdankt seinen Ursprung mancherlei Fragen und Zweifeln, die in freundlichen Zuschriften aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« an mich gelangten. Kundige werden die kleine Arbeit nachsichtig beurteilen; ich habe sie jedenfalls mit lebhafter Freude an der Sache geschrieben. In der Kritik der Lessing-Legende war mir nur selten einmal eine Gelegenheit gegeben, die Schriften von Marx und Engels anzuziehen; gleichwohl, wenn ich diesen oder jenen neuen Gesichtspunkt für das Verständnis der deutschen Geschichte eröffnet haben sollte, so beschränkt sich mein Verdienst auf die rückhaltlose Anwendung der materialistischen Forschungsmethode, die Marx und Engels in so einleuchtender, so klarer, so unwiderleglicher und deshalb so epochemachender Weise entwickelt haben. Es konnte mir nicht anders als sehr willkommen sein, in einer sachlichen Erörterung des historischen Materialismus zugleich eine Schuld persönlichen Dankes abzutragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Berlin, im Juni 1893&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. M.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Vorrede zur zweiten Auflage ===&lt;br /&gt;
Vor vierzehn Jahren, vom Januar bis Juni 1892, veröffentlichte ich im Feuilleton der »Neuen Zeit« eine Reihe von Aufsätzen über Lessing. Seit meiner frühen Jugend zählte er zu meinen Lieblingsschriftstellern, doch gehörte es nie zu den Träumen meines Ehrgeizes, über ihn zu schreiben, so eifrig ich alles verfolgte, was über ihn geschrieben wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein kaum weniger tiefes Interesse fesselte mich von früher Jugend an den alten Fritz, obschon es weniger freier Wahl als dem Zwange der Umstände entsprang. Aufgewachsen in dem engen geistigen Bannkreise hinterpommerscher Kleinstädte, mußte ich mich allzulange von der lauteren Milch preußischer Vaterlandsliebe nähren, und noch in meinem Abiturientenaufsatz habe ich das famose Thema »Preußens Verdienste um Deutschland« so gläubig behandelt, daß ich die erste Note erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darüber vergingen die Jahre und die Jahrzehnte. Ich hatte meinen Lessing anders lesen lernen, wie ich ihn als Knabe las, und ich hatte auch meinen angestammten Friedrich anders schätzen lernen wie auf den Bänken der Schule. Immer aber dachte ich noch nicht daran, weder über den einen zu schreiben noch über den anderen. Ich war endlich als leitender Redakteur der »Berliner Volkszeitung« ganz in die Tagespolitik verschlagen worden, bis ich dann im Jahre 1890 aus dieser Stellung geworfen wurde, weil ich einen Akt sozialer Unterdrückung bekämpft hatte, den ein damaliger Literatursultan an einer wehrlosen Schauspielerin verübte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Kämpfen war ich auf Gegner gestoßen, in denen ich eher Bundesgenossen vermutet hätte, auf Anhänger des modernen Naturalismus, wie er sich damals nannte, auf Ästhetiker und Kritiker, die vom rein literarischen Standpunkt aus jenem Literatursultan aufsässig gewesen waren; auf Schüler Scherers, der ja gewissermaßen als wiedergeborener Lessing die falschen Götzen der Literatur entthront und neuen Göttern den Weg gebahnt haben sollte. Inzwischen hatte ich aus Marx gelernt, den Zusammenhang der Dinge tiefer als auf der Oberfläche zu suchen; ich schob deshalb nicht einer verwerflichen Kameraderie in die Schuhe, was am Ende mehr auf dem Gebiete des Intellekts als der Moral liegen konnte, und so benützte ich meine unfreiwillige Muße, diese Dinge eingehender zu studieren, als ich es vermocht hatte, solange ich das zur Zeit des Sozialistengesetzes schärfste Oppositionsblatt leitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über die Resultate, zu denen ich bei diesem Studium nach und nach gelangte, habe ich mich inzwischen oft genug an anderen Orten ausgelassen, namentlich in der »Neuen Zeit«. Ich kann sie hier natürlich nur mit wenigen Worten zusammenfassen. In den siebziger Jähren des vorigen Jahrhunderts schien der große Krach mit der ökonomischen auch die geistige Kraft der deutschen Bourgeoisie gebrochen zu haben; als ein Mann wie Lindau die Literatur der deutschen Reichshauptstadt beherrschte und auf den Berliner Bühnen nur noch der Geschundene Raubritter in den verschiedensten, aber immer gleich barbarisch-geschmacklosen Fassungen aufgeführt wurde, da schien der bürgerlichen Literatur ihr letztes Stündlein geschlagen zu haben. Jedoch eine große Weltperiode stirbt niemals so schnell ab, wie ihre Erben zu hoffen pflegen und vielleicht auch, um sie mit dem gehörigen Nachdruck berennen zu können, hoffen müssen; gerade die Heftigkeit des Angriffs rafft noch einmal alle Kräfte des Widerstands zusammen; als Schiller seine Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts schrieb, ahnte er auch nicht, daß der absolutistisch-feudale »Naturstaat«, dem er das Horoskop des nahen Untergangs stellte, eine fröhliche Urständ feiern würde. So auch geht es mit dem Kapitalismus nicht so reißend bergab, wie der trotzige Kampfesmut des Proletariats in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und noch lange nachher glaubte. Diese Tatsache ist an und für sich nicht zu bestreiten, so töricht es sein mag, aus ihr zu folgern, daß die langsamere Auflösung überhaupt keine Auflösung mehr sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den achtziger Jahren erholte sich die bürgerliche Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade ökonomisch und demgemäß auch geistig. Auf den verschiedensten Gebieten der wissenschaftlichen Literatur erwachte neues Leben; in der ökonomischen Literatur erschien eine Reihe von Schriften, die mit verhältnismäßig scharfem und tiefem Blick in das Gefüge der modernen Gesellschaft drangen; in der schönen Literatur erschien der Naturalismus. Sicherlich war er ein kräftiger Aufstieg aus dem Sumpfe; die Hauptmann und Holz waren aus ganz anderem Holze geschnitzt als die Lindau und Blumenthal; ebenso waren einst die Schlegel und Tieck von ganz anderem Schlage als die Kotzebue und Nicolai. Eine unaufhaltsam absterbende Gesellschaft sammelte ihre ganze Kraft, um sich am Leben zu erhalten, und es war gewiß die stärkste Kraft, die sie überhaupt noch aufzubieten hatte: eine ungleich stärkere Kraft, als sie im Taumel ihres noch unbedrohten Übermuts aufzubieten für nötig hielt, aber eine lange nicht mehr so starke Kraft, um noch abzuwenden, was nach den ehernen Gesetzen der Geschichte nicht mehr abgewandt werden kann. Hierin wurzelt die innere Verwandtschaft des modernen Naturalismus und der feudalen Romantik, die in dem Auflösungsprozeß der feudalen Gesellschaft eine ähnliche Stellung einnahm; hierin liegt der Grund, weshalb diese beiden Literaturperioden des historischen Verfalls bei aller äußeren Unähnlichkeit doch den gleichen Charakter aufweisen, der je länger je mehr sich auch in den Gesichtszügen abspiegelt, wie neben vielem anderen in letzter Zeit das Überwuchern der Märchendramen und sonst allerhand mystischen Zeuges gezeigt hat und zeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Standpunkt dieser historischen Auffassung wird man wie den Stärken, so auch den Schwächen des modernen Naturalismus durchaus gerecht. Man versteht dann, weshalb er einen so unglaublich engen Gesichtskreis hatte oder hat – je nachdem man ihn noch als lebend betrachten will oder nicht –, denn seinem Schifflein fehlte Kompaß und Segel und Steuer, um das hohe Meer der Geschichte zu befahren. Man versteht dann, weshalb er sich an die sklavische Nachahmung der Natur klammerte, denn er mußte ratlos vor jedem gesellschaftlichen Problem stehen. Man mag dann auch seine Freude an den gräßlichen und häßlichen, niedrigen und widrigen Abfällen der kapitalistischen Gesellschaft als einen Protest anerkennen, den er in seinem dunklen Drange dem öden Geldprotzentum, dem Todfeinde jeder echten Kunst, ins Gesicht warf. Alles das kann man historisch vollkommen würdigen. Jedoch mußte und muß der Protest einsetzen, wenn die verkümmerten Lebensbedingungen, unter denen die Kunst in einer absterbenden Gesellschaft überhaupt nur bestehen kann, als die Lebensmöglichkeiten einer noch nie dagewesenen Kunst angepriesen, wenn die Abwendung von den großen Fragen des historischen Kulturfortschritts als die unerläßliche Voraussetzung der »reinen Kunst« gefeiert, wenn die platte Nachahmung der Natur, die noch jeder schöpferische Künstler verschmäht hat, als weltumwälzendes Kunstprinzip verkündet, wenn die modernen Proletarier der ästhetischen Roheit geziehen werden, weil sie in der Kunst nicht Schmutz und Staub, sondern nach einem treffenden Worte »festlichen Kerzenglanz« sehen wollen, gemäß der natürlichen, das heißt historisch gegebenen Stimmung einer Klasse, die ihres Sieges sicher und ihrer Zukunft froh ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun wird ja freilich dem modernen Naturalismus ein sozialistischer Zug nachgerühmt, allein was an dieser Behauptung wahr ist, bestätigt eben auch nur seine innere Verwandtschaft mit der Romantik. Den ideologischen Literaturhistorikern hat es schon manches Kopfzerbrechen verursacht, daß die Romantiker mittelalterlich-reaktionär und doch bis zu einem Grade modern-freisinnig waren; vom historisch-materialistischen Standpunkt ergibt es sich sozusagen von selbst, daß eine feudal-romantische Dichterschule in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nicht ohne einen tüchtigen Zuschuß bürgerlicher Kultur bestehen konnte. Das war schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil die feudale Welt unter dem Angriffe des Bürgertums sich gegen den überlegenen Feind mit den Waffen verteidigen mußte, die sie von ihm entlehnte; ungefähr so, wie sich die Rothäute mit Feuergewehren gegen die Weißen wehrten, was ihr hoffnungsloses Absterben verzögerte, aber nicht aufhielt. Man braucht das Verhältnis zwischen der feudalen Romantik und dem bürgerlichen Emanzipationskampf nur auf die heutigen Zustände zu übertragen, um sofort zu erkennen, was es mit dem sozialistischen Zuge des modernen Naturalismus auf sich hat. Die bürgerlichen Naturalisten sind sozialistisch gesinnt, wie die feudalen Romantiker bürgerlich gesinnt waren, nicht mehr und nicht weniger; hei ihren zahllosen Experimenten halten sie sich mit heiliger Scheu jeder künstlerischen Darstellung fern, die sich auch nur von weitem mit dem proletarischen Emanzipationskampf berühren könnte. Lieber versteigen sie sich in alle mystischen und symbolischen Nebel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was von den Dichtern des modernen Naturalismus gilt, das gilt auch von seinen Ästhetikern und Kritikern. Weder großer Fleiß noch auch mancherlei Verdienst läßt sich der Schule Scherers absprechen. Sie hat viel in ästhetisch-philologischer Kleinarbeit geleistet und versteht sich trefflich auf die kritische Analyse von Dichtwerken, soweit es sich um ästhetisch-philologische Gesichtspunkte handelt. Sie hat in siegreicher und gewiß auch dankenswerter Weise wenigstens den intelligenteren Schichten der deutschen Bourgeoisie beizubringen verstanden, daß Anzengruber, Ibsen, Hauptmann Poeten von ganz anderem Wurfe sind als Blumenthal oder Lindau. Insofern haben ihre Arbeiten die bürgerliche Ästhetik und Kritik ungemein erfrischt, die ebenso verkommen war wie die bürgerliche Poesie. Aber ihr Verständnis schwindet, wie mit dem Messer abgeschnitten, wo sich die literarische mit der ökonomischen und politischen, mit der allgemeinen historischen Entwicklung berührt: Will sie Literaturgeschichte schreiben, so fehlt ihrer Darstellung die historische Perspektive und ihren Gestalten das historische Relief. Sie verfällt dann in ein leeres Phrasenwesen, das durch einen peinlichen Stich ins Loyal-Untertänige nichts weniger als verschönert wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Auffassung, die ich hier in wenigen Sätzen zusammenfasse, hat sich mir im Laufe der Jahre gebildet, und ich habe sie, wie ich schon sagte, in der »Neuen Zeit« nach den verschiedensten Seiten hin ausgeführt.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Besonders darf ich auf die Ästhetischen Streifzüge verweisen, die ich im Siebzehnten Jahrgang, Erster Band, der »Neuen Zeit« veröffentlicht habe.&amp;lt;/ref&amp;gt; Zu den ersten Werken aber, an denen sie sich entwickelte, gehörte die Biographie Lessings von Erich Schmidt, deren letzter Band im Jahre 1891 erschien, wo ich das ganze Werk zum ersten Male las. Ich war hier auf einem mir völlig bekannten Boden, gegenüber einem Stoffe, den ich seit Jahren und Jahrzehnten nicht nur erworben, sondern in gewissem Sinne erlebt hatte. So begann ich mit einer Kritik dieses Buches, die sich mir dann unterderhand, da es sich um Fragen handelte, die oft und oft Gegenstände meines Nachdenkens gewesen waren, weit über den Rahmen einer bloßen Rezension ausdehnte, mit der ich anfangs in drei oder vier Nummern der »Neuen Zeit« fertig zu werden hoffte. Und im Niederschreiben der Arbeit tauchten dann immer neue Gesichtspunkte auf, neue oder je nachdem auch alte Gesichtspunkte, das will sagen Gesichtspunkte, über die ich für mich längst ins reine gekommen war, aber von denen ich glaubte annehmen zu dürfen, daß ihre Klärung für manchen Leser von Interesse sein würde. In der Tat fand die Arbeit von Anfang an lebhaften Beifall; ich wurde von keiner Seite gedrängt, sie abzubrechen, von vielen Seiten aber, sie fortzusetzen. So wurden aus den drei oder vier Aufsätzen etwa zwanzig, und dabei war noch manches unter den Tisch gefallen, was ich einmal in diesem Zusammenhange zu sagen für nötig und nützlich hielt. Das schaltete ich dann noch ein, als aus dem Leserkreise der »Neuen Zeit« das Verlangen nach einer Buchausgabe der Aufsätze laut wurde und Freund Dietz diesem Verlangen in einer starken Auflage nachkam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So ist dies Buch als eine Improvisation entstanden. Nicht im Sinne einer eilig für Augenblickszwecke zusammengerafften Darstellung; soweit diese Beschuldigung erhoben worden ist, freilich mehr durch heimlichen Literatenklatsch als durch die öffentliche Kritik, die mir zumeist, auch wo sie meiner Methode und meinen Resultaten ablehnend gegenüberstand, die Beherrschung eines umfassenden Stoffes zugestanden hat, darf ich sie mit gutem Gewissen zurückweisen. Was ich in dieser Schrift entwickle, hat die Horazische Quarantäne der neun Jahre dreimal oder noch länger überstanden. Aber sie besitzt in hohem Grade die formellen Mängel einer Improvisation; sie ist eben nicht als Buch entworfen, nicht nach einem systematischen Plane ausgearbeitet worden; sie ist, um ein Lessingisches Wort anzuwenden, ein wenig »Mischmasch«, und ich bin nicht unbescheiden genug, auf das Wort eines bürgerlichen Kritikers zu pochen, der von meiner Arbeit sagte, sie gerate zwar vom Hundertsten ins Tausendste, aber sie habe auch im Hundertsten und im Tausendsten noch etwas zu sagen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auflage, die sich nunmehr notwendig gemacht hat, bot mir die Möglichkeit, die Mängel der Form zu beseitigen. Aber als ich daraufhin das Buch nach mehr als zehn Jahren wieder durchnahm, kam ich sofort zur Einsicht, daß der etwas wild gewachsene Baum entweder so bleiben müsse, wie er ist, oder daß ich einen ganz neuen Baum pflanzen müsse. Mit der Schere ließe er sich nur zu einem kahlen Stumpfe zurechtstutzen, denn das, was auch wohlwollenden Kritikern, die an die herkömmliche Art der Literaturgeschichtschreibung gewöhnt waren, als das »Hundertste und Tausendste« erschien, ist in meinen Augen und nach der historischen Methode, die ich für richtig halte, gerade die Hauptsache. Systematischer ließe es sich freilich entwickeln, aber dann müßte ich das Buch von A bis Z umschreiben, auf die Gefahr hin, es viel umfangreicher, aber deshalb keineswegs inhaltreicher zu machen. Dazu könnte ich mich nur entschließen, wenn ich meine Ausführungen sachlich zu revidieren hätte, allein nach abermaliger sorgfältiger Prüfung des Textes habe ich sachlich nichts daran zu ändern, und um der bloßen Form willen mag ich ein Buch nicht zerstören, das gerade auch in dieser Form nicht nur für mich ein Stück Leben darstellt, sondern auch, wie ich aus zahlreichen Zeugnissen weiß, vielen Lesern lebendig und lieb geworden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deshalb lasse ich den Text selbst ganz unverändert und beschränke mich darauf, in dieser Vorrede das wenige zu sagen, was ich zu dem gegenwärtigen Stande der Fragen zu sagen habe, die ich in dem Buche behandle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst ein kurzes Wort über die öffentliche Kritik, die das Buch erfahren hat. In charakteristischer Weise tritt dabei hervor, was ich oben über die Schule Scherers gesagt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die »Historische Zeitschrift«, die von Sybel begründet worden ist und unter ihm die friderizianische Legende in erster Reihe gepflegt hat, leitete ihre Anzeige meiner Schrift zwar mit den landesüblichen Scherzen über »sozialdemokratische Wissenschaft« ein – anders als mit einer Spekulation auf die blöden Vorurteile des Philisters bekämpfen die gelehrten Männer der Bourgeoisie nun einmal nicht den historischen Materialismus –, aber sie erkannte dann an, daß meine Schilderung des friderizianischen Staates in allem Tatsächlichen auf gründlichem Studium der besten Hilfsmittel beruhe und auch von den bürgerlichen Historikern mit Nutzen gelesen werden könne. Sie schloß ihre Besprechung mit den Worten: »Unseren entgegengesetzten Standpunkt sowohl bezüglich der Methode wie der Auffassung wollen wir hier nicht begründen; wir wollen vielmehr darauf hinweisen, daß es falsch wäre, dergleichen Bücher einfach zu ignorieren, und daß die historische Wissenschaft aus der unbefangenen Würdigung einer so grundsätzlich verschiedenen Anschauung vom Staate und von den Mächten des geschichtlichen Lebens keinen geringeren Vorteil ziehen wird, als es in ihrer Weise die Nationalökonomie getan hat.« Das ist immerhin eine Kritik, die, ohne dem eigenen Standpunkt etwas zu vergeben, doch dem Gegner gerecht zu werden versucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz anders die Schererschen. Zwar wenn Herr Erich Schmidt mich kurzerhand als »Rabulisten« abfertigte, so will ich deshalb nicht mit ihm rechten. Ich habe ihn scharf kritisiert, und es wäre töricht, wenn ich mich darnach über ein scharfes Wort beklagen wollte, das er gegen mich richtet. Genug, daß er mir meine »Rabulisterei« nicht nachgewiesen hat und auch nicht nachweisen kann! Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ich gegen ihn gesagt habe, aber ich erkenne bereitwillig an, daß sein Werk über Lessing nicht minder alle Vorzüge der Schererschen Schule zeigt als alle ihre Schwächen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen sein Famulus Sauer, der ihm bei der Korrektur des ersten Bandes geholfen hat, ein Prager Professor, vermöbelte mich in der »Deutschen Literaturzeitung« zum Gotterbarmen. Ich schenke ihm natürlich die »drollige Weise« und die »einseitige Verbohrtheit«, die er in meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche gefunden haben will; auch daß ich keine Ahnung von der »treibenden Kraft religiöser Ideen« und von der »selbständigen Macht der Poesie« haben soll, nehme ich gern als vernichtendes Donnerwort an. Aber bei den tatsächlichen und speziell literarhistorischen Einwänden, die Herr Sauer gegen meine Darstellung erhebt, will ich ein wenig verweilen, um zu zeigen, daß die Schule Scherers, sobald ihre sterbliche Seite berührt wird, sich genau ebenso als eine mit den traurigsten Waffen kämpfende Literatenclique entpuppt, wie es nur je der »blutige Oskar« und Konsorten getan haben. Herr Sauer schreibt also von mir:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Er nimmt aus den eifrig durchforschten Quellen nur das heraus, was seine von vornherein feststehende Meinung zu bestätigen vermag, läßt zum Beispiel im Kleistischen Briefwechsel alle Stellen beiseite,, in denen von dem König mit Begeisterung geredet wird, und verschweigt Friedrichs Unterredung mit dem ›Preußen‹ Gottsched, wenn er behauptet, Gleim sei der einzige preußische Dichter, den der König wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. An den Stellen aber, wo Mehring seine Dynamitpatronen triumphierend einsetzt, ist das Gestein ohne Schuld der modernen Lessingforscher seit jeher brüchig und bröcklig gewesen (Verhältnis zu Voltaire, Berufung an die Berliner Bibliothek), und wo er alte Prozesse wiederaufgenommen wissen will, wie den über Simon Lemnius, da spielt ihm seine Verachtung der Büchergelehrsamkeit einen Possen: Er weiß nichts von der neuerlichen Publikation der ›Schutzschrift‹ durch Höfler. (Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften, 1892.)«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um zunächst diesen letzten Punkt zu erledigen, so erfindet Herr Sauer, daß ich den Prozeß über Simon Lemnius wiederaufgenommen wissen wolle. Ich sage im Gegenteil – siehe Seite 315-316 –, dieser Prozeß sei durch Lessing längst entschieden worden, und beklage nur, daß die von Lessing vernichtete Geschichtslüge von der lutherischen Geschichtschreibung, wofür ich Ranke, Köstlin und Heidemann zitiere, wieder an unseren hohen Schulen kolportiert werde. Was haben damit nun die »Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften« und die Publikation der »Schutzschrift« des Lemnius durch Höfler zu tun? Mit demselben Rechte könnte ich Herrn Sauer für einen Ignoranten erklären, weil er nicht wisse, daß die »Schutzschrift« des Lemnius längst in Hansens Pragmatischer Geschichte der Protestanten in Deutschland neu gedruckt worden ist. Das eine wäre eine sinnlose Verdächtigung wie das andere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner: Allerdings ist es die Schuld der modernen Lessing-Forscher, daß sie das Gestein über Lessings Verhältnis zu Voltaire und Lessings Berufung an die Berliner Bibliothek »brüchig und bröcklig« gelassen haben. Besäßen sie vor dem &#039;&#039;Manne&#039;&#039; Lessing eine Spur jener Achtung und vor dem &#039;&#039;Schriftsteller&#039;&#039; Lessing eine Spur jener »philologischen Akribie«, womit sie bis zum Überdruß einherprunken, so hätten sie es nicht meinem »breimäuligen und schwatzschweifigen« Buche überlassen dürfen, sondern es wäre ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, die handgreiflichen Flunkereien K. G. Lessings und Nicolais aus dem Wege zu räumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiter Gleim und Gottsched! Gegen einen modernen Literaturhistoriker, der sich darüber aufhält, daß Goethe an Lessing, Ramler und Gleim den Einfluß Friedrichs auf die deutsche Literatur entdeckt habe, führe ich Seite 58 f. aus, an diesen dreien sei er menschenmöglicherweise überhaupt nur nachzuweisen, und in diesem Zusammenhange sage ich: »Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.« Dann schildere ich Seite 234 f. Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched, den Friedrich als »sächsischen. Schwan« ansang, und erwähne auch Seite 318, daß Gottsched ein geborener Preuße gewesen sei. Aus alledem fabelt Herr Sauer zusammen, ich hätte Friedrichs Unterhaltung mit Gottsched verschwiegen, um dem König nachreden zu können, er habe nur mit einem preußischen Dichter gesprochen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich soll ich in tendenziöser Weise aus dem Kleistischen Briefwechsel alle Stellen verschwiegen haben, in denen von dem König mit Begeisterung geredet werde. Ein Vorwurf, der nur dann etwa einen Sinn haben würde, wenn ich wenigstens eine von den Stellen zitiert hätte, in denen Kleist mit dem Gegenteil von Begeisterung von Friedrich redet. Aber es ist mir nicht eingefallen, auch nur eine dieser Stellen zu zitieren, weil sie für meine Darstellung ohne jeden Belang waren. Ich ziehe Kleists Briefwechsel auf Seite 341 nur an, um Lessings Freundschaft für Kleist zu erklären. Ich sage da, im Felde, wo Lessing ihn kennenlernte, habe sich Kleist als menschenfreundlicher, milder und tapferer Mann bewährt, während er vordem in seiner Potsdamer Friedensgarnison immerhin als ein seltsamer Heiliger erschienen sei: Ich zitiere eine Äußerung Kleists, wonach ihm der »pure Gedanke«, noch zwanzig oder dreißig Jahre in Potsdam zu leben, als eine »Hölle« vorkomme, und füge hinzu: Diese Stimmung sei unter dem eisernen Drucke Friedrichs wohl verständlich gewesen. Ist das nun aber nicht wahr? Ein bürgerlicher Literarhistoriker schreibt: »Es war kein idealer Ort, in dem Kleist die besten Jahre seines Lebens verbringen mußte. Von dem Lärm der nahen Hauptstadt abgeschlossen, hatte Potsdam das Aussehen einer großen Kaserne; hier unter den Augen des Königs wurde der Dienst strenge, pedantisch, rücksichtslos gehandhabt ... Solange Friedrich selbst an Ort und Stelle war, konnte an einen noch so kurzen Urlaub nicht gedacht werden. Wie viele Reisepläne Kleists gingen in die Brüche, wie selten riß er sich auf wenige Tage oder Stunden aus dem Gefängnis los! Denn als Gefängnis, gestehen wir es uns offen, hat er Potsdam gefühlt. Seine Briefe sind voll der tiefsten Seufzer und der lautesten Flüche über diese Existenz, sind von der Sehnsucht nach Freiheit getränkt. Ein langweiliges, geisttötendes Garnisonleben« usw. Der so schreibt, ist aber niemand anders als Herr Sauer in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Kleists Werken. Freilich läßt er in dieser Einleitung aus feurigem Patriotismus auch ein allgemeines Avancement unter den Hohenzollern eintreten, indem er einen Markgrafen der Nebenlinie Brandenburg-Schwedt zu des »Königs Bruder« und des Königs wirklichen Bruder, den Prinzen von Preußen, zum »Kronprinzen«, zu Friedrichs Sohn ernennt. Aber dieser revolutionäre Umsturz der Genealogie fällt ganz auf Herrn Sauers Kappe; Kleist ist daran völlig unschuldig, und Herr Sauer muß es meiner »einseitigen Verbohrtheit« zugute halten, wenn ich mich zu diesem fanatischen Hohenzollernkultus nicht aufzuschwingen vermag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch nunmehr genug von Herrn Sauers Kritik! Ich würde bei dem Quark um seiner selbst willen nicht einen Augenblick verweilt haben, aber ich mußte in die Einzelheiten eingehen, um dem Leser einmal handgreiflich zu zeigen, welche halb kindischen, halb tückischen »Rabulistereien« die Scherersche Schule allein gegen meine Kritik des Byzantinismus aufzubieten weiß, womit sie die deutsche Literaturgeschichte verseucht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich kürzer fasse ich mich mit einem anderen österreichischen Gelehrten, einem sichern Herrn J. E. Wackernell, der sich im »Österreichischen Literaturblatt« als »Universitätsprofessor in Innsbruck« vorführt, um mich abzuschlachten. Es genügt mir, festzustellen, daß dieser scherzhafte Genius das Banner der »Wahrheit« gegen mich entfaltet, erstens weil ich Lessing »zu einem sozialdemokratischen Revolutionär und Materialisten« gemacht, und zweitens weil Marx »bekanntlich« den historischen Materialismus »von den Engländern abgeschrieben« haben soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dritte professorale Größe, Herr Werner Sombart in Breslau, orakelt also: »Mehrings historische Mission liegt wesentlich in der Ad-absurdum-Führung (beiläufig reizendes Deutsch) leitender Sätze des marxistischen Systems. Wie die materialistische Geschichtsauffassung &#039;&#039;nicht&#039;&#039; verstanden sein will, zeigt seine Lessing-Legende.« Dagegen schrieb mir Engels, der neben Marx den historischen Materialismus begründet hat, als ich ihm mein Buch übersandte: »Ich kann von dem Buch nur wiederholen, was ich schon von den Artikeln, als sie in der ›Neuen Zeit‹ erschienen, wiederholt gesagt habe: Es ist bei weitem die beste Darstellung der Genesis des preußischen Staats, die existiert, ja, ich kann wohl sagen, die einzig gute, in den meisten Dingen bis in die Einzelheiten hinein richtig die Zusammenhänge entwickelnd.« Es versteht sich, daß ich mit der Berufung auf Engels auch nicht einen Satz meines Buches vor einer sachlich einschneidenden Kritik sichern will, aber gegenüber einem Fanfaron, dessen sogenannter »Marxismus« darin besteht, daß er die von Marx und Engels endlich ins reine gebrachten Theorien wieder in die plattesten Gemeinplätze der Vulgärökonomie verschleimen will, genügt mir die Berufung auf Engels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ungleich anständiger, ehrlicher und sachlicher hat eine Reihe literarischer Wochenschriften und politischer Tagesblätter, die nicht das Glück haben, von Professoren redigiert zu werden, über mein Buch geurteilt. Doch will ich darauf nicht näher eingehen und nur noch kurz erwähnen, daß von sozialistischer Seite zwei schroff ablehnende Kritiken erschienen sind, von Paul Ernst in der »Neuen Zeit« und von Jaurès in seiner Geschichte der Französischen Revolution. Ich habe mich mit beiden schon in der »Neuen Zeit« auseinandergesetzt.&amp;lt;ref&amp;gt;Paul Ernst, Mehrings Lessing-Legende und die materialistische Geschichtsauffassung, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 7 ff. Mehring, Zur historisch-materialistischen Methode, »Neue Zeit«, XII, 2, S. 142 ff. Mehring, Pour le roi de Prusse, »Neue Zeit«, XXI, 1, S. 517 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wenn dem auch nicht so wäre, würde ich heute nicht mehr mit ihnen streiten. Paul Ernst hat dem Sozialismus längst den Rücken gekehrt, und Jaurès vertritt in den Fragen, um die es sich hier handelt, den Standpunkt Sybels und Treitschkes, einen Standpunkt, den die bürgerlichen Historiker in Deutschland, soweit sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten, längst als gänzlich unhaltbar aufgegeben haben. Sosehr sie sonst unter sich uneinig sind, worauf ich gleich in einem entscheidenden Punkte zurückkomme, so lehnen sie doch einmütig ab, in Friedrich einen »Helden der nationalen Wiedergeburt« zu sehen, der, wie Sybel einmal sagt, die furchtbaren Gefahren des Siebenjährigen Krieges auf sich genommen habe, damit Belgien und infolgedessen das linke Rheinufer nicht französisch werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jaurès würde sicherlich auch die Diskussion mit einem deutschen Parteigenossen ablehnen, der die Auffassung, die Jaurès von der französischen Geschichte hat, kritisieren würde, vom Standpunkt der napoleonischen Legende aus, wie sie einst der brave Thiers vertrat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was nun die allgemeine Entwicklung der historischen Probleme anbetrifft, um die es sich in meinem Buche handelt, so kann davon, soweit es auf Lessing ankommt, überhaupt nicht gesprochen werden. Es ist allerdings noch eine neue Biographie Lessings erschienen, von Karl Borinski, aber sie bildet einen gewaltigen Absturz gegen das Werk Erich Schmidts und entzieht sich jeder fruchtbaren Kritik. Mit Lessings Namen wird freilich noch immer der alte Unfug getrieben, aber es steckt immer weniger dahinter, und das bourgeoise Zerrbild Lessings verwittert in einer Weise, die nicht anders als freudig begrüßt werden kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ebenso hat die Auflösung der friderizianischen Legende seit dem Jahre 1892 erfreuliche Fortschritte gemacht. Der patriotische Trödel Sybels, Treitschkes und ähnlicher Historiker ist völlig aufgegeben worden, auch in der großen Biographie Friedrichs, die Reinhold Koser, der Direktor der preußischen Staatsarchive, veröffentlicht hat. Von ihr lag, als ich mein Buch herausgab, nur der Anfang vor, die erste Hälfte des ersten Bandes, und ich habe gelegentlich – siehe Seite 204/205 f. – gegen Koser polemisiert. An ähnlichen Verstößen, wie ich hier gerügt habe, fehlt es auch in den späteren Bänden nicht; selbst das schon von Nicolai beseitigte Histörchen vom »Niedrigerhängen« der Pamphlete, die an den Berliner Straßenecken gegen den König angeschlagen worden sein sollen, wärmt Koser wieder auf, wie denn seine ganze Darstellung in den beschränkten Voraussetzungen preußischer Staatsgesinnung befangen und von diplomatischer Behutsamkeit keineswegs frei ist. Aber sosehr seine historische Auffassung von der meinen abweicht, so hindert mich das natürlich nicht, sondern gebietet mir vielmehr anzuerkennen, daß Köser von seinem Standpunkt aus den Dingen mit subjektiver Wahrhaftigkeit gerecht zu werden sucht und eine Menge patriotischer Märchen, die sich bei Sybel, Treitschke, Freytag, Bernhardi und ähnlichen Historikern finden, rücksichtslos über Bord geworfen hat, so den geweihten Hut und Degen, womit der Papst den österreichischen Feldmarschall Daun für den Überfall bei Hochkirch ausgezeichnet haben soll, so den Briefwechsel zwischen der Kaiserin Maria Theresia und der Marquise Pompadour, so noch manches andere, was der alte Fritz unter richtiger Spekulation auf den beschränkten Untertanenverstand seiner Borussen erfunden hat, um seine Feinde lächerlich zu machen. Für einen geborenen Preußen ist es immer sehr schwer, diesen ganzen Wust loszuwerden, und ich gestehe, daß ich auch noch der friderizianischen Legende allzu große Zugeständnisse gemacht habe, so in dem, was ich über Friedrichs Abscheu vor dem Menschenhandel der deutschen Kleinfürsten gesagt habe. Es ist richtig, daß Friedrich im Herbst 1777 den von England gekauften Landeskindern bei Minden die Weserfahrt sperrte, aber seine Beweggründe beurteilt Koser nüchterner und richtiger als ich, wenn er meint, daß Friedrich die deutschen Werbeplätze, die er selbst brauchte, habe schonen und übrigens den Engländern einen kleinen Schabernack spielen wollen, wie er denn auch den Flußpaß bald wieder freigab, als er politische Rücksichten auf England nehmen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am meisten hätte ich gegen Kosers Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft einzuwenden, die offenbar von dem immerhin unbewußten Wunsche beeinflußt ist, dem Märchen von Friedrichs »sozialem Königtum« nicht gar zu hart vor den Kopf zu stoßen. Hier hat der Historiker allerdings mit »brüchigem und bröckligem« Material zu kämpfen, da es keine erschöpfenden und zuverlässigen Quellen gibt, aus den Gründen, die ich Seite 171 angegeben habe. Man kann hier nur mit »ungewissen Ziffern« rechnen, und ich selbst habe meine Aufstellung unter allem Vorbehalt aufgemacht. Kosers und meine Rechnung stimmen darin überein, daß die jährlichen Staatseinnahmen in Friedrichs Spätzeit etwa 22 Millionen betragen haben. Die Höhe des Kriegsschatzes, den Friedrich nach dem Siebenjährigen Kriege gesammelt hat, gibt Koser auf 51 302 010 Taler an, wodurch meine Vermutung bestätigt wird, daß ich ihn mit 40 Millionen zu niedrig geschätzt habe. Dagegen setzt Koser die jährlichen laufenden Ausgaben für das Kriegswesen, die ich nach Boyen und anderen auf 13 Millionen angenommen hatte, auf etwas über 12¼ Millionen herab und ebenso die Kosten des Bayerischen Erbfolgekriegs, die ich nach Preuß auf 29 Millionen beziffert hatte, auf 17 Millionen. Es ist aber nicht ersichtlich, ob er dafür zuverlässigere Belege hat als eine gelegentliche briefliche Äußerung des Königs, der gegenüber Preuß seine Annahme ausdrücklich aufrechterhält.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Angabe Retzows, daß der Bau des Neuen Palais alles in allem 22 Millionen gekostet haben soll, habe ich »arg übertrieben« genannt; Koser nennt sie »vielleicht um das Zehnfache« zu hoch, was er jedoch auch nur aus unvollständigen Baurechnungen vermuten kann. Schlimmer ist, daß er überhaupt keine Übersicht über die vielen Millionen zu geben versucht, die Friedrich durch seine despotische Baulust verschwendet hat. Nach einer gelegentlichen Andeutung scheint er sie samt und sonders unter die Ausgaben für Landeskultur zu rechnen, was mindestens für die Pracht- und Prunkbauten in Berlin und Potsdam, wie eben das Neue Palais, in keiner Weise zutrifft. So meint denn Koser, daß der Minister Hertzberg die Gesamtsumme dessen, was der König seit dem Siebenjährigen Kriege an außerordentlichen Unterstützungen aufgewandt habe, auf mehr als 40 Millionen »annahm«, während Preuß, dem ich darin gefolgt bin, aus der »detaillierten Berechnung« desselben Hertzbergs noch nicht 25 Millionen für diesen Zweck herausrechnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine zuverlässige Übersicht läßt sich heute nicht mehr entwerfen, zumal da auch das unvollständige Material, wonach Hertzberg seinerzeit gearbeitet hat, nicht mehr erhalten ist. Im allgemeinen und unter den kritischen Vorbehalten, die ich in meinem Buche selbst gemacht habe, bin ich der Ansicht, daß die 25 Millionen der historischen Wahrheit näherkommen als die 40 Millionen. Ich habe die abweichenden Ziffern Kosers nicht verschweigen wollen, allein von einer gewissen Tendenz ist seine Darstellung der friderizianischen Finanzwirtschaft unmöglich freizusprechen. Immer aber, auch wenn sie vollkommen zutreffend wäre, so würde sie an dem, worauf es mir ankommt, nicht das mindeste ändern. Hätte Friedrich wirklich bei 22 Millionen Jahreseinnahmen im jährlichen Durchschnitt 16 Millionen für Militärzwecke (Heeresetat, Kriegsschatz, Bayerischer Erbfolgekrieg, Subsidien für die russischen Türkenkriege) und lange noch nicht 2 – hauptsächlich in die Taschen der Junker fließende – Millionen für das »Retablissement« des grauenhaft verwüsteten Landes verwandt, so würde das offiziell gepflegte Gerede von seiner »sozialistischen Staatsfürsorge« und seinem »sozialen Königtum« nicht minder ein trostloser Humbug sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es nun ein unzweifelhaftes Verdienst der neueren preußischen Historiker ist, in dem alten patriotischen Gerumpel einigermaßen aufgeräumt zu haben, so sind sie deshalb freilich nicht die preußische Befangenheit los und sehen in dem Aufstieg Preußens die Rettung Deutschlands. Dabei geht es ihnen ganz ähnlich wie seinerzeit den bürgerlichen Aufklärern, die Lessing so bitter verspottet oder im günstigsten Falle auch bemitleidet hat als »ehrliche Leute, die den Umsturz des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn nicht anders als unter dem Vorwand, es neu zu unterbauen, befördern können«. Indem sie die friderizianische Legende zwar von den größten Albernheiten säubern, aber im Kern doch nicht preisgeben wollen, übersehen sie, daß sich dies »abscheuliche Gebäude von Unsinn« nicht neu unterbauen läßt, ohne daß es ihnen über dem Kopfe zusammenbricht. Dadurch, daß die neueren preußischen Historiker einmütig die Mär der Sybel und Treitschke zurückweisen, wonach Friedrich den Siebenjährigen Krieg aus deutschnationalen Gründen begonnen haben soll, sind sie in einen sachlich und noch weit mehr symptomatisch interessanten Streit darüber geraten, weshalb er ihn denn nun eigentlich begonnen habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einen halten an dem fest, was Friedrich selbst stets behauptet hat: Er habe sich gegen eine übermächtige Koalition wehren müssen, die sich ohne seine Schuld gegen ihn zusammengerottet habe. Zu diesen Historikern gehört Koser. Aber dem widersprechen die diplomatischen Vorspiele des Krieges, über die nunmehr die eingehendsten Aufklärungen vorliegen. Gefährlich wurde die Angriffslust des Wiener und Petersburger Hofes erst dadurch für Friedrich, daß diese Höfe den Pariser Hof für sich gewannen, und Friedrich stieß den Pariser Hof, mit dem er seit sechzehn Jahren verbündet war, gewissermaßen mit Gewalt auf die Seite seiner Gegner, indem er mit England am 16. Januar 1756 die Westminsterkonvention abschloß. Koser begnügt sich damit, diese Konvention eine »falsche Rechnung« zu nennen; Bailleu, ein anderer preußischer Archivbeamter, geht rücksichtsloser ins Zeug und schreibt über die Haltung Friedrichs in den diplomatischen Vorspielen des Siebenjährigen Krieges: »Was die Zeitgenossen an der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Veränderlichkeit und Unzuverlässigkeit der friderizianischen Politik zu tadeln wußten, scheint mir nur zu wohlbegründet ... Sie war argwöhnisch und leichtgläubig, kurzsichtig und überstürzend ... Wo zwei fremde Staatsmänner die Köpfe zusammensteckten, vermutete Friedrich das Werden einer Koalition; wo man von Truppenmärschen hörte, argwöhnte er einen Angriff auf Preußen.« Und ähnlich läßt sich auch Naudé aus, ebenfalls ein preußischer Archivbeamter, der sich eingehend mit der friderizianischen Geschichte beschäftigt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen dies vernichtende Urteil über die friderizianische Diplomatie haben sich nun andere preußische Historiker erhoben, in erster Reihe Max Lehmann und Hans Delbrück. Sie sind dabei vollkommen vor dem Verdacht irgendeiner liebedienerischen Beflissenheit geschützt. Lehmann hat sich durch seine ehrlichen und gründlichen Biographien Scharnhorsts und Steins, Delbrück aber durch seine bedeutende Geschichte der Kriegskunst wirkliche Verdienste um die historische Wissenschaft erworben. Lehmann hat den preußischen König Friedrich Wilhelm III., aus dem Treitschke eine Art von nationalem Heros gemacht hatte, in seiner bodenlosen Nichtigkeit enthüllt, und Delbrück hat einen jahrelangen und schließlich siegreichen Feldzug gegen die selbst von Offizieren des Großen Generalstabs verteidigte Legende geführt, wonach der alte Fritz schon die napoleonische Strategie und Taktik angewandt haben soll. Auch Lehmanns Schrift über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges, die im Jahre 1894, bald nach Erscheinen meines Buches, veröffentlicht wurde, richtete sich zunächst gegen die friderizianische Legende der Ranke, Treitschke, Sybel. Lehmann wies nach, daß Friedrich in keiner Weise von deutschnationalen Gesichtspunkten geleitet gewesen sei, als er den Siebenjährigen Krieg begann. Er schrieb: »Während des Krieges wurde Deutschland von Österreich, aber auch von Preußen verleugnet. War es eine Schädigung Deutschlands, daß die Kaiserin, um Schlesien zu bekommen, Ostpreußen den Russen, ansehnliche Stücke der westlichen Marken den Franzosen opfern wollte, so werden wir auch Friedrich nicht loben dürfen, daß er der Annexion Sachsens den Vorzug gab vor der Befestigung seiner Grenzlande im Osten und im Westen.« Die Annexion Sachsens war der Grund, der nach Lehmanns Auffassung den König in den Krieg trieb. Lehmann gibt zu, daß Friedrich bedroht gewesen sei, aber doch nicht so, daß er schon das Schwert hätte ziehen müssen; vielmehr seien »zwei Offensiven aufeinandergestoßen«; Friedrich habe, um Sachsen zu erobern, den Krieg ebenso gewollt wie seine Gegner, um ihm Schlesien abzunehmen; erst durch sein aggressives Vorgehen habe er die europäische Koalition zusammengeschweißt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen Gedanken hat dann Delbrück aufgenommen, um die »fürchterliche Deklassierung des großen Königs« durch Bailleu, Naudé usw. zu bekämpfen. Er macht ihnen das gefährliche Zugeständnis, daß ihr Urteil »eher zu milde als zu streng« sei, daß der König wie »ein kompletter Narr« gehandelt haben würde, wenn es ihm nur um defensive Zwecke zu tun gewesen sei, und er sucht dann an der Hand der Lehmannschen Hypothese aus dem »unklaren, schwächlichen Sanguiniker« ein »Bild von überwältigend furchtbarer Größe« zu machen: »den Staatsmann, der mit der gesetzlosen Verwogenheit des Genius die Welt, die sich ihm widersetzen will, in Trümmer schlagend, selber willens, eine neue Welt zu schaffen, auf Wegen tiefster Verborgenheit doch gerade auf sein Ziel zuschreitet«, »den großen König in seiner ganzen Majestät und Tragik: wie er, das große Ziel in seiner Notwendigkeit erkannt, mit der ganzen Kraft seiner gewaltigen Persönlichkeit darum gerungen und endlich doch ermattet davon hat ablassen müssen, weil der ausgemergelte, aus tausend Wunden blutende Körper seines Volkes gänzlich zusammenzubrechen drohte«. Dazu stimmt es dann freilich nicht recht, daß Friedrich selbst in seinen Schriften über den Krieg immer behauptet hat, er habe nur einen Angriff abwehren wollen; das würde doch gar sehr, um auch ein Bild zu gebrauchen, an den Fuchs erinnern, der einen Sprung nach dem Taubenschlage macht und, wenn er dabei eine gewaltige Tracht Prügel bezieht, nichts getan haben will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht jedoch: Wer heute ein »Pamphlet« gegen den König Friedrich schreiben will, wie mir die Sauer und Konsorten nachreden, der hat höchstens die Qual der Wahl. Er kann mit einem Teile der preußischen Historiker den König für einen »kompletten Narren«, oder er kann ihn mit dem anderen Teile für einen ruchlosen Eroberer erklären, der Europa an allen vier Ecken angezündet hat, um Pläne auszuführen, zu deren Ausführung ihm die Macht fehlte. Wäre das eine richtig oder auch das andere, so würde die Auffassung, die dies Buch von Friedrich entwickelt, allerdings grundfalsch sein. Allein ich halte sie vollkommen aufrecht, auch in dem, was ich über den Ursprung des Siebenjährigen Krieges sage, und will sie hier nur etwas ausführlicher begründen, um zugleich die Ursache aufzudecken, woraus der Streit entstanden ist, der nun schon manches Jahr im Lager der preußischen Historiker tobt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es mit einem Worte vorwegzunehmen, so wurzelt dieser Streit in der Unmöglichkeit, in der sich jeder preußische Historiker befindet, anzuerkennen oder vielmehr – da bei den preußischen Historikern, um die es sich hier handelt, nur von einer objektiven Befangenheit gesprochen werden darf – überhaupt zu erkennen, daß die preußische Macht und Herrlichkeit als Werk der Fremdherrschaft entstanden ist. Friedrich hätte Schlesien nie erobert ohne die französische Hilfe, wie Max Lehmann wiederholt mit Recht hervorgehoben hat, aber die französische Hilfe wurde ihm nicht um seiner schönen Augen willen gewährt, sondern weil ihn die Franzosen als Pfahl im österreichischen Fleische haben, weil sie durch den habsburgisch-hohenzollernschen Dualismus ihre eigene Herrschaft über Deutschland stärken wollten. Sie behandelten den preußischen König als ihren Vasallen, als einen »Filigrankönig«, der von ihren Gnaden existiere, und als sie im Jahre 1756 in einen großen Kolonialkrieg mit England gerieten, verlangten sie von Friedrich, daß er nun als Gegendienst für die Eroberung Schlesiens in ihrem Interesse Hannover besetzen solle, den einzigen Punkt, wo England auf dem Kontinent verwundet werden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf konnte und wollte sich Friedrich nicht einlassen. Er hatte zwar nichts dagegen, daß die Franzosen selbst sich Hannovers bemächtigten, und hat sie sogar dazu ermuntert, aber er wußte auch, daß er nicht nur die Engländer, sondern auch die Österreicher und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Russen auf dem Halse haben würde, wenn er dem französischen Wunsche nachgab. Er war längst darüber unterrichtet, daß der österreichische Hof die Rückeroberung Schlesiens plane und an dem russischen Hofe einen Bundesgenossen gewonnen hatte. Beide waren einstweilen lahmgelegt, namentlich durch Mangel an Geld, aber wenn Friedrich durch einen Angriff auf Hannover die englischen Subsidien für sie lockermachte, dann hatte er sie unfehlbar auf dem Halse, und mit welchem Gleichmut ihm dann die Franzosen die ganze Last des kontinentalen Krieges auf dem Nacken gelassen hätten, das konnte er sich nach den fatalen Erinnerungen des Zweiten Schlesischen Krieges von selbst sagen. An der von seinem Standpunkt aus durchaus berechtigten Weigerung, im französischen Interesse sich Hannovers zu bemächtigen, scheiterte die Erneuerung seines im Jahre 1756 ablaufenden Bündnisses mit Frankreich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun aber drohte die Gefahr, die er vermeiden wollte, von einer anderen Seite. Um Hannover vor allen Angriffen zu sichern, hatte England russische Truppenhilfe gewonnen. Kamen aber die Russen nach Deutschland, so war Friedrich mit gutem Grunde eines Angriffs von ihnen gewärtig, und er hatte dann wieder die englisch-österreichisch-russische Koalition gegen sich. Unter diesen Umständen schloß er die Westminsterkonvention, worin sich England und Preußen gegenseitig verpflichteten, jede bewaffnete nichtdeutsche Macht, die deutschen Boden betrete, mit Gewalt zu vertreiben. Es ist klar, daß Friedrich sie im Interesse des europäischen Friedens geschlossen hat, wodurch im Grunde schon die Hypothese Lehmanns widerlegt ist, insofern als es dem König in dieser europäischen Verwicklung in der Tat nur auf Frieden angekommen ist. Aber auch die andere Ansicht ist falsch, daß Friedrich bei Abschluß dieser Konvention seine diplomatische Unfähigkeit bewiesen haben soll. Freilich hat die Konvention das Gegenteil des Zweckes erreicht, den sie erreichen sollte, und Friedrich hat sich auch in ihr nicht, sowenig wie sonst irgendwo, als ein übermenschlicher Genius bewährt. Allein als er sie schloß, zeigte er sich als das, was er wirklich gewesen ist: als ein Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in seiner Gescheitheit ebenso wie in seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war vollkommen berechtigt anzunehmen, daß Frankreich ihm die Konvention nicht übelnehmen würde. Sie versperrte den Franzosen allerdings Hannover, aber sie hielt ihnen auch die Russen fern. In der Tat fühlten sich die Franzosen zunächst mehr dadurch verletzt, daß der preußische König, den sie als ihren Vasallen zu betrachten gewohnt waren, die Konvention abgeschlossen hatte, ohne sich mit ihnen vorher zu verständigen, als durch die Konvention selbst. Ihr Kampf mit England ging um die Herrschaft über die Meere, und sie selbst hatten Friedrichs Aufmunterung, Hannover zu besetzen, solange es Zeit war, unbeachtet gelassen. Am allerwenigsten aber konnte Friedrich voraussehen, daß sich Frankreich durch den Ärger über die Westminsterkonvention in ein Bündnis mit seinem alten Feinde Österreich drängen lassen würde. Dies Bündnis widersprach allen Überlieferungen der französischen Politik, und wirklich ist es nur mühsam gegen den zähen Widerstand einer starken Partei am Pariser Hofe abgeschlossen worden. Österreichs Angebot, das damals in seinem Besitz befindliche Belgien an Frankreich abzutreten, hat schließlich entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl wäre das Bündnis unmöglich gewesen, wenn sich das französische Königtum nicht schon auf einer Stufe des Niederganges befunden hätte, worauf es seine wirklichen Interessen nicht mehr zu erkennen vermochte. Das österreichische Bündnis hat ihm seine völlige Niederlage im Kriege mit England eingetragen; es hat ihm seine amerikanischen Besitzungen gekostet und seine Flotten vernichtet; es hat seine Finanzen völlig zerrüttet und ebenso sein europäisches Ansehen durch die schmählich verlorenen Feldzüge in Deutschland zerstört; es ist ein wesentliches Ferment der Französischen Revolution gewesen, deren Vertreter es als ein nationales Verbrechen gebrandmarkt haben. Wenn sich also Frankreich durch die Westminsterkonvention in das österreichische Bündnis drängen ließ, so ist Ludwig XV. der »komplette Narr« gewesen, nicht aber Friedrich, der die französischen Interessen viel richtiger würdigte als der Pariser Hof, wenn er diese Folge der Westminsterkonvention nicht voraussah.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrichs wirkliche Beschränktheit lag darin, daß er annahm, den russischen Bären durch England fesseln zu können. Das hätte England freilich vermocht, wenn es eine Kriegsflotte in die Ostsee gesandt hätte, aber dazu ist es nicht zu bewegen gewesen, auch nicht, als es sich nach ausgebrochenem Kriege dazu verpflichtet hatte. Die süßen Interessen des Handels standen ihm hoch über den Interessen seines preußischen Verbündeten. Wie ehedem Frankreich, so sah England jetzt auch in Friedrich seinen Vasallen, den es benützte, um nach dem bekannten Worte Pitts Amerika in Deutschland zu erobern, und den es, noch ehe das Kriegswetter ganz ausgetobt hatte, wie eine ausgepreßte Zitrone beiseite warf, so daß Friedrich nach dem Frieden seine europäische Stellung nur noch als Vasall Rußlands, nur dadurch behaupten konnte, daß er dem zarischen Raubgelüste die polnischen und türkischen Kastanien aus dem Feuer holte, daß er die europäische Hegemonie Väterchens anbahnen half, die bis zum heutigen Tage auf dem Nacken des preußischen Staates lastet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sobald sich zeigte, daß die Westminsterkonvention die entgegengesetzte Wirkung hatte, als sie nach Friedrichs Absicht haben sollte, daß sie ihm den Krieg bescherte und nicht den Frieden, hat er sich ganz nach seiner sonstigen Art entschlossen, wie er selbst sagte, seinen Feinden lieber zuvorzukommen, als sich von ihnen zuvorkommen zu lassen. Es ist ganz richtig, daß ihm das Feuer im Sommer 1756 noch nicht auf den Nägeln brannte. Zwischen Österreich und Frankreich bestand erst ein Defensivbündnis, und Österreich selbst hatte Rußland aufgefordert, bis zum Frühjahr des nächsten Jahres zu warten, um besser gerüstet und namentlich mit Frankreich enger verbunden zu sein. Allein die russischen Truppen waren im Mai 1756 bereits auf dem Marsche gewesen, und auch Lehmann erkennt an, daß dieser russische Vorstoß die nächste Veranlassung zu den kriegerischen Verwicklungen gewesen ist. Der König stand vor der Wahl, durch diplomatische Verhandlungen den Winter hindurch an der Zerstörung der feindlichen Koalition zu arbeiten, auf die Gefahr bin, damit seinen einzigen wesentlichen Vorteil vor den Gegnern preiszugeben, seine bessere Kriegsrüstung und seine schnellere Kriegsbereitschaft, oder aber diesen Vorzug auszunützen und sofort loszuschlagen, auf die Gefahr hin, dadurch die gegnerische Koalition desto enger zusammenzuschweißen. Wenn er sich für diesen Weg entschied, so hat er von seinem Interessenstandpunkt aus entschieden das klügere Teil erwählt, denn er durfte nicht daran denken, die Feindseligkeit der beiden Kaiserhöfe zu entwaffnen, und ebensowenig war eine vernünftige Aussicht darauf vorhanden, daß er Frankreich wieder von dem österreichischen Bündnis losreißen würde, nachdem es einmal den ersten wenn auch verhältnismäßig noch zaghaften Schritt auf dieser Bahn getan hatte. Friedrich mag ein schlechter Diplomat gewesen sein, aber er war es doch wesentlich nur aus dem Grunde, weil er die Diplomatie für ein schlechtes Geschäft hielt; »Unterhandlungen ohne Waffen sind wie Noten ohne Instrument«, pflegte er zu sagen, und es war gar nicht uneben gedacht, wenn er annahm, daß er nach der Entwaffnung Sachsens und einem tüchtigen Stoße gegen Osterreich den Frieden besser werde erhalten können, als wenn er stillesaß und den sorgsam vorbereiteten Angriff der feindlichen Koalition abwartete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kann man ihm also nicht vorwerfen, daß er aus Furcht vor eingebildeten Gefahren voreilig losgebrochen sei, so läßt sich ihm auch nicht nachrühmen – wenn es anders ein Ruhm wäre –, daß er den Krieg begonnen habe, um durch die Eroberung Sachsens aus seinem Staate eine wirkliche Großmacht zu machen. Die Besetzung Sachsens war für ihn eine finanzielle und strategische Notwendigkeit, wenn er den Verteidigungskrieg mit einiger Aussicht auf Erfolg führen wollte; daß er das Land im Glücksfall gern behalten hätte, als er es einmal hatte, daß er bereit war, um diesen Preis Ostpreußen den Russen und seine rheinischen Besitzungen den Franzosen zu überlassen, ist richtig, beweist aber nicht das geringste dafür, daß er je daran gedacht hat, Sachsen durch einen europäischen Krieg zu erobern. Ebensowenig lassen sich in diesem Sinne die Tatsachen verwerten, daß er all sein Lebtag begehrlich nach Sachsen geschielt hat, im Sinne einer »politischen Träumerei«, wie er in seinem politischen Testament von 1752 sagt, oder daß er, nachdem er sich einmal zum Schlagen entschlossen hatte, die ihm augenblicklich drohenden Gefahren übertrieb, wegen des Eindrucks auf die Welt und namentlich wegen des Eindrucks auf den englischen Bundesgenossen, und was sonst Lehmann und Delbrück in diesem Zusammenhange für ihre Hypothese vorgebracht haben. Sie haben aus allen Briefen, Depeschen und Schriften des Königs auch nicht eine Spur von Beweis für ihre Ansicht beizubringen verstanden, und wenn sie sich darauf berufen, daß Friedrich seine Pläne in tiefstes Geheimnis zu hüllen geliebt habe, so gibt es doch keine Handlung Friedrichs, die sich nicht vollkommen erschöpfend aus seiner stets wiederholten Versicherung erklären ließe, er habe den Krieg begonnen, um sich zu verteidigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich war sich über die historischen Bedingungen seiner Existenz viel klarer als die preußischen Historiker von heute. Er hat den Stachel seiner französischen, seiner englischen und – namentlich – seiner russischen Vasallenschaft wohl empfunden, mit einer persönlichen Reizbarkeit, von der nur zu wünschen wäre, daß er sie auf die Bismarck und Bülow vererbt hätte. Aber da er ohne eine Spur nationaler Gesinnung war, so hat er die Schmach der Fremdherrschaft als solche nie empfunden. Die friderizianische Legende, wie sie von Sybel und Treitschke vertreten wurde, machte es sich bequem, indem sie den König einfach als »Helden der nationalen Wiedergeburt« anpinselte; nachdem diese so geschmacklose wie grobe Tünche verwittert ist, haben es die preußischen Historiker schwieriger, solange sie preußische Historiker sind, das heißt solange sie das Borussentum als eine historische Erfrischung und Erneuerung der deutschen Nation betrachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Kampfe zwischen einer ehrlichen Forschung und einer unheilbaren Illusion wird ihnen Friedrich bald zum kompletten Narren, bald zum majestätisch tragischen Phantom, während er tatsächlich nichts war als ein dynastischer Despot des achtzehnten Jahrhunderts, in all seiner Gescheitheit und in all seiner Beschränktheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ersten Auflage meines Buches hatte ich eine kleine Abhandlung über den historischen Materialismus angehängt, die ich mich nach reiflicher Überlegung nicht entschließen kann nochmals zu veröffentlichen. Nicht als ob ich ihren Inhalt nicht mehr vertreten könnte, sondern im Gegenteil: weil dieser Inhalt inzwischen Gemeingut derer geworden ist, die überhaupt die Kraft und den Willen haben, sich ernsthaft mit dem historischen Materialismus zu beschäftigen. Speziell die Polemik gegen eine längst vergessene Schrift des Herrn Paul Barth, die einen nicht unbeträchtlichen Teil jener Abhandlung füllt, ist heute veraltet; ihr wiederholter Abdruck würde den Eindruck machen, als freute ich mich des Kampfes mit Gespenstern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch insoweit ich durch die kleine Arbeit mich als Schüler von Marx und Engels bekennen wollte, habe ich diese Schuld des Dankes, die ich heute so lebhaft empfinde wie vor dreizehn Jahren, inzwischen durch meine Ausgabe aus ihrem und Lassalles literarischem Nachlaß und durch meine »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie« in viel gründlicherer und umfassenderer Weise entrichten können.&amp;lt;ref&amp;gt;Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx, Friedrich Engels und Ferdinand Lassalle; herausgegeben von Franz Mehring, Stuttgart 1902, J. H. W. Dietz Nachf. – F. Mehring, Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, dritte Auflage, ebenda 1906.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen Werken findet der Leser ein ungleich reichhaltigeres Material zur Geschichte und zur Kritik des historischen Materialismus, als ich in jener Abhandlung niederlegen konnte, die ich nicht nochmals veröffentlichen will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so kann ich mit dem Wunsche schließen, daß dies Buch in seinem dritten Drucke eine ebenso erfolgreiche Pionierarbeit leisten möge wie in seinen beiden ersten Drucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Steglitz-Berlin, im April 1906&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;F. Mehring&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Lessing und die Bourgeoisie ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Erster Teil. Kritische Geschichte der Lessing-Legende ===&lt;br /&gt;
Unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums hat keiner im Leben tatsächlich ein schwereres, nach seinem Tode anscheinend ein glücklicheres Los gezogen als Lessing. Sein Andenken wird von den bürgerlichen Klassen gepflegt wie eine seltenste Blume im Treibhause. Es gibt zwei wissenschaftliche Ausgaben seiner Werke von hohem Werte; die bahnbrechende von Lachmann erscheint eben in dritter Auflage; die spätere, welche Groß, Redlich, Schöne und andere für den Verlag von Hempel besorgt haben, enthält neben einem sorgfältig geprüften und vermehrten Text eine Fülle erläuternden Stoffs für die Briefe und einen großen Teil der Schriften. Die Zahl populärer Ausgaben ist fast schon nicht mehr zu übersehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kommt eine kleine Bibliothek von Biographien, darunter neben manchem Schunde zwei große, wissenschaftliche Werke, ferner eine populärwissenschaftliche Darstellung, die in neun Auflagen verbreitet ist, endlich zwei englische Biographien, deren jede einen Übersetzer ins Deutsche gefunden hat. Der Schriften aber, die sich teilweise mit Lessing beschäftigen oder einzelne Seiten seines Geistes und Wirkens beleuchten, ist wiederum Legion. Wie sehr Lessing der Held der bürgerlichen Presse ist, braucht nun gar erst nicht hervorgehoben zu werden. Hier darf man wirklich sagen: Lessing und kein Ende! Kurz, vom altkatholischen Bischof Reinkens bis zu den Gelehrten des »Berliner Tageblatts« ist alles ein Herz und eine Seele über »seinen« oder »unsern« Lessing.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es fehlt freilich auch nicht an abweichenden Stimmen, aber sie fallen nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Das Lessing-Pamphlet von Dühring ist ein nur für den Verfasser bedauerliches Machwerk; es steht noch unter Paul Albrechts auf zehn Bände angelegtem Werke »Lessings Plagiate«, das Lessings Lebensarbeit als einen großen Diebstahl nachweisen will, aber in der Lösung dieser erhebenden Aufgabe wenigstens für den Kleinkram der Lessing-Forschung manchen nützlichen Fingerzeig beibringt. Daneben ist Lessing auch – und mit Recht! – einer gewissen Abart von »Naturalisten« ein Dorn im Auge, jener Abart nämlich, die sich mit Vorliebe in den unsauberen Abfall der kapitalistischen Wirtschaft vergräbt und im Haushalte der heutigen Bourgeoisie die Rolle jener Sklaven spielt, die den Schlemmern des versinkenden Römerreichs nach jedem Gange ein Vomitiv zu reichen hatten, um ihnen für den nächsten Gang einen künstlichen Appetit zu erzeugen. Aber alle diese Anfeindungen Lessings sind einzelne Späne, die den großen Strom des Lessing-Kultus nicht dämmen, sondern von ihm nur fortgeschwemmt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gälte dieser Kultus dem wahren Lessing, er wäre ein hohes Ehrenzeugnis des heutigen Bürgertums. Denn Lessings Werke bieten nichts, was einen Modegeschmack anziehen könnte; sie bieten selbst nur wenig, was sich die landläufige Bildung einfach anzueignen brauchte, um damit prunken zu können. Lessings Ästhetik und Kunstkritik, seine Philosophie und Theologie sind heute überholt. Überholt, weil er selbst die Bahn brach, worauf andere um so schneller zum Ziele gelangen konnten, aber deshalb nicht weniger überholt. Selbst mit Nathan und Tellheim empfinden wir nicht mehr so wie mit Faust und Tell. Was Goethe von Winckelmann sagt: »Wenn bei sehr vielen Menschen, besonders aber bei Gelehrten, dasjenige, was sie leisten, als die Hauptsache erscheint und der Charakter sich dabei wenig äußert, so tritt im Gegenteil bei Winckelmann der Fall ein, das alles dasjenige, was er hervorbringt, hauptsächlich deswegen merkwürdig und schätzenswert ist, weil sein Charakter sich immer dabei offenbart«, das gilt in noch höherem Grade von Lessing. Unter den geistigen Vorkämpfern des deutschen Bürgertums war Lessing nicht der genialste, aber der freieste und wahrhaftigste und vor allem der bürgerlichste; was immer wieder an seine Schriften fesselt, auch an die totgeborenen oder längst abgestorbenen, ist der Charakter dessen, der sie schrieb. Ehrlichkeit und Mannhaftigkeit, eine unersättliche Begierde des Wissens, die Lust mehr noch am Trachten nach der Wahrheit als an der Wahrheit selbst, die unermüdliche Dialektik, die jede Frage kehrte und wandte, bis ihre geheimsten Falten offenlagen, die Gleichgültigkeit gegen die eigene Leistung, sobald sie einmal vollbracht war, die großartige Verachtung aller weltlichen Güter, der Haß gegen alle Unterdrücker und die Liebe zu allen Unterdrückten, die unüberwindliche Abneigung gegen die Großen der Welt, die stete Kampfbereitschaft gegen das Unrechte, die immer bescheidene und immer stolze Haltung in dem verzehrenden Kampfe mit dem Elend der politischen und sozialen Zustände – alles das und wie manches andere Erhebende und Erquickende noch! spiegelt sich in Lessings Briefen und Schriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber man braucht diese Eigenschaften nur aufzuzählen, um zu erkennen, daß Lessings Charakter im schroffsten Gegensatze steht zu dem Charakter der deutschen Bourgeoisie von heute. Zaghaftigkeit und Zweizüngigkeit, eine unersättliche Begierde nach Gewinn, die Lust am Jagen nach Profit und mehr noch am Profite selbst, die geistige Selbstgenügsamkeit, die sich an ein paar Schlagworten als an der irdischen Weisheit letztem Schlusse genügen läßt, der Humbug eines unendlich verzweigten Cliquen- und Reklamewesens, die unglaublichste Überschätzung alles irdischen Tandes, das Ducken nach Oben und das Drücken nach Unten, ein unausrottbarer Byzantinismus, das stete Totschweigen auch des schreiendsten Unrechts, die immer prahlerische und immer schwächliche Haltung in den politischen und sozialen Kämpfen der Gegenwart – das sind &#039;&#039;ihre&#039;&#039; kennzeichnenden Eigenschaften. Und so scharf und stechend ist dieser Gegensatz, daß immer noch, wenn der Lessing-Kultus der Bourgeoisie sich in schäumendem Überschwange brechen wollte, bürgerliche Schriftsteller, die ihren Lessing kannten und liebten, in einen Schrei der Entrüstung ausbrachen. So fragte Xanthippus-Sandvoß, als 1886 bei der Eröffnung der sogenannten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jubiläums-Kunstausstellung in Berlin die »National-Zeitung« den schnöden Byzantinismus von sich gegeben hatte, »Goethe und Lessing« wüßten »von dem gewaltigen und grundlegenden Einflüsse Friedrichs des Großen auf die deutsche Literatur« zu erzählen: »Müssen wir nicht tagtäglich erleben, wie der Name Lessings im Parteihader unnützlich geführt wird? Fühlt man sich nicht hundertmal aufgelegt, im Interesse der Manen des großen Entschlafenen gegen solchen Mißbrauch Protest einzulegen? Ist es nicht widerlich zu sehen ..., wie Leute, die keine Ahnung von dem hohen deutschen Wahrheitssinne des Mannes, die nur Verständnis für die ordinärste Reklame, das verlogenste Selbstlob und für das haben, was Lessingen selber zu allen Zeiten das gleichgültigste von der Welt war, das eigene Fortkommen, wie solche von ihm reden, als sei er von ihren Leuten einer?«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Xanthippus, Berlin und Lessing, Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Das treffliche Schriftchen ist natürlich von der bürgerlichen Presse totgeschwiegen worden. Eine ausführliche Besprechung in der »Neuen Zeit«, 6, 320 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und als im Oktober 1890 das Lessing-Denkmal in Berlin enthüllt wurde durch eine bombastische Festrede des Professors Schmidt und unter dem tönenden Posaunenschalle der Bourgeoispresse, da schrieb die »Kreuz-Zeitung« fast noch beißender: »Wenn der Oberpastor Goeze heute auferstände, wir würden ihm zur Seite stehen. Das wäre unser Recht und unsere Pflicht ... Lessings Aufrichtigkeit fechten wir darum nicht an. Sie erhebt ihn turmhoch über die meisten von denen, die sich in seinem Ruhme spiegeln. Professor Schmidt hätte das bedenken sollen, als er gerade jetzt – die Welt weiß, was gemeint ist – von Lessing rühmte, daß er dem deutschen Schriftstellerstande den Nacken gesteift. Was er erreicht, davon hat der Fall Lindau ein erbauliches Beispiel gegeben! ... Lessing hat auf Erden nie das gesehen, was man Glück zu nennen gewohnt ist, aber nach seinem Tode ist es ihm beschieden: Er brauchte den Tag nicht zu erleben, da man ihm ein Denkmal errichtet hat. Wenn er heute in Berlin wirkte, er würde von denselben Leuten wie Luft behandelt werden, die ihm jetzt, da er in Marmor gekleidet auf uns herniederblickt, nicht Weihrauch genug zu streuen wissen.« Es sei genug an diesen bürgerlichen Zeugnissen für die Tatsache, daß der Lessing-Kultus der Bourgeoisie nicht aus der Gleichheit des Charakters erwächst. Wenden wir uns nunmehr der Frage zu, worin er denn sonst wurzelt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vornehmlich in zwei Ursachen. Erstens in Lessings Stellung zur Judenfrage seiner Zeit. Zwar war die damalige Judenfrage eine ganz andere, als die heutige Judenfrage ist, und Lessings Judenfreundschaft hat mit dem heutigen Philosemitismus nicht mehr zu schaffen als die Menschenfreundschaft, jene Lieblingsvorstellung unseres humanitären Zeitalters, mit dem Kapitalismus der Gegenwart. Lessing schützte die Juden, wie er allen Unterdrückten und Verfolgten, mochten sie sonst sein, wie sie wollten – und er hat die Schattenseiten des jüdischen Charakters nie verkannt –, nicht bloß mit Redensarten, sondern auch mit Taten beisprang. In dem letzten Briefe, den er, selbst schon todkrank, an Moses Mendelssohn schrieb, empfahl er diesem seinem würdigsten jüdischen Freunde einen andern jüdischen Freund, der sich in unrühmlichster Weise bekanntgemacht hat, als einen »Unglücklichen« mit den Worten: »Es ist nicht wahr, daß der Unglückliche ganz unschuldig ist. An Klugheit hat er es wohl immer fehlen lassen. Eigentlich heißt er Alexander Daveson, dieser Emigrant; und daß ihm. unsere Leute auf Verhetzung der Ihrigen sehr häßlich mitgespielt haben, das kann ich ihm bezeugen. Er will von Ihnen nichts, lieber Moses, als daß Sie ihm den kürzesten und sichersten Weg nach dem europäischen Lande vorschlagen, wo es weder Christen noch Juden gibt. Ich verliere ihn ungern; aber sobald er glücklich da angelangt ist, bin ich der erste, der ihm folgt.« Eine solche Gesinnung ist durch eine Welt unterschieden von dem heutigen Philosemitismus. Aber je länger die Leporellolisten wurden, worauf die Antisemiten die »Aussprüche aller großen deutschen Männer von Luther bis auf Bismarck« gegen die Juden ins Feld führten, um so heftiger warfen sich die kapitalistischen Philosemiten der deutschen Bourgeoisie auf den einen Lessing, der darin größer war als alle großen Männer, daß er über dem Unglück und dem Unrecht stets die Schuld vergaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Noch bedeutsamer wurde eine andere Quelle des Lessing-Kultus. Die deutsche Bourgeoisie ahnte schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß sie als ein Spätling in die Weltgeschichte getreten sei und aus eigener Kraft niemals die Herrschaft erobern könne. In dem Gothaertum und dem Nationalverein erklärte sie sich bereit, mit den Bajonetten des preußischen Staats zu teilen. Dagegen ahnte der preußische Staat schon vor 1848 und erkannte vollends nach 1848, daß er seine ostelbische Waldursprünglichkeit ein wenig modernisieren müsse, wenn er das westliche und südliche Deutschland wirklich verspeisen wolle. So entstand nach den freundnachbarlichen Mißverständnissen der Konfliktsjahre das Kompromiß von 1866, aus dem das neue Deutsche Reich hervorging. Aber nun galt es für die deutsche Bourgeoisie, ihre reelle Gegenwart mit ihrer ideellen Vergangenheit auszusöhnen, aus dem Zeitalter unserer klassischen Bildung ein Zeitalter Friedrichs des Großen zu machen. Die Aufgabe war verteufelt schwer. Denn gerade die geborenen Preußen unter den großen Denkern und Dichtern des deutschen Bürgertums, der Altmärker Winckelmann, der Ostpreuße Herder hatten mit einem Fluch und einem Steinwurf ihre Heimat verlassen; Herders »Reich des Pyrrhus« und gar Winckelmanns »Schinder der Völker« spotteten jeder Mohrenwäsche. Der einzige Sündenbock, der diesem ideologischen Bedürfnisse der Bourgeoisie geschlachtet werden konnte, war Lessing. Er, der geborene Sachse, hatte einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner schaffenden Zeit freiwillig in Preußen verlebt; ein halbes Jahrzehnt lang war er der Sekretär eines preußischen Generals gewesen, noch dazu im Siebenjährigen Kriege; er hatte ein preußisches Soldatenstück geschrieben; die Berliner Aufklärer waren seine ältesten Freunde. König Friedrich hatte sich um Lessing zwar nicht gekümmert, oder er hatte ihn gar mißhandelt, allein in der Nacht jener glücklichen Unwissenheit, worin alle Katzen grau sind, waren die »geistesbefreienden« Tendenzen beider Männer doch die gleichen; ja, wenn Lessing wirklich von Friedrich mißhandelt worden war, so gab er dadurch, daß er der »Gerechtigkeit« des Königs in dem »schönsten deutschen Lustspiel« ein »ewiges Denkmal« setzte, nur ein um so leuchtenderes Muster deutscher Untertanentreue.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstand der Lessing-Kultus der Bourgeoisie, und aus ihm die Lessing-Legende. Nicht als ob damit gesagt sein sollte, daß diese Legende auf einer absichtlichen und planmäßigen Fälschung beruhte. So entstehen historische Legenden niemals; wenigstens soweit sie eine gewisse Kraft und Zähigkeit entwickeln, sind sie immer nur der ideologische Überbau einer ökonomisch-politischen Entwicklung. Vor einer flachen und rohen Auffassung der Lessing-Legende schützt schon die Tatsache, daß kein Geringerer als Goethe ihren ersten Keim gepflanzt hat, daß revolutionäre Köpfe wie Lassalle ihrem Einfluß bis zu einem gewissen Grade unterlegen sind. Wir sind weit entfernt, den Lessing-Biographen und Lessing-Forschern den Vorwurf der bewußten Fälschung zu machen. Das wäre eine ganz sinnlose Verdächtigung nicht nur gegenüber den Lebenden, sondern namentlich auch gegenüber den Toten, die, wie ein Danzel und ein Lachmann, von dem echtesten und ehrenwertesten Gelehrtenfleiße beseelt gewesen sind. Ja, wir sprechen nicht einmal den armen Schluckern vom »Berliner Tageblatt« und von der »National-Zeitung« den guten Glauben ab, wenn sie sich für Lessinge halten oder sich einbilden, daß Gotthold Ephraim, wie Sandvoß es ausdrückt, »einer von ihren Leuten« gewesen sei. Auch ihnen kommt Lessings schönes Wort zugute, es sei nicht wahr, aus keinem geringeren Grunde, als weil es nicht möglich sei, daß jemals ein Mensch wissentlich und vorsätzlich sich selbst verblendet habe. Aber so scharf immer die subjektive Fälschung ausgeschlossen sein mag, so völlig unbestreitbar ist es, daß die objektive Fälschung der Lessing-Legende das Bild dieses edlen und tapferen Mannes immer mehr zu einer häßlichen Fratze verunstaltet. Ein Revolutionsgenie sei Lessing, so schrieb Gervinus in den dreißiger Jahren.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, 4, 292, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und in den sechziger Jahren schrieb Treitschke: ein Reformator, wie der maßvollen Natur des Künstlers geziemt, nicht ein Revolutionär.&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Historische und politische Aufsätze, 1, 62, vierte Auflage.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und in den neunziger Jahren schreibt Erich Schmidt: kein Reformator, sondern ein Reformer, ein Liberaler, ein »schneidiger, aggressiver Berliner« (Reserveleutnant?).&amp;lt;ref&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing. Geschichte seines Lebens und seiner Schriften, an verschiedenen Stellen.&amp;lt;/ref&amp;gt; Und sollte nach dreißig Jahren die kapitalistische Gesellschaft noch auf ihren Füßen stehen, so wird der alsdann »aktuellste« Lessing-Forscher wohl erklären: kein Reformer, sondern ein Nichts-als-Freihändler! Das ist so wenig übertrieben, daß der negative Beweis für diese Behauptung sogar schon geliefert und Lessing als Sozialistentöter enthüllt worden ist.&amp;lt;ref&amp;gt;Stahr, G. E. Lessing. Sein Leben und seine Werke, 2, 326, neunte Auflage. »Unwiderlegliche Zurückweisung des Kommunismus«, nämlich in den Gesprächen von Ernst und Falk über die Freimaurerei.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine kritische Zergliederung der Lessing-Legende ist der Zweck der vorliegenden Arbeit. Gewiß, es wäre die gründlichste Rettung Lessings aus den Philisternetzen der Bourgeoisie, wenn die strahlende Hoheit seines Lebens und seines Lebenswerks in einer positiven Darstellung widergespiegelt würde. Allein eine solche Darstellung ist erst möglich, wenn das achtzehnte Jahrhundert aus dem ideologischen Fabeln- und Märchenwuste herausgeschält und auf seine ökonomischen Füße gestellt sein wird. Dann wird eine Geschichte unserer klassischen Literatur, die in ihren bürgerlichen Formen nichts als ein verworrenes Durcheinander von mehr oder minder geistreichen Ansichten, Meinungen und Mutmaßungen ist, überhaupt erst möglich sein. Einstweilen muß eine Rettung Lessings in jenem bescheidenen Sinne genügen, den er selbst mit den Worten verband: »Ich kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Verkleisterungen ihrer Schwächen aufzulösen, kurz, alles das im moralischen Verstande zu tun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildersaal anvertrauet ist, physisch verrichtet.« Immerhin: Da eine Rettung Lessings auch in diesem beschränkten Sinne nicht möglich ist ohne eine Reihe von Abschweifungen in das literarische und soziale, militärische und politische Leben des achtzehnten Jahrhunderts, so gelingt es vielleicht doch, in der kritischen Auflösung des bourgeoisen Lessing-Zerrbildes die allgemeinen Grundzüge des wahren Lessing-Bildes wenigstens durchscheinen zu lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Der Keim der Lessing-Legende ==&lt;br /&gt;
Der erste Keim der Lessing-Legende findet sich in Goethes »Sprüchen in Prosa«. Es sind ihrer etwas über tausend; Abfälle aus der Gedankenwerkstatt des alternden und des alten Dichters, Eigenes und Angeeignetes, Ethisches, Kunst, Natur, dem Stoffe nach so verschieden wie dem Werte nach. Manches Tiefsinnige und Weltweite; selbst schon ein Anflug von ökonomischer Dialektik, wie im Spruch 305: »Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, daß er ohne Untergang der einen Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen.« Dann wieder in Spruch 466 das Bekenntnis einer schönen Seele: »So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischet, so erfrischet das Gebet die Hoffnungen des Herzens«, oder in Spruch 638 der orphisch dunkle Satz: »In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil, vis-à-vis des Verstandes, es der Vernunft Höchstes ist, den Verstand unerbittlich zu machen.« Mitten darin aber als Keim der Lessing-Legende der Spruch 514: »Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, daß verdroß die Deutschen doch, und sie taten das möglichste, als Etwas vor ihm zu erscheinen.« Wonach denn unsere klassische Literatur nichts anderes wäre als eine Empörung des beschränkten Untertanenverstandes gegen schlechte Behandlung durch den König von Preußen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Goethes Werke, 19, 112; Ausgabe von Hempel. Es könnte zweifelhaft erscheinen, ob Goethes Spruch Eigenes oder Angeeignetes wäre, denn Justi schreibt in seiner Biographie Winckelmanns, 2, 301, vom Friedrich des Jahres 1765: »Er blieb, sagte man damals, seiner eigenen Nation fremd und hatte an der Veredlung derselben, welche sein Zeitalter ebenso ehrwürdig machte, wie das Zeitalter Ludwigs XIV. gewesen, keinen anderen Anteil, als daß er Deutschland zur Eifersucht reizte, sich durch eigene Erhebung an seiner Verachtung zu rächen.« Allein obgleich bei Justi selbst dieser Satz in Anführungszeichen steht, kann er nicht wohl »damals«, das heißt 1765, von irgendwem in Deutschland geäußert worden sein. Es scheint vielmehr, daß Justi oder seine Quelle den Gedanken von Goethe umschrieben hat, nur daß Goethe diese Betrachtung nicht »damals«, sondern mehr als vierzig Jahre später anstellte.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Breiter ausgeführt findet sich derselbe Gedanke im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit«. Die »berühmte Stelle« ist unzählige Male nachgedruckt worden, aber da ihre erschöpfende Kritik die genaue Kenntnis ihres Wortlauts zur Voraussetzung hat, so muß sie hier noch einmal wiedergegeben werden. Goethe schildert den Zustand der deutschen Literatur, wie er ihn im Herbste von 1765 bei seiner Übersiedlung auf die Hochschule von Leipzig als sechzehnjähriger Jüngling vorfand, und schließt diese nach seinem sechzigsten Lebensjahre geschriebene Übersicht wie folgt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der erste wahre und höhere eigentliche Lebensgehalt kam durch Friedrich den Großen und die Taten des Siebenjährigen Kriegs in die deutsche Poesie. Jede Nationaldichtung muß schal sein oder schal werden, die nicht auf dem Menschlich-Ersten ruht, auf den Ereignissen der Völker und ihrer Hirten, wenn beide für &#039;&#039;einen&#039;&#039; Mann stehen. Könige sind darzustellen in Krieg und Gefahr, wo sie eben dadurch als die Ersten erscheinen, weil sie das Schicksal des Allerletzten bestimmen und teilen und dadurch viel interessanter werden als die Götter selbst, die, wenn sie Schicksale bestimmt haben, sich der Teilnahme derselben entziehen. In diesem Sinne muß jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen, wozu nicht gerade die Form des epischen Gedichts notwendig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegslieder, von Gleim angestimmt, behaupten deswegen einen so hohen Rang unter den deutschen Gedichten, weil sie mit und in der Tat entsprungen sind, und noch überdies, weil an ihnen die glückliche Form, als hätte sie ein Mitstreitender in den höchsten Augenblicken hervorgebracht, uns die vollkommenste Wirksamkeit empfinden läßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ramler singt auf eine andere, höchst würdige Weise die Taten seines Königs. Alle seine Gedichte sind gehaltvoll, beschäftigen uns mit großen, herzerhebenden Gegenständen und behaupten schon dadurch einen unzerstörlichen Wert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der innere Gehalt des bearbeiteten Gegenstandes ist der Anfang und das Ende der Kunst. Man wird zwar nicht leugnen, daß das Genie, das ausgebildete Kunsttalent durch Behandlung aus allem alles machen und den widerspenstigsten Stoff bezwingen könne. Genau besehen entsteht aber alsdann immer mehr ein Kunststück als ein Kunstwerk, welches auf einem würdigen Gegenstande ruhen soll, damit uns zuletzt die Behandlung durch Geschick, Mühe und Fleiß die Würde des Stoffes nur desto glücklicher und herrlicher entgegenbringe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Preußen und mit ihnen das protestantische Deutschland gewannen also für ihre Literatur einen Schatz, welcher der Gegenpartei fehlte und dessen Mangel sie durch keine nachherige Bemühung hat ersetzen können. An dem großen Begriff, den die preußischen Schriftsteller von ihrem König hegen durften, bauten sie sich erst heran, und um desto eifriger, als derjenige, in dessen Namen sie alles taten, ein für allemal nichts von ihnen wissen wollte. Schon früher war durch die französische Kolonie, nachher durch die Vorliebe des Königs für die Bildung dieser Nation und für ihre Finanzanstalten eine Masse französischer Kultur nach Preußen gekommen, welche den Deutschen höchst förderlich ward, indem sie dadurch zu Widerspruch und Widerstreben aufgestachelt wurden; ebenso war die Abneigung Friedrichs gegen das Deutsche für die Bildung des Literarwesens ein Glück. Man tat alles, um sich von dem König bemerken zu machen, nicht etwa um von ihm geachtet, sondern nur beachtet zu werden; aber man tat&#039;s auf deutsche Weise, nach innerer Überzeugung, man tat, was man für recht erkannte, und wünschte und wollte, daß der König dieses deutsche Rechte anerkennen und schätzen solle. Dies geschah nicht und konnte nicht geschehen; denn wie kann man von einem König, der geistig leben und genießen will, verlangen, daß er seine Jahre verliere, um das, was er für barbarisch hält, nur allzuspät entwickelt und genießbar zu sehen? In Handwerks- und Fabriksachen mochte er wohl sich, besonders aber seinem Volke statt fremder, vortrefflicher Waren sehr mäßige Surrogate aufdrängen; aber hier geht alles geschwinder zur Vollkommenheit, und es braucht kein Menschenleben, um solche Dinge zur Reife zu bringen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eines Werks aber, der wahrsten Ausgeburt des Siebenjährigen Krieges, von vollkommenem norddeutschen Nationalgehalt muß ich hier vor allen ehrenvoll erwähnen: Es ist die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt, die deswegen auch eine nie zu berechnende Wirkung tat: Minna von Barnhelm. Lessing, der im Gegensatze von Klopstock und Gleim die persönliche Würde gern wegwarf, weil er sich zutraute, sie jeden Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu können, gefiel sich in einem zerstreuten Wirtshaus- und Weltleben, da er gegen sein mächtig arbeitendes Innere stets ein gewaltiges Gegengewicht brauchte, und so hatte er sich auch in das Gefolge des Generals Tauentzien begeben. Man erkennt leicht, wie genanntes Stück zwischen Krieg und Frieden, Haß und Neigung erzeugt ist. Diese Produktion war es, die den Blick in eine höhere, bedeutendere Welt aus der literarischen und bürgerlichen, in welcher sich die Dichtkunst bisher bewegt hatte, glücklich eröffnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die gehässige Spannung, in welcher Preußen und Sachsen sich während dieses Krieges gegeneinander befanden, konnte durch die Beendigung desselben nicht aufgehoben werden. Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. Durch den politischen Frieden konnte der Friede zwischen den Gemütern nicht sogleich hergestellt werden. Dieses aber sollte gedachtes Schauspiel im Bilde bewirken. Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soweit die »berühmte Stelle«, das klassische Zeugnis, woraufhin die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker das »Zeitalter Friedrichs des Großen« als fünftes an das Zeitalter des Perikles, des Augustus, der Mediceer und Ludwigs XIV. reihen. Aber es fehlt noch die Nutzanwendung, die aus guten Gründen weggelassen zu werden pflegt. Unmittelbar nach jenen Sätzen fährt nämlich Goethe fort: »Habe ich durch diese kursorischen und desultorischen Bemerkungen über deutsche Literatur meine Leser in einige Verwirrung gesetzt, so ist es mir geglückt, eine Vorstellung von jenem chaotischen Zustande zu geben, in welchem sich mein armes Gehirn befand«, und schildert dann als seine Rettung aus »dieser Not« weiter »diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben über nicht abweichen konnte, nämlich dasjenige, was mich erfreute oder quälte oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mit mir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingen zu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen ... Alles, was daher von mir bekanntgeworden, sind nur Bruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen dieses Büchlein ein gewagter Versuch ist.« Wonach denn also »genau besehen« Goethes ganze Dichtung »mehr ein Kunststück« ist, verglichen nämlich mit den »unzerstörlichen Kunstwerken« von Gedichten, in denen Ramler den König Friedrich besang.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um aber noch ein wenig mehr Licht auf die »berühmte Stelle« fallen zu lassen, schlagen wir im siebenten Buche von »Dichtung und Wahrheit« um fünfzehn Seiten zurück. Hier spricht Goethe von einem gewissen König, der die Stelle eines Dresdener Hofpoeten mit »Würde und Beifall« bekleidete und ein großes Gedicht auf ein Hoflager Augusts des Starken (mit den 354 natürlichen Kindern) verfertigte. Goethe sagt da:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»In allen souveränen Staaten kommt der Gehalt für die Dichtkunst von oben herunter, und vielleicht war das Lustlager von Mühlberg der erste würdige, wo nicht nationelle, doch provinzielle Gegenstand, der vor einem Dichter auftrat. Zwei Könige, die sich in Gegenwart eines großen Heers begrüßen, ihr sämtlicher Hof- und Kriegsstaat um sie her, wohlgehaltene Truppen, ein Scheinkrieg, Feste aller Art: Beschäftigung genug für den äußeren Sinn und überfließender Stoff für schildernde und beschreibende Poesie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Freilich hatte dieser Gegenstand einen inneren Mangel, eben daß es nur Prunk und Schein war, aus dem keine Tat hervortreten konnte. Niemand außer den Ersten machte sich bemerkbar, und wenn es ja geschehen wäre, durfte der Dichter den einen nicht hervorheben, um andere nicht zu verletzen. Er mußte den Hof- und Staatskalender zu Rate ziehen, und die Zeichnung der Personen lief daher ziemlich trocken ab; ja, schon die Zeitgenossen machten ihm den Vorwurf, er habe die Pferde besser geschildert als die Menschen. Sollte dies aber nicht gerade zu seinem Lobe gereichen, daß er seine Kunst gleich da bewies, wo sich ein Gegenstand für dieselbe darbot? Auch scheint die Hauptschwierigkeit sich ihm bald offenbart zu haben; denn das Gedicht hat sich nicht über den ersten Gesang hinaus erstreckt.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und indem Goethe den Zweifel Breitingers erwähnt, ob Königs Gedicht wirklich ein Gedicht sei, fügt er hinzu, daß Breitinger in seiner »Kritischen Dichtkunst«, »von einem falschen Punkte ausgehend, nach beinahe schon durchlaufenem Kreise doch noch auf die Hauptsache stößt und die Darstellung der Sitten, Charaktere,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leidenschaften, kurz, des inneren Menschen, auf den die Dichtkunst doch wohl vorzüglich angewiesen ist, am Ende seines Buches gleichsam als Zugabe anzuraten sich genötigt findet«. Also auch hier derselbe Widerspruch wie bei der »berühmten Stelle«; der erste würdige Gehalt für die Dichtkunst kommt von den »Königen«, kommt »von oben herunter«, aber die »Hauptsache« ist doch der »innere Mensch«, sind »Sitten, Charaktere, Leidenschaften«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber nicht nur deshalb gleiten die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker über diese »nationelle« Stelle in »Dichtung und Wahrheit« fort. Noch schwerer liegt ihnen das »Lustlager von Mühlberg« im Magen als ein wenn nicht ganz, doch beinahe so würdiger Gegenstand der deutschen Dichtung wie der Siebenjährige Krieg. Das Lager von Radewitz, wie es in den alten Geschichtsbüchern gewöhnlich heißt, gehörte zu den kostspieligsten Sultanslaunen Augusts des Starken; das sächsische Heer von dreißigtausend Mann war zusammengezogen, um einen vollen Monat hindurch – Juni 1750 – einen lustigen Krieg zu führen; die schwelgerische Bewirtung der zahllosen Gäste, von denen der König von Preußen und der Kronprinz Friedrich die vornehmsten waren, verschlang solche Unsummen, daß sie selbst in jener Zeit ein gewisses peinliches Aufsehen erregten. Wenn Goethe in diesem Lustlager einen ersten Sporn der nationalen Poesie erblickte, so sieht es mit dem sei es auch »höheren Lebensgehalte«, den ihr der Siebenjährige Krieg gebracht haben soll, allerdings bedenklich aus.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Eine drastische Schilderung des Lagers von Radewitz findet sich unter anderem bei Carlyle, Geschichte Friedrichs des Zweiten, 2, 145 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schließlich sei kurz erwähnt, was Goethe über Gleim und Ramler sonst noch in »Dichtung und Wahrheit« zu sagen hat: auf die Beziehungen von Lessings Minna zum Siebenjährigen Kriege müssen wir in anderem Zusammenhange zurückkommen. Zehn Seiten vor der »berühmten Stelle« lesen wir: »Gleim, weitschweifig, behagelich von Natur, wird kaum einmal konzis in den Kriegsliedern. Ramler ist eigentlich mehr Kritiker als Poet.« Drei Seiten weiter wird Gleim mit den Worten gestreift: »Das anakreontische Gegängel ließ unzählige mittelmäßige Köpfe im breiten herumschwanken.« Und endlich, allerdings erst im zehnten Buche, lobt Goethe die schöne Verwendung, die Gleim von seinem reichen Einkommen machte, und fügt hinzu: »Er gewann sich so viele Freunde, Schuldner und Abhängige, daß man ihm seine breite Poesie gern gelten ließ, weil man ihm für die reichlichen Wohltaten nichts zu erwidern vermochte als Duldung seiner Gedichte.« Anderes übergehen wir.&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 21, 62 ff., 48 ff., 53, 56, 172.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn der Leser wird wohl an den vorstehenden Zitaten schon genug haben. Gleichwohl ließen sie sich nicht umgehen, wenn die »berühmte Stelle«, die als ein versteinerndes Dogma die bürgerliche Literaturgeschichte beherrscht, einmal in ihre wirklichen Atome aufgelöst werden soll. Der von Fichte schon geschilderte »reine Leser«, der nicht mehr die Bücher selbst, sondern nur über die Bücher liest, steht heute ja in vollster Pracht; läse unsere bürgerliche Welt ihren Weltdichter wirklich und schwätzte sie nicht bloß nach Anleitung ihrer modischen Literaturhistoriker über ihn, so hätte jenes Dogma niemals entstehen können. Gerade im nächsten Zusammenhange mit der »berühmten Stelle« sagt Goethe selbst, als was er sein »Büchlein« betrachtet wissen will, als ein Stück seiner »Konfession«. Ein mehr als sechzigjähriger Greis erzählt, was ein sechzehnjähriger Jüngling gedacht, gefühlt, geträumt hat. Und wo ihm die »schwankenden Gestalten« wieder nahen, »die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt«, da fühlt sein Busen sich »jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der ihren Zug umwittert«; wo ihm »die Bilder froher Tage und manche liebe Schatten« aufsteigen, da quillt sein »Büchlein« von lauterer Weisheit, da fallen die tiefsten Blicke in Herz und Welt. Aber ein herzoglich weimarischer Geheimrat kann doch nicht mehr ganz so denken, fühlen und träumen wie der genialste Jüngling des achtzehnten Jahrhunderts; auch ein Goethe lebte nicht ungestraft mehr als ein Menschenalter in dem kleinstädtischen Hofleben einer deutschen Winkelresidenz. Da wird ihm gar manches »bedeutend«, was für sein Geistesleben niemals bedeutend gewesen ist: August der Starke und das Lustlager von Mühlberg, Friedrich der Große und der Siebenjährige Krieg; es fehlt nur noch Napoleon und der russische Feldzug. Oder vielmehr: Sie fehlen nicht. Denn zur Zeit, wo das siebente Buch von »Dichtung und Wahrheit« entstand, im Juli 1812, als sich die napoleonischen Heersäulen auf den Njemen zu wälzten und ganz Europa in der Ahnung eines drohenden Weltuntergangs erbebte, sang Goethe gelassen an »Ihro der Kaiserin von Frankreich Majestät«:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nun steht das Reich gesichert wie geründet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nun fühlt Er froh im Sohne sich gegründet«,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
und als Schlußvers:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der alles wollen kann, will auch den Frieden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Goethes Werke, 2, 413.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei alledem aber: Auch in seinen höfisch-philiströsen Stimmungen blieb Goethe doch noch immer Goethe, war er noch immer ganz etwas anderes, als die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker aus ihm machen möchten. Selbst in der »berühmten Stelle« – eine wie tiefe Menschenkenntnis bekundet er in dem Worte von Lessings Wegwerfen und Wiederaufnehmen der persönlichen Würde! Es gehört zu dem Treffendsten, was je über Lessing gesagt worden ist, und deckt sich in wunderbarer Weise mit einem Gedichte von Lessing, das erst nach Goethes Tode wiederaufgefunden worden ist, mit dem Gedicht Ich, dessen Schlußzeilen lauten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Wie lange währt&#039;s, so bin ich hin&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und einer Nachwelt untern Füßen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weiß ich nur, wer ich bin.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und ferner: Wenn man liest, daß Goethe dem Dresdener Hofpoeten die glücklichere Schilderung der Gäule als der Menschen »gerade zum Lobe« anrechnet, wenn man liest, daß Goethe den preußischen König verteidigt, weil Friedrich, wie man heute sagen würde, den nationalen Gedanken in Gestalt schofler Fabrikware – »billig und schlecht« heißt&#039;s ja wohl heutzutage – noch geehrt, aber die deutsche Literatur nicht einmal dieser Pflege für wert erachtet, sondern die Deutschen rein als Kanaillen behandelt habe, damit sie aus lauter Widerspruchsgeist große Denker und Dichter würden, wenn man dies alles mit einfachem, gesundem Menschenverstande liest und dann einen Blick auf den alexandrinischen Notenkram und die byzantinischen Kommentare wirft, die über die »berühmte Stelle« aufgehäuft sind, möchte man dann nicht mit dem alten Baron im Münchhausen sagen: »Der Schulmeister schnappt noch gar über! Das ist ja die blanke, pure Gottessatire?« Aber so sind unsere Schulmeister. Statt wenigstens so viel zu sehen, daß Goethe sowohl von dem Lustlager von Mühlberg wie von dem Siebenjährigen Kriege auf die »Sitten, Leidenschaften, Charaktere« des »inneren Menschen«, der »bürgerlichen Welt« als die »Hauptsache« der damaligen Dichtung im allgemeinen und seiner Dichtung im besonderen zurückkehrt, daß er also von unserer klassischen Literatur nach einigen krausen Schnörkeln eben das sagt, was Schiller schon in die Worte gekleidet hatte: Selbst erschuf sie sich den Wert, statt den höchsten Ruhmestitel des deutschen Bürgertums hervorzuheben und unsertwegen auch mit ihm zu prahlen, den Ruhmestitel, daß die bürgerlichen Klassen des achtzehnten Jahrhunderts, so gedrückt und geschunden, so verarmt und verzopft sie in Deutschland waren, doch noch Kerle wie Lessing, Herder, Goethe, Schiller und wie viele andere noch! aus sich hervorgebracht haben, statt dessen hängen sich unsere literarischen Schulmeister an das Zöpfchen von Goethe, um sich von da an den Zopf Friedrichs schwingen und an diesem ihre loyalen Turnkünste zeigen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn ihnen ja eine Ahnung aufdämmert, daß sie sich auf einem Holzwege befinden, so verlaufen sie sich erst recht. So orakelt Herr Grisebach in seiner Biographie Bürgers, mit dem staatlichen Aufblühen Preußens unter Friedrich dem Großen hebe naturgemäß auch eine neue Epoche der deutschen Literatur an; er zitiert dann einige Sätze aus der »berühmten Stelle«, fügt aber hinzu: »Nur hätte Goethe nicht Gleims und Ramlers politische Reimereien sowie den als Dichter so unglaublich überschätzten Lessing, der sich selbst weit richtiger taxierte, als Beweis des Neuen anführen sollen.« Schade, daß Herr Grisebach nicht mehr den alten Olympier selbst deshalb stellen konnte. Auf diesen vorwitzigen Einwand würde Goethe wohl aus seiner »bedeutenden« Redeweise gefallen und mit dem Gemeinplatze herausgefahren sein: Mein Lieber, woher nehmen und nicht stehlen?&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Grisebach, G. A. Bürgers Werke, 1, 19. Herr Grisebach ist übrigens auch ein famoses Beispiel dafür, wie die heutigen Reichsdichter »höheren Lebensgehalt« gewinnen. Als Herr Falk seine Kulturkampfgesetze machte, dichtete Grisebach einen »Tannhäuser in Rom«, worin sich Tannhäuser also von der »Teufelinne« befreit: »Auf Rom hernieder sah Tannhäuser, an Deutschland dacht&#039; er und den Kaiser, das teure, edle, deutsche Land, das nun in bittrem Zwist entbrannt wie zu der Hohenstaufenzeit: Hier Kaiser! und hier Pabest! schreit ... Tannhäuser schwur gleich seinen Ahnen zu folgen eines Kreuzzugs Fahnen, doch wider deutschen Reiches Feind als Gottes und des Kaisers Freund, wider den Papst und seine Pfaffen mit seines Worts stahlharten Waffen zu kämpfen als ein treuer Ritter. Die alte, weiche Liebeszither ... Tannhäuser hat sie heut zerschmettert am Felsen Petri, keine Lieder ersinnt die hohe Stirn euch wieder, und sein verschloßner ernster Mund tut nicht mehr im Gesang sich kund, in Büchern, Schriften, flücht&#039;gen Blättern wird er ins alte Schlachthorn schmettern.« Natürlich so lange, bis der »Pabest« von wegen der Lebensmittelzölle wieder »Gottes und des Kaisers Freund« wurde.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn wenn schon ein Einfluß Friedrichs und des Siebenjährigen Krieges auf die deutsche Literatur nachgewiesen werden soll, so hat Goethe allerdings dasjenige herausgegriffen, was menschenmöglicherweise in diesem Sinne verwertet werden kann; Lessings Minna verherrlicht den Siebenjährigen Krieg zwar nicht und gewinnt auch nicht ihren »höheren Lebensgehalt« aus ihm, aber sie bezieht sich wenigstens auf ihn. Ramler war zwar schon vor sechzig Jahren, wie damals Platen von ihm sang, »längst in Gott verstorben«, aber als er lebte, besang er allerdings den König Friedrich. Und endlich zeichnen sich Gleims Kriegslieder vor seiner sonstigen läppischen Poesie bis zu einem gewissen Grade immerhin aus. Auch ist Gleim der einzige preußische Dichter, der den König Friedrich wenigstens einmal von Angesicht zu Angesicht gesehen hat. Nachdem er ihn bald ein halbes Jahrhundert angesungen hatte, wurde ihm das Glück kurz vor Friedrichs Ende noch zuteil, und Gleims poetischer Bericht darüber möge hier eine Stelle finden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Der König und Gleim&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu Potsdam, den 22. Dezember 1785&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Wie heißt der Domdechant?&#039;&#039; v. Hardenberg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht der auch Verse?&#039;&#039; Mehr als ich!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Macht er sie auch so gut als Er?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich glaube nein: Man schmeichelt sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am liebsten selbst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Da hat Er recht! die Brüder&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Im heiligen Apoll, die harmonieren nicht.&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir harmonieren sehr, denn er macht Kirchenlieder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich nicht, und keiner spricht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von seinen Versen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das ist besser,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Als wenn ihr&#039;s tätet! Aber sagt:&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ist Wieland groß, ist Klopstock größer?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der, Sire! wäre stolz, der&#039;s zu entscheiden wagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er ist nicht stolz?&#039;&#039; Ich bin&#039;s in diesem Augenblick,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sonst eben nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Er geht nach Halberstadt zurück,&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Ins hochgelobte Mutterland?&#039;&#039;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja, Ihro Majestät!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Grüß Er den Domdechant!&#039;&#039;«&amp;lt;ref&amp;gt;Körte, Gleims Leben, 219.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wäre so die einzige Stelle, worauf sich ein literarisches Zeitalter »Friedrichs des Großen« bauen ließe. Aber ach! sie ist bei den bürgerlich-preußischen Literarhistorikern gar nicht »berühmt«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Heine, Gervinus, Danzel über Lessing ==&lt;br /&gt;
Seit dem Erscheinen von »Dichtung und Wahrheit« (im Jahre 1815) ist kaum eine Arbeit über Lessing veröffentlicht worden, in welche die »berühmte Stelle« nicht mehr oder weniger ihre verdüsternden Schatten geworfen hätte. Mit einer allerdings glänzenden Ausnahme: Heinrich Heine bedurfte dieses verzerrenden Spiegels nicht, um zu erkennen, wer Lessing war und was sein Wirken für das deutsche Volk bedeutete. Ebendeshalb gehört das, was er über Lessing zu sagen hatte, eigentlich nicht in die Geschichte der Lessing-Legende. Gleichwohl muß es an dieser Stelle berührt werden. Denn soweit ab sich die bürgerlich-preußischen Literarhistoriker von Heines richtiger Spur entfernt haben, sowenig verschmähen sie es, einzelne Prachtworte von Heine über Lessing sich anzueignen und als Fettaugen in ihre mageren Brühen zu verpflanzen. So das Wort von Lessings Witz, der kein kleines französisches Windhündchen sei, das seinem eigenen Schatten nachlaufe, sondern vielmehr ein großer deutscher Kater, der mit der Maus spiele, ehe er sie würge; so den noch berühmteren Vergleich von den winzigen Schriftstellerlein, die Lessing mit dem geistreichsten Spotte, mit dem köstlichsten Humor gleichsam umsponnen habe und in seinen Werken nun für ewige Zeiten erhalte wie Insekten, die sich in einem Stück Bernstein verfangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht aber in diesen einzelnen Worten, so blendend und so wahr sie namentlich auch sind, liegt die Bedeutung dessen, was Heine über Lessing zu sagen hat. Und wenn sie aus dem Zusammenhange gerissen werden, so daß der Schein entsteht, als habe Heine nur über die literarische Kunst Lessings ein paar vortreffliche Beobachtungen gemacht, so ist das freilich auch ein Stück Lessing-Legende. Herrn Erich Schmidts kahle und schiefe Bemerkung: »Selbst ein Spötter wie Heine wird pathetisch, wenn er Luther und Lessing nennt, unsern Stolz und unsere Wonne«, macht gleichmäßig aus Heine wie aus Lessing einen »toten Hund«. Die Aufsätze »Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland« sind vielmehr eine geschichtsphilosophische Leistung voll so genialer Rück- und Vorblicke, wie ihrer im Jahre 1834 eben nur Heinrich Heine fähig war. Heine erkennt in unserer klassischen Literatur den beginnenden Emanzipationskampf der bürgerlichen Klassen in Deutschland, der sich wegen der »bleiern deutschesten Schlafsucht« oder mit andern Worten: der ökonomischen und politischen Rückständigkeit dieser Klassen, wegen der »brutalen Ruhe in ganz Germanien« erst durch ihre geistig vorgeschrittensten Elemente in den Ätherhöhen der Idee vollziehen konnte. »Der einsamste Autor, der in irgendeinem abgelegenen Winkelchen Deutschlands lebte, nahm Teil an dieser Bewegung; fast sympathetisch, ohne von den politischen Vorgängen genau unterrichtet zu sein, fühlte er ihre soziale Bedeutung und sprach sie aus in seinen Schriften. Dieses Phänomen mahnt mich an die großen Seemuscheln, welche wir zuweilen als Zierat auf unsere Kamine stellen und die, wenn sie auch noch so weit vom Meer entfernt sind, dennoch plötzlich zu rauschen beginnen, sobald dort die Flutzeit eintritt und die Wellen gegen die Küsten heranwogen.« Und was noch weit mehr ist: Obgleich gerade, als diese Zeilen geschrieben wurden, das deutsche Bürgertum seine Lenden zu gürten schien, um auf politischem Gebiete nachzuholen, was seine großen Denker und Dichter auf geistigem Gebiete längst vollbracht hatten, so blickte Heine ihm doch schon in Herz und Nieren. Und da sah er, daß der »Freiheitssinn« im Gegensatze zu der klassischen Epoche »unter den Gelehrten, Dichtern und sonstigen Literaten viel minder« als »in der großen, aktiven Masse, unter Handwerkern und Gewerbsleuten sich ausspricht« oder, wie er es in einem zehn Jahre später geschriebenen Nachtrage zu diesen Aufsätzen ausdrückt, daß »der Kommunismus sich durch ganz Deutschland verbreitet« und daß »die Proletarier in ihrem Ankampfe gegen das Bestehende die fortgeschrittensten Geister, die großen Philosophen, als Führer besitzen«. So Heine 1834 und 1844!&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Noch ärger als der Schüler Schmidt versündigt sich der Meister Treitschke, Deutsche Geschichte, 4, 421, an Heines »leichten Plaudereien«, wenn er nach einer Reihe von Liebenswürdigkeiten, wie »Dilettantenbrauch«, »unter seinen Händen wird jetzt alles unrein«, »oberflächlich, leer, öde, langweilig« usw. sich dahin zusammenfaßt: »Die moderne Lehre der Verklärung des Fleisches verhöhnte alles, was Menschen menschlich aneinander bindet, und schließlich blieb ihr nichts mehr übrig als der souveräne Einzelmensch, der sich nach Belieben im Genusse ungezählter Grisetten und Trüffelpasteten ergehen konnte.« Die einzelnen Klitterungen, durch die Treitschke zu diesem »Schlusse« kommt, hat Paul Nerrlich, Herr v. Treitschke und das junge Deutschland, ebenso scharf wie treffend nachgewiesen. Herr Nerrlich ist ein verlorener Spätling der Junghegelianer, der als solcher zwar die unsägliche Verflachung der deutschen Bourgeoisie zu erkennen, aber ihre letzte Ursache, die schon von Heine verkündete Auflösung des bürgerlichen Idealismus in den proletarischen Sozialismus, nicht zu entdecken weiß. Siehe namentlich auch seine Einleitung zu Arnold Ruges Briefwechsel und Tagebüchern, wo er die oben besprochenen Aufsätze Heines »ein gar wunderbares, einzig dastehendes Büchlein«, ein »Programm der neuesten Zeit« nennt, aber dann von Heine und Feuerbach nicht etwa zu Marx und Engels, sondern zu Ruge und – Bismarck abschwenkt. »Freilich – so manches gehört weniger zu seiner (Bismarcks) welthistorischen Mission. Es ist überhaupt für jemanden, der von unseren Philosophen und von Heine, Feuerbach und dem Ruge der vierziger Jahre herkommt, dieses sich vor Bismarck Beugen eine nicht so ohne weiteres zu lösende Aufgabe.« Aber, so tröstet sich Herr Nerrlich, »ebenso fest wie das Firmament« steht der Satz, daß nach Bismarck, vielleicht früher, vielleicht später, ein neues, gewaltigeres, universaleres Genie auftritt, welches die Ideale von Heine, Feuerbach und Ruge »voll und ganz« nicht bloß für Deutschland, sondern für Europa verwirklicht. An solchen Spinnewebenfäden hängt die Philosophie von heute, soweit sie überhaupt noch den Mut hat, sich der »schlechthinnigen« Abschlachtung des bürgerlichen Idealismus zugunsten der Bourgeoisinteressen zu widersetzen!&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist richtig: Der Nebel ideologischer Auffassung liegt auch noch über Heines Darstellung, wie es für seine Zeit ja auch gar nicht anders sein konnte, aber er wird überall von dichterischen Seherblicken wie von leuchtenden Sonnenstrahlen zerteilt. Und so feiert Heine in Lessing nicht sowohl den Dichter, den Gelehrten, den Kritiker, als den Charakter, den Mann, den Bahnbrecher und den Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen. Die Kunst war für Lessing eine Tribüne, worauf er zum Volke sprach. Seine Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, die große Art seines Seins stießen unversöhnlich zusammen mit der Philisterhaftigkeit, mit der lächelnden Schlechtigkeit und der prunkenden Gemeinheit seiner Umgebung; er stand in schauriger Einsamkeit unter seinen Zeitgenossen, von denen ihn einige liebten, aber keiner verstand; sein Ekel an der Wirklichkeit der deutschen Dinge trieb ihn ins Schauspielhaus oder gar ins Spielhaus. Sein ganzes Leben war Kampf, und alle seine Schriften haben eine soziale Bedeutung. In solchen Sätzen schimmert die Bedeutung von Lessings Lebenswerke nicht als einer ästhetischen oder künstlerischen, einer philosophischen oder theologischen, sondern einer sozialen Tat hervor, und eben dies erklärt die echte Wärme des Tones, womit Heine vor allen andern Trägern unserer klassischen Literatur gerade von Lessing spricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einer oberflächlichen Betrachtung mag diese Wärme freilich als »pathetisch« erscheinen. Es ist ja keine Frage: Als Dichter steht Lessing hinter Goethe und Schiller, als Kunstforscher hinter Winckelmann, als Philosoph hinter Kant, als Psycholog hinter Herder, als Philolog hinter Reiske oder Ruhnken zurück. Auch bezeichnet es mehr das Schwert als den Mann, mehr die Form als das Wesen seines Geistes, wenn Macaulay ihn den »ersten Kritiker Europas« nennt. Denn die Kritik war nur das Werkzeug, womit Lessing in den weitesten Bereichen des deutschen Geisteslebens aufräumte. Was er zur tatsächlichen Geltung bringen wollte, das war jenes bürgerliche Selbstbewußtsein, welches er in ungleich höherem Grade besaß als seine Mitlebenden und namentlich auch seine Mitstrebenden, ja in weit höherem Grade, als es die bürgerlichen Klassen nach ihm in hundert Jahren irgend zu erreichen gewußt haben. Er hat als ein einzelner den trägen Widerstand der ökonomisch und politisch gebundenen Masse nicht überwunden, nicht überwinden können; von seinen Jünglingsjahren an warf er sich ruhelos umher, bald hinter den Kulissen, bald als »Zeitungsschreiber bei einem Buchführer«, bald im Kriegslager, bald im Buchladen und dann wieder hinter den Kulissen, ohne sich eine bürgerlich unabhängige Stellung gründen zu können. Bis ihn dann endlich, als er eben den deutschen Staub von seinen Füßen zu schütteln und als ein hungernder Derwisch in die Ferne zu schweifen gedachte, das Unglück einer geliebten Frau in den hölzernen Käfig trieb, den ihm ein ehrgeiziger Duodezdespot in seiner Bibliothek geöffnet hatte. Und das Martyrium seines letzten Lebensjahrzehnts – wie sticht es, erhebend zugleich und erschütternd, von der dämmernden Behaglichkeit ab, in der an einem anderen Duodezhöflein Herder vergrämelte und Goethe verphilisterte! Lessing hatte den deutschen Philister ganz und gar ausgezogen; das gibt ihm die einzige Stellung in unserer klassischen Literatur, und insofern war er der verwegenste Revolutionär, den die bürgerliche Welt in Deutschland hervorgebracht hat bis auf die Börne und Heine, die Marx und Engels, die auch erst im Auslande das werden konnten, was sie geworden sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und so erklärt es sich leicht, daß ein wenigstens in den allgemeinsten Zügen zutreffendes Bild seines Wesens in den einzigen großen Versuch fiel, den die bürgerliche Wissenschaft gemacht hat, um den ideellen Gehalt der klassischen Literatur in die politischen Kämpfe ihrer Klasse aufzunehmen: in die »Geschichte der deutschen Dichtung« von Gervinus, deren erster Band ein Jahr nach jenen Aufsätzen von Heine erschien. Gervinus wollte den Zusammenhang der klassischen Dichtung mit dem gesellschaftlichen und staatlichen Leben nachweisen; er suchte zu schildern, wie unsere großen Dichterwerke »aus der Zeit, aus deren Ideen, Bestrebungen und Schicksalen« entstanden seien, und er beabsichtigte damit, »den übungsbedürftigen und schafflustigen Geist des Volkes aus den Regionen der Ideen und Ideale auf das praktische, politische Gebiet überzuführen«. Und wenn ihm oft – es muß hier dahingestellt bleiben, ob mit Recht oder Unrecht – der Vorwurf gemacht worden ist, daß er den Lorbeerkranz Goethes und Schillers allzu einseitig zerzaust habe, so ist er in richtigem Instinkte seinem Lessing mit geringerem Verständnisse, aber kaum mit geringerer Liebe zugetan als Heine. Lessing ist ihm »der eigentliche Beschwörer des jungen Geistes, der Deutschland erneute«; Lessing stellt »in allen Teilen« den revolutionären Charakter der klassischen Literatur dar, und wie treffend wird der Kampf seines Lebens noch von Gervinus geschildert in den Worten: »Wenn man seinem unsteten Leben folgt, so schlösse man leicht auf einen unruhigen Menschen, dem es nirgends wohl war als auf der Straße, aber sieht man näher zu, so war das Ganze seiner menschlichen Charakterbildung notwendig in dieser Eigenheit bedingt, und durch alle seine Kreuz- und Querzüge schlingt sich ein roter Faden hindurch. Es ist die ewige Widersetzlichkeit gegen den faulen Schlendrian der deutschen Kleinmeisterei und die Armseligkeit des deutschen Gelehrtenlebens, das fortwährende Ringen eines freien Geistes gegen die vielfachen Hemmnisse der herkömmlichen Verhältnisse und Bildung.« Es sei gestattet, gleich danebenzustellen, was Herr Erich Schmidt über das gleiche Problem zu sagen hat. Zunächst orakelt er von Lessings »dämonischer(!) Rastlosigkeit«. Dann behauptet er, Lessing sei durch das »Elend« des »innerlich heruntergekommenen« Vaters der »seinem Leben und Wirken eigentümlichen Hast in die Arme« geworfen, »welche in keiner Lage, an keinem Orte, bei keiner Beschäftigung ruhig und geduldig verweilen mag«. Endlich wird als Ursache dafür, daß Lessing »nie bei der Stange« blieb, angegeben seine »Unfähigkeit, eine umfassende Arbeit reinlich abzuschließen«. Ja, für die sauberen Herren, die mit ihren dicken Folianten voll Loyalität und Patriotismus niemals den richtigen Ab- und Anschluß verfehlen, war Lessing ein ganz unreinlicher Trödelhans.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Erich Schmidt, Lessing, 1, 4, 10, 377. Herrn Schmidts Urteil über Lessings Vater ist um so ungerechter, als der Pastor primarius von Kamenz das einzige Mitglied der Familie ist, das eine gewisse Ähnlichkeit mit Gotthold Ephraim zeigt. Dagegen stellen die beschränkte Mutter, die verkümmerte Schwester und namentlich auch die Brüder, der trockene Schulfuchs Theophilus, der versauerte Bürokrat Gottlob Samuel und der unerträgliche Schwätzer Karl Gotthelf lauter Prachttypen des deutschen Philistertums dar. Ihre Briefe zeigen denn auch klärlich, daß die Familie für Lessing im kleinen dasselbe Kreuz war wie die Nation im großen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mag nun aber auch gegenüber den heutigen Literarhistorikern Gervinus wie ein Riese dastehen, so ist seine Würdigung Lessings doch schon ein beträchtlicher Rückschritt hinter die Auffassung Heines. In Gervinus steckte ein gutes Stück Philister; er überhäufte Börne und Heine mit gehässigen Schmähungen, um sich selbst auf den Atta Troll der Gesinnung und Sittlichkeit hinauszuspielen.&amp;lt;ref&amp;gt;Gervinus, Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, 8, 180 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So trägt er in Lessing manches hinein, wovon dessen freie Seele nichts gewußt hat; der kriegerische Ton der Literaturbriefe, ihr eroberndes Ungestüm soll von den Einwirkungen des Siebenjährigen Krieges »nicht frei« sein! In diesem Zusammenhange wird denn auch Goethes »berühmte Stelle« angezogen und die »schlagartige Wirkung« jenes Krieges auf das geistige Leben in Deutschland gepriesen. Ja, in einem umfangreichen Kapitel schildert Gervinus »Preußens Teilnahme an der poetischen Literatur«, wobei Gleim und Ramler als Chorführer mit einem höchst seltsamen Gefolge fragwürdiger Gestalten aufmarschieren. Gleichwohl ist das bürgerliche Bewußtsein in Gervinus doch noch trotz aller philisterhaften und professoralen Verschnörkelung viel zu lebendig, als daß er nicht gelegentlich wieder mit den Geständnissen herausplatzen sollte, in Wahrheit habe Ramler von den Gaben der Muse nichts besessen, Gleim sei ein guter Mann gewesen, aber auch nicht mehr, und es sei ein Spott, zu sehen, wie der »ruhmreiche Schlesische Krieg« nichts Wichtigeres hervorgerufen habe als die sogenannte Bardendichtung, die Gervinus mit Recht bedeutungslos und hohl nennt. An diesem Zwiespalte, der schon durch seine Literaturgeschichte geht und ihn die Gestalt Lessings schließlich doch nur wie in einem Zwielicht erkennen läßt, ist Gervinus selbst untergegangen. Er hatte zuviel bürgerlichen Idealismus, um nach der großen Enttäuschung von 1848 wie sein Freund Mathy im Bank- und Börsenspiele sich zu trösten, und zuviel bürgerliches Selbstbewußtsein, um wie sein Freund Dahlmann auf die Manteuffelei das geflügelte Wort der »rettenden Tat« zu prägen; er sagte vielmehr der Monarchie um ihrer gehäuften Sünden willen ab und hoffte offen auf den »Medeenkessel der Revolution«, worin allein sich die Glieder Europas verjüngen könnten. So trafen ihn die Kriege von 1866 und 1870 allerdings mit »schlagartiger Wirkung«, und seine ohnmächtigen Proteste, wunderliche Mischungen von bürgerlicher Beschränktheit und Ehrbarkeit, machten ihn zum Spotte der Bismärckischen Troßbuben, die an dem sterbenden Manne eine mehr als grausame Rache für das nahmen, womit er sich an Börne und Heine vergangen hatte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Selbst ein so gebildeter Schriftsteller der Bourgeoisie wie Karl Hillebrand konnte nicht umhin, auf das frische Grab von Gervinus eine Ladung von Schmähungen abzufeuern: »Ein Schriftsteller ohne Stil, ein Gelehrter ohne Methode, ein Denker ohne Tiefe, ein Politiker ohne Voraussicht, ein Mensch ohne Zauber oder Macht der Persönlichkeit«, und so achtzig Seiten lang. Siehe Karl Hillebrand, Zeiten, Völker und Menschen, 2, 205 ff. Bezeichnend genug läßt Hillebrand diesem literarischen Schlachtfest einige Lobgesänge auf Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche in seinem Sammelwerke folgen. Um der Philosophie der spießbürgerlichen Rente und der Philosophie des ausbeuterischen Kapitalismus freie Bahn zu schaffen, mußte der letzte Rest des bürgerlichen Idealismus mit Knütteln totgeschlagen werden. – Wegele, Geschichte der deutschen Historiographie, 1069, spricht von einem »wunderlichen Motiv«, aus dem die Literaturgeschichte von Gervinus entstanden sei, Ranke, »Historische Zeitschrift«, 27, 13, in demselben Zusammenhange von einer »außerordentlichen Behauptung«. Den Satz von Gervinus, daß »der Geschichte im großen ein gesetzlicher Lauf geordnet« sei, nennt Ranke eine »trostlose Ansicht der menschlichen Dinge, durch die sich der Historiker in seinen Studien gelähmt und tief herabgedrückt fühlen« müsse. Natürlich! Nach Ranke und seiner Schule »machen« die Könige, die Diplomaten und die Generale die »Geschichte«. Das begeistert den Historiker und hebt ihn hoch. In jenem Gegensatze zwischen Gervinus und Ranke spiegelt sich ein wahrhaft »trostloser« Verfall der bürgerlichen Geschichtsschreibung.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Gervinus über Lessing schrieb, gab es noch keine Lessing-Forschung im engeren Sinne des Worts. Karl Gotthelf Lessing war als Biograph ebenso liederlich und zerfahren wie als Herausgeber, und sein Schalten mit dem Erbe Gotthold Ephraims erschien bereits den Zeitgenossen so abstoßend, daß die »Xenien« ihre Geißel über den »lieblosen Bruder« schwangen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die Biographie ist neuerdings in der Universalbibliothek von Reclam Nr. 2408 f. wieder von Otto F. Lachmann herausgegeben worden. Mit dankenswerten, aber leider nicht ausreichenden Kürzungen. Die Betrachtungen Karl Gotthelfs sind das hohlste Gerede von der Welt; und seine tatsächlichen Mitteilungen, die sich als eiserner Bestand aus einer Biographie in die andere zu schleppen pflegen, bedürfen nachgerade auch sehr einer kritischen Prüfung. An einem besonders wichtigen Punkte werden wir weiterhin noch seine Unzuverlässigkeit aufzeigen.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst in den Jahren 1838 bis 1840 besorgte Lachmann seine wissenschaftliche Ausgabe von Lessings Werken, die auch oder vielmehr gerade von denen, welche sie in Einzelheiten zu verbessern und zu vermehren verstanden haben, stets als ein Meister- und Musterwerk gefeiert worden ist. Auf diesem Grunde erwuchs dann die erste wissenschaftliche Lessing-Biographie, deren erster Band mit einer Widmung an Lachmann 1850 von Danzel herausgegeben wurde. Sie steht in einem gewollten Gegensatze zu der historischen Auffassung von Gervinus. Danzel war ein deutscher Gelehrter der alten guten Art, anspruchslos, bescheiden, formlos, so arm, daß er sich als Privatdozent in Leipzig den Lebensunterhalt durch das Übersetzen französischer Schmöker erwerben mußte, und dabei von einem so eisernen Fleiße, daß er bei seinem im dreiunddreißigsten Lebensjahre an der Schwindsucht erfolgten Tode außer einer Reihe kleinerer Schriften zwei große literargeschichtliche Werke hinterließ, eins über »Gottsched und seine Zeit« und dann die Lessing-Biographie, deren zweiten Band auszuarbeiten ihm leider nicht mehr vergönnt war. Herr Erich Schmidt hat die Güte, aus seinen »glücklicheren Tagen« auf das »entbehrungsreiche Streben« Danzels »mit Wehmut« zurückzuschauen, und wir würden diese edelmütige Regung zu schätzen wissen, wenn wir anders sicher wären, daß Literarhistoriker, die in einer Lessing-Biographie, wie Danzel es getan hat, den Siebenjährigen Krieg bei seinem richtigen Namen eine dynastische Rauferei um eine Provinz nennen, heute »glücklichere Tage« im Sinne des Herrn Schmidt sehen würden. Doch dies nebenbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was Gervinus über Danzels »Mangel an historischem Sinn« sagt, hat eine gewisse Berechtigung. Sicherlich ist ein bestimmtes Geisteswerk bis auf seinen letzten Grund nur zu erklären aus den politischen und sozialen Zuständen, in denen sein Verfasser lebte. Vorausgesetzt, daß man die Fähigkeit und den Willen hat, diesen Zuständen auf den Grund zu gehen. Fehlt diese Voraussetzung oder ist sie in zu beschränktem Maße vorhanden, so wird aus der literarischen Geschichte mehr oder weniger eine literarische Legende, und dieser »historischen« Methode ist denn allerdings die philosophische Methode Danzels vorzuziehen, der ursprünglich Hegelianer war und auf metaphysisch-spekulativem Wege das Leben und Wirken Lessings als einen Teil der deutschen Geistesgeschichte zu verstehen suchte. Er gibt zwar nur bedingte Wahrheit, aber immer doch Wahrheit. Wenn er beispielsweise ausführt, daß Lessing einen eigenen Standpunkt mit Hilfe der englischen Literatur gewonnen habe, aber hinzufügt, es heiße die Sache auf den Kopf stellen, wenn man dabei »gemeiniglich vor allen Dingen« an Shakespeare denke, Shakespeare komme darin gerade zuallerletzt an die Reihe, so ist die Bemerkung unzweifelhaft richtig, und sie trägt unendlich viel mehr zur Erkenntnis von Lessings Geiste bei als das landläufige »nationale« Schlagwort, daß Lessing die französische Fremdherrschaft über den deutschen Geist vernichtet und an dem »stammverwandten« Genius Shakespeares die deutsche Literatur genährt habe. Aber erklären kann Danzel den Grund der von ihm erkannten Tatsache nicht, und so räsoniert er eine ziemliche Ecke ins Feld hinein über »normannische Ritterlichkeit und sächsische Kernhaftigkeit« sowie darüber, daß auch von der antiken Literatur erst die jüngeren und dann die älteren Schriftsteller als Muster betrachtet worden seien, was alles dem »gebildeten« Leser von heute freilich viel abstruser vorkommen mag als ein »runder Paragraph« aus der eleganten und nationalen Feder des Herrn Erich Schmidt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem Lichte der wissenschaftlichen Erkenntnis, das der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels entfließt, ist nun sofort zu erkennen, weshalb Lessing als der erste bürgerliche Schriftsteller in Deutschland sich einen selbständigen Standpunkt durch die Hilfe der englischen, und zwar der zeitgenössischen englischen Literatur erworben hat. Denn die bürgerlichen Klassen in Deutschland besaßen noch kein Leben, worauf eine literarische Darstellung fußen konnte, was Lessing, wenn er es bei reiferem Alter nicht schon von selbst erkannte, jedenfalls bei einem Blick in seine eigene Jugendpoesie erkennen mußte. Er mußte sich also an ausländische Muster anlehnen, und da bot sich ihm in verhältnismäßig reichster Entwicklung das Leben und die Literatur der bürgerlichen Klassen in England. Er schöpfte demgemäß für sein erstes selbständiges Dichtwerk, die Miß Sara Sampson, die Motive halb aus einem bürgerlichen Roman von Richardson und halb aus einem bürgerlichen Drama von Lillo; an Shakespeare kam er aber gerade zuallerletzt, nicht aus einer ästhetischen Geschmacksverirrung, sondern weil Shakespeare – aus Gründen, die sich wiederum erklären aus dessen sozialer Stellung als Schauspieler und Schauspieldichter in einer Zeit, wo das Theater von den bürgerlichen Klassen heftig verfolgt wurde – mit den Vertretern dieser Klassen verzweifelt wenig Federlesens macht. Ein soziales Moment also erklärt Lessings Anlehnung an bestimmte englische Muster, und eben dieses Moment erklärt auch seine Stellung zur französischen Literatur. Es ist fast unbegreiflich, wie Lessing immer wieder zum Typus eines Franzosenhassers gemacht werden kann gegenüber der Tatsache, daß er selbst dem Franzosen Diderot den stärksten Einfluß auf die Bildung seines Geschmacks eingeräumt hat. Er haßte und vernichtete kritisch das Muster der französischen Poesie, aber nicht weil es französisch war, sondern insoweit er darin ein falsches, höfisches, entartetes und den Geschmack des deutschen Bürgertums verseuchendes Muster sah; der bürgerlichen Literatur der Franzosen, die ihm darin allein eine Quelle zweiter Hand war, daß sie sich auch erst aus dem englischen Einfluß ableitete, stand er deshalb nicht weniger wahlverwandt gegenüber. Am klarsten tritt dies Verhältnis hervor, wo sich in einer Person das vereinte, was Lessing an der französischen Literatur bekämpfte und liebte. So scharf er die höfische Dichtung Voltaires zerfleischte und sosehr er geneigt war, der Person Voltaires eher zuviel als zuwenig zu tun, so willig ist er diesem großen Schriftsteller überall da gefolgt, wo Voltaire den bürgerlichen Klassen vorankämpfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Überhaupt ist Lessings ganzer nationaler Standpunkt nur aus seiner sozialen Stellung zu verstehen. Wenn Treitschke erklärt, daß Lessing auf einem Gebiete »jene ärmeren Geister« – nämlich: die beiden berühmten Männer Gleim und Ramler – »um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe«, so ist das falsch. Denn Lessing hat, so namentlich in der Hamburgischen Dramaturgie, über die deutsche Zerrissenheit mit einer Tiefe und Wärme der Empfindung gesprochen, welche Gleim und Ramler, die in dem Anreimen ihres angestammten Teilfürsten ihre höchste Beseligung fanden, nicht einmal zu ahnen vermochten. Und wenn Herr Erich Schmidt »das Heil der deutschen Dichtung und des gesamten geistigen Lebens an die Fahne des aufsteigenden preußischen Staats geheftet« sein und demgemäß Lessing von Sachsen nach Preußen übersiedeln läßt, so ist das wiederum falsch. Denn von einer derartigen »Liebe des Vaterlandes« hatte Lessing, der weder Sachse noch Preuße sein wollte, »keinen Begriff«, und sie schien ihm »aufs höchste eine heroische Schwachheit«, die er recht gern entbehrte. Mit einem Worte: Lessing empfand auch in dieser Frage als der rechte Vorkämpfer der bürgerlichen Klassen, deren elende Zustände sich mit der deutschen Zerrissenheit gegenseitig bedingten und denen erst die nationale Einheit eine große Zukunft verhieß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um nun aber, auf die Lessing-Biographie von Danzel zurückzukommen, so wird die Erläuterung dieses einen Gesichtspunktes schon zur Genüge zeigen, was es mit ihrem »Mangel an historischem Sinn« auf sich hat. Er ist gewiß vorhanden, doch fragt es sich, ob er bei der besonderen Ausbildung des »historischen Sinnes« in der seitherigen Lessing-Forschung nicht in einen Vorzug umgeschlagen ist. Bei der Erläuterung der urkundlichen Tatsachen gerät Danzel oft auf spekulative Irrwege, aber die Tatsachen selbst hat er sorgfältig gesammelt und gesichtet, und er teilt sie so unbefangen und voraussetzungslos, so ohne allen preußischen oder sächsischen oder lippe-detmoldischer Patriotismus mit, daß sein Buch als wissenschaftliches Quellwerk in der Lessing-Literatur noch nicht wieder erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist. An Goethes »berühmter Stelle« wagt Danzel zwar nicht schweigend vorüberzugehen, aber er fertigt sie doch mit einer halb ironischen Verbeugung ab und huldigt sonst von sich aus in keiner Weise der »historischen« Auffassung, daß die deutsche Kultur und Literatur ohne den Siebenjährigen Krieg noch bei Gottsched und Bodmer stünde. Sehr zu bedauern ist nur, daß der zweite Band, den Guhrauer nach den Vorarbeiten Danzels abgefaßt hat, nicht auf der Höhe des ersten steht. Er ist nicht allein viel flüchtiger zusammengestellt, was sich vielleicht daraus erklärt, daß Guhrauer gleichfalls über der Arbeit starb, sondern er macht auch der Lessing-Legende manches bedenkliche Zugeständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Das Lessing-Buch von Stahr ==&lt;br /&gt;
Bücher haben ihre Schicksale – und es trifft sich wohl, daß sie bedeutender werden durch die von ihnen erlebte, als durch die von ihnen erzählte Geschichte. Dies gilt namentlich von der Lessing-Biographie, die Adolf Stahr im Herbste des Jahres 1858 veröffentlichte. Als literarische Leistung hat sie keinen besonderen Wert; sie steht mit beiden Füßen auf dem Boden der Forschungen von Danzel und Guhrauer, und es ist schwer abzusehen, womit Stahr die »nahezu« zwanzig Jahre ausgefüllt hat, die er an die »Vorarbeiten« gewandt haben will. Aber während das Werk von Danzel-Guhrauer ein Menschenalter brauchte, um eine zweite Auflage zu erleben, die beiläufig jetzt nach weiteren zehn Jahren nur noch im Ramsch vertrieben wird, hat das Buch von Stahr nicht weniger als neun Auflagen erlebt. Auf seiner Darstellung beruht vornehmlich das Lessing-Bild, das dem »gebildeten« Deutschen vorschwebt. Vor allem aber hat es drei sehr fürnehme Paten, keine geringeren als Johann Jacoby, Ferdinand Lassalle und Franz Ziegler. Jacoby hat aus seiner Feder ein ganzes Kapitel beigesteuert (Lessing als Philosoph); Lassalle hat das Buch von Stahr in einem umfangreichen Aufsatze sehr anerkennend besprochen, und wenn Ziegler sich unseres Wissens öffentlich nicht darüber ausgelassen hat, so ergibt sich doch aus seinen Reden und Schriften, namentlich aber auch aus seinem Briefwechsel, daß er gewissermaßen das geistige Verbindungsglied zwischen dem Lessing-Buche von Stahr und dem Lessing-Aufsatze von Lassalle darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist sehr leicht, über das Buch von Stahr von oben herab abzusprechen, wie es den neueren Lessing-Forschern (Groß, Boxberger, v. Maltzahn, Erich Schmidt usw.) durchweg beliebt. Ein wenig schwieriger ist es, seinen historischen Ort zu bestimmen. Mag man immerhin die neun Auflagen seiner geschickten »Dünnflüssigkeit« zuschreiben, wie Herr Erich Schmidt tut – und er kennt ja den Magen seiner Bourgeoisie –, so ist damit doch noch gar nichts gesagt über das unzweifelhaft hohe Interesse, das Männer wie Jacoby, Lassalle und Ziegler der Arbeit Stahrs geschenkt haben. Und nun gar über Lassalles Lessing-Aufsatz als über eine »Tirade« wegzugleiten, die »nur wegen des Verfassers genannt« sei, ist einfach eine Hochnäsigkeit des Herrn Schmidt, die hoffentlich nicht einmal seinen Studenten imponiert. Gerade wenn man die Lessing-Legende kritisch auflösen will, muß man sich mit den Schwächen des Lessing-Buchs von Stahr und auch des Lessing-Aufsatzes von Lassalle viel gründlicher und viel schärfer auseinandersetzen, als die Schmidt und Genossen tun, aber für diese Auseinandersetzung ist es unerläßlich, zunächst die relative Bedeutung des Buches von Stahr klarzustellen. Freilich ist das Verfahren der neueren Lessing-Forscher gar sehr begreiflich, denn eben jene Schwächen wollen sie erhalten und steigern, während ihnen diese relative Bedeutung ein Dorn im Auge ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um es kurz zu sagen: Das Buch von Stahr erschien zugleich mit dem Beginne der Neuen Ära und wurde ein Banner für die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen. War es wirklich ein Zufall, daß Stahr just damals mit seinen »Vorarbeiten« am Rande war, so hat er jedenfalls doch auch mit einem gar nicht unebenen Instinkte begriffen, was die Glocke in jenem Augenblicke geschlagen hatte. Sein Buch ist durchweg in einem agitatorischen und deklamatorischen Tone geschrieben, der etwas gar zu viel von dem hohen Pathos des sittlich entrüsteten Spießbürgers an sich hat, aber der nach dem dumpfen Schweigen einer zehnjährigen Reaktionszeit doch immer wie das Schmettern einer sei es auch etwas heiseren Trompete klingen mochte. Stahr gab einer schon verbreiteten Stimmung einen in seiner Weise beredten Ausdruck. Die erwachende Kampflust der bürgerlichen Klassen lenkte ihre Blicke unwillkürlich zurück auf ihren ersten und kühnsten Vorkämpfer; ein gar nicht bedeutender Literat fand dazumal das gute Wort: Auf Lessing zurückgehen heißt fortschreiten. Man darf vor allem den Unterschied zwischen dem damaligen und dem heutigen Bürgertum nicht übersehen. Der Volkswirtschaftliche Kongreß mit seiner weder Haut noch Fleisch noch Knochen verschonenden Manchesterei hatte sich eben erst aufgetan. Noch war der bürgerliche Idealismus nicht erloschen, noch gab es eine philosophische Bildung, noch war der Gegensatz zu den arbeitenden Klassen mehr verschleiert. Waldeck, Ziegler, Jacoby, Rodbertus, v. Kirchmann, ja damals auch noch Schulze-Delitzsch hatten ein größeres oder geringeres Verständnis für soziale Fragen; sie haßten den Militär- und Polizeistaat unbedingt und nicht bloß mit dem zärtlichen Schmollen des heutigen Freisinns, das sofort in weitherzige Nachsicht übergeht, sobald dieser Staat seine Krallen ausschließlich gegen die arbeitenden Klassen kehrt. Unter dem nachwirkenden Einflusse der klassischen Philosophie hatten jene Männer einen überaus hohen Begriff vom Staat, aber es war einzig der demokratische Staat, von dem sie die Lösung umfassender Kulturaufgaben erwarteten. Sie erkannten oder empfanden wenigstens, daß die Bewegung von 1848 an der schwächlichen Haltung der bürgerlichen Klassen gescheitert war, aber sie hofften, daß diesen Klassen durch die zehnjährige Pferdekur der Manteuffelei das Rückgrat genügend gesteift worden sei für einen zweiten Gang mit dem Absolutismus und dem Feudalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir wissen heute, daß der zweite Gang noch kläglicher ausfallen sollte, als der erste Gang ausgefallen war. Wir wissen heute, wie bald jene Männer durch die persönlich tief unter ihnen stehenden und in der Tat überaus mittelmäßigen Größen des Volkswirtschaftlichen Kongresses überrannt wurden, einfach weil hinter diesen die Wucht der kapitalistischen Interessen stand, hinter jenen aber nur ein schwacher Hauch, die Abendröte der bürgerlichen Bildung. Indessen wie wenig diese Schattierung für den großen Gang der Dinge bedeuten mochte, sosehr gehört sie wie beiläufig in eine Biographie Lassalles, so namentlich in die Geschichte der Lessing-Legende. Ein Blick auf den Mann, in dem sie sich am eigentümlichsten und kräftigsten ausprägt, erklärt leicht den Grund dieses Zusammenhanges.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Franz Ziegler war ein ausgezeichneter Organisator, vielleicht das größte Verwaltungstalent, das der preußische Staat zu seiner Zeit besaß. Dabei ein Mann von tiefer und vielseitiger Bildung, ein gewiegter Kenner der klassischen Literatur, auch selbst ein Dichter, dessen Novellen nur deshalb einer frühzeitigen Vergessenheit verfallen sind, weil zu ihrem Genuß und Verständnis eine der »gebildeten« Bourgeoisie längst abhanden gekommene literarische Feinschmeckerei gehört. Lassalle sagte seinem Freunde eine Alkibiadesnatur nach, die ihn gehindert habe, sich selbst auszunützen, und ähnlich urteilte Guido Weiß, daß Ziegler das Leben in Süß und Sauer durchzukosten verstanden habe. Aristokrat nicht von Geburt – denn er war als das dreizehnte Kind eines märkischen Hungerpastors geboren –, aber seiner Bildung und seinen Neigungen nach, ein Liebling Friedrich Wilhelms IV., ein stets begehrter und hochwillkommener Gast in den Offizierkasinos der Garde und auf den Landsitzen des brandenburgischen Adels, wurde Ziegler zum Demokraten durch die soziale Frage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In noch jungen Jahren war er zum Oberbürgermeister der alten Kur- und Hauptstadt Brandenburg gewählt worden, deren durch Cliquen- und Nepotenwirtschaft völlig zerrüttete Verhältnisse es wiederherzustellen galt. Es war immerhin eine große Verwaltung; zur Stadt gehörten sieben Rittergüter, neun Kämmereidörfer, sechzehntausend Morgen Forst, ein Grundbesitz, dessen Wert damals bereits in die Millionen stieg. Ziegler beseitigte mit durchgreifender Energie die vorhandenen Mißbräuche, und zuerst dadurch erregte er den Haß der eng versippten Geschlechter, die das städtische Vermögen auszubeuten gewohnt waren. Aber dieser Haß wurde unversöhnlich, als Ziegler seine Fürsorge dem städtischen Proletariat zuwandte. Wie das so kam, hat er selbst einmal einem Arbeiterverein erzählt. Nach einem guten Diner ging er im städtischen Forste spazieren, als er eine Frau beim Holzdiebstahle traf. Längst erbittert über die liederliche Forstverwaltung, verhaftete er die Diebin, um sie dem nächsten Förster zu übergeben. Die Frau bat sehr, sie gehen zu lassen; Ziegler schlug es ab. Sie bat dann, wenigstens ihren Jungen aus dem nahen Graben holen zu dürfen. Auch das schlug Ziegler ab; der Junge könne allein nach der Stadt finden; er sähe ja ihre Türme. Ach, sagte die Frau, das ist es ja eben, er sieht nicht. Nun wurde der blinde Knabe herbeigeholt, und von Mitleid ergriffen, geleitete Ziegler die Frau mit dem Jungen und dem gestohlenen Holzbündel durch die Tore der Stadt in ihre Wohnung. Hier fand er, daß die Frau noch einen Sohn hatte, der im sechzehnten Jahre stand und Tuchschererlehrling war. Als solcher verdiente er wöchentlich 25 Silbergroschen (2,50 Mark), und von diesem Lohne lebte die ganze Familie. Kartoffelsuppe mit Lorbeerblättern, die der Frau geschenkt wurden, und etwas ranzige Butter bildeten die gewöhnliche Nahrung. Ein Freisinniger von heute würde sich mit der wohlwollenden Mahnung entfernt haben, daß der Tuchschererlehrling ein »Kapitälchen sparen« müsse; Ziegler aber fragte sich: »Was hast denn du getan für die Menschheit gegenüber dieser am Hungertuche nagenden Familie?« Nach seiner praktischen Art griff er sofort zu, um der Not des städtischen Proletariats zu steuern, baute ein Kranken-, ein Waisenhaus, erhöhte die Fonds der Armenkasse um das Dreifache. Aber er war viel zu einsichtig, um in einer verbesserten Armenpflege mehr als ein dürftiges Palliativmittel zu sehen; er führte als einzige Gemeindesteuer die progressive Einkommensteuer ein, ließ alle Einkommen unter hundert Talern frei, von da begann die Steuer mit 1 Prozent vom Einkommen und stieg progressiv bis zum Satze von 4 Prozent. Und hätte es in seiner Macht gelegen, so würde er auch das allgemeine Stimmrecht als Gemeindewahlsystem eingeführt haben; er vertrat es schon in den vierziger Jahren gerade um seines proletarischen Charakters willen; war ihm doch die Demokratie nur »eine Magd im Dienste der sozialen Frage«. Es kennzeichnet den Mann, daß er, kurz vor Toresschluß noch in die Nationalversammlung von 1848 gewählt, seinen Platz neben Jacoby und Waldeck nahm, obgleich der Staatsstreich kaum eine Frage von wenigen Tagen war. Die darnach hereinbrechende Reaktion bot dann der Bourgeoisie der Stadt Brandenburg die längst ersehnte Gelegenheit, ihren wütenden Haß an Ziegler zu kühlen. Er hatte einige Drucksachen der. Nationalversammlung über die Steuerverweigerungsfrage an seine Wahlmänner geschickt und| sollte dadurch Hochverrat begangen haben. In einem Gerichtsverfahren, das ein wahrer Hohn auf die klarsten Vorschriften des Gesetzes war, wurde er durch sorgsam ausgewählte, nicht sowohl von politischem als sozialem Haß erfüllte Geschworene für schuldig erkannt und vom Gerichtshofe »wegen intendierten Aufruhrs zu sechs Monaten Festung, Verlust der Nationalkokarde und Entsetzung vom Amte des Oberbürgermeisters« verurteilt. Der Verlust der preußischen Kokarde, der heute einen fast spaßhaften Klang hat, war damals eine schimpfliche Ehrenstrafe und hinderte den Verurteilten lange Jahre, sich wieder eine bürgerliche Existenz zu gründen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;F. F. Weichsel, Der Zieglersche Prozeß, gibt eine urkundliche Darstellung des schändlichen Verfahrens.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht im Gegensatze zu den sozialen Anschauungen Zieglers, sondern im Einklange mit ihnen stand sein Begriff vom Staate. Der Staat war ihm, wie Lassalle sich einmal ausdrückte, das »Vestafeuer der Zivilisation«; nur daß für Ziegler der Staat immer ein bestimmter Staat war, der Staat der Intelligenz, der Staat Friedrichs, der historische preußische Staat. In diesem Punkte teilte er die Ansicht seines Alters- und Studiengenossen Ruge, bekannte auch er: »Absolute Monarchie und absoluter Staat sollte man nie verwechseln; letzterer ist vielmehr die Wahrheit und das Ziel der ersteren«, und: »Preußen ist gegenwärtig der Staat, auf den alles ankommt.«&amp;lt;ref&amp;gt;Ruge, Sämtliche Werke, 2, 20 und 50.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht sowohl aus der Französischen Revolution, die der Bourgeoisie zur Herrschaft verholfen hatte, als aus dem aufgeklärten Despotismus Friedrichs leitete Ziegler seine Ideale her. Stein und Hardenberg waren seine Muster, ja selbst das Allgemeine Landrecht war ihm eine Art geistiger Amme, nicht zwar in seinen feudalen Elementen, die Ziegler vielmehr mit grimmiger Energie bekämpft hat, aber doch in seinen absolutistisch-zentralistischen Tendenzen, in denen auch Tocqueville eine Annäherung an den Sozialismus entdecken wollte.&amp;lt;ref&amp;gt;Tocqueville, L&#039;ancien régime et la révolution, 341.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und weil ohne das Heer ein »wahrhaft souveräner und welthistorischer Staat« nicht denkbar war, so ist Ziegler in entscheidenden Augenblicken stets für das Heer eingetreten. So bekämpfte er in der Nationalversammlung von 1848 den Antrag, das Heer vom Eide an den König zu entbinden, mit dem geflügelten Worte: »Die Disziplin ist die Mutter der Siege«; so rief er im Frühling von 1866 seinen Wählern in Breslau das noch bekanntere Wort zu: »Das Herz der Demokratie ist da, wo die Fahnen des Landes wehen.« Aber deshalb war Ziegler weder ein Militärfanatiker noch auch in der konstitutionellen Militärfrage zu irgendwelchen Zugeständnissen geneigt. Im Gegenteil! Er bekämpfte 1866 tapfer die Bildung der Nationalliberalen Partei, die sich gar zu gern auf seine Breslauer Rede als auf ihren Eierstock berufen hätte, und er bekämpfte auch schon 1861 die Bildung der Fortschrittspartei als ein die Reinheit der demokratischen Grundsätze trübendes Kompromiß. Er verweigerte lange seine Unterschrift unter das fortschrittliche Programm, hielt auch Waldeck davon zurück, und wenn beide schließlich durch die Logik der Tatsachen in die Reihen der nach Lage der damaligen ökonomischen Verhältnisse einzig möglichen bürgerlichen Oppositionspartei gedrängt wurden, so hat wenigstens Ziegler bis an sein Lebensende niemals aufgehört, über die »Höllenerfindung Fortschrittspartei«, diese »Olla potrida aller Prinzipien« zu schelten. Das Heer sollte eben nicht der »Monarchie«, sondern des »Staates« sein, und sein Ideal des Staates war das demokratische.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den Arbeiten von Marx und Engels ist es leicht, den Grundfehler in dieser Geschichtsauffassung zu entdecken. Er liegt in der idealistischen, auf Hegel zurückführenden Auffassung des Staats als der maßgebenden Urform der menschlichen Entwicklung. Aber wenngleich Marx schon 1844 in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern« in Anknüpfung an Hegels Rechtsphilosophie nachgewiesen hatte, daß nicht der von Hegel als »Krönung des Gebäudes« dargestellte Staat, sondern die von ihm so stiefmütterlich behandelte »bürgerliche Gesellschaft« den Schlüssel zum Verständnis des geschichtlichen Entwicklungsprozesses enthalte, und wenngleich im »Kommunistischen Manifest« schon die Grundlinien der materialistischen Geschichtsauffassung gezogen worden waren, so beherrschte 1858 doch noch die ideologisch-hegelianische Auffassung des Staats die besten Köpfe des Bürgertums. Huldigte ihr doch auch Lassalle, obschon in viel freierer und tieferer Weise als selbst Ziegler. Und so war es eine sehr natürliche und ganz unvermeidliche Schlußfolgerung, daß, wenn die zu neuem Kampfe sich rüstenden bürgerlichen Klassen einerseits auf Lessing als ihren ersten Vorkämpfer zurückgriffen, sie andererseits ihm einen Vertreter des »absoluten Staats« zur Seite stellten und diesen Vertreter im Könige Friedrich fanden, der zuerst die dynastische Eigensucht unter das Staatsinteresse gebeugt haben sollte (der Fürst ist der erste Diener des Staats) und dessen diplomatisch-kriegerischen Erfolge sowie freigeistige Richtung obendrein einen blendenden Gegensatz zu der überall in Europa blamierten und dazu vermuckerten Reaktion der fünfziger Jahre bildeten. Damit trat die Lessing-Legende in eine neue Gestalt. Aus der etwas kindlichen Anschauung, als ob Lessing an der Verachtung Friedrichs gleichsam zum Denker und Dichter erwachsen sei, entwickelte sie sich zu der Auffassung, daß, wie Stahr sagt, der König Friedrich als »Mitstreiter und Mitarbeiter seines großen Zeitgenossen« dastehe oder daß der König und Lessing, wie Lassalle meint, die deutschen »Revolutionäre« des achtzehnten Jahrhunderts gewesen seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf an den Aufsatz Lassalles keinen zu strengen Maßstab anlegen. Der Verfasser selbst hat ihn ein paar Jahre im Pulte behalten und ihn, obgleich er schon im November 1858 geschrieben war, doch erst im Jahrgange 1861 der »Demokratischen Studien« veröffentlicht. Ein Mann wie Lassalle konnte sich über die Schwächen von Stahrs Arbeit unmöglich täuschen; was ihn aber offenbar daran erfreut hat und auch erfreuen mußte, weil es ein wesentliches Verdienst darstellte, das war die politische Spitze, die Stahr seinem Stoffe gegeben hatte. In der Tat dreht sich hierum der ganze Aufsatz Lassalles. Er findet, daß Stahrs Buch »dreimal zur Zeit« kommt; »die dramatische Situation von heute sei der von damals wieder äußerst ähnlich geworden«; Lessings Wirken sei »nichts als Politik« gewesen; mit Recht sieht er auch eine »unendliche Überlegenheit« von Stahrs Arbeit über das Werk von Danzel-Guhrauer darin, daß Stahr das »kämpfende Heldenleben« Lessings namentlich in der Wolfenbütteler Zeit wieder zu Ehren gebracht habe, nachdem zwar nicht Danzel, aber allerdings Guhrauer allerlei vertuschende Schleier darüber zu breiten versucht hatte. Sehen wir zunächst von dem »Revolutionär« Friedrich ab, auf den wir eingehend zurückkommen müssen, so läßt sich ein wirklicher Tadel gegen Lassalles Lessing-Aufsatz nur insofern aussprechen, als er gar zu reichliches Lob über Stahr ergießt. Indessen auch darüber wird man milder urteilen, wenn man eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Lessings und Lassalles Berliner Leben erwägt. Beide lebten in einer ihnen geistig nicht gerade ebenbürtigen Umgebung, aber so, wie die Dinge einmal lagen, war es immerhin die beste Gesellschaft, welche sie finden konnten. Und wenn es nicht recht lassallisch war, daß Lassalle die Schrift von Stahr allzusehr lobte, so war es auch nicht gerade lessingisch, wenn Lessing hundert Jahre früher einen »Elenden« abstrafen wollte, »der sich unterstanden hatte, unserem lieben Ramler eine kleine Nachlässigkeit aufzumutzen«. Das ist eine gutmütige Lässigkeit, wie sie auch den Größten mal mit unterläuft, und nun gar in der Berliner Luft. Es kommt auf die Dauer und das Wesen der Dinge an, und da gilt von Lassalle, was Fichte von Lessing schreibt: »Unser Held (Nicolai) hatte, mit jenen, Mendelssohn und Lessing, vereinigt, einen kritischen Feldzug getan, entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, zum Beispiel dem der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein großer Mitkämpfer wurde allmählich inne, daß dies ein schlechtes Geschäft sei und daß er es nicht in der besten Gesellschaft betreibe. Er zog sich zurück.«&amp;lt;ref&amp;gt;Fichte, Friedrich Nicolais Leben und sonderbaren Meinungen, 15.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wenn Lassalle auch sicherlich dabei nicht an Lessing dachte, so trat jene Ähnlichkeit der Situation doch um so schärfer hervor, als er an Feuerbach schrieb: »Die Fortschrittler sind politische Rationalisten der seichtesten Sorte.«&amp;lt;ref&amp;gt;L. Feuerbachs Briefwechsel und Nachlaß, 2, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es stellte sich allzubald heraus, daß jene bürgerliche Garde von 1848, jene ideologisch-hegelianischen Bekenner des Staates und seiner sittlichen Zwecke nichts als eine Handvoll Führer ohne Heer waren. Die ökonomische Entwicklung war schon so weit gediehen, daß die große Masse der bürgerlichen Klassen unter dem frei entfalteten, höchstens noch mit einigen ideologischen Bändern geschmückten Banner des Kapitalismus, die manchesterlichen Heiligenbilder voran, marschieren wollte. Die Gründung der Fortschrittspartei war von Ziegler ganz richtig beurteilt worden. Nichts verkehrter als die Behauptung der Bourgeoisie, daß Lassalle erst mit ihr gegangen und ihr dann, in seinem persönlichen Ehrgeiz verletzt, in den Rücken gefallen sei und so ihren Sieg verhindert habe. Sie hat gar kein Recht, Vorwürfe an Lassalle zu richten, dessen Haltung ihr gegenüber prinzipiell und taktisch gleich richtig war. Seine freundlich zuwartende Haltung rechtfertigte sich, solange die arbeitenden Klassen noch in politischem Schlummer lagen und die bürgerliche Opposition ihm in Männern wie Ziegler gegenübertrat, die grundsätzlich ein demokratisches Programm verfochten, entschlossene Vorkämpfer des allgemeinen Stimmrechts waren und für die Bedürfnisse der arbeitenden Klassen einen immerhin weiten Blick hatten. Aber als der Einfluß dieser Männer auf die bürgerlichen Klassen durch das überwuchernde Manchestertum mehr oder minder geschwächt wurde, als die ersten Zeichen einer proletarischen Bewegung hervortraten, da brauchte Lassalle mit dem Losschlagen um so weniger zu zögern, als der Sieg der Bourgeoisie über den Absolutismus und den Feudalismus längst unmöglich geworden war. Beredte Zeugnisse dafür gibt der vertraute Briefwechsel Zieglers mit seinem Jugendfreund Ritter, mit Arnold Ruge und namentlich mit Frau Fanny Lewald-Stahr, der Gattin des Lessing-Biographen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle und Ziegler standen sich außerordentlich nahe. Lassalle blickte zu dem um mehr als zwanzig Jahre älteren Manne mit einem gewissen, bei ihm sehr seltenen Gefühle von Pietät empor; er bewunderte seine praktischen Organisationstalente und empfahl ihn seinen Breslauer Landsleuten in fast überschwenglichen Worten zur Wahl ins Abgeordnetenhaus; er warb förmlich um seine Freundschaft in den Versen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Einen aber gebraucht auch der Stärkste, ihn zu verstehen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und du fandest in mir den, der dich liebt und begreift.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ziegler aber erwiderte diese Freundschaft in vollstem Maße. Er zitterte um den Freund, als Lassalle seine Agitation begann, denn er wußte aus seinem zerbrochenen Leben, was der Haß einer in ihren materiellen Interessen verletzten Bourgeoisie bedeutete. Aber er dachte viel zu groß von ihm, um ihn durch weibische Klagen zurückzuhalten; er hat bekanntlich das Statut des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins entworfen, und einige Wochen, nachdem Lassalle das »Offene Antwortschreiben« erlassen hatte, sandte er ihm zum Geburtstage einen Pokal mit einem Sonette, das also schloß:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»Nimm diesen Kelch, und siehst du, daß dein Mühen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergeblich ist, und will dein Herz verbluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Setz ihn zum letzten Trunke an die Lippe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gedenke mein – Statt langsam zu verglühen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trink prometheisch trotzend Lebensgluten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wirf mit ihm ins Meer dich von der Klippe.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein prophetisch Wort für Lassalle, ein prophetisch Wort auch für Ziegler! Denn sein Los war das »langsame Verglühen«, und wie traurig ist die einst so hell lodernde Flamme erloschen!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Anfang September 1864 schrieb Ziegler an Ritter: »Der größte philosophische Kopf und unbestritten einer der größten Gelehrten, Lassalle, suchte bei mir Ruhe vor sich selbst ... Ich schreibe unter dem erschütternden Eindruck von seinem Tode. Ha! diese Mittelmäßigen jubeln, diese Juliane, die er gegeißelt; die Myrmidonen tanzen auf dem Grabe des Achilles ... Es ist aus, er ist tot, er war mir Bibliothek, Anreger, Tröster, es ist aus. Mich hat kein Mensch so geliebt wie dieser. Er war ein bildschöner, feuriger, genialer Mensch mit tausend Fehlern, ja Lastern, aber er war ein ganzer Mensch.« Und gleichzeitig schrieb Ziegler an Ruge: »Das allerschlimmste ist, daß in Deutschland das unseligste Manchestertum aufgeschossen ist. Jeder zurückgekommene Kaufmann, jeder verrottete Schiffbrüchige, jeder Kommis usw. schafft sich ein sogenanntes nationalökonomisches Kompendium an, lernt daraus einige Stichwörter, tritt in den nationalökonomischen Verein, macht die Wanderreisen mit, sucht eine Stellung bei irgendeiner Versicherungsanstalt, Bank, Eisenbahn zu erhaschen, nennt sich nun Volkswirt und präsentiert sich als solcher zur Kandidatur, wobei er predigt, daß in heutiger Zeit alle Politik dummes Zeug sei, daß mit der Pflege der materiellen Interessen die Freiheit von selbst käme, daß der Staat eine Schimäre wäre, daß es nur ein Handelsgebiet gäbe, das die Menschen realiter zusammenbände usw. Und so tritt er in die Kammer, wo eine freie Fraktion aus allen Parteien besteht, die oft den Ausschlag gibt und alle Parteidisziplin aufgelöst hat. Warum nicht? Soll es nicht eine volkswirtschaftliche Partei geben so gut wie eine katholische? Allem diesem Unwesen hat die Bildung der Progressistenpartei das Siegel aufgedrückt ... Nun sind alle Prinzipien so tief vergraben, es ist solche Verwirrung der Geister eingetreten, daß eine Entwirrung fürs erste unmöglich ist. Alles jagt nach materieller Gewalt, das heißt nach Reichtum. Zu kolossaler Höhe stapelt er sich auf, mit Leichtigkeit wird er errungen, und der Erfolg ist ein Amnestiedekret gegen jede Untersuchung.« Und so noch eine ganze Strecke weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am häufigsten schüttete Ziegler sein Herz in den Briefen an Frau Lewald-Stahr aus, doch müssen hier wenige Proben genügen. Über die Matadore des Volkswirtschaftlichen Kongresses schreibt er ähnlich wie an Ruge: »Seit zehn Jahren warnen Waldeck und ich vor diesen sogenannten ›Volkswirten‹, die sich aus verlaufenen Kaufleuten, verunglückten Literaten, gewissenlosen Gründern von Aktiengesellschaften und schopenhauerschen Philosophen hauptsächlich rekrutieren. Sie sind die Pioniere der raubsüchtigen Bourgeoisie.« Dann im Januar 1865 über eine gerichtliche Verurteilung Jacobys: »Armer, idealer Jacoby! ... Glauben Sie mir, daß, müßte ich sechs Monate sitzen, die Freude unter meinen Freunden allgemein wäre, und ich fürchte, so bescheiden anschließend sich auch Jacoby benommen, auch nicht viel Trauer um ihn ist.« Und im Januar 1866 über den Obertribunalsbeschluß in Sachen der parlamentarischen Redefreiheit: »Sie sind der einzige Depositar meiner Schmerzen. Gestern abend war Parteiversammlung; ich laufe dahin, weil ich denke, die Versammlung erfüllt, erregt zu finden von dem Tribunalsbeschluß. Entweder diese Leute sind alte Römer, von einem Gleichmut, an den Roms Senat nicht heranreicht, oder sie sind Gott weiß was. Man verhandelte ruhig über die Interpellation Wachsmuth, über die Interpellation Bonin usw. und rettete, bei brennendem Hause, nicht die Bilder der Laren, sondern ein paar alte schmutzige Unterhosen.« Und im August 1866 nach der Adreßdebatte: »Als Jacoby heute alle Ehren und Siege als nichtig darstellte, weil sie nicht im Geiste der Freiheit gewonnen, rief mir N., der hinter mir sitzt, zu: Welch maßlose Eitelkeit! Und K., der vor mir saß, drehte sich zu mir mit den Worten: Er ruiniert sich für immer! Wie dieser kleine, gebrechliche Mann weitersprach, immer ruhig, gemessen und im Tone, als diktiere er sein Testament, lief es mir über die Haut. Denn er kam mir vor wie der Prophet auf den Trümmern von Jerusalem, der alles zusammengestürzt und nichtig sieht, nur nicht den ewigen Gott, den er Wahrheit und Freiheit nennt ... Wie heute die kurze Adreßdebatte schon andeutet, wird Geldbewilligung, Indemnität und alles andere kopfüber vorwärtsgehen, und die loyalen Purzelbäume will ich nicht mitmachen. Die königliche Gnade, vereint mit dem momentanen Beifall des Volkes, werden die Segel schwellen, bis das Schifflein wieder auf der Klippe der Reaktion sitzt.« Und an dieser scheiterte denn auch der »einzige Depositar seiner Schmerzen«. Am 3. November 1870 schreibt Ziegler an Fanny Stahr: »Ich kann es nicht zum Haß auf das französische Volk bringen. Es ist ja mitten in der Revolutionsarbeit, die es für uns alle vollbringt. Heruntergebracht durch eine Reihe nichtswürdiger Könige, jetzt zwanzig Jahre gedrückt durch einen Zuchthäusler, der sich mit einer Räuberbande verbunden, die man Militär nennt, verraten, verlassen von allen, kämpft das Volk noch mit unendlicher Bravour durch seine bewaffneten Bürger. Und das Volk nennen Sie verlumpt? Fänden Sie wohl in Deutschland hunderttausend solcher Lumpen, die sich, ohne höhere Order, auf eigene Hand schlagen?« In demselben Monat sollte Ziegler durch die Eugen Richter und Genossen zu einer Felonie an Jacoby verlockt werden; man wollte diesen bei den Landtagswahlen von 1870 für seine sozialpolitischen Ketzereien strafen und Ziegler in dem Berliner Wahlkreise wählen, den Jacoby bis dahin vertreten hatte. Allein in stolz-verächtlichen Worten lehnte Ziegler ab, an eine Stelle zu treten, wo »dieser große Bürger« nicht mehr genehm sei; ein freisinniger und protestantenvereinlicher Prediger übernahm dann die traurige Rolle. Ziegler aber wurde mehr und mehr ein stiller Mann; er hat nicht, wie Jacoby, seinen ausdrücklichen Übertritt zur sozialdemokratischen Partei vollzogen; er fühlte sich abgehetzt, alt, matt, müde bis in den Tod. Aber daß er nur noch in den arbeitenden Klassen die Rettung der Nation sah, wissen alle, die ihn in seinen letzten Lebensjahren gekannt haben, wissen namentlich auch die sozialdemokratischen Abgeordneten, die mit ihm im Reichstage saßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch was hat dies mit der Lessing-Legende zu tun? Nicht weniger als alles. Denn es enthält ein gutes Stück ihrer Geschichte. Während die drei Männer, die das Lessing-Buch von Stahr aus der Taufe hoben, weil sie in den bürgerlichen Klassen noch lessingischen Geist erwecken zu können hofften, nach Erkenntnis ihres Irrtums sich den arbeitenden Klassen zuwandten, blieb das Buch selbst in den Händen der Bourgeoisie. Und wie hat sie damit gewüstet! Stahr selbst zwar, der ursprünglich ein Junghegelianer und eifriger Mitarbeiter der Hallischen Jahrbücher war, aber der gleich Ruge den Sozialismus haßte und diesen abgeschmackten Haß auch in Lessings freie Seele hineindichtete, wahrte wenigstens noch leidlich den äußeren Anstand, wie tief er auch persönlich in dem literarischen Koteriewesen der Bourgeoisie versank. Er ließ es dabei bewenden, daß er sich in der ersten Auflage Jacobys Mitarbeiterschaft gerühmt und zum Danke dafür Jacobys Namen auf das Widmungsblatt gesetzt hatte. Seine Witwe aber wütete mit loyaler Feder in dem Buche, und auf dem ersten Blatte lesen wir heute zum schnöden Gedächtnis des literarischen Byzantinismus: Seiner Durchlaucht dem Fürsten Bismarck gewidmet. Das Buch, das einst den Schatten Lessings beschwor, um die bürgerlichen Klassen zum politischen Kampf zu spornen, ist heute gut genug als geistige Stallfütterung für eine träge verkommende und jeden lessingischen Luftzug des Gedankens scheuende Bourgeoisie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ehe wir indessen diese Entwicklung weiterverfolgen, ist es notwendig, jene zweite Gestalt der Lessing-Legende auf ihren sachlichen Gehalt zu prüfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. König Friedrich und Lessing ==&lt;br /&gt;
Um den König Friedrich als einen Geistes- und Gesinnungsgenossen der bürgerlichen Klassiker und insbesondere Lessings erscheinen zu lassen, werden zunächst einige Sätze von ihm ins Treffen geführt, die als geflügelte Worte etwa so lauten. Erstens: Der Fürst ist der erste Diener des Staats. Zweitens: Ich will ein König der Armen sein. Drittens: Gazetten dürfen nicht genieret werden. Viertens: In meinen Staaten kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Da nun diese Grundsätze einerseits mit der ganzen Regierung des Königs in mehr oder minder schreiendem Widerspruche stehen, andererseits von ihm kurz vor oder gleich nach seiner Thronbesteigung geäußert worden sind, also zu einer Zeit, wo sich der furchtbare Druck löste, unter dem ihn sein Vater von Kindesbeinen an gehalten hatte, so könnte man versucht sein, sie für Ausflüsse des berufenen Kronprinzenliberalismus zu halten. Und in der Tat hält sie Carlyle dafür, der bei allem Heroenkultus doch praktischer Engländer genug ist, um von jener »hübschen Sprache« Friedrichs zu sagen: »Sie erregte bei der damaligen Welt eine Bewunderung, welche uns, die wir so lange daran und das, was gewöhnlich daraus wird, gewöhnt sind, nicht sogleich begreiflich ist.« Carlyle ließ sich in den fünfziger Jahren offenbar wenig davon träumen, daß diese unbegreifliche Bewunderung in den neunziger Jahren erst recht zur Pflicht jedes patriotischen Deutschen gemacht werden würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichwohl ist die Auffassung Carlyles unzulässig. Sie wäre nämlich für die bürgerlich-preußischen Geschichtschreiber noch viel zu günstig, für Friedrich selbst aber viel zu ungünstig. Es ist kaum nötig zu sagen, daß die wissenschaftliche Geschichtsforschung mit den preußenfeindlichen Mythologen ebensowenig zu schaffen hat wie mit den preußenfreundlichen; in Friedrich den Quell alles Bösen zu sehen, ist der entgegengesetzte Pol derselben Verkehrtheit, die in seiner Person den Quell alles Guten erblickt. Wer die Geschichte dieses Fürsten nach wissenschaftlichen Grundsätzen studiert, wird als seine namhafteste Begabung und als die wesentlichste Ursache seiner Erfolge eine Eigenschaft entdecken, die gerade den Vertretern der materialistischen Geschichtsauffassung in gewissem Sinne sympathisch sein muß, nämlich eine vollkommene Klarheit darüber, daß er in dieser Welt auch nicht einen Schritt weiter machen könne, als die ökonomischen Bedingungen gestatteten, unter denen er lebte und regierte. Nicht zwar, als ob seine ökonomischen Einsichten über seine Zeit hinausgegangen wären: Sie blieben vielmehr weit hinter ihr zurück und waren nichts weniger als genial. Nicht auch, als ob er sich über seine ökonomischen Daseinsbedingungen niemals getäuscht hätte: Er hat es oft genug getan und hat dann auch regelmäßig schwer dafür büßen müssen. Aber wie er im Siebenjährigen Kriege seinem stets verzagten Bruder Heinrich schrieb, daß derjenige siegen werde, der den letzten Taler in der Tasche haben werde, wie er die Finanzen die »Nerven« des Staats nannte und sie in seiner Beschreibung des preußischen Staats allem anderen, selbst dem Heere, voranstellte, so hat er vom ersten bis zum letzten Tage seiner Regierung an jener grundlegenden Erkenntnis festgehalten, und es ist schwer zu sagen, an welchem dieser beiden Tage sie bemerkenswerter war: ob am ersten, da er, ein noch nicht dreißigjähriger Mann, in einem Augenblick aus einem gedrückten Sklaven ein unumschränkter Despot wurde, oder am letzten, da er nach allen seinen Erfolgen und nach der nahezu fünfzigjährigen Gewöhnung an eine despotische Herrschaft sich doch nicht darüber täuschte, was er konnte und was er nicht konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgemäß wollte er mit dem Satze, daß der Fürst der erste Diener des Staats sei, sich weder einem Ideal unterwerfen, noch auch wollte er damit, wie G. Kolb meint, die Aufmerksamkeit auf sich lenken und eine wohlfeile Popularität erhaschen. Es war ihm einfach um eine freiere Verfügung über die ökonomischen Machtmittel des Landes zu tun. Denn jener Satz, der beiläufig zuerst vom Kaiser Tiberius geäußert worden ist, enthält nicht eine Beschränkung, sondern eine Erweiterung des Absolutismus. Diese höchst einfache Erkenntnis ist für den beschränkten Untertanenverstand von heute ein eleusinisches Geheimnis geworden, aber die einsichtigen Zeitgenossen Friedrichs besaßen sie deshalb nicht weniger. So schreibt Heinse in seinem »Ardinghello«: »Wie ist einer Bedienter, dem niemand befiehlt, der keinen Herrn über sich kennt, der sich nach Gutbefinden Gesetze macht und gibt und keine annimmt, nach Willkür ohne Gesetz straft?« In der Tat – wenn Ludwig XIV. sagte: Der Staat bin ich, so war damit doch immer mindestens eine moralische Verantwortlichkeit des Fürsten für den Staat anerkannt, und Ludwig XVI. hat diese Verantwortlichkeit ja auch praktisch erproben müssen. Aber wenn der Fürst sich nur zum Diener, aber zum ersten Diener des Staats macht, so heißt das in einem absolutistischen Staate: Jede Verantwortlichkeit in die leere Luft blasen. Denn man kann sich doch unmöglich zum Sklaven seines Eigentums machen, und wie sehr Friedrich den »Staat« als sein Eigentum betrachtete, geht aus seinem Testamente hervor, worin er neben seinem »Gold- und Silbergeschirr, Bibliothek, Bildergalerie usw.« auch das »Königreich Preußen« wie den ersten besten Meierhof seinem Neffen vermacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich verfolgte sehr praktische Zwecke mit der Behauptung, daß er der erste Diener des Staates sei. Er hat ihn etwa sechsmal aufgestellt, zuerst in seinem Anti-Macchiavell noch als Kronprinz. Er leitet ihn hier ein mit der Ausführung, daß es zwei Arten von Fürsten gebe: solche, die alles mit eigenen Augen sehen, die selbst ihre Staaten regieren, und solche, die sich auf die Redlichkeit ihrer Minister verlassen, die sich von dem regieren lassen, der über ihren Sinn Macht gewonnen habe. Jene sind unumschränkte Herren, gleichsam die Seelen ihrer Staaten, sie sind die ersten Wärter der Justiz, die Oberbefehlshaber der Streitmacht, die Leiter der Finanzverwaltung, kurzum, die ersten Diener des Staats; ihnen will Friedrich nacheifern. Mit diesen spielt er handgreiflich auf seinen Vater an, der in Friedrichs Jugendtragödie das blindwütende Werkzeug der österreichischen Parteigänger Grumbkow und Seckendorff gewesen war. Und überhaupt, ein wie wunderlicher Tyrann Friedrich Wilhelm I. gewesen sein mochte, so hatte er doch der von ihm begünstigten und eigentlich überhaupt erst geschaffenen Beamtenklasse einen mehr oder minder starken Anteil an der Regierung eingeräumt, den Friedrich als das letzte Hindernis eines aufgeklärten Despotismus verabscheute und demgemäß zu beseitigen trachtete. Ob ihm das wirklich gelang, und ob nicht doch der Vater der aufgeklärtere Despot von beiden war, das ist eine Frage, über die wir uns weiterhin noch verbreiten müssen. Hier kommt es nur darauf an, was Friedrich beabsichtigte. Er strebte darnach, alle Beamte zu willenlosen Vollstreckern seines despotischen Willens zu machen, und der Satz vom Fürsten als dem ersten Diener des Staats war der Gedanke zu seiner Tat. Er ist sich darin stets treu geblieben. Vierzig Jahre nach dem Anti-Macchiavell schreibt er, daß der Herrscher zwar ein »Mensch« sei »wie der geringste seiner Untertanen«, aber zugleich »der erste Richter, der erste Finanzmann, der erste Minister der Gesellschaft«. Als solcher habe er das gleiche Interesse mit dem Volke, was man von einer Aristokratie der Generale und Minister, denen er sich überlasse, keineswegs behaupten könne.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Essai sur les formes du gouvernement et les devoirs des souverains [Versuch über die Herrschaftsformen und die Pflichten der Herrscher]. Œuvres, 9, 200, 208; Ausgabe der Akademie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Friedrich hat denn auch ganz ohne das höhere Beamtentum regiert; er sah die Minister amtlich überhaupt nur einmal im Jahre bei der sogenannten »Ministerrevue« im Juni; er verfügte alle Regierungshandlungen selbständig von seinem Kabinett aus, wobei ihm zur Erledigung des Lese- und Schreibewerks drei sogenannte Kabinettsekretäre dienten, die er fast durchweg aus subalternen Schreibern wählte und zu einem Leben von mönchischer Einsamkeit verdammte oder gar, wie ein fremder Diplomat sagte, als Staatsgefangene bewachen ließ.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Etwas anders steht es mit dem »Könige der Armen«, denn eine urkundliche Bezeugung dieses geflügelten Worts liegt überhaupt nicht vor. Es ist auch nicht an dem, was Herr v. Treitschke versichert: »Die menschlichste der Königspflichten, die Beschützung der Armen und Bedrängten, war für die Hohenzollern ein Gebot der Selbsterhaltung; sie führten mit Stolz den Namen ›Könige der Bettler‹, den ihnen Frankreichs Hohn ersann.«&amp;lt;ref&amp;gt;Treitschke, Deutsche Geschichte, 1, 44.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jene »menschlichste der Königspflichten« war für Friedrich, der bekanntlich nicht die »Armen und Bedrängten«, sondern die Reichen und die Bedrängenden, das will sagen die Klasse der junkerlichen Großgrundbesitzer, mit unaufhörlichen Unterstützungen aus der Staatskasse und den ausschweifendsten Vorrechten überschüttete, überhaupt kein Begriff, und nun gar »Frankreichs Hohn« hat mit der Sache aber auch wirklich gar nichts zu tun. Sie hängt vielmehr so zusammen, daß Friedrich einige Monate vor seiner Thronbesteigung an der Tafel des Herzogs von Braunschweig in Berlin die Äußerung tat: »Wenn ich dereinst auf den Thron gelange, so werde ich ein wahrer König der Bettler sein.«&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Weber, Aus vier Jahrhunderten, Neue Folge, 1, 142. Quand je viendrais un jour au trône, je serais un vrai roi des gueux. So lautete die Äußerung Friedrichs nach dem von Weber aus den Dresdener Archiven mitgeteilten Berichte des in Berlin lebenden ehemals sächsischen Ministers Manteuffel an den Minister Brühl. Die Berichte Manteuffels enthalten viel diplomatischen und höfischen Klatsch, so daß sie kein einwandfreies Zeugnis für jenes Wort Friedrichs bilden, aber ein Schelm gibt mehr, als er hat, und irgendwo anders ist der roi des gueux überhaupt nicht bezeugt.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit er entweder wirklich einen gewissen Weg mit einem guten Vorsatze pflasterte, oder aber – was wahrscheinlicher ist – der das Volk ausbeutelnden Finanzkunst seines Vaters einen Stich versetzen wollte. In diesem Sinne faßte der Vater selbst die Äußerung auf, als sie ihm hinterbracht wurde; sie erregte in ihm den letzten Wutanfall gegen den Sohn. Sollte sie übrigens so gemeint gewesen sein, so ist sie praktisch gleichfalls ohne allen Belang geblieben, denn Friedrich ließ es bei der Finanzmethode Friedrich Wilhelms I. bewenden, nur daß er sie nach dem Siebenjährigen Kriege noch unendlich viel drückender machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kommen die Gazetten, die nicht genieret werden sollen. Hierbei spielte sich ein kleines Intermezzo der auswärtigen Politik ab; Friedrich wollte sich eine Waffe mehr gegen die anderen europäischen Mächte sichern. Dieser Zusammenhang geht unzweideutig aus der urkundlichen Quelle des geflügelten Worts hervor, einem Schreiben des Kabinettsministers Grafen Podewils vom 5. Juni 1740, dem sechsten Regierungstage Friedrichs. Es lautet: »Se. Königl. Majestät haben mir nach aufgehobener Tafel allergnädigst anbefohlen, des Königl. Etats- und Kriegsministers Herrn v. Thulemeyer Exzellenz in Höchstdero Namen zu eröffnen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit gelassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von Demjenigen, was anitzo hierselbst vorgeht, zu schreiben, was er will, ohne daß solches zensirt werden soll, wie Höchstderoselben Worte waren, weil solches Dieselben divertire, dagegen aber auch sodann fremde Ministri sich nicht würden beschweren können, wenn in den hiesigen Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zu regeriren, daß der ...sche Hof« (vermutlich ist zu ergänzen: der österreichische) »über dieses Sujet sehr pointilleux wäre, Se. Maj. erwiderten aber, daß Gazetten, wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müßten.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, Friedrich der Große, 3, 251 f.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es handelte sich also bei dieser glorreichen »Preßfreiheit« um nichts als um einen alten und freilich ewig neuen diplomatischen Kniff, um die Möglichkeit, auswärtigen Mächten allerlei unangenehme Dinge sagen und dabei doch die Hände in Unschuld waschen zu können. Daneben blieb das strenge, von Friedrich immer wieder – so am 21. März 1741 und am 7. Juni 1746 – eingeschärfte Verbot bestehen, daß »in publicis nichts ohne höhere Erlaubnis gedruckt werden dürfe«; jede Kritik der Regierung und Verwaltung, ja »jede Erörterung der öffentlichen Verhältnisse galt für durchaus unstatthaft« (Preuß). In dem politischen Teile der damaligen Berliner Zeitungen findet man nichts als Nachrichten von Feuersbrünsten, Erdbeben, Mißgeburten, wie eine Algierische Schebecke ein Maltesisches Schiff genommen, und dergleichen mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn auch über den »Artikel von Berlin« wurde schon im Dezember 1740 die Zensur wieder verhängt, angeblich wegen »Mißbrauchs der Freiheit«, tatsächlich wohl, weil Friedrich, als er Berlin verließ, um in Schlesien einzufallen, die Waffe, die er selbst nicht mehr führen konnte, in den damaligen Zeitläuften nicht andern Händen überlassen mochte. Aber gleichviel, ob dem so oder anders war: In jedem Falle hatte die ganze Herrlichkeit von sogenannter »Preßfreiheit« gerade nur ein halbes Jahr gedauert, was am Ende auch noch das Beste an ihr war. Grundsätzlich hat sich Friedrich stets als ein Gegner der Preßfreiheit, als ein Anhänger der Zensur bekannt, selbst an Stellen, an denen er sonst gern seine freisinnigste Seite herauskehrte, wie in seinem literarischen Briefwechsel mit französischen Schriftstellern. So schreibt er am 7. April 1772 an d&#039;Alembert, man müsse in den Büchern alles unterdrücken, was die allgemeine Sicherheit und das Wohl der Gesellschaft gefährde, welche die Verspottung nicht ertrage. Es ist auch wohl kaum nötig zu sagen, daß die Anekdote von der Karikatur auf den König, die Friedrich »niedriger hängen« ließ, damit sie bequemer gesehen werden könne, nach Nicolais Zeugnis eine »leere Sage« ist, ein »Stadthistörchen, wie dergleichen bei Hunderten in Berlin und in allen andern großen Städten« umzugehen pflegen.&amp;lt;ref&amp;gt;Freimütige Anmerkungen über des Herrn Ritters v. Zimmermann Fragmente, 2, 220.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am Abend seines Lebens, in einer Kabinettsorder vom 14. Oktober 1780, huldigte der König dann noch der Preßfreiheit in seiner besonderen Weise, indem er den Kriegsdienst als Strafe »wegen unbefugter Schriftstellerei, Aufwiegelung der Untertanen und dabei verwirkter grober Plackereien« verhängte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tatsächlich aber gibt es keinen klassischeren Zeugen gegen das friderizianische Preßsystem als gerade Lessing. In der bittersten Armut seiner jungen Jahre war es ihm nicht gut genug, eine politische Zeitung in Berlin zu redigieren unter einer jede selbständige Äußerung unterdrückenden Zensur, und in seinen reiferen Jahren hat er bekanntlich die »Berlinische Freiheit zu denken und zu schreiben« mit bitteren Worten beschränkt »einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte zu bringen, als man will, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man darf nicht übersehen, daß dabei der Nachdruck noch obendrein auf den »Sottisen« ruht. Herr Erich Schmidt macht ein großes Aufheben davon, daß Friedrich den »anrüchigen«, den »verachteten« Freigeist Edelmann ruhig in Berlin habe leben und sterben lassen. Das ist auch ganz richtig; nur hätte Herr Schmidt doch lieber einem ehrlichen Manne nicht noch nach dem Tode die Ehre abschneiden sollen, um eine Gloriole um Friedrichs sogenannte »Toleranz« zu weben. »Anrüchig« und »verachtet« war Edelmann höchstens bei den Zeloten des Berliner Aufklärichts, sonst war er, wie Geiger ihn treffend nennt, ein »Aufklärer vor der Aufklärungszeit«, ein gar nicht unwürdiger Vorläufer von Reimarus und in gewissem Sinne selbst von Lessing. Die »verächtlichen Anspielungen«, die Lessing nach Herrn Schmidt auf Edelmann gemacht haben soll, beschränken sich in der Tat darauf, daß der blutjunge Lessing in einem Brief an seinen Vater beiläufig sagt, gegen Lamettrie sei Edelmann noch ein Heiliger: In reiferen Jahren kann Lessing unmöglich »verächtlich« von einem Manne gedacht haben, der trotz mancher Schwarmgeisterei unerschrocken in Spinoza seinen Meister pries, der alle geoffenbarten Religionen für unmöglich erklärte, aber die Stifter von Religionen gegen den Vorwurf des Betruges verwahrte, der in dem Vorworte seines bedeutendsten, 1747 erschienenen Werks höchst lessingisch schrieb, nicht Frevel oder Mutwille drücke ihm die Feder in die Hand, sondern die Liebe zur Wahrheit, ob er schon wisse, daß denen, die die Wahrheit geigten, der Fiedelbogen um den Kopf geschlagen zu werden pflege.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Duldung, die Friedrich dem verfolgten Manne gewährte, hatte nun aber auch sehr ihre zwei Seiten. Der König scheint ihn für einen harmlosen Schwärmer genommen zu haben; er hat ihn persönlich nicht behelligt, obgleich er ihm eine ausdrückliche Zusicherung seines Schutzes versagt haben soll.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Kleist an Gleim, Potsdam den 23. Juli 1747: »Herr Edelmann, der Epikureer, ist hier gewesen und sucht beim Könige Schutz in seinem Lande wider] die Nachstellungen der Geistlichen; er hat sich aber unverrichtetersache wegmachen müssen.« Ewald v. Kleists Werke, 2, 82; Ausgabe von Hempel.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber sonst gab er ihn seinen Verfolgern einfach preis. Der Propst Süßmilch nämlich, ein Mitglied der Akademie und ein auf dem Gebiete der Bevölkerungsstatistik sonst nicht unverdienter Schriftsteller, fiel in einer wütenden Schmähschrift – »halb Denunziation, halb Schimpfwörterlexikon« nennt sie Geiger – über den »berüchtigten Edelmann« her, und als ein anderes Mitglied der Akademie, der Chemiker Pott, sich in einer anonymen Gegenschrift Edelmanns annahm, schickte der König den Drucker dieser Schrift, den jungen Rüdiger, einen Freund Lessings, für sechs Monate auf die Festung nach Spandau, weil er, wie Sulzer an Gleim schrieb, die »christliche Religion und ihre Herolde angegriffen« hatte. Obendrein erklärte Friedrich in einem besonderen Edikte vom 14. April 1748, er werde in ähnlichen Fällen keine Begnadigung eintreten lassen. Im Jahre 1743 hatte er bereits ein paar rationalistische Abhandlungen des Gottschedianers Gebhardi verbieten lassen, und als dann der Gottschedianer Mylius, der bekannte Jugendfreund Lessings, in einer von ihm herausgegebenen Wochenschrift die Berliner Schulmeister beleidigt haben sollte, erschien »wegen verschiedener skandaleuser, teils wider die Religion, teils wider die Sitten anlaufender Bücher und Schriften« das allgemeine Zensuredikt vom 11. Mai 1749, das auch die theologischen Schriften einer Zensur unterwarf und den – Propst Süßmilch zum theologischen Zensor bestellte. Dies Edikt blieb bis zu Friedrichs Tode in Gültigkeit. Bekanntlich wurde dann auch den Fragmenten eines Ungenannten, als Lessing sie in Berlin herausgeben wollte, von der theologischen Zensur das Plazet verweigert, nicht zwar von dem inzwischen gestorbenen Süßmilch, aber von Teller, dem »aufgeklärtesten« der Berliner Theologen, der obendrein, als Lessing in Braunschweig wegen der Anti-Goeze gemaßregelt wurde, aus freien Stücken diese fliegenden Blätter einer klassischen Polemik für »nicht zensierbar« in Berlin erklärte. Man sieht also, daß man die »Sottisen gegen die Religion«, auf die Lessing die Berlinische Gedanken- und Redefreiheit beschränkte, im sottisenhaftesten Sinne des Worts nehmen muß: Ernsthafte Untersuchung religiöser Grundsätze, selbst wenn sie von Gottscheds bescheidenem Standpunkt ausging, wurde unter Friedrich gar sehr »geniert«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind wir zur Religionspolitik Friedrichs und zu dem berühmtesten seiner geflügelten Worte gelangt. In dem Satze: »Alle Religionen müssen toleriert und jeder muß nach seiner Fasson selig werden«, erblickt Stahr den »Grundgedanken des Nathan«, und wer weiß wie viele haben ihm diese Weisheit gläubig nachgebetet. Man könnte sich wundern, daß Stahr und seine Gefolgschaft nicht lieber eine andere, zu gleicher Zeit von Friedrich über die gleiche Frage erlassene Kabinettsorder anziehen, die der Parabel von den drei Ringen noch viel näherkommt. Auf das Ansuchen eines Katholiken nämlich um das Bürgerrecht in Frankfurt a. O. antwortete Friedrich: »Alle Religionen sind gleich gut, wenn nur die Leute, so sie profitiren, ehrliche Leute sein, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peupliren, so wollen wir sie mosqueen und Kirchen bauen.«&amp;lt;ref&amp;gt;Koser, König Friedrich der Große, 1, 13.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da wäre ja schon so etwas wie die drei Ringe, aber – der verzweifelte Satz »und wollten das Land peupliren« hindert die Entwicklung dieser Kabinettsorder zu einer patriotischen Fabel. Friedrich wollte sein armes und dünn bevölkertes Land »peupliren«, um Rekruten für sein Heer und Steuern für seine Kassen zu bekommen, und da waren ihm Christen, Türken, Heiden und – wenigstens für den finanziellen Zweck – auch Juden höchst willkommen; er gewährte ihnen ohne weiteres öffentliche Anerkennung ihres Gottesdienstes und Schutz der Glaubensfreiheit. Aber deshalb hat er all sein Lebtag an eine Gleichstellung der religiösen Bekenntnisse im bürgerlichen Leben auch nicht im Traume gedacht; nichts hat ihm durch seine ganze Regierungszeit ferner gelegen, als den Juden, den Heiden, den Mohammedaner dem Christen, ja auch nur den Katholiken dem Protestanten gleichzustellen, wie es Locke in seinem Buche über die Toleranz und nach ihm die ganze bürgerliche Aufklärung verlangte. Man kann sogar nicht behaupten, daß sein persönlich freigeistiger Standpunkt bei der Bevölkerungspolitik irgendwie ins Spiel gekommen ist. Denn daß einerseits er selbst den Nutzen der Konfessionen für seine besondere Regierungskunst gar wohl zu erkennen wußte, andererseits aber schon sein strenggläubiger Vater »jeden nach seiner Fasson selig werden ließ«, beweist gerade die Entstehungsgeschichte dieses geflügelten Wortes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die protestantische Geistlichkeit hielt nämlich die Thronbesteigung Friedrichs für eine passende Gelegenheit, um mit den von Friedrich Wilhelm I. für Soldatenkinder eingerichteten römisch-katholischen Schulen aufzuräumen. Sie erbat vom Könige die Beseitigung dieser Schulen, indem sie sich auf einen Bericht des Generalfiskals Uhden berief, der ihre geistlichen Lehrer einer unerlaubten Propaganda bezichtigte. Friedrich schrieb aber an den Rand der Eingabe: »Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben, das keine der andern abrug Tuhe, den hier mus ein Jeder nach seiner Faßon Selich werden.«&amp;lt;ref&amp;gt;Preuß, 1, 138.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser »Grundgedanke des Nathan« besteht also in der Aufrechterhaltung einer Einrichtung, die Friedrich Wilhelm I. getroffen hatte. Das heißt: ein Fürst von dem beschränktesten Kirchenglauben, der selbst vor argen Mißhandlungen seines ältesten Sohns, eben des späteren Königs Friedrich, nicht zurückscheute, weil dieser über irgendeinen subtilen Lehrbegriff des Calvinismus anders dachte, als er nach dem väterlichen Willen denken sollte.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Es handelte sich um die »Prädestination« Calvins. In der »Historischen Zeitschrift«, 69, 475, sind nicht weniger als vierzehn weitschweifige Aktenstücke über die Sache veröffentlicht. Der Generalauditeur mußte den Hofprediger Andreä »scharf« darüber verhören, wer dem Kronprinzen die »Principia des verteufelten und seelengefährlichen Particularismi inspirirt« habe. Auch die Gouverneure des Prinzen, Finckenstein und Kalckstein, wurden darüber vernommen. Weil Friedrich an die »göttliche Gnadenwahl« glaubte, schrieb sein Vater von ihm in Kabinettsordern an verschiedene Beamte: »Der Schelm, der zu Kustrin sitzet«, »will der Bösewicht zum Teufel fahren, so fahre er dahin«, »ewig, ewig, ewig zum Teufel verdammt, da ist kein Pardon.« Friedrich widerrief schließlich.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotzdem richtete aber Friedrich Wilhelm I. nicht allein römisch-katholische Schulen für Soldatenkinder ein, sondern unterhielt in der Stadt Brandenburg auch einen russischen Popen für die russischen Soldaten seines Heeres; ja, er gestattete diesen, wo immer sie standen und auf die Gefahr der sonst wie die Pest gescheuten Desertion hin zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse die Reise nach Brandenburg, die denn auch wirklich einmal von zwanzig kostspielig erworbenen Russen aus dem in Halle garnisonierenden Regimente des alten Dessauers zur Desertion benutzt wurde.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 5, 190&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist darnach kaum noch nötig, ausdrücklich auszusprechen, daß, was Stahr und seine Nachbeter für den »Grundgedanken des Nathan« halten, nichts anderes als das erste Gebot des preußischen Militärstaats war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die an sich schon schwierige und umständliche Werbung ausländischer Rekruten wäre ganz unmöglich geworden, wenn der Widerstand der Regierungen und der Bevölkerungen noch in dem Widerstande der Kirchen einen Rückhalt gefunden hätte. Für Preußen fiel dieser Umstand um so schwerer ins Gewicht, als es sein hauptsächlichstes Werbegebiet in den geistlichen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands hatte, während es doch für die römische Kurie der ausgeprägteste Ketzerstaat war, nicht zwar, wie es liebedienerische Geschichtsschreiber darstellen, wegen der ausgeprägten »protestantischen Gesinnung der Hohenzollern«, wohl aber, weil das eigentliche Königreich Preußen, die heutige Provinz Ostpreußen, säkularisiertes Ordensland, ein der katholischen Kirche geraubtes Besitztum war. Der Militärstaat Preußen hatte den dringlichsten Anlaß, die katholische Kirche wie ein rohes Ei zu behandeln; für ihn handelte es sich dabei einfach um Sein oder Nichtsein. Friedrich war sich darüber vollkommen klar. Wie er die katholischen Soldatenschulen vor protestantischen Anfeindungen schützte, so verbot er den protestantischen Feldpredigern in ihrer Vokation jeden Angriff auf den Katholizismus, so sorgte er in den Dienstreglements der einzelnen Regimenter für den regelmäßigen Gottesdienst der katholischen Soldaten, so ordnete er an, daß in den Feldlazaretten immer auch ein katholischer Geistlicher zugegen sein müsse, um den Angehörigen seiner Konfession mit religiösem Troste beistehen zu können, so ließ er im Jahre 1751 den »Heiligen Vater« durch Algarotti wissen, daß die Katholiken in seinen Staaten nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt würden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dazu kam noch ein sehr wichtiger Gesichtspunkt der Militärpolitik, der den König vollends bewegen mußte, jeden nach seiner Fasson selig werden zu lassen. In den Söldnerheeren war trotz der äußersten Wachsamkeit und der blutigsten Kriegsartikel die Desertion niemals auszurotten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Nach dem Militärwochenblatte, Jahrgang 1891, S. 1034, desertierten von 1713 bis 1740 nicht weniger als 30 216 Mann, eine Zahl, die nahezu gleichkommt der Etatsstärke des Jahres 1712. Friedrich selbst mußte trotz der furchtbaren, über die Desertion und den Desertionsversuch verhängten Strafen in den ersten zehn Jahren seiner Regierung fünf Generalpardons für Deserteure erlassen. Und das waren noch verhältnismäßig günstige Jahre; in und nach dem Siebenjährigen Kriege nahm die Desertion ganz gewaltig zu. Jähns, Geschichte der Kriegswissenschaften, 3, 2221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen ein so hartnäckiges Übel waren denn auch religiöse Mittel nicht zu verachten; in den Dienstreglements wurde befohlen, daß die »Bursche Gott fürchten«, daß sie sonntäglich zweimal in die Kirche geführt werden und »allezeit stille mit Andacht Gottes Wort hören« sollten. Allein, wenn dadurch ein Erfolg erzielt werden sollte, so mußte den »Burschen« namentlich die »Heiligkeit« des Fahneneids durch einen Geistlichen ihrer »Fasson« eingepaukt werden. In dieser Beziehung ist es bezeichnend sowohl, daß Friedrich von allen Geistlichen am höchsten die Jesuiten mit ihrer strammen Disziplin schätzte, als auch wie er an einem Priester dieses Ordens einen Zweifel an der »Heiligkeit« des Fahneneides strafte. »Ich habe in allen Rücksichten nie bessere Priester als die Jesuiten gefunden«, ließ Friedrich dem Papste Clemens XIV. nach der Aufhebung des Jesuitenordens durch seinen römischen Geschäftsträger sagen, und er behielt die Jesuiten ohne ihr Ordensgewand als »Priester des königlichen Schulinstituts« in seinen Landen bei, was die liberalen Jesuitenfresser und Kulturpauker von heute ja wohl »friderizianische Tradition« nennen. Aber als ein wiederergriffener Deserteur aussagte, der Jesuitenpater Faulhaber in Glatz habe ihm auf seine Anfrage in der Beichte erklärt, die Desertion sei zwar eine große Sünde, aber doch keine Sünde, die niemals vergeben werden könne, da ließ Friedrich diesen Priester ohne Verhör und Urteil, ja auf seinen ausdrücklichen Befehl ohne Beichte neben einem schon seit einem halben Jahre faulenden Deserteur an dem Spionengalgen hängen.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Als der Dominikaner-Vikarius zu Neiße im Jahre 1767 einige Kandidaten zur Seelsorge für die Neißer Garnison zuzuziehen wünschte, entschied Friedrich: »Bey der Garnisson können Sie gebraucht werden, aber verführen Sie die Soldaten zur desertion, mus sich der Vicarius gefallen lassen, daß sie gehangen werden.« Der Wert, den Friedrich auf die Religion als militärisches Disziplinarmittel legte, ist übrigens sehr begreiflich, wenn man erwägt, daß ihm selbst alle moralischen Mittel fehlten, sein »Heldenheer« an seine Fahnen zu fesseln. Wie sehr sie ihm fehlten, zeigt folgender Brief, den er im Bayrischen Erbfolgekrieg aus dem Lager bei Lauterwasser an den General Tauentzien richtete: »Ich trage Euch hierdurch auf, durch die Officiers unter die Regimenter ausbringen zu lassen, die Österreichische Deserteurs hätten hier ausgesagt, daß kein Tag vorbeiginge, wo die Österreicher nicht 10 bis 12 Kerls alle Tage todt prügelten und die sie kaum mahl begrüben: Imgleichen hätten sie von den Deserteurs, die von uns herüber gekommen, ein Hauffen, die sie in Frankfurt am Main angeworben und die sie wieder erkannt, weil sie nicht bei ihnen Dienste genommen, aufhängen lassen. Ihr habt demnach dieses so anzustellen, daß die Officiers davon unter sich öffentlich sprechen, daß die Bursche solches hören, und sie von der Desertion ein Bisgen abgeschreckt werden.« Das naive Mittel half aber nicht einmal »ein Bisgen«, die »Bursche« liefen nach wie vor. in »Hauffen« zu den Österreichern über.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verächtlicher in Glimpf wie in Schimpf behandelte Friedrich die evangelischen Geistlichen. Er benutzte sie, wie die katholischen, für seine Militär- und Schulzwecke, um Heer und Volk in Demut, Gehorsam und Unwissenheit zu erhalten, aber er schätzte die Erfolge ihrer Wirksamkeit viel geringer ein, und wenn diese jämmerlich besoldeten Leute einmal eine kleine Gehaltserhöhung oder sonstige Aufbesserung ihrer Lage verlangten, so pflegte er sie mit einer Anweisung auf den »Duhm von Neuen Jerusallem« oder einem Hinweise auf die »Apostelen«, die auch umsonst gepredigt hätten, kurzum, mit Scherzen abzuspeisen, die Lessing dann jawohl mit Recht »Sottisen gegen die Religion« genannt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bietet die Religionspolitik Friedrichs äußerlich ein widerspruchvolles Bild, innerlich hängt sie aber in vollkommen logischer Weise mit den damaligen Existenzmöglichkeiten des preußischen Staats zusammen. Die Entstehung dieses Staats setzte ihn in den schroffsten Gegensatz zu der katholischen Kirche, und so ließ Friedrich zu den bürgerlichen Staats-, ja auch zu den wichtigsten Gemeindeämtern nur Protestanten zu. Aber die Erhaltung des Staats zwang ihm eine Bevölkerungs- und Militärpolitik auf, deren erste Voraussetzung die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, ja bis zu einem gewissen Grade die Bevorzugung der katholischen Kirche war. Und als Stützen seines Despotismus waren ihm die Jesuiten lieber als jede andere Priesterschaft. In alles das aber spricht seine persönliche Freigeisterei auch nicht das leiseste Wörtlein mit hinein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das alles nun aber – was hat es mit Nathan, was hat Friedrich mit Lessing zu schaffen? Ungefähr ebensoviel oder sogar noch viel weniger als Kaiser Wilhelm II. mit Lassalle und Marx. In einem immerhin beschränkten Sinne tritt eine gewisse Analogie zwischen den Anfängen Friedrichs und des gegenwärtigen Kaisers hervor. Der Fürst ist der erste Diener des Staats: Entlassung Bismarcks. Roi des gueux: Februarerlasse. Gazetten dürfen nicht genieret werden: Aufhebung des Sozialistengesetzes. Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden: Preußischer Volksschulgesetzentwurf. Friedlich-schiedliche Trennung der Konfessionen, aber jeder Konfession in ihrem Bereiche die geistige Herrschaft über die Volksmasse: Das ist echt friderizianische Politik. Aber sieht man hievon und auch von dem ersten Punkte ab, so wird man anerkennen müssen, daß die Februarerlasse und die Aufhebung des Sozialistengesetzes sich zu dem Tafelwitze von dem roi des gueux und der Nachtischrede von den nicht zu genierenden Gazetten, was die Antriebe und die Zwecke der beiden Fürsten anbetrifft, verhalten wie der Chimborasso zum Kreuzberge. Gleichwohl – wer heute den Kaiser Wilhelm II. einen »Mitarbeiter und Mitstreiter seiner großen Zeitgenossen« Lassalle und Marx nennen wollte, würde der Pflege eines Irrenarztes anvertraut werden, vorausgesetzt, daß er nicht wegen Majestätsbeleidigung die vier Wände einer Festungszelle beschreien müßte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber es ist nicht nur ebenso widersinnig, sondern – wegen des eben hervorgehobenen Unterschieds – noch viel widersinniger, Friedrich und Lessing als Geistes- und Gesinnungsgenossen hinzustellen. Sie hatten nicht nur nichts miteinander gemein, sondern sie vertraten die denkbar schärfsten Gegensätze ihrer Zeit, und zwar – als die begabtesten Vertreter ihrer Klassen – in denkbar schärfster Weise. Friedrich verachtete aus tiefster Seele die »Roture«, deren Vorkämpfer Lessing war, und stieß eigenhändig mit seinem Krückstocke jeden Bürgerlichen aus den Reihen seiner Offiziere. Lessing aber erblickte voll herbster Abneigung und Mißachtung und in völliger Übereinstimmung mit seinen Geistesgenossen, den geborenen Preußen Herder und Winckelmann, in dem friderizianischen Staate das »sklavischste Land in Europa«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Der brandenburgisch-preußische Staat ==&lt;br /&gt;
In viel ernsterer und tieferer Weise als Stahr zieht Lassalle die Parallele zwischen Friedrich und Lessing. Er hebt ausdrücklich den schroffen Gegensatz hervor, der zwischen ihnen nach Bildung und Geschmack, nach Neigung und Richtung bestand, und er meint nur, daß sie »einen und denselben Zeitgedanken in der so verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklicht« haben. Dieser Zeitgedanke soll darin bestehen, eine versteinerte Wirklichkeit zu neuem Leben, zu neuem Recht erweckt zu haben. Der Kampf um Schlesien war nach Lassalle »kein Krieg im gewöhnlichen Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage handelte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten gehören solle, er war eine – Insurrektion, welche der Marquis von Brandenburg gegen die Kaiserfamilie, gegen alle Formen und Überlieferungen des deutschen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des europäischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er durchkämpfte wie ein echter, auf sich gestellter Revolutionär, das Gift in der Tasche«. Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung seines Kampfes aus lasse sich der Zauber begreifen, den die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten und trotz der Greuel und Lasten des Krieges ausgeübt habe. Ebendaher seien auch die Reformen Friedrichs im Innern entsprungen; wenn die zum Bewußtsein gekommene Überlegenheit des Subjekts über die Welt seiner Überlieferungen zum Prinzipe proklamiert worden sei, auf welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern des Staates und der Verwaltung durchführen. Aber, so fährt Lassalle dann weiter fort, alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit bleibe selbst äußerlich und verlaufe im Sande, wenn es dem Geiste nicht gelinge, ebensosehr mit der historisch überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm aufzubauen. Und hiezu habe die Geschichte Lessing erfunden, worauf Lassalle zur nähern Würdigung Lessings übergeht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist leicht zu erkennen, daß der Vergleich, den Lassalle zwischen Friedrich und Lessing zieht, aus seiner ideologisch-hegelianischen Geschichtsauffassung entspringt. Diese Auffassung erwuchs ihm aus tiefen und umfassenden Arbeiten; man darf sagen, daß sie das bestimmende Moment seines Geistes war, daß sie seine geschichtliche Wirksamkeit ebenso kräftigte und stärkte wie auch wieder beschränkte und schwächte. Ohne den felsenfesten Glauben an die Macht der Idee als die oberste Lenkerin der menschlichen Geschicke würde Lassalle nicht die gewaltigen Leistungen vollbracht haben, die er tatsächlich vollbracht hat, würde aus seinen Reden und Schriften nicht jenes Feuer schlagen, das auch da noch erleuchtet und erwärmt, wo man mit dem Inhalt nicht mehr einverstanden sein kann. Aber die ideologische Geschichtsauffassung selbst ist, in erster Reihe durch die Arbeiten von Marx, lange überholt worden, und vieles, was Lassalle aus ihr heraus dargelegt hat, bedarf der sachlichen Ergänzung und Richtigstellung. Nur daß man, wenn die Sache nicht um der Person willen vernachlässigt werden darf, um der Sache willen nicht der Person zu nahe trete. Es ist heute ebenso leicht, einzelne Irrtümer Lassalles klarzustellen, wie es vor dreißig Jahren schwer war, auf der geistigen Höhe Lassalles zu stehen. Nicht mit Unrecht zog ihn das Gefühl einer inneren Wahlverwandtschaft zu Männern wie Hutten und Lessing; er gehört in die Reihe jener großen Anreger, Befreier, Kämpfer, denen der Kampf auch wohl einmal das Ziel des Kampfes war und denen gerade Lessing manch tiefes Wort kongenialen Verständnisses gewidmet hat. So jenem spanischen Gelehrten, »der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinausdachte und kühn genug war, neue Wege zu bahnen«; man werde auch von seinen Irrtümern nicht anders als gut urteilen können; er vergleiche ihn übrigens einem mutigen Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlage, als wenn es stolpere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So auch wird man durch Lassalles Wort von der »revolutionären Insurrektion« Friedrichs und durch das, was er sonst über diesen König äußert, auf einen ungleich größeren Zusammenhang der Lessing-Legende geführt als selbst durch die »berühmte Stelle« Goethes, geschweige denn ihre sonstigen Bestandteile. Es ist notwendig, wenigstens in den allgemeinsten Umrissen den Charakter des brandenburgisch-preußischen Staates festzustellen und einige Blicke auf Friedrichs Rechtspflege und Verwaltung, seine Diplomatie und Kriegführung zu werfen, um aus alledem ein Urteil darüber zu gewinnen, ob seiner Wirksamkeit ein »revolutionäres« Element beizumessen ist, ob er irgendwie und irgendwo »neues Leben, neues Recht« angebahnt hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Lassalle meint, Friedrich habe in »revolutionärem« Entschlusse die versteinerten Ordnungen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zertrümmert, und er fügt hinzu, daß der Kaiser nach dem Hubertusburger Frieden im Jahre 1763 der Sache nach ganz ebensogut hätte die Krone niederlegen können, wie er es bei Stiftung des Rheinbundes im Jahre 1806 wirklich tat. Das ist nicht falsch, aber auch nicht so richtig, als wenn man sagt, Kaiser und Reich seien tatsächlich schon 1648 abgedankt worden. Denn der Westfälische Friedensschluß verkündete »der deutschen Stände Libertät«, die Landeshoheit der deutschen Teilfürsten, und das war um so entscheidender, als der Dreißigjährige Krieg an dem Versuche des damaligen Kaisers entbrannt war, ein einheitliches Reich wiederherzustellen. Wollte man die Worte pressen, so ließe sich sogar behaupten, gerade Friedrichs Politik habe der Reichsverfassung wieder eine Art gespenstigen Lebens eingehaucht. Er führte namentlich den zweiten Krieg um Schlesien angeblich für Kaiser und Reich gegen den Despotismus Österreichs, für den rechtmäßig gewählten Kaiser Karl VII. gegen die Rebellion der Königin von Ungarn, und die Bemühungen um den Fürstenbund, die seine letzten Lebensjahre erfüllten, gingen vom Boden der Reichsverfassung aus. Immerhin hieße das mehr auf die Form als auf die Sache sehen. Es beweist nur so viel, daß Friedrichs dynastische Politik auch mit so schemenhaften Faktoren, wie Kaiser und Reich damals waren, trefflich zu rechnen wußte: Ihrem Wesen könnte sie deshalb doch diese Schemen noch schemenhafter gemacht haben. Und das hat sie freilich auch getan, nur nicht durch einen »revolutionären« Entschluß, sondern auf dem Wege einer geschichtlichen Entwicklung, die tief in die Jahrhunderte zurückgreift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist ein bürgerlicher Schriftsteller, der in einer Schilderung der Hansa schreibt: »Auf keinem Gebiete irdischer Interessen wird der Unterschied zwischen Oberdeutschen und Niederdeutschen so bemerkbar als in der Tätigkeit, welche nationale Schranken mehr als jede andere zerbricht. Mittelmeer und Nordmeer, Landhandel und Seehandel, Fabrikant und Kaufmann, Goldwährung und Silberwährung stehen im Verkehre der Ober- und Niederdeutschen gegeneinander.«&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder aus der deutschen Vergangenheit, 2, 232.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Unterschied verhinderte, daß in Deutschland wie in Frankreich, England, Spanien aus dem Verfalle des feudalen Reichs ein nationaler Staat entstand. Sobald sich aus der mittelalterlichen Naturalwirtschaft Gewerbe, Handel und Verkehr, kurz, die ersten Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zu entwickeln begannen, verhinderte der Widerstreit der ökonomischen Interessen in Deutschland, was ihre Übereinstimmung in jenen andern Ländern verursachte. Will man äußerlich mit einer Jahreszahl den Beginn der Entwicklung bezeichnen, deren letzte Etappen die Jahre 1648, 1763 und 1806 waren, so bietet sich das Jahr 1273 dar. Die Wahl des kleinen Grafen Rudolf von Habsburg zum deutschen Kaiser offenbarte zuerst, daß die deutsche Monarchie eine schattenhafte Existenz zu führen begann. Es genügt darauf hinzuweisen, daß Rudolf bei seiner Wahl im kirchlichen Banne lag, weil er mit seinen Spießgesellen das Magdalenenkloster in Basel angezündet und ausgeraubt hatte. Er war die Puppe der großen Teilfürsten, die ihm nur unter ihrer Vormundschaft die Krone überließen und die ihm nur auf Kosten eines ihnen selbst zu übermächtig gewordenen Genossen, des Königs Ottokar von Böhmen, die Gründung einer sehr unsicheren Hausmacht gestatteten. Wenn Rudolf trotzdem der Ahnherr eines mächtigen Fürstengeschlechts wurde und seine Hausmacht sich zu einem Weltreich auswuchs, worin die Sonne nicht unterging, so geschah es zunächst, weil er und sein Nachfolger sich zu Fähnrichen und Vorkämpfern der päpstlichen Universalmonarchie machten. Das wurde die unverbrüchliche Politik des Hauses Habsburg; Rudolf strafte die Fürsten mit derselben Waffe, womit sie seine mächtigen Vorgänger auf dem Throne so oft gestraft hatten. Gleich nach seiner Wahl unterwarf er sich demütig der Kirche, nach deren irdischen Gütern er in seinen proletarischen Umständen gar zu unehrerbietiges Verlangen getragen hatte. Aus der unbedingten Unterwerfung unter den Papst gewann er aber nicht nur moralische, sondern auch und namentlich ökonomische Macht. Auf Halbpart begünstigte er die Ausbeutung der deutschen Nation durch die römische Kurie; mit eigener Hand schützte er auf einem Fürstenkonvent in Würzburg einen päpstlichen Legaten, dem die schmählichsten Wucherpraktiken nachgewiesen worden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein diese Wucherpraktiken zehrten an den Wurzeln der päpstlichen Weltmonarchie. Sie wurde um so überflüssiger, je mehr sich die Warenproduktion und der Welthandel und in deren Gefolge die weltlichen Wissenschaften entwickelten. Aber je überflüssiger sie wurde, um so höher steigerte sie ihre Ansprüche, um so rücksichtsloser beutete sie die Nationen aus. Eine Auseinandersetzung mit Rom wurde für alle europäischen Völker eine Notwendigkeit. Es erübrigt, hier zu verfolgen, wie sie sich je nach dem von den einzelnen Völkern erreichten Höhegrade der ökonomischen Entwicklung sonst in Europa vollzog.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Vergleiche darüber Kautsky, Thomas More und seine Utopie.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für Deutschland war diese Auseinandersetzung bei dem Widerstreite der ökonomischen Interessen, der das Land teilte, nur so möglich, daß der eine Teil um jeden Preis an Rom festhalten, ebendeshalb aber der andere Teil sich um jeden Preis von Rom losreißen mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwar konnte es einige Jahre so scheinen, als habe Deutschland in dem Kampfe gegen Rom das Band gefunden, das alle Teile des Landes und alle Klassen des Volkes zu einer nationalen Einheit zusammenschließen würde. Die päpstliche Ausbeutung und Plünderung war so unerträglich geworden, daß Bauern, Bürger, Ritter, Fürsten gemeinsame Sache gegen sie machten. Ja, bis tief in die katholische Geistlichkeit hinein regte sich das Verlangen nach Abschüttelung des römischen Jochs, und selbst der habsburgische Kaiser Maximilian sah in Luther einen Mann, den man im Notfall immerhin gebrauchen könne. Allein dies gemeinsame Ziel war nur ein negatives; sobald es erreicht war, mußten die positiven Gegensätze auf ökonomischem und sozialem Gebiete um so schroffer hervortreten. Und so geschah es. Die Niederlage der Bauern, an denen Luther schmählichen Verrat übte und in deren Blute seine fürstlichen Beschützer mit erbarmungsloser Grausamkeit wateten, brach der reformatorischen Bewegung das Rückgrat. Die Fürsten blieben als Sieger auf dem sozialen Kriegsschauplatze. Das war eine historische Notwendigkeit, denn die Fürsten vertraten die Zentralisation des modernen Staats, soweit sie unter den ökonomischen Verhältnissen Deutschlands überhaupt möglich war. Nur daß es deshalb keineswegs das war, was man heutzutage Gedanken- und Geistes- und Gewissensfreiheit, Kulturfortschritt und so weiter zu nennen beliebt. Was die römische Kirche im sinkenden Mittelalter für Armen- und Krankenpflege, für Unterricht und Wissenschaft getan hatte, war herzlich wenig, aber es war doch immer noch mehr, als wenn die Fürsten das Kirchengut durch die Gurgel jagten oder an ihre Dirnen verschwendeten. Die protestantische Lehre selbst aber versteinerte als Spiegelbild dieses Duodezdespotismus zum Dogma vom göttlichen Rechte der Fürsten, von ihrer Allmacht und ihrer Allweisheit, vom unbedingten Gehorsam der Untertanen, kurzum, zu einem Dogma, wie es auf deutschem Boden niemals erhört und vor allem auch niemals von der katholischen Kirche gelehrt worden war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aller Scharfsinn der ideologischen Geschichtsschreibung scheitert an der Frage, wieso es kam, daß die revolutionäre Bewegung gegen die Weltmacht des Mittelalters gerade in dem Lande, wo sie den höchsten Aufschwung zu nehmen schien, in die traurigste Reaktion umschlug, weshalb gerade in Deutschland, um mit Lassalle zu sprechen, die »geistige Freiheit« nur dadurch erreicht werden konnte, daß ihr »bis auf die letzte Spur alles nationale Dasein, alle politische Freiheit, Einheit und Größe mindestens auf drei Jahrhunderte von Grund aus zum Opfer gebracht wurde«, worauf dann natürlich auch die »geistige Freiheit gar bald in jenes widerliche konfessionelle Pfaffengezänk verkümmern mußte, welches das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erfüllte«. Der ideologische Streit der katholischen und der protestantischen Geschichtsschreiber darüber geht schon ins vierte Jahrhundert und ist doch nicht weiter gelangt wie am ersten Tage. Und auch am Jüngsten Tage wird er nicht weiter gelangt sein, wenn man sich hüben und drüben nicht endlich zur Erkenntnis aufschwingt, daß in dem Kampfe der religiösen Weltanschauungen sich die jeweiligen ökonomischen Klassenkämpfe widerspiegeln. Katholizismus und Feudalismus waren im Mittelalter ein und dasselbe; der entstehende Kapitalismus konnte diesen nicht bezwingen, ohne jenen niederzuwerfen; die Städte mußten mit den Pfaffen abrechnen, wenn sie den Junkern den Daumen aufs Auge drücken wollten. Die ökonomisch hochentwickelten Städte des südlichen Frankreichs waren schon im dreizehnten Jahrhundert die ersten Stätten der protestantischen Ketzereien; mit dem Seherblicke des Dichters feiert Nikolaus Lenau die Albigenser als die rechten Ahnen der »Stürmer der Bastille und so weiter«. Wie die Albigenser waren später die Hugenotten die ökonomisch entwickeltsten Elemente der französischen Bevölkerung, und der Franzose Calvin gab der protestantischen Ketzerei die dogmatische Fassung, die dem revolutionären Bürgertum als siegreiches Banner gegen die habsburgisch-päpstliche Weltmonarchie dienen konnte und gedient hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor allem in den »germanischen Ländern« Holland und England, während im eigenen Deutschland der Deutsche Luther nur eine dogmatische Fassung der protestantischen Ketzerei fertigbrachte, die wie ein fürchterlicher Alp durch mehrere Jahrhunderte auf der geistigen Entwicklung der Nation gelastet hat. Nach der ideologischen Geschichtstheorie müßte der Grund dieses weltweiten Unterschieds in der Verschiedenheit der großen Männer Calvin und Luther oder, wie man es wohl ausgedrückt hat, darin liegen, daß Calvin eine freiere, Luther eine strengere Anschauung vom Protestantismus hatte. So daß, wenn Calvin in Wittenberg und Luther in Genf gelebt hätte, die Geschichte des modernen Europa einen ganz anderen Verlauf genommen haben würde. Zum Unglück für diese geistreiche Auffassung war nun aber, Person an Person gemessen, Calvin womöglich noch beschränkter und unduldsamer als Luther, der solche Dinge wie den Scheiterhaufen des Servet immerhin nicht auf seinem Konto hat. Aber der historische Luther war in Genf so unmöglich wie der historische Calvin in Wittenberg. Die reiche Handelsstadt Genf hätte die bischöfliche Gewalt eines weltlichen Fürsten sowenig ertragen, wie in dem »alten Dorfe Wittenberg«, das nach Luthers Zeugnis in termino civilitatis, an der Grenze der Zivilisation lag, eine demokratische Kirchenverfassung möglich gewesen wäre. Am schärfsten trat der Gegensatz natürlich in der hauptsächlichsten Streitfrage zwischen Calvin und Luther hervor, in dem Abendmahlsstreite, den die aufklärerische Sekte der ideologischen Geschichtschreibung – ihre anspruchsvollste, aber keineswegs ihre tiefsinnigste Sekte! – als einen sinnlosen Streit um leere Worte aufzufassen geneigt ist. Luthers Einsetzungsworte ließen den Priester das Brot und den Wein in Fleisch und Blut Christi verwandeln; sie machten also aus dem Geistlichen den Schöpfer des Gottes und somit aus dem bischöflichen Landesherrn den Oberpapst von lauter kleinen Päpstlein. Aber jenes revolutionäre Bürgertum, dessen religiöser Wortführer Calvin war, dachte schon, was Lessing später sagte, daß nämlich die vielen kleinen Päpste unerträglicher seien als der eine große Papst, und so ließen sie es bei dem Abendmahle als einer bloßen Erinnerungsfeier an Jesu Opfertod bewenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit andern Worten: Calvinismus und Luthertum waren die verschiedenen religiösen Widerspiegelungen verschiedener ökonomischer Zustände des Bürgertums. In jenem siegten seine ökonomisch schon entwickelten, in diesem blieben seine erst halbentwickelten Elemente stecken. In Deutschland war aber nicht nur durch den Widerstreit der ökonomischen Interessen zwischen den einzelnen Teilen des Landes die Entwicklung der bürgerlichen Klassen gehemmt worden, sondern die großen ökonomischen Umwälzungen des sechzehnten Jahrhunderts stürzten die deutschen Städte sogar von der schon erreichten Höhe. Die Seeherrschaft der Hansa, die das nördliche Deutschland überhaupt erst aus der mittelalterlichen Barbarei gerissen hatte, ging unaufhaltsam verloren. Die Konkurrenz der durch ausgedehnte Schiffahrt und bedeutenden Fischfang mächtigen Holländer, die ökonomische Erstarkung der skandinavischen Länder, deren Handel die Hansa mehr oder weniger monopolisiert hatte, die Beseitigung der hansischen Handelsprivilegien in England durch die Königin Elisabeth, diese und andere sich wechselseitig fördernden Umstände führten den Untergang des mächtigen Städtebundes herbei. Aus dem Verkehre mit dem europäischen Nordosten wurden die niederdeutschen Städte durch die Engländer und Holländer fast völlig verdrängt; vom Handel mit England blieb ihnen nur ein sehr kleiner Teil; im Handel mit Spanien und Portugal ließen die Holländer sie kaum aufkommen; vom Verkehr mit beiden Indien und mit der Levante waren sie völlig ausgeschlossen. Ebenso hatte der Handel der oberdeutschen Städte infolge der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die Umschiffung des Vorgebirgs der Guten Hoffnung durch die Portugiesen und den durch beide Tatsachen verursachten Niedergang des Handels der italienischen Städte schon gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts seine Bedeutung großenteils verloren. Und je mehr das Anwachsen des Kapitalismus zur Ausdehnung seiner Märkte, das heißt zu den großen geographischen Entdeckungen des Reformationszeitalters führte, je schneller der Welthandel vom »Mittel- und Nordmeer« an die Gestade des Atlantischen Ozeans übersiedelte, um so mehr versiegten die Quellen des Wohlstandes für das nördliche wie für das südliche Deutschland, um so tiefer sanken die bürgerlichen Klassen des deutschen Volks.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Niedergang der deutschen Städte war aber auch der Niedergang der deutschen Reformation. In den entscheidenden Tagen des Bauernkrieges vermochten sich die Städte nur zu einer halben und zweideutigen Haltung aufzuschwingen, und darnach hatten die Fürsten das Heft in der Hand. Sehr mit Recht hat Engels eine Parallele zwischen dem deutschen Bürgertum von 1525 und 1848 gezogen, beide Male unterlag es halb aus Mangel an revolutionärem Mut gegen den Feudalismus, halb aus Überfluß an reaktionärer Angst vor dem Proletariat. Wir möchten nur noch auf ein zeitgenössisches Zeugnis hinweisen, auf einen Brief Wilibald Pirckheimers, des berühmten Patriziers von Nürnberg, der wohl als der klassische Vertreter des deutschen Bürgertums im Reformationszeitalter betrachtet werden kann. Kurz vor seinem 1530 erfolgten Tode schrieb er, er sei anfänglich gut lutherisch gewesen, aber im Vergleiche mit den evangelischen Buben erscheine die römische Büberei noch fromm. Die habe nur mit Gleisnerei und List betrogen, während die jetzigen offen und ungescheut ein schändlich Leben führten. Der gemeine Mann sei durch dieses Evangelium also unterrichtet, daß er nicht anders gedenke, denn wie eine gemeine Teilung geschehen möge; und wo die große Strafe nicht wäre, würde sich bald eine gemeine Beute erheben, wie an vielen Orten auch schon geschehen sei. Das schreibe er jedoch nicht darum, daß er des Papstes und seiner Pfaffen und Mönche Wesen loben könnte oder möchte, vielmehr wisse er, daß es in viel Weg sträflich sei und einer Besserung bedürfe. Doch seien die Papisten zum mindesten unter ihnen selbst eins: Dagegen seien die, so sich evangelisch nennen, mit dem höchsten untereinander uneins und in Sekten zerteilt; die müßten ihren Lauf haben wie die schwärmenden Bauern, bis sie zuletzt gar verwüten.&amp;lt;ref&amp;gt;Schreiben Herrn Wilibald Pirckheimers an Joh. Tscherte, König Karls V. Bau- und Brückenmeister in Wien. In Murrs Journal zur Kunstgeschichte usw., 10, 36 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man sieht: Das »Teilen« und die »Spaltungen« der Sozialdemokratie sind eine alte Geschichte, doch darf man deshalb den alten Pirckheimer nicht auf eine Stufe mit den kapitalistischen Soldschreibern von heute stellen. Er war ein sehr gebildeter Mann, und seine halb reuige Rückkehr zum Papsttum hatte doch auch noch einen tieferen Sinn als die gemeine Philisterangst vor dem »Teilen«. Es geschah nicht oder doch nicht nur durch jesuitische Gewalt und List, es war auch nicht »Reaktion« im landläufigen Sinne der protestantischen Geschichtsschreiber, wenn sich der kultiviertere und reichere Westen und Süden frühzeitig wieder der alten Kirche zuwandten, wenn Salzburg, Bamberg und Würzburg, Trier, Köln und Paderborn, selbst Fulda und das Eichsfeld mitten im Frieden wieder katholisch wurden. Nicht allein stand der verjüngte Katholizismus hoch über dem schnell erstarrten Luthertum, sondern der Bruch mit Rom bedeutete auch den Bruch mit den damals noch entwickeltsten Ländern Europas, mit Italien, Frankreich, Spanien. Von ihnen hingen die ökonomischen Interessen der oberdeutschen Städte ab, und wenn ihr Handel gerade durch den Verfall des italienischen Handels den Todesstoß empfangen hatte, so pflegt sich der Ertrinkende erst recht krampfhaft an die Planken des Schiffes zu klammern, mit dem er gescheitert ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen blieb der Protestantismus im nördlichen und östlichen Deutschland vorherrschend. Diese Landesteile waren verhältnismäßig spät in den römisch-christlichen Kulturkreis getreten; sie hatten von Rom immer nur Übles, immer nur die raffinierteste und schamloseste Plünderung erfahren; ihre wirtschaftlichen Beziehungen liefen nicht nach dem südlichen und westlichen, sondern nach dem nördlichen und östlichen Europa hin. Jene Spaltung der ökonomischen Interessen, die das nördliche vom südlichen Deutschland schied, mußte sich auch in der religiösen Widerspiegelung dieser Interessen geltend machen. Aber der deutsche Protestantismus mußte auch ein ganz anderer werden wie der französische, holländische, schweizerische, wenn der ökonomische Schwerpunkt sich von den Märkten der Städte an die Höfe der Fürsten verschob. Zwar bestand an und für sich eine starke Interessengemeinschaft zwischen Bürger- und Fürstentum; wenn die kapitalistische Produktionsweise den nationalen Staat erzeugte, so war der nationale Staat zunächst nur möglich in der Form der absoluten Monarchie. Überall, wo ein einheitlicher, nationaler Wirtschaftsbetrieb entstand, waren die Monarchen sich ihres Ursprungs wohl bewußt: Sie beförderten die wirtschaftlichen Interessen des Landes, den Ackerbau und das Handwerk, den Handel und die Industrie. Gerade daran ging die Hansa zugrunde, daß die erstarkenden fürstlichen Gewalten im nördlichen und östlichen Europa die ökonomischen Interessen ihrer Gewerbe und Handel treibenden Klassen mit schroffer Rücksichtslosigkeit vertraten. Aber in Deutschland kam es eben nicht zu einem einheitlichen Nationalstaate, sondern nur zu einer großen Zahl von Teilstaaten und, wie Lassalle seinen Franz von Sickingen sagen läßt: Durch solche Landparzellen kann die Zugluft der Geschichte nicht streichen. Die deutschen Teilfürsten waren mehr große Grundbesitzer der feudalen als absolute Monarchen der kapitalistischen Zeit; sie sahen in den Städten nicht die Quellen ihrer Macht, sondern die ehrgeizigen und gefährlichen Nebenbuhler des Junkertums; in größerem Stile als die Stegreifritter der Landstraße, aber ganz aus dem gleichen Geiste heraus suchten sie die Hennen zu schlachten, welche die goldenen Eier legten. Sobald in diesem Kampfe der Verfall der Städte den Sieg der Fürsten entschied, mußte der deutsche Protestantismus aus dem ideologischen Bekenntnis des revolutionären Bürgertums in das ideologische Bekenntnis eines verächtlichen und verhängnisvollen Duodezdespotismus umschlagen. Durch die schnelle Verarmung des Volkes wurde Deutschland das sprichwörtliche Land der Knechtseligkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es soll schwer sein, in der ganzen Weltgeschichte eine Klasse aufzufinden, die durch so lange Zeit so arm an Geist und Kraft und so überschwenglich reich an menschlicher Verworfenheit gewesen ist wie die deutschen Fürsten vom fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahrhundert. Man darf nur nicht die Verantwortung für diese betrübende Tatsache auf die einzelnen Fürstengeschlechter wälzen; vielmehr muß die bürgerliche Geschichtsschreibung, wenn sie gerecht sein will, rückhaltlos anerkennen, daß es nicht anders gewesen wäre, wenn auf den Thronen der deutschen Teilfürsten etwa die Häupter der Familien Müller und Schulze gesessen hätten. Es waren die ökonomischen Lebensbedingungen der deutschen Fürstenklasse, die aus ihr in jenen Jahrhunderten ein so groteskes Zerrbild machten. Fehlte ihr die Grundlage, welche die fürstliche Macht in ökonomisch entwickelten Ländern besaß, so konnte sie nur bestehen durch fortlaufenden Verrat an ihrem Lande, an ihrem Volke und nicht zuletzt auch, was namentlich von den protestantischen Fürsten gilt, an ihrem Glauben. Da die Fürsten von dem Gewerbe der Untertanen nicht leben konnten, lebten sie von ihrem Blute; aus dem Handel mit Menschen gewannen sie, was ihnen der Handel mit Produkten nicht abwerfen konnte. Der Ausfuhrhandel war nach und nach fast auf einen einzigen bedeutenden Artikel herabgesunken. Die deutsche Leinwand, ein Produkt der ländlichen Industrie, wurde so gut und billig hergestellt, daß mehrere andere europäische Länder sie nicht entbehren konnten. Ihr Absatz wurde besonders im siebenzehnten Jahrhundert gefördert durch die Erweiterung des Kolonialhandels der Engländer, der Franzosen und der Spanier. Nach England, Frankreich und der Pyrenäischen Halbinsel gingen namentlich aus Niedersachsen über Hamburg und Bremen bedeutende Mengen leinener Gewebe, während der Leinenabsatz aus Westfalen nach Holland und von Schwaben nach Italien ebenfalls nicht unerheblich war. Indessen das war bis auf die Ausfuhr einiger Metallwaren auch alles, und die Menge ausländischer Erzeugnisse, die für den Erlös dieser Ausfuhr gekauft werden konnte, reichte für den Bedarf des fürstlichen Luxus bei weitem nicht hin. Die deutschen Fürsten brauchten noch andere Zahlungsmittel und fanden sie in den Subsidien, für welche sie ihre landesherrlichen Rechte, vor allem die Verfügung über Fleisch und Blut ihrer Untertanen, an die Interessen des Auslands verkauften. Gülich berechnet, daß allein von 1750 bis 1815 von Frankreich 35 und von England 311 Millionen Taler an deutsche Fürsten gezahlt wurden, Summen, die es überhaupt erst verständlich machen, wie so viele Teilfürsten eines so verarmten Landes, wie Deutschland war, mit der prunkhaften Verschwendung der französischen Könige wetteifern konnten.&amp;lt;ref&amp;gt;Gülich, Geschichtliche Darstellung des Handels, der Gewerbe usw., 4, 353.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Fürstenklasse, deren ökonomische Grundlage der fortlaufende Verrat an ihren ideellen Fürstenpflichten war, mußte natürlich die Brutstätte aller menschlichen Laster werden. Schon im fünfzehnten Jahrhundert war das Sündenregister der deutschen Fürsten unerschöpflich. Und die deutschen Fürsten des sechzehnten Jahrhunderts muß selbst Treitschke eine »verkommene Generation« nennen. Bei der Kaiserwahl von 1519 verkauften sämtliche Kurfürsten ihre Stimmen, mit einziger Ausnahme Friedrichs von Sachsen, der durch den Segen seiner Bergwerke eine seit der Entdeckung der Neuen Welt freilich schon prekär gewordene ökonomische Unabhängigkeit genoß; besondern Skandal erregten der Kurfürst von Brandenburg und sein Bruder, der Kurfürst von Mainz, durch die fröhliche Unbefangenheit, womit sie im Aufstriche je nach den steigenden Geboten ihre Stimmen bald an den französischen, bald an den spanischen Bewerber um die deutsche Kaiserkrone losschlugen. Aber Kaiserwahlen waren Festtagsschmäuse für diese Handelsleute; der alltägliche Schacher ging um das Blut ihrer Untertanen. Es ist anzuerkennen, daß sie dabei jedes ideologische Mäntelchen verschmähten. Ohne Zweifel neigte sich die große Mehrheit der weltlichen Fürsten dem Protestantismus zu, vor allem, weil er ihnen die reichen Kirchengüter einzuheimsen gestattete und weil sich die lutherische Lehre je länger je mehr zu einer himmlischen Verklärung ihres sehr irdischen Duodezdespotismus gestaltete. Aber weder diese noch die katholischen »Bekenner« und »Betefürsten« ließen sich in dem süßen Handel mit ihrer Menschenware durch ihre religiösen Bekenntnisse beirren; jede derartige Zumutung würden sie als einen wahrhaft gotteslästerlichen Eingriff in ihre göttlichen Gerechtsame zurückgewiesen haben. In den Hugenottenkriegen kämpften deutsche Lansquenets und Reitres hüben wie drüben und in jedem Lager der Franzosen deutsche Katholiken und Protestanten bunt durcheinander; der Badener, die Rheingrafen, viele andere protestantischen Fürsten standen im Lager der Liga gegen die Hugenotten. Der protestantische Erich von Braunschweig führte seine Truppen zu Alba, um die holländischen »Sakramentsschänder« zu züchtigen. Im Schmalkaldischen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kriege standen Moritz von Sachsen und die beiden Markgrafen von Brandenburg, Joachim II. und Hans, nicht zu ihren evangelischen Bundesgenossen, sondern auf habsburgisch-päpstlicher Seite. Und so weiter bis zu dem niederträchtigen Menschenschacher, den deutsche Fürsten gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit England trieben und den wir weiterhin noch näher beleuchten müssen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nichts begreiflicher, als daß die habsburgisch-päpstliche Weltmacht immer von neuem versuchte, dies Nest ruppiger Zaunkönige auszunehmen und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation wiederherzustellen. Aber auch nichts begreiflicher, als daß alle diese Versuche nicht nur fehlschlugen, sondern das Gegenteil des erstrebten Erfolges erzielten. Trübselig wie das deutsche Fürstentum war, wurzelte es doch in den ökonomischen Zuständen des Landes, und die Feinde Deutschlands streckten schützend ihre Hand über den permanenten Landesverrat seiner Fürsten. Der gewaltigste jener Versuche, der Dreißigjährige Krieg, endete mit der verbrieften Landeshoheit der deutschen Fürsten unter völkerrechtlicher Garantie Frankreichs und Schwedens: Damit hatte die ökonomische Zerrissenheit Deutschlands, die es zum Spiel ausländischer Interessen machte, ihren politischen Ausdruck gefunden. In dem Kriege selbst spielten die protestantischen Fürsten eine mehr oder minder klägliche Rolle, der Kurfürst von Brandenburg eine so feige und zweideutige, daß ihn selbst, wieviel das immer sagen will, die hohenzollernschen Geschichtsschreiber preisgeben. Gleichwohl scheiterte das habsburgische Kaisertum daran, wieder vereinigen zu wollen, was die ökonomische Entwicklung zerrissen hatte, und aus dem ärmsten Winkel des protestantischen Deutschlands erwuchs ihm nunmehr ein Gegner, der ihm bald gefährlicher werden sollte als Frankreich und Schweden, als die ausländischen Beschützer der deutschen Kleinstaaten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Gegner war der brandenburgisch-preußische Staat. Mit dem Dreißigjährigen Kriege begann er ebenso über das nördliche Deutschland emporzuwachsen, wie Österreich über dem südlichen Deutschland stand; damals schon sagte ein habsburgischer Minister, der Brandenburger werde der werden, den das »lutherische Geschmeiß« ersehne. Wie wurde das nun aber? Die landläufige Antwort ist: als ein Werk der Hohenzollern. Männer machen die Geschichte, ruft Herr von Treitschke, ohne die Hohenzollern ist der preußische Staat undenkbar, und er redet dann auch von der »Herrschgier eines Fürstenhauses, dessen Glieder zumeist mit beispielloser Unfähigkeit geschlagen waren«, womit er die Habsburger meint. Diese kritische Analyse des österreichisch-preußischen Dualismus blendet durch ihre Einfachheit, und sie wäre gewiß sehr befriedigend, wenn anders Schmeicheleien und Schimpfereien in die wissenschaftliche Geschichtsschreibung gehörten. Andere wohlgesinnte Geschichtsschreiber sagen: Als Vorkämpfer des protestantischen Gedankens hat Preußen die deutsche Hegemonie errungen. Allein wir haben bereits gesehen, sowohl was es mit dem »protestantischen Gedanken« auf sich hatte als auch weshalb der preußische Staat jeden nach seiner Fasson selig werden ließ. Näher kommen der Wahrheit schon die kühnen Geister, die sich zu der Erkenntnis aufschwingen: Preußen hat als Militärstaat das deutsche Reich nach und nach erobert. Nur daß damit die Frage zwar näher erläutert, aber noch keineswegs beantwortet ist, denn Militärstaat war Österreich auch; Militärstaaten waren oder wurden im siebzehnten Jahrhundert alle europäischen Staaten, und selbst die kleinsten Winkelstaaten wurden wenigstens Militärspielschachteln. Der Absolutismus war undenkbar ohne ein Heer. Die erste Form des modernen Militarismus waren die geworbenen Haufen der Landsknechte, aber diese Form starb schon im Anfange des siebzehnten Jahrhunderts ab. Der Dreißigjährige Krieg hatte nicht zuletzt deshalb so lange gewährt und so furchtbare Verwüstungen angerichtet, bis ihm nicht sowohl der Sieg der einen und der anderen Partei als die allgemeine Erschöpfung ein Ziel setzte, weil keine der hadernden Parteien wegen des unzulänglichen Kriegsmaterials entscheidende Schläge führen konnte. Die Heere waren zu klein und vor allem zu wenig dauerhaft; bei jeder Stockung der Soldzahlung – und die kriegführenden Staaten befanden sich sehr bald alle in der ärgsten Finanzklemme – drohten sie auseinanderzulaufen und liefen auch wirklich auseinander; hatte das eine Heer an der Isar oder am Rheine gesiegt, so rottete sich schon wieder ein Feindesheer an der Elbe oder der Oder zusammen; die höchste Kunst des Feldherrn bestand in einer sozusagen demagogischen Fähigkeit, möglichst viel Futter für Pulver möglichst sicher an die Fahne zu fesseln, und wie gefährlich diese Demagogie für die Fürsten selbst werden konnte, zeigte das Beispiel Wallensteins. Aus diesen Erfahrungen und Lehren, entstand das stehende Söldnerheer, für welches das durch den Krieg erzeugte Lumpenproletariat gleich den nötigen Rohstoff lieferte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Also nicht darin unterschied sich der brandenburgisch-preußische Staat von den übrigen Staaten, daß er überhaupt ein Militärstaat wurde, sondern nur dadurch, daß er gewissermaßen zum Militärstaat unter den Militärstaaten erwuchs, und diese Entwicklung ergab sich aus den ökonomischen Zuständen der Landesteile, aus denen er bestand. Die Ursachen der ostelbischen Kolonisation, die sich in der zweiten Hälfte des Mittelalters vollzog, können hier nicht dargelegt werden, ebensowenig die verschiedenen Formen, welche sie in Brandenburg, Pommern, Schlesien und Preußen annahm: Genug, die Mark Brandenburg, das Stammland des preußischen Staats, war ursprünglich eine Militärkolonie gewesen. Die Grundlage aller Besitzverhältnisse bildete damals die Rücksicht auf den Krieg; alle Grundstücke waren für diesen Zweck von Anfang her pflichtig; es wurde für sie gezinst oder Lehndienst geleistet. Für den Lehndienst zog ein zahlreicher, aus unfreien Ministerialen bestehender Militärstand zu; seine Bestimmung war in erster Reihe der Kriegsdienst und keineswegs der Ackerbau; das Lehngut sollte die Mannschaft unterhalten, und nur so viele Hufen sollten zinsfrei sein, als zur Erhaltung der lehnmäßigen Ausrüstung nötig wären; im Jahre 1280 wurde festgesetzt, daß der Ritter sechs Hufen unter dem Pfluge frei haben solle, aber für jede Hufe darüber zinsen müsse. Allein diese Einrichtung verfiel sehr schnell. Die bewaffnete Macht wurde eine ökonomische Klasse, die ihr öffentliches Amt zu einer Quelle sozialen Eigennutzes machte; die unfreie Kriegerkaste warf sich ebenso zum Herrn über den Markgrafen wie über die freien Bauern auf, die neben, nicht unter ihnen saßen und die gerade über die Elbe gewandert waren, um den Bedrückungen der Gutsherren im eigentlichen Reiche zu entgehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In dem märkischen Landbuche von 1375 finden sich schon Rittergüter von 10, 20, 25 Freihufen, die doch nur ein Lehnpferd zu leisten haben; es gibt Rittergüter von mehr als 6 Freihufen, die nur ½, ¼, 1/8 Lehnpferd leisten; drei Ritter in Wilmersdorf bei Berlin haben 10, 8, 3 Freihufen und leisten jeder nur ein halbes Viertelpferd. Statt der 4000 Ritter, die im fünfzehnten Jahrhundert in den Marken aufsaßen, kamen im sechzehnten nur noch 600; statt der vollen Lanze, dem Ritter mit zwei oder drei Knappen, einem Schützen, ein paar Knechten kamen »Einspänner«; endlich schickte der Vasall gar, statt selbst zu erscheinen, »einen Kutscher, Vogt, Fischer oder dergleichen schlimm und unversucht Lumpengesindel«, wie es in einem kurfürstlichen Erlasse von 1610, also am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges heißt. War dieser Verfall der Landesverteidigung schon nicht möglich ohne Schuld der Landesherren, die sich die Dienstpflicht der Mannschaft abkaufen, abschmeicheln, abtrotzen ließen, so trugen die Markgrafen, die askanischen, bayerischen, luxemburgischen wie hohenzollernschen, noch größere Schuld an dem Untergange der freien Bauernschaft. Sie belehnten die Ritter gegen Geld und Gunst mit dem Hufenzinse, den Hand- und Spanndiensten, kurzum, den Gefällen, die ihnen als Landesherren von den Bauern zustanden; sie bahnten der »Gutsherrlichkeit« den Weg, indem sie aus der dinglichen Pflicht gegen den Landesherrn, die durch die Dorfobrigkeit, den Lehnschulzen, wahrgenommen worden war, eine Art von persönlicher Abhängigkeit gegen Personen machten, die nicht zum Dorfe gehörten; sie verkauften den Rittern die höhere und niedere Gerichtsbarkeit über die Dörfer; sie duldeten, daß die Ritter neben den ihnen verkauften Abgaben und Diensten der Bauern noch eine Fülle anderer Abgaben, Dienste und Pflichten einführten; um den Rittern diese Fronden dauernd zu sichern, nahmen die Markgrafen schließlich den Bauern die Freizügigkeit und erklärten sie als »zur Hufe geboren«. Und als dann mit der wirtschaftlichen Umwälzung des Reformationszeitalters die feudale Ordnung zerfiel, der »gemeine Mann von Adel« sich auf sein Gut setzte und den Ackerbau als ein Gewerbe betrieb, da gestattete ihm Kurfürst Joachim II. sogar gegen bare Vergütung, die Bauernhöfe zu »legen«, den Schulzenhof, die Schäferei, Bauern- und Kossätenstellen zum Rittergute zu schlagen oder auch für seine Söhne in ebenso viele Rittergüter zu verwandeln, für die sich die Steuerfreiheit von selbst verstand. Im Beginn des Dreißigjährigen Krieges hatte sich in der Mark schon ein förmliches Schlachtschitzenwesen entwickelt.&amp;lt;ref&amp;gt;Droysen, Geschichte der preußischen Politik, 1, 39 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese verhängnisvolle Sozialpolitik übte aber noch einen weiteren Rückschlag auf die militärischen Verhältnisse des Landes. Der sogenannte »Landesausschuß«, der neben den Lehnpferden als Kriegsmacht bestand, das Aufgebot des zwanzigsten Mannes aus der Bevölkerung für den Kriegsfall, war gleichfalls verfallen; ein amtlicher Entwurf zu einer neuen Wehrordnung spricht mit trockenen Worten aus, die Bauern seien zwar kriegstüchtiger als die Bürger, aber sie seien mit Fronden überlastet, und überdem sei es bedenklich, ihnen Mittel in die Hand zu geben, durch die sie sich aus ihrer Dienstbarkeit befreien könnten.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Der Entwurf ist aus dem Archive mitgeteilt von Jähns, 2, 1073.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Tat fürchtete man diese Möglichkeit so, daß man trotz der Zweifel an der Kriegstüchtigkeit der städtischen Bevölkerung doch aus ihr den »Landesausschuß« zu bilden und durch einige Übungen für den Wachtdienst tauglich zu machen versuchte. Allein es geschah, wie man befürchtet hatte, und der landesfürstliche Beutezug, mit dem die ersten Hohenzollern im fünfzehnten Jahrhundert die märkischen Städte bis auf den letzten Groschen ausgepumpt hatten, trug seine Früchte. Sogar die Berliner Bürger weigerten sich des Kriegsdienstes; in einer schriftlichen Beschwerde vom 17. November 1610 erklärten sie, einige von ihnen hätte man beim Üben so gedrillt, daß sie den Tod davon gehabt, auch sei das Schießen sehr gefährlich, denn es erschrecke die schwangeren Weiber, und was dieser heroischen Protestgründe mehr waren. Kaum ein anderer deutscher Teilstaat hatte am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges eine so verfallene Heeresverfassung wie die Mark Brandenburg; höchstens in dem andern Hauptbestandteile des damaligen brandenburgisch-preußischen Staats, in dem Herzogtum Preußen, der jetzigen Provinz Ostpreußen, sah es noch anarchischer aus, denn hier stand die fürstliche Gewalt überhaupt erst auf sehr schwankenden Füßen, abhängig, wie sie war, nicht nur von den junkerlichen Ständen, sondern auch von dem polnischen Lehnsherrn. So mußte denn der Hohenzollernstaat in erster Reihe die Zeche der dreißig Jahre zahlen. Bei seiner fast völligen Wehrlosigkeit verheerte die Kriegsfurie seine einzelnen Teile in entsetzlicher Weise, drückte sie auf einen Zustand der Barbarei herab, den man sich nach den zeitgenössischen Schilderungen nicht gräßlich genug vorstellen kann. Die armen, kleinen und wenig zahlreichen Städte des Gebietes waren vollends verkommen und zerstört, die Oder- und Weichselmündungen befanden sich in den Händen der Schweden und Polen. Die arg gelichtete bäuerliche Bevölkerung vegetierte in mehr tierischen als menschlichen Verhältnissen. Man muß diese ökonomischen Zustände genau ins Auge fassen, um zu verstehen, wie aus ihnen der preußische Staat entstehen konnte, einerseits der schroffst ausgebildete Militärstaat, andererseits, wie Lessing sagt, das »sklavischste Land in Europa«. Eins bedingt das andere als Ursache und Wirkung, denn wenn im Schatten der preußischen Militärdespotie nur die Sklaverei gedeihen konnte, so konnte die preußische Militärdespotie doch auch nur in einem Teile von Deutschland entstehen, wo Bildung und Kultur, Wissenschaft und Wohlstand bis auf die letzte Spur verschwunden waren und die Masse der Bevölkerung in jahrhundertelanger Sklaverei jeden selbständigen Willen verloren hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist selbstverständlich eine patriotische Fabel, wenn die bürgerlich-preußischen Geschichtsbücher die Sache so darstellen, als ob Kurfürst Friedrich Wilhelm, der acht Jahre vor dem Westfälischen Frieden zur Regierung gekommen war, kraft seiner Genialität ein Heer erschaffen und die Junkerherrschaft gebrochen habe, worauf dann alles weitere von selbst gefolgt sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seitdem die Hohenzollern ins Land gekommen waren, hatte der Klassenkampf zwischen Fürsten- und Junkertum in verschiedenen Formen, aber auf die Dauer immer zum Vorteil der Junker getobt. Es war ein gar sehr oberflächlicher Erfolg gewesen, als der erste Hohenzoller mit Hilfe der märkischen Städte und einiger benachbarten Fürsten die Burgen der Quitzows brach. So gewöhnliche Strauchdiebe und Strolche wie die Quitzows und ihre Raubgesellen genügten nicht einmal den bescheidenen Anforderungen, die ihre Zeit an die Vertreter herrschender Klassen stellte; ihre eigenen Genossen gaben sie preis, wie heute die Börse jeden preisgibt, der Taschentücher stiehlt statt mit Millionen spekuliert. Aber um so nachdrücklicher zwang der märkische Adel die neuen Landesherren, seine ausbeutenden und unterdrückenden Klasseninteressen gegenüber den Städten und namentlich gegenüber den Bauern in gesetzlichen Formen zu vertreten. Unter dem Dutzend hohenzollernscher Kurfürsten gibt es nicht einen, der sich der Bauern gegen die Junker angenommen, gibt es kaum einen, der die Bauern nicht noch tiefer, als es seine Vorgänger schon getan hatten, unter das Joch der Junker gebeugt hätte. Damit waren aber die Junker erst recht Herren im Lande, und eben ihrer Übermacht und der Schwäche der landesfürstlichen Gewalt, namentlich von der Mitte des sechzehnten bis zur Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, war die geringe Entwicklung des brandenburgischen Heerwesens zu danken. Denn der Militarismus entwickelte sich historisch im gleichen Schritte mit dem Absolutismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte der Kurfürst Friedrich Wilhelm, der von 1640 bis 1688 regierte, überhaupt nach dem Dreißigjährigen Kriege als Fürst bestehen, so bedurfte er freilich eines Heeres. Aber nicht minder zweifellos war, daß er ohne die Junker, geschweige denn wider sie, auch nicht eine Kompanie dauernd unter Waffen halten konnte. Von seinen Domänen bezog er im Anfange seiner Regierung nach einer Berechnung von Riedel und Krug etwa 40 000 Taler, und diese Summe reichte nicht einmal für die Kosten seines verschwenderischen Hofhalts hin. Ohne Steuern kein stehendes Heer und ohne die Stände keine Steuern. Nun hatte der Kurfürst ganz und gar kein Mittel, die märkischen Stände zur Bewilligung der Steuern zu zwingen. Er war allerdings ein rücksichtslos durchgreifender, wenn auch nach dem Zeugnis der fremden Diplomaten, die mit ihm verkehrten, nur mäßig begabter Despot; Rücksichten auf Gesetze, Rechte, Verträge kümmerten ihn wenig, wo es die Verfolgung seiner dynastischen Interessen galt; er hat später, als er in der Mark festen Fuß gefaßt hatte und über ein stehendes Heer gebot, nach erlangter Souveränität über das Herzogtum Preußen den Widerstand der dortigen Stände mit blutiger und widerrechtlicher Gewalttat gebrochen. Aber gleich nach dem Dreißigjährigen Kriege besaß er durchaus kein Machtmittel, die Stände zur Bewilligung von Steuern zu zwingen, und daß sie um seiner schönen Augen und des Gemeinwohles willen ihm den miles perpetuus nicht bewilligen würden, das wußte er so gut, wie sie es wußten, und wenn er es nicht gewußt hätte, so hätte er sich aus den Schicksalen seiner Vorfahren darüber belehren können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es konnte sich deshalb nur darum handeln, ob die Junker selbst ein Interesse an der Errichtung eines stehenden Heeres hatten. Und ein solches Interesse hatten sie allerdings aus verschiedenen Gründen. Zunächst mußte ihnen als herrschender Klasse an der Erhaltung des Staats gelegen sein; sie durften es nicht darauf ankommen lassen, daß dieses für sie so idyllische Gemeinwesen eines schönen Tages von den Polen oder Schweden verschluckt würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann aber war die bäuerliche Bevölkerung durch den Dreißigjährigen Krieg in eine gewisse Gärung geraten. Mit Recht sieht Kautsky eine weitere Ursache für die lange Dauer des Krieges darin, daß seit dem großen Bauernkriege ein massenhaftes bäuerliches Proletariat in Deutschland vorhanden war, daß dies Proletariat nicht wie in andern Ländern durch die Industrie und die Kolonien aufgesogen wurde, daß es somit ein reiches Werbegebiet für Soldtruppen bot, daß endlich der Krieg selbst neues Bauernelend schuf, somit neues Proletariat und neue Söldner lieferte, bis er endlich an der allgemeinen Erschöpfung starb. Galt dies im allgemeinen von ganz Deutschland, so galt es besonders von der Mark Brandenburg, wo der Krieg am ärgsten gehaust hatte. Was noch von Bauern übrig war, hatte Waffen führen gelernt oder trug gar noch Waffen; auf den wüsten Hofstellen siedelten sich entlassene Soldaten an, und »wer eine Kriegsfeder am Hute getragen hatte, der sträubte sich gegen die harten Lasten eines Hörigen«.&amp;lt;ref&amp;gt;Freytag, Bilder, 4, 421.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie schwer dieser Umstand für die ostelbischen Junker ins Gewicht fiel, beweisen die immer wiederholten strengen Verbote des Waffentragens untertäniger Leute, beweist noch mehr die für das benachbarte Schlesien erlassene landesherrliche Verordnung, daß, wer unter der Fahne gestanden hatte, für seine Person der Untertanenpflichten ledig sein solle. Aber je mehr die Not der Zeit das Herrenrecht erschütterte, um so mehr bemühten sich die Junker um seine straffe Wiederaufrichtung. Im Kriege war die bäuerliche Bevölkerung vielfach durcheinandergelaufen; Untertanen hatten eigenmächtig ihre Wohnsitze verlassen und sich auf fremdem Grunde angesiedelt; ihre alten Herren beanspruchten das Recht, sie wie Sklaven zurückzufordern und wenn nötig mit Gewalt zurückzuholen; es ist oft unter dem heftigsten Widerstande geschehen. Der Mangel an Arbeitskräften machte sich auch sonst den Gutsherren in empfindlicher Weise geltend; es fehlte an Gesinde, und was etwa noch da war, besaß die Keckheit, menschenwürdige Behandlung und Nahrung zu verlangen. Allen Dorfinsassen wurde verboten, Kammern an ledige Männer und Frauen zu vermieten; alle solche Inlieger mußten angezeigt werden und wurden in das Gefängnis gesteckt, bis sie sich entschlossen, Dienstboten zu werden. Aber es scheint, daß sich der für die junkerlichen Dienste notwendige Menschenbedarf schwer decken ließ; Kost und Lohn waren eine Zeitlang nach dem Kriege besser, als in den folgenden Jahrhunderten und als sie vor dem Kriege gewesen waren; man begreift leicht, daß die herzbrechenden Klagen der Junker über das boshafte und mutwillige Gesinde einige Jahrzehnte nach dem Kriege kein Ende nehmen wollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich gab es nach dem Kriege ein massenhaftes Lumpenproletariat in der Mark Brandenburg. Verlumpte Kriegsknechte, jeder Arbeit entwöhnt, Vagabunden, Zigeuner zogen haufenweise »fechtend« und »gartend«. umher; sie waren eine schwere Plage, namentlich für das platte Land; die geringste Weigerung, ihre Fäuste zu füllen, machte die Bettler zu Räubern. Aber noch lästiger vielleicht war für den märkischen Adel ein anderes Lumpenproletariat, das aus seinem eigenen Schoße aufwucherte. Wir haben bereits darauf hingewiesen, wie hoch vor dem Kriege das märkische Krautjunkertum ins Kraut geschossen war; es saßen ihrer oft mehrere auf einem; mäßigen Dorfe; ihre Güter waren vielfach nicht größer als Bauernhöfe. So war ein großer Teil von ihnen durch den Krieg besitzlos geworden. Diese sogenannten »Krippenreiter« trieben sich auch in ganzen Gesellschaften, koppelweise, wie man sich damals ausdrückte, im Lande umher, um bei den adligen begüterten Genossen, im Notfall auch bei Bürgern und Bauern zu schmarotzen. Auch sie waren geneigt, bei der geringsten Weigerung vom Betteln zum Rauben überzugehen, aber es kam wohl vor, daß sie sich bei untertänigen Leuten auch einen Buckel voll Prügel holten, was dann ja allerdings eine höchst frevelhafte Umwälzung der gottgewollten Ordnung war. Genug, dem Adel mußte sehr viel an der »standesgemäßen« Versorgung dieser »Edelsten und Besten« liegen, und wenn die »Gartbrüder« sich trefflich zu Soldaten eigneten, so waren die »Krippenreiter« ihre »geborenen« Offiziere.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies waren im allgemeinen die Zustände, die den märkischen Junkern von ihrem Klassenstandpunkte aus die Errichtung eines stehenden Heeres als notwendig erscheinen ließen. So bewilligten sie dem Kurfürsten das Heer, aber natürlich nur unter den Bedingungen, die ihren Klasseninteressen entsprachen. Sie bedangen sich zunächst die umfassendste »Gutsherrlichkeit« aus, so wie sie »herkömmlich« war, also die landesherrliche Bestätigung eines unbeschränkten Verfügungsrechts über die Bauern; »in der verzweifelten Lage zu Anfang seiner Regierung (im Landtagsrezesse von 1653) kaufte der Kurfürst dem privilegierten Adel die Möglichkeit einer festen, höheren Politik, den miles perpetuus, gleichsam damit ab, daß er ihm die Bauern preisgab, ihm in unterster Instanz ein unbedingtes Herrenrecht zugestand«.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Die innere Verwaltung des preußischen Staats unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 25, 587.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht nur die »herkömmlichen«, das heißt tatsächlich, ja in einem Teile der Mark sogar gesetzlich ungemessenen Dienste, Fronden und Lasten der Bauern, sondern auch Patronat, Patrimonialgerichtsbarkeit, Polizei standen den Junkern zu; die »unterste Instanz« war in Wirklichkeit die alleinige Instanz, denn wo sollte ein Bauer selbst gegen das schnödeste Unrecht, das ihm ein Junker zufügte, Recht finden? Der Kurfürst für seinen Teil dachte nur daran, die paar Mauselöcher, durch die ein Bauer in besondern Glücksfällen sich trotzdem noch einem allzu wüterischen Junker oder gar dem Dienstverhältnis überhaupt hätte entziehen können, sorgfältig zu verstopfen. In den erneuerten Bauern-, Gesinde-, Hirten- und Schäferordnungen, die er während seiner langen Regierung für die einzelnen Landesteile erließ, bestätigte er immer zuerst den Landtagsrezeß von 1653, um ihn dann nie zu mildern, sondern stets im gutsherrlichen Sinne zu verbessern. Er verbot wiederholt, fremde Untertanen aufzunehmen, gab den alten Herren wiederholt das Recht, Entlaufene ohne Rücksicht auf Verjährung zurückzufordern. Heruntergekommene Bauern, denen der Gutsherr die Hilfe zur Wiederherstellung ihres Hofes versagt, dürfen doch nicht wegziehen, sondern müssen wenigstens mit ihrer Person dienen. Hausleute, die drei Jahre an einem Orte gesessen haben, können darnach festgehalten werden, ja auch ihre Kinder werden untertänig, selbst wenn sie vor der Untertänigkeit der Eltern geboren worden sind. Und so weiter. »Nichts würde irriger sein, als wenn man den großen Kurfürsten für einen sogenannten Bauernfreund halten wollte«, sagt Roscher. Wirklich? Aber die heute blühende Schule der preußischen Geschichtsschreiber erklärt den »großen Kurfürsten« ja auch nicht für einen »sogenannten«, sondern für einen wirklichen Bauernfreund. Leben wir doch auch heute noch in dem segensreichen Schatten seiner weisen Bauernpolitik, denn die junkerlichen Vorrechte des Landtagsrezesses von 1653 sind erst sehr allmählich und unvollständig, vielfach auch mehr der Form als dem Wesen nach, teils 1808, teils 1848, teils in der Kreisordnung der siebenziger und teils in der Landgemeindeordnung der neunziger Jahre abgetragen worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ferner aber sicherte sich der »gemeine Mann von Adel« bei Errichtung des stehenden Heeres die ausschließliche oder doch so gut wie ausschließliche Besetzung der Offiziersstellen. Bürgerliche Landsknechtsführer, die im Dreißigjährigen Kriege militärischen Ruf erlangt hatten, mußten freilich mit verwandt werden, aber es war damals schon Sitte, daß sie durch Verleihung des Adels der Kameradschaft der »Krippenreiter« würdig gemacht wurden, deren militärische Fähigkeiten sie ergänzen sollten. In welchem Umfange dies junkerliche Vorrecht heute noch besteht, ist bekannt. In seinem ersten Ursprunge war es nicht nur eine politische Sicherheitsmaßregel, sondern auch eine ökonomische Staatshilfe ersten Ranges für ein »üppig wucherndes, zahlreiches, scheußliches Krautjunkergeschlecht«.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Worte Rüstows, dessen einschlägige Schrift, Die preußische Armee und die Junker, eine Fülle historischen und statistischen Materials über die soziale Bedeutung jenes Vorrechts enthält, das nach dem patriotischen Schlagworte einem »dummen Adelshasse« entspringen soll.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie sehr der preußische Adel, namentlich des achtzehnten Jahrhunderts, das Heer auswucherte, werden wir weiterhin noch sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endlich aber, wenn die Stände für so große Vorteile ihr Steuerbewilligungsrecht mehr oder weniger illusorisch machten, indem sie ein für allemal die Summen für ein stehendes Heer bewilligten, so sorgten sie wenigstens dafür, daß daraus für den Adel keine unliebsamen Konsequenzen gezogen werden konnten. Sie sicherten den Gütern und den Personen des Adels das gesetzliche Recht der Steuerfreiheit, das einmal zur Zeit der mittelalterlichen Lehnverfassung in gewisser Beschränkung einen Sinn gehabt hatte, aber längst zum gehässigsten Vorrecht geworden war. Gleichwohl hat auch dieses Vorrecht bis in die erste, ja zu einem erheblichen Teile bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts fortgedauert und ist dann erst gegen schweres Geld aus den Taschen der plebejischen Steuerzahler abgelöst worden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen Bedingungen – Bedingungen, die durchweg auf eine militärische, ökonomische und politische Befestigung der Junkerherrschaft hinausliefen – bewilligten die Stände dem Landesherrn die »Kontribution«, unter welchem Namen die Geld- und Naturallieferungen begriffen wurden, welche die bäuerliche und städtische Bevölkerung für das stehende Heer zu leisten hatte. Sie war nach den Grundstücken, besonders nach den Häusern verteilt und in dem verarmten Lande, das durch die unaufhörlichen Kriege des Kurfürsten immer von neuem verwüstet wurde, natürlich schwer aufzubringen, so gering auch nach unsern heutigen Begriffen der damalige Militäretat war. Der Kurfürst trieb sie aber unbarmherzig ein; in Berlin rollte der Exekutionswagen unaufhörlich durch die Straßen. So erklärten die Stände im Jahre 1667, das Land gehe auf diese Weise seinem völligen Ruin entgegen. Der Kurfürst erkannte an, daß er mit »Winseln und jammerlichen Klagden« aus dem ganzen Lande überschüttet würde, aber mindestens 300 000 Taler müsse er jährlich für sein Heer haben; er schlug vor, es mit einer andern Steuer zu versuchen, mit der Akzise, einer auf Genuß- und Lebensmittel gelegten Verbrauchssteuer, der jeder Einwohner des Landes unterworfen sein solle. Es war ein Versuch, den Adel wenigstens für seine Personen der Steuerpflicht zu unterwerfen, aber dieser etwas plumpen Pfiffigkeit erwiesen sich die Junker sofort gewachsen. Sie erklärten, daß sie alsdann von ihren Vorrechten nichts als den bloßen Namen behalten würden und »ihre Kinder nicht mehr in adligen Tugenden und guten Künsten aufziehen« könnten. Der Kurfürst hatte nicht die Macht, einen aus so ehrwürdigen Motiven entsprungenen Widerstand zu brechen, und es blieb bei der Kontribution für die bäuerliche Bevölkerung. Dagegen ergriffen die Städte mit Begierde den Vorschlag des Kurfürsten, der für sie eine Abwälzung der Steuern von der besitzenden auf die besitzlose Klasse bedeutete, und die Akzise wurde die städtische Heeressteuer.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Anfänge des brandenburgisch-preußischen Militärstaats wurden unter dem Könige Friedrich Wilhelm I., der von 1713 bis 1740 regierte, ausgebaut und dauernd befestigt. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm und seinem Sohne, der als Kurfürst Friedrich III. von 1688 bis 1701, als König Friedrich I. von 1701 bis 1713 lebte, stand das stehende Heer sozusagen erst auf einem Fuße. Die ewige Geldnot machte in Friedenszeiten umfassende Entlassungen der Söldner notwendig, und die verschwenderische Hofhaltung beider Fürsten, namentlich aber des neugebackenen Königs, verschlang die Subsidien, die nach der edlen Sitte der deutschen Teilfürsten vom Auslande für die Vermietung des Heeres an ausländische Interessen einkamen. Friedrich I. hat während seiner Regierungszeit nicht weniger als 14 Millionen Taler solcher Subsidien erhalten und in der unsinnigsten Weise verschwendet. Er war ein schwacher und unfähiger Mann, von dem sein Enkel, der König Friedrich II., stets mit der größten Verachtung spricht; sein fürstliches Klassenbewußtsein erschöpfte sich in den äußerlichsten Nichtigkeiten der höfischen Etikette, und so mußte er die Puppe eines schmarotzenden Hofadels werden. Aber wie gern auch das Junkertum die verbrecherische Leichtfertigkeit dieses Fürsten für sich ausbeutete, so vernachlässigte es doch mit richtigem Klasseninstinkte die Grundlage seiner Macht nicht; immerhin wurden auch unter Friedrich I. von den auf 4 Millionen Taler gestiegenen Staatseinkünften 2½ Millionen für das Heer verwandt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In seinem Sohne kam nun aber ein Fürst auf den Thron, der das Joch des Junkertums, dessen Stacheln er als Kronprinz schon schmerzlich empfunden hatte, abzuschütteln gedachte. Ein ungeschlachter Tyrann, wie Friedrich Wilhelm I. war, wird er doch von dem freisinnigsten Staatsmanne, den Preußen je gehabt hat, von Schön, der »größte innere König« dieses Landes genannt. Der König wußte nicht oft genug zu wiederholen: »Wir sind doch Herr und König und tun, was wir wollen«, aber daneben nannte er sich auch wohl einen »guten Republikaner«. Er prügelte jeden Bürgersmann, der sich von ungefähr in den Bereich seines Stockes verirrte, aber am kräftigsten prügelte er seinen adelsstolzen Thronfolger! weil er »hoffährtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit welche, und nit popular und affabel ist«. Die Lösung dieser anscheinenden Widersprüche ergibt sich aus dem fürstlichen Klassenbewußtsein dieses Königs, für das der Junker nicht mehr war als der Bürger und der Bauer, aber der Bürger und der Bauer auch nicht mehr als ein Sklave des Monarchen. Über die Gleichheit aller Untertanen vor seinem Stocke dachte er allerdings äußerst republikanisch. Er hat den Kampf mit dem Junkertum so kräftig aufgenommen wie weder vor noch nach ihm ein Hohenzoller, und in dieser Beziehung darf er wohl der »größte innere König« des preußischen Staats genannt werden. Aber ebendeshalb war er auch der ausgeprägteste Soldatenkönig dieses Militärstaats, denn erst, wenn er das Heer den Junkern entriß, konnte er daran denken, ihre politische Herrschaft niederzuwerfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hieraus ergibt sich nun aber schon, daß es eine leere Schmeichelei ist, wenn die preußischen Historiker diesem Könige nachsagen, er habe gleichsam in genialer Vorahnung den Gedanken der allgemeinen Wehrpflicht aus seinem Busen geschöpft, oder wie es Treitschke in seiner pomphaften Weise ausdrückt: »Ahnungslos brach sein in der Beschränktheit gewaltiger Geist die Bahn für eine strenge, dem Bürgersinn des Altertums verwandte Staatsgesinnung ... Das Kantonreglement von 1733 verkündete die Regel der allgemeinen Dienstpflicht.« Dies Reglement hat nie bestanden; es ist die reine Legende, obschon anerkannt werden muß, daß diese preußische Legende einen anständigeren Ursprung hat als ihre zahllosen Geschwister. Der geniale Bauernsohn Scharnhorst hat sie im Jahre 1810 erfunden, um dem beschränkten Könige Friedrich Wilhelm III., den die gründliche Pädagogik Napoleons noch immer nicht von seinen despotisch-feudalen Schrullen bekehrt hatte, durch das »glorreiche« Vorbild eines »glorreichen« Vorfahren die Zustimmung zur allgemeinen Wehrpflicht zu entreißen, ebenso wie damals Gneisenau eine alte Vorschrift des deutschen Ritterordens, die den Offizieren das Prügeln der Söldner verbot, entdecken oder auch erfinden mußte, ehe ihm der König gestattete, die scheußlichen Soldatenmißhandlungen zu bekämpfen. Es liegt im Wesen des Militarismus, immer weiter um sich zu greifen, und im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts war er schon so weit gediehen, daß die freiwilligen Werbungen für die stehenden Heere nicht mehr ausreichten, auch nicht, soweit sie tatsächlich gewaltsame Pressungen waren; man mußte zu einem geregelten System der Aushebung unter den Landeskindern übergehen. Das geschah überall auf dem Kontinente, aber nirgends fand diese Neuerung einen stärkeren Widerstand als gerade bei dem Könige Friedrich Wilhelm I., der bei seinem Regierungsantritt sofort die letzten Reste der Landmiliz beseitigte und streng verbot, die Worte Miliz und Militär überhaupt auf die preußische Soldateska anzuwenden. Er wollte ein Söldnerheer im schärfsten Sinne des Worts haben, ein Heer, das nur an die Person des Fürsten gebunden war, und er hatte dazu seine sehr guten Gründe. Denn er wollte durch das Heer die Macht des Junkertums brechen, und solange die Junker wie eine Mauer zwischen ihm und der bäuerlichen, das heißt der großen Mehrheit der Bevölkerung standen, konnte er gar nicht an ein geregeltes Aushebungssystem unter den Landeskindern denken, am wenigsten für den Zweck, den er verfolgte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn daher der König sofort nach seinem Regierungsantritte den schmarotzenden Hofadel zum Teufel jagte, dagegen das Heer von 38 Bataillonen und 53 Schwadronen auf 66 Bataillone und 114 Schwadronen vermehrte, so konnte er die nötigen Rekruten nur durch Kauf oder, was sich durch größere Wohlfeilheit empfahl, durch Raub von Menschen zu bekommen hoffen. Gerade unter diesem Fürsten, dem angeblichen Schöpfer der allgemeinen Wehrpflicht, nahm die »ausländische Werbung«, das heißt der systematische Menschenraub in denjenigen deutschen Staaten, deren Fürsten schwächer waren als der König von Preußen, jene scheußliche Ausdehnung und Form an, deren dunkle Schatten selbst noch in den patriotischen Anekdotenbüchern erkennbar sind. Hier mag es genügen, ein urkundliches Zeugnis anzuführen, einen Erlaß der hannoverschen Regierung vom 14. Dezember 1731 gegen die preußischen Werber, worin verordnet wird, »solche Werber ohne Ansehen von Stand und Würden sogleich zu arretieren und, wenn sie sich in starker Zahl einfinden, durch Läutung der Sturmglocken zu verfolgen, auch Miliz aufzubieten, wenn solche sich in der Nähe befindet. Sie sollen als Straßen- und Menschenräuber, Störer des Landfriedens und Verletzer der Landesfreiheit traktiert und, wenn sie schuldig befunden werden, am Leben gestraft werden. Sollten sie sich aber zur Wehr setzen, so soll man sie totschlagen oder niederschießen.« Und ein nicht minder grelles Schlaglicht auf den Menschenraub im Innern des preußischen Staats wirft der Stoßseufzer des Generalauditeurs Katsch, daß bei den Werbungen wenigstens das viele Blutvergießen vermieden werden möge. Aber im eigenen Lande konnte der König den Menschenraub nicht entfernt so lange betreiben wie im Auslande; der Wille des Despoten zersprang wie Glas an der Macht der ökonomischen Verhältnisse. Die junge Mannschaft entwich, wo sie konnte, über die Grenzen; es mangelte überall an Arbeitskräften; die königlichen Behörden erklärten, daß der Ertrag der Kontribution und der Akzise unaufhörlich abnehme; die Städte lärmten, das Kommerzium floriere nicht mehr, und was am wichtigsten war: Die Junker bewaffneten ihre Hörigen und schickten die königlichen Werber mit blutigen Köpfen heim. Schon im Jahre 1714, kaum ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, muß der König alle gewaltsame Werbung öffentlich verbieten; nur auf sehr unköniglichen Schleichwegen wagt er sie noch zu betreiben, indem er seinen Werbern »möglichste Listigkeit« empfiehlt oder die Vermeidung »großer Gewalttätigkeiten«, wegen deren »Klagen einkommen« könnten. Ja noch mehr: Nach weiteren drei Jahren muß er selbst schon »Exemtionen« von der Werbung verfügen; Wollarbeiter, Handwerker, Manufakturiers, Kinder von Beamten und wohlhabenden Leuten, überhaupt im allgemeinen die Bevölkerung der Städte und namentlich der größeren Städte, der Sammelbecken des Kapitals, sollen nicht »enrolliert« werden dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Umschwung erklärt sich daraus, daß den Junkern auf ihre Weise gelang, was dem König auf seine Weise mißlungen war. Gegen eine Vermehrung des Heeres hatten sie ganz und gar nichts einzuwenden, vorausgesetzt, daß dabei ihr Klasseninteresse gewahrt blieb. Jede neue Kompanie bedeutete für sie gewissermaßen ein neues Rittergut, ein oft noch einträglicheres, als ihre väterlichen Sandbüchsen in der Mark und in Pommern sein mochten. Der Kompaniechef war »Unternehmer an der Spitze einer Waffengenossenschaft«. Von dem Pauschquantum an Unteroffizier- und Gemeinensold, das ihm die königliche Kriegskasse zahlte, hatte er die Leute zu unterhalten; ferner durfte er einen Teil der Kompanie während eines Teils des Jahres beurlauben, um durch die so ersparte Löhnung das nötige Werbegeld für den Ersatz der Mannschaft zu gewinnen, die durch Desertion und Tod abging; was er durch geriebene Wirtschaft von dem Pauschquantum ersparte, das fiel in seine Tasche. Es war, auch wenn es dabei ohne alle Gaunereien abging, immer schon eine stattliche Jahresrente von ein paar Tausend Talern. Eine starke Vermehrung des Heeres bedeutete also für die Junker eine starke Vermehrung ihrer Sinekuren, und da griffen sie mit allen zehn Fingern zu. Nur mußte die Sache auf &#039;&#039;ihre&#039;&#039; Weise gemacht werden, so daß der politische und ökonomische Profit ihnen ungeschmälert in die Tasche fiel. Sie konnten ihre Hörigen gegen den König bewaffnen; aber der König konnte nicht die Hörigen gegen die Junker bewaffnen: Sie hatten seine große, lärmende Werbung durchkreuzt, aber er konnte nicht ihre kleine, stille Werbung verhindern. Die Junker fingen an, Landeskinder einzustellen, das heranwachsende Geschlecht, soweit es kräftigen Leibes schien, schon von früh an zu »enrollieren«, in die Aushebungslisten einzutragen. Die bäuerlichen Rekruten waren von Kindesbeinen an die Fuchtel der Junker gewöhnt; sie erhielten kein Handgeld: Sie desertierten immerhin seltener als Ausländer, und wenn ja einer desertierte, so war er leicht durch einen andern seinesgleichen ersetzt. Freilich verloren die Junker dadurch einen Teil der ländlichen Arbeitskräfte, aber diesem Schaden ließ sich abhelfen, sogar mit wachsendem Profit; das Beurlaubungssystem brauchte nur auf einen immer größeren Teil des Jahres und einen immer größeren Teil der Kompanie angewandt zu werden; dann hatten die Junker-Landwirte ihre Hörigen wieder, und die Junker-Kompaniechefs steckten um so reichlicher ersparten Sold in die Tasche. Endlich aber waren diese Soldaten weit anspruchsloser als das fahrende Gesindel, das sich sonst anwerben ließ; sie konnten bei den Lieferungen an Geld, Kleidung, Nahrung, die der Kompaniechef ihnen zu machen hatte, um so leichter übers Ohr gehauen werden, was denn auch noch eine Menge kleiner, aber zusammengerechnet doch auch wieder recht erklecklicher Schwänzelpfennige ergab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Darnach ist es klar, was jene »Exemtionen« in der »Enrollierung« bedeuteten, die Friedrich Wilhelm I. Hals über Kopf verfügen mußte, nachdem er eben erst selbst die gewaltsamste Werbung im ganzen Lande zu treiben versucht hatte. Er mußte die Gewerbe und Handel treibende Klasse, die städtische Bevölkerung überhaupt, ferner was er an Beamten, an Geistlichen, an Lehrern brauchte usw. vor den gierigen Griffen der Junker schützen. Er war aus der Offensive vollständig in die Defensive zurückgeworfen worden. Er konnte froh sein, wenn die Junker seine »Exemtionen« respektierten, aber sonst mußte er ihr eigenmächtiges Vorgehen bestätigen, indem er das Land in bestimmte Kantonierungsbezirke für die einzelnen Regimenter einteilte, wofür er freilich, falls er etwa darnach gegeizt haben sollte, heute den Vorzug genießt, von den Lesern des Herrn v. Treitschke als dritter Bahnbrecher der allgemeinen Wehrpflicht neben Macchiavell und Spinoza bewundert zu werden. Er mußte durch den grausamsten Drill der Truppen, durch die schärfste Aufsicht über die Offiziere die Schlagfertigkeit des Heeres aufrechtzuerhalten suchen, die unausgesetzt durch die ausbeuterischen Tendenzen der Junker-Offiziere erschüttert wurde. Die Kabinettsordern des Königs zeugen von diesem fortwährenden Ringen. So verbietet er bei schwerer Strafe, in den Beurlaubungen eine gewisse Grenze zu überschreiten; so richtet er, um die volle Etatstärke der Kompanie wenigstens für einen Teil des Jahres zu sichern, eine regelmäßig wiederkehrende Übungsperiode, die sogenannte Exerzierzeit von April bis Juni, ein; so beschwert er sich, daß die Kompaniechefs den Soldaten für zwei Groschen ankreiden, was ihnen selbst nur einen Groschen koste; so verbietet er ihnen auch, das Guthaben, das etwa durch Desertion oder Tod eines Soldaten verlorengehe, solidarisch auf die ganze Kompanie zu verteilen und zur Abtragung gar die neu eingestellten Rekruten heranzuziehen. Man begreift nunmehr die Vorliebe Friedrich Wilhelms I. für ein reines Söldnerheer auch vom rein militärischen Gesichtspunkte aus; ohne die geworbenen Ausländer, die natürlich nicht einen Augenblick von der Fahne entlassen werden durften und in dem menschenarmen Lande immer doch noch mindestens die Hälfte der Truppen bildeten, hätte er das preußische Heer nicht auf die von ihm und seinem Freunde, dem Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, tatsächlich erreichte Höhe der Ausbildung bringen können. Aber auch an diesem Kerne des Heeres zehrte die junkerliche Ausbeutung; wenigstens innerhalb der Garnisonmauern begann sie auch Ausländer zu beurlauben, und gegen Ende seiner Regierung mußte Friedrich Wilhelm I. den Soldaten der Berliner Garnison untersagen, zu handeln und zu hausieren, Hökerei und Handwerk zu treiben.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Die obige Darstellung beruht auf dem archivalischen Material, das Max Lehmann in der »Historischen Zeitschrift«, 67, 254 ff. über die »Werbung, Wehrpflicht und Beurlaubung im Heere Friedrich Wilhelms I.« beigebracht hat. Herr Lehmann sagt unter anderem: »Die Kompaniechefs haben zu beurlauben begonnen, wie sie den Anfang mit der Enrollierung machten: In beiden Fällen war es ein wirtschaftliches Sonderinteresse, was ihr Handeln bestimmte.« Die Versuche des Herrn Lehmann, durch ein naives Zitat aus Aristoteles jene »wirtschaftlichen Sonderinteressen« der Junker als den Ursprung eines Goldenen Zeitalters darzustellen, gehen uns hier nicht weiter an.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie bei der Rekrutierung, so entspann sich auch bei der Finanzierung des Heeres ein Klassenscharmützel zwischen dem König und den Junkern. Wenn Preußen, das dem Flächeninhalte nach die zehnte, der Bevölkerungsziffer nach gar erst die dreizehnte Stelle unter den europäischen Staaten einnahm, die vierte Kriegsmacht des Erdteils spielen wollte (mit 80 000 Mann gegen 160 000 französische, 150 000 russische und 100 000 österreichische Truppen, wobei zu bemerken ist, daß diese Zahlen, wenigstens in Rußland und in Österreich, bei weitem nicht so fraglos waren wie in Preußen), so mußten natürlich die Kriegsgefälle, die Kontribution und die Akzise aufs äußerste angespannt oder, wie man das in Preußen zu nennen beliebt, »reformiert« werden. In der Tat steigerte Friedrich Wilhelm die Staatseinkünfte auf sieben Millionen Taler, von denen gegen sechs Millionen auf das Heer verwandt wurden. Hiergegen hatten die Junker als gegen eine Vermehrung ihrer Sinekuren natürlich auch gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, aber um so heftiger sträubten sie sich gegen die Absicht des Königs, sie selbst wenigstens einigermaßen zur Steuer heranzuziehen, eine Absicht, die um so anerkennenswerter war, als Friedrich Wilhelm I. keine Blutprofite aus der Vermietung seiner Truppen an ausländische Mächte gezogen hat. Aber den Junkern hat er nur eine winzige Steuer aufzuerlegen vermocht, die sogenannten Lehnpferdegelder. Er bot ihnen die Aufhebung des nexus feudalis, die rechtliche Ablösung des Vasallendienstes, gegen eine jährliche Abgabe von vierzig Talern für jedes bisher im Kriegsfalle zu stellende Ritterpferd an. Aber da der Vasallendienst längst verfallen war und die Junker ihre Lehngüter tatsächlich als Erbgüter besaßen, so erhoben sie ein Zetermordio über die Absicht des Königs, gingen bis vor Kaiser und Reich und fügten sich erst nach vieljährigem Streite der winzigen Last. Denn diese Steuer wurde bei ihrer Repartierung keineswegs »reformiert«; es wurde nicht, wie es ursprünglich gemeint war, auf je sechs Hufen ein Ritterpferd gerechnet, sondern es blieb bei der Verteilung, die sich in dem schon geschilderten Verfalle des rittermäßigen Lehndienstes herausgebildet hatte. So daß wohl einige Rittergüter mehr als ein Pferd, viele andere dagegen nur ein halbes oder nur einen Fuß, ja sogar nur einen halben oder einen viertel Fuß zu dem jährlichen Kanon von je vierzig Talern auf ein ganzes Pferd abzulösen hatten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So gering dieser Erfolg war, so war er doch alles, was der König den Junkern an Steuern aufzuerlegen vermochte. Alles oder so gut wie alles. Denn die berühmte Geschichte mit dem Felsen von Erz, als den dieser König die Souveränität gegenüber den Herren Junkern aufgerichtet haben soll, hatte in Wirklichkeit bei weitem nicht den heroischen Verlauf wie in den patriotischen Anekdotenbüchern. Der ganze Handel bezog sich zunächst allein auf Ostpreußen. Hier hatte einerseits der Adel unter dem deutschen Ritterorden und dann unter der polnischen Fremdherrschaft sich nicht die Steuerfreiheit zu erobern vermocht wie in der Mark Brandenburg unter den Hohenzollern, andererseits aber hatte der Kurfürst Friedrich Wilhelm den staatsrechtlichen Widerstand der preußischen Stände gegen seine Souveränität zwar durch rechtlose Gewalttat gebrochen, aber dadurch keineswegs die ökonomische Obmacht des Adels vernichtet. Die Veranlagung und Verteilung der verschiedenen Steuern, deren vornehmlichste ein Horn- und Klauenschoß war, blieb den Ständen. Nun riß bald eine bodenlose Wirtschaft ein; Bestechungen der ständischen Steuerbeamten und zahllose Steuerdefraudationen waren an der Tagesordnung; Tausende von Hufen wurden in den Steuerkatastern unterschlagen; um dem Horn- und Klauenschoße zu entgehen, hielt der Adel kein Vieh mehr und überspannte die Frondienste in so unerträglicher Weise, daß eine ununterbrochene Flucht der Hörigen nach Polen stattfand. Trotzdem bestand diese Raubwirtschaft jahrzehntelang und würde vermutlich auch noch weiter fortbestanden haben, wenn sie nicht dem großen Adel ein Übergewicht über den kleinen gegeben und so einen Interessengegensatz innerhalb des Junkertums selbst geschaffen hätte. Von 1690 bis 1714 waren vierzig arme Junker von ihren reicheren Klassengenossen ausgekauft worden, und hierauf fußend verlangte Graf Truchseß von Waldburg als Fürsprecher des kleinen Adels vom Könige die Umwandlung der verschiedenen Steuern in einen festen, nach der Größe der Besitzung abgestuften Generalhufenschoß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hierauf ging der König begreiflicherweise begierig ein und setzte unter dem Vorsitze des Grafen Truchseß eine Kommission ein, die nach dessen Plänen die neue Steuer veranlagen und ausschreiben sollte. Natürlich widersetzte sich der große Adel und sandte eine Deputation von vier Mitgliedern nach Berlin, die gegen die Einsetzung der Kommission protestierte und die Einberufung eines allgemeinen Landtags zur Beratung der Steuerfrage verlangte. Auf ihr Anliegen verfügte der König nun zwar: »Die Hubenkommission soll seinen Fortgang haben, ich komme zu meinem Zweck und stabilire die Souveränetät und setze die Krone fest wie Rocher de Bronce und lasse den Herren Junkern den Wind von Landtag.« Indessen mündlich gab er den ständischen Abgesandten doch die beruhigende Erklärung, daß er die Steuer nicht einführen werde, wofern sie ein Ruin des Adels sein sollte, und daß der Adel immer in gerechtsamen Sachen einen Rekurs an ihm finden würde; vor allem aber ließ er den Abgesandten bei ihrer Abreise trotz seines Geizes 5500 Taler Diäten überreichen, »vor ihre Mühe, das sie zu Hause was versäumt haben«, was denn einer Bestechung so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen. Es kam dann auch nur noch ein Protest des Feldmarschalls Dohna, in dem der neue Schoß als Ruin des ganzen Landes erklärt wurde, worauf der König antwortete: »Curios, tout le pays cera Ruiné, Nihil Kredo, aber das Kredo, das den Junkers Ihre Ottorität Niposwollam wird ruiniret werden, trux soll seine Verantwortung einschicken. Die Stände sollen steuern, da bleibe ich biß an mein sehlich Ende.« Der König, oder vielmehr trux, Graf Truchseß, hat denn auch den Generalhufenschoß für den ostpreußischen Adel durchgesetzt. Aber man sieht, daß es mit dem vielgepriesenen »Stabiliren der Souveränetät« nicht so gar weit her war. Die kleinen Junker in Ostpreußen regelten mit Hilfe des Königs die in diesem Landesteile von alters her bestehende gesetzliche Steuerpflicht des Adels so, daß sie von ihren ökonomisch stärkeren Klassengenossen nicht mehr erdrückt werden konnten: Das ist alles. Weder hat Friedrich Wilhelm I. – von den geringfügigen Lehnpferdegeldern abgesehen – die Steuerfreiheit des Adels in irgendeinem andern Landesteile anzutasten gewagt, noch auch hat er die ostpreußischen Junker stärker herangezogen, als es eben dem trux, das heißt dem kleinen Adel beliebte und dem großen Adel eben noch erträglich sein mochte. Nach einer amtlichen, von dem Präsidenten der Oberrechenkammer verfaßten Denkschrift aus der Zeit Friedrichs II. zahlte der ostpreußische Junker von der Hufe nach Magdeburgischem Maß (die Hufe zu dreißig Magdeburgischen Morgen) noch nicht zwei, der brandenburgische Bauer aber von demselben Flächenmaße über acht Taler Kontribution, wozu dann noch kommt, daß der jährliche Kanon an Lehnpferdegeldern für die ostpreußischen Rittergüter auf zehn Taler herabgesetzt worden war.&amp;lt;ref group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;&amp;gt;Zakrzewski, Die wichtigeren preußischen Reformen der direkten, ländlichen Steuern im achtzehnten Jahrhundert. Schmoller, Die Epochen der preußischen Finanzpolitik im Jahrbuche für Gesetzgebung usw., Jahrgang 1877, S. 43 ff. Die Denkschrift des Präsidenten Roden bei Preuß, 4, 415 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So fiel die Erhöhung der Steuern, welche die Verstärkung des Heeres notwendig machte, mit fast ausschließlicher Wucht auf die bäuerliche und städtische Bevölkerung. Und wie die Kontribution für jene auf eine erdrückende Höhe stieg, so wuchs sich für diese die Akzise zu jenem Weichselzopf von Steuern aus, der hier mit Schmollers Worten gezeichnet werden mag: »Wir können die brandenburgisch-preußische Akzise als ein System von Steuern bezeichnen, das, ausschließlich auf die Städte beschränkt, neben einer mäßigen Grund-, Gewerbe- und Kopfsteuer wesentlich indirekte Steuern, und zwar solche auf Getränke, Getreide, Fleisch, Viktualien und Kaufmannswaren, umfaßte. Die Erhebung fand in verschiedener Weise, teils beim Einbringen in die Stadt, teils bei der Produktion, teils beim Verkaufe statt. Die einzelnen Steuersätze waren relativ sehr niedrig, aber dafür um so zahlreicher auf möglichst viele Artikel und Waren ausgedehnt.« Zur Erhebung dieser umfassenden Steuern war nun aber auch eine geschulte Bürokratie notwendig, und so stellte Friedrich Wilhelm I. die neue Staatsverwaltung her, wie sie im wesentlichen bis 1806 bestanden hat und in ihren Grundzügen noch heute besteht. Die besondere schöpferische Genialität, die er dabei bewiesen haben soll, ist schwer zu erkennen, denn die bürgerliche Verwaltung ergab sich von selbst aus den Lebensbedingungen dieses Militärstaats. Als unterste Stufe die Kriegs- und Steuerräte in den Städten, die Landräte auf dem platten Lande, darüber die Kriegs- und Domänenkammern, was heute die Bezirksregierungen sind, und als oberste Spitze das Generaloberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektorium, das heutige Ministerium – die Namen dieser Behörden sagen zumeist schon, um was es sich handelte: um die Erhebung und Verwaltung der Staatseinkünfte, der Domänengefälle einer-, der Kriegsgefälle, Kontribution und Akzise andererseits für militärische Zwecke. Alle andern Zweige der innern Verwaltung, Ackerbau, Gewerbe, Handel, Verkehr, Kirchen- und Schulsachen, Rechtspflege usw., kamen höchstens insoweit in Betracht, als sich dabei eine Aussicht eröffnete, die Finanzen steigern und das Heer vermehren zu können. Sie entstanden erst aus der Finanzverwaltung, wie denn Schmoller sagt, daß vornehmlich an der Akzise das preußische Beamtentum erwachsen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anzuerkennen ist immerhin, daß der König auch auf diesem Gebiete den Kampf mit dem Junkertum aufnahm. Er beförderte möglichst viele bürgerliche Elemente in die höheren und höchsten Beamtenstellen; er suchte namentlich das Landratsamt, den praktisch wichtigsten Posten der ganzen Verwaltung, den Junkern zu entreißen. Neuere preußische Historiker haben dies Amt in seiner eigentümlich preußischen Form als den letzten Rest altgermanischer Freiheit zu verklären gesucht; Friedrich Wilhelm I. dagegen sah – und darin kann man ihm nur beistimmen – in dem Rechte der kreiseingesessenen Gutsbesitzer, aus ihrer eigenen Mitte den obersten Verwaltungsbeamten des Kreises vorzuschlagen, nichts als einen Hebel mehr für die Herrschaft der Junker, die auf diese Weise ihr Klassenregiment über die bäuerliche Bevölkerung stärken und mit dem Schimmer staatlicher Autorität bekleiden, der Krone aber desto trotziger entgegentreten konnten. Allzuweit ist der König aber auch in diesem Strauße mit den Junkern nicht gekommen; er hat bei der Ernennung der Landräte das ständische Vorschlagsrecht häufig nach der persönlichen, aber nie nach der prinzipiellen Seite hin durchbrochen; er hat gar manches Mal den Kandidaten der Junker durch einen ihm genehmeren Kandidaten ersetzt, aber seinen Kandidaten doch immer auch aus den kreiseingesessenen Junkern genommen.&amp;lt;ref&amp;gt;Schmoller, Der preußische Beamtenstand unter Friedrich Wilhelm I.; Preußische Jahrbücher, 26, 162.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der König verstand recht gut, welche Waffe er sich in dem Beamtentum gegen die Junker schmieden konnte; in einer Instruktion an seinen Sohn spricht er offen aus, ein Beamter, der dem Könige treu dienen wolle, werde viele gegen sich haben, besonders den ganzen Adel; dieser alte Gegensatz ist ja noch zu unserer Zeit in dem sprühenden Hasse des Junkers Bismarck gegen die Bürokratie zu lebendigem Ausdruck gekommen. Aber Friedrich Wilhelm I. stumpfte die Waffe, die er sich in der Bürokratie gegen die Junker schmieden konnte und auch zu schmieden begann, selber ab, indem er zugunsten seiner Rekrutenkasse einen schlecht oder gar nicht verhüllten Ämterkauf trieb. Es kommt doch wesentlich auf dasselbe hinaus, wenn des Königs Entscheid in einzelnen Fällen bei Besetzung von Beamtenstellen lautete: »wer das meiste giebt«, oder wenn in einer allgemeinen königlichen Instruktion für das Generaldirektorium dieser Grundsatz dahin gemildert wird, »wer am habilesten ist und am meisten giebet«. Alle Ämter, auch die richterlichen, waren nur durch eine Abfindung mit der Rekrutenkasse zu erlangen; damit war den schlimmsten Mißbräuchen Tor und Tür geöffnet, und die Junker wußten ihren Vorteil gar wohl zu benutzen; der König muß immer wieder die Klage erheben, daß die Beamten »mit dem Adel eine Bande, und, was das allerärgste ist, Partie wider uns selbst machen«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war denn so in allgemeinen Zügen die Magna Charta des preußischen Militärstaats, deren Wortlaut teils in vermoderten Scharteken vergraben, teils niemals niedergeschrieben worden ist, aber deren Wirksamkeit sich dauerhafter erwiesen hat als jenes »Blatt Papier«, das sich vorwitzigerweise zwischen »unsern Herrn Gott im Himmel und dieses Land schob«. Der preußische Staat war nur als preußisches Heer möglich; so bedangen es seine ökonomischen Grundlagen. Das Heer war der Staat; »in Preußen wurde konsequent von den Zeiten des großen Kurfürsten bis zum Tode Friedrichs des Großen jede Vermehrung der Einkünfte zur Vergrößerung der Armee verwendet, und die Einkünfte wurden vorzugsweise gesteigert, um die Armee vermehren zu können«.&amp;lt;ref&amp;gt;Twesten, Der preußische Beamtenstaat; Preußische Jahrbücher, 18, 16.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die ökonomischen Grundlagen des Heeres bildeten die preußische Verfassung, über deren Schranken kein preußischer König, so absolut regieren und so genial er sich gebärden mochte, auch nur den kleinsten »revolutionären« Sprung wagen durfte, geschweige denn, daß er mit dem Heere »revolutionäre Insurrektionen« machen konnte. Was Lassalle so nennt, war die Eroberung eines Landstrichs, die der preußische Militarismus um Lebens oder Sterbens willen machen mußte; darüber war sich schon der Kurfürst Friedrich Wilhelm klar, sobald er nur erst ein kleines preußisches Heer auf den Beinen hatte. Der von ihm eigenhändig niedergeschriebene Plan zur Erwerbung Schlesiens ist inzwischen durch Ranke aus dem hohenzollernschen Hausarchive veröffentlicht worden; bis auf Stunde und Minute (»demnach nun weltkundig ist, auf was schwachen fußen das Hauß Osterreich bestehet, und das zu befahren, das selbiges Hauß durch absterben, undt nicht Hinterlassung einiger Erben abgehen mochte«&amp;lt;ref&amp;gt;Ranke, Genesis des preußischen Staats, 518 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;) ist hier der Einfall in Schlesien vorhergesehen, den der mehr als zwanzig Jahre später geborene Friedrich II. mehr als fünfzig Jahre später unternahm. Womit allein denn schon die Insurrektion und Revolution beseitigt sein dürfte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von Franz Mehring]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
	<entry>
		<id>https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_mohamedanisch-arabische_Kulturperiode&amp;diff=9258</id>
		<title>Bibliothek:Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="https://de.prolewiki.org/index.php?title=Bibliothek:Die_mohamedanisch-arabische_Kulturperiode&amp;diff=9258"/>
		<updated>2026-02-28T06:51:32Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;Jaiden: Die Seite wurde neu angelegt: „{{Message box/Archiv}} {{Library infobox work|title=Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode|author=August Bebel|published_date=1883|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/august-bebel/books/die-mohamedanisch-arabische-kulturperiode/}}  Dieses Werk stammt aus dem 19. Jahrhundert und enthält somit veraltete Sprache veraltete Ansichten und veraltete Geschichtsschreibung. Gleiche Informationen beim Lesen mit aktuelleren Schriften und Publikationen ab…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{Message box/Archiv}}&lt;br /&gt;
{{Library infobox work|title=Die mohamedanisch-arabische Kulturperiode|author=August Bebel|published_date=1883|source=https://projekt-gutenberg.org/authors/august-bebel/books/die-mohamedanisch-arabische-kulturperiode/}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Werk stammt aus dem 19. Jahrhundert und enthält somit veraltete Sprache veraltete Ansichten und veraltete Geschichtsschreibung. Gleiche Informationen beim Lesen mit aktuelleren Schriften und Publikationen ab. - ProleWiki&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vorwort. ==&lt;br /&gt;
In einem Zeitpunkt, wo gewisse Leute eifrig wieder daran sind, die Menschheit, die sehr ernsthaft arbeitet, sich aus den Banden verrotteter Ueberlieferungen zu befreien, unter das alte Geistesjoch zu beugen und ihr die Nebelkappe über Ohren und Augen zu ziehen, dürfte es notwendig sein, gewisse Tatsachen immer wieder in das rechte Licht zu rücken. Man spricht heutzutage so viel von der Menschheit befreienden Mission des Christentums, welches das Heil gebracht habe und übersieht die ungeheure Kulturlücke, die das ganze Mittelalter hindurch, von der Zerstörung des römischen Reichs an bis zum Beginn der Renaissance im fünfzehnten Jahrhundert, uns entgegen gähnt. Man ignorirt, wie das Christentum das ganze Mittelalter hindurch mit der alten Kultur verfahren ist, und man ignorirt, woher die Völker des christlichen Abendlandes sich die Kulturmittel holten, mit Hilfe deren sie sich nach unsäglicher Anstrengung vom Alpdruck des Mittelalters befreiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um dies nachzuweisen, dazu schien mir eine populäre Darstellung der mohammedanisch-arabischen Kulturperiode im Orient und in Spanien ein sehr geeignetes Mittel zu sein. Die Darstellung dieser Epoche zeigt ferner, daß keine Religion das Privilegium besizt, der in der Kultur fortschreitenden Menschheit auf die Dauer zu genügen, und für jede der Zeitpunkt kommt, wo sie mit den Kulturbedürfnissen der Menschheit in Widerspruch tritt, weil sie selbst ein vorübergehendes Produkt einer bestimmten Kulturperiode ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die vorliegende Abhandlung habe ich inbezug auf die Tatsachen hauptsächlich das Werk v. Cremers »Kulturgeschichte des Orients« benuzt, außerdem die bezüglichen Arbeiten von Weil, Draper, Buckle, Henne am Rhin, Yves-Guyot u. s. w.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Borsdorf-Leipzig, September 1883.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== I. Vorgeschichte und Entstehung des Mohammedanismus als Hebel arabischer Macht. ==&lt;br /&gt;
Der Orient ist die Geburtsstätte der für die moderne Kultur vorzugsweise in Betracht kommenden Religionen. Judentum, Christentum, Mohammedanismus gingen nacheinander aus seinem Schooße hervor, und alle drei entstammen ein und derselben Völkerrace, der semitischen. Eine dieser Religionen baute sich auf der anderen auf und entfaltete nach den Karaktereigentümlichkeiten und dem Bildungsgrad der Völkerschaften, auf die sie vorzugsweise sich ausbreitete, ihr eigenes karakteristisches Wesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß alle Religionen Menschenwerk sind und aus menschlichen Bedürfnissen hervorgingen, so ist er in der Geschichte ihrer Entstehung und Entwicklung zu finden. Und doch will jede – siehe das schöne Gleichnis Lessings in »Nathan der Weise« von den drei Ringen – sich als die wahre und unfehlbare Religion angesehen wissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber wie eine Religion aus der anderen hervorging, sich sozusagen auf ihre Vorgängerinnen gepfropft hat, so war auch jede genötigt, in dem Moment ihres Entstehens und ihrer ersten Ausbreitung alle jene in den Zeitumständen und im Volkszustande liegenden Anschauungen, die das Geistesleben des bezüglichen Volkes beherrschten, in sich aufzunehmen, wenn sie anders Einfluß und Geltung erlangen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verfolgt man den Ursprung der drei genannten Religionen weiter zurück, so findet die jüdische, als die älteste von den dreien, in der Religion der alten Aegypter, die Moses als einer der Eingeweihten speziell hatte kennen lernen, und diese wieder in der brahmanischen Religion der alten Inder ihre Quelle. Die eine Reihe der Entwicklung aus der altindischen, als der ältesten aller auf den Monotheismus begründeten Religionen, läuft in den Buddhismus und die Lehren des Zoroaster und des Confuzius (Kon-fut-se) aus, und diese Religionen bestehen noch heute im größten Teile Asiens und beherrschen nahezu die Hälfte des Menschengeschlechts; die andere Entwicklungsreihe bilden, nächst der untergegangenen alt-ägyptischen Religion, das Judentum, das Christenthum und der Mohammedanismus. Die beiden lezteren haben sich wieder in verschiedene Bekenntnisse und eine Menge mehr oder weniger untergeordneter Sekten gespalten und nehmen neben einem bedeutenden Teile Asiens und Nordafrikas vorzugsweise Europa in Beschlag, wohingegen in der neuen Welt sich das Christentum als allein maßgebende Religion verbreitete, und zwar in Folge ihrer Eroberung und Kolonisation durch christlich-europäische Kulturvölker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Klima, Bodenbeschaffenheit und Nahrung wirken auf die physische Entwicklung und den Karakter eines Volkes und die daraus sich ergebenden ökonomischen und sozialen Gestaltungen beeinflussen seine intellektuelle Entwicklung. Die leztere wird in dem Maße wachsen, wie günstige äußere Umstände ihr zu Hilfe kommen. Dahin gehören: nicht allzuschwierige Beschaffung einer auskömmlichen Lebensweise, eine Natur, die in ihren Erscheinungen und Einwirkungen mehr die Entwicklung des Verstandes als der Phantasie begünstigt, und wo fremde oder alte Kultureinflüsse sich geltend machen, daß diese der Fassungskraft und dem Karakter des neuen Volks entsprechen und ihm ihre Aufnahme leicht machen. Hingegen fördert alles, was die Phantasie begünstigt, die Religion, und hemmt den intellektuellen Fortschritt. Dahin gehören insbesondere die unverstandenen Naturerscheinungen. Sie wirken auf das Gefühl, erregen die Phantasie und begünstigen die Mytenbildung. Je gewaltiger die Naturerscheinungen auftreten, je mehr sie den Menschen erschrecken und ihn schädigen, desto mehr wird er von Furcht erfüllt sein und alles versuchen, die wider ihn empörten Mächte, die er sich nicht anders als lebende, mit Willen begabte Wesen vorstellen kann, zu besänftigen und mit sich auszusöhnen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die religiösen Vorstellungen hängen also mit der Naturerkenntnis auf das innigste zusammen, sie werden umso abergläubischer und roher sein, je tiefer die Naturerkenntnis steht, und diese selbst hängt wieder ab von der Macht, welche die Natur und die ganze Umgebung des Menschen auf die Entwicklung seines Verstandes ausüben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Soll also eine neue Religion auf Anhänger und Ausbreitung rechnen können, so ist ihr erstes Erfordernis, daß sie in ihren Lehren dem Kulturgrad der bezüglichen Völker entspricht. Steht sie unter demselben, wird sie ebensowenig auf allgemeine Verbreitung rechnen können, als wenn sie über demselben steht. Im ersteren Falle wird sie günstigsten Falles die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;rückständigsten&#039;&#039; Klassen des Volkes, im zweiten die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;vorgeschrittensten&#039;&#039; befriedigen, sie wird aber weder in dem einen noch in dem andern Falle eine einschneidende Wirksamkeit erlangen und endlich entweder gänzlich untergehen oder erst nach Jahrhunderten, auf höherer Entwicklungsstufe der Menge, für die sie berechnet war, Eingang und Ausbreitung finden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wird also keine Religion auf die Dauer bei einem geistig fortschreitenden Volke bestehen bleiben können, es sei denn, daß sie umgeformt wird, wodurch sie aber ihren eigentlichen Karakter verliert und mehr oder weniger aufhört, Verehrung und Befriedigung zu wecken. Das hat z. B. der Protestantismus sehr deutlich gezeigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Entwicklung der Religion läuft also schließlich in lezter Instanz auf die Abschaffung aller Religionen, den Ateismus hinaus, womit selbstverständlich nicht gesagt ist, daß ein solcher Zustand sich künstlich, etwa durch gesezgeberische Akte in einem Zeitalter, wo das religiöse Bedürfnis noch überwiegt, herbeigeführt werden könne. Ueber das unsinnige und verkehrte eines solchen Schrittes belehren uns am besten die bezüglichen Akte der französischen Revolution, die wesentlich mit die Rückkehr zur Monarchie herbeiführten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die lezte Entwicklungsstufe in Anbetracht der Religion, der Ateismus, ist bis heute von keinem Volke in seiner Gesammtheit erreicht worden; es ist aber unzweifelhaft, daß die vorgeschrittensten Kulturvölker sich dieser lezten Sprosse auf der religiösen Stufenleiter nähern, und für sie das Verschwinden des Kultus nur noch eine Frage der Zeit ist. Beweis für diese Auffassung ist, daß heute keine der Kirchen mehr vermag, die reißend zunehmende Zahl der Gleichgiltigen unter ihren Angehörigen in ihren Schooß zurückzuführen, und daß kein neues Religionssystem mehr Aussicht auf größeren Anhang hat, auch wenn es dem vorgeschrittensten religiösen Standpunkt entspricht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Facit der bisherigen Erörterungen also ist, daß ein beliebiges Volk in einem beliebigen Zeitpunkt sich ebensowenig für einen gegebenen sozialen und politischen Zustand als für einen beliebigen religiösen eignet. Daher die tägliche Erscheinung bei zum Christentum neu bekehrten heidnischen Völkern, daß sie, troz aller Aeußerlichkeiten des Christentums, Wilde bleiben und wo sie Kulturvölker werden, dies nicht durch die Annahme des Christenthums, sondern durch die Aufnahme&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;modernerKulturmittel&#039;&#039; geschieht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man wird einem Volke mit vergleichsweiser Leichtigkeit irgend einen sozialen, politischen und religiösen Zustand aufzwingen können, der von seinem eigenen bisherigen Zustand sich nicht allzusehr unterscheidet, man wird dies aber nicht können, weder nach unten, indem man das Volk tief unter seinen Kulturgrad herabdrückt, noch nach oben, indem man es plözlich und künstlich über denselben erhebt. Der Abstand darf kein zu großer sein. Daher der so häufige rasche Niedergang von Religions-, Staaten- und sozialen Gebilden in Ländern und bei Völkern, wo das künstliche Experiment eines raschen Emporhebens versucht wurde und eine Zeit lang zu glücken schien. Wir erleben dieses Beispiel in der Gegenwart sehr häufig bei Völkern wie den Ureinwohnern von Nord- und Südamerika und den Ureinwohnern anderer Erdteile, denen die moderne Zivilisation statt Vorteil den Untergang bringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kann also gar kein Zweifel sein, daß die religiösen Ideen mit dem gesammten Kulturzustand eines Volks in innigster Beziehung stehen. Die Religionen entwickeln sich wie das ganze Menschenwesen und wie der politische und soziale Zustand einer Gesellschaft nach bestimmten Gesezen. Es ist also ein Widersinn, zu sagen, dieser oder jener Religionsstifter sei ein Betrüger gewesen, wie es eben so falsch ist, wenn man seiner Person speziell einen ganz besonderen, außergewöhnlichen Einfluß auf eine bestimmte Religionsbildung zuschreibt. Geht man den Vorgängen der Zeiten auf den Grund, dann findet man&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;stets&#039;&#039;, daß es&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;keineswegs&#039;&#039; nur jener&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Eine&#039;&#039; war, der einem späteren Zeitalter als der eigentliche Religionsstifter, als Gründer durch sich selbst, gilt und darum verehrt wird, und die von ihm gelehrten Grundsäze und Anschauungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;allein&#039;&#039; besaß, sondern daß in der Regel sowohl vor ihm wie gleichzeitig mit ihm, eine mehr oder weniger große Zahl frommer Schwärmer vorhanden war, die in dem gleichen Sinne und Geiste wirkten und ihm schon vorgearbeitet hatten. Es waren nur besondere zufällige Umstände, welche gerade diesen bestimmten Einen zur hervorragenden Geltung kommen ließen. Irgend ein nebensächlicher Umstand hätte eben so gut einen anderen an seinen Plaz stellen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So wäre z. B. die religiöse Reformation sicher gekommen, auch wenn Luther nicht auftrat und durch Anschlagen seiner 95 Tesen an die Schloßkirche zu Wittenberg dem Papsttum den Krieg erklärte. Der Kampf gegen das Papsttum und die alte Kirche lag in der Zeit und war längst entbrannt. Luther gab durch seine Handlung dem religiösen Kampf nur eine bestimmte Richtung und Form und wurde dadurch in seiner Person die Fahne, um welche sich das Heer der Streiter, oft mit sehr abweichenden Ansichten, sammelte. Oder wäre die moderne soziale Bewegung in Deutschland nicht gekommen, wenn Lassalle keine Gelegenheit hatte, sein berühmtes Antwortschreiben an das leipziger Arbeiter-Comité zu verfassen? Die soziale Bewegung lag in der Luft, sie war bereits vorhanden; Lassalle gab der sozialen Bewegung, wie Luther der religiösen, nur Richtung und Form. Und so wenig der heutige Protestantismus noch lutherisch ist, so wenig ist die heutige soziale Bewegung noch lassallisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die hier angesprochenen Ansichten gelten von religiösen Systemgründern in höherem Grade als von wissenschaftlichen Systemgründern, weil die Moralsäze, auf denen sich alle Religionssysteme aufbauen, eine große Stabilität und Gleichartigkeit in der ganzen Menschheitsentwicklung besizen, so daß das religiöse System&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;nur&#039;&#039; die Form schafft, wohingegen wissenschaftliche Systeme erst durch höhere Erkenntnis, eine große Summe von Erfahrungen und Beobachtungen und tiefes Denken erforscht und festgestellt werden können, also auch ihrem ganzen Inhalte nach neu sein werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bestimmte Moralsäze ergeben sich sozusagen von selbst, wo immer Menschen zusammenleben. Ihr geselliges Zusammenwirken bedingt, daß sie einen Moralkodex sich geben, der je nach ihrem Kulturzustand in äußere Formeln zusammengefaßt wird, aber in seiner Grundauffassung überall derselbe ist. Daß auf Zusammenleben angewiesene Menschen den gegenseitigen Diebstahl, den Totschlag, den Mord und die offene Uebervorteilung verurteilen, liegt so sehr in dem Wesen des gesellschaftlichen Verkehrs, daß ohne diese Schranken jeder gesellschaftliche Verkehr und jedes Zusammenleben unmöglich wäre. Die moralischen Grundanschauungen, welche das gesellschaftliche Verhältnis erzeugt, bilden daher überall die Basis für die Rechtsbildung. Jede organisirte menschliche Gemeinschaft, Stamm, Stämmeverband, Volk, Völkerverband wird sie als Grundlage ihrer Verbindung betrachten. So werden Moralgrundsäze wie der: »was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu« in jedem menschlichen Gemeinwesen als ideale Rechtsanschauung und erstes Moralgesez angesehen werden, auch wenn dieser Gedanke nicht klar formulirt dem Einzelnen zum Bewußtsein gekommen ist. Dagegen spricht nicht, daß die Staatsgeseze und die Staatseinrichtungen weder auf primitivster, noch auf der heutigen höchsten Kulturstufe diesem Gedanken keinen reinen Ausdruck geben. Hier spielen eben die Machtverhältnisse hinein, die wieder der Ausdruck von der Verteilung der materiellen Machtmittel sind, deren Träger, seien es nun Einzelne oder ganze Klassen, es vermocht haben, in ihrem Interesse der Gesammtheit oder wenigstens der großen Mehrheit die Anschauung beizubringen, daß solche Abweichungen von den allgemeinen Grundsäzen berechtigte und nicht zu ändernde oder nicht zu vermeidende seien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber daß jede Herrschaft die Billigung der Mehrzahl für sich haben muß und selbst der unumschränkteste Despot auf die Dauer nicht zu herrschen imstande wäre, wenn er die Grenzen des allgemeinen Rechsbewußtseins willkürlich durchbräche, spricht für die große Macht der moralischen Anschauungen, sowie auch dafür, daß geistige Strömungen sich nicht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;nachBelieben&#039;&#039; erzeugen und leiten lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der ursprünglichste und naheliegendste Moralgrundsaz ist jener von der Gleichheit aller. Daher finden wir in den ältesten wie in den modernsten Religionssystemen diesen Grundsaz ausgesprochen. Es gibt ferner keinen Moralsaz im Christentum, den der fünfhundert Jahre ältere Buddhismus und der noch viel ältere Brahmaismus nicht auch lehrte; die Lehre von der Gütergemeinschaft findet sich darin und wurde im Buddhismus in einer der Zeit zusagenden Weise von den Frömmsten verwirklicht, ehe man an das Christentum dachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wäre es nicht eine tausendfach festgestellte Thatsache, daß ein und dieselben Gedanken in den verschiedensten Gehirnen und in den verschiedensten Zeitaltern, ohne daß ihre Träger gegenseitig Kenntniß von einander zu haben brauchen, sich bildeten, wenn nur gleichartige Zustände vorhanden sind, welche dann auch die gleichartigen Gedanken erzeugen, so müßte man das Christenthum in seinen wesentlichsten Lehren einen einfachen Abklatsch des Buddhismus und des noch älteren Brahmaismus nennen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Womit nicht bestritten wird, daß das Christentum tatsächlich sowohl Anschauungen als Gebräuche zahlreich dem Brahmaismus und Buddhismus entnommen hat.Nur daß das Christentum nach den anders gearteten Zuständen und Anschauungen der späteren Zeit, in der es entstand, sich entsprechend modifizirte; wie es sich denn troz aller Kämpfe und Opposition seiner Vertreter, vom ersten Jahrzehnt seines Bestehens an bis heute beständig modifizirt und anbequemt hat, weil es der Zeitgeist dazu zwang, wollte es Aussicht auf Bestand haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kann auch nicht bloßer Zufall sein, daß unsere hauptsächlich in Betracht kommenden Religionssysteme dem Orient entsprangen und zwar auf einem und demselben Gebiete geboren wurden. Die Wiege des Judaismus, des Christianismus und des Mohammedanismus standen geographisch nahe beieinander. Die Gegend, wo Abraham seine Heerden weidete und schließlich begraben worden sein soll und die Orte, wo Mohammed geboren und gestorben ist und hauptsächlich wirkte, sind nicht sehr viele Tagereisen von einander entfernt, und die Wiege des Christentums stand wieder in der Heimat des Judentums.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Orient, und zwar hauptsächlich Indien, wird auch als die Geburtsstätte der Menschheit angesehen. Dort, wo die Natur so reich und üppig sich entfaltet, daß der Mensch mit geringster Mühe seinen Lebensunterhalt sich erwerben kann, entwickelte sich vermuthlich zuerst die höhere Kultur, wenigstens stammt von dort die älteste Kultur, die wir kennen, und verbreitete sich in dem Maße wie die Menschen sich vermehrten und neue Wohnpläze suchten, nach den verschiedensten Richtungen, namentlich nach Norden und Westen. Möglich, ja wahrscheinlich, daß schon sehr frühzeitig Ansiedler aus Vorderindien durch das arabische Meer nach dem südwestlichen Arabien, dem ungemein fruchtbaren Lande Yemen und von dort, durch das rote Meer, nach dem nicht minder fruchtbaren und üppigen Nilthal im nordöstlichen Afrika gelangten und sich von hier aus weiter verbreiteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der dicht zusammengedrängten Bevölkerung des Niltales, das auf der einen Seite das rote Meer, auf der anderen die große lybische Wüste hat, gestaltete sich ein Staatswesen, das gleich dem indischen in ein starres Kastenwesen ausartete. Dahingegen war das ungeheure Gebiet des heutigen Arabiens und Syriens, mit seiner Abwechslung von fruchtbaren Landstrichen und seinen weiten Hochebenen ganz darnach angetan, der Bevölkerungszersplitterung Vorschub zu leisten und die starre Unterjochung und kastenartige Abscheidung zu verhindern. So bildete sich hier im Laufe der Jahrtausende statt eines strengen, nach Kasten abgeschlossenen Staatswesens, ein vielgestaltiges, reich gegliedertes Familien- und Stammesleben aus, das sich auf einen Flächenraum, fünfmal so groß als das deutsche Reich, verbreitete. Von gleicher Race, war die Bevölkerung sehr ungleich in Lebensweise und Beschäftigung. In dem fruchtbaren Boden des südöstlichen Arabiens, und in den Gegenden längs der Meeresküste entstand frühzeitig eine hohe Kultur, gefördert durch lebhaften Handel und Verkehr; dasselbe war im Norden in Syrien und längs der Küste der Fall, wo das phönizische Reich sich bildete und durch seinen Reichtum und seine Kultur eine Zeit lang das erste aller Reiche um das mittelländische Meer herum wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Inneren Arabiens, wo Berge und Wälder die Bildung von Feuchtigkeit in Gestalt häufiger Regen begünstigen und in Folge davon auf den mächtig ausgedehnten Hochebenen sich fettgrasige Weiden bildeten und zahlreichen Heerden Nahrung boten, entwickelte sich ein nomadisches Hirtenleben mit seiner Einfachheit und Naturwüchsigkeit. Nur wenn im Frühjahr die heftig hereinbrechenden Gewitterregen erhebliche Strecken der angrenzenden Wüste unter Wasser sezten und wie mit einem Zauberschlage dem Boden einen üppigen Pflanzenwuchs entlockten, zogen die Hirten auf kurze Zeit in die Ebene. Streit und Zank der einzelnen Stämme um die besten Weidepläze blieben dabei nicht aus und nicht selten entstanden daraus blutige Fehden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Andere Stämme des Volks, die auf den Oasen inmitten der Wüste oder am Saume derselben ihre Wohnpläze aufgeschlagen, trieben neben der Viehzucht mit Vorliebe die Jagd auf Berg- und Wüstentiere, hielten es aber auch, da schon sehr frühzeitig sich durch die Wüste Handelsstraßen zogen, für vorteilhaft, den Handelskarawanen aufzulauern und sie zu plündern. Diesem Teil des arabischen Volks wurde Kampf, Jagd und Raub sein Lebenselement. Der Streit um den Raub verfeindete sehr häufig die benachbarten Stämme; einer suchte dem anderen in dem Hinterhalt und durch den Ueberfall die Heerden und die Frauen zu rauben. Wo ein Stamm sich zu schwach fühlte, dem anderen zu widerstehen, suchte er nach Bündnissen und so entstanden Kämpfe, in denen manchmal ganze Stämme ihren Untergang fanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine solche Lebensweise, viele Jahrhunderte hindurch fortgeführt, muß bestimmte Karaktereigenschaften in hohem Maße entwickeln. Da die räumliche Ausdehnung und die Bodengestaltung des Landes die isolirte Abschließung der Stämme mit Leichtigkeit gestattete, so entwickelte sich ein sehr ausgeprägter Stammes- und Familienstolz. Die Stammes- und Familientradition erlangte hohe Bedeutung und die eigene lebhafte Phantasie wie die Sucht, den Nachbarstamm zu überbieten, trug dazu bei, die Taten und die Tugenden der Vorfahren möglichst günstig darzustellen, die dann durch die Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht sich immer mehr vergrößerten und verschönerten. Erlangte Vorrechte wurden hochgehalten und auch von denen respektirt, über die man sie erlangt hatte, da sie meist im Kampf erworben waren und der Kampf die Führerschaft und die Unterordnung bedingt. Tapferkeit ward eine der vornehmsten Tugenden, aber auch die Großmut gegen den besiegten Feind ward gepriesen und geübt. Als heilig und unverletzbar ward die Gastfreundschaft angesehen, wie bei allen Völkern auf einer gewissen Kulturstufe, die frühzeitig den hohen Wert eines sicheren Asyls schäzen lernen, wenn sie in fremdem, wenig bevölkerten Lande von allen möglichen Gefahren, die Naturereignisse, wilde Tiere oder feindliche Menschen ihnen stündlich bereiten können, umgeben sind. Die Gastfreundschaft zu verletzen galt deshalb für eine der schimpflichsten Handlungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen wurden Raub und im Falle des Widerstandes Tötungen, an anderen als den eigenen Stammesangehörigen oder Verbündeten begangen, als durchaus erlaubt und ehrenvoll angesehen, vorausgesezt, daß die Handlungen nicht feig und hinterlistig ausgeführt wurden. Auch galt einen Schimpf oder eine Beleidigung im Blute des Gegners zu rächen nicht blos als gerechtfertigt, sondern als Pflicht, wollte der Beleidigte nicht als feig oder ehrlos erscheinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter solchen bestimmten sozialen Zuständen mußten auch bestimmte religiöse Anschauungen vorhanden sein, namentlich, wenn man die klimatischen Verhältnisse und die natürliche Beschaffenheit des Landes in Betracht zieht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Naturerscheinungen haben, wie schon hervorgehoben wurde, zu allen Zeiten auf die Anschauungen der Menschen einen großen und entscheidenden Einfluß ausgeübt. Die unverstandenen Naturerscheinungen waren es, welche zuerst zu religiöser Verehrung Veranlassung gaben. Je großartiger und gewaltiger sie einherschritten, je mehr sie auf das ungeklärte naturwüchsige Gefühl Eindruck machten und die Phantasie durch glänzende oder abschreckende und geheimnisvolle Erscheinungen erregt wurde, um so lebhafter und phantastischer waren die Vorstellungen, die sich die Menschen von den Wesen machten, die nach ihrer Meinung die Veranstalter dessen waren, was vor ihren Augen sich zutrug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der leuchtende Farbton, unter dem das Häßliche wie das Schöne im Morgenlande unter einem fast immer heiteren Himmel erscheint, wirkt in hohem Maße nervenanregend. Das heiße Klima macht die Menschen leidenschaftlicher, sie sind Hallucinationen und epileptischen Anfällen leichter ausgesezt als der kühle Nordländer; die Phantasie entfaltet sich bei der Großartigkeit der Naturerscheinungen üppiger und erlangt daher die Herrschaft über den Verstand. Daraus erklärt sich die größere Neigung zu religiösen Schwärmereien, wie die Liebhaberei für alle Künste, welche die Phantasie und die erregten Gefühle besonders befriedigen: Dichtkunst, Gesang, Musik, die Freuden an Mährchen und phantastischen Erzählungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter die wirkungsvollsten Naturerscheinungen im Orient muß besonders der Eindruck gerechnet werden, den die Wüste auf den Wanderer wie auf den in ihr Lebenden macht. Die Wüste wirkt durch ihre scheinbare Unendlichkeit, durch das blendende Lichtmeer, das am Tage über sie ausgegossen ist, und die feierliche Ruhe und Stille, die dann in ihr herrschen und alles Leben in ihr wie erstorben erscheinen lassen, mächtig auf den Menschen ein. Er fühlt sich klein und doch wieder gehoben in dieser starren Unendlichkeit und fühlt andachtsvolle Schauer vor dem Wesen, das, nach seinen Begriffen, sie geschaffen haben muß. Dieser andächtige Schauer wird vermehrt durch die Zeichen der Vergänglichkeit, die ihm fast auf Schritt und Tritt begegnen. Tierische und menschliche Gebeine sieht er überall, deren einstige Besizer entweder im Kampf miteinander oder in Folge plözlich eingetretener Naturereignisse, wie Wolkenbrüche und Wüstensandstürme, oder in der weiten undurchdringlichen Ebene verirrt, durch Hunger und Durst ihren Tod gefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aehnlich in der Wirkung, doch im Sinneneindruck ganz anders, stellt sich die Nacht in der Wüste dar. Ohne wesentlichen Uebergang von dem hellsten Lichte in die tiefste Schwärze, bricht die Nacht herein. An dem tiefschwarz scheinenden Himmel leuchtet ein Heer von Himmelskörpern in so intensivem Glanze, wie selten unter gleichen Breitengraden, weil anderen Ländern die durchsichtige Luft fehlt, welche fast das ganze Jahr, unbeweglich erscheinend, über den weiten und heißen Flächen Arabiens steht. Aber mit der hereinbrechenden Nacht beginnt plözlich das Leben in der Wüste. Auf allen Seiten regt sich die Tierwelt. Laute der verschiedensten und oft schauerlichsten Art machen sich überall vernehmlich, um so lauter, da die Dünne und Reinheit der Luft die Entfernungen nahezu aufhebt. Kein Wunder, daß das erregte Gemüt und die lebhaft geweckte Phantasie überall geheimnisvolle Geister erblickt, die jezt in der Stille der Nacht ihr geschäftiges Wesen treiben und den Menschen überall necken und schädigen. Daher ist der Glaube an Geister, Ginnen und Ghulen, bei den Arabern von uralter Zeit her verbreitet. Diese Geister spielen selbst im Koran ihre Rolle, ebenso wie der semitische Teufel, der nach der Bibel dem christlichen Religionsstifter bezeichnender Weise ebenfalls in der Wüste erschien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juden und Araber, zu derselben Race gehörig, fast auf ein und demselben Boden sich entwickelnd, haben von uralter Zeit in ihren religiösen Anschauungen vieles miteinander gemein. Beide führen ihre Abstammung auf Abraham zurück, nur daß die Bewohner des mittleren Arabiens sich speziell als die Nachkommen Ismaels, des Sohnes der von Abraham in die Wüste verstoßenen Hager ansehen, die Südaraber sich als Nachkommen Joktans betrachten. Der Sage nach kam Ismael mit seiner Mutter auf seiner Wüstenwanderung in die Nähe von Mekka, wo er vom furchtbarsten Durste gequält wurde. Angstvoll lief die Mutter ein wüstes Tal auf und ab, irgendwo eine Quelle erspähend; da, in Folge der wiederholten Anrufung ihres Gottes, sprang unter den Füßen des kleinen Ismael eine Quelle empor, die ihr das verzweifelt gesuchte Naß in reichlichstem Maße spendete. Dieser Brunnen, in unmittelbarer Nähe der heiligen Kaaba in Mekka gelegen, wird noch heute hochverehrt und gehört zu den heiligsten Oertern des Zentralpunkts der islamitischen Religionsgenossen. Auch haben noch heutigen Tages die vielen tausende von Pilgern, die alljährlich von allen Enden Asiens und Afrikas und wo sonst die mohammedanische Glaubensgenossenschaft Anhänger zählt, nach Mekka wallfahren, unter den Wallfahrtsobliegenheiten siebenmal die Hauptstraße Mekkas auf- und abzulaufen, um so das angstvolle Suchen der Hager nach Wasser anzudeuten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie jener Brunnen, heute der Zamzambrunnen genannt, an Abraham-Ismael erinnert, so auch der berühmte schwarze Stein, den die Kaaba birgt und der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist. Nach der einen Version soll dieser Stein ein gefallener Engel sein, den Gott wegen eines Vergehens aus dem Paradies auf die Erde stieß und in einen Stein verwandelte; aber am jüngsten Tage werde er wieder ein Engel werden und dann dem Herrn berichten, wer ihn während seines Steindaseins auf Erden verehrt und werde zu Gunsten der Gläubigen zeugen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der anderen Version hat Abraham den Stein aus dem Paradiese mitgebracht, wo er noch schneeweiß war, aber dann allmälich durch die Aufnahme der Sünden der Gläubigen schwarz wurde. Ferner sollen Abraham und Ismael, die erste Kaaba, die aus einem viereckigen Steinhaufen bestand, auf dessen Spitze der heilige Stein lag, errichtet und der allgemeinen Verehrung empfohlen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das wahrscheinlichste ist, daß der Stein ein Aërolith (Meteorstein), der in uralter Zeit unter Geräusch und Leuchten zur Erde fiel, von in der Nähe weidenden Hirten gesehen und gefunden und nun als himmlischen Ursprungs verehrt wurde. Die Zeit und das Interesse verbreiteten dann den Wunder- und Sagenkreis um ihn, der dann schon sehr frühzeitig und in wachsendem Maße die Angehörigen der verschiedensten semitischen Stämme bis weit aus Asien her zur Wallfahrt zur Kaaba veranlaßte. Feststeht, daß die Verehrung heiliger Steine (Aërolithen) in uralter Zeit bei allen semitischen Stämmen verbreitet war und die erste Form ihrer Götterverehrung bildete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie es nun auch heute noch geschieht, bildete sich bald in der Nähe solch eines heiligen, vielbesuchten Ortes eine Stadt, deren Bevölkerung an dem Besuch dieser Wallfahrten sehr interessirt war und nun ihrerseits alles aufbot, den Ruhm des Wunderortes immer weiter zu verbreiten und seine Anziehungskraft zu erhöhen. Der fromme Betrug ging mit der frommen Einfalt Hand in Hand. Und wenn im Mittelalter in der Christenheit das Wizwort gang und gäbe war: Je näher bei Rom, desto weiter vom Papst, so konnte man schon sehr frühzeitig von Mekka und den Mekkanern etwas ganz ähnliches sagen. Mekka war von allen Städten des späteren mohammedanischen Reichs diejenige, wo der wenigste Glaube herrschte und die lockeren Sitten und die ausschweifende Lebensweise den größten Umfang annahm, ja sie galt lange Zeit im Chalifenreich nebst der Schwesterstadt Medina als die Hochschule sinnlichen Raffinements. Sodom und Gomorrha ins Arabische übersezt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mekka, die heilige Stadt, liegt sechs Meilen vom roten Meer, in einem unwirtlichen, mit spärlicher Vegetation bedeckten Tale, dessen Seitenwände wild zerrissene Steinabhänge bilden. An beiden Enden des Tales beginnt die vegetationslose Wüste. Da die Stadt von frühester Zeit eine Hauptstation der von Syrien durch die Wüste nach und von dem Lande Yemen kommenden Handelskarawanen bildete, und alljährlich von zahlreichen Pilgern und Pilgerkarawanen besucht wurde, so war sie ein lebhafter Verkehrs- und Handelsplaz. Diese Umstände machten sie auch zum Siz verschiedener arabischer Stämme, die gegen einen entsprechenden Tribut den Schuz der Karawanen gegen die Angriffe verwandter räuberischer Stämme in der Wüste übernahmen. Unter diesen in Mekka ihren Siz habenden Stämmen war es dann wieder derjenige der Koraischiten, der die Auszeichnung genoß, die Tempelwache und die religiösen Dienstleistungen in der Kaaba zu versehen. Die Kaaba, als früher einfacher Steinhaufen, wich nämlich später einem umfassenden Steinbau, in dessen südöstlicher Ecke im Inneren der heilige Stein wenige Fuß hoch vom Boden eingemauert wurde. Der Stein selbst, ungefähr sieben Zoll im Durchmesser, ein wellenförmiges Oval bildend, wurde dann mit einer Einfassung in Silber versehen. Unmittelbar an die Kaaba ward später die Moschee gebaut, in welcher die Gebete und Predigten gehalten werden. Endlich befindet sich einige Meilen von Mekka das Tal, in welchem noch heute, ganz wie bei den alten Israeliten, die Opferung der Tiere stattfindet, deren Zahl im eigentlichen Wallfahrtsmonate so groß ist, daß ihre Cadaver die Luft verpesten und häufig zu pestartigen Krankheiten die Veranlassung geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– – – – –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zur Zeit des römischen Reichs hatten Aegypten, Palästina, Syrien und auch ein Teil Arabiens in verschiedener Zeitdauer unter römischer Herrschaft gestanden und dessen Kultur hatte sich in allen diesen Ländern verbreitet. Als das römische Reich zerfiel und gleichzeitig das Christentum immer weitere Ausdehnung erlangte, bis es im oströmischen Reiche endlich Staatsreligion wurde, gab es auch zahlreiche Christen in diesen Ländern, die aber fast alle mit den beiden Hauptrichtungen der Christenheit, die der Bischof zu Rom und der Bischof zu Konstantinopel vertraten, zerfallen waren. Neben diesen Christen und inmitten der übrigen Bevölkerung lebten versprengt zahlreiche Juden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bis zwei Jahrhunderte vor dem Beginn des mohammedanischen Reichs war Alexandrien in Aegypten der Sammelplaz und das Zentrum für die ganze antike Bildung. Hier war der Siz der neu-platonischen Philosophie, die als heidnisch von den christlichen Wortführern heftig bekämpft und angegriffen wurde, obgleich oder auch gerade weil das Christentum, wie ein Blick in Platos »Staat« und zeigt, auf Sokratisch-Plato&#039;sche Philosophie sich stüzt und von ihr erfüllt war. In Alexandrien waren ferner die literarischen Schäze Griechenlands und Roms und der Völker des Altertums aufgespeichert, seine Bibliotek und seine Sammlungen von mathematischen, astronomischen und physikalischen Instrumenten waren die größten und vollkommensten der damaligen Zeit. Ein solcher Brennpunkt geistigen Lebens mußte auch noch lange nach seiner Zerstörung von Einfluß auf seine weitere Umgebung sein, und in der Tat gab es zahlreiche Häupter der christlichen Sekten, die sich, im Verein mit jüdischen Rabbinern, den von Alexandrien ausgegangenen philosophischen und naturwissenschaftlichen Lehren mit Eifer hingaben und eine ganz eigenartige geistige Atmosphäre erzeugten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solche Jahrhunderte währende Geistesströmungen bleiben notwendig nicht ohne Einfluß auf weitere Volkskreise und wirken auch bestimmend auf die religiösen Anschauungen ein. In dieser geistigen Atmosphäre wurde am 1. April 571 unserer Zeitrechnung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Mohammed&#039;&#039; als Sohn eines Elternpaares aus dem Stamme der Koraischiten zu Mekka geboren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammeds Verhältnisse waren keine günstigen. Der Vater starb kurz vor oder bald nach seiner Geburt, seine Mutter starb, als er kaum sechs Jahre alt war; so wurde der Knabe, den sein Oheim Abu Talib in Pflege nahm, frühzeitig selbständig. Schon mit dem zwölften Jahre unternahm er eine Reise nach dem entfernten Bassra (Bassora) an der Grenze von Irak. Dort machte er mit einem christlichen Mönche namens Bahira (Dschardis) Bekanntschaft, ebenso hatte er in seiner Heimat einen getauften jüdischen Gelehrten, einen Vetter mütterlicherseits, mit dem er Verkehr pflegte. So entstanden die Ideenströmungen, die ihn später beherrschten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed zeichnete sich durch Gewandtheit aus. Nach der Heimat zurückgekehrt, bekleidete er abwechselnd die Stelle eines Hirten und eines Kameeltreibers und machte in lezterer Eigenschaft wiederholt Reisen nach Syrien und Irak. Fünfundzwanzig Jahre alt, trat er in den Dienst einer Kaufmannswitwe Namens Chadidscha, der er bald so gefiel, daß sie ihm, obgleich an Jahren weit voraus, ihre Hand anbot. Mohammed willigte ein, sicher weniger aus Liebe als aus materiellen Gründen. Er hatte aber mit seinen geschäftlichen Unternehmungen kein sonderliches Glück, denn als seine Frau nach langjähriger Ehe starb, war er keineswegs in glänzenden Verhältnissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jener Zeit herrschte in weiten Kreisen der arabischen Bevölkerung eine lebhafte geistige Erregung. Ein bestimmt ausgeprägtes religiöses System besaßen die Araber damals nicht. Es traten häufig religiöse Schwärmer auf, die sich als Propheten dem Volke darstellten, ohne sonderlichen Anhang zu finden. Aehnlich war es ja auch zur Zeit Jesu in Palästina. Durch die Römer unterdrückt und unterjocht, seiner nationalen Selbständigkeit beraubt, waren unter dem erregten jüdischen Volke ebenfalls zahlreich religiöse Schwärmer entstanden, die, auf die alten Weissagungen von einem kommenden Messias gestüzt, die religiösen, nationalen und sozialen Instinkte und Leidenschaften der Massen erregten. Insbesondere war es die Sekte der Essener, die durch die strengste Askese – Ehelosigkeit, Selbstverstümmelung und Kasteiungen aller Art – den Fanatismus entfesselten. Aus ihr gingen Johannes der Täufer – die Taufe ist eine Zeremonie, die auch die alte ägyptische Religion besaß – und Jesu hervor. Johannes, anfangs der Kühnere, revolutionärere, von der Menge bejubelt, ward durch Herodes als Unruhestifter geköpft. Jezt trat Jesu an seine Stelle und die Umstände begünstigten ihn, der Schöpfer einer neuen Religion zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed erging es ähnlich. Er verfiel ziemlich spät, nahe dem vierzigsten Lebensjahre, in religiöse Visionen. Möglich, daß folgender Umstand einen starken Eindruck auf ihn gemacht. Zu seine Zeit fand der Umbau der Kaaba statt, nun entstand aber Streit, wer das Amt der Einmauerung des heiligen Steines verrichten solle. Endlich kam man überein, sich zurückzuziehen und demjenigen das Amt zu übertragen, der an einem bestimmten Tage in frühester Stunde der erste in der Kaaba sein werde. Dieser Glückliche war Mohammed und er verrichtete das Amt zu aller Zufriedenheit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Religiöse Visionen sind die Folge sehr nervösen Temperaments und sind in der Regel von epileptischen Anfällen begleitet. Beides war mit Mohammed der Fall. In Folge religiöser Grübeleien steigerten sich mit den Jahren die epileptischen Anfälle und Visionen. Sie erweckten in ihm den Glauben, daß er der berufene Neubegründer der dem Abraham von Gott offenbarten Religion sei. Anfangs fanden seine Gesichte und Weissagungen wenig Gläubige, selbst nicht bei seinen nächsten Angehörigen. Aber mit ihrer dauernden Wiederkehr verschwanden allmählich die Bedenken und eine Person nach der anderen aus seiner Umgebung fing an, ihn für einen Propheten zu halten. Doch betrug nach Verlauf von drei Jahren seine Anhängerschaft erst vierzig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am schlechtesten waren seine eigenen Stammesgenossen, die Koraischiten, auf ihn zu sprechen und zwar aus ähnlichen Gründen wie die Schriftgelehrten Judäas auf Jesu. »Kein Prophet gilt in seinem Vaterlande«. Die Koraischiten, als die berufenen Kaabahüter, ein Amt, das ihnen Ansehen und große materielle Vorteile verschaffte, waren dem Aufkommen einer neuen Religion feindlich, weil sie ihr Ansehen und ihre Einnahmen zu schmälern drohte. Es kam zu heftigen Auseinandersezungen mit Mohammed. Die Verfolgungen wurden schließlich so arg, daß selbst sein Leben in Gefahr kam. Er entfloh in eine mehrere Meilen von Mekka entfernte Höhle, wo ihn sein Oheim, Abu Talib, der ihn auch in der Stadt nach Kräften beschüzt hatte, mit Lebensmitteln unterhielt. Als dieser aber bald darauf starb, sah sich Mohammed genötigt, weiter zu fliehen. Er eilte mit seinen Anhängern nach dem nicht sehr entfernten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Medina&#039;&#039;, wo er, namentlich schon aus Eifersucht gegen die Mekkaner, günstige Aufnahme und viele Anhänger fand. Von diesem Zeitpunkte an, dem Jahre 622 unserer Zeit, wurde später die neue Zeitrechnung der Mohammedaner, die Hedschra, das Jahr der Flucht, angesezt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Medina begann Mohammed sein religiöses System weiter zu entwickeln, das sich aus jüdischen und christlichen Anschauungen und Gebräuchen, vermischt mit den alten heidnischen Anschauungen der Araber, bildete. Mohammed betrachtete sich als den ersten Propheten Gottes, doch war er weit entfernt, Moses und Christus zu verleugnen; auch diese erkannte er als Propheten, aber nur als Vorläufer von ihm an. Die christliche Dreieinigkeit verwarf er als Vielgötterei und darum heidnisch, dagegen lehrte er den strengsten Monotheismus (Eingottglaube). »Es ist kein Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet«. Das war und ist der Grundspruch und das Glaubensbekenntnis des Islam. Aus den Offenbarungssprüchen, die er nach seinen Visionen kundgab, entstand der Koran. Er ging dabei recht praktisch zu Werke. Kam ein Fall vor, für den bisher noch kein Ausspruch vorhanden war, so wartete er seine nächste Vision ab, und der dann zu Tage geförderte Spruch wurde als endgiltig und heilig von allen Gläubigen anerkannt. Diese Aussprüche, die zumteil von hoher Moral, gesunder und humaner Anschauung Zeugnis ablegen, bildeten die Grundlage des religiös-sozialen Gesezes; sie entsprachen den Sitten und dem Karakter des Volks und der Zeit. Hierdurch wurden sie das vorzüglichste Bindemittel, welches die bis dahin zersplitterten, jedes gemeinsamen Bundes baren Stämme vereinigte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed lehrte, daß es gelte, den neuen Glauben mit allen Mitteln auszubreiten, die Ungläubigen sollten bekämpft oder dem wahren Glauben gewonnen werden. Doch machte er zwischen den Ungläubigen einen Unterschied. So weit es sich um arabische Stammesgenossen handelte, sollten sie, sobald sie besiegt und den neuen Glauben angenommen, als vollständig Gleichberechtigte anerkannt werden. Waren es hingegen Ungläubige fremder Abstammung, so sollten diese, wenn sie sich unterwarfen bevor man sie geschlagen und ihr Land erobert hatte, als Schuzgenossen (Klienten) angesehen werden. In diesem Falle sollten sie ihren Grund und Boden als Eigentum behalten, sie waren aber gehalten, eine bestimmte Kopf- und Grundsteuer zu entrichten, die den Schaz des Propheten und später in den seiner Nachfolger, der Kalifen, floß und von diesen nach bestimmten Regeln unter die Gläubigen und Stammesgenossen verteilt werden mußte. Dasselbe geschah mit der Kriegsbeute, die nach Abzug eines Fünftels für den Schaz unter die Gläubigen verteilt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jedem einleuchtenden materiellen Vorteile aus der Verbindung mit religiösen Ueberzeugungen, konnten ihre Wirkung auf die tapferen, aber auch beute- und geldgierigen Söhne Arabiens nicht verfehlen. Diesem, sowie dem Umstand, daß die unterworfenen Ungläubigen mit einer im Orient bis dahin unbekannten Milde behandelt wurden und mit verhältnismäßiger Leichtigkeit sich ein gewisses Maß von Freiheit und Unabhängigkeit erkaufen konnten, ist die sehr rasche Ausbreitung des Islams zuzuschreiben. In scharfem Gegensaz zu den heute in Europa noch weitverbreiteten Anschauungen, als sei der Mohammedanismus von fanatischer Unduldsamkeit gegen Andersgläubige beseelt gewesen, muß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;dasGegenteilkonstatirtwerden&#039;&#039;. Christen, Juden und Andersgläubige überhaupt haben unter dem Mohammedanismus vom ersten Tage seines Entstehens an mit einer Ruhe und Sicherheit gelebt, wie sie Andersdenkenden im gleichzeitigen christlichen Europa&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;nirgends&#039;&#039; zu Teil wurde. Größere Verfolgungen kamen erst vor, als vom 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts das christliche Abendland unter dem Namen der Kreuzzüge seine Raub- und Eroberungszüge nach dem Morgenlande unternahm und durch seine Hezereien und Barbareien auch den muselmännischen Fanatismus auf die Spize trieb. Und selbst in dieser Zeit haben mohammedanische Kriegsführer christliche Fürsten und Edelleute häufig durch Edelmuth beschämt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Juden und Christen haben in der Blütezeit des Islam und noch viel später, ja selbst bis in unsere Tage, die höchsten Ehrenstellen im mohammedanischen Staatswesen bekleidet; die Juden speziell genossen Rechte und nahmen Ehrenstellen an, die ihnen heute vielfach noch im christlichen Abendland versagt werden. Jahrhunderte lang waren z. B. die Steuerämter im Reich fast ausschließlich in den Händen von Christen und Juden. Christen und Juden bekleideten hohe Würden bei Hofe und waren häufig Vertrauenspersonen der Kalifen. Christen und Juden bildeten insbesondere den im Morgenlande hoch angesehenen Stand der Aerzte und waren häufig Leibärzte der Kalifen. Endlich waren christliche Kirchen und Klöster und jüdische Synagogen vor und nach Mohammed sehr zahlreich über das weite Reich zerstreut, und erfreuten sich die Angehörigen dieser Religionen der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;vollkommenstenReligionsfreiheit&#039;&#039; innerhalb ihrer Kirchen und der&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;vollstenSelbstverwaltung&#039;&#039; ihrer zumteil sehr großen Vermögen und ihrer religiösen Angelegenheiten. Ferner standen christliche und jüdische Gelehrte mit den mohammedanischen in freundschaftlichem Verkehr; religiöse, philosophische, juristische, medizinische und naturwissenschaftliche Tematas wurden mit einer Freiheit und Ungenirtheit öffentlich erörtert, die in den meisten christlichen Staaten bis in die neuere Zeit unerhört war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So geschah es, daß schon frühzeitig und zu einer Zeit, wo das christliche Abendland noch in tiefster Barbarei lag und die wildeste Verfolgung gegen jeden ins Werk sezte, der da wagte, an den Kirchendogmen zu zweifeln, oder der Studien oblag, welche in ihren Erfolgen die Glaubenssäze anzutasten drohten, das mohammedanische Reich eines hohen Maßes von Geistesfreiheit und Kultur sich erfreute, und der Orient es war, der dem in finstere Glaubensnacht versunkenen Abendland die Leuchte der Erkenntnis überreichte. Das wird die weitere Darlegung noch beweisen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die geschilderte, manchem unglaublich scheinende Toleranz war imgrunde sehr natürlich. Wie schon dargelegt, lebten Juden, Christen und Anhänger aller Religionen und Anschauungen der alten Welt Jahrhunderte lang in friedlichem Verkehr in den Ländern, in denen der Islam zunächst sich ausbreitete. Der Islam selbst war nur ein Gemisch aus wesentlichen Bestandteilen dieser verschiedenen Religionen, endlich stand Mohammed selbst mit seinen Anhängern dieser Religionen in freundschaftlichem Verkehr, dasselbe war mehr oder weniger mit seinen unter denselben Verhältnissen aufgewachsenen Nachfolgern der Fall. Wie konnte da ein brutaler Fanatismus und eine blinde Verfolgungswut Plaz greifen? Die einfachsten Gebote der Klugheit empfahlen die Toleranz und die bisherigen Sitten bedingten sie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn es später zeitweilig anders wurde, so trug, wie schon angeführt, das christliche Abendland ganz wesentlich die Schuld; auch muß hervorgehoben werden, daß in späteren Jahrhunderten eine korrumpirte Mischrace mehr und mehr das Ruder in die Hand bekam, das schließlich gänzlich in die Hände eines berberischen Volks, der seldschuk&#039;schen Türken, überging, deren Wildheit dem Abendland jezt als der Ausdruck des mohammedanischen Geistes erscheinen mußte. Es ist übrigens sehr die Frage, ob selbst die heutigen christlichen Staaten einer größeren Zahl von Mohammedanern in ihrer Mitte diejenigen Freiheiten einräumen würden, die – allem Zeitungsgeschwäz zum Troz – die Christen bei den Mohammedanern heute noch tatsächlich genießen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== II. Weitere Entwickelung mohammedanischer Macht unter Mohammed und den nachfolgenden Kalifen. Die religiös-militärische und steuer-politische Organisation des Reichs. ==&lt;br /&gt;
In Medina wohnten die Stämme Aus und Chazrag, die Mohammed nach seine Flucht günstig aufgenommen hatten. Ihnen erteilte er deshalb den Ehrennamen die Hilfsgenossen (Ansâr); die mit ihm aus Mekka Geflohenen erhielten den Namen die Fluchtgenossen (Mohagir). Die Nachkommen dieser Stämme stehen noch heute in hohem Ansehen im Orient. Damals gab aber ihre bevorzugte Stellung Anlaß zu den ersten Kämpfen zwischen ihnen und den Mekkanern, die, nach Mohammeds Tode, schwere Spaltungen verursachten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Medina begann Mohammed mit der Organisirung seines religiös-politisch-sozialen Staatswesens. Er mochte die Erfahrung gemacht haben, welch großen und mächtigen Einfluß auf den Einzelnen das massenhafte Zusammenwirken bei religiösen Uebungen nach bestimmten Vorschriften ausübt. Bei allen Massenzusammenkünften zu gemeinsamem Zweck fühlt jeder Einzelne sich mächtig gehoben; seine Kräfte scheinen ihm vervielfacht, sein Vertrauen wächst; es entsteht eine phosphorescirende Wirkung, die jeden über sich selbst erhebt und ihn zu Taten beseelt, deren er als Vereinzelter unfähig ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jede Massenansammlung für irgendeinen Zweck liefert hierfür den Beweis. Auch der Redner in der Volksversammlung spricht mit umso größerem Feuer, je dichter die Massen sind, die ihn umstehen, sein eigenes Feuer überträgt sich auf die Zuhörer und so erzeugt sich aus dem gegenseitigen Aufeinanderwirken jenes enthusiastische Wogen und jene tiefe Gefühlserregung, der Keiner sich entziehen kann. Ebenso ist die Gleichartigkeit äußerlicher Zeichen und Formen, unter welchen bestimmten Gefühlen Ausdruck gegeben wird, von großem erzieherischen Wert für bestimmte Zwecke. Namentlich wenn es sich um Massen handelt, die nach ihrem geistigen Standpunkt mehr durch Aeußerlichkeiten als durch Gedankenentwicklung gefesselt werden können. Den Einfluß einer von früher Jugend ab betriebenen Abrichtung im Formelwesen kann sich selbst der geistig Starke schwer entziehen. Bei den Arabern war aber ein solches auf Disziplin und Zusammenwirken berechnetes religiöses Formelwesen um so nötiger, da sie einen ausgeprägt separatistischen Stammesgeist besaßen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies klar erkennend organisirte Mohammed in erster Linie einen streng gegliederten Ritus; er ordnete tägliche fünfmalige Waschungen und Gebete an, wobei alle Bewegungen mit minutiöser Genauigkeit vorgeschrieben wurden und legte namentlich großes Gewicht auf das gemeinsame Massengebet, dem er stets persönlich selbst vorstand und dem er eine fünfundzwanzigfach größere Wirkung als dem Einzelgebet zuschrieb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf diese Art schuf Mohammed eine religiös-militärische Disziplin, die von den besten Folgen für das von ihm zu gründende Reich wurde. Es war ein Staatswesen, das den politischen, sozialen und religiösen Instinkten und Interessen der Araber die vollkommenste Rechnung trug, dem sie in Folge davon mit Begeisterung anhingen. Mohammed selbst ging seinen Stammesgenossen in Allem mit gutem Beispiel voran. Unermüdlich tätig, erteilte er jedem Ratschläge und Hilfe, der sich ihm nahte; dabei lebte er außerordentlich einfach und genügsam und unterschied sich in Aeußerlichkeiten in nichts von seinen Stammesgenossen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Kampf für Ausbreitung des neuen Glaubens und des neuen Reichs begann mit der Unterwerfung einiger benachbarter arabischer und jüdischer Stämme. Der glückliche Ueberfall mehrerer großer Karawanen, der reiche Beute einbrachte, ward weiter als ein gutes Omen für den neuen Propheten ausgelegt und breitete seine Anhängerschaft in dem Maaße aus, wie sein Name an Glanz und Ruhm gewann. Innerhalb weniger Jahre hatte er sich alle Stämme in Mittel- und Südarabien, namentlich auch das reiche Land Yemen, unterworfen. Jezt zog er auch gegen seine ihm immer noch feindlich gesinnte Vaterstadt Mekka, um auch diese sich zu unterwerfen. Er schlug die Mekkaner und machte eine Anzahl ihrer hervorragendsten Häupter zu Gefangenen, er behandelte sie aber sehr milde und entließ sie zum Teil mit reichen Geschenken versehen. Sein Anhang, der namentlich in der ärmeren Volksklasse in Mekka schon vorhanden war, ward durch diesen klugen Schritt nur vermehrt. In der Stadt fing man an zu begreifen, daß man auf die Dauer der Macht des neuen Propheten nicht zu widerstehen vermöge und es klüger sei, sich in Gutem zu verständigen, um das Ansehen der Stadt zu retten. Und als man erfuhr, daß Mohammed nichts ferner lag, als den Kaabakultus, auf dem das Ansehen und der Wohlstand der Stadt beruhte, wie man befürchtete, zu bekämpfen, Mohammed vielmehr entschlossen war, diesen Kultus in seinem Religionssystem aufrecht zu erhalten, um dessen Anhänger sich zu Freunden zu machen, da sank der Widerstand und die Stadt unterwarf sich. Das geschah im Jahre 8 der Hedschra (630 unserer Zeit).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber die Gesundheit des Propheten fing jezt an bedenklich zu werden. Die fortwährenden visionären und epileptischen Anfälle, die sich mit den Jahren steigerten und ihn regelmäßig in tiefen Schweiß versezten, die Mühen und Anstrengungen des Kampfes und der Organisirung des neuen Staatswesens, endlich die starken geschlechtlichen Genüsse, denen er sich in fortgeschrittenem Alter bei seinen neun Frauen hingab, untergruben seine Gesundheit. Im Jahre 10 der Hedschra unternahm er, schon schwer krank, die lezte Wallfahrt nach Mekka und regelte hierbei endgültig das Ceremoniell des Wallfahrtsdienstes, das von da ab bis auf den heutigen Tag beibehalten wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 8. Juni 632 unserer Zeit verschied im Schooße seiner Lieblingsgattin Aïscha der Mann, dessen Name von da ab die Welt erfüllte. »Der größte Mann, den Asien je hervorgebracht und einer der größten, den die Welt je gesehen«, wie das Zeugnis lautet, das Buckle Mohammed ausstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seinem Tode entstand zwischen den Mohagirs und Ansârs Streit über die Nachfolge. Da entschied Omar, einer der Fluchtgenossen Mohammeds, den Streit, indem er auf Abu Bakr, den Schwiegervater des Propheten und an Jahren wie an Anhänglichkeit einer der ersten seiner Genossen, zueilte und ihm das Zeichen der Wahl, den Handschlag gab. Die Uebrigen folgten seinem Beispiel und der Streit war entschieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abu Bakr ordnete einen Eroberungszug nach Syrien an, den schon Mohammed geplant. Der Erfolg war durchschlagend; ganz Syrien wurde erobert und unterworfen. Aber nach kaum zweijährigem Kalifat starb Abu Bakr und jezt folgte ihm Omar im Amte, derselbe, der durch sein rasches Eingreifen die Wahl Abu Bakrs entschieden hatte. Troz der Erfahrung, Umsicht und Tapferkeit, die Omar besaß, wie allgemein anerkannt wurde, fand seine Nachfolge bei den Ansârs in Medina Widerstand, die einen der Schwiegersöhne Mohammeds, Aly, als Kalif sehen wollten. Aber bei der außerordentlichen Popularität Omars wagte man nicht offen gegen ihn vorzugehen. Omar gelang es, das Reich über ganz Arabien, Syrien und Irak (Persien) bis an das kaspische Meer, und westwärts über Aegypten und Nordafrika auszudehnen. Omars Ruhm stieg gewaltig, aber er selbst blieb im extremen Gegensaz zu den späteren Kalifen, höchst einfach, und verschmähte es nicht, eines Tages ein von der Staatsheerde verirrtes Kameelfüllen im glühendsten Sonnenbrande und barhäuptig der Heerde zuzutreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist hier an der Zeit, auf das Steuer- und Militärsystem näher einzugehen, das Mohammed begründete und seine Nachfolger, insbesondere der energische Omar, weiter ausbildeten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Arabien war und ist bis auf den heutigen Tag vorzugsweise ein Hirten- und Ackerbauland, soweit beides nicht die Wüste unmöglich macht. Ein lebhafter Handel und Verkehr hatte sich nur im Süden, im Lande Yemen, gebildet. Die wenigen Städte im Innern des Landes galten nur als Ruhe- und Durchgangspunkte für die Karawanen, das Gewerbe war wenig entwickelt. Bei so gearteten Kulturzuständen bestand der Hauptreichtum des Landes in seinen Heerden und war von jeher das vornehmste Nuztier des Arabers das Kameel. Es lieferte ihm nicht nur Milch und Fleisch für den Haushalt, es diente ihm auch namentlich als sicherster Führer und ungemein ausdauernder und anspruchsloser Lastträger in der Wüste. Das Kameel vermag nicht blos schwere Lasten zu tragen, es vermag auch Tage lang bei dem dürftigsten Futter und ohne Wasser – eine in der wasserarmen Wüste unschäzbare Eigenschaft – auszuhalten. Dabei besizt es einen ungemein scharfen Geruchs- und Ortssinn, so daß es auf Meilen Entfernung eine Quelle oder Wasserlache ausfindig macht und in der dunkelsten Nacht in der pfadlosen Wüste den Weg nach seinem Ziele findet. Ferner wittert es schon lange Zeit zuvor die zwar seltenen, aber dann in der Regel sehr plözlich und mit ungeheuren Wassergüssen hereinbrechenden Gewitter und ebenso jene heißen Wüstenorkane, den gefürchteten Samum, der unter seinen ungeheuren Sandmassen Mensch und Tier und alles Lebende begräbt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Alles das zusammen machte von Alters her das Kameel dem Araber äußerst wertvoll; es war für ihn der Wertmesser, an dem er seinen Reichtum und den Tauschwert alles dessen, was er besaß und besizen wollte, abschäzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Abschäzung nach Kameelen war die Taxe, wonach Mohammed die Beiträge für die Armensteuer und den Staatsschaz bemaß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus dem Ertrag der Steuern wurde bestritten: 1) die Unterstüzung der mittellosen Gläubigen – Mohammed hielt streng darauf, daß die Armen reichlich bedacht wurden und das wandte ihm ihre Sympatien zu –; 2) die Besoldung der Steuerbeamten; 3) die Ausrüstung unbemittelter Krieger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kriegsbeute ward derart verteilt, daß ein Fünftel dem Propheten, später dem Kalifen, zufiel und von diesem unter die Stammesgenossen des Propheten verteilt wurde; die übrigen vier Fünftel wurden unter die anderen Stämme verteilt, wobei Anfangs der Verwandtschaftsgrad zum Stamm und zur Familie des Propheten Berücksichtigung fand. Stämme, die sich in einem Kampfe besonders hervorgetan, erhielten auch einen größeren Anteil an der Beute, auch wurde ihnen manchmal der Grund und Boden neu eroberter Gebiete zur Verteilung unter sich überlassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Steuern: die Armentaxe und der Zehent, wurden in folgender Weise berechnet, ohne Rücksicht, ob es sich um Grund und Boden, Tiere, Geld oder Schmuckgegenstände handelte. Wer nicht mehr als vier Kameele oder deren Wert besaß, war steuerfrei, außer er gab freiwillig. von 5-24 Kameelen war ein Kameelschaf, von 25-35 ein weibliches Kameelfüllen, das im zweiten Jahre stand; von 36-45 ein dreijähriges, von 46-60 ein vierjähriges Kameel und so fort, zu geben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kühe waren bis 29 Stück, Schafe bis 39 Stück steuerfrei; von 30-39 Kühen war ein einjähriges Kalb, von 40 und mehr eine dreijährige Kuh zu geben und so fort. Von Schafen mußte von 40-120 ein Stück, von 121-200 zwei Stück u. s. w. gesteuert werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um den Steuererhebern wie den Reichsangehörigen die Umrechnung zu erleichtern, war der Wert der Kameele auch in Kühe und Schafe und in Geld eingeschäzt. Die Steuererheber waren angewiesen, dem Eigentümer nicht seine besten Tiere wegzunehmen, doch sollten sie auch nicht zu alte annehmen. Für die auf solche Weise dem Staate zugehenden lebenden Steuerobjekte gab es große Staatsweiden in den verschiedenen Territorien, auf welchen die Tiere unterhalten wurden. Mit der Entwicklung des Staatswesens aus patriarchalischen Zuständen in ein despotisches Regiment mit erheblichem Handel und Verkehr und ausgeprägter Geldwirtschaft, wurden die Steuern mehr in Geldform eingetrieben, nur der Zehent und die Grundsteuer wurden in Naturalien forterhoben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Pferde, auf die bekanntlich der Araber einen hohen Wert legt, die er mit besonderer Sorgfalt hegt und pflegt, und bis zu einer sehr hohen Stufe der Veredelung gebracht hat, waren steuerfrei. Ebenso Sklaven, wenn diese zum eigenen Dienste gebraucht wurden. Wurden sie hingegen vermietet, oder leisteten sie ihren Herren gewisse Abgaben, wofür sie sich frei beschäftigen konnten, so wurden die Erträge wie das übrige Geldeinkommen zur Steuer herangezogen. Dasselbe galt auch von dem Erträgnis der Wohnungsvermietungen. Geldeinkommen war bis zu 20 Dynar – der Dynar gleich 11 Dirham, der Dirham gleich 80 Pfennige – also bis zu 160 Mark steuerfrei; alsdann wurde ein Viertel des Zehnten, zwei und ein halb von Hundert, erhoben. Dieselbe Steuer mußte vom Goldschmuck geleistet werden und vom Ertrag der Minen und Bergwerke. Von Schäzen, die in der Erde gefunden wurden, beanspruchte der Staat ein Fünftel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleich den Pferden waren auch sonstige Haustiere – Ziegen, Geflügel – steuerfrei. Von den Bodenprodukten wurde der Zehnt erhoben und dieser ergab namentlich in dem fruchtbaren Südwesten Arabiens – im Yemen – sehr bedeutende Erträge. Dort giebt der Boden Alles und in reichster Fülle. Weizen, Gerste, die Durra, Reis, Datteln und Wein wachsen im Ueberfluß. Ferner werden Melonen, Gurken, indische Feigen, Bananen, Oliven- und Citronenbäume und zahlreiche Sträucher und Bäume, die kostbare Harze und Balsame lieferten – die Aloë, das Olibanum, der Tamarinden-, Balsam- und Weihrauchbaum – angebaut. Akazienarten lieferten das arabische Gummi, die Kaffeestauden den Kaffee.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch waren die meisten dieser Erzeugnisse zehntenfrei, nur Körnerfrüchte, Gemüse, Datteln und Oliven waren dem Zent unterworfen. Auf Körnerfrüchte sezte Omar später die Steuer auf die Hälfte herab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Schuzbefohlenen (Klienten), also Diejenigen die sich vor der Eroberung oder durch Kapitulation unterworfen hatten, leisteten außerdem die Kopf- und Grundsteuer. Für die Kopfsteuer gab es drei Klassen. Die erste für die Reichen mit 4 Dynar pro Jahr (32 Mark), die zweite für die mittlere Schicht mit 2 Dynar (16 Mark), die dritte für die Minderbemittelten mit 1 Dynar (8 Mark). Als Steuerquittung wurden Bleimarken ausgegeben, die der Steuernde sichtbar an einer Schnur um den Hals zu tragen hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einer höchst praktischen und für die Besteuerten gerechten Weise war die Grundsteuer auferlegt. Diese wurde nach genauer Ausmessung des Landes nach der Größe, der Fruchtbarkeit und nach der Art der Bebauung des Bodens bemessen. So zahlte z. B. ein Garyb Boden (1169,68 qm) mit Zuckerrohr bepflanzt 6 Dirham, das gleiche Feld mit Weizen bebaut 4 Dirham, mit Gerste 2 Dirham. Ging die Ernte ohne Verschulden des Besizers zu Grunde,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;so war keine Steuer zu entrichten&#039;&#039;, trug der Staat die Schuld, indem z. B. durch Dammbrüche Ueberschwemmungen entstanden,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;so war dieser verpflichtet, auf seine Kosten den Schaden ausbessern zu lassen&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da das Gesez bestimmte, daß zum Islam Uebergetretene von der Grund- und Kopfsteuer befreit sein sollten und, wie der echte Moslem, nur den Zehnten und die Armentaxe zu geben hätten, so war dies ein mächtiger Antrieb, die Bekehrung zu beschleunigen. Die materiellen Vorteile haben zu allen Zeiten und unter allen Zonen auf die größte Mehrzahl der Menschen weit eindrucksvoller gewirkt, als alle noch so schönen Glaubenssäze und Dogmen. Die Bekehrungen wurden infolge dessen mit der Zeit so massenhaft, daß die Staatseinkünfte bedeutend geschmälert wurden und spätere Kalifen sich veranlaßt sahen, diese Prämien aufzuheben, d. h. die Steuern fortbestehen zu lassen. Welcher Unterschied gegen das Christentum. Lezteres hatte, sobald es ein abergläubiges Volk unterworfen, nichts eiligeres zu tun, als die Unterworfenen mit Gewalt zum christlichen Glauben zu zwingen, den Mohammedanern war dieser Glaubenswechsel gleichgiltig, wenn er der Staatskasse Schaden brachte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man muß allerdings festhalten, daß die geschilderten Einrichtungen im Laufe der Zeit, ohne daß sich der Zeitpunkt genau in jedem einzelnen Falle nachweisen läßt, bedeutenden Aenderungen unterworfen wurde. Nahm ja das ganze Staatswesen mit der Zeit wesentlich andere Gestalt an, denn das Reich gewann in weniger als zwei Jahrhunderten eine Ausdehnung, die selbst jene des großen römischen Weltreichs übertraf und konnte schließlich unmöglich von einem Zentralpunkt aus noch beherrscht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den großen Umfang, den das Reich schon zu Omars Zeit erlangte, veranlaßte diesen, Einrichtungen zu treffen, respektive seinem Nachfolger zu empfehlen, welche jede Kraftzersplitterung vermeiden und namentlich verhindern sollten, daß das eigentlich herrschende Volk, die Araber, sich in der Masse der Beherrschten verlöre und aufgesogen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omar und seine Nachfolger errichteten nämlich in den verschiedenen Provinzen des weiten Reichs große militärische Standlager, in welche die Araber mit ihren Familien versezt wurden. Das war auf lange ein sehr zweckmäßiges Mittel, die Zersplitterung und das Erdrücktwerden des herrschenden Volkes unter der Masse der übrigen Bevölkerungen zu verhüten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese militärischen Standquartiere, die strategisch und geographisch günstig lagen, entwickelten sich in kurzer Zeit zu mächtigen Städten, so z. B. Kufa und Bassora. Der unterworfenen Bevölkerung war die Verpflichtung auferlegt, die Naturallieferungen für diese Heere zu leisten, außerdem erhielten sie aus dem Staatsschaz reichliche Besoldungen und beide waren so bemessen, daß sie sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;nach der Kopfzahl der Familienmitglieder&#039;&#039; richteten. Diese Maßregel war also darauf bedacht, die&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;rasche Vermehrung&#039;&#039; des herrschenden Volks, von der sein dauernder Einfluß abhing, zu befördern und sie wurde noch mehr dadurch begünstigt, daß Sitte und Gesez die Annahme mehrerer Frauen gestattete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allein in diesem lezteren, anfangs so günstig wirkenden Umstande lag zugleich auch eine große Gefahr. Die Araber konnten die nötige Zahl der Frauen nicht aus dem eigenen Volke entnehmen; sie nahmen also die Frauen der besiegten und unterworfenen Völker an und damit begann die Blutsvermischung und Karakterverderbnis, die später so unheilvoll wirkte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfangs freilich waren die separatistischen Neigungen noch so stark, daß selbst in diesen militärischen Standlagern die Stämme sich untereinander abschieden und jeder Stamm sein besonderes Zeltlager hatte, und die einzelnen Viertel in den Städten sogar durch Mauern und Pforten geschieden waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omar, mit diesen Maßregeln noch nicht zufrieden, ordnete ferner an, daß die Araber in den eroberten Ländern von allem Grundbesiz ausgeschlossen sein sollten. Er wollte deren Seßhaftigkeit verhindern. Er sagte sich, daß, sobald sein Volk durch Seßhaftigkeit an einen bestimmten Boden gefesselt sei, die kriegerische Lust, wie das Volks- und Stammesbewußtsein empfindlich geschwächt würden, eine Menge anderer Interessen sich erzeugten und der Staatsgewalt die beliebige Verfügung über die Kräfte verloren gehen müßten. Allein der Staatsklugheit ward schließlich doch durch die stärker wirkenden Faktoren besiegt. In dem Maße wie die arabische Sprache die allgemeine Umgangs- und Verkehrssprache im ganzen Reiche wurde, die Araber im Genuß verweichlichten, die Vermischung mit den anderen Völkern, namentlich durch die Frauen, zunahm, hörte die klüglich ersonnene Abgeschlossenheit auf, dem Verschmelzungsprozeß war kein Einhalt mehr zu thun. Die schlimmen Einwirkungen der unter alten Kulturen zugrunde gegangenen Aegypter, Perser, Syrer, u. s. w. überwogen die günstigen Karaktereigenschaften der naturwüchsigen Araber.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Omar starb im Jahre 644; ihm folgte Osman, ein Tochtermann Mohammeds, im Kalifat. Alys Anhänger wurden durch diese abermalige Zurückdrängung ihres Kandidaten gegenüber dem ziemlich unbedeutenden Osman aufs äußerste gereizt. 656 ward Osman, 82 Jahre alt, in der Moschee ermordet und zwar, wie seine Anhänger behaupten, auf Anstiften Alys und seines Anhangs. Es kam zu offener Spaltung und Kampf. Die eine Seite wählte Aly, die andere den Vetter Osmans, Moawija, Statthalter von Syrien, zum Kalifen. Die Anhänger der lezteren nannten sich Sunniten, jene Alys Schiiten. Anfangs war Aly gegen Moawija im Vorteil, aber er wurde im Jahr 660 ermordet, wohingegen ein gleichzeitig unternommener Mordversuch auf Moawija mißlang. So behauptete dieser das Feld. Doch währte der Kampf zwischen Schiiten und Sunniten durch die ganze Geschichte des Islams fort und besteht heute noch z. B. in Persien, wo die Anhänger Alys besonders stark vertreten sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Moawija legte die Residenz der Kalifen von dem schiitisch gesinnten Medina nach Damaskus, das von nun an bis zum Jahre 128 der Hedschra (750 unserer Zeit) die Residenz seiner Nachfolger, der Omajjaden, blieb. Mit Omawija und den Omajjaden kam die mekkanische Aristokratie im Reich zu Macht und Einfluß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es kann nicht Zweck dieser Darstellung sein, sie Regierungsweise der einzelnen Kalifen zu schildern; es genügt, sie kurz der Reihe nach aufzuführen. Meist regierten sie nur kurze Zeit, da der Kalifentron ein gefährlicher Plaz wurde, um dessen Besezung sich die nächsten Verwandten in eifersüchtigen Kämpfen stritten, weil jeder den Glanz und die Macht genießen wollte. Ein ererbtes Anrecht gabs nicht, die Wahl sollte entscheiden. So blieben Palast- und Landesrevolutionen nicht aus und waren Mordtaten und blutige innere Kriege nichts seltenes.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Moawija, der von 600-680 am Ruder war, folgte Jazid I., der bis 683 das Kalifat innehatte; ihm folgte Moawija II., der noch in demselben Jahre verschwand und Merwan Plaz machte, der aber auch nur bis 685 regierte. Abdulmalik, der nun an die Reihe kam, regierte volle zwanzig Jahre, bis 705, worauf Walyd I. von 705-715 das Kalifat besezte, unter dem das Reich wiederum eine gewaltige Ausdehnung erlangte, indem 707 Turkestan, 710 Galatien und 711 Spanien erobert wurden. Unter Suleiman, der von 715-717 herrschte, wurde Georgien erobert; Omar II. folgte von 715-720, darauf Jazyd II von 720-724, Hyscham von 724-743, unter dem die Omajjaden-Dynastie ihren höchsten Glanz entfaltete, in dessen Regierungszeit aber auch zwei gewaltige Niederlagen der arabischen Heere fielen, die bis an die Loire im mittleren Frankreich von Spanien aus vorgedrungen waren. Dies waren die Niederlagen bei Tours 732 und bei Narbonne 736 durch Karl Martell, wodurch die Araber für immer vom französischen Boden zurückgewiesen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– – - – – –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Hauptmacht des Reichs, der es seine räumliche Größe zu verdanken hatte, war nach dem bisher schon Ausgeführten das Heer. Es bestand die ausgedehnteste allgemeine Wehrpflicht; jeder waffenfähige Mann war verpflichtet, wenn das Aufgebot an seinen Stamm erging, dem Rufe Folge zu leisten. Zwangsmaßregeln bedurfte es dazu nicht. Der kriegerische Geist der Araber und die Aussicht auf Ruhm, Ehre und Beute waren Triebfedern, die keine Aneiferung nötig machten. Mit den irdischen Vorteilen verbanden sich himmlische. Mohammed hatte dem im Kampfe für die heilige Religion fallenden Krieger das künftige Leben so verlockend dargestellt, daß dieses ihm nur als eine Fortsezung der höchsten Genüsse erschien, die er sich hier auf Erden durch den Kampf erwerben konnte. Der Araber, höchst einfach in seinen Ansprüchen und in seiner Lebensweise, ist nur im Punkte der Liebe äußerst empfänglich und schwer zu befriedigen. Eine schöne Frau steht ihm über allem; für sie sezt er jeden Augenblick sein Leben ein. Nun, nach der Lehre Mohammeds fehlte es im Paradiese an schönen Frauen nicht. Schwarzäugige Huris von blendender Weiße der Haut und den herrlichsten Formen erwarteten ihn dort, um ihm die höchste Seligkeit zu bieten. Auch alle anderen Genüsse, Tanz und Musik, die prächtigsten Paläste und Gärten wurden ihm dort in Aussicht gestellt. Vor Mohammed kannte der Araber kein Fortleben nach dem Tode, so wenig als dies in der Vorzeit die Juden kannten. Die Lehre vom künftigen Leben entnahm augenscheinlich Mohammed dem Christentum, nur daß er dieses künftige Leben in seiner Weise und nach dem Geschmack seines Volks sich ausmalte. Auch die Christen haben Jahrhunderte lang sich dieses künftige Reich Gottes nicht anders als in sehr materieller Gestalt, ausgestattet mit den höchsten irdischen Genüssen, vorstellen können. Warum sollte der Araber, nachdem er schon hienieden sein Teil an irdischen Genüssen gekostet, nicht auch die himmlischen, die so sehr seinen schönsten Träumen entsprachen, mit in den Kauf nehmen? Der Mensch ist Egoist; er begreift nicht, warum die Welt da ist, wenn sie nicht seinetwegen da sein soll, folglich kann und darf sein Leben auch kein Ende haben, damit er die Welt gründlich genießen kann. Geht das in diesem Leben nicht, so schafft er sich die Aussicht auf das künftige. Diese einfache Logik ist so einleuchtend und vom menschlich-egoistischen Standpunkt aus so natürlich, daß man sich nicht wundern darf, wenn solche Lehren leicht Gläubige finden. Imgrunde genommen ist die Spekulation auf das transzendente künftige Leben nur die Umschreibung des sehr egoistischen Wunsches, ewig zu leben. Die transzendenten Idealisten sind die gröbsten Materialisten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den ersten Jahrhunderten fehlte es dem Araberreich nicht an Kriegen; die Frauen halfen sogar bei der Ausrüstung eifrig mit. Aber in dem Maße, wie die Kultur stieg und das Wohlleben um sich griff, verlor der kriegerische Geist an Stärke und die späteren Kalifen waren genötigt, Söldnerheere aufzustellen. Unter den lezten Omajjaden betrug deren Stärke 60 000 Mann, unter dem Abbasiden Harun al Raschid sogar 135 000 Mann. Das Fußvolk bestand zu einem Teil aus Bogenschüzen, zu denen man besonders gern die nubischen Stämme Afrikas nahm, weil sie außerordentlich flink und gewandt und im Bogenschießen sehr geübt waren; der andere Teil war mit kurzem und langem Speer, einem graden Säbel und einem kleinen runden Schild zum Auffangen der Speerwürfe oder Schwerthiebe bewaffnet. Streitäxte waren ebenfalls im Gebrauch. Fußgänger und Reiter trugen einen ledernen Helm und leztere krumme Säbel. Der Fußsoldat erhielt jährlich wenigstens 600 Dirham gleich 480 Mark, der Reiter das Doppelte an Sold, ohne die Naturallieferungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die Gewerbe sich entwickelten und der Reichtum der Herrschenden ins Riesenhafte wuchs, steigerte sich auch die Prachtliebe an den Waffen und Ausrüstungsgegenständen. Die Helme und Harnische, die Säbelscheiden und Wehrgehänge, wie das Sattelzeug der Pferde und die Beschirrung der Kameele wurden in künstlerischester Weise aus den besten Stoffen und Metallen gefertigt und sehr häufig mit edlen Metallen und Steinen verziert und ausgelegt. Zur Kleidung wählte man glänzend helle und farbige Stoffe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Waffenfabrikation zeichnete sich anfangs Yemen aus, das aber später von Damaskus überflügelt wurde. Die Damaszener Klingen erwarben sich einen Weltruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Kameel wurde auch im Kriege als Lasttier gebraucht; es trug die Zelte, die Kriegsmaschinen zum Einrennen der Mauern und Tore und den Proviant. Galt es hingegen, größere Truppenmassen rasch fortzuschaffen, so dienten Kameele als Reittiere für die Fußtruppen, eben so nahm bei kürzeren aber raschen Märschen jeder Reiter einen Fußsoldaten hinter sich aufs Pferd. So ausgerüstet wurden die Araber die ersten Soldaten der Welt, deren bloßer Name Angst und Schrecken verbreitete und die lange für unbesiegbar galten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch im Schiffbauwesen bildeten sich die Araber rasch aus. Es fehlte ihnen weder an Geschick für den Schiffsbau, noch an Muth für das Seegefecht. Die Schiffe wurden vermittelst Ruder in Bewegung gesezt und es gab solche, die 200 Mann faßten, von denen 50 ruderten, die anderen bewaffnet auf einem erhöhten Verdeck standen und von hier aus das feindliche Schiff angriffen. In Jahr 32 der Hedschra (654 unserer Zeit) besaßen sie bereits 200 Schiffe und schlugen in diesem Jahre die 600 Schiffe zählende Flotte des griechischen Kaisers an der lykischen Küste und eroberten oder vernichteten sie zum größten Teil. Der Kaiser selbst entging nur mit genauer Not der Gefangenschaft. Einige Jahre zuvor hatten sie bereits die Insel Cypern besezt und dem Reiche einverleibt. In der lezten Hälfte des neunten Jahrhunderts sezten sie nach Sizilien über und eroberten es, wie sie hundertundfünfzig Jahre früher über die Straße von Gibraltar nach Spanien übergesezt waren und dort ein glänzendes Reich gegründet hatten. Ihre Schiffahrt dehnte sich bald über das ganze mittelländische Meer und einen Teil des atlantischen Ozeans aus, wohingegen sie von der südlichen Seite Arabiens und von Irak aus den indischen Ocean und das chinesische Meer befuhren, die Küsten Indiens, Chinas und Japans, die Ostküste Afrikas und die Inseln des indischen und teilweise des stillen Ozeans besuchten. Ausdrücke wie Admiral, Arsenal, Kabel, Korvette, sind aus der arabischen Sprache in die abendländischen Sprachen übergegangen. Um den Eifer der Seetruppen anzufeuern, waren ihr vier Fünftel der Beute zugesprochen. Durch solche Aussichten angeeifert, geschah es, daß die arabischen Krieger zur See bald ebenso gefürchtet waren, als jene zu Lande.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem regulären Heere gab es Freiwillige: Beduinen, Bauern, Städter. Doch erhielten diese keine Besoldung, sondern bezogen aus dem sogenannten Sodakahfond eine Unterstüzung für Reise und Ausrüstung, und erhielten aus de Beute ihren Anteil. Verlor der Krieger in Kampfe seine Waffen oder sein Tier, so bekam er beides ersezt, es sei denn, daß er mit der ausdrücklichen Bedingung eingetreten war, für Alles selbst aufzukommen. Witwen und Waisen der Gefallenen und Gestorbenen hatten Anspruch auf Staatsunterstüzung, auch mußte den Hinterlassenen der rückständige Sold ausbezahlt werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Kriegsregel galt, daß Geiseln nicht getödtet werden durften, auch wenn der gegnerische Teil sein Wort brach. Die ersten und bedeutendsten Juristen stellten den Grundsaz auf: es sei ehrenvoller, den Vertragsbruch zu erleiden, als Verrat mit Verrat zu vergelten. Sobald der Krieg ausbrach, sollten die Geiseln entlassen werden. Daß solche Bestimmungen nicht immer gehalten wurden, ist sicher; aber es zeugt von einem hohen und humanen Geiste, daß solche Rechtsregeln überhaupt gelehrt und staatlich anerkannt wurden. Wie häufig werden auch heute noch bei uns anerkannte Rechtsregeln mit Füßen getreten und wir sind tausend Jahre weiter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Den gefangenen Feind durfte der Krieger tödten, einerlei ob er ihn auf dem Schlachtfeld oder später vernichtete; sobald er gegen den Moslimen gekämpft, hatte er sein Leben verwirkt. Dagegen war es verboten, Frauen, Kinder, Dienstleute, Sklaven zu tödten. Auch sollte der Feind nicht gemartert oder lebend verbrannt oder die Leiche verstümmelt werden. Nahm dagegen der ungläubige Feind, und sei es selbst auf dem Schlachtfeld, den Islam an, so erwarb er für sich und seine Angehörigen volle Sicherheit und Schuz. Ward der Feind überwunden und gefangen genommen, so gehörte er wie seine gefangenen Angehörigen dem Sieger an. Die Gefangenen, Männer wie Frauen, wurden als Sklaven betrachtet und öfter verkauft. Doch konnte der Sieger auch ein Lösegeld annehmen oder ihnen freiwillig die Freiheit geben. Die Heerführer durften Gefangene nur mit Zustimmung ihrer Soldaten freigeben, da sie diesen als Beuteanteil verfallen waren. Kinder sollten nicht von ihrer Mutter in der Sklaverei getrennt werden und sollte kein Moslimen eine Frau zum Weibe nehmen, wenn der Mann gleichzeitig mit ihr in Gefangenschaft geraten war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Beginn der Schlacht geschah es in der Regel, daß hervorragende Krieger vor die Front ritten und mit lauter Stimme ebenbürtige Gegner zum Zweikampfe herausforderten. Blieb eine solche Herausforderung unbeantwortet, so galt dies für die gegnerische Partei als der härteste und größte Schimpf und als sicheres Vorzeichen ihrer Niederlage. Weigerte sich ein Krieger zu fechten, so verlor er den Sold und jeden Anspruch auf Beute. Diese nach den heutigen militärischen Auffassungen außerordentlich milde Strafe scheint ihre Milde nur dem Umstand verdankt zu haben, daß sie überhaupt nicht angewandt zu werden brauchte, weil ein solcher Fall unerhört war; sicher so lange, als es sich um arabische Krieger handelte. Wahrscheinlich ist, daß diese Bestimmung hauptsächlich für solche galt, welche auf Seiten der Moslimen fochten, aber in einem Kriege gegen ihre eigenen nächsten Angehörigen und Glaubensgenossen nicht zu kämpfen verpflichtet sein sollten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei Anlegung der schon erwähnten militärischen Standlager wählte man nicht nur strategisch wichtige Punkte, sondern sah auch darauf, daß dieselben gesund und in unmittelbarer Nähe fruchtbaren Bodens und entsprechenden Wasserreichtums lagen. Neben Kufa und Bassora in Irak waren Damaskus, Filistyn und Tiberias in Syrien und Palästina, Askar-Mokram in Schuzistan, Schiraz in Farsistan, Mansura in Sind, Marw in Transoxanien, Fostat (Kairo) und Alexandrien in Aegypten, Barka und Kairawan in Nordafrika solche Standlager. Kufa und Bassora stelten allein je 20 000 Mann ins Feld.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obgleich man sich lange sträubte, den Soldaten den Ackerbau zu gestatten, so zwang in späterer Zeit, ganz abgesehen von noch anderen Ursachen, die Not dazu. Die Gelder gingen nicht mehr in der bisher gewohnten und benötigten Weise ein, wozu eine ganze Reihe von Umständen mitwirkte. Man war jezt genötigt, ihnen statt des Soldes Ländereien in Anbau zu geben, die sie aber Anfangs nicht selbst bebauen durften, sondern in Pacht geben mußten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der sich verändernden politischen Organisation des Staatswesens, in Folge seines gewaltigen Umfanges, änderten sich noch weiter die militärischen Einrichtungen. Die Kalifen waren genötigt, da sie unmöglich Alles selbst sehen und leiten konnten, über die einzelnen Länder und Territorien Statthalter zu sezen. Diese waren die Heerführer in den betreffenden Provinzen. Die Vollmachten dieser Statthalter waren sehr ausgedehnt, und eine der vornehmsten war, wenn es Statthalter mit unbeschränkter Vollmacht betraf, die gesammte Leitung und Organisirung des Militärwesens in der Hand zu haben. Sie konnten die Truppen stationiren und verteilen, wie sie es für notwendig hielten, sie waren Führer in den Kriegen, die mit benachbarten Feinden ausbrachen und verteilten demgemäß den Sold und die Beute, nachdem sie das dem Staate zukommende Fünftel zurückbehalten hatten. Für die Statthalter lag die Versuchung nahe, ihre Stellung dauernd und, wenn es sein mußte, gegen den Willen des Kalifen in Händen zu behalten, und für einen solchen Zweck war eine gefügige Armee das geeignetste Mittel. Deren Gunst sich zu erhalten wurde also ihre Hauptsorge. Und da an dem Befinden eines Landes seine eigenen Einwohner zunächst das lebhafteste Interesse haben, so war damit für die Statthalter der Wink gegeben, ihre Armeen möglichst aus Einheimischen zu rekrutiren. Auf diese Art entstanden allmälich Territorialarmeen, aus denen das arabische Element mehr und mehr verdrängt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber auch am Kalifenhof veränderte sich mit der Zeit die Situation. Die ewigen Eifersüchteleien, die offenen und geheimen Kämpfe, wo ein Familienmitglied das andere mit jedem zum Ziel führenden Mittel zu beseitigen suchte, ließen es jedem Kalifen als höchst wünschenswert erscheinen, sich mit einer Schuzwache zu umgeben, auf deren unbedingte Unterstüzung er glaubte zählen zu dürfen. Anfangs versuchte man die Praxis, verschiedene Stämme in die Residenz zu legen, deren gegenseitige Eifersucht man nährte, um keinen zu mächtig werden zu lassen. Aber als es vorkam, daß die Kalifen selbst oftmals kein reines Araberblut mehr in ihren Adern hatten und an persischem Wesen und raffinirten wollüstigen persischen Sitten übermäßig Geschmack fanden und verweichlichten, war dieses Mittel zu gefährlich. Schon unter den ersten Abbasiden, die von 750 an das Kalifat von Bagdad inne hatten, war die Leibgarde wesentlich aus Berbern gebildet, bereits standen aber auch schon seldschuksche Türken und Tataren in ihrem Dienst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zulezt war es fast Regel, daß die Kalifen irgend eine schöne Sklavin zur Mutter hatten, deren Einfluß sie den Tron verdankten. Daraus entstanden aber Rivalen in Menge. Jede Sklavin, die von einem Kalifen oder einem Prinzen einen Sohn besaß, hielt diesen ebenso berechtigt für den Tron, wie den Sohn der Nebenbuhlerin. Verschwörungen und Palastrevolutionen drängten einander; in einer ergebenen Leibgarde erschien den bedrohten Kalifen der einzige Schuz. Türken, von ihren eigenen Offizieren kommandirt, von den Kalifen mit Ehren überschüttet und verhätschelt, bildeten diese zulezt ausschließlich. Aber diese Leibgarde wurde statt eines Schuzes später auch eine Gefahr. Jeder, der nach der Macht trachtete, suchte sich derselben durch Bestechungen und Versprechungen zu versichern. Die auf viele tausend Köpfe sich belaufende Leibgarde wurde, ganz wie im römischen Reich die Prätorianer, eine käufliche Horde, die Kalifen ein- und absezte. Der Zerfall des Reiches war offenbar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== III. Staatsverwaltung und Gesetzgebung. ==&lt;br /&gt;
Mohammed und die ersten Kalifen waren alles in einer Person: Kriegsherren, Hohepriester, Finanzverwalter und Richter. Handelte es sich um wichtige Angelegenheiten, so wurden die Erfahrensten zusammenberufen und mit ihnen gemeinsam beratschlagt. Doch die rasche Ausdehnung des Reiches machte diesem patriachalischen Zustand bald ein Ende. Omar I. war schon genötigt, eine Rechnungskanzlei einzurichten, die das Steuer- und Finanzwesen unter sich hatte. Moawija gründete auch eine Staatskanzlei, welche die Korrespondenz mit den Statthaltern und den Heerführern zu besorgen hatte, denn bereits hatte sich Omar genötigt gesehen, in den einzelnen Provinzen Statthalter zu ernennen. Der Umfang und Siz dieser Statthaltereien wie die Machtbefugnisse derselben wechselten häufig. Jeder Kalife nahm ihm gutdünkende Aenderungen vor und oft hatten diese keine andere Veranlassung, als rein persönliche Rücksichten auf den, der eben den Posten inne hatte. Laune, Gunst und Fraueneinfluß spielten bei Besezung der Posten ihre Rolle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Statthalterschaft teilte sich in die beschränkte und unbeschränkte. Die unbeschränkte erlaubte dem Statthalter, nach Belieben in seinem Territorium zu schalten und zu walten; er war nur verpflichtet, den Ueberschuß der Staatseinnahmen an die Kasse des Kalifen abzuliefern. Welche Willkür hierbei möglich war, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Neben der obersten Leitung des gesammten Militär- und Kriegswesens, lag dem Statthalter die Aufsicht über die Rechtspflege und die Erneuerung der Richter (Kadi) ob; er ernannte die Steuerbeamten, schrieb die Steuern aus und ordnete die Art ihrer Erhebung an. Die öffentliche Sicherheitspflege (Polizei) war ihm unterstellt und ebenso galt er als der Beschüzer der Religion und hatte das offizielle Freitagsgebet und die Predigt in der Moschee zu halten. Der Mohammedaner feiert den Freitag als heiligen Tag der Woche, wie der Jude den Samstag, der Christ den Sonntag. Ferner hatte er die Ordnungen für die jährliche große Pilgerkarawane nach Mekka zu treffen und für ihre Sicherheit und glückliche Rückkehr zu sorgen. Die beschränkte Statthalterschaft unterschied sich von der ersteren dadurch, daß sie alle diese amtlichen Funktionen nach den Weisungen der Kalifen auszuführen hatte. Die einzelnen Statthalter ernannten häufig wieder Unterstatthalter, die sich nach ihren Weisungen zu richten hatten und in allem von ihnen abhingen. Starb der Statthalter oder verlor er aus irgendeinem Grunde seinen Posten, so waren auch alle diejenigen ihres Postens verlustig, die ihm ihre Ernennung verdankten, es sei denn, daß der Nachfolger sie im Amt bestätigte. Auch kam der Mißbrauch auf, daß sich die Höflinge mit einer Statthalterschaft belehnen ließen, selbst aber den Posten nicht versahen, sondern ihn durch einen Bevollmächtigten verwalten ließen, der ihnen eine bestimmte Einnahme sicherte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da troz dieser Dezentralisation der Verwaltung die Geschäfte an deren Zentralsiz sich so häuften, daß der Kalife allein sie nicht übersehen konnte, dieser auch nicht selten zu unfähig oder zu träge dazu war, und es vorzog, seinen Vergnügungen und Schwelgereien obzuliegen, so entstand unter den Abbasiden das Wezyrat. Der Wezyr war nach unseren heutigen Begriffen eine Art Reichskanzler, der, wenn er im Besiz des unbeschränkten Wezyrats sich befand, ganz wie der Herrscher selbst alles anordnen konnte, mit Ausnahme der Tronfolge, die zu bestimmen allerdings auch nicht in den Händen der Kalifen lag, denn in den seltensten Fällen folgte ihm ein Sohn in der Regierung nach. Grundsäzlich hing das Kalifat von der Wahl der Stämme ab; aber dazu kam es später nie. Das Parteiwesen, der glückliche Zufall oder die Entschlossenheit eines Bewerbers und seines Anhangs gaben in der Regel den Ausschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der unbeschränkte Wezyr, auch Großwezyr genannt, hatte über seine Handlungen einfach dem Kalifen Bericht zu erstatten; doch mußte er darauf bedacht sein, sich die Gunst seines Herrn, der in der Regel sehr launenhaft war, zu erhalten. Daher konnten nur Männer mit Aussicht auf Erfolg einen solchen Posten bekleiden, die es verstanden, sich in allen Lagen des Hoflebens zurechtzufinden und allen Intriguen die Spize zu bieten, andrerseits durch Geschäftskenntnis sich auszeichneten. Von einem tüchtigen Wezyr erwartete man, daß er Geist und Wiz habe, ein angenehmer Gesellschafter und ein schlagfertiger Redner sei, auch sich auf die damals üblichen gesellschaftlichen Vergnügungen und Spiele verstehe und namentlich in den vornehmsten Wissenschaften, in der Grammatik und Matematik, der Medizin und Geschichte, und in Poesie und Astrologie einigermaßen bewandert sei. Und doch retteten ihn oftmals alle diese Tugenden nicht vor einem plözlichen Sturz, bei dem nicht nur sein Leben bedroht war, sondern in der Regel auch sein Vermögen zum Besten des Schazes des Kalifen konfiszirt wurde. Ja, bei einigen der Kalifen war es Prinzip, jedem abgesezten Beamten das Vermögen einzuziehen. Auch verführte der Umstand, daß viele der höheren Beamten es verstanden, in kurzer Zeit riesige Vermögen zu erpressen, die Kalifen zu ihrer Amtsentsezung und Vermögenseinziehung, um den eignen leer gewordenen Schaz für eine Weile zu füllen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der gewöhnliche, mit beschränkter Vollmacht versehene Wezyr, bildete die Mittelsperson zwischen dem Kalifen und den übrigen Staatsorganen. Er bedurfte zu allen wesentlichen Amtshandlungen der Zustimmung des Kalifen, wie er ihm über alle vorkommenden Angelegenheiten Bericht zu erstatten hatte. Zu diesem Wezyrposten gelangten sogar Christen und Juden, sehr zum Aerger der strenggläubigen Moslimen, die in einem Falle, der einen Juden betraf, sich in folgendem Gedicht Luft machten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Juden unserer Zeiten erreichten&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Ziel ihres Sehnens und kamen zur Herrschaft,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihrer ist das Ansehen, ihrer ist das Geld!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus ihnen macht man Staatsräte und Prinzen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
O Volk Aegyptens! ich gebe dir den Rath,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Werde jüdisch, denn der Himmel selbst ist jüdisch geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Antisemitismus unserer Tage ist nicht neuen Ursprungs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei dem Verfall des Reichs waren die Kalifen manchmal genötigt, Statthalter wider ihren Willen anzuerkennen, wenn diese mit Waffengewalt sich in den Besiz eines Territoriums gebracht. Man gab ihnen die Bestätigung, um nicht den Tribut aus dem bezüglichen Lande gänzlich zu verlieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit den Einnahmen sah es freilich später schlimm aus. Um das Jahr 780 flossen jährlich 410 Millionen Dirham, gleich 328 Millionen Mark in den Schaz. Um 820 waren diese auf 371 Millionen gesunken und sie betrugen 894 nur noch 293 Millionen, aber 915 soll der Schaz nur noch 24 Millionen empfangen haben. Harun al Raschid hinterließ im Jahre 809 im Schaz 900 Millionen Dirham, die aber seine Nachfolger bald alle machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beständige Kriege nach Außen, die Ackerbau und Gewerben die Arbeitskräfte entzogen, Bürgerkriege und innere Unruhen, die ganze Provinzen verwüsteten und die Wasserleitungen, jene Lebensquellen für die Vegetation im Orient, zerstörten, das Loslösen großer Territorien unter sich selbständigmachenden Fürsten, Weigerung der Statthalter, die üblichen Tribute abzuführen, endlich maßlose Aussaugungen und Bedrückungen seitens der Kalifen und Statthalter, Hand in Hand gehend mit unsinniger Verschwendung, das waren in der Hauptsache die Ursachen, welche die Verminderung der Staatseinnahmen erzeugten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der guten Zeit des Reichs fehlte es nicht an zum Teil ganz vortrefflichen Staatseinrichtungen. In allen Provinzen gab es Postmeister, die neben der Leitung und Ueberwachung des Postwesens die Kontrole über die Statthalter übten, und alle ihre Beobachtungen und Wahrnehmungen über deren Verhalten und ihre Maßnahmen direkt dem Kalifen sandten. Die Berichte dieser Postmeister umfaßten den Zustand des Militärwesens, der Staatsdomänen, die finanzielle Lage, das Münzwesen, den Zustand der Heerstraßen und die Lage der Bevölkerung. Ein solcher General-Berichterstatter war für die Zentralregierung äußerst wichtig, sein Posten war aber gegenüber gewalttätigen Provinzialbeamten nicht immer ungefährlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Postwesen war im Kalifenreich sehr frühzeitig und verhältnismäßig vollkommen organisirt und wurden dafür bedeutende Ausgaben aus der Staatskasse gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter dem Kalifen Mutamid (870-892) gab es im ganzen Reich 930 Poststationen und betrugen die Ausgaben mancher Provinzen für das Postwesen, z. B. von Irak, bis vier Millionen Dirham jährlich. In der Hauptstadt des Reiches bestand eine eigene Oberpostbehörde mit einem Vorsteher, einer Art Generalpostmeister an der Spize, durch dessen Hände die an den Kalifen gerichteten Aktenstücke und Sendungen gingen, namentlich die Berichte der Postmeister der einzelnen Provinzen, die er dem Kalifen vorzutragen hatte. Diesem Generalpostmeister lag die Ernennung der Beamten ob, und er hatte die Gehaltsauszahlungen wie den Gang der Verwaltung zu überwachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der Gründlichkeit und Systematik, womit die Araber überall in ihren Organisationen zu Werke gingen, und wodurch sie in vielen Dingen gar manchem späteren sogenannten Kulturstaat als nachahmenswerte Muster gelten können, hatten sie auch die Abfassung besonderer Postreisebücher mit entsprechenden Karten vorgenommen, in denen Station für Station mit genauer Angabe der Entfernungen und der Lage aufgeführt war. Die Postsendungen wurden in verschiedner Art, durch Fußboten und zu Wagen, befördert; dringliche Sendungen aber vermittelst Postkourieren, die, bei einem gut geordneten Pferderelaissystem mit vorzüglichen Tieren, weite Entfernungen in ungemein kurzer Zeit zurücklegten. Auch die Taubenpost war den Arabern schon bekannt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In allen fortgeschrittenen Staaten bildet ein geordnetes Münzwesen eine der Hauptbedingungen einer geordneten Staats- und Privatwirtschaft. Münzen gab es in dem aus so vielen Völkern zusammengesezten Reich in Menge, die sich aber oft schwer in ein richtiges Verhältnis zueinander bringen ließen, den Verkehr hemmten und der Fälschung Tür und Tor öffneten. Daher mußte es eine Hauptsorge der Kalifen sein, ein einheitliches Münzsystem zu schaffen, das dann auch der Kalife Abdulmalik (685-705) durchführte. Ebenso wurde ein gleiches Maaß und Gewicht durch das ganze Reich eingeführt und für das Münz- wie das Maaß- und Gewichtswesen eine Zentralbehörde eingesezt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine hochwichtige Einrichtung, von der im heißen Morgenlande das Wohl und Wehe der Bevölkerung sehr wesentlich abhängt, ist das Bewässerungswesen. Vorderasien und Arabien sind zum größten Teil an Wäldern arm, daher der Mangel an Feuchtigkeit, die künstlich herbeigeschafft werden muß, dann aber auch dem sandigsten Boden die reichsten Erträge entlockt. Da diese Bewässerung oft durch großartige Wasserbauten erzeugt werden muß, die sorgfältig zu überwachen und im Stand zu halten sind, so erklärt sich die manchem überraschend erscheinende Tatsache, daß weite Länderstrecken Asiens, die ehemals in üppiger Vegetation prangten, und einer dichten Bevölkerung Nahrung und Lebensunterhalt gaben, heute dem Reisenden nichts als dürre Sandebenen mit spärlicher Vegetation und kaum erkennbaren Ruinen ehemaliger menschlicher Wohnstätten darbieten. Wohingegen dort, wo Dämme die Ueberflutungen verhindern sollten, wie an den Mündungen des Euphrat und Tigris, mächtige Sümpfe, die giftige Miasmen ausströmen, vorhanden sind. Wenige Jahrzehnte allgemeiner Vernachlässigung dieser Leitungen reichen hin, die Spuren ehemaliger Vegetation zu vertilgen. Da ferner die menschlichen Wohnungen und selbst die großartigsten Bauten aus wenig dauerhaftem Material gefertigt wurden, so erklärt sich, daß heute selbst von manchen früheren Riesenstädten nur kümmerliche Spuren vorhanden sind. –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ist eine der traurigsten Wahrnehmungen, aber auch das sprechendste Zeichen von dem allgemeinen Verfall morgenländischer Staats- und Gesellschaftsverfassung, daß sogar noch heute die Unfruchtbarwerdung der Orientländer immer weiter fortschreitet, indem die Wüsten von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr Boden gewinnen, weil die heute dort existirenden Menschen und Regierungen unfähig sind, dem allgemeinen Versandungsprozeß des Landes und dem Verfall des Volks- und Staatslebens Einhalt zu tun. Erst wenn die abendländischen Völker bei sich selbst eine neue und bessere Ordnung geschaffen haben, werden sie auch ausreichend Mittel und Wege und Zeit finden, den Ländern des Orients ihre Aufmerksamkeit zu schenken, um dort dauernd einen Kulturzustand zu erzeugen, der tausend Millionen Menschen Nahrung und Lebensgenuß in reichlichster Fülle bietet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So lange das Kalifenreich noch in seiner Jugendkraft dastand, hatten Volk und Regierungen die Wichtigkeit des Be- und Entwässerungssystems sehr wohl begriffen, weshalb sie unter großem Aufwand von Staatsmitteln, namentlich im Gebiet des Euphrat und Tigris, in Syrien, Aegypten und Spanien ein ausgedehntes Kanal- und Bewässerungssystem ins Leben riefen, oder aus früherer Zeit vorhandene Anlagen vervollkommneten. Es wurde ein Nez von Kanälen gegraben, Dämme wurden gegen Ueberschwemmungen aufgeführt, Wasserräder und Schöpfwerke gebaut, die das Wasser in die Nebenkanäle und auf die Felder zu treiben hatten. Einen größeren Teil dieser Bauten bestritt das Reich aus eigenen Mitteln, andere wurden auf Provinzial- und Privatkosten gemeinschaftlich hergestellt. Um die Tätigkeit der Privaten anzuspornen, wurde der Ausbildung des Wasserrechts besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es wurde bestimmt, daß diejenigen, die Kanäle und Bewässerungen auf eigene Kosten angelegt, frei darüber verfügen und jedem anderen die Mitbenuzung verbieten oder verweigern konnten. Hatten mehrere zusammen genossenschaftlich Bewässerungen vorgenommen, so wurden sie ohne weiteres als juristische Person anerkannt und konnten die Anlagen kollektiv bewirtschaften; der Einzelne durfte nur unter Zustimmung der Gesammtheit Aenderungen daran vornehmen. Andere gesezliche Bestimmungen regelten das Recht an die Brunnen. Wurde ein Brunnen verlassen, so wurde er Gemeingut des Bezirks, in dem er lag. Wer einen Brunnen auf Brachland grub, durfte ihn mit einer 40-50 Ellen weiten Umzäunung versehen und Brunnen und Terrain verblieben sein Eigentum. Wer eine Quelle ausfindig machte, hatte das Recht, sie mit einer bis zu 500 Ellen weiten Umzäunung zu umgeben und durfte Quelle und eingezäuntes Land als sein Eigentum betrachten. Man bezweckte durch solche Maßregeln die Bewässerung und die Nachforschung nach Wasser zu befördern. Aehnlich verhielt es sich mit der Urbarmachung von Brachland, als welches unbebautes und unbewässertes Land galt. Wer die Urbarmachung übernahm, war Eigentümer des urbar gemachten Bodens. Dagegen durfte urbar gemachtes Feld nicht unbebaut liegen bleiben; wer dies tat, ward gezwungen, es zu verpachten oder zu verkaufen. Man ging also von der ganz richtigen Auffassung aus, daß der Einzelne mit seinem Grund und Boden nicht machen könne, was ihm beliebe, wenn durch seine Handlungsweise die Allgemeinheit geschädigt werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Instandhaltung der Ströme, Kanäle und Schleusen für die Schiffahrt wurde gleichfalls große Aufmerksamkeit geschenkt. Es gab eine besondere Wasserpolizei, welche alle nötigen Maßnahmen zu treffen und das Wasserwesen zu überwachen hatte. Bauten und Reparaturen bei Strömen, Kanälen und Schleusen für die Schiffahrt waren ausschließlich Staatssache. Da ferner in dem wüsten westlichen und nordwestlichen Teile Arabiens nicht selten Hungersnöte ausbrachen, so ließen die Kalifen einen bereits von den Ptolemäern gegrabenen Kanal zwischen Suez am roten Meer und dem Nil, der im Laufe der Jahrhunderte, wo sich niemand um ihn gekümmert, durch Versandung fast wieder verschwunden war, von neuem ausgraben. Dadurch wurde es möglich, aus dem Inneren Aegyptens zu Wasser der arabischen Wüstenbevölkerung billig Nahrungsmittel zuzuführen, auch diente diese neue Wasserstraße nun als wichtiges handels-politisches Verbindungsmittel, indem sie auf einem kleinen Umweg durch den Nil vermittelte, was heute der Suezkanal leistet, sie stellte die Verbindung des Mittelmeeres mit dem roten Meere und dem indischen Ozean her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für den Verkehr zu Lande wurde in der Weise gesorgt, daß auf den Heerstraßen in gewissen Entfernungen auf Staatskosten Unterkunftshäuser für Menschen und Tiere, sog. Karawansereien, errichtet wurden, in deren unmittelbarer Nähe sich Brunnen oder Cysternen befanden. Auch in den Städten gab es öffentliche und unentgeltliche Herbergen für mittellose Reisende und empfingen diese auch lange Zeit Geldmittel aus der Staatskasse und zwar aus dem Sadakahfonds.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine dem Kalifenreiche eigentümliche Erscheinung war eine fast unbegrenzte Selbstverwaltung der Gemeinden, die noch heute im Orient wesentlich vorhanden ist. Nur wurde die Benutzung der öffentlichen Straßen und Pläze zur Errichtung von Verkaufsständen und Bazaren als Staatssache betrachtet und flossen die Einnahmen hieraus in den Staatssäckel. Die ganze übrige Verwaltung war den Gemeindegliedern überlassen. Die Andersgläubigen genossen dabei das Recht, ihre religiösen und Erziehungsangelegenheiten ganz selbständig zu ordnen und zu verwalten, auch war ihnen die Rechtsprechung in Streitigkeiten unter sich überlassen. Nur wenn ein Moslimen dabei beteiligt war, kam die Sache vor den Kadi.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Verfall des Kalifenreichs stieg der materielle Druck. Schon unter den Abbasiden war die Liste der Steuern ansehnlich gewachsen. Es zeigte sich auch hier, daß stets die Machthaber verstehen, wenn sie Geld brauchen, auch Steuerobjekte ausfindig zu machen. Früher waren im Kalifenreich Konsumsteuern unbekannt, diese wurden jezt in ausgedehntem Maße erhoben. Die Steuer von den Bergwerken und Weidegründen war bis auf ein Fünftel ihres Ertrags gestiegen und es kam vor, daß die verschiedenen Steuern mehr als die Hälfte des Bodenertrags oder des Einkommens verschlangen. In den ersten zwei Jahrhunderten des Kalifenreichs bestand überall Freizügigkeit, es gab innerhalb des weiten Reiches keinerlei Zoll- und Steuerschranken; als aber die einzelnen Statthalterschaften sich unabhängig machten und den Kalifen nur noch formell anerkannten, änderte sich dies. Die einzelnen Territorien schlossen sich gegeneinander ab. Im zehnten Jahrhundert, dem vierten der Hedschra, als die Staatseinkünfte immer schmäler wurden, aber die verschwenderischen Kalifen und ihr Hofstaat mehr als früher brauchten, entstand bei diesen der Gedanke, die Staatseinnahmen ganzer Provinzen an einzelne Häuptlinge oder Günstlinge in Pacht zu geben. Ja der Kalif Muktadir (908-931) übertrug sogar die Verwaltung des ganzen Staatswesens an seinen Wezyr, der die Kosten desselben bestritt und dem Kalifen eine bestimmte Summe ablieferte, dabei aber natürlich sein sehr gutes Auskommen fand. Unterschlagungen, Erpressungen, Bestechungen, namentlich auch bei dem Rechtsuchen, denn die Kadis genossen durchschnittlich keinen guten Ruf, Brandschazungen, Steuererhöhungen und Auflage neuer Steuern kamen auf die Tagesordnung und brachten die Bevölkerung rasch im Wohlstand herunter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Mitte des vierten Jahrhunderts der Hedschra war die Macht der Kalifen fast nur noch auf Bagdad und Umgegend geschränkt, alle Provinzen des Reichs befanden sich in den Händen selbständiger Machthaber oder fremder Eroberer. Besonders waren es türkische Volksstämme und Fürsten, die um diese Zeit das Reich bedrängten und schließlich das Kalifat ganz in die Hand bekamen. Ums Jahr Tausend gab es drei Kalifate und zwar in Bagdad, in Kairo in Egypten und in Cordova in Spanien. Im Kalifat Codova herrschte ein Zweig der Omajjaden. In Bagdad hatten zwar formell noch die Abbasiden das Kalifat in Händen, tatsächlich herrschten die Seldschuken&#039;schen Türken. Diese aber bekamen so weit die Gewalt in die Hände, daß sie dem Kalifen die Summen auszahlten, mit denen er auskommen mußte, bis sie schließlich die Erbschaft ganz antraten und ihre Sultane vom Jahre 1538 an, fünfzehn Jahr vor der Eroberung von Konstantinopel, auch den Kalifentitel annahmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== IV. Soziale Entwickelung. ==&lt;br /&gt;
Die Araber waren, als sie ihre Eroberungen unter der Fahne des Islam begannen, ein echtes Naturvolk. Stolzen und unabhängigen aber auch herrschsüchtigen Sinnes, vermischten sie sich schwer mit den unterworfenen Völkerschaften. Derselbe Stolz, der die Angehörigen eines älteren oder berühmteren Stammes auf die jüngeren und weniger berühmten herabsehen ließ, bestimmte sie allesammt auf die unterworfenen Nationalitäten als Völker geringerer Qualität herabzublicken. Nur schwer konnte sich der Araber an die Lehre des Islam gewöhnen, der ihm gebot, auch in dem Besiegten den Gleichen anzuerkennen, wenn dieser denselben Glauben mit ihm teilte. Den Arabern erleichterte ihre Eroberungen neben ihrer vortrefflichen Heeresorganisation und Tapferkeit der Umstand wesentlich, daß auch außerhalb Arabiens schon früh und zu verschiedenen Zeiten arabische Stämme sich angesiedelt hatten, die ihren Stammesgenossen mit Sympatie entgegenkam und den Widerstand der Völker, unter denen sie lebten, schwächten. Solche Stämme, die sich wesentlich mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigten, gab es in Aegypten, Palästina, Mesopotamien und Irak.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Politiker der Omajjaden, dahingehend, in allen Provinzen des Reichs die Häuptlinge der Stämme zu Statthaltern und Unterstatthalter zu ernennen, gab demselben eine große Einheitlichkeit und Gleichmäßigkeit in der Organisation und Verwaltung. So wurden arabische Sprache und arabischer Geist im ganzen Reiche tonangebend; die naturwüchsige Kraft des neuen Volks übte den günstigsten Einfluß auf die zwar verweichlichten und niedergedrückten, aber vergleichsweise hoch entwickelten alten Kulturelemente, die in allen Provinzen des großen Reiches vorhanden waren. Elementares Kraftgefühl verband sich mit physisch geschwächten, in raffinirtem Sinnenreiz und in überfeinerter Kultur versunkenen Elementen. Anfangs behielt das Erstere die Oberhand und daraus entstand der großartige geistige und materielle Aufschwung auf allen Gebieten des Staats- und Gesellschaftswesens. Allmälig aber bekamen, begünstigt durch ein erschlaffendes Klima, die rasche Zunahme des Reichtums und die große Zahl fremder Frauen, die sinnlichen Begierden die Oberhand, und nun trat ebenso rasch der Zerfall ein, als früher der Aufschwung. Endlich verhinderten die unfreien sozialen Zustände ein Emporkommen der unteren Klassen, von denen unter anderen Verhältnissen allein eine Regeneration von Reich und Gesellschaft hätte ausgehen können. Das Kalifenreich ist einem glänzenden Kometen zu vergleichen, der plözlich am Himmel erscheint, in aufsteigender Bahn durch seinen intensiven Glanz alle Welt überrascht und blendet, dann aber rasch sich abwärts wendet und bald nur einen Dunstschweif hinterläßt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da die Araber als herrschenden Volk die Staatsgewalt besaßen, von ihnen die Begünstigung in vielen Dingen ausging, ihre Sprache die offizielle Verkehrssprache bildete, die höhere und freiere Stellung der Unterworfenen von der Annahme des Islam abhing, für dessen richtiges Verständnis wieder die Kenntnis der arabischen Sprache notwendig war, so fand leztere in allen Kreisen der Bevölkerung rasche Aufnahme. Und wie jedes rohe, aber geistig gut veranlagte Volk gierig ist, sich eine höhere Kultur anzueignen, um sich den von ihm Unterworfenen auch geistig ebenbürtig oder gar überlegen zu zeigen, so warfen sich jezt die Araber mit großer Energie auf alle Wissenszweige und es entstand jezt zwischen ihnen und den von ihnen Beherrschten ein Wettkampf, wie ihn die Welt kaum zum zweiten Male gesehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es begannen grammatikalische, juristische, teologische, philosophische und naturwissenschaftliche Studien fast gleichzeitig an allen Enden des Reichs. Zahlreiche gelehrte Köpfe aus den beherrschten Völkern machten sich daran, die vorhandenen alten Schriften und Werke in die arabische Sprache zu übersezen, so daß diese in weniger als zwei Jahrhunderten einen geradezu staunenswerten literarischen Schaz zugeführt erhielt, und die leichte Zugänglichkeit dieser Bildungsmittel in der gleichen Sprache des ganzen Reichs erzielte die schönsten Erfolge. Sprachen, Sitten und Gewohnheiten begannen schon um diese Zeit sich im mohammedanischen Reich mit einer Gleichmäßigkeit über alle Nationalitäten und die verschiedenen Glaubensbekenner zu verbreiten, daß mehrmals die Kalifen verordneten, die ihrem Glauben treu gebliebenen Christen und Juden sollten besondere Kennzeichen an der Kleidung tragen, damit man sie von den wirklichen Moslimen unterscheiden könne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So befruchtend und anregend wirkte auf die alten Kulturelemente der Umstand, daß ein mit neuen aber mit nicht gänzlich fremdartigen religiösen, politischen und sozialen Ideen erfülltes und von Begeisterung getragenes Volk auf die Weltbühne trat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Unterdrückung hat nicht selten das Gute, daß sie noch nicht ganz erschlaffte Naturen anspornt, alle Hebel anzusezen, um sich aus der Unterdrückung zu befreien. Das war den Arabern gegenüber nur möglich, wenn man sich ihnen überlegen zeigte, durch eifrige Vermehrung und Anwendung des verschiedenen Wissens und wenn man durch höhere praktische Fertigkeiten sich ihnen unentbehrlich machte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beachtet man nun, daß die Zusammenfassung weiter Ländergebiete in ein einziges Reich den Wettkampf unter den verschiedenen Völkerschaften hervorrief, alle hemmenden Schranken zwischen ihnen beseitigt waren, nationale und religiöse Eigentümlichkeiten möglichst geschont wurden, der lastende Druck in vielen Fällen den unterworfenen Bevölkerungen nicht so schwer erscheinen mußte, als der früher den eigenen Regierungen erduldete, endlich daß die Kalifen zahlreiche Maßregeln ins Leben riefen, um Ackerbau und Gewerbe, Verkehr und Bildung zu heben, so hat man die Hauptursachen, die den großartigen geistigen und sozialen Aufschwung im Kalifenreich erklären.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei der außerordentlichen Fruchtbarkeit und der Mannigfaltigkeit der Bodenschäze (edle und unedle Metalle, edle Steine etc.), die große Gebiete des Morgenlandes auszeichnen, ist unter einer vernünftigen Staatsverwaltung rascher Zuwachs von Reichtum das sichere Resultat für die Herrschenden. Die leichte Gewinnung des Reichtums erleichterte seine Ausgabe für die verschiedensten Zwecke und wirkte anregend auf Handel, Künste und Gewerbe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Selbstverständlich verlief diese Entwickelung nicht so glatt und es fehlte nicht an zahlreichen Ausschreitungen und an gewalttätiger Ausbeutung. Möglichst mühelos zu erwerben und zu genießen ist ein der Menschennatur tief eingeprägter Zug. Der Herrschende findet die Ausbeutung des Beherrschten so natürlich, daß er gar nicht begreift, daß es anders sein könne, und er ist leicht geneigt, selbst das durch Sitte und Gewohnheit bestimmte Maß zu überschreiten, wenn er glaubt, dies ohne Gefahr zu können. Liefert selbst die heutige Zeit fast jeden Tag uns solche Beispiele, so ist nicht zu verwundern, daß zu jenen Zeiten, unter weit rückständigeren Anschauungen, Raub- und Ausbeutungsakte noch weit öfter vorkamen. In Folge dessen entstanden zahlreiche Streitigkeiten und Aufstände der Klienten gegen die Beherrscher. Die christlichen Sekten im Libanon und Antilibanon, die Sekte der Kopten in Aegypten, die Berberstämme in Nordafrika machten verschiedentliche Empörungsversuche und manchmal kostete es Mühe, sie niederzuschlagen. Da nun die Sitte herrschte, daß gewaltsam Niedergeworfene Sklaven der Sieger wurden, kamen namentlich die durch ihre Schönheit sich auszeichnenden männlichen und weiblichen Berber zahlreich in die Sklaverei und füllten leztere die Harems der Reichen. Auch aus Spanien wurden eine Menge Sklaven eingeführt, die hoch im Preise standen und die man mit dem sechs- und achtfachen des Preises bezahlte, den man beispielsweise für türkische Sklaven gab. Das christliche Venedig wie überhaupt Italien beteiligten sich lebhaft an diesem Menschenhandel. Auch ist notorisch, daß selbst die römischen Päpste und Geistlichen dabei ihre Hand im Spiele hatten und an diesem schmuzigen Geschäft durch die Ungläubigen viel Geld verdienten, indem sie die Kinder ihrer Leibeigenen als Sklaven an die Araber verkauften. In Rom, dem Siz des Papstes, des Vaters der Christenheit, bestand sogar bis zum Jahre 748 ein offener Sklavenmarkt, er wurde damals unterdrückt, ohne daß deshalb der Menschenhandel aufhörte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In jedem Lande bildet der Zustand des Ackerbaus einen Maßstab für die gesammte Kulturentwicklung. Der Ackerbau erlangte in den ersten zwei Jahrhunderten des Kalifenreichs einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Man baute nicht nur die Artikel des gewöhnlichen Lebensunterhalts an, sondern hauptsächlich auch für das Gewerbe benötigte Produkte. Dahin gehörten zahlreiche Farbestoffe. Neben dem Flachs ward der Anbau der Baumwolle betrieben, die damals in Europa noch gänzlich unbekannt war. Ausgedehnte Maulbeerpflanzungen gaben die Nahrung für die Seidenraupenzucht, welche die Grundlage für eine sehr bedeutende und hochentwickelte Seidenfabrikation bildete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Farbestoffe verdankten ihre Kultivirung dem Geschmack des Morgenländers an hellen, glänzenden und leuchtenden Farben, und die Farbestoffe wurden in großer Menge gebraucht, da der Kleiderluxus und die Freude an buntfarbigen Tüchern und Teppichen von jeher eine Leidenschaft der Orientalen ist. Die geschäzteste Farbe war der Saffran, dessen Kultur dementsprechende Ausdehnung hatte, ferner der Safflor und das Wars, dessen Heimat Südarabien ist. Sehr stark war auch der Bedarf an Krapp, dessen Anbau nebst jener des Saffrans auch in Spanien eingeführt wurde und von dort weiter in Europa eindrang. Ein sehr geschäztes Toilettenmittel ist im Orient die Henna, die man zum Färben des Haares und des Bartes, der Finger- und Fußzehennägel verwendet. Und da die Henna nach der abergläubischen Vorstellung der Orientalen gegen den sogenannten bösen Blick schüzen soll, verwendete man sie auch zum Färben von Pferden und Kameelen, die teilweise damit bestrichen wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gartenkultur erreichten die Araber eine erstaunliche Vervollkommnung. Obstbäume und Gemüse, Blumen und Zierstauden erlangten eine Mannigfaltigkeit und Pracht, die unter europäischem Himmel nur ganz ausnahmsweise zu erreichen ist. Die Schilderungen von Gärten der Großen, ihrem buntfarbigen Blumenflor und Duft, der Ueppigkeit der Zierstauden und Schlingpflanzen, der Fruchtbarkeit der Obstbäume und Reben, Resultate, die ganz wesentlich durch ein außerordentlich praktisch und sinnreich angelegtes Bewässerungssystem erzielt wurden, scheinen uns als Mährchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine sehr große Zahl von Obstbäumen, Blumen, Zierstauden und Nuzpflanzen verdankt das christliche Abendland den Mohammedanern, so unter anderem die Orange, Aprikose und Pfirsiche, die Myrthe, verschiedene Birnen-, Aepfel- und Traubensorten, den Olivenbaum, den Rhododendron und Granatapfelstrauch u. s. w. In der Kunst des Pfropfens und Pflanzens der Bäume, Sträucher und Blumen waren die Araber Meister und sind heute wohl kaum darin erreicht. Namentlich waren es Rosen, Mandelbäume und Reben, an denen sie ihre Kunst anwandten. So verstanden sie die heute noch unerreichte Kunst, den Trauben den Geschmack beliebiger Gewürze beizubringen. Die Zucht der Blumen in den prächtigsten und verschiedenartigsten Farben war ihnen sehr geläufig. In der Gemüsezucht verdankt Europa unter vielen anderen den Arabern den Anbau des Spargels.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch im Konserviren des Obstes und der Gemüse erreichten sie einen hohen Grad der Vollkommenheit und ist die Kenntnis dieser Kunst seitens der Europäer ebenfalls den Arabern geschuldet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesen wie in vielen andern Dingen war für die spätere europäische Kultur von großer Wichtigkeit, daß die Araber Jahrhunderte lang in Spanien und auf Sicilien lebten und wirkten und durch die direkte Verbindung mit Angehörigen der verschiedensten europäischen Länder ihr Wissen, ihre Kenntnisse und ihre Einrichtungen erlernt und übertragen wurden. Kein Zweifel, daß auch die Kreuzzüge dazu beitrugen, die Kenntnis von morgenländischer Sitte und Kultur in Europa bekannt zu machen, allein diese hatten im Vergleich zu der Wirkung Jahrhunderte langer Herrschaft in den erwähnten südeuropäischen Ländern nur geringe Bedeutung. Zudem wurden diese Kriege durch fanatisirte Haufen geführt, die in der Zerstörung mohammedanischer Kultur ein wohltätiges, gottgefälliges Werk erblickten, und darum wohl ebenso wenig günstige und dauernde Einwirkung auf die Kämpfenden ausübten, wie auf die Jahrhunderte lang gegen die Araberherrschaft kämpfenden Spanier.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen fanden sich massenhaft abendländische Laien und Geistliche, Adlige und Fürsten an den maurischen Höfen und Bildungsstätten in den friedlichen Intervallen ein, welche die Herrschaft der Araber in Spanien und Sicilien genoß. Hier lernten sie eine im Vergleich zu der des Abendlandes hohe Civilisation kennen und schäzen. Diesem Einfluß verdankte auch der Kaiser Friedrich II., unzweifelhaft der gebildetste und freigeistigste Kaiser, den Deutschland bis auf Josef II. je besessen, seine hohe Bildung. Er ließ sich sogar, was damals für unerhört galt, zu einem friedlichen Verkehr mit dem Saracenen-Sultan herbei. Dies wie seine ganze unkirchliche Denk- und Lebensweise brachte ihn denn auch bei seinen beschränkten Zeitgenossen in üblen Geruch und zog ihm schließlich den Bannfluch des Papstes zu.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ja es unterliegt keinem Zweifel, daß als nach fast tausendjähriger Herrschaft des Christentums Europa nach geistiger Erlösung rang, es die innige Berührung mit den arabischen Kulturbestrebungen in Italien und Spanien war, welche das Zeitalter der Wiedergeburt, die Renaissance, erstehen ließ und nach mancherlei Rückschlägen schließlich ganz Europa auf die Bahn des Fortschritts drängte. So war es nicht der Einfluß des Christentums, der sich in jener Zeit den menschlichen Fortschritten überall entgegenstemmte und sie mit Feuer und Schwert bekämpfte, sondern antichristlicher, heidnischer Einfluß, der den Aufschwung des Geisteslebens und die Aera der Reformen in Europa hervorrief.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anregungen zu den großen Fortschritten in der Kunst des Ackerbaues verdankten die Araber wesentlich der sorgfältigen Beachtung der alten Literatur, die sie bei den unterjochten Völkern vorfanden und ins arabische übersezten; also auch hier ein bedeutendes Kulturzeichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Gewinnung und Zubereitung von wohlriechenden Wassern, Oelen und Balsamen, sowie dem Räucherwerk, machte das Arabertum ebenfalls große Fortschritte. Solche Erzeugnisse sind von uraltersher bei Männern und Frauen im Orient sehr beliebt. Da gab es neben Rosen-, Veilchen- und Levkoyenöl, Jasmin-, Citronen- und Weidenöl, Kandul- und Lilienöl u. s. w., Palmenblüten- und Mandelblüten-, Saffran- und Kaisumwasser und duzende andere wohlriechende Oele und Wasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Seidenzucht wurde vorzugsweise in Persien gepflegt. Die Anpflanzung der Baumwolle war zunächst in Südarabien heimisch, wohin sie wohl aus Indien gekommen war. Aus der Baumwolle wurden nicht nur Kleiderstoffe, sondern auch Papier verfertigt, was die Bücher- und Schriftenerzeugung sehr begünstigte, eine Wohltat, zu der Europa erst im 15. Jahrhundert gelangte. Sehr ausgedehnt war der Flachsbau und damit in Verbindung die Fabrikation der Leinenstoffe. Aus dem Hanf wurde das narkotische Gift, der Haschisch, gewonnen, der mehr als in Europa der Branntwein, auf die Kulturentwicklung verhängnisvoll einwirkte. Eng verbunden mit Ackerbau und Gartenkultur ist die Bienen- und die Geflügelzucht; auch auf diesen beiden Gebieten leisteten die Araber Vorzügliches.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Zubereitung der viele wohlriechenden Oele, Wasser, der Balsame, Pommades und Räucherstoffe, endlich der Farbstoffe gab einem größeren Teil der Bevölkerung eine bezügliche gewerbliche Beschäftigung. Dazu kam der Handel mit diesen Gegenständen im Inland und nach dem Ausland. Der Wäsche- und Kleiderluxus erforderte die verschiedensten gewerblichen Betätigungen, wie spinnen, weben, appretiren, nähen und schneidern. Der Kleiderluxus wurde besonders durch die Kalifen begünstigt, deren Gepflogenheit es war, Großen des Reichs, Dichtern, Sängern und Sängerinnen, Sklaven und Sklavinnen, oder wem immer sie eine Gunst bezeugen wollten, diese vorzugsweise durch die Schenkung von duzenden kostbarer Anzüge zu betätigen. Die Reichen und Vornehmen ahmten ihrerseits dieses Beispiel nach. Zu den Kleidern wurden enorme Mengen von Stoffen verbraucht, da Klima und Sitte dieselben möglichst weit und bauschig vorschrieben, wozu dann die Mode noch ungeheure Schleppen fügte, in die selbst die Beinkleider der Damen – die im Orient bezeichnender Weise die Frauen früher trugen als die Männer – endigten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine echt semitisch-orientalische Sitte – durch die sich selbst noch die jüdischen Frauen unserer Zeit in Europa vor ihren christlichen Rivalinnen auszeichnen – ist die Liebhaberei für glänzenden Schmuck, die häufig in Ueberladung damit ausartet. Ringe und Reifen für Ohren, Finger und Fußzehen, Arme und Knöchel, Halsbänder, Stirnbänder und Diademe, alles aus den edelsten Metallen gefertigt und mit kostbaren Perlen und Edelsteinen besezt, besaß jede Frau von Stande, nicht minder die Lieblingssklavinnen, Sängerinnen und Gauklerinnen in Hülle und Fülle. Dazu kamen Gürtel, Kopftücher und Schleier, Pantoffeln und kostbare Kleiderstoffe mit Gold oder Silber, Perlen und Edelsteinen durchwirkt. Bei den Männern waren namentlich die Waffen und Waffengehänge, insbesondere bei dem nie fehlenden Schwert, das selbst der Prediger an der Seite trug, wenn er den Predigtstuhl betrat, aufs reichste geschmückt und ausgestattet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Pracht der Kleidung und des Schmuckes rivalisirte die häusliche Einrichtung der Wohlhabenden und Vornehmen. Kostbare Teppiche mit den wundervollsten Arabesken, mit Jagd- oder Tierstücken, Städtebildern oder Naturszenerien durchwirkt, bedeckten die Fußböden der Gemächer; schwere seidene Vorhänge hingen an Türen und Fenstern; golddurchwirkte Stoffe bedeckten die Wände, wohingegen die Zimmerdecken mit farbenreichen Ornamenten und Malereien versehen waren. Die Ruhebetten und Möbel waren aus seltenem wohlriechenden Holze gefertigt, mit Perlmutter und Gold und Silber eingelegt und mit kostbaren Stoffen überzogen. Goldene und silberne Armleuchter, chinesische Vasen, Lack- und Glasgegenstände füllten die Zimmer, während Ampeln von edlem Metall oder Kristallglas von der Decke hingen. Die Höfe der Häuser waren mit Marmor und Mosaik gepflastert und mit künstlerisch geformten Springbrunnen versehen, die Kühlung verbreiteten und die hinter den Wohnungen sich hinziehenden prächtigen Gärten bewässern halfen. Säulenhallen und Laubgänge aus Ranken von Wein und üppigen Schlingpflanzen in Höfen und Gärten schüzten die verweichlichten Bewohner vor Sonne und Hize. Eine solche Lebensgestaltung mußte auf die verschiedensten Gewerbe- und Betätigungsarten anregend wirken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eigentümlich jedem Volke von eigenartiger Kultur ist ein besonderer Baustil. Auch diesen entwickelten die Araber bei dem Bau zahlreicher, reich und glänzend eingerichteter Moscheen und bei den Ansprüchen, die Fürsten, Vornehme und Reiche an den Bau und die Ausstattung ihrer Paläste und Privatwohnungen stellten. Die Grundformen ihres Baustils entnahmen sie teils den Byzantinern, teils den Indern, entwickelten sie aber selbständig weiter. In der Anwendung und Ausschmückung des Bogens erlangten sie eine besondere Meisterschaft; sie wendeten hauptsächlich den Hufeisen-, Spiz- und Kielbogen an mit vielfach verschlungenen Linien. Sie erfanden ferner eigentümlich geformte Wölbungen, nischenartige Gewölbeklippen, die, in der Perspektive konsolenartig vortretend, sich zu einem bunt bewegten Ganzen zusammenschlossen. Daneben fand der Säulenbau die verschiedenartigste und meisterliche Anwendung. Endlich ist jene eigentümlich geartete, seltsam verschlungene, eine unerschöpfliche Menge der verschiedensten Formen bildende Ornamentik, die Arabesken, ihr Geistesprodukt, das von ihnen den Namen trägt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So entstanden neben den verschiedensten Handelsgeschäften aller Art die Gewerbe der Weber, Schneider, Gerber, Färber, Sattler, Seidenweber, Teppichwirker, Glasmacher, Schmiede, Waffenverfertiger, Töpfer, Wollkrämpler, der Papier- und Büchermacher, die verschiednen Bau- und Kunstgewerbe: Maurer, Zimmerer, Steinmezen, Tischler, Maler, Vergolder, Architekten, Gold- und Silberschmiede, Edelsteinschneider etc.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die einzelnen Gewerbe waren ähnlich wie im alten Rom und später im christlichen Mittelalter in Handwerksgenossenschaften (Zünfte) organisirt und hatten auf bestimmten Straßen und Pläzen der Städte ihre Arbeits- und Verkaufsorte. In Orten, wo einzelne Gewerbe zu schwach waren, eine Genossenschaft zu bilden, vereinigten sie sich mit anderen. Der Sinn für solche abgeschlossenen Verbindungen war so stark, daß selbst Possenreißer und Gaukler ihre Genossenschaft hatten. Jede Genossenschaft regelte in vollster Selbstverwaltung ihre Angelegenheiten und entschied in eintretenden Streitigkeiten ihrer Mitglieder unter sich. Für Verbrechen und Vergehen eines ihrer Mitglieder haftete die Genossenschaft solidarisch gegenüber der Staatsgewalt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gewisse Gewerbszweige entstanden in einzelnen Städten in besonderem Umfang. So die Papier- und Glasfabrikation, die Töpferei und Binsenmatten-Manufaktur in Sammora; Kufa und Bassora besaßen viele Webereien, Bassora verfertigte außerdem die berühmten krummen Säbel; Tostar (Kairo) zeichnete sich durch prachtvolle Brokate aus, Sus durch Seidenzeuge und Teppiche, auch gab es in beiden Städten große Goldstickereien, die in der Regel den Kalifen oder Großen des Reichs gehörten. Damiette lieferte feine Möbelstoffe; Tinny: Gaze und Goldstoffe; Bassina: Vorhänge; Tyb: Seidengürtel; Schiniz, Gennaba, Kazerun und Tawwey verfertigten hauptsächlich Leinen, dann Brokate, Mäntel und Teppiche. Bagdad war berühmt wegen seiner seidenen und baumwollenen Kleiderstoffe – welch leztere zu jener Zeit sehr teuer waren – und galt als Hauptsiz der eigentlichen Kunstgewerbe. Nahr-Tyra genoß den Ruf, die Bagdader Stoffe nachzuahmen und nach Bagdad zur Appretur zu schicken, von wo sie durch Händler, versehen mit gefälschter Fabrikationsmarke, für echt in den Handel kamen. Dasselbe geschah mit Bassinaer Vorhängen, die man ebenfalls in Nahr-Tyra nachahmte. In Isfahan war neben der Seiden- und Damast-Industrie die Baumwollen-Industrie hauptsächlich zu Hause. Damaskus fertigte Damaststoffe, Teppiche und Waffen. Ferghana war Siz der Eisenindustrie, Banun für Kopfschleier und Turbane; in den Provinzen Oman und Yemen in Südarabien war neben ausgedehnter Brokat-, Seiden- und Leinenstoffindustrie, die Waffen- und kunstvolle Panzer- und Panzerhemden-Fabrikation zuhause, in welch lezteren Artikeln sich auch Irak und Bahrain auszeichneten. Einen erheblichen Erwerbszweig bildete auch die Anfertigung von Zelten, die im Morgenlande eine so große und wichtige Bedeutung haben, und die es in allen Größen und von den einfachsten bis zu den glänzendst ausgestatteten gab. In der zweckmäßigen Anfertigung und Einrichtung derselben wurde ein hoher Grad der Vollkommenheit erreicht, denn dieselben mußten sich rasch und leicht auf- und abschlagen lassen und dabei allen Witterungsverhältnissen und den Bequemlichkeitsansprüchen der Reichen und ihrer Frauen Rechnung tragen. Ein ganz besonderer Glanz in den Zeltbauten wurde bei den jährlich stattfindenden großen Pilgerkarawanen nach Mekka, deren Mittelpunkt entweder der Kalife selbst oder sonstige Große des Reiches bildeten, entfaltet. Endlich förderte der ausgedehnte Seehandel das Schiffsbauwesen, obgleich das Holz dazu meist von entfernten Gegenden und zwar aus überseeischen herbeigeschafft werden mußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Metalle und werthvolle Mineralien, wie Eisen, Kupfer, Quecksilber, Blei, Alaun u. s. w. gab es in verschiedenen Bezirken des Reiches. Und welch hohe Vollendung die Eisenbearbeitung erreichte, geht daraus hervor, daß man Spiegel aus polirtem Stahl anfertigte. – Da die Araber auch großen Fleiß auf die Ausbildung der Medizin verwandten, so wurde die Anfertigung von Medikamenten und Droguen emsig betrieben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Haupthandelspläze für den Seeverkehr waren Bagdad und Obolla am Tigris, Bassora an der Mündung des Euphrat und Tigris, Syraf am persischen Meer. Alexandrien übermittelte vorzugsweise den Handel zur See nach Europa. Die Kreuz und die Quere durch das mächtige Reich zogen sich über alle Hauptorte große Karawanenstraßen. So ging eine Straße von Bagdad über Damaskus durch die syrische Wüste über Suez nach Kairo und von dort längs der nordafrikanischen Küste nach Tanger, Gibraltar gegenüber, von wo die Waaren über die Straße von Gibraltar nach Spanien transportirt wurden. Andere Straßen führten von Bagdad nach Isfahan, Schiraz und dem Sind; nach Ray, Corasan und dem Kaspischen See; nach Antiochien und Aleppo, wo man mit dem griechisch-byzantinischen Reich in nächster Berührung, aber auch in fast fortgesezter Feindseligkeit stand. Die Pilger-Karawanenstraße von Bagdad nach Medina und Mekka war zugleich die Handelsstraße nach dem südwestlichen Arabien, nach Yemen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es wurde schon hervorgehoben, wie rasch und günstig sich das Seekriegswesen der Araber entwickelte und wie sie die weit ältere, geschultere und dreimal größere Flotte des byzantinischen Kaisers bereits im Jahre 734 besiegten. Der praktische Sinn und die praktische Gründlichkeit, womit die Araber alles angriffen, gaben auch ihrem Seehandel bald eine hohe Bedeutung. Indien und China war das nächste Ziel ihrer Wünsche. Im 8. Jahrhundert gingen allein drei arabische Expeditionen nach China, um die Verkehrs- und Handelsbeziehungen zu ordnen. An den Küsten Ostindiens und der Ostküste Afrikas bildeten sich eine Menge Kolonien, die teilweise eine bedeutende Seelenzahl erlangten. In Ostindien gab es einzelne Orte, deren mohammedanische Bevölkerung bis auf 20 000 Köpfe stieg. Auf der Insel Ceylon bestand schon zu Ende des siebenten Jahrhunderts eine arabische Kolonie, und 758 griff eine arabische Flotte sogar Canton an. Im Mittelmeer standen sie mit allen Küstenländern derselben im Verkehr, und durch ihre Vermittlung ging der Handel mit indischen Produkten. Durch die Straße von Gibraltar segelten sie in den atlantischen Ozean und erreichten die Azoren und Kanarischen Inseln, welche damals den Europäern ganz unbekannt waren. Auch wird von einigen Geschichtsschreibern behauptet, daß sie bereits Afrika umschifften, doch ist dieses keineswegs gewiß. Dagegen ist sicher, daß sie längs der Ostküste bis zur Umschiffung des Kaps der guten Hoffnung gelangten, und ihnen ein großer Teil der Westküste Afrikas von Norden her bis nach Guinea bekannt war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz die Araber kannten im neunten Jahrhundert Seewege und Länder, und standen mit Völkern in ausgedehnten Handelsbeziehungen, welche das christliche Europa damals nur vom Hörensagen und zwar wiederum nur durch die Araber kannte, und die es zu Ende des fünfzehnten und im sechszehnten Jahrhundert erst entdecken mußte. Es gibt kein Gebiet menschlicher Tätigkeit im Ackerbau, im Handel und Verkehrswesen, in Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, Militär- und Kriegswesen, auf dem die Araber zu jener Zeit den Europäern nicht weit voraus waren, und auf welchem sie nicht den Lezteren die Anregung gaben und sehr oft die Lehrmeister machten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem Staats- und Gesellschaftszustand, wie jenem des arabischen Reichs, mußten notwendig auch starke soziale Gegensäze vorhanden sein. Es gab Grundherren, die bis zu 50 000 Klienten (Schuzgenossen) besaßen, denen sie einen im ganzen vielleicht zweifelhaften Schuz gewährten, aber ein nicht zweifelhaftes sehr hohes Einkommen verdankten. Ein großer Teil der erwähnten Manufakturen – denn Fabriken im modernen Sinn des Wortes gab es natürlich nicht – war Eigentum solcher Grundherren und Würdenträger des Reichs oder der Kalifen selbst. So mußten Hunderte und Tausende sich schwer plagen, um einen Einzelnen im Ueberfluß zu erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine der lukrativsten Beschäftigungen, die zugleich am wenigsten Mühe verursacht, ist zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Handel gewesen. Die Handeltreibenden übten daher auch überall und zu allen Zeiten einen großen Einfluß aus. In Bagdad, Bassora, Syraf, Bokhara, Damaskus, Kairo, Fez und den anderen großen Handelspläzen des Reichs gab es Kaufleute, deren Vermögen man bis zu 30, 40, 50, ja 60 Millionen Dirham schäzte. Städte wie Bagdad und Kairo, die in ihrer höchsten Blüte bis zu einer Million Einwohner besaßen, Damaskus, Kufa, Bassora und andere, die Hunderttausende von Einwohnern hatten, zählten natürlich darunter auch viele von mittlerem Reichtum und in wohlhabenden Verhältnissen. In allen diesen Städten lebten ferner zahlreiche Würdenträger, hohe Beamte des Reichs und Großgrundbesizer, die dort ihren Reichtum verzehrten. Es entwickelte sich daher ein sehr ausgeprägtes, geselliges Leben, das in gar mancher Beziehung an das Leben unserer modernen Großstädte erinnert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seiner Lage nach war Damaskus eine der reizendsten Städte des Araberreichs und es wurde denn auch eine der schönsten als Omawija, der zweite Kalif aus der Omajjaden-Familie, es zu seiner Residenz erkor. Damaskus liegt in einer sehr fruchtbaren Ebene, durch die sich Wälder von Platanen, Silberpappeln und Wallnußbäumen ziehen. Aprikosen-, Feigen- und Olivenbäume bilden ganze Haine, üppige Rebgelände und buntblumige Schlingpflanzen zieren die Gärten. Auf der einen Seite zeigt sich in der Ferne der in der Sonne schimmernde gelbe Sandbooden des syrischen Wüste, auf der andern schließen die wild zerrissenen Formen des Antilibanon den Hintergrund ab. In dieser Stadt und ihrer prächtigen Umgebung errichteten die Omajjaden ihre glänzenden Paläste und ihnen schlossen sich die Reichen und Großen des Reiches vielfach an, so daß Paläste, Lustschlösser, Villen, Moscheen und Grabmonumente, in den buntesten Farben und eigentümlichsten Baustilen ausgeführt, das üppige Grün der Ebene unterbrachen. Eine großartige Wasserleitung, die einer der Omajjaden anlegen ließ, gab den Springbrunnen und Gärten das nötige Wasser und steigerte die Vegetation auf das höchste.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In solcher Umgebung ging die alte Einfachheit des arabischen Lebens rapid zu Grunde. Man legte nach dem Vorbilde des christlich-byzantinischen Hofes große Harems an, die man mit den schönsten Sklavinnen füllte und durch Eunuchen überwachen ließ. Alle die Sinne kizelnden Genüsse: Wollust, Gesang, Musik und Dichtkunst, Tafelfreuden und Zechgelage fanden am Kalifenhofe und bei den Großen des Reichs ihre förderlichste Stätte. Mit Sängern und Sängerinnen, Musikern, Dichtern, Künstlern und Künstlerinnen aller Art wurde zulezt ein in Wahnsinn ausartender Kultus getrieben. Wer durch ein Lied oder ein Gedicht den Beifall eines Kalifen oder eines Großen erlangte, konnte auf fürstliche Belohnung rechnen. Alle Formen der Schwelgerei wurden, den religiösen Vorschriften zum Troz, im Uebermaß geübt. Der Wein und das Spiel, beide durch die Sunna als »Abscheulichkeiten und Werke des Satans« bezeichnet, wurden von einzelnen Kalifen so leidenschaftlich geliebt, daß sie ihren Schaz leerten, sich um den Verstand tranken und zu jeder Regierungshandlung unfähig wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Leben in Damaskus wurde später von den Abbasiden in Bagdad womöglich noch übertroffen. Bagdad wurde erst von ihnen im Jahre 762 unserer Zeit begründet und so wurde es von vornherein in seiner ganzen Anlage eine Stadt, die nach jeder Richtung einem verschwenderischen und prunkliebenden Hofe entsprach. Nur ein Staatswesen, das über ungezählte Hände und ungeheure Summen verfügen konnte, vermochte eine so glänzende Stadt und in so kurzer Zeit herzustellen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Bagdad&#039;&#039; ward in einer der fruchtbarsten Gegenden am Tigris, also in demselben Lande, in dem einst die Riesenstädte Babylon und Ninive standen, erbaut. Es erhielt eine kreisförmige Gestalt und hatte schon in der ersten Anlage mehrere Stunden Umfang. Ein Riesenwerk war allein die aus Ziegeln, Schilf und Erdpech aufgeführte Stadtmauer, die am Fuße 90 Ellen, an der Krone 20-25 Ellen stark und 60 Ellen hoch war. In einiger Entfernung von dieser Mauer befand sich ein mit Bastionen versehener Wall, und vor diesem ein breiter und tief ausgemauerter Graben, der jeden Augenblick mit dem Wasser des Tigris gefüllt werden konnte. Die ganze Umwallung besaß in einer Entfernung von je fünftausend Ellen vier hohe Tore, deren jedes mit einem mächtigen Kuppelbau gekrönt war. Die Stadt war in regelmäßige Viertel eingeteilt, die von bestimmten Bevölkerungsklassen bewohnt wurden. Die Regierungsgebäude bildeten einen besondern Stadtteil und waren nebst dem Kalifenpalast, seinem Harem, seinen Dienstwohnungen und Stallungen und den prächtigen Höfen und Gärten durch besondere Mauern von der übrigen Stadt getrennt. Man wollte sich gegen Volksaufstände sichern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zahlreiche Brücken über den Tigris vermittelten den Verkehr der verschiedenen Stadtteile. Eine mächtige Wasserleitung führte in offenen, gemauerten Rinnsalen das Wasser durch alle Straßen der Stadt und speiste zahlreiche öffentliche Bäder. Viele Hunderte von Schiffen in allen Formen und den verschiedensten Völkern gehörig ankerten in stundenlanger Strecke an den gemauerten Quais und Kanälen des Tigris. Auf der einen Seite desselben erhoben sich die stolzen Paläste und Lustschlösser der Reichen in romantischer Umgebung, auf der anderen bedeckten die Wohnungen der Handwerker- und Arbeiterbevölkerung weite Flächen. Ganz wie heute in unseren Großstädten wohnten kolossaler Reichtum und massenhafte Armut dicht beieinander. Verarmte Klienten, die von ihren Grundherren an den Bettelstab gebracht, Sklaven, die einem harten Herrn entronnen, mittellose Fremde und dergl. suchten im Gedränge und Geschiebe der Kalifenresidenz ein Unterkommen und einen Schlupfwinkel, und nährten sich wie der Tag es mit sich brachte. Der im despotisch regierten Staatswesen so häufige Sturz zuvor mächtiger Großer in Verbannung und Armut, der immer eine Anzahl von dem Gestürzten abhängiger Existenzen mit sich ins Elend reißt, verstärkte das katilinarische Element. Dazu kamen Zeiten harter, äußerer Bedrängnis, Hungersnöte, Anzettelungen und Verschwörungen durch Ehrgeizige, fanatische Sekten, die über das Sündenleben am Kalifenhofe empört waren, alles dies schaffte Stoff zur Erregung und Unzufriedenheit. Ab und zu suchten die Kalifen oder auch reiche Große die Unzufriedenheit der Masse durch große Volksabfütterungen, ganz wie im alten Rom, zu stillen. Der Groll über diese Zustände machte sich auch in dichterischen Ergüssen Luft, an denen die arabische Literatur für alle Vorgänge im Leben so reich ist. Ein solcher lautet in Bezug auf Bagdad:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gott segne Bagdad, das irdische Paradies,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das für die Menschen eine Seelenwonne ist,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Obgleich es nur für die Reichen Genuß bietet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die Armen aber nur Bekümmernis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als dann über das Schwelgen und Lotterleben am Hofe, das jährlich Hunderte von Millionen verschlang, und über das immer stärkere Heranziehen ausländischer Söldlinge, namentlich der seldschuk&#039;schen Türken, die Volksstimmung immer gereizter wurde, entschloß sich der Kalif Motassim Billahi Bagdad zu verlassen und gründete seine Residenz Samorra, die er so zu sagen aus dem Boden stampfte. Sein Nachfolger Motawakil verwendete auf dieselbe allen 300 Mill. Dirham für Bauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses tolle Leben führte bei den Großen zu häufiger Geisteszerrüttung. Eine an Verrücktheit grenzende Großmut, Ueberhäufung mit Gunstbezeugungen, wechselte ab mit der Lust an barbarischen Strafen und Grausamkeiten. Die Abgeschlossenheit des Hauswesens, das keinem Unberufenen den geringsten Einblick gestattet und zunahm, wie das Haremsleben immer mehr an Boden gewann, begünstigte den Hausdespotismus. Nichts wirkt aber demoralisirender auf die Menschen als das Gefühl, unbeschränkt über andere verfügen zu können. Tritt dann noch Verweichlichung und Nervenüberreizung hinzu, mit ihrem Rückschlag der Erschlaffung, auf welche wieder die Anwendung von Stimulanzien folgt, so erreicht Laune und Willkür ihren höchsten Grad.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Beisammenleben zahlreicher junger Leute von beiden Geschlechtern als Sklaven in den Häusern der Reichen, die bei ihrer Menge ein ziemlich müßiges Leben führten – denn nach der Menge der Sklaven wurde der Reichtum geschäzt – mußte hinter dem Rücken der Herren allerlei Verbindungen und Intriguen herbeiführen. Solche erweckten ganz besonders den Zorn der Herren, wenn sie ihre männlichen oder weiblichen Lieblinge betrafen und führten zu grausamen Bestrafungen. Denn über den Sklaven stand dem Herrn die unbeschränkte Macht zu strafen zu. Um so mehr Schwäche zeigten sie dafür gegen Schauspielerinnen, Sängerinnen und dergleichen, die sich, ähnlich gar manchen unserer heutigen Künstlerinnen, auf das Wesen der Coquetterie und das Rupfen reicher Gimpel verstanden. Eine Schilderung der damals angewandten Künste deckte sich vollkommen mit denen unserer Zeit. Die Leidenschaften der Menschen und ihre Torheiten sind sich überall gleich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegenüber schönen Künstlerinnen und Sklavinnen traten die Ehefrauen – deren der Koran bis zu vier gestattet – immer mehr in den Hintergrund. Mekka und Medina, die beiden heiligsten Städte des Orients, waren die Hochschulen für die Ausbildung gefälliger Frauen; beide Städte standen namentlich wegen der Ausbildung leichtfertiger Künstlerinnen ebenso in Ruf, als wegen ihrer historischen und religiösen Traditionen. Die alljährlich dorthin stattfindenden Massenwallfahrten, bei denen noch heute arge geschlechtliche Ausschweifungen häufig vorkommen, legten den Grund zu jenen sehr weltlichen Anstalten. Oeffentliche Frauenhäuser gab es indes schon zu Mohammeds Zeit in Mekka; er unterdrückte zwar dieselben, aber sie bestanden heimlich fort. Aehnliche Häuser existirten in allen Städten des arabischen Reichs. In der Regel waren sie mit Spielhallen verbunden, denn dem Spiel wurde in verderblicher wie in harmloser Gestalt mit Vorliebe gefrönt. Das Schachspiel, das Domino und Ballspiel sind orientalischen Ursprungs, auch gab es Hunde- und Hahnenkämpfe und Wettrennen. Oeffentliche Possenmacher und Zotenreißer fanden ebenfalls stets ihr Männerpublikum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch die unnatürlichen Laster, die im Orient ihre eigentliche Heimat haben, gewannen unter dem allgemeinen Sittenverfall an Verbreitung. Man steckte schöne Knaben und junge Männer in weibliche Kleidung, sie ahmten weibliche Manieren nach und affektirten weibisches Wesen. Zu diesen Ausschweifungen kam noch das Laster stark narkotischer Genüsse, das Opium und das Haschisch und zerstörte, was geschlechtliche Ausschweifung, verweichlichte Lebensweise und Trunksucht den Herrschenden an Verstand noch übrig gelassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gegen diese geistige, physische und moralische Versinken der Oberen war in der Masse der Bevölkerung kein Gegengewicht vorhanden. Der Orientale ist fleißig, nüchtern und genügsam, aber diese Genügsamkeit ist sein Verderben. Er begnügt sich mit dem Notdürftigsten und sieht ruhig zu, wie seine Despoten ihm den Ertrag seiner Arbeit rauben. Infolge der Wirkung des Klimas energielos und zum Denken wenig angeregt, durch eine lange Folge von Generationen, von Urväter Zeiten an den Despotismus gewöhnt, sieht er ihn wie eine unabwendbare Naturgewalt an, gegen die er machtlos ist. Aus dieser allgemeinen Karakterbildung des Orientalen erklärt sich denn auch die allgemein zugestandene Tatsache, daß in keinem Lande der Welt ein energischer und scharf denkender Kopf so leicht zu höchster Macht und zu höchsten Ehrenstellen sich aufzuschwingen vermag, als in den Ländern des Orients. Mohammed ist der einzige Mann des Orients, der, zur Macht gelangt, von seiner Energie und seiner Gewalt einen weisen und vernünftigen Gebrauch zu machen wußte, indem er seinem militärisch-religiösen Staatssystem einen Karakter verlieh, durch den die guten Instinkte seines Volkes ausgenüzt wurden. Daher sein Erfolg, der von weit größerer Nachhaltigkeit gewesen wäre, wenn in einer langen Reihenfolge ähnliche Männer wie er und die ersten Kalifen sich folgten und ihren erzieherischen Einfluß ausübten. Das aber war wider die Natur der Dinge. Schwächlinge folgten, die üblen Einflüsse überwogen und gewannen die Oberhand, so war das Schicksal des Reichs besiegelt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== V. Die Rechtsentwickelung und die Rechtsinstitutionen. ==&lt;br /&gt;
Bei der Doppelrolle, die Mohammed als Stifter eine neuen Religion und als Gründer eines neuen Staatswesens spielte, mußten religiöse Glaubenssäze und politische Rechtsgrundsäze aufs engste miteinander verbunden sein. Der Koran, der die Aussprüche Mohammeds über die verschiedensten und heterogensten Dinge in bunter Reihenfolge enthält, ist das religiös-politische Gesezbuch der Mohammedaner. Die Aussprüche Mohammeds im Koran gelten als göttliche Offenbarungen; sie betreffen neben rein religiösen Weisungen und Moralgrundsäzen alle Verhältnisse des gewöhnlichen Lebens. Sie ergehen sich über die Ordnung der ehelichen Verhältnisse, enthalten Vorschriften über die Lebensweise, Spesen-Ge- und Verbote. Anordnungen über die täglichen Waschungen, verbunden mit Gebeten, über das Verhältnis zu Andersgläubigen, wobei Christen und Juden, weil im Besiz von Offenbarungsreligionen, als dem Islam Näherstehende anerkannt und darum größerer Nachsicht empfohlen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Indem der Koran alle Mohammedaner als Gleichberechtigte und Brüder anzusehen befahl, wirkte er den Stammesrivalitäten entgegen und verhinderte die Bildung einer eigentlichen Aristokratie. Das Erbrecht für Stellen und Würden kennt der Koran nicht; diese Stellen sollte stets nur der Würdigste einnehmen und sie sollten durch Wahl der Gläubigen besezt werden. Daher auch das Kalifat nie als erblich anerkannt wurde. Wohl besaßen die Stämme, die Mohammed bei seinem ersten Auftreten freundlich aufgenommen und ihn unterstüzten, im Reich ein großes Ansehen und man räumte ihnen deshalb den Vorrang in der Besezung der wichtigsten Aemter ein, aber ein Recht besaßen sie darauf nicht. So ging durch den Islam ein streng demokratischer Zug; für jede Person war ohne Rücksicht auf ihren Stand die Erlangung der wichtigsten und einflußreichsten Staatsämter offen und wir sahen, daß selbst Anhänger anderer Religionen dazu gelangen konnten. Ein zu jener Zeit im christlichen Abendlande ganz unerhörtes Ereignis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed selbst betrachtete sich zwar als den auserwählten Propheten Gottes, aber auch als einen einfachen sterblichen Menschen. Gegen die Auffassung des Christentums, daß Jesu Gottes Sohn sei, sprach er sich auf das schärfste aus; die Dreieinigkeitslehre betrachtete er als Vielgötterei und bezeichnete sie als noch Schlimmeres. Der im fünften und sechsten Jahrhundert in der Christenheit emporgekommene Heiligen- und Bilderdienst erschien ihm als Greuel. Von Jesu sagte er, daß er zwar auch ein Prophet gewesen, aber von einem gewöhnlichen Weibe geboren sei. Die christliche Lehre, daß Jesu Tod das Erlösungswerk für die sündige Menschheit bedeute, bezeichnete er als der Gerechtigkeit Gottes zuwider, der keinen Menschen für die Sünden anderer büßen ließe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bekanntlich erklärt sich das neue Testament zu Gunsten der Sklaverei; Mohammed spricht sich für Milderung des Looses der Sklaven und ihre Freigabe aus. »Wer einem rechtgläubigen Sklaven die Freiheit schenkt, erwirbt sich vor Allah ein großes Verdienst« und bestimmte, daß ein Teil der Erträgnisse der Armentaxe für die Loskaufung von Sklaven verwendet werde. Sich für absolute Aufhebung der Sklaverei auszusprechen, lag außerhalb der Fassungskraft des Zeitalters und seiner Sitten, sie währte auch im Abendland bis ins 14. und 15. Jahrhundert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mohammed verordnete ferner, daß Kinder einer Sklavin von einem Freien gezeugt, frei sein sollten; eine Auffassung, die jener des Abendlandes um jene Zeit, speziell jener in Deutschland direkt widersprach: dort war ein solches Kind unfrei. Auch durfte die Mutter eines solchen Kindes weder verkauft noch verschenkt werden. Zugestanden wird von den meisten Kulturhistorikern, daß die Behandlung der Sklaven durchschnittlich eine milde und menschliche war, und in die Gefangenschaft geratene christliche Frauen nicht ungern in die Serails gingen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die im Abendlande viel verbreitete Auffassung, der Koran lehre, man brauche Kezern nicht Wort zu halten, ist falsch. Diese Ansicht wurde bekanntlich im christlichen Mittelalter praktizirt, z. B. als Kaiser Sigismund Huß das gegebene Versprechen auf sicheres Geleit brach mit der Erklärung: Kezern brauche man nicht Wort zu halten. Es ist schon angeführt worden, daß arabische Rechtsgelehrte den Ausspruch taten: Geiseln frei zu geben, auch wenn die andere Partei den Vertrag breche; es sei besser Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun. »Sollte ein Gözendiener Schuz bei dir suchen, so versage ihm denselben nicht, damit er Gelegenheit habe, das Wort Gottes zu hören, und wenn er sich von der Wahrheit der Religion nicht überzeugen läßt, so gib ihm sicheres Geleit nach der Heimat«, so lehrt der Koran.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein eigentliches Priestertum bestand nicht, der Prediger wurde gewählt; es gab bestimmte politische Posten, mit denen das Predigtamt meist verknüpft war. Selbst der Kalife ward mehr als weltliches, denn als religiöses Oberhaupt angesehen. Das Mönchswesen (Derwischtum) entstand erst, als das Reich in Verfall gerieth, dem Arabertum was es stets fremd.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wer vom Islam abfiel sollte getödtet und das nach seinem Abfall erworbene Vermögen konfiszirt werden. Dagegen sollte man Sekten dulden, wenn sie sich der Ernennung besonderer Behörden enthielten. So entstanden nach und nach nicht weniger als zweiundsiebenzig, die teilweise ganz kommunistischen Grundsäzen huldigten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Koran besteht im Islam als wichtigste religiös-politische Schriftensammlung die Sunna, welche die Sammlung der Ueberlieferungen über den Lebenslauf und die Handlungsweise des Propheten und die Entscheidungen seiner nächsten Nachfolger enthält. Obgleich bald nach seinem Tode veranstaltet, als noch manche aus seiner Umgebung und namentlich seine Lieblingsgattin Aischa lebten, und mit großer Gründlichkeit vorgenommen, enthält sie doch manches Unwahrscheinliche. Hier zeigt sich die Schwierigkeit wahrheitsgemäßer Feststellung mündlicher Ueberlieferungen, und sie ward nur wenige Jahrzehnte nach Mohammeds Tod vorgenommen. Das Christentum stellte die Ueberlieferungen über seinen Religionsstifter bekanntlich erst nach mehreren Jahrhunderten zusammen, nachdem die langen Kämpfe mit den alten Anschauungen und die wütendsten Verfolgungen der neuen Lehre stattgefunden hatten, die Myten und Legendenbildungen so sehr begünstigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sammlung der Ueberlieferungen, die als Sunna veröffentlicht wurde, ist von großem kulturhistorischem Werte, weil sie einen Einblick in die Beziehungen und die Entwickelung des Mohammedanismus im ersten Jahrhundert seines Bestehens gibt. Aber der Fleiß und die Gründlichkeit, mit der sie vorgenommen wurde, schüzte sie nicht vor dem kritischen semitischen Geiste. »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das erste absolute Erfordernis der Erkenntnis ist der Zweifel&#039;&#039;« lautet der Ausspruch eines der bedeutendsten arabischen Gelehrten jener Zeit mit Bezug auf die Sunna.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Kritik und der Zweifel wurden am schärfsten unter den zahlreichen Sektirern geübt, die der Mohammedanismus erzeugte. Diese religiösen Kämpfe führten wie überall, wo sie im Mittelalter auftraten, auch zu politischen Unruhen, denn bis jezt ist in der Geschichte keine religiöse Sekte aufgetreten, die nicht auch bestimmte politische und soziale Ziele verfolgte. Die Menschen können sich troz ihren trandcendenten Bestrebungen von der Erde nicht loslösen und tragen auch im religiösen Fanatismus den irdischen Dingen mehr Rechnung, als ihnen selbst bewußt ist. Diese Sektenbildung förderten ganz besonders die überall unter den Mohammedanern zerstreut lebenden Christen und Juden, die vielfach aus Zweckmäßigkeitsgründen um Mohammedanismus übergetreten waren, ohne damit ohne weiteres auch ihren alten Ueberzeugungen zu entsagen. Menschen, die leicht den Glauben wechseln, glauben in der Regel sehr wenig. Diese Elemente bilden den geistigen Sauerteig. Da beschäftigte man sich in Schriften, in Büchern und in öffentlichen Disputationen mit philosophischer Gründlichkeit und Umständlichkeit mit den Fragen über das eigentliche Wesen und die Attribute Gottes, über die vermutliche Beschaffenheit der Hölle und die Art der Höllenstrafen, über die Vorherbestimmung und die menschliche Willensfreiheit, über den Ursprung des Guten und Bösen, ja die Vorgeschrittensten gingen bis zur Antastung aller Glaubenssäze. Das interessanteste bei diesen Kämpfen war, daß die Anhänger aller Religionen und Meinungen in öffentlichen Redeschlachten einander gegenüber traten und im Zungenkampf sich zu besiegen trachteten, und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;das geschah lange Zeit ohne den geringsten Eingriff der Staatsgewalt in die Freiheit der Rede und Versammlung&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erst wenn solche Streitigkeiten, was manchmal geschah, in Tätlichkeiten ausarteten, weil schließlich jede Partei einen greifbaren Erfolg sehen wollte, wobei es dann vorkam, daß der Kampf sich auf die Straße erstreckte und zu Aufständen führte, schritt die Staatsgewalt ein und es folgten scharfe Bestrafungen. Namentlich waren es die Priester der verschiedenen Religionen, die am meisten zu solchen gewalttätigen Ausbrüchen beitrugen und harte Verfolgungen provozirten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Streitigkeiten und Disputationen hatten aber unter allen Umständen den Vorteil, daß sie zur Entwicklung der arabischen Sprache ungemein beitrugen, die Zahl der ins Arabische übertragenen Schriften gewaltig vermehrten und so wesentlich die Gründung jener großen öffentlichen Biblioteken ermöglichten, deren später jede Stadt besaß. Dann beförderten sie das philosophische Denken, indem Jeder seinen Gegner mit Aufwand des größten Scharfsinns zu bekämpfen und zu widerlegen versuchte, und wirkten so befruchtend auf andere Wissenszweige ein. Endlich erweckten sie den Zweifel, indem man sich gegenseitig in seinen Ueberzeugungen erschütterte, und es gab unbefangene Männer genug, die schließlich die lezten Konsequenzen zogen und offen Ateisten wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die mohammedanische Religion vielfach christliche und jüdische Anschauungen in sich aufgenommen, so lagen den Rechtsanschauungen Ueberlieferungen des römischen Rechts zu Grunde. Arabien war ja von Ländern umgeben, die Jahrhunderte römisches Recht besessen hatten, wenn dieses auch den patriarchalischen Zuständen Arabiens fremd war. Anfangs war auch für Mohammed und seine ersten Nachfolger kein Grund vorhanden, römische Rechtsbegriffe in ihr Staatssystem aufzunehmen. Das änderte sich aber, als Länder höherer Kultur mit entsprechenden Rechtszuständen, die mehr oder weniger auf römischem und byzantinischem Recht basirten, unterworfen wurden. Wie nun die Araber bei all ihren Eroberungen die vernünftige Taktik befolgten, sich nicht in Rechts- und Gemeindeordnungen einzumischen, wenn nicht das Staatsinteresse, in erster Linie also ihre Steuer- und Militärverfassung dies erforderte, so verfolgten sie andererseits die Taktik, fremde Staats- und Rechtseinrichtungen willig aufzunehmen und entsprechend zu gestalten, wo ihr eigenes Staatsinteresse es ihnen gebot.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihr Rechtssystem entwickelte sich eben so rasch wie das Reich selbst zu einem festgegliederten und wohlgeordneten Bau. Die Araber waren geborene Systematiker und besaßen großes organisatorisches Genie, denn Alles, was sie anfaßten, nahm unter ihren Händen eine feste und wohlgeordnete Gestalt an, grade weil sie dem Hang zum starren Festhalten nicht verfielen. Es kann hier nicht die Absicht sein, das Rechtssystem in seinen Einzelheiten zu verfolgen. Es genügt hervorzuheben, daß die Araber das&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;einzige&#039;&#039; Volk im ganzen Mittelalter waren, die ein wissenschaftlich bearbeitetes Rechtssystem besaßen. Sie waren auch die Begründer des Wechselrechts. Wie die Gelehrten sich bemühten, die Ueberlieferungen Mohammeds und seiner ersten Nachfolger gewissenhaft zu sammeln und zu ordnen und kritisch zu beleuchten, so fuhren sie auch fort, alle Gebiete des Staats- und öffentlichen Lebens gewissenhaft zu untersuchen und überall Rechtsnormen aufzustellen. Dadurch bildeten sich sehr frühzeitig juristische Schulen und Lehrsysteme, die entweder nach den Orten, von denen sie ausgingen, ihren Namen entlehnten, wie z. B. die Rechtsschule von Medina, oder sich nach ihren hervorragendsten Begründern nannten, wie z. B. das hanyfatische Rechtssystem nach Abu Hanyfa, seinem berühmten Gründer, genannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So bildete sich ein Staatsrecht, in dem sorgfältig die Pflichten und Rechte des Herrschers und die Art seiner Ernennung, die Rechtsverbindlichkeiten, die das Volk gegen ihn hatte und im gegebenen Fall auch zurücknehmen konnte, erörtert wurden, und zwar mit einer Freiheit der Meinungsäußerung, die auf unseren heutigen Universitäten nicht größer sein kann. Den Fürsten zu tödten oder abzusezen, wenn er schlecht regiere, war ein allgemein anerkannter öffentlicher Lehrsaz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es entstanden ferner das Eherecht, Klienten- und Sklavenrecht, das Vertragsrecht, in dem der Ackerbauvertrag besonders berücksichtigt wurde. Das Wasserrecht und das schon erwähnte Wechselrecht. Eine original-arabische Leistung ist der Erbrecht. Wichtige Gebiete von der Staatsrechtspflege waren das Kriegs- und Militärrecht, das Steuerrecht, Strafrecht, Verwaltungs- und Polizeirecht. All diese Rechtsabhandlungen nahmen auf das religiöse Gesez, den Koran, Bezug und trugen die bezüglichen Stellen an ihrer Spize.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine der wichtigsten sozialen Institutionen ist die Ehe. Das arabische Eherecht kurz zu erörtern ist wichtig, weil viel falsche Ansichten darüber verbreitet sind. Vorausgeschickt sei, daß die Frauen zu Mohammeds Zeit eine weit höhere soziale Stellung besaßen, als später im Orient. Namentlich ist türkischer und persischer Einfluß verhängnisvoll gewesen, besonders die Einführung des Harems. So war z. B. in den ersten hundert Jahren des Islams das Verschleiern der Frauen und ihre Fernhaltung von anderen als ihren Ehemännern nicht Sitte. Hervorragende arabische Rechtsgelehrte, wie der schon genannte Abu Hanyfa, vertraten sogar die Ansicht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;daß die Frau zum Richteramt zuzulassen sei&#039;&#039;. Auch gab es lange Zeit Frauen, die sich mit wissenschaftlichen Studien befaßten und öffentlich Vorlesungen hielten; als Dichterinnen traten sie namentlich am Hofe von Kordova auf, wo sie ein freies und ungebundenes Leben führten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Polygamie ist im Orient eine uralte Sitte, die auch bekanntlich ehemals bei den Juden bestand, sie brauchte also durch Mohammed nicht erst eingeführt zu werden. Tatsächlich bestand sie von jeher nur für die Wohlhabenden, sie verbot sich für die größte Zahl der Männer aus zwei sehr durchschlagenden Gründen von selbst. Erstens ist die Zahl der Frauen selten größer jene der Männer, zweitens fehlen den meisten Männern die Mittel, mehrere Frauen und ihre Kinder zu erhalten. Für die Araber gestaltete sich die Möglichkeit der Polygamie insofern günstig, indem sie als das siegende, herrschende Volk, dem die Beute zufiel, den Besiegten, wenn sie Glaubensfeinde waren, die Frauen nahmen oder auch von fremden Völkern kauften. Wo aber mehrere legitime Frauen in einem Haushalt waren, galt eine als die erste, sie war die eigentliche Gattin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das arabische Eherecht bestimmte, daß eine Ehe giltig sei, wenn die Brautleute in Gegenwart zweier Zeugen freien Standes und mohammedanischen Glaubens eine diesbezügliche Erklärung abgaben. Der Moslim konnte eine giltige Ehe mit jeder Frau schließen, die einer geoffenbarten Religion (Christentum, Judentum) anhing, nur mit Frauen, welche der Religion der Feueranbeter und Gözendiener huldigten, war die Ehe verboten. Man bemerke den großen Unterschied zwischen mohammedanischer und christlicher Auffassung. Ehen mit Juden eingehen zu dürfen, ist z. B. in Deutschland erst eine Errungenschaft der neuesten Zeit. Keine Jungfrau durfte wider ihren Willen zur Heirat gezwungen werden; war sie mündig, so konnte sie ohne Einwilligung der Eltern heiraten und genügte eine entsprechende Erklärung vor zwei gültigen Zeugen. Heiratete ein Moslim eine Jüdin oder Christin, so wurden auch Zeugen von deren Religion als gültig zugelassen. Der Priester oder irgend ein Staatsbeamter hatte mit der Eheschließung absolut nichts zu tun. Stellte die Frau vor der Ehe dem Manne die Bedingung, daß er keine zweite Frau neben ihr heirate, oder sie gegen ihren Willen nicht von ihrem Geburts- oder Wohnort in die Fremde führe, so war der Mann an diese Bedingungen gebunden. Brach er den Vertrag, so hatte er der Frau das bedungene Heiratsgut zu verabfolgen und die Ehe war gelöst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein freier Mann durfte bis vier legitime Frauen heiraten, einerlei ob freie Frauen oder Sklavinnen; der Sklave nur zwei und bedurfte er dazu der Einwilligung seines Herrn. Nahe Verwandtschaftsgrade verboten die Ehe; so durfte kein Mann Schwestern zugleich zu Frauen haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Bezug auf die Ehescheidung war die Frau gegen den Mann sehr im Nachteil. Der Mann konnte jederzeit die Ehe auflösen unter der Voraussezung, daß er der Frau das Heiratsgut herausgab, doch mußte er ihr während der sogenannte Iddazeit, die drei Monate nach der Kündigung des Vertrages währte, Kost, Wohnung und Unterhalt gewähren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wollte die Frau die Ehe lösen, so mußte sie ein körperliches Gebrechen des Mannes nachweisen und hatte dann der Richter zu entscheiden; oder sie mußte ihn des Ehebruchs zeihen und diese Beschuldigung durch vier glaubwürdige Zeugen beschwören lassen können. Eine sehr schwere Möglichkeit. Auch konnte sie in Folge häuslicher Zwistigkeiten loskommen, wenn sie sich loskaufte oder das Heiratsgut preisgab. Für eine Witwe war die Iddazeit, während welcher sie nicht heiraten durfte, vier Monate und zehn Tage, und im Fall ihrer Schwangerschaft endigte diese vierzig Tage nach der Entbindung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Todesfall des Mannes konnte die erste Frau auf die Hälfte, die andere auf ein Viertel des Nachlasses Anspruch machen, wenn nicht direkte Leibeserben vorhanden waren. Gab es solche, so erhielt die erste Frau ein Viertel, die andere ein Achtel. Töchter hatten wie die Söhne auf die Hälfte des Nachlasses Anspruch und ebenso deren direkte Leibeserben (Enkel).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Bestimmungen des Erbrechts verbesserten die Stellung der arabischen Frauen, die vordem kein Erbrecht besessen, wesentlich und machten sie dem Islam geneigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
– – – – –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Richter (Kadis) wurden vom Kalifen oder seinen Vertretern, den Wezyrs und den Statthaltern, ernannt. Ein Richter mußte mündigen Alters, im vollen Besiz seiner geistigen Fähigkeiten, von freiem Stande und unbescholten sein. Er mußte ferner sich zum Islam bekennen und die nötige Kenntnis der Geseze besizen. Der Kadi mußte zu seiner Ernennung seine Zustimmung geben und mußte sich verpflichten, gerecht und unparteiisch zu richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es gab Kadis mit beschränkter und unbeschränkter Vollmacht. In lezterem Falle hatten sie noch allerlei Nebenverrichtungen zu erfüllen; sie sollten die Verehelichung der Witwen mit tüchtigen Männern betreiben; sie hatten die Straßen- und Baupolizei und die Verwaltung der Stiftungen ihres Sprengels. Häufig kassirten sie auch die Armentaxe und versahen die Funktionen des Vorbeters und Predigers bei dem Freitagsgebet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geschenke anzunehmen war ihnen verboten, auch durften sie zu Gunsten ihrer nächsten Verwandten weder urteilen noch Zeugnis ablegen; dennoch waren die Klagen über ihre Parteilichkeit sehr häufig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als oberste Instanz in allen Rechts- und Beschwerdesachen des Reichs galt der Kalife oder sein Stellvertreter. Es waren bestimmte Tage angesezt, wo Jedermann seine Klagen und Beschwerden vorbringen konnte, und wurden in der Regel Rechtsgelehrte und Verwaltungsbeamte nebst ihren Schreibern zu den Gerichtssizungen zugezogen. Die Verhandlungen vollzogen sich in vollster Oeffentlichkeit, gewöhnlich vor der Eingangstüre zur Moschee. –&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Amt der Polizeivogts in den Städten war über die Marktordnung, richtiges Maß und Gewicht zu wachen und gegen säumige Schuldner einzuschreiten. Er hatte ferner die öffentliche Moral und die Beachtung der religiösen Vorschriften zu überwachen, die Vaterschaftsklagen zu untersuchen, Sklaven und Dienstleute vor Mißhandlungen zu schüzen und den öffentlichen Verkauf von Wein zu bestrafen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch das ganze Rechtssystem des Islam zog sich der Grundsaz, daß der Moslimen doppelt so hoch zu bestrafen sei, als der Ungläubige, weil lezterer tiefer stehe als er, Vergehen, die er sich zu schulden kommen lasse, also weit weniger zu verzeihen und stärker zu ahnden seinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Sühne für Vergehen und Verbrechen war sorgfältig abgestuft und das Strafmaß genau bemessen. Bei Körperverlezungen galt in des Wortes vollster Bedeutung der alttestamentarische Saz: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Verzichtete der Verlezte auf die physische Bestrafung seines Widerparts, was er konnte, dann hatte dieser ein entsprechendes Sühnegeld zu erlegen. Haftstrafen wurden milde gehandhabt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Untersuchungshaft sollte über einen Monat&#039;&#039; nicht ausgedehnt werden können. Freilich gestaltete sich in der Praxis manches anders, als der Gesezgeber es gewollt. Aber bekanntlich ist das nicht blos im Orient der Fall.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VI. Wissenschaftliche Entwickelung und Dichtkunst. ==&lt;br /&gt;
Die wissenschaftlich gebildeten Araber und Orientalen des Kalifenreichs unterschieden sich in einem wesentlichen Punkt von denen des Abendlandes. Es waren keine Fach- oder Brodgelehrten, die sich ausschließlich nur mit ihrer Wissenschaft beschäftigten, sondern Männer des praktischen Lebens: Kaufleute, Händler, Handwerker und Beamte. Das war kein Fehler. Diese Männer warfen sich aus innerem Antrieb auf das wissenschaftliche Studium und weil mitten im strömenden, praktischen Leben stehend, verfielen sie nicht den Einseitigkeiten des Stubengelehrtentums. Die gelehrten Araber studirten und verglichen das Studirte mit dem praktischen Leben und wandten, wo sie konnten, es darauf an. Dies gab den wissenschaftlichen Studien eine sehr populäre Richtung, Erfahrungen und Beobachtungen erlangten eine hohe Anerkennung, und so kamen namentlich verschiedene Zweige der Naturwissenschaft zu hoher Entwicklung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Abendland besteht noch heute meist zwischen Gelehrten und Volk eine weite Kluft, als seien beide Wesen ganz verschiedener Gattung und gingen sich gegenseitig nichts an. Unsere Gelehrten verstehen vom praktischen Leben in der Regel blutwenig, sie laufen darin wie Fremde umher und haben darum auf das Volk sehr wenig Einfluß, gegen das sie im ganzen eine ziemliche Verachtung hegen; sie kennen seine Kräfte nicht und wissen es nicht zu schäzen. Anders der Araber. Um ein wissenschaftliches Werk zu schreiben genügte nicht dem arabischen Gelehrten vorhandene Werke zu studiren, er wollte auch möglichst selbst sehen und hören und darnach urteilen. So sehen wir denn viele dieser Männer, die sich mit Naturkunde, Geschichte, Geographie, Rechtskunde, Religion u. s. w. befaßten, den Wanderstab in die Hand nehmen, oft viele Jahre lang das weite Reich von einem Ende bis zum anderen, und zwar vornehmlich zu Fuß, durchwandern. Sie durchkosten alle Lebenslagen, sehen, hören, fragen, studiren und notiren das Wahrgenommene sorgfältig und gewissenhaft und verarbeiten, zu Hause angekommen, Studirtes und Erlebtes zu mächtigen Werken. Daher kommt es, daß, seitdem es in Europa Sitte wurde, die arabische Literatur zu studiren – leider haben mongolische Barbarei und christlicher Fanatismus während der Kreuzzüge in Vorderasien und Palästina und nach der Vertreibung der Araber aus Spanien hunderttausende arabischer Schriftwerke zerstört – wir über die Zustände im mohammedanischen Weltreich besser unterrichtet sind, als über diejenigen in unsern europäischen Kulturländern im Mittelalter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Unterschied zwischen Mohammedanismus und Christentum war der. Die Araber&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;sammelten&#039;&#039; bei ihren Eroberungen sorgfältig alle Werke, die ihnen zum Studium und zur Belehrung über die besiegten Völker und Länder dienen und Nuzen stiften konnten; die Christen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;zerstörten&#039;&#039; bei der Ausbreitung ihrer Lehre alle dergleichen Kulturdenkmäler als Werke des Satans und heidnische Greuel, die ein guter Christ so rasch als möglich vernichten müsse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von Mohammed wird ein Ausspruch inbezug auf die Wissenschaft mitgeteilt, welcher lautet: »Wer sein Haus verläßt, um der Wissenschaft nachzuforschen, der wandelt auf dem Pfade Gottes bis zu seiner Heimkunft.« Und in einem anderen seiner Aussprüche sagt er: »Wer eine Reise macht, um der Wissenschaft nachzugehen, dem erleichtert Gott auch den Weg zum Paradiese.« Der Kalife Aly äußerte: »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Der größte Schmuck eines Mannes ist Bildung&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Auszeichnung im Wissen ist die höchste aller Ehren&#039;&#039;. Derjenige stirbt nicht, welcher sein Leben der Wissenschaft weiht.« Mit anderen Worten, er lebt in seinen Werken unsterblich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Neunhundert&#039;&#039; Jahre später predigte der große Reformator&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Luther&#039;&#039;, von dessen Auftreten viele eine neue Aera für die Geistesfreiheit Europas ableiten, gegen »&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;die verfluchte Hure Vernunft&#039;&#039;« und fordert die Censur für alle Schriften und die Verfolgung aller in religiösen Dingen von ihm Abweichenden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im christlichen Mittelalter wurde jeder Gelehrte, der wagte den leisesten Zweifel über die Wahrheit der Kirchendogmen zu äußern, als Kezer verfolgt und womöglich dem Scheiterhaufen überliefert; dagegen bot der Kalife Almaimon dem byzantinischen Kaiser Theophilus einen Zentner Gold und ein ewiges Bündnis zum Frieden, wenn er ihm den Philosophen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Leo&#039;&#039; auf einige Zeit zur Belehrung senden wolle. Und er sezte diesem Anerbieten hinzu: »Laß nicht Verschiedenheit der Religion oder des Landes Dich bewegen, meine Bitte zu verweigern. Tue, was Freundschaft einem Freunde zugestehen würde.« Der hochmütige Byzantiner hatte auf dieses entgegenkommende und ehrende Anerbieten nur die feindselige Antwort: »Die Gelehrsamkeit, welche den römischen Namen verherrlicht, soll nie einem Barbaren mitgeteilt werden.« Noch einige andere Tatsachen seien angeführt, in denen der gewaltige Unterschied zwischen dem Mohammedanismus und dem christlichen Abendland in jener Zeit grell zu Tage tritt. Im&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;siebenzehnten&#039;&#039; Jahrhundert verbot noch die französische hugenottische Geistlichkeit, also Protestanten, ihren Anhängern streng, ihre Kinder auf katolische Gymnasien zu senden oder sie von einem katolischen Lehrer unterrichten zu lassen, hingegen sezte schon im&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;neunten&#039;&#039; Jahrhundert der Kalife Harun al Raschid&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;das Oberhaupt der christlichen Sekte der Nestorianer zum obersten Leiter des gesammten Schul- und Bildungswesen seines Reichs ein und gab ihm seine Kinder zur Erziehung&#039;&#039;. So stark waren die Gegensäze zwischen Christentum und Mohammedanismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Während im christlichen Abendland der Wunder- und Reliquienschwindel bei Hoch und Niedrig in üppigster Blüte stand, niemand vom Wesen des menschlichen Körpers und der menschlichen Krankheiten und ihrer Heilung genauere Kenntnisse hatte, betrieben die Araber eifrig das Studium der Medizin, gab es hochgeschickte männliche und&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;weibliche&#039;&#039; Aerzte bei ihnen und gestatteten sie jedem, ohne Unterschied des Glaubens, sich dieser nüzlichen Wissenschaft zu widmen und ihre Lehranstalten zu besuchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diesen offenkundigen Tatsachen gegenüber ist es z. B. schwer begreiflich, daß noch bis heute zahlreiche europäische Schriftsteller behaupten, die große Bibliotek in Serapeum zu Alexandrien sei durch mohammedanische Barbarei, und zwar bei der Eroberung Alexandriens durch Omar, der seine Bäder mit den Schriftwerken beheizt habe, zerstört worden. Die Wahrheit ist, daß sie dem Fanatismus der Christen unter der Führung ihres Bischofs, des heiligen Theophilus, im Jahre 391 mit all ihren astronomischen, physikalischen und matematischen Instrumenten zum Opfer fiel und vernichtet ward. 410 folgte dann der heilige Cyrill dem Beispiel seines Vorgängers, daß er die lezte Vertretung alexandrinischer Gelehrsamkeit, die schöne aber heidnische Hypatia, aufs grausamste ermorden ließ. Mit der Vernichtung des Serapeums war die lezte Stätte antiker Gelehrsamkeit zerstört. Das Wissen floh in die Wüste und in die Einsamkeit, wo verfolgte Juden und Sektirer ihm heimlich eine Stätte bereiteten, bis nach mehr als zwei Jahrhunderten die Gründung des Araberreichs die Wissenschaft wieder aufatmen ließ und sie zu neuem und höherem Glanze gelangte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Medizin waren es besonders die Juden, zu denen die Araber in die Lehre gingen. Ausgezeichnet als Arzt war Maser aljaivah, der die Stelle des Leibarztes bei dem Kalifen Moawija bekleidete und auch als Dichter und Philosoph einen großen Ruf besaß. Harun, ein jüdischer Arzt in Alexandrien, schrieb die erste Abhandlung über die Kinderblattern, die aber verloren ging. Der später lebende arabische Arzt Rhazes (Rhazy) verfaßte eine noch vorhandene wertvolle Abhandlung über die Menschenblattern. Mansur schrieb in zehn Büchern eine Abhandlung über das ganze Gebiet der Medizin, und bildete dieses Werk später auf europäischen Universitäten das Hauptlehrbuch für den medizinischen Unterricht. Aber der berühmteste von allen arabischen Aerzten war Avicenna, dessen System der Heilkunde während des ganzen Mittelalters Europa beherrschte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Anzahl Medikamente, die heute noch bei uns in Gebrauch sind, stammen von den Arabern. Es gab wohlausgerüstete Apoteken und große encyclopädische Werke, die das Studium der Medizin erleichterten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Kalifen wetteiferten teils aus wirklichem wissenschaftlichem Interesse, teils aus Ruhmbegier und Ehrgeiz in der Unterstüzung aller dieser Bestrebungen, namentlich beförderten sie die Uebersezung tausender von altägyptischen, indischen, persischen und griechischen Schriftwerken, die dadurch erst dem übrigen Europa zugänglich gemacht wurden. So wurden die Werke des Aristoteles dem Abendland erst durch die Araber bekannt und war der berühmte Averrhoës zu Cordova sein Hauptkommentator. Bekanntlich bildete Aristoteles die Hauptstüze für die scholastische Philosophie des Mittelalters.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses ganze geistliche Leben konzentrirte sich in den großen Städten des Reichs. Hier wurden mächtige öffentliche Biblioteken gegründet, deren Bagdad zur Zeit seiner Eroberung durch die Mongolen allein zwanzig gehabt haben soll, und diese Biblioteken wurden mit Gelehrtenschulen verbunden. Den Wissensdurstigen wurde durch die Gründung von Herbergen, die für ein Billiges ein bequemes Unterkommen gewährten, unter die Arme gegriffen. Kalifen, hohe Würdenträger und reiche Private wetteiferten in solchen Hilfsleistungen, stifteten große Vermächtnisse und Stipendien. Auch legten Private sich häufig Büchersammlungen mit kostbaren Einbänden an, und erzielten seltene Bücher enorme Preise. Es sind Fälle bekannt, wo bis zu 1500 Dirham für ein Werk bezahlt wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den Naturwissenschaften waren die Araber in verschiedener Richtung bahnbrechend. Die Astronomie wurde schon der Astrologie halber stark gepflegt. Der Glaube an Sterndeutung ist ein uralter und es ist bekannt, daß selbst große Geister der Neuzeit ihr noch huldigen, so Wallenstein und Napoleon. Mit der Astronomie gehen Matematik und Physik Hand in Hand und in beiden Wissenschaften wurden ebenfalls namhafte Fortschritte erzielt. Auf dem Observatorium zu Bagdad wurde die Schiefe der Ekliptik (Sonnenbahn) festgestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese ward innerhalb dreier Jahrhunderte fünfmal berechnet und stimmen die arabischen Berechnungen mit den unseren ziemlich genau überein, sie verhalten sich wie 23° 35&#039; zu 23° 27&#039; 30&amp;quot;. Die Araber führten ferner die Messung eines Grades des Meridians aus, was die genaue Kenntnis der Kugelgestalt der Erde voraussezt, wahrscheinlich durch die Werke des Ptolemäus. Die indischen astronomischen Tafeln übersezten sie ins arabische, ebenso die Tafeln des Ptolemäus, die sie einer Revision und Berichtigung unterwarfen. Sie besaßen Fernrohre mit Okular- und Objektivdioptern von hoher Vollkommenheit und sollen sie bereits die Sonnenflecke bemerkt haben. Der Astronom Abderahman Sufis suchte die Lichtmessung der Sterne zu verbessern; der Matematiker Alhazan berechnete die Zeit durch Pendelschwingungen, wie denn bekanntlich der Kalife Harun al Raschid schon Karl dem Großen eine kostbar gearbeitete Wasseruhr verehrte, die als ein Wunder der Mechanik und künstlerischer Arbeit angestaunt wurde. Ueber das Apogäum – den Punkt in der Bahn des Mondes, in dem dieser am weitesten von der Sonne absteht – machte der Astronom Alzakal eine Menge Beobachtungen und berechnete dasselbe auf 49 ½ bis 50, während es jezt auf 50,1 berechnet worden ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Algebra verdankt Europa den Arabern, ebenso große Fortschritte in der Geometrie und Trigonometrie. Die Werke des Euklid und Archimedes wurden von ihnen übersezt. In der Optik stellte Alhazen eine Teorie des Sehens auf, von der noch heute vieles als richtig anerkannt wird, auch entwarf er Tabellen über die spezifische Schwere der Körper, die richtiger sind, als jene der im vorigen Jahrhundert bei uns berechneten. Alhazan stellte ferner bemerkenswerte Teorien über die Schwere der Luft und die Gleichgewichtslehre auf, auch versuchte er die Höhe der Erdatmosphäre zu messen. Der Gravitationsteorie, die später Newton entdeckte, kam er sehr nahe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unsere Zahlen sind arabischen Ursprungs, doch entnahmen sie die Araber den Indern. Die Chemie entwickelte sich bei den Arabern, wie später in Europa, aus der Alchemie. Man wollte die Kunst, Gold zu machen, lernen und das Lebenselexir erfinden, das alle Krankheiten heilen sollte. Man erfand weder das eine noch das andere, aber man machte Erfindungen, welche der Welt nüzlicher waren. So entdeckte der Chemiker Djafar schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts die Salpetersäure und das Königswasser, also die Möglichkeit, Gold aufzulösen. Von ihm sind auch Beschreibungen über verschiedene chemische Prozesse und Apparate vorhanden. Der Arzt Rhazes beschreibt die Gewinnung des Alkohols und der Salpetersäure; Achilt Berhil entdeckte die Zubereitung des Phosphors. Das Pulver wurde schon gegen Ende des 8. Jahrhunderts bei den Arabern erfunden, das sie aus Schwefel, Holzkohle und Salpeter bereiteten, doch scheint es zu Kriegszwecken erst sehr viel später angewandt worden zu sein. Die künstliche Eisbereitung, die Europa erst im 16. Jahrhundert kennen lernte, war ihnen gleichfalls bekannt. Aus den Schriften Gebers (Gebert, eines christlichen Geistlichen, der bei den Arabern in Spanien seine Studien gemacht, später Erzbischof von Rheims und ums Jahr 1000 sogar den päbstlichen Stuhl als Sylvester II. bestieg) geht hervor, daß ihnen eine Menge von Chemikalien, als Vitriol, Alaun, Salmiak, Soda, Alkali u. s. w. bekannt waren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angeführt sei hier, daß Pabst Sylvester II. (Gebert) bereits 1004 an Gift starb, und noch lange nach seinem Tode in der Christenheit die schauerlichsten Gerüchte von seinen geheimnisvollen Künsten umgingen, die er bei den Ungläubigen, durch einen Pakt mit dem Teufel, der ihn auch schließlich geholt, erlernt habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zoologie, Botanik und Mineralogie waren die Arbeiten der Araber nicht bedeutend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zoologie hielten sie sich ganz an Aristoteles, dagegen leisteten sie in der Botanik besseres. Die geschlechtliche Verschiedenheit der Pflanzen war ihnen bekannt, auch die Eigenschaften des Saftes und der Zeitperioden. In der Mineralogie war es hauptsächlich Byruny, der Untersuchungen über die Natur und Dichtigkeit der Minerale und Metalle anstellte und vermittelst einer von ihm konstruirten Wasserwage Wägungen vornahm, die fast ganz mit unseren heutigen Resultaten übereinstimmen. Für das Entstehen der Edelsteine hatten sie eine eigene Teorie, man suchte sie sich als aus den Metallen entstanden zu erklären und zwar vermittelst eines Prozesses, in dem Hize und Feuchtigkeit und ihre Gegensäze, Kälte und Trockenheit, wirkten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Interesse der Araber von Alters her für die Geschichte ihrer Abstammung und Entwicklung und die Taten des Stammes, dem sie angehörten, mußte, sobald sie Herren eines großen mächtigen Reiches waren, den Wunsch bei ihnen erwecken, auch die Geschichte dieses Reiches genau niederzuschreiben und die Geschichte der einzelnen Provinzen und Länder ihres Reiches kennen zu lernen. Mit der Sammlung der Ueberlieferungen des Propheten und seiner nächsten Nachfolger begann auch eine genaue Aufzeichnung der geschichtlichen Taten und Ereignisse. Große umfängliche Geschichtswerke entstanden, in denen man, an die biblische Sage von der Entstehung der Welt anknüpfend, die ganze Entwicklungsgeschichte der Araber und der mit ihnen in Berührung gekommenen Völker darstellte. An den Kalifenhöfen selbst wurde einer genauen Aufzeichnung aller wichtigeren Vorgänge große Wichtigkeit beigelegt; es gab ständige Chronisten, die mit diesen Aufzeichnungen betraut wurden, deren Werke man herbeibrachte und nachschlug, wenn es galt irgendeine Tat eines früheren Kalifen oder ein geschichtliches Ereignis festzustellen. Auch wurden große Geschichtskompendien, alphabetisch wohlgeordnet, zusammengestellt, aus denen die Abstammung und Vergangenheit der hervorragenderen Familien und der einzelnen Stämme, die geschichtlichen Ereignisse und alles auf den Propheten und seine Familie bezughabende zu ersehen war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von einem der frühesten und berühmtesten Geschichtsschreiber, Handany, ist ein Werk vorhanden, das nicht blos eine Geschichte der südarabischen Stämme enthält, sondern auch wichtige Aufschlüsse über die Topographie des Landes, seine Altertümer, die alte Sprache und ihre Schriftdenkmale gibt. Von einem anderen Gelehrten, Masudy, liegt ein Werk vor, worin dieser in naturgetreuer Schilderung ein Bild von den Ländern und Völkern und ihren Zuständen entrollt, die er auf seinen langen und weiten Reisen in Persien, Indien, auf Ceylon und Madagaskar, ferner in den Ländern des Kalifenreichs vom Kaspischen bis zum Roten Meer kennen lernte. Von Byruny existirt ein wertvolles Werk über Chronologie und ein anderes über Indien, wie denn dieser Gelehrte sich auch durch seine sehr bedeutenden geographischen und astronomischen Kenntnisse und Berechnungen auszeichnete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der geographischen Literatur ist ein Werk Istachrys, das eine genaue Beschreibung Persiens mit Bezugnahme aus Handel, Produkte, Gewerbe und Bevölkerungs-Verhältnisse enthält, von höchstem Wert. Ein anderes großes geographisches Werk ist das Mokkadasy aus dem neunten Jahrhundert, welcher das ganze Kalifenreich mit Ausnahme von Sind und Spanien bereiste, überall sich aufhielt, studirte und die genaueste Beschreibung des Erlebten gibt. Doktor Sprenger, einer der eifrigsten Forscher in der arabischen Literatur, versichert, daß es nach seiner Ansicht nie einen Geographen gegeben, der so viel gereist, so scharf beobachtet und zugleich das Gesammelte so planmäßig verarbeitet habe. Solcher wandernder Gelehrter gab es viele, die sammelten und beobachteten und über das Erlebte in umfänglichen Werken berichteten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch geologische Studien wurden von den Arabern ins Werk gesezt, und es ist namentlich der berühmte Avicenna, der schon die Ideen über Vulkanismus und Neptunismus entwickelte, Ideen, die unsere Naturforscher bis in die neueste Zeit in Atem und in zwei getrennte Lager gehalten haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei solcher geistiger Regsamkeit auf fast allen Gebieten menschlichen Wissens konnte auch die eigentliche spekulative Wissenschaft, die Philosophie, nicht zurückbleiben. Der semitische Geist ist seinem Wesen nach sehr zur Kritik und zum Zweifel geneigt, der Zweifel aber ist alles Wissens und Forschens notwendige Voraussezung. Es wurde schon berichtet, wie arabische Gelehrte bei den Untersuchungen über den Koran und die Sunna den Zweifel als unumgängliche Voraussezung für eine wahrheitsgemäße Feststellung bezeichneten, ferner wie die Anhänger der verschiedenen Religionen und Sekten sich zusammenfanden, um über die wichtigsten religiösen Streitfragen zu disputiren. Ergözlich zu lesen ist eine Schilderung, die ein ortodoxer Mohammedaner aus Spanien, von einer Reise nach Bagdad zurückgekehrt, über einige seiner Besuche solcher Disputationen seinen Bekannten gibt. Er erzählt: »Ich war zweimal bei ihren Zusammenkünften, aber ich hütete mich, zum dritten Male hinzugehen. Warum? – Stellt Euch vor, bei der ersten Versammlung waren nicht blos Mohammedaner von allen Sekten anwesend, Ortodoxe und Heterodoxe, sondern auch Feueranbeter (Parsen), Materialisten, Ateisten, Juden und Christen, kurzum Ungläubige jeder Art. Jede dieser Sekten hatten ihren Sprecher, der ihre Ansichten verteidigen mußte. Trat einer dieser Parteihäuptlinge in den Saal, so erhoben sich Alle ehrerbietig und Niemand sezte sich, ehe er Plaz genommen hatte. Als der Saal nahezu angefüllt war, nahm einer der Ungläubigen das Wort und sprach: »Wir haben und versammelt, um zu disputiren; Ihr Alle kennt die Vorbedingungen; Ihr Mohammedaner dürft uns nicht mit Beweisgründen bekämpfen, die aus Eurer Schrift geschöpft sind, oder auf die Reden Eures Propheten sich stüzen; denn wir glauben weder an dieses Buch noch an Euren Propheten. Jeder der Anwesenden darf sich nur auf Gründe berufen, die aus der menschlichen Vernunft entnommen sind.« Diese Worte wurden allgemein bejubelt und Ihr werdet begreifen, daß ich, nachdem ich solche Reden gehört hatte, keine Lust fühlte, diesen Versammlungen weiter beizuwohnen. Man beredete mich doch noch, eine andere Zusammenkunft zu besuchen und ich ging auch; es war aber derselbe Skandal.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welch ein gewaltiger Unterschied zwischen dieser Blütezeit des Islam und dem Christentum bis in unser Jahrhundert. Eine solche Sprache auf den Katedern unserer Universitäten geführt, wie sie in jenen Disputationen geführt wurde, würde vor nicht langer Zeit dem Sprecher Amt und Stellung gekostet haben, und noch heute findet kein Professor Anstellung, wenn man von vornherein von ihm weiß, daß er nicht gewillt ist, seine freigeistige Meinung möglichst zu verbergen. Die unverständliche Sprache unserer älteren deutschen Philosophen ist hauptsächlich dem Umstand geschuldet, daß sie den Regierungen gegenüber nicht wagen durften, offen mit der Sprache herauszugehen, ohne die sichere Aussicht gemaßregelt zu werden. Sie mußten, bevor noch Talleyrand seinen berühmten Ausspruch getan, die Sprache benuzen, um ihre Gedanken zu verbergen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es bildeten sich in Folge dieser philosophischen Kämpfe und Untersuchungen rationalistische Schulen, die schließlich in ihren Schlüssen kühn bis zu den lezten Konsequenzen gingen. Eine dieser rationalistischen Schulen waren die Motaziliten (Dissidenten), welche die Prädestination, die Lehre von der Vorherbestimmung und Gnadenwahl, wie sie im Koran in Uebereinstimmung mit der christlichen Lehre des heiligen Augustin und später Calvins gelehrt wurde – verwarfen und die menschliche Willensfreiheit vertraten. Die menschliche Vernunft sein allein entscheidend, der Koran als Menschenwerk enthalte nur die Lehren eines gottbegeisterten Mannes. Die mohammedanischen Ortodoxen bemühten sich nämlich später, ähnlich wie es die christlichen Eiferer mit der Bibel machten, den Koran als von Gott selbst kommend, als unerschaffenes Werk darzustellen, und in diesen Lehren fanden sie an den Motaziliten die heftigsten Gegner. Ihre dissidentischen Lehren herrschten lange Zeit auf dem Kalifentrone, einige Kalifen bekannten sich sogar zum vollkommensten Ateismus. Vom Dichter Abul Ala rührt der Ausspruch: »Die Menschen haben zwei Klassen: die Einen haben Verstand aber keinen Glauben, die Anderen haben den Glauben aber keinen Verstand.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Maarry und Averroês lehrten einen vollkommenen Panteismus; sie bekämpften namentlich, aus auf Egoismus beruhend und auf Untergrabung wahrer Sittlichkeit ausgehend, die Ansicht, daß man das Gute tun und tugendhaft leben solle, um später als Belohnung die Glückseligkeit zu erlangen. Die Tugend, lehrten sie, müsse ihrer selbst wegen geübt werden, da dies allein das wahre Glück gebe. Nach ihrer Auffassung war die menschliche Seele ein Teil der Allseele, welche das Universum durchdringe, in welche die menschliche Seele nach dem Tode des Körpers zurückkehre.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dahriten gingen noch weiter, sie waren reine Materialisten. Sie lehrten die Anfanglosigkeit und die Ewigkeit der Welt, behauptend, daß sie keine Anfangsursache und keinen Schöpfer habe. Nichts könne in der Welt zu Grunde gehen; die äußere Form der Körper und ihre Stoffe änderten sich und seien ewig Umgestaltungen und Mischungen unterworfen, aber die Materie selbst bleibe. Als Ursache aller Neugestaltungen betrachteten sie die Kreisschwingungen der Sphären; diese Kreisschwingung sei anfangslos und habe ihren Ursiz in dem anfanglosen Weltäter. Da haben wir den modernen Materialismus in seinem wesentlichsten Inhalt. Man kann sich wohl vorstellen, welchen Schrecken solche Lehren in den gläubigen Kreisen erweckten. Auch die weltliche Macht begriff allmälig, welche Gefahr für sie vorhanden sei, wenn diese Lehren, welche die Autorität und allen Glauben untergruben, im Volke Boden fänden. Die ortodoxe Richtung bekam Oberwasser und die strengsten Verbote erfolgten gegen die Veröffentlichung solcher Lehren. Eine Zeit lang wüteten auch im Orient die Kezerverfolgungen; man verbot den Verkauf von Büchern philosophischen und polemischen Inhalts, der fanatische Kalif Kâdir erließ sogar förmliche Proskriptions-Edikte gegen die Freidenker.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch mehr als diese Verfolgungen sorgte der unfreie soziale und geistige Zustand der Masse der Bevölkerung dafür, daß diese Ansichten und Lehren zu keiner ernsten Gefahr für den Bestand der Dinge wurden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für die geistige Entwickelung hatten diese Verfolgungen und die Neigung zum Wohlleben die Wirkung, daß die Studien mehr und mehr verflachten. Es bildete sich ein zahlreiches literarisches Proletariat – eine Art fahrender Geisteskünstler – die mit Citaten, Versen und Philologiewizen gut ausgestattet, von Ort zu Ort zogen und ihre Künste zum Besten gaben, wo ein schöngeistiger Kreis darnach Verlangen trug. Da dies eine andere Art des Sinnenkizels war und die Schmeichelkünste diesen literarischen Zigeunern nicht mangelten, welche sie bei den dafür sehr empfänglichen Großen und Reichen anwandten, so fehlte es ihnen nicht an Unterstüzung und Verdienst, bis Uebermaß und Ueberzahl von selbst die Abstumpfung und das endliche Aufhören dieser geistigen Akrobatenkünste herbeiführten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Begünstigt wurde die Vermehrung dieser gänzlich mittellosen Literatoren aller Art hauptsächlich durch die zahlreichen Freistellen, Stipendien und sonstigen Unterstüzungen der höheren Schulen. In dieser Richtung bestand ein wahrer Wetteifer unter den Besizenden, der, wie der Erfolg zeigte, neben seinen guten auch seine schlimmen Seiten hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Schon frühzeitig ward neben der rein wissenschaftlichen Literatur, auch das Fachschriftenwesen für Gewerbe und Kunstfertigkeiten entwickelt. Die Literatur über den Ackerbau ist bereits erwähnt worden. So entstanden auch Fachschriften über die Waffenproduktion und das Kriegswesen, über die Feuerwerkskunst, die verschiedenen Spezereien, die Porzellan- und Stahlfabrikation, Taschenspielerkunst und Gauklerei u. s. w. Dies in Kürze die Skizze von der wissenschaftlichen und literarischen Entwicklung der Araber. Wir kommen zur Dichtkunst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die arabische Dichtkunst ist von hohem poetischen und historischen Werte; sie spiegelt getreu in einfacher, aber äußerst ausdrucksvoller Sprache Stimmungen, Gesinnungen und Anschauungen des Volks in allen Lebenslagen und auf seinen verschiedenen Kulturstufen wider und gibt ein klares Bild seiner Entwickelung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Empfänglichkeit des Arabers für sinnliche Eindrücke ist eine sehr große und eine Folge der hellen, heiteren Natur, in der er lebt. Am Tage genießt er die fast stetig strahlende Sonne mit ihrem Lichtermeer, die Reinheit der Luft, die dem Blick in die weiteste Ferne zu schweifen gestattet, die Abwechslung der Szenerie des Landes; in der Nacht wird seine Phantasie durch den glänzenden Sternenhimmel erregt und genährt. Im Ganzen begünstigt die Natur des Landes Gesundheit und körperliches Wohlbefinden, Freude am Lebensgenuß, Mut und Selbstvertrauen und eine poetische Sinnlichkeit. Daher liebt der Araber die Dichtung und die Erzählung von den frühesten Zeiten an, ja als das Kalifenreich schon in hoher Blüte stand und sich sein Wesen und sein Geschmack durch seine veränderte Lage wesentlich mit verändert hatte, blieb der Hang, den Dichtern und Märchenerzählern zu lauschen, ungeschwächt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Dichtung der Araber durchlief wie ihre Kulturentwickelung drei Stufen. Die erste entspricht dem Zeitalter, wo noch die alten patriarchalischen Einrichtungen vorhanden waren oder überwogen; sie ist eine reine aber tiefempfundene Naturpoesie. Sie ergeht sich in Schilderungen des Wüsten-, Hirten- und Ackerbaulebens; sie schildert die Abenteuer der Jagd und den Raubzug und beschreibt mit Vorliebe die sinnlichen Reize schöner Frauen, die der Araber mit voller südlicher Glut zu schäzen wußte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die zweite Stufe der Dichtung wurde erreicht, als das große Reich sich konsolidirte und städtisches Leben den entscheidenden Einfluß errang. Sie schildert das Leben und die Gesellschaft in dem neuen Reich. Diese Periode umfaßt neben Kriegs- und Schlachtgesängen, das Lob kriegerischer Großtaten und die Lage in der Gefangenschaft, aber auch am Feind geübte ritterliche Großmut; sie umfaßt ferner die Schilderung prächtiger Wohnräume und Gärten, Zechgelage und Liebesabenteuer, städtisches Treiben und Gedränge; dann enthält sie Spott- und Schmähgedichte, die sich gegen hohe Beamte wie Private richten und Schwächen von Personen und Ständen bloßstellen und geißeln; ferner die Gedichte sinnlicher und frivoler Gattung, die dem Geschlechtsleben und dem Treiben der höheren Stände zur Reizung dienten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die dritte Dichtungsstufe endlich ward erreicht in der Blütezeit des Reichs und bei dem Beginn seines Verfalls; sie bezieht sich auf die höheren geistigen Bestrebungen, die im Liede besungen, kritisirt und angegriffen oder verherrlicht wurden. Sie betreffen hauptsächlich die Religion und Unsterblichkeit. Im Gedichte wird philosophirt über Welt- und Menschenwerden und -Vergehen, über das Wesen Gottes und den Zweck der Welt. Pantheismus, Atheismus und Materialismus, schließlich der Pessimismus finden im Gedichte ihre Vertreter und zwar Vertreter ersten Rangs.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So machte die arabische Dichtung alle Entwickelungsphasen durch, welche die ersten Kulturvölker Europas bis heute ebenfalls durchlaufen haben oder noch zu durchlaufen im Begriff stehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einige Proben dieser verschiedenen Gedichtsgattungen, die dem vortrefflichen, auf Quellenstudium und genauer Kenntnis von Land und Leuten beruhenden Werk des Herrn v. Kremer&amp;lt;ref&amp;gt;Kulturgeschichte des Orients unter den Kalifen. Wien, 1875. Wilhelm Braumüller.&amp;lt;/ref&amp;gt; entnommen sind, mögen hier ihre Stelle finden. Ein Gedicht, das einen Nachtzug durch die Wüste schildert, lautet:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Durchstreifer unablässig bin ich der felsigen Schluchten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der von Straßen, dem Gezische der Ginnen und den Ghulen besuchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es war eine Nacht von tiefster Schwärze gleich einem Rappen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bedeckt mit der pechschwarzen Schabrake weiten Lappen;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich durchwachte sie, doch meine Gefährten die nickten, besiegt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vom Schlafe, wie die Chirwablume die Krone wiegt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und, wenn auch die Finsternis wie die Meerflut entgegen mir dräut,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und eine Wüste, unendlich, mit Gefahren, die Jeder scheut,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wo das Käuzchen schreit und der Führer sogar sich verirrt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und dem Wand&#039;rer die Angst den Blick verwirrt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieses Gedicht gibt besser als Seiten lange prosaische Abhandlungen einen Begriff von der schauerlichen Großartigkeit der Nacht in der Wüste. Imra&#039; alkais, einer der bedeutendsten der älteren Dichter, schildert einen Regenguß, wie er wolkenbruchartig plözlich hereinbricht in einem Lande, das selten Regen bekommt und nie genug davon hat. Dieses lautet:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Wolke mit gedehnten Schooß,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erdumfangend, stand sie still und groß,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ließ den Zeltpflock sichtbar, wenn sie nachließ&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und bedeckt ihn, wenn sie reichlich floß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eidechsen sahst du, kund&#039;ge, leichte,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit den Tazen rudern, bodenlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Büsche ragten aus der Flut wie Köpfe,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abgehau&#039;ne, die ein Schleier umfloß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zog der Wüstenaraber auf Raub, so hatte er die Gewohnheit, erst während der Nacht aufzubrechen und sich auf Um- und Schleichwegen in aller Stille dem Orte zu nähern, dem sein Besuch galt. Er brach dann in frühester Morgenstunde, wenn alles sich sorglos der Ruhe überließ, plözlich wie der Sturmwind aus seinem Hinterhalte hervor, raubte Pferde, Kameele, Heerden, Frauen und jagte mit der Beute so rasch, als er gekommen, davon. Diese Art Raub gehörte zu den Gepflogenheiten, deren jeder Stamm, der mit einem anderen in Feindschaft lebte, sich zu versehen hatte. Es war an ihm, den Räuber gebührend heimzuschicken oder Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Daher sang der Araber von sich selbst:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich komme am Morgen dann hervor nach einem kargen Mahle,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als wie ein halber, hagerer Wolf, der streift von Tal zu Tale,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der nüchtern ist am Morgen und dem Wind entgegenschnaubt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sich in der Berge Schluchten stürzt und suchet, was er raubt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein anderer schildert seine Landwirtschaft und man sieht aus jeder Zeile die behagliche und doch so bescheidene Zufriedenheit. Einfach und nüchtern in der Lebensweise, bedurfte es keines großen Reichtums, um ihn glücklich und zufrieden zu machen, ihm waren noch das städtische Leben und seine Genüsse fremd. Hören wir, wie er sein Glück preist: »Wohlan, sind&#039;s nicht Kameele, die du hast, so sei mit Ziegen zufrieden, Ziegen, deren alte Böcke Hörner wie Stäbe haben; sie beziehen von Sitar bis nach Ghisl hin die Frühjahrsweide unter dem reichlichen Gusse des Landregens; kommt der Hirt sie zu melken, so meckern sie, als wäre in der Heerde einer, dem ihr Klaglied gilt; sie gehen mit ihren vollen Eutern so wacklig, daß man meint, sie hätten zur Trauerbezeigung an den Weichen sich volle Brunneneimer angehängt. Mir füllen sie das Haus mit Sahne und Butter und mit diesem Reichtum sei zufrieden, denn er genügt für Hunger und Durst.«&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die heitere, leichte Lebens- und Liebeslust des Arabers schildert das folgende Gedicht: »Genieße das Leben, denn du bist bestimmt zu vergehen; schwelge, sei es in heiteren Gelagen, sei es bei schönen Weibern, die weiß sind wie junge Antilopen oder bräunlich wie eherne Gözenbilder; gleichviel, ob sie nun von den Züchtigen seien oder den ausgelassenen Dirnen.« In den lezten Worten zeigt sich schon die Kenntnis von Zuständen, wie sie bereits zu Mohammeds Zeit in den Städten bestanden, die käufliche Liebe gewisser Schönen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gesänge, in denen Schlachten und Siege besungen wurden und der einzelne seine Taten wie die des ganzen Stammes verherrlichte, gab es unzählige und die zahlreichen Schlachten und Kämpfe, durch welche die Herrschaft des Islam immer weiter ausgedehnt wurde, gaben dazu reichliche Veranlassung. Aber die Heere wurden später auch mit Elementen gefüllt, die weniger Freude am Kriege hatten und das ruhige philistriöse Stillleben vorgezogen hätten und nur gezwungen den Marsch nach fremden, fernen Ländern machten, von denen man sich, wie z. B. von Indien, allerlei fabelhafte und ungeheuerliche Dinge erzählte. Solcher Stimmung gaben die Dichter in sehr ergözlicher Weise ebenfalls Ausdruck.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die religiöse Dichtung ist in der patriarchalischen Periode nirgends zu finden, der alte Araber glaubte wenig; sie fand erst später Boden. Der alte Stolz und Troz der Araber wich in dem Maße, wie sie in der höheren Zivilisation der Städte verweichlichten. Auch in den Liebesliedern zeigt sich später mehr ein sentimentaler Zug, der gegen die früher kecke Sprache sehr absticht. So singt Waddah, der durch seine Liebeslieder berühmt wurde, als betrachte er seine eigenen Liebeslieder bei dem Gedanken an die Zukunft als Frevel:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
O Waddah, warum nur Liebesgesänge läßt du erschallen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Fürchtest du nicht den Tod, der bestimmt den Menschen allen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Verehr&#039; im Gebet den Höchsten und strebe den Schritt dir zu stärken,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der retten dich soll am Tage, wo Gott urteilt nach den Werken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Solchen Strömungen standen andere allerdings schnurstracks entgegen. Die höheren Kreise, die an maßloser Genußsucht, an ausgelassenen Zechgelagen, Liebesabenteuern und Orgien aller Art sich ergözten, welche die religiösen Gebräuche und den Glauben der Menge verlachten, von Vergnügen zu Vergnügen eilten und nicht beachteten, daß die von ihnen verschwelgten Summen Tausenden von Armen ausgepreßt waren, diese verlangten nach anderer poetischer Kost. Sie fanden in Abu Nowas, einem Vorläufer Heines, mit dem v. Kremer ihn vergleicht, ihren Dichter, der mit geistreichen Liedern und Versen, in denen er bis zur äußersten Grenze des Frivolen ging, die vornehme Welt ergözte und in diesen Kreisen der gefeiertste Mann war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichzeitig mit Abu Nowas und mit ihm befreundet lebte Abul-atahija in Kufa als Inhaber eines Töpferwaarenhandels – eine Art arabischer Hans Sachs – der als der dichterische Repräsentant der Stimmungen und Gesinnungen des Volkes, insbesondere des kleinen Mittelstandes, angesehen werden darf. Unter seinen vielen dichterischen Arbeiten befindet sich auch ein großes Lehrgedicht, in dessen Sinnsprüchen die moralischen Ansichten bei dem Volke jener Zeit Ausdruck erlangen. Da heißt es z. B.:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem täglichen Brod sei, Bruder, zufrieden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es genügt; denn es stirbt ein jeder hienieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verstand gibt dem Menschen weisen Rat:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der schönste Erwerb ist eine edle Tat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jugend, Müssiggang und Ueberfluß&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sind verderblich und wecken den Ueberdruß.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am besten von Sünde schüzt der Verzichten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Verstand muß sich nach dem Zweifel richten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Rochst du je wie der Geiz riecht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen häßlicheren Geruch kenne ich nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In anderen Dichtern verkörperte sich die Opposition gegen das verschwenderische und leichtfertige Leben der höheren Stände. Ihre Gedichte und Sinnsprüche zeigen uns, wie auch im Kalifenreich der soziale Gegensaz anfing, den Massen zum Bewußtsein zu kommen, wenn sie auch eben so wenig wie ihre Leidgenossen im späteren christlichen Mittelalter eine klare Auffassung und Kenntnis besaßen, wie dem Treiben der höheren Stände Einhalt getan und ihre Lage gebessert werden könne. Die Wissenschaft von den ökonomischen Gesezen, welche die Gesellschaft beherrschen, war dem Arabertum ebenso fremd, wie dem christlichen Mittelalter; die ökonomische Wissenschaft ist ein Kind der Neuzeit, sie bedurfte ganz anderer sozialer Bedingungen, als jene, die das Araberreich bot, ehe sie ihre Geburt und Entwickelung feiern konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der im 10. Jahrhundert unserer zeit, im vierten der Hedschra, auftretende Abu Firas ist einer der bedeutendsten Dichter des arabischen Reichs. In fürstlichem Stande geboren, repräsentirte er den Idealismus jener Zeit; religiös, tapfer, moralisch, edel, fand er an den Schwelgereien und dem wüsten Leben der meisten Großen keinen Gefallen. Von ihm existiren Gedichte, die an Gefühlsinnigkeit und plastischem Ausdruck des Gedankens hinter der besten Dichtung keines Volks zurückstehen. Seinen Karakter zeigen gut folgende zwei kurze Gedichte:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Holde Freundin, laß die Klage,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Jedem sind ja gemessen die Lebenstage,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
D&#039;rum Geduld, o Geliebte, und mit Mut&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was den Freund dir raubt ertrage.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Vater, der starb, den beweine&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Du immer in deines Schleiers Hülle,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber rufst du mich und ich bleibe stille,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weil im Grab ich liege, dann sage:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abu Firas, du Jüngling voll Ruhm und Tugend!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht beschieden war dir der Genuß der Jugend!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und das zweite, im Gegensaz zu dem ersten, in keckem Geiste:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nimmer vergeß ich der Mädchen Rede:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser Lanzenstich entstellt sein Gesicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch meine Holde sagt erzürnt:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vergönnt ihr mir seine Liebe nicht?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mir gefällt der Ritter erst recht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn er die Narbe trägt im Gesicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der lezte wirkliche, aber auch bedeutendste Dichter des bereits im Verfall begriffenen Reiches war der 973 unserer Zeit geborene Maarry, eigentlich Abul&#039; ala von Maarra. Maarry ist der König unter den arabischen Dichtern, wie Shakespeare unter den englischen, Goethe unter den deutschen; er hat vom gläubigen Deisten zum Atheisten und Materialisten sich durchgerungen und ward schließlich Pessimist. Er repräsentirt also die vorgeschrittenste Richtung, die der philosophische Geist erreichte. Maarry hatte seine Studien in Bagdad gemacht, das um das Jahr 1000 seine glänzendste Periode bergab gehen sah, und war dort mit allen Geistesströmungen im Mohammedanismus bekannt geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ueber Tod und Schlaf sagt er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Tod ist ein langer Schlaf, der nicht endet,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Schlaf ist ein kurzer Tod, der aber wieder sich wendet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ueber die Auferstehung äußert er:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn die Vernunft meine Seele begleitet&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
nachdem sie entwich,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dann fürwahr hast du Recht&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
zu verwundern dich;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Doch wenn sie im weiten Luftmeer&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
der Himmelshöhe,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie in der Erde Körper vergeht,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
ja dann: o weh!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sein Pessimismus findet den stärksten Ausdruck in folgendem Gedicht:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Erzeuger trägt die Schuld dafür,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
daß ins Leben treten die Kinder,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und wären sie Gewalthaber in den Städten,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
die Schuld sie trifft sie nicht minder.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nur erhöhen kann&#039;s die die Entfremdung&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
von deinen Leibessprossen,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und erhöhen ihren Groll gegen dich, wenn sie sind&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
von den Edlen und Geistesgroßen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Denn sie sehen den Vater, der sie&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
schuldlos hinausgejagt&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In das Wirrsal des Lebens, welches&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
kein Weiser zu lösen gewagt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser seiner Lehre gemäß starb der Dichter unverheiratet und ohne Kinder, auf seinem Grabstein verordnete er die Inschrift zu sezen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;Das&#039;&#039; hat mein Vater an mir gesündigt,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich aber versündige mich an niemand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So hatte die Geistesentwicklung im Araberreich ihre lezte mögliche Phase erreicht. Der Pessimismus ist eine Geistesrichtung, die noch in allen geschichtlichen Epochen sich gezeigt, wo eine Kulturperiode ihrem Untergang entgegenging. Glaubt man nicht, in diesen lezten Aussprüchen Maarrys unsere modernen Pessimisten, die Schopenhauer, Hartmann, Mainländer zu hören? Hier ist wiederum bewisen, wie in gewissen ähnlichen Kulturzuständen, sich ähnliche Ideen erzeugen, ohne daß die Lebenden einer späteren Periode und in einem ganz anderen Lande, von jenen ihren gleichgestimmten und gleichgesinnten Vorgängern die mindeste Kenntnis zu haben brauchen. Uebersättigte, mit sich selbst fertig gewordene oder an dem weitern Fortschreiten der Menschheit verzweifelnde Geister suchen die Erlösung im – Nichts. Da haben wir das Nirwana des Buddha.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== VII. Die Entwickelung arabischer Kultur in Spanien. ==&lt;br /&gt;
Das heutige Spanien nimmt, obgleich es zu den schönsten und fruchtbarsten Ländern Europas gehört und frühzeitig kultivirt wurde, unter den modernen Kulturstaaten so ziemlich eine der lezten Stellen ein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies war nicht immer so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Zeit, wo Spanien Provinz des römischen Reichs war – es wurde von 206 vor Christo, wo ein Teil von ihm die Karthager besaßen, bis 19 vor Christo allmählig ganz durch die Römer erobert – gehörte es zu den reichsten und einträglichsten Provinzen des römischen Reichs. Zahlreiche Kolonien von Griechen und Römern brachten frühzeitig die Kultur jener Völker nach Spanien. Die römische Herrschaft war zu Anfang des 5. Jahrhunderts u. Z. durch Vandalen und Sueven verdrängt und das Land arg verwüstet. Dann folgten im Strom der Völkerwanderung die Westgothen, welche die Vandalen nach Nordafrika vertrieben und allmählig das ganze Land eroberten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im sechsten Jahrhundert traten die bis dahin christlich-arianischen Westgoten, von den Franken bedrängt, zum trinitatischen (atanasianischen) Glaubensbekenntnis über, wodurch sie die Franken als Feinde los wurden, nunmehr aber unter das geistliche Joch des Bischofs von Rom gerieten. Für die Bevölkerung war nichts gewonnen. Die Westgothen hatten nach ihrer Niederlassung zwei Drittel des Bodens in Besiz genommen, das lezte Drittel überließen sie den Eingeborenen, die sie in Sklaverei und Leibeigenschaft hielten und die so geknechtet wurden, wie es in jener Zeit allgemein üblich war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum hatte die Geistlichkeit sich eingenistet, so begann sie mit der fanatischen Verfolgung der dem arianischen Glaubensbekenntnis treugebliebenen Bekenner. Dann wandte sie sich in grimmiger Verfolgung gegen die zahlreichen, schon seit der Römerherrschaft im Lande wohnenden Juden, die man vielfach ihres Vermögens beraubte, ihnen die Kinder nahm, diese zwangsweise taufte und im Christentum erziehen ließ. Mit dem Wachsen der Macht des Adels und der Geistlichkeit stieg die Armut des Volkes. Die Könige, durch ewige Familienzwistigkeiten in ihrer Macht geschwächt und von dem übermächtigen Adel in ihrer Herrschaft bedroht, warfen sich der Geistlichkeit in die Arme. Diese nuzte die Lage aus; sie half mit ihrem Einfluß den Königen gegen den Adel, bekam dafür aber erstere auch ganz in ihre Gewalt. Buchstäblich lagen die Könige der Geistlichkeit als ihrer höheren Macht zu Füßen, so einer derselben im Jahre 633 vor den versammelten Bischöfen zu Toledo. Jahrhunderte vergingen, ehe die Päbste zu Rom einen ähnlichen Triumph errangen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Anfang des 8. Jahrhunderts ward der ungefügige König Witiza mit Hilfe der Geistlichkeit gestürzt und Roderich (Rodrigo) bestieg den Tron. Zum Dank dafür gab er der Geistlichkeit die Juden preis, von denen in wenigen Jahren 90 000 mit Gewalt zu Christen getauft wurden. Die Rache und Vergeltung blieb nicht aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Roderich, ein Wüstling, tat der Tochter des Gouverneurs von Ceuta, die in Toledo erzogen wurde, Gewalt an. Der Vater erfuhr diesen Schimpf und schwur sich zu rächen. Er sezte sich mit Tarik, dem Unterfeldherrn des Emirs Musa, der Namens des Kalifen die Provinz Nordafrika verwaltete, in Verbindung und lud diesen zum Einfall in Spanien ein. Tarik sezte, im Einverständnis mit Musa, im Jahre 711 an jener Stelle nach Spanien über, die nach ihm Dschebel al Tarik (verballhornt Gibraltar) benannt wurde. Bei Xeres de la Frontera kam es zwischen ihm und Roderich zu einer mehrtägigen Schlacht, in welcher die Araber, troz christlicher Ueberzahl, aber mit Hilfe von Verrat, Sieger blieben und Roderich selbst das Leben verlor. Tarik rückte im Fluge erobernd vor. Voll Eifersucht und Neid folgte ihm Musa, sezte sich an die Spize des Heeres und eroberte bis auf den gebirgigen nordwestlichen Teil: Cantabrien, Asturien und Galizien, ganz Spanien. So kam das christliche Spanien unter arabische Herrschaft. Musa, der Tarik eingekerkert und mißhandelt hatte, wurde dem Kalifen denunzirt, als strebe er nach Unabhängigkeit. Dieser ließ ihn im südlichen Frankreich, bis wohin er bereits gedrungen war, im Angesicht seines Heeres verhaften, auspeitschen, ins Gefängnis werfen und um 200 000 Dynar strafen. Arm ging der Eroberer Spaniens zu Grunde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Araber oder Mauren (eine Ableitung von Mohren, deren sie viele in ihrem Heere hatten) begannen ihre Herrschaft damit, daß sie Christen und Juden die freieste Ausübung ihrer Religion gestatteten, so daß die Christen z. B. ihre Kirchenglocken behalten und ihre Prozessionen veranstalten durften. Der Grund und Boden verblieb unter den schon oben hervorgehobenen Bestimmungen im Besiz seiner früheren Eigentümer, somit er nicht herrenlos geworden war. Dagegen wurde arabische Sprache und arabische Staatsgesezgebung in Spanien eingeführt. Das Land atmete auf. In wenigen Jahrzehnten war es wie umgewandelt. Arabischer Ackerbau und arabische Gartenkultur hatten in Verbindung mit großartigen Bewässerungsanlagen, deren Reste teilweise noch heute vorhanden und im Gebrauch sind, ganze Provinzen in blühende Gärten verwandelt. Die Täler des Guadiana und des Guadalquivir prangten in einem Reichtum und einer Kultur, wie sie in Spanien seitdem nie wieder gesehen und im Vergleich zu dem heutigen Zustand des Landes märchenhaft klingt. Die Bevölkerung nahm gewaltig zu und es heißt, daß allein im Flußgebiet des Guadalquivir nicht weniger als 12 000 Städte und Ortschaften sich befanden, darunter große glänzende Städte wie Granada, Sevilla und Cordova, leztere damals die Hauptstadt des Landes. Gewerbe, Manufakturen, Handel und Verkehr, begünstigt durch vortreffliche Straßen und Häfen entwickelten sich großartig und soll Spanien, nach dem Zeugnis verschiedener arabischer Schriftsteller, in Künsten und Gewerben, sich sehr rühmlich selbst vor dem übrigen Reich ausgezeichnet haben. Die Städte wuchsen aus dem Boden und vorhandene vergrößerten sich in einer Weise, daß ihr heutiger Zustand nur ein Schatten ihrer ehemaligen Größe ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Cordova wetteiferte an Glanz und Größe mit Bagdad. Es besaß nicht weniger als achtundvierzig Vorstädte, über hunderttausend Häuser und mehr als eine Million Einwohner, von denen sich allein 130 000 von Seidenweberei nährten. Die Straßen waren gut gepflastert und Abends mit zahllosen Laternen erleuchtet und konnte man Stunden weit an den Ufern des Guadalquivir im Lampenschein spazieren gehen. Siebenhundert Jahre später gab es in London noch nicht eine Straßenlaterne und um dieselbe Zeit mußte man in Paris bei ungünstiger Witterung im tiefsten Kote waten, Berlin aber war zu jener Zeit ein kleines unansehnliches, schmuziges Landstädtchen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den zahlreichen Moscheen, meist prächtigen Bauwerken, befand ich eine, die nicht weniger als 19 Schiffe zählte; sie wird noch heute bewundert und dient als christliche Katedrale. Glänzende Paläste und Privathäuser mit orientalischen Glanz und Luxus erbaut und ausgestattet, gab es in allen größeren Städten in Menge. Auch von ihnen sind bis heute Reste erhalten; das großartigste Bauwerk von allen ist die Alhambra in Granada, ein noch heute angestaunter Bau.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Sitte namentlich zeichnete die Araber vor ihren christlichen Zeitgenossen sehr vorteilhaft aus: der Sinn für Reinlichkeit. Wo Araber sich niederließen, war die Einrichtung öffentlicher Bäder eine ihrer ersten Handlungen, wohingegen damals im Christentum Schmuzigkeit und ekelhafte Ausschläge als Zeichen besonderer Gotteswohlgefälligkeit angesehen wurden, die christlichen Heiligen und Märtyrer durch Schmuz und Ungeziefer sich hervorzutun suchten, oft wie das Vieh lebten, auf allen Vieren krochen und sich von Gras nährten. Waschungen und Kleiderwechsel galten als weltliches Bestreben und darum als unheilig. War doch im ganzen Mittelalter den Nonnen streng verboten, sich anders als Gesicht und Hände zu waschen und nur mit einer Hand. War es doch ferner der besondere Ruf der heil. Silvania, bis zu ihrem 60. Lebensjahre weder Gesicht noch Hände, noch irgend einen anderen Teil des Körpers je gewaschen zu haben, ausgenommen die Fingerspizen, wenn sie zur Kommunion ging. Die »englische Regel« von Tabenna verbot das Waschen als heidnisch. Umgekehrt schrieb der Koran als Pflicht jedem Muselmann tägliche Waschungen und Reinlichkeit vor. Das ist ein sehr wichtiges Kulturmoment, das zu Gunsten der Araber spricht und demgemäß besaß Cordova 900 öffentliche Bäder, eine Zahl, die kaum je eine andere Großstadt erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von den größeren Städten erlangten Granada und Sevilla je 400 000, Toledo 200 000 Einwohner, und gab es der Städte so viele, daß man, wie ein Reisender erzählt, in einem Tage bis zu drei erreichen konnte. Auch lebte man überall mit einer Bequemlichkeit und einem Luxus, der zu den gleichen Zuständen des übrigen Europas im stärksten Kontraste stand. In lezterem wohnten um jene Zeit selbst die Fürsten in elenden Holz- und Lehmbauten, ohne Fenster und Schornsteine, die eine in der Mitte des Daches gelassene Oeffnung ersezte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und während im übrigen Europa kaum eine Bibliotek bestand, die diesen Namen verdiente und es nur zwei Universitäten gab, die als solche angesehen werden durften, besaß Spanien nicht weniger als siebenzig große öffentliche Biblioteken, worunter die von Cordova über 600 000 Nummern aufwies, und bestanden nicht weniger als siebenzehn Hochschulen, auf denen Christen und Juden mit Arabern friedlich studirten und um die Wette lehrten und lernten. Sogar Volksschulen wurden in größerer Zahl gegründet und soll selten ein Araber zu treffen gewesen sein, der nicht hätte schreiben und lesen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieser geistige Aufschwung war insbesondere der hohen christlichen Geistlichkeit ein Dorn im Auge. Schon im neunten Jahrhundert beschwerten sie sich bitter, daß die jungen Christen die heiligen Schriften und die Kirchenväter verschmähten und die lateinische Sprache vernachlässigten, hingegen mit Begeisterung dem Studium des Arabischen sich zuwendeten und die arabische Literatur verschlangen. Die Reichen, klagten sie, legten sich mit großen Kosten Biblioteken an, in denen man nur arabische Bücher fände, wohingegen sie die christlichen als wert- und inhaltslos bei Seite legten; sie schrieben und sprächen nur arabisch und drückten sich mit Eleganz auch in der Dichtung aus, die jene der Araber noch überträfe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus allen Ländern des Abendlandes strömten die jungen Leute nach Spanien, um dort Wissen und Bildung und ritterliche Galanterie sich anzueignen, denn auch in lezterem Punkte genoß der Hof von Cordova eines großen Rufs. Der Minnedienst, die Verherrlichung schöner Frauen durch Dichtkunst, Musik und Gesang erreichte dort seinen Gipfelpunkt und wurde erst von hier aus nach Frankreich, Deutschland u. s. w. übertragen. Die Frauen beteiligten sich an Studien und Künsten, sie genossen eine sehr freie Stellung und sie kamen wegen ihres allzufreien Benehmens teilweise sogar in Verruf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter den Studien waren es besonders die medizinischen, durch die sich die Spanier besonders auszeichneten. Den zahlreichen Christen und Juden, die sich diesem Studium widmeten, standen nicht die religiösen Hindernisse im Weg, welche den Arabern die Anatomie verbot. Die spanischen Aerzte erlangten auch als geschickte Operateure einen großen Ruf und gab es zu jener Zeit auch weibliche Aerzte und Operateure. Als in 17. Jahrhundert ganz Spanien wieder dem Christentum unterworfen war, gehörten die spanischen Aerzte zu den&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;unwissendsten, die man in Europa&#039;&#039; finden konnte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch Astronomie und Chemie, Botanik und Mineralogie, die grammatikalischen, matematischen, geschichtlichen, philosophischen und juristischen Studien wurden an den spanischen Hochschulen gepflegt, wie irgendwo im Araberreich und nahm insbesondere das Bergwerks- und Schiffsbauwesen einen Aufschwung, wie er seither in Spanien nicht wieder erreicht ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am wohlsten befanden sich in Spanien die Juden im Gegensaz zu den Zeiten ihrer Verfolgung und Unterdrückung durch die Christen; sie erwiesen sich den Arabern sehr dankbar und wurden die eifrigsten Verfechter der neuen Ordnung der Dinge. Ihre Zahl und ihr Reichtum nahm gewaltig zu, willkommene Beute der später wiederkehrenden Verfolgungen, als das christliche Kreuz wieder gesiegt hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dagegen konnte die christliche Geistlichkeit die alten guten Zeiten nicht vergessen und sie hezte und schürte den Fanatismus der unteren Klassen, wo sie nur konnte. Daß man mit Kezern denselben Boden teilen, neben der christlichen Kirche die Moschee und die Synagoge dulden sollte, das schien unerträglich. Dazu kam die entgegengesezte Auffassung des Lebens. Der Araber war heiter und lebenslustig, seiner Sinnlichkeit legte seine Religion nur geringe Zügel an, er liebte die Bildung und das Wissen, war in religiösen Dingen tolerant und steckte mit alledem die Christenjugend an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ganz entgegengesezt trat das Christentum auf, das die Verachtung der Welt, die Kreuzigung des Fleisches und die Unterdrückung der sinnlichen Begierden predigte. Daneben war es Feind der Bildungs- und Aufklärungsbetrebungen und intolerant. Nimmt man noch dazu, daß die Araber einer fremden Race angehörten und Eindringlinge und Eroberer waren, so ist ein schärferer Gegensaz nicht denkbar. Reibungen und Streitigkeiten hörten nicht auf, und sie wurden christlicherseits beständig provozirt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zunächst machte die christliche Geistlichkeit, an ihrer Spize der heilige Eulogius als einer der schlimmsten, alle möglichen Anstrengungen, unter den Mohammedanern Proseliten zu wecken, wobei sie den mohammedanischen Glauben angriff und herabsezte, und dadurch zu Feindseligkeiten aufstachelte. Ihr Haß und ihre Bekehrungswut wurden um so größer, da sie sah, daß Tausende von Christen infolge mohammedanischer Toleranz gegen ihren eigenen Glauben kälter wurden. Man hezte ferner die unwissenden Massen gegen die Mohammedaner auf und verhöhnte und verspottete ihre religiösen Gebräuche. Ja man ging noch weiter. Man drang in die Moscheen und Gerichtssäle ein und störte durch Beschimpfungen und Lästerungen die Handlungen. Auf einem solchen Verbrechen stand Todesstrafe. Aber die fanatisirten Christen ließen willig und standhaft die Strafen über sich ergehen, wurden sie doch Märtyrer ihres Glaubens. Als dieses wüste Treiben immer schlimmer wurde, drangen die Einsichtigen auf die Berufung einer bischöflichen Synode, um diesen Provokateuren Einhalt zu tun. Die Fanatiker schrien jezt über Verrat und Bestechung. Die Masse des niederen Volkes, vollständig in den Händen der Geistlichkeit, die sie als seinen wahren Interessenvertreter ansah, schenkte solchen Anklagen bereitwillig Glauben und fuhr in seinen Angriffen fort. Es kam zu blutigen Zusammenstößen, die an Erbitterung in dem Maße zunahmen, als es den aus dem Nordwesten des Landes vordringenden spanischen Herren und ihren Fürsten gelang, Schritt vor Schritt das Land wiederzuerobern und die Araber zurückzudrängen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allmälich hatten sich nämlich auch unter der Kalifen Herrschaft in Spanien die Dinge geändert. Das Streben mohammedanischer Großer, sich vom Kalifat zu Bagdad unabhängig zu machen, hatte auch Statthalter in Spanien ergriffen, und einer derselben erklärte sich um 756 für unabhängig und warf sich selbst zum Kalifen auf. Nun entstanden aber in Spanien, ganz wie im Orient Streitigkeiten unter den Großen um die Besezung des Kalifats. Dies führte zu inneren Bürgerkriegen, die damit endeten, daß sich nach und nach in Saragossa, Toledo, Valenzia und Sevilla unabhängige maurische Fürstentümer bildeten und das Kalifat auf Cordova und das obere Flußgebiet des Guadalquivir beschränkt ward. So wurde es den christlichen Spaniern möglich, die Araber zu besiegen; doch kam das 16. Jahrhundert heran, ehe sie das Land völlig in ihre Gewalt bekamen. Das prächtige Granada war das lezte maurische Bollwerk, das 1492 fiel. Toledo hatten sie zu Anfang des 12. Jahrhunderts, Badajoz und Merida 1231, Valenzia 1238, Murcia 1241, Jaen 1246, Carmona und Sevilla 1248, Malaga 1487 zurückerobert. Ein Einfall, den schon Karl der Große im Jahre 777 in Spanien gemacht hatte, brachte diesen so in die Klemme, daß er froh war, durch einen Aufstand der Sachsen abberufen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kaum waren die spanischen Christen wieder Herren eines zuvor arabischen Gebiets geworden, so begannen gegen Moriskos und Juden die blutigsten Verfolgungen. – Die Kapitulationsbedingungen wurden ihnen nicht gehalten, die Moscheen wurden zerstört, tausende wurden niedergemezelt oder durch Gewaltmittel jeder Art zum christlichen Glauben gezwungen. Millionen Einwohner wanderten nach Afrika aus, die volkreichsten Städte zerfielen; vorher dichtbevölkerte Gegenden wurden von Menschen leer; der Ackerbau und die Gartenkunst, Handel und Verkehr gingen rapid zurück, die Bevölkerung verfiel in Armut und Elend. Mit ganz besonderem Eifer richtete sich die Zerstörungswut gegen die Lehr- und Bildungsstätten. Die Hochschulen wurden aufgehoben, die Biblioteken mit ihren unschäzbaren Werken zerstört, indem man die Bücher den Flammen übergab und die wissenschaftlichen Instrumente zerschlug und vernichtete. Der Kardinal Ximenes rühmte sich, die Vernichtung einer Million Bände angeordnet zu haben. Dagegen erstand jezt eine christlichen Literatur, in welcher der wütendste Zelotismus gepredigt und hunderterlei Mittel angegeben wurden, wie man am raschesten den entweihten Boden Spaniens von den Ungläubigen reinigen, Juden und Mohammedaner in Christen verwandeln könnte. Mohammedaner und Juden, die sich nicht wollten taufen lassen, wurden ihres Vermögens beraubt und außer Landes verwiesen, tausende hingerichtet oder verbrannt. Wie groß die Zahl der Vertriebenen war, ist schwer festzustellen, da die Angaben zwischen 160 000 und 800 000 schwanken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Verfolgungen dauerten nicht blos Jahrzehnte, sie währten Jahrhunderte und wurden immer von neuem durch fanatische Herrscher oder Priester begonnen und stets mit den großartigsten Mitteln ins Werk gesezt. Durch die wiederholten Verordnungen, daß der heilige Boden Spaniens durch den Fuß keines Ungläubigen mehr entweiht werden dürfe und jeder sich taufen lassen müsse, bei Strafe des Verlustes seines Vermögens und der Austreibung aus dem Lande, wurde es endlich fertig gebracht, daß um 1526 kein Kezer mehr, soweit es sich um äußerliche Annahme des Glaubens handelte, auf spanischen Boden lebte. Philipp II., jenes königliche Scheusal, verordnete ferner, daß die Mauren auch äußerlich alles aufgeben sollten, was im Entferntesten an ihren Glauben und ihre Vergangenheit erinnere. Unter Androhung der härtesten Strafen wurde ihnen anbefohlen, Spanisch zu lernen, alle arabischen Bücher zu vernichten, in ihrer Muttersprache weder zu lesen, noch zu schreiben oder im Innern des Hauses darin zu sprechen. Maurische Kleidung, Soele und Vergnügungen und die alten Höflichkeitsformen wurden verboten, die Frauen sollten unverschleiert gehen, und,&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;da Baden eine heidnische Sitte sei, angeordnet, daß alle öffentlichen Bäder zerstört werden sollten&#039;&#039;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Durch solche Gewaltmittel zum Aeußersten gebracht, erhoben sich die Moriskos noch einmal 1568 mit Waffengewalt, und abermals wüteten Hinrichtungen, Scheiterhaufen, Konfiskationen und Austreibungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
»So lange noch ein Morisko (Maure) auf spanischen Boden lebe, sei der Triumph des Christentums nicht vollkommen«, erklärten die spanischen Geistlichen. Philipp II. war ihnen noch zu milde. »Man müsse jedem Morisko die Kehle abschneiden, da man nicht wissen könne, ob seine Bekehrung aufrichtig sei, und es besser wäre, alle zu töten und es Gott zu überlassen, die Seinen ausfindig zu machen und zu belohnen«, rief der Dominikaner Bleda aus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das fanatische Geschrei fand Gehör. 1609 erließ Philipp III. das Edikt, daß alle Bewohner Spaniens von maurischer Abstammung sofort das Land zu verlassen hätten. Abermals wurden eine Million der fleißigsten, gebildetsten und betriebsamsten Bewohner wie Tiere gehezt, ihres Eigentums beraubt und des Landes vertrieben. Viele der Flüchtlinge wurden noch auf den Schiffen von der spanischen Besazung mit den greulichsten Gewalttätigkeiten verfolgt: Männer getödtet, Frauen entehrt, Kinder ins Meer geworfen. Cervantes, der berühmt gewordene Verfasser des Don Quixote, heulte diesen Maßregeln seinen Beifall zu, so fanatisch waren die Ersten unter den Spaniern geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und was waren die Folgen dieser unsinnigen Gewaltakte? Sevilla, das noch im 16. Jahrhundert 16 000 Webstühle beschäftigte, besaß im siebenzehnten nur noch 3000 und war bis auf den vierten Teil seiner früheren Einwohnerzahl gesunken. Toledo, das früher fünfzig große Wollmanufakturen besaß, die 40 000 Menschen ernährten, hatte im 17. Jahrhundert nur noch dreizehn; das Geschäft war durch die Mauren nach Tunis übergegangen. Aehnlich erging es allen Städten des Landes ohne Ausnahme. Auf dem Lande und in den Städten verfielen die Wasserleitungen, weite Landstrecken blieben unbebaut, die öffentlichen Straßen gingen zugrunde und in einer großen Zahl von Städten und Dörfern lagen jezt bis zu zwei Drittel und mehr der Häuser in Trümmer. Dagegen nahm die Zahl der Bettler, der Mönche und Nonnen enorm zu und große Räuberbanden sammelten sich in den Gebirgen und Wäldern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Verfall von Handel und Verkehr sanken auch die Schiffahrt und der Schiffsbau, die so hoch standen, gänzlich darnieder. Wie es den Bildungsstätten und den Wissenschaften erging, ist schon hervorgehoben worden. Noch im 18. Jahrhundert besaß Madrid, die Hauptstadt des Landes, nicht eine öffentliche Bibliotek, nirgends gab es Schulen noch Lehrer, keine Bücher wissenschaftlichen Inhalts, im ganzen Lande keine Professur des öffentlichen Rechts, der Botanik, Physik oder Anatomie. Die früher so hoch gestandenen matematischen Wissenschaften verkümmerten und der Universität Salamanka wurden die Entdeckungen Newtons und Harveys zu lehren verboten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um 1760 wurde in Madrid der Vorschlag gemacht, die Straßen von ihrem bergehohen Unrat zu reinigen, aber auf Befragen erklärten die madrider Aerzte sich&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&#039;&#039;gegen&#039;&#039; diesen Vorschlag. »Der Unrat solle da bleiben, da sein Geruch höchst wahrscheinlich gesund sei und der scharfen und schneidenden Luft der Hochebene ihre schädlichen Eigenschaften nehme«.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies sind, in Kürze dargelegt, die Wandlungen, die ein Land, das unter arabisch-mohammedanischer Herrschaft stand und unter christliche gelangte, erlebte; sie sind sehr lehrreich und bezeugen aufs neue, was es mit dem zivilisatorischen Einfluß des Christentums für eine Bewandtnis hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Darlegungen im Schlußabschnitt werden dies noch weiter dartun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fußnoten==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references group=&amp;quot;Anmerkung&amp;quot;/&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke von August Bebel]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Bibliothekswerke über die Blütezeit des Islam]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Religion (Bibliothekswerke)]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Jaiden</name></author>
	</entry>
</feed>